Brahmacharin

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Brahmacharin (Sanskrit: ब्रह्मचारिन् brahmacārin adj. u. m., Nom. Sg. ब्रह्मचारी brahmacārī) die heilige Wissenschaft (den Veda) studierend (Charin); Enthaltsamkeit übend; Brahmanenschüler.

Ein Brahmacharin ist jemand, der nach Brahman, dem Absoluten strebt. Ein Brahmacharin ist jemand, der Brahmacharya lebt, ein zölibatär lebender Schüler. Konkret hat das Wort je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen:

Sukadev Volker Bretz mit Swami Vishnudevananda, Spanien 1985

Sukadev über Brahmacharin

Niederschrift eines Vortragsvideos (2014) von Sukadev über Brahmacharin

Brahmacharin ist jemand, der sein Verhalten auf Brahman ausrichtet, jemand, der sich so verhalten will, um Brahman zu verwirklichen. Brahmacharin hat verschiedene Bedeutungen. Eben wörtlich heißt es: Brahman – das Absolute, das Unendliche, Gott. Achara heißt "sich verhalten". Ein Brahmacharin ist jemand, der sich so verhält, dass er Brahman erfahren will. Das soll heißen, es reicht nicht aus, es nur zu wollen, es reicht nicht aus, nur über Brahman nachzudenken, es reicht nicht aus, nur zu lesen. Es ist wichtig, es auch in der Praxis umzusetzen. Es ist gut, zu lesen. Es ist gut, die höchste Verwirklichung erreichen zu wollen. Aber dann ist es wichtig, dass du auch tatsächlich so handelst, dass du in die Praxis umsetzt, was du gelesen hast.

Swami Sivananda hat gerne gesagt: "Ein Gramm Praxis ist besser als Tonnen von Theorie." Daher, werde in jedem Fall zu einem solchen Brahmachari, jemand, der sich so verhält, dass sein Leben auf Gott ausgerichtet ist, dass er immer mehr Gott erfährt. Brahmacharin hat noch andere Bedeutungen. Brahmacharin ist jemand, der in verschiedenen Sinnkontexten Brahmacharya lebt. Brahmacharya ist ja zum einen die Lernperiode. Im alten Indien, im so genannten Gurukula System, sind Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren in die Familie des Gurus gegangen und haben dort bis zum Alter von zwanzig bis fünfundzwanzig verbracht. Sie haben dort gelernt, sie haben dort ihren Beruf gelernt, sie haben spirituelle Praktiken gelernt, Meditation, Asanas, Pranayama, Schriften, Rituale usw.

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Und wer so zu dem Lehrer geht, ist ein Brahmachari. Brahmacharin hat als zweite Bedeutung, jemand, der sich auf Sannyas vorbereitet. Sannyas ist Entsagung. Jemand, der entsagt hat, ist ein Sannyasin und wird Swami genannt, ein Mönch oder auch eine Nonne. Brahmacharya ist die Vorstufe dazu. Unserer Tradition zum Beispiel mit Swami Sivananda, Swami Vishnudevananda, ist auch eine Mönchstradition. Swami heißt Mönch. Wenn man in unserer Tradition irgendwann mal zum Mönch oder zur Nonne werden will, dann nimmt man vorher das Brahmacharya-Gelübde, man wird zum Brahmachari. In unserer Tradition heißt das, man geht in gelben Kleidern durch die Welt und man legt verschiedene Gelübde ab. Das wichtigste ist das Gelübde der Keuschheit, das Gelübde des Verzichtes auf Sexualität und auf Paarbeziehung. Das kann man für mindestens drei Jahre machen, und wenn man sechs Jahre Brahmacharin ist und dann will, kann man überwechseln und dann zum Swami geweiht werden.

Oder man kann nach drei Jahren oder später Brahmacharya wieder verlassen und dann zum Grihastya werden, also zu jemandem, der ins Berufs- und Familienleben geht. Brahmachari, bei Yoga Vidya, heißt auch, dass du Mitarbeiter in einem Ashram oder einem Zentrum bist, denn es ist ja eine Vorstufe des monastischen Lebens. Natürlich, bei Yoga Vidya ist die Mehrzahl der Menschen entweder in einer Partnerbeziehung und Familie oder lebt als Single ohne ein formelles Gelübde dort zu haben.

Aber es gibt eben auch diese Mönchstradition. Brahmacharin hat noch eine weitere Bedeutung. Brahmacharin ist auch jemand, der keusch lebt, enthaltsam lebt, das heißt, auf sexuelle Beziehung verzichtet, auch ohne, dass er ein äußerliches Gelübde abgelegt hat oder durch eine Einweihung zum Brahmacharin wird. Aber man kann für sich selbst sagen: "Für eine gewisse Zeit will ich Brahmacharya einhalten, ich will zum Brahmacharin werden." Das kann man machen für eine Zeit der intensiven Praxis, man kann es machen, vielleicht wenn eine Partnerbeziehung zu Ende gegangen ist oder auch, es können beide Partner gemeinsam sagen: "Für ein paar Wochen wollen wir so leben." Du siehst, Brahmachari, verschiedenste Bedeutungen. In der einfachsten, du kannst zum Brahmacharin werden, egal, in welchen Lebensumständen du bist, wenn du dein Verhalten auf Brahman ausrichtest. Brahmachari, auch Schülerschaft. Brahmacharin – Novize. Brahmacharin – derjenige, der enthaltsam leben will. Aber die wörtliche Bedeutung: Brahmacharin – jemand, der sein Verhalten ausrichtet auf die Verwirklichung von Brahman.

Swami Sivananda über Brahmacharin

Auszüge aus dem Buch "Lord Krishna, His Lilas and Teachings" von Swami Sivananda, The Divine Life Society Publication. Nacherzählung der Geschichte "Die Aufgaben eines Schülers (Brahmachari)"

Uddhava fragte weiter: „Du hast schon erwähnt, dass Bhakti, Hingabe für alle Menschen gut ist, die sich an die Regeln halten, die für ihren Lebensabschnitt gelten. Bitte erkläre mir nun im Einzelnen, welche Dharmas für welchen Stand und welche Lebensphase gut sind, um diese Hingabe an Gott zu entwickeln. Denn das Wissen über die ewige Wahrheit, Brahman, welches du vor langer Zeit in Gestalt eines Schwans dem Brahma und seinen Söhnen weitergegeben hast, ist heute vielleicht nicht mehr überliefert. Niemand außer dir kann diesen Dharma auf der Erde lehren, praktizieren und aufrechterhalten, nicht einmal in der Sphäre Brahmas, wo alle Wissenschaften und die ihnen vorstehenden Gottheiten präsent sind. Wenn du als der Schöpfer, Bewahrer und Darleger des Dharma die Erde verlässt, werden Religion und Dharma untergehen. Niemand wird es dann mehr lehren. Daher bitte ich dich, erkläre mir den Dharma, der zur Hingabe an Gott führt und wie er in den jweiligen Lebensphasen und -situationen umzusetzen ist. Krishna sprach: „Deine Frage ist berechtigt und wichtig, o Uddhava, denn sie eröffnet den Menschen, die den Aufgaben ihres Standes und ihrer Lebensstadien nachkommen, den Weg zu Moksha, der Befreiung. Am Anfang der Schöpfung, im Krita bzw. Satya Yuga, gab es nur einen sozialen Stand, „Hamsa“. Die Menschen hatten von Geburt an keine Wünsche mehr, sondern alle ihre Ziele waren schon von Natur aus erfüllt. Sie waren in völligem Einklang mit mir. Daher heißt jenes Weltalter „Krita Yuga“ – „das Weltalter, in dem alles bereits erfüllt/getan ist“. In jenem Weltalter bestand der Veda aus einer einzigen Silbe, der heiligen Silbe Om, und ich verkörperte den Dharma in Gestalt eines Stiers mit vier Beinen. Die Menschen jener Zeit waren vollkommen rein, beständig in ihren Praktiken und meditierten auf mich. Im Treta Yuga kamen die Vedas aus mir hervor und ich erschien als das vedische Opfer mit den drei Repräsentanten des Hota, Adhvaryu und dem Udgata. Die vier Kasten der Brahmanen (Priester), Kshatriya (Krieger; Beamte), Vaishya (Händler und Handwerker) und Shudra (Diener) entstanden aus dem Virat Purusha, aus seinem Mund, seinen Armen, Lenden und Füßen. Je nach ihrer Veranlagung und Aufgaben gehören sie einem dieser Stände an. Die Haushälter im Berufs- und Familienleben (Grihastha) stammen aus meinen Lenden und die Vedaschüler (Brahmachari) aus meinem Herzen. Die Einsiedler des Waldes (Vanaprashta) entstammen meiner Brust und die Entsagten (Sannyasi) aus meinem Haupt. Selbstbeherrschung, Meditation, Reinheit, Zufriedenheit, Nachsicht, Duldsamkeit, Aufrichtigkeit, Gottesliebe, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit sind Charakteristika eines Brahmanen. Majestät, Kraft, Stärke, Heldentum, Durchhaltevermögen, Großzügigkeit, Geduld, Anstrengung, andere zu führen und zu leiten, Rechtschaffenheit sowie Ehrerbietung für die Brahmanen sind Charakteristika eines Kshatriya. Glaube, große Spendenbereitschaft, Aufrichtigkeit, Dienst an den Brahmanen, das Streben nach Besitz und Wohlstand sind Charakteristika eines Vaishya. Dienst für die Zweimalgeborenen (Dvijas) , Gottheiten und sich um die Kühe und das Vieh zu kümmern und mit dem Lohn dafür zufrieden zu sein sind die Charakteristika eines Shudra. Unreinheit, Falschheit, Stehlen, Mangel an Glauben, Atheismus, Streitsucht ohne Anlass, Leidenschaft, Zorn und Gier sind Charakteristika einer weiteren Art von Menschen. Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Freiheit von Leidenschaft, Zorn und Gier sowie das Bemühen, das zu tun, was hilfreich und gut für alle ist – das ist der natürliche Dharma, ethische Richtlinien und Verhaltensweisen, an die sich alle halten sollen, ungeachtet ihres Standes.

Brahmacharin ब्रह्मचारिन् brahma-cārin Aussprache

Hier kannst du hören, wie das Sanskritwort Brahmacharin, ब्रह्मचारिन्, brahma-cārin ausgesprochen wird:

Mehr zu Brahmacharin bei Yoga Vidya

Mehr zu Brahmacharya und zum Leben als Brahmacharin findest du unter dem Stichwort Swami.

Siehe auch

Literatur

  • Dowson, John: A Classical Dictionary of Hindu Mythology and Religion – Geography, History and Religion; D.K.Printworld Ltd., New Delhi, India, 2005

Weblinks

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