Yoga Bija: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Yoga Bija''' ([[Sanskrit]]: योगबीज yoga-bīja ''n.'') wörtl.: "Same ([[Bija]]) des [[Yoga]]"; Titel eines Werkes über [[Hatha Yoga]], das dem Yogameister [[Goraksha]] zugeschrieben wird.  Die Yogabija besteht je nach Version aus 170 bis 190 Versen und wurde von Wissenschaftlern auf die Zeit zwischen 1450 und 1500 n. Chr. datiert.
'''Yoga Bija''' ([[Sanskrit]]: योगबीज yoga-bīja ''n.'') wörtl.: "Same ([[Bija]]) des [[Yoga]]"; Titel eines Werkes über [[Hatha Yoga]], das dem Yogameister [[Goraksha]] zugeschrieben wird.  Die Yogabija besteht je nach Version aus 170 bis 190 Versen und wurde von Wissenschaftlern auf die Zeit zwischen 1450 und 1500 n. Chr. datiert.


__TOC__
== Bedeutung und Stellung des Yoga Bija ==


==Die ersten 10 Verse des Yoga Bija==
Das '''Yoga Bija''' (Sanskrit: योगबीज, ''Yogabīja'') gehört zu den wichtigen frühen Texten des [[Hatha Yoga]]. ''Bīja'' bedeutet „Same“, „Keim“ oder „Ursprung“. Der Titel kann daher als „Same des Yoga“, „Keim des [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga]“ oder „Ursprung des Yoga“ übersetzt werden. Gemeint ist die grundlegende Kraft, aus der die verschiedenen Formen des Yoga hervorgehen und durch die sie zu ihrem gemeinsamen Ziel – [[Moksha]], der Befreiung – gelangen.


== Yoga Bija Vers 1: Verehrung des Adinatha ==
Das Yoga Bija ist als Gespräch zwischen [[Devi]] und [[Ishvara]], also zwischen der Göttin und [[Shiva]], gestaltet. Devi stellt die entscheidenden Fragen: Warum ist der [[Jiva]], das individuelle Lebewesen, an Geburt, Tod, Glück und Leid gebunden? Genügt Erkenntnis zur Befreiung? Welche Rolle spielen Körper, [[Prana]], Geist, [[Kundalini]], [[Samadhi]] und [[Siddhi]]s? Ishvara antwortet mit einer umfassenden Lehre über das Zusammenwirken von Erkenntnis und yogischer Praxis.


Traditionell wird das Yoga Bija [[Gorakshanatha]] zugeschrieben, einem der bedeutendsten Meister der [[Natha]]-Tradition. Diese Zuschreibung findet sich jedoch nicht in allen Handschriften und lässt sich historisch nicht als persönliche Autorschaft Gorakshanathas beweisen. Wahrscheinlicher ist, dass der Text innerhalb einer von Gorakshanatha geprägten Überlieferung entstand und später mit seinem Namen verbunden wurde. Auch die Datierung ist nicht endgültig geklärt. Meist wird das Yoga Bija in das 14. oder frühe 15. Jahrhundert eingeordnet und damit vor oder ungefähr an den Anfang der Entstehungszeit der [[Hatha Yoga Pradipika|Haṭhapradīpikā]] gestellt.<ref>Adrián Muñoz: [[https://dialnet.unirioja.es/descarga/articulo/6823825.pdf](https://dialnet.unirioja.es/descarga/articulo/6823825.pdf) ''Yogabīja: A Critical Transcription of a Text on a Haṭhayoga''], Nova Tellus 33/2, 2016.</ref>


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
Vom Yoga Bija existieren verschiedene, teilweise erheblich voneinander abweichende Textfassungen. Die hier wiedergegebene Fassung mit 190 Versen folgt im Wesentlichen der in Gorakhpur veröffentlichten Überlieferung und der darauf aufbauenden vergleichenden Transkription von Adrián Muñoz. Neuere Handschriftenforschung unterscheidet eine östliche, eine südliche und eine nördliche Rezension; eine vermutlich ältere östliche Fassung umfasst nur etwa 145 Verse. Deshalb sollte die Zahl von 190 Versen nicht als unveränderliche ursprüngliche Gestalt des Textes verstanden werden.<ref>[[https://sanskritreadingroom.wordpress.com/2019/11/06/yogabija-a-robust-defence-of-yoga-with-jason-birch/](https://sanskritreadingroom.wordpress.com/2019/11/06/yogabija-a-robust-defence-of-yoga-with-jason-birch/) ''Yogabīja: A Robust Defence of Yoga with Jason Birch''], Bericht über die Arbeiten an einer kritischen Ausgabe, Sanskrit Reading Room, 2019.</ref>


=== Die zentrale Lehre des Yoga Bija ===


'''<big>Shri Devi sprach:</big>'''
Das Yoga Bija ist nicht in erster Linie ein Übungsbuch im heutigen Sinne. Zwar behandelt es [[Asana]]s, [[Pranayama]], [[Kumbhaka]], [[Mudra]]s, [[Bandha]]s, die [[Nadi]]s, die Erweckung der [[Kundalini]] und den Aufstieg des Prana durch die [[Sushumna]]. Sein Schwerpunkt liegt jedoch auf der Frage, weshalb diese Praktiken für die Befreiung notwendig sind und wie sie mit spiritueller Erkenntnis zusammenwirken.


Eine der wichtigsten Aussagen lautet: Erkenntnis allein genügt nicht, solange die Bindungen und Prägungen des verkörperten Daseins fortbestehen. Umgekehrt führt eine bloß mechanische Yogapraxis ohne Erkenntnis ebenfalls nicht zum höchsten Ziel. [[Jnana]] und [[Yoga]] müssen zusammenkommen. Erkenntnis zeigt die Wahrheit des Selbst; Yoga verwandelt Körper, Prana und Geist so, dass diese Wahrheit dauerhaft verwirklicht werden kann.


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Damit vertritt das Yoga Bija eine für den frühen Hatha Yoga charakteristische Sicht: Der Körper ist nicht nur ein Hindernis, das überwunden werden muss. Er ist ein Instrument der Befreiung und kann durch Yoga in einen vollkommenen, von den gewöhnlichen Begrenzungen nicht mehr beherrschten Leib verwandelt werden. Die Aussagen über einen alterslosen oder unsterblichen Körper und über außergewöhnliche Siddhis gehören zum besonderen Welt- und Körperverständnis der mittelalterlichen Yoga- und Nath-Traditionen. Sie sollten nicht ohne Weiteres als naturwissenschaftliche oder medizinische Behauptungen verstanden werden.


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Eine weitere Besonderheit ist die Lehre vom '''vierfachen Yoga'''. Das Yoga Bija unterscheidet:


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* [[Mantra Yoga]]
* [[Hatha Yoga]]
* [[Laya Yoga]]
* [[Raja Yoga]]


:'''<big>नमस्ते आदिनाथाय विश्वनाथाय ते नमः । </big>
Diese vier sind keine voneinander unabhängigen Wege. Sie bilden aufeinander bezogene Stufen eines einzigen [[Mahayoga]]. Der natürliche Atemmantra [[Soham|So’ham]] beziehungsweise [[Hamsa]] bildet die Grundlage des Mantra Yoga. Die Vereinigung der als Sonne und Mond bezeichneten Kräfte ist Hatha Yoga. Das Aufgehen des Geistes im höchsten Selbst ist Laya Yoga. Die vollständige Vereinigung und höchste Meisterschaft wird Raja Yoga genannt.


:'''<big>नमस्ते विश्वरूपाय विश्वातीताय ते नमः ॥ १ ॥ </big>
Berühmt wurde insbesondere die Deutung von ''Haṭha'' als Verbindung von ''ha'', der Sonne, und ''ṭha'', dem Mond. Sonne und Mond stehen dabei nicht nur für Himmelskörper, sondern für polare Kräfte wie [[Prana]] und [[Apana]], [[Pingala]] und [[Ida]], Shiva und [[Shakti]] sowie weitere sich ergänzende Gegensätze. Yoga bedeutet ihre Vereinigung. Diese Deutung ist keine sprachwissenschaftliche Herleitung des Wortes ''Haṭha'', sondern eine esoterische Erklärung seiner yogischen Bedeutung. Das Yoga Bija gehört zu den frühesten Textzeugen dieser später sehr bekannt gewordenen Symbolik.<ref>Jason Birch: [[https://soas-repository.worktribe.com/OutputFile/347639](https://soas-repository.worktribe.com/OutputFile/347639) ''The Meaning of Haṭha in Early Haṭhayoga''], Journal of the American Oriental Society 131/4, 2011.</ref>


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=== Verhältnis zum Goraksha Shataka und zur Goraksha Paddhati ===


:'''<big>namas te ādināthāya viśvanāthāya te namaḥ | </big>
Das Yoga Bija darf nicht mit dem '''[[Goraksha Shataka]]''' oder der '''[[Goraksha Paddhati]]''' gleichgesetzt werden. Es handelt sich um eigenständige Werke mit unterschiedlichen Textgeschichten. Gemeinsam ist ihnen die traditionelle Verbindung mit Gorakshanatha und dem Nath-Yoga sowie die zentrale Bedeutung von Atemlenkung, Beherrschung des Geistes, Kundalini, Bandhas, Samadhi und Befreiung.


:'''<big>namas te viśvarūpāya viśvātītāya te namaḥ || 1 || </big>
Die Bezeichnungen sind allerdings nicht immer eindeutig. Unter dem Titel ''Gorakṣaśataka'', „Hundert Verse des Goraksha“, sind unterschiedliche Fassungen überliefert worden. Das von James Mallinson untersuchte ursprüngliche Gorakṣaśataka umfasst – je nach Verseinteilung – ungefähr hundert beziehungsweise 101 Verse und gehört wahrscheinlich zu den älteren Texten dieser Tradition. Es ist stärker praxisorientiert als das Yoga Bija und behandelt unter anderem gemäßigte Ernährung, Sitzhaltungen, Pranayama, die Erweckung der Kundalini, die drei Bandhas und Samadhi.<ref>James Mallinson: [[https://soas-repository.worktribe.com/output/411967/the-original-goraksasataka](https://soas-repository.worktribe.com/output/411967/the-original-goraksasataka) ''The Original Gorakṣaśataka''], in: David Gordon White (Hrsg.), ''Yoga in Practice'', Princeton University Press, 2012.</ref>


|----
Die verbreitete '''Gorakṣapaddhati''', auch als '''Gorakṣasaṃhitā''' bezeichnet, enthält dagegen ungefähr zweihundert Verse in zwei Gruppen von je hundert Versen. In manchen Ausgaben wird ihr erster Teil ebenfalls Gorakṣaśataka genannt. Deshalb muss bei Zitaten stets geprüft werden, welche Ausgabe und welche Textfassung gemeint ist. Das Yoga Bija ist weder ein Abschnitt der Gorakṣapaddhati noch lediglich ein anderer Titel für das Gorakṣaśataka.


|}
Inhaltlich ergänzen sich die Texte: Das [Gorakshashataka|Gorakṣaśataka] und die [Goraksha Paddhati|Gorakṣapaddhati] legen größeres Gewicht auf die konkrete Ordnung der Praxis. Das Yoga Bija erklärt ausführlicher, warum Yoga notwendig ist, wie [[Wissen]] und Praxis zusammenwirken und weshalb der verwandelte Körper im Prozess der Befreiung eine zentrale Stellung erhält.


=== Verhältnis zur Hatha Yoga Pradipika ===


'''<big>Übersetzung''' </big>
Die im frühen 15. Jahrhundert von [[Svatmarama|Svātmārāma]] zusammengestellte '''Haṭhapradīpikā''', gewöhnlich als [[Hatha Yoga Pradipika]] bezeichnet, wurde zum einflussreichsten klassischen Handbuch des Hatha Yoga. Sie ist in erheblichem Umfang eine Synthese älterer Überlieferungen. Svātmārāma ordnete Lehren aus unterschiedlichen Yoga-Schulen neu und verband Asanas, Pranayama, Reinigungstechniken, [[Mudra]]s, [[Bandha]]s, [https://www.yoga-vidya.de/kundalini-yoga/ Kundalini Yoga], [[Laya]] und die [https://www.yoga-vidya.de/meditation Meditation] über den inneren Klang zu einem systematischeren Weg.<ref>[[https://yso.soas.ac.uk/courses/hathapradipika-symposium-launch-of-the-new-digital-edition/](https://yso.soas.ac.uk/courses/hathapradipika-symposium-launch-of-the-new-digital-edition/) ''Haṭhapradīpikā Symposium – Launch of the New Digital Edition''], SOAS Centre of Yoga Studies.</ref>


Zwischen Yoga Bija und Haṭhapradīpikā bestehen mehrere wörtliche oder nahezu wörtliche Übereinstimmungen. Je nach zugrunde gelegter Rezension und Zählweise werden mindestens fünf und in älteren Vergleichen bis zu ungefähr achtzehn gemeinsame Verse oder Halbverse festgestellt. Da die Haṭhapradīpikā erkennbar Material aus vielen älteren Texten zusammenführt, gilt es als wahrscheinlich, dass sie auch Überlieferungen aus dem Yoga Bija aufgenommen hat. Das genaue Verhältnis der einzelnen Fassungen ist jedoch noch Gegenstand der Forschung.


:'''Verehrung sei Dir, dem ursprünglichen Herrn, dem Herrn des Universums. Verehrung sei Dir, dessen Gestalt das ganze Universum ist und der zugleich über das Universum hinausgeht.
Das Yoga Bija ist weniger systematisch als die Haṭhapradīpikā, dafür in manchen Fragen philosophisch zugespitzter. Es verteidigt die Notwendigkeit des Yoga gegenüber der Auffassung, allein intellektuelle oder metaphysische Erkenntnis führe zur Befreiung. Die Haṭhapradīpikā übernimmt viele Grundgedanken der älteren Tradition, gestaltet sie jedoch stärker zu einem praktischen Lehrweg.


Eine besonders enge Beziehung besteht außerdem zur '''[[Yoga Shikha Upanishad|Yogaśikhā Upaniṣad]]'''. Rund achtzig Prozent ihres ersten Kapitels entsprechen Material des Yoga Bija. Wahrscheinlich wurde der ältere Yoga-Bija-Stoff für die Yogaśikhā Upaniṣad überarbeitet, sprachlich geglättet und in einen stärker upanishadischen Zusammenhang gestellt. Dabei wurden manche ausdrücklichen Bezüge auf die Nath-Tradition sowie Teile des ursprünglichen Dialogs zwischen Devi und Ishvara verändert oder entfernt.


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
Spätere Werke wie die [[Shiva Samhita|Śivasaṃhitā]] und die [[Gheranda Samhita|Gheraṇḍasaṃhitā]] bieten umfassendere und stärker geordnete Darstellungen yogischer Praxis. Das Yoga Bija bleibt ihnen gegenüber eigenständig: Es ist weniger ein enzyklopädisches Handbuch als eine grundlegende Erklärung dafür, weshalb die Arbeit mit Körper, Atem, Energie und Geist zur vollständigen Befreiung führen soll.


=== Bedeutung des Yoga Bija heute ===


:'''namas''' : Verehrung, Verneigung ([[Namas]])
Für heutige Yoga-Übende ist das Yoga Bija vor allem deshalb bedeutsam, weil es daran erinnert, dass Hatha Yoga ursprünglich weit mehr war als Körpertraining, Entspannung oder Gesundheitsvorsorge. Asanas und Atemübungen stehen in einem größeren spirituellen Zusammenhang. Sie sollen den Menschen von tief sitzenden Begrenzungen befreien, den Geist zur Ruhe bringen und die Erfahrung des höchsten Selbst ermöglichen.


:'''te''' : dir, dir sei ([[Tvam]])
Der Text zeigt zugleich, dass verschiedene Yogawege einander nicht ausschließen müssen. Mantra, Hatha, Laya und Raja Yoga sind Ausdrucksformen eines einzigen umfassenden Yoga. Äußere Praxis, Atemlenkung, Meditation, Selbsterkenntnis und Hingabe können sich gegenseitig ergänzen. In diesem Sinne steht das Yoga Bija einer ganzheitlichen Auffassung des Yoga nahe.


:'''ādināthāya''' : dem ursprünglichen Herrn, dem Ur-Meister ([[Adinatha]])
Von bleibender Bedeutung ist auch die enge Verbindung zwischen Prana und Geist. Wird der Atem ruhig, wird auch der Geist ruhig; wird der Prana in die Sushumna geführt, können die gewöhnlichen Bewegungen des Denkens überschritten werden. Diese Aussage gehört zu den Grundlagen des Hatha und Raja Yoga. Intensive Atemübungen, Bandhas, Mudras und Kundalini-Praktiken sollten jedoch sachkundig, schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden.


:'''viśvanāthāya''' : dem Herrn ([[Natha]]) des Universums ([[Vishva]])
Die Aussagen über Siddhis mahnen zugleich zur Unterscheidungskraft. Außergewöhnliche Erfahrungen können auf dem Yogaweg auftreten, sind aber nicht das eigentliche Ziel. Das Yoga Bija vergleicht sie mit Pilgerorten, die ein Wanderer auf dem Weg nach [[Varanasi|Kashi]] sieht: Sie liegen am Weg, doch das Ziel bleibt die Befreiung.


:'''te''' : dir
So bildet das Yoga Bija ein wichtiges Bindeglied innerhalb der frühen [[Hatha]]-Yoga-Literatur. Es verbindet die [[Goraksha]]- und [[Nath]]-Überlieferung mit der späteren Synthese der Haṭhapradīpikā und bewahrt zugleich eine eigene Botschaft: Wirkliche [[Befreiung]] erfordert nicht nur Wissen und nicht nur Technik, sondern die vollständige Verwandlung des Menschen durch Erkenntnis, Übung und die Erfahrung des höchsten Selbst.


:'''namaḥ''' : Verehrung, Verneigung ([[Namas]])
<references />


:'''viśvarūpāya''' : dem, dessen Gestalt ([[Rupa]]) das Universum ([[Vishva]]) ist
Die historische Einordnung stützt sich vor allem auf die Arbeiten von [Adrián Muñoz](https://dialnet.unirioja.es/descarga/articulo/6823825.pdf), [Jason Birch](https://soas-repository.worktribe.com/OutputFile/347639) und [James Mallinson](https://soas-repository.worktribe.com/output/411967/the-original-goraksasataka).


:'''viśvātītāya''' : dem, der über das Universum hinausgegangen ist, der das Universum transzendiert ([[Atita]])


:'''te''' : dir
==Yoga Bija - Vollständiger Text Sanskrit (Devanagari und IAST Transliteration), Deutsch,  Wort-für-Wort-Übersetzung==


:'''namaḥ''' : Verehrung, Verneigung ([[Namas]])
'''1. Vers Yoga Bija: Verehrung des Adinatha'''


'''Shri Devi sprach:'''


नमस्ते आदिनाथाय विश्वनाथाय ते नमः ।<br>
नमस्ते विश्वरूपाय विश्वातीताय ते नमः ॥ १ ॥<br>


== Yoga Bija Vers 2: Verehrung des höchsten Selbst ==
namas te ādināthāya viśvanāthāya te namaḥ |<br>
namas te viśvarūpāya viśvātītāya te namaḥ || 1 ||<br>


'''Verehrung sei Dir, dem ursprünglichen Herrn, dem Herrn des Universums. Verehrung sei Dir, dessen Gestalt das ganze Universum ist und der zugleich über das Universum hinausgeht.'''


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': namas – Verehrung, Verneigung ([[Namas]]); te – dir, dir sei ([[Tvam]]); ādināthāya – dem ursprünglichen Herrn, dem Ur-Meister ([[Adinatha]]); viśvanāthāya – dem Herrn ([[Natha]]) des Universums ([[Vishva]]); te – dir; namaḥ – Verehrung, Verneigung ([[Namas]]); viśvarūpāya – dem, dessen Gestalt ([[Rupa]]) das Universum ([[Vishva]]) ist; viśvātītāya – dem, der über das Universum hinausgegangen ist, der das Universum transzendiert ([[Atita]]); te – dir; namaḥ – Verehrung, Verneigung ([[Namas]]).


'''2. Vers Yoga Bija: Verehrung des höchsten Selbst'''


{|
उत्पत्तिस्थितिसंहारकारिणे क्लेषहारिणे ।<br>
नमस्ते देवदेवेश नमस्ते परमात्मने ॥ २ ॥<br>


|-
utpattisthitisaṃhārakāriṇe kleṣahāriṇe |<br>
namas te devadeveśa namas te paramātmane || 2 ||<br>


| valign="top" width=500|
'''Verehrung sei Dir, der Du Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkst und die Leiden beseitigst. Verehrung sei Dir, o Herr der Götter, Verehrung sei Dir, dem höchsten Selbst.'''


:'''<big>उत्पत्तिस्थितिसंहारकारिणे क्लेषहारिणे । </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': utpatti – Entstehung, Schöpfung ([[Utpatti]]); sthiti – Erhaltung, Fortbestehen ([[Sthiti]]); saṃhāra – Auflösung, Zerstörung ([[Samhara]]); kāriṇe – dem Bewirkenden, dem, der hervorbringt ([[Karin]]); kleṣa-hāriṇe – dem Beseitiger ([[Harin]]) der Leiden und Beschwernisse ([[Klesha]]); namas te – Verehrung sei dir; deva-deveśa – o Herr ([[Isha]]) der Götter ([[Deva]]); namas te – Verehrung sei dir; paramātmane – dem höchsten Selbst ([[Paramatman]]).


:'''<big>नमस्ते देवदेवेश नमस्ते परमात्मने ॥ २ ॥ </big>
'''3. Vers Yoga Bija: Der Herr des Yogaweges'''


| valign="top" width=690|
योगमार्गकृते तुभ्यं महायोगेश्वराय ते ।<br>
नमस्ते परिपूर्णाय जगदानन्दहेतवे ॥ ३ ॥<br>


:'''<big>utpattisthitisaṃhārakāriṇe kleṣahāriṇe | </big>
yogamārgakṛte tubhyaṃ mahāyogeśvarāya te |<br>
namas te paripūrṇāya jagadānandahetave || 3 ||<br>


:'''<big>namas te devadeveśa namas te paramātmane || 2 || </big>
'''Dir, der Du den Yogaweg geschaffen hast, Dir, dem großen Herrn des Yoga, sei Verehrung. Verehrung sei Dir, dem vollkommen Erfüllten, der Ursache der Glückseligkeit der Welt.'''


|----
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yoga-mārga-kṛte – dem Schöpfer bzw. Begründer des Weges ([[Marga]]) des [[Yoga]]; tubhyam – dir ([[Tvam]]); mahā-yogeśvarāya – dem großen ([[Maha]]) Herrn des Yoga ([[Yogeshvara]]); te – dir; namas te – Verehrung sei dir ([[Namas]]); paripūrṇāya – dem vollkommenen, vollständig erfüllten ([[Paripurna]]); jagat – Welt, Universum ([[Jagat]]); ānanda – Freude, Glückseligkeit ([[Ananda]]); hetave – der Ursache, dem Grund ([[Hetu]]).


|}
'''4. Vers Yoga Bija: Die Lebewesen im Netz der Maya'''


सर्वे जीवाः सुखैर्दुःखैर्मायाजालेन वेष्टिताः ।<br>
तेषां मुक्तिः कथं देव कृपया वद शङ्कर ॥ ४ ॥<br>


'''<big>Übersetzung''' </big>
sarve jīvāḥ sukhair duḥkhair māyājālena veṣṭitāḥ |<br>
teṣāṃ muktiḥ kathaṃ deva kṛpayā vada śaṅkara || 4 ||<br>


'''Alle Lebewesen sind durch Freude und Leid vom Netz der Maya umhüllt. Wie können sie Befreiung erlangen? O Gott, o Shankara, sage es mir aus Mitgefühl.'''


:'''Verehrung sei Dir, der Du Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkst und die Leiden beseitigst. Verehrung sei Dir, o Herr der Götter, Verehrung sei Dir, dem höchsten Selbst.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sarve – alle ([[Sarva]]); jīvāḥ – Lebewesen, individuellen Seelen ([[Jiva]]); sukhaiḥ – durch Freuden, angenehme Erfahrungen ([[Sukha]]); duḥkhaiḥ – durch Leiden, schmerzhafte Erfahrungen ([[Duhkha]]); māyā-jālena – durch das Netz ([[Jala]]) der [[Maya]]; veṣṭitāḥ – umhüllt, umschlossen, eingehüllt ([[Veshtita]]); teṣām – von ihnen, ihre ([[Tad]]); muktiḥ – Befreiung ([[Mukti]]); katham – wie ([[Katham]]); deva – o Gott, o Göttlicher ([[Deva]]); kṛpayā – aus Mitgefühl, aus Gnade ([[Kripa]]); vada – sage, sprich ([[Vad]]); śaṅkara – o [[Shankara]], o Shiva.


'''5. Vers Yoga Bija: Die Bitte um den Weg zur Befreiung'''


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
नानामार्गास्त्वया देव कथितास्तु महेश्वर ।<br>
अधुना मोक्षदं मार्गं ब्रूहि योगविदांवरम् ॥ ५ ॥<br>


nānāmārgās tvayā deva kathitās tu maheśvara |<br>
adhunā mokṣadaṃ mārgaṃ brūhi yogavidāṃvaram || 5 ||<br>


:'''utpatti''' : Entstehung, Schöpfung ([[Utpatti]])
'''O Gott, o Maheshvara, verschiedene Wege sind von Dir gelehrt worden. Nun lehre den Weg, der Befreiung schenkt, den höchsten Weg der Kenner des Yoga.'''


:'''sthiti''' : Erhaltung, Fortbestehen ([[Sthiti]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nānā-mārgāḥ – verschiedene, mannigfaltige ([[Nana]]) Wege ([[Marga]]); tvayā – von dir ([[Tvam]]); deva – o Gott, o Göttlicher ([[Deva]]); kathitāḥ – wurden gelehrt, wurden verkündet ([[Kathita]]); tu – aber, nun, gewiss ([[Tu]]); maheśvara – o großer Herr, o [[Maheshvara]]; adhunā – jetzt, nun ([[Adhuna]]); mokṣadam – Befreiung ([[Moksha]]) schenkend ([[Da]]); mārgam – den Weg ([[Marga]]); brūhi – sage, lehre, erkläre; yogavidām – der Kenner des Yoga, derjenigen, die Yoga kennen ([[Yogavid]]); varam – den besten, höchsten, vorzüglichsten ([[Vara]]).


:'''saṃhāra''' : Auflösung, Zerstörung ([[Samhara]])
'''6. Vers Yoga Bija: Der Weg, der das Netz der Maya durchtrennt'''


:'''kāriṇe''' : dem Bewirkenden, dem, der hervorbringt ([[Karin]])
'''Ishvara sprach:'''
सर्वसिद्धिकरो मार्गो मायाजालनिकृन्तकः ।<br>
जन्ममृत्युजराव्याधिनाशकः सुखदो भवेत् ॥ ६ ॥<br>


:'''kleṣa-hāriṇe''' : dem Beseitiger ([[Harin]]) der Leiden und Beschwernisse ([[Klesha]])
sarvasiddhikaro mārgo māyājālanikṛntakaḥ |<br>
janmamṛtyujarāvyādhināśakaḥ sukhado bhavet || 6 ||<br>


:'''namas te''' : Verehrung sei dir
'''Dieser Weg bewirkt alle Vollkommenheiten und durchtrennt das Netz der Maya. Er beseitigt Geburt, Tod, Alter und Krankheit und schenkt Glück.'''


:'''deva-deveśa''' : o Herr ([[Isha]]) der Götter ([[Deva]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sarva-siddhi-karaḥ – alle ([[Sarva]]) Vollkommenheiten und übernatürlichen Fähigkeiten ([[Siddhi]]) bewirkend ([[Kara]]); mārgaḥ – der Weg ([[Marga]]); māyā-jāla-nikṛntakaḥ – das Netz ([[Jala]]) der [[Maya]] durchschneidend, durchtrennend; janma – Geburt ([[Janma]]); mṛtyu – Tod ([[Mrityu]]); jarā – Alter, Altern ([[Jara]]); vyādhi – Krankheit ([[Vyadhi]]); nāśakaḥ – beseitigend, vernichtend ([[Nashaka]]); sukhadaḥ – Glück ([[Sukha]]) schenkend; bhavet – ist, wird, möge sein ([[Bhu]]).


:'''namas te''' : Verehrung sei dir
'''7. Vers Yoga Bija: Der höchste Natha-Weg'''


:'''paramātmane''' : dem höchsten Selbst ([[Paramatman]])
बद्धा येन विमुच्यन्ते नाथमार्गमतः परम् ।<br>
तमहं कथयिष्यामि तव प्रीत्या सुरेश्वरि ॥ ७ ॥<br>


baddhā yena vimucyante nāthamārgamataḥ param |<br>
tam ahaṃ kathayiṣyāmi tava prītyā sureśvari || 7 ||<br>


'''Durch diesen Weg werden die Gebundenen befreit; daher gibt es nichts Höheres als den Natha-Weg. Aus Zuneigung zu Dir werde ich ihn darlegen, o Herrin der Götter.'''


== Yoga Bija Vers 3: Der Herr des Yogaweges ==
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': baddhāḥ – die Gebundenen, Gefesselten ([[Baddha]]); yena – durch welchen, wodurch ([[Yad]]); vimucyante – werden befreit, werden vollständig gelöst ([[Vimuch]]); nātha-mārgam – den Weg ([[Marga]]) der [[Natha]]s, den Natha-Weg; ataḥ – daher, deshalb ([[Atas]]); param – höheres, darüber Hinausgehendes ([[Para]]); tam – diesen, ihn ([[Tad]]); aham – ich ([[Aham]]); kathayiṣyāmi – werde erklären, werde darlegen ([[Kath]]); tava – dein, für dich ([[Tvam]]); prītyā – aus Zuneigung, Liebe, Wohlwollen ([[Priti]]); sureśvari – o Herrin ([[Ishvari]]) der Götter ([[Sura]]).


'''8. Vers Yoga Bija: Kaivalya durch den Weg der Siddhas'''


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
नानामार्गैस्तु दुष्प्राप्यं कैवल्यं परमं पदम् ।<br>
सिद्धमार्गेण लभ्येत नान्यथा शिवभाषितम् ॥ ८ ॥<br>


nānāmārgais tu duṣprāpyaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam |<br>
siddhamārgeṇa labhyeta nānyathā śivabhāṣitam || 8 ||<br>


{|
'''Kaivalya, der höchste Zustand, ist durch die verschiedenen Wege nur schwer zu erlangen. Durch den Weg der Siddhas kann es erreicht werden, nicht auf andere Weise – so hat Shiva gesprochen.'''


|-
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nānā-mārgaiḥ – durch verschiedene ([[Nana]]) Wege ([[Marga]]); tu – aber, jedoch ([[Tu]]); duṣprāpyam – schwer zu erreichen, schwer zu erlangen ([[Dushprapya]]); kaivalyam – absolute Freiheit, vollkommene Befreiung ([[Kaivalya]]); paramam – das höchste ([[Parama]]); padam – Ziel, Zustand, höchste Stätte ([[Pada]]); siddha-mārgeṇa – durch den Weg ([[Marga]]) der Vollkommenen, den Weg der [[Siddha]]s; labhyeta – kann bzw. möge erlangt werden ([[Labh]]); na – nicht ([[Na]]); anyathā – auf andere Weise, anders ([[Anyatha]]); śiva-bhāṣitam – von [[Shiva]] gesprochen, von Shiva verkündet.


| valign="top" width=500|
'''9. Vers Yoga Bija: Verstrickung im Netz der Schriften'''


:'''<big>योगमार्गकृते तुभ्यं महायोगेश्वराय ते </big>
अनेकशतसंख्याभिस्तर्कव्याकरणादिभिः ।<br>
पतिताः शास्त्रजालेषु प्रज्ञया ते विमोहिताः ॥ ९ ॥<br>


:'''<big>नमस्ते परिपूर्णाय जगदानन्दहेतवे ॥ ३ ॥ </big>
anekaśatasaṃkhyābhis tarkavyākaraṇādibhiḥ |<br>
patitāḥ śāstrajāleṣu prajñayā te vimohitāḥ || 9 ||<br>


| valign="top" width=690|
'''Durch die Hunderte von Lehrgebieten wie Logik, Grammatik und anderen sind sie in die Netze der Schriften geraten. Durch ihre Gelehrsamkeit sind sie völlig verwirrt.'''


:'''<big>yogamārgakṛte tubhyaṃ mahāyogeśvarāya te | </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': aneka – viele, zahlreiche ([[Aneka]]); śata – hundert ([[Shata]]); saṃkhyābhiḥ – der Zahl nach, in einer solchen Anzahl ([[Sankhya]]); tarka – Logik, Schlussfolgerung ([[Tarka]]); vyākaraṇa – Grammatik ([[Vyakarana]]); ādibhiḥ – und anderem, und so weiter ([[Adi]]); patitāḥ – gefallen, hineingeraten ([[Patita]]); śāstra-jāleṣu – in die Netze ([[Jala]]) der Lehrschriften ([[Shastra]]); prajñayā – durch Erkenntnis, Intellekt, Gelehrsamkeit ([[Prajna]]); te – sie ([[Tad]]); vimohitāḥ – völlig verwirrt, verblendet, getäuscht ([[Vimohita]]).


:'''<big>namas te paripūrṇāya jagadānandahetave || 3 || </big>
'''10. Vers Yoga Bija: Der unaussprechliche höchste Zustand'''


|----
अनिर्वाच्यपदं वक्तुं न शक्यते सुरैरपि ।<br>
स्वात्मप्रकाशरूपं तत्किं शास्त्रेण प्रकाश्यते ॥ १० ॥<br>


|}
anirvācyapadaṃ vaktuṃ na śakyate surair api |<br>
svātmaprakāśarūpaṃ tat kiṃ śāstreṇa prakāśyate || 10 ||<br>


'''Der unaussprechliche Zustand kann selbst von den Göttern nicht in Worte gefasst werden. Er ist seinem Wesen nach aus dem eigenen Selbst heraus leuchtend – wie könnte er durch eine Schrift offenbar gemacht werden?'''


'''<big>Übersetzung''' </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': anirvācya – unaussprechlich, nicht mit Worten beschreibbar ([[Anirvachya]]); padam – Zustand, Ziel, höchste Stätte ([[Pada]]); vaktum – zu sagen, in Worte zu fassen ([[Vach]]); na – nicht ([[Na]]); śakyate – kann, ist möglich ([[Shak]]); suraiḥ – von den Göttern ([[Sura]]); api – sogar, selbst ([[Api]]); sva-ātma – das eigene Selbst ([[Sva]], [[Atman]]); prakāśa – Licht, Leuchten, Offenbarwerden ([[Prakasha]]); rūpam – von der Natur, von der Wesensgestalt ([[Rupa]]); tat – dieses, jenes ([[Tad]]); kim – wie?, was? ([[Kim]]); śāstreṇa – durch eine Lehrschrift, durch die Schrift ([[Shastra]]); prakāśyate – wird offenbar gemacht, wird erhellt, wird offenbart ([[Prakash]]).


'''11. Vers Yoga Bija: Das reine Selbst erscheint als Jiva'''


:'''Dir, der Du den Yogaweg geschaffen hast, Dir, dem großen Herrn des Yoga, sei Verehrung. Verehrung sei Dir, dem vollkommen Erfüllten, der Ursache der Glückseligkeit der Welt.
निश्कलं निर्मलं शान्तं सर्वातीतं निरामयम् ।<br>
तदेतज्जीवरूपेण पुण्यपापफलैर्वृतम् ॥ ११ ॥<br>


niśkalaṃ nirmalaṃ śāntaṃ sarvātītaṃ nirāmayam |<br>
tad etaj jīvarūpeṇa puṇyapāpaphalair vṛtam || 11 ||<br>


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''Es ist ungeteilt, makellos, friedvoll, jenseits von allem und frei von Gebrechen. Eben dieses ist in Gestalt des Jiva von den Früchten guter und schlechter Handlungen umhüllt.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': niśkalam – ohne Teile, ungeteilt, unteilbar ([[Nishkala]]); nirmalam – makellos, rein ([[Nirmala]]); śāntam – friedvoll, ruhig ([[Shanta]]); sarvātītam – jenseits von allem ([[Sarva]], [[Atita]]); nirāmayam – frei von Krankheit, Gebrechen und Leiden ([[Niramaya]]); tat – das, jenes ([[Tad]]); etat – dieses ([[Etad]]); jīva-rūpeṇa – in der Gestalt ([[Rupa]]) des individuellen Wesens ([[Jiva]]); puṇya-pāpa-phalaiḥ – von den Früchten ([[Phala]]) guter, verdienstvoller ([[Punya]]) und schlechter Handlungen ([[Papa]]); vṛtam – umhüllt, bedeckt, umgeben ([[Vrita]]).


:'''yoga-mārga-kṛte''' : dem Schöpfer bzw. Begründer des Weges ([[Marga]]) des [[Yoga]]
'''12. Vers Yoga Bija: Wie entsteht das Jiva-Sein?'''


:'''tubhyam''' : dir ([[Tvam]])
'''Devi sprach:'''
परमात्मपदं नित्यं तत्कथं जीवतां गतम् ।<br>
तत्त्वातीतं महादेव प्रसादात्कथयस्व मे ॥ १२ ॥<br>


:'''mahā-yogeśvarāya''' : dem großen ([[Maha]]) Herrn des Yoga ([[Yogeshvara]])
paramātmapadaṃ nityaṃ tat kathaṃ jīvatāṃ gatam |<br>
tattvātītaṃ mahādeva prasādāt kathayasva me || 12 ||<br>


:'''te''' : dir
'''Der Zustand des höchsten Selbst ist ewig und jenseits der Tattvas. Wie ist er zum Jiva-Sein geworden? O Mahadeva, erkläre mir dies aus Gnade.'''


:'''namas te''' : Verehrung sei dir ([[Namas]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': paramātma-padam – der Zustand, die Stätte ([[Pada]]) des höchsten Selbst ([[Paramatman]]); nityam – ewig, beständig ([[Nitya]]); tat – das, dieser ([[Tad]]); katham – wie ([[Katham]]); jīvatām – zum Jiva-Sein, zum Zustand eines individuellen Wesens ([[Jiva]]); gatam – gelangt, geworden ([[Gata]]); tattvātītam – jenseits der Prinzipien der Schöpfung, jenseits der [[Tattva]]s ([[Atita]]); mahādeva – o großer Gott, o [[Mahadeva]]; prasādāt – aus Gnade, durch Gnade ([[Prasada]]); kathayasva – erkläre, erzähle, lege dar ([[Kath]]); me – mir ([[Mad]]).


:'''paripūrṇāya''' : dem vollkommenen, vollständig erfüllten ([[Paripurna]])
'''13. Vers Yoga Bija: Das Entstehen des Ich-Bewusstseins'''


:'''jagat''' : Welt, Universum ([[Jagat]])
'''Ishvara sprach:'''
सर्वभावपदातीतं ज्ञानरूपं निरञ्जनम् ।<br>
वारिवत्स्फुरितं स्वस्मिंस्तत्राहङ्कृतिरुत्थिता ॥ १३ ॥<br>


:'''ānanda''' : Freude, Glückseligkeit ([[Ananda]])
sarvabhāvapadātītaṃ jñānarūpaṃ nirañjanam |<br>
vārivat sphuritaṃ svasmiṃs tatrāhaṅkṛtir utthitā || 13 ||<br>


:'''hetave''' : der Ursache, dem Grund ([[Hetu]])
'''Es ist jenseits aller Zustände des Seins, seinem Wesen nach Erkenntnis und vollkommen makellos. Wie Wasser manifestierte es sich in sich selbst; dort entstand das Ich-Bewusstsein.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sarva-bhāva-pada-atītam – jenseits ([[Atita]]) aller ([[Sarva]]) Zustände und Ebenen ([[Pada]]) des Seins ([[Bhava]]); jñāna-rūpam – von der Natur ([[Rupa]]) der Erkenntnis ([[Jnana]]); nirañjanam – makellos, unbefleckt, rein ([[Niranjana]]); vārivat – wie Wasser ([[Vari]]); sphuritam – aufgeleuchtet, hervorgetreten, manifest geworden ([[Sphurita]]); svasmin – in sich selbst ([[Sva]]); tatra – dort, darin ([[Tatra]]); ahaṅkṛtiḥ – Ich-Bewusstsein, Ich-Vorstellung, Ego-Bewusstsein ([[Ahamkriti]]); utthitā – entstanden, aufgestiegen, hervorgetreten ([[Utthita]]).


'''14. Vers Yoga Bija: Die Entstehung des Körpers'''


== Yoga Bija Vers 4: Die Lebewesen im Netz der Maya ==
पञ्चात्मकमभूत्पिण्डं धातुबद्धं गुणात्मकम् ।<br>
सुखदुःखैः सदा युक्तं जीवभावनयाकुलम् ॥ १४ ॥<br>


pañcātmakam abhūt piṇḍaṃ dhātubaddhaṃ guṇātmakam |<br>
sukhaduḥkhaiḥ sadā yuktaṃ jīvabhāvanayākulam || 14 ||<br>


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
'''So entstand der aus den Fünf bestehende Körper, an die körperlichen Bestandteile gebunden und von den Gunas geprägt. Er ist stets mit Freude und Leid verbunden und durch die Vorstellung, ein Jiva zu sein, in Unruhe.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pañca-ātmakam – aus fünf bestehend, von fünffacher Natur ([[Pancha]], [[Atmaka]]); abhūt – entstand, wurde ([[Bhu]]); piṇḍam – Körper, körperliche Masse ([[Pinda]]); dhātu-baddham – an die körperlichen Bestandteile ([[Dhatu]]) gebunden ([[Baddha]]); guṇa-ātmakam – aus den [[Guna]]s bestehend, von den Gunas geprägt ([[Atmaka]]); sukha-duḥkhaiḥ – mit Freude ([[Sukha]]) und Leid ([[Duhkha]]); sadā – immer, stets ([[Sada]]); yuktam – verbunden, verknüpft ([[Yukta]]); jīva-bhāvanayā – durch die Vorstellung ([[Bhavana]]), ein [[Jiva]] zu sein; ākulam – beunruhigt, verwirrt, aufgewühlt ([[Akula]]).


{|
'''15. Vers Yoga Bija: Die Eigenschaften des gebundenen Jiva'''


|-
तेन जीवाभिधा भोक्ता विशुद्धे परमात्मनि ।<br>
कामः क्रोधो भयं चिन्ता लोभो मोहो मदो रुजाः ॥ १५ ॥<br>


| valign="top" width=500|
tena jīvābhidhā bhoktā viśuddhe paramātmani |<br>
kāmaḥ krodho bhayaṃ cintā lobho moho mado rujāḥ || 15 ||<br>


:'''<big>सर्वे जीवाः सुखैर्दुःखैर्मायाजालेन वेष्टिताः । </big>
'''Dadurch wird im vollkommen reinen höchsten Selbst der Erfahrende als Jiva bezeichnet. Mit ihm erscheinen Begierde, Zorn, Angst, Sorge, Gier, Verblendung, Stolz und Leiden.'''


:'''<big>तेषां मुक्तिः कथं देव कृपया वद शङ्कर ॥ ४ ॥ </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tena – dadurch, aus diesem Grund ([[Tad]]); jīva-abhidhā – mit der Bezeichnung ([[Abhidha]]) Jiva ([[Jiva]]); bhoktā – der Erfahrende, Genießende ([[Bhokta]]); viśuddhe – im vollkommen Reinen ([[Vishuddha]]); paramātmani – im höchsten Selbst ([[Paramatman]]); kāmaḥ – Begierde, Verlangen ([[Kama]]); krodhaḥ – Zorn, Ärger ([[Krodha]]); bhayam – Angst, Furcht ([[Bhaya]]); cintā – Sorge, Besorgnis, Nachdenken ([[Chinta]]); lobhaḥ – Gier, Habgier ([[Lobha]]); mohaḥ – Verblendung, Täuschung ([[Moha]]); madaḥ – Stolz, Überheblichkeit, Hochmut ([[Mada]]); rujāḥ – Leiden, Schmerzen, Krankheiten ([[Ruja]]).


| valign="top" width=690|
'''16. Vers Yoga Bija: Weitere Begrenzungen des Jiva'''


:'''<big>sarve jīvāḥ sukhair duḥkhair māyājālena veṣṭitāḥ | </big>
जरा मृत्युश्च कार्पण्यं शोको निद्रा क्षुधा तृषा ।<br>
द्वेषो लज्जा सुखं दुःखं विषादो हर्ष एव च ॥ १६ ॥<br>


:'''<big>teṣāṃ muktiḥ kathaṃ deva kṛpayā vada śaṅkara || 4 || </big>
jarā mṛtyuś ca kārpaṇyaṃ śoko nidrā kṣudhā tṛṣā |<br>
dveṣo lajjā sukhaṃ duḥkhaṃ viṣādo harṣa eva ca || 16 ||<br>


|----
'''Dazu gehören Alter, Tod, Kleinmut, Kummer, Schlaf, Hunger, Durst, Abneigung, Scham, Freude und Leid, Niedergeschlagenheit und ebenso freudige Erregung.'''


|}
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jarā – Alter, Altern ([[Jara]]); mṛtyuḥ – Tod ([[Mrityu]]); ca – und ([[Cha]]); kārpaṇyam – Kleinmut, Schwäche, Mutlosigkeit ([[Karpanya]]); śokaḥ – Kummer, Trauer ([[Shoka]]); nidrā – Schlaf ([[Nidra]]); kṣudhā – Hunger ([[Kshudha]]); tṛṣā – Durst ([[Trisha]]); dveṣaḥ – Abneigung, Hass ([[Dvesha]]); lajjā – Scham, Schamgefühl ([[Lajja]]); sukham – Freude, Wohlgefühl ([[Sukha]]); duḥkham – Leid, Schmerz ([[Duhkha]]); viṣādaḥ – Niedergeschlagenheit, Verzweiflung ([[Vishada]]); harṣaḥ – Freude, freudige Erregung ([[Harsha]]); eva ca – und ebenso, und auch ([[Eva]], [[Cha]]).


'''17. Vers Yoga Bija: Der Jiva ist in Wahrheit Shiva'''


'''<big>Übersetzung''' </big>
जाग्रत्स्वप्नः सुषुप्तिश्च शङ्का गर्वस्तथैव च ।<br>
एभिर्दोषैर्विनिर्मुक्तः स जीवः शिव एव हि ॥ १७ ॥<br>


jāgrat svapnaḥ suṣuptiś ca śaṅkā garvas tathaiva ca |<br>
ebhir doṣair vinirmuktaḥ sa jīvaḥ śiva eva hi || 17 ||<br>


:'''Alle Lebewesen sind durch Freude und Leid vom Netz der Maya umhüllt. Wie können sie Befreiung erlangen? O Gott, o Shankara, sage es mir aus Mitgefühl.
'''Wachzustand, Traum und Tiefschlaf, Zweifel und Stolz gehören ebenfalls dazu. Von diesen Begrenzungen vollkommen frei, ist dieser Jiva wahrlich Shiva selbst.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jāgrat – Wachzustand, Wachen ([[Jagrat]]); svapnaḥ – Traum, Traumzustand ([[Svapna]]); suṣuptiḥ – Tiefschlaf, Tiefschlafzustand ([[Sushupti]]); ca – und ([[Cha]]); śaṅkā – Zweifel, Bedenken ([[Shanka]]); garvaḥ – Stolz, Hochmut ([[Garva]]); tathā eva ca – ebenso auch ([[Tatha]], [[Eva]], [[Cha]]); ebhiḥ – von diesen ([[Etad]]); doṣaiḥ – Fehlern, Mängeln, Begrenzungen ([[Dosha]]); vinirmuktaḥ – vollkommen befreit, vollständig frei ([[Vinirmukta]]); saḥ – dieser, er ([[Tad]]); jīvaḥ – das individuelle Wesen ([[Jiva]]); śivaḥ – [[Shiva]]; eva – wahrlich, tatsächlich, allein ([[Eva]]); hi – gewiss, wahrlich ([[Hi]]).


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''18. Vers Yoga Bija: Erkenntnis allein genügt nicht'''


तस्माद्दोषविनाशार्थमुपायं कथयामि ते ।<br>
ज्ञानं केचिद्वदन्त्यत्र केवलं तन्न सिद्धये ॥ १८ ॥<br>


:'''sarve''' : alle ([[Sarva]])
tasmād doṣavināśārtham upāyaṃ kathayāmi te |<br>
jñānaṃ kecid vadanty atra kevalaṃ tan na siddhaye || 18 ||<br>


:'''jīvāḥ''' : Lebewesen, individuellen Seelen ([[Jiva]])
'''Deshalb werde ich dir das Mittel zur Beseitigung dieser Begrenzungen erklären. Manche sagen, Erkenntnis allein genüge; doch diese allein führt nicht zur Vollendung.'''


:'''sukhaiḥ''' : durch Freuden, angenehme Erfahrungen ([[Sukha]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tasmāt – deshalb, daher ([[Tasmat]]); doṣa-vināśa-artham – zum Zweck ([[Artha]]) der Beseitigung ([[Vinasha]]) der Fehler und Begrenzungen ([[Dosha]]); upāyam – das Mittel, die Methode ([[Upaya]]); kathayāmi – ich erkläre, ich lehre ([[Kath]]); te – dir ([[Tvam]]); jñānam – Erkenntnis, Wissen ([[Jnana]]); kecit – einige, manche ([[Kechit]]); vadanti – sagen, erklären ([[Vad]]); atra – hier, in dieser Hinsicht ([[Atra]]); kevalam – allein, ausschließlich ([[Kevala]]); tat – das, dieses ([[Tad]]); na – nicht ([[Na]]); siddhaye – zur Vollendung, zur Verwirklichung, zum Erfolg ([[Siddhi]]).


:'''duḥkhaiḥ''' : durch Leiden, schmerzhafte Erfahrungen ([[Duhkha]])
'''19. Vers Yoga Bija: Yoga und Erkenntnis gehören zusammen'''


:'''māyā-jālena''' : durch das Netz ([[Jala]]) der [[Maya]]
योगहीनं कथं ज्ञानं मोक्षदं भवतीश्वरि ।<br>
योगोऽपि ज्ञानहीनस्तु न क्षमो मोक्षकर्मणि ॥ १९ ॥<br>


:'''veṣṭitāḥ''' : umhüllt, umschlossen, eingehüllt ([[Veshtita]])
yogahīnaṃ kathaṃ jñānaṃ mokṣadaṃ bhavatīśvari |<br>
yogo ’pi jñānahīnas tu na kṣamo mokṣakarmaṇi || 19 ||<br>


:'''teṣām''' : von ihnen, ihre ([[Tad]])
'''Wie könnte Erkenntnis ohne Yoga Befreiung schenken, o Ishvari? Aber auch Yoga ohne Erkenntnis vermag das Werk der Befreiung nicht zu vollbringen.'''


:'''muktiḥ''' : Befreiung ([[Mukti]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yoga-hīnam – ohne, frei von ([[Hina]]) [[Yoga]]; katham – wie, auf welche Weise ([[Katham]]); jñānam – Erkenntnis, Wissen ([[Jnana]]); mokṣadam – Befreiung ([[Moksha]]) schenkend; bhavati – ist, wird, vermag zu sein ([[Bhu]]); īśvari – o Herrin, o Göttin ([[Ishvari]]); yogaḥ – [[Yoga]]; api – auch, ebenso ([[Api]]); jñāna-hīnaḥ – ohne Erkenntnis ([[Jnana]], [[Hina]]); tu – aber, dagegen ([[Tu]]); na – nicht ([[Na]]); kṣamaḥ – fähig, imstande, geeignet ([[Kshama]]); mokṣa-karmaṇi – beim Werk, bei der Aufgabe ([[Karman]]) der Befreiung ([[Moksha]]).


:'''katham''' : wie ([[Katham]])
'''20. Vers Yoga Bija: Wozu ist Yoga notwendig?'''


:'''deva''' : o Gott, o Göttlicher ([[Deva]])
'''Devi sprach:'''
अज्ञानादेव संसारो ज्ञानादेव विमुच्यते ।<br>
योगेनैषां तु किं कार्यं मे प्रसन्नगिरा वद ॥ २० ॥<br>


:'''kṛpayā''' : aus Mitgefühl, aus Gnade ([[Kripa]])
ajñānād eva saṃsāro jñānād eva vimucyate |<br>
yogenaiṣāṃ tu kiṃ kāryaṃ me prasannagirā vada || 20 ||<br>


:'''vada''' : sage, sprich ([[Vad]])
'''Aus Unwissenheit allein entsteht Samsara, und durch Erkenntnis allein wird man befreit. Welche Aufgabe hat dann Yoga dabei? Erkläre mir dies bitte mit klaren und freundlichen Worten.'''


:'''śaṅkara''' : o [[Shankara]], o Shiva
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ajñānāt – aus Unwissenheit, aufgrund von Unwissenheit ([[Ajnana]]); eva – allein, eben, wahrlich ([[Eva]]); saṃsāraḥ – Kreislauf von Geburt und Tod, bedingte Existenz ([[Samsara]]); jñānāt – durch Erkenntnis, aufgrund von Erkenntnis ([[Jnana]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); vimucyate – wird befreit, wird vollständig frei ([[Vimuch]]); yogena – durch Yoga, mittels [[Yoga]]; eṣām – hierbei, in Bezug auf diese; tu – aber, nun, dann ([[Tu]]); kim – was, welche ([[Kim]]); kāryam – Aufgabe, Funktion, das zu Tuende ([[Karya]]); me – mir ([[Mad]]); prasanna-girā – mit freundlicher, klarer, wohlwollender Rede ([[Prasanna]], [[Gir]]); vada – sage, erkläre ([[Vad]]).


'''21. Vers Yoga Bija: Das Wesen der Erkenntnis'''


'''Ishvara sprach:'''
सत्यमेतत्त्वयोक्तं ते कथयामि सुरेश्वरि ।<br>
ज्ञानस्वरूपमेवादौ ज्ञेयं ज्ञानं च साधनम् ॥ २१ ॥<br>


== Yoga Bija Vers 5: Die Bitte um den Weg zur Befreiung ==
satyam etat tvayoktaṃ te kathayāmi sureśvari |<br>
jñānasvarūpam evādau jñeyaṃ jñānaṃ ca sādhanam || 21 ||<br>


'''Was du gesagt hast, ist wahr. Ich werde es dir erklären, o Herrin der Götter. Zuerst muss das Wesen der Erkenntnis erkannt werden; und Erkenntnis ist das Mittel zur Verwirklichung.'''


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': satyam – wahr, Wahrheit ([[Satya]]); etat – dieses, dies ([[Etad]]); tvayā – von dir ([[Tvam]]); uktam – gesagt, gesprochen ([[Ukta]]); te – dir, für dich ([[Tvam]]); kathayāmi – ich erkläre, ich werde darlegen ([[Kath]]); sureśvari – o Herrin ([[Ishvari]]) der Götter ([[Sura]]); jñāna-svarūpam – das wahre Wesen ([[Svarupa]]) der Erkenntnis ([[Jnana]]); eva – wahrlich, eben ([[Eva]]); ādau – zuerst, am Anfang ([[Adi]]); jñeyam – muss erkannt werden, ist zu erkennen ([[Jneya]]); jñānam – Erkenntnis, Wissen ([[Jnana]]); ca – und ([[Cha]]); sādhanam – Mittel, spirituelle Praxis, Mittel zur Verwirklichung ([[Sadhana]]).


'''22. Vers Yoga Bija: Was ist Unwissenheit?'''


{|
अज्ञानं कीदृशं चेति प्रविचार्यं विवेकिना ।<br>
ज्ञातं येन निजं रूपं कैवल्यं परमं शिवम् ॥ २२ ॥<br>


|-
ajñānaṃ kīdṛśaṃ ceti pravicāryaṃ vivekinā |<br>
jñātaṃ yena nijaṃ rūpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ śivam || 22 ||<br>


| valign="top" width=500|
'''Der Unterscheidungskräftige soll gründlich untersuchen, was Unwissenheit ihrem Wesen nach ist. Durch jene Erkenntnis wird das eigene wahre Wesen erkannt – Kaivalya, die höchste, glückselige Wirklichkeit.'''


:'''<big>नानामार्गास्त्वया देव कथितास्तु महेश्वर । </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ajñānam – Unwissenheit, Nichtwissen ([[Ajnana]]); kīdṛśam – von welcher Art, wie beschaffen ([[Kidrisha]]); ca – und ([[Cha]]); iti – so, auf diese Weise ([[Iti]]); pravicāryam – gründlich zu untersuchen, genau zu erwägen ([[Vichara]]); vivekinā – von einem Unterscheidungskräftigen ([[Vivekin]]); jñātam – erkannt, gewusst ([[Jnata]]); yena – wodurch, durch welches ([[Yad]]); nijam – das eigene, ureigene ([[Nija]]); rūpam – Wesen, Gestalt, wahre Natur ([[Rupa]]); kaivalyam – absolute Freiheit, Befreiung ([[Kaivalya]]); paramam – das höchste ([[Parama]]); śivam – glückselig, heilvoll; [[Shiva]].


:'''<big>अधुना मोक्षदं मार्गं ब्रूहि योगविदांवरम् ॥ ५ ॥ </big>
'''23. Vers Yoga Bija: Kann Erkenntnis allein befreien?'''


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असौ दोषैर्विमुक्तः किं कामक्रोधभयादिभिः ।<br>
सर्वदोषैर्वृत्तो जीवः कथं ज्ञानेन मुच्यते ॥ २३ ॥<br>


:'''<big>nānāmārgās tvayā deva kathitās tu maheśvara | </big>
asau doṣair vimuktaḥ kiṃ kāmakrodhabhayādibhiḥ |<br>
sarvadoṣair vṛtto jīvaḥ kathaṃ jñānena mucyate || 23 ||<br>


:'''<big>adhunā mokṣadaṃ mārgaṃ brūhi yogavidāṃvaram || 5 || </big>
'''Ist dieser Jiva denn durch Erkenntnis von Fehlern wie Begierde, Zorn und Angst befreit? Wie kann der Jiva, der von allen diesen Begrenzungen umgeben ist, allein durch Erkenntnis befreit werden?'''


|----
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': asau – dieser, jener ([[Asau]]); doṣaiḥ – von Fehlern, Unreinheiten, Begrenzungen ([[Dosha]]); vimuktaḥ – befreit, frei ([[Vimukta]]); kim – etwa?, ist es so?, was? ([[Kim]]); kāma – Begierde, Verlangen ([[Kama]]); krodha – Zorn, Ärger ([[Krodha]]); bhaya – Angst, Furcht ([[Bhaya]]); ādibhiḥ – und anderen, und dergleichen ([[Adi]]); sarva-doṣaiḥ – von allen ([[Sarva]]) Fehlern und Begrenzungen ([[Dosha]]); vṛttaḥ – umgeben, bedeckt, umhüllt ([[Vrita]]); jīvaḥ – das individuelle Wesen ([[Jiva]]); katham – wie ([[Katham]]); jñānena – durch Erkenntnis ([[Jnana]]); mucyate – wird befreit ([[Much]]).


|}
'''24. Vers Yoga Bija: Alles ist vom Selbst durchdrungen'''


'''Devi sprach:'''
स्वात्मरूपं यदा ज्ञातं पूर्णं तद्व्यापकं तदा ।<br>
कामक्रोधादिदोषाणां स्वरूपान्नास्ति भिन्नता ॥ २४ ॥<br>


'''<big>Übersetzung''' </big>
svātmarūpaṃ yadā jñātaṃ pūrṇaṃ tad vyāpakaṃ tadā |<br>
kāmakrodhādidoṣāṇāṃ svarūpān nāsti bhinnatā || 24 ||<br>


'''Wenn das eigene Selbst als vollkommen und alles durchdringend erkannt worden ist, dann können auch Fehler wie Begierde und Zorn nicht als etwas vom eigenen wahren Wesen Getrenntes betrachtet werden.'''


:'''O Gott, o Maheshvara, verschiedene Wege sind von Dir gelehrt worden. Nun lehre den Weg, der Befreiung schenkt, den höchsten Weg der Kenner des Yoga.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sva-ātma-rūpam – das Wesen ([[Rupa]]) des eigenen ([[Sva]]) Selbst ([[Atman]]); yadā – wenn, wann ([[Yada]]); jñātam – erkannt ([[Jnata]]); pūrṇam – vollkommen, vollständig, erfüllt ([[Purna]]); tat – das ([[Tad]]); vyāpakam – alles durchdringend, überall gegenwärtig ([[Vyapaka]]); tadā – dann ([[Tada]]); kāma – Begierde ([[Kama]]); krodha – Zorn ([[Krodha]]); ādi – und weitere, und so weiter ([[Adi]]); doṣāṇām – der Fehler, Begrenzungen ([[Dosha]]); svarūpāt – vom eigenen Wesen, von der wahren Natur ([[Svarupa]]); na asti – es besteht nicht, es gibt nicht ([[Na]], [[Asti]]); bhinnatā – Verschiedenheit, Getrenntheit ([[Bhinnata]]).


'''25. Vers Yoga Bija: Der Unterscheidungskräftige ist immer frei'''


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
पश्चात्तस्य विधिः कश्चिन्निषेधोऽपि कथं भवेत् ।<br>
विवेकी सर्वदा मुक्तः संसारभ्रमवर्जितः ॥ २५ ॥<br>


paścāt tasya vidhiḥ kaścin niṣedho ’pi kathaṃ bhavet |<br>
vivekī sarvadā muktaḥ saṃsārabhramavarjitaḥ || 25 ||<br>


:'''nānā-mārgāḥ''' : verschiedene, mannigfaltige ([[Nana]]) Wege ([[Marga]])
'''Wie könnte es danach für ihn noch irgendein Gebot oder Verbot geben? Der Unterscheidungskräftige ist immer frei und vom Irrtum des Samsara befreit.'''


:'''tvayā''' : von dir ([[Tvam]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': paścāt – danach, später ([[Pashchat]]); tasya – für ihn, dessen ([[Tad]]); vidhiḥ – Vorschrift, Gebot, Regel ([[Vidhi]]); kaścit – irgendein, irgendeiner ([[Kashchit]]); niṣedhaḥ – Verbot, Untersagung ([[Nishedha]]); api – auch, überhaupt ([[Api]]); katham – wie ([[Katham]]); bhavet – könnte sein, könnte bestehen ([[Bhu]]); vivekī – der Unterscheidungskräftige ([[Vivekin]]); sarvadā – immer, jederzeit ([[Sarvada]]); muktaḥ – befreit, frei ([[Mukta]]); saṃsāra-bhrama-varjitaḥ – frei ([[Varjita]]) vom Irrtum, von der Täuschung ([[Bhrama]]) des [[Samsara]].


:'''deva''' : o Gott, o Göttlicher ([[Deva]])
'''26. Vers Yoga Bija: Das vollkommene Selbst'''


:'''kathitāḥ''' : wurden gelehrt, wurden verkündet ([[Kathita]])
'''Ishvara sprach:'''
परिपूर्णस्वरूपं तत्सत्यमेतद्वरानने ।<br>
सकलं निष्कलं चैव पूर्णत्वाच्च तदेव हि ॥ २६ ॥<br>


:'''tu''' : aber, nun, gewiss ([[Tu]])
paripūrṇasvarūpaṃ tat satyam etad varānane |<br>
sakalaṃ niṣkalaṃ caiva pūrṇatvāc ca tad eva hi || 26 ||<br>


:'''maheśvara''' : o großer Herr, o [[Maheshvara]]
'''Dieses Selbst ist seinem Wesen nach vollkommen erfüllt – das ist wahr, o Schönantlitzige. Sowohl das Teilhafte als auch das Ungeteilte sind aufgrund dieser Vollkommenheit wahrlich nichts anderes als dieses Eine.'''


:'''adhunā''' : jetzt, nun ([[Adhuna]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': paripūrṇa-svarūpam – von vollkommen erfülltem ([[Paripurna]]) Wesen ([[Svarupa]]); tat – das, dieses ([[Tad]]); satyam – wahr, Wahrheit ([[Satya]]); etat – dieses ([[Etad]]); varānane – o Schönantlitzige, o du mit dem schönen Gesicht; sakalam – mit Teilen versehen, manifest, gegliedert ([[Sakala]]); niṣkalam – ohne Teile, ungeteilt ([[Nishkala]]); ca – und ([[Cha]]); eva – eben, wahrlich ([[Eva]]); pūrṇatvāt – aufgrund der Vollkommenheit, aufgrund des Vollständigseins ([[Purnatva]]); tat – das ([[Tad]]); eva hi – wahrlich eben dieses, gewiss dieses allein ([[Eva]], [[Hi]]).


:'''mokṣadam''' : Befreiung ([[Moksha]]) schenkend ([[Da]])
'''27. Vers Yoga Bija: Wie entsteht die Täuschung des Samsara?'''


:'''mārgam''' : den Weg ([[Marga]])
कलनास्फूर्तिरूपेणा संसारभ्रमतां गतम् ।<br>
एतद्रूपं समायातं तत्कथं मोहसागरे ॥ २७ ॥<br>


:'''brūhi''' : sage, lehre, erkläre
kalanāsphūrtirūpeṇā saṃsārabhramatāṃ gatam |<br>
etad rūpaṃ samāyātaṃ tat kathaṃ mohasāgare || 27 ||<br>


:'''yogavidām''' : der Kenner des Yoga, derjenigen, die Yoga kennen ([[Yogavid]])
'''In Gestalt des Aufleuchtens gedanklicher Vorstellungen ist es in die Täuschung des Samsara geraten. Wie ist dieses Selbst in eine solche Gestalt und in den Ozean der Verblendung gelangt?'''


:'''varam''' : den besten, höchsten, vorzüglichsten ([[Vara]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kalanā – Vorstellung, gedankliche Hervorbringung, Konstruktion ([[Kalana]]); sphūrti – Aufleuchten, Hervortreten, Manifestation ([[Sphurti]]); rūpeṇā – in der Gestalt, in der Form ([[Rupa]]); saṃsāra – Kreislauf der bedingten Existenz ([[Samsara]]); bhramatām – in den Zustand der Täuschung, des Irrtums ([[Bhrama]]); gatam – gelangt, gekommen ([[Gata]]); etat – dieses ([[Etad]]); rūpam – Gestalt, Form ([[Rupa]]); samāyātam – hineingelangt, gekommen, angenommen; tat – das, jenes ([[Tad]]); katham – wie ([[Katham]]); moha-sāgare – in den Ozean ([[Sagara]]) der Verblendung ([[Moha]]).


'''28. Vers Yoga Bija: Das Selbst ist rein wie der Himmel'''


निष्कलं निर्मलं साक्षात्स्वरूपं गगनोपमम् ।<br>
उत्पत्तिस्थितिसंहारस्फूर्तिज्ञानविवर्जितम् ॥ २८ ॥<br>


== Yoga Bija Vers 6: Der Weg, der das Netz der Maya durchtrennt ==
niṣkalaṃ nirmalaṃ sākṣāt svarūpaṃ gaganopamam |<br>
utpattisthitisaṃhārasphūrtijñānavivarjitam || 28 ||<br>


'''Das wahre Selbst ist unmittelbar ungeteilt und makellos, dem grenzenlosen Himmel gleich. Es ist frei von Entstehung, Erhaltung, Auflösung, Manifestation und begrenztem Wissen.'''


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': niṣkalam – ohne Teile, ungeteilt ([[Nishkala]]); nirmalam – rein, makellos ([[Nirmala]]); sākṣāt – unmittelbar, direkt, wahrhaftig ([[Sakshat]]); svarūpam – das eigene wahre Wesen ([[Svarupa]]); gagana-upamam – dem Himmel ([[Gagana]]) vergleichbar ([[Upama]]); utpatti – Entstehung, Schöpfung ([[Utpatti]]); sthiti – Erhaltung, Fortbestehen ([[Sthiti]]); saṃhāra – Auflösung, Zerstörung ([[Samhara]]); sphūrti – Aufleuchten, Hervortreten, Manifestation ([[Sphurti]]); jñāna – Erkenntnis, Wissen ([[Jnana]]); vivarjitam – frei von, ohne, nicht berührt von ([[Vivarjita]]).


'''29. Vers Yoga Bija: Das Versinken in Freude und Leid'''


'''<big>Ishvara sprach:</big>'''
निमज्जति वरारोहे त्यक्त्वा विद्यां पुनः पुनः ।<br>
सुखदुःखादिमोहेषु यथा संसारिणां स्थितिः ॥ २९ ॥<br>


nimajjati varārohe tyaktvā vidyāṃ punaḥ punaḥ |<br>
sukhaduḥkhādimoheṣu yathā saṃsāriṇāṃ sthitiḥ || 29 ||<br>


{|
'''O Schöngewachsene, wenn man die wahre Erkenntnis immer wieder aufgibt, versinkt man in Verblendungen wie Freude und Leid – so wie es der Zustand der im Samsara gefangenen Wesen ist.'''


|-
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nimajjati – versinkt, taucht unter ([[Nimajj]]); varārohe – o Schöngewachsene, o Edle; tyaktvā – nachdem man aufgegeben hat, aufgebend ([[Tyaktva]]); vidyām – Wissen, wahre Erkenntnis ([[Vidya]]); punaḥ punaḥ – immer wieder, wieder und wieder ([[Punar]]); sukha – Freude, Wohlgefühl ([[Sukha]]); duḥkha – Leid, Schmerz ([[Duhkha]]); ādi – und dergleichen ([[Adi]]); moheṣu – in den Verblendungen, Täuschungen ([[Moha]]); yathā – wie, so wie ([[Yatha]]); saṃsāriṇām – der im Samsara befindlichen Wesen ([[Samsarin]]); sthitiḥ – Zustand, Verfassung ([[Sthiti]]).


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'''30. Vers Yoga Bija: Erkenntnis und Vasanas'''


:'''<big>सर्वसिद्धिकरो मार्गो मायाजालनिकृन्तकः । </big>
तथा ज्ञानी यदा तिष्ठेद्वासनावासितस्तदा ।<br>
तयोर्नास्ति विशेषोऽत्र समा संसारभावना ॥ ३० ॥<br>


:'''<big>जन्ममृत्युजराव्याधिनाशकः सुखदो भवेत् ॥ ६ ॥ </big>
tathā jñānī yadā tiṣṭhed vāsanāvāsitas tadā |<br>
tayor nāsti viśeṣo ’tra samā saṃsārabhāvanā || 30 ||<br>


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'''Wenn ebenso ein Mensch mit Erkenntnis weiterhin von Vasanas, den tief verwurzelten Neigungen, geprägt ist, besteht zwischen ihm und einem gewöhnlichen Menschen im Samsara kein wirklicher Unterschied: Die innere Ausrichtung auf Samsara ist bei beiden dieselbe.'''


:'''<big>sarvasiddhikaro mārgo māyājālanikṛntakaḥ | </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tathā – ebenso, auf diese Weise ([[Tatha]]); jñānī – ein Wissender, ein Mensch mit Erkenntnis ([[Jnani]]); yadā – wenn ([[Yada]]); tiṣṭhet – verweilt, bleibt, sich befindet ([[Stha]]); vāsanā – tief verwurzelte Neigung, subtiler Eindruck ([[Vasana]]); vāsitaḥ – durchdrungen, geprägt, beeinflusst ([[Vasita]]); tadā – dann ([[Tada]]); tayoḥ – zwischen diesen beiden, von beiden ([[Tad]]); na asti – es gibt nicht, besteht nicht ([[Na]], [[Asti]]); viśeṣaḥ – Unterschied, Besonderheit ([[Vishesha]]); atra – hier, in diesem Fall ([[Atra]]); samā – gleich, dieselbe ([[Sama]]); saṃsāra-bhāvanā – Vorstellung, innere Ausrichtung bzw. geistige Prägung ([[Bhavana]]) auf den [[Samsara]].


:'''<big>janmamṛtyujarāvyādhināśakaḥ sukhado bhavet || 6 || </big>
'''31. Vers Yoga Bija: Erkenntnis allein führt noch nicht zur Befreiung'''


|----
ज्ञानं चेदीदृशं ज्ञातमज्ञानं कीदृशं पुनः ।<br>
ज्ञाननिष्ठो विरक्तोऽपि धर्मज्ञो विजितेन्द्रियः ॥ ३१ ॥<br>


|}
jñānaṃ ced īdṛśaṃ jñātam ajñānaṃ kīdṛśa punaḥ |<br>
jñānaniṣṭho virakto ’pi dharmajño vijitendriyaḥ || 31 ||<br>


'''Wenn erkannt worden ist, dass Erkenntnis von dieser Art ist, wie ist dann Unwissenheit beschaffen? Selbst jemand, der fest in der Erkenntnis gegründet, leidenschaftslos, ein Kenner des Dharma und Herr seiner Sinne ist ...'''


'''<big>Übersetzung''' </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jñānam – Erkenntnis, Wissen ([[Jnana]]); cet – wenn, falls ([[Chet]]); īdṛśam – von dieser Art, so beschaffen ([[Idrisha]]); jñātam – erkannt, gewusst ([[Jnata]]); ajñānam – Unwissenheit, Nichtwissen ([[Ajnana]]); kīdṛśam – von welcher Art, wie beschaffen ([[Kidrisha]]); punaḥ – wiederum, dann, dagegen ([[Punar]]); jñāna-niṣṭhaḥ – fest in der Erkenntnis ([[Jnana]]) gegründet ([[Nishtha]]); viraktaḥ – leidenschaftslos, frei von Anhaftung ([[Virakta]]); api – auch, selbst, sogar ([[Api]]); dharma-jñaḥ – Kenner ([[Jna]]) des [[Dharma]]; vijita-indriyaḥ – einer, der seine Sinne ([[Indriya]]) bezwungen bzw. gemeistert hat ([[Vijita]]).


'''32. Vers Yoga Bija: Ohne Yoga keine Befreiung'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
विना योगेन देवोऽपि नो मोक्षं लभते प्रिये ॥ ३२ ॥<br>


:'''Dieser Weg bewirkt alle Vollkommenheiten und durchtrennt das Netz der Maya. Er beseitigt Geburt, Tod, Alter und Krankheit und schenkt Glück.
vinā yogena devo ’pi no mokṣaṃ labhate priye || 32 ||<br>


'''... erlangt ohne Yoga keine Befreiung, selbst wenn er ein Gott wäre, o Geliebte.'''


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vinā – ohne ([[Vina]]); yogena – durch Yoga, mittels Yoga ([[Yoga]]); devaḥ – ein Gott, ein göttliches Wesen ([[Deva]]); api – selbst, sogar, auch ([[Api]]); no – nicht ([[Na]]); mokṣam – Befreiung ([[Moksha]]); labhate – erlangt, erreicht ([[Labh]]); priye – o Geliebte, o Liebe ([[Priya]]).


'''33. Vers Yoga Bija: Devis Einwand'''


:'''sarva-siddhi-karaḥ''' : alle ([[Sarva]]) Vollkommenheiten und übernatürlichen Fähigkeiten ([[Siddhi]]) bewirkend ([[Kara]])
'''Devi sprach:'''
अन्यत्किञ्चित्परिज्ञेयं ज्ञानिनां नास्ति शङ्कर ।<br>
विरक्तात्मकनिष्ठानां कथं मोक्षो भवेन्न तु ॥ ३३ ॥<br>


:'''mārgaḥ''' : der Weg ([[Marga]])
anyat kiñcit parijñeyaṃ jñānināṃ nāsti śaṅkara |<br>
viraktātmakaniṣṭhānāṃ kathaṃ mokṣo bhaven na tu || 33 ||<br>


:'''māyā-jāla-nikṛntakaḥ''' : das Netz ([[Jala]]) der [[Maya]] durchschneidend, durchtrennend
'''O Shankara, für die Wissenden gibt es doch nichts anderes mehr zu erkennen. Wie sollte den Leidenschaftslosen, die fest im Selbst gegründet sind, die Befreiung nicht zuteilwerden?'''


:'''janma''' : Geburt ([[Janma]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': anyat – etwas anderes, anderes ([[Anya]]); kiñcit – irgendetwas, etwas ([[Kinchit]]); parijñeyam – vollständig zu erkennen, zu wissen ([[Parijneya]]); jñāninām – für die Wissenden, der Menschen mit Erkenntnis ([[Jnani]]); na asti – gibt es nicht, ist nicht ([[Na]], [[Asti]]); śaṅkara – o [[Shankara]]; virakta – leidenschaftslos, frei von Anhaftung ([[Virakta]]); ātma – Selbst ([[Atman]]); niṣṭhānām – derjenigen, die fest gegründet sind ([[Nishtha]]); katham – wie ([[Katham]]); mokṣaḥ – Befreiung ([[Moksha]]); bhavet – könnte sein, könnte entstehen, könnte zuteilwerden ([[Bhu]]); na tu – etwa nicht?, sollte nicht ([[Na]], [[Tu]]).


:'''mṛtyu''' : Tod ([[Mrityu]])
'''34. Vers Yoga Bija: Unreife und Gereifte'''


:'''jarā''' : Alter, Altern ([[Jara]])
'''Ishvara sprach:'''
अपक्वाः परिपक्वाश्च द्विविधाः देहिनः स्मृताः ।<br>
अपक्वा योगहीनास्तु पक्वा योगेन देहिनः ॥ ३४ ॥<br>


:'''vyādhi''' : Krankheit ([[Vyadhi]])
apakvāḥ paripakvāś ca dvividhāḥ dehinaḥ smṛtāḥ |<br>
apakvā yogahīnās tu pakvā yogena dehinaḥ || 34 ||<br>


:'''nāśakaḥ''' : beseitigend, vernichtend ([[Nashaka]])
'''Die verkörperten Wesen werden als zweifach bezeichnet: als unreif und als ausgereift. Unreif sind diejenigen, denen Yoga fehlt; durch Yoga werden die Verkörperten reif.'''


:'''sukhadaḥ''' : Glück ([[Sukha]]) schenkend
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': apakvāḥ – unreif, noch nicht ausgereift ([[Apakva]]); paripakvāḥ – vollständig gereift, ausgereift ([[Paripakva]]); ca – und ([[Cha]]); dvividhāḥ – von zweierlei Art, zweifach ([[Dvividha]]); dehinaḥ – die Verkörperten, die körpertragenden Wesen ([[Dehin]]); smṛtāḥ – werden angesehen als, gelten als, werden bezeichnet ([[Smrita]]); apakvāḥ – die Unreifen ([[Apakva]]); yoga-hīnāḥ – ohne ([[Hina]]) [[Yoga]]; tu – dagegen, aber ([[Tu]]); pakvāḥ – gereift, reif ([[Pakva]]); yogena – durch [[Yoga]]; dehinaḥ – die verkörperten Wesen ([[Dehin]]).


:'''bhavet''' : ist, wird, möge sein ([[Bhu]])
'''35. Vers Yoga Bija: Durch das Feuer des Yoga gereift'''


पक्वो योगाग्निना देही ह्यजडः शोकवर्जितः ।<br>
जडस्तत्पार्थिवो ज्ञेयो ह्यपक्वो दुःखदो भवेत् ॥ ३५ ॥<br>


pakvo yogāgninā dehī hy ajaḍaḥ śokavarjitaḥ |<br>
jaḍas tat pārthivo jñeyo hy apakvo duḥkhado bhavet || 35 ||<br>


== Yoga Bija Vers 7: Der höchste Natha-Weg ==
'''Der durch das Feuer des Yoga Gereifte ist nicht träge und frei von Kummer. Der Unreife dagegen ist als träge und erdhaft zu erkennen und wird zum Bringer von Leid.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pakvaḥ – gereift, reif ([[Pakva]]); yoga-agninā – durch das Feuer ([[Agni]]) des [[Yoga]]; dehī – der Verkörperte, der einen Körper Tragende ([[Dehin]]); hi – wahrlich, gewiss ([[Hi]]); ajaḍaḥ – nicht träge, nicht stumpf, nicht leblos ([[Ajada]]); śoka-varjitaḥ – frei ([[Varjita]]) von Kummer und Trauer ([[Shoka]]); jaḍaḥ – träge, stumpf, leblos ([[Jada]]); tat – das, dieser ([[Tad]]); pārthivaḥ – erdhaft, irdisch, aus dem Erdelement bestehend ([[Parthiva]]); jñeyaḥ – ist zu erkennen, ist anzusehen als ([[Jneya]]); apakvaḥ – unreif ([[Apakva]]); duḥkhadaḥ – Leid ([[Duhkha]]) verursachend bzw. bringend; bhavet – ist, wird, kann sein ([[Bhu]]).


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
'''36. Vers Yoga Bija: Den Sinnen ausgeliefert'''


ध्यानस्थोऽसौ तथाप्येवमिन्द्रियैर्विवशो भवेत् ।<br>
अतिगाढं नियम्यापि तथाप्यन्यैः प्रबोध्यते ॥ ३६ ॥<br>


{|
dhyānastho ’sau tathāpy evam indriyair vivaśo bhavet |<br>
atigāḍhaṃ niyamyāpi tathāpy anyaiḥ prabodhyate || 36 ||<br>


|-
'''Selbst wenn ein solcher Mensch in Meditation verweilt, kann er den Sinnen ausgeliefert sein. Auch wenn er sie sehr fest beherrscht, wird er dennoch durch andere Einflüsse wieder aufgestört.'''


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'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': dhyāna-sthaḥ – in Meditation ([[Dhyana]]) verweilend, in Meditation gegründet ([[Stha]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); tathā api – dennoch, trotzdem ([[Tatha]], [[Api]]); evam – so, auf diese Weise ([[Evam]]); indriyaiḥ – durch die Sinne ([[Indriya]]); vivaśaḥ – machtlos, abhängig, nicht Herr seiner selbst ([[Vivasha]]); bhavet – kann werden, kann sein ([[Bhu]]); atigāḍham – sehr fest, äußerst stark ([[Gadha]]); niyamya – nachdem er beherrscht bzw. gezügelt hat ([[Niyam]]); api – auch, selbst ([[Api]]); tathā api – dennoch, trotzdem; anyaiḥ – durch andere, von anderen ([[Anya]]); prabodhyate – wird aufgeweckt, aufgestört, zum Bewusstsein gebracht ([[Prabudh]]).


:'''<big>बद्धा येन विमुच्यन्ते नाथमार्गमतः परम् । </big>
'''37. Vers Yoga Bija: Die Bedrängnisse des Körpers'''


:'''<big>तमहं कथयिष्यामि तव प्रीत्या सुरेश्वरि ॥ </big>
शीतोष्णसुखदुःखाद्यैर्व्याधिभिर्मानवैस्तथा ।<br>
अन्यैर्नानाविधैर्जीवैः शस्त्राग्निजलमारुतैः ३७ ॥<br>


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śītoṣṇasukhaduḥkhādyair vyādhibhir mānavais tathā |<br>
anyair nānāvidhair jīvaiḥ śastrāgnijalamārutaiḥ || 37 ||<br>


:'''<big>baddhā yena vimucyante nāthamārgamataḥ param | </big>
'''Durch Kälte und Hitze, Freude und Leid und Ähnliches, durch Krankheiten und Menschen, ebenso durch andere verschiedenartige Lebewesen sowie durch Waffen, Feuer, Wasser und Wind ...'''


:'''<big>tam ahaṃ kathayiṣyāmi tava prītyā sureśvari || 7 || </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': śīta – Kälte, kalt ([[Shita]]); uṣṇa – Hitze, heiß ([[Ushna]]); sukha – Freude, Wohlbefinden ([[Sukha]]); duḥkha – Leid, Schmerz ([[Duhkha]]); ādyaiḥ – und dergleichen, und anderem ([[Adi]]); vyādhibhiḥ – durch Krankheiten ([[Vyadhi]]); mānavaiḥ – durch Menschen ([[Manava]]); tathā – ebenso, ferner ([[Tatha]]); anyaiḥ – durch andere ([[Anya]]); nānā-vidhaiḥ – verschiedenartig, mannigfaltig ([[Nana]], [[Vidha]]); jīvaiḥ – durch Lebewesen ([[Jiva]]); śastra – Waffe ([[Shastra]]); agni – Feuer ([[Agni]]); jala – Wasser ([[Jala]]); mārutaiḥ – durch Winde, durch Wind ([[Maruta]]).


|----
'''38. Vers Yoga Bija: Körper, Geist und Lebenswind geraten in Unruhe'''


|}
शरीरं पीड्यते चास्य चित्तं संक्षुभ्यते ततः ।<br>
प्राणापानविपत्तौ तु क्षोभमायाति मारुतः ॥ ३८ ॥<br>


śarīraṃ pīḍyate cāsya cittaṃ saṃkṣubhyate tataḥ |<br>
prāṇāpānavipattau tu kṣobham āyāti mārutaḥ || 38 ||<br>


'''<big>Übersetzung''' </big>
'''... wird sein Körper gequält, und dadurch gerät sein Geist in Unruhe. Wenn Prana und Apana aus ihrem Gleichgewicht geraten, wird auch der Lebenswind aufgewühlt.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': śarīram – Körper ([[Sharira]]); pīḍyate – wird gequält, bedrängt, beeinträchtigt ([[Pid]]); ca – und ([[Cha]]); asya – sein, von diesem ([[Idam]]); cittam – Geist, Gemüt, Bewusstsein ([[Chitta]]); saṃkṣubhyate – gerät in Unruhe, wird aufgewühlt ([[Samkshubh]]); tataḥ – dadurch, infolgedessen, danach ([[Tatas]]); prāṇa – [[Prana]], aufsteigende Lebensenergie; apāna – [[Apana]], absteigende Lebensenergie; vipattau – bei einer Störung, einem Zusammenbruch, einer Beeinträchtigung ([[Vipatti]]); tu – aber, dann ([[Tu]]); kṣobham – Unruhe, Erregung, Aufwühlung ([[Kshobha]]); āyāti – gelangt, gerät, kommt ([[Ayati]]); mārutaḥ – Wind, Lebenswind ([[Maruta]]).


:'''Durch diesen Weg werden die Gebundenen befreit; daher gibt es nichts Höheres als den Natha-Weg. Aus Zuneigung zu Dir werde ich ihn darlegen, o Herrin der Götter.
'''39. Vers Yoga Bija: Der von Leiden erfüllte Geist'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
ततो दुःखशतैर्व्याप्तं चित्तं लुब्धं भवेन्नृणाम् ॥ ३९ ॥<br>


tato duḥkhaśatair vyāptaṃ cittaṃ lubdhaṃ bhaven nṛṇām || 39 ||<br>


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''So wird der Geist der Menschen von Hunderten von Leiden erfüllt und von Begierde und Anhaftung ergriffen.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tataḥ – dadurch, daraufhin ([[Tatas]]); duḥkha-śataiḥ – von Hunderten ([[Shata]]) von Leiden ([[Duhkha]]); vyāptam – erfüllt, durchdrungen, bedeckt ([[Vyapta]]); cittam – Geist, Gemüt ([[Chitta]]); lubdham – begehrlich, gierig, anhaftend ([[Lubdha]]); bhavet – wird, kann werden ([[Bhu]]); nṛṇām – der Menschen ([[Nri]]).


:'''baddhāḥ''' : die Gebundenen, Gefesselten ([[Baddha]])
'''40. Vers Yoga Bija: Der letzte Gedanke als Ursache der Wiedergeburt'''


:'''yena''' : durch welchen, wodurch ([[Yad]])
देहावसानसमये चित्ते यद्यद्विभावयेद् ।<br>
तत्तदेव भवेज्जीव इत्येवं जन्मकारणम् ॥ ४० ॥<br>


:'''vimucyante''' : werden befreit, werden vollständig gelöst ([[Vimuch]])
dehāvasānasamaye citte yad yad vibhāvayed |<br>
tat tad eva bhavej jīva ity evaṃ janmakāraṇam || 40 ||<br>


:'''nātha-mārgam''' : den Weg ([[Marga]]) der [[Natha]]s, den Natha-Weg
'''Was immer man zum Zeitpunkt des Endes des Körpers im Geist vergegenwärtigt, genau das wird der Jiva. Auf diese Weise entsteht die Ursache einer neuen Geburt.'''


:'''ataḥ''' : daher, deshalb ([[Atas]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': deha-avasāna-samaye – zur Zeit ([[Samaya]]) des Endes ([[Avasana]]) des Körpers ([[Deha]]); citte – im Geist, im Gemüt ([[Chitta]]); yad yad – was immer, was auch immer ([[Yad]]); vibhāvayet – sich vergegenwärtigen, vorstellen, geistig hervorbringen ([[Vibhav]]); tat tat – genau das, eben das ([[Tad]]); eva – eben, genau, wahrlich ([[Eva]]); bhavet – wird, möge werden ([[Bhu]]); jīvaḥ – das individuelle Wesen, der [[Jiva]]; iti – so, auf diese Weise ([[Iti]]); evam – so, derart ([[Evam]]); janma-kāraṇam – Ursache ([[Karana]]) der Geburt bzw. Wiedergeburt ([[Janma]]).


:'''param''' : höheres, darüber Hinausgehendes ([[Para]])
'''41. Vers Yoga Bija: Wissen, Vairagya und Japa'''


:'''tam''' : diesen, ihn ([[Tad]])
देहान्ते किं भवेज्जन्म तन्न जानन्ति मानवाः ।<br>
तस्माज्ज्ञानं न वैराग्यं जपः स्यात् केवलः श्रमः ॥ ४१ ॥<br>


:'''aham''' : ich ([[Aham]])
dehānte kiṃ bhavej janma tan na jānanti mānavāḥ |<br>
tasmaj jñānaṃ na vairāgyaṃ japaḥ syāt kevalaḥ śramaḥ || 41 ||<br>


:'''kathayiṣyāmi''' : werde erklären, werde darlegen ([[Kath]])
'''Welche Geburt nach dem Ende des Körpers folgen wird, wissen die Menschen nicht. Ohne Erkenntnis und Vairagya wäre Japa daher lediglich vergebliche Mühe.'''


:'''tava''' : dein, für dich ([[Tvam]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': deha-ante – am Ende ([[Anta]]) des Körpers ([[Deha]]); kim – was, welche ([[Kim]]); bhavet – wird sein, könnte entstehen ([[Bhu]]); janma – Geburt, Wiedergeburt ([[Janma]]); tat – das ([[Tad]]); na – nicht ([[Na]]); jānanti – sie wissen, erkennen ([[Jna]]); mānavāḥ – die Menschen ([[Manava]]); tasmāt – deshalb, daher ([[Tasmat]]); jñānam – Wissen, Erkenntnis ([[Jnana]]); na – nicht, ohne ([[Na]]); vairāgyam – Leidenschaftslosigkeit, Nicht-Anhaften ([[Vairagya]]); japaḥ – Mantra-Wiederholung ([[Japa]]); syāt – wäre, könnte sein ([[As]]); kevalaḥ – bloß, lediglich ([[Kevala]]); śramaḥ – Mühe, Anstrengung, Arbeit ([[Shrama]]).


:'''prītyā''' : aus Zuneigung, Liebe, Wohlwollen ([[Priti]])
'''42. Vers Yoga Bija: Die Grenzen bloßer Meditation'''


:'''sureśvari''' : o Herrin ([[Ishvari]]) der Götter ([[Sura]])
पिपीलिका यदा लग्ना देहे ध्यानाद् विमुच्यते ।<br>
असौ किं वृश्चिकैर्दष्टो देहान्ते वा कथं सुखी ॥ ४२ ॥<br>


pipīlikā yadā lagnā dehe dhyānād vimucyate |<br>
asau kiṃ vṛścikair daṣṭo dehānte vā kathaṃ sukhī || 42 ||<br>


'''Wenn schon eine Ameise, die sich am Körper festsetzt, jemanden aus der Meditation bringen kann, wie könnte er dann glücklich bleiben, wenn er von Skorpionen gestochen wird oder wenn das Ende des Körpers kommt?'''


== Yoga Bija Vers 8: Kaivalya durch den Weg der Siddhas ==
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pipīlikā – Ameise ([[Pipilika]]); yadā – wenn ([[Yada]]); lagnā – angeheftet, festgesetzt, anhaftend ([[Lagna]]); dehe – am Körper, im Körper ([[Deha]]); dhyānāt – aus der Meditation, von der Meditation ([[Dhyana]]); vimucyate – wird gelöst, wird herausgebracht ([[Vimuch]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); kim – wie?, was dann? ([[Kim]]); vṛścikaiḥ – von Skorpionen ([[Vrishchika]]); daṣṭaḥ – gebissen, gestochen ([[Dashta]]); deha-ante – am Ende des Körpers ([[Deha]], [[Anta]]); vā – oder ([[Va]]); katham – wie ([[Katham]]); sukhī – glücklich, voller Wohlbefinden ([[Sukhin]]).


'''43. Vers Yoga Bija: Verstrickung in falsches Denken'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
तस्मान्मूढा न जानन्ति मिथ्या तर्केण वेष्टिताः ॥ ४३ ॥<br>


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
tasmān mūḍhā na jānanti mithyā tarkeṇa veṣṭitāḥ || 43 ||<br>


'''Daher erkennen die Verblendeten die Wahrheit nicht; sie sind von falschem Schlussfolgern umfangen.'''


{|
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tasmāt – daher, deshalb ([[Tasmat]]); mūḍhāḥ – die Verblendeten, Verwirrten, Toren ([[Mudha]]); na – nicht ([[Na]]); jānanti – sie wissen, erkennen ([[Jna]]); mithyā – falsch, irrig ([[Mithya]]); tarkeṇa – durch Schlussfolgern, Argumentieren, Logik ([[Tarka]]); veṣṭitāḥ – umhüllt, umfangen, verstrickt ([[Veshtita]]).


|-
'''44. Vers Yoga Bija: Wenn die Ich-Vorstellung verschwunden ist'''


| valign="top" width=500|
अहङ्कृतिर्यदा यस्य नष्टा भवति तस्य वै ।<br>
देहः स तु भवेन्नष्टो व्याधयस्तस्य किं पुनः ॥ ४४ ॥<br>


:'''<big>नानामार्गैस्तु दुष्प्राप्यं कैवल्यं परमं पदम् । </big>
ahaṅkṛtir yadā yasya naṣṭā bhavati tasya vai |<br>
dehaḥ sa tu bhaven naṣṭo vyādhayas tasya kiṃ punaḥ || 44 ||<br>


:'''<big>सिद्धमार्गेण लभ्येत नान्यथा शिवभाषितम् ॥ ८ ॥ </big>
'''Wenn bei jemandem die Ich-Vorstellung verschwunden ist, ist für ihn wahrlich auch die Identifikation mit dem Körper verschwunden. Was können ihm dann noch Krankheiten anhaben?'''


| valign="top" width=690|
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ahaṅkṛtiḥ – Ich-Vorstellung, Ich-Bewusstsein, Ego-Bildung ([[Ahamkriti]]); yadā – wenn ([[Yada]]); yasya – bei wem, dessen ([[Yad]]); naṣṭā – verschwunden, vernichtet ([[Nashta]]); bhavati – wird, ist ([[Bhu]]); tasya – für ihn, dessen ([[Tad]]); vai – wahrlich, gewiss ([[Vai]]); dehaḥ – Körper ([[Deha]]); saḥ – dieser, er ([[Tad]]); tu – aber, dann ([[Tu]]); bhavet – wird, könnte sein ([[Bhu]]); naṣṭaḥ – verschwunden, vernichtet ([[Nashta]]); vyādhayaḥ – Krankheiten, Leiden ([[Vyadhi]]); tasya – für ihn, seine ([[Tad]]); kim punaḥ – was dann erst?, was noch? ([[Kim]], [[Punar]]).


:'''<big>nānāmārgais tu duṣprāpyaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam | </big>
'''45. Vers Yoga Bija: Äußere Bedrängnisse und Ich-Bewusstsein'''


:'''<big>siddhamārgeṇa labhyeta nānyathā śivabhāṣitam || 8 || </big>
जलाग्निशस्त्रघातादिबाधा कस्य भविष्यति ।<br>
यथा यथा परिक्षीणा पुष्टा चाहङ्कृतिर्भवेत् ॥ ४५ ॥<br>


|----
jalāgniśastraghātādibādhā kasya bhaviṣyati |<br>
yathā yathā parikṣīṇā puṣṭā cāhaṅkṛtir bhavet || 45 ||<br>


|}
'''Wen könnten dann Bedrängnisse durch Wasser, Feuer, Waffenhiebe und Ähnliches treffen? Je nachdem, wie die Ich-Vorstellung geschwächt oder genährt wird, verändert sich auch ihre Wirkung.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jala – Wasser ([[Jala]]); agni – Feuer ([[Agni]]); śastra – Waffe ([[Shastra]]); ghāta – Schlag, Hieb, Verletzung ([[Ghata]]); ādi – und dergleichen ([[Adi]]); bādhā – Bedrängnis, Leiden, Beeinträchtigung ([[Badha]]); kasya – für wen, wessen ([[Ka]]); bhaviṣyati – wird sein, wird entstehen ([[Bhu]]); yathā yathā – je nachdem, in dem Maße wie ([[Yatha]]); parikṣīṇā – vermindert, geschwächt, erschöpft ([[Parikshina]]); puṣṭā – genährt, gestärkt ([[Pushta]]); ca – und ([[Cha]]); ahaṅkṛtiḥ – Ich-Vorstellung, Ego-Bewusstsein ([[Ahamkriti]]); bhavet – wird, kann werden ([[Bhu]]).


'''<big>Übersetzung''' </big>
'''46. Vers Yoga Bija: Durch Übung entstehen Ruhe und Gelassenheit'''


अभ्यासेनास्य नश्यन्ति प्रवर्तन्ते शमादयः ।<br>
कारणेन विना कार्यं न कदाचन विद्यते ॥ ४६ ॥<br>


:'''Kaivalya, der höchste Zustand, ist durch die verschiedenen Wege nur schwer zu erlangen. Durch den Weg der Siddhas kann es erreicht werden, nicht auf andere Weise – so hat Shiva gesprochen.
abhyāsenāsya naśyanti pravartante śamādayaḥ |<br>
kāraṇena vinā kāryaṃ na kadācana vidyate || 46 ||<br>


'''Durch beständige Übung verschwinden seine Begrenzungen, und innere Ruhe und die weiteren geistigen Tugenden entfalten sich. Denn ohne Ursache gibt es niemals eine Wirkung.'''


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': abhyāsena – durch Übung, durch wiederholte Praxis ([[Abhyasa]]); asya – seine, bei ihm ([[Idam]]); naśyanti – verschwinden, werden vernichtet ([[Nash]]); pravartante – entstehen, entwickeln sich, treten hervor ([[Pravrit]]); śama-ādayaḥ – innere Ruhe ([[Shama]]) und die weiteren Tugenden ([[Adi]]); kāraṇena – durch eine Ursache ([[Karana]]); vinā – ohne ([[Vina]]); kāryam – Wirkung, Ergebnis, Hervorgebrachtes ([[Karya]]); na – nicht ([[Na]]); kadācana – jemals, irgendwann ([[Kadachana]]); vidyate – existiert, ist vorhanden ([[Vid]]).


'''47. Vers Yoga Bija: Ohne Ahamkara kein Leiden'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
अहङ्कारं विना तद्वद् देहे दुःखं कथं भवेत् ॥ ४७ ॥<br>


:'''nānā-mārgaiḥ''' : durch verschiedene ([[Nana]]) Wege ([[Marga]])
ahaṅkāraṃ vinā tadvad dehe duḥkhaṃ kathaṃ bhavet || 47 ||<br>


:'''tu''' : aber, jedoch ([[Tu]])
'''Ebenso: Wie könnte es ohne Ahamkara, ohne Identifikation mit dem Ich, Leiden im Körper geben?'''


:'''duṣprāpyam''' : schwer zu erreichen, schwer zu erlangen ([[Dushprapya]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ahaṅkāram – Ich-Bewusstsein, Ego, Ich-Macher ([[Ahamkara]]); vinā – ohne ([[Vina]]); tadvat – ebenso, auf diese Weise ([[Tadvat]]); dehe – im Körper ([[Deha]]); duḥkham – Leid, Schmerz ([[Duhkha]]); katham – wie ([[Katham]]); bhavet – könnte entstehen, könnte sein ([[Bhu]]).


:'''kaivalyam''' : absolute Freiheit, vollkommene Befreiung ([[Kaivalya]])
'''48. Vers Yoga Bija: Wie handelt ein Yogi in der Welt?'''


:'''paramam''' : das höchste ([[Parama]])
'''Devi sprach:'''
योगिनः कथ्यमानास्तु किं ते व्यवहरन्ति न ।<br>
तैः कथं व्यवहारस्तु क्रियते वद शङ्कर ॥ ४८ ॥<br>


:'''padam''' : Ziel, Zustand, höchste Stätte ([[Pada]])
yoginaḥ kathyamānās tu kiṃ te vyavaharanti na |<br>
taiḥ kathaṃ vyavahāras tu kriyate vada śaṅkara || 48 ||<br>


:'''siddha-mārgeṇa''' : durch den Weg ([[Marga]]) der Vollkommenen, den Weg der [[Siddha]]s
'''Aber die Yogis, von denen du sprichst – handeln sie nicht in der Welt? Wie vollzieht sich bei ihnen das gewöhnliche Handeln? Erkläre es mir, o Shankara.'''


:'''labhyeta''' : kann bzw. möge erlangt werden ([[Labh]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yoginaḥ – die Yogis ([[Yogin]]); kathyamānāḥ – von denen gesprochen wird, die beschrieben werden ([[Kath]]); tu – aber, nun ([[Tu]]); kim – etwa?, was? ([[Kim]]); te – sie ([[Tad]]); vyavaharanti – handeln, verkehren, gehen weltlichen Tätigkeiten nach ([[Vyavahara]]); na – nicht ([[Na]]); taiḥ – von ihnen, durch sie ([[Tad]]); katham – wie ([[Katham]]); vyavahāraḥ – weltliches Handeln, praktischer Umgang ([[Vyavahara]]); kriyate – wird ausgeführt, wird getan ([[Kri]]); vada – sage, erkläre ([[Vad]]); śaṅkara – o [[Shankara]].


:'''na''' : nicht ([[Na]])
'''49. Vers Yoga Bija: Der Yogi hat den Körper gemeistert'''


:'''anyathā''' : auf andere Weise, anders ([[Anyatha]])
'''Ishvara sprach:'''
शरीरेण जिताः सर्वे शरीरं योगिभिर्जितम् ।<br>
तत्कथं कुरुते तेषां सुखदुःखादिकं फलम् ॥ ४९ ॥<br>


:'''śiva-bhāṣitam''' : von [[Shiva]] gesprochen, von Shiva verkündet
śarīreṇa jitāḥ sarve śarīraṃ yogibhir jitam |<br>
tat kathaṃ kurute teṣāṃ sukhaduḥkhādikaṃ phalam || 49 ||<br>


'''Alle gewöhnlichen Menschen werden vom Körper beherrscht; die Yogis dagegen haben den Körper gemeistert. Wie könnte er ihnen dann noch die Früchte von Freude, Leid und Ähnlichem auferlegen?'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': śarīreṇa – durch den Körper ([[Sharira]]); jitāḥ – besiegt, beherrscht ([[Jita]]); sarve – alle ([[Sarva]]); śarīram – den Körper ([[Sharira]]); yogibhiḥ – von den Yogis ([[Yogin]]); jitam – gemeistert, besiegt, beherrscht ([[Jita]]); tat – dieser, das ([[Tad]]); katham – wie ([[Katham]]); kurute – bewirkt, bringt hervor ([[Kri]]); teṣām – für sie, ihnen ([[Tad]]); sukha – Freude, Wohlgefühl ([[Sukha]]); duḥkha – Leid, Schmerz ([[Duhkha]]); ādikam – und Ähnliches ([[Adi]]); phalam – Frucht, Ergebnis ([[Phala]]).


== Yoga Bija Vers 9: Verstrickung im Netz der Schriften ==
'''50. Vers Yoga Bija: Sinne, Geist und Begierden sind gemeistert'''


इन्द्रियाणि मनो बुद्धिः कामक्रोधादिकं जितम् ।<br>
तेनैव विजितं सर्वं नासौ केनापि बाध्यते ॥ ५० ॥<br>


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
indriyāṇi mano buddhiḥ kāmakrodhādikaṃ jitam |<br>
tenaiva vijitaṃ sarvaṃ nāsau kenāpi bādhyate || 50 ||<br>


'''Die Sinne, der Geist, der Intellekt sowie Begierde, Zorn und die übrigen Begrenzungen sind gemeistert. Damit ist alles überwunden; ein solcher Yogi wird durch nichts mehr bedrängt.'''


{|
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': indriyāṇi – die Sinne, Sinnesorgane ([[Indriya]]); manaḥ – Geist, Denken ([[Manas]]); buddhiḥ – Intellekt, Vernunft, Unterscheidungskraft ([[Buddhi]]); kāma – Begierde, Wunsch ([[Kama]]); krodha – Zorn, Ärger ([[Krodha]]); ādikam – und Ähnliches ([[Adi]]); jitam – gemeistert, bezwungen ([[Jita]]); tena eva – dadurch allein, eben dadurch ([[Tad]], [[Eva]]); vijitam – vollständig überwunden, besiegt ([[Vijita]]); sarvam – alles ([[Sarva]]); na – nicht ([[Na]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); kena api – durch irgendetwas oder irgendjemanden ([[Ka]], [[Api]]); bādhyate – wird bedrängt, beeinträchtigt, gequält ([[Badh]]).


|-
'''51. Vers Yoga Bija: Der Körper wird im Feuer des Yoga verwandelt'''


| valign="top" width=500|
महाभूतानि तत्त्वानि संहृतानि क्रमेण च ।<br>
सप्तधातुमयो देहो दग्धो योगाग्निना शनैः ॥ ५१ ॥<br>


:'''<big>अनेकशतसंख्याभिस्तर्कव्याकरणादिभिः । </big>
mahābhūtāni tattvāni saṃhṛtāni krameṇa ca |<br>
saptadhātumayo deho dagdho yogāgninā śanaiḥ || 51 ||<br>


:'''<big>पतिताः शास्त्रजालेषु प्रज्ञया ते विमोहिताः ॥ ९ ॥ </big>
'''Die grobstofflichen Elemente und die Tattvas werden der Reihe nach zurückgeführt. Der aus den sieben Dhatus bestehende Körper wird allmählich im Feuer des Yoga verbrannt.'''


| valign="top" width=690|
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': mahā-bhūtāni – die großen Elemente, die fünf grobstofflichen Elemente ([[Mahabhuta]]); tattvāni – die Prinzipien der Schöpfung ([[Tattva]]); saṃhṛtāni – eingezogen, zurückgeführt, aufgelöst ([[Samhrita]]); krameṇa – der Reihe nach, schrittweise ([[Krama]]); ca – und ([[Cha]]); sapta-dhātu-mayaḥ – aus den sieben ([[Sapta]]) Körperbestandteilen ([[Dhatu]]) bestehend; dehaḥ – der Körper ([[Deha]]); dagdhaḥ – verbrannt ([[Dagdha]]); yoga-agninā – durch das Feuer ([[Agni]]) des [[Yoga]]; śanaiḥ – allmählich, nach und nach ([[Shanais]]).


:'''<big>anekaśatasaṃkhyābhis tarkavyākaraṇādibhiḥ | </big>
'''52. Vers Yoga Bija: Der mächtige Yoga-Körper'''


:'''<big>patitāḥ śāstrajāleṣu prajñayā te vimohitāḥ || 9 || </big>
देवैरपि न लभ्येत योगदेहो महाबलः ।<br>
छेदबन्धविमुक्तोऽसौ नानाशक्तिधरः परः ॥ ५२ ॥<br>


|----
devair api na labhyeta yogadeho mahābalaḥ |<br>
chedabandhavimukto ’sau nānāśaktidharaḥ paraḥ || 52 ||<br>


|}
'''Selbst für die Götter ist dieser überaus kraftvolle Yoga-Körper schwer zu erlangen. Er ist frei von Verletzung und Bindung, trägt vielfältige Kräfte in sich und ist erhaben.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': devaiḥ – von den Göttern, selbst für die Götter ([[Deva]]); api – sogar, selbst ([[Api]]); na – nicht ([[Na]]); labhyeta – könnte erlangt werden, ist erreichbar ([[Labh]]); yoga-dehaḥ – Yoga-Körper, durch Yoga verwandelter Körper ([[Yoga]], [[Deha]]); mahā-balaḥ – von großer ([[Maha]]) Kraft ([[Bala]]); cheda – Schneiden, Verletzen, Durchtrennen ([[Cheda]]); bandha – Bindung, Fessel ([[Bandha]]); vimuktaḥ – frei, befreit ([[Vimukta]]); asau – dieser ([[Asau]]); nānā-śakti-dharaḥ – Träger ([[Dhara]]) vielfältiger ([[Nana]]) Kräfte ([[Shakti]]); paraḥ – erhaben, höchst, jenseitig ([[Para]]).


'''<big>Übersetzung''' </big>
'''53. Vers Yoga Bija: Der Yoga-Körper ist subtiler als das Subtile'''


यथाकाशस्तथा देह आकाशादपि निर्मलः ।<br>
सूक्ष्मात्सूक्ष्मतरो देहः स्थूलात्स्थूलो जडाज्जडः ॥ ५३ ॥<br>


:'''Durch die Hunderte von Lehrgebieten wie Logik, Grammatik und anderen sind sie in die Netze der Schriften geraten. Durch ihre Gelehrsamkeit sind sie völlig verwirrt.
yathākāśas tathā deha ākāśād api nirmalaḥ |<br>
sūkṣmāt sūkṣmataro dehaḥ sthūlāt sthūlo jaḍāj jaḍaḥ || 53 ||<br>


'''Wie der Raum ist dieser Körper, und doch ist er noch reiner als der Raum. Er kann subtiler als das Subtile, grobstofflicher als das Grobstoffliche und unbeweglicher als das Unbewegliche sein.'''


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yathā – wie, so wie ([[Yatha]]); ākāśaḥ – Raum, Äther ([[Akasha]]); tathā – so, ebenso ([[Tatha]]); dehaḥ – Körper ([[Deha]]); ākāśāt – als der Raum, vom Raum ([[Akasha]]); api – sogar, noch ([[Api]]); nirmalaḥ – rein, makellos ([[Nirmala]]); sūkṣmāt – als das Subtile, vom Subtilen ([[Sukshma]]); sūkṣmataraḥ – noch subtiler, feiner ([[Sukshmatara]]); dehaḥ – Körper ([[Deha]]); sthūlāt – als das Grobe, Grobstoffliche ([[Sthula]]); sthūlaḥ – grob, grobstofflich ([[Sthula]]); jaḍāt – als das Unbewegliche, Starre ([[Jada]]); jaḍaḥ – unbeweglich, starr, materiell ([[Jada]]).


'''54. Vers Yoga Bija: Der freie Yogindra'''


:'''aneka''' : viele, zahlreiche ([[Aneka]])
इच्छारूपो हि योगीन्द्रः स्वतन्त्रस्त्वजरामरः ।<br>
क्रीडति त्रिषु लोकेषु लीलया यत्र कुत्रचित् ॥ ५४ ॥<br>


:'''śata''' : hundert ([[Shata]])
icchārūpo hi yogīndraḥ svatantras tv ajarāmaraḥ |<br>
krīḍati triṣu lokeṣu līlayā yatra kutracit || 54 ||<br>


:'''saṃkhyābhiḥ''' : der Zahl nach, in einer solchen Anzahl ([[Sankhya]])
'''Der Herr der Yogis kann seine Gestalt nach seinem Willen annehmen. Er ist frei, ohne Alter und unsterblich und bewegt sich spielerisch in den drei Welten, wo immer er möchte.'''


:'''tarka''' : Logik, Schlussfolgerung ([[Tarka]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': icchā-rūpaḥ – dessen Gestalt ([[Rupa]]) dem Willen ([[Iccha]]) entspricht; hi – wahrlich, gewiss ([[Hi]]); yogīndraḥ – Herr, Meister ([[Indra]]) der Yogis ([[Yogindra]]); svatantraḥ – frei, unabhängig, selbstbestimmt ([[Svatantra]]); tu – aber, wahrlich ([[Tu]]); ajara – frei vom Altern ([[Ajara]]); amaraḥ – unsterblich ([[Amara]]); krīḍati – spielt, bewegt sich spielerisch ([[Krida]]); triṣu – in den drei ([[Tri]]); lokeṣu – Welten ([[Loka]]); līlayā – spielerisch, als göttliches Spiel ([[Lila]]); yatra kutracit – wo immer, an jedem beliebigen Ort ([[Yatra]]).


:'''vyākaraṇa''' : Grammatik ([[Vyakarana]])
'''55. Vers Yoga Bija: Der Yogi nimmt verschiedene Gestalten an'''


:'''ādibhiḥ''' : und anderem, und so weiter ([[Adi]])
अचिन्त्यशक्तिमान् योगी नानारूपाणि धारयेत् ।<br>
संहरेच्च पुनस्तानि स्वेच्छया विजितेन्द्रियः ॥ ५५ ॥<br>


:'''patitāḥ''' : gefallen, hineingeraten ([[Patita]])
acintyaśaktimān yogī nānārūpāṇi dhārayet |<br>
saṃharec ca punas tāni svecchayā vijitendriyaḥ || 55 ||<br>


:'''śāstra-jāleṣu''' : in die Netze ([[Jala]]) der Lehrschriften ([[Shastra]])
'''Der Yogi besitzt unvorstellbare Kräfte und kann vielfältige Gestalten annehmen. Nachdem er seine Sinne gemeistert hat, kann er diese nach eigenem Willen wieder zurücknehmen.'''


:'''prajñayā''' : durch Erkenntnis, Intellekt, Gelehrsamkeit ([[Prajna]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': acintya – unvorstellbar, undenkbar ([[Achintya]]); śaktimān – mit Kraft ausgestattet, kraftvoll ([[Shaktimat]]); yogī – der Yogi ([[Yogin]]); nānā-rūpāṇi – verschiedene, vielfältige ([[Nana]]) Gestalten ([[Rupa]]); dhārayet – kann annehmen, tragen, aufrechterhalten ([[Dhri]]); saṃharet – kann zurückziehen, auflösen ([[Samhr]]); ca – und ([[Cha]]); punaḥ – wieder ([[Punar]]); tāni – diese ([[Tad]]); sva-icchayā – nach eigenem ([[Sva]]) Willen ([[Iccha]]); vijita-indriyaḥ – einer, der seine Sinne ([[Indriya]]) gemeistert hat ([[Vijita]]).


:'''te''' : sie ([[Tad]])
'''56. Vers Yoga Bija: Durch Yoga über den Tod hinaus'''


:'''vimohitāḥ''' : völlig verwirrt, verblendet, getäuscht ([[Vimohita]])
मरणं तस्य किं देवि पृच्छसीन्दुसमानने ।<br>
नासौ मरणमाप्नोति पुनर्योगबलेन तु ॥ ५६ ॥<br>


maraṇaṃ tasya kiṃ devi pṛcchasīndusamānane |<br>
nāsau maraṇam āpnoti punar yogabalena tu || 56 ||<br>


'''Warum fragst du nach seinem Tod, o Devi, deren Antlitz dem Mond gleicht? Durch die Kraft des Yoga fällt ein solcher Yogi nicht erneut dem Tod anheim.'''


== Yoga Bija Vers 10: Der unaussprechliche höchste Zustand ==
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': maraṇam – Tod, Sterben ([[Marana]]); tasya – sein, für ihn ([[Tad]]); kim – was?, warum? ([[Kim]]); devi – o Göttin ([[Devi]]); pṛcchasi – du fragst ([[Prach]]); indu-samānane – o du, deren Antlitz ([[Anana]]) dem Mond ([[Indu]]) gleicht ([[Sama]]); na – nicht ([[Na]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); maraṇam – den Tod ([[Marana]]); āpnoti – erreicht, erfährt, gelangt zu ([[Ap]]); punaḥ – erneut, wieder ([[Punar]]); yoga-balena – durch die Kraft ([[Bala]]) des [[Yoga]]; tu – aber, wahrlich ([[Tu]]).


'''57. Vers Yoga Bija: Wie könnte ein bereits Gestorbener noch sterben?'''


'''<big>Versmaß: [[Anushtubh]] ([[Shloka]]) </big>
पुरैव मृत एवासौ मृतस्य मरणं कुतः ।<br>
मरणं यत्र सर्वेषां तत्रासौ सुखी जीवति ॥ ५७ ॥<br>


puraiva mṛta evāsau mṛtasya maraṇaṃ kutaḥ |<br>
maraṇaṃ yatra sarveṣāṃ tatrāsau sukhī jīvati || 57 ||<br>


{|
'''Er ist gewissermaßen bereits zuvor gestorben – wie könnte ein bereits Gestorbener noch einmal sterben? Dort, wo alle dem Tod unterworfen sind, lebt er glücklich und frei.'''


|-
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': purā eva – schon zuvor, bereits vorher ([[Pura]], [[Eva]]); mṛtaḥ – gestorben, tot ([[Mrita]]); eva – eben, wahrlich ([[Eva]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); mṛtasya – für einen Gestorbenen, eines Toten ([[Mrita]]); maraṇam – Tod ([[Marana]]); kutaḥ – woher?, wie sollte? ([[Kutas]]); maraṇam – Tod ([[Marana]]); yatra – wo ([[Yatra]]); sarveṣām – für alle, aller ([[Sarva]]); tatra – dort ([[Tatra]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); sukhī – glücklich, im Glück verweilend ([[Sukhin]]); jīvati – lebt ([[Jiv]]).


| valign="top" width=500|
'''58. Vers Yoga Bija: Frei von Pflicht und Karma'''


:'''<big>अनिर्वाच्यपदं वक्तुं शक्यते सुरैरपि । </big>
यत्र जीवन्ति मूढास्तु तत्रासौ म्रियते सदा ।<br>
कर्तव्यं नैव तस्यास्ति कृतेनासौ लिप्यते ॥ ५८ ॥<br>


:'''<big>स्वात्मप्रकाशरूपं तत्किं शास्त्रेण प्रकाश्यते ॥ १० ॥ </big>
yatra jīvanti mūḍhās tu tatrāsau mriyate sadā |<br>
kartavyaṃ naiva tasyāsti kṛtenāsau na lipyate || 58 ||<br>


| valign="top" width=690|
'''Dort, wo die Verblendeten ihr gewöhnliches Leben führen, ist er diesem Leben gegenüber gleichsam gestorben. Für ihn gibt es nichts mehr, was zwingend getan werden müsste; durch seine Handlungen wird er nicht gebunden.'''


:'''<big>anirvācyapadaṃ vaktuṃ na śakyate surair api | </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yatra – wo ([[Yatra]]); jīvanti – sie leben ([[Jiv]]); mūḍhāḥ – die Verblendeten, Toren ([[Mudha]]); tu – aber, dagegen ([[Tu]]); tatra – dort ([[Tatra]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); mriyate – stirbt, ist gestorben gegenüber ([[Mri]]); sadā – immer, stets ([[Sada]]); kartavyam – das zu Tuende, Pflicht, Aufgabe ([[Kartavya]]); na eva – überhaupt nicht, wahrlich nicht ([[Na]], [[Eva]]); tasya – für ihn ([[Tad]]); asti – gibt es, ist vorhanden ([[Asti]]); kṛtena – durch das Getane, durch Handlung ([[Krita]]); asau – dieser ([[Asau]]); na – nicht ([[Na]]); lipyate – wird befleckt, berührt oder gebunden ([[Lip]]).


:'''<big>svātmaprakāśarūpaṃ tat kiṃ śāstreṇa prakāśyate || 10 || </big>
'''59. Vers Yoga Bija: Der Jivanmukta'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
जीवन्मुक्तः सदा स्वस्थः सर्वदोषविवर्जितः ॥ ५९ ॥<br>


|----
jīvanmuktaḥ sadā svasthaḥ sarvadoṣavivarjitaḥ || 59 ||<br>


|}
'''Der zu Lebzeiten Befreite ruht immer in sich selbst und ist frei von allen Fehlern und Begrenzungen.'''


'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jīvan-muktaḥ – zu Lebzeiten ([[Jivan]]) befreit ([[Mukta]]), ein [[Jivanmukta]]; sadā – immer, stets ([[Sada]]); svasthaḥ – in sich selbst ruhend, in seinem eigenen Wesen gegründet; gesund ([[Svastha]]); sarva-doṣa-vivarjitaḥ – frei ([[Vivarjita]]) von allen ([[Sarva]]) Fehlern und Begrenzungen ([[Dosha]]).


'''<big>Übersetzung''' </big>
'''60. Vers Yoga Bija: Der Unterschied zwischen Jnani und Yogi'''


विरक्ता ज्ञानिनश्चान्ते देहेन विजिताः सदा ।<br>
ते कथं योगिभिस्तुल्या मांसपिण्डाः कुदेहिनः ॥ ६० ॥<br>


:'''Der unaussprechliche Zustand kann selbst von den Göttern nicht in Worte gefasst werden. Er ist seinem Wesen nach aus dem eigenen Selbst heraus leuchtend – wie könnte er durch eine Schrift offenbar gemacht werden?
viraktā jñāninaś cānte dehena vijitāḥ sadā |<br>
te kathaṃ yogibhis tulyā māṃsapiṇḍāḥ kudehinaḥ || 60 ||<br>


'''Selbst die Leidenschaftslosen und die Menschen mit Erkenntnis werden am Ende noch vom Körper überwältigt. Wie könnten solche körpergebundenen Menschen, bloße Fleischklumpen, den Yogis gleich sein?'''


'''<big>Wort-für-Wort-Übersetzung''' </big>
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': viraktāḥ – die Leidenschaftslosen, Nicht-Anhaftenden ([[Virakta]]); jñāninaḥ – die Wissenden, Menschen mit spiritueller Erkenntnis ([[Jnani]]); ca – und ([[Cha]]); ante – am Ende, schließlich ([[Anta]]); dehena – durch den Körper ([[Deha]]); vijitāḥ – besiegt, überwältigt, beherrscht ([[Vijita]]); sadā – immer, weiterhin ([[Sada]]); te – sie, diese ([[Tad]]); katham – wie ([[Katham]]); yogibhiḥ – den Yogis, mit den Yogis ([[Yogin]]); tulyāḥ – gleich, ebenbürtig ([[Tulya]]); māṃsa-piṇḍāḥ – Fleischklumpen, aus Fleisch ([[Mamsa]]) bestehende Körpermassen ([[Pinda]]); kudehinaḥ – Menschen mit einem mangelhaften bzw. gewöhnlichen vergänglichen Körper ([[Kudehin]]).


'''61. Vers Yoga Bija: Das Schicksal der Jnanis nach dem Tod'''


:'''anirvācya''' : unaussprechlich, nicht mit Worten beschreibbar ([[Anirvachya]])
'''Devi sprach:'''
ज्ञानिनस्तु मृता ये वै तेषां भवति कीदृशी ।<br>
गतिः कथय देवेश कारुण्यामृतवारिधे ॥ ६१ ॥<br>


:'''padam''' : Zustand, Ziel, höchste Stätte ([[Pada]])
jñāninas tu mṛtā ye vai teṣāṃ bhavati kīdṛśī |<br>
gatiḥ kathaya deveśa kāruṇyāmṛtavāridhe || 61 ||<br>


:'''vaktum''' : zu sagen, in Worte zu fassen ([[Vach]])
'''Welche Bestimmung erwartet die Jnanis, die gestorben sind? Erkläre es mir, o Herr der Götter, o Ozean des Nektars des Mitgefühls.'''


:'''na''' : nicht ([[Na]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jñāninaḥ – die Wissenden, Menschen mit spiritueller Erkenntnis ([[Jnani]]); tu – aber, nun ([[Tu]]); mṛtāḥ – gestorben, verstorben ([[Mrita]]); ye – diejenigen, welche ([[Yad]]); vai – wahrlich, gewiss ([[Vai]]); teṣām – für sie, von ihnen ([[Tad]]); bhavati – ist, wird ([[Bhu]]); kīdṛśī – von welcher Art, wie beschaffen ([[Kidrisha]]); gatiḥ – Weg, Bestimmung, Zustand nach dem Tod ([[Gati]]); kathaya – erkläre, erzähle ([[Kath]]); deveśa – o Herr ([[Isha]]) der Götter ([[Deva]]); kāruṇya – Mitgefühl, Erbarmen ([[Karunya]]); amṛta – Nektar der Unsterblichkeit ([[Amrita]]); vāridhe – o Ozean, o Meer ([[Varidhi]]).


:'''śakyate''' : kann, ist möglich ([[Shak]])
'''62. Vers Yoga Bija: Die Früchte von Punya und Papa'''


:'''suraiḥ''' : von den Göttern ([[Sura]])
'''Ishvara sprach:'''
देहान्ते ज्ञानिभिः पुण्यात्पापाच्च फलमाप्यते ।<br>
यादृशं तु भवेत् तत्र भुक्त्वा ज्ञानी पुनर्भवेत् ॥ ६२ ॥<br>


:'''api''' : sogar, selbst ([[Api]])
dehānte jñānibhiḥ puṇyāt pāpāc ca phalam āpyate |<br>
yādṛśaṃ tu bhavet tatra bhuktvā jñānī punar bhavet || 62 ||<br>


:'''sva-ātma''' : das eigene Selbst ([[Sva]], [[Atman]])
'''Beim Ende des Körpers erfährt auch der Jnani die Früchte von Verdienst und Verfehlung. Nachdem er dort die jeweiligen Folgen erfahren hat, wird er wiederum als ein Wissender geboren.'''


:'''prakāśa''' : Licht, Leuchten, Offenbarwerden ([[Prakasha]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': deha-ante – am Ende ([[Anta]]) des Körpers ([[Deha]]); jñānibhiḥ – von den Wissenden, durch die Jnanis ([[Jnani]]); puṇyāt – aufgrund von Verdienst, aus verdienstvollem Karma ([[Punya]]); pāpāt – aufgrund von Verfehlung, aus negativem Karma ([[Papa]]); ca – und ([[Cha]]); phalam – Frucht, Ergebnis ([[Phala]]); āpyate – wird erlangt, wird erfahren ([[Ap]]); yādṛśam – von welcher Art auch immer, wie beschaffen ([[Yadrisha]]); tu – aber, nun ([[Tu]]); bhavet – sein mag, entsteht ([[Bhu]]); tatra – dort ([[Tatra]]); bhuktvā – nachdem er erfahren bzw. genossen hat ([[Bhuj]]); jñānī – der Wissende, Jnani ([[Jnani]]); punaḥ – wieder, erneut ([[Punar]]); bhavet – wird, entsteht ([[Bhu]]).


:'''rūpam''' : von der Natur, von der Wesensgestalt ([[Rupa]])
'''63. Vers Yoga Bija: Durch die Gnade eines Siddha zum Yogi'''


:'''tat''' : dieses, jenes ([[Tad]])
पुण्यात्पुण्येन लभते सिद्धेन सह सङ्गतिम् ।<br>
ततः सिद्धस्य कृपया योगी भवति नान्यथा ॥ ६३ ॥<br>


:'''kim''' : wie?, was? ([[Kim]])
puṇyāt puṇyena labhate siddhena saha saṅgatim |<br>
tataḥ siddhasya kṛpayā yogī bhavati nānyathā || 63 ||<br>


:'''śāstreṇa''' : durch eine Lehrschrift, durch die Schrift ([[Shastra]])
'''Aufgrund seines Verdienstes erlangt er die Gemeinschaft mit einem Siddha. Durch die Gnade dieses Siddha wird er dann zum Yogi – nicht auf andere Weise.'''


:'''prakāśyate''' : wird offenbar gemacht, wird erhellt, wird offenbart ([[Prakash]])
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': puṇyāt – aufgrund von Verdienst ([[Punya]]); puṇyena – durch Verdienst, durch verdienstvolles Karma ([[Punya]]); labhate – erlangt, erhält ([[Labh]]); siddhena – mit einem Vollkommenen, Siddha ([[Siddha]]); saha – zusammen mit ([[Saha]]); saṅgatim – Gemeinschaft, Begegnung, Verbindung ([[Sangati]]); tataḥ – daraufhin, dadurch ([[Tatas]]); siddhasya – des Siddha ([[Siddha]]); kṛpayā – durch die Gnade, aus Mitgefühl ([[Kripa]]); yogī – Yogi ([[Yogin]]); bhavati – wird ([[Bhu]]); na anyathā – nicht auf andere Weise ([[Na]], [[Anyatha]]).
 
'''64. Vers Yoga Bija: Das Ende des Samsara'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
ततो नश्यति संसारो नान्यथा शिवभाषितम् ॥ ६४ ॥<br>
 
tato naśyati saṃsāro nānyathā śivabhāṣitam || 64 ||<br>
 
'''Dann vergeht der Samsara; nicht auf andere Weise – so hat Shiva es verkündet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tataḥ – dann, daraufhin ([[Tatas]]); naśyati – vergeht, wird vernichtet ([[Nash]]); saṃsāraḥ – Kreislauf von Geburt und Tod ([[Samsara]]); na anyathā – nicht auf andere Weise ([[Na]], [[Anyatha]]); śiva-bhāṣitam – von [[Shiva]] gesprochen, von Shiva verkündet.
 
'''65. Vers Yoga Bija: Der Yogi selbst im Pralaya'''
 
महाविष्णुमहेशानां प्रलयेष्वपि योगिनाम् ।<br>
नास्ति पातो लयस्थानां महातत्त्वे विवर्तिनाम् ॥ ६५ ॥<br>
 
mahāviṣṇumaheśānāṃ pralayeṣv api yoginām |<br>
nāsti pāto layasthānāṃ mahātattve vivartinām || 65 ||<br>
 
'''Für die Yogis, die im Zustand der Auflösung verweilen und im Mahat-Tattva bestehen, gibt es selbst bei den großen Auflösungen von Mahavishnu und Mahesha keinen Fall.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': mahā-viṣṇu – [[Mahavishnu]], der große Vishnu; maheśānām – des großen Herrn, Mahesha ([[Mahesha]]); pralayeṣu – bei den Auflösungen der Schöpfung ([[Pralaya]]); api – selbst, sogar ([[Api]]); yoginām – für die Yogis ([[Yogin]]); na asti – es gibt nicht ([[Na]], [[Asti]]); pātaḥ – Fall, Herabsinken, Untergang ([[Pata]]); laya-sthānām – der im Zustand der Auflösung ([[Laya]]) Verweilenden ([[Stha]]); mahā-tattve – im großen Prinzip, im [[Mahat]]-[[Tattva]]; vivartinām – der darin Bestehenden, sich darin Entfaltenden bzw. Manifestierenden ([[Vivarta]]).
 
'''66. Vers Yoga Bija: Der eine Guru als Chintamani'''
Versmaß: [[Trishtubh]]
वेदान्ततर्कोक्तिभिरागमैश्च नानाविधैः शास्त्रकदम्बकैश्च ।<br>
ध्यानादिभिः सत्करणैर्न गम्यं चिन्तामणिं त्वेकगुरुं विहाय ॥ ६६ ॥<br>
 
vedāntatarkoktibhir āgamaiś ca nānāvidhaiḥ śāstrakadambakaiś ca |<br>
dhyānādibhiḥ satkaraṇair na gamyaṃ cintāmaṇiṃ tv ekaguruṃ vihāya || 66 ||<br>
 
'''Durch Aussagen des Vedanta und der Logik, durch Agamas und die Vielzahl verschiedenster Schriften, auch durch Meditation und andere gute Mittel ist dieser Chintamani nicht zu erlangen, wenn man den einen Guru außer Acht lässt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vedānta – [[Vedanta]]; tarka – Logik, Schlussfolgerung ([[Tarka]]); uktibhiḥ – durch Aussagen, Darlegungen ([[Ukti]]); āgamaiḥ – durch die überlieferten heiligen Lehren, [[Agama]]s; ca – und ([[Cha]]); nānā-vidhaiḥ – von vielfältiger Art ([[Nana]], [[Vidha]]); śāstra-kadambakaiḥ – durch Ansammlungen, eine Vielzahl von Lehrschriften ([[Shastra]]); dhyāna-ādibhiḥ – durch Meditation ([[Dhyana]]) und andere Praktiken ([[Adi]]); sat-karaṇaiḥ – durch gute, geeignete Mittel; na gamyam – nicht zu erreichen, nicht zugänglich ([[Gam]]); cintāmaṇim – den wunscherfüllenden Edelstein, [[Chintamani]]; tu – jedoch ([[Tu]]); eka-gurum – den einen Guru ([[Eka]], [[Guru]]); vihāya – unter Auslassung, nachdem man verlassen hat, ohne ([[Viha]]).
 
'''67. Vers Yoga Bija: Kann Wissen allein Moksha schenken?'''
 
'''Devi sprach:'''
ज्ञानादेव हि मोक्षं तु वदन्ति ज्ञानिनः सदा ।<br>
न कथं सिध्यति ततो योगोऽसौ मोक्षदो भवेत् ॥ ६७ ॥<br>
 
jñānād eva hi mokṣaṃ tu vadanti jñāninaḥ sadā |<br>
na kathaṃ sidhyati tato yogo ’sau mokṣado bhavet || 67 ||<br>
 
'''Die Jnanis sagen doch stets, dass Moksha allein durch Erkenntnis erlangt wird. Warum sollte Befreiung dadurch nicht verwirklicht werden? Wie könnte dann gerade dieser Yoga Befreiung schenken?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jñānāt – durch Erkenntnis ([[Jnana]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); hi – wahrlich, gewiss ([[Hi]]); mokṣam – Befreiung ([[Moksha]]); tu – aber, nun ([[Tu]]); vadanti – sie sagen, lehren ([[Vad]]); jñāninaḥ – die Wissenden, Jnanis ([[Jnani]]); sadā – immer, stets ([[Sada]]); na – nicht ([[Na]]); katham – wie, warum ([[Katham]]); sidhyati – wird vollendet, gelingt, wird verwirklicht ([[Sidh]]); tataḥ – dadurch, daraus ([[Tatas]]); yogaḥ – Yoga ([[Yoga]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); mokṣadaḥ – Befreiung ([[Moksha]]) schenkend; bhavet – könnte sein, könnte werden ([[Bhu]]).
 
'''68. Vers Yoga Bija: Das Gleichnis vom Schwert'''
 
'''Ishvara sprach:'''
ज्ञानेनैव हि मोक्षो हि वाक्यं तेषां तु नान्यथा ।<br>
सर्वे वदन्ति खड्गेन जयो भवति तर्हि कः ॥ ६८ ॥<br>
 
jñānenaiva hi mokṣo hi vākyaṃ teṣāṃ tu nānyathā |<br>
sarve vadanti khaḍgena jayo bhavati tarhi kaḥ || 68 ||<br>
 
'''„Befreiung geschieht allein durch Erkenntnis“ – so lautet ihre Aussage, und nicht anders. Doch alle sagen auch, dass der Sieg durch das Schwert errungen wird. Wer aber würde allein dadurch schon zum Sieger?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jñānena – durch Erkenntnis ([[Jnana]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); hi – wahrlich, gewiss ([[Hi]]); mokṣaḥ – Befreiung ([[Moksha]]); vākyam – Aussage, Ausspruch ([[Vakya]]); teṣām – ihre, von ihnen ([[Tad]]); tu – aber ([[Tu]]); na anyathā – nicht anders ([[Na]], [[Anyatha]]); sarve – alle ([[Sarva]]); vadanti – sagen ([[Vad]]); khaḍgena – durch ein Schwert, mit dem Schwert ([[Khadga]]); jayaḥ – Sieg ([[Jaya]]); bhavati – entsteht, wird errungen ([[Bhu]]); tarhi – dann, folglich ([[Tarhi]]); kaḥ – wer? ([[Ka]]).
 
'''69. Vers Yoga Bija: Wissen ohne Yoga genügt nicht'''
 
विना युद्धेन वीर्येण कथं जयमवाप्नुयात् ।<br>
तथा योगेन रहितं ज्ञानं मोक्षाय नो भवेत् ॥ ६९ ॥<br>
 
vinā yuddhena vīryeṇa kathaṃ jayam avāpnuyāt |<br>
tathā yogena rahitaṃ jñānaṃ mokṣāya no bhavet || 69 ||<br>
 
'''Wie könnte man ohne Kampf und ohne Tatkraft den Sieg erringen? Ebenso kann Erkenntnis, der Yoga fehlt, nicht zur Befreiung führen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vinā – ohne ([[Vina]]); yuddhena – ohne Kampf, durch Kampf ([[Yuddha]]); vīryeṇa – durch Kraft, Heldenmut, Energie ([[Virya]]); katham – wie ([[Katham]]); jayam – Sieg ([[Jaya]]); avāpnuyāt – könnte erlangen, erreichen ([[Avap]]); tathā – ebenso, genauso ([[Tatha]]); yogena – mit bzw. durch Yoga ([[Yoga]]); rahitam – ohne, frei von, getrennt von ([[Rahita]]); jñānam – Erkenntnis ([[Jnana]]); mokṣāya – zur Befreiung, für Moksha ([[Moksha]]); no bhavet – führt nicht dazu, kann nicht sein ([[Na]], [[Bhu]]).
 
'''70. Vers Yoga Bija: Yoga und Jnana sind untrennbar'''
 
ज्ञानेनैव विना योगो न सिध्यति कदाचन ।<br>
तस्मादत्र वरारोहे तयोर्भेदो न विद्यते ॥ ७० ॥<br>
 
jñānenaiva vinā yogo na sidhyati kadācana |<br>
tasmād atra varārohe tayor bhedo na vidyate || 70 ||<br>
 
'''Ebenso wird Yoga ohne Erkenntnis niemals vollendet. Deshalb, o Schöngewachsene, gibt es in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen den beiden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jñānena – mit Erkenntnis, durch Erkenntnis ([[Jnana]]); eva – eben, wahrlich ([[Eva]]); vinā – ohne ([[Vina]]); yogaḥ – Yoga ([[Yoga]]); na sidhyati – wird nicht vollendet, gelingt nicht ([[Sidh]]); kadācana – jemals, irgendwann ([[Kadachana]]); tasmāt – deshalb, daher ([[Tasmat]]); atra – hier, in dieser Hinsicht ([[Atra]]); varārohe – o Schöngewachsene, o Edle; tayoḥ – zwischen diesen beiden, dieser beiden ([[Tad]]); bhedaḥ – Unterschied, Trennung ([[Bheda]]); na vidyate – besteht nicht, ist nicht vorhanden ([[Vid]]).
 
'''71. Vers Yoga Bija: Durch Yoga entsteht Jnana'''
 
जन्मान्तरैश्च बहुभिर्योगो ज्ञानेन लभ्यते ।<br>
ज्ञानं तु जन्मनैकेन योगादेव प्रजायते ॥ ७१ ॥<br>
 
janmāntaraiś ca bahubhir yogo jñānena labhyate |<br>
jñānaṃ tu janmanaikena yogād eva prajāyate || 71 ||<br>
 
'''Nach vielen Geburten kann durch Erkenntnis Yoga erlangt werden. Durch Yoga dagegen entsteht Erkenntnis innerhalb einer einzigen Geburt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': janma-antaraiḥ – durch weitere bzw. aufeinanderfolgende Geburten ([[Janma]], [[Antara]]); ca – und ([[Cha]]); bahubhiḥ – durch viele ([[Bahu]]); yogaḥ – Yoga ([[Yoga]]); jñānena – durch Erkenntnis ([[Jnana]]); labhyate – wird erlangt ([[Labh]]); jñānam – Erkenntnis ([[Jnana]]); tu – dagegen, aber ([[Tu]]); janmanā – durch eine Geburt, innerhalb einer Geburt ([[Janman]]); ekena – einer einzigen ([[Eka]]); yogāt – durch Yoga ([[Yoga]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); prajāyate – entsteht, wird hervorgebracht ([[Prajan]]).
 
'''72. Vers Yoga Bija: Kein Weg ist höher als Yoga'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
तस्माद्योगात्परतरो नास्ति मार्गस्तु मोक्षदः ॥ ७२ ॥<br>
 
tasmād yogāt parataro nāsti mārgas tu mokṣadaḥ || 72 ||<br>
 
'''Deshalb gibt es keinen höheren Weg als Yoga, der Befreiung schenkt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tasmāt – deshalb, daher ([[Tasmat]]); yogāt – als Yoga, über Yoga hinaus ([[Yoga]]); parataraḥ – höher, erhabener ([[Paratara]]); na asti – es gibt nicht ([[Na]], [[Asti]]); mārgaḥ – Weg ([[Marga]]); tu – wahrlich, jedoch ([[Tu]]); mokṣadaḥ – Befreiung ([[Moksha]]) schenkend.
 
'''73. Vers Yoga Bija: Devis Frage nach Yoga und Jnana'''
 
'''Devi sprach:'''
बहुभिर्जन्मभिर्ज्ञानाद्योगः सम्प्राप्यते कथम् ।<br>
योगात्तु जन्मनैकेन कथं ज्ञानमवाप्यते ॥ ७३ ॥<br>
 
bahubhir janmabhir jñānād yogaḥ samprāpyate katham |<br>
yogāt tu janmanaikena kathaṃ jñānam avāpyate || 73 ||<br>
 
'''Wie kommt es, dass Yoga durch Erkenntnis erst nach vielen Geburten vollständig erlangt wird, während durch Yoga Erkenntnis innerhalb einer einzigen Geburt erreicht werden kann?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bahubhiḥ – durch viele ([[Bahu]]); janmabhiḥ – Geburten ([[Janman]]); jñānāt – durch Erkenntnis ([[Jnana]]); yogaḥ – Yoga ([[Yoga]]); samprāpyate – wird vollständig erlangt, erreicht ([[Samprap]]); katham – wie ([[Katham]]); yogāt – durch Yoga ([[Yoga]]); tu – dagegen, aber ([[Tu]]); janmanā – durch bzw. innerhalb einer Geburt ([[Janman]]); ekena – einer einzigen ([[Eka]]); jñānam – Erkenntnis ([[Jnana]]); avāpyate – wird erlangt, erreicht ([[Avap]]).
 
'''74. Vers Yoga Bija: Die Vorstellung „Ich bin befreit“'''
 
'''Ishvara sprach:'''
प्रविचार्य चिरं ज्ञानान्मुक्तोऽहमिति मन्यते ।<br>
किमसौ मननादेव मुक्तो भवति तत्क्षणात् ॥ ७४ ॥<br>
 
pravicārya ciraṃ jñānān mukto ’ham iti manyate |<br>
kim asau mananād eva mukto bhavati tat kṣaṇāt || 74 ||<br>
 
'''Nachdem jemand lange über die Erkenntnis nachgedacht hat, denkt er: „Ich bin befreit.“ Wird er denn allein durch dieses Denken im selben Augenblick tatsächlich befreit?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pravicārya – nachdem er gründlich erwogen, untersucht hat ([[Vichara]]); ciram – lange, für lange Zeit ([[Chira]]); jñānāt – aufgrund von Erkenntnis, aus dem Wissen ([[Jnana]]); muktaḥ – befreit ([[Mukta]]); aham – ich ([[Aham]]); iti – so, mit diesen Worten ([[Iti]]); manyate – denkt, meint, hält sich für ([[Man]]); kim – etwa?, wirklich? ([[Kim]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); mananāt – durch Nachdenken, Reflektion ([[Manana]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); muktaḥ – befreit ([[Mukta]]); bhavati – wird, ist ([[Bhu]]); tat-kṣaṇāt – in genau diesem Augenblick ([[Kshana]]).
 
'''75. Vers Yoga Bija: Befreiung durch Yoga'''
 
पुमाञ्जन्मान्तरशतैर्योगादेव विमुच्यते ।<br>
न तथा भवतो योगाज्जन्ममृत्यू पुनः पुनः ॥ ७५ ॥<br>
 
pumañ janmāntaraśatair yogād eva vimucyate |<br>
na tathā bhavato yogāj janmamṛtyū punaḥ punaḥ || 75 ||<br>
 
'''Der Mensch wird von Hunderten aufeinanderfolgender Geburten allein durch Yoga befreit. Durch wirklichen Yoga kommt es nicht immer wieder zu Geburt und Tod.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pumān – Mensch, Mann, Person ([[Puman]]); janma-antara-śataiḥ – von Hunderten ([[Shata]]) weiterer Geburten ([[Janma]], [[Antara]]); yogāt – durch Yoga ([[Yoga]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); vimucyate – wird vollständig befreit ([[Vimuch]]); na – nicht ([[Na]]); tathā – auf diese Weise, so ([[Tatha]]); bhavataḥ – für den so Werdenden bzw. sich Befindenden ([[Bhu]]); yogāt – durch Yoga ([[Yoga]]); janma – Geburt ([[Janma]]); mṛtyū – Geburt und Tod; hier Teil des Ausdrucks ''janmamṛtyū'' ([[Mrityu]]); punaḥ punaḥ – immer wieder ([[Punar]]).
 
'''76. Vers Yoga Bija: Vereinigung von Prana und Apana'''
 
प्राणापानसमायोगाच्चन्द्रसूर्यैकता भवेत् ।<br>
सप्तधातुमयं देहमग्निना प्रदहेद्बुधः ॥ ७६ ॥<br>
 
prāṇāpānasamāyogāc candrasūryaikatā bhavet |<br>
saptadhātumayaṃ deham agninā pradahed budhaḥ || 76 ||<br>
 
'''Durch die Vereinigung von Prana und Apana entsteht die Einheit von Mond und Sonne. Der Weise verbrennt den aus den sieben Dhatus bestehenden Körper durch das Feuer des Yoga.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': prāṇa – aufsteigende Lebensenergie, [[Prana]]; apāna – absteigende Lebensenergie, [[Apana]]; samāyogāt – durch Vereinigung, Zusammenkommen ([[Samyoga]]); candra – Mond ([[Chandra]]); sūrya – Sonne ([[Surya]]); ekatā – Einheit, Einssein ([[Ekata]]); bhavet – entsteht, wird ([[Bhu]]); sapta – sieben ([[Sapta]]); dhātu – Körperbestandteile, Grundelemente ([[Dhatu]]); mayam – bestehend aus, erfüllt von ([[Maya]]); deham – Körper ([[Deha]]); agninā – durch Feuer ([[Agni]]); pradahet – soll bzw. möge vollständig verbrennen ([[Pradah]]); budhaḥ – der Weise, Verständige ([[Budha]]).
 
'''77. Vers Yoga Bija: Der Körper wird zum höchsten Raum'''
 
व्याधयस्तस्य नश्यन्ति छेदघातादिका व्यथाः ।<br>
तथासौ परमाकाशरूपो देह्यवतिष्ठते ॥ ७७ ॥<br>
 
vyādhayas tasya naśyanti chedaghātādikā vyathāḥ |<br>
tathā ’sau paramākāśarūpo dehy avatiṣṭhate || 77 ||<br>
 
'''Seine Krankheiten verschwinden, ebenso Schmerzen durch Schnitte, Schläge und Ähnliches. Der Verkörperte verweilt dann in der Gestalt des höchsten Raumes.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vyādhayaḥ – Krankheiten ([[Vyadhi]]); tasya – seine, für ihn ([[Tad]]); naśyanti – verschwinden, werden vernichtet ([[Nash]]); cheda – Schnitt, Durchtrennung ([[Cheda]]); ghāta – Schlag, Verletzung ([[Ghata]]); ādikāḥ – und Ähnliches ([[Adi]]); vyathāḥ – Schmerzen, Leiden, Qualen ([[Vyatha]]); tathā – ebenso, so ([[Tatha]]); asau – dieser, jener ([[Asau]]); parama-ākāśa-rūpaḥ – von der Gestalt ([[Rupa]]) des höchsten ([[Parama]]) Raumes ([[Akasha]]); dehī – der Verkörperte, der einen Körper Tragende ([[Dehin]]); avatiṣṭhate – verweilt, bleibt bestehen, ist gegründet ([[Avastha]]).
 
'''78. Vers Yoga Bija: Für den Yogi gibt es keinen Tod'''
 
किं पुनर्बहुनोक्तेन मरणं नास्ति तस्य वै ।<br>
देहोऽवदृश्यते लोके दग्धकर्पटवत्स्वयम् ॥ ७८ ॥<br>
 
kiṃ punar bahunoktena maraṇaṃ nāsti tasya vai |<br>
deho ’vadṛśyate loke dagdhakarpaṭavat svayam || 78 ||<br>
 
'''Was soll man noch viele Worte machen? Für ihn gibt es wahrlich keinen Tod. Sein Körper erscheint in der Welt wie ein verbranntes Tuch.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kim punaḥ – was noch?, wozu weiter? ([[Kim]], [[Punar]]); bahunā uktena – mit vielem Gesagten, durch viele Worte ([[Bahu]], [[Ukta]]); maraṇam – Tod, Sterben ([[Marana]]); na asti – gibt es nicht ([[Na]], [[Asti]]); tasya – für ihn ([[Tad]]); vai – wahrlich, gewiss ([[Vai]]); dehaḥ – Körper ([[Deha]]); avadṛśyate – wird gesehen, erscheint, wird wahrgenommen ([[Drish]]); loke – in der Welt ([[Loka]]); dagdha – verbrannt ([[Dagdha]]); karpaṭa-vat – wie ein Tuch, ein Stück Stoff ([[Karpata]], [[Vat]]); svayam – selbst, von selbst ([[Svayam]]).
 
'''79. Vers Yoga Bija: Geist und Prana sind miteinander verbunden'''
 
चित्तं प्राणेन संनद्धं सर्वजीवेषु संस्थितम् ।<br>
रज्जुर्यद्वत्परीबद्धा रज्ज्वा तद्वदिदं मनः ॥ ७९ ॥<br>
 
cittaṃ prāṇena saṃnaddhaṃ sarvajīveṣu saṃsthitam |<br>
rajjur yadvat parībaddhā rajjvā tadvad idaṃ manaḥ || 79 ||<br>
 
'''Bei allen Lebewesen ist das Chitta fest mit dem Prana verbunden. Wie ein Seil durch ein anderes Seil festgebunden wird, so ist auch dieser Geist an den Prana gebunden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': cittam – Geist, Gemüt, Bewusstsein ([[Chitta]]); prāṇena – durch bzw. mit [[Prana]]; saṃnaddham – festgebunden, verbunden, zusammengefügt ([[Sannaddha]]); sarva-jīveṣu – in allen ([[Sarva]]) Lebewesen ([[Jiva]]); saṃsthitam – befindlich, fest gegründet ([[Samsthita]]); rajjuḥ – Seil, Schnur ([[Rajju]]); yadvat – wie, so wie ([[Yadvat]]); parībaddhā – festgebunden, vollständig gebunden ([[Paribaddha]]); rajjvā – durch ein Seil ([[Rajju]]); tadvat – ebenso, genauso ([[Tadvat]]); idam – dieser, dieses ([[Idam]]); manaḥ – Geist, Denken ([[Manas]]).
 
'''80. Vers Yoga Bija: Der Prana ist das Mittel zur Meisterung des Geistes'''
 
नानाविधैर्विचारैस्तु न साध्यं जायते मनः ।<br>
तस्मात्तस्य जयोपायः प्राण एव हि नान्यथा ॥ ८० ॥<br>
 
nānā vidhair vicārais tu na sādhyaṃ jāyate manaḥ |<br>
tasmāt tasya jayopāyaḥ prāṇa eva hi nānyathā || 80 ||<br>
 
'''Durch vielfältige Arten des Nachdenkens und der geistigen Betrachtung lässt sich der Geist nicht meistern. Deshalb ist allein der Prana das Mittel, ihn zu bezwingen – nicht auf andere Weise.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nānā-vidhaiḥ – durch verschiedene, vielfältige Arten ([[Nana]], [[Vidha]]); vicāraiḥ – durch Überlegungen, Untersuchungen, geistige Betrachtungen ([[Vichara]]); tu – jedoch, aber ([[Tu]]); na – nicht ([[Na]]); sādhyam – zu meistern, zu bezwingen, zu verwirklichen ([[Sadhya]]); jāyate – wird, entsteht ([[Jan]]); manaḥ – Geist, Denken ([[Manas]]); tasmāt – deshalb, daher ([[Tasmat]]); tasya – für dessen, zu seiner ([[Tad]]); jaya – Sieg, Bezwingung, Meisterung ([[Jaya]]); upāyaḥ – Mittel, Methode ([[Upaya]]); prāṇaḥ – Lebensenergie, Lebensatem ([[Prana]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); hi – wahrlich, gewiss ([[Hi]]); na anyathā – nicht auf andere Weise ([[Na]], [[Anyatha]]).
 
'''81. Vers Yoga Bija: Der Prana wird durch die richtige Methode gemeistert'''
 
तर्कैर्जल्पैः शास्त्रजालैर्युक्तिभिर्मन्त्रभेषजैः ।<br>
न वशो जायते प्राणः सिद्धोपायं विना प्रिये ॥ ८१ ॥<br>
 
tarkair jalpaiḥ śāstrajālair yuktibhir mantrabheṣajaiḥ |<br>
na vaśo jāyate prāṇaḥ siddhopāyaṃ vinā priye || 81 ||<br>
 
'''Durch logische Überlegungen, Diskussionen, das Netz der Schriften, Argumente, Mantras oder Heilmittel lässt sich der Prana nicht beherrschen. Ohne die bewährte Methode gelingt dies nicht, o Geliebte.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tarkaiḥ – durch logische Überlegungen, Schlussfolgerungen ([[Tarka]]); jalpaiḥ – durch Diskussionen, Wortgefechte ([[Jalpa]]); śāstra-jālaiḥ – durch das Netz ([[Jala]]) der Schriften ([[Shastra]]); yuktibhiḥ – durch Methoden, Argumente, Überlegungen ([[Yukti]]); mantra-bheṣajaiḥ – durch Mantras ([[Mantra]]) und Heilmittel ([[Bheshaja]]); na – nicht ([[Na]]); vaśaḥ – unter Kontrolle, beherrscht ([[Vasha]]); jāyate – wird, entsteht ([[Jan]]); prāṇaḥ – Prana, Lebensenergie ([[Prana]]); siddha-upāyam – die bewährte, vollkommene Methode ([[Siddha]], [[Upaya]]); vinā – ohne ([[Vina]]); priye – o Geliebte ([[Priya]]).
 
'''82. Vers Yoga Bija: Der Weg des Yoga beginnt mit der richtigen Methode'''
 
उपायं तस्य विज्ञाय योगमार्गो प्रवर्तते ।<br>
खण्डज्ञानेन तेनैव जायते क्लेशभाङ् नरः ॥ ८२ ॥<br>
 
upāyaṃ tasya vijñāya yogamārgo pravartate |<br>
khaṇḍajñānena tenaiva jāyate kleśabhāṅ naraḥ || 82 ||<br>
 
'''Wenn man die richtige Methode zur Meisterung des Prana erkannt hat, beginnt der Weg des Yoga. Mit bloß teilweisem Wissen dagegen bleibt der Mensch den Leiden unterworfen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': upāyam – Methode, Mittel ([[Upaya]]); tasya – dafür, dessen ([[Tad]]); vijñāya – nachdem man erkannt, verstanden hat ([[Vijnana]]); yoga-mārgaḥ – Weg ([[Marga]]) des [[Yoga]]; pravartate – beginnt, setzt sich in Gang, entfaltet sich ([[Pravrit]]); khaṇḍa-jñānena – durch unvollständiges, bruchstückhaftes ([[Khanda]]) Wissen ([[Jnana]]); tena eva – eben dadurch ([[Tad]], [[Eva]]); jāyate – wird, entsteht ([[Jan]]); kleśa-bhāk – an Leiden ([[Klesha]]) teilhabend, von Leiden betroffen; naraḥ – Mensch ([[Nara]]).
 
'''83. Vers Yoga Bija: Yoga ohne Meisterung des Prana'''
 
येऽजित्वा पवनं मोहाद्योगमिच्छन्ति योगिनः ।<br>
तेऽपक्वं कुम्भमारुह्य तर्तुमिच्छन्ति सागरम् ॥ ८३ ॥<br>
 
ye ’jitvā pavanaṃ mohād yogam icchanti yoginaḥ |<br>
te ’pakvaṃ kumbham āruhya tartum icchanti sāgaram || 83 ||<br>
 
'''Yogis, die aus Verblendung Yoga verwirklichen wollen, ohne zuvor den Lebenswind gemeistert zu haben, gleichen Menschen, die auf einem ungebrannten Tongefäß den Ozean überqueren wollen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ye – diejenigen, welche ([[Yad]]); ajitvā – ohne gemeistert zu haben ([[Ji]]); pavanam – Wind, Lebenswind, Prana ([[Pavana]]); mohāt – aus Verblendung ([[Moha]]); yogam – Yoga ([[Yoga]]); icchanti – wünschen, wollen ([[Iccha]]); yoginaḥ – Yogis ([[Yogin]]); te – sie ([[Tad]]); apakvam – ungebrannt, unreif ([[Apakva]]); kumbham – Krug, Tongefäß ([[Kumbha]]); āruhya – nachdem sie bestiegen haben, sich darauf begebend ([[Aruh]]); tartum – zu überqueren ([[Tri]]); icchanti – wünschen, wollen ([[Iccha]]); sāgaram – den Ozean ([[Sagara]]).
 
'''84. Vers Yoga Bija: Auflösung des Prana bei lebendigem Körper'''
 
यस्य प्राणो विलीनोऽथ साधके सति जीविते ।<br>
पिण्डो न पतितस्तस्य चित्तदोषैः प्रमुच्यते ॥ ८४ ॥<br>
 
yasya prāṇo vilīno ’tha sādhake sati jīvite |<br>
piṇḍo na patitas tasya cittadoṣaiḥ pramucyate || 84 ||<br>
 
'''Wenn beim noch lebenden Sadhaka der Prana zur Ruhe gekommen und aufgelöst ist, fällt sein Körper nicht dahin; vielmehr wird er von den Unreinheiten und Störungen des Geistes befreit.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yasya – dessen, bei wem ([[Yad]]); prāṇaḥ – Prana, Lebensenergie ([[Prana]]); vilīnaḥ – aufgelöst, zur Ruhe gekommen ([[Vilina]]); atha – nun, dann ([[Atha]]); sādhake – beim Übenden, Sadhaka ([[Sadhaka]]); sati – während er ist, bei bestehendem ([[Sat]]); jīvite – Leben, während des Lebens ([[Jivita]]); piṇḍaḥ – Körper, körperliche Form ([[Pinda]]); na patitaḥ – nicht gefallen, nicht zusammengebrochen ([[Patita]]); tasya – sein, für ihn ([[Tad]]); citta-doṣaiḥ – von den Störungen ([[Dosha]]) des Geistes ([[Chitta]]); pramucyate – wird vollkommen befreit ([[Pramuch]]).
 
'''85. Vers Yoga Bija: Durch Yoga leuchtet Selbsterkenntnis auf'''
 
शुद्धे चेतसि तस्यैव स्वात्मज्ञानं प्रकाशते ।<br>
तस्माज्ज्ञानं भवेद्योगाज्जन्मनैकेन पार्वति ॥ ८५ ॥<br>
 
śuddhe cetasi tasyaiva svātmajñānaṃ prakāśate |<br>
tasmāj jñānaṃ bhaved yogāj janmanaikena pārvati || 85 ||<br>
 
'''Wenn sein Geist rein geworden ist, leuchtet die Erkenntnis des eigenen Selbst auf. Deshalb kann durch Yoga innerhalb einer einzigen Geburt Erkenntnis entstehen, o Parvati.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': śuddhe – im reinen, gereinigten ([[Shuddha]]); cetasi – Geist, Bewusstsein ([[Chetas]]); tasya eva – gerade bei ihm ([[Tad]], [[Eva]]); sva-ātma-jñānam – Erkenntnis ([[Jnana]]) des eigenen ([[Sva]]) Selbst ([[Atman]]); prakāśate – leuchtet auf, offenbart sich ([[Prakash]]); tasmāt – deshalb, daher ([[Tasmat]]); jñānam – Erkenntnis ([[Jnana]]); bhavet – entsteht, kann werden ([[Bhu]]); yogāt – durch Yoga ([[Yoga]]); janmanā ekena – innerhalb einer einzigen ([[Eka]]) Geburt ([[Janman]]); pārvati – o [[Parvati]].
 
'''86. Vers Yoga Bija: Pranajaya als Mittel zur Befreiung'''
 
तस्माद्योगं तमेवादौ साधको नित्यमभ्यसेत् ।<br>
मुमुक्षुभिः प्राणजयः कर्तव्यो मोक्षहेतवे ॥ ८६ ॥<br>
 
tasmād yogaṃ tam evādau sādhako nityam abhyaset |<br>
mumukṣubhiḥ prāṇajayaḥ kartavyo mokṣahetave || 86 ||<br>
 
'''Deshalb soll der Sadhaka von Anfang an beständig diesen Yoga üben. Wer Befreiung erstrebt, soll den Prana meistern, denn dies ist ein Mittel zur Befreiung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tasmāt – deshalb ([[Tasmat]]); yogam – Yoga ([[Yoga]]); tam eva – eben diesen ([[Tad]], [[Eva]]); ādau – zuerst, am Anfang ([[Adi]]); sādhakaḥ – der spirituell Übende ([[Sadhaka]]); nityam – beständig, stets ([[Nitya]]); abhyaset – soll üben ([[Abhyasa]]); mumukṣubhiḥ – von den nach Befreiung Strebenden ([[Mumukshu]]); prāṇa-jayaḥ – Meisterung ([[Jaya]]) des [[Prana]]; kartavyaḥ – ist auszuführen, soll getan werden ([[Kartavya]]); mokṣa-hetave – als Ursache bzw. Mittel ([[Hetu]]) zur Befreiung ([[Moksha]]).
 
'''87. Vers Yoga Bija: Nichts ist höher als der Weg des Yoga'''
 
योगात्परतरं पुण्यं योगात्परतरं सुखम् ।<br>
योगात्परतरं सूक्ष्मं योगमार्गात्परं न हि ॥ ८७ ॥<br>
 
yogāt parataraṃ puṇyaṃ yogāt parataraṃ sukham |<br>
yogāt parataraṃ sūkṣmaṃ yogamārgāt paraṃ na hi || 87 ||<br>
 
'''Es gibt kein höheres Verdienst als Yoga, kein höheres Glück als Yoga und nichts Subtileres als Yoga. Wahrlich, es gibt keinen höheren Weg als den Yogaweg.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yogāt – als Yoga, über Yoga hinaus ([[Yoga]]); parataram – höher, erhabener ([[Paratara]]); puṇyam – Verdienst, verdienstvolles Wirken ([[Punya]]); sukham – Glück, Freude ([[Sukha]]); sūkṣmam – subtil, fein ([[Sukshma]]); yoga-mārgāt – als der Weg ([[Marga]]) des Yoga; param – höher, jenseits davon ([[Para]]); na hi – wahrlich nicht ([[Na]], [[Hi]]).
 
'''88. Vers Yoga Bija: Was ist Yoga?'''
 
'''Devi sprach:'''
योगः क उच्यते देव योगाभ्यासोऽपि कीदृशः ।<br>
योगेन वा भवेत्किञ्चित्तत्सर्वं वद शङ्कर ॥ ८८ ॥<br>
 
yogaḥ ka ucyate deva yogābhyāso ’pi kīdṛśaḥ |<br>
yogena vā bhavet kiñcit tat sarvaṃ vada śaṅkara || 88 ||<br>
 
'''Was wird Yoga genannt, o Gott? Wie beschaffen ist die Yogapraxis, und was wird durch Yoga erreicht? Erkläre mir dies alles, o Shankara.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yogaḥ – Yoga ([[Yoga]]); kaḥ – was?, welcher? ([[Ka]]); ucyate – wird genannt ([[Vach]]); deva – o Gott ([[Deva]]); yoga-abhyāsaḥ – Übung, Praxis ([[Abhyasa]]) des Yoga; api – auch ([[Api]]); kīdṛśaḥ – wie beschaffen, von welcher Art ([[Kidrisha]]); yogena – durch Yoga ([[Yoga]]); vā – oder, nun ([[Va]]); bhavet – entsteht, wird erlangt ([[Bhu]]); kiñcit – etwas ([[Kinchit]]); tat sarvam – dies alles ([[Tad]], [[Sarva]]); vada – sage, erkläre ([[Vad]]); śaṅkara – o [[Shankara]].
 
'''89. Vers Yoga Bija: Yoga ist Vereinigung der Gegensätze'''
 
'''Ishvara sprach:'''
योऽपानप्राणयोर्योगः स्वरजोरेतसोस्तथा ।<br>
सूर्याचन्द्रमसोर्योगो जीवात्मपरमात्मनोः ॥ ८९ ॥<br>
 
yo ’pānaprāṇayor yogaḥ svarajoretasos tathā |<br>
sūryācandramasor yogo jīvātmaparamātmanoḥ || 89 ||<br>
 
'''Yoga ist die Vereinigung von Apana und Prana, ebenso von Rajas und Retas, von Sonne und Mond sowie von individuellem Selbst und höchstem Selbst.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yaḥ – welcher, der ([[Yad]]); apāna-prāṇayoḥ – von [[Apana]] und [[Prana]]; yogaḥ – Vereinigung, Yoga ([[Yoga]]); sva-rajas-retasoḥ – von Rajas und Retas, den weiblichen und männlichen schöpferischen Essenzen ([[Rajas]], [[Retas]]); tathā – ebenso ([[Tatha]]); sūrya-candramasoḥ – von Sonne ([[Surya]]) und Mond ([[Chandra]]); yogaḥ – Vereinigung ([[Yoga]]); jīva-ātma – individuelles Selbst ([[Jiva]], [[Atman]]); parama-ātmanoḥ – und höchstes Selbst ([[Paramatman]]).
 
'''90. Vers Yoga Bija: Die Vereinigung der Dualitäten'''
 
एवं तु द्वन्द्वजालस्य संयोगो योग उच्यते ।<br>
अधुना संप्रवक्ष्यामि योगाभ्यासस्य लक्षणम् ॥ ९० ॥<br>
 
evaṃ tu dvandvajālasya saṃyogo yoga ucyate |<br>
adhunā saṃpravakṣyāmi yogābhyāsasya lakṣaṇam || 90 ||<br>
 
'''So wird die Vereinigung des ganzen Netzes der Gegensätze Yoga genannt. Nun werde ich die Merkmale und die Praxis dieses Yoga ausführlich erklären.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': evam – so, auf diese Weise ([[Evam]]); tu – nun, also ([[Tu]]); dvandva-jālasya – des Netzes ([[Jala]]) der Gegensatzpaare ([[Dvandva]]); saṃyogaḥ – Verbindung, Vereinigung ([[Samyoga]]); yogaḥ – Yoga ([[Yoga]]); ucyate – wird genannt ([[Vach]]); adhunā – jetzt, nun ([[Adhuna]]); saṃpravakṣyāmi – ich werde ausführlich erklären ([[Vach]]); yoga-abhyāsasya – der Yogapraxis ([[Yoga]], [[Abhyasa]]); lakṣaṇam – Kennzeichen, Charakteristik ([[Lakshana]]).
 
'''91. Vers Yoga Bija: Der Guru, der den Prana gemeistert hat'''
 
मरुज्जयो यस्य सिद्धः सेवयेत्तं गुरुं सदा ।<br>
गुरुवक्त्रप्रसादेन कुर्यात्प्राणजयं बुधः ॥ ९१ ॥<br>
 
marujjayo yasya siddhaḥ sevayet taṃ guruṃ sadā |<br>
guruvaktraprasādena kuryāt prāṇajayaṃ budhaḥ || 91 ||<br>
 
'''Man soll stets dem Guru dienen, der die Meisterung des Lebenswindes verwirklicht hat. Durch die Gnade der Unterweisung aus dem Mund des Gurus soll der Weise den Prana meistern.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': marut-jayaḥ – Meisterung ([[Jaya]]) des Lebenswindes ([[Marut]]); yasya – dessen, bei wem ([[Yad]]); siddhaḥ – vollendet, verwirklicht ([[Siddha]]); sevayet – soll dienen, verehren ([[Seva]]); tam – diesen ([[Tad]]); gurum – Guru ([[Guru]]); sadā – immer, stets ([[Sada]]); guru-vaktra-prasādena – durch die Gnade ([[Prasada]]) aus dem Mund ([[Vaktra]]) des Guru, durch seine unmittelbare Unterweisung; kuryāt – soll bewirken, vollbringen ([[Kri]]); prāṇa-jayam – Meisterung ([[Jaya]]) des Prana ([[Prana]]); budhaḥ – der Weise, Verständige ([[Budha]]).
 
'''92. Vers Yoga Bija: Der Kanda'''
 
वितस्तिप्रमितं दैर्घ्यं विस्तारे चतुरङ्गुलम् ।<br>
मृदुलं धवलं प्रोक्तं वेष्टनाम्बरलक्षणम् ॥ ९२ ॥<br>
 
vitastipramitaṃ dairghyaṃ vistāre caturaṅgulam |<br>
mṛdulaṃ dhavalaṃ proktaṃ veṣṭanāmbaralakṣaṇam || 92 ||<br>
 
'''Er wird als eine Handspanne lang und vier Finger breit beschrieben, weich und weiß und einem zusammengefalteten Tuch ähnlich.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vitasti-pramitam – eine Handspanne messend ([[Vitasti]]); dairghyam – Länge ([[Dirgha]]); vistāre – in der Breite, Ausdehnung ([[Vistara]]); catur-aṅgulam – vier ([[Chatur]]) Fingerbreiten ([[Angula]]); mṛdulam – weich, zart ([[Mridula]]); dhavalam – weiß, hell ([[Dhavala]]); proktam – wird beschrieben, wurde gesagt ([[Prokta]]); veṣṭana-ambara-lakṣaṇam – einem zusammengerollten oder gefalteten Kleidungsstück ([[Ambara]]) ähnlich, dadurch gekennzeichnet ([[Lakshana]]).
 
'''93. Vers Yoga Bija: Die Kundalini wird aufgerichtet'''
 
निरुध्य मारुतं गाढं शक्तिचालनयुक्तितः ।<br>
अष्टधा कुण्डलीभूतामृजुं कर्तुं तु कुण्डलीम् ॥ ९३ ॥<br>
 
nirudhya mārutaṃ gāḍhaṃ śakticālanayuktitaḥ |<br>
aṣṭadhā kuṇḍalībhūtām ṛjuṃ kartuṃ tu kuṇḍalīm || 93 ||<br>
 
'''Nachdem der Lebenswind kraftvoll zurückgehalten worden ist, soll man durch die Methode des Shakti Chalana die achtfach eingerollte Kundalini aufrichten.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nirudhya – nachdem man zurückgehalten, beherrscht hat ([[Nirodha]]); mārutam – Lebenswind ([[Marut]]); gāḍham – fest, kraftvoll, intensiv ([[Gadha]]); śakti-cālana-yuktitaḥ – durch die Methode ([[Yukti]]) des Bewegens ([[Chalana]]) der [[Shakti]]; aṣṭadhā – achtfach, auf achtfache Weise ([[Ashtadha]]); kuṇḍalī-bhūtām – eingerollt, zu einer Spirale geworden ([[Kundali]]); ṛjum – gerade, aufgerichtet ([[Riju]]); kartum – zu machen ([[Kri]]); tu – nun, aber ([[Tu]]); kuṇḍalīm – Kundalini, die Eingerollte ([[Kundalini]]).
 
'''94. Vers Yoga Bija: Das Bewegen der Kundalini überwindet Todesfurcht'''
 
भानोराकुञ्चनं कुर्यात्कुण्डलीं चालयेत्ततः ।<br>
मृत्युवक्त्रगतस्यापि तस्य मृत्युभयं कुतः ॥ ९४ ॥<br>
 
bhānor ākuñcanaṃ kuryāt kuṇḍalīṃ cālayet tataḥ |<br>
mṛtyuvaktragatasyāpi tasya mṛtyubhayaṃ kutaḥ || 94 ||<br>
 
'''Man soll die Sonnenenergie zusammenziehen und daraufhin die Kundalini bewegen. Selbst wenn ein solcher Yogi bereits in den Rachen des Todes geraten wäre – wo wäre für ihn noch Furcht vor dem Tod?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bhānoḥ – der Sonne ([[Bhanu]]); ākuñcanam – Zusammenziehen, Kontraktion ([[Akunchana]]); kuryāt – soll ausführen ([[Kri]]); kuṇḍalīm – Kundalini ([[Kundalini]]); cālayet – soll bewegen, in Bewegung setzen ([[Chal]]); tataḥ – danach, dadurch ([[Tatas]]); mṛtyu-vaktra-gatasya – dessen, der in den Mund bzw. Rachen ([[Vaktra]]) des Todes ([[Mrityu]]) geraten ist; api – selbst, sogar ([[Api]]); tasya – für ihn ([[Tad]]); mṛtyu-bhayam – Furcht ([[Bhaya]]) vor dem Tod ([[Mrityu]]); kutaḥ – woher?, wie könnte? ([[Kutas]]).
 
'''95. Vers Yoga Bija: Das höchste Geheimnis der Praxis'''
 
एतदेव परं गुह्यं कथितं तव पार्वति ।<br>
वज्रासनगतो नित्यं मासार्धं तु समभ्यसेत् ॥ ९५ ॥<br>
 
etad eva paraṃ guhyaṃ kathitaṃ tava pārvati |<br>
vajrāsanagato nityaṃ māsārdhaṃ tu samabhyaset || 95 ||<br>
 
'''Dies ist das höchste Geheimnis, das ich dir offenbart habe, o Parvati. In Vajrasana verweilend soll man es einen halben Monat lang beständig üben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': etat eva – eben dieses ([[Etad]], [[Eva]]); param – höchste, erhabene ([[Para]]); guhyam – Geheimnis, geheime Lehre ([[Guhya]]); kathitam – wurde erklärt ([[Kathita]]); tava – dir, für dich ([[Tvam]]); pārvati – o [[Parvati]]; vajrāsana-gataḥ – in [[Vajrasana]] befindlich; nityam – beständig ([[Nitya]]); māsa-ardham – einen halben ([[Ardha]]) Monat ([[Masa]]); samabhyaset – soll intensiv und regelmäßig üben ([[Abhyasa]]).
 
'''96. Vers Yoga Bija: Das Feuer des Yoga erhitzt die Kundalini'''
 
वायुना ज्वलितो वह्निः कुण्डलीमनिशं दहेत् ।<br>
संतप्ता साग्निना नाडी शक्तिस्त्रैलोक्यमोहिनी ॥ ९६ ॥<br>
 
vāyunā jvalito vahniḥ kuṇḍalīm aniśaṃ dahet |<br>
saṃtaptā sāgninā nāḍī śaktis trailokyamohinī || 96 ||<br>
 
'''Das durch den Lebenswind entfachte Feuer erhitzt unablässig die Kundalini. Durch dieses Feuer erhitzt wird die Nadi-Shakti, jene Kraft, welche die drei Welten bezaubert und in Verblendung hält.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vāyunā – durch den Lebenswind ([[Vayu]]); jvalitaḥ – entzündet, zum Brennen gebracht ([[Jvalita]]); vahniḥ – Feuer ([[Vahni]]); kuṇḍalīm – Kundalini ([[Kundalini]]); aniśam – unaufhörlich, ohne Unterbrechung ([[Anisha]]); dahet – soll verbrennen, erhitzen ([[Dah]]); saṃtaptā – stark erhitzt ([[Santapta]]); sā agninā – sie durch das Feuer ([[Agni]]); nāḍī-śaktiḥ – Kraft ([[Shakti]]) der Nadi ([[Nadi]]); trailokya-mohinī – die drei Welten ([[Trailokya]]) bezaubernd bzw. verblendend ([[Mohini]]).
 
'''97. Vers Yoga Bija: Kundalini durchdringt den Brahma Granthi'''
 
प्रविशेद्वज्रदण्डे तु सुषुम्णावदनान्तरे ।<br>
वायुना वह्निना सार्धं ब्रह्मग्रन्थिं भिनत्ति सा ॥ ९७ ॥<br>
 
praviśed vajradaṇḍe tu suṣumṇāvadanāntare |<br>
vāyunā vahninā sārdhaṃ brahmagranthiṃ bhinatti sā || 97 ||<br>
 
'''Sie tritt in den Vajradanda durch die Öffnung der Sushumna ein. Zusammen mit dem Lebenswind und dem Feuer durchdringt sie den Brahma Granthi.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': praviśet – sie tritt ein ([[Pravish]]); vajra-daṇḍe – in den Vajra-Stab, die zentrale Achse ([[Vajra]], [[Danda]]); tu – nun, aber ([[Tu]]); suṣumṇā-vadana-antare – in die Öffnung bzw. den Eingang ([[Vadana]]) der [[Sushumna]]; vāyunā – mit dem Lebenswind ([[Vayu]]); vahninā – mit dem Feuer ([[Vahni]]); sārdham – zusammen mit ([[Sardha]]); brahma-granthim – den [[Brahma Granthi]]; bhinatti – durchbohrt, durchbricht ([[Bhid]]); sā – sie ([[Tad]]).
 
'''98. Vers Yoga Bija: Vishnu Granthi und Rudra Granthi'''
 
विष्णुग्रन्थिं ततो भित्त्वा रुद्रग्रन्थौ च तिष्ठति ।<br>
ततस्तु कुम्भकैर्गाढं पूरयित्वा पुनः पुनः ॥ ९८ ॥<br>
 
viṣṇugranthiṃ tato bhittvā rudragranthau ca tiṣṭhati |<br>
tatas tu kumbhakair gāḍhaṃ pūrayitvā punaḥ punaḥ || 98 ||<br>
 
'''Nachdem sie den Vishnu Granthi durchbrochen hat, gelangt sie zum Rudra Granthi und verweilt dort. Dann soll man mit Kumbhakas wieder und wieder kraftvoll füllen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': viṣṇu-granthim – den [[Vishnu Granthi]]; tataḥ – danach ([[Tatas]]); bhittvā – nachdem sie durchbrochen hat ([[Bhid]]); rudra-granthau – am [[Rudra Granthi]]; ca – und ([[Cha]]); tiṣṭhati – verweilt, bleibt ([[Stha]]); tataḥ – dann ([[Tatas]]); tu – nun ([[Tu]]); kumbhakaiḥ – durch Kumbhakas, Atemverhaltungen ([[Kumbhaka]]); gāḍham – kraftvoll, intensiv ([[Gadha]]); pūrayitvā – nachdem man gefüllt hat ([[Pur]]); punaḥ punaḥ – wieder und wieder ([[Punar]]).
 
'''99. Vers Yoga Bija: Die vier Sahita Kumbhakas'''
 
तथाभ्यसेत्सूर्यभेदमुज्जायीं चापि शीतलीम् ।<br>
भस्त्रां च सहितं नाम स्यात्कुम्भकचतुष्टयम् ॥ ९९ ॥<br>
 
tathā ’bhyaset sūryabhedam ujjāyīṃ cāpi śītalīm |<br>
bhastrāṃ ca sahitaṃ nāma syāt kumbhakacatuṣṭayam || 99 ||<br>
 
'''So soll man Suryabheda, Ujjayi, Shitali und Bhastra üben. Diese vier Formen des Kumbhaka werden als Sahita bezeichnet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tathā – ebenso, auf diese Weise ([[Tatha]]); abhyaset – soll üben ([[Abhyasa]]); sūrya-bhedam – [[Surya Bheda]]; ujjāyīm – [[Ujjayi]]; ca api – und auch ([[Cha]], [[Api]]); śītalīm – [[Shitali]]; bhastrām – Blasebalg-Atem, [[Bhastrika]]; ca – und ([[Cha]]); sahitam – verbunden; hier Sahita Kumbhaka ([[Sahita]]); nāma – mit Namen, genannt ([[Naman]]); syāt – ist, wird genannt ([[As]]); kumbhaka-catuṣṭayam – die Vierheit ([[Chatushtaya]]) der Kumbhakas ([[Kumbhaka]]).
 
'''100. Vers Yoga Bija: Kevala Kumbhaka und die drei Bandhas'''
 
बन्धत्रयेण संयुक्तः केवलः प्राप्तिकारकः ।<br>
अथास्य लक्षणं सम्यक्कथयामि समासतः ॥ १०० ॥<br>
 
bandhatrayeṇa saṃyuktaḥ kevalaḥ prāptikārakaḥ |<br>
athāsya lakṣaṇaṃ samyak kathayāmi samāsataḥ || 100 ||<br>
 
'''Kevala Kumbhaka führt, mit den drei Bandhas verbunden, zur Verwirklichung. Nun werde ich seine Kennzeichen kurz und genau erklären.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bandha-trayeṇa – mit den drei ([[Traya]]) Bandhas ([[Bandha]]); saṃyuktaḥ – verbunden ([[Samyukta]]); kevalaḥ – Kevala Kumbhaka, der spontane Atemstillstand ([[Kevala]]); prāpti-kārakaḥ – Verwirklichung, Erlangung ([[Prapti]]) bewirkend ([[Karaka]]); atha – nun ([[Atha]]); asya – dessen, von diesem ([[Idam]]); lakṣaṇam – Kennzeichen, Charakteristik ([[Lakshana]]); samyak – richtig, vollständig, genau ([[Samyak]]); kathayāmi – ich erkläre ([[Kath]]); samāsataḥ – kurz, zusammenfassend ([[Samasa]]).
 
'''101. Vers Yoga Bija: Das unvergleichliche Heilmittel gegen Samsara'''
Versmaß: [[Vasantatilaka]]
एकाकिना समुपगम्य विविक्तदेशं<br>
प्राणादिरूपममृतं परमार्थतत्त्वम् ।<br>
स्वल्पाशिना धृतिमता परिभावनीयं<br>
संसाररोगहरमौषधमद्वितीयम् ॥ १०१ ॥<br>
 
ekākinā samupagamya viviktadeśaṃ<br>
prāṇādirūpam amṛtaṃ paramārthatattvam |<br>
svalpāśinā dhṛtimatā paribhāvanīyaṃ<br>
saṃsārarogaharam auṣadham advitīyam || 101 ||<br>
 
'''Allein an einen abgeschiedenen Ort gegangen, soll der maßvoll Essende und Standhafte über das unsterbliche höchste Wirklichkeitsprinzip meditieren, dessen Gestalt Prana und die weiteren subtilen Kräfte sind. Es ist das unvergleichliche Heilmittel, das die Krankheit des Samsara beseitigt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ekākinā – allein, als Einzelner ([[Ekakin]]); samupagamya – nachdem man sich begeben hat, hingegangen ist ([[Gam]]); vivikta-deśam – an einen abgeschiedenen ([[Vivikta]]) Ort ([[Desha]]); prāṇa-ādi-rūpam – von der Gestalt ([[Rupa]]) des [[Prana]] und weiterer subtiler Kräfte ([[Adi]]); amṛtam – unsterblich, unvergänglich; Nektar ([[Amrita]]); paramārtha-tattvam – höchste ([[Paramartha]]) Wirklichkeit, höchstes Prinzip ([[Tattva]]); svalpa-aśinā – von einem, der wenig bzw. maßvoll isst ([[Svalpa]], [[Ashin]]); dhṛtimatā – vom Standhaften, Ausdauernden ([[Dhritimat]]); paribhāvanīyam – ist tief zu betrachten, zu meditieren ([[Bhavana]]); saṃsāra-roga-haram – die Krankheit ([[Roga]]) des Samsara ([[Samsara]]) beseitigend ([[Hara]]); auṣadham – Heilmittel, Medizin ([[Aushadha]]); advitīyam – unvergleichlich, ohne ein Zweites ([[Advitiya]]).
 
'''102. Vers Yoga Bija: Surya Bheda Pranayama'''
 
सूर्यनाड्या समाकृष्य वायुमभ्यासयोगतः ।<br>
विधिवत्कुम्भकं कृत्वा रेचयेच्छीतरश्मिना ॥ १०२ ॥<br>
 
sūryanāḍyā samākṛṣya vāyum abhyāsayogataḥ |<br>
vidhivat kumbhakaṃ kṛtvā recayec chītaraśminā || 102 ||<br>
 
'''Durch die Sonnen-Nadi soll man den Lebenswind einziehen. Nach vorschriftsmäßiger Ausführung des Kumbhaka soll man durch den kühlenden Mondkanal wieder ausatmen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sūrya-nāḍyā – durch die Sonnen-Nadi, Pingala ([[Surya]], [[Nadi]]); samākṛṣya – vollständig einziehend, nachdem man eingezogen hat ([[Akrish]]); vāyum – Lebenswind, Atem ([[Vayu]]); abhyāsa-yogataḥ – aufgrund bzw. mittels der Yogapraxis ([[Abhyasa]], [[Yoga]]); vidhivat – vorschriftsmäßig, der Methode entsprechend ([[Vidhi]]); kumbhakam – Atemverhaltung ([[Kumbhaka]]); kṛtvā – nachdem man ausgeführt hat ([[Kri]]); recayet – soll ausatmen ([[Rechaka]]); śīta-raśminā – durch den kühlenden Strahl, den Mondkanal ([[Shita]], [[Rashmi]]).
 
'''103. Vers Yoga Bija: Wirkungen von Surya Bheda'''
 
उदरे वातदोषघ्नं कण्ठदोषं निहन्ति च ।<br>
मुहुर्मुहुरिदं कार्यं सूर्यभेदमुदाहृतम् ॥ १०३ ॥<br>
 
udare vātadoṣaghnaṃ kaṇṭhadoṣaṃ nihanti ca |<br>
muhur muhur idaṃ kāryaṃ sūryabhedam udāhṛtam || 103 ||<br>
 
'''Diese Praxis beseitigt Störungen des Vata im Bauch und Leiden des Halses. Dieses als Surya Bheda bezeichnete Pranayama soll immer wieder ausgeführt werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': udare – im Bauch ([[Udara]]); vāta-doṣa-ghnam – Vata-Störungen ([[Vata]], [[Dosha]]) beseitigend; kaṇṭha-doṣam – Störungen des Halses ([[Kantha]], [[Dosha]]); nihanti – beseitigt, vernichtet ([[Nihan]]); ca – und ([[Cha]]); muhur muhuḥ – immer wieder, wiederholt ([[Muhur]]); idam – dieses ([[Idam]]); kāryam – soll ausgeführt werden ([[Karya]]); sūrya-bhedam – [[Surya Bheda]]; udāhṛtam – so genannt, bezeichnet, gelehrt ([[Udahrita]]).
 
'''104. Vers Yoga Bija: Einziehen des Prana durch beide Nadis'''
 
नाडीभ्यां वायुमाकृष्य कुण्डल्याः पार्श्वयोः सुधीः ।<br>
धारयेदुदरे योगी रेचयेदिडया पुनः ॥ १०४ ॥<br>
 
nāḍībhyāṃ vāyum ākṛṣya kuṇḍalyāḥ pārśvayoḥ sudhīḥ |<br>
dhārayed udare yogī recayed iḍayā punaḥ || 104 ||<br>
 
'''Der verständige Yogi soll den Lebenswind durch die beiden Nadis zu beiden Seiten der Kundalini einziehen, ihn im Bauch halten und anschließend durch Ida wieder ausatmen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nāḍībhyām – durch die beiden Nadis ([[Nadi]]); vāyum – Lebenswind, Atem ([[Vayu]]); ākṛṣya – nachdem man eingezogen hat ([[Akrish]]); kuṇḍalyāḥ – der Kundalini ([[Kundalini]]); pārśvayoḥ – an beiden Seiten ([[Parshva]]); sudhīḥ – der Verständige, Weise ([[Sudhi]]); dhārayet – soll halten, zurückhalten ([[Dhri]]); udare – im Bauch ([[Udara]]); yogī – der Yogi ([[Yogin]]); recayet – soll ausatmen ([[Rechaka]]); iḍayā – durch [[Ida]]; punaḥ – danach, wieder ([[Punar]]).
 
'''105. Vers Yoga Bija: Wirkungen auf Kapha und Agni'''
 
कण्ठे कफादिदोषघ्नं शरीराग्निविवर्धनम् ।<br>
शिरोजलोदराधातुगतरोगविनाशनम् ॥ १०५ ॥<br>
 
kaṇṭhe kaphādidoṣaghnaṃ śarīrāgnivivardhanam |<br>
śirojalodarādhātugatarogavināśanam || 105 ||<br>
 
'''Diese Praxis beseitigt Kapha und andere Störungen im Hals und verstärkt das innere Feuer des Körpers. Sie beseitigt Erkrankungen des Kopfes, Wassersucht und Krankheiten, die in die Dhatus eingedrungen sind.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kaṇṭhe – im Hals ([[Kantha]]); kapha-ādi-doṣa-ghnam – Kapha ([[Kapha]]) und andere ([[Adi]]) Störungen ([[Dosha]]) beseitigend; śarīra-agni-vivardhanam – das Feuer ([[Agni]]) des Körpers ([[Sharira]]) verstärkend ([[Vivardhana]]); śiraḥ – Kopf ([[Shiras]]); jalodara – Wassersucht, Ansammlung von Flüssigkeit im Bauch ([[Jalodara]]); dhātu-gata – in die Körperbestandteile ([[Dhatu]]) eingedrungen; roga-vināśanam – Krankheiten ([[Roga]]) vernichtend ([[Vinasha]]).
 
'''106. Vers Yoga Bija: Ujjayi Kumbhaka'''
 
गच्छता तिष्ठता कार्यमुज्जाय्याख्यं तु कुम्भकम् ।<br>
मुखेन वायुं संगृह्य घ्राणरन्ध्रेण रेचयेत् ॥ १०६ ॥<br>
 
gacchatā tiṣṭhatā kāryam ujjāyyākhyaṃ tu kumbhakam |<br>
mukhena vāyuṃ saṅgṛhya ghrāṇarandhreṇa recayet || 106 ||<br>
 
'''Das Ujjayi genannte Kumbhaka kann beim Gehen wie auch beim Stehen ausgeführt werden. Man soll den Lebenswind durch den Mund aufnehmen und ihn durch die Nasenöffnung wieder ausatmen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': gacchatā – beim Gehen ([[Gam]]); tiṣṭhatā – beim Stehen, Verweilen ([[Stha]]); kāryam – ist auszuführen ([[Karya]]); ujjāyī-ākhyam – Ujjayi genannt ([[Ujjayi]], [[Akhya]]); tu – nun ([[Tu]]); kumbhakam – Kumbhaka, Atemverhaltung ([[Kumbhaka]]); mukhena – durch den Mund ([[Mukha]]); vāyum – Atem, Lebenswind ([[Vayu]]); saṅgṛhya – nachdem man aufgenommen, gesammelt hat ([[Sangraha]]); ghrāṇa-randhreṇa – durch die Nasenöffnung ([[Ghrana]], [[Randhra]]); recayet – soll ausatmen ([[Rechaka]]).
 
'''107. Vers Yoga Bija: Die kühlende Wirkung'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
शीतलीकरणं चेदं हन्ति पित्तं तथा ज्वरम् ॥ १०७ ॥<br>
 
śītalīkaraṇaṃ cedaṃ hanti pittaṃ tathā jvaram || 107 ||<br>
 
'''Diese kühlende Praxis vermindert Pitta und beseitigt auch Fieber.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': śītalī-karaṇam – das Kühlen, kühlende Wirkung ([[Shitali]], [[Karana]]); ca idam – und dieses ([[Cha]], [[Idam]]); hanti – beseitigt, vernichtet ([[Han]]); pittam – Pitta ([[Pitta]]); tathā – ebenso, auch ([[Tatha]]); jvaram – Fieber ([[Jvara]]).
 
'''108. Vers Yoga Bija: Bhastra – der Blasebalg'''
 
स्तनयोरथ भस्त्रेव लोहकारस्य वेगतः ।<br>
रेचयेत्पूरयेद्वायुमाश्रमं देहगं धिया ॥ १०८ ॥<br>
 
stanayor atha bhastreva lohakārasya vegataḥ |<br>
recayet pūrayed vāyum āśramaṃ dehagaṃ dhiyā || 108 ||<br>
 
'''Nun soll man den Lebenswind im Brustbereich mit der Geschwindigkeit des Blasebalgs eines Schmiedes aus- und einströmen lassen, bis eine deutliche Ermüdung im Körper wahrgenommen wird.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': stanayoḥ – im Bereich der Brust, der beiden Brüste ([[Stana]]); atha – nun ([[Atha]]); bhastrā iva – wie ein Blasebalg ([[Bhastra]], [[Iva]]); loha-kārasya – eines Schmiedes, Metallarbeiters ([[Loha]], [[Kara]]); vegataḥ – mit Geschwindigkeit, kraftvoll ([[Vega]]); recayet – soll ausatmen ([[Rechaka]]); pūrayet – soll einatmen, füllen ([[Puraka]]); vāyum – Lebenswind, Atem ([[Vayu]]); ā śramam – bis zur Ermüdung ([[Shrama]]); deha-gam – in den Körper gelangt, im Körper auftretend ([[Deha]]); dhiyā – mit Aufmerksamkeit, bewusst ([[Dhi]]).
 
'''109. Vers Yoga Bija: Bei Ermüdung durch die Sonnen-Nadi einatmen'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
यदा श्रमो भवेद्देहे तदा सूर्येण पूरयेत् ॥ १०९ ॥<br>
 
yadā śramo bhaved dehe tadā sūryeṇa pūrayet || 109 ||<br>
 
'''Wenn sich im Körper Ermüdung einstellt, soll man durch die Sonnen-Nadi einatmen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yadā – wenn ([[Yada]]); śramaḥ – Ermüdung, Anstrengung ([[Shrama]]); bhavet – entsteht ([[Bhu]]); dehe – im Körper ([[Deha]]); tadā – dann ([[Tada]]); sūryeṇa – durch die Sonne, die Sonnen-Nadi ([[Surya]]); pūrayet – soll einatmen, füllen ([[Puraka]]).
 
'''110. Vers Yoga Bija: Beseitigung der drei Doshas'''
 
कण्ठसंकोचनं कृत्वा पुनश्चन्द्रेण रेचयेत् ।<br>
वातपित्तश्लेष्महरं शरीराग्निविवर्धनम् ॥ ११० ॥<br>
 
kaṇṭhasaṃkocanaṃ kṛtvā punaś candreṇa recayet |<br>
vātapittaśleṣmaharaṃ śarīrāgnivivardhanam || 110 ||<br>
 
'''Nachdem man den Hals zusammengezogen hat, soll man anschließend durch die Mond-Nadi ausatmen. Diese Praxis beseitigt Vata, Pitta und Kapha und verstärkt das innere Feuer des Körpers.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kaṇṭha-saṃkocanam – Zusammenziehen ([[Samkocha]]) des Halses ([[Kantha]]); kṛtvā – nachdem man ausgeführt hat ([[Kri]]); punaḥ – anschließend, wieder ([[Punar]]); candreṇa – durch den Mond, die Mond-Nadi ([[Chandra]]); recayet – soll ausatmen ([[Rechaka]]); vāta – Vata ([[Vata]]); pitta – Pitta ([[Pitta]]); śleṣma – Kapha, Schleim ([[Shleshma]]); haram – beseitigend ([[Hara]]); śarīra-agni-vivardhanam – das Körperfeuer ([[Agni]]) verstärkend ([[Vivardhana]]).
 
'''111. Vers Yoga Bija: Bhastrika erweckt Kundalini'''
 
कुण्डलीबोधकं वक्रभावघ्नं सुखदं शुभम् ।<br>
ब्रह्मनाडीमुखे संस्थं कफाद्यर्गलनाशनम् ॥ १११ ॥<br>
 
kuṇḍalībodhakaṃ vakrabhāvaghnaṃ sukhadaṃ śubham |<br>
brahmanāḍīmukhe saṃsthaṃ kaphādyargalanāśanam || 111 ||<br>
 
'''Diese glückverheißende Praxis erweckt Kundalini, beseitigt ihren gekrümmten Zustand und schenkt Wohlbefinden. Sie beseitigt Kapha und andere Hindernisse, die sich am Eingang der Brahma Nadi befinden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kuṇḍalī-bodhakam – Kundalini ([[Kundalini]]) erweckend ([[Bodhaka]]); vakra-bhāva-ghnam – den gekrümmten Zustand ([[Vakra]], [[Bhava]]) beseitigend; sukhadam – Glück, Wohlbefinden ([[Sukha]]) schenkend; śubham – glückverheißend, heilsam ([[Shubha]]); brahma-nāḍī-mukhe – am Eingang ([[Mukha]]) der Brahma Nadi ([[Brahma Nadi]]); saṃstham – befindlich, angesammelt ([[Samstha]]); kapha-ādi – Kapha und andere ([[Kapha]], [[Adi]]); argala-nāśanam – Hindernisse, Verschlüsse ([[Argala]]) beseitigend ([[Nasha]]).
 
'''112. Vers Yoga Bija: Bhastra durchbricht die drei Granthis'''
 
सम्यग्गात्रसमुद्भूतं ग्रन्थित्रयविभेदकम् ।<br>
विशेषेणैव कर्तव्यं भस्त्राख्यं कुम्भकं त्विदम् ॥ ११२ ॥<br>
 
samyag gātrasamudbhūtaṃ granthitrayavibhedakam |<br>
viśeṣenaiva kartavyaṃ bhastrākhyaṃ kumbhakaṃ tv idam || 112 ||<br>
 
'''Dieses Bhastra genannte Kumbhaka erfasst den Körper vollständig und durchbricht die drei Granthis. Es soll daher mit besonderer Sorgfalt praktiziert werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': samyak – vollständig, richtig ([[Samyak]]); gātra-samudbhūtam – im Körper bzw. in den Gliedern ([[Gatra]]) vollständig hervortretend ([[Samudbhuta]]); granthi-traya-vibhedakam – die drei ([[Traya]]) Knoten ([[Granthi]]) durchbrechend ([[Vibheda]]); viśeṣeṇa – besonders, mit besonderer Sorgfalt ([[Vishesha]]); eva – gerade, wahrlich ([[Eva]]); kartavyam – soll ausgeführt werden ([[Kartavya]]); bhastra-ākhyam – Bhastra genannt ([[Bhastra]], [[Akhya]]); kumbhakam – Kumbhaka ([[Kumbhaka]]); tu idam – dieses nun ([[Tu]], [[Idam]]).
 
'''113. Vers Yoga Bija: Die drei Bandhas'''
 
बन्धत्रयमथेदानीं प्रवक्ष्यामि यथार्थवत् ।<br>
नित्यं कृतेन येनासौ वायोर्जयमवाप्नुयात् ॥ ११३ ॥<br>
 
bandhatrayam athedānīṃ pravakṣyāmi yathārthavat |<br>
nityaṃ kṛtena yenāsau vāyor jayam avāpnuyāt || 113 ||<br>
 
'''Nun werde ich die drei Bandhas ihrem wirklichen Wesen entsprechend erklären. Durch ihre beständige Praxis kann der Yogi die Meisterschaft über den Lebenswind erlangen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bandha-trayam – die drei ([[Traya]]) Bandhas ([[Bandha]]); atha – nun ([[Atha]]); idānīm – jetzt ([[Idanim]]); pravakṣyāmi – ich werde ausführlich erklären ([[Vach]]); yathārthavat – der Wirklichkeit entsprechend, genau ([[Yathartha]]); nityam – beständig ([[Nitya]]); kṛtena – durch das Ausführen, Praktizieren ([[Krita]]); yena – wodurch ([[Yad]]); asau – dieser, der Yogi ([[Asau]]); vāyoḥ – über den Lebenswind ([[Vayu]]); jayam – Meisterschaft, Sieg ([[Jaya]]); avāpnuyāt – kann erlangen ([[Avap]]).
 
'''114. Vers Yoga Bija: Die Bandhas bei den vier Kumbhakas'''
 
चतुर्णामपि भेदानां कुम्भके समुपस्थिते ।<br>
बन्धत्रयमिदं कार्यं वक्ष्यमाणं मया स्फुटम् ॥ ११४ ॥<br>
 
caturṇām api bhedānāṃ kumbhake samupasthite |<br>
bandhatrayam idaṃ kāryaṃ vakṣyamāṇaṃ mayā sphuṭam || 114 ||<br>
 
'''Bei jeder der vier Formen des Kumbhaka sollen diese drei Bandhas angewandt werden. Ich werde sie nun klar und deutlich beschreiben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': caturṇām – der vier ([[Chatur]]); api – jeweils, auch ([[Api]]); bhedānām – Formen, Arten, Unterschiede ([[Bheda]]); kumbhake – beim Kumbhaka ([[Kumbhaka]]); samupasthite – wenn er eingetreten ist, ausgeführt wird ([[Samupasthita]]); bandha-trayam – die drei Bandhas ([[Bandha]], [[Traya]]); idam – diese ([[Idam]]); kāryam – sollen ausgeführt werden ([[Karya]]); vakṣyamāṇam – die nun beschrieben werden ([[Vach]]); mayā – von mir ([[Mad]]); sphuṭam – klar, deutlich ([[Sphuta]]).
 
'''115. Vers Yoga Bija: Mula Bandha, Uddiyana und Jalandhara'''
 
प्रथमो मूलबन्धस्तु द्वितीय उड्डियानकः ।<br>
जालन्धरस्तृतीयस्तु लक्षणं कथयाम्यहम् ॥ ११५ ॥<br>
 
prathamo mūlabandhas tu dvitīya uḍḍiyānakaḥ |<br>
jālandharas tṛtīyas tu lakṣaṇaṃ kathayāmy aham || 115 ||<br>
 
'''Der erste ist Mula Bandha, der zweite Uddiyana Bandha und der dritte Jalandhara Bandha. Nun werde ich ihre Kennzeichen erklären.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': prathamaḥ – der erste ([[Prathama]]); mūla-bandhaḥ – [[Mula Bandha]]; tu – nun ([[Tu]]); dvitīyaḥ – der zweite ([[Dvitiya]]); uḍḍiyānakaḥ – [[Uddiyana Bandha]]; jālandharaḥ – [[Jalandhara Bandha]]; tṛtīyaḥ – der dritte ([[Tritiya]]); lakṣaṇam – Kennzeichen, Beschreibung ([[Lakshana]]); kathayāmi – ich erkläre ([[Kath]]); aham – ich ([[Aham]]).
 
'''116. Vers Yoga Bija: Die Praxis von Mula Bandha'''
 
गुदं पार्ष्ण्या तु संपीड्य वायुमाकुञ्चयेद्बलात् ।<br>
वारं वारं तथा चोर्ध्वं समायाति समीरणः ॥ ११६ ॥<br>
 
gudaṃ pārṣṇyā tu saṃpīḍya vāyum ākuñcayed balāt |<br>
vāraṃ vāraṃ tathā cordhvaṃ samāyāti samīraṇaḥ || 116 ||<br>
 
'''Man soll den Anus mit der Ferse fest drücken und den Lebenswind kraftvoll zusammenziehen. Wenn dies wieder und wieder geschieht, steigt der Lebenswind nach oben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': gudam – Anus, Enddarm ([[Guda]]); pārṣṇyā – mit der Ferse ([[Parshni]]); tu – nun ([[Tu]]); saṃpīḍya – fest zusammendrückend ([[Sampid]]); vāyum – Lebenswind ([[Vayu]]); ākuñcayet – soll zusammenziehen ([[Akunch]]); balāt – kraftvoll, mit Kraft ([[Bala]]); vāram vāram – wieder und wieder ([[Vara]]); tathā – auf diese Weise ([[Tatha]]); ca – und ([[Cha]]); ūrdhvam – nach oben ([[Urdhva]]); samāyāti – kommt, steigt ([[Ayati]]); samīraṇaḥ – Wind, Lebenswind ([[Samirana]]).
 
'''117. Vers Yoga Bija: Vereinigung von Prana und Apana durch Mula Bandha'''
 
प्राणापानौ नादबिन्दू मूलबन्धेन चैकताम् ।<br>
गत्वा योगस्य संसिद्धिं यच्छतो नात्र संशयः ॥ ११७ ॥<br>
 
prāṇāpānau nādabindū mūlabandhena caikatām |<br>
gatvā yogasya saṃsiddhiṃ yacchato nātra saṃśayaḥ || 117 ||<br>
 
'''Durch Mula Bandha werden Prana und Apana sowie Nada und Bindu zur Einheit gebracht. So führen sie zur vollkommenen Verwirklichung des Yoga – daran besteht kein Zweifel.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': prāṇa-apānau – [[Prana]] und [[Apana]]; nāda-bindū – [[Nada]] und [[Bindu]]; mūla-bandhena – durch [[Mula Bandha]]; ca – und ([[Cha]]); ekatām – zur Einheit, zum Einssein ([[Ekata]]); gatvā – gelangt, nachdem sie eins geworden sind ([[Gam]]); yogasya – des Yoga ([[Yoga]]); saṃsiddhim – vollkommene Verwirklichung, Vollendung ([[Samsiddhi]]); yacchataḥ – sie gewähren, schenken ([[Yam]]); na – nicht ([[Na]]); atra – hierin ([[Atra]]); saṃśayaḥ – Zweifel ([[Samshaya]]).
 
'''118. Vers Yoga Bija: Uddiyana Bandha lässt den Prana aufsteigen'''
 
कुम्भकान्ते रेचकादौ कर्तव्यस्तूड्डियानकः ।<br>
बद्धो येन सुषुम्णायां प्राणस्तूड्डीयते यतः ॥ ११८ ॥<br>
 
kumbhakānte recakādau kartavyas tūḍḍiyānakaḥ |<br>
baddho yena suṣumṇāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ || 118 ||<br>
 
'''Am Ende des Kumbhaka und zu Beginn des Rechaka soll Uddiyana Bandha ausgeführt werden. Durch diesen Bandha steigt der Prana in der Sushumna nach oben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kumbhaka-ante – am Ende ([[Anta]]) des [[Kumbhaka]]; recaka-ādau – zu Beginn ([[Adi]]) des Ausatmens ([[Rechaka]]); kartavyaḥ – soll ausgeführt werden ([[Kartavya]]); uḍḍiyānakaḥ – [[Uddiyana Bandha]]; baddhaḥ – gebunden, verschlossen ([[Baddha]]); yena – wodurch, durch welchen ([[Yad]]); suṣumṇāyām – in der [[Sushumna]]; prāṇaḥ – Prana ([[Prana]]); uḍḍīyate – fliegt bzw. steigt nach oben ([[Uddiyana]]); yataḥ – weil, wodurch ([[Yatas]]).
 
'''119. Vers Yoga Bija: Warum es Uddiyana heißt'''
 
तस्मादुड्डीयानाख्योऽयं योगिभिः समुदाहृतः ।<br>
उड्डीयानं तु सहजं गुरुणा कथितं सदा ॥ ११९ ॥<br>
 
tasmād uḍḍīyānākhyo ’yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ |<br>
uḍḍīyānaṃ tu sahajaṃ guruṇā kathitaṃ sadā || 119 ||<br>
 
'''Deshalb wird dieser Bandha von den Yogis Uddiyana – „das Aufsteigen“ – genannt. Uddiyana wird vom Guru als eine natürliche und leicht zugängliche Praxis gelehrt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tasmāt – deshalb ([[Tasmat]]); uḍḍīyāna-ākhyaḥ – Uddiyana genannt ([[Uddiyana]], [[Akhya]]); ayam – dieser ([[Ayam]]); yogibhiḥ – von den Yogis ([[Yogin]]); samudāhṛtaḥ – wird bezeichnet, genannt ([[Samudahrita]]); uḍḍīyānam – [[Uddiyana Bandha]]; tu – nun ([[Tu]]); sahajam – natürlich, spontan, leicht zugänglich ([[Sahaja]]); guruṇā – vom Guru ([[Guru]]); kathitam – gelehrt, erklärt ([[Kathita]]); sadā – stets ([[Sada]]).
 
'''120. Vers Yoga Bija: Durch Uddiyana wird der Alte wieder jung'''
 
अभ्यसेत्सततं यस्तु वृद्धोऽपि तरुणायते ।<br>
नाभेरूर्ध्वमधश्चापि प्राणं कुर्यात्प्रयत्नतः ॥ १२० ॥<br>
 
abhyaset satataṃ yas tu vṛddho ’pi taruṇāyate |<br>
nābher ūrdhvam adhaś cāpi prāṇaṃ kuryāt prayatnataḥ || 120 ||<br>
 
'''Wer diese Praxis beständig übt, wird selbst im Alter wieder jugendlich. Mit sorgfältiger Anstrengung soll man den Prana vom Nabel aus nach oben und ebenso nach unten lenken.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': abhyaset – soll üben ([[Abhyasa]]); satatam – beständig, ununterbrochen ([[Satata]]); yaḥ – wer ([[Yad]]); tu – nun, aber ([[Tu]]); vṛddhaḥ – alt, ein alter Mensch ([[Vriddha]]); api – selbst, sogar ([[Api]]); taruṇāyate – wird jung, jugendlich ([[Taruna]]); nābheḥ – vom Nabel ([[Nabhi]]); ūrdhvam – nach oben ([[Urdhva]]); adhaḥ – nach unten ([[Adhas]]); ca api – und ebenso ([[Cha]], [[Api]]); prāṇam – Prana, Lebensenergie ([[Prana]]); kuryāt – soll lenken, bewirken ([[Kri]]); prayatnataḥ – mit sorgfältiger Anstrengung, bewusst und energisch ([[Prayatna]]).
 
'''121. Vers Yoga Bija: Jalandhara Bandha und Sieg über den Tod'''
 
षण्मासमभ्यसेन्मृत्युं जयत्येव न संशयः ।<br>
पूरकान्तेऽपि कर्तव्यो बन्धो जालन्धराभिधः ॥ १२१ ॥<br>
 
ṣaṇmāsam abhyasen mṛtyuṃ jayaty eva na saṃśayaḥ |<br>
pūrakānte ’pi kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ || 121 ||<br>
 
'''Wer diese Praxis sechs Monate lang übt, besiegt den Tod – daran besteht kein Zweifel. Am Ende des Puraka soll auch der Jalandhara genannte Bandha ausgeführt werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ṣaṇ-māsam – sechs ([[Shat]]) Monate ([[Masa]]) lang; abhyaset – soll üben ([[Abhyasa]]); mṛtyum – den Tod ([[Mrityu]]); jayati – besiegt, überwindet ([[Ji]]); eva – wahrlich, gewiss ([[Eva]]); na saṃśayaḥ – kein Zweifel ([[Samshaya]]); pūraka-ante – am Ende ([[Anta]]) des Einatmens ([[Puraka]]); api – auch ([[Api]]); kartavyaḥ – soll ausgeführt werden ([[Kartavya]]); bandhaḥ – Verschluss, Bandha ([[Bandha]]); jālandhara-abhidhaḥ – Jalandhara genannt ([[Jalandhara Bandha]], [[Abhidha]]).
 
'''122. Vers Yoga Bija: Jalandhara verschließt den Weg des Prana'''
 
कण्ठसंकोचरूपोऽसौ वायुर्मार्गनिरोधकः ।<br>
कण्ठमाकुञ्च्य हृदये स्थापयेद्दृढमिच्छया ॥ १२२ ॥<br>
 
kaṇṭhasaṃkocarūpo ’sau vāyur mārganirodhakaḥ |<br>
kaṇṭham ākuñcya hṛdaye sthāpayed dṛḍham icchayā || 122 ||<br>
 
'''Dieser Bandha besteht in der Kontraktion des Halses und verschließt den Weg des Lebenswindes. Man soll den Hals zusammenziehen und ihn fest zum Brustbereich hin halten.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kaṇṭha – Hals ([[Kantha]]); saṃkoca – Zusammenziehen, Kontraktion ([[Samkocha]]); rūpaḥ – von der Gestalt, in der Form ([[Rupa]]); asau – dieser ([[Asau]]); vāyuḥ – Lebenswind, Atem ([[Vayu]]); mārga-nirodhakaḥ – den Weg ([[Marga]]) verschließend, hemmend ([[Nirodha]]); kaṇṭham – den Hals ([[Kantha]]); ākuñcya – nachdem man zusammengezogen hat ([[Akunch]]); hṛdaye – an der Brust, am Herzen ([[Hridaya]]); sthāpayet – soll festsetzen, platzieren ([[Stha]]); dṛḍham – fest, kräftig ([[Dridha]]); icchayā – willentlich, bewusst ([[Iccha]]).
 
'''123. Vers Yoga Bija: Jalandhara bewahrt den Nektar'''
 
बन्धो जालन्धराख्योऽयममृताव्ययकारकः ।<br>
अधस्तात्कुञ्चनेनाशु कण्ठसंकोचनेन च ॥ १२३ ॥<br>
 
bandho jālandharākhyo ’yam amṛtāvyayakārakaḥ |<br>
adhastāt kuñcanenāśu kaṇṭhasaṃkocanena ca || 123 ||<br>
 
'''Dieser Bandha wird Jalandhara genannt und verhindert den Verlust des Nektars. Dies geschieht durch das rasche Zusammenziehen von unten und durch die Kontraktion des Halses.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bandhaḥ – Bandha, Verschluss ([[Bandha]]); jālandhara-ākhyaḥ – Jalandhara genannt ([[Jalandhara Bandha]], [[Akhya]]); ayam – dieser ([[Ayam]]); amṛta – Nektar der Unsterblichkeit ([[Amrita]]); avyaya – Nicht-Verlust, Unvergänglichkeit ([[Avyaya]]); kārakaḥ – bewirkend ([[Karaka]]); adhastāt – von unten, unterhalb ([[Adhas]]); kuñcanena – durch Zusammenziehen ([[Kunchana]]); āśu – rasch, unmittelbar ([[Ashu]]); kaṇṭha-saṃkocanena – durch das Zusammenziehen ([[Samkocha]]) des Halses ([[Kantha]]); ca – und ([[Cha]]).
 
'''124. Vers Yoga Bija: Der Prana gelangt in die Brahma Nadi'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
मध्यमाभ्रमणेन स्यात्प्राणो ब्रह्मनाडिगः ॥ १२४ ॥<br>
 
madhyamābhramaṇena syāt prāṇo brahmanāḍigaḥ || 124 ||<br>
 
'''Durch die Bewegung in der Mitte gelangt der Prana in die Brahma Nadi.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': madhyamā – die mittlere, zentrale ([[Madhyama]]); bhramaṇena – durch Bewegung, Kreisen ([[Bhramana]]); syāt – wird, möge sein ([[As]]); prāṇaḥ – Prana, Lebensenergie ([[Prana]]); brahma-nāḍi-gaḥ – in die Brahma Nadi ([[Brahma Nadi]]) gehend ([[Ga]]).
 
'''125. Vers Yoga Bija: Bhastrika erweckt Kundalini'''
 
वज्रासनस्थितो योगी चालयित्वा तु कुण्डलीम् ।<br>
कुर्यादनन्तरं भस्त्रां कुण्डलीमाशु बोधयेत् ॥ १२५ ॥<br>
 
vajrāsanasthito yogī cālayitvā tu kuṇḍalīm |<br>
kuryād anantaraṃ bhastrāṃ kuṇḍalīm āśu bodhayet || 125 ||<br>
 
'''Der Yogi soll in Vajrasana sitzend Kundalini in Bewegung bringen und unmittelbar danach Bhastrika üben. So soll er Kundalini rasch erwecken.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vajrāsana-sthitaḥ – in [[Vajrasana]] sitzend, dort verweilend ([[Sthita]]); yogī – der Yogi ([[Yogin]]); cālayitvā – nachdem er in Bewegung gebracht hat ([[Chal]]); kuṇḍalīm – Kundalini ([[Kundalini]]); tu – nun, aber ([[Tu]]); kuryāt – soll ausführen ([[Kri]]); anantaram – unmittelbar danach ([[Anantara]]); bhastrām – Bhastra, Bhastrika ([[Bhastrika]]); āśu – rasch ([[Ashu]]); bodhayet – soll erwecken ([[Budh]]).
 
'''126. Vers Yoga Bija: Die Granthis werden durchbrochen'''
 
भिद्यन्ते ग्रन्थयो वंशे तप्तलोहशलाकया ।<br>
तथैव पृष्ठवंशे स्याद्ग्रन्थिभेदस्तु वायुना ॥ १२६ ॥<br>
 
bhidyante granthayo vaṃśe taptalohaśalākayā |<br>
tathaiva pṛṣṭhavaṃśe syād granthibhedas tu vāyunā || 126 ||<br>
 
'''So wie die Knoten eines Bambusrohres mit einem erhitzten Eisenstab durchbrochen werden, werden ebenso die Granthis in der Wirbelsäule durch den Lebenswind durchbrochen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bhidyante – werden durchbrochen ([[Bhid]]); granthayaḥ – Knoten, Granthis ([[Granthi]]); vaṃśe – im Bambus, Bambusrohr ([[Vamsha]]); tapta – erhitzt, glühend ([[Tapta]]); loha – Eisen, Metall ([[Loha]]); śalākayā – durch einen Stab, eine Sonde ([[Shalaka]]); tathā eva – ebenso, genauso ([[Tatha]], [[Eva]]); pṛṣṭha-vaṃśe – in der Wirbelsäule, wörtlich „Rücken-Säule“ ([[Prishtha]], [[Vamsha]]); granthi-bhedaḥ – Durchbrechen ([[Bheda]]) der Knoten ([[Granthi]]); vāyunā – durch den Lebenswind ([[Vayu]]).
 
'''127. Vers Yoga Bija: Ein Zeichen in der Sushumna'''
 
पिपीलिका यथा लग्ना कण्डूस्तत्र प्रवर्तते ।<br>
सुषुम्णायां तथाभ्यासात्सततं वायुना भवेत् ॥ १२७ ॥<br>
 
pipīlikā yathā lagnā kaṇḍūs tatra pravartate |<br>
suṣumṇāyāṃ tathā ’bhyāsāt satataṃ vāyunā bhavet || 127 ||<br>
 
'''Wie dort, wo eine Ameise über die Haut läuft, ein kribbelndes oder juckendes Gefühl entsteht, so kann durch beständige Übung eine entsprechende Empfindung entstehen, wenn der Lebenswind sich in der Sushumna bewegt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pipīlikā – Ameise ([[Pipilika]]); yathā – wie ([[Yatha]]); lagnā – angeheftet, in Berührung gekommen ([[Lagna]]); kaṇḍūḥ – Jucken, Kribbeln ([[Kandu]]); tatra – dort ([[Tatra]]); pravartate – entsteht, tritt hervor ([[Pravrit]]); suṣumṇāyām – in der [[Sushumna]]; tathā – ebenso ([[Tatha]]); abhyāsāt – durch Übung ([[Abhyasa]]); satatam – beständig ([[Satata]]); vāyunā – durch den Lebenswind ([[Vayu]]); bhavet – entsteht, kann sein ([[Bhu]]).
 
'''128. Vers Yoga Bija: Rudra Granthi und die Vereinigung von Sonne und Mond'''
 
रुद्रग्रन्थिं ततो भित्त्वा सैवायाति शिवात्मकम् ।<br>
चन्द्रसूर्यौ समौ कृत्वा तयोर्योगः प्रवर्तते ॥ १२८ ॥<br>
 
rudragranthiṃ tato bhittvā saivāyāti śivātmakam |<br>
candrasūryau samau kṛtvā tayor yogaḥ pravartate || 128 ||<br>
 
'''Nachdem Kundalini den Rudra Granthi durchbrochen hat, gelangt sie zu dem, was seinem Wesen nach Shiva ist. Mond und Sonne werden ins Gleichgewicht gebracht, und ihre Vereinigung vollzieht sich.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': rudra-granthim – den [[Rudra Granthi]]; tataḥ – danach ([[Tatas]]); bhittvā – nachdem sie durchbrochen hat ([[Bhid]]); sā eva – eben sie ([[Tad]], [[Eva]]); āyāti – gelangt, kommt ([[Ayati]]); śiva-ātmakam – zu dem, dessen Wesen ([[Atmaka]]) Shiva ([[Shiva]]) ist; candra-sūryau – Mond ([[Chandra]]) und Sonne ([[Surya]]); samau – gleich, im Gleichgewicht ([[Sama]]); kṛtvā – nachdem man gemacht hat ([[Kri]]); tayoḥ – der beiden ([[Tad]]); yogaḥ – Vereinigung, Yoga ([[Yoga]]); pravartate – tritt ein, vollzieht sich ([[Pravrit]]).
 
'''129. Vers Yoga Bija: Die Vereinigung von Shiva und Shakti'''
 
गुणत्रयादतीतः स्याद्ग्रन्थित्रयविभेदकः ।<br>
शिवशक्तिसमायोगाज्जायते परमा स्थितिः ॥ १२९ ॥<br>
 
guṇatrayād atītaḥ syād granthitrayavibhedakaḥ |<br>
śivaśaktisamāyogāj jāyate paramā sthitiḥ || 129 ||<br>
 
'''Durch das Durchbrechen der drei Granthis gelangt der Yogi über die drei Gunas hinaus. Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entsteht der höchste Zustand.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': guṇa-trayāt – über die drei ([[Traya]]) Gunas ([[Guna]]) hinaus; atītaḥ – hinausgegangen, transzendiert ([[Atita]]); syāt – wird, ist ([[As]]); granthi-traya – die drei Granthis ([[Granthi]], [[Traya]]); vibhedakaḥ – durchbrechend, auflösend ([[Vibheda]]); śiva-śakti-samāyogāt – durch die Vereinigung ([[Samyoga]]) von [[Shiva]] und [[Shakti]]; jāyate – entsteht ([[Jan]]); paramā – höchste ([[Parama]]); sthitiḥ – Zustand, Verweilen ([[Sthiti]]).
 
'''130. Vers Yoga Bija: Der Prana wird in die Sushumna geführt'''
 
यथा करी करेणैव पानीयं प्रपिबेत्सदा ।<br>
सुषुम्णावक्त्रनलिनं पवमानं ग्रसेत्तथा ॥ १३० ॥<br>
 
yathā karī kareṇaiva pānīyaṃ prapibet sadā |<br>
suṣumṇāvaktranalinaṃ pavamānaṃ graset tathā || 130 ||<br>
 
'''So wie ein Elefant mit seinem Rüssel Wasser einzieht, so soll der Lebenswind in die lotusartige Öffnung der Sushumna eingezogen werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yathā – wie ([[Yatha]]); karī – Elefant ([[Karin]]); kareṇa – mit dem Rüssel, wörtlich „mit der Hand“ ([[Kara]]); eva – eben, gerade ([[Eva]]); pānīyam – Wasser, Getränk ([[Paniya]]); prapibet – soll trinken, einziehen ([[Pa]]); sadā – stets ([[Sada]]); suṣumṇā – [[Sushumna]]; vaktra – Öffnung, Mund ([[Vaktra]]); nalinam – Lotus ([[Nalina]]); pavamānam – Lebenswind, sich bewegender Wind ([[Pavamana]]); graset – soll aufnehmen, einziehen ([[Gras]]); tathā – ebenso ([[Tatha]]).
 
'''131. Vers Yoga Bija: Einundzwanzig Perlen in der Sushumna'''
 
वज्रदण्डेन सम्भूता मणयश्चैकविंशतिः ।<br>
सुषुम्णायां स्थिताः सर्वे सूत्रे मणिगणा इव ॥ १३१ ॥<br>
 
vajradaṇḍena sambhūtā maṇayaś caikaviṃśatiḥ |<br>
suṣumṇāyāṃ sthitāḥ sarve sūtre maṇigaṇā iva || 131 ||<br>
 
'''Am Vajradanda befinden sich einundzwanzig Perlen. Sie alle liegen an der Sushumna wie eine Reihe von Perlen auf einem Faden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vajra-daṇḍena – am bzw. durch den Vajra-Stab ([[Vajra]], [[Danda]]); sambhūtāḥ – entstanden, vorhanden ([[Sambhuta]]); maṇayaḥ – Edelsteine, Perlen ([[Mani]]); eka-viṃśatiḥ – einundzwanzig ([[Ekavimshati]]); suṣumṇāyām – in bzw. an der [[Sushumna]]; sthitāḥ – befindlich ([[Sthita]]); sarve – alle ([[Sarva]]); sūtre – auf einem Faden ([[Sutra]]); maṇi-gaṇāḥ – eine Reihe bzw. Gruppe ([[Gana]]) von Perlen ([[Mani]]); iva – wie ([[Iva]]).
 
'''132. Vers Yoga Bija: Sushumna ist der Weg zur Befreiung'''
 
मोक्षमार्गे प्रसिद्धा सा सुषुम्णा विश्वधारिणी ।<br>
यत्र वै निर्जितः कालश्चन्द्रसूर्यनिबन्धनात् ॥ १३२ ॥<br>
 
mokṣamārge prasiddhā sā suṣumṇā viśvadhāriṇī |<br>
yatra vai nirjitaḥ kālaś candrasūryanibandhanāt || 132 ||<br>
 
'''Diese Sushumna, welche die Welt trägt, ist als Weg zur Befreiung bekannt. In ihr wird die Zeit durch die Verbindung von Mond und Sonne überwunden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': mokṣa-mārge – auf dem Weg ([[Marga]]) zur Befreiung ([[Moksha]]); prasiddhā – bekannt, berühmt ([[Prasiddha]]); sā – sie ([[Tad]]); suṣumṇā – [[Sushumna]]; viśva-dhāriṇī – die Welt ([[Vishva]]) tragend ([[Dharini]]); yatra – wo, in welcher ([[Yatra]]); vai – wahrlich ([[Vai]]); nirjitaḥ – besiegt, überwunden ([[Nirjita]]); kālaḥ – Zeit, Tod ([[Kala]]); candra-sūrya-nibandhanāt – durch das Verbinden ([[Nibandhana]]) von Mond ([[Chandra]]) und Sonne ([[Surya]]).
 
'''133. Vers Yoga Bija: Vollständiges Kumbhaka'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
आपूर्य कुम्भितो वायुर्बहिर्नो याति साधकैः ॥ १३३ ॥<br>
 
āpūrya kumbhito vāyur bahir no yāti sādhakaiḥ || 133 ||<br>
 
'''Nachdem der Atem vollständig eingezogen und im Kumbhaka gehalten wurde, lassen die Übenden ihn nicht nach außen entweichen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': āpūrya – vollständig füllend, nachdem man eingeatmet hat ([[Puraka]]); kumbhitaḥ – im Kumbhaka angehalten ([[Kumbhaka]]); vāyuḥ – Lebenswind, Atem ([[Vayu]]); bahiḥ – nach außen ([[Bahis]]); no yāti – geht nicht ([[Na]], [[Ya]]); sādhakaiḥ – von den Übenden ([[Sadhaka]]).
 
'''134. Vers Yoga Bija: Das westliche Tor und die neun Öffnungen'''
 
पुनः पुनस्तद्वदेतत्पश्चिमद्वारलक्षणम् ।<br>
पूरितस्तु नवद्वारैरीषत्कुम्भकतां गतः ॥ १३४ ॥<br>
 
punaḥ punas tadvad etat paścimadvāralakṣaṇam |<br>
pūritas tu navadvārair īṣat kumbhakatāṃ gataḥ || 134 ||<br>
 
'''Dies wird immer wieder auf diese Weise geübt und ist das Kennzeichen des „westlichen Tores“. Während die neun Tore verschlossen beziehungsweise mit Prana erfüllt sind, geht der Atem in den Zustand des Kumbhaka über.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': punaḥ punaḥ – immer wieder ([[Punar]]); tadvat – ebenso, auf diese Weise ([[Tadvat]]); etat – dies ([[Etad]]); paścima-dvāra-lakṣaṇam – Kennzeichen ([[Lakshana]]) des westlichen ([[Pashchima]]) Tores ([[Dvara]]); pūritaḥ – gefüllt ([[Purita]]); tu – nun, aber ([[Tu]]); nava-dvāraiḥ – durch die neun ([[Nava]]) Tore bzw. Körperöffnungen ([[Dvara]]); īṣat – leicht, subtil ([[Ishat]]); kumbhakatām – in den Zustand des [[Kumbhaka]]; gataḥ – gelangt ([[Gata]]).
 
'''135. Vers Yoga Bija: Der Prana tritt in den westlichen Weg ein'''
 
प्रविशेत्सर्वगात्रेषु वायुः पश्चिममार्गतः ।<br>
रेचके क्षीणतां याते पूरकं शोषयेत्सदा ॥ १३५ ॥<br>
 
praviśet sarvagātreṣu vāyuḥ paścimamārgataḥ |<br>
recake kṣīṇatāṃ yāte pūrakaṃ śoṣayet sadā || 135 ||<br>
 
'''Der Lebenswind soll vom westlichen Weg aus alle Glieder des Körpers durchdringen. Wenn der Rechaka bis zur vollständigen Entleerung geführt ist, soll der Puraka wieder vollständig eingezogen werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': praviśet – soll eintreten, eindringen ([[Pravish]]); sarva-gātreṣu – in alle ([[Sarva]]) Körperglieder ([[Gatra]]); vāyuḥ – Lebenswind ([[Vayu]]); paścima-mārgataḥ – vom westlichen Weg ([[Pashchima]], [[Marga]]); recake – beim Ausatmen ([[Rechaka]]); kṣīṇatām – zur Erschöpfung, völligen Entleerung ([[Kshina]]); yāte – gelangt ([[Yata]]); pūrakam – Einatmung, [[Puraka]]; śoṣayet – soll einziehen, „austrocknen“, vollständig aufnehmen ([[Shush]]); sadā – stets ([[Sada]]).
 
'''136. Vers Yoga Bija: Das Geheimzeichen der Nathas'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
स एव नाथसंकेतः सिद्धसंकेतलक्षणः ॥ १३६ ॥<br>
 
sa eva nāthasaṃketaḥ siddhasaṃketalakṣaṇaḥ || 136 ||<br>
 
'''Dies allein ist das geheime Zeichen der Nathas und das Kennzeichen des Geheimnisses der Siddhas.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': saḥ eva – eben dies, dies allein ([[Tad]], [[Eva]]); nātha-saṃketaḥ – Geheimzeichen, geheime Lehre ([[Sanketa]]) der [[Natha]]s; siddha-saṃketa – Geheimnis der [[Siddha]]s; lakṣaṇaḥ – Kennzeichen ([[Lakshana]]).
 
'''137. Vers Yoga Bija: Durch die Gnade des Gurus werden Prana und Geist gemeistert'''
Versmaß: Indravaṃśā
गुरुप्रसादान्मरुदेव साधितस्<br>
तेनैव चित्तं पवनेन साधितम् ।<br>
स एव योगी स जितेन्द्रियः सुखी<br>
मूढा न जानन्ति कुतर्कवादिनः ॥ १३७ ॥<br>
 
guruprasādān marud eva sādhitas<br>
tenaiva cittaṃ pavanena sādhitam |<br>
sa eva yogī sa jitendriyaḥ sukhī |<br>
mūḍhā na jānanti kutarkavādinaḥ || 137 ||<br>
 
'''Durch die Gnade des Gurus wird der Lebenswind gemeistert; durch eben diesen Lebenswind wird der Geist gemeistert. Dieser allein ist ein Yogi: Er hat die Sinne bezwungen und ruht im Glück. Die Verblendeten, die sich in falschen Argumentationen verlieren, erkennen dies nicht.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': guru-prasādāt – durch die Gnade ([[Prasada]]) des [[Guru]]; marut – Lebenswind ([[Marut]]); eva – allein, eben ([[Eva]]); sādhitaḥ – gemeistert, verwirklicht ([[Sadhita]]); tena eva – eben durch ihn ([[Tad]], [[Eva]]); cittam – Geist, Gemüt ([[Chitta]]); pavanena – durch den Lebenswind ([[Pavana]]); saḥ eva yogī – dieser allein ist ein Yogi ([[Yogin]]); jitendriyaḥ – einer, der die Sinne ([[Indriya]]) gemeistert hat ([[Jita]]); sukhī – glücklich, im Glück ruhend ([[Sukhin]]); mūḍhāḥ – die Verblendeten, Toren ([[Mudha]]); na jānanti – erkennen nicht ([[Jna]]); kutarka-vādinaḥ – Vertreter falscher bzw. schlechter Argumentation ([[Kutarka]], [[Vadin]]).
 
'''138. Vers Yoga Bija: Auflösung von Geist und Prana'''
Versmaß: Upajāti
चित्तं हि नष्टं यदि मारुते स्यात्<br>
तत्र प्रतीतो मरुतोऽपि नाशः ।<br>
न चेदिदं स्यान्न तु तस्य शास्त्रं<br>
नात्मप्रतीतिर्न गुरुर्न मोक्षः ॥ १३८ ॥<br>
 
cittaṃ hi naṣṭaṃ yadi mārute syāt<br>
tatra pratīto maruto ’pi nāśaḥ |<br>
na ced idaṃ syān na tu tasya śāstraṃ<br>
nātmapratītir na gurur na mokṣaḥ || 138 ||<br>
 
'''Wenn durch den Lebenswind der Geist vollständig zur Ruhe gekommen ist, wird darin auch das Zur-Ruhe-Kommen des Lebenswindes erfahren. Wäre dies nicht möglich, hätten für ihn weder Schrift noch Selbsterkenntnis, Guru oder Befreiung einen wirklichen Sinn.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': cittam – Geist, Gemüt ([[Chitta]]); hi – wahrlich, gewiss ([[Hi]]); naṣṭam – aufgelöst, verschwunden ([[Nashta]]); yadi – wenn ([[Yadi]]); mārute – durch bzw. beim Lebenswind ([[Maruta]]); syāt – wäre, ist ([[As]]); tatra – dort, darin ([[Tatra]]); pratītaḥ – erfahren, erkannt ([[Pratita]]); marutaḥ – des Lebenswindes ([[Marut]]); api – auch ([[Api]]); nāśaḥ – Auflösung, Verschwinden ([[Nasha]]); na cet – wenn nicht ([[Na]], [[Chet]]); śāstram – Schrift, Lehrwerk ([[Shastra]]); ātma-pratītiḥ – unmittelbare Erkenntnis ([[Pratiti]]) des Selbst ([[Atman]]); guruḥ – Guru ([[Guru]]); mokṣaḥ – Befreiung ([[Moksha]]).
 
'''139. Vers Yoga Bija: Die Brahma Nadi zieht die Dhatus empor'''
 
तुम्बिका रोधिता यद्वद्बलादाकर्षति ध्रुवम् ।<br>
ब्रह्मनाडी तथा धातून् सन्तताभ्यासयोगतः ॥ १३९ ॥<br>
 
tumbikā rodhitā yadvad balād ākarṣati dhruvam |<br>
brahmanāḍī tathā dhātūn santatābhyāsayogataḥ || 139 ||<br>
 
'''Wie ein verschlossenes Kürbisgefäß durch Unterdruck kräftig Flüssigkeit anzieht, so zieht die Brahma Nadi durch beständige Yogapraxis die Dhatus nach oben.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tumbikā – Flaschenkürbis, Kürbisgefäß ([[Tumbika]]); rodhitā – verschlossen, blockiert ([[Rodhita]]); yadvat – so wie ([[Yadvat]]); balāt – mit Kraft, kraftvoll ([[Bala]]); ākarṣati – zieht an, zieht empor ([[Akarsh]]); dhruvam – gewiss, sicher ([[Dhruva]]); brahma-nāḍī – [[Brahma Nadi]]; tathā – ebenso ([[Tatha]]); dhātūn – die Dhatus, Grundbestandteile ([[Dhatu]]); santata – beständig, ununterbrochen ([[Santata]]); abhyāsa-yogataḥ – durch Yogapraxis ([[Abhyasa]], [[Yoga]]).
 
'''140. Vers Yoga Bija: Der Geist löst sich auf und Bindu fällt nicht herab'''
 
अनेनाभ्यासयोगेन नित्यमासनबन्धतः ।<br>
चित्तं विलीनतामेति बिन्दुर्नो यात्यधस्तथा ॥ १४० ॥<br>
 
anenābhyāsayogena nityam āsanabandhataḥ |<br>
cittaṃ vilīnatām eti bindur no yāty adhas tathā || 140 ||<br>
 
'''Durch diese beständige Yogapraxis mit Asana und Bandha gelangt der Geist zur Auflösung; zugleich fällt Bindu nicht mehr nach unten.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': anena – durch diese ([[Idam]]); abhyāsa-yogena – durch die Yogapraxis ([[Abhyasa]], [[Yoga]]); nityam – beständig ([[Nitya]]); āsana-bandhataḥ – durch [[Asana]] und [[Bandha]]; cittam – Geist ([[Chitta]]); vilīnatām – in Auflösung, zum Verschmolzensein ([[Vilina]]); eti – gelangt ([[I]]); binduḥ – Bindu, Essenz ([[Bindu]]); no yāti – geht nicht ([[Na]], [[Ya]]); adhaḥ – nach unten ([[Adhas]]); tathā – ebenso ([[Tatha]]).
 
'''141. Vers Yoga Bija: Innere Klänge und der Mondnektar'''
 
रेचकं पूरकं कृत्वा वायुना स्थीयते चिरम् ।<br>
नानानादाः प्रवर्तन्ते संस्रवेच्चन्द्रमण्डलम् ॥ १४१ ॥<br>
 
recakaṃ pūrakaṃ kṛtvā vāyunā sthīyate ciram |<br>
nānānādāḥ pravartante saṃsravec candramaṇḍalam || 141 ||<br>
 
'''Durch Rechaka und Puraka wird der Lebenswind lange zur Ruhe gebracht. Verschiedene innere Klänge treten hervor, und aus der Mondsphäre beginnt der Nektar zu strömen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': recakam – Ausatmung ([[Rechaka]]); pūrakam – Einatmung ([[Puraka]]); kṛtvā – nachdem man ausgeführt hat ([[Kri]]); vāyunā – durch den Lebenswind ([[Vayu]]); sthīyate – wird verweilt, bleibt ruhig ([[Stha]]); ciram – lange ([[Chira]]); nānā-nādāḥ – verschiedene ([[Nana]]) innere Klänge ([[Nada]]); pravartante – treten hervor ([[Pravrit]]); saṃsravet – möge strömen, fließen ([[Sru]]); candra-maṇḍalam – Mondsphäre ([[Chandra]], [[Mandala]]).
 
'''142. Vers Yoga Bija: Verweilen in Sat-Chit-Ananda'''
 
नश्यन्ति क्षुत्पिपासाद्याः सर्वदोषास्तथा सदा ।<br>
स्वरूपे सच्चिदानन्दे स्थितिमाप्नोति केवलम् ॥ १४२ ॥<br>
 
naśyanti kṣutpipāsādyāḥ sarvadoṣās tathā sadā |<br>
svarūpe saccidānande sthitim āpnoti kevalam || 142 ||<br>
 
'''Hunger, Durst und die übrigen Störungen verschwinden. Der Yogi gelangt schließlich zum beständigen Verweilen in seinem wahren Wesen, in Sat-Chit-Ananda.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': naśyanti – verschwinden ([[Nash]]); kṣut – Hunger ([[Kshudh]]); pipāsā – Durst ([[Pipasa]]); ādyāḥ – und Ähnliches ([[Adi]]); sarva-doṣāḥ – alle ([[Sarva]]) Störungen, Fehler ([[Dosha]]); svarūpe – im eigenen wahren Wesen ([[Svarupa]]); sat-cit-ānande – in Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit ([[Sat]], [[Chit]], [[Ananda]]); sthitim – Zustand, festes Verweilen ([[Sthiti]]); āpnoti – erlangt ([[Ap]]); kevalam – vollkommen, allein ([[Kevala]]).
 
'''143. Vers Yoga Bija: Mantra, Hatha, Laya und Raja Yoga'''
 
कथितं तु तव प्रीत्या एतदभ्यासलक्षणम् ।<br>
मन्त्रो हठो लयो राजयोगान्तर्भूमिकाः क्रमात् ॥ १४३ ॥<br>
 
kathitaṃ tu tava prītyā etad abhyāsalakṣaṇam |<br>
mantro haṭho layo rājayogāntarbhūmikāḥ kramāt || 143 ||<br>
 
'''Aus Zuneigung zu dir habe ich die Kennzeichen dieser Praxis erklärt. Mantra Yoga, Hatha Yoga, Laya Yoga und Raja Yoga sind der Reihe nach die aufeinanderfolgenden Stufen des Yoga.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kathitam – wurde erklärt ([[Kathita]]); tava – dir, für dich ([[Tvam]]); prītyā – aus Zuneigung, Liebe ([[Priti]]); etat – dieses ([[Etad]]); abhyāsa-lakṣaṇam – Kennzeichen ([[Lakshana]]) der Praxis ([[Abhyasa]]); mantraḥ – Mantra Yoga ([[Mantra Yoga]]); haṭhaḥ – Hatha Yoga ([[Hatha Yoga]]); layaḥ – Laya Yoga ([[Laya Yoga]]); rāja-yoga – Raja Yoga ([[Raja Yoga]]); antar-bhūmikāḥ – innere bzw. aufeinanderfolgende Stufen ([[Bhumika]]); kramāt – der Reihe nach ([[Krama]]).
 
'''144. Vers Yoga Bija: Der eine vierfache Mahayoga'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
एक एव चतुर्धोऽयं महायोगोऽभिधीयते ॥ १४४ ॥<br>
 
eka eva caturdho ’yaṃ mahāyogo ’bhidhīyate || 144 ||<br>
 
'''Dieser Mahayoga ist in Wahrheit ein einziger Yoga, wird aber als vierfach bezeichnet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ekaḥ – einer, ein einziger ([[Eka]]); eva – wahrlich, eben ([[Eva]]); caturdhā – vierfach, auf vierfache Weise ([[Chaturdha]]); ayam – dieser ([[Ayam]]); mahā-yogaḥ – der große Yoga, Mahayoga ([[Mahayoga]]); abhidhīyate – wird bezeichnet, genannt ([[Abhidha]]).
 
'''145. Vers Yoga Bija: Die vier Arten des Yoga'''
 
'''Devi sprach:'''
कथयेदं महादेव योगतत्त्वं चतुर्विधम् ।<br>
भूमिकां सिद्धसिद्धान्तां यथाभूतां क्रमान्मम ॥ १४५ ॥<br>
 
kathayedaṃ mahādeva yogatattvaṃ caturvidham |<br>
bhūmikāṃ siddhasiddhāntāṃ yathābhūtāṃ kramān mama || 145 ||<br>
 
'''O Mahadeva, erkläre mir dieses vierfache Wesen des Yoga und seine Stufen, wie sie gemäß der Lehre der Siddhas tatsächlich beschaffen sind, der Reihe nach.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kathaya – erkläre ([[Kath]]); idam – dieses ([[Idam]]); mahādeva – o [[Mahadeva]]; yoga-tattvam – Wesen, Prinzip ([[Tattva]]) des Yoga ([[Yoga]]); catur-vidham – vierfach, von vier Arten ([[Chatur]], [[Vidha]]); bhūmikām – Stufe, Ebene ([[Bhumika]]); siddha-siddhāntām – gemäß der Lehre bzw. dem Siddhanta der Siddhas ([[Siddha]], [[Siddhanta]]); yathā-bhūtām – wie sie tatsächlich ist, der Wirklichkeit entsprechend ([[Yathabhuta]]); kramāt – der Reihe nach ([[Krama]]); mama – mir, für mich ([[Mad]]).
 
'''146. Vers Yoga Bija: Der Hamsa Mantra im Atem'''
 
'''Ishvara sprach:'''
हकारेण बहिर्याति सकारेण विशेन्मरुत् ।<br>
हंस हंसेति मन्त्रोऽयं सर्वजीवा जपन्ति तम् ॥ १४६ ॥<br>
 
hakāreṇa bahir yāti sakāreṇa viśen marut |<br>
haṃsa haṃseti mantro ’yam sarvajīvā japanti tam || 146 ||<br>
 
'''Mit dem Laut „Ha“ geht der Lebenswind nach außen, mit dem Laut „Sa“ tritt er ein. So wiederholen alle Lebewesen unablässig den Mantra „Hamsa, Hamsa“.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ha-kāreṇa – mit dem Laut bzw. Buchstaben Ha ([[Hakara]]); bahiḥ – nach außen ([[Bahis]]); yāti – geht ([[Ya]]); sa-kāreṇa – mit dem Laut Sa ([[Sakara]]); viśet – tritt ein ([[Vish]]); marut – Lebenswind, Atem ([[Marut]]); haṃsa haṃsa – „Hamsa, Hamsa“ ([[Hamsa]]); iti – so ([[Iti]]); mantraḥ – Mantra ([[Mantra]]); ayam – dieser ([[Ayam]]); sarva-jīvāḥ – alle ([[Sarva]]) Lebewesen ([[Jiva]]); japanti – wiederholen, rezitieren ([[Japa]]); tam – ihn ([[Tad]]).
 
'''147. Vers Yoga Bija: Soham und Mantra Yoga'''
 
गुरुवाक्यात्सुषुम्णायां विपरीतो भवेज्जपः ।<br>
सोऽहं सोऽहमिति प्राप्तो मन्त्रयोगः स उच्यते ॥ १४७ ॥<br>
 
guruvākyāt suṣumṇāyāṃ viparīto bhavej japaḥ |<br>
so ’haṃ so ’ham iti prāpto mantrayogaḥ sa ucyate || 147 ||<br>
 
'''Durch die Unterweisung des Gurus wird dieser Japa in der Sushumna umgekehrt: „Soham, Soham – Ich bin Das.“ Wenn dies verwirklicht ist, wird es Mantra Yoga genannt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': guru-vākyāt – aufgrund der Unterweisung, des Wortes ([[Vakya]]) des [[Guru]]; suṣumṇāyām – in der [[Sushumna]]; viparītaḥ – umgekehrt, entgegengesetzt ([[Viparita]]); bhavet – wird ([[Bhu]]); japaḥ – Mantra-Wiederholung ([[Japa]]); so ’ham – „Das bin ich“, [[Soham]]; iti – so ([[Iti]]); prāptaḥ – erreicht, verwirklicht ([[Prapta]]); mantra-yogaḥ – [[Mantra Yoga]]; ucyate – wird genannt ([[Vach]]).
 
'''148. Vers Yoga Bija: Ha ist Sonne und Tha ist Mond'''
 
प्रतीतिर्वायुयोगाच्च जायते पश्चिमे पथि ।<br>
हकारेण तु सूर्योऽसौ ठकारेणेन्दुरुच्यते ॥ १४८ ॥<br>
 
pratītir vāyuyogāc ca jāyate paścime pathi |<br>
hakāreṇa tu sūryo ’sau ṭhakāreṇendur ucyate || 148 ||<br>
 
'''Durch die Vereinigung des Lebenswindes entsteht die unmittelbare Erfahrung auf dem westlichen Weg. Der Laut „Ha“ bezeichnet die Sonne, der Laut „Tha“ den Mond.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pratītiḥ – unmittelbare Erfahrung, Erkenntnis ([[Pratiti]]); vāyu-yogāt – durch die Vereinigung ([[Yoga]]) des Lebenswindes ([[Vayu]]); ca – und ([[Cha]]); jāyate – entsteht ([[Jan]]); paścime pathi – auf dem westlichen ([[Pashchima]]) Weg ([[Pathin]]); ha-kāreṇa – durch den Laut Ha ([[Hakara]]); sūryaḥ – Sonne ([[Surya]]); asau – diese ([[Asau]]); ṭha-kāreṇa – durch den Laut Tha ([[Thakara]]); induḥ – Mond ([[Indu]]); ucyate – wird bezeichnet ([[Vach]]).
 
'''149. Vers Yoga Bija: Die Bedeutung von Hatha Yoga'''
 
सूर्याचन्द्रमसोरैक्यं हठ इत्यभिदीयते ।<br>
हठेन ग्रस्यते जाड्यं सर्वदोषसमुद्भवम् ॥ १४९ ॥<br>
 
sūryācandramasor aikyaṃ haṭha ity abhidīyate |<br>
haṭhena grasyate jāḍyaṃ sarvadoṣasamudbhavam || 149 ||<br>
 
'''Die Einheit von Sonne und Mond wird Hatha genannt. Durch Hatha wird jene Trägheit beziehungsweise stoffliche Begrenztheit verschlungen, aus der alle Störungen entstehen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sūrya – Sonne ([[Surya]]); candramasoḥ – des Mondes ([[Chandra]]); aikyam – Einheit, Einssein ([[Aikya]]); haṭhaḥ – Hatha ([[Hatha Yoga]]); iti – so ([[Iti]]); abhidīyate – wird bezeichnet ([[Abhidha]]); haṭhena – durch Hatha ([[Hatha]]); grasyate – wird verschlungen, beseitigt ([[Gras]]); jāḍyam – Trägheit, Dumpfheit, Stofflichkeit ([[Jadya]]); sarva-doṣa-samudbhavam – Ursprung ([[Samudbhava]]) aller ([[Sarva]]) Störungen ([[Dosha]]).
 
'''150. Vers Yoga Bija: Vereinigung von Kshetrajna und Paramatman'''
 
क्षेत्रज्ञपरमात्मानौ तयोरैक्यं यदा भवेत् ।<br>
तदैक्ये साधिते देवि चित्तं याति विलीनताम् ॥ १५० ॥<br>
 
kṣetrajñaparamātmānau tayor aikyaṃ yadā bhavet |<br>
tadaikye sādhite devi cittaṃ yāti vilīnatām || 150 ||<br>
 
'''Wenn Kshetrajna, das erkennende individuelle Bewusstsein, und Paramatman zur Einheit gelangen, dann, o Devi, löst sich der Geist auf, sobald dieses Einssein verwirklicht ist.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kṣetrajña – der Kenner des Feldes, das erkennende Bewusstsein ([[Kshetrajna]]); parama-ātmānau – Paramatman, höchstes Selbst ([[Paramatman]]); tayoḥ – der beiden ([[Tad]]); aikyam – Einheit ([[Aikya]]); yadā – wenn ([[Yada]]); bhavet – entsteht ([[Bhu]]); tat-aikye – bei diesem Einssein ([[Aikya]]); sādhite – wenn es verwirklicht ist ([[Sadhita]]); devi – o Devi ([[Devi]]); cittam – Geist ([[Chitta]]); yāti – gelangt ([[Ya]]); vilīnatām – zur Auflösung ([[Vilina]]).
 
'''151. Vers Yoga Bija: Laya Yoga und die Glückseligkeit des Selbst'''
 
पवनः स्थैर्यमायाति लययोगोदये सति ।<br>
लयात्सम्प्राप्यते सौख्यं स्वात्मानन्दं परं पदम् ॥ १५१ ॥<br>
 
pavanaḥ sthairyam āyāti layayogodaye sati |<br>
layāt samprāpyate saukhyaṃ svātmānandaṃ paraṃ padam || 151 ||<br>
 
'''Wenn Laya Yoga entsteht, gelangt der Lebenswind zur völligen Ruhe. Durch Laya wird das höchste Glück erlangt: die Glückseligkeit des eigenen Selbst, der höchste Zustand.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pavanaḥ – Lebenswind ([[Pavana]]); sthairyam – Festigkeit, Ruhe ([[Sthairya]]); āyāti – erlangt, kommt zu ([[Ayati]]); laya-yoga-udaye – beim Entstehen ([[Udaya]]) des [[Laya Yoga]]; sati – wenn es besteht ([[Sat]]); layāt – durch Auflösung, Laya ([[Laya]]); samprāpyate – wird vollständig erreicht ([[Samprap]]); saukhyam – Glück, Wohlsein ([[Saukhya]]); sva-ātma-ānandam – Glückseligkeit ([[Ananda]]) des eigenen Selbst ([[Atman]]); param padam – höchster ([[Para]]) Zustand ([[Pada]]).
 
'''152. Vers Yoga Bija: Raja Yoga und der vierfache Yoga'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (erweiterter Vers)
अणिमादिपदे प्राप्ते राजते राजयोगतः ।<br>
प्राणापानसमायोगे ज्ञेयं योगचतुष्टयम् ।<br>
संक्षेपात्कथितं देवि नान्यथा शिवभाषितम् ॥ १५२ ॥<br>
 
aṇimādipade prāpte rājate rājayogataḥ |<br>
prāṇāpānasamāyoge jñeyaṃ yogacatuṣṭayam |<br>
saṃkṣepāt kathitaṃ devi nānyathā śivabhāṣitam || 152 ||<br>
 
'''Wenn der Zustand von Anima und den weiteren Siddhis erreicht ist, erstrahlt der Yogi durch Raja Yoga. In der Vereinigung von Prana und Apana ist die Vierheit des Yoga zu erkennen. So habe ich es dir kurz erklärt, o Devi – so lautet die Lehre Shivas und nicht anders.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': aṇimā-ādi-pade – im Zustand ([[Pada]]) von [[Anima]] und den weiteren Siddhis ([[Adi]]); prāpte – wenn erreicht ([[Prapta]]); rājate – erstrahlt, herrscht ([[Raj]]); rāja-yogataḥ – durch [[Raja Yoga]]; prāṇa-apāna-samāyoge – bei der Vereinigung ([[Samyoga]]) von [[Prana]] und [[Apana]]; jñeyam – ist zu erkennen ([[Jneya]]); yoga-catuṣṭayam – die Vierheit ([[Chatushtaya]]) des Yoga; saṃkṣepāt – kurz, zusammenfassend ([[Sankshepa]]); kathitam – erklärt ([[Kathita]]); devi – o Devi ([[Devi]]); na anyathā – nicht anders ([[Anyatha]]); śiva-bhāṣitam – von [[Shiva]] gesprochen.
 
'''153. Vers Yoga Bija: Der Weg der Krähe und der Weg des Affen'''
 
'''Devi sprach:'''
कथय त्वं महादेव काकमर्कटयोर्मतम् ।<br>
अन्यग्रन्थे त्वयोक्तं तु कथमेका द्वयोर्गतिः ॥ १५३ ॥<br>
 
kathaya tvaṃ mahādeva kākamarkaṭayor matam |<br>
anyagranthe tvayoktaṃ tu katham ekā dvayor gatiḥ || 153 ||<br>
 
'''O Mahadeva, erkläre mir die Lehre vom Weg der Krähe und vom Weg des Affen. Du hast sie in einer anderen Schrift erwähnt. Wie können zwei Wege letztlich ein und dasselbe Ziel haben?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kathaya – erkläre ([[Kath]]); tvam – du ([[Tvam]]); mahādeva – o [[Mahadeva]]; kāka – Krähe ([[Kaka]]); markaṭa – Affe ([[Markata]]); m atam – Lehre, Auffassung ([[Mata]]); any a-granthe – in einer anderen ([[Anya]]) Schrift ([[Grantha]]); tvayā uktam – von dir gesagt ([[Ukta]]); katham – wie ([[Katham]]); ekā – eine ([[Eka]]); dvayoḥ – der beiden ([[Dvi]]); gatiḥ – Weg, Ziel, Bestimmung ([[Gati]]).
 
'''154. Vers Yoga Bija: Es gibt nur einen großen Weg des Adinatha'''
 
'''Ishvara sprach:'''
सत्यमेतत्त्वयोक्तं ते कथयामि सुरेश्वरि ।<br>
आदिनाथमहामार्ग एक एव हि नान्यथा ॥ १५४ ॥<br>
 
satyam etat tvayoktaṃ te kathayāmi sureśvari |<br>
ādināthamahāmārga eka eva hi nānyathā || 154 ||<br>
 
'''Was du gesagt hast, ist wahr. Ich werde es dir erklären, o Herrin der Götter. Der große Weg des Adinatha ist in Wahrheit nur ein einziger – nicht anders.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': satyam – wahr ([[Satya]]); etat – dieses ([[Etad]]); tvayā uktam – von dir gesagt ([[Ukta]]); te – dir ([[Tvam]]); kathayāmi – ich erkläre ([[Kath]]); sureśvari – o Herrin der Götter ([[Sura]], [[Ishvari]]); ādinātha – [[Adinatha]]; mahā-mārgaḥ – großer ([[Maha]]) Weg ([[Marga]]); ekaḥ eva – nur einer ([[Eka]], [[Eva]]); hi – wahrlich ([[Hi]]); na anyathā – nicht anders ([[Anyatha]]).
 
'''155. Vers Yoga Bija: Der eine Weg erscheint zweifach'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
द्विधेव सम्प्रतीयेत तज्जन्मान्तरभेदतः ॥ १५५ ॥<br>
 
dvidheva sampratīyeta taj janmāntarabhedataḥ || 155 ||<br>
 
'''Er erscheint nur deshalb zweifach, weil sich die Entwicklung über verschiedene Geburten hinweg unterscheidet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': dvidhā – zweifach, auf zwei Arten ([[Dvidha]]); eva – nur, eben ([[Eva]]); sampratīyeta – erscheint, wird verstanden ([[Samprati]]); tat – das ([[Tad]]); janma-antara – weitere bzw. aufeinanderfolgende Geburten ([[Janma]], [[Antara]]); bhedataḥ – aufgrund des Unterschieds ([[Bheda]]).
 
'''156. Vers Yoga Bija: Das Ziel wird durch Übung erreicht'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
क्रमेण प्राप्यते प्राप्यमभ्यासादेव नान्यथा ॥ १५६ ॥<br>
 
krameṇa prāpyate prāpyam abhyāsād eva nānyathā || 156 ||<br>
 
'''Das zu erreichende Ziel wird Schritt für Schritt allein durch Übung erreicht – nicht auf andere Weise.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': krameṇa – schrittweise, der Reihe nach ([[Krama]]); prāpyate – wird erreicht ([[Prap]]); prāpyam – das zu Erreichende, das Ziel ([[Prapya]]); abhyāsāt – durch Übung ([[Abhyasa]]); eva – allein ([[Eva]]); na anyathā – nicht anders ([[Anyatha]]).
 
'''157. Vers Yoga Bija: Der Markata-Weg'''
 
एकेनैव शरीरेण योगाभ्यासाच्छनैः शनैः ।<br>
चिरात्सम्प्राप्यते सिद्धिर्मर्कटक्रम एव सः ॥ १५७ ॥<br>
 
ekenaiva śarīreṇa yogābhyāsāc chanaiḥ śanaiḥ |<br>
cirāt samprāpyate siddhir markaṭakrama eva saḥ || 157 ||<br>
 
'''Wenn innerhalb eines einzigen Lebens durch Yogapraxis Schritt für Schritt und über längere Zeit die Vollendung erreicht wird, ist dies der sogenannte Markata-Weg, der Weg des Affen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ekena eva – durch einen einzigen ([[Eka]]); śarīreṇa – Körper, ein Leben ([[Sharira]]); yoga-abhyāsāt – durch Yogapraxis ([[Yoga]], [[Abhyasa]]); śanaiḥ śanaiḥ – allmählich, Schritt für Schritt ([[Shanais]]); cirāt – nach langer Zeit ([[Chira]]); samprāpyate – wird vollständig erreicht ([[Samprap]]); siddhiḥ – Vollendung, Siddhi ([[Siddhi]]); markaṭa-kramaḥ – Weg bzw. Methode ([[Krama]]) des Affen ([[Markata]]); saḥ – dieser ([[Tad]]).
 
'''158. Vers Yoga Bija: Yogapraxis setzt sich über Geburten fort'''
 
योगसिद्धिं विना देहः प्रमादाद्यदि नश्यति ।<br>
पूर्ववासनया युक्तः शरीरं चान्यदाप्नुयात् ॥ १५८ ॥<br>
 
yogasiddhiṃ vinā dehaḥ pramādād yadi naśyati |<br>
pūrvavāsanayā yuktaḥ śarīraṃ cānyad āpnuyāt || 158 ||<br>
 
'''Wenn der Körper vergeht, bevor die Vollendung im Yoga erreicht wurde, gelangt der Übende aufgrund seiner früheren Vasanas in einen anderen Körper und setzt seine Entwicklung fort.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yoga-siddhim – Vollendung ([[Siddhi]]) im Yoga ([[Yoga]]); vinā – ohne ([[Vina]]); dehaḥ – Körper ([[Deha]]); pramādāt – aufgrund eines unvorhergesehenen Umstands, Nachlässigkeit ([[Pramada]]); yadi – wenn ([[Yadi]]); naśyati – vergeht ([[Nash]]); pūrva-vāsanayā – aufgrund früherer ([[Purva]]) Vasanas ([[Vasana]]); yuktaḥ – verbunden, ausgestattet ([[Yukta]]); śarīram – Körper ([[Sharira]]); anyat – einen anderen ([[Anya]]); āpnuyāt – möge bzw. kann erlangen ([[Ap]]).
 
'''159. Vers Yoga Bija: Begegnung mit dem Guru und schnelle Verwirklichung'''
 
ततः पुण्यवशात्सिद्धिर्गुरुणा सह सङ्गतिः ।<br>
पश्चिमद्वारमार्गेण जायते त्वरितं फलम् ॥ १५९ ॥<br>
 
tataḥ puṇyavaśāt siddhir guruṇā saha saṅgatiḥ |<br>
paścimadvāramārgeṇa jāyate tvaritaṃ phalam || 159 ||<br>
 
'''Dann führt sein spirituelles Verdienst zur Vollendung und zur Begegnung mit dem Guru. Durch den Weg des westlichen Tores entsteht die Frucht rasch.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tataḥ – dann, daraufhin ([[Tatas]]); puṇya-vaśāt – aufgrund der Kraft bzw. Wirkung des Verdienstes ([[Punya]], [[Vasha]]); siddhiḥ – Vollendung ([[Siddhi]]); guruṇā saha – zusammen mit dem [[Guru]]; saṅgatiḥ – Begegnung, Gemeinschaft ([[Sangati]]); paścima-dvāra-mārgeṇa – durch den Weg ([[Marga]]) des westlichen ([[Pashchima]]) Tores ([[Dvara]]); jāyate – entsteht ([[Jan]]); tvaritam – rasch ([[Tvarita]]); phalam – Frucht, Ergebnis ([[Phala]]).
 
'''160. Vers Yoga Bija: Der Kaka-Weg'''
 
पूर्वजन्मकृताभ्यासात्सत्वरं फलमश्नुते ।<br>
एतदेव हि विज्ञेयं तत्काकमतमुच्यते ॥ १६० ॥<br>
 
pūrvajanmakṛtābhyāsāt satvaraṃ phalam aśnute |<br>
etad eva hi vijñeyaṃ tat kākamatam ucyate || 160 ||<br>
 
'''Aufgrund der in früheren Geburten ausgeübten Praxis erfährt ein solcher Mensch sehr schnell die Frucht. Dies soll als Kaka-Weg, als Weg der Krähe, verstanden werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pūrva-janma – frühere ([[Purva]]) Geburt ([[Janma]]); kṛta-abhyāsāt – aufgrund der bereits ausgeführten ([[Krita]]) Praxis ([[Abhyasa]]); satvaram – sehr rasch, unmittelbar ([[Satvara]]); phalam – Frucht ([[Phala]]); aśnute – erlangt, erfährt ([[Ash]]); etat eva – eben dies ([[Etad]], [[Eva]]); hi – gewiss ([[Hi]]); vijñeyam – ist zu erkennen, zu verstehen ([[Vijneya]]); kāka-matam – Lehre bzw. Weg der Krähe ([[Kaka]], [[Mata]]); ucyate – wird genannt ([[Vach]]).
 
'''161. Vers Yoga Bija: Ohne Praxis keine Yoga-Siddhi'''
 
तस्मात्काकमतान्नास्ति त्वभ्यासाख्यमतः परम् ।<br>
न कर्मणा विना देवि योगसिद्धिः प्रजायते ॥ १६१ ॥<br>
 
tasmāt kākamatān nāsti tv abhyāsākhyamataḥ param |<br>
na karmaṇā vinā devi yogasiddhiḥ prajāyate || 161 ||<br>
 
'''Deshalb gibt es nichts Höheres als diesen auf fortgesetzter Übung beruhenden Kaka-Weg. Denn ohne die entsprechende Praxis entsteht keine Vollendung im Yoga, o Devi.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tasmāt – deshalb ([[Tasmat]]); kāka-matāt – als die Lehre bzw. der Weg der Krähe ([[Kaka]], [[Mata]]); na asti – gibt es nicht ([[Na]], [[Asti]]); abhyāsa-ākhya-mataḥ – als die „Übung“ ([[Abhyasa]]) genannte Lehre ([[Akhya]], [[Mata]]); param – Höheres ([[Para]]); karmaṇā – durch Tun, praktische Handlung ([[Karman]]); vinā – ohne ([[Vina]]); devi – o Devi ([[Devi]]); yoga-siddhiḥ – Vollendung im Yoga ([[Yoga]], [[Siddhi]]); prajāyate – entsteht ([[Prajan]]).
 
'''162. Vers Yoga Bija: Jede Verwirklichung braucht ihre Grundlage'''
 
ज्ञानं वा स्वर्गभोगो वा पुण्यहीनैर्न लभ्यते ।<br>
तस्मात्कार्यं तदेवं यद्यस्य यस्य हि साधनम् ॥ १६२ ॥<br>
 
jñānaṃ vā svargabhogo vā puṇyahīnair na labhyate |<br>
tasmāt kāryaṃ tad evaṃ yad yasya yasya hi sādhanam || 162 ||<br>
 
'''Weder Erkenntnis noch die Freuden des Himmels werden ohne entsprechendes spirituelles Verdienst erlangt. Deshalb soll für jedes Ziel genau diejenige Sadhana ausgeführt werden, die zu ihm führt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jñānam – Erkenntnis ([[Jnana]]); vā – oder ([[Va]]); svarga-bhogaḥ – Genuss, Erfahrung ([[Bhoga]]) des Himmels ([[Svarga]]); puṇya-hīnaiḥ – von Menschen ohne ([[Hina]]) Verdienst ([[Punya]]); na labhyate – wird nicht erlangt ([[Labh]]); tasmāt – deshalb ([[Tasmat]]); kāryam – soll getan werden ([[Karya]]); tat – das ([[Tad]]); yad yasya – was jeweils für dieses Ziel; sādhanam – Mittel, spirituelle Praxis ([[Sadhana]]).
 
'''163. Vers Yoga Bija: Ohne den westlichen Weg keine Befreiung'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (erweiterter Vers)
तेनैव प्राप्यते सिद्धिर्नान्यथा शिवभाषितम् ।<br>
नानाविधाः क्रमाः काष्ठाः सहजा वा लयादिकाः ।<br>
न तु तन्मोक्षमार्गे स्यात्प्रसिद्धं पश्चिमं विना ॥ १६३ ॥<br>
 
tenaiva prāpyate siddhir nānyathā śivabhāṣitam |<br>
nānāvidhāḥ kramāḥ kāṣṭhāḥ sahajā vā layādikāḥ |<br>
na tu tan mokṣamārge syāt prasiddhaṃ paścimaṃ vinā || 163 ||<br>
 
'''Nur durch das jeweils geeignete Mittel wird Vollendung erlangt – nicht anders, so hat Shiva gesprochen. Es gibt verschiedene Abfolgen und Stufen, Sahaja, Laya und andere Wege; doch auf dem Weg zur Befreiung wird nichts davon ohne den bekannten westlichen Weg vollendet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tena eva – allein dadurch ([[Tad]], [[Eva]]); prāpyate – wird erreicht ([[Prap]]); siddhiḥ – Vollendung ([[Siddhi]]); na anyathā – nicht anders ([[Anyatha]]); śiva-bhāṣitam – von [[Shiva]] gesprochen; nānā-vidhāḥ – verschiedenartig ([[Nana]], [[Vidha]]); kramāḥ – Abfolgen, Wege ([[Krama]]); kāṣṭhāḥ – Stufen, höchste Punkte ([[Kashtha]]); sahajāḥ – natürliche, spontane Zustände ([[Sahaja]]); laya-ādikāḥ – Laya ([[Laya]]) und weitere ([[Adi]]); mokṣa-mārge – auf dem Weg ([[Marga]]) zur Befreiung ([[Moksha]]); prasiddham – bekannt, anerkannt ([[Prasiddha]]); paścimam – der westliche Weg ([[Pashchima]]); vinā – ohne ([[Vina]]).
 
'''164. Vers Yoga Bija: Die ersten Früchte der Yogapraxis'''
 
अभ्यासस्य फलं देवि कथयाम्यधुना स्फुटम् ।<br>
आदौ रोगाः प्रणश्यन्ति पश्चाज्जाड्यं शरीरजम् ॥ १६४ ॥<br>
 
abhyāsasya phalaṃ devi kathayāmy adhunā sphuṭam |<br>
ādau rogāḥ praṇaśyanti paścāj jāḍyaṃ śarīrajam || 164 ||<br>
 
'''Nun werde ich dir klar die Früchte der Praxis erklären, o Devi. Zuerst verschwinden die Krankheiten, danach die im Körper entstandene Trägheit und Schwere.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': abhyāsasya – der Praxis ([[Abhyasa]]); phalam – Frucht, Ergebnis ([[Phala]]); devi – o Devi ([[Devi]]); kathayāmi – ich erkläre ([[Kath]]); adhunā – jetzt ([[Adhuna]]); sphuṭam – klar, deutlich ([[Sphuta]]); ādau – zuerst ([[Adi]]); rogāḥ – Krankheiten ([[Roga]]); praṇaśyanti – verschwinden vollständig ([[Pranash]]); paścāt – danach ([[Pashchat]]); jāḍyam – Trägheit, Schwere, Starrheit ([[Jadya]]); śarīra-jam – im Körper ([[Sharira]]) entstanden ([[Ja]]).
 
'''165. Vers Yoga Bija: Mondnektar, Feuer und Dhatus'''
 
ततः समरसो भूत्वा चन्द्रो वर्षत्यनारतम् ।<br>
धातून् च संग्रसेद्वह्निः पवनेन समन्ततः ॥ १६५ ॥<br>
 
tataḥ samaraso bhūtvā candro varṣaty anāratam |<br>
dhātūṃś ca saṃgrased vahniḥ pavanena samantataḥ || 165 ||<br>
 
'''Dann entsteht ein Zustand vollkommener Einheit, und der Mond lässt unaufhörlich seinen Nektar herabregnen. Das Feuer verwandelt zusammen mit dem Lebenswind die Dhatus vollständig.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tataḥ – dann ([[Tatas]]); sama-rasaḥ – von einem Geschmack, vollkommen vereinheitlicht ([[Samarasa]]); bhūtvā – geworden ([[Bhu]]); candraḥ – Mond ([[Chandra]]); varṣati – regnet, lässt herabströmen ([[Vrish]]); anāratam – ununterbrochen ([[Anarata]]); dhātūn – die Dhatus ([[Dhatu]]); ca – und ([[Cha]]); saṃgraset – verschlingt, nimmt vollständig auf ([[Gras]]); vahniḥ – Feuer ([[Vahni]]); pavanena – durch bzw. mit dem Lebenswind ([[Pavana]]); samantataḥ – vollständig, von allen Seiten ([[Samantatas]]).
 
'''166. Vers Yoga Bija: Innere Klänge und ein geschmeidiger Körper'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
नानानादाः प्रवर्तन्ते मार्दवं स्यात्कलेवरे ॥ १६६ ॥<br>
 
nānānādāḥ pravartante mārdavaṃ syāt kalevare || 166 ||<br>
 
'''Verschiedene innere Klänge treten hervor, und der Körper wird weich, geschmeidig und leicht.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nānā-nādāḥ – vielfältige ([[Nana]]) innere Klänge ([[Nada]]); pravartante – treten hervor ([[Pravrit]]); mārdavam – Weichheit, Geschmeidigkeit ([[Mardava]]); syāt – entsteht ([[As]]); kalevare – im Körper ([[Kalevara]]).
 
'''167. Vers Yoga Bija: Der Yogi wird zum Khechara'''
 
जित्वा पृथ्व्यादिकं जाड्यं खेचरः प्रसरेत्पुमान् ।<br>
सर्वज्ञोऽसौ भवेत्कामरूपः पवनवेगवान् ॥ १६७ ॥<br>
 
jitvā pṛthvyādikaṃ jāḍyaṃ khecaraḥ prasaret pumān |<br>
sarvajño ’sau bhavet kāmarūpaḥ pavanavegavān || 167 ||<br>
 
'''Nachdem der Mensch die Starrheit des Erdelements und der weiteren Elemente überwunden hat, wird er zum Khechara, der sich frei im Raum bewegen kann. Er wird allwissend, kann nach seinem Willen Gestalt annehmen und bewegt sich mit der Geschwindigkeit des Windes.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jitvā – nachdem er gemeistert hat ([[Ji]]); pṛthvī-ādikam – Erde ([[Prithvi]]) und die weiteren Elemente ([[Adi]]); jāḍyam – Starrheit, Stofflichkeit ([[Jadya]]); khecaraḥ – sich im Raum bewegend, Khechara ([[Khechara]]); prasaret – bewegt sich, schreitet fort ([[Prasar]]); pumān – Mensch, Yogi ([[Puman]]); sarvajñaḥ – allwissend ([[Sarvajna]]); asau – dieser ([[Asau]]); bhavet – wird ([[Bhu]]); kāma-rūpaḥ – von frei gewählter Gestalt ([[Kama]], [[Rupa]]); pavana-vegavān – mit der Geschwindigkeit ([[Vega]]) des Windes ([[Pavana]]).
 
'''168. Vers Yoga Bija: Siddhis und das Gleichnis vom Kampfer'''
 
क्रीडति त्रिषु लोकेषु जायन्ते सिद्धयोऽखिलाः ।<br>
कर्पूरे लीयमाने किं काठिन्यं तत्र विद्यते ॥ १६८ ॥<br>
 
krīḍati triṣu lokeṣu jāyante siddhayo ’khilāḥ |<br>
karpūre līyamāne kiṃ kāṭhinyaṃ tatra vidyate || 168 ||<br>
 
'''Er bewegt sich spielerisch in den drei Welten, und alle Siddhis entstehen. Wenn Kampfer sich vollständig auflöst, welche Härte könnte dann noch in ihm bestehen?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': krīḍati – spielt, bewegt sich spielerisch ([[Krida]]); triṣu lokeṣu – in den drei ([[Tri]]) Welten ([[Loka]]); jāyante – entstehen ([[Jan]]); siddhayaḥ – Siddhis, Vollkommenheiten ([[Siddhi]]); akhilāḥ – alle, vollständig ([[Akhila]]); karpūre – beim Kampfer ([[Karpura]]); līyamāne – wenn er sich auflöst ([[Laya]]); kim – welche?, was? ([[Kim]]); kāṭhinyam – Härte, Festigkeit ([[Kathinya]]); tatra – darin ([[Tatra]]); vidyate – besteht ([[Vid]]).
 
'''169. Vers Yoga Bija: Mit dem Ego verschwindet die Starrheit des Körpers'''
 
अहङ्कारलये तत्र देहे कठिनता कुतः ।<br>
सर्वज्ञः सर्वकर्ता च स्वतन्त्रो विश्वरूपवान् ॥ १६९ ॥<br>
 
ahaṅkāralaye tatra dehe kaṭhinatā kutaḥ |<br>
sarvajñaḥ sarvakartā ca svatantro viśvarūpavān || 169 ||<br>
 
'''Wenn sich Ahamkara aufgelöst hat, woher sollte dann noch Starrheit im Körper kommen? Der Yogi wird allwissend, vermag alles zu bewirken, ist vollkommen frei und trägt die Gestalt des gesamten Universums.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ahaṅkāra-laye – bei der Auflösung ([[Laya]]) des Ego bzw. [[Ahamkara]]; tatra – dann, dort ([[Tatra]]); dehe – im Körper ([[Deha]]); kaṭhinatā – Härte, Starrheit ([[Kathinata]]); kutaḥ – woher?, wie könnte? ([[Kutas]]); sarvajñaḥ – allwissend ([[Sarvajna]]); sarva-kartā – alles ([[Sarva]]) bewirkend ([[Kartri]]); ca – und ([[Cha]]); svatantraḥ – frei, unabhängig ([[Svatantra]]); viśva-rūpavān – von universaler Gestalt ([[Vishva]], [[Rupa]]).
 
'''170. Vers Yoga Bija: Der Jivanmukta bewegt sich frei durch die Welt'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
जीवन्मुक्तो भवेद्योगी स्वेच्छया भुवने भ्रमेत् ॥ १७० ॥<br>
 
jīvanmukto bhaved yogī svecchayā bhuvane bhramet || 170 ||<br>
 
'''Der Yogi wird zum Jivanmukta, zum zu Lebzeiten Befreiten, und bewegt sich nach seinem eigenen freien Willen durch die Welt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jīvan-muktaḥ – zu Lebzeiten befreit, [[Jivanmukta]]; bhavet – wird ([[Bhu]]); yogī – Yogi ([[Yogin]]); sva-icchayā – nach eigenem ([[Sva]]) Willen ([[Iccha]]); bhuvane – in der Welt, im Universum ([[Bhuvana]]); bhramet – möge sich bewegen, umherwandern ([[Bhram]]).
 
'''171. Vers Yoga Bija: Wozu dienen Siddhis?'''
 
'''Devi sprach:'''
यत्किञ्चित्कलनाजालं न तन्मोक्षाय शङ्कर ।<br>
सिद्धयः किं करिष्यन्ति निर्विकल्पे चिदात्मनि ॥ १७१ ॥<br>
 
yat kiñcit kalanājālaṃ na tan mokṣāya śaṅkara |<br>
siddhayaḥ kiṃ kariṣyanti nirvikalpe cidātmani || 171 ||<br>
 
'''Jedes Netz gedanklicher Vorstellungen kann doch nicht zur Befreiung führen, o Shankara. Was könnten Siddhis für das reine Bewusstseins-Selbst bewirken, das jenseits aller Vorstellungen und Unterscheidungen ist?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yat kiñcit – was auch immer, jegliches ([[Yad]], [[Kinchit]]); kalanā-jālam – Netz ([[Jala]]) gedanklicher Vorstellungen und Konstruktionen ([[Kalana]]); na – nicht ([[Na]]); tat – das ([[Tad]]); mokṣāya – zur Befreiung ([[Moksha]]); śaṅkara – o [[Shankara]]; siddhayaḥ – Siddhis ([[Siddhi]]); kim – was? ([[Kim]]); kariṣyanti – werden bewirken, tun ([[Kri]]); nirvikalpe – im vorstellungsfreien, unterscheidungslosen Zustand ([[Nirvikalpa]]); cit-ātmani – im Bewusstseins-Selbst ([[Chit]], [[Atman]]).
 
'''172. Vers Yoga Bija: Devis Zweifel'''
Versmaß: [[Anushtubh]] (Halbvers)
एवं मे संशयं नाथ छेत्तुमर्हसि पावन ॥ १७२ ॥<br>
 
evaṃ me saṃśayaṃ nātha chettum arhasi pāvana || 172 ||<br>
 
'''O Natha, o Reiner, bitte durchtrenne und beseitige diesen meinen Zweifel.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': evam – so, diesen ([[Evam]]); me – meinen, mir ([[Mad]]); saṃśayam – Zweifel ([[Samshaya]]); nātha – o Herr, o [[Natha]]; chettum – zu durchtrennen, zu beseitigen ([[Chid]]); arhasi – du mögest, du sollst ([[Arh]]); pāvana – o Reiner, Läuternder ([[Pavana]]).
 
'''173. Vers Yoga Bija: Zwei Arten von Siddhis'''
 
'''Ishvara sprach:'''
सत्यमेतत्त्वयोक्तं ते वदामि शृणु सुन्दरि ।<br>
द्विविधाः सिद्धयो लोके कल्पिताकल्पिताः शिवे ॥ १७३ ॥<br>
 
satyam etat tvayoktaṃ te vadāmi śṛṇu sundari |<br>
dvividhāḥ siddhayo loke kalpitākalpitāḥ śive || 173 ||<br>
 
'''Was du gesagt hast, ist wahr. Höre, o Schöne, ich werde es dir erklären. In der Welt gibt es zwei Arten von Siddhis: hervorgebrachte und nicht hervorgebrachte, o Shiva.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': satyam – wahr ([[Satya]]); etat – dieses ([[Etad]]); tvayā uktam – von dir gesagt ([[Ukta]]); vadāmi – ich erkläre, sage ([[Vad]]); śṛṇu – höre ([[Shru]]); sundari – o Schöne ([[Sundari]]); dvi-vidhāḥ – von zweierlei Art ([[Dvi]], [[Vidha]]); siddhayaḥ – Siddhis ([[Siddhi]]); loke – in der Welt ([[Loka]]); kalpitāḥ – hervorgebracht, erzeugt, konstruiert ([[Kalpita]]); akalpitāḥ – nicht hervorgebracht, spontan ([[Akalpita]]); śive – o Shiva, o Glückverheißende ([[Shiva]]).
 
'''174. Vers Yoga Bija: Hervorgebrachte Siddhis'''
 
रसौषधिक्रियाकालमन्त्रक्षेत्रादिसाधनात् ।<br>
सिद्ध्यन्ति सिद्धयो यास्तु कल्पितास्ताः प्रकीर्तिताः ॥ १७४ ॥<br>
 
rasauṣadhikriyākālamantrakṣetrādisādhanāt |<br>
siddhyanti siddhayo yās tu kalpitās tāḥ prakīrtitāḥ || 174 ||<br>
 
'''Siddhis, die durch alchemistische Elixiere, Heilpflanzen, bestimmte Handlungen, geeignete Zeiten, Mantras, heilige Orte und ähnliche Mittel erreicht werden, bezeichnet man als hervorgebrachte Siddhis.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': rasa – Essenz, alchemistisches Elixier, Quecksilber ([[Rasa]]); auṣadhi – Heilpflanze, Arznei ([[Aushadhi]]); kriyā – Handlung, Praxis, Ritual ([[Kriya]]); kāla – Zeit, geeigneter Zeitpunkt ([[Kala]]); mantra – Mantra ([[Mantra]]); kṣetra – Ort, Feld, heiliger Ort ([[Kshetra]]); ādi – und Ähnliches ([[Adi]]); sādhanāt – durch entsprechende Mittel bzw. Praxis ([[Sadhana]]); siddhyanti – werden verwirklicht ([[Sidh]]); siddhayaḥ – Siddhis ([[Siddhi]]); kalpitāḥ – hervorgebracht, erzeugt ([[Kalpita]]); prakīrtitāḥ – werden bezeichnet, gelehrt ([[Prakirtita]]).
 
'''175. Vers Yoga Bija: Begrenzte Siddhis sind vergänglich'''
 
अनित्या अल्पवीर्यास्ताः सिद्धयः साधनोद्भवाः ।<br>
साधनेन विनाप्येवं जायन्ते स्वत एव हि ॥ १७५ ॥<br>
 
anityā alpavīryās tāḥ siddhayaḥ sādhanodbhavāḥ |<br>
sādhanena vināpyevaṃ jāyante svata eva hi || 175 ||<br>
 
'''Jene Siddhis, die aus besonderen Mitteln und Praktiken hervorgehen, sind vergänglich und von begrenzter Kraft. Die andere Art dagegen entsteht wahrlich von selbst, auch ohne solche besonderen Mittel.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': anityāḥ – vergänglich, nicht dauerhaft ([[Anitya]]); alpa-vīryāḥ – von geringer ([[Alpa]]) Kraft ([[Virya]]); tāḥ siddhayaḥ – jene Siddhis ([[Siddhi]]); sādhana-udbhavāḥ – aus besonderen Mitteln bzw. Praktiken ([[Sadhana]]) hervorgegangen ([[Udbhava]]); sādhanena vinā – ohne solche Mittel bzw. Praxis ([[Vina]]); api – auch ([[Api]]); evam – so ([[Evam]]); jāyante – entstehen ([[Jan]]); svataḥ eva – von selbst, aus sich selbst ([[Svatas]], [[Eva]]); hi – wahrlich ([[Hi]]).
 
'''176. Vers Yoga Bija: Die nicht hervorgebrachten Siddhis'''
 
स्वात्मयोगैकनिष्ठे तु स्वातन्त्र्यादीश्वरस्ततः ।<br>
प्रभूताः सिद्धयो यास्ताः कल्पनारहिताः स्मृताः ॥ १७६ ॥<br>
 
svātmayogaikaniṣṭhe tu svātantryād īśvaras tataḥ |<br>
prabhūtāḥ siddhayo yās tāḥ kalpanārahitāḥ smṛtāḥ || 176 ||<br>
 
'''Wenn der Yogi ausschließlich im Yoga des eigenen Selbst gegründet ist, wird er aus innerer Freiheit heraus zum Ishvara seiner selbst. Die machtvollen Siddhis, die daraus entstehen, gelten als frei von willentlicher Konstruktion.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sva-ātma-yoga – Yoga des eigenen ([[Sva]]) Selbst ([[Atman]], [[Yoga]]); eka-niṣṭhe – ausschließlich darin gegründet ([[Eka]], [[Nishtha]]); tu – nun ([[Tu]]); svātantryāt – aufgrund von Freiheit, Selbständigkeit ([[Svatantrya]]); īśvaraḥ – Herr, souveräner Meister ([[Ishvara]]); tataḥ – daraus, dann ([[Tatas]]); prabhūtāḥ – mächtig, reichlich, groß ([[Prabhuta]]); siddhayaḥ – Siddhis ([[Siddhi]]); kalpanā-rahitāḥ – frei ([[Rahita]]) von Vorstellung bzw. willentlicher Konstruktion ([[Kalpana]]); smṛtāḥ – gelten als, werden überliefert als ([[Smrita]]).
 
'''177. Vers Yoga Bija: Yoga-geborene Siddhis'''
 
सिद्धा नित्या महावीर्या इच्छारूपाश्च योगजाः ।<br>
चिरकालात्प्रजायन्ते वासनारहितेषु च ॥ १७७ ॥<br>
 
siddhā nityā mahāvīryā icchārūpāś ca yogajāḥ |<br>
cirakālāt prajāyante vāsanārahiteṣu ca || 177 ||<br>
 
'''Diese Siddhis sind vollkommen, beständig und von großer Kraft. Sie entsprechen dem freien Willen und entstehen aus Yoga selbst. Nach langer Praxis treten sie bei denen hervor, die frei von Vasanas geworden sind.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': siddhāḥ – vollendet, verwirklicht ([[Siddha]]); nityāḥ – beständig, ewig ([[Nitya]]); mahā-vīryāḥ – von großer ([[Maha]]) Kraft ([[Virya]]); icchā-rūpāḥ – dem Willen ([[Iccha]]) entsprechend Gestalt annehmend ([[Rupa]]); yoga-jāḥ – aus Yoga ([[Yoga]]) geboren ([[Ja]]); cira-kālāt – nach langer ([[Chira]]) Zeit ([[Kala]]); prajāyante – entstehen, treten hervor ([[Prajan]]); vāsanā-rahiteṣu – bei den von Vasanas ([[Vasana]]) Freien ([[Rahita]]); ca – und ([[Cha]]).
 
'''178. Vers Yoga Bija: Kennzeichen des Yoga-Siddha'''
 
ताः शुभा या महायोगात्परमात्मपदेऽव्यये ।<br>
विना कार्यं सदा दीप्तं योगसिद्धस्य लक्षणम् ॥ १७८ ॥<br>
 
tāḥ śubhā yā mahāyogāt paramātmapade ’vyaye |<br>
vinā kāryaṃ sadā dīptaṃ yogasiddhasya lakṣaṇam || 178 ||<br>
 
'''Heilsam sind jene Siddhis, die aus Mahayoga im unvergänglichen Zustand des höchsten Selbst entstehen. Ohne dass dafür eine besondere Handlung erforderlich wäre, leuchten sie von selbst hervor – dies ist ein Kennzeichen des im Yoga Vollendeten.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tāḥ – jene ([[Tad]]); śubhāḥ – heilsam, glückverheißend ([[Shubha]]); yāḥ – welche ([[Yad]]); mahā-yogāt – aus dem großen Yoga, [[Mahayoga]]; paramātma-pade – im Zustand ([[Pada]]) des höchsten Selbst ([[Paramatman]]); avyaye – unvergänglich ([[Avyaya]]); vinā kāryam – ohne eine besondere auszuführende Handlung ([[Vina]], [[Karya]]); sadā – immer ([[Sada]]); dīptam – leuchtend, strahlend ([[Dipta]]); yoga-siddhasya – des im Yoga ([[Yoga]]) Vollendeten ([[Siddha]]); lakṣaṇam – Kennzeichen ([[Lakshana]]).
 
'''179. Vers Yoga Bija: Siddhis wie Pilgerorte auf dem Weg nach Kashi'''
 
यथा काशीं समुदृश्य गच्छद्भिः पथिकैः पथि ।<br>
नानातीर्थानि दृश्यन्ते तथा मोक्षे तु सिद्धयः ॥ १७९ ॥<br>
 
yathā kāśīṃ samudṛśya gacchadbhiḥ pathikaiḥ pathi |<br>
nānātīrthāni dṛśyante tathā mokṣe tu siddhayaḥ || 179 ||<br>
 
'''So wie Wanderer auf dem Weg nach Kashi unterwegs zahlreiche heilige Pilgerorte sehen, so erscheinen auf dem Weg zur Befreiung die verschiedenen Siddhis.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yathā – wie ([[Yatha]]); kāśīm – nach [[Kashi]], Varanasi; samudṛśya – mit Blick auf, als Ziel vor Augen habend ([[Drish]]); gacchadbhiḥ – von den Gehenden, Reisenden ([[Gam]]); pathikaiḥ – von Wanderern, Reisenden ([[Pathika]]); pathi – auf dem Weg ([[Pathin]]); nānā-tīrthāni – verschiedene ([[Nana]]) Pilgerorte ([[Tirtha]]); dṛśyante – werden gesehen ([[Drish]]); tathā – ebenso ([[Tatha]]); mokṣe – auf dem Weg zur Befreiung, bei Moksha ([[Moksha]]); siddhayaḥ – Siddhis ([[Siddhi]]).
 
'''180. Vers Yoga Bija: Siddhis entstehen von selbst'''
 
स्वयमेव प्रजायन्ते लाभालाभविवर्जिते ।<br>
योगमार्गे तथैवेदं सिद्धिजालं प्रवर्तते ॥ १८० ॥<br>
 
svayam eva prajāyante lābhālābhavivarjite |<br>
yogamārge tathaivedaṃ siddhijālaṃ pravartate || 180 ||<br>
 
'''Bei einem Yogi, der frei von der Sorge um Gewinn und Verlust geworden ist, entstehen diese Kräfte von selbst. Auf dem Yogaweg entfaltet sich dieses ganze Netz der Siddhis auf natürliche Weise.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': svayam eva – ganz von selbst ([[Svayam]], [[Eva]]); prajāyante – entstehen ([[Prajan]]); lābha – Gewinn, Erlangen ([[Labha]]); alābha – Nicht-Gewinn, Verlust ([[Alabha]]); vivarjite – bei dem, der davon frei ist ([[Vivarjita]]); yoga-mārge – auf dem Yogaweg ([[Yoga]], [[Marga]]); tathā eva – ebenso, auf eben diese Weise ([[Tatha]], [[Eva]]); idam – dieses ([[Idam]]); siddhi-jālam – Netz ([[Jala]]) der Siddhis ([[Siddhi]]); pravartate – entfaltet sich, tritt hervor ([[Pravrit]]).
 
'''181. Vers Yoga Bija: Siddhis als Kennzeichen des Siddha'''
 
परीक्षकैः स्वर्णकारैर्हेम सम्प्रोच्यते यथा ।<br>
सिद्धिभिर्लक्षयेत्सिद्धं जीवन्मुक्तं तथैव च ॥ १८१ ॥<br>
 
parīkṣakaiḥ svarṇakārair hema samprocyate yathā |<br>
siddhibhir lakṣayet siddhaṃ jīvanmuktaṃ tathaiva ca || 181 ||<br>
 
'''So wie erfahrene Goldschmiede durch Prüfung echtes Gold erkennen, so soll man einen Siddha und ebenso einen Jivanmukta an den entsprechenden Zeichen der Vollendung erkennen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': parīkṣakaiḥ – von Prüfern, Sachkundigen ([[Parikshaka]]); svarṇa-kāraiḥ – von Goldschmieden ([[Svarna]], [[Kara]]); hema – Gold ([[Hema]]); samprocyate – wird erkannt bzw. als solches bezeichnet ([[Vach]]); yathā – wie ([[Yatha]]); siddhibhiḥ – durch Siddhis, Zeichen der Vollendung ([[Siddhi]]); lakṣayet – soll erkennen, kennzeichnen ([[Laksh]]); siddham – einen Siddha, Vollendeten ([[Siddha]]); jīvanmuktam – einen [[Jivanmukta]]; tathā eva – ebenso ([[Tatha]], [[Eva]]); ca – und ([[Cha]]).
 
'''182. Vers Yoga Bija: Außergewöhnliche Eigenschaften eines Yoga-Siddha'''
 
अलौकिकगुणस्तस्य कदाचिद्दृश्यते ध्रुवम् ।<br>
इत्येतत्कथितं देवि योगसिद्धस्य लक्षणम् ॥ १८२ ॥<br>
 
alaukikaguṇas tasya kadācid dṛśyate dhruvam |<br>
ity etat kathitaṃ devi yogasiddhasya lakṣaṇam || 182 ||<br>
 
'''Bei ihm zeigt sich bisweilen unzweifelhaft eine außergewöhnliche, über das Gewöhnliche hinausgehende Eigenschaft. Damit, o Devi, habe ich das Kennzeichen eines im Yoga Vollendeten erklärt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': alaukika – außergewöhnlich, nicht weltlich ([[Alaukika]]); guṇaḥ – Eigenschaft, Qualität ([[Guna]]); tasya – bei ihm, seine ([[Tad]]); kadācit – bisweilen, manchmal ([[Kadachit]]); dṛśyate – wird gesehen, zeigt sich ([[Drish]]); dhruvam – gewiss, unzweifelhaft ([[Dhruva]]); iti – so ([[Iti]]); etat – dieses ([[Etad]]); kathitam – wurde erklärt ([[Kathita]]); devi – o Devi ([[Devi]]); yoga-siddhasya – eines im Yoga ([[Yoga]]) Vollendeten ([[Siddha]]); lakṣaṇam – Kennzeichen ([[Lakshana]]).
 
'''183. Vers Yoga Bija: Der Jivanmukta und der unvergängliche Körper'''
 
सिद्धिभिः परिहीनं तु नरं बद्धं हि लक्षयेत् ।<br>
अजरामरपिण्डो यो जीवन्मुक्तः स एव हि ॥ १८३ ॥<br>
 
siddhibhiḥ parihīnaṃ tu naraṃ baddhaṃ hi lakṣayet |<br>
ajarāmarapiṇḍo yo jīvanmuktaḥ sa eva hi || 183 ||<br>
 
'''Nach der Lehre dieses Textes gilt ein Mensch, dem die Zeichen yogischer Vollendung fehlen, weiterhin als gebunden. Wer dagegen einen Körper verwirklicht hat, der Alter und Tod überwunden hat, der allein wird hier als Jivanmukta bezeichnet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': siddhibhiḥ – hinsichtlich der Siddhis ([[Siddhi]]); parihīnam – ohne, beraubt, frei von ([[Parihina]]); naram – den Menschen ([[Nara]]); baddham – gebunden ([[Baddha]]); hi – wahrlich ([[Hi]]); lakṣayet – soll erkennen, ansehen als ([[Laksh]]); ajara – frei von Alter ([[Ajara]]); amara – unsterblich ([[Amara]]); piṇḍaḥ – Körper, Leib ([[Pinda]]); yaḥ – wer ([[Yad]]); jīvanmuktaḥ – zu Lebzeiten Befreiter ([[Jivanmukta]]); saḥ eva – eben dieser, dieser allein ([[Tad]], [[Eva]]).
 
'''184. Vers Yoga Bija: Der Tod des Körpers ist nicht Befreiung'''
 
ये श्वकुक्कुटकीटाद्या मृतिं सम्प्राप्नुवन्ति ते ।<br>
तेषां किं पिण्डपातेन मुक्तिर्भवति सुन्दरि ॥ १८४ ॥<br>
 
ye śvakukkuṭakīṭādyā mṛtiṃ samprāpnuvanti te |<br>
teṣāṃ kiṃ piṇḍapātena muktir bhavati sundari || 184 ||<br>
 
'''Auch Hunde, Hühner, Insekten und andere Lebewesen sterben. Werden sie etwa allein dadurch befreit, dass ihr Körper zu Fall kommt, o Schöne?'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ye – diejenigen, die ([[Yad]]); śva – Hund ([[Shvan]]); kukkuṭa – Hahn, Huhn ([[Kukkuta]]); kīṭa – Insekt, Wurm ([[Kita]]); ādyāḥ – und andere ([[Adi]]); mṛtim – Tod ([[Mriti]]); samprāpnuvanti – erreichen, erfahren ([[Samprap]]); te – sie ([[Tad]]); teṣām – für sie ([[Tad]]); kim – etwa?, was? ([[Kim]]); piṇḍa-pātena – durch den Fall, das Sterben ([[Pata]]) des Körpers ([[Pinda]]); muktiḥ – Befreiung ([[Mukti]]); bhavati – entsteht ([[Bhu]]); sundari – o Schöne ([[Sundari]]).
 
'''185. Vers Yoga Bija: Körperlicher Tod allein ist keine Mukti'''
 
न बहिः प्राण आयाति पिण्डस्य पतनं कुतः ।<br>
पिण्डपातेन या मुक्तिः सा मुक्तिस्तु न कथ्यते ॥ १८५ ॥<br>
 
na bahiḥ prāṇa āyāti piṇḍasya patanaṃ kutaḥ |<br>
piṇḍapātena yā muktiḥ sā muktis tu na kathyate || 185 ||<br>
 
'''Wenn der Prana nicht nach außen entweicht, wie könnte dann vom „Fallen“ des yogischen Körpers die Rede sein? Eine Befreiung, die lediglich durch den Tod und Zerfall des Körpers eintreten soll, wird hier nicht als wirkliche Mukti bezeichnet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': na – nicht ([[Na]]); bahiḥ – nach außen ([[Bahis]]); prāṇaḥ – Prana ([[Prana]]); āyāti – kommt, tritt ([[Ayati]]); piṇḍasya – des Körpers ([[Pinda]]); patanam – Fallen, Vergehen ([[Patana]]); kutaḥ – woher?, wie könnte? ([[Kutas]]); piṇḍa-pātena – durch das Fallen bzw. Sterben des Körpers ([[Pinda]], [[Pata]]); yā muktiḥ – die Befreiung ([[Mukti]]); sā – diese ([[Tad]]); tu – aber ([[Tu]]); na kathyate – wird nicht so bezeichnet ([[Kath]]).
 
'''186. Vers Yoga Bija: Der Körper wird eins mit Brahman'''
 
देहो ब्रह्मत्वमायाति जलतां सैन्धवं यथा ।<br>
अनन्यतां यदा याति तदा मुक्तः स उच्यते ॥ १८६ ॥<br>
 
deho brahmatvam āyāti jalatāṃ saindhavaṃ yathā |<br>
ananyatāṃ yadā yāti tadā muktaḥ sa ucyate || 186 ||<br>
 
'''Der Körper geht in das Wesen Brahmans ein, so wie Salz im Wasser aufgeht und eins mit ihm wird. Wenn er in diesen Zustand des Nicht-Andersseins gelangt, wird der Yogi als befreit bezeichnet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': dehaḥ – Körper ([[Deha]]); brahmatvam – Brahman-Sein, Wesen Brahmans ([[Brahman]], [[Tva]]); āyāti – gelangt, erreicht ([[Ayati]]); jalatām – in den Zustand von Wasser, zum Wasser-Sein ([[Jala]]); saindhavam – Salz, insbesondere Steinsalz ([[Saindhava]]); yathā – wie ([[Yatha]]); ananyatām – Nicht-Anderssein, Nicht-Verschiedenheit ([[Ananyata]]); yadā – wenn ([[Yada]]); yāti – gelangt ([[Ya]]); tadā – dann ([[Tada]]); muktaḥ – befreit ([[Mukta]]); saḥ – er ([[Tad]]); ucyate – wird genannt ([[Vach]]).
 
'''187. Vers Yoga Bija: Körper und Sinne werden reines Bewusstsein'''
 
चिन्मयानि शरीराणि इन्द्रियाणि तथैव च ।<br>
अनन्यतां यदा याति तदा मुक्तः स उच्यते ॥ १८७ ॥<br>
 
cinmayāni śarīrāṇi indriyāṇi tathaiva ca |<br>
ananyatāṃ yadā yāti tadā muktaḥ sa ucyate || 187 ||<br>
 
'''Körper und Sinne werden ihrem Wesen nach reines Bewusstsein. Wenn der Yogi in diesen Zustand vollständigen Nicht-Andersseins gelangt, wird er als befreit bezeichnet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': cit-mayāni – aus Bewusstsein ([[Chit]]) bestehend, ganz von Bewusstsein erfüllt ([[Maya]]); śarīrāṇi – Körper ([[Sharira]]); indriyāṇi – Sinne, Sinnesorgane ([[Indriya]]); tathā eva – ebenso ([[Tatha]], [[Eva]]); ca – und ([[Cha]]); ananyatām – Nicht-Anderssein, völlige Einheit ([[Ananyata]]); yadā – wenn ([[Yada]]); yāti – gelangt ([[Ya]]); tadā – dann ([[Tada]]); muktaḥ – befreit ([[Mukta]]); ucyate – wird genannt ([[Vach]]).
 
'''188. Vers Yoga Bija: Diese Lehre soll bewahrt werden'''
 
एतत्ते कथितं देवि तव प्रीत्या सुरेश्वरि ।<br>
गोपनीयं प्रयत्नेन क्रूरे धूर्त्ते शठे खले ॥ १८८ ॥<br>
 
etat te kathitaṃ devi tava prītyā sureśvari |<br>
gopanīyaṃ prayatnena krūre dhūrtte śaṭhe khale || 188 ||<br>
 
'''Dies habe ich dir aus Liebe erklärt, o Devi, o Herrin der Götter. Diese Lehre soll sorgfältig geheim gehalten und nicht an grausame, betrügerische, hinterlistige oder böswillige Menschen weitergegeben werden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': etat – dieses ([[Etad]]); te – dir ([[Tvam]]); kathitam – wurde erklärt ([[Kathita]]); devi – o Devi ([[Devi]]); tava prītyā – aus Zuneigung ([[Priti]]) zu dir; sureśvari – o Herrin ([[Ishvari]]) der Götter ([[Sura]]); gopanīyam – geheim zu halten, zu schützen ([[Gopaniya]]); prayatnena – mit Sorgfalt, Bemühen ([[Prayatna]]); krūre – gegenüber einem Grausamen ([[Krura]]); dhūrtte – einem Betrüger, Verschlagenen ([[Dhurta]]); śaṭhe – einem Hinterlistigen, Falschen ([[Shatha]]); khale – einem Böswilligen, Niederträchtigen ([[Khala]]).
 
'''189. Vers Yoga Bija: Wem das Yoga Bija gelehrt werden soll'''
 
दातव्यं शिवभक्तेषु नाथमार्गपरेषु च ।<br>
योगबीजं महागुह्यं यन्मया प्रकटीकृतम् ॥ १८९ ॥<br>
 
dātavyaṃ śivabhakteṣu nāthamārgapareṣu ca |<br>
yogabījaṃ mahāguhyaṃ yan mayā prakaṭīkṛtam || 189 ||<br>
 
'''Das von mir offenbarte Yoga Bija, dieses große Geheimnis, soll den Verehrern Shivas und denen weitergegeben werden, die ganz dem Weg der Nathas hingegeben sind.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': dātavyam – soll gegeben, weitergegeben werden ([[Datavya]]); śiva-bhakteṣu – an Verehrer ([[Bhakta]]) Shivas ([[Shiva]]); nātha-mārga-pareṣu – an diejenigen, die ganz dem Weg ([[Marga]]) der Nathas ([[Natha]]) hingegeben sind ([[Para]]); ca – und ([[Cha]]); yoga-bījam – Samen, Keim ([[Bija]]) des Yoga ([[Yoga]]); [[Yoga Bija]]; mahā-guhyam – großes ([[Maha]]) Geheimnis ([[Guhya]]); yat – welches ([[Yad]]); mayā – von mir ([[Mad]]); prakaṭī-kṛtam – offenbar, sichtbar gemacht ([[Prakata]], [[Kri]]).
 
'''190. Vers Yoga Bija: Devis Zweifel ist beseitigt'''
 
'''Devi sprach:'''
गतो मे संशयो नाथ कृपया तव शङ्कर ।<br>
नमस्ते योगराजाय सर्वज्ञाय नमो नमः ॥ १९० ॥<br>
 
gato me saṃśayo nātha kṛpayā tava śaṅkara |<br>
namas te yogarājāya sarvajñāya namo namaḥ || 190 ||<br>
 
'''Mein Zweifel ist durch deine Gnade verschwunden, o Natha, o Shankara. Verehrung sei dir, dem König des Yoga, dem Allwissenden. Verehrung, immer wieder Verehrung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': gataḥ – vergangen, verschwunden ([[Gata]]); me – mein ([[Mad]]); saṃśayaḥ – Zweifel ([[Samshaya]]); nātha – o Herr, o [[Natha]]; kṛpayā – durch die Gnade ([[Kripa]]); tava – deine ([[Tvam]]); śaṅkara – o [[Shankara]]; namas te – Verehrung sei dir ([[Namas]]); yoga-rājāya – dem König ([[Raja]]) des Yoga ([[Yoga]]); sarvajñāya – dem Allwissenden ([[Sarvajna]]); namo namaḥ – Verehrung, immer wieder Verehrung ([[Namas]]).
 
'''Abschluss des Yoga Bija'''
इति श्रीमहेश्वरापरपर्यायभगवद्गोरक्षनाथोद्भावितयोगबीजं पूर्णम् ॥<br>
 
iti śrīmaheśvarāparaparyāyabhagavadgorakṣanāthodbhāvitayogabījaṃ pūrṇam ||<br>
 
'''Damit ist das von Bhagavan Gorakshanatha offenbarte Yoga Bija, das unter dem anderen Namen Shri Maheshvara überliefert wird, vollendet.'''


==Siehe auch==   
==Siehe auch==   

Aktuelle Version vom 26. August 2026, 12:49 Uhr

Shiva und Shakti, das göttliche Paar

Yoga Bija (Sanskrit: योगबीज yoga-bīja n.) wörtl.: "Same (Bija) des Yoga"; Titel eines Werkes über Hatha Yoga, das dem Yogameister Goraksha zugeschrieben wird. Die Yogabija besteht je nach Version aus 170 bis 190 Versen und wurde von Wissenschaftlern auf die Zeit zwischen 1450 und 1500 n. Chr. datiert.

Bedeutung und Stellung des Yoga Bija

Das Yoga Bija (Sanskrit: योगबीज, Yogabīja) gehört zu den wichtigen frühen Texten des Hatha Yoga. Bīja bedeutet „Same“, „Keim“ oder „Ursprung“. Der Titel kann daher als „Same des Yoga“, „Keim des Yoga“ oder „Ursprung des Yoga“ übersetzt werden. Gemeint ist die grundlegende Kraft, aus der die verschiedenen Formen des Yoga hervorgehen und durch die sie zu ihrem gemeinsamen Ziel – Moksha, der Befreiung – gelangen.

Das Yoga Bija ist als Gespräch zwischen Devi und Ishvara, also zwischen der Göttin und Shiva, gestaltet. Devi stellt die entscheidenden Fragen: Warum ist der Jiva, das individuelle Lebewesen, an Geburt, Tod, Glück und Leid gebunden? Genügt Erkenntnis zur Befreiung? Welche Rolle spielen Körper, Prana, Geist, Kundalini, Samadhi und Siddhis? Ishvara antwortet mit einer umfassenden Lehre über das Zusammenwirken von Erkenntnis und yogischer Praxis.

Traditionell wird das Yoga Bija Gorakshanatha zugeschrieben, einem der bedeutendsten Meister der Natha-Tradition. Diese Zuschreibung findet sich jedoch nicht in allen Handschriften und lässt sich historisch nicht als persönliche Autorschaft Gorakshanathas beweisen. Wahrscheinlicher ist, dass der Text innerhalb einer von Gorakshanatha geprägten Überlieferung entstand und später mit seinem Namen verbunden wurde. Auch die Datierung ist nicht endgültig geklärt. Meist wird das Yoga Bija in das 14. oder frühe 15. Jahrhundert eingeordnet und damit vor oder ungefähr an den Anfang der Entstehungszeit der Haṭhapradīpikā gestellt.[1]

Vom Yoga Bija existieren verschiedene, teilweise erheblich voneinander abweichende Textfassungen. Die hier wiedergegebene Fassung mit 190 Versen folgt im Wesentlichen der in Gorakhpur veröffentlichten Überlieferung und der darauf aufbauenden vergleichenden Transkription von Adrián Muñoz. Neuere Handschriftenforschung unterscheidet eine östliche, eine südliche und eine nördliche Rezension; eine vermutlich ältere östliche Fassung umfasst nur etwa 145 Verse. Deshalb sollte die Zahl von 190 Versen nicht als unveränderliche ursprüngliche Gestalt des Textes verstanden werden.[2]

Die zentrale Lehre des Yoga Bija

Das Yoga Bija ist nicht in erster Linie ein Übungsbuch im heutigen Sinne. Zwar behandelt es Asanas, Pranayama, Kumbhaka, Mudras, Bandhas, die Nadis, die Erweckung der Kundalini und den Aufstieg des Prana durch die Sushumna. Sein Schwerpunkt liegt jedoch auf der Frage, weshalb diese Praktiken für die Befreiung notwendig sind und wie sie mit spiritueller Erkenntnis zusammenwirken.

Eine der wichtigsten Aussagen lautet: Erkenntnis allein genügt nicht, solange die Bindungen und Prägungen des verkörperten Daseins fortbestehen. Umgekehrt führt eine bloß mechanische Yogapraxis ohne Erkenntnis ebenfalls nicht zum höchsten Ziel. Jnana und Yoga müssen zusammenkommen. Erkenntnis zeigt die Wahrheit des Selbst; Yoga verwandelt Körper, Prana und Geist so, dass diese Wahrheit dauerhaft verwirklicht werden kann.

Damit vertritt das Yoga Bija eine für den frühen Hatha Yoga charakteristische Sicht: Der Körper ist nicht nur ein Hindernis, das überwunden werden muss. Er ist ein Instrument der Befreiung und kann durch Yoga in einen vollkommenen, von den gewöhnlichen Begrenzungen nicht mehr beherrschten Leib verwandelt werden. Die Aussagen über einen alterslosen oder unsterblichen Körper und über außergewöhnliche Siddhis gehören zum besonderen Welt- und Körperverständnis der mittelalterlichen Yoga- und Nath-Traditionen. Sie sollten nicht ohne Weiteres als naturwissenschaftliche oder medizinische Behauptungen verstanden werden.

Eine weitere Besonderheit ist die Lehre vom vierfachen Yoga. Das Yoga Bija unterscheidet:

Diese vier sind keine voneinander unabhängigen Wege. Sie bilden aufeinander bezogene Stufen eines einzigen Mahayoga. Der natürliche Atemmantra So’ham beziehungsweise Hamsa bildet die Grundlage des Mantra Yoga. Die Vereinigung der als Sonne und Mond bezeichneten Kräfte ist Hatha Yoga. Das Aufgehen des Geistes im höchsten Selbst ist Laya Yoga. Die vollständige Vereinigung und höchste Meisterschaft wird Raja Yoga genannt.

Berühmt wurde insbesondere die Deutung von Haṭha als Verbindung von ha, der Sonne, und ṭha, dem Mond. Sonne und Mond stehen dabei nicht nur für Himmelskörper, sondern für polare Kräfte wie Prana und Apana, Pingala und Ida, Shiva und Shakti sowie weitere sich ergänzende Gegensätze. Yoga bedeutet ihre Vereinigung. Diese Deutung ist keine sprachwissenschaftliche Herleitung des Wortes Haṭha, sondern eine esoterische Erklärung seiner yogischen Bedeutung. Das Yoga Bija gehört zu den frühesten Textzeugen dieser später sehr bekannt gewordenen Symbolik.[3]

Verhältnis zum Goraksha Shataka und zur Goraksha Paddhati

Das Yoga Bija darf nicht mit dem Goraksha Shataka oder der Goraksha Paddhati gleichgesetzt werden. Es handelt sich um eigenständige Werke mit unterschiedlichen Textgeschichten. Gemeinsam ist ihnen die traditionelle Verbindung mit Gorakshanatha und dem Nath-Yoga sowie die zentrale Bedeutung von Atemlenkung, Beherrschung des Geistes, Kundalini, Bandhas, Samadhi und Befreiung.

Die Bezeichnungen sind allerdings nicht immer eindeutig. Unter dem Titel Gorakṣaśataka, „Hundert Verse des Goraksha“, sind unterschiedliche Fassungen überliefert worden. Das von James Mallinson untersuchte ursprüngliche Gorakṣaśataka umfasst – je nach Verseinteilung – ungefähr hundert beziehungsweise 101 Verse und gehört wahrscheinlich zu den älteren Texten dieser Tradition. Es ist stärker praxisorientiert als das Yoga Bija und behandelt unter anderem gemäßigte Ernährung, Sitzhaltungen, Pranayama, die Erweckung der Kundalini, die drei Bandhas und Samadhi.[4]

Die verbreitete Gorakṣapaddhati, auch als Gorakṣasaṃhitā bezeichnet, enthält dagegen ungefähr zweihundert Verse in zwei Gruppen von je hundert Versen. In manchen Ausgaben wird ihr erster Teil ebenfalls Gorakṣaśataka genannt. Deshalb muss bei Zitaten stets geprüft werden, welche Ausgabe und welche Textfassung gemeint ist. Das Yoga Bija ist weder ein Abschnitt der Gorakṣapaddhati noch lediglich ein anderer Titel für das Gorakṣaśataka.

Inhaltlich ergänzen sich die Texte: Das [Gorakshashataka|Gorakṣaśataka] und die [Goraksha Paddhati|Gorakṣapaddhati] legen größeres Gewicht auf die konkrete Ordnung der Praxis. Das Yoga Bija erklärt ausführlicher, warum Yoga notwendig ist, wie Wissen und Praxis zusammenwirken und weshalb der verwandelte Körper im Prozess der Befreiung eine zentrale Stellung erhält.

Verhältnis zur Hatha Yoga Pradipika

Die im frühen 15. Jahrhundert von Svātmārāma zusammengestellte Haṭhapradīpikā, gewöhnlich als Hatha Yoga Pradipika bezeichnet, wurde zum einflussreichsten klassischen Handbuch des Hatha Yoga. Sie ist in erheblichem Umfang eine Synthese älterer Überlieferungen. Svātmārāma ordnete Lehren aus unterschiedlichen Yoga-Schulen neu und verband Asanas, Pranayama, Reinigungstechniken, Mudras, Bandhas, Kundalini Yoga, Laya und die Meditation über den inneren Klang zu einem systematischeren Weg.[5]

Zwischen Yoga Bija und Haṭhapradīpikā bestehen mehrere wörtliche oder nahezu wörtliche Übereinstimmungen. Je nach zugrunde gelegter Rezension und Zählweise werden mindestens fünf und in älteren Vergleichen bis zu ungefähr achtzehn gemeinsame Verse oder Halbverse festgestellt. Da die Haṭhapradīpikā erkennbar Material aus vielen älteren Texten zusammenführt, gilt es als wahrscheinlich, dass sie auch Überlieferungen aus dem Yoga Bija aufgenommen hat. Das genaue Verhältnis der einzelnen Fassungen ist jedoch noch Gegenstand der Forschung.

Das Yoga Bija ist weniger systematisch als die Haṭhapradīpikā, dafür in manchen Fragen philosophisch zugespitzter. Es verteidigt die Notwendigkeit des Yoga gegenüber der Auffassung, allein intellektuelle oder metaphysische Erkenntnis führe zur Befreiung. Die Haṭhapradīpikā übernimmt viele Grundgedanken der älteren Tradition, gestaltet sie jedoch stärker zu einem praktischen Lehrweg.

Eine besonders enge Beziehung besteht außerdem zur Yogaśikhā Upaniṣad. Rund achtzig Prozent ihres ersten Kapitels entsprechen Material des Yoga Bija. Wahrscheinlich wurde der ältere Yoga-Bija-Stoff für die Yogaśikhā Upaniṣad überarbeitet, sprachlich geglättet und in einen stärker upanishadischen Zusammenhang gestellt. Dabei wurden manche ausdrücklichen Bezüge auf die Nath-Tradition sowie Teile des ursprünglichen Dialogs zwischen Devi und Ishvara verändert oder entfernt.

Spätere Werke wie die Śivasaṃhitā und die Gheraṇḍasaṃhitā bieten umfassendere und stärker geordnete Darstellungen yogischer Praxis. Das Yoga Bija bleibt ihnen gegenüber eigenständig: Es ist weniger ein enzyklopädisches Handbuch als eine grundlegende Erklärung dafür, weshalb die Arbeit mit Körper, Atem, Energie und Geist zur vollständigen Befreiung führen soll.

Bedeutung des Yoga Bija heute

Für heutige Yoga-Übende ist das Yoga Bija vor allem deshalb bedeutsam, weil es daran erinnert, dass Hatha Yoga ursprünglich weit mehr war als Körpertraining, Entspannung oder Gesundheitsvorsorge. Asanas und Atemübungen stehen in einem größeren spirituellen Zusammenhang. Sie sollen den Menschen von tief sitzenden Begrenzungen befreien, den Geist zur Ruhe bringen und die Erfahrung des höchsten Selbst ermöglichen.

Der Text zeigt zugleich, dass verschiedene Yogawege einander nicht ausschließen müssen. Mantra, Hatha, Laya und Raja Yoga sind Ausdrucksformen eines einzigen umfassenden Yoga. Äußere Praxis, Atemlenkung, Meditation, Selbsterkenntnis und Hingabe können sich gegenseitig ergänzen. In diesem Sinne steht das Yoga Bija einer ganzheitlichen Auffassung des Yoga nahe.

Von bleibender Bedeutung ist auch die enge Verbindung zwischen Prana und Geist. Wird der Atem ruhig, wird auch der Geist ruhig; wird der Prana in die Sushumna geführt, können die gewöhnlichen Bewegungen des Denkens überschritten werden. Diese Aussage gehört zu den Grundlagen des Hatha und Raja Yoga. Intensive Atemübungen, Bandhas, Mudras und Kundalini-Praktiken sollten jedoch sachkundig, schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden.

Die Aussagen über Siddhis mahnen zugleich zur Unterscheidungskraft. Außergewöhnliche Erfahrungen können auf dem Yogaweg auftreten, sind aber nicht das eigentliche Ziel. Das Yoga Bija vergleicht sie mit Pilgerorten, die ein Wanderer auf dem Weg nach Kashi sieht: Sie liegen am Weg, doch das Ziel bleibt die Befreiung.

So bildet das Yoga Bija ein wichtiges Bindeglied innerhalb der frühen Hatha-Yoga-Literatur. Es verbindet die Goraksha- und Nath-Überlieferung mit der späteren Synthese der Haṭhapradīpikā und bewahrt zugleich eine eigene Botschaft: Wirkliche Befreiung erfordert nicht nur Wissen und nicht nur Technik, sondern die vollständige Verwandlung des Menschen durch Erkenntnis, Übung und die Erfahrung des höchsten Selbst.

  1. Adrián Muñoz: [[1](https://dialnet.unirioja.es/descarga/articulo/6823825.pdf) Yogabīja: A Critical Transcription of a Text on a Haṭhayoga], Nova Tellus 33/2, 2016.
  2. [[2](https://sanskritreadingroom.wordpress.com/2019/11/06/yogabija-a-robust-defence-of-yoga-with-jason-birch/) Yogabīja: A Robust Defence of Yoga with Jason Birch], Bericht über die Arbeiten an einer kritischen Ausgabe, Sanskrit Reading Room, 2019.
  3. Jason Birch: [[3](https://soas-repository.worktribe.com/OutputFile/347639) The Meaning of Haṭha in Early Haṭhayoga], Journal of the American Oriental Society 131/4, 2011.
  4. James Mallinson: [[4](https://soas-repository.worktribe.com/output/411967/the-original-goraksasataka) The Original Gorakṣaśataka], in: David Gordon White (Hrsg.), Yoga in Practice, Princeton University Press, 2012.
  5. [[5](https://yso.soas.ac.uk/courses/hathapradipika-symposium-launch-of-the-new-digital-edition/) Haṭhapradīpikā Symposium – Launch of the New Digital Edition], SOAS Centre of Yoga Studies.

Die historische Einordnung stützt sich vor allem auf die Arbeiten von [Adrián Muñoz](https://dialnet.unirioja.es/descarga/articulo/6823825.pdf), [Jason Birch](https://soas-repository.worktribe.com/OutputFile/347639) und [James Mallinson](https://soas-repository.worktribe.com/output/411967/the-original-goraksasataka).


Yoga Bija - Vollständiger Text Sanskrit (Devanagari und IAST Transliteration), Deutsch, Wort-für-Wort-Übersetzung

1. Vers Yoga Bija: Verehrung des Adinatha

Shri Devi sprach:

नमस्ते आदिनाथाय विश्वनाथाय ते नमः ।
नमस्ते विश्वरूपाय विश्वातीताय ते नमः ॥ १ ॥

namas te ādināthāya viśvanāthāya te namaḥ |
namas te viśvarūpāya viśvātītāya te namaḥ || 1 ||

Verehrung sei Dir, dem ursprünglichen Herrn, dem Herrn des Universums. Verehrung sei Dir, dessen Gestalt das ganze Universum ist und der zugleich über das Universum hinausgeht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: namas – Verehrung, Verneigung (Namas); te – dir, dir sei (Tvam); ādināthāya – dem ursprünglichen Herrn, dem Ur-Meister (Adinatha); viśvanāthāya – dem Herrn (Natha) des Universums (Vishva); te – dir; namaḥ – Verehrung, Verneigung (Namas); viśvarūpāya – dem, dessen Gestalt (Rupa) das Universum (Vishva) ist; viśvātītāya – dem, der über das Universum hinausgegangen ist, der das Universum transzendiert (Atita); te – dir; namaḥ – Verehrung, Verneigung (Namas).

2. Vers Yoga Bija: Verehrung des höchsten Selbst

उत्पत्तिस्थितिसंहारकारिणे क्लेषहारिणे ।
नमस्ते देवदेवेश नमस्ते परमात्मने ॥ २ ॥

utpattisthitisaṃhārakāriṇe kleṣahāriṇe |
namas te devadeveśa namas te paramātmane || 2 ||

Verehrung sei Dir, der Du Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkst und die Leiden beseitigst. Verehrung sei Dir, o Herr der Götter, Verehrung sei Dir, dem höchsten Selbst.

Wort-für-Wort-Übersetzung: utpatti – Entstehung, Schöpfung (Utpatti); sthiti – Erhaltung, Fortbestehen (Sthiti); saṃhāra – Auflösung, Zerstörung (Samhara); kāriṇe – dem Bewirkenden, dem, der hervorbringt (Karin); kleṣa-hāriṇe – dem Beseitiger (Harin) der Leiden und Beschwernisse (Klesha); namas te – Verehrung sei dir; deva-deveśa – o Herr (Isha) der Götter (Deva); namas te – Verehrung sei dir; paramātmane – dem höchsten Selbst (Paramatman).

3. Vers Yoga Bija: Der Herr des Yogaweges

योगमार्गकृते तुभ्यं महायोगेश्वराय ते ।
नमस्ते परिपूर्णाय जगदानन्दहेतवे ॥ ३ ॥

yogamārgakṛte tubhyaṃ mahāyogeśvarāya te |
namas te paripūrṇāya jagadānandahetave || 3 ||

Dir, der Du den Yogaweg geschaffen hast, Dir, dem großen Herrn des Yoga, sei Verehrung. Verehrung sei Dir, dem vollkommen Erfüllten, der Ursache der Glückseligkeit der Welt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yoga-mārga-kṛte – dem Schöpfer bzw. Begründer des Weges (Marga) des Yoga; tubhyam – dir (Tvam); mahā-yogeśvarāya – dem großen (Maha) Herrn des Yoga (Yogeshvara); te – dir; namas te – Verehrung sei dir (Namas); paripūrṇāya – dem vollkommenen, vollständig erfüllten (Paripurna); jagat – Welt, Universum (Jagat); ānanda – Freude, Glückseligkeit (Ananda); hetave – der Ursache, dem Grund (Hetu).

4. Vers Yoga Bija: Die Lebewesen im Netz der Maya

सर्वे जीवाः सुखैर्दुःखैर्मायाजालेन वेष्टिताः ।
तेषां मुक्तिः कथं देव कृपया वद शङ्कर ॥ ४ ॥

sarve jīvāḥ sukhair duḥkhair māyājālena veṣṭitāḥ |
teṣāṃ muktiḥ kathaṃ deva kṛpayā vada śaṅkara || 4 ||

Alle Lebewesen sind durch Freude und Leid vom Netz der Maya umhüllt. Wie können sie Befreiung erlangen? O Gott, o Shankara, sage es mir aus Mitgefühl.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sarve – alle (Sarva); jīvāḥ – Lebewesen, individuellen Seelen (Jiva); sukhaiḥ – durch Freuden, angenehme Erfahrungen (Sukha); duḥkhaiḥ – durch Leiden, schmerzhafte Erfahrungen (Duhkha); māyā-jālena – durch das Netz (Jala) der Maya; veṣṭitāḥ – umhüllt, umschlossen, eingehüllt (Veshtita); teṣām – von ihnen, ihre (Tad); muktiḥ – Befreiung (Mukti); katham – wie (Katham); deva – o Gott, o Göttlicher (Deva); kṛpayā – aus Mitgefühl, aus Gnade (Kripa); vada – sage, sprich (Vad); śaṅkara – o Shankara, o Shiva.

5. Vers Yoga Bija: Die Bitte um den Weg zur Befreiung

नानामार्गास्त्वया देव कथितास्तु महेश्वर ।
अधुना मोक्षदं मार्गं ब्रूहि योगविदांवरम् ॥ ५ ॥

nānāmārgās tvayā deva kathitās tu maheśvara |
adhunā mokṣadaṃ mārgaṃ brūhi yogavidāṃvaram || 5 ||

O Gott, o Maheshvara, verschiedene Wege sind von Dir gelehrt worden. Nun lehre den Weg, der Befreiung schenkt, den höchsten Weg der Kenner des Yoga.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nānā-mārgāḥ – verschiedene, mannigfaltige (Nana) Wege (Marga); tvayā – von dir (Tvam); deva – o Gott, o Göttlicher (Deva); kathitāḥ – wurden gelehrt, wurden verkündet (Kathita); tu – aber, nun, gewiss (Tu); maheśvara – o großer Herr, o Maheshvara; adhunā – jetzt, nun (Adhuna); mokṣadam – Befreiung (Moksha) schenkend (Da); mārgam – den Weg (Marga); brūhi – sage, lehre, erkläre; yogavidām – der Kenner des Yoga, derjenigen, die Yoga kennen (Yogavid); varam – den besten, höchsten, vorzüglichsten (Vara).

6. Vers Yoga Bija: Der Weg, der das Netz der Maya durchtrennt

Ishvara sprach: सर्वसिद्धिकरो मार्गो मायाजालनिकृन्तकः ।
जन्ममृत्युजराव्याधिनाशकः सुखदो भवेत् ॥ ६ ॥

sarvasiddhikaro mārgo māyājālanikṛntakaḥ |
janmamṛtyujarāvyādhināśakaḥ sukhado bhavet || 6 ||

Dieser Weg bewirkt alle Vollkommenheiten und durchtrennt das Netz der Maya. Er beseitigt Geburt, Tod, Alter und Krankheit und schenkt Glück.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-siddhi-karaḥ – alle (Sarva) Vollkommenheiten und übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhi) bewirkend (Kara); mārgaḥ – der Weg (Marga); māyā-jāla-nikṛntakaḥ – das Netz (Jala) der Maya durchschneidend, durchtrennend; janma – Geburt (Janma); mṛtyu – Tod (Mrityu); jarā – Alter, Altern (Jara); vyādhi – Krankheit (Vyadhi); nāśakaḥ – beseitigend, vernichtend (Nashaka); sukhadaḥ – Glück (Sukha) schenkend; bhavet – ist, wird, möge sein (Bhu).

7. Vers Yoga Bija: Der höchste Natha-Weg

बद्धा येन विमुच्यन्ते नाथमार्गमतः परम् ।
तमहं कथयिष्यामि तव प्रीत्या सुरेश्वरि ॥ ७ ॥

baddhā yena vimucyante nāthamārgamataḥ param |
tam ahaṃ kathayiṣyāmi tava prītyā sureśvari || 7 ||

Durch diesen Weg werden die Gebundenen befreit; daher gibt es nichts Höheres als den Natha-Weg. Aus Zuneigung zu Dir werde ich ihn darlegen, o Herrin der Götter.

Wort-für-Wort-Übersetzung: baddhāḥ – die Gebundenen, Gefesselten (Baddha); yena – durch welchen, wodurch (Yad); vimucyante – werden befreit, werden vollständig gelöst (Vimuch); nātha-mārgam – den Weg (Marga) der Nathas, den Natha-Weg; ataḥ – daher, deshalb (Atas); param – höheres, darüber Hinausgehendes (Para); tam – diesen, ihn (Tad); aham – ich (Aham); kathayiṣyāmi – werde erklären, werde darlegen (Kath); tava – dein, für dich (Tvam); prītyā – aus Zuneigung, Liebe, Wohlwollen (Priti); sureśvari – o Herrin (Ishvari) der Götter (Sura).

8. Vers Yoga Bija: Kaivalya durch den Weg der Siddhas

नानामार्गैस्तु दुष्प्राप्यं कैवल्यं परमं पदम् ।
सिद्धमार्गेण लभ्येत नान्यथा शिवभाषितम् ॥ ८ ॥

nānāmārgais tu duṣprāpyaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam |
siddhamārgeṇa labhyeta nānyathā śivabhāṣitam || 8 ||

Kaivalya, der höchste Zustand, ist durch die verschiedenen Wege nur schwer zu erlangen. Durch den Weg der Siddhas kann es erreicht werden, nicht auf andere Weise – so hat Shiva gesprochen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nānā-mārgaiḥ – durch verschiedene (Nana) Wege (Marga); tu – aber, jedoch (Tu); duṣprāpyam – schwer zu erreichen, schwer zu erlangen (Dushprapya); kaivalyam – absolute Freiheit, vollkommene Befreiung (Kaivalya); paramam – das höchste (Parama); padam – Ziel, Zustand, höchste Stätte (Pada); siddha-mārgeṇa – durch den Weg (Marga) der Vollkommenen, den Weg der Siddhas; labhyeta – kann bzw. möge erlangt werden (Labh); na – nicht (Na); anyathā – auf andere Weise, anders (Anyatha); śiva-bhāṣitam – von Shiva gesprochen, von Shiva verkündet.

9. Vers Yoga Bija: Verstrickung im Netz der Schriften

अनेकशतसंख्याभिस्तर्कव्याकरणादिभिः ।
पतिताः शास्त्रजालेषु प्रज्ञया ते विमोहिताः ॥ ९ ॥

anekaśatasaṃkhyābhis tarkavyākaraṇādibhiḥ |
patitāḥ śāstrajāleṣu prajñayā te vimohitāḥ || 9 ||

Durch die Hunderte von Lehrgebieten wie Logik, Grammatik und anderen sind sie in die Netze der Schriften geraten. Durch ihre Gelehrsamkeit sind sie völlig verwirrt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: aneka – viele, zahlreiche (Aneka); śata – hundert (Shata); saṃkhyābhiḥ – der Zahl nach, in einer solchen Anzahl (Sankhya); tarka – Logik, Schlussfolgerung (Tarka); vyākaraṇa – Grammatik (Vyakarana); ādibhiḥ – und anderem, und so weiter (Adi); patitāḥ – gefallen, hineingeraten (Patita); śāstra-jāleṣu – in die Netze (Jala) der Lehrschriften (Shastra); prajñayā – durch Erkenntnis, Intellekt, Gelehrsamkeit (Prajna); te – sie (Tad); vimohitāḥ – völlig verwirrt, verblendet, getäuscht (Vimohita).

10. Vers Yoga Bija: Der unaussprechliche höchste Zustand

अनिर्वाच्यपदं वक्तुं न शक्यते सुरैरपि ।
स्वात्मप्रकाशरूपं तत्किं शास्त्रेण प्रकाश्यते ॥ १० ॥

anirvācyapadaṃ vaktuṃ na śakyate surair api |
svātmaprakāśarūpaṃ tat kiṃ śāstreṇa prakāśyate || 10 ||

Der unaussprechliche Zustand kann selbst von den Göttern nicht in Worte gefasst werden. Er ist seinem Wesen nach aus dem eigenen Selbst heraus leuchtend – wie könnte er durch eine Schrift offenbar gemacht werden?

Wort-für-Wort-Übersetzung: anirvācya – unaussprechlich, nicht mit Worten beschreibbar (Anirvachya); padam – Zustand, Ziel, höchste Stätte (Pada); vaktum – zu sagen, in Worte zu fassen (Vach); na – nicht (Na); śakyate – kann, ist möglich (Shak); suraiḥ – von den Göttern (Sura); api – sogar, selbst (Api); sva-ātma – das eigene Selbst (Sva, Atman); prakāśa – Licht, Leuchten, Offenbarwerden (Prakasha); rūpam – von der Natur, von der Wesensgestalt (Rupa); tat – dieses, jenes (Tad); kim – wie?, was? (Kim); śāstreṇa – durch eine Lehrschrift, durch die Schrift (Shastra); prakāśyate – wird offenbar gemacht, wird erhellt, wird offenbart (Prakash).

11. Vers Yoga Bija: Das reine Selbst erscheint als Jiva

निश्कलं निर्मलं शान्तं सर्वातीतं निरामयम् ।
तदेतज्जीवरूपेण पुण्यपापफलैर्वृतम् ॥ ११ ॥

niśkalaṃ nirmalaṃ śāntaṃ sarvātītaṃ nirāmayam |
tad etaj jīvarūpeṇa puṇyapāpaphalair vṛtam || 11 ||

Es ist ungeteilt, makellos, friedvoll, jenseits von allem und frei von Gebrechen. Eben dieses ist in Gestalt des Jiva von den Früchten guter und schlechter Handlungen umhüllt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: niśkalam – ohne Teile, ungeteilt, unteilbar (Nishkala); nirmalam – makellos, rein (Nirmala); śāntam – friedvoll, ruhig (Shanta); sarvātītam – jenseits von allem (Sarva, Atita); nirāmayam – frei von Krankheit, Gebrechen und Leiden (Niramaya); tat – das, jenes (Tad); etat – dieses (Etad); jīva-rūpeṇa – in der Gestalt (Rupa) des individuellen Wesens (Jiva); puṇya-pāpa-phalaiḥ – von den Früchten (Phala) guter, verdienstvoller (Punya) und schlechter Handlungen (Papa); vṛtam – umhüllt, bedeckt, umgeben (Vrita).

12. Vers Yoga Bija: Wie entsteht das Jiva-Sein?

Devi sprach: परमात्मपदं नित्यं तत्कथं जीवतां गतम् ।
तत्त्वातीतं महादेव प्रसादात्कथयस्व मे ॥ १२ ॥

paramātmapadaṃ nityaṃ tat kathaṃ jīvatāṃ gatam |
tattvātītaṃ mahādeva prasādāt kathayasva me || 12 ||

Der Zustand des höchsten Selbst ist ewig und jenseits der Tattvas. Wie ist er zum Jiva-Sein geworden? O Mahadeva, erkläre mir dies aus Gnade.

Wort-für-Wort-Übersetzung: paramātma-padam – der Zustand, die Stätte (Pada) des höchsten Selbst (Paramatman); nityam – ewig, beständig (Nitya); tat – das, dieser (Tad); katham – wie (Katham); jīvatām – zum Jiva-Sein, zum Zustand eines individuellen Wesens (Jiva); gatam – gelangt, geworden (Gata); tattvātītam – jenseits der Prinzipien der Schöpfung, jenseits der Tattvas (Atita); mahādeva – o großer Gott, o Mahadeva; prasādāt – aus Gnade, durch Gnade (Prasada); kathayasva – erkläre, erzähle, lege dar (Kath); me – mir (Mad).

13. Vers Yoga Bija: Das Entstehen des Ich-Bewusstseins

Ishvara sprach: सर्वभावपदातीतं ज्ञानरूपं निरञ्जनम् ।
वारिवत्स्फुरितं स्वस्मिंस्तत्राहङ्कृतिरुत्थिता ॥ १३ ॥

sarvabhāvapadātītaṃ jñānarūpaṃ nirañjanam |
vārivat sphuritaṃ svasmiṃs tatrāhaṅkṛtir utthitā || 13 ||

Es ist jenseits aller Zustände des Seins, seinem Wesen nach Erkenntnis und vollkommen makellos. Wie Wasser manifestierte es sich in sich selbst; dort entstand das Ich-Bewusstsein.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-bhāva-pada-atītam – jenseits (Atita) aller (Sarva) Zustände und Ebenen (Pada) des Seins (Bhava); jñāna-rūpam – von der Natur (Rupa) der Erkenntnis (Jnana); nirañjanam – makellos, unbefleckt, rein (Niranjana); vārivat – wie Wasser (Vari); sphuritam – aufgeleuchtet, hervorgetreten, manifest geworden (Sphurita); svasmin – in sich selbst (Sva); tatra – dort, darin (Tatra); ahaṅkṛtiḥ – Ich-Bewusstsein, Ich-Vorstellung, Ego-Bewusstsein (Ahamkriti); utthitā – entstanden, aufgestiegen, hervorgetreten (Utthita).

14. Vers Yoga Bija: Die Entstehung des Körpers

पञ्चात्मकमभूत्पिण्डं धातुबद्धं गुणात्मकम् ।
सुखदुःखैः सदा युक्तं जीवभावनयाकुलम् ॥ १४ ॥

pañcātmakam abhūt piṇḍaṃ dhātubaddhaṃ guṇātmakam |
sukhaduḥkhaiḥ sadā yuktaṃ jīvabhāvanayākulam || 14 ||

So entstand der aus den Fünf bestehende Körper, an die körperlichen Bestandteile gebunden und von den Gunas geprägt. Er ist stets mit Freude und Leid verbunden und durch die Vorstellung, ein Jiva zu sein, in Unruhe.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pañca-ātmakam – aus fünf bestehend, von fünffacher Natur (Pancha, Atmaka); abhūt – entstand, wurde (Bhu); piṇḍam – Körper, körperliche Masse (Pinda); dhātu-baddham – an die körperlichen Bestandteile (Dhatu) gebunden (Baddha); guṇa-ātmakam – aus den Gunas bestehend, von den Gunas geprägt (Atmaka); sukha-duḥkhaiḥ – mit Freude (Sukha) und Leid (Duhkha); sadā – immer, stets (Sada); yuktam – verbunden, verknüpft (Yukta); jīva-bhāvanayā – durch die Vorstellung (Bhavana), ein Jiva zu sein; ākulam – beunruhigt, verwirrt, aufgewühlt (Akula).

15. Vers Yoga Bija: Die Eigenschaften des gebundenen Jiva

तेन जीवाभिधा भोक्ता विशुद्धे परमात्मनि ।
कामः क्रोधो भयं चिन्ता लोभो मोहो मदो रुजाः ॥ १५ ॥

tena jīvābhidhā bhoktā viśuddhe paramātmani |
kāmaḥ krodho bhayaṃ cintā lobho moho mado rujāḥ || 15 ||

Dadurch wird im vollkommen reinen höchsten Selbst der Erfahrende als Jiva bezeichnet. Mit ihm erscheinen Begierde, Zorn, Angst, Sorge, Gier, Verblendung, Stolz und Leiden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tena – dadurch, aus diesem Grund (Tad); jīva-abhidhā – mit der Bezeichnung (Abhidha) Jiva (Jiva); bhoktā – der Erfahrende, Genießende (Bhokta); viśuddhe – im vollkommen Reinen (Vishuddha); paramātmani – im höchsten Selbst (Paramatman); kāmaḥ – Begierde, Verlangen (Kama); krodhaḥ – Zorn, Ärger (Krodha); bhayam – Angst, Furcht (Bhaya); cintā – Sorge, Besorgnis, Nachdenken (Chinta); lobhaḥ – Gier, Habgier (Lobha); mohaḥ – Verblendung, Täuschung (Moha); madaḥ – Stolz, Überheblichkeit, Hochmut (Mada); rujāḥ – Leiden, Schmerzen, Krankheiten (Ruja).

16. Vers Yoga Bija: Weitere Begrenzungen des Jiva

जरा मृत्युश्च कार्पण्यं शोको निद्रा क्षुधा तृषा ।
द्वेषो लज्जा सुखं दुःखं विषादो हर्ष एव च ॥ १६ ॥

jarā mṛtyuś ca kārpaṇyaṃ śoko nidrā kṣudhā tṛṣā |
dveṣo lajjā sukhaṃ duḥkhaṃ viṣādo harṣa eva ca || 16 ||

Dazu gehören Alter, Tod, Kleinmut, Kummer, Schlaf, Hunger, Durst, Abneigung, Scham, Freude und Leid, Niedergeschlagenheit und ebenso freudige Erregung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jarā – Alter, Altern (Jara); mṛtyuḥ – Tod (Mrityu); ca – und (Cha); kārpaṇyam – Kleinmut, Schwäche, Mutlosigkeit (Karpanya); śokaḥ – Kummer, Trauer (Shoka); nidrā – Schlaf (Nidra); kṣudhā – Hunger (Kshudha); tṛṣā – Durst (Trisha); dveṣaḥ – Abneigung, Hass (Dvesha); lajjā – Scham, Schamgefühl (Lajja); sukham – Freude, Wohlgefühl (Sukha); duḥkham – Leid, Schmerz (Duhkha); viṣādaḥ – Niedergeschlagenheit, Verzweiflung (Vishada); harṣaḥ – Freude, freudige Erregung (Harsha); eva ca – und ebenso, und auch (Eva, Cha).

17. Vers Yoga Bija: Der Jiva ist in Wahrheit Shiva

जाग्रत्स्वप्नः सुषुप्तिश्च शङ्का गर्वस्तथैव च ।
एभिर्दोषैर्विनिर्मुक्तः स जीवः शिव एव हि ॥ १७ ॥

jāgrat svapnaḥ suṣuptiś ca śaṅkā garvas tathaiva ca |
ebhir doṣair vinirmuktaḥ sa jīvaḥ śiva eva hi || 17 ||

Wachzustand, Traum und Tiefschlaf, Zweifel und Stolz gehören ebenfalls dazu. Von diesen Begrenzungen vollkommen frei, ist dieser Jiva wahrlich Shiva selbst.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jāgrat – Wachzustand, Wachen (Jagrat); svapnaḥ – Traum, Traumzustand (Svapna); suṣuptiḥ – Tiefschlaf, Tiefschlafzustand (Sushupti); ca – und (Cha); śaṅkā – Zweifel, Bedenken (Shanka); garvaḥ – Stolz, Hochmut (Garva); tathā eva ca – ebenso auch (Tatha, Eva, Cha); ebhiḥ – von diesen (Etad); doṣaiḥ – Fehlern, Mängeln, Begrenzungen (Dosha); vinirmuktaḥ – vollkommen befreit, vollständig frei (Vinirmukta); saḥ – dieser, er (Tad); jīvaḥ – das individuelle Wesen (Jiva); śivaḥ – Shiva; eva – wahrlich, tatsächlich, allein (Eva); hi – gewiss, wahrlich (Hi).

18. Vers Yoga Bija: Erkenntnis allein genügt nicht

तस्माद्दोषविनाशार्थमुपायं कथयामि ते ।
ज्ञानं केचिद्वदन्त्यत्र केवलं तन्न सिद्धये ॥ १८ ॥

tasmād doṣavināśārtham upāyaṃ kathayāmi te |
jñānaṃ kecid vadanty atra kevalaṃ tan na siddhaye || 18 ||

Deshalb werde ich dir das Mittel zur Beseitigung dieser Begrenzungen erklären. Manche sagen, Erkenntnis allein genüge; doch diese allein führt nicht zur Vollendung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – deshalb, daher (Tasmat); doṣa-vināśa-artham – zum Zweck (Artha) der Beseitigung (Vinasha) der Fehler und Begrenzungen (Dosha); upāyam – das Mittel, die Methode (Upaya); kathayāmi – ich erkläre, ich lehre (Kath); te – dir (Tvam); jñānam – Erkenntnis, Wissen (Jnana); kecit – einige, manche (Kechit); vadanti – sagen, erklären (Vad); atra – hier, in dieser Hinsicht (Atra); kevalam – allein, ausschließlich (Kevala); tat – das, dieses (Tad); na – nicht (Na); siddhaye – zur Vollendung, zur Verwirklichung, zum Erfolg (Siddhi).

19. Vers Yoga Bija: Yoga und Erkenntnis gehören zusammen

योगहीनं कथं ज्ञानं मोक्षदं भवतीश्वरि ।
योगोऽपि ज्ञानहीनस्तु न क्षमो मोक्षकर्मणि ॥ १९ ॥

yogahīnaṃ kathaṃ jñānaṃ mokṣadaṃ bhavatīśvari |
yogo ’pi jñānahīnas tu na kṣamo mokṣakarmaṇi || 19 ||

Wie könnte Erkenntnis ohne Yoga Befreiung schenken, o Ishvari? Aber auch Yoga ohne Erkenntnis vermag das Werk der Befreiung nicht zu vollbringen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yoga-hīnam – ohne, frei von (Hina) Yoga; katham – wie, auf welche Weise (Katham); jñānam – Erkenntnis, Wissen (Jnana); mokṣadam – Befreiung (Moksha) schenkend; bhavati – ist, wird, vermag zu sein (Bhu); īśvari – o Herrin, o Göttin (Ishvari); yogaḥ – Yoga; api – auch, ebenso (Api); jñāna-hīnaḥ – ohne Erkenntnis (Jnana, Hina); tu – aber, dagegen (Tu); na – nicht (Na); kṣamaḥ – fähig, imstande, geeignet (Kshama); mokṣa-karmaṇi – beim Werk, bei der Aufgabe (Karman) der Befreiung (Moksha).

20. Vers Yoga Bija: Wozu ist Yoga notwendig?

Devi sprach: अज्ञानादेव संसारो ज्ञानादेव विमुच्यते ।
योगेनैषां तु किं कार्यं मे प्रसन्नगिरा वद ॥ २० ॥

ajñānād eva saṃsāro jñānād eva vimucyate |
yogenaiṣāṃ tu kiṃ kāryaṃ me prasannagirā vada || 20 ||

Aus Unwissenheit allein entsteht Samsara, und durch Erkenntnis allein wird man befreit. Welche Aufgabe hat dann Yoga dabei? Erkläre mir dies bitte mit klaren und freundlichen Worten.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñānāt – aus Unwissenheit, aufgrund von Unwissenheit (Ajnana); eva – allein, eben, wahrlich (Eva); saṃsāraḥ – Kreislauf von Geburt und Tod, bedingte Existenz (Samsara); jñānāt – durch Erkenntnis, aufgrund von Erkenntnis (Jnana); eva – allein, eben (Eva); vimucyate – wird befreit, wird vollständig frei (Vimuch); yogena – durch Yoga, mittels Yoga; eṣām – hierbei, in Bezug auf diese; tu – aber, nun, dann (Tu); kim – was, welche (Kim); kāryam – Aufgabe, Funktion, das zu Tuende (Karya); me – mir (Mad); prasanna-girā – mit freundlicher, klarer, wohlwollender Rede (Prasanna, Gir); vada – sage, erkläre (Vad).

21. Vers Yoga Bija: Das Wesen der Erkenntnis

Ishvara sprach: सत्यमेतत्त्वयोक्तं ते कथयामि सुरेश्वरि ।
ज्ञानस्वरूपमेवादौ ज्ञेयं ज्ञानं च साधनम् ॥ २१ ॥

satyam etat tvayoktaṃ te kathayāmi sureśvari |
jñānasvarūpam evādau jñeyaṃ jñānaṃ ca sādhanam || 21 ||

Was du gesagt hast, ist wahr. Ich werde es dir erklären, o Herrin der Götter. Zuerst muss das Wesen der Erkenntnis erkannt werden; und Erkenntnis ist das Mittel zur Verwirklichung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: satyam – wahr, Wahrheit (Satya); etat – dieses, dies (Etad); tvayā – von dir (Tvam); uktam – gesagt, gesprochen (Ukta); te – dir, für dich (Tvam); kathayāmi – ich erkläre, ich werde darlegen (Kath); sureśvari – o Herrin (Ishvari) der Götter (Sura); jñāna-svarūpam – das wahre Wesen (Svarupa) der Erkenntnis (Jnana); eva – wahrlich, eben (Eva); ādau – zuerst, am Anfang (Adi); jñeyam – muss erkannt werden, ist zu erkennen (Jneya); jñānam – Erkenntnis, Wissen (Jnana); ca – und (Cha); sādhanam – Mittel, spirituelle Praxis, Mittel zur Verwirklichung (Sadhana).

22. Vers Yoga Bija: Was ist Unwissenheit?

अज्ञानं कीदृशं चेति प्रविचार्यं विवेकिना ।
ज्ञातं येन निजं रूपं कैवल्यं परमं शिवम् ॥ २२ ॥

ajñānaṃ kīdṛśaṃ ceti pravicāryaṃ vivekinā |
jñātaṃ yena nijaṃ rūpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ śivam || 22 ||

Der Unterscheidungskräftige soll gründlich untersuchen, was Unwissenheit ihrem Wesen nach ist. Durch jene Erkenntnis wird das eigene wahre Wesen erkannt – Kaivalya, die höchste, glückselige Wirklichkeit.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñānam – Unwissenheit, Nichtwissen (Ajnana); kīdṛśam – von welcher Art, wie beschaffen (Kidrisha); ca – und (Cha); iti – so, auf diese Weise (Iti); pravicāryam – gründlich zu untersuchen, genau zu erwägen (Vichara); vivekinā – von einem Unterscheidungskräftigen (Vivekin); jñātam – erkannt, gewusst (Jnata); yena – wodurch, durch welches (Yad); nijam – das eigene, ureigene (Nija); rūpam – Wesen, Gestalt, wahre Natur (Rupa); kaivalyam – absolute Freiheit, Befreiung (Kaivalya); paramam – das höchste (Parama); śivam – glückselig, heilvoll; Shiva.

23. Vers Yoga Bija: Kann Erkenntnis allein befreien?

असौ दोषैर्विमुक्तः किं कामक्रोधभयादिभिः ।
सर्वदोषैर्वृत्तो जीवः कथं ज्ञानेन मुच्यते ॥ २३ ॥

asau doṣair vimuktaḥ kiṃ kāmakrodhabhayādibhiḥ |
sarvadoṣair vṛtto jīvaḥ kathaṃ jñānena mucyate || 23 ||

Ist dieser Jiva denn durch Erkenntnis von Fehlern wie Begierde, Zorn und Angst befreit? Wie kann der Jiva, der von allen diesen Begrenzungen umgeben ist, allein durch Erkenntnis befreit werden?

Wort-für-Wort-Übersetzung: asau – dieser, jener (Asau); doṣaiḥ – von Fehlern, Unreinheiten, Begrenzungen (Dosha); vimuktaḥ – befreit, frei (Vimukta); kim – etwa?, ist es so?, was? (Kim); kāma – Begierde, Verlangen (Kama); krodha – Zorn, Ärger (Krodha); bhaya – Angst, Furcht (Bhaya); ādibhiḥ – und anderen, und dergleichen (Adi); sarva-doṣaiḥ – von allen (Sarva) Fehlern und Begrenzungen (Dosha); vṛttaḥ – umgeben, bedeckt, umhüllt (Vrita); jīvaḥ – das individuelle Wesen (Jiva); katham – wie (Katham); jñānena – durch Erkenntnis (Jnana); mucyate – wird befreit (Much).

24. Vers Yoga Bija: Alles ist vom Selbst durchdrungen

Devi sprach: स्वात्मरूपं यदा ज्ञातं पूर्णं तद्व्यापकं तदा ।
कामक्रोधादिदोषाणां स्वरूपान्नास्ति भिन्नता ॥ २४ ॥

svātmarūpaṃ yadā jñātaṃ pūrṇaṃ tad vyāpakaṃ tadā |
kāmakrodhādidoṣāṇāṃ svarūpān nāsti bhinnatā || 24 ||

Wenn das eigene Selbst als vollkommen und alles durchdringend erkannt worden ist, dann können auch Fehler wie Begierde und Zorn nicht als etwas vom eigenen wahren Wesen Getrenntes betrachtet werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sva-ātma-rūpam – das Wesen (Rupa) des eigenen (Sva) Selbst (Atman); yadā – wenn, wann (Yada); jñātam – erkannt (Jnata); pūrṇam – vollkommen, vollständig, erfüllt (Purna); tat – das (Tad); vyāpakam – alles durchdringend, überall gegenwärtig (Vyapaka); tadā – dann (Tada); kāma – Begierde (Kama); krodha – Zorn (Krodha); ādi – und weitere, und so weiter (Adi); doṣāṇām – der Fehler, Begrenzungen (Dosha); svarūpāt – vom eigenen Wesen, von der wahren Natur (Svarupa); na asti – es besteht nicht, es gibt nicht (Na, Asti); bhinnatā – Verschiedenheit, Getrenntheit (Bhinnata).

25. Vers Yoga Bija: Der Unterscheidungskräftige ist immer frei

पश्चात्तस्य विधिः कश्चिन्निषेधोऽपि कथं भवेत् ।
विवेकी सर्वदा मुक्तः संसारभ्रमवर्जितः ॥ २५ ॥

paścāt tasya vidhiḥ kaścin niṣedho ’pi kathaṃ bhavet |
vivekī sarvadā muktaḥ saṃsārabhramavarjitaḥ || 25 ||

Wie könnte es danach für ihn noch irgendein Gebot oder Verbot geben? Der Unterscheidungskräftige ist immer frei und vom Irrtum des Samsara befreit.

Wort-für-Wort-Übersetzung: paścāt – danach, später (Pashchat); tasya – für ihn, dessen (Tad); vidhiḥ – Vorschrift, Gebot, Regel (Vidhi); kaścit – irgendein, irgendeiner (Kashchit); niṣedhaḥ – Verbot, Untersagung (Nishedha); api – auch, überhaupt (Api); katham – wie (Katham); bhavet – könnte sein, könnte bestehen (Bhu); vivekī – der Unterscheidungskräftige (Vivekin); sarvadā – immer, jederzeit (Sarvada); muktaḥ – befreit, frei (Mukta); saṃsāra-bhrama-varjitaḥ – frei (Varjita) vom Irrtum, von der Täuschung (Bhrama) des Samsara.

26. Vers Yoga Bija: Das vollkommene Selbst

Ishvara sprach: परिपूर्णस्वरूपं तत्सत्यमेतद्वरानने ।
सकलं निष्कलं चैव पूर्णत्वाच्च तदेव हि ॥ २६ ॥

paripūrṇasvarūpaṃ tat satyam etad varānane |
sakalaṃ niṣkalaṃ caiva pūrṇatvāc ca tad eva hi || 26 ||

Dieses Selbst ist seinem Wesen nach vollkommen erfüllt – das ist wahr, o Schönantlitzige. Sowohl das Teilhafte als auch das Ungeteilte sind aufgrund dieser Vollkommenheit wahrlich nichts anderes als dieses Eine.

Wort-für-Wort-Übersetzung: paripūrṇa-svarūpam – von vollkommen erfülltem (Paripurna) Wesen (Svarupa); tat – das, dieses (Tad); satyam – wahr, Wahrheit (Satya); etat – dieses (Etad); varānane – o Schönantlitzige, o du mit dem schönen Gesicht; sakalam – mit Teilen versehen, manifest, gegliedert (Sakala); niṣkalam – ohne Teile, ungeteilt (Nishkala); ca – und (Cha); eva – eben, wahrlich (Eva); pūrṇatvāt – aufgrund der Vollkommenheit, aufgrund des Vollständigseins (Purnatva); tat – das (Tad); eva hi – wahrlich eben dieses, gewiss dieses allein (Eva, Hi).

27. Vers Yoga Bija: Wie entsteht die Täuschung des Samsara?

कलनास्फूर्तिरूपेणा संसारभ्रमतां गतम् ।
एतद्रूपं समायातं तत्कथं मोहसागरे ॥ २७ ॥

kalanāsphūrtirūpeṇā saṃsārabhramatāṃ gatam |
etad rūpaṃ samāyātaṃ tat kathaṃ mohasāgare || 27 ||

In Gestalt des Aufleuchtens gedanklicher Vorstellungen ist es in die Täuschung des Samsara geraten. Wie ist dieses Selbst in eine solche Gestalt und in den Ozean der Verblendung gelangt?

Wort-für-Wort-Übersetzung: kalanā – Vorstellung, gedankliche Hervorbringung, Konstruktion (Kalana); sphūrti – Aufleuchten, Hervortreten, Manifestation (Sphurti); rūpeṇā – in der Gestalt, in der Form (Rupa); saṃsāra – Kreislauf der bedingten Existenz (Samsara); bhramatām – in den Zustand der Täuschung, des Irrtums (Bhrama); gatam – gelangt, gekommen (Gata); etat – dieses (Etad); rūpam – Gestalt, Form (Rupa); samāyātam – hineingelangt, gekommen, angenommen; tat – das, jenes (Tad); katham – wie (Katham); moha-sāgare – in den Ozean (Sagara) der Verblendung (Moha).

28. Vers Yoga Bija: Das Selbst ist rein wie der Himmel

निष्कलं निर्मलं साक्षात्स्वरूपं गगनोपमम् ।
उत्पत्तिस्थितिसंहारस्फूर्तिज्ञानविवर्जितम् ॥ २८ ॥

niṣkalaṃ nirmalaṃ sākṣāt svarūpaṃ gaganopamam |
utpattisthitisaṃhārasphūrtijñānavivarjitam || 28 ||

Das wahre Selbst ist unmittelbar ungeteilt und makellos, dem grenzenlosen Himmel gleich. Es ist frei von Entstehung, Erhaltung, Auflösung, Manifestation und begrenztem Wissen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: niṣkalam – ohne Teile, ungeteilt (Nishkala); nirmalam – rein, makellos (Nirmala); sākṣāt – unmittelbar, direkt, wahrhaftig (Sakshat); svarūpam – das eigene wahre Wesen (Svarupa); gagana-upamam – dem Himmel (Gagana) vergleichbar (Upama); utpatti – Entstehung, Schöpfung (Utpatti); sthiti – Erhaltung, Fortbestehen (Sthiti); saṃhāra – Auflösung, Zerstörung (Samhara); sphūrti – Aufleuchten, Hervortreten, Manifestation (Sphurti); jñāna – Erkenntnis, Wissen (Jnana); vivarjitam – frei von, ohne, nicht berührt von (Vivarjita).

29. Vers Yoga Bija: Das Versinken in Freude und Leid

निमज्जति वरारोहे त्यक्त्वा विद्यां पुनः पुनः ।
सुखदुःखादिमोहेषु यथा संसारिणां स्थितिः ॥ २९ ॥

nimajjati varārohe tyaktvā vidyāṃ punaḥ punaḥ |
sukhaduḥkhādimoheṣu yathā saṃsāriṇāṃ sthitiḥ || 29 ||

O Schöngewachsene, wenn man die wahre Erkenntnis immer wieder aufgibt, versinkt man in Verblendungen wie Freude und Leid – so wie es der Zustand der im Samsara gefangenen Wesen ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nimajjati – versinkt, taucht unter (Nimajj); varārohe – o Schöngewachsene, o Edle; tyaktvā – nachdem man aufgegeben hat, aufgebend (Tyaktva); vidyām – Wissen, wahre Erkenntnis (Vidya); punaḥ punaḥ – immer wieder, wieder und wieder (Punar); sukha – Freude, Wohlgefühl (Sukha); duḥkha – Leid, Schmerz (Duhkha); ādi – und dergleichen (Adi); moheṣu – in den Verblendungen, Täuschungen (Moha); yathā – wie, so wie (Yatha); saṃsāriṇām – der im Samsara befindlichen Wesen (Samsarin); sthitiḥ – Zustand, Verfassung (Sthiti).

30. Vers Yoga Bija: Erkenntnis und Vasanas

तथा ज्ञानी यदा तिष्ठेद्वासनावासितस्तदा ।
तयोर्नास्ति विशेषोऽत्र समा संसारभावना ॥ ३० ॥

tathā jñānī yadā tiṣṭhed vāsanāvāsitas tadā |
tayor nāsti viśeṣo ’tra samā saṃsārabhāvanā || 30 ||

Wenn ebenso ein Mensch mit Erkenntnis weiterhin von Vasanas, den tief verwurzelten Neigungen, geprägt ist, besteht zwischen ihm und einem gewöhnlichen Menschen im Samsara kein wirklicher Unterschied: Die innere Ausrichtung auf Samsara ist bei beiden dieselbe.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tathā – ebenso, auf diese Weise (Tatha); jñānī – ein Wissender, ein Mensch mit Erkenntnis (Jnani); yadā – wenn (Yada); tiṣṭhet – verweilt, bleibt, sich befindet (Stha); vāsanā – tief verwurzelte Neigung, subtiler Eindruck (Vasana); vāsitaḥ – durchdrungen, geprägt, beeinflusst (Vasita); tadā – dann (Tada); tayoḥ – zwischen diesen beiden, von beiden (Tad); na asti – es gibt nicht, besteht nicht (Na, Asti); viśeṣaḥ – Unterschied, Besonderheit (Vishesha); atra – hier, in diesem Fall (Atra); samā – gleich, dieselbe (Sama); saṃsāra-bhāvanā – Vorstellung, innere Ausrichtung bzw. geistige Prägung (Bhavana) auf den Samsara.

31. Vers Yoga Bija: Erkenntnis allein führt noch nicht zur Befreiung

ज्ञानं चेदीदृशं ज्ञातमज्ञानं कीदृशं पुनः ।
ज्ञाननिष्ठो विरक्तोऽपि धर्मज्ञो विजितेन्द्रियः ॥ ३१ ॥

jñānaṃ ced īdṛśaṃ jñātam ajñānaṃ kīdṛśa punaḥ |
jñānaniṣṭho virakto ’pi dharmajño vijitendriyaḥ || 31 ||

Wenn erkannt worden ist, dass Erkenntnis von dieser Art ist, wie ist dann Unwissenheit beschaffen? Selbst jemand, der fest in der Erkenntnis gegründet, leidenschaftslos, ein Kenner des Dharma und Herr seiner Sinne ist ...

Wort-für-Wort-Übersetzung: jñānam – Erkenntnis, Wissen (Jnana); cet – wenn, falls (Chet); īdṛśam – von dieser Art, so beschaffen (Idrisha); jñātam – erkannt, gewusst (Jnata); ajñānam – Unwissenheit, Nichtwissen (Ajnana); kīdṛśam – von welcher Art, wie beschaffen (Kidrisha); punaḥ – wiederum, dann, dagegen (Punar); jñāna-niṣṭhaḥ – fest in der Erkenntnis (Jnana) gegründet (Nishtha); viraktaḥ – leidenschaftslos, frei von Anhaftung (Virakta); api – auch, selbst, sogar (Api); dharma-jñaḥ – Kenner (Jna) des Dharma; vijita-indriyaḥ – einer, der seine Sinne (Indriya) bezwungen bzw. gemeistert hat (Vijita).

32. Vers Yoga Bija: Ohne Yoga keine Befreiung Versmaß: Anushtubh (Halbvers) विना योगेन देवोऽपि नो मोक्षं लभते प्रिये ॥ ३२ ॥

vinā yogena devo ’pi no mokṣaṃ labhate priye || 32 ||

... erlangt ohne Yoga keine Befreiung, selbst wenn er ein Gott wäre, o Geliebte.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vinā – ohne (Vina); yogena – durch Yoga, mittels Yoga (Yoga); devaḥ – ein Gott, ein göttliches Wesen (Deva); api – selbst, sogar, auch (Api); no – nicht (Na); mokṣam – Befreiung (Moksha); labhate – erlangt, erreicht (Labh); priye – o Geliebte, o Liebe (Priya).

33. Vers Yoga Bija: Devis Einwand

Devi sprach: अन्यत्किञ्चित्परिज्ञेयं ज्ञानिनां नास्ति शङ्कर ।
विरक्तात्मकनिष्ठानां कथं मोक्षो भवेन्न तु ॥ ३३ ॥

anyat kiñcit parijñeyaṃ jñānināṃ nāsti śaṅkara |
viraktātmakaniṣṭhānāṃ kathaṃ mokṣo bhaven na tu || 33 ||

O Shankara, für die Wissenden gibt es doch nichts anderes mehr zu erkennen. Wie sollte den Leidenschaftslosen, die fest im Selbst gegründet sind, die Befreiung nicht zuteilwerden?

Wort-für-Wort-Übersetzung: anyat – etwas anderes, anderes (Anya); kiñcit – irgendetwas, etwas (Kinchit); parijñeyam – vollständig zu erkennen, zu wissen (Parijneya); jñāninām – für die Wissenden, der Menschen mit Erkenntnis (Jnani); na asti – gibt es nicht, ist nicht (Na, Asti); śaṅkara – o Shankara; virakta – leidenschaftslos, frei von Anhaftung (Virakta); ātma – Selbst (Atman); niṣṭhānām – derjenigen, die fest gegründet sind (Nishtha); katham – wie (Katham); mokṣaḥ – Befreiung (Moksha); bhavet – könnte sein, könnte entstehen, könnte zuteilwerden (Bhu); na tu – etwa nicht?, sollte nicht (Na, Tu).

34. Vers Yoga Bija: Unreife und Gereifte

Ishvara sprach: अपक्वाः परिपक्वाश्च द्विविधाः देहिनः स्मृताः ।
अपक्वा योगहीनास्तु पक्वा योगेन देहिनः ॥ ३४ ॥

apakvāḥ paripakvāś ca dvividhāḥ dehinaḥ smṛtāḥ |
apakvā yogahīnās tu pakvā yogena dehinaḥ || 34 ||

Die verkörperten Wesen werden als zweifach bezeichnet: als unreif und als ausgereift. Unreif sind diejenigen, denen Yoga fehlt; durch Yoga werden die Verkörperten reif.

Wort-für-Wort-Übersetzung: apakvāḥ – unreif, noch nicht ausgereift (Apakva); paripakvāḥ – vollständig gereift, ausgereift (Paripakva); ca – und (Cha); dvividhāḥ – von zweierlei Art, zweifach (Dvividha); dehinaḥ – die Verkörperten, die körpertragenden Wesen (Dehin); smṛtāḥ – werden angesehen als, gelten als, werden bezeichnet (Smrita); apakvāḥ – die Unreifen (Apakva); yoga-hīnāḥ – ohne (Hina) Yoga; tu – dagegen, aber (Tu); pakvāḥ – gereift, reif (Pakva); yogena – durch Yoga; dehinaḥ – die verkörperten Wesen (Dehin).

35. Vers Yoga Bija: Durch das Feuer des Yoga gereift

पक्वो योगाग्निना देही ह्यजडः शोकवर्जितः ।
जडस्तत्पार्थिवो ज्ञेयो ह्यपक्वो दुःखदो भवेत् ॥ ३५ ॥

pakvo yogāgninā dehī hy ajaḍaḥ śokavarjitaḥ |
jaḍas tat pārthivo jñeyo hy apakvo duḥkhado bhavet || 35 ||

Der durch das Feuer des Yoga Gereifte ist nicht träge und frei von Kummer. Der Unreife dagegen ist als träge und erdhaft zu erkennen und wird zum Bringer von Leid.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pakvaḥ – gereift, reif (Pakva); yoga-agninā – durch das Feuer (Agni) des Yoga; dehī – der Verkörperte, der einen Körper Tragende (Dehin); hi – wahrlich, gewiss (Hi); ajaḍaḥ – nicht träge, nicht stumpf, nicht leblos (Ajada); śoka-varjitaḥ – frei (Varjita) von Kummer und Trauer (Shoka); jaḍaḥ – träge, stumpf, leblos (Jada); tat – das, dieser (Tad); pārthivaḥ – erdhaft, irdisch, aus dem Erdelement bestehend (Parthiva); jñeyaḥ – ist zu erkennen, ist anzusehen als (Jneya); apakvaḥ – unreif (Apakva); duḥkhadaḥ – Leid (Duhkha) verursachend bzw. bringend; bhavet – ist, wird, kann sein (Bhu).

36. Vers Yoga Bija: Den Sinnen ausgeliefert

ध्यानस्थोऽसौ तथाप्येवमिन्द्रियैर्विवशो भवेत् ।
अतिगाढं नियम्यापि तथाप्यन्यैः प्रबोध्यते ॥ ३६ ॥

dhyānastho ’sau tathāpy evam indriyair vivaśo bhavet |
atigāḍhaṃ niyamyāpi tathāpy anyaiḥ prabodhyate || 36 ||

Selbst wenn ein solcher Mensch in Meditation verweilt, kann er den Sinnen ausgeliefert sein. Auch wenn er sie sehr fest beherrscht, wird er dennoch durch andere Einflüsse wieder aufgestört.

Wort-für-Wort-Übersetzung: dhyāna-sthaḥ – in Meditation (Dhyana) verweilend, in Meditation gegründet (Stha); asau – dieser, jener (Asau); tathā api – dennoch, trotzdem (Tatha, Api); evam – so, auf diese Weise (Evam); indriyaiḥ – durch die Sinne (Indriya); vivaśaḥ – machtlos, abhängig, nicht Herr seiner selbst (Vivasha); bhavet – kann werden, kann sein (Bhu); atigāḍham – sehr fest, äußerst stark (Gadha); niyamya – nachdem er beherrscht bzw. gezügelt hat (Niyam); api – auch, selbst (Api); tathā api – dennoch, trotzdem; anyaiḥ – durch andere, von anderen (Anya); prabodhyate – wird aufgeweckt, aufgestört, zum Bewusstsein gebracht (Prabudh).

37. Vers Yoga Bija: Die Bedrängnisse des Körpers

शीतोष्णसुखदुःखाद्यैर्व्याधिभिर्मानवैस्तथा ।
अन्यैर्नानाविधैर्जीवैः शस्त्राग्निजलमारुतैः ॥ ३७ ॥

śītoṣṇasukhaduḥkhādyair vyādhibhir mānavais tathā |
anyair nānāvidhair jīvaiḥ śastrāgnijalamārutaiḥ || 37 ||

Durch Kälte und Hitze, Freude und Leid und Ähnliches, durch Krankheiten und Menschen, ebenso durch andere verschiedenartige Lebewesen sowie durch Waffen, Feuer, Wasser und Wind ...

Wort-für-Wort-Übersetzung: śīta – Kälte, kalt (Shita); uṣṇa – Hitze, heiß (Ushna); sukha – Freude, Wohlbefinden (Sukha); duḥkha – Leid, Schmerz (Duhkha); ādyaiḥ – und dergleichen, und anderem (Adi); vyādhibhiḥ – durch Krankheiten (Vyadhi); mānavaiḥ – durch Menschen (Manava); tathā – ebenso, ferner (Tatha); anyaiḥ – durch andere (Anya); nānā-vidhaiḥ – verschiedenartig, mannigfaltig (Nana, Vidha); jīvaiḥ – durch Lebewesen (Jiva); śastra – Waffe (Shastra); agni – Feuer (Agni); jala – Wasser (Jala); mārutaiḥ – durch Winde, durch Wind (Maruta).

38. Vers Yoga Bija: Körper, Geist und Lebenswind geraten in Unruhe

शरीरं पीड्यते चास्य चित्तं संक्षुभ्यते ततः ।
प्राणापानविपत्तौ तु क्षोभमायाति मारुतः ॥ ३८ ॥

śarīraṃ pīḍyate cāsya cittaṃ saṃkṣubhyate tataḥ |
prāṇāpānavipattau tu kṣobham āyāti mārutaḥ || 38 ||

... wird sein Körper gequält, und dadurch gerät sein Geist in Unruhe. Wenn Prana und Apana aus ihrem Gleichgewicht geraten, wird auch der Lebenswind aufgewühlt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: śarīram – Körper (Sharira); pīḍyate – wird gequält, bedrängt, beeinträchtigt (Pid); ca – und (Cha); asya – sein, von diesem (Idam); cittam – Geist, Gemüt, Bewusstsein (Chitta); saṃkṣubhyate – gerät in Unruhe, wird aufgewühlt (Samkshubh); tataḥ – dadurch, infolgedessen, danach (Tatas); prāṇa – Prana, aufsteigende Lebensenergie; apāna – Apana, absteigende Lebensenergie; vipattau – bei einer Störung, einem Zusammenbruch, einer Beeinträchtigung (Vipatti); tu – aber, dann (Tu); kṣobham – Unruhe, Erregung, Aufwühlung (Kshobha); āyāti – gelangt, gerät, kommt (Ayati); mārutaḥ – Wind, Lebenswind (Maruta).

39. Vers Yoga Bija: Der von Leiden erfüllte Geist Versmaß: Anushtubh (Halbvers) ततो दुःखशतैर्व्याप्तं चित्तं लुब्धं भवेन्नृणाम् ॥ ३९ ॥

tato duḥkhaśatair vyāptaṃ cittaṃ lubdhaṃ bhaven nṛṇām || 39 ||

So wird der Geist der Menschen von Hunderten von Leiden erfüllt und von Begierde und Anhaftung ergriffen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – dadurch, daraufhin (Tatas); duḥkha-śataiḥ – von Hunderten (Shata) von Leiden (Duhkha); vyāptam – erfüllt, durchdrungen, bedeckt (Vyapta); cittam – Geist, Gemüt (Chitta); lubdham – begehrlich, gierig, anhaftend (Lubdha); bhavet – wird, kann werden (Bhu); nṛṇām – der Menschen (Nri).

40. Vers Yoga Bija: Der letzte Gedanke als Ursache der Wiedergeburt

देहावसानसमये चित्ते यद्यद्विभावयेद् ।
तत्तदेव भवेज्जीव इत्येवं जन्मकारणम् ॥ ४० ॥

dehāvasānasamaye citte yad yad vibhāvayed |
tat tad eva bhavej jīva ity evaṃ janmakāraṇam || 40 ||

Was immer man zum Zeitpunkt des Endes des Körpers im Geist vergegenwärtigt, genau das wird der Jiva. Auf diese Weise entsteht die Ursache einer neuen Geburt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: deha-avasāna-samaye – zur Zeit (Samaya) des Endes (Avasana) des Körpers (Deha); citte – im Geist, im Gemüt (Chitta); yad yad – was immer, was auch immer (Yad); vibhāvayet – sich vergegenwärtigen, vorstellen, geistig hervorbringen (Vibhav); tat tat – genau das, eben das (Tad); eva – eben, genau, wahrlich (Eva); bhavet – wird, möge werden (Bhu); jīvaḥ – das individuelle Wesen, der Jiva; iti – so, auf diese Weise (Iti); evam – so, derart (Evam); janma-kāraṇam – Ursache (Karana) der Geburt bzw. Wiedergeburt (Janma).

41. Vers Yoga Bija: Wissen, Vairagya und Japa

देहान्ते किं भवेज्जन्म तन्न जानन्ति मानवाः ।
तस्माज्ज्ञानं न वैराग्यं जपः स्यात् केवलः श्रमः ॥ ४१ ॥

dehānte kiṃ bhavej janma tan na jānanti mānavāḥ |
tasmaj jñānaṃ na vairāgyaṃ japaḥ syāt kevalaḥ śramaḥ || 41 ||

Welche Geburt nach dem Ende des Körpers folgen wird, wissen die Menschen nicht. Ohne Erkenntnis und Vairagya wäre Japa daher lediglich vergebliche Mühe.

Wort-für-Wort-Übersetzung: deha-ante – am Ende (Anta) des Körpers (Deha); kim – was, welche (Kim); bhavet – wird sein, könnte entstehen (Bhu); janma – Geburt, Wiedergeburt (Janma); tat – das (Tad); na – nicht (Na); jānanti – sie wissen, erkennen (Jna); mānavāḥ – die Menschen (Manava); tasmāt – deshalb, daher (Tasmat); jñānam – Wissen, Erkenntnis (Jnana); na – nicht, ohne (Na); vairāgyam – Leidenschaftslosigkeit, Nicht-Anhaften (Vairagya); japaḥ – Mantra-Wiederholung (Japa); syāt – wäre, könnte sein (As); kevalaḥ – bloß, lediglich (Kevala); śramaḥ – Mühe, Anstrengung, Arbeit (Shrama).

42. Vers Yoga Bija: Die Grenzen bloßer Meditation

पिपीलिका यदा लग्ना देहे ध्यानाद् विमुच्यते ।
असौ किं वृश्चिकैर्दष्टो देहान्ते वा कथं सुखी ॥ ४२ ॥

pipīlikā yadā lagnā dehe dhyānād vimucyate |
asau kiṃ vṛścikair daṣṭo dehānte vā kathaṃ sukhī || 42 ||

Wenn schon eine Ameise, die sich am Körper festsetzt, jemanden aus der Meditation bringen kann, wie könnte er dann glücklich bleiben, wenn er von Skorpionen gestochen wird oder wenn das Ende des Körpers kommt?

Wort-für-Wort-Übersetzung: pipīlikā – Ameise (Pipilika); yadā – wenn (Yada); lagnā – angeheftet, festgesetzt, anhaftend (Lagna); dehe – am Körper, im Körper (Deha); dhyānāt – aus der Meditation, von der Meditation (Dhyana); vimucyate – wird gelöst, wird herausgebracht (Vimuch); asau – dieser, jener (Asau); kim – wie?, was dann? (Kim); vṛścikaiḥ – von Skorpionen (Vrishchika); daṣṭaḥ – gebissen, gestochen (Dashta); deha-ante – am Ende des Körpers (Deha, Anta); vā – oder (Va); katham – wie (Katham); sukhī – glücklich, voller Wohlbefinden (Sukhin).

43. Vers Yoga Bija: Verstrickung in falsches Denken Versmaß: Anushtubh (Halbvers) तस्मान्मूढा न जानन्ति मिथ्या तर्केण वेष्टिताः ॥ ४३ ॥

tasmān mūḍhā na jānanti mithyā tarkeṇa veṣṭitāḥ || 43 ||

Daher erkennen die Verblendeten die Wahrheit nicht; sie sind von falschem Schlussfolgern umfangen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – daher, deshalb (Tasmat); mūḍhāḥ – die Verblendeten, Verwirrten, Toren (Mudha); na – nicht (Na); jānanti – sie wissen, erkennen (Jna); mithyā – falsch, irrig (Mithya); tarkeṇa – durch Schlussfolgern, Argumentieren, Logik (Tarka); veṣṭitāḥ – umhüllt, umfangen, verstrickt (Veshtita).

44. Vers Yoga Bija: Wenn die Ich-Vorstellung verschwunden ist

अहङ्कृतिर्यदा यस्य नष्टा भवति तस्य वै ।
देहः स तु भवेन्नष्टो व्याधयस्तस्य किं पुनः ॥ ४४ ॥

ahaṅkṛtir yadā yasya naṣṭā bhavati tasya vai |
dehaḥ sa tu bhaven naṣṭo vyādhayas tasya kiṃ punaḥ || 44 ||

Wenn bei jemandem die Ich-Vorstellung verschwunden ist, ist für ihn wahrlich auch die Identifikation mit dem Körper verschwunden. Was können ihm dann noch Krankheiten anhaben?

Wort-für-Wort-Übersetzung: ahaṅkṛtiḥ – Ich-Vorstellung, Ich-Bewusstsein, Ego-Bildung (Ahamkriti); yadā – wenn (Yada); yasya – bei wem, dessen (Yad); naṣṭā – verschwunden, vernichtet (Nashta); bhavati – wird, ist (Bhu); tasya – für ihn, dessen (Tad); vai – wahrlich, gewiss (Vai); dehaḥ – Körper (Deha); saḥ – dieser, er (Tad); tu – aber, dann (Tu); bhavet – wird, könnte sein (Bhu); naṣṭaḥ – verschwunden, vernichtet (Nashta); vyādhayaḥ – Krankheiten, Leiden (Vyadhi); tasya – für ihn, seine (Tad); kim punaḥ – was dann erst?, was noch? (Kim, Punar).

45. Vers Yoga Bija: Äußere Bedrängnisse und Ich-Bewusstsein

जलाग्निशस्त्रघातादिबाधा कस्य भविष्यति ।
यथा यथा परिक्षीणा पुष्टा चाहङ्कृतिर्भवेत् ॥ ४५ ॥

jalāgniśastraghātādibādhā kasya bhaviṣyati |
yathā yathā parikṣīṇā puṣṭā cāhaṅkṛtir bhavet || 45 ||

Wen könnten dann Bedrängnisse durch Wasser, Feuer, Waffenhiebe und Ähnliches treffen? Je nachdem, wie die Ich-Vorstellung geschwächt oder genährt wird, verändert sich auch ihre Wirkung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jala – Wasser (Jala); agni – Feuer (Agni); śastra – Waffe (Shastra); ghāta – Schlag, Hieb, Verletzung (Ghata); ādi – und dergleichen (Adi); bādhā – Bedrängnis, Leiden, Beeinträchtigung (Badha); kasya – für wen, wessen (Ka); bhaviṣyati – wird sein, wird entstehen (Bhu); yathā yathā – je nachdem, in dem Maße wie (Yatha); parikṣīṇā – vermindert, geschwächt, erschöpft (Parikshina); puṣṭā – genährt, gestärkt (Pushta); ca – und (Cha); ahaṅkṛtiḥ – Ich-Vorstellung, Ego-Bewusstsein (Ahamkriti); bhavet – wird, kann werden (Bhu).

46. Vers Yoga Bija: Durch Übung entstehen Ruhe und Gelassenheit

अभ्यासेनास्य नश्यन्ति प्रवर्तन्ते शमादयः ।
कारणेन विना कार्यं न कदाचन विद्यते ॥ ४६ ॥

abhyāsenāsya naśyanti pravartante śamādayaḥ |
kāraṇena vinā kāryaṃ na kadācana vidyate || 46 ||

Durch beständige Übung verschwinden seine Begrenzungen, und innere Ruhe und die weiteren geistigen Tugenden entfalten sich. Denn ohne Ursache gibt es niemals eine Wirkung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: abhyāsena – durch Übung, durch wiederholte Praxis (Abhyasa); asya – seine, bei ihm (Idam); naśyanti – verschwinden, werden vernichtet (Nash); pravartante – entstehen, entwickeln sich, treten hervor (Pravrit); śama-ādayaḥ – innere Ruhe (Shama) und die weiteren Tugenden (Adi); kāraṇena – durch eine Ursache (Karana); vinā – ohne (Vina); kāryam – Wirkung, Ergebnis, Hervorgebrachtes (Karya); na – nicht (Na); kadācana – jemals, irgendwann (Kadachana); vidyate – existiert, ist vorhanden (Vid).

47. Vers Yoga Bija: Ohne Ahamkara kein Leiden Versmaß: Anushtubh (Halbvers) अहङ्कारं विना तद्वद् देहे दुःखं कथं भवेत् ॥ ४७ ॥

ahaṅkāraṃ vinā tadvad dehe duḥkhaṃ kathaṃ bhavet || 47 ||

Ebenso: Wie könnte es ohne Ahamkara, ohne Identifikation mit dem Ich, Leiden im Körper geben?

Wort-für-Wort-Übersetzung: ahaṅkāram – Ich-Bewusstsein, Ego, Ich-Macher (Ahamkara); vinā – ohne (Vina); tadvat – ebenso, auf diese Weise (Tadvat); dehe – im Körper (Deha); duḥkham – Leid, Schmerz (Duhkha); katham – wie (Katham); bhavet – könnte entstehen, könnte sein (Bhu).

48. Vers Yoga Bija: Wie handelt ein Yogi in der Welt?

Devi sprach: योगिनः कथ्यमानास्तु किं ते व्यवहरन्ति न ।
तैः कथं व्यवहारस्तु क्रियते वद शङ्कर ॥ ४८ ॥

yoginaḥ kathyamānās tu kiṃ te vyavaharanti na |
taiḥ kathaṃ vyavahāras tu kriyate vada śaṅkara || 48 ||

Aber die Yogis, von denen du sprichst – handeln sie nicht in der Welt? Wie vollzieht sich bei ihnen das gewöhnliche Handeln? Erkläre es mir, o Shankara.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yoginaḥ – die Yogis (Yogin); kathyamānāḥ – von denen gesprochen wird, die beschrieben werden (Kath); tu – aber, nun (Tu); kim – etwa?, was? (Kim); te – sie (Tad); vyavaharanti – handeln, verkehren, gehen weltlichen Tätigkeiten nach (Vyavahara); na – nicht (Na); taiḥ – von ihnen, durch sie (Tad); katham – wie (Katham); vyavahāraḥ – weltliches Handeln, praktischer Umgang (Vyavahara); kriyate – wird ausgeführt, wird getan (Kri); vada – sage, erkläre (Vad); śaṅkara – o Shankara.

49. Vers Yoga Bija: Der Yogi hat den Körper gemeistert

Ishvara sprach: शरीरेण जिताः सर्वे शरीरं योगिभिर्जितम् ।
तत्कथं कुरुते तेषां सुखदुःखादिकं फलम् ॥ ४९ ॥

śarīreṇa jitāḥ sarve śarīraṃ yogibhir jitam |
tat kathaṃ kurute teṣāṃ sukhaduḥkhādikaṃ phalam || 49 ||

Alle gewöhnlichen Menschen werden vom Körper beherrscht; die Yogis dagegen haben den Körper gemeistert. Wie könnte er ihnen dann noch die Früchte von Freude, Leid und Ähnlichem auferlegen?

Wort-für-Wort-Übersetzung: śarīreṇa – durch den Körper (Sharira); jitāḥ – besiegt, beherrscht (Jita); sarve – alle (Sarva); śarīram – den Körper (Sharira); yogibhiḥ – von den Yogis (Yogin); jitam – gemeistert, besiegt, beherrscht (Jita); tat – dieser, das (Tad); katham – wie (Katham); kurute – bewirkt, bringt hervor (Kri); teṣām – für sie, ihnen (Tad); sukha – Freude, Wohlgefühl (Sukha); duḥkha – Leid, Schmerz (Duhkha); ādikam – und Ähnliches (Adi); phalam – Frucht, Ergebnis (Phala).

50. Vers Yoga Bija: Sinne, Geist und Begierden sind gemeistert

इन्द्रियाणि मनो बुद्धिः कामक्रोधादिकं जितम् ।
तेनैव विजितं सर्वं नासौ केनापि बाध्यते ॥ ५० ॥

indriyāṇi mano buddhiḥ kāmakrodhādikaṃ jitam |
tenaiva vijitaṃ sarvaṃ nāsau kenāpi bādhyate || 50 ||

Die Sinne, der Geist, der Intellekt sowie Begierde, Zorn und die übrigen Begrenzungen sind gemeistert. Damit ist alles überwunden; ein solcher Yogi wird durch nichts mehr bedrängt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: indriyāṇi – die Sinne, Sinnesorgane (Indriya); manaḥ – Geist, Denken (Manas); buddhiḥ – Intellekt, Vernunft, Unterscheidungskraft (Buddhi); kāma – Begierde, Wunsch (Kama); krodha – Zorn, Ärger (Krodha); ādikam – und Ähnliches (Adi); jitam – gemeistert, bezwungen (Jita); tena eva – dadurch allein, eben dadurch (Tad, Eva); vijitam – vollständig überwunden, besiegt (Vijita); sarvam – alles (Sarva); na – nicht (Na); asau – dieser, jener (Asau); kena api – durch irgendetwas oder irgendjemanden (Ka, Api); bādhyate – wird bedrängt, beeinträchtigt, gequält (Badh).

51. Vers Yoga Bija: Der Körper wird im Feuer des Yoga verwandelt

महाभूतानि तत्त्वानि संहृतानि क्रमेण च ।
सप्तधातुमयो देहो दग्धो योगाग्निना शनैः ॥ ५१ ॥

mahābhūtāni tattvāni saṃhṛtāni krameṇa ca |
saptadhātumayo deho dagdho yogāgninā śanaiḥ || 51 ||

Die grobstofflichen Elemente und die Tattvas werden der Reihe nach zurückgeführt. Der aus den sieben Dhatus bestehende Körper wird allmählich im Feuer des Yoga verbrannt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: mahā-bhūtāni – die großen Elemente, die fünf grobstofflichen Elemente (Mahabhuta); tattvāni – die Prinzipien der Schöpfung (Tattva); saṃhṛtāni – eingezogen, zurückgeführt, aufgelöst (Samhrita); krameṇa – der Reihe nach, schrittweise (Krama); ca – und (Cha); sapta-dhātu-mayaḥ – aus den sieben (Sapta) Körperbestandteilen (Dhatu) bestehend; dehaḥ – der Körper (Deha); dagdhaḥ – verbrannt (Dagdha); yoga-agninā – durch das Feuer (Agni) des Yoga; śanaiḥ – allmählich, nach und nach (Shanais).

52. Vers Yoga Bija: Der mächtige Yoga-Körper

देवैरपि न लभ्येत योगदेहो महाबलः ।
छेदबन्धविमुक्तोऽसौ नानाशक्तिधरः परः ॥ ५२ ॥

devair api na labhyeta yogadeho mahābalaḥ |
chedabandhavimukto ’sau nānāśaktidharaḥ paraḥ || 52 ||

Selbst für die Götter ist dieser überaus kraftvolle Yoga-Körper schwer zu erlangen. Er ist frei von Verletzung und Bindung, trägt vielfältige Kräfte in sich und ist erhaben.

Wort-für-Wort-Übersetzung: devaiḥ – von den Göttern, selbst für die Götter (Deva); api – sogar, selbst (Api); na – nicht (Na); labhyeta – könnte erlangt werden, ist erreichbar (Labh); yoga-dehaḥ – Yoga-Körper, durch Yoga verwandelter Körper (Yoga, Deha); mahā-balaḥ – von großer (Maha) Kraft (Bala); cheda – Schneiden, Verletzen, Durchtrennen (Cheda); bandha – Bindung, Fessel (Bandha); vimuktaḥ – frei, befreit (Vimukta); asau – dieser (Asau); nānā-śakti-dharaḥ – Träger (Dhara) vielfältiger (Nana) Kräfte (Shakti); paraḥ – erhaben, höchst, jenseitig (Para).

53. Vers Yoga Bija: Der Yoga-Körper ist subtiler als das Subtile

यथाकाशस्तथा देह आकाशादपि निर्मलः ।
सूक्ष्मात्सूक्ष्मतरो देहः स्थूलात्स्थूलो जडाज्जडः ॥ ५३ ॥

yathākāśas tathā deha ākāśād api nirmalaḥ |
sūkṣmāt sūkṣmataro dehaḥ sthūlāt sthūlo jaḍāj jaḍaḥ || 53 ||

Wie der Raum ist dieser Körper, und doch ist er noch reiner als der Raum. Er kann subtiler als das Subtile, grobstofflicher als das Grobstoffliche und unbeweglicher als das Unbewegliche sein.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā – wie, so wie (Yatha); ākāśaḥ – Raum, Äther (Akasha); tathā – so, ebenso (Tatha); dehaḥ – Körper (Deha); ākāśāt – als der Raum, vom Raum (Akasha); api – sogar, noch (Api); nirmalaḥ – rein, makellos (Nirmala); sūkṣmāt – als das Subtile, vom Subtilen (Sukshma); sūkṣmataraḥ – noch subtiler, feiner (Sukshmatara); dehaḥ – Körper (Deha); sthūlāt – als das Grobe, Grobstoffliche (Sthula); sthūlaḥ – grob, grobstofflich (Sthula); jaḍāt – als das Unbewegliche, Starre (Jada); jaḍaḥ – unbeweglich, starr, materiell (Jada).

54. Vers Yoga Bija: Der freie Yogindra

इच्छारूपो हि योगीन्द्रः स्वतन्त्रस्त्वजरामरः ।
क्रीडति त्रिषु लोकेषु लीलया यत्र कुत्रचित् ॥ ५४ ॥

icchārūpo hi yogīndraḥ svatantras tv ajarāmaraḥ |
krīḍati triṣu lokeṣu līlayā yatra kutracit || 54 ||

Der Herr der Yogis kann seine Gestalt nach seinem Willen annehmen. Er ist frei, ohne Alter und unsterblich und bewegt sich spielerisch in den drei Welten, wo immer er möchte.

Wort-für-Wort-Übersetzung: icchā-rūpaḥ – dessen Gestalt (Rupa) dem Willen (Iccha) entspricht; hi – wahrlich, gewiss (Hi); yogīndraḥ – Herr, Meister (Indra) der Yogis (Yogindra); svatantraḥ – frei, unabhängig, selbstbestimmt (Svatantra); tu – aber, wahrlich (Tu); ajara – frei vom Altern (Ajara); amaraḥ – unsterblich (Amara); krīḍati – spielt, bewegt sich spielerisch (Krida); triṣu – in den drei (Tri); lokeṣu – Welten (Loka); līlayā – spielerisch, als göttliches Spiel (Lila); yatra kutracit – wo immer, an jedem beliebigen Ort (Yatra).

55. Vers Yoga Bija: Der Yogi nimmt verschiedene Gestalten an

अचिन्त्यशक्तिमान् योगी नानारूपाणि धारयेत् ।
संहरेच्च पुनस्तानि स्वेच्छया विजितेन्द्रियः ॥ ५५ ॥

acintyaśaktimān yogī nānārūpāṇi dhārayet |
saṃharec ca punas tāni svecchayā vijitendriyaḥ || 55 ||

Der Yogi besitzt unvorstellbare Kräfte und kann vielfältige Gestalten annehmen. Nachdem er seine Sinne gemeistert hat, kann er diese nach eigenem Willen wieder zurücknehmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: acintya – unvorstellbar, undenkbar (Achintya); śaktimān – mit Kraft ausgestattet, kraftvoll (Shaktimat); yogī – der Yogi (Yogin); nānā-rūpāṇi – verschiedene, vielfältige (Nana) Gestalten (Rupa); dhārayet – kann annehmen, tragen, aufrechterhalten (Dhri); saṃharet – kann zurückziehen, auflösen (Samhr); ca – und (Cha); punaḥ – wieder (Punar); tāni – diese (Tad); sva-icchayā – nach eigenem (Sva) Willen (Iccha); vijita-indriyaḥ – einer, der seine Sinne (Indriya) gemeistert hat (Vijita).

56. Vers Yoga Bija: Durch Yoga über den Tod hinaus

मरणं तस्य किं देवि पृच्छसीन्दुसमानने ।
नासौ मरणमाप्नोति पुनर्योगबलेन तु ॥ ५६ ॥

maraṇaṃ tasya kiṃ devi pṛcchasīndusamānane |
nāsau maraṇam āpnoti punar yogabalena tu || 56 ||

Warum fragst du nach seinem Tod, o Devi, deren Antlitz dem Mond gleicht? Durch die Kraft des Yoga fällt ein solcher Yogi nicht erneut dem Tod anheim.

Wort-für-Wort-Übersetzung: maraṇam – Tod, Sterben (Marana); tasya – sein, für ihn (Tad); kim – was?, warum? (Kim); devi – o Göttin (Devi); pṛcchasi – du fragst (Prach); indu-samānane – o du, deren Antlitz (Anana) dem Mond (Indu) gleicht (Sama); na – nicht (Na); asau – dieser, jener (Asau); maraṇam – den Tod (Marana); āpnoti – erreicht, erfährt, gelangt zu (Ap); punaḥ – erneut, wieder (Punar); yoga-balena – durch die Kraft (Bala) des Yoga; tu – aber, wahrlich (Tu).

57. Vers Yoga Bija: Wie könnte ein bereits Gestorbener noch sterben?

पुरैव मृत एवासौ मृतस्य मरणं कुतः ।
मरणं यत्र सर्वेषां तत्रासौ सुखी जीवति ॥ ५७ ॥

puraiva mṛta evāsau mṛtasya maraṇaṃ kutaḥ |
maraṇaṃ yatra sarveṣāṃ tatrāsau sukhī jīvati || 57 ||

Er ist gewissermaßen bereits zuvor gestorben – wie könnte ein bereits Gestorbener noch einmal sterben? Dort, wo alle dem Tod unterworfen sind, lebt er glücklich und frei.

Wort-für-Wort-Übersetzung: purā eva – schon zuvor, bereits vorher (Pura, Eva); mṛtaḥ – gestorben, tot (Mrita); eva – eben, wahrlich (Eva); asau – dieser, jener (Asau); mṛtasya – für einen Gestorbenen, eines Toten (Mrita); maraṇam – Tod (Marana); kutaḥ – woher?, wie sollte? (Kutas); maraṇam – Tod (Marana); yatra – wo (Yatra); sarveṣām – für alle, aller (Sarva); tatra – dort (Tatra); asau – dieser, jener (Asau); sukhī – glücklich, im Glück verweilend (Sukhin); jīvati – lebt (Jiv).

58. Vers Yoga Bija: Frei von Pflicht und Karma

यत्र जीवन्ति मूढास्तु तत्रासौ म्रियते सदा ।
कर्तव्यं नैव तस्यास्ति कृतेनासौ न लिप्यते ॥ ५८ ॥

yatra jīvanti mūḍhās tu tatrāsau mriyate sadā |
kartavyaṃ naiva tasyāsti kṛtenāsau na lipyate || 58 ||

Dort, wo die Verblendeten ihr gewöhnliches Leben führen, ist er diesem Leben gegenüber gleichsam gestorben. Für ihn gibt es nichts mehr, was zwingend getan werden müsste; durch seine Handlungen wird er nicht gebunden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yatra – wo (Yatra); jīvanti – sie leben (Jiv); mūḍhāḥ – die Verblendeten, Toren (Mudha); tu – aber, dagegen (Tu); tatra – dort (Tatra); asau – dieser, jener (Asau); mriyate – stirbt, ist gestorben gegenüber (Mri); sadā – immer, stets (Sada); kartavyam – das zu Tuende, Pflicht, Aufgabe (Kartavya); na eva – überhaupt nicht, wahrlich nicht (Na, Eva); tasya – für ihn (Tad); asti – gibt es, ist vorhanden (Asti); kṛtena – durch das Getane, durch Handlung (Krita); asau – dieser (Asau); na – nicht (Na); lipyate – wird befleckt, berührt oder gebunden (Lip).

59. Vers Yoga Bija: Der Jivanmukta Versmaß: Anushtubh (Halbvers) जीवन्मुक्तः सदा स्वस्थः सर्वदोषविवर्जितः ॥ ५९ ॥

jīvanmuktaḥ sadā svasthaḥ sarvadoṣavivarjitaḥ || 59 ||

Der zu Lebzeiten Befreite ruht immer in sich selbst und ist frei von allen Fehlern und Begrenzungen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jīvan-muktaḥ – zu Lebzeiten (Jivan) befreit (Mukta), ein Jivanmukta; sadā – immer, stets (Sada); svasthaḥ – in sich selbst ruhend, in seinem eigenen Wesen gegründet; gesund (Svastha); sarva-doṣa-vivarjitaḥ – frei (Vivarjita) von allen (Sarva) Fehlern und Begrenzungen (Dosha).

60. Vers Yoga Bija: Der Unterschied zwischen Jnani und Yogi

विरक्ता ज्ञानिनश्चान्ते देहेन विजिताः सदा ।
ते कथं योगिभिस्तुल्या मांसपिण्डाः कुदेहिनः ॥ ६० ॥

viraktā jñāninaś cānte dehena vijitāḥ sadā |
te kathaṃ yogibhis tulyā māṃsapiṇḍāḥ kudehinaḥ || 60 ||

Selbst die Leidenschaftslosen und die Menschen mit Erkenntnis werden am Ende noch vom Körper überwältigt. Wie könnten solche körpergebundenen Menschen, bloße Fleischklumpen, den Yogis gleich sein?

Wort-für-Wort-Übersetzung: viraktāḥ – die Leidenschaftslosen, Nicht-Anhaftenden (Virakta); jñāninaḥ – die Wissenden, Menschen mit spiritueller Erkenntnis (Jnani); ca – und (Cha); ante – am Ende, schließlich (Anta); dehena – durch den Körper (Deha); vijitāḥ – besiegt, überwältigt, beherrscht (Vijita); sadā – immer, weiterhin (Sada); te – sie, diese (Tad); katham – wie (Katham); yogibhiḥ – den Yogis, mit den Yogis (Yogin); tulyāḥ – gleich, ebenbürtig (Tulya); māṃsa-piṇḍāḥ – Fleischklumpen, aus Fleisch (Mamsa) bestehende Körpermassen (Pinda); kudehinaḥ – Menschen mit einem mangelhaften bzw. gewöhnlichen vergänglichen Körper (Kudehin).

61. Vers Yoga Bija: Das Schicksal der Jnanis nach dem Tod

Devi sprach: ज्ञानिनस्तु मृता ये वै तेषां भवति कीदृशी ।
गतिः कथय देवेश कारुण्यामृतवारिधे ॥ ६१ ॥

jñāninas tu mṛtā ye vai teṣāṃ bhavati kīdṛśī |
gatiḥ kathaya deveśa kāruṇyāmṛtavāridhe || 61 ||

Welche Bestimmung erwartet die Jnanis, die gestorben sind? Erkläre es mir, o Herr der Götter, o Ozean des Nektars des Mitgefühls.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jñāninaḥ – die Wissenden, Menschen mit spiritueller Erkenntnis (Jnani); tu – aber, nun (Tu); mṛtāḥ – gestorben, verstorben (Mrita); ye – diejenigen, welche (Yad); vai – wahrlich, gewiss (Vai); teṣām – für sie, von ihnen (Tad); bhavati – ist, wird (Bhu); kīdṛśī – von welcher Art, wie beschaffen (Kidrisha); gatiḥ – Weg, Bestimmung, Zustand nach dem Tod (Gati); kathaya – erkläre, erzähle (Kath); deveśa – o Herr (Isha) der Götter (Deva); kāruṇya – Mitgefühl, Erbarmen (Karunya); amṛta – Nektar der Unsterblichkeit (Amrita); vāridhe – o Ozean, o Meer (Varidhi).

62. Vers Yoga Bija: Die Früchte von Punya und Papa

Ishvara sprach: देहान्ते ज्ञानिभिः पुण्यात्पापाच्च फलमाप्यते ।
यादृशं तु भवेत् तत्र भुक्त्वा ज्ञानी पुनर्भवेत् ॥ ६२ ॥

dehānte jñānibhiḥ puṇyāt pāpāc ca phalam āpyate |
yādṛśaṃ tu bhavet tatra bhuktvā jñānī punar bhavet || 62 ||

Beim Ende des Körpers erfährt auch der Jnani die Früchte von Verdienst und Verfehlung. Nachdem er dort die jeweiligen Folgen erfahren hat, wird er wiederum als ein Wissender geboren.

Wort-für-Wort-Übersetzung: deha-ante – am Ende (Anta) des Körpers (Deha); jñānibhiḥ – von den Wissenden, durch die Jnanis (Jnani); puṇyāt – aufgrund von Verdienst, aus verdienstvollem Karma (Punya); pāpāt – aufgrund von Verfehlung, aus negativem Karma (Papa); ca – und (Cha); phalam – Frucht, Ergebnis (Phala); āpyate – wird erlangt, wird erfahren (Ap); yādṛśam – von welcher Art auch immer, wie beschaffen (Yadrisha); tu – aber, nun (Tu); bhavet – sein mag, entsteht (Bhu); tatra – dort (Tatra); bhuktvā – nachdem er erfahren bzw. genossen hat (Bhuj); jñānī – der Wissende, Jnani (Jnani); punaḥ – wieder, erneut (Punar); bhavet – wird, entsteht (Bhu).

63. Vers Yoga Bija: Durch die Gnade eines Siddha zum Yogi

पुण्यात्पुण्येन लभते सिद्धेन सह सङ्गतिम् ।
ततः सिद्धस्य कृपया योगी भवति नान्यथा ॥ ६३ ॥

puṇyāt puṇyena labhate siddhena saha saṅgatim |
tataḥ siddhasya kṛpayā yogī bhavati nānyathā || 63 ||

Aufgrund seines Verdienstes erlangt er die Gemeinschaft mit einem Siddha. Durch die Gnade dieses Siddha wird er dann zum Yogi – nicht auf andere Weise.

Wort-für-Wort-Übersetzung: puṇyāt – aufgrund von Verdienst (Punya); puṇyena – durch Verdienst, durch verdienstvolles Karma (Punya); labhate – erlangt, erhält (Labh); siddhena – mit einem Vollkommenen, Siddha (Siddha); saha – zusammen mit (Saha); saṅgatim – Gemeinschaft, Begegnung, Verbindung (Sangati); tataḥ – daraufhin, dadurch (Tatas); siddhasya – des Siddha (Siddha); kṛpayā – durch die Gnade, aus Mitgefühl (Kripa); yogī – Yogi (Yogin); bhavati – wird (Bhu); na anyathā – nicht auf andere Weise (Na, Anyatha).

64. Vers Yoga Bija: Das Ende des Samsara Versmaß: Anushtubh (Halbvers) ततो नश्यति संसारो नान्यथा शिवभाषितम् ॥ ६४ ॥

tato naśyati saṃsāro nānyathā śivabhāṣitam || 64 ||

Dann vergeht der Samsara; nicht auf andere Weise – so hat Shiva es verkündet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – dann, daraufhin (Tatas); naśyati – vergeht, wird vernichtet (Nash); saṃsāraḥ – Kreislauf von Geburt und Tod (Samsara); na anyathā – nicht auf andere Weise (Na, Anyatha); śiva-bhāṣitam – von Shiva gesprochen, von Shiva verkündet.

65. Vers Yoga Bija: Der Yogi selbst im Pralaya

महाविष्णुमहेशानां प्रलयेष्वपि योगिनाम् ।
नास्ति पातो लयस्थानां महातत्त्वे विवर्तिनाम् ॥ ६५ ॥

mahāviṣṇumaheśānāṃ pralayeṣv api yoginām |
nāsti pāto layasthānāṃ mahātattve vivartinām || 65 ||

Für die Yogis, die im Zustand der Auflösung verweilen und im Mahat-Tattva bestehen, gibt es selbst bei den großen Auflösungen von Mahavishnu und Mahesha keinen Fall.

Wort-für-Wort-Übersetzung: mahā-viṣṇu – Mahavishnu, der große Vishnu; maheśānām – des großen Herrn, Mahesha (Mahesha); pralayeṣu – bei den Auflösungen der Schöpfung (Pralaya); api – selbst, sogar (Api); yoginām – für die Yogis (Yogin); na asti – es gibt nicht (Na, Asti); pātaḥ – Fall, Herabsinken, Untergang (Pata); laya-sthānām – der im Zustand der Auflösung (Laya) Verweilenden (Stha); mahā-tattve – im großen Prinzip, im Mahat-Tattva; vivartinām – der darin Bestehenden, sich darin Entfaltenden bzw. Manifestierenden (Vivarta).

66. Vers Yoga Bija: Der eine Guru als Chintamani Versmaß: Trishtubh वेदान्ततर्कोक्तिभिरागमैश्च नानाविधैः शास्त्रकदम्बकैश्च ।
ध्यानादिभिः सत्करणैर्न गम्यं चिन्तामणिं त्वेकगुरुं विहाय ॥ ६६ ॥

vedāntatarkoktibhir āgamaiś ca nānāvidhaiḥ śāstrakadambakaiś ca |
dhyānādibhiḥ satkaraṇair na gamyaṃ cintāmaṇiṃ tv ekaguruṃ vihāya || 66 ||

Durch Aussagen des Vedanta und der Logik, durch Agamas und die Vielzahl verschiedenster Schriften, auch durch Meditation und andere gute Mittel ist dieser Chintamani nicht zu erlangen, wenn man den einen Guru außer Acht lässt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vedānta – Vedanta; tarka – Logik, Schlussfolgerung (Tarka); uktibhiḥ – durch Aussagen, Darlegungen (Ukti); āgamaiḥ – durch die überlieferten heiligen Lehren, Agamas; ca – und (Cha); nānā-vidhaiḥ – von vielfältiger Art (Nana, Vidha); śāstra-kadambakaiḥ – durch Ansammlungen, eine Vielzahl von Lehrschriften (Shastra); dhyāna-ādibhiḥ – durch Meditation (Dhyana) und andere Praktiken (Adi); sat-karaṇaiḥ – durch gute, geeignete Mittel; na gamyam – nicht zu erreichen, nicht zugänglich (Gam); cintāmaṇim – den wunscherfüllenden Edelstein, Chintamani; tu – jedoch (Tu); eka-gurum – den einen Guru (Eka, Guru); vihāya – unter Auslassung, nachdem man verlassen hat, ohne (Viha).

67. Vers Yoga Bija: Kann Wissen allein Moksha schenken?

Devi sprach: ज्ञानादेव हि मोक्षं तु वदन्ति ज्ञानिनः सदा ।
न कथं सिध्यति ततो योगोऽसौ मोक्षदो भवेत् ॥ ६७ ॥

jñānād eva hi mokṣaṃ tu vadanti jñāninaḥ sadā |
na kathaṃ sidhyati tato yogo ’sau mokṣado bhavet || 67 ||

Die Jnanis sagen doch stets, dass Moksha allein durch Erkenntnis erlangt wird. Warum sollte Befreiung dadurch nicht verwirklicht werden? Wie könnte dann gerade dieser Yoga Befreiung schenken?

Wort-für-Wort-Übersetzung: jñānāt – durch Erkenntnis (Jnana); eva – allein, eben (Eva); hi – wahrlich, gewiss (Hi); mokṣam – Befreiung (Moksha); tu – aber, nun (Tu); vadanti – sie sagen, lehren (Vad); jñāninaḥ – die Wissenden, Jnanis (Jnani); sadā – immer, stets (Sada); na – nicht (Na); katham – wie, warum (Katham); sidhyati – wird vollendet, gelingt, wird verwirklicht (Sidh); tataḥ – dadurch, daraus (Tatas); yogaḥ – Yoga (Yoga); asau – dieser, jener (Asau); mokṣadaḥ – Befreiung (Moksha) schenkend; bhavet – könnte sein, könnte werden (Bhu).

68. Vers Yoga Bija: Das Gleichnis vom Schwert

Ishvara sprach: ज्ञानेनैव हि मोक्षो हि वाक्यं तेषां तु नान्यथा ।
सर्वे वदन्ति खड्गेन जयो भवति तर्हि कः ॥ ६८ ॥

jñānenaiva hi mokṣo hi vākyaṃ teṣāṃ tu nānyathā |
sarve vadanti khaḍgena jayo bhavati tarhi kaḥ || 68 ||

„Befreiung geschieht allein durch Erkenntnis“ – so lautet ihre Aussage, und nicht anders. Doch alle sagen auch, dass der Sieg durch das Schwert errungen wird. Wer aber würde allein dadurch schon zum Sieger?

Wort-für-Wort-Übersetzung: jñānena – durch Erkenntnis (Jnana); eva – allein, eben (Eva); hi – wahrlich, gewiss (Hi); mokṣaḥ – Befreiung (Moksha); vākyam – Aussage, Ausspruch (Vakya); teṣām – ihre, von ihnen (Tad); tu – aber (Tu); na anyathā – nicht anders (Na, Anyatha); sarve – alle (Sarva); vadanti – sagen (Vad); khaḍgena – durch ein Schwert, mit dem Schwert (Khadga); jayaḥ – Sieg (Jaya); bhavati – entsteht, wird errungen (Bhu); tarhi – dann, folglich (Tarhi); kaḥ – wer? (Ka).

69. Vers Yoga Bija: Wissen ohne Yoga genügt nicht

विना युद्धेन वीर्येण कथं जयमवाप्नुयात् ।
तथा योगेन रहितं ज्ञानं मोक्षाय नो भवेत् ॥ ६९ ॥

vinā yuddhena vīryeṇa kathaṃ jayam avāpnuyāt |
tathā yogena rahitaṃ jñānaṃ mokṣāya no bhavet || 69 ||

Wie könnte man ohne Kampf und ohne Tatkraft den Sieg erringen? Ebenso kann Erkenntnis, der Yoga fehlt, nicht zur Befreiung führen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vinā – ohne (Vina); yuddhena – ohne Kampf, durch Kampf (Yuddha); vīryeṇa – durch Kraft, Heldenmut, Energie (Virya); katham – wie (Katham); jayam – Sieg (Jaya); avāpnuyāt – könnte erlangen, erreichen (Avap); tathā – ebenso, genauso (Tatha); yogena – mit bzw. durch Yoga (Yoga); rahitam – ohne, frei von, getrennt von (Rahita); jñānam – Erkenntnis (Jnana); mokṣāya – zur Befreiung, für Moksha (Moksha); no bhavet – führt nicht dazu, kann nicht sein (Na, Bhu).

70. Vers Yoga Bija: Yoga und Jnana sind untrennbar

ज्ञानेनैव विना योगो न सिध्यति कदाचन ।
तस्मादत्र वरारोहे तयोर्भेदो न विद्यते ॥ ७० ॥

jñānenaiva vinā yogo na sidhyati kadācana |
tasmād atra varārohe tayor bhedo na vidyate || 70 ||

Ebenso wird Yoga ohne Erkenntnis niemals vollendet. Deshalb, o Schöngewachsene, gibt es in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen den beiden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jñānena – mit Erkenntnis, durch Erkenntnis (Jnana); eva – eben, wahrlich (Eva); vinā – ohne (Vina); yogaḥ – Yoga (Yoga); na sidhyati – wird nicht vollendet, gelingt nicht (Sidh); kadācana – jemals, irgendwann (Kadachana); tasmāt – deshalb, daher (Tasmat); atra – hier, in dieser Hinsicht (Atra); varārohe – o Schöngewachsene, o Edle; tayoḥ – zwischen diesen beiden, dieser beiden (Tad); bhedaḥ – Unterschied, Trennung (Bheda); na vidyate – besteht nicht, ist nicht vorhanden (Vid).

71. Vers Yoga Bija: Durch Yoga entsteht Jnana

जन्मान्तरैश्च बहुभिर्योगो ज्ञानेन लभ्यते ।
ज्ञानं तु जन्मनैकेन योगादेव प्रजायते ॥ ७१ ॥

janmāntaraiś ca bahubhir yogo jñānena labhyate |
jñānaṃ tu janmanaikena yogād eva prajāyate || 71 ||

Nach vielen Geburten kann durch Erkenntnis Yoga erlangt werden. Durch Yoga dagegen entsteht Erkenntnis innerhalb einer einzigen Geburt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: janma-antaraiḥ – durch weitere bzw. aufeinanderfolgende Geburten (Janma, Antara); ca – und (Cha); bahubhiḥ – durch viele (Bahu); yogaḥ – Yoga (Yoga); jñānena – durch Erkenntnis (Jnana); labhyate – wird erlangt (Labh); jñānam – Erkenntnis (Jnana); tu – dagegen, aber (Tu); janmanā – durch eine Geburt, innerhalb einer Geburt (Janman); ekena – einer einzigen (Eka); yogāt – durch Yoga (Yoga); eva – allein, eben (Eva); prajāyate – entsteht, wird hervorgebracht (Prajan).

72. Vers Yoga Bija: Kein Weg ist höher als Yoga Versmaß: Anushtubh (Halbvers) तस्माद्योगात्परतरो नास्ति मार्गस्तु मोक्षदः ॥ ७२ ॥

tasmād yogāt parataro nāsti mārgas tu mokṣadaḥ || 72 ||

Deshalb gibt es keinen höheren Weg als Yoga, der Befreiung schenkt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – deshalb, daher (Tasmat); yogāt – als Yoga, über Yoga hinaus (Yoga); parataraḥ – höher, erhabener (Paratara); na asti – es gibt nicht (Na, Asti); mārgaḥ – Weg (Marga); tu – wahrlich, jedoch (Tu); mokṣadaḥ – Befreiung (Moksha) schenkend.

73. Vers Yoga Bija: Devis Frage nach Yoga und Jnana

Devi sprach: बहुभिर्जन्मभिर्ज्ञानाद्योगः सम्प्राप्यते कथम् ।
योगात्तु जन्मनैकेन कथं ज्ञानमवाप्यते ॥ ७३ ॥

bahubhir janmabhir jñānād yogaḥ samprāpyate katham |
yogāt tu janmanaikena kathaṃ jñānam avāpyate || 73 ||

Wie kommt es, dass Yoga durch Erkenntnis erst nach vielen Geburten vollständig erlangt wird, während durch Yoga Erkenntnis innerhalb einer einzigen Geburt erreicht werden kann?

Wort-für-Wort-Übersetzung: bahubhiḥ – durch viele (Bahu); janmabhiḥ – Geburten (Janman); jñānāt – durch Erkenntnis (Jnana); yogaḥ – Yoga (Yoga); samprāpyate – wird vollständig erlangt, erreicht (Samprap); katham – wie (Katham); yogāt – durch Yoga (Yoga); tu – dagegen, aber (Tu); janmanā – durch bzw. innerhalb einer Geburt (Janman); ekena – einer einzigen (Eka); jñānam – Erkenntnis (Jnana); avāpyate – wird erlangt, erreicht (Avap).

74. Vers Yoga Bija: Die Vorstellung „Ich bin befreit“

Ishvara sprach: प्रविचार्य चिरं ज्ञानान्मुक्तोऽहमिति मन्यते ।
किमसौ मननादेव मुक्तो भवति तत्क्षणात् ॥ ७४ ॥

pravicārya ciraṃ jñānān mukto ’ham iti manyate |
kim asau mananād eva mukto bhavati tat kṣaṇāt || 74 ||

Nachdem jemand lange über die Erkenntnis nachgedacht hat, denkt er: „Ich bin befreit.“ Wird er denn allein durch dieses Denken im selben Augenblick tatsächlich befreit?

Wort-für-Wort-Übersetzung: pravicārya – nachdem er gründlich erwogen, untersucht hat (Vichara); ciram – lange, für lange Zeit (Chira); jñānāt – aufgrund von Erkenntnis, aus dem Wissen (Jnana); muktaḥ – befreit (Mukta); aham – ich (Aham); iti – so, mit diesen Worten (Iti); manyate – denkt, meint, hält sich für (Man); kim – etwa?, wirklich? (Kim); asau – dieser, jener (Asau); mananāt – durch Nachdenken, Reflektion (Manana); eva – allein, eben (Eva); muktaḥ – befreit (Mukta); bhavati – wird, ist (Bhu); tat-kṣaṇāt – in genau diesem Augenblick (Kshana).

75. Vers Yoga Bija: Befreiung durch Yoga

पुमाञ्जन्मान्तरशतैर्योगादेव विमुच्यते ।
न तथा भवतो योगाज्जन्ममृत्यू पुनः पुनः ॥ ७५ ॥

pumañ janmāntaraśatair yogād eva vimucyate |
na tathā bhavato yogāj janmamṛtyū punaḥ punaḥ || 75 ||

Der Mensch wird von Hunderten aufeinanderfolgender Geburten allein durch Yoga befreit. Durch wirklichen Yoga kommt es nicht immer wieder zu Geburt und Tod.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pumān – Mensch, Mann, Person (Puman); janma-antara-śataiḥ – von Hunderten (Shata) weiterer Geburten (Janma, Antara); yogāt – durch Yoga (Yoga); eva – allein, eben (Eva); vimucyate – wird vollständig befreit (Vimuch); na – nicht (Na); tathā – auf diese Weise, so (Tatha); bhavataḥ – für den so Werdenden bzw. sich Befindenden (Bhu); yogāt – durch Yoga (Yoga); janma – Geburt (Janma); mṛtyū – Geburt und Tod; hier Teil des Ausdrucks janmamṛtyū (Mrityu); punaḥ punaḥ – immer wieder (Punar).

76. Vers Yoga Bija: Vereinigung von Prana und Apana

प्राणापानसमायोगाच्चन्द्रसूर्यैकता भवेत् ।
सप्तधातुमयं देहमग्निना प्रदहेद्बुधः ॥ ७६ ॥

prāṇāpānasamāyogāc candrasūryaikatā bhavet |
saptadhātumayaṃ deham agninā pradahed budhaḥ || 76 ||

Durch die Vereinigung von Prana und Apana entsteht die Einheit von Mond und Sonne. Der Weise verbrennt den aus den sieben Dhatus bestehenden Körper durch das Feuer des Yoga.

Wort-für-Wort-Übersetzung: prāṇa – aufsteigende Lebensenergie, Prana; apāna – absteigende Lebensenergie, Apana; samāyogāt – durch Vereinigung, Zusammenkommen (Samyoga); candra – Mond (Chandra); sūrya – Sonne (Surya); ekatā – Einheit, Einssein (Ekata); bhavet – entsteht, wird (Bhu); sapta – sieben (Sapta); dhātu – Körperbestandteile, Grundelemente (Dhatu); mayam – bestehend aus, erfüllt von (Maya); deham – Körper (Deha); agninā – durch Feuer (Agni); pradahet – soll bzw. möge vollständig verbrennen (Pradah); budhaḥ – der Weise, Verständige (Budha).

77. Vers Yoga Bija: Der Körper wird zum höchsten Raum

व्याधयस्तस्य नश्यन्ति छेदघातादिका व्यथाः ।
तथासौ परमाकाशरूपो देह्यवतिष्ठते ॥ ७७ ॥

vyādhayas tasya naśyanti chedaghātādikā vyathāḥ |
tathā ’sau paramākāśarūpo dehy avatiṣṭhate || 77 ||

Seine Krankheiten verschwinden, ebenso Schmerzen durch Schnitte, Schläge und Ähnliches. Der Verkörperte verweilt dann in der Gestalt des höchsten Raumes.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vyādhayaḥ – Krankheiten (Vyadhi); tasya – seine, für ihn (Tad); naśyanti – verschwinden, werden vernichtet (Nash); cheda – Schnitt, Durchtrennung (Cheda); ghāta – Schlag, Verletzung (Ghata); ādikāḥ – und Ähnliches (Adi); vyathāḥ – Schmerzen, Leiden, Qualen (Vyatha); tathā – ebenso, so (Tatha); asau – dieser, jener (Asau); parama-ākāśa-rūpaḥ – von der Gestalt (Rupa) des höchsten (Parama) Raumes (Akasha); dehī – der Verkörperte, der einen Körper Tragende (Dehin); avatiṣṭhate – verweilt, bleibt bestehen, ist gegründet (Avastha).

78. Vers Yoga Bija: Für den Yogi gibt es keinen Tod

किं पुनर्बहुनोक्तेन मरणं नास्ति तस्य वै ।
देहोऽवदृश्यते लोके दग्धकर्पटवत्स्वयम् ॥ ७८ ॥

kiṃ punar bahunoktena maraṇaṃ nāsti tasya vai |
deho ’vadṛśyate loke dagdhakarpaṭavat svayam || 78 ||

Was soll man noch viele Worte machen? Für ihn gibt es wahrlich keinen Tod. Sein Körper erscheint in der Welt wie ein verbranntes Tuch.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kim punaḥ – was noch?, wozu weiter? (Kim, Punar); bahunā uktena – mit vielem Gesagten, durch viele Worte (Bahu, Ukta); maraṇam – Tod, Sterben (Marana); na asti – gibt es nicht (Na, Asti); tasya – für ihn (Tad); vai – wahrlich, gewiss (Vai); dehaḥ – Körper (Deha); avadṛśyate – wird gesehen, erscheint, wird wahrgenommen (Drish); loke – in der Welt (Loka); dagdha – verbrannt (Dagdha); karpaṭa-vat – wie ein Tuch, ein Stück Stoff (Karpata, Vat); svayam – selbst, von selbst (Svayam).

79. Vers Yoga Bija: Geist und Prana sind miteinander verbunden

चित्तं प्राणेन संनद्धं सर्वजीवेषु संस्थितम् ।
रज्जुर्यद्वत्परीबद्धा रज्ज्वा तद्वदिदं मनः ॥ ७९ ॥

cittaṃ prāṇena saṃnaddhaṃ sarvajīveṣu saṃsthitam |
rajjur yadvat parībaddhā rajjvā tadvad idaṃ manaḥ || 79 ||

Bei allen Lebewesen ist das Chitta fest mit dem Prana verbunden. Wie ein Seil durch ein anderes Seil festgebunden wird, so ist auch dieser Geist an den Prana gebunden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: cittam – Geist, Gemüt, Bewusstsein (Chitta); prāṇena – durch bzw. mit Prana; saṃnaddham – festgebunden, verbunden, zusammengefügt (Sannaddha); sarva-jīveṣu – in allen (Sarva) Lebewesen (Jiva); saṃsthitam – befindlich, fest gegründet (Samsthita); rajjuḥ – Seil, Schnur (Rajju); yadvat – wie, so wie (Yadvat); parībaddhā – festgebunden, vollständig gebunden (Paribaddha); rajjvā – durch ein Seil (Rajju); tadvat – ebenso, genauso (Tadvat); idam – dieser, dieses (Idam); manaḥ – Geist, Denken (Manas).

80. Vers Yoga Bija: Der Prana ist das Mittel zur Meisterung des Geistes

नानाविधैर्विचारैस्तु न साध्यं जायते मनः ।
तस्मात्तस्य जयोपायः प्राण एव हि नान्यथा ॥ ८० ॥

nānā vidhair vicārais tu na sādhyaṃ jāyate manaḥ |
tasmāt tasya jayopāyaḥ prāṇa eva hi nānyathā || 80 ||

Durch vielfältige Arten des Nachdenkens und der geistigen Betrachtung lässt sich der Geist nicht meistern. Deshalb ist allein der Prana das Mittel, ihn zu bezwingen – nicht auf andere Weise.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nānā-vidhaiḥ – durch verschiedene, vielfältige Arten (Nana, Vidha); vicāraiḥ – durch Überlegungen, Untersuchungen, geistige Betrachtungen (Vichara); tu – jedoch, aber (Tu); na – nicht (Na); sādhyam – zu meistern, zu bezwingen, zu verwirklichen (Sadhya); jāyate – wird, entsteht (Jan); manaḥ – Geist, Denken (Manas); tasmāt – deshalb, daher (Tasmat); tasya – für dessen, zu seiner (Tad); jaya – Sieg, Bezwingung, Meisterung (Jaya); upāyaḥ – Mittel, Methode (Upaya); prāṇaḥ – Lebensenergie, Lebensatem (Prana); eva – allein, eben (Eva); hi – wahrlich, gewiss (Hi); na anyathā – nicht auf andere Weise (Na, Anyatha).

81. Vers Yoga Bija: Der Prana wird durch die richtige Methode gemeistert

तर्कैर्जल्पैः शास्त्रजालैर्युक्तिभिर्मन्त्रभेषजैः ।
न वशो जायते प्राणः सिद्धोपायं विना प्रिये ॥ ८१ ॥

tarkair jalpaiḥ śāstrajālair yuktibhir mantrabheṣajaiḥ |
na vaśo jāyate prāṇaḥ siddhopāyaṃ vinā priye || 81 ||

Durch logische Überlegungen, Diskussionen, das Netz der Schriften, Argumente, Mantras oder Heilmittel lässt sich der Prana nicht beherrschen. Ohne die bewährte Methode gelingt dies nicht, o Geliebte.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tarkaiḥ – durch logische Überlegungen, Schlussfolgerungen (Tarka); jalpaiḥ – durch Diskussionen, Wortgefechte (Jalpa); śāstra-jālaiḥ – durch das Netz (Jala) der Schriften (Shastra); yuktibhiḥ – durch Methoden, Argumente, Überlegungen (Yukti); mantra-bheṣajaiḥ – durch Mantras (Mantra) und Heilmittel (Bheshaja); na – nicht (Na); vaśaḥ – unter Kontrolle, beherrscht (Vasha); jāyate – wird, entsteht (Jan); prāṇaḥ – Prana, Lebensenergie (Prana); siddha-upāyam – die bewährte, vollkommene Methode (Siddha, Upaya); vinā – ohne (Vina); priye – o Geliebte (Priya).

82. Vers Yoga Bija: Der Weg des Yoga beginnt mit der richtigen Methode

उपायं तस्य विज्ञाय योगमार्गो प्रवर्तते ।
खण्डज्ञानेन तेनैव जायते क्लेशभाङ् नरः ॥ ८२ ॥

upāyaṃ tasya vijñāya yogamārgo pravartate |
khaṇḍajñānena tenaiva jāyate kleśabhāṅ naraḥ || 82 ||

Wenn man die richtige Methode zur Meisterung des Prana erkannt hat, beginnt der Weg des Yoga. Mit bloß teilweisem Wissen dagegen bleibt der Mensch den Leiden unterworfen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: upāyam – Methode, Mittel (Upaya); tasya – dafür, dessen (Tad); vijñāya – nachdem man erkannt, verstanden hat (Vijnana); yoga-mārgaḥ – Weg (Marga) des Yoga; pravartate – beginnt, setzt sich in Gang, entfaltet sich (Pravrit); khaṇḍa-jñānena – durch unvollständiges, bruchstückhaftes (Khanda) Wissen (Jnana); tena eva – eben dadurch (Tad, Eva); jāyate – wird, entsteht (Jan); kleśa-bhāk – an Leiden (Klesha) teilhabend, von Leiden betroffen; naraḥ – Mensch (Nara).

83. Vers Yoga Bija: Yoga ohne Meisterung des Prana

येऽजित्वा पवनं मोहाद्योगमिच्छन्ति योगिनः ।
तेऽपक्वं कुम्भमारुह्य तर्तुमिच्छन्ति सागरम् ॥ ८३ ॥

ye ’jitvā pavanaṃ mohād yogam icchanti yoginaḥ |
te ’pakvaṃ kumbham āruhya tartum icchanti sāgaram || 83 ||

Yogis, die aus Verblendung Yoga verwirklichen wollen, ohne zuvor den Lebenswind gemeistert zu haben, gleichen Menschen, die auf einem ungebrannten Tongefäß den Ozean überqueren wollen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ye – diejenigen, welche (Yad); ajitvā – ohne gemeistert zu haben (Ji); pavanam – Wind, Lebenswind, Prana (Pavana); mohāt – aus Verblendung (Moha); yogam – Yoga (Yoga); icchanti – wünschen, wollen (Iccha); yoginaḥ – Yogis (Yogin); te – sie (Tad); apakvam – ungebrannt, unreif (Apakva); kumbham – Krug, Tongefäß (Kumbha); āruhya – nachdem sie bestiegen haben, sich darauf begebend (Aruh); tartum – zu überqueren (Tri); icchanti – wünschen, wollen (Iccha); sāgaram – den Ozean (Sagara).

84. Vers Yoga Bija: Auflösung des Prana bei lebendigem Körper

यस्य प्राणो विलीनोऽथ साधके सति जीविते ।
पिण्डो न पतितस्तस्य चित्तदोषैः प्रमुच्यते ॥ ८४ ॥

yasya prāṇo vilīno ’tha sādhake sati jīvite |
piṇḍo na patitas tasya cittadoṣaiḥ pramucyate || 84 ||

Wenn beim noch lebenden Sadhaka der Prana zur Ruhe gekommen und aufgelöst ist, fällt sein Körper nicht dahin; vielmehr wird er von den Unreinheiten und Störungen des Geistes befreit.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yasya – dessen, bei wem (Yad); prāṇaḥ – Prana, Lebensenergie (Prana); vilīnaḥ – aufgelöst, zur Ruhe gekommen (Vilina); atha – nun, dann (Atha); sādhake – beim Übenden, Sadhaka (Sadhaka); sati – während er ist, bei bestehendem (Sat); jīvite – Leben, während des Lebens (Jivita); piṇḍaḥ – Körper, körperliche Form (Pinda); na patitaḥ – nicht gefallen, nicht zusammengebrochen (Patita); tasya – sein, für ihn (Tad); citta-doṣaiḥ – von den Störungen (Dosha) des Geistes (Chitta); pramucyate – wird vollkommen befreit (Pramuch).

85. Vers Yoga Bija: Durch Yoga leuchtet Selbsterkenntnis auf

शुद्धे चेतसि तस्यैव स्वात्मज्ञानं प्रकाशते ।
तस्माज्ज्ञानं भवेद्योगाज्जन्मनैकेन पार्वति ॥ ८५ ॥

śuddhe cetasi tasyaiva svātmajñānaṃ prakāśate |
tasmāj jñānaṃ bhaved yogāj janmanaikena pārvati || 85 ||

Wenn sein Geist rein geworden ist, leuchtet die Erkenntnis des eigenen Selbst auf. Deshalb kann durch Yoga innerhalb einer einzigen Geburt Erkenntnis entstehen, o Parvati.

Wort-für-Wort-Übersetzung: śuddhe – im reinen, gereinigten (Shuddha); cetasi – Geist, Bewusstsein (Chetas); tasya eva – gerade bei ihm (Tad, Eva); sva-ātma-jñānam – Erkenntnis (Jnana) des eigenen (Sva) Selbst (Atman); prakāśate – leuchtet auf, offenbart sich (Prakash); tasmāt – deshalb, daher (Tasmat); jñānam – Erkenntnis (Jnana); bhavet – entsteht, kann werden (Bhu); yogāt – durch Yoga (Yoga); janmanā ekena – innerhalb einer einzigen (Eka) Geburt (Janman); pārvati – o Parvati.

86. Vers Yoga Bija: Pranajaya als Mittel zur Befreiung

तस्माद्योगं तमेवादौ साधको नित्यमभ्यसेत् ।
मुमुक्षुभिः प्राणजयः कर्तव्यो मोक्षहेतवे ॥ ८६ ॥

tasmād yogaṃ tam evādau sādhako nityam abhyaset |
mumukṣubhiḥ prāṇajayaḥ kartavyo mokṣahetave || 86 ||

Deshalb soll der Sadhaka von Anfang an beständig diesen Yoga üben. Wer Befreiung erstrebt, soll den Prana meistern, denn dies ist ein Mittel zur Befreiung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – deshalb (Tasmat); yogam – Yoga (Yoga); tam eva – eben diesen (Tad, Eva); ādau – zuerst, am Anfang (Adi); sādhakaḥ – der spirituell Übende (Sadhaka); nityam – beständig, stets (Nitya); abhyaset – soll üben (Abhyasa); mumukṣubhiḥ – von den nach Befreiung Strebenden (Mumukshu); prāṇa-jayaḥ – Meisterung (Jaya) des Prana; kartavyaḥ – ist auszuführen, soll getan werden (Kartavya); mokṣa-hetave – als Ursache bzw. Mittel (Hetu) zur Befreiung (Moksha).

87. Vers Yoga Bija: Nichts ist höher als der Weg des Yoga

योगात्परतरं पुण्यं योगात्परतरं सुखम् ।
योगात्परतरं सूक्ष्मं योगमार्गात्परं न हि ॥ ८७ ॥

yogāt parataraṃ puṇyaṃ yogāt parataraṃ sukham |
yogāt parataraṃ sūkṣmaṃ yogamārgāt paraṃ na hi || 87 ||

Es gibt kein höheres Verdienst als Yoga, kein höheres Glück als Yoga und nichts Subtileres als Yoga. Wahrlich, es gibt keinen höheren Weg als den Yogaweg.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yogāt – als Yoga, über Yoga hinaus (Yoga); parataram – höher, erhabener (Paratara); puṇyam – Verdienst, verdienstvolles Wirken (Punya); sukham – Glück, Freude (Sukha); sūkṣmam – subtil, fein (Sukshma); yoga-mārgāt – als der Weg (Marga) des Yoga; param – höher, jenseits davon (Para); na hi – wahrlich nicht (Na, Hi).

88. Vers Yoga Bija: Was ist Yoga?

Devi sprach: योगः क उच्यते देव योगाभ्यासोऽपि कीदृशः ।
योगेन वा भवेत्किञ्चित्तत्सर्वं वद शङ्कर ॥ ८८ ॥

yogaḥ ka ucyate deva yogābhyāso ’pi kīdṛśaḥ |
yogena vā bhavet kiñcit tat sarvaṃ vada śaṅkara || 88 ||

Was wird Yoga genannt, o Gott? Wie beschaffen ist die Yogapraxis, und was wird durch Yoga erreicht? Erkläre mir dies alles, o Shankara.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yogaḥ – Yoga (Yoga); kaḥ – was?, welcher? (Ka); ucyate – wird genannt (Vach); deva – o Gott (Deva); yoga-abhyāsaḥ – Übung, Praxis (Abhyasa) des Yoga; api – auch (Api); kīdṛśaḥ – wie beschaffen, von welcher Art (Kidrisha); yogena – durch Yoga (Yoga); vā – oder, nun (Va); bhavet – entsteht, wird erlangt (Bhu); kiñcit – etwas (Kinchit); tat sarvam – dies alles (Tad, Sarva); vada – sage, erkläre (Vad); śaṅkara – o Shankara.

89. Vers Yoga Bija: Yoga ist Vereinigung der Gegensätze

Ishvara sprach: योऽपानप्राणयोर्योगः स्वरजोरेतसोस्तथा ।
सूर्याचन्द्रमसोर्योगो जीवात्मपरमात्मनोः ॥ ८९ ॥

yo ’pānaprāṇayor yogaḥ svarajoretasos tathā |
sūryācandramasor yogo jīvātmaparamātmanoḥ || 89 ||

Yoga ist die Vereinigung von Apana und Prana, ebenso von Rajas und Retas, von Sonne und Mond sowie von individuellem Selbst und höchstem Selbst.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yaḥ – welcher, der (Yad); apāna-prāṇayoḥ – von Apana und Prana; yogaḥ – Vereinigung, Yoga (Yoga); sva-rajas-retasoḥ – von Rajas und Retas, den weiblichen und männlichen schöpferischen Essenzen (Rajas, Retas); tathā – ebenso (Tatha); sūrya-candramasoḥ – von Sonne (Surya) und Mond (Chandra); yogaḥ – Vereinigung (Yoga); jīva-ātma – individuelles Selbst (Jiva, Atman); parama-ātmanoḥ – und höchstes Selbst (Paramatman).

90. Vers Yoga Bija: Die Vereinigung der Dualitäten

एवं तु द्वन्द्वजालस्य संयोगो योग उच्यते ।
अधुना संप्रवक्ष्यामि योगाभ्यासस्य लक्षणम् ॥ ९० ॥

evaṃ tu dvandvajālasya saṃyogo yoga ucyate |
adhunā saṃpravakṣyāmi yogābhyāsasya lakṣaṇam || 90 ||

So wird die Vereinigung des ganzen Netzes der Gegensätze Yoga genannt. Nun werde ich die Merkmale und die Praxis dieses Yoga ausführlich erklären.

Wort-für-Wort-Übersetzung: evam – so, auf diese Weise (Evam); tu – nun, also (Tu); dvandva-jālasya – des Netzes (Jala) der Gegensatzpaare (Dvandva); saṃyogaḥ – Verbindung, Vereinigung (Samyoga); yogaḥ – Yoga (Yoga); ucyate – wird genannt (Vach); adhunā – jetzt, nun (Adhuna); saṃpravakṣyāmi – ich werde ausführlich erklären (Vach); yoga-abhyāsasya – der Yogapraxis (Yoga, Abhyasa); lakṣaṇam – Kennzeichen, Charakteristik (Lakshana).

91. Vers Yoga Bija: Der Guru, der den Prana gemeistert hat

मरुज्जयो यस्य सिद्धः सेवयेत्तं गुरुं सदा ।
गुरुवक्त्रप्रसादेन कुर्यात्प्राणजयं बुधः ॥ ९१ ॥

marujjayo yasya siddhaḥ sevayet taṃ guruṃ sadā |
guruvaktraprasādena kuryāt prāṇajayaṃ budhaḥ || 91 ||

Man soll stets dem Guru dienen, der die Meisterung des Lebenswindes verwirklicht hat. Durch die Gnade der Unterweisung aus dem Mund des Gurus soll der Weise den Prana meistern.

Wort-für-Wort-Übersetzung: marut-jayaḥ – Meisterung (Jaya) des Lebenswindes (Marut); yasya – dessen, bei wem (Yad); siddhaḥ – vollendet, verwirklicht (Siddha); sevayet – soll dienen, verehren (Seva); tam – diesen (Tad); gurum – Guru (Guru); sadā – immer, stets (Sada); guru-vaktra-prasādena – durch die Gnade (Prasada) aus dem Mund (Vaktra) des Guru, durch seine unmittelbare Unterweisung; kuryāt – soll bewirken, vollbringen (Kri); prāṇa-jayam – Meisterung (Jaya) des Prana (Prana); budhaḥ – der Weise, Verständige (Budha).

92. Vers Yoga Bija: Der Kanda

वितस्तिप्रमितं दैर्घ्यं विस्तारे चतुरङ्गुलम् ।
मृदुलं धवलं प्रोक्तं वेष्टनाम्बरलक्षणम् ॥ ९२ ॥

vitastipramitaṃ dairghyaṃ vistāre caturaṅgulam |
mṛdulaṃ dhavalaṃ proktaṃ veṣṭanāmbaralakṣaṇam || 92 ||

Er wird als eine Handspanne lang und vier Finger breit beschrieben, weich und weiß und einem zusammengefalteten Tuch ähnlich.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vitasti-pramitam – eine Handspanne messend (Vitasti); dairghyam – Länge (Dirgha); vistāre – in der Breite, Ausdehnung (Vistara); catur-aṅgulam – vier (Chatur) Fingerbreiten (Angula); mṛdulam – weich, zart (Mridula); dhavalam – weiß, hell (Dhavala); proktam – wird beschrieben, wurde gesagt (Prokta); veṣṭana-ambara-lakṣaṇam – einem zusammengerollten oder gefalteten Kleidungsstück (Ambara) ähnlich, dadurch gekennzeichnet (Lakshana).

93. Vers Yoga Bija: Die Kundalini wird aufgerichtet

निरुध्य मारुतं गाढं शक्तिचालनयुक्तितः ।
अष्टधा कुण्डलीभूतामृजुं कर्तुं तु कुण्डलीम् ॥ ९३ ॥

nirudhya mārutaṃ gāḍhaṃ śakticālanayuktitaḥ |
aṣṭadhā kuṇḍalībhūtām ṛjuṃ kartuṃ tu kuṇḍalīm || 93 ||

Nachdem der Lebenswind kraftvoll zurückgehalten worden ist, soll man durch die Methode des Shakti Chalana die achtfach eingerollte Kundalini aufrichten.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nirudhya – nachdem man zurückgehalten, beherrscht hat (Nirodha); mārutam – Lebenswind (Marut); gāḍham – fest, kraftvoll, intensiv (Gadha); śakti-cālana-yuktitaḥ – durch die Methode (Yukti) des Bewegens (Chalana) der Shakti; aṣṭadhā – achtfach, auf achtfache Weise (Ashtadha); kuṇḍalī-bhūtām – eingerollt, zu einer Spirale geworden (Kundali); ṛjum – gerade, aufgerichtet (Riju); kartum – zu machen (Kri); tu – nun, aber (Tu); kuṇḍalīm – Kundalini, die Eingerollte (Kundalini).

94. Vers Yoga Bija: Das Bewegen der Kundalini überwindet Todesfurcht

भानोराकुञ्चनं कुर्यात्कुण्डलीं चालयेत्ततः ।
मृत्युवक्त्रगतस्यापि तस्य मृत्युभयं कुतः ॥ ९४ ॥

bhānor ākuñcanaṃ kuryāt kuṇḍalīṃ cālayet tataḥ |
mṛtyuvaktragatasyāpi tasya mṛtyubhayaṃ kutaḥ || 94 ||

Man soll die Sonnenenergie zusammenziehen und daraufhin die Kundalini bewegen. Selbst wenn ein solcher Yogi bereits in den Rachen des Todes geraten wäre – wo wäre für ihn noch Furcht vor dem Tod?

Wort-für-Wort-Übersetzung: bhānoḥ – der Sonne (Bhanu); ākuñcanam – Zusammenziehen, Kontraktion (Akunchana); kuryāt – soll ausführen (Kri); kuṇḍalīm – Kundalini (Kundalini); cālayet – soll bewegen, in Bewegung setzen (Chal); tataḥ – danach, dadurch (Tatas); mṛtyu-vaktra-gatasya – dessen, der in den Mund bzw. Rachen (Vaktra) des Todes (Mrityu) geraten ist; api – selbst, sogar (Api); tasya – für ihn (Tad); mṛtyu-bhayam – Furcht (Bhaya) vor dem Tod (Mrityu); kutaḥ – woher?, wie könnte? (Kutas).

95. Vers Yoga Bija: Das höchste Geheimnis der Praxis

एतदेव परं गुह्यं कथितं तव पार्वति ।
वज्रासनगतो नित्यं मासार्धं तु समभ्यसेत् ॥ ९५ ॥

etad eva paraṃ guhyaṃ kathitaṃ tava pārvati |
vajrāsanagato nityaṃ māsārdhaṃ tu samabhyaset || 95 ||

Dies ist das höchste Geheimnis, das ich dir offenbart habe, o Parvati. In Vajrasana verweilend soll man es einen halben Monat lang beständig üben.

Wort-für-Wort-Übersetzung: etat eva – eben dieses (Etad, Eva); param – höchste, erhabene (Para); guhyam – Geheimnis, geheime Lehre (Guhya); kathitam – wurde erklärt (Kathita); tava – dir, für dich (Tvam); pārvati – o Parvati; vajrāsana-gataḥ – in Vajrasana befindlich; nityam – beständig (Nitya); māsa-ardham – einen halben (Ardha) Monat (Masa); samabhyaset – soll intensiv und regelmäßig üben (Abhyasa).

96. Vers Yoga Bija: Das Feuer des Yoga erhitzt die Kundalini

वायुना ज्वलितो वह्निः कुण्डलीमनिशं दहेत् ।
संतप्ता साग्निना नाडी शक्तिस्त्रैलोक्यमोहिनी ॥ ९६ ॥

vāyunā jvalito vahniḥ kuṇḍalīm aniśaṃ dahet |
saṃtaptā sāgninā nāḍī śaktis trailokyamohinī || 96 ||

Das durch den Lebenswind entfachte Feuer erhitzt unablässig die Kundalini. Durch dieses Feuer erhitzt wird die Nadi-Shakti, jene Kraft, welche die drei Welten bezaubert und in Verblendung hält.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vāyunā – durch den Lebenswind (Vayu); jvalitaḥ – entzündet, zum Brennen gebracht (Jvalita); vahniḥ – Feuer (Vahni); kuṇḍalīm – Kundalini (Kundalini); aniśam – unaufhörlich, ohne Unterbrechung (Anisha); dahet – soll verbrennen, erhitzen (Dah); saṃtaptā – stark erhitzt (Santapta); sā agninā – sie durch das Feuer (Agni); nāḍī-śaktiḥ – Kraft (Shakti) der Nadi (Nadi); trailokya-mohinī – die drei Welten (Trailokya) bezaubernd bzw. verblendend (Mohini).

97. Vers Yoga Bija: Kundalini durchdringt den Brahma Granthi

प्रविशेद्वज्रदण्डे तु सुषुम्णावदनान्तरे ।
वायुना वह्निना सार्धं ब्रह्मग्रन्थिं भिनत्ति सा ॥ ९७ ॥

praviśed vajradaṇḍe tu suṣumṇāvadanāntare |
vāyunā vahninā sārdhaṃ brahmagranthiṃ bhinatti sā || 97 ||

Sie tritt in den Vajradanda durch die Öffnung der Sushumna ein. Zusammen mit dem Lebenswind und dem Feuer durchdringt sie den Brahma Granthi.

Wort-für-Wort-Übersetzung: praviśet – sie tritt ein (Pravish); vajra-daṇḍe – in den Vajra-Stab, die zentrale Achse (Vajra, Danda); tu – nun, aber (Tu); suṣumṇā-vadana-antare – in die Öffnung bzw. den Eingang (Vadana) der Sushumna; vāyunā – mit dem Lebenswind (Vayu); vahninā – mit dem Feuer (Vahni); sārdham – zusammen mit (Sardha); brahma-granthim – den Brahma Granthi; bhinatti – durchbohrt, durchbricht (Bhid); sā – sie (Tad).

98. Vers Yoga Bija: Vishnu Granthi und Rudra Granthi

विष्णुग्रन्थिं ततो भित्त्वा रुद्रग्रन्थौ च तिष्ठति ।
ततस्तु कुम्भकैर्गाढं पूरयित्वा पुनः पुनः ॥ ९८ ॥

viṣṇugranthiṃ tato bhittvā rudragranthau ca tiṣṭhati |
tatas tu kumbhakair gāḍhaṃ pūrayitvā punaḥ punaḥ || 98 ||

Nachdem sie den Vishnu Granthi durchbrochen hat, gelangt sie zum Rudra Granthi und verweilt dort. Dann soll man mit Kumbhakas wieder und wieder kraftvoll füllen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: viṣṇu-granthim – den Vishnu Granthi; tataḥ – danach (Tatas); bhittvā – nachdem sie durchbrochen hat (Bhid); rudra-granthau – am Rudra Granthi; ca – und (Cha); tiṣṭhati – verweilt, bleibt (Stha); tataḥ – dann (Tatas); tu – nun (Tu); kumbhakaiḥ – durch Kumbhakas, Atemverhaltungen (Kumbhaka); gāḍham – kraftvoll, intensiv (Gadha); pūrayitvā – nachdem man gefüllt hat (Pur); punaḥ punaḥ – wieder und wieder (Punar).

99. Vers Yoga Bija: Die vier Sahita Kumbhakas

तथाभ्यसेत्सूर्यभेदमुज्जायीं चापि शीतलीम् ।
भस्त्रां च सहितं नाम स्यात्कुम्भकचतुष्टयम् ॥ ९९ ॥

tathā ’bhyaset sūryabhedam ujjāyīṃ cāpi śītalīm |
bhastrāṃ ca sahitaṃ nāma syāt kumbhakacatuṣṭayam || 99 ||

So soll man Suryabheda, Ujjayi, Shitali und Bhastra üben. Diese vier Formen des Kumbhaka werden als Sahita bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tathā – ebenso, auf diese Weise (Tatha); abhyaset – soll üben (Abhyasa); sūrya-bhedam – Surya Bheda; ujjāyīm – Ujjayi; ca api – und auch (Cha, Api); śītalīm – Shitali; bhastrām – Blasebalg-Atem, Bhastrika; ca – und (Cha); sahitam – verbunden; hier Sahita Kumbhaka (Sahita); nāma – mit Namen, genannt (Naman); syāt – ist, wird genannt (As); kumbhaka-catuṣṭayam – die Vierheit (Chatushtaya) der Kumbhakas (Kumbhaka).

100. Vers Yoga Bija: Kevala Kumbhaka und die drei Bandhas

बन्धत्रयेण संयुक्तः केवलः प्राप्तिकारकः ।
अथास्य लक्षणं सम्यक्कथयामि समासतः ॥ १०० ॥

bandhatrayeṇa saṃyuktaḥ kevalaḥ prāptikārakaḥ |
athāsya lakṣaṇaṃ samyak kathayāmi samāsataḥ || 100 ||

Kevala Kumbhaka führt, mit den drei Bandhas verbunden, zur Verwirklichung. Nun werde ich seine Kennzeichen kurz und genau erklären.

Wort-für-Wort-Übersetzung: bandha-trayeṇa – mit den drei (Traya) Bandhas (Bandha); saṃyuktaḥ – verbunden (Samyukta); kevalaḥ – Kevala Kumbhaka, der spontane Atemstillstand (Kevala); prāpti-kārakaḥ – Verwirklichung, Erlangung (Prapti) bewirkend (Karaka); atha – nun (Atha); asya – dessen, von diesem (Idam); lakṣaṇam – Kennzeichen, Charakteristik (Lakshana); samyak – richtig, vollständig, genau (Samyak); kathayāmi – ich erkläre (Kath); samāsataḥ – kurz, zusammenfassend (Samasa).

101. Vers Yoga Bija: Das unvergleichliche Heilmittel gegen Samsara Versmaß: Vasantatilaka एकाकिना समुपगम्य विविक्तदेशं
प्राणादिरूपममृतं परमार्थतत्त्वम् ।
स्वल्पाशिना धृतिमता परिभावनीयं
संसाररोगहरमौषधमद्वितीयम् ॥ १०१ ॥

ekākinā samupagamya viviktadeśaṃ
prāṇādirūpam amṛtaṃ paramārthatattvam |
svalpāśinā dhṛtimatā paribhāvanīyaṃ
saṃsārarogaharam auṣadham advitīyam || 101 ||

Allein an einen abgeschiedenen Ort gegangen, soll der maßvoll Essende und Standhafte über das unsterbliche höchste Wirklichkeitsprinzip meditieren, dessen Gestalt Prana und die weiteren subtilen Kräfte sind. Es ist das unvergleichliche Heilmittel, das die Krankheit des Samsara beseitigt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ekākinā – allein, als Einzelner (Ekakin); samupagamya – nachdem man sich begeben hat, hingegangen ist (Gam); vivikta-deśam – an einen abgeschiedenen (Vivikta) Ort (Desha); prāṇa-ādi-rūpam – von der Gestalt (Rupa) des Prana und weiterer subtiler Kräfte (Adi); amṛtam – unsterblich, unvergänglich; Nektar (Amrita); paramārtha-tattvam – höchste (Paramartha) Wirklichkeit, höchstes Prinzip (Tattva); svalpa-aśinā – von einem, der wenig bzw. maßvoll isst (Svalpa, Ashin); dhṛtimatā – vom Standhaften, Ausdauernden (Dhritimat); paribhāvanīyam – ist tief zu betrachten, zu meditieren (Bhavana); saṃsāra-roga-haram – die Krankheit (Roga) des Samsara (Samsara) beseitigend (Hara); auṣadham – Heilmittel, Medizin (Aushadha); advitīyam – unvergleichlich, ohne ein Zweites (Advitiya).

102. Vers Yoga Bija: Surya Bheda Pranayama

सूर्यनाड्या समाकृष्य वायुमभ्यासयोगतः ।
विधिवत्कुम्भकं कृत्वा रेचयेच्छीतरश्मिना ॥ १०२ ॥

sūryanāḍyā samākṛṣya vāyum abhyāsayogataḥ |
vidhivat kumbhakaṃ kṛtvā recayec chītaraśminā || 102 ||

Durch die Sonnen-Nadi soll man den Lebenswind einziehen. Nach vorschriftsmäßiger Ausführung des Kumbhaka soll man durch den kühlenden Mondkanal wieder ausatmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sūrya-nāḍyā – durch die Sonnen-Nadi, Pingala (Surya, Nadi); samākṛṣya – vollständig einziehend, nachdem man eingezogen hat (Akrish); vāyum – Lebenswind, Atem (Vayu); abhyāsa-yogataḥ – aufgrund bzw. mittels der Yogapraxis (Abhyasa, Yoga); vidhivat – vorschriftsmäßig, der Methode entsprechend (Vidhi); kumbhakam – Atemverhaltung (Kumbhaka); kṛtvā – nachdem man ausgeführt hat (Kri); recayet – soll ausatmen (Rechaka); śīta-raśminā – durch den kühlenden Strahl, den Mondkanal (Shita, Rashmi).

103. Vers Yoga Bija: Wirkungen von Surya Bheda

उदरे वातदोषघ्नं कण्ठदोषं निहन्ति च ।
मुहुर्मुहुरिदं कार्यं सूर्यभेदमुदाहृतम् ॥ १०३ ॥

udare vātadoṣaghnaṃ kaṇṭhadoṣaṃ nihanti ca |
muhur muhur idaṃ kāryaṃ sūryabhedam udāhṛtam || 103 ||

Diese Praxis beseitigt Störungen des Vata im Bauch und Leiden des Halses. Dieses als Surya Bheda bezeichnete Pranayama soll immer wieder ausgeführt werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: udare – im Bauch (Udara); vāta-doṣa-ghnam – Vata-Störungen (Vata, Dosha) beseitigend; kaṇṭha-doṣam – Störungen des Halses (Kantha, Dosha); nihanti – beseitigt, vernichtet (Nihan); ca – und (Cha); muhur muhuḥ – immer wieder, wiederholt (Muhur); idam – dieses (Idam); kāryam – soll ausgeführt werden (Karya); sūrya-bhedam – Surya Bheda; udāhṛtam – so genannt, bezeichnet, gelehrt (Udahrita).

104. Vers Yoga Bija: Einziehen des Prana durch beide Nadis

नाडीभ्यां वायुमाकृष्य कुण्डल्याः पार्श्वयोः सुधीः ।
धारयेदुदरे योगी रेचयेदिडया पुनः ॥ १०४ ॥

nāḍībhyāṃ vāyum ākṛṣya kuṇḍalyāḥ pārśvayoḥ sudhīḥ |
dhārayed udare yogī recayed iḍayā punaḥ || 104 ||

Der verständige Yogi soll den Lebenswind durch die beiden Nadis zu beiden Seiten der Kundalini einziehen, ihn im Bauch halten und anschließend durch Ida wieder ausatmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nāḍībhyām – durch die beiden Nadis (Nadi); vāyum – Lebenswind, Atem (Vayu); ākṛṣya – nachdem man eingezogen hat (Akrish); kuṇḍalyāḥ – der Kundalini (Kundalini); pārśvayoḥ – an beiden Seiten (Parshva); sudhīḥ – der Verständige, Weise (Sudhi); dhārayet – soll halten, zurückhalten (Dhri); udare – im Bauch (Udara); yogī – der Yogi (Yogin); recayet – soll ausatmen (Rechaka); iḍayā – durch Ida; punaḥ – danach, wieder (Punar).

105. Vers Yoga Bija: Wirkungen auf Kapha und Agni

कण्ठे कफादिदोषघ्नं शरीराग्निविवर्धनम् ।
शिरोजलोदराधातुगतरोगविनाशनम् ॥ १०५ ॥

kaṇṭhe kaphādidoṣaghnaṃ śarīrāgnivivardhanam |
śirojalodarādhātugatarogavināśanam || 105 ||

Diese Praxis beseitigt Kapha und andere Störungen im Hals und verstärkt das innere Feuer des Körpers. Sie beseitigt Erkrankungen des Kopfes, Wassersucht und Krankheiten, die in die Dhatus eingedrungen sind.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kaṇṭhe – im Hals (Kantha); kapha-ādi-doṣa-ghnam – Kapha (Kapha) und andere (Adi) Störungen (Dosha) beseitigend; śarīra-agni-vivardhanam – das Feuer (Agni) des Körpers (Sharira) verstärkend (Vivardhana); śiraḥ – Kopf (Shiras); jalodara – Wassersucht, Ansammlung von Flüssigkeit im Bauch (Jalodara); dhātu-gata – in die Körperbestandteile (Dhatu) eingedrungen; roga-vināśanam – Krankheiten (Roga) vernichtend (Vinasha).

106. Vers Yoga Bija: Ujjayi Kumbhaka

गच्छता तिष्ठता कार्यमुज्जाय्याख्यं तु कुम्भकम् ।
मुखेन वायुं संगृह्य घ्राणरन्ध्रेण रेचयेत् ॥ १०६ ॥

gacchatā tiṣṭhatā kāryam ujjāyyākhyaṃ tu kumbhakam |
mukhena vāyuṃ saṅgṛhya ghrāṇarandhreṇa recayet || 106 ||

Das Ujjayi genannte Kumbhaka kann beim Gehen wie auch beim Stehen ausgeführt werden. Man soll den Lebenswind durch den Mund aufnehmen und ihn durch die Nasenöffnung wieder ausatmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: gacchatā – beim Gehen (Gam); tiṣṭhatā – beim Stehen, Verweilen (Stha); kāryam – ist auszuführen (Karya); ujjāyī-ākhyam – Ujjayi genannt (Ujjayi, Akhya); tu – nun (Tu); kumbhakam – Kumbhaka, Atemverhaltung (Kumbhaka); mukhena – durch den Mund (Mukha); vāyum – Atem, Lebenswind (Vayu); saṅgṛhya – nachdem man aufgenommen, gesammelt hat (Sangraha); ghrāṇa-randhreṇa – durch die Nasenöffnung (Ghrana, Randhra); recayet – soll ausatmen (Rechaka).

107. Vers Yoga Bija: Die kühlende Wirkung Versmaß: Anushtubh (Halbvers) शीतलीकरणं चेदं हन्ति पित्तं तथा ज्वरम् ॥ १०७ ॥

śītalīkaraṇaṃ cedaṃ hanti pittaṃ tathā jvaram || 107 ||

Diese kühlende Praxis vermindert Pitta und beseitigt auch Fieber.

Wort-für-Wort-Übersetzung: śītalī-karaṇam – das Kühlen, kühlende Wirkung (Shitali, Karana); ca idam – und dieses (Cha, Idam); hanti – beseitigt, vernichtet (Han); pittam – Pitta (Pitta); tathā – ebenso, auch (Tatha); jvaram – Fieber (Jvara).

108. Vers Yoga Bija: Bhastra – der Blasebalg

स्तनयोरथ भस्त्रेव लोहकारस्य वेगतः ।
रेचयेत्पूरयेद्वायुमाश्रमं देहगं धिया ॥ १०८ ॥

stanayor atha bhastreva lohakārasya vegataḥ |
recayet pūrayed vāyum āśramaṃ dehagaṃ dhiyā || 108 ||

Nun soll man den Lebenswind im Brustbereich mit der Geschwindigkeit des Blasebalgs eines Schmiedes aus- und einströmen lassen, bis eine deutliche Ermüdung im Körper wahrgenommen wird.

Wort-für-Wort-Übersetzung: stanayoḥ – im Bereich der Brust, der beiden Brüste (Stana); atha – nun (Atha); bhastrā iva – wie ein Blasebalg (Bhastra, Iva); loha-kārasya – eines Schmiedes, Metallarbeiters (Loha, Kara); vegataḥ – mit Geschwindigkeit, kraftvoll (Vega); recayet – soll ausatmen (Rechaka); pūrayet – soll einatmen, füllen (Puraka); vāyum – Lebenswind, Atem (Vayu); ā śramam – bis zur Ermüdung (Shrama); deha-gam – in den Körper gelangt, im Körper auftretend (Deha); dhiyā – mit Aufmerksamkeit, bewusst (Dhi).

109. Vers Yoga Bija: Bei Ermüdung durch die Sonnen-Nadi einatmen Versmaß: Anushtubh (Halbvers) यदा श्रमो भवेद्देहे तदा सूर्येण पूरयेत् ॥ १०९ ॥

yadā śramo bhaved dehe tadā sūryeṇa pūrayet || 109 ||

Wenn sich im Körper Ermüdung einstellt, soll man durch die Sonnen-Nadi einatmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yadā – wenn (Yada); śramaḥ – Ermüdung, Anstrengung (Shrama); bhavet – entsteht (Bhu); dehe – im Körper (Deha); tadā – dann (Tada); sūryeṇa – durch die Sonne, die Sonnen-Nadi (Surya); pūrayet – soll einatmen, füllen (Puraka).

110. Vers Yoga Bija: Beseitigung der drei Doshas

कण्ठसंकोचनं कृत्वा पुनश्चन्द्रेण रेचयेत् ।
वातपित्तश्लेष्महरं शरीराग्निविवर्धनम् ॥ ११० ॥

kaṇṭhasaṃkocanaṃ kṛtvā punaś candreṇa recayet |
vātapittaśleṣmaharaṃ śarīrāgnivivardhanam || 110 ||

Nachdem man den Hals zusammengezogen hat, soll man anschließend durch die Mond-Nadi ausatmen. Diese Praxis beseitigt Vata, Pitta und Kapha und verstärkt das innere Feuer des Körpers.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kaṇṭha-saṃkocanam – Zusammenziehen (Samkocha) des Halses (Kantha); kṛtvā – nachdem man ausgeführt hat (Kri); punaḥ – anschließend, wieder (Punar); candreṇa – durch den Mond, die Mond-Nadi (Chandra); recayet – soll ausatmen (Rechaka); vāta – Vata (Vata); pitta – Pitta (Pitta); śleṣma – Kapha, Schleim (Shleshma); haram – beseitigend (Hara); śarīra-agni-vivardhanam – das Körperfeuer (Agni) verstärkend (Vivardhana).

111. Vers Yoga Bija: Bhastrika erweckt Kundalini

कुण्डलीबोधकं वक्रभावघ्नं सुखदं शुभम् ।
ब्रह्मनाडीमुखे संस्थं कफाद्यर्गलनाशनम् ॥ १११ ॥

kuṇḍalībodhakaṃ vakrabhāvaghnaṃ sukhadaṃ śubham |
brahmanāḍīmukhe saṃsthaṃ kaphādyargalanāśanam || 111 ||

Diese glückverheißende Praxis erweckt Kundalini, beseitigt ihren gekrümmten Zustand und schenkt Wohlbefinden. Sie beseitigt Kapha und andere Hindernisse, die sich am Eingang der Brahma Nadi befinden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kuṇḍalī-bodhakam – Kundalini (Kundalini) erweckend (Bodhaka); vakra-bhāva-ghnam – den gekrümmten Zustand (Vakra, Bhava) beseitigend; sukhadam – Glück, Wohlbefinden (Sukha) schenkend; śubham – glückverheißend, heilsam (Shubha); brahma-nāḍī-mukhe – am Eingang (Mukha) der Brahma Nadi (Brahma Nadi); saṃstham – befindlich, angesammelt (Samstha); kapha-ādi – Kapha und andere (Kapha, Adi); argala-nāśanam – Hindernisse, Verschlüsse (Argala) beseitigend (Nasha).

112. Vers Yoga Bija: Bhastra durchbricht die drei Granthis

सम्यग्गात्रसमुद्भूतं ग्रन्थित्रयविभेदकम् ।
विशेषेणैव कर्तव्यं भस्त्राख्यं कुम्भकं त्विदम् ॥ ११२ ॥

samyag gātrasamudbhūtaṃ granthitrayavibhedakam |
viśeṣenaiva kartavyaṃ bhastrākhyaṃ kumbhakaṃ tv idam || 112 ||

Dieses Bhastra genannte Kumbhaka erfasst den Körper vollständig und durchbricht die drei Granthis. Es soll daher mit besonderer Sorgfalt praktiziert werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: samyak – vollständig, richtig (Samyak); gātra-samudbhūtam – im Körper bzw. in den Gliedern (Gatra) vollständig hervortretend (Samudbhuta); granthi-traya-vibhedakam – die drei (Traya) Knoten (Granthi) durchbrechend (Vibheda); viśeṣeṇa – besonders, mit besonderer Sorgfalt (Vishesha); eva – gerade, wahrlich (Eva); kartavyam – soll ausgeführt werden (Kartavya); bhastra-ākhyam – Bhastra genannt (Bhastra, Akhya); kumbhakam – Kumbhaka (Kumbhaka); tu idam – dieses nun (Tu, Idam).

113. Vers Yoga Bija: Die drei Bandhas

बन्धत्रयमथेदानीं प्रवक्ष्यामि यथार्थवत् ।
नित्यं कृतेन येनासौ वायोर्जयमवाप्नुयात् ॥ ११३ ॥

bandhatrayam athedānīṃ pravakṣyāmi yathārthavat |
nityaṃ kṛtena yenāsau vāyor jayam avāpnuyāt || 113 ||

Nun werde ich die drei Bandhas ihrem wirklichen Wesen entsprechend erklären. Durch ihre beständige Praxis kann der Yogi die Meisterschaft über den Lebenswind erlangen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: bandha-trayam – die drei (Traya) Bandhas (Bandha); atha – nun (Atha); idānīm – jetzt (Idanim); pravakṣyāmi – ich werde ausführlich erklären (Vach); yathārthavat – der Wirklichkeit entsprechend, genau (Yathartha); nityam – beständig (Nitya); kṛtena – durch das Ausführen, Praktizieren (Krita); yena – wodurch (Yad); asau – dieser, der Yogi (Asau); vāyoḥ – über den Lebenswind (Vayu); jayam – Meisterschaft, Sieg (Jaya); avāpnuyāt – kann erlangen (Avap).

114. Vers Yoga Bija: Die Bandhas bei den vier Kumbhakas

चतुर्णामपि भेदानां कुम्भके समुपस्थिते ।
बन्धत्रयमिदं कार्यं वक्ष्यमाणं मया स्फुटम् ॥ ११४ ॥

caturṇām api bhedānāṃ kumbhake samupasthite |
bandhatrayam idaṃ kāryaṃ vakṣyamāṇaṃ mayā sphuṭam || 114 ||

Bei jeder der vier Formen des Kumbhaka sollen diese drei Bandhas angewandt werden. Ich werde sie nun klar und deutlich beschreiben.

Wort-für-Wort-Übersetzung: caturṇām – der vier (Chatur); api – jeweils, auch (Api); bhedānām – Formen, Arten, Unterschiede (Bheda); kumbhake – beim Kumbhaka (Kumbhaka); samupasthite – wenn er eingetreten ist, ausgeführt wird (Samupasthita); bandha-trayam – die drei Bandhas (Bandha, Traya); idam – diese (Idam); kāryam – sollen ausgeführt werden (Karya); vakṣyamāṇam – die nun beschrieben werden (Vach); mayā – von mir (Mad); sphuṭam – klar, deutlich (Sphuta).

115. Vers Yoga Bija: Mula Bandha, Uddiyana und Jalandhara

प्रथमो मूलबन्धस्तु द्वितीय उड्डियानकः ।
जालन्धरस्तृतीयस्तु लक्षणं कथयाम्यहम् ॥ ११५ ॥

prathamo mūlabandhas tu dvitīya uḍḍiyānakaḥ |
jālandharas tṛtīyas tu lakṣaṇaṃ kathayāmy aham || 115 ||

Der erste ist Mula Bandha, der zweite Uddiyana Bandha und der dritte Jalandhara Bandha. Nun werde ich ihre Kennzeichen erklären.

Wort-für-Wort-Übersetzung: prathamaḥ – der erste (Prathama); mūla-bandhaḥ – Mula Bandha; tu – nun (Tu); dvitīyaḥ – der zweite (Dvitiya); uḍḍiyānakaḥ – Uddiyana Bandha; jālandharaḥ – Jalandhara Bandha; tṛtīyaḥ – der dritte (Tritiya); lakṣaṇam – Kennzeichen, Beschreibung (Lakshana); kathayāmi – ich erkläre (Kath); aham – ich (Aham).

116. Vers Yoga Bija: Die Praxis von Mula Bandha

गुदं पार्ष्ण्या तु संपीड्य वायुमाकुञ्चयेद्बलात् ।
वारं वारं तथा चोर्ध्वं समायाति समीरणः ॥ ११६ ॥

gudaṃ pārṣṇyā tu saṃpīḍya vāyum ākuñcayed balāt |
vāraṃ vāraṃ tathā cordhvaṃ samāyāti samīraṇaḥ || 116 ||

Man soll den Anus mit der Ferse fest drücken und den Lebenswind kraftvoll zusammenziehen. Wenn dies wieder und wieder geschieht, steigt der Lebenswind nach oben.

Wort-für-Wort-Übersetzung: gudam – Anus, Enddarm (Guda); pārṣṇyā – mit der Ferse (Parshni); tu – nun (Tu); saṃpīḍya – fest zusammendrückend (Sampid); vāyum – Lebenswind (Vayu); ākuñcayet – soll zusammenziehen (Akunch); balāt – kraftvoll, mit Kraft (Bala); vāram vāram – wieder und wieder (Vara); tathā – auf diese Weise (Tatha); ca – und (Cha); ūrdhvam – nach oben (Urdhva); samāyāti – kommt, steigt (Ayati); samīraṇaḥ – Wind, Lebenswind (Samirana).

117. Vers Yoga Bija: Vereinigung von Prana und Apana durch Mula Bandha

प्राणापानौ नादबिन्दू मूलबन्धेन चैकताम् ।
गत्वा योगस्य संसिद्धिं यच्छतो नात्र संशयः ॥ ११७ ॥

prāṇāpānau nādabindū mūlabandhena caikatām |
gatvā yogasya saṃsiddhiṃ yacchato nātra saṃśayaḥ || 117 ||

Durch Mula Bandha werden Prana und Apana sowie Nada und Bindu zur Einheit gebracht. So führen sie zur vollkommenen Verwirklichung des Yoga – daran besteht kein Zweifel.

Wort-für-Wort-Übersetzung: prāṇa-apānau – Prana und Apana; nāda-bindū – Nada und Bindu; mūla-bandhena – durch Mula Bandha; ca – und (Cha); ekatām – zur Einheit, zum Einssein (Ekata); gatvā – gelangt, nachdem sie eins geworden sind (Gam); yogasya – des Yoga (Yoga); saṃsiddhim – vollkommene Verwirklichung, Vollendung (Samsiddhi); yacchataḥ – sie gewähren, schenken (Yam); na – nicht (Na); atra – hierin (Atra); saṃśayaḥ – Zweifel (Samshaya).

118. Vers Yoga Bija: Uddiyana Bandha lässt den Prana aufsteigen

कुम्भकान्ते रेचकादौ कर्तव्यस्तूड्डियानकः ।
बद्धो येन सुषुम्णायां प्राणस्तूड्डीयते यतः ॥ ११८ ॥

kumbhakānte recakādau kartavyas tūḍḍiyānakaḥ |
baddho yena suṣumṇāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ || 118 ||

Am Ende des Kumbhaka und zu Beginn des Rechaka soll Uddiyana Bandha ausgeführt werden. Durch diesen Bandha steigt der Prana in der Sushumna nach oben.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kumbhaka-ante – am Ende (Anta) des Kumbhaka; recaka-ādau – zu Beginn (Adi) des Ausatmens (Rechaka); kartavyaḥ – soll ausgeführt werden (Kartavya); uḍḍiyānakaḥ – Uddiyana Bandha; baddhaḥ – gebunden, verschlossen (Baddha); yena – wodurch, durch welchen (Yad); suṣumṇāyām – in der Sushumna; prāṇaḥ – Prana (Prana); uḍḍīyate – fliegt bzw. steigt nach oben (Uddiyana); yataḥ – weil, wodurch (Yatas).

119. Vers Yoga Bija: Warum es Uddiyana heißt

तस्मादुड्डीयानाख्योऽयं योगिभिः समुदाहृतः ।
उड्डीयानं तु सहजं गुरुणा कथितं सदा ॥ ११९ ॥

tasmād uḍḍīyānākhyo ’yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ |
uḍḍīyānaṃ tu sahajaṃ guruṇā kathitaṃ sadā || 119 ||

Deshalb wird dieser Bandha von den Yogis Uddiyana – „das Aufsteigen“ – genannt. Uddiyana wird vom Guru als eine natürliche und leicht zugängliche Praxis gelehrt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – deshalb (Tasmat); uḍḍīyāna-ākhyaḥ – Uddiyana genannt (Uddiyana, Akhya); ayam – dieser (Ayam); yogibhiḥ – von den Yogis (Yogin); samudāhṛtaḥ – wird bezeichnet, genannt (Samudahrita); uḍḍīyānam – Uddiyana Bandha; tu – nun (Tu); sahajam – natürlich, spontan, leicht zugänglich (Sahaja); guruṇā – vom Guru (Guru); kathitam – gelehrt, erklärt (Kathita); sadā – stets (Sada).

120. Vers Yoga Bija: Durch Uddiyana wird der Alte wieder jung

अभ्यसेत्सततं यस्तु वृद्धोऽपि तरुणायते ।
नाभेरूर्ध्वमधश्चापि प्राणं कुर्यात्प्रयत्नतः ॥ १२० ॥

abhyaset satataṃ yas tu vṛddho ’pi taruṇāyate |
nābher ūrdhvam adhaś cāpi prāṇaṃ kuryāt prayatnataḥ || 120 ||

Wer diese Praxis beständig übt, wird selbst im Alter wieder jugendlich. Mit sorgfältiger Anstrengung soll man den Prana vom Nabel aus nach oben und ebenso nach unten lenken.

Wort-für-Wort-Übersetzung: abhyaset – soll üben (Abhyasa); satatam – beständig, ununterbrochen (Satata); yaḥ – wer (Yad); tu – nun, aber (Tu); vṛddhaḥ – alt, ein alter Mensch (Vriddha); api – selbst, sogar (Api); taruṇāyate – wird jung, jugendlich (Taruna); nābheḥ – vom Nabel (Nabhi); ūrdhvam – nach oben (Urdhva); adhaḥ – nach unten (Adhas); ca api – und ebenso (Cha, Api); prāṇam – Prana, Lebensenergie (Prana); kuryāt – soll lenken, bewirken (Kri); prayatnataḥ – mit sorgfältiger Anstrengung, bewusst und energisch (Prayatna).

121. Vers Yoga Bija: Jalandhara Bandha und Sieg über den Tod

षण्मासमभ्यसेन्मृत्युं जयत्येव न संशयः ।
पूरकान्तेऽपि कर्तव्यो बन्धो जालन्धराभिधः ॥ १२१ ॥

ṣaṇmāsam abhyasen mṛtyuṃ jayaty eva na saṃśayaḥ |
pūrakānte ’pi kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ || 121 ||

Wer diese Praxis sechs Monate lang übt, besiegt den Tod – daran besteht kein Zweifel. Am Ende des Puraka soll auch der Jalandhara genannte Bandha ausgeführt werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ṣaṇ-māsam – sechs (Shat) Monate (Masa) lang; abhyaset – soll üben (Abhyasa); mṛtyum – den Tod (Mrityu); jayati – besiegt, überwindet (Ji); eva – wahrlich, gewiss (Eva); na saṃśayaḥ – kein Zweifel (Samshaya); pūraka-ante – am Ende (Anta) des Einatmens (Puraka); api – auch (Api); kartavyaḥ – soll ausgeführt werden (Kartavya); bandhaḥ – Verschluss, Bandha (Bandha); jālandhara-abhidhaḥ – Jalandhara genannt (Jalandhara Bandha, Abhidha).

122. Vers Yoga Bija: Jalandhara verschließt den Weg des Prana

कण्ठसंकोचरूपोऽसौ वायुर्मार्गनिरोधकः ।
कण्ठमाकुञ्च्य हृदये स्थापयेद्दृढमिच्छया ॥ १२२ ॥

kaṇṭhasaṃkocarūpo ’sau vāyur mārganirodhakaḥ |
kaṇṭham ākuñcya hṛdaye sthāpayed dṛḍham icchayā || 122 ||

Dieser Bandha besteht in der Kontraktion des Halses und verschließt den Weg des Lebenswindes. Man soll den Hals zusammenziehen und ihn fest zum Brustbereich hin halten.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kaṇṭha – Hals (Kantha); saṃkoca – Zusammenziehen, Kontraktion (Samkocha); rūpaḥ – von der Gestalt, in der Form (Rupa); asau – dieser (Asau); vāyuḥ – Lebenswind, Atem (Vayu); mārga-nirodhakaḥ – den Weg (Marga) verschließend, hemmend (Nirodha); kaṇṭham – den Hals (Kantha); ākuñcya – nachdem man zusammengezogen hat (Akunch); hṛdaye – an der Brust, am Herzen (Hridaya); sthāpayet – soll festsetzen, platzieren (Stha); dṛḍham – fest, kräftig (Dridha); icchayā – willentlich, bewusst (Iccha).

123. Vers Yoga Bija: Jalandhara bewahrt den Nektar

बन्धो जालन्धराख्योऽयममृताव्ययकारकः ।
अधस्तात्कुञ्चनेनाशु कण्ठसंकोचनेन च ॥ १२३ ॥

bandho jālandharākhyo ’yam amṛtāvyayakārakaḥ |
adhastāt kuñcanenāśu kaṇṭhasaṃkocanena ca || 123 ||

Dieser Bandha wird Jalandhara genannt und verhindert den Verlust des Nektars. Dies geschieht durch das rasche Zusammenziehen von unten und durch die Kontraktion des Halses.

Wort-für-Wort-Übersetzung: bandhaḥ – Bandha, Verschluss (Bandha); jālandhara-ākhyaḥ – Jalandhara genannt (Jalandhara Bandha, Akhya); ayam – dieser (Ayam); amṛta – Nektar der Unsterblichkeit (Amrita); avyaya – Nicht-Verlust, Unvergänglichkeit (Avyaya); kārakaḥ – bewirkend (Karaka); adhastāt – von unten, unterhalb (Adhas); kuñcanena – durch Zusammenziehen (Kunchana); āśu – rasch, unmittelbar (Ashu); kaṇṭha-saṃkocanena – durch das Zusammenziehen (Samkocha) des Halses (Kantha); ca – und (Cha).

124. Vers Yoga Bija: Der Prana gelangt in die Brahma Nadi Versmaß: Anushtubh (Halbvers) मध्यमाभ्रमणेन स्यात्प्राणो ब्रह्मनाडिगः ॥ १२४ ॥

madhyamābhramaṇena syāt prāṇo brahmanāḍigaḥ || 124 ||

Durch die Bewegung in der Mitte gelangt der Prana in die Brahma Nadi.

Wort-für-Wort-Übersetzung: madhyamā – die mittlere, zentrale (Madhyama); bhramaṇena – durch Bewegung, Kreisen (Bhramana); syāt – wird, möge sein (As); prāṇaḥ – Prana, Lebensenergie (Prana); brahma-nāḍi-gaḥ – in die Brahma Nadi (Brahma Nadi) gehend (Ga).

125. Vers Yoga Bija: Bhastrika erweckt Kundalini

वज्रासनस्थितो योगी चालयित्वा तु कुण्डलीम् ।
कुर्यादनन्तरं भस्त्रां कुण्डलीमाशु बोधयेत् ॥ १२५ ॥

vajrāsanasthito yogī cālayitvā tu kuṇḍalīm |
kuryād anantaraṃ bhastrāṃ kuṇḍalīm āśu bodhayet || 125 ||

Der Yogi soll in Vajrasana sitzend Kundalini in Bewegung bringen und unmittelbar danach Bhastrika üben. So soll er Kundalini rasch erwecken.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vajrāsana-sthitaḥ – in Vajrasana sitzend, dort verweilend (Sthita); yogī – der Yogi (Yogin); cālayitvā – nachdem er in Bewegung gebracht hat (Chal); kuṇḍalīm – Kundalini (Kundalini); tu – nun, aber (Tu); kuryāt – soll ausführen (Kri); anantaram – unmittelbar danach (Anantara); bhastrām – Bhastra, Bhastrika (Bhastrika); āśu – rasch (Ashu); bodhayet – soll erwecken (Budh).

126. Vers Yoga Bija: Die Granthis werden durchbrochen

भिद्यन्ते ग्रन्थयो वंशे तप्तलोहशलाकया ।
तथैव पृष्ठवंशे स्याद्ग्रन्थिभेदस्तु वायुना ॥ १२६ ॥

bhidyante granthayo vaṃśe taptalohaśalākayā |
tathaiva pṛṣṭhavaṃśe syād granthibhedas tu vāyunā || 126 ||

So wie die Knoten eines Bambusrohres mit einem erhitzten Eisenstab durchbrochen werden, werden ebenso die Granthis in der Wirbelsäule durch den Lebenswind durchbrochen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: bhidyante – werden durchbrochen (Bhid); granthayaḥ – Knoten, Granthis (Granthi); vaṃśe – im Bambus, Bambusrohr (Vamsha); tapta – erhitzt, glühend (Tapta); loha – Eisen, Metall (Loha); śalākayā – durch einen Stab, eine Sonde (Shalaka); tathā eva – ebenso, genauso (Tatha, Eva); pṛṣṭha-vaṃśe – in der Wirbelsäule, wörtlich „Rücken-Säule“ (Prishtha, Vamsha); granthi-bhedaḥ – Durchbrechen (Bheda) der Knoten (Granthi); vāyunā – durch den Lebenswind (Vayu).

127. Vers Yoga Bija: Ein Zeichen in der Sushumna

पिपीलिका यथा लग्ना कण्डूस्तत्र प्रवर्तते ।
सुषुम्णायां तथाभ्यासात्सततं वायुना भवेत् ॥ १२७ ॥

pipīlikā yathā lagnā kaṇḍūs tatra pravartate |
suṣumṇāyāṃ tathā ’bhyāsāt satataṃ vāyunā bhavet || 127 ||

Wie dort, wo eine Ameise über die Haut läuft, ein kribbelndes oder juckendes Gefühl entsteht, so kann durch beständige Übung eine entsprechende Empfindung entstehen, wenn der Lebenswind sich in der Sushumna bewegt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pipīlikā – Ameise (Pipilika); yathā – wie (Yatha); lagnā – angeheftet, in Berührung gekommen (Lagna); kaṇḍūḥ – Jucken, Kribbeln (Kandu); tatra – dort (Tatra); pravartate – entsteht, tritt hervor (Pravrit); suṣumṇāyām – in der Sushumna; tathā – ebenso (Tatha); abhyāsāt – durch Übung (Abhyasa); satatam – beständig (Satata); vāyunā – durch den Lebenswind (Vayu); bhavet – entsteht, kann sein (Bhu).

128. Vers Yoga Bija: Rudra Granthi und die Vereinigung von Sonne und Mond

रुद्रग्रन्थिं ततो भित्त्वा सैवायाति शिवात्मकम् ।
चन्द्रसूर्यौ समौ कृत्वा तयोर्योगः प्रवर्तते ॥ १२८ ॥

rudragranthiṃ tato bhittvā saivāyāti śivātmakam |
candrasūryau samau kṛtvā tayor yogaḥ pravartate || 128 ||

Nachdem Kundalini den Rudra Granthi durchbrochen hat, gelangt sie zu dem, was seinem Wesen nach Shiva ist. Mond und Sonne werden ins Gleichgewicht gebracht, und ihre Vereinigung vollzieht sich.

Wort-für-Wort-Übersetzung: rudra-granthim – den Rudra Granthi; tataḥ – danach (Tatas); bhittvā – nachdem sie durchbrochen hat (Bhid); sā eva – eben sie (Tad, Eva); āyāti – gelangt, kommt (Ayati); śiva-ātmakam – zu dem, dessen Wesen (Atmaka) Shiva (Shiva) ist; candra-sūryau – Mond (Chandra) und Sonne (Surya); samau – gleich, im Gleichgewicht (Sama); kṛtvā – nachdem man gemacht hat (Kri); tayoḥ – der beiden (Tad); yogaḥ – Vereinigung, Yoga (Yoga); pravartate – tritt ein, vollzieht sich (Pravrit).

129. Vers Yoga Bija: Die Vereinigung von Shiva und Shakti

गुणत्रयादतीतः स्याद्ग्रन्थित्रयविभेदकः ।
शिवशक्तिसमायोगाज्जायते परमा स्थितिः ॥ १२९ ॥

guṇatrayād atītaḥ syād granthitrayavibhedakaḥ |
śivaśaktisamāyogāj jāyate paramā sthitiḥ || 129 ||

Durch das Durchbrechen der drei Granthis gelangt der Yogi über die drei Gunas hinaus. Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entsteht der höchste Zustand.

Wort-für-Wort-Übersetzung: guṇa-trayāt – über die drei (Traya) Gunas (Guna) hinaus; atītaḥ – hinausgegangen, transzendiert (Atita); syāt – wird, ist (As); granthi-traya – die drei Granthis (Granthi, Traya); vibhedakaḥ – durchbrechend, auflösend (Vibheda); śiva-śakti-samāyogāt – durch die Vereinigung (Samyoga) von Shiva und Shakti; jāyate – entsteht (Jan); paramā – höchste (Parama); sthitiḥ – Zustand, Verweilen (Sthiti).

130. Vers Yoga Bija: Der Prana wird in die Sushumna geführt

यथा करी करेणैव पानीयं प्रपिबेत्सदा ।
सुषुम्णावक्त्रनलिनं पवमानं ग्रसेत्तथा ॥ १३० ॥

yathā karī kareṇaiva pānīyaṃ prapibet sadā |
suṣumṇāvaktranalinaṃ pavamānaṃ graset tathā || 130 ||

So wie ein Elefant mit seinem Rüssel Wasser einzieht, so soll der Lebenswind in die lotusartige Öffnung der Sushumna eingezogen werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā – wie (Yatha); karī – Elefant (Karin); kareṇa – mit dem Rüssel, wörtlich „mit der Hand“ (Kara); eva – eben, gerade (Eva); pānīyam – Wasser, Getränk (Paniya); prapibet – soll trinken, einziehen (Pa); sadā – stets (Sada); suṣumṇā – Sushumna; vaktra – Öffnung, Mund (Vaktra); nalinam – Lotus (Nalina); pavamānam – Lebenswind, sich bewegender Wind (Pavamana); graset – soll aufnehmen, einziehen (Gras); tathā – ebenso (Tatha).

131. Vers Yoga Bija: Einundzwanzig Perlen in der Sushumna

वज्रदण्डेन सम्भूता मणयश्चैकविंशतिः ।
सुषुम्णायां स्थिताः सर्वे सूत्रे मणिगणा इव ॥ १३१ ॥

vajradaṇḍena sambhūtā maṇayaś caikaviṃśatiḥ |
suṣumṇāyāṃ sthitāḥ sarve sūtre maṇigaṇā iva || 131 ||

Am Vajradanda befinden sich einundzwanzig Perlen. Sie alle liegen an der Sushumna wie eine Reihe von Perlen auf einem Faden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vajra-daṇḍena – am bzw. durch den Vajra-Stab (Vajra, Danda); sambhūtāḥ – entstanden, vorhanden (Sambhuta); maṇayaḥ – Edelsteine, Perlen (Mani); eka-viṃśatiḥ – einundzwanzig (Ekavimshati); suṣumṇāyām – in bzw. an der Sushumna; sthitāḥ – befindlich (Sthita); sarve – alle (Sarva); sūtre – auf einem Faden (Sutra); maṇi-gaṇāḥ – eine Reihe bzw. Gruppe (Gana) von Perlen (Mani); iva – wie (Iva).

132. Vers Yoga Bija: Sushumna ist der Weg zur Befreiung

मोक्षमार्गे प्रसिद्धा सा सुषुम्णा विश्वधारिणी ।
यत्र वै निर्जितः कालश्चन्द्रसूर्यनिबन्धनात् ॥ १३२ ॥

mokṣamārge prasiddhā sā suṣumṇā viśvadhāriṇī |
yatra vai nirjitaḥ kālaś candrasūryanibandhanāt || 132 ||

Diese Sushumna, welche die Welt trägt, ist als Weg zur Befreiung bekannt. In ihr wird die Zeit durch die Verbindung von Mond und Sonne überwunden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: mokṣa-mārge – auf dem Weg (Marga) zur Befreiung (Moksha); prasiddhā – bekannt, berühmt (Prasiddha); sā – sie (Tad); suṣumṇā – Sushumna; viśva-dhāriṇī – die Welt (Vishva) tragend (Dharini); yatra – wo, in welcher (Yatra); vai – wahrlich (Vai); nirjitaḥ – besiegt, überwunden (Nirjita); kālaḥ – Zeit, Tod (Kala); candra-sūrya-nibandhanāt – durch das Verbinden (Nibandhana) von Mond (Chandra) und Sonne (Surya).

133. Vers Yoga Bija: Vollständiges Kumbhaka Versmaß: Anushtubh (Halbvers) आपूर्य कुम्भितो वायुर्बहिर्नो याति साधकैः ॥ १३३ ॥

āpūrya kumbhito vāyur bahir no yāti sādhakaiḥ || 133 ||

Nachdem der Atem vollständig eingezogen und im Kumbhaka gehalten wurde, lassen die Übenden ihn nicht nach außen entweichen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: āpūrya – vollständig füllend, nachdem man eingeatmet hat (Puraka); kumbhitaḥ – im Kumbhaka angehalten (Kumbhaka); vāyuḥ – Lebenswind, Atem (Vayu); bahiḥ – nach außen (Bahis); no yāti – geht nicht (Na, Ya); sādhakaiḥ – von den Übenden (Sadhaka).

134. Vers Yoga Bija: Das westliche Tor und die neun Öffnungen

पुनः पुनस्तद्वदेतत्पश्चिमद्वारलक्षणम् ।
पूरितस्तु नवद्वारैरीषत्कुम्भकतां गतः ॥ १३४ ॥

punaḥ punas tadvad etat paścimadvāralakṣaṇam |
pūritas tu navadvārair īṣat kumbhakatāṃ gataḥ || 134 ||

Dies wird immer wieder auf diese Weise geübt und ist das Kennzeichen des „westlichen Tores“. Während die neun Tore verschlossen beziehungsweise mit Prana erfüllt sind, geht der Atem in den Zustand des Kumbhaka über.

Wort-für-Wort-Übersetzung: punaḥ punaḥ – immer wieder (Punar); tadvat – ebenso, auf diese Weise (Tadvat); etat – dies (Etad); paścima-dvāra-lakṣaṇam – Kennzeichen (Lakshana) des westlichen (Pashchima) Tores (Dvara); pūritaḥ – gefüllt (Purita); tu – nun, aber (Tu); nava-dvāraiḥ – durch die neun (Nava) Tore bzw. Körperöffnungen (Dvara); īṣat – leicht, subtil (Ishat); kumbhakatām – in den Zustand des Kumbhaka; gataḥ – gelangt (Gata).

135. Vers Yoga Bija: Der Prana tritt in den westlichen Weg ein

प्रविशेत्सर्वगात्रेषु वायुः पश्चिममार्गतः ।
रेचके क्षीणतां याते पूरकं शोषयेत्सदा ॥ १३५ ॥

praviśet sarvagātreṣu vāyuḥ paścimamārgataḥ |
recake kṣīṇatāṃ yāte pūrakaṃ śoṣayet sadā || 135 ||

Der Lebenswind soll vom westlichen Weg aus alle Glieder des Körpers durchdringen. Wenn der Rechaka bis zur vollständigen Entleerung geführt ist, soll der Puraka wieder vollständig eingezogen werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: praviśet – soll eintreten, eindringen (Pravish); sarva-gātreṣu – in alle (Sarva) Körperglieder (Gatra); vāyuḥ – Lebenswind (Vayu); paścima-mārgataḥ – vom westlichen Weg (Pashchima, Marga); recake – beim Ausatmen (Rechaka); kṣīṇatām – zur Erschöpfung, völligen Entleerung (Kshina); yāte – gelangt (Yata); pūrakam – Einatmung, Puraka; śoṣayet – soll einziehen, „austrocknen“, vollständig aufnehmen (Shush); sadā – stets (Sada).

136. Vers Yoga Bija: Das Geheimzeichen der Nathas Versmaß: Anushtubh (Halbvers) स एव नाथसंकेतः सिद्धसंकेतलक्षणः ॥ १३६ ॥

sa eva nāthasaṃketaḥ siddhasaṃketalakṣaṇaḥ || 136 ||

Dies allein ist das geheime Zeichen der Nathas und das Kennzeichen des Geheimnisses der Siddhas.

Wort-für-Wort-Übersetzung: saḥ eva – eben dies, dies allein (Tad, Eva); nātha-saṃketaḥ – Geheimzeichen, geheime Lehre (Sanketa) der Nathas; siddha-saṃketa – Geheimnis der Siddhas; lakṣaṇaḥ – Kennzeichen (Lakshana).

137. Vers Yoga Bija: Durch die Gnade des Gurus werden Prana und Geist gemeistert Versmaß: Indravaṃśā गुरुप्रसादान्मरुदेव साधितस्
तेनैव चित्तं पवनेन साधितम् ।
स एव योगी स जितेन्द्रियः सुखी
मूढा न जानन्ति कुतर्कवादिनः ॥ १३७ ॥

guruprasādān marud eva sādhitas
tenaiva cittaṃ pavanena sādhitam |
sa eva yogī sa jitendriyaḥ sukhī |
mūḍhā na jānanti kutarkavādinaḥ || 137 ||

Durch die Gnade des Gurus wird der Lebenswind gemeistert; durch eben diesen Lebenswind wird der Geist gemeistert. Dieser allein ist ein Yogi: Er hat die Sinne bezwungen und ruht im Glück. Die Verblendeten, die sich in falschen Argumentationen verlieren, erkennen dies nicht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: guru-prasādāt – durch die Gnade (Prasada) des Guru; marut – Lebenswind (Marut); eva – allein, eben (Eva); sādhitaḥ – gemeistert, verwirklicht (Sadhita); tena eva – eben durch ihn (Tad, Eva); cittam – Geist, Gemüt (Chitta); pavanena – durch den Lebenswind (Pavana); saḥ eva yogī – dieser allein ist ein Yogi (Yogin); jitendriyaḥ – einer, der die Sinne (Indriya) gemeistert hat (Jita); sukhī – glücklich, im Glück ruhend (Sukhin); mūḍhāḥ – die Verblendeten, Toren (Mudha); na jānanti – erkennen nicht (Jna); kutarka-vādinaḥ – Vertreter falscher bzw. schlechter Argumentation (Kutarka, Vadin).

138. Vers Yoga Bija: Auflösung von Geist und Prana Versmaß: Upajāti चित्तं हि नष्टं यदि मारुते स्यात्
तत्र प्रतीतो मरुतोऽपि नाशः ।
न चेदिदं स्यान्न तु तस्य शास्त्रं
नात्मप्रतीतिर्न गुरुर्न मोक्षः ॥ १३८ ॥

cittaṃ hi naṣṭaṃ yadi mārute syāt
tatra pratīto maruto ’pi nāśaḥ |
na ced idaṃ syān na tu tasya śāstraṃ
nātmapratītir na gurur na mokṣaḥ || 138 ||

Wenn durch den Lebenswind der Geist vollständig zur Ruhe gekommen ist, wird darin auch das Zur-Ruhe-Kommen des Lebenswindes erfahren. Wäre dies nicht möglich, hätten für ihn weder Schrift noch Selbsterkenntnis, Guru oder Befreiung einen wirklichen Sinn.

Wort-für-Wort-Übersetzung: cittam – Geist, Gemüt (Chitta); hi – wahrlich, gewiss (Hi); naṣṭam – aufgelöst, verschwunden (Nashta); yadi – wenn (Yadi); mārute – durch bzw. beim Lebenswind (Maruta); syāt – wäre, ist (As); tatra – dort, darin (Tatra); pratītaḥ – erfahren, erkannt (Pratita); marutaḥ – des Lebenswindes (Marut); api – auch (Api); nāśaḥ – Auflösung, Verschwinden (Nasha); na cet – wenn nicht (Na, Chet); śāstram – Schrift, Lehrwerk (Shastra); ātma-pratītiḥ – unmittelbare Erkenntnis (Pratiti) des Selbst (Atman); guruḥ – Guru (Guru); mokṣaḥ – Befreiung (Moksha).

139. Vers Yoga Bija: Die Brahma Nadi zieht die Dhatus empor

तुम्बिका रोधिता यद्वद्बलादाकर्षति ध्रुवम् ।
ब्रह्मनाडी तथा धातून् सन्तताभ्यासयोगतः ॥ १३९ ॥

tumbikā rodhitā yadvad balād ākarṣati dhruvam |
brahmanāḍī tathā dhātūn santatābhyāsayogataḥ || 139 ||

Wie ein verschlossenes Kürbisgefäß durch Unterdruck kräftig Flüssigkeit anzieht, so zieht die Brahma Nadi durch beständige Yogapraxis die Dhatus nach oben.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tumbikā – Flaschenkürbis, Kürbisgefäß (Tumbika); rodhitā – verschlossen, blockiert (Rodhita); yadvat – so wie (Yadvat); balāt – mit Kraft, kraftvoll (Bala); ākarṣati – zieht an, zieht empor (Akarsh); dhruvam – gewiss, sicher (Dhruva); brahma-nāḍī – Brahma Nadi; tathā – ebenso (Tatha); dhātūn – die Dhatus, Grundbestandteile (Dhatu); santata – beständig, ununterbrochen (Santata); abhyāsa-yogataḥ – durch Yogapraxis (Abhyasa, Yoga).

140. Vers Yoga Bija: Der Geist löst sich auf und Bindu fällt nicht herab

अनेनाभ्यासयोगेन नित्यमासनबन्धतः ।
चित्तं विलीनतामेति बिन्दुर्नो यात्यधस्तथा ॥ १४० ॥

anenābhyāsayogena nityam āsanabandhataḥ |
cittaṃ vilīnatām eti bindur no yāty adhas tathā || 140 ||

Durch diese beständige Yogapraxis mit Asana und Bandha gelangt der Geist zur Auflösung; zugleich fällt Bindu nicht mehr nach unten.

Wort-für-Wort-Übersetzung: anena – durch diese (Idam); abhyāsa-yogena – durch die Yogapraxis (Abhyasa, Yoga); nityam – beständig (Nitya); āsana-bandhataḥ – durch Asana und Bandha; cittam – Geist (Chitta); vilīnatām – in Auflösung, zum Verschmolzensein (Vilina); eti – gelangt (I); binduḥ – Bindu, Essenz (Bindu); no yāti – geht nicht (Na, Ya); adhaḥ – nach unten (Adhas); tathā – ebenso (Tatha).

141. Vers Yoga Bija: Innere Klänge und der Mondnektar

रेचकं पूरकं कृत्वा वायुना स्थीयते चिरम् ।
नानानादाः प्रवर्तन्ते संस्रवेच्चन्द्रमण्डलम् ॥ १४१ ॥

recakaṃ pūrakaṃ kṛtvā vāyunā sthīyate ciram |
nānānādāḥ pravartante saṃsravec candramaṇḍalam || 141 ||

Durch Rechaka und Puraka wird der Lebenswind lange zur Ruhe gebracht. Verschiedene innere Klänge treten hervor, und aus der Mondsphäre beginnt der Nektar zu strömen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: recakam – Ausatmung (Rechaka); pūrakam – Einatmung (Puraka); kṛtvā – nachdem man ausgeführt hat (Kri); vāyunā – durch den Lebenswind (Vayu); sthīyate – wird verweilt, bleibt ruhig (Stha); ciram – lange (Chira); nānā-nādāḥ – verschiedene (Nana) innere Klänge (Nada); pravartante – treten hervor (Pravrit); saṃsravet – möge strömen, fließen (Sru); candra-maṇḍalam – Mondsphäre (Chandra, Mandala).

142. Vers Yoga Bija: Verweilen in Sat-Chit-Ananda

नश्यन्ति क्षुत्पिपासाद्याः सर्वदोषास्तथा सदा ।
स्वरूपे सच्चिदानन्दे स्थितिमाप्नोति केवलम् ॥ १४२ ॥

naśyanti kṣutpipāsādyāḥ sarvadoṣās tathā sadā |
svarūpe saccidānande sthitim āpnoti kevalam || 142 ||

Hunger, Durst und die übrigen Störungen verschwinden. Der Yogi gelangt schließlich zum beständigen Verweilen in seinem wahren Wesen, in Sat-Chit-Ananda.

Wort-für-Wort-Übersetzung: naśyanti – verschwinden (Nash); kṣut – Hunger (Kshudh); pipāsā – Durst (Pipasa); ādyāḥ – und Ähnliches (Adi); sarva-doṣāḥ – alle (Sarva) Störungen, Fehler (Dosha); svarūpe – im eigenen wahren Wesen (Svarupa); sat-cit-ānande – in Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit (Sat, Chit, Ananda); sthitim – Zustand, festes Verweilen (Sthiti); āpnoti – erlangt (Ap); kevalam – vollkommen, allein (Kevala).

143. Vers Yoga Bija: Mantra, Hatha, Laya und Raja Yoga

कथितं तु तव प्रीत्या एतदभ्यासलक्षणम् ।
मन्त्रो हठो लयो राजयोगान्तर्भूमिकाः क्रमात् ॥ १४३ ॥

kathitaṃ tu tava prītyā etad abhyāsalakṣaṇam |
mantro haṭho layo rājayogāntarbhūmikāḥ kramāt || 143 ||

Aus Zuneigung zu dir habe ich die Kennzeichen dieser Praxis erklärt. Mantra Yoga, Hatha Yoga, Laya Yoga und Raja Yoga sind der Reihe nach die aufeinanderfolgenden Stufen des Yoga.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kathitam – wurde erklärt (Kathita); tava – dir, für dich (Tvam); prītyā – aus Zuneigung, Liebe (Priti); etat – dieses (Etad); abhyāsa-lakṣaṇam – Kennzeichen (Lakshana) der Praxis (Abhyasa); mantraḥ – Mantra Yoga (Mantra Yoga); haṭhaḥ – Hatha Yoga (Hatha Yoga); layaḥ – Laya Yoga (Laya Yoga); rāja-yoga – Raja Yoga (Raja Yoga); antar-bhūmikāḥ – innere bzw. aufeinanderfolgende Stufen (Bhumika); kramāt – der Reihe nach (Krama).

144. Vers Yoga Bija: Der eine vierfache Mahayoga Versmaß: Anushtubh (Halbvers) एक एव चतुर्धोऽयं महायोगोऽभिधीयते ॥ १४४ ॥

eka eva caturdho ’yaṃ mahāyogo ’bhidhīyate || 144 ||

Dieser Mahayoga ist in Wahrheit ein einziger Yoga, wird aber als vierfach bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ekaḥ – einer, ein einziger (Eka); eva – wahrlich, eben (Eva); caturdhā – vierfach, auf vierfache Weise (Chaturdha); ayam – dieser (Ayam); mahā-yogaḥ – der große Yoga, Mahayoga (Mahayoga); abhidhīyate – wird bezeichnet, genannt (Abhidha).

145. Vers Yoga Bija: Die vier Arten des Yoga

Devi sprach: कथयेदं महादेव योगतत्त्वं चतुर्विधम् ।
भूमिकां सिद्धसिद्धान्तां यथाभूतां क्रमान्मम ॥ १४५ ॥

kathayedaṃ mahādeva yogatattvaṃ caturvidham |
bhūmikāṃ siddhasiddhāntāṃ yathābhūtāṃ kramān mama || 145 ||

O Mahadeva, erkläre mir dieses vierfache Wesen des Yoga und seine Stufen, wie sie gemäß der Lehre der Siddhas tatsächlich beschaffen sind, der Reihe nach.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kathaya – erkläre (Kath); idam – dieses (Idam); mahādeva – o Mahadeva; yoga-tattvam – Wesen, Prinzip (Tattva) des Yoga (Yoga); catur-vidham – vierfach, von vier Arten (Chatur, Vidha); bhūmikām – Stufe, Ebene (Bhumika); siddha-siddhāntām – gemäß der Lehre bzw. dem Siddhanta der Siddhas (Siddha, Siddhanta); yathā-bhūtām – wie sie tatsächlich ist, der Wirklichkeit entsprechend (Yathabhuta); kramāt – der Reihe nach (Krama); mama – mir, für mich (Mad).

146. Vers Yoga Bija: Der Hamsa Mantra im Atem

Ishvara sprach: हकारेण बहिर्याति सकारेण विशेन्मरुत् ।
हंस हंसेति मन्त्रोऽयं सर्वजीवा जपन्ति तम् ॥ १४६ ॥

hakāreṇa bahir yāti sakāreṇa viśen marut |
haṃsa haṃseti mantro ’yam sarvajīvā japanti tam || 146 ||

Mit dem Laut „Ha“ geht der Lebenswind nach außen, mit dem Laut „Sa“ tritt er ein. So wiederholen alle Lebewesen unablässig den Mantra „Hamsa, Hamsa“.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ha-kāreṇa – mit dem Laut bzw. Buchstaben Ha (Hakara); bahiḥ – nach außen (Bahis); yāti – geht (Ya); sa-kāreṇa – mit dem Laut Sa (Sakara); viśet – tritt ein (Vish); marut – Lebenswind, Atem (Marut); haṃsa haṃsa – „Hamsa, Hamsa“ (Hamsa); iti – so (Iti); mantraḥ – Mantra (Mantra); ayam – dieser (Ayam); sarva-jīvāḥ – alle (Sarva) Lebewesen (Jiva); japanti – wiederholen, rezitieren (Japa); tam – ihn (Tad).

147. Vers Yoga Bija: Soham und Mantra Yoga

गुरुवाक्यात्सुषुम्णायां विपरीतो भवेज्जपः ।
सोऽहं सोऽहमिति प्राप्तो मन्त्रयोगः स उच्यते ॥ १४७ ॥

guruvākyāt suṣumṇāyāṃ viparīto bhavej japaḥ |
so ’haṃ so ’ham iti prāpto mantrayogaḥ sa ucyate || 147 ||

Durch die Unterweisung des Gurus wird dieser Japa in der Sushumna umgekehrt: „Soham, Soham – Ich bin Das.“ Wenn dies verwirklicht ist, wird es Mantra Yoga genannt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: guru-vākyāt – aufgrund der Unterweisung, des Wortes (Vakya) des Guru; suṣumṇāyām – in der Sushumna; viparītaḥ – umgekehrt, entgegengesetzt (Viparita); bhavet – wird (Bhu); japaḥ – Mantra-Wiederholung (Japa); so ’ham – „Das bin ich“, Soham; iti – so (Iti); prāptaḥ – erreicht, verwirklicht (Prapta); mantra-yogaḥ – Mantra Yoga; ucyate – wird genannt (Vach).

148. Vers Yoga Bija: Ha ist Sonne und Tha ist Mond

प्रतीतिर्वायुयोगाच्च जायते पश्चिमे पथि ।
हकारेण तु सूर्योऽसौ ठकारेणेन्दुरुच्यते ॥ १४८ ॥

pratītir vāyuyogāc ca jāyate paścime pathi |
hakāreṇa tu sūryo ’sau ṭhakāreṇendur ucyate || 148 ||

Durch die Vereinigung des Lebenswindes entsteht die unmittelbare Erfahrung auf dem westlichen Weg. Der Laut „Ha“ bezeichnet die Sonne, der Laut „Tha“ den Mond.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pratītiḥ – unmittelbare Erfahrung, Erkenntnis (Pratiti); vāyu-yogāt – durch die Vereinigung (Yoga) des Lebenswindes (Vayu); ca – und (Cha); jāyate – entsteht (Jan); paścime pathi – auf dem westlichen (Pashchima) Weg (Pathin); ha-kāreṇa – durch den Laut Ha (Hakara); sūryaḥ – Sonne (Surya); asau – diese (Asau); ṭha-kāreṇa – durch den Laut Tha (Thakara); induḥ – Mond (Indu); ucyate – wird bezeichnet (Vach).

149. Vers Yoga Bija: Die Bedeutung von Hatha Yoga

सूर्याचन्द्रमसोरैक्यं हठ इत्यभिदीयते ।
हठेन ग्रस्यते जाड्यं सर्वदोषसमुद्भवम् ॥ १४९ ॥

sūryācandramasor aikyaṃ haṭha ity abhidīyate |
haṭhena grasyate jāḍyaṃ sarvadoṣasamudbhavam || 149 ||

Die Einheit von Sonne und Mond wird Hatha genannt. Durch Hatha wird jene Trägheit beziehungsweise stoffliche Begrenztheit verschlungen, aus der alle Störungen entstehen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sūrya – Sonne (Surya); candramasoḥ – des Mondes (Chandra); aikyam – Einheit, Einssein (Aikya); haṭhaḥ – Hatha (Hatha Yoga); iti – so (Iti); abhidīyate – wird bezeichnet (Abhidha); haṭhena – durch Hatha (Hatha); grasyate – wird verschlungen, beseitigt (Gras); jāḍyam – Trägheit, Dumpfheit, Stofflichkeit (Jadya); sarva-doṣa-samudbhavam – Ursprung (Samudbhava) aller (Sarva) Störungen (Dosha).

150. Vers Yoga Bija: Vereinigung von Kshetrajna und Paramatman

क्षेत्रज्ञपरमात्मानौ तयोरैक्यं यदा भवेत् ।
तदैक्ये साधिते देवि चित्तं याति विलीनताम् ॥ १५० ॥

kṣetrajñaparamātmānau tayor aikyaṃ yadā bhavet |
tadaikye sādhite devi cittaṃ yāti vilīnatām || 150 ||

Wenn Kshetrajna, das erkennende individuelle Bewusstsein, und Paramatman zur Einheit gelangen, dann, o Devi, löst sich der Geist auf, sobald dieses Einssein verwirklicht ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kṣetrajña – der Kenner des Feldes, das erkennende Bewusstsein (Kshetrajna); parama-ātmānau – Paramatman, höchstes Selbst (Paramatman); tayoḥ – der beiden (Tad); aikyam – Einheit (Aikya); yadā – wenn (Yada); bhavet – entsteht (Bhu); tat-aikye – bei diesem Einssein (Aikya); sādhite – wenn es verwirklicht ist (Sadhita); devi – o Devi (Devi); cittam – Geist (Chitta); yāti – gelangt (Ya); vilīnatām – zur Auflösung (Vilina).

151. Vers Yoga Bija: Laya Yoga und die Glückseligkeit des Selbst

पवनः स्थैर्यमायाति लययोगोदये सति ।
लयात्सम्प्राप्यते सौख्यं स्वात्मानन्दं परं पदम् ॥ १५१ ॥

pavanaḥ sthairyam āyāti layayogodaye sati |
layāt samprāpyate saukhyaṃ svātmānandaṃ paraṃ padam || 151 ||

Wenn Laya Yoga entsteht, gelangt der Lebenswind zur völligen Ruhe. Durch Laya wird das höchste Glück erlangt: die Glückseligkeit des eigenen Selbst, der höchste Zustand.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pavanaḥ – Lebenswind (Pavana); sthairyam – Festigkeit, Ruhe (Sthairya); āyāti – erlangt, kommt zu (Ayati); laya-yoga-udaye – beim Entstehen (Udaya) des Laya Yoga; sati – wenn es besteht (Sat); layāt – durch Auflösung, Laya (Laya); samprāpyate – wird vollständig erreicht (Samprap); saukhyam – Glück, Wohlsein (Saukhya); sva-ātma-ānandam – Glückseligkeit (Ananda) des eigenen Selbst (Atman); param padam – höchster (Para) Zustand (Pada).

152. Vers Yoga Bija: Raja Yoga und der vierfache Yoga Versmaß: Anushtubh (erweiterter Vers) अणिमादिपदे प्राप्ते राजते राजयोगतः ।
प्राणापानसमायोगे ज्ञेयं योगचतुष्टयम् ।
संक्षेपात्कथितं देवि नान्यथा शिवभाषितम् ॥ १५२ ॥

aṇimādipade prāpte rājate rājayogataḥ |
prāṇāpānasamāyoge jñeyaṃ yogacatuṣṭayam |
saṃkṣepāt kathitaṃ devi nānyathā śivabhāṣitam || 152 ||

Wenn der Zustand von Anima und den weiteren Siddhis erreicht ist, erstrahlt der Yogi durch Raja Yoga. In der Vereinigung von Prana und Apana ist die Vierheit des Yoga zu erkennen. So habe ich es dir kurz erklärt, o Devi – so lautet die Lehre Shivas und nicht anders.

Wort-für-Wort-Übersetzung: aṇimā-ādi-pade – im Zustand (Pada) von Anima und den weiteren Siddhis (Adi); prāpte – wenn erreicht (Prapta); rājate – erstrahlt, herrscht (Raj); rāja-yogataḥ – durch Raja Yoga; prāṇa-apāna-samāyoge – bei der Vereinigung (Samyoga) von Prana und Apana; jñeyam – ist zu erkennen (Jneya); yoga-catuṣṭayam – die Vierheit (Chatushtaya) des Yoga; saṃkṣepāt – kurz, zusammenfassend (Sankshepa); kathitam – erklärt (Kathita); devi – o Devi (Devi); na anyathā – nicht anders (Anyatha); śiva-bhāṣitam – von Shiva gesprochen.

153. Vers Yoga Bija: Der Weg der Krähe und der Weg des Affen

Devi sprach: कथय त्वं महादेव काकमर्कटयोर्मतम् ।
अन्यग्रन्थे त्वयोक्तं तु कथमेका द्वयोर्गतिः ॥ १५३ ॥

kathaya tvaṃ mahādeva kākamarkaṭayor matam |
anyagranthe tvayoktaṃ tu katham ekā dvayor gatiḥ || 153 ||

O Mahadeva, erkläre mir die Lehre vom Weg der Krähe und vom Weg des Affen. Du hast sie in einer anderen Schrift erwähnt. Wie können zwei Wege letztlich ein und dasselbe Ziel haben?

Wort-für-Wort-Übersetzung: kathaya – erkläre (Kath); tvam – du (Tvam); mahādeva – o Mahadeva; kāka – Krähe (Kaka); markaṭa – Affe (Markata); m atam – Lehre, Auffassung (Mata); any a-granthe – in einer anderen (Anya) Schrift (Grantha); tvayā uktam – von dir gesagt (Ukta); katham – wie (Katham); ekā – eine (Eka); dvayoḥ – der beiden (Dvi); gatiḥ – Weg, Ziel, Bestimmung (Gati).

154. Vers Yoga Bija: Es gibt nur einen großen Weg des Adinatha

Ishvara sprach: सत्यमेतत्त्वयोक्तं ते कथयामि सुरेश्वरि ।
आदिनाथमहामार्ग एक एव हि नान्यथा ॥ १५४ ॥

satyam etat tvayoktaṃ te kathayāmi sureśvari |
ādināthamahāmārga eka eva hi nānyathā || 154 ||

Was du gesagt hast, ist wahr. Ich werde es dir erklären, o Herrin der Götter. Der große Weg des Adinatha ist in Wahrheit nur ein einziger – nicht anders.

Wort-für-Wort-Übersetzung: satyam – wahr (Satya); etat – dieses (Etad); tvayā uktam – von dir gesagt (Ukta); te – dir (Tvam); kathayāmi – ich erkläre (Kath); sureśvari – o Herrin der Götter (Sura, Ishvari); ādinātha – Adinatha; mahā-mārgaḥ – großer (Maha) Weg (Marga); ekaḥ eva – nur einer (Eka, Eva); hi – wahrlich (Hi); na anyathā – nicht anders (Anyatha).

155. Vers Yoga Bija: Der eine Weg erscheint zweifach Versmaß: Anushtubh (Halbvers) द्विधेव सम्प्रतीयेत तज्जन्मान्तरभेदतः ॥ १५५ ॥

dvidheva sampratīyeta taj janmāntarabhedataḥ || 155 ||

Er erscheint nur deshalb zweifach, weil sich die Entwicklung über verschiedene Geburten hinweg unterscheidet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: dvidhā – zweifach, auf zwei Arten (Dvidha); eva – nur, eben (Eva); sampratīyeta – erscheint, wird verstanden (Samprati); tat – das (Tad); janma-antara – weitere bzw. aufeinanderfolgende Geburten (Janma, Antara); bhedataḥ – aufgrund des Unterschieds (Bheda).

156. Vers Yoga Bija: Das Ziel wird durch Übung erreicht Versmaß: Anushtubh (Halbvers) क्रमेण प्राप्यते प्राप्यमभ्यासादेव नान्यथा ॥ १५६ ॥

krameṇa prāpyate prāpyam abhyāsād eva nānyathā || 156 ||

Das zu erreichende Ziel wird Schritt für Schritt allein durch Übung erreicht – nicht auf andere Weise.

Wort-für-Wort-Übersetzung: krameṇa – schrittweise, der Reihe nach (Krama); prāpyate – wird erreicht (Prap); prāpyam – das zu Erreichende, das Ziel (Prapya); abhyāsāt – durch Übung (Abhyasa); eva – allein (Eva); na anyathā – nicht anders (Anyatha).

157. Vers Yoga Bija: Der Markata-Weg

एकेनैव शरीरेण योगाभ्यासाच्छनैः शनैः ।
चिरात्सम्प्राप्यते सिद्धिर्मर्कटक्रम एव सः ॥ १५७ ॥

ekenaiva śarīreṇa yogābhyāsāc chanaiḥ śanaiḥ |
cirāt samprāpyate siddhir markaṭakrama eva saḥ || 157 ||

Wenn innerhalb eines einzigen Lebens durch Yogapraxis Schritt für Schritt und über längere Zeit die Vollendung erreicht wird, ist dies der sogenannte Markata-Weg, der Weg des Affen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ekena eva – durch einen einzigen (Eka); śarīreṇa – Körper, ein Leben (Sharira); yoga-abhyāsāt – durch Yogapraxis (Yoga, Abhyasa); śanaiḥ śanaiḥ – allmählich, Schritt für Schritt (Shanais); cirāt – nach langer Zeit (Chira); samprāpyate – wird vollständig erreicht (Samprap); siddhiḥ – Vollendung, Siddhi (Siddhi); markaṭa-kramaḥ – Weg bzw. Methode (Krama) des Affen (Markata); saḥ – dieser (Tad).

158. Vers Yoga Bija: Yogapraxis setzt sich über Geburten fort

योगसिद्धिं विना देहः प्रमादाद्यदि नश्यति ।
पूर्ववासनया युक्तः शरीरं चान्यदाप्नुयात् ॥ १५८ ॥

yogasiddhiṃ vinā dehaḥ pramādād yadi naśyati |
pūrvavāsanayā yuktaḥ śarīraṃ cānyad āpnuyāt || 158 ||

Wenn der Körper vergeht, bevor die Vollendung im Yoga erreicht wurde, gelangt der Übende aufgrund seiner früheren Vasanas in einen anderen Körper und setzt seine Entwicklung fort.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yoga-siddhim – Vollendung (Siddhi) im Yoga (Yoga); vinā – ohne (Vina); dehaḥ – Körper (Deha); pramādāt – aufgrund eines unvorhergesehenen Umstands, Nachlässigkeit (Pramada); yadi – wenn (Yadi); naśyati – vergeht (Nash); pūrva-vāsanayā – aufgrund früherer (Purva) Vasanas (Vasana); yuktaḥ – verbunden, ausgestattet (Yukta); śarīram – Körper (Sharira); anyat – einen anderen (Anya); āpnuyāt – möge bzw. kann erlangen (Ap).

159. Vers Yoga Bija: Begegnung mit dem Guru und schnelle Verwirklichung

ततः पुण्यवशात्सिद्धिर्गुरुणा सह सङ्गतिः ।
पश्चिमद्वारमार्गेण जायते त्वरितं फलम् ॥ १५९ ॥

tataḥ puṇyavaśāt siddhir guruṇā saha saṅgatiḥ |
paścimadvāramārgeṇa jāyate tvaritaṃ phalam || 159 ||

Dann führt sein spirituelles Verdienst zur Vollendung und zur Begegnung mit dem Guru. Durch den Weg des westlichen Tores entsteht die Frucht rasch.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – dann, daraufhin (Tatas); puṇya-vaśāt – aufgrund der Kraft bzw. Wirkung des Verdienstes (Punya, Vasha); siddhiḥ – Vollendung (Siddhi); guruṇā saha – zusammen mit dem Guru; saṅgatiḥ – Begegnung, Gemeinschaft (Sangati); paścima-dvāra-mārgeṇa – durch den Weg (Marga) des westlichen (Pashchima) Tores (Dvara); jāyate – entsteht (Jan); tvaritam – rasch (Tvarita); phalam – Frucht, Ergebnis (Phala).

160. Vers Yoga Bija: Der Kaka-Weg

पूर्वजन्मकृताभ्यासात्सत्वरं फलमश्नुते ।
एतदेव हि विज्ञेयं तत्काकमतमुच्यते ॥ १६० ॥

pūrvajanmakṛtābhyāsāt satvaraṃ phalam aśnute |
etad eva hi vijñeyaṃ tat kākamatam ucyate || 160 ||

Aufgrund der in früheren Geburten ausgeübten Praxis erfährt ein solcher Mensch sehr schnell die Frucht. Dies soll als Kaka-Weg, als Weg der Krähe, verstanden werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pūrva-janma – frühere (Purva) Geburt (Janma); kṛta-abhyāsāt – aufgrund der bereits ausgeführten (Krita) Praxis (Abhyasa); satvaram – sehr rasch, unmittelbar (Satvara); phalam – Frucht (Phala); aśnute – erlangt, erfährt (Ash); etat eva – eben dies (Etad, Eva); hi – gewiss (Hi); vijñeyam – ist zu erkennen, zu verstehen (Vijneya); kāka-matam – Lehre bzw. Weg der Krähe (Kaka, Mata); ucyate – wird genannt (Vach).

161. Vers Yoga Bija: Ohne Praxis keine Yoga-Siddhi

तस्मात्काकमतान्नास्ति त्वभ्यासाख्यमतः परम् ।
न कर्मणा विना देवि योगसिद्धिः प्रजायते ॥ १६१ ॥

tasmāt kākamatān nāsti tv abhyāsākhyamataḥ param |
na karmaṇā vinā devi yogasiddhiḥ prajāyate || 161 ||

Deshalb gibt es nichts Höheres als diesen auf fortgesetzter Übung beruhenden Kaka-Weg. Denn ohne die entsprechende Praxis entsteht keine Vollendung im Yoga, o Devi.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tasmāt – deshalb (Tasmat); kāka-matāt – als die Lehre bzw. der Weg der Krähe (Kaka, Mata); na asti – gibt es nicht (Na, Asti); abhyāsa-ākhya-mataḥ – als die „Übung“ (Abhyasa) genannte Lehre (Akhya, Mata); param – Höheres (Para); karmaṇā – durch Tun, praktische Handlung (Karman); vinā – ohne (Vina); devi – o Devi (Devi); yoga-siddhiḥ – Vollendung im Yoga (Yoga, Siddhi); prajāyate – entsteht (Prajan).

162. Vers Yoga Bija: Jede Verwirklichung braucht ihre Grundlage

ज्ञानं वा स्वर्गभोगो वा पुण्यहीनैर्न लभ्यते ।
तस्मात्कार्यं तदेवं यद्यस्य यस्य हि साधनम् ॥ १६२ ॥

jñānaṃ vā svargabhogo vā puṇyahīnair na labhyate |
tasmāt kāryaṃ tad evaṃ yad yasya yasya hi sādhanam || 162 ||

Weder Erkenntnis noch die Freuden des Himmels werden ohne entsprechendes spirituelles Verdienst erlangt. Deshalb soll für jedes Ziel genau diejenige Sadhana ausgeführt werden, die zu ihm führt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jñānam – Erkenntnis (Jnana); vā – oder (Va); svarga-bhogaḥ – Genuss, Erfahrung (Bhoga) des Himmels (Svarga); puṇya-hīnaiḥ – von Menschen ohne (Hina) Verdienst (Punya); na labhyate – wird nicht erlangt (Labh); tasmāt – deshalb (Tasmat); kāryam – soll getan werden (Karya); tat – das (Tad); yad yasya – was jeweils für dieses Ziel; sādhanam – Mittel, spirituelle Praxis (Sadhana).

163. Vers Yoga Bija: Ohne den westlichen Weg keine Befreiung Versmaß: Anushtubh (erweiterter Vers) तेनैव प्राप्यते सिद्धिर्नान्यथा शिवभाषितम् ।
नानाविधाः क्रमाः काष्ठाः सहजा वा लयादिकाः ।
न तु तन्मोक्षमार्गे स्यात्प्रसिद्धं पश्चिमं विना ॥ १६३ ॥

tenaiva prāpyate siddhir nānyathā śivabhāṣitam |
nānāvidhāḥ kramāḥ kāṣṭhāḥ sahajā vā layādikāḥ |
na tu tan mokṣamārge syāt prasiddhaṃ paścimaṃ vinā || 163 ||

Nur durch das jeweils geeignete Mittel wird Vollendung erlangt – nicht anders, so hat Shiva gesprochen. Es gibt verschiedene Abfolgen und Stufen, Sahaja, Laya und andere Wege; doch auf dem Weg zur Befreiung wird nichts davon ohne den bekannten westlichen Weg vollendet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tena eva – allein dadurch (Tad, Eva); prāpyate – wird erreicht (Prap); siddhiḥ – Vollendung (Siddhi); na anyathā – nicht anders (Anyatha); śiva-bhāṣitam – von Shiva gesprochen; nānā-vidhāḥ – verschiedenartig (Nana, Vidha); kramāḥ – Abfolgen, Wege (Krama); kāṣṭhāḥ – Stufen, höchste Punkte (Kashtha); sahajāḥ – natürliche, spontane Zustände (Sahaja); laya-ādikāḥ – Laya (Laya) und weitere (Adi); mokṣa-mārge – auf dem Weg (Marga) zur Befreiung (Moksha); prasiddham – bekannt, anerkannt (Prasiddha); paścimam – der westliche Weg (Pashchima); vinā – ohne (Vina).

164. Vers Yoga Bija: Die ersten Früchte der Yogapraxis

अभ्यासस्य फलं देवि कथयाम्यधुना स्फुटम् ।
आदौ रोगाः प्रणश्यन्ति पश्चाज्जाड्यं शरीरजम् ॥ १६४ ॥

abhyāsasya phalaṃ devi kathayāmy adhunā sphuṭam |
ādau rogāḥ praṇaśyanti paścāj jāḍyaṃ śarīrajam || 164 ||

Nun werde ich dir klar die Früchte der Praxis erklären, o Devi. Zuerst verschwinden die Krankheiten, danach die im Körper entstandene Trägheit und Schwere.

Wort-für-Wort-Übersetzung: abhyāsasya – der Praxis (Abhyasa); phalam – Frucht, Ergebnis (Phala); devi – o Devi (Devi); kathayāmi – ich erkläre (Kath); adhunā – jetzt (Adhuna); sphuṭam – klar, deutlich (Sphuta); ādau – zuerst (Adi); rogāḥ – Krankheiten (Roga); praṇaśyanti – verschwinden vollständig (Pranash); paścāt – danach (Pashchat); jāḍyam – Trägheit, Schwere, Starrheit (Jadya); śarīra-jam – im Körper (Sharira) entstanden (Ja).

165. Vers Yoga Bija: Mondnektar, Feuer und Dhatus

ततः समरसो भूत्वा चन्द्रो वर्षत्यनारतम् ।
धातून् च संग्रसेद्वह्निः पवनेन समन्ततः ॥ १६५ ॥

tataḥ samaraso bhūtvā candro varṣaty anāratam |
dhātūṃś ca saṃgrased vahniḥ pavanena samantataḥ || 165 ||

Dann entsteht ein Zustand vollkommener Einheit, und der Mond lässt unaufhörlich seinen Nektar herabregnen. Das Feuer verwandelt zusammen mit dem Lebenswind die Dhatus vollständig.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ – dann (Tatas); sama-rasaḥ – von einem Geschmack, vollkommen vereinheitlicht (Samarasa); bhūtvā – geworden (Bhu); candraḥ – Mond (Chandra); varṣati – regnet, lässt herabströmen (Vrish); anāratam – ununterbrochen (Anarata); dhātūn – die Dhatus (Dhatu); ca – und (Cha); saṃgraset – verschlingt, nimmt vollständig auf (Gras); vahniḥ – Feuer (Vahni); pavanena – durch bzw. mit dem Lebenswind (Pavana); samantataḥ – vollständig, von allen Seiten (Samantatas).

166. Vers Yoga Bija: Innere Klänge und ein geschmeidiger Körper Versmaß: Anushtubh (Halbvers) नानानादाः प्रवर्तन्ते मार्दवं स्यात्कलेवरे ॥ १६६ ॥

nānānādāḥ pravartante mārdavaṃ syāt kalevare || 166 ||

Verschiedene innere Klänge treten hervor, und der Körper wird weich, geschmeidig und leicht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: nānā-nādāḥ – vielfältige (Nana) innere Klänge (Nada); pravartante – treten hervor (Pravrit); mārdavam – Weichheit, Geschmeidigkeit (Mardava); syāt – entsteht (As); kalevare – im Körper (Kalevara).

167. Vers Yoga Bija: Der Yogi wird zum Khechara

जित्वा पृथ्व्यादिकं जाड्यं खेचरः प्रसरेत्पुमान् ।
सर्वज्ञोऽसौ भवेत्कामरूपः पवनवेगवान् ॥ १६७ ॥

jitvā pṛthvyādikaṃ jāḍyaṃ khecaraḥ prasaret pumān |
sarvajño ’sau bhavet kāmarūpaḥ pavanavegavān || 167 ||

Nachdem der Mensch die Starrheit des Erdelements und der weiteren Elemente überwunden hat, wird er zum Khechara, der sich frei im Raum bewegen kann. Er wird allwissend, kann nach seinem Willen Gestalt annehmen und bewegt sich mit der Geschwindigkeit des Windes.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jitvā – nachdem er gemeistert hat (Ji); pṛthvī-ādikam – Erde (Prithvi) und die weiteren Elemente (Adi); jāḍyam – Starrheit, Stofflichkeit (Jadya); khecaraḥ – sich im Raum bewegend, Khechara (Khechara); prasaret – bewegt sich, schreitet fort (Prasar); pumān – Mensch, Yogi (Puman); sarvajñaḥ – allwissend (Sarvajna); asau – dieser (Asau); bhavet – wird (Bhu); kāma-rūpaḥ – von frei gewählter Gestalt (Kama, Rupa); pavana-vegavān – mit der Geschwindigkeit (Vega) des Windes (Pavana).

168. Vers Yoga Bija: Siddhis und das Gleichnis vom Kampfer

क्रीडति त्रिषु लोकेषु जायन्ते सिद्धयोऽखिलाः ।
कर्पूरे लीयमाने किं काठिन्यं तत्र विद्यते ॥ १६८ ॥

krīḍati triṣu lokeṣu jāyante siddhayo ’khilāḥ |
karpūre līyamāne kiṃ kāṭhinyaṃ tatra vidyate || 168 ||

Er bewegt sich spielerisch in den drei Welten, und alle Siddhis entstehen. Wenn Kampfer sich vollständig auflöst, welche Härte könnte dann noch in ihm bestehen?

Wort-für-Wort-Übersetzung: krīḍati – spielt, bewegt sich spielerisch (Krida); triṣu lokeṣu – in den drei (Tri) Welten (Loka); jāyante – entstehen (Jan); siddhayaḥ – Siddhis, Vollkommenheiten (Siddhi); akhilāḥ – alle, vollständig (Akhila); karpūre – beim Kampfer (Karpura); līyamāne – wenn er sich auflöst (Laya); kim – welche?, was? (Kim); kāṭhinyam – Härte, Festigkeit (Kathinya); tatra – darin (Tatra); vidyate – besteht (Vid).

169. Vers Yoga Bija: Mit dem Ego verschwindet die Starrheit des Körpers

अहङ्कारलये तत्र देहे कठिनता कुतः ।
सर्वज्ञः सर्वकर्ता च स्वतन्त्रो विश्वरूपवान् ॥ १६९ ॥

ahaṅkāralaye tatra dehe kaṭhinatā kutaḥ |
sarvajñaḥ sarvakartā ca svatantro viśvarūpavān || 169 ||

Wenn sich Ahamkara aufgelöst hat, woher sollte dann noch Starrheit im Körper kommen? Der Yogi wird allwissend, vermag alles zu bewirken, ist vollkommen frei und trägt die Gestalt des gesamten Universums.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ahaṅkāra-laye – bei der Auflösung (Laya) des Ego bzw. Ahamkara; tatra – dann, dort (Tatra); dehe – im Körper (Deha); kaṭhinatā – Härte, Starrheit (Kathinata); kutaḥ – woher?, wie könnte? (Kutas); sarvajñaḥ – allwissend (Sarvajna); sarva-kartā – alles (Sarva) bewirkend (Kartri); ca – und (Cha); svatantraḥ – frei, unabhängig (Svatantra); viśva-rūpavān – von universaler Gestalt (Vishva, Rupa).

170. Vers Yoga Bija: Der Jivanmukta bewegt sich frei durch die Welt Versmaß: Anushtubh (Halbvers) जीवन्मुक्तो भवेद्योगी स्वेच्छया भुवने भ्रमेत् ॥ १७० ॥

jīvanmukto bhaved yogī svecchayā bhuvane bhramet || 170 ||

Der Yogi wird zum Jivanmukta, zum zu Lebzeiten Befreiten, und bewegt sich nach seinem eigenen freien Willen durch die Welt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jīvan-muktaḥ – zu Lebzeiten befreit, Jivanmukta; bhavet – wird (Bhu); yogī – Yogi (Yogin); sva-icchayā – nach eigenem (Sva) Willen (Iccha); bhuvane – in der Welt, im Universum (Bhuvana); bhramet – möge sich bewegen, umherwandern (Bhram).

171. Vers Yoga Bija: Wozu dienen Siddhis?

Devi sprach: यत्किञ्चित्कलनाजालं न तन्मोक्षाय शङ्कर ।
सिद्धयः किं करिष्यन्ति निर्विकल्पे चिदात्मनि ॥ १७१ ॥

yat kiñcit kalanājālaṃ na tan mokṣāya śaṅkara |
siddhayaḥ kiṃ kariṣyanti nirvikalpe cidātmani || 171 ||

Jedes Netz gedanklicher Vorstellungen kann doch nicht zur Befreiung führen, o Shankara. Was könnten Siddhis für das reine Bewusstseins-Selbst bewirken, das jenseits aller Vorstellungen und Unterscheidungen ist?

Wort-für-Wort-Übersetzung: yat kiñcit – was auch immer, jegliches (Yad, Kinchit); kalanā-jālam – Netz (Jala) gedanklicher Vorstellungen und Konstruktionen (Kalana); na – nicht (Na); tat – das (Tad); mokṣāya – zur Befreiung (Moksha); śaṅkara – o Shankara; siddhayaḥ – Siddhis (Siddhi); kim – was? (Kim); kariṣyanti – werden bewirken, tun (Kri); nirvikalpe – im vorstellungsfreien, unterscheidungslosen Zustand (Nirvikalpa); cit-ātmani – im Bewusstseins-Selbst (Chit, Atman).

172. Vers Yoga Bija: Devis Zweifel Versmaß: Anushtubh (Halbvers) एवं मे संशयं नाथ छेत्तुमर्हसि पावन ॥ १७२ ॥

evaṃ me saṃśayaṃ nātha chettum arhasi pāvana || 172 ||

O Natha, o Reiner, bitte durchtrenne und beseitige diesen meinen Zweifel.

Wort-für-Wort-Übersetzung: evam – so, diesen (Evam); me – meinen, mir (Mad); saṃśayam – Zweifel (Samshaya); nātha – o Herr, o Natha; chettum – zu durchtrennen, zu beseitigen (Chid); arhasi – du mögest, du sollst (Arh); pāvana – o Reiner, Läuternder (Pavana).

173. Vers Yoga Bija: Zwei Arten von Siddhis

Ishvara sprach: सत्यमेतत्त्वयोक्तं ते वदामि शृणु सुन्दरि ।
द्विविधाः सिद्धयो लोके कल्पिताकल्पिताः शिवे ॥ १७३ ॥

satyam etat tvayoktaṃ te vadāmi śṛṇu sundari |
dvividhāḥ siddhayo loke kalpitākalpitāḥ śive || 173 ||

Was du gesagt hast, ist wahr. Höre, o Schöne, ich werde es dir erklären. In der Welt gibt es zwei Arten von Siddhis: hervorgebrachte und nicht hervorgebrachte, o Shiva.

Wort-für-Wort-Übersetzung: satyam – wahr (Satya); etat – dieses (Etad); tvayā uktam – von dir gesagt (Ukta); vadāmi – ich erkläre, sage (Vad); śṛṇu – höre (Shru); sundari – o Schöne (Sundari); dvi-vidhāḥ – von zweierlei Art (Dvi, Vidha); siddhayaḥ – Siddhis (Siddhi); loke – in der Welt (Loka); kalpitāḥ – hervorgebracht, erzeugt, konstruiert (Kalpita); akalpitāḥ – nicht hervorgebracht, spontan (Akalpita); śive – o Shiva, o Glückverheißende (Shiva).

174. Vers Yoga Bija: Hervorgebrachte Siddhis

रसौषधिक्रियाकालमन्त्रक्षेत्रादिसाधनात् ।
सिद्ध्यन्ति सिद्धयो यास्तु कल्पितास्ताः प्रकीर्तिताः ॥ १७४ ॥

rasauṣadhikriyākālamantrakṣetrādisādhanāt |
siddhyanti siddhayo yās tu kalpitās tāḥ prakīrtitāḥ || 174 ||

Siddhis, die durch alchemistische Elixiere, Heilpflanzen, bestimmte Handlungen, geeignete Zeiten, Mantras, heilige Orte und ähnliche Mittel erreicht werden, bezeichnet man als hervorgebrachte Siddhis.

Wort-für-Wort-Übersetzung: rasa – Essenz, alchemistisches Elixier, Quecksilber (Rasa); auṣadhi – Heilpflanze, Arznei (Aushadhi); kriyā – Handlung, Praxis, Ritual (Kriya); kāla – Zeit, geeigneter Zeitpunkt (Kala); mantra – Mantra (Mantra); kṣetra – Ort, Feld, heiliger Ort (Kshetra); ādi – und Ähnliches (Adi); sādhanāt – durch entsprechende Mittel bzw. Praxis (Sadhana); siddhyanti – werden verwirklicht (Sidh); siddhayaḥ – Siddhis (Siddhi); kalpitāḥ – hervorgebracht, erzeugt (Kalpita); prakīrtitāḥ – werden bezeichnet, gelehrt (Prakirtita).

175. Vers Yoga Bija: Begrenzte Siddhis sind vergänglich

अनित्या अल्पवीर्यास्ताः सिद्धयः साधनोद्भवाः ।
साधनेन विनाप्येवं जायन्ते स्वत एव हि ॥ १७५ ॥

anityā alpavīryās tāḥ siddhayaḥ sādhanodbhavāḥ |
sādhanena vināpyevaṃ jāyante svata eva hi || 175 ||

Jene Siddhis, die aus besonderen Mitteln und Praktiken hervorgehen, sind vergänglich und von begrenzter Kraft. Die andere Art dagegen entsteht wahrlich von selbst, auch ohne solche besonderen Mittel.

Wort-für-Wort-Übersetzung: anityāḥ – vergänglich, nicht dauerhaft (Anitya); alpa-vīryāḥ – von geringer (Alpa) Kraft (Virya); tāḥ siddhayaḥ – jene Siddhis (Siddhi); sādhana-udbhavāḥ – aus besonderen Mitteln bzw. Praktiken (Sadhana) hervorgegangen (Udbhava); sādhanena vinā – ohne solche Mittel bzw. Praxis (Vina); api – auch (Api); evam – so (Evam); jāyante – entstehen (Jan); svataḥ eva – von selbst, aus sich selbst (Svatas, Eva); hi – wahrlich (Hi).

176. Vers Yoga Bija: Die nicht hervorgebrachten Siddhis

स्वात्मयोगैकनिष्ठे तु स्वातन्त्र्यादीश्वरस्ततः ।
प्रभूताः सिद्धयो यास्ताः कल्पनारहिताः स्मृताः ॥ १७६ ॥

svātmayogaikaniṣṭhe tu svātantryād īśvaras tataḥ |
prabhūtāḥ siddhayo yās tāḥ kalpanārahitāḥ smṛtāḥ || 176 ||

Wenn der Yogi ausschließlich im Yoga des eigenen Selbst gegründet ist, wird er aus innerer Freiheit heraus zum Ishvara seiner selbst. Die machtvollen Siddhis, die daraus entstehen, gelten als frei von willentlicher Konstruktion.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sva-ātma-yoga – Yoga des eigenen (Sva) Selbst (Atman, Yoga); eka-niṣṭhe – ausschließlich darin gegründet (Eka, Nishtha); tu – nun (Tu); svātantryāt – aufgrund von Freiheit, Selbständigkeit (Svatantrya); īśvaraḥ – Herr, souveräner Meister (Ishvara); tataḥ – daraus, dann (Tatas); prabhūtāḥ – mächtig, reichlich, groß (Prabhuta); siddhayaḥ – Siddhis (Siddhi); kalpanā-rahitāḥ – frei (Rahita) von Vorstellung bzw. willentlicher Konstruktion (Kalpana); smṛtāḥ – gelten als, werden überliefert als (Smrita).

177. Vers Yoga Bija: Yoga-geborene Siddhis

सिद्धा नित्या महावीर्या इच्छारूपाश्च योगजाः ।
चिरकालात्प्रजायन्ते वासनारहितेषु च ॥ १७७ ॥

siddhā nityā mahāvīryā icchārūpāś ca yogajāḥ |
cirakālāt prajāyante vāsanārahiteṣu ca || 177 ||

Diese Siddhis sind vollkommen, beständig und von großer Kraft. Sie entsprechen dem freien Willen und entstehen aus Yoga selbst. Nach langer Praxis treten sie bei denen hervor, die frei von Vasanas geworden sind.

Wort-für-Wort-Übersetzung: siddhāḥ – vollendet, verwirklicht (Siddha); nityāḥ – beständig, ewig (Nitya); mahā-vīryāḥ – von großer (Maha) Kraft (Virya); icchā-rūpāḥ – dem Willen (Iccha) entsprechend Gestalt annehmend (Rupa); yoga-jāḥ – aus Yoga (Yoga) geboren (Ja); cira-kālāt – nach langer (Chira) Zeit (Kala); prajāyante – entstehen, treten hervor (Prajan); vāsanā-rahiteṣu – bei den von Vasanas (Vasana) Freien (Rahita); ca – und (Cha).

178. Vers Yoga Bija: Kennzeichen des Yoga-Siddha

ताः शुभा या महायोगात्परमात्मपदेऽव्यये ।
विना कार्यं सदा दीप्तं योगसिद्धस्य लक्षणम् ॥ १७८ ॥

tāḥ śubhā yā mahāyogāt paramātmapade ’vyaye |
vinā kāryaṃ sadā dīptaṃ yogasiddhasya lakṣaṇam || 178 ||

Heilsam sind jene Siddhis, die aus Mahayoga im unvergänglichen Zustand des höchsten Selbst entstehen. Ohne dass dafür eine besondere Handlung erforderlich wäre, leuchten sie von selbst hervor – dies ist ein Kennzeichen des im Yoga Vollendeten.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tāḥ – jene (Tad); śubhāḥ – heilsam, glückverheißend (Shubha); yāḥ – welche (Yad); mahā-yogāt – aus dem großen Yoga, Mahayoga; paramātma-pade – im Zustand (Pada) des höchsten Selbst (Paramatman); avyaye – unvergänglich (Avyaya); vinā kāryam – ohne eine besondere auszuführende Handlung (Vina, Karya); sadā – immer (Sada); dīptam – leuchtend, strahlend (Dipta); yoga-siddhasya – des im Yoga (Yoga) Vollendeten (Siddha); lakṣaṇam – Kennzeichen (Lakshana).

179. Vers Yoga Bija: Siddhis wie Pilgerorte auf dem Weg nach Kashi

यथा काशीं समुदृश्य गच्छद्भिः पथिकैः पथि ।
नानातीर्थानि दृश्यन्ते तथा मोक्षे तु सिद्धयः ॥ १७९ ॥

yathā kāśīṃ samudṛśya gacchadbhiḥ pathikaiḥ pathi |
nānātīrthāni dṛśyante tathā mokṣe tu siddhayaḥ || 179 ||

So wie Wanderer auf dem Weg nach Kashi unterwegs zahlreiche heilige Pilgerorte sehen, so erscheinen auf dem Weg zur Befreiung die verschiedenen Siddhis.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yathā – wie (Yatha); kāśīm – nach Kashi, Varanasi; samudṛśya – mit Blick auf, als Ziel vor Augen habend (Drish); gacchadbhiḥ – von den Gehenden, Reisenden (Gam); pathikaiḥ – von Wanderern, Reisenden (Pathika); pathi – auf dem Weg (Pathin); nānā-tīrthāni – verschiedene (Nana) Pilgerorte (Tirtha); dṛśyante – werden gesehen (Drish); tathā – ebenso (Tatha); mokṣe – auf dem Weg zur Befreiung, bei Moksha (Moksha); siddhayaḥ – Siddhis (Siddhi).

180. Vers Yoga Bija: Siddhis entstehen von selbst

स्वयमेव प्रजायन्ते लाभालाभविवर्जिते ।
योगमार्गे तथैवेदं सिद्धिजालं प्रवर्तते ॥ १८० ॥

svayam eva prajāyante lābhālābhavivarjite |
yogamārge tathaivedaṃ siddhijālaṃ pravartate || 180 ||

Bei einem Yogi, der frei von der Sorge um Gewinn und Verlust geworden ist, entstehen diese Kräfte von selbst. Auf dem Yogaweg entfaltet sich dieses ganze Netz der Siddhis auf natürliche Weise.

Wort-für-Wort-Übersetzung: svayam eva – ganz von selbst (Svayam, Eva); prajāyante – entstehen (Prajan); lābha – Gewinn, Erlangen (Labha); alābha – Nicht-Gewinn, Verlust (Alabha); vivarjite – bei dem, der davon frei ist (Vivarjita); yoga-mārge – auf dem Yogaweg (Yoga, Marga); tathā eva – ebenso, auf eben diese Weise (Tatha, Eva); idam – dieses (Idam); siddhi-jālam – Netz (Jala) der Siddhis (Siddhi); pravartate – entfaltet sich, tritt hervor (Pravrit).

181. Vers Yoga Bija: Siddhis als Kennzeichen des Siddha

परीक्षकैः स्वर्णकारैर्हेम सम्प्रोच्यते यथा ।
सिद्धिभिर्लक्षयेत्सिद्धं जीवन्मुक्तं तथैव च ॥ १८१ ॥

parīkṣakaiḥ svarṇakārair hema samprocyate yathā |
siddhibhir lakṣayet siddhaṃ jīvanmuktaṃ tathaiva ca || 181 ||

So wie erfahrene Goldschmiede durch Prüfung echtes Gold erkennen, so soll man einen Siddha und ebenso einen Jivanmukta an den entsprechenden Zeichen der Vollendung erkennen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: parīkṣakaiḥ – von Prüfern, Sachkundigen (Parikshaka); svarṇa-kāraiḥ – von Goldschmieden (Svarna, Kara); hema – Gold (Hema); samprocyate – wird erkannt bzw. als solches bezeichnet (Vach); yathā – wie (Yatha); siddhibhiḥ – durch Siddhis, Zeichen der Vollendung (Siddhi); lakṣayet – soll erkennen, kennzeichnen (Laksh); siddham – einen Siddha, Vollendeten (Siddha); jīvanmuktam – einen Jivanmukta; tathā eva – ebenso (Tatha, Eva); ca – und (Cha).

182. Vers Yoga Bija: Außergewöhnliche Eigenschaften eines Yoga-Siddha

अलौकिकगुणस्तस्य कदाचिद्दृश्यते ध्रुवम् ।
इत्येतत्कथितं देवि योगसिद्धस्य लक्षणम् ॥ १८२ ॥

alaukikaguṇas tasya kadācid dṛśyate dhruvam |
ity etat kathitaṃ devi yogasiddhasya lakṣaṇam || 182 ||

Bei ihm zeigt sich bisweilen unzweifelhaft eine außergewöhnliche, über das Gewöhnliche hinausgehende Eigenschaft. Damit, o Devi, habe ich das Kennzeichen eines im Yoga Vollendeten erklärt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: alaukika – außergewöhnlich, nicht weltlich (Alaukika); guṇaḥ – Eigenschaft, Qualität (Guna); tasya – bei ihm, seine (Tad); kadācit – bisweilen, manchmal (Kadachit); dṛśyate – wird gesehen, zeigt sich (Drish); dhruvam – gewiss, unzweifelhaft (Dhruva); iti – so (Iti); etat – dieses (Etad); kathitam – wurde erklärt (Kathita); devi – o Devi (Devi); yoga-siddhasya – eines im Yoga (Yoga) Vollendeten (Siddha); lakṣaṇam – Kennzeichen (Lakshana).

183. Vers Yoga Bija: Der Jivanmukta und der unvergängliche Körper

सिद्धिभिः परिहीनं तु नरं बद्धं हि लक्षयेत् ।
अजरामरपिण्डो यो जीवन्मुक्तः स एव हि ॥ १८३ ॥

siddhibhiḥ parihīnaṃ tu naraṃ baddhaṃ hi lakṣayet |
ajarāmarapiṇḍo yo jīvanmuktaḥ sa eva hi || 183 ||

Nach der Lehre dieses Textes gilt ein Mensch, dem die Zeichen yogischer Vollendung fehlen, weiterhin als gebunden. Wer dagegen einen Körper verwirklicht hat, der Alter und Tod überwunden hat, der allein wird hier als Jivanmukta bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: siddhibhiḥ – hinsichtlich der Siddhis (Siddhi); parihīnam – ohne, beraubt, frei von (Parihina); naram – den Menschen (Nara); baddham – gebunden (Baddha); hi – wahrlich (Hi); lakṣayet – soll erkennen, ansehen als (Laksh); ajara – frei von Alter (Ajara); amara – unsterblich (Amara); piṇḍaḥ – Körper, Leib (Pinda); yaḥ – wer (Yad); jīvanmuktaḥ – zu Lebzeiten Befreiter (Jivanmukta); saḥ eva – eben dieser, dieser allein (Tad, Eva).

184. Vers Yoga Bija: Der Tod des Körpers ist nicht Befreiung

ये श्वकुक्कुटकीटाद्या मृतिं सम्प्राप्नुवन्ति ते ।
तेषां किं पिण्डपातेन मुक्तिर्भवति सुन्दरि ॥ १८४ ॥

ye śvakukkuṭakīṭādyā mṛtiṃ samprāpnuvanti te |
teṣāṃ kiṃ piṇḍapātena muktir bhavati sundari || 184 ||

Auch Hunde, Hühner, Insekten und andere Lebewesen sterben. Werden sie etwa allein dadurch befreit, dass ihr Körper zu Fall kommt, o Schöne?

Wort-für-Wort-Übersetzung: ye – diejenigen, die (Yad); śva – Hund (Shvan); kukkuṭa – Hahn, Huhn (Kukkuta); kīṭa – Insekt, Wurm (Kita); ādyāḥ – und andere (Adi); mṛtim – Tod (Mriti); samprāpnuvanti – erreichen, erfahren (Samprap); te – sie (Tad); teṣām – für sie (Tad); kim – etwa?, was? (Kim); piṇḍa-pātena – durch den Fall, das Sterben (Pata) des Körpers (Pinda); muktiḥ – Befreiung (Mukti); bhavati – entsteht (Bhu); sundari – o Schöne (Sundari).

185. Vers Yoga Bija: Körperlicher Tod allein ist keine Mukti

न बहिः प्राण आयाति पिण्डस्य पतनं कुतः ।
पिण्डपातेन या मुक्तिः सा मुक्तिस्तु न कथ्यते ॥ १८५ ॥

na bahiḥ prāṇa āyāti piṇḍasya patanaṃ kutaḥ |
piṇḍapātena yā muktiḥ sā muktis tu na kathyate || 185 ||

Wenn der Prana nicht nach außen entweicht, wie könnte dann vom „Fallen“ des yogischen Körpers die Rede sein? Eine Befreiung, die lediglich durch den Tod und Zerfall des Körpers eintreten soll, wird hier nicht als wirkliche Mukti bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: na – nicht (Na); bahiḥ – nach außen (Bahis); prāṇaḥ – Prana (Prana); āyāti – kommt, tritt (Ayati); piṇḍasya – des Körpers (Pinda); patanam – Fallen, Vergehen (Patana); kutaḥ – woher?, wie könnte? (Kutas); piṇḍa-pātena – durch das Fallen bzw. Sterben des Körpers (Pinda, Pata); yā muktiḥ – die Befreiung (Mukti); sā – diese (Tad); tu – aber (Tu); na kathyate – wird nicht so bezeichnet (Kath).

186. Vers Yoga Bija: Der Körper wird eins mit Brahman

देहो ब्रह्मत्वमायाति जलतां सैन्धवं यथा ।
अनन्यतां यदा याति तदा मुक्तः स उच्यते ॥ १८६ ॥

deho brahmatvam āyāti jalatāṃ saindhavaṃ yathā |
ananyatāṃ yadā yāti tadā muktaḥ sa ucyate || 186 ||

Der Körper geht in das Wesen Brahmans ein, so wie Salz im Wasser aufgeht und eins mit ihm wird. Wenn er in diesen Zustand des Nicht-Andersseins gelangt, wird der Yogi als befreit bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: dehaḥ – Körper (Deha); brahmatvam – Brahman-Sein, Wesen Brahmans (Brahman, Tva); āyāti – gelangt, erreicht (Ayati); jalatām – in den Zustand von Wasser, zum Wasser-Sein (Jala); saindhavam – Salz, insbesondere Steinsalz (Saindhava); yathā – wie (Yatha); ananyatām – Nicht-Anderssein, Nicht-Verschiedenheit (Ananyata); yadā – wenn (Yada); yāti – gelangt (Ya); tadā – dann (Tada); muktaḥ – befreit (Mukta); saḥ – er (Tad); ucyate – wird genannt (Vach).

187. Vers Yoga Bija: Körper und Sinne werden reines Bewusstsein

चिन्मयानि शरीराणि इन्द्रियाणि तथैव च ।
अनन्यतां यदा याति तदा मुक्तः स उच्यते ॥ १८७ ॥

cinmayāni śarīrāṇi indriyāṇi tathaiva ca |
ananyatāṃ yadā yāti tadā muktaḥ sa ucyate || 187 ||

Körper und Sinne werden ihrem Wesen nach reines Bewusstsein. Wenn der Yogi in diesen Zustand vollständigen Nicht-Andersseins gelangt, wird er als befreit bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: cit-mayāni – aus Bewusstsein (Chit) bestehend, ganz von Bewusstsein erfüllt (Maya); śarīrāṇi – Körper (Sharira); indriyāṇi – Sinne, Sinnesorgane (Indriya); tathā eva – ebenso (Tatha, Eva); ca – und (Cha); ananyatām – Nicht-Anderssein, völlige Einheit (Ananyata); yadā – wenn (Yada); yāti – gelangt (Ya); tadā – dann (Tada); muktaḥ – befreit (Mukta); ucyate – wird genannt (Vach).

188. Vers Yoga Bija: Diese Lehre soll bewahrt werden

एतत्ते कथितं देवि तव प्रीत्या सुरेश्वरि ।
गोपनीयं प्रयत्नेन क्रूरे धूर्त्ते शठे खले ॥ १८८ ॥

etat te kathitaṃ devi tava prītyā sureśvari |
gopanīyaṃ prayatnena krūre dhūrtte śaṭhe khale || 188 ||

Dies habe ich dir aus Liebe erklärt, o Devi, o Herrin der Götter. Diese Lehre soll sorgfältig geheim gehalten und nicht an grausame, betrügerische, hinterlistige oder böswillige Menschen weitergegeben werden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: etat – dieses (Etad); te – dir (Tvam); kathitam – wurde erklärt (Kathita); devi – o Devi (Devi); tava prītyā – aus Zuneigung (Priti) zu dir; sureśvari – o Herrin (Ishvari) der Götter (Sura); gopanīyam – geheim zu halten, zu schützen (Gopaniya); prayatnena – mit Sorgfalt, Bemühen (Prayatna); krūre – gegenüber einem Grausamen (Krura); dhūrtte – einem Betrüger, Verschlagenen (Dhurta); śaṭhe – einem Hinterlistigen, Falschen (Shatha); khale – einem Böswilligen, Niederträchtigen (Khala).

189. Vers Yoga Bija: Wem das Yoga Bija gelehrt werden soll

दातव्यं शिवभक्तेषु नाथमार्गपरेषु च ।
योगबीजं महागुह्यं यन्मया प्रकटीकृतम् ॥ १८९ ॥

dātavyaṃ śivabhakteṣu nāthamārgapareṣu ca |
yogabījaṃ mahāguhyaṃ yan mayā prakaṭīkṛtam || 189 ||

Das von mir offenbarte Yoga Bija, dieses große Geheimnis, soll den Verehrern Shivas und denen weitergegeben werden, die ganz dem Weg der Nathas hingegeben sind.

Wort-für-Wort-Übersetzung: dātavyam – soll gegeben, weitergegeben werden (Datavya); śiva-bhakteṣu – an Verehrer (Bhakta) Shivas (Shiva); nātha-mārga-pareṣu – an diejenigen, die ganz dem Weg (Marga) der Nathas (Natha) hingegeben sind (Para); ca – und (Cha); yoga-bījam – Samen, Keim (Bija) des Yoga (Yoga); Yoga Bija; mahā-guhyam – großes (Maha) Geheimnis (Guhya); yat – welches (Yad); mayā – von mir (Mad); prakaṭī-kṛtam – offenbar, sichtbar gemacht (Prakata, Kri).

190. Vers Yoga Bija: Devis Zweifel ist beseitigt

Devi sprach: गतो मे संशयो नाथ कृपया तव शङ्कर ।
नमस्ते योगराजाय सर्वज्ञाय नमो नमः ॥ १९० ॥

gato me saṃśayo nātha kṛpayā tava śaṅkara |
namas te yogarājāya sarvajñāya namo namaḥ || 190 ||

Mein Zweifel ist durch deine Gnade verschwunden, o Natha, o Shankara. Verehrung sei dir, dem König des Yoga, dem Allwissenden. Verehrung, immer wieder Verehrung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: gataḥ – vergangen, verschwunden (Gata); me – mein (Mad); saṃśayaḥ – Zweifel (Samshaya); nātha – o Herr, o Natha; kṛpayā – durch die Gnade (Kripa); tava – deine (Tvam); śaṅkara – o Shankara; namas te – Verehrung sei dir (Namas); yoga-rājāya – dem König (Raja) des Yoga (Yoga); sarvajñāya – dem Allwissenden (Sarvajna); namo namaḥ – Verehrung, immer wieder Verehrung (Namas).

Abschluss des Yoga Bija इति श्रीमहेश्वरापरपर्यायभगवद्गोरक्षनाथोद्भावितयोगबीजं पूर्णम् ॥

iti śrīmaheśvarāparaparyāyabhagavadgorakṣanāthodbhāvitayogabījaṃ pūrṇam ||

Damit ist das von Bhagavan Gorakshanatha offenbarte Yoga Bija, das unter dem anderen Namen Shri Maheshvara überliefert wird, vollendet.

Siehe auch

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