Mundaka Upanishad

Aus Yogawiki

Mundaka Upanishad (Sanskrit: मुण्डकोपनिषद् muṇḍakopaniṣad f.) oder Mundakopanishad ist eine der früheren, grundlegenden Upanishaden (indische heilige Schriften), die zum Atharvaveda gehört, als fünfte der 108 Upanishaden im Muktika-Kanon gezählt wird und bei Deussen als reine Vedanta Upanishaden aufgeführt ist. Formell gesehen handelt es sich zwar um eine Mantra-Upanishad, die Kommentatoren weisen aber daraufhin, dass die Verse nicht für Opfer- bzw. Verehrungszwecke gedacht sind, sondern zur "Vermittlung" des Höchsten Wissens dienen sollen, welches, wie aus der Upanishad hervorgeht, nicht durch Opfer bzw. Verehrung zu erlangen ist.

Munda (Sanskrit: munda adj./m.) rasiert, kahl; ein Kahlköpfiger

Muṇḍaka-Upaniṣad - vollständiger Text Sanskrit-Deutsch - mit Kommentar von Swami Sivananda

Einleitung: Inhalt und Bedeutung der Mundaka Upanishad

Verehrung dem brahman!

Dies ist eine Upanishad des Atharva Veda. Sie gehört zur Śaunakīya-Śākhā. Ihr Name ist Muṇḍaka-Upaniṣad und jedes der drei Kapitel wird ein muṇḍaka genannt. Diese Upanishad rasiert die Illusion und die Irrtümer des Geistes weg wie das Messer eines Barbiers. Diese Upanishad ist speziell auf sannyāsīs ausgerichtet, daher der bezeichnende Name Mundaka – rasieren. Dieser Name weist darauf hin, dass Sannyasa notwendig ist, um para-vidyā, Wissen um das Selbst, zu erreichen. Nur ein sannyāsī ist ein Vollzeit-Suchender. Nur er kann seine gesamte Zeit dem Studium und der Meditation widmen.

Die Muṇḍaka-Upaniṣad ist eine mantra-upaniṣad. Sie hat die Form eines man⁠tra, aber sie wird nicht für Zwecke des Opfers eingesetzt wie andere mantras. Mantra bedeutet hier „heiliger Vers“. Diese Upanishad lehrt das höchste Wissen von brahman.

Du kannst deinen Atem tausend Mal pro Tag zurückhalten und kontrollieren, aber deine Unwissenheit wird ohne die Weisheit der Upanishaden nicht verschwinden. Nur der sannyāsī, der alles losgelassen hat, ist qualifiziert, brahman zu erkennen und brahman zu werden.

Diese Upanishad enthält vierundsechzig mantras (Verse); sie ist aufgeteilt in drei muṇḍakas (Kapitel). Jedes Kapitel hat zwei khaṇḍas (Abschnitte). Ich habe die Worte muṇḍaka und khaṇḍa als „Kapitel“ und „Abschnitt“ übersetzt.

Aṅgiras lehrte diese Upanishad dem Śaunaka. Aṅgiras selbst lernte sie von Bharadvaja Satyavāha, dem Schüler von Atharvan, dem ältesten Sohn und zugleich Schüler von Brahmā.

Muṇḍaka-Upaniṣad bedeutet wörtlich „die Upanishad für die Rasierten“, d.h. die sannyāsīs. Diese Upanishad zieht eine sehr klare Trennungslinie zwischen dem höheren Wissen über brahman (para-vidyā) und dem niederen Wissen über die Welt der Phänomene (apara-vidyā). Apara-vidyā, niederes Wissen, kann die Unwissenheit nicht beseitigen, welche die Ursache für saṃsāra, den Weltprozess, ist. Es ist nur para-vidyā, das Wissen um brahman, welches die Unwissenheit mit den Wurzeln ausrotten kann. Muṇḍa bzw. muṇḍaka bezeichnet einen Mann, dessen Kopf rasiert ist, also offensichtlich einen sannyāsī, welcher in das vierte Lebensstadium eingetreten ist. Vers 3.2.10 sagt: „Dieses Wissen um brahman sollte nur denen gelehrt werden, die das ‚Gelübde des Kopfes‘ (śirovrata) gemäß den Regeln abgelegt haben.“ Das „Gelübde des Kopfes“ bedeutet ganz offensichtlich sannyāsa, d.h. das Aufgeben der Welt, das vierte Stadium des Lebens.

II

In dieser Upanishad wird gesagt, dass spirituelles Wissen vom Lehrer an den Schüler weitergegeben wird und dass es nur von großen Weisen durch ernsthafte Bemühung erworben wird als ein Mittel, Freiheit vom Kreislauf von Geburt und Tod zu erreichen. Die Upanishad preist das Wissen, damit der Zuhörer eine tiefe Sehnsucht nach diesem Wissen bekommt. Wenn diese Sehnsucht erweckt worden ist, wird der Mensch sich eifrig bemühen, es zu erhalten. In dieser Upanishad wird auch erklärt, wie sich das Wissen um brahman mit Befreiung verbindet, nämlich als ein Mittel zu diesem Ziel.

Das Wissen um brahman (brahma-vidyā) als ein Mittel, das Höchste (parā) zu erreichen, kann nur durch die Gnade des Meisters erreicht werden, nachdem man alle Wünsche nach weltlichen Dingen und jeden Egoismus aufgegeben und die vier Werkzeuge der Befreiung (Sadhana Chatushtaya erworben hat.

Die Früchte dieses Wissens werden in dieser Upanishad genannt: „Wer brah⁠man kennt, wird brahman – brahmavid brahmaiva bhavati. Alle, die brahman geworden sind, während sie noch leben, werden befreit“. Die Upanishad beschreibt, dass die Welt der Phänomene aus para-brahman (dem höchsten Selbst) entsprungen ist, so wie die Pflanzen aus der Erde entsprossen sind, die Haare aus dem Körper und das Spinnennetz aus dem Speichel der Spinne. Die Upanishad betrachtet die Früchte der Opferrituale als vergänglich und sieht das Wissen um brahman, para-vidyā, als das Summum bonum.

Brahman wird nicht durch die Sinne erfasst, da Es subtil und unendlich ist. Es wird verwirklicht durch einen Intellekt, der durch Wissen und Meditation gereinigt worden ist. Die individuelle Seele wird befreit durch Wissen um brahman. So wie die Flüsse, die zum Ozean strömen, eins mit diesem werden, so wird auch der, der brahman kennt, eins mit brahman.

III

Śaunaka, der große Familienvater, fragte Aṅgiras: Kasmin bhagavo vijñāte sarvamidam vijñātam bhavati – „O bhagavan, was ist das, durch das, wenn es erkannt ist, all dies (d.h. die ganze phänomenale Welt, die durch den manas und die Sinne erfahren wird) erkannt und wahrhaft verstanden wird?“ Aṇgiras gibt in dieser Upanishad eine ausführliche und erschöpfende Antwort auf diese wichtige philosophische Frage. Damit gibt er zugleich die Antwort auf alle möglichen Fragen, die in der Ursprungsfrage enthalten sein mögen.

Der erste Abschnitt nennt die Abfolge der Lehrer dieses Wissens, angefangen mit Brahmā selbst; dann kommt Śaunakas Frage nach einem Schlüssel, die Welt zu verstehen; und es werden die beiden Arten des Wissens beschrieben, das höhere (para-vidyā) und das niedere (apara-vidyā). Dann gibt es einen Hinweis auf die Natur des höchsten Selbst, die unvergängliche Quelle aller Dinge, und noch eine Definition der Wissenschaft von brahman.

Im zweiten Abschnitt wird betont, dass man die Opferhandlungen höchst genau und regelmäßig praktizieren soll, um Reinheit des Herzens zu erlangen. Die Upanishad beschreibt auch, dass die Früchte der Opferrituale nur vergänglich sind und ermahnt den intelligenten Suchenden, Leidenschaftslosigkeit, Askese, Glauben, Konzentration und Liebe für die Einsamkeit zu entwickeln, um Unsterblichkeit und ewige Glückseligkeit zu erlangen. Er soll Wissen um brahman von einem verwirklichten Lehrer suchen, der in den Veden (brahma-śrotrīya) wohlbewandert ist und gleichzeitig in brahman gefestigt (brahma-niṣṭha). Gemäß dem ersten Kapitel gibt es zwei Wissenschaften: die aparā (niedere) und die parā (höchste). Erstere basiert auf den vier Veden und den sechs vedāṇgas; letztere bezieht sich auf brahman, das alldurchdringend ist, unsterblich, unteilbar und selbstleuchtend. Die Schöpfung geht aus Ihm hervor. Sie ist Ihm unterworfen. Sie ist Teil von Ihm. So wie die Spinne das Netz aus ihrem Körper hervortreibt und es dann in sich selbst zurückzieht, so treibt brahman diese Welt hervor und zieht sie in sich zurück. Dann folgt die Ordnung und Reihenfolge der Schöpfung: Aus brahman entsteht Nahrung, aus Nahrung entstehen Leben, manas, die fünf Elemente, die Welten, die Handlungen und Unsterblichkeit.

Der erste Abschnitt des zweiten Kapitels gibt eine lebendige und schöne Beschreibung der Kosmologie: wie die jīvas, der prāṇa, der manas, alle Organe, die fünf kosmischen Elemente, die religiösen Riten, die Ozeane, die Berge, die Flüsse und die Kräuter geboren werden. Er gibt einen kurzen Abriss der Wissenschaft von brahman. Er beschreibt brahman in Seiner eigenen Natur und in Seiner Beziehung zur Welt.

Im zweiten Abschnitt geht es um die Mittel, brahman zu erkennen und zu verwirklichen. Brahman ist das Ziel, das durch die Meditation auf om getroffen werden soll. Um die Meditation zu erleichtern, wird hier das höchste Selbst als die unsterbliche Seele beschrieben, der Kettenfaden der Welt und der individuellen Seelen, das selbstleuchtende Licht der Welt, voller Glückseligkeit. Das höchste Selbst ist vorne, hinten, oben, unten, rechts und links zugleich. Es scheint mit all seinem Glanz im Herzen des Menschen. Das dritte Kapitel beginnt mit dem bekannten Gleichnis der zwei Vögel, die auf demselben Baum sitzen. Es legt außerdem sehr klar und detailliert die spirituelle Disziplin dar, die ethischen Tugenden und die spirituellen Übungen, die dem Sucher helfen, das höchste Selbst zu erreichen. Außerdem behandelt es die Resultate dieses Wissens.

Meditation über die tiefe Bedeutsamkeit der vierundsechzig Verse dieser Upanishaden werden dem Suchenden helfen, Abstand, Unterscheidungskraft, Glauben und Reinheit zu entwickeln und dadurch Unsterblichkeit und die ewige Glückseligkeit des brahman, der höchsten Seele, zu erreichen.

Erstes Kapitel, erster Abschnitt Mundaka Upanishad

Prathamo Muṇḍakaḥ, Prathamaḥ Kaṇḍaḥ

Anfangs-Mantra

oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devāḥ। bhadraṃ paśyemākṣibhiryajatrāḥ।
sthirairaṅgaistuṣṭuvāṃsastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ।
svasti na indro vṛddhaśravāḥ। svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ।
svasti nastārkṣyo ariṣṭanemiḥ svasti no bṛhaspatirdadhātu॥
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ॥

Oṃ, o Götter, mögen wir mit unseren Ohren hören, was glückverheißend ist; o Ihr, die Ihr verehrungswürdig seid, mögen wir, mit unseren Augen, sehen, was glückbringend ist. Mögen wir uns des Lebens erfreuen, das uns von den Göttern zugeteilt worden ist, indem wir unseren Lobpreis anbieten, mit unseren Körpern starker Glieder. Möge Indra, der Machtvolle, ruhmvoll seit alters, uns Wohlstand gewähren. Möge Er, der Nahrungsgeber und Besitzer von Reichtum, uns geben, was gut für uns ist. Möge der Gott von schneller Bewegung uns gnädig sein und möge der Beschützer der Großen auch uns beschützen. Oṃ, Frieden, Frieden, Frieden.

1. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

brahmā devānāṃ prathamaḥ sambabhūva viśvasya kartā bhuvanasya goptā।
sa brahmavidyāṃ sarvavidyāpratiṣṭhāmatharvāya jyeṣṭhaputrāya prāha॥ 1॥

1. Brahmā, der Schöpfer und Beschützer dieses Universums, erwachte als erster unter den Göttern. Er lehrte die Wissenschaft und das Wissen um brahman (brahma-vidyā), die Grundlage allen Wissens (aller Wissenschaften) seinem ältesten Sohn Atharvan.

ERLÄUTERUNG: Brahmā – sehr gewachsen, großartig (mahat), alle anderen überragend in Tugend (dharma), Wissen (jñāna), Freiheit von Leidenschaften (vairāgya) und Macht (aiśvarya). Brahmā ist der Schöpfer (saguṇa); brahman – ist das unpersönliche, formlose, eigenschaftslose, transzendentale höchste Selbst, param-ātman; devānām – unter denen, die scheinen/erleuchtet sind, unter den Göttern (wie Indra etc.); prathamaḥ – der erste (vor); der erste in der Zeit, der erste an hervorragenden Qualitäten (der Hauptgott), der erste, der von Viṣṇu geboren wurde, d.h. der älteste Sohn; saṃbabhūva – er wurde erzeugt, oder wurde manifest, durch seinen eigenen Akt; er hatte freie Wahl – nicht wie Sterbliche oder andere Geschöpfe, die aufgrund ihrer Verdienste oder Fehler geboren werden. Denn die smṛti sagt: „Er, der jenseits der Reichweite der Sinne ist und nicht erfasst werden kann […]“; viśvasya kartā – der Schöpfer des Universums; bhuvanasya goptā – der Beschützer der Welt. Diese letzten beiden Worte beschreiben die Größe von Brahmā; brahma-vidyā – das Wissen von brahman, die Wissenschaft des höchsten Selbst bzw. brahman; das Wissen, durch das man das unsterbliche brah⁠man erkennt, den wahren, unsterblichen puruṣa; das Wissen, das von Brahmā, dem Erstgeborenen, gelehrt wurde; sarvavidyā-pratiṣṭhām – die Grundlage allen Wissens und aller Wissenschaften; das, auf dem alles Wissen beruht, denn es ist der Grund der Manifestation allen anderen Wissens. Oder es wird die Grundlage genannt, insofern die eine höchste Entität, die man wissen kann, nur durch dieses Wissen erkannt werden kann. Denn die śruti sagt: „Durch welches sichtbar wird, was unsichtbar war; was ungehört war, hörbar wird; was ungedacht war, gedacht wird und was nichtgewusst war, gewusst wird.“ Hier wird brahma-vidyā gepriesen als die höchste Wissenschaft, die Wissenschaft der Wissenschaften.

Im vaivasvata-manvantara [Zeitalter des siebten Manu, gegewärtiges Zeitalter] war Atharvan jyeṣṭhaputrā, also der der erstgeborene Sohn von Brahmā. Sanaka und die übrigen (Sana, Sanatkumāra und Sanandana) waren die Erstgeborenen im śveta-vārāha-kalpa [erster Tag des 51. Jahr Brahmās].

2. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

atharvaṇe yāṃ pravadeta brahmātharvā tāṃ purovācāṅgire brahmavidyām।
sa bhāradvājāya satyavāhāya prāha bhāradvājo'ṅgirase parāvarām॥ 2॥

2. Was immer Brahmā den Atharvan lehrte – jenes Wissen um brahman sagte Atharvan dem Aṅgiras weiter, und dieser lehrte es dem Satyavāha aus der Familie des Bharadvāja, und Satyavāha lehrte es dem Aṅgiras, wobei das Wissen, der Tradition gemäß, durch die Abfolge der Lehrer weitergegeben wurde.

ERLÄUTERUNG: Parāvarām – weil das Wissen jeweils von den Höherstehenden, Älteren zu den Jüngeren weitergegeben wurde; die höhere und die niedere Wissenschaft durchdringen alles Wissen, sei es groß oder klein; das höchste Wissen ist das Ziel aller Gelehrsamkeit.

3. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

śaunako ha vai mahāśālo'ṅgirasaṃ vidhivadupasannaḥ papraccha।
kasmin nu bhagavo vijñāte sarvamidaṃ vijñātaṃ bhavatīti॥ 3॥

3. Śaunaka, der große Familienvater, näherte sich Aṅgiras in der Form, wie sie in den Schriften festgelegt war, und fragte: „Was ist das, o bhagavān, durch das, „wenn es erkannt ist, all dies gewusst wird?

ERLÄUTERUNG: Śaunaka – männlicher Nachkomme von Śunaka; mahāśāla – großer Hausvater; jemand, der ein großes Haus hat; jemand, der jährlich große yajñas ausführt; Aṅgiras – der Schüler von Bharadvāja und Lehrer von Śaunaka; vidhivat – in der Form, wie in den Schriften festgelegt; angemessen; upasannaḥ – nachdem er an ihn herangetreten war; papraccha – er fragte; sarvamidam – all dies (diese Welt), alles Wissbare.

Brahman ist die Ursache dieser Welt. Indem man Wissen von brahman erreicht, versteht man zugleich die Wirkung, die Welt.

4. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

tasmai sa hovāca।
dve vidye veditavye iti ha sma yad brahmavido vadanti parā caivāparā ca॥ 4॥

4. Aṅgiras antwortete ihm (Śaunaka): „Es gibt zwei Arten von Wissen, die man erwerben sollte – so sagen die, die brahman (die Veden) kennen –, nämlich parā und aparā, das höhere und das niedere.“

ERLÄUTERUNG: Brahmavit – Kenner des brahman bzw. jene, die die Bedeutung der Veden erkannt haben; parā – das Wissen um brahman bzw. paramātman (paramātma-vidyā); aparā – was sich mit den Mitteln und den Früchten guter und schlechter Handlungen befasst (dharmādharma sādhana tad-phala viśaya). Der Gegenstand der niederen Wissenschaft ist es, die Ursache und die Konsequenzen von Tugend und von Fehlverhalten aufzuzeigen. Apara-vidyā ist Unwissenheit; diese sollte verworfen werden.

Es mag erscheinen, als entspräche die Antwort von Aṇgiras nicht der Frage. Man könnte sagen, dass Aṇgiras etwas beantwortet, was er gar nicht gefragt worden ist. „Es gibt zwei Arten von Wissen […]“ ist nicht die unmittelbare Antwort auf die Frage in 1.1.3. Aber da liegt in der Tat kein Fehler vor. Die Antwort benötigt diese Reihenfolge von Aussagen. Die vollständige Antwort kann erst dann gegeben werden, wenn die Ausführungen abgeschlossen sind. Apara-vidyā ist in der Tat Unwissenheit. Sie lehrt nichts Reales. Sie muss daher verworfen werden. Erst einmal muss die fehlerhafte Theorie widerlegt werden, bevor die richtige Schlussfolgerung genannt werden kann.

5. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

tatrāparā ṛgvedo yajurvedaḥ sāmavedo'tharvavedaḥ śikṣā kalpo vyākaraṇaṃ niruktaṃ chando jyotiṣamiti।
atha parā yayā tadakṣaramadhigamyate॥ 5॥

5. Zum niederen Wissen gehören: Ṛg-Veda, Sāma-Veda, Yajur-Veda, Atharva-Veda, śikṣā (Phonetik), kalpa (Regeln der Rituale), vyākaraṇa (Grammatik), ni⁠rukta (Etymologie), chanda (Metrum) und jyotiṣa (Astrologie). Das höhere Wissen ist das, wodurch das Unsterbliche erkannt wird.

ERLÄUTERUNG: Von den zwei vidyās wird jetzt apara-vidyā erklärt. Diese Aufzählung erschöpft nicht wirklich das ganze Feld niederen Wissens. Letzteres schließt in Wahrheit alles ein, das nicht direkt mit dem Wissen von brahman befasst ist. Alle weltlichen Wissenschaften fallen in die Kategorie apara-vidyā.

Die vier Veden, die itihāsas, die sechs vedāṅgas, die smṛtis und mīmāṃsā stellen die vierzehn Quellen der vidyās dar.

Die sechs vedāṅgas sind die sechs Glieder der Veden; diese wurden später als erklärende Texte der Veden ausgearbeitet.

Im kṛta-yuga bzw. Satya Yuga satya-yuga (Goldenen Zeitalter) gab es nur einen Veda. Im tretā-yuga wurden daraus drei und im dvāpara-yuga vier Veden. Im kali-yuga geriet er hingegen fast gänzlich in Vergessenheit. Die Theorie der Relativität, die Theorie der Elektronen und alle möglichen menschlichen Theorien, die nur helfen, den Magen zu füllen und ein Sinnesleben zu leben, werden bleiben.

Brahman kann nur durch die Beseitigung der Unwissenheit erreicht werden. Das Erreichen des Höchsten ist nichts anderes als die Beseitigung der Unwissenheit. Es bedeutet dasselbe.

Brahma-vidyā wird para-vidyā genannt, weil sie hilft, Befreiung zu erlangen und zum Erreichen des Summum Bonum, des höchsten Gutes, führt.

Para-vidyā ist das Wissen vom Unsterblichen, das nur durch die Upanishaden gewonnen werden kann, und nicht das Wissen einer bloßen Ansammlung von Worten darin (śabda-rāśi). Vidyā bedeutet nur eine Ansammlung von Worten.

Das unvergängliche brahman kann nicht durch bloße Meisterung von philosophischen Begriffen und Phrasen verwirklicht werden, sondern es bedarf anderer Bemühungen, z.B. Aufsuchen eines erleuchteten Lehrers, Kultivierung der vier Mittel bzw. Werkzeuge (S. 87) etc. Daher ist der spezielle Name, para-vidyā, für das Wissen um brahman durchaus angemessen.

6. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

yat tadadreśyamagrāhyamagotramavarṇamacakṣuḥśrotraṃ tadapāṇipādam।
nityaṃ vibhuṃ sarvagataṃ susūkṣmaṃ tadavyayaṃ yad bhūtayoniṃ pari-paśyanti dhīrāḥ॥ 6॥

6. Das, was nicht gesehen oder ergriffen werden kann, was keinen Ursprung hat, was keine Eigenschaften hat, was weder Ohr noch Auge, weder Hände noch Füße hat, was ewig ist, in vielen Formen manifestiert, alldurchdringend, äußerst subtil und unvergänglich – das betrachten die Weisen als den Ursprung aller Wesen (bhūtas) und der ganzen Schöpfung.

ERLÄUTERUNG: Para-vidyā wird hier in Bezug auf brahman erklärt.

Adreśyam – unsichtbar; kann nicht durch die Sinne erfasst werden. Der Gesichtssinn, der nach außen gerichtet ist, ist das Medium für das Funktionieren der fünf Sinne. Daher sind mit adreśyam (unsichtbar) auch die anderen Sinne impliziert.

Agrāhyam – was nicht durch den manas des Unwissenden erfasst werden kann; was überhaupt nicht durch den manas begriffen werden kann; was nicht durch die Handlungsorgane (karmendriyas) erfasst oder ergriffen werden kann; agotram – ohne Kaste oder Art; was keine Eigenschaften hat, wie etwa Größe, weiße Farbe etc.; acakṣuḥ-śrotram – ohne Augen und Ohren. Jemand mag denken, dass brahman seine Ziele erreicht so wie die Menschen der Welt, nämlich mithilfe der Sinnesorgane, Augen, Ohren etc. Das ist nicht so! Brahman sieht ohne Augen, hört ohne Ohren.

Apāṇipādam – ohne Hände und Füße, da er weder etwas ergriff noch ergreift. Er ist nitya, d.h. ewig, unsterblich; vibhum – vielfältig manifestiert, drückt sich vielfältig aus in Form von Lebewesen, angefangen von Brahmā bis hinunter zu einem Grashalm; sarva-gatam – alldurchdringend wie der ākāśa, allgegenwärtig, dringt in alles ein; susūkṣma – extrem subtil; denn es gibt keinen Grund, der es grob machen könnte, wie etwas Klang, Farbe, Geruch etc.; avyayamunvergänglich. Brahman hat keine Glieder (niravayava). Daher sind ein Verfall oder eine Abnahme der Glieder nicht möglich, wie es bei einem physischen Körper der Fall wäre. Der Schatz eines Königs kann weniger werden, aber solch eine Verminderung ist nicht möglich im Fall von brahman. Es ist immer voll und unbeeinträchtigt. Es kann Verfall geben in Bezug auf Eigenschaften von Dingen, durch die sie unterschieden werden. Aber so etwas ist nicht möglich für brahman, da Es keine Attribute hat und selbst alles ist.

Yat – welches; bhūta-yonim – der Mutterleib der Elemente, die Quelle der Schöpfung, der Ursprung aller geschaffenen Dinge und Elemente; paripaśyanti – sie sehen überall den ātman von allem; dhīrāḥ – die Weisen, die Intelligenten; die, die mit Unterscheidungskraft ausgestattet sind.

Das Wissen, durch das dieses unsterbliche brahman erkannt wird, ist das, was para-vidyā genannt wird.

7. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

yathorṇanābhiḥ sṛjate gṛhṇate ca yathā pṛthivyāmoṣadhayaḥ saṃbhavanti ।
yathā sataḥ puruṣāt keśalomāni tathā'kṣarāt saṃbhavatīha viśvam ॥ 7॥

7. So wie die Spinne ihr Netz hervorbringt und wieder zurückzieht, wie die Kräuter aus der Erde sprießen, wie die Haare aus einem lebenden Menschen herauswachsen, so entfaltet sich dieses Universum aus dem unsterblichen brahman.

ERLÄUTERUNG: Im vorangehenden mantra wurde gesagt, dass das Unsterbliche der Ursprung aller Wesen ist. In welcher Weise es die Quelle ist, das wird jetzt in drei schönen Analogien und Bildern erklärt. Die vielen Analogien sollen das Verständnis erleichtern. Die drei Analogien sollen klar machen, dass die Schöpfung nicht eine reale Transformation (pariṇāma) ist, sondern nur eine Projektion durch eine irgendwie unerklärliche, illusionäre Kraft des brahman.

So wie die Spinne keine äußere Ursache oder Hilfe braucht, um ihr Netz aus sich selbst zu schaffen, so kommt auch diese Welt aus dem Unsterblichen (akṣara) heraus, ohne eine andere Ursache zu benötigen. Nach dieser Analogie entsteht die Welt aus brahman in einer geordneten Folge und nicht, als würfe man eine Handvoll Samen oder āmalakī-Früchte in die Gegend.

Genau wie die Haare ganz natürlich aus dem Körper wachsen, ohne irgendeine Anstrengung, genauso kommt dieses Universum aus brahman heraus, ohne Anstrengung von Seiner Seite. Diese beiden Ananlogien (Spinne und Haare) legen auch nahe, dass dieses Universum aus brahman hervortritt, in brahman ruht und wieder in brahman absorbiert wird.

So wie die Samen im Winter in der Erde ruhen und in der Regenzeit als Kräuter und Pflanzen hervorsprießen, so bleiben auch die jīvas während des pralaya in einem latenten Zustand, mit ihrem jeweiligen karma, quasi in Samenform, und kommen zur Zeit der Schöpfung wieder hervor, als unterschiedliche Wesen, aber mit ihrer Wurzel immer in brahman.

8. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

tapasā cīyate brahma tato'nnamabhijāyate।
annāt prāṇo manaḥ satyaṃ lokāḥ karmasu cāmṛtam॥ 8॥

8. Durch tapas schwillt brahman an (mit der Freude der Schöpfung) und aus Ihm entsteht Nahrung. Aus der Nahrung entstehen prāṇa, manas und bhūtas, die Welten, und aus dem karma dessen unvergängliche Früchte.

ERLÄUTERUNG: In diesem Vers werden die Ordnung und Reihenfolge der Schöpfung dargestellt.

Tapas – Wissen um die Kraft der Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung. Der Begriff wird im Allgemeinen mit „Askese“ übersetzt. Aber hier bedeutet er „das Wissen, wie zu erschaffen ist“. Dieses tapas des brahman ist das Wissen um die ganze Schöpfung in Idealform, bevor die Schöpfung eine klare, konkrete Gestalt annimmt. Tapas (Meditieren, Brüten, Denken) bezeichnet die Reflektion über Gestalt und Charakter der Welt, die brahman gerade hervorbringen will. Durch tapas dehnt brahman sich aus, wächst und bläst sich auf. So wie ein Vater, der einen Sohn zeugen will, in Freude anschwillt, so schwillt auch brahman in der Freude des Schaffens an, als er die Welt hervorbringen will.

Annam – Nahrung, die Urmaterie; das, was gegessen oder genossen wird; avyākṛtam (das Undifferenzierte).

Prāṇaḥ – hiraṇya-garbha bzw. Brahmā, der kosmische manas, die kosmische Energie; wörtlich bedeutet hiraṇya-garbha „das goldene Ei“. Hiraṇya-garbha ist der sprießende Same der Totalität aller Kreaturen des Universums. Er ist die gemeinsame, zusammenhaltende Seele dieses Universums. Er ist die intelligente Kraft, die hinter aller Schöpfung steht. Er projiziert die vielfältigen Formen dieser Welt.

Aus diesem prāṇa entsteht der manas, der durch Wollen, Überlegung, Zweifel und Entschluss charakterisiert ist.

Aus dem manas geht satya hervor, d.h. die fünf Elemente, ākāśa etc.; und aus den fünf Elementen kommen die sieben Welten. In diesen entsteht für den Menschen karma, entsprechend der sozialen und religiösen Ordnung des Lebens. Und zugleich mit karma, als der Ursache, ergeben sich dessen Früchte. Solange karma nicht zerstört ist, so lange werden auch dessen Früchte nicht zerstört, und sei es in Hunderten von Millionen von kalpas. Deswegen wird es amṛtam genannt. Karma und seine Früchte bilden eine endlose Kette. Sobald man aber Wissen um das Selbst gewinnt und damit endgültige Befreiung, wird diese Kette zerbrochen und alles karma wird in dem Feuer der Weisheit verbrannt.

„Unvergänglichkeit“ bezieht sich in diesem Vers auf die Folgen der Handlungen, die sich, vergleichsweise, sehr lange fortsetzen, so lange eben die Auswirkungen der Handlungen anhalten.

9. Vers 1. Abschnitt 1. Kapitel

yaḥ sarvajñaḥ sarvavid yasya jñānamayaṃ tapaḥ ।
tasmādetad brahma nāma rūpamannaṃ ca jāyāte ॥ 9॥

9. Aus brahman, das alles weiß und das alles über jedes Einzelne im Detail weiß, dessen tapas die Form von Wissen hat, wird dieser Brahmā hervorgebracht und damit Name, Form und Nahrung.

ERLÄUTERUNG: Yaḥ – welcher, der oben beschriebene, akṣara genannt, also brahman; sarvajñaḥ – der alles weiß, im Allgemeinen; der alle Dinge als eine Klasse weiß, allweise; sarvavit – der alles von allen im Einzelnen genau weiß, allwissend; etad brahma – das manifestierte brahman, hiraṇya-garbha; derselbe hiraṇya-garbha, der im vorangehenden Vers als prāṇa (kosmische Energie) bezeichnet wurde.

HIER ENDET DER ERSTE KHAṆḌA DES ERSTEN MUṆḌAKA.

Erstes Kapitel, zweiter Abschnitt Mundaka Upanishad

Prathamo Muṇḍakaḥ, Dvitīyaḥ Kaṇḍaḥ

tadetat satyaṃ mantreṣu karmāṇi kavayo yānyapaśyaṃstāni tretāyāṃ bahu-dhā saṃtatāni।
tānyācaratha niyataṃ satyakāmā eṣa vaḥ panthāḥ sukṛtasya loke॥ 1॥

1. Dies ist die Wahrheit: Die Opferhandlungen, welche die Weisen in den man⁠tras (der Veden) fanden, sind wahr und wurden im tretā-yuga allgemein ausgeführt. Praktiziert sie immer sehr sorgsam (regelmäßig), ihr Liebhaber der Wahrheit! Das ist euer Weg, der euch zur Welt der guten Taten führt.

ERLÄUTERUNG: In Vers 1.1.5 wurde gesagt, der Ṛg-Veda, Yajur-Veda etc., zusammen mit ihren Gliedern, den aṅgas, seien apara-vidyā. Dagegen wurde para-vidyā ganz klar als das Wissen herausgestellt, durch welches das Unsterbliche, der akṣara, erkannt wird. So beschrieben es die Verse: „Das, was nicht gesehen werden kann […]“ bis hin zu „Name, Form und Nahrung […]“ (1.1.6-9). Im ersten Abschnitt wurden die niederen und die höheren Wissenschaften definiert. Der zweite Abschnitt hat zum Ziel, den jeweiligen Gegenstand dieser Wissenschaften darzustellen, nämlich die Welt und das höchste brahman. Hier werden die Fragen behandelt: Was ist Bindung? Was ist Befreiung? Der Gegenstand von apara-vidyā ist saṃsāra bzw. Unwissenheit, die aus der Vielfalt der Handlungen und ihrer Früchte besteht. Sie bringt Elend, Geburten und Tod, zusammen mit den weiteren daraus folgenden Übeln. Diese Wissenschaft sollte aufgegeben werden.

Der Gegenstand von para-vidyā sind Befreiung und das Erreichen von brah⁠man, dem höchsten Selbst, welches anfanglos, ohne Ende, ohne Geburt und Tod ist, furchtlos, unsterblich, rein und unvergänglich. Es bedeutet, in seinem eigenen glückseligen Selbst, dem ātman, zu verharren.

Zu Beginn des zweiten Abschnitts wird zunächst einmal das Wissen beschrieben, das für die Ausführung der Opfer und anderer guter Taten notwendig ist. Der Lohn für diese rituellen Handlungen ist vergänglich und darum wird der Wunsch nach höherem Wissen erweckt. Zunächst einmal wird also das niedere Wissen (apara-vidyā) beschrieben, denn, ohne es zu kennen, kann kein Wunsch aufkommen, es zu verlassen. Die rituellen Handlungen werden gepriesen, weil die Menschen nur durch sie erfahren können, wie kurzlebig die weltlichen und himmlischen Freuden sind. Nur dadurch, dass man diese Freuden erst einmal erfahren hat, kann man ihrer überdrüssig werden. Man wird die erhabenen Ideen von Entsagung, Leidenschaftslosigkeit, Unterscheidung, Selbstkontrolle und Verlangen nach Befreiung nur aufnehmen und würdigen können, wenn man ganz klar die Hohlheit und Vergänglichkeit der weltlichen und himmlischen Vergnügungen erfahren hat.

Satyam – wahr; die Früchte, die als wahr versprochen wurden; kavayaḥ – Seher, wie Vasiṣṭha und andere; apaśyan – haben gesehen; tretāyām – worin die drei Veden verknüpft und kombiniert sind und damit die drei Arten der Rituale, die durch den hotā, den adhvaryu bzw. den udgātā ausgeführt werden. Oder das Wort tretāyām könnte bedeuten, dass sie (die Opfer) im tretā-yuga sehr häufig ausgeführt wurden. Deswegen solltest du sie immer ausführen. Das tretā-yuga wird häufig als das Zeitalter der Opfer erwähnt. Einige Kommentatoren nehmen tretā im Sinne von trayi-vidyā („dreifaches Wissen“).

Satya-kāmāḥ – ihr Wahrheitsliebenden; diejenigen, die die Früchte der rituellen Handlungen lieben. „Wahrheit“ bezieht sich hier auf der Früchte der Opferhandlungen. Sukṛtasya – der guten Taten; loka – was gefunden oder genossen wird, d.h. die Früchte des karma.

Diese karmas (Handlungen), wie agni-hotra etc., die in den Veden vorgeschrieben sind, stellen die Straße, den Weg dar, d.h. die Mittel, um die notwendigen Früchte zu ernten.

yadā lelāyate hyarciḥ samiddhe havyavāhane।
tadājyabhāgāvantareṇāhutīḥ pratipādayet॥ 2॥

2. Wenn das Feuer entzündet ist und die Flamme anfängt, sich zu bewegen, möge der Opfernde seine Opfergaben voller Glauben darbringen, an der Stelle zwischen den zwei Bereichen des Feuers, dort, wohin das Ghee (ghī) zu gießen ist.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers bezieht sich auf agni-hotra, das erste aller Opfer. Wenn die Flamme sich bewegt, nachdem das Feuer gut durch das Feuerholz genährt ist, sollte man die Opfergabe an die Stelle geben, die āvāpasthāna genannt wird. Bei agni-hotra werden zwei Gaben von ājya (Ghee) geopfert, zur rechten und zur linken Seite des āhavanīya-Altars, jeweils mit den Anrufungen agnaye svāhā und somāya svāhā. Der Platz zwischen den beiden Bereichen wird āvāpasthāna genannt und dorthin sollen die Gaben an die Götter gegeben werden.

Dies ist der Weg, um die guten Welten zu gewinnen. Aber es ist nicht leicht, das agni-hotra in der korrekten Form durchzuführen, denn es gibt viele Hindernisse.

Die Flamme ist die Zunge des Feuers. Insofern werden also alle Opfergaben direkt in den Mund von Agni (Feuergott) gegeben.

yasyāgnihotramadarśamapaurṇamāsamacāturmāsyamanāgrayaṇamatithi-varjitaṃ ca।
ahutamavaiśvadevamavidhinā hutamāsaptamāṃstasya lokān hinasti॥ 3॥

3. Wenn agni-hotra nicht begleitet wird vom Neumond- und Vollmondopfer (darśa- und paurṇamāsa), von den Viermonatsopfern (cāturmāsya) und vom Herbstopfer (āgrayaṇa), wenn keine Gäste (atithi) anwesend sind, wenn es nicht zur angemessenen Zeit durchgeführt wird oder ohne das Ritual für die viśva-devas oder überhaupt nicht nach den Regeln, dann zerstört es diese Welten bis zur siebten.

ERLÄUTERUNG: Wer agni-hotra durchführt, sollte notwendigerweise auch die Rituale darśa- und paurṇamāsa sowie cāturmāsya, āgrayaṇa und vaiśvadeva ausführen. Er sollte täglich Gäste bewirten.

Ahutam – Opfergaben, die er nicht angemessen zur Zeit des agni-hotra gegeben hat; ohne Opferungen; avidhinā hutam – unregelmäßig ausgeführt, die Gaben nicht in der angemessenen Weise geopfert, nicht nach den Regeln, die in dem Gṛhya-Sūtra („Leitfaden der häuslichen Rituale“) dargelegt sind; āsaptamān lokān – bis zur siebten Welt (einschließlich der siebten).

Wenn das Ritual (karma) richtig durchgeführt wird, gewinnt der Opfernde als Resultat die sieben Welten, beginnend mit bhū und endend mit satya – entsprechend der Erfüllung des karma. Bei falscher Ausführung des agni-hotra wird man keine der sieben höheren Welten (bhūr-, bhuvar-, svar-, mahar-, jana-, tapo- und satya-loka [bzw. brahma-loka]) erreichen. Sie werden also sozusagen „zerstört“. Unregelmäßige Ausführung des agni-hotra zerstört die Zukunft des Opfernden in den sieben Welten. Das kann bedeuten, dass drei Generationen von Vorfahren (Vater, Großvater und Urgroßvater) und drei nachfolgende Generationen (Kinder, Enkel und Großenkel), die durch dieses Opfer verbunden sind, ihm keine Wohltaten zukommen lassen. Die sieben Welten könnten auch bedeuten: die Welten des Vaters, des Großvaters und des Urgroßvaters, des Kindes, des Enkels und des Urenkels sowie des Opfernden selbst.

kālī karālī ca manojavā ca sulohitā yā ca sudhūmravarṇā।
sphuliṅginī viśvarucī ca devī lelāyamānā iti sapta jihvāḥ॥ 4॥

4. Die sieben flackernden Zungen des Feuers sind: die schwarze (kālī), die schreckliche (karālī), die gedankenschnelle (manojavā), die tiefrote (sulohitā), die rauchfarbene (sudhūm-ravarṇā), die funkelnde (sphuliṅginī) und die vielfarbig schimmernde (viśvarūpī oder viśvarucī) [Göttin].

ERLÄUTERUNG: Das agni-hotra muss in einem hellbrennenden Feuer ausgeführt werden, nicht in einem rauchenden. Die sieben Flammen sind die sieben Zungen des Feuers. Die sieben Zungen des flammenden Feuers, von kālī bis viśvarucī oder viśvarūpī, sollen die Opfergaben verschlingen, die in sie geworfen werden.

Viśvarucī – allschimmernd; viśvarūpī – alle Formen besitzend.

eteṣu yaścarate bhrājamāneṣu yathākālaṃ cāhutayo hyādadāyan।
taṃ nayantyetāḥ sūryasya raśmayo yatra devānāṃ patireko'dhivāsaḥ॥ 5॥

5. Wer immer sein karma (agni-hotra) ausführt, wenn diese Flammen leuchten und zur angemessenen Zeit, den führen diese Opfergaben durch die Strahlen der Sonne dorthin, wo der eine Gott der devas wohnt.

ERLÄUTERUNG: Wenn diese Opfergaben in die verschiedenen leuchtenden Zungen des Feuers gegeben werden, in korrekter Form und zur rechten Zeit, dann werden sie zu so vielen Strahlen der Sonne und führen den Opfernden zum Himmel, wo Indra, der Gott der devas, wohnt und regiert.

Ādadāyan – opfernd, nehmend (den Opfernden); sūryasya raśmayaḥ – Strahlen der Sonne.

ehyehīti tamāhutayaḥ suvarcasaḥ sūryasya raśmibhiryajamānaṃ vahanti ।

 priyāṃ vācamabhivadantyo'rcayantya eṣa vaḥ puṇyaḥ sukṛto brahmalokaḥ॥ 6॥

6. „Komm hierher, komm hierher!“, sagen die leuchtenden Opfergaben zu ihm und geleiten den Opfernden durch die Strahlen der Sonne. Dabei sprechen sie zu ihm in angenehmen und lobenden Worten: „Dies ist die heilige Welt des Brahmā (der Himmel), die durch die guten Handlungen gewonnen worden ist.“

ERLÄUTERUNG: Jetzt wird erklärt, wie die Opfergaben den Ausführenden entlang der Sonnenstrahlen geleiten. Sie sagen: „Willkommen, willkommen!“ Diese Gaben grüßen ihn mit lieblichen Worten, preisen ihn und erweisen ihm Ehre. Sie sprechen zu ihm mit solchen angenehmen Worten wie: „Dies ist die heilige Welt des Brahmā, die durch deine guten Werke gewonnen worden ist.“ Das Wort brahma-loka bedeutet svarga, Himmel, kraft des Kontexts.

plavā hyete adṛḍhā yajñarūpā aṣṭādaśoktamavaraṃ yeṣu karma ।
etacchreyo ye'bhinandanti mūḍhā jarāmṛtyuṃ te punarevāpi yanti ॥ 7॥

7. Vergänglich und kurzlebig sind wahrlich die achtzehn Unterstützer des Opfers, von dem das niedere Zeremoniell abhängt. Jene unwissenden Menschen, die sich daran freuen, als sei es das höchste Gut, werden wieder und wieder dem Alter und dem Tod unterworfen sein.

ERLÄUTERUNG: Aber zerbrechlich in Wahrheit sind jene, die Opferrituale mit ihren achtzehn Gliedern, auf welchen solches nichtige Handeln (mit fehlendem Wissen) ruht. – Dies ist eine andere Interpretation.

Plavāḥ – kurzlebig, vergänglich.

Dieses karma, das ohne Wissen ist, ist eine Quelle von Elend. Es wird angetrieben von Unwissenheit, Wunsch und Handlung. Es ist saftlos. Es bringt keinen dauerhaften Gewinn. Daher ist es verdammt.

Adṛḍhā – nicht dauerhaft; yajñarūpāḥ – die Formen des Opfers, die notwendig sind für die Ausführung; aṣṭādaśa – achtzehn: sechzehn Priester, der Gott des Opfers (yajamāna) und seine Ehefrau. All diese achtzehn sind erforderlich für die Ausführung eines Opfers. Das karma, das in den śāstras festgelegt ist, hängt von diesen ab.

Avaraṃ karma – untergeordnete, wertlose Handlung; reines karma ohne Wissen. Die Ausführung dieses niederen karmas hängt von diesen achtzehn Personen ab, die sterblich sind. Das karma, das von ihnen durchgeführt wird, sowie auchdessen Früchte sind kurzlebig, vorübergehend und vergänglich. Es ist gleich einem irdenen Topf, der zerbricht: Man verliert automatisch die Milch, die darin enthalten war. Deswegen fallen jene unwissenden Menschen, die sich an solchem karma erfreuen und denken, sie werden dadurch glücklich, wieder und wieder unter die Herrschaft von Alter und Tod, nachdem sie einige Zeit im Himmel verbracht haben.

Am Anfang preist diese Upanishad die Opferrituale an, die dem Menschen helfen, himmlische Freuden zu erlangen, die dann aber einen Überdruss an diesen Freuden erzeugen, da diese nicht dauerhaft sind. Jetzt wird ganz klar herausgestellt, dass sie ihm nicht im Geringsten helfen, endgültige Befreiung zu erlangen.

avidyāyāmantare vartamānāḥ svayaṃ dhīrāḥ paṇḍitaṃ manyamānāḥ।
jaṅghanyamānāḥ pariyanti mūḍhā
iva nīyamānā yathāndhāḥ॥ 8॥

8. Gefangen in ihrer Unwissenheit, halten sich die Menschen für weise und gelehrt und sie gehen im Kreis herum, gedrückt und elend, wie Blinde, die von anderen Blinden geführt werden.

ERLÄUTERUNG: Die unwissenden Narren denken: „Wir sind intelligent und haben alles gelernt, was zu wissen ist.“ Sie wandern umher und schmeicheln sich selbst. Dabei werden sie immer wieder von Alter, Krankheit und vielen anderen Problemen befallen. Sie sind wie Blinde, die dem Weg folgen, den andere Blinde ihnen weisen, und fallen dabei in Gräben und Löcher. Vgl. dazu die Kaṭha-Upaniṣad (1.2.5) und die Maitrāyaṇī-Upaniṣad (7.9). Die Kaṭha-Upaniṣad sagt: Dandramya-mānāḥ – „im Kreise gehend, getäuscht und immer wieder auf Umwege geleitet“. In diesem Vers hingegen heißt es: Jaṇghanyamānāḥ – „im Kreise gehend, unterdrückt und elend“.

avidyāyāṃ bahudhā vartamānā vayaṃ kṛtārthā ityabhimanyanti bālāḥ।
yat karmiṇo na pravedayanti rāgāt tenāturāḥ kṣīṇalokāścyavante॥ 9॥

9. Die Unwissenden, die in vielfältigen Täuschungen verhaftet sind, bilden sich ein, dass sie ihr Ziel erreicht haben. Die Anhänger der Opferrituale haben kein Wissen und wegen ihrer Leidenschaften werden sie elend. Nachdem die Früchte ihrer Handlungen verzehrt sind, fallen sie vom Himmel herab.

ERLÄUTERUNG: Die Unwissenden handeln in vielfacher Weise aus ihrer Täuschung heraus. In ihrer Dummheit denken sie, dass sie das Ziel ihres Lebens erreicht haben. Sie schmeicheln sich selbst, dass sie gewonnen haben, was zu gewinnen war. Sie betrachten sich selbst als glücklich. Ihnen fehlt es an Voraussicht und Weisheit, wenn sie sich an den erwarteten Belohnungen festhalten. Sie sind nicht bereit, die Wahrheit zu sehen, da sie immer an den Lohn ihrer Handlungen denken. Sie fallen herab und werden elend, wenn das Leben in jener Welt endet, die sie durch ihre Handlungen erreicht haben. Wenn ihre Verdienste erschöpft sind, fallen sie kläglich zurück in die Wiedergeburt. Sie fallen vom Himmel herab, nachdem die Früchte ihres karma (ihrer guten Werke) aufgebraucht sind.

Endgültige Befreiung, den Zustand der Unsterblichkeit, kann man nur erreichen durch das Wissen um brahman. Wissen kann nur aufdämmern, wenn man die Wünsche und die Anhaftung vernichtet. Auch das Leben im Himmel ist unbeständig. Wenn die Verdienste aus den eigenen Handlungen ausgeschöpft sind, wird man auf der Erde wiedergeboren. Vgl. dazu Bhagavad-Gītā 9.21: „Sie treten, nachdem sie den weiten Himmel genossen haben, in die Welt der Sterblichen ein, wenn ihr Verdienst erschöpft ist.“

iṣṭāpūrtaṃ manyamānā variṣṭhaṃ nānyacchreyo vedayante pramūḍhāḥ।
nākasya pṛṣṭhe te sukṛte'nubhūtvemaṃ lokaṃ hīnataraṃ vā viśanti॥ 10॥

10. Diese unwissenden Menschen, die sich einbilden, Opfer und milde Gaben seien das höchste Ziel, kennen nichts Höheres. Nachdem sie die Früchte ihrer Handlungen genossen haben – in jenem hohen Himmel, den sie durch ihre guten Taten erreicht haben –, treten sie wieder in diese Welt ein oder in eine tiefere.

ERLÄUTERUNG: Iṣṭam – karma, wie es durch die śrutis vorgeschrieben ist: Opferhandlungen etc. Diese schließen agni-hotra, Askese, Wahrhaftigkeit, Lernen und Lehren der Veden und vaiśvadeva (das Füttern von Tieren, z.B. Kühen, Vögeln etc.) ein.

Pūrtam – karma, das durch die smṛtis vorgeschrieben wird: Graben von Brunnen und Wasserreservoiren, Bau von Tempeln und Krankenhäusern, Verköstigung der Armen, Anlegen von Gärten für die Öffentlichkeit und andere gemeinnützige Tätigkeiten. Die Unwissenden denken, dass dies die wichtigsten Dinge sind, um das Ziel des Lebens zu erreichen. Sie sind verhaftet an Ehepartner, Kinder, Verwandte, Vieh und Besitz. Opfer und Gaben als das Wichtigste ansehend, kennen sie kein höheres Ideal. Sie kennen nicht die andere Seite: das Wissen um das Selbst (brahma-jñāna), das Mittel, ewige Glückseligkeit und höchsten Frieden zu erlangen. Nachdem sie in den höchsten Himmeln, den Orten sinnlicher Freuden, die Früchte ihrer Handlungen genossen haben, kommen sie zurück in die Welt der Menschen oder sogar in noch niedere Welten, entsprechend ihrem Rest-karma. Sie fallen zurück in ihr altes menschliches Leben oder sogar in ein noch tieferes. Die Kaṭha-Upaniṣad (2.2.7) sagt: „Einige jīvas gehen in den Mutterleib ein, um einen Körper zu erlangen, andere gehen in anorganische Materie – alles entsprechend ihrem karma und Wissen.“

tapaḥśraddhe ye hyupavasantyaraṇye śāntā vidvāṃso bhaikṣyacaryāṃ ca-
rantaḥ।
sūryadvāreṇa te virajāḥ prayānti yatrāmṛtaḥ sa puruṣo hyavyayātmā॥ 11॥

11. Diejenigen, die Askese und Glauben praktizieren, im Wald mit kontrollierten Sinnen, wissend und das Leben eines Bettelmönchs führend (von Almosen lebend), die gehen, frei von Sünde, durch die Sonne dorthin, wo der unsterbliche und unvergängliche puruṣa weilt.

ERLÄUTERUNG: Ye hi – „Diejenigen, die […]“. Dies schließt Menschen aller vier Lebensstadien ein – alle, die sich ausschließlich der Übung von Askese und Hingabe widmen; tapaḥ – Askese; das karma, das vorgeschrieben ist für das eigene Lebensstadium; śraddhā – Glaube, die Verehrung von hiraṇya-garbha und anderen Gottheiten; upavasanti – leben, folgen; araṇye – im Wald; śāntāḥ – ruhig, mit kontrolliertem Geist, mit Kontrolle über die Gruppe der Sinne; vidvāṃsāḥ – die Weisen, die Gelehrten (das schließt alle Hausväter ein, die Wissen haben).

Bettelmönche (sannyāsīs) haben keinen eigenen Besitz. Das Leben von Almosen ist verbunden mit dem Leben im Wald.

Sūryadvāreṇa – durch den Weg der Sonne, durch die Sonne; über den nördlichen Weg (uttarāyaṇa), der durch die Sonne definiert ist; über den Weg, der zur graduellen Befreiung führt (krama-mukti), durch den Weg der Götter (devayāna);

virajāḥ – gereinigt von allen Unreinheiten; die guten und die schlechten Taten verbrannt, frei von Sünden; prayānti – sie gehen; yatra – wo; wo satya-loka, die Welt des Brahmā, ist, wo der unsterbliche puruṣa, der erstgeborene, unvergängliche hiraṇya-garbha, ist.

Diejenigen, die saguṇa-brahman, den persönlichen Gott, verehren, erreichen allmähliche Befreiung (krama-mukti). Sie gehen zum satya-loka. Dort erhalten sie Wissen und werden schließlich, am Ende des Zyklus, befreit. Zusammen mit Brahmā verschmelzen sie dann mit nirguṇa-brahman, dem unpersönlichen Absoluten. Aber Weise, die Wissen um das Selbst gewonnen haben (jīvan-muktas), erreichen kaivalya-mukti. Sie gehen nicht in irgendeine Welt. Ihr prāṇa etc. wird unmittelbar in brahman absorbiert. Sie werden eins mit dem höchsten Selbst. Sie erreichen die Befreiung in diesem Leben.

Dieser Vers bezieht sich nicht auf das höchste brahman, sondern auf das niedere brahman, hiraṇya-garbha, den Schöpfer. Die Unsterblichkeit des hiraṇya-garbha ist nur eine relative. Sie dauert nicht länger als diese Welt (saṃsāra). Dieser Vers bezieht sich auf diejenigen, die die Nutzlosigkeit von Opfern erkannt haben und die das Wissen um brahman mit Attributen, den persönlichen Gott, hiraṇya-garbha, gewonnen haben.

parīkṣya lokān karmacitān brāhmaṇo nirvedamāyānnāstyakṛtaḥ kṛtena ।
tadvijñānārthaṃ sa gurumevābhigacchet samitpāṇiḥ śrotriyaṃ brahman-iṣṭham ॥ 12॥

12. Ein brāhmaṇa (ein Suchender), nachdem er die Welt untersucht hat, die man durch karma gewinnen kann, sollte sich von allen Wünschen befreien. Ihm sollte durch Nachdenken klar werden, dass nichts, das ewig ist, durch karma erreicht werden kann. Er sollte Feuerholz (für das Opfer, samidh) in die Hand nehmen und zu einem Lehrer gehen, der bewandert ist in den Veden und in brahman gefestigt ist, um von ihm das Wissen um das Ewige zu erwerben.

ERLÄUTERUNG: In diesem Vers wird dargelegt, dass derjenige, der des saṃsāra gründlich überdrüssig ist, bereit ist, das Wissen um brahman, para-vidyā, zu erwerben.

Brāhmaṇa – Suchender, ein Mensch mit spirituellem Streben; parīkṣya – nachdem er untersucht hat; nirvedam – vairāgya, innerlich unbeteiligt, frei von allen Wünschen, ohne Wunsch nach den Früchten von kāmya-karma.

Wer die wahre Natur dieser Welten, die innerhalb des Bereichs von saṃsāra erreichbar sind, genau untersucht und versteht – durch Erfahrung, Schlussfolgerung, Analogien und die Schriften –, wird ganz natürlich einen Überdruss entwickeln. Dann wird der Suchende denken: „Ich möchte nicht den Himmel erreichen.“ Die Ausführung von karma ist voller Mühsal. Sie führt ins Elend. Die Welten, die man durch karmas erreichen kann, sind wie das Wasser in einer Fata Morgana; sie sind wie Träume, Wasserblasen und Schaum, wie die Stadt in den Wolken (Gandharvanagar). Man erreicht sie durch ein karma, das durch Unwissenheit und durch Wünsche angetrieben ist. Ich kann nichts Ewiges durch sie gewinnen. Ich möchte jetzt das Ewige erreichen, das unsterblich ist, unveränderlich, furchtlos und voller Glückseligkeit!

Akṛtaḥ – nichterschaffen, mokṣa; śrotriya – wohl bewandert in den Veden; brahmaniṣṭha – einer, der in brahman verankert ist.

Der Suchende soll sich dem Meister in angemessener Form nähern, mit Feuerholz in der Hand, als Zeichen, dass er sein Schüler werden will. Er sollte dem Meister seine Verehrung erweisen und ihn über das wahre und unsterbliche brah⁠man fragen.

tasmai sa vidvānupasannāya samyak praśāntacittāya śamānvitāya।
yenākṣaraṃ puruṣaṃ veda satyaṃ provāca tāṃ tattvato brahmavidyām॥ 13॥

13. Diesem Schüler, der mit Respekt an ihn herangetreten ist, dessen Geist in Ruhe ist, dessen Sinne unter Kontrolle sind, soll der weise Lehrer wahrheitsgemäß jene brahma-vidyā (Wissenschaft von brahman) lehren, durch welche der wahre, unsterbliche puruṣa erkannt wird.

ERLÄUTERUNG: Sa vidvān – dieser erleuchtete guru; upasannāya – der an ihn heran­getreten ist; samyak – wohl, gut, perfekt, in angemessener Form, wie es die śāstras vorschreiben. Der Schüler nähert sich dem guru mit Demut, in der angemessenen Form, die in den śāstras niedergelegt ist; er wirft sich ihm zu Füßen, voller Glaube und Hingabe.

Praśānta-cittāya – dessen Geist ruhig ist, der voller śama, innerem Frieden, ist, dessen Gedanken nicht durch Wünsche aufgewühlt sind; śamānvitāya – der seine Sinne kontrolliert hat, sich von allem in der Welt abgewandt hat; akṣaram – unvergänglich, insofern es weder Vergehen noch Zerstörung kennt, weil es unversehrt ist; puruṣa – weil es alldurchdringend ist bzw. weil es in der Stadt (pura) des Körpers wohnt; veda – weiß (von vid – wissen), d.h., der Lehrer sollte das Wissen von brahman in seiner Essenz lehren, in der Form, wie es sein sollte.

Es ist die Verpflichtung des Lehrers, alle Zweifel des Schülers zu beseitigen, ihm die verborgene Bedeutung der Veden aufzuzeigen und ihm in jeder möglichen Hinsicht zu helfen, den Ozean der Unwissenheit zu überqueren und so das Wissen um brahman zu erlangen.

Tattvataḥ – in seiner Essenz, die verborgene Bedeutung der Veden.

HIER ENDET DER ZWEITE KHAṆḌA DES ERSTEN MUṆḌAKA.

Dvitīyo Muṇḍakaḥ, Prathamaḥ Khaṇḍaḥ
(Zweites Kapitel, erster Abschnitt)

tadetat satyaṃ yathā sudīptāt pāvakād visphuliṅgāḥ sahasraśaḥ prabhavante sarūpāḥ।
tathākṣarād vividhāḥ somya bhāvāḥ prajāyante tatra caivāpiyanti॥ 1॥

1. Folgendes ist wahr: So wie aus einem prasselnden Feuer Tausende von Funken herausfliegen, die doch dem Feuer gleich bleiben, so werden viele, viele jīvas aus dem Unzerstörbaren (brahman) heraus geschaffen, o edler Jüngling, und sie kehren auch zu Ihm zurück.

ERLÄUTERUNG: Pāvakāt – aus einem Feuer; visphuliṅgāḥ – Funken; prabhavanti – sie kommen heraus; sarūpāḥ – von derselben Form; akṣarāt – aus dem Unvergänglichen; saumya (somya) – edler Jüngling, junger Freund; bhāvāḥ – Wesen, jīvas, Seelen, Dinge; prajāyante – werden geboren, erzeugt; apiyanti – sie kehren zurück; sie lösen sich auf, zur Zeit des pralaya.

Das erste muṇḍaka gibt eine kurze Darstellung des niederen Wissens (apara-vidyā), das zweite beschreibt das Wissen von brahman (para-vidyā, brahma-vidyā). Beide muṇḍakas beginnen mit der Erklärung, dass sie die Wahrheit lehren.

Alle jīvas haben dieselbe Natur (svarūpa) wie brahman, so wie Funken noch immer Feuer sind. Gott hat den Menschen nach Seinem Bilde (svarūpa) geschaffen.

Alle Resultate von apara-vidyā sind bereits genannt worden. Brahman, der puruṣa, ist die unsterbliche Quelle dieser Welt des saṃsāra. Diese Welt ist aus brahman hervorgegangen, sie existiert in brahman und wird im pralaya in brah⁠man absorbiert. Diese Welt gewinnt ihre Stärke einzig und allein aus brah⁠man. Brahman ist die Stütze und der Ruheplatz (adhiṣṭhāna) dieser Welt. Dieses brahman ist wahr (satyam). Der folgende Abschnitt des Buches beschreibt die Natur von brahman. Wenn Es erkannt ist, wird alles erkannt. Brahman ist der Gegenstand von brahma-vidyā, para-vidyā. Jenes satyam, also Wahrheit, die der Gegenstand von apara-vidyā ist, ist nur relativ wahr. Darin geht es um die Früchte des karma (der vedischen Handlungen). Aber der Gegenstand von para-vidyā ist wahr im absoluten Sinne. Es ist Absolute Existenz. Dieses satyam, der Gegenstand des Wissens, ist real. Das andere satyam, der Gegenstand der Unwissenheit, ist falsch.

Der Äther in dem Topf, dem Zimmer und den Wolken ist ein und derselbe. Aufgrund der verschiedenen Begrenzungen erhält er verschiedene Namen, z.B. ghaṭākāśa (Topf-Äther), maṭhākāśa (Zimmer-Äther), meghākāśa (Wolken-Äther). So erhält auch das eine brahman verschiedene Formen, die jīvas, aufgrund der verschiedenen begrenzenden Attribute, Namen und Formen. Wenn der Topf bzw. die Wände des Zimmers zerbrechen, werden der Topf-Äther und der Zimmer-Äther eins mit dem universellen Äther. Genauso werden auch die jīvas identisch mit brahman, wenn die begrenzenden Attribute, also die verschiedenen Körper und manas, nicht mehr sind. Genau wie aus dem prasselnden Feuer Tausende Funken hervorsprühen, wobei sie Feuer bleiben, so kommen aus dem un­sterblichen brahman die verschiedenen jīvas, und sie finden ihren Weg zurück in brah⁠man (vgl. Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2.1.20).

divyo hyamūrtaḥ puruṣaḥ sabāhyābhyantaro hyajaḥ।
aprāṇo hyamanāḥ śubhro hyakṣarāt parataḥ paraḥ॥ 2॥

2. Es ist leuchtend, ohne Form; Es ist sowohl außen als auch innen, ungeboren, ohne prāṇa, ohne manas, rein und größer als das große unzerstörbare Eine.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers beschreibt jenes unsterbliche brahman.

Divyaḥ – strahlend, selbstleuchtend; aus sich selbst geboren; völlig verschieden von allem, was weltlich ist (divi svātmani bhāvā); hi (hy) – weil, wahrlich; amūrtaḥ – formlos, ohne physischen Körper; puruṣaḥ – alldurchdringend; oder: in der Stadt (pura) des Körpers wohnend; sabhāhyābhyantaraḥ – sowohl außen als auch innen existierend; ajaḥ – ungeboren, nicht geschaffen, nicht aus irgendetwas geboren – weder aus sich selbst noch aus irgendetwas anderem, da es kein anderes Seiendes gibt, aus dem es geboren sein könnte. Da Es ungeboren ist, ist Es auch unvergänglich, unsterblich, ohne Veränderung, ewig und furchtlos. Es existiert nicht in der Zeit. Es wächst nicht und vermindert sich nicht. Es kann nicht zerstört werden.

Aprāṇaḥ – ohne prāṇa, ohne Atem; amanaḥ – ohne manas (Denkorgan, Geist etc.); śubhra – rein; akṣarāt parataḥ – als die unvergängliche prakṛti bzw. das avy⁠akta, d.i. der Samenzustand aller Namen und Formen.

Der puruṣa ist sogar jenseits dieses unmanifesten akṣara.

etasmājjāyate prāṇo manaḥ sarvendriyāṇi ca।
khaṃ vāyurjyotirāpaḥ pṛthivī viśvasya dhāriṇī॥ 3॥

3. Aus Ihm ist der prāṇa (das Leben) geboren, der manas, alle Organe, ākāśa, der Wind, das Feuer, das Wasser und die Erde, die alles trägt.

ERLÄUTERUNG: Prāṇa, manas, die Sinne etc. sind Ausprägungen der Unwissenheit. Sie existieren nur in ihrem Namen. Sie sind Nichtentitäten. Die śruti sagt: „Der Name ist einfach nur Sprache, eine Modifikation und eine Unwahrheit. Brahman ist ohne prāṇa, manas und Sinne.“ Brahman ist reines Bewusstsein. Von einem Mann ohne Sohn kann man nicht sagen, er habe einen Sohn, nur weil er einen Sohn im Traum gesehen hat. Ebenso kann man von brahman nicht sagen, Es habe manas, prāṇa oder Sinne; denn diese existieren nur in ihrem Namen. Sie sind Nichtentitäten. Sie sind Modifikationen der Unwissenheit. Sie existierten nicht vor der Schöpfung und werden auch nicht nach der Auflösung der Welt existieren.

Kham – Äther, ākāśa, Raum; viśvasya – von allem; dhāriṇī – die Grundlage, Stütze.

Vers 2 gab eine kurze Beschreibung des unsterblichen brahman, des puruṣa, des Gegenstandes von para-vidyā: „Es ist leuchtend, ohne Form …“ Die śruti fährt nun fort und erklärt Seine Natur im Einzelnen. Nur durch eine genaue Erklärung wird man brahman leicht verstehen können.

Die fünf Elemente, die zehn Sinne, der prāṇa und der manas gingen aus brah⁠man hervor. Diese siebzehn tattvas bzw. Prinzipien stellen die Form-Seite der Schöpfung dar.

agnirmūrdhā cakṣuṣī candrasūryau diśaḥ śrotre vāg vivṛtāśca vedāḥ।
vāyuḥ prāṇo hṛdayaṃ viśvamasya padbhyāṃ pṛthivī hyeṣa sarva-bhūtāntarātmā॥ 4॥

4. Feuer ist sein Kopf, Seine Augen sind die Sonne und der Mond. Die vier Richtungen sind Seine Ohren, Seine Sprache sind die offenbarten Veden, der Wind ist sein Atem, Sein Herz ist das Universum. Aus seinen Füßen entstand die Erde. Es ist wahrlich das innere Selbst aller Wesen.

ERLÄUTERUNG: Hier finden wir eine Beschreibung des virāṭ-puruṣa, der aus hiraṇya-garbha, dem Erstgeborenen, geboren wurde.

Hṛdayam – das Herz; viśvam – das ganze Universum.

Das ganze Universum ist nur eine Modifikation des manas, denn es ist, während des Tiefschlafs, in den manas absorbiert; und es kommt beim Aufwachen aus dem manas hervor, wie die Funken aus dem Feuer.

Diese Gottheit, die alldurchdringend ist, unendlich, ist die erste verkörperte Existenz; die drei Welten sind ihr Körper. Sie ist der innere ātman aller geschaffenen Wesen. Dieser ātman ist der Sehende, der Hörende, der Denkende, derjenige, der alle geschaffenen Objekte kennt, und Er ist die Ursache von allem. Im nächsten Vers wird gesagt werden, dass alle Lebewesen, die durch die fünf Feuer in diese Welt kommen, geboren sind durch denselben puruṣa. Die fünf Feuer sind: Himmel, Regen, Erde, Mann und Frau.

Die verschiedenen aṅgas (Glieder) des divya-puruṣa haben ihre Entsprechung im Kosmos. Die Welt ist der Körper des Herrn. Dieser Vers zeigt die aṅga-sṛṣṭi, die Schöpfung der Glieder.


tasmādagniḥ samidho yasya sūryaḥ somāt parjanya oṣadhayaḥ pṛthivyām।
pumān retaḥ siñcati yoṣitāyāṃ bahvīḥ prajāḥ puruṣāt saṃprasūtāḥ॥ 5॥

5. Aus Ihm entsteht die Himmelswelt, welche das erste Feuer ist, dessen Brennstoff die Sonne ist. Aus dem Mond entstehen die Wolken (das zweite Feuer); aus den Wolken entstehen die Kräuter, die auf der Erde wachsen (das dritte Feuer); aus diesen der Mann (das vierte Feuer); er ergießt seinen Samen in die Frau (das fünfte Feuer). So viele lebende Wesen entstehen aus dem puruṣa.

ERLÄUTERUNG: Agni – der dyu-loka, der Himmel.

Die Sonne ist quasi der Brennstoff für das Feuer, denn der dyu-loka, der Himmel, wird durch die Sonne erleuchtet.

Aus dem puruṣa entstand der dyu-loka, der Himmel. Aus dem Mond im dyu-loka entstehen die Wolken. Regen fällt aus den Wolken auf die Erde und erzeugt dadurch die Pflanzen und Kräuter. Der Mann isst die Pflanzen und Kräuter und scheidet Samen ab. Der Mann ergießt diesen Samen in die Frau und dadurch werden lebende Wesen erzeugt. Auf diese Weise entstehen also Schritt für Schritt viele Lebewesen aus dem puruṣa. Der puruṣa ist die letzte Ursache der Wesen. Darüber hinaus kommen auch die Hilfsmittel für das karma und dessen Früchte aus dem puruṣa.

Himmel, Regen, Erde, Mann und Frau werden hier als die fünf Feuer hingestellt. Das ist pañcāgni-vidyā, die Wissenschaft der fünf Feuer. Diese wird sehr ausführlich in der Chāndogya-Upaniṣad behandelt.

tasmādṛcaḥ sāma yajūṃṣi dīkṣā yajñāśca sarve kratavo dakṣiṇāśca।
saṃvatsaraśca yajamānaśca lokāḥ somo yatra pavate yatra sūryaḥ॥ 6॥

6. Aus Ihm kommen die Ṛg-, Sāma- und Yajur-mantras, die dīkṣās (Initiationsriten), alle Opferhandlungen und das Opfern von Tieren (kratus), die Geld-Gaben an die Priester, das Jahr, der yajamāna (der Opfernde) und die Welten, in denen der Mond reinigt und die Sonne hell scheint.

ERLÄUTERUNG: Tasmāt – aus dem puruṣa; dīkṣā – das Einhalten von Regeln durch den Opfernden, wie z.B. das Tragen des muñja- und kuśa-Grases; yajñāḥ – alle Opfer, wie z.B. agni-hotra; kratu – Opferritual, das einen yūpa, Opferpfahl, erfordert; dakṣiṇā – Belohnung, die den Priestern während des Opferrituals gegeben wird, etwa eine Kuh bis hin zu unbegrenzten Reichtümern; saṃvatsarāḥ – das Jahr, die festgesetzte Zeit; yajamānaḥ – der Opfernde; lokāḥ – die Welten, welche die Früchte seines karma sind, „in denen der Mond reinigt (die Welt der Vorväter) und die Sonne hell scheint (die Welt der Götter)“. Diese sind erreichbar durch den südlichen Weg (dakṣiṇāyana) bzw. den nördlichen Weg (uttarāyaṇa) und sie sind die Früchte des karma, das durch die Unwissenden bzw. die Wissenden ausgeführt worden ist.

tasmācca devā bahudhā saṃprasūtāḥ sādhyā manuṣyāḥ paśavo vayāṃsi।
prāṇāpānau vrīhiyavau tapaśca śraddhā satyaṃ brahmacaryaṃ vidhiśca॥ 7॥

7. Aus Ihm entstanden auch die Götter der verschiedenen Grade (die Himmlischen), die sādhyas, Menschen, Vieh, Vögel, prāṇa und apāna, Reis und Gerste, Askese, Glauben, Wahrheit, Enthaltsamkeit (Zölibat) und Gesetz.

ERLÄUTERUNG: Tasmat ca – aus Ihm auch (aus dem puruṣa); bahudhā – in vielen Formen, in verschiedenen Gruppen, wie z.B. vāsus; saṃprasūtāḥ – wurden geboren oder erzeugt; sādhyā – eine Klasse von devas, Himmlischen; vayāṃsi – Vögel; vrīhi – Reis; yava – Gerste (für havis, Opferungen); tapas – Askese. Diese gehört unbedingt zum karma dazu. Ein Mann mit reinem Herzen wird das karma sehr wirkungsvoll durchführen. Tapas reinigt das Herz. Śraddhā – Glauben, Vertrauen in die śāstras, die Worte des guru, in das eigene Selbst und in eine Zukunft, die alle menschlichen Ziele erreichen lässt; satyam – Wahrheit, d.h., dass man Unwahrhaftigkeit vermeidet und das sagt, was wirklich geschehen ist – wobei man niemandem schadet; brahmacarya – Reinheit im Denken, Sprechen und Handeln, Vermeiden jeglichen Geschlechtsverkehrs, Zölibat bzw. Enthaltsamkeit; vidhi – Vorschrift, Regel, Gesetz; Niederlegung dessen, was man tun sollte und was nicht.

sapta prāṇāḥ prabhavanti tasmāt saptārciṣaḥ samidhaḥ sapta homāḥ।
sapta ime lokā yeṣu caranti prāṇā guhāśayā nihitāḥ sapta sapta॥ 8॥

8. Aus Ihm kommen die sieben prāṇas (Sinne) hervor, die sieben Flammen, die sieben Arten von Feuerholz, die sieben Opfergaben, die sieben lokas (Welten), wo die prāṇas sich bewegen, die in der Höhlung (des Herzens) ruhen und die dort jeweils zu siebt angeordnet sind.

ERLÄUTERUNG: Sapta prāṇāḥ – die sieben prāṇas oder Sinne, die sieben Sinne der Wahrnehmung: Hörsinn, Tastsinn, Gesichtssinn, Geschmackssinn, Geruchssinn, manas, Intellekt; oder: die zwei Augen, die zwei Ohren, die zwei Nasenlöcher und der Mund. Prāṇa hat hier die Bedeutung „Sinn“. Dass es hier um die Sinne geht und nicht um die Lebenskraft oder Atemluft, wird klar aus der Hinzufügung „sieben“, denn das würde nicht zu diesen Deutungen passen. Man spricht von „sieben“ Sinnen, da es sieben Öffnungen im Kopf gibt, die zu den eigentlichen Sinnen hinführen.

Sapta arciṣaḥ – sieben Flammen, sieben Strahlen oder Lichter; bzw. sieben Wahrnehmungsaktionen, sieben Funktionen, Wahrnehmungen oder Erkenntniskräfte; das Licht, welches jeweils die entsprechenden Objekte beleuchtet; die Kraft der Sinne, welche die jeweiligen Objekte manifestiert.

Samidhaḥ sapta – sieben Arten von Feuerholz; bzw. die Objekte, durch die die Sinne entzündet werden. Es ist durch diese Objekte, dass die Sinnesorgane gefüttert werden.

Homāḥ sapta – die siebenfachen Opfergaben (Wissen), die Wahrnehmung der siebenfältigen Objekte. Die śruti sagt: „Er opfert die Gaben, die in der Wahrnehmung der Objekte durch die Sinne besteht.“ Homāḥ sind die Ergebnisse der Wahrnehmung, die aus dem Zusammenkommen der Sinne mit ihren Objekten entsteht.

Sapta lokāḥ – sieben Welten: sieben Plätze des Lebens der Sinne, d.h. sieben Plätze der Sinne, wo die prāṇas sich bewegen. Die Worte „wo die prāṇas sich bewegen“ sollen die anderen Arten des Lebensatems ausschließen: prāṇa, apāna etc. Die sieben Welten sind die inneren Nervenzentren der Sinne, ohne welche die äußeren Sinne, für sich allein, nicht ihre jeweiligen Funktionen ausüben können.

Guhāśayāḥ – in der Höhle liegend, im Herzen ruhend, während des Schlafes im Herzen liegend. Das, was in der Höhle ruht, wird buddhi (Intellekt) genannt.

Jeder Sinn bewegt sich im Wesentlichen in seiner eigenen Welt; aber alle Sinne sind koordiniert durch den manas, der im Herzen wohnt.

Alle karmas und ihre Resultate bzw. Früchte kommen letztlich aus dem höchsten und allwissenden puruṣa, sowohl die karmas der Weisen, die den ātman verehren, als auch die karmas der Unwissenden.

Die jīvas müssen auf allen sieben Ebenen Erfahrungen sammeln. Daher haben sie sieben Lebensenergien, sieben Sinne, sieben Beziehungen und sieben Objekte. In jeder Welt gibt es diese siebenfache Unterteilung. Also gibt es insgesamt neunundvierzig prāṇas. Vgl. Vedānta-Sūtra 2.4.5-6. Dort wird gesagt, dass es elf prāṇas gibt.

ataḥ samudrā girayaśca sarve'smāt syandante sindhavaḥ sarvarūpāḥ।
ataśca sarvā oṣadhayo rasaśca yenaiṣa bhūtaistiṣṭhate hyantarātmā॥ 9॥

9. Aus Ihm entstehen die Ozeane sowie alle Berge und Flüsse jeglicher Art; aus Ihm kommen die jährlichen Kräuter und der Saft, durch den das innere Selbst (der subtile Körper) existiert, umhüllt durch die groben Elemente.

ERLÄUTERUNG: Ataḥ – aus Ihm, aus dem puruṣa; syandante – fließen; sarvarūpāḥ – von jeglicher Art; oṣadhayaḥ – Kräuter, Pflanzen wie Getreide, Gerste, Reis etc.; rasaḥ – Saft, der sechsfache Geschmack, wie Süße etc.; bhūtaiḥ – durch die fünf groben Elemente; antarātmā – der innere ātman, d.h. der subtile Körper. Der subtile Körper ist quasi der ātman, der in der Mitte zwischen dem groben Körper und der eigentlichen Seele anzusiedeln ist. Der physische Körper umgibt den feinstofflichen Körper, d.h. den Astralkörper (liṅga-śarīra). Er entsteht aus der Nahrung in der Form von Kräutern und Säften. Er wird auch durch die Nahrung aufrechterhalten. Deswegen wird er anna-maya-kośa (Nahrungshülle) genannt. Der feinstoffliche Körper besteht aus drei Hüllen: prāṇa-maya-kośa (Vitalhülle), mano-maya-kośa (Mentalhülle) und vijñāna-maya-kośa (Hülle des Intellekts) – also aus den drei Hüllen Leben, manas und Intellekt.

puruṣa evedaṃ viśvaṃ karma tapo brahma parāmṛtam।
etadyo veda nihitaṃ guhāyāṃ so'vidyāgranthiṃ vikiratīha somya॥ 10॥

10. Der puruṣa ist selbst dieses ganze Universum; Er ist karma (Opfer), Askese (Wissen), brahman und das höchste Unsterbliche. Wer dieses als in der Höhle des Herzens verborgen erkennt, zertrennt den Knoten der Unwissenheit sogar schon hier (auf der Erde), o edler Jüngling.

ERLÄUTERUNG: So ist all dies aus dem puruṣa geboren. Die śruti sagt: „Der Name ist nur ein Sprachgeräusch, eine Modifikation und er ist falsch. Nur der puruṣa ist wahr.“ Deswegen ist all dies nur puruṣa. Das Universum hat keine von puruṣa, d.h. brahman, getrennte Existenz. Brahman ist die Stütze und der Lebensraum (adhiṣṭhāna) dieser Welt.

Idam – dieses; viśvam – Universum; parāmṛtam – das hohe, das höchste Unsterbliche; guhāyām – die Höhle des Herzens; granthim – Knoten, Bindung, Ge⁠bundenheit durch die Unwissenheit; saumya (somya) – o Schüler, Einzuweihender, gutaussehend.

Die ursprüngliche Frage von Śaunaka war: „O bhagavān, was ist das, durch welches, wenn es erkannt ist, all dies gewusst wird?“ (1.1.3). Hier erkennen wir die Antwort: „[…] wenn dieser puruṣa, das höchste Selbst, die erste Ursache, bekannt ist […]“. Es wird offensichtlich, dass dieses ganze Universum brahman ist und nichts anderes. Nichts außer Ihm existiert.

Karma – agni-hotra, Opferhandlung; tapas – Askese, Wissen.

All dies ist aus brahman hervorgekommen; daher ist alles brahman. Wer weiß, dass er selbst brahman ist – das Höchste und das Unsterbliche, welches im Herzen aller Lebewesen wohnt –, zerstört die Unwissenheit, erreicht das Wissen um das Selbst und wird unsterblich.

Iha – hier; also während er in dieser Welt lebt, in diesem Körper, und nicht erst nach dem Tod.

HIER ENDET DER ERSTE KHAṆḌA DES ZWEITEN MUṆḌAKA.

Dvitīyo Muṇḍakaḥ, Dvitīyaḥ Khaṇḍaḥ
(Zweites Kapitel, zweiter Abschnitt)

āviḥ sannihitaṃ guhācaraṃ nāma mahat padamatraitat samarpitam।
ejat prāṇannimiṣacca yadetajjānatha sadasadvareṇyaṃ paraṃ vijñānādyadvariṣṭhaṃ prajānām॥ 1॥

1. Strahlend und nahe ist Es; Es bewegt sich in der Höhle (des Herzens), dieses große Seiende, die Stütze von allem. Es ist das Zentrum von allem, was sich bewegt, atmet und blinzelt. Erkennt Dieses als alles, was Form hat (grob) und alles, was formlos (subtil) ist. Es sollte von allen angebetet werden; Es kann durch menschliches Wissen nicht erreicht werden; Es ist das Höchste von allem.

ERLÄUTERUNG: Sannihitam – nahe; da brahman unser innerstes Selbst ist, gibt es nichts, das näher ist als Es; āviḥ – strahlend, brillant; guhācaram – Es bewegt sich in der Höhle, Es bewohnt das Herz; mahat – das Große, denn brahman ist größer als alles; padam – Ziel, das von jedem im Tiefschlaf erreicht wird (padyate) oder auch in mukti (Befreiung); von allen erreicht, weil es der Sitz von allem ist.

Warum wird brahman „groß“ genannt? Weil dieses ganze Universum brahman als Zentrum hat, genau wie die Speichen ihr Zentrum in der Nabe des Wagenrads haben.

Ejat – sich bewegend (z.B. Vögel etc.); prāṇāt – atmet: Menschen, Pferde, Vieh usw.; nimiṣat – blinzelnd; sat – das, was eine Form hat; grob; asat – was keine Form hat, subtil; vareṇyam – anbetungswürdig, das Höchste, Beste, denn unter allen Dingen ist Es das einzige ewige Wesen; daher sollte Es von allen gesucht und angestrebt werden; param – jenseits allen Verständnisses, jenseits der Reichweite weltlichen Wissens; höher als; außerhalb der Reichweite der normalen Menschen; variṣṭham – das Höchste von allem, denn brahman ist frei von allen Fehlern. Es ist die Stütze von allen, das innerste Selbst von allen, der innere Regent von allen, die einzige unsterbliche Wesenheit.

Erkenne dieses brahman, das außerhalb der Reichweite des Intellekts und der Sinne ist, durch Intuition und unmittelbare spirituelle Erfahrung in tiefer Meditation. Wissen um brahman ist kein intellektuelles Verstehen. Brahman erkennen bedeutet brahman werden. Brahman zu verwirklichen heißt mit brahman zu verschmelzen und eins mit brahman zu werden. Brahman kann nicht erreicht oder verwirklicht werden durch Menschen, die einen groben und unreinen Geist haben. Aber jene hingebungsvollen Suchenden, welche die vier Mittel (S.87) ihr Eigen nennen und einen reinen und feinen Geist haben und die von ihren spirituellen Lehrern unterwiesen worden sind, werden brahman ganz sicher erreichen. Darüber gibt es keinen Zweifel.

yadarcimadyadaṇubhyo'ṇu ca yasmiṃllokā nihitā lokinaśca।
tadetadakṣaraṃ brahma sa prāṇastadu vāṅ manaḥ।
tadetat satyaṃ tadamṛtaṃ tad veddhavyaṃ somya viddhi॥ 2॥

2. Das, was strahlend ist, kleiner als das Kleinste, auf dem alle Welten und ihre Bewohner gegründet sind, ist dieses unsterbliche brahman. Das ist prāṇa, Sprache und manas. Das ist wahr und unsterblich. Das soll man zum Ziel nehmen. Triff es, o edler Jüngling!

ERLÄUTERUNG: Arcimat – leuchtend, brillant; denn die Sonne, der Mond und die Sterne, das Feuer und der Blitz scheinen durch das Licht des brahman; aṇubhyaḥ aṇu ca – feiner als das feinste Körnchen oder Atom. Das Wörtchen ca macht deutlich, dass es auch größer als das Größte ist, wie z.B. die Erde.

Brahman ist die Grundlage dieser Welt mit all ihren Bewohnern. Es ist Leben, Sprache, manas (Geist, Denkorgan) und alle Instrumente (Wahrnehmungs- und Handlungsorgane). Brahman ist der prāṇa der prāṇas, der manas der manas, das Ohr der Ohren, das Auge der Augen. Prāṇa, manas, Auge etc. erhalten ihre Kraft und Intelligenz von brahman. Dieses unsterbliche brahman ist die innere Intelligenz von prāṇa, manas und Sinnen. Daher ist brahman wahr und ohne Ende.

Veddhavyam – das, auf das man zielen und das man treffen sollte; das Ziel. Es sollte durch den manas ergriffen werden. Der manas sollte auf brahman fixiert und konzentriert sein. Deswegen, edler Jüngling, konzentriere deinen Geist auf brahman.

dhanurgṛhītvaupaniṣadaṃ mahāstraṃ śaraṃ hyupāsāniśitaṃ sandhayīta ।
āyamya tad bhāvagatena cetasā lakṣyaṃ tadevākṣaraṃ somya viddhi ॥ 3॥

3. Nachdem du den Bogen der Upanishaden aufgenommen hast, diese große Waffe, nachdem du darauf den Pfeil gelegt hast, der durch stetige Meditation geschärft wurde, und nachdem du den Bogen angespannt hast, mit dem Geist auf brahman fixiert, schieß, o edler Jüngling, und triff jenes Ziel – das unsterbliche brahman.

ERLÄUTERUNG: Jetzt wird erklärt, wie auf brahman gezielt wird. Der erste Vers hat gelehrt, dass man śravaṇa (Hören) praktizieren sollte; der zweite Vers, dass man manana (Nachdenken) üben sollte. Jetzt, im dritten Vers, wird gesagt, dass auch Meditation notwendig ist.

Dhanuḥ – Bogen; praṇava (om) ist der Bogen; gṛhītvā – aufnehmen, aufheben; nachdem man ihn (den Bogen) ergriffen, aufgenommen hat; aupaniṣadam – zu der Upanishad gehörig, d.h. die mystische Silbe om, der Hauptgegenstand der Erklärungen in allen Upanishaden; mahāstram – große/mächtige Waffe (hier: der Bogen); śaram – der Pfeil (hier: der manas); der Pfeil, also der manas, wird geschärft und gespitzt durch stetige Meditation; sandhayīta – lass ihn legen, muss fixiert werden; āyamya – den Bogen spannend, gespannt habend; viddhi – dringe ein, ziele, triff, wisse, meditiere über; tad-bhāva-gatena – mit dem alleinigen Ziel: die Gedanken und das Bewusstsein auf brahman gerichtet und in ihm absorbiert.

Fixiere den Pfeil auf dem Bogen und spanne diesen – das heißt: Ziehe den Geist und die Sinne von ihren äußeren Objekten ab. Spanne ihn – das heißt: Konzentriere dich auf brahman. Triff das Ziel, das unsterbliche brahman – das heißt: Verschmelze mit brahman durch tiefe Meditation.

praṇavo dhanuḥ śaro hyātmā brahma tallakṣyamucyate।
apramattena veddhavyaṃ śaravat tanmayo bhavet॥ 4॥

4. Praṇava (om) ist der Bogen, der ātman ist der Pfeil und brahman nennt man das Ziel. Es sollte getroffen werden von einem Menschen, der in sich selbst gesammelt ist (mit Konzentration). Sowie dann der Pfeil eins wird mit dem Ziel, wird er eins mit brahman.

ERLÄUTERUNG: Jetzt wird erklärt, worauf sich der Bogen im letzten Vers bezieht. Genau wie der Bogen der Grund ist, warum der Pfeil in das Ziel eindringt, so ist der praṇava, das heilige om, der Grund, warum der manas, der jīvātman, in das unsterbliche brahman eintritt. Die ständige Wiederholung (japa) des om reinigt den manas. Wenn der manas durch japa von om gereinigt ist, wird er in brahman gefestigt, genau wie der Pfeil durch die Kraft des Bogens in dem Ziel verankert wird. Genau wie der Bogen dem Pfeil hilft, in das Ziel einzudringen, so hilft auch die Wiederholung, d.h. der japa des om bzw. die Meditation auf om, dem Geist, in brahman gefestigt zu werden. Deswegen ist der praṇava wie ein Bogen.

Śaraḥ – Pfeil; der manas (Geist, Denkorgan) ist der Pfeil; lakṣyam – das Ziel; apramattena – durch jemanden, der nicht von Gedanken abgelenkt wird, der nicht unkonzentriert ist; veddhavyam – zu treffen; sollte getroffen werden; gewusst zu werden und meditiert zu werden.

Brahman, das Ziel, sollte angepeilt werden von jemandem, der gesammelt ist, der einen nichtzerstreuten und zielgerichteten Geist hat, der seine Sinne und seinen manas kontrolliert hat, der der Sinnesfreuden überdrüssig ist, für den die Sinnesobjekte keine Anziehungskraft mehr haben und der nicht aufgeregt wird durch das Verlangen nach Sinnesfreuden.

Śaravat – wie ein Pfeil; tanmayaḥ – in Ihn eingedrungen; gefestigt in brahman; bhavet – er soll werden.

Wenn man in brahman eintaucht oder mit konzentriertem Geist über ihn meditiert, wird der Geist – wie der Pfeil – eins mit dem Ziel, mit brahman.

Wenn der Pfeil eins wird mit dem Ziel, ist der Zielende erfolgreich. So ist auch der Suchende, der über brahman meditiert, erfolgreich – d.h., er erntet die Frucht seiner Meditation –, wenn er mit brahman verschmilzt und dadurch die falsche Idee überwindet, dass der Körper der ātman ist.

So wurden also śravaṇa (Hören), manana (Reflektieren) und nididhyāsana (tiefe Meditation) über brahman erklärt. Dies ist die Methode, die brahma-upāsana, jñāna-abhyāsa oder brahma-abhyāsa genannt wird.


yasmin dyauḥ pṛthivī cāntarikṣamotaṃ manaḥ saha prāṇaiśca sarvaiḥ।
tamevaikaṃ jānatha ātmānamanyā vāco vimuñcathāmṛtasyaiṣa setuḥ॥ 5॥

5. In Ihm haben der Himmel, die Erde, der Luftraum, der manas und die prāṇas ihr Zentrum. Erkennt Ihn allein als den ātman von allem und lasst alle andere Sprache beiseite; dies ist die Brücke zur Unsterblichkeit.

ERLÄUTERUNG: Yasmin – in welchem; dyauḥ – der Himmel; pṛthivī – die Erde; antarikṣam ca – und die mittlere Region, d.h. der Luftraum, die Astralebene; otam – sind verwoben, fixiert, gegründet.

Die drei Welten, d.h. der Geist sowie alle Sinne und alle Formen des Lebensatems (manas, indriyas, prāṇas), werden durch brahman unterstützt. Sie haben ihr Zentrum in brahman. Es ist die eine Stütze für alles.

Brahman ist extrem subtil. Es kann mit dem manas nur sehr schwer erfasst und verstanden werden. Die Ideen werden immer wieder wiederholt, um Ihn begreifbarer zu machen.

Ātman ist das innere Prinzip, das Selbst aller Lebewesen.

Eṣaḥ amṛtasya setuḥ – dies ist die Brücke (über den Ozean des Lebens zum Ufer) der Unsterblichkeit (brahman).

Erkenne Ihn allein als das eine Selbst von allen. Lass alle andere Sprache beiseite – alles, was sich auf apara-vidyā bezieht, auf die karmas mit ihren Hilfsmitteln und Früchten –, denn das Wissen um brahman ist der Pfad zu mokṣa, zur endgültigen Befreiung. Brahman ist sozusagen die Brücke, die den großen Ozean des saṃsāra überqueren lässt.

Eine andere śruti sagt: „Wenn man Ihn auf diese Weise erkennt, geht man über den Tod hinaus. Es gibt keinen anderen Weg zur Erlösung.“

arā iva rathanābhau saṃhatā yatra nāḍyaḥ sa eṣo'ntaścarate bahudhā jāya-mānaḥ।
omityevaṃ dhyāyatha ātmānaṃ svasti vaḥ pārāya tamasaḥ parastāt॥ 6॥

6. Er bewegt sich umher, wird vielfältig in dem Herzen, wo die Nerven zusammentreffen – wie die Speichen, die an der Radnabe befestigt sind. Meditiert über om als das Selbst. Heil euch, möget ihr die andere Seite erreichen, jenseits der Dunkelheit.


ERLÄUTERUNG: Arāḥ – Speichen; ratha-nābhau – die Nabe des Wagenrades; saṃhatāḥ – befestigt, zusammentreffend; antaścarate – bewegt sich im Herzen; bahudhā jāyamānaḥ – vielfältig werdend, wie z.B. viśva, taijasa, prājña, die scheinbaren Modifikationen, die der ātman im Zustand der Unwissenheit erfährt, wenn Er durch Ärger, Freude etc. hin und her geworfen wird, entsprechend den momentanen Bedingungen des Geistes; die mannigfaltigen Modifikationen des Sehens, Hörens, Wünschens, Denkens, Wissens etc.

Im Herzen, wo all die Nerven, die durch den Körper laufen, zusammentreffen wie die Speichen in der Nabe, dort wohnt der ātman als der stille Zeuge der drei Bewusstseinszustände Wachen, Träumen und Schlaf und all der Aktivitäten, wie Sehen, Hören, Denken, Fühlen, Wissen etc. Das Herz ist das Lebenszentrum, wo der Suchende über den ātman meditieren sollte. Alle Fähigkeiten und göttlichen Eigenschaften sind im Herzen zentriert.

Brahman ist der antar-yāmī, der innere Herrscher; Es wohnt im Herzen; Es bewegt sich im Herzen, um allen Organen Leben und Energie zu geben.

Svasti – möge es gut werden, heil! vaḥ – für euch (Schüler); pārāya – beim Überschreiten zur anderen Küste, jenseits der Dunkelheit.

Es ist gesagt worden: „Der Lehrer, der weiß, muss die Schüler unterweisen.“ Die Schüler sind jene, die nach dem Wissen um brahman dürsten, die also karma hinter sich gelassen haben und den Weg der Entsagung gegangen sind, den Weg zur Befreiung.

Parastāt – darüber hinaus. Über was? Über die Dunkelheit der Unwissenheit, hin zur Verwirklichung der wahren Natur des ātman, der ohne Unwissenheit ist. Nachdem du den Ozean des saṃsāra überquert hast, wirst du ganz sicher brahman erreichen, den Gegenstand von para-vidyā.

Meditiere über om mit all seinen Charakteristika; meditiere über om als das Selbst, als brahman. Meditiere im Herzen mithilfe des heiligen mantra „om“, um das höchste brahman zu erreichen. Alle Übel werden dann aufhören. Du wirst Unsterblichkeit erreichen und ewige Glückseligkeit.

yaḥ sarvajñaḥ sarvavid yasyaiṣa mahimā bhuvi।
divye brahmapure hyeṣa vyomnyātmā pratiṣṭhitaḥ॥ 7॥

manomayaḥ prāṇaśarīranetā pratiṣṭhito'nne hṛdayaṃ sannidhāya।
tad vijñānena paripaśyanti dhīrā ānandarūpamamṛtaṃ yad vibhāti॥ 8॥

7.-8. Dieser ātman, der allwissend ist, der alles bis ins Einzelne weiß, dessen Herrlichkeit in der Welt manifestiert ist, wohnt im Äther, in der leuchtenden Stadt von brahman. Er hat die Natur des manas und wird der Lenker des Lebens und des Körpers. Er lebt in der Nahrung, ganz nahe am Herzen. Mit der Hilfe ihres höheren Wissen erblicken die Weisen den ātman, der voller Glückseligkeit ist, der leuchtet und unsterblich ist.

ERLÄUTERUNG: Yaḥ sarvajñaḥ – der Allwissende; sarvavit – der Allweise; der, der alles im Einzelnen weiß.

Jetzt wird erklärt, wo brahman sich befindet. Der, der allweise ist, dessen Größe manifest wird in der Welt, sollte kontempliert werden als der ātman, der im Äther wohnt, in der leuchtenden Stadt von brahman (dem Herzen).

Die Herrlichkeit von brahman wird auf dieser Erde gefeiert. Worin besteht Seine Herrlichkeit? Die Welt selbst ist eine Manifestation Seiner Herrlichkeit. Das Gesetz, das in der Welt herrscht, die Schönheit der Blumen, der Landschaft und der Szenerie des Himalayas, die Kraft der Elektrizität – all das spricht beredt von Seiner Herrlichkeit.

Durch wessen Befehl bleiben Sonne und Mond und bleiben Himmel und Erde an ihren Plätzen? Durch wessen Befehl unterscheiden sich Minuten, Stunden, Tage und Nächte, Monate, Jahreszeiten und Jahre und erfüllen ihre Funktion? Nach wessen Befehl drehen sich und leuchten Sonne und Mond stetig und unermüdlich? Durch wessen Befehl halten sich Flüsse und Meer an ihre Grenzen? Durch wessen Befehl halten sich alle karmas, ihre Ausführenden und die Früchte an ihre angewiesenen Zeiten? Nach wessen Befehl gehorcht alles Bewegliche und Unbewegliche dem universellen Gesetz? Durch wessen Befehl kommen Sonnenwenden und Jahre zur rechten Zeit? Durch Seinen Befehl! Das ist Seine Herrlichkeit.

Yasya – dessen; eṣa – dieser; mahimā – Herrlichkeit; bhuvi – auf der Erde; brahmapure – in der Stadt von brahman, dem Körper, dem Tempel Gottes, dem Lotos des Herzens. Brahman manifestiert sich immer dort, in der Form von Intelligenz und Bewusstsein. So wird der Lotos des Herzens brahmapurī genannt.

Divye brahmapure – in der leuchtenden/göttlichen Stadt von brahman. Der Lotos des Herzens leuchtet, denn das selbstleuchtende brahman wohnt dort. Die Suchenden meditieren über brahman im Lotos des Herzens als selbstleuchtendes Licht. Daher wird der Herzens-Lotos „leuchtende Stadt von brahman“ genannt.

Vyomni – im ākāśa, dem Äther in der Höhle des Herzens. Brahman ist alldurchdringend. Anfänger können nicht auf das alldurchdringende brahman meditieren. Sie beginnen daher damit, über brahman zu meditieren als eine Masse von Licht, von Daumengröße, in der Höhle des Herzens. Ganz allmählich, wenn sie in der Meditation fortschreiten, werden sie fähig, über das alldurchdringende Bewusstsein zu meditieren. Dann fällt die ursprüngliche Meditation ganz von allein ab und die Meditation über das alldurchdringende brahman kommt von selbst – in einer geheimnisvollen Weise, durch die unergründliche Kraft der Meditation (acintya-śakti).

Mano-maya – in der Form des manas; im verkörperten Zustand wird der ātman durch den manas begrenzt und konditioniert; prāṇa-śarīra-netā – der Führer des prāṇa und des Körpers, der Lenker von prāṇa und Körper; netā – der Antreiber, Führer, Lenker. Weil Er den prāṇa und den Körper von einem groben Körper in einen anderen leitet, wird Er prāṇa-śarīra-netā genannt.

Prathiṣṭithaḥ – festes Fundament; wohnt, thront, weilt; anne – in der Nahrung, d.h. im Körper, der eine Modifikation der eingenommenen Nahrung ist und der Tag für Tag wächst und wieder abnimmt; hṛdayam – Herz, Intellekt; sannidhāya – wohnend, platziert in der Höhle des Lotos, denn in Wahrheit wohnt der ātman im Herzen und nicht in der Nahrung; tat – Das, der ātman; vijñānena – durch unmittelbares Wissen, Intuition (aparokṣa), direkte Wahrnehmung; durch eine „Erleuchtung“, die sich ergibt nach stetiger Meditation über brahman, mit reinem Herzen, das frei von Wünschen ist. Der Suchende, der die Lehren der śāstras kennt, einen Lehrer hat und die vier Werkzeuge der Befreiung (S.87), der frei ist von Wünschen und Gier, der seinen Geist und seine Sinne kontrolliert hat und leidenschaftslos, unterscheidungsfähig und unverhaftet ist – wenn dieser stetig und ständig über brahman meditiert, dämmert in ihm das unmittelbare Wissen um das Selbst.

Paripaśyanti – sie sehen, realisieren; dhīrāḥ – die weisen Menschen, die śravana (Hören der śrutis), manana (Nachdenken über brahman) und nididhyā-sana (Meditation) praktiziert haben. Ānandarūpam – von der Form von Glückseligkeit; vibhāti – manifestiert sich selbst, scheint immer als das Selbst.

Der ātman bzw. brahman durchdringt den ganzen Körper. Für den Neuling wird es leicht sein, sich auf das Herz zu konzentrieren. Daher wird gesagt, dass der ātman im Herzen wohnt.

bhidyate hṛdayagranthiśchidyante sarvasaṃśayāḥ।
kṣīyante cāsya karmāṇi tasmin dṛṣṭe parāvare॥ 9॥

9. Der Knoten des Herzens ist gesprengt, alle Zweifel sind gelöst und all sein karma ist vernichtet, wenn er Es sieht, das sowohl hoch ist als auch niedrig.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers beschreibt die Frucht des Wissens um brahman.

Bhidyate – ist zerbrochen, zerstört, durchstoßen; hṛdaya – das Herz; granthi – der Knoten des Herzens, Bindung; Fessel, die aus weltlichen Wünschen besteht, aus Liebe und Hass und den Tendenzen des Geistes, die ihre Ursache in Unwissenheit und karma haben.

Die Fesseln sind avidyā (Unwissenheit), liṅga-deha (der subtile Körper), prakṛti, kāma (Lust) und karma (Handlungen).

Die Gruppe von Wünschen und Tendenzen heftet sich an den Intellekt. Sie gehören nicht zum ātman, der ātman ist immer rein. Diese Knoten stellen die Grundlage der Unwissenheit dar. Wenn diese Knoten zerschnitten sind, wird die Unwissenheit zerstört und das Wissen um das Selbst dämmert auf.

Chidyante – werden zerschnitten; sarva-saṃśayāḥ – alle Zweifel. Zweifel bedrücken den Menschen bis zu seinem Tod. Ihr Fluss ist kontinuierlich wie der Strom des Ganges. Selbst fortgeschrittene Suchende werden manchmal von Zweifeln befallen. Alle Zweifel sind letztlich bedingt durch Unwissenheit. Alle Zweifel werden vernichtet, wenn man Selbstverwirklichung erreicht hat, wenn die Unwissenheit zerstreut ist.

Kṣīyante – werden zerstört; karmāṇi – Es gibt drei Arten von karma: 1. sañcita (akkumulierte Resultate von Handlungen), 2. āgāmī bzw. kriyamāṇa (die Resultate von gegenwärtigen Handlungen, die in zukünftigen Leben Früchte tragen werden) und 3. prārabdha (die Auswirkungen der eigenen Handlungen, die zu diesem gegenwärtigen Leben geführt haben und die schon begonnen haben, zu sprießen und Früchte zu tragen).

Wenn man Selbstverwirklichung erreicht, lösen sich nur die beiden sañcita- und āgāmī-karmas auf. Das prārabdha-karma hingegen bleibt, es muss ausgelebt und durch gegenwärtige Erfahrungen erschöpft werden. Aufgrund des prārabdha-karma lebt der Körper weiter, selbst wenn wir Wissen um den ātman gewonnen haben. Der Körper wird erst dann abgeworfen, wenn das prārabdha-karma völlig abgearbeitet ist. Der Töpfer hört auf, die Töpferscheibe in Schwung zu halten, aber die Scheibe dreht sich weiter, weil noch der Schwung da ist, den ihr der Töpfer gegeben hat. Genauso lebt der Körper des Erleuchteten weiter aufgrund des karma, das schon angefangen hat, wirksam zu werden. Man kann nicht den Pfeil anhalten, der bereits abgeschossen ist. So ist es auch mit dem prārabdha-karma.

Parāvare – sowohl hoch als auch tief. Hoch bedeutet dabei die Ursache und tief die Wirkung.

Wenn brahman direkt erkannt wird als „Ich bin Es (Das)“, erfährt man Befreiung und die Unwissenheit, die Ursache des saṃsāra, wird zersört.

hiraṇmaye pare kośe virajaṃ brahma niṣkalam।
tacchubhraṃ jyotiṣāṃ jyotistad yadātmavido viduḥ॥ 10॥

10. In der innersten goldenen Hülle, dort ist brahman, ohne Flecken und ohne Teile. Das ist rein. Das ist das Licht aller Lichter. Das ist es, was die Kenner des ātman verwirklichen.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers und die nächsten beiden drücken in kurzer Form dasselbe aus, was bereits zuvor gesagt wurde.

Hiraṇmaye – strahlend, voller Licht, leuchtend in Intelligenz und Wissen; pare – das Höchste, der tiefste Kern; kośe – in der Hülle; pare kośe – in der höchsten Hülle, dem tiefsten Kern des Menschen (wohnt brahman, ohne Makel, unteilbar und rein). So wie die Scheide das Schwert umhüllt, so umhüllen die fünf Hüllen die Seele. Die fünf Hüllen sind: anna-maya-kośa (Nahrungshülle), prāṇa-maya-kośa (Vitalhülle), mano-maya-kośa (Mentalhülle), vijñāna-maya-kośa (Hülle des Intellekts) und ānanda-maya-kośa (Hülle aus Glückseligkeit). Der Mensch ist nicht in der Lage, seinen eigenen ātman zu erblicken. Diese Hüllen liegen wie Schleier zwischen dem Menschen und seiner Seele.

Warum wird es „die höchste Hülle“ genannt? Weil es der Platz ist, wo der ātman realisiert und gefunden wird, denn es ist das Innerste von allem, der tiefste Kern des Menschen.

Virajam – fleckenlos; ohne rajas bzw. Leidenschaft; frei von jeglichem Übel, frei von allen guṇas der prakṛti, frei von dem Makel der Unwissenheit und allen anderen Fehlern und Schwächen.

Brahma (brahman) – so genannt, weil Es das Größte von allem ist und der ātman, die Seele von allem; niṣkalam – unteilbar, ohne Teile, frei von den 16 kalās (vgl. Praśna-Upaniṣad, S.205); śubhram – rein, weiß, weil es makellos und ohne Teile ist.

Jyotiṣāṃ jyotiḥ – das Licht aller Lichter. Das Licht des brahman erleuchtet sogar die Sonne, den Mond, die Sterne und das Feuer, die wiederum alle anderen Dinge erhellen. Das Licht der Sonne etc. ist verursacht durch das Leuchten der Intelligenz des brahman im Innern. Das Licht des ātman ist das höchste Licht; es wird nicht erhellt durch das Licht von etwas anderem. Daher ist brahman selbst-leuchtend.

Ātmavidaḥ – die Kenner des ātman; viduḥ – sie wissen, verwirklichen.

Die Kenner des ātman, die das Selbst erkannt haben als den Zeugen der drei Bewusstseinszustände Wachen, Träumen und Tiefschlaf, wissen und verwirklichen dieses brahman, das makellos, unteilbar und rein ist, das das Licht aller Lichter ist und das in den leuchtenden Hüllen der Intelligenz wohnt. Die Menschen, deren Geist unrein und deren Blick nach außen gerichtet ist, können dieses brah⁠man nicht verwirklichen oder erkennen.

na tatra sūryo bhāti na candratārakaṃ nemā vidyuto bhānti kuto'yamagniḥ।
tameva bhāntamanubhāti sarvaṃ tasya bhāsā sarvamidaṃ vibhāti॥ 11॥

11. Die Sonne scheint dort nicht, auch nicht der Mond und die Sterne, auch nicht diese Blitze und noch weniger das Feuer. Wenn Es scheint, scheint alles nach und durch Es. Durch Sein Licht ist all dies erleuchtet.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers beschreibt, wie brahman das Licht aller Lichter ist.

Die Sonne kann jenes brahman nicht sichtbar machen. Brahman erleuchtet die Sonne, den Mond, die Sterne und den Blitz. Sie scheinen nach und durch Es. Ihr Licht hängt von dem Licht des brahman ab. Sie erleuchten nicht brahman, d.h., sie machen Es nicht manifest.

Die Sonne erleuchtet die ganze Welt mit dem Licht des ātman. So wie Wasser, durch Sonne oder Feuer erhitzt, diese Hitze von der Sonne oder dem Feuer borgt, so borgen Sonne, Mond etc. ihr Licht von brahman. Sie selbst haben keine inhärente Fähigkeit, Licht zu geben.

Das, was nicht selbst Licht ist, kann kein Licht geben. Irdene Töpfe haben keine Leuchtkraft. Sie können andere Dinge nicht erhellen. Die Sonne etc. haben Licht und so erhellen sie die Dinge der Welt. Da brahman die Sonne etc. erleuchtet und für seine eigene Leuchtkraft keine äußere Quelle braucht, kann man schließen, dass Es selbstleuchtend ist.

Auch der Intellekt borgt sein Licht von brahman. Nur durch das Licht von brahman erhältst du Wissen über irgendein Objekt. Nur das Licht des brahman offenbart das Objekt. Auch gibt es kein Gedächtnis, keine Erinnerung, kein Wiedererkennen und kein Wissen ohne das Licht von brahman (vgl. Kaṭha-Upaniṣad 2.2.15 und Śvetāśvatara-Upaniṣad 6.14).

brahmaivedamamṛtaṃ purastād brahma paścād brahma dakṣiṇataścottareṇa।
adhaścordhvaṃ ca prasṛtaṃ brahmaivedaṃ viśvamidaṃ variṣṭham॥ 12॥

12. Jenes unsterbliche brahman ist vorne, jenes brahman ist hinten, Es ist zur Rechten und zur Linken, unten und oben, alldurchdringend; brahman ist all dies; Es ist das Höchste.

ERLÄUTERUNG: Es wurde bereits gesagt, dass nur brahman wahr ist – alles andere ist nur eine Modifikation, ein bloßer Name und eigentlich falsch, nur eine Sache von Worten. In diesem Vers wird das, als Schlussfolgerung, bestätigt.

All dies ist das unsterbliche brahman. Es ist überall – oben, unten, vorne, hinten, rechts und links. Diese ganze Welt ist in der Tat brahman.

Es ist im Osten und im Westen, im Norden wie im Süden, im Zenit wie im Nadir. Brahman allein durchdringt alles, in alle Richtungen. Dieses brahman ist das Beste (variṣṭham) und das Höchste von allem.

Es ist ja gelehrt worden, dass man über brahman im Herzen meditieren sollte und in der goldenen Hülle (hiraṇ-maya-kośa). Aber damit man nicht den Fehler macht, brahman nur in diesen beiden Orten zu sehen, erklärt dieser Vers, das Es überall ist, wenngleich das Herz als der beste Platz für die Meditation ausgewählt wurde.

Alle Wahrnehmung, außer die von brahman, ist reine Unwissenheit, genau wie die Wahrnehmung der Schlange im Seil. Die śrutis erklären mit Nachdruck, dass nur das eine brahman wahr ist.

HIER ENDET DER ZWEITE KHAṆḌA DES ZWEITEN MUṆḌAKA.

Tṛtīyo Muṇḍakaḥ, Prathamaḥ̣ Khaṇḍaḥ
(Drittes Kapitel, erster Abschnitt)

dvā suparṇā sayujā sakhāyā samānaṃ vṛkṣaṃ pariṣasvajāte।
tayoranyaḥ pippalaṃ svādvattyanaśnannanyo abhicākaśīti॥ 1॥

1. Zwei Vögel, unzertrennliche Gefährten, sitzen auf demselben Baum. Der eine von ihnen frisst die süße Frucht des aśvattha-Baumes, der andere schaut zu, ohne zu essen.

ERLÄUTERUNG: Bisher wurde para-vidyā erklärt, durch die der unsterbliche puruṣa, brahman, erkannt und verwirklicht werden kann und durch die der Grund des saṃsāra, insbesondere der Knoten des Herzens (Unwissenheit, Wunsch und Handlung) vollkommen aufgelöst werden kann. Auch wurde Yoga erklärt als das Mittel, brahman, das höchste Selbst, zu erreichen. Dieser Yoga wurde durch das Bild von Pfeil und Bogen veranschaulicht. Der gegenwärtige Abschnitt behandelt nun die Hilfsmittel für diesen Yoga, wie z.B. Wahrhaftigkeit, Askese, Enthaltsamkeit etc.

Suparṇā – mit schönem Gefieder; Vögel.

Die zwei Vögel sind der jīva (die individuelle Seele) und Īśvara (Gott). Der jīvātman ist begrenzt durch avidyā, Unwissenheit. Deswegen ist er gebunden durch Körper, manas und Handlungen. Īśvara hat die Bedingungen von māyā angenommen, aber māyā ist unter Seiner Kontrolle. Deswegen ist Er frei, allmächtig und allwissend.

Einige Kommentatoren verstehen den einen Vogel als den manas, da dieser der wahre Handelnde und Erfahrende ist, und das höchste Selbst (brahman) als den anderen, da dieser der stille Zeuge (sākṣī) der Modifikationen des manas und der drei Bewusstseinszustände (Wachen, Träumen und Tiefschlaf) ist und nicht im Geringsten von den Auswirkungen des saṃsāra (guten und schlechten) berührt wird. Der jīva muss sowohl die süßen wie die bitteren Früchte essen (muss Vergnügen und Schmerz erfahren).

Sayujā – untrennbare Freunde, stetige Genossen; sakhāyā – denselben Namen tragend, mit demselben Grund der Manifestation; samānam – derselbe; vṛkṣam – der Baum (aśvattha), der Körper.

Zwei Vögel lassen sich auf demselben Baum nieder. Der Baum ist der Körper. Ein Baum kann gefällt werden. Auch dieser Körper kann abgesägt werden, daher der Vergleich. Die zwei Vögel sind unzertrennlich. Der jīvātman (die individuelle Seele) und der paramātman (die höchste Seele) sind ebenso untrennbar. Der jīvātman ist nur eine Reflektion oder ein Abbild des paramātman. Genau wie das Abbild der Sonne im Wasser nicht von der Sonne getrennt werden kann, so kann auch die individuelle Seele nicht vom paramātman gelöst werden. Die Reflektion des paramātman im Spiegel des manas ist der jīvātman.

Pariṣasvajāte – leben auf ..., umarmen, sich anklammern, sich niederlassen – so wie Vögel sich auf denselben Baum setzen, um die Früchte zu kosten. Dieser geheimnisvolle Baum hat seine Wurzel hoch oben in brahman und seine Äste (prāṇa, die Sinne etc.) zeigen nach unten. Er ist vergänglich. Er hat seinen Ursprung in avyaktam, māyā, der unmanifesten mūla-prakṛti. Dieser Baum wird auch kṣetra, das Feld, genannt. Die Früchte des karma aller Lebewesen hängen an ihm.

Pippalam – die Frucht des aśvattha-Baumes, die Auswirkungen des karma, das durch den Körper geschaffen worden ist (Vergnügen und Schmerz); svādu – süß, mit Genuss; atti – isst; anaśnan – nicht essend; abhicākaśīti – sieht zu.

Der jīva oder kṣetrajña, der unter der Herrschaft von Unwissenheit, Leidenschaft und Anhaftung steht, isst und schmeckt die Früchte des karma in Unwissenheit, d.h. in Glück und Unglück. Gott, der rein und allwissend ist, isst nicht, denn Er beherrscht sowohl den Essenden wie auch das Gegessene und ist der ewige Zeuge von allem. Er isst nicht, sondern schaut einfach nur zu. Sein Herrschen besteht schon allein in dem Zeuge-Sein, wie bei einem König. Aus Unwissenheit identifiziert sich der jīva mit Körper, manas, prāṇa und Sinnen. Er fühlt, dass er der wahre Handelnde und Genießende ist, obwohl es doch prakṛti ist bzw. der manas, der in Wahrheit handelt und genießt. Ātman bzw. brahman ist immer nur der stille Zeuge. Er ist Nichthandelnder (akartā) und Nichtgenießender (abhoktā). Genießen und Handeln sind, durch den manas, dem jīva übergestülpt. Wenn die Unwissenheit zerstört ist, wenn das Herz gereinigt ist, wenn das Wissen um das Selbst aufdämmert, die Knoten des Herzens zerschnitten sind und all sein karma zerstört ist, dann ist damit die Idee vernichtet, Handelnder oder Genießender zu sein. Er wird eins mit dem höchsten Selbst und erlangt Befreiung (vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 4.6 und Kaṭha-Upaniṣad 1.2.1).

samāne vṛkṣe puruṣo nimagno'nīśayā śocati muhyamānaḥ।
juṣṭaṃ yadā paśyatyanyamīśamasya mahimānamiti vītaśokaḥ॥ 2॥

2. Während er auf demselben Baum sitzt, leidet und jammert der jīva aus Hilflosigkeit, da er eingetaucht (in Unwissenheit) und hilflos ist. Aber wenn er dann den anderen, Gott, sieht, der von allen angebetet wird, und dessen Herrlichkeit, wird er frei von Kummer.

ERLÄUTERUNG: Nimagnaḥ – untergetaucht in Weltlichkeit und Unwissenheit; anīśayā – wegen seiner Machtlosigkeit; śocati – er leidet.

Der jīva lebt in Täuschung aufgrund seiner Leidenschaften, seiner Anhaftung und seiner Wünsche nach den Früchten seiner Handlungen. Er ist eingetaucht in die Unwissenheit. Er denkt, dass der Körper der ātman ist und dass er der Sohn von diesem oder jenem ist. Er denkt: „Ich bin dünn“, „Ich bin kräftig“, „Ich bin glücklich“, „Mir geht es schlecht“, „Ich habe die und die Arbeit gemacht“, „Ich werde die und die Früchte genießen“, „Ich habe mein Vermögen verloren“, „Mein Sohn ist tot“ etc. Er jammert in seiner Hilflosigkeit. Er wird immer wieder in diese Welt hineingeboren. Und irgendwann, aufgrund seiner guten Taten, die sich in vielen vorangegangenen Leben angesammelt haben, begegnet er einem mitleidsvollen Lehrer und erhält spirituelle Anweisungen. Er kontrolliert die Sinne und den Geist, entwickelt tugendhafte Qualitäten, praktiziert Meditation über das Selbst und erfährt: „Ich bin das unsterbliche Selbst, welches jenseits von Freude und Leid und von Tugend und Laster ist.“ Dann wird er frei von Kummer, Schmerz und Tod und erfreut sich der ewigen Glückseligkeit seines eigenen Selbst.

Vītaśoka – frei von Schmerz und Kummer.

Die erste Hälfte des Verses beschreibt die Ursache der Gebundenheit, nämlich, dass die Seele sich verliert in den körperlichen Vergnügungen und in der Illusion von „ich“ und „mein“. Die zweite Hälfte zeigt die Methode der Befreiung. Er sieht Gott, der immer erfüllt und anbetungswürdig ist, und er entwickelt den Wunsch, so zu werden wie Gott; dadurch befreit er sich schließlich von der Unwissenheit und erreicht Gottesbewusstsein (vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 4.7).

yadā paśyaḥ paśyate rukmavarṇaṃ kartāramīśaṃ puruṣaṃ brahmayonim।
tadā vidvān puṇyapāpe vidhūya nirañjanaḥ paramaṃ sāmyamupaiti॥ 3॥

3. Wenn der Sehende den goldfarbenen (selbstleuchtenden) Schöpfer (der Welt) erblickt, Gott, den puruṣa, den Ursprung von Brahmā, dann schüttelt der Weise Gut und Böse von sich ab, wird makellos und erreicht höchste Einheit.

ERLÄUTERUNG: Rukmavarṇam – goldfarben, selbstleuchtend, von unvergänglichem Strahlen, wie aus Gold; yadā – wenn; paśyaḥ – der Sehende; jemand, der sieht, d.h. einer, der (die Veden) studiert und (spirituelle Praktiken) geübt hat; paśyati – er sieht; kartāram – den Schöpfer der Welt; brahmayonim – brahman, der Ursprung des manifesten Brahmā, des hiraṇya-garbha; vidvān – der Weise, der aparokṣa-jñānī; nirañjanaḥ – ohne Fehler, makellos; paramam – das höhere, höchste; sāmyam – Gleichheit, Ähnlichkeit, Einheit; upaiti – erreicht.

Wenn er brahman verwirklicht, schüttelt er Verdienste und Fehler ab, d.h. er verbrennt gute und schlechte Taten, welche Bindung verursachen, und wenn er dann frei von Kummer ist, erreicht er jene höchste Gleichheit oder Einheit mit brahman.

Der Sehende erkennt, dass Tugend und Sünde nur Schöpfungen des manas sind. Er weiß jetzt, dass Gut und Böse, Verdienst und Schuld den immer-reinen ātman nicht berühren können. Alle Dualitäten, Unterscheidungen und Verschiedenheiten fallen von ihm ab. Er erkennt, dass Gott, den er bis zu diesem Zeitpunkt angebetet hat, sein eigenes Selbst ist und dass sein Selbst identisch ist mit dem höchsten Selbst, dem paramātman.

prāṇo hyeṣa yaḥ sarvabhūtairvibhāti vijānan vidvān bhavate nātivādī।
ātmakrīḍa ātmaratiḥ kriyāvāneṣa brahmavidāṃ variṣṭhaḥ॥ 4॥

4. Dies ist wahrlich prāṇa, d.h. Gott, der in allen Lebewesen strahlt. Der Weise, der dies weiß, redet nicht von irgendetwas anderem. Er vergnügt sich im Selbst, er freut sich im Selbst und wenn er Handlungen ausführt, ist er der größte unter den Kennern brahmans.

ERLÄUTERUNG: Prāṇa – hier bedeutet es Īśvara; sarvabhūtaiḥ – in allen Wesen, von Brahmā bis hinunter zu einem Wurm; vibhāti – scheint, strahlt; ativādi – ein Vielredner.

Wer Selbstverwirklichung erlangt hat, wer fühlt: „Ich bin Er“, wer den einen ātman kennt, der in allen Wesen wohnt, wer nichts anderes sieht, hört und kennt als den ātman, kann nicht über irgendetwas anderes reden. Wie könnte er auch?

Ātma-krīḍaḥ – wer sich in seinem eigenen ātman vergnügt und spielt und nicht woanders, wie etwas in Kindern, Frau etc.; ātma-ratiḥ – wer sich in seinem eigenen ātman erfreut. Krīḍa (Spiel) braucht gewöhnlich eine äußere Hilfe, aber echte Freude braucht das nicht. In echter Freude ist kein äußeres Objekt notwendig.

Kriyāvān – der spirituelle Übungen und fromme Handlungen ausführt, der beständig über Gott meditiert, dessen Aktivitäten aus Wissen, Meditation, Verehrung, Gebet, Freiheit von Wünschen etc. besteht. Er erklärt anderen die Schriften. Er lehrt andere, die weniger wissen. Er wird ein Lehrer unter den Suchern von brahman.

Ātmarati-kriyāvān – Einige behaupten, dass dieses Kompositum die Verbindung von karma, wie z.B. agni-hotra, und dem Wissen von brahman bezeichnet. Es ist aber nicht möglich, dass jemand mit äußeren Objekten herumspielt und zur gleichen Zeit glücklich im ātman gefestigt ist. Nur wer alle äußeren Aktivitäten aufgegeben hat, kann sich im Selbst erfreuen. Handlung und Freude im ātman stehen zueinander wie Dunkelheit und Licht. Deshalb ist die Behauptung, dass in diesem Vers die Verbindung von karma und Wissen empfohlen würde, nur das Geschwätz eines Unwissenden.

Brahma-vidām – unter den Kennern des brahman; variṣṭhaḥ – der beste.

Sich im Selbst vergnügen, sich im Selbst erfreuen, fromme (vorgeschriebene) Handlungen ausführen – wer so lebt, ist der beste unter den Kennern des brah⁠man. Nur das Erkennen des brahman als das gemeinsame Bewusstsein aller Wesen ist wahre Weisheit. Die vermeintlich interessanten und spannenden Vorträge über weltliche Gegenstände und Wissenschaften sind nur leeres Gerede und nutzloses Geplapper.

satyena labhyastapasā hyeṣa ātmā samyagjñānena brahmacaryeṇa nityam।
antaḥśarīre jyotirmayo hi śubhro yaṃ paśyanti yatayaḥ kṣīṇadoṣāḥ॥ 5॥

5. Dieser ātman sollte wahrlich gewonnen werden durch stetige Wahrhaftigkeit, Askese, vollkommenes Wissen und Enthaltsamkeit. Der, den die Sündlosen erblicken, ist der Reine und Strahlende im Innern des Körpers.

ERLÄUTERUNG: Satyena – durch Wahrhaftigkeit; labhya – soll erreicht werden.

Die unmittelbare Vision des brahman, aparokṣa-brahma-jñāna, ist zu erreichen durch Wahrheit, durch striktes Vermeiden von Lügen und Falschheit etc.

Tapas – Konzentration; tapas wird meist mit „Askese“ übersetzt. Konzentration des Bewusstseins ist die höchste Art von tapas, denn den Geist und die Sinne von äußeren Objekten abzuziehen und ganz auf den ātman auszurichten, ist die schwierigste Form der Askese. Konzentration ist die größte Hilfe für den Suchenden, denn dadurch wird der Geist nach innen gewandt auf den ātman. Candrāyaṇa-vrata (eine Art von Askese) und andere vratas sind nicht so hilfreich wie Konzentration.

Samyag-jñānena – durch vollkommenes, sicheres, reifes aparokṣa-Wissen von brahman; durch wahres Wissen um dem ātman. Aparokṣa bedeutet „unmittelbare Wahrnehmung des ātman“, durch Intuition oder anubhāva (spirituelle Erfahrung).

Brahma-caryeṇa – durch Zölibat, durch Kontrollieren der Sinne, durch Vermeiden sexueller Lust.

Nityam – immer, konstant, stetig. Dieses Wort sollte man mit jedem der Worte „Wahrhaftigkeit“, „Askese“ etc. verbinden; also: stetiges Üben von Wahrhaftigkeit, ständige Enthaltsamkeit usw.

Jetzt wird der ātman erklärt, der durch diese Mittel, nämlich durch Wahrhaftigkeit, Askese etc., erreicht werden soll.

Dieser ātman ist leuchtend, strahlend, rein. Er ist innerhalb des Körpers. Jyotimayaḥ – strahlend, leuchtend, voller Licht; śubhraḥ – rein, unberührt durch Materie; yatayaḥ – die Einsiedler, die stetigen Wahrheitssucher, die selbstkontrollierten sannyasīs bzw. Asketen.

Reine und fromme Haushälter, die ohne Fehler sind, die ihr Leben der Verehrung Gottes gewidmet haben und die ständig Meditation praktizieren, sind auch yatis.

Antaḥ śarīre – im Innern des Körpers, d.h. im ākāśa (Raum) des Herz-Lotos; kṣīṇadoṣa – ohne Sünde, deren Vergehen abgearbeitet sind, makellos, ohne alle Unreinheiten des Geistes, wie z.B. Ärger etc.; paśyanti – sie sehen.

Sannyasīs, Asketen, erreichen diesen ātman durch die genannten Hilfsmittel, nämlich stetige Wahrhaftigkeit, Konzentration usw. Durch gelegentliches Ausüben von Wahrhaftigkeit, Konzentration etc. kann der ātman nicht gewonnen werden.

Der ātman wird durch Meditation erreicht. Dieser Vers beschreibt einige unterstützende Hilfsmittel für die Meditation, wie z.B. Wahrhaftigkeit, Askese, Zölibat etc. Meditation führt zu direktem, intuitivem Wissen.

satyameva jayate nānṛtaṃ satyena panthā vitato devayānaḥ।
yenākramantyṛṣayo hyāptakāmā yatra tat satyasya paramaṃ nidhānam॥ 6॥

6. Die Wahrheit triumphiert, und nicht die Falschheit. Durch Wahrheit öffnet sich der devāyana, der Pfad der devas, durch den die Weisen, die ihre Wünsche erfüllt haben, dorthin voranschreiten, wo der höchste Ort des wahren Einen ist.

ERLÄUTERUNG: Satyam – Wahrheit; jayate – siegt; anṛtam – Unwahrheit, Täuschung, Falschheit; panthā – Pfad; devayānaḥ – der Pfad der devas, der göttliche Weg, der spirituelle Weg; āptakāmāḥ – deren Wünsche erfüllt sind; paramam nidhānam – der höchste Ort oder Wohnsitz.

Wer die Wahrheit spricht, siegt. Wer die Unwahrheit spricht, wird von den Menschen verachtet. Ihm traut man nicht. Wahrhaftigkeit ist daher ein starkes Hilfsmittel, brahman zu erreichen. Brahman ist Wahrheit. Wahrhaftigkeit ist notwendig, um brahman zu erreichen.

Außerdem bleibt der Weg der Götter nur durch Wahrhaftigkeit geöffnet und weit; d.h. er wird immer offen gehalten. Durch ihn steigen die Weisen, die ṛṣis, die frei sind von Wünschen, Täuschung, Einbildung, Stolz, Eitelkeit, Betrug und Unehrlichkeit, zum Höchsten Wohnsitz der Wahrheit auf, der durch dieses wichtige Hilfsmittel zugänglich ist: die Wahrheit.

Der göttliche Weg, deva-yāna, ist im allgemeinen Sinne der spirituelle Weg der Sucher, auf dem sie strenge Disziplin üben, um den Geist zu reinigen und disziplinieren und ihn auf den ātman auszurichten. Wahrhaftigkeit ist die wichtigste Disziplin.

Technisch gesprochen, ist devāyana der Pfad der Götter, der den Sucher, der auf dem Weg der stufenweisen Befreiung (krama-mukti) ist, zu brahma-loka leitet.

bṛhacca tad divyamacintyarūpaṃ sūkṣmācca tat sūkṣmataraṃ vibhāti।
dūrāt sudūre tadihāntike ca paśyatsvihaiva nihitaṃ guhāyām॥ 7॥

7. Es (das wahre brahman) strahlt und leuchtet, ist unendlich weit, göttlich,

unbegreifbar, feiner als das Feinste. Es ist weit jenseits dessen, was weit weg ist,

und ist doch nahe und hier. Die Weisen sehen Es in der Höhle (des Herzens).

ERLÄUTERUNG: Bṛhat – weit ausgedehnt; großartig; groß; divyam – göttlich, himmlisch, strahlend, selbstleuchtend; acintya – unbegreifbar, jenseits aller Vorstellung, nicht mit Denken zu erfassen.

Brahman, das durch Wahrhaftigkeit etc. erreichbar ist, ist unermesslich weit, weil es alles durchdringt. Brahman ist selbstleuchtend. Es kann nicht durch die Sinne wahrgenommen werden und ist feiner als das Feinste. Daher ist es durch Denken nicht zu erfassen.

Sūkṣmāt sūkṣmataram – noch subtiler als das Subtile, wie etwa ākāśa etc. Da Es die Ursache von allem ist, ist Es extrem subtil. Vibhu (bzw. vibhāti) – strahlt vielfältig, in verschiedenen Formen; dūrāt sudūre – viel weiter als das weit Entfernte, als die weiteste Entfernung. Es ist weiter als die entferntesten Orte, weil Es unendlich ist. Die Unwissenden können sich Ihm in keiner Weise nähern. Iha – direkt hier im Körper; antike – im Innern.

Andererseits ist brahman sehr nahe. Es ist hier im Körper. Es wohnt im Herzen. Es ist das innerste Selbst aller Wesen. Es ist das Leben des Lebens. Es wohnt im ākāśa des Herzens. Brahman ist sehr weit weg für die weltlich Gesinnten; Es ist sehr nahe für die Weisen, die Selbstverwirklichung erlangt haben, und auch für die hingebungsvollen Sucher, die über das Selbst in ihrem Herzen meditieren. Da brahman alldurchdringend ist, spricht man von Ihm als fern und auch als nahe.

Guhāyām – in der Höhle, im Intellekt; nihitam – platziert, versteckt, wohnend; paśyatsu – unter den Sehern, unter den Weisen; bei denen, die sehen.

Die yogīs, Seher und Weisen sehen und verwirklichen brahman in der Höhle (des Herzens), im Intellekt. Die Unwissenden sehen Es nicht, da Es durch Unwissenheit verhüllt ist.


na cakṣuṣā gṛhyate nāpi vācā nānyairdevaistapasā karmaṇā vā।
jñānaprasādena viśuddhasattvastatastu taṃ paśyate niṣkalaṃ dhyāya- mānaḥ॥ 8॥

8. Es wird weder erfasst durch das Auge, noch durch die Sprache, noch durch die anderen Sinne; auch nicht durch Askese oder durch gute Taten. Nur wenn der Geist eines Menschen durch das stille Licht des Wissens gereinigt ist, erblickt er, durch Meditation, das unsichtbare brahman.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers erklärt eine spezielle Hilfe für das Erreichen von brah⁠man, die jñāna-prasāda genannt wird.

Man kann brahman nicht mit dem physischen Auge sehen, denn es ist formlos und außerordentlich subtil. Es kann nicht durch Sprache ausgedrückt werden, denn es kann kein Gegenstand von Worten sein; auch kein Gegenstand der anderen Sinne. Die Sinne können nur die Schwingungen und Botschaften von der äußeren Welt übermitteln. Sie können nicht das transzendente Reich der Glückseligkeit erreichen. Obwohl tapas ein Hilfsmittel für das Erreichen von brahman ist, ist brahman doch außerhalb der Reichweite von tapas. Brahman kann auch nicht durch karma, wie es von den Veden vorgeschrieben ist, erreicht werden, wie etwa durch agni-hotra etc.

Was ist dann also das Mittel, durch das brahman erreicht werden kann? Jñāna-prasāda! Was ist das? Der Suchende ist in der Lage, brahman durch den reinen Intellekt zu erblicken und zu erreichen. Der normale Intellekt der weltlichen Menschen ist behaftet mit Leidenschaft, Gier, Eifersucht, Hass etc. Er ist unrein. So wie du dein Gesicht nicht in einem verdreckten Spiegel oder in schmutzigem Wasser sehen kannst, so kannst du den reinen ātman nicht in einem unreinen und verschmutzten Intellekt erkennen, obwohl der ātman doch sehr nahe ist. Wenn der Intellekt durch Erforschen, Leidenschaftslosigkeit, selbstlosen Dienst, japa, prāṇāyāma etc. gereinigt wird, wird er fähig, brahman zu verwirklichen. Das Beseitigen von Unreinheiten des Intellekts, die Verfeinerung und Reinigung des Intellekts – das ist, was man jñāna-prasāda nennt. Es ist die Gnade der Weisheit, der reine Intellekt.

Wer also jñāna-prasāda hat, erblickt den unteilbaren ātman durch Meditation, mithilfe von Wahrhaftigkeit, Zielgerichtetheit und Selbstzügelung.

Niṣkalam – ohne kalās, Teile; ohne den sechzehn-fältigen Körper.

eṣo'ṇurātmā cetasā veditavyo yasmin prāṇaḥ pañcadhā saṃviveśa।
prāṇaiścittaṃ sarvamotaṃ prajānāṃ yasmin viśuddhe vibhavatyeṣa ātmā॥ 9॥

9. Dieser subtile ātman sollte durch den manas erkannt werden, in den der fünffach aufgeteilte prāṇa eingetreten ist. Der manas jeder Kreatur ist durchdrungen von diesen prāṇas. Wenn der manas gereinigt ist, dann leuchtet der prāṇa durch sich selbst auf.

ERLÄUTERUNG: Cetasā – durch das Denken; durch den manas, in welchen die prāṇas eingetreten sind; durch den reinen Intellekt; cittam – nach Shankara ist das das antaḥ-karaṇa, das innere Denkorgan. Dieser subtile ātman sollte durch den gereinigten Intellekt erkannt und verwirklicht werden.

Der manas aller Wesen ist durchdrungen von den prāṇas und den Sinnen, so wie die Milch von der Butter und wie das Holz vom Feuer.

Wenn der Geist gereinigt ist, frei von Leidenschaft, Täuschung, Ärger, Eifersucht etc., dann scheint dieser ātman durch sich selbst.

Der manas ist mit den Sinnen verbunden und mit den Objekten der Welt. Der manas ist verwoben mit den Sinnen. Er wird „verschmutzt“ durch seinen ständigen Kontakt mit den Sinnesobjekten.

Man kann den manas immer wieder von den Sinnen und den Sinnesobjekten abziehen. Das wird den Geist reinigen. Der subtile ātman kann durch das Denken erkannt werden, in welches der prāṇa auf fünffache Weise eingetreten ist, denn jeder Gedanke des Menschen ist mit den Sinnen verwoben. Wenn das Denken gereinigt ist, leuchtet der ātman auf. Der prāṇa tritt vollständig in den manas ein und befähigt ihn, den ātman zu erblicken bzw. wahrzunehmen.





yaṃ yaṃ lokaṃ manasā saṃvibhāti viśuddhasattvaḥ kāmayate yāṃśca kā-mān। taṃ taṃ lokaṃ jayate tāṃśca kāmāṃstasmādātmajñaṃ hyarcayet bhūti-kāmaḥ ॥ 10॥

10. Ein Mensch mit gereinigtem manas gewinnt jene Welt und jene Wünsche, die er sich in seinem Geist vorstellt. Deswegen soll jemand, der sich Reichtum (Glück) wünscht, den verehren, der den ātman kennt.

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers beschwört die Herrlichkeit dessen, der das Selbst kennt, des brahma-jñānī.

Viśuddha-sattvaḥ – jemand von reinem Wesen; bhūti-kāmaḥ – der Glück und Reichtum anstrebt.

Der jīvan-mukta, der sich mit dem alldurchdringenden ātman identifiziert, erhält alle Welten oder Dinge, die er sich wünscht, entweder für sich selbst oder für andere, denn er ist der ātman von allem. Die Wünsche eines Menschen, der selbstverwirklicht ist, werden immer erfüllt.

Jemand, der bhūtis, d.h. Reichtum, anstrebt, sollte den verehren, der den ātman kennt, also den jīvan-mukta, indem er dessen Füße mit Wasser wäscht, ihm dient, sich vor ihm niederwirft etc.

Ein Erleuchteter ist in der Tat verehrungswürdig. Er hilft dem Suchenden, den Ozean des saṃsāra zu überqueren und Wissen um den ātman zu erreichen. Der Erleuchtete ist selbst brahman.


HIER ENDET DER ERSTE KHAṆḌA DES DRITTEN MUṆḌAKA.

Tṛtīyo Muṇḍakaḥ, Dvitīyaḥ Khaṇḍaḥ
(Drittes Kapitel, zweiter Abschnitt)

sa vedaitat paramaṃ brahma dhāma yatra viśvaṃ nihitaṃ bhāti śubhram।
upāsate puruṣaṃ ye hyakāmāste śukrametadativartanti dhīrāḥ॥ 1॥

1. Er kennt das höchste brahman, den Ort, auf dem dieses Universum ruht und der hell erstrahlt. Die Weisen, die frei von Wünschen sind und diesen Menschen verehren, transzendieren diesen Samen (sie werden nicht wiedergeboren).

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers schließt direkt an den vorangehenden Vers (3.1.10) an.

Saḥ – er, der Kenner des Selbst, der Selbstverwirklichte; paramam – das Höchste; brahma-dhāma – der Ort von brahman; dhīrāḥ – die Weisen; śukram – der Same, Geburt als Mensch.

Wenn die Weisen, die frei sind von Wünschen, die nicht nach bhūti (Reichtum) verlangen, die sich nach Befreiung sehnen – wenn diese den Kenner des Selbst verehren, einen jīvan-mukta, dann werden sie nicht wiedergeboren. Sie überschreiten diesen Samen.

In Vers 3.1.10 wurde gesagt, dass diejenigen, die weltlichen Reichtum (bhūti) erlangen wollen, den Kenner des ātman verehren sollen. Im gegenwärtigen Vers wird gesagt: Wenn Menschen den Erleuchteten ohne jeglichen Wunsch verehren, werden sie endgültige Befreiung erreichen.

Wir haben das Wort puruṣa in der zweiten Zeile als Gattungsname verstanden, der sich auf den Kenner des ātman aus dem vorangegangenen Vers bezieht.

kāmān yaḥ kāmayate manyamānaḥ sa kāmabhirjāyate tatra tatra।
paryāptakāmasya kṛtātmanastv ihaiva sarve pravilīyanti kāmāḥ॥ 2॥

2. Wer in seinem Geist Wünsche nährt, wird durch seine Wünsche wiedergeboren, hierhin und dorthin. Aber für den, dessen Wünsche erfüllt sind und der den ātman verwirklicht hat, verschwinden alle Wünsche, sogar noch hier auf Erden.

ERLÄUTERUNG: Wer nach Wunschobjekten dürstet und ständig an sie denkt, wird hierhin und dorthin wiedergeboren, mit all seinen Wünschen, damit er sie erfüllen kann. Wer seine Wünsche als das Höchste ansieht, wird mit denselben Wünschen wiedergeboren – an jenen Orten, wo man diese Wünsche erfüllen kann.

Kāmān – Wunschobjekte; kāmayate – wünscht, verlangt nach; tatra tatra – hier und dort; er wird zu jenen Plätzen und Ebenen getragen, die er sich gewünscht hatte; paryāpta-kāmasya – für den, der das Höchste wünscht, nämlich mokṣam brahman; kṛtātmanaḥ – für die vervollkommnete Seele; pravilīyanti – verschwinden; iha eva – sogar noch hier, während sein Körper existiert.

Aparokṣa-brahma-jñana (unmittelbare Selbstverwirklichung) ist das einzige Mittel, durch welches man alle Wünsche vollkommen vernichten kann. Wenn die Wünsche verschwunden sind, ist man frei von weiteren Geburten.

Wer endgültige Befreiung erlangen will, muss alle Wünsche aufgeben. Das ist der erste Schritt auf dem spirituellen Weg. Die Wünsche treiben den Menschen zu guten und bösen Taten. Er wird gebunden an das Rad des karma, gefangen im Netz der māyā. Er muss Geburt nach Geburt durchleben, um die Früchte seiner Handlungen an sich zu erfahren.

Wer Selbstverwirklichung erreicht hat, ist vollkommen frei von allen Wünschen, denn der ātman ist in sich voll, sich selbst genügend. Der Mensch ist dann in ewiger Glückseligkeit, ewigem Frieden und höchster Erfüllung. Wie könnten Wünsche in den Geist eines Menschen eindringen, der ständig den Nektar der Unsterblichkeit trinkt? Alle Wünsche, die ihn zu guten oder schlechten Taten antreiben, sind völlig vernichtet, sogar noch in diesem Körper. Wünsche können in ihm nicht aufkommen, denn der Grund ihrer Entstehung, nämlich Unwissenheit, ist vollständig zerstört.

nāyamātmā pravacanena labhyo na medhayā na bahunā śrutena।
yamevaiṣa vṛṇute tena labhyastasyaiṣa ātmā vivṛṇute tanūṃ svām॥ 3॥

3. Dieser ātman kann nicht erreicht werden durch ständiges Studium der Veden, auch nicht durch Intelligenz und Gelehrsamkeit. Nur der, den das Selbst auswählt, kann das Selbst gewinnen. Ihm offenbart der ātman Seine wahre Natur.

ERLÄUTERUNG: Pravacanena – durch Diskurse, Studium der Veden und heiliger Schriften. Das Studium der heiligen Schriften ist nicht das Hauptmittel, unmittelbares Wissen um brahman zu erwerben. Medhayā – Intelligenz, Erinnerung; śrutena – durch Hören und Lernen.

Es gibt keinen größeren Gewinn als Selbstverwirklichung. Sie ist das höchste Ziel menschlichen Wünschens. Dieser ātman kann nicht durch Studium der Veden, durch Intelligenz oder Gelehrsamkeit erreicht werden.

Man sollte nach der endgültigen Befreiung streben. Man sollte brennendes Verlangen nach brahman haben. Man sollte von ganzem Herzen die Selbstverwirklichung ersehnen. Man sollte Ihn zu erkennen suchen und alles andere hinter sich lassen. Nur dann kann man brahman erreichen.

Genau wie ein irdener Topf seine Form in der Gegenwart des Lichts offenbart, so offenbart der ātman, bislang verhüllt durch Unwissenheit, seine wahre Natur, wenn man Wissen gewinnt.

Wenn die Unwissenheit verfliegt, offenbart sich der ātman, der bereits im Herzen scheint. Mokṣa ist nicht ein Ding, das man gewinnen kann. Mokṣa wird nicht erzeugt. Mokṣa ist schon da! Man muss brahman als sein eigenes Selbst erkennen, indem die Unwissenheit zerstört wird. Brahman ist nicht eine Sache, die von irgendwoher herbeigebracht wird. Er ist das Leben des Lebens. Er wohnt seit jeher im Herzen aller Wesen. Er ist die Seele aller Wesen. Die einzige Bemühung besteht darin, den Schleier der Unwissenheit zu entfernen. Wenn das geschehen ist, leuchtet brahman aus sich selbst heraus auf.

Die bhakti-Doktrin bringt hier die Lehre von der Gnade herein. Sie interpretiert den Vers wie folgt: „Nur der kann Es erreichen, den Es selbst auswählt. Dem offenbart Es Seine eigene Person und Seine wahre Natur“ (vgl. Kaṭha-Upaniṣad 1.2.23).

nāyamātmā balahīnena labhyo na ca pramādāt tapaso vāpyaliṅgāt।
etairupāyairyatate yastu vidvāṃstasyaiṣa ātmā viśate brahmadhāma॥ 4॥

4. Dieser ātman kann nicht erreicht werden von jemandem, der keine Stärke und keine Ernsthaftigkeit besitzt, und auch nicht durch eigenwillige Askese. Wenn aber ein Weiser nach Ihm strebt durch angemessene Mittel, dann tritt sein Selbst in brahman ein.

ERLÄUTERUNG: Prāmadāt – durch jemanden, der nicht ernsthaft ist; tapas – Wissen; Konzentration, die zu Wissen führt; aliṅgāt – nicht autorisiert, nicht entsprechend den Schriften. Dieses Wort gehört zu tapas: Die Askese sollte durch die Schriften autorisiert sein. Sie sollte nicht durch tamas geprägt sein, z.B., indem man den Körper quält.

Liṅga – nach Shankara bedeutet dies sannyāsa. Für ihn ist sannyāsa notwendig, um Selbstverwirklichung zu erlangen. Nur ein sannyāsī ist ein Vollzeitsuchender. Er kann seine ganze Zeit dem Studium und der Meditation widmen. Er ist frei von allen weltlichen Ablenkungen, Bindungen und Anhaftungen. Seine spezielle Kleidung hält ihn davon ab, auf die schiefe Bahn zu geraten und schlechte Handlungen zu begehen. Wenn er sich innerlich gewandelt hat, wenn er bereit ist, in das vierte Lebensstadium einzutreten, warum sollte er Angst davor haben, die orangene Robe anzulegen? Warum sollte er sagen: „Ich habe ja mein Herz eingefärbt“? (um die orangene Robe zu umgehen). Das wäre eine Art Schüchternheit oder sogar Heuchelei. Vāsanās (verborgene Tendenzen) lauern noch in seinem Herzen. Warum wählten Yajñavalkya, Shankara und Rāmakrishna Paramahamsa sannyāsa? Sannyāsa hat seine eigene Herrlichkeit und seine Vorteile. Nur ein sannyāsī kann alle Verbindungen und Bindungen abschneiden. Denn obwohl du „dein Herz eingefärbt hast“ (nämlich orange), werden doch weiterhin alle Familienmitglieder an dir hängen wie Blutegel. Bis an dein Lebensende wirst du Verblendung (moha), Verliebtheit und Bindung an deine Familie nicht ablegen können. Nur wenn du den Weg des sannyāsa gehst, werden sie dich frei lassen. Du bist dann wie tot für sie. Nur dann werden sie dich in Ruhe lassen.

Balahīnena – jemand, der keine Stärke hat. Physische, geistige und moralische Stärke sind notwendig. Rein physische Stärke reicht nicht. Der Sucher sollte Ausdauer, Mut, Glauben, Selbstvertrauen, geistige Kraft, Geduld etc. haben. Nur dann wird er die Schwierigkeiten auf dem Weg ertragen und Hindernisse überwinden können. Nur dann wird er sich nicht durch Misserfolge entmutigen lassen.

Der ātman kann nicht durch Wissen allein erlangt werden, wenn sannyāsa fehlt. Wer ernsthaft (d.h. mit Stärke, Zielgerichtetheit, Geduld, Wissen und sannyāsa) nach dem ātman strebt, wird die Einheit mit brahman erreichen.

saṃprāpyainamṛṣayo jñānatṛptāḥ kṛtātmāno vītarāgāḥ praśāntāḥ।
te sarvagaṃ sarvataḥ prāpya dhīrā yuktātmānaḥ sarvamevāviśanti॥ 5॥

5. Wenn die Weisen den ātman erreicht haben, werden sie zufrieden mit ihrem Wissen; ihr Ziel ist erreicht, sie werden frei von Wünschen und sie sind gelassen. Nachdem sie den alldurchdringenden ātman von allen Seiten her erlangt haben und sich auf ihr Selbst ausrichten, werden sie eins mit allem.

ERLÄUTERUNG: Jñāna-tṛptāḥ – befriedigt durch Wissen; kṛtātmānaḥ – vervollkommnet in der Seele; die den ātman realisiert haben, das höchste Selbst; vītarāgāḥ – ohne Anhaftung, ohne Leidenschaften; sarvagam – alldurchdringend; dhīrāḥ – die Weisen; aviśanti – sie treten ein, gehen ein in.

Dieser Vers erklärt, wie die Weisen in brahman eingehen. Sie kennen brahman, sie finden Befriedigung in Weisheit, sie verlangen nichts anderes. Sie finden keine Freude in äußeren Dingen. Sie werden frei von Anhaftung und Leidenschaften. Ihr Lebenszweck ist erfüllt. Sie sind heiter und gelassen. Sie haben die Sinne unter Kontrolle. Ihr ātman ist eins geworden mit dem höchsten Selbst. Sie sehen überall das alldurchdringende Selbst. Sie haben alle Begrenzungen überwunden, die durch Unwissenheit bedingt sind. Auf diese Weise gehen die Kenner des brahman in brahman ein, d.h. sie gehen in das All ein.

vedāntavijñānasuniścitārthāḥ saṃnyāsayogād yatayaḥ śuddhasattvāḥ।
te brahmalokeṣu parāntakāle parāmṛtāḥ parimucyanti sarve॥ 6॥

6. Nachdem sie zweifelsfrei die Bedeutung des Wissens des vedānta erkannt und ihren Geist durch den Yoga der Entsagung gereinigt haben, erreichen alle Einsiedler die Welt des brahman und werden bei ihrem Tod vollständig frei.

ERLÄUTERUNG: Vedānta-vijñāna-suniścitārthāḥ – nachdem sie zweifelsfrei die Bedeutsamkeit des Wissens des vedānta erkannt haben. Die Suchenden reinigen sich selbst durch den Verzicht auf alle religiösen Handlungen. Sie studieren ātma-jñāna-Texte über vedānta und kommen zu dem klaren Schluss, dass brahman durch unmittelbare Intuition erkannt werden sollte. Sie meditieren über brahman und erreichen das höchste, unsterbliche brahman.

Parāntakāle – zur Zeit des Todes, zur Zeit der Erleuchtung. Shankara interpretiert dieses Wort als „zur Zeit der Erleuchtung“. Für den weltlichen Menschen ist der physische Tod das Ende des Körpers. Wenn man das Wissen um das Selbst erlangt, also Erleuchtung, identifiziert man sich mit dem alldurchdringenden brahman und weiß von da an, dass man nicht der Körper ist. Man hat kein Körperbewusstsein mehr. Dies ist für den Erleuchteten wie ein Tod.

Parāmṛtāḥ – höchste Unsterblichkeit; die, deren ātman das höchste Unsterbliche, brahman, geworden ist. Sie werden das höchste unsterbliche brahman, sogar zu Lebzeiten. Sie werden in brahman absorbiert. Sie gehen nicht zu irgendeiner Welt oder irgendeinem Ort.

Genau wie der Äther im Krug eins wird mit dem universalen Äther, sobald der Krug zerbricht, so wird auch der Kenner des brahman eins mit brahman, sobald sozusagen der Körper nicht mehr existiert. Die śruti und smṛti sagen: „So wie die Fußabdrücke der Vögel in der Luft und die Spuren der Fische im Wasser nicht sichtbar sind, so ist auch die Spur des jīvan-mukta nicht zu sehen.“ Er folgt nicht irgendeiner Straße. Sein prāṇa wird unmittelbar in brahman absorbiert. Nur in der Welt der Phänomene finden wir Bewegung, Ort, Raum und alle möglichen Begrenzungen. Aber brahman ist alldurchdringend und unendlich. Es ist alles. Es ist ganz Fülle. Es gibt keine Bewegung in brahman. Wohin sollte Es gehen, wenn Es doch alldurchdringend ist? Es kann nicht in einem begrenzten Raum gefunden werden, wo Es doch das Ganze ist. Wenn brahman begrenzt wäre im Raum, so hätte Es Form, Teile, Anfang und Ende, wie ein gewöhnliches Objekt. Es wäre nichtewig (vergänglich), veränderlich und abhängig von etwas anderem. Es wäre eine Wirkung, eine Modifikation oder ein Produkt. Aber das alles kann brahman ganz sicher nicht sein. Deswegen kann auch seine Verwirklichung nicht durch örtliche Bedingungen begrenzt sein.

Die Suchenden sind viele; die Welt des brahman, wenngleich eine, erscheint als viele oder wird durch viele verwirklicht. Brahman, wenngleich eins, wird als vielfältig wahrgenommen. Daher wird (in Sanskrit) der Plural „Welten des brah⁠man“ gebraucht. Da brahman die Welt ist, die man erreicht, bedeutet „Welten des brahman“ einfach „brahman“.

gatāḥ kalāḥ pañcadaśa pratiṣṭhā devāśca sarve pratidevatāsu।
karmāṇi vijñānamayaśca ātmā pare'vyaye sarva ekībhavanti॥ 7॥

7. Ihre fünfzehn kalās (Teile) gehen ein in ihre Elemente, ihre devas in deren entsprechende devas. Ihre karmas und ihr Selbst, voll des Wissens, werden eins im höchsten und unvergänglichen brahman.

ERLÄUTERUNG: Kalāḥ – Teile: prāṇa etc. (siehe Praśna-Upaniṣad 6.4); devāḥ – die Sinne bzw. die Kräfte, die den Sinnen innewohnen, wie z.B. in den Augen; pratiṣṭhā – Quelle, die Elemente; vijñānamayaḥ ātmā – das Selbst, voller Wissen.

Die Kenner des Selbst wissen: Erlösung ist die Befreiung von Bindung, saṃsāra, Unwissenheit usw. Während der Befreiung gehen die kalās, d.h. die prāṇas, zurück in ihre jeweilige Quelle. Die Sinne gehen zu den entsprechenden Gottheiten, wie z.B. der Sonne.

Karmas – das bezieht sich auf die Handlungen, die noch nicht begonnen haben, Früchte zu tragen.

Das „Selbst voll des Wissens“ bedeutet: „der ātman, der durch den Intellekt begrenzt ist“. Wenn die begrenzenden Bedingungen entfernt worden sind, dann werden sie eins in brahman, dem Höchsten, Unvergänglichen, Unsterblichen, Alldurchdringenden (wie der ākāśa), ohne Geburt, ohne Verfall, nicht beschreibbar, furchtlos, ohne Vorher und Nachher, ohne Innen und Außen, ohne ein Zweites, nichtbedingt – so wie die Widerspiegelungen der Sonne eins werden mit der Sonne, wenn die Gefäße mit Wasser, in denen sich die Sonne gespiegelt hat, kaputt gehen; und genau wie der Äther im Krug eins wird mit dem universalen Äther, wenn der Krug zerbricht.

yathā nadyaḥ syandamānāḥ samudre'staṃ gacchanti nāmarūpe vihāya।
tathā vidvān nāmarūpād vimuktaḥ parātparaṃ puruṣamupaiti divyam॥ 8॥

8. Genau wie die Flüsse in dem Ozean verschwinden und dabei ihre Namen und Formen verlieren, so geht auch ein Sehender, frei von Name und Form, zu der göttlichen Person, die größer ist als das Größte.

ERLÄUTERUNG: Nadyaḥ – Flüsse; syandamānāḥ – fließend; parātparam – größer als der Größte, der jenseits des avyakta ist; divyam – göttlich; puruṣa – Person.

So wie die Flüsse (Ganges, Yamuna etc.) ihre Individualität aufgeben und ihre Namen und Formen verlieren, wenn sie in den Ozean münden, so verliert auch der jīvan-mukta seinen Namen und seine Form, die durch Unwissenheit entstanden sind, und erreicht den strahlenden puruṣa wie oben beschrieben, der jenseits des avyakta ist und der der Höchste der Hohen ist.

Nāmarūpa – Name und Form, Individualität.

sa yo ha vai tat paramaṃ brahma veda brahmaiva bhavati nāsyābrahmavit kule bhavati।
tarati śokaṃ tarati pāpmānaṃ guhāgranthibhyo vimukto'mṛto bhavati॥ 9॥

9. Wer jenes höchste brahman kennt, wird wahrlich brahman. Unter seinen Nachkommen wird niemand geboren werden, der nicht brahman kennt. Er überwindet Kummer, Gut und Schlecht und wird unsterblich, frei von den Fesseln des Herzens.

ERLÄUTERUNG: Saḥ – er; yaḥ – der (Relativpronomen); ha vai – wahrlich (direkt); tat – Das; paramam brahma – das höchste brahman; veda – weiß; brahma eva bhavati – wird wahrlich brahman.

Sa yo ha vai tat paramaṃ brahma veda brahmaiva bhavati – „Wer das höchste brahman direkt erkennt, wird wahrlich selbst brahman“; nāsyābrahmavit kule bhavati – „In seiner Familie wird niemand geboren werden, der brahman nicht kennt“; tarati śokaṃ tarati pāpmānaṃ guhāgranthibhyo vimukto'mṛto bhavati – „Er lässt Kummer und Sünde hinter sich und wird unsterblich, frei von den Fesseln des Herzens.“

Das Wort paramam („das höchste“) bezieht sich auf das höchste brahman, das rein ist und frei von māyā. Paramaṃ brahma unterscheidet sich von saguṇa-brah⁠man bzw. Īśvara (als persönlicher Gott).

Keine Hindernisse können dem Kenner des brahman im Wege stehen. Kein deva kann ihn in Versuchung führen, etwa in den Himmel zu kommen oder irgendeinen anderen Weg einzuschlagen. Alle Hindernisse sind bereits durch Wissen beseitigt. Er wird der ātman aller devas und anderer.

Er geht über Gut und Böse hinaus, über Tugend und Sünde und, frei von den Fesseln des Herzens, die durch Unwissenheit erzeugt waren, erreicht er Unsterblichkeit.

Die Fesseln des Herzens sind Unwissenheit (avidyā), Wunsch (kāma) und Handlung (karma). Diese Fesseln verhindern, dass man Wissen vom Selbst gewinnt. Wenn diese Fesseln durchschnitten sind, erreicht man Erleuchtung.

tadetadṛcā'bhyuktam- kriyāvantaḥ śrotriyā brahmaniṣṭhāḥ svayaṃ juhvata ekarṣiṃ śraddhayantaḥ।
teṣāmevaitāṃ brahmavidyāṃ vadeta śirovrataṃ vidhivad yaistu cīrṇam॥ 10॥

10. Folgendes wird gesagt in dem Ṛg-Vers: „Dieses Wissen um brahman soll nur an die weitergegeben werden, die die vorgeschriebenen Handlungen (karma) ausführen, die voll bewandert sind in den Veden und etabliert sind in (dem niederen) brahman, die voller Glaube sind, die selbst die Gaben in das Feuer ekarṣi opfern und die das śirovrata-Gelübde (Tragen des Opferfeuers auf dem Kopf) durchführen, entsprechend den Regeln (der atharvans).

ERLÄUTERUNG: Dieser Vers nennt die Regeln für das Lehren des Wissens um brah⁠man.

Kriyāvantaḥ – die, die heilige Rituale durchführen; śrotrīyaḥ – wohlbewandert in den Veden; brahmaniṣṭhāḥ – dem brahman hingegeben, zentriert in brahman; diejenigen, die engagiert sind in der Verehrung des saguṇa-brahman (des manifesten brahman) und sich danach sehnen, nirguṇa-brahman zu erkennen, das unmanifeste, transzendente, triguṇātīta-brahman.

Dieses Wissen sollte denjenigen gelehrt werden, die ihr Herz gereinigt haben, indem sie die karmas ausführen, die durch die Schriften vorgeschrieben sind, und die dadurch innerlich bereit sind, die Lehren zu empfangen; die auf brahman ausgerichtet sind, die in das Feuer ekarṣi opfern und die śirovrata befolgen.

Śirovrata – das wohlbekannte vedische Gelübde, das im Atharva-Veda erwähnt wird. Es ist das Gelübde, Feuer auf dem Kopf zu tragen. Es bedeutet hier offensichtlich das Kopfgelübde, sannyāsa, Entsagung, das vierte Stadium des Lebens. Es bezieht sich auf die sannyāsa-Zeremonie, bei der der Kopf geschoren wird. Diese Upanishad heißt muṇḍaka, „der Kahlgeschorene“. Die Aufnahmebedingung für das Studium dieser Upanishad, nämlich den Kopf kahl zu scheren, gab ihr den Namen. Deswegen kann man mit gutem Grund behaupten, dass śirovrata hier auf die sannyāsa-Zeremonie hinweist, bei der der Kopf kahl rasiert wird.

tadetat satyamṛṣiraṅgirāḥ purovāca naitadacīrṇavrato'dhīte।
namaḥ paramaṛṣibhyo namaḥ paramaṛṣibhyaḥ॥ 11॥

11. Wer sein Gelübde nicht eingehalten hat, sollte dies nicht studieren. Das ist die Wahrheit. Der ṛṣi Aṅgiras erklärte dies (dem Śaunaka) vor langer Zeit. Verbeugung vor den großen ṛṣis! Verbeugung vor den großen ṛṣis!

ERLÄUTERUNG: Der ṛṣi Aṅgiras lehrte diese wahre Wissenschaft von brahman vor langer Zeit dem Śaunaka, der sich ihm in angemessener Form genähert und ihn über diese Dinge befragt hatte. Gleicherweise sollten alle Erleuchteten diese höchste Wissenschaft, brahma-vidyā, an denjenigen weitergeben, der qualifiziert ist, nach Befreiung verlangt und den spirituellen Lehrer angemessen gefragt hat. Das Studium der Upanishaden ist für diejenigen, die eine spirituelle Ausrichtung haben, die frei sind von Leidenschaften, die unterscheidungsfähig sind, sich selbst kontrolliert haben, ernsthaft sind, rein, alles hinter sich gelassen haben und die nach endgültiger Befreiung verlangen. Sie sollten auch die Gelübde von ahiṃsā (Gewaltlosigkeit), satya (Wahrhaftigkeit) und brahma-carya (Zölibat) eingehalten haben. Nur solche Menschen werden wahrhaft Gewinn aus diesem Studium ziehen. Eine Upanishad ist kein Buch, das man als Hobby oder zum reinen Vergnügen studieren sollte. Das Studium wird nur für die fruchtbar sein, die ihre Gelübde beachten und sich streng an ihren Entschluss halten.

Das Wissen um brahman ist, beginnend von Brahmā, durch eine Abfolge von Lehrern und Schülern bis in unsere Zeit weitergegeben worden.

Ich werfe mich nieder vor den großen ṛṣis, Erleuchteten und brahma-vidyā-gurus Narāyaṇa, Brahmā, Vasiṣṭha, Śakti, Vyāsa, Śuka, Gauḍapāda, Govindapāda, Shankara und allen anderen, die brahman durch Intuition unmittelbar erkannt und verwirklicht haben. Ihnen allen tiefste Verehrung!

Die Wiederholung namaḥ parama-ṛṣibhyo namaḥ parama-ṛṣibhyaḥ soll die höchste Verehrung gegenüber den großen ṛṣis und Erleuchteten ausdrücken und gleichzeitig das Ende der Muṇḍaka-Upaniṣad anzeigen.

HIER ENDET DER ZWEITE KHAṆḌA DES DRITTEN MUṆḌAKA

UND SOMIT DIE MUṆḌAKA-UPANIṢAD.

Abschluss-Mantra

oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devāḥ bhadraṃ paśyemākṣibhiryajatrāḥ ।
sthirairaṅgaistuṣṭuvāṃsastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ ।
svasti na indro vṛddha-śravāḥ svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ ।
svasti nastārkṣyo 'ariṣṭanemiḥ svasti no bṛhaspatirdadhātu ॥
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ॥

Oṃ, o Götter, mögen wir mit unseren Ohren hören, was glückverheißend ist; o Ihr, die Ihr verehrungswürdig seid, mögen wir mit unseren Augen sehen, was glückbringend ist. Mögen wir uns des Lebens erfreuen, das uns von den Göttern zugeteilt worden ist, indem wir unseren Lobpreis anbieten, mit unseren Körpern starker Glieder. Möge Indra, der machtvolle, ruhmvoll seit alters, uns Wohlstand gewähren. Möge Er, der Nahrungsgeber und Besitzer von Reichtum, uns geben, was gut für uns ist. Möge der Herr von schneller Bewegung uns gnädig sein und möge der Beschützer der Großen auch uns beschützen. Oṃ, Frieden, Frieden, Frieden.

Mundaka Upanishad in der Übersetzung von Shri Aurobindo

Übertragung ins Deutsche nach der Dritten überarbeiteten Fassung von Shri Aurobindo

Erster Mundaka, erster Abschnitt

1. Brahma, der erste der Götter, wurde geboren, der Schöpfer von allem, der Beschützer der Welt; er verkündete Atharvan, seinem ältesten Sohn, die Gotteserkenntnis, in der alle Wissenschaften ihre Grundlage haben.

2. Das Gott-Wissen, das Brahma Atharvan erklärte, erklärte Atharvan von alters her Angir; er erzählte es Satyavaha, der Bharadwaja, der Bharadwaja erzählte es Angiras, sowohl das höhere als auch das niedere Wissen.

3. Shaunaka, der große Hausherr, kam zu Angiras, wie es sich für einen Schüler geziemt, und fragte ihn: "Herr, durch welches Wissen wird all das, was ist, bekannt?"

4. So sprach Angiras zu ihm: Zweifach ist das Wissen, das erkannt werden muss, von dem die Wissenden des Brahmans erzählen, das höhere und das niedere Wissen.

5. Das niedere ist der Rig-veda und der Yajur-veda, der Sama-veda und der Atharva-veda, der Gesang, das Ritual, die Grammatik, die etymologische Interpretation, die Prosodie und die Astronomie. Und dann das Höhere, durch das man das Unwandelbare kennt.

6. Das Unsichtbare, das Unerfassbare, ohne Verbindungen, ohne Farbe, ohne Auge oder Ohr, das, was ohne Hände und Füße ist, ewig, durchdringend, das in allen Dingen ist und ungreifbar, das, was unvergänglich ist, das, was der Schoß der Geschöpfe ist, das die Weisen überall sehen.

7. Wie die Spinne aus- und eingeht, wie Kräuter auf der Erde sprießen, wie Kopf- und Körperhaare aus einem lebendigen Menschen wachsen, so wird hier alles aus dem Unwandelbaren geboren.

8. Brahman wächst durch seine wirkende Energie, und dann wird aus Ihm die Materie geboren, und aus der Materie das Leben, der Geist, die Wahrheit und die Welten, und in den Werken die Unsterblichkeit.

9. Er, der der Allwissende, der Allweise ist, Er, dessen Energie ganz aus Wissen besteht, aus Ihm wird das geboren, was hier Brahman ist, dieser Name und diese Form und diese Materie.

Erster Mundaka, erster Abschnitt

1. Dies ist das, die Wahrheit der Dinge: Werke, die die Weisen in den Mantras [=die inspirierten Verse des Veda] erblickten, wurden in der Treta [=das zweite der vier Zeitalter] mannigfaltig erweitert. Werke verrichtet ihr religiös mit einer Leidenschaft für die Wahrheit; dies ist euer Weg zum Himmel der guten Taten.

2. Wenn das Feuer des Opfers entfacht ist und die Flamme schwankt und bebt, dann werft zwischen den doppelten Güssen von Butter mit Vertrauen eure Opfergaben hinein.

3. Denn derjenige, dessen Altarfeuer leer ist vom Neumondopfer und vom Vollmondopfer und vom Regenopfer und vom Erstlingsopfer, oder der nicht gefüttert wird, oder der ohne rechtes Ritual gefüttert wird, oder ohne Gäste oder ohne die Abgaben an die Vishwa-Devas, der zerstört seine Hoffnung auf alle sieben Welten.

4. Kali, die Schwarze, Karali, die Schreckliche, Manojava, die Gedankenschnelle, Sulohita, die Blutrote, Sudhumravarna, die Rauchfarbene, Sphulingini, die Funkenverstreuende, Vishwaruchi, die All-Schöne, das sind die sieben schwingenden Zungen des Feuers.

5. Derjenige, der in ihnen, wenn sie hell lodern, die Riten zu ihrer Zeit vollzieht, den nehmen seine Opferfeuer auf, und sie führen ihn, diese Strahlen der Sonne, dorthin, wo der Oberste der Götter in der Höhe wohnt.

6. "Komm mit uns", "Komm mit uns", rufen sie ihm zu, diese leuchtenden Opferfeuer, und sie tragen ihn an den Strahlen der Sonne, sprechen zu ihm angenehme Worte der Süße, erweisen ihm die Ehre: "Dies ist deine heilige Welt des Brahman und der Himmel deiner Rechtschaffenheit."

7. Aber zerbrechlich sind die Opferschiffe, zerbrechlich diese Opferformen, alle achtzehn von ihnen, in denen die niederen Werke erklärt werden; Toren sind sie, die sie als das höchste Gut anpreisen, und sie kommen wieder in diese Welt des Alters und des Todes.

8. Diejenigen, die verschlossen in der Unwissenheit wohnen und sich für Gelehrte halten und denken: "Wir, ja wir sind die Weisen und die Weisen" - Toren sind sie und sie irren geschlagen und stolpernd umher wie Blinde, die von Blinden geführt werden.

9. Sie verweilen in vielen Fesseln der Unwissenheit, Kinder, die denken: "Wir haben unser Ziel, das Paradies, erreicht"; denn wenn die Menschen der Werke von ihren Neigungen festgehalten werden und nicht zum Wissen gelangen, dann werden sie von der Angst übermannt, dann vergeht ihr Paradies durch das Genießen, und sie fallen aus ihren Himmeln.

10. Die verwirrten Gemüter, die das dargebrachte Opfer und den gegrabenen Brunnen für die größte Gerechtigkeit halten und kein anderes höchstes Gut kennen, genießen auf dem Rücken des Himmels die durch ihre Gerechtigkeit gewonnene Welt und gehen wieder in diese oder sogar in eine niedrigere Welt ein.

11. Diejenigen aber, die im Wald dem Glauben und der Selbstzucht folgen, ruhig und voller Wissen, von Almosen lebend, werfen den Staub ihrer Leidenschaften von sich, und durch das Tor der Sonne gehen sie dorthin, wo das Unsterbliche, der Geist, das unvergängliche und unvergängliche Selbst ist.

12. Der Sucher des Brahmanen, der die durch Werke angehäuften Welten auf die Probe gestellt hat, gelangt zur Weltabstinenz, denn nicht durch getanes Werk wird der Ungeschaffene erreicht. [Oder: "Er, der Ungeschaffene, lebt nicht von dem, was gemacht ist." Wörtlich: "Nicht durch das Gemachte (oder durch das, was getan wird) wird der Ungeschaffene erreicht."] Um das Wissen darüber zu erlangen, soll er sich mit dem Brennstoff in der Hand an einen Guru wenden, der in den Veden gelehrt ist und sich der Kontemplation des Brahman widmet.

13. Ihm, der bei ihm vollkommene Zuflucht genommen hat, mit ruhigem Herzen und friedvollem Geist, erklärt dieser Wissende die Wissenschaft des Brahman in ihren Grundsätzen, durch die man den unveränderlichen Geist, das Wahre und Wirkliche, kennenlernt.

Zweiter Mundaka, erster Abschnitt

1. Dies ist Das, die Wahrheit der Dinge: Wie aus einem hoch entfachten Feuer tausende verschiedener Funken geboren werden und alle dieselbe Form des Feuers haben, so, oh schöner Sohn, werden aus dem unveränderlichen mannigfaltigen Werden geboren und gehen sogar in dieses über.

2. Er, der göttliche, der formlose Geist, ist das Äußere und das Innere, und er ist der Ungeborene; er ist jenseits des Lebens, jenseits des Verstandes, leuchtend, der Höchste jenseits des Unveränderlichen.

3. Leben und Verstand und die Sinne werden von Ihm geboren und der Himmel und der Wind und das Licht und die Gewässer und die Erde, die alles, was ist, aufrechterhalten.

4. Feuer ist das Haupt von Ihm und Seine Augen sind die Sonne und der Mond, die Viertel sind Seine Hörorgane und die offenbarten Veden sind Seine Stimme, Luft ist Sein Atem, das Universum ist Sein Herz, die Erde liegt zu Seinen Füßen. Er ist das innere Selbst in allen Wesen.

5. Von Ihm kommt das Feuer, dessen Brennstoff die Sonne ist, dann der Regen aus dem Soma, die Kräuter auf der Erde, und der Mann wirft seinen Samen in die Frau: So werden diese vielen Völker aus dem Geist geboren.

6. Von Ihm kommen die Hymnen des Rig-veda, des Sama und des Yajur, die Einweihung und alle Opfer und Opferwerke und die gegebenen Abgaben, das Jahr und der Geber des Opfers und die Welten, auf die der Mond und die Sonne scheinen.

7. Und von Ihm sind viele Götter und Halbgötter und Menschen und Tiere und Vögel ausgegangen, der Hauptatem und der Abwärtsatem, und Reis und Gerste, und Askese und Glaube und Wahrheit, und Keuschheit und Regel der rechten Übung.

8. Die sieben Atemzüge werden von Ihm geboren und die sieben Lichter und die sieben Arten von Brennstoff und die sieben Opfergaben und diese sieben Welten, in denen sich die Lebensatmer bewegen, die im Inneren mit dem geheimen Herzen als ihre Wohnstätte festgelegt sind, sieben und sieben.

9. Von Ihm sind die Ozeane und all diese Berge, und von Ihm fließen Flüsse in allen Formen, und von Ihm sind alle Pflanzen und die empfindsame Wonne, die die Seele dazu bringt, bei den materiellen Elementen zu verweilen.

10. Der Geist ist dieses ganze Universum; Er ist das Werk und die Askese und das Brahman, das Höchste und Unsterbliche. Oh schöner Sohn, wer dies im geheimen Herzen verborgen weiß, der zerschlägt sogar hier in dieser Welt den Knoten der Unwissenheit.

Zweiter Mundaka, zweiter Abschnitt

1. Manifestiert ist es hier, dicht im Inneren, sich im geheimen Herzen bewegend, dies ist das mächtige Fundament, und ihm ist alles, was sich bewegt und atmet und sieht, anvertraut. Dies ist das große Fundament hier, wisse, als das Ist und Nicht-Ist, das höchst Erstrebenswerte, Größte und Allerhöchste, jenseits des Wissens der Geschöpfe.

2. Das, was das Leuchtende ist, das, was kleiner ist als die Atome, das, worin die Welten und ihre Völker gesetzt sind, das ist Das, - es ist das unveränderliche Brahman: das Leben ist Das, es ist Sprache und Geist. Das ist Das, das Wahre und Wirkliche, das ist Das, was unsterblich ist: in Das musst du eindringen, oh schöner Sohn, in Das eindringen.

3. Nimm den Bogen der Upanishad, diese mächtige Waffe, spanne einen Pfeil, der durch Anbetung geschärft ist, spanne den Bogen mit einem Herzen, das ganz der Kontemplation Jenes gewidmet ist, und, oh schöner Sohn, dringe in Jenes als dein Ziel ein, sogar in das Unwandelbare.

4. OM ist der Bogen und die Seele ist der Pfeil, und Das, sogar das Brahman, wird als das Ziel bezeichnet. Das muss mit einem unbeugsamen Ziel durchbohrt werden; man muss in Das absorbiert werden, wie ein Pfeil sich in seinem Ziel verliert.

5. Derjenige, in dem Himmel und Erde und die mittlere Region und der Geist mit allen Lebensströmen verwoben sind, den sollst du als das eine Selbst erkennen und andere Worte von dir weisen: Das ist die Brücke zur Unsterblichkeit.

6. Wo die Nerven dicht beieinander liegen wie die Speichen eines Wagenrads, da ist Er, der sich im Inneren bewegt, - da ist Er vielfältig geboren. Meditiere über das Selbst als OM und glücklich sei dein Übergang zum anderen Ufer jenseits der Dunkelheit.

7. Der Allwissende, der Allweise, dessen Macht und Majestät auf der Erde ist, ist dieses Selbst, das in der göttlichen Stadt des Brahman, in seinem ätherischen Himmel thront.

8. Ein geistiges Wesen, Führer des Lebens und des Körpers, hat ein Herz in die Materie gesetzt, in der Materie hat es sein festes Fundament genommen. Durch sein Wissen sehen die Weisen überall um sich herum das, was in seinem Glanz erstrahlt, eine Form von Glückseligkeit und Unsterblichkeit.

9. Der Knoten der Herzensfesseln ist zerrissen, alle Zweifel sind weggeschnitten, und die Werke eines Menschen sind verbraucht und vergehen, wenn das gesehen wird, was zugleich das Wesen unten und das Höchste ist.

10. In einer höchsten goldenen Hülle liegt das Brahman, makellos, ohne Teile. Ein Glanz ist das, es ist das Licht der Lichter, es ist das, was die Selbsterkenner erkennen.

11. Dort scheint die Sonne nicht und der Mond hat keinen Glanz und die Sterne sind blind; dort blitzen diese Blitze nicht, wie soll dann dieses irdische Feuer brennen? Alles, was leuchtet, ist nur der Schatten Seines Scheins; das ganze Universum ist von Seinem Licht durchflutet.

12. All dies ist das unsterbliche Brahman, nichts anderes; Brahman ist vor uns, Brahman ist hinter uns, und südlich von uns und nördlich von uns [oder: "rechts und links von uns"] und unter uns und über uns; es erstreckt sich überall. All das ist Brahman allein, dieses ganze herrliche Universum.

Dritter Mundaka, erster Abschnitt

1. Zwei Vögel, schön an Flügeln, enge Gefährten, klammern sich an einen gemeinsamen Baum: von den beiden frisst einer die süße Frucht des Baumes, der andere frisst nicht, sondern beobachtet seinen Gefährten.

2. Die Seele ist der Vogel, der auf dem einen gemeinsamen Baum sitzt; aber weil er nicht der Herr ist, ist er verwirrt und hat Kummer. Wenn er aber den anderen sieht, der der Herr und Geliebte ist, weiß er, dass alles seine Größe ist, und sein Kummer weicht von ihm.

3. Wenn er als Sehender den Goldenen, den Schöpfer, den Herrn, den Geist sieht, der die Quelle des Brahman ist [oder: "dessen Quelle Brahman ist"; Shankara lässt die andere Bedeutung als Alternative zu, erklärt sie aber als "die Quelle des niederen Brahman"], dann wird er zum Wissenden und schüttelt Sünde und Tugend von seinen Flügeln; rein von allem Makel erreicht er die höchste Identität. [Oder: "Rein von aller Befleckung gelangt er zur höchsten Gleichheit"].

4. Dies ist das Leben in den Dingen, das sich in all diesen Wesen manifestiert; ein Mann des Wissens, der dies vollständig erkennt, zieht sich von Glaubensbekenntnissen und zu viel Streitereien zurück. Im Selbst seine Wonne, im Selbst spielend, Werke tuend, - der Beste ist er unter den Wissenden des Ewigen.

5. Das Selbst kann immer durch Wahrheit gewonnen werden, durch Selbstdisziplin, durch ganzheitliches Wissen, durch ein Leben der Reinheit, - dieses Selbst, das im inneren Körper ist, strahlend, ganz aus Licht gemacht, das, durch das Vergehen ihrer Makel, die Macher der Askese erblicken.

6. Es ist die Wahrheit, die siegt, und nicht die Falschheit; durch die Wahrheit wurde der Pfad der Götterreise ausgestreckt, durch den die Weisen, die ihr Verlangen gewinnen, dorthin aufsteigen, wo die Wahrheit ihren höchsten Wohnsitz hat.

7. Weit ist das, göttlich, seine Form unvorstellbar; es leuchtet feiner als das Feine [oder "kleiner als das Winzige"], sehr weit und weiter als die Klarheit, es ist uns hier nahe, für diejenigen, die Vision haben, ist es sogar hier in dieser Welt; es ist hier, verborgen im geheimen Herzen.

8. Das Auge kann ihn nicht erfassen, die Sprache kann ihn nicht erfassen, auch nicht diese anderen Gottheiten; nicht durch Strenge kann er festgehalten werden, auch nicht durch Werke: erst wenn das Innere durch eine frohe Gelassenheit der Erkenntnis gereinigt ist, dann schaut man in der Tat, meditierend, den Geist unteilbar.

9. Dieses Selbst ist subtil und muss von einem Gedanken-Geist erkannt werden, in den die Lebenskraft ihren fünffachen Eingang gefunden hat: Das ganze bewusste Herz der Geschöpfe ist von den Strömen der Lebenskraft durchdrungen und durchwoben, und nur wenn es gereinigt ist, kann dieses Selbst seine Macht offenbaren. [Das Verb vibhavati scheint hier eine komplexe Bedeutung zu haben und bedeutet "seine volle Kraft und durchdringende Gegenwart manifestieren".]

10. Auf welche Welt der Mensch, dessen inneres Wesen gereinigt ist, das Licht seines Geistes wirft und welche Wünsche er hegt, diese Welt nimmt er durch Eroberung ein, und diese Wünsche. Wer also nach Erfolg und Wohlergehen strebt, möge sich mit Ehrerbietung einem Selbsterkenner nähern.

Dritter Mundaka, zweiter Abschnitt

1. Er kennt dieses höchste Brahman als den höchsten bleibenden Ort, in dem die strahlende Welt eindringlich erstrahlt. Die Weisen, die ohne Verlangen sind und den Geist verehren, gehen jenseits dieses Spermas. [Shankara versteht es so im Sinne des männlichen Samens, der die Ursache der Geburt in den Kosmos ist. Aber es ist möglich, dass es eher bedeutet: "über dieses strahlende Universum hinausgehen", die strahlende Welt, von der gerade gesprochen wurde, zu dem größeren Licht, das sein Aufenthaltsort und seine Quelle ist, dem höchsten Brahman.]

2. Wer Begierden hegt und sein Geist bei seinen Sehnsüchten verweilt, wird durch seine Begierden wiedergeboren, wohin sie ihn auch führen; aber der Mensch, der alle seine Begierden gewonnen [oder: "mit den Begierden abgeschlossen"] und seine Seele gefunden hat, für den verschwinden sogar hier in dieser Welt alle Begierden.

3. Dieses Selbst wird nicht durch Exegese gewonnen, noch durch Verstandeskraft, noch durch viel Lernen der Schrift. Nur von dem, den es erwählt, kann es gewonnen werden; ihm enthüllt dieses Selbst seinen eigenen Körper.

4. Dieses Selbst kann nicht von jemandem gewonnen werden, der ohne Kraft ist, noch mit Irrtum in der Suche, noch durch eine Askese ohne das wahre Zeichen; aber wenn ein Mann des Wissens durch diese Mittel strebt, geht sein Selbst in Brahman ein, seinen bleibenden Ort.

5. Die Seher, die zu ihm gelangen, erfreut durch die Fülle des Wissens, vervollkommnet im Selbst, alle Leidenschaften von sich geworfen, beruhigt, - diese, die Weisen, kommen von allen Seiten zum Allesdurchdringenden und gehen, sich mit ihm vereinigend, ganz in das All ein.

6. Diejenigen, die die Askese praktizieren, die sich des Ziels [oder "Sinns"] des Vedanta-Ganzheitswissens vergewissert haben, das innere Wesen, das durch den Yoga der Entsagung gereinigt wurde, alle werden in der Stunde ihres letzten Endes, wenn sie über den Tod hinausgehen, in die Welten des Brahman entlassen.

7. Die fünfzehn Teile kehren in ihre Fundamente zurück, und alle Götter gehen in ihre eigenen Gottheiten, Werke und das Selbst des Wissens über, - alle werden eins im Höchsten und Unvergänglichen.

8. Wie die Flüsse in ihrem Fließen ihre Heimat [oder: ihr Ende] im Ozean erreichen und ihre Namen und Formen ablegen, so wird auch der Wissende von Namen und Form befreit und erreicht das Höchste jenseits des Höchsten, sogar die göttliche Person.

9. Wahrlich, wer das Höchste Brahman kennt, wird selbst Brahman; in seinem Geschlecht wird niemand geboren, der nicht das Brahman kennt. Er geht über den Kummer hinaus, er geht über die Sünde hinaus, er wird von der verknoteten Schnur des geheimen Herzens befreit und wird unsterblich.

10. Dies ist das, was der Rig-veda erklärt. Menschen, die Werke vollbringen, die in der Veda bewandert sind, Menschen, die im Brahman versunken sind, die ihren Glauben an den Allein-Seher setzen und ihm Opfer darbringen, zu ihnen sollte man dieses Brahman-Wissen sprechen, Menschen, die das Gelübde des Hauptes gemäß dem Ritus vollzogen haben.

11. Dies ist das, die Wahrheit der Dinge, von der der Seher Angiras vor langer Zeit sprach. Dies lernt keiner, der nicht das Gelübde des Hauptes abgelegt hat. Gegrüßt seien die obersten Seher! Gegrüßt seien die höchsten Seher!


Mundaka Upanishad in der Übersetzung von Swami Nikhilananda

Übertragen ins Deutsche

Invokation

Om. Mögen wir, oh Götter, mit unseren Ohren hören, was verheißungsvoll ist! Mögen wir, oh verehrte Götter, mit unseren Augen sehen, was gut ist! Mögen wir, stark an Gliedern und Körper, dein Lob singen und das Leben genießen, das uns von Prajapati zugewiesen wurde!

Om. Friede! Friede! Friede!

Erster Mundaka Abschnitt I

1 Om. Brahma, der Schöpfer des Universums und der Erhalter der Welt, war der Erste unter den Devas. Er erzählte seinem ältesten Sohn Atharva vom Wissen des Brahman, der Grundlage allen Wissens.

2 Das Wissen von Brahman, von dem Brahma Atharva erzählte, erzählte Atharva in alten Zeiten Angir. Angir lehrte es Satyavaha, der zum Clan von Bharadvaja gehörte, und dieser lehrte es nacheinander Angiras

3 Saunaka, der große Hausvater, näherte sich Angiras in der angemessenen Weise und sagte: "Verehrter Herr, was ist das, durch dessen Kenntnis all dies bekannt wird?

4 Er antwortete ihm: Zwei Arten von Wissen müssen erkannt werden. Das ist es, was uns die Kenner des Brahman sagen. Es sind das Höhere Wissen und das Niedere Wissen.

5 Von diesen beiden ist das niedere Wissen der Rig Veda, der Yagur Veda, der Sama Veda, der Atharva Veda, siksha (Phonetik), kalpa (Rituale), vyakaranam (Grammatik), nirukta (Etymologie), chhandas (Metrik) und jyotis (Astronomie); und das höhere Wissen ist das, durch das das unvergängliche Brahman erreicht wird.

6 Durch das Höhere Wissen sehen die Weisen überall Brahman, das sonst nicht gesehen oder ergriffen werden kann, das keine Wurzel oder Eigenschaften, keine Augen oder Ohren, keine Hände oder Füße hat, das ewig und allgegenwärtig, alles durchdringend und äußerst subtil ist, das unvergänglich und die Quelle aller Wesen ist.

7 Wie die Spinne ihren Faden aussendet und einzieht, wie Pflanzen auf der Erde wachsen, wie Haare auf dem Kopf und am Körper eines lebenden Menschen wachsen, so entsteht alles im Universum aus dem Unvergänglichen.

8 Brahman dehnt sich durch Entbehrung aus, und aus ihm entsteht die Urmaterie, aus der Materie das Prana, aus dem Prana der Geist, aus dem Geist die Elemente, aus den Elementen die Welten, daraus die Werke und aus den Werken ihre unsterblichen Früchte.

9 Für den, der alles weiß und alles versteht, dessen Enthaltsamkeit im Wissen besteht. Aus Ihm, dem unvergänglichen Brahman, sind Brahma, Name, Form und Nahrung geboren.

Erster Mundaka Abschnitt II

1 Dies ist die Wahrheit: Die Opferhandlungen, die den Rishis in den Hymnen offenbart wurden, sind in den drei Veden auf vielerlei Weise beschrieben worden. Praktiziere sie und sei bestrebt, ihre wahren Ergebnisse zu erreichen. Dies ist euer Weg, der zu den Früchten eurer Werke führt.

2 Wenn das Feuer gut angezündet ist und die Flammen flackern, soll ein Mann seine Opfergaben in dem Raum zwischen den beiden Portionen geschmolzener Butter darbringen.

3 Wenn das Agnihotra-Opfer eines Menschen nicht von dem Darsa- und dem Paurnamasa-Opfer, dem Vier-Monats-Opfer und dem Herbstopfer begleitet wird, wenn es nicht von Gastfreundschaft gegenüber den Gästen begleitet wird oder wenn die Opfergaben nicht zur richtigen Zeit dargebracht werden, oder wenn das Opfer nicht von der Vaisvadeva-Zeremonie begleitet wird oder unsachgemäß durchgeführt wird, dann zerstört es seine sieben Welten.

4 Kali (die Schwarze), Karali (die Schreckliche), Manojava (die Schnelle), Sulohita (die Sehr Rote), Sudhumravarna (von der Farbe des hellen Rauchs, violett), Splulingini (die Funkelnde) und die leuchtende Visvaruchi (die Allschimmernde, Allgestaltige) - diese sieben bilden, umherflackernd, die sieben Zungen des Feuers.

5 Ein Mann, der die Opfer durchführt, wenn diese Flammen leuchten, und zur rechten Zeit Opfergaben darbringt, wird durch diese Opfergaben auf den Strahlen der Sonne dorthin getragen, wo der alleinige Herrscher der Götter wohnt.

6 Die leuchtenden Opfergaben sagen zu den Opfernden: Kommt hierher! Komm hierher! Und führt ihn auf den Strahlen der Sonne, indem ihr ihn die ganze Zeit verehrt und ihn mit den angenehmen Worten begrüßt: Dies ist der heilige Himmel von Brahma, verdient durch deine guten Taten.

7 Aber zerbrechlich sind diese Opferflöße, die von achtzehn Personen geführt werden, auf denen das minderwertige Werk ruht; deshalb sind sie zerstörbar. Toren, die sich an ihnen als dem höchsten Gut erfreuen, fallen immer wieder dem Alter und dem Tod zum Opfer.

8 Narren, die in der Finsternis wohnen, aber weise in ihrer eigenen Einbildung und aufgeblasen mit eitler Gelehrsamkeit, irren umher und werden von vielen Übeln geplagt, wie Blinde, die von Blinden geführt werden.

9 Kinder, die auf verschiedene Weise in Unwissenheit versunken sind, schmeicheln sich und sagen: Wir haben das Ziel des Lebens erreicht. Weil diese Ausführenden des Karmas wegen ihrer Anhaftung die Wahrheit nicht kennen, fallen sie vom Himmel, von Elend betroffen, wenn die Frucht ihrer Arbeit erschöpft ist.

10 Unwissende Narren, die Opfer und humanitäre Werke als das Höchste ansehen, kennen kein höheres Gut. Nachdem sie ihren Lohn in den Höhen des Himmels genossen haben, den sie durch gute Werke erlangt haben, gehen sie wieder in diese oder eine niedrigere Welt.

11 Aber die Weisen mit ruhigem Geist, die im Wald von Almosen leben, die ihren Lebensstationen angemessene Bußübungen praktizieren und solche Gottheiten wie Hiranyagarbha verehren, gehen, von Unreinheiten befreit, auf dem Pfad der Sonne zu dem Ort, wo jene unsterbliche Person wohnt, deren Natur unvergänglich ist.

12 Möge ein Brahmane, nachdem er all diese Welten, die durch Werke erlangt werden, untersucht hat, Freiheit von Begierden erlangen: Nichts, was ewig ist, kann durch etwas hervorgebracht werden, das nicht ewig ist. Damit er das Ewige verstehen kann, soll er sich mit dem Brennstoff in der Hand an einen Guru wenden, der in den Veden gut bewandert und immer dem Brahman ergeben ist.

13 Dem Schüler, der sich ihm ordnungsgemäß genähert hat, dessen Geist vollkommen ruhig ist und dessen Sinne kontrolliert sind, sollte der weise Lehrer in der Tat das Wissen von Brahman vermitteln, durch das man den unveränderlichen und wahren Purusha kennt.

Zweiter Mundaka Abschnitt I

1 Dies ist die Wahrheit: Wie aus einem lodernden Feuer tausend Funken, die ihm im Wesentlichen gleichen, herausfliegen, so gehen auch, mein guter Freund, verschiedene Wesen aus dem unvergänglichen Brahman hervor und kehren zu Ihm zurück.

2 Er ist der selbstleuchtende und formlose Purusha, der ungeschaffen ist und sowohl innen als auch außen existiert. Er ist frei von Prana, frei von Geist, rein und höher als der höchste Unvergängliche.

3 Aus Ihm werden Prana, Geist, alle Sinnesorgane, Akasa, Luft, Feuer, Wasser und Erde geboren, die alles tragen.

4 Der Himmel ist sein Haupt, Sonne und Mond sind seine Augen, die Viertel sind seine Ohren, die offenbarten Veden sind seine Sprache, der Wind ist sein Atem, das Universum ist sein Herz. Aus seinen Füßen entsteht die Erde. Er ist in der Tat das innere Selbst aller Wesen.

5 Von Ihm kommt das Feuer, dessen Brennstoff die Sonne ist; vom Mond kommt der Regen; vom Regen die Kräuter, die auf der Erde wachsen; von den Kräutern die Samenflüssigkeit, die ein Mann in eine Frau gießt. So werden viele Lebewesen aus dem Purusha geboren.

6 Von Ihm stammen der Rik, der Saman, die Yajus, das Diksha, alle Opfer, der Kratus, die Gaben, das Jahr, der Opfernde und die Welten, die der Mond heiligt und die Sonne erleuchtet.

7 Von Ihm stammen die verschiedenen Devas, die Sadhyas, die Menschen, das Vieh, die Vögel und auch Prana und Apana, Reis und Korn, Buße, Glaube, Wahrheit, Enthaltsamkeit und Gesetz.

8 Aus Ihm entspringen die sieben Pranas, die sieben Flammen, die sieben Arten von Brennstoff, die sieben Opfergaben und auch die sieben Ebenen, auf denen sich die Pranas bewegen, die in der Höhle liegen, die in jedem Lebewesen sieben sind.

9 Von Ihm kommen alle Ozeane und Berge; von Ihm fließen Flüsse jeder Art; von Ihm kommen auch alle Pflanzen und Geschmäcker, durch die das innere Selbst umgeben von den Elementen lebt.

10 Der Purusha allein ist wahrlich das Universum, das aus Arbeit und Entbehrung besteht. Oh mein guter Freund, wer dieses Brahman kennt - das Höchste und Unsterbliche, das in der Höhle des Herzens verborgen ist -, der zerschneidet selbst hier den Knoten der Unwissenheit.

Zweiter Mundaka Abschnitt II

1 Das leuchtende Brahman wohnt in der Höhle des Herzens und ist bekannt dafür, dass es sich dort bewegt. Es ist die große Stütze von allem, denn in ihm ist alles zentriert, was sich bewegt, atmet und blinzelt. Oh Jünger, wisst, dass das euer Selbst ist, das, was sowohl grob als auch feinstofflich ist, das anbetungswürdig, erhaben und jenseits des Verständnisses der Geschöpfe ist.

2 Das, was strahlend ist, subtiler als das Subtile, das, wovon alle Welten und ihre Bewohner getragen werden. Das, wahrlich, ist das unzerstörbare Brahman; das ist das Prana, die Sprache und der Geist; das ist das Wahre und das ist das Unsterbliche. Das allein ist es, das getroffen werden muss. Schlage es, mein guter Freund.

3 Nimm die Upanishad als Bogen, die große Waffe, und lege den durch Meditation geschärften Pfeil auf sie. Dann, nachdem du ihn mit einem auf den Gedanken an Brahman gerichteten Geist zurückgespannt hast, triffst du das Ziel, oh mein guter Freund, das, was das Unvergängliche ist

4 Om ist der Bogen; der Atman ist der Pfeil; Brahman wird als das Ziel bezeichnet. Es muss von einem unabgelenkten Geist getroffen werden. Dann wird der Atman eins mit Brahman, wie der Pfeil mit dem Ziel.

5 In Ihm sind Himmel, Erde und der Raum dazwischen und der Geist mit allen Sinnesorganen verwoben. Erkennen Sie diesen nicht-dualen Atman allein und geben Sie alles andere Gerede auf. Er ist die Brücke zur Unsterblichkeit.

6 Er bewegt sich, indem er vielfältig wird, im Herzen, wo sich die Arterien treffen, wie die Speichen, die im Schiff eines Wagenrads befestigt sind. Meditiere über Atman als Om. Gegrüßt seist du! Mögest du das Meer der Dunkelheit überqueren!

7 Er, der alles weiß und alles versteht und dem alle Herrlichkeit der Welt gehört. Er, Atman, befindet sich im Raum in der strahlenden Wohnstätte von Brahman. Er nimmt die Formen des Geistes an und leitet den Körper und die Sinne. Er wohnt im Körper, im Inneren des Herzens. Durch die Erkenntnis dessen, der als der glückselige und unsterbliche Atman leuchtet, sehen die Weisen Ihn in allen Dingen vollständig.

8 Die Fesseln des Herzens werden gesprengt, alle Zweifel werden aufgelöst und alle Werke hören auf, Früchte zu tragen, wenn Er, der sowohl hoch als auch niedrig ist, geschaut wird.

9 Dort leuchtet das makellose und unteilbare Brahman in der höchsten, goldenen Scheide. Es ist rein, es ist das Licht der Lichter, es ist das, was die kennen, die das Selbst kennen.

10 Die Sonne scheint dort nicht, noch der Mond und die Sterne, noch diese Blitze, ganz zu schweigen von diesem Feuer. Wenn Er leuchtet, leuchtet alles nach Ihm; durch Sein Licht wird alles erhellt.

11 Das unsterbliche Brahman allein ist vorne, das Brahman ist hinten, das Brahman ist rechts und links. Brahman allein durchdringt alles oben und unten; dieses Universum ist dieses Höchste Brahman allein.

Dritter Mundaka Abschnitt I

1 Zwei Vögel, die immer vereint und unter demselben Namen bekannt sind, halten sich eng an denselben Baum. Einer von ihnen isst die süße Frucht, der andere schaut zu, ohne zu essen.

2 Auf demselben Baum sitzend, stöhnt der Jiva, verwirrt durch seine Ohnmacht. Aber wenn er den anderen sieht, den von allen verehrten Herrn und seine Herrlichkeit, dann wird er frei von Kummer.

3 Wenn der Seher den selbstleuchtenden Schöpfer, den Herrn, den Purusha, den Stammvater von Brahma, betrachtet, dann schüttelt er, der weise Seher, Gut und Böse ab, wird makellos und erreicht die höchste Einheit.

4 Er ist in der Tat Prana; Er leuchtet auf verschiedene Weise in allen Wesen. Der weise Mensch, der Ihn kennt, plappert nicht. Er schwelgt im Selbst, erfreut sich am Selbst, führt Handlungen aus und ist der Erste unter den Wissenden von Brahman.

5 Dieser Atman, strahlend und rein, den die sündenlosen Sannyasins im Körper wohnen sehen, wird durch unaufhörliche Übung von Wahrhaftigkeit, Enthaltsamkeit, rechtem Wissen und Enthaltsamkeit erreicht.

6 Die Wahrheit allein herrscht vor, nicht die Falschheit. Durch die Wahrheit ist der Pfad angelegt, der Weg der Götter, auf dem die Seher, deren jeder Wunsch erfüllt ist, zur Höchsten Wohnstätte des Wahren gelangen.

7 Jenes Brahman leuchtet hervor, weit, selbstleuchtend, unvorstellbar, subtiler als das Feinstoffliche. Er ist weit jenseits dessen, was weit ist, und doch hier ganz nahe. Wahrlich, er wird hier gesehen, er wohnt in der Höhle des Herzens der bewussten Wesen.

8 Brahman wird weder durch das Auge, noch durch Sprache, noch durch die anderen Sinne, noch durch Buße oder gute Werke erfasst. Ein Mensch wird rein durch die Gelassenheit des Intellekts; daraufhin betrachtet er in der Meditation den, der ohne Teile ist.

9 Dieser subtile Atman ist vom Intellekt hier im Körper zu erkennen, wo das Prana fünffach eingetreten ist. Der Intellekt der Menschen wird zusammen mit den Sinnen von Atman durchdrungen. Wenn der Intellekt gereinigt ist, leuchtet Atman hervor.

10 Welche Welt auch immer ein Mensch mit reinem Verstand sich in seinem Geist vorstellt und welche Wünsche er hegt, diese Welt erobert er und diese Wünsche erlangt er.

Dritter Mundaka Abschnitt II

1 Derjenige, der das Selbst kennt, kennt die Höchste Wohnstätte Brahmans, die hell leuchtet und in der das Universum ruht. Die Weisen, die frei von Begierden einen solchen Menschen verehren, überwinden den Samen der Geburt.

2 Wer Objekte hegt und sie begehrt, wird durch seine Wünsche hier oder dort wiedergeboren, aber für den, dessen Wünsche befriedigt sind und der im Selbst verankert ist, verschwinden alle Wünsche sogar hier auf Erden.

3 Dieser Atman kann weder durch das Studium der Veden, noch durch Intelligenz, noch durch viel Lernen erreicht werden. Derjenige, der Atman wählt, durch ihn allein wird Atman erreicht. Es ist Atman, der dem Suchenden seine wahre Natur offenbart.

4 Dieser Atman kann nicht von jemandem erreicht werden, dem es an Kraft oder Ernsthaftigkeit mangelt oder der kein Wissen hat, das von Entsagung begleitet wird. Aber wenn ein weiser Mensch sich mit Hilfe dieser Hilfsmittel bemüht, betritt seine Seele die Wohnstätte Brahmans.

5 Nachdem die Seher den Atman erkannt haben, werden sie mit diesem Wissen zufrieden. Ihre Seelen sind im Höchsten Selbst verankert, sie sind frei von Leidenschaften und haben einen ruhigen Geist. Solche ruhigen Seelen, die immer dem Selbst ergeben sind, sehen überall das allgegenwärtige Brahman und gehen schließlich in Ihm auf, das all dies ist.

6 Nachdem sie das Selbst, das Ziel des vedantischen Wissens, gut erkannt und ihren Geist durch die Praxis des Sannyasa gereinigt haben, erfreuen sich die Seher, die in ihren Bemühungen niemals nachlassen, hier der höchsten Unsterblichkeit und erlangen zur Zeit des großen Endes die vollständige Freiheit in Brahman.

7 Die fünfzehn Teile kehren zu ihren Ursachen zurück und alle Sinne zu ihren Gottheiten; die Handlungen und der Atman, der sich in der Buddhi widerspiegelt, werden eins mit dem höchsten unvergänglichen Brahman, das das Selbst von allem ist.

8 Wie fließende Flüsse im Meer verschwinden und ihre Namen und Formen verlieren, so erlangt ein weiser Mensch, befreit von Namen und Formen, den Purusha, der größer ist als das Große.

9 Wer das Höchste Brahman kennt, wird wahrlich Brahman. In seiner Familie wird niemand in Unkenntnis von Brahman geboren. Er überwindet den Kummer, er überwindet das Böse, er ist frei von den Fesseln des Herzens und wird unsterblich.

10 Ein Rik Veda Vers erklärt: Dieses Wissen über Brahman sollte nur denjenigen mitgeteilt werden, die die notwendigen Pflichten erfüllt haben, die in den Veden bewandert und Brahman ergeben sind und die voller Vertrauen Opfergaben im Ekarshi-Feuer dargebracht und gemäß der Regel den Ritus des Feuertragens auf dem Kopf durchgeführt haben.

11 So erklärte der Seher Angiras in alten Zeiten diese Wahrheit. Ein Mann, der das Gelübde nicht erfüllt hat, sollte es nicht lesen. Gegrüßt seien die großen Seher! Gegrüßt seien die großen Seher!

Ende der Mundaka Upanishad

Der Friedensgesang

Om. Mögen wir, oh Götter, mit unseren Ohren hören, was verheißungsvoll ist! Mögen wir, oh verehrte Götter, mit unseren Augen sehen, was gut ist! Mögen wir, stark an Gliedern und Körper, dein Lob singen und das Leben genießen, das uns von Prajapati zugeteilt wurde! Om. Friede! Friede! Friede!

Kernaussagen der Mundaka Upanishad von Swami Sivananda

Artikel von Swami Sivananda

Swami Sivananda

Einführung

1. Das Wissen über Brahman kann nur durch die Gnade eines Lehrers erlangt werden, nachdem man allen Wünschen und dem Ego entsagt hat und sich die vier Absichten:

zu eigen gemacht hat.

2. Brahman kann von den Sinnen nicht erkannt werden, da Es feinstofflich und unendlich ist. Es ist durch einen reinen Intellekt, Wissen und Meditation zu erkennen.

3. Die individuelle Seele erreicht durch das Wissen über Brahman Befreiung.

4. So wie der Fluss eins wird mit dem Ozean, in den er mündet, so wird der, der Brahman erkannt hat, eins mit Brahman.

5. Die durch Opfer erlangten Früchte sind vergänglich.

6. Kultiviere Unterscheidungskraft, Leidenschaftslosigkeit, Enthaltsamkeit, Vertrauen, Konzentration und Zurückgezogenheit, um Unsterblichkeit und Glückseligkeit zu erlangen.

7. Suche das Wissen über Brahman durch einen qualifizierten Lehrer zu erlangen, der in den Veden belesen (Brahma Stotriya) und Brahman hingegeben ist (Brahma Nishtha).

8. Zwei Arten von Vidya (Wissen) kennen wir, Apara (das niedere) und Para (das erhabene). Ersteres findet sich in den vier Veden und den sechs Vedangas. Letzteres bezieht sich auf das alldurchdringende, ewige, unsichtbare und aus Sich Selbst strahlende Brahman.

9. So wie die Spinne den Faden aus sich heraus entlässt, so entlässt Brahman die Seele.

10. Brahman ist ein Ziel, das durch Meditation auf Om erreicht werden kann.

11. Brahman ist die unsterbliche Seele, allgegenwärtig, das aus Sich Selbst strahlende Licht und Glückseligkeit. Es ist vor, hinter, über, unter,rechts und links von uns und strahlt in eines jeden Herzen.

12. Spirituelle Disziplin und Praxis und ethisches Handeln befähigen den Aspiranten, das Wissen über das höchste Selbst zu erlangen.

13. Meditation hilft dem Aspiranten, Leidenschaftslosigkeit, Unterscheidungskraft, Vertrauen und Reinheit zu entwickeln, um Unsterblichkeit und Glückseligkeit zu erlangen.

Kapitel 1 – Teil 1

Wissen über den Göttlichen Boden

Oh Ihr Götter! Mögen wir mit unseren Ohren Glückverheißendes hören. Oh Ihr Verehrenswerten! Mögen wir mit unseren Augen Glückverheißendes sehen. Mögen wir das Leben genießen, das uns die Götter schenkten und Sie dafür lobpreisen. Möge Indra, der Mächtige, der Berühmte, uns gnädig sein. Möge Er, der Eigner und Erhalter von Wohlstand, uns nur Gutes zukommen lassen. Möge der Hurtige uns zugeneigt sein und möge der Schützer der Bedeutenden auch uns schützen.

Om Frieden! Frieden!! Frieden!!!

14. Brahma, der Schöpfer des Universums, erschien als der Erste unter den Göttern. Er lehrte seinen ältesten Sohn, Atharvan, das Wissen über Brahman (Brahma Vidya), die Grundlage allen Wissens.

15. Was immer Brahma Atharvan lehrte, Atharvan lehrte es Angiras. Angiras lehrte es Satyavaha Bharadvaja und Satyavaha lehrte es Angiras, das erfolgreich verinnerlichte Wissen, das ihn sein Lehrer lehrte.

16. Saunaka, der wohlhabende Haushälter, näherte sich Angiras so wie es die Schriften verlangen und fragte ihn: ‚Oh Bhagavan, was ist das, mit dessen Erkennen alles erkannt ist?‘

17. Brahman ist der Urgrund allen Seins. Durch das Wissen über Brahman ist alles verstanden.

18. Angiras antwortete Saunaka: ‚Zwei Arten von Wissen sind zu erlangen. Jene, die Brahman (oder die Veden) kennen, sprechen von Para und Apara, nämlich vom hohen und niederen Wissen.

19. Para ist das Wissen über Brahman.

20. Apara richtet sich aus nach guten und schlechten Taten und den daraus entstehenden Früchten. Es zeigt die Konsequenzen der Tugenden und Untugenden auf. Apara Vidya ist Unwissenheit. Es lehrt nichts über das Absolute. Es ist deshalb abzulehnen.

21. Das niedere Wissen beinhaltet der Rigveda, der Samaveda, der Yajurveda, der Atharvaveda, Siksha (Lautlehre), [[Kalpa], (Riten), Vyakarana (Grammatik), Nirukta (Wortschatz), Chhandas (Metrik) und Jyotisha (Astrologie). Das hohe Wissen ist das, durch das das Ewige erkannt wird.

22. Brahman kann nur durch Überwindung von Unwissenheit erkannt werden.

23. Brahma Vidya ist Para Vidya, denn es führt zur Befreiung und zum Erlangen des höchsten Gutes.

24. Para Vidya ist das Wissen über das Unsterbliche, wie es die Upanishaden lehren.

25. Es kann nicht gesehen und nicht ermessen werden. Es hat keinen Ursprung. Es hat keinen Besitz. Es hat weder Augen noch Ohren. Es hat weder Hände noch Füße. Es manifestiert Sich auf verschiedenste Weise. Ewig ist Es. Alldurchdringend ist Es. Die Weisen nennen Es den Urgrund allen Seins.

26. Brahman sieht ohne Augen und hört ohne Ohren.

27. Vergänglichkeit ist nicht möglich für Brahman, denn Es ist Fülle und ruht in Sich Selbst.

28. Das Wissen durch das Brahman zu erkennen ist, wird Para Vidya genannt.

29. Weise sind die, die über Unterscheidungskraft verfügen.

Der Ursprung der Dinge

"Die Spinne bringt das Netz aus sich selbst hervor,..., ebenso geht das Universum aus Brahman hervor." Zitat: Mund. Up

30. Die Spinne bringt das Netz aus sich selbst hervor, so wie auch die Kräuter der Erde entwachsen und das Haar dem Körper, ebenso geht

das Universum aus Brahman hervor.

31. Die Schöpfung ist keine wirkliche Entwicklung (Parinama), sondern nur eine Projektion der unergründlichen Kraft Brahmans.

32. Im Winter liegt der Same verborgen unter der Erde, um in der Regenzeit als Baum hervorzubrechen. So verbleibt auch der Jiva mit dem

[Karma]] als seinem Samen während Pralaya verborgen, um zum Zeitpunkt der Schöpfung neu zu erwachen. Die Wurzeln von Baum und Jiva jedoch :verbleiben in Brahman.

33. Tapas erzeugt in Brahman die Freude zu erschaffen. Es erschuf Nahrung, daraus entstand Prana, der Geist, die Elemente, die :Welten, die Karmas und deren Früchte.

34. Das Tapas von Brahman ist Wissen, aus dem die Schöpfung entstand.

35. Das ist Wissen über die Schöpfung, bevor sie sich in bestimmten Formen ausdrückt.

36. Tapas ist die Reflektion von Gestalt und Ausdruck der Welt, wie sie Brahman projiziert.

37. Nahrung ist die Hauptsache.

38. Hiranyagarbha ist die Seele des Universums.

39. Karma mit seinen Früchten ist eine endlose Kette. Sobald man das Wissen über Brahman erlangt hat, wird diese Kette zerbrochen und das Karma verbrennt durch das Feuer der Weisheit.

40. Aus dem allwissenden Brahman manifestierten sich Name und Form.

41. Brahman ist Sarvajna, allwissend.

42. Brahman ist Sarvavit, alldurchdringend.

Kapitel 1 - Teil 2

Einsicht in Karma

43. Die Opferhandlungen mit ihren Mantren, die die Weisen in den Veden erkannten, sind vollkommen und wurden im Treta Yuga vollzogen. Praktiziere sie stets gewissenhaft und regelmäßig, oh Wahrheitsliebender. Das ist dein Weg, der dich zum Guten führt.

44. Die feine Ahnung von Entsagung, Leidenschaftslosigkeit, Unterscheidungskraft, Selbstkontrolle und Sehnsucht nach Befreiung erwacht nur, wenn man die Wertlosigkeit und Vergänglichkeit der weltlichen und himmlischen Freuden erkannt hat.

45. Wenn das Feuer entzündet ist und die Flamme züngelt, möge der Opferherr sein Opfer (Ghee) vertrauensvoll dem Feuer darbringen.

46. Das Agnihotra-Opfer bringt keine Früchte, wenn es nicht mit dem Opfer zu Neumond und Vollmond (Darsa und Purnamasa) verbunden wird. Wenn es nicht mit dem viermonatlich durchzuführenden Opfer (Chaturmasya) verbunden wird. Wenn es nicht mit dem im Herbst durchzuführenden Opfer (Agrayana) verbunden wird. Wenn keine Gäste teilnehmen. Wenn es nicht zur rechten Zeit durchgeführt wird. Wenn es nicht den Ritus für die Visvedevas enthält. Wenn es nicht nach den Regeln abgehalten wird.

47. Die sieben flackernden Zungen des Feuers heißen Kali (die Schwarze), Karali (Die Schreckliche), Manojava (die Flinke), Sulohita (die Rote), Sudhumravarna (die Rauchfarbene), Sphuligini (die Funkelnde) und Visvarupi (die Allgestaltige).

48. Die sieben Flammen sind die sieben Zungen des Feuers.

49. Wer immer seine Karmas (zum Beispiel Agnihotra) vollzieht und die Flammen strahlen zur rechten Zeit lässt, der wird durch das Opfer über die Sonne zu den Göttern gelangen.

50. "Komm hierher, komm hierher" rufen die Opfergaben und tragen ihn mit den Strahlen der Sonne in die Welt Brahmas. Durch gute Taten hat er das erreicht.

51. Flüchtig fürwahr sind die achtzehn Diener des Opfers, von denen diese niederen Zeremonien abhängen. Die Unwissenden, die im Opfer das höchste Ziel sehen, werden immer wieder Alter und Tod erleben.

52. Die Unwissenden, inmitten ihrer Ahnungslosigkeit sich als weise und wissend erachtend, irren herum wie Blinde, die von Blinden geführt werden.

53. In Unwissenheit lebend glaubt der Unwissende, sein Ziel erreicht zu haben. Denn der Handelnde erkennt seine Leidenschaften nicht, er fühlt sich schlecht und sobald die Früchte seines Karmas aufgebraucht sind, fällt er aus dem Himmel.

54. Wissen kann nur erwachen, wenn Wünschen und Anhaftung überwunden sind.

55. Das Leben im Himmel ist ebenfalls nicht von Dauer. Wenn die Verdienste erschöpft sind, wird man auf Erden wiedergeboren.

56. Befreiung und Unsterblichkeit können nur durch das Wissen über Brahman erlangt werden.

57. Diese Unwissenden, die in Opfern und Wohltätigkeit ihre Befriedigung finden, kennen kein höheres Ziel. Nachdem sie die Früchte ihrer Handlungen im Himmel genossen haben, kommen sie wieder in diese Welt oder in eine niederere.

58. Die, die sich in den Wald zur Askese zurückziehen, ihre Sinne unter Kontrolle haben, wie ein Bettler von Almosen leben, frei von Untugenden sind, die gelangen dahin, wo der ewige Purusha weilt.

Das Unvergängliche

59. Jene, die Saguna Brahman (den persönlichen Gott) verehren, erreichen langsam Befreiung (Krama Mukti). Sie gelangen in Satya Loka und werden am Ende des Zyklus befreit. Zusammen mit Brahma gehen sie in Nirguna Brahman (das Absolute) ein.

60. Weise, die das Wissen über das Selbst erlangt haben, erreichen Kaivalya Mukti. Sie gelangen in keinen der Lokas. Ihr Prana geht direkt ein in Brahman. Sie werden eins mit dem Höchsten Selbst und erreichen Befreiung in diesem Leben.

61. Möge der Aspirant, nachdem er die Welt durch Handlung erfahren hat, Wunschlosigkeit erlangen, erkennend, dass das Ewige nicht durch Handlung erreicht werden kann. Möge er, um das Wissen über das Ewige zu erlangen, mit Samit (Opfergaben) in den Händen einen Lehrer finden, der in den Veden belesen ist und in Brahman ruht.

62. Dem Schüler, der ihm ehrerbietig entgegentritt, dessen Geist ruhig ist und dessen Sinne unter Kontrolle sind, möge der weise Lehrer das Wissen über Brahman lehren, durch das das ewige Brahman erkannt werden kann.

63. Der des Samsara überdrüssig ist, allein der ist fähig, das Wissen über Brahman zu erlangen.

Kapitel 2 - Teil 1

Das Eine wird Viele

Pusteblume Vielheit.JPG

64. Höre die Wahrheit! So wie die Funken ein Teil des Feuers sind, so sind die Seelen ein Teil Brahmans.

65. Strahlend, ohne Gestalt ist Es. Es ist innen und außen, ungeboren, ohne Prana, ohne Geist, rein und größer als das Größte, es ist das ewige Eine.

66. Aus Ihm entstehen der Prana, der Geist, die Organe, Akasa (Äther), der Wind, das Feuer, das Wasser und die Erde, die alle nährt.

67. Das Feuer ist Sein Haupt. Sonne und Mond sind Seine Augen. Die vier Himmelsrichtungen sind Seine Ohren. Seine Sprache enthüllt die Veden. Der Wind ist Sein Atem. Das Universum ist Sein Herz. Aus Seinen Füßen entsteht die Erde. Es ist fürwahr das Selbst aller Wesen.

68. Das ist die Beschreibung des Virat Purusha, der aus Hiranyagarbha Geborene.

69. Die Welt ist der Körper des Herrn. Aus Ihm entstand der Himmel, Er ist das erste Feuer, der Brennstoff ist die Sonne. Das zweite Feuer ist der Mond, aus ihm entstanden die Wolken (Parjanya). Das dritte Feuer sind die Wolken, aus ihnen entstand die Vegetation auf Erden. Das vierte Feuer, der Mann, legte seinen Samen in das fünfte Feuer, die Frau. So erschuf der Purusha die Wesen.

70. Aus Ihm entstand der Rigveda, der Samaveda, die Yayus, Diksha (Initiationsriten), alle Opfer und Tieropfer (Kratu), die Gaben an den Priester, das Jahr, der Opferherr und die Welt, in der der Mond reinigt und die Sonne strahlt.

71. Aus Ihm entstanden die Götter, die Menschen, das Vieh, die Vögel, der Prana, der Apana, der Reis, die Gerste, die Wahrheit, die Askese, die Hingabe, die Enthaltsamkeit und das Gesetz.

72. Tapas (Askese) ist ein unentbehrlicher Zusatz zu Karma. Derjenige, der reinen Herzens ist wird Karma sehr wirksam begegnen. Tapas reinigt das Herz.

73. Aus Ihm entstanden die sieben Pranas (Sinne), die sieben Flammen, die sieben Arten von Brennstoff, die sieben Darbringungen und die sieben Lokas (Welten).

74. Aus Ihm entstanden die Ozeane, die Berge, die Flüsse, die Kräuter und der Saft, der den feinstofflichen Körper belebt, umgeben von den grobstofflichen Elementen.

75. Der Purusha allein ist dieses Universum, Karma, Askese, Brahma, der höchste Unsterbliche. Wer dies in der Tiefe seines Herzens erkennt, bricht den Knoten der Unwissenheit selbst hier auf Erden.

76. Jener, der weiß, dass er selbst Brahman ist, das Ewige im Herzen aller Wesen, der vertreibt die Unwissenheit, erlangt Wissen über das Selbst und wird unsterblich.

Kapitel 2 - Teil 2

Das Ziel des spirituellen Helden

"Lege den Pfeil an die Sehne des Bogens und kehre Geist und Sinne von den Objekten im Außen ab. Spanne den Bogen, konzentriert auf Brahman. Treffe das Ziel und gehe durch tiefe Meditation in Brahman ein." Zitat: Mund. Up.

77. Strahlend im Herzen weilt das große Wesen. In Ihm sind alle Bewegungen, Atemzüge und Augenzwinkern. Erkenne Es als grobstofflich, mit Gestalt, und als feinstofflich, ohne Gestalt. Verehre dieses Höchste, das jenseits des menschlichen Erahnens ist.

78. Das Wissen über Brahman ist kein intellektuelles Wissen. Brahman zu erkennen, heißt Brahman zu werden.

79. Erkenne Brahman, das jenseits des Intellekts und der Sinne ist, durch Intuition oder erfahre es in Meditation.

80. Strahlend ist es, kleiner als klein, das Eine, das alle Welten mit ihren Einwohnern entstehen ließ. Es ist das unsterbliche Brahman. Es ist Prana, Sprache und Geist. Es gilt, Es zu erkennen.

81. Unterstützt von den Upanishaden, nimm den Bogen, die herrliche Waffe, lege den durch stetige Meditation geschärften Pfeil an und schieße mit dem auf Brahman fixierten Geist.

82. Der Pfeil ist der Geist, der durch stetige Meditation geschärft wird.

83. Lege den Pfeil an die Sehne des Bogens und kehre Geist und Sinne von den Objekten im Außen ab. Spanne den Bogen, konzentriert auf Brahman. Treffe das Ziel und gehe durch tiefe Meditation in Brahman ein.

84. Pranava (Om) ist der Bogen, das Selbst ist der Pfeil, Brahman ist das Ziel. Nur wer Selbstkontrolle erlangt hat, trifft das Ziel. So wie der Pfeil eins mit dem Ziel geworden ist, so ist er eins mit Brahman geworden.

85. So wie der Bogen dem Pfeil hilft, das Ziel zu treffen, so hilft das Rezitieren von Om (Japa) und Meditation auf Om, Brahman zu erreichen. Deshalb ist Pranava einem Bogen gleich.

86. In Ihm weilen Erde, Himmel, Geist und Sinne. Erkenne Ihn als den Atman aller und lasse alles zurück. Das ist die Brücke zur Unsterblichkeit.

87. Vielfach ist Es geworden. Im Herzen treffen sich die Nerven wie Speichen sich an der Nabe treffen. Meditiere auf Om als das Selbst. Gesegnet wirst du sein und die Seite jenseits der Dunkelheit betreten.

Erkenntnis und das Danach

88. Der Atman ist allwissend, Seine Herrlichkeit, die sich in dieser Welt manifestiert, weilt im Äther, in der strahlenden Stadt Brahmans. Es ist Geist und leitet Leben und Körper. Die Weisen schauen mit Hilfe ihres höchsten Wissens den strahlenden, unsterblichen Atman.

89. Wenn Brahman geschaut wird, löst sich der Knoten im Herzen, alle Zweifel verfliegen und alle Karmas sind nichtig.

90. Drei Arten von Karma kennen wir. Sanchita (angesammeltes Karma), Prarabdha (derzeitig wirksames Karma) und Agami (zukünftiges Karma).

91. Prarabdha ist der Name für Taten, die in der Vergangenheit aller Inkarnationen liegen und sich in diesem Leben auswirken.

92. Die Welt ist die Manifestation der Herrlichkeit des Herrn.

93. Nur wenn das Selbst erkannt ist, sind Sanchita und Agami vernichtet. Prarabdha jedoch bleibt erhalten. Es muss abgearbeitet werden. Es muss durch Wissen über Atman ausgelöscht werden.

94. Nur durch Prarabdha bleibt dieser Körper am Leben, auch nachdem Atman erkannt ist.

95. Der Körper geht erst zugrunde, wenn Prarabdha erloschen ist.

96. Der Töpfer beendet das Drehen des Töpferrades, doch aufgrund der Kraft, die der Töpfer zuvor hineingegeben hat, dreht es sich eine Zeit lang weiter. So lebt auch der Körper aufgrund der Kraft, die durch Prarabdha bereits zu wirken begonnen hat, weiter.

97. Ein Pfeil, der einmal abgeschossen wurde, kann nicht zurückgeholt werden. So ist es auch mit Prarabdha.

98. Wenn Brahman als ‚Ich bin Das‘ erkannt ist, ist Befreiung erlangt. Unwissenheit, der Grund für Samsara, ist vernichtet.

99. In einer goldenen Hülle weilt Brahman, rein und unteilbar. Es ist das Licht des Lichtes. Das ist es, was die Kenner des Atmans erkannt haben.

100. So wie die Scheide das Schwert verhüllt, so verhüllen fünf Scheiden die Seele. Deshalb kann der Mensch den Atman nicht schauen. Die Scheide steht als Schleier zwischen dem Menschen und der Seele.

101. Das Licht des Atman ist das Licht des Lichtes. Es kann nicht durch andere Lichter erhellt werden. Der Atman ist strahlend aus Sich Selbst.

102. Menschen, deren Geist nicht klar ist und die nur die objektive Welt erschauen, können Atman nicht erkennen.

103. Die Sonne strahlt nicht, der Mond und die Sterne strahlen nicht, der Blitz strahlt nicht und nicht das Feuer. Durch das Licht Brahmans strahlen sie.

104. Brahman ist vorn und hinten, rechts und links, oben und unten. Brahman ist alldurchdringend. Alles ist Brahman.

Kapitel 3 - Teil 3

Jiva und Ishvara

Ökologie Ara Vogel Papagei.JPG

105. Zwei Vögel sitzen in demselben Baum. Einer isst die Früchte, der andere schaut zu.

106. Die zwei Vögel sind Jiva (die verkörperte Seele) und Ishvara (der Herr).

107. So dies erkannt ist, ist der Tod überwunden und der Weg zur Befreiung ist frei.

108. Der Jivatman wird durch Unwissenheit gehindert. Deshalb ist er gebunden an Körper, Geist und Werk.

109. Der Herr ist bedingt durch Maya, doch ist Maya unter Seiner Kontrolle. Deshalb ist Er frei, allmächtig und allwissend.

110. Der Baum symbolisiert den Körper. Ein Baum kann gefällt werden. Auch der Körper kann zerstört werden. Deshalb ist der Körper mit dem Baum vergleichbar.

111. Die Reflektion von Paramatman im Spiegel des Geistes ist der Jivatman.

112. In Unwissenheit kostet der Jiva die Früchte seines Karmas, wie zum Beispiel Glück und Leid.

113. Der Atman ist der ewig stille Zeuge. Er handelt nicht und Er genießt nicht. Genuss und Handlung sind Überlagerungen des Jiva durch den Geist.

114. Wenn Unwissenheit vernichtet ist, das Herz geläutert und das Wissen über Atman erwacht, dann brechen die Knoten des Herzens entzwei, alle Karmas sind verloschen, die Vorstellung, Genießer oder Handelnder zu sein, sind aufgehoben. Man wird eins mit dem Höchsten Selbst und erlangt Befreiung.

115. Auf demselben Baum sitzend ist der Jiva in Unwissenheit, Illusion und Leid versunken. Doch wenn er den von allen verehrten Herrn in Seiner Herrlichkeit erkennt, dann wird er vom Leid befreit.

116. Wenn der Seher den strahlenden Schöpfer der Welt schaut, den Herrn, den Purusha, den Ursprung Brahmas, dann macht sich dieser Weise von Gut und Böse frei, wird geläutert und erlangt Befreiung.

117. Das ist Prana, der strahlende Herr in allen Wesen. Der Weise spricht von nichts anderem. Er weilt im Selbst, genießt im Selbst und tut sein Werk. Er ist der größte unter den Kennern Brahmans.

Hilfsmittel zum Erlangen von Weisheit

118. Zu Erkennen, dass Brahman das einzige Bewusstsein in allen Wesen ist, das ist wahres Wissen.

119. Dieser Atman kann durch Wahrhaftigkeit, Askese, Wissen und Enthaltsamkeit erreicht werden. Die Tadellosen schauen Ihn, strahlend in ihrem Körper weilend.

120. Tapas ist Konzentration. Konzentration des Geistes ist höchstes Tapas, denn das Zurückziehen der Sinne von äußeren Objekten und das Ausrichten des Geistes auf den Atman ist die schwierigste Form von Tapas.

121. Aparoksha Jnana beziehungsweise Anubhava Jnana ist die direkte Wahrnehmung des Atmans durch Intuition. Das ist die höchste spirituelle Erfahrung.

122. Wahrhaftigkeit, Buße und Enthaltsamkeit sind Hilfsmittel für die Meditation. Meditation führt zu intuitivem Wissen.

123. Der Atman kann nicht durch gelegentliche Praxis erkannt werden. Beständiges Tapas ist notwendig.

124. Wahrheit allein siegt, nicht Falschheit. Nur Wahrheit öffnet den Weg hin zu den Göttern (Devayana), den die Weisen ersehnen, um an den erhabenen Ort der einzigen Wahrheit zu gelangen.

125. Brahman ist Wahrheit. Brahman wird erreicht, indem die Wahrheit gesprochen wird.

126. Wahrheit ist die wichtigste Disziplin auf dem spirituellen Weg. Sie eröffnet den göttlichen Weg.

127. Brahman strahlt aus Sich, grenzenlos, göttlich, unvorstellbar, feiner als das Feinste. Es ist fern und nah, eingeschlossen in der Höhle des Herzens der Weisen.

128. Da Brahman alldurchdringend ist, ist Es fern und nah.

129. Brahman kann nicht durch die Sinne wahrgenommen werden, nicht durch Buße und nicht durch gute Taten. Wenn der Geist durch das Licht des Wissens geläutert ist, dann schaut er das unsichtbare Brahman durch Meditation.

130. Brahman kann nicht durch das physische Auge gesehen werden, denn Es ist formlos und feinstofflich.

131. Dieser feinstoffliche Atman muss vom Geist als im Körper weilend erkannt werden, eingegangen als fünffacher Prana. Der Geist aller Wesen ist von Prana durchdrungen. So der Geist geläutert ist, erstrahlt der Atman durch sich selbst.

132. Mit geläutertem Geist erreicht man die Welt und die Wünsche, die der Geist sich ersehnt. Deshalb lasse einen nach Wohlstand Strebenden jenen verehren, der Atman erkannt hat.

133. Der Jivanmukta, der sich im alldurchdringenden Atman erkennt, erreicht, was immer er will, sei es für sich oder andere, denn er ist der Atman von allem.

Kapitel 3 - Teil 4

Die letztendliche Freiheit

134. Man sollte Brahman erkennen, in Seinem Strahlen ruht das Universum. Der Weise, der frei von Wünschen, wird nicht mehr wiedergeboren.

135. Wer Wünsche in seinem Geiste formt, wird durch diese Wünsche immer wieder geboren. Erlangte Wunschlosigkeit lässt den Atman erkennen.

136. Wer nach Befreiung strebt, muss allen Wünschen entsagen. Das ist der erste Schritt auf dem spirituellen Weg.

137. Aparoksha Brahma Jnana, direktes Erkennen Brahmans, ist der einzige Weg, den Wünschen zu entsagen. Wenn das Wünschen überwunden ist, ist man von weiteren Geburten befreit.

138. Wünsche leiten den Menschen zu guten und schlechten Taten. Er ist im Rad des Karmas beziehungsweise im Netz Mayas gefangen. Eine Geburt nach der anderen muss er durchleben, um die Früchte seiner Handlungen zu genießen.

139. Wer das Selbst erkannt hat, ist frei von Wünschen. Sein Atman ist zufrieden und ruht in Sich. Er genießt dauerhaft Glückseligkeit, ewigen Frieden und höchste Zufriedenheit. Wie können Wünsche den Geist eines Menschen berühren, der stetig den Nektar der Unsterblichkeit trinkt?

140. Alle Wünsche, die ihn zwingen Gutes und Schlechtes zu tun, sind vollkommen überwunden, obwohl der Körper noch am Leben ist. Wünsche können ihn nicht mehr erreichen, denn ihre Ursache, die Unwissenheit, ist ebenso überwunden.

141. Dieser Atman kann nicht durch das Studium der Veden, durch Intelligenz oder Lernen erkannt werden. Der vom Selbst erwählte, kann das Selbst erreichen. Ihm enthüllt der Atman Sein wahres Wesen.

142. Kein Ziel ist erhabener als das der Erkenntnis des Selbst.

143. Die Erkenntnis des Selbst ist der erhabenste Wunsch des Menschen.

144. Man sollte nach Befreiung dürsten. Man sollte eine brennende Sehnsucht haben, Brahman zu erkennen. Man sollte mit ganzem Herzen nach der Erkenntnis des Selbst streben. Man sollte nach all dem ernsthaft suchen, nachdem man allem entsagt hat. Nur dann kann Brahman erkannt werden.

145. So wie der Topf seine Gestalt durch Licht offenbart, so offenbart sich der durch Unwissenheit verhüllte Atman, sobald Wissen erlangt ist.

146. Wenn Unwissenheit entschwunden ist, offenbart sich der im Herzen strahlende Atman selbst.

147. Moksha kann man nicht erreichen. Es ist nichts, das man bewirken könnte. Es ist schon da. Durch Überwinden der Unwissenheit ist Brahman als das eigene Selbst zu erkennen.

148. Brahman kann man nicht von irgendwoher mitbringen. Es ist das Leben des Lebens. Es weilt in den Herzen aller Wesen. Nur der Schleier der Unwissenheit muss fallen. So er gefallen ist, erstrahlt Brahman durch Sich Selbst.

149. Der Atman kann nicht von dem erkannt werden, der ohne Ausdauer, ohne Ernsthaftigkeit und ohne wesentliche Buße praktiziert. Doch so der Weise mit diesen Mitteln danach strebt, wird sein Selbst eins mit Brahman.

150. Nur körperliches Bemühen ist nicht genug. Physische, mentale und moralische Festigkeit sind nötig.

151. Der Aspirant sollte folgende Voraussetzungen haben: Ausdauer, seelische Kraft, Vertrauen, Selbstvertrauen, Mut, Vitalität und Geduld. Nur so ist er in der Lage, die Schwierigkeiten auf dem Weg zu meistern und die Hindernisse zu überwinden. Nur so bleibt er von Fehlschlägen unberührt.

152. So die Weisen den Atman erkannt haben, sind sie seelenfroh mit ihrem Wissen. Ihr Ziel, frei von Wünschen zu werden, ist erreicht, sie werden heiter und gelassen. Von allem befreit erkennen sie den alldurchdringenden Atman.

153. Das Wissen des Vedanta verinnerlicht, den Geist durch den Yoga der Enthaltsamkeit geläutert, so erreicht der Einsiedler die Welt von Brahman und wird zum Zeitpunkt des Todes befreit.

154. So wie Fußspuren von Vögeln im Himmel und Fußspuren von Wassertieren im Wasser nicht sichtbar sind, so sind die Spuren des Jivanmukta nicht sichtbar.

155. Er braucht keine Straße. Sein Prana geht direkt in Brahman ein.

156. Die fünfzehn Teile der Befreiten gehen in ihre Elemente ein, ihre Götter in ihre entsprechenden Götter. Ihre Handlungen und ihr mit Wissen gefülltes Selbst werden eins mit dem unvergänglichen Brahman.

157. So wie sich der Fluss im Ozean auflöst, Name und Form aufgebend, so geht der von Name und Form befreite Seher in die göttliche Person, die größer als groß ist, ein.

158. Wer Brahman erkannt hat, wird Brahman. In seiner Linie wird niemand mehr geboren werden, der Brahman nicht erkennt. Er überwindet Leid, Gut und Böse, wird von den Fesseln befreit und erlangt Unsterblichkeit.

159. Dieses Wissen über Brahman möge nur denen gelehrt werden, die ihr ihnen auferlegtes Karma leben, die die Veden kennen, die in Brahman ruhen, die im Vertrauen sich selbst als Opfer im Ekadashi Feuer darbringen und die das Siro Gelübde (Sirovrata - Feuer auf dem Haupte tragen) nach den Regeln der Atharvanas abgelegt haben.

160. Wer dieses Gelübde nicht abgelegt hat, sollte dieses Wissen nicht studieren. Das ist die Wahrheit. Rishi Angirasa erklärte es so vor langer Zeit Saunaka und den anderen Schülern. Ich verneige mich vor den großen Rishis. Ich verneige mich vor den großen Rishis.

Die Mundaka Upanishad des Atharvaveda - Erläuterungen nach Paul Deussen

Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 661 - 663.

Shankara – der große Lehrer des Vedanta

Die Mundaka Upanishad (gelegentlich auch kurzweg Munda genannt, Muktikop. v. 29; Narayana zu Atharvasikha 1 p. 229,5, zu Garbha p. 60,6) gehört nicht einer bestimmten Veda-Schule an, sondern ist, wie der Name besagt, "die Upanishad der Kahlgeschorenen (Munda)", d. h. einer Genossenschaft von Asketen, welche, wie später die Buddhistenmönche, als Observanz die Kopfhaare abrasierten. Dem entsprechend wird am Schluß der Upanishad eingeschärft, dieselbe keinem mitzuteilen, der nicht vorschriftsmäßig das Kopfgelübde (Sirovratam) erfüllt hat. Daß unter diesem "Kopfgelübde" das Tragen von Feuer (etwa einem Becken mit Kohlen) auf dem Haupt zu verstehen sei, wie Shankara erklärt mit der Bemerkung, daß "dieses Gelübde im Atharvaveda vorkomme", scheint uns sehr zweifelhaft; denn zunächst wäre es dort nachzuweisen, was unseres Wissens noch nicht geschehen (ich will hoffen, daß man nicht dafür Atharvav. 10,2,26 anführen wird; vgl. über diese Stelle Gesch. d. Phil. I, 269), und dann bliebe noch die Frage, ob Shankara auf Grund einer Tradition oder (wie so oft) aus bloßer Mutmaßung redet, und ob wir nicht seiner abenteuerlichen Auffassung der Stelle die einfache Interpretation für Sirovratam vorziehen, welche in dem Worte Mundaka liegt.[1]

Die Mundaka Upanishad ist eine der beliebtesten; in keiner Upanishad-Sammlung pflegt sie zu fehlen; unter den zehn Upanishaden, welche Muktika und ähnliche Sammlungen als die wichtigsten voranstellen, nimmt sie nach Isa, Kena, Katha, Prasna die fünfte Stelle ein; Narayana zählt die Atharva-Upanishaden von ihr aus als erster; schon Badarayana widmet ihr drei von den achtundzwanzig Adhikaranas, in denen er die Brahmanlehre abhandelt (System des Vedanta, S. 130), und Shankara zitiert sie allein in dem Brahmasutra-Kommentar 129-mal (1. c. S. 32).

Diese Bevorzugung verdankt unsere Upanishad nicht sowohl der Originalität des Inhalts, denn, die meisten Gedanken sind nachweislich älteren Texten entlehnt, als vielmehr der Reinheit, mit welcher sie die alte Vedantalehre vorträgt, und der Schönheit der Verse, in denen sie dieselbe zum Ausdruck bringt. Sie setzt voraus zunächst und vor allem Chandogya, sehr wahrscheinlich auch Brihadaranyaka und Taittiriya, und so wohl auch Kathaka, mit der sie mehrere Stellen gemein hat, welche dort im Zusammenhang vorkommen, während sie in Mundaka mehr abgerissen stehen. Der Sprache und sonstigen Haltung nach dürfte sie am nächsten zu Brihannarayana und Svetasvatara zu stellen sein; mit letzterer Upanishad teilt sie den poetischen Schwung, den Mangel einer geordneten Gedankenfolge und die Zügellosigkeit des Metrums, ist aber weniger reich an originellen Gedanken und dafür hinwiederum freier von theistischen und häretischen Neigungen als dieselbe. Mehrere wichtige Stellen hat Mundaka mit Svetasvatara und anderseits mit Brihannarayana gemein; ein Vergleich derselben (siehe die Anmerkungen) macht es wahrscheinlich, daß Svetasvatara von Mundaka, und Mundaka wiederum von Brihannarayana benutzt worden ist. Im großen und ganzen aber gehören sie sicher alle drei demselben Zeitalter an.

Eine Disposition der Mundaka Upanishad läßt sich, ohne Gewalttätigkeiten, nicht wohl geben, und nur ganz im allgemeinen kann man sagen, daß von den drei Teilen, aus denen sie besteht (und deren jeder wieder in zwei Hälften zerfällt), der erste die Vorbereitungen der Brahmanerkenntnis, der zweite die Lehre von Brahman und der dritte den Weg zu Brahman behandelt. Wiederholt aber kommt das Thema des dritten Teiles schon im zweiten, das des zweiten wieder im dritten, und das aller beider schon im ersten zum Durchbruch.

Mundaka Upanishad मुण्डकौपनिषद् Muṇḍaka-Upaniṣad Aussprache

Hier kannst du hören, wie das Sanskritwort Mundaka Upanishad, मुण्डकौपनिषद्, Muṇḍaka-Upaniṣad ausgesprochen wird:

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Fußnoten

  1. Bhaskarananda Svamin (ein mir befreundeter alter Sannyasin, mit dem ich öfter philosophierte, indem er, völlig nackt, neben mir auf einer Steinplatte des Gartens in Benares saß, welchen er bewohnt) scheint meiner Meinung zu sein, wenn er in einem eben erschienenen, populären Kommentar zu acht Upanishaden zu Eingang von Mundaka bemerkt: Asya Ca Sirovratibhir Adhyetavyatvad Mundaka-Iti-Akhya; wozu freilich nicht stimmt, daß er nachher bei der Stelle Shankaras Meinung reproduziert.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Seminare

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