Reittier

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Der nachfolgende Text ist dem Buch "Indische Mythen und Symbole - Schlüssel zur Formenwelt des Göttlichen" des Indologen Heinrich Zimmer entnommen (Originaltitel "Myths and Symbols in Indian Art and Civilization", Bollingen Foundation Inc., New York). Übersetzung aus dem Englischen von Ernst Wilhelm Eschmann, Eugen Diederichs Verlag, München 1981, 5. Aufl. 1993)

Der tanzende Ganesha mit seinem Reittier, der Ratte

Video Reittier

Hier findest du ein Vortragsvideo zum Thema Reittier :

Sprecher/Autor/Kamera/Produktion: Sukadev Bretz, Gründer von Yoga Vidya, Ausbildungsleiter zu Yoga und Meditation.


Indische Mythen und Symbole - Kapitel 3: Die Wächter des Lebens

Teil 2: Gottheiten und ihre Reittiere

Wo immer wir hinreichend zusammenhängenden Reihen buddhistischer Denkmäler aus den letzten Jahrhunderten vor Christus begegnen, welche die Unfreundlichkeiten des indischen Klimas und die Schicksalsschläge der Geschichte überlebt haben, treten Darstellungen von Schlangengenien in Gesellschaft verschiedenartiger anderer göttlicher Schutzherren für Fruchtbarkeit, Wohlstand und irdisches Heil auf. Unter wechselnden Aspekten personifizieren sie die wohltätige, aber blinde Lebensenergie, welche die Botschaft Buddhas brach und auflöste. In Haltungen frommer Sammlung, tiefen Glaubens und Entzückens wachen sie nun an dem Schrein dessen, der den schwierigen Pfad über sie hinaus weist: die Verleiblichungen der Macht erdgebundenen Lebens stehen in Verehrung vor dem Meister der Askese und Befreiung.

Auffallend unter diesen Gestalten sind die übrigen Baumgöttinnen oder Dryaden, die gewöhnlich in einer charakteristischen Stellung wiedergegeben werden, nämlich mit einem Arm den Stamm eines Baumes umschlingend und mit dem anderen einen Zweig herniederziehend, gibt die Göttin dem Stamm nahe der Wurzel einen sanften Tritt. Diese typische Darstellung leitet sich von einem Fruchtbarkeitsritual ab. Nach uraltem Glauben muß die Natur durch den Menschen angereizt werden; die schöpferischen Kräfte sind durch magische Mittel aus ihrem Halbschlummer wachzurufen. In Indien im besonderen gibt es einen gewissen Baum (Asoka), der nicht blühen soll, wenn er nicht von einem Mädchen oder einer jungen Frau berührt und getreten wird. Mädchen und junge Frauen werden als menschliche Verkörperung der mütterlichen Energie in der Natur betrachtet. Sie sind kleinere Doppelgängerinnen der Großen Mutter allen Lebens, Gefäße der Fruchtbarkeit, Leben in vollem Saft, mögliche Quellen künftiger Nachkommenschaft. Indem sie den Baum berühren und treten, übertragen sie ihm ihre Macht und befähigen ihn, Blüten und Früchte hervorzubringen. Darum wird die Göttin, welche die Lebensenergie und Fruchtbarkeit des Baumes verkörpert, am passendsten in der magischen Gebärde der Fruchtbarmachung vor Augen gestellt.

Shiva und Shakti, im Vordergrund Shivas Reittier, der Stier Nandi

Auf einem Bild ist die Baumgöttin über einem Elefanten stehend wiedergegeben. Solche Beziehung der anthropomorphischen zur tierischen Gestalt ist ein gewöhnlicher Zug der indischen Ikonographie. Das nach unten gesetzte tierische Sinnbild wird als die menschliche Gestalt tragend gedeutet und als der »Träger« (Vahana) bezeichnet. Es handelt sich um eine doppelte Darstellung von Energie und Charakter des betreffenden Gottes.

Entsprechend wird Shiva auf seinem Stier, »die Göttin«, seine Gattin und Mitregentin, auf dem Löwen dargestellt. Ihr Sohn, der elefantenköpfige Gott Ganesha, »der Herr und Leiter von Shivas Scharen«, auch als »der Herr und Besieger der Hindernisse« (Vighneshvara) bezeichnet, thront über einer Ratte. Ganesha stürmt durch Hindernisse vorwärts wie ein Elefant durch den Dschungel; aber auch die Ratte ist ein Überwinder von Hindernissen und darum ein geeignetes, wenn auch leiblich nicht sehr passendes Reittier für die riesenhafte, dickbäuchige Gottheit mit dem Elefantenkopf. Der Elefant wandelt durch die Wildnis, Büsche niedertretend, Bäume wegbiegend oder auswurzelnd, Flüsse und Teiche bequem durchwatend; die Ratte verschafft sich Zugang zum verriegelten Getreidespeicher. So verkörpern die beiden die Macht dieses Gottes, jedes Hindernis auf dem Weg zur Erlösung zu beseitigen.

Kubera, Oberherr aller Genien (Yaksas) wird häufig auf einem sich duckenden Mann stehend abgebildet. Sein gewöhnlicher Beiname lautet »Der, dessen Reittier oder Träger ein Mann ist« (Nara-vâhana). Kubera und sein Gefolge sind Genien der Fruchtbarkeit, des Reichtums und des Wohlergehens. Sie werden hauptsächlich mit der Erde, den Bergen und den Schätzen an kostbaren Steinen und Metallen unter dem Boden in Verbindung gebracht. Schutzgottheiten des indischen Haushalts, stammen sie aus der einheimischen, vorarischen Tradition und spielen in den hinduistischen und frühen buddhistischen Volkssagen eine beträchtliche Rolle. Der menschliche Träger unter seinen Füßen unterscheidet Kubera von allen anderen übermenschlichen Königen und Fürsten, genau so wie die Kopfblase der Kobra den übermenschlichen Naga verrät. So ist der Träger zunächst einmal ein Merkmal, um uns genau wissen zu lassen, wer die in dem vorliegenden Werk dargestellte Figur ist.

Der assyrische Gott Assur

Dieser Kunstgriff entstand nicht in Indien, sondern ist in einer früheren Epoche aus Mesopotamien übernommen worden. Ein Relief in Assyrien etwa zeigt den Gott Assur, wie er über einem zusammengesetzten Tier mit Drachenkopf, Löwen- an den Vorder- und Adlerklauen an den Hinterfüßen und dem Schwanz eines Skorpions, steht oder schwebt. Der Gott ist von den Symbolen verschiedener himmlischer Wesen umgeben, sowie von der Sonne und dem Mond, den Plejaden und dem Planeten Venus. In diesem Werk nimmt das synthetische Monstrum den Platz des Vahana in der indischen Kunst ein. Es dient der gleichen Bestimmung: auf einer niedrigen Ebene vertritt und verkörpert es die Energien des menschengestaltigen Gottes und dient ihm als Fuhrwerk. In den mesopotamischen Kunstwerken kann diese typische Einzelheit mindestens bis 1500 v. Chr. zurückverfolgt werden. In den frühesten indischen Monumenten dagegen (nämlich denen der Industal-Zivilisation des 4.-3. Jahrtausends v. Chr.) taucht sie nicht auf.

Der Ursprung des erklärenden und bestimmenden »Trägers« ist in der Technik der Bilder- oder Geheimschrift des alten Nahen Ostens zu suchen. Nach der allgemeinen schweigenden Übereinkunft, welche den Hieroglyphen und Bilderschriftaufzeichnungen zugrunde liegt, wie sie uns in ägyptischen und mesopotamischen Inschriften aufbewahrt sind und das Fundament des hebräischen und phönizischen Alphabetes bilden, werden Zeichen, die ursprünglich einmal Gegenstände vertraten, zum Ausdruck von Lautwerten gebraucht. Dann aber, um doppelte Bedeutungen auszuschließen, wurde ein anderes Symbol, der »Bestimmer« hinzugefügt, das die Beziehung des ursprünglichen Zeichens spezifizierte. Entsprechend sind in diesen Abbildungen von Gottheiten die einfachen königlichen oder weiblichen Umrisse der menschengestaltigen Figur ziemlich mehrdeutig. Der genaue Zusammenhang wird durch das unterwärts hinzugefügte, bestimmende oder parallele Symbol gegeben.

Durga mit dem Löwen

Wie wir sehen werden, ist dieser typische Zug des tierischen Trägers keineswegs das einzige Beispiel mesopotamischer Einflüsse auf den indischen Symbolismus. In einer sehr frühen Epoche muß ein überseeischer Verkehr zwischen dem Mündungsgebiet des Tigris und Euphrat und der indischen Westküste geblüht haben. Die ursprünglichen Mittelpunkte der mesopotamischen Zivilisation lagen nahe an den Deltas der Flüsse am Ende des persischen Golfes. Nach Indien war es nur ein paar Tage weit, und wir haben Zeugnisse von Einflüssen, die sich nach beiden Richtungen bewegen. Ein frühes indisches Alphabet, die Brahmi-Schrift, wurde aus einer semitischen Schreibart von ungefähr 800 v. Chr. zurechtgestutzt, und es gibt eine buddhistische Erzählung von einer Expedition indischer Kaufleute nach Babylon, das in dieser Geschichte "Baveru" genannt wird. Es wird erzählt, wie die Leute aus Indien das Erstaunen der westlichen Stadt durch einen mitgebrachten Pfauen hervorgerufen haben sollen.

Siehe auch

Weiterlesen im Buch von Heinrich Zimmer?

  • Heinrich Zimmer, "Indische Mythen und Symbole - Schlüssel zur Formenwelt des Göttlichen"
Kapitel 1: Ewigkeit und Zeit
1.1 Die Parade der Ameisen
1.2 Das Rad der Wiedergeburten
1.3 Die Weisheit des Lebens
Kapitel 2: Die Mythologie Vishnus
2.1 Vishnus Maya
2.2 Die Wasser des Daseins
2.3 Die Wasser des Nichtseins
2.4 Maya in der indischen Kunst
Kapitel 3: Die Wächter des Lebens
3.1 Die Schlange, Trägerin Vishnus und des Buddha
3.2 Gottheiten und ihre Träger
3.3 Schlange und Vogel
3.4 Vishnu als Besieger der Schlange
3.5 Der Lotos
3.6 Der Elefant
3.7 Heilige Flüsse
Kapitel 4: Shivas kosmisches Entzücken
4.1 Fundamentale Gestalt und spielende Manifestationen
4.2 Das Phänomen der expandierenden Gestalt
4.3 Shiva-Shakti
4.4 Der große Oberherr
4.5 Shivas Tanz
4.6 Das Antlitz der Glorie
4.7 Der Zerstörer der drei Städte
Kapitel 5: Die Göttin
5.1 Die Entstehung der Göttin
5.2 Die Juweleninsel

Literatur

Seminar

[1]
Die Yoga Sutras von Patanjali sind die Grundlage des Raja Yoga. In diesem Raja Yoga Seminar behandeln wir das 2. Kapitel der Yoga Sutras von Pantanjali. Darin geht es um Sadhana, die spirituelle Pr…
Rama Schwab,Mohini Christine Wiume,
[2]
Die Yoga Sutra Meditation ist ein authentischer Leitfaden, der über unmittelbar nachvollziehbare und anwendbare Stufen zu einer Erweiterung der Selbstwahrnehmung und somit des Bewusstseins führt.…
Erkan Batmaz,