Bettelmönch

Aus Yogawiki
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Ein Bettelmöch ist ein Mönch, sich in der vollständigen Hingabe zu Gott seine Nahrung durch das Betteln empfängt.

Wie Ramana Maharishi zum Bettelmönch wurde

aus "Der Weg zum Selbst" von Heinrich Zimmer

Der einfachen und wunderbaren Wirklichkeit dieser Verse, die er in der Lust und Stille innigster Selbstversenkung immer neu ertauchen sollte, ging er entgegen, als er am Morgen des 1. September von der Bahn in den großen Tempel eilte, Die weiten Baulichkeiten, dreifach von langen Mauern umschlossen und gegliedert, von den Tortürmen wie Himmelsleitern überragt, standen schon offen und waren noch menschenleer, Er drang ungesäumt bis zur innersten Cella vor und verweilte andächtig vor dem Sinnbild des Göttlichen: Shivas Lingam aus Stein, das wie aus steinzeitlicher Verehrung ewiger Mächte zeitlos im Dämmer ragte. Dann ging er fort und hat diesen Raum erst nach drei Jahren wieder betreten, Eingeweiht durch sich selbst, durch kein Buch belehrt, durch keinen Lehrer zu magischer Wiedergeburt geführt, trat er lautlos in den Stand der schweigenden Asketen (Muni), der heimatlosen Bettelpilger (Parivrajaka), die nach dem Motto leben:

»Wozu sich um ein Lager mühen, — ist doch die Erde da? Wozu Kissen, — hast du doch deinen Arm? Wozu viele Schüsseln, — hast du doch die hohle Hand? Und wozu kostbare Seidengewänder, — gibt es doch Bast und Baumrinde? Liegen nicht Kleiderfetzen am Wege, Und bieten dir Bäume nicht mildtätig Speise? Sind die Ströme, die andere tränkten, versiegt?«

Er ging an einem Teich vorüber und warf das Bündel mit den Süßigkeiten, die er als Wegzehrung erhalten hatte, hinein: »Was soll ich diesem toten Klotz — dem Leibe — Süßes bieten?« — Dann sprach ihn einer an, der bei den täglich wechselnden vielen Gesichtern der Wallfahrer einen Blick dafür haben mochte, was für ein Vogel da neu zugeflogen sei: »Willst du kahl geschoren sein?« — »Ja«, sagte der Junge und tauchte alsbald wieder aus einem Barbierladen mit dem kahlen Kopf des Bettelmönchs auf. Den schönen, duftenden Wildwuchs des Haupthaares aufzuopfern, ist die Abschiedsgebärde an die vegetativen Kräfte des eigenen Leibes, der Erde und der ganzen Welt, um einzugehen in den Stand asketischer Weltüberwinder. Venkata-Ramans dichter, schwarzer Lockenschopf war zu seiner hellen Hautfarbe und dem hübschen Gesicht in Dindigul wie Madura ein Teil seines jugendlichen Charmes; er opferte ihn so unbedenklich wie bewußt im Stil geheiligter Uebung, wie jener Prinz aus dem Shakyageschlecht zweieinhalb Jahrtausende vor ihm auf seinem Wege zur Erleuchtung als Buddha, am Morgen seines nächtlichen Auszuges aus der Heimatwelt, nachdem er seinen einzigen Begleiter mit dem Leibroß als Boten seines Weltverzichts heimgesandt hatte. Die buddhistische Legende und Kunst hat den entscheidenden Augenblickdieses weltgeschichtlich gewordenen Weltverzichts immer wieder gefeiert: wie der »werdende Buddha« (Bodhisattva), am anderen Ufer des Flusses angelangt, in selbstgewählter Einsamkeit das Schwert zog, sich den Schopf abschnitt und samt dem prinzlichen Diadem ins strömende Wasser warf, wie er seine fürstliche Kleidung abstreifte, um dafür das rotgelbe Bettelgewand eines Asketen der Wildnis einzutauschen. So riß Venkata-Raman sein Kleid in Fetzen und behielt nur einen Streifen um die Lenden; er warf den Rest Geld weg, den er noch hatte: dreieinhalb Rupees. Er rührte nie wieder Geld oder Besitz an, und was er an Gaben empfing und von gebefreudiger Verehrung aufgedrängt erhielt, verteilte er augenblicklich an seine Umgebung.

Er legte auch die Brahmanenschnur ab, das Zeichen seiner reinen Geburt und hohen Abkunft von den alten Weisen und Sehern, Sängern und Priestern der Vorzeit, die das heilige Wissen der Veden im Umgang mit den Göttern erschaut und in zauber¬kräftige Worte gefaßt hatten; sein Umgang mit dem Unbedingten sollte sich jenseits heiliger Ueberlieferung wie magischer Ein¬weihung durch einen Lehrer, jenseits des Privilegs der Herkunft, das ihn zu beiden berechtigte, auf eigenste Erfahrung des Yoga im Ringen um die unmittelbare Einheit mit dem höchsten Wirk¬lichen gründen. Das war das Sakrament des Allverzichts, dessen einziger Zeuge sein eigenes Selbst war. Wer den einsamen und namenlosen Knaben in dieser Stunde freiwilliger Entblößung mit einer be¬rühmten Strophe des großen Vedântalehrers Shankara aus dem 9. Jahrhundert gegrüßt und gefragt hätte: »Wer bist du, Kind? wes bist du? wohin gehst du? wie ist dein Name? du, wo kamst du her? das sag du mir — (Gefallen schufst du mir) zu Liebe mir! — Liebe entfaltend bist du ...« — einem solchen Frager hätte der Knabe aus dem Wissen seines Erwachens mit der Antwortstrophe jenes bekannten Gedichtes vom »Erwacher zur Wahrheit« (bodha) Rede stehen können:

»Ich bin kein Mensch, — bin auch kein Gott, kein Kobold, kein Brahmane, Krieger, Bürger, Shûdra, kein Brahmanschüler, kein Hausvater, Waldeinsiedel, auch Bettelpilger bin ich nicht, —s Erwacher zum Eigen ist mein Wesen.« Als der junge Asket aus dem Barbierladen kam, nahm er kein Bad. »Wozu diesen Klotz mit Baden verwöhnen?« sprach er zu sich von seinem Leibe; er begab sich stracks in den weiten Tempel¬bezirk, um sich dort in einem Winkel der Versenkung, dem Yoga zu widmen, Dabei machte er durch, was nicht leicht einem Neuling erspart bleibt, der sich heimatlos in der flutenden Oeffentlichkeit eines Wallfahrtsbezirks niederläßt, um in dem heiligen Revier un¬gestörter Stille zu pflegen, Gassenjungen, vor allem kleine Muslim, die keinen Respekt vor Hinduheiligen haben, spürten ihn auf und stellten das Gelübde seines Schweigens und unbedingter Seelen¬ruhe auf harte Proben, Sie zielten mit Steinen nach ihm, wo sie ihn in sich versunken sitzen fanden, um ihn aufzustören und lächerlich zu machen, Sie hatten schon ein gleiches Ziel am gleichen Ort gehabt: den Asketen Sheshâdrisvâmin, der für leicht verrückt galt, So gaben sie dem Neuangekommenen den Spitznamen »Chinna¬Sheshâdri«, d. h. »Sheshâdri, der Junge«, und verfolgten ihn wie den Aelteren. Mit ihren Steinwürfen vertrieben sie ihn schlie߬lich aus der großen Pilgerhalle in einen Winkel des heiligen Be¬zirks, der in völligem Dunkel lag, niemals gereinigt wurde und von Ungeziefer wimmelte, Asseln und Ameisen, Bienen, Wespen und Moskitos stürzten sich auf ihr regloses Opfer und tranken sein Blut; die Unterseite seiner in ständigem Yogasitz gekreuzten Schenkel war bald von Blut und Eiter bedeckt; aber der junge Yogin spürte es nicht. Einmal fand ihn dort eine fromme Frau und sprach ihn an; aber er hatte ihrer so wenig acht wie der frischen Kleider, die sie brachte und neben ihn legte. Die Gassenjungen fanden ihn auch in diesem Versteck, wagten sich aber nicht ins Dunkel vor, und ihre Steine erreichten ihn nicht. Sheshâdrisvâmin, der damals 26 Jahre alt war, mit 19 Jahren

der Welt entsagt und 1890 nach Tiruvannamalai gekommen war, erkannte in dem unerschütterlichen Jüngling einen Geistesver-wandten und Berufenen. Er selbst stammte aus einer südindischen Brahmanenfamilie im North Arcot District und besaß höhere geist¬liche Bildung, konnte Sanskrit, kannte die heilige Ueberlieferung der Purânas und Epen, Er war ein Eingeweihter der göttlichen Weltmutter und Weltkraft (shakti) und verehrte sie in der Gestalt der Göttin Kâmâkshî von Conjeeveram. Er starb am 14, Januar 1929. Er und Shri Ramana wurden »die beiden Augen von Tiru¬vannamalai« genannt, deren Blick den Ort heiligte. Er nahm sich seines jugendlichen Ebenbildes an, vertrieb die Gassenjungen und bewahrte Venkata-Raman vor ihren Steinwürfen. Als er wieder einmal zur Zielscheibe für eine Knabenhorde wurde, trug Sheshâ¬dri den in sich Entrückten, der nichts gewahr wurde, aus seinem dunkeln, schmutzigen Loch auf seinen Armen hinweg und setzte ihn behutsam an einem Heiligtum Kârttikeyas nieder, Mit Kummer sah er, wie das Geziefer den Jungen zugerichtet hatte; aber da er seine Versenkung nicht stören mochte, überließ er ihn ehrfürchtig sich selbst, Venkata-Ramans Kraft zu unbedingter Versenkung fand bald den ehrfürchtigen Beifall gleichgesinnter Asketen, Sie nannten ihn den »Brâhmana-svâmin«, den »Heiligen aus Brahmanengeschlecht«; Sheshâdri nannte ihn kurzweg »Ramana-Svâmin«. Am Heiligtum Kârttikeyas hauste ein anderer Yogin, den sie »Mauna-Svâmin«, den »Heiligen des Schweigens« nannten, mit einer Gruppe betteln¬der Asketen (sâdhu), die im Garten nebenan ihren Sitz genommen hatten. Keiner von ihnen kümmerte sich regelmäßig um den jungen Ramana; aber Mauna-svâmin gab ihm täglich die Milch, die vom Altarbild der Göttin Umâ nach den Darbringungen herausgewaschen wurde, Das war ein trübes Gemisch all der Spenden, mit denen das Kultbild übergossen und verehrt worden war: Milch, Wasser und Zucker, vermengt mit Gelbwurzpulver, Bananenstücken und andern Opferresten. Der junge Ramana schluckte das ohne Wider-streben. Als der Tempelpriester das eines Tages bemerkte, war

er bestürzt und ließ fortan die Milch rein, wie sie der Göttin dar¬gebracht worden war, dem Brâhmana-svâmin zukommen. Nach etwa zwei Monaten verzog sich der junge Asket in einen anstoßenden Garten unter den Schatten riesiger Oleanderbäume. Hier geschah es ihm in seiner tiefen Versunkenheit zuweilen, daß er sich, wenn er die Augen wieder aufschlug, unter einem andern Baume wiederfand, als wo er sich niedergelassen hatte. Das gleiche geschah ihm, als er sich danach in die Remise des großen Tempels zurückgezogen hatte, wo die Prozessionswagen für die Götter¬bilder aufbewahrt standen: er fand seinen Leib manchmal unter einem andern Wagen wieder, als wo er ihn hingesetzt hatte, um Versenkung zu üben, ohne daß etwas zwischen beiden Plätzen den Weg versperrte, ihn hatte aufhalten oder aufwecken können. Hier war er freilich wieder Quälereien durch Gassenjungen aus-gesetzt, die ihn aufspürten, und mußte sich vor ihrem Unfug tief ins dunkelnde Innere des weitläufigen Raumes verlieren, um Ruhe zu haben. Als er danach unter einem Iluppai-Baum Platz nahm, nahe einem öffentlichen Wege des äußersten Tempelbezirks, fand sich der erste Schüler zu seinen Füßen ein, — soweit das Wort »Schü¬ler« im indischen Sinne für seine Jünger und Anhänger am Platze ist, da er nie einem Menschen die eigentliche Schülerweihe (dîk¬shâ) erteilt hat. Es war Uddandi Nayinar, der ein großes Buch¬wissen besaß und in dem jungen Yogin, der davon noch nichts hatte, dessen leibhafte Erfüllung gewahrte. Als er den Heiligen unter dem Baume sitzend fand, sprach er: »Hier ist Erfüllung und Friede, hier muß ich sie suchen«, und fand beides in der täglichen Gegenwart Shrî Ramanas, Er wehrte Störungen von ihm ab und rezitierte heilige Lehrtexte des Vedânta und Yoga, die »frisch gekirnte Butter der Milch der Vollendung« (Kaivalya-navanîta) und die Yogalehre des heiligen Vasishtha, die den Weg zur Einung mit dem Unbedingten an den epischen Vorgängen des Râmâyana darlegt (Yoga-Vasishtha Adhyâtma-Râmâyana).

Siehe auch

Literatur

  • Der Weg Zum Selbst von Heinrich Zimmer, Rascher Verlag Zürich, 1944, 1. Auflage