Yogatattva Upanishad
Die Yogatattva Upanishad (Sanskrit: योगतत्त्वौपनिṣअद् yogatattva-upaniṣad f.) ist eine Upanishad (ein Teil der indischen Heiligen Schriften), die zu den Yoga Upanishaden gezählt wird, da sie sich mit den Grundlagen des Yoga beschäftigt. Die Verse stellen aus der Sicht des Advaita Vedanta verschiedene Yoga-Arten dar und behandeln vor allem generelle Fragen zum Yoga-Weg, aber auch Techniken des Hatha Yoga. Hier findest du den vollen Sanskrit Text mit deutscher Übersetzung, Wort-für-Wort-Erläuterung, umfangreiche Hintergrundinformationen sowie Darlegungen des Indologen Paul Deussen.

Einleitung
Die Yoga Tattva Upanishad (Sanskrit: Yogatattva Upaniṣad) gehört zu den wichtigsten Yoga Upanishaden. Ihr Name bedeutet „Upanishad über das Wesen beziehungsweise die Wahrheit des Yoga“. In der Muktika Upanishad steht sie an 41. Stelle. Die hier zugrunde gelegte ausführliche Fassung wird traditionell dem Krishna Yajurveda zugeordnet und umfasst 142 Verse; daneben existiert eine wesentlich kürzere, mit dem Atharvaveda verbundene Rezension. Die genaue Entstehungszeit ist nicht bekannt. Wie andere Yoga Upanishaden verbindet der Text ältere upanishadische Befreiungslehren mit den Methoden des späteren Hatha- und Raja Yoga.
Die Unterweisung ist als Gespräch gestaltet, in dem Brahma den höchsten Yogi Vishnu nach dem Wesen des Yoga und dem Weg zur Befreiung fragt. Eine der zentralen Aussagen lautet, dass weder Erkenntnis ohne Yoga noch Yoga ohne Erkenntnis zu Moksha führen kann. Der Befreiung Suchende soll deshalb Jnana und praktische Übung miteinander verbinden. Die Upanishad unterscheidet Mantra Yoga, Laya Yoga, Hatha Yoga und Raja Yoga und beschreibt vier Stufen der Verwirklichung: Arambha, den Beginn; Ghata, die Vereinigung und Sammlung; Parichaya, die vertiefte Vertrautheit; und Nishpatti, die Vollendung.
Einen besonderen Schwerpunkt legt die Yoga Tattva Upanishad auf Pranayama, Kumbhaka, die Reinigung der Nadis, Pratyahara, Konzentration, Meditation sowie Mudras und Bandhas wie Maha Mudra, Maha Bandha, Khechari Mudra, Mula Bandha, Uddiyana Bandha und Jalandhara Bandha. Sie bildet damit eine wichtige Brücke zwischen dem achtgliedrigen Yoga des Patanjali, den Yoga Upanishaden und späteren Werken wie Yoga Bija, Yoga Shikha Upanishad, Goraksha Shataka und Hatha Yoga Pradipika.
Für heutige Yogaübende erinnert die Yoga Tattva Upanishad daran, dass Yoga ein stufenweiser Weg der Läuterung und inneren Verwandlung ist. Körperübungen und Atemtechniken sind nicht das endgültige Ziel, sondern bereiten auf Meditation, Selbsterkenntnis und die Erfahrung der Einheit vor. Außergewöhnliche Fähigkeiten und Erfahrungen sollen den Aspiranten nicht vom Wesentlichen ablenken: von beständiger Praxis, geistiger Klarheit, Vairagya und der Erkenntnis des eigenen Selbst. Fortgeschrittene Kumbhakas, Mudras und Bandhas sollten schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden.
Vollständiger Text Yogatattva Upanishad Sanskrit, Deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung
Vollständige Fassung der langen Yoga Tattva Upanishad mit 142 Versen. Die Sanskritverse erscheinen in IAST, gefolgt von einer verständlichen deutschen Übersetzung und einer Wort-für-Wort-Übersetzung. Überlieferte außergewöhnliche Wirkungsversprechen werden als Aussagen des historischen Textes wiedergegeben und sind nicht als medizinische Garantien oder als Aufforderung zu unbegleiteter fortgeschrittener Praxis zu verstehen.
Shanti Mantra
oṃ saha nāvavatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Om. Möge Er uns beide beschützen; möge Er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam mit großer Kraft wirken. Möge unser Studium lichtvoll und wirksam sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om, Frieden, Frieden, Frieden.
1. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Wahrheit des Yoga
yogatattvaṃ pravakṣyāmi yogināṃ hitakāmyayā |
yacchṛtvā ca paṭhitvā ca sarvapāpaiḥ pramucyate || 1 ||
Ich werde nun zum Wohl der Yogis die Wahrheit des Yoga darlegen. Wer diese Lehre hört und studiert, wird von allen Verfehlungen befreit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yoga-tattvam – die Wahrheit, das grundlegende Wesen des Yoga (Yoga, Tattva); pravakṣyāmi – ich werde darlegen, verkünden (Vach); yoginām – der Yogis (Yogi); hita-kāmyayā – aus dem Wunsch nach ihrem Wohl (Hita, Kama); yat – welches; śṛtvā – gehört habend (Shru); ca – und (Cha); paṭhitvā – gelesen, studiert habend (Path); sarva-pāpaiḥ – von allen Verfehlungen (Papa); pramucyate – wird vollständig befreit (Much)
2. Vers Yoga Tattva Upanishad: Vishnu, das Licht auf dem Weg der Wahrheit
viṣṇurnāma mahāyogī mahābhūto mahātapāḥ |
tattvamārge yathā dīpo dṛśyate puruṣottamaḥ || 2 ||
Vishnu, der große Yogi, das erhabene Wesen und der große Asket, erscheint als Purushottama, als Licht auf dem Weg zur Wahrheit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: viṣṇuḥ nāma – derjenige namens Vishnu; mahā-yogī – der große Yogi (Maha, Yogi); mahā-bhūtaḥ – das große, erhabene Wesen (Bhuta); mahā-tapāḥ – der große Asket, von großer Askese (Tapas); tattva-mārge – auf dem Weg der Wahrheit (Tattva, Marga); yathā – wie (Yatha); dīpaḥ – eine Lampe, ein Licht (Dipa); dṛśyate – wird gesehen, erscheint (Drish); puruṣottamaḥ – der höchste Purusha (Purushottama)
3. Vers Yoga Tattva Upanishad: Brahmas Frage nach dem achtgliedrigen Yoga
tamārādhya jagannāthaṃ praṇipatya pitāmahaḥ |
papraccha yogatattvaṃ me brūhi cāṣṭāṅgasaṃyutam || 3 ||
Nachdem Brahma den Herrn der Welt verehrt und sich vor ihm verneigt hatte, fragte er: Bitte erkläre mir die Wahrheit des Yoga, die mit den acht Gliedern verbunden ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tam ārādhya – nachdem er ihn verehrt hatte (Aradhana); jagan-nātham – den Herrn der Welt (Jagat, Natha); praṇipatya – nachdem er sich verneigt hatte (Pranipata); pitāmahaḥ – der Großvater, Brahma (Pitamaha); papraccha – fragte (Prach); yoga-tattvam – die Wahrheit des Yoga (Yoga, Tattva); me – mir (Mad); brūhi – erkläre, sage (Bru); aṣṭāṅga-saṃyutam – mit den acht Gliedern verbunden (Ashtanga, Samyukta)
4. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Lebewesen im Netz der Maya
tamuvāca hṛṣīkeśo vakṣyāmi śṛṇu tattvataḥ |
sarve jīvāḥ sukhairduḥkhairmāyājālena veṣṭitāḥ || 4 ||
Hrishikesha antwortete ihm: Ich werde dir die Wahrheit erklären; höre. Alle Lebewesen sind durch Freude und Leid in das Netz der Maya verstrickt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tam uvāca – zu ihm sprach er (Vach); hṛṣīkeśaḥ – Hrishikesha, Herr der Sinne; vakṣyāmi – ich werde erklären (Vach); śṛṇu – höre (Shru); tattvataḥ – der Wahrheit gemäß, in ihrem Wesen (Tattva); sarve jīvāḥ – alle Lebewesen (Sarva, Jiva); sukhaiḥ duḥkhaiḥ – durch Freuden und Leiden (Sukha, Duhkha); māyā-jālena – durch das Netz der Maya (Maya, Jala); veṣṭitāḥ – umhüllt, verstrickt (Veshtita)
5. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der Weg, der das Netz der Maya durchtrennt
teṣāṃ muktikaraṃ mārgaṃ māyājālanikṛntanam |
janmamṛtyujarāvyādhināśanaṃ mṛtyutārakam || 5 ||
Ich lehre den Weg, der ihnen Befreiung bringt, das Netz der Maya durchtrennt, Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtet und über den Tod hinüberführt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: teṣām – für sie, deren (Tad); mukti-karam – Befreiung bewirkend (Mukti, Kara); mārgam – den Weg (Marga); māyā-jāla-nikṛntanam – das Netz der Maya durchtrennend (Maya, Jala); janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanam – Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtend (Janma, Mrityu, Jara, Vyadhi); mṛtyu-tārakam – über den Tod hinüberführend (Mrityu, Taraka)
6. Vers Yoga Tattva Upanishad: Kaivalya jenseits des Netzes der Schriften
nānāmārgaistu duṣprāpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam |
patitāḥ śāstrajāleṣu prajñayā tena mohitāḥ || 6 ||
Der höchste Zustand des Kaivalya ist selbst über viele Wege schwer zu erreichen. Menschen, die im Netz der Lehrschriften gefangen sind, werden durch ihre bloße Gelehrsamkeit verblendet.
Wort-für-Wort-Übersetzung: nānā-mārgaiḥ – durch vielerlei Wege (Nana, Marga); duṣprāpam – schwer erreichbar (Dushprapa); kaivalyam – vollkommene Befreiung (Kaivalya); paramam padam – der höchste Zustand (Parama, Pada); patitāḥ – hineingeraten, gefallen (Patita); śāstra-jāleṣu – in die Netze der Schriften (Shastra, Jala); prajñayā – durch begriffliches Wissen, Gelehrsamkeit (Prajna); tena – dadurch; mohitāḥ – verblendet (Mohita)
7. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das aus sich selbst leuchtende Selbst
anirvācyaṃ padaṃ vaktuṃ na śakyaṃ taiḥ surairapi |
svātmaprakāśarūpaṃ tatkiṃ śāstreṇa prakāśate || 7 ||
Selbst die Götter vermögen diesen unaussprechlichen Zustand nicht zu beschreiben. Wie könnte das, dessen Wesen das Licht des eigenen Selbst ist, durch Schriften erhellt werden?
Wort-für-Wort-Übersetzung: anirvācyam – unaussprechlich, nicht beschreibbar (Anirvachaniya); padam – Zustand, höchste Stätte (Pada); vaktum – auszusprechen, zu beschreiben (Vach); na śakyam – ist nicht möglich (Shakya); taiḥ suraiḥ api – selbst durch jene Götter (Sura, Api); sva-ātma-prakāśa-rūpam – von der Natur des Lichtes des eigenen Selbst (Atman, Prakasha, Rupa); tat kim – wie könnte jenes? (Tad, Kim); śāstreṇa – durch die Schrift (Shastra); prakāśate – wird erhellt, erscheint (Prakash)
8. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das reine Selbst erscheint als Jiva
niṣkalaṃ nirmalaṃ śāntaṃ sarvātītaṃ nirāmayam |
tadeva jīvarūpeṇa puṇyapāpaphalairvṛtam || 8 ||
Dasselbe teil- und makellose, friedvolle, alles übersteigende und leidfreie Selbst erscheint als Jiva, sobald es von den Früchten guter und schlechter Taten umhüllt ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: niṣkalam – ohne Teile, ungeteilt (Nishkala); nirmalam – makellos, rein (Nirmala); śāntam – friedvoll, still (Shanta); sarva-atītam – alles übersteigend (Sarva, Atita); nirāmayam – frei von Leiden und Gebrechen (Niramaya); tat eva – eben dieses (Tad, Eva); jīva-rūpeṇa – in Gestalt des Jiva (Jiva, Rupa); puṇya-pāpa-phalaiḥ – durch die Früchte guter und schlechter Taten (Punya, Papa, Phala); vṛtam – bedeckt, umhüllt (Vrita)
9. Vers Yoga Tattva Upanishad: Wie wird das höchste Selbst zum Jiva?
paramātmapadaṃ nityaṃ tatkathaṃ jīvatāṃ gatam |
sarvabhāvapadātītaṃ jñānarūpaṃ nirañjanam || 9 ||
Wie ist der ewige Zustand des höchsten Selbst, der alle Daseinsweisen übersteigt, aus Erkenntnis besteht und unbefleckt ist, in den Zustand eines Jiva gelangt?
Wort-für-Wort-Übersetzung: paramātma-padam – der Zustand des höchsten Selbst (Paramatman, Pada); nityam – ewig, beständig (Nitya); tat katham – wie ist dieses? (Tad, Katham); jīvatām gatam – in den Zustand des Lebewesens gelangt (Jiva, Gata); sarva-bhāva-pada-atītam – alle Zustände des Daseins übersteigend (Bhava, Atita); jñāna-rūpam – von der Natur der Erkenntnis (Jnana, Rupa); nirañjanam – unbefleckt, makellos (Niranjana)
10. Vers Yoga Tattva Upanishad: Ichbewusstsein und der Körper aus fünf Elementen
vārivatsphuritaṃ tasmiṃstatrāhaṃkṛtirutthitā |
pañcātmakamabhūtpiṇḍaṃ dhātubaddhaṃ guṇātmakam || 10 ||
In ihm regte es sich wie eine Welle im Wasser; daraus erhob sich das Ichbewusstsein. So entstand der aus fünf Elementen bestehende Körper, gebunden durch seine Bestandteile und von den Gunas geprägt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāri-vat – wie Wasser, wie im Wasser (Vari); sphuritam – regte sich, vibrierte, erschien (Sphurita); tasmin – in ihm (Tad); tatra – dort (Tatra); ahaṃkṛtiḥ – Ichbewusstsein, Ichvorstellung (Ahamkara); utthitā – erhob sich, entstand (Utthita); pañca-ātmakam – aus fünf bestehend (Pancha, Atmaka); abhūt – wurde, entstand (Bhu); piṇḍam – der Körper, die körperliche Einheit (Pinda); dhātu-baddham – durch die Körperbestandteile gebunden (Dhatu, Baddha); guṇa-ātmakam – von den Gunas geprägt (Guna)
11. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Bezeichnung Jiva
sukhaduḥkhaiḥ samāyuktaṃ jīvabhāvanayā kuru |
tena jīvābhidhā proktā viśuddhaiḥ paramātmani || 11 ||
Mit Freude und Leid verbunden und von der Vorstellung individuellen Lebens erfüllt, wird das reine höchste Selbst als Jiva bezeichnet.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sukha-duḥkhaiḥ – mit Freude und Leid (Sukha, Duhkha); samāyuktam – verbunden, ausgestattet (Samyukta); jīva-bhāvanayā – durch die Vorstellung individuellen Lebens (Jiva, Bhavana); kuru – fasse auf, erkenne (Kri); tena – dadurch; jīva-abhidhā – die Bezeichnung Jiva (Jiva, Abhidha); proktā – wurde ausgesprochen, wird genannt (Prokta); viśuddhaiḥ – von den Reinen, als rein (Vishuddha); paramātmani – im höchsten Selbst (Paramatman)
12. Vers Yoga Tattva Upanishad: Bindende Eigenschaften des Jiva
kāmakrodhabhayaṃ cāpi mohalobhamado rajaḥ |
janmamṛtyuśca kārpaṇyaṃ śokastandrā kṣudhā tṛṣā || 12 ||
Verlangen, Zorn, Angst, Verblendung, Gier, Stolz, Leidenschaft, Geburt und Tod, Kleinmut, Trauer, Trägheit, Hunger und Durst gehören zu seinen Bindungen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: kāma – Verlangen, Begierde (Kama); krodha – Zorn (Krodha); bhayam – Angst (Bhaya); ca api – und auch (Cha, Api); moha – Verblendung (Moha); lobha – Gier (Lobha); madaḥ – Stolz, Hochmut (Mada); rajaḥ – Leidenschaft, Unruhe (Rajas); janma-mṛtyuḥ ca – Geburt und Tod (Janma, Mrityu); kārpaṇyam – Kleinmut, Erbärmlichkeit (Karpanya); śokaḥ – Trauer (Shoka); tandrā – Trägheit, Schläfrigkeit (Tandra); kṣudhā – Hunger (Kshudha); tṛṣā – Durst (Trishna)
13. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der von allen Fehlern freie Jiva
tṛṣṇā lajjā bhayaṃ duḥkhaṃ viṣādo harṣa eva ca |
ebhirdoṣairvinirmuktaḥ sa jīvaḥ kevalo mataḥ || 13 ||
Begierde, Scham, Angst, Schmerz, Niedergeschlagenheit und Freude sind weitere Bindungen. Der Jiva, der von all diesen Fehlern vollkommen frei geworden ist, gilt als der Eine und Ungebundene.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tṛṣṇā – Begierde, Verlangen (Trishna); lajjā – Scham (Lajja); bhayam – Angst (Bhaya); duhkham – Schmerz, Leiden (Duhkha); viṣādaḥ – Niedergeschlagenheit, Verzweiflung (Vishada); harṣaḥ – Freude, Erregung (Harsha); eva ca – und ebenso (Eva, Cha); ebhiḥ doṣaiḥ – von diesen Fehlern (Dosha); vinirmuktaḥ – vollständig befreit (Vimukta); saḥ jīvaḥ – dieser Jiva (Jiva); kevalaḥ – der Eine, allein, ungebunden (Kevala); mataḥ – gilt als, wird angesehen (Mata)
14. Vers Yoga Tattva Upanishad: Erkenntnis braucht Yoga
tasmāddoṣavināśārthamupāyaṃ kathayāmi te |
yogahīnaṃ kathaṃ jñānaṃ mokṣadaṃ bhavati dhruvam || 14 ||
Darum erkläre ich dir das Mittel zur Beseitigung dieser Fehler. Wie könnte Erkenntnis ohne Yoga tatsächlich Befreiung schenken?
Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – deshalb (Tasmat); doṣa-vināśa-artham – zur Vernichtung der Fehler (Dosha, Vinasha, Artha); upāyam – das Mittel, den Weg (Upaya); kathayāmi – ich erkläre (Kath); te – dir (Tvam); yoga-hīnam – ohne Yoga (Yoga, Hina); katham – wie? (Katham); jñānam – Erkenntnis (Jnana); mokṣadam – Befreiung schenkend (Moksha); bhavati – wird, ist (Bhu); dhruvam – tatsächlich, gewiss (Dhruva)
15. Vers Yoga Tattva Upanishad: Yoga und Erkenntnis gemeinsam üben
yogo hi jñānahīnastu na kṣamo mokṣakarmaṇi |
tasmājjñānaṃ ca yogaṃ ca mumukṣurdṛḍhamabhyaset || 15 ||
Auch Yoga ohne Erkenntnis ist nicht fähig, Befreiung zu bewirken. Daher soll der nach Befreiung Strebende Erkenntnis und Yoga mit großer Beständigkeit üben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yogaḥ – Yoga (Yoga); jñāna-hīnaḥ – ohne Erkenntnis (Jnana, Hina); na kṣamaḥ – nicht fähig (Kshama); mokṣa-karmaṇi – beim Werk der Befreiung (Moksha, Karman); tasmāt – deshalb (Tasmat); jñānam ca yogam ca – Erkenntnis und Yoga (Jnana, Yoga); mumukṣuḥ – der nach Befreiung Strebende (Mumukshu); dṛḍham – fest, beständig (Dridha); abhyaset – soll üben (Abhyasa)
16. Vers Yoga Tattva Upanishad: Unwissenheit bindet, Erkenntnis befreit
ajñānādeva saṃsāro jñānādeva vimucyate |
jñānasvarūpamevādau jñānaṃ jñeyaikasādhanam || 16 ||
Aus Unwissenheit entsteht Samsara; durch Erkenntnis wird man befreit. Die Erkenntnis des wahren Wesens ist von Anfang an das einzige Mittel, das zu Erkennende zu verwirklichen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñānāt eva – allein aus Unwissenheit (Ajnana, Eva); saṃsāraḥ – der Kreislauf des Daseins (Samsara); jñānāt eva – allein durch Erkenntnis (Jnana); vimucyate – wird befreit (Much); jñāna-svarūpam – das Wesen der Erkenntnis (Jnana, Svarupa); ādau – von Anfang an, ursprünglich (Adi); jñānam – Erkenntnis; jñeya-eka-sādhanam – das einzige Mittel zum Erkennen des zu Erkennenden (Jneya, Eka, Sadhana)
17. Vers Yoga Tattva Upanishad: Erkenntnis des eigenen Wesens
jñātaṃ yena nijaṃ rūpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam |
niṣkalaṃ nirmalaṃ sākṣātsaccidānandarūpakam || 17 ||
Wahre Erkenntnis ist jene, durch die man das eigene Wesen als Kaivalya, den höchsten Zustand, unmittelbar erkennt: ungeteilt, makellos und von der Natur von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jñātam yena – wodurch erkannt wird (Jna); nijam rūpam – die eigene wahre Natur (Nija, Rupa); kaivalyam – vollkommene Freiheit (Kaivalya); paramam padam – der höchste Zustand (Parama, Pada); niṣkalam – ungeteilt (Nishkala); nirmalam – makellos (Nirmala); sākṣāt – unmittelbar (Sakshat); sat-cit-ānanda-rūpakam – von der Natur von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit (Sat, Chit, Ananda, Rupa)
18. Vers Yoga Tattva Upanishad: Definition der befreienden Erkenntnis
utpattisthitisaṃhārasphūrtijñānavivarjitam |
etajjñānamiti proktamatha yogaṃ bravīmi te || 18 ||
Dieses Wirkliche ist frei von Entstehung, Bestehen und Auflösung sowie jenseits begrenzter Regung und begrifflichen Wissens. Dies wird Erkenntnis genannt. Nun werde ich dir den Yoga erklären.
Wort-für-Wort-Übersetzung: utpatti-sthiti-saṃhāra – Entstehung, Bestehen und Auflösung (Utpatti, Sthiti, Samhara); sphūrti-jñāna-vivarjitam – frei von begrenzter Regung und begrifflichem Erkennen (Sphurti, Jnana, Vivarjita); etat – dieses (Etad); jñānam iti – wird Erkenntnis genannt (Jnana, Iti); proktam – wurde erklärt (Prokta); atha – nun (Atha); yogam – Yoga (Yoga); bravīmi – ich erkläre (Bru); te – dir
19. Vers Yoga Tattva Upanishad: Vier Formen des Yoga
yogo hi bahudhā brahmanbhidyate vyavahārataḥ |
mantrayogo layaścaiva haṭho'sau rājayogataḥ || 19 ||
Yoga ist zwar seinem Wesen nach einer, wird aber in der Praxis auf verschiedene Weise unterschieden: als Mantra Yoga, Laya Yoga, Hatha Yoga und Raja Yoga.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yogaḥ – Yoga (Yoga); bahudhā – vielfach, auf verschiedene Weise (Bahudha); brahman – o Brahma (Brahman); bhidyate – wird unterschieden, geteilt (Bhid); vyavahārataḥ – in der praktischen Anwendung (Vyavahara); mantra-yogaḥ – Mantra Yoga (Mantra Yoga); layaḥ – Laya Yoga (Laya Yoga); haṭhaḥ – Hatha Yoga (Hatha Yoga); rāja-yogataḥ – sowie Raja Yoga (Raja Yoga)
20. Vers Yoga Tattva Upanishad: Vier Stufen der Verwirklichung
ārambhaśca ghaṭaścaiva tathā paricayaḥ smṛtaḥ |
niṣpattiścetyavasthā ca sarvatra parikīrtitā || 20 ||
Als die überall gelehrten Entwicklungsstufen gelten Arambha, der Beginn, Ghata, die Vereinigung, Parichaya, die vertiefte Vertrautheit, und Nishpatti, die Vollendung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ārambhaḥ – Beginn, erste Stufe (Arambha); ghaṭaḥ – Gefäß, Vereinigung, zweite Stufe (Ghata); paricayaḥ – Vertrautheit, dritte Stufe (Parichaya); smṛtaḥ – gilt als, wird überliefert (Smrita); niṣpattiḥ – Vollendung, vierte Stufe (Nishpatti); avasthāḥ – Zustände, Stufen (Avastha); sarvatra – überall (Sarvatra); parikīrtitāḥ – werden gelehrt, gepriesen (Parikirtita)
21. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Übung des Mantra Yoga
eteṣāṃ lakṣaṇaṃ brahmanvakṣye śṛṇu samāsataḥ |
mātṛkādiyutaṃ mantraṃ dvādaśābdaṃ tu yo japet || 21 ||
Ich werde dir ihre Merkmale kurz erklären, o Brahma; höre. Wer zwölf Jahre lang ein Mantra zusammen mit den Lautkräften der Matrikas und den dazugehörigen Regeln wiederholt ...
Wort-für-Wort-Übersetzung: eteṣām – dieser, von ihnen (Etad); lakṣaṇam – Merkmal, Kennzeichen (Lakshana); brahman – o Brahma; vakṣye – ich werde erklären (Vach); śṛṇu – höre (Shru); samāsataḥ – zusammenfassend, in Kürze (Samasa); mātṛkā-ādi-yutam – mit den Matrikas, den Lautkräften, und Weiterem verbunden (Matrika, Adi); mantram – das Mantra (Mantra); dvādaśa-abdam – zwölf Jahre lang (Dvadasha); yaḥ japet – wer wiederholt, rezitiert (Japa)
22. Vers Yoga Tattva Upanishad: Früchte und Begrenzung des Mantra Yoga
krameṇa labhate jñānamaṇimādiguṇānvitam |
alpabuddhirimaṃ yogaṃ sevate sādhakādhamaḥ || 22 ||
... erlangt allmählich Erkenntnis und Fähigkeiten wie Anima. Nach der wertenden Einordnung dieses Textes wird diese Form des Yoga von einem wenig verständigen und noch gering entwickelten Übenden praktiziert.
Wort-für-Wort-Übersetzung: krameṇa – allmählich, schrittweise (Krama); labhate – erlangt (Labh); jñānam – Erkenntnis (Jnana); aṇimā-ādi-guṇa-anvitam – zusammen mit Fähigkeiten wie Anima (Anima, Adi, Guna); alpa-buddhiḥ – von geringer Einsicht (Alpa, Buddhi); imam yogam – diesen Yoga (Idam, Yoga); sevate – übt, widmet sich (Seva); sādhaka-adhamaḥ – ein noch gering entwickelter Übender (Sadhaka, Adhama)
23. Vers Yoga Tattva Upanishad: Laya Yoga im täglichen Leben
layayogaścittalayaḥ koṭiśaḥ parikīrtitaḥ |
gacchaṃstiṣṭhansvapanbhuñjandhyāyenniṣkalamīśvaram || 23 ||
Laya Yoga ist die Auflösung des Geistes und wird auf unzählige Weisen gelehrt. Im Gehen, Stehen, Schlafen und Essen soll man beständig über den ungeteilten Ishvara meditieren.
Wort-für-Wort-Übersetzung: laya-yogaḥ – Laya Yoga, Yoga der Auflösung (Laya Yoga); citta-layaḥ – Auflösung des Geistes (Chitta, Laya); koṭiśaḥ – auf unzählige Weisen (Koti); parikīrtitaḥ – wird gelehrt (Parikirtita); gacchan – gehend (Gam); tiṣṭhan – stehend, verweilend (Stha); svapan – schlafend (Svap); bhuñjan – essend (Bhuj); dhyāyet – soll meditieren (Dhyai); niṣkalam īśvaram – über den ungeteilten Ishvara (Nishkala, Ishvara)
24. Vers Yoga Tattva Upanishad: Beginn der Lehre vom Hatha Yoga
sa eva layayogaḥ syāddhaṭhayogamataḥ śṛṇu |
yamaśca niyamaścaiva āsanaṃ prāṇasaṃyamaḥ || 24 ||
Dies ist Laya Yoga. Höre nun die Lehre vom Hatha Yoga: Yama, Niyama, Asana und die Beherrschung des Prana gehören zu ihm.
Wort-für-Wort-Übersetzung: saḥ eva – eben dies; laya-yogaḥ – Laya Yoga (Laya Yoga); syāt – ist, möge sein (As); haṭha-yogam – Hatha Yoga (Hatha Yoga); ataḥ – nun, danach (Atas); śṛṇu – höre (Shru); yamaḥ – ethische Selbstbeschränkung (Yama); niyamaḥ – spirituelle Disziplin (Niyama); āsanam – Sitzhaltung (Asana); prāṇa-saṃyamaḥ – Beherrschung des Prana (Prana, Samyama)
25. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die acht Glieder des Yoga
pratyāhāro dhāraṇā ca dhyānaṃ bhrūmadhyame harim |
samādhiḥ samatāvasthā sāṣṭāṅgo yoga ucyate || 25 ||
Pratyahara, Dharana, die Meditation über Hari in der Mitte zwischen den Augenbrauen und Samadhi als Zustand der Gleichheit vervollständigen den achtgliedrigen Yoga.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pratyāhāraḥ – Zurückziehen der Sinne (Pratyahara); dhāraṇā – Konzentration (Dharana); dhyānam – Meditation (Dhyana); bhrū-madhyame – in der Mitte zwischen den Augenbrauen (Bhru Madhya); harim – über Hari, Vishnu (Hari); samādhiḥ – Samadhi (Samadhi); samatā-avasthā – Zustand der Gleichheit und Ausgeglichenheit (Samata, Avastha); sa-aṣṭāṅgaḥ yogaḥ – dieser achtgliedrige Yoga (Ashtanga Yoga); ucyate – wird genannt (Vach)
26. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die großen Mudras und Bandhas
mahāmudrā mahābandho mahāvedhaśca khecarī |
jālandharoḍḍiyāṇaśca mūlabandhaistathaiva ca || 26 ||
Zu den Übungen gehören Maha Mudra, Maha Bandha, Maha Vedha, Khechari, Jalandhara Bandha, Uddiyana Bandha und Mula Bandha.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mahā-mudrā – Maha Mudra (Maha Mudra); mahā-bandhaḥ – Maha Bandha (Maha Bandha); mahā-vedhaḥ – Maha Vedha (Maha Vedha); khecarī – Khechari Mudra (Khechari Mudra); jālandharaḥ – Jalandhara Bandha (Jalandhara Bandha); uḍḍiyāṇaḥ – Uddiyana Bandha (Uddiyana Bandha); mūla-bandhaiḥ – mit Mula Bandha (Mula Bandha); tathā eva ca – und ebenso (Tatha, Eva)
27. Vers Yoga Tattva Upanishad: Pranava, Unterweisung und drei besondere Mudras
dīrghapraṇavasandhānaṃ siddhāntaśravaṇaṃ param |
vajrolī cāmarolī ca sahajolī tridhā matā || 27 ||
Hinzu kommen die lange Versenkung in Pranava, das Hören der höchsten Lehre sowie die drei als Vajroli, Amaroli und Sahajoli bezeichneten Praktiken.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dīrgha-praṇava-sandhānam – lange, ununterbrochene Versenkung in Pranava (Pranava, Sandhana); siddhānta-śravaṇam – das Hören der abschließenden, höchsten Lehre (Siddhanta, Shravana); param – das Höchste (Para); vajrolī – Vajroli (Vajroli); amarolī – Amaroli (Amaroli); sahajolī – Sahajoli (Sahajoli); tridhā – dreifach (Tridha); matā – gilt als (Mata)
28. Vers Yoga Tattva Upanishad: Maßvolle Ernährung als wichtigster Yama
eteṣāṃ lakṣaṇaṃ brahmanpratyekaṃ śṛṇu tattvataḥ |
laghvāhāro yameṣveko mukhyā bhavati netaraḥ || 28 ||
Höre nun, o Brahma, die Merkmale dieser Übungen im Einzelnen und ihrem wahren Wesen nach. Unter den Yamas gilt maßvolle, leichte Ernährung als die wichtigste Disziplin.
Wort-für-Wort-Übersetzung: eteṣām – von diesen (Etad); lakṣaṇam – das Merkmal (Lakshana); brahman – o Brahma; pratyekam – jedes einzeln (Pratyeka); śṛṇu – höre (Shru); tattvataḥ – ihrem Wesen nach (Tattva); laghu-āhāraḥ – leichte, maßvolle Ernährung (Laghu, Ahara); yameṣu – unter den Yamas (Yama); ekaḥ mukhyaḥ – die eine wichtigste; bhavati – ist (Bhu); na itaraḥ – nicht eine andere (Itara)
29. Vers Yoga Tattva Upanishad: Ahimsa und vier Hauptasanas
ahiṃsā niyameṣvekā mukhyā vai caturānana |
siddhaṃ padmaṃ tathā siṃhaṃ bhadraṃ ceti catuṣṭayam || 29 ||
Unter den Niyamas ist Ahimsa das Wichtigste, o Viergesichtiger. Als die vier Hauptasanas gelten Siddhasana, Padmasana, Simhasana und Bhadrasana.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ahiṃsā – Nichtverletzen (Ahimsa); niyameṣu – unter den Niyamas (Niyama); ekā mukhyā – die eine wichtigste; catur-ānana – o Viergesichtiger, Brahma (Chatur, Anana); siddham – Siddhasana (Siddhasana); padmam – Padmasana (Padmasana); siṃham – Simhasana (Simhasana); bhadram – Bhadrasana (Bhadrasana); catuṣṭayam – diese Vierergruppe (Chatushtaya)
30. Vers Yoga Tattva Upanishad: Hindernisse zu Beginn der Praxis
prathamābhyāsakāle tu vighnāḥ syuścaturānana |
ālasyaṃ katthanaṃ dhūrtagoṣṭhī mantrādisādhanam || 30 ||
Zu Beginn der Übung treten Hindernisse auf, o Viergesichtiger: Trägheit, Prahlerei, der Umgang mit betrügerischen Menschen und das Streben nach Mantras und ähnlichen besonderen Mitteln.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prathama-abhyāsa-kāle – zur Zeit der ersten Übung (Prathama, Abhyasa, Kala); vighnāḥ – Hindernisse (Vighna); syuḥ – mögen auftreten, entstehen (As); catur-ānana – o Viergesichtiger; ālasyam – Trägheit (Alasya); katthanam – Prahlerei, leeres Reden (Katthana); dhūrta-goṣṭhī – Gesellschaft betrügerischer Menschen (Dhurta, Goshthi); mantra-ādi-sādhanam – das Streben nach Mantras und ähnlichen besonderen Mitteln (Mantra, Adi, Sadhana)
31. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Hindernisse entschlossen aufgeben
dhātustrīlaulyakādīni mṛgatṛṣṇāmayāni vai |
jñātvā sudhīstyajetsarvānvighnānpuṇyaprabhāvataḥ || 31 ||
Auch die Beschäftigung mit Alchemie, sexuelle Zerstreuung und Ähnliches sind trügerischen Luftspiegelungen vergleichbar. Hat der Verständige dies erkannt, soll er kraft seiner guten Ausrichtung alle Hindernisse aufgeben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhātu – Metalle, Alchemie beziehungsweise körperliche Substanzen (Dhatu); strī-laulyaka-ādīni – sexuelle Zerstreuung und Ähnliches (Stri, Laulya, Adi); mṛga-tṛṣṇā-mayāni – von der Art einer Luftspiegelung (Mrigatrishna); jñātvā – erkannt habend (Jna); sudhīḥ – der Verständige, Weise (Sudhi); tyajet – soll aufgeben (Tyaj); sarvān vighnān – alle Hindernisse (Sarva, Vighna); puṇya-prabhāvataḥ – durch die Kraft guter Verdienste und reiner Ausrichtung (Punya, Prabhava)
32. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der Ort für die Pranayama-Praxis
prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryātpadmāsanagataḥ svayam |
suśobhanaṃ maṭhaṃ kuryātsūkṣmadvāraṃ tu nirvraṇam || 32 ||
Dann soll der Übende selbst im Padmasana Pranayama praktizieren. Er soll einen schönen, unbeschädigten Übungsraum mit einer kleinen Öffnung herrichten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prāṇāyāmam – Pranayama, Atemlenkung (Pranayama); tataḥ – dann (Tatas); kuryāt – soll ausführen (Kri); padmāsana-gataḥ – im Padmasana sitzend (Padmasana, Gata); svayam – selbst (Svayam); suśobhanam – schön, angenehm (Shobhana); maṭham – Klause, Übungsraum (Matha); sūkṣma-dvāram – mit kleiner Öffnung beziehungsweise Tür (Sukshma, Dvara); nirvraṇam – ohne Risse und Beschädigungen (Nirvrana)
33. Vers Yoga Tattva Upanishad: Ein sauberer und ungestörter Übungsraum
suṣṭhu liptaṃ gomayena sudhayā vā prayatnataḥ |
matkuṇairmaśakairlūtairvarjitaṃ ca prayatnataḥ || 33 ||
Der Raum soll sorgfältig mit Kuhdung oder Kalk verputzt und gründlich von Wanzen, Mücken, Spinnen und anderem Ungeziefer freigehalten werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: suṣṭhu – gut, sorgfältig (Sushthu); liptam – bestrichen, verputzt (Lip); gomayena – mit Kuhdung (Gomaya); sudhayā vā – oder mit Kalk beziehungsweise weißem Verputz (Sudha); prayatnataḥ – mit Sorgfalt (Prayatna); matkuṇaiḥ – von Wanzen (Matkuna); maśakaiḥ – von Mücken (Mashaka); lūtaiḥ – von Spinnen und anderem Ungeziefer (Luta); varjitam – frei gehalten (Varjita)
34. Vers Yoga Tattva Upanishad: Reinigung und Räucherung des Übungsraums
dine dine ca saṃmṛṣṭaṃ saṃmārjanyā viśeṣataḥ |
vāsitaṃ ca sugandhena dhūpitaṃ guggulādibhiḥ || 34 ||
Er soll täglich gründlich gefegt, mit angenehmem Duft erfüllt und mit Guggul und anderen Räucherstoffen geräuchert werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dine dine – Tag für Tag (Dina); saṃmṛṣṭam – gründlich gereinigt (Mrish); saṃmārjanyā – mit einem Besen (Sammarjani); viśeṣataḥ – besonders, gründlich (Vishesha); vāsitam – mit Duft erfüllt (Vasita); sugandhena – mit Wohlgeruch (Sugandha); dhūpitam – geräuchert (Dhupita); guggula-ādibhiḥ – mit Guggul und anderen Räucherstoffen (Guggulu, Adi)
35. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der Sitz für die Praxis
nātyucchritaṃ nātinīcaṃ cailājinakuśottaram |
tatropaviśya medhāvī padmāsanasamanvitaḥ || 35 ||
Der Sitz soll weder zu hoch noch zu niedrig sein und aus übereinandergelegtem Tuch, Fell und Kusha-Gras bestehen. Darauf soll sich der verständige Übende im Padmasana niederlassen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na ati-ucchritam – nicht zu hoch (Ati, Ucchrita); na ati-nīcam – nicht zu niedrig (Nicha); caila-ajina-kuśa-uttaram – aus übereinandergelegtem Tuch, Fell und Kusha-Gras (Chaila, Ajina, Kusha); tatra upaviśya – dort Platz genommen habend (Upavish); medhāvī – der Verständige (Medhavin); padmāsana-samanvitaḥ – im Padmasana sitzend (Padmasana, Samanvita)
36. Vers Yoga Tattva Upanishad: Anrufung der Gottheit und Verschließen der Pingala
ṛjukāyaḥ prāñjaliśca praṇamediṣṭadevatām |
tato dakṣiṇahastasya aṅguṣṭhenaiva piṅgalām || 36 ||
Mit aufrechtem Körper und gefalteten Händen soll er sich vor seiner erwählten Gottheit verneigen. Dann soll er mit dem Daumen der rechten Hand die Pingala, den rechten Atemkanal, verschließen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ṛju-kāyaḥ – mit aufrechtem Körper (Riju, Kaya); prāñjaliḥ – mit gefalteten Händen (Anjali); praṇamet – soll sich verneigen (Pranam); iṣṭa-devatām – vor der erwählten Gottheit (Ishta Devata); tataḥ – dann; dakṣiṇa-hastasya – der rechten Hand (Dakshina, Hasta); aṅguṣṭhena eva – allein mit dem Daumen (Angushtha, Eva); piṅgalām – die Pingala, den rechten Energiekanal (Pingala)
37. Vers Yoga Tattva Upanishad: Einatmung durch Ida
nirudhya pūrayedvāyumiḍayā tu śanaiḥ śanaiḥ |
yathāśaktyavirodhena tataḥ kuryācca kumbhakam || 37 ||
Nachdem er die Pingala verschlossen hat, soll er den Atem ganz langsam durch Ida einströmen lassen und ihn anschließend ohne Überanstrengung so lange anhalten, wie es seiner Kraft entspricht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: nirudhya – verschlossen habend (Nirudh); pūrayet vāyum – soll den Atem einströmen lassen (Puraka, Vayu); iḍayā – durch Ida, den linken Energiekanal (Ida); śanaiḥ śanaiḥ – ganz langsam (Shanais); yathā-śakti – entsprechend der eigenen Kraft (Yatha, Shakti); avirodhena – ohne Widerstand oder Überanstrengung (Avirodha); tataḥ – danach; kuryāt kumbhakam – soll Kumbhaka üben (Kumbhaka)
38. Vers Yoga Tattva Upanishad: Ausatmung und Einatmung durch Pingala
punastyajetpiṅgalayā śanaireva na vegataḥ |
punaḥ piṅgalayāpūrya pūrayedudaraṃ śanaiḥ || 38 ||
Dann soll er den Atem langsam und nicht gewaltsam durch Pingala ausströmen lassen. Anschließend atmet er wiederum langsam durch Pingala ein und füllt den Bauch mit Atem.
Wort-für-Wort-Übersetzung: punaḥ – wieder, dann (Punar); tyajet – soll ausströmen lassen (Tyaj); piṅgalayā – durch Pingala (Pingala); śanaiḥ eva – ganz langsam (Shanais, Eva); na vegataḥ – nicht mit Gewalt oder Schnelligkeit (Vega); punaḥ piṅgalayā – danach durch Pingala; āpūrya – eingeatmet habend (Puraka); pūrayet udaram – soll den Bauch füllen (Udara); śanaiḥ – langsam
39. Vers Yoga Tattva Upanishad: Anhalten und Ausatmen durch Ida
dhārayitvā yathāśakti recayediḍayā śanaiḥ |
yayā tyajettayāpūrya dhārayedavirodhataḥ || 39 ||
Nachdem er den Atem seiner Kraft entsprechend angehalten hat, soll er langsam durch Ida ausatmen. Durch dasselbe Nasenloch, durch das er ausgeatmet hat, soll er wieder einatmen und den Atem ohne Überanstrengung halten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhārayitvā – gehalten habend (Dharana); yathā-śakti – entsprechend der Kraft (Shakti); recayet – soll ausatmen (Rechaka); iḍayā – durch Ida (Ida); śanaiḥ – langsam; yayā tyajet – durch welches er ausatmet (Yad, Tyaj); tayā āpūrya – durch dieses wieder einatmend; dhārayet – soll halten; avirodhataḥ – ohne Überanstrengung (Avirodha)
40. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das Zeitmaß einer Matra
jānu pradakṣiṇīkṛtya na drutaṃ na vilambitam |
aṅgulisphoṭanaṃ kuryātsā mātrā parigīyate || 40 ||
Die Zeit, in der man die Hand weder schnell noch langsam einmal um das Knie führt und mit den Fingern schnippt, wird als eine Matra bezeichnet.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jānu – das Knie (Janu); pradakṣiṇī-kṛtya – einmal im Kreis darum geführt habend (Pradakshina, Kri); na drutam – nicht schnell (Druta); na vilambitam – nicht verzögert, nicht langsam (Vilambita); aṅguli-sphoṭanam – ein Fingerschnippen (Anguli, Sphota); kuryāt – soll ausführen (Kri); sā mātrā – dieses ist eine Matra, ein Zeitmaß (Matra); parigīyate – wird bezeichnet, gelehrt (Gai)
41. Vers Yoga Tattva Upanishad: Einatmung und Kumbhaka im Verhältnis 16 zu 64
iḍayā vāyumāropya śanaiḥ ṣoḍaśamātrayā |
kumbhayetpūritaṃ paścāccatuḥṣaṣṭyā tu mātrayā || 41 ||
Der Atem soll langsam während sechzehn Matras durch Ida eingezogen und nach vollständiger Einatmung während vierundsechzig Matras angehalten werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: iḍayā – durch Ida (Ida); vāyum āropya – den Atem einströmen lassend (Vayu, Aruh); śanaiḥ – langsam; ṣoḍaśa-mātrayā – während sechzehn Matras (Shodasha, Matra); kumbhayet – soll im Kumbhaka halten (Kumbhaka); pūritam – den eingeatmeten, gefüllten Atem (Purita); paścāt – danach (Pashchat); catuḥṣaṣṭyā mātrayā – während vierundsechzig Matras (Chatushashti, Matra)
42. Vers Yoga Tattva Upanishad: Ausatmung während zweiunddreißig Matras
recayetpiṅgalānāḍyā dvātriṃśanmātrayā punaḥ |
punaḥ piṅgalayāpūrya pūrvavatsusamāhitaḥ || 42 ||
Danach soll er den Atem während zweiunddreißig Matras durch die Pingala-Nadi ausatmen. Dann atmet er gesammelt durch Pingala ein und verfährt wie zuvor.
Wort-für-Wort-Übersetzung: recayet – soll ausatmen (Rechaka); piṅgalā-nāḍyā – durch die Pingala-Nadi (Pingala, Nadi); dvātriṃśat-mātrayā – während zweiunddreißig Matras (Dvatrimshat, Matra); punaḥ – wieder; piṅgalayā āpūrya – durch Pingala eingeatmet habend; pūrva-vat – wie zuvor (Purvavat); su-samāhitaḥ – vollkommen gesammelt (Samahita)
43. Vers Yoga Tattva Upanishad: Vier tägliche Übungszeiten
prātarmadhyandine sāyamardharātre ca kumbhakān |
śanairaśītiparyantaṃ caturvāraṃ samabhyaset || 43 ||
Bei Sonnenaufgang, mittags, abends und um Mitternacht soll er viermal üben und die Zahl der Kumbhakas allmählich bis auf achtzig steigern.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prātaḥ – am Morgen (Pratas); madhyandine – mittags (Madhyandina); sāyam – abends (Sayam); ardha-rātre – um Mitternacht (Ardharatra); kumbhakān – die Kumbhakas (Kumbhaka); śanaiḥ – allmählich; aśīti-paryantam – bis zu achtzig (Ashiti, Paryanta); catur-vāram – viermal (Chatur, Vara); samabhyaset – soll gründlich üben (Abhyasa)
44. Vers Yoga Tattva Upanishad: Reinigung der Nadis
evaṃ māsatrayābhyāsānnāḍīśuddhistato bhavet |
yadā tu nāḍīśuddhiḥ syāttadā cihnāni bāhyataḥ || 44 ||
Durch eine solche Übung über drei Monate entsteht Nadi Shuddhi, die Reinigung der Energiekanäle. Wenn die Nadis gereinigt sind, zeigen sich äußere Kennzeichen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: evam – so (Evam); māsa-traya-abhyāsāt – durch dreimonatige Übung (Masa, Traya, Abhyasa); nāḍī-śuddhiḥ – Reinigung der Nadis (Nadi Shuddhi); tataḥ bhavet – entsteht dann (Tatas, Bhu); yadā – wenn (Yada); nāḍī-śuddhiḥ syāt – Nadi-Reinigung eingetreten ist; tadā – dann (Tada); cihnāni – Kennzeichen (Chihna); bāhyataḥ – äußerlich (Bahya)
45. Vers Yoga Tattva Upanishad: Kennzeichen der Nadi-Reinigung
jāyante yogino dehe tāni vakṣyāmyaśeṣataḥ |
śarīralaghutā dīptirjāṭharāgnivivardhanam || 45 ||
Diese Zeichen zeigen sich am Körper des Yogis; ich werde sie vollständig nennen: Leichtigkeit des Körpers, strahlende Erscheinung und eine Zunahme des Verdauungsfeuers.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jāyante – entstehen, zeigen sich (Jan); yoginaḥ dehe – am Körper des Yogis (Yogi, Deha); tāni – diese (Tad); vakṣyāmi – ich werde nennen (Vach); aśeṣataḥ – vollständig, ohne Rest (Ashesha); śarīra-laghutā – Leichtigkeit des Körpers (Sharira, Laghuta); dīptiḥ – Leuchten, strahlende Erscheinung (Dipta); jāṭhara-agni-vivardhanam – Zunahme des Verdauungsfeuers (Jatharagni, Vivardhana)
46. Vers Yoga Tattva Upanishad: Schlankheit und geeignete Ernährung
kṛśatvaṃ ca śarīrasya tadā jāyeta niścitam |
yogāvighnakarāhāraṃ varjayedyogavittamaḥ || 46 ||
Weiterhin entsteht mit Gewissheit Schlankheit des Körpers. Der im Yoga Kundige soll Nahrung meiden, welche die Yogapraxis behindert.
Wort-für-Wort-Übersetzung: kṛśatvam – Schlankheit, Magerkeit (Krisha); śarīrasya – des Körpers (Sharira); tadā – dann; jāyeta – entsteht (Jan); niścitam – gewiss (Nishchita); yoga-vit-tamaḥ – der im Yoga besonders Kundige (Yoga, Vid); yoga-avighna-kara-āhāram – Nahrung, die den Yoga behindert (Vighna, Ahara); varjayet – soll meiden (Varj)
47. Vers Yoga Tattva Upanishad: Zu meidende Nahrung und Verhaltensweisen
lavaṇaṃ sarṣapaṃ cāmlamuṣṇaṃ rūkṣaṃ ca tīkṣṇakam |
śākajātaṃ rāmaṭhādi vahnistrīpathasevanam || 47 ||
Der Text empfiehlt, Salz, Senf, Saures, sehr Heißes, Trockenes, Scharfes, bestimmte Gemüse und Asafoetida sowie belastende Feuerpraktiken, sexuelle Zerstreuung und weite Wege zu meiden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: lavaṇam – Salz (Lavana); sarṣapam – Senf (Sarshapa); amlam – Saures (Amla); uṣṇam – sehr Heißes (Ushna); rūkṣam – Trockenes (Ruksha); tīkṣṇakam – Scharfes (Tikshna); śāka-jātam – bestimmte Gemüsearten (Shaka); rāmaṭha-ādi – Asafoetida und Ähnliches (Ramatha, Adi); vahni-strī-patha-sevanam – belastende Feuerpraktiken, sexuelle Zerstreuung und weite Wege (Vahni, Stri, Patha, Sevana)
48. Vers Yoga Tattva Upanishad: Keine unnötige Kasteiung
prātaḥsnānopavāsādikāyakleśāṃśca varjayet |
abhyāsakāle prathamaṃ śastaṃ kṣīrājyabhojanam || 48 ||
Frühes Baden, Fasten und andere den Körper quälende Praktiken soll er meiden. Zu Beginn der Übung gelten Milch und Ghee als geeignete Nahrung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prātaḥ-snāna – Baden am frühen Morgen (Pratas, Snana); upavāsa-ādi – Fasten und Ähnliches (Upavasa, Adi); kāya-kleśān – körperliche Kasteiungen (Kaya, Klesha); varjayet – soll meiden (Varj); abhyāsa-kāle – während der Übungszeit (Abhyasa, Kala); prathamam – zu Beginn (Prathama); śastam – empfohlen, heilsam (Shasta); kṣīra-ājya-bhojanam – Nahrung aus Milch und Ghee (Kshira, Ajya, Bhojana)
49. Vers Yoga Tattva Upanishad: Förderliche Nahrung und längeres Atemanhalten
godhūmamudgaśālyannaṃ yogavṛddhikaraṃ viduḥ |
tataḥ paraṃ yatheṣṭaṃ tu śaktaḥ syādvāyudhāraṇe || 49 ||
Weizen, Mungbohnen und Reis gelten als förderlich für den Fortschritt im Yoga. Danach wird der Übende fähig, den Atem nach Belieben anzuhalten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: godhūma – Weizen (Godhuma); mudga – Mungbohnen (Mudga); śāli-annam – Reis als Nahrung (Shali, Anna); yoga-vṛddhi-karam – den Fortschritt im Yoga fördernd (Yoga, Vriddhi, Kara); viduḥ – die Wissenden erklären (Vid); tataḥ param – danach, weiterhin (Tatas, Para); yathā-iṣṭam – nach Belieben (Yatha, Ishta); śaktaḥ syāt – soll fähig werden (Shakta); vāyu-dhāraṇe – im Anhalten des Atems (Vayu, Dharana)
50. Vers Yoga Tattva Upanishad: Entstehung von Kevala Kumbhaka
yatheṣṭavāyudhāraṇādvāyoḥ siddhyetkevalakumbhakaḥ |
kevale kumbhaka siddhe recapūravivarjite || 50 ||
Wenn der Atem nach Belieben gehalten werden kann, vollendet sich Kevala Kumbhaka. Ist dieses Kumbhaka verwirklicht, geschieht es ohne vorausgehende Aus- und Einatmung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā-iṣṭa-vāyu-dhāraṇāt – durch das Atemanhalten nach Belieben (Vayu, Dharana); vāyoḥ – des Atems (Vayu); siddhyet – wird vollendet (Sidh); kevala-kumbhakaḥ – das reine, spontane Kumbhaka (Kevala Kumbhaka); kevale kumbhake siddhe – wenn Kevala Kumbhaka vollendet ist; recaka-pūraka-vivarjite – frei von Aus- und Einatmung (Rechaka, Puraka, Vivarjita)
51. Vers Yoga Tattva Upanishad: Nichts gilt als unerreichbar
na tasya durlabhaṃ kiñcittriṣu lokeṣu vidyate |
prasvedo jāyate pūrvaṃ mardanaṃ tena kārayet || 51 ||
Nach Aussage des Textes ist für einen solchen Yogi in den drei Welten nichts unerreichbar. Zu Beginn entsteht Schweiß; diesen soll er in den Körper einreiben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na tasya durlabham kiñcit – für ihn ist nichts schwer erreichbar (Durlabha); triṣu lokeṣu – in den drei Welten (Tri, Loka); vidyate – ist vorhanden (Vid); prasvedaḥ – Schweiß (Sveda); jāyate pūrvam – entsteht zuerst (Jan, Purva); mardanam – Einreiben, Massage (Mardana); tena kārayet – soll er damit ausführen lassen (Tad, Kri)
52. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das Zittern des Körpers
tato'pi dhāraṇādvāyoḥ krameṇaiva śanaiḥ śanaiḥ |
kampo bhavati dehasya āsanasthasya dehinaḥ || 52 ||
Wenn der Atem weiterhin schrittweise und ganz allmählich angehalten wird, beginnt der Körper des im Asana sitzenden Übenden zu zittern.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ api – danach auch (Tatas, Api); dhāraṇāt vāyoḥ – durch das Anhalten des Atems (Dharana, Vayu); krameṇa eva – ganz allmählich (Krama, Eva); śanaiḥ śanaiḥ – sehr langsam (Shanais); kampaḥ – Zittern (Kampa); bhavati – entsteht (Bhu); dehasya – des Körpers (Deha); āsana-sthasya – des im Asana Sitzenden (Asana, Stha); dehinaḥ – des Verkörperten (Dehin)
53. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die sogenannte Froschstufe
tato'dhikatarābhyāsāddārdurī svena jāyate |
yathā ca darduro bhāva utplunyotplutya gacchati || 53 ||
Bei noch intensiverer Übung entsteht die sogenannte Froschstufe: Wie ein Frosch sich springend fortbewegt, beginnt auch der sitzende Übende sich hüpfend zu bewegen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ adhikatara-abhyāsāt – danach durch noch intensivere Übung (Adhika, Abhyasa); dārdurī – der froschartige Zustand (Dardura); svena jāyate – entsteht bei ihm selbst (Sva, Jan); yathā darduraḥ – wie ein Frosch; bhāvaḥ – Zustand, Art (Bhava); utplutya utplutya – wiederholt hochspringend (Utplu); gacchati – bewegt sich (Gam)
54. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das Abheben vom Boden
padmāsanasthito yogī tathā gacchati bhūtale |
tato'dhikatarabhyāsādbhūmityāgaśca jāyate || 54 ||
So bewegt sich der im Padmasana sitzende Yogi über den Boden. Nach weiterer intensiver Übung soll nach Darstellung des Textes das Abheben vom Boden eintreten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: padmāsana-sthitaḥ – im Padmasana sitzend (Padmasana, Sthita); yogī – der Yogi (Yogi); tathā gacchati – bewegt sich auf diese Weise (Tatha, Gam); bhūtale – auf dem Erdboden (Bhutala); tataḥ – danach; adhikatara-abhyāsāt – durch noch intensivere Übung (Adhika, Abhyasa); bhūmi-tyāgaḥ – Verlassen des Bodens (Bhumi, Tyaga); jāyate – entsteht (Jan)
55. Vers Yoga Tattva Upanishad: Außergewöhnliche Fähigkeiten
padmāsanastha evāsau bhūmimutsṛjya vartate |
atimānuṣaceṣṭādi tathā sāmarthyamudbhavet || 55 ||
Der im Padmasana Sitzende soll sich dann über dem Boden halten können; zugleich entstehen nach der Überlieferung außergewöhnliche, übermenschlich erscheinende Fähigkeiten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: padmāsana-sthaḥ – im Padmasana sitzend (Padmasana, Stha); eva asau – eben dieser (Eva, Asau); bhūmim utsṛjya – den Boden verlassen habend (Bhumi, Utsrij); vartate – befindet sich, verweilt (Vrit); atimānuṣa-ceṣṭā-ādi – übermenschlich erscheinende Handlungen und Ähnliches (Atimanusha, Cheshta, Adi); sāmarthyam – Fähigkeit, Kraft (Samarthya); udbhavet – soll entstehen (Udbhava)
56. Vers Yoga Tattva Upanishad: Spirituelle Kräfte nicht zur Schau stellen
na darśayecca sāmarthyaṃ darśanaṃ vīryavattaram |
svalpaṃ vā bahudhā duḥkhaṃ yogī na vyathate tadā || 56 ||
Der Yogi soll seine machtvollen Fähigkeiten nicht vorführen. Kleine wie große Schmerzen erschüttern ihn dann nicht mehr.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na darśayet – soll nicht zeigen (Drish); sāmarthyam – seine Fähigkeit oder Kraft (Samarthya); darśanam vīryavattaram – das Zurschaustellen großer Kraft (Darshana, Virya); svalpam vā bahudhā – gering oder vielfach, groß (Alpa, Bahudha); duḥkham – Schmerz, Leiden (Duhkha); yogī – der Yogi; na vyathate – wird nicht erschüttert (Vyath); tadā – dann (Tada)
57. Vers Yoga Tattva Upanishad: Körperliche Veränderungen
alpamūtrapurīṣaśca svalpanidraśca jāyate |
kīlavo dṛṣikā lālā svedadurgandhatānane || 57 ||
Ausscheidungen und Schlaf werden gering. Ablagerungen, Augensekret, Speichel, Schweiß und unangenehmer Mundgeruch werden als weitere zu überwindende Erscheinungen genannt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: alpa-mūtra-purīṣaḥ – mit wenig Urin und Stuhl (Alpa, Mutra, Purisha); svalpa-nidraḥ – mit wenig Schlaf (Nidra); jāyate – wird, entsteht (Jan); kīlavaḥ – körperliche Ablagerungen oder Unreinheiten; dṛṣikā – Augensekret; lālā – Speichel (Lala); sveda – Schweiß (Sveda); durgandhatā – schlechter Geruch (Durgandha); ānane – im Mund beziehungsweise Gesicht (Anana)
58. Vers Yoga Tattva Upanishad: Wachsende Kraft
etāni sarvathā tasya na jāyante tataḥ param |
tato'dhikatarābhyāsādbalamutpadyate bahu || 58 ||
Diese Erscheinungen treten bei ihm später nicht mehr auf. Durch noch intensivere Übung entsteht große Kraft.
Wort-für-Wort-Übersetzung: etāni – diese Erscheinungen (Etad); sarvathā – gänzlich (Sarvatha); tasya – bei ihm (Tad); na jāyante – entstehen nicht (Jan); tataḥ param – danach, später (Tatas, Para); adhikatara-abhyāsāt – durch intensivere Übung (Adhika, Abhyasa); balam – Kraft (Bala); utpadyate – entsteht (Utpatti); bahu – groß, reichlich (Bahu)
59. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die sogenannte Bhuchara Siddhi
yena bhūcara siddhiḥ syādbhūcarāṇāṃ jaye kṣamaḥ |
vyāghro vā śarabho vāpi gajo gavaya eva vā || 59 ||
Durch diese Kraft soll die Bhuchara Siddhi entstehen, die nach der Bildsprache des Textes Macht über die auf der Erde lebenden Wesen verleiht – selbst über Tiger, Sharabhas, Elefanten und Wildrinder.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yena – durch welche Kraft (Yad); bhūcara-siddhiḥ – die Fähigkeit, sich auf der Erde frei zu bewegen beziehungsweise Erdentiere zu beherrschen (Bhuchara, Siddhi); syāt – soll entstehen (As); bhūcarāṇām – der auf der Erde lebenden Wesen; jaye kṣamaḥ – fähig zu ihrer Überwindung (Jaya, Kshama); vyāghraḥ – Tiger (Vyaghra); śarabhaḥ – Sharabha, mythisches starkes Tier (Sharabha); gajaḥ – Elefant (Gaja); gavayaḥ – Wildrind (Gavaya)
60. Vers Yoga Tattva Upanishad: Kraft und Schönheit des Yogis
siṃho vā yoginā tena mriyante hastatāḍitāḥ |
kandarpasya yathā rūpaṃ tathā syādapi yoginaḥ || 60 ||
Der Text steigert diese Bildsprache: Selbst Löwen würden durch den Schlag der Hand des Yogis überwunden; zugleich werde seine Gestalt so anziehend wie die des Liebesgottes Kandarpa.
Wort-für-Wort-Übersetzung: siṃhaḥ vā – oder ein Löwe (Simha); yoginā tena – durch diesen Yogi (Yogi, Tad); mriyante – sterben, werden überwunden (Mri); hasta-tāḍitāḥ – mit der Hand geschlagen (Hasta, Tadita); kandarpasya yathā rūpam – wie die Gestalt Kandarpas, des Liebesgottes (Kandarpa, Rupa); tathā syāt – so soll sie sein (Tatha); api yoginaḥ – auch die des Yogis
61. Vers Yoga Tattva Upanishad: Bindu-Bewahrung und sexuelle Enthaltsamkeit
tadrūpavaśagā nāryaḥ kāṅkṣante tasya saṅgamam |
yadi saṅgaṃ karotyeṣa tasya bindukṣayo bhavet || 61 ||
Nach der männlich-asketischen Sicht des Textes fühlen sich Frauen von seiner Gestalt angezogen und wünschen die Verbindung mit ihm. Lässt er sich darauf ein, soll sein Bindu, seine bewahrte Lebenskraft, schwinden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tat-rūpa-vaśagāḥ – von seiner Gestalt angezogen, in ihren Bann geraten (Rupa, Vasha); nāryaḥ – Frauen (Nari); kāṅkṣante – wünschen, begehren (Kanksha); tasya saṅgamam – die Verbindung mit ihm (Sanga); yadi – wenn (Yadi); saṅgam karoti – er sexuelle Verbindung eingeht (Sanga, Kri); eṣaḥ – dieser; tasya bindu-kṣayaḥ – sein Verlust des Bindu (Bindu, Kshaya); bhavet – soll eintreten (Bhu)
62. Vers Yoga Tattva Upanishad: Fortgesetzte Praxis und Sammlung der Lebenskraft
varjayitvā striyāḥ saṅgaṃ kuryādabhyāsamādarāt |
yogino'ṅge sugandhaśca jāyate bindudhāraṇāt || 62 ||
Nachdem er sexuelle Verbindung gemieden hat, soll er seine Praxis hingebungsvoll fortsetzen. Aus der Bewahrung des Bindu soll am Körper des Yogis ein angenehmer Duft entstehen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: varjayitvā – gemieden habend (Varj); striyāḥ saṅgam – sexuelle Verbindung mit einer Frau (Stri, Sanga); kuryāt abhyāsam – soll die Übung ausführen (Kri, Abhyasa); ādarāt – mit Hingabe und Sorgfalt (Adara); yoginaḥ aṅge – am Körper des Yogis (Yogi, Anga); sugandhaḥ – Wohlgeruch (Sugandha); jāyate – entsteht (Jan); bindu-dhāraṇāt – durch Bewahrung des Bindu (Bindu, Dharana)
63. Vers Yoga Tattva Upanishad: Pranava in der Abgeschiedenheit
tato rahasyupāviṣṭaḥ praṇavaṃ plutamātrayā |
japetpūrvārjitānāṃ tu pāpānāṃ nāśahetave || 63 ||
Danach soll er sich an einem abgeschiedenen Ort niederlassen und Pranava mit lang ausgehaltener Silbe wiederholen, um die Folgen früherer Verfehlungen aufzulösen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – danach (Tatas); rahasi upāviṣṭaḥ – an einem abgeschiedenen Ort sitzend (Rahas, Upavish); praṇavam – Pranava, Om (Pranava); pluta-mātrayā – mit lang ausgehaltener Silbe beziehungsweise dreifacher Länge (Pluta, Matra); japet – soll wiederholen (Japa); pūrva-arjitānām – der früher angesammelten (Purva, Arjita); pāpānām – Verfehlungen (Papa); nāśa-hetave – zur Ursache ihrer Vernichtung (Nasha, Hetu)
64. Vers Yoga Tattva Upanishad: Arambha, die erste Vollendungsstufe
sarvavighnaharo mantraḥ praṇavaḥ sarvadoṣahā |
evamabhyāsayogena siddhirārambhasambhavā || 64 ||
Pranava ist das Mantra, das alle Hindernisse beseitigt und alle Fehler auflöst. Durch solchen Übungsyoga entsteht die Vollendung der ersten Stufe, Arambha.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-vighna-haraḥ – alle Hindernisse beseitigend (Sarva, Vighna, Hara); mantraḥ – das Mantra (Mantra); praṇavaḥ – Pranava, Om (Pranava); sarva-doṣa-hā – alle Fehler beseitigend (Dosha, Hara); evam – so (Evam); abhyāsa-yogena – durch den Yoga beständiger Übung (Abhyasa, Yoga); siddhiḥ – Vollendung (Siddhi); ārambha-sambhavā – aus der Arambha-Stufe entstehend (Arambha, Sambhava)
65. Vers Yoga Tattva Upanishad: Übergang zur Ghata-Stufe
tato bhaveddhaṭhāvasthā pavanābhyāsatatparā |
prāṇo'pāno mano buddhirjīvātmaparamātmanoḥ || 65 ||
Darauf folgt die Hatha- beziehungsweise Ghata-Stufe, die auf beständige Atemübung ausgerichtet ist. In ihr werden Prana und Apana, Geist und Buddhi sowie Jivatman und Paramatman zusammengeführt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ bhavet – darauf entsteht (Tatas, Bhu); haṭha-avasthā – die Hatha-Stufe (Hatha, Avastha); pavana-abhyāsa-tatparā – ganz der Atemübung hingegeben (Pavana, Abhyasa, Tatpara); prāṇaḥ apānaḥ – Prana und Apana (Prana, Apana); manaḥ buddhiḥ – Geist und Erkenntniskraft (Manas, Buddhi); jīvātma-paramātmanoḥ – des individuellen und höchsten Selbst (Jivatman, Paramatman)
66. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Vereinigung im inneren Gefäß
anyonyasyāvirodhena ekatā ghaṭate yadā |
ghaṭāvastheti sā proktā taccihnāni bravīmyaham || 66 ||
Wenn diese ohne gegenseitigen Widerstreit zur Einheit gelangen, wird dies Ghata-Avastha, der Zustand des vereinigten Gefäßes, genannt. Nun werde ich seine Kennzeichen erklären.
Wort-für-Wort-Übersetzung: anyonya-avirodhena – ohne gegenseitigen Widerstreit (Anyonya, Avirodha); ekatā – Einheit (Ekata); ghaṭate – kommt zustande, vereinigt sich (Ghat); yadā – wenn (Yada); ghaṭa-avasthā – Ghata-Stufe, Gefäß-Zustand (Ghata, Avastha); iti – so; sā proktā – wird sie genannt (Prokta); tat-cihnāni – ihre Kennzeichen (Chihna); bravīmi aham – ich erkläre (Bru, Aham)
67. Vers Yoga Tattva Upanishad: Verringerung der Übungsdauer
pūrvaṃ yaḥ kathito'bhyāsaścaturthāṃśaṃ parigrahet |
divā vā yadi vā sāyaṃ yāmamātraṃ samabhyaset || 67 ||
Der Übende soll nun nur noch ein Viertel des zuvor beschriebenen Umfangs übernehmen und tagsüber oder am Abend jeweils während eines Yama üben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pūrvam – zuvor (Purva); yaḥ kathitaḥ abhyāsaḥ – die beschriebene Übung (Kathita, Abhyasa); caturtha-aṃśam – den vierten Teil (Chaturtha, Amsha); parigrahet – soll übernehmen (Parigraha); divā vā – am Tage oder (Diva); sāyam – am Abend (Sayam); yāma-mātram – für die Dauer eines Yama (Yama, Matra); samabhyaset – soll gründlich üben (Abhyasa)
68. Vers Yoga Tattva Upanishad: Kevala Kumbhaka und Pratyahara
ekavāraṃ pratidinaṃ kuryātkevalakumbhakam |
indriyāṇīndriyārthebhyo yatpratyāharaṇaṃ sphuṭam || 68 ||
Einmal täglich soll er Kevala Kumbhaka üben. Das deutliche Zurückziehen der Sinne von ihren jeweiligen Sinnesgegenständen wird Pratyahara genannt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: eka-vāram – einmal (Eka, Vara); prati-dinam – täglich (Prati, Dina); kuryāt – soll ausführen (Kri); kevala-kumbhakam – Kevala Kumbhaka (Kevala Kumbhaka); indriyāṇi – die Sinne (Indriya); indriya-arthebhyaḥ – von den Sinnesgegenständen (Indriya, Artha); yat pratyāharaṇam – dieses Zurückziehen (Pratyahara); sphuṭam – klar, deutlich (Sphuta)
69. Vers Yoga Tattva Upanishad: Alles Sichtbare als Atman erfahren
yogī kumbhakamāsthāya pratyāhāraḥ sa ucyate |
yadyatpaśyati cakṣurbhyāṃ tattadātmeti bhāvayet || 69 ||
Wenn der Yogi im Kumbhaka verweilt, wird dies Pratyahara genannt. Was immer er mit den Augen sieht, soll er als Atman betrachten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yogī – der Yogi (Yogi); kumbhakam āsthāya – im Kumbhaka verweilend (Kumbhaka, Astha); pratyāhāraḥ – Pratyahara (Pratyahara); saḥ ucyate – so wird es genannt (Vach); yat yat – was immer (Yad); paśyati – er sieht (Drish); cakṣurbhyām – mit den Augen (Chakshus); tat tat – all dieses (Tad); ātma iti – als Atman (Atman, Iti); bhāvayet – soll er betrachten, verwirklichen (Bhavana)
70. Vers Yoga Tattva Upanishad: Alles Gehörte und Gerochene als Atman erfahren
yadyacchṛṇoti karṇābhyāṃ tattadātmeti bhāvayet |
labhate nāsayā yadyattattadātmeti bhāvayet || 70 ||
Was immer er mit den Ohren hört, soll er als Atman betrachten; ebenso alles, was er mit der Nase riecht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yat yat śṛṇoti – was immer er hört (Yad, Shru); karṇābhyām – mit den Ohren (Karna); tat tat ātma iti – all dieses als Atman (Tad, Atman); bhāvayet – soll er betrachten (Bhavana); labhate nāsayā – was er mit der Nase aufnimmt (Labh, Nasa); yat yat – was immer; tat tat ātma iti – all dieses als Atman; bhāvayet – soll er betrachten
71. Vers Yoga Tattva Upanishad: Geschmack und Berührung als Atman erfahren
jihvayā yadrasaṃ hyatti tattadātmeti bhāvayet |
tvacā yadyatspṛśedyogī tattadātmeti bhāvayet || 71 ||
Welchen Geschmack er auch mit der Zunge wahrnimmt und was immer der Yogi mit der Haut berührt, all dies soll er als Atman betrachten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jihvayā – mit der Zunge (Jihva); yat rasam – welchen Geschmack auch immer (Rasa); hi atti – er nimmt zu sich, schmeckt (Ad); tat tat ātma iti – all dieses als Atman (Atman); bhāvayet – soll er betrachten (Bhavana); tvacā – mit der Haut (Tvach); yat yat spṛśet – was immer er berührt (Sprish); yogī – der Yogi; tat tat ātma iti bhāvayet – all dieses soll er als Atman betrachten
72. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Sinne in die Erkenntnis des Selbst führen
evaṃ jñānendriyāṇāṃ tu tattatsaukhyaṃ susādhayet |
yāmamātraṃ pratidinaṃ yogī yatnādatandritaḥ || 72 ||
So soll der Yogi die entsprechenden Erfahrungen der Erkenntnissinne richtig in die Erkenntnis des Selbst führen und dies täglich während eines Yama aufmerksam und unermüdlich üben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: evam – so (Evam); jñāna-indriyāṇām – der Erkenntnissinne (Jnanendriya); tat-tat-saukhyam – das jeweilige Wohlgefühl, die entsprechende Erfahrung (Sukha); su-sādhayet – soll er richtig verwirklichen oder schulen (Sadhana); yāma-mātram – während eines Yama (Yama, Matra); prati-dinam – täglich (Prati, Dina); yogī – der Yogi; yatnāt – mit Sorgfalt (Yatna); atandritaḥ – unermüdlich, ohne Trägheit (Atandrita)
73. Vers Yoga Tattva Upanishad: Außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeiten
yathā vā cittasāmarthyaṃ jāyate yogino dhruvam |
dūraśrutirdūradṛṣṭiḥ kṣaṇāddūragamastathā || 73 ||
Auf diese Weise soll sich die Kraft des Bewusstseins im Yogi entfalten. Der Text nennt Fernhören, Fernsicht und die Fähigkeit, in einem Augenblick große Entfernungen zu überwinden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā – auf diese Weise (Yatha); citta-sāmarthyam – Kraft des Bewusstseins (Chitta, Samarthya); jāyate – entsteht (Jan); yoginaḥ – beim Yogi (Yogi); dhruvam – gewiss (Dhruva); dūra-śrutiḥ – Fernhören (Dura, Shruti); dūra-dṛṣṭiḥ – Fernsicht (Dura, Drishti); kṣaṇāt – in einem Augenblick (Kshana); dūra-gamaḥ – weite Entfernung überwindend (Dura, Gam); tathā – ebenso (Tatha)
74. Vers Yoga Tattva Upanishad: Weitere im Text genannte Siddhis
vāksiddhiḥ kāmarūpatvamadṛśyakaraṇī tathā |
malamūtrapralepena lohādeḥ svarṇatā bhavet || 74 ||
Weiter nennt der Text Vollkommenheit der Rede, die Fähigkeit, eine gewünschte Gestalt anzunehmen, Unsichtbarkeit und sogar die alchemistische Verwandlung von Metall in Gold durch körperliche Ausscheidungen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāk-siddhiḥ – Vollkommenheit der Rede (Vak, Siddhi); kāma-rūpatvam – Fähigkeit, eine gewünschte Gestalt anzunehmen (Kama, Rupa); adṛśya-karaṇī – Unsichtbarkeit bewirkend (Adrishya, Kara); tathā – ebenso; mala-mūtra-pralepena – durch Bestreichen mit Kot und Urin (Mala, Mutra, Pralepa); loha-ādeḥ – von Metall und Ähnlichem (Loha, Adi); svarṇatā – Goldsein, Verwandlung in Gold (Svarna); bhavet – soll entstehen (Bhu)
75. Vers Yoga Tattva Upanishad: Freie Bewegung im Raum
khe gatistasya jāyeta santatābhyāsayogataḥ |
sadā buddhimatā bhāvyaṃ yoginā yogasiddhaye || 75 ||
Durch ununterbrochene Yogapraxis soll ihm freie Bewegung im Raum zuteilwerden. Der verständige Yogi soll seine Ausrichtung stets auf die Vollendung des Yoga richten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: khe gatiḥ – Bewegung im Raum (Kha, Gati); tasya jāyeta – soll ihm entstehen (Tad, Jan); santata-abhyāsa-yogataḥ – durch ununterbrochene Yogapraxis (Santata, Abhyasa, Yoga); sadā – immer (Sada); buddhimatā yoginā – durch den verständigen Yogi (Buddhi, Yogi); bhāvyam – soll ausgerichtet, verwirklicht werden (Bhavana); yoga-siddhaye – zur Vollendung des Yoga (Yoga, Siddhi)
76. Vers Yoga Tattva Upanishad: Siddhis als Hindernisse
ete vighnā mahāsiddherna rametteṣu buddhimān |
na darśayetsvasāmarthyaṃ yasyakasyāpi yogirāṭ || 76 ||
Diese Kräfte sind Hindernisse für die große Vollendung. Der Verständige soll sich nicht an ihnen erfreuen, und der König der Yogis soll seine Fähigkeiten niemandem zeigen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ete – diese (Etad); vighnāḥ – Hindernisse (Vighna); mahā-siddheḥ – für die große Vollendung (Maha, Siddhi); na ramet – soll sich nicht erfreuen (Ram); teṣu – an ihnen (Tad); buddhimān – der Verständige (Buddhiman); na darśayet – soll nicht zeigen (Drish); sva-sāmarthyam – die eigene Fähigkeit (Sva, Samarthya); yasya kasya api – irgendjemandem (Yad, Api); yogi-rāṭ – der König der Yogis (Yogi, Raja)
77. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die eigenen Kräfte verbergen
yathā mūḍho yathā mūrkho yathā badhira eva vā |
tathā varteta lokasya svasāmarthyasya guptaye || 77 ||
Um seine Fähigkeiten vor der Welt verborgen zu halten, soll er sich wie ein Verblendeter, ein Törichter oder sogar wie ein Tauber verhalten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā mūḍhaḥ – wie ein Verblendeter (Mudha); yathā mūrkhaḥ – wie ein Törichter (Murkha); yathā badhiraḥ – wie ein Tauber (Badhira); eva vā – oder auch (Eva); tathā varteta – so soll er sich verhalten (Tatha, Vrit); lokasya – gegenüber der Welt (Loka); sva-sāmarthyasya – der eigenen Fähigkeit (Sva, Samarthya); guptaye – zum Verbergen, zum Schutz (Gupti)
78. Vers Yoga Tattva Upanishad: Bitten der Schüler und eigene Praxis
śiṣyāśca svasvakāryeṣu prārthayanti na saṃśayaḥ |
tattatkarmakaravyagraḥ svābhyāse'vismṛto bhavet || 78 ||
Ohne Zweifel werden Schüler ihn für ihre jeweiligen Anliegen um Hilfe bitten. Auch wenn er mit den entsprechenden Aufgaben beschäftigt ist, soll er seine eigene Praxis nicht vergessen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: śiṣyāḥ – Schüler (Shishya); sva-sva-kāryeṣu – in ihren jeweiligen Anliegen (Sva, Karya); prārthayanti – bitten, ersuchen (Prarthana); na saṃśayaḥ – ohne Zweifel (Samshaya); tat-tat-karma-kara-vyagraḥ – mit den jeweiligen Aufgaben beschäftigt (Karman, Kara, Vyagra); sva-abhyāse – in der eigenen Praxis (Sva, Abhyasa); avismṛtaḥ bhavet – soll unvergesslich, aufmerksam bleiben (Smriti, Bhu)
79. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das Wort des Gurus nicht vergessen
avismṛtya gurorvākyamabhyasettadaharniśam |
evaṃ bhaveddhaṭhāvasthā santatābhyāsayogataḥ || 79 ||
Ohne die Unterweisung des Gurus zu vergessen, soll er Tag und Nacht üben. Durch ununterbrochene Yogapraxis wird die Hatha- beziehungsweise Ghata-Stufe verwirklicht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: avismṛtya – nicht vergessen habend (Smriti); guroḥ vākyam – das Wort des Gurus (Guru, Vakya); abhyaset – soll üben (Abhyasa); tat ahar-niśam – dies Tag und Nacht (Ahar, Nisha); evam – so; bhavet – entsteht (Bhu); haṭha-avasthā – die Hatha-Stufe (Hatha, Avastha); santata-abhyāsa-yogataḥ – durch ununterbrochene Yogapraxis (Santata, Abhyasa, Yoga)
80. Vers Yoga Tattva Upanishad: Beständige Praxis statt leerer Gespräche
anabhyāsavataścaiva vṛthāgoṣṭhyā na siddhyati |
tasmātsarvaprayatnena yogameva sadābhyaset || 80 ||
Wer nicht übt und sich nur in nutzlosen Gesprächen verliert, gelangt nicht zur Vollendung. Darum soll man Yoga stets mit ganzer Kraft praktizieren.
Wort-für-Wort-Übersetzung: anabhyāsavataḥ – für den nicht Übenden (Abhyasa); vṛthā-goṣṭhyā – durch nutzlose Gespräche oder Gesellschaft (Vritha, Goshthi); na siddhyati – gelangt nicht zur Vollendung (Sidh); tasmāt – deshalb (Tasmat); sarva-prayatnena – mit aller Anstrengung und Sorgfalt (Sarva, Prayatna); yogam eva – allein Yoga (Yoga, Eva); sadā abhyaset – soll man stets üben (Sada, Abhyasa)
81. Vers Yoga Tattva Upanishad: Parichaya, die Stufe vertiefter Vertrautheit
tataḥ paricayāvasthā jāyate'bhyāsayogataḥ |
vāyuḥ paricito yatnādagninā saha kuṇḍalīm || 81 ||
Durch beständige Übung entsteht danach Parichaya, die Stufe vertiefter Vertrautheit. Der mit Sorgfalt gemeisterte Atem wirkt zusammen mit dem inneren Feuer auf die Kundalini ein.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – danach (Tatas); paricaya-avasthā – die Parichaya-Stufe, Zustand vertiefter Vertrautheit (Parichaya, Avastha); jāyate – entsteht (Jan); abhyāsa-yogataḥ – durch den Yoga der Übung (Abhyasa, Yoga); vāyuḥ – der Atem, die Lebensenergie (Vayu); paricitaḥ – vertraut, gemeistert (Parichita); yatnāt – durch Sorgfalt (Yatna); agninā saha – zusammen mit dem Feuer (Agni, Saha); kuṇḍalīm – auf Kundalini (Kundalini)
82. Vers Yoga Tattva Upanishad: Eintritt in die Sushumna
bhāvayitvā suṣumnāyāṃ praviśedanirodhataḥ |
vāyunā saha cittaṃ ca praviśecca mahāpatham || 82 ||
Nachdem er Kundalini innerlich erweckt hat, soll der Prana ungehindert in die Sushumna eintreten. Zusammen mit dem Atem tritt auch das Bewusstsein in den großen inneren Weg ein.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhāvayitvā – innerlich verwirklicht, erweckt habend (Bhavana); suṣumnāyām – in die Sushumna (Sushumna); praviśet – soll eintreten (Pravish); anirodhataḥ – ungehindert (Anirodha); vāyunā saha – zusammen mit dem Atem (Vayu, Saha); cittam – das Bewusstsein, der Geist (Chitta); praviśet – soll eintreten; mahā-patham – in den großen Weg, den zentralen Kanal (Maha, Patha)
83. Vers Yoga Tattva Upanishad: Prana, Chitta und die fünf Elemente
yasya cittaṃ svapavanaṃ suṣumnāṃ praviśediha |
bhūmirāpo'nalo vāyurākāśaśceti pañcakaḥ || 83 ||
Wenn sein Chitta zusammen mit dem eigenen Prana hier in die Sushumna eintritt, begegnet der Yogi der Fünfergruppe von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yasya – dessen (Yad); cittam – Chitta, Bewusstsein (Chitta); sva-pavanam – zusammen mit dem eigenen Atem (Sva, Pavana); suṣumnām praviśet – in die Sushumna eintritt (Sushumna, Pravish); iha – hier (Iha); bhūmiḥ – Erde (Bhumi); āpaḥ – Wasser (Apas); analaḥ – Feuer (Anala); vāyuḥ – Luft (Vayu); ākāśaḥ – Äther, Raum (Akasha); pañcakaḥ – die Fünfergruppe (Panchaka)
84. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die fünffache Dharana über die Elemente
yeṣu pañcasu devānāṃ dhāraṇā pañcadhodyate |
pādādijānuparyantaṃ pṛthivīsthānamucyate || 84 ||
Über diese fünf Bereiche wird eine fünffache Dharana mit den entsprechenden Gottheiten gelehrt. Der Bereich der Erde erstreckt sich von den Füßen bis zu den Knien.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yeṣu pañcasu – in diesen fünf Bereichen (Yad, Pancha); devānām – der Gottheiten (Deva); dhāraṇā – Dharana, Konzentration (Dharana); pañcadhā – fünffach (Panchadha); udyate – wird gelehrt, ausgesprochen (Vad); pāda-ādi – von den Füßen an (Pada, Adi); jānu-paryantam – bis zu den Knien (Janu, Paryanta); pṛthivī-sthānam – der Bereich der Erde (Prithivi, Sthana); ucyate – wird genannt (Vach)
85. Vers Yoga Tattva Upanishad: Symbolik der Erde
pṛthivī caturasraṃ ca pītavarṇaṃ lavarṇakam |
pārthive vāyumāropya lakāreṇa samanvitam || 85 ||
Die Erde wird als Quadrat von gelber Farbe und mit dem Laut La beschrieben. In diesem Erdbereich soll der Yogi den Atem emporführen und ihn mit dem Laut La verbinden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pṛthivī – das Erdelement (Prithivi); caturasram – quadratisch (Chaturasra); pīta-varṇam – von gelber Farbe (Pita, Varna); la-varṇakam – mit dem Laut La (La, Varna); pārthive – im Bereich der Erde; vāyum āropya – den Atem emporgeführt habend (Vayu, Aruh); la-kāreṇa – mit der Silbe La (Lakara); samanvitam – verbunden (Samanvita)
86. Vers Yoga Tattva Upanishad: Dharana über Brahma im Erdelement
dhyāyaṃścaturbhujākāraṃ caturvaktraṃ hiraṇmayam |
dhārayetpañcaghaṭikāḥ pṛthivījayamāpnuyāt || 86 ||
Er soll über den goldfarbenen Brahma mit vier Armen und vier Gesichtern meditieren. Hält er diese Dharana fünf Ghatikas lang, soll er Meisterschaft über das Erdelement erlangen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhyāyan – meditierend (Dhyai); catur-bhuja-ākāram – mit vier Armen gestaltet (Chatur, Bhuja, Akara); catur-vaktram – mit vier Gesichtern (Chatur, Vaktra); hiraṇmayam – golden, aus Gold bestehend (Hiranyamaya); dhārayet – soll konzentriert halten (Dharana); pañca-ghaṭikāḥ – fünf Ghatikas lang (Pancha, Ghatika); pṛthivī-jayam – Meisterschaft über die Erde (Prithivi, Jaya); āpnuyāt – soll erlangen (Ap)
87. Vers Yoga Tattva Upanishad: Übergang vom Erdelement zum Wasserelement
pṛthivīyogato mṛtyurna bhavedasya yoginaḥ |
ājānoḥ pāyuparyantamapāṃ sthānaṃ prakīrtitam || 87 ||
Nach Aussage des Textes wird ein Yogi durch die Meisterschaft des Erdelements nicht vom Tod getroffen. Der Bereich des Wassers erstreckt sich von den Knien bis zum Anus.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pṛthivī-yogataḥ – durch Yoga mit dem Erdelement (Prithivi, Yoga); mṛtyuḥ – Tod (Mrityu); na bhavet – soll nicht eintreten (Bhu); asya yoginaḥ – für diesen Yogi (Yogi); ā-jānoḥ – von den Knien an (Janu); pāyu-paryantam – bis zum Anus (Payu, Paryanta); apām sthānam – der Bereich des Wassers (Apas, Sthana); prakīrtitam – wird gelehrt (Prakirtita)
88. Vers Yoga Tattva Upanishad: Symbolik des Wassers
āpo'rdhacandraṃ śuklaṃ ca vaṃbījaṃ parikīrtitam |
vāruṇe vāyumāropya vakāreṇa samanvitam || 88 ||
Das Wasser wird als weißer Halbmond mit der Bija-Silbe Vam beschrieben. Im Wasserbereich soll der Yogi den Atem emporführen und mit dem Laut Va verbinden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: āpaḥ – das Wasserelement (Apas); ardha-candram – halbmondförmig (Ardha, Chandra); śuklam – weiß, hell (Shukla); vaṃ-bījam – mit der Bija-Silbe Vam (Bija Mantra); parikīrtitam – wird beschrieben (Parikirtita); vāruṇe – im Bereich Varunas, des Wassers (Varuna); vāyum āropya – den Atem emporführend (Vayu, Aruh); va-kāreṇa – mit der Silbe Va (Vakara); samanvitam – verbunden (Samanvita)
89. Vers Yoga Tattva Upanishad: Meditation über Narayana
smarannārāyaṇaṃ devaṃ caturbāhuṃ kirīṭinam |
śuddhasphaṭikasaṅkāśaṃ pītavāsasamacyutam || 89 ||
Er soll sich Narayana als Gott mit vier Armen und einer Krone vergegenwärtigen: strahlend wie reiner Kristall, in gelbe Gewänder gekleidet und unvergänglich.
Wort-für-Wort-Übersetzung: smaran – sich erinnernd, vergegenwärtigend (Smriti); nārāyaṇam devam – den Gott Narayana (Narayana, Deva); catur-bāhum – vierarmig (Chatur, Bahu); kirīṭinam – eine Krone tragend (Kirita); śuddha-sphaṭika-saṅkāśam – rein wie Kristall erscheinend (Shuddha, Sphatika, Sankasha); pīta-vāsasam – in gelben Gewändern (Pita, Vasasa); acyutam – den Unvergänglichen, Achyuta (Achyuta)
90. Vers Yoga Tattva Upanishad: Meisterschaft über das Wasser
dhārayetpañcaghaṭikāḥ sarvapāpaiḥ pramucyate |
tato jalādbhayaṃ nāsti jale mṛtyurna vidyate || 90 ||
Hält er diese Dharana fünf Ghatikas lang, wird er nach der Lehre von allen Verfehlungen frei. Dann besteht für ihn keine Furcht vor Wasser, und er soll nicht im Wasser sterben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhārayet – soll in Konzentration halten (Dharana); pañca-ghaṭikāḥ – fünf Ghatikas lang (Ghatika); sarva-pāpaiḥ – von allen Verfehlungen (Sarva, Papa); pramucyate – wird vollständig befreit (Much); tataḥ – dann; jalāt bhayam na asti – besteht keine Furcht vor Wasser (Jala, Bhaya); jale – im Wasser; mṛtyuḥ na vidyate – Tod findet nicht statt (Mrityu, Vid)
91. Vers Yoga Tattva Upanishad: Symbolik des Feuers
āpāyorhṛdayāntaṃ ca vahnisthānaṃ prakīrtitam |
vahnistrikoṇaṃ raktaṃ ca rephākṣarasamudbhavam || 91 ||
Der Bereich des Feuers erstreckt sich vom Anus bis zum Herzen. Das Feuer wird als rotes Dreieck dargestellt und ist mit dem Bija-Laut Ra verbunden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ā-pāyoḥ – vom Anus an (Payu); hṛdaya-antam – bis zum Herzen (Hridaya, Anta); vahni-sthānam – der Bereich des Feuers (Vahni, Sthana); prakīrtitam – wird beschrieben (Prakirtita); vahniḥ – das Feuer; tri-koṇam – dreieckig (Trikona); raktam – rot (Rakta); repha-akṣara-samudbhavam – mit dem Laut Ra verbunden, aus ihm hervorgehend (Repha, Akshara, Samudbhava)
92. Vers Yoga Tattva Upanishad: Meditation über Rudra im Feuerelement
vahnau cānilamāropya rephākṣarasamujjvalam |
triyakṣaṃ varadaṃ rudraṃ taruṇādityasaṃnibham || 92 ||
Der Yogi soll den durch den Laut Ra leuchtenden Atem in den Feuerbereich führen und über Rudra meditieren: dreiäugig, Segen gewährend und strahlend wie die junge Sonne.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vahnau – im Feuerbereich (Vahni); anilam āropya – den Atem emporführend (Anila, Aruh); repha-akṣara-samujjvalam – durch den Laut Ra hell leuchtend (Repha, Akshara, Ujjvala); tri-akṣam – dreiäugig (Tri, Aksha); varadam – Segen gewährend (Varada); rudram – Rudra (Rudra); taruṇa-āditya-saṃnibham – der jungen Sonne ähnlich (Taruna, Aditya, Sannibha)
93. Vers Yoga Tattva Upanishad: Meisterschaft über das Feuer
bhasmoddhūlitasarvāṅgaṃ suprasannamanusmaran |
dhārayetpañcaghaṭikā vahnināsau na dāhyate || 93 ||
Er soll Rudra als am ganzen Körper mit Asche bedeckt und vollkommen heiter vergegenwärtigen. Hält er die Dharana fünf Ghatikas lang, soll Feuer ihn nicht verbrennen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhasma-uddhūlita-sarva-aṅgam – am ganzen Körper mit Asche bedeckt (Bhasma, Sarva, Anga); su-prasannam – vollkommen heiter und gnädig (Su, Prasanna); anusmaran – sich vergegenwärtigend (Anusmriti); dhārayet – soll konzentriert halten (Dharana); pañca-ghaṭikāḥ – fünf Ghatikas lang (Ghatika); vahninā – durch Feuer (Vahni); asau – dieser; na dāhyate – wird nicht verbrannt (Dah)
94. Vers Yoga Tattva Upanishad: Übergang vom Feuer zur Luft
na dahyate śarīraṃ ca praviṣṭasyāgnimaṇḍale |
āhṛdayādbhruvormadhyaṃ vāyusthānaṃ prakīrtitam || 94 ||
Nach Aussage des Textes wird der Körper selbst beim Eintritt in einen Feuerkreis nicht verbrannt. Der Bereich der Luft erstreckt sich vom Herzen bis zur Mitte zwischen den Augenbrauen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na dahyate – wird nicht verbrannt (Dah); śarīram – der Körper (Sharira); praviṣṭasya – des Eingetretenen (Pravish); agni-maṇḍale – in einen Feuerkreis (Agni, Mandala); ā-hṛdayāt – vom Herzen an (Hridaya); bhruvoḥ madhyam – bis zur Mitte der Augenbrauen (Bhru, Madhya); vāyu-sthānam – der Bereich der Luft (Vayu, Sthana); prakīrtitam – wird beschrieben (Prakirtita)
95. Vers Yoga Tattva Upanishad: Symbolik des Luftelements
vāyuḥ ṣaṭkoṇakaṃ kṛṣṇaṃ yakārākṣarabhāsuram |
mārutaṃ marutāṃ sthāne yakārākṣarabhāsuram || 95 ||
Die Luft wird als schwarzes Sechseck dargestellt, das vom Laut Ya erstrahlt. Im Bereich der Winde soll der Atem mit der leuchtenden Silbe Ya verbunden werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāyuḥ – das Luftelement (Vayu); ṣaṭ-koṇakam – sechseckig (Shatkona); kṛṣṇam – schwarz, dunkel (Krishna); ya-kāra-akṣara-bhāsuram – vom Laut Ya erstrahlend (Yakara, Akshara, Bhasura); mārutam – den Atem, die Luft (Maruta); marutām sthāne – im Bereich der Winde; ya-kāra-akṣara-bhāsuram – durch die Silbe Ya leuchtend
96. Vers Yoga Tattva Upanishad: Meditation über Ishvara im Luftelement
dhārayettatra sarvajñamīśvaraṃ viśvatomukham |
dhārayetpañcaghaṭikā vāyuvadvyomago bhavet || 96 ||
Dort soll er über den allwissenden Ishvara meditieren, dessen Antlitz überallhin gerichtet ist. Hält er die Dharana fünf Ghatikas lang, soll er sich wie der Wind durch den Raum bewegen können.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhārayet – soll konzentriert halten (Dharana); tatra – dort (Tatra); sarvajñam īśvaram – den allwissenden Ishvara (Sarvajna, Ishvara); viśvato-mukham – dessen Antlitz überallhin gerichtet ist (Vishvato, Mukha); pañca-ghaṭikā – fünf Ghatikas lang (Ghatika); vāyu-vat – wie der Wind (Vayu, Vat); vyoma-gaḥ – durch den Raum gehend (Vyoman, Gam); bhavet – soll werden (Bhu)
97. Vers Yoga Tattva Upanishad: Übergang von der Luft zum Äther
maraṇaṃ na tu vāyośca bhayaṃ bhavati yoginaḥ |
ābhrūmadhyāttu mūrdhāntamākāśasthānamucyate || 97 ||
Der Yogi soll durch das Luftelement keine Todesgefahr mehr erfahren. Der Bereich des Äthers erstreckt sich von der Mitte zwischen den Augenbrauen bis zum Scheitel.
Wort-für-Wort-Übersetzung: maraṇam – Tod (Marana); na – nicht; vāyoḥ – durch die Luft (Vayu); bhayam – Gefahr, Furcht (Bhaya); bhavati – entsteht (Bhu); yoginaḥ – für den Yogi (Yogi); ā-bhrū-madhyāt – von der Mitte der Augenbrauen an (Bhru Madhya); mūrdha-antam – bis zum Scheitel (Murdhan, Anta); ākāśa-sthānam – der Bereich des Äthers (Akasha, Sthana); ucyate – wird genannt (Vach)
98. Vers Yoga Tattva Upanishad: Symbolik des Äthers
vyoma vṛttaṃ ca dhūmraṃ ca hakārākṣarabhāsuram |
ākāśe vāyumāropya hakāropari śaṅkaram || 98 ||
Der Äther wird als rauchfarbener Kreis dargestellt, der von der Silbe Ha erstrahlt. In diesem Bereich soll der Yogi den Atem emporführen und über Shankara oberhalb des Lautes Ha meditieren.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vyoma – Äther, Raum (Vyoman); vṛttam – kreisförmig (Vritta); dhūmram – rauchfarben (Dhumra); ha-kāra-akṣara-bhāsuram – vom Laut Ha erstrahlend (Hakara, Akshara, Bhasura); ākāśe – im Äther (Akasha); vāyum āropya – den Atem emporführend (Vayu, Aruh); ha-kāra-upari – oberhalb der Silbe Ha (Hakara, Upari); śaṅkaram – über Shankara (Shankara)
99. Vers Yoga Tattva Upanishad: Meditation über Sadashiva
bindurūpaṃ mahādevaṃ vyomākāraṃ sadāśivam |
śuddhasphaṭikasaṅkāśaṃ dhṛtabālendumaulinam || 99 ||
Er soll über Mahadeva in Gestalt eines Bindu meditieren, über Sadashiva, dessen Form dem Äther gleicht, der wie reiner Kristall strahlt und die junge Mondsichel auf dem Haupt trägt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bindu-rūpam – in Gestalt eines Bindu (Bindu, Rupa); mahādevam – Mahadeva, den großen Gott (Mahadeva); vyoma-ākāram – von der Gestalt des Äthers (Vyoman, Akara); sadāśivam – Sadashiva (Sadashiva); śuddha-sphaṭika-saṅkāśam – wie reiner Kristall erscheinend (Shuddha, Sphatika, Sankasha); dhṛta-bāla-indu-maulinam – die junge Mondsichel auf dem Haupt tragend (Dhrita, Indu, Mauli)
100. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Gestalt Sadashivas
pañcavaktrayutaṃ saumyaṃ daśabāhuṃ trilocanam |
sarvāyudhairdhṛtākāraṃ sarvabhūṣaṇabhūṣitam || 100 ||
Er wird als gütig, mit fünf Gesichtern, zehn Armen und drei Augen visualisiert, alle Waffen tragend und mit sämtlichen Schmuckstücken geschmückt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pañca-vaktra-yutam – mit fünf Gesichtern versehen (Pancha, Vaktra); saumyam – gütig, mild (Saumya); daśa-bāhum – zehnarmig (Dasha, Bahu); tri-locanam – dreiäugig (Trilochana); sarva-āyudhaiḥ – mit allen Waffen (Sarva, Ayudha); dhṛta-ākāram – sie tragend, so gestaltet (Dhrita, Akara); sarva-bhūṣaṇa-bhūṣitam – mit allem Schmuck geschmückt (Bhushana)
101. Vers Yoga Tattva Upanishad: Shiva und Uma als Einheit
umārdhadehaṃ varadaṃ sarvakāraṇakāraṇam |
ākāśadhāraṇāttasya khecaratvaṃ bhaveddhruvam || 101 ||
Sadashiva trägt Uma als eine Hälfte seines Körpers, gewährt Segen und ist die Ursache aller Ursachen. Durch die Dharana über den Äther soll der Yogi die Fähigkeit erlangen, sich im Raum zu bewegen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: umā-ardha-deham – Uma als Hälfte des Körpers tragend (Uma, Ardha, Deha); varadam – Segen gewährend (Varada); sarva-kāraṇa-kāraṇam – Ursache aller Ursachen (Sarva, Karana); ākāśa-dhāraṇāt – durch Dharana über den Äther (Akasha, Dharana); tasya – für ihn; khecaratvam – Fähigkeit, sich im Raum zu bewegen (Khechara); bhavet – soll entstehen (Bhu); dhruvam – gewiss (Dhruva)
102. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die fünf Dharanas vollenden
yatrakutra sthito vāpi sukhamatyantamaśnute |
evaṃ ca dhāraṇāḥ pañca kuryādyogī vicakṣaṇaḥ || 102 ||
Wo immer er sich befindet, erfährt er höchste Freude. Auf diese Weise soll der kundige Yogi die fünf Dharanas praktizieren.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yatra kutra – wo immer (Yatra, Kutra); sthitaḥ – befindlich, verweilend (Sthita); vā api – oder auch; sukham atyantam – höchste Freude (Sukha, Atyanta); aśnute – erfährt, genießt (Ash); evam – so (Evam); dhāraṇāḥ pañca – die fünf Dharanas (Dharana, Pancha); kuryāt – soll ausführen (Kri); yogī vicakṣaṇaḥ – der kundige Yogi (Yogi, Vichakshana)
103. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der gefestigte yogische Körper
tato dṛḍhaśarīraḥ syānmṛtyustasya na vidyate |
brahmaṇaḥ pralayenāpi na sīdati mahāmatiḥ || 103 ||
Danach soll sein Körper fest werden und der Tod ihn nicht mehr erreichen. In der übersteigerten Unsterblichkeitssprache des Textes geht der Weise selbst bei der Auflösung von Brahmas Welt nicht zugrunde.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – danach (Tatas); dṛḍha-śarīraḥ – mit festem Körper (Dridha, Sharira); syāt – soll sein (As); mṛtyuḥ – Tod (Mrityu); tasya na vidyate – besteht für ihn nicht (Tad, Vid); brahmaṇaḥ pralayena api – selbst bei der Auflösung Brahmas (Brahma, Pralaya, Api); na sīdati – geht nicht zugrunde, verzagt nicht (Sad); mahā-matiḥ – der Hochgesinnte, Weise (Maha, Mati)
104. Vers Yoga Tattva Upanishad: Lange Meditation im Äther
samabhyasettathā dhyānaṃ ghaṭikāṣaṣṭimeva ca |
vāyuṃ nirudhya cākāśe devatāmiṣṭadāmiti || 104 ||
Danach soll er Meditation während sechzig Ghatikas üben, den Atem im Ätherbereich anhalten und über die Gottheit meditieren, welche die erwünschte Gabe gewährt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: samabhyaset – soll gründlich üben (Abhyasa); tathā dhyānam – ebenso Meditation (Dhyana); ghaṭikā-ṣaṣṭim – sechzig Ghatikas lang (Ghatika, Shashti); vāyum nirudhya – den Atem angehalten habend (Vayu, Nirudh); ākāśe – im Ätherbereich (Akasha); devatām – über die Gottheit (Devata); iṣṭa-dām – die das Erwünschte gewährt (Ishta, Da)
105. Vers Yoga Tattva Upanishad: Saguna- und Nirguna-Meditation
saguṇaṃ dhyānametatsyādaṇimādiguṇapradam |
nirguṇadhyānayuktasya samādhiśca tato bhavet || 105 ||
Dies ist Saguna-Meditation, die Fähigkeiten wie Anima verleihen soll. Für denjenigen, der in Nirguna-Meditation gegründet ist, entsteht dagegen Samadhi.
Wort-für-Wort-Übersetzung: saguṇam dhyānam – Meditation mit Eigenschaften und Gestalt (Saguna, Dhyana); etat syāt – dieses ist (Etad, As); aṇimā-ādi-guṇa-pradam – Fähigkeiten wie Anima verleihend (Anima, Adi, Guna, Prada); nirguṇa-dhyāna-yuktasya – für den mit Nirguna-Meditation Verbundenen (Nirguna, Dhyana, Yukta); samādhiḥ – Samadhi (Samadhi); tataḥ bhavet – entsteht daraus (Tatas, Bhu)
106. Vers Yoga Tattva Upanishad: Samadhi und Jivanmukti
dinadvādaśakenaiva samādhiṃ samavāpnuyāt |
vāyuṃ nirudhya medhāvī jīvanmukto bhavatyayam || 106 ||
Der Text verheißt, dass der Übende innerhalb von zwölf Tagen Samadhi erlangen könne. Indem der Verständige den Atem anhält, werde er zum Jivanmukta, zum zu Lebzeiten Befreiten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dina-dvādaśakena – innerhalb von zwölf Tagen (Dina, Dvadasha); samādhim – Samadhi (Samadhi); samavāpnuyāt – soll vollständig erlangen (Ap); vāyum nirudhya – den Atem angehalten habend (Vayu, Nirudh); medhāvī – der Verständige (Medhavin); jīvanmuktaḥ – zu Lebzeiten befreit (Jivanmukta); bhavati ayam – wird dieser (Bhu, Idam)
107. Vers Yoga Tattva Upanishad: Samadhi als Einheit des Selbst
samādhiḥ samatāvasthā jīvātmaparamātmanoḥ |
yadi svadehamutsraṣṭumicchā cedutsṛjetsvayam || 107 ||
Samadhi ist der Zustand der Gleichheit von Jivatman und Paramatman. Wenn der Yogi seinen Körper ablegen möchte, kann er ihn aus eigenem Willen verlassen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: samādhiḥ – Samadhi (Samadhi); samatā-avasthā – Zustand der Gleichheit und Einheit (Samata, Avastha); jīvātma-paramātmanoḥ – von Jivatman und Paramatman (Jivatman, Paramatman); yadi – wenn (Yadi); sva-deham – den eigenen Körper (Sva, Deha); utsraṣṭum icchā – der Wunsch besteht, ihn abzulegen (Utsrij, Iccha); cet – wenn; utsṛjet svayam – mag er ihn selbst verlassen (Utsrij, Svayam)
108. Vers Yoga Tattva Upanishad: Aufgehen in Parabrahman
parabrahmaṇi līyeta na tasyotkrāntiriṣyate |
atha no cetsamutsraṣṭuṃ svaśarīraṃ priyaṃ yadi || 108 ||
Dann geht er in Parabrahman auf; ein gewöhnliches Austreten der Lebenskraft wird für ihn nicht angenommen. Möchte er jedoch seinen geliebten Körper nicht ablegen ...
Wort-für-Wort-Übersetzung: parabrahmaṇi – in Parabrahman (Parabrahman); līyeta – möge aufgehen, sich auflösen (Laya); na tasya – für ihn nicht; utkrāntiḥ – Austritt, Hinübergehen der Lebenskraft (Utkranti); iṣyate – wird angenommen (Ish); atha – nun, hingegen (Atha); na cet – wenn nicht; samutsraṣṭum – vollständig abzulegen (Utsrij); sva-śarīram – den eigenen Körper (Sva, Sharira); priyam – lieb, wertvoll (Priya)
109. Vers Yoga Tattva Upanishad: Freies Wirken in den Welten
sarvalokeṣu viharannaṇimādiguṇānvitaḥ |
kadācitsvecchayā devo bhūtvā svarge mahīyate || 109 ||
... dann bewegt er sich, mit Fähigkeiten wie Anima ausgestattet, durch alle Welten. Mitunter nimmt er nach eigenem Willen die Gestalt eines Gottes an und wird im Himmel geehrt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-lokeṣu – in allen Welten (Sarva, Loka); viharan – sich frei bewegend (Vihara); aṇimā-ādi-guṇa-anvitaḥ – mit Fähigkeiten wie Anima versehen (Anima, Adi, Guna, Anvita); kadācit – bisweilen (Kadachit); sva-icchayā – nach eigenem Willen (Sva, Iccha); devaḥ bhūtvā – ein Gott geworden (Deva, Bhu); svarge – im Himmel (Svarga); mahīyate – wird geehrt, verherrlicht (Mah)
110. Vers Yoga Tattva Upanishad: Frei angenommene Gestalten
manuṣyo vāpi yakṣo vā svecchayāpi kṣaṇādbhavet |
siṃho vyāghro gajo vāśvaḥ svecchayā bahutāmiyāt || 110 ||
Nach der Bildsprache des Textes kann er nach eigenem Willen augenblicklich als Mensch oder Yaksha erscheinen und ebenso die Gestalt eines Löwen, Tigers, Elefanten, Pferdes oder vieler anderer Wesen annehmen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: manuṣyaḥ vā api – ein Mensch oder auch (Manushya, Api); yakṣaḥ vā – oder ein Yaksha (Yaksha); sva-icchayā – nach eigenem Willen (Sva, Iccha); api kṣaṇāt – sogar in einem Augenblick (Kshana, Api); bhavet – kann werden (Bhu); siṃhaḥ – Löwe (Simha); vyāghraḥ – Tiger (Vyaghra); gajaḥ – Elefant (Gaja); aśvaḥ – Pferd (Ashva); sva-icchayā – nach eigenem Willen; bahutām iyāt – kann vielfältige Gestalten annehmen (Bahuta, Ya)
111. Vers Yoga Tattva Upanishad: Unterschiedliche Übungen, gleiches Ziel
yatheṣṭameva varteta yadvā yogī maheśvaraḥ |
abhyāsabhedato bhedaḥ phalaṃ tu samameva hi || 111 ||
Der Yogi wird zum großen Herrn über sich selbst und kann nach seinem Willen handeln. Die Übungsweisen unterscheiden sich, doch das letztendliche Ergebnis ist dasselbe.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā-iṣṭam eva – ganz nach eigenem Willen (Yatha, Ishta, Eva); varteta – möge er sich verhalten, leben (Vrit); yat vā – wie auch immer; yogī – der Yogi (Yogi); mahā-īśvaraḥ – der große Herr, Meister (Maha, Ishvara); abhyāsa-bhedataḥ – aufgrund unterschiedlicher Übungen (Abhyasa, Bheda); bhedaḥ – besteht Unterschied (Bheda); phalam – die Frucht, das Ergebnis (Phala); samam eva – ist jedoch dasselbe (Sama, Eva)
112. Vers Yoga Tattva Upanishad: Ausgangshaltung für Maha Bandha
pārṣṇiṃ vāmasya pādasya yonisthāne niyojayet |
prasārya dakṣiṇaṃ pādaṃ hastābhyāṃ dhārayeddṛḍham || 112 ||
Er soll die Ferse des linken Fußes an den Beckenboden setzen, das rechte Bein ausstrecken und den rechten Fuß mit beiden Händen festhalten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pārṣṇim – die Ferse (Parshni); vāmasya pādasya – des linken Fußes (Vama, Pada); yoni-sthāne – am Bereich des Beckenbodens (Yoni, Sthana); niyojayet – soll ansetzen, platzieren (Niyoj); prasārya – ausgestreckt habend (Prasara); dakṣiṇam pādam – den rechten Fuß beziehungsweise das rechte Bein (Dakshina, Pada); hastābhyām – mit beiden Händen (Hasta); dhārayet dṛḍham – soll fest halten (Dharana, Dridha)
113. Vers Yoga Tattva Upanishad: Atemführung in der Übung
cubukaṃ hṛdi vinyasya pūrayedvāyunā punaḥ |
kumbhakena yathāśakti dhārayitvā tu recayet || 113 ||
Er soll das Kinn an die Brust legen, dann einatmen, den Atem im Kumbhaka so lange halten, wie es seiner Kraft entspricht, und anschließend ausatmen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: cubukam – das Kinn (Chubuka); hṛdi vinyasya – an die Brust beziehungsweise Herzgegend gelegt habend (Hridaya, Vinyasa); pūrayet vāyunā – soll mit Atem füllen, einatmen (Puraka, Vayu); punaḥ – dann, wiederum (Punar); kumbhakena – im Kumbhaka (Kumbhaka); yathā-śakti – entsprechend der eigenen Kraft (Shakti); dhārayitvā – gehalten habend (Dharana); recayet – soll ausatmen (Rechaka)
114. Vers Yoga Tattva Upanishad: Übung auf beiden Seiten
vāmāṅgena samabhyasya dakṣāṅgena tato'bhyaset |
prasāritastu yaḥ pādastamūrūpari nāmayet || 114 ||
Nachdem er mit der linken Seite geübt hat, soll er anschließend mit der rechten Seite üben. Das zuvor ausgestreckte Bein soll er dabei über den Oberschenkel beugen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāma-aṅgena – mit der linken Seite (Vama, Anga); samabhyasya – gründlich geübt habend (Abhyasa); dakṣa-aṅgena – mit der rechten Seite (Dakshina, Anga); tataḥ abhyaset – danach soll er üben (Tatas, Abhyasa); prasāritaḥ – der ausgestreckte (Prasarita); yaḥ pādaḥ – Fuß beziehungsweise das Bein (Pada); tam – diesen; ūru-upari – über den Oberschenkel (Uru, Upari); nāmayet – soll beugen (Nam)
115. Vers Yoga Tattva Upanishad: Maha Bandha
ayameva mahābandha ubhayatraivamabhyaset |
mahābandhasthito yogī kṛtvā pūrakamekadhīḥ || 115 ||
Dies wird Maha Bandha genannt und soll auf beiden Seiten geübt werden. Im Maha Bandha sitzend soll der Yogi mit einpünktigem Geist einatmen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ayam eva – eben dieses (Idam, Eva); mahā-bandhaḥ – Maha Bandha (Maha Bandha); ubhayatra – auf beiden Seiten (Ubhayatra); evam abhyaset – soll so geübt werden (Evam, Abhyasa); mahā-bandha-sthitaḥ – im Maha Bandha befindlich (Maha Bandha, Sthita); yogī – der Yogi; kṛtvā pūrakam – die Einatmung ausgeführt habend (Kri, Puraka); eka-dhīḥ – mit einpünktigem Geist (Eka, Dhi)
116. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Atembewegung im Maha Vedha
vāyunā gatimāvṛtya nibhṛtaṃ kaṇṭhamudrayā |
puṭadvayaṃ samākramya vāyuḥ sphurati satvaram || 116 ||
Nachdem er den Weg des Atems verschlossen und mit der Kehlenschleuse die beiden inneren Durchgänge fest zusammengepresst hat, soll sich der Atem kraftvoll und rasch im Inneren bewegen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāyunā gatim āvṛtya – den Weg des Atems verschließend (Vayu, Gati, Avrita); nibhṛtam – fest, vollständig (Nibhrta); kaṇṭha-mudrayā – mit der Kehlenschleuse beziehungsweise Kehlengeste (Kantha, Mudra); puṭa-dvayam – die beiden Öffnungen oder Seiten (Puta, Dvi); samākramya – vollständig zusammengepresst beziehungsweise beherrscht habend (Samakram); vāyuḥ – der Atem; sphurati – pulsiert, bewegt sich (Sphur); satvaram – rasch, kraftvoll (Satvara)
117. Vers Yoga Tattva Upanishad: Maha Vedha und die Zungenhaltung
ayameva mahāvedhaḥ siddhairabhyasyate'niśam |
antaḥ kapālakuhare jihvāṃ vyāvṛtya dhārayet || 117 ||
Dies wird Maha Vedha genannt und von den Siddhas unablässig geübt. Danach soll die Zunge nach innen gewendet und in der inneren Höhlung des Kopfes gehalten werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ayam eva – eben dieses (Idam, Eva); mahā-vedhaḥ – Maha Vedha (Maha Vedha); siddhaiḥ – von den Siddhas (Siddha); abhyasyate – wird geübt (Abhyasa); aniśam – unablässig, Tag und Nacht (Anisha); antaḥ – innen (Antar); kapāla-kuhare – in der Höhlung des Kopfes beziehungsweise Schädels (Kapala, Kuhara); jihvām – die Zunge (Jihva); vyāvṛtya – zurück- oder umgewendet habend (Vyavrit); dhārayet – soll halten (Dharana)
118. Vers Yoga Tattva Upanishad: Khechari Mudra und Beginn des Jalandhara Bandha
bhrūmadhyadṛṣṭirapyeṣā mudrā bhavati khecarī |
kaṇṭhamākuñcya hṛdaye sthāpayeddṛḍhayā dhiyā || 118 ||
Zusammen mit dem Blick zur Mitte zwischen den Augenbrauen wird diese Haltung zu Khechari Mudra. Dann soll er die Kehle zusammenziehen und sie mit festem Bewusstsein zur Herzgegend hin ausrichten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhrū-madhya-dṛṣṭiḥ – Blick zur Mitte zwischen den Augenbrauen (Bhru Madhya, Drishti); api eṣā – auch diese (Api, Etad); mudrā bhavati khecarī – wird zur Khechari Mudra (Mudra, Khechari Mudra); kaṇṭham ākuñcya – die Kehle zusammengezogen habend (Kantha, Akunchana); hṛdaye sthāpayet – soll sie zur Herzgegend hin ausrichten (Hridaya, Stha); dṛḍhayā dhiyā – mit festem Bewusstsein (Dridha, Dhi)
119. Vers Yoga Tattva Upanishad: Jalandhara Bandha, der Löwe gegen den Tod
bandho jālandharākhyo'yaṃ mṛtyumātaṅgakesarī |
bandho yena suṣumnāyāṃ prāṇastūḍḍīyate yataḥ || 119 ||
Dieser Verschluss wird Jalandhara genannt und gilt als Löwe gegenüber dem Elefanten des Todes. Durch den folgenden Bandha fliegt der Prana in der Sushumna aufwärts.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bandhaḥ – der Verschluss (Bandha); jālandhara-ākhyaḥ – Jalandhara genannt (Jalandhara Bandha, Akhya); ayam – dieser; mṛtyu-mātaṅga-kesarī – der Löwe gegen den Elefanten des Todes (Mrityu, Matanga, Kesari); yena – durch welchen (Yad); suṣumnāyām – in der Sushumna (Sushumna); prāṇaḥ – der Prana (Prana); uḍḍīyate – aufwärtsfliegt (Ud); yataḥ – wodurch, weil (Yatas)
120. Vers Yoga Tattva Upanishad: Uddiyana Bandha und die Vorbereitung von Mula Bandha
uḍyānākhyo hi bandho'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ |
pārṣṇibhāgena sampīḍya yonimākuñcayeddṛḍham || 120 ||
Dieser Verschluss wird von den Yogis Uddiyana Bandha genannt. Dann soll der Übende mit der Ferse den Beckenboden fest drücken und den unteren Verschluss kräftig zusammenziehen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: uḍyāna-ākhyaḥ – Uddiyana genannt (Uddiyana Bandha, Akhya); bandhaḥ ayam – dieser Verschluss (Bandha); yogibhiḥ – von den Yogis (Yogi); samudāhṛtaḥ – wird bezeichnet (Samudahrita); pārṣṇi-bhāgena – mit dem Bereich der Ferse (Parshni, Bhaga); sampīḍya – fest gedrückt habend (Sampid); yonim – den Beckenboden beziehungsweise Yoni-Bereich (Yoni); ākuñcayet – soll zusammenziehen (Akunchana); dṛḍham – fest (Dridha)
121. Vers Yoga Tattva Upanishad: Yoni Bandha und Mula Bandha
apānamūrdhvamutthāpya yonibandho'yamucyate |
prāṇāpānau nādabindū mūlabandhena caikatām || 121 ||
Indem Apana nach oben gehoben wird, heißt diese Übung Yoni Bandha. Durch Mula Bandha gelangen Prana und Apana sowie Nada und Bindu zur Einheit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: apānam – Apana (Apana); ūrdhvam utthāpya – nach oben gehoben habend (Urdhva, Utthapana); yoni-bandhaḥ – Yoni Bandha (Yoni, Bandha); ayam ucyate – wird dieses genannt (Idam, Vach); prāṇa-apānau – Prana und Apana (Prana, Apana); nāda-bindū – Nada und Bindu (Nada, Bindu); mūla-bandhena – durch Mula Bandha (Mula Bandha); ekatām – zur Einheit (Ekata)
122. Vers Yoga Tattva Upanishad: Vollendung durch Mula Bandha und Viparita Karani
gatvā yogasya saṃsiddhiṃ yacchato nātra saṃśayaḥ |
karaṇī viparītākhyā sarvavyādhivināśinī || 122 ||
Indem sie zur Einheit gelangen, schenkt Mula Bandha die Vollendung des Yoga – daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Die als Viparita Karani bekannte Umkehrhaltung wird als Beseitigerin aller Krankheiten gepriesen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: gatvā – gelangt habend (Gam); yogasya saṃsiddhim – die vollkommene Verwirklichung des Yoga (Yoga, Samsiddhi); yacchataḥ – gewährend, schenkend (Yam); na atra saṃśayaḥ – daran besteht kein Zweifel (Samshaya); karaṇī – die Praxis, Karani (Karani); viparīta-ākhyā – Viparita genannt, umgekehrt (Viparita Karani, Akhya); sarva-vyādhi-vināśinī – alle Krankheiten vernichtend (Vyadhi, Vinasha)
123. Vers Yoga Tattva Upanishad: Viparita Karani und das Verdauungsfeuer
nityamabhyāsayuktasya jāṭharāgnivivardhanī |
āhāro bahulastasya sampādyaḥ sādhakasya ca || 123 ||
Bei täglicher Praxis soll Viparita Karani das Verdauungsfeuer stark vermehren. Deshalb müsse der Übende nach der traditionellen Anweisung für ausreichende Nahrung sorgen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: nityam – täglich, beständig (Nitya); abhyāsa-yuktasya – für den mit Übung Verbundenen (Abhyasa, Yukta); jāṭhara-agni-vivardhanī – das Verdauungsfeuer steigernd (Jatharagni, Vivardhana); āhāraḥ bahulaḥ – reichliche beziehungsweise ausreichende Nahrung (Ahara, Bahula); tasya sādhakasya – für diesen Übenden (Sadhaka); sampādyaḥ – soll beschafft, bereitgestellt werden (Sampad)
124. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der Beginn der Umkehrhaltung
alpāhāro yadi bhavedagnirdehaṃ haretkṣaṇāt |
adhaḥśiraścordhvapādaḥ kṣaṇaṃ syātprathame dine || 124 ||
Wenn die Nahrung zu gering ist, soll das gesteigerte innere Feuer den Körper rasch aufzehren. Am ersten Tag soll der Übende nur einen Augenblick lang mit dem Kopf unten und den Füßen oben verweilen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: alpa-āhāraḥ – geringe Nahrung (Alpa, Ahara); yadi bhavet – wenn sie vorhanden ist (Yadi, Bhu); agniḥ – das Feuer (Agni); deham haret – soll den Körper aufzehren (Deha, Hri); kṣaṇāt – in einem Augenblick (Kshana); adhaḥ-śirāḥ – mit dem Kopf unten (Adhas, Shiras); ūrdhva-pādaḥ – mit den Füßen oben (Urdhva, Pada); kṣaṇam – einen Augenblick; prathame dine – am ersten Tag (Prathama, Dina)
125. Vers Yoga Tattva Upanishad: Schrittweise Steigerung von Viparita Karani
kṣaṇācca kiñcidadhikamabhyasettu dinedine |
valī ca palitaṃ caiva ṣaṇmāsārdhānna dṛśyate || 125 ||
Tag für Tag soll die Übungsdauer jeweils ein wenig verlängert werden. Der Text verheißt, dass nach der Hälfte von sechs Monaten – also etwa drei Monaten – Falten und graues Haar nicht mehr sichtbar seien.
Wort-für-Wort-Übersetzung: kṣaṇāt ca kiñcit adhikam – jeweils etwas länger als einen Augenblick (Kshana, Adhika); abhyaset – soll üben (Abhyasa); dine dine – Tag für Tag (Dina); valī – Falten (Vali); palitam – graues Haar (Palita); ṣaṇ-māsa-ardhāt – nach der Hälfte von sechs Monaten (Shanmasa, Ardha); na dṛśyate – wird nicht gesehen (Drish)
126. Vers Yoga Tattva Upanishad: Viparita Karani und Vajroli
yāmamātraṃ tu yo nityamabhyasetsa tu kālajit |
vajrolīmabhyasedyastu sa yogī siddhibhājanam || 126 ||
Wer diese Umkehrhaltung täglich für die Dauer eines Yama übt, soll die Zeit überwinden. Wer Vajroli praktiziert, gilt als Yogi und Gefäß der Siddhis.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yāma-mātram – für die Dauer eines Yama (Yama, Matra); yaḥ nityam abhyaset – wer täglich übt (Nitya, Abhyasa); saḥ kāla-jit – der überwindet die Zeit (Kala, Jit); vajrolīm abhyaset – soll Vajroli üben (Vajroli, Abhyasa); yaḥ – wer; saḥ yogī – dieser ist ein Yogi (Yogi); siddhi-bhājanam – Gefäß beziehungsweise Träger der Siddhis (Siddhi, Bhajana)
127. Vers Yoga Tattva Upanishad: Vajroli und yogische Fähigkeiten
labhyate yadi tasyaiva yogasiddhiḥ kare sthitā |
atītānāgataṃ vetti khecarī ca bhaveddhruvam || 127 ||
Wenn Yoga-Siddhi überhaupt erlangt werden kann, liegt sie für diesen Yogi gleichsam in der Hand. Er soll Vergangenheit und Zukunft erkennen und sicher die Fähigkeit erlangen, sich frei im Raum zu bewegen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: labhyate yadi – wenn sie erlangt wird (Labh, Yadi); tasya eva – für eben diesen (Tad, Eva); yoga-siddhiḥ – yogische Vollendung (Yoga, Siddhi); kare sthitā – in der Hand befindlich (Kara, Sthita); atīta-anāgatam – Vergangenheit und Zukunft (Atita, Anagata); vetti – erkennt, weiß (Vid); khecarī – sich im Raum bewegend, Khechari-Fähigkeit (Khechari); bhavet dhruvam – soll gewiss entstehen (Bhu, Dhruva)
128. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die historische Praxis Amaroli
amarīṃ yaḥ pibennityaṃ nasyaṃ kurvandine dine |
vajrolīmabhyasennityamamarolīti kathyate || 128 ||
Wer täglich die als Amari bezeichnete Flüssigkeit trinkt, sie täglich als Nasya anwendet und beständig Vajroli übt, dessen Praxis wird Amaroli genannt. Diese asketisch-tantrische Anweisung ist historisch einzuordnen und nicht als allgemeine Gesundheitsempfehlung zu verstehen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: amarīm – die als Amari bezeichnete Flüssigkeit, traditionell eigener Mittelstrahlurin (Amari); yaḥ pibet – wer trinkt (Pa, Yad); nityam – täglich (Nitya); nasyam kurvan – als Nasya, Nasenanwendung, ausführend (Nasya, Kri); dine dine – Tag für Tag (Dina); vajrolīm abhyaset – Vajroli übt (Vajroli, Abhyasa); nityam – beständig; amarolī iti – als Amaroli (Amaroli, Iti); kathyate – wird bezeichnet (Kath)
129. Vers Yoga Tattva Upanishad: Übergang zum Raja Yoga
tato bhavedrājayogo nāntarā bhavati dhruvam |
yadā tu rājayogena niṣpannā yogibhiḥ kriyā || 129 ||
Danach entsteht unweigerlich Raja Yoga. Wenn die Praxis der Yogis durch Raja Yoga zur Vollendung gelangt ...
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – danach (Tatas); bhavet – entsteht (Bhu); rāja-yogaḥ – Raja Yoga (Raja Yoga); na antarā – ohne Unterbrechung, unausweichlich (Antara); bhavati dhruvam – entsteht gewiss (Bhu, Dhruva); yadā – wenn (Yada); rāja-yogena – durch Raja Yoga; niṣpannā – vollendet (Nishpanna); yogibhiḥ kriyā – die Praxis der Yogis (Yogi, Kriya)
130. Vers Yoga Tattva Upanishad: Viveka und Vairagya
tadā vivekavairāgyaṃ jāyate yogino dhruvam |
viṣṇurnāma mahāyogī mahābhūto mahātapāḥ || 130 ||
... dann entstehen im Yogi mit Gewissheit Viveka und Vairagya, Unterscheidungskraft und Verhaftungslosigkeit. Vishnu ist der große Yogi, das erhabene Wesen und der große Asket.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tadā – dann (Tada); viveka-vairāgyam – Unterscheidungskraft und Verhaftungslosigkeit (Viveka, Vairagya); jāyate – entstehen (Jan); yoginaḥ – im Yogi (Yogi); dhruvam – gewiss (Dhruva); viṣṇuḥ nāma – derjenige namens Vishnu (Vishnu); mahā-yogī – der große Yogi (Maha, Yogi); mahā-bhūtaḥ – das erhabene Wesen (Bhuta); mahā-tapāḥ – der große Asket (Tapas)
131. Vers Yoga Tattva Upanishad: Purushottama und der Kreislauf der Wiedergeburten
tattvamārge yathā dīpo dṛśyate puruṣottamaḥ |
yaḥ stanaḥ pūrvapītastaṃ niṣpīḍya mudamaśnute || 131 ||
Purushottama erscheint als Licht auf dem Weg der Wahrheit. Der Text wendet sich dann dem Kreislauf der Wiedergeburten zu: Eine Brust, an der ein Mensch einst als Kind getrunken hat, kann er in einem späteren Leben als Geliebter berühren.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tattva-mārge – auf dem Weg der Wahrheit (Tattva, Marga); yathā dīpaḥ – wie eine Lampe, ein Licht (Dipa); dṛśyate – erscheint, wird gesehen (Drish); puruṣottamaḥ – der höchste Purusha (Purushottama); yaḥ stanaḥ – jene Brust (Stana); pūrva-pītaḥ – an der früher getrunken wurde (Purva, Pa); tam niṣpīḍya – sie berührend oder drückend (Nishpid); mudam aśnute – erfährt er Freude (Mud, Ash)
132. Vers Yoga Tattva Upanishad: Wechselnde Beziehungen im Samsara
yasmājjāto bhagātpūrvaṃ tasminneva bhage raman |
yā mātā sā punarbhāryā yā bhāryā mātareva hi || 132 ||
An dem weiblichen Geschlechtsteil, aus dem er einst geboren wurde, erfreut er sich später möglicherweise als Erwachsener. Wer in einem Leben seine Mutter war, kann später seine Frau sein; wer seine Frau war, kann wiederum seine Mutter werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yasmāt jātaḥ – woraus er geboren wurde (Yad, Jan); bhagāt pūrvam – früher aus dem weiblichen Geschlechtsteil (Bhaga, Purva); tasmin eva bhage – an eben diesem (Tad, Eva, Bhaga); raman – sich erfreuend (Ram); yā mātā – die Mutter (Mata); sā punaḥ bhāryā – sie wird später die Ehefrau (Punar, Bharya); yā bhāryā – die Ehefrau; mātā eva hi – wird wahrlich zur Mutter
133. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das Rad des Samsara
yaḥ pitā sa punaḥ putro yaḥ putraḥ sa punaḥ pitā |
evaṃ saṃsāracakraṃ kūpacakreṇa ghaṭā iva || 133 ||
Wer jetzt Vater ist, kann später Sohn werden, und wer jetzt Sohn ist, kann später Vater werden. So dreht sich das Rad des Samsara wie die Gefäße am Rad eines Schöpfbrunnens.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yaḥ pitā – wer der Vater ist (Pitri); saḥ punaḥ putraḥ – der wird später Sohn (Punar, Putra); yaḥ putraḥ – wer Sohn ist; saḥ punaḥ pitā – der wird später Vater; evam – so (Evam); saṃsāra-cakram – das Rad des Samsara (Samsara, Chakra); kūpa-cakreṇa – wie durch das Rad eines Brunnens (Kupa, Chakra); ghaṭāḥ iva – wie die daran befestigten Gefäße (Ghata, Iva)
134. Vers Yoga Tattva Upanishad: Drei Welten, drei Veden und drei Laute
bhramanto yonijanmāni śrutvā lokānsamaśnute |
trayo lokāstrayo vedāstisraḥ sandhyāstrayaḥ svarāḥ || 134 ||
So wandern die Wesen durch Geburten aus verschiedenen Mutterleibern und erfahren unterschiedliche Welten. Drei Welten, drei Veden, drei Tagesübergänge und drei Grundlaute werden genannt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhramantaḥ – umherwandernd (Bhram); yoni-janmāni – durch Geburten aus Mutterleibern (Yoni, Janma); lokān samaśnute – erfahren sie die Welten (Loka, Ash); trayaḥ lokāḥ – drei Welten (Traya, Loka); trayaḥ vedāḥ – drei Veden (Veda); tisraḥ sandhyāḥ – drei Tagesübergänge (Sandhya); trayaḥ svarāḥ – drei Laute beziehungsweise Akzente (Svara)
135. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die Dreiheit in Om
trayo'gnayaśca triguṇāḥ sthitāḥ sarve trayākṣare |
trayāṇāmakṣarāṇāṃ ca yo'dhīte'pyardhamakṣaram || 135 ||
Auch die drei Feuer und die drei Gunas sind sämtlich in den drei Lauten von Om enthalten. Wer sogar die halbe Matra jenseits dieser drei Laute meditiert ...
Wort-für-Wort-Übersetzung: trayaḥ agnayaḥ – die drei Feuer (Agni); tri-guṇāḥ – die drei Gunas (Triguna); sthitāḥ – sind enthalten, gegründet (Sthita); sarve – alle (Sarva); tri-akṣare – in den drei Silben beziehungsweise Lauten (Tri, Akshara); trayāṇām akṣarāṇām – der drei Laute; yaḥ adhīte – wer studiert oder meditiert (Adhi); api – sogar (Api); ardham akṣaram – den halben Laut, die halbe Matra (Ardha, Akshara)
136. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der höchste Zustand jenseits der drei Laute
tena sarvamidaṃ protaṃ tatsatyaṃ tatparaṃ padam |
puṣpamadhye yathā gandhaḥ payomadhye yathā ghṛtam || 136 ||
... erkennt das, worin dieses ganze Universum aufgereiht ist. Das ist die Wahrheit und der höchste Zustand – so verborgen wie der Duft in einer Blüte und das Ghee in der Milch.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tena – durch ihn beziehungsweise dadurch (Tad); sarvam idam – dieses Ganze (Sarva, Idam); protam – aufgereiht, durchwoben (Prota); tat satyam – das ist die Wahrheit (Satya); tat paramam padam – das ist der höchste Zustand (Parama, Pada); puṣpa-madhye – inmitten der Blüte (Pushpa, Madhya); yathā gandhaḥ – wie der Duft (Gandha); payo-madhye – inmitten der Milch (Payas, Madhya); yathā ghṛtam – wie das Ghee (Ghrita)
137. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der nach unten gerichtete Herzlotus
tilamadhye yathā tailaṃ pāṣāṇeṣviva kāñcanam |
hṛdi sthāne sthitaṃ padmaṃ tasya vaktramadhomukham || 137 ||
Wie Öl im Sesamsamen und Gold im Gestein verborgen ist, so befindet sich im Herzraum ein Lotus, dessen Blüte nach unten gerichtet ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tila-madhye – im Sesamsamen (Tila, Madhya); yathā tailam – wie das Öl (Taila); pāṣāṇeṣu – in den Steinen, im Gestein (Pashana); iva kāñcanam – wie Gold (Iva, Kanchana); hṛdi sthāne – im Bereich des Herzens (Hridaya, Sthana); sthitam padmam – befindet sich ein Lotus (Sthita, Padma); tasya vaktram – dessen Öffnung beziehungsweise Blüte (Vaktra); adho-mukham – nach unten gerichtet (Adhomukha)
138. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der Herzlotus und die Laute A und U
ūrdhvanālamadhobindustasya madhye sthitaṃ manaḥ |
akāre recitaṃ padmamukāreṇaiva bhidyate || 138 ||
Sein Stiel weist nach oben, sein Bindu nach unten, und in seiner Mitte befindet sich der Geist. Durch den Laut A entfaltet sich der Lotus; durch den Laut U öffnet er sich.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ūrdhva-nālam – mit nach oben gerichtetem Stiel (Urdhva, Nala); adho-binduḥ – mit nach unten gerichtetem Bindu (Adhas, Bindu); tasya madhye – in seiner Mitte (Madhya); sthitam manaḥ – befindet sich der Geist (Sthita, Manas); akāre – durch den Laut A (Akara); recitam padmam – entfaltet beziehungsweise geöffnet wird der Lotus (Rechita, Padma); ukāreṇa eva – allein durch den Laut U (Ukara, Eva); bhidyate – wird geöffnet, durchdrungen (Bhid)
139. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der Laut M, Nada und die stille halbe Matra
makāre labhate nādamardhamātrā tu niścalā |
śuddhasphaṭikasaṅkāśaṃ niṣkalaṃ pāpanāśanam || 139 ||
Durch den Laut M gelangt der Übende zu Nada; die halbe Matra dagegen ist unbewegt und still. Der so erfahrene höchste Zustand gleicht reinem Kristall, ist ungeteilt und vernichtet alle Verfehlungen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: makāre – durch den Laut M (Makara); labhate – erlangt (Labh); nādam – Nada, den inneren Klang (Nada); ardha-mātrā – die halbe Matra (Ardha, Matra); niścalā – unbewegt, still (Nishchala); śuddha-sphaṭika-saṅkāśam – reinem Kristall gleich (Shuddha, Sphatika, Sankasha); niṣkalam – ungeteilt (Nishkala); pāpa-nāśanam – Verfehlungen vernichtend (Papa, Nasha)
140. Vers Yoga Tattva Upanishad: Der höchste Zustand und das Bild der Schildkröte
labhate yogayuktātmā puruṣastatparaṃ padam |
kūrmaḥ svapāṇipādādiśiraścātmani dhārayet || 140 ||
Der Mensch, dessen Selbst mit Yoga verbunden ist, erlangt diesen höchsten Zustand. Wie eine Schildkröte Glieder und Kopf in sich zurückzieht, soll er Hände, Füße, Kopf und die übrigen Glieder im Selbst sammeln.
Wort-für-Wort-Übersetzung: labhate – erlangt (Labh); yoga-yukta-ātmā – dessen Selbst mit Yoga verbunden ist (Yoga, Yukta, Atman); puruṣaḥ – der Mensch, Purusha (Purusha); tat paramam padam – jenen höchsten Zustand (Parama, Pada); kūrmaḥ – die Schildkröte (Kurma); sva-pāṇi-pāda-ādi – die eigenen Hände, Füße und übrigen Glieder (Sva, Pani, Pada, Adi); śiraḥ ca – und den Kopf (Shiras); ātmani dhārayet – soll im Selbst sammeln beziehungsweise halten (Atman, Dharana)
141. Vers Yoga Tattva Upanishad: Die neun Tore des Körpers
evaṃ dvāreṣu sarveṣu vāyupūritarecitaḥ |
niṣiddhaṃ tu navadvāre ūrdhvaṃ prāṅniśvasaṃstathā || 141 ||
So wird der Atem an allen Toren ein- und ausgeführt und schließlich an den neun Körpertoren zurückgehalten; der Übende richtet den Atem nach oben und nach vorn.
Wort-für-Wort-Übersetzung: evam – so (Evam); dvāreṣu sarveṣu – an allen Toren oder Öffnungen (Dvara, Sarva); vāyu-pūrita-recitaḥ – mit ein- und ausgeführtem Atem (Vayu, Puraka, Rechaka); niṣiddham – zurückgehalten, verschlossen (Nishiddha); nava-dvāre – an den neun Toren (Nava, Dvara); ūrdhvam – nach oben (Urdhva); prāk – nach vorn, ostwärts (Prach); niśvasan – atmend (Nishvas); tathā – so, ebenso (Tatha)
142. Vers Yoga Tattva Upanishad: Das Licht im windstillen Gefäß
ghaṭamadhye yathā dīpo nivātaṃ kumbhakaṃ viduḥ |
niṣiddhairnavabhirdvārairnirjane nirupadrave || 142 ||
Wie eine Lampe in einem Gefäß an einem windstillen Ort unbewegt leuchtet, so erkennen die Weisen Kumbhaka. Wenn die neun Tore verschlossen sind und der Yogi ungestört in der Einsamkeit übt, bleibt gewiss allein der Atman übrig – so lautet die Upanishad.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ghaṭa-madhye – inmitten eines Gefäßes (Ghata, Madhya); yathā dīpaḥ – wie eine Lampe (Dipa); nivātam – windstill, vor Wind geschützt (Nivata); kumbhakam – Kumbhaka (Kumbhaka); viduḥ – die Wissenden erkennen, lehren (Vid); niṣiddhaiḥ navabhiḥ dvāraiḥ – wenn die neun Tore verschlossen sind (Nava, Dvara, Nishiddha); nirjane – in der Einsamkeit (Nirjana); nirupadrave – frei von Störung (Nirupadrava); niścitam – gewiss (Nishchita); tu – aber, wahrlich (Tu); ātma-mātreṇa – allein als Atman, nur durch das Selbst (Atman, Matra); avaśiṣṭam – als Rest verbleibend (Avashishta); yoga-sevayā – durch die Übung des Yoga (Yoga, Seva); iti upaniṣat – so lautet die Upanishad (Iti, Upanishad)
niścitaṃ tv ātma-mātreṇāvaśiṣṭaṃ yoga-sevayety upaniṣat ||
Abschluss
iti yogatattvopaniṣat samāptā ||
Damit ist die Yoga Tattva Upanishad beendet.
Ausführliche Einführung: Hintergrund und Bedeutung der Yoga Tattva Upanishad
Name, Charakter und Überlieferung
Yoga-tattva bedeutet das „Wesen“, die „Wahrheit“ oder das „grundlegende Prinzip des Yoga“. Die Yoga Tattva Upanishad will daher nicht nur einzelne Übungen aufzählen, sondern erklären, was Yoga im tiefsten Sinn ist, wie seine verschiedenen Methoden zusammengehören und auf welche Weise sie zur Befreiung führen.
Traditionell gehört sie zu den Yoga Upanishaden und wird in der Muktika Upanishad als Nummer 41 geführt. Die Überlieferung ist nicht einheitlich. Eine kurze Rezension von nur fünfzehn Versen wird dem Atharvaveda zugeordnet; die hier übersetzte Langfassung mit 142 Versen gehört in der südindischen Überlieferung zum Krishna Yajurveda. Die kurze Fassung entspricht im Wesentlichen dem Schluss der Langfassung. Dies zeigt, dass der Text über längere Zeit erweitert und neu geordnet wurde.
Eine sichere Datierung ist nicht möglich. Einzelne Lehren können alt sein, die ausführliche Rezension enthält jedoch ein entwickeltes System von Pranayama, Kumbhaka, Mudra, Bandha, feinstofflicher Körperlehre und yogischen Stufen, wie es für die mittelalterliche Formierung des Hatha Yoga charakteristisch ist. Die Yoga Tattva Upanishad sollte deshalb als ein Schichtentext verstanden werden, der upanishadische, vedantische, tantrische und hathayogische Überlieferungen miteinander verbindet.
Vishnu als Lehrer des Yoga
Die Yoga Tattva Upanishad steht in einem vaishnavitischen Rahmen. Brahma, der „Großvater“ der Welt, verehrt Vishnu und bittet ihn um die Lehre vom Yoga. Vishnu erscheint als Purushottama, höchster Purusha, großer Yogi und Licht auf dem Weg der Wahrheit. Gleichzeitig verwendet der Text auch shaivistische Gottesbilder: In der Elementmeditation werden unter anderem Rudra und Sadashiva visualisiert. Dies zeigt den integrativen Charakter vieler Yogaüberlieferungen, in denen praktische Lehren nicht immer auf eine einzige konfessionelle Richtung beschränkt waren.
Yoga und Jnana
Die grundlegende Aussage der Schrift lautet, dass Yoga und Jnana untrennbar zusammengehören. Erkenntnis ohne Yoga besitzt nicht die Kraft, den ganzen Menschen zu verwandeln; Yoga ohne Erkenntnis kann das endgültige Ziel der Befreiung verfehlen. Jnana bedeutet dabei nicht bloße Gelehrsamkeit, sondern die unmittelbare Erkenntnis des eigenen Wesens als reines, ungeteiltes Sat Chit Ananda. Yoga bezeichnet die praktische Sammlung und Läuterung, durch welche diese Erkenntnis lebendige Wirklichkeit wird.
Der Text warnt ausdrücklich vor Menschen, die sich im „Netz der Schriften“ verlieren. Schriften können den Weg weisen, aber das aus sich selbst leuchtende Selbst nicht erzeugen. Befreiende Erkenntnis muss durch Übung, Läuterung, Meditation und Samadhi verwirklicht werden.
Vier Formen und vier Stufen des Yoga
Die Yoga Tattva Upanishad unterscheidet vier Hauptformen: Mantra Yoga, Laya Yoga, Hatha Yoga und Raja Yoga. Mantra Yoga arbeitet mit der Wiederholung heiliger Klänge; Laya Yoga lässt den Geist in der beständigen Erinnerung an den eigenschaftslosen Ishvara aufgehen; Hatha Yoga umfasst den achtgliedrigen Übungsweg, Pranayama, Mudras und Bandhas; Raja Yoga ist die Vollendung in Unterscheidungskraft, Verhaftungslosigkeit und Samadhi.
Allen Formen werden vier Entwicklungsstufen zugeordnet. Arambha ist der Beginn, in dem Lebensführung, Sitzhaltung, Atemübung und Reinigung aufgebaut werden. Ghata – wörtlich „Gefäß“ – bezeichnet die Verbindung von Prana und Apana, Geist und Erkenntniskraft sowie individuellem und höchstem Selbst. Parichaya ist die vertiefte Vertrautheit, in welcher Prana und Bewusstsein in die Sushumna eintreten und die fünf Elemente durch Dharana gemeistert werden. Nishpatti ist die Vollendung in Samadhi und Jivanmukti.
Diese vier Stufen zeigen, dass Fortschritt nicht allein an spektakulären Erlebnissen gemessen wird. Yoga wird als allmähliche Integration von Körper, Atem, Sinnen, Geist und Bewusstsein verstanden.
Hatha Yoga, Pranayama und Mudra
Der größte Teil der Schrift ist der praktischen Seite des Hatha Yoga gewidmet. Genannt werden Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Unter den vielen ethischen Regeln hebt der Text maßvolle Ernährung und Ahimsa besonders hervor. Als wichtigste Sitzhaltungen nennt er Siddhasana, Padmasana, Simhasana und Bhadrasana.
Ausführlich wird die Wechselatmung mit dem Verhältnis 16:64:32 für Einatmung, Anhalten und Ausatmung beschrieben. Diese hohen Zählzeiten setzen eine lange Vorbereitung voraus und sind nicht als unmittelbare Übungsanweisung für Anfänger zu verstehen. Der Text beschreibt die Nadi-Reinigung, Kevala Kumbhaka, Pratyahara und die Sammlung des Prana. Danach folgen Maha Bandha, Maha Vedha, Khechari Mudra, Jalandhara Bandha, Uddiyana Bandha, Mula Bandha, Viparita Karani, Vajroli, Amaroli und Sahajoli. Einige dieser Praktiken gehören zu asketischen oder tantrischen Spezialtraditionen und sollten weder ohne sachkundige Anleitung nachgeahmt noch aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst werden.
Die fünf Elemente und der feinstoffliche Körper
In der Parichaya-Stufe beschreibt die Upanishad fünf Dharanas über Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Jedem Element werden ein Körperbereich, eine geometrische Form, eine Farbe, ein Bija-Mantra und eine Gottheit zugeordnet. Der Yogi führt den Prana in den entsprechenden Bereich und verbindet Atem, Mantra und Visualisierung.
Diese Lehre ist keine moderne Anatomie. Sie ist ein meditativer Erfahrungsrahmen, in dem Körperempfindung, Atem, Imagination und Bewusstsein miteinander verbunden werden. Die Beherrschung der Elemente bedeutet spirituell, dass der Übende nicht länger vollständig von den wechselnden Bedingungen des Körpers und der äußeren Welt bestimmt wird.
Siddhis und außergewöhnliche Aussagen
Wie viele vormoderne Yogatexte spricht die Yoga Tattva Upanishad von Siddhis: großer Kraft, Fernhören, Fernsicht, Unsichtbarkeit, freier Bewegung im Raum, Beherrschung der Elemente und Überwindung des Todes. Einige Aussagen sind bewusst übersteigerte Beschreibungen yogischer Macht. Der Text selbst warnt jedoch davor, diese Kräfte zu zeigen oder sich an ihnen zu erfreuen. Sie gelten als Hindernisse, sobald sie Stolz, Ablenkung oder den Wunsch nach Bewunderung hervorrufen.
Auch Aussagen über Sexualität, Bindu-Bewahrung, Vajroli und Amaroli spiegeln das asketische und teilweise männlich-monastische Milieu bestimmter Überlieferungsschichten. Sie sollten historisch eingeordnet und nicht unbesehen als allgemeingültige Anweisung für heutige Übende übernommen werden. Die grundlegende spirituelle Aussage ist die Sammlung der Lebensenergie und die Überwindung zwanghafter Begierde – nicht die Abwertung von Frauen oder Sexualität.
Verhältnis zu Patanjalis Yoga Sutra
Die Yoga Tattva Upanishad übernimmt den achtgliedrigen Aufbau von Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi, wie er aus dem Yoga Sutra des Patanjali bekannt ist. Dennoch setzt sie andere Schwerpunkte. Patanjali analysiert vor allem Geist, Kleshas, meditative Sammlung und die Unterscheidung von Purusha und Prakriti. Die Yoga Tattva Upanishad verbindet den achtgliedrigen Weg mit Vedanta, Pranava, Mudras, Bandhas, Bindu und der feinstofflichen Elementlehre.
Ihr Samadhi wird als Gleichheit beziehungsweise Einheit von Jivatman und Paramatman beschrieben. Damit deutet sie das Ziel stärker vedantisch als Patanjalis kaivalya-orientiertes System.
Verhältnis zu den anderen Yoga Upanishaden
Mit der Yoga Shikha Upanishad teilt die Yoga Tattva Upanishad fast wörtlich die Lehre, dass Yoga und Jnana gemeinsam geübt werden müssen. Beide unterscheiden Mantra, Laya, Hatha und Raja Yoga und verbinden Befreiungslehre mit Prana- und Körperpraxis. Die Yoga Shikha Upanishad ist erheblich umfangreicher und entfaltet Kundalini, Nada und Mahayoga ausführlicher; die Yoga Tattva Upanishad bietet dagegen eine besonders klare Stufenordnung von Arambha bis Nishpatti.
Mit Dhyana Bindu Upanishad, Nada Bindu Upanishad, Yoga Kundalini Upanishad, Yoga Chudamani Upanishad, Shandilya Upanishad und Darshana Upanishad teilt sie die Lehren von Om, Prana, Nadis, Meditation und innerer Verwirklichung. Innerhalb dieser Gruppe gehört sie zu den Texten, welche philosophische Erkenntnis und konkrete Hatha-Yoga-Praxis besonders eng verbinden.
Verhältnis zu Amrita Siddhi, Yoga Bija und Natha-Texten
Die wahrscheinlich im 11. Jahrhundert entstandene Amrita Siddhi bezeugt ein frühes System von Bindu-Bewahrung, Maha Mudra, Maha Bandha und Maha Vedha. Die Yoga Tattva Upanishad steht in einem verwandten Praxisfeld, deutet es jedoch vaishnavitisch und vedantisch. Ein einfaches direktes Abhängigkeitsverhältnis lässt sich daraus nicht ableiten.
Zum Yoga Bija und zur Yoga Shikha Upanishad bestehen auffällige Parallelen in der Verbindung von Jnana und Yoga sowie in der Vierergruppe Mantra, Laya, Hatha und Raja Yoga. Das Dattatreya Yoga Shastra bietet eine verwandte frühe Systematisierung dieser Yogaformen. Goraksha Shataka und Goraksha Paddhati teilen mit der Yoga Tattva Upanishad die Konzentration auf Pranayama, Bandhas, Sushumna und die schrittweise Meisterung des Prana.
Verhältnis zu Hatha Yoga Pradipika, Shiva Samhita und Gheranda Samhita
Die Hatha Yoga Pradipika des Svatmarama systematisiert im frühen 15. Jahrhundert viele ältere Lehren über Asana, Pranayama, Mudra und Samadhi. Zahlreiche Grundgedanken der Yoga Tattva Upanishad begegnen auch dort: maßvolle Ernährung, Nadi-Reinigung, Kumbhaka, die drei Hauptbandhas, Khechari, Viparita Karani und die Hinführung des Hatha Yoga zum Raja Yoga.
Die Shiva Samhita verbindet ähnlich wie die Yoga Tattva Upanishad nicht-duale Philosophie, feinstoffliche Körperlehre und Hatha-Yoga-Praxis. Die spätere Gheranda Samhita bietet mit ihrem siebenfachen Ghatastha Yoga eine stärker enzyklopädische und pädagogisch geordnete Praxislehre. Die Yoga Tattva Upanishad bleibt im Vergleich stärker auf die Einheit von Yoga und befreiender Erkenntnis ausgerichtet.
Bedeutung für frühere und heutige Yogapraxis
Historisch zeigt die Schrift, dass Yoga nicht auf Asana beschränkt war. Körperhaltung, Atem, Ernährung, Rückzug der Sinne, Konzentration, Meditation, Mantra, Guru-Unterweisung und Selbsterkenntnis bildeten einen zusammenhängenden Weg. Fortgeschrittene Methoden wurden gewöhnlich innerhalb einer persönlichen Überlieferung und nach längerer Vorbereitung vermittelt.
Für heutige Aspiranten bleibt vor allem die Verbindung von Übung und Erkenntnis bedeutsam. Regelmäßige Praxis soll zu wachsender Ruhe, Klarheit, Selbstbeherrschung, Mitgefühl und Freiheit führen. Atemtechniken und Mudras sind Hilfsmittel; sie ersetzen weder Ethik noch Meditation noch Selbsterkenntnis. Überlieferte Zeitangaben, Wirkungsversprechen und Siddhi-Berichte dürfen nicht als medizinisch überprüfte Garantien dargestellt werden.
Bedeutung für Yogalehrer und Yoga Meister
Für Yogalehrer und Yoga Meister ist die Yoga Tattva Upanishad ein wichtiges Zeugnis eines integralen, stufenweisen Yoga. Sie fordert dazu auf, körperliche und energetische Übungen entsprechend der Reife des Schülers zu vermitteln, Risiken nicht zu verschweigen und außergewöhnliche Erfahrungen weder zu verherrlichen noch vorschnell abzuwerten.
Ein Meister zeigt sich nach der tieferen Botschaft des Textes nicht durch vorgeführte Siddhis, sondern durch Beständigkeit, Unterscheidungskraft, Verhaftungslosigkeit und Verwirklichung. Er führt Schüler von der äußeren Übung zur inneren Sammlung und schließlich zur Erkenntnis des Selbst. Die bleibende Botschaft der Yoga Tattva Upanishad lautet daher: Yoga erreicht sein Ziel erst dann, wenn Praxis und Erkenntnis zu einer lebendigen Einheit geworden sind.
Textgrundlage und Hinweise
Die Sanskritfassung folgt der verbreiteten Langrezension mit 142 Versen. Sandhi und Verszählung wurden mit der Devanagari- und ITRANS-Fassung von Sanskrit Documents sowie der Ausgabe von T. R. Srinivasa Ayyangar abgeglichen. Die deutsche Übersetzung ist eine verständliche Arbeitsübersetzung auf Grundlage des Sanskrittextes; bei zusammengesetzten Wörtern fasst die Wort-für-Wort-Übersetzung teilweise mehrere Sanskritglieder zu einer sinnvollen deutschen Einheit zusammen.
- T. R. Srinivasa Ayyangar: The Yoga Upanishads. Adyar Library, Madras 1938.
- K. Narayanasvami Aiyar: Thirty Minor Upanishads. Madras 1914.
- James Mallinson und Mark Singleton: Roots of Yoga. Penguin Classics, London 2017.
- Sanskrit Documents: Yogatattvopaniṣat.
Yogatattva Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen
Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 810 - 814.
Einleitung
Diese Upanishad, die ihren Namen Yogatattva "die Wesenheit des Yoga" entweder nach dem Anfangswort oder nach dem Hauptinhalt trägt, besteht in unserer Rezension aus fünfzehn Slokas, während sie im Telugu-Druck in bedeutend erweiterter Gestalt vorliegt. Die beiden Anfangsverse sind dort dieselben, dann aber folgen etwa hundert andere Slokas, hierauf (p. 394) nochmals Vers 2 und als Schluß der Upanishad v. 3-13 und v. 15, teilweise mit sehr abweichenden Lesarten. Ob diese auf einer ursprünglicheren Tradition oder nur auf späterer Zurechtlegung beruhen, unternehmen wir zur Zeit noch nicht zu entscheiden. In unserer Rezension ist der Text so korrupt und der Kommentar so mangelhaft, daß die Übersetzung nur als ein Versuch gelten kann, den Inhalt einigermaßen verständlich wiederzugeben.
Nach den Eingangsversen (v. 1-2), welche, weniger passend, auch den Eingang von Dhyanabindu bilden, folgt v. 3-5 eine sehr drastische Schilderung von dem unaufhörlichen Kreislauf der Neugeburten und v. 6-8 eine Darlegung, wie die 3 1/2 Moren des Lautes Om alles in sich befassen, wobei wiederum v. 8 derselbe ist wie Dhyanabindu 7, diesmal aber dort passender steht; - hiernach scheint es, daß Yogatattva und Dhyanabindu, nicht die eine von der anderen, sondern beide von einer gemeinsamen Quelle abhängig sind, welche jedoch wahrscheinlich nur in einzelnen Sprüchen zu suchen ist, die in Yogakreisen mündlich umliefen und, vielfach variiert, schließlich in diesen Yoga Upanishaden Aufnahme fanden. Dies gilt auch von den folgenden Versen (v. 9-11), welche, nach dem Vorgange von Mahanar. 11,8 (oben S. 251) und unter mehrfachen Anklängen an Dhyanabindu 12-14, das Herz, den Sitz des Manas, als eine abwärts gerichtete Lotosblume schildern, die sich bei der Meditation entfaltet, dann aber mit der Beruhigung des Manas regungslos wird, worauf die Seele das höchste Wesen so in sich widerspiegelt, wie der Bergkristall den Sonnenstrahl (v. 11). Vers 12 bezieht sich wohl auf den Pratyahara, das Einziehen der Organe, während die Atmung noch fortbesteht, v. 13 auf den Pranayama, die Atmungsregelung, welche ihren Höhepunkt im Kumbhaka (Amritabindu 13. Dhyanabindu 12) hat, v. 14 auf den Auszug der Seele durch die Sushumna und des Brahmarandhram (vgl. Yogasikha 7), v. 15 endlich betrifft die Wahl richtigen Ortes für die Meditation und die Schonung alles Lebenden von seiten des Yogin.
Die Yogatattva Upanishad
Vers 1-2. Wert des Yoga.'[1]
1. Des Yoga Wesenheit kund tun
2. Ein großer Yogin heißt Visnu,
Vers 3-5. Der Kreislauf der Seelenwanderung

3. Die Brust, an der er trank vormals,
4. Die ihm Mutter war, wird Gattin,
5. So im Kreislauf des Samsara,
Vers 6-8. Allbefassung des Lautes Om.
6. Drei Welten gibt es, drei Veden,
- Drei Tagzeiten, drei Götter sind,
- Drei Opferfeuer, drei Gunas,
- Der Dreilaut alles die befaßt.
7. Doch wer am Ende des Dreilauts
- Auch die Halbsilbe überdenkt,
- Der hat dies alles durchdrungen
- Und geht zur höchsten Stätte ein.
8. Wie der Duft ist in der Blume,
Vers 9-11. Frucht der Meditation des Lautes Om.
9. Die Lotosblüte, die einnimmt
- Des Herzens Raum, gesenkt den Kelch,
- Hoch den Stiel, niederwärts tauend,
- Darin das Manas hat den Sitz,
10. Beim A-Laut wird sie leuchtend,
- Beim U-Laut erschließt sie sich,
- Erklingt leise beim M-Laute, -
- Regungslos ist der halbe Laut, -
11. Dann, wie im Bergkristall etwa
- Sich abspiegelt der Sonne Licht[6],
- Scheint in der Seele beim Yoga
- Der höchste Geist, der sie beseelt.
Vers 12-13. Pratyahara und Pranayama (vgl. S. 650).

12. Er zieht ein gleich der Schildkröte
- In sich nebst Hand und Fuß das Haupt[7],
- Indes der Wind noch die Pforten
- Umspielt. Dann heißt's: "Füllt ein! füllt ein!"
13. Doch wenn nach Schluß der neun Pforten
- Er aus- und einzuatmen sucht,
- Wie eine Fackel im Kruge
- Windlos, das heißt der "Einbehalt".
Vers 14. Auszug durch das Brahmarandhram.
14. Bis, wie durch Lotosblatt brechend,
Vers 15. Verhalten des Yogin zur Außenwelt.
15. An unverbotnem, windstillem,
Fußnoten
- ↑ v. 1-2 vgl. Dhyanabindu v. 1-2.
- ↑ Yah Stanah Purvapitas Tam Nishpidya Mudam Asnute (Telugudruck).
- ↑ Noch heute sieht man in Indien sehr häufig dieses ringsum mit Eimern versehene Schöpfrad. 'Während dasselbe durch einen unter ihm herlaufenden Bach gedreht wird, füllen sich die in denselben eintauchenden Eimer und ergießen, nach oben gelangt, ihren Inhalt in eine Rinne, die ihn den Feldern zuführt.
- ↑ Yonijanmani Sritva (Telugudruck).
- ↑ Dieser Sloka läßt sich nur künstlich (vermöge der Alldurchdringung des Lautes Om) mit dem Vorhergehenden verknüpfen und ist vielleicht aus dem Zusammenhang, der Dhyanabindu 7f. S. 660 vorliegt, herübergenommen.
- ↑ Atma Labhate Sphatika Samkasam, Surya Marici Vat, "die Seele nimmt den Glanz des Bergkristalls an, wie [wenn ihn trifft] ein Sonnenstrahl"
- ↑ Wir lesen mit dem Telugudruck Siras Ca.
- ↑ Vgl. Dhyanabindu 23. Jabala 2, S. 662. 708.
- ↑ Wörtlich: "Durch den Yogadienst ist die Unverletzlichkeit der das Selbst (des Yogin) bildenden Wesen gesichert".
Siehe auch
- Yoga Upanishaden
- Tattva
- Sadhana
- Upanishad
- Veden
- Mahavakya
- Hinduismus
- Yoga
- Vedanta
- Vedanta Schulen
- Erkenntnis
- Meditation
Literatur
- Kostenloses Online-Buch Upanishaden von Swami Krishananda
- Klassische Upanishaden - Die Weisheit des Yoga von Paul Deussen, 1980
- Das Kronjuwel der Unterscheidung von Shri Shankaracharya, Kommentar von Emanuel Meyer, 2002
- Swami Vivekananda, Vedanta - Der Ozean der Weisheit
- Wilfried Huchzermeyer: Die heiligen Schriften Indiens - Geschichte der Sanskrit-Literatur. (edition-sawitri.de) ISBN 3-931172-22-8
- Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda
- Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens, Suhrkamp, 2001
Weblinks
- Veden aus „Göttliche Erkenntnis“ von Swami Sivananda
- Upanishaden, Artikel aus "Göttliche Erkenntnis" von Swami Sivananda
- Buch: Klassische Upanishaden - die 11 wichtigsten Upanishaden in der Übersetzung von Paul Deussen
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