Goraksha Paddhati

Aus Yogawiki
Version vom 21. Oktober 2019, 16:26 Uhr von Oliver Hahn (Diskussion | Beiträge) (Shataka 1 Vers 77: Uddiyana Bandha)

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Goraksha Paddhati (Sanskrit: गोरक्षपद्धति gorakṣa-paddhati f.) der Leitfaden ("Weg" Paddhati) des Goraksha; Titel eines Werkes zum Hatha Yoga, das eine Zusammenstellung (Samhita) von Versen darstellt, die dem Yogameister Goraksha Natha zugeschrieben werden. Das Werk ist auch unter den Namen Goraksha Samhita und Mukti Sopana bekannt. Auszüge der Goraksha Paddhati, die im Wesentlichen aus zwei Teilen zu je 100 Versen (Shataka) besteht, sind wiederum unter verschiedenen Namen bekannt, darunter als Goraksha Shataka, Yoga Martanda, Viveka Martanda und Yogachudamani Upanishad.

Inhaltsverzeichnis

Einführende Bemerkungen zur Goraksha Paddhati

Bedeutung des Textes

Die Goraksha Paddhati bzw. Goraksha Samhita ist für die Erforschung der Hatha Yoga-Texte, die im engeren Zusammenhang der Tradition der Natha-Yogis stehen, von außerordentlichem Interesse. Nach bisherigem Erkenntnisstand gehört sie zur ältesten Schicht (ca. 10.-12. Jh.) von in enger Beziehung zu Goraksha Natha stehenden Yogatexten, in denen die verschiedenen Glieder des Hatha Yoga gelehrt werden. Selbst der bekannteste Hatha-Yoga-Text, die Hatha Yoga Pradipika (ca. 15. Jh.), zitiert bzw. übernimmt viele Verse, teilweise wortwörtlich oder abgewandelt, aus der Goraksha Paddhati.

Der Name Goraksha (Natha) wird bereits zu Beginn der HYP zweimal erwähnt (vgl. Hatha Yoga Pradipika 1.4-5). Auch im Zusammenhang mit der im vierten Kapitel gelehrten Meditation über den als Anahata Nada bekannten inneren Klang (Nadopasana) stellt sich Svatmarama einmal mehr ausdrücklich in die Traditionslinie Goraksha Nathas (Hatha Yoga Pradipika 4.65):

aśakya-tattva-bodhānāṃ mūḍhānām api saṃmatam |
proktaṃ gorakṣa-nāthena nādopāsanam ucyate || 4.65 ||

"Nun wird die von Goraksha Natha gelehrte (Prokta) Methode der Konzentration auf den inneren Klang (Nadopasana) erklärt, die selbst von den Unerfahrenen (Mudha), denen die Erkenntnis (Bodha) der (höchsten) Wahrheit (Tattva) noch unmöglich (Ashakya) ist, geschätzt (Sammata) wird." (HYP 4.65)

Nahezu alle Teile der Version 1 bzw. 2 des Goraksha Shataka und der größte Teil der Yogachudamani Upanishad sind der Goraksha Paddhati entnommen, teilweise in derselben, teilweise in geänderter Versfolge. Dabei bieten diese Versionen häufig interessante Lesarten und Varianten, die für das Gesamtverständnis dieser Textgruppe sehr hilfreich sind. Für ein besseres Textverständnis sind im Rahmen der Übersetzung daher einige textkritische Anmerkungen und Bezüge zum Goraksha Shataka, zur Yogachudamani Upanishad sowie zur Hatha Yoga Pradipika unerlässlich.

Sämtliche Verse der Goraksha Paddhati werden in dem Yoga Tarangini (Tika) genannten Kommentar eines unbekannten Verfassers überliefert und ausführlich kommentiert.

Goraksha Natha und Matsyendra Natha

Goraksha Natha (Gorakhnath) gilt als der Begründer der Tradition der Nath Yogis, die auch als Kanphata Yogis bekannt sind. Obwohl an seiner Historizität nicht gezweifelt werden kann, so ist doch wenig Gesichertes von ihm bekannt, und seine Gestalt wird von einer Unmenge von Mythen und Legenden umwoben. Seine Lebenszeit wird in verschiedenen Quellen zwischen dem 7. und 15. Jahrhundert angegeben, wobei das 10. Jahrhundert, nicht zuletzt aus den weiter unten zu erörternden Gründen, als ziemlich wahrscheinlich angesehen werden kann. Sein Wirkungsbereich erstreckte sich auf das nördliche Indien, möglicherweise auch auf das heutige Nepal und Tibet, wo er als Schutzgottheit bzw. buddhistischer Magier verehrt wurde. Sein Lehrer war Matsyendra Natha bzw. Mina Natha, der seinerseits ein mythenumwobener Yogi war, der von Shiva persönlich die Yogalehren erhalten haben soll.

Häufig wird davon ausgegangen, dass Minanatha und Matsyendranatha sich auf ein und denselben Yogameister beziehen, da beide Namen "Herr der Fische" bedeuten, der im 7. oder 10. Jahrhundert n. Chr. gelebt haben soll. Dagegen weist die in der Hatha Yoga Pradipika (HYP 1.5-9) gegebene Liste der Schülernachfolge darauf hin, dass es sich hierbei um zwei verschiedene Meister der sogenannten Natha-Tradition handelt, die bis auf Adinatha, den "uranfänglichen Herrn" (ein Name Shivas), zurückgeht.

Als zweiter Meister nach Adinatha wird der legendäre Matsyendra ("Herr der Fische") genannt, der auch Matsyendranatha heißt, da an jeden Namen dieser Liste die Bezeichnung Natha "Herr, Meister" gehängt werden kann. Dieser habe als Fisch (oder im Bauch eines Fisches) Shivas Yogaunterweisung belauscht und sei dann von diesem als Yogameister initiiert worden. Dann folgen drei weitere Meister mit den Namen Shabara (Natha), Anandabhairava (Natha) und Chaurangin (Natha). Danach wird Mina ("Fisch"), d.h. Minanatha genannt, gefolgt von Goraksha ("Kuhhirt") bzw. Gorakshanatha, dem Verfasser der Verse des Goraksha Shataka und somit der vorliegenden Goraksha Paddhati:


śrī-ādinātha-matsyendra-śābarānanda-bhairavāḥ |
cauraṅgī-mīna-gorakṣa-virūpākṣa-bileśayāḥ || 1.5 ||
...
ity ādayo mahā-siddhā haṭha-yoga-prabhāvataḥ |
khaṇḍayitvā kāla-daṇḍaṃ brahmāṇḍe vicaranti te || 1.9 ||


"Adinatha (Shiva), Matsyendra, Shabara, Anandabhairava, Chaurangin, Mina, Goraksha, Virupaksha, Bileshaya, ... - diese und weitere vollendete Meister (Mahasiddha), die durch die Macht (Prabhava) des Hatha Yoga den Stab (Danda) des Todes ("der Zeit", Kala) zerbrochen haben, wandeln in der Welt (Brahmanda) umher." (HYP 1.5-9 )

Mina bzw. Minanatha wird nun im zweiten Vers der Version 2 des Goraksha Shataka als der Meister des Goraksha (der im darauffolgenden Vers 3 genannt wird) gepriesen (śrī-mīna-nāthaṃ bhaje), was durch die unmittelbare Aufeinanderfolge dieser beiden Meister in der Liste der HYP (1.5) gestützt wird. Somit wären Matsyendra bzw. Matsyendranatha dem 7. Jahrhundert, und Mina bzw. Minanatha sowie dessen Schüler Goraksha Natha dem 10. Jahrhundert n. Chr. zuzuordnen.

Goraksha Paddhati Übersetzung, Sanskrit Text Devanagari und Umschrift, Wort-für-Wort-Übersetzung

Shataka 1 Vers 1: Verehrung des Meisters

Ich verehre den ehrwürdigen Lehrer, der die höchste Glückseligkeit ist, dessen Natur die Wonne im Selbst ist, und in dessen bloßer Anwesenheit der Körper zu Bewusstsein und Wonne wird.


श्रीगुरुं परमानन्दं वन्दे स्वानन्दविग्रहम् |
यस्य सान्निध्यमात्रेण चिदानन्दायते तनुः || १ ||
śrī-guruṃ paramānandaṃ vande svānanda-vigraham |
yasya sānnidhya-mātreṇa cid-ānandāyate tanuḥ || 1.1 ||
shri-gurum paramanandam vande svananda-vigraham |
yasya sannidhya-matrena cid-anandayate tanuh || 1.1 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śrī-gurum : den ehrwürdigen (Shri) Lehrer, Meister (Guru)
paramānandam : die höchste Glückseligkeit, Wonne (Paramananda)
vande : ich verehre (vand)
svānanda-vigraham : dessen Natur ("Gestalt", Vigraha) die Wonne im Selbst (Svananda) ist
yasya : (in) dessen (Yad)
sānnidhya-mātreṇa : bloßer (Matra) Anwesenheit, in der Nähe Sein (Sannidhya)
cid-ānandāyate : zu Bewusstsein und Wonne wird (Chidananday)
tanuḥ : der Körper (Tanu)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 1 der Version 2 des Goraksha Shataka, die im Wesentlichen dem ersten Shataka der Goraksha Paddhati entspricht. In einem diesem vorgeschalteten, vermutlich auf einen Kommentator der Goraksha Paddhati zurückgehenden Vers heißt es, sie sei ein Kommentar eines Mahidhara zur (Yoga-)Lehre des Goraksha (vgl. auch Hatha Yoga Pradipika 1.1, die ebenfalls mit einer Verneigung vor Adinatha/Shiva als Begründer des Hatha Yoga beginnt):

śrī-ādināthaṃ sva-guraṃ hariṃ muniṃ
gorakṣa-śāstrasya praṇamya yoginam |
bhāṣā-vivṛttiṃ kurute mahī-dharo
yoge su-bodhaḥ khalu jāyate yayā || GP 1.0 ||

"Nachdem er sich vor Adinatha, (und) seinem eigenen Meister (Sva-Guru) Hari, dem Weisen (Muni) und Yogin verbeugt hat, verfasst Mahidhara den Bhashavivritti (genannten Kommentar) zur Lehre (Shastra) des Goraksha, durch den ein richtiges Verständnis (Subodha) in Bezug auf den (Hatha-)Yoga entsteht."

Shataka 1 Vers 2: Verehrung des Meisters

Nachdem er hingebungsvoll (seinen) Meister verehrt hat, verkündet Goraksha das höchste Wissen, das von den Yogis ersehnt wird, das die höchste Glückseligkeit bewirkt.


नमस्कृत्य गुरुं भक्त्या गोरक्षो ज्ञानमुत्तमम् |
अभीष्टं योगिनां ब्रूते परमानन्दकारकम् || २ ||
namas-kṛtya guruṃ bhaktyā gorakṣo jñānam uttamam |
abhīṣṭaṃ yogināṃ brūte paramānanda-kārakam || 1.2 ||
namas-kritya gurum bhaktya goraksho jnanam uttamam |
abhishtam yoginam brute paramananda-karakam || 1.2 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

namas-kṛtya : nachdem er verehrt hat (Namas-Kritya)
gurum : den Lehrer, Meister (Guru)
bhaktyā : hingebungsvoll, mit Hingabe (Bhakti)
gorakṣaḥ : Goraksha
jñānam : Wissen (Jnana)
uttamam : das höchste (Uttama)
abhīṣṭam : das ersehnt wird ("gewünscht", Abhishta)
yoginām : von den Yogis (Yogin)
brūte : verkündet, lehrt (brū)
paramānanda-kārakam : das die höchste Glückseligkeit (Paramananda) bewirkt (Karaka)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 3 der Version 2 des Goraksha Shataka. Der Meister Gorakshas war Minanatha (Matsyendranatha). Dieser wird in Vers 2 der Version 2 des Goraksha Shataka als eine Verkörperung Shivas (Adinatha) gepriesen:

antar-niścalitātma-dīpa-kalikāsv ādhāra-bandhādibhir
yo yogī yuga-kalpa-kāla-kalanāt tattvena jegīyate |
jñānāmoda-mahodadhiḥ samabhavad yatrādi-nāthaḥ svayaṃ
vyaktāvyakta-guṇādhikaṃ tam aniśaṃ śrī-mīna-nāthaṃ bhaje || 2, 2 ||

"Ich verehre ohne Unterlass den ehrwürdigen Minanatha, den Yogi im Glanz des inneren unbewegten Lichtes (Dipa) des Selbst (Atman), (das er) durch (die Praxis von) Wurzelverschluss (Adharabandha) usw. (erlangt hat), ihn, in dem sich der ursprüngliche Herr (Adinatha) selbst verkörpert hat, der infolge (seiner) Erschaffung (Kalana) der Zeit (Kala in Form) der Weltzeitalter (Yuga) und Weltschöpfungszyklen (Kalpa) als das Grundprinzip (Tattva) gepriesen wird, diesen Ozean (Mahodadhi) der Wonne (Amoda) der Erkenntnis (Jnana), der gegenüber den Eigenschaften (Guna) des Manifesten (Vyakta) und Unmanifesten (Avyakta) erhaben ist." (GŚ 2, 2)

Shataka 1 Vers 3: Einleitung

Er lehrt (nun) mit dem Wunsch den Yogis zu nützen die (Vers-)Sammlung des Goraksha, durch deren Verständnis der höchste Zustand (des Yoga) gewiss entsteht.


गोरक्षसंहितां वक्ति योगिनां हितकाम्यया |
ध्रुवं यस्यावबोधेन जायते परमं पदम् || ३ ||
gorakṣa-saṃhitāṃ vakti yogināṃ hita-kāmyayā |
dhruvaṃ yasyāvabodhena jāyate paramaṃ padam || 1.3 ||
goraksha-samhitam vakti yoginam hita-kamyaya |
dhruvam yasyavabodhena jayate paramam padam || 1.3 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

gorakṣa-saṃhitām : die (Vers-)Sammlung des Goraksha (Goraksha Samhita)
vakti : er lehrt, verkündet (vac)
yoginām : der Yogis (Yogin)
hita-kāmyayā : mit dem Wunsch für den Nutzen (Hitakamya)
dhruvam : gewiss, sicherlich (Dhruva)
yasya : dessen (Yad)
avabodhena : durch das Verständnis (Avabodha)
jāyate : entsteht (jan)
paramam : der höchste (Parama)
padam : Zustand, Bewusstseinszustand ("Ort", Pada)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint mit einer interessanten Lesart als Vers 4 der Version 2 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im ersten Pada gorakṣaḥ śatakaṃ vakti "Goraksha lehrt (eine Sammlung von) einhundert (Versen, Shataka)" statt gorakṣa-saṃhitāṃ vakti. Obwohl der Text hier als Goraksha Samhita bezeichnet wird, ist er genauso als Goraksha Paddhati bekannt. Aus dem vorangehenden Vers 2 ergibt es sich, dass der Verfasser der Verse dieser "Sammlung" (Samhita) Goraksha ist: gorakṣo jñānam uttamam ... brūte.

Der "höchste Zustand" (paramaṃ padam) ist laut Hatha Yoga Pradipika (4.3-4) identisch mit dem Rajayoga, Samadhi oder Jivanmukti genannten Bewusstseinszustand und somit gleichbedeutend mit der Erfahrung der Nichtdualität (Advayatva), der immerwährenden Identität von "Selbst" (Atman) und Brahman, dem "Absoluten".

Shataka 1 Vers 4: Einleitung

Dies ist eine Leiter zur Befreiung. Es bedeutet das Überlisten des Todes. Denn, wenn der Geist von der Sinneserfahrung abgewandt ist, richtet er sich auf das höchste Selbst.


एतद्विमुक्तिसोपानमेतत्कालस्य वञ्चनम् |
यद्व्यावृत्तं मनो भोगादासक्तं परमात्मनि || ४ ||
etad vimukti-sopānam etat kālasya vañcanam |
yad vyāvṛttaṃ mano bhogād āsaktaṃ paramātmani || 1.4 ||
etad vimukti-sopanam etat kalasya vanchanam |
yad vyavrittam mano bhogad asaktam paramatmani || 1.4 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

etat : dies (Etad)
vimukti-sopānam : ist eine Leiter (Sopana) für die Befreiung (Vimukti)
etat : dies
kālasya : des Todes ("der Zeit", Kala)
vañcanam : ist das Täuschen ("Hintergehen, Entrinnen", Vanchana)
yat : weil (Yad)
vyāvṛttam : abgewandt (Vyavritta)
manas : der Geist, das Denken (Manas)
bhogāt : von der Sinneserfahrung, vom Genuss (der Sinnesobjekte, Bhoga)
āsaktam : gerichtet ist ("hängend an", Asakta)
paramātmani : auf das höchste Selbst (Paramatman)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 5 der Version 2 des Goraksha Shataka. In Vers 2 der Version 1 des Goraksha Shataka heißt es im 4. Pada mohāt "von der Täuschung" statt bhogāt. Der Geist, der sich in der Meditation von der äußerlichen Erfahrung (Bhoga) abwendet, erreicht den Zustand des Yoga, die Erfahrung der Identität mit dem höchste Selbst.

Die Wissenschaft des Hatha Yoga wird - vielleicht als Referenz an den vorliegenden Vers der Goraksha Paddhati - im ersten Vers der Hatha Yoga Pradipika (1.1) ebenfalls als eine Leiter bezeichnet:

śrī-ādi-nāthāya namo’stu tasmai yenopadiṣṭā haṭha-yoga-vidyā |
vibhrājate pronnata-rāja-yogam āroḍhum icchor adhirohiṇīva || 1.1 ||

"Verehrung (Namas) sei dem verehrungswürdigen (Shri) uranfänglichen Herrn (Adinatha), von dem die Wissenschaft (Vidya) des Hatha Yoga gelehrt wurde (Upadishta), die wie eine Leiter (Adhirohini) für denjenigen erstrahlt, der den äußerst erhabenen (Pronnata) königlichen Yoga (Rajayoga) zu erklimmen wünscht (Ichchhu)." (HYP 1.1)

Shataka 1 Vers 5: Einleitung

Ihr Besten (der Menschen), praktiziert Yoga! - den Vernichter des Leidens der weltlichen Existenz, der die Frucht des Wunschbaums der heiligen Überlieferung ist, dessen Zweige von den Vögeln, den Zweimalgeborenen, besucht werden.


द्विजसेवितशाखस्य श्रुतिकल्पतरोः फलम् |
शमनं भवतापस्य योगं भजत सत्तमाः || ५ ||
dvija-sevita-śākhasya śruti-kalpa-taroḥ phalam |
śamanaṃ bhava-tāpasya yogaṃ bhajata sattamāḥ || 1.5 ||
dvija-sevita-shakhasya shruti-kalpa-taroh phalam |
shamanam bhava-tapasya yogam bhajata sattamah || 1.5 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

dvija-sevita-śākhasya : dessen Zweige (Shakha) von Vögeln, Zweimalgeborenen (Dvija) besucht (Sevita) werden
śruti-kalpa-taroḥ : des Wunschbaums (Kalpataru) der heiligen Überlieferung (Shruti)
phalam : die Frucht (Phala)
śamanam : den Vernichter ("Beruhiger", Shamana)
bhava-tāpasya : des Leidens (Tapa) der weltlichen Existenz (Bhava)
yogam : Yoga
bhajata : betreibt (bhaj)
sattamāḥ : ihr Besten (der Menschen, Sattama)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 6 der Version 2 des Goraksha Shataka. In Vers 3 der Version 1 des Goraksha Shataka heißt es im 4. Pada bhajati saj-janaḥ "ein guter Mensch praktiziert" statt bhajata sattamāḥ.

Dvija (dvi-ja) "zweimal geboren" bedeutet sowohl "Vogel" als auch die Mitglieder der drei oberen Kasten bzw. Stände (Varna). Shakha (śākhā) bedeutet auch einen "Zweig" im Sinne einer Schule bzw. Überlieferungstradition (Rezension) des Veda.

Shataka 1 Vers 6: Die sechs Glieder des Hatha Yoga

Körperstellung, Atemkontrolle, das Zurückziehen (der Sinne bzw. das Zurückhalten des inneren Nektars), Konzentration, Meditation und Versenkung - diese nennt man die sechs Glieder des Yoga.


आसनं प्राणसंरोधः प्रत्याहारश्च धारणा |
ध्यानं समाधिरेतानि योगाङ्गानि वदन्ति षट् || ६ ||
āsanaṃ prāṇa-saṃrodhaḥ pratyāhāraś ca dhāraṇā |
dhyānaṃ samādhir etāni yogāṅgāni vadanti ṣaṭ || 1.6 ||
asanam prana-samrodhah pratyaharash cha dharana |
dhyanam samadhir etani yogangani vadanti shat || 1.6 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

āsanam : Körperstellung, Sitzhaltung (Asana)
prāṇa-saṃrodhaḥ : Atemkontrolle (Pranasamrodha)
pratyāhāraḥ : das Zurückhalten (der Sinne bzw. des inneren Nektars, Pratyahara)
ca : und (Cha)
dhāraṇā : Konzentration (Dharana)
dhyānam : Meditation (Dhyana)
samādhiḥ : Versenkung (Samadhi)
etāni : diese (Etad)
yogāṅgāni : Bestandteile, Glieder des Yoga (Yoganga)
vadanti : nennt man (vad)
ṣaṭ : die sechs (Shash)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 7 der Version 2 des Goraksha Shataka. In Vers 4 der Version 1 des Goraksha Shataka heißt es im 1. Pada prāṇa-saṃyāmaḥ statt prāṇa-saṃrodhaḥ, und im 4. Pada bhavanti "sind" statt vadanti. Auch in der Yogachudamani Upanishad (Vers 2) erscheint dieser programmatische Vers mit der Variante bhavanti.

Pranasamrodha (prāṇa-saṃrodhaḥ) ist ein Synonym für Pranayama. Es bedeutet soviel wie "Kontrolle über den Atem bzw. die Lebensenergie Prana", wörtlich jedoch das "Anhalten (Samrodha) des Atems (Prana)", und bezieht sich folglich insbesondere auf die Atemverhaltungen (Kumbhaka).

Der Begriff Pratyahara wird in der Goraksha Paddhati in zweifacher Weise gebraucht: Einmal wird es im Vers 2.22 im traditionellen Sinne des "Zurückziehens der Sinne von ihren äußeren Sinnesobjekten (Vishaya)" definiert (vgl. auch Yogasutra 2, 54). Im Vers 2.30 erfolgt dann eine Definition als "Zurückhalten des inneren Mondnektars (Chandramrita)", welches in Zusammenhang mit der Praxis von Viparita Karani steht (2.34).

In der Hatha Yoga Pradipika (1.58) werden vier Glieder bzw. Bestandteile der Hatha Yoga-Praxis genannt:

āsanaṃ kumbhakaṃ citraṃ mudrākhyaṃ karaṇaṃ tathā |
atha nādānusandhānam abhyāsānukramo haṭhe || 1.58 ||

"Körperstellungen (Asana), die verschiedenen Atemverhaltungen (Kumbhaka), ebenso die Mudra genannten Stellungen (Karana), sowie die Konzentration auf den (unangeschlagenen) Klang (Nada Anusandhana) - so lautet die Abfolge (Anukrama) der Übungspraxis (Abhyasa) im Hatha (Yoga)." (HYP 1.58)

In dieser Aufzählung erscheint Kumbhaka im Sinne von Pranayama bzw. Pranasamrodha, und die Bezeichnungen Mudra und Karana beziehen sich in der Goraksha Paddhati auf die Praxis von Pratyahara (Vers 2.30 ff.). Die hier mit Nada Anusandhana erwähnte Meditationspraxis schließt die Schritte Dharana, Dhyana und Samadhi ein, so dass die in der GP aufgezählten sechs Glieder des Yoga (Yoganga) sich auch in der HYP wiederfinden.

Die im achtgliedrigen (Ashtanga) Yoga des Yogasutra gelehrten beiden Glieder Yama und Niyama werden somit in der Goraksha Paddhati nicht ausdrücklich erwähnt. In der Hatha Yoga Pradipika (1.17-18) werden wiederum zehn Yamas und zehn Niyamas gelehrt (bei Patanjali sind es jeweils nur fünf). Diese müssen allerdings textgeschichtlich als spätere Einschübe betrachtet werden (Hatha Yoga Pradipika 1.17).

Shataka 1 Vers 7: Anzahl der Asanas

Es gibt soviele Körperstellungen, wie es (Arten von) Lebewesen gibt. Maheshvara kennt all deren Unterscheidungen.


आसनानि च तावन्ति यावन्तो जीवजन्तवः |
एतेषामखिलान्भेदान्विजानाति महेश्वरः || ७ ||
āsanāni ca tāvanti yāvanto jīva-jantavaḥ |
eteṣām akhilān bhedān vijānāti maheśvaraḥ || 1.7 ||
asanani cha tavanti yavanto jiva-jantavah |
etesham akhilan bhedan vijanati maheshvarah || 1.7 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

āsanāni : Körperstellungen, Sitzhaltungen (Asana)
ca : und (Cha)
tāvanti : (gibt es) soviele (Tavat)
yāvantaḥ : wie (Yavat)
jīva-jantavaḥ : lebendige (Jiva) Wesen (Jantu), Lebewesen
eteṣām : davon, von diesen (Etad)
akhilān : alle (Akhila)
bhedān : Arten, Unterscheidungen (Bheda)
vijānāti : kennt (vi + jñā)
maheśvaraḥ : Maheshvara, der große Herr (Shiva)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint nahezu wortwörtlich als Vers 8 der Version 2 des sowie als Vers 5 der Version 1 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im 2. Pada jīva-jātayaḥ "Arten (Jati) von Lebewesen (Jiva)" statt jīva-jantavaḥ, das wörtlich "lebendige (Jiva adj.) Wesen (Jantu)", also "Lebewesen" bedeutet.

Wieviele Arten von Lebewesen (und folglich Körperstellungen) es nach der traditionellen indischen Anschauung gibt, wird im nächsten Vers ausgeführt.

Shataka 1 Vers 8: Anzahl der Asanas

Aus diesen 8,4 Millionen Körperstellungen wurde von Shiva jeweils eine (stellvertretend für jeweils 100 000) ausgewählt, und somit 84 Körperstellungen zusammengestellt.


चतुराशीतिलक्षाणामेकैकं समुदाहृतम् |
ततः शिवेन पीठानां षोडशोनं शतं कृतम् || ८ ||
catur-āśīti-lakṣāṇām ekaikaṃ samudāhṛtam |
tataḥ śivena pīṭhānāṃ ṣoḍaśonaṃ śataṃ kṛtam || 1.8 ||
catur-ashiti-lakshanam ekaikam samudahritam |
tatah shivena pithānām shodashonam shatam kritam || 1.8 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

catur-āśīti-lakṣāṇām : aus 8,4 Millionen ("84 x 100 000", Chaturashiti-Laksha)
ekaikam : jeweils ein (100 000, Eka)
samudāhṛtam : wurde als Beispiel ausgewählt ("genannt", Samudahrita)
tataḥ : daraus, davon (Tatas)
śivena : von Shiva
pīṭhānām : der Körperstellungen, Sitzhaltungen (Pitha)
ṣoḍaśonam : um 16 (Shodasha) vermindert (Una)
śatam : ein Hundert (Shata)
kṛtam : wurde zusammengestellt ("gemacht", Krita)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 9 der Version 2 sowie mit einer Lesart als Vers 6 der Version 1 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im 2. Pada ekam ekam udāhṛtam statt ekaikam samudāhṛtam.

Die Zahl 84 heißt im Sanskrit catur-aśīti. Man kann sie aber auch indirekt ausdrücken, indem man von 100 (Shata) 16 (Shodasha) subtrahiert, was hier der Fall ist: ṣoḍaśonaṃ śatam, "ein um 16 vermindertes Hundert".

In der Gheranda Samhita (2.1-2) wird sinngemäß dasselbe gesagt, wobei GhS 2.1 abc und 2.2 b mehr oder weniger wortwörtliche Übernahmen aus GP 1.7 ab bzw. GP 1.8 a,d sind. Von den besagten 84 Stellungen werden in der Gheranda Samhita lediglich 32 gelehrt:

āsanāni samastāni yāvanto jīva-jantavaḥ |
catur-aśīti lakṣāṇi śivena kathitaṃ purā || 2.1 ||
teṣāṃ madhye viśiṣṭāni ṣoḍaśonaṃ śataṃ kṛtam |
teṣāṃ madhye martya-loke dvā-triṃśad āsanaṃ śubham || 2.2 ||

"Sämtliche Körperstellungen (Asana) zusammengenommen sind soviele wie es (Arten von) lebenden (Jiva) Wesen (Jantu) gibt. 8,4 Millionen Körperstellungen wurden einst von Shiva gelehrt. Aus deren Mitte (Madhya) wurden die 84 hervorragendsten (Vishishta) Körperstellungen zusammengestellt. Von diesen sind in der Welt der Sterblichen (Martyaloka) 32 Körperstellungen von Nutzen (Shubha)." (GhS 2.1-2)

Shataka 1 Vers 9: Siddhasana und Kamalasana

Von allen Körperstellungen werden zwei (besonders) genannt: die eine wird perfekter Sitz (Siddhasana) genannt, die andere Lotussitz (Kamalasana).


आसनेभ्यः समस्तेभ्यो द्वयमेतदुदाहृतम् |
एकं सिद्धासनं प्रोक्तं द्वितीयं कमलासनम् || ९ ||
āsanebhyaḥ samastebhyo dvayam etad udāhṛtam |
ekaṃ siddhāsanaṃ proktaṃ dvitīyaṃ kamalāsanam || 1.9 ||
asanebhyah samastebhyo dvayam etad udahritam |
ekam siddhasanam proktam dvitiyam kamalasanam || 1.9 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

āsanebhyaḥ : Körperstellungen, Sitzhaltungen (Asana)
samastebhyaḥ : von allen (Samasta)
dvayam : zwei ("eine Zweiheit", Dvaya)
etad : diese (Eva)
udāhṛtam : werden genannt (Udahrita)
ekam : die eine (Eka)
siddhāsanam : perfekter Sitz (Siddhasana)
proktam : wird genannt (Prokta)
dvitīyam : die andere ("zweite", Dvitiya)
kamalāsanam : Lotussitz (Kamalasana)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint mit einigen Lesarten als Vers 10 der Version 2 sowie als Vers 7 der Version 1 des Goraksha Shataka. In beiden Versionen heißt es im 2. Pada dvayam eva viśiṣyate "zeichnen sich zwei besonders aus (vi + śiṣ)" statt dvayam etad udāhṛtam.

Kamalasana (kamalāsana) ist ein Synonym für Padmasana (padmāsana).

Shataka 1 Vers 10: Siddhasana (perfekter Sitz)

Man lege eine Ferse fest an den Beckenboden und den anderen Fuß fest oberhalb des Genitals, und presse (mit Jalandhara Bandha) das Kinn ganz fest gegen die Brust. Dann schaue man, unbeweglich und mit gesammelten Sinnen, mit unverwandtem Blick auf die Mitte zwischen beiden Augenbrauen. Diese Sitzhaltung, die das Öffnen der Tür zur Befreiung bewirkt, wird perfekter Sitz (Siddhasana) genannt.


योनिस्थानकमङ्घ्रिमूलघटितं कृत्वा दृढं विन्यसे-
न्मेढ्रे पादमथैकमेव नियतं कृत्वा हनुं सुस्थिरम् |
स्थाणुः संयमितेन्द्रियोऽचलदृशा पश्येद्भ्रुवोरन्तरं
ह्येतन्मोक्षकपाटभेदजनकं सिद्धासनं प्रोच्यते || १० ||
yoni-sthānakam aṅghri-mūla-ghaṭitaṃ kṛtvā dṛḍhaṃ vinyasen
meḍhre pādam athaikam eva hṛdaye kṛtvā hanuṃ su-sthiram |
sthāṇuḥ saṃyamitendriyo'cala-dṛśā paśyed bhruvor antaraṃ
hy etan mokṣa-kapāṭa-bheda-janakaṃ siddhāsanaṃ procyate || 1.10 ||
yoni-sthanakam anghri-mula-ghatitaṃ kritva dridham vinyasen
medhre padam athaikam eva hridaye kritva hanum su-sthiram |
sthanuh samyamitendriyo'chala-drisha pashyed bhruvor antaram
hy etan moksha-kapata-bheda-janakam siddhasanam prochyate || 1.10 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yoni-sthānakam : den Ort, die Stelle (Sthanaka) des Dammes, Beckenbodens ("des Ursprungs", Yoni)
aṅghri-mūla-ghaṭitam : an die Ferse ("Fuß-Wurzel, Ursprung des Fußes", Anghrimula) angelegt, verbunden Ghatita)
kṛtvā : habend ("machend", kṛ)
dṛḍham : fest (Dridha)
vinyaset : man lege (vi + ni + as)
meḍhre : oberhalb des Gliedes, über das Glied (Medhra)
pādam : Fuß (Pada)
atha : und, nun, dann (Atha)
ekam : einen (Eka)
eva : wahrlich, nur (Eva)
hṛdaye : auf die Herz(gegend, Brust, Hridaya)
kṛtvā : machend
hanum : das Kinn (Hanu)
su-sthiram : ganz fest (Susthira)
sthāṇuḥ : aufrecht, unbeweglich (Sthanu)
saṃyamitendriyaḥ : mit gesammelten, kontrollierten ("bezwungenen", Samyamita) Sinnen (Indriya)
acala-dṛśā : mit unverwandtem, unbeweglichem (Achala) Blick ("Auge", Drish)
paśyet : man schaue (paś)
bhruvoḥ : beide Brauen (Bhru)
antaram : zwischen (Antara)
hi : gewiss (Hi)
etat : diese (Sitzhaltung, Etad)
mokṣa-kapāṭa-bheda-janakam : die das Aufbrechen, Öffnen (Bheda) der) Tür (Kapata) zur Befreiung (Moksha) bewirkt, verursacht (Janaka)
siddhāsanam : Sitzhaltung der Vollkommenen, perfekter Sitz (Siddhasana)
procyate : wird genannt (pra + vac)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich in der Hatha Yoga Pradipika (1.37) und mit einigen Lesarten als Vers 11 der Version 2 sowie als Vers 8 der Version 1 des Goraksha Shataka. Auch in der Gheranda Samhita (2.7) wird er - mit einigen größeren Abweichungen im ersten Halbvers - überliefert.

In der Variante des Goraksha Shataka steht im 2. Pada niyataṃ kṛtvā samaṃ vigraham "nachdem man den Körper (Vigraha) aufgerichtetet hat" statt hṛdaye kṛtvā hanuṃ su-sthiram, welches auf das Setzen von Jalandhara Bandha verweist.

Brahmananda, der Kommentator der HYP, ergänzt zur Ausführung von Siddhasana, dass die linke Ferse an den Beckenboden und der rechte Fuß über das Genital, wörtlich "über das Glied" (meḍhre), gelegt wird.

Das Kompositum mokṣa-kapāṭa-bheda-janakam versteht Brahmananda in dem Sinne, dass Siddhasana die Zerstörung (Nasha) der Hindernisse (Pratibandhaka) der Erlösung (Moksha) bewirkt (janayati): mokṣasya yat kapāṭaṃ pratibandhakaṃ tasya bhedaṃ nāśaṃ janayati. Man könnte unter der Tür zur Befreiung (Moksha-Kavata) auch die Sushumna verstehen, deren Öffnung durch die schlafende Kundalini versperrt wird.

Shataka 1 Vers 11: Padmasana (Lotussitz)

Man lege den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel und den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel. Dann ergreife man mit beiden Händen, indem man diese hinter dem Rücken über Kreuz hält, fest die beiden großen Zehen. Dann schaue man, das Kinn auf die Brust drückend, auf die Nasenspitze. Diese Sitzhaltung, die körperliche Krankheiten und geistige Störungen vernichtet, wird Lotussitz (Padmasana) genannt.


वामोरूपरि दक्षिणं च चरणं संस्थाप्य वामं तथा
दक्षोरूपरि पश्चिमेन विधिना धृत्वा कराभ्यां दृढम् |
अङ्·गुष्ठौ हृदये निधाय चिबुकं नासाग्रमालोकये-
देतद्व्याधिविकारनाशनकरं पद्मासनं प्रोच्यते || ११ ||
vāmorūpari dakṣiṇaṃ ca caraṇaṃ saṃsthāpya vāmaṃ tathā
dakṣorūpari paścimena vidhinā dhṛtvā karābhyāṃ dṛḍham |
aṅguṣṭhau hṛdaye nidhāya cibukaṃ nāsāgram ālokayed
etad vyādhi-vikāra-nāśana-karaṃ padmāsanaṃ procyate || 1.11 ||
vamorupari dakshinam cha charanam samsthapya vamam tatha
dakshorupari pashchimena vidhina dhritva karabhyam dridham |
angushthau hridaye nidhaya chibukam nasagram alokayed
etad vyadhi-vikara-nashana-karam padmasanam prochyate || 1.11 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vāmorūpari : auf (Upari) den linken (Vama) Oberschenkel (Uru)
dakṣiṇam : den rechten (Dakshina)
ca : und, aber (Cha)
caraṇam : Fuß (Charana)
saṃsthāpya : legend ("gelegt habend", sam + sthā)
vāmam : den linken (Fuß, Vama)
tathā : und, ebenso (Tatha)
dakṣorūpari : auf (Upari) den rechten (Daksha) Oberschenkel (Uru)
paścimena : auf die hintere (hinter dem Rücken, Pashchima)
vidhinā : Art und Weise (Vidhi)
dhṛtvā : haltend, ergreifend (dhṛ)
karābhyām : mit beiden Händen (über Kreuz, Kara)
dṛḍham : fest (Dridha)
aṅguṣṭhau : beide großen Zehen (Angushtha)
hṛdaye : an die Brust (die "Herzgegend", Hridaya)
nidhāya : legend ("gelegt habend", ni + dhā)
cibukam : das Kinn (Chibuka)
nāsāgram : auf die Nasenspitze (Nasagra)
ālokayet : schaue man (ā + lok)
etat : das, diese (Sitzhaltung, (Etad)
vyādhi-vikāra-nāśana-karam : die (körperliche) Krankheiten (Vyadhi) und (geistige) Störungen (Vikara) vernichtet ("zunichte macht", Nashanakara)
padmāsanam : Lotussitz (Padmasana)
procyate : wird genannt (pra + vac)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint wortwörtlich als Vers 12 der Version 2 sowie mit einigen Lesarten als Vers 9 der Version 1 des Goraksha Shataka. Auch in der Gheranda Samhita (2.8) ist dieser Vers mit wenigen Abweichungen überliefert, ebenso in Hatha Yoga Pradipika (1.46), deren Wortlaut im letzten Versviertel etwas stärker abweicht. Dort heißt es etad vyādhi-vināśa-kāri yaminām "diese (Sitzhaltung) bewirkt (Karin) bei den sich selbst beherrschenden (Yamin) die Vertreibung (Vinasha) von Krankheiten (Vyadhi)" statt etad vyādhi-vikāra-nāśana-karam, was sinngemäß auf dasselbe hinausläuft.

Die hier gelehrte Variante des Lotussitzes entspricht bereits dem "gebundenen Lotussitz" (Baddha Padmasana), bei dem die hinter dem Rücken gekreuzten Arme bzw. Hände die großen Zehen festhalten.

Der Ausdruck "das Kinn auf die Brust drückend" (hṛdaye nidhāya cibukam) verweist - wie schon im vorangegangenen Vers 10 - auf das Setzen von Jalandhara Bandha und damit auf die Praxis der Atemverhaltung (Kumbhaka). Das Fixieren (Dharana) des Blickes (Dhrishti), dass der Sammlung des Geistes und damit der Einstimmung auf die Meditationspraxis dient, ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil der Beschreibung dieser beiden Sitzhaltungen. Während jedoch in Siddhasana der Blick auf die Mitte zwischen den Augenbrauen (Bhrumadhya) gerichtet wird, soll er in Padmasana auf die Nasenspitze gerichtet werden.

Shataka 1 Vers 12: Kenntnis des feinstofflichen Körpers

Wie können diejenigen Yogis, die die sechs Energiezentren, die sechzehn Stützen, die zwei Arten von Meditationsobjekten, und die fünf Räume in ihrem Körper nicht kennen, ans Ziel gelangen?


षट्चक्रं षोडशाधारं द्विलक्ष्यं व्योमपञ्चकम् |
स्वदेहे ये न जानन्ति कथं सिध्यन्ति योगिनः || १२ ||
ṣaṭ-cakraṃ ṣoḍaśādhāraṃ dvi-lakṣyaṃ vyoma-pañcakam |
sva-dehe ye na jānanti kathaṃ sidhyanti yoginaḥ || 1.12 ||
shat-chakram shodashadharam dvi-lakshyam vyoma-panchakam |
sva-dehe ye na jananti katham sidhyanti yoginah || 1.12 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ṣaṭ-cakram : die sechs (Shash) Energiezentren ("Räder", Chakra)
ṣoḍaśādhāram : die sechzehn (Shodasha) Stützen, Konzentrationspunkte Adhara)
dvi-lakṣyam : die zwei Arten von Meditationsobjekten (Dvilakshya)
vyoma-pañcakam : die fünf Räume (Vyoma Panchaka)
sva-dehe : im eigenen (Sva) Körper (Deha)
ye : die (Yad)
na : nicht (Na)
jānanti : kennen (jñā)
katham : wie (Katham)
sidhyanti : sind erfolgreich, gelangen ans Ziel (sidh)
yoginaḥ : (diejenigen) Yogis (Yogin)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint beinahe wortwörtlich als Vers 13 der Version 2 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im 2. Pada tri-lakṣam "die drei (Tri) Zielpunkte (der Visualisierung, Laksha)" statt dvi-lakṣyam. Auch die Yogachudamani Upanishad (3 cd / 4 ab) liest tri-lakṣyam "die drei Arten von Meditationsobjekten (Trilakshya)".

Ein ganz ähnlicher Vers wird in der ebenfalls dem Goraksha zugeschriebenen Siddha Siddhanta Paddhati (2.31) überliefert, wo allerdings von neun statt sechs Chakras die Rede ist:

nava-cakraṃ kalādhāraṃ tri-lakṣyaṃ vyoma-pañcakam |
samyag etan na jānāti sa yogī nāma-dhārakaḥ ||

"Einer, der die neun (Nava) Energiezentren (Chakra), die sechzehn (Kala) Stützen (Adhara), die drei Arten von Meditationsobjekten (Trilakshya), und die fünf Räume (Vyoma Panchaka) nicht vollständig kennt, der ist nur dem Namen nach (Namadharaka) ein Yogi."

Die neun Chakras, sechzehn Adharas, drei Arten von Meditationsobjekten (Trilakshya) und fünf Räume (Vyoma Panchaka) werden im Artikel Siddha Siddhanta Paddhati ausführlicher beschrieben.

Bei den sechs Chakras der Goraksha Paddhati dürfte es sich um die bekannten sechs unteren feinstofflichen Energiezentren Muladhara Chakra, Svadhisthana Chakra, Manipura Chakra, Anahata Chakra, Vishuddhi Chakra und Ajna Chakra handeln.

Im Falle von tri-lakṣyam (statt GP dvi-lakṣyam) handelt sich um drei Arten von Meditationsobjekten bzw. Visualisierungsweisen: "innerlich", innerhalb des Körpers (antar-lakṣyam Antarlakshya), "äußerlich", außerhalb des Körpers (bahir-lakṣyam Bahirlakshya) und "neutral, mittel" (madhyamaṃ lakṣyam Madhyama Lakshya), d.h. weder innerlich noch äußerlich: man visualisiere im Geiste eine bestimmte Farbe bzw. Form, ohne sie im Körper oder außerhalb desselben zu verorten.

Sollte es sich im vorliegenden Vers der Goraksha Paddhati tatsächlich nicht um einen Überlieferungsfehler handeln (in dem dvi- für tri- verlesen wurde), so liegt die Vermutung nahe, dass mit dvi-lakṣyam die ersten beiden der in der SSP beschriebenen Visualisierungsweisen gemeint sind, nämlich Antarlakshya und Bahirlakshya. Dies bestätigt auch der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers, wobei sich die inneren (Abhyantara) Konzentrationspunkte (Lakshya) auf die Chakras wie Muladhara und Anahata Chakra (Hritpadma) beziehen. Mit den äußeren (Bahya) Konzentrationspunkten sind solche wie die Nasenspitze (Nasagra) und die Mitte zwischen den Augenbrauen (Bhrumadhya) gemeint.

Die "fünf Räume" (Vyoma Panchaka) werden in der SSP wie folgt benannt: ākāśa (Akasha), parākāśa (Parakasha), mahākāśa (Mahakasha), tattvākāśa (Tattvakasha) und suryākāśa (Suryakasha). Es handelt sich dabei nicht um die im Advaita Vedanta bekannten "fünf Hüllen" (Pancha Kosha), sondern um bestimmte Weisen der Visualisierung des Raumes, der sowohl das Innere als auch das Äußere umfasst.

Shataka 1 Vers 13: Kenntnis des feinstofflichen Körpers

Wie können diejenigen Yogis, die ihren eigenen Körper nicht als ein auf einem Pfeiler ruhendes Haus kennen, mit neun Türen und fünf Schutzgottheiten, ans Ziel gelangen?


एकस्तम्भं नवद्वारं गृहं पञ्चाधिदैवतम् |
स्वदेहे ये न जानन्ति कथं सिध्यन्ति योगिनः || १३ ||
eka-stambhaṃ nava-dvāraṃ gṛhaṃ pañcādhidaivatam |
sva-dehe ye na jānanti kathaṃ sidhyanti yoginaḥ || 1.13 ||
eka-stambham nava-dvaram griham panchadhidaivatam |
sva-dehe ye na jananti katham sidhyanti yoginah || 1.13 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

eka-stambham : ein auf einem Pfeiler ruhendes (Ekastambha)
nava-dvāram : mit neun (Nava) Türen (Dvara)
gṛham : Haus (Griha)
pañcādhidaivatam : mit fünf (Pancha) Schutzgottheiten (Adhidaivata)
sva-dehe : in Bezug auf ihren eigenen (Sva) Körper (Deha)
ye : die (Yad)
na : nicht (Na)
jānanti : kennen (jñā)
katham : wie (Katham)
sidhyanti : sind erfolgreich, gelangen ans Ziel (sidh)
yoginaḥ : (diejenigen) Yogis (Yogin)

Anmerkungen: Dieser Vers erscheint bis auf eine abweichende grammatische Form wortwörtlich als Vers 14 der Version 2 des Goraksha Shataka. Dort heißt es im 3. Pada sva-deham (Akk.) "den eigenen Körper" "" statt sva-dehe (Lok.) "im eigenen Körper". Der Akkusativ sva-deham ist in diesem Satz syntaktisch als logisches Objekt des Verbs jānanti etwas schlüssiger, der Lokativ ist eine Übernahme aus dem gleichlautenden zweiten Halbvers des vorangehenden Verses 12.

Der Körper wird gern mit einem Haus mit neun "Türen" bzw. Öffnungen verglichen, womit die beiden Augen, die beiden Ohren, die beiden Nasenlöcher, der Mund, der Anus und die Geschlechtsöffnung bzw. Harnröhre gemeint sind. Der "eine Pfeiler", auf dem das Haus ruht, könnte sich auf die Wirbelsäule beziehen und die fünf "Schutzgottheiten" auf die fünf Sinne bzw. Wahrnehmungsorgane (Jnanendriya) Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers gibt allerdings eine andere Erklärung: Der "eine Pfeiler" ist der Geist bzw. das Denken (Manas), der Ort aller Wünsche und latenten Prägungen (Vasana). Die fünf "Schutzgottheiten" sind den (grobstofflichen) Elementen (Mahabhuta) zugeordnet: Brahma (Erde), Vishnu (Wasser), Rudra (Feuer), Ishvara (Luft) und Sadashiva (Äther/Raum). Der Kommentator zitiert in diesem Zusammenhang die folgenden Verse aus einem Werk namens Yoga Sara, wobei sich die zitierte Passage nahezu wortwörtlich auch in der Yoga Shikha Upanishad (1, 176-78) findet:

catur-asra[ṃ] dharaṇy-ādau brahmā tatrādhidevatā |
ardha-candrākṛtir jalaṃ viṣṇus tatrādhidevatā ||
tri-koṇa-maṇḍalaṃ vahnī rudras tatrādhidevatā |
vāyor bījaṃ tu ṣaṭ-koṇam īśas tatrādhidevatā |
ākāśa-maṇḍalaṃ vṛttaṃ devatāsya sadā-śivaḥ ||

"Beim ersten (Element) - Erde (Dharani - repräsentiert durch) ein Viereck (Chaturasra), ist Brahma die Schutzgottheit (Adhidevata).

Das (Element) Wasser (Jala wird repräsentiert durch) die Form (Akriti) eines Halbmonds (Ardhachandra) - dort ist Vishnu die Schutzgottheit.

Das (Element) Feuer (Vahni wird repräsentiert durch) das Symbol (Mandala) des Dreiecks (Trikona) - dort ist Rudra die Schutzgottheit.

Die Keimsilbe (Bija) des Windes (Vayu wird repräsentiert durch) ein Sechseck (Shatkona aus zwei ineinander verschränkten Dreiecken) - dort ist Isha die Schutzgottheit.

Das Symbol (Mandala) des Äthers/Raumes (Akasha) ist ein Kreis (Vritta) - dessen Gottheit (Devata) ist Sadashiva." (YS ~ YŚU 1, 176-178 ab)

Die genannten geometrischen Figuren Viereck, Halbmond, Dreieck, Sechseck und Kreis finden sich auch in den symbolischen Darstellungen der Elemente in den unteren fünf Chakras, beginnend mit dem Muladhara Chakra bis hinauf zum Vishuddha Chakra, wieder.

Shataka 1 Vers 14: Die Chakras - Anzahl der Blütenblätter

Adhara, "die Grundlage", hat vier Blütenblätter, und Svadhishthana, "die Stätte des Selbst", hat sechs Blütenblätter. In der Nabelgegend ist ein Lotus mit zehn Blütenblättern, und in der Herzgegend ein Lotus mit einer Anzahl von zwölf Blütenblättern.


चतुर्दलं स्यादाधारं स्वाधिष्ठानं च षड्दलम् |
नाभौ दशदलं पद्मं सूर्यसङ्ख्यादलं हृदि || १४ ||
catur-dalaṃ syād ādhāraṃ svādhiṣṭhānaṃ ca ṣaḍ-dalam |
nābhau daśa-dalaṃ padmaṃ sūrya-saṅkhyā-dalaṃ hṛdi || 1.14 ||
chatur-dalam syad adharam svadhishthanam cha shad-dalam |
nabhau dasha-dalam padmam surya-sankhya-dalam hridi || 1.14 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

catur-dalam : vierblättrig (Chaturdala)
syāt : ist ("sei", as)
ādhāram : die Grundlage, Stütze (Adhara)
svādhiṣṭhānam : die Stätte des Selbst (Svadhishthana)
ca : und (Cha)
ṣaḍ-dalam : sechsblättrig (Shaddala)
nābhau : in der Nabelgegend ("am Nabel", Nabhi)
daśa-dalam : zehnblättriger (Dashadala)
padmam : (ist ein) Lotus (Padma)
sūrya-saṅkhyā-dalam : mit einer Anzahl von zwölf ("Sonnen-Zahl", Surya-Sankhya) Blütenblättern (Dala)
hṛdi : in der Herzgegend ("im Herzen", Hrid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird bis auf eine abweichende grammatische Form wortwörtlich als Vers 15 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einigen Lesarten im vierten Pada als Vers 4cd-5ab der Yogachudamani Upanishad überliefert. Dort heißt es hṛdaye dvā-daśārakam "in der Herzgegend (Hridaya) ist ein (Rad mit) zwölf (Dvadasha) Speichen (Araka)" statt sūrya-saṅkhyā-dalaṃ hṛdi.

Es handelt sich der Reihe nach um das Muladhara Chakra, Svadhishthana Chakra, Manipura Chakra und Anahata Chakra. Die Sonne (Surya) steht symbolisch für die Zahl zwölf, weil das Sonnenjahr zwölf Monate (Masa) bzw. zwölf Tierkreiszeichen (Rashi) hat.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers zitiert im Zusammenhang mit dem hier Adhara genannten Muladhara Chakra die folgenden beiden Verse aus dem Yoga Sara, wobei sich die zitierte Passage sinngemäß auch in der Yoga Shikha Upanishad (1, 170-71) findet:

yasmād utpadyate vāyur yasmād utpadyate manaḥ |
yasmād utpadyate haṃso yasmād vahniḥ prajāyate ||
yasmād utpadyate bindur yasmān nādaḥ pravartate |
tad eva kāmarūpākhyaṃ pīṭhaṃ kāmaphalapradam ||


"Woraus der Wind (Vayu) geboren wird, woraus das Denken (Manas) geborend wird, woraus der Atem (Hamsa) geborend wird, woraus das Feuer (Vahni) geborend wird, woraus der Same (Bindu) geborend wird, woraus der Klang (Nada) hervorgeht - dies ist das Kamarupa genannte Zentrum (Pitha), das die Früchte (Phala) des Verlangens (Kama) verleiht." (YS ~ YŚU 1, 170-171)

Der Ausdruck Kamarupa (wörtl.: "die Natur des Verlangens" oder: "jede beliebige Gestalt annehmend") erscheint im Vers 16 im Zusammenhang mit Yonisthana, was einerseits den Beckenboden bezeichnen kann, andererseits als ein die Yoni symbolisierendes Dreieck im Adhara selbst verortet wird (Vers 17).

Shataka 1 Vers 15: Die Chakras - Anzahl der Blütenblätter

Im Kehlbereich (ist ein Lotus) mit sechzehn Blütenblättern, und in der Mitte der Augenbrauen ein zweiblättriger (Lotus). An der Öffnung zum Absoluten (Brahmarandhra), am großen Weg (d.h. an Sushumna gelegen), wird ein tausendblättriger (Lotus) gelehrt.


कण्ठे स्यात्षोडशदलं भ्रूमध्ये द्विदलं तथा |
सहस्रदलमाख्यातं ब्रह्मरन्ध्रे महापथे || १५ ||
kaṇṭhe syāt ṣoḍaśa-dalaṃ bhrū-madhye dvi-dalaṃ tathā |
sahasra-dalam ākhyātaṃ brahma-randhre mahā-pathe || 1.15 ||
kanthe syat shodasha-dalam bhru-madhye dvi-dalam tatha |
sahasra-dalam akhyatam brahma-randhre maha-pathe || 1.15 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kaṇṭhe : im Kehlbereich ("in der Kehle", Kantha)
syāt : ist ("sei", as)
ṣoḍaśa-dalam : (ein) sechzehnblättriger (Lotus, Shodashadala)
bhrū-madhye : in der Mitte der Augenbrauen (Bhrumadhya)
dvi-dalam : (ein) zweiblättriger (Lotus, (Dvidala)
tathā : und (Tatha)
sahasra-dalam : (ein) tausendblättriger (Lotus, Sahasradala)
ākhyātam : wird gelehrt ("angegeben", Akhyata)
brahma-randhre : an der Öffnung zum Absoluten, an der Fontanelle (Brahmarandhra)
mahā-pathe : am großen Weg (Mahapatha); oder: an bzw. entlang der Sushumna

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 16 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einigen Lesarten im 1., 3. und 4. Pada als Vers 5cd-6ab der Yogachudamani Upanishad überliefert. Dort heißt es im 1. Pada ṣoḍaśāraṃ viśuddhākhyam "(im Kehlbereich ist ein Rad mit) sechzehn (Shodasha) Speichen (Ara) mit der Bezeichnung (Akhya) das Reine (Vishuddha)" statt kaṇṭhe syāt ṣoḍaśa-dalam.

Das Wort padmam "Lotus" (Padma) wird im Einklang mit der syntaktischen Konstruktion (Anvaya) des vorangehenden Verses (14) mitverstanden.

Es handelt sich um das Vishuddha Chakra, Ajna Chakra und Sahasrara Chakra. Damit wurden in diesem und dem vorangehenden Vers die sieben Haupt-Chakras genannt. Interessanterweise hieß es in Vers 12 "Wer die sechs Energiezentren ... in seinem Körper nicht kennt ...", was möglicherweise ein Hinweis darauf ist, dass das Sahasrara Chakra genannte siebte Chakra sich außerhalb bzw. oberhalb des physischen Körpers befindet.

Mahapatha ist hier möglicherweise nur ein Synonym für Brahmarandhra. In der Hatha Yoga Pradipika (3.4) werden brahma-randhra und mahā-patha allerdings auch als zwei Synonyme für die Sushumna erwähnt (vgl. die Anm. zu Vers 56 der 1. Version des Goraksha Shataka). Man könnte daher mahā-pathe auch als "am großen Weg" im Sinne von "entlang der Sushumna" verstehen und auf beide Verse 14 und 15 beziehen. Dies wäre ein Hinweis darauf, dass sich alle Chakras entlang der Sushumna befinden, die am Brahmarandhra endet.

Shataka 1 Vers 16: Adhara, Svadhishthana und Yonisthana

Adhara, "die Grundlage", ist das erste Energiezentrum (Chakra), Svadhishthana, "die Stätte des Selbst", das zweite. Zwischen diesen beiden befindet sich Yonisthana, "der Ort des Ursprungs", der Kamarupa, "die Natur des Verlangens" (oder: "jede beliebige Gestalt annehmend"), genannt wird.


आधारं प्रथमं चक्रं स्वाधिष्ठानं द्वितीयकम् |
योनिस्थानं द्वयोर्मध्ये कामरूपं निगद्यते || १६ ||
ādhāraṃ prathamaṃ cakraṃ svādhiṣṭhānaṃ dvitīyakam |
yoni-sthānaṃ dvayor madhye kāma-rūpaṃ nigadyate || 1.16 ||
adharam prathamam chakram svadhishthanam dvitiyakam |
yoni-sthanam dvayor madhye kama-rupam nigadyate || 1.16 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

ādhāram : die Grundlage, Stütze (Adhara)
prathamam : (ist) das erste (Prathama)
cakram : Energiezentrum ("Rad", Chakra)
svādhiṣṭhānam : die Stätte des Selbst (Svadhishthana)
dvitīyakam : (ist) das zweite (Dvitiyaka)
yoni-sthānam : (ist) der Ort des Ursprungs (Yonisthana), die Stelle (Sthana) des Dammes, Beckenbodens ("des Ursprungs", Yoni)
dvayoḥ : dieser beiden (Dva)
madhye : in der Mitte (Madhya)
kāma-rūpam : die Natur ("Form") des Verlangens, jede beliebige Gestalt (Kamarupa)
nigadyate : der genannt wird (ni + gad)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 10 der Version 1 und als Vers 17 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 6cd-7ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Adhara ist ein Synonym für Muladhara, das Wurzelzentrum. Yonisthana bedeutet die Region des Beckenbodens, das Perineum. Kamarupa ist auch der Name einer Region im indischen Bundesstaat Assam, in der sich ein bedeutender Tempelkomplex der Shakti-Verehrung befindet.

Shataka 1 Vers 17: Symbolik des Adhara (Muladhara Chakra)

In der Gegend des Anus, die die Grundlage (Adhara) genannt wird, ist ein vierblättriger Lotus. In dessen Mitte - so wird es gelehrt - befindet sich ein Dreieck (Yoni), das von den Vollkommenen als "Name des Verlangens" (Kamakhya) gepriesen wird.


आधाराख्ये गुदस्थाने पङ्कजं च चतुर्दलम् |
तन्मध्ये प्रोच्यते योनिः कामाख्या सिद्धवन्दिता || १७ ||
ādhārākhye guda-sthāne paṅkajaṃ ca catur-dalam |
tan-madhye procyate yoniḥ kāmākhyā siddha-vanditā || 1.17 ||
adharakhye guda-sthane pankajam cha chatur-dalam |
tan-madhye prochyate yonih kamakhya siddha-vandita || 1.17 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ādhārākhye : die die Bezeichnung (Akhya) Grundlage, Stütze (Adhara) hat
guda-sthāne : an der Stelle (Sthana) des Anus (Guda)
paṅkajam : Lotus (Pankaja)
ca : und, aber (Cha)
catur-dalam : (ist ein) vierblättriger (Chaturdala)
tan-madhye : in dessen (Tad) Mitte (Madhya)
procyate : wird erwähnt, gelehrt (pra + vac)
yoniḥ : ein (als Dreieck dargestelltes) weibliches Genital (Yoni)
kāmākhyā : das den Namen Verlangen hat, Name des Verlangens (Kamakhya)
siddha-vanditā : das von den Vollkommenen (Siddha) gepriesen, verehrt (Vandita) wird

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 11 der Version 1 und als Vers 18 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 7cd-8ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Dieser Vers verweist auf die symbolische Darstellung des Wurzelchakras mit einem vierblättrigen Lotus, in dessen viereckiger Grundstruktur (vgl. die Anm. zu Vers 13) ein die Yoni darstellendes, nach unten zeigendes Dreick erscheint. Ganz ähnlich heißt es in der Shiva Samhita (2.22) tasminn ādhāra-padme ca karṇikāyāṃ suśobhanā । trikoṇā vartate yoniḥ ...: "In diesem Basis-Lotus (Adhara-Padma), in der Samenkapsel (Karnika), befindet sich eine prächtige, dreieckige (Trikona) Yoni". Diese symbolisiert die als Schlangenkraft Kundalini verehrte Göttin Shakti.

Wertvolle Hinweise zu Symbolik und Bedeutung der Bezeichnung kāmākhyā (Kamakhya) finden sich in George Weston Briggs Gorakhnath and the Kanphata Yogis (1938, S. 166 ff.). Kamakhya ist ein lokaler Name der Göttin Durga, die in einem Tempel gleichen namens in der Kamarupa (vgl. Vers 16) genannten Region im indischen Bundesstaat Assam verehrt wird. Der Tempel steht auf auf einem Hügel namens Nilachal Hill ("Blauer Berg") im westlichen Teil der Stadt Guwahati (Gauhati) am Fluss Brahmaputra und ist das Zentrum der Shakti-Verehrung dieser Gegend. Im Innern des Tempels gibt es eine besondere Felsspalte, die als Yoni der Shakti gilt. Hügel und Tempel zählen zu den 51 heiligen Orten (Pitha), an denen der Legende nach die einzelnen Körperteile der von Gott Vishnu zerstückelten Göttin Parvati bzw. Sati herabgefallen sind. Am Kamakhya genannten Ort soll ihr Geschlechtsorgan (Yoni) herabgefallen sein.

In der Verortung von heiligen Plätzen (Pitha) der äußeren Welt im Körper des Yogis (die unteren fünf Chakras werden auch Pitha genannt) spiegelt sich die tantrische Vorstellung der Entsprechung von Makrokosmos (Brahmanda "Ei des Brahma") und Mikrokosmos (Pinda "Körper") wider. In diesem Sinne ist auch die Gleichsetzung der Ida und Pingala genannten Nadis mit den Flüssen Ganga und Yamuna zu verstehen (vgl. Hatha Yoga Pradipika 3.109-110).

Shataka 1 Vers 18: Symbolik des Adhara (Muladhara Chakra)

In der Mitte dieses Dreiecks (Yoni) befindet sich ein großes Linga, das nach Westen (d.h. in Richtung der Sushumna) ausgerichtet ist. Wer den Lichtkreis an dessen Kopf, (leuchtend) wie ein Edelstein, kennt, der ist ein Kenner des Yoga.


योनिमध्ये महालिङ्गं पश्चिमाभिमुखस्थितम् |
मस्तके मणिवद्बिम्बं यो जानाति स योगवित् || १८ ||
yoni-madhye mahā-liṅgaṃ paścimābhimukha-sthitam |
mastake maṇi-vad bimbaṃ yo jānāti sa yoga-vit || 1.18 ||
yoni-madhye maha-lingam pashchimabhimukha-sthitam |
mastake mani-vad bimbam yo janati sa yoga-vit || 1.18 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yoni-madhye : in der Mitte (Madhya) des (als Dreieck dargestellten) weiblichen Genitals (Yoni)
mahā-liṅgam : großes Linga ("männliches Glied", Mahalinga)
paścimābhimukha-sthitam : befindet sich (Sthita) ein nach hinten ("Westen", Pashchima) ausgerichtetes (Abhimukha)
mastake : am Kopf, am oberen Teil (Mastaka)
maṇi-vat : wie (Vat) ein (leuchtender) Edelstein (Mani)
bimbam : den Lichtkreis ("Mondscheibe", Bimba)
yaḥ : wer (Yad)
jānāti : kennt (jñā)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten als Vers 12 der Version 1 und als Vers 19 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 8cd-9ab der Yogachudamani Upanishad überliefert. GŚ 1, 12 liest bhinnaṃ "durchbohrt" statt bimbaṃ im 3. Pada. YCU liest nābhau tu "im (Bereich des) Nabels" statt mastake.

Der Ausdruck paścimābhimukha-, wörtl. "nach Westen (Pashchima) ausgerichtet", könnte auch im Sinne von "in Richtung der Sushumna ausgerichtet" interpretiert werden. Diese Bedeutung legt Brahmananda, der Kommentator der HYP, in seinem Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika (1.31) nahe, wo er pavanaṃ paścima-vāhinam karoti "(Pashchimatana) lässt die Lebensenergie (pavanam = Prana) hinten entlang fließen" mit paścima-mārgeṇa = suṣumnā-mārgeṇa vahatīti erklärt, d.h. "(die Lebensenergie) fließt entlang der Sushumna" (Hatha Yoga Pradipika 1.31).

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers erklärt die dortige Lesung paścimābhimukhaṃ mit suṣumṇā-vadanābhimukhaṃ "auf den Mund (Vadana) der Sushumna gerichtet". Der Name des großes Linga (mahā-liṅgam) ist laut YTT Svayambhu: svayaṃbhūr nāmakaṃ.

In der tantrischen Symbolik, die den klassischen Hatha Yoga-Texten zugrundeliegt, steht die Yoni, die häufig durch ein nach unten weisendes Dreieck dargestellt wird, für Shakti (Energie), und das Linga, das häufig durch ein nach oben weisendes Dreieck dargestellt wird, für Shiva (Bewusstsein).

Die Yoga Tarangini Tika zitiert in diesem Zusammenhang den folgenden Vers aus dem Yoga Sara, wobei sich der erste Halbvers der zitierten Passage sinngemäß auch in der Yoga Shikha Upanishad (2, 3) findet:

yā mūlādhāragā śaktiḥ kuṇḍalī bindu-rūpiṇī |
mastake maṇi-vad bimbaṃ yo jānāti sa yoga-vit ||


"Die im Muladhara befindliche Energie (Shakti) ist die Kundalini in Form (Rupin) eines (Licht-)Punktes (Bindu). Wer den Lichtkreis am Kopf (des Linga ?, leuchtend) wie ein Edelstein, kennt, der ist ein Kenner des Yoga." (YS ~ YŚU 2, 3 cd)

Shataka 1 Vers 19: Symbolik des Adhara (Muladhara Chakra)

Unterhalb des Linga befindet sich ein Dreieck, die Stätte des Feuers, die wie ein Blitzstrahl aufleuchtet und die Farbe glühenden Goldes hat.


तप्तचामीकराभासं तडिल्लेखेव विस्फुरत् |
त्रिकोणं तत्पुरं वह्नेरधो मेढ्रात्प्रतिष्ठितम् || १९ ||
tapta-cāmīkarābhāsaṃ taḍil-lekheva visphurat |
tri-koṇaṃ tat puraṃ vahner adho meḍhrāt pratiṣṭhitam || 1.19 ||
tapta-chamikarabhasam tadil-lekheva visphurat |
tri-konam tat puram vahner adho medhrat pratishthitam || 1.19 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

tapta-cāmīkarābhāsam : von der Farbe (Abhasa) glühenden (Tapta) Goldes (Chamikara)
taḍil-lekhā : ein Blitzstrahl (Tadillekha)
iva : wie (Iva)
visphurat : aufscheinend, leuchtend (vi + sphur)
tri-konam : ein Dreieck (Trikona)
tat : das (Tad)
puram : (ist) die Stätte ("Stadt", Pura)
vahneḥ : des Feuers (Vahni)
adhaḥ  : unterhalb (Adhas)
meḍhrāt : vom männlichen Glied (Medhra)
pratiṣṭhitam : befindet sich (Pratishthita)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 20 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 9cd-10ab der Yogachudamani Upanishad überliefert. GŚ 1, 13 liest catur-asraṃ "die viereckige (Stätte des Feuers)" statt tri-koṇaṃ tat im 3. Pada.

Die Verse 17-19 zusammengenommen beschreiben die häufig dargestellten Bestandteile der Symbolik des Wurzelchakras: vierblättriger Lotus, (Viereck Chaturasra in GŚ 1, 13), Dreieck (Yoni) und Linga. In der vorliegenden Version ist allerdings von einem (weiteren) Dreieck (Trikona) die Rede, das sich (statt des Vierecks) unterhalb des Linga (Medhra) befindet, was von der üblichen Symbolik des Wurzelchakras abweicht.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers erklärt die "Stätte des Feuers" (puraṃ vahneḥ) als den "Ort (Sthana) des Todesfeuers (Kalagni) bzw. des Feuers der Zeit" (kālāgneḥ ... sthānam) und zitiert hierzu den folgenden Vers aus dem Yoga Sara, der sich sinngemäß auch in der Yoga Shikha Upanishad (5, 29 cd - 30 ab) findet:

pātālānām adho-bhāge kālāgnir yaḥ pratiṣṭhitaḥ |
sa mūlāgniḥ śarīre 'smin yasmān nādaḥ pravartate ||


"Das Feuer des Todes (Kalagni), das sich im unteren Teil (Adhobhaga) der niederen Welten (Patala) befindet, das ist in diesem Körper (Sharira) das Wurzelfeuer (Mula-Agni), aus welchem der Klang (Nada) hervorgeht." (5, 29 cd - 30 ab).

Das "Wurzelfeuer" (mūlāgniḥ) bzw. die "Stätte des Feuers" (puraṃ vahneḥ) ist das im Muladhara Chakra befindliche, durch ein nach unten weisendes Dreieck (Trikona) symbolisierte Feuer, und die "niederen Welten" im Körper des Yogis sind die drei unteren Chakras.

Shataka 1 Vers 20: Das höchste Licht

Wenn dieses höchste, unendliche, nach allen Richtungen strahlende Licht (im Zustand) der Versenkung erblickt wird, dann gibt es (für den Yogi) in der (endgültigen) großen Vereinigung keinen (erneuten) Daseinswandel mehr.


यत्समाधौ परं ज्योतिरनन्तं विश्वतोमुखम् |
तस्मिन्दृष्टे महायोगे यातायातं न विन्दते || २० ||
yat samādhau paraṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham |
tasmin dṛṣṭe mahā-yoge yātāyātaṃ na vindate || 1.20 ||
yat samadhau param jyotir anantam vishvato-mukham |
tasmin drishte maha-yoge yatayatam na vindate || 1.20 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yat : dieses ("welches", Yad)
samādhau : in der Versenkung (Samadhi)
param : (erscheinende) höchste (Para)
jyotiḥ : Licht (Jyotis)
anantam : unendliche, grenzenlose (Ananta)
viśvato-mukham : das überallhin strahlt ("nach allen Seiten gewandt ist", Vishvatomukha)
tasmin : (wenn) es (Tad)
dṛṣṭe : gesehen, wahrgenommen wird (Drishta)
mahā-yoge : in der großen Vereinigung (Mahayoga)
yātāyātam : Entstehen und Vergehen, Daseinswandel ("Kommen und Gehen", Yatayata)
na : nicht (Na)
vindate : es gibt ("er findet, besitzt, empfindet", vid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 21 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit kleineren Varianten als Vers 10cd-11ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Das Kompositum mahā-yoge "im großen Yoga" (Mahayoga), könnte hier ein Synonym für Mahasamadhi sein, d.h. das willentliche endgültige Verlassen des Körpers und Eingehens ins Absolute. Für einen solchen Yogi gibt es keine Wiedergeburt mehr.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers erklärt mahā-yoge einerseits als "in (der Praxis) der drei (Traya) Glieder (Anga) Konzentration (Dharana) usw." (dhāraṇādy-aṅga-traye), wobei mit "usw." (Adi) die beiden Glieder Dhyana "Meditation" und Samadhi "Versenkung" gemeint sind. In diesem Sinne entspräche Mahayoga hier dem Terminus Samyama des Yogasutra (vgl. YS 3.4: trayam ekatra saṃyamaḥ). Die zweite Deutung der YTṬ von mahā-yoge lautet śakti-cālana-dvārā sādhane vā: "oder in der Praxis (Sadhana) des in Bewegung Setzens der (göttlichen) Energie (Shakti Chalana)".

Das "höchste Licht" (paraṃ jyotiḥ) bezieht sich laut YTṬ "in Form (Rupa) des Todesfeuers (Kalagni, kālāgni-rūpam") auf das im vorangehenden Vers (GP 1.19) erwähnte, in der "Stätte des Feuers" (puraṃ vahneḥ) im Muladhara Chakra befindliche Feuer.

Dieser Vers erscheint mit zwei Lesarten noch einmal als Vers 15 des 2. Shataka der Goraksha Paddhati im Kontext von Samadhi.

Shataka 1 Vers 21: Svadhishthana Chakra

Mit dem Wort Selbst (Sva) wird die Lebensenergie (Prana) bezeichnet, und Svadhishthana, "die Stätte des Selbst", hat diese zur Basis (d.h. ist deren Sitz). Weil die Stätte des Selbst (bzw. des Prana) die Grundlage (des männlichen Gliedes) ist, wird (dieses Energiezentrum) auch nach dem männlichen Glied benannt.


स्वशब्देन भवेत्प्राणः स्वाधिष्ठानं तदाश्रयः |
स्वाधिष्ठानाश्रयादस्मान्मेढ्रमेवाभिधीयते || २१ ||
sva-śabdena bhavet prāṇaḥ svādhiṣṭhānaṃ tad-āśrayaḥ |
svādhiṣṭhānāśrayād asmān meḍhram evābhidhīyate || 1.21 ||
sva-shabdena bhavet pranah svadhishthanam tad-ashrayah |
svadhishthanashrayad asman medhram evabhidhiyate || 1.21 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

sva-śabdena : mit dem Wort (Shabda) Selbst (Sva)
bhavet : sei (bezeichnet, bhū)
prāṇaḥ : der Lebensatem, die Lebensenergie (Prana)
svādhiṣṭhānam : die Stätte des Selbst (das zweite Energiezentrum bzw. Chakra, Svadhishthana)
tad-āśrayaḥ : (ist) dessen/deren (Tad) Sitz (Ashraya)
svādhiṣṭhānāśrayāt : weil die Stätte des Selbst/der Lebensenergie (Svadhishthana) die Grundlage (Ashraya, des männlichen Gliedes) ist
asmāt : deshalb (Idam)
meḍhram : (als) männliches Glied, Penis (Medhra)
eva : ebenso (Eva)
abhidhīyate : wird bezeichnet (abhi + dhā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 11cd-12ab der Yogachudamani Upanishad überliefert sowie mit kleineren Varianten im 3. Pada als Vers 14 der Version 1 und Vers 22 der Version 2 des Goraksha Shataka.

Aus der ebenfalls dem Goraksha zugeschriebenen Siddha Siddhanta Paddhati (2.13) geht hervor, dass Medhradhara (meḍhra + ādhāra, "Penis-Stütze", "Grundlage des Penis") eine andere Bezeichnung für das Svadhishthana Chakra ist.

Im Widerspruch zur hier getroffenen Aussage, dass der (durch das Wort Sva bezeichnete) Prana seinen Sitz im Svadhishthana Chakra hat, heißt es in GP 1.34, er sitze im Herzen (Hrid), was der allgemein verbreiteten Ansicht entspricht: hṛdi prāṇo vasen nityam "Prana befindet sich stets in der Brust".

Shataka 1 Vers 22: Manipuraka Chakra

Dort, wo der Kanda von Sushumna wie eine Perle von einem Faden durchzogen wird - dieses in der Nabelgegend befindliche Energiezentrum wird "Edelsteinflut" (Manipuraka) genannt.


तन्तुना मणिवत्प्रोतो यत्र कन्दः सुषुम्णया |
तन्नाभिमण्डलं चक्रं प्रोच्यते मणिपूरकम् || २२ ||
tantunā maṇi-vat proto yatra kandaḥ suṣumṇayā |
tan nābhi-maṇḍalaṃ cakraṃ procyate maṇi-pūrakam || 1.22 ||
tantuna mani-vat proto yatra kandah sushumnayā |
tan nabhi-mandalam chakram prochyate mani-purakam || 1.22 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

tantunā : von einem Faden (Tantu)
maṇi-vat : wie (Vat) eine Perle, ein Edelstein (Mani)
protaḥ : durchzogen wird (Prota)
yatra : wo (Yatra)
kandaḥ : der Kanda ("die Knolle, Zwiebel")
suṣumṇayā : von Sushumna
tat : dieses (Tad)
nābhi-maṇḍalam : (am) Nabelkreis (befindliche, Nabhi-Mandala)
cakram : Energiezentrum ("Rad", Chakra)
procyate : wird genannt (pra + vac)
maṇi-pūrakam : Nabelzentrum ("Edelsteinflut", Manipuraka)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 15 der Version 1 und Vers 23 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer Lesart als Vers 12cd-13ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Die Aussage, dass das Nabelzentrum, innerhalb dessen sich der Kanda befindet, von Sushumna durchzogen wird, verweist darauf, dass alle Energiezentren bzw. Chakras innerhalb der Wirbelsäule, durch die Sushumna verläuft, verortet sind. Bezeichnungen wie "Penis" (GP 1.21) oder "Nabelkreis" geben somit in etwa die Höhe an, auf der sich ein Chakra innerhalb der Wirbelsäule befindet. In der Yogachudamani Upanishad lautet es in Vers 13 ganz in diesem Sinne tan nābhi-maṇḍale cakram "dieses Energiezentrum in der Nabelgegend ..." (nābhi-maṇḍale ist Lokativ).

Shataka 1 Vers 23: Anahata Chakra

Die Individualseele wandert solange (im Daseinswandel) umher, wie sie in dem zwölfspeichigen großen Energiezentrum, das frei von Verdienst und Schuld ist, die (eigene) Wirklichkeit nicht findet.


द्वादशारे महाचक्रे पुण्यपापविवर्जिते |
तावज्जीवो भ्रमत्येव यावत्तत्त्वं न विन्दति || २३ ||
dvādaśāre mahā-cakre puṇya-pāpa-vivarjite |
tāvaj jīvo bhramaty eva yāvat tattvaṃ na vindati || 1.23 ||
dvadashare maha-cakre punya-papa-vivarjite |
tavaj jivo bhramaty eva yavat tattvam na vindati || 1.23 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

dvādaśāre : in dem zwölfspeichigen (Dvadashara)
mahā-cakre : großen Energiewirbel, Energiezentrum ("großem Rad", Mahachakra)
puṇya-pāpa-vivarjite : frei (Vivarjita) von Verdienst (Punya) und Schuld (Papa)
tāvat : solange (Tavat)
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
bhramati : wandert, irrt umher (bhram)
eva : nur (Eva)
yāvat : wie (Yavat)
tattvam : das Selbst, die Wirklichkeit ("Sosein", Tattva)
na : nicht (Na)
vindati : sie findet (vid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 24 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer minimalen Lesart als Vers 13cd-14ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Die Anzahl 12 der "Speichen" des "großen Rades" sowie die Stellung dieses Verses im Text zeigen, dass hier vom Herzzentrum bzw. Anahata Chakra die Rede ist. Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar bestätigt dies: anāhatākhye mahā-cakre. Das Wort tattvam wird als ātma-tattvam "die Wirklichkeit des Selbst (Atman)" erklärt. Die Verwendung des Begriffs Tattva im Sinne der höchsten Wirklichkeit in der Goraksha Paddhati wird insbesondere in den Versen 92-96 des 2. Shataka deutlich.

Shataka 1 Vers 24: Kanda, der Ursprung der Nadis

Oberhalb vom männlichen Glied und unterhalb des Nabels befindet sich der Kanda, der Ursprung (der Nadis), der wie ein Vogelei (geformt ist). Dort entspringen 72 000 feinstoffliche Energiekanäle (Nadi).


ऊर्ध्वं मेढ्रादधो नाभेः कन्दो योनिः खगाण्डवत् |
तत्र नाड्यः समुत्पन्नाः सहस्राणां द्विसप्ततिः || २४ ||
ūrdhvaṃ meḍhrād adho nābheḥ kando yoniḥ khagāṇḍa-vat |
tatra nāḍyaḥ samutpannāḥ sahasrāṇāṃ dvi-saptatiḥ || 1.24 ||
urdhvam medhrad adho nabheh kando yonih khaganda-vat |
tatra nadyah samutpannah sahasranam dvi-saptatih || 1.24 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ūrdhvam : oberhalb (Urdhva)
meḍhrāt : vom männlichen Glied (Medhra)
adhaḥ : unterhalb (Adhas)
nābheḥ : des Nabels (Nabhi)
kandaḥ : der Kanda (Kanda)
yoniḥ : der Ursprung (der Nadis, Yoni)
khagāṇḍa-vat : wie (Vat) ein Vogelei (geformt, Khaga-Anda)
tatra : dort (Tatra)
nāḍyaḥ : feinstoffliche Energiekanäle, Nerven (Nadi)
samutpannāḥ : entspringen ("werden geboren", Samutpanna)
sahasrāṇāṃ dvi-saptatiḥ : 72 000 (Dvisaptati Sahasra)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 25 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit zwei minimalen Lesarten als Vers 14cd-15ab der Yogachudamani Upanishad überliefert. In allen anderen Versionen dieses Verses (einschließlich der Yoga Tarangini Tika) wird statt kando yoniḥ (GP) das Kompositum kanda-yoniḥ gelesen.

In der Hatha Yoga Pradipika (3.113-114) wird die Lage des Kanda mit 12 Finger oberhalb des Muladhara Chakra angegeben, was in etwa der Mitte zwischen Penis und Nabel entspricht:

ūrdhvaṃ vitasti-mātraṃ tu vistāraṃ catur-aṅgulam |
mṛdulaṃ dhavalaṃ proktaṃ veṣṭitāmbara-lakṣaṇam || 3.113 ||

"(Der Yogi presse den Kanda, der sich) 12 Finger (Vitasti) oberhalb (des Muladhara Chakra befindet), vier Finger (Angula) breit (Vistara), weich (Mridula), weiß (Dhavala), wie in Baumwolle (Ambara) gewickelt." (HYP 3.113-114)

Brahmananda, der Kommentator der HYP, zitiert hierzu den vorliegenden Vers der Goraksha Paddhati, sowie drei weitere Verse aus dem Yoga Yajnavalkya (4.14, 16-17), die Lage, Größe und Aussehen des Kanda beschreiben:

gudāt tu dvy-aṅgulād ūrdhvaṃ meḍhrāt tu dvy-aṅgulād adhaḥ
deha-madhyaṃ tayor madhyaṃ manujānām itīritam || 4.14 ||

"Zwei fingerbreit (Angula) oberhalb des Anus (Guda) und zwei fingerbreit unterhalb des männlichen Glieds (Medhra), in deren Mitte (Madhya), wird die Leibesmitte (Dehamadhya) der Menschen (Manuja) angegeben." (YY 4.14)

kanda-sthānaṃ manuṣyāṇāṃ deha-madhyān navāṅgulam |
catur-aṅgula-vistāram āyāmaṃ ca tathā-vidham || 4.16 ||

"Neun fingerbreit (oberhalb) der Leibesmitte befindet sich der Sitz des Kanda (Kandasthana) der Menschen (Manushya), vier fingerbreit hoch und ebenso lang." (YY 4.16)

Shataka 1 Vers 25: Die wichtigsten Nadis

Unter diesen Tausenden von feinstoffliche Energiekanälen (Nadi), die die Lebensenergie (Prana) transportieren, werden 72 als bedeutsam erwähnt. Von diesen werden (wiederum) die zehn wichtigsten am häufigsten gelehrt.


तेषु नाडीसहस्रेषु द्विसप्ततिरुदाहृताः |
प्रधानाः प्राणवाहिन्यो भूयस्तासु दश स्मृताः || २५ ||
teṣu nāḍī-sahasreṣu dvi-saptatir udāhṛtāḥ |
pradhānāḥ prāṇa-vāhinyo bhūyas tāsu daśa smṛtāḥ || 1.25 ||
teshu nadi-sahasreshu dvi-saptatir udahritah |
pradhanah prana-vahinyo bhuyas tasu dasha smritaḥ || 1.25 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

teṣu : unter diesen (Tad)
nāḍī-sahasreṣu : Tausenden (Sahasra) von feinstoffliche Energiekanälen, Nerven (Nadi)
dvi-saptatiḥ : 72 (Dvisaptati)
udāhṛtāḥ : werden erwähnt (Udahrita)
pradhānāḥ : die wichtigsten (Pradhana)
prāṇa-vāhinyaḥ : die die Lebensenergie ("den Lebensatem", Prana) mit sich führen, transportieren (Vahin)
bhūyaḥ : am häufigsten ("am meisten", Bhuyas)
tāsu : unter diesen (Tad)
daśa : zehn (Dasha)
smṛtāḥ : werden gelehrt ("erinnert", Smrita)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 17 der Version 1 und als Vers 26 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 15cd-16ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Das Wort nāḍī (auch nāḍi) bedeutet wörtlich "Röhre, hohler Stengel, röhrenartiges Gefäß". Innerhalb des physischen bzw. "grobstofflichen" Körpers (Annamaya Kosha) bedeutet Nadi auch Ader, Nerv. Innerhalb des "feinstofflichen" bzw. Energiekörpers (Pranamaya Kosha) bedeutet es die feinstofflichen Energiekanäle, die dem chinesischen Konzept der Meridiane vergleichbar sind.

Die Nadis werden hier als Träger der Lebensenergie (prāṇa-vāhinyaḥ) bezeichnet. Ganz ähnlich heißt es in der Shiva Samhita (2.31), die Nadis seien fähig (Daksha), die Körperwinde bzw. -Energien (Vayu, vgl. Vers 32) und Empfindungen (Bhoga) zu leiten (Vaha). Letzteres verweist deutlich auf die Funktion von Nerven: etā bhoga-vahā nāḍyo vāyu-sañcāra-dakṣakāḥ.

Shataka 1 Vers 26: Die zehn wichtigsten Nadis

(Diese zehn wichtigsten Nadis sind:) Ida, Pingala, und als dritte Sushumna, Gandhari, Hastijihva, Pusha und Yashasvini ...


इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्णा च तृतीयका |
गान्धारी हस्तिजिह्वा च पूषा चैव यशस्विनी || २६ ||
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumṇā ca tṛtīyakā |
gāndhārī hasti-jihvā ca pūṣā caiva yaśasvinī || 1.26 ||
ida cha pingala chaiva sushumna ca tritiyaka |
gandhari hasti-jihva cha pusha chaiva yashasvini || 1.26 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

iḍā : Ida
ca : und (Cha)
piṅgalā : Pingala
ca : und
eva : ebenso ("so", Eva)
suṣumṇā : Sushumna
ca : und
tṛtīyakā : als dritte (Tritiyaka)
gāndhārī : Gandhari
hasti-jihvā : Hastijihva
ca : und
pūṣā : Pusha
ca : und
eva : ebenso
yaśasvinī : Yashasvini

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 18 der Version 1 und als Vers 27 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer minimalen Lesart als Vers 16cd-17ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Shataka 1 Vers 27: Die zehn wichtigsten Nadis

... Alambusha, Kuhu, und als zehnte wird Yashasvini gelehrt. Dieses aus den feinstofflichen Energiekanälen (Nadi) bestehende Netzwerk sollte den Yogis immer bekannt sein.


अलम्बुषा कुहूश्चैव शङ्खिनी दशमी स्मृता |
एतन्नाडीमयं चक्रं ज्ञातव्यं योगिभिः सदा || २७ ||
alambuṣā kuhūś caiva śaṅkhinī daśamī smṛtā |
etan nāḍī-mayaṃ cakraṃ jñātavyaṃ yogibhiḥ sadā || 1.27 ||
alambusha kuhush chaiva shankhini dashami smrita |
etan nadi-mayam chakram jnatavyam yogibhih sada || 1.27 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

alambuṣā : Alambusha
kuhūś : (Kuhu)
ca : und (Cha)
eva : ebenso ("so", Eva)
śaṅkhinī : Shankhini
daśamī : als zehnte (Dashama)
smṛtā : wird gelehrt ("erinnert", Smrita)
etat : dieses (Etad)
nāḍī-mayam : aus feinstofflichen Energiekanälen, Nerven (Nadi) bestehende ("gemachte", Maya)
cakram : Netzwerk ("Menge", Chakra)
jñātavyam : ist zu kennen, zu verstehen (Jnatavya)
yogibhiḥ : von den Yogis (Yogin)
sadā : jederzeit, immer (Sada)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 19 der Version 1 und als Vers 28 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer Lesart als Vers 17cd-18ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Shataka 1 Vers 28: Ida, Pingala, Sushumna und Gandhari

Ida befindet sich auf der linken Seite, und Pingala auf der rechten. Sushumna wiederum befindet sich in der Mitte, und Gandhari endet im linken Auge.


इडा वामे स्थिता भागे पिङ्गला दक्षिणे स्थिता |
सुषुम्णा मध्यदेशे तु गान्धारी वामचक्षुषि || २८ ||
iḍā vāme sthitā bhāge piṅgalā dakṣiṇe sthitā |
suṣumṇā madhya-deśe tu gāndhārī vāma-cakṣuṣi || 1.28 ||
ida vame sthita bhage pingala dakshine sthita |
sushumna madhya-deshe tu gandhari vama-cakshushi || 1.28 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

iḍā : Ida
vāme : auf der linken (Vama)
sthitā : befindet sich (Sthita)
bhāge : Seite ("Teil", Bhaga)
piṅgalā : Pingala
dakṣiṇe : auf der rechten (Dakshina)
sthitā : befindet sich
suṣumṇā : Sushumna
madhya-deśe : im mittleren Raum, in der Leibesmitte (Madhyadesha)
tu : aber, wiederum (Tu)
gāndhārī : Gandhari
vāma-cakṣuṣi : (endet) im linken (Vama) Auge (Chakshus)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 29 der Version 2 und mit einer Lesart als Vers 20 der Version 1 des Goraksha Shataka sowie mit einer veränderten Wortstellung im 2. Pada als Vers 18cd-19ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers ergänzt, dass die drei erstgenannten Nadis, also Ida, Pingala und Sushumna, aus den drei (Traya) Ecken (Kona) der im Muladhara Chakra befindlichen (dreieckigen) Yoni entspringen (vgl. Vers 1.17): etan nāḍī-trayaṃ mūlādhāra-gata-yonyāḥ koṇa-trayāt samudbhūtam. Die übrigen der zehn Haupt-Nadis (Gandhari usw.) entspringen (Udbhuta) dem Kanda des Nabelzentrums (Nabhi Chakra), d.h. dem Manipura Chakra (vgl. Vers 1.22): anyās tu nābhi-cakra-kandād udbhūtāḥ.

Shataka 1 Vers 29: Hastijihva, Pusha, Yashasvini und Alambusha

Hastijihva endet im rechten Auge, und Pusha im rechten Ohr. Yashasvini endet im linken Ohr, und Alambusha im Mund.


दक्षिणे हस्तिजिह्वा च पूषा कर्णे च दक्षिणे |
यशस्विनी वामकर्णे ह्यानने चाप्यलम्बुषा || २९ ||
dakṣiṇe hasti-jihvā ca pūṣā karṇe ca dakṣiṇe |
yaśasvinī vāma-karṇe hy ānane cāpy alambuṣā || 1.29 ||
dakshine hasti-jihva cha pusha karne cha dakshine |
yashasvini vama-karne hy anane chapy alambusha || 1.29 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

dakṣiṇe : (endet) im rechten (Auge, Dakshina)
hasti-jihvā : Hastijihva
ca : und (Cha)
pūṣā : Pusha
karṇe : Ohr (Karna)
ca : und
dakṣiṇe : im rechten
yaśasvinī : Yashasvini
vāma-karṇe : im linken (Vama) Ohr
hi : gewiss (Hi)
ānane : im Mund (Anana)
ca : und
api : auch (Api)
alambuṣā : Alambusha

Anmerkung: Dieser Vers wird mit mit ein paar die Partikeln betreffende Lesarten als Vers 21 der Version 1 und als Vers 30 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 19cd-20ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Shataka 1 Vers 30: Kuhu und Shankhini

Kuhu endet im Bereich des männlichen Gliedes, und Shankhini im Bereich des Wurzelzentrums (Anus). Auf diese Weise führen die zehn feinstofflichen Energiekanäle (Nadi) zu ihren jeweiligen Körperöffnungen.


कुहूश्च लिङ्गदेशे तु मूलस्थाने च शङ्खिनी |
एवं द्वारं समाश्रित्य तिष्ठन्ति दश नाडयः || ३० ||
kuhūś ca liṅga-deśe tu mūla-sthāne ca śaṅkhinī |
evaṃ dvāraṃ samāśritya tiṣṭhanti daśa nāḍayaḥ || 1.30 ||
kuhush cha linga-deshe tu mula-sthane cha shankhini |
evam dvaram samashritya tishthanti dasha nadayah || 1.30 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kuhūḥ : Kuhu
ca : und (Cha)
liṅga-deśe : (endet) im Bereich (Desha) des männlichen Gliedes (Linga)
tu : aber, wiederum (Tu)
mūla-sthāne : (endet) im Bereich des Wurzelzentrums (Mulasthana)
ca : und
śaṅkhinī : Shankhini
evam : so, auf diese Weise (Evam)
dvāram : zu der (jeweiligen) Körperöffnung ("Tür", Dvara)
samāśritya : indem sie hinführen ("sich hinbegeben habend", sam + ā + śri)
tiṣṭhanti : existieren (sthā)
daśa : die zehn (Dasha)
nāḍayaḥ : die feinstofflichen Energiekanäle, Nerven (Nadi)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit mit kleineren Lesarten als Vers 22 der Version 1 und als Vers 31 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie als Vers 20cd-21ab der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers ergänzt, dass die beiden Kuhu und Shankhini genannten Nadis dem Kanda des Nabelzentrums (Nabhi Chakra), d.h. dem Manipura Chakra entspringen und von dort aus abwärts (Adhomukha) führen (vgl. die Anm. zu Vers 1.28): ime dve nāḍyau nābhi-cakrīya-kandād adho-mukhatayā gate.

Shataka 1 Vers 31: Ida, Pingala und Sushumna

Ida, Pingala und Sushumna, die fortwährend die Lebensenergie (Prana) transportieren, münden in (ihre zugehörige) Körperöffnung. Ihre jeweiligen Gottheiten sind der Mond, die Sonne und das Feuer.


इडापिङ्गलासुषुम्णाः प्राणमार्गे समाश्रिताः |
सततं प्राणवाहिन्यः सोमसूर्याग्निदेवताः || ३१ ||
iḍā-piṅgalā-suṣumṇāḥ prāṇa-mārge samāśritāḥ |
satataṃ prāṇa-vāhinyaḥ soma-sūryāgni-devatāḥ || 1.31 ||
ida-pingala-sushumnah prana-marge samashritah |
satatam prana-vahinyah soma-suryagni-devatah || 1.31 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

iḍā-piṅgalā-suṣumṇāḥ : Ida, Pingala und Sushumna
prāṇa-mārge : in (ihre zugehörige) Körperöffnung ("Pfad der Lebensenergie" Prana-Marga)
samāśritāḥ : enden, münden, führen ("stehen an, fließen in" Samashrita)
satatam : fortwährend, stets (Satata)
prāṇa-vāhinyaḥ : die die Lebensenergie ("den Lebensatem", Prana) mit sich führen, transportieren (Vahin)
soma-sūryāgni-devatāḥ : (deren) Gottheiten (Devata) der Mond (Soma), die Sonne (Surya) und das Feuer (Agni) sind

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 32 der Version 2 und in einer stärker abweichenden Version als Vers 23 in der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert, wobei die Abfolge beider Halbverse vertauscht ist. In der Yogachudamani Upanishad (Vers 21cd-22ab) erscheint er mit der Lesart prāṇa-marge ca saṃsthitāḥ im 2. Pada.

Das Kompositum prāṇa-mārga findet sich nicht in den Wörterbüchern, es bedeutet wörtlich soviel wie "Pfad (Marga) der Lebensenergie (Prana)", "Weg des Atems", oder auch "Lebensweg". Es gibt eine vergleichbare Bildung mit der Bedeutung "Sinnesorgan": prāṇāyana (Pranayana), wörtl. "Pfad (Ayana) der Lebensenergie (Prana)". Da im vorangehenden Vers 30 eine ähnliche Aussage gemacht wird, nämlich dass die zehn feinstofflichen Energiekanäle zu ihren jeweiligen Körperöffnungen (dvāram) bzw. Sinnesorganen führen (samāśritya), könnte man prāṇa-mārge samāśritāḥ auch in diesem Sinne interpretieren: Ida führt zum linken Nasenloch, Pingala führt zum rechten Nasenloch, und Sushumna führt zum Brahmarandhra, der Fontanelle am Scheitelpunkt des Kopfes.

Shataka 1 Vers 32: Die zehn Haupt- bzw. Neben-Vayus

Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana, sowie Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya (sind die Haupt- bzw. Neben-)Vayus ("Winde").


प्राणोऽपानः समानश्चोदानव्यानौ च वायवः |
नागः कूर्मोऽथ कृकरो देवदत्तो धनञ्जयः || ३२ ||
prāṇo'pānaḥ samānaś codāna-vyānau ca vāyavaḥ |
nāgaḥ kūrmo'tha kṛkaro deva-datto dhanañ-jayaḥ || 1.32 ||
prano'panah samanash chodana-vyanau cha vayavah |
nagah kurmo'tha krikaro deva-datto dhanan-jayaḥ || 1.32 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇaḥ : Prana ("Atem, Lebenshauch, Leben")
apānaḥ : Apana
samānaḥ : Samana
ca : und (Cha)
udāna-vyānau : Udana und Vyana
ca : und
vāyavaḥ : die Lebensenergien ("Winde", Vayu)
nāgaḥ : Naga ("Schlange, Schlangendämon")
kūrmaḥ : Kurma ("Schildkröte")
atha : und
kṛkaraḥ : Krikara ("Rebhuhn")
deva-dattaḥ : Devadatta ("der Gottgegebene")
dhanañ-jayaḥ : Dhananjaya ("der Reichtümer gewinnt")

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 33 der Version 2 und mit kleineren Lesarten als Vers 24 in der Version 1 des Goraksha Shataka sowie in der Yogachudamani Upanishad (Vers 22cd-23ab) überliefert.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers gibt die folgenden Funktionen der fünf Haupt-Vayus an:

  • Prana: Einatmen, Ausatmen, Husten, Verdauung der Nahrung (usw.)
  • Apana: Ausscheidung von Kot und Urin (usw.)
  • Samana: Annehmen und Loslassen (usw.)
  • Udana: körperliches Wachstum (usw.)
  • Vyana: Nähren des Körpers (usw.)

Shataka 1 Vers 33: Sitz der fünf Haupt-Vayus

Prana befindet sich stets in der Brust, Apana in der Region des Anus, Samana ist in der Nabelgegend, und Udana befindet sich in der Kehle.


हृदि प्राणो वसेन्नित्यमपानो गुदमण्डले |
समानो नाभिदेशे तु उदानः कण्ठमध्यगः || ३३ ||
hṛdi prāṇo vasen nityam apāno guda-maṇḍale |
samāno nābhi-deśe tu udānaḥ kaṇṭha-madhyagaḥ || 1.33 ||
hridi prano vasen nityam apano guda-mandale |
samano nabhi-deshe tu udanah kantha-madhyagaḥ || 1.33 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

hṛdi : in der Brust, in der Herzgegend ("im Herzen", Hrid)
prāṇaḥ : Prana
vaset : befindet sich ("wohnt", vas)
nityam : stets, immer (Nitya)
apānaḥ : Apana
guda-maṇḍale : in der Region ("Umkreis", Mandala) des Anus (Guda)
samānaḥ : Samana
nābhi-deśe : in der Gegend (Desha) des Nabels (Nabhi)
tu : aber, dagegen (Tu)
udānaḥ : Udana
kaṇṭha-madhyagaḥ : befindet sich in ("geht inmitten", Madhyaga) der Kehle (Kantha)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der Lesart syāt "ist, sei" statt tu im 3. Pada als Vers 34 der Version 2 des Goraksha Shataka und der Lesart sthito "befindet sich" statt vaset im 1. Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 23cd-24ab) überliefert.

In der vorliegenden Lesung tu udānaḥ ergibt sich an der Grenze vom 3. zum 4. Pada ein Hiatus, d.h. das Aufeinandertreffen zweier Vokale zwischen zwei Silben. Das abgesetzte Sprechen der u-Laute beider Wörter wird hier zur Erhaltung des Versmaßes gefordert und ist in yogischen und tantrischen Texten recht häufig. Nach den allgemein üblichen Gesetzen des Sandhi würden sonst beide u-s an der Wortgrenze zu einem langen ū verschmelzen, was die Lesung tūdānaḥ und eine fehlende Silbe im 4. Pada zur Folge hätte.

Shataka 1 Vers 34: Sitz der fünf Haupt-Vayus

Vyana durchdringt die Körper. Prana usw. werden die fünf Haupt-Vayus genannt. Naga usw. sind die fünf (Neben-)Vayus (Lebenswinde).


व्यानो व्यापी शरीरेषु प्रधानाः पञ्च वायवः |
प्राणाद्याः पञ्च विख्याता नागाद्याः पञ्च वायवः || ३४ ||
vyāno vyāpī śarīreṣu pradhānāḥ pañca vāyavaḥ |
prāṇādyāḥ pañca vikhyātā nāgādyāḥ pañca vāyavaḥ || 1.34 ||
vyano vyapi sharireshu pradhanah pancha vayavah |
pranadyash pancha vikhyata nagadyah pancha vayavah || 1.34 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vyāno : Vyana
vyāpī : durchdringt (Vyapin)
śarīreṣu : die Körper (Sharira)
pradhānāḥ : als Wichtigste ("als Hauptsache", Pradhana)
pañca : (die) fünf (Pancha)
vāyavaḥ : Körperwinde, Lebenswinde ("Winde", Vayu)
prāṇādyāḥ : Prana usw.
pañca : (die) fünf
vikhyātāḥ : werden genannt, sind bekannt (Vikhyata)
nāgādyāḥ : Naga usw. (Adya)
pañca : (sind die) fünf
vāyavaḥ : (Neben-)Körperwinde

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der Lesart :śarīre tu "den Körper (Lok. Sg.) wiederum" statt śarīreṣu (Lok. Pl.) im 1. Pada als Vers 35 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. In der Yogachudamani Upanishad (Vers 24cd) erscheint nur der erste Halbvers mit einer weiteren Lesart: sarva-śarīre tu "im ganzen (Sarva) Körper" statt vyāpī śarīreṣu. Der zweite Halbvers entspricht mit einer Umstellung von prāṇādyāḥ und nāgādyāḥ dem 1. und 2. Pada von Vers 25 der Version 1 des Goraksha Shataka, die noch einen zusätzlichen Halbvers (vgl. GP 1.36 cd) anfügt:

nāgādyāḥ pañca vikhyātāḥ prāṇādyāḥ pañca vāyavaḥ |
ete nāḍi-sahasreṣu vartante jīva-rūpiṇaḥ || 1.25 ||

"Diese fünf Naga usw. genannten und fünf Prana usw. genannten Neben- bzw. Haupt-Vayus zirkulieren in Form (Rupin) der Lebens(kräfte Jiva) in den Tausenden (Sahasra) von feinstoffliche Energiekanälen (Nadi)." (GŚ 1.25)

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu den Versen 1.33-34 differenziert den Sitz der fünf Haupt-Vayus wie folgt:

  • Prana: zwischen Mund und Nase, im Herzen, in der Nabelgegend, um (den Sitz der) Kundali herum, in den großen Zehen
  • Apana: im Bereich von Anus, Genitalien, Oberschenkel, Knien, Bauch, Augen, Hüften und Nabel
  • Samana: im gesamten Körper
  • Udana: in allen Gelenken, in Händen und Füßen
  • Vyana: im Bereich von Ohren, Augen, Hüften, Fußgelenken, Nase und Kehle

Shataka 1 Vers 35: Funktionen der fünf Neben-Vayus

Naga wird in Bezug auf das Aufstoßen gelehrt, Kurma in Bezug auf das Öffnen der Augen. Krikara bewirkt das Niesen, und Devadatta ist in Bezug auf das Gähnen zu kennen.


उद्गारे नाग आख्यातः कूर्म उन्मीलने स्मृतः |
कृकरः क्षुतकृज्ज्ञेयो देवदत्तो विजृम्भणे || ३५ ||
udgāre nāga ākhyātaḥ kūrma unmīlane smṛtaḥ |
kṛkaraḥ kṣuta-kṛj jñeyo deva-datto vijṛmbhaṇe || 1.35 ||
udgare naga akhyatah kurma unmilane smritah |
krikarah kshuta-krij jneyo deva-datto vijrimbhane || 1.35 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

udgāre : in Bezug auf das Aufstoßen (Udgara)
nāgaḥ : Naga ("Schlange, Schlangendämon")
ākhyātaḥ : wird gelehrt ("angegeben", Akhyata)
kūrmaḥ : Kurma ("Schildkröte")
unmīlane : in Bezug auf das Aufschlagen der Augen (Unmilana)
smṛtaḥ : wird gelehrt ("erinnert", Smrita)
kṛkaraḥ : Krikara ("Rebhuhn")
kṣuta-kṛt : bewirkt (Krit) das Niesen (Kshuta)
jñeyaḥ : ist zu kennen (Jneya)
deva-dattaḥ : Devadatta ("der Gottgegebene")
vijṛmbhaṇe : in Bezug auf das Gähnen (Vijrimbhana)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 36 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit kleineren Lesarten als Vers 25 in der Yogachudamani Upanishad überliefert.

Shataka 1 Vers 36: Funktionen der fünf Neben-Vayus

Dhananjaya, der den ganzen (Körper) durchdringt, verlässt diesen auch nicht, wenn er tot ist. Diese (Neben- bzw. Haupt-Vayus) zirkulieren in Form der Lebenskräfte in allen feinstofflichen Energiekanälen.


न जहाति मृतं चापि सर्वव्यापिधनञ्जयः |
एते सर्वासु नाडीषु भ्रमन्ते जीवरूपिणः || ३६ ||
na jahāti mṛtaṃ cāpi sarva-vyāpi-dhanañ-jayaḥ |
ete sarvāsu nāḍīṣu bhramante jīva-rūpiṇaḥ || 1.36 ||
na jahati mritam chapi sarva-vyapi-dhanan-jayah |
ete sarvasu nadishu bhramante jiva-rupinah || 1.36 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

na : nicht (Na)
jahāti : verlässt ()
mṛtam : den toten (Körper, Mrita)
ca : und (Cha)
api : auch, sogar (Api)
sarva-vyāpi-dhanañ-jayaḥ : Dhananjaya ("der Reichtümer gewinnt"), der den ganzen (Körper, Sarva) durchdringt (Vyapin)
ete : diese (Körperwinde, Etad)
sarvāsu : in allen (Sarva)
nāḍīṣu : feinstofflichen Energiekanälen, Nerven (Nadi)
bhramante : fließen, verlaufen ("durchwandern", bhram)
jīva-rūpiṇaḥ : in Form, Gestalt (Rupin) des Lebens (Jiva)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 37 der Version 2 des Goraksha Shataka (dort heißt es sarva-vyāpī anstelle der zusammengesetzten Form sarva-vyāpi-) und mit kleineren Lesarten als Vers 26 in der Yogachudamani Upanishad überliefert. Der zweite Halbvers entspricht sinngemäß dem zweiten Halbvers von Vers 25 der Version 1 des Goraksha Shataka.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers erklärt das Kompositum jīva-rūpiṇaḥ als "diejenigen (zehn Vayus bzw. Körperwinde), die der Individualseele (Jiva) Form verleihen (Rupay)", wobei dem Hinterglied °rūpiṇaḥ ein (ungebräuchlicher) kausativer Sinn verliehen wird: jīvam avacchinnaṃ caitanyaṃ rūpayanti.

Das Wort Jiva (vgl. die folgenden Verse 1.37-42) wird hier im Sinne eines individualisierten Bewusstseins bzw. der "Individualseele" (Jivatman) verstanden und im Kommentar als Bewusstsein (Chaitanya) definiert, das sich aufgrund der Unwissenheit (Avidya) bzw. Nichterkenntnis (seiner wahren Natur) als getrennt (Avachchhinna) erfährt (avidyāvacchinnaṃ caitanyaṃ jīvaḥ), obwohl es in Wirklichkeit (Vastava) nicht getrennt (Avichchhinna) und seiner Natur nach (Svabhava) identisch mit dem Absoluten (Brahman) ist.

Shataka 1 Vers 37: Das Lebensprinzip (Jiva), Prana und Apana

So wie ein Ball, der mit langem Arm (zu Boden) geschleudert wird, wieder aufspringt, genauso steht das von Prana und Apana bewegte Lebensprinzip (Jiva) nicht still.


आक्षिप्तो भुजदण्डेन यथोच्चलति कन्दुकः |
प्राणापानसमाक्षिप्तस्तथा जीवो न तिष्ठति || ३७ ||
ākṣipto bhuja-daṇḍena yathoccalati kandukaḥ |
prāṇāpāna-samākṣiptas tathā jīvo na tiṣṭhati || 1.37 ||
akshipto bhuja-dandena yathocchalati kandukah |
pranapana-samakshiptas tatha jivo na tishthati || 1.37 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ākṣiptaḥ : der geworfen, geschleudert wird ("geworfen wurde", Akshipta)
bhuja-daṇḍena : mit geradem, langem Arm ("Arm-Stock", Bhujadanda)
yathā : so wie (Yatha)
uccalati : aufspringt, zurückprallt (ud + cal)
kandukaḥ : ein Ball, Spielball (Kanduka)
prāṇāpāna-samākṣiptaḥ : das von Prana und Apana geworfen, heftig bewegt wird wird ("geworfen wurde", Samakshipta)
tathā : genauso (Tatha)
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
na : nicht (Na)
tiṣṭhati : bleibt stehen, steht still (sthā)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich in der Yogachudamani Upanishad (Vers 27) und als Vers 37 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit den Lesarten bhuvi daṇḍena "mit einem Stock auf die Erde (Bhu)" statt bhuja-daṇḍena im 1. und jīvo'nukṛṣyate "die Individualseele wird hinterhergezogen" statt jīvo na tiṣṭhati im 4. Pada als Vers 27 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert.

Shataka 1 Vers 38: Das Lebensprinzip (Jiva), Prana und Apana

Weil das Lebensprinzip (Jiva) sich in der Gewalt von Prana und Apana befindet, bewegt es sich entlang der linken und rechten Energiebahn abwärts und aufwärts. Aufgrund seiner Unstetheit wird es nicht wahrgenommen.


प्राणापानवशो जीवो ह्यधश्चोर्ध्वं च धावति |
वामदक्षिणमार्गेण चञ्चलत्वान्न दृश्यते || ३८ ||
prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaś cordhvaṃ ca dhāvati |
vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa cañcalatvān na dṛśyate || 1.38 ||
pranapana-vasho jivo hy adhash chordhvam cha dhavati |
vama-dakshina-margena chanchalatvan na drishyate || 1.38 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāpāna-vaśaḥ : in der Gewalt (Vasha) von Prana und Apana
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
hi : gewiss, weil (Hi)
adhaḥ : nach unten (Adhas)
ca : und (Cha)
ūrdhvam : nach oben (Urdhva)
ca : und
dhāvati  : bewegt sich ("läuft", dhāv)
vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa : entlang des linken (Vama) und rechten (Dakshina) Pfades (Marga)
cañcalatvāt : aufgrund seiner Unstetheit, Beweglichkeit (Chanchalatva)
na : nicht (Na)
dṛśyate : es wird wahrgenommen, bemerkt ("gesehen", dṛś)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 26 der Version 1 und als Vers 39 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer minimalen Lesart im 3. Pada (Instr. Dual vāma-dakṣiṇa-mārgābhyāṃ statt Instr. Singular °mārgeṇa) in der Yogachudamani Upanishad (Vers 28) überliefert.

Shataka 1 Vers 39: Das Lebensprinzip (Jiva) und die Gunas

So wie ein mit einem Strick angebundener Falke wieder herangezogen wird, wenn er weggeflogen ist, genauso wird das Lebensprinzip (Jiva), solange es an die Stricke (Guna) der Urnatur gebunden ist, von Prana und Apana hin und her gezogen.


रज्जुबद्धो यथा श्येनो गतोऽप्याकृष्यते पुनः |
गुणबद्धस्तथा जीवः प्राणापानेन कृष्यते || ३९ ||
rajju-baddho yathā śyeno gato'py ākṛṣyate punaḥ |
guṇa-baddhas tathā jīvaḥ prāṇāpānena kṛṣyate || 1.39 ||
rajjubaddho yatha shyeno gato'py akrishyate punah |
guna-baddhas tatha jivah pranapanena krishyate || 1.39 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

rajju-baddhaḥ : ein mit einem Strick (Rajju) angebundener (Baddha)
yathā : so wie (Yatha)
śyenaḥ : Falke (Shyena)
gataḥ : (wenn) er weggeflogen ist ("weggegangen", Gata)
api : auch, sogar (Api)
ākṛṣyate : herangezogen, mit sich fortgezogen wird (ā + kṛṣ)
punaḥ : wieder (Punar)
guṇa-baddhaḥ : (wenn) es an die Stricke (der Urnatur, Guna) gebunden (Baddha) ist
tathā : genauso (Tatha)
jīvaḥ : das Leben, das Lebensprinzip, die Individualseele (Jiva)
prāṇāpānena : von Prana und Apana
kṛṣyate : wird (hin und her) gezogen (kṛṣ)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 28 der Version 1 und als Vers 40 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie mit einer Lesart im 4. Pada (karṣati "zieht " statt kṛṣyate) in der Yogachudamani Upanishad (Vers 29) überliefert.

Der Vergleich zielt auf einen Jagdfalken ab, den der Falkner an einer Leine hält. Die Gunas sind Tamas, Rajas und Sattva, die drei Bestandteile bzw. "Eigenschaften" der Urnatur (Prakriti). Das Wort guṇa bedeutet auch "Schnur, Strick".

Shataka 1 Vers 40: Prana und Apana

Der Apana zieht den Prana, und der Prana zieht den Apana. Ein Kenner des Yoga bringt diese beiden, die sich jeweils oben und unten befinden, zusammen.


अपानः कर्षति प्राणं प्राणोऽपानं च कर्षति |
ऊर्ध्वाधः संस्थितावेतौ संयोजयति योगवित् || ४० ||
apānaḥ karṣati prāṇaṃ prāṇo'pānaṃ ca karṣati |
ūrdhvādhaḥ saṃsthitāv etau saṃyojayati yoga-vit || 1.40 ||
apanah karshati pranam prano'panam cha karshati |
urdhvadhah samsthitav etau samyojayati yoga-vit || 1.40 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

apānaḥ : der Apana
karṣati : zieht (kṛṣ)
prāṇam : den Prana
prāṇaḥ : der Prana
apānam : den Apana
ca : und (Cha)
karṣati : zieht
ūrdhvādhaḥ : oben (Urdhva) und (Unten)
saṃsthitau : befindlichen, gelegenen (Samsthita)
etau : diese beiden (Etad)
saṃyojayati : vereinigt, bringt zusammen (sam + yuj)
yoga-vit : ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 41 der Version 2 sowie mit einer abweichenden Lesart im vierten Pada (yo jānāti sa yoga-vit "wer ... kennt, der ist ein Kenner des Yoga" statt saṃyojayati yoga-vit) als Vers 29 der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert. Die Lesart der Yogachudamani Upanishad (Vers 29) beruht vermutlich auf einem Überlieferungsfehler.

Laut Vers 1.34 befindet sich der Prana "oben" im Herzen (hṛdi) und der Apana "unten" im Anusbereich (guda-maṇḍale).

In der Hatha Yoga Pradipika 2.47 wird erklärt, dass die Vereinigung von Apana und Prana, die durch das gleichzeitige Setzen von Mula Bandha und Jalandhara Bandha erreicht wird, dem Alterungsprozess entgegenwirkt:

apānam ūrdhvam utthāpya prāṇaṁ kaṇṭhād adho nayet |
yogī jarā-vimuktaḥ san ṣoḍaśābda-vayā bhavet || 47 ||

"Indem der Yogi Apana (durch Mula Bandha) aufwärts zieht und Prana (durch Jalandhara Bandha) von der Kehle (Kantha) abwärts leitet, wird er vom Alter (Jara) befreit und einem Sechzehnjährigen gleich." (HYP 2.47)

Shataka 1 Vers 41: Ajapa

Mit dem Laut HA(M) geht das Leben hinaus, mit dem Laut SA tritt es wieder (in den Körper) ein. "Ham-sa Ham-sa" - so rezitiert das Lebensprinzip dieses Mantra ohne Unterlass.


हकारेण बहिर्याति सकारेण विशेत्पुनः |
हंसहंसेत्यमुं मन्त्रं जीवो जपति सर्वदा || ४१ ||
ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ |
haṃsa-haṃsety amuṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā || 1.41 ||
ha-karena bahir yati sa-karena vishet punah |
hamsa-hamsety amum mantram jivo japati sarvada || 1.41 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ha-kāreṇa : mit (der Silbe) HA(M, Hakara)
bahiḥ : hinaus (Bahis)
yāti : geht ()
sa-kāreṇa : mit (der Silbe) SA(H, Sakara)
viśet : tritt ein (viś)
punaḥ : wieder (Punar)
haṃsa-haṃsa : Hamsa-Hamsa
iti : so (Iti)
amum : dieses (Adas)
mantram : Mantra
jīvaḥ : das Lebensprinzip (die Individualseele, Jiva)
japati : rezitiert (jap)
sarvadā : immer, stets (Sarvada)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 42 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 31cd-32ab) überliefert. Der erste Halbvers entspricht mit den Lesarten haṃ-kāreṇa und saḥ-kāreṇa der Gheranda Samhita (5.86cd), der 4. Pada erscheint in GhS 5.87d.

Die Anneinanderreihung der Verbindung dieser beiden Silben haṃ und saḥ ergibt nach den Lautregeln des Sandhi haṃ-so haṃ-so haṃ-so "Selbst, Selbst ... (Hamsa = Atman)" bzw. so'haṃ so'haṃ so'haṃ "Dieser (Tad) bin ich (Aham) ...", womit die Seele bzw. das Selbst (Atman) gemeint ist.

Shataka 1 Vers 42: Ajapa

Innerhalb eines Tages und einer Nacht rezitiert das Lebensprinzip entsprechend der Anzahl von 21 600 (Ein- und Ausatmungen) dieses Mantra ohne Unterlass.


षट्शतानि त्वहोरात्रे सहस्राण्येकविंशतिः |
एतत्सङ्ख्यान्वितं मन्त्रं जीवो जपति सर्वदा || ४२ ||
ṣaṭ-śatāni tv aho-rātre sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ |
etat-saṅkhyānvitaṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā || 1.42 ||
shat shatani tv aho-ratre sahasrany eka-vimshatih |
etat-sankhyanvitam mantram jivo japati sarvada || 1.42 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung

ṣaṭ-śatāni : sechshundert (Shatshata)
tu : aber (Tu)
aho-rātre : innerhalb eines Tages und einer Nacht, innerhalb von 24 Stunden (Ahoratra)
sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ : 21 000 (Sahasra Ekavimshati)
etat-saṅkhyānvitaṃ : dieser (Etad) Anzahl (Sankhya) entsprechend (Anvita)
mantram : (dieses) Mantra
jīvaḥ : das Lebensprinzip (die Individualseele, Jiva)
japati : rezitiert (jap)
sarvadā : immer, stets (Sarvada)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 43 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit der Lesart divā-rātrau "innerhalb eines Tages und einer Nacht" (Divaratri) statt aho-rātre im ersten Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 32cd-33ab) überliefert. Dieser Lesart folgt auch Gheranda Samhita (5.87), die im dritten Pada ajapāṃ nāma gāyatrīṃ liest, d.h. es handelt sich hierbei um die Ajapa genannte Gayatri (vgl. den folgenden Vers GP 1.43).

Die Anzahl von 21 600 Atemzügen innerhalb von 24 Stunden bzw. 86 400 Sekunden entspricht einer durchschnittlichen Atemfrequenz von 4 Sekunden, d.h. 15 Zyklen von Ein- und Ausatmung pro Minute.

Shataka 1 Vers 43: Ajapa

Diese Ajapa genannte Gayatri verleiht den Yogis Befreiung. Durch den bloßen Vorsatz, dieser (Gayatri aufmerksam und dauerhaft zu lauschen), befreit man sich von allen Leiden.


अजपा नाम गायत्री योगिनां मोक्षदायिनी |
अस्याः सङ्कल्पमात्रेण सर्वपापैः प्रमुच्यते || ४३ ||
ajapā nāma gāyatrī yogināṃ mokṣa-dāyinī |
asyāḥ saṅkalpa-mātreṇa sarva-pāpaiḥ pramucyate || 1.43 ||
ajapa nama gayatri yoginam moksha-dayini |
asyah sankalpa-matrena sarva-papaih pramuchyate || 1.43 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

ajapā : Ajapa
nāma : namens (Nama)
gāyatrī : Gayatri
yoginām : den Yogis (Yogin)
mokṣa-dāyinī : verleiht (Dayin) Befreiung, Erlösung (Moksha)
asyāḥ : dieser (Gayatri, Idam)
saṅkalpa-mātreṇa : durch den bloßen (Matra) Vorsatz (Sankalpa)
sarva-pāpaiḥ : von allen (Sarva) Übeln, Leiden, Sünden (Papa)
pramucyate : man wird befreit, befreit sich (pra + muc)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 44 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit der Lesart mokṣadā sadā ("verleiht allzeit Befreiung") im zweiten Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 33cd-34ab) überliefert.

Ajapa (a-japā) bedeutet wörtlich "Nicht-Murmeln" (eines Gebetes) und bezieht sich auf das "natürliche Mantra", das durch den spontanen Prozess der Ein- und Ausatmung von selbst entsteht (vgl. den vorangehenden Vers 42).

Als Gayatri wird im Allgemeinen ein Versmaß (Chhandas) von dreimal acht Silben bezeichnet. Das bekannteste und beliebteste Gayatri-Mantra ist die an den Sonnengott Savitri gerichtete 10. Strophe der Hymne Rigveda 3,62 (tat savitur vareṇyaṃ...), der bei ihrer Rezitation die Formel (Vyahriti) oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ vorangestellt wird.

Shataka 1 Vers 44: Ajapa

Ein Wissen, das dieser Ajapa gleicht, (oder) ein Gebet, das dieser Ajapa gleicht, (oder) eine Einsicht, die dieser Ajapa gleicht, gab es nie und wird es nie geben.


अनया सदृशी विद्या अनया सदृशो जपः |
अनया सदृशं ज्ञानं न भूतं न भविष्यति || ४४ ||
anayā sadṛśī vidyā anayā sadṛśo japaḥ |
anayā sadṛśaṃ jñānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati || 1.44 ||
anaya sadrishi vidya anaya sadrisho japah |
anaya sadrisham jnanam na bhutam na bhavishyati || 1.44 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

anayā : dieser (Ajapa, Idam)
sadṛśī : ähnlich, gleich (Sadrisha)
vidyā : ein Wissen (Vidya)
anayā : dieser (Ajapa)
sadṛśaḥ : ähnlich, gleich (Sadrisha)
japaḥ : ein Gebet, Mantra (Japa)
anayā : dieser (Ajapa)
sadṛśam : ähnlich, gleich (Sadrisha)
jñānam : eine Erkenntnis, Einsicht (Jnana)
na : nicht (Na)
bhūtam : es gab ("ist gewesen", Bhuta)
bhaviṣyati : es wird geben ("wird sein", bhū)
na : nicht

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 45 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 34cd-35ab) überliefert.

Shataka 1 Vers 45: Ajapa

Die Gayatri ist aus der Kundalini hervorgegangen und erhält den Lebensatem. Diese Lehre vom Lebensatem ist eine große Wissenschaft. Wer sie kennt, ist ein Kenner des Yoga.


कुण्डलिन्याः समुद्-भूता गायत्री प्राणधारिणी |
प्राणविद्या महाविद्या यस्तां वेत्ति स योगवित् || ४५ ||
kuṇḍalinyāḥ samudbhūtā gāyatrī prāṇa-dhāriṇī |
prāṇa-vidyā mahā-vidyā yas tāṃ vetti sa yoga-vit || 1.45 ||
kundalinyah samudbhuta gayatri prana-dharini |
prana-vidya maha-vidya yas tam vetti sa yoga-vit || 1.45 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kuṇḍalinyāḥ : aus der Kundalini ("Schlangenkraft")
samudbhūtā : hervorgegangen, entstanden (Samudbhuta)
gāyatrī : die Gayatri
prāṇa-dhāriṇī : erhält, trägt den Lebensatem (Prana)
prāṇa-vidyā : die Lehre vom Lebensatem (Pranavidya)
mahā-vidyā : (ist) eine große Wissenschaft (Mahavidya)
yaḥ : wer (Yad)
tām : sie, diese (Tad)
vetti : kennt (vid)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 46 der Version 2 des Goraksha Shataka undmit einer geringfügigen Lesart im ersten Pada (Lokativ kuṇḍalinyāṃ statt Ablativ kuṇḍalinyāḥ) in der Yogachudamani Upanishad (Vers 35cd-36ab) überliefert.

In einigen Handschriften findet sich statt yoga-vit die Lesung veda-vit "(ist) ein Kenner der Veden, Vedakenner (Vedavid)". Dabei wird auf die etymologische Verwandschaft der Wörter Vidya und Veda, die beide von der Verbalwurzel vid "wissen, wahrnehmen, erkennen" abgeleitet sind, angespielt.

Shataka 1 Vers 46: Sitz der Kundali

Oberhalb des Kanda liegt Kundali, die Schlangenkraft. Achtfach geringelt, verschließt sie mit ihrem Maul stets die Öffnung des Tors zum Brahman.


कन्दोर्ध्वे कुण्डली शक्तिरष्टधा कुण्डलाकृतिः |
ब्रह्मद्वारमुखं नित्यं मुखेनाच्छाद्य तिष्ठति || ४६ ||
kandordhve kuṇḍalī śaktir aṣṭa-dhā kuṇḍalākṛtiḥ |
brahma-dvāra-mukhaṃ nityaṃ mukhenācchādya tiṣṭhati || 1.46 ||
kandordhve kundali shaktir ashta-dha kundalakritih |
brahma-dvara-mukham nityam mukhenachchhadya tishthati || 1.46 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kandordhve : oberhalb (Urdhva) des Kanda
kuṇḍalī : die Kundali
śaktiḥ : die Kraft, Energie (Shakti)
aṣṭa-dhā : achtfach (Ashtadha)
kuṇḍalākṛtiḥ : in Kreise gelegt ("in der Form Akriti von Ringen Kundala")
brahma-dvāra-mukham : die Öffnung, den Eingang (Mukha) des Tors zum Brahman, zum Absoluten (Brahmadvara)
nityam : immer, stets (Nitya)
mukhena : mit dem Maul (Mukha)
ācchādya : verdeckend, verschließend (ā + chad)
tiṣṭhati : liegt ("befindet sich", sthā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich in der Yogachudamani Upanishad (Vers 36cd-37ab) und mit einer geringfügigen Lesart im ersten Pada (Akkusativ kandordhvaṃ statt (Lokativ kandordhve) als Vers 47 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Vers 30 der Version 1 des Goraksha Shataka bietet drei weitere Lesarten dieses Verses.

Laut Vers 1.24 (sowie Hatha Yoga Pradipika 3.107) befindet sich der Kanda oberhalb vom männlichen Glied und unterhalb des Nabels, d.h. der Sitz der Kundalini "oberhalb des Kanda" befände sich in der Nabelgegend.

Auch im Yoga Yajnavalkya, einem autoritativen, wenngleich weniger bekannten Text des Hatha Yoga, wird der Sitz der Kundalini im Bereich des Nabelzentrums angegeben (YY 4.21):

tasyordhvaṃ kuṇḍalinī-sthānaṃ nābhes tiryag athordhvataḥ |
aṣṭa-prakṛti-rūpā sā aṣṭa-dhā kuṇḍalī-kṛtā || 3.49 ||

"Oberhalb des (Nabelzentrums) ist der Sitz der Kundalini (Kundalinisthana), um den Nabel (Nabhi) herum und darüber." Gemäß ("in Form", Rupa) ihrer acht(fachen) Natur (Prakriti) ist sie achtfach (Ashtadha) geringelt (YY 4.21).

Dies widerspricht allerdings der allgemein verbreiteten Ansicht, dass sich die Kundalini im Muladhara Chakra befindet. So heißt es in der Shiva Samhita (2.21-23), die Kundali sitze im Adhara genannten Lotus (Padma), der sich zwei Fingerbreit oberhalb des Anus (Guda) und zwei Fingerbreit unterhalb des männlichen Glieds (Medhra) befindet.

Über die achtfache Aufteilung der (niederen) Natur (Prakriti), auf die sich möglicherweise die achtfache Natur der Kundalini bezieht, heißt es in der Bhagavad Gita (BhG 7.4):

bhūmir āpo 'nalo vāyuḥ khaṃ mano buddhir eva ca |
ahaṅkāra itīyaṃ me bhinnā prakṛtir aṣṭadhā || 7.4 ||

"Erde (Bhumi), Wasser (Ap), Feuer (Anala), Wind (Vayu), Äther (Kha), Geist (Denken, Manas), Intellekt (Vernunft, Buddhi) und Ego (Ichbewusstsein, Ahankara) - so ist meine achtfach aufgeteilte Natur (Prakriti)." (BhG 7.4)

Shataka 1 Vers 47: Sitz der Kundali

Während sie mit ihrem Maul die Tür verschließt, durch welche der Weg zum Brahman, der frei von Leid ist, zu erreichen ist, schläft die höchste Herrin.


येन द्वारेण गन्तव्यं ब्रह्मद्वारमनामयम् |
मुखेनाच्छाद्य तद् द्वारं प्रसुप्ता परमेश्वरी || ४७ ||
yena dvāreṇa gantavyaṃ brahma-dvāram anāmayam |
mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī || 1.47 ||
yena dvarena gantavyam brahma-dvaram anamayam |
mukhenachchhadya tad dvaram prasupta parameshvari || 1.47 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yena : durch welche (Yad)
dvāreṇa : Tür (Dvara)
gantavyam : zu erreichen ist ("zu begehen ist", Gantavya)
brahma-dvāram : der Weg ("Tor") zum Brahman, zum Absoluten (Brahmadvara)
anāmayam : der frei von Leid ist ("ohne Krankheit", Anamaya)
mukhena : mit (ihrem) Mund (Mukha)
ācchādya : verschließend ("bedeckend", ā + chad)
tat : diese (Tad)
dvāram : Tür (Dvara)
prasuptā : schläft (Prasupta)
parameśvarī : die höchste Herrin (Parameshvari, d.h. die Kundalini)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich in der Yogachudamani Upanishad (Vers 37cd-38ab) und mit der Lesart brahma-sthānam "der Ort des Brahmans (Brahmasthana)" statt brahma-dvāram im zweiten Pada als Vers 48 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Während mit brahma-sthānam das Brahmarandhra gemeint ist, bezieht sich brahma-dvāram hier auf die (Öffnung der) Sushumna.

In der Hatha Yoga Pradipika (3.106) erscheint dieser Vers mit den Lesarten mārgeṇa (statt dvāreṇa), brahma-sthānaṃ (statt brahma-dvāram), und nirāmayam (statt anāmayam) im ersten Halbvers.

In der Gheranda Samhita (3.51) heißt es in diesem Zusammenhang: kuṇḍalinyāḥ prabodhena brahma-dvāraṃ vibhedayet "Durch das Erwecken (Prabodha) der Kundalini soll man das Tor zum Brahman öffnen".

Shataka 1 Vers 48: Erweckung der Kundali

Ist die Kundali durch den Kontakt mit dem (inneren) Feuer erwacht, indem sie willentlich vermittels des Atems in Bewegung gesetzt wurde, wandert sie wie eine Nadel mit einem Faden entlang der Sushumna aufwärts.


प्रबुद्धा वह्नियोगेन मनसा मरुता सह |
सूचीव गुणमादाय व्रजत्यूर्ध्वं सुषुम्णया || ४८ ||
prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha |
sūcīva guṇam ādāya vrajaty ūrdhvaṃ suṣumṇayā || 1.48 ||
prabuddha vahni-yogena manasa maruta saha |
suchiva gunam adaya vrajaty urdhvam sushumnaya || 1.48 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prabuddhā : (ist die Kundali) erwacht (Prabuddha)
vahni-yogena : durch den Kontakt (Yoga) mit dem (inneren) Feuer (Vahni)
manasā : willentlich, mit dem Willen (Manas)
marutā : mit dem Atem ("Wind", Marut)
saha : zusammen, in Verbindung (Saha)
sūcī: eine Nadel (Suchi)
iva: wie (Iva)
guṇam: einem Faden Guna)
ādāya : mit ("genommen habend", Adaya)
vrajati : bewegt sich, wandert (vraj)
ūrdhvam : nach oben, aufwärts (Urdhva)
suṣumṇayā : entlang der Sushumna

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der Lesart sūcī-vad statt sūcīva als Vers 49 der Version 2 des Goraksha Shataka und der Lesart sūcī-vad gātram statt sūcīva guṇam im dritten Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 38cd-39ab) überliefert. Vers 31 der Version 1 des Goraksha Shataka liest mārutāhatā statt marutā saha im zweiten Pada und prajīva-guṇam statt sūcī-vad guṇam im dritten Pada (vgl. die dortige Anm.).

Shataka 1 Vers 49: Erweckung der Kundali

Ist die Kundali, in Form einer schlafenden (!) Schlange, verheißungsvoll, (dünn) wie die Faser eines Lotusstiels, durch den Kontakt mit dem (inneren) Feuer erwacht, wandert sie entlang der Sushumna aufwärts.


प्रसुप्तभुजगाकारा पद्मतन्तुनिभा शुभा |
प्रबुद्धा वह्नियोगेन व्रजत्यूर्ध्वं सुषुम्णया || ४९ ||
prasupta-bhujagākārā padma-tantu-nibhā śubhā |
prabuddhā vahni-yogena vrajaty ūrdhvaṃ suṣumṇayā || 1.49 ||
prasupta-bhujagakara padma-tantu-nibha shubha |
prabuddha vahni-yogena urdhvam sushumnaya || 1.49 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

prasupta-bhujagākārā : in Form (Akara) einer schlafenden (Prasupta) Schlange (Bhujaga)
padma-tantu-nibhā : (dünn) wie ("gleich", Nibha) die Faser eines Lotusstiels (Padmatantu)
śubhā : verheißungsvoll, prächtig, schön (Shubha)
prabuddhā : (ist die Kundali) erwacht (Prabuddha)
vahni-yogena : durch den Kontakt (Yoga) mit dem (inneren) Feuer (Vahni)
vrajati : bewegt sich, wandert (vraj)
ūrdhvam : nach oben, aufwärts (Urdhva)
suṣumṇayā : entlang der Sushumna

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der etwas anschaulicheren Lesart prasphurad-bhujagākārā "in Form einer zuckenden (pra + sphur) Schlange" statt prasupta-bhujagākārā als Vers 50 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert. Möglicherweise bestand der Vers ursprünglich nur aus dem ersten Halbvers, der im Anschluss an den vorangehenden Vers GP 1.48 eine weitere Analogie für den Aufstieg der Kundalini liefert. Der zweite Halbvers ist lediglich eine Wiederholung aus dem ersten und vierten Pada des vorangehenden Verses (Pada c = GP 1.48 a, Pada d = GP 1.48 d).

Shataka 1 Vers 50: Erweckung der Kundali

So wie man eine Tür vermöge eines Schlüssels aufschließt, genau so öffnet der Yogi das Tor zur Befreiung mit Hilfe der Kundalini durch (die Praxis von) Hatha-Yoga.


उद्घाटयेत्कपाटं तु यथा कुञ्चिकया हठात् |
कुण्डलिन्या तथा योगी मोक्षद्वारं प्रभेदयेत् || ५० ||
udghāṭayet kapāṭaṃ tu yathā kuñcikayā haṭhāt |
kuṇḍalinyā tathā yogī mokṣa-dvāraṃ prabhedayet || 1.50 ||
udghatayet kapatam tu yathā kunchikaya hathat |
kundalinya tatha yogi moksha-dvaram prabhedayet || 1.50 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

udghāṭayet : (man) aufschließen kann, aufschließt (ud + ghaṭ)
kapāṭam : eine Tür (Kapata)
tu : aber (Tu)
yathā : (so) wie (Yatha)
kuñcikayā : mit einem Schlüssel (Kunchika)
haṭhāt : unter Kraftaufwand, gewaltsam, durch (die Praxis von) Hatha(-Yoga)
kuṇḍalinyā : mit der Kundalini
tathā : (genau) so (Tatha)
yogī : der Yogi (Yogin)
mokṣa-dvāraṃ : das Tor zur Befreiung (Mokshadvara)
prabhedayet : kann öffnen, öffnet ("zerspalten", pra + bhid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 51 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit einer minimalen Lesart (vibhedayet statt prabhedayet im 4. Pada) in der Hatha Yoga Pradipika (3.105) überliefert. Die Yogachudamani Upanishad (Vers 39c-f) liest kavāṭaṃ und gṛham (statt haṭhāt) im ersten Halbvers. In der Gheranda Samhita (3.51) erscheint dieser Vers mit ein paar weiteren Abweichungen im zweiten Halbvers:

udghāṭayet kavāṭaṃ ca yathā kuñcikayā haṭhāt |
kuṇḍalinyāḥ prabodhena brahma-dvāraṃ vibhedayet || 3.51 ||

"So wie man eine Tür (Kavata) vermöge eines Schlüssels (Kunchika) aufschließt, genau so öffnet man durch das Erwachen (Prabodha) der Kundalini das Tor (Dvara) zum Brahman." (GhS 3.51)

Mit dem "Tor zum Brahman" (brahma-dvāram) bzw. dem "Tor zur Befreiung" (mokṣa-dvāram) ist die Sushumna gemeint (vgl. die Anm. zur 1. Version des Goraksha Shataka Vers 30).

Brahmananda, der Kommentator der HYP, erklärt, dass in diesem Vers der Ablativ haṭhāt zweimal, d.h. in beiden (Ubhayatra) Halbversen zu verstehen bzw. zu konstruieren (sambadhyate) ist: im ersten Halbvers als Adverb im Sinne von balāt ("gewaltsam, vermöge" Bala) und im zweiten Halbvers als Substantiv im Sinne von Hatha-Yoga: haṭhād iti … ubhayatra sambadhyate.

Shataka 1 Vers 51: Pranayama: Vereinigung von Prana und Apana

(Ein Mensch,) der einen stabilen Lotussitz eingenommen hat, beide Hände (auf dem Schoß) ineinander legt, das Kinn fest auf die Brust presst (und somit Jalandhara Bandha setzt), und im Geist über das (im Inneren) wahrgenommene meditiert, dabei immer wieder Apana, den nach unten fließenden Lebenshauch, aufwärts lenkt (indem er Mula Bandha setzt), und den eingeatmeten Lebenshauch (nachdem er ihn angehalten hat) wieder ausatmet, erlangt somit durch die übernatürliche Kraft der göttlichen Energie (Shakti) eine unvergleichliche Einsicht (in die Wirklichkeit).


कृत्वा सम्पुटितौ करौ दृढतरं बद्ध्वा तु पद्मासनं
गाढं वक्षसि सन्निधाय चिबुकं ध्यानं च तच्चेतसि |
वारं वारमपानमूर्ध्वमनिलं प्रोच्चारयेत्पूरितं
मुञ्चन्प्राणमुपैति बोधमतुलं शक्तिप्रभावादतः || ५१ ||
kṛtvā sampuṭitau karau dṛḍhataraṃ baddhvā tu padmāsanaṃ
gāḍhaṃ vakṣasi sannidhāya cibukaṃ dhyānaṃ ca tac cetasi |
vāraṃ vāram apānam ūrdhvam anilaṃ proccārayet pūritaṃ
muñcan prāṇam upaiti bodham atulaṃ śakti-prabhāvād ataḥ || 1.51 ||
kritva samputitau karau dridhataram baddhva tu padmasanam
gadham vakshasi sannidhaya chibukam dhyanam cha tach chetasi |
varam varam apanam urdhvam anilam prochcharayet puritam
munchan pranam upaiti bodham atulam shakti-prabhavad atah || 1.51 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kṛtvā : legend ("machend", kṛ)
sampuṭitau : (in Form einer halbkugelförmigen Schale) ineinander ("zusammengefügt", Samputita)
karau : beide Hände (Kara)
dṛḍhataram : sehr fest, stabil (Dridha)
baddhvā : eingenommen habend ("gebunden, aufgebaut habend", badh)
tu : aber, jedoch, wiederum (Tu)
padmāsanam : den Lotussitz (Padmasana)
gāḍham : fest, kräftig (drückend, Gadha)
vakṣasi : auf die Brust (Vakshas)
sannidhāya : legend (sam + ni + dhā)
cibukam : das Kinn (Chibuka)
dhyānam : (richte seine) Meditation (Dhyana)
ca : und (Cha)
tat : auf jenes (Tad)
cetasi : im Geist (Chetas)
vāraṃ vāram : immer wieder, wiederholt (Vara)
apānam : Apana, den nach unten fließenden
ūrdhvam : aufwärts (Urdhva)
anilam : Atem, Lebenshauch ("Wind", Anila)
proccārayet : er lenke ("lasse ertönen", pra + ud + car)
pūritam : (nach der Atemverhaltung) den eingeatmenten ("gefüllten", Purita)
muñcan : ausatmend ("frei gebend", muc)
prāṇam : den nach oben fließenden Lebensatem (Prana)
upaiti : erlangt, erreicht (upa + i)
bodham : Erkenntnis, Einsicht, Wachheit (Bodha)
atulam : unvergleichliche (Atula)
śakti-prabhāvāt : durch die Macht, übernatürliche Kraft (Prabhava) der Energie (Shakti, d.h. der Kundalini)
ataḥ : in Folge dessen, dadurch (Atas)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen abweichenden Lesarten als Vers 52 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 40) sowie in der Hatha Yoga Pradipika (1.50) überliefert.

Die Ausführung von Padmasana bzw. Kamalasana wurde bereits in Vers 11 beschrieben. Hier geht es um die Vereinigung von Prana und Apana durch das Setzen von Jalandhara Bandha und Mula Bandha, also um die Praxis von Pranayama. Brahmananda, der Kommentator der HYP, erläutert in diesem Zusammenhang, dass durch die Vereinigung (Aikya "Einheit") von Prana und Apana die Kundalini erwacht, und aufgrund dessen die Lebensenergie (Prana) durch den Kanal der Sushumna zum Brahmarandhra aufsteigt. Wenn sie da anlangt, erfolgt die Bewegungslosigkeit (Sthairya) des Geistes (Chitta), und infolge dessen wird durch den sich ergebenden Samyama das Selbst (Atman) unmittelbar erfahren (Sakshatkara).

Das (Tad), worüber man meditieren soll, ist laut Brahmananda entweder die Form (Rupa) der jeweiligen eigenen (Sva) Gottheit (Ishtadevata) oder (vā) das Brahman: tat sva-sveṣṭa-devatā-rūpaṃ brahma vā.

Alle anderen bekannten Versionen dieses Verses lesen im 4. Pada antelle ataḥ "daher" naraḥ "ein Mensch", was in der vorliegenden Übersetzung am Anfang des Satzes im Sinne des logischen Subjekts bzw. Agens der Handlung (Kartri) ergänzt wurde.

Shataka 1 Vers 52: Ernährungsrichtlinien für intensive Pranayamapraxis

Er reibe seine Glieder mit dem durch die Anstrengung (des Pranayama) entstandenen Schweiß ein. Während (der so praktizierende Yogi) Scharfes, Saures und Salziges meidet, soll er Nahrung zu sich nehmen, die mit Milch(produkten) zubereitet ist.


अङ्गानां मर्दनं कृत्वा श्रमसञ्जातवारिणा |
कट्वम्ललवणत्यागी क्षीरभोजनमाचरेत् || ५२ ||
aṅgānāṃ mardanaṃ kṛtvā śrama-sañjāta-vāriṇā |
kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī kṣīra-bhojanam ācaret || 1.52 ||
anganam mardanam kritva shrama-sanjata-varina |
katv-amla-lavana-tyagi kshira-bhojanam acharet || 1.52 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

aṅgānām : der Glieder (Anga)
mardanam : das Einreiben (Mardana)
kṛtvā : er führe aus ("gemacht habend", kṛ)
śrama-sañjāta-vāriṇā  : mit dem Schweiß ("Wasser", Vari), der durch die Anstrengung (Shrama) entstandenen ist (Jata)
kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī : (während er) Scharfes (Katu), Saures (Amla) und Salziges (Lavana) meidet ("aufgibt", Tyagin)
kṣīra-bhojanam : (mit) Milchprodukten ("Milch" zubereitete, Kshira) Nahrung (Bhojana)
ācaret : verzehre er (ā + car)

Anmerkungen: Dieser Vers entspricht wortwörtlich Vers 41 der Yogachudamani Upanishad sowie mit geringfügigen Lesarten im ersten Halbvers Vers 53 der Version 2 und Vers 50 der Version 1 des Goraksha Shataka.

In der Hatha Yoga Pradipika (2.13-14) wird das hier in aller Kürze Gesagte noch weiter ausgeführt:

jalena śrama-jātena gātra-mardanam ācaret |
dṛḍhatā laghutā caiva tena gātrasya jāyate || 2.13 ||

"(Der Yogi) soll seinen Körper (Gatra) mit dem durch die Anstrengung (Shrama) entstandenen Schweiß ("Wasser", Jala) einreiben. Dadurch entsteht Festigkeit (Dridhata) und ebenso Leichtigkeit (Laghuta) des Körpers." (HYP 2.13)

abhyāsa-kāle prathame śastaṃ kṣīrājya-bhojanam |
tato'bhyāse dṛḍhī-bhūte na tādṛṅ-niyama-grahaḥ || 2.14 ||

"In der ersten Zeit (Kala) des Praktizierens (Abhyasa) wird Milch (Kshira) und geklärte Butter (Ajya) als Nahrung (Bhojana) empfohlen. Später, wenn die Übungspraxis sich gefestigt hat, ist das Festhalten (Graha) an einer solchen Beschränkung (Niyama) nicht mehr erforderlich." (HYP 2.14)

Brahmananda, der Kommentator der HYP, erklärt das Kompositum kṣīrājya-bhojanam als "Nahrung, die mit Milch und geklärter Butter (Ghrita) zubereitet wurde". Die Verwendung von (Kuh-)Milchprodukten ist aus ayurvedischer Sicht vor allem mit der kühlenden (Shita) Wirkung (Virya) derselben zu erklären, um die oben erwähnte, bei intensiver Pranayamapraxis entstehende Erhitzung des Körpers abzumildern. So erklärt sich auch der Verzicht auf Scharfes, Saures und Salziges, da diese drei Geschmacksrichtungen (Rasa) allesamt erhitzend (Ushna) wirken. Süßes (Madhura), das wiederum kühlend wirkt, ist dagegen zuträglich (vgl. HYP 1.66).

Brahmananda erklärt kaṭu, was wörtlich "scharf" bedeutet, interessanterweise mit "bitter", indem er hierfür die Bittergurke (Karavellka, Momordica charantia) als Beispiel anführt (ad HYP 1.61). Die bittere Geschmacksrichtung gilt aus ayurvedischer Sicht jedoch als kühlend.

Eine ausführlichere Auflistung von Nahrungsmitteln und Zubereitungsarten, die ein Yogi zu meiden hat, findet sich in Hatha Yoga Pradipika (1.61-62), empfohlene Nahrungsmittel werden wiederum in Hatha Yoga Pradipika (1.65-66) aufgezählt.

Shataka 1 Vers 53: Yogische Lebensführung

Wer Enthaltsamkeit pflegt, maßvoll isst, sich im Loslassen übt, wessen höchstes Ziel der Yoga ist, der wird nach Ablauf eines Jahres ein Vollkommener - hierüber gibt es keinen Zweifel.


ब्रह्मचारी मिताहारी त्यागी योगपरायणः |
अब्दादूर्ध्वं भवेत्सिद्धो नात्र कार्या विचारणा || ५३ ||
brahma-cārī mitāhārī tyāgī yoga-parāyaṇaḥ |
abdād ūrdhvaṁ bhavet siddho nātra kāryā vicāraṇā || 1.53 ||
brahma-chari mitahari tyagi yoga parayanah |
abdad urdhvam bhavet siddho natra karya vicharana || 1.53 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

brahma-cārī : einer, der Enthaltsamkeit pflegt ("im Brahman wandelt", Brahmacharin)
mitāhārī : der maßvoll isst ("dessen Nahrung maßvoll ist", Mitaharin)
tyāgī : der Entsagung übt, sich im Loslassen übt, freigebig ist (Tyagin)
yoga-parāyaṇaḥ : dessen höchstes Ziel, Hauptzweck (Parayana) der Yoga ist
abdāt : einem Jahr (Abda)
ūrdhvam : nach (Urdhva)
bhavet : wird, ist (bhū)
siddhaḥ : ein Vollkommener (Siddha)
na : nicht (Na)
atra : hierüber (Atra)
kāryā  : ist angebracht ("ist zu tun", Karya)
vicāraṇā : ein Zweifeln ("Bedenken", Vicharana)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 54 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Hatha Yoga Pradipika (1.59) überliefert sowie mit der Lesart yogī (statt tyāgī) im zweiten Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 42).

Brahmananda, der Kommentator der HYP, gibt die folgenden beiden Bedeutungen von Tyagin an: ein "Entsagender" (tyāgī) ist einer, der freigebig ist – "dessen Gewohnheit (Shila) das Geben (Dana) ist" – oder () einer, der (die Anhaftung an alle) Sinnesobjekte (Vishaya) aufgegeben hat (tyāgī dāna-śīlo viṣaya-parityāgī vā).

Shataka 1 Vers 54: Definition von Mitahara

Wer schön milde (ölige), süße Nahrung, mit ihrem natürlichen Geschmack (d.h. ungewürzt), zur (eigenen) Freude isst, wobei ein Viertel (des Magens) leer bleibt, der wird als einer bezeichnet, dessen Nahrung maßvoll ist.


सुस्निग्धं मधुराहारं चतुर्थांशविवर्जितम् |
भुञ्जते स्वरसं प्रीत्यै मिताहारी स उच्यते || ५४ ||
su-snigdhaṃ madhurāhāraṃ caturthāṃśa-vivarjitam |
bhuñjate sva-rasaṃ prītyai mitāhārī sa ucyate || 1.54 ||
su-snigdham madhuraharam chaturthamsha-vivarjitam |
bhunjate sva-rasam prityai mitahari sa uchyate || 1.54 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

su-snigdham : schön milde, weiche, feuchte (Susnigdha)
madhurāhāram : süße (Madhura) Nahrung (Ahara)
caturthāṃśa-vivarjitam : (in der Weise, dass) der vierte (Chaturtha) Teil (Amsha des Magens) frei, leer (bleibt, Vivarjita)
bhuñjate : (wer) isst (bhuj)
sva-rasam : mit ihrem natürlichen Geschmack (d.h. ungewürzt, Svarasa)
prītyai : zur Freude, zur Befriedigung (Sampriti)
mitāhārī : einer, dessen Nahrung maßvoll ist (Mitaharin)
saḥ : der, ein solcher (Tad)
ucyate : wird genannt (vac)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 55 der Version 2 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.) und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 43) sowie in der Hatha Yoga Pradipika (1.60) überliefert.

Das Verb bhuñjate wird hier im Sinne der 3. Pers. Sg. "isst" verstanden, und damit als ein Verb der 1. bzw. Bhu Klasse behandelt (desgl. in YCU 43). Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers versteht die Form bhuñjate jedoch im üblichen Sinne als 3. Pers. Pl. der 7. bzw. Rudh Klasse: evaṃ-vidhaṃ yam āhāraṃ yogino bhuñjate sa mitāhāra ucyate "Die sogeartete (Evamvidha) Nahrung, die die Yogis essen, wird maßvolle Nahrung (Mitahara) genannt" (diese Version liest mit HYP 1.60 mitāhāraḥ statt mitāhārī).

Statt sva-rasaṃ prītyai liest GŚ 2, 55 im dritten Pada sura-samprītyai (Kommentar der YTT: surāṇāṃ samprītyai "zur Freude (Sampriti) der Götter (Sura)"), was man in Anlehnung an die Lesung der GP auch als su-rasaṃ prītyai "wohlschmeckende (Nahrung, Surasa) zur (eigenen) Befriedigung (Priti)" lesen könnte. In der mit Sicherheit späteren Version der HYP (1.60) heißt es dann śiva-samprītyai "zur Freude Shivas" (gefolgt von YCU 43 śiva-samprītyā), womit laut Brahmananda, dem Kommentator der HYP, entweder das Selbst bzw. die Seele (Jiva) oder Gott (Ishvara) gemeint ist.

Im Ayurveda bedeutet Snigdha "ölig, fetthaltig". Eine solche Nahrung sorgt für die nötige innere "Schmierung", die der Austrocknung des Körpers durch eine intensive, erhitzende Pranayama-Praxis entgegenwirkt. Die süße Geschmacksrichtung (Rasa) hat wiederum einen kühlenden (Shita) Effekt.

Brahmananda zitiert im Zusammenhang dieses Verses den folgenden Shloka:

dvau bhāgau pūrayed annais toyenaikaṃ prapūrayet |
vāyoḥ sañcaraṇārthāya caturtham avaśeṣayet ||

"Zwei Teile (des Magens, Bhaga) fülle man mit (fester) Nahrung (Anna), einen (Teil) fülle man mit Wasser (Toya), und den vierten (Teil) lasse man für die Bewegungen (Sancharana) des Windes (Vayu) übrig."

Shataka 1 Vers 55: Sitz der Kundali

Oberhalb des Kanda liegt Kundali, die Schlangenkraft. Sie verleiht (den Yogis) wahre Befreiung, und führt zur Gefangenschaft der Verwirrten. Wer sie kennt, der ist ein Kenner des Veda.


कन्दोर्ध्वं कुण्डली शक्तिः शुभमोक्षप्रदायिनी |
बन्धनाय च मूढानां यस्तां वेत्ति स वेदवित् || ५५ ||
kandordhvaṃ kuṇḍalī śaktiḥ śubha-mokṣa-pradāyinī |
bandhanāya ca mūḍhānāṃ yas tāṁ vetti sa veda-vit || 1.55 ||
kandordhvam kundali shaktih shubha-moksha-pradayini |
bandhanaya cha mudhanam yas tam vetti sa veda-vit || 1.55 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kandordhvam : oberhalb (Urdhva) des Kanda
kuṇḍalī : die Kundali
śaktiḥ : die Kraft, Energie (Shakti)
śubha-mokṣa-pradāyinī : wahre (Shubha) Befreiung (Moksha) verleihend (Pradayin)
bandhanāya : (sie führt) zur Gefangenschaft ("Bindung" an die Wiedergeburt, Bandhana)
ca : und, aber (Cha)
mūḍhānām : der Verwirrten (Mudha)
yaḥ : wer (Yad)
tām : sie, diese (Tad)
vetti : kennt (vid)
saḥ : der (Tad)
veda-vit : (ist) ein Kenner des Veda (Vedavid)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 56 der Version 2 des Goraksha Shataka (vgl. die dortige Anm.) und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 44) sowie in der Hatha Yoga Pradipika 3.107 überliefert, wo es heißt:

kandordhve kuṇḍalī śaktiḥ suptā mokṣāya yoginām |
bandhanāya ca mūḍhānāṁ yas tāṁ vetti sa yoga-vit || 3.107 ||

"Oberhalb des Kanda schläft Kundali, die Schlangenkraft. (Sie führt) zur Befreiung der Yogis und zur Gefangenschaft der Verwirrten. Wer sie kennt, der ist ein Kenner des Yoga." (HYP 3.107)

Auf den Sitz der Kundali(ni) wurde bereits in Vers 46 eingegangen.

Shataka 1 Vers 56: Mudras und Bandhas

Derjenige Yogi, der Mahamudra, Nabhomudra, Uddiyana Bandha, Jalandhara Bandha und Mula Bandha kennt, hat ein (geeignetes) Gefäß für die Erlösung.


महामुद्रां नभोमुद्रामुड्डीयानं जलन्धरम् |
मूलबन्धं च यो वेत्ति स योगी मुक्तिभाजनः || ५६ ||
mahā-mudrāṃ nabho-mudrām uḍḍīyānaṃ jalandharam |
mūla-bandhaṃ ca yo vetti sa yogī mukti-bhājanaḥ || 1.56 ||
maha-mudram nabho-mudram uddiyanam jalandharam |
mula-bandham cha yo vetti sa yogi mukti-bhajanah || 1.56 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

mahā-mudrām : Mahamudra (Maha Mudra)
nabho-mudrām : Nabhomudra (Nabho Mudra)
uḍḍīyānam : Uddiyana (Uddiyana Bandha)
jalandharam : Jalandhara (Jalandhara Bandha)
mūla-bandham : Mulabandha (Mula Bandha)
ca : und (Cha)
yaḥ : wer (Yad)
vetti : kennt (vid)
saḥ : dieser (Tad)
yogī : Yogi (Yogin)
mukti-bhājanaḥ : hat ein (geeignetes) Gefäß (Bhajana) für die Erlösung, Befreiung (Mukti)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der minimalen Lesart mukti-bhājanam als Vers 57 der Version 2 des Goraksha Shataka und der Lesart siddhi-bhājanam "ist ein Gefäß für die übernatürlichen Fähigkeiten" (statt mukti-bhājanaḥ) im vierten Pada als Vers 32 der Version 1 des Goraksha Shataka (vgl. auch die dortige Anmerkung) sowie mit der Lesart oḍyāṇaṃ ca (statt uḍḍīyānaṃ) im zweiten Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 45) überliefert.

Der in der Yoga Tarangini Tika gegebene Kommentar zu diesem Vers gibt für Nabho Mudra das Synonym Khechari Mudra, welche unter diesem Namen ab Vers 1.62 gelehrt wird.

Das Maskulinum mukti-bhājanaḥ der GP bietet eine interessante Variante zu den Neutra mukti-bhājanam bzw. siddhi-bhājanam der übrigen Versionen dieses Verses, insofern es ein Kompositum vom Typ Bahuvrihi darstellt, das die Grundbedeutung "haben" ausdrückt: "(Derjenige Yogi ...) hat ein (geeignetes) Gefäß für die Erlösung". Im Falle eines Tatpurusha-Kompositums wird wiederum ein "sein" ausgedrückt: "(Derjenige Yogi ...) ist ein (geeignetes) Gefäß für die Erlösung" - was der gängigen Verwendung des Wortes bhājana als Hinterglied eines Kompositums entspricht. Mit dem "(geeigneten) Gefäß", das der Yogi hat, ist der Körper gemeint, der in in der Gheranda Samhita (1.6-8) als ghaṭa (Ghata "Topf") bezeichnet wird.

Diese in GP 1.56, GŚ 1.32, GŚ 2.57 und YCU 45 gegebene Aufzählung der Mudras und Bandhas erscheint in der gleichen Reihenfolge in der Gheranda Samhita (3.1, Uddiyana ist ein Synonym für Odyana), wo sie noch um Maha Bandha, Mahavedha und Khechari erweitert wird:

mahā-mudrā nabho-mudrā uḍḍīyānaṃ jalandharam |
mūla-bandhaṃ mahā-bandhaṃ mahā-vedhaś ca khe-carī || 3.1 ||

In den Versen 3.2-3 der Gheranda Samhita werden weitere Mudras aufgeführt, so dass ihre Zahl dort insgesamt 25 erreicht: pañca-viṃśati-mudrāś ca siddhidā iha yoginām "... sind die 25 Mudras, die hier (gelehrt werden und) den Yogis übernatürliche Fähigkeiten (Siddhi) verleihen".

In der Hatha Yoga Pradipika 3.6-7 werden die folgenden zehn Mudras (Mudra-Dashaka) aufgezählt: Mahamudra, Mahabandha, Mahavedha, Khechari Mudra, Uddiyana Bandha, Mula Bandha, Jalandhara Bandha, Viparita Karani, Vajroli und Shaktichalana. Dieselben werden, in etwas veränderter Reihenfolge, in der Shiva Samhita (4.23-24) genannt. Diese verleihen die acht Siddhis, die auch als Aishvaryas bekannt sind (Hatha Yoga Pradipika 3.8). Brahmananda, der Kommentator der HYP, zählt diese auf und erklärt ihre Wirkungen. Es sind Animan, Mahiman, Gariman, Laghiman, Prapti, Prakamya, Ishita und Vashitva.

Shataka 1 Vers 57: Maha Mudra

Man presse mit der linken Ferse kontinuierlich den Beckenboden und halte den ausgestreckten rechten Fuß mit beiden Händen. Man drücke das Kinn an die Brust, nachdem man eingeatmet hat, (halte den Atem an und) setze Jalandhara Bandha und Mula Bandha, und atme (ohne Bandhas) langsam aus. Dies wird das Große Siegel (Maha Mudra) genannt, das die Krankheiten der Menschen vernichtet.


वक्षोन्यस्तहनुः प्रपीड्य सुचिरं योनिं च वामाङ्घ्रिणा
हस्ताभ्यामनुधारयेत्प्रसरितं पादं तथा दक्षिणम् |
आपूर्य श्वसनेन कुक्षियुगलं बद्ध्वा शनै रेचये-
देषा व्याधिविनाशिनी सुमहती मुद्रा नृणां कथ्यते || ५७ ||
vakṣo-nyasta-hanuḥ prapīḍya su-ciraṃ yoniṃ ca vāmāṅghriṇā
hastābhyām anudhārayet prasaritaṃ pādaṃ tathā dakṣiṇam |
āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayed
eṣā vyādhi-vināśinī su-mahatī mudrā nṛṇāṃ kathyate || 1.57 ||
vaksho-nyasta-hanuh prapidya su-chiram yonim cha vamanghrina
hastabhyam anudharayet prasaritam padam tatha dakshinam |
apurya shvasanena kukshi-yugalam baddhva shanai rechayed
esha vyadhi-vinashini su-mahati mudra nrinam kathyate || 1.57 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vakṣo-nyasta-hanuḥ : das Kinn (Hanu) auf die Brust (Vakshas) gedrückt (Nyasta)
prapīḍya : indem man presst ("gepresst habend", pra + pīḍ)
su-ciram : lange, kontinuierlich ("sehr lange", Suchira)
yonim : den Beckenboden, das Perineum (Yoni)
ca : und (Cha)
vāmāṅghriṇā : mit der linken (Vama) Ferse ("Fuß", Anghri)
hastābhyām : mit beiden Händen (Hasta)
anudhārayet : man halte, ergreife (anu + dhā, viell. irrtümlich für *avadhārayet, vgl. GŚ 1, 33 avadhāritaṃ)
prasaritam : den ausgestreckten (Prasarita)
pādam : Fuß (Pada)
tathā : und ("ebenso", Tatha)
dakṣiṇam : rechten (Dakshina)
āpūrya : nachdem man (die Lungen) gefüllt hat ("gefüllt habend", ā + pṛ/pṝ)
śvasanena : mit dem Atem (Shvasana)
kukṣi-yugalam : die beiden (Yugala) Körperöffnungen ("Höhlungen", Kukshi)
baddhvā : (und) nachdem man verschlossen hat ("gebunden habend", badh)
śanaiḥ : langsam (Shanais)
recayet : man atme aus (ric)
eṣā : das (Etad)
vyādhi-vināśinī : die Krankheiten, Leiden (Vyadhi) vernichtende (Vinashin)
su-mahatī : das überaus machtvolle (Sumahat)
mudrā : Siegel (Mudra)
nṛṇām : der Menschen (Nri)
kathyate : wird genannt (kath)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 59 in der Version 2 und mit einigen Lesarten als Vers 33 in der Version 1 des Goraksha Shataka überliefert. Die Yogachudamani Upanishad (Vers 66) überliefert den Vers bis auf die Varianten seyaṃ statt eṣā und procyate statt kathyate im 4. Pada Wort für Wort.

Mahamudra, das "große Siegel", wird hier su-mahatī mudrā "das überaus machtvolle Siegel" genannt. Eine weitere Bedeutung von Mudra ist "Verschluss, Schloss", was auf die Verbindung mit den Bandhas wie Jalandhara Bandha ("Kehl-Verschluss") usw. hinweist.

Der Wortlaut āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayet im dritten Pada kann in zweierlei Weise verstanden werden: Entweder konstruiert man das Absolutivum āpūrya "gefüllt habend, füllend" mit kukṣi-yugalam "die zwei Höhlungen" (was im Sinne eines Duals einfach "Bauch" bedeutet), dann hieße es: "Nachdem man den Bauch mit Atem gefüllt hat, halte man (die Luft) an, und atme langsam aus." Man kann kukṣi-yugalam aber auch mit dem Absolutivum baddhvā "zubindend, verschließend" konstruieren, was hieße, dass die "zwei Höhlungen bzw. Körperöffnungen" (d.h. Kehle und Anus) verschlossen werden sollen, also dass zwei Bandhas gesetzt werden sollen: "Nachdem man eingeatmet hat, setze man die beiden Bandhas (wobei die Luft angehalten wird), und atme langsam aus".

Der erste Bandha ist Jalandhara Bandha, wobei das Kinn an die Brust gedrückt (vakṣo-nyasta-hanuḥ) und somit die Kehle bzw. Luftröhre verschlossen wird. Das Setzen von Jalandhara Bandha im Zusammenhang mit Mahamudra wird einhellig in der Shiva Samhita (4.17), der Hatha Yoga Pradipika (3.11), sowie der Gheranda Samhita (3.7) gelehrt. Nur in der HYP (3.11) wird indirekt auf einen zweiten Bandha, nämlich Mula Bandha (das Kontrahieren des Beckenbodens und Verschließen des Anus) verwiesen, wie Brahmananda, der Kommentator der HYP, nahelegt: der Ausdruck dhārayed vāyum ūrdhvataḥ "man ziehe den Lebenshauch (Vayu) nach oben" bedeute, diesen durch das Setzen von Mula Bandha in die Sushumna zu ziehen: vāyuṃ … suṣumnāyāṃ dhārayet; anena mūla-bandhaḥ sūcitaḥ.

Die Hatha Yoga Pradipika (3.15) fügt hinzu, dass danach Mahamudra seitenvertauscht (d.h. mit dem ausgestreckten linken Bein) für dieselbe Dauer erneut praktiziert werden soll. In der Gheranda Samhita (3.7) wir zusätzlich die Konzentration des Blickes auf die Mitte (Madhya) der Brauen (Bhru), also das "dritte Auge", empfohlen: bhruvor madhye nirīkṣayet.

In Vers 60 werden einige Krankheiten (Vyadhi) aufgezählt, die durch die Praxis von Mahamudra vertrieben werden.

Shataka 1 Vers 58: Maha Mudra

Nachdem man (Maha Mudra) auf der linken Seite praktiziert hat, übe man noch einmal auf der rechten Seite. Sobald die Anzahl (der auf beiden Seiten praktizierten Atemverhaltungen) gleich ist, löse man das Siegel auf.


चन्द्राङ्गेन समभ्यस्य सूर्याङ्गेनाभ्यसेत्पुनः |
यावत्तुल्या भवेत्सङ्ख्या ततो मुद्रां विसर्जयेत् || ५८ ||
candrāṅgena samabhyasya sūryāṅgenābhyaset punaḥ |
yāvat tulyā bhavet saṅkhyā tato mudrāṃ visarjayet || 1.58 ||
chandrangena samabhyasya suryangenabhyaset punah |
yavat tulya bhavet sankhya tato mudram visarjayet || 1.58 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

candrāṅgena : auf der Seite (Anga) des Mondes (Chandra, d.h. links, wo Ida verläuft)
samabhyasya : nachdem man praktiziert hat (sam + abhi + as)
sūryāṅgena : auf der Seite (Anga) der Sonne (Surya), d.h. rechts, wo Pingala verläuft)
abhyaset : soll man üben (abhi + as)
punaḥ : wieder, noch einmal (Punar)
yāvat : sobald (Yavat)
tulyā : gleich (Tulya)
bhavet : ist ("sei", bhū)
saṅkhyā : die Anzahl (der auf beiden Seiten praktizierten Atemverhaltungen (Sankhya)
tataḥ : dann (Tatas)
mudrām : das Siegel (Mudra, d.h. Mahamudra)
visarjayet : löse man (vi + sṛj)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 60 in der Version 2 des Goraksha Shataka und mit einigen Lesarten in der Hatha Yoga Pradipika (3.15) sowie in der Yogachudamani Upanishad (Vers 67) überliefert.

Shataka 1 Vers 59: Maha Mudra

(Für einen, der Maha Mudra praktiziert, gibt es) nichts Heilsames oder Unheilsames. Alle Geschmacksrichtungen, sogar Ungenießbares, das gegessen wurde, und schreckliche Gifte werden verdaut, als ob sie Nektar wären.


नहि पथ्यमपथ्यं वा रसाः सर्वेऽपि नीरसाः |
अपि भुक्तं विषं घोरं पीयूषमिव जीर्यते || ५९ ||
na-hi pathyam apathyaṃ vā rasāḥ sarve’pi nīrasāḥ |
api bhuktaṃ viṣaṃ ghoraṃ pīyūṣam iva jīryate || 1.59 ||
na-hi pathyam apathyam va rasah sarve’pi nirasah |
api bhuktam visham ghoram piyusham iva jiryate || 1.59 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

na-hi : nicht (Nahi)
pathyam : (etwas, das) heilsam, gesund (ist, Pathya)
apathyam : unheilsam, ungesund (Apathya)
 : oder (Va)
rasāḥ : Geschmack(srichtungen, Rasa)
sarve : alle (Sarva)
api : auch, sogar (Api)
nīrasāḥ : (Nahrungsmittel, die) ohne Geschmack, saftlos, ungenießbar (geworden sind, Nirasa)
api : auch, sogar
bhuktam : das gegessen wurde (Bhukta)
viṣam : Gift (Visha)
ghoram : schreckliches (Ghora)
pīyūṣam : Nektar (Piyusha)
iva : wie (Iva)
jīryate : (werden bzw.) wird verdaut (jṝ)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit der minimalen Lesart jīryati (so lesen alle übrigen Texte) in der Hatha Yoga Pradipika (3.16) sowie mit der Lesart ati-bhuktaṃ "was zuviel gegessen wurde" (statt api bhuktaṃ) in der Yogachudamani Upanishad (Vers 68) überliefert. Die Lesung Lesart muktaṃ "freigesetzt" (statt bhuktaṃ) in Vers 61 der Version 2 des Goraksha Shataka ist möglicherweise ein Versehen des Herausgebers.

Shataka 1 Vers 60: Maha Mudra

Krankheiten wie Tuberkulose, Lepra, Verstopfung, Unterleibsgeschwulste und Verdauungsprobleme nehmen für den ein Ende, der Maha Mudra praktiziert.


क्षयकुष्ठगुदावर्तगुल्माजीर्णपुरोगमाः |
रोगास्तस्य क्षयं यान्ति महामुद्रां च योऽभ्यसेत् || ६० ||
kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-purogamāḥ |
rogās tasya kṣayaṃ yānti mahā-mudrāṃ ca yo'bhyaset || 1.60 ||
kshaya-kushtha-gudavarta-gulmajirna-purogamah |
rogas tasya kshayam yanti maha-mudram cha yo'bhyaset || 1.60 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-purogamāḥ : angefangen mit ("angeführt von", Purogama) Schwindsucht, Tuberkulose (Kshaya), Aussatz, Lepra (Kushtha), Verstopfung ("Darm-Verdrehung", Gudavarta), krankhafte Anschwellung im Unterleib, Unterleibsgeschwulst (Gulma), Verdauungsprobleme (Ajirna)
rogāḥ : Krankheiten Roga)
tasya : für diesen (Yogi, Tad)
kṣayam : ein Ende (Kshaya)
yānti : nehmen ("gehen zu", )
mahā-mudrām : das große Siegel (Mahamudra)
ca : und, aber (Cha)
yaḥ : wer (Yad)
abhyaset : praktiziert, übt (abhi + as)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit kleineren Lesarten im zweiten Halbvers in der Yogachudamani Upanishad (Vers 69) sowie mit der Lesart tasya doṣāḥ "dessen Krankheiten, Störungen" statt rogās tasya im dritten Pada als Vers 62 der Version 2 des Goraksha Shataka sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.17) überliefert.

Shataka 1 Vers 61: Maha Mudra

Somit wurde das große Siegel (Maha Mudra) gelehrt, das den Menschen (die es praktizieren) große Zauberkräfte verschafft. Es ist äußerst geheim zu halten und darf nicht an irgend jemanden (der dafür ungeeignet ist) weitergegeben werden.


कथितेयं महामुद्रा महासिद्धिकरी नृणाम् |
गोपनीया प्रयत्नेन न देया यस्य कस्यचित् || ६१ ||
kathiteyaṃ mahā-mudrā mahā-siddhi-karī nṛṇām |
gopanīyā prayatnena na deyā yasya kasya-cit || 1.61 ||
kathiteyam maha-mudra maha-siddhi-kari nrinam |
gopaniya prayatnena na deya yasya kasya-chit || 1.61 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kathitā : gelehrt ist (somit, Kathita)
iyam : dieses (Iyam)
mahā-mudrā : große Siegel (Mahamudra)
mahā-siddhi-karī : das große Zauberkräfte (Mahasiddhi) verschafft ("bewirkt", Kara)
nṛṇām : den Menschen (die es praktizieren, Nri)
gopanīyā : es ("sie") ist geheim zu halten (Gopaniya)
prayatnena : äußerst sorgsam (Prayatna)
na : nicht (Na)
deyā : ist es ("sie") weiterzugeben (Deya)
yasya kasya-cit : an irgend jemand (beliebigen, der dafür ungeeignet ist, Yad Ka Chid)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich in der Hatha Yoga Pradipika (3.17) und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 70) sowie mit der Lesart sarva-siddhi-karī "die alle übernatürlichen Fähigkeiten verschafft" (statt mahā-siddhi-karī) im zweiten Pada als Vers 63 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert.

Shataka 1 Vers 62: Khechari Mudra

Die zurückgebogene Zunge wird in den Nasenrachenraum eingeführt, und der Blick wird zwischen die Brauen gerichtet. Dies ist Khechari Mudra.


कपालकुहरे जिह्वा प्रविष्टा विपरीतगा |
भ्रुवोरन्तर्गता दृष्टिर्मुद्रा भवति खेचरी || ६२ ||
kapāla-kuhare jihvā praviṣṭā viparītagā |
bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khe-carī || 1.62 ||
kapala-kuhare jihva pravishta viparitaga |
bhruvor antar-gata drishtir mudra bhavati khe-chari || 1.62 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

kapāla-kuhare : in die Höhlung (Kuhara) des Schädels (Kapala)
jihvā : Zunge (Jihva)
praviṣṭā : (wird) eingeführt (Pravishta)
viparītagā : die zurückgebogene (Viparitaga)
bhruvoḥ : beide Brauen (gerichtet, Bhru)
antar-gatā : zwischen ("im Innern befindlich", Antargata)
dṛṣṭiḥ : der Blick (Drishti)
mudrā : (dieses) Siegel (Mudra)
bhavati : ist (bhū)
khe-carī : Khechari ("die im Himmel wandelnde")

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 34 der Version 1 und als Vers 64 der Version 2 des Goraksha Shataka überliefert, ebenso in der Hatha Yoga Pradipika (3.32) sowie in der Yogachudamani Upanishad (Vers 52), gleichfalls wird er in der Gheranda Samhita (3.27) in nahezu identischer Form überliefert (diese liest im dritten Pada bhruvor madhye gatā dṛṣṭir).

Shataka 1 Vers 63: Khechari Mudra

Für denjenigen, der Khechari Mudra kennt, existieren weder Krankheit noch Tod oder Schlaf, weder Hunger noch Durst oder Ohnmacht.


न रोगो मरणं तस्य न निद्रा न क्षुधा तृषा |
न मूर्च्छा तु भवेत्तस्य यो मुद्रां वेत्ति खेचरीम् || ६३ ||
na rogo maraṇaṃ tasya na nidrā na kṣudhā tṛṣā |
na mūrcchā tu bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khe-carīm || 1.63 ||
na rogo maranam tasya na nidra na kshudha trisha |
na murchchha tu bhavet tasya yo mudram vetti khe-charim || 1.63 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

na : nicht (Na)
rogaḥ : Krankheit (Roga)
maraṇam : Tod (Marana)
tasya : für denjenigen (Tad)
na : nicht
nidrā : Schlaf (Nidra)
na : nicht
kṣudhā : Hunger (Kshudha)
tṛṣā : Durst (Trisha)
na : nicht
mūrcchā : Ohnmacht, Bewusstlosigkeit, geistige Betäubung (Murchha)
tu : aber (Tu)
bhavet : existiert (bhū)
tasya : für denjenigen
yaḥ : welcher, der (Yad)
mudrām : das Siegel (Mudra)
vetti : kennt (vid)
khe-carīm : (namens) Khechari

Anmerkungen: Dieser Vers wird fast wortwörtlich als Vers 65 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 53) überliefert, sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.39) mit der Lesart tandrā "Mattigkeit" (statt tasya) im ersten Pada. In der Gheranda Samhita (3.28) werden die Wirkungen von Khechari Mudra in ganz ähnlichen Worten beschrieben:

na ca mūrcchā kṣudhā tṛṣṇā naivālasyaṃ prajāyate |
na ca rogo jarā mṛtyur deva-dehaṃ prapadyate || 3.28 ||

"(Aufgrund der Praxis von Khechari Mudra) entstehen weder Ohnmacht (Murchha) noch Hunger (Kshudha), Durst (Trishna) oder Trägheit (Alasya), weder Krankheit (Roga) noch Alter (Jara) oder Tod (Mrityu). Man erlangt den Körper (Deha) eines Gottes (Deva)." (GhS 3.28)

Shataka 1 Vers 64: Khechari Mudra

Derjenige, der Khechari Mudra kennt, wird weder von Schmerz gequält, noch von Handlung befleckt, noch vom Tod bedrängt.


पीड्यते न च शोकेन लिप्यते न च कर्मणा |
बाध्यते न स केनापि यो मुद्रां वेत्ति खेचरीम् || ६४ ||
pīḍyate na ca śokena lipyate na ca karmaṇā |
bādhyate na sa kenāpi yo mudrāṃ vetti khe-carīm || 1.64 ||
pidyate na cha shokena lipyate na cha karmana |
badhyate na sa kenapi yo mudram vetti khe-charim || 1.64 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

pīḍyate : wird gequält, gepeinigt (pīḍ)
na : nicht (Na)
ca : und (Cha)
śokena : von Schmerz, Kummer, Sorgen (Shoka)
lipyate : wird befleckt (lip)
na : nicht
ca : und
karmaṇā : von Handlung (dem Gesetz der Tatvergeltung, Karman)
bādhyate : wird bedrängt, belästigt (bādh)
na : nicht
saḥ : der, dieser (Yogi, Tad)
kenāpi (kena + api) : von irgend (Api) jemandem (Ka), von irgend etwas (Kim)
yaḥ : welcher, der (Yad)
mudrām : das Siegel (Mudra)
vetti : kennt (vid)
khe-carīm : (namens) Khechari

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 66 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 54) überliefert, ebenso in der Hatha Yoga Pradipika (3.40), in den beiden letztgenannten Versionen mit der Lesart rogeṇa "von Krankheit" (statt śokena) im ersten Pada und der Lesart kālena "vom Tod" (statt kenāpi) im dritten Pada.

Die Form kenāpi setzt sich aus kena + api zusammen. Das Fragepronomen kena kann sowohl vom Maskulinum Ka "wer, welcher" als auch vom Neutrum Kim "was, welches" abgeleitet sein, so dass beides gemeint sein kann: "von irgend jemandem" und "von irgend etwas".

Shataka 1 Vers 65: Khechari Mudra

Der Geist bewegt sich nicht, weil sich die Zunge im leeren Raum (des Schädels) aufhält. Deshalb wird diese (Mudra), berühmt als Khechari, von allen Vollkommenen hoch geschätzt.


चित्तं चलति नो यस्माज्जिह्वा चरति खेचरी |
तेनेयं खेचरी सिद्धा सर्वसिद्धैर्नमस्कृता || ६५ ||
cittaṃ calati no yasmāj jihvā carati khe-carī |
teneyaṃ khe-carī siddhā sarva-siddhair namas-kṛtā || 1.65 ||
chittam chalati no yasmaj jihva charati khe-chari |
teneyam khe-chari siddha sarva-siddhair namas-krita || 1.65 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

cittam : der Geist (Chitta)
calati : bewegt sich (cal)
no : nicht (No)
yasmāt : weil (Yasmat)
jihvā : die Zunge (Jihva)
carati : sich aufhält ("bewegt", car)
khe-carī : im leeren Raum (des Schädels) wandelnd (Khechari)
tena : deshalb, daher (Tad)
iyam : sie, diese (Iyam)
khe-carī : (als) Khechari
siddhā : ist berühmt (Siddha)
sarva-siddhaiḥ : von allen (Sarva) Vollkommenen (Siddha)
namas-kṛtā : wird hoch geschätzt, verehrt (Namaskrita)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen Varianten als Vers 67 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 55) überliefert, ebenso in der Hatha Yoga Pradipika (3.41), die im zweiten Halbvers etwas stärker abweicht.

Shataka 1 Vers 66: Bindu

Der männliche Same ist die Ursache der Körper. In diesen (Körpern) befinden sich die (feinstofflichen) Kanäle, die die (ganzen) Körper nähren, vom Scheitel bis zur Sohle.


बिन्दु मूलं शरीराणां शिरास्तत्र प्रतिष्ठिताः |
भावयन्ति शरीराणामापादतलमस्तकम् || ६६ ||
bindu mūlaṃ śarīrāṇāṃ śirās tatra pratiṣṭhitāḥ |
bhāvayanti śarīrāṇām ā-pāda-tala-mastakam || 1.66 ||
bindu mulam shariranam shiras tatra pratishthitah |
bhavayanti shariranam a-pada-tala-mastakam || 1.66 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

bindu : der männliche Same ("Tropfen", Bindu)
mūlam : (ist) die Ursache ("Wurzel", Mula)
śarīrāṇām : der Körper (Sharira)
śirāḥ : die (feinstofflichen) Kanäle, Adern, Nerven, Gefäße (Shira)
tatra : in diesen (Körpern), Tatra)
pratiṣṭhitāḥ : befinden sich (Pratishthita)
bhāvayanti : sie nähren ("beleben, sind förderlich", bhū)
śarīrāṇām : die Körper ("den Körpern", Genitiv im Sinne eines Dativs)
ā-pāda-tala-mastakam : von (ā) den Fußsohlen (Padatala) bis zum Kopf (Mastaka)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 68 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 56) überliefert. Der Plural śarīrāṇām "der Körper" könnte sich allgemein auf den Körper jedes Yogis beziehen, oder die drei Körper meinen, d.h. den grobstofflichen physischen Körper (Sthula Sharira), den feinstofflichen Astralkörper (Linga Sharira bzw. Sukshma Sharira) und den Kausalkörper (Karana Sharira).

In der Hatha Yoga Pradipika 3.90 wird im Kontext der Vajroli genannten Praxis (HYP 3.83-91) in Bezug auf den männlichen Samen eine ähnliche Aussage gemacht:

cittāyattaṃ nṛṇāṃ śukraṃ śukrāyattaṃ ca jīvitam |
tasmāc chukraṃ manaś caiva rakṣaṇīyaṃ prayatnataḥ || 3.90 ||

"Der Samen (Shukra) der Männer (Nri) ist vom Geist (Chitta) abhängig (Ayatta), und das Leben (Jivita) ist von Samen abhängig. Daher sollte sowohl der Samen als auch der Geist sorgfältig behütet (Rakshaniya) werden." (HYP 3.90)

Shataka 1 Vers 67: Bindu

Wer mit Khechari Mudra die Öffnung hinter dem weichen Gaumen verschlossen hat, dessen Samen fließt nicht, selbst wenn er von einer Geliebten umarmt wird.


खेचर्या मुद्रितं येन विवरं लम्बिकोर्ध्वतः |
न तस्य क्षरते बिन्दुः कामिन्यालिङ्गितस्य च || ६७ ||
khe-caryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ |
na tasya kṣarate binduḥ kāminyāliṅgitasya ca || 1.67 ||
khecharya mudritam yena vivaram lambikordhvatah |
na tasya ksharate binduh kaminyalingitasya cha || 1.67 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

khe-caryā : durch Khechari (Mudra)
mudritam : verschlossen ("versiegelt") wurde (Mudrita)
yena : durch welchen (Yogi, Yad)
vivaram : das Loch, die Öffnung (Vivara)
lambikordhvataḥ : hinter ("oberhalb", Urdhva) dem (weichen) Gaumen (Lambika)
na : nicht (Na)
tasya : dessen (Tad)
kṣarate : fließt (kṣar)
binduḥ : Samen ("Tropfen", Bindu)
kāminyā : von einer Geliebten, (jungen) Liebhaberin (Kamini)
āliṅgitasya : (wenn er) umarmt wird (Alingita)
ca : sogar (Cha)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 69 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit der Lesart kṣīyate "erschöpft sich" (statt kṣarate) im 3. Pada in der Yogachudamani Upanishad (Vers 57) überliefert, sowie in der Hatha Yoga Pradipika (3.42) mit der Lesart āśleṣitasya (statt āliṅgitasya) im 4. Pada.

Man könnte vivaraṃ lambikordhvataḥ auch mit "die Öffnung hinter dem Gaumenzäpfchen (Lambika)" übersetzen. Brahmananda, der Kommentator der HYP, versteht lambikā hier als Gaumen (Talu): lambikā tālu.

Shataka 1 Vers 68: Bindu

Solange der Samen im Körper verbleibt, wieso sollte es dann eine Furcht vor dem Tode geben? Solange wie Nabho Mudra (Khechari Mudra) praktiziert wird, solange fließt der Samen nicht.


यावद्बिन्दुः स्थितो देहे तावन्मृत्योर्भयं कुतः |
यावद्बद्धा नभोमुद्रा तावद्बिन्दुर्न गच्छति || ६८ ||
yāvad binduḥ sthito dehe tāvan mṛtyor bhayaṃ kutaḥ |
yāvad baddhā nabho-mudrā tāvad bindur na gacchati || 1.68 ||
yavad binduh sthito dehe tavan mrityor bhayam kutah |
yavad baddha nabho-mudra tavad bindur na gachchhati || 1.68 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

yāvat : wenn ("solange wie", Yavat)
binduḥ : der Samen ("Tropfen", Bindu)
sthitaḥ : verbleibt ("beständig ist", Sthira)
dehe : im Körper (Deha)
tāvat : dann ("genau solange", Tavat)
mṛtyoḥ : vor dem Tod (Mrityu)
bhayam : (käme) Angst, Furcht (Bhaya)
kutaḥ : woher (Kutas)
yāvat : solange wie (Yavat)
baddhā : gehalten wird ("gebunden", Baddha)
nabho-mudrā : Nabho Mudra (d.h. Khechari Mudra)
tāvat : genau solange (Tavat)
binduḥ : der Samen
na : nicht (Na)
gacchati : fließt ("geht", gam)

Anmerkungen: Dieser Vers wird nahezu wortwörtlich als Vers 70 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 58) überliefert. Der erste Halbvers erscheint im Kontext der Vajroli genannten Praxis nahezu wortwörtlich als zweiter Halbvers von Hatha Yoga Pradipika 3.89:

su-gandho yogino dehe jāyate bindu-dhāraṇāt |
yāvad binduḥ sthiro dehe tāvat kāla-bhayaṃ kutaḥ || 3.89 ||

"Aufgrund des Zurückhaltens (Dharana) des Samens (Bindu) entsteht ein Wohlgeruch (Sugandha) im Körper (Deha) des Yogis. Solange der Samen im Körper verbleibt, wieso sollte es dann eine Furcht (Bhaya) vor dem Tode (Kala) geben?." (HYP 3.89)

Die Bezeichnung Nabho Mudra wird hier als Synonym für Khechari Mudra gebraucht, vgl. die Verse 32 und 34 (nebst Anm.) der Version 1 des Goraksha Shataka.

Der vorliegende Vers erscheint mit einigen Varianten auch im Anandakanda (1.20.95), einem medizinisch-alchemistischen Werk aus dem 13. Jahrhundert, wo er im Kontext von Khechari Mudra steht:

yāvac chukraṃ sthiraṃ dehe tāvat kāla-bhayaṃ na hi |
yena baddhā nabho-mudrā bījas tasya na gacchati || 20.95 ||

"Solange der Samen (Shukra) im Körper (Deha) verbleibt, gibt es gewiss keine Furcht (Bhaya) vor dem Tode (Kala). Wer Nabho Mudra (Khechari Mudra) praktiziert, dessen Samen (Bija) fließt nicht." (ĀK 1.20.95)

Shataka 1 Vers 69: Bindu

Sogar wenn der Samen vergossen wurde, und das Feuer (den "Ort der Yoni") erreicht hat, geht er wieder nach oben, indem er nach Kräften zurückgezogen wird, kontrolliert durch Yoni Mudra.


चलितोऽपि यदा बिन्दुः सम्प्राप्तश्च हुताशनम् |
व्रजत्यूर्ध्वं हृतः शक्त्या निरुद्धो योनिमुद्रया || ६९ ||
calito'pi yadā binduḥ samprāptaś ca hutāśanam |
vrajaty ūrdhvaṃ hṛtaḥ śaktyā niruddho yoni-mudrayā || 1.69 ||
chalito'pi yada binduh sampraptash cha hutashanam |
vrajaty urdhvam hritah shaktya niruddho yoni-mudraya || 1.69 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

calitaḥ : vergossen wurde ("sich fortbewegt hat", Chalita)
api : sogar (Api)
yadā : wenn (Yada)
binduḥ : der Samen ("Tropfen", Bindu)
samprāptaḥ : erreicht hat (Samprapta)
ca : und (Cha)
hutāśanam : das Feuer (Hutashana, d.h. Yonisthana, den "Ort der Yoni")
vrajati : (er) geht (wieder, (vraj)
ūrdhvam : nach oben, aufwärts (Urdhva)
hṛtaḥ : erfasst, zurückgezogen (Hrita)
śaktyā : mit Kraft, nach Kräften (Shakti)
niruddhaḥ : kontrolliert ("zurückgehalten", Niruddha)
yoni-mudrayā : durch Yoni Mudra (d.h. Vajroli Mudra)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 71 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit drei Lesarten in der Yogachudamani Upanishad (Vers 59) sowie in der Hatha Yoga Pradipika 3.43 überliefert. Letztere liest im 2. Pada yoni-maṇḍalam "den Bereich der Vagina" statt hutāśanam "das Feuer".

Brahmananda, der Kommentator der HYP, erklärt yoni-maṇḍalam mit yoni-sthānam ("Ort der Yoni"). Er beschreibt Yoni Mudra als ein Kontrahieren (Akunchana) des Penis (Medhra) und bemerkt, dass damit (etena) auf Vajroli Mudra (vgl. HYP 3.83-91) verwiesen wird (Suchita): yoni-mudrayā meḍhrākuñcana-rūpayā etena vajrolī mudrā sūcitā. Weiter führt er aus, dass der Samen über den Weg (Marga) der Sushumna nach oben, d.h. zum Bindusthana, dem "Ort des Samens", gelangt: suṣumnā-mārgeṇa bindu-sthānaṃ gacchati.

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, erklärt hutāśanam ("das Feuer") ganz im Sinne Brahmanandas mit yoṣid-yoni-maṇḍalam "den Bereich (Mandala) der Vagina (Yoni) der Frau (Yoshit)".

Shataka 1 Vers 70: Bindu und Rajas

Der Same ist wiederum von zweierlei Art: weißlich und rötlich. Der weißliche wird männlicher Same genannt, der rötliche heißt Menstrualblut.


स पुनर्द्विविधो बिन्दुः पाण्‍डुरो लोहितस्तथा |
पाण्‍डुरः शुक्रमित्याहुर्लोहिताख्यो महारजः || ७० ||
sa punar dvi-vidho binduḥ pāṇḍuro lohitas tathā |
pāṇḍuraḥ śukram ity āhur lohitākhyo mahā-rajaḥ || 1.70 ||
sa punar dvi-vidho binduh panduro lohitas tatha |
pandurah shukram ity ahur lohitakhyo maha-rajah || 1.70 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

saḥ : der, dieser (Tad)
punaḥ : wiederum, nun (Punar)
dvi-vidhaḥ : ist von zweierlei Art (Dvividha)
binduḥ : Same ("Tropfen", Bindu)
pāṇḍuraḥ : weiß, weißlich (Pandara)
lohitaḥ : rot, rötlich (Lohita)
tathā : und, sowie (Tatha)
pāṇḍuraḥ* : der weiße (Pandara)
śukram : männlicher Same, Sperma (Shukra)
iti : so (Iti)
āhuḥ : wird genannt ("sie nennen", ah Anm.: Diese Form wird hier wohl als Passiv bzw. Atmanepada der Perfektform verstanden, weshalb die mit * gekennzeichneten beiden Formen im Nominativ statt Akkusativ erscheinen.)
lohitākhyaḥ* : heißt (Akhya) der rote (Lohita)
mahā-rajaḥ : Menstrualblut ("große Monatsregel", Maharajas)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 72 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad überliefert (Vers 60 liest im dritten Pada śuklam statt śukram). Sinngemäß finden sich die hier gemachten Aussagen auch im jeweils 2. Halbvers des Anandakanda 1.20.97-98. Dort heißt es:

bījas tu dvi-vidhaḥ proktaḥ śukraṃ caiva mahā-rajaḥ || 20.97 cd || ...
śukraṃ tu śveta-varṇaṃ syāt pravālābhaṃ rajaḥ smṛtam || 20.98 cd ||

"Der Same (Bija) wird wiederum als von zweierlei Art gelehrt: männlicher Same (Shukra) und Menstrualblut (Maharajas)." (ĀK 1.20.97 cd)

"Der männliche Same ist von weißer (Shveta) Farbe (Varna), und das Menstrualblut (Rajas) wird als korallenfarbig (Pravala-Abha) gelehrt." (ĀK 1.20.98 cd)

Shataka 1 Vers 71: Bindu und Rajas

Das Menstrualblut, das flüssigem Zinnober gleicht, befindet sich im Bereich des Nabels. Der männliche Same befindet sich im Sitz des Mondes. Die Vereingung dieser beiden ist sehr schwer zu erreichen.


सिन्दूरद्रवसङ्काशं नाभिस्थाने स्थितं रजः |
शशिस्थाने स्थितो बिन्दुस्तयोरैक्यं सुदुर्लभम् || ७१ ||
sindūra-drava-saṅkāśaṃ nābhi-sthāne sthitaṃ rajaḥ |
śaśi-sthāne sthito bindus tayor aikyaṃ su-dur-labham || 1.71 ||
sindura-drava-sankasham nabhi-sthane sthitam rajah |
shashi-sthane sthito bindus tayor aikyam su-dur-labham || 1.71 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

sindūra-drava-saṅkāśam : flüssigem (Drava) Zinnober (Sindura) gleichend (Sankasha)
nābhi-sthāne : im Bereich ("Ort", Sthana) des Nabels (Nabhi)
sthitam : befindet sich (Sthita)
rajaḥ : das Menstrualblut (Rajas)
śaśi-sthāne : im Sitz ("Ort") des Mondes (Shashin)
sthitaḥ : befindet sich
binduḥ : der männliche Same ("Tropfen", Bindu)
tayoḥ : dieser beiden (Tad)
aikyam : die Einheit, Vereingung, Verbindung (Aikya)
su-durlabham : ist sehr schwer zu erlangen, erreichen (Sudurlabha)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit der Lesart ravi-sthāne "im Sitz der Sonne" (statt nābhi-sthāne) im zweiten Pada als Vers 73 der Version 2 des Goraksha Shataka und einigen weiteren kleineren Lesarten in der Yogachudamani Upanishad (Vers 61) überliefert.

Das Nabelzentrum (Nabhisthana bzw. Manipura Chakra) gilt als der "Sitz der Sonne" (Ravisthana) und das Kehlzentrum (Vishuddhi Chakra) als der "Sitz des Mondes" (Shashisthana bzw. Chandrasthana).

Shataka 1 Vers 72: Bindu und Rajas

Der männliche Same ist Shiva - das Menstrualblut ist Shakti. Der männliche Same ist der Mond - das Menstrualblut ist die Sonne. Aufgrund der Vereinigung dieser beiden wird der höchste Bewusstseinszustand erlangt.


बिन्दुः शिवो रजः शक्तिश्चन्द्रो बिन्दू रजो रविः |
अनयोः सङ्गमादेव प्राप्यते परमं पदम् || ७२ ||
binduḥ śivo rajaḥ śaktiś candro bindū rajo raviḥ |
anayoḥ saṅgamād eva prāpyate paramaṃ padam || 1.72 ||
binduh shivo rajah shaktish chandro bindu rajo ravih |
anayoh sangamad eva prapyate paramam padam || 1.72 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

binduḥ : der männliche Same ("Tropfen", Bindu)
śivaḥ : (ist) Shiva
rajaḥ : das Menstrualblut (Rajas)
śaktiḥ : (ist) Shakti (die "Energie")
candraḥ : der Mond (Chandra)
binduḥ : (ist) der männliche Same
rajaḥ : das Menstrualblut
raviḥ : (ist) die Sonne (Ravi)
anayoḥ : dieser beiden (Ubha)
saṅgamāt : aufgrund der Vereinigung (Sangama)
eva : nur, eben (Eva)
prāpyate : wird erreicht, erlangt (pra + āp)
paramam : der höchste (Parama)
padam : (Bewusstseins-)Zustand ("Ort", Pada)

Anmerkung: Dieser Vers wird mit einigen Varianten als Vers 74 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 62) überliefert. Letztere hat die Lesart bindur brahmā "der männliche Samen ist Brahma" (statt binduḥ śivo) im ersten Pada. Setzt man für die Sonne (Ravi) die Silbe Ha und für den Mond (Chandra) die Silbe Tha ein, so ist deren Vereinigung Ha-Tha-Yoga.

Shataka 1 Vers 73: Bindu und Rajas

Wenn das Menstrualblut durch das Inbewegungsetzen der (Schlangen-)Kraft in Verbindung mit dem Atem angetrieben wird, vereinigt es sich mit dem männlichen Samen. Dann wird der Körper (des Yogi) göttlich.


वायुना शक्तिचारेण प्रेरितं तु यदा रजः |
याति बिन्दोः सहैकत्वं भवेद्दिव्यं वपुस्तदा || ७३ ||
vāyunā śakti-cāreṇa preritaṃ tu yadā rajaḥ |
yāti bindoḥ sahaikatvaṃ bhaved divyaṃ vapus tadā || 1.73 ||
vayuna shakti-charena preritam tu yada rajah |
yati bindor sahaikatvam bhaved divyam vapus tada || 1.73 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

vāyunā : in Verbindung mit dem Atem ("Wind", Vayu)
śakti-cāreṇa : durch das Inbewegungsetzen (Chara) der (Schlangen-)Kraft (Shakti, d.h. Kundalini)
preritam : angetrieben (Prerita)
tu : aber, wiederum (Tu)
yadā : wenn (Yada)
rajaḥ : das Menstrualblut ("Monatsregel", Rajas)
yāti : gelangt ("geht", )
bindoḥ : dem männlichen Samen ("Tropfen", Bindu)
saha : mit (Saha)
ekatvam : zur Einheit (Ekatva)
bhavet : wird (bhū)
divyam : himmlich, göttlich (Divya)
vapuḥ : der Körper (Vapus)
tadā : dann (Tada)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 75 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 63) überliefert (letztere liest śakti-cāleṇa statt śakti-cāreṇa im ersten Pada). Hier wird auf die Praxis von Shakti Chalana verwiesen, bei der die Kundalini erweckt und entlang der Sushumna nach oben bewegt wird (vgl. Hatha Yoga Pradipika 3.104 ff. und Gheranda Samhita 3.52 ff.).

Der vorliegende Vers erscheint mit einigen Varianten auch im Anandakanda (1.20.100), einem medizinisch-alchemistischen Werk aus dem 13. Jahrhundert, wo er im Kontext von Khechari Mudra steht (vgl. auch die Anm. zu Vers 70):

marutā śakti-cāreṇa rajaś cordhvaṃ praṇīyate |
aikyaṃ tad bindunā yāti tadā divyaṃ vapur bhavet || 20.100 ||

"Durch das Inbewegungsetzen der (Schlangen-)Kraft in Verbindung mit dem Atem (Marut) wird das Menstrualblut (Rajas) aufwärts gelenkt und vereinigt sich mit dem männlichen Samen (Bindu). Dann wird der Körper (des Yogi) göttlich." (ĀK 1.20.100)

Shataka 1 Vers 74: Bindu und Rajas

Der männliche Samen steht in Verbindung mit dem Mond - das Menstrualblut steht in Verbindung mit der Sonne. Wer die Einheit (in Form) der Homogenität dieser beiden erfährt, der ist ein Kenner des Yoga.


शुक्रं चन्द्रेण संयुक्तं रजः सूर्येण संयुतम् |
तयोः समरसैकत्वं यो जानाति स योगवित् || ७४ ||
śukraṃ candreṇa saṃyuktaṃ rajaḥ sūryeṇa saṃyutam |
tayoḥ sama-rasaikatvaṃ yo jānāti sa yoga-vit || 1.74 ||
shukram chandrena samyuktam rajah suryena samyutam |
tayoh sama-rasaikatvam yo janati sa yoga-vit || 1.74 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śukram : der männliche Samen (Shukra)
candreṇa : mit dem Mond (Chandra)
saṃyuktam : steht in Verbindung, bezieht sich auf (Samyukta)
rajaḥ : das Menstrualblut (Rajas)
sūryeṇa : mit der Sonne (Surya)
saṃyutam : steht in Verbindung, bezieht sich auf (Samyuta)
tayoḥ : dieser beiden (Tad)
sama-rasaikatvam : die Identität und Einheit, oder: die Einheit (Ekatva, in Form) der Homogenität ("Geschmacks-Gleichheit", Samarasatva)
yaḥ : wer (Yad)
jānāti : kennt, erfährt (jñā)
saḥ : der (Tad)
yoga-vit : (ist) ein Kenner des Yoga (Yogavid)

Anmerkung: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 76 der Version 2 des Goraksha Shataka und mit zwei Lesarten im 1. Halbvers in der Yogachudamani Upanishad (Vers 64) überliefert (diese liest śuklaṃ statt śukraṃ).

Shataka 1 Vers 75: Maha Mudra

Das Reinigen des Netzwerkes der feinstofflichen Energiekanäle, das Bewegen von Mond und Sonne, sowie das Austrocknen von (physischen, geistigen und emotionalen) Giften wird Maha Mudra genannt.


शोधनं नाडिजालस्य चालनं चन्द्रसूर्ययोः |
रसानां शोषणं चैव महामुद्राभिधीयते || ७५ ||
śodhanaṃ nāḍi-jālasya cālanaṃ candra-sūryayoḥ |
rasānāṃ śoṣaṇaṃ caiva mahā-mudrābhidhīyate || 1.75 ||
shodhanam nadi-jalasya chalanam chandra-suryayoh |
rasanam shoshanam chaiva maha-mudrabhidhiyate || 1.75 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

śodhanam : das Reinigen (Shodhana)
nāḍi-jālasya : des Netzes (Jala) der feinstofflichen Energiekanäle (Nadi)
cālanam : das Bewegen, Inbewegungsetzen (Chalana)
candra-sūryayoḥ : von Mond (Chandra) und Sonne (Surya)
rasānām : der Gifte, Leidenschaften ("Säfte", Rasa)
śoṣaṇam : das Austrocknen (Shoshana)
ca : und (Cha)
eva : ebenso (Eva)
mahā-mudrā : Mahamudra (das "große Siegel")
abhidhīyate : wird genannt (abhi + dhā)

Anmerkungen: Dieser Vers wird wortwörtlich als Vers 58 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 65) überliefert. Allerdings erscheint die Stellung des Verses hier etwas außerhalb des (engeren) Kontexts, da die Behandlung von Mahamudra bereits in 1.57-61 erfolgt ist. So überliefern Goraksha Shataka, Yogachudamani Upanishad und Viveka Martanda allesamt diesen Vers jeweils als ersten in der Darstellung von Mahamudra.

Das Bewegen bzw. Inbewegungsetzen (Chalana) von Mond (Chandra) und Sonne (Surya) bezieht sich auf die wechselseitige Stimulierung von Ida und Pingala, vgl. Vers 1.58.

Mit dem Austrocknen der Gifte bzw. "Säfte" (rasānāṃ śoṣaṇam) ist möglicherweise neben der Neutralisierung physischer, d.h. in Nahrungsmitteln enthaltener Gifte (vgl. Vers 59) auch das Ausmerzen von Gelüsten, Begierden und Stimmungen gemeint, die sich im Gemüt des Yogi wie "Gifte" auswirken. Das Wort Rasa bedeutet u.a. "Saft, Geschmack(srichtung), Begierde, Gift", aber auch "Lebenselixier".

Upanishad Brahma Yogin, der Kommentator der YCU, versteht Rasa hier im Sinne von Dosha: śarīra-stha-duṣṭa-vāta-pittādi-rasānāṃ śoṣaṇa-karam "(Mahamudra) bewirkt das Austrocknen der im Körper (Sharira) befindlichen verdorbenen (Dushta) Säfte Vata, Pitta usw.".

Shataka 1 Vers 76: Uddiyana Bandha

Aufgrund dessen der große Vogel (Prana) unermüdlich (in der Sushumna) auffliegt, eben dieses Uddiyana (Bandha) ist wie ein Löwe gegenüber dem Elefanten des Todes.


उड्यानं कुरुते यस्मादविश्रान्तं महाखगः |
उड्डीयानं तदेव स्यान्मृत्युमातङ्गकेसरी || ७६ ||
uḍyānaṃ kurute yasmād aviśrāntaṃ mahā-khagaḥ |
uḍḍīyānaṃ tad eva syān mṛtyu-mātaṅga-kesarī || 1.76 ||
udyanam kurute yasmad avishrantam maha-khagah |
uddiyanam tad eva syan mrityu-matanga-kesari || 1.76 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

uḍyānam : das Auffliegen (in der Sushumna, Udyana hier im Sinne von Uddina zu verstehen)
kurute : macht (kṛ)
yasmāt : aufgrund dessen (Yasmat)
aviśrāntam : unermüdlich, unablässig (Avishranta)
mahā-khagaḥ : der große (Maha) Vogel ("der im Luftraum geht", d.h. Prana (Khaga)
uḍḍīyānam : Uddiyana (das "Auffliegenlassen")
tat : dies (Tad)
eva : eben, gerade, genau (Eva)
syāt : ist ("soll sein", (as)
mṛtyu-mātaṅga-kesarī : (wie) ein Löwe (Kesarin, gegenüber) dem Elefanten (Matanga) des Todes (Mrityu)

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit den Lesarten uḍḍīnam bzw. oḍyānam statt uḍyānam im ersten Pada als Vers 77 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 48, vgl. die dortige Anm.) überliefert, sowie in der Gheranda Samhita 3.10 mit der Lesung uḍḍīyānaṃ tv asau bandho im 3. Pada. Die ersten drei Padas entsprechen Hatha Yoga Pradipika 3.56 a-c, der 4. Pada entspricht Hatha Yoga Pradipika 3.57 d (vgl. auch Vers 35 der Version 1 des Goraksha Shataka).

Dass der "große Vogel" (mahā-khagaḥ) der Prana ist, der in der Sushumna durch die Praxis von Uddiyana Bandha zum "auffliegen" gebracht wird, wird aus Hatha Yoga Pradipika 3.55 ersichtlich:

baddho yena suṣumṇāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ |
tasmād uḍḍīyanākhyo'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ || 3.55 ||

"Weil mit diesem (Bandha) die Lebensenergie (Prana) in der Sushumna festgehalten wird (und darin) auffliegt, deshalb wurde dieser Verschluss von den Yogis mit der Bezeichnung Uddiyana benannt." (HYP 3.55)

Shataka 1 Vers 77: Uddiyana Bandha

Vom Bauch weg nach hinten, unterhalb des Nabels, dieser Verschluss wird Uddiyana genannt. Dort (im Bereich des Uddiyana) wird dieser Verschluss ausgeführt.


उदरात्पश्चिमे भागे अधो नाभेर्निगद्यते |
उड्डियानो ह्ययं बन्धस्तत्र बन्धो निगद्यते || ७७ ||
udarāt paścime bhāge adho nābher nigadyate |
uḍḍiyāno hy ayaṃ bandhas tatra bandho nigadyate || 1.77 ||
udarat pashchime bhage adho nabher nigadyate |
uddiyano hy ayam bandhas tatra bandho nigadyate || 1.77 ||


Wort-für-Wort-Übersetzung

udarāt : vom Bauch weg (Udara)
paścime : im hinteren (Pashchima)
bhāge : Teil, Bereich (Bhaga)
adhaḥ : unterhalb (Adhas)
nābheḥ : des (Nabhi)
nigadyate : wird genannt (ni + gad)
uḍḍiyānaḥ : Uddiyana
hi : gewiss (Hi)
ayam : dieser (Ayam)
bandhaḥ : Verschluss (Bandha)
tatra : dort (Tatra)
bandhaḥ : Verschluss
nigadyate : wird ausgeführt ("gelehrt")

Anmerkungen: Dieser Vers wird mit einigen Lesarten als Vers 78 der Version 2 des Goraksha Shataka und in der Yogachudamani Upanishad (Vers 49) überliefert. Die ersten beiden Padas erinnern an Hatha Yoga Pradipika 3.57 a-b bzw. Gheranda Samhita 3.10 a-b, der 4. Pada entspricht weitestgehend Hatha Yoga Pradipika 3.56 d.

Obwohl die Bezeichnung Uddiyana Bandha traditionell in Ableitung von der Wurzel ud-ḍī als das "Auffliegen" erklärt wird (vgl. Vers 76), bezieht sich Uddiyana (mit den Varianten Oddiyana und Odyana) auch auf einen Bereich im Körper, der sich etwas unterhalb des Nabels (adho nābheḥ) befindet. Dieser Bereich wird in der Siddha Siddhanta Paddhati (2.14) unter der Bezeichnung Odyanadhara als das fünfte von insgesamt 16 Adharas (Konzentrationspunkten im Körper) gelehrt. Somit bedeutet Uddiyana Bandha ursprünglich wohl das "Kontrahieren" (Bandha) der Uddiyana bzw. Od(di)yana genannten Körperregion.

Sanskrit Text Goraksha Paddhati

(Version Divine Yoga Institute, Kathmandu 2017, Druckfehler korrigiert nach der Edition der Laxmi-Venkateshwar Press, Bombay)

śrī-guruṃ paramānandaṃ vande svānanda-vigraham |

yasya sānnidhya-mātreṇa cid-ānandāyate tanuḥ || 1.1 ||

namas-kṛtya guruṃ bhaktyā gorakṣo jñānam uttamam |

abhīṣṭaṃ yogināṃ brūte paramānanda-kārakam || 1.2 ||

gorakṣa-saṃhitāṃ vakti yogināṃ hita-kāmyayā |

dhruvaṃ yasyāvabodhena jāyate paramaṃ padam || 1.3 ||

etad vimukti-sopānam etat kālasya vañcanam |

yad vyāvṛttaṃ mano bhogād āsaktaṃ paramātmani || 1.4 ||

dvija-sevita-śākhasya śruti-kalpa-taroḥ phalam |

śamanaṃ bhava-tāpasya yogaṃ bhajata sattamāḥ || 1.5 ||

āsanaṃ prāṇa-saṃrodhaḥ pratyāhāraś ca dhāraṇā |

dhyānaṃ samādhir etāni yogāṅgāni vadanti ṣaṭ || 1.6 ||

āsanāni ca tāvanti yāvanto jīva-jantavaḥ |

eteṣām akhilān bhedān vijānāti maheśvaraḥ || 1.7 ||

catur-āśīti-lakṣāṇām ekaikaṃ samudāhṛtam |

tataḥ śivena pīṭhānāṃ ṣoḍaśonaṃ śataṃ kṛtam || 1.8 ||

āsanebhyaḥ samastebhyo dvayam etad udāhṛtam |

ekaṃ siddhāsanaṃ proktaṃ dvitīyaṃ kamalāsanam || 1.9 ||

yoni-sthānakam aṅghri-mūla-ghaṭitaṃ kṛtvā dṛḍhaṃ vinyasen

meḍhre pādam athaikam eva hṛdaye kṛtvā hanuṃ su-sthiram |

sthāṇuḥ saṃyamitendriyo'cala-dṛśā paśyed bhruvor antaraṃ

hy etan mokṣa-kapāṭa-bheda-janakaṃ siddhāsanaṃ procyate || 1.10 ||

vāmorūpari dakṣiṇaṃ ca caraṇaṃ saṃsthāpya vāmaṃ tathā

dakṣorūpari paścimena vidhinā dhṛtvā karābhyāṃ dṛḍham |

aṅguṣṭhau hṛdaye nidhāya cibukaṃ nāsāgram ālokayed

etad vyādhi-vikāra-nāśana-karaṃ padmāsanaṃ procyate || 1.11 ||

ṣaṭ-cakraṃ ṣoḍaśādhāraṃ dvi-lakṣyaṃ vyoma-pañcakam |

sva-dehe ye na jānanti kathaṃ sidhyanti yoginaḥ || 1.12 ||

eka-stambhaṃ nava-dvāraṃ gṛhaṃ pañcādhidaivatam |

sva-dehe ye na jānanti kathaṃ sidhyanti yoginaḥ || 1.13 ||

catur-dalaṃ syād ādhāraṃ svādhiṣṭhānaṃ ca ṣaḍ-dalam |

nābhau daśa-dalaṃ padmaṃ sūrya-saṅkhyā-dalaṃ hṛdi || 1.14 ||

kaṇṭhe syāt ṣoḍaśa-dalaṃ bhrū-madhye dvi-dalaṃ tathā |

sahasra-dalam ākhyātaṃ brahma-randhre mahā-pathe || 1.15 ||

ādhāraṃ prathamaṃ cakraṃ svādhiṣṭhānaṃ dvitīyakam |

yoni-sthānaṃ dvayor madhye kāma-rūpaṃ nigadyate || 1.16 ||

ādhārākhye guda-sthāne paṅkajaṃ ca catur-dalam |

tan-madhye procyate yoniḥ kāmākhyā siddha-vanditā || 1.17 ||

yoni-madhye mahā-liṅgaṃ paścimābhimukha-sthitam |

mastake maṇi-vad bimbaṃ yo jānāti sa yoga-vit || 1.18 ||

tapta-cāmīkarābhāsaṃ taḍil-lekheva visphurat |

tri-koṇaṃ tat puraṃ vahner adho meḍhrāt pratiṣṭhitam || 1.19 ||

yat samādhau paraṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham |

tasmin dṛṣṭe mahā-yoge yātāyātaṃ na vindate || 1.20 ||

sva-śabdena bhavet prāṇaḥ svādhiṣṭhānaṃ tad-āśrayaḥ |

svādhiṣṭhānāśrayād asmān meḍhram evābhidhīyate || 1.21 ||

tantunā maṇi-vat proto yatra kandaḥ suṣumṇayā |

tan nābhi-maṇḍalaṃ cakraṃ procyate maṇi-pūrakam || 1.22 ||

dvādaśāre mahā-cakre puṇya-pāpa-vivarjite |

tāvaj jīvo bhramaty eva yāvat tattvaṃ na vindati || 1.23 ||

ūrdhvaṃ meḍhrād adho nābheḥ kando yoniḥ khagāṇḍa-vat |

tatra nāḍyaḥ samutpannāḥ sahasrāṇāṃ dvi-saptatiḥ || 1.24 ||

teṣu nāḍī-sahasreṣu dvi-saptatir udāhṛtāḥ |

pradhānāḥ prāṇa-vāhinyo bhūyas tāsu daśa smṛtāḥ || 1.25 ||

iḍā ca piṅgalā caiva suṣumṇā ca tṛtīyakā |

gāndhārī hasti-jihvā ca pūṣā caiva yaśasvinī || 1.26 ||

alambuṣā kuhūś caiva śaṅkhinī daśamī smṛtā |

etan nāḍī-mayaṃ cakraṃ jñātavyaṃ yogibhiḥ sadā || 1.27 ||

iḍā vāme sthitā bhāge piṅgalā dakṣiṇe sthitā |

suṣumṇā madhya-deśe tu gāndhārī vāma-cakṣuṣi || 1.28 ||

dakṣiṇe hasti-jihvā ca pūṣā karṇe ca dakṣiṇe |

yaśasvinī vāma-karṇe hy ānane cāpy alambuṣā || 1.29 ||

kuhūś ca liṅga-deśe tu mūla-sthāne ca śaṅkhinī |

evaṃ dvāraṃ samāśritya tiṣṭhanti daśa nāḍayaḥ || 1.30 ||

iḍā-piṅgalā-suṣumṇāḥ prāṇa-mārge samāśritāḥ |

satataṃ prāṇa-vāhinyaḥ soma-sūryāgni-devatāḥ || 1.31 ||

prāṇo'pānaḥ samānaś codāna-vyānau ca vāyavaḥ |

nāgaḥ kūrmo'tha kṛkaro deva-datto dhanañ-jayaḥ || 1.32 ||

hṛdi prāṇo vasen nityam apāno guda-maṇḍale |

samāno nābhi-deśe tu udānaḥ kaṇṭha-madhyagaḥ || 1.33 ||

vyāno vyāpī śarīreṣu pradhānāḥ pañca vāyavaḥ |

prāṇādyāḥ pañca vikhyātā nāgādyāḥ pañca vāyavaḥ || 1.34 ||

udgāre nāga ākhyātaḥ kūrma unmīlane smṛtaḥ |

kṛkaraḥ kṣuta-kṛj jñeyo deva-datto vijṛmbhaṇe || 1.35 ||

na jahāti mṛtaṃ cāpi sarva-vyāpi-dhanañ-jayaḥ |

ete sarvāsu nāḍīṣu bhramante jīva-rūpiṇaḥ || 1.36 ||

ākṣipto bhuja-daṇḍena yathoccalati kandukaḥ |

prāṇāpāna-samākṣiptas tathā jīvo na tiṣṭhati || 1.37 ||

prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaś cordhvaṃ ca dhāvati |

vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa cañcalatvān na dṛśyate || 1.38 ||

rajju-baddho yathā śyeno gato'py ākṛṣyate punaḥ |

guṇa-baddhas tathā jīvaḥ prāṇāpānena kṛṣyate || 1.39 ||

apānaḥ karṣati prāṇaṃ prāṇo'pānaṃ ca karṣati |

ūrdhvādhaḥ saṃsthitāv etau saṃyojayati yoga-vit || 1.40 ||

ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ |

haṃsa-haṃsety amuṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā || 1.41 ||

ṣaṭ-śatāni tv aho-rātre sahasrāṇy eka-viṃśatiḥ |

etat-saṅkhyānvitaṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā || 1.42 ||

ajapā nāma gāyatrī yogināṃ mokṣa-dāyinī |

asyāḥ saṅkalpa-mātreṇa sarva-pāpaiḥ pramucyate || 1.43 ||

anayā sadṛśī vidyā anayā sadṛśo japaḥ |

anayā sadṛśaṃ jñānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati || 1.44 ||

kuṇḍalinyāḥ samudbhūtā gāyatrī prāṇa-dhāriṇī |

prāṇa-vidyā mahā-vidyā yas tāṃ vetti sa yoga-vit || 1.45 ||

kandordhve kuṇḍalī śaktir aṣṭa-dhā kuṇḍalākṛtiḥ |

brahma-dvāra-mukhaṃ nityaṃ mukhenācchādya tiṣṭhati || 1.46 ||

yena dvāreṇa gantavyaṃ brahma-dvāram anāmayam |

mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī || 1.47 ||

prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha |

sūcī-va guṇam ādāya vrajaty ūrdhvaṃ suṣumṇayā || 1.48 ||

prasupta-bhujagākārā padma-tantu-nibhā śubhā |

prabuddhā vahni-yogena vrajaty ūrdhvaṃ suṣumṇayā || 1.49 ||

udghāṭayet kapāṭaṃ tu yathā kuñcikayā haṭhāt |

kuṇḍalinyā tathā yogī mokṣa-dvāraṃ prabhedayet || 1.50 ||

kṛtvā sampuṭitau karau dṛḍhataraṃ baddhvā tu padmāsanaṃ

gāḍhaṃ vakṣasi sannidhāya cibukaṃ dhyānaṃ ca tac cetasi |

vāraṃ vāram apānam ūrdhvam anilaṃ proccārayet pūritaṃ

muñcan prāṇam upaiti bodham atulaṃ śakti-prabhāvād ataḥ || 1.51 ||

aṅgānāṃ mardanaṃ kṛtvā śrama-sañjāta-vāriṇā |

kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī kṣīra-bhojanam ācaret || 1.52 ||

brahma-cārī mitāhārī tyāgī yoga-parāyaṇaḥ |

abdād ūrdhvaṁ bhavet siddho nātra kāryā vicāraṇā || 1.53 ||

su-snigdhaṃ madhurāhāraṃ caturthāṃśa-vivarjitam |

bhuñjate sva-rasaṃ prītyai mitāhārī sa ucyate || 1.54 ||

kandordhvaṃ kuṇḍalī śaktiḥ śubha-mokṣa-pradāyinī |

bandhanāya ca mūḍhānāṃ yas tāṁ vetti sa veda-vit || 1.55 ||

mahā-mudrāṃ nabho-mudrām uḍḍīyānaṃ jalandharam |

mūla-bandhaṃ ca yo vetti sa yogī mukti-bhājanaḥ || 1.56 ||

vakṣo-nyasta-hanuḥ prapīḍya su-ciraṃ yoniṃ ca vāmāṅghriṇā

hastābhyām anudhārayet prasaritaṃ pādaṃ tathā dakṣiṇam |

āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayed

eṣā vyādhi-vināśinī su-mahatī mudrā nṛṇāṃ kathyate || 1.57 ||

candrāṅgena samabhyasya sūryāṅgenābhyaset punaḥ |

yāvat tulyā bhavet saṅkhyā tato mudrāṃ visarjayet || 1.58 ||

na-hi pathyam apathyaṃ vā rasāḥ sarve’pi nīrasāḥ |

api bhuktaṃ viṣaṃ ghoraṃ pīyūṣam iva jīryate || 1.59 ||

kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-purogamāḥ |

rogās tasya kṣayaṃ yānti mahā-mudrāṃ ca yo'bhyaset || 1.60 ||

kathiteyaṃ mahā-mudrā mahā-siddhi-karī nṛṇām |

gopanīyā prayatnena na deyā yasya kasya-cit || 1.61 ||

kapāla-kuhare jihvā praviṣṭā viparītagā |

bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khe-carī || 1.62 ||

na rogo maraṇaṃ tasya na nidrā na kṣudhā tṛṣā |

na mūrcchā tu bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khe-carīm || 1.63 ||

pīḍyate na ca śokena lipyate na ca karmaṇā |

bādhyate na sa kenāpi yo mudrāṃ vetti khe-carīm || 1.64 ||

cittaṃ calati no yasmāj jihvā carati khe-carī |

teneyaṃ khe-carī siddhā sarva-siddhair namas-kṛtā || 1.65 ||

bindu-mūlaṃ śarīrāṇāṃ śirās tatra pratiṣṭhitāḥ |

bhāvayanti śarīrāṇām ā-pāda-tala-mastakam || 1.66 ||

khe-caryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ |

na tasya kṣarate binduḥ kāminyāliṅgitasya ca || 1.67 ||

yāvad binduḥ sthito dehe tāvan mṛtyor bhayaṃ kutaḥ |

yāvad baddhā nabho-mudrā tāvad bindur na gacchati || 1.68 ||

calito'pi yadā binduḥ samprāptaś ca hutāśanam |

vrajaty ūrdhvaṃ hṛtaḥ śaktyā niruddho yoni-mudrayā || 1.69 ||

sa punar dvi-vidho binduḥ pāṇḍuro lohitas tathā |

pāṇḍuraḥ śukram ity āhur lohitākhyo mahā-rajaḥ || 1.70 ||

sindūra-drava-saṅkāśaṃ nābhi-sthāne sthitaṃ rajaḥ |

śaśi-sthāne sthito bindus tayor aikyaṃ su-dur-labham || 1.71 ||

binduḥ śivo rajaḥ śaktiś candro bindū rajo raviḥ |

anayoḥ saṅgamād eva prāpyate paramaṃ padam || 1.72 ||

vāyunā śakti-cāreṇa preritaṃ tu yadā rajaḥ |

yāti bindoḥ sahaikatvaṃ bhaved divyaṃ vapus tadā || 1.73 ||

śukraṃ candreṇa saṃyuktaṃ rajaḥ sūryeṇa saṃyutam |

tayoḥ sama-rasaikatvaṃ yo jānāti sa yoga-vit || 1.74 ||

śodhanaṃ nāḍi-jālasya cālanaṃ candra-sūryayoḥ |

rasānāṃ śoṣaṇaṃ caiva mahā-mudrābhidhīyate || 1.75 ||

uḍyānaṃ kurute yasmād aviśrāntaṃ mahā-khagaḥ |

uḍḍīyānaṃ tad eva syān mṛtyu-mātaṅga-kesarī || 1.76 ||

udarāt paścime bhāge adho nābher nigadyate |

uḍḍiyāno hy ayaṃ bandhas tatra bandho nigadyate || 1.77 ||

Konkordanz der Verse der Goraksha Paddhati, des Goraksha Shataka (Version 1 und 2), der Yogachudamani Upanishad, der Hatha Yoga Pradipika und weiterer Texte

Diese Übersicht betrachtet die Verse der Goraksha Paddhati (Shataka 1 und 2) im Vergleich mit identischen oder ähnlich lautenden Versen der Versionen 1 und 2 des Goraksha Shataka, der Yogachudamani Upanishad, des Viveka Martanda, des im Yoga Tarangini Tika gannten Kommentar überlieferten Textes, der Hatha Yoga Pradipika, der Gheranda Samhita sowie der Siddha Siddhanta Paddhati.


Abkürzungen:

  • GP Goraksha Paddhati (Shataka 1 und 2)
  • GŚ 1 Goraksha Shataka (Version 1)
  • GŚ 2 Goraksha Shataka (Version 2)
  • YCU Yogachudamani Upanishad
  • VM Viveka Martanda
  • YTṬ Yoga Tarangini Tika
  • HYP Hatha Yoga Pradipika
  • GhS Gheranda Samhita
  • ŚS Shiva Samhita
  • SSP Siddha Siddhanta Paddhati
  • ĀK Anandakanda
  • ab / cd erstes und zweites / drittes und viertes Versviertel (Pada)
  • ef fünftes und sechstes Versviertel
  • = ist identisch mit
  • ist nahezu identisch mit
  • ~ ist ähnlich, weicht mehr oder weniger stark ab von


GP (Shataka 1) GŚ 1 GŚ 2 YCU VM YTṬ HYP GhS weitere Texte
1.1 = 1 = 1 = 1.1
1.2 = 3 = 3 = 1.3
1.3 (ab) ~ 4 ~ 1 ab ~ 1.4
1.4 ~ 2 = 5 = 4 = 1.5
1.5 ~ 3 = 6 ~ 5 = 1.6
1.6 ~ 4 = 7 ~ 2 ~ 6 = 1.7
1.7 (ab) ~ 5 ~ 8 ~ 10 = 1.8 ~ 2.1 ab
1.8 (a / d) ~ 6 = 9 ~ 11 = 1.9 ~ 2.1 c / = 2.2 b
1.9 (cd) ~ 7 ~ 10 = 3 ab ~ 12 = 1.10
1.10 ~ 8 ~ 11 ~ 13 ~ 1.11 = 1.37 ~ 2.7
1.11 ~ 9 = 12 ~ 14 = 1.12 ~ 1.46 ~ 2.8
1.12 ~ 13 ~ 3 cd / 4 ab = 1.13 ~ SSP 2.31
1.13 ≃ 14 = 1.14
1.14 ≃ 15 ~ 4 cd / 5 ab ≃ 17 = 1.15
1.15 = 16 ~ 5 cd / 6 ab = 18 = 1.16
1.16 = 10 = 17 = 6 cd / 7 ab = 19 = 1.17
1.17 ~ 11 ~ 18 ~ 7 cd / 8 ab ~ 20 ~ 1.18
1.18 ~ 12 ≃ 19 ~ 8 cd / 9 ab ≃ 21 ≃ 1.19
1.19 ~ 13 = 20 = 9 cd / 10 ab = 22 = 1.20
1.20 ~ 21 ~ 10 cd / 11 ab ~ 23 ~ 1.21
GP (Shataka 1) GŚ 1 GŚ 2 YCU VM YTṬ HYP GhS weitere Texte
1.21 ~ 14 ~ 22 ≃ 11 cd / 12 ab ~ 25 = 1.22
1.22 = 15 = 23 ≃ 12 cd / 13 ab = 26 = 1.23
1.23 = 24 ≃ 13 cd / 14 ab = 27 = 1.24
1.24 ~ 16 ≃ 25 ~ 14 cd / 15 ab ~ 28 ≃ 1.25
1.25 ~ 17 ≃ 26 ≃ 15 cd / 16 ab = 29 = 1.26
1.26 = 18 = 27 ≃ 16 cd / 17 ab = 30 = 1.27
1.27 = 19 = 28 ~ 17 cd / 18 ab = 31 = 1.28
1.28 ~ 20 = 29 ~ 18 cd / 19 ab ~ 32 = 1.29
1.29 ≃ 21 ≃ 30 ~ 19 cd / 20 ab ~ 33 = 1.30
1.30 ~ 22 ~ 31 ~ 20 cd / 21 ab = 34 ≃ 1.31
1.31 ~ 23 = 32 ~ 21 cd / 22 ab ~ 35 ≃ 1.32
1.32 ~ 24 = 33 ~ 22 cd / 23 ab ~ 36 ≃ 1.33
1.33 ~ 34 ~ 23 cd / 24 ab ~ 37 cd / 38 ab = 1.34
1.34 (ab) ~ 25 ab ~ 35 ~ 24 cd ~ 38 cd / 37 ab ≃ 1.35
1.35 = 36 ~ 25 ~ 39 ≃ 1.36
1.36 (cd) ~ 25 cd ≃ 37 ~ 26 ~ 40 ≃ 1.37
1.37 ~ 27 = 38 = 27 = 41 = 1.38
1.38 = 26 = 39 ≃ 28 = 42 = 1.39
1.39 = 28 = 40 ≃ 29 = 43 = 1.40
1.40 ~ 29 = 41 ~ 30 cd / 31 ab = 44 = 1.41
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1.41 (ab / d) = 42 = 31 cd / 32 ab = 45 = 1.42 ~ 5.86 cd / = 5.87 d
1.42 = 43 ~ 32 cd / 33 ab ~ 46 = 1.43 ~ 5.87
1.43 (a) = 44 ~ 33 cd / 34 ab ~ 47 = 1.44 ~ 5.87 c
1.44 = 45 = 34 cd / 35 ab = 48 = 1.45
1.45 = 46 ≃ 35 cd / 36 ab = 51 = 1.46
1.46 ~ 30 ≃ 47 = 36 cd / 37 ab ~ 53 = 1.47
1.47 ~ 48 = 37 cd / 38 ab ~ 54 ~ 1.48 ~ 3.106
1.48 ~ 31 ≃ 49 ~ 38 cd / 39 ab ~ 55 ≃ 1.49
1.49 ~ 50 ~ 52 ~ 1.50
1.50 = 51 ~ 39 c-f = 56 = 1.51 ≃ 3.105 ~ 3.51
1.51 ~ 52 ~ 40 ~ 57 ~ 1.52 ~ 1.50
1.52 ~ 50 ~ 53 = 41 ~ 58 ~ 1.53
1.53 = 54 ~ 42 = 59 = 1.54 ~ 1.59
1.54 ≃ 55 ~ 43 ~ 60 ≃ 1.55 ~ 1.60
1.55 (a) ~ 56 ~ 44 ≃ 53 a ~ 1.56 ~ 3.107
1.56 ~ 32 ≃ 57 ≃ 45 ~ 61 ≃ 1.57 ~ 3.6 ~ 3.1 a-c
1.57 ~ 33 ≃ 59 ~ 66 = 82
1.58 = 60 ~ 67 = 83 ~ 3.15
1.59 ≃ 61 ~ 68 ≃ 84 ≃ 3.16
1.60 ~ 62 ~ 69 ~ 85 ~ 3.17
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1.61 ~ 63 = 70 = 86 = 3.18
1.62 = 34 = 64 = 52 = 68 = 3.32 ~ 3.27
1.63 ~ 65 ~ 53 ~ 70 ~ 3.39 vgl. 3.28
1.64 ~ 66 ~ 54 = 71 ~ 3.40
1.65 ~ 67 ~ 55 ~ 69 ~ 3.41
1.66 ~ 68 ~ 56 ~ 72 vgl. 3.90
1.67 = 69 ~ 57 = 73 ~ 3.42
1.68 (ab) ~ 70 ~ 58 = 74 ~ 3.89 cd ~ ĀK 1.20.95
1.69 = 71 ~ 59 = 75 ~ 3.43
1.70 ~ 72 ~ 60 ~ 76 vgl. ĀK 1.20.97 cd/98 cd
1.71 ~ 73 ~ 61 ~ 77
1.72 ~ 74 ~ 62 ~ 78
1.73 ~ 75 ~ 63 = 79 vgl. ĀK 1.20.100
1.74 = 76 ~ 64 ~ 60
1.75 = 58 = 65 ~ 81
1.76 (abc / d) / = 35 d ≃ 77 ≃ 48 ≃ 64 ≃ 3.56 a-c/57 d ~ 3.10 ~ ŚS 4.73 cd
1.77
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Die Übersetzung, Wort-für-Wort-Übersetzung und Anmerkungen stammen von dem Indologen Dr. phil. Oliver Hahn. Er ist unter anderem Autor für Yoga Wiki, Seminarleiter, Yogalehrer, Übersetzer, Lektor und Autor eines Online Sanskrit Kurses.

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Literatur

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