Pilger

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Das deutsche Wort Pilger entstammt den lateinischen Begriffen peregrinus und peregrinari (in der Fremde sein; von "pergere": fortfahren bzw. von „per agrum“: „über Land“). Pilger bedeutet wörtlich Fremdling und benennt einen Menschen, der - meist zu Fuß – religiös-bedeutsame Orte (Wallfahrtsorte) aufsucht. Ein Pilger kann sich auch aus einem bestimmten Motiv heraus auf den Weg machen, wie etwa innerer Frieden, Entsagung, Gebet, Buße oder Bitte um Heilung. Die Pilger erfahren auf ihrem Weg meist eine tiefe Verbundenheit mit Gott.

Statue der Heiligen Maria in Lourdes. Pilger - erläutert vom Yoga Standpunkt aus

Der Pilgerort ist ein heiliger Ort wie etwa eine Wallfahrtskirche, ein Tempel, ein Naturheiligtum - etwa ein Berg, eine Quelle oder eine Höhle -, ein Ort göttlicher Erscheinungen (etwa Lourdes als Ort von Marienerscheinungen), ein Kraftort aus alter Zeit oder das Grab eines Heiligen.

"Wir sind hier als vorüberziehende Pilger. Unser Ziel ist Gott."
(Swami Sivananda)

Pilger in Indien

Varanasi

Im Hinduismus ist ein heiliger Ort "Tirtha", von denen es in Indien unzählige gibt. An diesen heiligen Orten sind alle Pilger gleich – egal welcher Kaste sie entstammen. Das Kastensystem ist dort i.d.R. aufgehoben. Die Pilger übernehmen einige Merkmale der Asketen – sie gehen barfuß und fasten.

Tausende Pilger gehen in Indien zu Naturheiligtümern, Inkarnationen der Gottheiten, oder auch Tempelanlagen.

Wichtige Orte für die indischen Pilger sind die heiligen Berge Kailash und Arunachala. Die Pradakshina, die Umrundung bzw. das rituelle Umschreiten eines Heiligtums, ist eine beliebte Art des Pilgerns. An jedem Vollmond zum Beispiel kommen tausende Pilger nach Tiruvannamalai, um Arunachala zu Fuß zu umrunden.

Die Ganga in Rishikesh - ein indischer Pilgerort

Außerdem sind Orte wie Varanasi und Rishikesh an der heiligen Ganga beliebte Ziele der indischen Pilger. Von Rishikesh aus können die Pilger auch weiter nach Norden in den Himalaya reisen, um etwa Badrinath, Kedarnath, Gangotri und Gaumukh, die Quelle eines der beiden Quellflüsse der Ganga, zu besuchen.

Auch Vrindavan, wo Krishna seine Kindheit verbracht haben soll, ist ein sehr bekannter Ort der indischen Pilger.

Parvati, Shiva und die reinigende Kraft der Ganga

Krishna und Arjuna auf Pilgerreise (Auszug)

Krishna und Arjuna

Von Sukadev Volker Bretz: „Krishna und Arjuna gingen einst auf Pilgerreise. Beide waren durchaus machtvolle Kämpfer; Krishna war ein König und eine Inkarnation Gottes und Arjuna ein Prinz. Aber ab und zu gingen sie eben auch auf ganz einfache Pilgerfahrt. Eine Pilgerreise hilft, Abstand zu gewinnen, vom normalen Leben.

Man kommt an spirituelle Kraftorte, zu Weisen, die einem Rat geben können, und man lernt, ob man tatsächlich an den Dingen hängt oder nicht. Es gibt verschiedene Arten von Pilgerreisen. Bei der strengsten Form nimmt man kein Geld mit, sondern lebt allein von Bettelgaben. (…) Die beiden waren so den ganzen Tag gewandert, und am Abend waren sie beide sehr müde und hungrig.

Da sahen sie, dass in einem Haus von reichen Leuten ein großes Fest im Gang war. (…) Sie klopften an, und sagten: „Wir sind hungrige Pilger. Können wir etwas zu essen bekommen?“ „Verschwindet!“, rief ihnen jedoch der Reiche zu. „Was wollt ihr hier überhaupt? Wenn ihr Essen wollt, dann müsst ihr arbeiten!“ „Es ist aber doch so viel übrig. Wir sind auch mit Resten zufrieden.“

„Verschwindet“, rief der Reiche erneut. Und da die beiden ihn nochmals nach Essen fragten, rief er seine Leibwächter. Diese warfen Krishna und Arjuna in hohem Bogen heraus. Krishna und Arjuna wären natürlich stark genug gewesen, mit einer Hand die Leibwächter zu besiegen, aber sie befanden sich ja auf Pilgerfahrt, und da übten sie sich in Ahimsa. (…)“

Christliche Pilgerwege

Der hl. Franziskus von Assisi - Gemälde von Rubens
Ich möchte viele Pilger sein
Du Gott, ich möchte viele Pilger sein,
um so, ein langer Zug, zu dir zu gehn,
und um ein großes Stück von dir zu sein:
du Garten mit den lebenden Alleen.
Wenn ich so gehe wie ich bin, allein, -
wer merkt es denn? Wer sieht mich zu dir gehn?
Wen reißt es hin? Wen regt es auf, und wen
bekehrt es dir? Als wäre nichts geschehn,
- lachen sie weiter. Und da bin ich froh,
dass ich so gehe wie ich bin; denn so
kann keiner von den Lachenden mich sehn.
(Rainer Maria Rilke)

Neben dem Jerusalemweg und dem Weg zum Heiligtum von Lourdes kann man zum Beispiel auch auf dem Franziskusweg nach Assisi (Cammino di Assisi) pilgern.

Der wohl bekannteste christliche Pilgerweg in heutiger Zeit ist der Jakobsweg, der auf vielen Wegen aus ganz Europa nach Santiago de Compostela führt.

Petersdom in Rom

Im Mittelalter gab es drei Hauptpilgerstätten: Rom, Santiago de Compostela und Jerusalem. Die Pilger gingen dorthin, um die als solche anerkannten Gräber von Jesus (Jerusalem) und der Apostel Petrus (Rom) und Jakobus des Älteren (spanisch: Santiago) zu besuchen. Die Pilger kamen aus jedem Stand. Sie pilgerten für das Seelenheil, um Buße zu tun, aufgrund eines Gelübdes oder auch aus Dankbarkeit und um andere Länder kennen zu lernen. Im Spätmittelalter konnte eine gerichtlich verordnete Strafpilgerreise nach Santiago de Compostela die Pilger sogar vor der Todesstrafe bewahren. Die Pilger konnten zollfrei reisen und wurden kostenlos verpflegt und untergebracht. Im Spätmittelalter entwickelten sich sogenannte Berufspilger, die die Pilgerschaft im Namen eines Auftraggebers unternahmen und dafür bezahlt wurden. Martin Luther vergleicht das Pilgern wohl deshalb auch mit dem Ablasshandel und bezeichnet es als "Narrenwerk". Deshalb gab es während der Reformationszeit nur wenige Pilger.

Der Felsendom in Jerusalem

Die Via Francigena (deutsch: Frankenweg) ist der älteste christliche Pilgerweg Europas. Er führt von Canterbury über Frankreich und die Schweiz nach Rom zum Grab des heiligen Petrus und wurde im Jahr 876 erstmals schriftlich erwähnt. 989 verfasste der Bischof von Canterbury eine vollständige Wegbeschreibung der Via Francigena, die er in jenem Jahr zurücklegte, um in Rom seine Bischofswürde zu erhalten. Während der Kreuzzüge war die Via Francigena der Hauptweg der Pilger und Ritterorden von Nordeuropa nach Jerusalem.

Jerusalem ist sowohl für jüdische als auch für christliche und muslimische Pilger einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte.

Pilger heute

Seit den 1980er Jahren wird das Pilgern von vielen Menschen wiederentdeckt. Im Gegensatz zu damals, als die meisten Menschen keine andere Wahl hatten und zu Fuß unterwegs sein mussten, bewegt heute die Sehnsucht nach Einfachheit die Menschen dazu, die Pilgerstrecke zu Fuß zurückzulegen. Die Pilger sind unterwegs - auf der Suche nach sich selbst und nach Gott.

„Pilgern heißt: Auf Zeit loslassen, was umtreibt und hetzt; verzichten auf den gewohnten Luxus; üben, von falschen Wünschen und Bedürfnissen Abschied zu nehmen; erfahren, was der Mensch wirklich braucht und was überflüssig ist; durchhalten lernen, auch wenn der Weg mühsam ist. (…) Pilger lernen das Fasten und das Schweigen und kehren aus dem Schweigen verändert zurück.“ (Hans-Albrecht Pflästerer)

Peace Pilgrim

Peace Pilgrim, eine amerikanische Pilgerin, wanderte allein und ohne Geld oder Gepäck jahrelang durch die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko. Peace Pilgrim sagte: „Ein Pilger ist ein Wanderer mit einer bestimmten Absicht. Eine Pilgerreise kann zu einem bestimmten Ort führen – das ist die bekannteste Art – sie kann aber auch für eine bestimmte Sache unternommen werden. Dies ist bei mir der Frieden, deshalb bin ich eine Friedenspilgerin.“ Ihre Botschaft trug sie in Hauptstädte, Kleinstädte, Dörfer, in Ghettos und Wüstengebiete. Sie sprach an Universitäten, auf Versammlungen, vor Bürgerinitiativen und in Kirchen: „Wenn genug von uns inneren Frieden finden, dann werden unsere Institutionen friedlicher werden, und es wird keine Gelegenheit mehr zu einem Krieg geben.“

Pilger im Judentum

Die Klagemauer in Jerusalem

Auch im Judentum ist das Pilgern fest verankert. Viele Personen des Alten Testaments sind unterwegs: die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, Propheten, Könige und einfache Leute. Sie erleben auf ihrem Weg Gottes Gegenwart.

Das wichtigste Ziel der jüdischen Pilger ist heute die Klagemauer. Die frühere Westmauer des Jerusalemer Tempels ist einer der meistbesuchten Orte Israels und für die Juden ein Symbol für den Bund Gottes mit dem Volk Israel. Dort beten die Pilger laut und stecken ihre Gebetszettel in die Ritzen der Mauer.

Schon in der Antike sollte jeder Einwohner Israels einmal im Jahr zum Tempel nach Jerusalem pilgern. 70 n. Chr. wurde der Tempel durch die Römer zerstört. Erst 1967, durch die israelische Eroberung von Jerusalem, wurde die Klagemauer auch für Juden wieder zugänglich.

Pilger im Buddhismus

Mahabodhi-Baum in Bodhgaya, unter dem der Buddha die Erleuchtung erlangte

Im Buddhismus gibt es viele traditionelle Pilgerorte. Die vier wichtigsten, mit dem Leben von Siddharta Gautama (der erste Buddha) verbundenen sind:

  • Bodhgaya: Unter einem Baum, dem Bodhi-Baum, erlangte Siddharta Gautama hier die Erleuchtung. Auch der Mahabodi Tempel, der zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert errichtet wurde, ist Anziehungspunkt vieler Pilger.
  • Lumbini: Hier wurde Siddharta Gautama 563 v. Chr. geboren, erkannte später die „Vier Zeichen“, Altern, Krankheit, Tod und Schmerz, und entschied sich mit 29 Jahren für die Askese.
  • Sarnath: Hier lehrte der Buddha zum ersten Mal die „Vier Edlen Wahrheiten“. Diese erste Predigt wird heute als Dharmachakra Pravartan oder „Drehen des Rades des Gesetzes“ bezeichnet. Auch gründete sich hier die erste Sangha, die buddhistische Gemeinschaft.
  • Kushinagar, der Ort des vollkommenen Verlöschens (Parinirvana): Hier starb Buddha 483 v. Chr., am Ort der Mahaparinirvana Stupa, und wurde hier auch beigesetzt.
  • Des Weiteren gibt es noch Borobudur, eine der größten Tempelanlagen der Buddhisten.

Die Pilgerorte sind Orte von historischer Bedeutung. Sie sollen dem Pilger ein Gefühl davon geben, wo die Wurzeln des Buddhismus liegen. „Ne“ ist das tibetische Wort für einen heiligen Ort und pilgern heißt Ne-Khor. Khor bedeutet Kreis und bezieht sich auf das traditionelle Umschreiten (Parikrama or Pradakshina) eines heiligen Ortes, wie etwa eine Stupa, ein Schrein, ein Berg oder ein See. Die Umrundung erfolgt fast immer im Uhrzeigersinn.

"Obwohl die Wahrheitsnatur wie der Raum alles durchdringt, können Stellen und Dinge Kraftfelder halten, die die Bewusstseinsebene der Wesen verändern können. Da Buddhas einziges Ziel war, die Illusionen der Wesen zu entfernen, sind all die Stellen, die er mit seiner erleuchteten Weisheit segnete, überaus kraftvoll."
(Lama Ole Nydahl)
Stupas in Borobudur

Die äußere Reise ist auch eine Reise nach innen, um etwa mehr Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln und mit den Augen des Buddha sehen zu lernen.

Besonders im tibetischen Buddhismus sind Pilgerreisen weit verbreitet. Wenigstens einmal im Leben die heilige Stadt Lhasa zu besuchen oder den Berg Kailash zu umrunden ist der Traum vieler Tibeter. Außerdem gibt es viele weitere heilige Orte, zu denen Pilger reisen, um dort zu meditieren, deren Segen zu erhalten, ihnen ihre Verehrung zu erweisen oder um eine bessere Wiedergeburt zu ermöglichen: Tempel, Klöster, Stupas, Höhlen, Berge, Seen. Die 108-fache Umrundung des Kailash soll zur Erlösung in diesem Leben führen. Die Umrundung des heiligen Manasarovar Sees auf dem traditionellen Pilgerweg umfasst 103 km, für die die Pilger zwischen zwei und vier Tagen benötigen. In tibetischer Sprache heißt er Mapham Yutsho, "unbesiegbarer Türkis-See". Die Pilger legen den Weg meist zu Fuß, zum Teil auch mit Verbeugungen zurück. Dafür streckt der Pilger immer wieder seine Hände in Namaste-Haltung nach oben und wirft sich auf den Boden. Die Bezeichnung für tibetische Pilgerwege ist Kora.

Pilger im Islam

Mekka

Im Islam ist die Pilgerreise nach Mekka zum Heiligtum der Kaaba eine der „Fünf Säulen des Islam“, die Grundpflicht eines jeden Moslems. Wenigstens einmal im Leben soll der Moslem Pilger sein auf dem Weg nach Mekka, dem Geburtsort des Propheten Mohammed. Diese Reise wird Haddsch genannt. Während des Haddsch tragen die Pilger keine gewöhnliche Kleidung, sondern weiße, ungesäumte Tücher, was „die Trennung der Seele von den Gewändern des Egos“ symbolisiert.

Die Riten, die die Pilger in Mekka vollziehen müssen, wurden vom Propheten Mohammed den abrahamitischen Riten entsprechend genau festgelegt und spiegeln das menschliche Streben nach Vervollkommnung. Unter vielen anderen gehört zu den Pflichtriten der Haddsch die Tawaf. Die Pilger umrunden die Kaaba siebenmal gegen den Uhrzeigersinn und preisen dabei Allah. Nach Beendigung der Wallfahrt darf sich der Pilger "Haddschi" nennen - der Ehrentitel für die Person, die den Haddsch auf sich genommen hat. Damit erlangt der Pilger bei seiner Rückkehr besonderes Ansehen.

Der Haddsch muss immer nach Ramadan, dem Fastenmonat der Muslime, in den ersten beiden Wochen des Monats Dhul-Hiddscha durchgeführt werden.

Den Haddsch gibt es nicht erst seit der Entstehung des Islam. Schon die früheren arabischen Stämme pilgerten nach Mekka. Jedoch wurde aus der ursprünglich reinen Form der vom Propheten Abraham gelehrten Haddsch-Riten eine unreine, abergläubische Zeremonie. Einer der Riten der Pilger war etwa das Opfern von Tieren direkt am Heiligtum der Kaaba. Nach der Wiederherstellung der Reinheit der abrahamitischen Riten durch den Propheten Mohammed ist die Kaaba als „Haus Gottes“ das zentrale Heiligtum des Islams. Sie wurde laut Koran von Adam erbaut und von Abraham (Ibrahim) und seinem Sohn Ismael als Pilgerstätte wiedererrichtet. Bei jedem Gebet muss sich der Gläubige der Kaaba zuwenden. Die Kaaba symbolisiert das Herz der muslimischen Welt, das spirituelle Zentrum.

Weitere wichtige Pilgerziele sind Medina, wo sich die "Moschee des Propheten" mit seinem Grab befindet, und Jerusalem. Die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg ist für die Muslime die drittwichtigste Moschee. Der für die Aleviten und Schiiten bedeutende Pilgerort ist Kerbela im Irak.

Imam Dschafar ibn Muhammad al-Sadiq sagte: „Der Pilgernde und der Wallfahrende sind Gäste Allahs. Wenn sie Ihn bitten, dann gibt Er ihnen, und wenn sie Ihn rufen, dann antwortet Er ihnen, und wenn sie um Fürsprache flehen, gibt Er ihnen Fürsprache, und selbst wenn sie schweigen, beginnt Er dennoch, ihnen zu geben.“

Yoga und Pilgern - die Seele geht zu Fuß

Ein Artikel, von Anjali Gundert, aus dem Yoga Vidya Journal Nr.36 - Sommer 2018

Eine Wallfahrt ist eine Reise, um ein heiliges Gebot zu erfüllen oder um eine bestimmte Pilgerstätte mit spiritueller Bedeutung aufzusuchen. Pilgerreisen erfreuen sich in der jüngsten Vergangenheit zunehmender Beliebtheit. Hier der Bericht von Anjali über das Pilgern.

Die Pilgerreise als spirituelle Reise

„Von anderen Pilgern habe ich gehört…“ Die Wissens- und Erfahrungsweitergabe funktioniert hier meist ganz altmodisch über das gesprochene Wort von Angesicht zu Angesicht. Sicherlich gibt es auch Blogs, Erzählungen, Reiseführer… doch ob die Unterkunft am nächsten Tag gut ist oder nicht, offen hat oder belegt ist, erfährst du nur direkt vor Ort von anderen Pilgern. Von anderen Pilgern habe ich gehört, dass beim Pilgern auf dem spanischen Jakobsweg nach dem Grund der Pilgerreise gefragt, immer „spirituell“ geantwortet werden sollte – eventuell gibt es sonst keinen Anspruch auf den Übernachtungsplatz oder es muss mehr bezahlt werden.

Nicht alles, was andere Pilger erzählen, ist wahr… Doch bei fast allen Pilgern, die ich getroffen habe, stellte sich ihre Pilgerreise als spirituelle Reise heraus. Die Besonderheit daran ist ganz einfach: es ist das tägliche Gehen. Stundenlang. Mal allein, mal in der Gruppe, mal durch unwegsames Gelände, mal über die Straßen einer Großstadt. Es ist Meditation. Es ist Gebet. Es ist Yoga. Ähnlich wie auch Yoga über alle religiösen „Begrenzungen“ gelebt und praktiziert werden kann, erfährt auch der Pilgerreisende Spiritualität jenseits von Religion.

Wenn auch in Europa vor allem die christlichen Pilgerreisen bekannt sind, so sind sie doch in vielen Religionen und Kulturen religiöser und spiritueller Bestandteil: beispielsweise die alljährliche Pilgerreise nach Mekka im Islam, die jeder Muslim einmal im Leben gemacht haben soll, sofern die Möglichkeit besteht. Swami Sivananda selbst war Pilgermönch! Gott zu erfahren beim Sitzen vor einem Bildschirm, mag schwer sein. Gott zu erfahren bei tagelangem Gehen - jeden Schritt mit den eigenen Füßen-, ist einfach.

Es passiert von selbst. Es gibt dafür nichts zu tun. Das ist Yoga: nicht die Asanas (Körperübungen). Es ist Bhakti – die pure Hingabe. Es ist Raja Yoga (Yoga der Geisteskontrolle). Selten ist der Geist so still wie nach tagelangem Gehen.

Mit Herz und Fuß

Und so sind es die Füße, die einen tragen, und die Seele, die einen leitet. Der Reisende begibt sich in Gottes Hände. Er lernt, dass es so etwas wie Sicherheit nur begrenzt gibt. Es ist die Erfahrung, dass das Leben auch ohne Netz und doppelten Boden funktioniert – vielleicht sogar besser: denn der Gewinn ist die Freiheit. Es braucht keine Angst mehr, wenn der Reisende das akzeptiert.

Bhakti zeigt sich auch daran, dass es nicht darum geht, etwas zu wollen oder nicht zu wollen – der Weg ist so lang und sieht so aus, wie er ist. Es geht darum, genau dieses anzunehmen, „Ja“ zu sagen zu dem, was ist, auch wenn es nicht dem eigenen Mögen, dem Raga, entspricht und sich in Akzeptanz und Geduld zu üben. Ohnehin sind Vertrauen, Geduld und Zuversicht die wichtigsten Begleiter auf einer solchen Reise, gerade dann wenn etwas nicht so ist, wie erhofft: der Weg länger ist, das Wasser ausgeht, die Unterkunft geschlossen oder bereits voll ist… Und Umwege!

Es bleibt nicht bei einem Umweg und manchmal hilft sogar nur umkehren, beim Pilgern, beim Yoga, auf dem ganzen spirituellen Weg! Neben dem lauten Singen auf menschenverlassenen Wegen fehlt es nicht selten an Möglichkeiten, Bhakti auszudrücken. Denn bis auf das aus Konfirmationszeiten eher ungeliebte „Vater Unser“ fehlt es schnell an einem Gebet – vor allem wenn das universelle Gebet von Swami Sivananda noch unbekannt ist. Es ist ein Ringen nach Worten für all das Unglaubliche, das sich vielleicht schon hinter der nächsten Wegbiegung offenbart, das wunderbare Geschenk des Gehens, die tiefe Dankbarkeit im Herzen.

Schnell wird klar, dass eigentlich jeder Schritt ein Gebet ist. So wird jeder Schritt zu einem Dank und einer Bitte. Und jede Bitte enthält den kommenden Dank. Und jeder Dank und jede Bitte sind ein Geschenk und ein Abschied zugleich. Denn alles, was zählt, ist immer nur der nächste Schritt. Das ist Meditation.

Pilgern für die Asanapraxis

Mit Yoga wird oft begonnen, weil körperliche Beschwerden auftauchen, der Rücken schmerzt oder sich Stresssymptome zeigen. Yoga hilft. Gehen hilft. Vielleicht wird der Rücken nie mehr so, wie er mal war. Und doch verändert sich was. Etwas darf heilen – beim Gehen und beim Yoga. Der Gehende merkt irgendwann, dass es zwei Arten von Schmerzen gibt, die durchwandert werden wollen: die körperlichen und die seelischen. Er lernt dabei, dass die körperlichen Schmerzen einfacher zu ertragen sind. Und so geht es Schicht für Schicht, Hülle für Hülle, Körper, Geist und Seele.

Und doch lehrt dieser Weg so gut, wo die eigenen Grenzen sind – nicht die Grenzen derjenigen, die vor einem gehen und auch nicht derjenigen, die morgens als erste starten oder die zuerst in der Unterkunft sind. Es ist immer nur das eigene Tempo, die eigene Zeit und es sind die eigenen Grenzen. Wie oft hörst du von deinem Yogalehrer: „Achte auf deine Grenzen?“ Gelingt es dir? Beachtest du sie? Gehe! Und du wirst nicht anders können, als auf deine Grenzen zu achten und dann bringe dies zurück in deine Asanapraxis!

Die Krise

Und dann gibt es da auch Momente der Verzweiflung, der Krise, wo es nicht weiter zu gehen scheint. Dann braucht es vielleicht mal eine Hand, eine Melodie, Dinge die sich, ohne zu wissen wie, zum Guten fügen, einen Begleiter, einen Lehrer, einen Freund für einen Tag und mit besonderer Dankbarkeit vielleicht auch ein Bote. Der Yogaweg und der Pilgerweg sind sich da nicht unähnlich. Und wenn niemand da ist, bleibt doch nur eins: weitergehen. Doch immer wieder gibt es Wegmarken, eine Geste, ein Wort. Vielleicht erreichst du eine Kirche.

Auch wenn es nicht deine Religion ist, so steht sie doch für unzählige Menschen, die in dieser Kirche bereits Schutz gesucht haben. Nun gewährt auch dir diese Kirche Obdach. Unabhängig davon, ob es nun ein Lied, eine Kirche, ein Gebet, ein Freund war - die Verzweiflung geht und du erkennst: da ist – ob geplant, gedacht, erhofft, befürchtet – immer wieder ein neuer Morgen!

Auf dem Weg zum Ziel

Der Pilgerreisende hat nicht viel mit. Er lebt sehr einfach, sehr spartanisch. Er gibt, was er hat, und nimmt, was er bekommt. Es gibt fast nichts, um sich zu verkleiden, nichts, um eine Rolle zu spielen. Er ist nur er selbst. Der Reisende lernt, dass jedes Gramm zu viel eine Belastung ist. Wie wenig es im Leben braucht, um glücklich zu sein! Beim Pilgern und beim Yoga erlebst du, dass es nicht das Ziel ist, das zählt. Es ist allein der Weg, auch wenn es das Ziel ist, dass dich zum Gehen und zum Yoga veranlasst hat! Und so geht es einfach immer weiter, Schritt für Schritt.

Siehe auch

Literatur

  • E. Jungclaussen( Hrsg.), Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers (1974)

Weblinks

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