Lotos

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Der Lotos, die Lotos- oder Lotusblume (Nelumbo), von der es nur zwei Arten (Nelumbo nucifera, verbreitet in Asien/Australien, und Nelumbo lutea, verbreitet in Amerika) gibt, gehört zur Gattung der Lotosgewächse; sie ist eine Wasserpflanze, aber botanisch nicht mit den Seerosen verwandt.

Lakshmi auf dem Lotos stehend, mit Lotosblüten in den Händen

Lotosblumen haben die besondere Eigenschaft, Schmutz abzuweisen; ihre Wurzeln stehen im Schlamm, doch von den Blütenblättern perlt das schlammige Wasser ab, die Blüte erstrahlt in Reinheit. Auch Mikroorganismen wie Pilze können sich auf dem Lotos nicht ansiedeln. Dadurch wurde er zum Symbol sowohl im Hinduismus wie auch in der buddhistischen Lehre und im chinesischen Daoismus. Der weiße Lotos steht für Reinheit, Liebe, Hingabe, (eheliche) Treue und Aufrichtigkeit. Der rote Lotos symbolisiert allerdings auch die Vagina.

Lotos wird als Zierpflanze angepflanzt, doch Teile der Pflanze wie Rhizom, Früchte, Samen und Stängel sind essbar oder werden als Pflanzenmedizin eingesetzt. Die Kerne finden als Teil von Malas Verwendung und aus den Fasern läßt sich eine Lotosseide spinnen.

Lotos-Meditationen von Swami Nirgunananda

Lotos-Visualisierungs-Meditation

Meditationsanleitung von Swami Nirgunananda

Wenn möglich, lege zwei Abbildungen einer Lotosblüte oder einer Seerose vor dich hin: Eines mit einer geschlossenen oder fast geschlossenen Knospe und eines mit einer voll entfalteten Blüte.- Wenn du kein Bild hast, kannst du diese Meditation auch rein mit deiner Vorstellung und mit Visualisierung üben.

Überprüfe zunächst deine Sitzhaltung. Schau ob du bequem sitzt.

Gehe noch einmal kurz mit deiner Achtsamkeit durch deinen Körper hindurch und entspanne alle Körperteile die du nicht brauchst um aufrecht zu sitzen. Entspanne Füße, Beine, Bauch, Brustkorb, unteren und oberen Rücken, die Hände, Arme, Schultern, Unterkiefer, Kiefergelenke, Wangen, Augen, Stirn. Richte die Wirbelsäule auf, lasse den Kopf Richtung Decke wachsen. So wie der Lotos ganz gerade nach oben zum Licht strebt.

Die geschlossene bzw. leicht geöffnete Lotosknospe – Symbol für das unentfaltete Potential

Öffne jetzt sanft die Augen und schaue dir das Lotosbild an. Schaue dir das Bild an und lasse es erst einmal absichtslos auf dich wirken. Nimm dabei achtsam wahr, welche Art von Empfindung und Assoziation dabei aufkommt. Wie fühlt sich das an? Du kannst das Bild anschauen so wie du Tratak gewöhnt bist, falls du diese Tratak-Technik kennst. Das heißt mit einem ruhigen, weichen Blick ohne zu blinzeln schaue das Bild an.

Dann schließe sanft die Augen. Visualisiere dir weiter diesen Lotos mit der Knospe und schaut welche Empfindung, welche Eigenschaft, welche Qualität, die dem Lotos zugeschrieben wird – wie Reinheit, Schönheit, Unberührtheit, höchste Verwirklichung - dich jetzt am meisten berührt oder vielleicht ganz spontan kommt.

Und jetzt stelle dir vor, diese halb geöffnete Lotosblüte öffnet sich jetzt weiter, Blüte für Blüte und entfaltet diese Qualitäten, die du besonders wahrgenommen hast oder wahrnimmst in dir. Diese Qualitäten sind in dir vorhanden so wie die Knospe die noch geschlossen ist.

Die offene voll erblühte Lotosblüte – Symbol für das Entfalten des Potentials

Öffne langsam wieder die Augen und schaue dir jetzt das zweite Bild mit dem voll erblühten Lotos an. Fixiere es mit einem weichen Blick, so, als würdest du durch die Blüte hindurch ins Unendliche schauen. Schaue nach Möglichkeit bewegungslos darauf ohne zu blinzeln, solange es für die Augen angenehm bleibt und lasse wieder das Bild für sich sprechen. Spüre einfach hin. Wie fühlt sich das an? Was macht es mit mir? Was bewirkt es in mir?

Jetzt schließe sanft die Augen. Visualisiere weiter diesen voll erblühten Lotos und spüre die eine Lotos-Eigenschaft die du besonders jetzt fühlen kannst immer stärker und stärker in dir werden – zum Beispiel Reinheit, Unberührtheit, Makellosigkeit, Schönheit, Zartheit – was immer es für dich jetzt besonders symbolisiert. Spüre wie diese Qualität sich mehr und mehr entfaltet, immer strahlender, immer heller wird, sich in dir und in deinem Leben ausdrücken will und kann.

Jetzt nimm dich selbst, deinen Körper, wahr wie eine Lotusblüte. Du bist diese Lotusblüte in der sich alles entfaltet, in der alles vorhanden ist. Schönheit, Reinheit, Stille, höchster Frieden, höchste Entfaltung. Spüre wie du dich öffnest, dein ganzes Potential sich entfaltet. Wie du weit und strahlend wirst und die Blütenblätter in alle Richtungen ausstrahlen. Du wächst dem Unendlichen entgegen.

Lotos-Meditation mit intuitiver Assoziation

Meditationsanleitung von Swami Nirgunananda

Für diese Meditation ist es hilfreich, wenn du ein Foto oder Bild von einer Lotosblüte oder alternativ einer Seerose hast und vor dich hinstellst. Der Lotos wurzelt in der Erde, im Schlamm, wächst durch das Wasser nach oben, bleibt dabei von Erde und Wasser und jeglicher Verschmutzung unberührt. Alles perlt an der Oberfläche seiner Blüten und Blätter ab. Daher steht der Lotos besonders für Eigenschaften wie Schönheit, Weichheit, Reinheit, Makellosigkeit, Unberührtsein von den normalen Aufs und Abs des Alltags, des Lebens, Streben nach höchster Verwirklichung, Strahlen etc.

Schaue dir jetzt dein Lotosbild an, mit geschlossenen oder halb offenen Augen. Lasse das Bild einfach intuitiv auf dich wirken, ohne bestimmte Vorstellung. Lasse die Assoziationen, die kommen, wirken. Stelle dir dabei nichts vor, sondern lasse einfach die Qualitäten des Lotos, des Bildes auf dich wirken. Bei geschlossenen Augen fühle dich jetzt wie diese Lotosblüte. Dein ganzer Körper wird zu dieser Lotosblüte. Rein, makellos, unberührt. Lasse dich ganz durchdringen von dieser Vorstellung. Jeder Teil eines Körpers, jede Zelle wird erfüllt und durchdrungen von diesen Qualitäten des Lotos. Nimm dabei einfach wahr, was geschieht – wie fühlt sich der Körper an, wie fühlt es sich gefühlmäßig, emotional an. Was für Intuitionen, Assoziationen, vielleicht auch Bilder kommen. Stille.

Beende die Meditation mit Om, einem anderen Mantra oder einem Gebet oder Segenswunsch. Wenn du tief berührt bist oder spürst, dass sich etwas Entscheidendes getan hat, danke Gott oder dem Meister/der Meisterin für seinen Segen und die Gnade.

Das Mädchen aus der Lotosblüte

Artikel von Manjari-Malati, erschienen im Yoga Vidya Journal Nr. 16

Krishna und Radha

Lotos wächst weit über den Spiegel des manchmal schlammigen Wassers, in dem er gedeiht. So wie er sich also aus dem „Schmutz“ erhebt und dann wunderschön blüht, wird zu einem Symbol des Geistes, der sich über die Niedrigkeiten der Welt erhebt. „Das Mädchen aus der Lotosblüte“ erzählt die Geschichte von Radha, der Göttin der Liebe und Ihrem Erscheinen in dieser Welt. In Indien wird diese Erzählung von Generation zu Generation weitergegeben.

Vor vielen tausend Jahren, lebte im fernen Indien, in einem Ort names Ravall, ein sich innig liebendes Königspaar: König Vrisabhanu und seine wunderschöne Frau Kirtida. Jeder in ihrem Staat war glücklich und zufrieden und alles im Land blühte. Es gab nur eine Sache, die das königliche Paar traurig stimmte: Obwohl es ihr Herzenswunsch war, ihre Liebe mit einem Kind zu krönen, konnten sie kein Kind bekommen. Ihre Trauer und Verzweiflung wuchs und so suchten sie Zuflucht in Meditation und Gebet. Täglich nahmen sie grosse Entsagungen und Bußen auf sich, meditierten und beteten. Ihr Palast befand sich nahe dem Fluss Yamuna. Von diesem Fluss wird gesagt, er sei ein mystischer Fluss, der nicht nur die Körper, sondern auch die Herzen der darin Badenden reinige. Und so nahmen sie jeden Tag für eine lange, lange Zeit, ihr Bad in dem Fluss Yamuna. Eines Tages, König Vrishabanu war diesmal alleine zum Baden in den Fluss gegangen, sah er in der Mitte des Flusses ein strahlendes Licht. Er watete tiefer in das Wasser, um herauszufinden, woher das Leuchten käme. In der Mitte des Flusses sah er einen wunderschöne, leuchtende Lotosblume. Als er sich der mystischen Lotosblume genähert hatte, zog er sich am Rand hoch, um zu sehen, woher der strahlende Glanz kam. Sein Herz blieb fast stehen und er konnte seinen Augen kaum trauen: Bequem eingebettet in der Lotosblume, schlummerte friedlich ein wunderschönes, goldenes Baby. In diesem Moment erklang eine Stimme vom Himmel. Brahma, der Schöpfer des Universums sprach: „Vrishabanu, dieses Mädchen ist die Göttin des Glücks und der Liebe. Ihr Name ist Radha. Sie ist euch gegeben worden, als Antwort auf euer Gebet. Kümmert euch gut um sie.“ Sanft hob Maharaj Vrishabanu die kleine Radha in seine Arme. Sein Herz tanzte in Freude und seine Augen füllten sich mit Tränen der Liebe. Rasch eilte er nach Hause zu seiner Frau Kirtida. Ihre Freude hatte keine Grenzen. Sie umarmten sich und tanzten vor Glück, während Baby Radha friedlich schlief.

Einige Tage vergingen, aber die kleine Radha öffnete nicht ihre Augen. Sie schien in einem tiefen, friedliche Schlaf zu sein. Das Königspaar wurde verwirrt: „Was sollte das bedeuten?“ Ein Kind, von den Göttern gegeben, das aber nur schläft und nicht die Augen öffnet? Hatten sie etwas falsches getan? In ihrer Verzweiflung riefen sie nach dem berühmten Priester Narada, von dem gesagt wird, er kenne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Narada bereist ständig das gesamte Universum während er süsse Melodien auf seiner Vina spielt. Als der Priester Narada kam und die kleine Radha sah, fing er vor Freude an zu singen und zu tanzen und das schlafende Baby zu umkreisen, bis er letztendlich auf die Knie fiel und dem kleinen Mädchen Gebete dar brachte. Als sich der Priester beruhigt hatte, erzählten Vrishabanu und Kirtida ihm von ihrem Problem: Sie öffnete nicht ihre Augen! Priester Narada war darüber keineswegs beunruhigt. Er empfahl ihnen, ein grosses Geburtstagsfest für Radha zu machen und alle benachbarten Kuhhirten einzuladen und so verliess er tanzend und singend ihr Haus und zog seines Weges. Ziemlich verwirrt, ob des ungewöhnlichen Ratschlags, folgten Vrisabhanu und Kirtida dennoch dem Rat des Priester und trafen Vorkehrungen für eine grosse Geburtstagsfeier zu Ehren von Radha. Botschafter wurden in alle benachbarten Dörfer gesandt und ein grossartiges Festessen wurde vorbereitet.

Als der grosse Tag gekommen war, kamen alle benachbarten Kuhhirten mit ihren Familien und vielen wunderschönen Geschenken für die kleine Radha. Aus dem benachbarten Dorf, names Vraja, kamen König Nanda und seine Frau Yashoda, mit ihrem kleinen Sohn Krishna. Jeder war bestrebt, die kleine Radha zu sehen und ihr Geschenke und Glückwünsche zu geben. Als alle Kuhhirten sich um das kleine Bettchen, das mit feinster Seide ausgelegt war, versammelt hatten, kam plötzlich der kleine Krishna und wollte sie auch sehen. Er versuchte sich am Bettchen hochzuziehen. Seine Mutter Yashoda half ihm und hielt ihn genau über Radha, damit er sie sehen könne. Als Krishna die kleine Radha sah, fing er an, in die Hände zu klatschen und vor lauter Freude zu lachen. Radha hörte seine Stimme, roch die Sandelholzpaste auf seinem Körper und fühlte seine Gegenwart. In diesem Moment öffnete sie ihre Augen - und sah direkt in sein lachendes Gesicht. Denn ihre Augen sind bestimmt, um Ihn zu sehen. Sie sahen sich an und lachten - sie sind die Götter der Liebe und des Glücks - seit immer und für immer gehören sie zusammen - zwei Körper aber ein Herz und eine Seele. Sie lachten und alle fingen an zu lachen, und zu tanzen und das grosse Fest fing an. Die Götter sahen vom Himmel aus zu und liessen Blumen auf das göttliche Paar regnen.

Und die Moral von der Geschicht? Liebe öffnet unsere Augen. Nur Liebe lässt uns sehen. Liebe gibt uns das Augenlicht. Nur Liebe gibt die wahre Sicht.

Indische Mythen und Symbole - Kapitel 3: Die Wächter des Lebens

Der nachfolgende Text über die Symbolik des Lotos ist dem Buch "Indische Mythen und Symbole - Schlüssel zur Formenwelt des Göttlichen" des Indologen Heinrich Zimmer entnommen (Originaltitel "Myths and Symbols in Indian Art and Civilization", Bollingen Foundation Inc., New York). Übersetzung aus dem Englischen von Ernst Wilhelm Eschmann, Eugen Diederichs Verlag, München 1981, 5. Aufl. 1993

Teil 5: Der Lotos

Wenn die göttliche Lebenssubstanz im Begriff ist, das All aus sich hervorzubringen, wächst aus den kosmischen Wassern ein tausendblättriger Lotos aus reinem Gold, strahlend wie die Sonne. Er ist Tür und Tor, Öffnung und Mund für den Schoß des Alls. Golden ist diese erste Hervorbringung des schöpferischen Prinzips zum Zeichen seiner unzerstörbaren Natur. Sie öffnet sich, um zuerst den Schöpfer-Demiurgen Brahma hervortreten zu lassen. Aus seinem Blütenstempel gehen darauf die Scharen der geschaffenen Welt hervor. Nach der Hindu-Anschauung sind die Wasser weiblich; sie bilden den mütterlichen, gebärenden Aspekt des Absoluten, und der kosmische Lotos ist ihr Zeugungsorgan. Er wird »Die höchste Form oder Aspekt der Erde«, auch »Die Göttin Feuchte«, »Die Göttin Erde« genannt. Seine Personifikation ist die Muttergöttin, welche das Absolute in die Schöpfung hineinschreiten läßt.

Diese Göttin hat in der früheren klassischen Tradition der Vedas keinen Platz. Gleich der Lotospflanze selbst ist sie etwas in Indien Einheimisches und Eigentümliches, und war darum den arischen Eindringlingen, die von nördlichen Heimatländern einströmten, fremd. Unter den tausend und achtundsechzig Hymnen der Rig Veda — dem frühesten literarischen Denkmal der ausschließlich arischen, brahmanischen Überlieferung — ist nicht eine an die Lotosgöttin gerichtet oder erwähnt sie auch nur. Auch unter den Gottheiten des vedischen Pantheons erscheint sie nicht.

Die erste literarische Arbeit, die ihr Dasein zur Erscheinung bringt, ist eine verhältnismäßig späte Hymne, eine der sogenannten Khilas oder »Ergänzungen«, welche dem alten Block der Rig Veda angehängt sind". Hier wird sie in neunundzwanzig Stanzen gepriesen und geschildert. Bezeichnenderweise sind alle die Züge, die sie in der noch späteren »klassischen« Periode der Hindumythologie und -kunst charakterisieren, schon in dieser frühesten Hymne angekündigt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie schon lange inmitten des Volkes verehrt wurde, bevor die Priesterschaft der Eindringlinge sie ihrer Anerkennung würdig befand. Alterslos wie die grundlegenden Kulturformen Indiens selbst steigt sie nieder wie sie immer war, von Ewigkeit zu Ewigkeit, ohne sich im Wesen zu wandeln.

In dieser der Rig Veda angehängten, apokryphen Hymne wird die Lotosgöttin bereits mit ihren klassischen Namen Shri und Lakshmi genannt und auf jede mögliche Weise mit dem Symbol des Lotos verbunden. Sie wird als »lotosgeboren« (Padmasambhavâ), »auf dem Lotos stehend« (Padmesthita), »lotosfarbig« (Padmavarna), »lotosschenklig« (Padma-ûrû), »lotosäugig« (Padmakshi), »überfließend von Lotossen« (Padmini, Pushkarnini), »mit Lotosguirlanden bedeckt« (Padmamalini) gepriesen. Als Schutzgottheit der reisbauenden Landwirtschaft des eingeborenen Indiens wird sie die »Dungbesitzende« (Karisini) genannt. Ihre beiden Söhne sind Schlamm (Kardama) und Feuchte (Ciklita), Personifikationen der Bestandteile fruchtbaren Bodens. Sie ist »honiggleich« (Madhavi) und soll »Gold, Kühe, Pferde und Sklaven« gewähren. Sie trägt »Guirlanden aus Silber und Gold« und schenkt Gesundheit, langes Leben, Wohlstand, Nachkommenschaft und Ruhm. Der personifizierte Ruhm ist ein anderer ihrer Söhne. Sie ist »aus Gold gemacht« (Hiranyamayi), »goldfarbig« (Hiranyavarna), unvergänglich, wunderschön und köstlich wie Gold. Auch Harivallabha und Vishnupatni wird sie genannt, »Vishnus geliebte Gattin«.

Wie andere Gottheiten in menschlicher Gestalt über ihren Tiersymbolen abgebildet werden, so steht diese Göttin Padma oder Lotos auf einem Lotos oder thront auf ihm. Sie ist mit dieser Blume so unveränderlich verbunden wie Vishnu mit dem Milchmeer. Die Göttin, »welcher der Lotos lieb ist« (Padmapriya), ist unter den Hauptfiguren, die auf den reichgeschmückten Toren und Geländern der frühesten buddhistischen Stupas — denen in Sanchi und Bharhut (2. und 1. Jahrhundert v. Chr.) — ausgemeißelt sind. In Bharhut erscheint sie in einer ihrer klassischen Haltungen. Aus einer mit Wasser gefüllten Vase, dem Gefäß des Überflusses, sprossen fünf Lotosblüten, von denen zwei ein flankierendes Elefantenpaar tragen. Aus ihren aufgerichteten Rüsseln gießen die Tiere sanft Wasser über die breithüftige Göttin der Fruchtbarkeit — Gaja-Lakshmi, »Lakshmi der Elefanten« — die lächelnd in einer Gebärde mütterlichen Wohlwollens mit der rechten Hand ihre vollgerundeten Brüste emporhebt.

Die dem Rig Veda angefügte Hymne redet sie »Prajânam bhavasi mata«, an, »Du bist die Mutter der geschaffenen Wesen« ; als diese Mutter wird sie Ksama, »Erde« genannt. So ist sie ein besonderer Aspekt oder eine örtliche Entwicklung der Erdmutter von früher: der großen Muttergöttin der chalkolithischen Periode, die über weite Erdteile hin verehrt wurde, und von der im alten Nahen Osten, an den Küsten des Mittelmeers, des Schwarzen Meers und im Donautal ungezählte Abbilder gefunden wurden. Sie ist eine Schwester oder Doppelgängerin der wohlbekannten Göttin des frühen sumerisch-semitischen Mesopotamiens; so liefert sie einen Faden zu den vorarischen Verbindungen zwischen Indien und den Ursprüngen unserer westlichen Tradition in Mythos und Sinnbild.

Ein archaisches Abbild der Göttin Lotos erscheint auf einer Terrakottatafel aus Basârh, ungefähr aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Sie steht auf einem Lotospiedestal mit zwei Lotosblüten und zwei Knospen an den Seiten. Sie trägt Armreifen und reiche Armbänder, von denen Perlenschnüre herabhängen, Hinduschmuck wie er von anderen Denkmälern derselben Zeit bekannt ist. Aber die Elefanten, ihre charakteristischen Tiergefährten, fehlen. Statt dessen hat sie Flügel, ein seltener und erstaunlicher Zug in Indien.

Flügel, so gewöhnlich in der Überlieferung des Westens, gehören nicht zum Beiwerk indischer Götter oder übermenschlicher Wesen, ausgenommen Garuda, den vogelähnlichen Träger Vishnus. Im allgemeinen schweben die himmlischen Wesen Indiens entweder ohne sichtbare Unterstützung durch die Räume oder werden von den sie tragenden Tieren befördert. In der alten mesopotamischen Kunst aber sind geflügelte Gottheiten oder Genien die Regel. Dieses indische Bildwerk verrät eine Beziehung zu jener Überlieferung; der Sphäre, aus der sich die Flügel unserer westlichen Gottheiten, der griechischen Siegesgöttinnen sowohl als der christlichen Engel ableiten.

Die Handelsbeziehungen zwischen Indien und dem Zweistromland, die in archaischen Zeiten geblüht haben müssen, haben wir bereits erwähnt und kurz besprochen. Ein dramatischer Lichtstrahl fiel auf dieses Problem, als während des 2. Jahrzehntes des gegenwärtigen Jahrhunderts eine Reihe von Ausgrabungen am Indusentlang plötzlich ein bis dahin ungeahntes Kapitel der alten Geschichte Indiens aufschlug. Bis zu dieser Zeit stellten Tigris, Euphrat und Nil die Morgenröte der Kultur dar. Nun aber läßt der Indus seinen Anspruch aufblitzen. Man entdeckte hochentwickelte alte Städte, die überreichliche Zeugnisse einer fortgeschrittenen Zivilisation geben, die offenbar ihre Höhe um 2500 v. Chr. erreichte. Sie erstreckte sich über einen weit größeren Raum als Ägypten oder Sumerien. Von den drei Hauptausgrabungsgebieten Mohenjo-Daro, Harappa und Chanhu-Daro wurden die beiden ersten durch den Indian Archeological Survey unter Sir John Marshall, das dritte durch den amerikanischen Archäologen Dr. Ernest Mackay erforscht. Ihre großartigen Funde eröffneten eine Epoche in der orientalischen Archäologie und fügten der Geschichte der Kultur ein frühes Kapitel an, faszinierend wegen der dort gestellten Probleme und der neuen Aufschlüsse, die es bietet.

Das frühe Datum der Industal-Zivilisation wird durch die Verbreitung gewisser charakteristischer, unverkennbarer Siegel mit Tierfiguren und bisher noch unentzifferten piktographischen Inschriften bezeugt. Sie erscheinen in großer Menge zwischen den Ruinen und sind unbezweifelbar Erzeugnisse Indiens; doch vereinzelte Stücke sind in Susa, der Hauptstadt des alten Elam, und an mehreren Plätzen in Mesopotamien gefunden worden und zwar in Schichten, die auf die Periode vor König Sargon I. (ungefähr 2500 v. Chr.) bezogen werden können. An dem alten mesopotamischen Ort Eshnunna (Tell Asmar, fünfzig Meilen nordöstlich von Bagdad) wurde in einer Schicht der sogenannten Frühen Dynastischen Periode (ungefähr 3000-2500 v. Chr.) ein Siegelzylinder mit einem Fries von Elefanten und Rhinozerossen gefunden, wie sie sonst nirgends als auf den Siegeln von Harappa und Mohenjo-Daro vorkommen. Übereinstimmung in Schmuck und Zeichnung von Töpferwaren, offensichlich ägyptische Perlen, die zwischen den indischen Resten ausgegraben wurden, und eine Anzahl anderer, höchst eindrucksvoller Beweisstücke sprechen von einem Verkehr irgend einer Art während der am weitesten zurückliegenden Jahrhunderte des dritten Jahrtausends v. Chr., wobei der Umfang dieses Verkehrs jetzt noch unmöglich zu schätzen ist.

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Brunnen, Abzugsrohre, Wasserleitungen — ein solides, ausgebreitetes, raffiniert verschachteltes sanitäres System von fast modernem Charakter — gehören zu den verblüffendsten Zügen der Stadtruinen von Mohenjo-Daro. Dieses sorgfältige Wasserleitungssystem zeigt einen hohen Grad von Luxus an. Die große Mehrzahl der Gebäude ist aus gut durchgebrannten Ziegeln errichtet und scheint aus gewöhnlichen Wohnhäusern oder Läden bestanden zu haben. Sie sind in wohlproportionierte Räume aufgeteilt, und jedes von ihnen ist mit seinem eigenen Brunnen und Badezimmern ausgestattet, sowie mit eingemauerten Abzugsrohren versehen, welche ihrerseits mit großen Abzugskanälen in den Nebenstraßen in Verbindung stehen. Die häusliche und städtische Architektur Mohenjo-Daros erscheint sehr viel weiter entwickelt als die des gleichzeitigen Ägyptens oder Mesopotamiens.

Nun ist es von großem Interesse festzustellen, daß unter den Fundamenten und Grundrissen der unzähligen in Mohenjo-Daro ausgegrabenen Häuser keines gefunden wurde, dessen Proportionen groß genug wären, um den Gedanken an einen Tempel oder ein öffentliches Heiligtum nahe zu legen. Im Gegensatz dazu sind bei den mesopotamischen Ausgrabungen Tempelanlagen überwiegend. Immerhin wurden in der Stadtmitte von Mohenjo-Daro die Fundamente eines imposanten Gebäudes entdeckt, welches ein großes Badebecken enthielt. Das Becken liegt acht Fuß unter der Höhe des Fußbodens, ist neununddreißig Fuß lang und dreiundzwanzig breit. Der äußere Wall ist über acht Fuß dick, und eine Reihe von Kammern zieht sich die Ostseite entlang. Wahrscheinlich war dieses Gebäude nicht für rein weltliche Zwecke bestimmt: es erinnert außerordentlich stark an die unzähligen Badeplätze der Volksreligion des späteren Indiens, wie sie heute entlang der heiligen Flüsse und inmitten der Tempelbezirke gefunden werden. Sie sind Ziele der Pilgerschaft, um Sünden, Übel und Leiden jeder Art abzuwaschen. Offenbar haben wir hier den Typus einer fortlaufenden Überlieferung vom Badeplatz in Mohenjo-Daro bis zu den Uferheiligtümern der Gegenwart.

Andere Beweise einer ungebrochenen Folge über die langen Jahrtausende hinweg enthalten die Formen von Ochsenkarren und Werkzeugen sowie die Kunst der Elefantenzähmung. Die Mohenjo-Daro-Siegel geben die frühesten bekannten Darstellungen des Elefanten. Sie zeigen dieses Tier sowohl in häuslichen wie in sagenhaften Rollen — was der Situation in der späteren klassischen Tradition Indiens entspricht. Der Elefant ist dargestellt, wie er vor einem Futtertrog steht, so daß er bereits einen Platz im menschlichen Leben eingenommen haben muß.

Auffallend unter den religiösen Symbolen des Industales ist der Phallus, bis zu diesem Tage der gewöhnlichste Verehrungsgegenstand in den hinduistischen Heiligtümern, wo er die zeugende, männliche Energie des Alls vertritt und Symbol des großen Gottes Shiva ist. Mehr noch, die komplementäre Ergänzung zu diesem männlichen Symbol in Mohenjo-Daro sowohl als im modernen Indien ist unsere Göttin mit dem Lotos im Haar. Mit der gleichen mütterlichen Gebärde breitet sie ihre Brüste dar, die Quelle der überströmenden Milch, welche dem All und seinen Geschöpfen das Leben gibt.

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Obgleich die früheste literarische Erwähnung von der Existenz der Göttin Lotos-Shri-Lakshmi eine späte, apokryphe, der arischen Rig Veda-Sammlung angefügte Hymne ist, wird so offenbar, daß diese Mutter der Welt in Indien lange vor der Ankunft der Eroberer aus dem Norden herrschte. Der Untergang der Induskultur zusammen mit ihrer Göttin-Königin muß sich aus der Ankunft der streng patriarchalischen Hirten und Krieger und der Inthronisierung ihrer patriarchalischen Götter ergeben haben. Die große Mutter wurde aus ihrem Lotos herausgenommen und Brahma an ihre Stelle gesetzt; sie selbst aber — wie in dem Schrein des Vishnu-Ananta-shayin — in die dienende Stellung des Brahmanenweibes verwiesen. Dennoch blieb in den Herzen der eingeborenen Bevölkerung ihre Oberherrschaft aufrechterhalten und mit der stufenweisen, Jahrhunderte dauernden Verschmelzung der vedischen und vorvedischen Überlieferungen kehrte sie langsam zu ihrem Ehrenplatz zurück. Sie erscheint überall in den Denkmälern der frühen buddhistischen Kunst, und in den Werken der klassischen Periode steht sie triumphierend an jedem heiligen Ort. Heutzutage ist sie die größte Macht im Osten.

Der allgegenwärtige Lotos ist ein Zeichen ihrer Gegenwart, auch wenn sie nicht in menschlicher Gestalt auftritt. Nicht selten ahmen die männlichen Gottheiten sogar ihre traditionellen Stellungen nach. Eine charakteristische Geste der Göttin, bekannt als »Lotos in der Hand« (Padmahasta, Padmapani) wird in der Ikonographie des Mahayana-Buddhismus durch den Allerlöser Padmapani (»Lotos in der Hand«), den größten unter den Bodhisattvas, den unsterblichen Helfern der Buddhas, übernommen. Eine reizende kleine Kupferfigur dieser wohltätigen Personifikation zeigt den verfeinerten und anmutigen Stil der klassischen nepalesischen Kunst aus dem 9. oder 10. Jahrhundert n. Chr. Die rechte Hand ist nach unten gehalten in der »Gebärde des Gabenschenkens« (Varada Mudra), während die linke das Lotossymbol hält. Der durch die Finger laufende Stengel ist zerbrochen und fehlt bis zum Ellbogen. Aber die Schönheit des Ganzen ist nicht zerstört. In der milden Melodie der Umrisse und Proportionen und in der zarten Musikalität der Stellung erscheinen die Tugenden des Bodhisattva passend ausgedrückt, seine unbegrenzte Gnade und sein liebendes Mitleid, seine überirdische Spiritualität und sein engelhafter Charme.

In der buddhistischen Tradition Indiens ist Padmapani oder Avalokiteshvara ein Wesen von zwei oder mehreren Bedeutungen. Wie Vishnu ist er der Herr der Maya und besitzt die göttliche Kraft, nach Wunsch verschiedene Formen anzunehmen. Je nachdem wie die Situation es erfordert, mag er als Mann oder Frau oder Tier, als sagenhaftes Flügelpferd, »Wolke« (Valahaka) genannt, oder als Insekt erscheinen. Seine jeweilige Manifestationsart hängt von der besonderen Gruppe lebender Wesen ab, der er auf dem Pfad zur Erlösung durch Erleuchtung beistehen möchte. Padmapâni ist das Hindu-Urbild der chinesischen buddhistischen Göttin Kwan-yin und der japanischen Kwannon; in der fernöstlichen Erscheinungsweise des Bodhisattvas hat sich der weibliche Charakter durchgesetzt — als ob die Gestalt zu ihrer archetypischen Natur zurückkehrte.

Nicht nur der »Lotos in der Hand«, sondern auch das Lotosfundament werden von der Göttin abgelöst und anderen Mächten zugeschrieben. Die piktographische Form, aus dem Pflanzenreich übernommen und unter Shri-Lakshmis menschengestaltiges Bildnis nach der Art des »Bestimmers« in der Hieroglyphenschrift »geschrieben«, wandert im Laufe der Jahrtausende von der einen Göttin, die ursprünglich ihr einziger Bezug war, zu anderen göttlichen oder übernatürlichen Gestalten des hinduistischen und buddhistischen Pantheons. Vielleicht die überraschendste dieser neuen Zuweisungen ist die an Prajna-Paramita, die höchste weibliche Personifikation des Mahayâna-Buddhismus.

Die Weisheit (Prajna - ausgesprochen pra-gyaa, g wie in »geben«), die zum Nirvana führt, ist die höchste Tugend (Pâramitâ): sie ist die wahre Essenz der Buddhas, der ganz Erleuchteten, und die werdenden Buddhas, die Bodhisattvas haben sie zu voller Entfaltung zu bringen. In einem herrlichen Bildwerk aus dem Java des 13. Jahrhunderts sehen wir diese überirdische Kraft in ihrer menschengestaltigen Versinnbildlichung. Das alte Modell der Göttin Lotos mit dem Lotos darunter und in ihrer rechten Hand hat eine radikale Umformung seines Sinns erfahren. Unter dem Einfluß fortgeschrittener buddhistischer und später hinduistischer Vorstellungen ist die mütterliche Göttin irdischer Güter und Glückseligkeit, Fruchtbarkeit und erdgebundenen Lebens, Königin-Gemahlin und verkörperte Energie des kosmischen Schläfers Vishnu, der die Welten träumt, hier zur höchsten Vertreterin weltüberwindender geistiger Wachheit geworden, zum spirituellen weiblichen Sinnbild aller östlichen Ikonographien.

Prajna Paramitâ ist »Der Gipfel der Tugend« (Pâramitâ) der Erleuchtenden Transzendentalen Weisheit (Prajna); oder auch nach einer anderen etymologischen, durch die geheiligten Kommentare sanktionierten Erklärung die »Erleuchtende Weisheit (Prajnâ), die jetzt zum ,Anderen Ufer' (Para) gegangen ist und dort (Itâ) thront«. Dieses »Andere Ufer« oder die »Ferne Küste« ist das Reich höchster Wahrheit und jenseitiger Wirklichkeit im Gegensatz zu »Diesem Ufer«, der Küste, an der wir stehen, herumlaufen und schwatzen, versunken in Unwissenheit, von unseren Trieben gefesselt und dem Leiden unterworfen — dem Reich der unerleuchteten Geschöpfe. Unsere Göttin Lotos, die alterslose Erdmutter, die Magna Mater des Altertums, gebärende Energie und Glück auf der physischen Ebene, ist so unter dem Aspekt von Prajna-Paramita verwandelt die Königin des spirituellen Königreiches geworden. Dieses wird durch die Erleuchtung (Bodhi) erlangt, wobei Bodhi die Auslöschung (Nirvana) sowohl des individualisierten Bewußtseins wie der kosmischen Mannigfaltigkeit der außermenschlichen, menschlichen und göttlichen Wesen bedeutet. Prajna-Paramita ist die wahre Essenz des Buddha und solcher »Großer Bodhisattvas« (Mahabodhisattva) wie Padmapâni-Avalokiteshvara, die aus Mitleid für die Welt ihr eigenes Erlöschen aufschieben, um zahllose Wesen aus dem Rad der Wiedergeburt zu erlösen. Auf der einen Seite vertritt sie das Ende aller Freude am irdischen oder selbst himmlischen Dasein, das Erlöschen jeder Gier nach individueller Dauer; auf der anderen Seite — und dies ist die gleiche Realisation, nur verschieden beschrieben — ist sie die diamantene, unzerstörbare geheime Natur von allem und jedem, bar selbst aller begrenzenden, unterscheidenden Eigenschaften.

Kamalatmika auf dem Lotus

Nun sind nach dem Buddhismus der mittelalterlichen tantrischen Epoche, wo buddhistische und hinduistische Vorstellungen sich zu einer großen Harmonisierung verbanden, die großen Bodhisattvas und historischen Buddhas nur Strahlungen der Einen, Transzendentalen, Immerwährenden Wesentlichkeit. Sie wird »Der Buddha der Anfänge« (Adi-Buddha) oder auch »Der Herr des Alls« (Lokesa) genannt. Der geschichtliche Prinz Gautama wird hier als nur eine unter manchen Buddha-Manifestationen betrachtet, wie sie als Erlöser niederstiegen, um auf der Erde zu wandeln und selbst zu den Fegefeuern herabzugehen, um deren gepeinigte Insassen zu befreien, oder über Paradiesen zu thronen und überall die frohe Botschaft der Erlösung durch Erleuchtung zu verkünden, in einer zeitlosen Erlöserlaufbahn lehrend und Wunder wirkend.

Im buddhistischen Pantheon nimmt dieser uranfängliche Buddha die gleiche Stellung ein wie das höchste Wesen im Hinduismus. Er ist die einzige Quelle aller zeitlichen Erscheinungen, die einzig wahre Wirklichkeit. Die Buddhas und Bodhisattvas schreiten aus ihm heraus in die luftige Erscheinungswelt des Alls, genau wie die Avatare aus Vishnu hervorgehen. Und ebenso wie Lakshmi die Gemahlin des Hindugottes ist, so ist Prajna-Pâramita der weibliche Aspekt des universellen Buddhas. Als die aktive Energie (Shakti) der höchsten Weisheit, die führt und erleuchtet, ist sie nicht nur die Gemahlin des Adi-Buddha, sondern die lebenspendende Tugend aller Erlöser. Buddhas und Bodhisattvas sind nur Projektionen, Reflexe ihrer wirkenden Tätigkeit in den Spiegelsphären der Erscheinungswelt. Sie ist der Sinn, die eigentliche Wahrheit des buddhistischen Gesetzes.

Auf dem Lotos neben dem Bild Prajna-Paramitas erscheint ein Manuskript. Brahma, der vierköpfige spirituelle Weltschöpfer, wird oft mit Manuskripten der heiligen Veden in seinen Händen dargestellt; die sogenannten »Prajna-Paramita-Texte« bilden die entsprechende literarische Manifestation der transzendenten Weisheit des Buddha. In dem vorliegenden Bildwerk haben diese Texte Brahma selbst ersetzt. So wurde der alte Kelch der spontanen, gebärenden Energie dazu gebracht, das Sinnbild der Weisheit zu tragen, die ihn überwindet, der Weisheit, die über den Bann der Maya hinausführt. Der Lotos der Welt stützt das Symbol der Erleuchtung, welche die Dunkelheit der in allen lebenden Wesen wohnenden naiven Unwissenheit vertreibt. Das Lotossymbol, das ursprünglich in unendlicher Aufeinanderfolge Wesen und Existenzen zur Welt brachte, trägt nun das mächtige Wissen um das Nirvana: das »Worts, das alle individualisierte Existenz beendet, sei es im Himmel oder auf Erden.

Um es zusammenzufassen: Wie die Göttin Lotos durch das Pflanzensymbol unter ihren Füssen charakterisiert wird und in ihrer Linken die Lotosblüte trägt, so ist Prajna-Paramita unveränderlich durch den Lotosthron und den Lotos zu ihrer Linken, der das Manuskript trägt, bezeichnet. Wie Lakshmi Vishnus Gemahlin ist, die seine schöpferische Energie darstellt, so ist Prajna-Paramita der weibliche Begleiter des transzendenten All-Buddhas und vertritt sein Wesen, die ewige entzückte Ruhe in der Erleuchtung, nachdem die Begrenzungen der Individuation verschwunden sind. Lakshmi ist die Allmutter des Lebens in ihrem wohlwollenden, lebenschenkenden und lebensteigernden Aspekt; ähnlich entsendet Prajna-Paramita die Strahlen erleuchtender Weisheit, die von dem unerträglichen tödlichen Rundlauf der Wiedergeburten befreien. Sie strahlt transzendentes Leben und transzendentale Wirklichkeit aus, deren Verkörperung und Quelle sie ist.

Das javanische Standbild ist wie die meisten Bildwerke indischer Herkunft unterlebensgroß. Doch vereinigt es auf wunderbare Weise Charme und Monumentalität. Der Hintergrund von leicht spitzbogiger Form zeigt einen Rand sanft bewegter Flammen, welche die spirituelle Energie der Erleuchtung ausstrahlen. Das ovale Haupt wird durch das übergroße, reiche Diadem ins Majestätische erhoben. Der Heiligenschein, ebenfalls ein reines Oval, drückt etwas von der höchsten Leere der transzendentalen Wesenheit aus. Das Gesicht ist von vollendeter Symmetrie und ein Vorbild weiblicher Schönheit. Die Finger berühren einander in der Gebärde der Meditation über die Kette der Ursachen und den Kreis von Leben, Leiden und Tod. Prajna-Paramita ist die buddhistische Fassung der Sophia, der Mutter und Quelle erleuchtenden Wissens.

Merkwürdig nun, daß diese Darstellung einer so stark vergeistigten Abstraktion zu gleicher Zeit vermutlich ein Porträt ist. Unter den hinduistischen und buddhistischen Königen und Fürsten von Java und Kambodscha herrschte die Sitte, nach dem Tode oder schon zu Lebzeiten »Weihungsfiguren« errichten zu lassen. In diesen Weihungsfiguren wird die fürstliche Person in der Haltung und mit den Gewändern, Ornamenten und Sinnbildern eines göttlichen Wesens dargestellt, sei es eine Hindu-Gottheit oder ein Buddha. Um das Eingehen der menschlichen Person nach dem Tode in die göttliche, überweltliche Wesenheit auszudrücken oder um anzudeuten, daß der lebende Fürst eine Emanation, eine Inkarnation, ein Spiegelbild oder ein Avatar der höchsten Wesenheit ist, wird er mit dem übermenschlichen Wesen gleichgesetzt. Die grundlegende Vorstellung ist, daß der Fürst und grundsätzlich alle Geschöpfe, wir alle, aus der göttlichen schöpferischen Wesenheit stammen und in Wirklichkeit unserer eigentlichen Natur nach Teile des höchsten Wesens sind. Dieser Gedanke wird im späteren Hinduismus und Buddhismus auf das stärkste betont; er ist aber nur eine logische Folge früherer grundlegender Vorstellungen. Er ist schon mit der monistischen Idee gegeben, wie sie in der Philosophie der Upanishaden entwickelt und durch die Bilderschrift der klassischen Hindumythologie erläutert wird — der Idee vor allem, daß des Menschen inneres Selbst (Atman) mit dem einen und einzigen universalen Selbst (Brahman) identisch ist.

Dieses Bild Prajna-Paramitas ist ein »Weihungsporträt«, das die Vergöttlichung einer gewissen javanischen Königin feiert. Wahrscheinlich ist sie die Königin Dedes der Singasari-Dynastie. Im Jahre 1220 wurde der herrschende Fürst durch einen Abenteurer Ken Arok überwältigt, der die Königin Dedes heiratete und den Thron unter dem Titel Rajasa Anurvabhumi bestieg. Bis zu seinem Tode im Jahre 1227 dehnte er seine Eroberungen immer weiter aus. Dieses Bildwerk stellt eine gewaltige Demokratisierung des Lotosfundamentes und des »Lotos in der Hand« dar. Früher ausschließlich die Attribute der großen Mutter Erde, der fruchtbaren Natur, stehen sie nun für jeden König und jede Königin zur Verfügung.

Der Lotos drückt hier die Vorstellung aus, daß wir alle eigentlich Buddhas sind, Emanationen oder Reflexe der transzendenten, unvergänglichen Sphäre. Die Unerleuchteten erblicken nur Maya, das ausgestaltete Reich trügerischer Formen und Begriffe; die Erleuchteten aber erfahren alles als die Große Leere jenseits der Differenzierung. Der eingeborene transzendente Charakter des Menschen wird durch diese Verleihung des Lotosthrones an menschliche Herrscher betont. Das Geheimnis von des Menschen im Innersten göttlichen Sein wird kühn entschleiert, um jeden zu ermutigen, mit seinem Gemüt jene Wahrheit festzuhalten, die so schwierig zu verwirklichen ist: die letzte Wahrheit über ihn selbst.

Siehe auch

Literatur


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