Schlange

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Schlangen sind Reptilien und werden zu den Schuppenkriechtieren gezählt. Das Symbol der Schlange spielt in fast allen Kulturen, spirituellen Traditionen, Religionen und Mythologien eine wichtige Rolle. Auch in vielen Geschichten und Analogien tauchen Schlangen auf.

Vishnu, auf Shesha Naga (Ananta) ruhend, während Lakshmi ihm die Füße massiert und der viergesichtige Brahma aus dem Nabellotos aufsteigt

Die nachfolgenden Texte sind dem Buch "Indische Mythen und Symbole - Schlüssel zur Formenwelt des Göttlichen" des Indologen Heinrich Zimmer entnommen (Originaltitel "Myths and Symbols in Indian Art and Civilization", Bollingen Foundation Inc., New York). Übersetzung aus dem Englischen von Ernst Wilhelm Eschmann, Eugen Diederichs Verlag, München 1981, 5. Aufl. 1993)

Indische Mythen und Symbole - Kapitel 3: Die Wächter des Lebens

Teil 1: Die Schlange, Trägerin Vishnus und des Buddha

Während die Mythen der Weltentstehung und -auflösung in einer kalten und rücksichtslosen Unpersönlichkeit kreisen, welche die große Welt menschlichen Wohles und Leides zu eigentlicher Nichtigkeit einschrumpfen macht, überquillt die volkstümliche Sage von Gottheiten und Genien voll warmer Sympathie für die Lebensillusion.

Den Weisen Narada und Markandeya wurden magische Erfahrungen von der Unerfaßlichkeit der Maya gewährt. Auf der anderen Seite leben und arbeiten die Menschheitsmillionen innerhalb des Traumgewebes und seiner Netze. Sie werden in ihrem Leben getäuscht, umgeben, unterstützt und getröstet von einer Überfülle vertrauter Beschützergestalten, deren Aufgabe es ist, über der örtlichen, ununterbrochenen Wirksamkeit jener kosmogonischen Macht zu wachen, die am Anfang die Welt formte. Genien (Yaksa), die Kräfte des Bodens, die mineralischen Schätze, die kostbaren Metalle und Edelsteine der Erde vertretend; Schlangenkönige und -königinnen (Naga, Nagini), welche die irdischen Gewässer der Seen und Teiche, Flüsse und Ozeane verkörpern und lenken; die Göttinnen der drei heiligen Ströme, Ganga (der Ganges), Yamuna(der Jumna), Sarasvati (der Saraswati); Dryaden oder Baumgottheiten (Vriskha-Devata), Patroninnen der Vegetationswelt; heilige Elefanten (Naga — derselbe Ausdruck wie für Schlange), die ursprünglich Flügel hatten und den Wolken zu gesellt waren, und die selbst jetzt noch auf Erden ihre Macht behalten haben, ihre früheren regenschwangeren Genossen anzuziehen: diese alle schenken den Kindern der Welt all die Gaben irdischer Glückseligkeit, Überfluß an Ernten und Vieh, Wohlstand, Nachkommenschaft, Gesundheit und langes Leben.

Die schreckliche Hitze der verzehrenden Sonne wird in Indien als eine tödliche Gewalt betrachtet. Im Gegensatz dazu ist der Mond, der den erfrischenden Tau herabsendet, Sitz und Quelle des Lebens. Der Mond ist der Herrscher der Gewässer und diese, durch das All kreisend, alle lebenden Geschöpfe erhaltend, sind der indische Widerpart für das Himmelsnaß Amrita, den Trank der Götter ('a' heißt nicht und 'mrita' tot, das Wort ist etymologisch dem griechischen ambrosia verwandt). Tau und Regen werden zum Saft der Pflanzen, der Saft der Pflanzen wird zur Milch der Kuh, und die Milch verwandelt sich in Blut; Amrita, Saft der Pflanzen, Milch und Blut stellen nur verschiedene Zustände desselben Elixiers dar. Das Gefäß oder der Becher dieses unsterblichen Fluidums ist der Mond. Die eindrucksvollsten und am meisten wohltätigen seiner Manifestationen auf Erden sind die großen Ströme und unter ihnen besonders die drei heiligen: Ganges, Jumna, Saraswati.

Die Mythologie Indiens ist reich an Personifikationen der lebenspendenden Kraft des Wassers. Die erste unter ihnen ist Vishnu selbst, der höchste Schöpfer des Alls. Die zweite nach ihm ist die Göttin Padma (»Lotos«), seine Gattin und Königin, auch Lakshmi und Shri (Wohlstand, Glück, Schönheit, Tugend) genannt. Der Gott und die Göttin sind auf den indischen Schreinen in enger Gesellung mit den vielfältigen örtlichen Genien dargestellt, welche das Spiel der lebenden Wasser in der geschaffenen Welt wiedergeben.

Eine andere Darstellung des auf Ananta, der Weltenschlange, schlafenden Vishnu

Ein herrliches Relief im Tempel von Deogarh zeigt Vishnu auf den Windungen Anantas, der kosmischen Riesenschlange, ruhend (Vishnu Anantâsâyin). Das Werk — im Gupta-Stil der Zeit von ungefähr 600 n. Chr. — gehört derselben Periode an wie die klassischen Erzählungen der Puranas, welche die zehn Avatare oder Inkarnationen dieser obersten Gottheit aufzählen und beschreiben. Die menschengestaltige Figur, die Schlange, die sein Lager bildet, und das Wasser, auf dem die Schlange schwimmt, sind dreieinige Offenbarungen der einen und einzigen göttlichen, unvergänglichen, kosmischen Substanz, der Energie, die allen Formen des Lebens zugrundeliegt und in ihnen wohnt.

In anmutiger, entspannter Haltung liegt der schlummernde Gott, als sei er in den Traum der in ihm wesenden Welt versunken. Zu seinen Füßen an dem bescheidenen Platz, der dem Hinduweib gebührt, steht Lakshmi-Shri, die Göttin Lotos, seine Gattin. Ihre rechte Hand hält seinen Fuß, ihre linke streichelt sanft das Bein. Dieses Streicheln gehört zu der Verehrung, die das Hinduweib überlieferungsgemäß den Füßen ihres Herrn erweist.

Aus dem Nabel des Gottes wächst ein Lotos, der eine zweite Manifestation der Göttin zu seinen Füßen ist. Auf seiner Blütenkrone trägt der Lotos Brahma, den viergesichtigen Schöpfer-Demiurgen. Darüber sind höhere Gottheiten des Hindu-Pantheons angeordnet. Die Gestalt zur Rechten des viergesichtigen Brahma ist Indra, der auf Airavata, seinem Elefanten, reitet. Das Paar, das sich auf einem Stier durch den Raum schwingt, ist Shiva und seine Gattin, »Die Göttin«. In der rechten Ecke entdeckt man eine knabenhafte Gestalt, die mehrere Profile darbietet; wahrscheinlich der sechsgesichtige Kriegsgott Skanda-Karttikeya.

Darunter stehen fünf männliche Figuren und eine Frau in einer Reihe; offenbar die fünf Pandava-Fürsten mit ihrer Gattin, die Helden des Mahabharata-Epos. Als berühmte Empfänger seiner Gnade stehen sie in besonderer Beziehung zu Vishnu. Nach jener erhabenen Legende verloren sie ihr Königreich bei einem Würfelspiel an ihre Vettern, die Kauravas, und wurden dann bei ihren Bemühungen, es wieder zu erlangen, vom Höchsten Gotte selbst unterstützt. In der irdischen Gestalt ihres Freundes Krishna diente ihnen Vishnu als Ratgeber und Wagenlenker. Vor dem Beginn der Endschlacht enthüllte er ihrem Anführer Arjuna die gesegnete Botschaft der Bhagavad Gita und schenkte ihm die ewige Freiheit wie den Sieg auf Erden. — Die zentrale Persönlichkeit auf dem Deogarh-Relief ist offenbar Yudhishthira; die beiden zu seiner Linken sind Bhima und Arjuna, und die zu seiner Rechten die Zwillinge Nakula und Sahadeva. In der Ecke steht die gemeinsame Gattin der fünf, Draupadi (diese Helden werden selbst als Inkarnationen betrachtet. Yudhishthira ist eine menschliche Manifestation Dharmas, des heiligen Lebensgesetzes. Bhima vertritt den Windgott Vayu; er wird durch die mächtige Eisenkeule charakterisiert, mit der er durch einen unfairen Schlag die Schenkel des Anführers der Gegner zerschmettert, den er zum Zweikampf herausgefordert hat. Arjuna ist der menschliche Widerpart Indras. Nakula und Sahadeva verkörpern die Zwillingsgottheit der Rosseführer, der Ashvin (eine Hinduparallele zu den griechischen Dioskuren). Draupadi endlich ist ein Doppel Indranis, der Königin der Götter und Gattin Indras. Ihre Vielmännerehe mit den fünf Brüdern ist ein außerordentlicher und ausnahmsweiser Fall in der brahmanischen Überlieferung).

Die Nagini-Königinnen bitten bei Krishna um Gnade für ihren besiegten Herrscher Kaliya

Zum Problem der großen Schlange als Lager des Gottes zurückkehrend, können wir bei dieser Gelegenheit das ganze Thema des Schlangensymbols in der indischen Ikonographie betrachten. Vishnus Schultern und sein Kopf sind von neun Schlangenhäuptern mit aufgeblasenen Hauben umgeben und beschützt; sein Leib ruht auf den mächtigen Schlingen. Diese vielköpfige Schlange ist das tierische Gegenstück zu dem menschengestaltigen Schläfer selbst. Endlos (Ananta) wird sie genannt, auch »Die Bleibende«, »Der Rest« (Shesha). Es ist eine Gestalt, die den Rest versinnbildlicht, der nach der Formung der Erde, der himmlischen und höllischen Regionen und all ihrer Geschöpfe aus den kosmischen Wassern des Abgrundes zurückbleibt. Die drei geschaffenen Welten fluten auf den Wassern; das meint, sie schweben auf den aufgeblasenen Hauben. Shesha ist der König und Ahn aller Schlangen, welche die Erde bekriechen.

Der Schultern und Haupt umgebende Schild aus aufgeblasenen Schlangenhauben ist ein charakteristischer Zug der Schlangen-Geister in der indischen Kunst. Eine typische Darstellung wurde bei der Ausgrabung der großen buddhistischen Klosteruniversität Nalanda in Nordost-Indien entdeckt. Es handelt sich um ein Werk im reifen klassischen Stil der späteren Gupta-Periode, ungefähr 500 n. Chr. Der Schlangenfürst oder Naga ist in menschlicher Gestalt wiedergegeben, und zwar in der Haltung eines Verehrenden, in der Stellung der Meditation, einen Rosenkranz um die Innenfläche seiner rechten Hand geschlungen. Von seinem Rücken wächst die charakteristische Glorie in Form einer ungeraden Zahl aufgeblasener Kobrahauben, die einen Teil des Körpers bilden und das Haupt beschirmen. Zuweilen wird der gewundene Leib der Schlange den Rücken herablaufend dargestellt. Oder der Menschenleib mag sich auch von den Hüften ab in eine Schlange verwandeln, wie bei einer Meer-Jungfrau. Ein gigantisches Relief, das den Abstieg des Ganges zur Erde darstellt und das wir am Schluß dieses Kapitels besprechen werden, zeigt zwei solcher Figuren, eine männliche und eine weibliche.

Die Nagas sind über den Menschen stehende Genien. Sie bewohnen unterseeische Paradiese und weilen auf den Gründen der Flüsse, Seen und Meere in glänzenden, mit Edelsteinen und Perlen ausgelegten Palästen. Als Hüter der Lebensenergie, die in den irdischen Gewässern der Quellen, Brunnen und Teiche aufgespeichert liegt, bewachen sie auch die Schätze des Meeres, die Korallen, kostbaren Muscheln und Perlen. Man glaubt, daß sie ein kostbares Juwel in ihrem Haupt tragen. Schlangenprinzessinnen, berühmt für Schönheit und Charme, figurieren unter den Ahnfrauen mancher südindischer Dynastie; eine Nagini oder einen Naga im Stammbaum zu haben, gibt Hintergrund.

Ineinander verschlungene Nagas als Torwächter an einem Tempeleingang in Chiang Mai, Nordthailand

Eine wichtige Funktion der Nagas ist die des »Torwächters« (Dvarapala). Als solche erscheinen sie häufig an den Portalen hinduistischer und buddhistischer Tempel. In dieser Rolle ist die ihnen gemäße Haltung die der frommen Hingabe (Bhakti), eifriger und liebevoller Sammlung auf die inwendige Schau des Gottes oder des Buddhas, dessen Bereich sie hüten. Es ist außerordentlich interessant und wichtig, zu beobachten, daß die buddhistischen und hinduistischen Darstellungen dieser volkstümlichen Gottheiten weder in der ganzen Auffassung noch in den Einzelheiten voneinander abweichen. Denn die hinduistische und buddhistische Kunst Indiens sind im Grunde eins, ebenso wie die buddhistische und hinduistische Weltauffassung. Fürst Gautama Siddhartha, der »geschichtliche Buddha«, der im sechsten und fünften Jahrhundert vor Christus lehrte, war ein Reformer, ein mönchischer Reformer, der innerhalb des für selbstverständlich angesehenen Gesamtgewebes indischer Kultur blieb. Er leugnete niemals die Götterwelt der Hindu noch brach er mit dem traditionellen Hinduideal der Erlösung durch Erleuchtung (Moksha, Nirvana). Nicht darin bestand seine Tat, daß er etwas ablehnte, sondern daß er die alterslose indische Lehre der Befreiung aus den Schlingen der Maya auf Grund einer tiefen persönlichen Erfahrung neu formulierte. Der neue Orden der Bettelmönche, den er zur praktischen Ausübung seiner besonderen sittlichen Vorschriften gründete, war in Indien nur einer unter zahllosen anderen. »Ich habe den alten Weg erblickt« wird eine Äußerung von ihm berichtet, »die alte Straße, welche die früheren Vollendet-Erleuchteten gegangen sind, und das ist auch der Pfad, dem ich folge.«

Wie jeder indische Heilige von einigem Rang wurde Gautama schon während seiner Lebenszeit als menschliches Fahrzeug der Absoluten Wahrheit verehrt. Nach seinem Hinscheiden wurde die Erinnerung an ihn mit der gewöhnlichen mythischen Ausstattung umkleidet. Und als die buddhistische Sekte sich ausdehnte und sich aus einer wesentlich mönchischen Gemeinschaft zu einer auch die Weltkinder umgreifenden religiösen Gemeinschaft entwickelte (eine Entwicklung, die sich ein Halbjahrtausend später in der Geschichte des Christentums wiederholen sollte), wurde ihr großer Gründer immer weniger und weniger ausschließlich als ein zu befolgendes Beispiel angesehen. Denn wie kann ein Laie den Asketen nachahmen und zu gleicher Zeit seine Familienpflichten erfüllen? So wurde der Buddha immer mehr ein Sinnbild, das zu verehren war — ein Sinnbild der befreienden Kraft der Erleuchtung, die in jedem in Täuschung verstrickten Wesen ruht. Während der goldenen Jahrhunderte, welche der Epoche des Buddha folgten und bis zum Einbruch der wilden Zeloten Mohammeds in Indien dauerten, entwickelten sich Buddhismus und Hinduismus Seite an Seite, Thesen und Einsichten austauschend und denselben Einflüssen unterworfen. In der späteren buddhistischen Kunst finden wir den siegreich Vollendeten als höchste Personifikation des Absoluten zwischen den alten dämonischen und göttlichen Mächten der fruchtbaren Erde, der Himmel und der Höllen.

Die frühesten steinernen Denkmäler Indiens stammen aus der Maurya-Periode (320-185 v. Chr.), insbesondere aus der epochemachenden Regierungszeit des Kaisers Ashoka (272-232 v. Chr.). Ashoka war zum buddhistischen Glauben bekehrt worden und wurde sein überaus mächtiger Schutzherr. Sein Reich umfaßte nicht nur ganz Nordindien und strebte danach, Afghanistan, Kaschmir und den Dekkan einzubeziehen, sondern er sandte auch Missionare aus, im Süden bis nach Ceylon und westlich sogar nach Syrien und Ägypten. In seinem Kaiserreich gründete er zahllose Klöster und soll bis zu achtzigtausend Dagabas oder Stupas (buddhistische Reliquienschreine) errichtet haben. Aus den Ruinen seiner Epoche bricht die bildkünstlerische Überlieferung der indischen Mythen und Symbole für uns zuerst wie ein Sturzbach ins Tageslicht.

Dennoch ist es aus der Verfeinerung, dem Grad der Vollendung, der Verschiedenartigkeit der Arbeit und der Arbeiten, die plötzlich in der Epoche Ashokas erscheinen und sich dann schnell vermehren, ersichtlich, daß schon in früheren Jahrhunderten der Strom indischer religiöser Kunst mit Macht geflossen sein muß. Er bleibt uns nur unsichtbar, weil er auf die vergänglichen Stoffe Elfenbein und Holz beschränkt war. Die Kunsthandwerker, welche die so fein geschmückten Tore der »Großen Stupa« zu Sanchi und die nun zerfallenen Schreine von Bharhut, Bodhgaya und Amaravati schufen, übertrugen in der Hauptsache die alten Motive ihrer überlieferten Kunst in Stein und paßten sie geschickt den besonderen Erfordernissen und speziellen Legenden der neuen Sekte an.

Der wolkenbildähnliche Indra, den wir im vorigen Kapitel besprachen, schmückt den Eingang eines buddhistischen Klosters des zweiten Jahrtausends v. Chr. Nagas, Vriksha-Devatas, Yakshas und Yahshinis (Schlangenkönige, Baumgöttinnen, Erdgottheiten und ihre Königinnen) wimmeln buchstäblich in den zahlreichen Monumenten des buddhistischen Glaubens. Und ihr Platz im Verhältnis zum Mittelschrein oder zum Bild des Siegreich-Vollendeten ist schwer von dem zu unterscheiden, den sie bei ihrem Erscheinen als Umgebung der orthodoxen Hindu-Personifikationen des Absoluten, Vishnu und Shiva, einnehmen. In Ceylon zum Beispiel gibt es ein Nâga-Relief, das am Fuß der langen zur Ruanweli Dagaba führenden Stufenflucht steht. Der anmutige Prinz bietet in beiden Händen Sinnbilder vegetativer Fruchtbarkeit dar, für die er als Wächter und halbgöttliche Schlangenverkörperung der lebenserhaltenden irdischen Gewässer persönlich verantwortlich ist. In seiner Linken ist ein Baum, in seiner Rechten ein Wasserbecken, das Gefäß des Überflusses, aus dem eine Pflanze voller Süßigkeit wächst. Die von diesem Schlangenfürsten als Türhüter und anbetende Figur eingenommene Haltung geht auf die früheste Periode buddhistischer Kunst zurück.

Zwischen dem Buddha und dem Naga in Indien herrscht kein solcher Antagonismus wie wir ihn in dem »Heiland contra Schlange« — Symbolismus des Westens gewohnt sind. Nach der buddhistischen Überzeugung bejubeln alle Genien der Natur zusammen mit den höchsten Göttern die Erscheinung des inkarnierten Erlösers, und die Schlange als die hauptsächlichste Personifikation der Wasser des irdischen Lebens macht davon keine Ausnahme. Begierig, dem All-Lehrer zu dienen, halten sie besorgt an seinem Weg zur endlichen Erleuchtung Wache. Denn es ist gleicherweise zur Befreiung aller Wesen gekommen: der Geschöpfe der Erde, der Himmel und der Höllen.

Es gibt einen besonderen Buddhatypus, welcher diese höchste Harmonie zwischen dem Erlöser betont, der die Fesseln der Natur überwunden hat, und der Schlange, die eben diese Fesseln darstellt. Dieser Typus tritt auffallend in der buddhistischen Kunst Kambodschas und Siams hervor. Gleich dem Abbild Vishnus auf Ananta stellt dieser Buddha eine besondere Modifikation einer traditionellen hinduistischen Naga-Formel dar. Dieser Typus erscheint nicht unter den Kunstwerken des eigentlichen Indien. Aber seine erklärende Legende bildet einen Teil der frühesten buddhistischen Überlieferung Indiens und nimmt in dem orthodoxen Kanon, wie er von der ehrwürdigen buddhistischen Gemeinschaft Ceylons bewahrt wird, einen hervorragenden Platz ein. Sie gründet auf einem Geschehnis, das sich kurz nach Gautamas Erleuchtung ereignet haben soll.

Der von Muchalinda vor dem Unwetter beschützte Buddha - Foto:Heinrich Damm

Als der Hochgesegnete in der letzten Stunde der Nacht der Erkenntnis das Mysterium von Ursache und Wirkung ausgelotet hatte, erdröhnten die zehntausend Welten von seiner Erlangung der Allweisheit. Dann saß er mit untergeschlagenen Beinen sieben Tage lang am Fuß des Bo-Baumes (dem Boddhi-Baum, dem »Baum der Erleuchtung«) an den Ufern des Flusses Nairanjana in die Seligkeit seiner Erkenntnis versunken. Und er bewegte in seinem Gemüt sein neues Wissen von den Fesseln alles individualisierten Daseins; von der verhängnisvollen Macht eingeborener Unwissenheit, die ihren Bann über alle lebenden Wesen wirft; von dem irrationalen Durst nach Leben, der darum alles durchdringt; von dem endlosen Kreislauf aus Geburt, Leben, Verfall, Tod und Wiedergeburt. Als diese sieben Tage verstrichen waren, erhob er sich und ging ein wenig weiter zu dem großen Banyan-Baum (dem »Baum der Ziegenherde«), an dessen Fuß er wieder seinen Sitz mit untergeschlagenen Beinen einnahm. Und wieder saß er weitere sieben Tage lang in die Seligkeit seiner Erleuchtung versunken. Nach dem Ende dieser Zeit erhob er sich abermals, um den Banyan-Baum zu verlassen und zu einem dritten großen Baum zu wandeln. Wieder saß er und erfuhr sieben Tage lang jenen Zustand erhabenster Ruhe. Dieser dritte Baum, der Baum unserer Legende, erhielt den Namen »Der Baum des Schlangenkönigs Muchalinda«.

Muchalinda, eine ungeheure Schlange, hauste in einer Höhlung inmitten der Wurzeln. Sobald der Buddha in den Zustand der Seligkeit entrückt war, bemerkte er, daß außerhalb jeder Jahreszeit eine große Sturmwolke am Horizont erschien, woraufhin er gelassen aus seinem dunklen Loch glitt und mit den Windungen seines Körpers siebenmal den begnadeten Leib des Siegreich-Vollendeten umhüllte; mit seiner aufgeblasenen riesigen Schlangenhaube schützte er wie ein Schirm das heilige Haupt. Sieben Tage regnete es fort, der Wind blies kalt, und der Buddha blieb in Meditation versunken. Aber am siebten Tag verschwand der unerwartet gekommene Sturm; Muchalinda entfaltete die Spiralen seines Leibes, verwandelte sich selbst in einen freundlichen Jüngling und, die gefalteten Hände an seine Stirn bringend, verneigte er sich in Ehrfurcht vor dem Erlöser der Welt.

In dieser Legende und in den Bildwerken des Muchalinda-Buddhas wird eine vollständige Versöhnung entgegengesetzter Prinzipien dargestellt. Die Schlange, das Sinnbild der Lebenskraft, die hinter Geburt und Wiedergeburt wirkt, und der Erlöser, der Vernichter dieses blinden Lebenswillens, der die Fesseln der Geburt aufhebt, der Wegweiser zum Unvergänglich-Transzendenten, sie öffnen hier in harmonischer Gemeinschaft eine Schau, die jenseits aller Entzweiung des Denkens liegt. Einige dieser Muchalinda-Buddhas der Mon-Khmers (Siam und Kambodscha, 9.-13. Jahrhundert n. Chr.) gehören zu den bedeutendsten Meisterwerken buddhistischer Kunst. Mit der träumerischen, anmutig-lustvollen Geschmeidigkeit eines zarten, unirdischen, sinnbetörenden Charmes verschmelzen sie hohe Spiritualität mit gelassenem Entrücktsein. Die Seligkeit inneren Gebanntseins durch das Erlebnis der Erleuchtung, Triumph über die Bande des Daseins, höchster Frieden, Nirvana-Erlösung durchdringen die Substanz des Bildwerkes und entsenden eine zarte, mitleidige, süße Strahlung.

Einige sagen, daß, als der Buddha seine Lehre zu verkünden begann, er bald einsehen mußte, wie die Menschen nicht vorbereitet waren, sie in ihrer ganzen Tiefe anzunehmen. Sie schraken vor den außerordentlichen Anforderungen zurück, die seine Vision der universellen Lehre (Sunyata) stellte. Darum vertraute er die tiefere Deutung der Wirklichkeit einer Zuhörerschaft von Nagas an, die sie als Treuhänder bewahren sollten bis die Menschheit zum Verständnis reif geworden sei. Dann eröffnete er seinen menschlichen Schülern als eine Art von vorbereitender Schulung und eine Annäherung an die Paradoxe der Wahrheit die verhältnismäßig rationale und realistische Lehre der sogenannten Hinayana-Richtung des Buddhismus. Erst nach dem Ablauf von sieben Jahrhunderten wurde der große Weise Nagarjuna, "Arjuna der Nagas", durch die Schlangenkönige in die Erkenntnis der großen Lehre (Sunya) eingeweiht. So war er es, der den Menschen die voll ausgereiften Lehren des Mahayana brachte.

Zeus mit dem Adler, Lakonien, 560 v. Chr, Louvre

Teil 3: Schlange und Vogel

Unter den Motiven, die aus der frühen mesopotamischen Kunst stammen und in den indischen Überlieferungen fortgesetzt werden, befindet sich bis zum gegenwärtigen Tage das Muster des zwillingshaft verschlungenen Schlangenpaares. Dieses alte Motiv erscheint gewöhnlich auf Votivschreinen für Schlangengenien. Solche Steintafeln, Nagalkals genannt und auf verschiedene Weise mit Schlangengestalten verziert, sind Weihgeschenke Nachkommenschaft ersehnender Frauen. Sie stehen in Tempelhöfen, an den Eingängen der Städte und Dörfer, bei Teichen oder unter heiligen Bäumen. Man nimmt an, daß die Teiche von Nagas bewohnt sind.

Wenn der Bildhauer solch einen Stein vollendet hat, wird dieser für sechs Monate in einen Teich gelegt, um mit der Lebenskraft des Elementes Wasser durchtränkt zu werden. Ebenso und aus dem gleichen Grunde wird der Stein einem Ritual unterworfen und mit magischen Formeln (Mantra) behandelt. Dann wird er aufgerichtet, am liebsten unter einem Pipa- oder einem Nimba-Baum. Diese zwei Bäume stehen oft zusammen und werden als verheiratete Paare angesehen; in der Feuchtigkeit zwischen den Wurzeln sollen die Schlangen hausen.

Die Schlangenköniginnen mit menschlichem Oberkörper bitten bei Krishna um Gnade für ihren unterlegenen Herrscher Kaliya

Die Nagakals aus dem Staat Mysore in Südindien zeigen Schmuckreliefs von verschiedener Art. Einige zeigen Schlangenköniginnen des Seejungfrautypus mit Schlangenschwanz und menschlichem Leib, darüber eine Glorie von aufgeblasenen Kobrahauben; in ihren über der Brust gekreuzten Armen trägt eine zwei Schlangenkinder, die ihr über die Schultern wachsen. Andere zeigen eine Schlange mit einer Anzahl von Köpfen und aufgeblasenen Hauben; andere wiederum tragen das mesopotamische Schlangenpaar mit einander zugewandten Köpfen und in liebender Umarmung verschlungen.

In Mesopotamien erscheint das typische Motiv in einer frühen Zeichnung auf dem Opferbecher König Gudeas von Lagash. In diesem Werk der sumerischen Epoche, ungefähr 2600 v. Chr., finden wir das gewohnte Schlangenpaar verschlungen und einander ansehend. Das Motiv muß zu sehr früher Zeit nach Indien eingedrungen sein, noch vor der Ankunft der Arier. Zusammen mit gewissen anderen, nichtvedischen und vorarischen, dem einheimischen Boden entsprossenen Eigentümlichkeiten erscheint es bis heute in den konservativen örtlichen Überlieferungen, besonders in der mittel- und südindischen Volksreligion, aufbewahrt. Es ist nun sehr interessant, daß sowohl in den lebendigen Überlieferungen Indiens wie auch auf diesem goldenen Becher aus ferner, archaischer sumerischer Vergangenheit der klassische Widerspieler der sagenhaften Schlange der sagenhafte Vogel ist.

Der Becher König Gudeas zeigt ein kriegerisches Paar geflügelter vogelähnlicher Ungeheuer mit Löwenvorderpfoten, die aufrecht auf Adlerklauen stehen. Solche Vogelwesen vertreten das Firmament, das obere, göttliche, ätherische Reich, genau wie die Schlangen das lebenschenkende, fruchtbarmachende Element der irdischen Gewässer repräsentieren. Sie befinden sich in ewiger Entgegensetzung zu den Schlangenmächten und bilden darum mit diesen ein archetypisches Paar symbolischer Gegensätze, Kämpen jeweils des Himmels und der Erde.

Der Adler gehört zum Himmelsvater, zum Vater Zeus in der Mythologie der Griechen. Auf der anderen Seite umgeben Schlangen die Göttin Hera, die Gattin des Zeus, die Mutter Erde. Vielfältig sind die mythologischen Episoden, welche den Gegensatz der beiden schildern. Als zum Beispiel Herakles, das Kind einer heimlichen Verbindung des Zeus mit dem sterblichen Weib Alkmene, noch ein Kind in der Wiege war, sandte die eifersüchtige Hera ihre Schlangen, ihn zu töten. Aber der kleine Sohn des Himmelsvaters brachte sie um.

Nach Homers Ilias wiederum erschien während der Belagerung von Troja über den versammelten griechischen Helden eines Tages ein Adler. Sie sahen wie der Adler langsam den Himmel durchschwebte, eine blutende Schlange in seinen Klauen. Der weissagende Priester deutete die Erscheinung als günstiges Vorzeichen, welches den Triumph der Griechen über die Trojaner prophezeite. Der Himmelsvogel, der die Schlange überwältigte, versinnbildlichte für ihn den Sieg der patriarchalischen, männlichen, himmlischen Ordnung Griechenlands über das weibliche Prinzip Asiens und Trojas. Dieses verkörperte sich in der wollustvollen asiatischen Göttin Aphrodite und vor allem in ihrem unmoralischen Akt, welcher zur Ursache des trojanischen Krieges wurde: nämlich daß sie Helena, des Menelaos' Gattin, überredete, die Bande ihrer unter dem patriarchalischen, männlichen Gesetz geschlossenen Ehe zu brechen und Beilager mit Paris, einem Genossen ihrer eigenen Wahl, zu halten.

Das Doppelsymbol des Adlers und der Schlange ist von einer Vitalität erfüllt, die alle Zeitalter überdauert. Im Westen feiert es seine Wiedererscheinung in der modernen Literatur in Nietzsches »Also sprach Zarathustra«, wo der Adler und die Schlange die beiden Begleittiere des Einsiedlerweisen dieses Philosophen sind. »Das stolzeste und das schlaueste unter den Tieren«, nennt er sie. Als Verkörperungen der hauptsächlichsten Tugenden des ersten Übermenschen versinnbildlichen sie die wiedervereinigten Mächte, welche den Weg in das neue Zeitalter eröffnen sollen.

Diese Symbolik ist wahrscheinlich viel älter als der Kelch des alten sumerischen Königs Gudea. Dennoch mag das mesopotamische Sumerien sehr wohl die Wiege gewesen sein, aus der heraus diese religiöse Formel ihren Weg fand, nach der einen Richtung westlich zu den Griechen und zum modernen Europa, in der anderen östlich nach dem alten Indien und dann noch weiter in die ferneren Teile Indonesiens. In Mesopotamien wurden die beiden Schlangen als symbolisch für den Gott der Heilkunst Ningishzida angesehen; so wurden sie in Griechenland dem Gott der Medizin Asklepios zugesellt und sind heute unser Symbol für den ärztlichen Beruf.

Wie ein Fluß, der seinen Weg sucht, kriecht die Schlange den Boden entlang; sie haust in der Erde und schnellt von dort heraus wie ein Quell aus seinem Loch. So ist sie eine Verkörperung des Lebenswassers, das aus dem tiefen Leib der Mutter Erde entspringt. Die Erde ist die uranfängliche Mutter des Lebens. Sie nährt alle Kreaturen aus ihrer Substanz und verschlingt sie alle wieder; sie ist das allen gemeinsame Grab. Das Leben, das sie erzeugte, hält sie fest an ihrer Brust und verweigert ihm die unbegrenzte Freiheit der himmlischen Räume. Im Gegensatz dazu bedeutet die Unendlichkeit des Himmels den freien Schwung des ungebundenen Geistes, der hindernislos wie ein Vogel schweift und von den Fesseln der Erde nicht gehalten wird. Der Adler vertritt dieses höhere, spirituelle, von der Bindung an die Materie gelöste Prinzip, das sich in den durchsichtig leuchtenden Äther erhebt und zu seinem Geschlecht und Ursprung, den Sternen, und selbst zu dem höchsten göttlichen Wesen über ihnen emporsteigt. Auf der anderen Seite ist die Schlange die Lebenskraft in der Sphäre der Lebensmaterie. Hartnäckigste Vitalität wird der Schlange zugeschrieben. Sie erneuert sich selbst, indem sie ihre Haut abstreift.

Während in der westlichen Überlieferung der spirituelle Gegensatz von Vogel und Schlange im allgemeinen verstanden und betont wird, beschränkt sich die Entgegensetzung, wie sie in Indien versinnbildlicht wird, auf die natürlichen Elemente: Sonnenkraft gegen die flüssige Energie der irdischen Gewässer. Flammend von der Hitze der glühenden Sonne und die Feuchtigkeit des Landes auftrocknend verfolgt der »Schöngefiederte« (Suparna), goldbeschwingte, einem Greifen gleichende Herr des Himmels gewalttätig, erbarmungslos und ewig den Verkörperer und Wächter des belebenden Nasses der allnährenden Erde. Der Vogel wird als »Schlangentöter« oder »Nagatöter« (Nagântaka, Bhujagântaka), oder "Schlangenverzehrer" (Pannagâsana, Nâgasana) angerufen. Sein eigentlicher Name ist Garuda, von der Wurzel gri, »herunterschlingen«. Als unbarmherziger Vernichter der Schlangen ist er mit mystischer Macht über die Wirkungen des Giftes begabt. Daher seine Beliebtheit in der Volksreligion und dem täglichen Kult. Zu Puri in der indischen Provinz Orissa werden von Schlangen gebissene Personen zur Haupthalle des großen Tempels gebracht, wo sie einen von der Magie des himmlischen Vogels erfüllten Garudapfeiler umarmen. Im allgemeinen wird Garuda mit Schwingen, menschlichen Armen, Geierbeinen und einer gebogenen, schnabelähnlichen Nase dargestellt. Zwei vergnügliche Exemplare sieht man an dem Endstück einer Balustrade aus Siam: in triumphierender Haltung über einem Riesenpaar von Schlangen mit erhobenen Köpfen packen die stämmigen kleinen Garudas ihre besiegten Opfer mit den Klauen.

Wappen von Mexiko: Der Adler besiegt die Schlange

Garuda ist der Träger oder Vahana des Höchsten Gottes, Vishnu. Er trägt ihn auf seinen Schultern, während der Gott in seiner erhobenen Hand den scharfrandigen Kampfdiskus, "den schön anzublickenden" (Sudarshana) hält, die feurige Sonnenscheibe mit tausend Speichen, das Rad (Chakra), das er gegen seine Widersacher schleudert. In der Kambodscha-Architektur wird nicht nur Vishnu, sondern sein ganzer Tempel von Garuda getragen. Der Vogel tritt hier in großer Zahl auf, zu Karyatidenreihen geordnet, welche die Last des Bauwerkes halten, das als eine irdische Nachbildung Vaikunthas, des Gottes himmlische Wohnung, gedacht ist.

So ist Vishnu (wie Nietzsches Zarathustra) mit jedem von den beiden ewigen Widerspielern verbunden. Shesha, die Schlange Endlos, die Repräsentantin der kosmischen Wasser und die Quelle aller Gewässer überhaupt, ist seine tierische Vertreterin. Aber ebenso ist dies Garuda, das erobernde Prinzip, der Widersacher der Schlange. Wir haben hier ein wohlbegründetes Paradox, denn Vishnu ist das Absolute, die allenthaltende göttliche Essenz. Er begreift alle Entzweiungen in sich. Das Absolute differenziert sich in polarisierten Manifestationen, und durch diese werden die vitalen Spannungen des Weltprozesses ins Dasein gebracht und aufrecht erhalten.

Krishna tanzt auf dem Haupt des besiegten Schlangenkönigs Kaliya, die Schlangenköniginnen bitten für Kaliya um Gnade

Teil 4: Vishnu als Besieger der Schlange

Nachdem wir bereits Vishnu als den menschengestaltigen Widerpart der kosmischen Schlange betrachtet haben, gilt es jetzt, eine wichtige Reihe mythologischer Episoden vor Augen zu rufen, in denen er in der Rolle des Besiegers der Schlangenkraft erscheint.

Ein ziemlich isolierter Mythos, außer Zusammenhang mit den großen Zyklen der Inkarnationen Vishnus, ist der von der Befreiung des Elefanten (Bhagavata Purana, VIII, 2-3). Eine plastische Darstellung des Geschehnisses befindet sich in einem Relief des Dasha-Avatar-Tempels zu Deogarh. Ein herrlicher Elefant hat sich auf der Suche nach seiner Nahrung aus Lotosstengeln und -wurzeln zu tief in das feuchte Element hineingewagt, und die Schlangen der Tiefe haben ihn ergriffen und gefesselt. Das riesige Tier kämpfte vergeblich, bis es endlich die Hilfe des hohen Gottes anruft. Vishnu, auf Garuda sitzend, ist eben erschienen. Sein Eingreifen ist gar nicht erforderlich, denn seine Gegenwart genügt. Der mächtige Schlangenkönig zusammen mit seiner Königin unterwirft sich. Die Schlangen verneigen sich mit gefalteten Händen vor dem Herrn und Herrscher des Alls und liefern ihm ihre Beute aus. Die Füße des Elefanten sind noch in die unheimlichen Windungen verwickelt. In diesem Denkmal der klassischen Guptaperiode (4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) hat der Vogel Garuda etwas von einem Engel, während Vishnu mit einem Diadem gekrönt ist und vier Arme besitzt.

Ein breiter entwickelter Mythos ist der von der dritten Inkarnation oder des dritten Avatars, Vishnus Erscheinung in Gestalt eines Ebers (Vishnu Purana I, 4). In diesem Fall ist die Erzählung von der Besiegung der Schlangenkraft in den großen Zyklus des universellen Evolutionsvorganges eingefügt. Das Ereignis soll sich am Anfang des gegenwärtigen Kalpas vollzogen haben und wird als »Schöpfung durch den Eber« bezeichnet.

Die Erde ist eben entstanden; die Weltkulissen für das wunderbare Drama der Entwicklung sind aufgestellt. Auf der festen Oberfläche werden nun Geschöpfe mit warmem Blut erscheinen, und aus diesen mag sich die Geschichte der Menschheit entfalten. Wie ein Lotos auf der ruhigen Fläche eines Sees oder wie das menschliche Bewusstsein auf der Dunkelheit des Unbewußten, ruht die Erde nun frisch und schön auf den Wassern des kosmischen Abgrundes.

Aber der Lauf der Weltentwicklung ist Rückschlägen unterworfen. Nach indischer Auffassung wird er durch sich wiederholende Krisen bezeichnet, welche die Dazwischenkunft des Höchsten Gottes erfordern. Es gibt nämlich einen ewig drohenden Gegenstrom, der dem Entwicklungsstreben widersteht und von Zeit zu Zeit das schon Geformte aufhält, verschlingt und zurücknimmt. Diese Kraft wird in der klassischen Hindumythologie unter der Gestalt der machtvollen Riesenschlange des Weltenabgrundes geschaut (wir glauben hier Heinrich Zimmer zu folgen, wenn wir an dieser Stelle an die Midgardschlange in der nordischen Mythologie erinnern, welche die Erde drohend umgibt, stets bereit, ihre Geschöpfe und das All selbst zu verschlingen. — Anmerkung des Übersetzers). So kam es, daß gleich am Beginn des gegenwärtigen Zeitentages die neu hervorgeblühte Erde plötzlich von der Oberfläche des kosmischen Meeres in seine unterste Tiefe herabgerissen wurde.

In diesem kritischen Zeitpunkt nahm Vishnu die Gestalt eines riesigen Ebers an. Als Warmblüter gehört der Eber der Erdsphäre an, aber er treibt sich gern in Sümpfen herum und ist darum mit dem feuchten Element vertraut. In dieser Gestalt taucht Vishnu in das kosmische Meer. Nachdem er den großen Schlangenkönig überwältigt und niedergetreten hatte, bis der Feind mit gefalteten Händen endlich seine Gnade anrief, umschlang der Höchste, in dieser Tiergestalt verkörperte Gott den lieblichen Leib der noch sehr jugendlichen Mutter Erde mit seinen Armen und brachte sie wieder zur Oberfläche des Meeres herauf, während sie sich an seinem Hauer festhielt. In Wirklichkeit ist Vishnu als das verkörperte Absolute nicht im Widerspruch mit dem Schlangenprinzip des Wassers. Dennoch muß in symbolischen Episoden wie dieser der Gott der Schlange entgegentreten. Sie muß in Schach gehalten werden, weil sie die weitere Entwicklung des Alls gefährdet. Sie verkörpert wohl die allenthaltende Substanz Vishnus, aber auf einer primitiven Differenzierungsebene. Wenn sie sich jenseits der ihr gesetzten Grenzen in einem späteren Stadium des kosmischen Zyklus betätigt, droht sie die Welt in den ungeformten bewußtseinslosen Zustand der Anfänge zurückzuwerfen. Zu jener Zeit gab es noch kein All, nur die Nacht und den unermeßlichen Schlaf des unendlichen Meeres. Vishnu begegnete diesem rückschrittlichen Streben seiner eigenen Substanz, indem er Gestalt annahm und die Rolle des Weltschöpfers und -erhalters spielt — in der vorliegenden Episode in der warmblütigen Tiergestalt eines Ebers.

Das Geschehnis wird großartig in einem Relief aus Udayagiri, Gwalior, 440 n. Chr., geschildert. Die himmlischen Wesen, die hier die Taten des heldischen Ebers betrachten, sind in regelmäßigen Reihen angeordnet nach der Art alter mesopotamischer Muster, wie Hieroglyphen oder Keilschrift, ein erstaunlicher, bis jetzt unerklärter Umstand. Tatsächlich hat noch niemand bis jetzt auch nur ein Erstaunen geäußert über das Erscheinen dieser strengen, ornamentalen, offensichtlich sehr stark von den Hieroglyphen des nahöstlichen Altertums beeinflußten Komposition inmitten der völlig abweichenden Formen des klassischen Hindustils.

Ein drittes Eingreifen Vishnus als Gegner und Besieger des Schlangenprinzips wird in Verbindung mit der Lebensgeschichte seiner volkstümlichsten Inkarnation als Krishna erzählt. Der Bericht steht in der Vishnu-Purana, und da er voller hochbedeutsamer Mythenmotive ist, lohnt es sich wohl, ihn ausführlicher zu betrachten.

Der Bericht wird eröffnet mit einer Überschau der Umstände von Krishnas Eintritt in die Welt. Wie gewöhnlich haben die Titanen oder Dämonen einen Sieg über die Götter gewonnen, weshalb eine rettende Inkarnation geboren werden muß, um das Gleichgewicht der Kräfte wieder herzustellen. Dieser spezielle Fall der wiederkehrenden Krisis soll sich am Ende des dem unseren vorangehenden Yuga ereignet haben, also am Schluß des Dvapara-Yuga, das 3102 v. Chr. aufhörte. Eine Rasse von Dämonen war plötzlich auf der ganzen Erde erschienen, entthronte die Götter und errichtete eine Herrschaft des Schreckens, der Ungerechtigkeit und der Gesetzlosigkeit. Der Lebensvorgang des Kosmos selbst war in Gefahr. Die Göttin Erde, erdrückt von der gräßlichen Last, konnte endlich die Qual nicht länger tragen. So stieg sie zum Gipfel des Meruberges herauf, dem Mittelberg und der Achse des Alls, und erlangte als Bittstellerin Zutritt zu der Versammlung der Götter.

Die Göttin Erde warf sich vor Brahma und den Himmlischen nieder. »Der Gott des Feuers ist der väterliche Beschützer des Goldes«, sagte sie, »und der Sonnengott ist der Beschützer der Kühe. Mein väterlicher Beschützer ist Vishnu. Er wird von der ganzen Welt verehrt.

Ihr Herrscher, über dem Reich der sterblichen Wesen haust eine Schar von Dämonen. Tag und Nacht ist Geheul in den Städten und das Land steht in Flammen. Gipfel der Schlechtigkeit, zu zahllos, um sie zu nennen, Dämonen in allen Yugas durch ihre Bosheit berühmt, wurden in den Familien mächtiger Könige wiedergeboren und führen ohne Widerstand ihre unerträglichen Taten aus. Selbst Kalanemi, der abscheuliche Teufel, der früher einmal von Vishnu erschlagen wurde, ist zurückgekehrt. Und jetzt ist er Kamsa, der Sohn des Königs Ugrasena. Mein Leib ist so von Freveln beschwert, daß ich sie nicht länger ertragen kann; sie zerreißen meine Sehnen. Ihr Mächtigen, rettet mich, kommt, helft oder ich werde vernichtet zur Tiefe des Abgrunds stürzen.«

Brahma hörte sie an, und die Götter drängten ihn, die Göttin zu erlösen. Doch Brahma sprach:

»Ihr Himmlischen, ich, Shiva und Ihr, wir und alle Wesen sind nicht mehr als ein Teil Vishnus. Wir wissen, daß die Manifestationen von Vishnus grenzenloser Substanz von ewig wechselnden Gezeiten bewegt werden. Gewaltsamkeit und Schwäche wechseln mit Gesetz und Stärke ab; da ist ein ewiges Zunehmen und Abnehmen seiner Gnade. Darum laßt uns zu den Küsten des Milchmeers gehen, das die Wohnung Vishnus ist, und dort ihm, dem Höchsten Wesen, demutsvoll Beschwerde und Bitte der Erde mitteilen. Denn wie wir so oft gesehen haben, ist Vishnu stets willig, ein kleines Teilchen seines Wesens in die Welt hinunterzusenden, in diese Welt, die nur eine Manifestation seines Spieles ist. So hat er Mal für Mal den gesetzmäßigen Lauf des Weltentages wiederhergestellt.«

Zusammen mit der Erde und allen Göttern begab sich Brahma darum zu Vishnu. Sich vor ihm neigend, dessen Wahrzeichen Garuda, der Sonnenvogel ist, sammelte Brahma sein Gemüt in Meditation und pries das Höchste Wesen.

»Anbetung Vishnu mit seinen Milliarden von Gestalten und Waffen, seinen vielfältigen Gesichtern und Füßen! Anbetung dem Unendlichen, der gleicherweise die Offenbarung, die Erhaltung und die Auflösung des Alls ist! Du bist geheimnisvoller als alles, was der Sinn erfassen kann; Du bist unermeßlich in Deinem innersten Wesen; Du bist die Wurzel von allem; Du bringst den Geist hervor, diesen ersten Stoff, aus dem sich Sprache und Sinne erhoben und erheben. O, Du Höchster von Allen, habe Erbarmen! Hier, in Dir ihre Zuflucht suchend, naht die Erde. Du Ende ohne Ende, Du Anfang ohne Anfang, endliche Zuflucht aller Wesen, die Göttin bittet Dich, sie von ihrer Last zu erlösen. Erdentsprossene Dämonen erschüttern ihre felsigen Sehnen. Indra, ich selbst und alle Götter erflehen Ratschlag und Anweisung von Dir. Sage uns, o Herr und Kern unserer Unsterblichkeit, sage uns, was wir tun sollen.«

Vishnu riß sich zwei Haare aus seinem Haupt, ein helles und ein dunkles, und wandte sich dann an die Versammlung am Strande: »Diese zwei Haare aus meinem Haupt sollen zur Erde herabsteigen und ihre Last fortnehmen. Auch alle Götter sollen zu ihr niedersteigen, jeder mit einem Teil seines Wesens und die Erde durch die Besiegung der Dämonen befreien. Es lebt eine Prinzessin Devaki, die Frau des Vasudeva, und sie ist wie eine Göttin unter den Menschen. Dieses dunkle Haar aus meinem Haupt wird die achte Frucht ihres Leibes werden. Ich werde in sie niedersteigen und von ihr geboren werden, um wiederum den Dämon Kalanemi, in seiner gegenwärtigen Inkarnation Kamsa genannt, zu töten.« 

Vishnu verschwand und die Götter, auf die Knie fallend, verehrten den Unsichtbaren. Dann stiegen alle vom Gipfel des Berges Meru herab.

Die Haare wurden ein Bruderpaar von heldischen Errettern. Das schwarze Haar wurde zu Krishna; das helle wurde als Krishnas älterer und schwächerer Halbbruder Balarama geboren. Seine Mutter war eine andere Frau Vasudevas, namens Rohini. Kamsa versuchte die beiden zu töten, aber sie wurden durch wunderbare Vorfälle gerettet und verbrachten unter einem Stamm von Kuhhirten ihre Kindheit in Verborgenheit vor dem Verfolger. Hier, zwischen den Kindern dieser guten und einfachen Leute hüteten sie die Herden und spielten in Wald und Feld.

So verbrachten sie eine Reihe idyllischer Jahre, die zu einem Lieblingsthema des Hindumythos und hinduistischer Kontemplationen geworden sind. Der Zyklus der Knabentaten, der sich mit dieser Periode verbindet, ist eines der reizendsten Stücke aus den Mythologien aller Völker. Der kleine Heiland verblüffte und erstaunte die Kuhhirten immer wieder mit spielerischen wunderbaren Taten, die außer allem Verhältnis zu seiner Gestalt als Kind standen. Nie aber enthüllte er ihnen seine Göttlichkeit. Zuletzt, weil sie diese Vorfälle als bedenkliche Vorzeichen eines Erdbebens oder anderer drohender Übel mißverstanden, begab sich die ganze Gemeinschaft mit Kind und Kegel in Sicherheit, und zwar in den mächtigen Vrindavana-Wald am Ufer des heiligen Yamuna, gerade gegenüber von Kamsas Hauptstadt Mathura (Brindaban, am Zumna, gegenüber Muttra. Hier befindet sich ein bedeutender Mittelpunkt der Vishnu-Krishna-Verehrung). Hier bauten sie ein halbmondförmiges Lager von Wagen und Zäunen, ließen ihre Herden weiden, ihre Kinder spielen und führten ihre zeitlose Lebensweise fort. Krishna, ihr göttliches Mündel, betrachtete mit Vergnügen die neuen Umgebungen, segnete gnädig den Forst und schenkte den Kühen Wohlergehen. Obgleich die erbarmungslose Hitze des Sommers auf ihrer Höhe stand, brachten die Weiden sogleich frisches Gras hervor, als wäre man in der Regenzeit.

Es schickt sich für einen übermenschlichen Erlöser, wenn er von einer irdischen Mutter geboren ist, sich der Umgebung, die er als Wohnung gewählt hat, anzupassen. Allem Anschein nach ist er ebenso in die Maya verstrickt wie jeder andere. Aber dann enthüllt eine übermenschliche Tat oder Gebärde plötzlich sein übernatürliches Wesen. So war es mit Krishna im Vrindavana-Wald. Und auf solche Weise geschah es, daß er selbst als Knabe einen gewissen Schlangenkönig des Namens Kaliya, der die Wasser des Flusses nahe seiner Hütte bewohnte, bekämpfte und überwand.

Krishna und sein Bruder Rama spielten zwischen den Kuhpferchen und zogen die Kälbchen auf. Sie durchstreiften die Wildnis, machten sich Kränze aus Gras und Blättern und flochten Guirlanden aus wilden Blumen. Sie verfertigten sich Blättertrommeln, und Krishna blies die Flöte. Lachend und scherzend sprangen sie unter den großen Bäumen herum, manchmal allein, manchmal zusammen, machmal mit einem Gefolge anderer Jungen. Krishna, der abenteuernde siebenjährige Knabe kam zu diesem gefährlichen Ort und blickte neugierig in die Tiefe. »Hier wohnt der böse Kaliya«, dachte er. »Gift ist seine Waffe. Ich habe ihn schon unterworfen (eine Anspielung auf den bevorstehenden Kampf). Wenn ich ihn erlöst habe, wird er im weiten Ozean verschwinden. Durch diesen Kaliya ist der ganze Yamuna von hier bis zur Mündung unrein geworden; weder Mensch noch Vieh kann seinen Durst in diesen Wassern stillen. Darum werde ich diesen Schlangenkönig besiegen und die Einwohner des Landes von ihrer beständigen Furcht befreien. Um sie glücklich und froh zu machen und die Argen zu bestrafen, die auf den Pfaden des Übels wandeln, stieg ich ja in die Welt hinab. Darum will ich auf diesen breitästigen Baum klettern, der sich über das Wasser neigt, und hinabspringen.«

Der Knabe gürtete seine Lenden, stieg auf den Baum und sprang mit einem großen Satz in die Tiefe. Der Stoß erschütterte den Abgrund, die flammenden Wasser spritzten hoch in die Bäume des Ufers und setzten sie in Brand. Das Firmament schien zu glühen. Dann schlug Krishna mit seinen Handflächen auf das Wasser, und der Schlangenkönig, von dem ungewöhnlichen Lärm herausgefordert, erschien, seine Augen rot vor Zorn, während die Blasen seiner Hauben von grimmem Gifte zuckten. Schwärme roter Schlangenkrieger umgaben ihn, und Hunderte von Schlangenköniginnen und Schlangenmädchen bildeten sein Gefolge. Die geschmeidigen Leiber, mit glänzenden Perlenbändern geschmückt, funkelten, als sie in wogenden Verschlingungen heraufkamen und ihre unzähligen Häupter erhoben. Sie bespuckten Krishna mit ihren gifttriefenden Mäulern und schlossen seine Glieder in ihre Windungen ein.

Eine kleine Gruppe Kuhhirten, die schreckerfüllt in der Nähe stand, sah Krishna untätig und bewußtlos in den Schlangenschwarm verstrickt versinken. Entsetzt eilten sie heim. »In einem Anfall von Wahnsinn«, schrien sie, »ist Krishna in die Höhle Kaliyas gesprungen. Der Schlangenkönig verschlingt ihn. Helft! Rasch!«

Die Kuhhirten eilten zum Ufer, von ihren Frauen und Kindern gefolgt. »Weh uns, was hast Du getan!« schluchzten die Frauen, als sie zwischen den Bäumen entlangstolperten.

Balarama wies den Weg und zeigte den Leuten, wie Krishna machtlos am Grund des Wassers lag, von den Leibern der Ungeheuer umschlungen. Nanda und Yashoda, des Knaben Pflegeeltern, standen entsetzt, als sie das Antlitz ihres Kindes erblickten. Die anderen zuschauenden Frauen brachen in verzweifeltes Jammern und Weinen aus. »Wir werden alle zu Dir in den Abgrund Kaliyas springen«, schrien sie. »Denn wie sollen wir ohne Dich, unseren lieblichen Knaben, zu den Kuhhürden zurückkehren! Was ist der Tag ohne Sonne, die Nacht ohne Mond; was sind Kühe ohne Milch und was sind unsere Hütten ohne Krishna?«

Balarama sah seine Pflegemutter Yashoda in Ohnmacht fallen und Nanda mit gebrochenem Herzen in den Strom starren, worauf er aus seinem geheimen Wissen um Krishnas göttliche Natur diesen anredete: »Göttlicher Herr der Götter, warum stellst Du diese menschliche Gebrechlichkeit zur Schau?« sagte er und sah mit durchdringendem Blick zu ihm hinunter. »Bist Du Dir Deines göttlichen Wesens nicht bewußt? Du bist der Nabel des Alls, der Träger der Götter, der Schöpfer, Zerstörer und Wächter der Welten. Das All ist Dein Leib. Sieh, diese hier, die seit unserem Hinabstieg zu den Menschen unsere Verwandten sind, die Kuhhirten und ihre Frauen, sind überwältigt von Verzweiflung. Hab Mitleid mit ihnen. Du hast das Kind und den Knaben gespielt; Du hast die menschliche Schwäche dargestellt. Entfalte nun Deine unbegrenzte Macht; erhebe Dich und besiege den mächtigen Feind!«

Laut ertönten diese Worte in Krishnas Ohren und erinnerten ihn an sein wahres Wesen. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht; langsam öffneten sich seine Augen. Seine Arme regten sich; seine Hände begannen auf die Schlangenwindungen, die ihn verstrickten, loszuschlagen. Mit plötzlichem Ausbruch befreite er seine Glieder von der Umschlingung der Ungeheuer und setzte emporspringend seinen Fuß auf den Schlangenkönig. Nun hob er die Knie und begann einen Tanz auf dem mächtigen Haupt. Immer, wenn das Ungeheuer seinen Nacken zu heben versuchte, trat ihn der göttliche Knabe nieder. Dies geschah immer wieder und wieder bis endlich die Schlange schwach wurde und in Ohnmacht fiel. Krishna fuhr fort zu tanzen bis der große König Blut spuckte und steif wie ein Stock dalag. Als die entsetzten Königinnen ihren Herrn mit zerschlagenem und blutigem Haupt daliegen sahen, flehten sie Krishna folgendermaßen an: »Göttlicher Meister der Götter, Höchster Herrscher des Alls, wir erkennen Dich jetzt! Wer ist würdig, Deine weltübersteigende Größe zu preisen? Sei gnädig und verschone das Leben dieses unseres Königs!«.

Der erschöpfte Kaliya erholte sich ein wenig bei diesem Gebet und bat mit stockender Stimme den Sieger: »Ich bin nur meiner Natur gefolgt. Wie Du mich voller Stärke geschaffen hast und mir Gift verliehen, so habe ich gehandelt. Hätte ich mich anders verhalten, würde ich die von Dir für jedes Geschöpf entsprechend seiner Art gegebenen Gesetze verletzt haben. Ich würde das Gesetz des Alls und damit meine Bestrafung herausgefordert haben. Jetzt aber, selbst als Du mich schlugst, hast Du mich mit dem göttlichen Segen, der Berührung Deiner Hände, begnadet. Meine Kraft ist gebrochen, mein Gift aufgezehrt; verschone mein Leben und sage mir, was ich tun soll.«

Voller Gnade erwiderte Krishna: »Von nun an sollst Du nicht mehr in den Wassern des Yamuna wohnen, sondern in der Weite des Ozeans. Geh! Mehr noch, ich verheiße Dir, daß Garuda, der goldene Sonnenvogel, Erzfeind aller Schlangen und mein Tragtier durch die Weite des Alls, Dich, der meine Berührung erfuhr, für immer verschonen soll.«

Der Schlangenkönig neigte sich und zog sich mit seinem Volk zum Ozean zurück. Die Kuhhirten umarmten Krishna, den so wunderbar ins Dasein Zurückgekehrten. Tränen über seinem Haupt vergießend bejubelten sie seine Tat, die dem Wasser des Flusses seine wohltätigen Eigenschaften zurückgegeben hatte. Gepriesen von den Kuhhirten, bejubelt von den Frauen und Mädchen, die ihn in schmeichelnder Schar umgaben, kehrte Krishna, der jugendliche Held, die Inkarnation des Allerhöchsten, zum Lager und den Kühen zurück.

Diese ungemein volkstümliche und oft wiederholte Erzählung ist mit mannigfachem Sinn beladen und kann von einer ganzen Anzahl von Gesichtspunkten aus gedeutet werden. Religionsgeschichtlich gesehen wurde eine örtliche Naturgottheit, ein im Yamunafluß wohnender Dämon, der Geist des Wassers, eine zornige, schwer zu versöhnende Macht, besiegt und vertrieben; ein primitiver Schlangenkult wird von der Verehrung eines menschen-gestaltigen göttlichen Erlösers überlagert. Durch Krishna als Zwischenstufe wurde der spezielle Kult eines örtlichen Dämons mit der weit verbreiteten allgemeinen Verehrung Vishnus, des Höchsten Wesens, verschmolzen und so in einen Zusammenhang von höherer symbolischer Bedeutung eingefügt, der Ahnungen und Vorstellungen von allgemeiner Gültigkeit enthält.

Die Pythia in der Vorstellung von John Collier (1891)

Griechische Mythologie und Religionsgeschichte verzeichnen in Apollons Sieg über den erdgebundenen Schlangenherrn Delphis ein ähnliches Geschehnis. Dieser Python sandte durch einen Spalt des Felsens seine Offenbarungen hinauf; eine Priesterin, die Pythia, atmete die starken Dämpfe ein und wurde so inspiriert, Stimme der geheimnisvoll unverständlichen Äußerungen zu werden: dies war das Orakel von Delphi. Aber dann forderte der große Gott Apollon den Drachendämon heraus, erschlug ihn und nahm seinen Sitz ein. In der Folge war Delphi das Heiligtum des menschengestaltigen Olympiers, eines Gottes, der in Beziehung zur solaren Macht und für Erleuchtung, Weisheit, Mäßigung und Harmonie stand. Ein höheres, himmlisches Prinzip hatte die erdhafte Gewalt ersetzt — und dennoch war diese nicht völlig ausgelöscht. Die Priesterin behielt ihre alte Rolle, und die wohltätige Macht der Erde sprach weiter zu den Menschen; das delphische Orakel fuhr in seiner Tätigkeit fort. Nur war jetzt der Herr und Eigentümer des Heiligtums nicht länger ein primitiver Erddämon, sondern ein Olympier: Apollon als pythischer Gott.

Ähnlich wurde Kaliya von Krishna vertrieben. In diesem Fall wurde der Dämon nicht getötet; er wurde nur gezwungen, seine Macht abzulegen und sich nach dem entfernten Meer zurückzuziehen, so daß das Idyll menschlichen Lebens, wie es die Lagerfeuer der Kuhhirten malen, nicht von der Lohe seines Giftes bedroht wird. Krishna spielt hier eher die Rolle eines Vermittlers als eines Vernichters. Er befreite die Menschheit von einer Drohung, einer Gefahr, indem er sich auf die Seite des Lebens gegen den tötenden Atem der Schlange stellte und erkannte doch gleichzeitig auch das Recht der zerstörenden Gewalten an. Denn die giftige Schlange war ebenso gut eine Manifestation des Höchsten Wesens wie die frommen Kuhhirten. Sie war Offenbarung eines der dunkleren Aspekte von Gottes Wesen, der allhervorbringenden, uranfänglichen göttlichen Substanz entstiegen. Es konnte sich nicht darum handeln, die Macht, welche den Menschen völlig negativ erschien, ein für alle Mal auszuschließen. Krishna bewirkte nur eine Art Grenzregelung, einen das Gleichgewicht wieder herstellenden Urteilsspruch zwischen Dämonen und Menschen. Zum besten des menschlichen Reiches wurde Kaliya in eine entferntere Sphäre versetzt, wobei ihm aber erlaubt wurde, sowohl in seiner Natur wie in seiner Macht unverändert zu bleiben. Hätte man ihn verwandelt, erlöst oder auf andere Weise ausgeschaltet, so wäre das Widerspiel zwischen menschlichen und dämonischen, produktiven und zerstörerischen Energien unterbrochen worden — eine Möglichkeit, die nicht in der Absicht des Höchsten Wesens lag.

Vishnus Rolle als Erhalter der Welt verlangt dieses Handeln als Vermittler oder mäßigende Gewalt zwischen den entgegengesetzten Energien, die im Lebensprozeß des Universums aktiv sind. Er hindert den übermächtigen Stoß der zerstörenden, unterbrechenden Kräfte. Dies tut er, indem er in dem einen oder anderen seiner Avatars in das All hinabsteigt und die furchtbaren Kräfte, die mit allgemeiner Vernichtung drohen, zügelt und unterwirft, so schließlich ein wirksames Gleichgewicht von Gegensätzen wieder herstellend. Doch als das Höchste Wesen, die allenthaltende Substanz, kann er sich grundsätzlich von den Dämonen des Wasserreiches nicht abscheiden. Ist doch Shesha, die kosmische Schlange, eine seiner Hauptmanifestationen. Darum dürfen wir nicht überrascht sein, wenn Krishna, Vishnus menschlicher Avatar und der Besieger Kaliyas, mit den typischen Attributen der Schlangengenien dargestellt wird.

Ein schönes Beispiel für die Verbindung Krishnas mit dem Nagasymbol finden wir in einer Bronzefigur aus Bengalen, im Pâla-Stil der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts n. Chr. gearbeitet. Die Gottheit hat vier Arme und hält den Diskus (Chakra, Sudarshana) und die eiserne Keule (Kaumodaki). Vishnus zwei Königinnen stehen zu beiden Seiten: Shri-Lakshmi, die Göttin irdischen Wohlstands, und ihre Nebenbuhlerin Sarasvati, die Beschützerin der Rede, des Gesanges und der Weisheit. Sie sind Rivalinnen, wie es zwei Frauen eines Mannes sein müssen. Man sagt, daß immer, wenn eine von ihnen einem Menschen ihre Gaben verleiht, die andere fortbleibt: die Weisen sind nicht reich und die Reichen sind nicht weise. Doch zu Vishnus Füßen unterwerfen sich die beiden zum Zusammenwirken ihres Gegensatzes. Der Reiz des jugendlichen inkarnierten Gottes verschmilzt hier mit der Erhabenheit des kosmischen Wesens. Der menschliche Aspekt enthüllt den Krishna, für den die Herzen aller Frauen und Mädchen in Liebe entbrannten, während der Jahre seines Kindheitsidylls unter den Kuhhirten sowohl wie später an den Höfen fürstlicher Geschlechter. Auf der anderen Seite vertritt das Nagasymbol, den Hintergrund bildend, jene göttliche Natur, welche der Held und Erlöser vor denen verbarg, die er durch seine menschliche Gegenwart erfreute und durch seine Taten erstaunte. Dieses Symbol ist das Zeichen für sein wahres Wesen, für den Geist, der in seiner menschlichen Maske atmete. Denn der menschliche Avatar ist eine Verschmelzung der Gegensätze. Auch wir sind eine solche Verschmelzung, obgleich unserer Doppelnatur ungewahr: wir sind zugleich das unbegrenzte, keiner Bedingung unterworfene göttliche Selbst und die dieses verhüllenden Eigenschaften der Persönlichkeitserfahrung und des Ichbewußtseins.

Bei Krishnas Halbbruder Balarama ist der Nâgacharakter stark betont. Er ist eine menschliche Verkörperung und eine Teilinkarnation von Shesha selbst. Diese Eigenschaft tritt besonders in der Erzählung von seinem Ende hervor. Dort wird er beschrieben, wie er tief in Gedanken unter einem Baum am Ufer des Ozeans sitzt, woraufhin eine große Schlange aus seinem Mund kriecht und den menschlichen Leib des Held-Erlösers leblos zurückläßt. Es ist seine Sheshanatur, seine geheime Lebensessenz, die so in die Tiefe der Wasser zurückgeht. Während sie in gigantischen Wellenbewegungen ihren Weg nimmt, singen Schlangen ihren Ruhm. Der Ozean selbst erhebt sich in Gestalt eines mächtigen Schlangenkönigs, den erhabenen Gast, sein eigenes göttliches Selbst, die Schlange des All-Wassers zu begrüßen. Die Schlangenessenz des göttlichen Helden wandert zurück in die Formlosigkeit des Abgrundes, zurück in sich selbst, nachdem sie die Augenblicksrolle eines Begleiters und Helfers eines menschlichen Avatars erfüllt hat.

In den Mythologien des Westens sind ähnliche Vorwürfe zu finden, aber der Gegensatz wird hier nicht gelöst. Der halbgöttliche Heros Herakles, Sohn des Himmelsvaters Zeus und so ein Teil der himmlischen Energien, ist ein erbarmungsloser Feind der Schlangen auf der Erde. Als Kind würgt er die Schlangen, welche die alte Erdgöttin Hera in seine Wiege schickt. Später besiegt er die Hydra, ein fast unbesiegliches, zerstörerisches Ungeheuer — die blinde Lebenskraft, die für jedes Haupt, das ihr vom Leib getrennt wird, sieben neue hervorwachsen läßt. Auch Christus zertritt den Kopf der Schlange, obgleich er als Opfer ihres Bisses fällt.

Im Westen werden die Held-Erlöser, die vom Himmel herabsteigen, um ein neues Zeitalter auf Erden zu eröffnen, als Verkörperung eines spirituellen und moralischen Prinzips betrachtet, das der blinden, tierhaften Lebenskraft der »Schlange« überlegen ist. Im Gegensatz dazu sind in Indien die Schlange und der Heiland zwei Grundmanifestationen der einen, allenthaltenden, göttlichen Substanz. Und diese Substanz kann mit keiner ihrer polarisierten, sich als Gegensatz gegenüberstehenden Aspekte uneinig sein; in ihr sind die beiden versöhnt und vorausgesetzt.

Verschiedene Bedeutungen der Schlange

Die Schlange in der christlichen Mythologie: Die Schlange als Versucherin

In der christlichen Mythologie ist die Schlange die Versucherin, die Eva dazu gebracht hat, vom Baum der Erkenntnis zu essen und so mitverantwortlich ist für die Vertreibung aus dem Paradies. Auch sonst gilt die Schlange in der christlichen Mythologie als die Versucherin, als "böses" Tier und wird mit Satan in Verbindung gebracht. Im Abendland ist es eine Beleidigung jemand anderen als "Schlange" zu bezeichnen.

Die Schlange in der griechischen Heilkunst: Die Schlange als Heilerin

Im alten Griechenland gab es den Äskulapstab als Symbol der Heilkunst: Zwei Schlangen winden sich um einen Stab und schauen sich oben entweder an oder schauen in zwei Richtungen. Hier ist die Schlange die Heilerin. In der Schulmedizin wird der Äskulapstab mit nur einer Schlange dargestellt - ein Zeichen dafür, dass die moderne Schulmedizin zur Einseitigkeit neigt und als Ergänzung die Alternativmedizin bzw. Yoga, Meditation und Ayurveda braucht.

Die Schlange in der chinesischen Mythologie: Heilige Drachen

Im Taoismus bzw. in der chinesischen Mythologie werden Schlangen als heilig angesehen und als Drachen verehrt.

Die Schlange in der indischen Mythologie: Kundalini und Nagas

In der indischen Mythologie wird die kosmische Energie im Menschen als Kundalini, also als Schlangenkraft, bezeichnet. Die Schlange symbolisiert hier die Shakti, die göttliche Mutter. Sie wird auch als Bhujangini, als Kraft der Kobra, bezeichnet. Die Kundalini kann heilen, sie kann Kräfte schenken, sie kann bedrohlich wirken - und sie kann die höchsten Erfahrungen hervorrufen.

In der indischen Mythologie findet man auch die Nagas, Wesen, die halb Schlange, halb Mensch sind. Sogar Patanjali wird als Naga dargestellt. Nagas kann man interpretieren als aus dem Unterbewusstsein kommende Kräfte, als spezielle Art der Astralwesen, oder auch als Volksstamm im alten Indien mit einer schlangenartigen Kleidung.

Die Schlange in uns

Artikel von Beate Wolfsteller

Erinnern wir uns an die Geschichte von Adam und Eva, der Versuchung durch die Schlange, der Eva und dann auch Adam erlegen war. Nun strafte Gott dieses Vergehen mit einem Erdenleben, verbunden mit Schmerz und Freud, dem wir heute noch nachgehen in unserer schöpferischen Art.

Das Leben als Mensch bietet kleine Freuden, Fallstricke aber auch Chancen, Evas Fehler zu beheben mit Anleitungen heiliger Schriften und Meister, die uns führen. In der Regel arrangieren wir uns mit den individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungen und erspüren trotzdem eine tiefe Suche. Schicksalsschläge, aber auch eine fortgeschrittene geistige und seelische Entwicklung fördern Veränderung der Prioritätenliste „Leben“ als einen Weg zu Gott.

Die Schlange, oft in dem Kontext „Versuchung“ definiert, begegnet uns täglich und sorgt für karmische Verstrickungen und Disbalancen.

In uns wohnt die Schlange materialisiert in Form einer Wirbelsäule, ermöglicht einen aufrechten Gang und Stabilität. Am Ende der Wirbelsäule, in der Nähe des Steißbeines weilt die Kundalini als subtile Energie, Shakti ein Ausdruck der göttlichen Mutter.

Mit der Erweckung dieser Energie werden uns Fähigkeiten anvertraut, die über den bekannten Möglichkeiten hinausgehen. Kundalini-Yoga fördert neben beliebten spürbaren Veränderungen wie Gelassenheit und Klarheit die Annäherung zu Shiva (Bewusstsein) im Sahasrara Chakra. Das Erwachen wird oft als energetische Erfahrung wahrgenommen. Es folgt ein Streben nach einer Verwirklichung bzw. der Verbindung der Kundalini-Shakti mit Shiva, dem Bewusstsein, welches im Sahasrara Chakra wohnt. Wie fühlt es sich an, wenn himmlische Energien in der Seele erwachen ?

Der menschliche, verstandesorientierte und emotionale Teil erspürt mit regelmäßiger Yogapraxis die Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Der Körper wird mit Sauerstoff angereichert zur Förderung von autonomen Steuerungsprozessen und spürbarer Vitalisierung.

Es gibt dann einen Alltag mit emotionalen Höhen und Tiefen, der mit Kundalini-Yoga in Balance gebracht wird und Gedächtnis und Konzentration stärkt

Die Konzentration auf die Chakren fördert die individuelle Entwicklung und evolutioniert unser Sein, die Seele. Die Eva in uns wird ohne ein entwickeltes Bewusstsein sich weiterhin auf der Erde vergnügen bis zur fortgeschrittenen Erkenntnis.

Die Geschichte von der Schlange und dem Seil

In Indien, wo es viele Schlangen gibt, kam abends ein Mann nach Hause. In seinem Vorgarten trat er auf eine Schlange, sprang zur Seite und merkte, dass die Schlange ihn gebissen hatte. Und da er wusste, dass es eine Giftschlange gewesen sein mußte, rief er sofort den Priester für die letzten Ölungen, die letzten Riten. Er spürte, wie seine Lebenskräfte ihn langsam verließen. Da kam eine alte Frau vorbei, die Dorfweise, und schaute sich die Wunde an. Dann nahm sie eine Lampe und ging hinaus in den Vorgarten. Und was sah sie dort? - Ein Seil! -

Heutzutage wäre es vielleicht eher ein Schlauch, aber damals war es eben ein Seil. Neben dem Seil wuchs ein Dornbusch. Als er erschrocken zur Seite gesprungen war, hatte der Mann sich an dem Busch die Wunde zugezogen und gedacht, es sei ein Schlangenbiss. Die Frau ging wieder hinein und rief dem Mann zu: „Du stirbst nicht. Das ist kein Schlangenbiss, das war nur ein Seil, und deine Wunde ist nur eine Dornenwunde.“

Die ganze Zeit war nur das Seil wirklich. Woher kam die Schlange? Die Schlange existierte nur in der Einbildung, in der Vorstellung. Brahman entspricht dem Seil, es ist immer da. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist eine Einbildung, sie existiert nicht wirklich in dieser Form, wie wir sie wahrnehmen. Wir legen die Vorstellung einer Welt über das reine Bewusstsein darüber. Das Seil ist niemals zur Schlange geworden, Brahman ist niemals zur Welt geworden, sondern Brahman existiert immer weiter als reines Bewusstsein.

Diese Geschichte von Schlange und Seil wird auch als Rajjusarpa Nyaya, die Analogie (Nyaya) von Seil (Rajju) und Schlange (Sarpa).

Siehe auch

Weiterlesen im Buch von Heinrich Zimmer?

  • Heinrich Zimmer, "Indische Mythen und Symbole - Schlüssel zur Formenwelt des Göttlichen"
Kapitel 1: Ewigkeit und Zeit
1.1 Die Parade der Ameisen
1.2 Das Rad der Wiedergeburten
1.3 Die Weisheit des Lebens
Kapitel 2: Die Mythologie Vishnus
2.1 Vishnus Maya
2.2 Die Wasser des Daseins
2.3 Die Wasser des Nichtseins
2.4 Maya in der indischen Kunst
Kapitel 3: Die Wächter des Lebens
3.1 Die Schlange, Trägerin Vishnus und des Buddha
3.2 Gottheiten und ihre Träger
3.3 Schlange und Vogel
3.4 Vishnu als Besieger der Schlange
3.5 Der Lotos
3.6 Der Elefant
3.7 Heilige Flüsse
Kapitel 4: Shivas kosmisches Entzücken
4.1 Fundamentale Gestalt und spielende Manifestationen
4.2 Das Phänomen der expandierenden Gestalt
4.3 Shiva-Shakti
4.4 Der große Oberherr
4.5 Shivas Tanz
4.6 Das Antlitz der Glorie
4.7 Der Zerstörer der drei Städte
Kapitel 5: Die Göttin
5.1 Die Entstehung der Göttin
5.2 Die Juweleninsel
  • Hinduismus
  • Hindu
  • Kundalini
  • Chakren
  • Vedanta

Literatur

Weblinks

Seminar

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Du übst intensiv fortgeschrittene Praktiken. Du praktizierst Asanas mit längerem Halten, Bija-Mantras und Chakra-Konzentration, lange Pranayama-Sitzungen, Mudras, Bandhas, Kundalini Yoga Meditati…
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08. Okt 2017 - 13. Okt 2017 - Erkenne dich selbst - das Yoga Sutra von Patanjali
„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ (Francis Picabia)In diesem Seminar lernst du, dich auf der Grundlage desYoga Sutra von Patanjali selbst zu erforschen und zu ei…
Michael Büchel,
01. Dez 2017 - 03. Dez 2017 - Bhagavad Gita
Rezitation, Behandlung und Interpretation dieser "höchsten Weisheitslehre". Anleitung zu gelebter Spiritualität im Alltag: Wie erkenne ich meine Lebensaufgabe? Wie entscheide ich mich? Was ist me…