Staunen

Aus Yogawiki

Staunen ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, die entsteht, wenn etwas unsere bisherigen Vorstellungen übersteigt und uns für einen Augenblick aus dem gewohnten Denken heraustreten lässt. Im Yoga, in der Meditation und auf dem spirituellen Weg kann Staunen zu Achtsamkeit, Offenheit und einer unmittelbaren Erfahrung von Verbundenheit führen.

Staunen öffnet den Blick für das, was größer ist als unsere gewohnten Vorstellungen.

Staunen – wenn das Gewöhnliche außergewöhnlich wird

Was bedeutet Staunen?

Staunen bezeichnet einen Zustand intensiver Aufmerksamkeit, der durch etwas Unerwartetes, Schönes, Großartiges, Geheimnisvolles oder zunächst Unbegreifliches ausgelöst wird. Wer staunt, hält innerlich einen Augenblick inne. Gewohnte Bewertungen treten zurück, während die Wahrnehmung ganz auf das gerichtet ist, was sich gerade zeigt.

Das Wort Staunen kann dabei unterschiedliche Erfahrungen umfassen: die Verwunderung über etwas Überraschendes, die Bewunderung außergewöhnlicher Fähigkeiten, das ehrfürchtige Ergriffensein angesichts der Natur oder des Universums sowie jenes stille Staunen, das keinen besonderen äußeren Anlass benötigt. Ein Mensch kann über einen Sternenhimmel ebenso staunen wie über eine Blüte, den menschlichen Körper, eine wissenschaftliche Erkenntnis oder einen unscheinbaren Augenblick des Alltags.

Staunen unterscheidet sich von bloßer Überraschung dadurch, dass es häufig über den ersten Moment hinausführt. Es weckt Neugier, öffnet Fragen und kann die eigene Sicht auf die Welt verändern.

Staunen – Bedeutung in Psychologie und Philosophie

In der Psychologie wird Staunen häufig im Zusammenhang mit Awe untersucht, einem Begriff, der je nach Kontext mit Staunen, Ehrfurcht oder überwältigender Bewunderung übersetzt werden kann. Gemeint sind Erfahrungen, bei denen ein Mensch mit etwas konfrontiert wird, das größer oder umfassender erscheint als sein gewohntes Bezugssystem.

Dabei muss „Größe“ nicht ausschließlich räumlich gemeint sein. Auch eine außergewöhnliche menschliche Handlung, eine tiefgreifende Erkenntnis, Musik, Kunst oder eine spirituelle Erfahrung können Staunen hervorrufen. Charakteristisch ist, dass vorhandene Denkmuster zunächst nicht ausreichen, um das Erlebte vollständig einzuordnen. Der Geist muss seine bisherigen Vorstellungen erweitern oder neu ordnen.

Auch in der Philosophie besitzt das Staunen eine lange Tradition. Bereits in der antiken griechischen Philosophie wurde das Staunen als wichtiger Ausgangspunkt philosophischen Fragens betrachtet. Wer staunt, nimmt das scheinbar Selbstverständliche nicht länger einfach hin, sondern beginnt zu fragen: Warum ist etwas so? Was bedeutet es? Was liegt hinter dem unmittelbar Sichtbaren?

Damit steht Staunen am Anfang einer Bewegung vom bloßen Wahrnehmen zum tieferen Erkennen.

Worüber Menschen staunen

Staunen kann durch sehr unterschiedliche Erfahrungen ausgelöst werden. Menschen staunen über Unerwartetes und Außergewöhnliches, über Schönheit und Natur, über wissenschaftliche Erkenntnisse oder über grundlegende Fragen des Lebens. Auch scheinbar alltägliche Dinge können zum Gegenstand des Staunens werden, wenn sie mit neuer Aufmerksamkeit betrachtet werden.

Verwundertes und überraschtes Staunen

Das verwunderte Staunen entsteht durch etwas Unerwartetes. Eine Situation entspricht nicht dem, was der Mensch aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen erwartet hat. Für einen Augenblick wird die gewohnte Ordnung unterbrochen.

Diese Form des Staunens ist eng mit Neugier verbunden. Aus dem inneren „Das hätte ich nicht erwartet“ kann die Frage entstehen: „Wie ist das möglich?“ Verwunderung kann dadurch zu Lernen, Forschung und Selbsterkenntnis führen.

Überraschung ist zunächst eine unmittelbare Reaktion auf etwas Unerwartetes. Sie kann angenehm, unangenehm oder neutral sein und klingt häufig schnell wieder ab. Staunen kann aus Überraschung entstehen, geht aber meist darüber hinaus.

Wer überrascht ist, reagiert auf eine Abweichung von einer Erwartung. Wer staunt, richtet seine Aufmerksamkeit auf das Unerwartete und lässt sich davon berühren. Deshalb besitzt Staunen häufig eine kontemplative Qualität.

Auch Verwunderung, Bewunderung und Ehrfurcht sind mit Staunen verwandt, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Verwunderung fragt eher nach dem Unerwarteten, Bewunderung nach dem Außergewöhnlichen und Ehrfurcht nach einer erfahrenen Größe oder Tiefe.

Bewunderndes und ästhetisches Staunen

Beim bewundernden Staunen richtet sich die Aufmerksamkeit auf etwas, das als außergewöhnlich, schön oder besonders gelungen erlebt wird. Das können menschliche Fähigkeiten, ein Kunstwerk, eine musikalische Darbietung, eine beeindruckende Yogapraxis oder eine außergewöhnliche Handlung sein.

Bewunderung kann inspirieren. Sie zeigt, was möglich ist, sollte jedoch nicht automatisch in Vergleich oder Selbstabwertung übergehen. Aus yogischer Sicht kann bewunderndes Staunen vielmehr dazu anregen, Schönheit und Fähigkeiten wahrzunehmen, ohne sie besitzen zu müssen.

Ästhetisches Staunen entsteht angesichts von Schönheit. Ein Sonnenaufgang, ein Gebirge, ein Tempel, Musik, ein Gemälde oder eine einzelne Blüte können einen Menschen so berühren, dass für einen Moment das analysierende Denken zurücktritt.

Das Besondere dieser Erfahrung liegt häufig darin, dass sie keiner unmittelbaren Erklärung bedarf. Etwas wird zunächst einfach wahrgenommen. In dieser unmittelbaren Wahrnehmung besteht eine Nähe zur Achtsamkeit.

Staunen über die Natur

Staunen über die Natur: Wer aufmerksam wahrnimmt, kann das Außergewöhnliche auch im Kleinen entdecken.

Eine besonders verbreitete Form ist das Staunen über die Natur. Der Blick in einen klaren Sternenhimmel, das Meer, ein alter Baum, ein Wasserfall, die Vielfalt eines Ökosystems oder die Weite einer Landschaft können das eigene menschliche Maß relativieren.

Naturerfahrungen machen unmittelbar sichtbar, dass der Mensch Teil größerer Zusammenhänge ist. Dadurch können Demut, Dankbarkeit und ein stärkeres Bewusstsein für die Verbundenheit allen Lebens entstehen.

Wissenschaftliches Staunen

Auch Wissenschaft beginnt häufig mit Staunen. Die Frage, warum Sterne leuchten, wie Leben entsteht, wie das Gehirn arbeitet oder warum bestimmte Naturgesetze gelten, kann aus einer zunächst einfachen Verwunderung hervorgehen.

Wissenschaftliches Staunen zeigt, dass Wissen und Staunen keine Gegensätze sein müssen. Eine Erklärung kann das Staunen sogar vertiefen. Wer beispielsweise versteht, welche komplexen Prozesse in einer einzelnen Zelle stattfinden, muss sie deshalb nicht weniger erstaunlich finden.

Philosophisches Staunen

Philosophisches Staunen richtet sich auf grundlegende Fragen des Daseins. Warum gibt es überhaupt etwas? Was ist Bewusstsein? Was bedeutet Wirklichkeit? Was ist Zeit? Wer bin ich?

Solche Fragen müssen nicht sofort beantwortet werden. Philosophisches Staunen besteht gerade darin, die Selbstverständlichkeit vertrauter Annahmen zu durchbrechen und sich einer Frage offen zuzuwenden.

Damit besitzt es eine deutliche Nähe zur yogischen Selbsterforschung.

Kindliches Staunen

Kindliches Staunen: Mit Neugier und offenen Augen wird selbst ein Baum zu einer Welt voller Entdeckungen.

Kinder begegnen vielem zum ersten Mal. Deshalb gehört kindliches Staunen zu den ursprünglichsten Formen des Staunens. Ein Käfer, eine Schneeflocke, der Mond oder ein Regenbogen können die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen.

Bei Erwachsenen verschwindet diese Fähigkeit nicht zwangsläufig, wird jedoch häufig von Gewohnheit und Vorwissen überlagert. Eine achtsame Lebensweise kann dazu beitragen, Bekanntes wieder unmittelbarer wahrzunehmen.

Kinder können Erwachsene daran erinnern, wie wenig selbstverständlich die Welt eigentlich ist. Viele Fragen, die Kinder stellen, entstehen aus unmittelbarem Staunen: Warum ist der Himmel blau? Woher kommt der Wind? Warum träumen Menschen? Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Nicht jede Frage benötigt sofort eine ausführliche Antwort. Gelegentlich kann es wertvoll sein, eine Frage zunächst gemeinsam auszuhalten und weiterzuentwickeln.

Die Fähigkeit zum Staunen unterstützt Kreativität, Entdeckerfreude und eigenständiges Denken. Sie zu fördern bedeutet daher nicht, Wissen zurückzuhalten, sondern Wissen mit Offenheit zu verbinden.

Stilles Staunen

Beim stillen Staunen tritt die sichtbare emotionale Reaktion in den Hintergrund. Es ist weniger ein „Wow!“ als ein tiefes Innehalten. Gedanken werden für einen Moment nebensächlich und die Wahrnehmung wird weit.

Gerade diese Form besitzt eine besondere Nähe zu Meditation und Stille. Staunen wird hier nicht zum Gegenstand des Denkens, sondern zu einer Weise des gegenwärtigen Erlebens.

Staunen, Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung

Staunen und Achtsamkeit

Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Augenblick bewusst wahrzunehmen. Darin liegt eine unmittelbare Verbindung zum Staunen. Wer aufmerksam betrachtet, entdeckt häufig Einzelheiten, die im automatisierten Alltag unbemerkt bleiben.

Eine einfache Blüte kann beispielsweise hinsichtlich ihrer Farbe, Form, Struktur und ihres Duftes betrachtet werden. Je genauer die Wahrnehmung wird, desto weniger selbstverständlich erscheint das scheinbar Gewöhnliche.

Staunen kann deshalb eine natürliche Folge von Achtsamkeit sein. Umgekehrt verstärkt Staunen die Aufmerksamkeit: Was uns erstaunt, betrachten wir genauer.

Staunen in der Meditation

In der Meditation richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen oder auf einen bestimmten Meditationsgegenstand. Dabei können alltägliche Vorgänge plötzlich erstaunlich erscheinen.

Schon die Beobachtung des Atems kann Fragen aufwerfen: Der Atem geschieht fortwährend, ohne dass er normalerweise bewusst gesteuert werden muss. Gedanken tauchen auf und verschwinden wieder. Körperempfindungen verändern sich. Stille kann wahrgenommen werden, obwohl gleichzeitig Geräusche vorhanden sind.

Meditatives Staunen bedeutet nicht, nach außergewöhnlichen Erfahrungen zu suchen. Gerade die Erwartung besonderer Zustände kann der Meditation im Weg stehen. Es geht vielmehr darum, auch dem Bekannten mit einer gewissen Offenheit zu begegnen.

Staunen und der Anfängergeist

In verschiedenen kontemplativen Traditionen findet sich die Vorstellung eines Anfängergeistes: einer Haltung, in der eine Erfahrung nicht ausschließlich durch bereits vorhandene Vorstellungen betrachtet wird.

Auch im Yoga kann diese Haltung hilfreich sein. Wer glaubt, eine Asana, ein Mantra oder eine Meditation vollständig zu kennen, nimmt möglicherweise nur noch das wahr, was er erwartet. Wer dagegen mit Offenheit übt, kann selbst nach vielen Jahren neue Aspekte entdecken.

Der Anfängergeist bedeutet nicht, vorhandenes Wissen abzulehnen. Er bedeutet, Wissen nicht mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln.

Staunen als Gegenpol zur Gewohnheit

Gewohnheit erleichtert das Leben. Ohne sie müsste jede alltägliche Handlung immer wieder neu gelernt werden. Gleichzeitig besitzt Gewohnheit eine Schattenseite: Sie kann Wahrnehmung abstumpfen.

Staunen wirkt dieser Tendenz entgegen. Es macht das Vertraute wieder sichtbar. Dadurch kann ein gewöhnlicher Augenblick eine unerwartete Tiefe gewinnen.

Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Eigenschaften des Staunens: Es verändert nicht unbedingt die Welt, die betrachtet wird. Es verändert zunächst die Art, wie sie betrachtet wird.

Staunen im Alltag wiederentdecken

Was häufig erlebt wird, wird selbstverständlich. Der erste Blick auf ein Gebirge kann überwältigend sein; wer täglich daran vorbeifährt, nimmt es möglicherweise irgendwann kaum noch wahr. Dieser Gewöhnungseffekt ist für den Alltag nützlich, weil der Mensch nicht jeden Reiz ständig neu verarbeiten muss.

Gleichzeitig kann Gewöhnung dazu führen, dass das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen übersehen wird. Hinzu kommen Zeitdruck, Stress, permanente Ablenkung und die schnelle Folge digitaler Reize. Wer fortwährend neue Eindrücke konsumiert, hat möglicherweise viele Reize, aber wenig Zeit, sich von einem einzelnen Eindruck wirklich berühren zu lassen.

Staunen benötigt daher nicht unbedingt mehr außergewöhnliche Erlebnisse. Manchmal benötigt es weniger Ablenkung und mehr Aufmerksamkeit.

Eine Möglichkeit besteht darin, alltägliche Dinge bewusst langsamer wahrzunehmen. Wer einen vertrauten Weg geht, kann versuchen, etwas zu entdecken, das bisher übersehen wurde. Wer isst, kann Geschmack, Geruch und Konsistenz genauer wahrnehmen. Wer einen Baum betrachtet, kann sich Zeit für Rinde, Blätter, Licht und Bewegung nehmen.

Auch Schweigen, Naturaufenthalte, Meditation und zeitweiser Verzicht auf digitale Reize können Wahrnehmungsräume öffnen.

Eine einfache Übung besteht darin, sich am Abend zu fragen:

Was hat mich heute staunen lassen?

Die Antwort muss nichts Spektakuläres enthalten. Gerade das kleine Staunen schärft die Wahrnehmung für das Besondere im Alltäglichen.

Kann man Staunen üben?

Staunen selbst ist spontan, doch die dafür notwendige Offenheit lässt sich kultivieren. Achtsamkeitsübungen, bewusstes Beobachten, Naturerfahrungen, philosophische Fragen und Meditation können helfen, automatisierte Wahrnehmungsmuster zeitweise zu unterbrechen.

Hilfreich kann eine Haltung sein, die nicht sofort benennt und bewertet. Statt beim Anblick einer Pflanze lediglich festzustellen „Das ist eine Rose“, kann die Aufmerksamkeit noch einen Moment bei Farbe, Form, Duft und Struktur verweilen.

Das bedeutet nicht, begriffliches Denken abzulehnen. Vielmehr wird zwischen Erkennen und unmittelbarem Wahrnehmen wieder etwas Raum geschaffen.

Staunen im Yoga und auf dem spirituellen Weg

Yoga wird häufig mit Körperübungen, Asanas, Pranayama und Meditation verbunden. In einem umfassenderen Verständnis ist Yoga jedoch auch ein Weg der bewussten Wahrnehmung und Selbsterkenntnis.

Wer eine Yogapraxis über längere Zeit vertieft, kann über scheinbar einfache Vorgänge neu staunen: darüber, wie eng Atem und Gemütszustand zusammenhängen, wie Gedanken den Körper beeinflussen, wie sich die Wahrnehmung in der Stille verändert oder wie unterschiedlich dieselbe Asana an verschiedenen Tagen erlebt werden kann.

Staunen unterstützt dabei eine Haltung des Nicht-schon-Wissens. Statt jede Erfahrung sofort einzuordnen, kann der Praktizierende beobachten: Was geschieht tatsächlich?

Diese offene Aufmerksamkeit ist sowohl für die Yogapraxis als auch für Meditation und Selbsterkenntnis wertvoll.

Spirituelles Staunen

Spirituelles Staunen kann entstehen, wenn die Wirklichkeit für einen Augenblick tiefer oder umfassender erfahren wird als im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein. Ein Mensch kann während einer Meditation, im Satsang, beim Rezitieren eines Mantras, in der Natur oder scheinbar ohne besonderen Anlass eine starke Erfahrung von Gegenwärtigkeit, Verbundenheit oder Heiligkeit erleben.

Eine solche Erfahrung muss nicht spektakulär sein. Spirituelles Staunen kann gerade im Einfachen entstehen: im Atem, in der Stille, im Licht eines Morgens oder in der Begegnung mit einem anderen Menschen.

Ehrfürchtiges Staunen

Beim ehrfürchtigen Staunen begegnet der Mensch etwas, das er als größer empfindet als sich selbst. Das können die Natur, das Universum, Leben und Tod, eine spirituelle Erfahrung oder eine Vorstellung des Göttlichen sein.

Ehrfurcht kann Staunen mit Demut und dem Empfinden verbinden, Teil eines umfassenderen Ganzen zu sein.

Ehrfürchtiges Staunen in der Forschung

Auch die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich mit dem Phänomen des ehrfürchtigen Staunens. Prof. Dr. Arndt Büssing von der Universität Witten/Herdecke untersucht seit mehreren Jahren das „staunende Innehalten in Ehrfurcht und Dankbarkeit“ und dessen Zusammenhänge mit Spiritualität, Naturerleben und psychischem Wohlbefinden. Zur Erfassung solcher Erfahrungen wurde unter anderem ein Fragebogen zu Ehrfurcht und Dankbarkeit entwickelt. In verschiedenen Untersuchungen zeigte sich, dass Naturerfahrungen, besondere Momente, spirituelle Erfahrungen und religiöse Praktiken Anlässe für ehrfürchtiges Staunen sein können.

Auch Yoga-Übende wurden in Büssings Forschung untersucht. Eine 2024 veröffentlichte Studie mit 784 Yoga-Praktizierenden in Deutschland erfasste neben spirituellen Erfahrungen und Einstellungen auch Ehrfurcht und Dankbarkeit. Dabei zeigten sich Zusammenhänge insbesondere mit regelmäßiger Meditation und der Beschäftigung mit den philosophischen Grundlagen des Yoga. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass ehrfürchtiges Staunen und Dankbarkeit wichtige Aspekte des spirituellen Erlebens von Yoga-Praktizierenden sein können.

Die Universität Witten/Herdecke widmet dem Thema ein eigenes Forschungsprojekt unter dem Titel „Staunendes Innehalten in Ehrfurcht und Dankbarkeit und Naturerleben“. Dabei wird auch untersucht, wie Menschen für solche Erfahrungen im Alltag sensibilisiert werden können.

Weiterführende Forschung:

Staunen und Jnana Yoga

Im Jnana Yoga, dem Yoga des Wissens und der Erkenntnis, spielen Fragen nach der eigenen Identität und der Wirklichkeit eine zentrale Rolle. Die klassische Frage „Wer bin ich?“ kann zunächst einfach erscheinen, führt bei genauer Betrachtung jedoch tief in die Erforschung des Bewusstseins.

Wer bin ich jenseits meiner Rollen, Erinnerungen, Gedanken und wechselnden Gefühle? Was ist dasjenige, das all diese Veränderungen wahrnimmt?

Hier begegnen sich philosophisches und spirituelles Staunen. Die Frage wird nicht nur intellektuell beantwortet, sondern kann zum Gegenstand von Vichara, der tiefen Selbsterforschung, werden.

Staunen und Bhakti Yoga

Im Bhakti Yoga, dem Yoga der Hingabe, kann Staunen die Wahrnehmung des Göttlichen begleiten. Die Schönheit der Natur, ein Kirtan, ein Mantra, eine Puja oder die Erfahrung tiefer Liebe können als Ausdruck einer Wirklichkeit erlebt werden, die das individuelle Ich übersteigt.

Staunen kann hier in Hingabe, Dankbarkeit und Verehrung übergehen. Das Göttliche wird nicht nur als philosophischer Begriff gedacht, sondern als etwas erfahren, dessen Größe sich dem vollständigen begrifflichen Erfassen entzieht.

In diesem Sinne besitzt Staunen eine Nähe zu Bhakti: Der Mensch muss nicht alles erklären können, um sich davon berühren zu lassen.

Staunen und Vedanta

Im Vedanta wird die alltägliche Identifikation mit Körper, Persönlichkeit und Gedanken grundlegend hinterfragt. Die Frage nach Atman, dem wahren Selbst, und Brahman, der absoluten Wirklichkeit, führt zu einer Perspektive, in der die gewöhnliche Vorstellung eines getrennten Individuums untersucht wird.

Aus dieser Sicht kann bereits die Tatsache des Bewusstseins zum Gegenstand des Staunens werden. Menschen beschäftigen sich gewöhnlich mit dem, was sie wahrnehmen – mit Gedanken, Dingen, Ereignissen und Empfindungen. Vedanta lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Frage nach demjenigen, der all dies wahrnimmt.

Das Staunen richtet sich damit nicht nur auf die Welt, sondern auf die grundlegende Erfahrung des eigenen Seins.

Adbhuta Rasa – Staunen in der indischen Ästhetik

In der klassischen indischen Ästhetik besitzt Staunen einen besonderen Platz. Adbhuta Rasa bezeichnet die ästhetische Erfahrung des Wunderbaren oder Erstaunlichen. Adbhuta kann unter anderem wunderbar, erstaunlich oder außergewöhnlich bedeuten.

Die Lehre von den Rasas beschreibt unterschiedliche Grundqualitäten ästhetischen Erlebens. Adbhuta Rasa entsteht dort, wo etwas Verwunderung und Staunen hervorruft und die Wahrnehmung über das Alltägliche hinausführt.

Damit zeigt sich, dass Staunen innerhalb der indischen Tradition nicht nur eine beiläufige Emotion ist, sondern als eigenständige Qualität menschlicher Erfahrung erkannt wurde.

Staunen und spirituelle Praxis

Auf dem spirituellen Weg kann Wissen Orientierung geben. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass spirituelle Begriffe selbst zu Gewohnheiten werden. Begriffe wie Atman, Brahman, Prana, Chakra oder Samadhi können vertraut klingen, ohne dass ihre Bedeutung wirklich erforscht wird.

Staunen kann hier eine korrigierende Funktion übernehmen. Statt vorschnell zu glauben, etwas verstanden zu haben, bleibt die Frage lebendig.

Eine reife spirituelle Praxis muss daher nicht darin bestehen, immer mehr Antworten anzusammeln. Sie kann ebenso darin bestehen, immer tiefer fragen und wahrnehmen zu können.

Was Staunen bewirken kann

Staunen, Demut und Nichtwissen

Staunen kann zu Demut führen. Je mehr ein Mensch erkennt, wie komplex Natur, Leben und Bewusstsein sind, desto deutlicher kann zugleich werden, wie begrenzt das eigene Wissen ist.

Dieses Nichtwissen muss nicht als Mangel empfunden werden. Die Fähigkeit zu sagen „Ich weiß es nicht“ kann einen offenen Raum schaffen, in dem Lernen und Erkenntnis überhaupt erst möglich werden.

Spirituelle Demut bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Selbsterniedrigung. Sie kann vielmehr darin bestehen, die eigenen Grenzen realistisch wahrzunehmen und anzuerkennen, dass Wirklichkeit größer sein kann als die eigenen Vorstellungen von ihr.

Staunen und Dankbarkeit

Zwischen Staunen und Dankbarkeit besteht eine natürliche Verbindung. Was nicht mehr als selbstverständlich erlebt wird, kann leichter wertgeschätzt werden.

Der eigene Atem, ein Glas Wasser, Nahrung, Freundschaft, ein Baum, ein Sonnenaufgang oder die Möglichkeit, überhaupt wahrnehmen zu können, können im Alltag leicht übersehen werden. Bewusstes Staunen unterbricht diese Selbstverständlichkeit.

Dankbarkeit muss dabei nicht künstlich erzeugt werden. Sie kann spontan entstehen, wenn etwas Vertrautes plötzlich wieder in seiner Besonderheit wahrgenommen wird.

Staunen und Verbundenheit

Tiefe Erfahrungen des Staunens können das Gefühl verstärken, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein. Beim Blick auf das Meer oder den Sternenhimmel kann die gewöhnliche Beschäftigung mit dem eigenen Ich für einen Moment an Bedeutung verlieren.

Eine solche Erfahrung kann Verbundenheit mit der Natur, anderen Menschen oder dem Leben insgesamt fördern. Aus yogischer Sicht berührt dies die Vorstellung von Einheit: Hinter der Vielfalt der Erscheinungen kann eine tiefere Zusammengehörigkeit erfahren oder zumindest erahnt werden.

Diese Erfahrung muss nicht theoretisch formuliert werden. Manchmal besteht sie einfach in dem stillen Empfinden: Ich bin Teil davon.

Staunen als Tor zur Erkenntnis

Staunen unterbricht für einen Augenblick die Selbstverständlichkeit der Welt. Genau darin liegt sein Erkenntnispotenzial. Wo etwas nicht mehr selbstverständlich erscheint, kann eine neue Frage entstehen.

Aus einer Frage kann Forschung entstehen, aus Forschung Wissen und aus Wissen wiederum neues Staunen. Ähnliches gilt für den spirituellen Weg: Eine Erfahrung führt zu einer Frage, die Frage zur Selbsterforschung und diese möglicherweise zu einer veränderten Sicht auf sich selbst und die Wirklichkeit.

Staunen steht deshalb nicht im Gegensatz zur Erkenntnis. Es kann ihr Anfang und zugleich ihre Begleitung sein.

Staunen und das Wunderbare

Staunen ist eng mit der Erfahrung des Wunderbaren verbunden. Dabei muss ein Wunder nicht als Durchbrechung von Naturgesetzen verstanden werden. Auch etwas vollständig natürlich Erklärbares kann wunderbar erscheinen.

Dass aus einem Samen ein Baum entsteht, dass ein menschlicher Organismus aus unzähligen miteinander kommunizierenden Zellen besteht oder dass Licht eines weit entfernten Sterns nach langer Reise das menschliche Auge erreicht, verliert durch eine naturwissenschaftliche Erklärung nicht zwangsläufig seinen erstaunlichen Charakter.

Staunen und Wissen können sich daher ergänzen: Wissen erklärt Zusammenhänge, Staunen hält die Fähigkeit lebendig, ihre Außergewöhnlichkeit wahrzunehmen.

Staunen – die Welt mit offenen Augen betrachten

Staunen verbindet Aufmerksamkeit, Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, sich von etwas berühren zu lassen. Es kann angesichts der Natur und des Universums entstehen, durch Wissenschaft und Kunst, in zwischenmenschlichen Begegnungen oder während Yoga und Meditation.

Aus yogischer Sicht besitzt Staunen eine besondere Qualität, weil es das gewohnte Denken für einen Augenblick lockert. Der Mensch muss nicht sofort erklären, bewerten oder besitzen, was er wahrnimmt. Er kann zunächst einfach gegenwärtig sein.

So kann Staunen zu Achtsamkeit, Demut, Dankbarkeit und Verbundenheit führen. Vielleicht besteht seine tiefste Qualität gerade darin, dass die Welt nicht erst außergewöhnlich werden muss, damit wir über sie staunen können – manchmal genügt es, das scheinbar Gewöhnliche wieder wirklich zu sehen.


Beiträge und Vorträge von Sukadev Bretz

Staunen – Ein Vortrag von Sukadev Bretz

Was ist die Bedeutung des Begriffs Staunen?
Staunen eine Tugend. Was will man mit diesem Begriff sagen? Wozu ist Staunen ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal. Welche weiteren Persönlichkeitsmerkmale stehen in Verbindung mit Staunen? Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Charakters, gehört zu den wichtigen Aufgaben eines Menschen.

Staunen ist die emotionale Reaktion auf etwas Unerwartetes, es kann mit Verwunderung, aber auch mit Respekt und Hochachtung verbunden sein. Staunen führt zu einer Mischung aus innerer Erregung, Freude und Konzentriertheit. Staunen reißt einen aus dem Alltagsbewusstsein heraus.

Daher wird in der Mystik Staunen als eine wichtige spirituelle Praxis angesehen. In der Bhagavad Gita wird ein ganzes Kapitel als "Der Yoga des Staunens" (Vibhuti Pada, 10. Kapitel) bezeichnet: Man kann die Fähigkeit des Staunens bewusst kultivieren als Mittel der Bewusstseinserweiterung und der Gotteserfahrung.

Staunen als spirituelle Praxis

Wenn du staunst, öffnet sich dein Herz. Wenn du staunst, nimmst du ein Göttliches wahr. Staunen ist letztlich eine wichtige spirituelle Praxis.

  • Wenn du vor einem Baum stehst, dann staune über die Schönheit des Baumes: Wie der Baum gewachsen ist. Fühle diesen Baum, spüre das Staunen.
  • Wenn du einen Sonnenuntergang anschaust, staune. So viel Schönheit. Wenn du den Sonnenuntergang anschaust, mag dir das Herz vor Freude zerbrechen.
  • Wenn du einen Menschen anschaust, staune auch dort. Auch der Mensch, eine so großartige Kreatur.
  • Wenn du deinem Kind beim Spielen zuschaust, staune nur.
  • Wenn du isst, staune auch hier. Was musste alles passieren, damit du jetzt essen kannst. Wenn du schluckst und die Nahrung in deinem Bauch spürst, staune. Wie großartig ist es, dass du diese Nahrung verdauen kannst?

Es gibt so viele Möglichkeiten des Staunens. Im Staunen leuchtet Gott auf.

Video und Audio – Vortrag Staunen

Hier die Audiospur des oberen Videos zu Staunen:


Kultiviere das Staunen – nähere dich dem Mysterium des Lebens

Aus einem Vortrag von Sukadev Bretz
Staunen ist ein sehr wichtiges Wort im Yoga. Es gibt sogar ein ganzes Kapitel in der Bhagavad Gita, das nennt sich Vibhuti Yoga. Man kann es übersetzen als "der Yoga der Hochachtung, der Yoga der göttlichen Herrlichkeit", ich übersetze es gerne als "der Yoga des Staunens".

Indem du lernst, zu staunen, indem du lernst, das Wunder des Lebens immer wieder zu sehen und zu bemerken, bekommst du eine tiefe Hochachtung, eine tiefe Hochschätzung und auch Liebe. Der Mensch hat die Fähigkeit, zu staunen. Und gerade durch das Staunen ist er in der Lage, das Göttliche wahrzunehmen.

Man könnte sogar sagen, die einfachste und intensivste Weise, Gott zu erfahren, ist durch Staunen. Indem du die Fähigkeit des Staunens kultivierst, entwickelst du Liebe. Staunen ist ein wichtiger Faktor in der Gottesliebe. Indem du vom Herzen her die göttliche Gegenwart spürst, indem du vom Herzen her immer wieder hinter allem das Göttliche siehst, kommt Staunen.

Und umgekehrt, wenn du den Himmel anschaust, zum Beispiel den Sonnenaufgang, oder Sonnenuntergang, kommt Staunen. Und aus dem Staunen kommt eine Liebe zum Göttlichen. Wenn du die Schönheit der Bäume anschaust, spürst du Staunen. Auch manchmal wenn du siehst, was Menschen so alles machen, wenn du dein Handy genauer analysierst, kommt Staunen.

Oder wenn du überhaupt merkst, du liest jetzt diesen Vortrag von Sukadev, der das vielleicht vor ein paar Monaten, Jahren aufgenommen hat, du kannst es jetzt hören, da kann man doch schon staunen. Also, diese Art Staunen kann etwas sehr Hilfreiches sein. Und dann kannst du überlegen: "Bin ich jemand, der gut staunen kann?"

Und jetzt kommt es zur Liebe, die Liebe nicht nur zu Gott, sondern Liebe zu deinem Partner, Liebe zu deinen Kindern. Eltern haben dieses Staunen bei ihrem Baby. Wenn das Baby lacht, wenn das Baby was Neues lernt, wenn das Baby etwas Neues begreift, dann kann man nur staunen, wie schnell das Baby lernt, wie schnell das Kleinkind lernt. Und in diesem Staunen ist immer auch Liebe.

Genauso auch, wenn du deinen Partner siehst, staune über die Schönheit des Gesichtes deines Partners, über das Angenehme der Berührung durch einen Partner, staune, wie das Lächeln deines Partners dich immer noch fasziniert, staune über die vielen besonderen Fähigkeiten deines Partners. Nimm dir Momente des Staunens.

Wenn dein Partner noch schläft, während du wach wirst, schaue ihn an, staune über diese Schönheit deines Partners, staune, wie er dort so einfach vollkommen entspannt da liegt. Oder wenn dein Partner tätig ist, deine Partnerin kocht, dein Partner gerade ein Gemüse zubereitet, staune, wie wunderbar er oder sie das macht, mit wie viel Liebe und Hingabe.

Nutze die Fähigkeit zu staunen, Staunen ist ein wichtiger Aspekt der Liebe. Aus Liebe kommt Staunen, aus Staunen kommt Liebe. Und du kannst bewusst auch dir Zeit nehmen für Staunen. Gefühle kommen nicht einfach nur und gehen, du kannst etwas tun, dass diese Gefühle entstehen, du kannst selbst überlegen: "Habe ich heute schon gestaunt? Habe ich gestern gestaunt? Nehme ich mir Zeit für Staunen? Und könnte ich meine Liebe zu Gott, meine Liebe zu meinen Kindern, meine Liebe zum Partner vertiefen, indem ich mir Momente nehme des Staunens?"

Autor/Sprecher: Sukadev Bretz, Seminarleiter zu Kundalini Yoga und Chakras.

Video – Staunen als spirituelle Praxis

Ehrfürchtiges Staunen – Ein Weg zu Mitgefühl, Dankbarkeit und Gesundheit – Von Sukadev Bretz

Ein Beitrag aus dem Yoga Vidya Journal Nr. 50, Frühjahr 2025
In einer Welt voller Hektik, Herausforderungen und Unsicherheiten scheint es, als hätten wir den Zugang zu bestimmten tiefgehenden Emotionen verloren: ehrfürchtiges Staunen, Mitgefühl und Dankbarkeit. Diese sogenannten transzendenten Emotionen sind jedoch essenziell für unser Wohlbefinden und unsere Fähigkeit, schwierige Zeiten kreativ und vertrauensvoll zu meistern. Yoga bietet einen Weg, diese Gefühle wieder zu entdecken und in den Alltag zu integrieren.

Die Kraft der transzendenten Emotionen

Paul Ekman, ein bedeutender Forscher im Bereich der menschlichen Emotionen, hat sieben Grundemotionen identifiziert: Freude, Trauer, Überraschung, Angst, Ärger, Ekel und Verachtung. Doch es gibt auch höhere Emotionen, die uns nicht nur bewegen, sondern uns innerlich aufrichten: ehrfürchtiges Staunen, Mitgefühl und Dankbarkeit. Diese Emotionen öffnen uns für etwas Größeres, verbinden uns mit anderen und mit der Natur.

Wer schon einmal inmitten großer Natur gestanden hat – sei es vor einem majestätischen Berg, einem sternenklaren Himmel oder einem endlosen Ozean – weiß, wie tiefgreifend das Gefühl von Ehrfurcht sein kann. In solchen Momenten erfahren wir Geborgenheit, Verbundenheit und eine höhere Wirklichkeit. Yogis würden sagen: Diese Emotionen öffnen uns für das Erfassen des Übersinnlichen. Insbesondere in staunender Ehrfurcht kann man das Göttliche erfahren.

Auf einer Ebene der psychischen und körperlichen Gesundheit gibt es immer mehr Hinweise, dass Menschen, die häufiger Gefühle von Ehrfurcht, Dankbarkeit und Mitgefühl haben, höhere psychische und körperliche Resilienz haben, insbesondere mit Unsicherheit, Stress, sich radikal verändernden Lebenssituationen besser umgehen können. Prof. Arndt Büssing ist in Deutschland einer der Pioniere der empirischen Forschung in „Staunende Ehrfurcht“ und „Dankbarkeit“. Er hat Trainingsprogramme zur Entwicklung dieser Emotionen entwickelt.

Yoga als Wegbereiter

Heutzutage ist der Zugang zu den transzendenten Gefühlen oft blockiert. Stress, Sorgen und der Fokus auf materielle Errungenschaften lenken uns von der natürlichen Verbindung zu uns selbst und unserer Umwelt ab. Doch Yoga kann helfen, diese Blockaden zu lösen. Durch die Kombination von körperlicher Praxis, Atmung und Meditation werden sowohl Körper als auch Geist gestärkt, entspannt und harmonisiert. Wenn man aus einer Yogastunde in die Natur geht, entsteht fast von selbst ein Gefühl des Staunens über Schönheit, Ehrfurcht vor der Schöpfung, ein Gefühl der Weite und Verbundenheit.

Yoga an sich kann als „Trainingsprogramm für höhere Emotionen" angesehen werden. Daher ist in unserer heutigen schnelllebigen Welt Yoga als „Training der transzendenten Emotionen“ ganz besonders wichtig. Was im Yoga oft als „spirituelle Erfahrung“ bezeichnet wird, könnte in unserer schnelllebigen und risikobehafteten Zeit essenziell sein für Gelassenheit und Lebensfreude.

Yoga für ehrfürchtiges Staunen

Bestimmte Yogapraktiken können das Gefühl von Ehrfurcht besonders intensivieren.

  • Kapalabhati (Lichtschädelatmung): Diese Atemtechnik aktiviert den Geist, verleiht Energie und weitet das Bewusstsein.
  • Rückbeugen wie Matsyasana (der Fisch) oder Anjaneyasana (der tief kniende Held): Diese Übungen öffnen das Herz und den Brustkorb, was symbolisch und physisch für eine Ausdehnung des Bewusstseins steht.

Mitgefühl

Mitgefühl entsteht aus einer tiefen Verbundenheit mit uns selbst und anderen.

  • Konzentration auf das Herz: Meditationen, die sich auf das Herzchakra (Anahata) konzentrieren, lassen uns Liebe und Mitgefühl verspüren.
  • Nach innen gehen: Durch Selbstreflexion und Achtsamkeit entwickeln wir Selbstliebe, die wiederum als Grundlage für Mitgefühl dient.

Dankbarkeit

Dankbarkeit ist eine der kraftvollsten Emotionen, die inneren Frieden und Zufriedenheit bringen.

  • Vorwärtsbeugen und Tiefenentspannung (Shavasana): Diese Übungen fördern ein Gefühl von Loslassen und innerer Ruhe, wodurch wir empfänglicher für Dankbarkeit werden.
  • Stellung des Kindes (Balasana): Diese Haltung vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Rückkehr zu unseren Wurzeln.
  • Nach der Yogapraxis: Nimm dir nach der Yogapraxis ein paar Momente, um Natur, Himmel, einen Baum, ein Bild eines Meisters oder ein Symbol des Göttlichen anzuschauen – oder einen geliebten Menschen. Gib dich dem dabei entstehenden Gefühl hin – Ehrfurcht und Dankbarkeit kommen von selbst.

Warum wirkt Yoga so tiefgreifend?

Dass Yoga starke positive Wirkung auf Gesundheit und Psyche hat, zeigen zahllose Studien. In der Medizin und Psychologie werden unter anderem drei verschiedene Mechanismen diskutiert, warum Yoga wirkt.

  • Entspannung: Yoga aktiviert den Parasympathikus – insbesondere den Vagusnerv – und löst so Stress und Anspannungen.
  • Sportliches Training: Yoga kombiniert Kraft-, Dehn- und Koordinationstraining, was für den Körper ganzheitlich förderlich ist.
  • Selbstwahrnehmung: Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung helfen, die Signale unseres Körpers und Geistes wahrzunehmen und entsprechend zu handeln.

Praktische Tipps für den Alltag

Auch außerhalb der Yogastunde können wir transzendente Emotionen kultivieren:

  • Samyama auf die Natur: Verweile bewusst bei einem Sonnenuntergang oder einem Sternenhimmel und lass dich von ihrer Größe und Schönheit berühren.
  • Dankbarkeit üben: Notiere dir jeden Tag drei Dinge, für die du dankbar bist. Drücke deine Dankbarkeit gegenüber anderen aus.
  • Mitgefühl praktizieren: Versuche, dich in die Gedanken und Gefühle anderer einzufühlen. Die Yoga Sutras empfehlen Meditationen auf den Klang der Wesen oder das Herz eines anderen Menschen.

Die Weisheit der Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita, eines der grundlegenden Werke der Yoga-Philosophie, ermutigt uns insbesondere im 10. Kapitel, das Großartige im Leben zu sehen – sei es in der Natur, in anderen Menschen oder in von Menschen Geschaffenem. Diese Perspektive öffnet uns für ehrfürchtiges Staunen, Mitgefühl und Dankbarkeit.

Fazit

Ehrfurcht, Mitgefühl und Dankbarkeit sind nicht nur schöne Gefühle, sondern essenzielle Bestandteile eines glücklichen und gesunden Lebens. Sie helfen uns, Herausforderungen zu meistern, Heilung zu erfahren und tiefe Zufriedenheit zu spüren. Yoga ist ein wirkungsvolles Mittel, um diese transzendenten Emotionen wieder in unser Leben zu bringen und sie in unserem Alltag zu verankern.

Siehe auch

Literatur