Erlösung

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Erlösung heißt endgültiges Lösen von etwas. Erlösung bedeutet in Religion und Spiritualität das Erreichen des Ziels des Lebens: Gottverwirklichung, Selbstverwirklichung, Befreiung, Erleuchtung. Erlösung in der Umgangssprache heißt, von einer Aufgabe abgelöst zu werden oder auch ein lang erstrebtes Ziel zu erreichen oder die Gewissheit, dass eine drohende Gefahr nicht eintreten wird.

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Der Erlöste und seine Kräfte

Dialog zwischen einem Schüler und seinem Meister Ramana Maharshi aus einer Nacherzählung von Heinrich Zimmer aus seinem Buch "Der Weg zum Selbst" 1944 erschienen im Rascher Verlag Zürich

Der Schüler: Bislang hatte ich immer große Angst vor der Erlösung (mukti); bis jetzt stellte ich sie mir immer furchtbar vor. Jetzt sehe ich: es ist ein sehr angenehmer Zustand. — Aber was ist es mit den Wunderkräf ten (siddhi)? Soll man nach ihnen streben oder sind sie der Erlösung entgegen?
Der Meister: Das höchste Wunder (siddhi), das sich vollbringen läßt, ist das Erleben des Selbst, das Aug-in-Auge mit dem Atman (âtma-sâkshâtkâra); denn wenn du darin einmal die wahre Wirklichkeit erlebt hast, kannst du nie mehr auf den Pfad der Unwissenheit abgleiten.
Der Schüler: Aber was sind die Wunderkräfte?
Der Meister: Es gibt zweierlei wunderbare Kräfte (siddhi), und die eine der beiden Arten kann wohl ein Hemmnis sein auf dem Weg, die Wahrheit zu erleben. Es heißt, daß Zaubersprüche (mantra), Elixiere voll geheimer Eigenschaften, grausam strenge Askese oder Versenkung (samâdhi) bestimmter Art besondere Kräfte zu verleihen imstande sind; aber das sind keine Hilfen zur Erkenntnis des Selbst, und wenn du sie erlangst, kannst du zugleich in völligem Nichtwissen verharren.
Der Schüler: Und die andere Art?
Der Meister: Das sind Offenbarungen der Kraft und Erkenntnis, die dir ganz natürlich sind, wenn du das Selbst erlebt hast. Es sind Vollkommenheiten (siddhi) als Ergebnisse der üblichen und natürlichen Askese (tapas) eines, der zu seinem Selbst gelangt ist. Sie kommen ganz von selbst, sind gottgeschenkt und ent¬springen gewissermaßen aus seinem eigenen Karman; aber ob sie kommen oder nicht: der Vollendete (siddha) des wahrhaft Wirklichen, im höchsten Frieden geborgen, bleibt davon unverstört. Er weiß um das Selbst, und das ist die unerschütterliche Vollendung(siddhi), Aber diese Wunderkräfte (siddhi) kommen nicht, wenn man sie erproben will, Wenn du im Stande der Wirklichkeit des Selbst stehst, wirst du erkennen, was diese Kräfte sind.
Der Schüler: Du hast gesagt: ein Erlöster (mukta) vermag im Laufe der Zeit kraft seiner natürlichen Askese (tapas) unanrühr-bar und unsichtbar zu werden, er kann jede Gestalt annehmen?
Der Meister: Ja, der Erlöste ist am höchsten zu solchen Entfaltungen fähig. Aber du kannst den in Erkenntnis Vollendeten (jiiânin) nicht nach diesen Entfaltungen beurteilen; sie sind keine Anzeichen der wahren Erkenntnis, Diese besteht wesenhaft darin, in allem scheinbar Gegensätzlichen gleichmütigen Blickes das gleiche zu erblicken (samatva-drishti),
Der Schüler: Ich bin am Ende, — Aber ein Zweifel bleibt mir, Der Meister: Welcher?
Der Schüler: Du sagtest: das »Herz« ist die eine Mitte für das »Ich-Selbst«, für das wahre Selbst, den höchsten Herrn und für alles?
Der Meister: Ja, das »Herz« ist die Mitte des Wirklichen, Aber das Ich ist vergänglich. Wie alles übrige wird es von der Herzmitte getragen. Aber es ist das Wesen des Ich, Bindeglied zwischen Geist und Stoff zu sein; es ist ein Knoten (granthi), der Knoten urgrundhaften Nichtwissens, in den wir geschlungen sind. Dieser Knoten ist hier im Herzen (hrid), Wenn er aus eigener Kraft zerhauen wird, entdeckst du; dies ist die Mitte des Selbst.
Der Schüler: Du sagtest, da sei ein Weg von dieser Mitte zum tausendblättrigen Lotos im Hirn (sahasrâra)?
Der Meister: Ja, Beim Unerlösten ist er verschlossen; aber bei wem der Ichknoten, der Herzknoten (hridaya-grantha) zerhauen ist, bei dem entspringt ein Kraftstrom, die »Ader des Göttertranks Todlos« (amrita-nâdî): sie steigt auf zum tausendblättrigen Lotos im Hirn,
Der Schüler: Ist dieser Weg die Ader Sushumnâl?
Der Meister: Nein, es ist der »Weg der Erlösung« (moksha) und heißt die »Ader des Selbst« (âtma-nâdî), die »Ader Brahmas« (brahmâ-nâdî) oder »Ader des Göttertranks Todlos« (amrita-nâdî). Von ihr heißt es in einer Upanishad': »Hundert-und-eine sind des Herzens Adern, von diesen geht eine zum Kopfe hinauf. Durch sie emporsteigend, gelangt er zum Todlosen.« — Wenn dieser Weg offen ist, bist du frei von Betörung (moha) und Nichtwissen. Du weißt um das wahrhaft Wirkliche, auch wenn du dich unterhältst, etwas denkst oder irgend was tust und dich mit Menschen oder Dingen abgibst,
Der Schüler: Wenn ich all das höre, bin ich starr. Ich begreife nicht, wie einer zu so hohen Erfahrungen gelangen kann, wenn er immer bloß solche Leitworte im Sinne hat wie »sieh den, der da sieht«, »erkenne dich selbst« oder »ich bin Brahman« usw,
Der Meister: Das ist freilich schwer, aber nicht unmöglich, wenn du wahrhaftig darum ringst, Darum heißt es ja: die Gnade muß dich anrühren, die Ausstrahlung eines in Erkenntnis Vollendeten (jiiânin) durchdringt dich stillschweigend. Er bedarf keiner Worte.

Brahman als die Seele im Stande der Erlösung. Nach 1,3,42-43

Artikel aus dem Buch „Das System des Vedanta“ von Paul Deussen, Elibron Classics, 2. Auflage, 1906, S. 202 - 212.

Der Abschnitt Brih. 4,3-4 (S. 706-919), dessen Hauptthema nach Shankara das genannte ist, entrollt über die Zustände der Seele vor und nach dem Tode ein Bild, welches an Reichtum und Wärme der Darstellung wohl einzig in der indischen Literatur und vielleicht in der Literatur aller Völker dasteht. Wir übersetzen die Stelle mit einigen Kürzungen und Auslassungen, die sich selbst rechtfertigen werden, bemerken jedoch, dass manches, besonders im ersten Teile, problematisch bleibt.

a) Einleitung (4,3,1-9)

Zu Janaka, dem Könige der Videhas, kommt Yajnavalkya, um sich mit ihm zu unterreden. Der König wirft die Frage auf: „Was dient dem Geiste [oder: Menschen, Purusha] als Licht?" — Die nächste Antwort lautet: „Die Sonne dient ihm als Licht; denn beim Lichte der Sonne sitzt er und gehet umher, treibt seine Arbeit und kehret heim." — „Aber was dient ihm als Licht, wenn die Sonne untergegangen ist?" — „Der Mond." — „Und wenn Sonne und Mond untergegangen sind?" — „Das Feuer." — „Und wenn Sonne und Mond untergegangen sind, und das Feuer erloschen ist?" — „Die Stimme; darum, wenn man seine eigene Hand nicht unterscheiden kann, und es erhebt sich [Uccarati zu lesen] irgendwoher eine Stimme, so gehet man auf dieselbe zu." — „Aber wenn Sonne und Mond untergegangen sind, das Feuer erloschen und die Stimme verstummt ist, was dient dann dem Geiste als Licht?" — „Dann dient er sich selbst (Atman) als Licht." — „Was ist das für ein Selbst?" — "Es ist unter den Lebensorganen der aus Erkenntnis be,stehende, in dem Herzen innerlich leuchtende Geist. Dieser durchwandert, derselbe bleibend, beide Welten [diese Welt im Wachen und Traume, jene im Tiefschlafe und Tode]; es ist, als ob er sänne, es ist, als ob er schwankend sich bewegte [in Wahrheit ist Brahman ohne individuelle Erkenntnis und Bewegung]; denn wenn er Schlaf geworden ist, so übersteigt er [im Tiefschlafe] diese Welt, die Gestalten des Todes [der Vergänglichkeit, des Übels]. Nämlich, wenn dieser Geist geboren wird, wenn er eingeht in den Leib, so wird er mit den Übeln übergossen; wenn er auszieht, wenn er stirbt, so lässet er die Übel hinter sich. Zwei Zustände sind dieses Geistes: der gegenwärtige und der in der andern Welt; ein mittlerer Zustand, als dritter, ist der des Schlafes. Wenn er in diesem mittleren Zustande weilt, so schaut er jene beiden Zustände, den gegenwärtigen [im Traume] und den in der andern Welt [im Tiefschlafe]. Je nachdem ihm nun ein Zutritt wird zu dem Zustande in der andern Welt, diesem Zutritte gemäß tritt er hin und schaut beides, die Übel [dieser Welt, im Traume] und die Wonne [jener Welt, im Tiefschlafe]."

b) Der Traumschlaf (4,3,9-14.16-18)

Wenn er nun einschläft, dann entnimmt er aus dieser allenthaltenden Welt das Bauholz (Matram, Materiem), fällt es selbst und baut es selber auf vermöge seines eignen Glanzes, seines eignen Lichtes; — wenn er so schläft, dann dient dieser Geist sich selbst als Licht. Daselbst sind nicht Wagen, nicht Gespanne, nicht Straßen, sondern Wagen, Gespanne und Straßen schafft er sich; daselbst ist nicht Wonne, Freude und Lust, sondern Wonne, Freude und Lust schafft er sich; daselbst sind nicht Brunnen, Teiche und Flüsse, sondern Brunnen, Teiche und Flüsse schafft er sich, — denn er ist der Schöpfer. Darüber sind diese Verse:

Abwerfend was des Leibes ist (Shariram) im Schlafe
Schaut schlaflos er die schlafenden Organe;
Ihr Licht entlehnend kehrt zum Ort dann wieder
Der gold'ge Geist, der ein'ge Wandervogel.
Das niedre Nest lässt er vom Leben hüten
Und schwingt unsterblich aus dem Nest empor sich,
Unsterblich schweift er wo es ihm beliebet,
Der gold'ge Geist, der ein'ge Wandervogel.
Im Traumesstande schweift er auf und nieder
Und schafft als Gott sich vielerlei Gestalten,
Bald gleichsam wohlgemut mit Frauen scherzend,
Bald wieder gleichsam Schreckliches erschauend.
Nur seinen Spielplatz, nicht ihn selber sieht man.

Darum heißt es: «Man soll ihn nicht jählings wecken,» denn schwer ist einer zu heilen, zu welchem er sich nicht zurückfindet. Darum heißt es auch: «der [Schlaf] ist für ihn nur eine Stätte des Wachens,» denn was er im Wachen sieht, dasselbige siehet er auch im Schlafe. So also dient daselbst dieser Geist sich selbst als Licht. Nachdem er nun so im Traume sich ergötzt und umhergetrieben hat und nachdem er geschaut hat. Gutes und Übles, so eilt er, je nach seinem Eingang, je nach seinem Platze, zurück zum Zustande des Wachens; und alles, was er in diesem schaut, davon wird er nicht berührt; denn an diesem Geiste haftet nichts an; und wiederum, nachdem er so im Wachen sich ergötzt und umhergetrieben hat und nachdem er geschaut hat Gutes und Übles, so eilt er, je nach seinem Eingange, je nach seinem Platze zurück zum Zustande des Traumes. Und gleichwie ein großer Fisch an beiden Ufern entlang gleitet, an dem diesseitigen und an dem jenseitigen, so gleitet der Geist an den beiden Zuständen entlang, an dem des Traumes und an dem des Wachens [ohne von ihnen berührt zu werden].

c) Der Tiefschlaf (4,3,19.21-83)

Aber gleichwie dort im Luftraume ein Falke oder ein Adler, nachdem er umhergeflogen ist, ermüdet seine Fittiche zusammenfaltet und sich zur Niederkauerung begibt, also auch eilt der Geist zu jenem Zustande, wo er eingeschlafen keine Begierde mehr empfindet und kein Traumbild schaut. Das ist die Wesensform desselben, in der er über das Verlangen erhaben, vom Übel frei und ohne Furcht ist. Denn so wie einer, von einem geliebten Weibe umschlungen, kein Bewusstsein hat von dem, was außen oder innen ist, so auch hat der Geist, von dem erkenntnisartigen Selbste [dem Brahman] umschlungen, kein Bewusstsein von dem, was außen oder innen ist. Das ist die Wesensform desselben, in der er gestillten Verlangens, selbst sein Verlangen, ohne Verlangen ist und vom Kummer geschieden. Dann ist der Vater nicht Vater und die Mutter nicht Mutter, die Welten sind nicht Welten, die Götter nicht Götter, die Veden nicht Veden; dann ist der Dieb nicht Dieb, der Mörder nicht Mörder, der Candala nicht Candala, der Paulkasa nicht Paulkasa, der Asket nicht Asket, der Büßer nicht Büßer; dann ist Unberührtheit vom Guten und Unberührtheit vom Bösen, dann hat er überwunden alle Qualen seines Herzens.

Wenn er dann nicht sieht, so ist er doch sehend, obschon er nicht sieht; denn für den Sehenden ist keine Untebrechung des Sehens, weil er unvergänglich ist; aber es ist kein Zweites außer ihm, kein anderes, von ihm verschiedenes, das er sehen könnte. Ebenso wenn er dann nicht riecht, schmeckt, redet, hört, denkt, fühlt, erkennt, so ist er doch erkennend, obschon er nicht erkennt; denn für den Erkennenden ist keine Unterbrechung des Erkennens, weil er unvergänglich ist; aber es ist kein Zweites außer ihm, kein anderes, von ihm verschiedenes, das er erkennen könnte. Denn nur wo gleichsam ein anderes ist, da kann eines das andere sehen, riechen, schmecken, anreden, hören, denken, fühlen und erkennen.

Wie Wasser [rein, vgl. Kath. 4,15 und ad Brih. 366,8] stehet er als Schauender allein und ohne zweiten, er dessen Welt das Brahman ist. Dieses ist sein höchstes Ziel, dieses ist sein höchstes Glück, dieses ist seine höchste Welt, dieses ist seine höchste Wonne; durch ein kleines Teilchen nur dieser Wonne haben ihr Leben die andern Kreaturen.

Wenn unter den Menschen einer glücklich ist und reich, König über die andern und mit allen menschlichen Genüssen überhäuft, so ist das die höchste Wonne der Menschen. Aber hundert Wonnen der Menschen sind eine Wonne der Väter, die den Himmel erworben haben, und hundert Wonnen der Väter, die den Himmel erworben haben, sind eine Wonne in der Gandharva-Welt, und hundert Wonnen in der Gandharva-Welt sind eine Wonne der Götter durch Werke, die durch ihre Werke das Gottsein erlangen, und hundert Wonnen der Götter durch Werke sind eine Wonne der Götter von Geburt und eines der schriftgelehrt und ohne Falsch und frei von Begierde ist; und hundert Wonnen der Götter von Geburt sind eine Wonne in Prajapatis Welt und eines der schriftgelehrt und ohne Falsch und frei von Begierde ist, und hundert Wonnen in Prajapatis Welt sind eine Wonne in der Brahman-Welt und eines der schriftgelehrt und ohne Falsch und frei von Begierde ist. Und dieses ist die höchste Wonne, dieses ist die Brahman-Welt.

d) Das Sterben (4,3,35-4,4,2)

Wie nun ein Wagen, wenn er schwer beladen ist, knarrend geht, also auch gehet dieses körperliche Selbst, von dem erkenntnisartigen Selbste belastet, knarrend [röchelnd], wenn es so weit ist, dass einer in den letzten Zügen liegt. Wenn er nun in Schwäche verfällt, sei es durch Alter oder durch Krankheit, dass er in Schwäche verfällt, dann, so wie eine Mangofrucht, eine Feige, eine Beere ihren Stiel loslässt, also auch lässt der Geist die Glieder los und eilt wiederum, je nach seinem Eingange, je nach seinem Platze, zurück zum Leben. Und gleichwie zu einem Könige, wenn er fortziehen will, die Vornehmen und die Polizeileute und die Wagenlenker und Dorfschulzen sich zusammenscharen, also auch scharen zur Zeit des Endes zu der Seele alle Lebensorgane sich zusammen, wenn es so weit ist, dass einer in den letzten Zügen liegt.

Wenn nämlich die Seele in Ohnmacht verfällt, und es ist, als käme sie von Sinnen, dann eben scharen diese Lebensorgane sich zu ihr zusammen; sie aber nimmt diese Kraftelemente in sich auf und ziehet sich zurück auf das Herz; der Geist aber, der im Auge wohnte, kehrt nach auswärts zurück [zur Sonne, der er entstammt, vgl. S. 70]; alsdann erkennt einer keine Gestalt mehr. Weil er zur Einheit geworden ist, darum siehet er nicht, so heißt es, weil er zur Einheit geworden ist, darum riecht er nicht, schmeckt er nicht, redet er nicht, hört er nicht, denkt er nicht, fühlt er nicht, erkennt er nicht. Alsdann wird die Spitze des Herzens leuchtend; aus dieser, nachdem sie leuchtend geworden, ziehet die Seele aus, sei es durch das Auge, oder durch den Schädel, oder durch andere Körperteile. Indem sie auszieht, zieht das Leben mit aus; indem das Leben auszieht, ziehen alle Lebensorgane mit aus. Sie ist von Erkenntnisart, und was von Erkenntnisart ist, das ziehet ihr nach.

e) Die nichterlöste Seele nach dem Tode 14,4,2-6)

Dann nehmen sie [die Seele] das Wissen und die Werke bei der Hand, und ihre neuerworbene Erfahrung [wenn wir Aparva Prajna lesen dürfen]. Wie eine Raupe, nachdem sie zur Spitze des Blattes gelangt ist, einen andern Anfang ergreift und sich selbst dazu hinüberzieht, so auch die Seele, nachdem sie den Leib abgeschüttelt und das Nichtwissen losgelassen hat, ergreift sie einen andern Anfang und zieht sich selbst dazu hinüber.

Wie ein Goldschmied von einem Bildwerke den Stoff nimmt und daraus eine andere, neuere, schönere Gestalt hämmert, so auch diese Seele, nachdem sie den Leib abgeschüttelt und das Nichtwissen losgelassen hat, so schafft sie eine andere, neuere, schönere Gestalt, sei es der Väter oder der Gandharven oder der Götter oder des Prajapati oder des Brahman oder anderer Wesen.

Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman, bestehend aus Erkenntnis, aus Manas, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther, bestehend aus Feuer und nicht aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn, aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, bestehend aus allem. Je nachdem einer nun besteht aus diesem oder aus jenem, je nachdem er handelt, je nachdem er wandelt, danach wird er geboren; wer Gutes tat wird als Guter geboren, wer Böses tat wird als Böser geboren, heilig wird er durch heiliges Werk, böse durch böses. Darum fürwahr heißt es: «Der Mensch ist ganz und gar gebildet aus Begierde (Kama); je nachdem seine Begierde ist, danach ist sein Wille (Kratu), je nachdem sein Wille ist, danach tut er das Werk (Karman), je nachdem er das Werk tut, danach ergehet es ihm.» — Darüber ist dieser Vers:

Dem hängt er nach, dem strebt er zu mit Taten,
Wonach sein inn'rer Mensch und sein Begehr steht.
Nachdem den Lohn er hat empfangen
Für alles, was er hier begangen,
So kehrt aus jener Welt er wieder
Zu dieser Welt des Wirkens nieder.
So steht es mit dem Verlangenden (Kamayamana).

f) Die Erlösung (4,4,6-23)

Nunmehr von dem Nichtverlangenden (Akamayamana): Wer ohne Verlangen, frei von Verlangen, gestillten Verlangens, selbst sein Verlangen ist, dessen Lebensgeister ziehen nicht aus; sondern Brahman ist er und in Brahman löst er sich auf. Darüber ist dieser Vers:

Wenn alle Leidenschaft verschwunden,
Die in des Menschen Herzen nistend schleicht,
Dann hat der Sterbliche Unsterblichkeit gefunden,
Dann hat das Brahman er erreicht.

Wie eine Schlangenhaut tot und abgeworfen auf einem Ameisenhaufen liegt, also liegt dann dieser Körper; aber das Körperlose, das Unsterbliche, das Leben ist lauter Brahman, ist lauter Licht. Darüber sind diese Verse:

Eng strecket sich der alte Pfad, den ich gefunden und gegangen,
Erlöst betritt der Weise ihn, zur Welt des Himmels zu gelangen.
Mag man ihn weite, schwarz, braun, grün oder rot benennen, —
Es ist der eine Pfad, den die Brahmanen kennen;
Auf diesem wallt wer Brahman liebt und Gutes übt in Lichtgestalt.
In blindes Dunkel fährt wer im Nichtwissen lebte;
In blinderes wohl noch wer nach Werkwissen strebte.
Ja, freudelos ist diese Welt, von blinder Finsternis bedeckt:
In sie geht nach dem Tode ein der Mensch, den nicht das Wissen weckt.
Doch wer sich als das Selbst erfasst hat im Gedanken,
Wie mag der wünschen noch, dem Leibe nachzukranken
Wem in des Leib's abgründlicher Befleckung
Geworden ist zum Selbste die Erweckung,
Den als allmächtig, als der Welten Schöpfer wisst;
Sein ist das Weltall, weil er selbst das Weltall ist.
Dieweil wir hier sind, mögen wir es wissen;
Wo nicht, so bleibt der Wahn, ein groß Verderben.
Unsterblich sind die einen, wenn sie sterben, —
Zur Pein die andern werden fortgerissen.
Der Mann, der als sein eigen Selbst Gott hat geschaut von Angesicht,
Den Herrn des, das da war und wird, der fürchtet und verbirgt sich nicht!
Zu dessen Füßen rollend hin in Jahr' und Tagen geht die Zeit,
Den Götter als der Lichter Licht anbeten, als Unsterblichkeit,
In dem der Wesen fünffach Heer mitsamt dem Raum gegründet stehn,
Den weiß als meine Seele ich, unsterblich den Unsterblichen.
Des Odems Odem und des Auges Auge,
Des Ohres Ohr und des Verstandes Verstand,
Wer diese kennt, der wahrlich hat das Brahman,
Das alte, uranfängliche erkannt.
Im Geiste sollen merken sie:
Nicht ist hier Vielheit irgendwie;
Von Tod zu Tode wird verstrickt
Wer eine Vielheit hier erblickt.
Einheitlich ist er anzuschauen, unmessbar groß, unwandelbar.
Hoch über Raum und Sündenstaub, der Atman groß, unwandelbar.
Dem denket nach, die Weisheit zu erringen,
Nicht Worten viel, die nur Beschwerde bringen!

Wahrlich, dieses große, ungeborne Selbst, das ist unter den Lebensorganen jener aus Erkenntnis bestehende [selbstleuchtende Geist)! Hier, inwendig im Herzen ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des Weltalls, der Gebieter des Weltalls, der Fürst des Weltalls; er wird nicht höher durch gute Werke, er wird nicht geringer durch böse Werke; er ist der Herr des Weltalls, er ist der Gebieter der Wesen, er ist der Hüter der Wesen; er ist die Brücke, welche diese Welten auseinanderhält, dass sie nicht verfließen [vgl. S. 174].

Ihn suchen durch Vedastudium die Brahmanen zu erkennen, durch Opfer, durch Almosen, durch Büßen, durch Fasten; wer ihn erkannt hat, der wird ein Muni. Zu ihm auch pilgern hin die Pilger, als die nach der Heimat (Loka) sich sehnen.

Dieses wussten die Altvordern, wenn sie nicht nach Nachkommen begehrten und sprachen: «Wozu brauchen wir Nachkommen, wir, deren Seele diese Welt ist! Und sie standen ab von dem Verlangen nach Kindern, von dem Verlangen nach Besitz, von dem Verlangen nach der Welt und wanderten umher als Bettler. Denn Verlangen nach Kindern ist Verlangen nach Besitz, und Verlangen nach Besitz ist Verlangen nach der Welt; denn eines wie das andere ist eitel Verlangen.

Er aber, der Atman, ist nicht so und ist nicht so. Er ist ungreif bar, denn er wird nicht gegriffen, unzerstörbar, denn er wird nicht zerstört, unhaftbar, denn es haftet nichts an ihm; er ist nicht gebunden, er wankt nicht, er leidet keinen Schaden.

Wer solches weiß, den überwältigt beides nicht, ob er darum [weil er im Leibe war] das Böse getan hat oder ob er das Gute getan hat; sondern er überwältigt beides; ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan hat. Das sagt auch der Vers:

Das ist des Brahmanfreundes ew'ge Majestät,
Dass er nicht wächst durch Werke und nicht minder wird;
Man folge ihrer Spur, wer sie gefunden hat,
Der wird durch böse Werke weiter nicht befleckt.

Darum, wer solches weiß, der ist beruhigt, bezähmt, entsagend, geduldig und gesammelt; nur in seinem Selbste sieht er das Selbst, alles sieht er an als das Selbst; nicht überwindet ihn das Böse, er überwindet alles Böse, nicht verbrennet ihn das Böse, er verbrennet alles Böse; frei von Bösem, frei von Leidenschaft und frei von Zweifel wird er ein Brahmana, er, dessen Welt das Brahman ist!" —

Also sprach Yajnavalkya. Da sprach der König: «O Heiliger, ich gebe dir mein Volk in Knechtschaft und mich selbst dazu.»

Man könnte denken, so bemerkt Shankara zu diesem Abschnitte, dass in demselben von der individuellen Seele gehandelt werde, weil gegen Anfang und gegen Ende (unter a und f) die Rede sei von "dem unter den Lebensorganen aus Erkenntnis bestehenden" (S. 330,9). Es ist aber vielmehr überall an die höchste Seele zu denken, indem sie in der Stelle vom Tiefschlafe und vom Sterben von der individuellen Seele unterschieden wird, beim Tiefschlafe, wo es heißt, der Geist sei von dem erkenntnisartigen Selbste umschlungen (S. 331,2), beim Sterben, wo von einer Belastung des körperlichen Selbstes, d. h. der individuellen Seele, durch das erkenntnisartige Selbst die Rede ist (S. 331,7): der erkenntnisartige (Prajna) nämlich ist [im geraden Gegensatze gegen die Terminologie des Vedantasara, vgl. Anm. 82, S. 194] der höchste Gott, welcher so heißt, weil er von der allwissenden Erkenntnis ewig ungetrennt ist (S. 331,6).

Was aber die erwähnte Stelle zu Anfang und zu Ende betrifft, so heißt es dort (unter a): „es ist als ob er sänne, es ist als ob er schwankend sich bewegte", und hier (unter f): „wahrlich, dieses große, ungeborne Selbst, das ist unter den Lebensorganen jener aus Erkenntnis bestehende", zum deutlichen Beweise, dass hier die individuelle Seele nur erwähnt wird, um eben ihre Identität mit der höchsten zu lehren (S. 332,1-6). Auch die Zustände des Wachens und Schlafens werden ja nur erwähnt, um die Freiheit der Seele von ihnen zu zeigen; denn es heißt (unter b und c), dass der Geist von den Bildern im Wachen und Traume, und wiederum, dass er von Gutem und Bösem nicht berührt werde (S. 332,12), wie denn auch der König wiederholt in den [von uns ausgelassenen] Ausruf ausbricht: „Rede weiter zur Erlösung" (S. 332,11). Endlich bezeugen auch die Stellen (unter f) „der Herr des Weltalls" usw. und „er wird nicht höher durch gute Werke" usw., dass wir nicht an die individuelle, sondern an die höchste Seele zu denken haben (S. 333).

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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