Tripura Rahasya: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Tripura Rahasya''': das Geheimnis der drei Burgen
'''Tripura Rahasya''' (Sanskrit: त्रिपुरारहस्य, ''Tripurārahasya'', „Das Geheimnis der Tripurā“) ist eine religiöse Erzähl- und Lehrschrift der [[Shaktismus|shaktischen]] Tradition, in der die Verehrung der [[Tripura Sundari|Göttin Tripurā]] und die Erkenntnis des nichtdualen [[Bewusstsein]]s zusammenfinden. Die Göttin ist hier zugleich die liebevoll verehrte Mutter und die Wirklichkeit, in der Erkennender, Erkennen und Erkanntes erscheinen. Der Text verbindet [[Bhakti|Hingabe]], [[Guru|Unterweisung]], prüfende Selbsterforschung und [[Moksha|Befreiung]].


[[Datei:Wissen.Schrift.Schriften.Knowledge-Reid-Highsmith.jpeg|thumb|Robert Lewis Reid: Knowledge, Wandgemälde, 1896, Foto: Carol Highsmith, Bildunterschrift: Ignorance is the curse of God. knowlegde is the wing wherewith we fly to Heaven]]
Seine besondere Kraft liegt darin, dass er die Suche nach Wahrheit in menschlichen Fragen entfaltet. Selbst langjährige Praxis kann die Frage offenlassen: Was ist wirklich gewonnen, solange neue Wünsche uns weiter antreiben? Im Gespräch mit [[Dattatreya]] wird diese Frage für [[Parashurama]] zum Ausgangspunkt einer tieferen Erkenntnis. [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] und [https://www.yoga-vidya.de/meditation/meditation Meditation] erhalten dadurch eine klare Richtung: das eigene Wesen zu erkennen und diese Einsicht im Leben reifen zu lassen.


:'''Tripura''' ([[Sanskrit]]: त्रिपुर tripura ''n.'') die dreifache Festung ; die drei ([[Tri]]) [[Burg]]en ([[Pura]]) (der [[Dämon]]en).
[[Datei:Devi1.jpg|thumb|[[Devi]] wird als Mutter, Lehrerin und Wesen des [[Bewusstsein]]s verehrt.]]
:'''Rahasya''' (Sanskrit: रहस्य rahasya adj. u. n.) geheim, intim; [[Geheimnis]], Geheimlehre, [[Mysterium]]; eine Bezeichnung für die [[Upanishaden]].  
'''Tripura Rahasya''' bezeichnet einen wichtigen, der Göttin Tripura gewidmeten, Text, in dem u.a. die verschiedenen Arten von [[Samadhi]] beschrieben werden.


==Tripura Rahasya - die drei Städte der Dämonen und ihre Vernichtung==
'''Textumfang:''' Die deutsche Übersetzung umfasst den Grundtext des Jñānakhaṇḍa, Kapitel 1–22, und den vorliegenden Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 51–80, sowie dessen angehängte Lob- und Meditationsverse. Māhātmyakhaṇḍa 1–50 und der Caryākhaṇḍa liegen nicht vor. Beschädigte und unvollständige Stellen sind bezeichnet. Der [[Tripura Rahasya Sanskrit IAST|Sanskrittext in IAST]] und die [[Tripura Rahasya Sanskrit Devanagari|Devanagari-Wiedergabe]] umfassen zusätzlich den ausführlichen Sanskritkommentar ''Tātparyadīpikā'', dessen deutsche Wiedergabe im [[Tripura Rahasya Teil 2|zweiten Teil]] steht.
Die drei Städte sind [[Anava]] [[Mala]] (Egoismus), [[Karma]] (Fesseln des Karma) und [[Maya]] (die illusionäre [[Kraft]] von [[Shiva]], die die individuellen [[Seele]]n verschleiert).  


Zerstöre die erste Stadt Anava Mala durch [[Hingabe]] deiner selbst an Shiva und durch ständige Annahme Seiner [[Gnade]] ([[Anugraha]]).
'''Zur Übersicht:''' [[Tripura Rahasya|Grundtext und deutsche Übersetzung]] · [[Tripura Rahasya Teil 2|Tātparyadīpikā – deutsche Übersetzung]] · '''Sanskrit:''' [[Tripura Rahasya Sanskrit IAST|IAST]] · [[Tripura Rahasya Sanskrit Devanagari|Devanagari, Jñānakhaṇḍa]] · [[Tripura Rahasya Sanskrit Devanagari Teil 2|Devanagari, Māhātmyakhaṇḍa]] · '''Praxis:''' [[Tripura Rahasya 108 Inspirierende Verse und Mantras|108 inspirierende Verse und Mantras]]


Lösche die zweite Stadt (Karma) aus, indem du die [[Frucht|Früchte]] deiner [[Tat]]en dem [[Herr]]n widmest und die Idee 'Ich bin der Macher' zerstörst. Dies geschieht durch das Entwickeln von [[Nimitta]] [[Bhava]], dem Gefühl also, dass Shiva durch deine verschiedenen (Handlungs-)Organe wirkt und dass Du ein bloßes [[Instrument]] in Seinen [[Hand|Händen]] bist ([[Chariyai]] und [[Kiriyai]]). Du bist nicht durch Handeln gebunden. Du erlangst [[Reinheit]] des [[Herz]]ens und durch die Reinheit des Herzens, die Verwirklichung von [[Shivanandam]], die ewige [[Glückseligkeit]] von Shiva.


Vernichte die dritte Unreinheit, Maya, durch das Aufsagen der [[Pancha]] [[Kshara]] (5 heiligen [[Wort|Wörter]] Shivas), das Anbeten des [[Guru]]s und das Nachdenken über die Eigenschaften des Herrn und Seiner verschiedenen [[Lila]]s („göttliche Spiele“) sowie der [[Meditation]] über Seine [[Form]] und den [[Satchidananda]]-Aspekt.
==Spirituelle Ratschläge und Praxisdeutung==
[[Datei:Wissen.Schrift.Schriften.Knowledge-Reid-Highsmith.jpeg|thumb|Robert Lewis Reid: ''Knowledge'', Wandgemälde, 1896. Die Verbindung von Nichtwissen und Erkenntnis gehört zu den Leitmotiven des Tripura Rahasya.]]


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
Das ''Tripura Rahasya'' lässt sich nicht nur als philosophische Schrift lesen, sondern auch als Wegweiser für die [[Sadhana]]. In der Yoga-Vidya- und Sivananda-Tradition wird ''Tripura'' häufig praktisch-symbolisch als Hinweis auf die „drei Burgen“ verstanden, die es im eigenen Inneren zu überwinden gilt. Diese Deutung ist eine spirituelle Anwendung und nicht die alleinige philologische Erklärung des Werktitels. ''Rahasya'' (Sanskrit: रहस्य ''rahasya'') bedeutet [[Geheimnis]], Geheimlehre oder [[Mysterium]]; auch die [[Upanishaden]] werden in traditionellem Sprachgebrauch als verborgene Weisheitslehren verstanden.


Zerstöre [[Tamas]] durch [[Rajas]] und verwandle Rajas in [[Sattva]], indem du verschiedene [[Tugend]]en entwickelst wie das Essen sattvischer [[Nahrung]], [[Satsang]], [[Japa]] von Panchakshara und Meditieren über Shiva. Überwinde Sattva ebenfalls. Du wirst die [[Einheit]] mit Shiva erlangen.
'''Die drei inneren Burgen überwinden'''


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
Eine traditionelle Yoga-Deutung sieht die drei Burgen als [[Anava]] [[Mala]], [[Karma]] und [[Maya]]: Ego-Begrenzung, Bindung durch Handlungen und die verschleiernde Kraft der Erscheinungswelt. Für den Aspiranten ergeben sich daraus drei Grundrichtungen:


Lösche die schlechten Neigungen ([[Asubha]] [[Vasana]]s) wie Wollust, [[Zorn]], [[Gier]], [[Hass]], [[Eifersucht]] durch [[Subha]] Vasanas (reine Neigungen) wie Japa, Meditation, das Lesen spiritueller Bücher, [[Kirtan]] oder Lobpreisung des Herrn aus. Du wirst Dich an der ewigen Glückseligkeit von Shiva erfreuen.
*Übe [[Hingabe]] und öffne dich für [[Gnade]] ([[Anugraha]]). Nicht alles muss durch das begrenzte Ich erzwungen werden.
*Widme die [[Frucht|Früchte]] deiner [[Tat]]en dem [[Herr]]n. Entwickle [[Nimitta]] [[Bhava]], das Bewusstsein, Instrument des Göttlichen zu sein. Diese Haltung verbindet die Lehre mit [[Karma Yoga]], [[Chariyai]] und [[Kiriyai]] und dient der [[Reinheit]] des [[Herz]]ens. [https://www.yoga-vidya.de/seminarsuche/herz Herzenspraxis und Herzensöffnung] können diese Ausrichtung unterstützen.
*Überwinde die verschleiernde Kraft der Maya durch [[Japa]], [[Meditation]], die Verehrung des [[Guru]]s, das Nachdenken über die göttlichen [[Lila]]s und die Kontemplation über [[Satchidananda]].


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
Auch die drei [[Guna]]s können als Stufen innerer Verfeinerung betrachtet werden: [[Tamas]] wird durch konstruktive Aktivität überwunden, [[Rajas]] durch [[Sattva]] geläutert und schließlich auch die Anhaftung an Sattva transzendiert. Hilfreich sind sattvische [[Nahrung]], [[Satsang]], [[Japa]], [[Kirtan]], das Studium spiritueller Schriften und regelmäßige [https://www.yoga-vidya.de/meditation/meditation Meditation].


[[Datei:Im Kreis der Schüler am Fluss.jpg|thumb|Swami Sivananda im Kreis der Schüler]]
Die alten Yoga-Lehren empfehlen außerdem, unheilsame [[Asubha]] [[Vasana]]s wie Wollust, [[Zorn]], [[Gier]], [[Hass]] und [[Eifersucht]] durch [[Subha]] Vasanas – heilsame Gewohnheiten und Gedanken – zu ersetzen. Das Ziel ist nicht bloß moralische Selbstkontrolle, sondern zunehmende Freiheit von automatischen Reaktionsmustern und die Erfahrung innerer [[Glückseligkeit]].


Diene dem Guru. Reinige Dein Herz, indem Du ihm mit [[Glaube]]n und Hingabe dienst. Lerne von ihm die [[Yoga]]-Übungen, die Dich zum Erwecken der [[Kundalini]] führen und übe sie. Studiere die Yoga [[Sastra]]s mit ihm. Sei enthaltsam. Töte die [[Shadripu]]s (sechs Feinde). Schau nach innen. Durchbrich die [[Granthi]]s und führe die Kundalini durch [[Sushumna]] [[Nadi]] und die [[Chakra]]s. Vereinige Sie mit Ihrem Herrn [[Sadashiva]] im [[Sahasrara Chakra]] auf der Krone des [[Kopf]]es und geniesse die ewige Glückseligkeit von Shiva.
[[Datei:Im Kreis der Schüler am Fluss.jpg|thumb|Swami Sivananda im Kreis der Schüler: Guru, Satsang und spirituelle Unterweisung haben im Yogaweg eine zentrale Bedeutung.]]


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
'''Guru, Kundalini und innere Sammlung'''


Töte die drei Körper, d.h. transzendiere die drei Körper, also den grobstofflichen [[Körper]] ([[Sthula]] [[Deha]]), den [[feinstofflich]]en Körper ([[Sukshma]] Deha) und den kausalen Körper ([[Karana]] [[Sharira]]). Gehe durch Meditiation über Shiva über die 5 Hüllen oder [[Kosha]]s ([[Annamaya]], [[Pranamaya]], [[Manomaya Kosha|Manomaya ]], [[Vijnanamaya]] und [[Anandamaya]]) hinaus  und erlange Shiva [[Sayujya]].
Die traditionelle Praxisdeutung betont den Dienst am Guru, [[Glaube]]n, Hingabe und das Studium der Yoga-[[Sastra]]s. Fortgeschrittene [[Kundalini]]-Praktiken, das Durchdringen der [[Granthi]]s und die bewusste Führung der Energie durch [[Sushumna]] [[Nadi]] und die [[Chakra]]s bis zum [[Sahasrara Chakra]] gehören in einen Zusammenhang qualifizierter Unterweisung. Sie sollten nicht allein aus einem Wiki-Artikel abgeleitet werden. Die spirituelle Grundrichtung ist jedoch allgemein zugänglich: nach innen schauen, den Geist sammeln und die Einheit von [[Shiva]] und [[Shakti]] im eigenen Bewusstsein erkennen.


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
Eine weitere klassische Deutung besteht darin, die drei Körper zu transzendieren: den grobstofflichen [[Körper]] ([[Sthula]] [[Deha]]), den [[feinstofflich]]en Körper ([[Sukshma]] Deha) und den kausalen Körper ([[Karana]] [[Sharira]]). Entsprechend können die fünf [[Kosha]]s – [[Annamaya]], [[Pranamaya]], [[Manomaya Kosha|Manomaya]], [[Vijnanamaya]] und [[Anandamaya]] – in der Meditation als Hüllen erkannt werden, die das unveränderliche Selbst nicht begrenzen. In shivaitischer Sprache wird dies als Annäherung an Shiva [[Sayujya]] verstanden.


Werde Zeuge der drei [[Zustand|Zustände]], dem wachen, dem träumenden und dem tiefschlafenden Zustand. Sei Zuschauer. Ziehe Dich aus dem objektiven Bewusstsein zurück. Lebe im Innern. Erlange den [[Turiya]]-Zustand, das ist der vierte Zustand oder Shiva [[Pada]].
Besonders eng berührt diese Deutung den tatsächlich erhaltenen Erkenntnisteil des ''Tripura Rahasya'': Werde Zeuge der drei [[Zustand|Zustände]] Wachen, Traum und Tiefschlaf. Erkenne das Bewusstsein, in dem alle drei erscheinen, und richte dich auf [[Turiya]], den „vierten“ Zustand, aus. Die Schrift selbst führt diese Untersuchung weit über eine bloße Theorie hinaus und fragt, was im Wechsel aller Erfahrungen unverändert gegenwärtig bleibt.


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
Fortgeschrittene Yogatraditionen sprechen außerdem von [[Nirvikalpa]] oder [[Asamprajnata Samadhi]], von [[Intuition]], dem inneren [[Auge]] ([[Divya Chakshus]]) und einer höchsten [[Stille]] jenseits des gewöhnlichen Denkens, Wollens und Fühlens. Solche Begriffe sollten als Hinweise auf vertiefte Bewusstseinszustände verstanden werden, nicht als Aufforderung, außergewöhnliche Erfahrungen zu erzwingen.


Gehe über das physische Bewusstsein hinaus, das [[Unterbewusstsein]] und das mentale Bewusstsein und erreiche den Zustand des [[Überbewusstsein]]s, [[Nirvikalpa]] oder [[Asamprajnata Samadhi]].
'''Ein einfacher Zugang für heutige Aspiranten'''


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
*Lies täglich einige Verse und frage dich, welche Gewohnheit des Denkens sie in Frage stellen.
*Verbinde [[Bhakti Yoga]] mit [[Jnana]]: Verehre Tripurā als göttliche Mutter und untersuche zugleich, was in jeder Erfahrung als Bewusstsein gegenwärtig ist.
*Übe [[Karma Yoga]], indem du Handlungen sorgfältig ausführst und ihre Früchte innerlich loslässt.
*Suche [[Satsang]] und gute spirituelle Unterweisung. Das Werk selbst macht die Bedeutung von Guru, Vertrauen und gemeinsamer Klärung deutlich.
*Nutze [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] und Meditation, um Körper, Atem und Geist zu harmonisieren, ohne außergewöhnliche Erfahrungen erzwingen zu wollen.
*Prüfe regelmäßig die eigenen [[Vasana]]s, Wünsche und Reaktionsmuster. Der Erkenntnisteil betont immer wieder die Bedeutung von [[Viveka|Unterscheidung]] und Selbstprüfung.
*Lass die Praxis in eine einfache Frage münden: Was ist das [[Bewusstsein]], in dem Körper, Gedanken, Gefühle und Welt erscheinen?


Lasse [[Instinkt]], [[Verstand]] und Verstehen hinter Dir und öffne das [[Auge]] der [[Intuition]], das dritte Auge von Shiva ([[Divya Chakshus]]) und geh auf in dem höchsten [[Licht]] von Shiva. Gehe über Denken, [[Wille]]n und Fühlen hinaus und betritt die höchste [[Stille]], den gedankenfreien Zustand von Shiva [[Nirvana]].
==Tripura Sundari, Mikrokosmos und die drei Ebenen==
[[Datei:Tripura_sundari.jpg|thumb|[[Tripura Sundari]] die höchste Göttin als Schönheit, Weisheit und Bewusstseinskraft.]]


Dies ist die Vernichtung der drei Städte bzw. Burgen. Dies ist Tripura Rahasya.
[[Tripura Sundari]] ist die [[Shakti]] Shivas; in nichtdualer Deutung sind Shiva und Shakti nicht zwei voneinander unabhängige Wirklichkeiten. Sie erscheint als Weisheit, Hingabe, Schönheit und göttliches Licht und führt den Aspiranten von äußerer Verehrung zur Erkenntnis des eigenen [[Selbst]].


==Tripura Sundari und ihr Körper==
Eine traditionelle Deutung des Namens Tripurā bezieht die „Dreiheit“ auf zahlreiche Triaden: die drei [[Guna]]s, Wachen–Traum–Tiefschlaf, die drei [[Feuer]], die drei Körper, die drei Welten, [[Iccha Shakti]], [[Kriya Shakti]] und [[Jnana Shakti]], die drei [[Svara]]s [[Udatta]], [[Anudatta]] und [[Svarita]], die drei Arten von Karma [[Sanchita]], [[Agami]] und [[Prarabdha]], die [[Trimurti]] sowie A-U-M von [[Om]]. Ebenso gehören die erkenntnistheoretischen Dreiheiten [[Pramata]], [[Pramana]] und [[Prameya]] – Erkennender, Erkenntnismittel und Erkanntes – in diesen Zusammenhang. Der Jñānakhaṇḍa führt schließlich zur Einsicht, dass auch diese Dreiheiten in einem Bewusstseinsgrund erscheinen.


[[Datei:Tripura_sundari.jpg|thumb|Tripura Sundari - die Höchste Göttin, aus der alle anderen Aspekte des Göttlichen hervorgehen]]
In tantrischen Mikrokosmos-Deutungen gilt der menschliche Körper als Abbild des Kosmos, [[Pindanda]]. Verschiedene Gottheiten, heilige Orte und kosmische Kräfte werden bestimmten Körperregionen zugeordnet. So werden etwa [[Tryambaka]], [[Jambukesvara]], [[Arunachalesvara]], [[Nataraja]], [[Kalahastisvara]], [[Visvesvara]] und [[Srikanthesvara]] mit Zentren von [[Muladhara]] bis [[Sahasrara]] verbunden. Ebenso erscheinen traditionelle Zuordnungen von [[Kedar]], [[Amaravati]], [[Kurukshetra]] und [[Prayaga]] sowie von [[Sonne]], [[Mond]], [[Mars]], [[Merkur]], [[Jupiter]], [[Venus]], [[Saturn]], [[Rahu]] und [[Ketu]] im Körper.


[[Tripura Sundari]] ist die Shakti von Shiva. Sie und Shiva sind eins. Sie ist wunderschön. Sie zieht die Verehrer durch Ihr glückseliges [[Selbst]] an und strahlt [[Weisheit]], Hingabe und göttliches Licht auf sie. Darum wird Sie Tripura Sundari genannt. Sie hilft den Anwärtern, die drei oben genannten Städte zu zerstören.
Solche Zuordnungen gehören zur symbolischen tantrisch-yogischen Kosmologie. Ihr spiritueller Sinn liegt darin, den Körper nicht als vom Heiligen getrennt zu betrachten: Was im äußeren [[Universum]] erscheint, kann als Entsprechung im inneren Mikrokosmos meditiert werden. Der erhaltene Text des ''Tripura Rahasya'' selbst entfaltet diese konkrete Liste nicht vollständig; sie wird hier als traditionelle Yoga-Vidya-Deutung bewahrt.


Die ganze [[Welt]] ist unter Ihrer [[Kontrolle]]. Das ganze [[Universum]] steht unter der Herrschaft Ihrer drei [[Guna]]s. Alle [[Anhaftung]]en von [[Karma]] können gelöst werden; das Rad von [[Geburt]] und [[Tod]] kann nur durch Ihre [[Anbetung]] und gütige Gnade auseinander gerissen werden. Alle [[Sünde]]n werden vergeben und die ewige [[Glückseligkeit]] von Shiva kann nur durch das Singen Ihrer Loblieder und die Wiederholung Ihrer [[Name]]n verwirklicht werden.
Möge die Beschäftigung mit Tripurā zu [[Weisheit]], Hingabe und Selbsterkenntnis führen und die Erfahrung jener [[Shivanandam|Shivananda]], der ewigen Glückseligkeit Shivas, vertiefen.


Sie wird Tripura, die drei Städte, genannt. Der [[Körper]] eines [[Mann]]es oder einer [[Frau]] ist eine der [[Form]]en, die Sie annimmt. Die ganze Welt ist Ihr Körper. Alle [[Deva]]s sind nur Ihre Formen. Alle Tripletten der heiligen Texte sind in Ihr enthalten. Die Tripletten, d.h. die drei Gunas, die drei Zustände des Bewusstseins, die drei [[Feuer]], die drei Körper, die drei Welten, die drei Kräfte ([[Iccha Shakti]], [[Kriya Shakti]] und [[Jnana Shakti]]), die drei [[Svara]]s ([[Udatta]], [[Anudatta]] und [[Svarita]]), die [[Trivarnika]]s, die drei Arten von Karma ([[Sanchita]], [[Agami]] und [[Prarabdha]]), die [[Trimurti]]s, die [[Om|drei Buchstaben A, U, M]] und der Dreiklang [[Pramata]], [[Pramana]] und [[Prameya]], Wissender, Modalitäten des Wissens und das [[Wissen]] selbst, Seher, Sicht und Gesehenes, sind alle in Tripurasundari enthalten.


Alle Devatas wohnen in diesem Körper. Sie sind die Haupt-Göttinnen der verschiedenen Organe. [[Tryambaka]] wohnt im [[Muladhara]], [[Jambukesvara]] im [[Swadhisthana|Svadishtana]], [[Arunachalesvara]] im [[Manipura]], [[Nataraja]] im [[Anahata]], [[Kalahastisvara]] im [[Vishuddha]], [[Visvesvara]] im [[Ajna]] und [[Srikanthesvara]] im [[Sahasrara]].


Alle heiligen Orte sind in diesem Körper – [[Kedar]] auf der [[Stirn]], [[Amaravati]] auf der [[Nasenspitze]], [[Kurukshetra]] in der [[Brust]] und [[Prayaga]] im [[Herz]]en.
'''Weitere traditionelle Zuordnungen und Begriffe'''


Alle neun [[Planet]]en haben ihre besonderen Wohnstätten im Körper. Die [[Sonne]] ist im [[Nada]] Chakra, der [[Mond]] im [[Bindu]] Chakra, [[Mars]] in den [[Auge]]n, [[Merkur]] im [[Herz]]en, [[Jupiter]] im [[Manipura]], [[Venus]] im [[Swadhisthana|Svadhishthana]], [[Saturn]] im [[Nabel]], [[Rahu]] im [[Gesicht]] und [[Ketu]] im [[Brustkorb]].
Die ältere Yoga-Vidya-Deutung verbindet den Namen ''Tripura'' ([[Sanskrit]]) außerdem mit dem Bild von drei ([[Tri]]) [[Burg]]en ([[Pura]]) der [[Dämon]]en und überträgt dieses Bild auf den inneren Weg der [[Seele]]. Dabei wird [[Maya]] als verschleiernde [[Kraft]] verstanden, die durch [[Anbetung]], Hingabe, Erkenntnis und die Erfahrung von [[Einheit]] durchschaut werden kann. Der Aspirant übt sich darin, [[Anhaftung]] zu lösen, [[Tugend]] zu entwickeln und die sechs inneren Gegner ([[Shadripu]]) zu überwinden.


Auch unzählige [[Fluss|Flüsse]] und [[Berg]]e sind bestimmten Stellen im Körper zugeordnet. Was immer in der äusseren Welt gefunden wird, findet man auch im Körper. Der Körper ist der [[Mikrokosmos]]. Er ist [[Pindanda]].
Im kundalini-yogischen Deutungshorizont werden [[Swadhisthana]], [[Manipura]], [[Anahata]], [[Vishuddha]] und [[Ajna]] ebenso berücksichtigt wie [[Nada]] und [[Bindu]]. Traditionelle Zuordnungen nennen dabei Körperregionen wie [[Stirn]], [[Nasenspitze]], [[Brust]], [[Herz]], [[Nabel]], [[Gesicht]], [[Brustkorb]] und [[Kopf]]. Auch [[Planet]]en, [[Fluss|Flüsse]], [[Berg]]e und heilige Orte erscheinen als Entsprechungen des [[Mikrokosmos]]. Die göttlichen Kräfte werden als [[Deva]]s und unterschiedliche [[Form]]en des einen Göttlichen betrachtet; auch traditionelle Laut- und Sprachlehren wie die [[Trivarnika]] werden in solche Zuordnungssysteme einbezogen.


Das ist Tripura Rahasya.
Der praktische Weg wird mit [[Pancha]] [[Kshara]], [[Sadashiva]], Shiva [[Pada]], [[Nirvana]], [[Licht]], [[Intuition]], [[Instinkt]], [[Verstand]], [[Wille]], [[Wissen]], [[Wort]], [[Yoga]], [[Unterbewusstsein]] und [[Überbewusstsein]] in Beziehung gebracht. Die spirituelle Bildsprache der [[Welt]] und die Deutung des göttlichen [[Name]]ns weist dabei über [[Geburt]] und [[Tod]], über [[Sünde]] und Begrenzung hinaus auf die Erfahrung des Selbst. Der Mensch – [[Mann]] wie [[Frau]] – wird nicht nur als körperliches Wesen verstanden, sondern als Träger einer umfassenderen göttlichen Wirklichkeit. [[Kontrolle]] im spirituellen Sinn bedeutet dabei nicht Unterdrückung, sondern zunehmende Meisterschaft über die eigenen Reaktionen; der Mensch lernt, sich als [[Instrument]] des Göttlichen zu verstehen und seine [[Hand|Hände]] dem Dienst zu widmen.


Mögest Du die Gnade von Tripura Sundari erlangen, Tripura Rahasya verstehen und Shivananda erlangen, die ewige Glückseligkeit Shivas.


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==Titel, Tradition und Überlieferung==
''Rahasya'' bedeutet „Geheimnis“, „verborgener Sinn“ oder „Geheimlehre“. ''Tripurā'' ist hier der Name der Göttin. Deshalb trifft „Das Geheimnis der Tripurā“ den Werkzusammenhang genauer als eine ausschließlich auf drei äußere Städte bezogene Übersetzung. Die gebräuchliche getrennte Schreibweise lautet '''Tripura Rahasya''', die wissenschaftliche Zusammenschreibung '''Tripurārahasya'''. „Tripura Rahasya“ und „Tripara Rahasya“ sind keine korrekten Sanskrittransliterationen.


==Literatur==
Die Dreiheit wird in der Tradition auf verschiedene Erfahrungsbereiche bezogen. Im Kommentar zur Vidyāgītā, Jñānakhaṇḍa 20.18, werden [[Wachen]], [[Traum]] und [[Tiefschlaf]] genannt. Tripurā wird als die darüber hinausgehende, unbegrenzte Wirklichkeit gedeutet. Der Grundtext betont außerdem die Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem und führt zur Einsicht in ihren einen Bewusstseinsgrund (20.69–76).
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p62_Sadhana---Ein-Lehrbuch-mit-Techniken-zur-spirit--Vollkommenheit/ Sadhana - Ein Lehrbuch mit Techniken zur spirituellen Vollkommenheit]
 
Die Überlieferung nennt '''Hāritāyana''' als Verfasser beziehungsweise Erzähler. Die Lehrer-Schüler-Unterweisung verbindet besonders [[Dattatreya]] und [[Parashurama]], den Sohn Jamadagnis. Weitere Erzählebenen beziehen [[Narada]], Hayagriva und Agastya ein. Solche traditionellen Zuschreibungen sind von einer historisch gesicherten Lebenszeit des Verfassers zu unterscheiden. Aus ihnen allein lässt sich keine zuverlässige Datierung ableiten.
 
Zum Jñānakhaṇḍa gehört in der hier zugrunde liegenden Überlieferung die '''Tātparyadīpikā''' von Śrīnivāsabhaṭṭa, dem Sohn Vaidyanātha Dīkṣitas. Dieser Kommentar erläutert Begriffe, Gedankengänge und Schriftbezüge. Er ist eine eigene Textebene und nicht mit dem Verswortlaut des Tripurārahasya gleichzusetzen. Sein Schluss enthält eine Datierungsangabe in Jahren des Kali-Zeitalters; sie betrifft den Kommentar, nicht ohne Weiteres die Entstehung des Grundwerks.
 
'''Textgattung und Stellung im Tantra'''
 
Der Text bezeichnet sich in den Kolophonen als vorzügliche heilige Erzählung, ''itihāsottama''. Er ist eine shaktische Lehr- und Erzählkomposition mit tantrischen Verehrungsformen. Im Māhātmyakhaṇḍa treten die Herrlichkeit Lalitās, ihre göttliche Welt, das [[Shri Yantra|Shri Chakra]], ihre Kräfte und die Ordnung der [[Puja]] hervor. Der Jñānakhaṇḍa entfaltet die Erkenntnis des Selbst. Das Werk lässt sich deshalb nicht auf ein Ritualhandbuch oder auf eine Sammlung von Meditationstechniken reduzieren.
 
Die Beziehungen zu [[Shri Vidya]] verbinden es thematisch mit [[Yogini Hridaya]], [[Nitya Shodashikarnava]], [[Vamakeshvara Tantra]], [[Kama Kala Vilasa]] und [[Varivasyarahasya]]. Die Frage nach der unmittelbaren Erkenntnis des Bewusstseins eröffnet außerdem einen sinnvollen Vergleich mit [[Pratyabhijnahridaya]], [[Shiva Sutra]] und [[Vijnana Bhairava Tantra]]. Diese Verwandtschaften bezeichnen gemeinsame Themen; sie beweisen weder dieselbe Schulzugehörigkeit noch eine direkte literarische Abhängigkeit.
 
==Werkstruktur und Lesezugänge==
{| class="wikitable"
!Werkbereich!!In dieser Sanskritgrundlage vorhanden!!Schwerpunkt
|-
|Jñānakhaṇḍa||Kapitel 1–22 mit dem Kommentar Tātparyadīpikā||Selbsterforschung, Bewusstsein, Erkenntnis und Befreiung
|-
|Māhātmyakhaṇḍa||Kapitel 51–80 mit angehängten Lob- und Meditationsversen||Lalitās Herrlichkeit, Shri Chakra, göttliche Kräfte, Erzählung und Verehrung
|-
|Māhātmyakhaṇḍa 1–50||Nicht enthalten||Vorausgehender Teil der Verherrlichung
|-
|Caryākhaṇḍa||Nicht enthalten||Im Kommentar als dritter Werkbereich erwähnt
|}
 
Die beiden großen Werkbereiche lassen sich als unterschiedliche Zugänge lesen. Die Verherrlichung öffnet das Herz und lässt die Welt als Ausdruck der Göttin erfahren. Die Erkenntnislehre prüft, wer die Göttin verehrt, was erkannt wird und worin die Erfahrung von Welt überhaupt erscheint. Dabei wird Hingabe nicht als überflüssige Vorstufe verworfen: Māhātmya 80.116 vergleicht Erkenntnis ohne Hingabe mit einem Samen ohne Erde.
 
Für einen ersten vertieften Zugang eignen sich die hier übersetzten Kapitel besonders:
*'''Jñāna 1:''' Langjährige Verehrung reift zur Frage nach einem Glück, das nicht immer neue Erfüllung verlangt.
*'''Jñāna 2:''' Unterscheidende Prüfung und göttliche Gnade bereiten Erkenntnis vor.
*'''Jñāna 3–10:''' Hemalekha führt Hemachuda durch Vertrauen, Selbstprüfung und Meditation zur gefestigten Erkenntnis.
*'''Jñāna 11–14:''' Das Spiegelgleichnis und die Felsenwelt erschließen den Zusammenhang von Bewusstsein, Vorstellung, Raum, Zeit und Selbsterkenntnis.
*'''Jñāna 15–19:''' Die Asketin und Janaka unterscheiden Bücherwissen, Samadhi und gefestigte Selbsterkenntnis; Dattatreya erklärt die verschiedenen Lebensweisen der Erkennenden.
*'''Jñāna 20, Vidyāgītā:''' Die Göttin selbst erläutert ihre höhere und niedere Gestalt, die Erkenntnis, ihre Mittel und die Reife der Verwirklichung.
*'''Jñāna 21–22:''' Hingabe, Selbstprüfung und Hemangadas Unterweisung münden in die Einsicht, dass die Welt als Bewusstsein wirklich ist.
*'''Māhātmya 51–58:''' Lalitas Erscheinung, Shripura, die Kräfte des Shri Chakra und die Lehrerüberlieferung.
*'''Māhātmya 59–77:''' Bhandas Vorgeschichte, sein verborgener Weg der Hingabe und der mythische Kampf der Göttin.
*'''Māhātmya 78–79:''' Die Reife der Hingabe, Lopamudra als Einweihende, die Untrennbarkeit von Shiva und Shakti und der Zusammenhang von Veda und Tantra.
*'''Māhātmya 80:''' Die Verehrung erhält konkrete Gestalt in Tempelpflege, Gaben, Rezitation, Dienst, Unterricht und der Weitergabe von Wissen.
 
[[Datei:Shri Yantra dreidimensional.jpg|thumb|Das [[Shri Yantra]] ist im Māhātmyakhaṇḍa ein Mittelpunkt der Verehrung.]]
 
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==Zentrale Lehren==
'''Die Göttin als Bewusstseinsgrund'''
 
Tripurā ist nicht nur ein Gegenstand religiöser Vorstellung. In der Vidyāgītā spricht sie als das [[Bewusstsein]], das jede Erfahrung ermöglicht. Das Spiegelgleichnis zeigt die Richtung: Die Bilder sind vielfältig, ihr tragender Grund bleibt einer. Erkenntnis bedeutet deshalb keine Vernichtung der Wahrnehmung. Sie durchschaut die vermeintliche Eigenständigkeit dessen, was erscheint.
 
'''Hingabe und Nichtdualität'''
 
Vidyāgītā 20.33–34 beschreibt eine besonders feine Möglichkeit: Menschen können ihren nichtdualen Grund kennen und dennoch aus Liebe die Beziehung von Verehrer und Verehrter annehmen. [[Bhakti]] und [[Jnana]] müssen einander nicht ausschließen. Die Beziehung wird dann nicht aus Mangel, sondern als Ausdruck von Liebe gelebt.
 
'''Der Guru weist auf das eigene Wesen'''
 
Der [[Guru]] vermittelt Einweihung und Unterweisung. Seine tiefste Aufgabe besteht nach 20.71 darin, auf das schon gegenwärtige eigene Wesen hinzuweisen. Die Erkenntnis wird nicht wie ein äußerer Besitz hergestellt. Die Worte des Lehrers sind ein Boot über den Zweifel; ankommen muss die Einsicht im eigenen Erleben.
 
'''Reife im Alltag'''
 
Die Vidyāgītā unterscheidet Erkenntnis und ihre Festigung. Ein flüchtiger Einblick ist noch nicht dieselbe Reife wie müheloses Verweilen im Bewusstsein während des Handelns. Die höchste Stufe ist nach 20.124–127 nicht daran gebunden, äußerlich unbewegt zu bleiben: Tätigsein und [[Samadhi]] können zusammenfallen.
 
'''Hemalekha als Lehrerin und die Klarheit der Selbsterforschung'''
 
Die Geschichte Hemalekhas macht eine Frau zur geistlichen Lehrerin ihres Mannes und schließlich einer ganzen Stadt. Sie antwortet nicht nur mit Lehrsätzen, sondern lässt Hemachuda die Voraussetzungen seines eigenen Denkens prüfen. Sein zunächst unbefangenes Urteil über die weibliche Einsicht wird durch den Verlauf der Erzählung widerlegt.
 
Das Gleichnis in Kapitel 5 erhält in Kapitel 8 einen ausdrücklichen Schlüssel: Die Mutter ist das höchste Bewusstsein, die Gefährtin das unterscheidende Verstehen, der unstete Sohn der denkende Geist. Die fünf Söhne sind die Erkenntnissinne; die Unersättliche ist das Verlangen, ihre beiden Söhne sind Zorn und Gier. So wird das scheinbar äußere Familiendrama als innerer Zusammenhang lesbar.
 
Kapitel 9 und 10 unterscheiden zwischen besonderen Meditationserfahrungen und der Erkenntnis dessen, worin jede Erfahrung erscheint. Dunkelheit, Licht und vorübergehende Versenkung sind noch nicht der Maßstab letzter Einsicht. Hemalekha fragt, wie die unbegrenzte Wirklichkeit durch das Öffnen eines Augenlides verschwinden könnte. Diese Frage verbindet [https://www.yoga-vidya.de/meditation/meditation Meditation] mit dem Leben bei offenen Augen.
 
'''Ritual, Dienst und die eigenen Möglichkeiten'''
 
Māhātmya 80 beschreibt auch aufwendige Riten. Zugleich unterscheidet das Kapitel ausdrücklich zwischen vermögenden und besitzlosen Menschen. Dienst am Tempel, Unterstützung von Übenden, Malerei, Rezitation und Wissensweitergabe gehören zum Weg. Die in der Erzählung zugesprochenen himmlischen Wohnstätten und Wunschfrüchte sind religiöse Verheißungen des Textes.
 
Einweihungsgebundene [[Mantra]]- und [[Yantra]]-Riten sind in ihrer Überlieferung zu verstehen. Die Darstellung ersetzt keine persönliche Unterweisung. Eine allgemeine [[Kundalini]]- oder [[Pranayama]]-Übungsfolge lässt sich aus den hier übersetzten Kapiteln nicht ableiten.
 
==Deutsche Übersetzung des Tripura Rahasya==
Die folgenden Kapitel bewahren die Versnummern des jeweiligen Werkbereichs. '''J''' bezeichnet den Jñānakhaṇḍa, '''M''' den Māhātmyakhaṇḍa. Die Übersetzung betrifft den Grundtext; der Sanskritkommentar Tātparyadīpikā ist nicht zwischen die deutschen Verse eingefügt. Verse, deren Satz über die Nummerngrenze hinausläuft, sind im Zusammenhang zu lesen.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 1: Parashuramas Frage nach bleibender Erfüllung===
 
'''J 1.1''' Om, Verehrung! Sie, deren Wesen die ursächliche [[Glückseligkeit]] ist, die ganz aus höchstem [[Bewusstsein]] besteht, erstrahlt als wunderbarer Spiegel des bunten Weltbildes.
 
'''J 1.2''' Narada, hast du mit gesammeltem Geist die Herrlichkeit der Tripurā genannten Göttin gehört, deren Hören ein vorzügliches Mittel zur höchsten Verwirklichung ist?
 
'''J 1.3''' Nun erzähle ich dir den höchst wunderbaren Erkenntnisteil. Wer ihn hört, verfällt nicht wieder dem [[Leid]].
 
'''J 1.4''' Die vedische, die vishnuitische, die shivaitische, die shaktische und die pashupatische Erkenntnis wurden gründlich betrachtet; daraus ist diese Lehre als gesicherte Einsicht hervorgegangen.
 
'''J 1.5''' Keine andere Erkenntnis möge sich dem Geist als dieser gleichwertig darstellen: Sie wurde von mir und vom verehrten [[Dattatreya|Guru Datta]] dem Nachkommen Bhrigus dargelegt.
 
'''J 1.6''' Sie ist mit schlüssiger Begründung und unmittelbarer Erfahrung verbunden und durch zahlreiche Erzählungen anschaulich gestaltet. Wenn ein Mensch mit verwirrtem Verständnis selbst durch das hier Gesagte nicht erkennt,
 
'''J 1.7''' dann ist er wahrlich vom Schicksal geschlagen und unbeweglich wie ein Pfosten. Selbst eine Unterweisung durch [[Shiva]] persönlich würde ihm keine Erkenntnis vermitteln.
 
'''J 1.8''' Höre deshalb! Ich werde dir diese Lehre in Gestalt des Erkenntnisteils ausführlich erzählen. Wie wunderbar ist doch das Verhalten der Guten, das alle Vorzüge überragt!
 
'''J 1.9''' Denn selbst dieser göttliche Weise möchte von mir noch etwas hören. Solches gütige Entgegenkommen entspringt dem Wesen der Guten,
 
'''J 1.10''' so wie die Kraft, den Geruchssinn zu erfreuen, dem Moschus von selbst eigen ist. Nachdem Rama auf diese Weise aus Dattatreyas Mund die Herrlichkeit der Göttin gehört hatte,
 
'''J 1.11''' verharrte der edelgesinnte Sohn Jamadagnis, Rama, an dem sich alle Menschen erfreuen, eine Weile schweigend; sein geläutertes Herz war ganz von [[Bhakti|Hingabe]] ergriffen.
 
'''J 1.12''' Als er wieder zum äußeren Bewusstsein kam, waren seine Augen voller Freudentränen, sein Körper von aufgerichteten Härchen bedeckt und sein Inneres von Glückseligkeit erfüllt.
 
'''J 1.13''' Es war, als dränge die Freude, die sein Inneres nicht zu fassen vermochte, durch jede Pore nach außen. Er warf sich lang ausgestreckt zu Füßen des Guru Datta nieder.
 
'''J 1.14''' Dann erhob er sich und sprach, von Freude erfüllt, mit bewegter, stockender Stimme: „Gesegnet bin ich! Mein Leben hat seine Erfüllung gefunden, ehrwürdiger [[Guru]], durch deine [[Gnade]].
 
'''J 1.15''' Denn du, der Guru, bist mir gewogen – du, der Ozean des Mitgefühls, Shiva selbst. Wem du gewogen bist, dem gilt selbst die Stellung Brahmas so wenig wie ein Grashalm.
 
'''J 1.16''' Durch die Gnade des Guru wird sogar der Tod als das eigene Selbst erkannt. Dieser Guru, der große Herr, ist mir heute ohne mein Verdienst gewogen.
 
'''J 1.17''' Ich meine, durch die Gnade des Guru alles erlangt zu haben. Herr, durch dein Mitgefühl habe ich nun die ganze Verherrlichung gehört.
 
'''J 1.18''' Ich möchte Tripurā, die höchste Herrin, verehren. Lehre mich gütig, o Guru, die rechte Abfolge ihrer Verehrung.“
 
'''J 1.19''' So gebeten, erkannte Guru Datta im Nachkommen Bhrigus die Eignung zur Verehrung Tripurās, gestärkt durch aufrichtigen Glauben und Hingabe.
 
'''J 1.20''' Er weihte ihn der vorgeschriebenen Abfolge gemäß in die Verehrung Tripurās ein. Auch der Sohn Jamadagnis empfing diese heilsame Einweihung in ihre Lehre,
 
'''J 1.21''' die alle Einweihungen überragt und zur Erkenntnis der umfassenden Wirklichkeit führt, sowie die vollständige Ordnung mit den inneren Betrachtungen zu [[Mantra]] und [[Yantra]].
 
'''J 1.22''' Wie eine Biene den Nektar aus einer Lotosblüte empfängt, empfing er die Lehre aus dem Lotosmund des Guru. Im Innersten gesättigt, war der Nachkomme Bhrigus von Glückseligkeit berauscht.
 
'''J 1.23''' Mit Erlaubnis des verehrten Meisters machte er sich zur [[Sadhana]] Tripurās auf. Er umschritt den Guru ehrerbietig, verneigte sich und begab sich zum Berg Mahendra.
 
'''J 1.24''' Dort errichtete er eine schöne, angenehme Wohnstätte und widmete sich zwölf Jahre lang ganz der Verehrung.
 
'''J 1.25''' Er erfüllte die täglichen und die durch besondere Anlässe gebotenen Verrichtungen, war [[Puja]] und [[Japa]] ergeben und stets auf die Meditation über die Gestalt der Herrin Tripurā ausgerichtet.
 
'''J 1.26''' So vergingen ihm zwölf Jahre wie ein Augenblick. Eines Tages saß der Sohn Jamadagnis ruhig da und dachte nach:
 
'''J 1.27''' „Was Samvarta mir damals unterwegs auf meine Bitte hin sagte, habe ich seinerzeit nicht einmal zum Teil verstanden.
 
'''J 1.28''' Ich vergaß es auch und befragte deshalb zuvor den Guru nicht darüber. Aus seinem verehrten Mund habe ich die Herrlichkeit der [[Shakti]] Tripurā gehört.
 
'''J 1.29''' Doch das, was Samvarta damals sagte, wurde mir dabei nicht klar. Im Zusammenhang mit der Schöpfung fragte ich den Guru zwar nach einigem;
 
'''J 1.30''' darauf erzählte er mir die Geschichte vom Mattenflechter. Weil meine Frage aber nicht zum damaligen Zusammenhang gehörte, beantwortete er sie nicht; so blieb sie für mich ungeklärt.
 
'''J 1.31''' Nicht einmal ein wenig verstehe ich diesen Lauf der Welt. Weshalb ist dieses gewaltige Schauspiel des Universums entstanden?
 
'''J 1.32''' Wohin geht es wieder? Worin findet es seinen Bestand? Was immer ich irgendwo betrachte, erscheint mir unbeständig.
 
'''J 1.33''' Und doch führen wir unser Leben, als wäre alles dauerhaft. Wie kommt das? Ich sehe ein wunderliches Treiben in der Welt, dem die prüfende Einsicht fehlt.
 
'''J 1.34''' Ach, wie ein Blinder handelt, der einem anderen Blinden folgt, so lässt sich das Verhalten aller Menschen in der Welt beobachten.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 1.35''' Mein eigenes Tun soll mir hierfür in jeder Hinsicht als Beispiel dienen. Was mir in der frühen Kindheit widerfuhr, habe ich nicht bedacht.
 
'''J 1.36''' In der Knabenzeit verhielt ich mich anders, in der Jugend wiederum anders. Jetzt ist mein ganzes Tun abermals völlig verändert.
 
'''J 1.37''' Was all dies als Frucht gebracht hat, weiß ich überhaupt nicht. Was auch immer irgendjemand zu irgendeiner Zeit tut,
 
'''J 1.38''' hält er für richtig und vertraut darauf, dadurch ein Ergebnis zu erlangen. Welche Frucht wurde dabei gewonnen? Wer erlangte dadurch wirklich sein Glück?
 
'''J 1.39''' Auch was in der Welt als fruchtbringend gilt, erscheint nur ohne gründliche Prüfung als Frucht. Ich halte es nicht für die erfüllende Frucht, denn danach handelt der Mensch erneut.
 
'''J 1.40''' Wenn er die Frucht erlangt hat, wie kann er dann wieder nach einer Frucht verlangen? Alle Menschen handeln ja unablässig, weil sie sich ein Ergebnis wünschen.
 
'''J 1.41''' Als wirkliche Frucht bezeichnet man das Ende des Leidens oder das [[Glück]]. Solange noch etwas als unerfülltes Müssen verbleibt, gibt es weder das Ende des Leidens noch solches Glück.
 
'''J 1.42''' Das Getriebensein von einem unerfüllten Müssen wird das größte aller Leiden genannt. Wie könnten, solange es besteht, Leidfreiheit und Glück vorhanden sein?
 
'''J 1.43''' Wie einem Menschen, dessen ganzer Körper verbrannt ist, Sandelholzpaste auf die Füße gestrichen wird, so ist hier der Glücksgewinn dessen, der noch von unerfülltem Müssen beherrscht ist.
 
'''J 1.44''' Wie die Umarmung himmlischer Nymphen für jemanden, dessen Herz ein Pfeil durchbohrt hat, so ist der Glücksgewinn dessen, der noch von unerfülltem Müssen beherrscht ist.
 
'''J 1.45''' Wie das Hören von Gesang für einen Menschen, der von Auszehrung befallen ist, so ist der Glücksgewinn dessen, der noch von unerfülltem Müssen beherrscht ist.
 
'''J 1.46''' Glücklich sind in der Welt jene großen Seelen, die von solchem Müssen frei sind: Ihr Herz ist erfüllt, ihr ganzes Wesen hat Kühlung und Frieden gefunden.
 
'''J 1.47''' Wenn trotz unerfüllten Müssens irgendjemand durch irgendetwas glücklich werden könnte, dann müsste auch ein aufgespießter Mensch durch Düfte und Blumenkränze Glück erlangen.
 
'''J 1.48''' Wie seltsam: Inmitten Hunderter drängender Aufgaben soll das Glück liegen, um dessentwillen die Menschen unablässig tätig sind!
 
'''J 1.49''' Ach, welche Macht hat doch die Betrachtungsweise der Menschen! Von einem Berg endloser Pflichten bedrückt, meinen sie dennoch, Glück zu erlangen. [Die Lesung des ersten Halbverses ist nicht eindeutig; der Zusammenhang ist ironisch.]
 
'''J 1.50''' So wie der Herrscher der ganzen Erde sich ständig um sein Glück bemüht, so bemüht sich auch derjenige, der vom Bettelgang lebt.
 
'''J 1.51''' Jeder von beiden erlangt seine eigene Art von Glück und meint, sein Ziel erreicht zu haben. Auf dem Weg, den alle einschlagen, folge auch ich ihnen Schritt für Schritt,
 
'''J 1.52''' ohne die Frucht zu prüfen – wie ein Blinder, der einem Blinden folgt. Genug dieses vermeintlichen Verständnisses! Ich werde erneut zu jenem Schatz des Mitgefühls gehen,
 
'''J 1.53''' nach dem fragen, was wahrhaft zu erkennen ist, und, auf das Boot der Worte des Guru gestützt, das glückverheißende andere Ufer des Ozeans der Zweifel erreichen.“
 
'''J 1.54''' Nachdem der edelgesinnte Sohn Jamadagnis diesen Entschluss gefasst hatte, brach er unverzüglich von jenem hohen Berg auf, voller Verlangen, den Guru zu sehen.
 
'''J 1.55''' Er gelangte rasch zum erhabenen Berg Gandhamadana und sah den Guru im [[Padmasana|Lotossitz]], gleich einer auf Erden leuchtenden Sonne.
 
'''J 1.56''' Vor dessen Fußbank warf er sich lang ausgestreckt zu Boden. Er nahm die Lotosfüße in seine Hände und legte sein Haupt daran.
 
'''J 1.57''' Als Rama sich so verneigte, segnete ihn Dattatreya mit freudigem Herzen und hieß ihn liebevoll aufstehen.
 
'''J 1.58''' „Mein Kind, erhebe dich! Nach langer Zeit sehe ich dich heute wieder bei mir. Erzähle mir von deinem Ergehen und ob du wohlauf bist.“
 
'''J 1.59''' Auf das Wort des Guru erhob er sich, setzte sich freudig auf den ihm zugewiesenen guten Sitz und sprach mit gefalteten Händen:
 
'''J 1.60''' „Verehrter Guru, Ozean des Mitgefühls! Wie könnte derjenige, der im Nektar deiner Gnade gebadet hat, von Leiden überwältigt werden, selbst wenn das Schicksal sie ihm auferlegt?
 
'''J 1.61''' Ich weile im Kreis des Nektarmondes deiner Gnade. Wie könnte mich da die furchtbar sengende Sonne der Krankheit verbrennen?
 
'''J 1.62''' Durch deine Gnade bleiben mein Inneres und mein Äußeres stets von Freude erfüllt. Außer der Trennung von deinen Lotosfüßen
 
'''J 1.63''' gab es für mich nirgends auch nur das geringste Schmerzliche. Heute aber, da ich deine Lotosfüße wieder sehe,
 
'''J 1.64''' ist die Fülle in jeder Hinsicht vollkommen geworden, verehrter Guru. Doch etwas, das sich schon vor langer Zeit erhob, bewegt noch mein Herz.
 
'''J 1.65''' Darüber möchte ich dich befragen; lange schon ist mein Inneres im Zweifel. Wenn du es mir jetzt gestattest, werde ich nach dem fragen, was mir ungewiss ist.“
 
'''J 1.66''' Als Dattatreya, der Schatz des Mitgefühls, diese Worte des Nachkommen Bhrigus hörte, wurde sein Herz froh; liebevoll sprach er zu Rama:
 
'''J 1.67''' „Frage, Nachkomme Bhrigus, was du heute fragen möchtest und schon lange im Herzen trägst. Deine Hingabe erfreut mich. Ich werde dir sagen, was du zu wissen wünschst.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet Kapitel 1 des Jñānakhaṇḍa im erhabenen Tripurārahasya: Parashuramas Frage nach bleibender Erfüllung.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 2: Die Bedeutung unterscheidender Untersuchung===
 
'''Zum Zusammenhang:''' Parashuramas Klage und Dattatreyas Antwort unterscheiden das drängende Gefühl unerfüllten Müssens von einem Handeln, das durch Einsicht geleitet ist. Die Erzählungen von Gewalt gehören zum mythologischen Rückblick der Figur.
 
'''J 2.1''' Nachdem er diese Erlaubnis erhalten hatte, verneigte sich der Sohn Jamadagnis vor dem Weisen, dem Sohn Atris, und begann demütig zu fragen:
 
'''J 2.2''' „Erhabener, ehrwürdiger Meister und Guru, Allwissender, Schatz des Mitgefühls! Einst erhob sich aus einem bestimmten Anlass mein Zorn gegen die Königsgeschlechter.
 
'''J 2.3''' Darauf vernichtete ich die Kriegergeschlechter wiederholt, einundzwanzigmal, mitsamt den Ungeborenen und Säuglingen. An einem mit dem Blut der Krieger gefüllten See
 
'''J 2.4''' brachte ich den Ahnen Sättigung dar. Durch die Tiefe meiner Hingabe erfreut, besänftigten sie meinen Zorn. Auf ihr Geheiß kam ich zur Ruhe.
 
'''J 2.5''' Doch dann traf ich, erneut von Zorn verblendet und auf meine Kraft stolz, auf jenen Rama, der jetzt in Ayodhya herrscht und Hari selbst ist.
 
'''J 2.6''' Dieser Erhabene besiegte mich und brach meinen Hochmut. Nur mit Mühe kam ich mit dem Leben davon, weil er den Brahmanen gewogen und voller Mitgefühl ist.
 
'''J 2.7''' Danach überkam mich Ernüchterung; ich begann nachzudenken und klagte unterwegs bitterlich auf vielerlei Weise.
 
'''J 2.8''' Unvermutet begegnete ich auf dem Weg Samvarta, dem Fürsten der [[Avadhuta]]s. Wie Feuer unter Asche war er verborgen; dennoch erkannte ich ihn schließlich.
 
'''J 2.9''' Wie ein von Hitze Gequälter auf kühlen Tau trifft, begegnete ich ihm, dessen ganzes Wesen friedvolle Kühle war. Schon durch diese Begegnung fand ich tiefen inneren Frieden.
 
'''J 2.10''' Als ich ihn nach seinem Zustand fragte, sprach er nektargleiche, schöne Worte und legte mir alles wie eine verdichtete Fülle des Wesentlichen dar.
 
'''J 2.11''' Doch ich vermochte seine Lehre nicht zu erfassen, so wenig wie ein Bettler eine Königin berühren kann. Als ich ihn erneut bat, verwies er mich auf dich.
 
'''J 2.12''' Darauf gelangte ich zu deinen beiden Füßen, die höchste Freude schenken – wie ein Blinder, der Anschluss an Menschen findet, die ihn führen.
 
'''J 2.13''' Was der Weise Samvarta sagte, habe ich noch nicht verstanden. Ich habe aber die ganze Verherrlichung gehört, die [[Bhakti|Hingabe]] an Tripurā erweckt.
 
'''J 2.14''' Die Göttin, die in deiner Gestalt erscheint, ist stets in meinem Herzen gegenwärtig. Welche Frucht wird mir zuteil, wenn ich auf diese Weise weiterlebe?
 
'''J 2.15''' Erhabener, erkläre mir gütig, was Samvarta damals sagte. Ohne dieses Verständnis gibt es nirgends vollkommene Erfüllung.
 
'''J 2.16''' Solange ich seine Worte nicht verstehe, erscheint mir alles, was ich tue, ringsum wie das Spiel eines Kindes.
 
'''J 2.17''' Früher verehrte ich oft die Götter, angefangen mit Indra, durch Opfer mit reichlichen Priestergaben und großen Mengen von Speisen.
 
'''J 2.18''' Aus Samvartas Mund hörte ich, dass dies nur geringe Frucht bringt. Was gering ist, halte ich in Wahrheit für nichts anderes als Leid.
 
'''J 2.19''' Leid ist nicht bloß das Fehlen von Glück; vielmehr wird auch geringes Glück als Leid bezeichnet. Denn wenn das Glück endet, wird das Leiden umso schwerer.
 
'''J 2.20''' Und das ist nicht alles: Es gibt eine noch höhere Herrlichkeit, in der man dem Tod niemals wieder anheimfällt. [Die Verbindung der beiden Halbverse wird im Kommentar anders gewichtet; die Übersetzung folgt hier dem überlieferten Verswortlaut.]
 
'''J 2.21''' Mit dem, was ich bei der Verehrung Tripurās tue, könnte es ebenso sein. Es erscheint mir wie Kinderspiel, denn alles geschieht als Gestaltung des Geistes.
 
'''J 2.22''' Was du mir dafür gelehrt hast, könnte auch anders vollzogen werden, fest geregelt und doch in anderer Form, je nachdem, auf welche Lehrworte man sich stützt.
 
'''J 2.23''' Auch durch verschiedene Gegenstände der Verehrung nimmt es unterschiedliche Gestalt an. Wie sollte es dann nicht einem Opfer gleichen, dessen Frucht keine bleibende Wirklichkeit besitzt?
 
'''J 2.24''' Da es selbst ein Vorgestelltes ist, wie könnte es der bleibenden Wirklichkeit gleichkommen? Und dennoch muss es immer weiter getan werden; nirgends ist ein Ende sichtbar.
 
'''J 2.25''' Ich habe hingegen den erhabenen Samvarta gesehen: vollkommen friedvoll, frei selbst vom geringsten Funken des gefährlichen Giftes eines unerfüllten Müssens.
 
'''J 2.26''' Es war, als lächle er über das Getriebe der Welt; er hatte den furchtlosen Weg betreten. Er glich einem Elefanten, der in kühlem Wasser steht, während ringsum der Wald brennt.
 
'''J 2.27''' Er war beglückt vom Nektar der Freiheit von allem drängenden Müssen. Wie gelangte er in diesen Zustand? Und was bedeuteten seine damaligen Worte an mich?
 
'''J 2.28''' Erkläre mir all dies aus deiner Güte, o Guru! Befreie mich, den die schwarze Todesschlange des Müssens verschlungen hat.“
 
'''J 2.29''' So sprach er, legte sein Haupt an die Füße des Lehrers und warf sich lang ausgestreckt nieder. Als Datta den Nachkommen Bhrigus so sah, reif für die Befreiung,
 
'''J 2.30''' begann er, dessen Wesen Mitgefühl war, zu sprechen: „Mein Kind, Nachkomme Bhrigus, gesegnet bist du, dass eine solche Einsicht in dir erwacht ist!
 
'''J 2.31''' Sie ist zu dir gekommen wie ein Boot zu einem Menschen, der im Meer versinkt. Ein durch heilsame Handlungen gereifter Mensch gelangt eben dadurch zu ihr
 
'''J 2.32''' und erhebt sich zum höchsten, vollkommen reinen Zustand. Die Göttin Tripurā ist der innere Raum im Herzen aller Wesen.
 
'''J 2.33''' In einem Verehrer, der keine andere Zuflucht hat, nimmt sie rasch die Gestalt dieser Einsicht an; im Innersten seines Herzens offenbar geworden, befreit sie ihn aus dem Netz des Todes.
 
'''J 2.34''' Solange ein Mensch den Dämon des unerfüllten Müssens nicht wirklich fürchtet, findet er kein Glück; er gleicht einem ständig von einem Dämon Besessenen.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 2.35''' Wie könnte denen, die von der Todesschlange des Müssens gebissen sind, Heil widerfahren? Sie gleichen Menschen, deren Glieder von den schrecklichen Flammen des Giftes erfasst sind.
 
'''J 2.36''' Sieh die Welt, betäubt durch das Gift des Müssens! Verblendet erkennt sie nicht die Handlung, die ihrem eigenen Heil dient.
 
'''J 2.37''' Sie handelt verkehrt und gerät dadurch immer wieder in Verwirrung. So ist diese Welt, vom Gift des Müssens betäubt.
 
'''J 2.38''' Seit anfangsloser Zeit wird sie in einem furchtbaren Giftozean gequält. Es verhält sich wie mit einigen Wanderern, die das große Vindhya-Gebirge erreichten.
 
'''J 2.39''' Von heftigem Hunger überwältigt, sahen sie Früchte im Wald. In der Meinung, es seien Tinduka-Früchte, nahmen sie rasch die Früchte der Giftbrechnuss
 
'''J 2.40''' und aßen sie; ihr übermächtiger Hunger hatte ihren Geschmackssinn getrübt. Als die Glut des Giftes ihre Körper verbrannte, litten sie schwer.
 
'''J 2.41''' Ihre Sicht wurde getrübt, und sie suchten etwas, das die Hitze des Giftes lindern könnte. Sie wussten nicht, dass sie Giftbrechnüsse gegessen hatten, sondern meinten, durch den Genuss von Tinduka-Früchten
 
'''J 2.42''' sei das Brennen in ihren Körpern entstanden. Sie fanden Stechapfelfrüchte, hielten sie irrtümlich für Zitronen und aßen alle davon.
 
'''J 2.43''' Darauf wurden sie wahnsinnig und verloren den Weg. Mit getrübter Sicht stürzten sie im dichten Wald in Vertiefungen,
 
'''J 2.44''' rissen sich an Dornen den ganzen Körper auf und brachen sich Arme, Schenkel und Füße. Sie beschimpften einander und gerieten in heftigen Streit.
 
'''J 2.45''' Mit Fäusten, Steinen und Holzstücken schlugen sie aufeinander ein. Am ganzen Körper verwundet erreichten sie schließlich eine Stadt.
 
'''J 2.46''' Mitten in der Nacht gelangten sie zufällig zum Stadttor. Die Torwächter verwehrten ihnen den Eintritt.
 
'''J 2.47''' Da sie weder Ort noch Zeit richtig erfassten, stritten sie laut mit ihnen. Als die Torwächter sie heftig schlugen,
 
'''J 2.48''' flohen sie in alle Richtungen. Einige stürzten in den Stadtgraben und wurden von Krokodilen und anderen Tieren gefressen.
 
'''J 2.49''' Andere fielen in Gruben und Brunnen und verloren ihr Leben. Manche wurden von den Wächtern getötet, andere lebend gefangen.
 
'''J 2.50''' So gehen Menschen, die ihr Heil suchen, aber vom Gift des Müssens betäubt sind, tief zugrunde – von Verwirrung geblendet.
 
'''J 2.51''' Du aber, Nachkomme Bhrigus, bist gesegnet, denn in dir ist eine heilsame Entwicklung erwacht. Die unterscheidende Untersuchung ist die Wurzel von allem und die erste Stufe
 
'''J 2.52''' zum großen Palast des höchsten Heils. Erkenne dies klar! Wer könnte ohne gründliche Untersuchung auf irgendeine Weise bleibenden Frieden erlangen?
 
'''J 2.53''' Nichtprüfen ist der größte Tod; durch fehlende Prüfung werden Menschen zugrunde gerichtet. Wer hingegen nach gründlicher Überlegung handelt, gewinnt überall Zugang zum Ersehnten.
 
'''J 2.54''' Die Daityas und Rakshasas wurden durch unbedachtes Handeln geschlagen; die Götter, die der Prüfung ergeben sind, erfahren auf vielerlei Weise Glück.
 
'''J 2.55''' Durch Überlegung nehmen sie Zuflucht zu Vishnu und besiegen ihre Widersacher. Unterscheidende Untersuchung ist der keimfähige Same des Baumes des Glücks.
 
'''J 2.56''' Durch sie erstrahlt ein Mensch und überragt andere. Durch sie ist Brahma ausgezeichnet; durch sie wird Hari verehrt.
 
'''J 2.57''' Durch sie wurde Shiva, der große Herr, allwissend. Rama hingegen, der Beste unter den Verständigen, wurde durch unbedachte Bindung an den Hirsch
 
'''J 2.58''' in große Not gestürzt. Durch Überlegung aber überbrückte er darauf den Ozean und eroberte Lanka, das von Scharen der Rakshasas erfüllt war.
 
'''J 2.59''' Auch Brahma wurde durch unbedachten Hochmut verblendet und verlor seinen Kopf – diese Geschichte hast du bereits gehört.
 
'''J 2.60''' Mahadeva gewährte einem Asura unbedacht einen Wunsch. Dann musste er fliehen, weil er fürchtete, selbst zu Asche zu werden.
 
'''J 2.61''' Hari tötete einst unbedacht die Frau Bhrigus und erfuhr durch einen Fluch höchstes, kaum erträgliches Leid.
 
'''J 2.62''' Ebenso geraten andere Götter, Rakshasas, Menschen und Tiere gerade durch fehlende Prüfung in Not.
 
'''J 2.63''' Höchst gesegnet sind jene Einsichtigen, die ihre prüfende Klarheit nirgends verlässt, o Nachkomme Bhrigus. Ihnen gilt beständig meine Verehrung.
 
'''J 2.64''' Ohne Prüfung nehmen Menschen etwas als Pflicht an und verstricken sich auf jede Weise. Wer erst prüft und dann handelt, wird von allen Bedrängnissen, auch den unabsehbaren, frei.
 
'''J 2.65''' Seit langer Zeit ist dieses Nichtprüfen mit den Menschen verbunden. Solange es jemanden beherrscht, woher sollte ihm tiefe Einsicht kommen?
 
'''J 2.66''' Wo gibt es kühles Wasser in einer Wüste, die von der furchtbaren Sommersonne erhitzt ist? Ebenso ist ein Mensch seit Langem von den Flammen des Nichtprüfens umgeben.
 
'''J 2.67''' Wie sollte ihn ohne ein geeignetes Mittel die kühlende Berührung der Einsicht erreichen? Hier gibt es ein einziges höchstes Mittel, das alle anderen überragt:
 
'''J 2.68''' die erhabene Gnade der Gottheit, die im Lotosherzen aller Wesen wohnt. Wie könnte ohne sie bei irgendjemandem das vortreffliche Mittel zum höchsten Heil erwachen,
 
'''J 2.69''' die Sonne der Untersuchung, welche die dichte Finsternis des Nichtprüfens vertreibt? Die Wurzel dieser Gnade ist die hingebungsvolle Verehrung der Gottheit.
 
'''J 2.70''' Wird die höchste Göttin verehrt und ist sie ganz erfreut, dann nimmt sie im Raum des Geistes die Gestalt prüfender Einsicht an, wie die Sonne am Himmel.
 
'''J 2.71''' Darum verehre man Tripurā, die höchste Herrin, deren Wesen das eigene Selbst ist: die große, heilsame Herrin aus reinem Bewusstsein, die im Inneren aller wohnt.
 
'''J 2.72''' Man verehre sie aufrichtig, unter Führung eines wahren Guru und in der rechten Abfolge. Die Wurzel auch dieser Verehrung sind Hingabe und lauteres Vertrauen.
 
'''J 2.73''' Als deren Wurzel wiederum wird das Hören ihrer Herrlichkeit genannt. Deshalb, Rama, habe ich dir zuerst ihre Verherrlichung vermittelt.
 
'''J 2.74''' Indem du sie gehört hast, hast du nun dieses Heil erlangt: die unterscheidende Einsicht, die Wurzel des höchsten Guten. Daher brauchst du von jetzt an keine Furcht zu haben.
 
'''J 2.75''' Bis diese Einsicht erwacht, besteht große Furcht für den, den der Fehler des Nichtprüfens Tag für Tag ergreift.
 
'''J 2.76''' Es ist wie bei einem Menschen, der an einer schweren Störung aller Körpersäfte leidet: Selbst nach Einnahme der Arznei besteht noch Gefahr, solange die Körpergrundlagen nicht gereinigt sind.
 
'''J 2.77''' Wenn die höchste unterscheidende Einsicht erwacht ist, trägt das menschliche Leben Frucht. In wie vielen Geburten die höchste Einsicht nicht erwacht,
 
'''J 2.78''' so viele Lebensbäume bleiben unfruchtbar. Nur jener Lebensbaum trägt Frucht, in dem die erforschende Einsicht entsteht.
 
'''J 2.79''' Menschen ohne Prüfung gleichen Fröschen im Brunnen. Wie ein im Brunnen geborener Frosch nichts kennt,
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''J 2.80''' weder Heilsames noch Unheilsames, und in seinem Brunnen zugrunde geht, so werden Menschen vergeblich im kleinen Brunnen des Welteies geboren.
 
'''J 2.81''' Sie wissen nicht, was ihrem Selbst dient und was ihm schadet. Immer wieder entstehen und vergehen sie, ohne ihr eigenes Heil zu erkennen.
 
'''J 2.82''' Durch die Macht des Nichtprüfens halten sie Leid für Glück und Glück für Leid und werden im Feuer des Kreislaufs der Geburten gequält.
 
'''J 2.83''' Obwohl sie durch Leid bedrängt werden, geben sie dessen Ursache nicht auf. Wie ein großer Esel, selbst wenn er hundertmal getreten wird,
 
'''J 2.84''' der Eselin weiter nachläuft, so folgt der Mensch dem Kreislauf des Werdens. Du aber, Rama, dessen Wesen prüfende Einsicht geworden ist, hast das andere Ufer des Leidens erreicht.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das zweite Kapitel über die Herrlichkeit unterscheidender Untersuchung.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 3: Satsang und die Begegnung mit Hemalekha===
 
'''Zur Versfolge:''' Vers 16 steht in der elektronischen Sanskritgrundlage nach Vers 25. Eine dort enthaltene Editionsnotiz weist auf seine richtige Position hin; hier folgt er in der deutschen Lesefassung auf Vers 15.
 
'''J 3.1''' Als der Sohn Jamadagnis Dattatreyas Worte gehört hatte, wurde er von großer Wissbegierde erfüllt und fragte erneut voller Demut:
 
'''J 3.2''' „Erhabener Meister und Guru, was du gesagt hast, verhält sich genau so. Durch fehlende Prüfung geraten Menschen auf jede Weise ins Verderben.
 
'''J 3.3''' Durch unterscheidende Untersuchung entsteht Heil. Auch von ihrer Voraussetzung habe ich gehört: vom Hören der Herrlichkeit der Göttin. Hier aber bleibt mir ein großer Zweifel.
 
'''J 3.4''' Wie gelangt man überhaupt dazu? Welches Mittel führt dahin? Wenn es von selbst geschieht, warum haben dann nicht alle davon gehört?
 
'''J 3.5''' Weshalb habe auch ich mich bis heute nicht früher dazu aufgemacht? Andere haben noch mehr Leid als ich erfahren und werden bei jedem Schritt zurückgeworfen.
 
'''J 3.6''' Warum haben sie dieses Mittel nicht erlangt? Erkläre mir das gütig.“ So befragt, antwortete Datta, der Schatz des Mitgefühls, freudig:
 
'''J 3.7''' „Höre, Rama! Ich werde dir die höchste Ursache des Heils nennen. Gemeinschaft mit den Guten ist die tiefste Wurzel; sie beseitigt alles Leid.
 
'''J 3.8''' [[Satsang]], die Gemeinschaft mit den Wahrhaftigen, wird der Same genannt, aus dem die Frucht der höchsten Wirklichkeit erwächst. Auch du bist jenem edlen, großen Samvarta
 
'''J 3.9''' begegnet und dadurch in diesen Zustand gelangt, in dem die Frucht des Heils heranreift. Gerade die Guten schenken bei einer Begegnung den Zugang zum höchsten Glück.
 
'''J 3.10''' Wer hätte je ohne solche Gemeinschaft das höchste Heil erreicht? Schon im gewöhnlichen Leben gilt: Welche Gemeinschaft ein Mensch sucht,
 
'''J 3.11''' deren Frucht wird ihm zuteil; daran besteht kein Zweifel. Hierzu werde ich dir eine Geschichte erzählen. Höre sie, Rama!
 
'''J 3.12''' Einst herrschte über Dasharna ein König namens Muktachuda. Er hatte zwei Söhne, Hemachuda und Manichuda.
 
'''J 3.13''' Beide waren schön, tugendhaft und in allen Wissensgebieten bewandert. Eines Tages begaben sie sich voller Jagdeifer, von ihren Heeren umgeben,
 
'''J 3.14''' mit Bogen und Pfeilen in den gewaltigen Wald des Sahya-Gebirges, der von Löwen, Tigern und anderen Tieren erfüllt war.
 
'''J 3.15''' Dort töteten die beiden kräftigen Prinzen Wildtiere, Löwen, Eber, Büffel und Wölfe mit scharfen Pfeilen, die sie gewandt von ihren Bogen schnellen ließen.
 
'''J 3.16''' Während die beiden Königssöhne so die Tiere des Waldes erlegten, erhob sich ein heftiger Sturm, der Kiesel und Steine regnen ließ.
 
'''J 3.17''' Staub erfüllte den Himmel, und es wurde dunkel wie in einer Neumondnacht. Man konnte weder einen Felsen noch einen Baum noch einen Menschen erkennen.
 
'''J 3.18''' Wie hätte man Erhöhungen und Vertiefungen unterscheiden können? Der Berg war in Finsternis gehüllt. Vom Steinhagel getroffen, floh das Heer in größter Hast.
 
'''J 3.19''' Einige suchten bei Bäumen Zuflucht, andere bei Felsen und wieder andere in Höhlen. Auch die beiden berittenen Prinzen flohen weit davon.
 
'''J 3.20''' Hemachuda gelangte schließlich zu einer wunderschönen Einsiedelei, die von Bananenstauden und Dattelpalmen umgeben war.
 
'''J 3.21''' Dort sah er eine schöne junge Frau, die wie eine Feuerflamme leuchtete; ihr Körper strahlte wie glühendes Gold.
 
'''J 3.22''' Als der Prinz sie sah, schön wie Lakshmi, fragte er sie mit einem Lächeln: „Wer bist du, Lotosgesichtige? In diesem Wald,
 
'''J 3.23''' dieser menschenleeren, furchteinflößenden Gegend, verweilst du anscheinend ohne Angst. Zu wem gehörst du? Weshalb wohnst du hier? Wie kannst du ganz allein bleiben?“
 
'''J 3.24''' So gefragt, antwortete die untadelige junge Frau dem Prinzen: „Sei willkommen, Königssohn! Bitte nimm auf diesem Sitz Platz.
 
'''J 3.25''' Es ist die Pflicht der Asketen, einen Gast zu ehren. Ich sehe, dass du erschöpft und durch den heftigen Sturm bedrängt bist.
 
'''J 3.26''' Binde dein Pferd an eine Dattelpalme, setze dich hier und ruhe dich aus. Dann kannst du meine Geschichte hören.“ Er tat, wie sie gesagt hatte.
 
'''J 3.27''' Sie gab ihm Früchte zu essen und wohlschmeckenden Saft zu trinken. Als sich der Prinz erholt hatte, sprach die untadelige junge Frau
 
'''J 3.28''' mit einer Stimme, lieblich wie fließender Honig: „Königssohn, es gibt einen Weisen namens [[Vyaghrapada]], der bei Shivas Füßen Zuflucht genommen hat.
 
'''J 3.29''' Durch die Kraft seiner Askese hat er die reinsten Welten gewonnen. Er kennt das Höhere und das Niedere und wird von den größten Weisen beständig verehrt.
 
'''J 3.30''' Ich bin seine Tochter kraft des Dharma und heiße Hemalekha. Eine Vidyadhari namens Vidyutprabha, deren ganze Gestalt bezaubernd war,
 
'''J 3.31''' kam einst hierher zum Baden an den Fluss Vena. Zur selben Zeit erschien zufällig Sushena, der König von Vanga.
 
'''J 3.32''' Er sah diese überaus schöne Frau im Fluss baden; unter ihrem nassen Gewand zeichneten sich ihre vollen Brüste deutlich ab.
 
'''J 3.33''' Vom Pfeil des Begehrens getroffen, warb er um sie. Auch sie war von seiner Schönheit bezaubert und ging auf seine Worte ein.
 
'''J 3.34''' Nachdem sich der König mit ihr vereinigt hatte, kehrte er in seine Stadt zurück. Die Vidyadhari empfing durch den Samen dieses königlichen Weisen ein Kind.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 3.35''' Aus Furcht vor dem Unrecht gegenüber ihrem Gatten ließ sie ihre Leibesfrucht hier zurück und ging fort. Weil die Zeugungskraft des königlichen Weisen nicht vergeblich sein konnte, wurde ich daraus als Mädchen geboren.
 
'''J 3.36''' Vyaghrapada kam zur Verehrung in der Dämmerung hierher und sah mich. Aus Mitgefühl nahm er mich auf und zog mich wie eine Mutter groß.
 
'''J 3.37''' Wer ein Kind gemäß dem Dharma beschützt und ernährt, der wird mit Recht sein Vater genannt. Ich bin seine Tochter kraft des Dharma und ganz dem Dienst an meinem Vater ergeben.
 
'''J 3.38''' Durch seine Größe habe ich hier nirgends etwas zu fürchten. Niemals dürfen böswillige Götter oder Asuras
 
'''J 3.39''' diese Einsiedelei betreten; wer es dennoch tut, geht zugrunde. Das ist meine Geschichte. Bleibe noch eine Weile, Königssohn!
 
'''J 3.40''' Mein erhabener Vater wird bald kommen. Begegne ihm, verneige dich vor ihm und empfange, was du ersehnst. Morgen kannst du weiterziehen.“
 
'''J 3.41''' Als der Prinz Hemalekhas Worte hörte, war er von ihrer Schönheit bezaubert. Er scheute sich jedoch, ihr etwas zu sagen, und wurde unruhig.
 
'''J 3.42''' Die verständige junge Frau erkannte, dass er dem Begehren verfallen war, und sprach erneut: „Königssohn, bewahre deine Fassung!
 
'''J 3.43''' Mein Vater wird gleich kommen. Danach kannst du das Gewünschte erlangen.“ Noch während sie so sprach, kam der große Weise Vyaghrapada
 
'''J 3.44''' aus dem Wald zurück, wo er Blätter, Blumen und andere Dinge gesammelt hatte. Als der Prinz den Weisen kommen sah, erhob er sich,
 
'''J 3.45''' verneigte sich, nannte seinen Namen und setzte sich auf dessen Geheiß wieder. Der Weise sah, wie das Begehren die Erscheinung des Königssohnes verändert hatte.
 
'''J 3.46''' Mit yogischer Schau erkannte er alles. Da er die Verbindung für angemessen hielt, gab er ihm Hemalekha zur Frau.
 
'''J 3.47''' Der hocherfreute Prinz nahm sie mit und kehrte in seine Stadt zurück. König Muktachuda war sehr glücklich und richtete ein großes Fest aus,
 
'''J 3.48''' bei dem er die Hochzeit seines Sohnes nach der rechten Ordnung vollziehen ließ. Danach gab sich der Prinz ständig mit ihr den Freuden des Zusammenseins hin,
 
'''J 3.49''' in Palästen, Hainen, auf Sandbänken und an anderen schönen Orten. Doch Hemalekha zeigte bei diesen Freuden kein übermäßiges Verlangen.
 
'''J 3.50''' Als er sie immer wieder so unbeteiligt sah, fragte er sie einmal unter vier Augen: „Geliebte, warum bist du mir, deinem liebenden Gatten, nicht ebenso zugetan?
 
'''J 3.51''' Warum bist du den Genüssen nicht ganz ergeben, du mit dem reinen Lächeln? Sind die Freuden hier nicht nach deinem Herzen? Woran liegt es?
 
'''J 3.52''' Mir scheint, dass du selbst an den erlesensten Genüssen nicht haftest. Wie könnte unsere Vereinigung mich glücklich machen, wenn du dich nicht davon angezogen fühlst?
 
'''J 3.53''' Während ich ganz an dir hänge, scheint dein Geist anderswo zu sein. Selbst wenn ich dich wiederholt anspreche, hörst du anscheinend nichts.
 
'''J 3.54''' Ich bin gekommen und halte dich schon lange umarmt; doch erst später bemerkst du mich und fragst: „Herr, wann bist du gekommen?“, als wüsstest du es nicht.
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''J 3.55''' Warum hängt dein Herz niemals an den lieblichen, schwer erreichbaren Freuden? Warum erfreut dich anscheinend nichts davon?
 
'''J 3.56''' Wann immer ich zu dir komme, nachdem wir getrennt waren, sehe ich dich mit geschlossenen Augen dasitzen.
 
'''J 3.57''' Wenn du dich von den Genüssen abwendest, wie soll ich an den Sinnendingen Freude haben? Es ist mir, als umarmte ich eine Frau aus Holz. Sage mir, wie sich das verhält.
 
'''J 3.58''' Nichts wünsche ich mir, das deinen Wünschen widerspricht. Ich bin dir in allem zugewandt, wie die Wasserlilie dem Mondlicht.
 
'''J 3.59''' Warum ist dein Herz also so gestimmt? Sage es mir, du, die mir lieber ist als mein Leben, damit mein Herz Klarheit findet. Ich beschwöre dich, Geliebte.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das dritte Kapitel über die Herrlichkeit des Satsang.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 4: Die Prüfung des Genusses und die Frucht des Satsang===
 
'''Zur Erzählweise:''' Hemalekha führt ihren Mann durch Fragen zur Einsicht. Seine anfängliche Geringschätzung von Frauen und die frauenfeindlichen Ausrufe des betrogenen Prinzen sind Figurenrede. Die Rahmenerzählung selbst macht Hemalekha zur überlegenen Lehrerin. Die drastische Körperbetrachtung dient der Prüfung idealisierender Anhaftung; sie wird als überlieferte Argumentation wiedergegeben.
 
'''J 4.1''' Als die untadelige Hemalekha diese Worte ihres geliebten Mannes hörte, der sie umarmt hielt, antwortete sie ihm mit einem leichten Lächeln.
 
'''J 4.2''' Sie wollte dem Königssohn durch vernünftige Überlegung zur Einsicht verhelfen und sprach: „Höre, Prinz! Ich bin dir keineswegs abgeneigt.
 
'''J 4.3''' Ich prüfe nur beständig: Was ist in der Welt wirklich liebenswert, und was ist unliebsam? Mein Denken ist damit noch nicht zu einem Ende gelangt.
 
'''J 4.4''' Seit Langem denke ich immer wieder darüber nach; meiner weiblichen Natur entsprechend weiß ich darüber nicht Bescheid. Bitte erkläre mir die Sache ihrem wahren Wesen nach.“
 
'''J 4.5''' So angesprochen, lachte Hemachuda und sagte zu seiner Geliebten: „Dass Frauen einen einfältigen Verstand haben, ist offenbar wahr; daran besteht kein Zweifel!
 
'''J 4.6''' Schon Tiere, Vögel und Kriechtiere kennen Angenehmes und Unangenehmes. Denn man sieht, wie sie sich dem Angenehmen
 
'''J 4.7''' zuwenden und das Unangenehme meiden. Was gibt es da lange zu überlegen? Was Glück bringt, ist angenehm; was Leid bringt, unangenehm.
 
'''J 4.8''' Warum denkst du, Geliebte, in solcher Einfalt ständig darüber nach?“ Als Hemalekha die Worte ihres Gatten hörte, erwiderte sie:
 
'''J 4.9''' „Gewiss, Frauen sind einfältig und verstehen nichts von gründlicher Prüfung. Dennoch solltest du mich aufklären, da du so gut zu unterscheiden weißt.
 
'''J 4.10''' Wenn du mich verständlich belehrt hast, werde ich diese Überlegung aufgeben und mich dann Tag für Tag mit dir den Freuden widmen.
 
'''J 4.11''' Königssohn, du mit deiner feinen Unterscheidung hast dasjenige als angenehm und unangenehm bezeichnet, wodurch Glück beziehungsweise Leid entsteht.
 
'''J 4.12''' Ein und dieselbe Sache kann aber je nach Zeit, Ort und Beschaffenheit Glück oder Leid hervorbringen. Wie lässt sich dann eine eindeutige Festlegung treffen?
 
'''J 4.13''' So bringt etwa das Feuer je nach Zeit eine andere Wirkung hervor; ebenso verändert sich seine Wirkung je nach Ort und Beschaffenheit.
 
'''J 4.14''' Im Winter ist Feuer willkommen, im Sommer dagegen unangenehm. Auch in einer kalten oder heißen Gegend ist es entsprechend angenehm oder unangenehm.
 
'''J 4.15''' Lebewesen mit kalter Konstitution ist es angenehm, anderen nicht. Ebenso hängt dies davon ab, ob es in zu großer oder zu geringer Menge vorhanden ist.
 
'''J 4.16''' So verhält es sich auch mit Kälte, Reichtum, Ehepartnern, Kindern, Herrschaft und anderem. Warum trauert dennoch ein großer König, umgeben von Frauen, Kindern und Besitz,
 
'''J 4.17''' Tag für Tag, während andere nicht trauern? Auch die Genüsse, die dem Glück dienen sollen, sind ja unübersehbar vielfältig.
 
'''J 4.18''' Niemand hat sie alle erlangt, um dadurch glücklich zu werden. Und was das Glück betrifft, das aus irgendeinem einzelnen Gewinn entstehen soll, so höre:
 
'''J 4.19''' Es ist kein reines Glück, mein Herr, denn es ist mit Leiden vermischt. Leiden wird zweifach beschrieben: als äußeres und als inneres.
 
'''J 4.20''' Das äußere entsteht im Körper, etwa durch Störungen seiner Bestandteile. Das innere heißt geistiges Leiden; es entsteht aus dem Verlangen.
 
'''J 4.21''' Das geistige Leiden ist das größere; es hält diese ganze Welt gefangen. Gerade das Verlangen ist der überaus keimkräftige Same des Leidensbaumes.
 
'''J 4.22''' Durch dieses Verlangen zu Dienern geworden, wirken selbst die Götter, angefangen mit Indra, Tag und Nacht, obwohl sie im Himmel wohnen und stets machtvoll erscheinen.
 
'''J 4.23''' Das Glück, das trotz verbleibenden Verlangens vorhanden scheint, erkenne als Leid, Königssohn. Denn eine solche Freude kommt sogar bei Würmern vor.
 
'''J 4.24''' Besser ist noch das Glück der Tiere, Insekten und Würmer, das nur mit geringem Verlangen verbunden ist. Welches Glück besitzen dann die Menschen? Sage es mir!
 
'''J 4.25''' Wenn jemand, von hundert Wünschen besessen, durch einen kleinen Gewinn glücklich würde – wer wäre dann nicht glücklich?
 
'''J 4.26''' Wenn ein winziger Tropfen Sandelholzpaste den ganzen Körper kühlen könnte, obwohl alle seine Glieder brennen, dann wäre auch jener Mensch glücklich.
 
'''J 4.27''' Ein Mann empfindet Freude bei der Umarmung seiner Geliebten; doch schon eine ungünstige Haltung der Glieder verursacht dabei Schmerzen.
 
'''J 4.28''' Durch die Erregung der Vereinigung werden alle erschöpft. Danach stellt sich eine Müdigkeit ein wie bei einem Lasttier.
 
'''J 4.29''' Wie kannst du darin vollkommenes Glück sehen? Erkläre es mir, mein Herr. Soweit deine Freude bei der Verbindung mit der Geliebten aus dem Zusammenwirken der Körperbahnen entsteht,
 
'''J 4.30''' besitzen Hunde nicht dieselbe Freude? Sage es mir! Was du darüber hinaus durch den Anblick ihrer Schönheit empfindest,
 
'''J 4.31''' entsteht allein aus deiner Vorstellung – wie die Verbindung mit einer Frau im Traum. Einst gab es einen Königssohn, schöner noch als der Liebesgott.
 
'''J 4.32''' Er hatte eine schöne Frau gewonnen, die alle bezauberte. Der Prinz hing mit übergroßer Liebe an ihr.
 
'''J 4.33''' Ihr Herz aber, Königssohn, hing an einem anderen, einem Diener. Dieser Diener täuschte den Prinzen mit einer List.
 
'''J 4.34''' Er gab ihm übermäßig viel Wein, um ihn zu betäuben, und schickte ihm, als er vom Rausch geblendet war, eine unansehnliche Magd.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 4.35''' Unterdessen verkehrte er selbst mit dessen Frau, der Schönsten der Welt. Lange Zeit lebte der Königssohn so im Rausch.
 
'''J 4.36''' Jeden Tag lag er bei der Magd und dachte: „Wie gesegnet bin ich! Eine solche Schönheit, die mir lieb ist wie mein Leben,
 
'''J 4.37''' ist jeden Tag bei mir. Niemand kommt mir gleich.“ Nachdem so lange Zeit vergangen war, geschah es eines Tages,
 
'''J 4.38''' dass der Diener den Trank bereitstellte und wegen einer dringenden Angelegenheit fortging. Diesmal trank der Prinz nicht viel davon.
 
'''J 4.39''' Aus irgendeinem Anlass eilte er, voller Verlangen nach Vereinigung, in das reizvolle Schlafgemach, das mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet war,
 
'''J 4.40''' wie der Götterkönig in Shachis Haus im Nandana-Garten tritt. Er näherte sich der Magd auf dem kostbaren Bett
 
'''J 4.41''' und verkehrte, von Begehren überwältigt, voller Freude mit ihr. Nach der Vereinigung erkannte er jedoch die Magd mit ihrer entstellten Gestalt.
 
'''J 4.42''' Er wurde misstrauisch und zornig und dachte: „Was soll das?“ Dann fragte er sie: „Wo ist meine Geliebte?“
 
'''J 4.43''' Die Magd bemerkte, dass er nicht betrunken war. Von Furcht erfüllt und zitternd antwortete sie ihm nichts.
 
'''J 4.44''' Der Prinz erkannte, dass etwas nicht stimmte und er getäuscht worden war. Mit vor Zorn geröteten Augen packte er die Magd mit der linken Hand am Haar.
 
'''J 4.45''' Mit der rechten ergriff er sein Schwert und drohte ihr: „Sage mir genau, was geschehen ist!
 
'''J 4.46''' Wenn nicht, wirst du keinen Augenblick länger leben.“ Als sie diese Worte hörte, geriet sie in Angst und wollte ihr Leben retten.
 
'''J 4.47''' Sie erzählte ihm alles, was seit Langem vor sich ging, und zeigte ihm auch seine Frau, die mit dem Diener zusammen war.
 
'''J 4.48''' Dort lag auf einer Matte am Boden der Diener: dunkel, mit gelblichbraunen Augen, hochgewachsen, am ganzen Körper schmutzig und mit rauem, abstoßendem Gesicht.
 
'''J 4.49''' Sie hatte ihn, von der Vereinigung ermüdet, mit ihrem ganzen Körper liebevoll umschlungen. Ihre weichen, rankengleichen Arme umgaben seinen Hals,
 
'''J 4.50''' ihr Lotosgesicht lag an seinem Gesicht, ihre Beine umschlangen fest seine beiden Schenkel, und seine Hände berührten ihre vollen Brüste.
 
'''J 4.51''' Wie eine Frühlingsranke voller Blütenknospen sah sie aus. Der Königssohn sah sie, als sei Rohini von Rahu ergriffen worden.
 
'''J 4.52''' Als er sie so im Schlaf ohne Bewusstsein ihrer Umgebung sah, geriet er einen Augenblick in tiefe Verwirrung. Dann fasste er sich wieder.
 
'''J 4.53''' Höre nun von mir, was der Prinz sagte: „Schande über mich, den unwürdigen Toren, der sich vom Rausch täuschen ließ!
 
'''J 4.54''' Schande über jene, die an Frauen hängen, über diese niedrigsten Männer! Frauen gehören niemandem an, so wenig wie ein Vogel dem Baum, auf dem er sitzt.
 
'''J 4.55''' Was soll ich über mich selbst sagen? Ich bin einfältig wie ein Büffelkalb und hielt sie seit Langem für teurer als mein Leben.
 
'''J 4.56''' Frauen gehören niemandem, so wenig wie eine Kurtisane ihrem Liebhaber. Wer Frauen arglos vertraut, ist ein wahrer Waldesel.
 
'''J 4.57''' Schon eine Herbstwolke ist flüchtig und unbeständig; noch zerbrechlicher und unsteter ist die Beständigkeit von Frauen.
 
'''J 4.58''' Bis heute habe ich diese Natur der Frauen nicht erkannt! Sie hat mich, der ihr ganz ergeben war, verlassen und ist dem Diener gefolgt.
 
'''J 4.59''' An einen anderen gebunden, verbarg sie ihre Gefühle und heuchelte Liebe zu mir. Sie führte ihre Hingabe vor wie eine Schauspielerin vor einer Schar von Liebhabern.
 
'''J 4.60''' Vom Wein berauscht erkannte ich nicht das Geringste davon. Ich vertraute ihr und meinte, sie begleite mich wie mein Schatten.
 
'''J 4.61''' So getäuscht lag ich lange bei jener Magd, die ich nicht einmal ansehen mochte. Wer auf Erden könnte törichter sein als ich,
 
'''J 4.62''' der ihr vertrauensvoll folgte und so lange betrogen wurde? Und dieser verworfene Diener, dessen ganzer Körper missgestaltet ist!
 
'''J 4.63''' Welche überragende Schönheit hat sie an ihm gesehen? Sie hat mich verlassen, dessen eigene Schönheit die Blicke aller anzieht
 
'''J 4.64''' und der ihr vollkommen zugetan war, und sich mit ihm verbunden.“ Nachdem er auf vielerlei Weise so geklagt hatte, erfasste ihn tiefe Ernüchterung.
 
'''J 4.65''' Der Königssohn ging in den Wald und löste alle Bindungen. Deshalb, Prinz, entsteht diese vermeintliche Schönheit im Geist.
 
'''J 4.66''' So wie du an mir größte Schönheit wahrzunehmen meinst und daraus starke Freude gewinnst, so oder sogar noch stärker
 
'''J 4.67''' empfinden andere Freude an Frauen, die ihnen äußerlich wenig anziehend erscheinen müssten. Ich werde dir den Grund erklären. Höre gesammelt, Geliebter!
 
'''J 4.68''' Die Frau, die gesehen wird, befindet sich draußen. Ihr Abbild hingegen liegt im Geist
 
'''J 4.69''' und besteht aus Vorstellung. Indem ein Mensch ihre Schönheit immer wieder innerlich ausmalt, gerät er anschließend in Verlangen.
 
'''J 4.70''' Seine Sinne werden erregt, und er empfindet starke Freude an ihr. Sind die Sinne dagegen nicht erregt, entsteht selbst gegenüber einer schönen Frau keine solche Freude.
 
'''J 4.71''' Die Wurzel davon ist das wiederholte innere Ausmalen ihrer Schönheit. Deshalb sieht man diese Erregung weder bei Kindern noch bei Yogis.
 
'''J 4.72''' An welcher Frau auch immer ein Mensch Freude findet, ob an einer schönen oder einer anderen, dort zeichnet sein Geist Schönheit ein.
 
'''J 4.73''' Man sieht Frauen von äußerst abstoßender Gestalt; dennoch haben sich junge Männer mit ihnen verbunden, wie ihre Nachkommen erkennen lassen.
 
'''J 4.74''' Wenn diese Männer sich ihre Unansehnlichkeit ausmalten oder keine Schönheit in ihnen sähen, wie könnte dann das Verlangen nach ihnen entstehen?
 
'''J 4.75''' Was soll man über begehrende Menschen mit aufgewühltem Geist sagen! Selbst am untersten Körperteil erscheint ihnen höchste Schönheit.
 
'''J 4.76''' Wenn einer Schönheit an einem Körperteil wahrnimmt, der von Kot und Urin verunreinigt wird – wo könnte er dann keine Schönheit sehen? Erkläre es mir!
 
'''J 4.77''' Darum höre, Königssohn: Diese Schönheit könnte ohne die entsprechende Vorstellung niemals eine Ursache von Glück sein.
 
'''J 4.78''' Wenn Schönheit dem Körper so von Natur aus innewohnte wie dem Honig die Süße, warum zeigt sie sich dann nicht ebenso für kleine Kinder und Knaben?
 
'''J 4.79''' In verschiedenen Gegenden werden Menschen von vielerlei Gestalt beschrieben: mit einem Bein, einem Auge, langen Ohren oder Pferdegesichtern,
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''J 4.80''' mit Ohren, die sie wie ein Gewand umhüllen, mit flachen Gesichtern, herausragenden Hauern, ohne Nase oder mit langer Nase, behaart oder haarlos,
 
'''J 4.81''' mit braunem, weißem, fehlendem oder grobem Haar, mit weißgefleckter, rabenschwarzer, gelbbrauner oder rötlicher Haut.
 
'''J 4.82''' Solcherart verschieden sind die Menschen; sie finden an den Frauen ihrer eigenen Art ebenso Freude wie du. Bedenke dies, Königssohn!
 
'''J 4.83''' Der weibliche Körper gilt als wichtigstes Mittel des Genusses, als allgemein begehrenswert; selbst die Götter werden dadurch betört.
 
'''J 4.84''' Ebenso ist der männliche Körper den Frauen lieb und erscheint ihnen überaus schön. Prüfe mit klarem Verstand, Königssohn, wie der Körper tatsächlich beschaffen ist:
 
'''J 4.85''' ein Knochengerüst, mit Fleisch bedeckt, von Blut durchfeuchtet, von Gefäßen zusammengehalten, mit Haut überzogen und von Haaren bedeckt, erfüllt von Galle und Schleim;
 
'''J 4.86''' ein Behälter für Kot und Urin, aus Samen und Blut entstanden und aus der Körperöffnung geboren, die dem Urin benachbart ist. Das gilt hier als begehrenswert!
 
'''J 4.87''' Wie unterscheiden sich Menschen, die an solch Abstoßendem leidenschaftliche Freude haben, von Würmern im Unrat? Sage es mir!
 
'''J 4.88''' Königssohn, dieser mein Körper ist dir sehr lieb. Betrachte ihn mit [[Viveka|Unterscheidung]] und erkenne seine Bestandteile einzeln.
 
'''J 4.89''' Ebenso untersuche mit feiner Einsicht bei anderen Genussmitteln mit den sechs Geschmacksrichtungen, angefangen mit süß und sauer, ihre Natur der Verwandlung.
 
'''J 4.90''' Alles Gegessene verwandelt sich schließlich in Ausscheidungen. Daran besteht kein Zweifel; dies ist für alle erkennbar.
 
'''J 4.91''' Wenn die Welt so beschaffen ist, sage mir: Was ist wirklich angenehm, was unangenehm?“ So angesprochen, verlor Hemachuda den Geschmack an den Sinnendingen.
 
'''J 4.92''' Er hatte eine solche Folge von Worten noch niemals gehört und geriet in großes Staunen. Er dachte gründlich über alles nach, was Hemalekha gesagt hatte.
 
'''J 4.93''' Gegenüber den Genüssen ernüchtert, erlangte er höchste [[Vairagya|Nichtanhaftung]]. Dann befragte er seine Geliebte Schritt für Schritt und erkannte jenen Zustand:
 
'''J 4.94''' das reine, im Selbst gegründete Bewusstsein, Tripurā, deren Wesen sein eigenes Selbst ist. So wurde er frei und sah alles als sein eigenes Selbst.
 
'''J 4.95''' Er wurde ein [[Jivanmukta|zu Lebzeiten Befreiter]]. Darauf erlangte auch sein jüngerer Bruder Manichuda durch ihn Erkenntnis, und Muktachuda lernte von seinem Sohn.
 
'''J 4.96''' Auch Muktachudas Gemahlin empfing Erkenntnis von ihrer Schwiegertochter. Die Minister und die Bewohner der Stadt wurden ebenfalls von Erkenntnis erfüllt.
 
'''J 4.97''' In dieser Stadt blieb niemand unwissend. Sie glich einer Stadt Brahmans; die Prägungen des Samsara waren zur Ruhe gekommen.
 
'''J 4.98''' Diese weiträumige Stadt erstrahlte als eine der vorzüglichsten der Welt. Dort rezitierten sogar Papageien und Stare in ihren Käfigen:
 
'''J 4.99''' „Verehrt euer eigenes Selbst als [[Bewusstsein]], frei von einem getrennten Gegenstand! Das Erkannte ist vom Bewusstsein nicht verschieden, wie das Spiegelbild vom Spiegel.
 
'''J 4.100''' Das Bewusstsein ist das Erkannte, Bewusstsein bin ich, Bewusstsein ist alles Bewegliche und Unbewegliche. Denn alles leuchtet abhängig vom Bewusstsein; dieses aber leuchtet aus sich selbst.
 
'''J 4.101''' Darum, ihr Menschen, verehrt das leuchtende Bewusstsein, den Grund von allem! Gebt die Täuschung auf und schaut fest auf nichts als Bewusstsein.“
 
'''J 4.102''' Als Brahmanen wie Vamadeva einst diese erhabenen Worte der Papageien hörten, gaben sie der Stadt einen Namen:
 
'''J 4.103''' „Weil hier selbst Tiere die Erkenntnis verkünden, soll diese Stadt als Prasiddhavidyanagara bekannt sein, als die Stadt der offenkundigen Erkenntnis.“
 
'''J 4.104''' Noch heute besteht die Stadt unter diesem Namen. Darum, Rama, ist [[Satsang]] die Wurzel alles aufkeimenden Heils.
 
'''J 4.105''' Durch die Gemeinschaft mit Hemalekha wurden alle zu Kennern der Wahrheit. Erkenne deshalb, Rama, dass solche Gemeinschaft die tiefste Wurzel des Heils ist.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya, in der Erzählung von Hemachuda, das vierte Kapitel über die Frucht des Satsang.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 5: Das Gleichnis von der Bindung===
 
'''Ein Gleichnis des inneren Lebens:''' Die auftretenden Familienmitglieder, Städte und Handlungen sind allegorisch zu lesen. Ihre ausdrückliche Erklärung folgt in Kapitel 8. Auch das dort erzählte Bezwingen und Töten ist Teil dieses Gleichnisses.
 
'''J 5.1''' Nachdem Rama aus den Worten des Sohnes Atris die Herrlichkeit des Satsang vernommen hatte, fragte er mit erfreutem Herzen weiter:
 
'''J 5.2''' „Herr, du hast wahr gesprochen: Die Gemeinschaft mit den Guten ist eine Ursache des Heils. Das lässt sich unmittelbar erkennen.
 
'''J 5.3''' Wie die Gemeinschaft ist, in die jemand eintritt, so ist auch ihre Frucht. Durch die Gemeinschaft selbst mit einer Frau wie Hemalekha erlangten alle die große Frucht.
 
'''J 5.4''' Ich möchte weiter hören, wie Hemachuda von ihr zur Einsicht geführt wurde. Erkläre mir dies ausführlich, du Schatz des Mitgefühls.“
 
'''J 5.5''' So von Rama befragt, antwortete Dattatreya: „Höre, Nachkomme Bhrigus! Ich werde dir diese höchst läuternde Geschichte erzählen.
 
'''J 5.6''' Als Hemachuda ihre Worte gehört hatte, erkannte er die Geschmacklosigkeit der Sinnendinge. Ernüchterung ihnen gegenüber entstand in ihm, und er wirkte bedrückt.
 
'''J 5.7''' Doch er stand unter dem Einfluss der seit Langem gefestigten Prägungen des Sinnengenusses. Er konnte die Dinge weder unverzüglich aufgeben noch unbefangen annehmen.
 
'''J 5.8''' Voller Scham sagte der Prinz seiner Geliebten nichts. Einige Tage verbrachte er so, von Gedanken bedrängt.
 
'''J 5.9''' Wenn die Sinnendinge ihn anzogen, erinnerte er sich an ihre Worte; er tadelte sich selbst und genoss dennoch, von seinen Prägungen beherrscht.
 
'''J 5.10''' Die Wucht der Gewohnheiten trieb ihn zu den Sinnendingen. Sobald er ihnen begegnete, dachte er wieder an die von seiner Geliebten erklärten Fehler.
 
'''J 5.11''' Dann wurde sein Herz von Sorge erschüttert, und er verzagte immer wieder. Sein Geist glich jemandem auf einer hin und her schwingenden Schaukel.
 
'''J 5.12''' Weder Speisen noch Gewänder, Schmuck, Frauen oder Fahrzeuge, weder Freunde noch vertraute Gefährten konnten ihn erfreuen.
 
'''J 5.13''' Wie einer, der all seinen Besitz verloren hat, trauerte er unablässig. Von seinen Prägungen beherrscht, konnte er nicht alles sogleich aufgeben.
 
'''J 5.14''' Doch weil er die Nachteile erkannte, konnte er auch nicht mehr unbefangen genießen. Als Hemalekha sein von Trauer blass gewordenes Gesicht und seine matten Augen bemerkte,
 
'''J 5.15''' trat sie eines Tages allein zu ihm und sagte: „Mein Herr, warum sehe ich dich nicht mehr wie früher voller Freude?
 
'''J 5.16''' Du scheinst mir zu trauern. Woher kommt dieser Zustand? Wird dein leibliches Selbst etwa immer wieder von Krankheiten bedrängt?
 
'''J 5.17''' Die Verständigen sagen, mit den Genüssen sei die Furcht vor Krankheit verbunden. In einem Körper, der aus den drei Doshas hervorgeht, entstehen aus deren Ungleichgewicht
 
'''J 5.18''' Krankheiten, die nahezu alle Körper erfassen. Die Störung dieses Gleichgewichts lässt sich nicht in jeder Hinsicht verhindern.
 
'''J 5.19''' Durch Essen, Kleidung, Sprechen, Sehen und Berührung, durch Zeit, Ort und Handlungen können die Doshas ins Ungleichgewicht geraten.
 
'''J 5.20''' Deshalb lässt sich das Entstehen einer solchen Störung in der Welt nicht in jeder Hinsicht voraussehen. Wenn das Ungleichgewicht vorhanden ist, wird Behandlung gelehrt.
 
'''J 5.21''' Nirgends wird eine Behandlung eines bereits bestehenden Ungleichgewichts genannt, solange dieses noch gar nicht entstanden ist. Sage mir deshalb, Geliebter: Woher kommt deine Trauer?“
 
'''J 5.22''' Als er dies hörte, antwortete der Königssohn Hemalekha: „Höre, Geliebte! Ich werde dir erklären, was meine Trauer verursacht.
 
'''J 5.23''' Durch deine Worte ist das zerstört worden, was mir früher Freude bereitete. Jetzt sehe ich nichts mehr, das mein Glück vermehren könnte.
 
'''J 5.24''' Wie ein zum Tode Verurteilter keine Freude an einem vom König geschenkten Besitz findet, so erfreut mich nichts daran, auch wenn es ringsum Annehmlichkeiten bietet.
 
'''J 5.25''' Während ich die Sinnendinge genieße, bin ich ständig wie ein zu Fronarbeit Gezwungener. Darum frage ich dich, Geliebte: Was soll ich tun, um glücklich zu werden?“
 
'''J 5.26''' So von ihm befragt, überlegte Hemalekha: „Durch das Hören meiner Worte ist er nun zu echter Ernüchterung gelangt.
 
'''J 5.27''' In ihm ist der Same des Heils vorhanden, denn er befindet sich in diesem Zustand. Menschen, für die das Heil noch nicht in Aussicht steht,
 
'''J 5.28''' werden durch solche zusammenhängenden Unterweisungen nicht einmal im Geringsten verändert. Nur wer die im Herzen wohnende Gottheit des eigenen Selbst lange verehrt hat,
 
'''J 5.29''' wem Tripurā gewogen ist, gelangt in einen solchen Zustand.“ So dachte die sehr verständige Frau, die ihren Geliebten zur Einsicht führen wollte.
 
'''J 5.30''' Sie verbarg ihre Gelehrsamkeit und sprach in Gestalt einer anderen Geschichte: „Höre, Königssohn, was mir früher widerfahren ist.
 
'''J 5.31''' Einst gab meine Mutter mir eine Gefährtin zum Spielen. Diese von Natur aus Wahrhaftige, Svabhavasati, geriet in die Gemeinschaft einer Unwahrhaftigen.
 
'''J 5.32''' Diese besaß die Fähigkeit, wunderbare, vielfältige Erscheinungen hervorzubringen. Von meiner Mutter unbemerkt verband sie sich mit meiner Gefährtin.
 
'''J 5.33''' Meine Gefährtin, die sich mit jener von schlechtem Wandel eingelassen hatte, war mir lieber als mein Leben. Ich stand stets unter ihrem Einfluss.
 
'''J 5.34''' Niemals konnte ich auch nur einen halben Augenblick ohne sie bleiben. Mit ihrer lauteren Art hatte sie mich an sich gebunden.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 5.35''' Mein ganzes Wesen war beständig auf sie ausgerichtet. Doch sie war mit jener schlechten Schauspielerin von wandelbarer Art verbunden.
 
'''J 5.36''' Diese verleitete sie zu verborgenem Tun und brachte sie mit ihrem eigenen Sohn zusammen. Der Sohn war äußerst töricht, und seine Augen rollten vom Weinrausch.
 
'''J 5.37''' Er nahm sie in Besitz und genoss sie fortwährend vor meinen Augen. Obwohl sie ganz von ihm ergriffen und Tag für Tag von ihm genossen wurde,
 
'''J 5.38''' verließ sie mich niemals. Durch die Verbindung mit ihr wurde auch ich von ihm berührt. Dann wurde ein Sohn geboren, der dem Toren in seiner Gestalt glich.
 
'''J 5.39''' Er wurde rasch erwachsen und war äußerst unstet. Er besaß die Verblendung seines Vaters und die Eigenschaft seiner Großmutter,
 
'''J 5.40''' vielerlei bunte Gebilde erschaffen zu können. Die Großmutter namens Shunya, „die Leere“, und der Vater namens Mudha, „der Verblendete“,
 
'''J 5.41''' unterwiesen ihn, der Asthira, „der Unstete“, hieß. Auch aus sich selbst war er sehr geschickt. Er erlangte eine ungehinderte Beweglichkeit von unvorstellbarer Schnelligkeit.
 
'''J 5.42''' So wurde meine von Geburt an klare Gefährtin Svabhavasati durch den Umgang mit der Unwahrhaftigen sehr verunreinigt.
 
'''J 5.43''' Durch die lange Gemeinschaft mit jener Freundin, ihrem Geliebten und ihrem Sohn, die von unwahrer Art waren, wurde sie ihnen fest verbunden.
 
'''J 5.44''' Nach und nach gab meine Gefährtin die Liebe zu mir völlig auf. Ich aber war von Natur aus schlicht und vermochte die Gemeinschaft mit ihr nicht einfach zu verlassen.
 
'''J 5.45''' Ich blieb ganz auf sie gerichtet und folgte ihr in allem. Ihr Geliebter Mudha, der sie ständig genoss,
 
'''J 5.46''' bemühte sich nun mit aller Gewalt, auch mich zu überwältigen. Da ich von Natur aus rein bin, geriet ich in Wirklichkeit nicht unter seine Herrschaft.
 
'''J 5.47''' Dennoch verbreitete sich in der Welt große Verleumdung über mich: „Auch diese wird auf jede Weise von Mudha genossen.“
 
'''J 5.48''' Meine Gefährtin vertraute mir ihren Sohn Asthira an. Von ihrem Geliebten umarmt, war sie ganz auf ihn ausgerichtet.
 
'''J 5.49''' Ich umsorgte Asthira und ernährte ihn gut. Als er erwachsen war, verband er sich mit Erlaubnis seiner Großmutter mit einer Frau.
 
'''J 5.50''' Seine Geliebte hieß Chapala, „die Flatterhafte“. In jedem Augenblick nahm sie eine andere bezaubernde Gestalt an, ganz nach dem Gefallen ihres Geliebten.
 
'''J 5.51''' Das erregte Staunen. Mit großer Geschicklichkeit brachte sie ihren Geliebten vollständig unter ihre Herrschaft.
 
'''J 5.52''' Asthira konnte in einem einzigen Augenblick unzählige Hunderte von Yojanas zurücklegen. Immer wieder ging und kam er, ohne zu ermüden.
 
'''J 5.53''' Wohin Asthira auch gehen wollte, nahm Chapala die von ihm gewünschte Gestalt an,
 
'''J 5.54''' war genau dort gegenwärtig und erfreute ihren Geliebten. So mit Asthira eng verbunden,
 
'''J 5.55''' gebar Chapala fünf Söhne, die ihren Eltern ganz ergeben waren. Meine Gefährtin vertraute mir diese fünf auf unterschiedliche Weise tüchtigen Söhne an.
 
'''J 5.56''' Weil ich meine Gefährtin liebte, machte ich sie kräftig. Dann errichteten diese fünf Söhne Chapalas, jeder für sich,
 
'''J 5.57''' eine prächtige, vielfältige und weit ausgedehnte Wohnstätte. Von der Mutter gut angeleitet, brachten sie ihren Vater unter ihren Einfluss.
 
'''J 5.58''' In jedem Augenblick führten sie den Vater in ihre jeweilige Wohnung. Als Asthira das Haus seines ältesten Sohnes betrat,
 
'''J 5.59''' hörte er vielerlei Klänge, wohltönende und andere: hier süßen Gesang, dort anmutige Instrumentalmusik,
 
'''J 5.60''' Rig-, Yajur- und Sama-Verse, auch die Mantras des Atharvaveda, Lehrschriften, Agamas, alte Erzählungen und das Klingen von Schmuck,
 
'''J 5.61''' das Summen von Bienenschwärmen und den lieblichen fünften Ton des Kuckucks. Auf die Weisung seines Sohnes hörte er solche bezaubernden Klänge.
 
'''J 5.62''' Er freute sich und geriet unter dessen Einfluss. Dann wies der Sohn ihn auf anderes: Er hörte misstönende, ohrenverletzende, furchtbare Laute,
 
'''J 5.63''' das Brüllen von Löwen und anderen Tieren, Wolkendonner und das Krachen des Blitzes, so schrecklich, als zersprenge es das Weltei und löse Fehlgeburten aus.
 
'''J 5.64''' Als er dies hörte, erschrak er heftig. Anderswo hörte er ebenso Weinen, verwirrtes Klagen und vielerlei Äußerungen der Trauer.
 
'''J 5.65''' Dann führte der zweite Sohn Asthira in sein Haus. Dort fand er schöne, weich anzufühlende Sitze,
 
'''J 5.66''' Betten und Gewänder, aber auch hart Berührbares, kühl Berührbares und heiß Berührbares.
 
'''J 5.67''' Er erlebte vielerlei Dinge, die weder heiß noch kalt waren. Über Wohltuendes freute er sich; über Unzuträgliches wurde er betrübt.
 
'''J 5.68''' Als Asthira das Haus des dritten Sohnes erreichte, sah er anziehend gestaltete Dinge in vielerlei Farben:
 
'''J 5.69''' rote, weiße, gelbe, blaue, grüne und rosafarbene, rauchgraue, braune, gelbbraune, dunkle und bunte;
 
'''J 5.70''' große, schlanke, winzige, lange, ausgedehnte, runde, halbrunde und länglich runde, schöne und erschreckende;
 
'''J 5.71''' abstoßende, leuchtende, grimmige, dunkle und die Augen blendende. Während der Vater bald Zuträgliches und bald anderes betrachtete,
 
'''J 5.72''' führte ihn der vierte Sohn in seine vielfältige Wohnstätte. Dort fand er Blumen, Früchte und Speisen aller Art,
 
'''J 5.73''' Getränke, Leckbares, Saugbares und essbare Köstlichkeiten, nektargleich Schmeckendes, Süßes und Saures,
 
'''J 5.74''' Scharfes, Bitteres, Zusammenziehendes, Salziges, süßsauere und scharf-sauer-salzige Mischungen,
 
'''J 5.75''' scharfbittere und mannigfaltige weitere Geschmacksrichtungen. Während er mit seinem Sohn kostete, kam der jüngste Sohn
 
'''J 5.76''' und führte den Vater in seine eigene, äußerst vielfältige Wohnstätte. Dort nahm er vielerlei Blumen und Früchte wahr,
 
'''J 5.77''' Gräser, Speisen, Kräuter und andere Dinge, wohlriechende und faulig riechende, mild und durchdringend duftende,
 
'''J 5.78''' betäubende, klärende, ohnmächtig machende und sonstige Gerüche. So ging er in die Häuser seiner Söhne ein und aus und verweilte darin.
 
'''J 5.79''' An Zuträglichem erfreute er sich, unter Unzuträglichem litt er. Ständig war er unterwegs zwischen den Häusern seiner Söhne.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''J 5.80''' Aus Liebe zu ihrem Vater berührten die Söhne ohne ihn niemals auch nur ein wenig die mannigfaltigen Gegenstände.
 
'''J 5.81''' Asthira genoss in den Häusern seiner Söhne viele Dinge. Andere Gegenstände nahm er heimlich an sich und brachte sie in seine eigene Wohnung.
 
'''J 5.82''' Dort genoss er sie allein mit seiner Frau Chapala, ohne die Söhne. Dann wählte auch Chapalas Schwester,
 
'''J 5.83''' Mahashana, „die Unersättliche“, den anziehenden Asthira zum Gatten. Als auch Asthira ihr übermäßig anhing,
 
'''J 5.84''' bemühte er sich, zu ihrer Freude Genüsse herbeizuschaffen. Selbst wenn er vieles brachte, verschlang sie es in einem Augenblick
 
'''J 5.85''' und wurde erneut von Hunger erfasst. Immer wieder wies sie den Geliebten an, neue Genüsse zu holen; er hielt beständig danach Ausschau.
 
'''J 5.86''' Was die fünf Söhne herbeibrachten und der Gatte zusammentrug, verschlang sie im Nu. Dann wurde sie erneut vom Hunger gepeinigt.
 
'''J 5.87''' Stets schickte sie ihren Gatten und ihre Söhne aus, neue Genüsse zu holen. Nach kurzer Zeit gebar sie ein Paar von Söhnen.
 
'''J 5.88''' Der ältere hieß Jvalamukha, „Flammenmund“, der andere Nindyavritta, „der von tadelnswertem Wandel“. Beide waren ihrer Mutter immer besonders lieb.
 
'''J 5.89''' Wann immer Asthira, an Mahashana gebunden, sie umarmte, wurde sein ganzer Körper von Jvalamukhas Flammen geleckt.
 
'''J 5.90''' Asthira litt überaus und verfiel in tiefe Betäubung. Zuweilen verband er sich mit seinem geliebten Sohn Nindyavritta.
 
'''J 5.91''' Dann wurde er von allen verachtet und war wie tot. Als Asthira so ganz zum Erleiden von Schmerzen bestimmt schien,
 
'''J 5.92''' verband sich meine Gefährtin Svabhavasati aus übergroßer mütterlicher Liebe mit ihrem Sohn. Durch sein Leid
 
'''J 5.93''' wurde sie selbst von einer schweren Last des Leidens erfasst. Mit Nindyavritta verbunden und von ihrem Enkel Jvalamukha umarmt,
 
'''J 5.94''' wurde sie verbrannt, von den Menschen getadelt und beinahe wie tot. Und weil ich ihr stets folgte, schien auch ich, Geliebter, fast ausgelöscht.
 
'''J 5.95''' Viele Jahre litt ich so durch das Leiden meiner Gefährtin. Seit Asthira Mahashana geheiratet hatte, war er nicht mehr frei.
 
'''J 5.96''' Durch eine bestimmte Handlung gelangte er einst in eine Stadt mit zehn Toren. Dort lebte er zusammen mit Mahashana, seinen Söhnen, seiner Mutter und den übrigen.
 
'''J 5.97''' Er suchte Glück, erlebte aber Tag und Nacht Leid. Von seinen beiden Söhnen am ganzen Körper verbrannt und verächtlich gemacht,
 
'''J 5.98''' wurde er durch seine beiden Frauen ständig hierhin und dorthin gezogen. Immer wieder betrat und verließ er die fünf Häuser seiner Söhne.
 
'''J 5.99''' Er geriet in größte Erschöpfung und fand nirgends Glück. Durch das Leid ihres Sohnes wurde auch meine Gefährtin äußerst unglücklich.
 
'''J 5.100''' Fast wie betäubt wohnte sie in jener Stadt. Mahashana, die mit Jvalamukha und Nindyavritta verbunden war,
 
'''J 5.101''' wurde von Shunya und von ihrem Schwiegervater Mudha genährt und auch durch ihre Mitfrau Chapala sehr gestärkt.
 
'''J 5.102''' So brachte sie ihren Gatten Asthira in jener Stadt völlig unter ihre Herrschaft. Aus Liebe zu meiner Gefährtin wohnte auch ich dort, ganz ihr zugewandt.
 
'''J 5.103''' Durch ihr Leid beinahe vernichtet, bemühte ich mich, alle zu erhalten. Wäre ich auch nur einen einzigen Augenblick nicht dort, Geliebter,
 
'''J 5.104''' könnte keiner von ihnen bestehen. Denn durch mich wird alles erhalten. Durch Shunya schien ich leer, durch Mudha verblendet,
 
'''J 5.105''' durch Asthira unstet, durch die Verbindung mit Chapala flatterhaft, durch Jvalamukha brennend und durch Nindyavritta von dessen Art.
 
'''J 5.106''' Durch die Verbindung mit meiner Gefährtin nahm ich so anscheinend die jeweilige Gestalt an. Wenn ich meine Gefährtin verließe, würde sie in einem Augenblick vergehen.
 
'''J 5.107''' Wegen meiner Verbindung mit ihnen nennen mich alle törichten Menschen treulos. Die Einsichtigen aber wissen, dass ich makellos bin.
 
'''J 5.108''' Meine Mutter ist vollkommen wahrhaftig, rein und von makelloser Gestalt, weiter als der Raum und feiner als ein Atom.
 
'''J 5.109''' Sie weiß alles und weiß doch kein gegenständliches Etwas; sie tut alles und ist doch untätig. Sie ist die Zuflucht von allem und hat selbst keinen äußeren Grund; sie trägt alles und ist auf nichts angewiesen.
 
'''J 5.110''' Sie ist alle Gestalten und dennoch gestaltlos, mit allem verbunden und dennoch unverbunden. Obwohl sie überall leuchtet, kann sie von niemandem als Gegenstand erkannt werden.
 
'''J 5.111''' Sie ist große Glückseligkeit und doch jenseits gegenständlicher Freude; sie hat weder Mutter noch Vater. Unzählige Töchter wie mich hat sie.
 
'''J 5.112''' Wie die Wellen des Meeres ist die Schar meiner Schwestern nicht zu zählen. Sie alle, Königssohn, führen ein Leben wie ich.
 
'''J 5.113''' Auch ich besitze eine große verborgene Kraft. Obwohl ich mit all diesen Gefährtinnen verbunden und auf sie ausgerichtet bin, gleiche ich meinem Wesen nach meiner Mutter.
 
'''J 5.114''' Wenn der Sohn meiner Gefährtin in dieser Stadt ganz ermüdet ist, schläft Asthira tief im Schoß seiner Mutter.
 
'''J 5.115''' Wenn Asthira schläft, schlafen auch seine Söhne und die übrigen ein. Keiner von ihnen bleibt wach.
 
'''J 5.116''' Dann bewacht Asthiras geliebter Freund Pracara, „der Umlauf“, die Stadt; er bewegt sich beständig durch das vordere Torpaar.
 
'''J 5.117''' Auch Asthiras Mutter, meine Gefährtin, ist dann mit ihrem Sohn vereint. Ihre Freundin und Schwiegermutter, die von Natur aus Unwahrhaftige,
 
'''J 5.118''' hüllt sie alle ein und behütet sie zusammen mit ihrem eigenen Sohn. Wenn so alle schlafen, kehre ich zu meiner Mutter zurück.
 
'''J 5.119''' Von meiner Mutter umarmt, bin ich lange von Glück erfüllt. Sobald jene wieder erwachen, folge ich ihnen jedoch rasch, Tag für Tag.
 
'''J 5.120''' Asthiras mächtiger Freund Pracara ernährt täglich alle, angefangen mit Asthira.
 
'''J 5.121''' Obwohl einer, nimmt er viele Formen an, durchdringt und erhält jeden Tag die Stadt und ihre Bewohner und verbindet alle miteinander.
 
'''J 5.122''' Ohne ihn würden sie auseinanderfallen und vollständig zugrunde gehen, wie die Perlen einer Kette voneinander getrennt werden, wenn der Faden fehlt.
 
'''J 5.123''' Er verbindet sich auch mit mir und bringt mich mit allen zusammen. Von mir belebt, ist er in jener Stadt der Lenker, der die Fäden hält.
 
'''J 5.124''' Wenn die Stadt verfallen ist, führt er sie rasch in eine andere. Auf Pracara gestützt, wurde Asthira so nach und nach zum Herrn
 
'''J 5.125''' vieler verschiedener Städte. Obwohl Asthira der Sohn der Wahrhaftigen war und sich auf diesen Mächtigen stützte,
 
'''J 5.126''' obwohl auch ich ihn stets belebte, erfuhr er auf jede Weise Leid: durch seine enge Verbindung mit den beiden Frauen Chapala und Mahashana,
 
'''J 5.127''' mit dem Söhnepaar Jvalamukha und Nindyavritta sowie den anderen fünf Söhnen wurde er überallhin gezerrt.
 
'''J 5.128''' Sein ganzes Wesen war von großer Bedrängnis erfüllt und des geringsten Glückes beraubt. Bald zogen ihn die fünf Söhne hierhin und dorthin,
 
'''J 5.129''' bald wurde er von Chapala heftig aufgewühlt und ermüdete; bald lief er umher, um Nahrung für Mahashana zu beschaffen.
 
'''J 5.130''' Manchmal von Jvalamukha gepackt und vom Fuß bis zum Kopf verbrannt, verfiel er in tiefe Betäubung, ohne ein Gegenmittel zu kennen.
 
'''J 5.131''' Manchmal geriet er zu Nindyavritta und wurde von anderen verachtet und beschimpft. Von Trauer bedrängt hielt er sich dann für so gut wie tot.
 
'''J 5.132''' Mit schlechten Frauen und Söhnen verbunden, aus einer verdorbenen Familie hervorgegangen, wurde er verblendet, von Frau und Kindern beherrscht und stets von ihnen geführt.
 
'''J 5.133''' Mit ihnen wohnte er in verschiedenartigen Städten, hohen und niedrigen, bald in solchen voller Wildnis, im Gebiet fleischfressender Tiere,
 
'''J 5.134''' bald in überaus heißen, bald in kalten und erstarrten, bald in solchen, in denen Fäulnis dahinfloss, bald in dichter Finsternis.
 
'''J 5.135''' Als ihr Sohn Asthira so immer wieder schweres Leid erfuhr, war auch meine Gefährtin durch den schlechten Umgang beständig vor Leid verwirrt.
 
'''J 5.136''' Obwohl ich von Natur aus wahrhaftig bin, folgte ich ihr und schien selbst völlig verblendet, Geliebter, ganz der Sorge für ihre Familie ergeben.
 
'''J 5.137''' Wer könnte durch schlechten Umgang irgendwo auch nur ein wenig Glück erlangen? Es wäre, als wollte ein Mensch seinen Durst stillen, indem er im Sommer in die Wüste geht.
 
'''J 5.138''' Nachdem sehr lange Zeit vergangen war, kam meine Gefährtin, von großer Erschöpfung verwirrt, allein mit mir zusammen.
 
'''J 5.139''' Durch die Gemeinschaft mit mir allein gewann sie klare Einsicht und einen wahrhaftigen Gatten. Sie bezwang ihren eigenen Sohn, tötete ihn und band dessen Söhne und die übrigen.
 
'''J 5.140''' Mit mir vereint, gelangte sie rasch zur Stadt meiner Mutter. Makellos umarmte sie meine Mutter immer wieder
 
'''J 5.141''' und versank mit ihrem ganzen Wesen im Ozean der Glückseligkeit. Ebenso bezwinge auch du den übel handelnden Sohn deiner Gefährtin,
 
'''J 5.142''' erreiche deine eigene Mutter, mein Herr, und erlange ewiges Glück. Dies habe ich dir als selbst erfahrenen Ort der Freude erzählt.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya, in der Erzählung von Hemachuda, das fünfte Kapitel, die Erzählung von der Bindung.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 6: Vertrauen und kritische Prüfung===
 
'''Vertrauen und Prüfung:''' Die Diskussion richtet sich gegen ein Argumentieren, das jeden Erkenntnisgrund aufhebt und damit auch seine eigene Behauptung untergräbt. Die Lehre der Figur Shunga wird in der Polemik dieser Erzählung wiedergegeben; sie ersetzt keine umfassende Darstellung philosophischer Leerheitslehren.
 
'''J 6.1''' Als Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, staunte er sehr. Lächelnd fragte er, der noch nicht verstand, die einsichtsvolle Frau:
 
'''J 6.2''' „Geliebte, was du da erzählt hast, erscheint mir wie ein Bild im leeren Himmel. Deine Rede hat keinen greifbaren Halt; so kommt mir das Ganze vor.
 
'''J 6.3''' Du bist doch als Tochter einer Himmelsfrau geboren und von einem Rishi im Wald aufgezogen worden. Du bist gerade erst jugendlich geworden und noch nicht voll erwachsen.
 
'''J 6.4''' Du erzählst aber von Begebenheiten, die sich über viele tausend Jahre erstreckt haben müssten. Deine Worte gleichen der Rede eines von einem Geist Besessenen.
 
'''J 6.5''' Wie soll ich aus dieser zusammenhanglosen Erzählung etwas Wirkliches verstehen? Sage mir: Wo ist deine Gefährtin? Und wo ist ihr gefesselter Sohn?
 
'''J 6.6''' Wo liegen jene Städte? Erkläre es mir! Doch wozu diese ganze Geschichte? Sage mir zunächst, wo meine eigene Gefährtin ist.
 
'''J 6.7''' Ich habe von meiner Mutter keine Gefährtin erhalten; bedenke das. Meine ehrwürdige Mutter lebt in ihren Gemächern, und mein Vater hat keine andere Gemahlin.
 
'''J 6.8''' Wo also ist jene Gefährtin von mir, und wo ihr Sohn? Sage es sogleich! Mir scheint deine Rede sich auf etwas zu stützen wie den Sohn einer unfruchtbaren Frau.
 
'''J 6.9''' So spricht etwa ein Schauspieler in der Rolle eines Spaßmachers: „Der Sohn einer Unfruchtbaren bestieg einen großen Wagen aus Spiegelbildern,
 
'''J 6.10''' geschmückt mit goldenem Schmuck, den man einer Muschelschale nur angedichtet hatte. Mit Waffen aus Menschenhörnern kämpfte er in einem Wald im Himmel,
 
'''J 6.11''' tötete einen erst künftig geborenen König, eroberte eine Luftschlossstadt und spielt nun mit Traumfrauen im Fluss einer Luftspiegelung.“
 
'''J 6.12''' Ebenso erscheint mir deine Rede in jeder Hinsicht widersinnig.“ Als die kluge Hemalekha diese Worte ihres Geliebten hörte, antwortete sie:
 
'''J 6.13''' „Mein Herr, wie könnte das, was ich dir gesagt habe, sinnlos sein? Die Worte von Menschen meiner Art sind niemals ohne einen tragenden Grund.
 
'''J 6.14''' Unwahrheit zerstört die Kraft der Askese. Wie könnte sie bei Wahrheitsliebenden Platz finden? In einer Familie von Asketen wäre sie so fehl am Platz wie Schönheit bei einer entstellenden Hautkrankheit.
 
'''J 6.15''' Wer einen ernsthaft Fragenden durch Unwahrheit auf etwas anderes lenkt, findet weder oben noch unten eine Welt, die ihm Glück gewährt.
 
'''J 6.16''' Höre, Königssohn! Ein Mensch mit getrübter Sicht gewinnt nicht sogleich klares Sehen, nur weil man ihm viel von Augensalben erzählt.
 
'''J 6.17''' Mit verwirrtem Verständnis hält er sogar gut gemeinte Worte für falsch. Warum sollte ich, deine Geliebte, dich, der nach Erkenntnis fragt, mit Unwahrheiten abspeisen?
 
'''J 6.18''' Selbst wenn dir das von mir Gesagte unwahr erscheint, prüfe es mit klarem Verstand. Ein geschickter Mensch kann im gewöhnlichen Leben
 
'''J 6.19''' aus der Untersuchung eines einzigen Gesichtspunkts die ganze Lage erkennen. Ich werde dir dazu ein Beispiel geben; betrachte es sorgfältig.
 
'''J 6.20''' Alle jene Sinnendinge dienten früher deinem erwünschten Glück. Warum dienen sie dir heute, nachdem du meine Worte gehört hast, nicht mehr als Quelle des Glücks?
 
'''J 6.21''' Warum bereiten dieselben Dinge anderen noch immer Freude? Schon anhand dieses Beispiels solltest du deine Auffassung prüfen können.
 
'''J 6.22''' Höre mit aufrichtigem, klarem Verständnis, was ich sage, Königssohn: Das beständige Misstrauen gegenüber den Worten glaubwürdiger Menschen wird in der Welt zum Feind.
 
'''J 6.23''' [[Shraddha|Vertrauen]] ist eine Mutter. Wie eine liebevolle Mutter ihr Kind schützt es den, der bei ihm Zuflucht nimmt, vor großen Gefahren; daran besteht kein Zweifel.
 
'''J 6.24''' Glück, Wohlstand und Ansehen verlassen den Toren, der glaubwürdigen Menschen nicht vertraut. Wer ohne Vertrauen ist, bleibt auf jede Weise benachteiligt.
 
'''J 6.25''' Vertrauen trägt die Welten; Vertrauen ist das Leben aller. Wie könnte ein Kind leben, das seiner Mutter nicht vertraut? Sage es mir!
 
'''J 6.26''' Wie könnte ein junger Mann glücklich werden, wenn er seiner Frau misstraut? Wie könnte ebenso ein alter Mensch ein gutes Los finden, wenn er seinen Kindern nicht vertraut?
 
'''J 6.27''' Warum sollte ein Bauer den Boden pflügen, wenn er keinerlei Vertrauen hätte? Ohne Vertrauen gäbe es nirgends ein Handeln, weder beim Aufgeben noch beim Erwerben.
 
'''J 6.28''' Durch völligen Mangel an Vertrauen würde der Bestand der Welt zerfallen. Wenn du meinst, die Menschen handelten nur aufgrund unumstößlicher Gewissheit, dann höre:
 
'''J 6.29''' Warum setzt du dein Vertrauen gerade in das Erfassen solcher Gewissheit? Auch wer sich allein auf unumstößliche Gewissheit stützt, nimmt damit Zuflucht zu Vertrauen.
 
'''J 6.30''' Ohne Vertrauen würde die Welt gewiss verzagen und zugrunde gehen. Finde deshalb festes Vertrauen und erlange unübertreffliches Glück.
 
'''J 6.31''' Wenn du meinst, einem Ungeeigneten dürfe man nicht vertrauen, dann höre: Auch diese Haltung beruht bereits auf Vertrauen, Königssohn.
 
'''J 6.32''' Wie könnte sonst deine Entscheidung zustande kommen?“ Als Hemachuda die Worte seiner geschickt sprechenden Geliebten hörte, entgegnete er:
 
'''J 6.33''' „Gewiss, Geliebte, wenn man überhaupt vertrauen muss, dann soll man sein Vertrauen auf die Guten richten, damit daraus Heil entsteht.
 
'''J 6.34''' Wer Heil sucht, soll den Schlechten nicht vertrauen. Sonst ergeht es ihm wie einem Fisch bei einem gekrümmten Haken, der innen scharf,
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 6.35''' außen aber mit einer glatten Teigschicht bedeckt ist: Er geht zugrunde. Darum soll man nur den Guten vertrauen, niemals den Schlechten.
 
'''J 6.36''' Diejenigen, die den Schlechten vertrauten und zugrunde gingen, und die anderen, die durch Vertrauen zu den Guten Heil fanden, sind dafür Beispiele.
 
'''J 6.37''' Deshalb ist Vertrauen nur nach vorgängiger Prüfung angemessen, nicht anders. Wie kannst du dann fragen, wie meine Entscheidung überhaupt zustande kommen könnte?“
 
'''J 6.38''' So angesprochen, antwortete Hemalekha ihrem geliebten Gatten erneut: „Höre, Königssohn, was ich dir nun sage.
 
'''J 6.39''' Auf deine Frage nach meiner Frage erwidere ich: Woher stammt deine Gewissheit, dass dieser gut und jener nicht gut ist?
 
'''J 6.40''' Wenn diese Gewissheit zutrifft, entsteht durch rechtes Vertrauen Heil. Meinst du, die Gewissheit stamme aus Merkmalen, dann richtet sich dein Vertrauen auf diese Merkmale.
 
'''J 6.41''' Wenn du sagst, die Kenntnis der Merkmale beruhe auf einem gültigen Erkenntnismittel, dann höre: Was kann für einen völlig Misstrauischen überhaupt als Erkenntnismittel gelten? Bestimme dies genau!
 
'''J 6.42''' Andernfalls könnte sich ein Erkennender niemals irren. Deshalb handelt die ganze Welt auf der Grundlage von Vertrauen.
 
'''J 6.43''' Ich werde dir erklären, wie das zu verstehen ist. Höre mit ruhigem Geist! Weder ein Mensch, dessen Argumentieren niemals zu einem tragfähigen Ergebnis gelangt, noch ein Mensch, der überhaupt nicht prüft,
 
'''J 6.44''' findet auf diesem Weg Heil in dieser oder einer anderen Welt. Doch bei demjenigen, der bisher nicht prüft, kann mit der Zeit noch Heil entstehen.
 
'''J 6.45''' Wer dagegen in haltlosem Argumentieren verfangen bleibt, findet auf diese Weise kein Heil. Einst lebte im Sahya-Gebirge am Ufer der Godavari ein Weiser namens Kaushika.
 
'''J 6.46''' Sein Verständnis war friedvoll und klar, und er kannte die wahre Beschaffenheit der Welt. Hunderte Schüler lebten bei ihm und nahmen Zuflucht zu ihrem Guru.
 
'''J 6.47''' Eines Tages waren sie mit dem Guru unterwegs. Um die Beschaffenheit der Welt zu bestimmen, sprachen sie entsprechend ihrem jeweiligen Verständnis miteinander.
 
'''J 6.48''' Da kam ein sehr gelehrter Brahmane namens Shunga. Mit seiner geistigen Gewandtheit widerlegte er jede Auffassung, die sie vortrugen.
 
'''J 6.49''' Seine Einsicht war durch fehlendes Vertrauen beeinträchtigt, doch im Streitgespräch war er geschickt. Als die Brahmanen sagten: „Wahr ist, was durch gültige Erkenntnismittel erkannt wird“,
 
'''J 6.50''' erwiderte Shunga, der sich allein auf ein niemals zum Abschluss kommendes Argumentieren stützte, während der Debatte allen widersprechend:
 
'''J 6.51''' „Hört meine Worte, ihr Brahmanen! Nirgends lässt sich Wahrheit feststellen. Ihr sagt: Wahr ist, was durch ein Erkenntnismittel erkannt wurde.
 
'''J 6.52''' Wenn dieses Erkenntnismittel aber fehlerhaft ist, dann ist dadurch nichts zuverlässig erkannt. Deshalb muss zuerst die Fehlerfreiheit der Erkenntnismittel festgestellt werden.
 
'''J 6.53''' Geschieht dies durch ein weiteres Erkenntnismittel, muss man auch dieses auf dieselbe Weise prüfen. Wegen dieses unendlichen Rückgangs kann überhaupt nichts als erkannt gelten.
 
'''J 6.54''' Daher lassen sich weder Erkennender noch Erkanntes noch Erkenntnismittel feststellen. Die vielfältigen Vorstellungen beruhen folglich auf Leere.
 
'''J 6.55''' Auch die Vorstellung selbst erweist sich als leer, weil sie keinem gesicherten Erkenntnismittel zugänglich ist. Darum ist alles leer, und nichts besteht wirklich: Das ist die endgültige Entscheidung.“
 
'''J 6.56''' Als sie Shungas Worte hörten, schlossen sich einige jener Brahmanen dieser bloß scheinbaren Gewissheit an und wurden Vertreter der Leere.
 
'''J 6.57''' Daran festhaltend gingen sie zugrunde und gelangten in einen Zustand äußerster Leere. Die innerlich gefestigten Brahmanen hingegen
 
'''J 6.58''' trugen Shungas Ausführungen Kaushika vor und fanden durch ihn Gewissheit im Herzen. Darum soll man dieses haltlose Argumentieren vollständig aufgeben
 
'''J 6.59''' und sich stets auf ein prüfendes Denken stützen, das in einer verlässlichen Überlieferung verankert ist; so erlangt man Heil.“ Als die äußerst kluge Geliebte dies gesagt hatte,
 
'''J 6.60''' fragte Hemachuda sie erneut, voller Staunen über ihre edle Gesinnung: „Wie groß ist deine Gelehrsamkeit, Geliebte! Ich habe sie früher nicht erkannt.
 
'''J 6.61''' Gesegnet bist du, und auch ich bin gesegnet, weil ich dir begegnet bin. Du sagst, durch Vertrauen lasse sich alles Heil erreichen. Wie ist das zu verstehen?
 
'''J 6.62''' Worauf soll man vertrauen, und wo ist Vertrauen nicht angebracht? Die überlieferten Lehren sind zahllos und vertreten widersprechende Inhalte.
 
'''J 6.63''' Die Auffassungen der Lehrer unterscheiden sich, ebenso die ihrer Ausleger; auch das eigene Urteil ist nicht beständig. Was soll man annehmen und was nicht?
 
'''J 6.64''' Jeder erklärt seine eigene bevorzugte Ansicht für sicher, Geliebte, die anderen aber für ungeklärt und schädlich.
 
'''J 6.65''' So kommt niemand zu einem Ende. Auch wer die Leere zur höchsten Wirklichkeit erklärt, kritisiert die Annahme einer nichtleeren Wirklichkeit.
 
'''J 6.66''' Warum sollte seine Auffassung unglaubwürdig sein, wenn auch sie mit einer Überlieferung verbunden ist? Erkläre mir das gründlich, Geliebte! Gewiss hast du auch dies bedacht.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet in der vorzüglichen heiligen Erzählung Tripurārahasya, im Jñānakhaṇḍa und in der Geschichte Hemachudas, das sechste Kapitel mit dem Titel „Lob des Vertrauens“.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 7: Das Wesen des höchsten Herrn===
 
'''J 7.1''' Als ihr überaus geliebter Gatte sie so fragte, antwortete die weise Hemalekha, die die Beschaffenheit der Welt klar erkannt hatte:
 
'''J 7.2''' „Höre, Geliebter, mit festem Herzen und aufrichtiger Aufmerksamkeit! Ich werde es dir erklären. Der Geist gleicht einem Affen; er ist stets unstet.
 
'''J 7.3''' Deshalb gerät der gewöhnliche Mensch in großes Unheil. Dass der bewegte Geist die Ursache aller Leiden ist, lässt sich unmittelbar erkennen.
 
'''J 7.4''' Im Tiefschlaf findet man Glück, weil diese Bewegung fehlt. Darum festige deinen Geist und höre, was ich dir sage.
 
'''J 7.5''' Was ohne Aufmerksamkeit gehört wird, ist wie ungehört. Es bleibt fruchtlos, wie die Zuflucht zu einem nur gemalten Baum.
 
'''J 7.6''' Wer das zerstörerische, haltlose Argumentieren aufgibt und sich auf tragfähige Prüfung stützt, erlangt rasch eine gute Frucht.
 
'''J 7.7''' Auf solche Prüfung gestützt, wendet er sich entschlossen der Praxis zu. Durch das daraus erwachsene Vertrauen wird ihm die Frucht zuteil.
 
'''J 7.8''' Lass jenes endlose Gegenargumentieren los, Geliebter, und betrachte das Leben der Welt, das durch Vertrauen Frucht trägt.
 
'''J 7.9''' Nach sorgfältiger Überlegung über die richtige Zeit pflügt der Bauer den Boden. Ebenso werden Silber, Gold, Edelsteine, Heilkräuter und andere Dinge auf der Grundlage von Vertrauen
 
'''J 7.10''' und vernünftiger Prüfung beschafft, ohne in endlosem Zweifel zu verharren. Darum bestimme durch klare Prüfung und Vertrauen, was deinem eigenen Heil dient,
 
'''J 7.11''' und bemühe dich um dessen Verwirklichung. Gib nicht wegen haltlosen Argumentierens die eigene Anstrengung auf, wie es die Anhänger Shungas taten.
 
'''J 7.12''' Wer sich voller Vertrauen bemüht, wird nicht völlig zunichtegemacht. Wie sollte bei entschlossener, ausdauernder Anstrengung keine Frucht erreicht werden?
 
'''J 7.13''' Durch eigene Anstrengung gewinnen Bauern Getreide, Kaufleute Reichtum, Könige die Fülle der Herrschaft und Brahmanen das Wissen, das vielerlei Glück ermöglicht.
 
'''J 7.14''' Dienende erlangen ihren Lohn, Götter den Nektar, Asketen eine hohe Welt. Auch andere erreichen ihr erwünschtes Ziel durch tatkräftiges Bemühen.
 
'''J 7.15''' Was hat jemals ein Mensch ohne Vertrauen, der nur haltlos argumentiert, auf irgendeine Weise erlangt? Prüfe dies und sage es mir!
 
'''J 7.16''' Wer wegen eines einzelnen enttäuschenden Ergebnisses überall das Vertrauen aufgibt, den erkenne als einen vom Schicksal Geschlagenen, der sich selbst zum Feind geworden ist.
 
'''J 7.17''' Gestützt auf eigene Anstrengung, genährt von Vertrauen und klarer Prüfung, soll man sich dem vorzüglichsten Mittel zum Heil zuwenden.
 
'''J 7.18''' Die Mittel zeigen sich zwar verschiedenartig; unter ihnen ist aber dasjenige das wichtigste, das sein Ziel zuverlässig verwirklicht.
 
'''J 7.19''' Bestimme es durch vernünftige Prüfung und Erfahrung und beginne dann unverzüglich. Ich werde dir dies alles erklären. Höre aufmerksam!
 
'''J 7.20''' Als Heil erkenne das, wonach man nicht wieder trauert. Bei feiner Betrachtung zeigt sich, dass von allen anderen Seiten Leid kommen kann.
 
'''J 7.21''' Was mit Trauer durchsetzt ist, ist nicht das vollkommene Heil. Reichtum, Kinder, Ehepartner, Königreich, Schatz, Heeresmacht und Ruhm,
 
'''J 7.22''' Wissen, Verstand, Sehkraft, Körper und Schönheit – all dies ist unbeständig und befindet sich im Rachen der Schlange der Zeit.
 
'''J 7.23''' Es trägt in sich die Kraft eines Samens, aus dem Leid aufkeimen kann. Wie könnte es ein Mittel zu endgültigem Heil sein?
 
'''J 7.24''' Darum muss das höchste Heil wesentlich über all dies hinausgehen. Die irrige Annahme, Reichtum und Ähnliches seien unbedingt anzustreben,
 
'''J 7.25''' entsteht aus Verblendung. Der große Herr, der die ganze Welt hervorbringt, bewirkt auch diese Verhüllung; durch ihn sind alle verblendet.
 
'''J 7.26''' Selbst ein unbedeutender Mensch kann mit einem kleinen Teil besonderer Kenntnisse andere täuschen – einige, nicht alle, weil seine Kunst begrenzt ist.
 
'''J 7.27''' Wenn Menschen schon einen solchen Zauberkundigen mit begrenzter Kunst nicht durchschauen, wer könnte aus eigener Macht den großen Herrn mit seiner gewaltigen Maya überschreiten?
 
'''J 7.28''' Wer einen gewöhnlichen Zauber durch eine entgegenwirkende Kenntnis versteht, entkommt dessen Täuschung. In sich ruhend erlangt er ein Glück, das durch diesen Zauber nicht mehr zerstört wird.
 
'''J 7.29''' Doch selbst diese Gegenkenntnis lässt sich nicht erlangen, ohne sich an den Zauberkundigen zu wenden und ihn ganz für sich zu gewinnen.
 
'''J 7.30''' Wie sollte man dann die große Verblendung überwinden, ohne den großen Herrn der Maya für sich zu gewinnen? Darum nehme man auf jede Weise Zuflucht zu ihm.
 
'''J 7.31''' Wer ihn wahrhaft erfreut und durch seine Gnade die große Erkenntnis empfängt, wird seine Verhüllung gewiss überschreiten.
 
'''J 7.32''' Auch andere Yogawege werden als Mittel zum Heil gelehrt. Doch ohne die Gnade des höchsten Herrn führen sie nicht zu ihrer Frucht.
 
'''J 7.33''' Darum verehre man zuerst den großen Herrn, die Ursache des Alls. Durch Hingabe lässt er rasch jene Yogawege gelingen, welche die Verblendung auflösen.
 
'''J 7.34''' Diese Welt zeigt sich unmittelbar als etwas Zusammengesetztes, hervorgebrachtes; auch Erde und die anderen Elemente haben Teile, obwohl man ihren Anfang nicht beobachtet.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 7.35''' Durch die Überlegung, dass sie eine Wirkung sind, gestärkt durch viele Überlieferungen, soll man einen Urheber erkennen, der von allen gewöhnlichen Urhebern verschieden ist.
 
'''J 7.36''' Zwar erklärt eine bestimmte Lehre die Welt für urheberlos; doch viele andere, auf vernünftige Erwägungen gestützte Überlieferungen widersprechen ihr.
 
'''J 7.37''' Eine Lehre, die sich ausschließlich auf unmittelbare Sinneswahrnehmung stützt und zur Verneinung des Selbst führt, ist nur eine scheinbare Offenbarung, kein erhabener Grund.
 
'''J 7.38''' Eine Schrift, die allein aus dürrem Argumentieren konstruiert ist, soll man aufgeben. Wieder andere behaupten, diese Welt sei ewig
 
'''J 7.39''' und habe einen unbewussten Urheber. Auch das ist nicht stimmig, denn zielgerichtete Tätigkeit setzt Verständnis voraus; bei einem Nichtverstehenden sieht man sie nicht.
 
'''J 7.40''' Gestützt auf viele Überlieferungen soll hier ein bewusster Urheber angenommen werden, da man überall beobachtet, dass ein planvoll hervorgebrachtes Werk einen bewussten Urheber hat.
 
'''J 7.41''' So ergibt sich aus tragfähiger Prüfung und Überlieferung, dass diese Welt einen Urheber hat. Er muss jedoch von den weltlichen Urhebern verschieden sein.
 
'''J 7.42''' Weil seine Wirkung unermesslich ist, besitzt er unermessliche, unendliche Kraft. Seine Fähigkeit ist unbegrenzt, entsprechend der Beschaffenheit dessen, was er hervorbringt.
 
'''J 7.43''' Daher vermag er diejenigen vollständig zu retten, die bei ihm Zuflucht nehmen. Mache ihn deshalb stets mit deinem ganzen Wesen zu deiner Zuflucht.
 
'''J 7.44''' Ich werde dir ein Beispiel nennen, das Vertrauen begründet. Höre! Schon ein weltlicher Herr von begrenzter Macht, dem man aufrichtig dient,
 
'''J 7.45''' kann einen Menschen mit den ersehnten Gütern verbinden und zu seinem Wohlergehen beitragen. Wenn aber der göttliche Herr der Welt durch jemanden wahrhaft erfreut wird,
 
'''J 7.46''' was sollte er ihm nicht schenken, da er seine Verehrer besonders liebt? Weltliche Herrscher sind oft unbeständig und ohne Zuneigung,
 
'''J 7.47''' ohne Mitgefühl und undankbar; darum ist die Frucht ihrer Gunst unsicher. Der höchste Herr hingegen ist ein Ozean des Mitgefühls, erkennt das Gute an und ist beständig.
 
'''J 7.48''' Wie könnte er sonst im anfangslosen Samsara untadelig bleiben? Wie könnte der geordnete Gang der Welt bestehen? Sage es mir!
 
'''J 7.49''' Das Reich eines unbeständigen Herrschers sieht man zugrunde gehen. Darum wird jener als Ozean des Mitgefühls und als vollkommen beständig bezeichnet.
 
'''J 7.50''' Nimm deshalb rasch mit deinem ganzen Wesen und voller Hingabe Zuflucht zu ihm. Er wird dich mit dem Heil verbinden. [Die abschließende Aufforderung enthält in der Vorlage eine störende Verneinung; der Zusammenhang verlangt die Hinwendung zu ihm.]
 
'''J 7.51''' Verehrung ist vielfältig: Sie kann aus Not oder aus dem Wunsch nach Gütern entstehen. Selten ist die Verehrung ohne eigennützigen Anlass; sie ist wahrhafte Verehrung.
 
'''J 7.52''' Man sieht überall: Wird ein Herr von einem Notleidenden um Hilfe gebeten, so befreit er ihn manchmal aus Mitgefühl aus seiner Not.
 
'''J 7.53''' Manchmal aber beachtet er ihn nicht, je nach Art und Tiefe des Dienens. Ebenso ist auch für jemanden, der Güter begehrt, die Frucht begrenzt und ungewiss.
 
'''J 7.54''' Erkennt selbst ein beschränkter, unbeständiger Herr nach langer Zeit die Uneigennützigkeit eines Dienenden, so wird er ihm außerordentlich zugetan.
 
'''J 7.55''' Um diese Uneigennützigkeit zu erkennen, braucht er wegen seines begrenzten Wissens lange Zeit. Der göttliche Herr aller aber ist der Herr im Herzen jedes Wesens.
 
'''J 7.56''' Er kennt alles im selben Augenblick und kann die Frucht unverzüglich geben. Will er einen Leidenden oder einen nach Gütern Verlangenden mit dem Ersehnten verbinden,
 
'''J 7.57''' wartet er gemäß seiner eigenen Ordnung auf das Reifen des Karma und gewährt dann die Frucht. Erkennt der allgegenwärtige Herr hingegen einen uneigennützig Verehrenden, der keine andere Zuflucht hat,
 
'''J 7.58''' dann trägt er ganz die Sorge für dessen Erlangen und Bewahren. Ohne auf die Reife des Karma zu warten, setzt er seine eigene Ordnung außer Kraft,
 
'''J 7.59''' bringt die geeigneten Mittel hervor und verbindet ihn rasch mit der Frucht. Gerade dies ist seine höchste Herrschaft: seine ungehinderte Freiheit.
 
'''J 7.60''' Die Bindung durch bereits begonnenes Karma oder Schicksalsordnung betrifft denjenigen, der sich vom höchsten Herrn abwendet. Am Sohn Mrikandus, der dem Herrn ganz ergeben war,
 
'''J 7.61''' ist allen bekannt, wie der große Herr Schicksalsordnung und begonnenes Karma überschreitet. Ich werde dir dafür auch eine Begründung geben; höre, Geliebter!
 
'''J 7.62''' Obwohl begonnenes Karma und Schicksalsordnung als unüberschreitbar gelten, lässt sich dieses Karma vor allem von denjenigen nicht überwinden, die sich nicht bemühen.
 
'''J 7.63''' Gerade deshalb wird begonnenes Karma durch [[Pranayama]] überwunden; es vermag solche Übenden nicht uneingeschränkt mit den gewöhnlich beobachteten Leiden zu verbinden.
 
'''J 7.64''' Von der Schlange des begonnenen Karma verschlungen sind jene, die sich vom eigenen Bemühen abwenden. Auch dies ist in der Ordnung enthalten, wie die Erfahrung zeigt.
 
'''J 7.65''' Die Schicksalsordnung ist eine Kraft des Herrn und besteht aus seinem Entschluss. Weil sein Entschluss wahrhaft wirksam ist, ist diese Ordnung unüberschreitbar.
 
'''J 7.66''' Doch bei einem dem höchsten Herrn ganz Ergebenen wird ihre bindende Wirkung gehemmt. Und dennoch bleibt sie ungebrochen, denn auch diese Möglichkeit gehört zu ihrer eigenen Beschaffenheit.
 
'''J 7.67''' Darum gib irreführendes Argumentieren auf und nimm uneigennützig Zuflucht zum großen Herrn. Er wird dich zum Heil führen.
 
'''J 7.68''' Dies ist die erste Stufe zum Palast des bleibenden Friedens. Wer sie beiseitelässt, findet anderswo nicht einmal die geringste entsprechende Frucht.“
 
'''J 7.69''' Als Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, Rama, fragte er sie mit überaus erfreutem Herzen weiter:
 
'''J 7.70''' „Geliebte, erkläre mir jenen höchsten Herrn, der meine Zuflucht werden soll: den Schöpfer von allem, dessen Wesen Freiheit ist und durch dessen Kraft die Welt geordnet wird.
 
'''J 7.71''' Die einen nennen ihn Vishnu, andere Shiva, Ganesha, die Sonne, Narasimha und andere Gestalten, Buddha oder Sugata,
 
'''J 7.72''' Arhat, Vasudeva, Prana, Soma oder Feuer; wieder andere nennen Karma, Urnatur oder Atome und vieles mehr
 
'''J 7.73''' als Ursache der Welt, entsprechend ihren verschiedenen Lehrmeinungen. Worauf soll ich also meine Auffassung des höchsten Herrn richten? Sage es mir!
 
'''J 7.74''' Ich bin überzeugt, dass dir nichts davon unbekannt ist, denn der erhabene Vyaghrapada hat das Höhere und das Niedere erkannt.
 
'''J 7.75''' Darum erstrahlt dieses Wissen auch in dir, obwohl du eine Frau bist. Erkläre es mir, deinem vertrauenden Geliebten, du, deren Worte Nektar sind!“
 
'''J 7.76''' So von ihrem Geliebten befragt, antwortete Hemalekha freudig: „Mein Herr, ich werde es dir erklären. Höre die genaue Bestimmung [[Ishvara]]s.
 
'''J 7.77''' Ishvara ist derjenige, der das Geflecht der Welt hervorbringt und wieder auflöst. Er ist Vishnu, er ist Shiva, Brahma, die Sonne und der Mond.
 
'''J 7.78''' Er ist in jeder Hinsicht alles, was von allen diesen Lehren bezeichnet wird. Und doch ist er weder nur Shiva noch nur Vishnu, weder nur Brahma noch irgendein anderer.
 
'''J 7.79''' Ich werde dir das genauer erklären; höre mit höchster Sammlung. Manche nennen Shiva den Schöpfer, mit fünf Gesichtern und drei Augen.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''J 7.80''' Dieser Schöpfer wäre bewusst und mit einem Körper versehen, wie ein Töpfer. Auch in der Welt beobachtet man bewusste Schöpfer mit einem Körper.
 
'''J 7.81''' Ein körperloser oder unbewusster Urheber wird dort nicht gesehen. Doch die eigentliche schöpferische Kraft kann nur dem bewussten Prinzip angehören.
 
'''J 7.82''' Denn im Traum lässt dieser individuelle Erfahrende seinen groben Körper zurück und erschafft mit einem aus Bewusstsein bestehenden Leib alles, was er sich vorstellt.
 
'''J 7.83''' Darum ist der Körper für den Schöpfer, dessen Wesen Bewusstsein ist, nur ein Werkzeug seines Wirkens. Individuelle Wesen sind auf Werkzeuge angewiesen, weil ihre Freiheit unvollständig ist.
 
'''J 7.84''' Der erhabene Weltschöpfer besitzt hingegen vollkommene Freiheit. Ohne auf irgendetwas anderes angewiesen zu sein, erschafft er die ganze Welt.
 
'''J 7.85''' Darum hat er nicht notwendig einen Körper: Das ist die wesentliche Einsicht. Andernfalls müsste er wie ein weltlicher Schöpfer von einem Stoff abhängen.
 
'''J 7.86''' Wäre der große Herr beim Erschaffen der Welt auf einen Komplex von Ursachen wie Raum und Zeit angewiesen, wäre er ebenfalls nur ein begrenztes Einzelwesen.
 
'''J 7.87''' Seine vollkommene Herrschaft wäre aufgehoben. Zudem müsste all dies schon vor seiner Weltschöpfung bestehen; seine Urheberschaft an allem wäre damit ohne Zweifel widerlegt.
 
'''J 7.88''' Darum erschafft er die Welt unabhängig von einem sichtbaren Leib und anderen Mitteln. Einen groben Körper besitzt er in seinem eigentlichen Wesen nicht, Geliebter meines Herzens.
 
'''J 7.89''' Menschen mit grobem Verständnis sind jedoch angesichts dieser höchsten, körperlosen Wirklichkeit verwirrt. In welcher Weise und an welchem Ort sie voller Hingabe über ihn meditieren,
 
'''J 7.90''' dementsprechend nimmt er vielfältige Gestalten an, selbst das Wunschjuwel seiner Verehrer. Darum ist Ishvara reines bewusstes Sein; sein Leib ist das höchste Bewusstsein.
 
'''J 7.91''' Das [[Bewusstsein]] selbst ist das große Sein, die souveräne höchste Herrin [[Tripura Sundari|Tripurā]]. In ihr erscheint als unterschieden, was in Wahrheit ungetrennt ist:
 
'''J 7.92''' diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt, gleich einer Stadt im Spiegel. Weil dort nur ihre eine Wirklichkeit ist, gibt es auf dieser Ebene keine Rangordnung von höher und niedriger.
 
'''J 7.93''' In den begrenzten Erscheinungsformen werden dagegen Vorrang und andere Unterschiede vorgestellt. Darum verehre der Einsichtige die höchste, ungeteilte Gestalt.
 
'''J 7.94''' Wer dazu noch nicht imstande ist, verehre uneigennützig jene konkrete Gestalt, die in seinem Herzen fest gegründet ist. Dadurch erlangt er unübertreffliches Heil. Anders findet er keinen solchen Ausgang, selbst in Millionen Geburten.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im ehrwürdigen Jñānakhaṇḍa, in der Erzählung von Hemachuda, das siebte Kapitel über die Bestimmung des Wesens Ishvaras.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 8: Die Erklärung des Gleichnisses===
 
'''J 8.1''' Nachdem Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, erkannte er durch Hemalekhas klare Erklärung das Wesen des höchsten Herrn als das aus Bewusstsein bestehende Wesen Tripurās.
 
'''J 8.2''' Sein Herz gewann Vertrauen. Von den Lehrern lernte er die höchste Herrin Tripurā in ihrer mit Eigenschaften versehenen Gestalt kennen und wurde von ihrer großen Herrlichkeit erfüllt.
 
'''J 8.3''' Hemachuda wandte sich ihr mit festem, ungeteiltem Herzen zu. In solcher Verehrung der Höchsten vergingen einige Monate.
 
'''J 8.4''' Tripurā, die höchste Herrin, schenkte ihm ihre Gnade im Herzen. Sein Geist wandte sich von den Sinnendingen ab und richtete sich ganz auf unterscheidende Untersuchung.
 
'''J 8.5''' Ein solcher, der Selbsterforschung zugeneigter Geist ist in der Welt ohne höchste Gnade schwer zu erlangen. Er ist die hauptsächliche Ursache der Befreiung.
 
'''J 8.6''' Rama, solange der Geist nicht der Erforschung der Wahrheit ergeben ist, entsteht durch Hunderte von Mitteln noch keine Verbindung mit dem höchsten Heil.
 
'''J 8.7''' Eines Tages suchte Hemachuda erneut seine Geliebte unter vier Augen auf, den Geist ganz auf die Erforschung gerichtet.
 
'''J 8.8''' Sie sah den geliebten Mann schon von Weitem zu ihrer Wohnung kommen, erhob sich, führte ihn herein und ließ ihn auf ihrem eigenen Sitz Platz nehmen.
 
'''J 8.9''' Sie ehrte ihn nach der rechten Ordnung, wusch ihm die Füße und sprach dann erhabene, liebliche Worte wie fließenden Nektar:
 
'''J 8.10''' „Geliebtester! Nach langer Zeit sehe ich dich heute wieder. War dein Körper wohlauf? Der Körper ist ja ein Ort, an dem Krankheiten entstehen können.
 
'''J 8.11''' Erzähle mir, wie es dir ergangen ist und weshalb du meiner nicht gedacht hast. Früher verging dir niemals,
 
'''J 8.12''' ohne mich zu sehen und mit mir zu sprechen, auch nur ein Teil des Tages. Wie kommt es nun dazu? Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Weg gegangen bin, der dir missfiel,
 
'''J 8.13''' nicht einmal im Traum – wie viel weniger im übrigen Leben. Warum also geschah dies? Wie konntest du auch nur eine Nacht verbringen, die doch einem Weltzeitalter gleichkommen müsste?
 
'''J 8.14''' Früher war selbst ein einziger Augenblick ohne mich für dich so schwer zu ertragen wie ein ganzes Weltzeitalter.“ Mit diesen Worten umarmte sie ihn und wirkte einen Augenblick lang bekümmert.
 
'''J 8.15''' Doch auch von seiner Geliebten umarmt, geriet er nicht im Geringsten aus der Fassung. Er sagte: „Geliebte, du solltest mich nicht auf diese Weise verwirren.
 
'''J 8.16''' Ich habe dich jetzt sicher erkannt. Du hast keinen Grund zu trauern. Du kennst das Höhere und das Niedere und bist innerlich fest; wie könnte Verblendung dich berühren?
 
'''J 8.17''' Ich bin gekommen, um dich etwas zu fragen. Höre, was ich sagen möchte: Erkläre mir deutlich jene Geschichte deines eigenen Lebens, die du früher erzählt hast.
 
'''J 8.18''' Wer ist die Mutter, von der du sprachst? Wer ist deine Gefährtin, und wer ihr Gatte? Wer sind ihr Sohn und die anderen? Und wo sind sie in mir? Sage es mir!
 
'''J 8.19''' Ich habe das noch nicht richtig verstanden; doch ich halte deine Worte nicht für unwahr. Vielmehr hast du alles in einer übertragenen Erzählung ausgedrückt.
 
'''J 8.20''' Erkläre mir die einzelnen Bezüge, damit ich es klar verstehe. Ich nehme wahrhaft Zuflucht zu dir. Zerschneide den Zweifel in meinem Herzen!“
 
'''J 8.21''' So angesprochen, blickte Hemalekha ihn mit freudigem Gesicht an. Sie erkannte sein gereinigtes Verständnis und die höchste Gnade, die ihm zuteilgeworden war.
 
'''J 8.22''' Sie dachte: „Mit großer Festigkeit hat er sich von den Sinnendingen abgewandt. Die Kraft der großen Herrin hat ihn durchdrungen; die angesammelten heilsamen Verdienste tragen Frucht.
 
'''J 8.23''' Jetzt ist die Zeit gekommen, ihn aufzuklären; darum will ich es tun.“ Sie sprach: „Mein Herr, durch die Gnade des Höchsten ist dir großes Glück zuteilgeworden.
 
'''J 8.24''' Anders erkennt man nicht die begrenzte Befriedigungskraft der Sinnendinge. Als erstes Zeichen der göttlichen Gnade soll man dies verstehen:
 
'''J 8.25''' dass der Geschmack an den Genüssen nachlässt; als weiteres Zeichen, dass der Geist der Erforschung zuneigt. Nun werde ich dir die zuvor erzählte Geschichte des Selbst erklären.
 
'''J 8.26''' Das höchste [[Bewusstsein]] ist meine Mutter. Meine Gefährtin ist die [[Buddhi]], das unterscheidende Verstehen. Als die Unwahrhaftige wurde [[Avidya]], die Unwissenheit, bezeichnet, mit der sich die Buddhi verbunden hat.
 
'''J 8.27''' Die erstaunliche Macht der Unwissenheit ist in der Welt deutlich sichtbar: Sie lässt in einem Seil eine Schlange erscheinen und erweckt dadurch große Furcht.
 
'''J 8.28''' Ihr Sohn ist die große Verblendung. Dessen Sohn ist [[Manas]], der denkende Geist. Seine Frau ist die Einbildungskraft, und die fünf Söhne,
 
'''J 8.29''' die sie gebar, sind die fünf [[Jnana Indriya|Erkenntnissinne]]. Ihre Wohnstätten sind die körperlichen Sinnesorgane. Das heimliche Mitnehmen der Gegenstände bezeichnet die Eindrücke, die im Geist zurückbleiben.
 
'''J 8.30''' Ihr verborgener Genuss ist das Erleben im Traum. Die Schwester der Einbildungskraft, Mahashana, die Unersättliche, ist das Verlangen. Ihre beiden Söhne
 
'''J 8.31''' sind [[Zorn]] und [[Gier]]. Die Stadt ist der Körper. Meine große verborgene Kraft aber ist das Aufleuchten meines eigenen Wesens.
 
'''J 8.32''' Pracara, der geliebte Freund des Geistes, ist [[Prana]]. Die Wildnisse und die anderen schrecklichen Aufenthaltsorte sind Höllenzustände. So sind alle Bezüge erklärt.
 
'''J 8.33''' Die Vereinigung der Buddhi mit mir wird [[Samadhi]] genannt. Das Erreichen der Welt meiner Mutter bezeichnet man als [[Moksha|Befreiung]], Geliebter.
 
'''J 8.34''' So ist meine eigene Geschichte erklärt; auch du bist von derselben Art. Verstehe dies durch klare Überlegung und erlange das höchste Heil.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im ehrwürdigen Jñānakhaṇḍa, in der Erzählung von Hemachuda, das achte Kapitel mit der Erklärung des Gleichnisses vom Samsara.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 9: Selbsterforschung und Hemachudas innere Ruhe===
 
'''Orientierung:''' Hemachuda unterscheidet zunächst das Selbst von den wahrgenommenen Dingen. Dunkelheit, Licht und vorübergehende Freude erweisen sich dabei noch nicht als sichere Erkenntnis des Selbst. Hemalekhas Unterweisung richtet die Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein, in dem all diese Zustände erscheinen.
 
'''J 9.1''' Nachdem Hemachuda diese Erklärung seiner Geliebten gehört hatte, staunte er sehr und begann mit vor Freude stockender Stimme erneut zu sprechen:
 
'''J 9.2''' „Gesegnet bist du, Geliebte, wie geschickt du bist! Wie könnte ich die Herrlichkeit deines Wissens beschreiben? All dies hast du in der Form einer Erzählung ausgedrückt.
 
'''J 9.3''' Eine solche Geschichte meines eigenen Wesens war mir bisher völlig unbekannt. Durch deine Worte ist sie mir nun deutlich wie eine Frucht in meiner Hand.
 
'''J 9.4''' Ich erkenne sie wieder und erfahre sie im Innern. Wie erstaunlich ist doch das Geschehen der Welt! Wer ist jene Mutter, das höchste Bewusstsein? Wie entstehen wir aus ihr?
 
'''J 9.5''' Wer sind wir, und was ist unser Wesen? Erkläre mir das!“ So befragt, Rama, antwortete Hemalekha ihrem Geliebten:
 
'''J 9.6''' „Mein Herr, höre aufmerksam! Ich werde dir diese verborgene Bedeutung erklären. Untersuche dein eigenes Wesen mit vollkommen gereinigtem Verständnis.
 
'''J 9.7''' Es ist nichts Sichtbares und nichts, das sich als solches mit Worten bezeichnen ließe. Wie sollte ich es also beschreiben? Wenn du dein eigenes Wesen erkannt hast, wirst du dadurch auch die Mutter erkennen.
 
'''J 9.8''' Das eigene Wesen lässt sich nicht wie ein Gegenstand vorzeigen. Darum schaue es selbst, ohne einen äußeren Zeigenden, gestützt auf ein klares Verständnis.
 
'''J 9.9''' Es leuchtet in allen Wesen, von den Göttern bis zu den Tieren, ohne von anderem Licht erhellt zu werden. Es leuchtet überall, für alle und jederzeit, unabhängig von einem äußeren Erkenntnismittel.
 
'''J 9.10''' Wie, wo, wann und durch wen sollte es auch nur ein wenig als Gegenstand dargestellt werden? Deine Frage gleicht der Bitte: „Zeige mir mein eigenes Auge!“
 
'''J 9.11''' Hier kann ein Lehrer das Ziel nicht unmittelbar vorzeigen, ebenso wenig wie beim Sehen des eigenen Auges. Wie könnte selbst ein großer, geschickter Lehrer das Auge auf diese Weise sichtbar machen?
 
'''J 9.12''' Der Guru hilft hier dadurch, dass er den geeigneten Weg zeigt. Diesen Weg werde ich dir erklären. Höre mit gesammeltem Geist!
 
'''J 9.13''' Alles, was du an dir als „mein“ betrachtest, ist von deinem eigentlichen Wesen zu unterscheiden. Dein eigenes Wesen liegt jenseits dessen, was dir als „mein“ erscheint.
 
'''J 9.14''' Gehe an einen stillen Ort und prüfe dies. Was immer dir als dein Besitz erscheint, scheide als dein eigentliches Selbst aus und erkenne das Selbst, das darüber hinausgeht.
 
'''J 9.15''' Wie ich dir als „mein“ erscheine und deshalb nicht selbst dein Selbst bin: Aufgrund unserer Beziehung gehöre ich zu dir, doch ich bin nicht dein eigentliches Wesen.
 
'''J 9.16''' Scheidest du alles aus, was „mein“ bedeutet, so erkenne als Selbst dasjenige, das sich nicht aufgeben lässt, und erlange das höchste Heil.“
 
'''J 9.17''' So von seiner Geliebten unterwiesen, erhob sich Hemachuda rasch, bestieg sein Pferd und ritt sogleich aus der Stadt.
 
'''J 9.18''' In einem Augenblick erreichte er einen Garten, der dem Nandana-Hain glich, und betrat darin einen hohen kristallenen Palast.
 
'''J 9.19''' Er entließ alle Begleiter und befahl den Torwächtern: „Niemand soll hier eintreten, während ich mich in Abgeschiedenheit der Untersuchung widme.
 
'''J 9.20''' Auch königliche Minister, Lehrer und selbst der König dürfen nicht hereingelassen werden, bevor ich euch die Erlaubnis gebe.“
 
'''J 9.21''' Nachdem er dies gesagt hatte, stieg er hinauf und betrat das neunte Stockwerk des Palastes. Dort, an einem schönen Fenster mit weitem Ausblick,
 
'''J 9.22''' setzte er sich ganz allein auf einen Sitz mit weicher Baumwollpolsterung, sammelte seinen Geist fest und begann nachzudenken:
 
'''J 9.23''' „Wie kommt es, dass all diese Menschen so verblendet sind? Keiner scheint hier sein eigenes Selbst auch nur ein wenig zu kennen.
 
'''J 9.24''' Alle vollziehen mannigfaltige Handlungen um ihrer selbst willen. Manche studieren täglich Lehrschriften, den Veda und seine Hilfswissenschaften,
 
'''J 9.25''' andere erwerben Reichtum, andere regieren die Erde; manche kämpfen gegen Feinde, andere sind ganz auf Genuss versessen.
 
'''J 9.26''' All dies tun sie für sich selbst. Doch was ist dieses Selbst? Niemand hier kennt es. Woher kommt diese Verwirrung?
 
'''J 9.27''' Was man tut, ohne das eigene Selbst wirklich zu kennen, ist vergeblich wie eine Handlung im Traum. Darum werde ich es jetzt erforschen.
 
'''J 9.28''' Häuser, Getreide, Herrschaft, Besitz, Ehefrau, Tiere und andere Dinge sind nicht mein Wesen, denn sie werden nicht unmittelbar als „ich“ erfahren.
 
'''J 9.29''' Weil sie für mich da sind, müsste ich also der Körper sein. Gewiss bin ich ein Nachkomme der Kriegerkaste mit heller Haut; daran besteht kein Zweifel.
 
'''J 9.30''' Auch andere Menschen werden von einer solchen Ichvorstellung erfasst.“ Mit diesem Schluss betrachtete der Prinz zunächst seinen Körper.
 
'''J 9.31''' Dann begann er jedoch, auch die Gleichsetzung des Körpers mit dem Selbst zu verwerfen: „Wie könnte dieser Körper, der doch als „mein“ erfahren wird,
 
'''J 9.32''' dieses Gemenge aus Blut, Knochen und anderem, das sich jeden Augenblick verändert, mein eigentliches Wesen sein? Abgetrennt kann er ja ebenfalls wahrgenommen werden,
 
'''J 9.33''' gleich einem Holzstück oder Erdklumpen; im Traum und in anderen Zuständen erscheint er anders. Ich bin nicht der Körper, sondern etwas anderes. Auch Prana ist von dieser Art.
 
'''J 9.34''' Ich bin weder der denkende Geist noch das unterscheidende Verstehen, denn auch sie werden „mein“ genannt. Darum bin ich ohne Zweifel von allem, vom Körper bis zur Buddhi, verschieden.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 9.35''' Weil niemals die Erfahrung „Ich bin nicht“ auftritt, bin ich ohne Zweifel stets als gegenwärtiges Ich vorhanden.
 
'''J 9.36''' Doch wodurch werde ich selbst, der ich gegenwärtig bin, offenbar? Dies weiß ich nicht deutlich. Warum habe ich es nicht erkannt?
 
'''J 9.37''' Ein Topf und andere Dinge werden hier durch die Augen und die übrigen Sinne sichtbar, nicht anders. Prana wird durch den Tastsinn wahrgenommen; der Geist wird durch Erkenntnis erschlossen.
 
'''J 9.38''' Ebenso verhält es sich mit der Buddhi. Doch wodurch werde ich selbst offenbar? Das weiß ich nicht. Wenn mein Selbst wegen des Erscheinens dieser Dinge nicht klar hervortritt,
 
'''J 9.39''' dann will ich sie nicht mehr betrachten; dadurch müsste ich selbst offenbar werden.“ Nachdem er so entschieden hatte, ließ er alles los, was Gegenstand des Geistes war.
 
'''J 9.40''' Darauf sah er einen Augenblick lang tiefe Dunkelheit. Sein Geist fasste den Entschluss: „Dies ist die Gestalt meines Selbst.“
 
'''J 9.41''' Er empfand unvergleichliche Freude. Dann dachte er erneut: „Ich will es noch einmal sehen“, und hielt den Geist an.
 
'''J 9.42''' Als der unstete Geist durch gewaltsame yogische Anstrengung stillgestellt war, sah er einen Augenblick lang eine leuchtende Lichtfülle ohne Anfang und Ende.
 
'''J 9.43''' Als er wieder daraus hervorkam, dachte er erstaunt: „Was ist das? Ich sehe ja Verschiedenes. Sehe ich überhaupt das Selbst? Wie verhält sich das?“
 
'''J 9.44''' „Ich will noch einmal schauen“, dachte er und hielt seinen Geist erneut an. Dieser versank lange und tief im Schlaf.
 
'''J 9.45''' Darin sah er ein Netz von Träumen mit mannigfaltigen Bildern. Als er erwachte, geriet er in große Nachdenklichkeit:
 
'''J 9.46''' „War ich vom Schlaf verhüllt und sah Träume? Auch die Dunkelheit und das Licht, die ich gesehen habe, könnten traumartig sein.
 
'''J 9.47''' Ein Traum ist eine Entfaltung des Geistes. Wie kann ich ihn vermeiden? Ich will den Geist noch einmal anhalten und schauen.“ So fasste er einen festen Entschluss.
 
'''J 9.48''' Er hielt den Geist mit Nachdruck still, und dieser wurde ruhig. Da war es, als wäre er im Ozean der Glückseligkeit versunken.
 
'''J 9.49''' Als der Geist sich wieder bewegte, kam er rasch daraus hervor. Er dachte: „War dies ein Traum oder eine Täuschung des Geistes?
 
'''J 9.50''' Oder könnte es wahr gewesen sein? Es erscheint mir unbegreiflich. Ich habe überhaupt keinen Gegenstand erfahren; wie kam dann dieses Glück zustande?
 
'''J 9.51''' Nichts hier kommt auch nur einem Teil dieses Glückes gleich! Ich war wie im Tiefschlaf ohne gegenständliches Wissen; wie konnte darin solches Glück bestehen?
 
'''J 9.52''' Ich sehe keinerlei Ursache dafür. Wie kann es also sein? Ich habe mich aufgemacht, das Selbst zu erkennen, und doch habe ich es noch immer nicht erkannt.
 
'''J 9.53''' Stattdessen sehe ich bald dies, bald jenes. Was soll das bedeuten? Ist mein Selbst Licht, Dunkelheit, Glück oder etwas anderes?
 
'''J 9.54''' Oder besitzt es nacheinander all diese Gestalten? Ich komme damit zu keinem Ende. Ich werde meine weise Geliebte erneut befragen.“
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''J 9.55''' Mit diesem Entschluss rief der Königssohn den Torwächter und befahl ihm, Hemalekha zu ihm zu bringen.
 
'''J 9.56''' Auf die Nachricht des Torwächters hin kam sie rasch und stieg in den hohen Palast hinauf wie Mondlicht auf den Berg Meru.
 
'''J 9.57''' Dort sah sie ihren geliebten Prinzen: sein Inneres friedvoll, sein Geist ruhig, unbewegt und unverändert, die Sinne zurückgezogen.
 
'''J 9.58''' Sie trat rasch zu ihm und setzte sich auf seinen Sitz. Als sie neben ihm saß, öffnete er nach einem kurzen Augenblick
 
'''J 9.59''' die Augen und erblickte sie an seiner Seite. Als sein Blick sie traf, umarmte sie ihn rasch voller Zuneigung.
 
'''J 9.60''' Dann sprach die Geliebte schöne, nektargleiche Worte: „Mein Herr, warum hast du mich rufen lassen? Ist dein Körper wohlauf?
 
'''J 9.61''' Nenne mir den Grund, aus dem ich herkommen sollte.“ So von seiner Geliebten befragt, antwortete er:
 
'''J 9.62''' „Geliebte, auf deine Unterweisung hin habe ich mich hierher in die Einsamkeit begeben und ganz der Erforschung gewidmet, um mein eigenes Wesen zu erkennen.
 
'''J 9.63''' Doch obwohl ich darauf ausgerichtet war, nahm ich mannigfaltige Dinge wahr. Sind diese vom Selbst verschieden? Das Selbst ist ja stets gegenwärtig und offenbar.
 
'''J 9.64''' Ich dachte, es erscheine nur wegen des Erscheinens anderer Dinge nicht klar, und brachte deshalb dieses andere Erscheinen entschlossen zum Stillstand.
 
'''J 9.65''' Da sah ich Dunkelheit, Licht und anderes. Einmal erlangte ich großes Glück. Was ist dies? Sage es mir, Geliebte!
 
'''J 9.66''' Ist dies die Gestalt des Selbst, oder ist es etwas anderes? Erkläre mir die Unterscheidung gründlich, damit ich das Selbst erkennen kann.“
 
'''J 9.67''' Darauf antwortete Hemalekha, die das Höhere und das Niedere kannte: „Höre gesammelt, Geliebter; ich werde dir alles erklären.
 
'''J 9.68''' Die Entschlossenheit, mit der du die äußere Ausrichtung angehalten hast, ist heilsam. Alle Kenner des Selbst erkennen sie als ein wichtiges Mittel an.
 
'''J 9.69''' Ohne sie hat niemand je das Ziel verwirklicht. Doch sie ist nicht die Ursache eines erstmaligen Erlangens, denn das Selbst ist bereits gegenwärtig.
 
'''J 9.70''' Wäre es nicht gegenwärtig, wäre es nicht das Selbst. Ist es aber das Selbst, wie könnte es unerlangt sein? Das Selbst kann überhaupt nicht wie etwas Neues gewonnen werden; es gibt kein erstmaliges Erlangen seiner.
 
'''J 9.71''' Nur das noch nicht Erlangte wird erlangt. Weil es das Selbst ist, findet hier kein solches Erlangen statt. Auch das Anhalten dient nicht dazu, es neu hervorzubringen. Betrachte dieses Beispiel:
 
'''J 9.72''' Etwas, das von Dunkelheit verhüllt ist, wird durch die Beseitigung der Dunkelheit mittels einer Lampe und Ähnlichem gefunden, als hätte man es gerade erst erlangt, obwohl es schon da war.
 
'''J 9.73''' Oder jemand ist zerstreut und hat vergessen, wo sich sein Schmuckstück befindet. Indem andere Gedanken zur Ruhe kommen und er sich sammelt,
 
'''J 9.74''' findet er das Schmuckstück wieder, als sei das Verlorene neu erlangt. Doch die Stilllegung der Gedanken ist nicht die Ursache für das Vorhandensein des Schmuckstücks.
 
'''J 9.75''' Ebenso erzeugt das Anhalten der äußeren Gegenstände nicht das Selbst. Du hast dein Selbst dort nur nicht erkannt, weil dir das entsprechende Verständnis fehlte.
 
'''J 9.76''' Es ist wie bei einem Menschen, der Licht nicht versteht und nachts eine königliche Versammlung betritt: Er sieht die Anwesenden und die Lampen, erkennt aber das Erhellende nicht.
 
'''J 9.77''' Höre, Geliebter: Nachdem du die äußere Bewegung angehalten hattest, sahst du Dunkelheit. Schon zu Beginn dieses Wahrnehmens der Dunkelheit war dein eigenes, verbleibendes Sein gegenwärtig.
 
'''J 9.78''' Vergegenwärtige dir stets diesen Zustand, der höchste Glückseligkeit schenkt. Alle, die von großer Verblendung gepackt und nach außen gerichtet sind,
 
'''J 9.79''' suchen und suchen vergeblich und gelangen nicht zu dieser Vergegenwärtigung. In der Welt gibt es Schriftgelehrte und geschickte Logiker,
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''J 9.80''' die diesen Zustand nicht kennen und Tag und Nacht trauern. Durch bloße Kunstfertigkeit im Umgang mit Wörtern und Bedeutungen wird jener Zustand nicht erreicht.
 
'''J 9.81''' Solange ein Gelehrter ihn als Gegenstand sucht und untersucht, erreicht er ihn nicht; denn er ist kein erfassbarer Gegenstand.
 
'''J 9.82''' Man erreicht ihn nicht, indem man weit fortgeht: Im eigenen Sein ist er stets schon gegenwärtig. Er ist nicht als ein untersuchtes Objekt zu erkennen; wenn diese gegenständliche Suche ruht, leuchtet er auf.
 
'''J 9.83''' Durch eine Handlung lässt er sich ebenso wenig einholen wie der Schatten des eigenen Kopfes durch Laufen. Wie ein Kind in einem klaren Spiegel
 
'''J 9.84''' tausend Spiegelbilder sieht, aber den Spiegel selbst nicht bemerkt, so sieht ein Mensch im großen Spiegel seines eigenen Selbst das Bild der Welt,
 
'''J 9.85''' erkennt aber sein Selbst nicht, weil ihm das entsprechende Verständnis fehlt. Wie jemand, der mit dem Raum vertraut ist, die im Raum enthaltene
 
'''J 9.86''' Welt ansieht und dabei den Raum nicht eigens bemerkt, so verhält es sich mit dem eigenen Wesen. Mein Herr, schaue mit feiner Einsicht auf die Welt, die als Erkennen und Erkanntes erscheint.
 
'''J 9.87''' Dabei ist das Erkennen aus sich selbst erwiesen; ohne es wäre nichts. Es ist die Grundlage aller Erkenntnismittel und bedarf selbst keines weiteren Erkenntnismittels.
 
'''J 9.88''' Weil es von keinem Erkenntnismittel abhängt, ist es von Anfang an gewiss. Durch das Verhältnis von zu Beweisendem und Beweisendem wird es niemals erst hergestellt.
 
'''J 9.89''' Wer dies bestreitet, kann weder eine Frage noch eine Antwort begründen. Dieses nicht zu leugnende Bewusstsein ist wie die Fläche eines großen Spiegels.
 
'''J 9.90''' In ihm erscheint alles wie ein Spiegelbild. Es besitzt keine Begrenzung durch Raum oder Zeit.
 
'''J 9.91''' Wie könnten Raum und Zeit es begrenzen, wenn sie selbst innerhalb seiner erscheinen? Dass es begrenzt wirkt, ist wie die scheinbare Begrenzung des Raumes durch Dinge.
 
'''J 9.92''' Königssohn, erkenne mit feiner Einsicht dein eigenes Wesen: jenes allem gemeinsame Bewusstsein, in dem diese Welt erstrahlt.
 
'''J 9.93''' Durch die vollendete Einswerdung damit erlangt man die schöpferische Kraft des Ganzen. Ich werde dir erklären, wie es erkannt wird, damit du jenen Zustand verwirklichst.
 
'''J 9.94''' Beachte mit feinem Verständnis den Übergang zwischen Schlaf und Wachen, den Zwischenraum zwischen verschiedenen Erkenntnissen und ebenso den Übergang zwischen Gewahrsein und seinem Gegenstand.
 
'''J 9.95''' Dieser Zustand ist dein eigenes Wesen. Wer ihn erkennt, verfällt nicht mehr der Verwirrung. Allein durch das Nichtkennen dieses Wesens entfaltet sich eine solche Welt.
 
'''J 9.96''' Dort gibt es weder Form noch Geschmack, weder Geruch noch Berührung noch Klang, weder Leid noch gegenständliches Glück, weder Erfasstes noch Erfasser.
 
'''J 9.97''' Es ist der Grund von allem, erscheint als alles und ist doch von allem frei. Dies ist der Herr aller, Brahma, Vishnu, Isha und Sadashiva.
 
'''J 9.98''' Wende die Aufmerksamkeit ein wenig nach innen und schaue dein wahres Selbst durch das Selbst. Gib das Ausströmen nach außen auf und neige dich nach innen.
 
'''J 9.99''' Lass auch die Vorstellung „Ich schaue“ los und verweile unbewegt, wie ohne äußeres Sehen. Gib Sehen und Nichtsehen auf. Was du bist, das bist du: Wende dich unmittelbar diesem Sein zu.“
 
'''J 9.100''' So von seiner Geliebten unterwiesen, erkannte Hemachuda jenen Zustand. Er fand darin lange Ruhe und vergaß die äußere Welt.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das neunte Kapitel mit dem Titel „Hemachudas Ruhe“.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 10: Gefestigte Erkenntnis im Leben===
 
'''Vom Einblick zur Beständigkeit:''' Hemalekha prüft, ob Hemachuda Bewusstsein noch an eine besondere Haltung und geschlossene Augen bindet. Die folgende Unterweisung führt von zeitweiliger innerer Ruhe zum Wiedererkennen desselben Selbst im Handeln.
 
'''J 10.1''' Hemalekha sah, dass ihr Geliebter den höchsten Zustand erreicht hatte, und störte ihn darin nicht. Nach einer Weile
 
'''J 10.2''' kam er wieder zum äußeren Bewusstsein, öffnete die Augen und sah die Welt samt seiner Geliebten. Rasch wünschte er, erneut in jenem Zustand zu ruhen.
 
'''J 10.3''' Gerade als er die Augen wieder schließen wollte, nahm die nektargleich sprechende Hemalekha seine Hand und sagte:
 
'''J 10.4''' „Mein Herr, was hast du beschlossen? Sage mir, was du durch das Schließen der Augen gewinnen willst und was du durch ihr Öffnen verlierst.
 
'''J 10.5''' Was wird mit geöffneten Augen nicht erreicht, und was wird durch ihr Schließen erreicht? Erkläre es mir, Geliebtester. Ich möchte deinen Zustand verstehen.“
 
'''J 10.6''' So von ihr befragt, antwortete er langsam, wie vom Wein berauscht. Obwohl er nicht sprechen wollte, begann er, von schwerer Trägheit verlangsamt:
 
'''J 10.7''' „Geliebte, nach langer Zeit habe ich tiefste Ruhe gefunden. Im Äußeren, das von so viel Leid erfüllt ist, finde ich nirgends Ruhe.
 
'''J 10.8''' Genug des äußeren Treibens, das dem Wiederkäuen bereits ausgepresster Rückstände gleicht! Vom Unglück verblendet, kannte ich bis heute das wahre Glück meines Selbst nicht.
 
'''J 10.9''' Wie einer, der bettelnd umherzieht und seinen eigenen Schatz nicht kennt, so kannte auch ich den Ozean meines eigenen Glücks nicht.
 
'''J 10.10''' Immer wieder hielt ich das Sinnenglück für das Beste, obwohl es von Leiden durchsetzt ist und wie ein Blitz vergeht. Weil ich ganz daran hing, meinte ich, es sei beständig.
 
'''J 10.11''' So wurde ich von Leiden geschlagen und fand keine Ruhe. Ach, die Menschen können Glück und Leid nicht unterscheiden!
 
'''J 10.12''' Auf der Suche nach Glück häufen sie beständig und vergeblich Leiden an. Genug dieses Leidensgenusses, den ich durch mein eigenes Bemühen herbeigeführt habe!
 
'''J 10.13''' Geliebte, habe Mitgefühl mit mir! Mit gefalteten Händen bitte ich dich: Ich möchte lange in meinem eigenen glückseligen Selbst ruhen.
 
'''J 10.14''' Du scheinst vom Schicksal geschlagen: Obwohl du diesen Zustand kennst, gibst du die Ruhe darin auf und mühst dich vergeblich für das Leid.“
 
'''J 10.15''' So angesprochen, lächelte die verständige Frau leicht und erwiderte ihrem Geliebten: „Mein Herr, du hast jenen höchsten, vollkommen reinen Zustand noch nicht ganz verstanden,
 
'''J 10.16''' in dem die Weisen mit geläutertem Herzen nicht mehr der Verwirrung verfallen. Er ist dir noch so fern wie der Himmel einem Menschen auf der Erde.
 
'''J 10.17''' Was du teilweise verstanden hast, kann einem Nichtverstehen gleichen. Jener Zustand wird nicht durch Schließen oder Öffnen der Augen geschaut.
 
'''J 10.18''' Weder durch Nichttun noch durch Tun wird er als etwas Neues erlangt, weder durch Stillbleiben noch durch Fortgehen.
 
'''J 10.19''' Wie könnte das, was durch Augenschließen, Handeln oder Hingehen gewonnen wird, vollkommen sein? Wenn schon das Öffnen eines Augenlides von der Breite weniger Gerstenkörner
 
'''J 10.20''' es verschwinden ließe, wäre es dann ein Zustand der Fülle? Wie erstaunlich ist die Macht deiner Verblendung! Was soll ich dazu sagen?
 
'''J 10.21''' Das, in dessen kleinstem Winkel Abermillionen Welteier Platz haben, soll durch das Öffnen eines fingerbreiten Augenlides verhüllt werden!
 
'''J 10.22''' Höre, Königssohn, ich sage dir den Kern der Wahrheit: Solange die Knoten nicht gelöst sind, wird das vollkommene Glück nicht erreicht.
 
'''J 10.23''' Es gibt unzählige Knoten, geschlungen aus dem Seil der Verblendung. Als dieses Seil wird das Nichtkennen des eigenen Wesens bezeichnet.
 
'''J 10.24''' Die Knoten darin bestehen aus verkehrten Auffassungen. Der erste ist die Gewissheit, Körper und dergleichen seien das Selbst.
 
'''J 10.25''' Unter ihrem Einfluss breitet sich der schwer zu überwindende Samsara aus. Ein weiterer Knoten ist die Auffassung, die Welt, deren Grund das Leuchten des Bewusstseins ist, sei vom Selbst verschieden.
 
'''J 10.26''' Ebenso gelten die Überzeugung einer Trennung zwischen individuellem Wesen und Ishvara und ähnliche Gewissheiten als Knoten. Seit Langem entstanden, werden sie immer wieder verstärkt.
 
'''J 10.27''' So nehmen sie die Gestalt fester Knoten an, und der Mensch wird dadurch gebunden. Das Lösen dieser Knoten wird Befreiung von der Bindung genannt.
 
'''J 10.28''' Der Zustand, den du beim Schließen deiner Augen erreichst, ist allerdings dein eigenes Wesen: reines, unübertreffliches Bewusstsein.
 
'''J 10.29''' Eben dieses ist die große Spiegelfläche für das Bild des gesamten Samsara. Wann, wo und in welcher Erscheinung wäre es nicht vorhanden? Erkläre mir das!
 
'''J 10.30''' Wenn du sagst, dein Bewusstsein sei zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Erscheinung nicht da, dann wären auch diese Zeit, dieser Ort und jene Erscheinung so unwirklich wie der Sohn einer Unfruchtbaren.
 
'''J 10.31''' Es wäre wie ein Spiegelbild ohne Spiegel, mein Herr. Daher gibt es nirgends irgendetwas getrennt von jenem Zustand.
 
'''J 10.32''' Was könnte durch das Öffnen deiner Augen daran verhüllt werden? Solange der feste Knoten „Ich erkenne es nur auf diese Weise“ besteht,
 
'''J 10.33''' ist jener Zustand nicht vollständig erkannt; was man so begrenzt erlangt zu haben meint, ist nicht seine Fülle. Der Zustand, den du abhängig vom Schließen oder Öffnen der Augen für erreicht hältst,
 
'''J 10.34''' ist nicht die ganze Wirklichkeit, denn du begrenzt ihn durch eine Handlung und andere Bedingungen. Wo wäre das große Bewusstsein nicht, das dem Feuer am Ende der Zeit gleicht
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 10.35''' und den gewaltigen Brennstoff aller Vorstellungen in sich aufnimmt? Wenn du den höchsten Zustand erkannt hast, bleibt für dich nichts mehr zu erledigen, um erst dein Selbst zu werden.
 
'''J 10.36''' Lass den Knoten im Herzen los: „Ich halte alles an und schaue dann.“ Entwurzele auch den anderen festen Knoten: „Dies bin ich nicht.“
 
'''J 10.37''' Sieh überall das Selbst, erfüllt von ungeteilter Glückseligkeit. Sieh die ganze Welt im Selbst wie ein Spiegelbild im Spiegel.
 
'''J 10.38''' Und ohne auch dies fortwährend als Gedanken zu wiederholen – „überall ist alles mein Selbst“ –, nimm das verbleibende innere Sein an und ruhe durch dein eigenes Wesen in dir.“
 
'''J 10.39''' Als der lauter gesinnte Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, erkannte er sein Selbst als vollkommen und wurde überall frei von Täuschung.
 
'''J 10.40''' Nach und nach erlangte er die vollständige Einswerdung und blieb in gefestigter Einsicht. Er verkehrte weiterhin mit Hemalekha und den anderen jungen Frauen,
 
'''J 10.41''' regierte sein wohlhabendes Reich, besiegte Feinde im Kampf, ließ Lehrschriften vortragen, hörte sie und erwarb Reichtum.
 
'''J 10.42''' Er vollzog große Opfer wie Ashvamedha und Rajasuya und lebte, so erzählt die Überlieferung, zwanzigtausend Jahre als zu Lebzeiten Befreiter auf Erden.
 
'''J 10.43''' König Muktachuda und dessen jüngerer Sohn Manichuda beobachteten Hemachudas befreiten Zustand und dachten nach:
 
'''J 10.44''' „Warum erscheint er uns in keiner Hinsicht mehr wie früher? Bei Angenehmem wird er nicht übermäßig froh, bei Leid nicht ebenso erschüttert.
 
'''J 10.45''' Warum sieht er Gewinn und Verlust, Feind und Freund mit gleichem Blick? Er erfüllt die Aufgaben des Königs wie ein Schauspieler auf der Bühne.
 
'''J 10.46''' Stets wirkt er wie von Wein berauscht. Er erledigt seine Aufgaben, als sei sein Herz ständig anderswo.
 
'''J 10.47''' Was ist die Ursache dafür?“ Eines Tages suchten sie ihn unter vier Augen auf und fragten: „Hemachuda, warum bist du so?“
 
'''J 10.48''' Hemachuda erklärte ihnen darauf seinen Zustand Schritt für Schritt. Sein Vater und sein Bruder wurden durch ihn unterwiesen,
 
'''J 10.49''' erkannten die höchste Wirklichkeit und wurden zu Lebzeiten befreit. Ebenso hörten die Minister vom König die Erklärung des Weltgeschehens,
 
'''J 10.50''' untersuchten ihr eigenes Wesen und erkannten, was zu erkennen ist. So wurden in der Stadt Vishala durch die Unterweisung, die sie einander nach und nach vermittelten,
 
'''J 10.51''' alle mit der Wahrheit vertraut, bis hin zu Kindern und Hirten: Männer und Frauen, Junge und Alte, Diener und Dienerinnen.
 
'''J 10.52''' Sie erkannten das zu Erkennende und gaben die Gleichsetzung des Ich mit dem Körper auf. Bei niemandem dort bestand Begehren, Zorn oder Gier,
 
'''J 10.53''' bei keinem Kind und keinem Greis, sofern diese Regungen nicht für eine bestimmte Situation bewusst angenommen wurden. Mit solchen angenommenen Regungen führten sie ihre alltäglichen Verrichtungen aus.
 
'''J 10.54''' Eine Mutter unterhielt ihr Kind mit Erzählungen von der höchsten Wirklichkeit. Diener und Dienerinnen versahen den Dienst für ihre Herren,
 
'''J 10.55''' während sie miteinander Worte über die höchste Wahrheit wechselten. Schauspieler führten Stücke mit Figuren auf, deren Handlungen diese Wahrheit zur Sprache brachten.
 
'''J 10.56''' Sänger sangen Lieder, die ganz der Unterscheidung gewidmet waren. Spaßmacher stellten die Verkehrtheit des gewöhnlichen Weltgetriebes bloß.
 
'''J 10.57''' Gelehrte unterrichteten ihre Schüler in den Schriften mit zahlreichen Beispielen, die zur Erforschung der höchsten Wirklichkeit geeignet waren.
 
'''J 10.58''' So waren dort Männer und Frauen, Diener und Dienerinnen, Schauspieler und Lebemänner, Bedienstete, Soldaten, Minister, Handwerker und Kurtisanen
 
'''J 10.59''' alle zum Ende dessen gelangt, was erkannt werden muss. In der Stadt Vishala gingen sie kraft früherer Prägungen weiterhin ihren Tätigkeiten nach.
 
'''J 10.60''' Man hing nicht den vergangenen angenehmen oder unangenehmen Ereignissen nach und beschäftigte sich nicht vorausgreifend mit künftigen Ursachen von Freude und Trauer.
 
'''J 10.61''' In der Gegenwart schienen die Menschen täglich zu lächeln, sich zu freuen, zu trauern oder zornig zu werden. Doch sie waren im Handeln wie vom Honigtrank berauscht.
 
'''J 10.62''' Als Weise wie Sanaka in diese Stadt kamen, nannten sie sie Prasiddhavidyanagara, die Stadt der offenkundigen Erkenntnis.
 
'''J 10.63''' Dort sprachen selbst die Papageien in ihren Käfigen: „Verehrt euer eigenes Selbst als Bewusstsein, frei von einem getrennten Gegenstand!
 
'''J 10.64''' Das Erkannte ist vom Bewusstsein nicht verschieden, wie ein Spiegelbild vom Spiegel. Das Bewusstsein ist das Erkannte, Bewusstsein bin ich, Bewusstsein ist alles Bewegliche und Unbewegliche.
 
'''J 10.65''' Denn alles leuchtet abhängig vom Bewusstsein; dieses aber leuchtet aus sich selbst. Darum, ihr Menschen, verehrt das Bewusstsein, das alles erhellt und alles trägt.
 
'''J 10.66''' Gebt die Täuschung auf und schaut fest auf nichts als Bewusstsein.“ Weil selbst Tiere dort solche Worte sprechen,
 
'''J 10.67''' wird die Stadt noch heute Prasiddhavidyanagara genannt. So wurde Hemachuda einst von Hemalekha unterwiesen,
 
'''J 10.68''' wurde ein Wissender und zu Lebzeiten Befreiter. Ebenso erkannten alle anderen, angefangen mit Frauen und Kindern, das Höhere und das Niedere.
 
'''J 10.69''' Darum ist [[Satsang]] die erste Ursache des Heils. Wer Heil ersehnt, soll deshalb der Gemeinschaft mit den Guten ergeben sein.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das zehnte Kapitel mit dem Titel „Abschluss der Geschichte Hemachudas“.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 11: Die Welt als Erscheinung des Bewusstseins===
 
'''Die Welt im Bewusstsein:''' Das Spiegelgleichnis erklärt die Abhängigkeit aller Erfahrung vom Bewusstsein. Die Aussagen über Mantras, Zauberkunst und yogische Kräfte gehören zur traditionellen Begründung des Textes.
 
'''J 11.1''' Nachdem Bhargava diese höchst erstaunliche Geschichte Hemachudas gehört hatte, begann er, von Zweifeln bewegt, zu fragen.
 
'''J 11.2''' „Erhabener, verehrter [[Guru]], die wunderbare Erkenntnis, die du verkündet hast, erscheint mir schwer zugänglich und in jeder Hinsicht unerreichbar.
 
'''J 11.3''' Wie kann diese sichtbare Welt ihrem Wesen nach ausschließlich Bewusstsein sein? Das ist nicht unmittelbar ersichtlich; es scheint nur durch Vertrauen annehmbar.
 
'''J 11.4''' Ein Bewusstsein ohne jeden Gegenstand lässt sich doch auf keine Weise erfahren. Das erscheint mir ganz unbegründet. Wie soll mein Geist es fassen?
 
'''J 11.5''' Erkläre mir dies bitte aus Mitgefühl in jeder Hinsicht!“ So befragt, antwortete der Lehrer Dattatreya dem Bhargava:
 
'''J 11.6''' „Höre, Rama! Ich werde dir das wahre Wesen des Sichtbaren erklären. Alles Sichtbare ist nichts anderes als das Gewahrsein selbst.
 
'''J 11.7''' Höre nun aufmerksam die Begründung. Das Sichtbare ist etwas Hervorgebrachtes, denn sein Entstehen lässt sich feststellen.
 
'''J 11.8''' Entstehen bedeutet ein neues Erscheinen. In jedem Augenblick erscheint diese Welt neu; insofern entsteht sie in jedem Augenblick.
 
'''J 11.9''' Einige erklären, die Welt sei ungeteilt in einem einzigen Augenblick entstanden; andere verstehen sie als eine Ansammlung von Dingen, von Unbeweglichem und Beweglichem.
 
'''J 11.10''' In jedem Fall steht ihr Entstandensein fest. Die Ansicht, alles entstehe einfach aus sich selbst, ist unhaltbar, weil sie jede beliebige Folgerung zuließe.
 
'''J 11.11''' Durch gemeinsames Vorhandensein und gemeinsames Ausbleiben stellt man Ursache und Wirkung fest. Da unser Handeln sich auf diese Zusammenhänge verlassen kann, wie sollte alles zufällig entstehen?
 
'''J 11.12''' Wo eine Ursache nicht sichtbar ist, muss eine nicht wahrgenommene Ursache angenommen werden. Dem vielfach Bestätigten zu folgen gilt allgemein als vernünftig.
 
'''J 11.13''' Immer wieder sieht man, dass einer Wirkung etwas vorausgeht. Wenn man es an einer einzelnen Stelle nicht sieht, sollte man entsprechend dem sonst Beobachteten schließen; andernfalls würde das gesamte menschliche
 
'''J 11.14''' Handeln seinen Zusammenhang verlieren. Daher hat alles eine Ursache. Gerade deshalb sucht jeder, der eine Wirkung hervorbringen möchte, nach einem geeigneten Mittel.
 
'''J 11.15''' Überall sieht man die Menschen so handeln; die gegenteilige Auffassung trägt also nicht. Einige behaupten, eine Wirkung entstehe aus Atomen, die nahezu dem Nichtseienden gleichen.
 
'''J 11.16''' Wenn sie von diesen jedoch völlig verschieden wäre, müsste sie selbst gänzlich nichtseiend sein. Wie sollte die Gleichsetzung von Seiendem und Nichtseiendem nicht widersprüchlich sein?
 
'''J 11.17''' Gelbes und Nichtgelbes, Leuchtendes und Nichtleuchtendes können nicht ein und dasselbe sein: Sie widersprechen einander, und ihre Gleichsetzung würde alle Unterscheidungen vermischen.
 
'''J 11.18''' Wie sollte ferner allein durch den Willen eines Herrn der erste Bewegungsimpuls entstehen? Auch die Erklärung, die Welt gehe aus einer Urnatur mit ausgeglichenen Eigenschaften hervor, ist so nicht möglich.
 
'''J 11.19''' Denn man müsste die Ursache für die Störung dieses Gleichgewichts suchen; ebenso fehlt eine Erklärung seines Bestehens. Ohne die Leitung durch Bewusstsein lässt sich dafür auch kein entsprechendes Beispiel finden.
 
'''J 11.20''' Auf diese Weise lässt sich die Ursache des Weltgeschehens nicht feststellen. Bei dem, was der Wahrnehmung entzogen ist, bildet die heilige Überlieferung die Grundlage; andere Erkenntnismittel reichen dorthin nicht.
 
'''J 11.21''' Die Erkennenden sind begrenzt, und ihre Erkenntnismittel gelangen hier zu keinem sicheren Abschluss. Überdies sehen wir häufig, dass eine hervorgebrachte Sache nicht unabhängig von einem Handelnden entsteht.
 
'''J 11.22''' Daher ist die Annahme eines bewussten Urhebers dieser Welt möglich. Wie könnte der Urheber einer so unbegreiflichen Wirkung etwas Gewöhnliches sein?
 
'''J 11.23''' Seine Kraft muss also unbegreiflich sein; die heilige Überlieferung erschließt sie. Das Erkenntniszeugnis des Vollkommenen ist unbehindert und allen begrenzten Erkenntnismitteln überlegen.
 
'''J 11.24''' In dieser Überlieferung wird vor der Schöpfung der eine höchste Herr beschrieben: frei und ohne einen außerhalb seiner selbst vorhandenen Stoff.
 
'''J 11.25''' Aus der Fülle seiner Freiheit ließ er zu seinem Spiel das Bild der Welt auf der Bildfläche seines eigenen Selbst erscheinen – so, wie man im Traum oder in einer inneren Vorstellungswelt allein aus sich selbst etwas gestaltet.
 
'''J 11.26''' So wie du einen Körper als dein Ich auffasst, so verhält es sich mit seiner Welt. Doch dein Körper ist nicht dein eigentliches Wesen, denn im Traum fällt diese körperliche Gestalt fort.
 
'''J 11.27''' Ebenso ist die Welt nicht sein bleibender Körper, denn bei der Weltauflösung verschwindet sie. So wie du, von Körper und anderem unterschieden, reines Bewusstsein bist,
 
'''J 11.28''' so ist die Gottheit unvergänglich und ihrem einzigen Wesen nach Bewusstsein, auch ohne die Welt. Sie hat dieses Weltbild in sich selbst entfaltet.
 
'''J 11.29''' Wo sonst sollte sie das Weltbild entfalten, da außerhalb ihrer nichts möglich ist? Wo und wie könnte jemals etwas ohne Bewusstsein bestehen?
 
'''J 11.30''' Wer einen Ort behauptet, an dem Bewusstsein fehlt, kann diesen Ort selbst nicht feststellen. Und wodurch sollte die Abwesenheit des Bewusstseins festgestellt werden? Daher ist das höchste Bewusstsein
 
'''J 11.31''' umfassendes Sein: Es nimmt die Welt in sich zurück und erscheint in seiner Fülle. Wie Wellen ohne Meer und Strahlen ohne Sonne
 
'''J 11.32''' nicht bestehen, so besteht die Welt nicht ohne das Wesen des Gewahrseins. Dieser große Gott ist daher reines Bewusstsein.
 
'''J 11.33''' Er war vor der Schöpfung. Aus ihm entstand diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt; in ihm besteht sie und in ihn löst sie sich schließlich auf.
 
'''J 11.34''' Dies ist die in der heiligen Überlieferung bekannte Lehre; ihr wird hier nicht widersprochen. Für verborgene Sachverhalte gilt die Überlieferung als Erkenntnismittel, weil sich ihre Aussagen bestätigen.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 11.35''' Denn, so erklärt der Text, Wirkungen von Edelsteinen, [[Mantra]]s und ähnlichen Mitteln lassen sich vielerorts beobachten. Ein Mensch von geringer Einsicht erkennt ihre große Wirksamkeit nicht.
 
'''J 11.36''' Daher gilt der von einem Allwissenden verkündete Agama als umfassend sehend. Die darin beschriebene Gottheit bestand allein vor der Schöpfung der Welt.
 
'''J 11.37''' Am Anfang erschuf sie die ganze Welt ohne einen äußeren Stoff; denn der höchste Herr besitzt vollkommene, klare Freiheit.
 
'''J 11.38''' Auf der Bildfläche seines Bewusstseins entfaltet er das gesamte vielfältige Weltbild. Es ist nicht möglich, dass diese Welt irgendwo außerhalb davon besteht.
 
'''J 11.39''' Da der Herr allumfassend ist, gibt es keinen anderen Ort. Eine Welt, die an einem anderen Ort bestünde, lässt sich deshalb auf keine Weise begründen.
 
'''J 11.40''' Wie ein Spiegelbild in der Weite eines Spiegels ist die Welt in der Gottheit entfaltet. So ergibt sich ein stimmiger Zusammenhang.
 
'''J 11.41''' Der Gottheit, dem Ursprung der Welt, werden die Vorgänge der Welt ähnlich wie einem Yogi zugeschrieben: Ihre Schöpfung gleicht einer im Vorstellen errichteten Stadt.
 
'''J 11.42''' Rama, deine geistige Schöpfung besteht ausschließlich aus Geist. Dennoch erscheint sie reich an vielen Erkennenden, erkannten Gegenständen und weiteren Unterscheidungen.
 
'''J 11.43''' Obwohl sie sich in vielerlei Unterschiede gliedert, ist sie niemals etwas anderes als Geist. Sie entsteht aus dem Geist, besteht in ihm und löst sich wieder in ihn auf.
 
'''J 11.44''' Wie jene Schöpfung ganz aus Geist besteht, so verhält es sich mit der aus [[Shiva]] hervorgegangenen Welt. ''[In der Textgrundlage ist hier nur dieser erste Halbvers des Grundtextes erhalten; der folgende Kommentar setzt weiteren Wortlaut voraus, der nicht ergänzt wird.]''
 
'''J 11.45''' Tripura ist die Einheit unendlicher Kräfte und die Zeugin von allem. Sie ist dieses Bewusstsein, in jeder Hinsicht vollkommen, da ihm jede Begrenzung fehlt.
 
'''J 11.46''' In dieser Welt gelten Zeit und Raum als das, was begrenzt. Raum ist durch Gestalt bestimmt, Zeit durch Bewegung und Geschehen.
 
'''J 11.47''' Doch Gestalt und Geschehen bestehen nur aufgrund des Bewusstseins. Sage: Wie sollten sie gerade dieses Bewusstsein begrenzen können?
 
'''J 11.48''' Sage mir, in welchem Raum und zu welcher Zeit Bewusstsein nicht vorhanden ist! Wo es nicht wäre, wie könnte auch nur dieses Wo festgestellt werden?
 
'''J 11.49''' Das Sein der Dinge ist ihr Offenbarsein und nichts anderes. Dieses Offenbarsein wird Bewusstsein genannt; Unbewusstes besitzt aus sich selbst kein solches Leuchten.
 
'''J 11.50''' Im eigentlichen Sinn leuchtet das, was selbständig offenbar ist. Unbewusste Dinge leuchten nicht aus sich selbst; sie werden durch ihre Verbindung mit Bewusstsein offenbar.
 
'''J 11.51''' Bewusstsein erscheint in sich selbst, ohne von etwas anderem abhängig zu sein. Unbewusste Dinge erscheinen nur aufgrund des Bewusstseins, niemals anders.
 
'''J 11.52''' Wenn du meinst, Dinge bestünden auch völlig unabhängig von ihrem Offenbarsein, dann höre: Die Unterscheidung zwischen ‚Es ist‘ und ‚Es ist nicht‘ ließe sich so nicht begründen.
 
'''J 11.53''' Daher ist das Sein der Dinge in dieser Welt nichts anderes als das Leuchten des Bewusstseins. So wie das Dasein von Spiegelbildern allein im Spiegel liegt,
 
'''J 11.54''' so ist Bewusstsein das Sein der Welt; deshalb ist alles Bewusstsein. Dass es mehr als diese Erscheinungen ist, beruht auf seiner überragenden Klarheit.
 
'''J 11.55''' Festigkeit und Klarheit ermöglichen das Erscheinen eines Spiegelbildes. Je nachdem, wie stark beide ausgeprägt sind, erscheint das Spiegelbild deutlich oder undeutlich.
 
'''J 11.56''' An einem Spiegel und am Wasser lässt sich dies klar erkennen. Doch Spiegel und ähnliche Dinge sind unbewusst und besitzen keine eigene Freiheit.
 
'''J 11.57''' Deshalb sind sie auf ein abzubildendes Gegenüber angewiesen. Bewusstsein dagegen ist wegen seiner klaren Freiheit davon unabhängig. Seine Reinheit ist aus sich selbst gegeben, weil ihm Verunreinigung fehlt.
 
'''J 11.58''' Verunreinigung wäre eine Vermischung verschiedener Wesensarten. Diese gibt es im Bewusstsein nicht, denn die Bewusstseinskraft ist einheitlich und in jeder Hinsicht ungeteilt.
 
'''J 11.59''' Da es niemals seiner selbst entbehrt, ist seine Klarheit unübertrefflich. Wenn etwas nicht aus sich selbst erscheint, sondern durch die Verbindung mit etwas anderem sichtbar wird,
 
'''J 11.60''' nennen die Kenner des Spiegelbildes dies ein Spiegelbild. Eben diese Beschaffenheit lässt sich an der gesamten Welt beobachten.
 
'''J 11.61''' Nirgendwo erscheint sie aus sich selbst; sie erscheint aufgrund des Bewusstseins. Daher lässt sich die Welt treffend mit einem Spiegelbild vergleichen.
 
'''J 11.62''' Obwohl Bewusstsein durch die verschiedensten Erscheinungen gefärbt scheint, leuchtet es und weicht dabei nicht im Geringsten von seinem eigenen Wesen ab – ganz wie ein Spiegel.
 
'''J 11.63''' Wie Spiegelbilder nichts anderes sind als der Spiegel, so sind die Spiegelbilder im Selbst des Bewusstseins nichts anderes als eben dieses Bewusstsein.
 
'''J 11.64''' Beim Spiegel gilt ein gegenüberstehendes Urbild als Ursache des Spiegelbildes. Beim Weltbild im Bewusstsein dagegen ist dessen eigene Freiheit die Ursache.
 
'''J 11.65''' Rama, betrachte die Dinge, die durch dein eigenes Vorstellen in dir erscheinen: Sie spiegeln sich in dir, ohne dass ihnen ein äußeres Urbild oder eine äußere Ursache vorausgehen müsste.
 
'''J 11.66''' Vorstellen wird die sich entfaltende Freiheit des Bewusstseins genannt. Wo kein Vorstellen stattfindet, ist dieses Bewusstsein von einer einzigen klaren Beschaffenheit.
 
'''J 11.67''' Ebenso besaß das eine reine Bewusstsein vor der Schöpfung eine unermessliche Freiheit, die sich als schöpferisches Vorstellen äußerte.
 
'''J 11.68''' Dadurch erschien diese Welt in der Art eines Spiegelbildes. Aufgrund der großen Beständigkeit dieses schöpferischen Vorstellens erscheint sie über lange Zeit.
 
'''J 11.69''' Weil jene Freiheit vollkommen ist, erscheint die Welt vielen gemeinsam. Bei anderen ist die Freiheit begrenzt; deshalb erscheinen ihre Vorstellungswelten als jeweils eigene.
 
'''J 11.70''' In dem Maß, wie die eigene Freiheit durch Übung, Edelsteine, Mantras und ähnliche Mittel ihre Einschränkung ablegt, erweitert sich dem Text zufolge auch das in ihr Erscheinende.
 
'''J 11.71''' Sieh einen Zauberkundigen, Rama: Ohne einen äußeren Stoff lässt er allein durch seinen Entschluss ein vielfältiges Weltbild erscheinen,
 
'''J 11.72''' das gemeinsam wahrnehmbar, beständig und zu bestimmten Wirkungen fähig scheint; anschließend nimmt er es wieder in sich zurück. Auf diese Weise erscheint die Welt.
 
'''J 11.73''' Betrachte ebenso die Schöpfung eines Yogi, die von großer Festigkeit getragen ist. Weil der Yogi begrenzt ist, wird seine Schöpfung als etwas außerhalb seiner selbst vorgestellt.
 
'''J 11.74''' Die Schöpfung des Herrn des Bewusstseins aber liegt wegen seiner Unbegrenztheit ganz in ihm. Deshalb ist sie unwirklich, soweit man sie von ihrem Bewusstseinswesen trennt,
 
'''J 11.75''' so wie ein Spiegelbild keine eigene Wirklichkeit außerhalb des Spiegels besitzt. Eben deshalb zeigt sich die Unwirklichkeit der Welt durch unterscheidende Untersuchung, nicht auf andere Weise.
 
'''J 11.76''' Das Wirkliche gibt sein Wesen nicht auf; das Unwirkliche verliert die ihm zugeschriebene Beschaffenheit. Sieh, Bhargava, wie unbeständig diese Welt ihrem Wesen nach ist!
 
'''J 11.77''' Untersuche, wie sich in allem Wirkliches und Unwirkliches unterscheiden lassen – ähnlich wie beim Erscheinen eines Spiegels und seines Spiegelbildes.
 
'''J 11.78''' Der Spiegel selbst bleibt dabei unbewegt, während sich das Spiegelbild bewegt. Ebenso wandelt sich die Welt; das alles offenbarende Gewahrsein bleibt unwandelbar.
 
'''J 11.79''' Daher halten die zugeschriebenen festen Eigenschaften der Dinge einer gründlichen Untersuchung nicht stand. Das Sonnenlicht beispielsweise macht die Dinge sichtbar,
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 11.80''' wirkt aber für tagsüber blinde Wesen wie Eulen gerade umgekehrt, wie Dunkelheit. Helligkeit und Dunkelheit lassen sich somit nicht als eindeutig feststehende Eigenschaften voneinander trennen.
 
'''J 11.81''' Ebenso kann etwas für den einen Gift und für einen anderen ungiftig sein. Eine Mauer bildet für Menschen und ähnliche Wesen ein Hindernis. ''[Die Lesung „Mauer“ folgt dem Zusammenhang; die Vorlage bietet hier das vermutlich beschädigte Wort bhītiḥ, „Furcht“.]''
 
'''J 11.82''' Für Yogis, Guhyakas und ähnliche Wesen gilt sie dagegen, so der Text, nicht als Hindernis. Eine Zeitspanne oder räumliche Entfernung, die Menschen lang erscheint,
 
'''J 11.83''' kann Göttern und Yogis gerade umgekehrt erscheinen. Wie die Entfernung eines weit entfernten Gegenstands, der in einem Spiegel erscheint,
 
'''J 11.84''' so erweist sich auch die vermeintlich feste Beschaffenheit der Welt bei genauer Untersuchung als nicht beständig. Deshalb besteht nichts unabhängig von seinem tragenden Grund.
 
'''J 11.85''' Was immer als seiend erscheint, ist eben Bewusstsein, die höchste Herrin. Damit habe ich dir deutlich erklärt, dass die Welt einzig das Bewusstsein zu ihrem Wesen hat.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 11. Kapitel: Bestimmung des Wesens der Welt.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 12: Die Welt im Inneren des Felsens===
 
'''Die Welt im Felsen:''' Die folgende Lehrerzählung erprobt die Vorstellung fester Grenzen von Raum und Zeit. Ihre Wunderhandlungen und kosmischen Zeiträume sind Teil der Erzählung; die beschriebenen Körperwechsel sind keine Übungsanleitung.
 
'''J 12.1''' Nachdem Bhargava aus Dattatreyas Mund diese Erklärung des Wesens der Welt gehört hatte, fragte er erneut, denn sein Inneres war noch von Zweifeln erfüllt:
 
'''J 12.2''' „Erhabener, ich habe gehört, was du über die Welt gesagt hast. So, wie du es erklärst, verhält es sich gewiss und nicht anders.
 
'''J 12.3''' Warum aber erscheint diese Welt dennoch ständig als wirklich? Und warum halten andere verständige Menschen sie für wirklich?
 
'''J 12.4''' Warum erscheint sie selbst mir weiterhin als wirklich, obwohl ich deine Erklärung gehört habe? Herr, erkläre mir dies aus Mitgefühl, damit diese Täuschung vergeht!“
 
'''J 12.5''' So von Bhargava befragt, begann der edle Dattatreya die Wurzel der irrtümlichen Annahme einer eigenständigen Wirklichkeit der Welt darzulegen:
 
'''J 12.6''' „Höre, Rama! Die uralte Wurzel dieser Welttäuschung ist eine gefestigte Vorstellung, der die Unkenntnis des Wirklichen vorausgeht.
 
'''J 12.7''' Sieh nur: Weil du das Selbst nicht kennst, hältst du den Körper für dich selbst. Doch was haben Fleisch, Blut und Knochen mit dem ganz reinen Selbst des Bewusstseins gemein?
 
'''J 12.8''' Nur durch die Festigkeit dieser Vorstellung scheint das Bewusstseins-Selbst zum Körper geworden. Selbst nachdem das Selbst als Bewusstsein erkannt wurde, kehrt die Verwechslung mit dem Körper wieder.
 
'''J 12.9''' Ebenso erscheint die Welt durch fest eingeprägte Vorstellung als eigenständig wirklich. Indem man die entgegengesetzte Einsicht vertieft, kann man diese beharrliche Täuschung auflösen.
 
'''J 12.10''' So, wie jemand die Welt innerlich gestaltet, erscheint sie ihm. Sieh, wie Yogis durch [[Dharana|Sammlung]] und [[Dhyana|Meditation]] eine entsprechende Erfahrungsform erlangen.
 
'''J 12.11''' Hierzu erzähle ich dir eine höchst erstaunliche alte Geschichte. Im Land Vanga gibt es eine besonders heilige Stadt namens Sundara.
 
'''J 12.12''' Dort lebte ein weiser König, der als Sushena bekannt war. Sein jüngerer Bruder Mahasena war ihm stets liebevoll zugetan.
 
'''J 12.13''' Der von allen geachtete König regierte sein Reich nach dem Dharma. Einst verehrte er den großen Gott durch Pferdeopfer.
 
'''J 12.14''' Dabei folgten die mächtigen und tapferen Königssöhne mit einem großen Heer dem Opferpferd.
 
'''J 12.15''' Sie besiegten gewaltsam alle starken Gegner, die das Pferd aufhielten. Dem Pferd folgend, gelangten die Söhne des Königs an das Ufer der Airavati.
 
'''J 12.16''' Dort sahen sie den königlichen Weisen Tangana, einen Schatz der Askese. Von ihrer Macht überheblich geworden, gingen sie weiter, ohne ihn zu begrüßen.
 
'''J 12.17''' Tanganas Sohn sah diese Missachtung seines Vaters. Zornig ergriff er das Opferpferd und schalt die Königssöhne.
 
'''J 12.18''' Die Königssöhne umringten ihn von allen Seiten. Doch Tanganas Sohn trat in einen vor ihm liegenden Felsblock ein,
 
'''J 12.19''' und nahm das Pferd vor den Augen der Prinzen mit. Als sie sahen, dass er samt dem Pferd im Felsen verschwunden war,
 
'''J 12.20''' zertrümmerten sie den Felsblock mit allerlei Waffen. Aus dem zerschlagenen Felsen trat der Sohn Tanganas, von einem großen Heer umgeben,
 
'''J 12.21''' hervor und besiegte sie im Kampf in einem Augenblick. Er vernichtete Sushenas Heer, fesselte die Königssöhne
 
'''J 12.22''' und ging wieder in den Felsblock hinein. Die übrig gebliebenen Soldaten eilten zum König und berichteten,
 
'''J 12.23''' dass die Prinzen samt dem Pferd in einen Felsen verschleppt worden seien. Sushena war höchst erstaunt und sprach zu seinem jüngeren Bruder:
 
'''J 12.24''' ‚Lieber Bruder, gehe rasch dorthin, wo der Weise Tangana lebt! Die Kraft der Asketen ist unbegreiflich; Götter und Menschen können sie nicht besiegen.
 
'''J 12.25''' Stimme ihn gnädig, erlange die Söhne und das Pferd zurück und kehre schnell wieder! Der für das Opfer bestimmte Frühling darf nicht ungenutzt verstreichen.
 
'''J 12.26''' Gegenüber Asketen darf man niemals hochmütig auftreten. Wenn sie zornig werden, könnten sie die Welten in einem Augenblick zu Asche machen.
 
'''J 12.27''' Bemühe dich daher um seine Gunst und erfülle so unsere Aufgabe.‘ Mit diesem Auftrag eilte Mahasena an jenen Ort.
 
'''J 12.28''' Er sah Tangana in tiefer Sammlung. Seine Sinne, sein Geist und sein Verstehen waren still; er war unbewegt wie Holz oder eine Mauer.
 
'''J 12.29''' Sein Selbstgewahrsein war in das Meer des Zustands ohne begriffliche Unterscheidung eingetaucht. Mahasena warf sich lang vor ihm nieder, erhob die gefalteten Hände
 
'''J 12.30''' und pries den großen Weisen mit verschiedenen Lobgesängen. Während er ihn so pries, vergingen drei Tage.
 
'''J 12.31''' Da kam dessen Sohn, erfreut über den Lobpreis seines Vaters. Er sprach zu Mahasena: ‚König, dein Lobpreis hat mich erfreut.
 
'''J 12.32''' Sage mir, was du wünschst; ich werde es unverzüglich erfüllen. Ich bin der Sohn dieses mächtigen großen Weisen Tangana.
 
'''J 12.33''' Doch höre, König: Für meinen Vater ist jetzt nicht die Zeit zu sprechen. In tiefster Sammlung verweilt er zwölf Jahre,
 
'''J 12.34''' bevor er sich aus dem Samadhi erhebt. Fünf Jahre davon sind vergangen, sieben bleiben noch. So hält er es seit langer Zeit.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 12.35''' Sage mir also, was du von ihm begehrst; ich werde es tun. Halte mich nicht für ein Kind: In der Askese bin ich meinem Vater gleich.
 
'''J 12.36''' Für asketische Yogis gibt es in dieser Welt nichts Unerreichbares.‘ Als der kluge Mahasena die Worte des jungen Weisen hörte,
 
'''J 12.37''' verneigte er sich und sprach mit gefalteten Händen zu Tanganas Sohn: ‚Sohn des Weisen, wenn du mir heute wirklich einen Gefallen tun willst,
 
'''J 12.38''' so wünsche ich, dass dein Vater aus der Versenkung erwacht und ich ein wenig mit ihm sprechen kann. Das ist mein sehnlichster Wunsch.
 
'''J 12.39''' Wenn du mir Mitgefühl schenken möchtest, erfülle ihn rasch!‘ Nachdem er diese Worte des Königs gehört hatte, antwortete der Sohn des Asketen:
 
'''J 12.40''' ‚König, dein Wunsch ist eigentlich nicht erfüllbar. Doch nachdem ich versprochen habe, ihn zu erfüllen, wie könnte ich nun anders sprechen?
 
'''J 12.41''' Warte bitte einen Augenblick! Sieh, welche Kraft mir aus dem Yoga erwachsen ist.
 
'''J 12.42''' Mein Lehrer weilt jetzt in der höchsten reinen Stätte des Friedens. Wer könnte ihn durch äußere Bemühungen aufwecken?
 
'''J 12.43''' Sieh: Ich werde ihn durch eine feine yogische Methode wecken.‘ So sprach er, setzte sich nieder und zog seine Sinne vollständig zurück.
 
'''J 12.44''' Er vereinte den abwärtsgerichteten Atem mit dem aufwärtsgerichteten und verließ mit dem Hauptlebensatem seinen Körper. Schnell trat er in den Körper seines Vaters ein und erweckte dessen aufgelösten Geist,
 
'''J 12.45''' indem er ihn hervorholte. Nachdem er ihn geweckt hatte, trat er rasch wieder heraus und in seinen eigenen Körper ein. In diesem Augenblick erwachte der Weise.
 
'''J 12.46''' Er sah den König vor sich, der sich verneigte und ihn pries. ‚Was ist geschehen?‘, dachte er und erkannte alles mit yogischer Schau.
 
'''J 12.47''' Mit freundlichem Herzen und ganz ruhigem Geist wandte er sich an seinen Sohn: ‚Mein Kind, tu dies nicht wieder! Zorn ist ein Feind der Askese.
 
'''J 12.48''' Wenn ein König die Welt schützt, kann Askese ungestört gedeihen. Ein Opfer zu behindern entspricht dem Wesen der Dämonen, niemals dem eines Weisen.
 
'''J 12.49''' Gib ihm mit freundlichem Herzen unverzüglich das Pferd und die Prinzen zurück! Er soll rasch aufbrechen, damit die Zeit des Opfers nicht verstreicht.‘
 
'''J 12.50''' So angewiesen, trat der Sohn in den Felsblock ein und brachte in einem Augenblick die Königssöhne samt dem Pferd zurück. Frei von Zorn übergab er sie ihm voller Freude.
 
'''J 12.51''' Mahasena schickte die Söhne seines Bruders mit dem Pferd zur Stadt zurück. Dann verneigte er sich, tief erstaunt, vor Tangana,
 
'''J 12.52''' gewann mit gefalteten Händen die Gunst des großen Weisen und fragte: ‚Erhabener, ich möchte wissen:
 
'''J 12.53''' Wie konnten die Söhne meines Bruders zusammen mit dem Pferd im Inneren dieses Felsblocks verweilen? Bitte erkläre es!‘ So vom König befragt, sprach Tangana:
 
'''J 12.54''' ‚Höre, König, ich werde es dir erzählen. Einst war ich ein Herrscher und regierte lange die vom Meer umgürtete Erde.
 
'''J 12.55''' Durch die Gnade des großen Gottes erkannte ich das Bewusstsein als die höchste Herrin Tripura. Daraufhin betrachtete ich die Ordnung der Welt als ohne bleibenden Reiz.
 
'''J 12.56''' Des weltlichen Lebens überdrüssig, überließ ich meinen Söhnen das Reich und zog in diesen Wald. Meine treue Frau folgte mir.
 
'''J 12.57''' Während ich hier Askese übte, sind hundert Millionen Jahre vergangen. Auch meine Frau erlangte durch ihren Dienst an mir die höchste Vollendung.
 
'''J 12.58''' Eines Tages wurde meine geliebte, treue Frau selbst während der Sammlung von Liebesverlangen erfüllt – aufgrund der Macht dessen, was noch geschehen sollte.
 
'''J 12.59''' Sie sah mich in fester Versenkung und wünschte die Vereinigung mit mir. Weil sie die Stärke ihres Verlangens nicht ertrug, stellte sie sich die Liebesvereinigung mit mir vor.
 
'''J 12.60''' Durch die Kraft ihrer tiefen Vorstellung erlebte sie die Vereinigung mit mir, empfing ein Kind und gebar diesen Sohn, der vor dir steht.
 
'''J 12.61''' Sie legte den Sohn in meinen Schoß und weckte mich aus der Versenkung. Dann gab sie ihren Körper den Elementen zurück und ging in den höchsten Bewusstseinsraum ein.
 
'''J 12.62''' Als ich das Kind in meinem Schoß sah und ihren höchsten Zustand erkannte, wurde mein Herz von Mitgefühl erfüllt. Deshalb zog ich diesen Sohn auf.
 
'''J 12.63''' Eines Tages hörte er von mir, wie ich früher ein Königreich regiert hatte. Er wollte ebenfalls herrschen und bat mich darum.
 
'''J 12.64''' Durch meine Unterweisung erlangte er höchste yogische Macht. Mit der Kraft seiner inneren Vorstellung erschuf er in diesem großen Felsen eine Welt.
 
'''J 12.65''' Darin regiert mein Sohn fortwährend eine vom Meer umgürtete Erde. In jener Welt waren das Pferd und die Königssöhne gefangen; nun sind sie befreit.
 
'''J 12.66''' So habe ich dir erklärt, wie die Gefangenschaft im Felsen möglich war.‘ Nachdem der König diese Worte des Weisen gehört hatte, fragte er erneut:
 
'''J 12.67''' ‚Was du erzählst, ist wahrhaft höchst erstaunlich. Ich möchte diese Welt sehen. Zeige sie mir bitte aus Mitgefühl!‘
 
'''J 12.68''' Auf diese Bitte des Königs wies der Weise seinen Sohn an: ‚Mein Kind, zeige ihm deine ganze Welt, wie er es wünscht.‘
 
'''J 12.69''' Nach diesen Worten versenkte Tangana sich erneut in tiefe Sammlung. Sein Sohn trat an den König heran und ging mit ihm
 
'''J 12.70''' zu dem Felsblock. Der junge Weise trat hinein; der König aber konnte seinem Ruf nicht folgen und nicht hineingehen.
 
'''J 12.71''' Aus dem Inneren des Felsens rief jener nach dem König. Dann kam er wieder heraus und sagte zu ihm:
 
'''J 12.72''' ‚König, als Nicht-Yogi kannst du diese Welt nicht betreten. Weil dir die yogische Fähigkeit fehlt, ist dieser Felsen für dich fest und undurchdringlich.
 
'''J 12.73''' Doch aus Achtung vor dem Wort meines Vaters muss ich dich unbedingt hineinführen. Lege deshalb deinen Körper hier in eine mit Gras bedeckte Höhlung
 
'''J 12.74''' und gehe, nur mit einem geistigen Körper versehen, mit mir in den Felsen!‘ Da der König seinen Körper nicht verlassen konnte, erwiderte er:
 
'''J 12.75''' ‚Weiser, wie soll ich diesen Körper aufgeben? Erkläre es mir! Wenn ich ihn gewaltsam verlasse, werde ich doch vollständig zugrunde gehen.‘
 
'''J 12.76''' Der Sohn des Weisen lachte über diese Worte und sagte: ‚Du weißt wirklich nichts vom Yoga! Nun gut, schließe die Augen.‘
 
'''J 12.77''' Kaum hatte der König die Augen geschlossen, trat er in ihn ein, zog seinen feinstofflichen Körper heraus und legte den groben Körper in die Höhlung.
 
'''J 12.78''' Mit yogischer Kraft trat er zusammen mit dem König in den Felsen ein. Der König war wegen des Fehlens seines Körpers in tiefen Schlaf gefallen. Er verband ihn mit einem durch seinen Willen geschaffenen Körper
 
'''J 12.79''' und weckte ihn. Als der König erwachte, sah er sich vom Weisen gehalten, mitten in einem weiten Himmelsraum.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 12.80''' Über sich und ringsum erblickte er einen furchterregenden, grenzenlosen Raum. Erschrocken rief er: ‚Weiser, lass mich nicht los!
 
'''J 12.81''' Wenn du mich loslässt, gehe ich zugrunde und stürze in diesen haltlosen Raum.‘ Der Sohn des Weisen sah seine Furcht und sagte lächelnd:
 
'''J 12.82''' ‚Lege deine Angst ab, König! Ich lasse dich nicht los. Betrachte diese Welt im Inneren des Felsens ruhig und mutig von allen Seiten.‘
 
'''J 12.83''' Der König fasste Mut und schaute umher. Tief unter sich sah er einen sternenreichen Himmelsraum, von dichter Finsternis umgeben.
 
'''J 12.84''' Als sie in diesen Bereich eintraten, sah er weiter unten die große Mondscheibe. Dort angekommen, erstarrte er
 
'''J 12.85''' vor der Kälte des Mondes; doch der Sohn des Weisen beschützte ihn. Anschließend gelangten sie zur Sonnenwelt, deren Strahlen ihn versengten.
 
'''J 12.86''' Durch seine yogische Kraft kühlte der Sohn des Weisen den Körper des Königs. Dieser sah die ganze Welt wie ein Abbild seiner eigenen Welt.
 
'''J 12.87''' Dann stand er mit dem Weisen auf einem Gipfel des goldenen Berges. Der Herrscher betrachtete alles, was dieser ihm zeigte.
 
'''J 12.88''' Der Weise verlieh ihm eine besondere Sicht, um auch das weit Entfernte zu erkennen. So sah er den ringförmigen Berg Lokaloka,
 
'''J 12.89''' außerhalb davon dichte Finsternis, innerhalb goldenes Land; ferner die Meere und die sieben Kontinente, reich an Flüssen und Bergen.
 
'''J 12.90''' Er sah alle Welten, Indra und die anderen großen Götter, Dämonen, Menschen, Rakshasas, Yakshas, Kimpurushas und weitere Wesen.
 
'''J 12.91''' In Satyaloka, Vaikuntha und auf dem silbernen Berg sah er den Sohn des Weisen selbst in den Gestalten Brahmas, Vishnus und Shivas,
 
'''J 12.92''' in diese Formen aufgeteilt, um die Welten hervorzubringen, zu erhalten und aufzulösen. Dann sah er, dass dieser auf der Erde eine weitere Gestalt angenommen hatte
 
'''J 12.93''' und als Weltherrscher die Erde regierte. Angesichts dieser außerordentlichen yogischen Macht des jungen Weisen
 
'''J 12.94''' war Mahasena voller Staunen. Da sagte der Sohn des Weisen: ‚König, während du diese Gesamtheit der Welten betrachtet hast, ist Zeit vergangen:
 
'''J 12.95''' Zwölfhundert Millionen Jahre sind es nach der äußeren Zeitrechnung; hier entspricht dies einem Tag. Lass uns in die äußere Welt zurückkehren, wo mein Vater lebt!‘
 
'''J 12.96''' So sprach er, erhob sich mit dem König erneut in den Raum und trat auf dieselbe Weise wie zuvor aus dem Felsblock in die äußere Welt hinaus.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 12. Kapitel: Schau der Welt im Felsblock.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 13: Wandel, Trauer und das Gleichnis des Traums===
 
'''Trauer und Selbsterkenntnis:''' Mahasenas Verlust bildet den Ausgangspunkt einer zugespitzten philosophischen Unterweisung. Die strengen Worte des Lehrers gehören zum Gespräch der Figuren; sie sind keine allgemeine Aufforderung, Trauernden ihre Gefühle abzusprechen.
 
'''J 13.1''' „Beim Verlassen des Felsens ließ der Sohn des Weisen Mahasena erneut bewusstlos werden. Er nahm dessen feinstofflichen Körper, der nur aus latenten Eindrücken bestand,
 
'''J 13.2''' mit hinaus und fügte ihn wieder in seinen früheren Körper ein. Nachdem der König mit seinem gealterten Körper verbunden war, weckte er ihn.
 
'''J 13.3''' Mahasena erwachte und betrachtete die äußere Welt. Land, Menschen, Bäume, Flüsse, Seen und vieles andere waren ihm fremd geworden.
 
'''J 13.4''' Vollkommen erstaunt fragte er den Sohn des Weisen: ‚Edler, welche Welt hast du mir hier gezeigt?
 
'''J 13.5''' Sie ist ganz anders als die, die ich zuvor sah. Erkläre mir dieses Wunder!‘ So befragt, antwortete der Sohn des Weisen:
 
'''J 13.6''' ‚Höre, König! Dies ist dieselbe Welt, in der wir zuvor waren. Durch die lange verstrichene Zeit hat sie eine andere Gestalt angenommen.
 
'''J 13.7''' Während für uns in der Felsenwelt ein einziger Tag verging, verstrichen hier zwölfhundert Millionen Jahre.
 
'''J 13.8''' Deshalb hat diese Welt sich verwandelt. Sieh, wie überall die Lebensweisen und selbst die Sprache anders geworden sind!
 
'''J 13.9''' So verändert sich das Leben der Menschen mit der Zeit. Ich selbst habe schon oft eine ganz andere Weltordnung gesehen.
 
'''J 13.10''' Sieh dort meinen verehrten Vater, der in Sammlung verweilt! Dies ist der Ort, an dem du ihn zuvor gepriesen hast.
 
'''J 13.11''' Und sieh diesen großen Felsen, in dem du meine Welt geschaut hast! In der Nachkommenschaft deines Bruders sind inzwischen Tausende von Generationen vergangen.
 
'''J 13.12''' Wo früher deine Stadt Sundara im Land Vanga lag, steht jetzt ein Wald voller wilder Tiere.
 
'''J 13.13''' Ein gegenwärtiger Nachkomme deines Bruders heißt Virabahu. Er herrscht über Malava und wohnt in der Stadt Vishala am Ufer der Kshipra.
 
'''J 13.14''' Ein Nachkomme von dir, Susharma, wurde König im Land der Dravidas. Er lebt in der Stadt Vardhana am Ufer des Flusses Tamraparni.
 
'''J 13.15''' So wandelt sich die Weltordnung fortwährend. Schon in kurzer Zeit wird diese Welt neu.
 
'''J 13.16''' Über längere Zeiträume verändern auch Berge, Flüsse, Seen und Landschaften ihre Gestalt. So ist der Lauf der Welt.
 
'''J 13.17''' Berge werden zu Niederungen, tiefe Landstriche zu großen Höhen. Wüsten werden zu feuchten Gebieten, Berge zu Sand.
 
'''J 13.18''' Harter, steiniger Boden wird ganz weich; weicher Boden wird andernorts fest wie Fels.
 
'''J 13.19''' Unfruchtbares Land wird fruchtbar, fruchtbares Land unfruchtbar. Edelsteine werden zu gewöhnlichem Gestein und gewöhnliche Steine zu Edelsteinen.
 
'''J 13.20''' Salziges Wasser wird süß, süßes Wasser salzig. Manchmal sieht man die Welt voller Menschen, manchmal voller Tiere,
 
'''J 13.21''' manchmal voller Würmer, Insekten und anderer kleiner Wesen. So verändert sich diese Welt in verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise.
 
'''J 13.22''' Dies ist also unsere frühere Welt, die jetzt so beschaffen ist.‘ Als der König die Worte des jungen Weisen hörte,
 
'''J 13.23''' überwältigte ihn tiefer Schmerz und er wurde ohnmächtig. Der Sohn des Weisen tröstete ihn; als der König wieder zu sich kam,
 
'''J 13.24''' klagte er, von großem Leid erfüllt, ganz verzweifelt. Er gedachte seines Bruders, seiner Neffen, seiner eigenen Frauen
 
'''J 13.25''' und seiner Kinder, eines nach dem anderen, und weinte voller Schmerz. Während er so, in Verblendung befangen, seinen Bruder und die anderen betrauerte,
 
'''J 13.26''' sprach der Sohn des Weisen zu ihm, um ihn zum Verständnis zu führen: ‚König, du bist doch ein verständiger Mensch. Wen betrauerst du, und zu welchem Zweck?
 
'''J 13.27''' Verständige handeln nicht ohne Aussicht auf eine Frucht. Wer handelt, ohne die Folgen zu prüfen, verhält sich wie ein Kind.
 
'''J 13.28''' Sage mir daher, wen du betrauerst und was die Trauer bewirken soll!‘ Darauf erwiderte Mahasena, tief betrübt:
 
'''J 13.29''' ‚Großer Weiser, siehst du denn den Grund meiner Trauer nicht? Alles ist mir genommen worden. Warum fragst du noch nach der Ursache?
 
'''J 13.30''' Schon beim Tod eines einzigen Angehörigen trauern die Menschen. Warum fragst du mich also, nachdem ich alle verloren habe?‘
 
'''J 13.31''' Der Sohn des Weisen antwortete mit einem leichten Lächeln: ‚Sage, König: Ist das Trauern etwa eine ewige Pflicht deiner Familie,
 
'''J 13.32''' deren Unterlassung großes Unheil brächte? Oder kann das Verlorene durch Trauer wiedererlangt werden?
 
'''J 13.33''' König, prüfe ruhig und mutig, welche Frucht das Trauern hervorbringt! Wenn man um verlorene Angehörige trauern muss, dann höre:
 
'''J 13.34''' Auch frühere Angehörige, Großväter und andere, sind gestorben. Dann müsste man doch ständig trauern. Warum hast du nicht schon zuvor um sie getrauert?
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 13.35''' Und wessen Angehörige sind sie eigentlich? Wodurch besteht ihre Verwandtschaft mit dir? Die zahllosen Würmer, die im Kot deiner Eltern oder in deinem eigenen entstehen,
 
'''J 13.36''' gehen ebenfalls aus dem Körper hervor und sind mit ihm verbunden. Warum gelten sie nicht als Angehörige? Warum trauerst du nicht um sie?
 
'''J 13.37''' König, erforsche, wer du selbst bist und welche Verstorbenen du betrauerst! Bist du der Körper oder etwas vom Körper Verschiedenes? Der Körper ist ein Gefüge aus Teilen.
 
'''J 13.38''' Schon der Verlust eines Teils wird als Zerstörung dieses Gefüges bezeichnet. Doch Teile des Körpers vergehen in jedem Augenblick.
 
'''J 13.39''' Urin, Kot, Schleim, Nägel, Haare und anderes scheiden fortwährend aus. Eine restlose Vernichtung des gesamten Gefüges lässt sich dagegen nicht feststellen.
 
'''J 13.40''' Die körperlichen Bestandteile deines Bruders und der anderen bestehen ersichtlich in Erde und den übrigen Elementen weiter. Zumindest der Raum im Körper bleibt unzerstört.
 
'''J 13.41''' Doch du bist nicht der Körper, sondern sein Bewohner. Du sagst „mein Körper“, wie du „mein Gewand“ sagst. Erkläre mir also, wie du dieser Körper sein könntest!
 
'''J 13.42''' Wenn du vom Körper verschieden bist, welche Beziehung hast du dann zu anderen Körpern? Wie du mit den Kleidern deines Bruders und der anderen keine eigentliche Wesensverbindung hast,
 
'''J 13.43''' so gilt das auch für ihre Körper. Warum trauerst du um deren Untergang? Du sagst: „Mein Körper, meine Sinne, mein Lebensatem, mein Geist.“
 
'''J 13.44''' Welcher Art bist du also selbst? Antworte auf meine Frage, König!‘ So angesprochen, dachte Mahasena eine Weile gründlich nach.
 
'''J 13.45''' Doch er fand auf die Frage des Weisen keine abschließende Antwort und sagte, noch bedrückter: ‚Erhabener, ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin.
 
'''J 13.46''' Ich trauere ganz unwillkürlich und erkenne die Ursache dafür nicht. Hilflos nehme ich Zuflucht zu dir. Erhabener, erkläre mir, was dies ist!
 
'''J 13.47''' Alle trauern, wenn ein Angehöriger stirbt. Sie kennen weder sich selbst noch den anderen und trauern dennoch.
 
'''J 13.48''' Erkläre mir dies deutlich, Erhabener; ich bin dein Schüler!‘ Auf diese Frage antwortete der Sohn des Weisen Mahasena:
 
'''J 13.49''' ‚Höre, König! Durch die [[Maya]] der großen Göttin verwirrt, erkennen die Menschen ihr eigenes Selbst nicht und trauern immer wieder vergeblich.
 
'''J 13.50''' Solange sie das wahre Wesen ihres Selbst nicht erkannt haben, trauern sie. Wenn sie es erkennen, trauern sie nicht mehr auf diese Weise.
 
'''J 13.51''' Wie jemand, vom Schlaf verwirrt, sein wirkliches Selbst nicht kennt und leidet, oder wie ein Mensch durch den mantrischen Zauber eines Magiers getäuscht wird
 
'''J 13.52''' und sich vor den dadurch vorgestellten Schlangen und anderen Erscheinungen fürchtet, so leidet auch der von Maya verwirrte Mensch, weil er sein Selbst nicht kennt.
 
'''J 13.53''' Wer aus dem Traum erwacht oder die Kunst des Zauberkundigen durchschaut, leidet nicht mehr darunter; er kann sogar über die Furcht der anderen lächeln.
 
'''J 13.54''' Ebenso trauern die Kenner des Selbst, die von Maya befreit sind, nicht mehr auf diese Weise. Sie lächeln über Menschen wie dich, die von Maya verwirrt sind und trauern.
 
'''J 13.55''' Erkenne daher das wahre Selbst, überwinde die schwer zu durchdringende Maya und löse durch klare Untersuchung deinen aus Verblendung entstandenen Schmerz, du Starkarmiger!‘
 
'''J 13.56''' Darauf sagte Mahasena erneut zum großen Weisen: ‚Erhabener, der Vergleich, den du angeführt hast, scheint mir nicht passend.
 
'''J 13.57''' Ein Traum oder eine Zaubererscheinung hat keine eigene Substanz; er erscheint lediglich. Die Welt des Wachens dagegen ist wirklich und erfüllt alle praktischen Zwecke.
 
'''J 13.58''' Sie wird nicht widerlegt und besitzt Bestand. Wie könnte sie einem Traum gleichen?‘ Der höchst verständige Sohn des Weisen erklärte darauf:
 
'''J 13.59''' ‚Höre, König! Deine Behauptung, der Vergleich sei unpassend, ist schon deine zweite Täuschung. Sie gleicht der Einschätzung, die ein Träumender innerhalb seines Traumes hat.
 
'''J 13.60''' Erfüllt ein geträumter Baum während des Traumes nicht ebenfalls einen Zweck? Lindert er nicht die Hitze der Wanderer, indem er Schatten spendet?
 
'''J 13.61''' Sättigt er nicht mit seinen Früchten und anderem die Menschen im Traum? Sage: Wo wird der Traum während des Träumens widerlegt oder als unbeständig erkannt?
 
'''J 13.62''' Wenn du antwortest, alles werde im Wachzustand aufgehoben, dann höre: Wird nicht auch die ganze Welt des Wachens im Tiefschlaf aufgehoben?
 
'''J 13.63''' Du sagst vielleicht: „Nein, denn am folgenden Tag besteht sie genauso weiter.“ Doch sage: Warum sollte nicht auch eine Traumwelt am folgenden Tag fortgesetzt werden?
 
'''J 13.64''' Wenn du meinst, im Traum erscheine keine solche Fortdauer, dann höre: Wo erscheint im Wachen Fortdauer, wenn etwas völlig Neues wahrgenommen wird?
 
'''J 13.65''' Du antwortest vielleicht: „Bei Neuem zwar nicht, aber bei anderem schon.“ Ebenso erscheint auch im Traum Fortdauer, sobald etwas als beständig erlebt wird.
 
'''J 13.66''' Wenn jene Fortdauer nur vermeintlich ist, so gilt dies ebenso im Wachzustand. Prüfe die Dinge des Wachens mit feinem Unterscheidungsvermögen!
 
'''J 13.67''' Körper, Bäume, Flüsse, Lampen und anderes verändern sich in jedem Augenblick. Wie könnte ihre vermeintlich unveränderte Fortdauer völlig wahr sein?
 
'''J 13.68''' Selbst Berge behalten ihre Gestalt nicht bis zum nächsten Augenblick unverändert, da Wasserläufe beständig an ihnen arbeiten.
 
'''J 13.69''' Mäuse, Termiten, Wildschweine, Wasserläufe und anderes verändern die Berge fortwährend von allen Seiten.
 
'''J 13.70''' Selbst Berge, Meere und die Erde verändern sich also in jedem Augenblick. Höre nun, was ich dir weiter erkläre, und prüfe es mit feinem Verständnis, König!
 
'''J 13.71''' Begrenzte Fortdauer besteht im Traum und im Wachen gleichermaßen. Unbegrenzte Fortdauer ist bei hervorgebrachten Dingen überhaupt nicht anzutreffen.
 
'''J 13.72''' Du könntest sagen: „In Gestalt ihrer Ursache bestehen sie doch immer fort.“ Diese ursächliche Gestalt wäre dann Erde und die übrigen Elemente.
 
'''J 13.73''' Doch auch im Traum erscheinen Erde und die anderen Elemente; insofern setzt sich auch dort diese Grundlage fort. Du könntest nun einwenden: „Die Widerlegung des Traums erlebt man im Wachen,
 
'''J 13.74''' aber eine Widerlegung des Wachens erscheint niemandem.“ Dann höre meine Antwort: Wenn Widerlegung das Nichtmehrerscheinen bedeutet,
 
'''J 13.75''' wird das Nichtmehrerscheinen der gesamten Welt im Tiefschlaf erfahren. Wenn du unter Widerlegung dagegen die Erkenntnis verstehst, dass etwas keine verlässliche Geltung besitzt, dann höre:
 
'''J 13.76''' Für Menschen wie dich, die in Täuschung befangen sind, tritt diese Einsicht nicht ein. Wer aber das Wesen des zu Erkennenden erkannt hat, sieht diese fehlende Eigenständigkeit deutlich.
 
'''J 13.77''' Deshalb ist dieses ganze Geflecht des Sichtbaren dem Sichtbaren eines Traums vergleichbar. Auch eine lange Zeitspanne kann im Traum erscheinen, ohne dass darin ein grundsätzlicher Unterschied läge.
 
'''J 13.78''' Auch ein Traumgegenstand erscheint also unwiderlegt, zweckerfüllend und beständig. In dieser Hinsicht ist der Zustand des Wachens ihm ganz ähnlich.
 
'''J 13.79''' Wie du im Wachen überzeugt bist, wach zu sein, so hältst du auch im Traum deinen Zustand für Wachen.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 13.80''' Woher soll bei dieser Sachlage ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Traum und Wachen kommen, König? Warum trauerst du dann nicht um deine Angehörigen im Traum?
 
'''J 13.81''' Die angenommene eigenständige Wirklichkeit der Welt beruht allein auf gefestigter Vorstellung. Wird sie als leer vorgestellt, erscheint sie leer und ohne Widerstand.
 
'''J 13.82''' Eine Vorstellung, die fest wird, ohne durch die Überzeugung ihrer Ungültigkeit geschwächt zu werden, nimmt die entsprechende Erfahrungswirklichkeit an. So verhält es sich, König.
 
'''J 13.83''' Ein Beispiel dafür ist meine Welt, die du selbst gesehen hast. Komm, lass uns diesen Felsen umgehen und ihn betrachten!‘
 
'''J 13.84''' So sprach er, nahm den König bei der Hand und ging mit ihm um den Felsblock. Als sie wieder an ihren Ausgangspunkt gelangt waren,
 
'''J 13.85''' sagte der verständige Sohn des Weisen zu Mahasena: ‚König, du hast diesen Felsen gesehen. Seine Ausdehnung beträgt nur ein Viertel einer Gavyuti.
 
'''J 13.86''' Doch in seinem Inneren hast du eine ausgedehnte Welt deutlich wahrgenommen. War das Wachen oder Traum? War sie wirklich oder unwirklich?
 
'''J 13.87''' Ein Tag in der Felsenwelt entsprach hier zwölfhundert Millionen Jahren, wie du selbst erfahren hast. Unterscheide nun, was davon wirklich und was unwirklich ist!
 
'''J 13.88''' Eine solche Trennung gelingt hier ebenso wenig wie zwischen zwei verschiedenen Träumen. Erkenne deshalb: Diese Welt hat die gestaltende Vorstellung zu ihrem Kern.
 
'''J 13.89''' Wenn sie nicht mehr auf diese Weise vorgestellt wird, löst sie sich augenblicklich auf. Lass daher deinen Schmerz los, König, und erkenne die Welt als einem Traum vergleichbar.
 
'''J 13.90''' Wie du dein eigenes Selbst als Bewusstsein erkennst, als die einem Spiegel vergleichbare Bildfläche des Traumes, und so in dir selbst ruhst,
 
'''J 13.91''' so erkenne das Bewusstseins-Selbst auch als Spiegel für das Weltbild des Wachens. Lass dein Herz rasch von höchster Freude erfüllt sein, König!‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 13. Kapitel: Schau der Felsenwelt.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 14: Die Erklärung der Felsenwelt===
 
'''Die Erklärung des Gleichnisses:''' Der Sohn des Weisen verbindet die gestaltende Kraft des Bewusstseins mit einer Lehre der Wirklichkeitsebenen, der Tattvas. Naturkundliche und geographische Beispiele geben die Vorstellungswelt des Textes wieder.
 
'''J 14.1''' „Nachdem Mahasena die Worte des Weisen gehört hatte, prüfte er sie mit klarem Verstand. Er erkannte die Welt als einem Traum vergleichbar und ließ seinen Schmerz los.
 
'''J 14.2''' Er fasste Mut, wurde frei von Kummer und fragte den Sohn des Weisen erneut: ‚Hochverständiger Sohn des Weisen, du durchschaust das Höhere und das Niedere.
 
'''J 14.3''' Ich glaube, dass dir nicht das Geringste unbekannt ist. Beantworte mir daher bitte aus Mitgefühl, was ich dich frage!
 
'''J 14.4''' Du sagst, alles gehe aus gestaltender Vorstellung hervor. Warum erscheint dann das, was ich immer wieder innerlich vorstelle, keineswegs außen?
 
'''J 14.5''' Du dagegen hast durch die Vollendung deiner Vorstellungskraft eine Welt im Felsen geschaffen. Und wie können Raum und Zeit gleichzeitig so verschieden sein?
 
'''J 14.6''' Eines von beidem müsste doch unwahr sein. Erkläre mir, welches!‘ Auf diese Frage begann der Sohn des Weisen zu antworten:
 
'''J 14.7''' ‚Ein schöpferischer Entschluss wird gestaltende Vorstellung genannt. Sie ist zweifach: vollendet oder unvollendet. Vollendet ist sie, wenn keine Gegen-Vorstellung sich einmischt; diese Festigkeit beruht auf ungeteilter Ausrichtung. ''[Der zweite Halbvers ist in der Vorlage nicht eindeutig; die Wiedergabe folgt dem Zusammenhang.]''
 
'''J 14.8''' Sieh: Diese Welt entstand durch Brahmas gestaltende Vorstellung. Weil sie so außerordentlich fest ist, stellen alle sich die Welt als wirklich vor.
 
'''J 14.9''' Doch niemand bringt den eigenen Vorstellungen dieselbe feste Überzeugung entgegen. Dies ist die Einmischung einer Gegen-Vorstellung; deshalb bleibt die eigene Gestaltung unvollendet.
 
'''J 14.10''' Die Vollendung dieser Vorstellungskraft kann auf verschiedene Weise zustande kommen: durch Geburt, Edelsteine, Heilmittel, Yoga,
 
'''J 14.11''' Askese, Mantra-Vollendung oder einen gewährten Segen. Brahma besitzt sie von Geburt an, Yakshas und Rakshasas erlangen sie durch Edelsteine,
 
'''J 14.12''' Götter durch besondere Mittel, Yogis durch Yoga, Asketen durch Askese und Mantrakundige durch Mantras.
 
'''J 14.13''' Vishvakarman und andere erlangten sie durch einen Segen. Das Vorgestellte muss so vergegenwärtigt werden, dass die frühere Vorstellung vergessen ist.
 
'''J 14.14''' Es bleibt so lange beständig, wie man sich nicht an die frühere Vorstellung erinnert. Wenn eine solche ungeteilte Vergegenwärtigung fest geworden ist,
 
'''J 14.15''' bleibt sie vollendet, solange keine unerwünschte Gegen-Vorstellung eindringt, und kann große Wirkungen hervorbringen.
 
'''J 14.16''' Deine Vorstellungskraft ist nicht vollendet, weil andere Vorstellungen sich einmischen. Wenn du erschaffen willst, bringe deine Vorstellungskraft zur Vollendung!
 
'''J 14.17''' Höre nun meine Erklärung der Verschiedenheit von Raum und Zeit, König! Weil du die Zusammenhänge der Welterfahrung noch nicht durchschaut hast,
 
'''J 14.18''' erscheint dir dies so erstaunlich. Ich werde es dir deutlich erklären. Zum Wesen der Welterscheinungen gehört, dass sie unterschiedlich erscheinen.
 
'''J 14.19''' Ein und dasselbe Sonnenlicht wirkt auf zweierlei Weise: Für tagsüber blinde Wesen ist es Dunkelheit, für andere macht es die Dinge sichtbar.
 
'''J 14.20''' Wasser behindert die Atmung von Menschen und Landtieren. Für Fische und andere Wasserwesen wird die Atmung dagegen außerhalb des Wassers behindert, nicht darin.
 
'''J 14.21''' Feuer verbrennt Menschen und andere Wesen; vom Rebhuhn aber heißt es hier, es verzehre Feuer. Feuer erlischt durch Wasser, und doch brennt es mancherorts im Wasser.
 
'''J 14.22''' So besitzen alle Welterscheinungen unterschiedliche Wirkungsweisen. Manche dieser Vorgänge betreffen die Sinne, andere sind unabhängig von Sinnesorganen.
 
'''J 14.23''' Hunderte und Tausende erscheinen in ihrer Beschaffenheit gegensätzlich. Höre aufmerksam, wie ich dies begründe!
 
'''J 14.24''' Die sichtbaren Erscheinungen sind durch die Beschaffenheit des Sehens bestimmt. Kein Sichtbares lässt sich außerhalb dieses Anteils des Sehens feststellen.
 
'''J 14.25''' Wer etwa durch eine Gallenstörung erkrankte Augen hat, sieht die Außenwelt gelb; jemand mit einer anderen Sehstörung sieht ein einziges Ding doppelt.
 
'''J 14.26''' So sehen Menschen mit unterschiedlich veränderten Augen auch verschiedene Welten. Im östlichen Meer liegt eine Insel namens Karandaka.
 
'''J 14.27''' Dort, so heißt es, sehen die Bewohner alle Dinge stets rot. Auf der Insel Ramanaka wiederum sehen die Menschen fortwährend
 
'''J 14.28''' die gesamte Welt verkehrt, oben und unten vertauscht. Auf anderen Inseln sehen die Menschen die Dinge auf andere Weise,
 
'''J 14.29''' je nach der Beschaffenheit ihrer Augen. Falls ihnen dort einmal etwas anders erscheint,
 
'''J 14.30''' behandeln sie ihre Augen mit einem geeigneten Mittel und sehen wieder wie zuvor. Daher gehört alles, was auf dieser Erde mit den Augen gesehen wird,
 
'''J 14.31''' zum Bereich des Sehens, wie die gelbe Färbung für ein erkranktes Auge. Ebenso gehören Gerüche und andere Sinnesgegenstände zum Bereich der jeweils entsprechenden Sinne.
 
'''J 14.32''' Geistige Erscheinungen bestehen aus Geist; entsprechend verhält es sich mit allen Welterscheinungen. Selbst ihre Abfolge beruht auf der Beschaffenheit der Wahrnehmungsorgane. Daher lässt sich nichts unabhängig davon als außen bestehend festhalten.
 
'''J 14.33''' Höre, König! Was in der Welt als „außen“ erscheint, bildet die erste Grundlage aller Welterscheinungen, gleichsam die Bildfläche des Weltbildes.
 
'''J 14.34''' Doch bei diesem „Außen“ muss ein Bezugspunkt angegeben werden: Außerhalb wovon? Du wirst wohl den Körper nennen; etwas anderes scheint zunächst nicht in Betracht zu kommen.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 14.35''' Aber auch der Körper erscheint außen. Wie könnte er dann der letzte Bezugspunkt sein? Wenn man „außerhalb des Berges“ sagt, liegt der Berg selbst nicht in diesem Außen.
 
'''J 14.36''' Der Körper jedoch erscheint ebenso außen wie ein Topf. Man kann auch nicht sagen, die Dinge lägen außerhalb dessen, was sie offenbar macht.
 
'''J 14.37''' Denn was außerhalb des Lichtes einer Lampe oder der Sonne liegt, wird von ihnen nicht sichtbar gemacht. Deshalb ist es angemessen zu sagen: Das Offenbarte liegt innerhalb dessen, was es offenbar macht.
 
'''J 14.38''' Dieses Offenbarende ist weder der Körper noch etwas Ähnliches, denn diese werden selbst offenbar, wie ein Berg. Als letztes Offenbarendes kommt nur das in Betracht, was nicht seinerseits als Gegenstand offenbar gemacht wird.
 
'''J 14.39''' Wäre auch das Offenbarende ein offenbarter Gegenstand, so würde die Suche nach einem weiteren Offenbarenden niemals enden. Es kann auch nicht im selben Sinn zugleich sein eigenes beleuchtendes Subjekt und beleuchtetes Objekt sein.
 
'''J 14.40''' Daher ist das Offenbarende rein und seinem Wesen nach allein Offenbarsein. Es ist Licht des Erkennens, vollkommen und von einer einzigen Wesensart.
 
'''J 14.41''' Raum und Zeit werden von ihm durchdrungen, denn auch sie erscheinen in ihm. Darin liegt seine Fülle. Weil nichts ihm Fremdes unabhängig davon erscheinen kann, ist es einheitlich Licht des Erkennens.
 
'''J 14.42''' Was immer innen oder außen ist, liegt in diesem Offenbarsein. Es kann daher kein Bezugspunkt für etwas außerhalb seiner selbst sein, so wenig wie ein Berg gegenüber seinem eigenen Gipfel.
 
'''J 14.43''' Dieses Licht umfasst die ganze Welt und leuchtet unabhängig in sich selbst, überall und jederzeit.
 
'''J 14.44''' Es wird höchstes Bewusstsein genannt: Tripura, die höchste Herrin. Die Kenner des Veda nennen es [[Brahman]], die vorzüglichsten Verehrer Vishnus nennen es [[Vishnu]],
 
'''J 14.45''' die Verehrer Shivas nennen es [[Shiva]], und die der göttlichen Kraft Ergebenen nennen es [[Shakti]]. Würden sie damit etwas außerhalb dieses Wesens meinen, so wäre das etwas Begrenztes.
 
'''J 14.46''' Auch dies wäre von der Bewusstseinskraft durchdrungen wie ein Spiegelbild vom Spiegel. Seine Eigenschaft, etwas zu erhellen, wird nur in Beziehung zum Erhellten ausgesagt; sie besteht nicht als gesonderte Bestimmung an sich.
 
'''J 14.47''' Das Erhellte ist ganz im Licht des Erkennens enthalten, wie eine Stadt im Spiegel. So wie die gespiegelte Stadt nicht über den Spiegel hinaus besteht,
 
'''J 14.48''' so geht auch die Welt, die im Bewusstsein erscheint, nicht über dieses hinaus. In einem vollkommen einheitlichen, zusammenhängenden Spiegel
 
'''J 14.49''' kann keine wirklich davon getrennte Stadt bestehen. Ebenso kann im vollkommenen, ungeteilten, einheitlichen Bewusstseins-Selbst
 
'''J 14.50''' keine von ihm getrennte Welt begründet werden. Der Raum gewährt Platz, weil er als leer vorgestellt wird,
 
'''J 14.51''' und lässt deshalb eine Welt der Zweiheit zu. Wie aber sollte das wirkliche Bewusstsein, das nicht leer, sondern von einer einzigen Wesensfülle ist,
 
'''J 14.52''' auch nur die geringste davon getrennte Zweiheit aufnehmen? Es gleicht vielmehr dem Spiegel. Aus der Herrlichkeit seiner uneingeschränkten Freiheit
 
'''J 14.53''' lässt das Bewusstsein in seinem nichtdualen Wesen alles Bewegliche und Unbewegliche erscheinen: eine überaus vielfältige scheinbare Zweiheit, ohne äußere Wirkursache und ohne äußeren Stoff.
 
'''J 14.54''' Obwohl die verschiedensten Formen im Spiegel erscheinen, bleibt seine Einheit deutlich und unversehrt, denn er ist in allen Bildern derselbe.
 
'''J 14.55''' Ebenso bleibt bei der mannigfaltigen Erscheinung der Welt die eine makellose Wirklichkeit bestehen; durch fortgesetzte Betrachtung wird dies erkannt.
 
'''J 14.56''' König, betrachte in dir selbst eine innere Vorstellungswelt! Obwohl sie voller verschiedenster Gestalten ist, besteht sie allein aus Bewusstsein.
 
'''J 14.57''' Bei Entstehung und Auflösung bleibt dieses Bewusstsein ungeteilt – wie ein Spiegel, ob Spiegelbilder vorhanden sind oder nicht.
 
'''J 14.58''' Obwohl Bewusstsein so einheitlich ist, lässt es kraft seiner Freiheit in sich selbst ein Außen erscheinen, wie ein Spiegel einen Himmelsraum zeigt.
 
'''J 14.59''' Dies ist die erste Schöpfung; sie heißt Nichtwissen oder Dunkelheit. Dass das Vollkommene nur teilweise erscheint, wird das Erscheinen eines Außen genannt.
 
'''J 14.60''' Durch die Unterbrechung des umfassenden Ich-Gewahrseins entsteht der Zustand eines Nicht-Ich. Dies heißt auch das Unentfaltete oder die Kraft des Unbewussten.
 
'''J 14.61''' Das Bewusstsein, das dabei als von diesem Außen abgetrennt erscheint, wird Shiva-Tattva genannt. Sein Offenbarwerden ist Shakti.
 
'''J 14.62''' Wenn die vorgestellte große Leere des Außen vom Ich-Gewahrsein überdeckt wird, gilt dies als Sadashiva.
 
'''J 14.63''' Wenn dagegen das gegenständliche Moment überwiegt, wird es Ishvara genannt. Die Wahrnehmung beider in einem Gewahrsein von Unterschied und Nichtunterschied
 
'''J 14.64''' heißt reine Erkenntnis, Shuddhavidya. Bis hierher wird der Bereich rein genannt, weil die Kraft der Trennung noch nicht vorherrscht und die Einheit offenbar bleibt.
 
'''J 14.65''' Wenn durch die Fülle der Freiheit des Bewusstseins die Vorstellung von Verschiedenheit stark wird, erscheint die Kraft des Unbewussten als Träger und Bewusstsein nur noch als ihre Eigenschaft.
 
'''J 14.66''' Dann wird jene Kraft Maya-Tattva genannt. [[Maya]] ist das unterscheidende Bewusstsein, in dem die Vorstellung der Trennung vorherrscht.
 
'''J 14.67''' Von der Vielfalt der Unterschiede verhüllt, erscheint Bewusstsein eingeschränkt. Von fünf Hüllen umgeben, nimmt es den Zustand des individuellen Erfahrenden, [[Purusha]], an.
 
'''J 14.68''' Die fünf Hüllen sind Kalā, Vidyā, Rāga, Kāla und Niyati. Kalā ist begrenztes Handlungsvermögen, Vidyā begrenztes Wissen,
 
'''J 14.69''' Rāga ist Verlangen, Kāla die Begrenzung durch Lebenszeit, Niyati Abhängigkeit und Gebundensein. Mit diesen Hüllen verbunden ist der individuelle Erfahrende.
 
'''J 14.70''' Die Gesamtheit der latenten Eindrücke aus den vielfältigen anfangslosen Handlungen der Wesen, die auf der Bewusstseinskraft beruht, wird [[Prakriti]] genannt.
 
'''J 14.71''' Weil die Früchte der Handlungen dreifach sind, ist auch sie dreifach beschaffen. Ein besonderer Zustand von ihr heißt Citta, das mentale Bewusstseinsfeld.
 
'''J 14.72''' Im Tiefschlaf ist sie als Prakriti zu verstehen; am Ende des Tiefschlafs heißt sie Citta. Bewusstsein zusammen mit der Gesamtheit der latenten Eindrücke wird Citta genannt.
 
'''J 14.73''' Wegen dieses noch unentfalteten Bestands an Eindrücken wird es auch das Unentfaltete genannt. Entsprechend der Verschiedenheit der individuellen Erfahrenden nimmt Citta viele Formen an.
 
'''J 14.74''' Im Tiefschlaf, in dem die individuellen Wesen nicht unterschieden erscheinen, ist es einheitlich und hat den Zustand der Prakriti; danach wird es wieder Citta.
 
'''J 14.75''' Wenn der Bewusstseinsaspekt hervorgehoben wird, heißt dasselbe Purusha. Wenn das Unentfaltete im Vordergrund steht, spricht man von Citta oder Prakriti.
 
'''J 14.76''' Aufgrund unterschiedlicher Tätigkeiten wird es als dreifaches inneres Organ bezeichnet: Ichbewusstsein, unterscheidendes Verstehen und denkender Geist, bester König.
 
'''J 14.77''' Daraus gehen jeweils die fünf Erkenntnis- und Handlungsorgane hervor, ferner die feinen Elemente, beginnend mit dem Klang, und die groben Elemente, beginnend mit dem Raum.
 
'''J 14.78''' So spielt das höchste Gewahrsein, die Zeugin von allem, beginnend mit dem Erscheinen eines Außen, das Spiel von Schöpfung und den weiteren Weltvorgängen.
 
'''J 14.79''' Der bei der Schöpfung durch die ursprüngliche Kraft der erhabenen Tripura hervorgebrachte Hiranyagarbha ist Brahma. Aus seiner gestaltenden Vorstellung ist diese Welt entstanden.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 14.80''' Das Bewusstsein, das darin als „du“ und „ich“ erscheint, ist eben die höchste Bewusstseinskraft. In ihr selbst gibt es keine Trennung.
 
'''J 14.81''' Die Verschiedenheit erscheint nur aufgrund begrenzender Bedingungen, die durch Brahmas Vorstellung gestaltet sind. Wenn diese Vorstellung zurückgenommen wird, erscheint auch keine Trennung mehr.
 
'''J 14.82''' Die gestaltende Kraft des Bewusstseins ist bei dir von Maya verhüllt. Wenn diese Verhüllung fällt, wird auch deine Kraft zur Vollendung gelangen.
 
'''J 14.83''' Raum, Zeit und jedes andere Vorgestellte erscheinen dem Vorstellenden entsprechend seiner Gestaltung als ausgedehnt oder klein, lang oder kurz.
 
'''J 14.84''' Ich stellte jenen Zeitraum als einen Tag vor; daher war er dort ein Tag. Brahma stellte denselben Zeitraum hier als zwölfhundert Millionen Jahre vor.
 
'''J 14.85''' Daher entstand der Eindruck von langer und kurzer Dauer. In dem von Brahma geschaffenen Felsen von einem Viertel einer Gavyuti
 
'''J 14.86''' stellte ich einen grenzenlosen Raum vor; daher erschien dort Unbegrenztheit. So sind beide Erfahrungsweisen in ihrem Zusammenhang wirklich und zugleich ohne eigenständige Wirklichkeit.
 
'''J 14.87''' Stelle auch du dir innerlich einen Raum von einer Krosha und eine Zeit von einer Kala vor! Stelle dir dann am selben Ort unendlich viele Yojanas
 
'''J 14.88''' und eine unzählbare Zeit vor: Sie erscheinen, solange die Vorstellung dauert. Ebenso besteht auch diese äußere Welt aus gestaltender Vorstellung.
 
'''J 14.89''' Sie erscheint, König, im Unentfalteten, dessen Wesen Bewusstsein ist. Das vielfältige Weltbild auf der als außen erscheinenden Bildfläche des Unentfalteten
 
'''J 14.90''' ist daher nichts anderes als diese Bildfläche. Sie wiederum hat ihren Grund im Bewusstsein. Deshalb können Yogis selbst einen fernen Ort, dessen Erreichen lange dauern würde,
 
'''J 14.91''' in einem Augenblick erreichen und so deutlich sehen wie eine Frucht in ihrer Hand. Ob fern oder nah, lang oder kurz:
 
'''J 14.92''' All dies beruht auf gestaltender Vorstellung und hat seinen Grund im Spiegel des Bewusstseins. Erkenne dies gewiss und löse deine Täuschung durch fortgesetzte Vergegenwärtigung des reinen Bewusstseins!
 
'''J 14.93''' Dann wirst auch du frei sein wie ich.‘ Als Mahasena diese Worte des jungen Weisen gehört hatte, o bester Weiser,
 
'''J 14.94''' ließ er alle Täuschung los und erkannte, was zu erkennen war. Mit geläutertem Herzen vollendete er durch die Übung des [[Samadhi]] seine innere Vergegenwärtigung.
 
'''J 14.95''' Er erlangte Freiheit und lebte noch lange in diesem Zustand. Schließlich ließ er auch die Erscheinung seines Körpers fallen und ruhte im großen Bewusstseinsraum.
 
'''J 14.96''' So erlangte Mahasena die höchste Befreiung, Bhargava. Auf dieselbe Weise erscheint die Welt allein aufgrund der gefestigten Vorstellung ihrer Wirklichkeit
 
'''J 14.97''' als etwas eigenständig Wirkliches. Prüfe dies, Spross des Bhrigu! Durch unterscheidende Untersuchung wird die in deinem Geist wohnende Täuschung zur Ruhe kommen.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 14. Kapitel: Die Erzählung von der Felsenwelt.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 15: Ashtavakra und die Prüfung der Erkenntnis===
 
'''Wissen und unmittelbare Erkenntnis:''' Die Asketin stellt nicht die Bedeutung der Schriften infrage, sondern Ashtavakras Gleichsetzung von Gelehrsamkeit und verwirklichter Einsicht. Ihre namenlose Gestalt trägt die entscheidende Unterweisung.
 
'''J 15.1''' Als Rama, der Spross des Bhrigu-Geschlechts, diese wunderbare Geschichte von der Felsenwelt hörte, war er erneut tief erstaunt.
 
'''J 15.2''' Er prüfte die Worte seines Lehrers und gewann mit geläutertem Verständnis Gewissheit. Dann trat er wieder zu Dattatreya, verneigte sich und fragte ehrerbietig:
 
'''J 15.3''' „Erhabener, aus deinen verschiedenen Erzählungen habe ich nach gründlicher Betrachtung folgenden wesentlichen Sinn verstanden:
 
'''J 15.4''' Allein das Gewahrsein ist wirklich. Das Erkannte wird darin vorgestellt und erscheint, wie eine Stadt im Spiegel, ohne eigenständige Wirklichkeit.
 
'''J 15.5''' Dieses Bewusstsein ist die höchste Kraft, die große Herrin, deren Wesen Gewahrsein ist. Auf der Bildfläche ihres eigenen Selbst lässt sie das Weltbild,
 
'''J 15.6''' das sich vom Unentfalteten an in verschiedene Ebenen gliedert, allein kraft ihrer Freiheit erscheinen, ohne äußeren Stoff und ohne äußere Ursache. So viel habe ich durch feine Untersuchung verstanden.
 
'''J 15.7''' Doch dieses Bewusstsein wird als frei von jedem erkannten Gegenstand beschrieben. Es scheint unmöglich, es zu erfahren, da uns Bewusstsein stets mit einem Gegenstand begegnet.
 
'''J 15.8''' Wie kann Bewusstsein ohne einen erkannten Gegenstand erfahren werden? Ohne seine Erfahrung lässt sich aber das höchste Lebensziel nicht erreichen.
 
'''J 15.9''' Dieses höchste Ziel soll Befreiung sein. Was genau wird darunter verstanden? Wenn Erkenntnis Befreiung bewirkt, wie kann ein Befreiter noch in der Welt handeln?
 
'''J 15.10''' Auch Menschen, die als Erkennende gelten, sieht man ganz dem Handeln zugewandt. Wie kann ihr Gewahrsein dabei frei von Erkanntem sein?
 
'''J 15.11''' Wie kann Handeln stattfinden, wenn reines Gewahrsein besteht? Erkenntnis ist doch einheitlich, und auch ihre Frucht, die Befreiung, ist eine.
 
'''J 15.12''' Warum sieht man dann so unterschiedliche Lebensweisen unter den Erkennenden? Manche vollziehen zur rechten Zeit die von den heiligen Schriften gebotenen Handlungen.
 
'''J 15.13''' Manche verehren Gottheiten auf verschiedenen Wegen. Andere widmen sich ganz dem Samadhi und haben ihre Sinne zurückgezogen.
 
'''J 15.14''' Manche üben Askese, die Körper und Sinne auszehrt. Andere unterweisen Schüler mit ausführlichen Erklärungen.
 
'''J 15.15''' Manche regieren ein Reich nach den Regeln der Staatsführung. Andere führen in Versammlungen Streitgespräche mit ihren Gegnern.
 
'''J 15.16''' Manche verfassen unablässig verschiedene Lehrschriften. Andere erscheinen stets ganz einfältig.
 
'''J 15.17''' Einige leben sogar auf eine Weise, die von der Welt getadelt wird. Und dennoch werden all diese von vielen als Erkennende bezeichnet. ''[Das letzte Wort des zweiten Halbverses ist in der Vorlage unklar; die Zuschreibung als Erkennende ist eindeutig.]''
 
'''J 15.18''' Wie kommt es bei gleichem Mittel und gleicher Frucht zu so verschiedenen Lebensweisen? Besitzen sie alle dieselbe Erkenntnis, oder gibt es Abstufungen?
 
'''J 15.19''' Bitte erkläre mir dies alles vollständig. Dein Herz ist von Natur aus mitfühlend mit deinem Schüler, der keine andere Zuflucht kennt.“
 
'''J 15.20''' So von Bhargava befragt, begann der Sohn Atris mit heiterem Geist zu sprechen; er hielt diese Fragen für angemessen:
 
'''J 15.21''' „Rama, bester der Verständigen, gewiss näherst du dich jenem höchsten Zustand. Weil du dich gründlicher Untersuchung widmest, bist du für die Erkenntnis bereit geworden.
 
'''J 15.22''' Eben diese klare Untersuchung ist das Herabkommen der göttlichen Kraft, [[Shaktipat]]. Wer könnte ohne die Zuwendung der göttlichen Kraft das höchste Heil erlangen?
 
'''J 15.23''' Erkenne darin die Wirksamkeit der Gottheit des eigenen Selbst: Wenn sie günstig gestimmt ist, lässt sie die klare Untersuchung immer weiter wachsen.
 
'''J 15.24''' Was du verstanden hast, verhält sich tatsächlich so. Doch obwohl du das Wesen des höchsten Bewusstseins mit diesen Worten beschrieben hast,
 
'''J 15.25''' hast du es noch nicht gründlich erkannt, Rama; das zeigt deine Art zu sprechen. Solange jemand es nur aus der Distanz kennt, kennt er es noch nicht wirklich.
 
'''J 15.26''' Denn rechte Erkenntnis hebt gerade diese Distanz auf. Eine Erkenntnis, die äußerlich bleibt, ist dem Erkennen im Traum vergleichbar.
 
'''J 15.27''' Wie der Fund eines Schatzes im Traum im Wachleben nichts einbringt, so schenkt bloß mittelbare Erkenntnis nicht die eigentliche Frucht.
 
'''J 15.28''' Hierzu erzähle ich dir eine schöne alte Geschichte. Einst lebte im Land Videha ein König, der ganz dem Dharma ergeben war:
 
'''J 15.29''' [[Janaka]], reif an Weisheit und Kenner des Höheren und Niederen. Eines Tages verehrte er die Göttin seines eigenen Selbst mit vorzüglichen Opfern.
 
'''J 15.30''' Gelehrte Brahmanen, Asketen, Kenner der Künste und des Veda, Opferpriester und Teilnehmer langer Opferfeiern kamen dorthin.
 
'''J 15.31''' Zur gleichen Zeit begann auch Varuna ein Opfer. Doch viele der von ihm eingeladenen Brahmanen kamen nicht zu ihm,
 
'''J 15.32''' weil sie Janaka zugetan waren, der sie geehrt und reichlich beschenkt hatte. Da kam Varunas Sohn, ausgestattet mit geistiger Gewandtheit,
 
'''J 15.33''' in der Gestalt eines Brahmanen, um die Brahmanen durch eine List fortzuführen. Er betrat die Opferhalle, segnete den König
 
'''J 15.34''' und verspottete vor der versammelten Gemeinschaft deren Mitglieder: ‚König, deine Opferhalle macht keinen schönen Eindruck.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 15.35''' Sie gleicht einem Lotusteich voller Krähen und Reiher. Eine Versammlung gewinnt Schönheit durch eine Schar wahrhaft Wissender,
 
'''J 15.36''' wie ein Lotusteich im Herbst durch Schwäne. Doch hier sehe ich nicht einen Einzigen, dessen Wissen wirklich klar wäre.
 
'''J 15.37''' Heil sei dir! Ich gehe wieder. Hier kann ich nicht bleiben. Wie sollte ich mich in eine Versammlung voller Unwissender setzen?‘
 
'''J 15.38''' Als Varunas Sohn dies sagte, wurden die Versammelten zornig: ‚Du bist wohl nur dem Namen nach ein Brahmane! Warum schmähst du uns alle?
 
'''J 15.39''' Welche besondere Wissenschaft beherrschst du, durch die wir schon besiegt wären? Du prahlst vergeblich, Tor. Erst wenn du uns besiegt hast, wirst du gehen!
 
'''J 15.40''' Hier sind nahezu alle Gelehrten der Menschenwelt versammelt. Willst du etwa heute die ganze Menschenwelt besiegen, Unverständiger?
 
'''J 15.41''' Sage, mit welcher Wissenschaft du uns besiegen willst!‘ Darauf antwortete Varunas Sohn den Versammelten:
 
'''J 15.42''' ‚Unter folgender Bedingung werde ich euch alle in einem Augenblick besiegen: Wenn ihr mich besiegt, soll ich im Meer versenkt werden.
 
'''J 15.43''' Wenn ich siege, versenke ich jeden Besiegten von euch darin. Wer diese Bedingung annimmt, möge mit mir streiten.‘
 
'''J 15.44''' Die Versammelten stimmten den Bedingungen zu, und die Brahmanen führten mit Varunas Sohn eine heftige Debatte.
 
'''J 15.45''' Durch widerlegendes und auf Sieg gerichtetes Streitreden besiegte er die Brahmanen. Hunderte und Tausende wurden ins Meer versenkt.
 
'''J 15.46''' Varunas Boten nahmen die Versenkten auf und brachten sie zu seinem Opfer. Dort wurden sie hoch geehrt und waren erfreut.
 
'''J 15.47''' Als Ashtavakra hörte, dass sein Vater Kahola versenkt worden war, kam er herbei. Er führte mit großer Gelehrsamkeit das Streitgespräch,
 
'''J 15.48''' besiegte Varunas Sohn und befahl, ihn ins Meer zu versenken. Da gab dieser sich zu erkennen
 
'''J 15.49''' und brachte die Brahmanen aus seiner Welt zurück. Nachdem die Brahmanen wieder eingetroffen waren, wurde Kaholas Sohn jedoch überheblich.
 
'''J 15.50''' Er behandelte alle von ihm befreiten Brahmanen geringschätzig. Durch Ashtavakras Verachtung gekränkt,
 
'''J 15.51''' nahmen sie Zuflucht zu einer Asketin, die gerade gekommen war. Sie tröstete die Brahmanen. Sie trug ein ockerfarbenes Gewand,
 
'''J 15.52''' verfilzte Haarflechten und eine anmutige, ewig jugendliche Gestalt. Sie trat in die Versammlung, wurde vom König ehrerbietig empfangen und sprach:
 
'''J 15.53''' ‚Mein Kind, Sohn Kaholas, du bist sehr verständig. Du hast Varunas Sohn im Streitgespräch besiegt und die Brahmanen befreit.
 
'''J 15.54''' Ich möchte dich etwas fragen. Antworte ohne Ausflüchte: Kennst du jenen Zustand, dessen Erkenntnis umfassende Unsterblichkeit gewährt,
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''J 15.55''' bei dessen Erkenntnis alle Zweifel vergehen, nichts unerkannt bleibt und nichts mehr zu erhoffen ist?
 
'''J 15.56''' Wenn du jenes nicht gegenständlich Erkennbare erkannt hast, dann erkläre es mir unverzüglich!‘ Auf diese Frage der Asketin antwortete Kaholas Sohn:
 
'''J 15.57''' ‚Jenen Zustand kenne ich. Höre, Asketin, ich werde ihn dir erklären. Es gibt in der Welt nichts, was ich nicht wüsste; wie viel weniger gerade dies!
 
'''J 15.58''' Ich habe sämtliche Lehrschriften wiederholt durchgearbeitet. Was du erfragst, werde ich dir der Wahrheit gemäß erklären.
 
'''J 15.59''' Es ist die Ursache der ganzen Welt, frei von Anfang, Mitte und Ende, durch Raum und Zeit unbegrenzt, reines ungeteiltes Bewusstsein.
 
'''J 15.60''' Auf ihm beruhend erstrahlt diese Welt wie eine Stadt im Spiegel. Dies ist der höchste Zustand.
 
'''J 15.61''' Nur durch seine Erkenntnis erlangt man die unwandelbare Unsterblichkeit. Wie nach dem Erkennen eines Spiegels hinsichtlich der unzähligen Spiegelbilder
 
'''J 15.62''' kein Zweifel, kein Unbekanntes und nichts mehr zu suchen bleibt, so verhält es sich beim Erkennen des Höchsten.
 
'''J 15.63''' Es kann von keinem anderen als Gegenstand erkannt werden, weil außerhalb seiner kein Erkennender besteht. So ist diese Wirklichkeit, Asketin, gemäß der Einsicht der Schriften dargelegt.‘
 
'''J 15.64''' Nachdem sie Ashtavakras Worte gehört hatte, antwortete die Asketin: ‚Du hast trefflich gesprochen, junger Weiser; so wird es allgemein gelehrt.
 
'''J 15.65''' Du sagst, es sei unerkennbar, weil kein anderer Erkennender besteht. Zugleich sagst du, nur durch seine Erkenntnis erlange man den unvergänglichen Zustand der Unsterblichkeit.
 
'''J 15.66''' Wie passen deine erste und deine zweite Aussage zusammen? Wenn es unerkennbar ist, dann sage: „Ich kenne es nicht“, und erkläre, ob es überhaupt besteht.
 
'''J 15.67''' Wenn es besteht und du es kennst, nenne es nicht unerkennbar! Du hast dies nur nach der Lehre der Schriften dargestellt, Brahmane.
 
'''J 15.68''' Du kennst es nicht aus eigener Erfahrung; deshalb ist es dir nicht unmittelbar gegenwärtig. Du siehst sämtliche Spiegelbilder unmittelbar so, wie sie erscheinen,
 
'''J 15.69''' aber den Spiegel selbst kennst du nicht unmittelbar – wie soll das möglich sein? Wenn du so vor dieser Versammlung und vor Janaka sprichst,
 
'''J 15.70''' wie kannst du nicht erkennen, dass du dich selbst widerlegst?‘ Als sie dies gesagt hatte, wusste er nichts zu erwidern.
 
'''J 15.71''' Er wurde bestürzt und schämte sich. Eine Weile stand er mit gesenktem Kopf da und prüfte innerlich ihre Worte.
 
'''J 15.72''' Da er keine Antwort auf ihre Frage fand, sagte der Brahmane: ‚Asketin, ich weiß auf deine Frage keine Antwort.
 
'''J 15.73''' Ich bin dein Schüler. Bitte erkläre mir, wie dies zu verstehen ist! Ich will keine Unwahrheit sprechen, die meine Askese entkräftet und nichts Gutes bewirkt.‘
 
'''J 15.74''' Erfreut über seine Wahrhaftigkeit, antwortete die Asketin Ashtavakra vor den Ohren der Versammelten:
 
'''J 15.75''' ‚Mein Kind, viele geraten in Verwirrung, weil sie gerade dies nicht erkennen. Durch bloßes Argumentieren ist es nicht zu erkennen; überall bleibt es tief verborgen.
 
'''J 15.76''' Von all den hier Versammelten erkennt es keiner – dieser König erkennt es, und ich erkenne es; die anderen noch nicht.
 
'''J 15.77''' Bei Streitgesprächen wissen selbst die Gelehrten meist keine Antwort auf diese Frage, weil sie sich allein auf Schlussfolgerungen verlassen.
 
'''J 15.78''' Auch ein feiner Verstand kann es nicht allein durch Argumente erkennen, ohne Hinwendung zu einem wahren Lehrer und ohne die Gnade der Gottheit.
 
'''J 15.79''' Höre mit feinem Verständnis, Sohn des Weisen; ich werde es dir erklären. Selbst nachdem man es gehört hat, erkennt man es nicht mit einem Denken, das auf Abstand bleibt.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 15.80''' Solange diese Erkenntnis nicht auf das eigene Selbst bezogen und darin verwirklicht wird, bleibt es vergeblich, sie tausendmal zu sagen und zu hören.
 
'''J 15.81''' Jemand trägt beispielsweise eine Perlenkette um den Hals, bemerkt sie aber aus Unachtsamkeit nicht und glaubt irrtümlich, Diebe hätten sie gestohlen.
 
'''J 15.82''' Selbst wenn ein anderer ihn darauf hinweist: „Sie ist an deinem Hals“, findet er sie nicht, solange er diesen Hinweis nicht auf sich selbst bezieht und nach seinem Hals schaut.
 
'''J 15.83''' Mag er noch so fein darüber nachdenken: Die Kette an seinem Hals findet er so nicht. Ebenso verhält es sich, wenn du vom eigenen Selbst und seinem Wesen hörst.
 
'''J 15.84''' Solange selbst ein äußerst scharfsinniger Mensch die Aufmerksamkeit nicht nach innen auf sich selbst richtet, wo und wie sollte er es außen erkennen?
 
'''J 15.85''' Eine Lampe beleuchtet die Gegenstände ringsum. Sie muss aber nicht erst durch eine andere Lampe beleuchtet werden.
 
'''J 15.86''' Sie leuchtet selbst und ist nicht auf einen anderen Lichtspender angewiesen. Ebenso verhält es sich mit der Sonne und den anderen Lichtquellen.
 
'''J 15.87''' Kann man deshalb behaupten, eine Lampe und die anderen Lichtquellen bestünden nicht oder leuchteten nicht, weil sie nicht erst von anderswo beleuchtet werden müssen?
 
'''J 15.88''' Wenn sich dies schon bei Lampen und ähnlichen Dingen so verhält, die letztlich selbst erkennbare Gegenstände sind, warum sollte dann beim Bewusstseinsprinzip, das überhaupt kein beleuchteter Gegenstand ist,
 
'''J 15.89''' der Zweifel entstehen, wie es offenbar sein kann, obwohl es nicht gegenständlich erkennbar ist? Untersuche dies gründlich mit nach innen gewandtem Blick!
 
'''J 15.90''' Diese höchste Bewusstseinskraft ist Tripura, der Grund von allem. Sie macht alles offenbar. Wo oder wann sollte sie selbst nicht leuchten?
 
'''J 15.91''' Wenn sie nicht leuchtete, was könnte dann überhaupt erscheinen? Selbst als Nichtoffenbarsein erscheint nur diese Bewusstseinskraft.
 
'''J 15.92''' Wenn sogar Dunkelheit oder Nichtoffenbarsein erfahren wird, wie könnte sie selbst nicht offenbar sein? Und wenn sie offenbar ist: Auf welche Weise? Prüfe dies sehr fein!
 
'''J 15.93''' Hier sehen selbst geschickte Gelehrte nicht klar, solange ihr Blick nicht nach innen gewandt ist. Deshalb bleiben sie verwirrt und wandern im Kreislauf des Daseins.
 
'''J 15.94''' Solange die Aufmerksamkeit ihr nach außen greifendes Tätigsein nicht aufgibt und zur Ruhe kommt, ist auch der Blick nach innen nicht möglich.
 
'''J 15.95''' Solange man diesen inneren Blick nicht gewinnt, erkennt man sie nicht. Der innere Blick ist frei von Bemühen um Gegenstände; wie könnte er zugleich ein solches Greifen sein?
 
'''J 15.96''' Lass dieses Greifen ganz los und ruhe in deinem eigenen Wesen. Verweile einen Augenblick in dir selbst, ohne begriffliche Untersuchung.
 
'''J 15.97''' Danach betrachte durch Erinnerung, was gegenwärtig war; so erkennst du den Zusammenhang. Daher wird diese Wirklichkeit zugleich nicht gegenständlich erkennbar und wohl erkennbar genannt.
 
'''J 15.98''' Wer das nicht gegenständlich Erkennbare auf diese Weise erkennt, erlangt den Zustand der Unsterblichkeit. Nun habe ich dir alles erklärt. Sei gegrüßt, Sohn des Weisen!
 
'''J 15.99''' Ich gehe jetzt. Durch einmaliges Hören hast du dies noch nicht völlig verstanden. Dieser König, der Beste der Verständigen, wird dich weiter unterweisen.
 
'''J 15.100''' Frage ihn erneut! Er wird alle deine Zweifel lösen.‘ So sprach sie, wurde vom König geehrt und von den Versammelten mit Verneigung verabschiedet.
 
'''J 15.101''' In einem Augenblick verschwand sie wie ein vom Wind verwehter Wolkenstreif. So habe ich dir, Rama, den Weg zur Erkenntnis des Selbst erklärt.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 15. Kapitel im Abschnitt über Ashtavakra.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 16: Unterweisung durch Janaka===
 
'''Zum Sprachgebrauch:''' Janaka verwendet Samadhi zunächst in einem weiten Sinn für nichtbegriffliches Gewahrsein und unterscheidet davon ausdrücklich den eigentlichen Samadhi. Die Ähnlichkeit mit Tiefschlaf betrifft daher nicht dessen befreiende Wirkung.
 
'''J 16.1''' Als Rama Bhargava dies hörte, war er innerlich voller Staunen. Noch immer nicht gesättigt vom Hören der Geschichte, fragte er den Sohn Atris erneut:
 
'''J 16.2''' „Erhabener, diese alte Begebenheit ist wunderbar. Der große Weise Ashtavakra befragte anschließend den König.
 
'''J 16.3''' Erzähle mir vollständig, was der König ihm antwortete! Diese Geschichte ist erstaunlich; ich habe sie noch nirgendwo gehört.
 
'''J 16.4''' Lehrer, erkläre mir aus Mitgefühl den ganzen Zusammenhang dieser Erkenntnis!“ So gebeten, erzählte der große Weise Dattatreya
 
'''J 16.5''' dem Bhargava diese höchst läuternde Geschichte: „Höre, Bhargava, was der edle Janaka sagte.
 
'''J 16.6''' Nachdem die Asketin fortgegangen war, trat Ashtavakra, der Sohn des Weisen, von vielen Brahmanen umgeben, an den großen König heran.
 
'''J 16.7''' Er fragte nach dem tiefen Sinn dessen, was die Asketin nur kurz erklärt hatte. Höre aufmerksam, wie ich es dir wiedergebe!
 
'''J 16.8''' ‚König, Herr von Videha! Ich habe die Worte der Asketin nicht gründlich verstanden, weil sie so knapp gesprochen hat.
 
'''J 16.9''' Wie erkenne ich das nicht gegenständlich Erkennbare? Erkläre es mir, du Schatz des Mitgefühls!‘ So befragt, antwortete Janaka wie erstaunt:
 
'''J 16.10''' ‚Sohn des Weisen, höre, was ich dir nun sage! Es ist weder in jeder Hinsicht unerkennbar noch in jeder Hinsicht ein erkennbarer Gegenstand.
 
'''J 16.11''' Wäre es völlig unerkennbar, was könnte ein Lehrer darüber mitteilen? Der Lehrer erschließt die Wirklichkeit; deshalb soll man sich zuerst an einen Lehrer wenden.
 
'''J 16.12''' Diese Erkenntnis ist zugleich äußerst leicht und äußerst schwierig. Wer seine Aufmerksamkeit zurückgewandt hat, für den ist sie leicht.
 
'''J 16.13''' Wer ausschließlich nach außen schaut, für den ist sie sehr schwer. Für sich genommen ist sie nicht beschreibbar und kein gegenständlich Erkennbares.
 
'''J 16.14''' Doch durch eine andere Ausdrucksweise lässt sie sich andeuten und auch erkennen. Was immer du als Gegenstand siehst, daran lässt sie sich erschließen.
 
'''J 16.15''' Betrachte mit klarem Verständnis, was immer dir erscheint! Die Kraft des Offenbarens, frei vom jeweils Offenbarten, ist der Grund jedes Erscheinens.
 
'''J 16.16''' Erkenne, Sohn des Weisen: Eben sie ist jene Wirklichkeit. Das Erkannte selbst ist nicht Erkenntnis, denn es erscheint nicht aus eigener Kraft.
 
'''J 16.17''' Die Erkenntnis ist davon zu unterscheiden: Durch sie wird das Erkannte erkannt, niemals aus sich selbst. Die verschieden gestalteten Gegenstände werden allein durch Erkenntnis erkannt.
 
'''J 16.18''' Durch die Unterschiede ihrer Gestalten wird die Erkenntnis selbst nicht geteilt. Verschiedenheit ist eine Eigenschaft des Erkannten; sie berührt die Erkenntnis nicht.
 
'''J 16.19''' Denn die Unterschiede der Formen erscheinen auf der Seite des Erkannten. Unterscheide gedanklich das Erkannte und schaue die formlose Erkenntnis!
 
'''J 16.20''' Wie ein Spiegel ein Urbild nachbildet, so nimmt Bewusstsein scheinbar viele Gestalten an, indem es die Formen des Sichtbaren trägt.
 
'''J 16.21''' So wird dieses Gewahrsein erkannt, indem es vom Erkannten unterschieden wird. Seinem eigenen Wesen nach aber ist das Gewahrsein, der Grund des Alls, kein Gegenstand.
 
'''J 16.22''' Denn es ist das Wesen des Erkennenden selbst; deshalb wird es nicht wie ein Gegenstand erkannt. Ashtavakra, erforsche dein eigenes Wesen als eben dieses!
 
'''J 16.23''' Du bist weder Körper noch Lebensatem noch Geist, denn diese sind unbeständig. Der Körper ist eine Ansammlung von Bestandteilen. Wie könnte er dein eigentliches Wesen sein?
 
'''J 16.24''' Wenn andere Gegenstände erscheinen, tritt die Vorstellung vom Körper als Ich zurück. Ebenso verhält es sich mit dem Lebensatem und dem Geist: Auch sie sind nicht unablässig im Ich-Gewahrsein gegenwärtig.
 
'''J 16.25''' Das höchste Bewusstsein dagegen besteht niemals außerhalb des unmittelbaren Selbstgewahrseins. Deshalb bist du in Wahrheit das alles erkennende Bewusstsein, Ashtavakra.
 
'''J 16.26''' Wende deinen Blick zurück und schaue dein Selbst als reines Bewusstsein! Menschen von höchster Einsicht erkennen sich schon im Augenblick dieser Unterweisung.
 
'''J 16.27''' Mit „Auge“ meine ich hier nicht deinen Augapfel. Gemeint ist das Auge des Geistes. Das, womit du im Traum siehst, wird das eigentliche Auge genannt.
 
'''J 16.28''' Höre nun, Brahmane, was dessen Zurückwendung bedeutet. Wer seine Aufmerksamkeit nicht von anderem zurückzieht, sieht überhaupt nichts deutlich.
 
'''J 16.29''' Wenn jemand etwas mit den Augen sehen will, muss er seine Aufmerksamkeit von allem anderen zurückziehen und fest auf dieses eine richten.
 
'''J 16.30''' Dann erscheint es deutlich, sonst nicht. Ohne diese Sammlung erscheint selbst das, was direkt vor ihm liegt, nicht klar.
 
'''J 16.31''' Es ist dann beinahe so, als erschiene es gar nicht. Entsprechend verhält es sich mit dem Hören, Tasten und den übrigen Sinnen, Brahmane.
 
'''J 16.32''' Ebenso verhält es sich im Geist mit dem Erleben von Freude und Schmerz. Ohne Zurückziehen der zerstreuten Aufmerksamkeit kann man nichts deutlich erkennen.
 
'''J 16.33''' Das Zurückwenden des Blicks bedeutet also seine ungeteilte Ausrichtung. Der zurückgewandte Geist ist rein und lässt das eigene Wesen offenbar werden.
 
'''J 16.34''' Höre aufmerksam, was ich dir dazu erkläre! Obwohl das Selbst kein Gegenstand ist, ist es doch auf gewisse Weise dem Geist zugänglich.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 16.35''' Hier geraten viele Ausleger der Shruti und der Agamas in Verwirrung. Bei äußeren Gegenständen umfasst das geistige Erfassen zwei Vorgänge:
 
'''J 16.36''' Zuerst die Abwendung von anderem, dann die Hinwendung zu diesem Gegenstand. Die bloße Abwendung von anderem allein
 
'''J 16.37''' macht noch keinen bestimmten Gegenstand offenbar, wie man in Augenblicken ungerichteter Aufmerksamkeit sieht. Deshalb ist die besondere Hinwendung eine zweite Tätigkeit des Geistes.
 
'''J 16.38''' So werden voneinander unterschiedene Gegenstände durch zwei Tätigkeiten offenbar. Bewusstsein aber ist von nichts ausgeschlossen; deshalb verhält es sich hier anders.
 
'''J 16.39''' Es wird allein durch die Abwendung von anderem offenbar. Wenn man in einem vor sich stehenden Spiegel einen bestimmten Gegenstand sehen möchte,
 
'''J 16.40''' muss man sich von anderem abwenden und den Spiegel diesem Gegenstand zuwenden, um dessen Spiegelbild zu erkennen.
 
'''J 16.41''' Wenn man dagegen den weiten Raum im Spiegel sehen möchte, genügt es, sich von den anderen Gegenständen abzuwenden.
 
'''J 16.42''' Der Raum ist allgegenwärtig und im Spiegel stets vorhanden. Er wird nicht ausgeschlossen, sondern von den anderen Bildern verdeckt und deshalb nicht bemerkt.
 
'''J 16.43''' Obwohl er allem zugrunde liegt und überall ist, wird er von den Bildern verhüllt. Deshalb wird er allein durch die Abwendung von ihnen offenbar.
 
'''J 16.44''' Ebenso ist Bewusstsein allgegenwärtig und der Grund von allem. Wie der Raum ist es zu jeder Zeit im Geist vollständig gegenwärtig, Brahmane.
 
'''J 16.45''' Deshalb ist nur die Abwendung des Geistes von anderem erforderlich. Sieh, Brahmane: Wo oder wann fehlt das offenbarende Bewusstsein?
 
'''J 16.46''' Wo oder wann es fehlte, gäbe es auch kein erkennbares „Wo“ oder „Wann“. Damit das Bewusstseins-Selbst offenbar wird, ist daher nur die Abwendung des Geistes von anderem
 
'''J 16.47''' erforderlich, niemals eine neue Hinwendung zu etwas bisher Abwesendem. Gerade weil eine solche gegenständliche Hinwendung entfällt, heißt es nicht gegenständlich erkennbar.
 
'''J 16.48''' Darum wird diese Wirklichkeit auch als durch den reinen Geist erkennbar bezeichnet. Die Abwendung von anderem ist hier die Reinheit des Geistes.
 
'''J 16.49''' Dies gilt als das entscheidende Mittel zur Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit. Solange der Geist nicht rein ist, wie könnte diese Erkenntnis entstehen?
 
'''J 16.50''' Wenn der Geist rein ist, wie sollte die Erkenntnis dann ausbleiben? Alle Mittel erfüllen sich hier in der Läuterung des Geistes.
 
'''J 16.51''' Rituelles Handeln, verehrende Betrachtung, Nichtanhaftung und die anderen Hilfen dienen der Läuterung des Geistes.
 
'''J 16.52''' Durch den reinen Geist wird daher das höchste Wesen offenbar.‘ Nachdem Ashtavakra diese Worte des Königs gehört hatte, sagte er erneut:
 
'''J 16.53''' ‚König, du hast erklärt: Wenn der Geist sich lediglich von anderem abwendet, wird das höchste Bewusstsein durch ihn offenbar.
 
'''J 16.54''' Dann müsste es doch im Tiefschlaf offenbar werden, denn dann hat der Geist sich zurückgezogen. Wozu andere Mittel? Allein durch Schlaf wäre das Ziel erreicht!‘
 
'''J 16.55''' Auf diesen Einwand des Brahmanen antwortete der König: ‚Höre aufmerksam meine Erklärung!
 
'''J 16.56''' Es stimmt, dass der Geist sich im Tiefschlaf völlig zurückzieht. Doch auch seine Fähigkeit als Geist ist dabei aufgelöst. Wie sollte er das Bewusstsein klar erkennen lassen?
 
'''J 16.57''' Wenn ein Spiegel mit Ruß bestrichen ist, wird darin der Raum nicht schon dadurch sichtbar, dass man ihn von anderen Gegenständen abwendet.
 
'''J 16.58''' Ebenso kann der vom Schlaf überzogene Geist das Bewusstsein nicht allein durch die Abwendung von anderem deutlich machen, weil ihm die erforderliche Klarheit fehlt.
 
'''J 16.59''' Andernfalls müsste es sich ja ebenso durch einen Erdklumpen oder eine Mauer erkennen lassen. Daher wird es durch einen geeigneten, reinen Geist offenbar.
 
'''J 16.60''' Deshalb, so das hier verwendete Beispiel, unterscheidet auch ein neugeborenes Kind noch keinen bestimmten Gegenstand. Höre weiter: Selbst in einem mit schwarzer Farbe bestrichenen Spiegel
 
'''J 16.61''' ist ein Spiegelbild dieser Farbe vorhanden, auch wenn man es nicht gesondert bemerkt. Wegen ihrer unmittelbaren Verbindung lässt es sich nicht unterscheiden; der Spiegel hat seine Natur aber nicht verloren.
 
'''J 16.62''' Ebenso ist der Geist im Tiefschlaf eng mit dem Schlaf verbunden. Weil die Abwendung von allem anderen insofern nicht vollständig ist, macht er das Bewusstsein nicht deutlich.
 
'''J 16.63''' Daher kann man sich nach dem Erwachen auch an den Schlaf erinnern. Und weshalb in jenem Zustand Unklarheit erfahren wird,
 
'''J 16.64''' werde ich dir nun genau erklären. Höre aufmerksam! Der Geist hat zwei Zustandsweisen: unmittelbares Offenbarsein und reflektierendes Erfassen.
 
'''J 16.65''' Sein Verweilen bei den äußeren Gegenständen wird Offenbarsein genannt; das innere Untersuchen dieser Gegenstände heißt reflektierendes Erfassen.
 
'''J 16.66''' Das unmittelbare Offenbarsein ist frei von begrifflicher Unterscheidung, weil die Gegenstände darin noch nicht begrifflich getrennt werden. Reflektierendes Erfassen ist mit Worten und Unterscheidungen verbunden und deshalb begrifflich.
 
'''J 16.67''' Das bloße Sehen eines Gegenstandes, noch ohne die sprachliche Bestimmung „Dies ist so beschaffen“, ist nichtbegriffliches Offenbarsein.
 
'''J 16.68''' Die Bestimmung „Dies ist so beschaffen“, die auf dem Sehen beruht, mit Worten verbunden ist und den Gegenstand unterscheidend erfasst,
 
'''J 16.69''' heißt innere Reflexion, ob sie sich auf eine neue Erfahrung oder auf eine andere bezieht. Das neu Erscheinende wird unmittelbare Erfahrung genannt.
 
'''J 16.70''' Das andere ist erinnerndes Wiederaufnehmen, das aus hinterlassenen Eindrücken entsteht. So verfügt der Geist stets über diese beiden Kräfte.
 
'''J 16.71''' Tiefschlaf ist ein länger anhaltendes Offenbarsein des Schlafzustands. Im Wachen überwiegt das reflektierende Erfassen; deshalb wird es als ein nicht benommener Zustand bezeichnet.
 
'''J 16.72''' Weil im Tiefschlaf bloßes Offenbarsein ohne reflektierendes Erfassen überwiegt, ist er von Unklarheit geprägt. Aus demselben Grund gelten auch Lampen und andere Lichtquellen,
 
'''J 16.73''' bei denen nur Beleuchten und kein reflektierendes Erkennen vorhanden ist, den Gelehrten als unbewusst. Schlaf wird hier mit dem zuerst auftretenden Unentfalteten, der großen Leere, verbunden.
 
'''J 16.74''' Es ist der allgemeine Zustand des „Da ist nichts“; Tiefschlaf ist dessen Erscheinen. Auch im Wachen ist der Geist im ersten Augenblick des Sehens eines Gegenstands auf ähnliche Weise beschaffen.
 
'''J 16.75''' Doch dies wird durch die Menge begrifflicher Vorstellungen verhüllt, die im nächsten Augenblick auftritt. Im Tiefschlaf ist der Geist dagegen vom Offenbarsein der unentfalteten Kraft ausgefüllt.
 
'''J 16.76''' Deshalb sagen die Unterscheidungskundigen, der Geist sei dort aufgelöst. In entsprechender Hinsicht ist der Geist auch im unmittelbaren Augenblick des Sehens aufgelöst.
 
'''J 16.77''' Höre, Brahmane! Ich erkläre dir aus eigener Erfahrung ein Geheimnis, über das selbst Gelehrte von äußerst feinem Unterscheidungsvermögen in Verwirrung geraten.
 
'''J 16.78''' [[Nirvikalpa Samadhi]], Tiefschlaf und unmittelbares Sehen eines Gegenstands gleichen einander darin, dass in ihnen das nichtbegriffliche Offenbarsein vorherrscht.
 
'''J 16.79''' Ihre Unterschiede werden im reflektierenden Erfassen festgestellt. Dessen Verschiedenheit beruht auf dem Unterschied dessen, was jeweils offenbar wird.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 16.80''' Im Samadhi ist es reines Bewusstsein, im Tiefschlaf das Unentfaltete, im Sehen eine unterschiedene Erscheinung. So ist das Offenbarte dreifach verschieden.
 
'''J 16.81''' Trotz dieses Unterschieds ist das unmittelbare Offenbarsein selbst ohne begriffliche Unterscheidung. Daher sagt man, in allen dreien herrsche dieses Offenbarsein vor.
 
'''J 16.82''' Weil Samadhi und Tiefschlaf längere Zeit andauern können, lassen sie sich anschließend deutlich reflektierend erfassen.
 
'''J 16.83''' Das unmittelbare Sehen dagegen wird wegen seiner Kürze nicht deutlich als solches erfasst. Ebenso werden sehr kurze Augenblicke des Samadhi oder des Tiefschlafs nicht erkannt.
 
'''J 16.84''' Es gibt sowohl augenblicklichen Tiefschlaf als auch augenblicklichen Samadhi. Feine Beobachter erkennen kurze Schlafzustände aufgrund ihrer Vertrautheit damit.
 
'''J 16.85''' Ein feiner Samadhi wird hingegen aus mangelnder Vertrautheit nicht bemerkt. Bei allen Lebewesen, Brahmane, gibt es auch während des alltäglichen Handelns
 
'''J 16.86''' feine Augenblicke der Versenkung; aus mangelnder Einsicht werden sie nicht erkannt. Das nicht reflektierende Gewahrsein im Wachen wird hier Samadhi genannt.
 
'''J 16.87''' In diesem weiteren Sinn bezeichnet Samadhi das bloße Fehlen begrifflicher Reflexion. Deshalb lässt sich auch von Tiefschlaf und unmittelbarem Sehen als einer Art Samadhi sprechen.
 
'''J 16.88''' Beide sind jedoch nicht Samadhi im eigentlichen, höchsten Sinn, denn sie bergen weiterhin die Eindrücke unterscheidenden Erfassens.
 
'''J 16.89''' Das unmittelbare Sehen im Wachen ist zwar ohne begriffliche Reflexion; dennoch besteht ein Unterschied. Höre aufmerksam, Sohn des Weisen, ich werde ihn erklären!
 
'''J 16.90''' Das zuerst hervorgetretene Unentfaltete ist der allgemeine Zustand des „Nicht-da“. Es erscheint als „Es ist nichts“, als völlige Abwesenheit.
 
'''J 16.91''' Dies wird Tiefschlaf genannt und ist die unbewusste Kraft des Bewusstseins. Auch das im gegenständlichen Sehen Erscheinende gehört zu dem auf diesem Nichtsein beruhenden Erscheinungsbereich.
 
'''J 16.92''' Deshalb ist das bloße Sehen unbewusster Gegenstände in dieser Hinsicht dem Tiefschlaf verwandt. Das im Samadhi offenbar werdende Bewusstsein dagegen ist seinem Wesen nach Brahman.
 
'''J 16.93''' Es nimmt Raum und Zeit in sich auf und hebt das Erscheinen des „Nicht-da“ auf. Es ist die Göttin, ganz und gar Sein. Wie könnte dies Tiefschlaf sein?
 
'''J 16.94''' Deshalb wird das höchste Ziel nicht allein durch Tiefschlaf erreicht.‘ Mit diesen Worten unterwies Janaka Ashtavakra.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 16. Kapitel im Abschnitt über Ashtavakra.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 17: Bewusstsein und Versenkung===
 
'''Erfahrung und Wiedererkennen:''' Die Beispiele überraschender Freude, Furcht oder Erschütterung illustrieren kurze Unterbrechungen des begrifflichen Denkens. Sie werden nicht als Methoden empfohlen. Janaka unterscheidet solche Augenblicke ausdrücklich von befreiender Erkenntnis.
 
'''J 17.1''' Dattatreya sprach: „Höre aufmerksam, Bhargava, was Ashtavakra den König fragte, nachdem er Janakas Erklärung gehört hatte.
 
'''J 17.2''' ‚König, du hast gesagt, dass auch im alltäglichen Handeln feine Augenblicke des Samadhi vorkommen. Erkläre mir dies deutlich!
 
'''J 17.3''' In welchen Zuständen erscheinen diese Augenblicke nichtbegrifflichen Bewusstseins?‘ So befragt, antwortete der edle König:
 
'''J 17.4''' ‚Höre, Brahmane! Ich werde dir Samadhi-Augenblicke im gewöhnlichen Leben beschreiben. Wenn ein Mensch zum ersten Mal von einer neuen Geliebten umarmt wird,
 
'''J 17.5''' nimmt er einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr und ist dennoch nicht vom Schlaf überwältigt. Dies wird hier Samadhi genannt.
 
'''J 17.6''' Wenn etwas lange Ersehntes, das man schon für unerreichbar hielt, plötzlich erlangt wird, o Weiser,
 
'''J 17.7''' nimmt ein Mensch einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr, ohne dabei einzuschlafen. Dies wird hier Samadhi genannt.
 
'''J 17.8''' Wenn jemand unbesorgt, furchtlos und fröhlich seines Weges geht und plötzlich einem Tiger oder einer anderen tödlichen Gefahr begegnet,
 
'''J 17.9''' nimmt er einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr, ohne vom Schlaf überwältigt zu sein. Dies wird hier Samadhi genannt.
 
'''J 17.10''' Wenn er unerwartet vom Tod eines geliebten Sohnes oder eines anderen Angehörigen hört, der eben noch gesund und im Haus tätig war,
 
'''J 17.11''' nimmt er einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr und ist dennoch nicht eingeschlafen. Dies wird hier Samadhi genannt.
 
'''J 17.12''' Höre auch von anderen Gelegenheiten solcher Versenkung. Zwischen Wachen, Traum und Tiefschlaf liegen Augenblicke des Samadhi.
 
'''J 17.13''' Wenn du mit gesammeltem Verständnis etwas in der Ferne betrachtest, streckt der Geist sich gleichsam aus, wie ein Blutegel zwischen Grashalmen.
 
'''J 17.14''' Am Körper hat er die Erscheinungsform des Körpers, am Gegenstand die Form des Gegenstands. Beachte den Zwischenraum: Dort ist der Geist frei von begrifflicher Bestimmung.
 
'''J 17.15''' Wozu viele weitere Worte? Höre diese feine Untersuchung: Im gewöhnlichen Handeln erscheint niemandem eine einzige ununterbrochene gegenständliche Erkenntnis.
 
'''J 17.16''' Das ausgedehnte Alltagsgeschehen besteht aus einer Folge einzelner Erkenntnisse. Daher beschreiben Vertreter verschiedener Lehrmeinungen
 
'''J 17.17''' das Selbst oder den Verstand als in einzelne Augenblicke aufgeteilt. In den Zwischenräumen dieser Augenblicke liegt der nichtbegriffliche Zustand.
 
'''J 17.18''' Sohn Kaholas, wisse: Für den, der dies erkennt, ist Samadhi in jedem Augenblick gegenwärtig. Für den anderen bleibt er so ungreifbar wie ein Hasenhorn.‘
 
'''J 17.19''' Nachdem der Brahmane Janakas Worte gehört hatte, fragte er erneut: ‚König, wenn im alltäglichen Handeln aller Menschen
 
'''J 17.20''' solcher Nirvikalpa-Samadhi vorkommt, warum besteht dann der Kreislauf des Daseins fort? Tiefschlaf und bloßes Sehen führen wegen des darin erscheinenden Unentfalteten beziehungsweise Gegenständlichen
 
'''J 17.21''' nicht zum höchsten Ziel. Im nichtbegrifflichen Samadhi dagegen erscheint reines Bewusstsein. Wie kann danach noch Samsara bestehen?
 
'''J 17.22''' Dies ist doch jene Erkenntnis, die das ganze Nichtwissen vernichtet: Nirvikalpa-Samadhi, die Ursache des höchsten Heils.
 
'''J 17.23''' Erkläre mir dies, großer König, und löse damit alle Zweifel!‘ Auf diese Frage antwortete der König dem großen Weisen:
 
'''J 17.24''' ‚Höre, Brahmane, ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Aus Nichtwissen besteht der Daseinskreislauf seit anfangsloser Zeit.
 
'''J 17.25''' Er ist ein Strom von Erfahrungen der Freude und des Schmerzes. Wie eine fortgesetzte Traumfolge wird er von allen immer wieder erlebt.
 
'''J 17.26''' Sein Ende kommt allein durch Erkenntnis. Doch die Erkenntnis, die das Nichtwissen widerlegt, muss eine bestimmte, unterscheidende Einsicht sein.
 
'''J 17.27''' Durch bloßes nichtbegriffliches Gewahrsein endet das Nichtwissen nicht. Nichtbegriffliches Gewahrsein steht nämlich zu keiner bestimmten Vorstellung im Widerspruch.
 
'''J 17.28''' Es ist der Grund aller begrifflichen Erkenntnisse, wie eine Wand die Grundlage verschiedenster Bilder bildet.
 
'''J 17.29''' „Nichtbegriffliche Erkenntnis“ bedeutet reines Gewahrsein. Wenn in ihm bestimmte Vorstellungen hervortreten, heißt es begrifflich bestimmte Erkenntnis.
 
'''J 17.30''' Auch Nichtwissen ist eine Form begrifflich bestimmter Erkenntnis und nichts davon Getrenntes. Es ist vielfältig und besteht als Ursache und als Wirkung.
 
'''J 17.31''' Seine ursächliche Form ist das Nichterkennen der Fülle des eigenen Selbst. Das Bewusstseins-Selbst ist vollkommen, weil es keiner Begrenzung unterliegt.
 
'''J 17.32''' Es macht sogar die begrenzenden Faktoren wie Kalā überhaupt erst erfahrbar. Wenn dieses Selbst dennoch als unvollständig erscheint,
 
'''J 17.33''' in der Form „Ich bin hier und jetzt“, so ist dies das grundlegende Nichtwissen. Die Vorstellung, der Körper sei das Selbst, und ähnliche Annahmen sind seine Triebe.
 
'''J 17.34''' Solange das Nichtwissen nicht endet, endet auch Samsara nicht. Und ohne Erkenntnis des vollkommenen Selbst endet das Nichtwissen nicht.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 17.35''' Diese Erkenntnis des vollkommenen Selbst ist zweifach: mittelbar und unmittelbar. Mittelbar entsteht sie durch Lehrer und Schriften.
 
'''J 17.36''' Sie ist nicht unmittelbar die Ursache des höchsten Lebensziels. Von dieser Art ist auch dein Wissen, das durch das Hören der Schriften entstanden ist.
 
'''J 17.37''' Was lediglich im Vertrauen angenommen wurde, gilt noch nicht als die eigentliche Frucht bringende Erkenntnis. Unmittelbare Erkenntnis dagegen erwächst aus gereiftem Samadhi.
 
'''J 17.38''' Sie kann das Nichtwissen mitsamt seiner entfalteten Weltverstrickung auflösen und die heilsame Frucht bringen. Samadhi, dem die rechte Einsicht vorausgeht, lässt diese Erkenntnis entstehen.
 
'''J 17.39''' Deshalb bringt ein auftretender Samadhi einem Unwissenden noch nicht die entscheidende Frucht. Wer keinen Rubin kennt, kann einen Edelstein in einer Schatzkammer sehen,
 
'''J 17.40''' ohne ihn zu erkennen. Wer dagegen durch Unterweisung seine Merkmale kennt und darauf achtet, erkennt den Edelstein beim Anblick wieder.
 
'''J 17.41''' Wer nicht darauf achtet, erkennt ihn möglicherweise auch beim erneuten Sehen nicht, obwohl er davon gehört hat und sonst sehr klug ist, Brahmane.
 
'''J 17.42''' So gewinnen Unwissende die Frucht der Erkenntnis nicht, weil sie deren Wesen nicht kennen. Auch Gelehrte, die durch Hören Wissen erlangt haben,
 
'''J 17.43''' erkennen sie ohne entsprechende Aufmerksamkeit nicht. Ebenso kann jemand einen bestimmten Stern sehen,
 
'''J 17.44''' ohne ihn zu erkennen, weil ihm die Erklärung fehlt. Doch auch mit einer Erklärung kann er ihn übersehen, wenn er nicht aufmerksam ist.
 
'''J 17.45''' Ein verständiger Mensch aber hört, in welcher Richtung und mit welchen Merkmalen der Venus-Stern erscheint, und richtet sich darauf aus: „Diesen will ich erkennen.“
 
'''J 17.46''' Wenn er mit gesammeltem Geist schaut, erkennt er ihn deutlich wieder. Ebenso erkennen die einen aus Unwissenheit, die anderen aus mangelnder Aufmerksamkeit
 
'''J 17.47''' ihr eigenes Selbst nicht, obwohl Augenblicke des Samadhi vorhanden sind. Sie gleichen einem Unglücklichen, der seinen Schatz vergessen hat und betteln geht.
 
'''J 17.48''' Daher bleiben all diese Samadhi-Zustände ohne die entscheidende Frucht. Ebenso ist bei kleinen Kindern ständig nichtbegriffliches Gewahrsein vorhanden,
 
'''J 17.49''' bringt aber noch nicht die befreiende Frucht, weil das Nichtwissen nicht aufgehoben ist. Die Erkenntnis in der Form eines Wiedererkennens ist dagegen eine bestimmte Einsicht.
 
'''J 17.50''' Gerade sie hebt das Nichtwissen auf, die Wurzel des Samsara. Wenn die Gottheit des eigenen Selbst durch gute Handlungen über viele Leben erfreut ist,
 
'''J 17.51''' entsteht das Verlangen nach Befreiung; andernfalls nicht einmal nach Millionen Weltperioden. Unter den geborenen Wesen ist bewusste Empfindungsfähigkeit bereits äußerst selten.
 
'''J 17.52''' Noch seltener ist eine menschliche Geburt, und unter Menschen wiederum besonders selten ein feines Unterscheidungsvermögen.
 
'''J 17.53''' Sieh, Brahmane: Gegenüber den unbeweglichen Lebewesen erscheinen die beweglichen nicht einmal im Verhältnis von eins zu hundert. Und unter diesen
 
'''J 17.54''' erreichen Menschen ebenfalls nicht dieses Verhältnis. Betrachte weiter: Millionen Menschen leben, so die zugespitzte Aussage des Textes, ähnlich wie Tiere,
 
'''J 17.55''' weil sie weder heilsam und unheilsam noch Verdienst und Verfehlung unterscheiden. Millionen andere handeln ausschließlich aus Verlangen.
 
'''J 17.56''' Stolz auf den Anschein ihrer Gelehrsamkeit finden sie Gefallen am wiederholten Kommen und Gehen im Daseinskreislauf. Unter solchen Menschen gibt es einige wirklich Verständige,
 
'''J 17.57''' doch auch bei ihnen bleiben Trübungen des Geistes zurück, sodass sie den nichtdualen Zustand bestreiten. Der höchste nichtduale Zustand ist von der göttlichen Maya verhüllt.
 
'''J 17.58''' Wie sollten alle ihn erreichen, solange Maya sie blind macht? Für die von Maya Geblendeten wird dieser Zustand nicht einmal gedanklich zugänglich.
 
'''J 17.59''' Andere sind noch unglücklicher: Obwohl er ihrem Verständnis zugänglich geworden ist, weisen sie ihn aus unbegründeter Voreingenommenheit mit verfehlten Vorstellungen wieder zurück.
 
'''J 17.60''' Welch große Macht besitzt die göttliche Maya! Obwohl sie den höchsten Zustand bereits sehen, werfen sie den Wunschjuwel in ihrer Hand durch falsches Denken fort.
 
'''J 17.61''' Bei denen aber die Gottheit des eigenen Selbst durch hingebungsvolle Verehrung erfreut ist, fallen die Fesseln der Maya. Mit klarem Denken und Vertrauen
 
'''J 17.62''' gewinnen sie Zuversicht in die höchste Nichtdualität und erreichen den höchsten Zustand. Höre aufmerksam, Brahmane, wie dieser Weg verläuft!
 
'''J 17.63''' Durch gute Handlungen in zahllosen Leben entsteht Hingabe an die Gottheit. Durch lange Verehrung und ihre Gnade
 
'''J 17.64''' verliert man den Geschmack an der Vielzahl äußerer Genüsse und richtet sich auf das Höchste aus. Mit Nichtanhaftung, Entschlossenheit und Vertrauen
 
'''J 17.65''' findet man einen wahren Lehrer und erfährt durch dessen Unterweisung vom höchsten nichtdualen Zustand. Die Einsicht „Es gibt die Nichtdualität“ ist zunächst mittelbar.
 
'''J 17.66''' Dann soll man die nichtduale Gottheit des eigenen Selbst gründlich untersuchen, die Lehre durch stimmige Überlegungen erschließen und dadurch Zweifel auflösen.
 
'''J 17.67''' Anschließend soll man das als nichtdual erkannte Selbst mit Hingabe betrachten, bis die Erkenntnis unmittelbar wird – nötigenfalls mit entschlossener, beharrlicher Anstrengung.
 
'''J 17.68''' Der so betrachtete höchste Zustand, anschließend in einer klaren Einsicht erfasst, vernichtet zweifellos das Nichtwissen, die Wurzel des Samsara.
 
'''J 17.69''' Wenn die Meditation zum nichtbegrifflichen Samadhi gereift ist, wird der höchste Zustand unmittelbar erfahren. Durch anschließendes erinnerndes Erfassen entsteht das Wiedererkennen.
 
'''J 17.70''' Die unmittelbare Einsicht „Ich bin dieses nichtduale Selbst“ löst das grundlegende Nichtwissen mitsamt seinen Folgen rasch auf.
 
'''J 17.71''' Die Reife der Meditation besteht im Wegfallen der unterscheidenden Vorstellungen. Begriffliche Vorstellung ist vielfältiges Erfassen; ungeteiltes Gewahrsein ist nichtbegrifflich.
 
'''J 17.72''' Wenn andere Vorstellungen nicht mehr aufgenommen werden, fällt die begriffliche Vielheit weg. Dann besteht das nichtbegriffliche Gewahrsein von selbst.
 
'''J 17.73''' Wenn ein Bild weggewischt wird, bleibt die reine Wand. Die reine Wand herzustellen bedeutet hier nur, das Bild zu entfernen.
 
'''J 17.74''' Ebenso ist der Geist nach dem Wegfallen der unterscheidenden Vorstellungen von selbst nichtbegrifflich. Das Erlangen dieses Zustands besteht im Loslassen jener Vorstellungen.
 
'''J 17.75''' Es gibt darüber hinaus keinen weiteren reinen Zustand, der erst erworben werden müsste. Doch selbst Gelehrte geraten hier durch die Macht der Maya in Verwirrung.
 
'''J 17.76''' Wer klar versteht, erkennt diesen Zustand in einem Augenblick. Es gibt drei Arten von Übenden, Brahmane: besonders reife, wenig reife und mittlere.
 
'''J 17.77''' Besonders reife Menschen erkennen ihn schon beim ersten Hören der Unterweisung. Untersuchung und Meditation vollziehen sich bei ihnen im selben Augenblick wie das Hören.
 
'''J 17.78''' Für sie ist das Erreichen dieses Zustands nicht mühsam. Einst ruhte ich in einer vom Mondlicht erfüllten Sommernacht,
 
'''J 17.79''' von meiner Geliebten umarmt, auf einem kostbaren Lager im blühenden Garten, vom Wein berauscht.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 17.80''' Da hörte ich aus dem Himmel die honigsüßen Worte einer Schar Vollendeter über die nichtduale Wirklichkeit. In diesem Augenblick erkannte ich den höchsten Zustand.
 
'''J 17.81''' Untersuchung und Meditation vollzogen sich zugleich mit dieser Erkenntnis. In einer halben Muhurta erkannte ich so den reinen Zustand.
 
'''J 17.82''' Dann blieb mein Geist eine weitere Muhurta darin gesammelt, ganz eingetaucht in das Meer höchster Glückseligkeit.
 
'''J 17.83''' Als das erinnernde Erfassen wieder einsetzte, begann ich nachzudenken: „Wie wunderbar ist dieser Zustand, erfüllt vom Nektar der Glückseligkeit!
 
'''J 17.84''' Etwas nie zuvor Erlebtes ist mir zuteilgeworden. Ich will wieder darin eintauchen. Selbst Indras Glück reicht nicht an den geringsten Teil davon heran.
 
'''J 17.85''' Nicht einmal Brahmas Glück kommt einem Bruchteil davon gleich. Bis heute habe ich meine Zeit vergeblich verbracht.
 
'''J 17.86''' Wie jemand seinen eigenen Schatz voller Wunschjuwelen nicht kennt und um eine Handvoll Mehl betteln geht,
 
'''J 17.87''' so mühen sich die Menschen aus Unkenntnis der Glückseligkeit ihres Selbst um winzige äußere Freuden.
 
'''J 17.88''' Genug mit meiner vergeblichen Mühe um geringe äußere Freuden! Ich will mich immer der unendlichen Fülle der Glückseligkeit widmen.
 
'''J 17.89''' Wozu brauche ich noch dieses äußere Geschäft, das dem erneuten Mahlen bereits gemahlenen Mehls gleicht und Anlass zu Vorwürfen gibt?
 
'''J 17.90''' Immer dieselben Speisen, dieselben Blumengirlanden und Lager, die mannigfaltigen Schmuckstücke und dieselben Liebesgenüsse!
 
'''J 17.91''' Längst sind sie wie abgestanden und werden dennoch erneut aufgesucht. Nur weil ich der Gewohnheit folge, empfinde ich keinen Überdruss.“
 
'''J 17.92''' Mit diesem Entschluss wollte ich mich wieder nach innen wenden. Da trat eine andere, heilsamere Einsicht in mir auf:
 
'''J 17.93''' „Was ist das für eine Verwirrung meines Geistes? Ich bin doch bereits eben dieses Selbst, vollkommen erfüllt von Glückseligkeit.
 
'''J 17.94''' Was will ich noch tun? Was müsste ich noch erreichen? Was fehlt mir, wo und wann sollte ich es auf welche Weise erwerben?
 
'''J 17.95''' Wie könnte etwas wirklich erworben werden, das nicht schon gegenwärtig ist? Wie könnte im unendlichen Bewusstsein und in der Glückseligkeit, die ich bin, ein solches Tun bestehen?
 
'''J 17.96''' Körper, Sinne und inneres Organ gleichen Traumgestalten. Sie alle gehören mir, dem einen ungeteilten Bewusstsein.
 
'''J 17.97''' Was wäre gewonnen, wenn nur eines dieser inneren Organe stillgestellt würde? Auch die anderen, nicht stillgestellten Geister sind Erscheinungen in mir.
 
'''J 17.98''' Was also bewirkt die Stillstellung eines einzelnen Geistes für mich? Ruhige und unruhige Geister erscheinen gleichermaßen in mir.
 
'''J 17.99''' Selbst wenn alle Geister stillständen, würde ich dadurch nicht stillgestellt. Wie könnte es in mir, weiter als der große Raum, eine solche Begrenzung geben?
 
'''J 17.100''' Wie sollte es in mir, dessen Wesen vollkommene Glückseligkeit ist, einen erst herzustellenden Samadhi geben? Ich bin ganz erfüllt von Bewusstsein und Glückseligkeit, umfassender als der Raum.
 
'''J 17.101''' Welche Handlung könnte mir als diesem Selbst zukommen und mir Heil oder Unheil bringen? In den unzähligen Erscheinungen körperlicher Gestalten, die durch meine eigene Herrlichkeit bestehen,
 
'''J 17.102''' mögen Handlungen erscheinen oder nicht erscheinen – was ändert dies an meinem Wesen? Für mich gibt es nicht das Geringste, das noch zu tun oder zu unterlassen wäre.
 
'''J 17.103''' Was wäre also durch Stillstellung zu gewinnen? Ich bin ganz von Glückseligkeit erfüllt, im Samadhi wie außerhalb des Samadhi von wahrhaft vollkommenem Wesen.
 
'''J 17.104''' Bei welcher Tätigkeit sich dieser Körper auch befindet: Er möge darin verbleiben.“ So ruhe ich ganz in mir selbst, eine Stätte großer Glückseligkeit.
 
'''J 17.105''' Ich bin das nie untergehende Licht, vollkommen und makellos. Damit habe ich dir meinen Zustand als den eines besonders reifen Übenden beschrieben.
 
'''J 17.106''' Für wenig reife Übende kommt die Frucht der Erkenntnis erst nach vielen Leben. Bei den mittleren vollziehen sich Hören, Untersuchung
 
'''J 17.107''' und fortgesetzte Betrachtung nacheinander; daraus entsteht Erkenntnis. Selten ist ein Samadhi, der mit der Frucht wahrer Erkenntnis verbunden ist.
 
'''J 17.108''' Was nützen hundert Versenkungen ohne diese Frucht? Deshalb bringen jene Samadhis, denen Erkenntnis fehlt, nicht das entscheidende Ergebnis.
 
'''J 17.109''' Auch im gewöhnlichen Leben sieht jemand auf einem Weg Gegenstände zunächst nichtbegrifflich. Wenn er sie nicht erkennt, wird sein Nichtwissen über sie dadurch nicht beseitigt.
 
'''J 17.110''' Das sogenannte nichtbegriffliche Erkennen ist reines Gewahrsein, das eigene Wesen. Obwohl es immer offenbar ist, scheint es unerkannt,
 
'''J 17.111''' weil begriffliche Vorstellungen es überdecken. Fallen diese weg, erscheint das längst Gegenwärtige gleichsam neu.
 
'''J 17.112''' Da Erkennen und Erkanntes hier nicht getrennt sind, wird das zuvor Nichterkannte erkannt genannt. So verläuft der vorzügliche Weg zur Selbsterkenntnis.
 
'''J 17.113''' Brahmane, prüfe erneut, was du gehört hast, und erkenne es selbst. Wenn du das Wesen des Selbst erkannt hast, ist dein Ziel erreicht.‘
 
'''J 17.114''' So von Janaka unterwiesen, wurde der große Weise Ashtavakra geehrt und verabschiedet. Er kehrte an seinen eigenen Ort zurück,
 
'''J 17.115''' erkannte durch Untersuchung und fortgesetzte Meditation den höchsten Zustand, schüttelte alle Zweifel ab und wurde rasch zu einem [[Jivanmukta|zu Lebzeiten Befreiten]].“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 17. Kapitel im Abschnitt über Ashtavakra.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 18: Erkenntnis und ihre Hindernisse===
 
'''J 18.1''' Dattatreya sprach: „Bhargava, damit ist das Gewahrsein als frei von gegenständlich Erkanntem erklärt. Du hast von vielerlei Gelegenheiten gehört, in denen es unmittelbar erfahren wird.
 
'''J 18.2''' Die Menschen erkennen es aus mangelnder Einsicht nicht, weil Maya sie verwirrt. Dieser Zustand lässt sich nur mit feiner Aufmerksamkeit erfassen, nicht anders.
 
'''J 18.3''' Wozu viele Worte, Rama? Höre das Wesentliche: Durch den Geist wird das Erkennbare erkannt; deshalb ist der Geist in dieser Funktion nicht selbst das Erkannte.
 
'''J 18.4''' Daher ist auch ein Geist ohne erkannten Gegenstand möglich. Dieser Geist wird gegenstandsfreies Gewahrsein genannt.
 
'''J 18.5''' Da sein Wesen Erfahren selbst ist, ist er stets unmittelbar bekannt. Müsste er erst durch ein weiteres Erfahren erkannt werden, führte dies in einen endlosen Rückgang und damit ins Nichtwissen.
 
'''J 18.6''' Wenn du einen Gegenstand siehst, bist du dabei nicht selbst offenbar, Bhargava? Wenn du nicht offenbar bist, bist du nicht vorhanden. Wie könntest du dann diese Frage stellen?
 
'''J 18.7''' Wie könnte jemand, der selbst so wenig besteht wie eine Blume am Himmel, sein eigenes Heil wünschen? Überlege: Wie sollte ich dir dein Selbst erst beweisen?
 
'''J 18.8''' Wenn du sagst: „Im Allgemeinen bin ich mir gegenwärtig, aber ich kenne mich nicht in einer besonderen Bestimmung“, dann höre, Rama: Gerade das von besonderen Bestimmungen freie Allgemeine ist dein unvergängliches Wesen.
 
'''J 18.9''' Frei auch vom geringsten besonderen Merkmal – genau dies ist dein Wesen. Obwohl du es kennst, gerätst du erneut ganz unnötig in Verwirrung!
 
'''J 18.10''' Alles gegenständliche Erhellen richtet sich auf besondere Bestimmungen. Du aber bist die allgemeine Gegenwart des Gewahrseins und leuchtest aus dir selbst.
 
'''J 18.11''' Wenn du meinst, du erschienest als Körper und dergleichen, dann höre: Nur aufgrund einer Vorstellung erscheinst du dir als Körper.
 
'''J 18.12''' Prüfe mit feiner Aufmerksamkeit: Wenn du dir etwas vom Körper Verschiedenes vorstellst, erscheint dann noch dein Körpersein? Und doch besteht dein Körper weiter.
 
'''J 18.13''' Was immer als Körper vorgestellt wird, nimmt jeweils diese Gestalt an. In diesem Sinn bist du in allem gegenwärtig; wie könntest du ausschließlich ein bestimmter Körper sein?
 
'''J 18.14''' Deshalb ist nichts Sichtbares dein eigentliches Wesen, denn es ist wechselhaft. Du bist reines Sehen; das Sehen selbst ist niemals ein gesehener Gegenstand.
 
'''J 18.15''' Es leuchtet aus sich selbst und besitzt nicht das geringste besondere Merkmal einer sichtbaren Gestalt. Dennoch erscheint es vielfältig ausgestaltet durch Körper, Raum und Zeit.
 
'''J 18.16''' Erkenne daher nach dem Loslassen der bloßen Vorstellungen das Verbleibende als dein Selbst: das reine Wesen des Bewusstseins.
 
'''J 18.17''' Wird dieses auch nur einmal klar erkannt, löst sich das Nichtwissen auf, das aus seinem Nichterkennen entstand und allen Samsara verursacht.
 
'''J 18.18''' [[Moksha|Befreiung]] liegt weder hinter dem Himmel noch in der Unterwelt noch irgendwo auf der Erde. Sie ist das Offenbarwerden des reinen eigenen Wesens durch das Loslassen begrenzender Vorstellungen.
 
'''J 18.19''' Da sie das eigene Wesen ist, fehlt sie niemals wirklich. Das Ziel ist erreicht, wenn die bloße Verblendung fortfällt.
 
'''J 18.20''' Eine andere Befreiung ist nicht denkbar: Was hergestellt wird, vergeht. Eine Befreiung außerhalb des eigenen Wesens wäre so unwirklich wie ein Hasenhorn.
 
'''J 18.21''' Das eigene Wesen ist allumfassend. Wo sollte es eine davon getrennte Befreiung geben? Wenn eine besondere Befreiung innerhalb seiner erschiene, wäre sie nur wie ein Spiegelbild.
 
'''J 18.22''' Auch im gewöhnlichen Sprachgebrauch bedeutet Befreiung nichts anderes als das Ende einer Bindung. Dieses Ende ist eine Abwesenheit. Wie könnte eine bloße Abwesenheit als eigenständige Wirklichkeit bestehen?
 
'''J 18.23''' Ein und dasselbe Ding kann nicht zugleich seinem Wesen nach Sein und Nichtsein sein. Andernfalls müssten auch die Dinge eines Traums, die erscheinen und wieder fehlen,
 
'''J 18.24''' als uneingeschränkt wirklich gelten. Wenn du sagst, sie seien unwirklich, weil sie widerlegt werden, dann höre: Diese Widerlegung ist die Erkenntnis ihrer Abwesenheit, wenn sie nicht mehr wahrgenommen werden.
 
'''J 18.25''' Was auf diese Weise aufgehoben werden kann, ist nicht unbedingt wirklich. Eine solche Aufhebung trifft aber alles Sichtbare, wenn es nicht mehr wahrgenommen wird.
 
'''J 18.26''' Deshalb ist das, was zwischen Anwesenheit und Abwesenheit wechselt, nicht die unbedingte Wirklichkeit. Wirklich ist vielmehr das, was niemals und nirgendwo auch nur von einem Hauch des Nichtseins berührt wird.
 
'''J 18.27''' Von dieser Art ist das Bewusstseinsprinzip: in jeder Hinsicht wirklich. Eine davon getrennte Befreiung könnte deshalb keine unbedingte Wirklichkeit besitzen.
 
'''J 18.28''' Befreiung nennt man das klare Offenbarwerden des vollkommenen eigenen Wesens. Allein durch das Wegfallen des gegenständlichen Begrenzens wird Bewusstsein als vollkommen erkannt.
 
'''J 18.29''' Das Erscheinen als auf einen Gegenstand beschränkt ist die scheinbare Einschränkung des Bewusstseins. Ohne diese Gegenstandsbegrenzung ist es vollkommen und unbegrenzt.
 
'''J 18.30''' Wenn ihm eine Begrenzung durch Zeit oder anderes zugeschrieben wird, sage mir: Wird diese Begrenzung erkannt oder nicht erkannt?
 
'''J 18.31''' Wird sie nicht erkannt, ist sie nicht festgestellt. Wird sie erkannt, so wird auch sie vom Bewusstsein umfasst. Was immer in der Welt als zeitlich begrenzt gilt,
 
'''J 18.32''' lässt sich nur dann als Verhältnis eines begrenzten Gegenstands zu einer begrenzenden Zeit bestimmen, wenn beide vom Bewusstsein erfasst sind.
 
'''J 18.33''' Wären sie nicht vom Bewusstsein erfasst, wie ließe sich die Begrenzung feststellen? Nur ein Gegenstand außerhalb des Bewusstseins könnte dieses von außen begrenzen.
 
'''J 18.34''' Doch ein erkennbarer Gegenstand außerhalb des Bewusstseins lässt sich auf keine Weise begründen. Wie sollte etwas ohne jede Beziehung zum Bewusstsein festgestellt werden?
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 18.35''' Auch eine nur teilweise Beziehung genügt nicht: Der übrige Teil wäre nicht feststellbar. Nur der mit dem Bewusstsein verbundene Anteil erschiene; etwas anderes wäre nicht erwiesen.
 
'''J 18.36''' Erkenne deshalb auch den sogenannten äußeren Gegenstand als ganz im Bewusstsein enthalten. Alles Erkannte ist vollständig in ihm gegenwärtig.
 
'''J 18.37''' Wie könnte das, was ganz in ihm liegt, es von außen begrenzen? Prüfe das Wesen des Erkannten mit schlüssiger Überlegung, Rama!
 
'''J 18.38''' Was innerhalb des Bewusstseins erscheint, ist von der Art eines Spiegelbildes. In der gewöhnlichen Erfahrung befindet sich kein eigenständiges Ding vollständig im Inneren eines anderen,
 
'''J 18.39''' ohne dass ihre Bestimmungen durcheinandergerieten. Das von dir angenommene unabhängige Außen beruht, wie erklärt, auf einer Verwechslung.
 
'''J 18.40''' Sage: Wie könnten die Dinge, die auf diesem Außen beruhen sollen, unbedingte Wirklichkeit besitzen? Das eigene Selbst, dessen Wesen Bewusstsein ist, erscheint fortwährend als diese und jene Dinge,
 
'''J 18.41''' kraft seiner freien Macht. Etwas darüber Hinausgehendes gibt es nirgends.“ Nachdem Bhargava dies gehört hatte, fragte er erneut:
 
'''J 18.42''' „Erhabener, deine Erklärung erscheint mir schwer nachvollziehbar. Wie sollte das eine reine Bewusstsein zugleich in so vielfältigen Gestalten erscheinen können?
 
'''J 18.43''' Alle unterscheiden doch Bewusstsein und Gegenstand. Mag der Gegenstand durch Bewusstsein offenbar werden und Bewusstsein selbstleuchtend sein,
 
'''J 18.44''' so kann der Gegenstand dennoch davon verschieden sein – wie ein beleuchtetes Ding vom Licht verschieden bleibt.
 
'''J 18.45''' Dass das Erkannte selbst Bewusstsein sei, entspricht nicht unmittelbar meiner Erfahrung. Außerdem hat der edle Janaka zuvor erklärt:
 
'''J 18.46''' Allein durch das Aufgeben der Vorstellungen wird der Geist nichtbegrifflich. Eben dies sei die nichtbegriffliche Erkenntnis, die Samsara auflöst,
 
'''J 18.47''' und das eigene Wesen des Selbst. Wie ist das möglich? Der Geist gilt doch als Werkzeug des Selbst beim Erkennen.
 
'''J 18.48''' Wenn das Selbst keinen Geist hätte, wodurch unterschiede es sich dann vom Unbewussten? Der Geist müsste doch, Erhabener, gerade diesen Unterschied ausmachen.
 
'''J 18.49''' Durch den Geist entstehen offenbar Bindung und Befreiung des Selbst. Der vorstellende Geist bedeutet Bindung, der nichtvorstellende Befreiung.
 
'''J 18.50''' Wie könnte also der Geist selbst das Selbst sein, wenn er doch als Werkzeug gilt? Selbst nach Erreichen des nichtbegrifflichen Zustands bliebe dann Zweiheit zurück.
 
'''J 18.51''' Außerdem gibt es doch jemanden, dem eine Täuschung widerfährt; der kann nicht völlig unwirklich sein. Auch die Täuschung als solche lässt sich nicht einfach leugnen. Wie kann dann Nichtdualität bestehen?
 
'''J 18.52''' Man sieht nirgends, dass etwas völlig Unwirkliches eine Wirkung hervorbringt. Alle Dinge der Welt besitzen Bestand und erfüllen bestimmte Zwecke.
 
'''J 18.53''' Erkläre mir, wie sie unwirklich sein sollen, sodass die Nichtdualität gilt! Und wenn alle Erkenntnis Täuschung ist, wie unterscheidet man dann Täuschung und Nichttäuschung?
 
'''J 18.54''' Wie kann dieselbe Täuschung allen gemeinsam sein? Lehrer, dieser Zweifel bewegt mich schon lange im Herzen.“
 
'''J 18.55''' Als der allkundige Dattatreya diese Fragen hörte, freute er sich über ihre Klarheit und begann zu antworten:
 
'''J 18.56''' „Rama, du hast gut gefragt. Vieles davon wurde bereits erklärt; doch solange der Geist keine Gewissheit gefunden hat, soll man es weiter klären.
 
'''J 18.57''' Wie sollte ein Lehrer ohne eine Frage wissen, welche Gedanken den Schüler beschäftigen? Die Überlegungen der Menschen unterscheiden sich entsprechend ihrer Veranlagung.
 
'''J 18.58''' Wer wird Zweifel los, ohne seine eigenen Auffassungen zur Sprache zu bringen? Ohne Fragen bleibt das Nichtwissen fest; die Frage ist der Keim der Klärung. ''[Die Vorlage ist im zweiten Halbvers sprachlich unklar; die Wiedergabe folgt dem fortlaufenden Gedankengang.]''
 
'''J 18.59''' Wer nicht fragt, erlangt hier keine Klarheit. Deshalb soll man den Lehrer befragen und verstehen lernen. Es ist durchaus möglich, dass das eine Bewusstsein vielfältig erscheint,
 
'''J 18.60''' wie ein einheitlicher Spiegel durch Spiegelbilder vielfältig erscheint. Betrachte Traum und Vorstellung: Der Geist ist dort einer,
 
'''J 18.61''' und dennoch erscheint er als die Vielfalt von Sehendem, Sehen und Gesehenem. Ebenso erscheint das reine Gewahrsein in mannigfaltigen Formen.
 
'''J 18.62''' Auch im Traum erscheinen Bewusstsein und Gegenstand als zwei. Dein Vergleich mit dem Licht trifft jedoch nicht vollständig zu: Ein Blinder kann einen Gegenstand auch ohne Licht erkennen.
 
'''J 18.63''' Und eine Form, die einem inzwischen Erblindeten nicht sichtbar ist, kann in der Erinnerung erscheinen. Was aber könnte wo oder wann ohne das Offenbarsein des Bewusstseins erscheinen?
 
'''J 18.64''' Wie ohne Spiegel kein Spiegelbild erscheint und das Spiegelbild deshalb keine vom Spiegel getrennte Wirklichkeit besitzt,
 
'''J 18.65''' so besteht nichts unabhängig vom Bewusstsein. Deshalb ist auch der Geist in keiner Weise etwas außerhalb des Bewusstseins.
 
'''J 18.66''' Wie der Geist im Traum keine getrennte Wirklichkeit besitzt, so auch im Wachen. Er wird lediglich als Werkzeug angenommen, um die Vorgänge des Erkennens zu erklären.
 
'''J 18.67''' So gilt im Traum eine Axt als Werkzeug beim Fällen eines Baumes. Wenn die Handlung keine unabhängige Wirklichkeit besitzt, wie sollte ihr Werkzeug sie besitzen, Rama?
 
'''J 18.68''' Wer wurde jemals von einem nicht vorhandenen Menschenhorn durchbohrt? Ein wirkliches Werkzeug für eine gänzlich unwirkliche Wirkung lässt sich nicht begründen. In diesem Sinn besteht kein eigenständiger Geist.
 
'''J 18.69''' Wie man im Traum den Geist als Werkzeug des Sehens bezeichnet, so auch sonst; doch ein davon getrenntes, eigenständig wirkendes Ding namens Geist besteht nicht.
 
'''J 18.70''' Allein das Bewusstseins-Selbst stellt durch seine klare Freiheit Geist und anderes vor und entfaltet das Geschehen als Unterschied zwischen Sehendem, Gesehenem und den weiteren Vorgängen.
 
'''J 18.71''' Mitunter bleibt es ausschließlich als nichtbegriffliches Gewahrsein gegenwärtig. Höre, Bhargava: Das Bewusstseinsprinzip ist zwar allumfassend,
 
'''J 18.72''' aber nicht einfach dem Raum gleich, denn es ist bewusst und selbstleuchtend. Im Übrigen haben Raum und Bewusstseins-Selbst zahlreiche gemeinsame Bestimmungen:
 
'''J 18.73''' umfassend, fein, rein, ungeboren, unbegrenzt, formlos, alles tragend, ungebunden, innerhalb und außerhalb von allem.
 
'''J 18.74''' Der Unterschied liegt im Bewusstsein, das dem bloßen Raum nicht zugeschrieben wird. In Wahrheit ist aber auch der sogenannte Raum nichts anderes als das von Bewusstsein erfüllte Selbst.
 
'''J 18.75''' Zwischen Selbst und Raum besteht letztlich nicht die geringste Trennung. Was Raum ist, ist das Selbst; was Selbst ist, ist auch der Grund dessen, was Raum genannt wird.
 
'''J 18.76''' Unwissende sehen das eigene Wesen irrtümlich als bloßen Raum, so wie eine Eule das Sonnenlicht als Dunkelheit wahrnimmt.
 
'''J 18.77''' Die Wissenden erkennen dagegen den Raum selbst als das Bewusstseins-Selbst. Das höchste Bewusstsein, die höchste Herrin, lässt kraft ihrer klaren Freiheit
 
'''J 18.78''' sich selbst als vielfältig begrenzt erscheinen. So lässt auch du, Rama, dich selbst im Traum in vielen unterschiedlichen Formen,
 
'''J 18.79''' als Menschen und andere Wesen, erscheinen. Die Vielfalt besteht jedoch nur für den begrenzten Blick.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 18.80''' Aus eigener Sicht bleibt das höchste Bewusstsein vollkommen und ungeteilt. Ein Zauberkundiger ist einer und zeigt sich den Zuschauern dennoch in vielen Gestalten.
 
'''J 18.81''' Aus seiner eigenen Sicht bleibt er dabei einer und unverändert. Ebenso verhält es sich mit dem höchsten Bewusstsein.
 
'''J 18.82''' Obwohl es rein und einheitlich leuchtet, erscheint es den begrenzten Wesen vielfach begrenzt und von Maya verhüllt.
 
'''J 18.83''' Auch diese Verhüllung durch Maya besteht nur aus begrenzter Sicht – so, wie der Zauberkundige nur in den Augen der anderen von seinem Zauber umhüllt ist.
 
'''J 18.84''' Maya ist die höchst erstaunliche Freiheit des höchsten Bewusstseins. Schon in dieser Welt können Yogis, Mantrakundige und Zauberkünstler,
 
'''J 18.85''' wenn sie durch geeignete Mittel einen kleinen Teil ihrer verhüllten Freiheit erschließen, scheinbar Unmögliches bewirken. In diesem Zusammenhang ist die göttliche Freiheit nicht verwunderlich.
 
'''J 18.86''' So lässt das höchste Bewusstsein kraft seiner klaren Freiheit sein eigenes Wesen vielfach begrenzt erscheinen, Sohn des Bhrigu.
 
'''J 18.87''' Begrenzung bedeutet, dass die Selbstzuordnung bei einem einzelnen Ausschnitt verweilt. Dieses Erscheinen als unvollständig wird Nichtwissen genannt.
 
'''J 18.88''' Hier geraten viele Denker, selbst gelehrte Logiker, in Verwirrung, weil sie nicht auf das eigene Selbst schauen, sondern nach außen gerichtet bleiben.
 
'''J 18.89''' Was immer ein Lehrer unterweist – sei es als seiend, nichtseiend oder anders bezeichnet –, solange man es nicht auf sich selbst bezieht und unmittelbar prüft,
 
'''J 18.90''' bleibt die Frucht aus, denn das Gehörte bleibt mittelbar. Deshalb sage ich dir, Rama: Schaue mit klarem Blick in dein eigenes Selbst!
 
'''J 18.91''' Bewusstsein ist die höchste Göttin, das allen gemeinsame Wesen. Weil sie Licht des Erkennens ist, unterscheidet sie sich vom Unbewussten.
 
'''J 18.92''' Ihr Ruhen in sich selbst ist das höchste Ich-Gewahrsein. Unbewusste Dinge dagegen haben ihren Ruhegrund im Bewusstseins-Selbst, denn sie erscheinen in ihm.
 
'''J 18.93''' Sie leuchten nicht aus sich selbst in ihrem eigenen Wesen; deshalb ruhen sie nicht in sich selbst. Bewusstsein aber erscheint stets in sich selbst, unabhängig von anderem.
 
'''J 18.94''' Deshalb lässt sich bei ihm von einem Ruhen in sich selbst sprechen. Dies ist das vollkommene höchste Ich-Gewahrsein, das unbewussten Dingen fehlt.
 
'''J 18.95''' Es ist frei von jeder Abgrenzung, weil es unbegrenzt ist. Alles besteht in ihm, wie eine Stadt in einem Spiegel.
 
'''J 18.96''' Wodurch sollte es also ausgeschlossen oder begrenzt werden? Das umfassende Leuchten dieses vollkommenen Wesens
 
'''J 18.97''' wird Ruhen im eigenen Selbst oder vollkommenes Ich-Gewahrsein genannt. Es ist ungeteilt und von einer Wesensart; darum geht es, Rama.
 
'''J 18.98''' Nur durch die verschiedenen Erklärungen scheint es vielfältig. Eben dies ist seine Freiheit, denn seine Kraft ist nicht von ihm getrennt.
 
'''J 18.99''' Wie Helligkeit und Wärme ungetrennt zum Feuer gehören, so ist es einheitlich verbunden mit Freiheit und Ruhen in sich selbst.
 
'''J 18.100''' Dies ist jene höchst erstaunliche Kraft, die Maya genannt wird. Obwohl sie in ihrem eigenen Wesen wie ein Spiegel allein aus einheitlichem Bewusstsein besteht,
 
'''J 18.101''' erscheint sie durch die Offenbarung mannigfaltiger Gestalten. Auch während dieses Erscheinens weicht sie nicht von ihrem eigenen Wesen ab.
 
'''J 18.102''' Das Erscheinen von Begrenzung wird das Erscheinen eines Nicht-Selbst genannt. Es heißt Nichtwissen, unbewusste Kraft, Leere oder Prakriti.
 
'''J 18.103''' Völlige Abwesenheit, Raum, Dunkelheit und erste Schöpfung: All diese Bezeichnungen werden hier auf jene ursprüngliche Begrenzungserscheinung bezogen.
 
'''J 18.104''' Rama, wenn das Ruhen im allumfassenden Selbst irrtümlich nur einem Ausschnitt zugeschrieben wird, entsteht das Erscheinen eines äußeren Raumes.
 
'''J 18.105''' Der Bereich des Selbst, der nicht als Selbst anerkannt wird, heißt dann Raum. Darin liegt die Ursache des Samsara.
 
'''J 18.106''' Diese Trennung besteht nur für den Blick des gebundenen Wesens. Prüfe mit feiner Aufmerksamkeit den Raum, den du siehst, Rama!
 
'''J 18.107''' Für die darin lebenden Wesen ist derselbe Grund ihr eigenes bewusstes Selbst. Ebenso erscheint dir in den Körpern anderer ein Raum,
 
'''J 18.108''' der für sie selbst ihr von Bewusstsein und Glückseligkeit erfülltes Selbst ist. Das Bewusstseinswesen, das vom selbst vorgestellten Raum gleichsam eingeschlossen wird,
 
'''J 18.109''' heißt Geist. Es ist nichts anderes als das Selbst. Wenn dabei der verhüllende Aspekt hervorgehoben wird, spricht man vom Geist als Erkenntnismittel.
 
'''J 18.110''' Wird dagegen das verhüllte Bewusstsein hervorgehoben, heißt es Erkennender oder individuelles Lebewesen. Nachdem das Bewusstseins-Selbst so vom Raum verhüllt erscheint,
 
'''J 18.111''' stellt es im zarten, lockeren, nicht dichten und reinen Raum Festigkeit, Zusammenhalt, Dichte und Trübung vor.
 
'''J 18.112''' Dadurch lässt es die Elemente erscheinen und wird als verkörpertes Selbst auch vom Körper umhüllt. Wie eine Lampe in einem Gefäß dessen Inneres erhellt,
 
'''J 18.113''' so scheint es nun nur das Innere des Körpers zu erhellen, gleich einer verborgenen Lampe.
 
'''J 18.114''' Wie das Lampenlicht durch Löcher im Gefäß nach außen tritt, so scheint Bewusstsein durch die Tore der Sinne nach außen zu gehen.
 
'''J 18.115''' In Wahrheit geht Bewusstsein nirgendwohin, weil es allumfassend und ohne räumliche Bewegung ist. Seine Kraft des Aufleuchtens durchdringt die selbst vorgestellte Raumhülle.
 
'''J 18.116''' Soweit sie diese Verhüllung aufhebt, erscheint ein Nach-außen-Treten. Diese Tätigkeit des Geistes ist das Durchbrechen der Verhüllung durch das Aufleuchten.
 
'''J 18.117''' Daher ist der Geist nichts anderes als das Selbst, Rama. Bewegtes Bewusstsein heißt Geist; unbewegt ist es das eigene Wesen des Selbst.
 
'''J 18.118''' Die Bewegung des Bewusstseins ist das Durchbrechen der Verhüllung durch sein Aufleuchten. Dies wird begrifflich gestaltendes Erkennen genannt. Wenn diese Gestaltung wegfällt,
 
'''J 18.119''' ist die Erkenntnis nichtbegrifflich und vollkommen; dies wird Befreiung genannt. Lass den Zweifel los, Rama,
 
'''J 18.120''' ob nach dem Wegfall der Vorstellungen noch eine Verhüllung übrig bleibe. Es besteht keine eigenständig wirkliche Verhüllung, denn sie ist vom Bewusstsein selbst vorgestellt.
 
'''J 18.121''' Stelle dir vor, du seist in einer inneren Vorstellung von einem Feind gefesselt, geschlagen und bedroht. Sobald du diese Vorstellung aufgibst,
 
'''J 18.122''' verschwinden Schläge und Drohungen. Bleibt dann etwa noch eine Fessel zurück? Verstehe den vorliegenden Zusammenhang ebenso.
 
'''J 18.123''' Rama, seit anfangsloser Zeit ist niemand im eigentlichen Wesen gebunden. Gib die Verwechslung mit dem Unbewussten auf und prüfe: Was ist diese Bindung?
 
'''J 18.124''' Die große Bindung ist gerade die feste Überzeugung, die Bindung sei unbedingt wirklich. Sie gleicht dem eingebildeten Zugriff eines Geistes auf ein grundlos erschrockenes Kind.
 
'''J 18.125''' Solange selbst ein verständiger Mensch diese Täuschung über die Bindung nicht aufgibt, wird er auch durch größte Anstrengung nicht frei vom Samsara.
 
'''J 18.126''' Was sollte das reine Bewusstseins-Selbst binden, und auf welche Weise? Etwa die Spiegelbilder, die im Spiegel des eigenen Selbst erscheinen?
 
'''J 18.127''' Wenn diese wirklich binden könnten, müsste auch ein gespiegeltes Feuer den Spiegel verbrennen. Zwei Überzeugungen halten die Bindung aufrecht: dass sie unbedingt wirklich sei und dass der Geist eine eigenständige Existenz besitze.
 
'''J 18.128''' Außer diesen beiden gibt es für niemanden eine solche Bindung. Solange diese doppelte Trübung nicht mit dem mächtigen Wasser gründlicher Untersuchung
 
'''J 18.129''' fortgewaschen ist, können weder ich noch Brahma, Vishnu oder Shankara
 
'''J 18.130''' noch Tripura selbst als verkörperte Erkenntnis den Samsara dieses Menschen beenden. Gib daher diese beiden Annahmen auf und sei glücklich, Rama!
 
'''J 18.131''' Wenn der Geist im nichtbegrifflichen Zustand ruht, bleibt keine Zweiheit zurück, weil er nichts anderes als das Selbst ist.
 
'''J 18.132''' Geist ist nichts außerhalb des Erscheinens in der Form „dies“ und „jenes“. Wenn diese Bestimmungen losgelassen werden, bleibt allein das Offenbarsein.
 
'''J 18.133''' Bei der Verwechslung eines Seils mit einer Schlange erscheint die Schlange auf der Grundlage des für wirklich gehaltenen Seils.
 
'''J 18.134''' Wird die Schlange widerlegt, bleibt aufgrund des Seils eine bestimmte Erkenntnis des Seils bestehen, die vom Bewusstseins-Selbst verschieden zu sein scheint.
 
'''J 18.135''' Wird aber auch das Seil als eine Erscheinung im Bewusstsein erkannt, wie im Traum, wie sollte dann nach Aufhebung seiner Eigenständigkeit noch eine davon getrennte Erkenntnis bestehen? Worauf sollte sie beruhen?
 
'''J 18.136''' Wenn die eigenständige Wirklichkeit des Gesehenen aufgehoben ist, bleibt seine Erkenntnis reines Sehen. Da dieses nicht vom Bewusstseins-Selbst verschieden ist, entsteht daraus keine Zweiheit.
 
'''J 18.137''' Auch Traumgegenstände haben innerhalb des Traums beständige Wirkungen. Während des Träumens hält jeder sie für wirklich und beständig.
 
'''J 18.138''' Der Unterschied zwischen Traum- und Wacherscheinungen besteht insofern darin, dass im Wachen die Unwirklichkeit des Traums erkannt wird,
 
'''J 18.139''' während im Traum die Unwirklichkeit des Wachens gewöhnlich nicht festgestellt wird. Daraus allein folgt aber noch keine unbedingte Wirklichkeit des Wachgeschehens.
 
'''J 18.140''' Du siehst im Wachen Beständigkeit und Wirksamkeit der Dinge. Sage: Siehst du beides im Traum nicht ebenfalls?
 
'''J 18.141''' Wachgegenstände erscheinen im Traum nicht als beständig und wirksam; Traumgegenstände erscheinen im Wachen nicht so. Darin gleichen sich beide.
 
'''J 18.142''' Prüfe fein: Welcher Unterschied besteht in der Erinnerung zwischen Vergangenem und Geträumtem? Betrachte außerdem Beständigkeit und Wirksamkeit einer vom Zauberkünstler geschaffenen Erscheinung.
 
'''J 18.143''' Wird sie dadurch unbedingt wirklich? Gewöhnliche Menschen durchschauen den Unterschied zwischen bedingter Erscheinung und unbedingter Wirklichkeit nicht.
 
'''J 18.144''' Deshalb nennen sie, von Täuschung erfasst, die Welt uneingeschränkt wirklich. Wirklich nennt man aber, Rama, was niemals von Nichtsein berührt wird.
 
'''J 18.145''' Nichtsein wird durch Nichtoffenbarsein festgestellt; doch Bewusstsein ist niemals völlig unoffenbar. Unbewusste Dinge können fehlen, denn sie erscheinen als viele voneinander unterschiedene Dinge.
 
'''J 18.146''' Jedes unbewusste Ding erscheint als nicht das andere. Wann und wo aber könnte Bewusstsein selbst fehlen? Prüfe dies, Rama!
 
'''J 18.147''' Wenn Bewusstsein nicht offenbar wäre, wie könnte dann etwas erscheinen? Und wie könnte sein Nichtoffenbarsein selbst erscheinen? Ob etwas erscheint oder nicht,
 
'''J 18.148''' Bewusstsein ist dabei notwendig gegenwärtig. Deshalb ist Bewusstsein wirklich. Höre, Rama, die knappe Unterscheidung von wirklich und unwirklich:
 
'''J 18.149''' Wirklich ist, was unabhängig von anderem offenbar ist; anderes besitzt keine selbständige Wirklichkeit. Andernfalls müsste auch die vermeintliche Schlange auf dem Seil wirklich sein.
 
'''J 18.150''' Widerlegung bedeutet die Erkenntnis einer Abwesenheit. Doch eine solche Erkenntnis kann irrtümlich auch auftreten, wenn etwas vorhanden ist; ebenso kann etwas als vorhanden erscheinen, obwohl es fehlt.
 
'''J 18.151''' Deshalb ist der Satz „Was nicht widerlegt ist, ist wirklich; was widerlegt ist, ist unwirklich“ für sich allein kein verlässliches Kriterium. Er kann in beiden Richtungen fehlgehen.
 
'''J 18.152''' Ohne das Offenbarsein des Bewusstseins gäbe es nichts; nicht einmal dieses Nichtsein wäre feststellbar. Ein Streitdenker, der dennoch sagt: „Bewusstsein ist nicht offenbar“,
 
'''J 18.153''' könnte ebenso sagen: „Ich bin nicht.“ Wer würde dann was behaupten? Wenn jemand am eigenen Selbst zweifelt, weil es angeblich nie offenbar sei,
 
'''J 18.154''' und trotzdem mit kunstvollen Argumenten die Verwirrung anderer lösen möchte, dann könnte ebenso gut dieser Felsblock ihre Verwirrung auflösen.
 
'''J 18.155''' Bloße praktische Wirksamkeit beweist daher keine unbedingte Wirklichkeit. Jede gegenständliche Erkenntnis, die ihren Gegenstand als unabhängig auffasst, ist insofern Täuschung.
 
'''J 18.156''' Die Überzeugung, solche Erkenntnisse seien völlig frei von Täuschung, ist eine weitere große Täuschung. Wie ein Irrtum vor seiner Widerlegung für wahr gehalten wird,
 
'''J 18.157''' so gilt auch gewöhnliche Welterkenntnis zunächst als irrtumsfrei. Wie das vermeintliche Silber durch die Erkenntnis des Perlmutts als Täuschung erkannt wird,
 
'''J 18.158''' so zeigt die Erkenntnis des Bewusstseins-Selbst die täuschende Eigenständigkeit aller gegenständlichen Erkenntnisse. Und wie die Täuschung eines blauen Himmels vielen gemeinsam erscheint,
 
'''J 18.159''' so ist auch die Welttäuschung aufgrund einer gemeinsamen Begrenzung allen gemeinsam. Irrtumsfrei ist reines Gewahrsein, das als Bewusstseins-Selbst besteht.
 
'''J 18.160''' Damit habe ich deine Fragen durch zusammenhängende Überlegungen beantwortet. Lass den Zweifel los, Rama, und gewinne Gewissheit über das Gesagte!
 
'''J 18.161''' Du hast außerdem gefragt, wie ein Befreiter noch handeln kann. Höre aufmerksam, Rama, ich werde es dir erklären.
 
'''J 18.162''' Unter den befreiten Erkennenden gibt es höchste, mittlere und weniger gefestigte. Wer durch die aus dem bereits wirksamen Karma entstehenden Erfahrungen immer wieder bedrängt wird,
 
'''J 18.163''' obwohl er sein Wesen kennt, gilt als weniger gefestigt. Wer die durch Prarabdha eintretenden Erfahrungen durchlebt, sie aber kaum beachtet,
 
'''J 18.164''' wie ein vom Honigwein Berauschter dessen Geschmack nicht mehr eigens bemerkt, gilt als Erkennender mittlerer Reife. Wer selbst durch die vielfältigen Früchte unzähliger karmischer Ursachen
 
'''J 18.165''' nicht aus seinem eigenen Stand gebracht wird, vor keiner Schar von Schwierigkeiten erschrickt, durch Wunder nicht aus der Fassung gerät und durch große Freuden nicht fortgerissen wird,
 
'''J 18.166''' wer innerlich friedvoll und äußerlich wie andere Menschen lebt, gilt als höchster Erkennender. So entstehen je nach Verständnis, Reife der Erkenntnis
 
'''J 18.167''' und Wirksamkeit des verbliebenen Prarabdha unterschiedliche Lebensweisen. Auch ein Handeln ähnlich dem eines Berauschten ist dabei möglich.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 18. Kapitel.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 19: Die Reife der Erkenntnis===
 
'''Unterschiedliche Lebensweisen:''' Dattatreya unterscheidet die Erkenntnis selbst, ihre Festigung und die fortwirkenden Gewohnheiten. Die Beispiele bekannter Weiser sind traditionelle Typisierungen; der folgende Text erklärt kein beliebiges Verhalten für ein Zeichen der Verwirklichung.
 
'''J 19.1''' Nachdem Bhargava Dattatreyas Worte gehört hatte, fragte er weiter nach den unterschiedlichen Lebensweisen der Befreiten:
 
'''J 19.2''' „Erhabener, erkläre mir nochmals ausführlich, wie durch Unterschiede des Verstehens verschiedene Reifegrade der Erkenntnis entstehen.
 
'''J 19.3''' Die Erkenntnis ist doch einheitlich: das Offenbarsein des eigenen Selbst allein. Eben dies ist auch das Ziel, denn Befreiung besteht in seinem Offenbarwerden.
 
'''J 19.4''' Wie entstehen dann je nach Verständnis verschiedene Reifegrade? Unterscheiden sich auch die Mittel oder nicht? Erkläre mir dies!“
 
'''J 19.5''' So erneut befragt, begann Dattatreya, der Schatz des Mitgefühls, denselben Zusammenhang ausführlich darzulegen:
 
'''J 19.6''' „Höre, Rama! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Die Mittel unterscheiden sich nicht ihrem grundlegenden Zweck nach; die Erkenntnis verlangt keine grundsätzlich verschiedenen Ursachen.
 
'''J 19.7''' Je nach dem Grad ihrer Vollendung wird die Frucht unterschiedlich erlangt. Sind die Mittel vollkommen gereift, stellt sich Erkenntnis mühelos ein.
 
'''J 19.8''' Je nach dem Maß ihrer Unvollständigkeit ist mehr oder weniger Anstrengung erforderlich. In Wahrheit aber wird für das Bewusstsein selbst überhaupt kein hervorbringendes Mittel benötigt.
 
'''J 19.9''' Erkenntnis muss nirgendwo erst hergestellt werden, denn sie besteht von Natur aus. Bewusstsein selbst ist diese Erkenntnis und leuchtet stets aus sich selbst.
 
'''J 19.10''' Wozu sollte das, dessen Wesen immerwährendes Offenbarsein ist, ein hervorbringendes Mittel brauchen? Das Bewusstsein gleicht einem Juwel in der an sich reinen Schatulle des Geistes.
 
'''J 19.11''' Doch im Schlamm zahlloser latenter Neigungen versunken, wird es nicht bemerkt. Wird dieser Schlamm mit dem Wasser der Sammlung gründlich fortgewaschen
 
'''J 19.12''' und die seit langer Zeit verschlossene Schatulle des Geistes mit dem scharfen Werkzeug unterscheidender Untersuchung und geeigneter Überlegung geöffnet,
 
'''J 19.13''' dann wird das bereits leuchtende Bewusstsein wie ein Edelstein entdeckt. Deshalb dienen die Mittel, Rama, dem Beseitigen der [[Vasana]]s, der eingeprägten Neigungen.
 
'''J 19.14''' Das Verständnis ist verschieden, je nachdem, wie schwach oder stark diese Neigungen sind. In dem Maß, wie sie es verhüllen,
 
'''J 19.15''' sind Hilfsmittel erforderlich, Spross des Bhrigu. Die Neigungen sind vielfältig; ich nenne dir ihre wichtigsten Arten.
 
'''J 19.16''' Sie sind dreifach: Fehlhaltung, karmisch bedingte Trübung und Verlangen. Die grundlegende Fehlhaltung ist ein Mangel an Vertrauen, der den Zugang zum eigenen Selbst verschließt.
 
'''J 19.17''' Auch hartnäckiges verkehrtes Auffassen gehört zu dieser vom Menschen aufrechterhaltenen Fehlhaltung. Aufgrund solcher Fehlhaltungen erkennen selbst Menschen, die in vielen Künsten bewandert sind,
 
'''J 19.18''' die höchste Wirklichkeit weder durch gute Gesellschaft noch durch den Umgang mit Schriften. Sie behaupten etwa: „Eine höchste Wirklichkeit ohne besondere Merkmale gibt es nicht und kann es nicht geben.
 
'''J 19.19''' Oder wenn es sie gibt, kann niemand sie erkennen. Und selbst wenn etwas als höchste Wirklichkeit erkannt wird, ist es nicht wirklich das Höchste.
 
'''J 19.20''' Wie sollte seine Erkenntnis Befreiung bringen?“ Solches verkehrte Festhalten oder beständiges Zweifeln an diesem Zusammenhang
 
'''J 19.21''' wird hier als Fehlhaltung und als erste Art der Neigung bezeichnet. Hunderte und Tausende, die in Schriften und Wissenschaften bewandert sind,
 
'''J 19.22''' werden dadurch behindert und bleiben im Samsara, Rama. Die zweite Art beruht auf Eindrücken früherer unheilsamer Handlungen:
 
'''J 19.23''' eine Trübung des Verstehens, welche die Aufnahme der Unterweisung behindert. Durch sie wird selbst das, was Lehrer klar erklären, nicht erfasst.
 
'''J 19.24''' Dies heißt karmisch bedingte Neigung; selbst durch bloße Sammlung ist sie schwer zu überwinden. Verlangen dagegen besteht in dem Gefühl, noch etwas erreichen zu müssen; es ist endlos und vielfach verzweigt.
 
'''J 19.25''' Vielleicht könnte jemand die Wellen des Meeres zählen, Rama, oder die Staubteilchen der Erde oder die Sterne.
 
'''J 19.26''' Die Wünsche auch nur eines einzigen Menschen aber lassen sich nicht zählen. Dies ist die dritte Art, die Neigung des Verlangens.
 
'''J 19.27''' Weiter als der Raum und unbeweglicher als ein Berg – so wird dieses Gespenst der Hoffnung auf Wunscherfüllung beschrieben, die Neigung des Verlangens.
 
'''J 19.28''' Durch sie lebt die ganze Welt wie im Rausch. Von ihr immer wieder verbrannt, klagen die Menschen unablässig.
 
'''J 19.29''' Einige besonders Gesegnete aber nehmen zu einem großen Mantra Zuflucht, werden von ihr frei und erscheinen am ganzen Wesen gekühlt und friedvoll.
 
'''J 19.30''' Weil diese drei Neigungen den Geist beherrschen, wird jene Wirklichkeit nicht deutlich erkannt, Rama.
 
'''J 19.31''' Deshalb ist die Frucht aller Hilfsmittel das Auflösen dieser Neigungen. Die erste endet, wenn ihre Beschaffenheit als Fehlhaltung durchschaut wird.
 
'''J 19.32''' Die zweite kann in einem Leben oder über mehrere Leben durch göttliche Gnade enden, nicht allein durch Millionen von Argumenten.
 
'''J 19.33''' Die dritte wird durch Nichtanhaftung und andere geeignete Mittel aufgelöst. Nichtanhaftung entsteht durch das Erkennen der Begrenzungen und leidvollen Folgen des Begehrten.
 
'''J 19.34''' Je nachdem, wie schwach oder stark die genannten Neigungen sind, muss auch diese Einsicht in geringerem oder größerem Maß vertieft werden, Bhargava.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 19.35''' Die erste Grundlage von allem ist jedoch [[Mumukshutva]], das Verlangen nach Befreiung. Hören, Nachdenken und andere Übungen ohne dieses Verlangen
 
'''J 19.36''' bringen nicht die entscheidende Frucht; sie bleiben wie eine erlernte Fertigkeit. Bloße Sachkenntnis führt nicht zum höchsten Zustand.
 
'''J 19.37''' Wer ohne Befreiungssehnsucht hört und gründlich argumentiert, schmückt, um das Gleichnis des Textes zu gebrauchen, nur einen Leichnam: Die entscheidende Lebenskraft fehlt.
 
'''J 19.38''' Auch ein nur schwaches Verlangen nach Befreiung bleibt ohne die gesuchte Frucht, Rama – wie ein allgemeiner Wunsch, der entsteht, sobald man von einer schönen Belohnung hört.
 
'''J 19.39''' Ein bloß nach dem Hören einer Verheißung aufkommender Wunsch bringt noch nicht die Frucht des erforderlichen Handelns. Wer würde sich nicht wünschen, eine angenehme Frucht zu erhalten?
 
'''J 19.40''' Deshalb genügt ein flüchtiges Verlangen nach Befreiung nicht. Je entschiedener es wird, desto rascher trägt es Frucht.
 
'''J 19.41''' Echte Befreiungssehnsucht führt dazu, dass man sich den hilfreichen Mitteln tatsächlich zuwendet. Dies wird ungeteilte Ausrichtung genannt.
 
'''J 19.42''' Wie jemand, dessen ganzer Körper brennt, nichts anderes als Kühlung begehrt, so sucht ein Mensch mit intensiver Befreiungssehnsucht nichts anderes als Freiheit.
 
'''J 19.43''' Ein solches Verlangen ist stark genug, zur Frucht zu führen. Es entsteht, indem die Grenzen aller anderen Ziele erkannt werden.
 
'''J 19.44''' Durch tiefe Nichtanhaftung wird es allmählich immer stärker. Die Einsicht in die leidvollen Seiten der Sinnesbindung lässt Nichtanhaftung entstehen und löst die Fixierung auf Gegenstände.
 
'''J 19.45''' Aus Nichtanhaftung erwächst intensive Befreiungssehnsucht, daraus ungeteilte Ausrichtung. Diese zeigt sich in entschiedener Hinwendung zu den geeigneten Mitteln.
 
'''J 19.46''' Durch solch intensive Hinwendung wird die Frucht rasch erlangt.“ Als Bhargava Dattatreyas Worte hörte,
 
'''J 19.47''' stellte er, erneut zweifelnd, eine wichtige Frage: „Erhabener, du hast die Gemeinschaft mit Weisen als Grundursache genannt,
 
'''J 19.48''' aber auch göttliche Gnade und die Einsicht in die Grenzen des Begehrten. Was ist nun die entscheidende erste Ursache, und wie erlangt man sie?
 
'''J 19.49''' Es gilt doch, dass nichts ohne Ursache entsteht. Wie könnte also diese erste Hinwendung ohne Ursache zustande kommen? Erkläre mir dies ausführlich!“
 
'''J 19.50''' Dattatreya, der Schatz des Mitgefühls, antwortete Rama: „Höre, Bhargava! Ich erkläre dir den tiefsten Ursprung des Weges zum Heil.
 
'''J 19.51''' Die höchste Göttin als Bewusstsein lässt durch die Herrlichkeit ihrer Freiheit das Weltbild in sich selbst erscheinen, wie ein Spiegel seine Bilder.
 
'''J 19.52''' Sie selbst nimmt die Gestalt Hiranyagarbhas an. Aus dem Wunsch, den von anfangslosem Nichtwissen verhüllten Wesen Gutes zu tun,
 
'''J 19.53''' entfaltete sie das Meer der heiligen Überlieferungen, das alle Wünsche zu erfüllen verspricht. Die Wesen besitzen von Natur aus vielfältige eingeprägte Wünsche.
 
'''J 19.54''' In der Überlegung, wie sie dennoch zum Guten geführt werden könnten, schuf sie Handlungen mit erwünschten Zielen und mannigfaltigen Früchten.
 
'''J 19.55''' Ein Mensch handelt ohnehin entsprechend seiner Veranlagung, heilsam oder unheilsam. Durch das Reifen irgendeiner Handlung
 
'''J 19.56''' gelangt er, nachdem er durch verschiedene Geburtsformen gewandert ist, zu einer menschlichen Geburt. Aus Verlangen wendet er sich Handlungen zu, die bestimmte Früchte versprechen.
 
'''J 19.57''' Wenn ein besonderer Wunsch ihn zur Gottheit hinführt, beschäftigt er sich bei Gelegenheit mit den auf sie bezogenen Schriften.
 
'''J 19.58''' Er hört von den Früchten entsprechender Handlungen und beginnt sie auszuführen. Bleibt die Frucht aus, weil die feinen Regeln des Handelns nicht vollständig erfüllt wurden,
 
'''J 19.59''' sucht er einen rechtschaffenen Menschen auf, um zu erfahren, was zu tun ist. In diesem Umgang hört er vielleicht von der Herrlichkeit
 
'''J 19.60''' des höchsten Herrn. Wenn frühere heilsame Handlungen reifen, entsteht daraufhin auch der Wunsch, dessen Gunst zu gewinnen, Bhargava.
 
'''J 19.61''' So gelangt man durch gereiftes Verdienst zur Gemeinschaft mit Guten und findet die schwer erreichbare Folge von Stufen zum höchsten Heil.
 
'''J 19.62''' Deshalb gilt meist [[Satsang]] als Wurzel des Heilsweges. Bisweilen erlangt jemand durch außergewöhnliches Verdienst oder außerordentliche Askese
 
'''J 19.63''' das Heil unvermittelt, wie eine Frucht, die plötzlich vom Himmel fällt. Die Verschiedenheit der Ursachen erklärt also die Verschiedenheit des Weges.
 
'''J 19.64''' Entsprechend unterscheiden sich auch die Zustände der Erkennenden: durch ihr Verständnis, die Stärke ihrer Neigungen und die Reife ihrer Übungsmittel.
 
'''J 19.65''' Wer von Natur aus nur wenige latente Neigungen besitzt, gelangt schon durch geringe Übung zur Erkenntnis.
 
'''J 19.66''' Wessen Geist von Natur aus rein und ohne solche Verhüllung ist, bei dem kann ein kleiner Anlass große Erkenntnis auslösen.
 
'''J 19.67''' Wessen Geist dagegen von dichten Neigungen erfüllt ist, bei dem bleibt selbst entstandene Erkenntnis gleichsam überdeckt.
 
'''J 19.68''' Durch wiederholte Vertiefung gelangt sie erst nach längerer Zeit zur Fülle. Deshalb zeigen sich unter Erkennenden verschiedene Zustände.
 
'''J 19.69''' Die Unterschiede beruhen auf der Reife des Geistes, Spross des Bhrigu. Je nach dem Grad, in dem die Neigungen das Verständnis verhüllen,
 
'''J 19.70''' erscheint die Erkenntnis unterschiedlich gefestigt; entsprechend unterscheiden sich die Lebensweisen. Betrachte diese Unterschiede unter den Erkennenden, Rama!
 
'''J 19.71''' Brahma, Vishnu und Maheshvara sind von Natur aus Erkennende. Dennoch unterscheiden sich ihre Wirkungsweisen entsprechend ihren jeweiligen Eigenschaften.
 
'''J 19.72''' Man kann deshalb keineswegs von einer Trübung ihrer Erkenntnis sprechen. Die Wirksamkeit ihrer natürlichen Eigenschaften ist dennoch verschieden.
 
'''J 19.73''' Wie ein hellhäutiger Körper eines Erkennenden durch die Erkenntnis nicht dunkelhäutig wird, so muss auch die natürliche Veranlagung des Geistes nicht zu einer völlig anderen werden.
 
'''J 19.74''' Betrachte ebenso uns erkennende Söhne Atris: Durvasas, Chandra und mich. Unsere Lebensweisen sind verschieden.
 
'''J 19.75''' Der eine ist zum Zorn geneigt, der andere zum Begehren; ich habe alle äußeren Kennzeichen und Bindungen aufgegeben. Vasishta ist dem rituellen Handeln zugewandt, Sanaka und die anderen der Entsagung.
 
'''J 19.76''' Narada ist in Hingabe versunken; Bhargava, der weise Shukra, steht den Daityas zur Seite, während der Lehrer Brihaspati den Göttern beisteht.
 
'''J 19.77''' Der beredte Vyasa widmet sich dem Verfassen von Schriften. Janaka lebt als König, Bharata als Entsagender.
 
'''J 19.78''' Auch andere Erkennende leben entsprechend ihrer Natur auf verschiedene Weise. Höre nun ein Geheimnis, Sohn des Bhrigu!
 
'''J 19.79''' Von den drei genannten Arten latenter Neigungen ist die zweite, die karmisch bedingte geistige Trübung, das größte Hindernis.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''J 19.80''' Menschen, deren Geist nicht den geringsten Anteil davon besitzt, sind besonders verständig. Wenn sie zudem frei von den genannten Fehlhaltungen sind,
 
'''J 19.81''' behindern ihre übrigen Neigungen, etwa Begehren, die Erkenntnis nicht, selbst wenn diese nicht durch Übung aufgelöst wurden. Deshalb benötigen solche Menschen nicht erst weitere Nichtanhaftung und ähnliche Hilfen.
 
'''J 19.82''' Auch wiederholtes Nachdenken und Samadhi sind für das erste Erkennen dann nicht erforderlich. Schon beim einmaligen Hören vollziehen sich Untersuchung und Meditation
 
'''J 19.83''' in kurzer Zeit; der höchste Zustand wird zweifelsfrei erkannt. So werden sie wie Janaka und andere zu Lebzeiten befreit.
 
'''J 19.84''' Diese feinsinnigen Menschen mit klarem Verständnis haben ihre subtilen Neigungen zu Begehren und anderem nicht zuvor durch die Einübung entgegengesetzter Haltungen vollständig aufgelöst.
 
'''J 19.85''' Deshalb können die früheren Neigungen auch nach Erkenntnis des höchsten Zustands weiterwirken, wie sie zuvor gewirkt haben.
 
'''J 19.86''' Doch sie beflecken deren Erkenntnis nicht im Geringsten. Solche Befreiten werden von den Wissenden „Menschen mit vielfältig tätigem Geist“ genannt.
 
'''J 19.87''' Ein durch karmische Neigungen stark getrübter Geist dagegen gelangt nicht zur Erkenntnis, selbst wenn Shiva ihn unterwiese, Rama.
 
'''J 19.88''' Ebenso wenig gelingt es bei hartnäckigen Fehlhaltungen. Wenn dagegen Fehlhaltung und karmische Trübung nur gering sind,
 
'''J 19.89''' die Neigungen des Verlangens aber stark, dann entsteht Erkenntnis durch häufiges Hören, wiederholte Untersuchung und Versenkung,
 
'''J 19.90''' nach langer Zeit und mit großer Mühe. Das äußere Tätigsein eines solchen Menschen wird gering. Ist durch intensive Übung
 
'''J 19.91''' der Geist wegen des Fehlens bindender Neigungen fast ganz zur Ruhe gekommen, so heißt dieser Erkennende von mittlerer Reife „einer mit aufgelöstem Geist“.
 
'''J 19.92''' Bei manchen derselben Gruppe war die Übung weniger intensiv. Ihr Geist ist noch nicht aufgelöst, weil darin weiterhin Neigungen vorhanden sind.
 
'''J 19.93''' Sie heißen „Erkennende mit fortbestehendem Geist“ und besitzen weniger gefestigte Erkenntnis. Sie werden hier bloße Erkennende genannt, die anderen dagegen zu Lebzeiten Befreite.
 
'''J 19.94''' Die bloßen Erkennenden erfahren noch offenbares Leid. Sie stehen unter der Wirkung des bereits begonnenen Karmas und erlangen die volle Befreiung am Ende des Körpers.
 
'''J 19.95''' Diejenigen mit aufgelöstem Geist haben die bindende Wirkung dieses Prarabdha zurückgedrängt. Denn sein Same kann nur auf dem Boden des Geistes zum Spross persönlicher Erfahrung werden.
 
'''J 19.96''' Fehlt dieser Boden, verliert das Prarabdha mit der Zeit seine Kraft und vergeht wie ein Same, der im Vorratsspeicher liegen bleibt.
 
'''J 19.97''' Ein außergewöhnlich verständiger Mensch kann mitunter fünf oder zehn Aufgaben zugleich ausführen, ohne dabei fehlzugehen.
 
'''J 19.98''' Solche geschickten Menschen sieht man immer wieder. Auch ein gewöhnlicher Mensch kann gleichzeitig gehen, sprechen und etwas mit den Händen tun.
 
'''J 19.99''' Wie könnten diese drei Tätigkeiten mit einem einzigen Geist zusammen stattfinden? Ebenso bemerkt ein Lehrer bei vielen gleichzeitig rezitierenden Schülern
 
'''J 19.100''' die Unterschiede zwischen falsch ausgesprochenen, ausgelassenen und richtig gesprochenen Lauten. Und du kennst deinen besiegten Gegner Arjuna, den Herrscher der Haihayas,
 
'''J 19.101''' den Tausendarmigen: Du hast selbst gesehen, wie er mit vielen Waffen zugleich und ohne Fehlgriff kämpfte.
 
'''J 19.102''' Wie ihr Geist vielfältige Funktionen annimmt und den verschiedenen Abläufen folgt, um viele Aufgaben auszuführen,
 
'''J 19.103''' so stehen bei den höchsten Erkennenden Selbstgewahrsein und nach außen gerichtete Aufmerksamkeit nie im Widerspruch. Deshalb heißen sie „Menschen mit vielfältig tätigem Geist“.
 
'''J 19.104''' Das Prarabdha mag auf dem Boden ihres Geistes jeweils aufkeimen; doch jeder neue Spross wird immer wieder vom Feuer der Erkenntnis verbrannt.
 
'''J 19.105''' Das Zusammentreffen mit Freude und Schmerz ist der Spross des Prarabdha-Samens; das persönliche Festhalten daran seine Frucht. Woher sollte ein verbrannter Spross noch Frucht tragen?
 
'''J 19.106''' Sie nehmen für ihr Handeln die erforderlichen gedanklichen Bezüge bewusst auf – wie ein Erwachsener, der mit einem Kind spielt.
 
'''J 19.107''' Er zeigt Freude oder Betrübnis, wenn etwa ein Spielzeugelefant aus Stein gelingt oder zerbricht. Ebenso freuen oder betrüben sich die vielfältig tätigen Erkennenden bei ihren Aufgaben.
 
'''J 19.108''' Wie jemanden, dessen Herz bei einer anderen Sache verweilt, solche Freude und Erregung nicht im Innersten erfassen, so bleibt ihr innerer Stand im Handeln überall gleich.
 
'''J 19.109''' Weil diese scharfsinnigen Erkennenden die früheren Neigungen nicht erst durch entgegengesetzte Gewöhnung, Stillstellung und andere Übungen vernichtet haben,
 
'''J 19.110''' können jene fortbestehen. Daher sind manche dem rituellen Handeln zugewandt, andere zeigen Begehren oder Zorn.
 
'''J 19.111''' So erscheinen höchste Erkennende in verschiedenen Lebensweisen. Doch auch der zuvor als weniger gefestigt beschriebene Erkennende mit fortbestehendem Geist
 
'''J 19.112''' hat die fehlende Eigenständigkeit aller Gegenstände erkannt. In den Versenkungen, in denen sein eigenes Wesen offenbar ist, erscheint kein davon getrennter Gegenstand.
 
'''J 19.113''' Samadhi bedeutet hier das klare Gewahrsein des eigenen Wesens. Das nichtbegriffliche Selbst besteht dagegen stets als Grund von allem.
 
'''J 19.114''' Es leuchtet in allen; ohne dieses Leuchten wäre nichts erfahrbar. In den zuvor beschriebenen Zuständen leuchtet es zudem ohne begriffliche Vorstellungen.
 
'''J 19.115''' Allein dadurch haben aber nicht alle Menschen Samadhi im befreienden Sinn. So wird er nur bei denen genannt, die dieses Gewahrsein als solches erkennen, Bhargava.
 
'''J 19.116''' Auch das im Alltag tätige Gewahrsein ist dann frei von einem als selbständig aufgefassten Gegenstand. Wer beispielsweise erkannt hat, dass die Bläue des Himmels nur Erscheinung ist,
 
'''J 19.117''' sieht sie weiterhin, ohne seine Erkenntnis an eine wirklich vorhandene Himmelsfarbe zu binden. Andernfalls gäbe es keinen Unterschied zwischen zutreffender und unzutreffender Einsicht.
 
'''J 19.118''' Ebenso bindet ein als nicht eigenständig erkannter Gegenstand die Erkenntnis nicht. Deshalb ist bei den Erkennenden
 
'''J 19.119''' das Gewahrsein gegenstandsfrei, obwohl die in ihrer Eigenständigkeit widerlegte Erscheinung fortbesteht. Umso mehr gilt dies bei dem, dessen Geist still geworden ist: Dies ist der Zustand Unmani.
 
'''J 19.120''' Unmani heißt der Zustand, in dem der Geist unbewegt ist. Bewegung des Geistes bedeutet hier die Bindung an einen für unabhängig wirklich gehaltenen Gegenstand.
 
'''J 19.121''' Der höchste Erkennende lebt gleichzeitig in beiden Zuständen: Er ist dem äußeren Handeln zugewandt und zugleich im Samadhi, Bhargava.
 
'''J 19.122''' Deshalb bleibt auch sein Gewahrsein frei von einem getrennten Gegenstand. Damit habe ich die Fragen beantwortet, die du zuvor gestellt hast.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 19. Kapitel: Die verschiedenen Zustände der Erkennenden.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 20: Vidyāgītā – Die Göttin lehrt die Erkenntnis===
 
'''J 20.1''' Dattatreya sprach: „Hierzu werde ich dir eine Begebenheit aus alter Zeit erzählen. Höre sie! Einst kam es in Brahmas Versammlung im höchst reinen Satyaloka
 
'''J 20.2''' zu einem Gespräch über die Erkenntnis, bei dem immer feinere Fragen untersucht wurden. Sanaka und die anderen Weisen, Vasishtha, Pulastya, Pulaha und Kratu,
 
'''J 20.3''' Bhrigu, Atri, Angiras, Prachetas und Narada, Chyavana, Vamadeva, Vishvamitra und Gautama,
 
'''J 20.4''' Shukra [Variante: Shuka], Parashara, Vyasa, Kanva und Kashyapa, Daksha, Sumantu, Shankha, Likhita und Devala,
 
'''J 20.5''' weitere Scharen von Rishis und hervorragende königliche Weise waren dort zu jener großen Versammlung der Brahman-Erkenntnis zusammengekommen.
 
'''J 20.6''' Mit immer feineren Erörterungen untersuchten sie die Sache gründlich. Alle diese Weisen fragten Brahma:
 
'''J 20.7''' ‚Erhabener, wir gelten in der Welt als Erkennende und kennen das Höhere und das Niedere. Dennoch zeigt sich unter uns entsprechend den unterschiedlichen Anlagen eine Vielfalt von Lebensweisen.
 
'''J 20.8''' Manche verweilen stets im [[Samadhi]], manche widmen sich der unterscheidenden Untersuchung, andere sind in [[Bhakti|Hingabe]] versunken, wieder andere stützen sich auf das Handeln.
 
'''J 20.9''' Einige gehen alltäglichen Geschäften nach, als seien sie nach außen gerichtete Menschen. Wer von ihnen ist der Höchste? Bitte sage es uns.
 
'''J 20.10''' Jeder von uns hält seinen eigenen Standpunkt für den besten, o Schöpfer.‘ So befragt, erkannte Brahma, dass ihre Herzen noch keine Gewissheit gefunden hatten, und antwortete:
 
'''J 20.11''' ‚Ihr großen Weisen, auch ich weiß dies nicht in jeder Hinsicht. Der allwissende höchste Herr aber dürfte diese Sache kennen.
 
'''J 20.12''' Lasst uns zu ihm gehen und ihn fragen.‘ Mit diesen Worten ging er mit ihnen dorthin. Sie trafen den Herrn der Götter, bei dem auch Vishnu war.
 
'''J 20.13''' Brahma, der Schöpfer der Welt, trug die Frage der großen Weisen vor. Shiva hörte sie und erkannte Brahmas Gedanken.
 
'''J 20.14''' Da er die innere Ungewissheit der Weisen sah, dachte der Gott: ‚Was immer ich hier sage, könnte ebenfalls vergeblich bleiben.
 
'''J 20.15''' Weil es ihnen an Vertrauen fehlt, würden sie es nur für meinen eigenen Standpunkt halten.‘ So überlegte Maheshvara, der Herr der Götter, und sprach:
 
'''J 20.16''' ‚Hört, ihr Weisen! Auch ich weiß dies nicht völlig eindeutig. Darum wollen wir über die erhabene [[Vidya]], die höchste Herrin, meditieren.
 
'''J 20.17''' Durch ihre Gnade werden wir auch den verborgenen Sinn erkennen.‘ Auf diese Worte hin meditierten alle Weisen zusammen mit Brahma, Vishnu und Shiva
 
'''J 20.18''' über Vidya, die große Herrin Tripurā, deren Leib [[Bewusstsein]] ist. Von allen so betrachtet, trat Tripurā, die Verkörperung des Bewusstseins,
 
'''J 20.19''' als höchste Wirklichkeit hervor, erfüllt vom Raum des Bewusstseins und in Gestalt des Klanges. Im Himmelsraum ertönte eine Stimme, tief wie das Grollen einer Wolke:
 
'''J 20.20''' ‚Sagt, ihr Weisen, weshalb ihr über mich meditiert habt! Nennt sogleich euren Wunsch. Wer sich mir ganz zuwendet, soll seiner ersehnten Erfüllung nicht entbehren.‘
 
'''J 20.21''' Als sie diese höchste Stimme hörten, verneigten sich die großen Weisen. Auch Brahma und die anderen priesen sie anschließend mit verschiedenen Hymnen.
 
'''J 20.22''' Dann sprachen die Weisen zu Vidya, der Herrin Tripurā: ‚Verehrung dir, große Herrin, [[Shri Vidya]], Herrin Tripurā!
 
'''J 20.23''' Du bringst alles hervor, erhältst es in deinem eigenen [[Selbst]] und lässt alles wieder vergehen. Höchste Herrin, dir sei Verehrung!
 
'''J 20.24''' Du bist immer ungeworden, denn für dich gibt es keine Geburt. Du bist stets von frischem Wesen, denn für dich gibt es kein Altern.
 
'''J 20.25''' Du bist alles, bist die Essenz von allem, allwissend und allen Freude schenkend. Du bist auch jenseits jedes Alles, jedes Durchdringens, jeder Essenz, jedes Wissens und jedes Freudenschenkens. [Die zweite Vershälfte verneint die Begrenzung der Göttin durch diese Bestimmungen.]
 
'''J 20.26''' Göttin, erneut sei dir Verehrung: vor mir und hinter mir, unter mir, über mir und an meiner Seite – von allen Seiten immer wieder Verehrung!
 
'''J 20.27''' Lehre uns deine höhere und deine niedere Gestalt, deine Herrlichkeit, die Erkenntnis, deren Frucht, ihr hauptsächliches Mittel, den Übenden und die Verwirklichung,
 
'''J 20.28''' den höchsten Gipfel dieser Verwirklichung und den Hervorragendsten unter den Vollendeten. Göttin, erkläre all dies der Reihe nach! Wieder und wieder verneigen wir uns vor dir.‘
 
'''J 20.29''' So befragt, begann die große Vidya aus Mitgefühl mit den Weisen, ein höchstes Wort von klarem Sinn zu sprechen:
 
'''J 20.30''' ‚Hört, ihr Weisen! Ich werde euch dies der Reihe nach erklären. Aus dem Ozean der [[Agama]]s schöpfe ich den Nektar und reiche ihn euch.
 
'''J 20.31''' Das, worin diese ganze Welt wie ein Spiegelbild entsteht, besteht und sich wieder auflöst, leuchtet stets für alle.
 
'''J 20.32''' Denjenigen, die ihr Selbst nicht kennen, erscheint es als Weltgestalt; den Yogis leuchtet es im eigenen Selbst allein, frei von begrifflicher Unterscheidung.
 
'''J 20.33''' Es leuchtet unbewegt wie ein tiefer, vollkommen ruhiger Ozean. Ihm dienen die wahrhaft Hingebungsvollen mit überströmender Liebe und ohne jede Täuschung,
 
'''J 20.34''' obwohl sie aus ihrem eigenen Wesen heraus ihren nichtdualen Zustand erkannt haben: Voller Hingabe nehmen sie freiwillig die Beziehung der Unterschiedenheit an.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 20.35''' Es ist der innere Lebensfaden der Sinne und des inneren Organs. Ohne sein Leuchten wäre nichts; auf dieses weisen die Schriften hin.
 
'''J 20.36''' Dieses höchste Leuchten wird meine höchste Gestalt genannt. Außerhalb und oberhalb der vielen Welteier, im Nektarozean,
 
'''J 20.37''' auf der Edelsteininsel, im Nipa-Wald, im herrlichen Wunschjuwelenpalast, auf einem Lager aus den fünf Brahmas, erscheint die wunderschöne Gestalt Tripurās.
 
'''J 20.38''' Dieses anfangslose Paar, ihr großen Weisen, wird meine niedere Gestalt genannt. Ebenso sind Sadashiva und Ishana, Brahma, Vishnu und der Dreiäugige,
 
'''J 20.39''' Ganesha, Skanda, die Hüter der Himmelsrichtungen, die Shaktis und die Göttergruppen, die Yatudhanas, Götter, Nagas, Yakshas, Kimpurushas und andere,
 
'''J 20.40''' soweit sie verehrt werden, sämtlich als meine niederen Erscheinungsformen bezeichnet. Doch die von meiner [[Maya]] Verwirrten erkennen mich nicht überall.
 
'''J 20.41''' In allen diesen Formen werde allein ich verehrt und gewähre die ersehnte Frucht. Außer mir gibt es keine andere, die verehrt wird oder Früchte schenkt.
 
'''J 20.42''' Wie jemand mich innerlich betrachtet, so erlangt er von mir die entsprechende Frucht. Meine Herrlichkeit, ihr Weisen, wird unbegrenzt genannt.
 
'''J 20.43''' Ohne von irgendetwas anderem abzuhängen, erstrahle ich, deren Wesen nichtduales [[Bewusstsein]] ist, als die unendliche Welt, ihr vortrefflichen Weisen.
 
'''J 20.44''' Obwohl ich immer so erscheine, verlasse ich niemals mein Wesen als nichtduales Bewusstsein. Dies ist meine vornehmste Herrlichkeit: das scheinbar Unmögliche zu verwirklichen.
 
'''J 20.45''' Betrachtet meine Herrlichkeit mit feiner Einsicht, ihr Weisen: Ich bin der Grund von allem, durchdringe alles und bleibe doch allein in meinem eigenen Wesen.
 
'''J 20.46''' Durch meine eigene Maya erkenne ich mich selbst nicht und wandere seit langer Zeit im [[Samsara]]. Dann nehme ich die Stellung des Schülers ein und erkenne durch den [[Guru]] mein eigenes Selbst wieder.
 
'''J 20.47''' Obwohl ich ewig frei bin, werde ich so immer wieder befreit. Ohne eine Ansammlung materieller Ursachen erschaffe ich eine solche Welt.
 
'''J 20.48''' Viele derartige Entfaltungen meiner Herrlichkeit gibt es. Selbst mit tausend Mündern könnten sie nicht aufgezählt werden.
 
'''J 20.49''' Hört! Ich werde einen kleinen Teil meiner Herrlichkeit zusammenfassend nennen: Dieses vielfältige Schauspiel der Welt ist nach allen Seiten ausgebreitet.
 
'''J 20.50''' Die Erkenntnis meiner ist vielfältig: dual und nichtdual, mittelbar und unmittelbar. Entsprechend verschieden sind auch ihre Früchte.
 
'''J 20.51''' Die duale Erkenntnis ist vielfältig, weil sie sich auf ein Zweites stützt. Sie wird als gegenständliche Meditation bezeichnet und mit einem im Traum geschauten Königreich verglichen.
 
'''J 20.52''' Doch auch sie ist als fruchtbringend zu verstehen, da sie durch die Ordnung der Wirklichkeit bestimmt ist. Auch die niedere Erscheinung ist vielfältig; ihre vorzüglichste Form wurde bereits genannt.
 
'''J 20.53''' Die Meditation über die zuvor genannte vorzüglichste niedere Gestalt führt in der entsprechenden Abfolge zur vorzüglichen Frucht. Die nichtduale Erkenntnis allein wird höchste Erkenntnis genannt.
 
'''J 20.54''' Wie könnte man die höchste, nichtdual genannte Erkenntnis erlangen, ohne mich, die erhabene, strahlende [[Shri Vidya]], lange verehrt zu haben?
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''J 20.55''' Nichtduale Erkenntnis ist die unmittelbare Berührung des reinen Zustands jenes höchsten Bewusstseins, das allein ist; sie überwindet die Auffassung der Zweiheit.
 
'''J 20.56''' Wenn der Geist sein eigenes Selbst allein erreicht, dann leuchtet eben dies als Erkenntnis auf, ihr vortrefflichen Weisen.
 
'''J 20.57''' Durch die Offenbarung oder durch schlüssige Einsicht leuchtet das Selbst allein auf. Dieses Aufleuchten, das die Gleichsetzung des Selbst mit Körper und anderem aufhebt, wird Erkenntnis genannt.
 
'''J 20.58''' Das ist Erkenntnis: Durch sie erscheint nichts mehr als eigenständiges Zweites, auch wenn es weiterhin in Erscheinung tritt.
 
'''J 20.59''' Das ist nichtduale Erkenntnis: Durch sie bleibt niemals auch nur das Geringste seinem Wesen nach unerkannt.
 
'''J 20.60''' Jene Erkenntnis, die das Wesen aller Erkenntnis ist, ist wahrhaft die höchste nichtduale Erkenntnis, ihr hervorragenden Asketen.
 
'''J 20.61''' Wenn bei ihrem Erwachen die lange angesammelten Zweifel vergehen wie Wolkenmassen im Wind, dann ist dies die höchste Erkenntnis.
 
'''J 20.62''' Wo sämtliche Prägungen des Begehrens und Ähnliches unwirksam werden, wie Schlangen mit zerbrochenen Giftzähnen, dort ist die höchste Erkenntnis.
 
'''J 20.63''' Die Frucht der Erkenntnis ist die Auflösung allen Leidens. Das Erlangen völliger [[Furchtlosigkeit]] wird als ihre Frucht, als [[Moksha|Befreiung]], bezeichnet.
 
'''J 20.64''' Furcht entsteht aus der Vorstellung eines Zweiten. Wenn die Nichtdualität fest erkannt ist, woher sollte dann die Vorstellung der Zweiheit kommen? Es ist wie mit der Dunkelheit beim Sonnenaufgang.
 
'''J 20.65''' Ihr Weisen, wo die Vorstellung der Zweiheit aufgegeben ist, gibt es nirgends Furcht. Jede andere Frucht ist dagegen mit Furcht verbunden.
 
'''J 20.66''' Was als ein Zweites erscheint, ist endlich – immer wieder lässt sich dies in der Welt erkennen. Wo ein Ende möglich ist, besteht Furcht. Wie könnte darin Furchtlosigkeit liegen?
 
'''J 20.67''' Jede Verbindung endet in Trennung; dies ist überall erkennbar. Deshalb muss auch die Verbindung mit einer erlangten Frucht vergehen.
 
'''J 20.68''' Solange eine Frucht als etwas anderes bezeichnet wird, wird damit auch Furcht bezeichnet. Als die wahrhafte Frucht nennen alle hingegen das Furchtlose,
 
'''J 20.69''' das vom eigenen Selbst nicht verschieden ist: Diese Frucht heißt Befreiung. Wenn Erkennender, Erkenntnis, Erkanntes und Frucht eins sind,
 
'''J 20.70''' dann ist die höchste Befreiung da, frei von jeder Furcht. Erkenntnis ist das Aufgeben begrifflicher Konstruktionen, ohne in geistige Dumpfheit zu verfallen.
 
'''J 20.71''' Sie ist das klare eigene Wesen des Erkennenden, das zuvor unbeachtet blieb. Daher weisen Guru und Schrift lediglich darauf hin; sie erzeugen nichts anderes.
 
'''J 20.72''' Eben dies wird auch als das Wesen dessen bezeichnet, was erkannt werden soll. Solange eine Trennung zwischen Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem erscheint,
 
'''J 20.73''' sind weder Erkennender noch Erkenntnis noch Erkanntes in ihrem wahren Wesen verwirklicht. Wenn aber ihre gegenseitige Trennung dahinschwindet,
 
'''J 20.74''' dann gelangen Erkennender und die übrigen zur Erfüllung; dies gilt als die Frucht. Vom Erkennenden bis zur Frucht besteht in Wahrheit kein Unterschied.
 
'''J 20.75''' Nur damit die alltägliche Verständigung möglich ist, wird dort ein Unterschied angenommen. Deshalb gibt es hier keine völlig neue Frucht zu erlangen.
 
'''J 20.76''' Solange das Selbst durch Maya als Erkennender, Erkenntnis, Erkanntes und Frucht erscheint, besteht der Samsara fest wie ein Berg.
 
'''J 20.77''' Sobald dieses jedoch ohne Trennung aufleuchtet, löst sich der Samsara auf wie eine vom Wind zerrissene Wolke.
 
'''J 20.78''' Die entschiedene Ausrichtung auf diese große Befreiung ist das Mittel zu ihr. Ist diese Ausrichtung vollkommen, wird kein weiteres Mittel verlangt.
 
'''J 20.79''' Ist die Ausrichtung unvollkommen, was nützen dann tausend noch so gute Mittel? Darum ist die innere Entschiedenheit das hauptsächliche Mittel zur Befreiung.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 20.80''' Entschiedene Ausrichtung bedeutet, fest dabei zu bleiben: „Dies werde ich ganz verwirklichen.“ Wer mit solcher Ausrichtung erfüllt ist, wird gewiss befreit.
 
'''J 20.81''' Ob die Befreiung nach Tagen, Monaten, Jahren oder erst in einer weiteren Geburt eintritt – die kürzere oder längere Dauer richtet sich nach der Reinheit des Verstehens.
 
'''J 20.82''' Im Verstehen gibt es viele Fehler, die alle Ziele zunichtemachen; durch sie werden Menschen fortwährend im schrecklichen Samsara gequält.
 
'''J 20.83''' Der erste ist mangelndes Vertrauen, der zweite die Prägung durch Begehren, der dritte geistige Dumpfheit. So lassen sich die Fehler in drei Gruppen zusammenfassen.
 
'''J 20.84''' Mangelndes Vertrauen ist zweifach: Zweifel und falsche Gewissheit. „Gibt es Befreiung oder gibt es sie nicht?“ ist ein Beispiel für Zweifel.
 
'''J 20.85''' „Es gibt überhaupt keine Befreiung“ ist ein Beispiel für falsche Gewissheit. Beide sind wesentliche Hindernisse für die entschiedene Ausrichtung.
 
'''J 20.86''' Beide vergehen nach und nach durch eine ihnen entgegengesetzte Gewissheit. Das wichtigste Mittel besteht darin, ihre Wurzel abzuschneiden, nicht in etwas anderem.
 
'''J 20.87''' Die Wurzel mangelnden Vertrauens ist das Grübeln in widersprechenden Gedankengängen. Gibt man dies auf und übt wiederholt eine tragfähige Untersuchung,
 
'''J 20.88''' dann entsteht eine entgegengesetzte Gewissheit, nachdem die Wurzel beseitigt ist. Durch das Erwachen des Vertrauens vergeht die innere Ungewissheit.
 
'''J 20.89''' Prägungen durch Begehren und Ähnliches hindern das Verstehen am wirklichen Hören. Ist der Geist von ihnen besetzt, kann er sich der Lehre nicht zuwenden.
 
'''J 20.90''' Auch in der Welt ist ein begehrender Mensch stets allein auf die begehrte Sache ausgerichtet. Er sieht nicht, was vor ihm steht, und hört nicht einmal Worte, die unmittelbar an seinem Ohr ausgesprochen werden.
 
'''J 20.91''' Für einen vom Begehren geprägten Menschen ist deshalb das Gehörte wie ungehört. Darum überwinde solche Prägungen durch die Kraft der [[Vairagya|Nichtanhaftung]].
 
'''J 20.92''' Es gibt tausenderlei Prägungen, angefangen mit Begehren und Zorn. Unter ihnen ist das Begehren die Wurzel; ist diese beseitigt, bleibt von ihnen nichts wirksam.
 
'''J 20.93''' Darum löse durch Nichtanhaftung die Prägung des Begehrens auf. Begehren ist jenes Verlangen, das sagt: „Dies soll mir gehören.“
 
'''J 20.94''' Bei erreichbaren Dingen tritt es grob hervor, bei unerreichbaren besteht es in subtiler Form. Durch feste Nichtanhaftung soll es in all seinen Formen aufgelöst werden.
 
'''J 20.95''' Die Grundlage dafür ist, in jedem Augenblick die Begrenzungen des Begehrten zu betrachten und sich innerlich von den Sinnendingen abzuwenden. So löst man diese Prägung auf. [Der erste Halbvers ist in der Vorlage fehlerhaft geschrieben.]
 
'''J 20.96''' Der dritte Fehler des Verstehens, die geistige Dumpfheit, lässt sich durch Übungen und ähnliche Mittel allein nicht beheben, ihr vortrefflichen Weisen.
 
'''J 20.97''' Durch sie gelangt selbst das mit großer Entschiedenheit Gehörte nicht ins Verstehen. Diese Dumpfheit ist ein schweres Hindernis, das das höchste menschliche Ziel vereitelt.
 
'''J 20.98''' Hier gibt es kein anderes Mittel als die Verehrung der Gottheit des eigenen Selbst. Entsprechend der Tiefe dieser Verehrung beseitige ich die Dumpfheit.
 
'''J 20.99''' Je nachdem, ob die Dumpfheit gering oder groß ist, erlangt der davon betroffene Mensch die Frucht unmittelbar oder in einer späteren Geburt.
 
'''J 20.100''' Die Fülle aller Mittel erwächst aus der Hingabe an mich. Wer sich mir immer mit aufrichtiger, unverstellter Liebe zuwendet,
 
'''J 20.101''' überwindet rasch die Hindernisse seiner Praxis und erreicht Erfüllung. Wer aber mich, die Herrin, die jede Regung des Verstehens ermöglicht,
 
'''J 20.102''' missachtet und sich aus Verblendung ausschließlich auf seine Methoden verlässt, stößt bei jedem Schritt auf Hindernisse; ob er die Frucht erreicht, bleibt ungewiss.
 
'''J 20.103''' Darum, ihr Weisen, ist die entschiedene innere Ausrichtung das hauptsächliche Mittel. Wer so ausgerichtet ist, gilt als hervorragender [[Sadhaka|Übender]].
 
'''J 20.104''' Unter solchen Übenden ist der mir Hingebungsvolle besonders verehrungswürdig. Verwirklichung bedeutet die Gewissheit des Selbst, durch die Körper und anderes als Nicht-Selbst erkannt werden.
 
'''J 20.105''' Das Gefühl, das Selbst zu sein, haftet gewöhnlich am Körper und an anderem. Das bloße Aufhören dieser Verwechslung, frei von Dumpfheit, ist Verwirklichung.
 
'''J 20.106''' Alle sind ihres Selbst gewiss, aber nicht des Selbst in seiner reinen Eigenart. Gerade daraus entsteht eine große Folge von Unheil.
 
'''J 20.107''' Darum ist die Gewissheit, allein jenes reine [[Bewusstsein]] zu sein, das Körper und anderes erhellt, die Vernichterin aller Zweifel.
 
'''J 20.108''' Dies nennen die Weisen Verwirklichung; darüber hinaus gibt es keine höhere Verwirklichung zu erlangen. Die Fähigkeiten des Fliegens und die Kräfte wie das Kleinwerden
 
'''J 20.109''' sind nicht einmal ein Sechzehntel der Verwirklichung der Selbsterkenntnis wert. Denn all diese besonderen Kräfte sind durch Raum und Zeit begrenzt.
 
'''J 20.110''' Diese heilsame Selbsterkenntnis, deren Wesen Shiva ist, ist hingegen unbegrenzt. Alle jene Kräfte sind bereits innerhalb der Mittel zur Selbsterkenntnis enthalten.
 
'''J 20.111''' Auf dem Weg zur Selbsterkenntnis können sie Hindernisse verursachen. Was ließe sich mit solchen Kräften gewinnen, die den Kunststücken eines Zauberers gleichen?
 
'''J 20.112''' Für wen selbst die Stellung Brahmas nur einem Grashalm gleicht – welchen Wert hätten für ihn jene Kräfte, die lediglich Zeit verstreichen lassen?
 
'''J 20.113''' Darum gibt es keine höhere Vollendung als die Verwirklichung der Selbsterkenntnis. Durch sie endet das Leid vollständig und die Glückseligkeit wird dicht und ungeteilt.
 
'''J 20.114''' Nur sie ist die Vollendung, die aus dem Rachen des Todes befreit, keine andere. Diese Verwirklichung der Selbsterkenntnis zeigt Unterschiede entsprechend der Übung,
 
'''J 20.115''' der Reinheit des Verstehens und dem Grad ihrer Reife. Zusammenfassend unterscheidet man drei Stufen: höchste, mittlere und geringste.
 
'''J 20.116''' Ihr Weisen, sie lässt sich mit dem gelernten Veda der Zweimalgeborenen vergleichen. Durch gutes Gedächtnis und ausdauernde Übung kann dessen Rezitation selbst inmitten Hunderter Tätigkeiten
 
'''J 20.117''' ohne einen Fehler in den Lauten gelingen: Dies ist die höchste Stufe. Gelingt sie bei einer Tätigkeit nur gesammelt, ohne Tätigkeit aber auch ohne besondere Sammlung,
 
'''J 20.118''' und bleibt sie dabei wie zuvor fehlerlos, so ist dies die mittlere Stufe. Gelingt sie dagegen immer nur durch fortwährende bewusste Konzentration
 
'''J 20.119''' völlig fehlerfrei, so ist dies die geringste Stufe. Ebenso, ihr Weisen, wird die Verwirklichung der Selbsterkenntnis dreifach beschrieben.
 
'''J 20.120''' Bleibt die Erkenntnis auch inmitten bedeutender Tätigkeiten ohne besondere Rückbesinnung bestehen, oder außerhalb solcher Tätigkeiten ohne Rückbesinnung, oder stets nur durch ausdrückliche Rückbesinnung,
 
'''J 20.121''' und bleibt sie unter den jeweiligen Bedingungen unverändert, dann heißt sie höchste, mittlere beziehungsweise geringste Verwirklichung. Die höchste von ihnen gilt als der Gipfel der Vollendung.
 
'''J 20.122''' Wenn selbst im Traum und in anderen Zuständen die höchste innere Haltung ebenso besteht wie im Augenblick klarer Selbsterforschung, dann ist die Verwirklichung von höchster Güte.
 
'''J 20.123''' Wenn die Hinwendung zu den verschiedenen weltlichen Tätigkeiten erst durch bewusste Anstrengung und das Aufrufen entsprechender Prägungen erfolgt, wird dies als höchster Gipfel der Verwirklichung bezeichnet.
 
'''J 20.124''' Wenn das Verweilen im höchsten Selbst, im [[Bewusstsein]] selbst, mühelos und ununterbrochen ist, dann hat die Verwirklichung ihren Gipfel erreicht.
 
'''J 20.125''' Auch während der Mensch tätig ist und die Dinge sieht, sieht er keine Zweiheit. Dann ist seine Verwirklichung zur Fülle gelangt.
 
'''J 20.126''' Wenn er sich im Wachen und in anderen Zuständen betätigt und doch wie ein Schlafender ruht, dann ist die Verwirklichung zur Fülle gelangt.
 
'''J 20.127''' Wer diese Vollendung erreicht hat, gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Auch wenn er stets im Alltag tätig ist, verlässt er den Samadhi nicht,
 
'''J 20.128''' nicht einmal für einen Augenblick. Dieser Einsichtsvolle gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Er kennt jederzeit die verschiedenen Zustände der Erkennenden
 
'''J 20.129''' aus eigener Erfahrung im eigenen Inneren. Er gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Wer nicht den geringsten Zweifel und nicht das geringste Begehren hat,
 
'''J 20.130''' wer im alltäglichen Handeln furchtlos ist, der gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Alles Glück, alles Leid und alles weltliche Geschehen
 
'''J 20.131''' erkennt er im eigenen Selbst; er gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Wer die vollständig Gebundenen und ebenso die Befreiten
 
'''J 20.132''' im eigenen Selbst sieht, weil sein Selbst das Selbst aller ist, gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Wer alle Netze der Bindung klar im eigenen Selbst sieht
 
'''J 20.133''' und dennoch nirgends mehr nach Befreiung verlangt, gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Der Höchste unter den Vollendeten bin ich selbst; zwischen uns besteht keinerlei Unterschied.
 
'''J 20.134''' Dies, ihr Weisen, habe ich auf eure Fragen klar erklärt. Wer das von mir Gesagte erkennt, verfällt keiner Verwirrung mehr.‘
 
'''J 20.135''' Nach diesen Worten schwieg die höchste Vidya, o Nachkomme Bhrigus. Die Weisen hatten alles gehört und ihre Zweifel aufgegeben.
 
'''J 20.136''' Sie verneigten sich vor Shiva und den anderen Weltenherren und kehrten an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück. Diese Vidyagita, die die Masse der Verfehlungen tilgt, habe ich dir nun verkündet.
 
'''J 20.137''' Richtig gehört und gründlich erwogen, schenkt sie die Souveränität des eigenen Selbst. Diese erhabene Vidyagita ist von Vidya selbst unmittelbar dargelegt worden.
 
'''J 20.138''' Denjenigen, die sie täglich lesen, ist die Göttin gewogen und schenkt ihnen selbst Erkenntnis. Für jene, die im dunklen Ozean des Samsara versinken, wird sie zum rettenden Schiff.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet Kapitel 20 des Jñānakhaṇḍa im erhabenen Tripurārahasya: Vidyāgītā – Die Göttin lehrt die Erkenntnis.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 21: Die Frucht der Erkenntnis===
 
'''Selbstprüfung und tätige Erkenntnis:''' Die Kennzeichen der Verwirklichung dienen nach diesem Kapitel vor allem der eigenen Prüfung. Bei anderen Menschen sind äußere Zeichen nicht eindeutig. Die anschließende Rakshasa-Erzählung verbindet diese Lehre mit einem Frage-und-Antwort-Gespräch.
 
'''J 21.1''' Nachdem Rama Bhargava diese Unterweisung des Weisen Dattatreya gehört hatte, war er von der Verwirrung durch das Netz des Nichtwissens nahezu befreit.
 
'''J 21.2''' Er verneigte sich voller Hingabe vor dem Sohn Atris und fragte noch einmal: „Erhabener, nenne mir ein sicher wirksames Mittel zur Erkenntnis,
 
'''J 21.3''' das wesentlich, leicht zugänglich und unmittelbar fruchtbar ist. Nenne mir auch die Kennzeichen der Erkennenden, damit ich sie erkennen kann.
 
'''J 21.4''' Wie ist ihr Zustand, solange sie mit einem Körper verbunden sind, und nach dessen Ende? Wie bleibt ihr Geist ohne Anhaftung, obwohl sie handeln?
 
'''J 21.5''' Bitte erkläre mir dies alles deutlich aus Mitgefühl!“ So vom Sohn Jamadagnis befragt,
 
'''J 21.6''' antwortete der Sohn Atris, ein Meer des Mitgefühls, erfreut: „Höre, Rama, ich erkläre dir das verborgene Mittel zur Erkenntnis.
 
'''J 21.7''' Das wichtigste Mittel ist die höchste Gnade der Gottheit. Wer sich mit seinem ganzen Wesen der Gottheit des eigenen Selbst zuwendet,
 
'''J 21.8''' für den wird Erkenntnis leicht zugänglich. Dies steht fest. Damit ist das vorzüglichste Mittel zur Erkenntnis genannt, Rama.
 
'''J 21.9''' Es vermag die Frucht unabhängig von anderen Mitteln zu bewirken. Ohne dieses bringt kein anderes Mittel hier die vollständige Frucht.
 
'''J 21.10''' Höre die Begründung, Rama! Erkenntnis ist reines Bewusstsein, das alles offenbar macht.
 
'''J 21.11''' Wenn die vorgestellte Verhüllung dieses leuchtenden Bewusstseins durch Untersuchung aufgehoben wird, erkennt man sein eigenes Wesen.
 
'''J 21.12''' Für Menschen, die ganz auf äußere Dinge ausgerichtet sind, ist das schwer. Für Hingebungsvolle ist es leicht, weil sie ihre Fixierung auf anderes aufgeben und sich auf das Höchste ausrichten.
 
'''J 21.13''' Sie können es gewiss rasch erlangen. Wer sich so ganz der Gottheit zuwendet und nur wenige weitere Mittel benötigt,
 
'''J 21.14''' soll, nachdem er einen Zugang zur Selbsterkenntnis gefunden hat, auch anderen diesen Zusammenhang erklären. Durch fortgesetztes Erläutern vertieft sich sein Eintauchen in die Erkenntnis.
 
'''J 21.15''' Wenn dieses Eintauchen durch Erklärung und ähnliche Vertiefung gefestigt ist, erlangt der Geist die Einheit mit Shiva und wird frei von aufwühlender Freude und Beunruhigung.
 
'''J 21.16''' Wohin er sich dann auch wendet, lässt der höchste Erkennende alles als Shiva erkennen. Er lebt im Zustand der Befreiung zu Lebzeiten.
 
'''J 21.17''' Darum ist wiederholtes Erläutern für andere, verbunden mit tiefer Hingabe, ein hervorragendes Mittel. Kein anderes kommt ihm gleich.
 
'''J 21.18''' Kein Mittel gleicht dieser von Hingabe getragenen Klärung. Die Kennzeichen eines Erkennenden dagegen sind schwer festzustellen, Rama.
 
'''J 21.19''' Denn die Erkenntnis liegt im Innersten und ist Augen, Worten und anderen äußeren Zeichen nicht unmittelbar zugänglich. Sie lässt sich anderen nicht wie ein äußerer Gegenstand vorzeigen.
 
'''J 21.20''' Auch die Kenntnis einer Wissenschaft lässt sich nicht am Körper, an der Kleidung oder am Schmuck eines Menschen erkennen.
 
'''J 21.21''' Wissen wird unmittelbar nur im eigenen Gewahrsein erkannt, Bhargava – wie der Geschmack einer Speise nur durch eigenes Kosten bekannt ist.
 
'''J 21.22''' Dennoch können sachkundige, aufmerksame Menschen es anhand der Rede und ähnlicher Hinweise erkennen, wie kleine Ameisen ihren Weg finden.
 
'''J 21.23''' Es gibt äußere Kennzeichen, doch sie sind nicht eindeutig. Andere, feinere Kennzeichen lassen sich von außen schwer erkennen.
 
'''J 21.24''' Denn Erklärungen, Reden und die Darstellung spiritueller Übungen können auch Menschen nachahmen, die keine Erkennenden sind.
 
'''J 21.25''' Wer vor der Erkenntnis sein noch nicht völlig reines inneres Organ durch Übung läuterte, bei dem bleiben die eingeübten Mittel als erkennbare Eigenschaften bestehen.
 
'''J 21.26''' Wen Ehre und Missachtung, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage nicht im Geringsten aus seinem inneren Stand bringen, den erkenne als einen vorzüglichen Wissenden.
 
'''J 21.27''' Der höchste Erkennende antwortet auf Fragen zur eigenen unmittelbaren Erfahrung, selbst zu deren tiefstem Sinn, ohne Zweifel und ohne Zögern.
 
'''J 21.28''' Freude an Gesprächen über Erkenntnis und Bereitschaft, sie zu erläutern, sind ebenfalls Kennzeichen eines Erkennenden.
 
'''J 21.29''' Wer von Natur aus keine neuen eigennützigen Unternehmungen sucht, zufrieden und reinen Herzens ist und auch in großer Not innerlich friedvoll bleibt, ist ein vorzüglicher Erkennender.
 
'''J 21.30''' Diese und ähnliche Kennzeichen eignen sich, bester Bhargava, zuverlässig zur Prüfung des eigenen Zustands.
 
'''J 21.31''' Ein Übender soll stets auf solche Selbstprüfung bedacht sein. Wenn er sein eigenes Wesen so sorgfältig prüft,
 
'''J 21.32''' wie er gewöhnlich andere prüft, wie sollte er nicht zur Vollendung gelangen? Wenn er aufhört, ständig die Vorzüge und Fehler anderer zu untersuchen,
 
'''J 21.33''' und stattdessen die eigenen Eigenschaften und Schwächen erforscht, wird er durch die Reifung aller Hilfsmittel zur Vollendung gelangen.
 
'''J 21.34''' Die genannten Kennzeichen sind also besonders für die Prüfung des eigenen Zustands geeignet, Sohn des Bhrigu.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 21.35''' Für die Beurteilung anderer sind sie dagegen nicht eindeutig. Denn bei Erkennenden, deren Geist von Anfang an außerordentlich rein war,
 
'''J 21.36''' kam die Vollendung schon durch einen kleinen Anstoß der Übung zustande. Danach können ihre Tätigkeiten weiterhin früheren Gewohnheiten folgen.
 
'''J 21.37''' Wie sollte man solche Menschen, die äußerlich gewöhnlich handeln, sicher beurteilen? Andere Erkennende können dies aufgrund ihrer Vertrautheit mit der Erkenntnis,
 
'''J 21.38''' wie Edelsteinkenner einen Stein oft schon beim ersten Anblick beurteilen. Bei weniger gefestigten Erkennenden ähnelt das körperbezogene Erleben noch dem eines Unwissenden.
 
'''J 21.39''' Denn sie haben den natürlichen, beständigen Samadhi noch nicht erreicht. Solange sie im klaren Selbstgewahrsein verweilen, sind sie in der Fülle ihres Wesens.
 
'''J 21.40''' Wenn sie davon abgewandt sind und sich wieder mit dem Körper identifizieren, erleben sie Freude und Schmerz wie gebundene Wesen.
 
'''J 21.41''' Zwar finden sie immer wieder Frieden, indem sie in die Fülle zurückkehren; die dazwischen auftretenden Zustände der Gebundenheit
 
'''J 21.42''' führen aber nicht mehr zu endgültiger Bindung, sondern gleichen einer verbrannten Schnur. Werden beide Enden eines Tuches mit rotem Lackfarbstoff getränkt,
 
'''J 21.43''' durchzieht die Farbe allmählich auch seine Mitte. Ebenso wird das alltägliche Handeln zwischen den Augenblicken klaren Bewusstseinsgewahrseins
 
'''J 21.44''' von der Einheit mit dem Bewusstsein durchdrungen und bindet deshalb nicht mehr. Beim Erkennenden mittlerer Reife besteht keine solche Identifikation mit dem Körper.
 
'''J 21.45''' Die Weisen nennen gerade die Auffassung, der Körper sei das Selbst, „Verbindung mit dem Körper“. Diese besteht beim mittleren Erkennenden nicht mehr, Rama.
 
'''J 21.46''' Durch intensive Übung bleibt sein Geist stets aufgelöst. Er verweilt fortwährend in Sammlung und entfaltet kaum eigenständiges äußeres Handeln.
 
'''J 21.47''' Auch die Verrichtungen zur Erhaltung des Körpers geschehen bei ihm wie im Schlaf. So kann jemand im Schlaf allein aufgrund eingeprägter Gewohnheit
 
'''J 21.48''' etwas sagen oder tun, ohne später davon zu wissen; ebenso kann ein Berauschter sprechen und handeln, ohne es klar zu erfassen.
 
'''J 21.49''' So steht dieser große Yogi außerhalb des gewöhnlichen weltlichen Betriebes. Was er gelegentlich tut, nimmt er nicht anschließend als eigene Geschichte auf.
 
'''J 21.50''' Sein Körper wird durch Prarabdha und Gewohnheit erhalten. Auch der höchste Erkennende betrachtet den Körper nicht als sein eigentliches Selbst.
 
'''J 21.51''' Er handelt jedoch wie ein Wagenlenker. Der Lenker führt mit dem Wagen seine Aufgaben aus, ohne deshalb der Wagen zu sein.
 
'''J 21.52''' Ebenso wirkt der Erkennende durch die Tätigkeiten des Körpers, ohne seinem Wesen nach Verkörperter oder Handelnder zu sein: Er ist reines Gewahrsein.
 
'''J 21.53''' Innerlich ist sein Geist ganz klar, äußerlich handelt er – wie ein Schauspieler in einer Frauenrolle zugleich seine Rolle und seine eigene Identität kennt.
 
'''J 21.54''' Wie ein Erwachsener mit einem Kind spielt, ohne dessen Unverständnis zu teilen, so nimmt er mit reinem Herzen am Spiel der Welt teil.
 
'''J 21.55''' Der mittlere Erkennende ist durch die Stärke der Stillstellung unbewegt; beim höchsten beruht die Unerschütterlichkeit auf der Tiefe der unterscheidenden Einsicht.
 
'''J 21.56''' Die Reife des Verstehens unterscheidet beide. Höre hierzu ein Gespräch zwischen zwei Wissenden.
 
'''J 21.57''' Einst gab es einen König namens Ratnangada, einen Herrscher im Bergland. Er wohnte in der Stadt Amrita am Fluss Vipasha.
 
'''J 21.58''' Er hatte zwei edle, sehr verständige Söhne, Rukmangada und Hemangada, die ihrem Vater besonders lieb waren.
 
'''J 21.59''' Rukmangada war in den Lehrschriften gründlich bewandert. Hemangada aber besaß tiefe unmittelbare Erkenntnis und gehörte zu den höchsten Erkennenden.
 
'''J 21.60''' Im Frühling zogen beide, von ihren Truppen begleitet, zur Jagd in einen dichten Wald.
 
'''J 21.61''' Nachdem sie zahlreiche Wildtiere, Tiger, Hasen und Büffel getötet hatten, waren sie sehr erschöpft und rasteten an einem See.
 
'''J 21.62''' Am anderen Ufer lebte in einem Banyanbaum ein Brahmarakshasa, ein dämonisches Wesen brahmanischer Herkunft. Er kannte den Inhalt aller Lehrschriften und führte Streitgespräche mit Gelehrten.
 
'''J 21.63''' Die Besiegten verschlang er; so lebte er schon lange, Bhargava. Rukmangada hörte durch einen Kundschafter davon und bekam Lust auf eine Debatte.
 
'''J 21.64''' Zusammen mit seinem Bruder ging er dorthin und stritt mit dem Brahmarakshasa. Doch er wurde besiegt und von dem Dämon ergriffen.
 
'''J 21.65''' Als Hemangada dies sah, sagte er: ‚Brahmarakshasa, du sollst meinen Bruder nicht fressen!
 
'''J 21.66''' Besiege zuerst auch mich, seinen jüngeren Bruder; dann magst du uns beide zusammen fressen.‘ Auf diese Worte antwortete der Brahmarakshasa:
 
'''J 21.67''' ‚Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Nahrung gefunden; der Hunger quält mich. Ich werde mit ihm mein Fasten brechen und danach mit dir streiten.
 
'''J 21.68''' Wenn ich auch dich besiegt habe, werde ich dich fressen und vollends gesättigt sein. So ist mein Entschluss, Prinz.
 
'''J 21.69''' Vor langer Zeit erhielt ich diese Erlaubnis vom edlen Vasishta. Einst hatte ich einen seiner Schüler gefressen,
 
'''J 21.70''' Devarata mit Namen. Deshalb verfluchte mich der große Weise: „Wenn du von nun an einen Menschen frisst, Brahmarakshasa,
 
'''J 21.71''' soll dein Mund verbrennen!“ Danach flehte ich den Weisen wiederholt an. Da gewährte er mir eine Ausnahme:
 
'''J 21.72''' „Menschen, die du im Streitgespräch besiegt hast, darfst du fressen.“ Deshalb fresse ich nur die von mir im Streit Besiegten.
 
'''J 21.73''' Nun habe ich nach langer Zeit diese ausgezeichnete Nahrung erlangt. Nachdem ich ihn gefressen habe, werde ich dich in der Debatte besiegen, Prinz.‘
 
'''J 21.74''' Als er sich anschickte, Rukmangada zu verschlingen, sprach Hemangada erneut: ‚Brahmarakshasa, höre bitte noch ein Wort von mir!
 
'''J 21.75''' Gibt es irgendetwas, für das du ihn freilassen würdest? Sage es mir; ich gebe es dir und befreie so meinen Bruder.‘
 
'''J 21.76''' Der Brahmarakshasa antwortete: ‚Höre, Prinz! Es gibt nichts, gegen das ich ihn einfach eintauschen würde.
 
'''J 21.77''' Wer gäbe die lebenswichtige Nahrung auf, die sich endlich bietet? Doch eine Bedingung habe ich: In meinem Herzen sind einige Fragen.
 
'''J 21.78''' Wenn du sie beantwortest, lasse ich deinen Bruder frei.‘ Hemangada erwiderte: ‚Frage, ich werde dir antworten.‘
 
'''J 21.79''' Darauf stellte der Brahmarakshasa dem Prinzen nacheinander tiefgründige Fragen. Höre, Bhargava, ich werde sie wiedergeben.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 21.80''' Der Brahmarakshasa fragte: ‚Was ist weiter als der Raum und feiner als ein Atom? Welches Wesen hat es, und wo besteht es? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.81''' Hemangada antwortete: ‚Bewusstsein ist weiter als der Raum und feiner als ein Atom. Sein Wesen ist lebendiges Aufleuchten; es ruht in sich selbst. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.82''' ‚Wie kann ein und dasselbe überaus weit und zugleich höchst fein sein? Was ist dieses Aufleuchten, und was ist das Selbst? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.83''' ‚Es ist umfassend, weil es die Ursache von allem ist, und fein, weil es kein greifbarer Gegenstand ist. Aufleuchten und Selbst sind Bewusstsein. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.84''' ‚Wo wird es erkannt, wie wird es erkannt, und was bewirkt seine Erkenntnis? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.85''' ‚Der Ort seiner Erkenntnis ist das Verstehen. Es wird erkannt, wenn dieses ganz im eigenen Selbst gesammelt ist. Durch seine Erkenntnis endet Geburt. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.86''' ‚Was ist dieses Verstehen? Was bedeutet seine Sammlung? Und was ist jene Geburt? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.87''' ‚Verstehen ist von Unbewusstheit verhülltes Bewusstsein. Sammlung ist Ruhen im eigenen Selbst. Geburt bedeutet die Vorstellung, der Körper sei das Selbst. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.88''' ‚Warum wird Bewusstsein nicht erkannt? Wodurch wird es erkannt? Und wie kommt Geburt zustande? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.89''' ‚Aus mangelnder Unterscheidung wird es nicht erkannt; durch sich selbst wird es erkannt. Geburt kommt durch die Selbstzuschreibung des Handelns zustande. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.90''' ‚Was ist mangelnde Unterscheidung? Was ist das Selbst? Was ist die Selbstzuschreibung des Handelns? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.91''' ‚Mangelnde Unterscheidung ist das Nichtauseinanderhalten von Erkennendem und Erkanntem. Nach dem Selbst frage in deinem eigenen Selbst! Die eingeprägte Gewohnheit des Handelnden-Seins ist jene Selbstzuschreibung. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.92''' ‚Wodurch endet mangelnde Unterscheidung? Was ist die Ursache dieses Mittels, und was wiederum dessen Ursache? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.93''' ‚Sie endet durch unterscheidende Untersuchung. Deren Voraussetzung ist Nichtanhaftung; deren Voraussetzung ist die Einsicht in die leidvollen Begrenzungen des Begehrten. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.94''' ‚Was ist Untersuchung? Was nennt man Nichtanhaftung? Und was bedeutet die Einsicht in jene Begrenzungen? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.95''' ‚Untersuchung prüft Sehen und Gesehenes. Nichtanhaftung lässt die Fixierung auf das Gesehene los. Die Einsicht in seine Begrenzungen erkennt das mit ihm verbundene Leiden. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.96''' ‚Wodurch wird all dies möglich? Wie wird dieses Ermöglichende erlangt, und was ist dessen Ausgangspunkt? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.97''' ‚Alles wird durch die Gnade der Gottheit möglich. Sie wird durch Hingabe erlangt; der Ausgangspunkt ist die Gemeinschaft mit Guten. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.98''' ‚Was ist die Gottheit? Was heißt Hingabe? Und wie sind die Guten beschaffen? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.99''' ‚Die Gottheit trägt die Welt. Hingabe ist die ungeteilte Ausrichtung auf sie. Die Guten sind friedvoll und mitfühlend. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.100''' ‚Wer lebt stets in Furcht, wer in Leid und wer in Bedürftigkeit? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.101''' ‚Der sehr Reiche fürchtet ständig um seinen Besitz; wer für eine große Familie zu sorgen hat, ist von Sorgen bedrängt; wer von unerfüllter Hoffnung beherrscht wird, fühlt sich bedürftig. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.102''' ‚Wer lebt furchtlos, wer ohne Leid und wer frei von innerer Bedürftigkeit? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.103''' ‚Furchtlos ist, wer nicht anhaftet; frei von Leid, wer seinen Geist gemeistert hat; frei von Bedürftigkeit, wer erkannt hat, was zu erkennen ist. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.104''' ‚Wer ist in der Welt schwer zu erkennen? Wer ist körperlos und doch sichtbar? Was ist das Handeln eines Nicht-Handelnden? Sage es, Königssohn!‘
 
'''J 21.105''' ‚Der zu Lebzeiten Befreite ist schwer zu erkennen. Obwohl er einen Körper trägt, ist er seinem Wesen nach körperlos. Sein Handeln heißt Handeln eines Nicht-Handelnden. Höre dies, Brahmarakshasa!‘
 
'''J 21.106''' ‚Was ist wirklich, was ist nicht eigenständig wirklich, und was ist im höchsten Sinn unmöglich? Beantworte auch dies, Prinz, und befreie damit deinen älteren Bruder!‘
 
'''J 21.107''' ‚Das Sehen ist wirklich; das Gesehene besitzt keine davon getrennte Wirklichkeit. Ein davon unabhängiges Weltgeschehen ist daher unmöglich. Dies ist meine Antwort, Brahmarakshasa. Lass meinen Bruder nun frei!‘
 
'''J 21.108''' Nachdem er dies gehört hatte, ließ der erfreute Brahmarakshasa Rukmangada los. Anschließend nahm er wieder die Gestalt eines Brahmanen an.
 
'''J 21.109''' Die Prinzen sahen ihn strahlend, als Verkörperung der Askese, und fragten verwundert: ‚Wer bist du?‘
 
'''J 21.110''' Der Brahmane erzählte ihnen seine Geschichte: ‚Einst war ich ein im Land Magadha bekannter Brahmane,
 
'''J 21.111''' Vasuman genannt, in allen Lehrschriften bewandert. Stolz auf mein Wissen besiegte ich in Versammlungen immer wieder
 
'''J 21.112''' Hunderte gelehrter Brahmanen und wurde dadurch sehr überheblich. Eines Tages begegnete ich am Hof des Königs von Magadha dem Weisen Ashtaka,
 
'''J 21.113''' dem friedvollen Kenner des Höheren und Niederen. Ich suchte mit ihm Streit über die Selbsterkenntnis, obwohl ich nur in trockener Argumentation geschickt war.
 
'''J 21.114''' Ich griff ihn mit logischen Einwänden an. Seine Antworten, die durch viele heilige Überlieferungen gestützt waren,
 
'''J 21.115''' versuchte ich mit einem Netz von Argumenten zu entkräften und ging immer mehr zu Beschimpfungen über. Obwohl ich ihn vor dem König wiederholt beleidigte,
 
'''J 21.116''' blieb er friedvoll und schwieg. Doch sein Schüler Kashyapa wurde zornig und verfluchte mich in der königlichen Versammlung:
 
'''J 21.117''' „Du beleidigst meinen Lehrer ohne Grund, unwürdiger Brahmane. Deshalb wirst du lange Zeit ein Brahmarakshasa sein!“
 
'''J 21.118''' Von diesem Fluch getroffen, erschrak ich zutiefst. Zitternd warf ich mich vor Ashtaka nieder und nahm Zuflucht zu ihm.
 
'''J 21.119''' Der friedvolle Weise hatte Mitgefühl mit mir, obwohl ich sein Gegner gewesen war, und bestimmte ein Ende des Fluchs. Höre, was er sagte:
 
'''J 21.120''' „Du hast mir Fragen gestellt; ich habe sie beantwortet, doch du hast sie mit bloßen Gegenargumenten offenhalten wollen. Wenn dir ein Wissender dieselben Fragen beantwortet,
 
'''J 21.121''' wirst du vom Fluch befreit sein.“ Heute bin ich nach langer Zeit durch dich von diesem Fluch frei geworden, Königssohn.
 
'''J 21.122''' Deshalb halte ich dich für einen großen Menschen, der erkannt hat, was zu erkennen ist, und für einen der Besten unter den Menschen.‘ Der Prinz war über diese Worte erstaunt.
 
'''J 21.123''' Danach befragte Vasuman ihn noch ausführlicher. Nachdem der Prinz ihn gründlich unterwiesen hatte, kehrte er in seine Stadt zurück,
 
'''J 21.124''' zusammen mit seinem Bruder und den Soldaten, nachdem sie sich vor Vasuman verneigt hatten. Damit ist alles erzählt, wonach du gefragt hast, Bhargava.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 21. Kapitel: Die Erzählung vom Rakshasa.
 
 
===Jñānakhaṇḍa, Kapitel 22: Abschließende Unterweisung===
 
'''Die Einheit im Handeln:''' Hemangada erläutert, warum die Erkenntnis durch das Fortbestehen von Wahrnehmung und Handlung nicht aufgehoben wird. Danach fasst Dattatreya die Lehre zusammen. Mit der Anrede an Narada in Vers 107 kehrt der Text zur übergeordneten Erzählebene zurück.
 
'''J 22.1''' Nachdem Rama, der Spross des Bhrigu-Geschlechts, die Geschichte des Rakshasa gehört hatte, fragte er demütig den höchsten der Avadhutas:
 
'''J 22.2''' „Erhabener, was fragte jener vom Fluch befreite Brahmane, und was antwortete Hemangada? Erzähle es mir bitte aus Mitgefühl.
 
'''J 22.3''' Meine Neugier darauf ist groß, denn dieses Gespräch kann nicht unbedeutend sein.“ So befragt, antwortete der mitfühlende Dattatreya:
 
'''J 22.4''' „Rama, ich werde dir ihre tiefgründigen Worte wiedergeben. Vasuman fragte den vor ihm stehenden Hemangada:
 
'''J 22.5''' ‚Königssohn, beantworte mir noch eine Frage! Schon durch den Yogimeister Ashtaka hatte ich diese Lehre zunächst kennengelernt.
 
'''J 22.6''' Durch deine Worte habe ich den höchsten Zustand nun klar verstanden. Doch wie ist deine gegenwärtige Lebensweise mit deiner Erkenntnis vereinbar?
 
'''J 22.7''' Wie kann jemand, der erkannt hat, was zu erkennen ist, zugleich dem äußeren Handeln zugewandt sein? Es scheint so unmöglich wie das gleichzeitige Bestehen von Dunkelheit und Licht an einem Ort.
 
'''J 22.8''' Erkläre mir genau, wie es sich verhält, Königssohn!‘ Hemangada antwortete dem Brahmanen:
 
'''J 22.9''' ‚Brahmane, deine Verwirrung ist noch nicht vollständig aufgelöst. Wie sollte das äußere Handeln die Erkenntnis des eigenen Selbst widerlegen?
 
'''J 22.10''' Wenn diese Erkenntnis durch Handeln aufgehoben werden könnte, wie sollte sie zum höchsten Lebensziel führen? Sie wäre dann nicht mehr wert als eine Erkenntnis im Traum.
 
'''J 22.11''' Alles Handeln ist nur auf der Grundlage des Bewusstseins möglich. Erkläre mir, wie es dieses Bewusstsein aufheben könnte!
 
'''J 22.12''' Bewusstsein ist gerade das, worin diese Welt erscheint. Aufgrund von Vorstellungen wird das gesamte Handeln darin offenbar.
 
'''J 22.13''' Wer sein Wesen ohne begriffliche Überlagerung auch nur einmal klar erkennt, erreicht das Ziel und wird von Bindung frei. Dies steht fest.
 
'''J 22.14''' Deshalb halten die Verständigen deinen Einwand nicht für schlüssig.‘ Darauf sagte Vasuman erneut zum edlen Prinzen:
 
'''J 22.15''' ‚Es ist wahr, Königssohn; auch ich habe dies so verstanden. Das eigene Wesen wird als nichtbegriffliches Gewahrsein bezeichnet.
 
'''J 22.16''' Warum entsteht dann keine neue Täuschung, wenn wieder begriffliche Vorstellungen auftreten? Ist nicht gerade Vorstellung die Täuschung, wie die Schlange auf dem Seil?‘
 
'''J 22.17''' Hemangada antwortete: ‚Höre, Brahmane! Du hast den Unterschied zwischen Täuschung und Nichttäuschung noch nicht vollständig geklärt. Der Himmel erscheint auch denen blau, die seine Beschaffenheit kennen.
 
'''J 22.18''' Auch sie sagen im Alltag: „Der Himmel ist blau.“ Allein deshalb nennt man ihre Erkenntnis nicht irrig.
 
'''J 22.19''' Für den Unkundigen ist diese Erscheinung eine Täuschung; für den Kundigen ist sie richtig eingeordnet. Der Glaube an ihre eigenständige Geltung ist abgestorben, wie eine große Schlange tot und ungefährlich wird.
 
'''J 22.20''' Der Umgang mit einem Spiegelbild kann bei Kundigen und Unkundigen äußerlich gleich aussehen. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen ihnen.
 
'''J 22.21''' Der Kundige erkennt zutreffend, der Unkundige irrt. Für den Erkennenden ist deshalb auch das ganze Handeln Ausdruck der Erkenntnis.
 
'''J 22.22''' Es gleicht dem Umgang eines Kundigen mit Spiegelbildern. Deshalb entsteht für ihn dadurch keine neue grundlegende Täuschung.
 
'''J 22.23''' Was allein durch Nichtwissen entstanden ist, endet durch Wissen. Warum aber sollte eine Erscheinung, die durch eine andere Störung verursacht wird, allein durch Wissen verschwinden?
 
'''J 22.24''' Deshalb kann jemand mit einer Sehstörung trotz besseren Wissens weiterhin doppelt sehen. Ebenso beruht die Welterscheinung auf der fortwirkenden Bedingtheit des Karmas.
 
'''J 22.25''' Solange dieses Karma nicht erschöpft ist, endet das äußere Geschehen nicht. Wenn es endet, bleibt allein nichtduales Bewusstsein.
 
'''J 22.26''' Für den Erkennenden entsteht daher keine erneute grundlegende Täuschung.‘ Als der Brahmane dies hörte, fragte er den Königssohn erneut:
 
'''J 22.27''' ‚Wie kann bei einem Erkennenden überhaupt noch Karma bestehen? Wie bleibt die Baumwolle des Karmas erhalten, nachdem sie mit dem Feuer der Erkenntnis in Berührung gekommen ist?‘
 
'''J 22.28''' Der Königssohn Hemangada antwortete: ‚Höre, Brahmane! Ich erkläre dir die drei Arten des Karmas bei Erkennenden.
 
'''J 22.29''' Wie bei allen unterscheidet man unreifes Karma, bereits gereiftes Karma und Karma, dessen bindende Kraft schon bei seinem Entstehen aufgehoben ist. Durch Erkenntnis werden die erste und die dritte Art unwirksam.
 
'''J 22.30''' Die Zeit lässt Karma reifen; dieser Vorgang folgt der Ordnung der Niyati. Was durch die Zeit bereits zur Wirksamkeit gereift ist, heißt reifes Karma.
 
'''J 22.31''' Was noch nicht gereift ist, heißt unreif. Handlungen nach dem Entstehen der Erkenntnis heißen von Anfang an entkräftet, weil Erkenntnis ihre bindende Entstehung aufhebt.
 
'''J 22.32''' Das gereifte Karma heißt Prarabdha, bereits in Gang gesetztes Karma. Wie ein abgeschossener Pfeil wirkt es weiter, solange sein Impuls reicht.
 
'''J 22.33''' Die darauf beruhende Welterscheinung bleibt je nach Reife der Erkenntnis unterschiedlich bestehen. Obwohl sie einer Täuschung gleicht, ist sie keine im selben Sinn, denn ihre Folgen unterscheiden sich.
 
'''J 22.34''' Bei wenig gefestigten Erkennenden bringt sie eine deutlich erfahrene gegenwärtige Frucht hervor; bei denen mittlerer Reife ist das Erscheinen dieser Frucht undeutlich.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''J 22.35''' Bei den höchsten Erkennenden erscheint die gegenwärtige Wirkung wiederum klar. Als bindende Frucht aber ist sie so wenig vorhanden wie ein Hasenhorn.
 
'''J 22.36''' Bei Unwissenden wird die karmische Frucht durch das gedankliche Anknüpfen an Vergangenes verstärkt. Sie nähren die Erfahrung, indem sie Vorher und Nachher zu einer persönlichen Geschichte verbinden.
 
'''J 22.37''' Bei Erkennenden wird diese Verknüpfung durch die Hinwendung zum Selbst unterbrochen. Deshalb wird selbst bei den weniger gefestigten die Prarabdha-Frucht nicht auf dieselbe Weise genährt.
 
'''J 22.38''' Bei Erkennenden mittlerer Reife ist sie sehr fein, wie der Schmerz durch einen Mückenstich während leichten Schlafes.
 
'''J 22.39''' Bei den höchsten kann sie vollständig erscheinen und gleicht dennoch einer verbrannten Schnur: So groß ist die Kraft der gefestigten Selbsterkenntnis.
 
'''J 22.40''' Wie ein Schauspieler in einer anderen Rolle Freude und Trauer ausdrückt, ohne dadurch im Innersten verändert zu werden,
 
'''J 22.41''' so wird der fest gegründete Erkennende auch beim vollständigen Erscheinen einer Frucht nicht von ihr gebunden. Deshalb gleicht ihre bindende Wirkung einem Hasenhorn.
 
'''J 22.42''' Unwissende haben das reine Selbst nicht erkannt. Daher identifizieren sie sich mit dem Körper und halten das Gesehene für unabhängig wirklich.
 
'''J 22.43''' Weniger gefestigte Erkennende haben das Selbst als reines Bewusstsein erkannt und die fehlende Eigenständigkeit der Welt eingesehen. Doch wegen unzureichender Vertiefung
 
'''J 22.44''' wird ihre Erkenntnis zeitweise von früheren Gewohnheiten überlagert; dann erscheinen Körperidentifikation und die vermeintliche unabhängige Wirklichkeit der Welt erneut.
 
'''J 22.45''' Durch die eingeprägte Kraft der Erkenntnis schütteln sie diese unzutreffende Sicht wieder ab. So bestehen bei ihnen die Gewohnheiten wahrer und falscher Auffassung nebeneinander.
 
'''J 22.46''' Deshalb wird die karmische Frucht zeitweise deutlich erlebt. Doch auch wenn beide Gewohnheiten nebeneinander bestehen, sind sie nicht gleichwertig, Brahmane.
 
'''J 22.47''' Die Gewohnheit wahrer Erkenntnis widerlegt die andere. Die Gewohnheit falscher Auffassung kann die wahre Erkenntnis dagegen nicht widerlegen.
 
'''J 22.48''' Wer von der falschen Gewohnheit erfasst wird, vergisst nur vorübergehend die höchste Wirklichkeit. Erkennt er die falsche Gewohnheit als Täuschung,
 
'''J 22.49''' schüttelt er sie ab und kehrt zur wahren Einsicht zurück. Deshalb wird die Wahrheit selbst durch jene Gewohnheit niemals widerlegt.
 
'''J 22.50''' Beim mittleren Erkennenden gibt es weder solches Vergessen noch unwillkürliche falsche Auffassung. Ohne das Selbst zu vergessen, kann er sich bei Bedarf willentlich auf gegenständliche Vorstellungen einlassen.
 
'''J 22.51''' Damit ist der Zustand des Vollendeten beschrieben. Höre nun vom Übenden: Je entschiedener er sich auf das Selbst ausrichtet, desto beständiger bleibt es ihm gegenwärtig.
 
'''J 22.52''' Beim Vollendeten gibt es kein Vergessen; gegenständliches Erfassen wird bewusst aufgenommen. Beim höchsten Erkennenden aber besteht zwischen Samadhi und Handeln
 
'''J 22.53''' nicht der geringste Unterschied, weil das Selbst stets gegenwärtig bleibt. Beim mittleren Erkennenden, der auf Versenkung ausgerichtet ist,
 
'''J 22.54''' kann diese Gegenwärtigkeit im Bereich gegenständlicher Vorstellungen etwas verblassen. Der höchste dagegen mag aus freiem Entschluss oder aufgrund des Prarabdha
 
'''J 22.55''' nicht eigens auf Versenkung ausgerichtet sein; sein Selbstgewahrsein bleibt dennoch ungetrübt. Höre nun, Brahmane, wie es sich in Wahrheit mit mittleren und höchsten Erkennenden verhält:
 
'''J 22.56''' Für sie besteht überhaupt kein eigenständiges Karma, denn sie sind zur Fülle gelangt. Sie sehen nichts außerhalb des Bewusstseins-Selbst.
 
'''J 22.57''' Wie sollte dann ein davon getrennter Karmarest übrig bleiben? Alles ist im Feuer des Bewusstseins aufgegangen; nichts bleibt als selbständige Wirklichkeit zurück.
 
'''J 22.58''' Nur andere sehen noch ihr Handeln, ähnlich einer Zaubererscheinung. Höre, Brahmane, ich fasse das Geheimnis zusammen:
 
'''J 22.59''' Die Sicht der Erkennenden ist die Sicht Shivas selbst. Nicht der geringste Unterschied besteht darin; dies ist wahr und zweifellos.
 
'''J 22.60''' Deshalb haftet ihnen kein Karma mehr an.‘ Nachdem Vasuman Hemangadas Erklärung gehört hatte,
 
'''J 22.61''' war er von allen Zweifeln frei und sein Herz durch Erkenntnis klar. Von den Prinzen und ihren Begleitern geehrt, kehrte er an seinen eigenen Ort zurück.
 
'''J 22.62''' Auch die beiden Prinzen kehrten daraufhin in ihre Stadt zurück.“ Als Rama dies hörte, fragte er den Weisen, den Sohn Atris, erneut:
 
'''J 22.63''' „Lehrer, ich habe die Erkenntnislehre aus deinem Mund gehört. Mein Zweifel ist verschwunden; der höchste Zustand ist erkannt.
 
'''J 22.64''' Das Selbst als reines, alles durchziehendes Gewahrsein leuchtet überall. Dennoch bitte ich dich: Fasse alles, was du von Anfang an erklärt hast,
 
'''J 22.65''' noch einmal kurz in seinem wesentlichsten Sinn zusammen, damit ich es vollständig im Herzen bewahre, Lehrer!“
 
'''J 22.66''' Auf diese Bitte Ramas antwortete der Sohn Atris erneut: „Höre, Rama! Ich erkläre dir nochmals das Wesentlichste von allem.
 
'''J 22.67''' Das höchste Bewusstsein ist die höchste Herrin und besteht als vollkommenes Ich-Gewahrsein. Durch die Herrlichkeit ihrer Maya-Kraft, die Freiheit genannt wird,
 
'''J 22.68''' lässt sie die Welt erscheinen wie Spiegelbilder in einem Spiegel. Diese Kraft vermag das scheinbar Unmögliche. Höre den Zusammenhang Schritt für Schritt!
 
'''J 22.69''' Das höchste, vollkommene Bewusstsein, erfüllt vom umfassenden Ich-Gewahrsein, ließ kraft seiner Freiheit sein eigenes Wesen zweifach erscheinen.
 
'''J 22.70''' Als in einem Bereich ein begrenztes Ich-Gewahrsein erschien, trat der andere Bereich aus dieser Selbstzuordnung heraus.
 
'''J 22.71''' Nur aus dessen begrenzter Sicht wurde er zum äußeren Unentfalteten, Spross des Bhrigu. Der mit diesem begrenzten Ich-Gewahrsein verbundene Zustand wird hier Sadashiva genannt.
 
'''J 22.72''' Er sieht jenen unentfalteten Bereich, obwohl er ihm von sich selbst verschieden erscheint … ''[Hier ist in beiden Schriftfassungen nur der erste Halbvers des Grundtextes überliefert. Der Kommentar erläutert eine fortgesetzte Zuordnung als Ich; der fehlende Verswortlaut wird nicht ergänzt.]''
 
'''J 22.73''' Derselbe will kraft seiner Freiheit eine vielfältige Welt hervorbringen. Er nimmt das Unentfaltete als seinen eigenen Körper an: „Eben darin bin ich gegenwärtig.“
 
'''J 22.74''' In dieser Selbstzuordnung erscheint er als Ishvara. Dieser Ishvara, der sich das Unentfaltete als eigenes Wesen zuordnet,
 
'''J 22.75''' erscheint dreifach als Rudra, Hari und Druhina, also Shiva, Vishnu und Brahma. Die Hervorbringer der Gesamtheit von Erkennenden und Erkanntem
 
'''J 22.76''' erscheinen als viele Brahmas. Ebenso gibt es viele Haris, welche die jeweilige Weltgestalt erhalten,
 
'''J 22.77''' und viele Rudras, die sie wieder auflösen. So ist die Ordnung der Welt. Dieses Weltgeschehen erscheint wie ein Spiegelbild im Spiegel.
 
'''J 22.78''' Es erscheint lediglich, Rama; nichts ist als vom Bewusstsein getrennte Wirklichkeit entstanden. Das höchste Bewusstsein bleibt stets vollkommenes Ich-Gewahrsein.
 
'''J 22.79''' Obwohl es vielfältig erscheint, bleibt es von diesem umfassenden Selbstgewahrsein erfüllt. So bist auch du dir im ganzen Körper als ein Ich gegenwärtig,
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''J 22.80''' während du durch besondere Selbstzuordnungen zu Augen und anderen Organen die jeweiligen Tätigkeiten ausführst. Ebenso ruht das höchste Gewahrsein im vollkommenen Ich.
 
'''J 22.81''' Auch wenn es von Sadashiva bis zum Grashalm in begrenzten Selbstzuordnungen erscheint, ist es in Wahrheit allein das höchste Bewusstsein, das so leuchtet.
 
'''J 22.82''' Du als das dem ganzen Körper zugeordnete Ich kannst für dich genommen weder Farbe noch Geschmack erfassen. Indem du dich aber mit den jeweiligen Sinnen verbindest,
 
'''J 22.83''' erfasst du all dies. Ebenso ist der Gott Sadashiva in sich ungeteilt und tritt in die Wesen von Brahma bis zum Grashalm ein.
 
'''J 22.84''' Durch diese innere Identifikation erkennt und handelt er. Dein nichtbegriffliches Wesen wiederum ist zwar der Grund aller dieser Vorgänge,
 
'''J 22.85''' erkennt und tut aber selbst nichts als gesonderte Handlung, Spross des Bhrigu. Ebenso ist das höchste Gewahrsein der Grund aller Welten,
 
'''J 22.86''' ohne jemals auch nur den geringsten wirklichen Unterschied zu erkennen oder hervorzubringen. Die ganze Welt erscheint allein in ihm,
 
'''J 22.87''' aus seiner Freiheit hervorgegangen, wie ein Spiegelbild im Spiegel. Das gesamte Erscheinen der Welt ist sein eigenes Offenbarsein.
 
'''J 22.88''' Wie das Erscheinen eines Spiegelbildes nichts anderes als das Erscheinen des Spiegels ist, so sind du, ich und alle anderen Erkennenden ihrem Wesen nach reines Sehen.
 
'''J 22.89''' Ohne die Verbindung mit einem als getrennt aufgefassten Gesehenen sind sie allein reines Bewusstsein. Ein Spiegel, der einen Topf und andere Dinge zeigt, ist ohne diese Bilder
 
'''J 22.90''' weiterhin nur reiner Spiegel; die Verschiedenheit liegt in den Spiegelbildern. Ebenso bleibt nach dem Fortfall der aus Vorstellungen hervorgegangenen Gegenstandsbegrenzung
 
'''J 22.91''' das höchste Gewahrsein als nichtduale Wirklichkeit zurück. Es ist die Fülle großer Glückseligkeit, weil ihm jede Spur von Leiden fehlt.
 
'''J 22.92''' Es umfasst alle Glückseligkeit, denn alle sehnen sich danach. Glück ist das Wesen des Selbst, weil es von allen begehrt wird.
 
'''J 22.93''' Um seinetwillen sind Körper und anderes von Bedeutung; niemand wünscht es nicht. Was Freude an Gegenständen genannt wird, ist nur ein geringer Ausdruck davon.
 
'''J 22.94''' Dasselbe Glück wird beim Ablegen einer Last und im Tiefschlaf offenbar. Eben Bewusstsein wird wegen seiner tiefsten Erwünschtheit Glückseligkeit genannt.
 
'''J 22.95''' Unwissende erkennen diese große Freude, die ihr eigenes Selbst ist, nicht. Weil die Anlässe ihrer Offenbarung verschieden sind, halten sie auch die Freude selbst für etwas jeweils Verschiedenes.
 
'''J 22.96''' Ebenso erscheinen Dinge im Spiegel als voneinander getrennt, solange der Spiegel als ihr gemeinsamer Grund nicht erkannt wird.
 
'''J 22.97''' Wird ihr Wesen als Spiegelbilder erkannt, erscheinen sie weiterhin wie zuvor; doch nichts davon besteht getrennt vom Spiegel, der selbst rein bleibt.
 
'''J 22.98''' Ebenso ist für den Kenner der Wirklichkeit diese ganze Welt, obwohl sie weiterhin so erscheint, allein das eigene Selbst und nichts anderes.
 
'''J 22.99''' Wie Töpfe im Ton, Schmuckstücke im Gold und Bildgestalten im Stein bestehen, so besteht die Welt im Bewusstseins-Selbst.
 
'''J 22.100''' Auch die Ansicht „Die Welt ist überhaupt nicht vorhanden“ ist unvollständig, Spross des Bhrigu. Die gegenteilige Behauptung ihres bloßen Nichtseins lässt sich nicht halten.
 
'''J 22.101''' Denn auch derjenige, der sie begründen will, sieht die Welt weiterhin. Wie sollte sie durch den bloßen Bannspruch „Sie ist nicht“ verschwinden?
 
'''J 22.102''' Die ganze Stadt im Spiegel besteht als Spiegel. Ebenso gilt die Welt als wirklich, insofern sie ein einziges Wesen mit dem Bewusstseins-Selbst ist.
 
'''J 22.103''' Dies ist vollständige Erkenntnis, weil sie jede Einschränkung aufgibt. Das Sehen selbst erscheint kraft seiner eigenen Herrlichkeit als Gesehenes,
 
'''J 22.104''' wie ein Spiegel die Gestalt einer Stadt annimmt. Dies ist der zusammengefasste Sinn der Lehre: Es gibt keine eigenständige Bindung, keine davon getrennte Befreiung, keinen getrennten Übenden und kein getrenntes Mittel.
 
'''J 22.105''' Allein Tripura leuchtet als ungeteilte, nichtduale Bewusstseinskraft. Sie selbst ist Nichtwissen und Wissen, Bindung, Befreiung und der Weg dazu.
 
'''J 22.106''' Nur dies ist zu erkennen; etwas anderes gibt es nicht, Bhargava. Damit habe ich dir, Rama, den Weg der Erkenntnis von Anfang an erklärt.
 
'''J 22.107''' Wer dies gründlich erkennt, trauert nicht mehr auf die frühere Weise.“ – „Narada, dieser Erkenntnisteil erschließt die Einsicht durch schlüssige Begründungen.
 
'''J 22.108''' Wessen aus Nichtwissen entstandene Verwirrung sollte durch sein Hören nicht aufgelöst werden? Wer ihn hört und dennoch keine Beruhigung seiner Verwirrung erfährt,
 
'''J 22.109''' gleicht einem Menschen aus Stein. Wodurch sollte ihm dann Erkenntnis entstehen? Schon einmaliges Hören kann gefestigte Erkenntnis hervorbringen.
 
'''J 22.110''' Wie sollte sich bei einem weniger rasch Verstehenden nach zwei- oder dreimaligem Hören keine Einsicht einstellen? Dieser Text gilt als Beschwichtiger angehäufter Verfehlungen; gehört und verstanden schenkt er Erkenntnis.
 
'''J 22.111''' Aufgeschrieben, so lautet die Verheißung, beseitigt er Fehler des Sehens; verehrt läutert er den Geist; beständig betrachtet löst er Unverständnis auf.
 
'''J 22.112''' Wird durch Untersuchung das Wesen klar erkannt, das das Selbst von allem ist, so ist dies Befreiung; andernfalls bleibt Bindung. Eben dieses Wesen ist Tripura. Hrīm.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet das 22. Kapitel des Jñānakhaṇḍa in der zwölftausend Verse umfassenden Sammlung des Tripurārahasya, der erhabenen vorzüglichen heiligen Erzählung. Die traditionelle Angabe von zwölftausend Versen bezeichnet den Anspruch der Gesamtsammlung, nicht den Umfang des hier erhaltenen Erkenntnisteils.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 51: Lalitas Erscheinung aus dem Bewusstseinsfeuer===
 
'''Beginn des erhaltenen Verherrlichungsteils:''' Der Māhātmyakhaṇḍa setzt hier mit Kapitel 51 mitten in der Lalita-Erzählung ein; Kapitel 1–50 liegen nicht vor. Hayagriva spricht zu Agastya, dem aus einem Krug Geborenen. Die poetische Beschreibung der Göttin verbindet ihre sichtbare Gestalt mit ihrer Deutung als Bewusstsein.
 
'''M 51.1''' „Höre, Kruggeborener! So von ihm überall vertrieben, lebten die Götter voller Kummer in Wäldern, Felsspalten und tiefen Höhlen.
 
'''M 51.2''' Aus Furcht vor dem Herrn der Daityas versteckten sie sich lange in den Gebüschen an den Flüssen, damit die Dämonen sie nicht entdeckten. Wurden sie doch entdeckt,
 
'''M 51.3''' zerrte man sie hervor und schlug sie; wie Knechte mussten sie Dienste verrichten. So vergingen zweitausend mal tausend Jahre.
 
'''M 51.4''' Da begegnete der Götterkönig eines Tages seinem Lehrer, dem Sohn des Angiras. Shakra verneigte sich und sprach mit gefalteten Händen:
 
'''M 51.5''' ‚Lehrer, sieh mich leiden, den Herrn der Götter, der bei dir Zuflucht sucht! Nach langer Zeit sehe ich dich wieder. Habe Mitgefühl mit mir, deinem Schüler!
 
'''M 51.6''' Herr, ich kann solches Leid nicht länger ertragen. Schon früher flehte ich Brahma an, doch er sagte mir wiederholt:
 
'''M 51.7''' „Herr der Götter, höre: Die Zeit für Abhilfe ist noch nicht gekommen. Warte auf den rechten Zeitpunkt; ohne ihn gelingt das Gewünschte nicht.“
 
'''M 51.8''' Seither sind unzählige Jahre, ganze Weltalter, vergangen. Noch immer sehe ich nicht die geringste Aussicht auf eine Zeit, die Erleichterung bringt.
 
'''M 51.9''' Sieh mich: beschmutzt, elend, abgemagert und von allen Seiten bedroht! Dieses Dornengebüsch ist nun mein Himmel und mein Lustgarten Nandana.
 
'''M 51.10''' Es ist meine Versammlungshalle Sudharma. Die Mücken bilden den Chor der Gandharvas, die Krähen sind meine Hofsänger und die Frösche meine Lobredner.
 
'''M 51.11''' Die Leuchtkäfer sind Rambha und die anderen himmlischen Tänzerinnen, der nackte Fels mein Daunenbett, ein Strauch mein Kopfkissen und das Heulen der Schakale mein feierlicher Anruf.
 
'''M 51.12''' Reiher und Kraniche bilden meinen Hofstaat, Erdenstaub ist mein duftendes Puder, und die vom Sturm geschüttelten Dornenzweige sind meine königlichen Wedel.
 
'''M 51.13''' Sieh, wie ich leben muss! Mein Herz vergeht darunter. Dies ist offenbar mein Schicksal.‘ Mit diesen Worten fiel er in Ohnmacht.
 
'''M 51.14''' Als der Lehrer sah, wie er vor Kummer ohnmächtig wurde, ergriff ihn Mitgefühl. Er tröstete den Götterkönig; dann sprach der Sohn des Angiras:
 
'''M 51.15''' ‚Höre, Bester der Götter! Die Weisen verlieren sich nicht in Trauer. In Schwierigkeiten bewahren sie Zuversicht, im Glück Gleichmut.
 
'''M 51.16''' Menschen von klarem Herzen lassen sich nicht entstellen. Große Menschen überwinden Kummer durch Besinnung und standhaften Mut.
 
'''M 51.17''' Sie warten auf den rechten Zeitpunkt und schaffen die Voraussetzungen für das Gute. Höre nun, welche entschlossene Handlung hier Frucht bringen wird!
 
'''M 51.18''' Der Dämon hat durch Askese den Herrn der Wesen erfreut und umfassenden Schutz erlangt. Shiva erklärte, weder ein aus einem Mutterleib noch ein aus geistiger Zeugung entstandenes Wesen könne ihn töten.
 
'''M 51.19''' In der Welt gibt es nichts außerhalb dieser beiden Arten. Auch durch Götter und männliche Wesen sollte er keinen Tod finden.
 
'''M 51.20''' Deshalb nimm gemeinsam mit den Götterscharen Zuflucht zu Tripura, der höchsten Herrin. Es gibt keinen anderen Schutz.‘
 
'''M 51.21''' Nach diesen Worten dachte der Götterlehrer an den Windgott. Kaum hatte er an ihn gedacht, erschien dieser Lebensatem der Welt und verneigte sich.
 
'''M 51.22''' Vachaspati sprach zu ihm: ‚Höre meine Worte, Windgott! Du kannst überallhin gelangen, bist der Lebensatem aller und besitzt große Kraft.
 
'''M 51.23''' Bringe Shakra rasch durch die Luft auf einen Gipfel des Himalaya. Bringe auch alle anderen Götter, angefangen bei Agni,
 
'''M 51.24''' von ihren verschiedenen Verstecken dorthin, ohne dass die Daityas es bemerken. Dort wollen wir mit entschlossener Anstrengung das Gewünschte erreichen.‘
 
'''M 51.25''' Der Windgott antwortete zustimmend und brachte alle Götter in einem Augenblick zusammen. Shakra und die übrigen Götter versammelten sich auf dem Himalaya-Gipfel.
 
'''M 51.26''' Dann sandte der Lehrer den Wind aus, um auch die Herren der kosmischen Eigenschaften herbeizuholen. Sie berieten über den Sieg über den Dämon Bhanda.
 
'''M 51.27''' Sie kamen zu dem Entschluss, dass es keinen anderen Weg gebe als Tripura, die höchste Herrin. So richteten Brahma und die anderen Götter ihre Betrachtung auf sie,
 
'''M 51.28''' die Mutter und Trägerin aller Welten, und hielten Sinne und Lebensatem gesammelt. Hundert Jahre vergingen, während sie so in Meditation verweilten.
 
'''M 51.29''' Dann berieten die Götter und verehrten Tripura zu ihrer Freude durch ein großes Opfer nach tantrischer Ordnung.
 
'''M 51.30''' Dieses große Opfer war reich ausgestattet mit Mantras und Opfergaben. Brahma übernahm das Amt des beaufsichtigenden Brahman-Priesters, der Guru selbst das des leitenden Lehrers.
 
'''M 51.31''' Shiva, Vishnu und die anderen wirkten als Opferpriester. Als der letzte Tag dieses im Bewusstsein vergegenwärtigten Opfers gekommen war,
 
'''M 51.32''' brachte der Lehrer, die höchste Mutter betrachtend, die vollständige Schlussgabe dar: im großen Opferbecken, dessen loderndes Feuer als Bewusstsein verehrt wurde.
 
'''M 51.33''' Während die Götter sie voller Hingabe priesen, erschien Mutter Tripura aus der Mitte des Beckens, aus dem Inneren des brennenden Bewusstseinsfeuers.
 
'''M 51.34''' Als die Schlussgabe geopfert worden war, flammte das Feuer im Becken auf. Eine Flamme stieg gewaltig empor, eine Yojana hoch.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 51.35''' Ein gewaltiger Laut ertönte, wie beim Bersten eines Berges oder beim Einschlag von hundert Blitzen; er durchdrang die Ohren der Himmelsbewohner.
 
'''M 51.36''' Dann entstand im Inneren der Flamme ein großes Licht, das mit seinem mächtigen Glanz die Augen der Götter überwältigte, als träfen Millionen Blitze zugleich zusammen.
 
'''M 51.37''' Von diesem ungeheuren Laut und dieser Helligkeit wurden die Götter überwältigt.
 
'''M 51.38''' Wie taub und blind fielen sie ohnmächtig zu Boden. Nur der Lehrer und die drei großen Gottheiten blieben aufrecht.
 
'''M 51.39''' Aus der Mitte dieses Lichtes erschien die erhabene Mutter Tripura. Ihr Körper leuchtete wie die geballte Röte der jungen Morgensonne.
 
'''M 51.40''' Ihre anmutige Gestalt strahlte wie eine Blitzranke. Ihr Gesicht glich einem erblühten Lotus und dem Vollmond, von leuchtender Helligkeit umgeben.
 
'''M 51.41''' Aus der dunklen Fülle ihres Haares strahlte das Rot des Sindura. Die Juwelen in ihrem Haar funkelten wie Sterne am nächtlichen Himmel.
 
'''M 51.42''' Ihr langer Zopf glich einer Schlange; der leuchtende Scheitel darin ihrer hervortretenden Zunge. Die rote Sindura-Farbe durchzog die dunkle Himmelsfläche ihres Haares.
 
'''M 51.43''' Auf ihrer Stirn, die einem umgekehrten Halbmond glich, glänzte ein Schmuckzeichen. Locken wie Bienenschwärme umspielten den geöffneten Lotus ihres Gesichts.
 
'''M 51.44''' Ihre Augen glichen blauen Lotusblumen im See ihrer Gesichtsschönheit. Ihre Blicke trugen die geheime Kraft eines Mantras, der Millionen Liebesgötter hervorbringen könnte.
 
'''M 51.45''' Ihre Seitenblicke waren schön wie Wellen, die aus Millionen Milchozeanen aufsteigen. Ihre zarte Nase übertraf die Schönheit einer Champaka-Knospe.
 
'''M 51.46''' Ihre Wangen glänzten wie polierte Rubinspiegel. Die Edelsteine ihrer Ohrringe waren wie Lotusblüten, die im Strom ihrer Seitenblicke auftauchten.
 
'''M 51.47''' Die Perlenreihen an diesen Lotus-Ohrringen glichen kleinen Schwänen. Der Glanz des Ohrschmucks bildete einen Bogen, ihre Seitenblicke eine Folge von Pfeilen.
 
'''M 51.48''' Ihre Lippen trugen das Rot reifer Granatapfelkerne; die Zähne darin schimmerten wie helle Staubfäden im Inneren einer geöffneten roten Wasserlilie.
 
'''M 51.49''' Über den korallenroten Lippen leuchteten die Zähne wie Knospen weißer Jasminblüten. Ihr sanftes Lächeln war ein Milchozean, aus dem die Korallen der Lippen hervortraten.
 
'''M 51.50''' Ihr Kinn glänzte wie der Stängel des Rubinlotus ihres Gesichts. Edelsteinketten und Schmuck schmückten die anmutige Lotusgestalt ihres Halses.
 
'''M 51.51''' Ihre beiden Brüste glichen Lotusknospen über kostbaren Lotusstielen, ihren Armen. Sie schmückten die rubinrote Ranke ihres Körpers wie Blütenbüschel.
 
'''M 51.52''' Sie glichen einem Paar Chakravaka-Vögel, das sich vor dem Mondglanz ihres Gesichts verborgen hatte, und zugleich Schwänen, die im Strom ihres sanften Lächelns spielten.
 
'''M 51.53''' Ihre Hände waren rote Blätter an den Zweigen der Körperranke; ihre Finger glichen zarten Hibiskusknospen an korallenroten Trieben.
 
'''M 51.54''' Ihre vier Arme glänzten mit Stachelstock, Schlinge, Bogen und Pfeilen. Armreifen, Oberarmspangen, Edelsteinringe und ein kostbares Gewand schmückten sie.
 
'''M 51.55''' Eine Perlenkette leuchtete wie der Stängel des Gesichtslotus. Die feine Haarlinie des Bauches glich einem zarten Stiel, aus dem die beiden Lotusknospen der Brüste hervorgingen.
 
'''M 51.56''' Ihr vertiefter Nabel war wie die Bewässerungsmulde am Fuß dieser Ranke; die Haarlinie stieg daraus wie eine Wasserpflanze aus einem See empor.
 
'''M 51.57''' Ein kostbares safranrotes Gewand bedeckte ihre Hüften. Ihre Taille schien nur zu dem Zweck vorhanden, den Oberkörper zu tragen.
 
'''M 51.58''' Durch den zarten Stoff, einer feinen Wolke gleich, schimmerten ihre Schmuckstücke wie Sterne. Ihre Schenkel übertrafen rubinrote Bananenstämme an Schönheit.
 
'''M 51.59''' Ihre Unterschenkel glichen Köchern aus rotem Edelstein. Die gewölbten Fußrücken erinnerten an die schöne Rundung eines Schildkrötenpanzers.
 
'''M 51.60''' Juwelengeschmückte Fußreifen erklangen mit lieblichen Glöckchen. Ihre Lotusfüße überboten die Schönheit erblühter Lotusblumen.
 
'''M 51.61''' Kostbare Fußornamente schmückten sie. Die mondgleichen Nägel ergossen Nektar und kühlten das Leid derer, die sich vor ihr verneigten.
 
'''M 51.62''' Ihre Füße waren Meisterinnen des langsamen, anmutigen Schwanengangs. Wie junge Triebe des himmlischen Mandara-Baumes erfüllten sie die Wünsche der Hingebungsvollen.
 
'''M 51.63''' Als Brahma und die anderen sie so erscheinen sahen, warfen sie sich lang zu Boden und riefen: ‚Sieg sei dir, Göttin!‘
 
'''M 51.64''' Vachaspati verneigte sich, erhob sich wieder und schaute die Höchste an, ganz überflutet vom Meer der Freude über ihre Erscheinung.
 
'''M 51.65''' Seine erhobenen, aneinandergelegten Hände bildeten eine Lotusknospe. Aus den Lotusaugen strömten Tränen der Freude.
 
'''M 51.66''' Von großer Liebe bewegt, pries er sie mit stockender, langsamer Stimme und erfreute Mutter Tripura durch die kunstvolle Schönheit seines Lobgesangs:
 
'''M 51.67''' ‚Ich habe nicht die Kraft, das Spiel deiner Herrlichkeit zu beschreiben. Doch selbst diese Worte, die ich jetzt spreche, sind nicht ohne deine Kraft möglich. Dadurch verliert mein Name „Herr der Rede“ nichts von seiner Geltung; sollte er sie verlieren, beträfe das die Wirksamkeit deiner Gnade.
 
'''M 51.68''' Was ich als Lehrer der Götter hier ausspreche, bist du selbst. Du, ich und all dieses – Mutter, alles bist du. Daher gibt es für mich keinen getrennten Verlust oder Gewinn, so wenig wie eine Welle des Milchozeans eine von ihm unabhängige süße oder bittere Natur besitzt.
 
'''M 51.69''' Was der verblendete Blick als vielfältig getrennt sieht, erscheint wie ein Bild auf der Fläche eines Spiegels. Auch die göttliche Gestalt, die du jetzt vor uns offenbarst, zeigst du uns aus Mitgefühl durch deine Maya, ebenso wie die übrigen Erscheinungen.
 
'''M 51.70''' Wer sich unter den Gelehrten für den Besten hält, ist dennoch durch dein Spiel verwirrt, Mutter, wenn er dich nicht kennt. Wie sollte ein solcher Denker deine grenzenlose Kraft und die Vielfalt des Sichtbaren mit unzureichenden Argumenten beschreiben?
 
'''M 51.71''' Wer in Netzen von Worten über „Es ist“ und „Es ist nicht“ streitet, verbringt seine Zeit vergeblich. Gesegnet sind dagegen jene, Weltmutter, die auch nur einen Augenblick in ihrem Herzen deine Bewusstseinskraft betrachten und darin verweilen.
 
'''M 51.72''' Gesegnet sind die Yogis, die in ihrem inneren Wesen, frei von Durst nach Gegenständen und den entsprechenden Neigungen, ruhig wie in einem makellosen Spiegel deine Kraft schauen und in höchster Freude ruhen.
 
'''M 51.73''' Wenn sie so lange dein Wesen innerlich betrachten, wird ihre Einsicht fest und natürlich. Dann erkennen sie auch alles Äußere als dein Wesen und leben ganz in deinem Spiel. Selbst die größten Yogis verehren sie.
 
'''M 51.74''' Auch ich, Lalita, habe eine gewisse Vertrautheit mit deinen Lotusfüßen gewonnen. Innen, immer und überall erkenne ich in Worten, in ihrer Gestaltung und im Denken nicht das Geringste außerhalb von dir. Deshalb verneige ich mich vor dir.‘
 
'''M 51.75''' Nachdem der Lehrer der Götter sie so gepriesen hatte, warf er sich lang auf die Erde. Auch Brahma und die anderen, die den kosmischen Eigenschaften vorstehen, priesen die Mutter:
 
'''M 51.76''' ‚Sieg, Sieg dir, Mutter! Deine Herrlichkeit bringt die Welt hervor, erhält sie und löst sie auf. Dein Wesen ist das in allem gleiche Bewusstsein. Obwohl du alles erscheinen lässt, bist du unbegrenztes Gewahrsein, dessen einzige Gestalt das Unübertreffliche ist.
 
'''M 51.77''' Wunderbar ist deine Kunst: Wie ein Spiegel erscheinst du trotz deiner formlosen Klarheit in vielfältigen Bildern. Es triumphiert deine große Seinsmacht, die das scheinbar Unmögliche möglich macht. ''[Der Wortlaut in der ersten Hälfte ist beschädigt; die Wiedergabe folgt dem Spiegelvergleich und dem Zusammenhang.]''
 
'''M 51.78''' Obwohl dein Wesen unbegrenzt ist, Herrin, lässt du es durch deine erstaunliche Kraft begrenzt erscheinen. So offenbarst du alle mannigfaltigen Unterschiede von Sehen und Gesehenem.
 
'''M 51.79''' Indem du dein eigenes Wesen so vielfach siehst, erscheinst du begrenzt. Wenn du aber das Bindende innerlich als Bewusstsein erkennst, leuchtest du wieder so, wie du wirklich bist.
 
[[Datei:Shri Yantra dreidimensional.jpg|thumb|Das [[Shri Yantra]] veranschaulicht die Verehrung der [[Tripura Sundari]].]]
 
'''M 51.80''' So entfaltest du aus Freiheit dein weites Spiel im Spiegel deines eigenen Selbst. Du schaust diese selbst gestaltete Welt und erfreust dich unablässig daran. Göttin, dir sei Verehrung!
 
'''M 51.81''' Wer dieses unablässige Spiel durch deine Kraft durchschaut, erfreut sich gleich dir, große Herrin, als göttlicher Zeuge des Spiels der Welten. ''[Das Wort bhinnaḥ ist hier mehrdeutig; die genaue Beziehung zur göttlichen Kraft bleibt unsicher.]''
 
'''M 51.82''' Für jene, die noch nicht fähig sind, dein verborgenes Wesen samt seinem Spiel zu schauen, ist diese höchste Gestalt sichtbar geworden und schenkt ihren Augen Erfüllung.
 
'''M 51.83''' Wir verneigen uns erneut vor dieser safranroten, anmutigen Gestalt: sanft geneigt unter der Fülle ihrer Brüste, geschmückt mit der Mondsichel, mit Stachelstock, Pfeilen, Bogen und Schlinge in den Händen.‘
 
'''M 51.84''' Nachdem Brahma und die anderen sie so gepriesen hatten, verneigten sie sich zu ihren Füßen. Da sprach die Höchste zu ihnen: ‚Meine Kinder, steht rasch auf!
 
'''M 51.85''' Ich bin gerüstet gekommen, um euren Feind zu besiegen. Was wünscht ihr darüber hinaus? Nehmt meine Gaben entgegen, Herren der kosmischen Eigenschaften!
 
'''M 51.86''' Auch du, Sohn des Angiras, sage mir: Was begehrst du? Was soll ich dir schenken?‘ Nachdem sie diese Worte der Göttin gehört hatten, antworteten Brahma und die anderen.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya, der erhabenen vorzüglichen heiligen Erzählung, innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 51. Kapitel: Die Erscheinung der erhabenen Lalita. Die überlieferte fortlaufende Gesamtzählung lautet 4233.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 52: Die Götter suchen Schutz bei Tripura===
 
'''Zur Erzählung:''' Der kluge Rat Shrutavarmans stellt Bhandas Verachtung weiblicher Macht ausdrücklich infrage. Die drastische Selbstopferung der Götter in Vers 70–72 gehört zur mythologischen Rettungserzählung und ist keine Anleitung zur Selbstverletzung.
 
'''M 52.1''' „Höre nun, kruggeborener Weiser, die Worte Brahmas und der anderen! In Hingabe verneigt sprachen die Götter zur Göttin:
 
'''M 52.2''' ‚Wenn die Welten erneut in solche große Not geraten, mögest du zu ihrem Schutz bereitstehen und die feindlichen Widersacher der Götter vernichten.
 
'''M 52.3''' Doch höre, Mutter: Wie wirst du den Dämon Bhanda töten? Durch den Dreiäugigen hat er doch Schutz vor dem Tod von allen Seiten erlangt.
 
'''M 52.4''' Wie kann dann das Anliegen der Götter erfüllt und der Dämon besiegt werden?‘ Als die Heilbringende ihre Worte hörte, antwortete sie:
 
'''M 52.5''' ‚Lotusgeborener, zweifle nicht an der Vernichtung dieses Dämons! Ich bin weder aus einem Mutterleib noch aus dem Geist irgendeines Wesens hervorgegangen.
 
'''M 52.6''' Ich bin aus dem Feuerbecken erschienen, als eine überweltliche weibliche Gestalt. Mit einer bisher unbekannten Waffe werde ich diesen großen Dämon töten.‘
 
'''M 52.7''' Nach diesen Worten Lalitas ließen die Herren der kosmischen Eigenschaften ihre Sorge los. Dann sprach der Götterlehrer mit gefalteten Händen zur höchsten Kraft:
 
'''M 52.8''' ‚Göttin, lass auch Shakra und die anderen dich als Mutter aller in dieser Gestalt schauen, große Herrin, damit sie dadurch geläutert werden!‘
 
'''M 52.9''' Die Herrin Tripura hörte die Worte des Angiras-Sohnes und antwortete: ‚Höre, Jiva! Shakra und die anderen sind noch nicht fähig,
 
'''M 52.10''' meine ganz aus göttlicher Kraft bestehende Gestalt so zu sehen. Andere haben diese Gestalt nicht geschaut; ein gewöhnlicher Mensch kann mich nicht so wahrnehmen.
 
'''M 52.11''' Ihr aber seid dieser meiner Gestalt hingegeben und meditiert beständig darüber. Deshalb habe ich sie euch gezeigt; anderen war sie bisher nicht sichtbar.
 
'''M 52.12''' Der Donnerkeilträger möge eine andere, begrenztere Gestalt sehen.‘ Doch der Lehrer bat sie wiederholt:
 
'''M 52.13''' ‚Zeige Shakra eben diese Gestalt!‘ Darauf sagte sie zum Lehrer: ‚Wenn Shakra mich so sehen möchte, höre, was ich ihm auftrage:
 
'''M 52.14''' Er soll mich nach der Ordnung des [[Shri Sukta]] verehren. Dann werde ich ihm diese meine Gestalt gewiss zeigen.‘
 
'''M 52.15''' Nach diesen Worten weckte sie die ohnmächtigen Götter mit ihrem nektargleichen Blick und verschwand vor den Augen Brahmas und der anderen.
 
'''M 52.16''' Als Shakra und die übrigen Götter erwacht waren, hörten sie von Brihaspati, wie die erhabene Göttin Tripura erschienen war. Darauf begann Indra,
 
'''M 52.17''' gemeinsam mit den Göttern und vom Lehrer in die Ordnung der Verehrung eingewiesen, voller Hingabe und Vertrauen die Verehrung nach dem Lakshmi-Sukta.
 
'''M 52.18''' So verehrte er Tripura, die höchste Herrin. Während dieser Verehrung vergingen sechs und fünf Monate, also elf Monate.
 
'''M 52.19''' Inzwischen erfuhr der Lehrer der Daityas von den Unternehmungen der Götter und berichtete Bhandasura alles.
 
'''M 52.20''' ‚Höre, Herr der Daityas! Dein Feind, der Götterkönig, verehrt jetzt auf dem Himalaya voller Hingabe die höchste Kraft.
 
'''M 52.21''' Wenn sie ihm gnädig ist, wird sie dich samt Söhnen und Verwandten in einem Augenblick vernichten, wie ein Waldbrand einen Haufen Gras und Holz verzehrt.
 
'''M 52.22''' Handle, solange du noch nicht zugrunde gegangen bist! Gegen einen Feind, der bei einer überlegenen Macht Zuflucht gefunden hat, sehe ich hier kein anderes Mittel als Verständigung.
 
'''M 52.23''' Übergib Indra rasch Himmel und Erde samt Reichtum und Ausstattung. Behalte nur die Herrschaft über die Unterwelt und nimm selbst
 
'''M 52.24''' Zuflucht zu jener Göttin, der Herrin des Alls. Andernfalls wirst du vernichtet.‘ Nach diesen Worten ehrte Bhanda ihn, und er ging seines Weges.
 
'''M 52.25''' Darauf beriet Bhandasura sich in der Stadt Shunyaka mit seinen in der Staatsberatung geschulten Ministern, die ihm aufwarteten.
 
'''M 52.26''' Auf Befehl des Königs legten sie ihre jeweiligen Ansichten dar: Einer empfahl Verständigung, ein anderer Spaltung der Gegner, ein weiterer Zugeständnisse.
 
'''M 52.27''' Manche rieten zu Gewalt. So geriet die Versammlung in Unruhe. Da erhob sich Vishukras Sohn, der an Klugheit Shukra gleichgeachtet wurde,
 
'''M 52.28''' Shrutavarman mit Namen. Er verneigte sich vor dem Herrscher und sprach: ‚Höre, König, eine Überlegung nach den Grundsätzen der Staatskunst!
 
'''M 52.29''' Der bloß äußere Blick ist fehleranfällig und von Natur aus unstet. Eine Handlung muss mit dem klaren Auge des unterscheidenden Verstandes geprüft werden.
 
'''M 52.30''' Wer ohne Prüfung handelt, geht zugrunde wie eine Motte im Feuer. Wer gründlich prüft, dem wendet sich das Gelingen zu.
 
'''M 52.31''' Ein Minister, der an unbegründeten Vorurteilen festhält, vorschnell nach dem ersten Anschein urteilt, nur das sagt, was der König hören möchte, und stets den eigenen Vorteil sucht,
 
'''M 52.32''' vernichtet zweifellos den König mitsamt seinem Reich – wie ein leckes Boot den Fährmann und die Reisenden im Wasser untergehen lässt.
 
'''M 52.33''' Wer sein Reich erhalten will, muss sich deshalb von schlechten Ratgebern trennen. Höre nun, was als Nächstes zu tun ist!
 
'''M 52.34''' Großer König, einst hast du die Gottheit durch Askese erfreut. Doch Schutz vor Frauen hast du dir nicht erbeten, weil du sie fälschlich für unbedeutend hieltest.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 52.35''' Deshalb ist hier keine Sorglosigkeit angebracht. Schon der mächtige Dämon Mahisha, der die drei Welten beherrschte, wurde von einer Frau getötet.
 
'''M 52.36''' Auch Shumbha und Nishumbha, stark und überaus tapfer, wurden mitsamt ihren Heeren von Chandika im Kampf besiegt; so haben wir gehört.
 
'''M 52.37''' Nicht das Geschlecht entscheidet über den Sieg, sondern Einsicht und Tapferkeit. Höre noch etwas, das seit Langem bekannt ist:
 
'''M 52.38''' Wann immer unter Daityas, Danavas und Rakshasas ein besonders mächtiger Führer auftritt, räumt Vishnu ihn aus dem Weg wie einen Dorn.
 
'''M 52.39''' Nun haben wir gehört, dass Hari, der Feind der Daityas, die höchste Kraft erfreut hat. Sie ist erschienen, um dich zu töten,
 
'''M 52.40''' und zwar aus dem Opferfeuerbecken, weder aus einem Mutterleib noch aus geistiger Zeugung. Schutz vor einem Wesen, das auf keine dieser beiden Arten entsteht, hast du nicht erbeten.
 
'''M 52.41''' Der verehrte Lehrer Shukra ist der Beste der Verständigen. Halte seine Worte nicht für geringfügig, Herr der Daityas!
 
'''M 52.42''' Darum erscheint mir der Rat des Lehrers angemessen. Ein Kluger muss mit allen Mitteln die Gefahr abwenden, die sich aus der gegenwärtigen Lage ergibt.
 
'''M 52.43''' Wo keine übermächtige Gefahr besteht, ist Tapferkeit gut; bei solcher Gefahr ist Verständigung geboten. Wer klar sieht, muss den völligen Verlust seiner Grundlage nach Kräften vermeiden.
 
'''M 52.44''' Ist die Wurzel abgeschnitten, welche Hoffnung bleibt auf Früchte? Wird sie geschützt, können wieder Früchte wachsen. Höre meine wohlbedachte Ansicht, König:
 
'''M 52.45''' Stelle zunächst nach dem Rat des Lehrers Frieden her. Dann verehre wie zuvor durch Askese die Götter und beseitige die verbliebene Lücke in deinem Schutz.
 
'''M 52.46''' Danach kannst du mit neuer Kraft die drei Welten wieder unter deine Herrschaft bringen. Dies ist mein Rat; ich sehe keine sicherere Möglichkeit.
 
'''M 52.47''' Prüfe ihn und handle bald so, wie du es für richtig hältst.‘ Als der Daityaherrscher Bhanda Shrutavarmans Worte hörte,
 
'''M 52.48''' wies er dessen Auffassung vor der Dämonenversammlung zurück. Wie einem Menschen, dessen Ende naht, die hilfreiche Arznei widerstrebt, so missfiel ihm dieser Rat.
 
'''M 52.49''' Da sprach ein von Übermut berauschter Dämon zum Herrscher: ‚Herr der Daityas, höre meinen erfreulichen Rat!
 
'''M 52.50''' Ängstliche Kinder gehören nicht in eine Beratung. Dieses Kind weiß nichts von der Kraft deiner Arme.
 
'''M 52.51''' Er lässt sich von den Worten des furchtsamen Brahmanen Ushanas völlig einschüchtern. Was versteht ein Brahmane von den Kriegsgeschäften der Könige?
 
'''M 52.52''' Brahmanen kennen Opferhandlungen und die Wissenschaft des Veda; sie wissen, wie man Einladungen zum Opfer ordnet. Was haben sie mit Krieg zu schaffen?
 
'''M 52.53''' Sie kennen die scharfe Kante des Opfermessers und sind tapfer beim Auslegen von Kusha-Gras und Brennholz. Die Schneide des Schwertes und ein Feld voller Pfeile kennen sie nicht.
 
'''M 52.54''' Wenn Brahmanen mit bloßer Beratung einen Krieg gewinnen könnten, würden Elefanten vor Dorfhunden vor Angst Wasser lassen!
 
'''M 52.55''' Wenn Brahmanen wirklich das gewaltige Kriegshandwerk verstünden, könnten auch Schakale die Schläfen eines wilden Elefanten aufreißen.
 
'''M 52.56''' Steh auf, König! Jetzt ist nicht die Zeit zum Ausruhen. Frau oder Mann – wer zum Feind geworden ist, darf nicht unbeachtet bleiben.
 
'''M 52.57''' Soll etwa heute eine Frau dich besiegen, Dämonenfürst, dessen Kraft den Meru entwurzeln könnte und dessen sonnenähnliche Macht die drei Welten versengt?
 
'''M 52.58''' Dann könnte man auch einen Berg mit blauen Lotusblättern spalten oder einen massiven Eisenberg mit Grasspitzen durchbohren!
 
'''M 52.59''' Oder bleibe du hier und genieße nach Belieben. Gib nur mir, deinem Diener, den Auftrag; ich gehe und werde in einem Augenblick
 
'''M 52.60''' Brahma und die anderen sowie diese Frau gefesselt oder erschlagen vor dich bringen.‘ Bhanda freute sich über die Worte des Dämons.
 
'''M 52.61''' Dem Verhängnis bereits verfallen, lachte er Shrutavarman aus und sagte: ‚Mein Kind, warum erschrickst du schon beim bloßen Gerede über einen Krieg?
 
'''M 52.62''' In unserem Geschlecht wurde noch nie ein solcher Schwächling geboren und wird nie geboren werden, der schon vor dem Gedanken an einen Kampf mit einer Frau Angst bekommt.
 
'''M 52.63''' Du bist ein Kind. Geh zu deinen Geliebten und mache ihnen schöne Worte! Schande über mich, dass ich jemanden wie dich zum Minister gemacht habe, der jede Beratung zunichtemacht.
 
'''M 52.64''' Deine geschickten, nichtswürdigen Worte zerschlagen selbst den Berg des Mutes tapferer Männer wie ein Donnerkeil.‘ So sprach er, erhob sich mit dem Schwert in der Hand und zog aus, die Götter zu vernichten.
 
'''M 52.65''' Begleitet von zahllosen tapferen Dämonen mit verschiedensten Waffen gelangte er dorthin, wo Shakra und die anderen Tripura verehrten.
 
'''M 52.66''' Als die Götter hörten, dass Bhanda, der Herr der Daityas, herannahte, erschraken sie sehr und riefen laut zur Göttin: ‚Beschütze uns!‘
 
'''M 52.67''' Tripura erkannte ihre Furcht und sprach zur vierzehnten Nitya: ‚Geh, Jvalamalini, beschütze rasch die verängstigten Götter!‘
 
'''M 52.68''' Auf diesen Befehl hin versperrte die heilvolle Jvalamalini mit einer hohen Flammenwand den Weg, auf dem die Dämonen zum Angriff kamen.
 
'''M 52.69''' Bhanda sah das von Feuer umgebene Gebiet und glaubte, die Götter seien in einem Waldbrand umgekommen. Voll Freude kehrte er um.
 
'''M 52.70''' Die Götter jedoch hörten den gewaltigen Lärm des Dämonenheeres, gerieten in Todesangst und beschlossen, ihr Leben hinzugeben. Sie schnitten Teile ihres Körpers ab
 
'''M 52.71''' und opferten sie einzeln im Feuerbecken, um die Göttin zu erfreuen. Nachdem sie ihre Glieder dargebracht hatten, wollten sie den verbliebenen Körper
 
'''M 52.72''' als vollständige Schlussgabe opfern und sprachen leise die entsprechenden Mantras. In diesem Augenblick erschien Tripura, ganz dem Schutz ihrer Verehrer zugewandt,
 
'''M 52.73''' aus der Mitte des Beckens, strahlend wie Millionen Blitze. Ein gewaltiges Knistern und Krachen stieg aus dem Feuer empor.
 
'''M 52.74''' Die Flamme wuchs mächtig an. In ihrer Mitte sahen die Götter die große Göttin als die Fülle aller Schönheit.
 
'''M 52.75''' Freudig riefen sie laut: ‚Sieg, Sieg!‘, und warfen sich zu Boden. Dann erhoben sich Shakra und die anderen und priesen die höchste Herrin.
 
'''M 52.76''' Brahma, Vishnu und die übrigen Götter sowie Weise und Rishis kamen herbei. Vom Himmel regneten Blüten, und himmlische Trommeln erklangen.
 
'''M 52.77''' Sanfte, duftende, angenehm berührende Winde wehten. Brahma und die anderen vollzogen von allen Seiten ihre Verehrung nach der überlieferten Ordnung.
 
'''M 52.78''' Sie brachten ihr große Ehrengaben, Blumengirlanden, verschiedene Speisen, Getränke, vergorene Getränke und auch Fleisch dar.
 
'''M 52.79''' So verehrten und erfreuten sie die Herrin der Götter durch Gesang, Tanz, Instrumentalmusik und viele festliche Feiern.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 52. Kapitel: Die Erscheinung Tripuras auf das inständige Flehen der Götter. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4312.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 53: Shri Sukta, Lopamudra und die Gründung Shripuras===
 
'''Shri und Tripura:''' Das Kapitel erklärt die Beziehung zwischen Lakshmi und Tripura aus der Sicht dieser shaktischen Überlieferung. Es lobt das sechzehnversige Shri Sukta, gibt dessen Wortlaut aber nicht wieder. Die erwähnte sechzehnsilbige Vidya wird hier ebenfalls nicht ausgeschrieben.
 
'''M 53.1''' „Nachdem Shakra und die anderen Götter die höchste Herrin gesehen hatten, wandten sie sich an Brahma und die übrigen, damit die Göttin unter ihnen bleibe.
 
'''M 53.2''' Höre, Kruggeborener, wie Brahma und die anderen daraufhin die Weltherrin verehrten und sie baten:
 
'''M 53.3''' ‚Höchste Herrin, Shakra und die anderen wünschen, dass du in dieser Welt Wohnung nimmst, damit wir dich beständig schauen können.
 
'''M 53.4''' Wir, die Herren der kosmischen Eigenschaften, können durch die Macht deiner Gnade deine eigene Welt erreichen und dort deine Lotusfüße sehen.
 
'''M 53.5''' Shakra und die anderen Götter aber sind durch deine Weltordnung gebunden und können die Grenze ihres Welteis nicht überschreiten. Auch sie möchten dich schauen.
 
'''M 53.6''' Darum erschaffe hier eine Wohnstatt und verweile darin!‘ So von Brahma und den anderen gebeten, nahm Mutter Tripura, die höchste Herrin,
 
'''M 53.7''' mit ihrem Gefolge Wohnung in einer herrlichen Stadt, die Vishvakarman auf dem Meru-Gipfel errichtete – so, wie sie in ihrer eigenen Welt wohnt.
 
'''M 53.8''' Auf weitere Bitte machte die Mutter Kameshvara, den sie durch Teilung eines Anteils ihrer selbst gestaltet hatte, zu ihrem Gemahl und vermählte sich mit ihm.
 
'''M 53.9''' Als der Kruggeborene Hayagrivas Bericht hörte, wurde sein Interesse an der Herrlichkeit der Höchsten geweckt, und er fragte:
 
'''M 53.10''' ‚Hayagriva, Meer des Mitgefühls! Wo liegt diese Stadt, in der die Höchste wohnt? Wie ist sie beschaffen, und welche Ausdehnung hat sie?
 
'''M 53.11''' Wie konnte der Weltenbaumeister jene Welt kennen, die Indra und den anderen unzugänglich ist? Wie heißt sie, und wie ist sie angeordnet?
 
'''M 53.12''' Außerdem haben Shakra und die anderen Mutter Tripura nach der Ordnung des Shri Sukta verehrt und dadurch ihre Gunst erlangt.
 
'''M 53.13''' Wie ist diese Ordnung beschaffen, wie dieses Sukta? Welche Herrlichkeit besitzt es? Bitte erkläre mir dies!
 
'''M 53.14''' Pferdegesichtiger, habe Mitgefühl mit deinem hingebungsvollen Schüler!‘ So befragt, hörte Hayagriva, der große Weise, aufmerksam zu.
 
'''M 53.15''' Er hielt Agastya für geeignet und antwortete erfreut: ‚Höre, Kruggeborener! Ich werde es dir erklären, denn du bist voller Hingabe und Vertrauen.
 
'''M 53.16''' Dies soll nicht einem Vertrauenslosen, einem Hingabelosen oder einem Unaufrichtigen mitgeteilt werden. Du bist gesegnet auf Erden,
 
'''M 53.17''' denn dein Eifer, diese Geschichte zu hören, ist so groß. Ich kenne die Ursache dafür; ihre Frucht ist keineswegs gering, Weiser.
 
'''M 53.18''' Hingabe an die Gottheiten, welche die kosmischen Eigenschaften verkörpern, ist verbreitet. Hingabe an Tripuras Füße dagegen ist überaus selten.
 
'''M 53.19''' Das Leben, in dem Hingabe an Tripura entsteht, gilt hier als die letzte Geburt. Hingabe an Shiva, Vishnu und die anderen wird als Eingang zu diesem Weg beschrieben.
 
'''M 53.20''' Wer nach und nach Vishnu und die anderen verehrt und zur Verehrung der Füße der erhabenen Göttin gelangt, wird vollständig befreit; anders, so erklärt der Text, nicht einmal in Millionen Weltperioden.
 
'''M 53.21''' Ich werde dir die Begründung nennen, damit kein Zweifel bleibt. Einem Weltherrscher dienen in der gewöhnlichen Welt verschiedene Amtsträger,
 
'''M 53.22''' höhere, mittlere und untere. Sind sie günstig gestimmt, gewähren sie Zugang zu ihrem eigenen Bereich und weisen den Weg zu den über ihnen Stehenden.
 
'''M 53.23''' So gewährt zunächst ein freundlich gestimmter Torhüter ungehinderten Eintritt durch das Tor und zeigt den Weg zum Aufseher des Hofes, Kruggeborener.
 
'''M 53.24''' Dass Brahma und die anderen den kosmischen Eigenschaften zugeordnet sind und die Höchste verehren, gilt in dieser Überlieferung als bekannt; deshalb sollst du daran nicht zweifeln.
 
'''M 53.25''' Obwohl die Wirklichkeit nichtdual ist, gibt es aus der Sicht der Weltordnung eine Unterscheidung von Haupt- und Nebenfunktionen, wie der Kopf im Verhältnis zu den übrigen Körperteilen.
 
'''M 53.26''' Menschen, die durch unheilsames Handeln verblendet sind und trotz offener Augen nicht sehen, finden darin kein Vertrauen. Selbst die aus ihren Füßen hervorgegangenen Gottheiten sind beständig ihrer Verehrung zugewandt. ''[Der zweite Halbvers ist im Zusammenhang nicht eindeutig.]''
 
'''M 53.27''' Du aber bist sehr gesegnet, Brahmane, weil du Liebe zur erhabenen Höchsten gefunden hast. Dies ist die Größe guter Gemeinschaft. Welch Glück, welch gereifte Askese!
 
'''M 53.28''' Höre nun, was deine Hingabe an die Füße der Höchsten geweckt hat. Deine geliebte, treue Frau, die Königstochter Lopamudra,
 
'''M 53.29''' gewann schon im Haus ihres Vaters Hingabe zum höchsten Zustand. Ich erkläre dir den verborgenen Grund dafür, den sonst niemand kennt.
 
'''M 53.30''' Eine der Hauptkräfte Tripuras heißt Bhagamalinika. Der König war ihr stets mit seinem ganzen Wesen ergeben.
 
'''M 53.31''' Deine Frau war von Kindheit an reinen Herzens und ihrem Vater im Dienst zugetan. Sie beobachtete die geordnete Verehrung der Göttin, die ihr Vater vollzog.
 
'''M 53.32''' Wenn er mit den Regierungsgeschäften beschäftigt war, führte sie die Verehrung aus. Durch lange, hingebungsvolle Verehrung und innere Betrachtung
 
'''M 53.33''' erfreute sie die Göttin. Diese bot ihr eine Gabe an, und Lopamudra wählte die Verehrung der Füße jener Höchsten, die von der ganzen Welt verehrt wird.
 
'''M 53.34''' Die gnädige Göttin wies sie auf die wahre Vidya Tripuras hin. Nachdem diese ihr angezeigt worden war, erschloss Lopamudra sie aus dem Meer der heiligen Rede
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 53.35''' wie einen kostbaren Edelstein. Durch die Gnade der Göttin erlangte sie den Rang einer Seherin dieser Vidya, die daraufhin unter ihrem Namen bekannt wurde.
 
'''M 53.36''' Durch die Kraft deiner Gemeinschaft mit ihr ist auch deine Hingabe erwacht.‘ Als der Kruggeborene von der großen Herrlichkeit seiner Frau hörte,
 
'''M 53.37''' war er erfreut und ehrte sie als eine den Füßen der Göttin ganz Ergebene. Dann sprach Hayagriva heiter zu Agastya:
 
'''M 53.38''' ‚Höre gesammelt, Sohn des Kruges! Ich erkläre dir die höchst läuternde Ordnung des Shri Sukta, nach der du gefragt hast.
 
'''M 53.39''' Sie soll nicht einem Hingabelosen oder einem ausschließlich einer anderen Gottheit Zugewandten mitgeteilt werden. Wie die Vidya soll sie in dieser Überlieferung sorgsam bewahrt werden.
 
'''M 53.40''' Das Shri Sukta mit seinen sechzehn Versen stammt aus dem ursprünglichen Veda. Einst schaute Shri es und hob es aus dem Meer des Veda hervor.
 
'''M 53.41''' Mit ihm verehrte sie nach der rechten Ordnung die höchste Kraft Tripura, erlangte den Rang der Weltmutter und wurde von allen verehrt.
 
'''M 53.42''' Einundzwanzig mal hundert Millionen Jahre verehrte sie die Höchste. Dann wurde Tripura gnädig und bot ihr eine Gabe an.
 
'''M 53.43''' Shri wählte die völlige Vereinigung mit ihr. Darauf sprach die höchste Mutter: „Mein Kind, ohne dich kann Vishnu die Welten nicht erhalten.
 
'''M 53.44''' Wenn er sie nicht erhält, würden sie augenblicklich zerfallen. Dadurch würde meine Weltordnung verletzt; deshalb ist diese Vereinigung jetzt nicht angemessen.
 
'''M 53.45''' Stattdessen gewähre ich dir Folgendes: Ich werde immer deinen Namen und deine Wesensgestalt tragen. Höre, wie dies geschehen soll!
 
'''M 53.46''' Ich werde Shri Vidya heißen, meine Stadt Shripura, mein Chakra Shri Chakra und meine Verehrungsordnung Shri Krama.
 
'''M 53.47''' Dieses Sukta wird mein Shri Sukta sein, meine Vidya wird Shri Shodashi heißen. Als Mahalakshmi werde ich bekannt sein und in Wesenseinheit mit dir bestehen.
 
'''M 53.48''' Du wirst in vier Gestalten an meiner Seite verehrt werden. Was dir in der Welt lieb ist, wird auch mir lieb sein.
 
'''M 53.49''' Am Freitag verehren dich deine Anhänger nach der rechten Ordnung. An diesem Tag sollen auch meine Verehrer mir besondere Verehrung darbringen.
 
'''M 53.50''' Wenn sie mich mit den Mantras dieses Sukta, mit Ehrengaben und mit verschiedenen Opferstoffen verehren, werde ich gnädig und erfülle ihre Wünsche.
 
'''M 53.51''' Wenn sie mein Yantra, mein Bild oder eine andere Verehrungsform mit Wasser, Milch und Fruchtsäften übergießen, gewähre ich die ersehnten Früchte.
 
'''M 53.52''' Bei meiner täglichen Verehrung, bei anlassbezogenen und wunschbezogenen Riten und auch sonst soll beim rituellen Bad der Göttin das Lakshmi-Sukta mit seinen sechzehn Versen rezitiert werden.
 
'''M 53.53''' Schon nach einer vollständigen Rezitation, so die Verheißung, wohnt Lakshmi beständig im Haus des Verehrenden. Wer die aufwendige Verehrung nicht vollziehen kann, aber regelmäßig dein Sukta rezitiert,
 
'''M 53.54''' hat dadurch alles vollständig getan; ich bin erfreut. Auch die Vidya wird mir durch ihre Verbindung mit dir besonders lieb sein.
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''M 53.55''' Ich bin die Vidya selbst. Dein überaus heilvolles Bija ergänzt sie zur Fülle; so wird sie als die große sechzehnsilbige Shri-Vidya gelehrt.
 
'''M 53.56''' Bei den einzelnen Ehrengaben der Puja sollen die Mantras aus dem Sukta gesprochen werden. So wird diese Puja zur großen Verehrung, und ich werde rasch gnädig.
 
'''M 53.57''' Im Sukta bin ich als sein Bedeutungssinn verborgen, und auch mein Bija ist darin verborgen. Die Seher erflehen meine vollkommene Gestalt vom väterlichen Feuer.
 
'''M 53.58''' Nichts ist mir in der Welt lieber als dein Sukta. Du bist ich, Göttin, und ich bin du. Zwischen uns besteht keine Trennung.
 
'''M 53.59''' Wer eine solche Trennung behauptet, wird große Schwierigkeiten erfahren.“ Nachdem die höchste Tripura Rama-Lakshmi diese Gabe gewährt hatte,
 
'''M 53.60''' ging sie unvermittelt in den weiten Raum ein. Damit ist dir, Kruggeborener, die Herrlichkeit des Shri Sukta erklärt. Teile dies keinesfalls
 
'''M 53.61''' Hingabelosen, Unaufrichtigen oder Menschen ohne inneres Vertrauen mit. Nun erzähle ich dir die überweltliche Geschichte Shripuras. Höre!
 
'''M 53.62''' Schon durch ihr Hören, so heißt es, wird man von allen Verfehlungen frei. Als Brahma und die anderen die höchste Göttin gebeten hatten,
 
'''M 53.63''' für Shakra und die übrigen sichtbar Wohnung zu nehmen, stimmte sie zu und nahm spielerisch eine sichtbare Gestalt an.
 
'''M 53.64''' Darauf rief Brahma den Baumeister Tvashtar herbei und beauftragte ihn, auf dem hohen Meru-Gipfel Shripura für die Göttin zu errichten.
 
'''M 53.65''' Vishvakarman verneigte sich vor dem Urvater und sagte: „Erhabener, ich kenne jene Stadt nicht. Wo liegt sie?
 
'''M 53.66''' Welche Ausdehnung und Gestalt hat sie? Wie ist sie aufgebaut? Erkläre es mir, Erhabener; wenn ich es gehört habe, werde ich sie errichten.“ ''[Eine Wortgruppe in der ersten Hälfte ist beschädigt; die Frage nach Gestalt und Beschaffenheit ist deutlich.]''
 
'''M 53.67''' Da sprach der Schöpfer der Welt: „Höre, Weltenbaumeister! Ich erkläre dir die Maße, Anordnung, Beschaffenheit
 
'''M 53.68''' und Gestalt Shripuras ganz deutlich. Höre aufmerksam! Schon das Hören davon kann heilvolle Hingabe an Tripuras Füße wecken.
 
'''M 53.69''' Der goldene Berg namens Sumeru trägt die Gestalt des vielfältigen Weltbildes. In seiner Mitte liegt ein großer Gipfel von vierhundert Yojanas Ausdehnung.
 
'''M 53.70''' Dort errichte die Stadt der Göttin Tripura, Weltenbaumeister! Höre meine Beschreibung und führe sie sorgfältig aus.
 
'''M 53.71''' Die Stadt soll bezaubernd und überaus schön sein, geschmückt mit verschiedenen Ringwällen, wie ein Abbild der Welt. Höre nun meine Worte!“‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya, im Gespräch zwischen Hayagriva und Agastya, das 53. Kapitel: Die Ordnung des Shri Sukta und die Beschreibung der Errichtung des Shri Chakra. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4383.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 54: Die Stadt der Göttin===
 
'''Eine heilige Stadt als Bewusstseinsbild:''' Die kosmischen Maße gehören zur religiösen Schilderung. Die konzentrischen Wälle führen von Metallen und Edelsteinen über Geist, Verstehen und Ichbewusstsein bis zur Göttin im Shri Chakra. Die Bilder verbinden Verehrung, Kosmologie und Erkenntnis.
 
'''M 54.1''' „Außerhalb der unzähligen Millionen [Welten] und über ihnen liegt ein unermesslicher Nektarozean, Weltenbaumeister. ''[Der erste Halbvers ist unvollständig; das Bezugswort „Welten“ ist aus dem Zusammenhang ergänzt.]''
 
'''M 54.2''' Seine tanzenden Wellen türmen sich hoch wie der Sumeru. In seiner Mitte liegt die Juweleninsel Manidvipa, deren Glanz alle Finsternis vertreibt.
 
'''M 54.3''' Sie erstreckt sich über Hunderte von Koti Yojanas; eine Koti entspricht zehn Millionen und ist überaus bezaubernd. Ringsum schmücken vielfältige Wälder wunscherfüllender Bäume das Land.
 
'''M 54.4''' Dort liegt ihre Stadt, strahlend von allen Arten von Edelsteinen. Länge und Breite betragen jeweils vierhunderttausend Yojanas.
 
'''M 54.5''' Ihr äußerer Ringwall hat dieselbe Ausdehnung und besteht aus festem Eisen. Er ist viereckig, nach allen Seiten wohlgeordnet und erhellt die Himmelsrichtungen.
 
'''M 54.6''' Mit seinen Aufbauten ist er viertausend Yojanas hoch, besitzt vier Tore und wird außen von einem Graben umgeben.
 
'''M 54.7''' Siebentausend Yojanas weiter innen steht ein strahlender Ringwall aus Bronze, dessen Maße der beschriebenen Ordnung folgen.
 
'''M 54.8''' Der Zwischenraum ist von Hunderten Gärten mit Wunschbäumen erfüllt und von Hunderten Wasserbecken geschmückt, jedes zehn Yojanas weit.
 
'''M 54.9''' In den acht Richtungen liegen Seen voller erblühter Lotusblumen, jeweils hundert Yojanas weit, im Bereich zwischen den Einfassungen. ''[Die genaue räumliche Zuordnung im zweiten Halbvers ist bereits in der Vorlage als unsicher gekennzeichnet.]''
 
'''M 54.10''' Der innere Boden ist mit Bronze gestaltet; vielerlei Vögel und Tiere leben dort. Im Bereich der Lotusseen liegen acht bronzene Häuser.
 
'''M 54.11''' Sie sind mit mannigfaltigen Bildern geschmückt, von fünf Einfassungen umgeben und jeweils hundert Yojanas breit und hoch.
 
'''M 54.12''' Auf einem großen Sitz thront Mahakala, von Kali umfangen. Er ist erfüllt von der Gunst, die er durch den Dienst an den Füßen Mutter Tripuras erlangte.
 
'''M 54.13''' Er hat sich achtfach entfaltet und wohnt in den acht Häusern, ständig umgeben und verehrt von zahllosen Scharen seines Gefolges.
 
'''M 54.14''' Im genannten Abstand innerhalb des bronzenen Ringwalls liegt ein kupferner Ringwall, glänzend wie die junge Morgensonne.
 
'''M 54.15''' Maße, Tore, Wasserbecken, Lotusseen und Häuser folgen der beschriebenen Ordnung. Der Zwischenraum ist außen mit Bronze und innen mit Kupfer gestaltet.
 
'''M 54.16''' Wie zuvor gibt es dort Wälder wunscherfüllender Bäume. In den Häusern glänzt der anmutige Frühlingsgott.
 
'''M 54.17''' Zusammen mit den Kräften Madhu und Madhava sowie seinem Gefolge verehrt er die höchste Mutter und erstrahlt in seiner eigenen Herrlichkeit.
 
'''M 54.18''' Die Maße der Wälle, Tore, Wasserbecken und Lotusseen sind entsprechend der bereits genannten Ordnung zu verstehen. Ich beschreibe nun jeweils ihre besonderen Merkmale.
 
'''M 54.19''' Es folgt ein Ringwall aus Blei, umgeben von Santana-Bäumen. Dort wohnt der Sommer, begleitet von den Kräften Shukra und Shuchi.
 
'''M 54.20''' Der nächste Wall besteht aus Messing und hat Gärten mit gelbem Sandelholz. Dort erstrahlt die Regenzeit mit den Kräften Nabhas und Nabhasya.
 
'''M 54.21''' Ein Wall aus fünf Metallen ist von Mandara-Bäumen geschmückt. Dort herrscht der Herbst mit den Kräften Isha und Urja.
 
'''M 54.22''' Darauf folgt ein silberner Wall mit Parijata-Wäldern. Dort erstrahlt der frühe Winter mit den Kräften Sahas und Sahasya.
 
'''M 54.23''' Der nächste Ringwall ist golden und glänzt wie hundert junge Sonnen. Dort liegt ein Kadamba-Wald, erfüllt vom Duft berauschenden Blütentranks.
 
'''M 54.24''' Süßer Bienengesang, Tanz und Musik erfüllen ihn; Scharen von Papageien verleihen ihm mit ihren lieblichen Rufen besondere Schönheit.
 
'''M 54.25''' Dort wohnt die Göttin Mantrini, die Ratgeberin, welche die Welt bezaubert. Sie ist die göttliche Mutter der Musik und als [[Matangi]] bekannt.
 
'''M 54.26''' Zu ihren Gestalten gehören Shuka-Shyamala, Sharika, Hasantika, Vina-Shyamala, Venu-Shyamala und Laghu-Shyamala.
 
'''M 54.27''' Raja-Shyamala ist die Ratgeberin selbst. Hinzu tritt Shri-Matrika; so stehen ihre Gestalten in den acht Richtungen. ''[Die Namensfolge in Vers 26–27 ist in der Vorlage stellenweise beschädigt; ihre genaue Abgrenzung bleibt unsicher.]''
 
'''M 54.28''' Millionen und Abermillionen Matanga-Töchter umgeben sie. Weiter innen folgt ein Wall aus gelbem Edelstein, nach derselben Ordnung wie zuvor.
 
'''M 54.29''' Dort meditiert der Herr der Siddhas, von Vollendeten umgeben, über die Höchste. Innerhalb davon liegt ein Wall aus roten Rubinen, rot wie die Spitze einer Flamme.
 
'''M 54.30''' Dort wohnen die Charanas, Verehrer Tripuras, mit ihren Gefährtinnen. Es folgt ein Wall aus Gomedaka-Edelsteinen; dort weilt inmitten der Bhairava-Herren
 
'''M 54.31''' die Göttin Kalasamkarshini, umgeben von Scharen junger Bhairava-Gestalten. Sie ist furchterregend, dunkel wie eine Gewitterwolke und trägt ein Schwert.
 
'''M 54.32''' Acht große Bhairavas, die Herren von achtzig Millionen Bhairavas, und dreihundertzwanzig Millionen Batukas verehren sie beständig.
 
'''M 54.33''' Sie meditiert über die Lotusfüße der großen Königin und erstrahlt in Herrlichkeit. Danach folgt ein diamantener Wall. Dort fließt der Fluss Vajra,
 
'''M 54.34''' der das Gebiet wie ein Graben umschließt und in den Nektarozean mündet. Seine Ufer glänzen aus Gomedaka und Diamant.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 54.35''' Dort wohnt Vajreshvari, leuchtend mit Diamantschmuck. Sie freut sich an Diamantgaben und wird von Indra, dem Donnerkeilträger, und den anderen verehrt.
 
'''M 54.36''' Innerhalb davon liegt ein Wall aus Vaidurya. Dort verweilen die Nagas und die Söhne Ditis und meditieren unablässig über die Lotusfüße der höchsten Mutter.
 
'''M 54.37''' Dann folgt ein Wall aus blauem Saphir, in dessen Bereich Menschen wohnen. Innerhalb des folgenden Perlenwalls stehen die Hüter der Himmelsrichtungen an ihren jeweiligen Plätzen.
 
'''M 54.38''' Es folgt ein Smaragdwall mit Wäldern goldener Palmen. Der aus den Palmen fließende Trank erfüllt die Umgebung mit starkem Duft.
 
'''M 54.39''' Dort wohnt die erhabene Dandini, die Göttin der strafenden Ordnung, mit ihrem Gefolge und weist den Fehlhandelnden die entsprechende Strafe zu. ''[Die Bezeichnung des Gefolges im ersten Halbvers ist beschädigt.]''
 
'''M 54.40''' Durch den Genuss des süßen Tranks ist sie innerlich vom Meer der Freude erfüllt. Danach folgt ein korallener Wall; in seinem inneren Bereich
 
'''M 54.41''' verweilen viele vollendete Weise und Yogis. Anschließend liegt ein besonders schöner, heilvoller Wall aus neun Edelsteinarten.
 
'''M 54.42''' Dort erstrahlt Vishnu, dessen Füße von seinem Gefolge verehrt werden. Ein weiterer strahlender Wall besteht aus einer Fülle verschiedener Edelsteine.
 
'''M 54.43''' Dort wohnt der dreiäugige Shiva, dem die Pramathas dienen. Danach folgt ein aus Geist bestehender Wall, rot wie das Morgenlicht.
 
'''M 54.44''' In seinem Inneren liegt ein Nektarbecken, das den Bereich wie ein Graben umgibt. Es ist von erblühten Lotusblumen erfüllt und nimmt ein Drittel des Zwischenraums ein.
 
'''M 54.45''' Schwäne, Enten, Chakravaka-Vögel und Kraniche schmücken es. In seiner Mitte liegt ein mit neun Edelsteinarten besetztes Boot.
 
'''M 54.46''' Darin sitzt auf einem Lotusthron [[Tara]], die ihre Verehrer hinüberführt. Zahllose Kräfte auf kostbaren Booten umgeben sie.
 
'''M 54.47''' Ohne Dandinis Erlaubnis führt sie niemanden hinüber. Danach folgt ein Wall aus unterscheidendem Verstehen, klar wie die Mondscheibe.
 
'''M 54.48''' Dort liegt das Becken der Glückseligkeit, in jeder Hinsicht so schön wie zuvor beschrieben. Amriteshvari steht darin auf einem Boot, von ihren Kräften umgeben.
 
'''M 54.49''' Dieses Becken ist von der Freude des göttlichen Tranks erfüllt; ihr Inneres ist voller Wonne. Ohne Amriteshvaris Erlaubnis trinkt niemand daraus.
 
'''M 54.50''' Niemand überquert das von ihr geschützte Becken ohne ihre Zustimmung. Danach folgt eine Einfassung aus Ichbewusstsein, dunkel
 
'''M 54.51''' wie eine blaue Wolke. Darin liegt das Becken namens Vimarsha, reflektierendes Selbstgewahrsein, dessen Wasser der Geschmack der Erkenntnis ist: still und kühl.
 
'''M 54.52''' Dort befindet sich die große Göttin Kurukulla auf einem Boot. Ohne ihre Erlaubnis erlangt niemand auch nur ein wenig dieses Nektars.
 
'''M 54.53''' Wer auch nur einen Tropfen davon trinkt, lässt alles aus Nichtwissen entstandene Brennen los und schaut das Wesen der Welt unverhüllt.
 
'''M 54.54''' Danach folgt ein aus Sonne bestehender Wall, eine Fülle von Licht. Darin sitzt Surya auf einem Lotussitz.
 
'''M 54.55''' Er ist von den zwölf Sonnengestalten, darunter Martanda-Bhairava, umgeben. Verehrer mit sonnenleuchtenden Körpern preisen ihn.
 
'''M 54.56''' Es folgt eine Mondeinfassung, strahlend wie Millionen Monde. Dort wohnt König Soma und ergießt mit seinen Strahlen Nektar.
 
'''M 54.57''' Innerhalb davon liegt der besonders vielfältig gestaltete Wall der Liebesschönheit, aus einer Fülle von Kaustubha-Edelsteinen erbaut.
 
'''M 54.58''' In seiner Mitte liegt ein Graben voll klarer Liebeswonne. Auf einem Boot aus Kaustubha-Edelsteinen, das ebenfalls Liebesschönheit heißt,
 
'''M 54.59''' wohnt Kandarpa, der Liebesgott, mit Rati und Priti. Millionen von Liebesgöttern und ihren entsprechenden Liebeskräften dienen ihm.
 
'''M 54.60''' Als einer der vorzüglichsten Verehrer Tripuras erfreut er sich dort. Jenseits davon liegt ein großer, von Duft erfüllter Lotuswald.
 
'''M 54.61''' Es ist ein Wald von Landlotusblumen. Ihre Stiele, Blätter, Staubfäden und Blütenböden sind außerordentlich groß; ich werde ihre Maße nennen.
 
'''M 54.62''' Die Stiele sind tausend Yojanas lang und eine Gavyuti dick. Für die Blätter wird eine Ausdehnung von zwanzig Yojanas genannt.
 
'''M 54.63''' Die Blätter sind dreißig Yojanas lang, Sohn des Kruges, die Staubfäden fünfzehn Yojanas. ''[Die beiden Verse nennen für patra unterschiedliche Maße; möglicherweise sind Breite und Länge gemeint. Der Wortlaut unterscheidet dies nicht sicher.]''
 
'''M 54.64''' Die Blütenböden sind zehn Yojanas weit. Die darin lebenden Bienen glänzen wie Edelsteine und sind so groß wie Berggipfel.
 
'''M 54.65''' In diesem Wald liegt das überaus strahlende Haus der Göttin Tripura, aus kostbarsten Wunschjuwelen erbaut und vielfältig geschmückt.
 
'''M 54.66''' Es besitzt vier Tore. Dort steht ein göttlicher runder Untersatz, dessen Wesen Feuer ist, verbunden mit dessen Kräften.
 
'''M 54.67''' Er ist fünfhundert Yojanas breit und halb so hoch. Darauf steht ein Gefäß, dessen Wesen Sonne ist, verbunden mit ihren zwölf Kräften.
 
'''M 54.68''' Es ist tausend Yojanas breit und anderthalbtausend hoch. Es ist vollständig gefüllt mit wohlschmeckendem, lieblich duftendem Nektartrank.
 
'''M 54.69''' Dieser hat das Wesen des Mondes und ist von dessen Kräften umgeben. Der Mond weilt dort auf einem Boot und spielt in den Wellen des Nektartranks.
 
'''M 54.70''' Der Trank ist für die Kräfte bestimmt, die im Shri Chakra wohnen, ebenso für die reinen Kräfte im großen Lotuswald.
 
'''M 54.71''' Durch die Gunst der Hauptkräfte empfangen sie davon und erfreuen sich beständig. Südöstlich befindet sich ein großes Opferbecken, umkränzt von Flammen des Bewusstseinsfeuers.
 
'''M 54.72''' Es ist tausend Yojanas weit und ebenso tief und besitzt drei Stufenränder. Jeder Rand ist hundert Yojanas hoch und breit.
 
'''M 54.73''' Dort brennt das bewusste Feuer, aus dem die Göttin Tripura erschien, umgeben von einer zweitausend Yojanas hohen Flammenkrone.
 
'''M 54.74''' Westlich des Hauses steht der Wagen in Gestalt des Chakra, mit mannigfaltigen Edelsteinen besetzt und tausend Yojanas lang.
 
'''M 54.75''' Er ist viermal so hoch und mit neun Ebenen überaus schön gestaltet. Die zehn Sinnes- und Handlungsorgane sind seine Pferde, der Geist ist sein Lenker.
 
'''M 54.76''' Die heiligen Überlieferungen sind seine Räder, Yoga seine Zügel, der Wind sein Banner und der Raum sein Baldachin. Dieser große Wagen besteht aus allen Welten. ''[Eine zusätzliche Bestimmung im ersten Halbvers ist in der Vorlage unklar.]''
 
'''M 54.77''' In der Mitte jenes Wunschjuwelenhauses befindet sich der herrliche Mittelpunkt des Shri Chakra, umgeben von den Göttinnen seiner neun Einfassungen.
 
'''M 54.78''' In dessen Mitte erstrahlt Tripura als Lichtgestalt, auf dem aus den fünf Brahmas bestehenden Lager, auf Kameshvaras Schoß.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Tripura-Erzählung das 54. Kapitel: Die Beschreibung Shripuras. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4461.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 55: Kameshvari, Kameshvara und die Entfaltung der Kräfte===
 
'''Einheit und göttliches Paar:''' Die Forderung der Götter nach einem Gemahl folgt zunächst zeitgebundenen gesellschaftlichen Vorstellungen. Sadashivas Antwort betont ausdrücklich die völlige Unabhängigkeit der Göttin. Kameshvara erscheint anschließend aus ihr selbst. Die Versnummer 6 fehlt in der Textgrundlage; die Zählung wird unverändert bewahrt.
 
'''M 55.1''' „Vishvakarman hörte diesen wunderbaren Bericht und fragte, tief erstaunt, den Urvater aller Welten:
 
'''M 55.2''' ‚Erhabener Urvater, in meinem Herzen bestehen dazu noch viele Zweifel. Ich frage dich danach; bitte erkläre es mir!
 
'''M 55.3''' Wer hat diese Wohnstatt geschaffen, wann und aus welchem Grund? Es hieß, niemand außer den aus den kosmischen Eigenschaften hervorgegangenen Gottheiten könne dorthin gelangen.
 
'''M 55.4''' Nun wurden dort aber auch andere Götter, Menschen, Nagas und weitere Wesen beschrieben. Wie ist dies zu verstehen? Herr, habe Mitgefühl mit mir!‘
 
'''M 55.5''' So befragt, antwortete der Weltenherr dem Weltenbaumeister: ‚Höre, Tvashtar! Ich erzähle dir diese tief verborgene Begebenheit.
 
'''M 55.7''' Einst waren wir unablässig mit Schöpfung und den anderen Welttätigkeiten beschäftigt. Da unser Inneres dadurch stets beansprucht war, verehrten wir die Mutter, bis sie uns gnädig wurde.
 
'''M 55.8''' Tripura, die höchste Kraft, deren Wesen reines Bewusstsein ist, erschien ungeteilt wie der Raum, körperlos und nur als heilvolle Stimme.
 
'''M 55.9''' Sie sprach: „Meine Kinder, was wünscht ihr?“ Als wir ihre Worte hörten, verneigten wir uns und antworteten.
 
'''M 55.10''' Wir priesen sie mit verschiedenen Hymnen und sprachen ehrerbietig mit gefalteten Händen: „Große Göttin, du hast uns beständig mit diesen Aufgaben der Welt betraut.
 
'''M 55.11''' Doch wir finden darin keine Freude. Außer dem Verweilen in deinem eigenen Wesen vermag uns nichts zu erfreuen.
 
'''M 55.12''' Es ist, als sollte jemand nach dem Kosten von Nektar Salzwasser trinken. Habe Mitgefühl, Herrin der Götter; wir finden an diesen Tätigkeiten kein Gefallen.“
 
'''M 55.13''' Auf diese Worte von uns, Brahma und den anderen, antwortete Tripura: „Brahma und ihr übrigen, dies kann jetzt nicht geschehen.
 
'''M 55.14''' Meine von mir selbst zuvor bestimmte Weltordnung lässt sich nicht einfach umgehen. Denkt deshalb nicht weiter in dieser Weise. Ich werde euch einen anderen Wunsch erfüllen.“
 
'''M 55.15''' Da baten wir Tripura, die Förderin der Welten: „Wenn es so ist, Mutter, nimm auch du eine sichtbare göttliche Gestalt an.
 
'''M 55.16''' Werde zur Königin aller Könige und leite die Gesamtheit der Welteier. Wenn wir deine Gestalt täglich verehren,
 
'''M 55.17''' werden wir auch an unseren Aufgaben und am Befolgen deiner Weisung Freude finden.“ Die höchste Tripura hörte unsere Bitte und sagte:
 
'''M 55.18''' „So sei es! Zu eurem Wohl nehme ich eine sichtbare Gestalt an. Ich werde jedoch nicht in einem einzelnen Weltei wohnen,
 
'''M 55.19''' sondern im Nektarozean eine Juweleninsel schaffen, die allen Welten gemeinsam zugänglich ist. Dort sollen die Weltenherren mich hingebungsvoll verehren.
 
'''M 55.20''' Entzündet dort im Opferbecken das reine Bewusstseinsfeuer und betrachtet mich nach eurem Wunsch in heilvoller weiblicher oder männlicher Gestalt.
 
'''M 55.21''' Ich werde entsprechend eurer Betrachtung erscheinen und die Schar der Welten leiten. Den Brahmas und den anderen Herrschern aller Welteier
 
'''M 55.22''' werde ich mich beständig in einer sichtbaren Gestalt zeigen.“ Nach diesen Worten verschwand sie vor uns, Brahma und den übrigen.
 
'''M 55.23''' Ihrem Wort folgend verließen wir das Weltei und erreichten den Nektarozean. Überall suchten wir nach der Juweleninsel.
 
'''M 55.24''' Nach langer Suche fanden wir Manidvipa, ganz aus neun Edelsteinarten bestehend, deren eigener Glanz die Himmelsrichtungen erfüllte.
 
'''M 55.25''' Dort errichteten wir ein herrliches Opferbecken in den bereits genannten Maßen. Dann fragten wir uns, wie wir darin Feuer entzünden sollten.
 
'''M 55.26''' Es gab dort weder Feuer noch Brennstoff. Da ließ Shiva aus seinem Auge Feuer in das Becken treten.
 
'''M 55.27''' Weil dieses Feuer ohne Brennstoff zu erlöschen drohte, gestaltete Vishnu aus Anteilen seines eigenen Geistes Brennholz.
 
'''M 55.28''' Als das Feuer loderte, stellte ich, Brahma, meinen Geist als Opfertier, das unterscheidende Verstehen als geklärte Butter und das Ichbewusstsein als Opfergabe vor.
 
'''M 55.29''' Die Sinne und inneren Fähigkeiten machte ich zu den Opfergefäßen, um die höchste Gottheit zu verehren. In meinem Inneren betrachtete ich im Feuer ihre weibliche Gestalt so, wie sie beschrieben wurde.
 
'''M 55.30''' Nachdem ich sie so betrachtet und die Gabe geopfert hatte, erschien die höchste Herrin aus dem Feuerbecken, genau entsprechend dieser Meditation.
 
'''M 55.31''' Wir priesen die höchste Kraft. Dann trat die Schönste der drei Welten aus dem Feuer heraus.
 
'''M 55.32''' Die Höchste sagte zu mir: „Zeige mir meinen Sitz!“ Auf ihren Befehl gestaltete ich einen ausgezeichneten Sitz.
 
'''M 55.33''' Doch schon bei ihrer Berührung zerfiel er. Immer wieder schuf ich feste Sitze verschiedenster Art; jeder zerbrach augenblicklich, sobald sie ihn berührte.
 
'''M 55.34''' Mehr als hundert Sitze, die ich mit all meiner Kraft gefertigt hatte, zerfielen. Da schämte ich mich.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 55.35''' In diesem Augenblick erschienen durch ihren Willen Sadashiva, der allumfassende Gott, und die vierte Gottgestalt, Ishvara. Beide verneigten sich vor der Göttin.
 
'''M 55.36''' Sie sprach zu ihnen: „Schafft mir einen Sitz!“ Sadashiva hörte ihre Worte und versenkte sich in Betrachtung.
 
'''M 55.37''' Sogleich erschienen unzählige Millionen Gottheiten der kosmischen Eigenschaften, Sadashivas und Ishvaras. Aus ihnen allen
 
'''M 55.38''' zog er die Wesenskraft zusammen und gestaltete daraus fünf herrliche Formen. Aus dem Anteil der Sadashivas schuf er eine zinnoberrote Sitzfläche,
 
'''M 55.39''' geformt aus ihrer göttlichen Gestalt. Aus den vier Gruppen der Kräfte Ishvaras, Rudras, Haris und Brahmas
 
'''M 55.40''' bildete Sadashiva die vier Füße des Lagers. Danach bereitete er aus der Essenz aller Erden eine Decke,
 
'''M 55.41''' weich wie Schwanenflaum, und breitete sie darüber. Aus der Gesamtheit der Meru-Gipfel gestaltete der Gott der Götter
 
'''M 55.42''' ein Kopfkissen. Er verneigte sich und sagte: „Mutter, es ist bereit. Nimm darauf Platz!“
 
'''M 55.43''' Da verneigten sich die Herren der kosmischen Eigenschaften vor Sadashiva und sagten: „Gott, ein Sitz allein genügt nicht. Es fehlt noch ein Haus.
 
'''M 55.44''' Er steht hier unter freiem Himmel. Errichte daher ein schönes Haus!“ Sadashiva hielt dies für angemessen und schuf ein herrliches Gebäude,
 
'''M 55.45''' aus Wunschjuwelen gefügt und mit mannigfaltigen Edelsteinen geschmückt. Dieser Palast hatte eine Ausdehnung von zweitausend Yojanas.
 
'''M 55.46''' Er besaß vier Tore, bestand aus den vier Veden, war mit den heiligen Überlieferungen geschmückt und trug den großen Raum als Baldachin.
 
'''M 55.47''' Da das Haus allein im weiten Raum noch nicht vollkommen anmutig erschien, schuf er ringsum einen großen, herrlichen Lotuswald
 
'''M 55.48''' mit den zuvor beschriebenen Merkmalen. Dadurch erstrahlte das Gebäude. In diesem Haus bestieg die höchste Herrin
 
'''M 55.49''' Tripura den Edelsteinthron und erhellte alle Richtungen. Dort sitzend,
 
'''M 55.50''' wurde sie von unzähligen Brahmas, Vishnus, Rudras, Ishvaras und Sadashivas gepriesen. Dann sprach die höchste Herrin zu Sadashiva:
 
'''M 55.51''' „Gib mir, der Namenlosen, einen wunderbaren Namen, durch den meine Gestalt in der Welt bekannt wird.“
 
'''M 55.52''' Sadashiva, der Gott der Götter, nahm ihren Auftrag an und dachte über einen Namen nach.
 
'''M 55.53''' Da baten Brahma, Vishnu, Rudra und die anderen ihn: „Gott, auch dies scheint uns noch nicht ganz passend. Die höchste Mutter
 
'''M 55.54''' ist das ewige Bewusstsein, das Wesen des Erkennenden und der Grund von Sein und Nichtsein. Aus Mitgefühl ist sie entsprechend unserer Meditation sichtbar geworden.
 
'''M 55.55''' Da sie nun die Gestalt einer Frau trägt, erscheint sie uns ohne einen männlichen Gefährten nicht vollständig geschmückt; die Welt könnte daran Anstoß nehmen.
 
'''M 55.56''' In der Welt scheint eine Frau ohne männlichen Beistand so wenig bestehen zu können wie eine Ranke ohne einen Baum.
 
'''M 55.57''' Gestalte deshalb für diese Trägerin des Alls einen würdigen, heilvollen und höchsten Gemahl. Dies ist unser aller Wunsch.“
 
'''M 55.58''' Als Sadashiva die Worte der Gottheiten gehört hatte, dachte er lange nach und antwortete entschlossen:
 
'''M 55.59''' „Hört aufmerksam, ihr aus den kosmischen Eigenschaften hervorgegangenen Gottheiten! Diese Göttin steht über allem Höchsten; ihr Wesen ist reines Sein und Bewusstsein.
 
'''M 55.60''' Vor allem anderen war sie allein, aus sich selbst frei. Es gab nichts anderes, weder seiend noch nichtseiend, weder einheitlich noch verschieden.
 
'''M 55.61''' Aus der Fülle ihrer eigenen Herrlichkeit ließ sie dieses vielfältige Weltbild in sich erscheinen, spielerisch wie ein Spiegel seine Bilder.
 
'''M 55.62''' Niemand ist ihr gleich – wie sollte es jemanden geben, der ihr überlegen wäre? Wer könnte der Gemahl dieser einzigen Mutter aller Welten sein?
 
'''M 55.63''' Ich besitze nicht die Macht, hier etwas Entsprechendes zu schaffen.“ So sprach Sadashiva vor unseren Augen.
 
'''M 55.64''' Die höchste Herrin Tripura erkannte unseren Wunsch und lächelte leicht; ihr Lächeln strahlte wie Millionen Vollmonde.
 
'''M 55.65''' Da ertönte ein gewaltiger Laut, als würden Scharen von Welteiern bersten. Er durchdrang die Ohren und erfüllte alle Richtungen.
 
'''M 55.66''' Ein großes Licht flammte auf und verschlang gleichsam die Himmelsrichtungen. Es glich dem Aufleuchten von Millionen Blitzen und überwältigte alle Augen.
 
'''M 55.67''' Durch den Laut und das Licht waren wir wie taub und blind. Voll Staunen fragten wir uns, was geschehen sei.
 
'''M 55.68''' Im nächsten Augenblick sahen wir die höchste Herrin auf dem kostbaren Schoß eines Wesens sitzen, dessen Schönheit der ihren glich.
 
'''M 55.69''' Sie erschien als ein Paar, gleichsam mit ihrem eigenen Spiegelbild vereint. Als wir sie auf dem linken Schoß dieses ihr gleichen Mannes erblickten,
 
'''M 55.70''' erfüllte uns unvergleichliche Freude, denn unser Wunsch war erfüllt, Weltenbaumeister. Die beiden schienen einander durch die Fülle ihrer anmutigen Schönheit
 
'''M 55.71''' noch zu übertreffen und waren ganz von der Freude ihrer Umarmung erfüllt. Da sprach die Höchste zu uns: „Götter, euer Wunsch ist erfüllt.
 
'''M 55.72''' Ich selbst bin zweifach geworden, um euren Wunsch zu erfüllen. Gebt uns beiden Namen, unter denen wir hier bekannt sein werden.“
 
'''M 55.73''' Sadashiva sah, wie wir über die Namensgebung unschlüssig waren, verneigte sich und sagte: „Göttin, weil du unseren Wunsch erfüllt hast,
 
'''M 55.74''' sollst du Kameshvari heißen und dieser Gott Kameshvara. Da ihr nun auch über uns als die Könige der Könige herrscht,
 
'''M 55.75''' bist du Rajarajeshvari und er Rajarajeshvara. Du bist Tripurasundari und er Tripurasundara.“
 
'''M 55.76''' Darauf priesen wir, Brahma und die anderen, die höchste Herrin. Weil sie dort noch ohne Gefolge war, baten wir erneut:
 
'''M 55.77''' „Mutter, höchste Herrin, du solltest hier mit deinem Gefolge wohnen. Wenn wir dich allein sehen, ist unsere Freude noch nicht vollständig, Heilvolle.“
 
'''M 55.78''' Auf unsere Bitte ließ sie in einem Augenblick aus ihrem eigenen Körper eine ihr gleiche höchste Kraft hervorgehen, wie ein Spiegelbild.
 
'''M 55.79''' Sie nannte diese Kraft Mahatripurasundari und sprach: „Erschaffe einen vorzüglichen Kreis von Kräften, der meinem Wesen entspricht,
 
[[Datei:Shri Yantra dreidimensional.jpg|thumb|Das [[Shri Yantra]] veranschaulicht die Verehrung der [[Tripura Sundari]].]]
 
'''M 55.80''' ein Gefolge aus meinen eigenen Anteilen, das die Wünsche aller Welten erfüllt.“ Die Göttin stimmte zu und erschuf einen höchst wunderbaren Kreis von Kräften,
 
'''M 55.81''' die herrlichen Einfassungen der Kraft der großen Göttin. Währenddessen entfaltete sich die große Göttin selbst in sechzehn Gestalten.
 
'''M 55.82''' Über diese hinaus blieb sie selbst als siebzehnte Göttin bestehen. Inzwischen ließ Mahatripurasundari
 
'''M 55.83''' aus ihrem Körper neun Kräfte entstehen und sagte zu ihnen: „Erschafft jeweils weitere anmutige Kräfte, die eurem eigenen Wesen entsprechen!“
 
'''M 55.84''' So von der großen Sundari angewiesen, erschuf jede ihre eigenen Kräfte. Auf diese Weise erhielt die große Mutter Tripura ihr Gefolge.
 
'''M 55.85''' Schnell schuf sie für diese Kräfte Wohnstätten in Gestalt des Weltenkreises. An ihren jeweiligen Orten stehend, verehrten sie die Göttin.‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung, im Gespräch zwischen Brahma und Vishvakarman, das Kapitel über Kameshvari, Kameshvara und die Anordnung des Kraftkreises in Shripura. In der fortlaufenden Abfolge ist dies Kapitel 55; die verkürzte Kapitelzahl im Kolophon ist widersprüchlich. Die Gesamtzählung lautet 4546.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 56: Die Göttinnen des Shri Chakra===
 
'''Kräfte und Einfassungen:''' Namen, Gestalten und Wohnorte bezeichnen die rituelle Ordnung des Shri Chakra. Die Überlieferung enthält einzelne unstimmige Namenszählungen; fehlende Namen werden hier nicht aus anderen Fassungen ergänzt.
 
'''M 56.1''' „Nachdem Vishvakarman diesen wunderbaren Bericht gehört hatte, verneigte er sich vor dem Weltschöpfer und fragte voller Wissbegier:
 
'''M 56.2''' ‚Erhabener, nenne mir Namen, Gestalt und Wohnorte der sechzehn Kräfte, die Mutter Tripura selbst hervorgebracht hat.
 
'''M 56.3''' Beschreibe auch die von Mahatripurasundari geschaffenen Kräfte: Wie sind sie gestaltet, wie viele sind es, und welche Kräfte gingen wiederum aus ihnen hervor?
 
'''M 56.4''' Wie ist die Wohnstatt beschaffen, die Tripuras Kraft als Abbild des Weltenkreises schuf? Welche Kräfte wohnen an welchen Orten?
 
'''M 56.5''' Erkläre mir dies alles; ich möchte es hören.‘ Auf diese Frage des Weltenbaumeisters antwortete der Viergesichtige erfreut:
 
'''M 56.6''' ‚Höre aufmerksam das tiefste Geheimnis, Tvashtar! Mahatripurasundari, die zuerst hervorgebracht worden war,
 
'''M 56.7''' erschuf neun Kräfte zur weiteren Entfaltung der Schar göttlicher Kräfte. Als sie ihnen ihren Auftrag gab, fragten diese:
 
'''M 56.8''' „Mutter, wie sollen wir die von dir genannten Kräfte hervorbringen?“ Mahatripurasundari antwortete:
 
'''M 56.9''' „Verbindet euch im Yoga mit eurem eigenen Wesen und erschafft sie unverzüglich!“ Darauf brachte die erste zehn leuchtend rote Kräfte hervor.
 
'''M 56.10''' Diese gewähren in der Welt die Vollkommenheiten, angefangen bei der Fähigkeit, sich unendlich klein zu machen. Sie halten Schlinge, Lotus und Stachelstock und tragen die Mondsichel im Haarschmuck.
 
'''M 56.11''' Ihre Namen sind Anima, Laghima, Mahima, Ishitva, Vashitva, Prakamya, Bhukti, Iccha und Prapti,
 
'''M 56.12''' sowie Sarvakama, jeweils mit dem Zusatz Siddhi. So entstanden zehn Göttinnen. Dann wandten sich die neun ursprünglichen Kräfte an ihre Mutter:
 
'''M 56.13''' „Mutter, gib auch uns rasch Namen; dann wollen wir weitere Kräfte erschaffen.“ Mahatripurasundari antwortete ihnen:
 
'''M 56.14''' „Weil ihr durch Yoga erschafft, werdet ihr Yoginis heißen.“ Die erste verneigte sich vor der Herrin Tripura und bat:
 
'''M 56.15''' „Mutter, schaffe einen Ort, an dem die Kräfte wohnen können!“ Auf diese Bitte hin gestaltete die höchste Kraft eine wunderbare Wohnstatt.
 
'''M 56.16''' Sie schuf eine viereckige Plattform, zwei Yojanas hoch und zweihundert Yojanas breit.
 
'''M 56.17''' Auf ihr ließ sie in allen vier Richtungen außen einen Rand von vier Yojanas frei und gestaltete innerhalb davon eine schöne Anlage mit vier Toren.
 
'''M 56.18''' Die Toranlage wird als zwanzig Yojanas breit und sechs Yojanas lang beschrieben und mit dem inneren Bereich verbunden. ''[Die genauen Baubezüge in Vers 17–19 sind sprachlich nicht eindeutig.]''
 
'''M 56.19''' Daran schließt eine viereckige, zwei Yojanas hohe Ebene an. Zwei Yojanas weiter innen folgt eine weitere, eine Yojana hohe Ebene und entsprechend noch eine.
 
'''M 56.20''' So gibt es drei Ebenen. Innerhalb davon liegt auf sechzehn Yojanas eine um eine Yojana erhöhte Ebene in Gestalt eines sechzehnblättrigen Lotus.
 
'''M 56.21''' Darin folgt, wieder um eine Yojana erhöht, eine sehr schöne Ebene von zwanzig Yojanas Ausdehnung in Gestalt eines achtblättrigen Lotus.
 
'''M 56.22''' Innerhalb liegt eine zwölf Yojanas weite, eine Yojana hohe Ebene in Gestalt von vierzehn Dreiecken. Darin folgt eine weitere von gleicher Ausdehnung,
 
'''M 56.23''' in Gestalt von zehn Dreiecken. Innerhalb davon liegt eine elf Yojanas weite, wieder eine Yojana erhöhte Ebene mit zehn Dreiecken.
 
'''M 56.24''' Darin folgt eine zehn Yojanas weite Ebene aus acht Dreiecken, ebenfalls eine Yojana hoch.
 
'''M 56.25''' In ihrer Mitte liegt die sechs Yojanas weite dreieckige Ebene, wiederum eine Yojana erhöht. Darüber liegt, nochmals um dieselbe Höhe angehoben,
 
'''M 56.26''' die runde Bindu-Ebene von einer Yojana Durchmesser. Nachdem sie diese Wohnstatt geschaffen hatte, nahm die Göttin selbst auf der runden Ebene Platz,
 
'''M 56.27''' auf dem Schoß Kameshvaras, der auf dem Sitz der fünf Brahmas thront. Die sechzehn ihr gleichen Kräfte, die aus ihrem eigenen Wesen hervorgegangen waren,
 
'''M 56.28''' ließ sie der Reihe nach auf der dreieckigen Ebene unterhalb ihres eigenen Sitzes wohnen. Diese Göttinnen bestehen aus den Mondkräften und stehen den Tagen der beiden Mondhälften vor.
 
'''M 56.29''' Sie heißen Nityas. Ich nenne dir ihre Namen: Die erste ist Kameshvari Nitya, die zweite Bhagamalini,
 
'''M 56.30''' dann Nityaklinna, Bherunda, Vahnivasini, Mahavidyeshvari und Shivaduti,
 
'''M 56.31''' Tvarita, Kulasundari, Nitya, Nilapataka, Vijaya, Sarvamangala und Jvalamala,
 
'''M 56.32''' sowie Chitra. Je fünf wurden links, hinten und rechts auf der dreieckigen Ebene angeordnet.
 
'''M 56.33''' Die Göttin selbst ist die siebzehnte Nitya. Die zuvor genannte sechzehnte erlangte durch die Kraft ihrer Askese die Vereinigung mit ihr.
 
'''M 56.34''' Mahatripurasundari, die zu Beginn hervorgebracht worden war, setzte sie als Herrin der Bindu-Ebene vor sich.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 56.35''' Auch die zuvor genannten neun Yoginis waren von ihr erschaffen worden. Sie erhielten jeweils Namen entsprechend ihren besonderen Aufgaben.
 
'''M 56.36''' Sie heißen Prakata, Gupta, Guptatara, Sampradaya, Kulottirna, Nirbhaga und Rahasya,
 
'''M 56.37''' ferner Atirahasya und Parapararahasya. Die Göttin ordnete sie den Kreisen zu; höre, wie.
 
'''M 56.38''' Sie wohnen der Reihe nach im Quadrat, im sechzehnblättrigen und achtblättrigen Lotus, in den vierzehn, zehn, weiteren zehn, acht und drei Dreiecken sowie auf der obersten Ebene.
 
'''M 56.39''' Die Yogini Prakata setzte die zehn von ihr geschaffenen Kräfte der Reihe nach auf die unterste Ebene.
 
'''M 56.40''' Danach schuf sie acht Kräfte in Gestalt der Muttergöttinnen, angefangen bei Brahmi, die Kräfte der Lautgruppen, und setzte sie auf die zweite Ebene.
 
'''M 56.41''' Anschließend schuf Prakata eine weitere Gruppe von zehn Kräften und ordnete sie auf der dritten Ebene an.
 
'''M 56.42''' Gupta sah ihre sechzehn vorgesehenen Plätze und erschuf entsprechend sechzehn Kräfte. Ebenso erschufen Guptatara,
 
'''M 56.43''' Sampradaya, Kulottirna und Nirbhaga jeweils so viele verschieden gestaltete Kräfte, wie es ihrer Wohnstatt entsprach.
 
'''M 56.44''' Rahasya brachte sieben Kräfte hervor. Die „noch Geheimnisvollere“ erschuf eine einzige weitere Kraft.
 
'''M 56.45''' Auch Anima und die anderen schufen jeweils Hunderte Kräfte, die ihnen selbst in Gestalt, Waffen, Gewändern und Schmuck glichen.
 
'''M 56.46''' Mahatripurasundari, die Herrin des Bindu-Chakra, wurde von der ursprünglichen Göttin beauftragt, den Kräften Namen zu geben.
 
'''M 56.47''' Sie benannte jede nach ihrer jeweiligen Tätigkeit. Die zehn Göttinnen der dritten Ebene,
 
'''M 56.48''' die das Wesen und die Ordnung der Mudras kennen und alle Mudras verkörpern, bringen Freude hervor; deshalb werden sie Mudras genannt.
 
'''M 56.49''' Indem sie Freude hervorbringen, erschüttern sie die Welten, lassen sie dahinschmelzen, ziehen sie an, bringen sie unter ihre Gewalt und berauschen sie.
 
'''M 56.50''' Sie säen aus, lassen keimen, bewegen sich im Himmelsraum, gliedern dreifach und führen zum Wesen des schöpferischen Ursprungs, der Yoni.
 
'''M 56.51''' Diese kraftvollen Mudras heißen Samkshobhini, Vidravini, Akarshini und Vashamkari,
 
'''M 56.52''' Unmadini, Mahankusha, Trikhanda, Khechari, Bija und Yoni. Sie stehen in den Himmels- und Zwischenrichtungen sowie unten und oben.
 
'''M 56.53''' Zu den Göttinnen der drei Ebenen gehören ferner Brahmi, Maheshvari, Kaumari, Vaishnavi, Varahi und Mahendri,
 
'''M 56.54''' Chamunda und Mahalakshmi. Sie entsprechen Brahma und den anderen Gottheiten in Körpergestalt, Waffen, Schmuck und Gewändern. ''[Die Vorlage wiederholt Vaishnavi in Vers 53; die Wiederholung ist hier als offensichtliche Dublette nicht nochmals als neunte Mutter gezählt.]''
 
'''M 56.55''' Die Mudra-Göttinnen leuchten rot, tragen Schlinge, Mudra-Gesten und Stachelstock und sind mit rubinroten Schmuckstücken geschmückt.
 
'''M 56.56''' Die von Gupta geschaffenen Kräfte ziehen das von den Verehrenden Ersehnte an. Die erste heißt Kamakarshini, die zweite Buddhyakarshini,
 
'''M 56.57''' dann folgen Ahamkarakarshini, Shabdakarshini, Sparshakarshini und Rupakarshini,
 
'''M 56.58''' Rasakarshini, Gandhakarshini, Cittakarshini, Dhairyakarshini und Smrityakarshini,
 
'''M 56.59''' Namakarshini, Bijakarshini, Atmakarshini und Amritakarshini,
 
'''M 56.60''' sowie Sharirakarshini. Diese sechzehn Kräfte wurden von der Gupta-Yogini hervorgebracht und auf den sechzehn Blättern angeordnet, beginnend beim vorderen Blatt nach links.
 
'''M 56.61''' Sie sind weiß, tragen weiße Gewänder und weißen Schmuck und erstrahlen in voller Jugend. Ihre Hände halten Schlinge, Nektargefäß und Stachelstock und zeigen die Gabe gewährende Geste.
 
'''M 56.62''' Anangakusuma, Anangamekhala, Anangamadana, Anangamadanatura und Anangarekha,
 
'''M 56.63''' Anangaveshini, Anangankusha und Anangamalini sind aus Guptatara hervorgegangen und wohnen im achtblättrigen Lotus.
 
'''M 56.64''' Sie sind rot und tragen rote Gewänder und roten Schmuck. Nach Himmels- und Zwischenrichtungen geordnet, halten sie Schlinge, blauen Lotus, Schale und Stachelstock.
 
'''M 56.65''' Samkshobhini, Vidravini, Akarshini, Ahladini, Sammohini, Stambhini, Jrimbhini und Vashamkari,
 
'''M 56.66''' Ranjini, Unmadini, Arthasadhini, Sampattipurani, Mantramayi und Dvandvakshayamkari
 
'''M 56.67''' wurden von Sampradaya hervorgebracht und in den vierzehn Dreiecken angeordnet, von vorn nach links. Sie sind rot, mit entsprechenden Gewändern und Schmuck.
 
'''M 56.68''' Ihre vier Arme halten Schlinge, Nektartopf, Spiegel und Stachelstock. Die nächste Gruppe beginnt mit Siddhiprada, Sampatprada und Priyamkari,
 
'''M 56.69''' gefolgt von Mangalajnakarini, Kamaprada, Duhkhavimocani und Mrityuprashamani,
 
'''M 56.70''' Vighnanivarini, Angasundari und Saubhagyadayini. Sie wohnen in den zehn Dreiecken, in derselben Ordnung wie zuvor. ''[Die Worttrennung bei Mangalajnakarini in Vers 69 ist nicht eindeutig; die Lesung als ein Name wahrt die genannte Zehnergruppe.]''
 
'''M 56.71''' Ihre vier Hände tragen Schlinge, Schmuckkästchen und Stachelstock; die Gestalten, Gewänder und Schmuckstücke sind hell und klar. ''[Die vierte Handbestimmung ist nicht ausdrücklich erhalten.]''
 
'''M 56.72''' Diese jugendlichen Kräfte sind aus Kulottirna hervorgegangen. Die nächste Gruppe nennt Jnanashakti, Aishvaryaprada und Jnanamayi,
 
'''M 56.73''' Vyadhivinashini, Adharasvarupini, Papahara, Anandamayi und Rakshasvarupini,
 
'''M 56.74''' sowie Ipsitaprada. Sie stehen wie zuvor in der inneren Zehnergruppe, mit Schlinge, Gabe-Geste, Erkenntnis-Geste und Beil; ihre Glieder und Schmuckstücke sind rot. ''[Die überlieferte Namensfolge lässt nur neun Namen sicher abgrenzen; ein zehnter wird nicht ergänzt.]''
 
'''M 56.75''' Diese reinen jugendlichen Kräfte wurden von der hier Nigarbhā genannten Yogini hervorgebracht. Danach werden Vashini, Modini, Vimala und Aruna genannt,
 
'''M 56.76''' ferner Jayini, Sarveshvari und Kaulini. Diese Kräfte sind aus der Rahasya-Yogini hervorgegangen und leuchten wie Rubine.
 
'''M 56.77''' Sie tragen Bogen, Gabe-Geste, Buch und Pfeile, sind rot geschmückt und erstrahlen in den acht Dreiecken nach der beschriebenen Ordnung.
 
'''M 56.78''' Eine weitere, aus Atirahasya hervorgegangene Kraft steht im nördlichen Dreieck. So wurden die Kräfte des Chakra von den ursprünglichen Kräften hervorgebracht.‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 56. Kapitel: Die Erklärung der Gottheiten des Shri Chakra. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4624.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 57: Die Plätze der Kräfte und der Gurukreis===
 
'''M 57.1''' „Nachdem Tvashtar Brahmas Erklärung gehört hatte, fragte er ehrerbietig weiter: ‚Urvater, ich habe nun vom Shri Chakra als Kreis der göttlichen Kräfte gehört.
 
'''M 57.2''' Erkläre mir noch, wodurch diese Kräfte ihre Namen erhielten. Warum bleiben im achtfachen Kreis und im Dreieck Plätze ohne eine zugeordnete Kraft?
 
'''M 57.3''' Und wodurch erlangte die sechzehnte große Nitya die Vereinigung mit der Höchsten?‘ Auf diese Fragen antwortete der Viergesichtige erfreut:
 
'''M 57.4''' ‚Höre, Weltenbaumeister, dieses tief verborgene Geheimnis! Die sechzehn Nityas wurden von der großen Herrin Tripura selbst geschaffen.
 
'''M 57.5''' Die übrigen Kräfte wurden von Mahatripurasundari hervorgebracht. Ihre jeweiligen Namen bestimmen sich aus ihren eigenen Tätigkeiten.
 
'''M 57.6''' Die höchste Kraft, die große Göttin namens Tripura, hat diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt zu ihrem fortwährenden Spiel.
 
'''M 57.7''' Mit Anteilen ihrer selbst ist die bewusste höchste Herrin in Brahma und den anderen Gottheiten gegenwärtig und vollzieht durch sie die Vorgänge des Weltenkreises.
 
'''M 57.8''' Obwohl die Mutter ungeteilt und von einem einzigen Wesen ist, ganz aus Bewusstsein bestehend, erscheint sie durch ihre eigene Freiheit vielfältig.
 
'''M 57.9''' Wie die Sonne, das Juwel des Himmels, ein einziges Lichtgestirn ist und doch als Fülle tausender Strahlen erscheint, oder wie das Meer
 
'''M 57.10''' ein einziges ist und doch als Wellen, Wogen und Schaum vielfältig auftritt, oder wie ein Spiegel tausend Spiegelbilder trägt,
 
'''M 57.11''' so besteht auch die Höchste zugleich in Verschiedenheit und Nichtverschiedenheit. Anima und die übrigen Kräfte sind ihre eigenen Anteile.
 
'''M 57.12''' Durch ihre Freiheit nehmen sie sichtbare Gestalten an. Jede Kraft erhält den Namen der Tätigkeit, die durch sie bewirkt wird.
 
'''M 57.13''' Als die Kräfte so geschaffen waren, gerieten sie durch Mahamaya in Verwirrung. Weil ihre Plätze höher oder niedriger lagen, begannen sie miteinander zu wetteifern.
 
'''M 57.14''' Mahatripurasundari sah diese Unruhe im Kreis der Kräfte und sprach auf Weisung der großen Göttin:
 
'''M 57.15''' „Hört alle meine Worte, ihr Kräfte! Wer von Rivalität und Zorn erfüllt ist, kann einen Platz nahe der Göttin
 
'''M 57.16''' nicht leicht erlangen. Gewinnt euren Platz durch Askese und Yoga, nicht anders!“ Danach begann sie selbst mit einer großen, erstaunlichen Askese.
 
'''M 57.17''' Als die anderen Mahatripurasundari so sahen, übten auch sie mit gesammeltem Geist Askese.
 
'''M 57.18''' Lange Zeit verging, während die Schar der Kräfte sich der Askese widmete. Dann wurde die Höchste gnädig und sagte:
 
'''M 57.19''' „Meine Kinder, eure Askese erfreut mich. Ich werde euch angemessene Plätze zuweisen.“ Sie bestimmte zuerst den Platz Mahatripurasundaris
 
'''M 57.20''' und verlieh ihr die Herrschaft über alle Kreise. Die eigenen Nitya-Kräfte ordnete sie auf der dreieckigen Ebene an,
 
'''M 57.21''' je fünf an jeder Seite. Der sechzehnten Nitya gab sie einen Platz unmittelbar vor sich; doch diese hielt selbst das noch nicht für ihr höchstes Ziel.
 
'''M 57.22''' Sie begann erneut mit außerordentlich schwieriger Askese. Ebenso gaben sich Kameshvari und Bhagamalini
 
'''M 57.23''' mit ihren Plätzen nicht zufrieden und übten große Askese. Während sich der Kreis der Kräfte so der Askese zuwandte,
 
'''M 57.24''' sah die Göttin sich allein und empfand dies als nicht passend. Mahatripurasundari erkannte ihren Wunsch
 
'''M 57.25''' und ließ aus Tripuras Körpergliedern und Waffen zehn weitere Kräfte hervorgehen. Diese fragten Mahatripurasundari nach einem Wohnort.
 
'''M 57.26''' Sie antwortete: „Erlangt euren Platz durch Askese!“ Darauf übten auch sie zusammen mit den früheren Kräften intensive Askese.
 
'''M 57.27''' Erneut sah die Göttin, dass sie allein war, und blickte ringsum. Aus ihrem Blick entstanden vier Kräfte,
 
'''M 57.28''' goldglänzend, Lotusblumen tragend, mit weißen Gewändern und Schmuck. Als sie sahen, wie alle anderen sich der Askese widmeten,
 
'''M 57.29''' entschlossen auch sie sich dazu, Tvashtar. Die Göttin blickte wieder umher, und eine weitere Vierergruppe entstand,
 
'''M 57.30''' mit Schlinge und Stachelstock, mit Schutz- und Gabe-Geste, rotgliedrig, geschmückt und dreiäugig. Auch sie folgten dem Beispiel der zuvor Entstandenen und übten Askese.
 
'''M 57.31''' Dann wurden weitere Kräfte geschaffen, die Schlinge, Buch, Gebetskette und Stachelstock trugen, ebenfalls rot und geschmückt.
 
'''M 57.32''' Erneut entstanden vier Kräfte, klar wie Bergkristall, mit Schlinge, Schutz- und Gabe-Geste sowie Stachelstock. Auch sie widmeten sich der Askese.
 
'''M 57.33''' Schließlich schuf die Göttin noch einmal vier Kräfte mit roter Gestalt und rotem Schmuck. Auch diese sahen ihre Vorgängerinnen und übten Askese.
 
'''M 57.34''' Als die Herrin Tripura die besonders große Askese der sechzehnten Nitya sah, sagte sie zu ihr: „Mein Kind, nenne mir die Gabe, die du begehrst!“
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 57.35''' Da sie jeden gesonderten Rang für begrenzt hielt, wählte sie allein die völlige Vereinigung. So erlangte die höchste sechzehnte Nitya die Einheit mit der Höchsten.
 
'''M 57.36''' Den fünf Vierergruppen, die aus dem Wesen der Göttin hervorgegangen waren, trat sie selbst jeweils als Fünfte hinzu und verweilte gnädig unter ihnen.
 
'''M 57.37''' Dadurch wurden sie zu fünf Fünfergruppen. Die erste erhielt den Rang der Juwelenherrinnen, die nächste den der wunscherfüllenden Kühe,
 
'''M 57.38''' dann folgten die Herrinnen der Wunschranken, der Schatzkammern und schließlich der Glücksfülle, Lakshmi. Sie erhielten Sitze im Kreis der Kräfte.
 
'''M 57.39''' Jeder einzelnen verlieh die Heilvolle die Herrschaft über tausend Kräfte. Diese tragen entsprechend die Bezeichnungen Juwelen, Wunschkühe, Wunschranken, Schatzkammern
 
'''M 57.40''' und Lakshmis. Unterscheide diese Gruppen, Tvashtar! Insgesamt sind es fünfundzwanzigtausend Kräfte,
 
'''M 57.41''' jeweils tausend im Dienst ihrer eigenen Herrin. Fünftausend davon dienen unmittelbar den fünf Gestalten der ursprünglichen Göttin.
 
'''M 57.42''' Bei den Juwelenherrinnen ist die erste Siddhalakshmi, die zweite Rajamatangini, die dritte Bhuvaneshani und die vierte Varahi.
 
'''M 57.43''' Damit sind die Juwelenherrinnen genannt. Höre nun die Wunschkühe: zuerst Sudhapitheshvari, dann Sudhasu,
 
'''M 57.44''' als dritte Amriteshani und als vierte Annaprapurani. Bei den Wunschranken folgen Panchakama,
 
'''M 57.45''' Parijateshvari, Kumari und Panchabaneshvari. Die nächste Gruppe beginnt mit Paramjyotis,
 
'''M 57.46''' gefolgt von Paranishkalashambhavi, Ajapa und Matrika: Dies sind die Herrinnen der Schatzkammern. Höre nun die Lakshmi-Herrinnen!
 
'''M 57.47''' Genannt werden Lakshmi, Mahalakshmi, Trishakti, Samrajyalakshmi und Rama. So lauten die Bezeichnungen der Fünfergruppen. ''[Die Abgrenzung der letzten Namensgruppe ist in der Vorlage nicht eindeutig; die ursprüngliche Göttin wird nach Vers 36 jeweils als fünfte verstanden.]''
 
'''M 57.48''' Erfreut durch die Askese dieser Göttinnengruppen, gab sie ihnen der Reihe nach nahe Plätze oberhalb des Bindu-Chakra,
 
'''M 57.49''' in den Zwischenrichtungen, beginnend im Südosten. Wegen ihrer besonders intensiven Askese verlieh sie Matangini und Varahi unvergleichliche Würde:
 
'''M 57.50''' Matangini wurde Mantrini, die Ratgeberin für alle Angelegenheiten der Welten; Varahi wurde Dandini, zuständig für das Bestrafen der Übeltäter.
 
'''M 57.51''' Später gab die Göttin ihnen, erfreut über ihren Dienst, Wohnstätten in den Bereichen des goldenen beziehungsweise des smaragdenen Ringwalls.
 
'''M 57.52''' Ebenso gewährte sie aufgrund besonderer Askese weitere Plätze. Kameshvari, Vajreshi und Bhagamalini
 
'''M 57.53''' erhielten den Rang der Samaya-Göttinnen und Plätze vor, hinter, links und rechts von ihr. ''[Die drei Namen und die vier Ortsangaben werden in der Vorlage nicht vollständig einander zugeordnet.]''
 
'''M 57.54''' Die von der „noch Geheimnisvolleren“ hervorgebrachte Göttin erlangte durch außergewöhnliche Askese die Herrschaft über den Bereich innerhalb des Diamantwalls,
 
'''M 57.55''' einen Palast am Ufer des Vajra-Flusses und die Herrschaft über den Diamanten. Deshalb heißt sie Vajreshvari.
 
'''M 57.56''' Kameshvari und die anderen erlangten durch die Größe ihrer Askese außerdem Plätze in den Ecken des Dreiecks. Kameshvari selbst
 
'''M 57.57''' gewann durch ihre Askese einen zweiten Platz im achtfachen Kreis. Auch die anderen Kräfte wurden durch Mahatripurasundari
 
'''M 57.58''' und die Göttin ihren jeweiligen Orten zugeordnet. Nachdem sie diese auf die neun Kreise verteilt hatten,
 
'''M 57.59''' erschien Mahatripurasundari selbst neunfach als deren jeweilige Herrin: Tripura, Tripureshi, Tripurasundari,
 
'''M 57.60''' Tripuravasini, Tripurashri, Tripuramalini, Tripurasiddha und Tripurambika,
 
'''M 57.61''' sowie als neunte Mahatripurasundari selbst. Jede steht am Eingang ihrer jeweiligen Einfassung und entspricht deren Gestalt.
 
'''M 57.62''' Alle Kräfte sind der ursprünglichen Göttin zugewandt. Als Brahma und die anderen sahen, dass alles nur von weiblichen Kräften umgeben war,
 
'''M 57.63''' empfanden sie dies noch nicht als ausgeglichen und baten Kamesha: „Erhabener Gott, erschaffe auch du aus deinem eigenen Wesen
 
'''M 57.64''' ein Gefolge in Shiva-Gestalt! Ein ausschließlich aus Shaktis bestehendes Gefolge erscheint uns ungleichgewichtig.“
 
'''M 57.65''' Darauf schuf Kameshvara vier Gestalten: aus seinem eigenen Anteil, aus dem Anteil der Shakti, aus beider Anteil und aus einem weiteren Anteil.
 
'''M 57.66''' Sie hießen Mitrisha, Shashthisha, Uddisha und Charyanatha. Sie leuchteten wie Bergkristall, trugen ein Buch und zeigten Schutz-, Gabe- und Bewusstseinsgesten.
 
'''M 57.67''' Sie trugen weiße Gewänder und weißen Schmuck, hatten drei Augen und rote Shaktis an ihrer Seite. Auf Lotussitzen ruhend, waren ihre Gesichter und Blicke heiter.
 
'''M 57.68''' Er machte diese friedvollen Gestalten zu Gurus der Shakti-Mantras und sagte: „Erschafft weitere Lehrer der einzelnen Vidyas!“
 
'''M 57.69''' Der erste schuf die göttliche Lehrerschar, der zweite die Schar der Vollendeten und der dritte die menschliche Lehrerschar,
 
'''M 57.70''' jeweils sieben, vier und acht Lehrer der Vidyas. Der vierte erschuf neun strahlende Nathas als Gestalten der Zeit.
 
'''M 57.71''' Dieser so geschaffene Gurukreis übte strenge Askese und erlangte einen Wohnort hinter Tvarita.
 
'''M 57.72''' Dort liegen die Wohnstätten der Lehrer des göttlichen, vollendeten und menschlichen Überlieferungsstroms in drei Reihen.
 
'''M 57.73''' Wer Tripura, die höchste Herrin, nach dem in den Schriften gelehrten Weg mit vollständiger Verehrung verehrt, gelangt dorthin.
 
'''M 57.74''' Anschließend wird er von den Gurus unterwiesen und erreicht den höchsten Zustand. Damit habe ich dir das große, tief verborgene Geheimnis erklärt, nach dem du gefragt hast.‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 57. Kapitel: Die Erklärung der Gottheiten des göttlichen und der weiteren Überlieferungsströme im Shri Chakra. Die Gesamtzählung 4689 im Kolophon stimmt nicht mit der vorherigen Gesamtzählung und den 74 Kapitelversen überein.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 58: Wortkraft, Bewusstseinsfeuer und die Welt der Göttin===
 
'''Sprache, Körper und Verehrung:''' Das Kapitel verknüpft die vier Sprachebenen mit Lehrerüberlieferungen und deutet Shivas Stirnfeuer durch eine Lehre der Nadis. Diese religiöse Körperdeutung ist keine anatomische Beschreibung und keine konkrete Pranayama-Anleitung. Die Begründung der weiblichen Gottesgestalt spricht zunächst aus der Perspektive der männlichen Erzähler und führt dann alles Geschehen auf die Freiheit der Göttin zurück.
 
'''M 58.1''' „Tvashtar fragte den Viergesichtigen erneut ehrerbietig: ‚Weltschöpfer, ich möchte wissen: Warum haben die Gurus der verschiedenen Überlieferungsströme
 
'''M 58.2''' nicht dieselbe Anzahl? Erkläre mir dies und nenne ihre Namen. Außerdem hast du das Feuerbecken beschrieben.
 
'''M 58.3''' Wie entstand darin das Bewusstseinsfeuer? Und warum habt ihr die höchste Kraft dort in weiblicher Gestalt
 
'''M 58.4''' betrachtet? Erkläre mir den Grund, Herr! Auch wenn ich diese wunderbare Geschichte immer wieder höre, werde ich nicht satt.
 
'''M 58.5''' Wer könnte jemals genug vom Nektar der Erzählung über die höchste Kraft, das eigene Selbst, trinken – außer einem vom Schicksal benachteiligten, empfindungslosen Menschen?
 
'''M 58.6''' Erkläre es mir, Erhabener, wenn ich würdig bin, es zu hören!‘ Der Urvater hörte die Worte des Weltenbaumeisters und antwortete erfreut:
 
'''M 58.7''' ‚Höre gesammelt diese wunderbare alte Geschichte, Tvashtar! Gern erzähle ich dir die sorgsam gehütete Überlieferung der Göttin.
 
'''M 58.8''' Mitrisha und die anderen, die Rajarajeshvara geschaffen hat, sind Gurus der Wort-Vidya. Ihr Wesen ist klares Bewusstsein.
 
'''M 58.9''' Die höchste Kraft entfaltet sich als Sprache auf vier Ebenen: Pashyanti, Madhyama, Vaikhari und Para.
 
'''M 58.10''' Ich werde dir diesen überall sorgsam bewahrten Zusammenhang erklären. Die Kraft namens Tripura besteht aus reinem Gewahrsein.
 
'''M 58.11''' In ihr gibt es weder gesonderte Sprache noch Sinne noch Geist. Die höchste Herrin ist das Wesen, das allem Sein zugrunde liegt.
 
'''M 58.12''' Sie ist weder eine Eigenschaft noch ein von Eigenschaften getrennt gedachter Träger, denn sie ist frei von allen solchen Bestimmungen: reines Bewusstsein, der Grund von allem, jenseits der Sprache.
 
'''M 58.13''' Bewusstsein ist ihr eigenes Wesen; etwas darüber Hinausgehendes besteht nicht. Eben dieses ist uneingeschränkte Freiheit und wird deshalb Maya genannt.
 
'''M 58.14''' Seine Herrlichkeit lässt sich durch Argumente nicht erschöpfen oder von außen bestimmen. Es trägt alles und gestaltet sein eigenes reines Wesen in vielfältigen Vorstellungen.
 
'''M 58.15''' Spielerisch entfaltet es so das ganze Weltgeflecht. Diese gestaltende Vorstellung hat die Natur des Wortes und gliedert sich in eine grobe und eine mittlere,
 
'''M 58.16''' eine feine und eine ursächliche Form. So ergibt sich eine Vierheit. Die grobe Form wird Vaikhari genannt.
 
'''M 58.17''' Als bloßer Klang ist sie noch nicht in Sprachlaute gegliedert; als Lautgestalt ist sie deutlich artikuliert. Letztere ist wiederum weltlich oder überweltlich.
 
'''M 58.18''' Der noch nicht sprachlich gegliederte Klang ist siebenfach und bildet den Keim des Klang-Brahman: Shadja, Rishabha, Gandhara, Madhyama, Panchama, Dhaivata
 
'''M 58.19''' und Nishada. Diese sieben Töne entstehen durch Saiten, Stimme und andere Klangquellen und gliedern sich in zahlreiche Ragas. ''[Die anschließende Zahl in bildhaften Zahlwörtern ist in der Vorlage nicht sicher aufzulösen.]''
 
'''M 58.20''' Durch weitere Unterteilungen werden ihre Formen unzählbar. Dies ist der Bereich der göttlichen Kräfte; ihm entsprechen die sieben Gurus.
 
'''M 58.21''' Deshalb werden die von Mitrisha hervorgebrachten Lehrer der göttliche Überlieferungsstrom genannt. Die artikulierte überweltliche Rede besteht aus Vidya und besitzt vier Lautgruppen.
 
'''M 58.22''' Auf diesen beruhen die Siddha-Gruppen; deshalb sind es vier. Sie heißen Gurus des Vollendetenstroms und wurden von Shashthisha hervorgebracht.
 
'''M 58.23''' Die weltliche Rede besteht aus der Lautmutter Matrika mit ihren acht Gruppen. Darauf beruhen die menschlichen Lehrer; deshalb sind es acht.
 
'''M 58.24''' So stehen insgesamt neunzehn Gurus in den drei Überlieferungsströmen. Die acht menschlichen Lehrer stammen von Uddisha.
 
'''M 58.25''' Alle Rede ist zeitlich gegliedert und reicht bei den Vokalen bis zu drei Zeiteinheiten. Die Gruppe des unartikulierten Klangs verbindet sich mit den acht Lautgruppen.
 
'''M 58.26''' Daher gibt es neun Nathas, die aus Charyanatha hervorgingen. Sie bestimmen die zeitlichen Abschnitte und ruhen im vierten, transzendenten Zustand.
 
'''M 58.27''' Ihre Namen sind Prakasha, Vimarsha, Ananda, Jnana, Satya, Purna, Svabhava, Pratibha und Subhaga.
 
'''M 58.28''' Diese neun Nathas sind die Herren der Überlieferungsströme. Je nach Vidya und Weltalter werden auch vier Überlieferungsströme unterschieden.
 
'''M 58.29''' Durch Vermischung entstehen mit Shaktis verbundene Lehrerformen. Es gibt außerdem einen fünften Strom, der die Guru-Vidya weitergibt.
 
'''M 58.30''' Dort werden zwölf, elf und sechs Lehrer genannt, die außerhalb des Chakra stehen: Wir gehören zu den göttlichen, Kumara und andere zu den vollendeten,
 
'''M 58.31''' Nrisimha und andere zu den menschlichen Lehrern. Damit sind die Lehrer der Überlieferungsströme beschrieben. Höre nun, wie das Feuer Bewusstseinsnatur besitzt!
 
'''M 58.32''' Mahadeva, der höchste Herr, ist die dritte Gottgestalt der kosmischen Eigenschaften. Seine auflösende Tätigkeit ist Tamas zugeordnet, seine Gestalt ist lichtvoll, sein Inneres Bewusstsein.
 
'''M 58.33''' Im Körper der verkörperten Wesen verlaufen drei heilsame Wege: rechts Pingala, links Ida und in der Mitte Sushumna.
 
'''M 58.34''' Sie werden den Kräften von Wollen, Handeln und Erkennen zugeordnet. Die beiden seitlichen Wege sind geöffnet; der mittlere Weg der Erkenntnis ist gewöhnlich verschlossen, so lehren die Wissenden.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 58.35''' Die Bewusstseinsregung, deren mittlerer Weg blockiert ist, steigt durch die Seitenwege auf und belebt Wollen und Handeln. Dadurch sind die Menschen bewusst tätig.
 
'''M 58.36''' Weil der Erkenntnisweg verschlossen ist, sind sie zunächst auf Wollen und Handeln beschränkt. Das tragende Bewusstsein strömt bei ihnen nach oben und ermöglicht bewusstes Erfassen.
 
'''M 58.37''' Bei Tieren seien die aufwärtsführenden Wege dagegen blockiert, sodass die Bewegung seitlich verlaufe. Deshalb, so die Vorstellung des Textes, erfassen sie Vergangenheit und Zukunft nicht in derselben inneren Weise.
 
'''M 58.38''' Darum werden die Tiere hier mit unbewussten Wesen verglichen. Der dreiäugige Mahadeva steht demgegenüber auf einer höheren Stufe.
 
'''M 58.39''' Bei uns Gottheiten ist die mittlere Nadi, der Sitz des Bewusstseins, im Inneren geöffnet. Deshalb wird unsere innere Erkenntnis als vollkommen erfahren.
 
'''M 58.40''' Bei Mahadeva hat die besondere Fülle der Erkenntnis die mittlere Bewusstseins-Nadi nach oben bis zur Stirn geöffnet.
 
'''M 58.41''' Wegen der starken auflösenden Kraft in seinem Inneren erscheint das Bewusstsein selbst als Feuer. Deshalb heißt das aus seinem Auge hervorgegangene Feuer Bewusstseinsfeuer.
 
'''M 58.42''' Nun erkläre ich dir, warum wir die Höchste in weiblicher Gestalt betrachtet haben. Höre, Vishvakarman: Jede Freude in der Welt hat Bewusstsein zu ihrem Wesen.
 
'''M 58.43''' Deshalb sind auch gebundene Wesen ganz auf Freude ausgerichtet. Was Freude gewährt, erscheint schön; dies ist in der Welterfahrung unmittelbar zu beobachten.
 
'''M 58.44''' Die weibliche Gestalt erscheint den hier sprechenden Verehrern als schön und freudebringend. Deshalb betrachten die Menschen sie als einen Anlass von Freude.
 
'''M 58.45''' Ich nenne dir noch einen weiteren Grund: Die höchste Bewusstseinsmacht lässt die ganze Welt, die ihre eigene Herrlichkeit ist, aus Freiheit erscheinen.
 
'''M 58.46''' Alles ist durch ihre eigene Kraft der Ordnung bestimmt. Die Vorstellung „Ich bin der Handelnde“ ist ein leerer Anspruch aus Verblendung.
 
'''M 58.47''' Wenn jemand völlig aus eigener Macht handelte, warum müsste er auf anderes Rücksicht nehmen? Und wie könnte ihm etwas Unerwünschtes widerfahren?
 
'''M 58.48''' Deshalb sind Schöpfung und alle anderen Vorgänge ihre eigene Entfaltung. Auch unsere Meditation ihrer weiblichen Gestalt wurde von ihr selbst ermöglicht.
 
'''M 58.49''' Die gesamte Vielfalt der Welt beruht auf ihrer Freiheit. So wohnte die große Königin im Wunschjuwelenhaus.
 
'''M 58.50''' Sadashiva betrachtete diesen Palast im großen Lotuswald und hielt auch dies noch nicht für vollständig.
 
'''M 58.51''' Mit Erlaubnis der Göttin errichtete er darum die zuvor beschriebene Stadt. Götter, Daityas, Menschen und andere Wesen aus den verschiedenen Welteiern,
 
'''M 58.52''' die Tripura verehren und die Befreiung durch Wohnen in ihrer Welt erlangen, leben dort an ihren jeweiligen Orten.
 
'''M 58.53''' Auch Indras, Brahmas und andere wohnen auf diese Weise lange in der Stadt und erhalten reine Herrschaftsbereiche zwischen den entsprechenden Ringwällen.
 
'''M 58.54''' Nachdem sie das Hunderttausendfache der jeweils für sie geltenden Zeitspanne durchlebt haben, gehen sie in den höchsten Zustand ein, der Worten und Gedanken unzugänglich ist.
 
'''M 58.55''' Andere Brahmas, Indras, Mondgötter und weitere Gottheiten kommen inzwischen an und verbinden sich mit den bereits dort Verweilenden zu einem gemeinsamen Zustand.
 
'''M 58.56''' Mit dem Brahma, der sich gegenwärtig dort befindet, haben sich aus anderen Welteiern sechzigtausend
 
'''M 58.57''' sechshundertdreiundsechzig Brahmas vereinigt. Damit habe ich dir die Anordnung und Ausdehnung Shripuras vollständig erklärt.
 
'''M 58.58''' Errichte nun hier auf dem Meru nach dieser Beschreibung eine schöne Stadt, in der Mutter Tripura, die Herrscherin Shripuras, wohnen wird.
 
'''M 58.59''' Dort sollen wir sie beständig schauen können, die Freude unserer Augen.“ Vishvakarman hörte Brahmas Worte voller Staunen.
 
'''M 58.60''' Er nahm sich vor, Shripura für die Göttin auf dem Meru-Gipfel zu bauen, vergegenwärtigte sich Brahmas Beschreibung und war innerlich von Freude erfüllt.‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 58. Kapitel: Die Beschreibung Shripuras und des Erlangens der Vollendung bis zur völligen Vereinigung. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 4749.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 59: Bhandas frühere Geburt und die alles umfassende Göttin===
 
'''Tatfolgen und Gnade:''' Bhandas Rückblick unterscheidet die hilfreiche Rettungstat klar von seinem anschließenden sexuellen Übergriff; die Rettung begründet keinen Anspruch auf die Frau. Seine spätere Todessehnsucht gehört zur besonderen mythischen Vorgeschichte des Kampfes und ist keine Empfehlung für die spirituelle Lebensführung. Vers 101 ist beschädigt; die Elementvergleiche sind dort dem erkennbaren Zusammenhang entsprechend übersetzt.
 
'''M 59.1''' Nachdem der aus dem Krug geborene Agastya diese überaus schöne Rede Hayagrivas gehört hatte, sprach er erneut, begierig, die Erzählung weiterzuhören.
 
'''M 59.2''' „Erhabener mit dem Pferdeantlitz! Der Dämon Bhanda war gekommen, um die Askese der Götter zu stören. Als er sie vom Feuer umgeben sah,
 
'''M 59.3''' kehrte er um und zog in die Stadt Shunyaka zurück. Was tat er dort? Erzähle mir dies ausführlich!
 
'''M 59.4''' Während ich deiner Erzählung von der Herrin Lalita lausche, wächst mein Verlangen, immer mehr davon zu hören.“
 
'''M 59.5''' So vom Kruggeborenen gefragt, sprach der Weise mit dem Pferdeantlitz: „Höre, Agastya, diese wunderbare, überaus erstaunliche Geschichte!
 
'''M 59.6''' Als der Dämon Bhanda abgezogen war, kam der Götterweise Narada nach Shunyaka herab, einer Herbstwolke am Himmel gleich.
 
'''M 59.7''' Bhanda sah den göttlichen Weisen durch die Luft herankommen, hell wie eine abgeregnete Wolke und seine schöne Laute spielend.
 
'''M 59.8''' Er ging ihm entgegen, führte ihn herein und ehrte ihn. Nachdem er die vorgeschriebene Verehrung vollzogen hatte, sprach er mit gefalteten Händen:
 
'''M 59.9''' ‚Sei willkommen, Götterweiser! Nach langer Zeit hast du mich wieder aufgesucht. Blicke gnädig auf deinen Schüler; selten ist dein Blick der Gnade.
 
'''M 59.10''' Sage mir, wie es um die geschwächten Götter bestellt ist. Brahmanen sind wohl meist furchtsam: Auch mein Lehrer ist von Angst verwirrt.
 
'''M 59.11''' Er kennt die Kraft meiner Arme nicht, die Göttern und Dämonen Schrecken einjagt. Er sagte: „Die Götter verehren die Shakti. Wenn sie ihnen gnädig wird,
 
'''M 59.12''' ist deine Niederlage gewiss; darum störe ihre Verehrung!“ Auf diese Worte hin zog ich mit den Dämonenscharen dorthin, um sie zu vernichten.
 
'''M 59.13''' Als ich die Götter samt Indra von Feuerflammen verzehrt sah, kehrte ich erfreut in meine Stadt zurück. Deshalb frage ich jetzt:
 
'''M 59.14''' Wie wurden die Götter von diesem Brand erfasst und zu Asche? Ist einer von ihnen entkommen? Sage es mir, Herr der Weisen!‘
 
'''M 59.15''' Der Götterweise lächelte bei dieser Frage und sagte zum Dämonenkönig: ‚Die Herren der Dämonen sollen mir deshalb nicht zürnen.
 
'''M 59.16''' Wir sagen niemals etwas Unwahres; unser einziger Halt ist die [[Wahrheit]]. Wie kannst du, obwohl du kundig bist, wie ein Verblendeter sprechen?
 
'''M 59.17''' Offenbar hat sich dein Schicksal gegen dich gewandt, da dein Denken so verkehrt ist: Ich sehe dich jubeln, wo Anlass zur Trauer besteht.
 
'''M 59.18''' Deine Feinde sind mächtig geworden, weil sie bei der großen Göttin Zuflucht gefunden haben. Von Indra und den anderen erfreut, ist sie erschienen, um dich zu töten.
 
'''M 59.19''' Aus der Opfergrube des Bewusstseinsfeuers ist Lalita hervorgegangen, die höchste Herrin: Gebieterin aller Welten, von göttlicher Gestalt und wunderbar großer Kraft.
 
'''M 59.20''' Umgeben von Scharen der Shaktis, die mit allen Waffen ausgestattet sind, wird sie kommen, um dich zu vernichten. Warum freust du dich wie ein Tor?‘
 
'''M 59.21''' Als der Dämonenkönig Naradas Worte hörte, lachte er und sprach: ‚Ich habe es doch schon gesagt: Brahmanen sind von Natur aus furchtsam!
 
'''M 59.22''' Weiser, kennst du mich denn nicht? Selbst dem Tod jage ich Schrecken ein. Vishnu, der Stärkste unter den Göttern, wurde im Kampf von mir besiegt.
 
'''M 59.23''' Ich bin der mächtige Herr von hundertfünf Welteneiern. Ich erschaffe Götter und Dämonen, Welten und die Scharen von Waffen und Geschossen.
 
'''M 59.24''' Die Reihen der Gottheiten, angefangen mit Brahma und Vishnu, stehen unter meiner Gewalt. Weshalb fürchtest du dich vor einer Frau? Frauen sind doch von Natur aus schwach!‘
 
'''M 59.25''' Währenddessen ließen Bhandas Gemahlinnen, Sammohini und die anderen, den Götterweisen durch ihre Gefährtinnen in die inneren Gemächer führen.
 
'''M 59.26''' Dort ehrten sie den vortrefflichen Weisen mit einem ausgezeichneten Sitz, Wasser zum Waschen der Füße, einer Willkommensgabe und reichen Opfergaben. Sie verneigten sich und sprachen ehrerbietig:
 
'''M 59.27''' ‚Götterweiser! Durch deine Gnade und deinen Anblick sind wir gesegnet. Sieh uns mit tiefem Mitgefühl an!
 
'''M 59.28''' Von den Gemahlinnen der Lehrer haben wir etwas überaus Beängstigendes gehört: Die Göttin Lalita ist erschienen, und die Götter verehren sie.
 
'''M 59.29''' Die höchste Herrin will unseren Gatten töten und den Göttern Wohlergehen schenken. Unterweise den Dämonenkönig, damit er nicht zugrunde geht!
 
'''M 59.30''' Wir nehmen zu dir Zuflucht, versunken im Meer des Leidens. Hebe uns aus diesem Meer heraus und beschütze uns, deine Dienerinnen!‘
 
'''M 59.31''' So sprachen die Frauen der Dämonen, berührten seine Füße und weinten. Als Narada ihre Tränen sah, wurde sein Herz von Mitgefühl ergriffen.
 
'''M 59.32''' Er ließ den Dämonenkönig herbeiholen und sagte zu ihm: ‚Herr der Dämonen, höre meine Worte, die dem Unsterblichkeitstrank gleichen!
 
'''M 59.33''' Stürze diese Frauen nicht in Trauer und vernichte deine Angehörigen nicht. Selten ist in der Welt ein Mensch, der einem sagt, was wirklich heilsam ist.
 
'''M 59.34''' Wer einem angenehme Worte ins Gesicht sagt, ohne Nutzen und Schaden zu bedenken, den erkenne als Feind in der Gestalt eines Freundes.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 59.35''' Wer Nutzen und Schaden mit tiefer Einsicht erwägt und dann etwas Bitteres sagt, das wie eine Arznei wirkt, den erkenne als wirklichen Freund.
 
'''M 59.36''' Dein Lehrer Kavya ist überaus besonnen, vorausschauend und deinem Wohl zugetan. Sein Rat ist so heilsam wie die Arznei für einen Kranken.
 
'''M 59.37''' Wer den Rat seines Lehrers nicht verwirft, erlangt großes Wohlergehen. Höre darum, Dämonenkönig, was ich dir sage!
 
'''M 59.38''' Du hältst dich für stärker als alle anderen. Doch höre, was ich dir auch dazu sagen werde: Kaitabha, der hervorragendste der Dämonen,
 
'''M 59.39''' aus dessen Fett diese Erde hervorging, die die Lebewesen trägt, wurde von Vishnu im Kampf getötet, obwohl seine Kraft und Tapferkeit unvergleichlich waren.
 
'''M 59.40''' Du hältst jene Göttin für eine schwache Frau. Doch hast du nicht die alte Geschichte gehört? Shumbha, Nishumbha und der machtstolze Mahisha wurden von eben dieser höchsten Göttin vernichtet, obwohl gewaltige Dämonenheere sie umgaben. ''Die überlieferte Strophe ist länger als ein gewöhnlicher Doppelhalbvers und am Ende sprachlich beschädigt.''
 
'''M 59.41''' Genug des Stolzes auf deine Kraft! Er ist ein Feind, durch den du dich selbst vernichtest. Erinnerst du dich nicht daran, wie Gauri dich einst im Kampf besiegte?
 
'''M 59.42''' Lalita, die höchste Herrin, überragt selbst Gauri und die anderen. Unzählige Millionen Shaktis, darunter Gauri, dienen ihr.
 
'''M 59.43''' Die Gesamtheit der Welteneier gleicht einem Zehennagel dieser Shakti. Derjenige, durch dessen Gnade du dich für den Stärksten hältst,
 
'''M 59.44''' auch dieser große Gott Shiva ist nur aus einem Anteil eines Fußes ihres Thrones hervorgegangen. Lass darum ab von dem Starrsinn, der dich und alles, was dir wert ist, vernichtet!
 
'''M 59.45''' Sieh deine geliebten, treuen Frauen, wie sie trauern und verzweifeln. Ich werde dich zu den Füßen der höchsten Shakti führen.
 
'''M 59.46''' Mit aller Kraft werde ich sie für dich um Vergebung bitten. Herrsche du in der Unterwelt; Indra soll den Himmel regieren.
 
'''M 59.47''' Beschütze deine Dämonengefolgschaft! Gehe nicht mit deinen Lieben zugrunde. Wenn du meinem Rat nicht folgst, wirst du untergehen.
 
'''M 59.48''' Herr der Dämonen, hast du gehört, was ich dir sagte? Findet es Zustimmung in deinem Herzen? Bedenke mit einem klaren, von Sattva erfüllten Geist, wie du dich retten kannst.‘
 
'''M 59.49''' Nachdem Bhanda Naradas Worte gehört hatte, lächelte er, nahm den Götterweisen bei der Hand und stieg mit ihm zum höchsten Teil des Palastes hinauf.
 
'''M 59.50''' Dort, auf der goldenen Palastspitze, die einem Gipfel des Meru glich, trat er an ein edelsteinbesetztes Fenster mit weichen Sitzpolstern.
 
'''M 59.51''' Er ließ den Götterweisen auf einem weichen Baumwollkissen Platz nehmen und sagte: ‚Götterweiser, du solltest deinem Schüler nicht zürnen.
 
'''M 59.52''' Ich weiß, dass du ein großer Verehrer bist, der bei den Füßen der höchsten Shakti Zuflucht gefunden hat. Alles, was du sagst, ist wahr; ich weiß es ebenso.
 
'''M 59.53''' Du kennst meine ganze Geschichte. Nur im göttlichen Spiel sprichst du so zu mir. ''Unter dieser Nummer steht in der Textgrundlage nur ein Halbvers.''
 
'''M 59.54''' Ich war einst Manikyashekhara, ein Bote der Göttin Rama, der Lakshmi. Eines Tages begann sie, um Tripura zu erfreuen, eine große Askese.
 
'''M 59.55''' Dreihunderttausend Jahre lang übte sie am Ufer der Ganga. Dort geriet einmal eine Kinnari, erfüllt vom Nektar der Jugend,
 
'''M 59.56''' in das Wasser der Ganga. Sie tauchte auf und sank wieder unter, wurde von der Strömung fortgetragen und fand keinen Retter.
 
'''M 59.57''' Als ich sie sah, ergriff mich Mitgefühl. Ich sprang in den himmlischen Fluss, nahm sie auf meinen Rücken und erreichte schnell das Ufer.
 
'''M 59.58''' Ich setzte sie dort nieder, und bald erholte sie sich von ihrem Schrecken. Doch durch die Berührung ihres Körpers und den Anblick ihrer Schönheit
 
'''M 59.59''' wurde ich von Begierde verblendet. Ich sagte zu ihr: „Schöne, ich habe dich gleichsam aus dem Rachen des Todes gerettet.
 
'''M 59.60''' Durch die Berührung deines Körpers bin ich von Verlangen gequält. Rette nun du mich! Wer dazu imstande ist, soll eine Wohltat mit ganzer Kraft erwidern.
 
'''M 59.61''' Wer Hilfe nicht vergilt, schädigt sich selbst. Ich bin vom Feuer der Begierde ergriffen, leide und suche bei dir Zuflucht.
 
'''M 59.62''' Rette mich jetzt, indem du dich mir hingibst; sonst werde ich mein Leben aufgeben!“ Als die tugendhafte Kinnari meine verkehrten Worte hörte,
 
'''M 59.63''' antwortete sie mit süßer, nektargleicher und edler Rede: „Verliere nicht deine Vernunft! Ich bin eine Kinnari und meinem Gatten treu ergeben.
 
'''M 59.64''' Mein Mann übt fünf Krosha von hier entfernt Askese. Ich bin seine geliebte Frau und gehöre zu ihm wie der Schatten zum Baum.
 
'''M 59.65''' Ich werde meinem Gatten niemals untreu. Höre auch diesen Grund: Wer einen Menschen aus Gefahr rettet oder ihn als Kind aufzieht,
 
'''M 59.66''' gilt nach der Lehre des Dharma als Vater. Darum bist du mein Vater, und ich bin dem Dharma nach deine Tochter. Du darfst nicht so zu mir sprechen!
 
'''M 59.67''' Der Mensch soll seinen Geist, der ihm zum Feind werden kann, von falschen Wegen zurückhalten. Wer den Geist nicht beherrscht, wird bald durch ihn zugrunde gerichtet.
 
'''M 59.68''' Betrachte mit klarem, standhaftem Verstehen das Treiben der Welt. Geschlechtliche Lust ist überall von derselben Art; selbst bei Tieren ist sie darin nicht anders.
 
'''M 59.69''' Finde daher in Gedanken Freude an deinen eigenen Gemahlinnen, nicht an anderen Frauen. Gerate nicht in das Zornesfeuer einer ihrem Gatten treuen Frau und werde nicht zu Asche!“
 
'''M 59.70''' Obwohl sie mir mit solchen und vielen weiteren Worten zum Guten riet, stürzte ich, von Begierde und Verblendung überwältigt, auf sie zu, um sie anzufassen.
 
'''M 59.71''' Schreiend floh sie zu den Füßen der Göttin Rama und rief: „Beschütze mich, beschütze mich!“ Doch sogar vor deren Augen
 
'''M 59.72''' griff ich, blind vor Begierde, nach ihrem Obergewand. Als die Göttin Rama dieses Unrecht sah, wurde sie zornig und verfluchte mich:
 
'''M 59.73''' „Tor, Unbeherrschter! Dieser göttliche Körper ist deiner nicht würdig. Dein Tun ist dämonisch; darum werde ein Dämon!“
 
'''M 59.74''' Als ich diesen schrecklichen Fluch hörte, erwachte ich aus dem Rausch der Begierde und versank sogleich in einem Meer des Kummers.
 
'''M 59.75''' Die Kinnari wurde beruhigt, verneigte sich und ging nach Hause. Die Göttin Rama aber sprach erneut zu mir, der ich im Meer des Kummers versunken war:
 
'''M 59.76''' „Schande über dich, Unedler! Du darfst nicht mehr in meiner Nähe bleiben. Dein Körper ist abscheulich geworden, weil er die Frau eines anderen gewaltsam angetastet hat.
 
'''M 59.77''' Er soll sofort unsichtbar werden; dein Leib sei nur noch Wind!“ So verflucht, wandte ich mich voller Furcht an die Göttin Shri.
 
'''M 59.78''' Mit vielen Bitten und Verneigungen suchte ich sie zu besänftigen. Nach langer Zeit wurde die Mutter mir wieder gnädig.
 
'''M 59.79''' Als ich sie um Befreiung von dem Fluch bat, sagte sie: „Manikyashekhara, du hast etwas zutiefst Verwerfliches getan.
 
[[Datei:Shri Yantra dreidimensional.jpg|thumb|Das [[Shri Yantra]] veranschaulicht die Verehrung der [[Tripura Sundari]].]]
 
'''M 59.80''' Ich sehe keine andere Sühne dafür, nicht einmal eine geringe. Mein Fluch kann nicht unwahr werden; die Folgen deiner Tat musst du erfahren.
 
'''M 59.81''' Nachdem du deinen Körper verloren und lange als Windwesen gelebt hast, wirst du ein Dämon werden. Doch du hast jene ins Wasser gefallene Frau aus Mitgefühl gerettet.
 
'''M 59.82''' Wenn das Verdienst dieser Tat heranreift, wirst du eine alles überragende Macht gewinnen, Herr vieler Welteneier werden und Freuden nach deinem Verlangen genießen.
 
'''M 59.83''' Dann wirst du im Kampf von der großen Göttin getötet und in ihre Welt gelangen. Dort wirst du lange verweilen und von den Dämonen geehrt werden.
 
'''M 59.84''' Schließlich wirst du ihren höchsten Zustand erreichen und nicht wiedergeboren werden.“ Als ich dies hörte, fragte ich die Mutter der Welt erneut:
 
'''M 59.85''' „Göttin, wer ist diese große Göttin, von der ich im Kampf getötet werden soll? Steht sie über dir? Ich kenne keine Göttin, die dich überragt.
 
'''M 59.86''' Sage mir, wer sie ist, welcher Art sie ist und worin ihre Größe besteht!“ So von mir gefragt, antwortete Shri, die Mutter der Welt:
 
'''M 59.87''' „Manikyashekhara, höre! Diese Göttin steht über allem. Ihr Wesen ist das große [[Bewusstsein]]. Aus ihrem natürlichen Wirken entstehen
 
'''M 59.88''' in jedem Weltenei Brahma, Vishnu und Hara als Verkörperungen der drei Gunas. Auch Ishvara, der die Verhüllung bewirkt, ist Herr über das aus den drei Gunas Entstandene.
 
'''M 59.89''' Derjenige, der darin die Gnade gewährt, heißt Sadashiva. Durch einen winzigen Hauch ihres Blickes erschafft er aus Gnade alles.
 
'''M 59.90''' Die seit anfangsloser Zeit von Maya gefesselten Einzelseelen will dieser große Herr durch seine Gnade befreien; darum bringt er die Schöpfung hervor.
 
'''M 59.91''' Die Seelen sind während der Weltauflösung nicht befreit, denn sie befinden sich lediglich in einem Zustand der Leere. Erst wenn sie in der Schöpfung Verkörperung erlangen, können sie erkennen.
 
'''M 59.92''' Auch er ist nur ein Anteil von ihr. Darum ist sie das innerste Wesen von allem; man nennt sie die höchste Bewusstseinskraft, das Selbst aller Wesen.
 
'''M 59.93''' Sie allein ist hier: der tragende Grund und Spiegel des vielfältigen Weltbildes. Weil sie sich als alles entfaltet und alles umfasst, wird sie mit dem Wort [[Brahman]] bezeichnet.
 
'''M 59.94''' Tripura ist weder weiblich noch geschlechtslos noch männlich; ihre Gestalt ist Bewusstsein. Sie ist für Wort und Denken unerreichbar: reines Bewusstsein, frei von allem Gegenständlichen.
 
'''M 59.95''' Sie ist die siebzehnte, ewige Kraft, die mit dem höchsten Herrn verbunden ist. Zwei Aspekte hat dieser Herr: das Hervorgebrachte und das Hervorbringen.
 
'''M 59.96''' Das Hervorgebrachte gliedert sich sechzehnfach, das Hervorbringen ist eines. Die zehn Sinnes- und Handlungskräfte, die fünf Elemente
 
'''M 59.97''' und das innere Organ bilden die sechzehn Aspekte des Hervorgebrachten. Das Hervorbringen ist die siebzehnte, ewige Kraft des großen Herrn.
 
'''M 59.98''' Sie ist das Bewusstsein, das die sechzehn trägt, und die Ursache von allem. Ohne sie gibt es weder Shiva noch Brahma noch Sadashiva.
 
'''M 59.99''' Ishvara, Shiva, Vishnu, Brahma und die Scharen der Gottheiten, Männer, Frauen und alle Lebewesen, die beweglichen und die unbeweglichen,
 
'''M 59.100''' das Belebte wie das Unbelebte: Nichts bleibt außerhalb von ihr. Sie ist in allem wie das Gold in den Schmuckstücken und das Wasser in den Meeren.
 
'''M 59.101''' Wie die Leere im Raum, die Berührbarkeit und Bewegung in der Luft, wie Wärme und sichtbare Gestalt im Feuer, wie Fließen und Geschmack im Wasser,
 
'''M 59.102''' wie Geruch und Festigkeit in der Erde, so ist sie überall gegenwärtig. Um die Welten zu erheben, die sie im Spiel aus sich selbst erscheinen lässt,
 
'''M 59.103''' hat sie die Herrschaft über die höchste Stadt des Shri Chakra angenommen. Wir, die Vach, Shri und Gauri heißen, sind aus ihren Gliedern hervorgegangen.
 
'''M 59.104''' Aus ihrem Zorn entstand Kali, verbunden mit Mahakala; aus ihrem Wort entstand Tara, verbunden mit Bhairava.
 
'''M 59.105''' Aus ihrer Tatkraft entstand Durga, die das Elend vernichtet. Aus ihrer furchterregenden Macht entstand Pratyangira, verbunden mit Mahasharabha.
 
'''M 59.106''' Aus ihrer Tapferkeit entstand Shulini; Malini ging aus ihrer Rede hervor. Chandika entstand aus ihrem gewaltigen Ruf und Dhumra aus ihrem schrecklichen Blick.
 
'''M 59.107''' So sind alle Göttinnen aus ihren Gliedern hervorgegangen; keine steht über ihr. Durch ihre spielerische Erscheinung, die Lalita heißt, wirst du im Kampf
 
'''M 59.108''' getötet werden, lange in ihrer Welt leben und schließlich Befreiung erlangen.“ Als sie dies gesagt hatte, richtete ich noch eine Bitte an sie:
 
'''M 59.109''' „Wenn es so ist, Mutter, möge es geschehen! Doch um eines bitte ich dich noch: Meine Dämonengeburt möge ohne Verbindung mit einem Mutterschoß erfolgen.
 
'''M 59.110''' Möge ich aus dem Körper eines hervorragenden Verehrers der höchsten Shakti entstehen! Und niemals möge mich diese Einsicht verlassen, Mutter der Welt!“
 
'''M 59.111''' Auf diese Bitte antwortete Rama: „So soll es dir geschehen!“ Darum bin ich aus dem Körper Kamas entstanden, eines der höchsten Verehrer.
 
'''M 59.112''' Lange habe ich über hundertfünf Welteneier geherrscht und unablässig die erlesensten Freuden genossen.
 
'''M 59.113''' Nun bin ich der Sinnesfreuden überdrüssig und sehne mich danach, von ihr getötet zu werden. Ich bin entschlossen, in ihrer Welt und in ihrer Nähe zu wohnen.
 
'''M 59.114''' Unaufhörlich meditiere ich über die Lotusfüße der höchsten Herrin und warte: Wann wird sie kommen und mich erschlagen?
 
'''M 59.115''' Wenn sie mich zusammen mit Söhnen, Enkeln und Gemahlinnen im Kampf tötet, werde ich sogleich in ihrer Welt leben. Darauf drängt mein Herz.
 
'''M 59.116''' Gehe darum zu meiner Gemahlin, tröste sie und unterweise sie mit klarem Verständnis!‘ Als Narada Bhandas Worte hörte, wurde sein Herz froh.
 
'''M 59.117''' Der vortreffliche Weise Narada pries den Dämonenkönig Bhanda, tröstete dessen Gemahlin und ging an den Ort, den er aufzusuchen wünschte.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung, im Gespräch zwischen Narada und Bhanda, das 59. Kapitel: Bhandas Erzählung von den Folgen seiner Taten in einer früheren Geburt und vom Erlangen der Welt der Göttin durch ihre Gnade. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 4875.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 60: Gnade, Befreiung und der Aufbruch zum Kampf===
 
'''Mehrere Erzählebenen:''' Narada befragt zunächst Haritayana; danach wird Dattatreyas Bericht an Parashurama fortgesetzt, in dem Hayagriva zu Agastya spricht. Mantrinis Belehrung unterscheidet die immer freie Natur des Bewusstseins vom Weg eines noch unwissenden Menschen. Bhandas Überlegungen über den Tod seines Heeres bleiben Teil der konfliktreichen Kriegserzählung; seine öffentliche Rede am Ende verbirgt seine inneren Gedanken.
 
'''Lesung zu Vers 37:''' Im überlieferten Wortlaut steht ‚heilsam‘, obwohl der Gegensatz zur bitteren Arznei ‚unheilsam‘ verlangt. Die Übersetzung folgt diesem Zusammenhang; die Stelle ist unsicher.
 
'''M 60.1''' Als Narada dies hörte, freute er sich, denn seine eigenen Erlebnisse waren geschildert worden. Zufrieden sprach er zu Haritayana:
 
'''M 60.2''' „Haritayana, treffend hast du diese längst vergangene Geschichte erzählt: was ich damals im Inneren erlebte und was äußerlich geschah.
 
'''M 60.3''' Durch deine genaue Schilderung habe ich mich in der Reihenfolge deiner Erzählung an alles erinnert. Obwohl es lange zurückliegt, ist es durch deine Worte,
 
'''M 60.4''' als wäre es heute geschehen: Alles steht deutlich vor meinem inneren Auge. Gesegnet bist du auf Erden, da du durch die Gnade der Höchsten alles Äußere und Innere kennst.
 
'''M 60.5''' Darum frage ich dich; beantworte einen Zweifel, der schon lange in mir besteht: Wie hast du von diesen vergangenen inneren und äußeren Ereignissen erfahren?
 
'''M 60.6''' Wie erkennst du, was du weder gesehen noch gehört hast, du Gelübdetreuer?“ Als Haritayana Naradas Worte hörte, lächelte er und antwortete:
 
'''M 60.7''' „Höre, Götterweiser, ich will es dir sagen. Was hier ausführlich oder kurz erwähnt wird, erhält seine vollständige Begründung im anderen Teil des Werkes.
 
'''M 60.8''' Wie ein Mensch sich an Erlebtes erinnert, so erinnere ich mich durch eine Gabe Brahmas an alles Äußere und Innere.
 
'''M 60.9''' Durch deine Gnade und die große Gunst der Göttin erinnere ich mich daran unverstellt, als hätte ich es selbst erfahren.“ ''Der erste Halbvers ist sprachlich gestört; der Zusammenhang der Erinnerung bleibt erkennbar.''
 
'''M 60.10''' Dann sprach der Lehrer Dattatreya zum aufmerksam lauschenden Rama: „Höre, Bhargava! Danach erzählte der Pferdegesichtige dem Kruggeborenen
 
'''M 60.11''' die überaus wunderbare Geschichte des Kampfes zwischen dem Dämon Bhanda und der Göttin: ‚Höre, Agastya! Als die Götter die aus dem Opferfeuer geborene glückverheißende Göttin,
 
'''M 60.12''' Lalita, die einzig Schöne aller Welten, die höchste Herrin, erblickten, dachten Indra und die anderen bei sich:
 
'''M 60.13''' „Diese junge Frau ist der Wohnsitz aller Schönheit der Welten. Doch ohne Gemahl ist sie wie eine Ranke ohne Stütze; so erscheint sie uns nicht vollendet.“
 
'''M 60.14''' Brahma und die anderen Verkörperungen der Gunas erkannten die Gedanken der Götter. Als sie über Kameshvara meditierten, trat dieser sogleich
 
'''M 60.15''' aus dem Körper der großen Göttin hervor, ihr an Gestalt und Schmuck entsprechend. Als die Götter ihn sahen, hielten sie ihn für einen passenden Gemahl der Göttin.
 
'''M 60.16''' Ganz davon erfüllt, wünschten sie: „Möge ihre Hochzeit stattfinden!“ Brahma und die anderen erkannten dies und baten die Göttin, die über allem Höchsten steht.
 
'''M 60.17''' Mit einem großen Fest vollzogen sie die Vermählung. Danach wurde Lalita, die höchste Herrin, von den Göttern gebeten,
 
'''M 60.18''' den Dämon Bhanda zu töten. Sie schuf ihre Gefolgschaft und ließ durch bloßes Erinnern sämtliche Scharen der Einfassungsgottheiten hervortreten.
 
'''M 60.19''' Währenddessen kam der Götterweise zu ihren Füßen. Er warf sich lang vor ihr nieder und pries sie mit vielfältigen Lobgesängen.
 
'''M 60.20''' Mit gefalteten Händen, demütig und mit geneigtem Haupt, sprach er: „Göttin, ich komme aus der Nähe des Dämonen Bhanda.
 
'''M 60.21''' Dieser Gewaltige rückt mit einem großen Heer heran. Er hat mich gesandt. Der Dämonenkönig lässt dir sagen:
 
'''M 60.22''' ‚Du bist eine schwache Frau. Auf wessen Kraft vertrauend willst du mit mir kämpfen? Unwissende, kenne meine Macht und stürze dich nicht ins Verderben!
 
'''M 60.23''' Komm rasch an meine Seite! Verlasse die Götter mit Brahma an der Spitze, die ich immer wieder besiegt habe und die sich nur auf Täuschung stützen.
 
'''M 60.24''' Wer sich mir widersetzt, Frau oder Mann, wird keinerlei Glück erfahren, als wäre er bereits in den Rachen des Todes geraten.‘
 
'''M 60.25''' So sprach er und ordnete umfassende Vorbereitungen zum Krieg an. Mir scheint, du bist durch diesen Entschlossenen schon beinahe besiegt.
 
'''M 60.26''' Göttin, ich möchte dich noch etwas im Vertrauen fragen. Erlaube es mir!“ Als sie Naradas Worte hörte, blickte sie ihre Ministerin an.
 
'''M 60.27''' Die höchste Mantrini verstand ihre Absicht und ihren Wink, nahm den Götterweisen bei der Hand und führte ihn an einen abgeschiedenen Ort.
 
'''M 60.28''' Dort nahm die Herrin des Rates Platz und sagte: „Frage, Narada, was immer du auf dem Herzen hast!
 
'''M 60.29''' Ich weiß, dass du ganz der Hingabe an die Füße der höchsten Göttin ergeben bist. Da du dort Zuflucht gefunden hast, gibt es gewiss nichts in der Welt, das du nicht kennst.
 
'''M 60.30''' Dennoch frage nach deinem Wunsch; ich werde deinen Zweifel lösen.“ Auf diese Aufforderung Mantrinis hin verneigte sich der göttliche Asket.
 
'''M 60.31''' Mit gefalteten Händen stellte er seine Frage in wohlgesetzten Worten: „Göttin, ich habe Bhanda gesehen und ihn genau geprüft.
 
'''M 60.32''' Gewiss überragt er uns alle, die wir Verehrer der Göttin sind. Wie könnte jemand, dessen einzige Zuflucht die Füße der Höchsten sind, im Kampf unterliegen?
 
'''M 60.33''' Und doch sagte er: ‚Von der Göttin im Kampf getötet, werde ich lange in ihrer Welt wohnen und danach ihren höchsten Zustand erreichen.‘
 
'''M 60.34''' Warum wird jemand befreit, der die Welten bedrängt und schlecht handelt? Weshalb aber verbleiben wir im Lauf der Welten? Erkläre mir dies!“
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 60.35''' So gefragt, antwortete die Königin Shyamala dem Narada: „Höre nun meine Worte, auch wenn sie ein Geheimnis betreffen!
 
'''M 60.36''' Wer bei Shris Füßen Zuflucht nimmt, wird niemals aufgegeben. Ganz gewiss wird er den höchsten Zustand erreichen; anders kann es nicht sein.
 
'''M 60.37''' Eine Mutter gibt ihrem kranken Kind nicht das Schädliche, selbst wenn es danach verlangt. Die heilsame Arznei hingegen, die es nicht haben will,
 
'''M 60.38''' verabreicht sie ihm nötigenfalls gegen seinen Widerstand, ganz auf sein Gedeihen bedacht. Ebenso tötet die Göttin diesen hervorragenden Verehrer und tilgt die weitreichenden schlimmen Taten,
 
'''M 60.39''' deren Folgen mächtig geworden sind, durch ihren Anblick, ihre Worte, ihre Waffen und anderes. So führt sie ihn rasch zu ihrem eigenen Zustand. Höre weiter!
 
'''M 60.40''' Was ein Mensch mit ungeteiltem Herzen erbittet, das gewährt Tripura ihm rasch; daran besteht kein Zweifel.
 
'''M 60.41''' Nur solange dasjenige nicht vergangen ist, was der Erfüllung seines Wunsches entgegensteht, dauert es für ihn. Danach erlangt er das Ersehnte.
 
'''M 60.42''' Höre: Du selbst bist ewig frei; du begehrst keine Befreiung. Ein Unwissender mag sie ersehnen, doch wie sollte ein Wissender sie noch begehren?
 
'''M 60.43''' Ein Gebundener wünscht Befreiung, wie ein Hungriger Nahrung wünscht. Wie sollte ein Gesättigter essen wollen? Wie könnte jemand dich noch speisen, wenn du satt bist?
 
'''M 60.44''' Was man nicht erreicht hat, möchte man erreichen. Doch wie könnte man das schon Erreichte nochmals erlangen? Sage: Was könnte einer, der wie der Raum vollständig ist, noch hinzugewinnen?
 
'''M 60.45''' Darum ist Befreiung etwas, das der Unwissende zu erlangen hat. Wie könnte dies für dich als Wissenden gelten?“ Als Narada Mantrinis Worte hörte, wurde sein Herz froh.
 
'''M 60.46''' Er verneigte sich vor ihr und vor Tripura und ging als zu Lebzeiten Befreiter fort. Die Göttin Tripura aber wurde von Brahma, Vishnu und den anderen gebeten,
 
'''M 60.47''' den Dämon Bhanda zu töten. Sie zog mit dem Heer der Shaktis aus, auf einem Wagen in der Gestalt des Königs der Chakras, der neun Stufen besaß.
 
'''M 60.48''' Diese waren wie übereinander aufsteigende Geschosse gestaltet und reich geschmückt. Auf der obersten Stufe stand sie, versehen mit allem Gerät des Kampfes.
 
'''M 60.49''' Von undurchdringlicher Rüstung geschützt, erschien sie höchst furchterregend, mit einer Fülle von Waffen und Geschossen und vor Zorn geröteten Augen. ''Die Beschreibung der Rüstung ist teilweise unsicher überliefert.''
 
'''M 60.50''' Die verkörperte Wissenschaft des Bogenschießens stand mit gefalteten Händen an ihrer Seite. Auch Waffen und Geschosse waren in persönlicher Gestalt anwesend.
 
'''M 60.51''' Auf den tieferen Stufen standen der Reihe nach sämtliche Shaktis der Einfassungen, mit vielfältigen Rüstungen bekleidet und mit Waffen und Geschossen versehen.
 
'''M 60.52''' Auch die Reihen der Gurus waren gerüstet und kampfbereit aufgestellt. Zu ihrer Rechten stand die Herrin der Mantras auf einem prächtigen siebenstufigen Wagen.
 
'''M 60.53''' Mit ihrem Gefolge zum Kampf gerüstet, zog sie aus, begleitet von den Gruppen der Shyamala-Gestalten, darunter Shuka-Shyamala.
 
'''M 60.54''' Ihre beiden Lotusaugen rollten in der Freude und dem Rausch des göttlichen Trankes. Unzählige Millionen gleichgestaltiger Töchter Matangas umgaben sie.
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''M 60.55''' Diese erfreuten Mantrini mit Gesang, Musik, Tanz, scherzenden Reden und anmutigen Spielen, die mit Lachen vermischt waren. ''Das überlieferte Wort am Versanfang lautet wörtlich „Gaben“; im Zusammenhang ist „Gesang“ wahrscheinlich.''
 
'''M 60.56''' Sie selbst, die Ministerin der Königin Lalita, war im Rat kundig und stets auf Ratschlüsse bedacht, die dem Willen ihrer Herrin entsprachen.
 
'''M 60.57''' Besonders liebte sie Gesang, Instrumentalmusik, Scherz und Spiel. Zu Lalitas Linken erschien die ebergesichtige Herrscherin der Strafgewalt.
 
'''M 60.58''' Auf der obersten Stufe des fünfstufigen Kiri-Chakra-Wagens stand sie, umgeben von ihren zahlreichen Shaktis, Jambhini und den anderen.
 
'''M 60.59''' Sie verkörperte den Zorn, war überaus furchtbar, doch denen wohlgesinnt, die um Vergebung baten. Stets strafte sie diejenigen, die sich dem Unrecht hingaben.
 
'''M 60.60''' An ihren Seiten standen ihre Reittiere, ein großer Büffel und ein Löwe. Sie glänzte mit Waffen, darunter Pflug und Keule.
 
'''M 60.61''' Millionen Batukas und Yoginis umgaben sie. Auf Lalitas Geheiß war auch Bala Tripurasundari erschienen,
 
'''M 60.62''' die jugendliche Göttin. Sie stand auf dem Wagen namens Laghu-Chakra und war von den mächtigen Shaktis ihrer eigenen Einfassungen umgeben.
 
'''M 60.63''' Zu ihrer Rechten kam die Herrin des Gedeihens. Sie bestieg den überaus furchterregenden Elefanten Ranakolahala, aus dessen drei Stellen der Brunstsaft floss.
 
'''M 60.64''' Dieser König der Elefanten glich einem hohen Gipfel des Vindhya-Gebirges und war von natürlicher Kraft berauscht. Die Göttin auf seinem Rücken trug einen gewaltigen Elefantenhaken.
 
'''M 60.65''' Ihr folgten zahllose Millionen brünstiger Elefanten aus dem Vindhya-Gebirge, aus Malaya und aus Pragjyotisha.
 
'''M 60.66''' Sie waren gut geschult, mit den Bewegungen des Kampfes vertraut und sechzig Jahre alt. Auf ihnen ritten die mächtigen Shaktis aus dem Gefolge der Herrin des Gedeihens,
 
'''M 60.67''' kundig im Kampf mit Waffen und Geschossen. Schnell rückten sie vor. Auf der linken Seite erschien die große Herrin Ashvarudha, die Pferdereiterin.
 
'''M 60.68''' Sie saß auf dem hochgewachsenen kostbaren Ross Aparajita, „Unbesiegt“, einem Pferd von Gandharva-Abstammung, schnell wie der Wind.
 
'''M 60.69''' Es übertraf Uccaihshravas und trug alle glückverheißenden Kennzeichen: Muschel, Halbmuschel, Edelstein, Götterzeichen, Swastika und Lotus.
 
'''M 60.70''' Weitere günstige Zeichen wie Gandika zeichneten es aus; es glänzte golden. Selbst bei genauester Aufmerksamkeit vermochte man die Folge seiner Huftritte nicht zu erkennen.
 
'''M 60.71''' Es kannte den Gedanken seiner Herrin und verstand, wie man den Feind angreift. Hinter ihr folgten zahllose Pferde aus Sindhu und Tankana,
 
'''M 60.72''' aus Arada, aus Bergländern und aus Barbara, voller Feuer: rote, dunkle, weiße, gelbe, bräunliche und rosafarbene,
 
'''M 60.73''' grünliche, rauchfarbene, gescheckte und bläulich rote, vielfältig gefärbt, an allen Gliedern schön und mit dichten Mähnen geschmückt.
 
'''M 60.74''' Sie waren in mannigfaltigen Gangarten geschult, verstanden zu tanzen und hielten den Takt. Auf ihnen ritten Shaktis, die verschiedenste Waffen und Geschosse trugen.
 
'''M 60.75''' Wie Wogen des Meeres stürmten sie ringsum voran. Beim Auszug schien es, als würden sie mit ihren Hufschlägen die Erde aufreißen.
 
'''M 60.76''' Das scharfe Klappern ihrer aufschlagenden Hufe verband sich mit lautem Wiehern und dem Trompeten der Elefanten,
 
'''M 60.77''' mit dem Löwengebrüll der Shaktis und den gewaltigen Herausforderungen der Heldinnen, mit siegverkündenden Kesselpauken, Trommeln und Becken,
 
'''M 60.78''' mit dem Klang von Hörnern, großen Pauken, Gongs und Trompeten. Damit vermischte sich das Getöse der Räder des königlichen Shri-Chakra-Wagens.
 
'''M 60.79''' Ein gewaltiger Klang entstand, als erfülle er alle Himmelsrichtungen. Als die Dämonen den mächtigen Lärm von Lalitas Siegeszug hörten,
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 60.80''' gerieten sie in äußerste Furcht, als wäre der Tod selbst gekommen. Bhanda jedoch hatte sich schon lange danach gesehnt, durch sie zu sterben.
 
'''M 60.81''' Als er das nahe Getöse hörte, wusste er gewiss, dass dies nun bevorstand. Doch dann sah er die erschrockenen Dämonen, deren Gesichter bleich geworden waren.
 
'''M 60.82''' Tiefes Mitgefühl ergriff ihn, und er dachte bei sich: „Gewiss werden diese hier meinetwegen zusammen mit ihren Angehörigen zugrunde gehen.
 
'''M 60.83''' Keine Furcht in der Welt übertrifft die Todesfurcht. Wenn sie meinetwegen erschlagen werden, werden ihre Frauen und Kinder um sie trauern,
 
'''M 60.84''' ebenso ihre Schwestern, Mütter und die übrigen Angehörigen. Ach, welch ein Unheil! Ich will daher selbst vorausgehen, mit Mutter Lalita kämpfen
 
'''M 60.85''' und, durch das Feuer ihrer Waffen gereinigt, das ersehnte Ziel erreichen. Warum sollte ich diese Menschen in Trauer stürzen und von ihren Angehörigen trennen?
 
'''M 60.86''' Genug der Klagen über den schrecklichen Tod, den ich verursachen würde! Wer seine eigenen Leute vor einer Ursache des Leidens schützen könnte und es nicht tut,
 
'''M 60.87''' den sollen die Menschen als Mörder seiner Angehörigen ansehen, einem Menschenfresser gleich. Doch wenn ich allein ausziehe und durch die Göttin den Tod finde,
 
'''M 60.88''' werden meine Angehörigen ebenfalls trauern, weil sie mich verloren haben. Was wird nach meinem Tod aus meinen Verwandten, vor denen die Götter zittern?
 
'''M 60.89''' Jetzt glänzen sie in großer Macht; dann werden die Götter sie überwältigen und ihnen ihren Reichtum rauben. Sie werden verelenden und trauern. Auch das kann ich nicht billigen.
 
'''M 60.90''' Wie könnte jemand, der höchste Macht erlangt hat, Erniedrigung ertragen? Gewiss werden nach meinem Tod durch die Göttin meine Brüder, Söhne und die übrigen Angehörigen,
 
'''M 60.91''' soweit sie tapfer sind, sogleich in Mut und Zorn entbrennen und ihre eigenen Körper wie Motten im Feuer des Kampfes zu Asche werden lassen.
 
'''M 60.92''' Die Furchtsamen und weniger Starken aber werden sich in Erdhöhlen verbergen wie einst die Götter, elend und von Frauen und Kindern getrennt.
 
'''M 60.93''' Sie werden einander beklagen und schlimmer daran sein als Tote. Keinesfalls lässt sich die Trauer der Angehörigen ganz vermeiden.
 
'''M 60.94''' Wozu also dieses vergebliche Grübeln? Mir scheint, es gibt keinen besseren Weg: Zuerst mögen sie durch die Göttin fallen, danach werde ich getötet.
 
'''M 60.95''' Dies erscheint mir vorzuziehen, denn es hat viele Vorzüge: Reinigung durch die Waffen der Gottheit und das Erreichen der höchsten Welt,
 
'''M 60.96''' Bewahrung vor Erniedrigung und großer Ruhm auf Erden. Doch auch dabei, denke ich, gibt es für Frauen, Kinder und die anderen keine entsprechende Möglichkeit.
 
'''M 60.97''' Das lässt sich nicht abwenden; hier bleibt allein die göttliche Fügung als Zuflucht. Einst hörte ich jedoch aus Brahmas Mund:
 
'''M 60.98''' „Die höchste Göttin Tripura erfüllt die Wünsche ihrer Verehrer.“ Möge die Höchste daher mein Gefolge nicht in Kummer stürzen!
 
'''M 60.99''' Diese gehören nicht wirklich mir, noch gehöre ich ihnen. Obwohl ich ihre wahre Natur kenne, lässt die Göttin mächtige Verblendung in mir entstehen.
 
'''M 60.100''' Vergeblich ist daher mein Grübeln über eine Welt, deren Bestand dem eines Traumes gleicht. Mit meinem ganzen Wesen nehme ich zu ihr Zuflucht.
 
'''M 60.101''' Wie immer sie mich einsetzen will, so bin ich dazu bestimmt, nicht anders. Beschütze mich, höchste Herrin, du Zuflucht aller, mich, der bei dir Zuflucht sucht!
 
'''M 60.102''' Du mögest mich aus dem dicht geknüpften Netz der Verblendung herausheben!“ So betete Bhanda zur großen Göttin Tripura.
 
'''M 60.103''' Dann blickte er auf seine Angehörigen, die verzagt rings um ihn standen, und sprach mutige Worte, um sie aufzurichten:
 
'''M 60.104''' „Dämonen, hört aufmerksam auf meine Worte! Von keiner Seite droht mir der Tod, denn ich bin der Tod des Todes selbst.
 
'''M 60.105''' Vor euren Augen habe ich Waffen, Geschosse, große Zaubermächte und die Welten mit allem Beweglichen und Unbeweglichen erschaffen.
 
'''M 60.106''' Ich bin der gewaltige Herr von hundertfünf Welteneiern. Weil ich diese Gegnerin als schwache Frau ansehe, will ich sie nicht sogleich töten.
 
'''M 60.107''' Ich werde erst ihre Kampfeslust betrachten, sie dann spielend besiegen, in meine inneren Gemächer bringen und höchste Freude genießen.“‘“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 60. Kapitel: Die widerstreitenden Überlegungen Bhandas, der sich zum Kampf mit der Göttin rüstet. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 4983.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 61: Die Gesandten im Heer der Göttin===
 
'''Botschaft und Auskundschaftung:''' Die Erzählung unterscheidet den offen auftretenden Gesandten Amitraghna vom heimlich eindringenden Späher Vidyunmalin. Die übergroßen Heereszahlen gehören zur epischen Darstellung göttlicher Macht. Der heilende Mantra in Vers 70 wird erwähnt, aber nicht im Wortlaut mitgeteilt.
 
'''M 61.1''' Nach diesen Worten wandte sich der große Dämon mit zornroten Augen an seinen Wagenlenker Dirghagriva, der neben ihm stand: „Spannt meinen Wagen an!“
 
'''M 61.2''' In einem Augenblick machte der Lenker den vortrefflichen Wagen kampfbereit, verneigte sich demütig und meldete es dem Dämonenherrscher.
 
'''M 61.3''' Der furchtgebietende Bhanda bestieg den ausgezeichneten Wagen, nahm Bogen und Pfeile zur Hand und zog in heftigem Zorn los.
 
'''M 61.4''' Als die Dämonen sahen und hörten, dass ihr Herr zum Kampf aufbrach, rückten sie rasch aus, gerüstet und von Zorn überwältigt.
 
'''M 61.5''' Scharen tapferer Dämonenkrieger mit erhobenen Waffen umgaben ihn von allen Seiten, vor ihm, neben ihm und hinter ihm.
 
'''M 61.6''' Alle Söhne Bhandas waren ihm an Tapferkeit gleich. Ihr Ältester war Kutilaksha, dessen Kraft und Kampfesmut unermesslich waren.
 
'''M 61.7''' Auf Wagen, gut gerüstet und niemals vor einer Schlacht zurückweichend, zogen sie mit hundert Akshauhini-Heeren vor Bhanda her.
 
'''M 61.8''' Sie wetteiferten stets darum, im Kampf die Ersten zu sein. An den beiden Seiten des Dämonenkönigs zogen Vishanga und Vishukra,
 
'''M 61.9''' seine beiden Brüder, an Tapferkeit Vishnu gleich. Sie standen auf ihren Wagen, trugen mächtige Bogen und hatten vor Zorn gerötete Augen.
 
'''M 61.10''' Rasch rückten sie vor, als wollten sie die Heere ihrer Gegner verschlingen; jeder war von hundert Akshauhini-Heeren umgeben.
 
'''M 61.11''' Seine Minister, Ugrakarman und die anderen mit furchtbarer Kampfkraft, folgten dem Dämonenherrscher ebenfalls mit hundert Akshauhinis.
 
'''M 61.12''' Als der Herr der Dämonen so zum Kampf auszog, erschien die Königsstraße wie ein Fluss in der Regenzeit.
 
'''M 61.13''' Das Heer war ein Strom, der seine Ufer unterspülte: Die Dämonen waren sein Wasser, die Wagen seine wirbelnden Strudel, die Pferde seine Wellen, die Elefanten seine Krokodile und die Schilde seine Schildkröten.
 
'''M 61.14''' Es war voll aufsteigender Schaumflocken; Banner waren seine Wogen, Schwerter seine langen Schlangen und Köcher seine bunten Fische.
 
'''M 61.15''' Die Gesichter der Dämonen waren Reihen von Lotusblüten, ihre Augen kleine Fische; vielfältige Schirme bildeten Scharen von Schwänen und anderen Vögeln.
 
'''M 61.16''' Hoch aufspringende Pferde glichen großen Wassertieren, und das Rasseln der Wagen war sein lautes Brausen. So strömte dieses Heer wie ein Fluss dahin.
 
'''M 61.17''' Es zog durch das große Stadttor mit seinem edelsteingeschmückten Torturm. Wie Wasser aus der Mündung eines Kanals rasch über ein Feld fließt,
 
'''M 61.18''' so breitete sich das Heer in einem Augenblick außerhalb der Stadt aus. Da trat Vijaya eilig an den Dämonenkönig heran.
 
'''M 61.19''' Der Minister verneigte sich, hob die gefalteten Hände zum Scheitel und blieb vor ihm stehen. Als er die Erlaubnis erhielt, sprach er wohlbedachte, der Lage angemessene Worte:
 
'''M 61.20''' „Großer König, Herr der Dämonen! Dein Ruhm ist überall verbreitet. Die hochstehende Sonne deiner Macht erhitzt die Welteneier.
 
'''M 61.21''' Als der Stärkste gilt hier allein Hari; doch auch er ist dir im Kampf gegenübergetreten und immer wieder besiegt worden.
 
'''M 61.22''' Die Annahme, jemand könnte dich im Kampf überwinden, ist daher gewiss irrig. Dennoch muss ein Minister zur rechten Zeit gemäß der Staatslehre
 
'''M 61.23''' die Lage erwägen und dem König sagen, was heilsam ist und mit der Überlieferung übereinstimmt. Wer das Angemessene zur rechten Zeit verschweigt, verdient nicht, ein guter Ratgeber genannt zu werden.
 
'''M 61.24''' Vier Mittel werden in der Lehre der Herrschaft genannt. Jedes einzelne ist zu seiner Zeit anerkannt und besonders wirksam.
 
'''M 61.25''' Wer, von törichten schlechten Ministern beraten, ein Mittel zur falschen Zeit anwendet, geht zugrunde wie ein Kranker, der eine ungeeignete Arznei einnimmt.
 
'''M 61.26''' Darum prüfen die Klugen zuerst alles durch die Augen von Boten und Kundschaftern. Erst nach solcher Einsicht soll man kämpfen; so erlangt man Erfolg.
 
'''M 61.27''' Sende daher rasch einen geeigneten Boten und einen Späher zu den Gegnern. Inzwischen wird auch das Heer vollständig gerüstet und ohne Unsicherheit bereitstehen.
 
'''M 61.28''' Ebenso lässt sich die Verteidigung der Stadt ordnungsgemäß einrichten. Dies musste ich dir, meinem Herrn, zur rechten Zeit vortragen.
 
'''M 61.29''' Ich habe es vorgetragen; nun mögest du tun, was der Lage entspricht.“ Als Bhanda diesen vernünftigen, von Kundigen gebilligten Rat hörte,
 
'''M 61.30''' stimmte er ihm zu, um seine Angehörigen zu beruhigen. Er ließ die Heerführer das Heer in einzelnen Abteilungen aufstellen
 
'''M 61.31''' und sandte Kutilaksha zur Sicherung der Stadt. Dann sprach der große Dämon Bhanda zum vorzüglichen Minister Amitraghna:
 
'''M 61.32''' „Gehe, Amitraghna, und sage auf meinen Befehl zu jener, die Lalita heißt: ‚Du bist eine schöne Göttin, würdig, in jeder Hinsicht meine Gefährtin zu sein.
 
'''M 61.33''' Ich wünsche nicht, mit dir zu kämpfen. Weshalb bist du gekommen, um mich herauszufordern? Doch deinen Wunsch nach einem Kampf nehme ich durchaus an.
 
'''M 61.34''' Ich fürchte mich nicht vor einer großen Schlacht; warum sollte ich den Kampf mit dir fürchten? Aber wenn ich deine liebliche Gestalt sehe, wird mein Herz weich.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 61.35''' Verlasse darum die Partei der Götter und verbinde dich mit mir! Durch friedliche Worte oder durch Kampf werde ich dich an meine Seite bringen.
 
'''M 61.36''' Wenn du dich mir widersetzt, wirst du gewiss nur Schaden erfahren. Bedenke dies rasch und entscheide dich für eine der beiden Seiten!‘
 
'''M 61.37''' Sprich so freundlich zu ihr. Erfahre, was sie beabsichtigt, wie stark ihr Heer ist und was sie vorhat; dann kehre schnell zurück!“
 
'''M 61.38''' Darauf wandte er sich an Vidyunmalin, den vortrefflichen Meister der Zauberkunst: „Vidyunmalin, du Kluger, Führer der Zauberkundigen!
 
'''M 61.39''' Gehe unbemerkt von den Gegnern hin und erkunde das gesamte Heer der Göttin, seine Stärke, seine Entschlossenheit, mögliche Spaltungen und Schwachstellen.
 
'''M 61.40''' Prüfe alles umsichtig und kehre rasch zurück; du verstehst dich darauf!“ So beauftragt, gingen die beiden Dämonen zum Heer der Shaktis.
 
'''M 61.41''' Es war grenzenlos und einem Ozean gleich. Amitraghna drang mühsam in dieses große Heer ein wie ein Boot in das Meer.
 
'''M 61.42''' Shaktis mit gezogenen Schwertern bewachten es. Kaum war er eingetreten, da ergriff eine mächtige Shakti ihn.
 
'''M 61.43''' Sie war eine goldglänzende Dienerin der Dandanatha. Rasch versetzte sie dem Dämon einen Schlag und packte ihn am Hals.
 
'''M 61.44''' Mit zornigen, furchterregenden Worten fuhr sie ihn an: „Wer bist du, dass du in dieses Heer der Göttin eindringst, das die Herrscherin der Strafgewalt so gut beschützt?
 
'''M 61.45''' Ohne dich anzumelden bist du hereingekommen, obwohl wir seine Zugänge bewachen! Wer ohne Erlaubnis der Herrscherin der Strafgewalt dieses Heer betritt,
 
'''M 61.46''' wird nicht lebend zurückkehren, selbst wenn er der Tod in eigener Person wäre!“ Inzwischen eilten die zur Bewachung des Heeres eingesetzten,
 
'''M 61.47''' auf Dandinis Befehle wartenden Shaktis zu Hunderten herbei. Die Gewaltigen zerrten an ihm und schlugen ihn, bis er bewusstlos wurde.
 
'''M 61.48''' Da erfuhr Dandanatha vom Eintreffen des Dämonen und ließ ihn durch ihre dienenden Shaktis vor sich bringen.
 
'''M 61.49''' Sie befragte ihn und erkannte, dass er Bhandas Bote war. Darauf unterrichtete sie Mantrini und führte ihn zu ihr.
 
'''M 61.50''' Diese meldete seine Ankunft, brachte ihn vor Lalita und fragte den Boten nach dem Zweck seines Kommens.
 
'''M 61.51''' Amitraghna verneigte sich und sagte: „Auf Bhandas Befehl bin ich gekommen. Ich bin der Bote dieses Dämonenherrschers und werde seine Worte mitteilen:
 
'''M 61.52''' ‚Zwischen uns besteht keine Feindschaft. Warum bist du zum Kampf gekommen? Göttin, mit oder ohne Kampf sollst du dich mit mir verbinden.
 
'''M 61.53''' Sage, wie könnte ich dich bekämpfen, die mir so lieb und teuer ist? Verlasse daher die Götter und komme an meine Seite!‘
 
'''M 61.54''' ‚Das sollst du ihr sagen‘, befahl er mir, ‚und die Stärke oder Schwäche ihres Heeres erkunden.‘ So wurde ich von ihm geschickt. Das Töten eines Boten ist verwerflich.
 
'''M 61.55''' Die Kundigen befürworten in den Lehrschriften nicht die Tötung eines Gesandten. In diesem Vertrauen bin ich eingetreten, offen vor den Augen aller Shaktis.
 
'''M 61.56''' Kaum war ich eingetreten, packten deine Shaktis mich, misshandelten mich und brachten mich vor dich. Damit ist alles gesagt.
 
'''M 61.57''' Nun ist die Göttin selbst meine Zuflucht. Es wäre nicht recht, mich zu töten.“ Nachdem sie die Worte des Boten gehört hatte, erkannte Mantrini Lalitas Willen.
 
'''M 61.58''' Lächelnd und mit freundlicher Stimme sagte sie: „Fürchte dich nicht, Dämon! Gehe in Frieden; du wirst keinesfalls getötet.
 
'''M 61.59''' Höre aufmerksam, was ich sage, und richte es dem Dämonenkönig Bhanda aus: ‚Wenn du am Leben bleiben möchtest, komme rasch und ohne Furcht.
 
'''M 61.60''' Nimm bei der Herrin der Götter Zuflucht und gib die drei Welten frei. Indra soll ihr Herr sein; du wirst in der Unterwelt wohnen.
 
'''M 61.61''' Schließe mit Indra Freundschaft, zusammen mit deinen Söhnen, Heeren und Reittieren! Andernfalls wird es für dich nirgends ein lebendes Entkommen geben.‘
 
'''M 61.62''' Herrscherin der Strafgewalt, führe ihn herum und zeige ihm das gesamte Heer! Wenn er alles gesehen hat, entlasse ihn außerhalb des Heerlagers.“
 
'''M 61.63''' So beauftragt, zeigte die Ebergesichtige ihm ihr Heer und entließ den Dämon außerhalb des Lagers.
 
'''M 61.64''' Als er frei war, fühlte er sich wie neu geboren. Mit einem vor Angst bebenden Herzen kehrte er zum König zurück.
 
'''M 61.65''' Vidyunmalin hatte gesehen, wie Amitraghna misshandelt wurde, und war erschrocken. In der Nacht nahm der große Zauberkünstler die Gestalt einer Eule an.
 
'''M 61.66''' Er flog durch die Luft und besichtigte das gesamte Heer. Nachdem er die Truppen gezählt hatte und auf dem Luftweg fortfliegen wollte,
 
'''M 61.67''' ergriff ihn eine durch die Luft ziehende Shakti, die nachts Wache hielt. Kaum war er gefasst, flog der Zauberkundige hoch in den Himmel hinauf.
 
'''M 61.68''' Fünfzig Yojanas über der Erde kämpfte er heftig mit ihr. Nach langem Kampf traf sie ihn mit ihrem Dreizack; irgendwie kam er schließlich von ihr los.
 
'''M 61.69''' Mit kaum noch einem Rest von Leben gelangte er zum Dämonenkönig. Bei Sonnenaufgang brach er vor ihm zusammen.
 
'''M 61.70''' Bhanda sah den schwer Verwundeten vor sich liegen, dem Tod nahe. Während er einen Mantra rezitierte, berührte er dessen Glieder mit der Hand.
 
'''M 61.71''' Durch die bloße Mantraberührung kam er wieder zum Leben und war von Schmerz befreit. Er erhob sich rasch und verneigte sich vor dem Dämonenkönig.
 
'''M 61.72''' Auf dessen Frage berichtete Vidyunmalin der Reihe nach, was ihm widerfahren war: „Großer König! Von dir fortgehend, zog ich zusammen mit Amitraghna los.
 
'''M 61.73''' Ich sah jenes Heer, das dem Ozean bei der Weltauflösung gleicht. Zuerst trat Amitraghna in die gewaltige Heeresmasse ein.
 
'''M 61.74''' Vor meinen Augen wurde er sogleich gewaltsam von den Shaktis ergriffen. Wie Bienen den Honig umschwärmen, so fielen sie über ihn her.
 
'''M 61.75''' In einem Augenblick verlor er das Bewusstsein, obwohl er stark ist. Er konnte sich nicht einmal mehr bewegen; an Kampf oder Flucht war nicht zu denken.
 
'''M 61.76''' Ich war überzeugt, dass er das unmöglich überleben würde. Voller Angst wollte ich weit fortfliehen.
 
'''M 61.77''' Nur die Achtung vor deinem Befehl und die Furcht vor dir hielten mich davon ab, unverrichteter Dinge zurückzukehren. Am Ende des Tages verwandelte ich mich durch Zauberkraft in eine Eule.
 
'''M 61.78''' Hoch über dem Heer flog ich umher und beobachtete es. Ich sah seine gewaltige, furchtbare Masse und hörte sein schreckliches Getöse.
 
'''M 61.79''' Es glich dem Meer mit seinen riesigen, aufgewühlten Wogen zur Zeit der Weltauflösung. Schon sein Anblick könnte die Dämonen zu Tode bringen.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 61.80''' Alle Shaktis dort sind höchst furchterregend und von gewaltiger Kampfkraft. Sie drängen danach, im Kampf jeweils die Erste zu sein.
 
'''M 61.81''' Dort ist die junge Bala, Lalitas geliebte Tochter, umgeben von Hunderten Millionen jugendlicher Göttinnen.
 
'''M 61.82''' Sie versteht sich auf Waffen und Geschosse und ist voller Eifer bei den Kriegsvorbereitungen. Immer wieder sagt sie: ‚Ich werde Bhandas Söhne erschlagen!‘
 
'''M 61.83''' Auch die jungen Göttinnen rufen kampfbegierig und laut brüllend: ‚In einem Augenblick werden wir das große Heer von Bhandas Söhnen vernichten!‘
 
'''M 61.84''' Dann sind dort Sampatkari und Ashvarudha, Führerinnen der Shaktis. Sie bringen zahllose Elefanten und Pferde heran, auf denen mächtige Shaktis sitzen.
 
'''M 61.85''' Diese beiden Gewaltigen stehen an Balas Seiten. Hinter Bala, auf einem großen Wagen,
 
'''M 61.86''' befindet sich die erhabene große Göttin Lalita. Die Shaktis der neun Einfassungen umgeben sie, von unermesslicher Kraft, Wildheit und Tapferkeit.
 
'''M 61.87''' Zu ihren beiden Seiten stehen die Herrin der Mantras und die Trägerin der Strafgewalt, jede auf ihrem eigenen Wagen, mit wunderbar großer Kampfkraft.
 
'''M 61.88''' Mantrini ist ringsum von vielen Millionen Töchtern Matangas umgeben, ihr selbst gleich und mit erstaunlichen Kräften ausgestattet.
 
'''M 61.89''' Varahi ist von Shaktis mit höchst furchtbaren Namen und Gestalten begleitet, außerdem von Batukas und anderen; sie ist von heftigem Zorn erfüllt.
 
'''M 61.90''' Nirgends im ganzen Heer der Shaktis bemerkte ich einen Ort, an dem nicht davon gesprochen wurde, wie du getötet werden sollst.
 
'''M 61.91''' Ich bin zu der festen Überzeugung gelangt, dass schon eine einzige der geringeren Shaktis unser ganzes Heer in einem Augenblick vernichten könnte.
 
'''M 61.92''' Das Heer setzt sich aus Shaktis in unfassbarer Zahl zusammen, aus Hunderten, Millionen, Milliarden und noch weit größeren Zahlengrößen. So berichte ich es dir, Dämonenkönig! ''Die verschachtelte Zahlenangabe ist sprachlich unsicher und erlaubt keine verlässliche Gesamtzahl.''
 
'''M 61.93''' Selbst eine unter ihnen gering geachtete Shakti überragt uns und sämtliche Dämonenscharen in Kraft, Mut und Tapferkeit vollständig.“
 
'''M 61.94''' Nach diesen Worten verneigte sich Vidyunmalin mit gefalteten Händen vor dem Dämonenkönig und schwieg in der Versammlung der Dämonen.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 61. Kapitel: Die Aussagen von Bhandas Boten und des Kundschafters Vidyunmalin. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5077.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 62: Bhandas innerer Zwiespalt und Balas Kampfbeginn===
 
'''Innere Gedanken und äußere Rolle:''' Bhanda verbirgt seine Sehnsucht nach Erlösung hinter gespieltem Zorn. Die Erzählung selbst vergleicht dies mit einem Schauspiel. Seine Vorstellungen vom gemeinsamen Tod der Angehörigen gehören zu dieser mythologischen Figur und bilden keine Lehre für das eigene Handeln. In der Textgrundlage fehlen Vers 21 und ein Teil von Vers 22.
 
'''M 62.1''' Kurz darauf betrat Amitraghna die Versammlung der Dämonen und fiel, innerlich von Furcht erschüttert, Bhanda zu Füßen.
 
'''M 62.2''' Nachdem man ihn beruhigt hatte, berichtete er auf die Fragen der Minister noch immer zitternd: „Großer König! Auf deinen Befehl ging ich zum mächtigen Heer der Shaktis.
 
'''M 62.3''' Kaum hatte ich es betreten, ergriffen mich die Shaktis mit Gewalt. Meine Tapferkeit und meine Kraft waren vor ihnen zu nichts nütze,
 
'''M 62.4''' wie das Licht eines Leuchtkäfers im Glanz der Sonne verschwindet. Als sie mich packten, verlor ich sofort das Bewusstsein.
 
'''M 62.5''' Dann wurde ich zu Dandanatha gebracht und lag wie tot vor ihr. Sie ragte empor wie ein großer Berg, ebergesichtig und golden glänzend.
 
'''M 62.6''' Aus ihren Augen schien Zornesfeuer zu strömen, und sie stieß grollende Laute aus. Als ich die ebenso furchtbaren, durch ihren Zorn entflammten Scharen der Shaktis sah,
 
'''M 62.7''' konnte ich wiederum kaum atmen. Auf ihren Befehl führten mich die Shaktis vor Mantrini.
 
'''M 62.8''' Ich sah die Göttin Mantrini, dunkel wie das Blatt des Tamala-Baumes, die Verkörperung erlesenster Schönheit, im stolzen Vollbesitz ihrer Jugend.
 
'''M 62.9''' Ihr Gesicht zeigte ein sanftes Lächeln; sie bewegte sich anmutig im Rausch des Trankes, liebte stets Gesang und Lachen und war dem Spiel der Vina ergeben.
 
'''M 62.10''' Der Nektarregen aus ihren freundlichen Lotusaugen belebte mich wieder. Ich betrachtete sie, die einzige Stätte allen Glücks und aller Schönheit.
 
'''M 62.11''' Auf ihre Frage teilte ich ihr alle deine Worte mit. Danach führte sie mich rasch vor die große Königin.
 
'''M 62.12''' Ich sah die Königin Lalita in ihrer gewaltigen Herrlichkeit. Sie ließ mir durch Mantrinis Mund eine Botschaft für dich mitteilen.
 
'''M 62.13''' Höre, Herr der Dämonen, mit aufmerksamem Geist, was ich dir ausrichten werde: ‚Sage dem Dämonenkönig Bhanda: Wenn du leben möchtest,
 
'''M 62.14''' überlasse Indra die drei Welten und nimm bei der Mutter Zuflucht. Wohne mit deinem Gefolge in der Unterwelt!
 
'''M 62.15''' Verbinde dich mit Indra, zusammen mit deinen Söhnen, Ministern und den anderen. Tust du dies nicht, gibt es für dich kein Entkommen, selbst wenn du in eine andere Welt gehst.
 
'''M 62.16''' Dich, den Feind Indras, werde ich unter meine Gewalt bringen.‘ Dies sollte ich dir, dem Dämonen Bhanda, nach meiner Rückkehr sagen. ''Der Wortlaut der Drohung im ersten Halbvers ist gestört; die Wiedergabe bleibt sinngemäß.''
 
'''M 62.17''' Inzwischen kam eine dunkle Shakti auf einem Pferd heran, mit einem schrecklichen gezogenen Schwert in der erhobenen Hand.
 
'''M 62.18''' Sie stieg von ihrem Reittier, verneigte sich vor Mutter Lalita und der Herrin der Mantras und berichtete auf deren Frage:
 
'''M 62.19''' ‚Ich habe meine dienenden Shaktis in Bhandas Heer und in seine Stadt geschickt. Sie sind hingegangen, haben alles gesehen und sind zurückgekehrt.
 
'''M 62.20''' Sie haben das ganze Heer und die Stadt erkundet.‘ Darauf berichtete sie alles, was uns betrifft.
 
'''M 62.22''' Von den Dämonen und ihren Kriegern war ihr nichts unbekannt, weder im Inneren noch im Äußeren. ''Die Nummer 21 fehlt; auch der Beginn des unter 22 überlieferten Textes ist unvollständig.''
 
'''M 62.23''' Alle Frauen kannte sie genau und ebenso ihre Gespräche. Sogar deinen geheimen Rat, von dem nicht einmal wir etwas wussten,
 
'''M 62.24''' gab sie wieder, die einzelnen Worte und Vorgänge der Reihe nach. Ich staunte: Was selbst mir nach langem Aufenthalt hier unbekannt geblieben war,
 
'''M 62.25''' berichtete sie vollständig so, wie es sich tatsächlich verhielt. Auch Dinge, von denen du selbst nichts wusstest, wurden von ihr erzählt.
 
'''M 62.26''' Ich halte das Heer der Göttin daher für unbesiegbar, selbst für die größten Dämonen. Schon eine geringere Shakti könnte uns alle in einem Augenblick vernichten.
 
'''M 62.27''' Herr der Dämonen, unter den Starken deines Heeres gehöre ich gewiss nicht zu den Geringsten. Selbst Indra und die anderen habe ich wiederholt im Kampf besiegt.
 
'''M 62.28''' Doch kaum war ich eingetreten, da ergriff mich eine gewöhnliche Shakti mühelos, wie ein Löwe ein junges Wild packt.
 
'''M 62.29''' Wie Kinder einem anderen ein Spielzeug aus der Hand reißen, so packten sie mich, obwohl ich stark bin.
 
'''M 62.30''' Ich konnte mich nicht einmal bewegen, geschweige denn befreien. Die Dämonen können dieses Heer keinesfalls besiegen; daran besteht kein Zweifel.“
 
'''M 62.31''' Nachdem der Dämon so gesprochen hatte, schwieg er vor seinem Herrn. Bhanda hörte seinen Bericht und dachte bei sich:
 
'''M 62.32''' „Gewiss hat die Herrin Tripura aus Mitgefühl mit mir, der bei ihr Zuflucht sucht, heute die lange ersehnte Gnade gewährt.
 
'''M 62.33''' Was die Mutter der Welt mir damals sagte, wird heute wahr. Gesegnet bin ich: Ich werde die Herrin Tripura im Kampf sehen und mit ihr sprechen.
 
'''M 62.34''' Die großen Flammen ihrer Waffen werden die Unreinheit meines Leibes verbrennen. Dann werde ich in ihre Welt gehen, die Stätte höchsten Glücks.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 62.35''' Dieser aus schwerem Unrecht entstandene Körper, ein Sitz unheilsamer Taten und von dämonischer Natur bestimmt, ist mir längst zu einer Last geworden.
 
'''M 62.36''' Wie ein zum Frondienst Gezwungener seine Last abwirft und flieht, so werde ich diese Last des leidbringenden Körpers ablegen
 
'''M 62.37''' und an einen Ort des Glücks entkommen. Darüber empfinde ich keinen Kummer. Unzählige Tausende von Jahren habe ich diesen Leib getragen.
 
'''M 62.38''' Obwohl er mir großes Wohlleben ermöglicht hat, gefällt er mir nicht mehr: dieselben Freuden, dieselbe Herrschaft, dieselben Frauen und derselbe Umgang.
 
'''M 62.39''' Da ich dies Tag für Tag genieße, ist alles schal geworden. Tief empfinde ich Überdruss an diesem alt gewordenen Dasein.
 
'''M 62.40''' Ich sehne mich nach dem Ende des Körpers wie ein langjährig Kranker nach dem Ende seiner Krankheit. Doch meine Lieben werden trauern, wenn sie mich verlieren.
 
'''M 62.41''' Ebenso werde ich ohne sie keinen Augenblick Glück finden. Ob ihr Tod vor meinem oder danach eintritt, er wird Leid bringen.
 
'''M 62.42''' Das erscheint mir ausweglos. Wie könnte mir der Schmerz erspart bleiben? Möge die Göttin Tripura mir die ersehnte Gnade so gewähren:
 
'''M 62.43''' Wenn sie uns alle zugleich tötete, erschiene mir dies als Wohlergehen. Von Natur aus schenkt sie ihren Verehrern mehr, als diese erbitten.
 
'''M 62.44''' Warum sollte sie meinen Wunsch nicht erfüllen, da ich bei ihren Füßen Zuflucht nehme?“ So dachte er und verneigte sich innerlich vor der höchsten Mutter.
 
'''M 62.45''' Dann stellte er wie ein Schauspieler im Theater nach Belieben heftigen Zorn dar: „Schande über dich, erbärmlicher Dämon! Wie kannst du vor meinen Augen
 
'''M 62.46''' unsere Feinde in einer Weise preisen, die mir missfällt, und dich dabei nicht schämen? Den Gegner zu loben gilt in der Welt als die Art eines Feiglings.
 
'''M 62.47''' Ein Held preist den Feind nicht, nur weil er ihn für stark hält. Ob der Gegner stark oder schwach ist: Helden fürchten sich nicht vor ihm!“
 
'''M 62.48''' Mit diesen Worten hob er zornig sein Schwert. Wie eine gewaltige schwarze Todesschlange schien er aus Augen und Mund das Giftfeuer des Zorns zu speien.
 
'''M 62.49''' Er trat aus dem Stadttor hervor wie aus der Öffnung einer großen Höhle und rief: „Die Dämonen, die sich vor ihr fürchten, sollen meine Tapferkeit sehen!
 
'''M 62.50''' Wenn sie mir heute im Kampf begegnet, wird sie nicht weiterbestehen!“ Noch während der Dämonenkönig so sprach, kam sein Wagenlenker mit dem Wagen heran.
 
'''M 62.51''' Bhanda bestieg ihn und zog los. Die Menschen hielten ihn für die Zeit selbst, die zur Vernichtung der Welt antritt.
 
'''M 62.52''' „Wenn die Welt seinem Zornesfeuer begegnet, wird nichts von ihr übrig bleiben!“ So sprachen alle erschrocken. Auch die führenden Dämonen gerieten in Furcht.
 
'''M 62.53''' Die Heerführer und Minister zogen mit ihren jeweiligen Truppen aus, ebenso sämtliche Söhne, Enkel und Brüder.
 
'''M 62.54''' Voller Angst nahmen sie das gesamte Heer mit sich und rückten aus. Auf Vishukras Befehl ließ der Fürst Kutilaksha
 
'''M 62.55''' fünf Akshauhinis zur Verteidigung der Stadt zurück. Nachdem er Vishukra dies gemeldet hatte, führte er ein mächtiges Heer heran
 
'''M 62.56''' und zog vor Bhanda her, als wollte er den Horizont verschlingen. Als der Dämonenkönig mit dem ganzen Heer aufbrach,
 
'''M 62.57''' schlugen die Dämonen ringsum die Kriegspauken. Die Klänge der Trommeln, Kessel- und Schlachtpauken verbanden sich mit ihrem Gebrüll,
 
'''M 62.58''' mit dem Schlagen auf die Arme, dem Rasseln der Räder und dem Trompeten der Elefanten, mit den Rufen der Lobredner und dem Wiehern der Pferde,
 
'''M 62.59''' mit dem harten Klappern der aufschlagenden Hufe, mit Kampfgeschrei und Herausforderungen. Daraus entstand ein gewaltiges Getöse,
 
'''M 62.60''' das alles erfüllte und das Gewebe der Welt zu zerreißen schien. Dandini hörte den Lärm des Heeres und erkannte Bhandas Ankunft.
 
'''M 62.61''' Durch die Kundschafter erfuhr sie von dem großen Aufmarsch. Eilig begab sie sich zur Herrin der Mantras und meldete:
 
'''M 62.62''' „Herrin des Rates, Bhanda ist mit seinem Heer herangekommen. Seine Kriegsausrüstung ist gewaltig; eine große Schlacht steht bevor.
 
'''M 62.63''' Unterrichte die Göttin Lalita und begleite die große Königin, umgeben von Shaktis; beschütze sie mit deinen Scharen!
 
'''M 62.64''' Ich werde mit meinem Heer vorausziehen und ihn aufhalten. Schon hört man das Getöse von Elefanten und Pferden.
 
'''M 62.65''' Ich vermute, die kampfbegierige Bala hat bereits den Kampf begonnen, zusammen mit der Herrin der Elefanten und der Herrin der Pferde, in erstaunlicher Tapferkeit.“
 
'''M 62.66''' Während sie noch sprach, traf eine Botin ein. Sie begrüßte Dandanatha und Mantrini mit Segenswünschen und sagte:
 
'''M 62.67''' „Göttin, eine gewaltige Schlacht mit Mutter Bala hat begonnen. Der Dämonenkönig ist umfassend gerüstet und mit großer Kampfesmacht herangerückt.
 
'''M 62.68''' Zusammen mit seinen Brüdern, Söhnen und den anderen, umgeben von seinem gesamten Heer, ist der Grausame gekommen und kämpft mit furchtbarer Kraft.
 
'''M 62.69''' Sampatkari hat mich geschickt, um dies zu melden. Was soll ich der Göttin, die das Elefantenheer führt, bei meiner Rückkehr ausrichten?“
 
'''M 62.70''' Als die erhabene Herrin der Strafgewalt die Botschaft hörte, sprach sie der Lage angemessene, von Kampfesmut erfüllte Worte:
 
'''M 62.71''' „Gehe zur Führerin des Elefantenheeres und richte ihr genau aus, was ich sage: Gegen die mächtigen Dämonen müsst ihr mit größter Wachsamkeit kämpfen.
 
'''M 62.72''' Bala ist ein junges Mädchen, stets voller Begeisterung für den Kampf. Sie muss von allen Seiten beschützt werden. Auch ich werde rasch eintreffen.
 
'''M 62.73''' Haltet den Dämonenherrscher so eingeschlossen und bekämpft ihn so, dass er bis zu meiner Ankunft nicht durch Zauberkunst entkommt!
 
'''M 62.74''' Dann werde ich seine lange gehegte Kampfeslust in einem Augenblick zunichtemachen, wie beim Sonnenaufgang die Dunkelheit vergeht.
 
'''M 62.75''' Gehe rasch und bringe diese Botschaft zur Führerin des Elefantenheeres!“ Mit diesem Auftrag ging die Botin fort.
 
'''M 62.76''' Darauf bestieg Dandini den Kiri-Wagen und zog rasch aus, begleitet von zahllosen Shakti-Heeren und erfüllt von Zorn.
 
'''M 62.77''' Schon von Natur aus zornig, war sie durch den Beginn der Schlacht noch heftiger entflammt, als wollte sie mit ihrem Zornesfeuer in einem Augenblick sämtliche Welten verbrennen.
 
'''M 62.78''' Der gewaltige Lärm ihres Heeres verband sich mit dem Rasseln der Wagenräder, drang durch die Ohren der Gegner ein und schien ihnen das Herz zu zerreißen.
 
'''M 62.79''' Mächtiger Widerhall begleitete sie, und ihre schreckliche Gestalt bewegte sich vorwärts. So begann die Herrscherin der Strafgewalt ihren Siegeszug.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 62. Kapitel: Die Vorbereitung zum Kampf durch Bala, die Tochter der Erhabenen. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5156.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 63: Balas Vorstoß und der Mut der jungen Göttin===
 
'''Die junge Göttin:''' Bala erscheint als achtjährige Tochter Lalitas und zugleich als eine deren Macht verkörpernde göttliche Gestalt. Die drastische Schlachtpoesie gehört zum epischen Register. Vishukras abwertende Worte über Frauen in Vers 70–71 sind Figurenrede; gerade die Erzählung von Balas Überlegenheit widerlegt seinen Machtanspruch.
 
'''M 63.1''' Als die junge Göttin den gewaltigen Lärm von Bhandas großem Heer hörte, blickte sie voller Kampfeslust in die Richtung,
 
'''M 63.2''' aus der er kam: nach Nordosten. Die ihrem Herzen nach Lalita so liebe Tochter sah den Staub, den das Gedränge des Dämonenheeres aufwirbelte.
 
'''M 63.3''' Er glich den Wolkenmassen bei der Auflösung der Welt. Sie erkannte, dass der Dämonenkönig mit seinem gesamten Heer eingetroffen war.
 
'''M 63.4''' Voller Kampfeifer stand Bala Tripurasundari auf ihrem Laghu-Chakra-Wagen und trieb ihre Wagenlenkerin an.
 
'''M 63.5''' Weil sie vermutete, die erhabene Mutter würde ihr den Kampf untersagen, ging sie nicht erst zur großen Göttin. Sie begab sich in Richtung Mantrinis,
 
'''M 63.6''' doch im eiligen Verlangen nach dem Kampf ließ sie Heerführerin und Heer hinter sich und stürmte mit Windeseile dem Dämonenheer entgegen. ''Der Übergang in Vers 5–6 ist sprachlich unsicher; die folgende Szene zeigt ihren unbegleiteten Vorstoß.''
 
'''M 63.7''' Wie eine große Herbstwolke, vom Wind durch den Himmel getrieben, nach vorn schießt, so schnell fuhr ihr Wagen dahin.
 
'''M 63.8''' Als Ashvarudha Balas gefährlichen Aufbruch zum Kampf sah, folgte sie ihr unverzüglich und in größter Eile.
 
'''M 63.9''' Ihr Heer wogte wie ein Meer, dessen hohe Wellen die Pferde bildeten. Es stürmte von allen Seiten heran, als wollte es die Welt überfluten.
 
'''M 63.10''' Danach kam Sampatkari auf Ranakolahala, umgeben von vielen Millionen Elefanten ihres Heeres.
 
'''M 63.11''' Mit größter Geschwindigkeit folgte sie, um Bala zu schützen. Balas Wagenlenkerin aber, im Lenken von Wagen erfahren und zur Eile angetrieben,
 
'''M 63.12''' führte den Wagen rasch vorwärts. Sie glich Bala an Gestalt. Wie ein Fluss zur Regenzeit in den Ozean strömt, drang Bala in das Dämonenheer ein.
 
'''M 63.13''' Sie spannte ihren sehnenbespannten Bogen und ließ Pfeile regnen. Wie ein Boot in das durch die Strömung eines Flusses geteilte Meer,
 
'''M 63.14''' so fuhr ihr Wagen in das Heer des Dämonenkönigs hinein, das ihre Pfeilscharen auseinanderrissen. Kutilaksha stand an der Spitze des Dämonenheeres auf einem Elefanten.
 
'''M 63.15''' Der Gewaltige versperrte Bala mit einem großen Heer den Weg. Als der Heerführer das junge Mädchen sah,
 
'''M 63.16''' das Pfeilregen aussandte, erkannte er ihre wunderbare Kampfkraft: Sie stand allein auf dem Wagen, zartgliedrig und acht Jahre alt.
 
'''M 63.17''' „Ach, welch ein Wunder! Wer ist dieses einsame Mädchen, das furchtlos gegen uns kämpft, vor denen selbst Indra und die anderen zittern?
 
'''M 63.18''' Nach den Merkmalen, die die Kundschafter beschrieben, halte ich sie für Lalita. Ich erkenne alle Zeichen, doch sie ist keine erwachsene junge Frau.
 
'''M 63.19''' Vielleicht ist sie die Tochter jener, von der wir zuvor gehört haben. Aber wie könnte deren kleine Tochter ohne Heer
 
'''M 63.20''' allein gerüstet in die Schlacht ziehen? Mir scheint, sie allein wird uns alle besiegen.
 
'''M 63.21''' Ich sehe nur Vishukra, Vishanga, den König oder mich selbst als fähig an, ihr im Kampf gegenüber standzuhalten.
 
'''M 63.22''' Wie sollten es die Prinzen und die übrigen vermögen, einzeln oder gemeinsam? Wohin sie im Heer auch blickt,
 
'''M 63.23''' dort zerschlägt sie unsere Truppen in einem halben Augenblick mit einem Netz von Pfeilen. Millionen Dämonen sind gefallen, und unser großes Heer ist in Schrecken versetzt.
 
'''M 63.24''' Hier liegen sie mit abgetrennten Armen, Füßen und Köpfen, mit zerrissener Brust und geöffnetem Leib. Andere sind tot, wieder andere fliehen in großer Angst.
 
'''M 63.25''' Zitternd vor Furcht können sie die Blutströme nicht überqueren. Zu Hunderten stürzen sie hinein und versinken in diesen Meeren von Blut.
 
'''M 63.26''' Sie hat unser Heer durchbrochen und wird in einem Augenblick ins Innere gelangen. Mit aller Kraft muss ich sie aufhalten. Schande über mich, wenn ich untätig bleibe!
 
'''M 63.27''' Ein junges Mädchen wird vor meinen Augen das Heer durchbrechen und eindringen! Nicht einmal Indra, die Maruts oder Vayu haben dies früher vermocht.
 
'''M 63.28''' Dies ist eine schwere Lage für mich. Um jeden Preis muss sie besiegt werden.“ So entschlossen, stellte er sich auf seinem gewaltigen Elefanten ihrem Vormarsch entgegen.
 
'''M 63.29''' Er rückte vor sie und überschüttete sie mit Pfeilen. Der mächtige Dämon Kutilaksha kämpfte gegen Bala.
 
'''M 63.30''' Er war kriegserfahren und kundig in Zauberkunst, Waffen und Geschossen. Mit einem Pfeilregen bedeckte er Bala, die vor ihm auf dem Schlachtfeld stand,
 
'''M 63.31''' wie ein Schneesturm die aufgehende Sonne verhüllt. Doch Bala, deren Körper rötlich leuchtete, richtete ihre überaus scharfen Pfeilstrahlen darauf.
 
'''M 63.32''' In einem halben Augenblick vernichtete sie diesen Regen vollständig und bedrängte das Heer des Dämonen mit spitzen Geschossen.
 
'''M 63.33''' So schnell bewegten sich ihre Hände, dass niemand, auch kein Kundiger mit noch so scharfem Blick, das Auflegen und Abschießen der Pfeile wahrnehmen konnte.
 
'''M 63.34''' Man sah nur den ununterbrochenen Strom von Pfeilen aus ihrem Bogen hervorgehen, wie in der Regenzeit Wasser aus einer Bergöffnung strömt.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 63.35''' In einem Achtel eines Muhurta zerstreute sie das große Heer, gelangte an Kutilaksha heran und traf ihn mit scharfen Pfeilen.
 
'''M 63.36''' Auch der Gewaltige kämpfte in der Schlacht mit seiner ganzen Lebenskraft. Doch sie machte seine Waffen und Geschosse durch einen Regen von Gegenwaffen
 
'''M 63.37''' wirkungslos und beschoss den Dämonenführer mit scharfen Pfeilen. Mit einem einzigen spitzen, breitköpfigen Pfeil zertrennte sie rasch seinen Bogen.
 
'''M 63.38''' Dann traf sie mit einem weiteren Pfeil seinen Reitelefanten ins Gesicht. Der Elefant, einem König der Berge gleich, wurde dort vom Geschoss getroffen.
 
'''M 63.39''' Trompetend und schwankend stürzte er sogleich leblos zu Boden. Kutilaksha erkannte, dass der Elefant starb, und ergriff seine Keule.
 
'''M 63.40''' Voller Zorn stürmte er heran, um Bala auf ihrem Wagen zu töten. Er glich dem rasch heraneilenden Rahu, der die junge rote Sonne verschlingen will.
 
'''M 63.41''' So sahen ihn die Götter und Siddhas am Himmel. Als Bala den Keulenträger mit großer Geschwindigkeit kommen sah,
 
'''M 63.42''' traf sie ihn mit einem bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil mitten ins Herz. Vom scharfen Geschoss durchbohrt, spie er viel Blut aus
 
'''M 63.43''' und stürzte bewusstlos zu Boden wie ein vom Donnerkeil getroffener Berg. Darauf sprach Bala lächelnd zu ihrer Freundin, der Wagenlenkerin:
 
'''M 63.44''' „Freundin, lenke den Wagen rasch zu Bhanda! Hinter mir kommt Dandini mit dem Eberbanner heran.
 
'''M 63.45''' Ich sehne mich danach, in der Schlacht mit Bhanda zu kämpfen. Wenn Dandanatha mich erreicht, wird sie mich gewiss aufhalten.
 
'''M 63.46''' Fahre daher so schnell, dass sie mich nicht einholt!“ Darauf antwortete ihre Freundin, die Wagenlenkerin:
 
'''M 63.47''' „Siehst du mitten im Dämonenheer jenes hoch aufragende goldene Banner? Genau das ist sein Wagen.
 
'''M 63.48''' Er ist noch weit entfernt; man sieht ihn von mächtigen, furchtbaren Dämonen und großen Wagenkämpfern umgeben.
 
'''M 63.49''' Ich sehe keine Lücke, durch die ich den Wagen führen könnte. Bahne mit deinen Waffen einen Weg, dann lenke ich den Wagen hindurch!“
 
'''M 63.50''' So angesprochen, schuf die schnellhändige Bala mit einem Pfeilregen in einem Augenblick einen Weg mitten durch das Dämonenheer.
 
'''M 63.51''' Unter dem Strom ihrer Geschosse erschien die Front des Heeres sogleich wie ein geborstener Damm, obwohl mächtige Dämonenhelden sie verteidigten.
 
'''M 63.52''' Einigen wurden die Wagen zerbrochen, anderen Pferde und Elefanten getötet. Von dem unerträglichen Pfeilstrom getroffen, flohen die Dämonen.
 
'''M 63.53''' Anderen wurden Arme, Augen, Beine, Bäuche und Köpfe zertrennt; wieder andere wurden durch den Hagel der Waffen in kleinste Stücke zerschlagen.
 
'''M 63.54''' Blutströme flossen, für die Furchtsamen wie Meere, schäumend und voller Wellen, mit heißem Wasser gleichendem Blut.
 
'''M 63.55''' Die mächtige Wolke des Pfeilnetzes verdeckte die Sonnenstrahlen. Die Himmelsrichtungen waren verdunkelt; die fliehenden Dämonen konnten sie nicht mehr unterscheiden.
 
'''M 63.56''' Sie meinten, der große Tod selbst sei in Balas Gestalt gekommen. Scharenweise fielen dort die Köpfe der Dämonen,
 
'''M 63.57''' wie reife Früchte eines hohen Palmenbaumes im heftigen Wind herabfallen. „Ach Vater! Sohn! Lieber Freund! Bruder! Gefährte! Ich bin erschlagen!“
 
'''M 63.58''' So erhob sich in der Bedrängnis der Schlacht ein gewaltiges Geschrei der Dämonen. Als die Front des Heeres auf diese Weise aufgerissen war,
 
'''M 63.59''' lenkte die Wagenführerin den vortrefflichen Wagen in einem Augenblick hindurch. Vishukra, der jüngere Bruder Bhandas, sah im Kampf,
 
'''M 63.60''' wie Bala seine Front durchbrochen hatte und nun herankam, begierig, mit dem Dämonenkönig zu kämpfen.
 
'''M 63.61''' Er erkannte ihre Absicht und dachte: „Dieses achtjährige Mädchen besitzt grenzenlose Kraft und Tapferkeit und kämpft auf höchst erstaunliche Weise.
 
'''M 63.62''' Kein Dämon kann sie besiegen, wie mächtig er auch sei. Dennoch müssen Helden im Kampf unter allen Umständen standhalten.
 
'''M 63.63''' Sie allein wird uns und alle Dämonen vernichten, daran besteht kein Zweifel. Was wird dann erst die Göttin Lalita selbst im Kampf tun?
 
'''M 63.64''' Mit aller Lebenskraft müssen wir kämpfen; die göttliche Fügung ist dabei die letzte Zuflucht.“ So entschlossen, bestieg er einen König der Elefanten aus Airavatas Geschlecht,
 
'''M 63.65''' weiß, mit vier Stoßzähnen und glänzend wie ein silberner Berg. Rasch stieg Vishukra auf und ließ Pfeile regnen wie eine Regenwolke.
 
'''M 63.66''' Er erschien wie eine dunkle Wolke auf dem Kailasa. Er drang in das Dämonenheer ein und versperrte Bala auf ihrem Wagen den Weg.
 
'''M 63.67''' Sie kam rasch durch die Schlacht heran und sammelte die Leben der Dämonen ein. Er hielt sie mit einem Pfeilregen auf und stieß ein Löwengebrüll aus.
 
'''M 63.68''' Mit seinem Ruf brachte er das fliehende Dämonenheer zur Umkehr: „Dämonen, für Menschen von edler Herkunft ist Flucht im Kampf nicht angemessen!
 
'''M 63.69''' Wer aus Angst aus der Schlacht flieht, wird von Dharma und Wohlergehen verlassen. Fasst Mut und Zorn und kehrt alle um!
 
'''M 63.70''' Wenn ihr von einer Frau im Kampf besiegt nach Hause flieht, was werdet ihr euren Frauen sagen, wenn sie nach eurer Rückkehr fragen?
 
'''M 63.71''' Besser ist der Tod als die Erniedrigung durch eine Frau!“ Als die Dämonen Vishukras Worte hörten, kehrten sie um.
 
'''M 63.72''' Sie rückten wieder heran und umringten Bala Tripura von allen Seiten. Die junge Göttin stand, von Dämonenheeren umschlossen, auf ihrem Wagen
 
'''M 63.73''' und leuchtete wie die aufgehende Sonne in einem Ring. Da sprach ihre Freundin, die Wagenlenkerin, mit freundlichen Worten zu ihr:
 
'''M 63.74''' „Junge Herrin! Mir scheint, die Masse des Dämonenheeres ist schwer zu überwinden. Du hast weder eine Beschützerin im Rücken noch jemanden, der deine Wagenräder sichert.
 
'''M 63.75''' Vor uns steht ein gewaltiges Heer. Wenn du zustimmst, wende ich den Wagen rasch. Mit deinen Truppen vereint kannst du dann schnell zurückkehren
 
'''M 63.76''' und nach Herzenslust gegen diese Dämonenherrscher kämpfen.“ Als Bala die Worte ihrer Freundin hörte, lachte sie und antwortete sanft:
 
'''M 63.77''' „Fürchtest du dich im Kampf, Liebe? Selbst hundertmal so große Dämonenheere wären mir im Gefecht nicht gewachsen.
 
'''M 63.78''' Aus Freude am Kampf kämpfe ich spielerisch und lasse mir Zeit. Wenn du willst, sieh zu, wie ich in einem Augenblick die Welt von Dämonen leer mache!“
 
'''M 63.79''' Darauf erwiderte die Freundin, die den Wagen lenkte: „Göttin, ich habe keine Angst, selbst wenn das Heer hundertmal größer wäre.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 63.80''' Doch muss die Lenkerin die Absicht ihrer Herrin im Kampf kennen. Meine Sorge gilt Lalita, denn ohne ihre Erlaubnis bin ich mit dir
 
'''M 63.81''' in die Schlacht gezogen. Nur dies macht mir Angst. Sage rasch, wohin ich den Wagen auf dem Schlachtfeld lenken soll!“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 63. Kapitel: Balas Tapferkeit beim Beginn des Kampfes zwischen den Shaktis der Göttin und dem Dämonenheer. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5237.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 64: Balas Zweikampf und Bhandas Verehrung mit Pfeilen===
 
'''Kampf und Verehrung:''' Bhanda erkennt die Tochter Lalitas als göttliche Erscheinung und verwandelt seine ersten Pfeile in Wasser- und Blumengaben. Die zugehörigen Mantras werden nicht ausgeschrieben. Vers 4 fehlt; die Nummer 37 ist doppelt vergeben und 38 fehlt. Unter 37 stehen hier beide überlieferten Strophen zusammen.
 
'''M 64.1''' Als Bala die Worte ihrer Freundin hörte, antwortete sie freudig: „Lenke den Wagen rasch dorthin, wo jener Dämon auf dem Elefanten sitzt,
 
'''M 64.2''' von Lobrednern gepriesen, der große Vishukra!“ Auf diesen Befehl hin führte die Lenkerin den vortrefflichen Wagen in einem Augenblick dorthin.
 
'''M 64.3''' Bala zerschlug unterdessen mit ununterbrochenen Pfeilströmen eine weitere, einem Meer gleichende Dämonenschar.
 
'''M 64.5''' Mit der Donnerkeilwaffe vernichtete sie sie und ließ nur Asche zurück. Überall wurden große Dämonen von dieser Waffe getroffen. ''Vers 4 fehlt in der Textgrundlage.''
 
'''M 64.6''' Einige wurden zu Asche, anderen wurden die Glieder verstümmelt. Wieder andere verloren je einen Arm, ein Auge, ein Bein oder eine Körperseite.
 
'''M 64.7''' Als Vishukra sein Heer sah, das unter schrecklichem Geschrei beinahe vernichtet war, trieb er seinen aus Airavatas Geschlecht stammenden Elefanten voran.
 
'''M 64.8''' Er wollte gegen Bala kämpfen, deren wunderbare Kampfkraft er erkannt hatte. Er überschüttete sie mit Pfeilströmen wie eine Wolke einen Edelsteingipfel mit Regen.
 
'''M 64.9''' Sie antwortete dem Dämonen mit einem Gegenregen von Pfeilen. Diese beiden Pfeilströme verdunkelten das Schlachtfeld.
 
'''M 64.10''' Da schoss er einen scharfen Pfeil mit geradem Schaft ab, den er bis zum Ohr ausgezogen hatte, und traf die Wagenlenkerin an der Hand.
 
'''M 64.11''' Tief von dem Pfeil getroffen, wurde sie etwas benommen. Als Bala dies sah, röteten sich ihre Augen vor Zorn. Den brüllenden Dämonenherrscher
 
'''M 64.12''' traf sie rasch mit vier scharfen, breitköpfigen Pfeilen an der Stirn. Von ihnen getroffen, sank Vishukra in tiefe Ohnmacht.
 
'''M 64.13''' Doch nach einem Augenblick richtete er sich wieder auf und ließ erneut scharfe Pfeile regnen. Bala aber bewegte ihre Hände blitzschnell.
 
'''M 64.14''' Mit zwei Pfeilen zertrennte sie im Kampf zugleich seinen Bogen und seinen Schirm. Dann schoss sie einen weiteren geradschaftigen Pfeil ab, bis zum Ohr ausgezogen,
 
'''M 64.15''' und durchbohrte den Reitelefanten aus Airavatas Geschlecht. Wie Indras Donnerkeil einen Berg spaltet, so spaltete dieser Pfeil den Elefanten.
 
'''M 64.16''' Er drang durch die Stirnwölbung ein und trat hinten wieder aus. Der Elefant glich einem mächtigen Baumstumpf, der von einer Säge zerschnitten worden ist. ''Der erste Halbvers ist verkürzt überliefert.''
 
'''M 64.17''' Als der Dämonenherrscher den gewaltigen Elefanten so leblos sah, sprang er mit dem Schwert in der Hand in die Luft und stürmte auf Bala zu, um sie zu treffen.
 
'''M 64.18''' Er kam wie der Tod heran, die Hand mit dem Schwert erhoben. Bala aber schoss behände schon aus der Ferne einen einzigen Pfeil ab.
 
'''M 64.19''' Damit zerteilte sie sein Schwert; mit drei weiteren traf sie ihn am Kopf. Als diese drei Pfeile ein Stück weit in Vishukras Schädel eingedrungen waren,
 
'''M 64.20''' sah der Dämon aus wie ein König der Berge mit drei Gipfeln. Obwohl schwer getroffen, blieb er standhaft und schnell wie der König der Vögel.
 
'''M 64.21''' Er ergriff Bala mit beiden Händen und flog mit ihr in den Himmel. Als die Wagenlenkerin sah, wie sie fortgetragen wurde, rief sie:
 
'''M 64.22''' „Genug dieses Spiels, Bala, das in großem Unheil enden könnte! Erschlage den Dämonen mit deiner Kraft, bevor er weit fortkommt!“
 
'''M 64.23''' Bala hörte ihre Freundin und hielt deren Worte der Lage für angemessen. Sie ballte eine feste Faust und ließ sie auf seinen Kopf niederfallen.
 
'''M 64.24''' Von der donnerkeilgleichen Faust getroffen, mit gespaltenem Kopf und Blut speiend, sank er in tiefe Ohnmacht und stürzte zur Erde.
 
'''M 64.25''' Bala bestieg wieder ihren Wagen und trieb ihre Freundin an: „Liebe, lenke den Wagen rasch weiter! Dort vorn steht der Dämonenherrscher,
 
'''M 64.26''' umgeben von Reihen weißer Schirme und wehenden Yakschweifen, wie ein dunkler Berg von Schwänen und Wasserfällen umgeben ist.
 
'''M 64.27''' Dort steht und glänzt er; fahre schnell dorthin! Hinter mir kommt schon Dandanatha mit ihrem Heer.
 
'''M 64.28''' Man hört das schreckliche Brüllen ihres Löwen. Ganz gewiss wird sie meinen Kampf unterbrechen.
 
'''M 64.29''' Vorher will ich rasch gegen den gewaltigen Bhanda kämpfen. Ich sehne mich nach diesem Zweikampf; bringe mich unbedingt schnell zu ihm!“
 
'''M 64.30''' Als ihre Freundin dies hörte, trieb sie den Wagen bis vor Bhanda. Doch Vishanga stand auf seinem vortrefflichen Wagen
 
'''M 64.31''' und hatte alles erkannt. Er hielt Bala für unbesiegbar durch Götter und Dämonen und dachte: „Wenn der Dämonenkönig mit ihr kämpft,
 
'''M 64.32''' gibt es für ihn gewiss kein lebendes Entkommen. Wenn er von ihr besiegt wird, geht sein lange erworbener Ruhm völlig und vergeblich verloren.
 
'''M 64.33''' Wenn ihn dagegen die Königin Lalita besiegt, wäre es ein angemessener Kampf. Daher muss ich hier mit aller Kraft eingreifen.“
 
'''M 64.34''' So entschlossen, stellte sich der Gewaltige vor Bala. Als sie den Dämonen auf seinem ausgezeichneten Wagen geradewegs herankommen sah,
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 64.35''' erkannte sie darin ein großes Hindernis für ihren Kampf gegen Bhanda und sagte zu ihrer Freundin: „Liebe, nun stellt sich meinem Zweikampf mit Bhanda ein großes Hindernis entgegen.
 
'''M 64.36''' Sieh meine Geschicklichkeit! Ich werde ihn schon aus großer Entfernung abwehren.“ So sprach sie und schoss vier scharfe Pfeile ab.
 
'''M 64.37''' Mit ihnen tötete sie seine hochgewachsenen, windschnellen Zugtiere. Dann zerschoss sie mit einem Pfeil sein Banner und erschlug mit einem weiteren seinen Wagenlenker. Vishanga geriet in heftigen Zorn. Als er sah, dass sein Vorstoß vereitelt war, bestieg er ein anderes Pferd. ''Die Textgrundlage zählt die beiden hier übersetzten Strophen jeweils als 37; eine Nummer 38 fehlt.''
 
'''M 64.39''' Er ergriff eine schreckliche Eisenkeule und stürmte rasch heran. Er kam auf seinem Pferd wie ein vom Wind getriebenes Wolkenstück.
 
'''M 64.40''' Bala überschüttete ihn mit einer Flut von Pfeilen, wie eine Regenwolke einen Berg begießt. Als sie sah, dass er den Pfeilregen nicht achtete und weiter direkt auf sie zukam,
 
'''M 64.41''' tötete sie rasch mit einem einzigen Widerhakenpfeil sein Pferd. Vishanga hatte nun auch sein Ross verloren.
 
'''M 64.42''' Er hob seine furchtbare Eisenkeule und kam in schrecklicher Gestalt heran, wie das Meer brüllend und Yama, dem Vernichter am Ende der Zeit, gleich.
 
'''M 64.43''' Mit einem gut befiederten Pfeil traf sie ihn rasch und mit Gewalt in die Brust. Tief durchbohrt, taumelte er und spie heißes Blut aus. ''Der erste Halbvers steht in der Textgrundlage zweimal mit geringfügiger Abweichung.''
 
'''M 64.44''' Bewusstlos stürzte er zu Boden wie ein Berg, dem die Flügel abgeschlagen worden sind. Als Götter und Dämonen diese wunderbare Tat sahen, staunten sie.
 
'''M 64.45''' „Dieser Dämonenherrscher hat einst Indra und die anderen Götter vielfach im Kampf besiegt; seine Tapferkeit gleicht der Vishnus.
 
'''M 64.46''' Und nun hat Bala ihn mühelos zu Boden geworfen! Sie allein wird alle besiegen. Was wird Lalita dann noch tun?“
 
'''M 64.47''' So sprachen sie. Die Wagenlenkerin führte den Wagen nun unmittelbar vor Bhanda. Als Bala den großen Dämonen sah, sagte sie:
 
'''M 64.48''' „Gut! Heute hast du mir einen lange gehegten Wunsch erfüllt. Wenn ich mit ihm kämpfe, werde ich zufrieden sein; schon lange habe ich mich danach gesehnt.“
 
'''M 64.49''' Mit diesen Worten überschüttete sie den Dämonenkönig mit einem Pfeilregen. Bhanda sah Bala vor sich stehen
 
'''M 64.50''' und freute sich, weil sich nun sein lange gehegter Wunsch erfüllte. Er dachte: „Die von Shri angekündigte, lange ersehnte Zeit ist gekommen.
 
'''M 64.51''' Ich habe die große Göttin gesehen, die die Wünsche ihrer Verehrer erfüllt. Gewiss ist dies der Augenblick, der mich heute von meinem schrecklichen Körper trennt.
 
'''M 64.52''' Wenn sie mich hier tötet, werde ich in ihre Welt gelangen. Dies ist die Tochter der Königin Lalita, von wunderbarer Tapferkeit.
 
'''M 64.53''' Sie ist aus ihr hervorgegangen wie ein Spiegelbild aus seinem Urbild. Auch die Göttin selbst wird kommen, um mich zu töten, aus Achtung vor Ramas Wort.
 
'''M 64.54''' Daran besteht kein Zweifel; Ramas Aussage kann nicht unwahr werden. So sei es! Ich will diese Göttin verehren, die aus jenem Urbild hervorgegangen ist,
 
'''M 64.55''' mit einer der Lage angemessenen Verehrung, deren Opfergaben Pfeile sind.“ So dachte er und ergriff seinen festen Bogen samt Pfeilen.
 
'''M 64.56''' Einen Pfeil, den er mit dem Mantra der Wasserwaffe geweiht hatte, schoss er zu ihren Füßen; einen anderen, mit dem Blumenmantra geweihten, auf ihren Kopf.
 
'''M 64.57''' Der erste Pfeil wusch ihre Füße mit klarem, kühlem Wasser. Der andere ließ einen Regen von Blütenkränzen auf ihren Kopf niedergehen.
 
'''M 64.58''' Als die Wagenlenkerin dies Wunder sah, fragte sie: „Junge Herrin, ich sehe bei diesem Dämonenherrscher etwas höchst Erstaunliches.
 
'''M 64.59''' Hat er es selbst bewirkt, oder ist es durch deine Macht entstanden? Während du auf dem Schlachtfeld Pfeile regnen lässt,
 
'''M 64.60''' vollzieht er mit seinen Pfeilen eine Verehrung für dich. Was bedeutet dies? Ich bin voller Zweifel; beseitige ihn rasch!“
 
'''M 64.61''' So gefragt, antwortete Bala: „Höre, Liebe! Ich will dir sagen, was ich früher von Lalita hörte, ein tief verborgenes Geheimnis.
 
'''M 64.62''' Dieser war ein großer Bote Lakshmis namens Manikyashekhara. Durch einen Fluch wurde er zum Dämonen; er ist ein hervorragender Verehrer Tripuras.
 
'''M 64.63''' Wenn er im Kampf getötet wird, gelangt er nach Shripura. Er hat mich als Lalitas Tochter erkannt und mich deshalb mit Pfeilen verehrt.
 
'''M 64.64''' Sieh nun, wie ich es ihm erwidere!“ Mit diesen Worten schoss sie einen Pfeil ab. Dieser wurde fünffach verzweigt und berührte seinen Kopf.
 
'''M 64.65''' Der große Dämon meinte, ihre Lotushand ruhe auf seinem Haupt. „Die Göttin hat mir Gnade erwiesen“, dachte er und war voller Freude.
 
'''M 64.66''' Die Wagenlenkerin Balas staunte überaus, als sie dies sah. Dann begann ein gewaltiger Kampf zwischen der jungen Göttin und Bhanda.
 
'''M 64.67''' Angriff und Gegenangriff wechselten in diesem schrecklichen, Furcht erregenden Gefecht. Es war ein unvergleichlicher Zweikampf zweier Wagenkrieger unter strömendem Pfeilregen.
 
'''M 64.68''' Auch Bhanda kämpfte mit ganzer Kraft, gerade aus Hingabe. Er dachte: „Durch meine erstaunlichen Taten der Tapferkeit will ich die Göttin erfreuen.“
 
'''M 64.69''' Beide schleuderten Scharen von Waffen und suchten die verwundbaren Stellen des anderen zu treffen. Sie erkannten die Geschicklichkeit des Gegners im Waffengebrauch und lobten sie.
 
'''M 64.70''' „Gut, Held, im Kampf bist du des Lobes würdig!“ – „Gut, Göttin von großer Kraft!“ Während die junge Göttin und Bhanda so kämpften,
 
'''M 64.71''' setzten sie große Wunderwaffen ein, die die Welt in Staunen versetzten: gegen die Bergwaffe die Donnerkeilwaffe, gegen die Schlangenwaffe die Garuda-Waffe,
 
'''M 64.72''' gegen die Feuerwaffe die Regenwaffe, gegen diese die Windwaffe, gegen jene wieder die Schlangenwaffe, dagegen die Mungo-Waffe und wiederum dagegen
 
'''M 64.73''' die Katzenwaffe, dann Hunde-, Reiher- und Tigerwaffe, die Großtigerwaffe, die Löwenwaffe und dagegen die Sharabha-Waffe,
 
'''M 64.74''' sowie die Gandabherunda-Waffe. Ebenso gebrauchten sie die Waffen Yamas, Varunas, Kuberas, Nirritis, Indras und Rudras und die Waffe der Verblendung,
 
'''M 64.75''' die Pinaka-Waffe sowie Vishnus und Brahmas Waffen. Von solchen Geschossen erfüllt war der überaus schreckliche Kampf zwischen der jungen Göttin und Bhanda.
 
'''M 64.76''' Dämonen und Shaktis, die zur Unterstützung herbeigekommen waren, standen als Zuschauer dabei, zutiefst erstaunt über diesen ungewöhnlichen Kampf.
 
'''M 64.77''' Als Bhanda im Verlauf der Schlacht durch Balas schnelle Geschicklichkeit allmählich ins Hintertreffen geriet,
 
'''M 64.78''' umringten Vishanga, Vishukra und der Fürst Kutilaksha mit ihren Dämonenheeren die junge Göttin.
 
'''M 64.79''' Sie kämpften mit Scharen von Waffen, aus denen heftiges Feuer hervorschoss. Doch Bala bekämpfte sie alle ringsum mit spielerischer Leichtigkeit.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 64.80''' Während diese gewaltige Schlacht um Bala tobte, traf die Herrscherin der Strafgewalt ein, nachdem sie das große Dämonenheer bezwungen hatte.
 
'''M 64.81''' Mit furchtbarer Kampfkraft hatte sie den weit ausgedehnten Berg dieses Heeres durchbrochen, mit ihrer Keule, die einem großen Donnerkeil glich.
 
'''M 64.82''' So erreichte sie Bala, die voller Freude am Kampf stand. Staunend sah sie, wie diese allein gegen die Dämonen kämpfte.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 64. Kapitel: Die Schilderung von Balas Tapferkeit. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5319.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 65: Balas Rückkehr und Varahis Sieg===
 
'''M 65.1''' Durch die Kampfkraft der Ebergesichtigen wurde Bhandas Heer zerschlagen wie ein Berg durch die Wucht von Indras Donnerkeil.
 
'''M 65.2''' Als die Keulenschläge Varahis das Heer des Dämonenkönigs zerstreut hatten, sah sie Bala, dicht von Dämonen umringt.
 
'''M 65.3''' Sie kämpfte ganz allein gegen die großen Dämonen auf allen Seiten und blieb voller Kampfeifer. Bei diesem Anblick staunte Varahi.
 
'''M 65.4''' Die Ebergesichtige trat zu ihr, die weiter Pfeile ausschickte, und sagte: „Genug, Bala, mit diesem Wagnis und deinem gefährlichen Kampf!
 
'''M 65.5''' Nirgends sonst sehe ich eine solche Kühnheit: Du allein hast gewaltige, furchtbare Dämonen im Kampf besiegt.
 
'''M 65.6''' Wenn die liebevolle erhabene Göttin hört, dass du, große Herrin, ganz allein mit den Dämonen kämpfst, wird ihr Herz gewiss von Sorge erfüllt.
 
'''M 65.7''' Du solltest sie jetzt aufsuchen; gehe!“ Nach diesen Worten befahl sie der Shakti, die das Pferdeheer führte:
 
'''M 65.8''' „Ashvarudha, bringe sie unverzüglich fort! Übergib sie der großen Königin und kehre rasch zurück!“
 
'''M 65.9''' Auf diesen Befehl hin bestieg Ashvarudha Balas Wagen. Da Bala selbst nicht aus dem Kampf weichen wollte, wendete sie den Wagen.
 
'''M 65.10''' Sie kam zur großen Königin und übergab ihr Bala: „Mutter, diese hier musste mit Gewalt vom Schlachtfeld zurückgeführt werden.
 
'''M 65.11''' Ihre Taten sind von äußerster Kühnheit, ihre Kraft und Tapferkeit sind erstaunlich. Als wir auf deinen Befehl hin aufbrachen, um sie aus dem Kampf zurückzuholen,
 
'''M 65.12''' war sie bereits in den großen Ozean des Dämonenheeres eingedrungen. Dort hat sie Millionen überaus mächtiger Dämonen
 
'''M 65.13''' in der großen Schlacht zu Fall gebracht. Auch Bhandas beide jüngeren Brüder, Vishukra und Vishanga mit ihren furchtbaren Taten, wurden von ihr besiegt.
 
'''M 65.14''' Dann stellte sie sich Bhanda, dem Dämonen, der die Weltenherrscher bezwungen hat, kämpfte lange mit ihm und brachte ihn beinahe zur Niederlage.
 
'''M 65.15''' Nur mit Mühe und großer Kampfkraft konnte Varahi sie erreichen.“ Nach diesen Worten zog die Pferdereiterin wieder zum Kampf hinaus.
 
'''M 65.16''' Die große Königin nahm Bala rasch auf ihren Schoß, umarmte sie voller mütterlicher Liebe und küsste sie auf den Scheitel.
 
'''M 65.17''' „Kind, begehe niemals wieder ein solches Wagnis! Du bist in den Kampf gegangen, ohne mir etwas zu sagen; das ziemt sich nicht für dich.“
 
'''M 65.18''' Da antwortete die junge Göttin ihrer Mutter Lalita, mit geröteten Augenwinkeln und immer wieder tief seufzend:
 
'''M 65.19''' „Mutter, schon lange sehnte sich mein Herz nach dem Spiel des Kampfes. Weil ich fürchtete, du würdest mich hindern, habe ich es dir nicht gesagt.
 
'''M 65.20''' Noch war ich von der Freude dieses Kampfspiels nicht gesättigt, da hat mich deine Herrscherin der Strafgewalt ohne Grund vom Schlachtfeld zurückgehalten.
 
'''M 65.21''' Nur weil ich dich sehr fürchte, habe ich sie geachtet, als sie mich im Kampfgetümmel erreichte. Sonst hätte auch sie im Kampf gegen mich ihren Stolz verloren!“
 
'''M 65.22''' Als Bala so sprach, umarmte die große Herrin sie und beruhigte sie: „Kind, sage so etwas nicht noch einmal!“
 
'''M 65.23''' Unterdessen kämpfte die große Herrscherin der Strafgewalt auf ihrem Kiri-Chakra-Wagen gegen Bhanda und das ihn begleitende Dämonenheer.
 
'''M 65.24''' Das Heer der Shaktis und das Heer der Dämonen kämpften gegeneinander, ganz von Zorn erfüllt, und ihre Reihen drangen ineinander ein.
 
'''M 65.25''' Die Dämonen schlugen auf die Shaktis ein mit Keulen, Speeren und Wurfspießen, mit eisernen Pfeilen und Schleuderwaffen, mit Schwertern, Dreizacken und Äxten.
 
'''M 65.26''' Auch die mächtigen Shaktis, von heftigem Kampfeszorn erfüllt, erschlugen in dieser furchtbaren Schlacht die führenden Dämonen mit verschiedensten Waffen.
 
'''M 65.27''' Einigen wurden von den Shaktis Arme, Schenkel und Nasen abgetrennt; andere wurden entzwei gehauen, wieder andere in kleinste Stücke zerschlagen.
 
'''M 65.28''' Manchen wurde der ganze Körper von schweren Waffen zerquetscht. Sie schrien: „Sohn! Freund! Ach Bruder! Vater!“
 
'''M 65.29''' So wurden die Dämonen durch das Feuer der Waffen der Shaktis zu Asche. Die Übriggebliebenen gerieten in große Furcht und suchten zu fliehen.
 
'''M 65.30''' Das Schlachtfeld wurde rasch unbetretbar. Schäumende Blutflüsse strömten mit schrecklichem Rauschen dahin.
 
'''M 65.31''' Für Geister, Schakale, Reiher und andere Aasfresser war es ein großes Festmahl. Als das Dämonenheer beinahe vernichtet und in Auflösung begriffen war,
 
'''M 65.32''' hielten Vishukra und Vishanga es auf und rückten erneut zum Kampf vor. Wieder begann eine grausame Schlacht mit den Scharen der Shaktis.
 
'''M 65.33''' Vishukra verwirrte das Heer der Shaktis in einem Augenblick durch Zauberkunst. Er erzeugte magische Dunkelheit und einen Regen von Steinen,
 
'''M 65.34''' begleitet von Feuer und Sturm. Dadurch wurde das große Shakti-Heer erschreckt und betäubt; schreckliche Schreie erhoben sich.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 65.35''' Als Sampatkari dies sah, eilte sie auf ihrem Elefanten heran und trat rasch in einen gewaltigen Kampf mit Vishukra ein.
 
'''M 65.36''' Die mächtige Ashvarudha kämpfte gegen Vishanga, und Varahi kämpfte voller Zorn gegen Bhanda.
 
'''M 65.37''' Die erhabene Sampatkari bestieg den schnellen Elefanten Ranakolahala und zog mit einem unzählbaren Elefantenheer heran.
 
'''M 65.38''' Sie kämpfte gegen Vishukra, der ebenfalls auf einem großen Elefanten saß, und überschüttete den zauberkundigen Dämonen mit Pfeilen.
 
'''M 65.39''' Mit einer die Täuschung aufhebenden Waffe zerstörte sie seinen schrecklichen Zauber. Der Dämon antwortete seinerseits mit einem Gegenregen von Pfeilen.
 
'''M 65.40''' Nach langem Kampf zerschoss sie seinen Bogen in der Mitte. Er nahm einen anderen, doch auch diesen zertrennte sie.
 
'''M 65.41''' So wurden hundert Bogen zerschossen, die er immer wieder ergriff. Da geriet Vishukra, dessen Tapferkeit erstaunlich war, in heftigen Zorn.
 
'''M 65.42''' Mit einem breitköpfigen Pfeil traf er Sampatkari am starken Arm. Aus dem vom Pfeil getroffenen Arm fiel ihr großer Bogen herab.
 
'''M 65.43''' Sampatkari wurde zornig und trieb ihren Reitelefanten an. Als dieser den großen Bogen aus ihrer Hand fallen sah, brüllte er.
 
'''M 65.44''' Der angespornt heranstürmende Elefantenkönig griff den Elefanten des Dämonen an. Zwischen beiden entstand ein großer Kampf, als kämpften zwei Berge gegeneinander.
 
'''M 65.45''' Sie umschlangen sich mit den Rüsseln, stießen mit den Stirnen zusammen, drängten gegen die Flanken und griffen mit den Stoßzähnen an. Laut und furchtbar währte dieser Kampf eine Weile.
 
'''M 65.46''' Dann überwältigte der starke Ranakolahala den Elefanten des Dämonen, warf ihn heftig zu Boden und stieß ihm seine beiden Stoßzähne
 
'''M 65.47''' in den Bauch. Er hob ihn empor und schleuderte ihn zornig fort. So geschleudert, stieß der Elefantenkönig ein lautes Trompeten aus,
 
'''M 65.48''' drehte sich dreimal und fiel leblos nieder wie ein Berggipfel. Als der große Dämon seinen Reitelefanten stürzen sah,
 
'''M 65.49''' sprang er ab, ergriff seinen Elefantenhaken und schlug Ranakolahala zornig mit aller Kraft zwischen die Stirnwölbungen.
 
'''M 65.50''' Heftig vom Haken getroffen, mit aufgerissenem Kopf, wich der Elefant unter schrecklichem Trompeten fünf Bogenlängen zurück.
 
'''M 65.51''' Vishukra sprang wieder empor und griff, den Haken in der Hand, Sampatkaris mächtigen Reitelefanten an.
 
'''M 65.52''' Zornig riss er der Göttin den Bogen aus der Hand, brach ihn in der Mitte entzwei und ergriff eines der Stücke.
 
'''M 65.53''' Damit schlug der Gewaltige Sampatkari mit großer Wucht auf den Kopf. Durch den heftigen Schlag wurde sie kurz benommen.
 
'''M 65.54''' Dann ballte Sampatkari eine donnerkeilfeste Faust und schlug sie Vishukra zornig und mit Gewalt auf den Kopf.
 
'''M 65.55''' Durch den Faustschlag wurde sein Schädel verletzt; Blut strömte hervor, und er verlor tief das Bewusstsein. Er stürzte zur Erde wie ein Berg mit abgeschlagenen Flügeln.
 
'''M 65.56''' Inzwischen war auch der Elefant wütend geworden und wollte ihn zertreten. Einer von Bhandas Söhnen, der in der Nähe kämpfte, sah dies.
 
'''M 65.57''' Er hielt seinen Onkel für erschlagen und trug ihn durch Zauberkraft fort. So wurde der große Dämon von der Herrin des Gedeihens besiegt.
 
'''M 65.58''' Auch Vishanga kämpfte auf seinem Pferd gegen Ashvarudha. Den großen Dämonen, der mit verschiedenen Wunderwaffen und anderen Waffen focht,
 
'''M 65.59''' traf Ashvarudha vom Pferd aus mit ihrer Keule an der Brust. Er wurde dadurch kurz ohnmächtig, erholte sich aber rasch.
 
'''M 65.60''' Er nahm ein breites Schwert und einen vortrefflichen, mit hundert Monden geschmückten Schild und bewegte sich wie der Tod durch das Pferdeheer.
 
'''M 65.61''' Von der Schneide seines Schwertes getroffen, fielen Pferde und Shaktis in Scharen, mit abgetrennten Köpfen, Gliedern und Füßen.
 
'''M 65.62''' Als er die Shaktis so erschlug, geriet Ashvarudha in großen Zorn. Sie band ihn mit ihrer Schlinge und wollte ihn samt Pferd mit der Keule erschlagen.
 
'''M 65.63''' Doch der große Dämon, ein Meister unter den Zauberkundigen, erkannte seine Niederlage und verschwand durch Zauberkraft zusammen mit seinem Pferd.
 
'''M 65.64''' So trieb die Herrin der Pferde Vishanga aus dem Kampf in die Flucht. Dandanatha aber kämpfte voller Kraft gegen Bhanda.
 
'''M 65.65''' Sie zerstörte seine Wunderwaffen durch entsprechende Gegenwaffen und seine übrigen Waffen durch ihre eigenen. Mit großer Tapferkeit bedrängte die Ebergesichtige Bhanda im Kampf.
 
'''M 65.66''' Im Schwertkampf, im Keulenkampf, im Kampf mit Bogen und Axt und auch im Faustkampf war Dandini dem Dämonenherrscher überlegen.
 
'''M 65.67''' Als er in all diesen Waffenkämpfen unterlag, überlegte der Dämon, der höchste unter den Zauberkundigen, und entfaltete einen großen Zauber.
 
'''M 65.68''' Er schuf Dunkelheit, mächtigen Sturm, einen Regen von Blitzen und gewaltigen Donner, Steinregen, Schlangenregen und Feuer.
 
'''M 65.69''' Im Kampf ließ er Hunde, Wölfe, Tiger, Hyänen, Rakshasas, Löwen, Sharabhas und Gandabherunda-Vögel entstehen.
 
'''M 65.70''' Doch alle großen Zauber, die er immer wieder hervorbrachte, vernichtete sie vollständig, indem sie jeweils die entsprechenden Gegenwaffen einsetzte.
 
'''M 65.71''' Von der Macht der Waffen der großen Herrscherin der Strafgewalt bedrängt, machte sich der Dämon samt seinem Wagen am Himmel unsichtbar und kämpfte von dort aus weiter.
 
'''M 65.72''' Er ließ einen überaus furchtbaren, laut donnernden Steinregen entstehen, vermischt mit Waffen und Blitzen, der das Shakti-Heer in Schrecken versetzte.
 
'''M 65.73''' Von diesem gewaltigen Regen gequält, zerstreute sich das Heer der Shaktis in alle Richtungen wie Wasser hinter einem geborstenen Damm.
 
'''M 65.74''' Als die heftig zürnende Herrscherin der Strafgewalt diesen Angriff sah, sprang sie bewaffnet mit großer Geschwindigkeit in den Himmel hinauf.
 
'''M 65.75''' Rasch drang sie in den niederfallenden Steinregen ein und suchte den Dämonenherrscher im tief verdunkelten Himmel.
 
'''M 65.76''' Mit dem Glanz ihres eigenen Körpers erhellte sie den Himmelsraum, zerstreute den großen Zauber und erreichte den Dämonen.
 
'''M 65.77''' Er stand berggleich auf seinem Wagen und ließ Berge herabregnen. Sie schlug ihn mit der Keule auf den Kopf, wie der Donnerkeil einen großen Berg trifft.
 
'''M 65.78''' Bewusstlos stürzte er zur Erde wie ein vom Strom unterspültes Ufer. Dann vernichtete Dandanatha rasch mit derselben Keule seinen Wagen, seine Pferde und seinen Lenker,
 
'''M 65.79''' von großem Zorn erfüllt. Inzwischen kam der mächtige Dämon wieder zu Bewusstsein, nahm seine Keule und
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 65.80''' sprang rasch in den Himmel, um gegen die Ebergesichtige zu kämpfen. Ein gewaltiger Kampf begann zwischen Varahi und dem Dämonenkönig.
 
'''M 65.81''' Keulenschläge erfüllten ihn mit Getöse wie das Krachen von Donnerkeilen. Nachdem sie eine Weile so gekämpft hatte, erkannte sie den Dämonen als stolz auf seine Kraft.
 
'''M 65.82''' Sie zog ihn mit ihrem Pflug an sich und hob mit ihrem mächtigen Arm die Keule. Da hielt Bhanda sich durch den bevorstehenden Keulenschlag bereits für verloren.
 
'''M 65.83''' Er erinnerte sich an Lakshmis frühere Worte: „Was die Göttin Rama einst gesagt hat, kann gewiss nicht unwahr werden.
 
'''M 65.84''' Wie könnte ich nun durch diesen unfehlbaren Keulenschlag getötet werden? Die große Göttin Tripura erfüllt die Wünsche ihrer Verehrer.
 
'''M 65.85''' Sie selbst möge mich im Kampf töten; dies ist seit Langem mein Wunsch.“ Während der Dämon so dachte, erklang eine Stimme aus dem Himmel:
 
'''M 65.86''' „Dandanatha, dieser darf im Kampf keinesfalls durch dich getötet werden. Halte deine unfehlbare Keule unverzüglich zurück!“
 
'''M 65.87''' Als die furchtbare Herrin der Strafgewalt diese Himmelsstimme hörte, ließ sie ihn aus dem Griff ihres Pfluges frei, weil sie erkannte, dass sie ihn nicht töten durfte.
 
'''M 65.88''' Darauf verschwand der von Dandanatha besiegte Dämon. Sein Heer, von den Shaktis schwer getroffen, floh.
 
'''M 65.89''' Als sie das zerschlagene Dämonenheer sahen, ließen die Shaktis die Siegespauke ertönen und spielten verschiedene Instrumente, die zur Feier eines Sieges gehören.
 
'''M 65.90''' Dandini sandte Lalita rasch die Nachricht vom Sieg und sammelte das ringsum verstreute Heer der Shaktis.
 
'''M 65.91''' Amriteshi heilte die verwundeten Shaktis und belebte die gefallenen rasch wieder. Darauf ließ Dandini das erfreute Heer erneut Aufstellung nehmen.
 
'''M 65.92''' Sie bestieg ihren Wagen und zog mit der Göttin des Gedeihens weiter; die Herrin der Pferde führte mit ihrem Heer den Zug an.
 
'''M 65.93''' Voller Freude eilte die Herrin der Strafgewalt zu Lalita. Das Trompeten der Elefanten und der Klang der Instrumente verkündeten ihren Sieg.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 65. Kapitel: Bhandas Niederlage. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5412.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 66: Bhandas verborgenes Ziel und Durmadas Ende===
 
'''Zwei Ebenen des Geschehens:''' Im vertraulichen Gespräch mit seinen Gemahlinnen spricht Bhanda über sein verborgenes Ziel. In der Versammlung spielt er weiterhin die Rolle des gedemütigten Königs. Der Erzähler führt die Fehlurteile seiner Ratgeber auf das Wirken der Göttin und der Zeit zurück.
 
'''M 66.1''' Dandanatha begab sich mit verschiedenen Shaktis zur Göttin Mantrini, verneigte sich und meldete den Sieg.
 
'''M 66.2''' Mantrini freute sich und ehrte sie mit einer Umarmung. Dann ging Dandanatha mit ihr zur großen Königin, verneigte sich
 
'''M 66.3''' und berichtete von dem Sieg, der den Kreis der Shaktis erfreute. Bhanda hingegen zog mit den Resten seines zerschlagenen Dämonenheeres fort.
 
'''M 66.4''' Äußerlich zeigte er sich niedergeschlagen; innerlich freute er sich, weil sein Wunsch der Erfüllung näherkam. Er erreichte Shunyaka und begab sich in seine inneren Gemächer.
 
'''M 66.5''' Seine geliebten Gemahlinnen, Sammohini und die anderen, kamen zu ihm und sagten: „Herr, warum sehen wir dich heute so elend?
 
'''M 66.6''' Wie könnte sich das, was Narada zuvor gesagt hat, als falsch erweisen?“ Als Bhanda dies hörte, erkannte er, dass seine Frauen sein heilsames Ziel
 
'''M 66.7''' durch Naradas Worte vollständig kannten. Daher sprach er offen zu ihnen: „Ihr Lieben, hört meine Worte!
 
'''M 66.8''' Wie könnte ich bei der Erfüllung meines Wunsches niedergeschlagen sein wie ein völlig Unwissender? Aus Naradas Bericht kennt ihr alles, was ich mir ersehne.
 
'''M 66.9''' Bald werde ich, von der Höchsten getötet, ihre Welt erreichen. Nur vor den Dämonen muss ich mein wahres Inneres verbergen; darum verhalte ich mich so.“
 
'''M 66.10''' Da antworteten die Gemahlinnen: „Herr, wir wollen dir unseren Wunsch sagen. Wenn du fest entschlossen bist und denkst: ‚Im Kampf getötet, gelangen wir in ihren Zustand‘,
 
'''M 66.11''' dann nimm auch uns mit, die wir allein dir ergeben sind. Dein Weg ist dir bekannt; sage uns, wie wir dorthin gelangen können.
 
'''M 66.12''' Du darfst uns, deine dir ergebenen Frauen, nicht zurücklassen; wir sind mit dir verbunden wie dein Schatten.“ Als er dies hörte, antwortete er voller Freude:
 
'''M 66.13''' „Hört meine Worte! Genau dies habe ich schon zuvor bedacht. Es wird gewiss nicht anders kommen; ich will euch den Grund nennen.
 
'''M 66.14''' Durch die Gnade der Göttin Rama erinnere ich mich an meine frühere Geburt. Sie sagte mir ausdrücklich: ‚Tripura ist unsere Zuflucht.
 
'''M 66.15''' Sie gewährt ihren treuen Verehrern, die bei ihr Schutz suchen, alles Ersehnte, selbst das Unmögliche.‘ Daher wird auch unser Wunsch erfüllt werden.
 
'''M 66.16''' Ich habe mir gewünscht, zusammen mit euch in ihre Welt zu gehen. So wird es unter allen Umständen geschehen; daran besteht kein Zweifel.
 
'''M 66.17''' Ich habe noch einen weiteren Wunsch: Auch unsere Söhne und die übrigen Angehörigen sollen mitgehen. Auch dies wird so eintreffen.
 
'''M 66.18''' Ich denke jedoch, dass es durch ihre Gnade gleichzeitig geschehen möge. Denn die Trennung von Freunden und Angehörigen ist in dieser Welt selbst für einen Augenblick
 
'''M 66.19''' kaum zu ertragen; ein winziger Moment erscheint dann wie viele Weltalter. Nur darum bitte ich: Ein solcher Augenblick möge niemals eintreten.
 
'''M 66.20''' Darum sollt auch ihr Tag und Nacht darum beten. Sie erfüllt ihren Verehrern selbst Wünsche, die unmöglich scheinen.
 
'''M 66.21''' Dies sollen die anderen nicht erfahren; deshalb zeige ich mich traurig. Legt eure Trauer ab, Königinnen! Ein höchstes Glück steht bevor.“
 
'''M 66.22''' Nach diesen Worten begab er sich bei Sonnenuntergang in die große Versammlungshalle. Seine Brüder, Vishukra und die anderen, sowie die Minister kamen hinzu.
 
'''M 66.23''' Söhne, Diener und Hofangehörige verneigten sich vor dem Dämonenkönig und nahmen ihre jeweiligen Plätze in der strahlenden Halle ein.
 
'''M 66.24''' Als Vishukra den König sah, der wie trauernd dasaß, verneigte er sich, faltete die Hände, sprach Segenswünsche und äußerte erstaunliche Worte.
 
'''M 66.25''' Denn die erhabene Göttin wollte Bhandas Wunsch erfüllen und hatte allen Dämonen das mit kluger Staatsführung übereinstimmende Urteilsvermögen genommen.
 
'''M 66.26''' Sogar Vishukra, einer der Klügsten und an Urteilskraft Shukra ebenbürtig, sprach verkehrte Worte, die seinem eigenen Wohl entgegenstanden.
 
'''M 66.27''' Agastya, so wird hier das Wirken der Zeit beschrieben: Sie lässt das Denken sich so entfalten, dass es dem bevorstehenden Geschehen dient.
 
'''M 66.28''' Vishukra sagte: „Großer König, du scheinst trauernd in der Versammlung zu sitzen. Solange wir Dämonen leben, halte ich dies für unangemessen.“
 
'''M 66.29''' Darauf antwortete der Dämonenherrscher vor seiner Versammlung: „Vishukra, was soll ich heute sagen, da die Zeit sich so gegen uns gewandt hat?
 
'''M 66.30''' Ich bin der Herrscher über hundertfünf Welteneier; Vishnu und die anderen haben mir im Kampf immer wieder den Rücken gekehrt.
 
'''M 66.31''' Schon bei meinem Namen findet Indra keinen Schlaf. Und nun bin ich in einem sinnlosen Kampf von Scharen schwacher Frauen gedemütigt worden.
 
'''M 66.32''' Warum fragst du mich, der ich einem Toten gleiche, ob ich trauere? Ein rechtzeitiger Tod wäre ruhmreicher als solche Erniedrigung.“
 
'''M 66.33''' Als Vishukra dies hörte, sagte er: „Herr der Dämonen, du solltest nicht derart kläglich sprechen.
 
'''M 66.34''' Wer würde nicht Mitgefühl empfinden, wenn er denkt: ‚Es ist eine schwache Frau‘? Es entspricht deiner natürlichen Haltung, Waffen gegen Frauen zurückzuhalten.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 66.35''' Weder du noch ich noch die Prinzen müssen deshalb ausziehen. Einer der geringeren Dämonen wird auf deinen Befehl in kurzer Zeit
 
'''M 66.36''' die ganze Schar der Shaktis vernichten; dafür berühre ich deine Füße zum Schwur. Bleibe du in deinen Gemächern und vergnüge dich mit den Scharen himmlischer Frauen!
 
'''M 66.37''' Ich werde hingehen, sie besiegen und erst dann deine Füße wiedersehen.“ So sprach er und blickte seitwärts zum Heerführer Kutilaksha.
 
'''M 66.38''' Dieser verneigte sich vor ihm und sagte mit gefalteten Händen: „Kronprinz, warum sprichst du so, solange ich lebe?
 
'''M 66.39''' Bleibe beim König, bei Vishanga und den Prinzen! Ich werde mit dem Heer und seinen Führern ausziehen und sie bezwingen.
 
'''M 66.40''' Andernfalls werde ich nicht zurückkehren; dies verspreche ich dir wahrhaftig!“ Er verneigte sich vor ihnen und zog aus der Stadt hinaus,
 
'''M 66.41''' begleitet von vielen Akshauhini-Heeren und deren Führern. Da trat der mächtige Heerführer Durmada zu ihm.
 
'''M 66.42''' Er führte zehn Akshauhinis, ritt auf einem Kamel und trug eine Keule. Auf dem Berg seines Hochmuts stehend, verneigte er sich vor dem Oberbefehlshaber und sprach:
 
'''M 66.43''' „Heerführer, bleibe mit dem Heer hier! Soll wegen des Sieges über eine schwache Frau wirklich euer Aufbruch nötig sein?
 
'''M 66.44''' Ich werde die Gebieterin dieser Frauen in einem Muhurta gefesselt herbringen. Wenn ich sie innerhalb dieser Zeit nicht hergebracht habe,
 
'''M 66.45''' dann magst du selbst handeln und ausziehen.“ Mit diesen Worten brach er rasch auf und ließ immer wieder die Instrumente eines Siegeszuges spielen.
 
'''M 66.46''' Bei Sonnenaufgang erreichte er die Front des Shakti-Heeres. Als die Göttin Sampatkari und die mächtige Ashvarudha das gewaltige Getöse des Dämonenaufmarschs hörten,
 
'''M 66.47''' gingen sie zur erhabenen Mutter, verneigten sich auch vor Mantrini und Dandini
 
'''M 66.48''' und meldeten die Kriegsvorbereitungen der Dämonen. Sie erhielten die Erlaubnis zum Auszug und gingen freudig, begleitet von zahllosen Shakti-Heeren.
 
'''M 66.49''' Die Göttin Sampatkari bestieg den großen Elefanten Ranakolahala, der hoch wie der Himalaya emporragte.
 
'''M 66.50''' Sie glänzte golden, trug hibiskusrote Gewänder und Edelsteinschmuck, war eine Woge im Meer der Jugend und ein Ozean der Schönheit.
 
'''M 66.51''' Sie spannte ihren edelsteinbesetzten Bogen, der wie ein Regenbogen leuchtete, und sandte sonnenstrahlengleiche Pfeile aus, um den Ozean der Dämonen auszutrocknen.
 
'''M 66.52''' So zog sie aus wie die Sonne auf dem Berg des Aufgangs. Zahllose gleichartige Shaktis ritten ebenfalls auf Elefanten.
 
'''M 66.53''' Sie umgaben sie und schossen nach allen Seiten Pfeile ab. Jede dieser Shaktis hielt einen Elefantenhaken und ließ gewaltige Rufe ertönen.
 
'''M 66.54''' Auf den Hälsen der Elefanten sitzend, führten sie ihr Heer gegen den Feind. Auf manchen Elefanten saß eine, auf anderen saßen mehrere Shaktis.
 
'''M 66.55''' So kam die Herrin des Gedeihens mit zahllosen Elefantentruppen heran, die Erde bedeckend, als wollte sie das Dämonenheer verschlingen.
 
'''M 66.56''' Die Elefanten waren bergen gleich; der Brunstsaft floss ihnen von selbst aus den Schläfen. Unbeugsam im Kampf rückten sie gegen das Dämonenheer vor.
 
'''M 66.57''' Die Kriegsinstrumente beider Heere erklangen. Auch der Einschlag der Waffen begann, mit gewaltigem, lebensraubendem Getöse.
 
'''M 66.58''' Die Dämonen fuhren auf Wagen oder ritten auf Elefanten, Pferden, Eseln, Kamelen und wilden Tieren, auf Geiern, Krähen, Reihern, Eulen, Raubvögeln und Pfauen.
 
'''M 66.59''' Andere hatten Katzen, Mungos, Eidechsen oder Totengeister als Reittiere. Sie trugen furchtbare Dreizacke, Schwerter, Wurfscheiben und Schleuderwaffen,
 
'''M 66.60''' Speere, Wurfspieße, Eisenkeulen, Bhushundi-Waffen und Knüttel. Mit solchen Dämonenscharen traf das Heer der Shaktis zusammen.
 
'''M 66.61''' Mit heftigem Kampfeifer und vor Zorn roten Augen kämpfte es gegen sie. Beide Seiten verhöhnten einander mit bitteren Worten.
 
'''M 66.62''' „Du bist des Todes! Stehe mutig fest! Zeige nicht deinen Rücken!“ Mit solchen und vielen anderen Rufen erschlugen die Shaktis im Kampf
 
'''M 66.63''' die Dämonen; diese schlugen ebenso auf das Shakti-Heer ein. So begann ein schrecklicher Kampf, ein Würfelspiel um das Leben.
 
'''M 66.64''' Arme, Füße und Köpfe wurden abgetrennt, Körper in Hälften zerrissen. Auch Shaktis wurden auf diese Weise von den Waffen der Dämonen getroffen.
 
'''M 66.65''' Selbst mit zerfetzten Gliedern bissen sie zornig die Lippen zusammen und erschlugen die Gegner mit Waffen, Zähnen und Fäusten.
 
'''M 66.66''' Wer seine Waffen verloren hatte, riss dem Gegner mit Gewalt welche aus der Hand. Andere kämpften heftig mit zerbrochenen Wagenrädern und sonstigen Waffen.
 
'''M 66.67''' Während diese schreckliche, der Weltauflösung gleichende Schlacht tobte, flossen Blutströme mit schäumenden Wellen dahin.
 
'''M 66.68''' Die auf Elefanten reitenden Shaktis vernichteten das Dämonenheer. Schwer getroffen und fliehend, blieben nur Reste der zehn Akshauhinis übrig. ''Die verdichtete Zahlenformulierung ist nicht eindeutig; zuvor werden insgesamt zehn Akshauhinis genannt.''
 
'''M 66.69''' Als Durmada sein Heer ringsum zerbrochen sah, saß er keulentragend auf seinem Kamel, Yama bei der Weltauflösung gleich.
 
'''M 66.70''' Er trieb das gelbbraune, zehn Tala hohe Kamel, das große Schnelligkeit und Kraft besaß, in das Heer der Shaktis hinein.
 
'''M 66.71''' Mit großer Geschwindigkeit drang es ein; aus seinen Mundwinkeln hing die Zunge wie ein herabgleitender Fleischklumpen.
 
'''M 66.72''' Seine Rufe hallten wider wie das große Getöse beim Quirlen des Ozeans. Es spie Schaumklumpen aus und ließ nach hinten reichlich Urin.
 
'''M 66.73''' Mit der Brust, mit Tritten, Schlägen des Mauls und Bissen vernichtete es Scharen von Elefanten, während es durch das Shakti-Heer wütete.
 
'''M 66.74''' Auch Durmada tötete mit Keulenschlägen Elefanten und Shaktis. Zornig richtete er ein Gemetzel an, wie der Tod des Shakti-Heeres selbst.
 
'''M 66.75''' Als die Herrin des Gedeihens diese Vernichtung ihrer Truppen sah, trieb sie Ranakolahala an, den Gegner zu vernichten.
 
'''M 66.76''' Der Elefantenkönig trat an das Kamel, das Reittier des Dämonen, heran und kämpfte mit wiederholten Stößen der Stoßzahnspitzen und der Stirn.
 
'''M 66.77''' Das Kamel wehrte sich mit Bissen, Kopfstößen und Tritten. So entstand ein gewaltiger Kampf zwischen Kamel und Elefant.
 
'''M 66.78''' Dann warf der Elefantenkönig das Kamel mit Gewalt zu Boden, trat darauf und tötete es.
 
'''M 66.79''' Als Durmada erkannte, dass sein Kamel starb, sprang er mit der Keule in der Hand empor, schwang sie und ließ sie zwischen den Stirnwölbungen des Elefanten niederfallen.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 66.80''' Von der Keule getroffen, mit aufgerissenem Kopf und schwankender Brust, sank der Elefant hilflos auf die Knie und spie Blut aus.
 
'''M 66.81''' Da traf die Herrin des Gedeihens Durmada mit einem Pfeil in die Brust. Seine Brust wurde entzwei gespalten, und er gab das Leben auf.
 
'''M 66.82''' Als die Dämonenkrieger ihren Heerführer getötet sahen, flohen sie. Ohne auf die ihnen nachsetzenden Shaktis zurückzublicken, suchten sie ihr Leben zu retten.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 66. Kapitel: Die Tötung Durmadas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5494.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 67: Nakuli und die Überwindung des Schlangenzaubers===
 
'''Die Kraft der Rede:''' Nakuli geht aus Lalitas Gaumen hervor und wird ausdrücklich als Göttin der Rede bezeichnet. Ihre Mungos überwinden die Schlangen der Zaubergestalt Sarpini. Der Text stellt damit eine Verbindung zwischen Sprache und schützender göttlicher Kraft her; eine konkrete Rezitationsanweisung enthält diese Szene nicht. Vers 59 fehlt.
 
'''M 67.1''' Als Kuranda, Durmadas älterer Bruder, von dessen Tod hörte, wurde er zornig. Der Gewaltige holte sich Kutilakshas Erlaubnis
 
'''M 67.2''' und zog rasch mit zwanzig Akshauhinis zum Kampf aus. Als das erneut heranrückende, himmelsweite Dämonenheer sichtbar wurde,
 
'''M 67.3''' zog Ashvarudha ihm mit ihren grenzenlosen Pferdetruppen entgegen. Die verschiedenartigen, hochgewachsenen Pferde glänzten wie Wogen.
 
'''M 67.4''' In verschiedenfarbigen Abteilungen strahlte das Heer überaus prächtig. Goldglänzende Shaktis ritten auf Pferden, die Schaumflocken glichen.
 
'''M 67.5''' Sie trugen blaue Gewänder, Schwerter und Schilde und standen im Stolz ihrer Jugend. Andere ritten auf Pferden, die dunklen Regenwolken glichen.
 
'''M 67.6''' Diese Göttinnen leuchteten wie Mondlicht, trugen rote Gewänder und roten Schmuck, hielten Bogen und Pfeile und waren mit Kronen aus blauen Edelsteinen geschmückt.
 
'''M 67.7''' Wieder andere bestiegen schnelle smaragdgrüne Pferde; ihre Körper glänzten wie Rubine, ihre Gewänder und ihr Schmuck waren rosafarben.
 
'''M 67.8''' Bei manchen Shaktis hatten Körper, Schmuck, Gewand und Pferd dieselbe Farbe. So glich das Heer einem Abendhimmel voller bunter Wolken.
 
'''M 67.9''' Wie ein über seine Ufer tretender Ozean schien es das Dämonenheer rasch verschlingen zu wollen. Der Klang von Pauken, Trompeten, Tierhörnern und Trommeln
 
'''M 67.10''' vermischte sich mit dem rhythmischen Schlagen der Pferdehufe und wurde durch Kampfrufe, Herausforderungen und das Schlagen auf die Arme verstärkt.
 
'''M 67.11''' Er erfüllte den ganzen Raum zwischen Himmel und Erde. Dann begann ein grausiger Kampf, der die Lebenskräfte raubte.
 
'''M 67.12''' Das gewaltige Krachen der einschlagenden Waffen betäubte die Himmelsrichtungen. Der von den Pferdehufen aufgewirbelte Staub
 
'''M 67.13''' bedeckte den Himmel wie eine Ansammlung großer Weltuntergangswolken. Einen Augenblick lang wurde alles dunkel wie eine mondlose Mitternacht; nichts war zu erkennen.
 
'''M 67.14''' Dann löschte der Blutregen, den die niederfallenden Waffen hervorriefen, die Staubfinsternis aus. Wieder wurde die große Schlacht sichtbar.
 
'''M 67.15''' Das Heer der Shaktis und die Dämonen raubten einander das Leben. Doch die stärkeren Shaktis nahmen den Dämonen ihre Kampfkraft.
 
'''M 67.16''' Heftig von ihnen bedrängt, zerbrach das Dämonenheer. Den großen Dämonen waren Füße, Hände und Ohren abgetrennt, Bäuche und Rücken aufgerissen.
 
'''M 67.17''' Sie warfen ihre Waffen ringsum fort, schüttelten immer wieder die Arme und riefen: „Ach, wir sind verloren!“ Sie gaben den Kampf auf und flohen.
 
'''M 67.18''' Als Kuranda sein Heer zerbrochen sah, wurde er von Zorn überwältigt. Auf seinem Pferd spannte er den großen Bogen und schoss Pfeile ab.
 
'''M 67.19''' Er drang in das Heer der Shaktis ein und tötete sie zu Tausenden. Unter dem Pfeilregen, der aus der Wolke Kuranda niederging,
 
'''M 67.20''' brach das Shakti-Heer zusammen wie ein hoher Damm unter gewaltigen Wassermassen. Als ihr Heer zerbrach, trat Ashvarudha ihm entgegen.
 
'''M 67.21''' Sie saß auf dem Pferd Aparajita, glänzte wie geschmolzenes Gold und strahlte in reinen Seidengewändern und Schmuck.
 
'''M 67.22''' Sie trug Schlinge, Haken, Bogen und Pfeile. Als er sie sah, sagte er: „Schlechte Frau, lange warst du überheblich; ich werde dir diesen Hochmut nehmen!
 
'''M 67.23''' Weil du meinen Bruder getötet hast, wirst du rasch die Frucht dieser Tat erfahren. Wenn ich dich im Kampf erschlagen habe, bin ich von meiner Schuld gegenüber dem Bruder frei.
 
'''M 67.24''' Zeige zuerst an mir deine lange angesammelte Kampfkraft!“ Von diesen Worten erzürnt, traf Ashvarudha ihn mit drei scharfen Pfeilen.
 
'''M 67.25''' Mit dem ersten schlug sie seinem Reittier den Kopf ab; mit dem zweiten warf sie seine Krone zu Boden.
 
'''M 67.26''' Mit dem dritten durchbohrte sie rasch seine Brust. Sein Pferd war getötet, seine Krone verloren, und er selbst war schwer am Herzen getroffen.
 
'''M 67.27''' Bewusstlos stürzte der große Dämon wie ein an der Wurzel gefällter Baum. Nach einem Augenblick erwachte er und sagte mitten in der Schlacht:
 
'''M 67.28''' „Gut, du bist des Lobes im Kampf würdig; als Gegnerin erkenne ich dich an!“ Darauf erwiderte die Göttin: „Schande, Dämon, du lebst noch!
 
'''M 67.29''' Absichtlich habe ich dir einen Rest des Lebens gelassen, damit du sprechen kannst. Sieh jetzt diesen lebensraubenden Pfeil, der den Stolz des Feindes zerstört!“
 
'''M 67.30''' Als der Dämon ihre Worte hörte, entflammte sein Körper im Zornesfeuer. Mit einem geradschaftigen Pfeil zertrennte er den Bogen der Göttin.
 
'''M 67.31''' Sie ihrerseits zerschlug mit dem Schwert den Bogen in seiner Hand. Darauf hieb der Dämon mit seinem Schwert das ihre entzwei.
 
'''M 67.32''' Dann schlug er mit demselben Schwert heftig auf ihr Pferd ein. Mit aufgerissenem Kopf wich das Pferd zurück.
 
'''M 67.33''' Da wurde die Göttin zornig, band ihn fest mit ihrer Schlinge, zog ihn an sich und schlug ihm mit ihrem feurig strahlenden Haken auf den Kopf.
 
'''M 67.34''' Von diesem Haken wurde sein Schädel gespalten, und der Dämon starb. Als der Oberbefehlshaber von Kurandas Tod hörte, wurde er zornig.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 67.35''' Kutilaksha blickte mit geröteten Augen auf die neben ihm stehenden Heerführer, Karanka und die anderen, und sprach:
 
'''M 67.36''' „Hört, Karanka und ihr übrigen, ihr fünf! Geht rasch mit euren Truppen hin, tötet sie im Kampf oder fesselt sie
 
'''M 67.37''' und bringt sie her! Ihr besitzt doch die Zauberkraft namens Sarpini; durch sie seid ihr für Götter und Dämonen unbesiegbar.“
 
'''M 67.38''' Auf diesen Befehl hin verneigten sich Karanka und die anderen vor dem Oberbefehlshaber und zogen aus, jeder mit zwanzig Akshauhinis.
 
'''M 67.39''' Karanka fuhr auf einem von Eseln gezogenen Wagen, Vajradanta ritt auf einem Kamel, Vajraloman fuhr auf einem Geierwagen und Kakamukha ritt auf einem Elefanten.
 
'''M 67.40''' Vajravaktra saß auf einem großen Esel. Furchtbar sahen sie aus. Als der gewaltige Lärm der zum Kampf aufbrechenden Dämonen erklang,
 
'''M 67.41''' machten Ashvarudha und Sampatkari ihr Heer bereit. Die beiden Heere, das der Shaktis und das der Dämonen, trafen aufeinander.
 
'''M 67.42''' Unter dem Klang verschiedener Kriegsinstrumente und im Aufblitzen geschwungener Waffen sandten sie schon aus der Ferne Pfeilregen aus, Wolkenmassen gleich.
 
'''M 67.43''' Dann prallten beide Heere aufeinander und schlugen sich gegenseitig nieder, die Lippen vor Zorn zusammengebissen, die Gesichter von zusammengezogenen Brauen verzerrt.
 
'''M 67.44''' Sie wurden von blanken Schwertern zerrissen, von langen Speeren durchbohrt, von Pfeilnetzen durchlöchert und von geschleuderten Eisenkeulen zerquetscht.
 
'''M 67.45''' Mit großen und kleinen Waffen vernichteten sie einander. Das gewaltige Elefanten- und Pferdeheer der Shaktis kämpfte in heftigem Zorn.
 
'''M 67.46''' In kurzer Zeit vernichtete es das Heer der Dämonenherrscher nahezu vollständig. Als Karanka und die anderen großen Dämonen ihre Truppen so sahen,
 
'''M 67.47''' drangen sie in das Shakti-Heer ein und vernichteten seine Reihen mit Gewalt. Als die beiden Göttinnen ihr Heer von diesen Dämonen bedrängt und geschlagen sahen,
 
'''M 67.48''' traten Ashvarudha und Sampatkari gegen sie an. Von ihnen im Kampf überwältigt, erschufen Karanka und die anderen großen Dämonen
 
'''M 67.49''' die große Zaubergestalt Sarpini, mit Schlangen geschmückt, von furchtbarer Gestalt und gewaltigem Geschrei. Sie erzeugte verschiedenartige Schlangenscharen,
 
'''M 67.50''' um auf dem Schlachtfeld das Shakti-Heer zu vernichten. Aus ihrem Mund, ihren Augen und anderen Körperöffnungen strömten die Schlangen hervor.
 
'''M 67.51''' In einem halben Muhurta richtete sie im Heer der Shaktis Verwüstung an. Als einige Shaktis dieses überaus schreckliche Gemetzel sahen,
 
'''M 67.52''' flohen sie und eilten zur Herrscherin der Strafgewalt, um es zu melden. Sie erreichten die Ebergesichtige, die sich bei der erhabenen Mutter befand.
 
'''M 67.53''' Sie verneigten sich auch vor Mantrini und sprachen: „Ach, welch eine Gefahr durch die Dämonen! Dandanatha, wir waren mit der Göttin Sampatkari gegen sie ausgezogen.
 
'''M 67.54''' Es entstand eine furchtbare, überaus lebensraubende Schlacht. Durmada wurde von der Herrin des Gedeihens getötet, und Kuranda
 
'''M 67.55''' wurde von Ashvarudha zu bloßem Ruhmesgedächtnis gemacht. Auch ein gewaltiges Heer vernichteten wir; die furchtbaren Dämonen wurden besiegt.
 
'''M 67.56''' Doch jetzt haben die fünf Heerführer, Karanka und die anderen, deren Fußtruppen gefallen waren, die große Zaubergestalt namens Sarpini hervorgebracht.
 
'''M 67.57''' Aus ihren Augen und anderen Öffnungen erschafft sie immer wieder zahllose Schlangen. Diese erschlagen, beißen, fesseln und verbrennen die Shaktis.
 
'''M 67.58''' Das große Heer der Shaktis ist beinahe vollständig dem Tod verfallen. Die beiden Göttinnen töten die Schlangen immer wieder mit Pfeilregen.“
 
'''M 67.60''' Die Herrscherin der Strafgewalt zog mit ihrer gewaltigen Keule aus, um die Dämonen zu töten. Doch die Herrin der Mantras hielt sie zurück, da sie Sarpinis unfehlbare Macht erkannte. ''Vers 59 fehlt in der Textgrundlage; die Sprecherinnenfolge ergibt sich aus dem anschließenden Bericht.''
 
'''M 67.61''' Mantrini ging rasch selbst zur Göttin und meldete das Geschehen. Die Mutter besann sich einen Augenblick, gähnte und öffnete
 
'''M 67.62''' ihren Lotusmund. Daraus trat mit großer Geschwindigkeit eine goldglänzende mächtige Shakti hervor, aus dem Gaumen der Göttin geboren.
 
'''M 67.63''' Es war Nakuli, die Göttin der Rede, auf Garuda sitzend und mit Edelsteinen geschmückt. Sie verneigte sich und stand vor Lalita. Die erhabene Herrin sprach:
 
'''M 67.64''' „Gehe, Kind, und vernichte Sarpini rasch durch deine Macht!“ So beauftragt, erreichte sie in einem Augenblick das Schlachtfeld.
 
'''M 67.65''' Der Wind von Garudas Flügeln trieb alle Schlangen in die Flucht. Von ihren Schlangenfesseln befreit, erhoben sich die Shaktis wieder.
 
'''M 67.66''' Doch Sarpini erschuf erneut Schlangen, um den Kreis der Shaktis zu vernichten. Als Nakuli sah, wie die Shaktis abermals von Schlangenscharen bedeckt wurden,
 
'''M 67.67''' ließ sie in einem Augenblick aus ihren eigenen Körperhaaren mächtige Mungos entstehen. Sie waren überaus schnell, verschiedenfarbig und voller Zorn.
 
'''M 67.68''' Ihre Haare und Schwänze standen aufrecht, ihre Zähne waren hart wie Donnerkeile und ihre Körper fest. Rasch griffen sie die überall vorhandenen Schlangen an.
 
'''M 67.69''' Mit ihren donnerkeilharten Zähnen bissen sie zu und zerrissen die Schlangen in zwei oder drei Teile. Solche Mungos zerrissen und fraßen die Schlangen,
 
'''M 67.70''' bis von denen, die zur Vernichtung des Shakti-Heeres entstanden waren, keine mehr übrig blieb. Nachdem die Mungos alle Schlangen restlos vernichtet hatten,
 
'''M 67.71''' bissen sie auch Sarpini, die mit Schlangen geschmückt war, von allen Seiten. Als Sarpini vernichtet war, kämpften Karanka und die anderen großen Dämonen
 
'''M 67.72''' mit vielen Waffen und Wunderwaffen gegen die Göttin Nakuli. Diese zerstörte sämtliche Waffen und Reittiere der Gegner
 
'''M 67.73''' und schlug ihnen gleichzeitig mit ihrem Schwert die Köpfe ab. Mit abgeschlagenen Häuptern fielen sie leblos nieder.
 
'''M 67.74''' Auch die Reste ihres Heeres flohen voller Angst in alle Richtungen. Unter siegreichen Zurufen nahm Nakuli die hilfreichen Mungos
 
'''M 67.75''' wieder in ihren eigenen Körper auf. Dann verneigte sie sich vor Varahi, Mantrini und der Herrin Lalita und berichtete mit gefalteten Händen vom Sieg.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 67. Kapitel: Die Tötung Karankas und der anderen durch Nakulis Tapferkeit. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5570.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 68: Der Plan des Nachtangriffs und Tiraskaranikas Schutz===
 
'''M 68.1''' Als Kutilaksha durch die Dämonen erfuhr, dass Karanka und die anderen getötet worden waren, seufzte er tief und geriet in große Sorge.
 
'''M 68.2''' „Diese große Shakti scheint mir wirklich unbesiegbar. Die beiden Mächtigen, Durmada und Kuranda, sind im Kampf gefallen.
 
'''M 68.3''' Doch sei es so; darüber muss man nicht grübeln, denn der Sieg ist ungewiss. Aber Karanka und die anderen verfügten über die unfehlbare Sarpini.
 
'''M 68.4''' Für Götter und Dämonen waren sie unbesiegbar. Wie konnten sie im Kampf fallen? Die Herrin der Shaktis, von der man hört, dass sie Lalita heißt,
 
'''M 68.5''' ist selbst noch an ihrem Platz geblieben; ihre dienenden Shaktis haben unser Heer vernichtet. Ach, was kann in der Welt nicht geschehen, wenn das Schicksal sich gegen einen wendet!
 
'''M 68.6''' Erstaunlich ist es, dass Karanka und die anderen von einer Frau getötet wurden. Ein Viertel unseres Heeres ist verloren, mächtige Heerführer sind gefallen.
 
'''M 68.7''' Doch keine einzige führende Göttin des Shakti-Heeres wurde getötet. Wie ist das möglich? Ich habe dem König den Sieg über die Shaktis versprochen.
 
'''M 68.8''' Wie könnte ich nun wieder wie ein Feigling sagen: ‚Es ist unmöglich‘?“ Während der Heerführer Kutilaksha von solchen Sorgen erfüllt war,
 
'''M 68.9''' kam Vishanga, von Vishukra gesandt, zu ihm. Als Kutilaksha ihn sah, erhob er sich.
 
'''M 68.10''' Er ehrte ihn mit einem Sitz und den weiteren Zeichen des Empfangs und setzte sich dann wieder. Vishanga sah das niedergeschlagene Gesicht des Heerführers.
 
'''M 68.11''' Er sprach zu ihm, selbst von jener Göttin verblendet, die die Wünsche ihrer Verehrer erfüllt und Bhandas erbetenes Ziel verwirklichen wollte:
 
'''M 68.12''' „Kutilaksha, dein Gesicht sieht traurig aus. Sage rasch, was der Grund ist; ich werde alles in Ordnung bringen!“
 
'''M 68.13''' Darauf berichtete dieser von der großen Vernichtung der Dämonen, davon, dass die Shaktis unversehrt blieben, und von der drohenden gewaltigen Gefahr.
 
'''M 68.14''' Vishanga lachte und rief: „Ach, welche Verblendung!“ Selbst durch die Maya der Göttin getäuscht, sprach er nun, als wäre er weise:
 
'''M 68.15''' „Höre, Heerführer! Ich habe alles erfahren und bin deshalb gekommen. Ohne klugen Plan kann selbst ein sehr Mächtiger den Gegner nicht besiegen.
 
'''M 68.16''' Der Sieg beruht stets auf dem rechten Vorgehen, und dieses beruht auf Einsicht. Mit meinem scharfen Verstand habe ich den Sieg über die Shaktis schon beinahe gesichert.
 
'''M 68.17''' Vertreibe die Finsternis deiner Sorge und vertraue auf die Sonne meines Plans! Aufgrund dieser Überlegung halte ich die Shaktis bereits für vernichtet.
 
'''M 68.18''' Höre, ich will dir sagen, was ich für den Sieg beschlossen habe. Nur durch eine List kann sie besiegt werden; ich erkläre dir das festgelegte Vorgehen.
 
'''M 68.19''' Noch heute, gegen Ende des Tages, sollen alle mit einem großen Dämonenheer gerüstet ausziehen, begleitet von Vishukra
 
'''M 68.20''' und den Prinzen. Sie müssen so zum Kampf vorgehen, dass auch sämtliche Shaktis
 
'''M 68.21''' vollständig in die Schlacht eingreifen und Lalita allein zurückbleibt. Dann werde ich in der Dunkelheit der Nacht, umgeben von vielen Dämonen,
 
'''M 68.22''' seitlich ausrücken, mich ihrem Rücken nähern und ihren Wagen besteigen. Die wenigen Shaktis, die dort noch sind, werde ich töten
 
'''M 68.23''' und die schlechte, schwache Lalita, die Wurzel aller Shakti-Scharen, mit Gewalt lebendig gefangen nehmen.
 
'''M 68.24''' Wenn sie sich nicht lebendig fangen lässt, werde ich sie mit der Keule erschlagen. Sobald sie getötet oder gefesselt ist, kannst du das Heer der Shaktis
 
'''M 68.25''' als beinahe vernichtet ansehen; ihr werdet es dann vollends zerstören. Die Königin Lalita mit ihren zarten Händen und Füßen
 
'''M 68.26''' ist nicht imstande, gegen mich zu kämpfen; das weiß ich schon lange. So habe ich es mit meinem überaus kühnen Verstand beschlossen.
 
'''M 68.27''' Freund, hältst du diesen Plan ebenfalls für frei von Fehlern und Schwachstellen?“ Als Kutilaksha Vishangas Worte hörte,
 
'''M 68.28''' hielt er, von Tripuras Maya verblendet, die Göttin bereits für besiegt. Freudig erhob er sich und umarmte Vishanga rasch.
 
'''M 68.29''' „Gut, du Ruhm des Dämonengeschlechts! Ich erkenne dich als den Klügsten an. Ein Gedanke, der zur rechten Zeit den Sieg bringt, ist wahrhaft selten.
 
'''M 68.30''' Nicht einmal Shukras oder Brihaspatis Verstand ist so! Lebe lange! Ich sehe in dir denjenigen, der das Anliegen des Königs erfüllt.
 
'''M 68.31''' Gehe unverzüglich zum König und unterrichte ihn. Hole die Minister, die Prinzen und Vishukra und kehre zum Kampf zurück!
 
'''M 68.32''' Schon neigt sich die Sonne, um in das Meer einzutreten. Sobald wir das Heer der Shaktis in den Kampf verwickelt haben,
 
'''M 68.33''' wirst du rasch mit Verstand und Kraft dein Vorhaben vollenden.“ Nach diesen Worten Kutilakshas ging Vishanga in die Stadt.
 
'''M 68.34''' Dort unterrichtete er den König und Vishukra über alles. Die von Maya verblendeten Dämonenherrscher stimmten zu, und er zog rasch wieder aus.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 68.35''' Von den Prinzen, Vishukra und den Ministern begleitet, vereinigte er sich mit Kutilaksha. Umgeben vom ganzen Heer
 
'''M 68.36''' rückte er dorthin zum Kampf vor, wo das große Shakti-Heer stand. Mantrini erfuhr durch Kundschafter von den umfassenden Kriegsvorbereitungen des Dämonenkönigs
 
'''M 68.37''' und vom Zusammenzug des gesamten Heeres und der führenden Dämonen. Sie verneigte sich vor Lalita und meldete das Geschehen.
 
'''M 68.38''' Auf Lalitas Befehl sprach Mantrini zu Dandini: „Liebe, wir sehen hier einen gewaltigen Aufmarsch Bhandas.
 
'''M 68.39''' Mit Ausnahme des Dämonenherrschers selbst sind alle zum Kampf gekommen. Auch wir müssen unverzüglich und vollständig ausziehen.
 
'''M 68.40''' Rüste daher das Heer und insbesondere die Shaktis!“ Auf diesen Befehl hin sammelte die Ebergesichtige das gesamte Shakti-Heer.
 
'''M 68.41''' Zusammen mit Mantrini verneigte sie sich vor der Göttin und zog in die Schlacht. Das ausrückende Shakti-Heer war voller Elefanten, Pferde und Wagen,
 
'''M 68.42''' wie der Ozean, der bei der Weltauflösung die Welten überflutet. Der Klang der Kriegsinstrumente verband sich mit dem Lärm von Elefanten, Pferden und Wagen.
 
'''M 68.43''' Darin schwoll das Löwengebrüll der Shaktis an. Als die Dämonen diesen furchtbaren, die Welt erschütternden Lärm hörten,
 
'''M 68.44''' erhoben sie ihrerseits ein noch gewaltigeres Geschrei. Der vereinte Ruf beider Heere erfüllte Himmel und Erde.
 
'''M 68.45''' Er raubte den Furchtsamen den Atem und schien selbst kleine Teiche auszutrocknen. Dann begann eine große Schlacht zwischen den Heeren der Shaktis und der Dämonen.
 
'''M 68.46''' Die Dämonen schlugen mit verschiedenartigen Waffen auf die Shaktis ein. Ebenso zermalmten die Shaktis die Dämonen mit ihren Waffenschlägen.
 
'''M 68.47''' Einige wurden in der Schlacht von Pfeilen in kleinste Stücke zerschlagen; andere wurden mit Schwertern in der Mitte gespalten und zerstückelt.
 
'''M 68.48''' Manche wurden von Speeren, langen Lanzen und Dreizacken durchbohrt; anderen wurden durch Wurfscheiben Hals, Bauch und Arme zertrennt.
 
'''M 68.49''' Einige wurden von Eisenkeulen, Shataghni-Waffen, Hämmern und ähnlichen Waffen zerquetscht; andere wurden ringsum von unfehlbaren Schlingen gefesselt.
 
'''M 68.50''' Manchen spalteten Beile und Äxte den Kopf; andere wurden durch Speere und Haken an der Brust verwundet.
 
'''M 68.51''' So blieb der Kampf eine Weile ausgeglichen. Dann zerbrach das Dämonenheer unter den Schlägen der Shaktis und floh.
 
'''M 68.52''' „Wir sind verloren! Ach, ach!“ schrien die schwer Getroffenen. Von den Shaktis verfolgt, suchten sie überall Schutz.
 
'''M 68.53''' Blutströme flossen dahin, ein erfreulicher Anblick für die Aasfresser. Anschwellende Wellen trugen Massen von Leichengerippen fort.
 
'''M 68.54''' Einige stürzten hinein und wurden in einem Augenblick weit fortgetragen. Als Bhandas jüngerer Bruder die Flucht der Dämonen sah,
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''M 68.55''' rief Vishukra die neben ihm stehenden Dämonen mit Balahaka an der Spitze herbei, deren unermessliche Kampfkraft er kannte.
 
'''M 68.56''' Er sagte: „Balahaka, sieh diese von den Shaktis geschlagenen Dämonen! Wie Schutzlose werden sie überall aus dem Kampf getrieben.
 
'''M 68.57''' Gehe mit deinen Brüdern hin und vernichte diese Feinde! Durch eure Askese hat die Sonne doch einen Teil ihrer Kraft in eure Augen gelegt.
 
'''M 68.58''' Geht und verbrennt sie mit eurem Blick!“ So beauftragt, zog Balahaka mit seinen Brüdern aus, um die Shaktis zu vernichten.
 
'''M 68.59''' Balahaka, Kalamukha, Vikarna, Vikatanana, Sucimukha, Karalaksha und Karata: Diese sieben
 
'''M 68.60''' Brüder besaßen furchtbare Kraft. Wen sie in großem Zorn ansahen, der wurde von Hitze und übermäßigem Durst gequält und starb rasch.
 
'''M 68.61''' Diese Macht hatten sie durch Verehrung der Sonne erlangt. Nun drangen sie gemeinsam in das Heer ein
 
'''M 68.62''' und richteten ihre grausamen Augen auf die Shaktis, um sie zu vernichten. Durch den Blick der Dämonen wurden sämtliche Shaktis
 
'''M 68.63''' von großem Durst und von Hitze in allen Gliedern erfasst. Von dieser übermächtigen Glut und diesem Durst überwältigt,
 
'''M 68.64''' sanken die Shaktis scharenweise auf dem Schlachtfeld nieder. Mit Ausnahme von Mantrini und Dandini fiel das ganze Heer,
 
'''M 68.65''' einschließlich seiner Elefanten und Pferde, von der Hitze zu Boden. Wegen ihrer eigenen Größe wirkte die Augenkraft der Dämonen auf diese beiden Göttinnen nicht.
 
'''M 68.66''' Als Dandanatha dies sah, meldete sie es Mantrini. Diese erwog die Lage und erkannte die Gunst, die die Dämonen von der Sonne erhalten hatten.
 
'''M 68.67''' Sie erinnerte sich im Geist an die Shakti Tiraskaranika, die zur Bewachung des Chakras der erhabenen Göttin zurückgeblieben und nicht in die große Schlacht gezogen war.
 
'''M 68.68''' Kaum war sie ihrer gedacht worden, da kam sie auf einem Pferd, schwarz wie dunkle Augensalbe. Ihr Körper war blau, ebenso Gewand und Schmuck.
 
'''M 68.69''' Sie trug blaue Kränze, war von dichter Finsternis umhüllt und von Millionen gleichgestaltiger Shaktis umgeben.
 
'''M 68.70''' Niemand auf Erden konnte sie ohne ihren Willen sehen. Sie kam, verneigte sich vor Mantrini und fragte: „Weshalb hast du meiner gedacht?“
 
'''M 68.71''' Mantrini erklärte ihr die Macht der Dämonen und entsandte sie, diese zu vernichten. Um die Shaktis wieder zu beruhigen und zu heilen,
 
'''M 68.72''' befahl sie sogleich auch Amriteshi, dem Meer des Nektars, tätig zu werden. Tiraskaranika bestieg ihr vortreffliches unsichtbares Reittier.
 
'''M 68.73''' Selbst unsichtbar und von ebensolchen Shaktis umgeben, vernichtete sie mit ihren Waffenschlägen das Heer der Dämonen.
 
'''M 68.74''' Tiraskaranika setzte die Waffe namens „Blindheit“ ein. Dadurch wurden die Dämonen blind und vermochten nicht das Geringste mehr zu sehen.
 
'''M 68.75''' Dennoch kämpften sie weiter, erfüllt von Kraft und Mut. Nach langem Kampf bezwang Tiraskaranika sie
 
'''M 68.76''' und schlug ihnen zornig mit ihrem Schwert zugleich die Köpfe ab. Als Balahaka und die anderen getötet waren, überschütteten die Götter Tiraskaranika
 
'''M 68.77''' mit himmlischen Blumen und ließen die Himmelspauken ertönen. Die führenden Gottheiten freuten sich, weil die Plagegeister der Welt vernichtet waren.
 
'''M 68.78''' Amriteshi belebte die gefallenen Shaktis mit Nektargüssen wieder. Nachdem Tiraskaranika so die Dämonen mit den Sonnenaugen besiegt hatte,
 
'''M 68.79''' verneigte sie sich vor Mantrini und Dandini und berichtete von ihrem Sieg. Die beiden umarmten sie und sagten: „Du hast ein Werk vollbracht, das sonst unmöglich war!“
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 68.80''' So priesen sie Mantrini und die Herrin der Strafgewalt. Als Balahaka und die anderen auf diese Weise gefallen waren, ging die Sonne unter.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 68. Kapitel: Die Tötung Balahakas und der anderen im Kampf mit Tiraskaranika. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5650.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 69: Die nächtliche Schlacht und der Angriff auf Lalitas Wagen===
 
'''Die Nacht wird erhellt:''' Jvalamukhi beendet die Finsternis, in der beide Heere sogar die eigenen Reihen treffen. Gleichzeitig versucht Vishanga den Angriff von hinten. Die Versnummern 32 und 49 fehlen; die Übersetzung ergänzt keine verlorenen Strophen.
 
'''M 69.1''' Obwohl Tiraskaranika die Dämonen mit den Sonnenaugen getötet hatte, blieben die übrigen durch Tripuras Maya verblendet und freuten sich über den Sieg, den sie sich in Gedanken ausmalten.
 
'''M 69.2''' Vishukra, Kutilaksha und die anderen sandten Vishanga mit einer Dämonenschar aus, um den Angriff von hinten auszuführen.
 
'''M 69.3''' Dann kämpften sie mit äußerster Tapferkeit gegen die Shakti-Heere: Vishukra gegen Mantrini, der Heerführer selbst gegen die Herrscherin der Strafgewalt,
 
'''M 69.4''' Bhandas Söhne gegen Bala, die Minister gegen Tiraskaranika und Ulukajit samt den anderen gegen die Führerinnen der Elefanten und Pferde.
 
'''M 69.5''' Die Dämonenheere trafen auf das Heer der Shaktis. Die Sonne war untergegangen, und überall breitete sich Dunkelheit aus.
 
'''M 69.6''' Ein überaus grausamer Kampf zwischen Shaktis und Dämonen begann. Eine Weile stritten sie noch im Licht der Abenddämmerung.
 
'''M 69.7''' Als sich dann tiefe Finsternis in allen Richtungen ausbreitete, wurde der Kampf zwischen den beiden Heeren noch schrecklicher.
 
'''M 69.8''' Im Licht der Sterne und nach den Geräuschen zielend kämpften die Dämonen mit ihren Waffen gegen die Shaktis.
 
'''M 69.9''' Durch das gewaltige Gedränge beider Heere stieg Staub auf und verhüllte den sternenbesetzten Himmel.
 
'''M 69.10''' Von Dunkelheit umgeben und zusätzlich vor Zorn blind, kämpften die Scharen der Shaktis und Dämonen ohne geordnete Reihen.
 
'''M 69.11''' Die einen riefen Herausforderungen, andere liefen ihnen nach. Waffen wurden gegen bestimmte Gegner gerichtet, trafen aber andere.
 
'''M 69.12''' Es entstand ein überaus grausiger Kampf, in dem man nach Geräuschen zielte. Dabei töteten Dämonen andere Dämonen und Shaktis andere Shaktis.
 
'''M 69.13''' So abscheulich war diese Schlacht, furchtbar vom Geschrei. Einige wurden durch Waffen getötet, andere von Wagen zermalmt,
 
'''M 69.14''' wieder andere von Pferden niedergerannt oder von Elefanten zerquetscht. In diesem gewaltigen Gedränge und Gemetzel
 
'''M 69.15''' erkannte niemand mehr das eigene oder das gegnerische Heer. Niemand wusste, wo Anfang, Mitte oder Ende der Truppen lagen.
 
'''M 69.16''' Mantrini sah dies und erkannte die gefährliche Lage. Sie gedachte der großen Göttin Jvalamukhi, die aus einem Anteil Tripuras hervorgegangen ist.
 
'''M 69.17''' Kaum hatte sie ihrer gedacht, erschien diese auf dem Schlachtfeld, einem flammenden Berg gleich, mit Feuerzungen, die die Himmelsrichtungen erfüllten.
 
'''M 69.18''' Die Fülle des Glanzes ihres Körpers vernichtete die ganze Finsternis. Nun kämpften Dämonen und Shaktis wieder in geordneten Reihen.
 
'''M 69.19''' Als der nächtliche Kampf so wieder geordnet verlief, Agastya, focht Bala einen höchst erstaunlichen Kampf gegen Bhandas Söhne.
 
'''M 69.20''' Diese dreißig Söhne, Caturbahu und die anderen, an Tapferkeit Vishnu gleich, kämpften alle zugleich mit großer Kraft gegen Bala.
 
'''M 69.21''' Auf ihren Wagen stehend, schossen sie verschiedenartige Pfeile nach allen Seiten und bedeckten Bala mit Waffen, wie Nebel die Sonne verhüllt.
 
'''M 69.22''' Doch Bala zerstörte diese Waffenmassen rasch durch die Macht ihrer eigenen Waffen, wie der Sonnenaufgang die Dunkelheit vertreibt.
 
'''M 69.23''' Dann legte sie blitzschnell Pfeile auf und tötete mit jeweils vier scharfen Geschossen die Wagenpferde jedes einzelnen Sohnes Bhandas.
 
'''M 69.24''' Mit je einem Pfeil traf sie die Wagenlenker, mit einem weiteren zertrennte sie die Bogen. Dann durchbohrte sie spielend jedem mit einem Pfeil das Herz.
 
'''M 69.25''' Ihre Pferde waren tot, ihre Waffen verloren, und ihre Brust war vom Pfeil durchbohrt. Durch den Schmerz tief bewusstlos, lagen sie dem Tod nahe.
 
'''M 69.26''' Ulukajit und die anderen, die Söhne von Bhandas Schwester, waren sechzig an der Zahl, im Kampf furchtbar stark und erfahren.
 
'''M 69.27''' Gegen sie kämpften Ashvarudha und Sampatkari mit Pfeilen. Sie entfalteten einen erstaunlichen Kampf, der die Zuschauer in Staunen versetzte.
 
'''M 69.28''' In zwei Gruppen zu je dreißig kämpften die Gegner getrennt gegen die beiden Göttinnen. Nach langem Kampf fesselte Ashvarudha ihre Gegner nacheinander mit ihrer Schlinge
 
'''M 69.29''' und schlug ihnen zornig mit ihrem blanken Schwert die Köpfe ab. Auch Sampatkari kämpfte gegen die ihren und traf sie nacheinander mit breitköpfigen Pfeilen
 
'''M 69.30''' in die Brust; so schickte sie sie rasch in die Stadt des Todes. Ugrakarman und die anderen Minister kämpften unterdessen
 
'''M 69.31''' mit vielen Waffen und Wunderwaffen gegen die Göttin Tiraskaranika. Nachdem sie so mit ihnen gekämpft hatte, schlug sie sie zornig mit ihrem Schwert nieder. ''Die Nummer 32 fehlt; der Übergang zur nächsten Kampfszene ist unvollständig.''
 
'''M 69.33''' Die beiden überschütteten einander mit goldgeschmückten Pfeilen und zerschlugen die verschiedenartigen Waffen, die sie gegeneinander einsetzten.
 
'''M 69.34''' Der zornige Kutilaksha, Bhandas Heerführer, stand auf seinem Wagen und kämpfte, bestens geschult, mit Nachdruck gegen die Ebergesichtige.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 69.35''' Nachdem sie so gestritten hatten, tötete Varahi seine acht Pferde mit Pfeilen, die sie bis zum Ohr ausgezogen hatte.
 
'''M 69.36''' Mit einem Pfeil erschlug sie den Wagenlenker; einen weiteren stieß sie ihm ins Herz. An der Brust durchbohrt, verlor er kurz das Bewusstsein.
 
'''M 69.37''' Dann erwachte er wieder, ergriff seine Keule, sprang empor und ließ sie auf den Kopf des Löwen niederfallen, der vor den Kiri-Chakra-Wagen gespannt war.
 
'''M 69.38''' Mit aller Kraft schlug er mit dieser ganz eisernen, donnerkeilgleichen Keule zu. Der gelbäugige Dämon brüllte wie ein Löwe, der einen Elefanten getötet hat.
 
'''M 69.39''' Auch der Löwe verlor durch den Keulenschlag einen Augenblick das Bewusstsein. Dann kam er wieder zu sich, sah zornig den Dämonen vor sich stehen
 
'''M 69.40''' und schlug ihm mit der Pranke auf die Brust. Der Prankenschlag riss die Brust auf, und Blut strömte in vielen Bahnen heraus.
 
'''M 69.41''' Doch der Nachkomme Ditis sprang erneut auf Varahis Wagen und richtete voller Zorn unter den Shaktis ihres Gefolges ein Gemetzel an.
 
'''M 69.42''' Als der große Dämon auf dem Wagen so kämpfte, trat ihm Jambhini entgegen, eine hervorragende Shakti und eine der führenden Göttinnen aus Varahis Einfassung.
 
'''M 69.43''' Lange kämpfte sie mit Kutilaksha. Schließlich traf die Gewaltige den heftig Kämpfenden mit einem Pfeil in den Mund.
 
'''M 69.44''' Schwer getroffen und von großem Schmerz gelähmt, stand er einen Augenblick still. Dann sprang er erneut vor und schlug sie zornig mit der Keule auf den Kopf.
 
'''M 69.45''' Schwer verletzt sank sie auf die Plattform des Wagens. Als die Shaktis sie so sahen, schrien sie: „Ach, ach!“
 
'''M 69.46''' Inzwischen riss der Dämon ihr rasch den Bogen weg und zerbrach ihn. Jambhini erhob sich wieder und sah ihren zerbrochenen Bogen.
 
'''M 69.47''' Vor Zorn brennend ergriff sie ihre große Keule. Ein schrecklicher Keulenkampf begann, dem Kampf zwischen Indra und dem Sohn Tvashtris gleich.
 
'''M 69.48''' Götter und Dämonen staunten über den Kampf zwischen Jambhini und dem Dämonen. Weil ihnen der Wagen zu eng war, setzten die beiden den Kampf auf dem Boden fort.
 
'''M 69.50''' Beim Zusammenprallen ihrer Keulen sprühten Feuerschauer hervor. Vielfältige Angriffe, Sprünge und wechselnde Kampfstellungen machten den Kampf erstaunlich anzusehen. ''Vers 49 fehlt in der Textgrundlage.''
 
'''M 69.51''' Dann sprang der Dämon rasch vor, um sie zu töten. Doch noch während er angriff, traf sie ihn mit ihrer Keule heftig auf den Kopf.
 
'''M 69.52''' Aus aufgerissenen Augen, Zunge und Mund strömte Blut, das auf sie herabregnete. Mit zerschlagenen Gliedern stürzte er zu Boden.
 
'''M 69.53''' Er umklammerte seine Keule, wälzte sich auf der Erde und gab rasch das Leben auf. Als die Dämonen ihren Heerführer getötet sahen, flohen sie voller Angst.
 
'''M 69.54''' Götter und Shaktis freuten sich über die Vernichtung des Feindes. Nachdem Jambhini den Dämonen getötet hatte, verneigte sie sich rasch vor der Herrin der Strafgewalt
 
'''M 69.55''' und trat an ihre Seite. Dandini freute sich, umarmte sie und betrachtete sie liebevoll.
 
'''M 69.56''' Die mächtige Mantrini kämpfte heftig gegen Vishukra. Auch der Kronprinz Vishukra war ein großer Held von gewaltiger Kraft.
 
'''M 69.57''' Er lieferte der Göttin einen ungewöhnlichen, staunenswerten Kampf. Beide vernichteten die Waffen des anderen durch Gegenwaffen
 
'''M 69.58''' und ebenso dessen Wunderwaffen durch eigene Wunderwaffen. Als sie ihn lange so mit erstaunlicher Tapferkeit kämpfen sah,
 
'''M 69.59''' zeigte die große Herrin des Rates ihre eigene Geschicklichkeit: Mit einer gleichzeitig abgeschossenen Pfeilschar zerstörte sie seinen Wagen, seine Pferde und seinen Lenker,
 
'''M 69.60''' seinen Bogen, seine Krone und sein Banner in einem halben Augenblick. Im Kampf so gedemütigt, brannte Vishukra vor Zorn.
 
'''M 69.61''' Er ergriff Schild und Schwert und nahm sich vor, die Göttin zu töten. Als er mit dem Schwert in der Hand herankam, zerteilte sie schon aus der Ferne mit einem einzigen Pfeil
 
'''M 69.62''' sein Schwert und zerbrach mit einem anderen seinen Schild. Ohne Schwert und Schild stürmte er mit geballter Faust weiter.
 
'''M 69.63''' Da traf sie ihn mit einem schweren, scharfen, breitköpfigen Pfeil an der Brust. Vishukra spie schäumendes Blut aus,
 
'''M 69.64''' taumelte und wurde mit Gewalt zwei Krosha weit fortgeschleudert, hilflos wie ein großer Berg im Sturm der Weltauflösung.
 
'''M 69.65''' Er sank in tiefe Ohnmacht, als wäre er bereits in eine andere Welt versetzt. Als Vishukra so getroffen war, floh das Dämonenheer.
 
'''M 69.66''' Die Krieger warfen ihre Waffen weg, verließen ihre Reittiere und stoben in alle zehn Richtungen auseinander. Einige nahmen den bewusstlosen Vishukra mit und kehrten in die Stadt zurück.
 
'''M 69.67''' Während Vishukra und die anderen gegen das gesamte Heer der Shaktis kämpften, erkannte Vishanga, dass Lalita allein auf ihrem Chakra-Wagen geblieben war,
 
'''M 69.68''' nur von wenigen dienenden Shaktis umgeben. Er freute sich, weil er sie für bezwingbar hielt, und eilte dorthin.
 
'''M 69.69''' Damanas und fünfzehn Akshauhini-Führer begleiteten ihn; er führte nur ein kleines Truppengefolge, aber zahlreiche Waffen und Wunderwaffen mit sich.
 
'''M 69.70''' Weil er das Geräusch der vielen marschierenden Füße vermeiden wollte, bestieg er einen brünstigen Elefanten und zog ausschließlich mit Elefantenreitern los.
 
'''M 69.71''' Alle trugen dunkle Gewänder und dunklen Schmuck. Nachdem sie sich miteinander abgesprochen hatten, gingen sie mit ihren Elefanten in getrennten Gruppen vor.
 
'''M 69.72''' Sie zogen mehr als zwei Yojanas hinter das Dämonenheer. Dann umgingen die einen das Shakti-Heer links, die anderen rechts,
 
'''M 69.73''' wobei sie einen Abstand von zwei Yojanas hielten. So bewegten sie sich in einzelnen Gruppen wie Räuber.
 
'''M 69.74''' In einer Entfernung von einem Krosha hinter dem königlichen Chakra-Wagen trafen sie wieder zusammen. Von dort erreichten sie in einem Augenblick
 
'''M 69.75''' dessen Rückseite, Vishanga an der Spitze. Lalita, deren Wesen Erkenntnis ist, kannte die Absicht der Dämonen durchaus.
 
'''M 69.76''' Doch im göttlichen Spiel blieb sie, als wüsste sie nichts davon. Die Shaktis hatten gehört, der Kampf finde weit entfernt statt, und fühlten sich völlig sicher.
 
'''M 69.77''' Sie schliefen alle auf ihren Plätzen im vortrefflichen Wagen. Dieser war voller schlafender Shaktis und hell brennender Lampen.
 
'''M 69.78''' Das flimmernde Lampenlicht verstärkte den Glanz der Edelsteine; ringsum strahlten die Reihen der Juwelen.
 
'''M 69.79''' Die Dämonen sahen dies, rückten gemeinsam heran und wollten den königlichen Wagen mit einem einzigen schnellen Vorstoß besteigen.
 
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|[[Meditation]] führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen [[Bewusstsein]]s.]]
 
'''M 69.80''' Doch tausend Shaktis mit gezogenen Schwertern bewachten sorgfältig den Wagen von allen Seiten.
 
'''M 69.81''' Einige sahen die Scharen der Dämonen auf ihren Elefanten ringsum herankommen, erhoben laute Alarmrufe und drangen in das Dämonenheer ein.
 
'''M 69.82''' Mit Schwertern erschlugen sie die Dämonen und forderten sie mit scharfen Worten heraus. So entstand zwischen Dämonen und Shaktis ein überaus furchtbarer Kampf.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 69. Kapitel: Der Angriff der Dämonen auf den Kreis der Shaktis. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5732.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 70: Vishangas Gefangennahme und der schützende Flammenwall===
 
'''Schutz und Begrenzung der Gewalt:''' Kameshvari vereitelt den Hinterhalt; Mantrini setzt mit Lalitas Zustimmung die Freilassung des gefangenen Vishanga durch. Der Flammenwall verbindet Abwehr nach außen mit Ruhe im Inneren. In der Textgrundlage fehlen die Nummern 4 und 67; der Übergang zu Dandinis Rede in Vers 68 ist verkürzt, Vers 84 besteht aus einem Halbvers.
 
'''M 70.1''' Als die Shaktis der Einfassungen, Anima und die anderen, die Alarmrufe hörten und vom Eintreffen der Dämonen erfuhren,
 
'''M 70.2''' bestiegen sie ihre jeweiligen Reittiere, rüsteten sich mit Waffen und Wunderwaffen und traten dem Dämonenheer mit großer Kraft entgegen.
 
'''M 70.3''' Nach und nach hörten alle Shaktis auf dem Wagen davon. Die Nityas, Kameshvari und die anderen, meldeten es der erhabenen Göttin.
 
'''M 70.5''' Auf Kameshvaris Befehl nahm Jvalamalini, die vierzehnte Nitya, einen berggroßen, von Flammen umgebenen Körper an. ''Vers 4 fehlt in der Textgrundlage.''
 
'''M 70.6''' Sie loderte, und ihre Flammen erhellten ringsum einen Raum von einem Yojana. Dort kämpften die Shaktis gegen die Dämonen.
 
'''M 70.7''' Mit verschiedensten Waffen erschlugen sie die zum Kampf gekommenen Gegner. So bekämpften sie die Dämonen und schickten sie rasch in Yamas Stadt.
 
'''M 70.8''' Die übrigen Dämonenscharen wollten fliehen. Doch von den Shaktis umringt, fanden sie nirgends einen Ausweg.
 
'''M 70.9''' Von ihnen niedergeschlagen, schrien sie laut: „Ach, ach!“ Als Damana und die anderen großen Dämonen diese Vernichtung sahen,
 
'''M 70.10''' beschossen sie die Shaktis mit Pfeilen, hielten sie ringsum heftig auf und schlugen mit vielerlei Waffen auf sie ein.
 
'''M 70.11''' Obwohl die Shaktis schwer von den Dämonen getroffen wurden, überschütteten sie ihre Gegner mit eigenen Waffen, wie Regenwolken Berggipfel begießen.
 
'''M 70.12''' Eine Weile dauerte der Kampf zwischen den Shaktis und Damana samt seinen Gefährten. Dann brachten diese gewaltigen Dämonenheerführer
 
'''M 70.13''' die Scharen der Shaktis durch einen Regen von Waffen und Wunderwaffen in Verwirrung. Die Shaktis verloren Reittiere, Waffen, Glieder und Leben.
 
'''M 70.14''' Sie konnten dem lebensraubenden Einschlag der Dämonenwaffen nicht standhalten. Einige wurden ohnmächtig, andere gaben das Leben auf.
 
'''M 70.15''' Wieder andere wurden in Stücke gehauen oder starben mit zerfetzten Gliedern. Als die mächtigen Mondtagesgöttinnen, Kameshvari und die anderen, diese Vernichtung sahen,
 
'''M 70.16''' wurden sie zornig und bestiegen ihre Wagen. Sie traten Damana und den anderen entgegen, fünfzehn Göttinnen gegen ebenso viele Dämonen.
 
'''M 70.17''' Voller Kraft und Tapferkeit kämpften sie mit einer Fülle von Waffen. Sie zerstörten gewöhnliche Waffen durch Gegenwaffen und Wunderwaffen durch andere Wunderwaffen
 
'''M 70.18''' und trafen die Dämonen geschickt mit Pfeilen an den verwundbaren Stellen. So bedrängt, gerieten die Dämonen in äußersten Zorn.
 
'''M 70.19''' Sie vollführten einen erstaunlichen Kampf voller Kraft und Wagemut. Aus den Mündungen ihrer Bogen strömten Pfeilflammen wie aus dem untermeerischen Feuer.
 
'''M 70.20''' Auf dem Schlachtfeld erschienen sie, als wollten sie die Welten verbrennen. Doch die Mondtagesgöttinnen kämpften gegen diese erstaunlich tapferen Gegner weiter.
 
'''M 70.21''' Der Reihe nach zerstörten sie Pferde, Wagen, Wagenlenker und Banner, zerbrachen die Bogen und schlugen ihnen mit scharfen, breitköpfigen Pfeilen kraftvoll die Köpfe ab.
 
'''M 70.22''' Als Damana und die anderen Dämonen vernichtet waren, flohen die verbliebenen Krieger voller Angst in alle zehn Himmelsrichtungen.
 
'''M 70.23''' Vishanga aber kämpfte von seinem Elefanten aus gegen die Mondtages-Shaktis. Der Gewaltige stritt allein gegen viele, erfüllt von heftigem Zorn.
 
'''M 70.24''' Während er mutig standhielt, umringten ihn Kameshvari und die anderen Nityas von allen Seiten und trafen ihn mit Pfeilregen.
 
'''M 70.25''' Da sprach Kameshvari zu Vishanga, der sich dem Kampf gestellt hatte: „Niederster Dämon, genug dieses Kampfes, der dich das Leben kosten wird!
 
'''M 70.26''' Lege die Waffen ab und gehe rasch zu Fuß in Frieden fort. Es erscheint dir wohl als ungleicher Kampf, allein gegen viele zu stehen.“
 
'''M 70.27''' Als der große Dämon Kameshvaris Worte hörte, lachte er laut: „Warum prahlst du vergeblich, Schlechte, und wirfst jede Scham fort?
 
'''M 70.28''' Ich allein werde in einem Augenblick dieses ganze Shakti-Heer erschlagen und eure Göttin Lalita lebendig fesseln
 
'''M 70.29''' und fortbringen. Daran besteht kein Zweifel; vor dir berühre ich meine Waffe zum Schwur. Nur mein Mitgefühl mit Frauen hat mich bisher aufgehalten.“
 
'''M 70.30''' So sprach er und traf jede von ihnen mit scharfen, breitköpfigen Pfeilen. Die erste der Nityas erwiderte: „Wenn es so ist, dann soll der Kampf stattfinden,
 
'''M 70.31''' rasch und unter gleichen Bedingungen, nur mit mir allein!“ Danach wandte sich die große Herrin erneut an die anderen:
 
'''M 70.32''' „Bhagamalini und ihr übrigen, hört aufmerksam meine Worte! Ich werde gegen ihn kämpfen; ihr aber sollt ihn bewachen,
 
'''M 70.33''' damit er nicht flieht. Seid ringsum wachsam!“ Dann traf sie den Dämonen mit einem kräftigen Pfeil und sagte:
 
'''M 70.34''' „Tor, lege jedes Mitgefühl mit mir ab und kämpfe mit deiner ganzen Kraft! Ich will deine männliche Tapferkeit sehen.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 70.35''' Wenn du ein Mann bist, wirst du doch ohne Flucht von hier fortgehen können. Ich werde dich nicht töten; ich werde dich zur Flucht bringen.
 
'''M 70.36''' Höre dies und kämpfe mannhaft, du Schamloser!“ Mit diesen Worten schoss sie scharfe, breitköpfige Pfeile in seinen Körper.
 
'''M 70.37''' Auch er sammelte zornig seine Kraft und kämpfte gegen Kameshvari. Da schoss sie einen bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil auf sein Reittier
 
'''M 70.38''' und traf es zwischen die Stirnwölbungen. Von diesem Pfeil entzwei gespalten, fiel der Elefant leblos wie ein Berg zu Boden.
 
'''M 70.39''' Nachdem Vishanga sein Reittier verloren hatte, nahm er Bogen und Pfeile und stürmte zornig zum Kampf heran, das Gesicht unter zusammengezogenen Brauen verzerrt.
 
'''M 70.40''' Doch mit drei Pfeilen zerschoss Kameshvari in einem Augenblick seinen Bogen, seinen Köcher und seine Krone.
 
'''M 70.41''' Dann ergriff er ein großes, furchtbares Schwert und lief auf sie zu. Noch während er heranstürmte, zerteilte sie mit einem scharfen Pfeil
 
'''M 70.42''' das mächtige Schwert in drei Stücke und sagte lächelnd: „Dämon, du bist doch der größte Held! Wie kämpfst du denn da?
 
'''M 70.43''' Warum ist noch keine einzige Waffe auf meinen Körper gefallen? Ist dein Mitgefühl so groß? Warum bist du nun ohne Waffen?
 
'''M 70.44''' Wie willst du uns besiegen, Lalita fesseln und fortbringen? Sage es! Die Waffe, auf die du deinen Siegesschwur stütztest, hat sich als nutzlos erwiesen.
 
'''M 70.45''' Oder fliehe vor meinen Augen, wenn das deine Mannhaftigkeit ist!“ Als er Kameshvaris bittere, spöttische Worte hörte,
 
'''M 70.46''' hob er die Faust und stürmte direkt auf sie zu, um sie zu erschlagen. Da traf sie ihn erneut mit drei überaus kräftigen Pfeilen,
 
'''M 70.47''' an Fuß, Brust und Faust. An diesen drei Stellen verwundet und gequält, konnte er weder vom Platz weichen noch klar sehen noch seine Faust bewegen.
 
'''M 70.48''' Beschämt machte er sich rasch unsichtbar. Doch die Göttin Kameshvari umgab ihn von allen Seiten mit einem Netz von Pfeilen
 
'''M 70.49''' und versperrte dem Dämonen den Weg: ein erstaunliches Schauspiel. Als alle Wege blockiert waren, entfaltete der Dämon seine Zauberkunst.
 
'''M 70.50''' Er ließ Waffen, Steine, Blut, Schlangen, Staub, glühende Kohlen und Berge herabregnen und erschuf große Geister sowie Scharen von Rakshasas und Totengeistern.
 
'''M 70.51''' Verschiedenste, überaus furchterregende Zauber brachte er hervor. Doch jeden neu entstandenen Zauber des Dämonen vernichtete sie mit ihren Wunderwaffen.
 
'''M 70.52''' Dann nahm er eine rasende, riesenhafte Gestalt an, schrecklich, schwarzbraun, mit tausend Mündern und hunderttausend Händen und Füßen, überaus schnell.
 
'''M 70.53''' Mit aufgerissenem Rachen, Feuer speiend, ging er auf sie los, um sie zu töten. Als sie die Shaktis vor seiner ein Yojana hohen Gestalt erschrecken sah,
 
'''M 70.54''' erkannte sie den Zauber des Dämonen und setzte die Waffe ein, die Zauber aufhebt. Damit vernichtete sie in einem Augenblick alle seine Täuschungen.
 
'''M 70.55''' Dann band Kameshvari den noch immer unsichtbaren Dämonen mit einer Mantraschlinge und warf ihn augenblicklich vor sich zu Boden.
 
'''M 70.56''' In der Schlinge gefesselt lag er bei ihren Füßen, beschämt, mit gesenktem Gesicht und geschlossenen Augen, einem Toten gleich.
 
'''M 70.57''' „Shaktis, bringt diesen gefesselten Vishanga zum königlichen Chakra-Wagen!“ So befahl die Nitya. ''Der Satz ist beschädigt, sein Auftrag jedoch eindeutig erkennbar.''
 
'''M 70.58''' Umgeben von den anderen Nityas ging sie zu den Füßen der erhabenen Göttin. Sie bestiegen den Wagen und verneigten sich vor Mutter Lalita.
 
'''M 70.59''' Sie berichteten von ihrem Sieg. Inzwischen kamen auch Mantrini und die anderen, nachdem sie ihre Gegner besiegt hatten, verneigten sich und meldeten ihren Erfolg im Kampf.
 
'''M 70.60''' Als Mantrini und die übrigen vom listigen Unternehmen der Dämonen hörten, staunten sie; ebenso staunten die Götter über deren Hinterhalt.
 
'''M 70.61''' Dann sahen die Shaktis den jüngeren Bruder des Dämonenherrschers, den ihre Gefährtinnen gefesselt herbeibrachten. Von heftigem Zorn erfüllt, riefen sie:
 
'''M 70.62''' „Bindet ihn! Tötet ihn! Zerschneidet ihn! Zerstückelt ihn!“ Als die Herrscherin der Strafgewalt dies hörte, erwog sie, ihn zu töten.
 
'''M 70.63''' Doch mit Zustimmung der erhabenen Mutter sagte Mantrini: „Es ist nicht recht, einen Gefesselten zu töten; er gilt bereits als einem Toten gleich.
 
'''M 70.64''' Lasst ihn gehen, damit er dem Dämonenkönig von seinem Zustand berichtet!“ Sie ließ ihn frei und sprach zu ihm:
 
'''M 70.65''' „Dämon, begehe nie wieder eine solche Tat, die Helden verabscheuen!“ Als er Mantrinis Worte hörte, wurde der mächtige Dämon beschämt.
 
'''M 70.66''' Mit gesenktem Gesicht ging er rasch fort, ohne zurückzublicken. Die Schar der Shaktis aber versammelte sich bei Mutter Lalita.
 
'''M 70.68''' Sie berichteten einander vom Kampf. Dandini sprach: „Heute fand ein gewaltiger, schrecklicher Kampf mit den Dämonen statt. Nur wenig von der Nacht bleibt übrig; bei Sonnenaufgang
 
'''M 70.69''' wird es erneut eine überaus heftige Schlacht geben. Die Dämonen kämpfen mit List. Daher müssen wir wieder mit dem ganzen Heer ausziehen.
 
'''M 70.70''' Dann wird der königliche Chakra-Wagen hier erneut allein zurückbleiben. Zwar gibt es für die Macht der großen Göttin nichts Unmögliches,
 
'''M 70.71''' doch erscheint dies unpassend. Was ist zu tun? Bedenke einen Plan, erkenne mit deiner Einsicht das Richtige und bringe die Sache in Ordnung!“
 
'''M 70.72''' Mantrini hörte Dandinis Worte, erwog sie mit klarem Verstand und hielt sie für zutreffend.
 
'''M 70.73''' Sie verneigte sich vor Lalita und sagte: „Mutter, höre meine Worte! Die Ebergesichtige weist darauf hin, dass wir bei Sonnenaufgang
 
'''M 70.74''' mit dem Shakti-Heer erneut zum Kampf ausziehen müssen. Dein Wagen bliebe dann ungeschützt und ohne Heer zurück.
 
'''M 70.75''' Das wäre unangemessen und entspräche nicht deiner Würde. Außerdem sollen die vom Kampf ermüdeten Shaktis nachts Ruhe finden.
 
'''M 70.76''' Doch nach dem heutigen hinterlistigen Angriff sind sie beunruhigt. Ihr Herz ist nicht ruhig, und sie können keine Erholung finden.
 
'''M 70.77''' Wenn du zustimmst, erteile mir daher die Erlaubnis: Ich werde einen Schutz einrichten, den die Feinde nicht überwinden können.“
 
'''M 70.78''' Die Göttin hörte ihre Bitte und beauftragte sie mit dem Vorhaben. Darauf wandte sich Mantrini an die vierzehnte unter den Mondtages-Nityas.
 
'''M 70.79''' Sie befahl ihr, einen Wall zu errichten, der die Feinde zurückhielt. Schon auf diesen Befehl hin erschuf die Göttin namens Jvalamalini
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 70.80''' einen großen Wall aus Feuerflammen, der die Dämonen abwehrte. Ringförmig umschloss er das Heer der Shaktis.
 
'''M 70.81''' Er ragte unübersteigbar empor und loderte nach außen überaus furchtbar; im Inneren aber kühlte und beruhigte er die Shaktis. Nach außen verbrannte er alles bis zu einem Yojana Entfernung.
 
'''M 70.82''' Er glänzte mit einem Tor in der Mitte, das ein Yojana breit war. Als die Shaktis diesen Wall sahen, verloren sie ihre Furcht.
 
'''M 70.83''' Die vom Kampf ermüdeten Shaktis schliefen dort in Ruhe. Die Herrin der Mantras setzte tausend von ihnen zur Bewachung ein.
 
'''M 70.84''' So verweilte Mutter Lalita innerhalb des Flammenwalls. ''Unter dieser Nummer ist ein einzelner Halbvers überliefert.''
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 70. Kapitel: Die Niederlage Vishangas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5816.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 71: Das Hindernis-Yantra und die Verwirrung des Heeres===
 
'''Ein Hindernis im Inneren:''' Nach dem Scheitern des äußeren Angriffs versucht Vishukra, das Heer durch magisch hervorgerufene Trägheit, Misstrauen und Zwietracht zu lähmen. Die abwertenden Urteile über Lalita und ihre Begleiterinnen sind Rede der verzauberten Shaktis. Das schädigende Ritual wird erzählerisch beschrieben; ein vollständiger Mantra oder eine zeichnerische Yantra-Vorlage ist hier nicht überliefert.
 
'''M 71.1''' Nachdem Vishanga aus seinen Fesseln entlassen worden war, kehrte er zum Dämonenheer zurück, tief bedrückt, elend, mutlos und schwer seufzend.
 
'''M 71.2''' Allein setzte er sich an einen verlassenen Ort, seines Glanzes beraubt. Dort hörte er, dass der Heerführer Kutilaksha und die Minister
 
'''M 71.3''' getötet worden waren. Noch tiefer versank er im Meer des Kummers. Da kam Vishukra, von den Prinzen umgeben, zu ihm.
 
'''M 71.4''' Er sah seinen jüngeren Bruder Vishanga mit niedergeschlagenem Gesicht dasitzen und fragte: „Lieber, warum sehe ich dein Gesicht heute so verdüstert?
 
'''M 71.5''' Was ist bei deinem Angriff von hinten geschehen? Erzähle mir alles!“ Auf diese Frage seines Bruders antwortete Vishanga seufzend:
 
'''M 71.6''' „Bruder, was soll ich dir sagen? So etwas ist mir noch nie widerfahren. Ich erkenne: Diese ungünstige Zeit ist gekommen, um die Dämonen zu vernichten.
 
'''M 71.7''' Wie erstaunlich! Dämonen, die selbst gegen Vishnus Kraft kämpfen können, werden von Scharen schwacher Frauen besiegt, wie ein Löwe von Schakalen!
 
'''M 71.8''' In einem solchen Zustand ist mein Weiterleben nicht angemessen. Doch was kann ich tun? Im Kampf ist mir der Tod nicht zuteilgeworden.
 
'''M 71.9''' Glücklich sind die gefallenen Dämonen, Kutilaksha und die anderen. Sie mussten ihre eigene Erniedrigung nicht erleben und darüber leiden.
 
'''M 71.10''' Sie haben die empfangene Nahrung ihres Herrn durch ihren Dienst vergolten und den höchsten Zustand sowie bleibenden Ruhm in dieser und der anderen Welt erlangt.
 
'''M 71.11''' Schande über mich, einen solchen Dämonen, der weder wirklich lebt noch tot ist! Bruder, wozu viele Worte? Höre das Wesentliche, das ich dir sage.
 
'''M 71.12''' Für die Dämonen ist eine überaus ungünstige Zeit gekommen. Darum will ich nicht weiterleben, nachdem Frauen mich im Kampf besiegt haben.
 
'''M 71.13''' Bei Anbruch der Nacht zog ich von hier mit Dämonen aus, um sie, wie vereinbart, durch einen Angriff von hinten zu überwinden.
 
'''M 71.14''' Wir kamen alle an die Rückseite ihres Wagens und wollten ihn gerade besteigen, um sie gefangen zu nehmen.
 
'''M 71.15''' Da kamen die Shaktis herbei, die den Wagen bewachten. Sie gingen mit gezogenen, erhobenen Schwertern um ihn herum.
 
'''M 71.16''' Sie bedrohten uns und kämpften mit großer Kraft. Obwohl es ringsum dunkel war, bewegten sie sich sicher, ohne zu straucheln.
 
'''M 71.17''' Dann kamen fünfzehn Göttinnen aus ihrem vortrefflichen Wagen hervor. Sie erschufen einen flammenden Berg, der die Dunkelheit vertrieb.
 
'''M 71.18''' Sie umringten uns und ließen Pfeilströme regnen. In einem Augenblick erschlugen sie Damana und die anderen und wandten sich dann gegen mich.
 
'''M 71.19''' Eine ihrer führenden Shaktis, Kameshvari von wunderbarer Tapferkeit, trat mir im Zweikampf entgegen und fesselte mich in einem halben Augenblick.
 
'''M 71.20''' Weder meine Tapferkeit noch meine Kraft noch mein Zauber vermochten etwas gegen sie. Gefesselt wurde ich fortgebracht und vor Lalitas Füße geworfen.
 
'''M 71.21''' Ihre Ministerin, dunkel glänzend wie ein Tamala-Blatt, deren schöner Körper die Essenz aller Schönheit ist und die sich auf süße Rede versteht,
 
'''M 71.22''' hat mich aus Mitgefühl von den Fesseln befreit. Was nützt mir nun das Leben, da mein Ruhm und meine Kraft vernichtet sind?“
 
'''M 71.23''' Vishukra hörte diese Klage und antwortete lächelnd. Mutter Lalita hatte sein Urteil getrübt, damit Bhandas Wunsch erfüllt werde.
 
'''M 71.24''' „Lieber, du verstehst die Kunst nicht, die zum Sieg im Krieg führt. Selbst große Helden werden gelegentlich von Geringeren besiegt.
 
'''M 71.25''' Das ist nichts Erstaunliches und noch kein endgültiges Ergebnis im Urteil der Tapferen. Ein Mensch, der mit seinen Füßen geht, stolpert zuweilen sogar am hellen Tag.
 
'''M 71.26''' Unbewegliche Dinge stolpern niemals; was folgt daraus? Sieg und Niederlage im Verlauf eines Kampfes lassen sich nicht sicher vorhersagen.
 
'''M 71.27''' Nur der Sieg am Ende ist der wirkliche Sieg. Ein zwischenzeitlicher Erfolg verdient diese Bezeichnung noch nicht.
 
'''M 71.28''' Ach, welche Macht die Verblendung besitzt! Was soll ich dir sagen? Eine Überlegung, verbunden mit Standhaftigkeit und klugem Rat, führt zum Sieg.
 
'''M 71.29''' Lass ab von diesem verkehrten Zustand, der alles Wertvolle zerstört. Höre meinen Plan, der deinen Kummer sogleich beseitigen wird.
 
'''M 71.30''' Du hast das Mittel vergessen, durch das wir einst Indra und die anderen Götter wiederholt besiegten. Höre, was ich dir sage!
 
'''M 71.31''' Es gibt ein feindhemmendes Yantra, das durch schädigende Magie Hindernisse beim Gegner hervorruft. Ich habe dieses Mittel zur Abwehr der Feinde von Bhargava gelernt.
 
'''M 71.32''' Ich werde es jetzt rasch nach der vorgeschriebenen Ordnung herstellen. Seine Anwendung wird das Heer der Shaktis lähmen.
 
'''M 71.33''' Ich werde es auf eine Steintafel zeichnen und dir geben. Wirf es durch eine List mitten in das Shakti-Heer und kehre rasch zurück!
 
'''M 71.34''' Dann werden die Shaktis ihre Kraft und ihren Tatendrang verlieren. Wir werden mit dem Dämonenheer hingehen und sie ohne Mühe rasch
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 71.35''' vernichten. Zweifle nicht daran! Stehe auf und lege die aus Trauer geborene Qual ab, die deine Tapferkeit zerstört.“
 
'''M 71.36''' Als Vishanga dies von seinem Bruder hörte, war er durch die große Maya verblendet und überzeugt, der Sieg sei sicher. Große Freude erfüllte ihn.
 
'''M 71.37''' Der Bruder pries den Bruder und lobte dessen klugen Einfall. Dann trugen sie dem Dämonenkönig den Plan vor und erhielten seine Zustimmung.
 
'''M 71.38''' Vishukra stellte das Hindernis-Yantra auf einer Steintafel her. Er badete, vollzog die Reinigung und zeichnete es rasch ein.
 
'''M 71.39''' Darauf verehrte er dort die dämonische, Hindernisse erzeugende Göttin mit verschiedenen Darbringungen, darunter berauschendem Trank und Fleisch.
 
'''M 71.40''' Er selbst war nackt und mit Asche vom Verbrennungsplatz bedeckt. Dem linken Ritualweg folgend, trank er berauschenden Trank aus einer Schädelschale.
 
'''M 71.41''' Nach Süden gewandt, rezitierte er die betreffende Formel mit einer Mala aus einem unklar bezeichneten Material; nackte junge Frauen umgaben ihn ringsum. ''Das Wort für die Mala ist unsicher. Der Mantrawortlaut wird nicht mitgeteilt.''
 
'''M 71.42''' Nachdem er das Yantra auf diese Weise wirksam gemacht hatte, gab er es Vishanga: „Lieber, wirf dies mitten in das Heer der Shaktis,
 
'''M 71.43''' gegenüber Lalitas königlichem Wagen, und kehre rasch zurück!“ Vishanga nahm das unfehlbare Hindernis-Yantra und ging dorthin.
 
'''M 71.44''' Im letzten Teil der Nacht sah Vishanga den Flammenwall. Er erkannte, dass dieser unüberwindlich war, und sah die Shaktis am Tor.
 
'''M 71.45''' Aus Furcht ging er nicht näher heran, sondern blieb in der Ferne stehen. Er überlegte und sprang in die Luft, um den Wall zu überqueren.
 
'''M 71.46''' Doch er vermochte es nicht. Daher schleuderte er das Yantra mit Kraft hinein und kehrte zurück. Er hielt seine Aufgabe für erfüllt und berichtete seinem älteren Bruder davon.
 
'''M 71.47''' „Durch das Hindernis-Yantra werden die Shaktis bald gelähmt sein, denn es ist unfehlbar und ganz von seiner wirksamen Kraft erfüllt.“
 
'''M 71.48''' In diesem Vertrauen bereitete Vishukra zusammen mit seinem Bruder alle Dämonen auf den Kampf vor.
 
'''M 71.49''' Mit den Prinzen und dem König zog er aus der Stadt. Alle Dämonen außer Frauen, Alten und Kindern nahmen daran teil.
 
'''M 71.50''' Eine Akshauhini ließen sie zum Schutz Shunyakas zurück. Alle anderen rückten gerüstet zum Kampf aus.
 
'''M 71.51''' Mit großer Geschwindigkeit näherten sie sich dem Feuerwall. Als sie seine Unbezwingbarkeit sahen, fassten sie den Entschluss, ihn zu durchbrechen.
 
'''M 71.52''' Vishukra und die führenden Dämonen setzten Wunderwaffen ein: Wind-, Berg-, Mond-, Kälte- und Erdwaffen,
 
'''M 71.53''' Meeres- und Wasserwaffen sowie Regenwaffen und weitere. Mit Mantras versehen, wurden sie ringsum gegen den Wall geschleudert.
 
'''M 71.54''' Doch der Wall vernichtete sie restlos wie das Feuer der Weltauflösung trockenes Gras. Als Vishukra und die anderen den Wall als undurchdringlich erkannten,
 
'''M 71.55''' wollten sie hoch hinaufspringen und ins Innere gelangen. Doch so hoch ein Dämon auch sprang, um hineinzukommen,
 
'''M 71.56''' der Wall wuchs an dieser Stelle noch höher. Als sie auch dies für unmöglich hielten, gingen sie zum Tor, um dort einzudringen.
 
'''M 71.57''' Doch auch dort verbrannte das Feuer jeden Eindringenden in einem Augenblick zu Asche. Als sie erkannten, dass ein Eindringen unmöglich war, blieben sie vor dem Tor
 
'''M 71.58''' und schleuderten durch die Toröffnung Waffen und Wunderwaffen hinein. Dandanatha erfuhr vom Aufmarsch des Dämonenheeres und von der Blockade des Tores.
 
'''M 71.59''' Sie befahl, das Shakti-Heer kampfbereit zu machen. Doch die überall versammelten Shaktis waren vom Hindernis-Yantra beeinträchtigt.
 
'''M 71.60''' Die einen waren von Trägheit überwältigt, andere von Schlaf und Verwirrung. Sie achteten den Befehl der Herrscherin der Strafgewalt überhaupt nicht.
 
'''M 71.61''' „Was haben wir mit diesem Krieg zu tun? Warum sollen wir die Dämonen töten? Sie haben uns nichts getan; warum sollen wir mit ihnen streiten?
 
'''M 71.62''' Warum sollen die Dämonen getötet werden, damit die Götter ihre Wünsche erreichen? Warum töten wir nicht ebenso die Götter, damit die Dämonen ihre Ziele verwirklichen?
 
'''M 71.63''' Die Herrscherin der Strafgewalt ist von Natur aus zornig, und Mantrini ist von übermäßigem Trinken berauscht. Woher sollten die beiden vernünftig urteilen können?
 
'''M 71.64''' Die große Königin wiederum ist ganz mit dem Liebesspiel mit Kameshvara beschäftigt. Von sich aus fehlt ihr stets die Prüfung dessen, was angemessen oder unangemessen ist.
 
'''M 71.65''' Alles, was die berauschte Mantrini sagt, hält sie für heilsam. Und welche Überlegung wäre von Bala zu erwarten, die immer nur am Spielen interessiert ist?
 
'''M 71.66''' Ach, welche Macht die Verblendung besitzt! Warum haben wir die Dämonen getötet? Durch die Schuld dieser sinnlosen Gewalt werden wir rasch zugrunde gehen.
 
'''M 71.67''' Lasst uns von hier aufbrechen und heilige Orte aufsuchen. Nach der vorgeschriebenen Ordnung wollen wir gewissenhaft die Schuld der Dämonentötung sühnen.“
 
'''M 71.68''' Einige sagten: „Genug des sinnlosen Kampfes, der nur unser Leid vermehrt! Gehen wir zu heiligen Badeorten und erlangen durch Askese das Ersehnte.“
 
'''M 71.69''' Andere sagten: „Genug der Kämpfe, die Leid bringen und den Körper zerstören! Lasst uns einen passenden Gemahl finden und unablässig glücklich miteinander spielen.“
 
'''M 71.70''' So äußerten sie viele verschiedene Ansichten. „Wir werden nicht sinnlos kämpfen und stehen nicht unter deinem Befehl!
 
'''M 71.71''' Wenn du zornig wirst, werden wir gegen dich kämpfen. Bilde dir mit der berauschten Mantrini zusammen nicht so viel ein!
 
'''M 71.72''' Wenn du uns im Kampf begegnest, wirst du deinen Stolz bald verlieren.“ Andere riefen zornig: „Ebergesichtige, warum zürnst du uns immer
 
'''M 71.73''' und rollst deine schrecklichen Augen? Geh sofort fort, sonst werde ich dir die Augen ausschlagen!
 
'''M 71.74''' Nirgends gibt es eine so schamlose Ebergesichtige wie dich!“ Eine andere sprang ihr mit dem Schwert in der Hand entgegen und sagte:
 
'''M 71.75''' „Was redest du? Höre meine Worte, Ebergesichtige! Wenn du stolz bist, dann kläre die Sache im Kampf mit mir durch deine Kraft!
 
'''M 71.76''' Von meinen Waffen getroffen, wirst du sinnlos dein Leben verlieren.“ Als Dandini die Shaktis so sah, war sie zutiefst erstaunt.
 
'''M 71.77''' „Woher kommt dieser plötzliche Verlust ihres Urteilsvermögens?“ dachte sie. Rasch ging sie zu Mantrini und meldete es ihr.
 
'''M 71.78''' Auch Mantrini staunte, als sie von der geistigen Verwirrung der Shaktis hörte. Sie suchte die große Königin auf, verneigte sich und sprach:
 
'''M 71.79''' „Mutter, ein überaus seltsames Hindernis ist uns entstanden. Gewiss ist es ein Werk der bösen Dämonen.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 71.80''' Eine furchtbare Zerrüttung des Denkens zeigt sich bei den Shaktis. Die Dämonen stehen gerüstet am Eingang des Walls.
 
'''M 71.81''' Mit Ausnahme Dandinis, meiner selbst und der Shaktis auf dem Chakra-Wagen sind alle verändert; sie sprechen voller Zorn.
 
'''M 71.82''' Ergreife rasch die nötige Maßnahme; die Zeit erlaubt keinen Aufschub! Zwar würden sämtliche Dämonen schon durch ein bloßes Runzeln deiner Brauen
 
'''M 71.83''' vergehen, doch diese Lage können wir nicht hinnehmen. Aus Mitgefühl mit uns, Mutter, schaffe rasch Abhilfe!“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 71. Kapitel: Die durch Anwendung des Hindernis-Yantras hervorgerufene Störung im Shakti-Heer. Die Gesamtzählung 5898 stimmt nicht mit den 83 nummerierten Kapitelversen und der vorhergehenden Gesamtzählung überein.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 72: Ganeshas Erscheinung und die Aufhebung des Hindernisses===
 
'''Ganesha als Beseitiger der Hindernisse:''' Aus Lalitas liebevollem Blick auf Kameshvara geht Ganesha hervor. Er zerstört das Hindernis-Yantra, worauf die Shaktis ihre ursprüngliche Verfassung zurückerlangen. Die Szene verbindet die Einheit des göttlichen Paares mit neu gewonnener Klarheit und Handlungsfähigkeit.
 
'''M 72.1''' So von Shyamala gebeten, entfaltete die erhabene Mutter, die höchste Herrin, ihr göttliches Spiel. Lächelnd und voller Liebe
 
'''M 72.2''' richtete sie ihre Seitenblicke auf das Meer der Schönheit von Kameshvaras Gesicht. Sie leuchteten wie die Strahlen von Millionen Monden und ließen den Nektar der Liebe regnen.
 
'''M 72.3''' Aus der Begegnung des lächelnden Blicks der Göttin mit Kameshvaras Antlitz entstand der Herr der Ganas, elefantengesichtig und rötlich strahlend.
 
'''M 72.4''' In seinen rechten Händen trug er Keule, Dreizack, Muschelhorn, Lotus und einen Stoßzahn; in den linken eine Zitronatzitrone, einen Bogen, eine Wurfscheibe, eine Schlinge und eine Ähre.
 
'''M 72.5''' Mit dem Rüssel hielt er ein Gefäß voller Edelsteine. Er trug rote Seide, himmlische Blumenkränze und Schmuck.
 
'''M 72.6''' Er hatte drei Augen, trug die Mondsichel und eine Edelsteinkrone. Seine Shakti umarmte ihn, und aus seinen Schläfen floss der Brunstsaft.
 
'''M 72.7''' Er verneigte sich vor Lalita und sprach mit gefalteten Händen: „Göttin, sage mir, was ich bei diesem Kampf zu tun habe!
 
'''M 72.8''' Allein durch deine Gnade werde ich selbst das Schwerste vollbringen.“ Darauf antwortete Mutter Lalita, die große Herrin, dem Gana-Herrscher:
 
'''M 72.9''' „Gehe, Kind, und vernichte den Schadenszauber der Dämonen!“ So beauftragt, schwenkte Ganesha seinen Rüssel
 
'''M 72.10''' und suchte ringsum. In einem Augenblick fand er das Yantra. Vor den Augen der Shaktis trat er an das Hindernis-Yantra heran,
 
'''M 72.11''' das fest wie ein Donnerkeil war, und zerbrach es zornig mit einem Stoß seines Zahnes. Nachdem er es augenblicklich in kleinste Stücke zermalmt hatte,
 
'''M 72.12''' trat er kampfbegierig durch das Tor des Flammenwalls hinaus. Er drang in das Dämonenheer ein und kämpfte gegen die führenden Dämonen.
 
'''M 72.13''' Einige zerschmetterte er mit der Keule, andere zerschnitt er mit der Wurfscheibe. Wieder andere durchbohrte er mit dem Dreizack oder mit Pfeilen.
 
'''M 72.14''' Mit seinem Stoßzahn tötete er weitere Tausende von Dämonen. So brachte Ganesha immer mehr Dämonenherrscher zu Fall.
 
'''M 72.15''' Der mächtige Wind seiner schlagenden Ohren zerstreute das Dämonenheer. Durch den starken Atemzug seiner Nase wurden ganze Dämonenscharen angesogen.
 
'''M 72.16''' Hilflos gerieten sie rasch in die Öffnung seines Rüssels. Durch das Zusammenpressen seines Inneren wurden ihre Glieder zerschlagen, und sie starben.
 
'''M 72.17''' Einige verloren das Bewusstsein und wurden mit dem Ausatmen auf die Erde geschleudert, wo sie starben. Andere gelangten unversehrt durch die Ohröffnungen hinaus,
 
'''M 72.18''' wurden dann aber von den schlagenden Ohren getroffen und verloren das Leben. So vernichtete der Herr der Ganas die Dämonen in ihrem eigenen Heer.
 
'''M 72.19''' Er stellte sich Bhandas Söhnen und warf sie mit Keulenschlägen nieder. Vishanga verwundete er mit seinem Stoßzahn schwer an der Brust.
 
'''M 72.20''' Als Vishanga und die Prinzen bewusstlos wurden, sahen die Dämonen in ihm den Tod leibhaftig vor sich.
 
'''M 72.21''' „Ach, ach!“ schrien sie voller Angst, verließen den Kampf und flohen weit fort. Als Vishukra das Heer so fliehen sah, wurde er überaus zornig.
 
'''M 72.22''' Auf seinem Wagen kam er gegen den kämpfenden Herrn der Hindernisse heran. Zwischen Vishukra und dem Elefantengesichtigen begann eine große Schlacht.
 
'''M 72.23''' Furchtbare Regen von Waffen und Wunderwaffen gingen nieder; jeder suchte den anderen zu besiegen. Da wurde der Elefantengesichtige zornig und zertrümmerte mit einem Keulenschlag
 
'''M 72.24''' rasch Vishukras Wagen samt Pferden und Lenker. Auch Vishukra geriet in Zorn, hob schnell seine Keule
 
'''M 72.25''' und schlug mit aller Kraft auf die Stirnwölbungen Ganeshas. Aus der durch den Keulenschlag aufgerissenen Stirn des Gana-Herrschers
 
'''M 72.26''' strömte viel Blut. Da traf der zornige Ganesha Vishukra mit großer Wucht mit dem Dreizack in die Brust.
 
'''M 72.27''' Mit durchbohrter Brust stürzte Vishukra bewusstlos nieder. Nachdem Ganesha ihn besiegt hatte, wandte er sich Bhandas Wagen zu.
 
'''M 72.28''' Bhanda sah Ganesha kommen, um mit ihm zu kämpfen. Er hielt ihn für unbesiegbar und dachte in seinem Inneren:
 
'''M 72.29''' „Dieser Elefantengesichtige kommt, um gegen mich zu kämpfen. Seine Kraft ist gewaltig; selbst alle Götter und Dämonen können ihn nicht besiegen.
 
'''M 72.30''' Doch mein Entschluss lautet: Von den Waffen Mutter Lalitas getroffen will ich diesen Körper verlassen und ihre Welt erreichen.
 
'''M 72.31''' Hier sehe ich ein Hindernis für diesen Wunsch. Wie kann mein Ziel erfüllt werden? Dieser hat früher schon mit einem mächtigen
 
'''M 72.32''' Elefantendämonen gekämpft. Ich werde jenen erschaffen, damit er mit ihm kämpft. Dann werde ich selbst Mutter Lalita zum Kampf entgegentreten.“
 
'''M 72.33''' So entschlossen, erschuf er einen wunderbaren, berggleichen, höchst furchtbaren Elefantendämonen, der mit erhobenem Rüssel eine Eisenkeule trug.
 
'''M 72.34''' Auf Bhandas Befehl stürmte dieser Dämon auf Ganapati los. Der Herr der Ganas begegnete ihm und nahm den Kampf auf.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 72.35''' Während der Elefantengesichtige so kämpfte, erlangten die Shaktis durch die Vernichtung des Hindernis-Yantras ihre ursprüngliche Verfassung zurück und zogen zum Kampf aus.
 
'''M 72.36''' Mantrini und Dandini sahen Bhandas vollständige Kriegsbereitschaft und den Aufmarsch sämtlicher Dämonenheere.
 
'''M 72.37''' Nachdem sie die große Königin beraten hatten, zog diese selbst zum Kampf aus, umgeben von allen gerüsteten Shakti-Heeren.
 
'''M 72.38''' Zuerst bestieg die Göttin Sampatkari ihren Elefanten Ranakolahala und zog mit großer Eile an der Spitze der Elefantentruppen hinaus.
 
'''M 72.39''' Dann rückte die mächtige Ashvarudha auf dem Pferd Aparajita aus, umgeben von ihren Reiterheeren und voller Kampfeifer.
 
'''M 72.40''' Inzwischen verneigte sich die kampfbegierige Bala, die von der großen Königin noch zurückgehalten wurde, vor Lalita und sprach mit lieblicher Stimme:
 
'''M 72.41''' „Mutter, erlaube mir den Kampf! Ich bin fest dazu entschlossen, und mein Herz ist immer voller Verlangen nach dem Kräftemessen.
 
'''M 72.42''' Du hältst mich zurück, obwohl die große Schlacht bereits begonnen hat. Ich berühre deine Füße mit meinem Haupt; gib mir die Erlaubnis zum Kampf!
 
'''M 72.43''' Schon lange sehne ich mich danach und darf doch nicht ausziehen. Auch am ersten Tag erfüllte der Kampf meinen Wunsch nicht ganz.
 
'''M 72.44''' Mitten darin wurde ich von jener Ebergesichtigen ohne Grund gehindert. Erfülle heute meine lange gehegte Hoffnung auf den Kampf!“
 
'''M 72.45''' Als die höchste Mutter Lalita Balas Worte hörte, lächelte sie und blickte die Herrin der Mantras an.
 
'''M 72.46''' Mantrini verstand die Absicht der Göttin und sagte zu Bala: „Junge Herrin, höre meine Worte! Wenn du kämpfen möchtest,
 
'''M 72.47''' dann musst du unter gleichen Bedingungen kämpfen, falls du dem zustimmst. Kämpfe gegen einen einzigen Gegner, zusammen mit Dandini und mir.
 
'''M 72.48''' Verlasse uns in der Schlacht nicht und dringe nirgends allein in das Dämonenheer ein! Wir beide werden deine Seiten schützen.
 
'''M 72.49''' Sage jetzt, gegen wen du kämpfen möchtest.“ Als Bala Mantrinis Worte hörte, antwortete sie:
 
'''M 72.50''' „Ich werde gegen Bhandas Söhne kämpfen. Keine andere darf auch nur einen einzigen Pfeil gegen sie abschießen. Ich allein
 
'''M 72.51''' werde gegen sie kämpfen und sie töten. Auch ihre Reittiere, Wagen, Waffen und das übrige Gerät dürfen keinesfalls von anderen zerstört werden.“
 
'''M 72.52''' Mantrini hörte dies und erwiderte: „Die Göttin hat bestimmt, dass du gegen einen einzigen Gegner kämpfen sollst. Warum begehrst du nun
 
'''M 72.53''' den Kampf gegen dreißig? Das ist für dich nicht angemessen. Bhandas Söhne sind große Helden, an Tapferkeit Bhanda gleich.
 
'''M 72.54''' Alle besitzen furchtbare Körperkraft und verstehen sich auf hinterlistige Kriegsführung. Kämpfe gegen einen von ihnen, den du dir aussuchst!“
 
'''M 72.55''' Als Bala diese Worte Shyamalas hörte, verneigte sie sich erneut und bat mit gefalteten Händen darum, gegen alle kämpfen zu dürfen.
 
'''M 72.56''' Mutter Lalita sah sie so bitten, freute sich, umarmte sie liebevoll und gab ihr die Erlaubnis zur Schlacht.
 
'''M 72.57''' Darauf sprach Bala erneut zur erhabenen Göttin Tripura: „Mutter, höre noch etwas! Diese Dandini soll nicht mit mir zusammen
 
'''M 72.58''' auf dem Schlachtfeld stehen. Schon früher hat sie mir die Freude am Kampf verdorben. Wenn sie mit mir kommt,
 
'''M 72.59''' soll sie hinter mir bleiben und mich nicht wieder hindern. Falls sie meinen Kampf nochmals stört, dann höre:
 
'''M 72.60''' Du wirst sie bald von mir im Kampf besiegt sehen!“ Als Dandini Balas Worte und ihren Zorn wahrnahm,
 
'''M 72.61''' verneigte sie sich vor ihr und beruhigte sie mit sanften, freundlichen Worten: „Göttin, lege deinen Argwohn gegen mich ab! Ich werde mit dir kommen,
 
'''M 72.62''' deinen Kampf anschauen und tun, was dir gefällt. Ganz nach deinem Befehl werde ich vor dir oder hinter dir
 
'''M 72.63''' bleiben und dich gewiss nicht im Kampf hindern.“ Als Bala dies hörte, umarmte sie Dandini rasch und freudig.
 
'''M 72.64''' Dann bestieg sie ihren Wagen und zog kampfbegierig aus. Mantrini und Dandanatha standen auf ihren jeweiligen Wagen
 
'''M 72.65''' und fuhren zu ihren beiden Seiten, von Shakti-Heeren umgeben. Darauf bestieg die Göttin rasch den Wagen namens Shri-Chakraraja
 
'''M 72.66''' und zog selbst zum Kampf aus, in heldenhafter Kriegsrüstung. Hinter ihr bestieg Tiraskaranika ein Pferd, dunkel wie eine Masse von Finsternis,
 
'''M 72.67''' schnell wie der Wind. So rückte sie aus und führte ein unermessliches, dem Ozean gleichendes Shakti-Heer heran.
 
'''M 72.68''' Die Fronten der beiden Heere trafen furchtbar aufeinander. Der vielfältige Klang der Kriegsinstrumente wurde durch das Rasseln der Räder verstärkt.
 
'''M 72.69''' Mit dem Schlagen der Helden auf ihre Arme, mit Schlachtrufen, dem Trompeten der Elefanten und dem Wiehern der Pferde schwoll das Getöse immer weiter an.
 
'''M 72.70''' Dann begann der Einschlag der Waffen mit heftigem Krachen. Ein überaus furchtbarer, dichter Blutregen ging nieder.
 
'''M 72.71''' „Du bist verloren! Gleich wirst du getötet! Stehe fest! Fliehe nicht! Zeige rasch deine Kraft! Sieh heute meine Tapferkeit!“
 
'''M 72.72''' Solche und viele andere Worte waren in der Schlacht zu hören. Einigen wurden die Glieder durch Pfeile zerschlagen, andere wurden mit Äxten gespalten.
 
'''M 72.73''' Manche wurden von Dreizacken durchbohrt, andere von Schwertern zerrissen, wieder andere von Eisenkeulen zerquetscht oder von Wurfscheiben enthauptet.
 
'''M 72.74''' Einige wurden von Speeren durchbohrt, andere durch Wurfspieße und Hellebarden verwundet, durch Schleuderwaffen zerstückelt oder mit Keulen am Kopf zerschlagen.
 
'''M 72.75''' So erging es den Dämonen, die die Shaktis im Kampf schwer trafen. Tausende von Blutströmen flossen dort dahin.
 
'''M 72.76''' Von den Shaktis überaus bedrängt und von ihren Waffen durchbohrt, floh das Dämonenheer unter lautem Klagen.
 
'''M 72.77''' Es konnte dem gewaltigen Ansturm des Shakti-Heeres nicht standhalten und schwand dahin wie das Wasser eines Teiches, dessen Damm gebrochen ist.
 
'''M 72.78''' Als Bhandas dreißig Söhne, Caturbahu und die anderen von erstaunlicher Tapferkeit, das zerschlagene Dämonenheer sahen,
 
'''M 72.79''' griffen sie ein. Sie waren so stark wie Bhanda, kundig in Waffen und Wunderwaffen und im Kampf kaum zu ertragen. Von ihren Wagen aus trafen sie das Shakti-Heer mit Pfeilregen.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 72.80''' Durch diese brennenden Pfeile wurde das Shakti-Heer bedrängt; von allen Seiten traf es die unerträgliche Macht der Waffen und Wunderwaffen der Dämonen.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 72. Kapitel: Der Zusammenzug aller Heere. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5978.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 73: Ganeshas Sieg und das Ende von Bhandas Söhnen===
 
'''Rückblick und Fortgang:''' Agastyas Frage führt zunächst zum Zweikampf Ganeshas mit dem Elefantendämonen zurück. Danach setzt die Erzählung Balas Kampf fort. Die dritte Strophe trägt irrtümlich dieselbe Nummer 33 wie eine spätere Strophe; sie wird hier nach ihrer Stellung als Vers 3 bezeichnet. Beide Strophen sind vollständig übersetzt.
 
'''M 73.1''' Als der aus dem Krug geborene Weise diese Kriegserzählung hörte, sprach er: „Pferdegesichtiger, du hast eine überaus wunderbare Geschichte erzählt.
 
'''M 73.2''' Du hast erwähnt, wie der Herr der Ganas mit dem Elefantendämonen zusammentraf. Wie verlief ihr Kampf? Erkläre es mir, der ich danach frage!“
 
'''M 73.3''' So vom kruggeborenen Weisen gefragt, begann der Pferdegesichtige, von Ganeshas großer Schlacht zu erzählen. ''Diese Strophe steht an dritter Stelle, trägt in der Textgrundlage jedoch die Nummer 33; zur Unterscheidung von der späteren 33 wird sie hier als 3 bezeichnet.''
 
'''M 73.4''' „Agastya, höre! Ich will dir eine höchst wunderbare Geschichte erzählen, erfüllt von Ganeshas großer Kraft und vielfältigen Empfindungen.
 
'''M 73.5''' Der Herr der Ganas kämpfte gegen den von Bhanda erschaffenen Dämonen. Eine Weile währte ihr überaus heftiger Kampf.
 
'''M 73.6''' Dann erschuf der Dämon weitere Dämonen, ihm selbst gleich an Kraft, Gestalt, Schnelligkeit, Kühnheit und Tapferkeit.
 
'''M 73.7''' Als Ganesha die vielen Kämpfenden sah, wurde er zornig und erschuf ebenfalls Millionen Ganeshas, die ihm selbst glichen.
 
'''M 73.8''' Jeder dieser Gana-Herrscher kämpfte gegen einen Dämonen mit verschiedensten Waffen und Wunderwaffen. Es war ein erstaunliches Schauspiel.
 
'''M 73.9''' Dämonen und Shaktis wurden zu Zuschauern dieses wunderbaren Kampfes; sie vergaßen ihren eigenen Kampfeifer.
 
'''M 73.10''' Die Gana-Herrscher griffen kraftvoll mit ihren Waffen an. Einer der Dämonen wurde vom Dreizack getroffen, ein anderer von der Wurfscheibe zerstückelt,
 
'''M 73.11''' einem wurde der Rüssel mit der Keule zerschlagen, ein anderer vom Stoßzahn aufgerissen. Einer wurde durch einen Bruststoß zermalmt, ein anderer unter den Füßen zerquetscht.
 
'''M 73.12''' Wieder einem spaltete ein Stirnstoß den Kopf, sodass er im Kampf starb. So vernichteten die Elefantengesichtigen die vom Dämonen erschaffenen Gegner.
 
'''M 73.13''' Darauf war der große Elefantendämon wieder allein. Mächtig und überaus kühn kämpfte er gegen Ganesha.
 
'''M 73.14''' Als Mahaganesha sah, dass der Dämon wie zuvor allein war, nahm er seine Ganesha-Gestalten in einem Augenblick wieder in den eigenen Körper auf.
 
'''M 73.15''' Dann begann zwischen den beiden kraftvoll Streitenden erneut ein großer Kampf, überaus furchtbar und voller verschiedenartiger Waffen und Wunderwaffen.
 
'''M 73.16''' Durch Zauberkunst wurde der große Dämon riesenhaft, mit tausend Gesichtern und doppelt so vielen Armen, versehen mit vielfältigen Waffen.
 
'''M 73.17''' In jedem Augenblick schleuderte er tausend Waffen aus. Doch jede neu ausgesandte Waffenmasse vernichtete der Herr der Ganas.
 
'''M 73.18''' Als Ganesha diesen Zauber des Dämonen sah, geriet er in heftigen Zorn und zerschlug gleichzeitig die tausend Waffen, die jener trug.
 
'''M 73.19''' Darauf entstand ein Keulenkampf zwischen Ganesha und dem Elefantendämonen. Mit großen Keulen schlugen sie aufeinander ein.
 
'''M 73.20''' Von Ganeshas Keule getroffen, zerbrach die Keule des Dämonen und fiel in Stücken herab. Nun war der Dämon ohne Waffe.
 
'''M 73.21''' Er hob die Faust und stürmte heran, um Ganesha zu töten. Als Ganesha ihn kommen sah, schleuderte er seine Keule.
 
'''M 73.22''' Die Keule traf seinen Körper, fügte ihm aber keinen Schmerz zu. Von seinem Leib zurückgeworfen, fiel sie wirkungslos auf die Erde.
 
'''M 73.23''' Ebenso schleuderte Ganesha Wurfscheibe, Dreizack, Eisenkeule und Speer; jede Waffe fiel nach der Berührung mit seinem Körper wirkungslos zu Boden,
 
'''M 73.24''' wie ein Hagel von Steinen gegen eine Felswand. Als Ganesha sah, dass der Dämon durch keine Waffe zu besiegen war,
 
'''M 73.25''' geriet er in Sorge. Da traf ihn der Gegner mit der Faust. Ein überaus grausamer Faustkampf begann zwischen ihnen.
 
'''M 73.26''' Bei den Faustschlägen sprühten Feuerregen auf. Schließlich umschlang Ganesha den Dämonen mit seinen Armen, hielt ihn fest und warf ihn zu Boden.
 
'''M 73.27''' Er trat auf den Gestürzten und riss ihm mit dem Stoßzahn die Brust auf. So durchbohrt, gab der Dämon im Kampf das Leben auf.
 
'''M 73.28''' Nachdem Ganesha von wunderbarer Tapferkeit den Elefantendämonen getötet hatte, eilte er erneut auf Bhanda zu, um mit ihm zu kämpfen.
 
'''M 73.29''' Als Bhanda Ganesha herankommen sah, fürchtete er dessen Kampfkraft und gedachte der Göttin Lalita:
 
'''M 73.30''' ‚Mutter, dieser Körper soll im Kampf durch dich getroffen vergehen. Erfülle diesen Wunsch von mir; ich habe bei deinen Lotusfüßen Zuflucht genommen!‘
 
'''M 73.31''' Die große Herrin erkannte dies. Um den Wunsch ihres Verehrers zu erfüllen, gedachte sie von ihrem königlichen Chakra-Wagen aus des Elefantengesichtigen.
 
'''M 73.32''' Dieser nahm den inneren Ruf der Göttin wahr, kam herbei, verneigte sich und fragte: ‚Mutter, warum hast du mich gerufen, während ich im Kampf stand?‘
 
'''M 73.33''' Lalita, die höchste Herrin, hörte seine Worte und antwortete: ‚Kind, genug des Kampfes! Bleibe jetzt an meiner Seite.
 
'''M 73.34''' Diese kampfbegierigen Göttinnen sollen gegen das Dämonenheer kämpfen.‘ So beauftragt, zog sich Ganesha aus der Schlacht zurück.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 73.35''' Als Bala sah, wie schwer Bhandas Söhne das Shakti-Heer bedrängten, trat sie ihnen im Kampf entgegen und überschüttete sie mit Pfeilen.
 
'''M 73.36''' Die Söhne des Dämonenherrschers umringten mit zahllosen Dämonentruppen Bala, deren Taten im Kampf höchst erstaunlich waren.
 
'''M 73.37''' Millionen Dämonenkrieger überschütteten die auf dem Wagen stehende Göttin mit verschiedensten Waffen, brüllend und vom Kampfrausch erfüllt.
 
'''M 73.38''' Da sprach Dandini zu den Shaktis: ‚Hört alle her! Ich teile euch den Befehl Mutter Balas mit.
 
'''M 73.39''' Gegen diejenigen, mit denen sie kämpft, darf keine von euch eigenmächtig Waffen einsetzen. Wer es dennoch tut, wird von mir bestraft.
 
'''M 73.40''' Schaut ihrem Kampf zu; ihr dürft keinesfalls eingreifen!‘ Nachdem sie dies im Heer hatte verkünden lassen, trat sie selbst zusammen mit Mantrini
 
'''M 73.41''' an Balas Seite, während diese ihre Kampfkraft entfaltete. Bala freute sich, als sie den Befehl der Herrscherin der Strafgewalt hörte.
 
'''M 73.42''' Allein kämpfte sie auf erstaunliche Weise gegen zahllose Dämonenkrieger. Siddhas, Rishis und führende Gottheiten schauten vom Himmel aus zu.
 
'''M 73.43''' Sie staunten, wie das junge Mädchen allein gegen viele kämpfte. Dann bedeckten die von den Dämonen ausgesandten Waffenmassen Bala
 
'''M 73.44''' von allen Seiten wie Wolken die aufgehende Sonne. Als die Shaktis sie so verhüllt sahen, wurden sie besorgt.
 
'''M 73.45''' Doch in einem Augenblick vernichtete Bala den Waffenregen durch Gegenwaffen und griff alle Gegner erneut an.
 
'''M 73.46''' Mit schneller Geschicklichkeit zerstörte sie gleichzeitig die Waffen und Reittiere der zahllosen Gegner; erstaunlich war ihre Tatkraft.
 
'''M 73.47''' Auch jede neu ergriffene Waffe zerschoss sie sofort. Dann vernichtete sie die Dämonen mit scharfen Pfeilen in größter Geschwindigkeit.
 
'''M 73.48''' Niemand konnte, auch mit noch so geübtem Blick, das Ergreifen, Auflegen, Ausziehen und Abschießen ihrer Pfeile erkennen.
 
'''M 73.49''' Man sah nur, wie aus der Mitte ihres Bogens ununterbrochen scharfe Pfeile in alle Richtungen strömten, wie Heuschrecken aus einer Erdhöhle.
 
'''M 73.50''' Scharenweise fielen die Köpfe der Dämonen krachend herab wie reife Früchte von hohen Palmen.
 
'''M 73.51''' Einigen wurden Hände, Füße und Schenkel abgetrennt, anderen Brust, Bauch oder Hals durchbohrt. Von zahllosen Pfeilen durchlöchert, sahen sie wie Tausendäugige aus.
 
'''M 73.52''' Andere Dämonen wurden zerstückelt und ihre Körper in kleinsten Teilen verstreut. Wieder andere, an der Brust getroffen und bereits tot, blieben aufrecht stehen.
 
'''M 73.53''' Mit ihren Waffen in den Händen sahen sie aus wie gemalte Krieger. Einige wurden, obwohl schon leblos, von der Wucht der Pfeile fortgetragen,
 
'''M 73.54''' als liefen sie aus Angst vor dem Kampf davon. So verloren durch Bala in kurzer Zeit Millionen führender Dämonen
 
'''M 73.55''' ihr Leben; Hunderte und noch mehr stürzten verwundet nieder. Kein Dämon, auch kein Held, vermochte dort noch sich selbst zu schützen.
 
'''M 73.56''' Wie hätte er kämpfen oder eine Waffe einsetzen können? Die Dämonen begriffen nicht, dass nur eine Einzige diesen Kampf führte.
 
'''M 73.57''' Sie meinten, Millionen Shakti-Heere kämpften gegen sie. Das Heer der Shaktis und die Götter ringsum am Himmel
 
'''M 73.58''' gerieten in höchstes Staunen über Balas Tapferkeit. Als die Dämonen im Heer sahen, wie Bala sie niederschlug,
 
'''M 73.59''' warfen sie voller Angst ihre Waffen fort und wollten fliehen. ‚Ach, wir sind verloren! Dies ist kein junges Mädchen,
 
'''M 73.60''' sondern der Tod selbst, der gekommen ist, um uns zu vernichten. Heute wird unser Dämonenheer in einem Augenblick vollständig ausgelöscht!‘
 
'''M 73.61''' So riefen sie und flohen schreiend in alle Richtungen. Doch in dem von Waffenströmen erfüllten Raum fanden sie keinen Weg hinaus.
 
'''M 73.62''' Von den Pfeilströmen zerrissen, fielen die Dämonen in Scharen. Einige, schwer von Pfeilen getroffen, stürzten zwischen Leichenhaufen.
 
'''M 73.63''' Dort versteckten sie sich aus Todesangst, um ihr Leben zu retten. So war das Dämonenheer größtenteils vernichtet oder geflohen.
 
'''M 73.64''' Als Bhandas Söhne auch die verbliebenen Reste sahen, rückten sie selbst heran, mit großen Bogen auf löwenbespannten Wagen.
 
'''M 73.65''' Zornig umringten sie Bala mit einem gemeinsamen Vorstoß. Dunkel wie große Wolken und wie Löwen brüllend,
 
'''M 73.66''' überschütteten sie Bala mit Pfeilströmen, wie Wolken die Sonne am Himmel verhüllen. Das junge Mädchen stand nun vielen Gegnern gegenüber, die an Tapferkeit Vishnu glichen.
 
'''M 73.67''' Doch man sah, wie sie spielend gegen sie kämpfte. Mantrini, Dandini und die anderen staunten über Balas Kampfkraft
 
'''M 73.68''' und berichteten der höchsten Göttin von der großen Schlacht: ‚Göttin, gewiss wird diese junge Herrin niemanden übrig lassen,
 
'''M 73.69''' weder Bhanda noch seine beiden Brüder, weder die Söhne noch die Krieger im Heer. Spielerisch wird sie heute alles vernichten, daran besteht kein Zweifel.‘
 
'''M 73.70''' Nachdem sie eine Weile gelassen gegen Bhandas furchtbare Söhne gekämpft hatte, zerstörte Bala gleichzeitig mit Pfeilen deren Reittiere, Banner und Schirme.
 
'''M 73.71''' Sie fegte ihren Pfeilregen mit Gegenregen hinweg und zerschoss der Reihe nach ihre Bogen mit gut befiederten Geschossen.
 
'''M 73.72''' Zornig griffen sie nach Schwertern, Keulen und anderen Waffen, um sie zu töten. Doch kaum ergriffen sie eine Waffe,
 
'''M 73.73''' zerschoss sie diese schon: ein erstaunliches Schauspiel. So wurden die Dämonen waffenlos und erkannten Balas
 
'''M 73.74''' überaus wunderbare Macht. Große Sorge erfasste sie. Als Vishanga und Vishukra sie im Kampf wie vom großen Tod in Balas Gestalt verschlungen sahen,
 
'''M 73.75''' eilten die beiden mit mächtigen Heeren herbei, um die Prinzen zu retten.
 
'''M 73.76''' ‚Fürchtet euch nicht, wir sind gekommen!‘ riefen sie. Die glückverheißende Göttin sah sie wie dunkle Regenwolken Waffenregen ausschütten.
 
'''M 73.77''' Bala freute sich überaus und wehrte den dichten Waffenregen mühelos ab. Dann vernichtete sie das Dämonenheer
 
'''M 73.78''' mit der Windwaffe in einem Augenblick, wie ein mächtiger Sturm Wolken zerstreut, sodass nur sein Name blieb. Da stürmten die beiden in großem Zorn
 
'''M 73.79''' mit Keule und Schwert schnell heran. Bala sah sie kommen und tötete mit ihren Pfeilen ihre Reitelefanten.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 73.80''' Dann traf sie jeden mit einem einzigen kräftigen Pfeil an der Brust. Bewusstlos stürzten sie zur Erde wie zwei vom Donnerkeil getroffene Berge.
 
'''M 73.81''' Inzwischen hatten sich Bhandas Söhne umgewandt, um neue Waffen zu holen. Bala sah dies und zerstörte in einem Augenblick ihre Wagen.
 
'''M 73.82''' Die nun zu Fuß Gehenden traf sie rasch mit scharfen Pfeilen an den Beinen und sagte: ‚He, Bhandas Erben, wie könnt ihr euch Helden nennen?
 
'''M 73.83''' Ist es angemessen, im Kampf den Rücken zu zeigen und zu fliehen? Antwortet!‘ Als die Hochmütigen diese bitteren Worte hörten,
 
'''M 73.84''' wandten sie sich ihr wieder zu und sagten mit vor Zorn glühenden Augen: ‚Schande, törichtes Mädchen! Weil wir dich als Kind sehen und von Natur aus mitfühlend sind,
 
'''M 73.85''' lebst du überhaupt noch, obwohl du uns, die wir dem Tod gleichen, begegnet bist. Sieh nun, wie wir dir sofort deinen Stolz nehmen! Halte stand!‘
 
'''M 73.86''' So riefen sie und stürmten mit erhobenen Fäusten auf sie zu. Doch sie schlug jedem mit einem scharfen, breitköpfigen Pfeil den Kopf ab.
 
'''M 73.87''' Ihre Köpfe fielen wie reife Palmenfrüchte herab. Ein großes Wehgeschrei erhob sich an der Front des Dämonenheeres.
 
'''M 73.88''' Indra überschüttete Bala mit duftenden Blumen. Im Heer der Shaktis erklangen überall laute Siegesrufe.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 73. Kapitel: Die Tötung von Bhandas Söhnen. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6066.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 74: Bhandas Meditation und Mantrinis Sieg über Vishukra===
 
'''Trauer und Erinnerung:''' Bhanda erlebt zunächst wirklichen Schmerz und erinnert sich dann an sein zuvor ausgesprochenes Begehren. Seine anschließende Regungslosigkeit wird ausdrücklich als gedankenfreie Meditation beschrieben, während seine Brüder sie für Ohnmacht halten. Die Erzählung unterscheidet damit innere Erfahrung und äußere Deutung.
 
'''M 74.1''' Nachdem Bhandas Söhne auf diese Weise getötet worden waren, sahen Mantrini und Dandanatha, dass Bala weiterhin zum Kampf drängte.
 
'''M 74.2''' Sie sagten: „Göttin, wir wollen zuerst die erhabene Königin aufsuchen, uns vor ihr verneigen und Bericht erstatten. Wenn wir ihre Erlaubnis erhalten, werden wir rasch zum Kampf zurückkehren.
 
'''M 74.3''' Inzwischen mögen die Dämonen erneut gerüstet herankommen. Du hast etwas Unmögliches vollbracht; wir wären dazu nicht imstande gewesen.“
 
'''M 74.4''' So sprachen sie, nahmen Bala mit und gingen zur erhabenen Mutter. Sie bestiegen den königlichen Chakra-Wagen und verneigten sich vor der höchsten Mutter.
 
'''M 74.5''' Sie schilderten Balas gewaltige, wunderbare Tapferkeit und ihren Sieg. Mutter Lalita hörte es voller Freude.
 
'''M 74.6''' Liebevoll umarmte sie Bala und ließ sie an ihrer Seite Platz nehmen. Die Dämonen aber sahen Bhandas Söhne getötet und schrien laut: „Ach, ach!“
 
'''M 74.7''' Mit bleichen Gesichtern und verlorenem Glanz flohen sie nach allen Seiten. Als Bhanda vom Tod seiner Söhne hörte, empfand er tiefen Schmerz.
 
'''M 74.8''' Doch er besann sich mit klarem Verstand und gewann rasch seine Standhaftigkeit zurück: „Ach, welche große Verblendung hat mich erfasst! Meine Erinnerung ist geschwunden.
 
'''M 74.9''' Warum trauere ich vergeblich? Die Göttin hat meinen Wunsch erfüllt. Genau so, wie ich es erbeten habe, hat sie gehandelt.
 
'''M 74.10''' Meine Angehörigen würden gewiss um mich trauern; darum sollten sie vor mir sterben, von der Göttin im Kampf getötet.
 
'''M 74.11''' Danach werde ich gemeinsam mit meinem Gefolge in ihre Welt gelangen. So hatte ich es zuvor beschlossen und die höchste Mutter darum gebeten.
 
'''M 74.12''' Sie, die die Wünsche ihrer Verehrer wie eine Wunschkuh erfüllt, hat dies verwirklicht. Warum hat mich dabei unnötig eine so große Verblendung ergriffen?
 
'''M 74.13''' Genug meiner Verwirrung! Göttin, ich nehme zu dir Zuflucht. Erfülle rasch auch den Rest meines Wunsches, große Herrin!
 
'''M 74.14''' Vernichte das noch verbliebene Heer samt meinen beiden Brüdern. Dann reinige mich zusammen mit meinen Gemahlinnen rasch im Kampf durch das Feuer deiner Waffen
 
'''M 74.15''' und führe uns in die Nähe deiner Lotusfüße! Wann werde ich das Antlitz der erhabenen Mutter sehen, mit der Mondsichel geschmückt und von drei Augen verschönt,
 
'''M 74.16''' mit vor Zorn geröteten Augenwinkeln und zusammengezogenen Brauen? Wann werde ich, von ihrem Pfeilfeuer verbrannt,
 
'''M 74.17''' jenen kummerlosen, unsterblichen Ort erreichen, der selbst für Yogis schwer zu erlangen ist?“ So betete er und betrachtete in Meditation die Gestalt der Göttin Lalita,
 
'''M 74.18''' die schöner als Millionen Liebesgötter ist. Einen Augenblick lang wurde er frei von Gedankenunterscheidung. Da kamen die beiden Brüder des Dämonenkönigs herbei.
 
'''M 74.19''' Sie sahen ihn vollkommen reglos dasitzen, einem Baumstumpf gleich. Sie meinten, die Last der Trauer um seine Söhne habe ihn in tiefe Ohnmacht versetzt.
 
'''M 74.20''' Der Lage entsprechend sprachen sie beruhigende Worte. Durch diese beschwichtigenden Laute wandte sich sein Geist vom Gegenstand der Meditation ab.
 
'''M 74.21''' Er öffnete die Augen und sah seine beiden Brüder vor sich stehen. Um sein wahres Inneres vor ihnen zu verbergen,
 
'''M 74.22''' beklagte er seine Söhne heftig, während er innerlich über die beiden lächelte: „Ach, Söhne! Ihr habt mich, euren Vater, verlassen, der ich im Meer des Leidens
 
'''M 74.23''' versinke, zutiefst elend. Wohin seid ihr gegangen, aller Verbundenheit vergessend? Eure Mütter, aus großer Liebe so empfindsam,
 
'''M 74.24''' wie wird es ihnen ergehen, wenn sie von diesem Schicksal hören? Werden ihre Herzen nicht zerbrechen?“ Als die beiden Brüder ihn so klagen sahen,
 
'''M 74.25''' sprachen sie, selbst von der Maya der Göttin verblendet: „Herr der Dämonen, genug der Trauer, die Standhaftigkeit und Kraft raubt!
 
'''M 74.26''' Wenn wir dich, den Herrscher zahlloser Welten, so trauern sehen, verbrennt die Qual unsere Körper wie Feuer trockenes Gras.
 
'''M 74.27''' Fasse für einen Augenblick Mut und bleibe standhaft, König! Wir beide werden hingehen und jene, die deine Söhne getötet hat, mit scharfen Pfeilen in einem einzigen Angriff erschlagen,
 
'''M 74.28''' jene Lalita, die wie eine Seuche über die Dämonen gekommen ist. Lebendig oder tot werden wir sie gefesselt rasch herbringen.“
 
'''M 74.29''' So sprachen sie, ergriffen Bogen und Pfeile, bestiegen ihre Wagen und zogen mit gewaltiger Kraft und Tapferkeit zum Kampf aus.
 
'''M 74.30''' Von zweihundert Akshauhini-Heeren begleitet und gut gerüstet, griffen sie getrennt die beiden Flanken des großen Shakti-Heeres an.
 
'''M 74.31''' Der mächtige Vishanga stürmte mit hundert Akshauhinis rasch gegen die rechte Seite des vortrefflichen Chakra-Wagens.
 
'''M 74.32''' Vishukra griff ebenso die linke Seite an. Es war am Morgen des dritten Kampftages, bei Sonnenaufgang.
 
'''M 74.33''' Als beide plötzlich auf die Flanken des Shakti-Heeres trafen, erhob sich dort auf beiden Seiten ein gewaltiger Lärm.
 
'''M 74.34''' Mantrini und Dandanatha hörten den Schlachtenlärm, wurden sehr besorgt und sprachen zur höchsten Mutter:
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 74.35''' „Göttin, man hört das überaus furchtbare Getöse des Zusammenstoßes zwischen Dämonen- und Shakti-Heer. Die Dämonen führen einen hinterlistigen Krieg.
 
'''M 74.36''' Ohne vorherige Abmachung greifen sie plötzlich gerüstet an. Erlaube uns rasch auszuziehen, große Herrin!“
 
'''M 74.37''' Als sie die Erlaubnis erhalten hatten, verneigten sich Mantrini und Dandanatha und zogen eilig zum Kampf, jede von eigenen Shakti-Scharen umgeben.
 
'''M 74.38''' Dandini von gewaltiger Kampfkraft, die an der rechten Seite der Göttin stand, verließ den königlichen Chakra-Wagen durch das rechte Tor.
 
'''M 74.39''' Sie bestieg den fünfstufig hoch aufragenden Kiri-Chakra-Wagen. Zwei große Löwen waren seitlich angespannt, vorn ein mächtiger Büffel.
 
'''M 74.40''' Bhairava selbst stand dort als Wagenlenker. Zu ihren Seiten zogen auf löwenbespannten Wagen
 
'''M 74.41''' Svapneshvari und Kalasamkarsha mit großem Kampfeifer aus. Batukas, Scharen von Kali-Gestalten und zahllose ebergesichtige Shaktis
 
'''M 74.42''' umgaben sie beim Aufbruch zur Schlacht. Ebenso verließ Mantrini den Chakra-Wagen durch das nördliche Tor.
 
'''M 74.43''' Sie bestieg den hohen königlichen Geya-Chakra-Wagen mit seinen sieben Stufen, gezogen von den Veden in Gestalt von Pferden.
 
'''M 74.44''' Die erhabene Hasanti-Shyamala war dort die Wagenlenkerin. Shuka-Shyamala und Sarika-Shyamala standen auf der rechten Seite,
 
'''M 74.45''' Sangita-Shyamala und Sahitya-Shyamala auf der linken, Laghu-Shyamala hinter ihr. Diese Göttinnen auf ihren Wagen
 
'''M 74.46''' zogen rasch rings um den Geya-Chakra-Wagen aus. Millionen und Abermillionen Shyamala-Gestalten, aus Mantrinis Körper hervorgegangen,
 
'''M 74.47''' fuhren auf Wagen mit vollständiger Kriegsausrüstung heran. Alle erschienen sechzehnjährig und von jugendlicher Schönheit erfüllt.
 
'''M 74.48''' Sie trugen rote Seidengewänder und Schmuck aus neun Arten von Edelsteinen. Mit Seitenblicken und sanftem Lächeln bezauberten sie die ganze Welt.
 
'''M 74.49''' Ihre Augen rollten im Rausch des Kapishayana-Trankes. Sie verstanden den Geschmack dichterischer Rede und erfreuten sich an Gesang und Instrumentalmusik.
 
'''M 74.50''' Sie liebten Scherz und Spiel und waren heiterem Lachen ergeben. So glänzte das Heer der Herrin der Mantras überaus prächtig,
 
'''M 74.51''' wie eine Reihe von Tamala-Wäldern mit sich öffnenden schönen Blütenrispen. Dann traf das Heer der Shaktis auf das der Dämonen,
 
'''M 74.52''' wie zwei über ihre Ufer tretende Ozeane auf Erden zusammenströmen. Der Klang der Kriegsinstrumente, Kampfrufe und Armschläge
 
'''M 74.53''' verband sich mit Wagenrasseln und tiefem Pferdewiehern. Das Getöse beider Heere betäubte die Himmelsrichtungen.
 
'''M 74.54''' Unter dem Pfeilregen aus den großen Wolken der Shakti-Scharen wurde das Ufer der Dämonenfront in hundert Teile zerrissen.
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''M 74.55''' Durch die Öffnungen der zerbrochenen Front strömte das Shakti-Heer rasch von allen Seiten in den See des Dämonenheeres hinein.
 
'''M 74.56''' Die mächtigen Shaktis drangen in die Reihen der Dämonen ein und verbrannten mit dem Feuer ihrer Waffen den Wald ihres Heeres zu Asche.
 
'''M 74.57''' Einige wurden von Pfeilen übersät, andere von Eisenkeulen zerschmettert; wieder andere verloren, von Schwertern an allen Gliedern zerschnitten, das Leben.
 
'''M 74.58''' Andere wurden von Wurfscheiben zerstückelt oder von Äxten am Hals getroffen. Wieder andere waren auf Dreizackspitzen aufgereiht wie Edelsteine auf Schnüren.
 
'''M 74.59''' Speere und weitere Waffen spalteten Köpfe und Bäuche. Als das Heer auf diese Weise von den Shaktis vernichtet wurde,
 
'''M 74.60''' stürmte Vishukra, dessen Augen im Zornesfeuer glühten, auf seinem Wagen mit Waffenregen gegen das Shakti-Heer vor.
 
'''M 74.61''' Wie eine Wolke zur Regenzeit ließ er Pfeilströme niedergehen. Das mächtige Shakti-Heer kämpfte gegen ihn.
 
'''M 74.62''' Dann griffen auch Vishukras Söhne ein, dem Vater an Tapferkeit gleich: Jimutakaya, Devari, Karambha und Shikhibhashana.
 
'''M 74.63''' Die Gewaltigen drangen in das Shakti-Heer ein und erschlugen seine Kriegerinnen. Als die Shyamala-Gestalten sahen, wie Vishukras Söhne die Truppen bedrängten
 
'''M 74.64''' und in alle vier Richtungen trieben, gingen Shuka-Shyamala und die anderen gegen sie vor und ließen ununterbrochen Pfeile regnen.
 
'''M 74.65''' Shuka-Shyamala kämpfte gegen Jimutakaya. Nach langem Kampf zerstörte sie mit ihren Pfeilen Wagen, Lenker und Bogen
 
'''M 74.66''' in einem halben Augenblick. Da wurde der Dämon zornig und schlug mit einem scharfen Schwert auf das Zugtier ihres Wagens ein.
 
'''M 74.67''' Das Wagenpferd stürzte mit gespaltenem Kopf tot nieder. Sofort schoss Shuka-Shyamala einen halbmondförmigen Pfeil ab
 
'''M 74.68''' und trennte ihm den Kopf vom Körper, der wie eine reife Palmenfrucht herabfiel. Die Göttin namens Sarika kämpfte gegen Devari.
 
'''M 74.69''' Sein Banner und seine Wagenpferde waren zerstört, doch er kämpfte heftig mit der Keule weiter. Sie sprang vor und schlug ihm mit ihrer eigenen Keule auf den Kopf.
 
'''M 74.70''' Mit gespaltenem Schädel fiel Devari leblos nieder. Sangita-Shyamala kämpfte gegen Karambha.
 
'''M 74.71''' Nach langem Kampf schlug sie ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Sahitya-Shyamala kämpfte gegen den mächtigen Shikhibhashana.
 
'''M 74.72''' Sie bezwang seine Waffen und Wunderwaffen und schleuderte rasch einen Dreizack in seine Brust. Mit zerrissenem Herzen sank er tot nieder.
 
'''M 74.73''' Während seine Söhne kämpften, näherte sich Vishukra in verborgener Gestalt rasch der Rückseite von Shyamalas Wagen.
 
'''M 74.74''' Laghu-Shyamala sah den Gewaltigen mit der Keule in der Hand wie einen Dieb herankommen.
 
'''M 74.75''' Als er den vortrefflichen Wagen der Herrin der Mantras besteigen wollte, schlug sie ihm rasch mit einem überaus kräftigen Schwert auf den Kopf.
 
'''M 74.76''' Durch den Schwertschlag wurde seine Krone zertrümmert. Mit verlorener Krone und vor Zorn roten Augen
 
'''M 74.77''' ergriff Vishukra seine Keule und stürmte heran, um sie zu töten. Doch sie zerschoss seine Keule mit einem Pfeil in sieben Teile.
 
'''M 74.78''' Nun waffenlos, schlug Vishukra mit der Faust auf ihre Wagenpferde ein. Da traf sie ihn mit Pfeilen am Kopf.
 
'''M 74.79''' Mit von Pfeilen aufgerissenem Kopf stürzte er bewusstlos zu Boden. Als er nur schwach bei Bewusstsein war, wollte Laghu-Shyamala ihn ergreifen.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 74.80''' Sie sprang rasch vom Wagen und packte ihn mit beiden Armen. Doch er kam wieder zu sich und erkannte, dass er gefesselt werden sollte.
 
'''M 74.81''' Er schlug die Göttin mit der Faust, sodass auch sie kurz benommen wurde. Inzwischen bemerkten die Shaktis auf dem Wagen den nahen Feind.
 
'''M 74.82''' Millionen stürmten auf ihn zu, ebenso die Shaktis aus dem Heer. Der Dämonenherrscher erkannte, dass er diesen Scharen nicht standhalten konnte.
 
'''M 74.83''' Er sprang fort und erreichte seinen eigenen Wagen an der Front des Dämonenheeres. Dort sah er seine getöteten Söhne und wurde von Trauer erschüttert.
 
'''M 74.84''' Er klagte kurz; dann glühten seine Augen vor äußerstem Zorn. Wie Feuer brennend zerschlug er das Shakti-Heer mit Pfeilregen.
 
'''M 74.85''' Als Mantrini sah, wie Vishukra ihrem Heer das Leben raubte, ließ sie aus der Wolke ihres Bogens dichte Pfeilströme niedergehen.
 
'''M 74.86''' Sie überschüttete ihn heftig wie Regen einen hohen Gipfel des blauen Gebirges. Die scharfen Pfeilströme verwundeten Vishukra schwer.
 
'''M 74.87''' Aus seinen Wunden strömte reichlich Blut wie roter Ockersaft, den der Regen aus einem dunklen Berg herausspült.
 
'''M 74.88''' Von Mantrini tief getroffen, brannte sein Körper vor Zorn. Mit verschiedenartigen Waffen, Motten gleich, bedeckte er Mantrini.
 
'''M 74.89''' Von den bienengleichen Waffen des Dämonen umschwärmt, erschien Mantrini wie eine Tamala-Blütenrispe, die von Nektar überquillt.
 
'''M 74.90''' In einem Augenblick wehrte sie die Waffen des Dämonen mit Pfeilregen ab. Mit einem bis zum Ohr ausgezogenen breitköpfigen Pfeil zerschnitt sie rasch seine Bogensehne.
 
'''M 74.91''' Noch während er versuchte, eine neue Sehne auf den Bogen zu spannen, traf sie ihn mit einem scharfen Pfeil an der Faust.
 
'''M 74.92''' Aus der schwer verwundeten Faust fiel der Bogen. Als der große Dämon sich bückte, um den gefallenen Bogen aufzuheben,
 
'''M 74.93''' traf sie ihn mit einem anderen befiederten Pfeil am Kopf. Mit durchbohrtem Schädel sank er in tiefe Ohnmacht
 
'''M 74.94''' und stürzte auf die Plattform seines Wagens wie ein vom Donnerkeil getroffener Berg. In einem Augenblick vernichtete Mantrini seine Zugtiere,
 
'''M 74.95''' den Wagenlenker, Schirm und Krone sowie die ganze Waffenmenge mit einzelnen Pfeilen. Als er aus der Ohnmacht erwachte, sah er seine Kriegsausrüstung
 
'''M 74.96''' vollständig zerstört. Zornig sprang er auf, ergriff ein zerbrochenes Wagenrad und stürmte heran, um sie zu erschlagen.
 
'''M 74.97''' Da schoss sie mit äußerster Geschwindigkeit einen Pfeil in seinen rechten Arm. Aus der getroffenen Hand fiel das Wagenrad zur Erde.
 
'''M 74.98''' Dann hob er die Faust, sprang rasch auf ihren Wagen und griff nach dem Bogen in Mantrinis Hand, um ihn zu zerbrechen.
 
'''M 74.99''' Doch da trennte sie mit einem scharfen Schwert seinen Kopf vom Körper. Als die Dämonen Vishukra getötet sahen, floh ihr Heer.
 
'''M 74.100''' Die völlig verängstigten Reste warfen überall ihre Waffen fort. Die Shaktis und auch die Götter erhoben laute Siegesrufe.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 74. Kapitel: Die Tötung Vishukras. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6166.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 75: Varahis Sieg über Vishanga===
 
'''Wirklichkeit und Trugbild:''' Vishangas scheinbarer Angriff auf Lalita wird ausdrücklich als Zaubererscheinung geschildert. Bhairavas Rat führt dazu, dass Varahi die Täuschung beendet. Die zwischen 25 und 27 stehende vollständige, aber unnummerierte Strophe wird hier als 26 geführt.
 
'''M 75.1''' Als Varahi im Kampf auf Vishanga traf, begann eine furchtbare Schlacht zwischen dem Dämonenheer und dem Heer der Shaktis.
 
'''M 75.2''' Die Schwerter, Wurfscheiben, Eisenkeulen, Speere und Wurfspieße der Shaktis sowie die Dreizacke und übrigen Waffen der Batukas verwundeten die Dämonen immer schwerer.
 
'''M 75.3''' Ihre Körper wurden in kleinste Stücke zerschlagen, und sie gaben auf dem Schlachtfeld das Leben auf. Als Vishangas Söhne sahen, dass das Dämonenheer von den Shaktis beinahe vernichtet war,
 
'''M 75.4''' stürmten sie zornig auf das Shakti-Heer los, bergen gleich, mit gewaltiger Tapferkeit und Kraft.
 
'''M 75.5''' Karalavaktra, Vishikha, Vibhandha, Vikatekshana, Indrashatru, Surarati, Mahakukshi und Madoddhata:
 
'''M 75.6''' Diese acht furchtbar Starken erschlugen die Shaktis auf allen Seiten. Als die führenden Kräfte das Heer so bedrängt sahen,
 
'''M 75.7''' traten ihnen Jambhini, Stambhini, Andhini, Mohini, Bhairava und Kalakarshini entgegen,
 
'''M 75.8''' ebenso Svapneshvari und Batuka: acht überaus furchterregende Gestalten. Jambhini begegnete im Kampf Karalavaktra.
 
'''M 75.9''' Lange kämpfte der führende Dämon mit ihr mit Waffen und Wunderwaffen. Dann schlug er rasch mit der Keule auf den Eber, das Reittier der Shakti, ein.
 
'''M 75.10''' Jambhinis Eber wurde am Kopf verletzt, stürzte ein Stück nach vorn und sank mit den Knien auf die Erde.
 
'''M 75.11''' Da schlug die zornige Jambhini dem Dämonen mit dem Schwert den Kopf ab. Der mächtige Vishikha trat Stambhini entgegen und kämpfte heftig mit ihr.
 
'''M 75.12''' Stambhini saß auf einem Hirsch und traf Vishikha mit drei Pfeilen. Die Pfeile blieben in seinem Kopf stecken,
 
'''M 75.13''' sodass der Dämonenherrscher wie ein dreigipfliger Berg erschien. Viel Blut strömte hervor. Zornig schoss er rasch einen scharfkantigen Widerhakenpfeil ab,
 
'''M 75.14''' zerschnitt ihre Bogensehne und überschüttete sie erneut mit scharfen Pfeilen. Da wurde Stambhini zornig und traf mit einem scharfen, geierbefiederten Pfeil
 
'''M 75.15''' sein Reitkamel, das sie damit in die Stadt des Todes sandte. Dann zerschoss sie in einem Augenblick mit drei scharfen Pfeilen
 
'''M 75.16''' gleichzeitig seinen Köcher, seine Krone und seinen Bogen. Mit zerstörtem Bogen schleuderte er voller Zorn einen hell strahlenden Dreizack
 
'''M 75.17''' gegen Stambhini. Doch sie bewegte sich schnell, zerschlug den Dreizack und trennte mit einem breitköpfigen Pfeil den Kopf des Dämonen ab.
 
'''M 75.18''' Vibhandha, stolz auf seine Kraft, kämpfte gegen Andhini mit vielen Waffen und Wunderwaffen in raschem Angriff und Gegenangriff.
 
'''M 75.19''' Andhini ritt auf einem Büffel, Vibhandha auf einem Esel. Nach langem Kampf schoss sie einen bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil ab
 
'''M 75.20''' und traf den Dämonen in die Brust. So getroffen, stürzte Vibhandha tief bewusstlos wie ein Berg mit abgeschlagenen Flügeln zu Boden.
 
'''M 75.21''' Sein berggroßer, grauer Reitesel stieß ein furchtbares Geschrei aus und hob den Schwanz.
 
'''M 75.22''' Mit aufgerichtetem Fell drang der Gewaltige in das Shakti-Heer ein. Einige warf er mit Hinterhufschlägen, Bissen und Schütteln nieder,
 
'''M 75.23''' andere durch die Wucht seines Ansturms. Als Andhini sah, wie der Esel die Shaktis vernichtete,
 
'''M 75.24''' traf sie ihn voller Zorn mit einem bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil. Vom scharfen Geschoss getroffen, stürzte er bewusstlos zu Boden.
 
'''M 75.25''' Inzwischen erwachte Vibhandha aus der Ohnmacht. Überaus zornig schlug der Gewaltige rasch mit seiner Keule auf ihr Reittier ein.
 
'''M 75.26''' Der Büffel Andhinis wurde heftig getroffen. Er stürmte, vor Zorn brennend, vor und schleuderte den Dämonen mit seinen Hörnern empor. ''Diese vollständige Strophe steht in der Textgrundlage ohne Verszahl zwischen 25 und 27.''
 
'''M 75.27''' Vom Büffel hoch in die Luft geworfen, stürzte Vibhandha mehr als ein Yojana entfernt tief bewusstlos auf die Erde.
 
'''M 75.28''' Da kam sein Reittier, der mächtige Esel, wieder heran und stieß rasch laute, grollende Schreie aus.
 
'''M 75.29''' Er näherte sich dem Büffel, wandte sich plötzlich um und trat ihn mit den Hinterbeinen kräftig.
 
'''M 75.30''' Dann biss er ihn in den Hals. Der zornige Büffel riss ihm mit den Hörnern den Bauch auf und schleuderte ihn heftig auf die Erde.
 
'''M 75.31''' Mit herausquellenden Eingeweiden und Augen starb der Esel. Vibhandha war inzwischen wieder zu Bewusstsein gekommen, eilte herbei und trat den Büffel.
 
'''M 75.32''' Da trennte Andhini dem Dämonen voller Zorn mit einem Pfeil den Kopf ab. Enthauptet starb er.
 
'''M 75.33''' Mohini kämpfte mit Waffen und Wunderwaffen gegen Vikatekshana. Sie ritt auf Garuda, er auf einem Geier.
 
'''M 75.34''' Zwischen Garuda und dem Geier entstand am Himmel ein furchtbarer, höchst erstaunlicher Kampf, als stritten zwei geflügelte Berge.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''M 75.35''' Garudas Flügel schlugen den großen Geier nieder; Krallen und Schnabel zerrissen seinen Körper. Er fiel zur Erde und starb.
 
'''M 75.36''' Nachdem sein Reittier getötet war, kämpfte Vikatekshana lange zornig gegen Mohini. Schließlich durchtrennte ihre Wurfscheibe seinen Hals, und er starb.
 
'''M 75.37''' Indrashatru saß auf einer Schlange und trat Bhairava entgegen. Mit seinem furchtbaren Reittier kämpfte er überaus kühn.
 
'''M 75.38''' Bhairava glich einer dunklen Regenwolke. Acht ihm gleichgestaltige Bhairavas dienten ihm, jeder mit einer millionenstarken Schar.
 
'''M 75.39''' Alle trugen Dreizack und Stab, hatten drei Augen und die Mondsichel auf dem Haupt. Dunklen Wolken gleich, waren sie mit Schlangen geschmückt und in Tierhäute gekleidet.
 
'''M 75.40''' Sie drangen in Indrashatrus furchtbares Heer von zehn Akshauhinis ein und vernichteten es kraftvoll in einem Augenblick.
 
'''M 75.41''' Einige Gegner wurden von Dreizacken durchbohrt, andere von Stäben zerschlagen, wieder andere von Krallen zerrissen oder von Fäusten getroffen.
 
'''M 75.42''' Die Scharen der Bhairavas trugen Ketten aus den Eingeweiden der Dämonen. Als Indrashatru sein Heer so vernichtet sah,
 
'''M 75.43''' zerschlug er zornig mit seiner Keule die Bhairava-Scharen ringsum. Als die führenden Bhairavas sahen, wie der Dämon ihre Gefährten im Kampf bedrängte,
 
'''M 75.44''' kämpften Asitanga und die anderen, die auch Manthana und weitere Namen tragen, gegen den berggleichen, auf einer Schlange reitenden Indrashatru.
 
'''M 75.45''' Der Dämon kämpfte allein gegen sie alle. Sein donnerkeilfester Körper blieb unter den Schlägen ihrer Dreizacke und Stäbe
 
'''M 75.46''' vollkommen unversehrt, wie eine Felswand, gegen die Früchte geworfen werden. Als der Herr der Bhairavas diesen unverletzten, seine Scharen erschreckenden Dämonen sah,
 
'''M 75.47''' trat er selbst gegen ihn an. Lange kämpfte er mit ihm. Als der Gegner in die Luft sprang, um ihn mit der Keule zu erschlagen,
 
'''M 75.48''' durchbohrte er ihm mit dem Dreizack die Brust und schleuderte ihn tot zur Erde. Auch der mächtige Surarati kämpfte lange gegen die Göttin namens Kalakarshini.
 
'''M 75.49''' Er ritt auf einer Krähe, sie auf einem Büffel. Ihre Shaktis vernichteten seine großen Dämonenscharen restlos.
 
'''M 75.50''' Durch einen Schlag ihres Hakens wurde sein Schädel gespalten, und er starb. Der Dämon Mahakukshi ritt auf einem Wolf und kämpfte gegen Svapneshvari,
 
'''M 75.51''' die auf einem Wagen stand. Seine Truppen wurden von den Shaktis vernichtet. Als der mächtige Mahakukshi lange weiterkämpfte,
 
'''M 75.52''' riss sie ihm mit dem Schwert den Bauch auf und tötete ihn. Madoddhata trat Batuka-Bhairava entgegen.
 
'''M 75.53''' Dieser war ringsum von hundert Millionen gleichgestaltigen Batukas begleitet, die große Schädelschalen und Stäbe trugen und mit Schlangen geschmückt waren.
 
'''M 75.54''' Sie erschienen fünfjährig, berauscht und nackt, mit roten Augen, dunkel wie dichte Finsternis und mit der Mondsichel auf dem Haupt.
 
'''M 75.55''' Madoddhata führte zehn Akshauhinis und kämpfte mit gewaltiger Kraft. Die zornigen Batuka-Scharen drangen in das Dämonenheer ein
 
'''M 75.56''' und vernichteten es rasch mit ihren Stäben. Als der zornige Dämonenherrscher darauf mit seiner Keule heranstürmte,
 
'''M 75.57''' schlug der Herr der Batukas ihm spielend mit dem Stab auf den Kopf. Sein Schädel zersprang; schäumendes Blut spie er aus.
 
'''M 75.58''' Der mächtige Dämon fiel rasch zu Boden, wurde reglos und starb. Als Vishanga seine Söhne verloren hatte, empfand er tiefsten Schmerz.
 
'''M 75.59''' Er entfachte heftigen Zorn und stürmte mit zwanzig Akshauhinis in einem einzigen Vorstoß heran, schnell wie der Sturm der Weltauflösung.
 
'''M 75.60''' Unter lautem Kriegsmusikklang griff er den Kiri-Chakra-Wagen an. Er ließ Waffenströme niedergehen, die die Himmelsrichtungen verdunkelten.
 
'''M 75.61''' Wie Motten in einen großen flammenden Feuerberg stürzten seine Truppen vor. Doch Jambhini und die anderen vernichteten sie in einem Augenblick.
 
'''M 75.62''' Die Feuerflammen ihrer Waffen verbrannten Vishangas Heer wie Motten. Einige starben mit von Dreizacken aufgerissenen Herzen.
 
'''M 75.63''' Anderen wurden die Glieder mit Stäben zerschlagen, wieder andere von Eisenkeulen zerquetscht, von Pfeilen bedeckt oder durch Fäuste zerrissen.
 
'''M 75.64''' Schwerter trennten Füße, Arme, Schenkel und Hälse ab; die einschlagenden Waffenmassen zerstückelten weitere Körper.
 
'''M 75.65''' Als sein Heer so vernichtet war, geriet Vishanga außer sich vor Zorn. Mit seiner Keule zerschlug er die Shaktis und durchbrach deren Reihen vollständig.
 
'''M 75.66''' Er traf mit derselben Keule den Büffel und die beiden Löwen vor Dandanathas Wagen und bestieg den königlichen Wagen.
 
'''M 75.67''' Als die Shaktis sahen, wie Vishanga rasch auf den Wagen kletterte, erhob sich in ihrem Heer ringsum ein gewaltiges Wehgeschrei.
 
'''M 75.68''' Er bedrängte auch die Shaktis auf dem Wagen und drang rasch bis in den Bereich der vierten Stufe vor.
 
'''M 75.69''' Dandanatha sah den Dämonen auf sich zukommen, stieg von ihrer eigenen Stufe herab und kämpfte heftig mit ihrer Keule gegen ihn.
 
'''M 75.70''' Ein gewaltiger Kampf begann zwischen Dandini und dem Dämonenherrscher, mit verschiedenen Waffen und Wunderwaffen, allen Welten furchterregend.
 
'''M 75.71''' Als der Dämon erkannte, dass Dandini durch Waffen und Wunderwaffen nicht zu besiegen war, entfaltete er einen großen Zauber, der alle Welten erschreckte:
 
'''M 75.72''' Finsternis, Staubregen, Steinregen, gewaltiges Getöse, Feuerregen, Regen von Blut und Unrat,
 
'''M 75.73''' einen schrecklichen Regen von Totenschädeln und ein großes Dämonenheer. Auch sich selbst vervielfachte er hundertfach, mit tausend Füßen, Armen und Gesichtern.
 
'''M 75.74''' Vor diesem Zauber fürchteten sich alle Shaktis. Dandini sah ihre Angst und vernichtete mit Pfeilregen
 
'''M 75.75''' die magischen Erscheinungen. Doch der Dämonenherrscher erschuf erneut einen gewaltigen Zauber. Alle Shaktis sahen,
 
'''M 75.76''' wie der königliche Chakra-Wagen rasch herankam und der Dämon dessen Zugtiere tötete und den Wagen in viele Stücke zerbrach.
 
'''M 75.77''' Dann packte er scheinbar die Göttin Lalita heftig am Haar. Durch seinen Zauber getäuscht, schrien die Shaktis laut: „Ach, ach!“
 
'''M 75.78''' Da sprach der erhabene Bhairava als Wagenlenker zur Göttin: „Genug deines Spiels mit den Dämonen, Göttin, das so viel Furcht erzeugt!
 
'''M 75.79''' Sieh die Shaktis, Glückverheißende, wie sie überall von Angst erfüllt sind und trauern! Nimm dem Dämonen mit der zauberauflösenden Waffe seine Täuschungsmacht und vernichte ihn rasch.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 75.80''' Die Abenddämmerung naht; in ihr ist Zauber schwer zu überwinden.“ Dandini hörte die Worte ihres Lenkers und hielt sie für angemessen.
 
'''M 75.81''' Sie setzte die zauberauflösende Waffe ein und vernichtete seine Täuschung. Wie Nebel durch den Wind verschwand sie vollständig.
 
'''M 75.82''' Da wurde der Dämon wieder sichtbar, wie er mit der Keule in der Hand direkt herankam. Dandini sah ihn und trennte ihm zornig mit dem Schwert den Kopf ab,
 
'''M 75.83''' in einem halben Augenblick, wie Indra den Sohn Tvashtris mit dem Donnerkeil erschlug. Als Vishanga von furchtbarer Tapferkeit so getötet war,
 
'''M 75.84''' erklangen die Himmelspauken und ein Blumenregen fiel herab. Die Himmelsrichtungen wurden frei von Dunkelheit, und die Sonne glänzte klar.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 75. Kapitel: Die Tötung Vishangas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6250.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 76: Bhandas letztes Heer und das Geheimnis seiner Hingabe===
 
'''Der Wagen und die innere Führung:''' Die Pferde des göttlichen Wagens werden ausdrücklich als Sinneskräfte gedeutet; der Treibstock verkörpert die Unterscheidungskraft. In der Textgrundlage fehlen die Nummern 29 und 31; der Übergang 30–32 ist verkürzt. Die Waffenliste vor Vers 37 trägt irrtümlich die Nummer 66 und wird hier nach ihrer Stellung als 36 bezeichnet. Einzelne Namen bereits gefallener Dämonen erscheinen erneut; eine Identität oder Verschiedenheit der Namensträger wird nicht erklärt.
 
'''M 76.1''' Als Vishanga auf diese Weise getötet war, erhob sich ein großer Siegesruf. Alle Shaktis freuten sich und priesen die Herrin der Strafgewalt.
 
'''M 76.2''' Der große Dämon Bhanda hörte, dass seine beiden Brüder mit ihrem Gefolge im Kampf gefallen waren. Durch Verblendung verfiel er kurz schmerzhafter Trauer.
 
'''M 76.3''' Dann besann er sich, legte den Kummer ab und lächelte gleichsam über sich selbst: „Ach, was soll ich von mir sagen, da ich trauere und meine innere Freiheit vergesse?
 
'''M 76.4''' Die Mutter der Welt hat meinen lange gehegten Wunsch erfüllt. Ebenso wird sie auch den Rest rasch erfüllen; daran besteht kein Zweifel.
 
'''M 76.5''' Darum will ich mit meinen verbliebenen Gefährten vor die erhabene Mutter treten. Genug des Zögerns! Das Heilvolle ist von Hindernissen umgeben.
 
'''M 76.6''' Wahrlich, was ein Mensch mit ungeteiltem Herzen erbittet, das gewährt die höchste Mutter. Sie ist die Wunschkuh, deren Wesen inneres Sein ist.
 
'''M 76.7''' Sie wohnt im eigenen Herzen, schenkt mehr als das Ersehnte und bringt höchste Glückseligkeit hervor. Doch der vom Schicksal geschlagene Mensch wendet sich von ihr ab
 
'''M 76.8''' und lässt sich durch das schreckliche Begehren nach geringfügigen Sinnesdingen, deren Kern Leiden ist, unablässig und vergeblich zum Bissen im Rachen des Todes machen.
 
'''M 76.9''' Gesegnet bin ich, mein Lebensziel ist erfüllt: Ich werde die Lotusfüße der erhabenen Göttin schauen und diesen unreinen, elenden Körper ablegen.
 
'''M 76.10''' Furchtlos werde ich den höchsten, von Trauer freien Zustand erreichen.“ So dachte der Dämonenherrscher. Um sein inneres Erleben zu verbergen,
 
'''M 76.11''' gab er sich höchst zornig, sammelte rasch das gesamte verbliebene Dämonenheer und rüstete sich mit ihm zum Kampf.
 
'''M 76.12''' Er bestieg einen hohen Wagen, den tausend Löwen zogen. Ein weißer Perlenschirm erhob sich über ihm, Yakschweife wurden ihm zugefächelt.
 
'''M 76.13''' Fünfzig kraftstolze Heerführer begleiteten ihn. Mächtiger Instrumentenklang, verstärkt durch Armschläge,
 
'''M 76.14''' das laute Rasseln der Wagenräder, Pferdewiehern und das Brüllen der Wagenlöwen erfüllten die Welt.
 
'''M 76.15''' So zog er zum vermeintlichen Sieg aus, als erschüttere er die Erde. Das Shakti-Heer sah den großen Ozean von Bhandas Truppen,
 
'''M 76.16''' grenzenlos, schwer zu überwinden, furchtbar und tief brausend. Mantrini erkannte, dass Bhanda zum Kampf gekommen war.
 
'''M 76.17''' Sie verneigte sich vor der großen Königin und meldete: „Göttin, Bhanda selbst ist gekommen, umfassend gerüstet zum Kampf.
 
'''M 76.18''' Das gesamte Heer und alle Heerführer begleiten ihn. Wenn du zustimmst, wäre jetzt auch dein Siegeszug angemessen.“
 
'''M 76.19''' Die Göttin hörte Mantrinis Meldung und hielt den Vorschlag für richtig. In einem halben Augenblick war das Shakti-Heer kampfbereit.
 
'''M 76.20''' Ashvarudha stand mit den Reitertruppen an der Spitze. Hinter ihr folgte Sampatkari, die Gebieterin der Elefantenheere.
 
'''M 76.21''' Dann kam Bala auf ihrem Wagen, von jugendlichen Göttinnen umgeben. Danach setzte sich der große königliche Chakra-Wagen der ungeborenen Göttin in Bewegung.
 
'''M 76.22''' Er besaß neun Stufen und war von Anima und den übrigen Shaktis umgeben. Ein großer Perlenschirm und ein hohes Banner mit dem Lotuszeichen schmückten ihn.
 
'''M 76.23''' Er war mit den neun Edelsteinarten besetzt und mit Pferden bespannt, die die Sinneskräfte verkörperten. Mahatripurasundari lenkte diesen königlichen Wagen.
 
'''M 76.24''' Als Herrin des Chakras glänzte sie mit dem Treibstock der Unterscheidungskraft in der Hand. Zu beiden Seiten des königlichen Chakra-Wagens
 
'''M 76.25''' erhoben sich die hohen Kiri- und Geya-Chakra-Wagen, auf denen die gerüsteten Dandini und Mantrini standen.
 
'''M 76.26''' Sie waren von ihren jeweiligen Heeren begleitet und mit allen Kampfmitteln ausgestattet. Tiraskaranika hielt sich hinter dem königlichen Chakra-Wagen.
 
'''M 76.27''' Sie ritt auf einem hohen Pferd, dunkel wie dichte Finsternis, und schwang ihr gezogenes, überaus furchtbares Schwert.
 
'''M 76.28''' Ein Kreis gleichgestaltiger Shaktis umgab sie. So zog die erhabene Göttin Lalita mit ihrem Heer aus,
 
'''M 76.30''' zum Kampf gerüstet und von den führenden Göttern gepriesen. Die Pferde, Wagen, Elefanten und Fußsoldaten beider Heere
 
'''M 76.32''' wirbelten durch ihre schnellen, aufeinanderprallenden Bewegungen hohe Staubmassen auf. Diese erzeugten tiefe Finsternis wie in einer Neumondnacht. Die vom Heer bedrängte Erde erschien,
 
'''M 76.33''' als wäre sie vor Qual ganz schmal geworden und hätte aus Furcht ihren Herrn aufgesucht. Weil die gewaltigen Staubmassen rasch emporstiegen,
 
'''M 76.34''' schien das Heer mangels festen Bodens nach unten zu sinken. Solche Vermutungen stellten die Scharen der himmlischen Zuschauer an.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''M 76.35''' Dann begann ein großer Kampf zwischen den Heeren der Shaktis und Dämonen, begleitet von tönenden Kriegsinstrumenten, Armschlägen und Gebrüll.
 
'''M 76.36''' Pfeile, Speere, Lanzen, Dreizacke, Schwerter, breite Klingen, Wurfspieße, Keulen, Wurfscheiben, Schleuderwaffen, Eisenstangen, Haken und Stäbe
 
'''M 76.37''' wurden unablässig eingesetzt und erfüllten den Raum zwischen den beiden Heeren. Die Dämonen dachten: „Wir sind ohnehin verloren; durch den Tod unserer Söhne und Angehörigen ist Trauer über uns gekommen.
 
'''M 76.38''' Was nützt uns das Leben, wenn unsere Feinde uns besiegt haben? Wir wollen tapfer kämpfen, diese Shaktis überwinden und wieder Glück erlangen.
 
'''M 76.39''' Andernfalls werden wir im Kampf getötet und im himmlischen Nandana-Wald wohnen.“ So entschlossen kämpften die Dämonen mit größter Kraft.
 
'''M 76.40''' Die Shaktis wiederum dachten: „Jetzt ist das Ende der Dämonen gekommen. Noch heute werden wir sie töten und den höchsten Sieg erringen.“
 
'''M 76.41''' Mit dieser Überzeugung kämpften die Mächtigen mit großer Geschwindigkeit. Während Shaktis und Dämonen so gegeneinander stritten,
 
'''M 76.42''' trafen sie einander mit Waffen und stürzten leblos nieder. Manche wurden durch Pfeilnetze ganz durchlöchert und starben.
 
'''M 76.43''' Es war, als hätten sie durch die Vollendung ihres Kampfgelübdes die Gestalt des tausendäugigen Indra erlangt. Manchen flog durch einen Schwerthieb plötzlich der Kopf empor,
 
'''M 76.44''' wie Rahus Kopf am Himmel mit aufgerissenem Mund die Sonne verschlingen will. Andere wurden von Hämmern zermalmt oder von Wurfscheiben in der Mitte gespalten.
 
'''M 76.45''' Scharenweise wurden sie auf lange Speere aufgespießt. Von Pfeilen abgeschlagene Köpfe flogen rasch durch die Luft.
 
'''M 76.46''' Mit ihren langen schwarzen Seitenlocken glichen sie Schwärmen fliegender Vögel. Die mit verstreuten Gliedern bedeckte Erde erschien auf dem Schlachtfeld
 
'''M 76.47''' wie ein Bild, auf dem zunächst einzelne Körperteile skizziert sind. Die Blutströme glichen rotem Lack, den der Maler aus Versehen verschüttet hat.
 
'''M 76.48''' Wo sie bereits eingetrocknet waren, sah es aus, als hätte der Maler sie hastig weggewischt.
 
'''M 76.49''' Einige von Pfeilen getötete Krieger blieben hier und dort aufrecht stehen. Sie sahen aus wie fertig gemalte Gestalten.
 
'''M 76.50''' So verging Bhandas großes Dämonenheer in kurzer Zeit im Feuer des Shakti-Heeres wie eine Motte.
 
'''M 76.51''' Dann griffen seine Heerführer mit vor Zorn roten Augen ein und bedrängten die Shaktis heftig mit Waffenregen.
 
'''M 76.52''' Als sie ihr Heer von diesen Führern gequält und schwer erschüttert sahen, kämpften Mantrini, Dandini, Ashvarudha und Sampatkari
 
'''M 76.53''' mit ihren begleitenden Shaktis, von Zorn entflammt. Lange stritten sie gegen die mächtigen Dämonenheerführer.
 
'''M 76.54''' Schließlich überwältigten und vernichteten sie alle. Ashvarudha tötete Vakraksha, Vamana, Tala, Dirghanasa und Subahuka
 
'''M 76.55''' sowie Vidyujjihva im Kampf. Sampatkari erschlug Talajangha, den kampfstolzen Kutilaksha,
 
'''M 76.56''' Nishatha, Shambara und Krura. Jambhini tötete Kruravadana, Stambhini Sucikamukha,
 
'''M 76.57''' Andhini Kanthakakara und Mohini Mrigavaktra. Bhairava erschlug Kalakeya, Kalakarshini Vyaghrasya,
 
'''M 76.58''' Svapneshvari Mundamurdhan und Batuka Bhandabhashana. Ulmuka, Karabhasya, Mahakukshi, Shivarava,
 
'''M 76.59''' Shonitaksha, Talaketu, Talagriva, Mahahanu, Gridhravaha und Kakamukha vernichtete Dandini im Kampf.
 
'''M 76.60''' Shuka-Shyamala, Sarika-Shyamala, Sangita-Shyamala, Laghu-Shyamala und Sahitya-Shyamala töteten Nikumbha, Kumbhamastaka,
 
'''M 76.61''' Cakraksha, Dirghadamshtra und Ulbanaka. Katankata, Karanjaksha, Munda, Canda und Krikanana,
 
'''M 76.62''' Salasira, Dvishringa, Shunaka, Shurpakarnaka, Vakrakukshi, Vamamukha, Kalaka, Kotara und Vita:
 
'''M 76.63''' Diese Dämonen überwältigte und vernichtete Mantrini. Als Heer und Heerführer so vollständig getötet waren,
 
'''M 76.64''' sprach Bhanda freudigen Herzens von seinem Wagen aus zum Lenker: „Wagenlenker, bringe meinen Wagen rasch zum Shakti-Heer!
 
'''M 76.65''' Sieh heute meine erstaunliche, haarsträubende Tapferkeit!“ Der Lenker hörte die Worte seines Herrn und trieb den Wagen rasch voran.
 
'''M 76.66''' Doch er hatte einen Zweifel. Er verneigte sich und fragte den Dämonenherrscher: „Herr, wenn du es erlaubst, möchte ich dich etwas fragen.
 
'''M 76.67''' Gewähre es mir, der ich mich vor dir verneige; ein großer Zweifel beschäftigt mich.“ Bhanda gab ihm die Erlaubnis, und der Lenker sprach:
 
'''M 76.68''' „Herr der Dämonen, ich halte dieses Shakti-Heer für unbesiegbar. Vishukra und die anderen wurden von ihm im Kampf mit spielerischer Leichtigkeit getötet.
 
'''M 76.69''' Doch ich sehe dich, obwohl du Brüder, Söhne und Angehörige verloren hast, innerlich froh und von keinem Hauch der Trauer berührt, wie einen Entsagenden.
 
'''M 76.70''' Schon bei deinem früheren Kampf gegen Bala bemerkte ich deine tiefe Hingabe an die Göttin. Erkläre mir dies wahrheitsgemäß!
 
'''M 76.71''' Trotz dieser Niederlage und eines so furchtbaren Grundes zum Leiden sehe ich bei dir weder einen Rest von Trauer noch von Furcht.“
 
'''M 76.72''' Als der seit Langem dienende Dämon so eindringlich fragte, lächelte Bhanda ein wenig und begann: „Höre, Dämon!
 
'''M 76.73''' Diese Göttin Lalita ist die Glückverheißende, die über allem Höchsten steht. Wenn sie mich im Kampf tötet, werde ich die allerhöchste Frucht erlangen:
 
'''M 76.74''' ihre Welt, frei von Trauer und Furcht, ganz und gar Glück. Diese Welt hier hingegen ist voller Trauer und Furcht und besteht aus Leiden.
 
'''M 76.75''' Durch Maya verblendet hält das Geschöpf sie törichterweise für das Höchste. Besonders die Dämonenwelt ist von Rajas erfüllt und überaus furchtbar.
 
'''M 76.76''' Wer sie für vorzüglich hält, gilt als ein völlig verblendetes Wesen. Ich war Manikyashekhara, der Bote der auf dem Lotus thronenden Shri.
 
'''M 76.77''' Durch das Heranreifen meiner eigenen Taten geriet ich in diesen niederen Zustand. Doch durch die Gnade der Göttin hat mich meine Erinnerung nicht verlassen.
 
'''M 76.78''' Diese Göttin ist die höchste Herrin über alles, die Mutter Brahmas und der übrigen Götter. Meine Brüder und Söhne, die im Kampf durch sie gefallen sind,
 
'''M 76.79''' wurden durch das Feuer ihrer Waffen gereinigt und haben ihre höchste Welt erreicht. Auch du wirst bald zusammen mit mir dorthin gelangen
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 76.80''' und deine Brüder und Söhne wiedersehen. Danach wirst du den unsterblichen Zustand erreichen.“ Der Wagenlenker hörte Bhandas Worte und staunte.
 
'''M 76.81''' Er pries den Dämonenkönig und legte den Kummer seines Herzens ab. Als er vor sich die erhabene Lalita erblickte, verneigte er sich in tiefer Hingabe.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 76. Kapitel: Die Offenbarung des Geheimnisses der Hingabe an die Göttin durch den Dämonenkönig Bhanda beim Zusammentreffen mit Lalita. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6331.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 77: Lalitas Sieg und Bhandas Aufgehen in der Meditation===
 
'''Verhülltes Lob und letzte Versenkung:''' Der Erzähler bezeichnet Bhandas scheinbare Schmährede ausdrücklich als verborgenes Lob. Ihre Mehrdeutigkeit verweist auf das göttliche Spiel, die Freiheit von Geschlecht und Herkunft und die Zugänglichkeit der Göttin auch jenseits gesellschaftlicher Anerkennung. Unmittelbar vor seinem Tod geht Bhanda ganz im Gegenstand seiner Meditation auf. Die Vernichtung Shunyakas einschließlich seiner Bewohner gehört zur drastischen kosmischen Kriegserzählung; aus ihr folgt keine Rechtfertigung menschlicher Gewalt.
 
'''M 77.1''' Bhanda begegnete im Kampf Sampatkari, Ashvarudha, Dandini und Mantrini und zeigte ihnen seine außerordentliche Kriegskunst.
 
'''M 77.2''' Nachdem er sie damit erfreut hatte, sprach er der Reihe nach zu ihnen: „Göttinnen, eure Geschicklichkeit und Tapferkeit im Kampf haben mich erfreut.
 
'''M 77.3''' Jetzt aber sehnt sich mein Herz danach, mit eurer Herrin zu kämpfen. Seid ihr alle Zuschauerinnen meines Zweikampfes mit ihr!
 
'''M 77.4''' Mein Arm schämt sich, mit Scharen von Dienerinnen zu kämpfen. Wenn ich ihre Stellung im Kampf überwunden habe, werde ich anschließend auch euch besiegen.
 
'''M 77.5''' Gewährt mir diese Bitte!“ Die Göttinnen hörten seine Worte und hielten ihn durch ihre eigene Kampfkraft für nicht zu besiegen.
 
'''M 77.6''' Auch erschien es ihnen angemessen, dass die große Göttin selbst den Dämonenherrscher überwinde. Darum gaben sie ihm den Weg zum Kampf mit der großen Königin frei.
 
'''M 77.7''' Bhanda gelangte zum königlichen Shri-Chakra-Wagen und begann dort einen überaus wunderbaren Kampf.
 
'''M 77.8''' Das ganze Shakti-Heer wurde zum Zuschauer. Götterscharen in himmlischen Fahrzeugen, Siddhas und Rishis kamen herbei,
 
'''M 77.9''' um zuzusehen; der ganze Himmel war von ihnen erfüllt. Bhanda trat an Lalita heran, sah sie vor sich und wurde überaus froh.
 
'''M 77.10''' Innerlich verneigte er sich in Hingabe vor ihr. Dann schoss er rasch fünf Pfeile auf sie ab. Es geschah etwas Erstaunliches:
 
'''M 77.11''' Zwei davon wurden zu Haufen schöner Blumen und fielen zu ihren Füßen. Der dritte wurde zu einem Kranz aus aufgeblühten Lotusblumen an ihrem Hals.
 
'''M 77.12''' Der nächste fiel als Blumenregen auf ihr Haupt. Der letzte wurde zu einem Edelsteinschmuck auf ihrer Krone.
 
'''M 77.13''' Die Göttin sah diese von ihm vollzogene Verehrung und freute sich sehr. Die Götter und die anderen Zuschauer aber gerieten darüber ins Fragen.
 
'''M 77.14''' Von Narada hörte Indra, dass Bhanda zu den höchsten Verehrern gehörte, und staunte zutiefst.
 
'''M 77.15''' Dann begann die große Schlacht zwischen Lalita und Bhanda. Die Weite des Himmels füllte sich mit vielfältigen Waffen und Wunderwaffen.
 
'''M 77.16''' Bhanda, ein Meister der höchsten Wunderwaffen, kämpfte mit seiner eigenen Kraft, um die höchste Herrin zu erfreuen.
 
'''M 77.17''' Er verneigte sich im Geist vor der vor ihm stehenden Göttin und begann, sie mit Worten herauszufordern, in denen ihr Lob verborgen war:
 
'''M 77.18''' „Lalita, höre mich! Du erscheinst mir wie eine Schauspielerin, stets mit trügerischem Tun beschäftigt und mit einem Mann verbunden, der ganz einer Frau ergeben ist.
 
'''M 77.19''' Du scheinst eine Frauengestalt zu tragen und bist doch frei von weiblicher Natur. Ich halte dich weder für eine Frau noch für einen Mann.
 
'''M 77.20''' Dein Verhalten widerspricht der Welt; du bist frei von Scham, Zweifel und Ähnlichem. Du bist nicht aus einem ehrbaren Geschlecht hervorgegangen; du erscheinst mir ohne Abstammung.
 
'''M 77.21''' Auch Menschen, die auf von der Welt verurteilten Wegen gehen und keine Unterscheidung kennen, haben dich erreicht – so erscheint es mir.
 
'''M 77.22''' Ach, es ist wohl die Folge meiner früheren Taten, dass ich dich, obwohl du so bist und man dich angeblich nicht ansehen dürfte, nun vor mir sehe!
 
'''M 77.23''' Höre, ich werde wahrhaftig sprechen; die Dinge mögen sein, wie sie sind. Auf irgendeine Weise bist du jetzt in meinen Blick getreten.
 
'''M 77.24''' Lass das trügerische Tun und deine Maya zurück und bleibe mir gegenüber fest! Da ich dich endlich erreicht habe, kehre mir nicht den Rücken.
 
'''M 77.25''' Du kannst mich, der ich vor dir stehe, nicht mehr täuschen und unsichtbar werden. Darum bleibe ganz bei mir!
 
'''M 77.26''' Erkenne meine ungeteilte, fest entschlossene Absicht, sieh meine Kraft und vollende dein eigenes Gelübde!“
 
'''M 77.27''' Mutter Lalita hörte diese Worte mit ihrem verborgenen Sinn und antwortete gnädig: „Höre, Dämonenherrscher! Was du gesagt hast, ist so.
 
'''M 77.28''' Ich werde deinen Wunsch erfüllen und dich Stolz und alles Weitere ablegen lassen. Wer einmal in meinen Blick gekommen ist,
 
'''M 77.29''' behält keinen Rest von Kampfeslust und dergleichen zurück. Bleibe darum ganz standhaft!“ So sprach sie und überschüttete den Dämonenkönig mit Pfeilen.
 
'''M 77.30''' Er antwortete rasch mit einem Gegenregen. Dabei lobten beide die Kenntnis des anderen im Gebrauch der Waffen.
 
'''M 77.31''' Ein gewaltiger, tosenden Schrecken erregender Kampf entstand. Nachdem sie lange so gestritten hatten, setzte der Dämon Wunderwaffen ein:
 
'''M 77.32''' die Feuer-, Wasser-, Mond-, Kubera-, Berg-, Regen-, Indra- und Windwaffe sowie Brahmas und Kumaras Waffen.
 
'''M 77.33''' All diese Wunderwaffen vernichtete die höchste Herrin Lalita rasch durch Gegenwaffen, wie die Sonne den Nebel vertreibt.
 
'''M 77.34''' Auch die neu erschaffenen vernichtete sie augenblicklich. Darauf erschuf Bhanda Madhu und Kaitabha,
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''M 77.35''' Somaka, Hiranyaksha, Hiranyakashipu, Bali, den Haihaya namens Arjuna und Ravana,
 
'''M 77.36''' Kumbhakarna, Mura, den Krokodildämonen, Kamsa, Dvivida und weitere Feinde Vishnus, die die Welten vernichten wollten.
 
'''M 77.37''' Von Bhanda geschaffen, besaßen sie die Natur und Kampfkraft ihrer früheren Gestalten. Dem Wirken des Tamas ergeben, machten sie sich daran, die Welten zu zerstören.
 
'''M 77.38''' Um sie zu vernichten, ließ die Herrin Lalita aus ihren Fingernägeln einzeln die zehn Erscheinungen Narayanas hervorgehen.
 
'''M 77.39''' Die so entstandenen Vishnu-Gestalten vernichteten sie in einem Augenblick. Darauf erschuf der Dämonenherrscher Andhaka, den Tod, Kama und Tripura,
 
'''M 77.40''' also die Gegner Mahadevas. Als die höchste Göttin sie sah, ließ sie aus ihrem Stirnauge
 
'''M 77.41''' Mahadeva, den Gott der Götter, hervortreten. Durch ihn wurden jene vernichtet. Dann erschuf Bhanda in einem Augenblick erneut das unzählbare, furchtbare Dämonenheer,
 
'''M 77.42''' das die Shaktis zuvor getötet hatten: Vishanga, Vishukra und seine Söhne mit Caturbahu an der Spitze,
 
'''M 77.43''' Karanka, Kutilaksha und die anderen, wie Brahma eine untergegangene Schöpfung neu hervorbringt. In heftigem Zorn kämpften sie wieder gegen die Shakti-Heere.
 
'''M 77.44''' Alle staunten über Bhandas erstaunliche Fähigkeit. Zugleich fürchteten sich Götter und Shaktis und fragten: „Was soll daraus werden?“
 
'''M 77.45''' Wieder begann eine gewaltige Schlacht wie am Anfang. Jeden Gefallenen erschuf Bhanda immer wieder neu.
 
'''M 77.46''' Die Shaktis und auch die Gottheiten sahen dies mit großer Furcht. Da priesen Brahma und die anderen die erhabene Göttin Lalita.
 
'''M 77.47''' Auch Mantrini trat an die große Göttin heran, verneigte sich und bat mit gefalteten Händen und freundlicher Stimme:
 
'''M 77.48''' „Göttin, die Macht dieses Dämonen erscheint mir äußerst furchtbar. Sieh die Shaktis, wie sie verstört sind und ihre Gesichter bleich werden!
 
'''M 77.49''' Schon zwei Praharas kämpfen sie ohne Rast. Wen die Shaktis auch töten, den erschafft er augenblicklich neu.
 
'''M 77.50''' Seine Söhne, Caturbahu und die anderen, hat die junge Göttin bereits siebenmal im Kampf getötet; nun kämpfen sie wieder.
 
'''M 77.51''' Vishanga wurde zehnmal und Vishukra neunmal getötet. Doch von Bhanda neu erschaffen, kämpfen sie erneut.
 
'''M 77.52''' Auch Karanka, Kutilaksha und die anderen sind vielfach gefallen. Neu geschaffen kämpfen sie weiter; so können wir unsere Aufgabe nicht vollenden.
 
'''M 77.53''' Sieh die Shaktis, überall erschrocken, erschöpft und ihres Glanzes beraubt! Beschütze diese ganze Welt; du solltest sie nicht sich selbst überlassen.“
 
'''M 77.54''' So gebeten, lächelte die Göttin ein wenig und sagte: „Fürchte dich nicht! Sieh, ich werde den Dämonenherrscher in einem Augenblick vernichten.“
 
'''M 77.55''' Mit diesen Worten legte sie rasch einen einzigen Pfeil auf den Bogen und rief in ihm die Pashupata-Waffe an, die allen Welten Schrecken einjagt.
 
'''M 77.56''' Sie schoss diese Waffe in das Dämonenheer. In einem halben Augenblick verbrannte sie die ozeangleichen Truppen zu Asche.
 
'''M 77.57''' Dann legte sie einen weiteren, überaus strahlenden Pfeil auf ihren Bogen. Sogleich schienen Flammenkränze alle Himmelsrichtungen zu verschlingen.
 
'''M 77.58''' Die Erde bebte, die Meere wurden erschüttert, und Furcht ergriff die ganze bewegliche und unbewegliche Welt. Tausende Meteore fielen herab.
 
'''M 77.59''' Wilde Tiere und andere Wesen umkreisten Bhanda in unheilverkündender Richtung. Er aber sah sein ozeangleiches Heer vernichtet
 
'''M 77.60''' und meditierte mit vollkommen stillem Inneren über die Lotusfüße Lalitas. Als der große Dämon ganz eins mit dem Gegenstand seiner Meditation geworden war,
 
'''M 77.61''' schoss Lalita den mit der Kameshvara-Waffe verbundenen Pfeil auf Bhanda ab. Dieser Pfeil war überaus furchtbar.
 
'''M 77.62''' Wie das Feuer der Weltauflösung ließ er strahlende Flammen nach allen Seiten hervorschießen, als wollte er augenblicklich die ganze bewegliche und unbewegliche Welt verbrennen.
 
'''M 77.63''' Er blendete alle Augen. Wie ein Waldbrand trockenes Gras verzehrt, so verbrannte er Bhanda samt seinem Wagen und seine Stadt Shunyaka,
 
'''M 77.64''' zusammen mit Frauen, Alten und Kindern, mit allen Wohnstätten und Lebewesen, bis nur Asche übrig blieb. Es war ein erschütterndes Wunder.
 
'''M 77.65''' Brahma, Vishnu und die anderen sahen dort weder Bhanda noch sein Heer, weder seine Stadt noch auch nur ein Kind der erschlagenen Dämonen.
 
'''M 77.66''' Voller Staunen erhoben sie Siegesrufe. Die Shaktis schlugen ihre Instrumente zu Tausenden an.
 
'''M 77.67''' Die himmlischen Instrumente erklangen, die führenden Gandharvas sangen, und die himmlischen Tänzerinnen, Urvashi und die anderen, tanzten voller Freude.
 
'''M 77.68''' Die Rishis trugen Lobgesänge vor, die Siddhas rezitierten den Namen der höchsten Glückverheißenden, die Weisen meditierten über ihre Gestalt, und andere Menschen verneigten sich.
 
'''M 77.69''' Es regnete Haufen voll erblühter, stark duftender Blumen. Sanfte Wolken ließen unter leisem Donner
 
'''M 77.70''' duftende, mit wohlriechender Salbe vermischte Wassertropfen fallen. Wohlriechende Winde wehten und berührten alle mit Freude.
 
'''M 77.71''' Die Sonne leuchtete klar, und auch das Meer hielt wieder seine Grenzen ein. Das Wasser in Flüssen und anderen Gewässern wurde rein wie das Herz guter Menschen.
 
'''M 77.72''' Als Bhanda getötet war, erstrahlte die Welt, als wäre sie nach einer Weltauflösung neu erschaffen, frei von Unruhe und Verwirrung.
 
'''M 77.73''' Als die Götter, großen Rishis und Siddhas den Dämonen Bhanda, diesen Plagegeist der Welt, vernichtet sahen, begaben sie sich alle zur Göttin.
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 77. Kapitel: Die Tötung Bhandas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6404.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 78: Lalitas Verherrlichung, Shripura und die Reife der Hingabe===
 
'''Shripura und innere Reife:''' Die heilige Stadt wird nicht als allgemein sichtbarer geografischer Ort erklärt, sondern als nur durch entsprechend gereifte Verehrung zugängliche Wirklichkeit. Bemerkenswert ist die ausdrückliche Anweisung, dass Agastya die Einweihung von seiner Gemahlin Lopamudra empfangen soll. Die Stufenfolge der Gottesverehrung in Vers 54–57 gibt die eigene shaktische Sicht des Werkes wieder.
 
'''Lob der Mutter Lalita, Verse 2–6'''
 
'''M 78.1''' Alle führenden Götter traten an die höchste Lalita heran. Ihre Herzen waren voller Freude, und sie priesen sie mit vielfältigen Lobgesängen.
 
'''M 78.2''' „Sieg, Sieg dir, Mutter Lalita! Welchen ersehnten Segen könnte die Verehrung deiner Lotusfüße deinen Verehrern hier nicht schenken? Selbst göttliche Wunschbäume und andere Wunscherfüller verleiht sie denen, die Zuflucht suchen, überaus rasch – bis hin zu deren wunscherfüllender Natur.
 
'''M 78.3''' Wir waren hier von Not bedrängt; die verworrenen, schrecklichen Flammen von Bhandas Macht hatten unsere Flügel verbrannt. Gemeinsam waren wir in ein unermessliches Meer der Furcht versunken. Durch eben diese Verehrung wurden wir jäh herausgehoben und erlangten wieder den freien Weg durch den Himmel.
 
'''M 78.4''' Diese deine Lotusfüße triumphieren: Sie vernichten die tiefe Herzensqual der sich Verneigenden, bändigen die mächtige Maya und die Scharen unheilsamer Folgen bei den Zufluchtsuchenden, sind der Lebensfaden aller beweglichen und unbeweglichen Wesen und lenken die Welt.
 
'''M 78.5''' Mutter, das Erscheinen aller Welten ist dein Spiel. Welche Mühe könnte dir da der Kampf gegen die Dämonen bereiten? Möge dein Spiel stets in unserem von Rajas gereinigten Geist gegenwärtig sein, dessen klare Regungen sich entfalten und den heilsame Eindrücke durchdringen.
 
'''M 78.6''' Es ist ja bekannt: Du allein bist die Zuflucht der verkörperten Wesen und der reine Ursprung alles ersehnten Heils. Dein Fuß gleicht dem Schwan, Brahmas Reittier: Für jene, die lange mit dem Unbewussten verbunden waren, wird er zum einzigen Grund wahrer Unterscheidung.“ ''Der erste Halbvers steht in der Textgrundlage in Klammern; das Schwanenbild des zweiten verbindet Brahmas Reittier mit der Unterscheidungskraft.''
 
'''M 78.7''' So priesen Brahma und die anderen die Mutter, warfen sich lang vor ihr nieder und lobten sie immer wieder mit vielfältigen Hymnen.
 
'''M 78.8''' Da kamen, Agastya, aus Millionen Welteneiern Brahma und die übrigen ursächlichen Herrscher, begleitet von ihren Shaktis, Bharati und den anderen.
 
'''M 78.9''' Mit zum Scheitel erhobenen gefalteten Händen verneigten sie sich voller Hingabe, priesen die verehrungswürdige Lalita und sprachen:
 
'''M 78.10''' „Herrin der Götter, durch die Tötung Bhandas sind heute hundertfünf Welteneier wieder beschützt, denn über diese hatte er geherrscht.
 
'''M 78.11''' In diesen Welteneiern waren Indra und die anderen gefesselt oder geflohen. Überall ließ er die Herrschaft über die Welten von Dämonen ausüben.
 
'''M 78.12''' Überall wurden Dämonen-Veden und Dämonenopfer eingeführt. Weder Götteropfer noch das dem Brahman gewidmete Opfer des Schriftstudiums, Glückverheißende,
 
'''M 78.13''' wurden von Brahmanen und anderen vollzogen, solange Bhanda regierte. Doch heute hast du, große Herrin, den Dämonen im Kampf getötet.
 
'''M 78.14''' Die Dämonenscharen sind geflohen, und die Weltenhüter erfüllen wieder ihre jeweiligen Aufgaben. Alles ist frei von Unordnung geworden.“
 
'''M 78.15''' Während die Götter so sprachen, kam Vishvakarman herbei, verneigte sich vor der Göttin, Brahma und den anderen und sagte mit gefalteten Händen:
 
'''M 78.16''' „Großvater Brahma, du hattest mich beauftragt, auf dem Gipfel des Meru Shripura für die Göttin zu erbauen. Dies habe ich nach deinem Auftrag vollendet.
 
'''M 78.17''' Du solltest es rasch zusammen mit der Göttin und den Göttern besichtigen.“ Auf diese Bitte des göttlichen Baumeisters hin berichtete Brahma der Göttin davon.
 
'''M 78.18''' Von den Herren der Götter gebeten, begab sich Lalita, die höchste Herrin, rasch dorthin, begleitet vom Shakti-Heer und den Götterscharen.
 
'''M 78.19''' Sie sahen die wunderschöne, von Vishvakarman erbaute Stadt, gleichsam ein getreu errichtetes Spiegelbild des großen königlichen Shripura.
 
'''M 78.20''' Alle Götter und Shaktis staunten. Dann baten die Götter Mutter Lalita inständig, dort zu wohnen.
 
'''M 78.21''' Sie verneigten sich mit ihrem ganzen Wesen. Nachdem sie ihre Zustimmung erhalten hatten, machten Brahma und die anderen
 
'''M 78.22''' die erlesenen Vorbereitungen für die königliche Weihe. Als alle Mittel bereitstanden und eine glückverheißende Sternenstunde gekommen war,
 
'''M 78.23''' vollzog Brahma mit den Weisen die Weihe nach dem in den Agamas gelehrten Weg und den höchsten Ritualvorschriften.
 
'''M 78.24''' Die himmlischen Götterscharen, Maruts, Vasus und Feuergötter, Gandharvas und Götterboten, Weltenhüter, Yakshas und Guhyakas,
 
'''M 78.25''' Rakshasas, Kimpurushas, Kinnaras und Schlangenwesen, Vidyadharas, Siddhas, Munis, Rishis, Ahnen und Asuras,
 
'''M 78.26''' Millionen Brahmas, Rudras und Haris aus anderen Welteneiern, auch Sadashiva, Ishvara, Shrikantha und Ananta:
 
'''M 78.27''' Sie alle kamen zu Lalitas Weihe als höchste Herrscherin und dienten Mutter Lalita von allen Seiten.
 
'''M 78.28''' Millionen Brahmani-, Kamala- und Gauri-Gestalten verehrten sie voller Hingabe und Ehrfurcht mit jeweils besonderen Darbringungen.
 
'''M 78.29''' Segensriten und glückverheißende Handlungen wurden für sie vollzogen. Glückbringende Instrumente erklangen und entfalteten ihre melodischen Wendungen,
 
'''M 78.30''' mit aufsteigenden und absteigenden Tonfolgen, Rhythmus und feinen Tonabstufungen. Gandharvas musizierten, und himmlische Tänzerinnen tanzten ringsum.
 
'''M 78.31''' Die Weisen rezitierten, Rishis trugen heilige Texte vor, vielfältige Lobgesänge erklangen laut, und die Wesen schauten aufmerksam zu.
 
'''M 78.32''' Brahma führte die Göttin auf den glückverheißenden großen Löwenthron. Dann nahm er Wasser, das durch Mantras gereinigt war,
 
'''M 78.33''' aus Flüssen und Meeren, gesammelt in Gefäßen mit neun Arten von Edelsteinen. Umgeben von Vasishtha und den anderen vollzog der Weltschöpfer ihre Weihe.
 
'''M 78.34''' Nachdem die große Göttin geweiht war, erstrahlte sie in unschätzbarem Schmuck und vielfältigen himmlischen Gewändern über dem Shri Chakra.
 
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'''M 78.35''' Mutter Lalita glänzte auf dem Lager in Gestalt der fünf Brahmas. Die Unsterblichen verehrten sie mit verschiedensten erlesenen Gaben.
 
'''M 78.36''' Brahma, Vishnu, Mahesha und die anderen, jeder ganz in Hingabe gesammelt, priesen sie mit vielfältigen Hymnen und warfen sich lang auf die Erde.
 
'''M 78.37''' So wurde die erhabene Lalita dort auf dem Thron im höchsten Bereich Shripuras geweiht, wie in ihrem ursprünglichen großen Shripura.
 
'''M 78.38''' Sie wies Mantrini und den übrigen ihre jeweiligen Plätze zu. So, kruggeborener Weiser, wohnt sie auf dem hohen Gipfel des Meru
 
'''M 78.39''' in Shripura und lenkt Brahma und die anderen. Diese Stadt hatte der göttliche Baumeister mit der ganzen Essenz seiner Kunst erschaffen.
 
'''M 78.40''' Auf die Bitte Brahmas und der anderen nahm die große Göttin aus Mitgefühl die Stadt, den Schmuck, den Schirm und die Sandalen an.
 
'''M 78.41''' Obwohl sie ganz und gar verdichtete Bewusstseinswonne ist, verweilt sie so in einer Gestalt des göttlichen Spiels.“ Agastya hörte von Hayagriva diese höchst läuternde Geschichte.
 
'''M 78.42''' Zufriedenen Herzens stellte er eine Frage, die ihn sehr beschäftigte: „Hayagriva, Meer des Mitgefühls! Du hast gesagt, dass auf diesem Meru
 
'''M 78.43''' die Stadt der großen Göttin liegt. Das erscheint mir seltsam. Innerhalb dieses Welteneies gibt es keinen Ort, der mir unbekannt wäre.
 
'''M 78.44''' Besonders auf dem Meru dürfte es keine Stelle geben, die ich nicht kenne. Der Meru gilt als der tragende Grund für das vielfältige Bild der Welten.
 
'''M 78.45''' Über ihm liegen sieben Welten, unter ihm sieben Tiefen. Auf seinem Gipfel befinden sich die Wohnstätten Brahmas, Vishnus und Shivas.
 
'''M 78.46''' Dort ist mir nicht einmal ein Fleck von zwei Fingerbreiten unbekannt. Wie kann es dort das von dir beschriebene Shripura geben? Erkläre es mir!“
 
'''M 78.47''' So von Agastya gefragt, antwortete der Pferdegesichtige freudig: „Höre, Kruggeborener! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erläutern.
 
'''M 78.48''' Nicht jeder kann diese Wohnstätte sehen. Nur diejenigen, die die Shakti Tripura nach der vorgeschriebenen Ordnung verehren,
 
'''M 78.49''' können sie erreichen und schauen; andere nicht. Durch das Hören ihrer Verherrlichung ist nun Hingabe in deinem Herzen entstanden.
 
'''M 78.50''' Wenn höchste Hingabe erreicht ist, bleibt nichts unerreichbar, so wie jemand, der die Quelle der Edelsteine erreicht hat, keinen Mangel an Juwelen mehr kennt.
 
'''M 78.51''' Deine treue Gemahlin Lopamudra ist der Höchsten besonders lieb. Empfange von ihr die Einweihung und verehre die höchste Göttin nach der rechten Ordnung.
 
'''M 78.52''' Wenn du Vollendung erlangt hast, wirst du jene Stadt sehen; anders nicht. So habe ich dir, Agastya, Lalitas höchst wunderbare
 
'''M 78.53''' Herrlichkeit geschildert, die bei den Hörenden alles Unheilsame vernichtet. Für Menschen des Kali-Zeitalters mit beflecktem Herzen und verwirrtem Denken
 
'''M 78.54''' gibt es nach dieser Lehre keine bessere Zuflucht als die Verherrlichung der Herrin Tripura. Wer wiederholt vedische Handlungen ohne Verlangen nach Lohn vollzieht,
 
'''M 78.55''' gewinnt Vertrauen in die Verehrung anderer Gottheiten: Vishnus, Shivas und der Shaktis. Am Ende, wenn die Reife vollständig geworden ist,
 
'''M 78.56''' entsteht beständiges Vertrauen in die Verehrung Tripuras. Durch diese Verehrung erkennt man sie als die Gestalt des eigenen Selbst,
 
'''M 78.57''' als nichtduale Bewusstseinswonne und große Herrin aller Welten. Wer so ihre höchste Herrlichkeit offenbar werden lässt, gelangt nicht erneut ins Werden.
 
'''M 78.58''' Der erste Schritt auf der Treppe zum Erreichen des eigenen Selbstzustandes ist daher das Hören von der erhabenen Größe der höchsten Shakti.
 
'''M 78.59''' Darum soll jemand, der das höchste Wohl erstrebt, zuerst unbedingt dies hören. Es beruhigt die Folgen unheilsamer Taten und bringt alle ersehnten Früchte hervor.
 
'''M 78.60''' Rasch weckt es Hingabe und befreit von der höchsten Furcht.“ Nach diesen Worten wurde Hayagriva von Agastya verehrt.
 
'''M 78.61''' Er verabschiedete sich und ging in die von ihm gewünschte Richtung. „So, Rama, habe ich dir die glückverheißende Geschichte Lalitas erzählt.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya, im Gespräch zwischen Dattatreya und Parashurama und innerhalb von Lalitas Verherrlichung, das 78. Kapitel: Lalitas Weihe in Shripura. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6465.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 79: Einweihung, Bewusstseinskraft und das Wesen der Offenbarung===
 
'''Die eigene Sicht der Überlieferung:''' Dattatreya begründet die Bedeutung der Einweihung für den besonderen Shri-Vidya-Weg. Die scharfe Kritik an bloßer Ritualgelehrsamkeit, die Höllendrohungen und die Aussagen über soziale Berechtigung sind traditionsgebundene Lehraussagen, keine neutralen Urteile über andere spirituelle Wege. Im weiteren Verlauf erklärt das Kapitel Veda und Tantra ausdrücklich als ihrem innersten Wesen nach eins und deutet sämtliche Gottesverehrung als Verehrung der Bewusstseinskraft. Vers 50 trägt in der Textgrundlage irrtümlich die Nummer 59; die nachfolgende, reguläre 59 ist ebenfalls erhalten.
 
'''M 79.1''' Als Jamadagnis Sohn diese alles überragende Verherrlichung der Göttin Lalita gehört hatte, wurde er vom Nektar der Freude überströmt.
 
'''M 79.2''' Er versank im Ozean der Hingabe, seine Körperhaare richteten sich auf, und unaufhörlich flossen ihm Tränen der Freude aus den Augen.
 
'''M 79.3''' Einen Augenblick war er wie ohne äußeres Bewusstsein, einem vom Trank Berauschten gleich. Dann faltete er erneut die Hände und sprach mit stockender Stimme:
 
'''M 79.4''' „Erhabener, du hast mich heute zutiefst geläutert, indem du mich mit den heiligen Wasserströmen der Erzählung von der Höchsten übergossen hast.
 
'''M 79.5''' Aus Mitgefühl hast du mich aus dem uferlosen Meer des Samsara herausgehoben. Verehrung dir, erhabener Guru und Herr, Sonne gegen die Finsternis des Leidens!
 
'''M 79.6''' Ich verneige mich auch vor dem friedvollen, furchtlosen Weisen Samvarta, der mir den Weg zeigte, als ich wie ein Blinder umherirrte.
 
'''M 79.7''' Bis heute habe ich meine Zeit in der Welt vergeblich verbracht. Wie ein Frosch in einem verlassenen Brunnen erkannte ich mein wahres Wohl nicht.
 
'''M 79.8''' Gesegnet bin ich, mein Ziel ist erfüllt, weil ich bei deinen Füßen Zuflucht fand. Nun sehne ich mich ganz nach dem Reichtum der Befreiung.
 
'''M 79.9''' Erhabener, ein großer Zweifel liegt mir noch am Herzen. Ich frage dich darüber; bitte erkläre es mir.
 
'''M 79.10''' Ich weiß, dass deine Gnade mir reichlich gilt, du Meer des Mitgefühls. Für dich, den Barmherzigen, dürfte es nichts geben, was du deinem Schüler nicht sagen würdest.
 
'''M 79.11''' Wie konnte der kruggeborene Weise, der alle Lehrschriften kennt, die höchste Shakti, die große Herrin aller Welten, nicht verehrt haben,
 
'''M 79.12''' sodass ihm die vortreffliche Stadt der Göttin auf dem Meru unsichtbar blieb? Warum konnte er, der sich ganz dem Veda widmete, sie nicht sehen?
 
'''M 79.13''' Und wie hat er jene Stadt später doch erblickt? Sage es mir!“ So von Jamadagnis Sohn gefragt, antwortete der weise Lehrer Dattatreya:
 
'''M 79.14''' „Höre, Rama! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Bloße Kenntnis der Lehrschriften genügt hier nicht.
 
'''M 79.15''' Die Menschen sind von den in früheren Leben eingeübten Eindrücken geprägt. Hunderte solcher Vasanas sind in den Herzen der Wesen auf unterschiedliche Weise angesammelt.
 
'''M 79.16''' Wenn sie erweckt werden, treten sie hervor; der Umgang mit den Guten weckt sie. Erst wenn jemand die entsprechende Gemeinschaft findet, entfaltet sich dies, nicht vorher.
 
'''M 79.17''' Durch die Begegnung mit Hayagriva und das Hören von Tripuras Herrlichkeit erwachte Agastyas Hingabe an sie. Darauf empfing er von seiner Gemahlin die Einweihung.
 
'''M 79.18''' Solange jemand keine Einweihung empfangen hat, ist er nach dieser Überlieferung selbst als Verehrer Tripuras noch nicht imstande, die Treppe zum Palast der Befreiung zu ersteigen.
 
'''M 79.19''' Wie den Zweimalgeborenen ohne die Einführung in das vedische Studium die Berechtigung zu den entsprechenden Riten fehlt, so verhält es sich hier ohne Einweihung, Nachkomme Bhrigus.
 
'''M 79.20''' Wer keine Einweihung von einem wahren Guru empfangen hat und den überlieferten Weg des Gurus nicht kennt, mag nach eigenem Ermessen ein Ritual vollziehen, sogar scheinbar nach Vorschrift.
 
'''M 79.21''' Dennoch kann es den Übenden rasch schädigen, wie ein unvollständig zubereitetes Verjüngungsmittel dem schadet, der es einnimmt.
 
'''M 79.22''' Wer sich einen Mantra und dessen Anwendung allein nach eigener Vorstellung, ohne Guru, aneignet, begeht nach dieser Lehre ein Vergehen gegen die Gottheit.
 
'''M 79.23''' Für den, der sich an der Gottheit vergeht, gibt es weder hier noch jenseits Wohlergehen. Wie könnte ein unwissender Mensch die Folgen eines solchen Vergehens selbst beseitigen?
 
'''M 79.24''' Ein entsprechendes Prinzip sieht man auch in der Welt: Herrscher belegen jemanden, der ihre Anordnung verletzt, mit verschiedenen schweren Strafen.
 
'''M 79.25''' Sie lassen den Übertreter keineswegs unbeachtet. Bloße vedische Gelehrsamkeit begründet hier also keine Berechtigung.
 
'''M 79.26''' Die vedische Ordnung dient den Zweimalgeborenen dazu, die Eignung zur Verehrung zu gewinnen. Das höchste menschliche Ziel liegt nicht in der bloßen Ausführung vedischer Riten.
 
'''M 79.27''' Menschen mögen den Veda kennen, auf vergängliche Früchte ausgerichtet sein, sich als begrenzte Einzelseelen verstehen und doch meinen, das höchste Lebensziel zu verfolgen.
 
'''M 79.28''' Wenn sie damit schon das höchste Ziel erreichten, was unterschiede sie dann von unbeweglichen Baumstümpfen? Die Ritualisten halten eine Frucht, die aus Opferrauch hervorgeht, für dauerhaft. ''Die rhetorische Frage im ersten Halbvers ist sprachlich unsicher; ihr Sinn ergibt sich aus der Kritik an erkenntnislosem Ritual.''
 
'''M 79.29''' Wo hat man je gesehen, dass etwas Vergängliches eine unvergängliche Frucht hervorbringt? Sie halten begrenzte, vom Leiden geprägte Früchte für Glück.
 
'''M 79.30''' Ohne das Wesen der Frucht zu kennen, preisen sie als Frucht, was keine bleibende Frucht ist. Der von den Gunas geprägte Veda wurde vom Weltschöpfer eingesetzt,
 
'''M 79.31''' um den Weltlauf zu erhalten und die Götter zufriedenzustellen. Für die Begehrenden ist er voller begehrter Ziele, wie Gift für jemanden, der sterben will.
 
'''M 79.32''' Doch den höchsten, im Veda verborgenen Teil kennen sie nicht. Weil der Schöpfer ihn verborgen hat, sind sie über seine geheimen Inhalte verwirrt.
 
'''M 79.33''' Sie deuten ihn anders, als er gemeint ist. Vyasa aber, Narayana selbst, hat aus Mitgefühl mit den Wesen dessen Sinn in einer dem menschlichen Verständnis zugänglichen Weise
 
'''M 79.34''' ausführlich entfaltet: als einziges Mittel zur höchsten Wahrheit. Darum wird die Berechtigung hierzu denen zugesprochen, die ihre Begierden aufgegeben haben.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''M 79.35''' Auch für einen Entsagenden ist die Verehrung der Bewusstseinskraft erwünscht. Wer aus Unwissenheit oder Verblendung die Verehrung der Vidya aufgibt,
 
'''M 79.36''' gerät nach dieser Lehre in tiefste Finsternis und findet daraus keinen Weg zurück. Ein Entsagender soll alles aufgeben, was Bindung bewirkt.
 
'''M 79.37''' Die Verehrung der Shri Vidya aber, Rama, hat das Wesen der Befreiung. Sie aufzugeben ist für ihn ebenso wenig angemessen, wie seine geistige Berufung preiszugeben.
 
'''M 79.38''' Die Aufgabe dieser Verehrung gilt hier als schweres, furchtbares Vergehen. Tamisra, Andhatamisra, Kumbhipaka und Avici,
 
'''M 79.39''' diese Höllenzustände erreichen nach der Schilderung die Menschen, die solchen Verfehlungen ergeben sind. Auf Befehl der Herrscherin der Strafgewalt handeln dabei die überaus furchterregenden Shaktis
 
'''M 79.40''' Samkarshini, Karshini und Kalasamkarshini. Menschen, die auf dem Weg der Verehrung Unheil stiften und sich Verfehlungen hingeben,
 
'''M 79.41''' weisen diese machtvollen Muttergottheiten den genannten leidvollen Zuständen zu. Ein Mensch hingegen, der sich der Verehrung widmet, erlangt den Zustand der vollkommenen Freiheit.
 
'''M 79.42''' Die höchste Bestimmung, die selbst einem tantrischen Ritualpraktizierenden zuteilwerden kann, steht dem ausschließlich vedisch Verehrenden nach dieser Lehre nicht in gleicher Weise offen.
 
'''M 79.43''' Denn vedisches Ritualhandeln ist hier als ganz nach außen gerichtet beschrieben, als menschliches Tun ohne unmittelbare Gotteserkenntnis; darum bringt es der gebundenen Seele entsprechende Früchte.
 
'''M 79.44''' Tantrisches Handeln hingegen ist auf den Herrn bezogen und mit Erkenntnis und Verehrung verbunden. Durch Vollendung, gestärkt von Vertrauen und Hingabe, führt es rasch zur Befreiung.
 
'''M 79.45''' Durch das vorgeschriebene Handeln erlangt man Reinigung des Geistes und durch Vidya Erkenntnis. So erreichen die Erwachten durch eigene Bemühung noch hier das Shiva-Sein.
 
'''M 79.46''' Auch die noch nicht Erwachten werden durch das Handeln in der rechten Reihenfolge befreit. Ohne Einweihung besteht keine Berechtigung zu diesem Handeln als Mittel der Erkenntnis.
 
'''M 79.47''' Die Eingeweihten gelangen am Ende ihres Körpers in die höchste Welt. Dort werden sie von Sadashiva vollständig zur Erkenntnis geführt und nehmen Shivas Wesen an.
 
'''M 79.48''' Dies gilt auch für diejenigen Ritualpraktizierenden, die noch nicht erwacht sind, Nachkomme Bhrigus. Darum wird der heilsame Zustand nicht durch trockene Veda- und Schriftgelehrsamkeit erreicht.
 
'''M 79.49''' Wie könnte ohne den Dienst an Tripura überhaupt eine heilsame Hinwendung entstehen? Weder Mittel noch Frucht noch auch das Tätigwerden selbst, Bhargava,
 
'''M 79.50''' kommen ohne die Gnade der Herrin Tripura zustande. Auch die Frucht, die durch Verehrung Shivas, Vishnus und anderer Gottheiten erlangt wird,
 
'''M 79.51''' entsteht durch ihre Gnade; dies ist die Überzeugung dieser Lehre. Die Verehrung aller Gottheiten ist Verehrung der höchsten Shakti.
 
'''M 79.52''' Ohne Shakti könnte keine Gottheit eine Verehrung annehmen. Darum ist jede von Menschen vollzogene Verehrung letztlich Verehrung der Shakti.
 
'''M 79.53''' Die Kundigen prüfen zunächst die Kraft einer Gottheit, bestimmte Früchte zu verleihen. Dann verehren sie diese Gottheit gesondert und erlangen die entsprechende Frucht.
 
'''M 79.54''' Auch in der Welt wird jemand ohne Fähigkeit nicht um etwas gebeten, Bhargava. Du magst einwenden: ‚Ohne Shiva gibt es keine Shakti, denn er ist ihr Träger.‘
 
'''M 79.55''' Doch ebenso wenig gibt es Shiva ohne die Kraft seines eigenen Seins. Wo und wann könnte eine Sonne ohne Leuchtkraft bestehen?
 
'''M 79.56''' Wie könnte Shiva ohne die Shakti des Bewusstseins bestehen? Wie könnte auch nur ein Grashalm ohne diese Bewusstseinskraft sein?
 
'''M 79.57''' Wenn Bewusstsein ist, ist dieses alles; andernfalls ist nichts. Was immer ist, ist Bewusstsein – erkenne dies, Nachkomme Bhrigus!
 
'''M 79.58''' Dies ist die shaktische Erkenntnis: ‚Es gibt nichts von mir Verschiedenes.‘ Mit dieser Einsicht erkenne alles, selbst einen Grashalm, als Tripuras Wesen.
 
'''M 79.59''' Nur über Bezeichnungen streiten die Denker in dieser Welt. Darum lege deinen Zweifel ab; diese Wahrheit ist überall dieselbe.
 
'''M 79.60''' Sprache dient der Bezeichnung und muss sich dabei auf Unterschiede stützen. Doch jene Wirklichkeit ist unterschiedslos, ungeteilt und von einem einzigen Bewusstseinswesen.
 
'''M 79.61''' Solange jemand nur Unterschiede erkennt, ist er nicht ganz auf sie gerichtet. Die Veden enthalten viele Unterscheidungen und verhüllen dadurch das Unterschiedslose.
 
'''M 79.62''' Darum sah Agastya jene Stadt nicht, obwohl er vedisch gelehrt war. Der höchste Sinn des Veda ist jedoch eben Tripura.
 
'''M 79.63''' Deshalb gilt der Veda als Mittel zur Vollendung in Tripura. Vyasa nannte die Puranas eine ausführliche Entfaltung des vedischen Sinnes.
 
'''M 79.64''' Der Veda ist ein Teil des Agama; Agama ist die Gesamtheit des offenbarten Wortes. Er ist ihre Gestalt; aus dieser Grundlage entfaltet sich alles.
 
'''M 79.65''' In der Form des Veda wirkt diese Offenbarung mit einer auf die drei oberen sozialen Stände beschränkten Berechtigung. Der höchste Herr aber wollte aus Mitgefühl alle Wesen erheben.
 
'''M 79.66''' Darum offenbarte er dieselbe höchste Erkenntnis unter dem Namen Agama. Agama ist, so lautet die Lehre, die Selbstreflexion des höchsten Herrn.
 
'''M 79.67''' Nach und nach ließ er ihn aus den Mündern Brahmas und der anderen hervorgehen. Der grenzenlose Ozean des Agama breitete sich in allen Welten aus.
 
'''M 79.68''' Als die Rishis später die Menschen mit nachlassender Auffassungskraft und in bedrängten Verhältnissen sahen, quirlten sie mit ihrer reichen Einsicht diesen Agama-Ozean.
 
'''M 79.69''' Daraus gewannen sie den höchsten Nektar der Tantras als Sammlung seiner Essenz. Entsprechend den verschiedenen Ländern und Verhältnissen wurde er in unterschiedlichen Formen dargelegt.
 
'''M 79.70''' Für die Zweimalgeborenen, die durch vedische Handlungen vorbereitet sind, entsteht die Berechtigung zum tantrischen Weg im Anschluss an die vedischen Riten.
 
'''M 79.71''' Für Shudras und andere kann die Berechtigung zum Tantra unmittelbar bestehen. Denn der Veda ist im Wesen Tantra, und Tantra wird als Veda bezeichnet.
 
'''M 79.72''' Zwischen beiden besteht nicht einmal der geringste wesentliche Unterschied. So sind in Teilen des Veda tantrische Abschnitte erkennbar,
 
'''M 79.73''' in denen die Ordnung von Mantra, Yantra und Puja klar dargelegt wird. Solche Abschnitte stehen an der Spitze des Veda.
 
'''M 79.74''' Weil sie die Kennzeichen des Tantra tragen, gilt Tantra hier als höchst erhaben. Auch in den Tantras finden sich vedische Teile, unterschieden in Mantra und Brahmana,
 
'''M 79.75''' innerhalb der Ritualvorschriften. Deshalb wird das Tantra als vorzüglich bezeichnet. Ebenso finden sich tantrische Bestandteile in den Puranas und anderen Schriften.
 
'''M 79.76''' Umgekehrt enthalten die Tantras Abschnitte über Schöpfung und ähnliche Themen. Diese gehören ihrem Charakter nach zu den Puranas. So verstehe es, Bhargava!
 
'''M 79.77''' Der Ozean des Agama geht somit aus der ursprünglichen Selbstreflexion der erhabenen Tripura hervor. Erkenne daraus die Entfaltung der Veden und Tantras.
 
'''M 79.78''' Die ordnende Notwendigkeit, Niyati, ist ihre Kraft; durch sie ist alles geregelt. Weil Agastya keine tantrische Einweihung besaß, sah er trotz seiner vedischen Gelehrsamkeit,
 
'''M 79.79''' von dieser Ordnung begrenzt, die Stadt auf dem Meru nicht. Dann hörte er die alles überragende Verherrlichung der großen Göttin.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]]: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.]]
 
'''M 79.80''' Voller Hingabe empfing er von seiner Gemahlin die tantrische Einweihung nach der überlieferten Folge und verehrte Tripura. So erlangte er im Kreis des erhabenen Herrn
 
'''M 79.81''' zusammen mit seiner geliebten Frau einen Platz, erfüllt von höchster Glückseligkeit. Auf diese Weise erreichte und schaute er die höchste Wohnstätte.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya das 79. Kapitel: Die Bestimmung des Wesens der Agamas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6546.
 
 
===Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 80: Die wesentlichen Aufgaben der Verehrenden===
 
'''M 80.1''' Nachdem Rama diese von Dattatreya erzählte Geschichte gehört hatte, verneigte er sich mit gefalteten Händen und sprach mit freudigem Herzen erneut:
 
'''M 80.2''' „Erhabener Herr, ich habe deine nektargleichen Worte gehört und bin von meinen Zweifeln frei geworden. Dennoch möchte ich noch etwas fragen.
 
'''M 80.3''' Wenn jemand so die [[Diksha|Einweihung]] empfangen hat, sich der Verehrung Tripurās widmet und seine täglichen Riten erfüllt – durch welche besondere Handlung
 
'''M 80.4''' kann er rasch die große Frucht erlangen, sei er ein König oder ein Mensch ohne Besitz? Erkläre mir dies, o Guru, aus Mitgefühl mit mir, deinem Diener.“
 
'''M 80.5''' So befragt, antwortete Guru Datta, erfreut über dessen Hingabe: „Höre, Rama, dieses große Geheimnis, das Tripurā erfreut.
 
'''M 80.6''' Wie Shiva durch rituelle Übergießungen erfreut wird, die Sonne durch Verneigungen, Ganesha durch Speisegaben und Hari durch Schmuck,
 
'''M 80.7''' so wird die höchste [[Shakti]], die große Herrin, durch besondere, ordnungsgemäße Verehrung erfreut. Höre, was dabei das Vorzüglichste ist.
 
'''M 80.8''' Man errichte nach den eigenen Möglichkeiten einen hohen, kunstvoll gestalteten Tempel und darin den König der Chakras oder ein Bildnis mit den richtigen Merkmalen.
 
'''M 80.9''' Nach ordnungsgemäßer Aufstellung verehre man es täglich selbst oder durch einen anderen – fünfmal, viermal, dreimal, zweimal oder einmal.
 
'''M 80.10''' Die fünf Zeiten sind Morgendämmerung, Morgen, Mittag, Abenddämmerung und die Mitte der Nacht. Im Alltag kann man auch zwei-, drei- oder einmal verehren, an Festtagen jedoch zu allen fünf Zeiten.
 
'''M 80.11''' An großen Festtagen soll unbedingt ein Fest gefeiert werden. Das Prozessionsbild trage oder fahre man auf einem Wagen oder einem anderen Träger hinaus
 
'''M 80.12''' und führe es nach der Vorschrift der Agamas mit Tanz und glückverheißendem Gesang umher. Wer so handelt, wird in Shripura wohnen,
 
'''M 80.13''' innerhalb des blauen Walles, mit allen Freuden versehen. Wer einen eigenen Tempel nicht errichten kann, möge in einem von anderen errichteten den Herrn des Chakras aufstellen.
 
'''M 80.14''' Nichts ist Tripurā so lieb wie die Aufstellung des [[Shri Yantra|Shri Chakras]]. Wer dies vollzieht, kehrt nicht mehr zurück und erlangt nach und nach [[Sayujya|Einheit mit der Göttin]].
 
'''M 80.15''' Schon der Aufstellung des Shri Chakras wird eine unermessliche Frucht zugesprochen. Wo ein fest aufgestelltes Yantra vorhanden ist, möge der Verehrer in seiner Nähe wohnen.
 
'''M 80.16''' Ein solcher Verehrer wohnt gewiss im goldenen Wall. Er soll diese heilige Stätte als allen anderen überlegen erkennen.
 
'''M 80.17''' Wer auch dazu nicht imstande ist, verehre an heiligen Festtagen entsprechend seinen Mitteln ein fest aufgestelltes Chakra oder ein Bildnis voller [[Bhakti|Hingabe]].
 
'''M 80.18''' Die Verehrung eines fest aufgestellten Yantras und entsprechenden Bildnisses bringt eine hunderttausendfach größere Frucht als die eines beweglichen, Rama – daran besteht kein Zweifel.
 
'''M 80.19''' Man verehre die Mutter im Yantra zusammen mit ihren Umkreisgottheiten nach der überlieferten Ordnung und vergegenwärtige sie an ihren jeweiligen Plätzen, um die große Frucht zu erlangen.
 
'''M 80.20''' Wie die Strahlen der Sonne nach allen Seiten ausgebreitet sind, ihrem Wesen nach zur Sonne gehören und die ganze Welt erfreuen,
 
'''M 80.21''' Kälte, Dunkelheit und andere Leiden der Lebewesen vertreiben, so sind auch die als Gefolge bezeichneten Gottheiten der höchsten Shakti Tripurā.
 
'''M 80.22''' Von ihr selbst sind sie damit betraut, den Menschen das Ersehnte zu gewähren. Sie alle sind ihre Anteile und daher nach der rechten Ordnung zu verehren.
 
'''M 80.23''' Wie die Sonne am Himmel eine geeinte Fülle von Strahlen ist, so gilt Tripurā als die Einheit der Shaktis ihrer Umkreise.
 
'''M 80.24''' Die große Herrin der Götter sitzt im Bindu-Chakra. Wer die umfassende Verehrung nicht vermag, verehre sie mit Hingabe, nach seinem Verständnis und nach der ihm möglichen Ordnung. [Die zweite Vershälfte ist fehlerhaft überliefert.]
 
'''M 80.25''' Sie umfasst ihr ganzes Gefolge in sich und kann mit gewöhnlichen Gaben verehrt werden. Auf die jeweils mögliche Weise soll die höchste Herrin in ihrer fest aufgestellten Gestalt verehrt werden.
 
'''M 80.26''' Wer jedoch Zugang zu einem fest aufgestellten Chakra oder Bildnis erlangt und es nicht verehrt, den soll man als einen erkennen, der sich selbst schadet und von der ganzen Welt getadelt wird.
 
'''M 80.27''' Wer wenig vermag, bringe Duftstoffe, Blumen, Früchte, ungebrochene Reiskörner und Wasser, Gaben, Betel, Licht, Verneigungen und ehrerbietige Umkreisungen dar.
 
'''M 80.28''' Mit allen diesen Gaben oder auch nur mit einer, zweien oder einigen verehre er sie dort nach seinen Kräften. Wer sie im Chakra mit den tausend Namen oder anderen Namensreihen verehrt,
 
'''M 80.29''' wird bereits durch eine solche vollständige Verehrung von allen Verfehlungen befreit, sei es ein Mann oder eine Frau. „Daran besteht kein Zweifel“, so sprach der erhabene Shiva.
 
'''M 80.30''' Nun höre die Ordnung einer hunderttausendfachen Verehrung und ähnlicher Feiern. Man beginne an einem besonderen Festtag oder auch an einem Freitag.
 
'''M 80.31''' Man fasse den rituellen Entschluss, verehre Ganapati und lasse Brahmanen Segensworte sprechen. Dann verehre man nach der Ordnung die große Herrin einschließlich ihrer Umkreise.
 
'''M 80.32''' Die Göttin samt ihren Umkreisen verehre man mit den fünf Darbringungen. An der Stelle der Blumengabe vollziehe man die wiederholte Verehrung
 
'''M 80.33''' mit den tausend Namen oder anderen Namensreihen; anschließend vollende man die Verehrung mit Räucherwerk und den weiteren Gaben. So verehre man sie Tag für Tag.
 
'''M 80.34''' Die Zahl der Darbringungen bleibe jeden Tag gleich; man führe die Verehrung in der vorgeschriebenen Folge aus und verwende Blumen derselben Art für die Höchste.
 
[[Datei:Galaxy Universum Planeten Farben.jpg|thumb|Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen [[Bewusstsein]]s betrachtet.]]
 
'''M 80.35''' Man vollziehe sie selbst, durch Sohn, Ehefrau und andere Angehörige oder durch einen Brahmanen. Am Ende errichte man auf dem Sarvatobhadra-Mandala mit neun Yonis
 
'''M 80.36''' einen schön aufgestellten Krug aus Gold oder einem anderen geeigneten Material, geschmückt mit Fäden und Gewändern, inmitten einer Anhäufung von Reiskörnern.
 
'''M 80.37''' Man stelle ihn geschmückt und beräuchert auf, spreche den Mantra und fülle ihn mit Wasser, dem acht Duftstoffe beigegeben sind. Fünf Edelsteine
 
'''M 80.38''' lege man hinein, bedecke ihn der Reihe nach mit fünf Blättern und lege Reis, eine Frucht und ein gefülltes Gefäß auf seine Öffnung. [Die Vorlage kennzeichnet die Lesung als unsicher.]
 
'''M 80.39''' Darauf stelle man eine in allen Gliedern schön gestaltete Darstellung der Göttin auf, rufe sie darin an und vollziehe ihre Verehrung.
 
'''M 80.40''' Zuerst verehre man der Reihe nach die Gottheiten des Sarvatobhadra-Mandalas, in den zehn Richtungen die Richtungshüter und an den vier Verkettungen
 
'''M 80.41''' Dharma und die weiteren entsprechenden Mächte. Im mittleren weißen Feld sowie im roten halben Feld verehre man Adharma und die anderen, beginnend im Osten und im Uhrzeigersinn. [Die Zuordnung der Felder ist sprachlich unsicher.]
 
'''M 80.42''' Man verehre die Paare, angefangen mit Asitanga, und an den Einfassungen die drei Gunas. Nachdem man so verehrt und die Verehrung des Sitzes vorausgeschickt hat,
 
'''M 80.43''' rufe man Tripurā nach der Ordnung in den Krug herab und verehre sie mit den Darbringungen. Die betreffenden Blumen und anderen Gaben fertige man auch aus Gold oder Silber,
 
'''M 80.44''' im Gewicht eines Masha oder eines Karsha, möglichst nicht darunter; oder man verwende die Hälfte oder ein Viertel davon und fertige neun solcher Gaben.
 
'''M 80.45''' Bei den Darbringungen verehre man mit den Namen der Göttinnen, angefangen mit Vashini, und in der Mitte Tripurā. In der Nacht verehre man den Herrn des Chakras
 
'''M 80.46''' westlich des Kruges auf dem Sarvatobhadra-Mandala. Man vollziehe dies selbst oder durch einen [[Acharya]], der die Abfolge kennt.
 
'''M 80.47''' Nach der Schrift verehre man ein Mädchen und einen Knaben, den Guru, eine verheiratete Frau sowie Brahmanen und die übrigen der Reihe nach.
 
'''M 80.48''' Man schließe die Verehrung ab, ohne die Gottheit zu verabschieden, und wache nachts mit allen Versammelten bei Erzählungen, Gesängen und Tänzen.
 
'''M 80.49''' Am folgenden Tag verehre man nach Erfüllung der notwendigen Verrichtungen den Herrn des Chakras. Nach dem zur Verehrung gehörenden Feueropfer bereite man das Feuer nach der Schrift.
 
'''M 80.50''' Darin bringe man tausend Gaben der jeweiligen Blumen ordnungsgemäß dar. Nach Abschluss der Verehrung und der Verabschiedung der Gottheit überreiche man den Krug samt Gewand,
 
'''M 80.51''' Gabe und Bildnis einer verheirateten Frau. Sechzehn Brahmanen, acht verheiratete Frauen,
 
'''M 80.52''' Knaben und Mädchen bewirte man ohne Geiz mit Speisen verschiedener Art und erfreue sie durch Gaben und Geschenke.
 
'''M 80.53''' Durch solche Verehrung wird man von allen Verfehlungen frei. Die erfreute Herrin Tripurā gewährt das Ersehnte.
 
'''M 80.54''' Mit allem Wohlergehen, Nachkommen und Söhnen gesegnet, hilft der Verehrer seinen Vorfahren empor und erlangt am Ende Befreiung.
 
Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:
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'''M 80.55''' Mit Lotosblüten wird die Erlangung eines Königreichs verbunden, mit Oleander großer Wohlstand, mit Hibiskus Nachkommenschaft, mit Jasmin ein Haus und Ähnliches.
 
'''M 80.56''' Mit Yoni-Blüten wird das Gedeihen der Familie verbunden, mit Bakula-Blüten Heiterkeit, mit Kimshuka die Beseitigung von Krankheit, mit Kutaja die Überwindung von Feinden.
 
'''M 80.57''' Ebenso erlangt man durch die ordnungsgemäße Verehrung mit anderen wohlriechenden Blumen und Blättern eine große Frucht, o Nachkomme Bhrigus.
 
'''M 80.58''' Nach dem beschriebenen Weg verehre man auch mit Früchten und Getreide, oder man verehre Mutter Tripurā mit Lampen, deren Dochte zusammen hunderttausend zählen.
 
'''M 80.59''' Wer dazu imstande ist, richte die Lampen mit je zwei Dochten her, mit zehn, hundert oder tausend,
 
'''M 80.60''' mit fünfzigtausend oder hunderttausend. Jede mit Ghee gefüllte Lampe bringe man unter Nennung eines Namens dar,
 
'''M 80.61''' mit den tausend oder den hundert Namen der Göttin, in zehn Wiederholungen oder einer einzigen,
 
'''M 80.62''' oder in fünfhundert Wiederholungen. So bringe man der Göttin Licht dar. Am Ende fertige man aus Gold oder Silber neun Dochtpaare
 
'''M 80.63''' und bringe sie in einer kupfernen, mit Ghee-Dochten hell brennenden Lampe am Krug dar. Ebenso opfere man Milchspeise im Feuer. [Das Verhältnis der metallenen Dochtformen zu den brennenden Dochten bleibt unklar.]
 
'''M 80.64''' Am Herrn des Shri Chakras vollziehe man eine rituelle Übergießung mit dem [[Shri Sukta]], in hunderttausend, tausend oder hundert Wiederholungen,
 
'''M 80.65''' selbst oder durch Brahmanen, mit Milch, Zuckerrohrsaft, Ghee, Honig, Fruchtsaft, Dickmilch oder wohlriechendem
 
'''M 80.66''' Wasser aus heiligen Gewässern, Rama, nach der zuvor beschriebenen Weise. Am Ende opfere man der Reihe nach Milchspeise im Feuer, im Umfang eines Zehntels,
 
'''M 80.67''' jeweils zu einem Vers des Shri Sukta, und schließe wie zuvor ab. Auch einer Rudra-Übergießung wird eine große Frucht zugesprochen.
 
'''M 80.68''' So, Nachkomme Bhrigus, wurde die heilsame Praxis der Wohlhabenden beschrieben. Menschen ohne Besitz sollen heilsame Praxis durch ihren körperlichen Einsatz verwirklichen.
 
'''M 80.69''' Wer dazu imstande ist, unternehme eine Pilgerreise und erlange dadurch Heil; oder er leiste an einer Stätte der Gottheit Dienst.
 
'''M 80.70''' Oder er diene ohne eigennütziges Verlangen denen, die sich ganz der Verehrung widmen. Für einen Menschen von sehr geringem Verständnis wird dies allein als Aufgabe genannt.
 
'''M 80.71''' Ein verständiger Mensch erlangt Heil durch Japa und Rezitation, durch das Erzählen heiliger Geschichten, durch das Studium der Schriften über die Gottheit und durch deren Unterricht.
 
'''M 80.72''' Wer geeigneten Menschen die Lehre von der Verehrung der Gottheit gründlich vermittelt, wird nach dem Tod lange innerhalb des Korallenwalles wohnen.
 
'''M 80.73''' Wer in den Tempeln mit aufrichtiger Hingabe Bilder der Göttin malt, wird lange, im Innersten voller Freude, im Frühlingswall wohnen.
 
'''M 80.74''' Wer den Tempel reinigt, ihn mit kühlem Wasser besprengt und ebenso mit kühlem, wohlriechendem Wasser übergießt,
 
'''M 80.75''' wird innerhalb des Mondwalles frei von sengendem Leid wohnen. Wer nachts den Tempel mit Lampen erhellt,
 
'''M 80.76''' wird innerhalb des Sonnenwalles wohnen und die gewünschten Freuden erlangen. Welchen Dienst jemand hier im Tempel auch leistet,
 
'''M 80.77''' erlangt er nach dem Tod einen entsprechenden Ort in Shripura. Auch durch Gaben an Verehrer erlangt man dort einen Platz.
 
'''M 80.78''' Wer einem geeigneten Menschen aus Hingabe ein Buch über die Gottheit schenkt, erlangt eine freudenreiche Wohnstätte im Siddha-Wall.
 
'''M 80.79''' Wer einem vortrefflichen Übenden Geräte zur Verehrung schenkt, wird im Wall der Richtungshüter wohnen und Glück erfahren.
 
[[Datei:MahadeviBogen.jpg|thumb|Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.]]
 
'''M 80.80''' Was immer jemand einem hervorragenden Verehrer voller Hingabe schenkt, eine dem entsprechende Wohnstätte erlangt er – daran besteht kein Zweifel.
 
'''M 80.81''' Nun werde ich dir die höchste unter den Gaben erklären: Die Schenkung des Shri Chakras bringt eine große Frucht.
 
'''M 80.82''' Nachdem man den König der Chakras ordnungsgemäß verehrt hat [die einleitende Zeit- oder Umstandsangabe ist beschädigt], verehre man am Ende einen würdigen Brahmanen, der sich der Verehrung Tripurās widmet,
 
'''M 80.83''' zusammen mit seiner Frau, durch besondere Gaben, Gewänder, Schmuck, Düfte, Blumen und die weiteren Darbringungen in ihrer Folge.
 
'''M 80.84''' Das Chakra samt Sitz, Geräten und Materialien zur Praxis übergebe man, indem man gewöhnliches Arghya-Wasser in die Hand des Brahmanen gießt.
 
'''M 80.85''' Darauf soll der Brahmane die Verabschiedung der Gottheit und die weiteren Abschlussriten vollziehen. Man bewirte Brahmanen in einer den Umkreisen entsprechenden Zahl nach der rechten Ordnung.
 
'''M 80.86''' Verheiratete Frauen bewirte man unter Nennung der sechzehn Namen der Nityas; oder man bewirte Brahmanen sorgsam nach den eigenen Möglichkeiten.
 
'''M 80.87''' Oder man verehre und bewirte verheiratete Frauen mit den Namen der Nityas; außerdem werden sechzehn beziehungsweise zwölf Brahmanen genannt. [Die Zuordnung der beiden Zahlen ist in der Überlieferung nicht eindeutig.]
 
'''M 80.88''' Wer so den König der Chakras voller Hingabe verschenkt, dem gewährt die erfreute große Göttin die Einheit mit sich selbst.
 
'''M 80.89''' Er gilt als einer, der in allen heiligen Gewässern gebadet, alle Gelübde erfüllt, alle Gaben gespendet und alle Opfer vollzogen hat.
 
'''M 80.90''' Er gilt als einer, der Askese geübt und alle Agamas studiert hat. Auch Tripurā denkt: „Es gibt keine Frucht, die dieser Handlung angemessen wäre.“
 
'''M 80.91''' Darum gewährt sie ihm rasch die Einheit mit sich. Denn das Chakra, Rama, ist ein Abbild der gesamten Welt.
 
'''M 80.92''' Damit hat er die ganze Welt geschenkt – was wäre dann noch nicht geschenkt? Wenn er es mit einem bestimmten Wunsch vollzieht, was immer er erstrebt,
 
'''M 80.93''' das erlangt er rasch und am Ende auch Befreiung. Wer auf diese Weise ein fest aufgestelltes Yantra samt einem Hara [Lesung beziehungsweise Gegenstandsbezeichnung unklar]
 
'''M 80.94''' und einer großen Gabe einem Brahmanen schenkt – dessen Verdienst könnte selbst Ananta niemals schildern.
 
'''M 80.95''' Ebenso möge er voller Hingabe ein Bildnis, einen Narmada-Stein, einen als Shiva bezeichneten Gegenstand [Lesung unklar], einen Shaligrama oder eine Kundalini-Darstellung schenken.
 
'''M 80.96''' Nachdem er lange in Shripura geweilt hat, wird er am Ende des leiblichen Daseins befreit. Wer einen verfallenen Tempel des Königs der Chakras oder einer anderen Gottesgestalt erneuert,
 
'''M 80.97''' erlangt hundertmal so viel Verdienst wie durch den Bau eines neuen Tempels. Wer eine lange unterbrochene Verehrung wieder in Gang setzt,
 
'''M 80.98''' indem er Geld oder Land schenkt, erlangt ebenfalls eine hundertfache Frucht. Nun höre noch das Allerverborgenste, Nachkomme Bhrigus!
 
'''M 80.99''' Wer geeigneten Hingebungsvollen die Überlieferung vermittelt, nach der Ordnung der stufenweisen Einweihung und der weiteren Unterweisungen, wird hier mit einer Lesung beschrieben, die wörtlich „auf Geld, Ehre und Ähnliches bedacht“ lautet. [An dieser entscheidenden Stelle ist vermutlich eine Verneinung ausgefallen; sie wird nicht stillschweigend ergänzt.]
 
'''M 80.100''' Dessen Frucht ist unendlich, Rama! Wer könnte sie schildern? Nach seinem Wunsch weilt er im Kreis der Meister und wird am Ende befreit.
 
'''M 80.101''' Wer aber einen geeigneten Menschen, der um Unterweisung in der Verehrung bittet, aus Begierde, Verblendung, Nachlässigkeit oder auch aus Abgewandtheit zurückweist,
 
'''M 80.102''' und wer aus Gier nach Besitz die Lehre einem Ungeeigneten vermittelt – für beide gibt es keine gute Welt; sie werden einen niederen Zustand erlangen.
 
'''M 80.103''' Auch wer aus törichter, besitzergreifender Bindung an sein Wissen den Hingebungsvollen die Überlieferung nicht erklärt, gelangt in einen niederen Zustand.
 
'''M 80.104''' Darum soll man einen geeigneten, von Hingabe erfüllten Menschen, der die Überlieferung verstehen möchte, niemals zurückweisen, sei es der eigene Schüler oder ein anderer.
 
'''M 80.105''' Dies bringt eine große Frucht, Rama; nichts kommt ihm gleich. Andere Gaben, die nicht das Selbst zum Inhalt haben, können sogar binden.
 
'''M 80.106''' Das Schenken der Erkenntnis ist in besonderem Sinn ein Schenken des eigenen Selbst. Auch durch die schriftliche Weitergabe der Erkenntnis kann ihre Frucht unendlich sein. [Die erste Vershälfte enthält eine Wortwiederholung.]
 
'''M 80.107''' Wer wegen begrenzten Verständnisses die Erkenntnis nicht selbst lehren kann, erlangt ihre Frucht auch dadurch, dass er die Lehre schriftlich weitergibt.
 
'''M 80.108''' Dieses äußerst verborgene Wissen habe ich dir aus Liebe erklärt. So wird im Weg der Verehrung Tripurās die große Frucht erlangt.
 
'''M 80.109''' Nachkomme Bhrigus, so wurde dir im Geheimnis Tripurās ihre herrliche Größe dargelegt. Wer davon hört, wird von Hingabe erfüllt.“
 
'''M 80.110''' „Göttlicher Weiser, hast du dies mit gesammeltem Geist gehört? Dies ist der Verherrlichungsteil des Geheimnisses Tripurās.
 
'''M 80.111''' Wer ihn hört, wird von allen Verfehlungen frei. Dies ist ein vorzügliches Mittel, um die Bindung des Selbst zu lösen.
 
'''M 80.112''' Denn Hingabe wird die Mutter der Befreiung genannt. Sie entsteht nicht ohne das Hören von der Herrlichkeit der Göttin.
 
'''M 80.113''' Darum ist das Hören ihrer Herrlichkeit die erste Stufe zum Palast des Höchsten. Es gilt in dieser Welt als Tor zur Befreiung.
 
'''M 80.114''' Wie könnte Hingabe entstehen, ohne von ihrer Größe gehört zu haben? Und wie könnte ohne Hingabe das höchste Heil, die höchste Gottheit, erreicht werden?
 
'''M 80.115''' Ohne Hingabe vermögen die Mittel zur Befreiung nichts. Die folgende Vergleichszeile über die Schönheit einer jungen Frau ist beschädigt; der fehlende Vergleichsbezug lässt sich nicht sicher übersetzen.
 
'''M 80.116''' Wie ein Same ohne Erde keinen Spross hervorbringen kann, so bringt Erkenntnis ohne Hingabe keine Frucht hervor.
 
'''M 80.117''' Dem Menschen ohne Hingabe fehlen rechtes Handeln, Verehrung und Unterscheidung. Darum findet der von Hingabe Entblößte nirgends innere Festigkeit.
 
'''M 80.118''' Weil das Hören ihrer Herrlichkeit die Wurzel dieser Hingabe ist, Narada, soll man diesen als Verherrlichung bezeichneten Teil hören.
 
'''M 80.119''' Er tilgt die schweren Verfehlungen der Hörenden und Lesenden. Wer ihre Gnade ersehnt, soll ihn täglich lesen – ein Kapitel oder auch nur einen Vers.
 
'''M 80.120''' Wer nach der gänzlich heilsamen Gnade der Shakti Tripurā verlangt, dem wird hier langes Leben und die Mehrung des Wohlergehens zugesprochen.
 
'''M 80.121''' Ein Besitzloser werde wohlhabend, eine kinderlose Frau Mutter von Söhnen; was immer gewünscht wird, soll durch das Hören dieses Textes erlangt werden.
 
'''M 80.122''' Abgeschrieben schenkt er Wissen, verehrt gewährt er das Ersehnte; gründlich erwogen schenkt er den Menschen Erkenntnis, Hingabe, Nichtanhaftung und die weiteren Tugenden.
 
'''M 80.123''' Der Schlussvers beschreibt das aus dem Quirlen des Ozeans aller Agamas gewonnene Nektarhafte der Hingabe und die Unsterblichkeit Shivas und der übrigen Götter; die Verbform ist beschädigt. Er endet: „Diese Mutter ist Tripurā selbst – Hrīm.“
 
'''Kapitelabschluss:''' Hier endet Kapitel 80 des Māhātmyakhaṇḍa im erhabenen Tripurārahasya: Die wesentlichen Aufgaben der Verehrenden.
 
==Angehängte Lob- und Meditationsverse==
Nach dem Abschluss des Māhātmyakhaṇḍa stehen in der Sanskritgrundlage weitere, unnummerierte Gebets- und Betrachtungsverse. Sie sind von den achtzig Kapiteln des Werkteils zu unterscheiden; einzelne werden ausdrücklich anderen Hymnen zugeordnet. Die Buchstaben A 1–7 dienen hier allein der Orientierung.
 
'''Abschlusswidmung des Māhātmyakhaṇḍa'''
 
Dies sei der Mutter Tripura dargebracht. Om, das ist die Wahrheit. Hier endet der Māhātmyakhaṇḍa im Tripurārahasya.
 
'''A 1 – Ehrfürchtige Bitte an Shri Vidya'''
 
Möge jene ewige Herrin der Welten wie ein Schwan in meinem Geist wohnen: Ein unbeschreiblicher, makelloser Strahl ihrer Kraft überflutet alle Richtungen mit den nektargleichen Lichtstrahlen erwachter Erkenntnis und durchdringt die sechs Chakras. Sie allein vermag die Finsternis der Niedergeschlagenheit zu zerreißen und entfaltet die höchste Sprache.
 
'''A 2 – Das Geheimnis der Tripura'''
 
Die Dreiheit der Götter, der Feuer und der Shaktis, die drei Töne, die drei Welten, die dreifüßige heilige Formel, die drei Pushkaras, das dreifache Brahman und die drei Laute: Was immer in der Welt dreifach geordnet ist, einschließlich der drei menschlichen Lebensziele, all dies folgt in Wahrheit deinem Namen Tripura, Erhabene. ''Einzelne Bestandteile der stark verdichteten Liste sind sprachlich unsicher. Die Quelle weist den Vers dem Laghustava des Laghvacarya zu; die einzelnen Dreiheiten werden dort nicht weiter erklärt.''
 
'''A 3 – Betrachtung der höchsten Mutter'''
 
Man meditiere über die höchste Mutter: Ihr Körper ist zinnoberrot, sie hat drei Augen. Auf ihrer Rubinkrone leuchtet die Mondsichel; ihr Gesicht lächelt, ihre Brüste sind voll. In ihren Händen trägt sie eine mit berauschendem Trank gefüllte Edelsteinschale und einen roten Lotus. Sanft ist sie, und ihre roten Füße ruhen auf einem edelsteinbesetzten Gefäß.
 
'''A 4 – Betrachtung der Shri Vidya'''
 
Man meditiere über Shri Vidya, die auf einem Lotus sitzt, mit erblühtem Antlitz und langen Augen wie Lotusblätter. Sie glänzt golden, trägt ein gelbes Gewand und hält einen leuchtenden goldenen Lotus in der Hand. Von schöner Gestalt, mit allem Schmuck versehen, gewährt Bhavani stets Furchtlosigkeit und ist durch Hingabe zugänglich. Ihre Gestalt ist Frieden; alle Götter preisen sie, und sie schenkt jede Fülle. ''Die Wörter für Goldglanz, Furchtlosigkeit und die Zugänglichkeit durch Hingabe sind im überlieferten Wortlaut beschädigt; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Sinn der Meditationsstrophe.''
 
'''A 5 – Ein Vers aus dem Karpurastava'''
 
„Dunkle Göttin! Den Menschen, die bei deiner Verehrung Fleisch samt Haaren und Knochen als Opfer darbringen – von Katze, Kamel, Schaf, Mensch oder Büffel oder auch von einer Ziege –, erwachsen nach dieser Aussage alle außergewöhnlichen Vollkommenheiten auf Schritt und Tritt.“ ''Der im Anhang ausdrücklich dem Karpurastava zugewiesene Vers enthält eine drastische Opferliste. Er wird als überlieferter Text wiedergegeben, nicht als Praxisempfehlung. Eine symbolische Umdeutung dieser Liste wird im beigefügten Wortlaut nicht erläutert; einzelne Wörter sind gestört.''
 
'''A 6 – Verehrung Tripuras'''
 
Mutter, ich nehme Zuflucht zu deiner Gestalt, die ganz aus Bewusstsein besteht: Ursprung der Glückseligkeit und Wohnstätte der heiligen Offenbarungen. Brahma, Shiva und Vishnu verehren deine Lotusfüße. Tripura, dich, die Geburtsstätte alles Glücks, verehre ich in rechter Weise.
 
'''A 7 – Verherrlichung der Hrim-Silbe'''
 
Tripura, was wäre für jene hier schwer zu erlangen, die täglich deinen Namen rezitieren? Lakshmi selbst dient ihnen freudig und verleiht die Würde von Kränzen, Kronen und mächtigen Elefanten. ''Die im Versanfang wiederholte Bija-Silbe ist abweichend und unsicher überliefert; deshalb wird daraus keine Rezitationsformel hergestellt. Die deutsche Wiedergabe gibt den verständlichen Sinn des Lobverses wieder, nicht eine gesicherte Mantrafassung.''
 
==Spirituelle Bedeutung des Tripura Rahasya==
Die hier übersetzten Kapitel zeichnen einen Weg, auf dem Hingabe, Erforschung und tätige Großzügigkeit einander tragen. Parashurama beginnt nicht als Anfänger ohne Praxis. Gerade die Vertiefung seiner Verehrung lässt ihn fragen, ob die unablässige Suche nach Ergebnissen je an ein Ende gelangt. Diese Frage ist keine Verurteilung verantwortlichen Handelns. Sie richtet sich gegen die Verwechslung einer vorübergehenden Erleichterung mit bleibender Erfüllung.
 
Die Vidyāgītā führt die Frage an ihren Grund. Was als göttliche Mutter verehrt wird, leuchtet zugleich als Bewusstsein jedes Erlebens. Der Unterschied zwischen innerer und äußerer Verehrung verliert dadurch seine Starrheit: Ein Bild, ein Mantra oder ein heiliger Ort können das Herz sammeln; Erkenntnis durchschaut, dass auch Verehrer, Verehrung und Verehrte in derselben Wirklichkeit erscheinen. Die nichtduale Einsicht muss die Liebe nicht zum Verstummen bringen. Sie kann sie von der Angst befreien, das Göttliche sei grundsätzlich fern.
 
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|[[Shiva]] und [[Shakti]] erinnern an die Untrennbarkeit von Bewusstsein und schöpferischer Gegenwart.]]
 
Die hohen Aussagen über Mühelosigkeit dürfen nicht mit gedankenloser Gleichgültigkeit verwechselt werden. Der Text sagt ausdrücklich, dass Erkenntnis frei von Dumpfheit ist. Er beschreibt die Reife eines klaren, nicht mehr an einer getrennten Identität haftenden Bewusstseins. Die geringere Aufmerksamkeit auf weltliche Zwecke, die manche Verse schildern, ist keine allgemeine Aufforderung, Verpflichtungen zu vernachlässigen.
 
Im letzten Kapitel des Māhātmyakhaṇḍa wird diese innere Weite sozial greifbar: Ein Tempel kann gereinigt, ein Licht entzündet, eine Praxis unterstützt und ein Buch weitergegeben werden. Nicht jeder Mensch verfügt über dieselben Mittel; die Möglichkeit des Dienens bleibt dennoch offen. Die Weitergabe von Erkenntnis wird sogar als Gabe des Selbst gewürdigt. Damit begegnen sich [[Jnana Yoga]], [[Bhakti Yoga]] und [[Karma Yoga]], ohne dass man die überlieferten Riten in moderne Übungen umdeuten müsste.
 
'''Die Kraft, die nicht außerhalb des Bewusstseins steht'''
 
Der Māhātmyakhaṇḍa vertieft das Verhältnis von [[Shiva]] und [[Shakti]]: So wenig eine Sonne ohne Leuchtkraft besteht, so wenig besteht Shiva ohne Bewusstseinskraft (79.54–57). Umgekehrt ist Shakti keine vom Bewusstsein abgetrennte Energie. Das Bild des göttlichen Paares hält Ruhe und schöpferisches Erscheinen zusammen. Kameshvara geht im Mythos aus Lalita selbst hervor; die höchste Einheit wird dadurch nicht zu zwei voneinander unabhängigen Wirklichkeiten.
 
Die Welt Shripuras führt von äußeren Wällen bis zu den Kräften des Geistes und zum Mittelpunkt der Verehrung. Sprache, [[Nadi]]s und [[Chakra]]s erscheinen in diesem heiligen Zusammenhang. Diese Bilder erschließen einen geistlichen Kosmos; sie ergeben für sich keine vollständige Anleitung zu Atemlenkung, Nyasa oder Kundalini-Praxis. Die einzelnen Kräfte werden in Māhātmya 80.20–23 mit Sonnenstrahlen verglichen: Viele Wirkweisen gehören zu einer einzigen leuchtenden Gegenwart.
 
'''Hingabe im Widerspruch'''
 
Bhandas Geschichte ist besonders anspruchsvoll. Sein früherer Übergriff bleibt schuldhaft, und sein zunächst hilfreiches Handeln hebt diese Schuld nicht auf. Dennoch bleibt in ihm eine Erinnerung an die Göttin lebendig. Der Text führt ihn durch Macht, Überdruss, Trauer und Hingabe bis zur völligen Sammlung auf Lalitas Füße. Die mythische Vernichtung ist dabei kein Vorbild menschlichen Handelns. Spirituell bedeutsam ist die Frage, ob auch ein tief verstrickter Mensch seine Ausrichtung ändern und Gnade empfangen kann.
 
In der Ganesha-Episode zeigt sich ein anderes Hindernis: Die gemeinsame Aufgabe zerfällt durch Trägheit und gegenseitiges Misstrauen. Ganesha geht aus dem liebevollen Blick Lalitas auf Kameshvara hervor; nach der Zerstörung des Hindernis-Yantras kehren Klarheit und Handlungsfähigkeit zurück. Für eine heutige Betrachtung lässt sich darin die Verbindung von liebevoller Sammlung und entschlossenem Handeln sehen, ohne den erzählten Zauber zum Erklärungsmodell alltäglicher Konflikte zu machen.
 
'''Weibliche Lehrerschaft und gelebte Erkenntnis'''
 
Hemalekha unterweist ihren Gemahl, eine Asketin prüft Ashtavakras Wissen, und Lopamudra weiht Agastya ein. Diese drei Konstellationen sind für das Werk wesentlich: Geistliche Autorität beruht auf Einsicht und Überlieferung und ist nicht auf die männlichen Hauptfiguren beschränkt. Zugleich fordert Jñāna 21.30–34 dazu auf, die Kennzeichen der Erkenntnis vor allem zur eigenen Prüfung zu verwenden. Das bewahrt die Lehre davor, zu einem bloßen Maßstab für Urteile über andere zu werden.
 
'''Anregungen für heutige Aspiranten'''
 
Die folgenden Anregungen sind eine heutige Anwendung der behandelten Lehren:
*Lies täglich einen kurzen Abschnitt und frage: Welche meiner Erwartungen stellt er infrage?
*Verbinde [https://www.yoga-vidya.de/meditation/meditation Meditation] mit einer einfachen Selbstbeobachtung: Gedanken verändern sich – worin werden sie erkannt?
*Lass eine Form der Hingabe Raum behalten, etwa Dankbarkeit, ein Gebet oder bewusstes Verneigen. Nichtdualität muss das Herz nicht trocken machen.
*Prüfe den Umgang mit besonderen Erfahrungen. Der Text stellt Selbsterkenntnis über außergewöhnliche Kräfte.
*Setze eine Einsicht in einen konkreten Dienst um: unterstütze einen Lernenden, teile ein gutes Buch oder hilf an einem Ort gemeinsamer Praxis.


==Siehe auch==
==Siehe auch==
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*[[Bhakti Yoga]]
*[[Bhakti Yoga]]
*[[Erkenntnis]]
*[[Erkenntnis]]
*[[Yogini Hridaya]]
*[[Nitya Shodashikarnava]]
*[[Vamakeshvara Tantra]]
*[[Kama Kala Vilasa]]
*[[Varivasyarahasya]]
*[[Gandharva Tantra]]
*[[Kularnava Tantra]]
*[[Vijnana Bhairava Tantra]]
*[[Pratyabhijnahridaya]]
*[[Shiva Sutra]]
*[[Spandakarika]]
*[[Tantrasara]]
*[[Dattatreya]]
*[[Tripura Sundari]]
==Literatur und Weblinks==
'''Traditionelle Yoga-Vidya-Literatur'''
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p848_Das-Yoga-Lexikon/ ''Das Yoga-Lexikon'' von Wilfried Huchzermeyer]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p62_Sadhana---Ein-Lehrbuch-mit-Techniken-zur-spirit--Vollkommenheit/ ''Sadhana – Ein Lehrbuch mit Techniken zur spirituellen Vollkommenheit'']
*[http://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p353_Goetter-und-Goettinnen-im-Hinduismus/ ''Götter und Göttinnen im Hinduismus'' von Swami Sivananda]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p168_Die-Kundalini-Energie-erwecken---Sukadev-V--Bretz/ ''Die Kundalini-Energie erwecken'' von Sukadev V. Bretz]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p43_Japa-Yoga/ ''Japa Yoga'' von Swami Sivananda]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p43_Japa-Yoga.html ''Japa Yoga'' – frühere Yoga-Vidya-Linkfassung]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p902_Karma-und-Reinkarnation/ ''Karma und Reinkarnation'' von Sukadev V. Bretz]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p72_Asana-Pranayama-Mudra-Bandha-von-Swami-Satyananda-Saraswati/ ''Asana Pranayama Mudra Bandha'' von Swami Satyananda Saraswati]
*[http://my.yoga-vidya.org/profiles/blogs/meaning-of-karma-by-swami Meaning of Karma – by Swami Sivananda]
'''Textausgaben und weiterführende Quellen'''
*Hāritāyana: ''Tripurārahasya, Jñānakhaṇḍa'', mit der ''Tātparyadīpikā'' von Śrīnivāsabhaṭṭa. Elektronische Sanskritüberlieferung: Muktabodha, M00344.
*''Tripurārahasya, Māhātmyakhaṇḍa'', Gurumaṇḍalagranthamālā 28, Teil 2, Kapitel 51–80. Elektronische Sanskritüberlieferung: Muktabodha, M00221.
*[https://wiki.yoga-vidya.de/Tripura_Rahasya Tripura Rahasya im Yoga Vidya Wiki] – ergänzende traditionelle Deutungen; keine Ersatzquelle für den hier wiedergegebenen Sanskritwortlaut.
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga: Grundlagen und Praxis]
*[https://www.yoga-vidya.de/meditation/meditation Meditation: Einführung und Vertiefung]
==Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung==
Sanskritgrundlage: Muktabodha Indological Research Institute, elektronische Texte M00344, ''Tripurārahasya, Jñānakhaṇḍa'', mit Śrīnivāsabhaṭṭas ''Tātparyadīpikā'' (Revision vom 21. Februar 2016), und M00221, ''Tripurārahasya, Māhātmyakhaṇḍa'', Kapitel 51 bis zum Schluss, Gurumaṇḍalagranthamālā 28, Teil 2 (Revision vom 18. September 2010). Erfassung durch die Mitarbeiter des Instituts unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Beide elektronischen Texte nennen [https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ Creative Commons BY-NC 4.0] als Lizenz.
Die Sanskritwiedergabe bewahrt die Lesungen, Variantenklammern, Sprecherangaben, Kolophone und angehängten Verse der elektronischen Textgrundlage. Kapitelüberschriften, Absätze und Halbversumbrüche sind für die Lektüre gegliedert; Druckseitenmarkierungen entfallen. Offensichtliche Schreib- und Nummerierungsprobleme der Grundlage sind damit nicht als gesicherte Lesungen bestätigt. Im Māhātmyakhaṇḍa stehen teilweise verkürzte oder widersprüchliche Kapitelbezeichnungen; die Orientierung folgt der fortlaufenden Kapitelabfolge und den Kolophonen. Der Jñānakhaṇḍa überliefert den Grundtext zusammen mit seinem Sanskritkommentar; wiederkehrende Versnummern können sich auf die anschließende Erklärung desselben Verses beziehen.
Māhātmyakhaṇḍa 1–50 und ein Caryākhaṇḍa gehören nicht zum hier zugrunde liegenden Textbestand. Die abschließenden Lob- und Meditationsverse nach dem Māhātmyakhaṇḍa werden als Anhang überliefert, nicht als zusätzliche Kapitel des Grundwerks.
Die deutsche Übersetzung umfasst Jñānakhaṇḍa 1–22 sowie Māhātmyakhaṇḍa 51–80, insgesamt 4.672 nummerierte Einträge. Die angehängten Lobverse sind ebenfalls übersetzt. Der umfangreiche Kommentar Tātparyadīpikā bildet eine eigene Textebene; seine deutsche Wiedergabe steht vollständig im [[Tripura Rahasya Teil 2|zweiten Teil]]. Der hier übersetzte Grundtext ist im Umfang der genannten Sanskritgrundlage wiedergegeben, nicht im Umfang des gesamten historischen Werkes. Unsichere oder beschädigte Wörter sind an den betreffenden Stellen kenntlich gemacht; bei M 80.115 und 80.123 ist keine durchgehend sichere Übersetzung möglich. Die Angaben zu Wunschfrüchten und übernatürlichen Kräften geben Aussagen des religiösen Textes wieder.
==Seminare==
'''Chakras'''<br>
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'''Karma Yoga'''<br>
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'''Kundalini Yoga'''<br>
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'''Yoga und Meditation Intensiv-Praxis'''<br>
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Wer nach der vollständigen Lektüre weiter vertiefen möchte, kann unmittelbar zur [[Tripura Rahasya Teil 2|Tātparyadīpikā]], zum [[Tripura Rahasya Sanskrit IAST|Sanskrittext]] oder zur Auswahl [[Tripura Rahasya 108 Inspirierende Verse und Mantras|108 inspirierender Verse und Mantras]] weitergehen.


==Weblinks==
'''Zur Übersicht:''' [[Tripura Rahasya|Grundtext und deutsche Übersetzung]] · [[Tripura Rahasya Teil 2|Tātparyadīpikā – deutsche Übersetzung]] · '''Sanskrit:''' [[Tripura Rahasya Sanskrit IAST|IAST]] · [[Tripura Rahasya Sanskrit Devanagari|Devanagari, Jñānakhaṇḍa]] · [[Tripura Rahasya Sanskrit Devanagari Teil 2|Devanagari, Māhātmyakhaṇḍa]] · '''Praxis:''' [[Tripura Rahasya 108 Inspirierende Verse und Mantras|108 inspirierende Verse und Mantras]]
*[http://my.yoga-vidya.org/profiles/blogs/meaning-of-karma-by-swami Meaning of Karma - by Swami Sivananda]
[[Kategorie:Tantra Schriften]]
[[Kategorie:Schriften]]
[[Kategorie:Shaktismus]]

Aktuelle Version vom 17. September 2026, 16:37 Uhr

Tripura Rahasya (Sanskrit: त्रिपुरारहस्य, Tripurārahasya, „Das Geheimnis der Tripurā“) ist eine religiöse Erzähl- und Lehrschrift der shaktischen Tradition, in der die Verehrung der Göttin Tripurā und die Erkenntnis des nichtdualen Bewusstseins zusammenfinden. Die Göttin ist hier zugleich die liebevoll verehrte Mutter und die Wirklichkeit, in der Erkennender, Erkennen und Erkanntes erscheinen. Der Text verbindet Hingabe, Unterweisung, prüfende Selbsterforschung und Befreiung.

Seine besondere Kraft liegt darin, dass er die Suche nach Wahrheit in menschlichen Fragen entfaltet. Selbst langjährige Praxis kann die Frage offenlassen: Was ist wirklich gewonnen, solange neue Wünsche uns weiter antreiben? Im Gespräch mit Dattatreya wird diese Frage für Parashurama zum Ausgangspunkt einer tieferen Erkenntnis. Yoga und Meditation erhalten dadurch eine klare Richtung: das eigene Wesen zu erkennen und diese Einsicht im Leben reifen zu lassen.

Devi wird als Mutter, Lehrerin und Wesen des Bewusstseins verehrt.

Textumfang: Die deutsche Übersetzung umfasst den Grundtext des Jñānakhaṇḍa, Kapitel 1–22, und den vorliegenden Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 51–80, sowie dessen angehängte Lob- und Meditationsverse. Māhātmyakhaṇḍa 1–50 und der Caryākhaṇḍa liegen nicht vor. Beschädigte und unvollständige Stellen sind bezeichnet. Der Sanskrittext in IAST und die Devanagari-Wiedergabe umfassen zusätzlich den ausführlichen Sanskritkommentar Tātparyadīpikā, dessen deutsche Wiedergabe im zweiten Teil steht.

Zur Übersicht: Grundtext und deutsche Übersetzung · Tātparyadīpikā – deutsche Übersetzung · Sanskrit: IAST · Devanagari, Jñānakhaṇḍa · Devanagari, Māhātmyakhaṇḍa · Praxis: 108 inspirierende Verse und Mantras


Spirituelle Ratschläge und Praxisdeutung

Robert Lewis Reid: Knowledge, Wandgemälde, 1896. Die Verbindung von Nichtwissen und Erkenntnis gehört zu den Leitmotiven des Tripura Rahasya.

Das Tripura Rahasya lässt sich nicht nur als philosophische Schrift lesen, sondern auch als Wegweiser für die Sadhana. In der Yoga-Vidya- und Sivananda-Tradition wird Tripura häufig praktisch-symbolisch als Hinweis auf die „drei Burgen“ verstanden, die es im eigenen Inneren zu überwinden gilt. Diese Deutung ist eine spirituelle Anwendung und nicht die alleinige philologische Erklärung des Werktitels. Rahasya (Sanskrit: रहस्य rahasya) bedeutet Geheimnis, Geheimlehre oder Mysterium; auch die Upanishaden werden in traditionellem Sprachgebrauch als verborgene Weisheitslehren verstanden.

Die drei inneren Burgen überwinden

Eine traditionelle Yoga-Deutung sieht die drei Burgen als Anava Mala, Karma und Maya: Ego-Begrenzung, Bindung durch Handlungen und die verschleiernde Kraft der Erscheinungswelt. Für den Aspiranten ergeben sich daraus drei Grundrichtungen:

Auch die drei Gunas können als Stufen innerer Verfeinerung betrachtet werden: Tamas wird durch konstruktive Aktivität überwunden, Rajas durch Sattva geläutert und schließlich auch die Anhaftung an Sattva transzendiert. Hilfreich sind sattvische Nahrung, Satsang, Japa, Kirtan, das Studium spiritueller Schriften und regelmäßige Meditation.

Die alten Yoga-Lehren empfehlen außerdem, unheilsame Asubha Vasanas wie Wollust, Zorn, Gier, Hass und Eifersucht durch Subha Vasanas – heilsame Gewohnheiten und Gedanken – zu ersetzen. Das Ziel ist nicht bloß moralische Selbstkontrolle, sondern zunehmende Freiheit von automatischen Reaktionsmustern und die Erfahrung innerer Glückseligkeit.

Swami Sivananda im Kreis der Schüler: Guru, Satsang und spirituelle Unterweisung haben im Yogaweg eine zentrale Bedeutung.

Guru, Kundalini und innere Sammlung

Die traditionelle Praxisdeutung betont den Dienst am Guru, Glauben, Hingabe und das Studium der Yoga-Sastras. Fortgeschrittene Kundalini-Praktiken, das Durchdringen der Granthis und die bewusste Führung der Energie durch Sushumna Nadi und die Chakras bis zum Sahasrara Chakra gehören in einen Zusammenhang qualifizierter Unterweisung. Sie sollten nicht allein aus einem Wiki-Artikel abgeleitet werden. Die spirituelle Grundrichtung ist jedoch allgemein zugänglich: nach innen schauen, den Geist sammeln und die Einheit von Shiva und Shakti im eigenen Bewusstsein erkennen.

Eine weitere klassische Deutung besteht darin, die drei Körper zu transzendieren: den grobstofflichen Körper (Sthula Deha), den feinstofflichen Körper (Sukshma Deha) und den kausalen Körper (Karana Sharira). Entsprechend können die fünf KoshasAnnamaya, Pranamaya, Manomaya, Vijnanamaya und Anandamaya – in der Meditation als Hüllen erkannt werden, die das unveränderliche Selbst nicht begrenzen. In shivaitischer Sprache wird dies als Annäherung an Shiva Sayujya verstanden.

Besonders eng berührt diese Deutung den tatsächlich erhaltenen Erkenntnisteil des Tripura Rahasya: Werde Zeuge der drei Zustände Wachen, Traum und Tiefschlaf. Erkenne das Bewusstsein, in dem alle drei erscheinen, und richte dich auf Turiya, den „vierten“ Zustand, aus. Die Schrift selbst führt diese Untersuchung weit über eine bloße Theorie hinaus und fragt, was im Wechsel aller Erfahrungen unverändert gegenwärtig bleibt.

Fortgeschrittene Yogatraditionen sprechen außerdem von Nirvikalpa oder Asamprajnata Samadhi, von Intuition, dem inneren Auge (Divya Chakshus) und einer höchsten Stille jenseits des gewöhnlichen Denkens, Wollens und Fühlens. Solche Begriffe sollten als Hinweise auf vertiefte Bewusstseinszustände verstanden werden, nicht als Aufforderung, außergewöhnliche Erfahrungen zu erzwingen.

Ein einfacher Zugang für heutige Aspiranten

  • Lies täglich einige Verse und frage dich, welche Gewohnheit des Denkens sie in Frage stellen.
  • Verbinde Bhakti Yoga mit Jnana: Verehre Tripurā als göttliche Mutter und untersuche zugleich, was in jeder Erfahrung als Bewusstsein gegenwärtig ist.
  • Übe Karma Yoga, indem du Handlungen sorgfältig ausführst und ihre Früchte innerlich loslässt.
  • Suche Satsang und gute spirituelle Unterweisung. Das Werk selbst macht die Bedeutung von Guru, Vertrauen und gemeinsamer Klärung deutlich.
  • Nutze Yoga und Meditation, um Körper, Atem und Geist zu harmonisieren, ohne außergewöhnliche Erfahrungen erzwingen zu wollen.
  • Prüfe regelmäßig die eigenen Vasanas, Wünsche und Reaktionsmuster. Der Erkenntnisteil betont immer wieder die Bedeutung von Unterscheidung und Selbstprüfung.
  • Lass die Praxis in eine einfache Frage münden: Was ist das Bewusstsein, in dem Körper, Gedanken, Gefühle und Welt erscheinen?

Tripura Sundari, Mikrokosmos und die drei Ebenen

Tripura Sundari – die höchste Göttin als Schönheit, Weisheit und Bewusstseinskraft.

Tripura Sundari ist die Shakti Shivas; in nichtdualer Deutung sind Shiva und Shakti nicht zwei voneinander unabhängige Wirklichkeiten. Sie erscheint als Weisheit, Hingabe, Schönheit und göttliches Licht und führt den Aspiranten von äußerer Verehrung zur Erkenntnis des eigenen Selbst.

Eine traditionelle Deutung des Namens Tripurā bezieht die „Dreiheit“ auf zahlreiche Triaden: die drei Gunas, Wachen–Traum–Tiefschlaf, die drei Feuer, die drei Körper, die drei Welten, Iccha Shakti, Kriya Shakti und Jnana Shakti, die drei Svaras Udatta, Anudatta und Svarita, die drei Arten von Karma Sanchita, Agami und Prarabdha, die Trimurti sowie A-U-M von Om. Ebenso gehören die erkenntnistheoretischen Dreiheiten Pramata, Pramana und Prameya – Erkennender, Erkenntnismittel und Erkanntes – in diesen Zusammenhang. Der Jñānakhaṇḍa führt schließlich zur Einsicht, dass auch diese Dreiheiten in einem Bewusstseinsgrund erscheinen.

In tantrischen Mikrokosmos-Deutungen gilt der menschliche Körper als Abbild des Kosmos, Pindanda. Verschiedene Gottheiten, heilige Orte und kosmische Kräfte werden bestimmten Körperregionen zugeordnet. So werden etwa Tryambaka, Jambukesvara, Arunachalesvara, Nataraja, Kalahastisvara, Visvesvara und Srikanthesvara mit Zentren von Muladhara bis Sahasrara verbunden. Ebenso erscheinen traditionelle Zuordnungen von Kedar, Amaravati, Kurukshetra und Prayaga sowie von Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Rahu und Ketu im Körper.

Solche Zuordnungen gehören zur symbolischen tantrisch-yogischen Kosmologie. Ihr spiritueller Sinn liegt darin, den Körper nicht als vom Heiligen getrennt zu betrachten: Was im äußeren Universum erscheint, kann als Entsprechung im inneren Mikrokosmos meditiert werden. Der erhaltene Text des Tripura Rahasya selbst entfaltet diese konkrete Liste nicht vollständig; sie wird hier als traditionelle Yoga-Vidya-Deutung bewahrt.

Möge die Beschäftigung mit Tripurā zu Weisheit, Hingabe und Selbsterkenntnis führen und die Erfahrung jener Shivananda, der ewigen Glückseligkeit Shivas, vertiefen.


Weitere traditionelle Zuordnungen und Begriffe

Die ältere Yoga-Vidya-Deutung verbindet den Namen Tripura (Sanskrit) außerdem mit dem Bild von drei (Tri) Burgen (Pura) der Dämonen und überträgt dieses Bild auf den inneren Weg der Seele. Dabei wird Maya als verschleiernde Kraft verstanden, die durch Anbetung, Hingabe, Erkenntnis und die Erfahrung von Einheit durchschaut werden kann. Der Aspirant übt sich darin, Anhaftung zu lösen, Tugend zu entwickeln und die sechs inneren Gegner (Shadripu) zu überwinden.

Im kundalini-yogischen Deutungshorizont werden Swadhisthana, Manipura, Anahata, Vishuddha und Ajna ebenso berücksichtigt wie Nada und Bindu. Traditionelle Zuordnungen nennen dabei Körperregionen wie Stirn, Nasenspitze, Brust, Herz, Nabel, Gesicht, Brustkorb und Kopf. Auch Planeten, Flüsse, Berge und heilige Orte erscheinen als Entsprechungen des Mikrokosmos. Die göttlichen Kräfte werden als Devas und unterschiedliche Formen des einen Göttlichen betrachtet; auch traditionelle Laut- und Sprachlehren wie die Trivarnika werden in solche Zuordnungssysteme einbezogen.

Der praktische Weg wird mit Pancha Kshara, Sadashiva, Shiva Pada, Nirvana, Licht, Intuition, Instinkt, Verstand, Wille, Wissen, Wort, Yoga, Unterbewusstsein und Überbewusstsein in Beziehung gebracht. Die spirituelle Bildsprache der Welt und die Deutung des göttlichen Namens weist dabei über Geburt und Tod, über Sünde und Begrenzung hinaus auf die Erfahrung des Selbst. Der Mensch – Mann wie Frau – wird nicht nur als körperliches Wesen verstanden, sondern als Träger einer umfassenderen göttlichen Wirklichkeit. Kontrolle im spirituellen Sinn bedeutet dabei nicht Unterdrückung, sondern zunehmende Meisterschaft über die eigenen Reaktionen; der Mensch lernt, sich als Instrument des Göttlichen zu verstehen und seine Hände dem Dienst zu widmen.


Titel, Tradition und Überlieferung

Rahasya bedeutet „Geheimnis“, „verborgener Sinn“ oder „Geheimlehre“. Tripurā ist hier der Name der Göttin. Deshalb trifft „Das Geheimnis der Tripurā“ den Werkzusammenhang genauer als eine ausschließlich auf drei äußere Städte bezogene Übersetzung. Die gebräuchliche getrennte Schreibweise lautet Tripura Rahasya, die wissenschaftliche Zusammenschreibung Tripurārahasya. „Tripura Rahasya“ und „Tripara Rahasya“ sind keine korrekten Sanskrittransliterationen.

Die Dreiheit wird in der Tradition auf verschiedene Erfahrungsbereiche bezogen. Im Kommentar zur Vidyāgītā, Jñānakhaṇḍa 20.18, werden Wachen, Traum und Tiefschlaf genannt. Tripurā wird als die darüber hinausgehende, unbegrenzte Wirklichkeit gedeutet. Der Grundtext betont außerdem die Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem und führt zur Einsicht in ihren einen Bewusstseinsgrund (20.69–76).

Die Überlieferung nennt Hāritāyana als Verfasser beziehungsweise Erzähler. Die Lehrer-Schüler-Unterweisung verbindet besonders Dattatreya und Parashurama, den Sohn Jamadagnis. Weitere Erzählebenen beziehen Narada, Hayagriva und Agastya ein. Solche traditionellen Zuschreibungen sind von einer historisch gesicherten Lebenszeit des Verfassers zu unterscheiden. Aus ihnen allein lässt sich keine zuverlässige Datierung ableiten.

Zum Jñānakhaṇḍa gehört in der hier zugrunde liegenden Überlieferung die Tātparyadīpikā von Śrīnivāsabhaṭṭa, dem Sohn Vaidyanātha Dīkṣitas. Dieser Kommentar erläutert Begriffe, Gedankengänge und Schriftbezüge. Er ist eine eigene Textebene und nicht mit dem Verswortlaut des Tripurārahasya gleichzusetzen. Sein Schluss enthält eine Datierungsangabe in Jahren des Kali-Zeitalters; sie betrifft den Kommentar, nicht ohne Weiteres die Entstehung des Grundwerks.

Textgattung und Stellung im Tantra

Der Text bezeichnet sich in den Kolophonen als vorzügliche heilige Erzählung, itihāsottama. Er ist eine shaktische Lehr- und Erzählkomposition mit tantrischen Verehrungsformen. Im Māhātmyakhaṇḍa treten die Herrlichkeit Lalitās, ihre göttliche Welt, das Shri Chakra, ihre Kräfte und die Ordnung der Puja hervor. Der Jñānakhaṇḍa entfaltet die Erkenntnis des Selbst. Das Werk lässt sich deshalb nicht auf ein Ritualhandbuch oder auf eine Sammlung von Meditationstechniken reduzieren.

Die Beziehungen zu Shri Vidya verbinden es thematisch mit Yogini Hridaya, Nitya Shodashikarnava, Vamakeshvara Tantra, Kama Kala Vilasa und Varivasyarahasya. Die Frage nach der unmittelbaren Erkenntnis des Bewusstseins eröffnet außerdem einen sinnvollen Vergleich mit Pratyabhijnahridaya, Shiva Sutra und Vijnana Bhairava Tantra. Diese Verwandtschaften bezeichnen gemeinsame Themen; sie beweisen weder dieselbe Schulzugehörigkeit noch eine direkte literarische Abhängigkeit.

Werkstruktur und Lesezugänge

Werkbereich In dieser Sanskritgrundlage vorhanden Schwerpunkt
Jñānakhaṇḍa Kapitel 1–22 mit dem Kommentar Tātparyadīpikā Selbsterforschung, Bewusstsein, Erkenntnis und Befreiung
Māhātmyakhaṇḍa Kapitel 51–80 mit angehängten Lob- und Meditationsversen Lalitās Herrlichkeit, Shri Chakra, göttliche Kräfte, Erzählung und Verehrung
Māhātmyakhaṇḍa 1–50 Nicht enthalten Vorausgehender Teil der Verherrlichung
Caryākhaṇḍa Nicht enthalten Im Kommentar als dritter Werkbereich erwähnt

Die beiden großen Werkbereiche lassen sich als unterschiedliche Zugänge lesen. Die Verherrlichung öffnet das Herz und lässt die Welt als Ausdruck der Göttin erfahren. Die Erkenntnislehre prüft, wer die Göttin verehrt, was erkannt wird und worin die Erfahrung von Welt überhaupt erscheint. Dabei wird Hingabe nicht als überflüssige Vorstufe verworfen: Māhātmya 80.116 vergleicht Erkenntnis ohne Hingabe mit einem Samen ohne Erde.

Für einen ersten vertieften Zugang eignen sich die hier übersetzten Kapitel besonders:

  • Jñāna 1: Langjährige Verehrung reift zur Frage nach einem Glück, das nicht immer neue Erfüllung verlangt.
  • Jñāna 2: Unterscheidende Prüfung und göttliche Gnade bereiten Erkenntnis vor.
  • Jñāna 3–10: Hemalekha führt Hemachuda durch Vertrauen, Selbstprüfung und Meditation zur gefestigten Erkenntnis.
  • Jñāna 11–14: Das Spiegelgleichnis und die Felsenwelt erschließen den Zusammenhang von Bewusstsein, Vorstellung, Raum, Zeit und Selbsterkenntnis.
  • Jñāna 15–19: Die Asketin und Janaka unterscheiden Bücherwissen, Samadhi und gefestigte Selbsterkenntnis; Dattatreya erklärt die verschiedenen Lebensweisen der Erkennenden.
  • Jñāna 20, Vidyāgītā: Die Göttin selbst erläutert ihre höhere und niedere Gestalt, die Erkenntnis, ihre Mittel und die Reife der Verwirklichung.
  • Jñāna 21–22: Hingabe, Selbstprüfung und Hemangadas Unterweisung münden in die Einsicht, dass die Welt als Bewusstsein wirklich ist.
  • Māhātmya 51–58: Lalitas Erscheinung, Shripura, die Kräfte des Shri Chakra und die Lehrerüberlieferung.
  • Māhātmya 59–77: Bhandas Vorgeschichte, sein verborgener Weg der Hingabe und der mythische Kampf der Göttin.
  • Māhātmya 78–79: Die Reife der Hingabe, Lopamudra als Einweihende, die Untrennbarkeit von Shiva und Shakti und der Zusammenhang von Veda und Tantra.
  • Māhātmya 80: Die Verehrung erhält konkrete Gestalt in Tempelpflege, Gaben, Rezitation, Dienst, Unterricht und der Weitergabe von Wissen.
Das Shri Yantra ist im Māhātmyakhaṇḍa ein Mittelpunkt der Verehrung.

Zentrale Lehren

Die Göttin als Bewusstseinsgrund

Tripurā ist nicht nur ein Gegenstand religiöser Vorstellung. In der Vidyāgītā spricht sie als das Bewusstsein, das jede Erfahrung ermöglicht. Das Spiegelgleichnis zeigt die Richtung: Die Bilder sind vielfältig, ihr tragender Grund bleibt einer. Erkenntnis bedeutet deshalb keine Vernichtung der Wahrnehmung. Sie durchschaut die vermeintliche Eigenständigkeit dessen, was erscheint.

Hingabe und Nichtdualität

Vidyāgītā 20.33–34 beschreibt eine besonders feine Möglichkeit: Menschen können ihren nichtdualen Grund kennen und dennoch aus Liebe die Beziehung von Verehrer und Verehrter annehmen. Bhakti und Jnana müssen einander nicht ausschließen. Die Beziehung wird dann nicht aus Mangel, sondern als Ausdruck von Liebe gelebt.

Der Guru weist auf das eigene Wesen

Der Guru vermittelt Einweihung und Unterweisung. Seine tiefste Aufgabe besteht nach 20.71 darin, auf das schon gegenwärtige eigene Wesen hinzuweisen. Die Erkenntnis wird nicht wie ein äußerer Besitz hergestellt. Die Worte des Lehrers sind ein Boot über den Zweifel; ankommen muss die Einsicht im eigenen Erleben.

Reife im Alltag

Die Vidyāgītā unterscheidet Erkenntnis und ihre Festigung. Ein flüchtiger Einblick ist noch nicht dieselbe Reife wie müheloses Verweilen im Bewusstsein während des Handelns. Die höchste Stufe ist nach 20.124–127 nicht daran gebunden, äußerlich unbewegt zu bleiben: Tätigsein und Samadhi können zusammenfallen.

Hemalekha als Lehrerin und die Klarheit der Selbsterforschung

Die Geschichte Hemalekhas macht eine Frau zur geistlichen Lehrerin ihres Mannes und schließlich einer ganzen Stadt. Sie antwortet nicht nur mit Lehrsätzen, sondern lässt Hemachuda die Voraussetzungen seines eigenen Denkens prüfen. Sein zunächst unbefangenes Urteil über die weibliche Einsicht wird durch den Verlauf der Erzählung widerlegt.

Das Gleichnis in Kapitel 5 erhält in Kapitel 8 einen ausdrücklichen Schlüssel: Die Mutter ist das höchste Bewusstsein, die Gefährtin das unterscheidende Verstehen, der unstete Sohn der denkende Geist. Die fünf Söhne sind die Erkenntnissinne; die Unersättliche ist das Verlangen, ihre beiden Söhne sind Zorn und Gier. So wird das scheinbar äußere Familiendrama als innerer Zusammenhang lesbar.

Kapitel 9 und 10 unterscheiden zwischen besonderen Meditationserfahrungen und der Erkenntnis dessen, worin jede Erfahrung erscheint. Dunkelheit, Licht und vorübergehende Versenkung sind noch nicht der Maßstab letzter Einsicht. Hemalekha fragt, wie die unbegrenzte Wirklichkeit durch das Öffnen eines Augenlides verschwinden könnte. Diese Frage verbindet Meditation mit dem Leben bei offenen Augen.

Ritual, Dienst und die eigenen Möglichkeiten

Māhātmya 80 beschreibt auch aufwendige Riten. Zugleich unterscheidet das Kapitel ausdrücklich zwischen vermögenden und besitzlosen Menschen. Dienst am Tempel, Unterstützung von Übenden, Malerei, Rezitation und Wissensweitergabe gehören zum Weg. Die in der Erzählung zugesprochenen himmlischen Wohnstätten und Wunschfrüchte sind religiöse Verheißungen des Textes.

Einweihungsgebundene Mantra- und Yantra-Riten sind in ihrer Überlieferung zu verstehen. Die Darstellung ersetzt keine persönliche Unterweisung. Eine allgemeine Kundalini- oder Pranayama-Übungsfolge lässt sich aus den hier übersetzten Kapiteln nicht ableiten.

Deutsche Übersetzung des Tripura Rahasya

Die folgenden Kapitel bewahren die Versnummern des jeweiligen Werkbereichs. J bezeichnet den Jñānakhaṇḍa, M den Māhātmyakhaṇḍa. Die Übersetzung betrifft den Grundtext; der Sanskritkommentar Tātparyadīpikā ist nicht zwischen die deutschen Verse eingefügt. Verse, deren Satz über die Nummerngrenze hinausläuft, sind im Zusammenhang zu lesen.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 1: Parashuramas Frage nach bleibender Erfüllung

J 1.1 Om, Verehrung! Sie, deren Wesen die ursächliche Glückseligkeit ist, die ganz aus höchstem Bewusstsein besteht, erstrahlt als wunderbarer Spiegel des bunten Weltbildes.

J 1.2 Narada, hast du mit gesammeltem Geist die Herrlichkeit der Tripurā genannten Göttin gehört, deren Hören ein vorzügliches Mittel zur höchsten Verwirklichung ist?

J 1.3 Nun erzähle ich dir den höchst wunderbaren Erkenntnisteil. Wer ihn hört, verfällt nicht wieder dem Leid.

J 1.4 Die vedische, die vishnuitische, die shivaitische, die shaktische und die pashupatische Erkenntnis wurden gründlich betrachtet; daraus ist diese Lehre als gesicherte Einsicht hervorgegangen.

J 1.5 Keine andere Erkenntnis möge sich dem Geist als dieser gleichwertig darstellen: Sie wurde von mir und vom verehrten Guru Datta dem Nachkommen Bhrigus dargelegt.

J 1.6 Sie ist mit schlüssiger Begründung und unmittelbarer Erfahrung verbunden und durch zahlreiche Erzählungen anschaulich gestaltet. Wenn ein Mensch mit verwirrtem Verständnis selbst durch das hier Gesagte nicht erkennt,

J 1.7 dann ist er wahrlich vom Schicksal geschlagen und unbeweglich wie ein Pfosten. Selbst eine Unterweisung durch Shiva persönlich würde ihm keine Erkenntnis vermitteln.

J 1.8 Höre deshalb! Ich werde dir diese Lehre in Gestalt des Erkenntnisteils ausführlich erzählen. Wie wunderbar ist doch das Verhalten der Guten, das alle Vorzüge überragt!

J 1.9 Denn selbst dieser göttliche Weise möchte von mir noch etwas hören. Solches gütige Entgegenkommen entspringt dem Wesen der Guten,

J 1.10 so wie die Kraft, den Geruchssinn zu erfreuen, dem Moschus von selbst eigen ist. Nachdem Rama auf diese Weise aus Dattatreyas Mund die Herrlichkeit der Göttin gehört hatte,

J 1.11 verharrte der edelgesinnte Sohn Jamadagnis, Rama, an dem sich alle Menschen erfreuen, eine Weile schweigend; sein geläutertes Herz war ganz von Hingabe ergriffen.

J 1.12 Als er wieder zum äußeren Bewusstsein kam, waren seine Augen voller Freudentränen, sein Körper von aufgerichteten Härchen bedeckt und sein Inneres von Glückseligkeit erfüllt.

J 1.13 Es war, als dränge die Freude, die sein Inneres nicht zu fassen vermochte, durch jede Pore nach außen. Er warf sich lang ausgestreckt zu Füßen des Guru Datta nieder.

J 1.14 Dann erhob er sich und sprach, von Freude erfüllt, mit bewegter, stockender Stimme: „Gesegnet bin ich! Mein Leben hat seine Erfüllung gefunden, ehrwürdiger Guru, durch deine Gnade.

J 1.15 Denn du, der Guru, bist mir gewogen – du, der Ozean des Mitgefühls, Shiva selbst. Wem du gewogen bist, dem gilt selbst die Stellung Brahmas so wenig wie ein Grashalm.

J 1.16 Durch die Gnade des Guru wird sogar der Tod als das eigene Selbst erkannt. Dieser Guru, der große Herr, ist mir heute ohne mein Verdienst gewogen.

J 1.17 Ich meine, durch die Gnade des Guru alles erlangt zu haben. Herr, durch dein Mitgefühl habe ich nun die ganze Verherrlichung gehört.

J 1.18 Ich möchte Tripurā, die höchste Herrin, verehren. Lehre mich gütig, o Guru, die rechte Abfolge ihrer Verehrung.“

J 1.19 So gebeten, erkannte Guru Datta im Nachkommen Bhrigus die Eignung zur Verehrung Tripurās, gestärkt durch aufrichtigen Glauben und Hingabe.

J 1.20 Er weihte ihn der vorgeschriebenen Abfolge gemäß in die Verehrung Tripurās ein. Auch der Sohn Jamadagnis empfing diese heilsame Einweihung in ihre Lehre,

J 1.21 die alle Einweihungen überragt und zur Erkenntnis der umfassenden Wirklichkeit führt, sowie die vollständige Ordnung mit den inneren Betrachtungen zu Mantra und Yantra.

J 1.22 Wie eine Biene den Nektar aus einer Lotosblüte empfängt, empfing er die Lehre aus dem Lotosmund des Guru. Im Innersten gesättigt, war der Nachkomme Bhrigus von Glückseligkeit berauscht.

J 1.23 Mit Erlaubnis des verehrten Meisters machte er sich zur Sadhana Tripurās auf. Er umschritt den Guru ehrerbietig, verneigte sich und begab sich zum Berg Mahendra.

J 1.24 Dort errichtete er eine schöne, angenehme Wohnstätte und widmete sich zwölf Jahre lang ganz der Verehrung.

J 1.25 Er erfüllte die täglichen und die durch besondere Anlässe gebotenen Verrichtungen, war Puja und Japa ergeben und stets auf die Meditation über die Gestalt der Herrin Tripurā ausgerichtet.

J 1.26 So vergingen ihm zwölf Jahre wie ein Augenblick. Eines Tages saß der Sohn Jamadagnis ruhig da und dachte nach:

J 1.27 „Was Samvarta mir damals unterwegs auf meine Bitte hin sagte, habe ich seinerzeit nicht einmal zum Teil verstanden.

J 1.28 Ich vergaß es auch und befragte deshalb zuvor den Guru nicht darüber. Aus seinem verehrten Mund habe ich die Herrlichkeit der Shakti Tripurā gehört.

J 1.29 Doch das, was Samvarta damals sagte, wurde mir dabei nicht klar. Im Zusammenhang mit der Schöpfung fragte ich den Guru zwar nach einigem;

J 1.30 darauf erzählte er mir die Geschichte vom Mattenflechter. Weil meine Frage aber nicht zum damaligen Zusammenhang gehörte, beantwortete er sie nicht; so blieb sie für mich ungeklärt.

J 1.31 Nicht einmal ein wenig verstehe ich diesen Lauf der Welt. Weshalb ist dieses gewaltige Schauspiel des Universums entstanden?

J 1.32 Wohin geht es wieder? Worin findet es seinen Bestand? Was immer ich irgendwo betrachte, erscheint mir unbeständig.

J 1.33 Und doch führen wir unser Leben, als wäre alles dauerhaft. Wie kommt das? Ich sehe ein wunderliches Treiben in der Welt, dem die prüfende Einsicht fehlt.

J 1.34 Ach, wie ein Blinder handelt, der einem anderen Blinden folgt, so lässt sich das Verhalten aller Menschen in der Welt beobachten.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 1.35 Mein eigenes Tun soll mir hierfür in jeder Hinsicht als Beispiel dienen. Was mir in der frühen Kindheit widerfuhr, habe ich nicht bedacht.

J 1.36 In der Knabenzeit verhielt ich mich anders, in der Jugend wiederum anders. Jetzt ist mein ganzes Tun abermals völlig verändert.

J 1.37 Was all dies als Frucht gebracht hat, weiß ich überhaupt nicht. Was auch immer irgendjemand zu irgendeiner Zeit tut,

J 1.38 hält er für richtig und vertraut darauf, dadurch ein Ergebnis zu erlangen. Welche Frucht wurde dabei gewonnen? Wer erlangte dadurch wirklich sein Glück?

J 1.39 Auch was in der Welt als fruchtbringend gilt, erscheint nur ohne gründliche Prüfung als Frucht. Ich halte es nicht für die erfüllende Frucht, denn danach handelt der Mensch erneut.

J 1.40 Wenn er die Frucht erlangt hat, wie kann er dann wieder nach einer Frucht verlangen? Alle Menschen handeln ja unablässig, weil sie sich ein Ergebnis wünschen.

J 1.41 Als wirkliche Frucht bezeichnet man das Ende des Leidens oder das Glück. Solange noch etwas als unerfülltes Müssen verbleibt, gibt es weder das Ende des Leidens noch solches Glück.

J 1.42 Das Getriebensein von einem unerfüllten Müssen wird das größte aller Leiden genannt. Wie könnten, solange es besteht, Leidfreiheit und Glück vorhanden sein?

J 1.43 Wie einem Menschen, dessen ganzer Körper verbrannt ist, Sandelholzpaste auf die Füße gestrichen wird, so ist hier der Glücksgewinn dessen, der noch von unerfülltem Müssen beherrscht ist.

J 1.44 Wie die Umarmung himmlischer Nymphen für jemanden, dessen Herz ein Pfeil durchbohrt hat, so ist der Glücksgewinn dessen, der noch von unerfülltem Müssen beherrscht ist.

J 1.45 Wie das Hören von Gesang für einen Menschen, der von Auszehrung befallen ist, so ist der Glücksgewinn dessen, der noch von unerfülltem Müssen beherrscht ist.

J 1.46 Glücklich sind in der Welt jene großen Seelen, die von solchem Müssen frei sind: Ihr Herz ist erfüllt, ihr ganzes Wesen hat Kühlung und Frieden gefunden.

J 1.47 Wenn trotz unerfüllten Müssens irgendjemand durch irgendetwas glücklich werden könnte, dann müsste auch ein aufgespießter Mensch durch Düfte und Blumenkränze Glück erlangen.

J 1.48 Wie seltsam: Inmitten Hunderter drängender Aufgaben soll das Glück liegen, um dessentwillen die Menschen unablässig tätig sind!

J 1.49 Ach, welche Macht hat doch die Betrachtungsweise der Menschen! Von einem Berg endloser Pflichten bedrückt, meinen sie dennoch, Glück zu erlangen. [Die Lesung des ersten Halbverses ist nicht eindeutig; der Zusammenhang ist ironisch.]

J 1.50 So wie der Herrscher der ganzen Erde sich ständig um sein Glück bemüht, so bemüht sich auch derjenige, der vom Bettelgang lebt.

J 1.51 Jeder von beiden erlangt seine eigene Art von Glück und meint, sein Ziel erreicht zu haben. Auf dem Weg, den alle einschlagen, folge auch ich ihnen Schritt für Schritt,

J 1.52 ohne die Frucht zu prüfen – wie ein Blinder, der einem Blinden folgt. Genug dieses vermeintlichen Verständnisses! Ich werde erneut zu jenem Schatz des Mitgefühls gehen,

J 1.53 nach dem fragen, was wahrhaft zu erkennen ist, und, auf das Boot der Worte des Guru gestützt, das glückverheißende andere Ufer des Ozeans der Zweifel erreichen.“

J 1.54 Nachdem der edelgesinnte Sohn Jamadagnis diesen Entschluss gefasst hatte, brach er unverzüglich von jenem hohen Berg auf, voller Verlangen, den Guru zu sehen.

J 1.55 Er gelangte rasch zum erhabenen Berg Gandhamadana und sah den Guru im Lotossitz, gleich einer auf Erden leuchtenden Sonne.

J 1.56 Vor dessen Fußbank warf er sich lang ausgestreckt zu Boden. Er nahm die Lotosfüße in seine Hände und legte sein Haupt daran.

J 1.57 Als Rama sich so verneigte, segnete ihn Dattatreya mit freudigem Herzen und hieß ihn liebevoll aufstehen.

J 1.58 „Mein Kind, erhebe dich! Nach langer Zeit sehe ich dich heute wieder bei mir. Erzähle mir von deinem Ergehen und ob du wohlauf bist.“

J 1.59 Auf das Wort des Guru erhob er sich, setzte sich freudig auf den ihm zugewiesenen guten Sitz und sprach mit gefalteten Händen:

J 1.60 „Verehrter Guru, Ozean des Mitgefühls! Wie könnte derjenige, der im Nektar deiner Gnade gebadet hat, von Leiden überwältigt werden, selbst wenn das Schicksal sie ihm auferlegt?

J 1.61 Ich weile im Kreis des Nektarmondes deiner Gnade. Wie könnte mich da die furchtbar sengende Sonne der Krankheit verbrennen?

J 1.62 Durch deine Gnade bleiben mein Inneres und mein Äußeres stets von Freude erfüllt. Außer der Trennung von deinen Lotosfüßen

J 1.63 gab es für mich nirgends auch nur das geringste Schmerzliche. Heute aber, da ich deine Lotosfüße wieder sehe,

J 1.64 ist die Fülle in jeder Hinsicht vollkommen geworden, verehrter Guru. Doch etwas, das sich schon vor langer Zeit erhob, bewegt noch mein Herz.

J 1.65 Darüber möchte ich dich befragen; lange schon ist mein Inneres im Zweifel. Wenn du es mir jetzt gestattest, werde ich nach dem fragen, was mir ungewiss ist.“

J 1.66 Als Dattatreya, der Schatz des Mitgefühls, diese Worte des Nachkommen Bhrigus hörte, wurde sein Herz froh; liebevoll sprach er zu Rama:

J 1.67 „Frage, Nachkomme Bhrigus, was du heute fragen möchtest und schon lange im Herzen trägst. Deine Hingabe erfreut mich. Ich werde dir sagen, was du zu wissen wünschst.“

Kapitelabschluss: Hier endet Kapitel 1 des Jñānakhaṇḍa im erhabenen Tripurārahasya: Parashuramas Frage nach bleibender Erfüllung.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 2: Die Bedeutung unterscheidender Untersuchung

Zum Zusammenhang: Parashuramas Klage und Dattatreyas Antwort unterscheiden das drängende Gefühl unerfüllten Müssens von einem Handeln, das durch Einsicht geleitet ist. Die Erzählungen von Gewalt gehören zum mythologischen Rückblick der Figur.

J 2.1 Nachdem er diese Erlaubnis erhalten hatte, verneigte sich der Sohn Jamadagnis vor dem Weisen, dem Sohn Atris, und begann demütig zu fragen:

J 2.2 „Erhabener, ehrwürdiger Meister und Guru, Allwissender, Schatz des Mitgefühls! Einst erhob sich aus einem bestimmten Anlass mein Zorn gegen die Königsgeschlechter.

J 2.3 Darauf vernichtete ich die Kriegergeschlechter wiederholt, einundzwanzigmal, mitsamt den Ungeborenen und Säuglingen. An einem mit dem Blut der Krieger gefüllten See

J 2.4 brachte ich den Ahnen Sättigung dar. Durch die Tiefe meiner Hingabe erfreut, besänftigten sie meinen Zorn. Auf ihr Geheiß kam ich zur Ruhe.

J 2.5 Doch dann traf ich, erneut von Zorn verblendet und auf meine Kraft stolz, auf jenen Rama, der jetzt in Ayodhya herrscht und Hari selbst ist.

J 2.6 Dieser Erhabene besiegte mich und brach meinen Hochmut. Nur mit Mühe kam ich mit dem Leben davon, weil er den Brahmanen gewogen und voller Mitgefühl ist.

J 2.7 Danach überkam mich Ernüchterung; ich begann nachzudenken und klagte unterwegs bitterlich auf vielerlei Weise.

J 2.8 Unvermutet begegnete ich auf dem Weg Samvarta, dem Fürsten der Avadhutas. Wie Feuer unter Asche war er verborgen; dennoch erkannte ich ihn schließlich.

J 2.9 Wie ein von Hitze Gequälter auf kühlen Tau trifft, begegnete ich ihm, dessen ganzes Wesen friedvolle Kühle war. Schon durch diese Begegnung fand ich tiefen inneren Frieden.

J 2.10 Als ich ihn nach seinem Zustand fragte, sprach er nektargleiche, schöne Worte und legte mir alles wie eine verdichtete Fülle des Wesentlichen dar.

J 2.11 Doch ich vermochte seine Lehre nicht zu erfassen, so wenig wie ein Bettler eine Königin berühren kann. Als ich ihn erneut bat, verwies er mich auf dich.

J 2.12 Darauf gelangte ich zu deinen beiden Füßen, die höchste Freude schenken – wie ein Blinder, der Anschluss an Menschen findet, die ihn führen.

J 2.13 Was der Weise Samvarta sagte, habe ich noch nicht verstanden. Ich habe aber die ganze Verherrlichung gehört, die Hingabe an Tripurā erweckt.

J 2.14 Die Göttin, die in deiner Gestalt erscheint, ist stets in meinem Herzen gegenwärtig. Welche Frucht wird mir zuteil, wenn ich auf diese Weise weiterlebe?

J 2.15 Erhabener, erkläre mir gütig, was Samvarta damals sagte. Ohne dieses Verständnis gibt es nirgends vollkommene Erfüllung.

J 2.16 Solange ich seine Worte nicht verstehe, erscheint mir alles, was ich tue, ringsum wie das Spiel eines Kindes.

J 2.17 Früher verehrte ich oft die Götter, angefangen mit Indra, durch Opfer mit reichlichen Priestergaben und großen Mengen von Speisen.

J 2.18 Aus Samvartas Mund hörte ich, dass dies nur geringe Frucht bringt. Was gering ist, halte ich in Wahrheit für nichts anderes als Leid.

J 2.19 Leid ist nicht bloß das Fehlen von Glück; vielmehr wird auch geringes Glück als Leid bezeichnet. Denn wenn das Glück endet, wird das Leiden umso schwerer.

J 2.20 Und das ist nicht alles: Es gibt eine noch höhere Herrlichkeit, in der man dem Tod niemals wieder anheimfällt. [Die Verbindung der beiden Halbverse wird im Kommentar anders gewichtet; die Übersetzung folgt hier dem überlieferten Verswortlaut.]

J 2.21 Mit dem, was ich bei der Verehrung Tripurās tue, könnte es ebenso sein. Es erscheint mir wie Kinderspiel, denn alles geschieht als Gestaltung des Geistes.

J 2.22 Was du mir dafür gelehrt hast, könnte auch anders vollzogen werden, fest geregelt und doch in anderer Form, je nachdem, auf welche Lehrworte man sich stützt.

J 2.23 Auch durch verschiedene Gegenstände der Verehrung nimmt es unterschiedliche Gestalt an. Wie sollte es dann nicht einem Opfer gleichen, dessen Frucht keine bleibende Wirklichkeit besitzt?

J 2.24 Da es selbst ein Vorgestelltes ist, wie könnte es der bleibenden Wirklichkeit gleichkommen? Und dennoch muss es immer weiter getan werden; nirgends ist ein Ende sichtbar.

J 2.25 Ich habe hingegen den erhabenen Samvarta gesehen: vollkommen friedvoll, frei selbst vom geringsten Funken des gefährlichen Giftes eines unerfüllten Müssens.

J 2.26 Es war, als lächle er über das Getriebe der Welt; er hatte den furchtlosen Weg betreten. Er glich einem Elefanten, der in kühlem Wasser steht, während ringsum der Wald brennt.

J 2.27 Er war beglückt vom Nektar der Freiheit von allem drängenden Müssen. Wie gelangte er in diesen Zustand? Und was bedeuteten seine damaligen Worte an mich?

J 2.28 Erkläre mir all dies aus deiner Güte, o Guru! Befreie mich, den die schwarze Todesschlange des Müssens verschlungen hat.“

J 2.29 So sprach er, legte sein Haupt an die Füße des Lehrers und warf sich lang ausgestreckt nieder. Als Datta den Nachkommen Bhrigus so sah, reif für die Befreiung,

J 2.30 begann er, dessen Wesen Mitgefühl war, zu sprechen: „Mein Kind, Nachkomme Bhrigus, gesegnet bist du, dass eine solche Einsicht in dir erwacht ist!

J 2.31 Sie ist zu dir gekommen wie ein Boot zu einem Menschen, der im Meer versinkt. Ein durch heilsame Handlungen gereifter Mensch gelangt eben dadurch zu ihr

J 2.32 und erhebt sich zum höchsten, vollkommen reinen Zustand. Die Göttin Tripurā ist der innere Raum im Herzen aller Wesen.

J 2.33 In einem Verehrer, der keine andere Zuflucht hat, nimmt sie rasch die Gestalt dieser Einsicht an; im Innersten seines Herzens offenbar geworden, befreit sie ihn aus dem Netz des Todes.

J 2.34 Solange ein Mensch den Dämon des unerfüllten Müssens nicht wirklich fürchtet, findet er kein Glück; er gleicht einem ständig von einem Dämon Besessenen.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 2.35 Wie könnte denen, die von der Todesschlange des Müssens gebissen sind, Heil widerfahren? Sie gleichen Menschen, deren Glieder von den schrecklichen Flammen des Giftes erfasst sind.

J 2.36 Sieh die Welt, betäubt durch das Gift des Müssens! Verblendet erkennt sie nicht die Handlung, die ihrem eigenen Heil dient.

J 2.37 Sie handelt verkehrt und gerät dadurch immer wieder in Verwirrung. So ist diese Welt, vom Gift des Müssens betäubt.

J 2.38 Seit anfangsloser Zeit wird sie in einem furchtbaren Giftozean gequält. Es verhält sich wie mit einigen Wanderern, die das große Vindhya-Gebirge erreichten.

J 2.39 Von heftigem Hunger überwältigt, sahen sie Früchte im Wald. In der Meinung, es seien Tinduka-Früchte, nahmen sie rasch die Früchte der Giftbrechnuss

J 2.40 und aßen sie; ihr übermächtiger Hunger hatte ihren Geschmackssinn getrübt. Als die Glut des Giftes ihre Körper verbrannte, litten sie schwer.

J 2.41 Ihre Sicht wurde getrübt, und sie suchten etwas, das die Hitze des Giftes lindern könnte. Sie wussten nicht, dass sie Giftbrechnüsse gegessen hatten, sondern meinten, durch den Genuss von Tinduka-Früchten

J 2.42 sei das Brennen in ihren Körpern entstanden. Sie fanden Stechapfelfrüchte, hielten sie irrtümlich für Zitronen und aßen alle davon.

J 2.43 Darauf wurden sie wahnsinnig und verloren den Weg. Mit getrübter Sicht stürzten sie im dichten Wald in Vertiefungen,

J 2.44 rissen sich an Dornen den ganzen Körper auf und brachen sich Arme, Schenkel und Füße. Sie beschimpften einander und gerieten in heftigen Streit.

J 2.45 Mit Fäusten, Steinen und Holzstücken schlugen sie aufeinander ein. Am ganzen Körper verwundet erreichten sie schließlich eine Stadt.

J 2.46 Mitten in der Nacht gelangten sie zufällig zum Stadttor. Die Torwächter verwehrten ihnen den Eintritt.

J 2.47 Da sie weder Ort noch Zeit richtig erfassten, stritten sie laut mit ihnen. Als die Torwächter sie heftig schlugen,

J 2.48 flohen sie in alle Richtungen. Einige stürzten in den Stadtgraben und wurden von Krokodilen und anderen Tieren gefressen.

J 2.49 Andere fielen in Gruben und Brunnen und verloren ihr Leben. Manche wurden von den Wächtern getötet, andere lebend gefangen.

J 2.50 So gehen Menschen, die ihr Heil suchen, aber vom Gift des Müssens betäubt sind, tief zugrunde – von Verwirrung geblendet.

J 2.51 Du aber, Nachkomme Bhrigus, bist gesegnet, denn in dir ist eine heilsame Entwicklung erwacht. Die unterscheidende Untersuchung ist die Wurzel von allem und die erste Stufe

J 2.52 zum großen Palast des höchsten Heils. Erkenne dies klar! Wer könnte ohne gründliche Untersuchung auf irgendeine Weise bleibenden Frieden erlangen?

J 2.53 Nichtprüfen ist der größte Tod; durch fehlende Prüfung werden Menschen zugrunde gerichtet. Wer hingegen nach gründlicher Überlegung handelt, gewinnt überall Zugang zum Ersehnten.

J 2.54 Die Daityas und Rakshasas wurden durch unbedachtes Handeln geschlagen; die Götter, die der Prüfung ergeben sind, erfahren auf vielerlei Weise Glück.

J 2.55 Durch Überlegung nehmen sie Zuflucht zu Vishnu und besiegen ihre Widersacher. Unterscheidende Untersuchung ist der keimfähige Same des Baumes des Glücks.

J 2.56 Durch sie erstrahlt ein Mensch und überragt andere. Durch sie ist Brahma ausgezeichnet; durch sie wird Hari verehrt.

J 2.57 Durch sie wurde Shiva, der große Herr, allwissend. Rama hingegen, der Beste unter den Verständigen, wurde durch unbedachte Bindung an den Hirsch

J 2.58 in große Not gestürzt. Durch Überlegung aber überbrückte er darauf den Ozean und eroberte Lanka, das von Scharen der Rakshasas erfüllt war.

J 2.59 Auch Brahma wurde durch unbedachten Hochmut verblendet und verlor seinen Kopf – diese Geschichte hast du bereits gehört.

J 2.60 Mahadeva gewährte einem Asura unbedacht einen Wunsch. Dann musste er fliehen, weil er fürchtete, selbst zu Asche zu werden.

J 2.61 Hari tötete einst unbedacht die Frau Bhrigus und erfuhr durch einen Fluch höchstes, kaum erträgliches Leid.

J 2.62 Ebenso geraten andere Götter, Rakshasas, Menschen und Tiere gerade durch fehlende Prüfung in Not.

J 2.63 Höchst gesegnet sind jene Einsichtigen, die ihre prüfende Klarheit nirgends verlässt, o Nachkomme Bhrigus. Ihnen gilt beständig meine Verehrung.

J 2.64 Ohne Prüfung nehmen Menschen etwas als Pflicht an und verstricken sich auf jede Weise. Wer erst prüft und dann handelt, wird von allen Bedrängnissen, auch den unabsehbaren, frei.

J 2.65 Seit langer Zeit ist dieses Nichtprüfen mit den Menschen verbunden. Solange es jemanden beherrscht, woher sollte ihm tiefe Einsicht kommen?

J 2.66 Wo gibt es kühles Wasser in einer Wüste, die von der furchtbaren Sommersonne erhitzt ist? Ebenso ist ein Mensch seit Langem von den Flammen des Nichtprüfens umgeben.

J 2.67 Wie sollte ihn ohne ein geeignetes Mittel die kühlende Berührung der Einsicht erreichen? Hier gibt es ein einziges höchstes Mittel, das alle anderen überragt:

J 2.68 die erhabene Gnade der Gottheit, die im Lotosherzen aller Wesen wohnt. Wie könnte ohne sie bei irgendjemandem das vortreffliche Mittel zum höchsten Heil erwachen,

J 2.69 die Sonne der Untersuchung, welche die dichte Finsternis des Nichtprüfens vertreibt? Die Wurzel dieser Gnade ist die hingebungsvolle Verehrung der Gottheit.

J 2.70 Wird die höchste Göttin verehrt und ist sie ganz erfreut, dann nimmt sie im Raum des Geistes die Gestalt prüfender Einsicht an, wie die Sonne am Himmel.

J 2.71 Darum verehre man Tripurā, die höchste Herrin, deren Wesen das eigene Selbst ist: die große, heilsame Herrin aus reinem Bewusstsein, die im Inneren aller wohnt.

J 2.72 Man verehre sie aufrichtig, unter Führung eines wahren Guru und in der rechten Abfolge. Die Wurzel auch dieser Verehrung sind Hingabe und lauteres Vertrauen.

J 2.73 Als deren Wurzel wiederum wird das Hören ihrer Herrlichkeit genannt. Deshalb, Rama, habe ich dir zuerst ihre Verherrlichung vermittelt.

J 2.74 Indem du sie gehört hast, hast du nun dieses Heil erlangt: die unterscheidende Einsicht, die Wurzel des höchsten Guten. Daher brauchst du von jetzt an keine Furcht zu haben.

J 2.75 Bis diese Einsicht erwacht, besteht große Furcht für den, den der Fehler des Nichtprüfens Tag für Tag ergreift.

J 2.76 Es ist wie bei einem Menschen, der an einer schweren Störung aller Körpersäfte leidet: Selbst nach Einnahme der Arznei besteht noch Gefahr, solange die Körpergrundlagen nicht gereinigt sind.

J 2.77 Wenn die höchste unterscheidende Einsicht erwacht ist, trägt das menschliche Leben Frucht. In wie vielen Geburten die höchste Einsicht nicht erwacht,

J 2.78 so viele Lebensbäume bleiben unfruchtbar. Nur jener Lebensbaum trägt Frucht, in dem die erforschende Einsicht entsteht.

J 2.79 Menschen ohne Prüfung gleichen Fröschen im Brunnen. Wie ein im Brunnen geborener Frosch nichts kennt,

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

J 2.80 weder Heilsames noch Unheilsames, und in seinem Brunnen zugrunde geht, so werden Menschen vergeblich im kleinen Brunnen des Welteies geboren.

J 2.81 Sie wissen nicht, was ihrem Selbst dient und was ihm schadet. Immer wieder entstehen und vergehen sie, ohne ihr eigenes Heil zu erkennen.

J 2.82 Durch die Macht des Nichtprüfens halten sie Leid für Glück und Glück für Leid und werden im Feuer des Kreislaufs der Geburten gequält.

J 2.83 Obwohl sie durch Leid bedrängt werden, geben sie dessen Ursache nicht auf. Wie ein großer Esel, selbst wenn er hundertmal getreten wird,

J 2.84 der Eselin weiter nachläuft, so folgt der Mensch dem Kreislauf des Werdens. Du aber, Rama, dessen Wesen prüfende Einsicht geworden ist, hast das andere Ufer des Leidens erreicht.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das zweite Kapitel über die Herrlichkeit unterscheidender Untersuchung.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 3: Satsang und die Begegnung mit Hemalekha

Zur Versfolge: Vers 16 steht in der elektronischen Sanskritgrundlage nach Vers 25. Eine dort enthaltene Editionsnotiz weist auf seine richtige Position hin; hier folgt er in der deutschen Lesefassung auf Vers 15.

J 3.1 Als der Sohn Jamadagnis Dattatreyas Worte gehört hatte, wurde er von großer Wissbegierde erfüllt und fragte erneut voller Demut:

J 3.2 „Erhabener Meister und Guru, was du gesagt hast, verhält sich genau so. Durch fehlende Prüfung geraten Menschen auf jede Weise ins Verderben.

J 3.3 Durch unterscheidende Untersuchung entsteht Heil. Auch von ihrer Voraussetzung habe ich gehört: vom Hören der Herrlichkeit der Göttin. Hier aber bleibt mir ein großer Zweifel.

J 3.4 Wie gelangt man überhaupt dazu? Welches Mittel führt dahin? Wenn es von selbst geschieht, warum haben dann nicht alle davon gehört?

J 3.5 Weshalb habe auch ich mich bis heute nicht früher dazu aufgemacht? Andere haben noch mehr Leid als ich erfahren und werden bei jedem Schritt zurückgeworfen.

J 3.6 Warum haben sie dieses Mittel nicht erlangt? Erkläre mir das gütig.“ So befragt, antwortete Datta, der Schatz des Mitgefühls, freudig:

J 3.7 „Höre, Rama! Ich werde dir die höchste Ursache des Heils nennen. Gemeinschaft mit den Guten ist die tiefste Wurzel; sie beseitigt alles Leid.

J 3.8 Satsang, die Gemeinschaft mit den Wahrhaftigen, wird der Same genannt, aus dem die Frucht der höchsten Wirklichkeit erwächst. Auch du bist jenem edlen, großen Samvarta

J 3.9 begegnet und dadurch in diesen Zustand gelangt, in dem die Frucht des Heils heranreift. Gerade die Guten schenken bei einer Begegnung den Zugang zum höchsten Glück.

J 3.10 Wer hätte je ohne solche Gemeinschaft das höchste Heil erreicht? Schon im gewöhnlichen Leben gilt: Welche Gemeinschaft ein Mensch sucht,

J 3.11 deren Frucht wird ihm zuteil; daran besteht kein Zweifel. Hierzu werde ich dir eine Geschichte erzählen. Höre sie, Rama!

J 3.12 Einst herrschte über Dasharna ein König namens Muktachuda. Er hatte zwei Söhne, Hemachuda und Manichuda.

J 3.13 Beide waren schön, tugendhaft und in allen Wissensgebieten bewandert. Eines Tages begaben sie sich voller Jagdeifer, von ihren Heeren umgeben,

J 3.14 mit Bogen und Pfeilen in den gewaltigen Wald des Sahya-Gebirges, der von Löwen, Tigern und anderen Tieren erfüllt war.

J 3.15 Dort töteten die beiden kräftigen Prinzen Wildtiere, Löwen, Eber, Büffel und Wölfe mit scharfen Pfeilen, die sie gewandt von ihren Bogen schnellen ließen.

J 3.16 Während die beiden Königssöhne so die Tiere des Waldes erlegten, erhob sich ein heftiger Sturm, der Kiesel und Steine regnen ließ.

J 3.17 Staub erfüllte den Himmel, und es wurde dunkel wie in einer Neumondnacht. Man konnte weder einen Felsen noch einen Baum noch einen Menschen erkennen.

J 3.18 Wie hätte man Erhöhungen und Vertiefungen unterscheiden können? Der Berg war in Finsternis gehüllt. Vom Steinhagel getroffen, floh das Heer in größter Hast.

J 3.19 Einige suchten bei Bäumen Zuflucht, andere bei Felsen und wieder andere in Höhlen. Auch die beiden berittenen Prinzen flohen weit davon.

J 3.20 Hemachuda gelangte schließlich zu einer wunderschönen Einsiedelei, die von Bananenstauden und Dattelpalmen umgeben war.

J 3.21 Dort sah er eine schöne junge Frau, die wie eine Feuerflamme leuchtete; ihr Körper strahlte wie glühendes Gold.

J 3.22 Als der Prinz sie sah, schön wie Lakshmi, fragte er sie mit einem Lächeln: „Wer bist du, Lotosgesichtige? In diesem Wald,

J 3.23 dieser menschenleeren, furchteinflößenden Gegend, verweilst du anscheinend ohne Angst. Zu wem gehörst du? Weshalb wohnst du hier? Wie kannst du ganz allein bleiben?“

J 3.24 So gefragt, antwortete die untadelige junge Frau dem Prinzen: „Sei willkommen, Königssohn! Bitte nimm auf diesem Sitz Platz.

J 3.25 Es ist die Pflicht der Asketen, einen Gast zu ehren. Ich sehe, dass du erschöpft und durch den heftigen Sturm bedrängt bist.

J 3.26 Binde dein Pferd an eine Dattelpalme, setze dich hier und ruhe dich aus. Dann kannst du meine Geschichte hören.“ Er tat, wie sie gesagt hatte.

J 3.27 Sie gab ihm Früchte zu essen und wohlschmeckenden Saft zu trinken. Als sich der Prinz erholt hatte, sprach die untadelige junge Frau

J 3.28 mit einer Stimme, lieblich wie fließender Honig: „Königssohn, es gibt einen Weisen namens Vyaghrapada, der bei Shivas Füßen Zuflucht genommen hat.

J 3.29 Durch die Kraft seiner Askese hat er die reinsten Welten gewonnen. Er kennt das Höhere und das Niedere und wird von den größten Weisen beständig verehrt.

J 3.30 Ich bin seine Tochter kraft des Dharma und heiße Hemalekha. Eine Vidyadhari namens Vidyutprabha, deren ganze Gestalt bezaubernd war,

J 3.31 kam einst hierher zum Baden an den Fluss Vena. Zur selben Zeit erschien zufällig Sushena, der König von Vanga.

J 3.32 Er sah diese überaus schöne Frau im Fluss baden; unter ihrem nassen Gewand zeichneten sich ihre vollen Brüste deutlich ab.

J 3.33 Vom Pfeil des Begehrens getroffen, warb er um sie. Auch sie war von seiner Schönheit bezaubert und ging auf seine Worte ein.

J 3.34 Nachdem sich der König mit ihr vereinigt hatte, kehrte er in seine Stadt zurück. Die Vidyadhari empfing durch den Samen dieses königlichen Weisen ein Kind.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 3.35 Aus Furcht vor dem Unrecht gegenüber ihrem Gatten ließ sie ihre Leibesfrucht hier zurück und ging fort. Weil die Zeugungskraft des königlichen Weisen nicht vergeblich sein konnte, wurde ich daraus als Mädchen geboren.

J 3.36 Vyaghrapada kam zur Verehrung in der Dämmerung hierher und sah mich. Aus Mitgefühl nahm er mich auf und zog mich wie eine Mutter groß.

J 3.37 Wer ein Kind gemäß dem Dharma beschützt und ernährt, der wird mit Recht sein Vater genannt. Ich bin seine Tochter kraft des Dharma und ganz dem Dienst an meinem Vater ergeben.

J 3.38 Durch seine Größe habe ich hier nirgends etwas zu fürchten. Niemals dürfen böswillige Götter oder Asuras

J 3.39 diese Einsiedelei betreten; wer es dennoch tut, geht zugrunde. Das ist meine Geschichte. Bleibe noch eine Weile, Königssohn!

J 3.40 Mein erhabener Vater wird bald kommen. Begegne ihm, verneige dich vor ihm und empfange, was du ersehnst. Morgen kannst du weiterziehen.“

J 3.41 Als der Prinz Hemalekhas Worte hörte, war er von ihrer Schönheit bezaubert. Er scheute sich jedoch, ihr etwas zu sagen, und wurde unruhig.

J 3.42 Die verständige junge Frau erkannte, dass er dem Begehren verfallen war, und sprach erneut: „Königssohn, bewahre deine Fassung!

J 3.43 Mein Vater wird gleich kommen. Danach kannst du das Gewünschte erlangen.“ Noch während sie so sprach, kam der große Weise Vyaghrapada

J 3.44 aus dem Wald zurück, wo er Blätter, Blumen und andere Dinge gesammelt hatte. Als der Prinz den Weisen kommen sah, erhob er sich,

J 3.45 verneigte sich, nannte seinen Namen und setzte sich auf dessen Geheiß wieder. Der Weise sah, wie das Begehren die Erscheinung des Königssohnes verändert hatte.

J 3.46 Mit yogischer Schau erkannte er alles. Da er die Verbindung für angemessen hielt, gab er ihm Hemalekha zur Frau.

J 3.47 Der hocherfreute Prinz nahm sie mit und kehrte in seine Stadt zurück. König Muktachuda war sehr glücklich und richtete ein großes Fest aus,

J 3.48 bei dem er die Hochzeit seines Sohnes nach der rechten Ordnung vollziehen ließ. Danach gab sich der Prinz ständig mit ihr den Freuden des Zusammenseins hin,

J 3.49 in Palästen, Hainen, auf Sandbänken und an anderen schönen Orten. Doch Hemalekha zeigte bei diesen Freuden kein übermäßiges Verlangen.

J 3.50 Als er sie immer wieder so unbeteiligt sah, fragte er sie einmal unter vier Augen: „Geliebte, warum bist du mir, deinem liebenden Gatten, nicht ebenso zugetan?

J 3.51 Warum bist du den Genüssen nicht ganz ergeben, du mit dem reinen Lächeln? Sind die Freuden hier nicht nach deinem Herzen? Woran liegt es?

J 3.52 Mir scheint, dass du selbst an den erlesensten Genüssen nicht haftest. Wie könnte unsere Vereinigung mich glücklich machen, wenn du dich nicht davon angezogen fühlst?

J 3.53 Während ich ganz an dir hänge, scheint dein Geist anderswo zu sein. Selbst wenn ich dich wiederholt anspreche, hörst du anscheinend nichts.

J 3.54 Ich bin gekommen und halte dich schon lange umarmt; doch erst später bemerkst du mich und fragst: „Herr, wann bist du gekommen?“, als wüsstest du es nicht.

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

J 3.55 Warum hängt dein Herz niemals an den lieblichen, schwer erreichbaren Freuden? Warum erfreut dich anscheinend nichts davon?

J 3.56 Wann immer ich zu dir komme, nachdem wir getrennt waren, sehe ich dich mit geschlossenen Augen dasitzen.

J 3.57 Wenn du dich von den Genüssen abwendest, wie soll ich an den Sinnendingen Freude haben? Es ist mir, als umarmte ich eine Frau aus Holz. Sage mir, wie sich das verhält.

J 3.58 Nichts wünsche ich mir, das deinen Wünschen widerspricht. Ich bin dir in allem zugewandt, wie die Wasserlilie dem Mondlicht.

J 3.59 Warum ist dein Herz also so gestimmt? Sage es mir, du, die mir lieber ist als mein Leben, damit mein Herz Klarheit findet. Ich beschwöre dich, Geliebte.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das dritte Kapitel über die Herrlichkeit des Satsang.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 4: Die Prüfung des Genusses und die Frucht des Satsang

Zur Erzählweise: Hemalekha führt ihren Mann durch Fragen zur Einsicht. Seine anfängliche Geringschätzung von Frauen und die frauenfeindlichen Ausrufe des betrogenen Prinzen sind Figurenrede. Die Rahmenerzählung selbst macht Hemalekha zur überlegenen Lehrerin. Die drastische Körperbetrachtung dient der Prüfung idealisierender Anhaftung; sie wird als überlieferte Argumentation wiedergegeben.

J 4.1 Als die untadelige Hemalekha diese Worte ihres geliebten Mannes hörte, der sie umarmt hielt, antwortete sie ihm mit einem leichten Lächeln.

J 4.2 Sie wollte dem Königssohn durch vernünftige Überlegung zur Einsicht verhelfen und sprach: „Höre, Prinz! Ich bin dir keineswegs abgeneigt.

J 4.3 Ich prüfe nur beständig: Was ist in der Welt wirklich liebenswert, und was ist unliebsam? Mein Denken ist damit noch nicht zu einem Ende gelangt.

J 4.4 Seit Langem denke ich immer wieder darüber nach; meiner weiblichen Natur entsprechend weiß ich darüber nicht Bescheid. Bitte erkläre mir die Sache ihrem wahren Wesen nach.“

J 4.5 So angesprochen, lachte Hemachuda und sagte zu seiner Geliebten: „Dass Frauen einen einfältigen Verstand haben, ist offenbar wahr; daran besteht kein Zweifel!

J 4.6 Schon Tiere, Vögel und Kriechtiere kennen Angenehmes und Unangenehmes. Denn man sieht, wie sie sich dem Angenehmen

J 4.7 zuwenden und das Unangenehme meiden. Was gibt es da lange zu überlegen? Was Glück bringt, ist angenehm; was Leid bringt, unangenehm.

J 4.8 Warum denkst du, Geliebte, in solcher Einfalt ständig darüber nach?“ Als Hemalekha die Worte ihres Gatten hörte, erwiderte sie:

J 4.9 „Gewiss, Frauen sind einfältig und verstehen nichts von gründlicher Prüfung. Dennoch solltest du mich aufklären, da du so gut zu unterscheiden weißt.

J 4.10 Wenn du mich verständlich belehrt hast, werde ich diese Überlegung aufgeben und mich dann Tag für Tag mit dir den Freuden widmen.

J 4.11 Königssohn, du mit deiner feinen Unterscheidung hast dasjenige als angenehm und unangenehm bezeichnet, wodurch Glück beziehungsweise Leid entsteht.

J 4.12 Ein und dieselbe Sache kann aber je nach Zeit, Ort und Beschaffenheit Glück oder Leid hervorbringen. Wie lässt sich dann eine eindeutige Festlegung treffen?

J 4.13 So bringt etwa das Feuer je nach Zeit eine andere Wirkung hervor; ebenso verändert sich seine Wirkung je nach Ort und Beschaffenheit.

J 4.14 Im Winter ist Feuer willkommen, im Sommer dagegen unangenehm. Auch in einer kalten oder heißen Gegend ist es entsprechend angenehm oder unangenehm.

J 4.15 Lebewesen mit kalter Konstitution ist es angenehm, anderen nicht. Ebenso hängt dies davon ab, ob es in zu großer oder zu geringer Menge vorhanden ist.

J 4.16 So verhält es sich auch mit Kälte, Reichtum, Ehepartnern, Kindern, Herrschaft und anderem. Warum trauert dennoch ein großer König, umgeben von Frauen, Kindern und Besitz,

J 4.17 Tag für Tag, während andere nicht trauern? Auch die Genüsse, die dem Glück dienen sollen, sind ja unübersehbar vielfältig.

J 4.18 Niemand hat sie alle erlangt, um dadurch glücklich zu werden. Und was das Glück betrifft, das aus irgendeinem einzelnen Gewinn entstehen soll, so höre:

J 4.19 Es ist kein reines Glück, mein Herr, denn es ist mit Leiden vermischt. Leiden wird zweifach beschrieben: als äußeres und als inneres.

J 4.20 Das äußere entsteht im Körper, etwa durch Störungen seiner Bestandteile. Das innere heißt geistiges Leiden; es entsteht aus dem Verlangen.

J 4.21 Das geistige Leiden ist das größere; es hält diese ganze Welt gefangen. Gerade das Verlangen ist der überaus keimkräftige Same des Leidensbaumes.

J 4.22 Durch dieses Verlangen zu Dienern geworden, wirken selbst die Götter, angefangen mit Indra, Tag und Nacht, obwohl sie im Himmel wohnen und stets machtvoll erscheinen.

J 4.23 Das Glück, das trotz verbleibenden Verlangens vorhanden scheint, erkenne als Leid, Königssohn. Denn eine solche Freude kommt sogar bei Würmern vor.

J 4.24 Besser ist noch das Glück der Tiere, Insekten und Würmer, das nur mit geringem Verlangen verbunden ist. Welches Glück besitzen dann die Menschen? Sage es mir!

J 4.25 Wenn jemand, von hundert Wünschen besessen, durch einen kleinen Gewinn glücklich würde – wer wäre dann nicht glücklich?

J 4.26 Wenn ein winziger Tropfen Sandelholzpaste den ganzen Körper kühlen könnte, obwohl alle seine Glieder brennen, dann wäre auch jener Mensch glücklich.

J 4.27 Ein Mann empfindet Freude bei der Umarmung seiner Geliebten; doch schon eine ungünstige Haltung der Glieder verursacht dabei Schmerzen.

J 4.28 Durch die Erregung der Vereinigung werden alle erschöpft. Danach stellt sich eine Müdigkeit ein wie bei einem Lasttier.

J 4.29 Wie kannst du darin vollkommenes Glück sehen? Erkläre es mir, mein Herr. Soweit deine Freude bei der Verbindung mit der Geliebten aus dem Zusammenwirken der Körperbahnen entsteht,

J 4.30 besitzen Hunde nicht dieselbe Freude? Sage es mir! Was du darüber hinaus durch den Anblick ihrer Schönheit empfindest,

J 4.31 entsteht allein aus deiner Vorstellung – wie die Verbindung mit einer Frau im Traum. Einst gab es einen Königssohn, schöner noch als der Liebesgott.

J 4.32 Er hatte eine schöne Frau gewonnen, die alle bezauberte. Der Prinz hing mit übergroßer Liebe an ihr.

J 4.33 Ihr Herz aber, Königssohn, hing an einem anderen, einem Diener. Dieser Diener täuschte den Prinzen mit einer List.

J 4.34 Er gab ihm übermäßig viel Wein, um ihn zu betäuben, und schickte ihm, als er vom Rausch geblendet war, eine unansehnliche Magd.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 4.35 Unterdessen verkehrte er selbst mit dessen Frau, der Schönsten der Welt. Lange Zeit lebte der Königssohn so im Rausch.

J 4.36 Jeden Tag lag er bei der Magd und dachte: „Wie gesegnet bin ich! Eine solche Schönheit, die mir lieb ist wie mein Leben,

J 4.37 ist jeden Tag bei mir. Niemand kommt mir gleich.“ Nachdem so lange Zeit vergangen war, geschah es eines Tages,

J 4.38 dass der Diener den Trank bereitstellte und wegen einer dringenden Angelegenheit fortging. Diesmal trank der Prinz nicht viel davon.

J 4.39 Aus irgendeinem Anlass eilte er, voller Verlangen nach Vereinigung, in das reizvolle Schlafgemach, das mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet war,

J 4.40 wie der Götterkönig in Shachis Haus im Nandana-Garten tritt. Er näherte sich der Magd auf dem kostbaren Bett

J 4.41 und verkehrte, von Begehren überwältigt, voller Freude mit ihr. Nach der Vereinigung erkannte er jedoch die Magd mit ihrer entstellten Gestalt.

J 4.42 Er wurde misstrauisch und zornig und dachte: „Was soll das?“ Dann fragte er sie: „Wo ist meine Geliebte?“

J 4.43 Die Magd bemerkte, dass er nicht betrunken war. Von Furcht erfüllt und zitternd antwortete sie ihm nichts.

J 4.44 Der Prinz erkannte, dass etwas nicht stimmte und er getäuscht worden war. Mit vor Zorn geröteten Augen packte er die Magd mit der linken Hand am Haar.

J 4.45 Mit der rechten ergriff er sein Schwert und drohte ihr: „Sage mir genau, was geschehen ist!

J 4.46 Wenn nicht, wirst du keinen Augenblick länger leben.“ Als sie diese Worte hörte, geriet sie in Angst und wollte ihr Leben retten.

J 4.47 Sie erzählte ihm alles, was seit Langem vor sich ging, und zeigte ihm auch seine Frau, die mit dem Diener zusammen war.

J 4.48 Dort lag auf einer Matte am Boden der Diener: dunkel, mit gelblichbraunen Augen, hochgewachsen, am ganzen Körper schmutzig und mit rauem, abstoßendem Gesicht.

J 4.49 Sie hatte ihn, von der Vereinigung ermüdet, mit ihrem ganzen Körper liebevoll umschlungen. Ihre weichen, rankengleichen Arme umgaben seinen Hals,

J 4.50 ihr Lotosgesicht lag an seinem Gesicht, ihre Beine umschlangen fest seine beiden Schenkel, und seine Hände berührten ihre vollen Brüste.

J 4.51 Wie eine Frühlingsranke voller Blütenknospen sah sie aus. Der Königssohn sah sie, als sei Rohini von Rahu ergriffen worden.

J 4.52 Als er sie so im Schlaf ohne Bewusstsein ihrer Umgebung sah, geriet er einen Augenblick in tiefe Verwirrung. Dann fasste er sich wieder.

J 4.53 Höre nun von mir, was der Prinz sagte: „Schande über mich, den unwürdigen Toren, der sich vom Rausch täuschen ließ!

J 4.54 Schande über jene, die an Frauen hängen, über diese niedrigsten Männer! Frauen gehören niemandem an, so wenig wie ein Vogel dem Baum, auf dem er sitzt.

J 4.55 Was soll ich über mich selbst sagen? Ich bin einfältig wie ein Büffelkalb und hielt sie seit Langem für teurer als mein Leben.

J 4.56 Frauen gehören niemandem, so wenig wie eine Kurtisane ihrem Liebhaber. Wer Frauen arglos vertraut, ist ein wahrer Waldesel.

J 4.57 Schon eine Herbstwolke ist flüchtig und unbeständig; noch zerbrechlicher und unsteter ist die Beständigkeit von Frauen.

J 4.58 Bis heute habe ich diese Natur der Frauen nicht erkannt! Sie hat mich, der ihr ganz ergeben war, verlassen und ist dem Diener gefolgt.

J 4.59 An einen anderen gebunden, verbarg sie ihre Gefühle und heuchelte Liebe zu mir. Sie führte ihre Hingabe vor wie eine Schauspielerin vor einer Schar von Liebhabern.

J 4.60 Vom Wein berauscht erkannte ich nicht das Geringste davon. Ich vertraute ihr und meinte, sie begleite mich wie mein Schatten.

J 4.61 So getäuscht lag ich lange bei jener Magd, die ich nicht einmal ansehen mochte. Wer auf Erden könnte törichter sein als ich,

J 4.62 der ihr vertrauensvoll folgte und so lange betrogen wurde? Und dieser verworfene Diener, dessen ganzer Körper missgestaltet ist!

J 4.63 Welche überragende Schönheit hat sie an ihm gesehen? Sie hat mich verlassen, dessen eigene Schönheit die Blicke aller anzieht

J 4.64 und der ihr vollkommen zugetan war, und sich mit ihm verbunden.“ Nachdem er auf vielerlei Weise so geklagt hatte, erfasste ihn tiefe Ernüchterung.

J 4.65 Der Königssohn ging in den Wald und löste alle Bindungen. Deshalb, Prinz, entsteht diese vermeintliche Schönheit im Geist.

J 4.66 So wie du an mir größte Schönheit wahrzunehmen meinst und daraus starke Freude gewinnst, so oder sogar noch stärker

J 4.67 empfinden andere Freude an Frauen, die ihnen äußerlich wenig anziehend erscheinen müssten. Ich werde dir den Grund erklären. Höre gesammelt, Geliebter!

J 4.68 Die Frau, die gesehen wird, befindet sich draußen. Ihr Abbild hingegen liegt im Geist

J 4.69 und besteht aus Vorstellung. Indem ein Mensch ihre Schönheit immer wieder innerlich ausmalt, gerät er anschließend in Verlangen.

J 4.70 Seine Sinne werden erregt, und er empfindet starke Freude an ihr. Sind die Sinne dagegen nicht erregt, entsteht selbst gegenüber einer schönen Frau keine solche Freude.

J 4.71 Die Wurzel davon ist das wiederholte innere Ausmalen ihrer Schönheit. Deshalb sieht man diese Erregung weder bei Kindern noch bei Yogis.

J 4.72 An welcher Frau auch immer ein Mensch Freude findet, ob an einer schönen oder einer anderen, dort zeichnet sein Geist Schönheit ein.

J 4.73 Man sieht Frauen von äußerst abstoßender Gestalt; dennoch haben sich junge Männer mit ihnen verbunden, wie ihre Nachkommen erkennen lassen.

J 4.74 Wenn diese Männer sich ihre Unansehnlichkeit ausmalten oder keine Schönheit in ihnen sähen, wie könnte dann das Verlangen nach ihnen entstehen?

J 4.75 Was soll man über begehrende Menschen mit aufgewühltem Geist sagen! Selbst am untersten Körperteil erscheint ihnen höchste Schönheit.

J 4.76 Wenn einer Schönheit an einem Körperteil wahrnimmt, der von Kot und Urin verunreinigt wird – wo könnte er dann keine Schönheit sehen? Erkläre es mir!

J 4.77 Darum höre, Königssohn: Diese Schönheit könnte ohne die entsprechende Vorstellung niemals eine Ursache von Glück sein.

J 4.78 Wenn Schönheit dem Körper so von Natur aus innewohnte wie dem Honig die Süße, warum zeigt sie sich dann nicht ebenso für kleine Kinder und Knaben?

J 4.79 In verschiedenen Gegenden werden Menschen von vielerlei Gestalt beschrieben: mit einem Bein, einem Auge, langen Ohren oder Pferdegesichtern,

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

J 4.80 mit Ohren, die sie wie ein Gewand umhüllen, mit flachen Gesichtern, herausragenden Hauern, ohne Nase oder mit langer Nase, behaart oder haarlos,

J 4.81 mit braunem, weißem, fehlendem oder grobem Haar, mit weißgefleckter, rabenschwarzer, gelbbrauner oder rötlicher Haut.

J 4.82 Solcherart verschieden sind die Menschen; sie finden an den Frauen ihrer eigenen Art ebenso Freude wie du. Bedenke dies, Königssohn!

J 4.83 Der weibliche Körper gilt als wichtigstes Mittel des Genusses, als allgemein begehrenswert; selbst die Götter werden dadurch betört.

J 4.84 Ebenso ist der männliche Körper den Frauen lieb und erscheint ihnen überaus schön. Prüfe mit klarem Verstand, Königssohn, wie der Körper tatsächlich beschaffen ist:

J 4.85 ein Knochengerüst, mit Fleisch bedeckt, von Blut durchfeuchtet, von Gefäßen zusammengehalten, mit Haut überzogen und von Haaren bedeckt, erfüllt von Galle und Schleim;

J 4.86 ein Behälter für Kot und Urin, aus Samen und Blut entstanden und aus der Körperöffnung geboren, die dem Urin benachbart ist. Das gilt hier als begehrenswert!

J 4.87 Wie unterscheiden sich Menschen, die an solch Abstoßendem leidenschaftliche Freude haben, von Würmern im Unrat? Sage es mir!

J 4.88 Königssohn, dieser mein Körper ist dir sehr lieb. Betrachte ihn mit Unterscheidung und erkenne seine Bestandteile einzeln.

J 4.89 Ebenso untersuche mit feiner Einsicht bei anderen Genussmitteln mit den sechs Geschmacksrichtungen, angefangen mit süß und sauer, ihre Natur der Verwandlung.

J 4.90 Alles Gegessene verwandelt sich schließlich in Ausscheidungen. Daran besteht kein Zweifel; dies ist für alle erkennbar.

J 4.91 Wenn die Welt so beschaffen ist, sage mir: Was ist wirklich angenehm, was unangenehm?“ So angesprochen, verlor Hemachuda den Geschmack an den Sinnendingen.

J 4.92 Er hatte eine solche Folge von Worten noch niemals gehört und geriet in großes Staunen. Er dachte gründlich über alles nach, was Hemalekha gesagt hatte.

J 4.93 Gegenüber den Genüssen ernüchtert, erlangte er höchste Nichtanhaftung. Dann befragte er seine Geliebte Schritt für Schritt und erkannte jenen Zustand:

J 4.94 das reine, im Selbst gegründete Bewusstsein, Tripurā, deren Wesen sein eigenes Selbst ist. So wurde er frei und sah alles als sein eigenes Selbst.

J 4.95 Er wurde ein zu Lebzeiten Befreiter. Darauf erlangte auch sein jüngerer Bruder Manichuda durch ihn Erkenntnis, und Muktachuda lernte von seinem Sohn.

J 4.96 Auch Muktachudas Gemahlin empfing Erkenntnis von ihrer Schwiegertochter. Die Minister und die Bewohner der Stadt wurden ebenfalls von Erkenntnis erfüllt.

J 4.97 In dieser Stadt blieb niemand unwissend. Sie glich einer Stadt Brahmans; die Prägungen des Samsara waren zur Ruhe gekommen.

J 4.98 Diese weiträumige Stadt erstrahlte als eine der vorzüglichsten der Welt. Dort rezitierten sogar Papageien und Stare in ihren Käfigen:

J 4.99 „Verehrt euer eigenes Selbst als Bewusstsein, frei von einem getrennten Gegenstand! Das Erkannte ist vom Bewusstsein nicht verschieden, wie das Spiegelbild vom Spiegel.

J 4.100 Das Bewusstsein ist das Erkannte, Bewusstsein bin ich, Bewusstsein ist alles Bewegliche und Unbewegliche. Denn alles leuchtet abhängig vom Bewusstsein; dieses aber leuchtet aus sich selbst.

J 4.101 Darum, ihr Menschen, verehrt das leuchtende Bewusstsein, den Grund von allem! Gebt die Täuschung auf und schaut fest auf nichts als Bewusstsein.“

J 4.102 Als Brahmanen wie Vamadeva einst diese erhabenen Worte der Papageien hörten, gaben sie der Stadt einen Namen:

J 4.103 „Weil hier selbst Tiere die Erkenntnis verkünden, soll diese Stadt als Prasiddhavidyanagara bekannt sein, als die Stadt der offenkundigen Erkenntnis.“

J 4.104 Noch heute besteht die Stadt unter diesem Namen. Darum, Rama, ist Satsang die Wurzel alles aufkeimenden Heils.

J 4.105 Durch die Gemeinschaft mit Hemalekha wurden alle zu Kennern der Wahrheit. Erkenne deshalb, Rama, dass solche Gemeinschaft die tiefste Wurzel des Heils ist.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya, in der Erzählung von Hemachuda, das vierte Kapitel über die Frucht des Satsang.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 5: Das Gleichnis von der Bindung

Ein Gleichnis des inneren Lebens: Die auftretenden Familienmitglieder, Städte und Handlungen sind allegorisch zu lesen. Ihre ausdrückliche Erklärung folgt in Kapitel 8. Auch das dort erzählte Bezwingen und Töten ist Teil dieses Gleichnisses.

J 5.1 Nachdem Rama aus den Worten des Sohnes Atris die Herrlichkeit des Satsang vernommen hatte, fragte er mit erfreutem Herzen weiter:

J 5.2 „Herr, du hast wahr gesprochen: Die Gemeinschaft mit den Guten ist eine Ursache des Heils. Das lässt sich unmittelbar erkennen.

J 5.3 Wie die Gemeinschaft ist, in die jemand eintritt, so ist auch ihre Frucht. Durch die Gemeinschaft selbst mit einer Frau wie Hemalekha erlangten alle die große Frucht.

J 5.4 Ich möchte weiter hören, wie Hemachuda von ihr zur Einsicht geführt wurde. Erkläre mir dies ausführlich, du Schatz des Mitgefühls.“

J 5.5 So von Rama befragt, antwortete Dattatreya: „Höre, Nachkomme Bhrigus! Ich werde dir diese höchst läuternde Geschichte erzählen.

J 5.6 Als Hemachuda ihre Worte gehört hatte, erkannte er die Geschmacklosigkeit der Sinnendinge. Ernüchterung ihnen gegenüber entstand in ihm, und er wirkte bedrückt.

J 5.7 Doch er stand unter dem Einfluss der seit Langem gefestigten Prägungen des Sinnengenusses. Er konnte die Dinge weder unverzüglich aufgeben noch unbefangen annehmen.

J 5.8 Voller Scham sagte der Prinz seiner Geliebten nichts. Einige Tage verbrachte er so, von Gedanken bedrängt.

J 5.9 Wenn die Sinnendinge ihn anzogen, erinnerte er sich an ihre Worte; er tadelte sich selbst und genoss dennoch, von seinen Prägungen beherrscht.

J 5.10 Die Wucht der Gewohnheiten trieb ihn zu den Sinnendingen. Sobald er ihnen begegnete, dachte er wieder an die von seiner Geliebten erklärten Fehler.

J 5.11 Dann wurde sein Herz von Sorge erschüttert, und er verzagte immer wieder. Sein Geist glich jemandem auf einer hin und her schwingenden Schaukel.

J 5.12 Weder Speisen noch Gewänder, Schmuck, Frauen oder Fahrzeuge, weder Freunde noch vertraute Gefährten konnten ihn erfreuen.

J 5.13 Wie einer, der all seinen Besitz verloren hat, trauerte er unablässig. Von seinen Prägungen beherrscht, konnte er nicht alles sogleich aufgeben.

J 5.14 Doch weil er die Nachteile erkannte, konnte er auch nicht mehr unbefangen genießen. Als Hemalekha sein von Trauer blass gewordenes Gesicht und seine matten Augen bemerkte,

J 5.15 trat sie eines Tages allein zu ihm und sagte: „Mein Herr, warum sehe ich dich nicht mehr wie früher voller Freude?

J 5.16 Du scheinst mir zu trauern. Woher kommt dieser Zustand? Wird dein leibliches Selbst etwa immer wieder von Krankheiten bedrängt?

J 5.17 Die Verständigen sagen, mit den Genüssen sei die Furcht vor Krankheit verbunden. In einem Körper, der aus den drei Doshas hervorgeht, entstehen aus deren Ungleichgewicht

J 5.18 Krankheiten, die nahezu alle Körper erfassen. Die Störung dieses Gleichgewichts lässt sich nicht in jeder Hinsicht verhindern.

J 5.19 Durch Essen, Kleidung, Sprechen, Sehen und Berührung, durch Zeit, Ort und Handlungen können die Doshas ins Ungleichgewicht geraten.

J 5.20 Deshalb lässt sich das Entstehen einer solchen Störung in der Welt nicht in jeder Hinsicht voraussehen. Wenn das Ungleichgewicht vorhanden ist, wird Behandlung gelehrt.

J 5.21 Nirgends wird eine Behandlung eines bereits bestehenden Ungleichgewichts genannt, solange dieses noch gar nicht entstanden ist. Sage mir deshalb, Geliebter: Woher kommt deine Trauer?“

J 5.22 Als er dies hörte, antwortete der Königssohn Hemalekha: „Höre, Geliebte! Ich werde dir erklären, was meine Trauer verursacht.

J 5.23 Durch deine Worte ist das zerstört worden, was mir früher Freude bereitete. Jetzt sehe ich nichts mehr, das mein Glück vermehren könnte.

J 5.24 Wie ein zum Tode Verurteilter keine Freude an einem vom König geschenkten Besitz findet, so erfreut mich nichts daran, auch wenn es ringsum Annehmlichkeiten bietet.

J 5.25 Während ich die Sinnendinge genieße, bin ich ständig wie ein zu Fronarbeit Gezwungener. Darum frage ich dich, Geliebte: Was soll ich tun, um glücklich zu werden?“

J 5.26 So von ihm befragt, überlegte Hemalekha: „Durch das Hören meiner Worte ist er nun zu echter Ernüchterung gelangt.

J 5.27 In ihm ist der Same des Heils vorhanden, denn er befindet sich in diesem Zustand. Menschen, für die das Heil noch nicht in Aussicht steht,

J 5.28 werden durch solche zusammenhängenden Unterweisungen nicht einmal im Geringsten verändert. Nur wer die im Herzen wohnende Gottheit des eigenen Selbst lange verehrt hat,

J 5.29 wem Tripurā gewogen ist, gelangt in einen solchen Zustand.“ So dachte die sehr verständige Frau, die ihren Geliebten zur Einsicht führen wollte.

J 5.30 Sie verbarg ihre Gelehrsamkeit und sprach in Gestalt einer anderen Geschichte: „Höre, Königssohn, was mir früher widerfahren ist.

J 5.31 Einst gab meine Mutter mir eine Gefährtin zum Spielen. Diese von Natur aus Wahrhaftige, Svabhavasati, geriet in die Gemeinschaft einer Unwahrhaftigen.

J 5.32 Diese besaß die Fähigkeit, wunderbare, vielfältige Erscheinungen hervorzubringen. Von meiner Mutter unbemerkt verband sie sich mit meiner Gefährtin.

J 5.33 Meine Gefährtin, die sich mit jener von schlechtem Wandel eingelassen hatte, war mir lieber als mein Leben. Ich stand stets unter ihrem Einfluss.

J 5.34 Niemals konnte ich auch nur einen halben Augenblick ohne sie bleiben. Mit ihrer lauteren Art hatte sie mich an sich gebunden.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 5.35 Mein ganzes Wesen war beständig auf sie ausgerichtet. Doch sie war mit jener schlechten Schauspielerin von wandelbarer Art verbunden.

J 5.36 Diese verleitete sie zu verborgenem Tun und brachte sie mit ihrem eigenen Sohn zusammen. Der Sohn war äußerst töricht, und seine Augen rollten vom Weinrausch.

J 5.37 Er nahm sie in Besitz und genoss sie fortwährend vor meinen Augen. Obwohl sie ganz von ihm ergriffen und Tag für Tag von ihm genossen wurde,

J 5.38 verließ sie mich niemals. Durch die Verbindung mit ihr wurde auch ich von ihm berührt. Dann wurde ein Sohn geboren, der dem Toren in seiner Gestalt glich.

J 5.39 Er wurde rasch erwachsen und war äußerst unstet. Er besaß die Verblendung seines Vaters und die Eigenschaft seiner Großmutter,

J 5.40 vielerlei bunte Gebilde erschaffen zu können. Die Großmutter namens Shunya, „die Leere“, und der Vater namens Mudha, „der Verblendete“,

J 5.41 unterwiesen ihn, der Asthira, „der Unstete“, hieß. Auch aus sich selbst war er sehr geschickt. Er erlangte eine ungehinderte Beweglichkeit von unvorstellbarer Schnelligkeit.

J 5.42 So wurde meine von Geburt an klare Gefährtin Svabhavasati durch den Umgang mit der Unwahrhaftigen sehr verunreinigt.

J 5.43 Durch die lange Gemeinschaft mit jener Freundin, ihrem Geliebten und ihrem Sohn, die von unwahrer Art waren, wurde sie ihnen fest verbunden.

J 5.44 Nach und nach gab meine Gefährtin die Liebe zu mir völlig auf. Ich aber war von Natur aus schlicht und vermochte die Gemeinschaft mit ihr nicht einfach zu verlassen.

J 5.45 Ich blieb ganz auf sie gerichtet und folgte ihr in allem. Ihr Geliebter Mudha, der sie ständig genoss,

J 5.46 bemühte sich nun mit aller Gewalt, auch mich zu überwältigen. Da ich von Natur aus rein bin, geriet ich in Wirklichkeit nicht unter seine Herrschaft.

J 5.47 Dennoch verbreitete sich in der Welt große Verleumdung über mich: „Auch diese wird auf jede Weise von Mudha genossen.“

J 5.48 Meine Gefährtin vertraute mir ihren Sohn Asthira an. Von ihrem Geliebten umarmt, war sie ganz auf ihn ausgerichtet.

J 5.49 Ich umsorgte Asthira und ernährte ihn gut. Als er erwachsen war, verband er sich mit Erlaubnis seiner Großmutter mit einer Frau.

J 5.50 Seine Geliebte hieß Chapala, „die Flatterhafte“. In jedem Augenblick nahm sie eine andere bezaubernde Gestalt an, ganz nach dem Gefallen ihres Geliebten.

J 5.51 Das erregte Staunen. Mit großer Geschicklichkeit brachte sie ihren Geliebten vollständig unter ihre Herrschaft.

J 5.52 Asthira konnte in einem einzigen Augenblick unzählige Hunderte von Yojanas zurücklegen. Immer wieder ging und kam er, ohne zu ermüden.

J 5.53 Wohin Asthira auch gehen wollte, nahm Chapala die von ihm gewünschte Gestalt an,

J 5.54 war genau dort gegenwärtig und erfreute ihren Geliebten. So mit Asthira eng verbunden,

J 5.55 gebar Chapala fünf Söhne, die ihren Eltern ganz ergeben waren. Meine Gefährtin vertraute mir diese fünf auf unterschiedliche Weise tüchtigen Söhne an.

J 5.56 Weil ich meine Gefährtin liebte, machte ich sie kräftig. Dann errichteten diese fünf Söhne Chapalas, jeder für sich,

J 5.57 eine prächtige, vielfältige und weit ausgedehnte Wohnstätte. Von der Mutter gut angeleitet, brachten sie ihren Vater unter ihren Einfluss.

J 5.58 In jedem Augenblick führten sie den Vater in ihre jeweilige Wohnung. Als Asthira das Haus seines ältesten Sohnes betrat,

J 5.59 hörte er vielerlei Klänge, wohltönende und andere: hier süßen Gesang, dort anmutige Instrumentalmusik,

J 5.60 Rig-, Yajur- und Sama-Verse, auch die Mantras des Atharvaveda, Lehrschriften, Agamas, alte Erzählungen und das Klingen von Schmuck,

J 5.61 das Summen von Bienenschwärmen und den lieblichen fünften Ton des Kuckucks. Auf die Weisung seines Sohnes hörte er solche bezaubernden Klänge.

J 5.62 Er freute sich und geriet unter dessen Einfluss. Dann wies der Sohn ihn auf anderes: Er hörte misstönende, ohrenverletzende, furchtbare Laute,

J 5.63 das Brüllen von Löwen und anderen Tieren, Wolkendonner und das Krachen des Blitzes, so schrecklich, als zersprenge es das Weltei und löse Fehlgeburten aus.

J 5.64 Als er dies hörte, erschrak er heftig. Anderswo hörte er ebenso Weinen, verwirrtes Klagen und vielerlei Äußerungen der Trauer.

J 5.65 Dann führte der zweite Sohn Asthira in sein Haus. Dort fand er schöne, weich anzufühlende Sitze,

J 5.66 Betten und Gewänder, aber auch hart Berührbares, kühl Berührbares und heiß Berührbares.

J 5.67 Er erlebte vielerlei Dinge, die weder heiß noch kalt waren. Über Wohltuendes freute er sich; über Unzuträgliches wurde er betrübt.

J 5.68 Als Asthira das Haus des dritten Sohnes erreichte, sah er anziehend gestaltete Dinge in vielerlei Farben:

J 5.69 rote, weiße, gelbe, blaue, grüne und rosafarbene, rauchgraue, braune, gelbbraune, dunkle und bunte;

J 5.70 große, schlanke, winzige, lange, ausgedehnte, runde, halbrunde und länglich runde, schöne und erschreckende;

J 5.71 abstoßende, leuchtende, grimmige, dunkle und die Augen blendende. Während der Vater bald Zuträgliches und bald anderes betrachtete,

J 5.72 führte ihn der vierte Sohn in seine vielfältige Wohnstätte. Dort fand er Blumen, Früchte und Speisen aller Art,

J 5.73 Getränke, Leckbares, Saugbares und essbare Köstlichkeiten, nektargleich Schmeckendes, Süßes und Saures,

J 5.74 Scharfes, Bitteres, Zusammenziehendes, Salziges, süßsauere und scharf-sauer-salzige Mischungen,

J 5.75 scharfbittere und mannigfaltige weitere Geschmacksrichtungen. Während er mit seinem Sohn kostete, kam der jüngste Sohn

J 5.76 und führte den Vater in seine eigene, äußerst vielfältige Wohnstätte. Dort nahm er vielerlei Blumen und Früchte wahr,

J 5.77 Gräser, Speisen, Kräuter und andere Dinge, wohlriechende und faulig riechende, mild und durchdringend duftende,

J 5.78 betäubende, klärende, ohnmächtig machende und sonstige Gerüche. So ging er in die Häuser seiner Söhne ein und aus und verweilte darin.

J 5.79 An Zuträglichem erfreute er sich, unter Unzuträglichem litt er. Ständig war er unterwegs zwischen den Häusern seiner Söhne.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

J 5.80 Aus Liebe zu ihrem Vater berührten die Söhne ohne ihn niemals auch nur ein wenig die mannigfaltigen Gegenstände.

J 5.81 Asthira genoss in den Häusern seiner Söhne viele Dinge. Andere Gegenstände nahm er heimlich an sich und brachte sie in seine eigene Wohnung.

J 5.82 Dort genoss er sie allein mit seiner Frau Chapala, ohne die Söhne. Dann wählte auch Chapalas Schwester,

J 5.83 Mahashana, „die Unersättliche“, den anziehenden Asthira zum Gatten. Als auch Asthira ihr übermäßig anhing,

J 5.84 bemühte er sich, zu ihrer Freude Genüsse herbeizuschaffen. Selbst wenn er vieles brachte, verschlang sie es in einem Augenblick

J 5.85 und wurde erneut von Hunger erfasst. Immer wieder wies sie den Geliebten an, neue Genüsse zu holen; er hielt beständig danach Ausschau.

J 5.86 Was die fünf Söhne herbeibrachten und der Gatte zusammentrug, verschlang sie im Nu. Dann wurde sie erneut vom Hunger gepeinigt.

J 5.87 Stets schickte sie ihren Gatten und ihre Söhne aus, neue Genüsse zu holen. Nach kurzer Zeit gebar sie ein Paar von Söhnen.

J 5.88 Der ältere hieß Jvalamukha, „Flammenmund“, der andere Nindyavritta, „der von tadelnswertem Wandel“. Beide waren ihrer Mutter immer besonders lieb.

J 5.89 Wann immer Asthira, an Mahashana gebunden, sie umarmte, wurde sein ganzer Körper von Jvalamukhas Flammen geleckt.

J 5.90 Asthira litt überaus und verfiel in tiefe Betäubung. Zuweilen verband er sich mit seinem geliebten Sohn Nindyavritta.

J 5.91 Dann wurde er von allen verachtet und war wie tot. Als Asthira so ganz zum Erleiden von Schmerzen bestimmt schien,

J 5.92 verband sich meine Gefährtin Svabhavasati aus übergroßer mütterlicher Liebe mit ihrem Sohn. Durch sein Leid

J 5.93 wurde sie selbst von einer schweren Last des Leidens erfasst. Mit Nindyavritta verbunden und von ihrem Enkel Jvalamukha umarmt,

J 5.94 wurde sie verbrannt, von den Menschen getadelt und beinahe wie tot. Und weil ich ihr stets folgte, schien auch ich, Geliebter, fast ausgelöscht.

J 5.95 Viele Jahre litt ich so durch das Leiden meiner Gefährtin. Seit Asthira Mahashana geheiratet hatte, war er nicht mehr frei.

J 5.96 Durch eine bestimmte Handlung gelangte er einst in eine Stadt mit zehn Toren. Dort lebte er zusammen mit Mahashana, seinen Söhnen, seiner Mutter und den übrigen.

J 5.97 Er suchte Glück, erlebte aber Tag und Nacht Leid. Von seinen beiden Söhnen am ganzen Körper verbrannt und verächtlich gemacht,

J 5.98 wurde er durch seine beiden Frauen ständig hierhin und dorthin gezogen. Immer wieder betrat und verließ er die fünf Häuser seiner Söhne.

J 5.99 Er geriet in größte Erschöpfung und fand nirgends Glück. Durch das Leid ihres Sohnes wurde auch meine Gefährtin äußerst unglücklich.

J 5.100 Fast wie betäubt wohnte sie in jener Stadt. Mahashana, die mit Jvalamukha und Nindyavritta verbunden war,

J 5.101 wurde von Shunya und von ihrem Schwiegervater Mudha genährt und auch durch ihre Mitfrau Chapala sehr gestärkt.

J 5.102 So brachte sie ihren Gatten Asthira in jener Stadt völlig unter ihre Herrschaft. Aus Liebe zu meiner Gefährtin wohnte auch ich dort, ganz ihr zugewandt.

J 5.103 Durch ihr Leid beinahe vernichtet, bemühte ich mich, alle zu erhalten. Wäre ich auch nur einen einzigen Augenblick nicht dort, Geliebter,

J 5.104 könnte keiner von ihnen bestehen. Denn durch mich wird alles erhalten. Durch Shunya schien ich leer, durch Mudha verblendet,

J 5.105 durch Asthira unstet, durch die Verbindung mit Chapala flatterhaft, durch Jvalamukha brennend und durch Nindyavritta von dessen Art.

J 5.106 Durch die Verbindung mit meiner Gefährtin nahm ich so anscheinend die jeweilige Gestalt an. Wenn ich meine Gefährtin verließe, würde sie in einem Augenblick vergehen.

J 5.107 Wegen meiner Verbindung mit ihnen nennen mich alle törichten Menschen treulos. Die Einsichtigen aber wissen, dass ich makellos bin.

J 5.108 Meine Mutter ist vollkommen wahrhaftig, rein und von makelloser Gestalt, weiter als der Raum und feiner als ein Atom.

J 5.109 Sie weiß alles und weiß doch kein gegenständliches Etwas; sie tut alles und ist doch untätig. Sie ist die Zuflucht von allem und hat selbst keinen äußeren Grund; sie trägt alles und ist auf nichts angewiesen.

J 5.110 Sie ist alle Gestalten und dennoch gestaltlos, mit allem verbunden und dennoch unverbunden. Obwohl sie überall leuchtet, kann sie von niemandem als Gegenstand erkannt werden.

J 5.111 Sie ist große Glückseligkeit und doch jenseits gegenständlicher Freude; sie hat weder Mutter noch Vater. Unzählige Töchter wie mich hat sie.

J 5.112 Wie die Wellen des Meeres ist die Schar meiner Schwestern nicht zu zählen. Sie alle, Königssohn, führen ein Leben wie ich.

J 5.113 Auch ich besitze eine große verborgene Kraft. Obwohl ich mit all diesen Gefährtinnen verbunden und auf sie ausgerichtet bin, gleiche ich meinem Wesen nach meiner Mutter.

J 5.114 Wenn der Sohn meiner Gefährtin in dieser Stadt ganz ermüdet ist, schläft Asthira tief im Schoß seiner Mutter.

J 5.115 Wenn Asthira schläft, schlafen auch seine Söhne und die übrigen ein. Keiner von ihnen bleibt wach.

J 5.116 Dann bewacht Asthiras geliebter Freund Pracara, „der Umlauf“, die Stadt; er bewegt sich beständig durch das vordere Torpaar.

J 5.117 Auch Asthiras Mutter, meine Gefährtin, ist dann mit ihrem Sohn vereint. Ihre Freundin und Schwiegermutter, die von Natur aus Unwahrhaftige,

J 5.118 hüllt sie alle ein und behütet sie zusammen mit ihrem eigenen Sohn. Wenn so alle schlafen, kehre ich zu meiner Mutter zurück.

J 5.119 Von meiner Mutter umarmt, bin ich lange von Glück erfüllt. Sobald jene wieder erwachen, folge ich ihnen jedoch rasch, Tag für Tag.

J 5.120 Asthiras mächtiger Freund Pracara ernährt täglich alle, angefangen mit Asthira.

J 5.121 Obwohl einer, nimmt er viele Formen an, durchdringt und erhält jeden Tag die Stadt und ihre Bewohner und verbindet alle miteinander.

J 5.122 Ohne ihn würden sie auseinanderfallen und vollständig zugrunde gehen, wie die Perlen einer Kette voneinander getrennt werden, wenn der Faden fehlt.

J 5.123 Er verbindet sich auch mit mir und bringt mich mit allen zusammen. Von mir belebt, ist er in jener Stadt der Lenker, der die Fäden hält.

J 5.124 Wenn die Stadt verfallen ist, führt er sie rasch in eine andere. Auf Pracara gestützt, wurde Asthira so nach und nach zum Herrn

J 5.125 vieler verschiedener Städte. Obwohl Asthira der Sohn der Wahrhaftigen war und sich auf diesen Mächtigen stützte,

J 5.126 obwohl auch ich ihn stets belebte, erfuhr er auf jede Weise Leid: durch seine enge Verbindung mit den beiden Frauen Chapala und Mahashana,

J 5.127 mit dem Söhnepaar Jvalamukha und Nindyavritta sowie den anderen fünf Söhnen wurde er überallhin gezerrt.

J 5.128 Sein ganzes Wesen war von großer Bedrängnis erfüllt und des geringsten Glückes beraubt. Bald zogen ihn die fünf Söhne hierhin und dorthin,

J 5.129 bald wurde er von Chapala heftig aufgewühlt und ermüdete; bald lief er umher, um Nahrung für Mahashana zu beschaffen.

J 5.130 Manchmal von Jvalamukha gepackt und vom Fuß bis zum Kopf verbrannt, verfiel er in tiefe Betäubung, ohne ein Gegenmittel zu kennen.

J 5.131 Manchmal geriet er zu Nindyavritta und wurde von anderen verachtet und beschimpft. Von Trauer bedrängt hielt er sich dann für so gut wie tot.

J 5.132 Mit schlechten Frauen und Söhnen verbunden, aus einer verdorbenen Familie hervorgegangen, wurde er verblendet, von Frau und Kindern beherrscht und stets von ihnen geführt.

J 5.133 Mit ihnen wohnte er in verschiedenartigen Städten, hohen und niedrigen, bald in solchen voller Wildnis, im Gebiet fleischfressender Tiere,

J 5.134 bald in überaus heißen, bald in kalten und erstarrten, bald in solchen, in denen Fäulnis dahinfloss, bald in dichter Finsternis.

J 5.135 Als ihr Sohn Asthira so immer wieder schweres Leid erfuhr, war auch meine Gefährtin durch den schlechten Umgang beständig vor Leid verwirrt.

J 5.136 Obwohl ich von Natur aus wahrhaftig bin, folgte ich ihr und schien selbst völlig verblendet, Geliebter, ganz der Sorge für ihre Familie ergeben.

J 5.137 Wer könnte durch schlechten Umgang irgendwo auch nur ein wenig Glück erlangen? Es wäre, als wollte ein Mensch seinen Durst stillen, indem er im Sommer in die Wüste geht.

J 5.138 Nachdem sehr lange Zeit vergangen war, kam meine Gefährtin, von großer Erschöpfung verwirrt, allein mit mir zusammen.

J 5.139 Durch die Gemeinschaft mit mir allein gewann sie klare Einsicht und einen wahrhaftigen Gatten. Sie bezwang ihren eigenen Sohn, tötete ihn und band dessen Söhne und die übrigen.

J 5.140 Mit mir vereint, gelangte sie rasch zur Stadt meiner Mutter. Makellos umarmte sie meine Mutter immer wieder

J 5.141 und versank mit ihrem ganzen Wesen im Ozean der Glückseligkeit. Ebenso bezwinge auch du den übel handelnden Sohn deiner Gefährtin,

J 5.142 erreiche deine eigene Mutter, mein Herr, und erlange ewiges Glück. Dies habe ich dir als selbst erfahrenen Ort der Freude erzählt.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya, in der Erzählung von Hemachuda, das fünfte Kapitel, die Erzählung von der Bindung.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 6: Vertrauen und kritische Prüfung

Vertrauen und Prüfung: Die Diskussion richtet sich gegen ein Argumentieren, das jeden Erkenntnisgrund aufhebt und damit auch seine eigene Behauptung untergräbt. Die Lehre der Figur Shunga wird in der Polemik dieser Erzählung wiedergegeben; sie ersetzt keine umfassende Darstellung philosophischer Leerheitslehren.

J 6.1 Als Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, staunte er sehr. Lächelnd fragte er, der noch nicht verstand, die einsichtsvolle Frau:

J 6.2 „Geliebte, was du da erzählt hast, erscheint mir wie ein Bild im leeren Himmel. Deine Rede hat keinen greifbaren Halt; so kommt mir das Ganze vor.

J 6.3 Du bist doch als Tochter einer Himmelsfrau geboren und von einem Rishi im Wald aufgezogen worden. Du bist gerade erst jugendlich geworden und noch nicht voll erwachsen.

J 6.4 Du erzählst aber von Begebenheiten, die sich über viele tausend Jahre erstreckt haben müssten. Deine Worte gleichen der Rede eines von einem Geist Besessenen.

J 6.5 Wie soll ich aus dieser zusammenhanglosen Erzählung etwas Wirkliches verstehen? Sage mir: Wo ist deine Gefährtin? Und wo ist ihr gefesselter Sohn?

J 6.6 Wo liegen jene Städte? Erkläre es mir! Doch wozu diese ganze Geschichte? Sage mir zunächst, wo meine eigene Gefährtin ist.

J 6.7 Ich habe von meiner Mutter keine Gefährtin erhalten; bedenke das. Meine ehrwürdige Mutter lebt in ihren Gemächern, und mein Vater hat keine andere Gemahlin.

J 6.8 Wo also ist jene Gefährtin von mir, und wo ihr Sohn? Sage es sogleich! Mir scheint deine Rede sich auf etwas zu stützen wie den Sohn einer unfruchtbaren Frau.

J 6.9 So spricht etwa ein Schauspieler in der Rolle eines Spaßmachers: „Der Sohn einer Unfruchtbaren bestieg einen großen Wagen aus Spiegelbildern,

J 6.10 geschmückt mit goldenem Schmuck, den man einer Muschelschale nur angedichtet hatte. Mit Waffen aus Menschenhörnern kämpfte er in einem Wald im Himmel,

J 6.11 tötete einen erst künftig geborenen König, eroberte eine Luftschlossstadt und spielt nun mit Traumfrauen im Fluss einer Luftspiegelung.“

J 6.12 Ebenso erscheint mir deine Rede in jeder Hinsicht widersinnig.“ Als die kluge Hemalekha diese Worte ihres Geliebten hörte, antwortete sie:

J 6.13 „Mein Herr, wie könnte das, was ich dir gesagt habe, sinnlos sein? Die Worte von Menschen meiner Art sind niemals ohne einen tragenden Grund.

J 6.14 Unwahrheit zerstört die Kraft der Askese. Wie könnte sie bei Wahrheitsliebenden Platz finden? In einer Familie von Asketen wäre sie so fehl am Platz wie Schönheit bei einer entstellenden Hautkrankheit.

J 6.15 Wer einen ernsthaft Fragenden durch Unwahrheit auf etwas anderes lenkt, findet weder oben noch unten eine Welt, die ihm Glück gewährt.

J 6.16 Höre, Königssohn! Ein Mensch mit getrübter Sicht gewinnt nicht sogleich klares Sehen, nur weil man ihm viel von Augensalben erzählt.

J 6.17 Mit verwirrtem Verständnis hält er sogar gut gemeinte Worte für falsch. Warum sollte ich, deine Geliebte, dich, der nach Erkenntnis fragt, mit Unwahrheiten abspeisen?

J 6.18 Selbst wenn dir das von mir Gesagte unwahr erscheint, prüfe es mit klarem Verstand. Ein geschickter Mensch kann im gewöhnlichen Leben

J 6.19 aus der Untersuchung eines einzigen Gesichtspunkts die ganze Lage erkennen. Ich werde dir dazu ein Beispiel geben; betrachte es sorgfältig.

J 6.20 Alle jene Sinnendinge dienten früher deinem erwünschten Glück. Warum dienen sie dir heute, nachdem du meine Worte gehört hast, nicht mehr als Quelle des Glücks?

J 6.21 Warum bereiten dieselben Dinge anderen noch immer Freude? Schon anhand dieses Beispiels solltest du deine Auffassung prüfen können.

J 6.22 Höre mit aufrichtigem, klarem Verständnis, was ich sage, Königssohn: Das beständige Misstrauen gegenüber den Worten glaubwürdiger Menschen wird in der Welt zum Feind.

J 6.23 Vertrauen ist eine Mutter. Wie eine liebevolle Mutter ihr Kind schützt es den, der bei ihm Zuflucht nimmt, vor großen Gefahren; daran besteht kein Zweifel.

J 6.24 Glück, Wohlstand und Ansehen verlassen den Toren, der glaubwürdigen Menschen nicht vertraut. Wer ohne Vertrauen ist, bleibt auf jede Weise benachteiligt.

J 6.25 Vertrauen trägt die Welten; Vertrauen ist das Leben aller. Wie könnte ein Kind leben, das seiner Mutter nicht vertraut? Sage es mir!

J 6.26 Wie könnte ein junger Mann glücklich werden, wenn er seiner Frau misstraut? Wie könnte ebenso ein alter Mensch ein gutes Los finden, wenn er seinen Kindern nicht vertraut?

J 6.27 Warum sollte ein Bauer den Boden pflügen, wenn er keinerlei Vertrauen hätte? Ohne Vertrauen gäbe es nirgends ein Handeln, weder beim Aufgeben noch beim Erwerben.

J 6.28 Durch völligen Mangel an Vertrauen würde der Bestand der Welt zerfallen. Wenn du meinst, die Menschen handelten nur aufgrund unumstößlicher Gewissheit, dann höre:

J 6.29 Warum setzt du dein Vertrauen gerade in das Erfassen solcher Gewissheit? Auch wer sich allein auf unumstößliche Gewissheit stützt, nimmt damit Zuflucht zu Vertrauen.

J 6.30 Ohne Vertrauen würde die Welt gewiss verzagen und zugrunde gehen. Finde deshalb festes Vertrauen und erlange unübertreffliches Glück.

J 6.31 Wenn du meinst, einem Ungeeigneten dürfe man nicht vertrauen, dann höre: Auch diese Haltung beruht bereits auf Vertrauen, Königssohn.

J 6.32 Wie könnte sonst deine Entscheidung zustande kommen?“ Als Hemachuda die Worte seiner geschickt sprechenden Geliebten hörte, entgegnete er:

J 6.33 „Gewiss, Geliebte, wenn man überhaupt vertrauen muss, dann soll man sein Vertrauen auf die Guten richten, damit daraus Heil entsteht.

J 6.34 Wer Heil sucht, soll den Schlechten nicht vertrauen. Sonst ergeht es ihm wie einem Fisch bei einem gekrümmten Haken, der innen scharf,

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 6.35 außen aber mit einer glatten Teigschicht bedeckt ist: Er geht zugrunde. Darum soll man nur den Guten vertrauen, niemals den Schlechten.

J 6.36 Diejenigen, die den Schlechten vertrauten und zugrunde gingen, und die anderen, die durch Vertrauen zu den Guten Heil fanden, sind dafür Beispiele.

J 6.37 Deshalb ist Vertrauen nur nach vorgängiger Prüfung angemessen, nicht anders. Wie kannst du dann fragen, wie meine Entscheidung überhaupt zustande kommen könnte?“

J 6.38 So angesprochen, antwortete Hemalekha ihrem geliebten Gatten erneut: „Höre, Königssohn, was ich dir nun sage.

J 6.39 Auf deine Frage nach meiner Frage erwidere ich: Woher stammt deine Gewissheit, dass dieser gut und jener nicht gut ist?

J 6.40 Wenn diese Gewissheit zutrifft, entsteht durch rechtes Vertrauen Heil. Meinst du, die Gewissheit stamme aus Merkmalen, dann richtet sich dein Vertrauen auf diese Merkmale.

J 6.41 Wenn du sagst, die Kenntnis der Merkmale beruhe auf einem gültigen Erkenntnismittel, dann höre: Was kann für einen völlig Misstrauischen überhaupt als Erkenntnismittel gelten? Bestimme dies genau!

J 6.42 Andernfalls könnte sich ein Erkennender niemals irren. Deshalb handelt die ganze Welt auf der Grundlage von Vertrauen.

J 6.43 Ich werde dir erklären, wie das zu verstehen ist. Höre mit ruhigem Geist! Weder ein Mensch, dessen Argumentieren niemals zu einem tragfähigen Ergebnis gelangt, noch ein Mensch, der überhaupt nicht prüft,

J 6.44 findet auf diesem Weg Heil in dieser oder einer anderen Welt. Doch bei demjenigen, der bisher nicht prüft, kann mit der Zeit noch Heil entstehen.

J 6.45 Wer dagegen in haltlosem Argumentieren verfangen bleibt, findet auf diese Weise kein Heil. Einst lebte im Sahya-Gebirge am Ufer der Godavari ein Weiser namens Kaushika.

J 6.46 Sein Verständnis war friedvoll und klar, und er kannte die wahre Beschaffenheit der Welt. Hunderte Schüler lebten bei ihm und nahmen Zuflucht zu ihrem Guru.

J 6.47 Eines Tages waren sie mit dem Guru unterwegs. Um die Beschaffenheit der Welt zu bestimmen, sprachen sie entsprechend ihrem jeweiligen Verständnis miteinander.

J 6.48 Da kam ein sehr gelehrter Brahmane namens Shunga. Mit seiner geistigen Gewandtheit widerlegte er jede Auffassung, die sie vortrugen.

J 6.49 Seine Einsicht war durch fehlendes Vertrauen beeinträchtigt, doch im Streitgespräch war er geschickt. Als die Brahmanen sagten: „Wahr ist, was durch gültige Erkenntnismittel erkannt wird“,

J 6.50 erwiderte Shunga, der sich allein auf ein niemals zum Abschluss kommendes Argumentieren stützte, während der Debatte allen widersprechend:

J 6.51 „Hört meine Worte, ihr Brahmanen! Nirgends lässt sich Wahrheit feststellen. Ihr sagt: Wahr ist, was durch ein Erkenntnismittel erkannt wurde.

J 6.52 Wenn dieses Erkenntnismittel aber fehlerhaft ist, dann ist dadurch nichts zuverlässig erkannt. Deshalb muss zuerst die Fehlerfreiheit der Erkenntnismittel festgestellt werden.

J 6.53 Geschieht dies durch ein weiteres Erkenntnismittel, muss man auch dieses auf dieselbe Weise prüfen. Wegen dieses unendlichen Rückgangs kann überhaupt nichts als erkannt gelten.

J 6.54 Daher lassen sich weder Erkennender noch Erkanntes noch Erkenntnismittel feststellen. Die vielfältigen Vorstellungen beruhen folglich auf Leere.

J 6.55 Auch die Vorstellung selbst erweist sich als leer, weil sie keinem gesicherten Erkenntnismittel zugänglich ist. Darum ist alles leer, und nichts besteht wirklich: Das ist die endgültige Entscheidung.“

J 6.56 Als sie Shungas Worte hörten, schlossen sich einige jener Brahmanen dieser bloß scheinbaren Gewissheit an und wurden Vertreter der Leere.

J 6.57 Daran festhaltend gingen sie zugrunde und gelangten in einen Zustand äußerster Leere. Die innerlich gefestigten Brahmanen hingegen

J 6.58 trugen Shungas Ausführungen Kaushika vor und fanden durch ihn Gewissheit im Herzen. Darum soll man dieses haltlose Argumentieren vollständig aufgeben

J 6.59 und sich stets auf ein prüfendes Denken stützen, das in einer verlässlichen Überlieferung verankert ist; so erlangt man Heil.“ Als die äußerst kluge Geliebte dies gesagt hatte,

J 6.60 fragte Hemachuda sie erneut, voller Staunen über ihre edle Gesinnung: „Wie groß ist deine Gelehrsamkeit, Geliebte! Ich habe sie früher nicht erkannt.

J 6.61 Gesegnet bist du, und auch ich bin gesegnet, weil ich dir begegnet bin. Du sagst, durch Vertrauen lasse sich alles Heil erreichen. Wie ist das zu verstehen?

J 6.62 Worauf soll man vertrauen, und wo ist Vertrauen nicht angebracht? Die überlieferten Lehren sind zahllos und vertreten widersprechende Inhalte.

J 6.63 Die Auffassungen der Lehrer unterscheiden sich, ebenso die ihrer Ausleger; auch das eigene Urteil ist nicht beständig. Was soll man annehmen und was nicht?

J 6.64 Jeder erklärt seine eigene bevorzugte Ansicht für sicher, Geliebte, die anderen aber für ungeklärt und schädlich.

J 6.65 So kommt niemand zu einem Ende. Auch wer die Leere zur höchsten Wirklichkeit erklärt, kritisiert die Annahme einer nichtleeren Wirklichkeit.

J 6.66 Warum sollte seine Auffassung unglaubwürdig sein, wenn auch sie mit einer Überlieferung verbunden ist? Erkläre mir das gründlich, Geliebte! Gewiss hast du auch dies bedacht.“

Kapitelabschluss: Hier endet in der vorzüglichen heiligen Erzählung Tripurārahasya, im Jñānakhaṇḍa und in der Geschichte Hemachudas, das sechste Kapitel mit dem Titel „Lob des Vertrauens“.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 7: Das Wesen des höchsten Herrn

J 7.1 Als ihr überaus geliebter Gatte sie so fragte, antwortete die weise Hemalekha, die die Beschaffenheit der Welt klar erkannt hatte:

J 7.2 „Höre, Geliebter, mit festem Herzen und aufrichtiger Aufmerksamkeit! Ich werde es dir erklären. Der Geist gleicht einem Affen; er ist stets unstet.

J 7.3 Deshalb gerät der gewöhnliche Mensch in großes Unheil. Dass der bewegte Geist die Ursache aller Leiden ist, lässt sich unmittelbar erkennen.

J 7.4 Im Tiefschlaf findet man Glück, weil diese Bewegung fehlt. Darum festige deinen Geist und höre, was ich dir sage.

J 7.5 Was ohne Aufmerksamkeit gehört wird, ist wie ungehört. Es bleibt fruchtlos, wie die Zuflucht zu einem nur gemalten Baum.

J 7.6 Wer das zerstörerische, haltlose Argumentieren aufgibt und sich auf tragfähige Prüfung stützt, erlangt rasch eine gute Frucht.

J 7.7 Auf solche Prüfung gestützt, wendet er sich entschlossen der Praxis zu. Durch das daraus erwachsene Vertrauen wird ihm die Frucht zuteil.

J 7.8 Lass jenes endlose Gegenargumentieren los, Geliebter, und betrachte das Leben der Welt, das durch Vertrauen Frucht trägt.

J 7.9 Nach sorgfältiger Überlegung über die richtige Zeit pflügt der Bauer den Boden. Ebenso werden Silber, Gold, Edelsteine, Heilkräuter und andere Dinge auf der Grundlage von Vertrauen

J 7.10 und vernünftiger Prüfung beschafft, ohne in endlosem Zweifel zu verharren. Darum bestimme durch klare Prüfung und Vertrauen, was deinem eigenen Heil dient,

J 7.11 und bemühe dich um dessen Verwirklichung. Gib nicht wegen haltlosen Argumentierens die eigene Anstrengung auf, wie es die Anhänger Shungas taten.

J 7.12 Wer sich voller Vertrauen bemüht, wird nicht völlig zunichtegemacht. Wie sollte bei entschlossener, ausdauernder Anstrengung keine Frucht erreicht werden?

J 7.13 Durch eigene Anstrengung gewinnen Bauern Getreide, Kaufleute Reichtum, Könige die Fülle der Herrschaft und Brahmanen das Wissen, das vielerlei Glück ermöglicht.

J 7.14 Dienende erlangen ihren Lohn, Götter den Nektar, Asketen eine hohe Welt. Auch andere erreichen ihr erwünschtes Ziel durch tatkräftiges Bemühen.

J 7.15 Was hat jemals ein Mensch ohne Vertrauen, der nur haltlos argumentiert, auf irgendeine Weise erlangt? Prüfe dies und sage es mir!

J 7.16 Wer wegen eines einzelnen enttäuschenden Ergebnisses überall das Vertrauen aufgibt, den erkenne als einen vom Schicksal Geschlagenen, der sich selbst zum Feind geworden ist.

J 7.17 Gestützt auf eigene Anstrengung, genährt von Vertrauen und klarer Prüfung, soll man sich dem vorzüglichsten Mittel zum Heil zuwenden.

J 7.18 Die Mittel zeigen sich zwar verschiedenartig; unter ihnen ist aber dasjenige das wichtigste, das sein Ziel zuverlässig verwirklicht.

J 7.19 Bestimme es durch vernünftige Prüfung und Erfahrung und beginne dann unverzüglich. Ich werde dir dies alles erklären. Höre aufmerksam!

J 7.20 Als Heil erkenne das, wonach man nicht wieder trauert. Bei feiner Betrachtung zeigt sich, dass von allen anderen Seiten Leid kommen kann.

J 7.21 Was mit Trauer durchsetzt ist, ist nicht das vollkommene Heil. Reichtum, Kinder, Ehepartner, Königreich, Schatz, Heeresmacht und Ruhm,

J 7.22 Wissen, Verstand, Sehkraft, Körper und Schönheit – all dies ist unbeständig und befindet sich im Rachen der Schlange der Zeit.

J 7.23 Es trägt in sich die Kraft eines Samens, aus dem Leid aufkeimen kann. Wie könnte es ein Mittel zu endgültigem Heil sein?

J 7.24 Darum muss das höchste Heil wesentlich über all dies hinausgehen. Die irrige Annahme, Reichtum und Ähnliches seien unbedingt anzustreben,

J 7.25 entsteht aus Verblendung. Der große Herr, der die ganze Welt hervorbringt, bewirkt auch diese Verhüllung; durch ihn sind alle verblendet.

J 7.26 Selbst ein unbedeutender Mensch kann mit einem kleinen Teil besonderer Kenntnisse andere täuschen – einige, nicht alle, weil seine Kunst begrenzt ist.

J 7.27 Wenn Menschen schon einen solchen Zauberkundigen mit begrenzter Kunst nicht durchschauen, wer könnte aus eigener Macht den großen Herrn mit seiner gewaltigen Maya überschreiten?

J 7.28 Wer einen gewöhnlichen Zauber durch eine entgegenwirkende Kenntnis versteht, entkommt dessen Täuschung. In sich ruhend erlangt er ein Glück, das durch diesen Zauber nicht mehr zerstört wird.

J 7.29 Doch selbst diese Gegenkenntnis lässt sich nicht erlangen, ohne sich an den Zauberkundigen zu wenden und ihn ganz für sich zu gewinnen.

J 7.30 Wie sollte man dann die große Verblendung überwinden, ohne den großen Herrn der Maya für sich zu gewinnen? Darum nehme man auf jede Weise Zuflucht zu ihm.

J 7.31 Wer ihn wahrhaft erfreut und durch seine Gnade die große Erkenntnis empfängt, wird seine Verhüllung gewiss überschreiten.

J 7.32 Auch andere Yogawege werden als Mittel zum Heil gelehrt. Doch ohne die Gnade des höchsten Herrn führen sie nicht zu ihrer Frucht.

J 7.33 Darum verehre man zuerst den großen Herrn, die Ursache des Alls. Durch Hingabe lässt er rasch jene Yogawege gelingen, welche die Verblendung auflösen.

J 7.34 Diese Welt zeigt sich unmittelbar als etwas Zusammengesetztes, hervorgebrachtes; auch Erde und die anderen Elemente haben Teile, obwohl man ihren Anfang nicht beobachtet.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 7.35 Durch die Überlegung, dass sie eine Wirkung sind, gestärkt durch viele Überlieferungen, soll man einen Urheber erkennen, der von allen gewöhnlichen Urhebern verschieden ist.

J 7.36 Zwar erklärt eine bestimmte Lehre die Welt für urheberlos; doch viele andere, auf vernünftige Erwägungen gestützte Überlieferungen widersprechen ihr.

J 7.37 Eine Lehre, die sich ausschließlich auf unmittelbare Sinneswahrnehmung stützt und zur Verneinung des Selbst führt, ist nur eine scheinbare Offenbarung, kein erhabener Grund.

J 7.38 Eine Schrift, die allein aus dürrem Argumentieren konstruiert ist, soll man aufgeben. Wieder andere behaupten, diese Welt sei ewig

J 7.39 und habe einen unbewussten Urheber. Auch das ist nicht stimmig, denn zielgerichtete Tätigkeit setzt Verständnis voraus; bei einem Nichtverstehenden sieht man sie nicht.

J 7.40 Gestützt auf viele Überlieferungen soll hier ein bewusster Urheber angenommen werden, da man überall beobachtet, dass ein planvoll hervorgebrachtes Werk einen bewussten Urheber hat.

J 7.41 So ergibt sich aus tragfähiger Prüfung und Überlieferung, dass diese Welt einen Urheber hat. Er muss jedoch von den weltlichen Urhebern verschieden sein.

J 7.42 Weil seine Wirkung unermesslich ist, besitzt er unermessliche, unendliche Kraft. Seine Fähigkeit ist unbegrenzt, entsprechend der Beschaffenheit dessen, was er hervorbringt.

J 7.43 Daher vermag er diejenigen vollständig zu retten, die bei ihm Zuflucht nehmen. Mache ihn deshalb stets mit deinem ganzen Wesen zu deiner Zuflucht.

J 7.44 Ich werde dir ein Beispiel nennen, das Vertrauen begründet. Höre! Schon ein weltlicher Herr von begrenzter Macht, dem man aufrichtig dient,

J 7.45 kann einen Menschen mit den ersehnten Gütern verbinden und zu seinem Wohlergehen beitragen. Wenn aber der göttliche Herr der Welt durch jemanden wahrhaft erfreut wird,

J 7.46 was sollte er ihm nicht schenken, da er seine Verehrer besonders liebt? Weltliche Herrscher sind oft unbeständig und ohne Zuneigung,

J 7.47 ohne Mitgefühl und undankbar; darum ist die Frucht ihrer Gunst unsicher. Der höchste Herr hingegen ist ein Ozean des Mitgefühls, erkennt das Gute an und ist beständig.

J 7.48 Wie könnte er sonst im anfangslosen Samsara untadelig bleiben? Wie könnte der geordnete Gang der Welt bestehen? Sage es mir!

J 7.49 Das Reich eines unbeständigen Herrschers sieht man zugrunde gehen. Darum wird jener als Ozean des Mitgefühls und als vollkommen beständig bezeichnet.

J 7.50 Nimm deshalb rasch mit deinem ganzen Wesen und voller Hingabe Zuflucht zu ihm. Er wird dich mit dem Heil verbinden. [Die abschließende Aufforderung enthält in der Vorlage eine störende Verneinung; der Zusammenhang verlangt die Hinwendung zu ihm.]

J 7.51 Verehrung ist vielfältig: Sie kann aus Not oder aus dem Wunsch nach Gütern entstehen. Selten ist die Verehrung ohne eigennützigen Anlass; sie ist wahrhafte Verehrung.

J 7.52 Man sieht überall: Wird ein Herr von einem Notleidenden um Hilfe gebeten, so befreit er ihn manchmal aus Mitgefühl aus seiner Not.

J 7.53 Manchmal aber beachtet er ihn nicht, je nach Art und Tiefe des Dienens. Ebenso ist auch für jemanden, der Güter begehrt, die Frucht begrenzt und ungewiss.

J 7.54 Erkennt selbst ein beschränkter, unbeständiger Herr nach langer Zeit die Uneigennützigkeit eines Dienenden, so wird er ihm außerordentlich zugetan.

J 7.55 Um diese Uneigennützigkeit zu erkennen, braucht er wegen seines begrenzten Wissens lange Zeit. Der göttliche Herr aller aber ist der Herr im Herzen jedes Wesens.

J 7.56 Er kennt alles im selben Augenblick und kann die Frucht unverzüglich geben. Will er einen Leidenden oder einen nach Gütern Verlangenden mit dem Ersehnten verbinden,

J 7.57 wartet er gemäß seiner eigenen Ordnung auf das Reifen des Karma und gewährt dann die Frucht. Erkennt der allgegenwärtige Herr hingegen einen uneigennützig Verehrenden, der keine andere Zuflucht hat,

J 7.58 dann trägt er ganz die Sorge für dessen Erlangen und Bewahren. Ohne auf die Reife des Karma zu warten, setzt er seine eigene Ordnung außer Kraft,

J 7.59 bringt die geeigneten Mittel hervor und verbindet ihn rasch mit der Frucht. Gerade dies ist seine höchste Herrschaft: seine ungehinderte Freiheit.

J 7.60 Die Bindung durch bereits begonnenes Karma oder Schicksalsordnung betrifft denjenigen, der sich vom höchsten Herrn abwendet. Am Sohn Mrikandus, der dem Herrn ganz ergeben war,

J 7.61 ist allen bekannt, wie der große Herr Schicksalsordnung und begonnenes Karma überschreitet. Ich werde dir dafür auch eine Begründung geben; höre, Geliebter!

J 7.62 Obwohl begonnenes Karma und Schicksalsordnung als unüberschreitbar gelten, lässt sich dieses Karma vor allem von denjenigen nicht überwinden, die sich nicht bemühen.

J 7.63 Gerade deshalb wird begonnenes Karma durch Pranayama überwunden; es vermag solche Übenden nicht uneingeschränkt mit den gewöhnlich beobachteten Leiden zu verbinden.

J 7.64 Von der Schlange des begonnenen Karma verschlungen sind jene, die sich vom eigenen Bemühen abwenden. Auch dies ist in der Ordnung enthalten, wie die Erfahrung zeigt.

J 7.65 Die Schicksalsordnung ist eine Kraft des Herrn und besteht aus seinem Entschluss. Weil sein Entschluss wahrhaft wirksam ist, ist diese Ordnung unüberschreitbar.

J 7.66 Doch bei einem dem höchsten Herrn ganz Ergebenen wird ihre bindende Wirkung gehemmt. Und dennoch bleibt sie ungebrochen, denn auch diese Möglichkeit gehört zu ihrer eigenen Beschaffenheit.

J 7.67 Darum gib irreführendes Argumentieren auf und nimm uneigennützig Zuflucht zum großen Herrn. Er wird dich zum Heil führen.

J 7.68 Dies ist die erste Stufe zum Palast des bleibenden Friedens. Wer sie beiseitelässt, findet anderswo nicht einmal die geringste entsprechende Frucht.“

J 7.69 Als Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, Rama, fragte er sie mit überaus erfreutem Herzen weiter:

J 7.70 „Geliebte, erkläre mir jenen höchsten Herrn, der meine Zuflucht werden soll: den Schöpfer von allem, dessen Wesen Freiheit ist und durch dessen Kraft die Welt geordnet wird.

J 7.71 Die einen nennen ihn Vishnu, andere Shiva, Ganesha, die Sonne, Narasimha und andere Gestalten, Buddha oder Sugata,

J 7.72 Arhat, Vasudeva, Prana, Soma oder Feuer; wieder andere nennen Karma, Urnatur oder Atome und vieles mehr

J 7.73 als Ursache der Welt, entsprechend ihren verschiedenen Lehrmeinungen. Worauf soll ich also meine Auffassung des höchsten Herrn richten? Sage es mir!

J 7.74 Ich bin überzeugt, dass dir nichts davon unbekannt ist, denn der erhabene Vyaghrapada hat das Höhere und das Niedere erkannt.

J 7.75 Darum erstrahlt dieses Wissen auch in dir, obwohl du eine Frau bist. Erkläre es mir, deinem vertrauenden Geliebten, du, deren Worte Nektar sind!“

J 7.76 So von ihrem Geliebten befragt, antwortete Hemalekha freudig: „Mein Herr, ich werde es dir erklären. Höre die genaue Bestimmung Ishvaras.

J 7.77 Ishvara ist derjenige, der das Geflecht der Welt hervorbringt und wieder auflöst. Er ist Vishnu, er ist Shiva, Brahma, die Sonne und der Mond.

J 7.78 Er ist in jeder Hinsicht alles, was von allen diesen Lehren bezeichnet wird. Und doch ist er weder nur Shiva noch nur Vishnu, weder nur Brahma noch irgendein anderer.

J 7.79 Ich werde dir das genauer erklären; höre mit höchster Sammlung. Manche nennen Shiva den Schöpfer, mit fünf Gesichtern und drei Augen.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

J 7.80 Dieser Schöpfer wäre bewusst und mit einem Körper versehen, wie ein Töpfer. Auch in der Welt beobachtet man bewusste Schöpfer mit einem Körper.

J 7.81 Ein körperloser oder unbewusster Urheber wird dort nicht gesehen. Doch die eigentliche schöpferische Kraft kann nur dem bewussten Prinzip angehören.

J 7.82 Denn im Traum lässt dieser individuelle Erfahrende seinen groben Körper zurück und erschafft mit einem aus Bewusstsein bestehenden Leib alles, was er sich vorstellt.

J 7.83 Darum ist der Körper für den Schöpfer, dessen Wesen Bewusstsein ist, nur ein Werkzeug seines Wirkens. Individuelle Wesen sind auf Werkzeuge angewiesen, weil ihre Freiheit unvollständig ist.

J 7.84 Der erhabene Weltschöpfer besitzt hingegen vollkommene Freiheit. Ohne auf irgendetwas anderes angewiesen zu sein, erschafft er die ganze Welt.

J 7.85 Darum hat er nicht notwendig einen Körper: Das ist die wesentliche Einsicht. Andernfalls müsste er wie ein weltlicher Schöpfer von einem Stoff abhängen.

J 7.86 Wäre der große Herr beim Erschaffen der Welt auf einen Komplex von Ursachen wie Raum und Zeit angewiesen, wäre er ebenfalls nur ein begrenztes Einzelwesen.

J 7.87 Seine vollkommene Herrschaft wäre aufgehoben. Zudem müsste all dies schon vor seiner Weltschöpfung bestehen; seine Urheberschaft an allem wäre damit ohne Zweifel widerlegt.

J 7.88 Darum erschafft er die Welt unabhängig von einem sichtbaren Leib und anderen Mitteln. Einen groben Körper besitzt er in seinem eigentlichen Wesen nicht, Geliebter meines Herzens.

J 7.89 Menschen mit grobem Verständnis sind jedoch angesichts dieser höchsten, körperlosen Wirklichkeit verwirrt. In welcher Weise und an welchem Ort sie voller Hingabe über ihn meditieren,

J 7.90 dementsprechend nimmt er vielfältige Gestalten an, selbst das Wunschjuwel seiner Verehrer. Darum ist Ishvara reines bewusstes Sein; sein Leib ist das höchste Bewusstsein.

J 7.91 Das Bewusstsein selbst ist das große Sein, die souveräne höchste Herrin Tripurā. In ihr erscheint als unterschieden, was in Wahrheit ungetrennt ist:

J 7.92 diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt, gleich einer Stadt im Spiegel. Weil dort nur ihre eine Wirklichkeit ist, gibt es auf dieser Ebene keine Rangordnung von höher und niedriger.

J 7.93 In den begrenzten Erscheinungsformen werden dagegen Vorrang und andere Unterschiede vorgestellt. Darum verehre der Einsichtige die höchste, ungeteilte Gestalt.

J 7.94 Wer dazu noch nicht imstande ist, verehre uneigennützig jene konkrete Gestalt, die in seinem Herzen fest gegründet ist. Dadurch erlangt er unübertreffliches Heil. Anders findet er keinen solchen Ausgang, selbst in Millionen Geburten.“

Kapitelabschluss: Hier endet im ehrwürdigen Jñānakhaṇḍa, in der Erzählung von Hemachuda, das siebte Kapitel über die Bestimmung des Wesens Ishvaras.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 8: Die Erklärung des Gleichnisses

J 8.1 Nachdem Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, erkannte er durch Hemalekhas klare Erklärung das Wesen des höchsten Herrn als das aus Bewusstsein bestehende Wesen Tripurās.

J 8.2 Sein Herz gewann Vertrauen. Von den Lehrern lernte er die höchste Herrin Tripurā in ihrer mit Eigenschaften versehenen Gestalt kennen und wurde von ihrer großen Herrlichkeit erfüllt.

J 8.3 Hemachuda wandte sich ihr mit festem, ungeteiltem Herzen zu. In solcher Verehrung der Höchsten vergingen einige Monate.

J 8.4 Tripurā, die höchste Herrin, schenkte ihm ihre Gnade im Herzen. Sein Geist wandte sich von den Sinnendingen ab und richtete sich ganz auf unterscheidende Untersuchung.

J 8.5 Ein solcher, der Selbsterforschung zugeneigter Geist ist in der Welt ohne höchste Gnade schwer zu erlangen. Er ist die hauptsächliche Ursache der Befreiung.

J 8.6 Rama, solange der Geist nicht der Erforschung der Wahrheit ergeben ist, entsteht durch Hunderte von Mitteln noch keine Verbindung mit dem höchsten Heil.

J 8.7 Eines Tages suchte Hemachuda erneut seine Geliebte unter vier Augen auf, den Geist ganz auf die Erforschung gerichtet.

J 8.8 Sie sah den geliebten Mann schon von Weitem zu ihrer Wohnung kommen, erhob sich, führte ihn herein und ließ ihn auf ihrem eigenen Sitz Platz nehmen.

J 8.9 Sie ehrte ihn nach der rechten Ordnung, wusch ihm die Füße und sprach dann erhabene, liebliche Worte wie fließenden Nektar:

J 8.10 „Geliebtester! Nach langer Zeit sehe ich dich heute wieder. War dein Körper wohlauf? Der Körper ist ja ein Ort, an dem Krankheiten entstehen können.

J 8.11 Erzähle mir, wie es dir ergangen ist und weshalb du meiner nicht gedacht hast. Früher verging dir niemals,

J 8.12 ohne mich zu sehen und mit mir zu sprechen, auch nur ein Teil des Tages. Wie kommt es nun dazu? Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Weg gegangen bin, der dir missfiel,

J 8.13 nicht einmal im Traum – wie viel weniger im übrigen Leben. Warum also geschah dies? Wie konntest du auch nur eine Nacht verbringen, die doch einem Weltzeitalter gleichkommen müsste?

J 8.14 Früher war selbst ein einziger Augenblick ohne mich für dich so schwer zu ertragen wie ein ganzes Weltzeitalter.“ Mit diesen Worten umarmte sie ihn und wirkte einen Augenblick lang bekümmert.

J 8.15 Doch auch von seiner Geliebten umarmt, geriet er nicht im Geringsten aus der Fassung. Er sagte: „Geliebte, du solltest mich nicht auf diese Weise verwirren.

J 8.16 Ich habe dich jetzt sicher erkannt. Du hast keinen Grund zu trauern. Du kennst das Höhere und das Niedere und bist innerlich fest; wie könnte Verblendung dich berühren?

J 8.17 Ich bin gekommen, um dich etwas zu fragen. Höre, was ich sagen möchte: Erkläre mir deutlich jene Geschichte deines eigenen Lebens, die du früher erzählt hast.

J 8.18 Wer ist die Mutter, von der du sprachst? Wer ist deine Gefährtin, und wer ihr Gatte? Wer sind ihr Sohn und die anderen? Und wo sind sie in mir? Sage es mir!

J 8.19 Ich habe das noch nicht richtig verstanden; doch ich halte deine Worte nicht für unwahr. Vielmehr hast du alles in einer übertragenen Erzählung ausgedrückt.

J 8.20 Erkläre mir die einzelnen Bezüge, damit ich es klar verstehe. Ich nehme wahrhaft Zuflucht zu dir. Zerschneide den Zweifel in meinem Herzen!“

J 8.21 So angesprochen, blickte Hemalekha ihn mit freudigem Gesicht an. Sie erkannte sein gereinigtes Verständnis und die höchste Gnade, die ihm zuteilgeworden war.

J 8.22 Sie dachte: „Mit großer Festigkeit hat er sich von den Sinnendingen abgewandt. Die Kraft der großen Herrin hat ihn durchdrungen; die angesammelten heilsamen Verdienste tragen Frucht.

J 8.23 Jetzt ist die Zeit gekommen, ihn aufzuklären; darum will ich es tun.“ Sie sprach: „Mein Herr, durch die Gnade des Höchsten ist dir großes Glück zuteilgeworden.

J 8.24 Anders erkennt man nicht die begrenzte Befriedigungskraft der Sinnendinge. Als erstes Zeichen der göttlichen Gnade soll man dies verstehen:

J 8.25 dass der Geschmack an den Genüssen nachlässt; als weiteres Zeichen, dass der Geist der Erforschung zuneigt. Nun werde ich dir die zuvor erzählte Geschichte des Selbst erklären.

J 8.26 Das höchste Bewusstsein ist meine Mutter. Meine Gefährtin ist die Buddhi, das unterscheidende Verstehen. Als die Unwahrhaftige wurde Avidya, die Unwissenheit, bezeichnet, mit der sich die Buddhi verbunden hat.

J 8.27 Die erstaunliche Macht der Unwissenheit ist in der Welt deutlich sichtbar: Sie lässt in einem Seil eine Schlange erscheinen und erweckt dadurch große Furcht.

J 8.28 Ihr Sohn ist die große Verblendung. Dessen Sohn ist Manas, der denkende Geist. Seine Frau ist die Einbildungskraft, und die fünf Söhne,

J 8.29 die sie gebar, sind die fünf Erkenntnissinne. Ihre Wohnstätten sind die körperlichen Sinnesorgane. Das heimliche Mitnehmen der Gegenstände bezeichnet die Eindrücke, die im Geist zurückbleiben.

J 8.30 Ihr verborgener Genuss ist das Erleben im Traum. Die Schwester der Einbildungskraft, Mahashana, die Unersättliche, ist das Verlangen. Ihre beiden Söhne

J 8.31 sind Zorn und Gier. Die Stadt ist der Körper. Meine große verborgene Kraft aber ist das Aufleuchten meines eigenen Wesens.

J 8.32 Pracara, der geliebte Freund des Geistes, ist Prana. Die Wildnisse und die anderen schrecklichen Aufenthaltsorte sind Höllenzustände. So sind alle Bezüge erklärt.

J 8.33 Die Vereinigung der Buddhi mit mir wird Samadhi genannt. Das Erreichen der Welt meiner Mutter bezeichnet man als Befreiung, Geliebter.

J 8.34 So ist meine eigene Geschichte erklärt; auch du bist von derselben Art. Verstehe dies durch klare Überlegung und erlange das höchste Heil.“

Kapitelabschluss: Hier endet im ehrwürdigen Jñānakhaṇḍa, in der Erzählung von Hemachuda, das achte Kapitel mit der Erklärung des Gleichnisses vom Samsara.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 9: Selbsterforschung und Hemachudas innere Ruhe

Orientierung: Hemachuda unterscheidet zunächst das Selbst von den wahrgenommenen Dingen. Dunkelheit, Licht und vorübergehende Freude erweisen sich dabei noch nicht als sichere Erkenntnis des Selbst. Hemalekhas Unterweisung richtet die Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein, in dem all diese Zustände erscheinen.

J 9.1 Nachdem Hemachuda diese Erklärung seiner Geliebten gehört hatte, staunte er sehr und begann mit vor Freude stockender Stimme erneut zu sprechen:

J 9.2 „Gesegnet bist du, Geliebte, wie geschickt du bist! Wie könnte ich die Herrlichkeit deines Wissens beschreiben? All dies hast du in der Form einer Erzählung ausgedrückt.

J 9.3 Eine solche Geschichte meines eigenen Wesens war mir bisher völlig unbekannt. Durch deine Worte ist sie mir nun deutlich wie eine Frucht in meiner Hand.

J 9.4 Ich erkenne sie wieder und erfahre sie im Innern. Wie erstaunlich ist doch das Geschehen der Welt! Wer ist jene Mutter, das höchste Bewusstsein? Wie entstehen wir aus ihr?

J 9.5 Wer sind wir, und was ist unser Wesen? Erkläre mir das!“ So befragt, Rama, antwortete Hemalekha ihrem Geliebten:

J 9.6 „Mein Herr, höre aufmerksam! Ich werde dir diese verborgene Bedeutung erklären. Untersuche dein eigenes Wesen mit vollkommen gereinigtem Verständnis.

J 9.7 Es ist nichts Sichtbares und nichts, das sich als solches mit Worten bezeichnen ließe. Wie sollte ich es also beschreiben? Wenn du dein eigenes Wesen erkannt hast, wirst du dadurch auch die Mutter erkennen.

J 9.8 Das eigene Wesen lässt sich nicht wie ein Gegenstand vorzeigen. Darum schaue es selbst, ohne einen äußeren Zeigenden, gestützt auf ein klares Verständnis.

J 9.9 Es leuchtet in allen Wesen, von den Göttern bis zu den Tieren, ohne von anderem Licht erhellt zu werden. Es leuchtet überall, für alle und jederzeit, unabhängig von einem äußeren Erkenntnismittel.

J 9.10 Wie, wo, wann und durch wen sollte es auch nur ein wenig als Gegenstand dargestellt werden? Deine Frage gleicht der Bitte: „Zeige mir mein eigenes Auge!“

J 9.11 Hier kann ein Lehrer das Ziel nicht unmittelbar vorzeigen, ebenso wenig wie beim Sehen des eigenen Auges. Wie könnte selbst ein großer, geschickter Lehrer das Auge auf diese Weise sichtbar machen?

J 9.12 Der Guru hilft hier dadurch, dass er den geeigneten Weg zeigt. Diesen Weg werde ich dir erklären. Höre mit gesammeltem Geist!

J 9.13 Alles, was du an dir als „mein“ betrachtest, ist von deinem eigentlichen Wesen zu unterscheiden. Dein eigenes Wesen liegt jenseits dessen, was dir als „mein“ erscheint.

J 9.14 Gehe an einen stillen Ort und prüfe dies. Was immer dir als dein Besitz erscheint, scheide als dein eigentliches Selbst aus und erkenne das Selbst, das darüber hinausgeht.

J 9.15 Wie ich dir als „mein“ erscheine und deshalb nicht selbst dein Selbst bin: Aufgrund unserer Beziehung gehöre ich zu dir, doch ich bin nicht dein eigentliches Wesen.

J 9.16 Scheidest du alles aus, was „mein“ bedeutet, so erkenne als Selbst dasjenige, das sich nicht aufgeben lässt, und erlange das höchste Heil.“

J 9.17 So von seiner Geliebten unterwiesen, erhob sich Hemachuda rasch, bestieg sein Pferd und ritt sogleich aus der Stadt.

J 9.18 In einem Augenblick erreichte er einen Garten, der dem Nandana-Hain glich, und betrat darin einen hohen kristallenen Palast.

J 9.19 Er entließ alle Begleiter und befahl den Torwächtern: „Niemand soll hier eintreten, während ich mich in Abgeschiedenheit der Untersuchung widme.

J 9.20 Auch königliche Minister, Lehrer und selbst der König dürfen nicht hereingelassen werden, bevor ich euch die Erlaubnis gebe.“

J 9.21 Nachdem er dies gesagt hatte, stieg er hinauf und betrat das neunte Stockwerk des Palastes. Dort, an einem schönen Fenster mit weitem Ausblick,

J 9.22 setzte er sich ganz allein auf einen Sitz mit weicher Baumwollpolsterung, sammelte seinen Geist fest und begann nachzudenken:

J 9.23 „Wie kommt es, dass all diese Menschen so verblendet sind? Keiner scheint hier sein eigenes Selbst auch nur ein wenig zu kennen.

J 9.24 Alle vollziehen mannigfaltige Handlungen um ihrer selbst willen. Manche studieren täglich Lehrschriften, den Veda und seine Hilfswissenschaften,

J 9.25 andere erwerben Reichtum, andere regieren die Erde; manche kämpfen gegen Feinde, andere sind ganz auf Genuss versessen.

J 9.26 All dies tun sie für sich selbst. Doch was ist dieses Selbst? Niemand hier kennt es. Woher kommt diese Verwirrung?

J 9.27 Was man tut, ohne das eigene Selbst wirklich zu kennen, ist vergeblich wie eine Handlung im Traum. Darum werde ich es jetzt erforschen.

J 9.28 Häuser, Getreide, Herrschaft, Besitz, Ehefrau, Tiere und andere Dinge sind nicht mein Wesen, denn sie werden nicht unmittelbar als „ich“ erfahren.

J 9.29 Weil sie für mich da sind, müsste ich also der Körper sein. Gewiss bin ich ein Nachkomme der Kriegerkaste mit heller Haut; daran besteht kein Zweifel.

J 9.30 Auch andere Menschen werden von einer solchen Ichvorstellung erfasst.“ Mit diesem Schluss betrachtete der Prinz zunächst seinen Körper.

J 9.31 Dann begann er jedoch, auch die Gleichsetzung des Körpers mit dem Selbst zu verwerfen: „Wie könnte dieser Körper, der doch als „mein“ erfahren wird,

J 9.32 dieses Gemenge aus Blut, Knochen und anderem, das sich jeden Augenblick verändert, mein eigentliches Wesen sein? Abgetrennt kann er ja ebenfalls wahrgenommen werden,

J 9.33 gleich einem Holzstück oder Erdklumpen; im Traum und in anderen Zuständen erscheint er anders. Ich bin nicht der Körper, sondern etwas anderes. Auch Prana ist von dieser Art.

J 9.34 Ich bin weder der denkende Geist noch das unterscheidende Verstehen, denn auch sie werden „mein“ genannt. Darum bin ich ohne Zweifel von allem, vom Körper bis zur Buddhi, verschieden.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 9.35 Weil niemals die Erfahrung „Ich bin nicht“ auftritt, bin ich ohne Zweifel stets als gegenwärtiges Ich vorhanden.

J 9.36 Doch wodurch werde ich selbst, der ich gegenwärtig bin, offenbar? Dies weiß ich nicht deutlich. Warum habe ich es nicht erkannt?

J 9.37 Ein Topf und andere Dinge werden hier durch die Augen und die übrigen Sinne sichtbar, nicht anders. Prana wird durch den Tastsinn wahrgenommen; der Geist wird durch Erkenntnis erschlossen.

J 9.38 Ebenso verhält es sich mit der Buddhi. Doch wodurch werde ich selbst offenbar? Das weiß ich nicht. Wenn mein Selbst wegen des Erscheinens dieser Dinge nicht klar hervortritt,

J 9.39 dann will ich sie nicht mehr betrachten; dadurch müsste ich selbst offenbar werden.“ Nachdem er so entschieden hatte, ließ er alles los, was Gegenstand des Geistes war.

J 9.40 Darauf sah er einen Augenblick lang tiefe Dunkelheit. Sein Geist fasste den Entschluss: „Dies ist die Gestalt meines Selbst.“

J 9.41 Er empfand unvergleichliche Freude. Dann dachte er erneut: „Ich will es noch einmal sehen“, und hielt den Geist an.

J 9.42 Als der unstete Geist durch gewaltsame yogische Anstrengung stillgestellt war, sah er einen Augenblick lang eine leuchtende Lichtfülle ohne Anfang und Ende.

J 9.43 Als er wieder daraus hervorkam, dachte er erstaunt: „Was ist das? Ich sehe ja Verschiedenes. Sehe ich überhaupt das Selbst? Wie verhält sich das?“

J 9.44 „Ich will noch einmal schauen“, dachte er und hielt seinen Geist erneut an. Dieser versank lange und tief im Schlaf.

J 9.45 Darin sah er ein Netz von Träumen mit mannigfaltigen Bildern. Als er erwachte, geriet er in große Nachdenklichkeit:

J 9.46 „War ich vom Schlaf verhüllt und sah Träume? Auch die Dunkelheit und das Licht, die ich gesehen habe, könnten traumartig sein.

J 9.47 Ein Traum ist eine Entfaltung des Geistes. Wie kann ich ihn vermeiden? Ich will den Geist noch einmal anhalten und schauen.“ So fasste er einen festen Entschluss.

J 9.48 Er hielt den Geist mit Nachdruck still, und dieser wurde ruhig. Da war es, als wäre er im Ozean der Glückseligkeit versunken.

J 9.49 Als der Geist sich wieder bewegte, kam er rasch daraus hervor. Er dachte: „War dies ein Traum oder eine Täuschung des Geistes?

J 9.50 Oder könnte es wahr gewesen sein? Es erscheint mir unbegreiflich. Ich habe überhaupt keinen Gegenstand erfahren; wie kam dann dieses Glück zustande?

J 9.51 Nichts hier kommt auch nur einem Teil dieses Glückes gleich! Ich war wie im Tiefschlaf ohne gegenständliches Wissen; wie konnte darin solches Glück bestehen?

J 9.52 Ich sehe keinerlei Ursache dafür. Wie kann es also sein? Ich habe mich aufgemacht, das Selbst zu erkennen, und doch habe ich es noch immer nicht erkannt.

J 9.53 Stattdessen sehe ich bald dies, bald jenes. Was soll das bedeuten? Ist mein Selbst Licht, Dunkelheit, Glück oder etwas anderes?

J 9.54 Oder besitzt es nacheinander all diese Gestalten? Ich komme damit zu keinem Ende. Ich werde meine weise Geliebte erneut befragen.“

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

J 9.55 Mit diesem Entschluss rief der Königssohn den Torwächter und befahl ihm, Hemalekha zu ihm zu bringen.

J 9.56 Auf die Nachricht des Torwächters hin kam sie rasch und stieg in den hohen Palast hinauf wie Mondlicht auf den Berg Meru.

J 9.57 Dort sah sie ihren geliebten Prinzen: sein Inneres friedvoll, sein Geist ruhig, unbewegt und unverändert, die Sinne zurückgezogen.

J 9.58 Sie trat rasch zu ihm und setzte sich auf seinen Sitz. Als sie neben ihm saß, öffnete er nach einem kurzen Augenblick

J 9.59 die Augen und erblickte sie an seiner Seite. Als sein Blick sie traf, umarmte sie ihn rasch voller Zuneigung.

J 9.60 Dann sprach die Geliebte schöne, nektargleiche Worte: „Mein Herr, warum hast du mich rufen lassen? Ist dein Körper wohlauf?

J 9.61 Nenne mir den Grund, aus dem ich herkommen sollte.“ So von seiner Geliebten befragt, antwortete er:

J 9.62 „Geliebte, auf deine Unterweisung hin habe ich mich hierher in die Einsamkeit begeben und ganz der Erforschung gewidmet, um mein eigenes Wesen zu erkennen.

J 9.63 Doch obwohl ich darauf ausgerichtet war, nahm ich mannigfaltige Dinge wahr. Sind diese vom Selbst verschieden? Das Selbst ist ja stets gegenwärtig und offenbar.

J 9.64 Ich dachte, es erscheine nur wegen des Erscheinens anderer Dinge nicht klar, und brachte deshalb dieses andere Erscheinen entschlossen zum Stillstand.

J 9.65 Da sah ich Dunkelheit, Licht und anderes. Einmal erlangte ich großes Glück. Was ist dies? Sage es mir, Geliebte!

J 9.66 Ist dies die Gestalt des Selbst, oder ist es etwas anderes? Erkläre mir die Unterscheidung gründlich, damit ich das Selbst erkennen kann.“

J 9.67 Darauf antwortete Hemalekha, die das Höhere und das Niedere kannte: „Höre gesammelt, Geliebter; ich werde dir alles erklären.

J 9.68 Die Entschlossenheit, mit der du die äußere Ausrichtung angehalten hast, ist heilsam. Alle Kenner des Selbst erkennen sie als ein wichtiges Mittel an.

J 9.69 Ohne sie hat niemand je das Ziel verwirklicht. Doch sie ist nicht die Ursache eines erstmaligen Erlangens, denn das Selbst ist bereits gegenwärtig.

J 9.70 Wäre es nicht gegenwärtig, wäre es nicht das Selbst. Ist es aber das Selbst, wie könnte es unerlangt sein? Das Selbst kann überhaupt nicht wie etwas Neues gewonnen werden; es gibt kein erstmaliges Erlangen seiner.

J 9.71 Nur das noch nicht Erlangte wird erlangt. Weil es das Selbst ist, findet hier kein solches Erlangen statt. Auch das Anhalten dient nicht dazu, es neu hervorzubringen. Betrachte dieses Beispiel:

J 9.72 Etwas, das von Dunkelheit verhüllt ist, wird durch die Beseitigung der Dunkelheit mittels einer Lampe und Ähnlichem gefunden, als hätte man es gerade erst erlangt, obwohl es schon da war.

J 9.73 Oder jemand ist zerstreut und hat vergessen, wo sich sein Schmuckstück befindet. Indem andere Gedanken zur Ruhe kommen und er sich sammelt,

J 9.74 findet er das Schmuckstück wieder, als sei das Verlorene neu erlangt. Doch die Stilllegung der Gedanken ist nicht die Ursache für das Vorhandensein des Schmuckstücks.

J 9.75 Ebenso erzeugt das Anhalten der äußeren Gegenstände nicht das Selbst. Du hast dein Selbst dort nur nicht erkannt, weil dir das entsprechende Verständnis fehlte.

J 9.76 Es ist wie bei einem Menschen, der Licht nicht versteht und nachts eine königliche Versammlung betritt: Er sieht die Anwesenden und die Lampen, erkennt aber das Erhellende nicht.

J 9.77 Höre, Geliebter: Nachdem du die äußere Bewegung angehalten hattest, sahst du Dunkelheit. Schon zu Beginn dieses Wahrnehmens der Dunkelheit war dein eigenes, verbleibendes Sein gegenwärtig.

J 9.78 Vergegenwärtige dir stets diesen Zustand, der höchste Glückseligkeit schenkt. Alle, die von großer Verblendung gepackt und nach außen gerichtet sind,

J 9.79 suchen und suchen vergeblich und gelangen nicht zu dieser Vergegenwärtigung. In der Welt gibt es Schriftgelehrte und geschickte Logiker,

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

J 9.80 die diesen Zustand nicht kennen und Tag und Nacht trauern. Durch bloße Kunstfertigkeit im Umgang mit Wörtern und Bedeutungen wird jener Zustand nicht erreicht.

J 9.81 Solange ein Gelehrter ihn als Gegenstand sucht und untersucht, erreicht er ihn nicht; denn er ist kein erfassbarer Gegenstand.

J 9.82 Man erreicht ihn nicht, indem man weit fortgeht: Im eigenen Sein ist er stets schon gegenwärtig. Er ist nicht als ein untersuchtes Objekt zu erkennen; wenn diese gegenständliche Suche ruht, leuchtet er auf.

J 9.83 Durch eine Handlung lässt er sich ebenso wenig einholen wie der Schatten des eigenen Kopfes durch Laufen. Wie ein Kind in einem klaren Spiegel

J 9.84 tausend Spiegelbilder sieht, aber den Spiegel selbst nicht bemerkt, so sieht ein Mensch im großen Spiegel seines eigenen Selbst das Bild der Welt,

J 9.85 erkennt aber sein Selbst nicht, weil ihm das entsprechende Verständnis fehlt. Wie jemand, der mit dem Raum vertraut ist, die im Raum enthaltene

J 9.86 Welt ansieht und dabei den Raum nicht eigens bemerkt, so verhält es sich mit dem eigenen Wesen. Mein Herr, schaue mit feiner Einsicht auf die Welt, die als Erkennen und Erkanntes erscheint.

J 9.87 Dabei ist das Erkennen aus sich selbst erwiesen; ohne es wäre nichts. Es ist die Grundlage aller Erkenntnismittel und bedarf selbst keines weiteren Erkenntnismittels.

J 9.88 Weil es von keinem Erkenntnismittel abhängt, ist es von Anfang an gewiss. Durch das Verhältnis von zu Beweisendem und Beweisendem wird es niemals erst hergestellt.

J 9.89 Wer dies bestreitet, kann weder eine Frage noch eine Antwort begründen. Dieses nicht zu leugnende Bewusstsein ist wie die Fläche eines großen Spiegels.

J 9.90 In ihm erscheint alles wie ein Spiegelbild. Es besitzt keine Begrenzung durch Raum oder Zeit.

J 9.91 Wie könnten Raum und Zeit es begrenzen, wenn sie selbst innerhalb seiner erscheinen? Dass es begrenzt wirkt, ist wie die scheinbare Begrenzung des Raumes durch Dinge.

J 9.92 Königssohn, erkenne mit feiner Einsicht dein eigenes Wesen: jenes allem gemeinsame Bewusstsein, in dem diese Welt erstrahlt.

J 9.93 Durch die vollendete Einswerdung damit erlangt man die schöpferische Kraft des Ganzen. Ich werde dir erklären, wie es erkannt wird, damit du jenen Zustand verwirklichst.

J 9.94 Beachte mit feinem Verständnis den Übergang zwischen Schlaf und Wachen, den Zwischenraum zwischen verschiedenen Erkenntnissen und ebenso den Übergang zwischen Gewahrsein und seinem Gegenstand.

J 9.95 Dieser Zustand ist dein eigenes Wesen. Wer ihn erkennt, verfällt nicht mehr der Verwirrung. Allein durch das Nichtkennen dieses Wesens entfaltet sich eine solche Welt.

J 9.96 Dort gibt es weder Form noch Geschmack, weder Geruch noch Berührung noch Klang, weder Leid noch gegenständliches Glück, weder Erfasstes noch Erfasser.

J 9.97 Es ist der Grund von allem, erscheint als alles und ist doch von allem frei. Dies ist der Herr aller, Brahma, Vishnu, Isha und Sadashiva.

J 9.98 Wende die Aufmerksamkeit ein wenig nach innen und schaue dein wahres Selbst durch das Selbst. Gib das Ausströmen nach außen auf und neige dich nach innen.

J 9.99 Lass auch die Vorstellung „Ich schaue“ los und verweile unbewegt, wie ohne äußeres Sehen. Gib Sehen und Nichtsehen auf. Was du bist, das bist du: Wende dich unmittelbar diesem Sein zu.“

J 9.100 So von seiner Geliebten unterwiesen, erkannte Hemachuda jenen Zustand. Er fand darin lange Ruhe und vergaß die äußere Welt.

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das neunte Kapitel mit dem Titel „Hemachudas Ruhe“.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 10: Gefestigte Erkenntnis im Leben

Vom Einblick zur Beständigkeit: Hemalekha prüft, ob Hemachuda Bewusstsein noch an eine besondere Haltung und geschlossene Augen bindet. Die folgende Unterweisung führt von zeitweiliger innerer Ruhe zum Wiedererkennen desselben Selbst im Handeln.

J 10.1 Hemalekha sah, dass ihr Geliebter den höchsten Zustand erreicht hatte, und störte ihn darin nicht. Nach einer Weile

J 10.2 kam er wieder zum äußeren Bewusstsein, öffnete die Augen und sah die Welt samt seiner Geliebten. Rasch wünschte er, erneut in jenem Zustand zu ruhen.

J 10.3 Gerade als er die Augen wieder schließen wollte, nahm die nektargleich sprechende Hemalekha seine Hand und sagte:

J 10.4 „Mein Herr, was hast du beschlossen? Sage mir, was du durch das Schließen der Augen gewinnen willst und was du durch ihr Öffnen verlierst.

J 10.5 Was wird mit geöffneten Augen nicht erreicht, und was wird durch ihr Schließen erreicht? Erkläre es mir, Geliebtester. Ich möchte deinen Zustand verstehen.“

J 10.6 So von ihr befragt, antwortete er langsam, wie vom Wein berauscht. Obwohl er nicht sprechen wollte, begann er, von schwerer Trägheit verlangsamt:

J 10.7 „Geliebte, nach langer Zeit habe ich tiefste Ruhe gefunden. Im Äußeren, das von so viel Leid erfüllt ist, finde ich nirgends Ruhe.

J 10.8 Genug des äußeren Treibens, das dem Wiederkäuen bereits ausgepresster Rückstände gleicht! Vom Unglück verblendet, kannte ich bis heute das wahre Glück meines Selbst nicht.

J 10.9 Wie einer, der bettelnd umherzieht und seinen eigenen Schatz nicht kennt, so kannte auch ich den Ozean meines eigenen Glücks nicht.

J 10.10 Immer wieder hielt ich das Sinnenglück für das Beste, obwohl es von Leiden durchsetzt ist und wie ein Blitz vergeht. Weil ich ganz daran hing, meinte ich, es sei beständig.

J 10.11 So wurde ich von Leiden geschlagen und fand keine Ruhe. Ach, die Menschen können Glück und Leid nicht unterscheiden!

J 10.12 Auf der Suche nach Glück häufen sie beständig und vergeblich Leiden an. Genug dieses Leidensgenusses, den ich durch mein eigenes Bemühen herbeigeführt habe!

J 10.13 Geliebte, habe Mitgefühl mit mir! Mit gefalteten Händen bitte ich dich: Ich möchte lange in meinem eigenen glückseligen Selbst ruhen.

J 10.14 Du scheinst vom Schicksal geschlagen: Obwohl du diesen Zustand kennst, gibst du die Ruhe darin auf und mühst dich vergeblich für das Leid.“

J 10.15 So angesprochen, lächelte die verständige Frau leicht und erwiderte ihrem Geliebten: „Mein Herr, du hast jenen höchsten, vollkommen reinen Zustand noch nicht ganz verstanden,

J 10.16 in dem die Weisen mit geläutertem Herzen nicht mehr der Verwirrung verfallen. Er ist dir noch so fern wie der Himmel einem Menschen auf der Erde.

J 10.17 Was du teilweise verstanden hast, kann einem Nichtverstehen gleichen. Jener Zustand wird nicht durch Schließen oder Öffnen der Augen geschaut.

J 10.18 Weder durch Nichttun noch durch Tun wird er als etwas Neues erlangt, weder durch Stillbleiben noch durch Fortgehen.

J 10.19 Wie könnte das, was durch Augenschließen, Handeln oder Hingehen gewonnen wird, vollkommen sein? Wenn schon das Öffnen eines Augenlides von der Breite weniger Gerstenkörner

J 10.20 es verschwinden ließe, wäre es dann ein Zustand der Fülle? Wie erstaunlich ist die Macht deiner Verblendung! Was soll ich dazu sagen?

J 10.21 Das, in dessen kleinstem Winkel Abermillionen Welteier Platz haben, soll durch das Öffnen eines fingerbreiten Augenlides verhüllt werden!

J 10.22 Höre, Königssohn, ich sage dir den Kern der Wahrheit: Solange die Knoten nicht gelöst sind, wird das vollkommene Glück nicht erreicht.

J 10.23 Es gibt unzählige Knoten, geschlungen aus dem Seil der Verblendung. Als dieses Seil wird das Nichtkennen des eigenen Wesens bezeichnet.

J 10.24 Die Knoten darin bestehen aus verkehrten Auffassungen. Der erste ist die Gewissheit, Körper und dergleichen seien das Selbst.

J 10.25 Unter ihrem Einfluss breitet sich der schwer zu überwindende Samsara aus. Ein weiterer Knoten ist die Auffassung, die Welt, deren Grund das Leuchten des Bewusstseins ist, sei vom Selbst verschieden.

J 10.26 Ebenso gelten die Überzeugung einer Trennung zwischen individuellem Wesen und Ishvara und ähnliche Gewissheiten als Knoten. Seit Langem entstanden, werden sie immer wieder verstärkt.

J 10.27 So nehmen sie die Gestalt fester Knoten an, und der Mensch wird dadurch gebunden. Das Lösen dieser Knoten wird Befreiung von der Bindung genannt.

J 10.28 Der Zustand, den du beim Schließen deiner Augen erreichst, ist allerdings dein eigenes Wesen: reines, unübertreffliches Bewusstsein.

J 10.29 Eben dieses ist die große Spiegelfläche für das Bild des gesamten Samsara. Wann, wo und in welcher Erscheinung wäre es nicht vorhanden? Erkläre mir das!

J 10.30 Wenn du sagst, dein Bewusstsein sei zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Erscheinung nicht da, dann wären auch diese Zeit, dieser Ort und jene Erscheinung so unwirklich wie der Sohn einer Unfruchtbaren.

J 10.31 Es wäre wie ein Spiegelbild ohne Spiegel, mein Herr. Daher gibt es nirgends irgendetwas getrennt von jenem Zustand.

J 10.32 Was könnte durch das Öffnen deiner Augen daran verhüllt werden? Solange der feste Knoten „Ich erkenne es nur auf diese Weise“ besteht,

J 10.33 ist jener Zustand nicht vollständig erkannt; was man so begrenzt erlangt zu haben meint, ist nicht seine Fülle. Der Zustand, den du abhängig vom Schließen oder Öffnen der Augen für erreicht hältst,

J 10.34 ist nicht die ganze Wirklichkeit, denn du begrenzt ihn durch eine Handlung und andere Bedingungen. Wo wäre das große Bewusstsein nicht, das dem Feuer am Ende der Zeit gleicht

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 10.35 und den gewaltigen Brennstoff aller Vorstellungen in sich aufnimmt? Wenn du den höchsten Zustand erkannt hast, bleibt für dich nichts mehr zu erledigen, um erst dein Selbst zu werden.

J 10.36 Lass den Knoten im Herzen los: „Ich halte alles an und schaue dann.“ Entwurzele auch den anderen festen Knoten: „Dies bin ich nicht.“

J 10.37 Sieh überall das Selbst, erfüllt von ungeteilter Glückseligkeit. Sieh die ganze Welt im Selbst wie ein Spiegelbild im Spiegel.

J 10.38 Und ohne auch dies fortwährend als Gedanken zu wiederholen – „überall ist alles mein Selbst“ –, nimm das verbleibende innere Sein an und ruhe durch dein eigenes Wesen in dir.“

J 10.39 Als der lauter gesinnte Hemachuda diese Worte seiner Geliebten gehört hatte, erkannte er sein Selbst als vollkommen und wurde überall frei von Täuschung.

J 10.40 Nach und nach erlangte er die vollständige Einswerdung und blieb in gefestigter Einsicht. Er verkehrte weiterhin mit Hemalekha und den anderen jungen Frauen,

J 10.41 regierte sein wohlhabendes Reich, besiegte Feinde im Kampf, ließ Lehrschriften vortragen, hörte sie und erwarb Reichtum.

J 10.42 Er vollzog große Opfer wie Ashvamedha und Rajasuya und lebte, so erzählt die Überlieferung, zwanzigtausend Jahre als zu Lebzeiten Befreiter auf Erden.

J 10.43 König Muktachuda und dessen jüngerer Sohn Manichuda beobachteten Hemachudas befreiten Zustand und dachten nach:

J 10.44 „Warum erscheint er uns in keiner Hinsicht mehr wie früher? Bei Angenehmem wird er nicht übermäßig froh, bei Leid nicht ebenso erschüttert.

J 10.45 Warum sieht er Gewinn und Verlust, Feind und Freund mit gleichem Blick? Er erfüllt die Aufgaben des Königs wie ein Schauspieler auf der Bühne.

J 10.46 Stets wirkt er wie von Wein berauscht. Er erledigt seine Aufgaben, als sei sein Herz ständig anderswo.

J 10.47 Was ist die Ursache dafür?“ Eines Tages suchten sie ihn unter vier Augen auf und fragten: „Hemachuda, warum bist du so?“

J 10.48 Hemachuda erklärte ihnen darauf seinen Zustand Schritt für Schritt. Sein Vater und sein Bruder wurden durch ihn unterwiesen,

J 10.49 erkannten die höchste Wirklichkeit und wurden zu Lebzeiten befreit. Ebenso hörten die Minister vom König die Erklärung des Weltgeschehens,

J 10.50 untersuchten ihr eigenes Wesen und erkannten, was zu erkennen ist. So wurden in der Stadt Vishala durch die Unterweisung, die sie einander nach und nach vermittelten,

J 10.51 alle mit der Wahrheit vertraut, bis hin zu Kindern und Hirten: Männer und Frauen, Junge und Alte, Diener und Dienerinnen.

J 10.52 Sie erkannten das zu Erkennende und gaben die Gleichsetzung des Ich mit dem Körper auf. Bei niemandem dort bestand Begehren, Zorn oder Gier,

J 10.53 bei keinem Kind und keinem Greis, sofern diese Regungen nicht für eine bestimmte Situation bewusst angenommen wurden. Mit solchen angenommenen Regungen führten sie ihre alltäglichen Verrichtungen aus.

J 10.54 Eine Mutter unterhielt ihr Kind mit Erzählungen von der höchsten Wirklichkeit. Diener und Dienerinnen versahen den Dienst für ihre Herren,

J 10.55 während sie miteinander Worte über die höchste Wahrheit wechselten. Schauspieler führten Stücke mit Figuren auf, deren Handlungen diese Wahrheit zur Sprache brachten.

J 10.56 Sänger sangen Lieder, die ganz der Unterscheidung gewidmet waren. Spaßmacher stellten die Verkehrtheit des gewöhnlichen Weltgetriebes bloß.

J 10.57 Gelehrte unterrichteten ihre Schüler in den Schriften mit zahlreichen Beispielen, die zur Erforschung der höchsten Wirklichkeit geeignet waren.

J 10.58 So waren dort Männer und Frauen, Diener und Dienerinnen, Schauspieler und Lebemänner, Bedienstete, Soldaten, Minister, Handwerker und Kurtisanen

J 10.59 alle zum Ende dessen gelangt, was erkannt werden muss. In der Stadt Vishala gingen sie kraft früherer Prägungen weiterhin ihren Tätigkeiten nach.

J 10.60 Man hing nicht den vergangenen angenehmen oder unangenehmen Ereignissen nach und beschäftigte sich nicht vorausgreifend mit künftigen Ursachen von Freude und Trauer.

J 10.61 In der Gegenwart schienen die Menschen täglich zu lächeln, sich zu freuen, zu trauern oder zornig zu werden. Doch sie waren im Handeln wie vom Honigtrank berauscht.

J 10.62 Als Weise wie Sanaka in diese Stadt kamen, nannten sie sie Prasiddhavidyanagara, die Stadt der offenkundigen Erkenntnis.

J 10.63 Dort sprachen selbst die Papageien in ihren Käfigen: „Verehrt euer eigenes Selbst als Bewusstsein, frei von einem getrennten Gegenstand!

J 10.64 Das Erkannte ist vom Bewusstsein nicht verschieden, wie ein Spiegelbild vom Spiegel. Das Bewusstsein ist das Erkannte, Bewusstsein bin ich, Bewusstsein ist alles Bewegliche und Unbewegliche.

J 10.65 Denn alles leuchtet abhängig vom Bewusstsein; dieses aber leuchtet aus sich selbst. Darum, ihr Menschen, verehrt das Bewusstsein, das alles erhellt und alles trägt.

J 10.66 Gebt die Täuschung auf und schaut fest auf nichts als Bewusstsein.“ Weil selbst Tiere dort solche Worte sprechen,

J 10.67 wird die Stadt noch heute Prasiddhavidyanagara genannt. So wurde Hemachuda einst von Hemalekha unterwiesen,

J 10.68 wurde ein Wissender und zu Lebzeiten Befreiter. Ebenso erkannten alle anderen, angefangen mit Frauen und Kindern, das Höhere und das Niedere.

J 10.69 Darum ist Satsang die erste Ursache des Heils. Wer Heil ersehnt, soll deshalb der Gemeinschaft mit den Guten ergeben sein.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des ehrwürdigen Tripurārahasya das zehnte Kapitel mit dem Titel „Abschluss der Geschichte Hemachudas“.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 11: Die Welt als Erscheinung des Bewusstseins

Die Welt im Bewusstsein: Das Spiegelgleichnis erklärt die Abhängigkeit aller Erfahrung vom Bewusstsein. Die Aussagen über Mantras, Zauberkunst und yogische Kräfte gehören zur traditionellen Begründung des Textes.

J 11.1 Nachdem Bhargava diese höchst erstaunliche Geschichte Hemachudas gehört hatte, begann er, von Zweifeln bewegt, zu fragen.

J 11.2 „Erhabener, verehrter Guru, die wunderbare Erkenntnis, die du verkündet hast, erscheint mir schwer zugänglich und in jeder Hinsicht unerreichbar.

J 11.3 Wie kann diese sichtbare Welt ihrem Wesen nach ausschließlich Bewusstsein sein? Das ist nicht unmittelbar ersichtlich; es scheint nur durch Vertrauen annehmbar.

J 11.4 Ein Bewusstsein ohne jeden Gegenstand lässt sich doch auf keine Weise erfahren. Das erscheint mir ganz unbegründet. Wie soll mein Geist es fassen?

J 11.5 Erkläre mir dies bitte aus Mitgefühl in jeder Hinsicht!“ So befragt, antwortete der Lehrer Dattatreya dem Bhargava:

J 11.6 „Höre, Rama! Ich werde dir das wahre Wesen des Sichtbaren erklären. Alles Sichtbare ist nichts anderes als das Gewahrsein selbst.

J 11.7 Höre nun aufmerksam die Begründung. Das Sichtbare ist etwas Hervorgebrachtes, denn sein Entstehen lässt sich feststellen.

J 11.8 Entstehen bedeutet ein neues Erscheinen. In jedem Augenblick erscheint diese Welt neu; insofern entsteht sie in jedem Augenblick.

J 11.9 Einige erklären, die Welt sei ungeteilt in einem einzigen Augenblick entstanden; andere verstehen sie als eine Ansammlung von Dingen, von Unbeweglichem und Beweglichem.

J 11.10 In jedem Fall steht ihr Entstandensein fest. Die Ansicht, alles entstehe einfach aus sich selbst, ist unhaltbar, weil sie jede beliebige Folgerung zuließe.

J 11.11 Durch gemeinsames Vorhandensein und gemeinsames Ausbleiben stellt man Ursache und Wirkung fest. Da unser Handeln sich auf diese Zusammenhänge verlassen kann, wie sollte alles zufällig entstehen?

J 11.12 Wo eine Ursache nicht sichtbar ist, muss eine nicht wahrgenommene Ursache angenommen werden. Dem vielfach Bestätigten zu folgen gilt allgemein als vernünftig.

J 11.13 Immer wieder sieht man, dass einer Wirkung etwas vorausgeht. Wenn man es an einer einzelnen Stelle nicht sieht, sollte man entsprechend dem sonst Beobachteten schließen; andernfalls würde das gesamte menschliche

J 11.14 Handeln seinen Zusammenhang verlieren. Daher hat alles eine Ursache. Gerade deshalb sucht jeder, der eine Wirkung hervorbringen möchte, nach einem geeigneten Mittel.

J 11.15 Überall sieht man die Menschen so handeln; die gegenteilige Auffassung trägt also nicht. Einige behaupten, eine Wirkung entstehe aus Atomen, die nahezu dem Nichtseienden gleichen.

J 11.16 Wenn sie von diesen jedoch völlig verschieden wäre, müsste sie selbst gänzlich nichtseiend sein. Wie sollte die Gleichsetzung von Seiendem und Nichtseiendem nicht widersprüchlich sein?

J 11.17 Gelbes und Nichtgelbes, Leuchtendes und Nichtleuchtendes können nicht ein und dasselbe sein: Sie widersprechen einander, und ihre Gleichsetzung würde alle Unterscheidungen vermischen.

J 11.18 Wie sollte ferner allein durch den Willen eines Herrn der erste Bewegungsimpuls entstehen? Auch die Erklärung, die Welt gehe aus einer Urnatur mit ausgeglichenen Eigenschaften hervor, ist so nicht möglich.

J 11.19 Denn man müsste die Ursache für die Störung dieses Gleichgewichts suchen; ebenso fehlt eine Erklärung seines Bestehens. Ohne die Leitung durch Bewusstsein lässt sich dafür auch kein entsprechendes Beispiel finden.

J 11.20 Auf diese Weise lässt sich die Ursache des Weltgeschehens nicht feststellen. Bei dem, was der Wahrnehmung entzogen ist, bildet die heilige Überlieferung die Grundlage; andere Erkenntnismittel reichen dorthin nicht.

J 11.21 Die Erkennenden sind begrenzt, und ihre Erkenntnismittel gelangen hier zu keinem sicheren Abschluss. Überdies sehen wir häufig, dass eine hervorgebrachte Sache nicht unabhängig von einem Handelnden entsteht.

J 11.22 Daher ist die Annahme eines bewussten Urhebers dieser Welt möglich. Wie könnte der Urheber einer so unbegreiflichen Wirkung etwas Gewöhnliches sein?

J 11.23 Seine Kraft muss also unbegreiflich sein; die heilige Überlieferung erschließt sie. Das Erkenntniszeugnis des Vollkommenen ist unbehindert und allen begrenzten Erkenntnismitteln überlegen.

J 11.24 In dieser Überlieferung wird vor der Schöpfung der eine höchste Herr beschrieben: frei und ohne einen außerhalb seiner selbst vorhandenen Stoff.

J 11.25 Aus der Fülle seiner Freiheit ließ er zu seinem Spiel das Bild der Welt auf der Bildfläche seines eigenen Selbst erscheinen – so, wie man im Traum oder in einer inneren Vorstellungswelt allein aus sich selbst etwas gestaltet.

J 11.26 So wie du einen Körper als dein Ich auffasst, so verhält es sich mit seiner Welt. Doch dein Körper ist nicht dein eigentliches Wesen, denn im Traum fällt diese körperliche Gestalt fort.

J 11.27 Ebenso ist die Welt nicht sein bleibender Körper, denn bei der Weltauflösung verschwindet sie. So wie du, von Körper und anderem unterschieden, reines Bewusstsein bist,

J 11.28 so ist die Gottheit unvergänglich und ihrem einzigen Wesen nach Bewusstsein, auch ohne die Welt. Sie hat dieses Weltbild in sich selbst entfaltet.

J 11.29 Wo sonst sollte sie das Weltbild entfalten, da außerhalb ihrer nichts möglich ist? Wo und wie könnte jemals etwas ohne Bewusstsein bestehen?

J 11.30 Wer einen Ort behauptet, an dem Bewusstsein fehlt, kann diesen Ort selbst nicht feststellen. Und wodurch sollte die Abwesenheit des Bewusstseins festgestellt werden? Daher ist das höchste Bewusstsein

J 11.31 umfassendes Sein: Es nimmt die Welt in sich zurück und erscheint in seiner Fülle. Wie Wellen ohne Meer und Strahlen ohne Sonne

J 11.32 nicht bestehen, so besteht die Welt nicht ohne das Wesen des Gewahrseins. Dieser große Gott ist daher reines Bewusstsein.

J 11.33 Er war vor der Schöpfung. Aus ihm entstand diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt; in ihm besteht sie und in ihn löst sie sich schließlich auf.

J 11.34 Dies ist die in der heiligen Überlieferung bekannte Lehre; ihr wird hier nicht widersprochen. Für verborgene Sachverhalte gilt die Überlieferung als Erkenntnismittel, weil sich ihre Aussagen bestätigen.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 11.35 Denn, so erklärt der Text, Wirkungen von Edelsteinen, Mantras und ähnlichen Mitteln lassen sich vielerorts beobachten. Ein Mensch von geringer Einsicht erkennt ihre große Wirksamkeit nicht.

J 11.36 Daher gilt der von einem Allwissenden verkündete Agama als umfassend sehend. Die darin beschriebene Gottheit bestand allein vor der Schöpfung der Welt.

J 11.37 Am Anfang erschuf sie die ganze Welt ohne einen äußeren Stoff; denn der höchste Herr besitzt vollkommene, klare Freiheit.

J 11.38 Auf der Bildfläche seines Bewusstseins entfaltet er das gesamte vielfältige Weltbild. Es ist nicht möglich, dass diese Welt irgendwo außerhalb davon besteht.

J 11.39 Da der Herr allumfassend ist, gibt es keinen anderen Ort. Eine Welt, die an einem anderen Ort bestünde, lässt sich deshalb auf keine Weise begründen.

J 11.40 Wie ein Spiegelbild in der Weite eines Spiegels ist die Welt in der Gottheit entfaltet. So ergibt sich ein stimmiger Zusammenhang.

J 11.41 Der Gottheit, dem Ursprung der Welt, werden die Vorgänge der Welt ähnlich wie einem Yogi zugeschrieben: Ihre Schöpfung gleicht einer im Vorstellen errichteten Stadt.

J 11.42 Rama, deine geistige Schöpfung besteht ausschließlich aus Geist. Dennoch erscheint sie reich an vielen Erkennenden, erkannten Gegenständen und weiteren Unterscheidungen.

J 11.43 Obwohl sie sich in vielerlei Unterschiede gliedert, ist sie niemals etwas anderes als Geist. Sie entsteht aus dem Geist, besteht in ihm und löst sich wieder in ihn auf.

J 11.44 Wie jene Schöpfung ganz aus Geist besteht, so verhält es sich mit der aus Shiva hervorgegangenen Welt. [In der Textgrundlage ist hier nur dieser erste Halbvers des Grundtextes erhalten; der folgende Kommentar setzt weiteren Wortlaut voraus, der nicht ergänzt wird.]

J 11.45 Tripura ist die Einheit unendlicher Kräfte und die Zeugin von allem. Sie ist dieses Bewusstsein, in jeder Hinsicht vollkommen, da ihm jede Begrenzung fehlt.

J 11.46 In dieser Welt gelten Zeit und Raum als das, was begrenzt. Raum ist durch Gestalt bestimmt, Zeit durch Bewegung und Geschehen.

J 11.47 Doch Gestalt und Geschehen bestehen nur aufgrund des Bewusstseins. Sage: Wie sollten sie gerade dieses Bewusstsein begrenzen können?

J 11.48 Sage mir, in welchem Raum und zu welcher Zeit Bewusstsein nicht vorhanden ist! Wo es nicht wäre, wie könnte auch nur dieses Wo festgestellt werden?

J 11.49 Das Sein der Dinge ist ihr Offenbarsein und nichts anderes. Dieses Offenbarsein wird Bewusstsein genannt; Unbewusstes besitzt aus sich selbst kein solches Leuchten.

J 11.50 Im eigentlichen Sinn leuchtet das, was selbständig offenbar ist. Unbewusste Dinge leuchten nicht aus sich selbst; sie werden durch ihre Verbindung mit Bewusstsein offenbar.

J 11.51 Bewusstsein erscheint in sich selbst, ohne von etwas anderem abhängig zu sein. Unbewusste Dinge erscheinen nur aufgrund des Bewusstseins, niemals anders.

J 11.52 Wenn du meinst, Dinge bestünden auch völlig unabhängig von ihrem Offenbarsein, dann höre: Die Unterscheidung zwischen ‚Es ist‘ und ‚Es ist nicht‘ ließe sich so nicht begründen.

J 11.53 Daher ist das Sein der Dinge in dieser Welt nichts anderes als das Leuchten des Bewusstseins. So wie das Dasein von Spiegelbildern allein im Spiegel liegt,

J 11.54 so ist Bewusstsein das Sein der Welt; deshalb ist alles Bewusstsein. Dass es mehr als diese Erscheinungen ist, beruht auf seiner überragenden Klarheit.

J 11.55 Festigkeit und Klarheit ermöglichen das Erscheinen eines Spiegelbildes. Je nachdem, wie stark beide ausgeprägt sind, erscheint das Spiegelbild deutlich oder undeutlich.

J 11.56 An einem Spiegel und am Wasser lässt sich dies klar erkennen. Doch Spiegel und ähnliche Dinge sind unbewusst und besitzen keine eigene Freiheit.

J 11.57 Deshalb sind sie auf ein abzubildendes Gegenüber angewiesen. Bewusstsein dagegen ist wegen seiner klaren Freiheit davon unabhängig. Seine Reinheit ist aus sich selbst gegeben, weil ihm Verunreinigung fehlt.

J 11.58 Verunreinigung wäre eine Vermischung verschiedener Wesensarten. Diese gibt es im Bewusstsein nicht, denn die Bewusstseinskraft ist einheitlich und in jeder Hinsicht ungeteilt.

J 11.59 Da es niemals seiner selbst entbehrt, ist seine Klarheit unübertrefflich. Wenn etwas nicht aus sich selbst erscheint, sondern durch die Verbindung mit etwas anderem sichtbar wird,

J 11.60 nennen die Kenner des Spiegelbildes dies ein Spiegelbild. Eben diese Beschaffenheit lässt sich an der gesamten Welt beobachten.

J 11.61 Nirgendwo erscheint sie aus sich selbst; sie erscheint aufgrund des Bewusstseins. Daher lässt sich die Welt treffend mit einem Spiegelbild vergleichen.

J 11.62 Obwohl Bewusstsein durch die verschiedensten Erscheinungen gefärbt scheint, leuchtet es und weicht dabei nicht im Geringsten von seinem eigenen Wesen ab – ganz wie ein Spiegel.

J 11.63 Wie Spiegelbilder nichts anderes sind als der Spiegel, so sind die Spiegelbilder im Selbst des Bewusstseins nichts anderes als eben dieses Bewusstsein.

J 11.64 Beim Spiegel gilt ein gegenüberstehendes Urbild als Ursache des Spiegelbildes. Beim Weltbild im Bewusstsein dagegen ist dessen eigene Freiheit die Ursache.

J 11.65 Rama, betrachte die Dinge, die durch dein eigenes Vorstellen in dir erscheinen: Sie spiegeln sich in dir, ohne dass ihnen ein äußeres Urbild oder eine äußere Ursache vorausgehen müsste.

J 11.66 Vorstellen wird die sich entfaltende Freiheit des Bewusstseins genannt. Wo kein Vorstellen stattfindet, ist dieses Bewusstsein von einer einzigen klaren Beschaffenheit.

J 11.67 Ebenso besaß das eine reine Bewusstsein vor der Schöpfung eine unermessliche Freiheit, die sich als schöpferisches Vorstellen äußerte.

J 11.68 Dadurch erschien diese Welt in der Art eines Spiegelbildes. Aufgrund der großen Beständigkeit dieses schöpferischen Vorstellens erscheint sie über lange Zeit.

J 11.69 Weil jene Freiheit vollkommen ist, erscheint die Welt vielen gemeinsam. Bei anderen ist die Freiheit begrenzt; deshalb erscheinen ihre Vorstellungswelten als jeweils eigene.

J 11.70 In dem Maß, wie die eigene Freiheit durch Übung, Edelsteine, Mantras und ähnliche Mittel ihre Einschränkung ablegt, erweitert sich dem Text zufolge auch das in ihr Erscheinende.

J 11.71 Sieh einen Zauberkundigen, Rama: Ohne einen äußeren Stoff lässt er allein durch seinen Entschluss ein vielfältiges Weltbild erscheinen,

J 11.72 das gemeinsam wahrnehmbar, beständig und zu bestimmten Wirkungen fähig scheint; anschließend nimmt er es wieder in sich zurück. Auf diese Weise erscheint die Welt.

J 11.73 Betrachte ebenso die Schöpfung eines Yogi, die von großer Festigkeit getragen ist. Weil der Yogi begrenzt ist, wird seine Schöpfung als etwas außerhalb seiner selbst vorgestellt.

J 11.74 Die Schöpfung des Herrn des Bewusstseins aber liegt wegen seiner Unbegrenztheit ganz in ihm. Deshalb ist sie unwirklich, soweit man sie von ihrem Bewusstseinswesen trennt,

J 11.75 so wie ein Spiegelbild keine eigene Wirklichkeit außerhalb des Spiegels besitzt. Eben deshalb zeigt sich die Unwirklichkeit der Welt durch unterscheidende Untersuchung, nicht auf andere Weise.

J 11.76 Das Wirkliche gibt sein Wesen nicht auf; das Unwirkliche verliert die ihm zugeschriebene Beschaffenheit. Sieh, Bhargava, wie unbeständig diese Welt ihrem Wesen nach ist!

J 11.77 Untersuche, wie sich in allem Wirkliches und Unwirkliches unterscheiden lassen – ähnlich wie beim Erscheinen eines Spiegels und seines Spiegelbildes.

J 11.78 Der Spiegel selbst bleibt dabei unbewegt, während sich das Spiegelbild bewegt. Ebenso wandelt sich die Welt; das alles offenbarende Gewahrsein bleibt unwandelbar.

J 11.79 Daher halten die zugeschriebenen festen Eigenschaften der Dinge einer gründlichen Untersuchung nicht stand. Das Sonnenlicht beispielsweise macht die Dinge sichtbar,

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 11.80 wirkt aber für tagsüber blinde Wesen wie Eulen gerade umgekehrt, wie Dunkelheit. Helligkeit und Dunkelheit lassen sich somit nicht als eindeutig feststehende Eigenschaften voneinander trennen.

J 11.81 Ebenso kann etwas für den einen Gift und für einen anderen ungiftig sein. Eine Mauer bildet für Menschen und ähnliche Wesen ein Hindernis. [Die Lesung „Mauer“ folgt dem Zusammenhang; die Vorlage bietet hier das vermutlich beschädigte Wort bhītiḥ, „Furcht“.]

J 11.82 Für Yogis, Guhyakas und ähnliche Wesen gilt sie dagegen, so der Text, nicht als Hindernis. Eine Zeitspanne oder räumliche Entfernung, die Menschen lang erscheint,

J 11.83 kann Göttern und Yogis gerade umgekehrt erscheinen. Wie die Entfernung eines weit entfernten Gegenstands, der in einem Spiegel erscheint,

J 11.84 so erweist sich auch die vermeintlich feste Beschaffenheit der Welt bei genauer Untersuchung als nicht beständig. Deshalb besteht nichts unabhängig von seinem tragenden Grund.

J 11.85 Was immer als seiend erscheint, ist eben Bewusstsein, die höchste Herrin. Damit habe ich dir deutlich erklärt, dass die Welt einzig das Bewusstsein zu ihrem Wesen hat.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 11. Kapitel: Bestimmung des Wesens der Welt.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 12: Die Welt im Inneren des Felsens

Die Welt im Felsen: Die folgende Lehrerzählung erprobt die Vorstellung fester Grenzen von Raum und Zeit. Ihre Wunderhandlungen und kosmischen Zeiträume sind Teil der Erzählung; die beschriebenen Körperwechsel sind keine Übungsanleitung.

J 12.1 Nachdem Bhargava aus Dattatreyas Mund diese Erklärung des Wesens der Welt gehört hatte, fragte er erneut, denn sein Inneres war noch von Zweifeln erfüllt:

J 12.2 „Erhabener, ich habe gehört, was du über die Welt gesagt hast. So, wie du es erklärst, verhält es sich gewiss und nicht anders.

J 12.3 Warum aber erscheint diese Welt dennoch ständig als wirklich? Und warum halten andere verständige Menschen sie für wirklich?

J 12.4 Warum erscheint sie selbst mir weiterhin als wirklich, obwohl ich deine Erklärung gehört habe? Herr, erkläre mir dies aus Mitgefühl, damit diese Täuschung vergeht!“

J 12.5 So von Bhargava befragt, begann der edle Dattatreya die Wurzel der irrtümlichen Annahme einer eigenständigen Wirklichkeit der Welt darzulegen:

J 12.6 „Höre, Rama! Die uralte Wurzel dieser Welttäuschung ist eine gefestigte Vorstellung, der die Unkenntnis des Wirklichen vorausgeht.

J 12.7 Sieh nur: Weil du das Selbst nicht kennst, hältst du den Körper für dich selbst. Doch was haben Fleisch, Blut und Knochen mit dem ganz reinen Selbst des Bewusstseins gemein?

J 12.8 Nur durch die Festigkeit dieser Vorstellung scheint das Bewusstseins-Selbst zum Körper geworden. Selbst nachdem das Selbst als Bewusstsein erkannt wurde, kehrt die Verwechslung mit dem Körper wieder.

J 12.9 Ebenso erscheint die Welt durch fest eingeprägte Vorstellung als eigenständig wirklich. Indem man die entgegengesetzte Einsicht vertieft, kann man diese beharrliche Täuschung auflösen.

J 12.10 So, wie jemand die Welt innerlich gestaltet, erscheint sie ihm. Sieh, wie Yogis durch Sammlung und Meditation eine entsprechende Erfahrungsform erlangen.

J 12.11 Hierzu erzähle ich dir eine höchst erstaunliche alte Geschichte. Im Land Vanga gibt es eine besonders heilige Stadt namens Sundara.

J 12.12 Dort lebte ein weiser König, der als Sushena bekannt war. Sein jüngerer Bruder Mahasena war ihm stets liebevoll zugetan.

J 12.13 Der von allen geachtete König regierte sein Reich nach dem Dharma. Einst verehrte er den großen Gott durch Pferdeopfer.

J 12.14 Dabei folgten die mächtigen und tapferen Königssöhne mit einem großen Heer dem Opferpferd.

J 12.15 Sie besiegten gewaltsam alle starken Gegner, die das Pferd aufhielten. Dem Pferd folgend, gelangten die Söhne des Königs an das Ufer der Airavati.

J 12.16 Dort sahen sie den königlichen Weisen Tangana, einen Schatz der Askese. Von ihrer Macht überheblich geworden, gingen sie weiter, ohne ihn zu begrüßen.

J 12.17 Tanganas Sohn sah diese Missachtung seines Vaters. Zornig ergriff er das Opferpferd und schalt die Königssöhne.

J 12.18 Die Königssöhne umringten ihn von allen Seiten. Doch Tanganas Sohn trat in einen vor ihm liegenden Felsblock ein,

J 12.19 und nahm das Pferd vor den Augen der Prinzen mit. Als sie sahen, dass er samt dem Pferd im Felsen verschwunden war,

J 12.20 zertrümmerten sie den Felsblock mit allerlei Waffen. Aus dem zerschlagenen Felsen trat der Sohn Tanganas, von einem großen Heer umgeben,

J 12.21 hervor und besiegte sie im Kampf in einem Augenblick. Er vernichtete Sushenas Heer, fesselte die Königssöhne

J 12.22 und ging wieder in den Felsblock hinein. Die übrig gebliebenen Soldaten eilten zum König und berichteten,

J 12.23 dass die Prinzen samt dem Pferd in einen Felsen verschleppt worden seien. Sushena war höchst erstaunt und sprach zu seinem jüngeren Bruder:

J 12.24 ‚Lieber Bruder, gehe rasch dorthin, wo der Weise Tangana lebt! Die Kraft der Asketen ist unbegreiflich; Götter und Menschen können sie nicht besiegen.

J 12.25 Stimme ihn gnädig, erlange die Söhne und das Pferd zurück und kehre schnell wieder! Der für das Opfer bestimmte Frühling darf nicht ungenutzt verstreichen.

J 12.26 Gegenüber Asketen darf man niemals hochmütig auftreten. Wenn sie zornig werden, könnten sie die Welten in einem Augenblick zu Asche machen.

J 12.27 Bemühe dich daher um seine Gunst und erfülle so unsere Aufgabe.‘ Mit diesem Auftrag eilte Mahasena an jenen Ort.

J 12.28 Er sah Tangana in tiefer Sammlung. Seine Sinne, sein Geist und sein Verstehen waren still; er war unbewegt wie Holz oder eine Mauer.

J 12.29 Sein Selbstgewahrsein war in das Meer des Zustands ohne begriffliche Unterscheidung eingetaucht. Mahasena warf sich lang vor ihm nieder, erhob die gefalteten Hände

J 12.30 und pries den großen Weisen mit verschiedenen Lobgesängen. Während er ihn so pries, vergingen drei Tage.

J 12.31 Da kam dessen Sohn, erfreut über den Lobpreis seines Vaters. Er sprach zu Mahasena: ‚König, dein Lobpreis hat mich erfreut.

J 12.32 Sage mir, was du wünschst; ich werde es unverzüglich erfüllen. Ich bin der Sohn dieses mächtigen großen Weisen Tangana.

J 12.33 Doch höre, König: Für meinen Vater ist jetzt nicht die Zeit zu sprechen. In tiefster Sammlung verweilt er zwölf Jahre,

J 12.34 bevor er sich aus dem Samadhi erhebt. Fünf Jahre davon sind vergangen, sieben bleiben noch. So hält er es seit langer Zeit.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 12.35 Sage mir also, was du von ihm begehrst; ich werde es tun. Halte mich nicht für ein Kind: In der Askese bin ich meinem Vater gleich.

J 12.36 Für asketische Yogis gibt es in dieser Welt nichts Unerreichbares.‘ Als der kluge Mahasena die Worte des jungen Weisen hörte,

J 12.37 verneigte er sich und sprach mit gefalteten Händen zu Tanganas Sohn: ‚Sohn des Weisen, wenn du mir heute wirklich einen Gefallen tun willst,

J 12.38 so wünsche ich, dass dein Vater aus der Versenkung erwacht und ich ein wenig mit ihm sprechen kann. Das ist mein sehnlichster Wunsch.

J 12.39 Wenn du mir Mitgefühl schenken möchtest, erfülle ihn rasch!‘ Nachdem er diese Worte des Königs gehört hatte, antwortete der Sohn des Asketen:

J 12.40 ‚König, dein Wunsch ist eigentlich nicht erfüllbar. Doch nachdem ich versprochen habe, ihn zu erfüllen, wie könnte ich nun anders sprechen?

J 12.41 Warte bitte einen Augenblick! Sieh, welche Kraft mir aus dem Yoga erwachsen ist.

J 12.42 Mein Lehrer weilt jetzt in der höchsten reinen Stätte des Friedens. Wer könnte ihn durch äußere Bemühungen aufwecken?

J 12.43 Sieh: Ich werde ihn durch eine feine yogische Methode wecken.‘ So sprach er, setzte sich nieder und zog seine Sinne vollständig zurück.

J 12.44 Er vereinte den abwärtsgerichteten Atem mit dem aufwärtsgerichteten und verließ mit dem Hauptlebensatem seinen Körper. Schnell trat er in den Körper seines Vaters ein und erweckte dessen aufgelösten Geist,

J 12.45 indem er ihn hervorholte. Nachdem er ihn geweckt hatte, trat er rasch wieder heraus und in seinen eigenen Körper ein. In diesem Augenblick erwachte der Weise.

J 12.46 Er sah den König vor sich, der sich verneigte und ihn pries. ‚Was ist geschehen?‘, dachte er und erkannte alles mit yogischer Schau.

J 12.47 Mit freundlichem Herzen und ganz ruhigem Geist wandte er sich an seinen Sohn: ‚Mein Kind, tu dies nicht wieder! Zorn ist ein Feind der Askese.

J 12.48 Wenn ein König die Welt schützt, kann Askese ungestört gedeihen. Ein Opfer zu behindern entspricht dem Wesen der Dämonen, niemals dem eines Weisen.

J 12.49 Gib ihm mit freundlichem Herzen unverzüglich das Pferd und die Prinzen zurück! Er soll rasch aufbrechen, damit die Zeit des Opfers nicht verstreicht.‘

J 12.50 So angewiesen, trat der Sohn in den Felsblock ein und brachte in einem Augenblick die Königssöhne samt dem Pferd zurück. Frei von Zorn übergab er sie ihm voller Freude.

J 12.51 Mahasena schickte die Söhne seines Bruders mit dem Pferd zur Stadt zurück. Dann verneigte er sich, tief erstaunt, vor Tangana,

J 12.52 gewann mit gefalteten Händen die Gunst des großen Weisen und fragte: ‚Erhabener, ich möchte wissen:

J 12.53 Wie konnten die Söhne meines Bruders zusammen mit dem Pferd im Inneren dieses Felsblocks verweilen? Bitte erkläre es!‘ So vom König befragt, sprach Tangana:

J 12.54 ‚Höre, König, ich werde es dir erzählen. Einst war ich ein Herrscher und regierte lange die vom Meer umgürtete Erde.

J 12.55 Durch die Gnade des großen Gottes erkannte ich das Bewusstsein als die höchste Herrin Tripura. Daraufhin betrachtete ich die Ordnung der Welt als ohne bleibenden Reiz.

J 12.56 Des weltlichen Lebens überdrüssig, überließ ich meinen Söhnen das Reich und zog in diesen Wald. Meine treue Frau folgte mir.

J 12.57 Während ich hier Askese übte, sind hundert Millionen Jahre vergangen. Auch meine Frau erlangte durch ihren Dienst an mir die höchste Vollendung.

J 12.58 Eines Tages wurde meine geliebte, treue Frau selbst während der Sammlung von Liebesverlangen erfüllt – aufgrund der Macht dessen, was noch geschehen sollte.

J 12.59 Sie sah mich in fester Versenkung und wünschte die Vereinigung mit mir. Weil sie die Stärke ihres Verlangens nicht ertrug, stellte sie sich die Liebesvereinigung mit mir vor.

J 12.60 Durch die Kraft ihrer tiefen Vorstellung erlebte sie die Vereinigung mit mir, empfing ein Kind und gebar diesen Sohn, der vor dir steht.

J 12.61 Sie legte den Sohn in meinen Schoß und weckte mich aus der Versenkung. Dann gab sie ihren Körper den Elementen zurück und ging in den höchsten Bewusstseinsraum ein.

J 12.62 Als ich das Kind in meinem Schoß sah und ihren höchsten Zustand erkannte, wurde mein Herz von Mitgefühl erfüllt. Deshalb zog ich diesen Sohn auf.

J 12.63 Eines Tages hörte er von mir, wie ich früher ein Königreich regiert hatte. Er wollte ebenfalls herrschen und bat mich darum.

J 12.64 Durch meine Unterweisung erlangte er höchste yogische Macht. Mit der Kraft seiner inneren Vorstellung erschuf er in diesem großen Felsen eine Welt.

J 12.65 Darin regiert mein Sohn fortwährend eine vom Meer umgürtete Erde. In jener Welt waren das Pferd und die Königssöhne gefangen; nun sind sie befreit.

J 12.66 So habe ich dir erklärt, wie die Gefangenschaft im Felsen möglich war.‘ Nachdem der König diese Worte des Weisen gehört hatte, fragte er erneut:

J 12.67 ‚Was du erzählst, ist wahrhaft höchst erstaunlich. Ich möchte diese Welt sehen. Zeige sie mir bitte aus Mitgefühl!‘

J 12.68 Auf diese Bitte des Königs wies der Weise seinen Sohn an: ‚Mein Kind, zeige ihm deine ganze Welt, wie er es wünscht.‘

J 12.69 Nach diesen Worten versenkte Tangana sich erneut in tiefe Sammlung. Sein Sohn trat an den König heran und ging mit ihm

J 12.70 zu dem Felsblock. Der junge Weise trat hinein; der König aber konnte seinem Ruf nicht folgen und nicht hineingehen.

J 12.71 Aus dem Inneren des Felsens rief jener nach dem König. Dann kam er wieder heraus und sagte zu ihm:

J 12.72 ‚König, als Nicht-Yogi kannst du diese Welt nicht betreten. Weil dir die yogische Fähigkeit fehlt, ist dieser Felsen für dich fest und undurchdringlich.

J 12.73 Doch aus Achtung vor dem Wort meines Vaters muss ich dich unbedingt hineinführen. Lege deshalb deinen Körper hier in eine mit Gras bedeckte Höhlung

J 12.74 und gehe, nur mit einem geistigen Körper versehen, mit mir in den Felsen!‘ Da der König seinen Körper nicht verlassen konnte, erwiderte er:

J 12.75 ‚Weiser, wie soll ich diesen Körper aufgeben? Erkläre es mir! Wenn ich ihn gewaltsam verlasse, werde ich doch vollständig zugrunde gehen.‘

J 12.76 Der Sohn des Weisen lachte über diese Worte und sagte: ‚Du weißt wirklich nichts vom Yoga! Nun gut, schließe die Augen.‘

J 12.77 Kaum hatte der König die Augen geschlossen, trat er in ihn ein, zog seinen feinstofflichen Körper heraus und legte den groben Körper in die Höhlung.

J 12.78 Mit yogischer Kraft trat er zusammen mit dem König in den Felsen ein. Der König war wegen des Fehlens seines Körpers in tiefen Schlaf gefallen. Er verband ihn mit einem durch seinen Willen geschaffenen Körper

J 12.79 und weckte ihn. Als der König erwachte, sah er sich vom Weisen gehalten, mitten in einem weiten Himmelsraum.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 12.80 Über sich und ringsum erblickte er einen furchterregenden, grenzenlosen Raum. Erschrocken rief er: ‚Weiser, lass mich nicht los!

J 12.81 Wenn du mich loslässt, gehe ich zugrunde und stürze in diesen haltlosen Raum.‘ Der Sohn des Weisen sah seine Furcht und sagte lächelnd:

J 12.82 ‚Lege deine Angst ab, König! Ich lasse dich nicht los. Betrachte diese Welt im Inneren des Felsens ruhig und mutig von allen Seiten.‘

J 12.83 Der König fasste Mut und schaute umher. Tief unter sich sah er einen sternenreichen Himmelsraum, von dichter Finsternis umgeben.

J 12.84 Als sie in diesen Bereich eintraten, sah er weiter unten die große Mondscheibe. Dort angekommen, erstarrte er

J 12.85 vor der Kälte des Mondes; doch der Sohn des Weisen beschützte ihn. Anschließend gelangten sie zur Sonnenwelt, deren Strahlen ihn versengten.

J 12.86 Durch seine yogische Kraft kühlte der Sohn des Weisen den Körper des Königs. Dieser sah die ganze Welt wie ein Abbild seiner eigenen Welt.

J 12.87 Dann stand er mit dem Weisen auf einem Gipfel des goldenen Berges. Der Herrscher betrachtete alles, was dieser ihm zeigte.

J 12.88 Der Weise verlieh ihm eine besondere Sicht, um auch das weit Entfernte zu erkennen. So sah er den ringförmigen Berg Lokaloka,

J 12.89 außerhalb davon dichte Finsternis, innerhalb goldenes Land; ferner die Meere und die sieben Kontinente, reich an Flüssen und Bergen.

J 12.90 Er sah alle Welten, Indra und die anderen großen Götter, Dämonen, Menschen, Rakshasas, Yakshas, Kimpurushas und weitere Wesen.

J 12.91 In Satyaloka, Vaikuntha und auf dem silbernen Berg sah er den Sohn des Weisen selbst in den Gestalten Brahmas, Vishnus und Shivas,

J 12.92 in diese Formen aufgeteilt, um die Welten hervorzubringen, zu erhalten und aufzulösen. Dann sah er, dass dieser auf der Erde eine weitere Gestalt angenommen hatte

J 12.93 und als Weltherrscher die Erde regierte. Angesichts dieser außerordentlichen yogischen Macht des jungen Weisen

J 12.94 war Mahasena voller Staunen. Da sagte der Sohn des Weisen: ‚König, während du diese Gesamtheit der Welten betrachtet hast, ist Zeit vergangen:

J 12.95 Zwölfhundert Millionen Jahre sind es nach der äußeren Zeitrechnung; hier entspricht dies einem Tag. Lass uns in die äußere Welt zurückkehren, wo mein Vater lebt!‘

J 12.96 So sprach er, erhob sich mit dem König erneut in den Raum und trat auf dieselbe Weise wie zuvor aus dem Felsblock in die äußere Welt hinaus.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 12. Kapitel: Schau der Welt im Felsblock.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 13: Wandel, Trauer und das Gleichnis des Traums

Trauer und Selbsterkenntnis: Mahasenas Verlust bildet den Ausgangspunkt einer zugespitzten philosophischen Unterweisung. Die strengen Worte des Lehrers gehören zum Gespräch der Figuren; sie sind keine allgemeine Aufforderung, Trauernden ihre Gefühle abzusprechen.

J 13.1 „Beim Verlassen des Felsens ließ der Sohn des Weisen Mahasena erneut bewusstlos werden. Er nahm dessen feinstofflichen Körper, der nur aus latenten Eindrücken bestand,

J 13.2 mit hinaus und fügte ihn wieder in seinen früheren Körper ein. Nachdem der König mit seinem gealterten Körper verbunden war, weckte er ihn.

J 13.3 Mahasena erwachte und betrachtete die äußere Welt. Land, Menschen, Bäume, Flüsse, Seen und vieles andere waren ihm fremd geworden.

J 13.4 Vollkommen erstaunt fragte er den Sohn des Weisen: ‚Edler, welche Welt hast du mir hier gezeigt?

J 13.5 Sie ist ganz anders als die, die ich zuvor sah. Erkläre mir dieses Wunder!‘ So befragt, antwortete der Sohn des Weisen:

J 13.6 ‚Höre, König! Dies ist dieselbe Welt, in der wir zuvor waren. Durch die lange verstrichene Zeit hat sie eine andere Gestalt angenommen.

J 13.7 Während für uns in der Felsenwelt ein einziger Tag verging, verstrichen hier zwölfhundert Millionen Jahre.

J 13.8 Deshalb hat diese Welt sich verwandelt. Sieh, wie überall die Lebensweisen und selbst die Sprache anders geworden sind!

J 13.9 So verändert sich das Leben der Menschen mit der Zeit. Ich selbst habe schon oft eine ganz andere Weltordnung gesehen.

J 13.10 Sieh dort meinen verehrten Vater, der in Sammlung verweilt! Dies ist der Ort, an dem du ihn zuvor gepriesen hast.

J 13.11 Und sieh diesen großen Felsen, in dem du meine Welt geschaut hast! In der Nachkommenschaft deines Bruders sind inzwischen Tausende von Generationen vergangen.

J 13.12 Wo früher deine Stadt Sundara im Land Vanga lag, steht jetzt ein Wald voller wilder Tiere.

J 13.13 Ein gegenwärtiger Nachkomme deines Bruders heißt Virabahu. Er herrscht über Malava und wohnt in der Stadt Vishala am Ufer der Kshipra.

J 13.14 Ein Nachkomme von dir, Susharma, wurde König im Land der Dravidas. Er lebt in der Stadt Vardhana am Ufer des Flusses Tamraparni.

J 13.15 So wandelt sich die Weltordnung fortwährend. Schon in kurzer Zeit wird diese Welt neu.

J 13.16 Über längere Zeiträume verändern auch Berge, Flüsse, Seen und Landschaften ihre Gestalt. So ist der Lauf der Welt.

J 13.17 Berge werden zu Niederungen, tiefe Landstriche zu großen Höhen. Wüsten werden zu feuchten Gebieten, Berge zu Sand.

J 13.18 Harter, steiniger Boden wird ganz weich; weicher Boden wird andernorts fest wie Fels.

J 13.19 Unfruchtbares Land wird fruchtbar, fruchtbares Land unfruchtbar. Edelsteine werden zu gewöhnlichem Gestein und gewöhnliche Steine zu Edelsteinen.

J 13.20 Salziges Wasser wird süß, süßes Wasser salzig. Manchmal sieht man die Welt voller Menschen, manchmal voller Tiere,

J 13.21 manchmal voller Würmer, Insekten und anderer kleiner Wesen. So verändert sich diese Welt in verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise.

J 13.22 Dies ist also unsere frühere Welt, die jetzt so beschaffen ist.‘ Als der König die Worte des jungen Weisen hörte,

J 13.23 überwältigte ihn tiefer Schmerz und er wurde ohnmächtig. Der Sohn des Weisen tröstete ihn; als der König wieder zu sich kam,

J 13.24 klagte er, von großem Leid erfüllt, ganz verzweifelt. Er gedachte seines Bruders, seiner Neffen, seiner eigenen Frauen

J 13.25 und seiner Kinder, eines nach dem anderen, und weinte voller Schmerz. Während er so, in Verblendung befangen, seinen Bruder und die anderen betrauerte,

J 13.26 sprach der Sohn des Weisen zu ihm, um ihn zum Verständnis zu führen: ‚König, du bist doch ein verständiger Mensch. Wen betrauerst du, und zu welchem Zweck?

J 13.27 Verständige handeln nicht ohne Aussicht auf eine Frucht. Wer handelt, ohne die Folgen zu prüfen, verhält sich wie ein Kind.

J 13.28 Sage mir daher, wen du betrauerst und was die Trauer bewirken soll!‘ Darauf erwiderte Mahasena, tief betrübt:

J 13.29 ‚Großer Weiser, siehst du denn den Grund meiner Trauer nicht? Alles ist mir genommen worden. Warum fragst du noch nach der Ursache?

J 13.30 Schon beim Tod eines einzigen Angehörigen trauern die Menschen. Warum fragst du mich also, nachdem ich alle verloren habe?‘

J 13.31 Der Sohn des Weisen antwortete mit einem leichten Lächeln: ‚Sage, König: Ist das Trauern etwa eine ewige Pflicht deiner Familie,

J 13.32 deren Unterlassung großes Unheil brächte? Oder kann das Verlorene durch Trauer wiedererlangt werden?

J 13.33 König, prüfe ruhig und mutig, welche Frucht das Trauern hervorbringt! Wenn man um verlorene Angehörige trauern muss, dann höre:

J 13.34 Auch frühere Angehörige, Großväter und andere, sind gestorben. Dann müsste man doch ständig trauern. Warum hast du nicht schon zuvor um sie getrauert?

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 13.35 Und wessen Angehörige sind sie eigentlich? Wodurch besteht ihre Verwandtschaft mit dir? Die zahllosen Würmer, die im Kot deiner Eltern oder in deinem eigenen entstehen,

J 13.36 gehen ebenfalls aus dem Körper hervor und sind mit ihm verbunden. Warum gelten sie nicht als Angehörige? Warum trauerst du nicht um sie?

J 13.37 König, erforsche, wer du selbst bist und welche Verstorbenen du betrauerst! Bist du der Körper oder etwas vom Körper Verschiedenes? Der Körper ist ein Gefüge aus Teilen.

J 13.38 Schon der Verlust eines Teils wird als Zerstörung dieses Gefüges bezeichnet. Doch Teile des Körpers vergehen in jedem Augenblick.

J 13.39 Urin, Kot, Schleim, Nägel, Haare und anderes scheiden fortwährend aus. Eine restlose Vernichtung des gesamten Gefüges lässt sich dagegen nicht feststellen.

J 13.40 Die körperlichen Bestandteile deines Bruders und der anderen bestehen ersichtlich in Erde und den übrigen Elementen weiter. Zumindest der Raum im Körper bleibt unzerstört.

J 13.41 Doch du bist nicht der Körper, sondern sein Bewohner. Du sagst „mein Körper“, wie du „mein Gewand“ sagst. Erkläre mir also, wie du dieser Körper sein könntest!

J 13.42 Wenn du vom Körper verschieden bist, welche Beziehung hast du dann zu anderen Körpern? Wie du mit den Kleidern deines Bruders und der anderen keine eigentliche Wesensverbindung hast,

J 13.43 so gilt das auch für ihre Körper. Warum trauerst du um deren Untergang? Du sagst: „Mein Körper, meine Sinne, mein Lebensatem, mein Geist.“

J 13.44 Welcher Art bist du also selbst? Antworte auf meine Frage, König!‘ So angesprochen, dachte Mahasena eine Weile gründlich nach.

J 13.45 Doch er fand auf die Frage des Weisen keine abschließende Antwort und sagte, noch bedrückter: ‚Erhabener, ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin.

J 13.46 Ich trauere ganz unwillkürlich und erkenne die Ursache dafür nicht. Hilflos nehme ich Zuflucht zu dir. Erhabener, erkläre mir, was dies ist!

J 13.47 Alle trauern, wenn ein Angehöriger stirbt. Sie kennen weder sich selbst noch den anderen und trauern dennoch.

J 13.48 Erkläre mir dies deutlich, Erhabener; ich bin dein Schüler!‘ Auf diese Frage antwortete der Sohn des Weisen Mahasena:

J 13.49 ‚Höre, König! Durch die Maya der großen Göttin verwirrt, erkennen die Menschen ihr eigenes Selbst nicht und trauern immer wieder vergeblich.

J 13.50 Solange sie das wahre Wesen ihres Selbst nicht erkannt haben, trauern sie. Wenn sie es erkennen, trauern sie nicht mehr auf diese Weise.

J 13.51 Wie jemand, vom Schlaf verwirrt, sein wirkliches Selbst nicht kennt und leidet, oder wie ein Mensch durch den mantrischen Zauber eines Magiers getäuscht wird

J 13.52 und sich vor den dadurch vorgestellten Schlangen und anderen Erscheinungen fürchtet, so leidet auch der von Maya verwirrte Mensch, weil er sein Selbst nicht kennt.

J 13.53 Wer aus dem Traum erwacht oder die Kunst des Zauberkundigen durchschaut, leidet nicht mehr darunter; er kann sogar über die Furcht der anderen lächeln.

J 13.54 Ebenso trauern die Kenner des Selbst, die von Maya befreit sind, nicht mehr auf diese Weise. Sie lächeln über Menschen wie dich, die von Maya verwirrt sind und trauern.

J 13.55 Erkenne daher das wahre Selbst, überwinde die schwer zu durchdringende Maya und löse durch klare Untersuchung deinen aus Verblendung entstandenen Schmerz, du Starkarmiger!‘

J 13.56 Darauf sagte Mahasena erneut zum großen Weisen: ‚Erhabener, der Vergleich, den du angeführt hast, scheint mir nicht passend.

J 13.57 Ein Traum oder eine Zaubererscheinung hat keine eigene Substanz; er erscheint lediglich. Die Welt des Wachens dagegen ist wirklich und erfüllt alle praktischen Zwecke.

J 13.58 Sie wird nicht widerlegt und besitzt Bestand. Wie könnte sie einem Traum gleichen?‘ Der höchst verständige Sohn des Weisen erklärte darauf:

J 13.59 ‚Höre, König! Deine Behauptung, der Vergleich sei unpassend, ist schon deine zweite Täuschung. Sie gleicht der Einschätzung, die ein Träumender innerhalb seines Traumes hat.

J 13.60 Erfüllt ein geträumter Baum während des Traumes nicht ebenfalls einen Zweck? Lindert er nicht die Hitze der Wanderer, indem er Schatten spendet?

J 13.61 Sättigt er nicht mit seinen Früchten und anderem die Menschen im Traum? Sage: Wo wird der Traum während des Träumens widerlegt oder als unbeständig erkannt?

J 13.62 Wenn du antwortest, alles werde im Wachzustand aufgehoben, dann höre: Wird nicht auch die ganze Welt des Wachens im Tiefschlaf aufgehoben?

J 13.63 Du sagst vielleicht: „Nein, denn am folgenden Tag besteht sie genauso weiter.“ Doch sage: Warum sollte nicht auch eine Traumwelt am folgenden Tag fortgesetzt werden?

J 13.64 Wenn du meinst, im Traum erscheine keine solche Fortdauer, dann höre: Wo erscheint im Wachen Fortdauer, wenn etwas völlig Neues wahrgenommen wird?

J 13.65 Du antwortest vielleicht: „Bei Neuem zwar nicht, aber bei anderem schon.“ Ebenso erscheint auch im Traum Fortdauer, sobald etwas als beständig erlebt wird.

J 13.66 Wenn jene Fortdauer nur vermeintlich ist, so gilt dies ebenso im Wachzustand. Prüfe die Dinge des Wachens mit feinem Unterscheidungsvermögen!

J 13.67 Körper, Bäume, Flüsse, Lampen und anderes verändern sich in jedem Augenblick. Wie könnte ihre vermeintlich unveränderte Fortdauer völlig wahr sein?

J 13.68 Selbst Berge behalten ihre Gestalt nicht bis zum nächsten Augenblick unverändert, da Wasserläufe beständig an ihnen arbeiten.

J 13.69 Mäuse, Termiten, Wildschweine, Wasserläufe und anderes verändern die Berge fortwährend von allen Seiten.

J 13.70 Selbst Berge, Meere und die Erde verändern sich also in jedem Augenblick. Höre nun, was ich dir weiter erkläre, und prüfe es mit feinem Verständnis, König!

J 13.71 Begrenzte Fortdauer besteht im Traum und im Wachen gleichermaßen. Unbegrenzte Fortdauer ist bei hervorgebrachten Dingen überhaupt nicht anzutreffen.

J 13.72 Du könntest sagen: „In Gestalt ihrer Ursache bestehen sie doch immer fort.“ Diese ursächliche Gestalt wäre dann Erde und die übrigen Elemente.

J 13.73 Doch auch im Traum erscheinen Erde und die anderen Elemente; insofern setzt sich auch dort diese Grundlage fort. Du könntest nun einwenden: „Die Widerlegung des Traums erlebt man im Wachen,

J 13.74 aber eine Widerlegung des Wachens erscheint niemandem.“ Dann höre meine Antwort: Wenn Widerlegung das Nichtmehrerscheinen bedeutet,

J 13.75 wird das Nichtmehrerscheinen der gesamten Welt im Tiefschlaf erfahren. Wenn du unter Widerlegung dagegen die Erkenntnis verstehst, dass etwas keine verlässliche Geltung besitzt, dann höre:

J 13.76 Für Menschen wie dich, die in Täuschung befangen sind, tritt diese Einsicht nicht ein. Wer aber das Wesen des zu Erkennenden erkannt hat, sieht diese fehlende Eigenständigkeit deutlich.

J 13.77 Deshalb ist dieses ganze Geflecht des Sichtbaren dem Sichtbaren eines Traums vergleichbar. Auch eine lange Zeitspanne kann im Traum erscheinen, ohne dass darin ein grundsätzlicher Unterschied läge.

J 13.78 Auch ein Traumgegenstand erscheint also unwiderlegt, zweckerfüllend und beständig. In dieser Hinsicht ist der Zustand des Wachens ihm ganz ähnlich.

J 13.79 Wie du im Wachen überzeugt bist, wach zu sein, so hältst du auch im Traum deinen Zustand für Wachen.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 13.80 Woher soll bei dieser Sachlage ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Traum und Wachen kommen, König? Warum trauerst du dann nicht um deine Angehörigen im Traum?

J 13.81 Die angenommene eigenständige Wirklichkeit der Welt beruht allein auf gefestigter Vorstellung. Wird sie als leer vorgestellt, erscheint sie leer und ohne Widerstand.

J 13.82 Eine Vorstellung, die fest wird, ohne durch die Überzeugung ihrer Ungültigkeit geschwächt zu werden, nimmt die entsprechende Erfahrungswirklichkeit an. So verhält es sich, König.

J 13.83 Ein Beispiel dafür ist meine Welt, die du selbst gesehen hast. Komm, lass uns diesen Felsen umgehen und ihn betrachten!‘

J 13.84 So sprach er, nahm den König bei der Hand und ging mit ihm um den Felsblock. Als sie wieder an ihren Ausgangspunkt gelangt waren,

J 13.85 sagte der verständige Sohn des Weisen zu Mahasena: ‚König, du hast diesen Felsen gesehen. Seine Ausdehnung beträgt nur ein Viertel einer Gavyuti.

J 13.86 Doch in seinem Inneren hast du eine ausgedehnte Welt deutlich wahrgenommen. War das Wachen oder Traum? War sie wirklich oder unwirklich?

J 13.87 Ein Tag in der Felsenwelt entsprach hier zwölfhundert Millionen Jahren, wie du selbst erfahren hast. Unterscheide nun, was davon wirklich und was unwirklich ist!

J 13.88 Eine solche Trennung gelingt hier ebenso wenig wie zwischen zwei verschiedenen Träumen. Erkenne deshalb: Diese Welt hat die gestaltende Vorstellung zu ihrem Kern.

J 13.89 Wenn sie nicht mehr auf diese Weise vorgestellt wird, löst sie sich augenblicklich auf. Lass daher deinen Schmerz los, König, und erkenne die Welt als einem Traum vergleichbar.

J 13.90 Wie du dein eigenes Selbst als Bewusstsein erkennst, als die einem Spiegel vergleichbare Bildfläche des Traumes, und so in dir selbst ruhst,

J 13.91 so erkenne das Bewusstseins-Selbst auch als Spiegel für das Weltbild des Wachens. Lass dein Herz rasch von höchster Freude erfüllt sein, König!‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 13. Kapitel: Schau der Felsenwelt.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 14: Die Erklärung der Felsenwelt

Die Erklärung des Gleichnisses: Der Sohn des Weisen verbindet die gestaltende Kraft des Bewusstseins mit einer Lehre der Wirklichkeitsebenen, der Tattvas. Naturkundliche und geographische Beispiele geben die Vorstellungswelt des Textes wieder.

J 14.1 „Nachdem Mahasena die Worte des Weisen gehört hatte, prüfte er sie mit klarem Verstand. Er erkannte die Welt als einem Traum vergleichbar und ließ seinen Schmerz los.

J 14.2 Er fasste Mut, wurde frei von Kummer und fragte den Sohn des Weisen erneut: ‚Hochverständiger Sohn des Weisen, du durchschaust das Höhere und das Niedere.

J 14.3 Ich glaube, dass dir nicht das Geringste unbekannt ist. Beantworte mir daher bitte aus Mitgefühl, was ich dich frage!

J 14.4 Du sagst, alles gehe aus gestaltender Vorstellung hervor. Warum erscheint dann das, was ich immer wieder innerlich vorstelle, keineswegs außen?

J 14.5 Du dagegen hast durch die Vollendung deiner Vorstellungskraft eine Welt im Felsen geschaffen. Und wie können Raum und Zeit gleichzeitig so verschieden sein?

J 14.6 Eines von beidem müsste doch unwahr sein. Erkläre mir, welches!‘ Auf diese Frage begann der Sohn des Weisen zu antworten:

J 14.7 ‚Ein schöpferischer Entschluss wird gestaltende Vorstellung genannt. Sie ist zweifach: vollendet oder unvollendet. Vollendet ist sie, wenn keine Gegen-Vorstellung sich einmischt; diese Festigkeit beruht auf ungeteilter Ausrichtung. [Der zweite Halbvers ist in der Vorlage nicht eindeutig; die Wiedergabe folgt dem Zusammenhang.]

J 14.8 Sieh: Diese Welt entstand durch Brahmas gestaltende Vorstellung. Weil sie so außerordentlich fest ist, stellen alle sich die Welt als wirklich vor.

J 14.9 Doch niemand bringt den eigenen Vorstellungen dieselbe feste Überzeugung entgegen. Dies ist die Einmischung einer Gegen-Vorstellung; deshalb bleibt die eigene Gestaltung unvollendet.

J 14.10 Die Vollendung dieser Vorstellungskraft kann auf verschiedene Weise zustande kommen: durch Geburt, Edelsteine, Heilmittel, Yoga,

J 14.11 Askese, Mantra-Vollendung oder einen gewährten Segen. Brahma besitzt sie von Geburt an, Yakshas und Rakshasas erlangen sie durch Edelsteine,

J 14.12 Götter durch besondere Mittel, Yogis durch Yoga, Asketen durch Askese und Mantrakundige durch Mantras.

J 14.13 Vishvakarman und andere erlangten sie durch einen Segen. Das Vorgestellte muss so vergegenwärtigt werden, dass die frühere Vorstellung vergessen ist.

J 14.14 Es bleibt so lange beständig, wie man sich nicht an die frühere Vorstellung erinnert. Wenn eine solche ungeteilte Vergegenwärtigung fest geworden ist,

J 14.15 bleibt sie vollendet, solange keine unerwünschte Gegen-Vorstellung eindringt, und kann große Wirkungen hervorbringen.

J 14.16 Deine Vorstellungskraft ist nicht vollendet, weil andere Vorstellungen sich einmischen. Wenn du erschaffen willst, bringe deine Vorstellungskraft zur Vollendung!

J 14.17 Höre nun meine Erklärung der Verschiedenheit von Raum und Zeit, König! Weil du die Zusammenhänge der Welterfahrung noch nicht durchschaut hast,

J 14.18 erscheint dir dies so erstaunlich. Ich werde es dir deutlich erklären. Zum Wesen der Welterscheinungen gehört, dass sie unterschiedlich erscheinen.

J 14.19 Ein und dasselbe Sonnenlicht wirkt auf zweierlei Weise: Für tagsüber blinde Wesen ist es Dunkelheit, für andere macht es die Dinge sichtbar.

J 14.20 Wasser behindert die Atmung von Menschen und Landtieren. Für Fische und andere Wasserwesen wird die Atmung dagegen außerhalb des Wassers behindert, nicht darin.

J 14.21 Feuer verbrennt Menschen und andere Wesen; vom Rebhuhn aber heißt es hier, es verzehre Feuer. Feuer erlischt durch Wasser, und doch brennt es mancherorts im Wasser.

J 14.22 So besitzen alle Welterscheinungen unterschiedliche Wirkungsweisen. Manche dieser Vorgänge betreffen die Sinne, andere sind unabhängig von Sinnesorganen.

J 14.23 Hunderte und Tausende erscheinen in ihrer Beschaffenheit gegensätzlich. Höre aufmerksam, wie ich dies begründe!

J 14.24 Die sichtbaren Erscheinungen sind durch die Beschaffenheit des Sehens bestimmt. Kein Sichtbares lässt sich außerhalb dieses Anteils des Sehens feststellen.

J 14.25 Wer etwa durch eine Gallenstörung erkrankte Augen hat, sieht die Außenwelt gelb; jemand mit einer anderen Sehstörung sieht ein einziges Ding doppelt.

J 14.26 So sehen Menschen mit unterschiedlich veränderten Augen auch verschiedene Welten. Im östlichen Meer liegt eine Insel namens Karandaka.

J 14.27 Dort, so heißt es, sehen die Bewohner alle Dinge stets rot. Auf der Insel Ramanaka wiederum sehen die Menschen fortwährend

J 14.28 die gesamte Welt verkehrt, oben und unten vertauscht. Auf anderen Inseln sehen die Menschen die Dinge auf andere Weise,

J 14.29 je nach der Beschaffenheit ihrer Augen. Falls ihnen dort einmal etwas anders erscheint,

J 14.30 behandeln sie ihre Augen mit einem geeigneten Mittel und sehen wieder wie zuvor. Daher gehört alles, was auf dieser Erde mit den Augen gesehen wird,

J 14.31 zum Bereich des Sehens, wie die gelbe Färbung für ein erkranktes Auge. Ebenso gehören Gerüche und andere Sinnesgegenstände zum Bereich der jeweils entsprechenden Sinne.

J 14.32 Geistige Erscheinungen bestehen aus Geist; entsprechend verhält es sich mit allen Welterscheinungen. Selbst ihre Abfolge beruht auf der Beschaffenheit der Wahrnehmungsorgane. Daher lässt sich nichts unabhängig davon als außen bestehend festhalten.

J 14.33 Höre, König! Was in der Welt als „außen“ erscheint, bildet die erste Grundlage aller Welterscheinungen, gleichsam die Bildfläche des Weltbildes.

J 14.34 Doch bei diesem „Außen“ muss ein Bezugspunkt angegeben werden: Außerhalb wovon? Du wirst wohl den Körper nennen; etwas anderes scheint zunächst nicht in Betracht zu kommen.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 14.35 Aber auch der Körper erscheint außen. Wie könnte er dann der letzte Bezugspunkt sein? Wenn man „außerhalb des Berges“ sagt, liegt der Berg selbst nicht in diesem Außen.

J 14.36 Der Körper jedoch erscheint ebenso außen wie ein Topf. Man kann auch nicht sagen, die Dinge lägen außerhalb dessen, was sie offenbar macht.

J 14.37 Denn was außerhalb des Lichtes einer Lampe oder der Sonne liegt, wird von ihnen nicht sichtbar gemacht. Deshalb ist es angemessen zu sagen: Das Offenbarte liegt innerhalb dessen, was es offenbar macht.

J 14.38 Dieses Offenbarende ist weder der Körper noch etwas Ähnliches, denn diese werden selbst offenbar, wie ein Berg. Als letztes Offenbarendes kommt nur das in Betracht, was nicht seinerseits als Gegenstand offenbar gemacht wird.

J 14.39 Wäre auch das Offenbarende ein offenbarter Gegenstand, so würde die Suche nach einem weiteren Offenbarenden niemals enden. Es kann auch nicht im selben Sinn zugleich sein eigenes beleuchtendes Subjekt und beleuchtetes Objekt sein.

J 14.40 Daher ist das Offenbarende rein und seinem Wesen nach allein Offenbarsein. Es ist Licht des Erkennens, vollkommen und von einer einzigen Wesensart.

J 14.41 Raum und Zeit werden von ihm durchdrungen, denn auch sie erscheinen in ihm. Darin liegt seine Fülle. Weil nichts ihm Fremdes unabhängig davon erscheinen kann, ist es einheitlich Licht des Erkennens.

J 14.42 Was immer innen oder außen ist, liegt in diesem Offenbarsein. Es kann daher kein Bezugspunkt für etwas außerhalb seiner selbst sein, so wenig wie ein Berg gegenüber seinem eigenen Gipfel.

J 14.43 Dieses Licht umfasst die ganze Welt und leuchtet unabhängig in sich selbst, überall und jederzeit.

J 14.44 Es wird höchstes Bewusstsein genannt: Tripura, die höchste Herrin. Die Kenner des Veda nennen es Brahman, die vorzüglichsten Verehrer Vishnus nennen es Vishnu,

J 14.45 die Verehrer Shivas nennen es Shiva, und die der göttlichen Kraft Ergebenen nennen es Shakti. Würden sie damit etwas außerhalb dieses Wesens meinen, so wäre das etwas Begrenztes.

J 14.46 Auch dies wäre von der Bewusstseinskraft durchdrungen wie ein Spiegelbild vom Spiegel. Seine Eigenschaft, etwas zu erhellen, wird nur in Beziehung zum Erhellten ausgesagt; sie besteht nicht als gesonderte Bestimmung an sich.

J 14.47 Das Erhellte ist ganz im Licht des Erkennens enthalten, wie eine Stadt im Spiegel. So wie die gespiegelte Stadt nicht über den Spiegel hinaus besteht,

J 14.48 so geht auch die Welt, die im Bewusstsein erscheint, nicht über dieses hinaus. In einem vollkommen einheitlichen, zusammenhängenden Spiegel

J 14.49 kann keine wirklich davon getrennte Stadt bestehen. Ebenso kann im vollkommenen, ungeteilten, einheitlichen Bewusstseins-Selbst

J 14.50 keine von ihm getrennte Welt begründet werden. Der Raum gewährt Platz, weil er als leer vorgestellt wird,

J 14.51 und lässt deshalb eine Welt der Zweiheit zu. Wie aber sollte das wirkliche Bewusstsein, das nicht leer, sondern von einer einzigen Wesensfülle ist,

J 14.52 auch nur die geringste davon getrennte Zweiheit aufnehmen? Es gleicht vielmehr dem Spiegel. Aus der Herrlichkeit seiner uneingeschränkten Freiheit

J 14.53 lässt das Bewusstsein in seinem nichtdualen Wesen alles Bewegliche und Unbewegliche erscheinen: eine überaus vielfältige scheinbare Zweiheit, ohne äußere Wirkursache und ohne äußeren Stoff.

J 14.54 Obwohl die verschiedensten Formen im Spiegel erscheinen, bleibt seine Einheit deutlich und unversehrt, denn er ist in allen Bildern derselbe.

J 14.55 Ebenso bleibt bei der mannigfaltigen Erscheinung der Welt die eine makellose Wirklichkeit bestehen; durch fortgesetzte Betrachtung wird dies erkannt.

J 14.56 König, betrachte in dir selbst eine innere Vorstellungswelt! Obwohl sie voller verschiedenster Gestalten ist, besteht sie allein aus Bewusstsein.

J 14.57 Bei Entstehung und Auflösung bleibt dieses Bewusstsein ungeteilt – wie ein Spiegel, ob Spiegelbilder vorhanden sind oder nicht.

J 14.58 Obwohl Bewusstsein so einheitlich ist, lässt es kraft seiner Freiheit in sich selbst ein Außen erscheinen, wie ein Spiegel einen Himmelsraum zeigt.

J 14.59 Dies ist die erste Schöpfung; sie heißt Nichtwissen oder Dunkelheit. Dass das Vollkommene nur teilweise erscheint, wird das Erscheinen eines Außen genannt.

J 14.60 Durch die Unterbrechung des umfassenden Ich-Gewahrseins entsteht der Zustand eines Nicht-Ich. Dies heißt auch das Unentfaltete oder die Kraft des Unbewussten.

J 14.61 Das Bewusstsein, das dabei als von diesem Außen abgetrennt erscheint, wird Shiva-Tattva genannt. Sein Offenbarwerden ist Shakti.

J 14.62 Wenn die vorgestellte große Leere des Außen vom Ich-Gewahrsein überdeckt wird, gilt dies als Sadashiva.

J 14.63 Wenn dagegen das gegenständliche Moment überwiegt, wird es Ishvara genannt. Die Wahrnehmung beider in einem Gewahrsein von Unterschied und Nichtunterschied

J 14.64 heißt reine Erkenntnis, Shuddhavidya. Bis hierher wird der Bereich rein genannt, weil die Kraft der Trennung noch nicht vorherrscht und die Einheit offenbar bleibt.

J 14.65 Wenn durch die Fülle der Freiheit des Bewusstseins die Vorstellung von Verschiedenheit stark wird, erscheint die Kraft des Unbewussten als Träger und Bewusstsein nur noch als ihre Eigenschaft.

J 14.66 Dann wird jene Kraft Maya-Tattva genannt. Maya ist das unterscheidende Bewusstsein, in dem die Vorstellung der Trennung vorherrscht.

J 14.67 Von der Vielfalt der Unterschiede verhüllt, erscheint Bewusstsein eingeschränkt. Von fünf Hüllen umgeben, nimmt es den Zustand des individuellen Erfahrenden, Purusha, an.

J 14.68 Die fünf Hüllen sind Kalā, Vidyā, Rāga, Kāla und Niyati. Kalā ist begrenztes Handlungsvermögen, Vidyā begrenztes Wissen,

J 14.69 Rāga ist Verlangen, Kāla die Begrenzung durch Lebenszeit, Niyati Abhängigkeit und Gebundensein. Mit diesen Hüllen verbunden ist der individuelle Erfahrende.

J 14.70 Die Gesamtheit der latenten Eindrücke aus den vielfältigen anfangslosen Handlungen der Wesen, die auf der Bewusstseinskraft beruht, wird Prakriti genannt.

J 14.71 Weil die Früchte der Handlungen dreifach sind, ist auch sie dreifach beschaffen. Ein besonderer Zustand von ihr heißt Citta, das mentale Bewusstseinsfeld.

J 14.72 Im Tiefschlaf ist sie als Prakriti zu verstehen; am Ende des Tiefschlafs heißt sie Citta. Bewusstsein zusammen mit der Gesamtheit der latenten Eindrücke wird Citta genannt.

J 14.73 Wegen dieses noch unentfalteten Bestands an Eindrücken wird es auch das Unentfaltete genannt. Entsprechend der Verschiedenheit der individuellen Erfahrenden nimmt Citta viele Formen an.

J 14.74 Im Tiefschlaf, in dem die individuellen Wesen nicht unterschieden erscheinen, ist es einheitlich und hat den Zustand der Prakriti; danach wird es wieder Citta.

J 14.75 Wenn der Bewusstseinsaspekt hervorgehoben wird, heißt dasselbe Purusha. Wenn das Unentfaltete im Vordergrund steht, spricht man von Citta oder Prakriti.

J 14.76 Aufgrund unterschiedlicher Tätigkeiten wird es als dreifaches inneres Organ bezeichnet: Ichbewusstsein, unterscheidendes Verstehen und denkender Geist, bester König.

J 14.77 Daraus gehen jeweils die fünf Erkenntnis- und Handlungsorgane hervor, ferner die feinen Elemente, beginnend mit dem Klang, und die groben Elemente, beginnend mit dem Raum.

J 14.78 So spielt das höchste Gewahrsein, die Zeugin von allem, beginnend mit dem Erscheinen eines Außen, das Spiel von Schöpfung und den weiteren Weltvorgängen.

J 14.79 Der bei der Schöpfung durch die ursprüngliche Kraft der erhabenen Tripura hervorgebrachte Hiranyagarbha ist Brahma. Aus seiner gestaltenden Vorstellung ist diese Welt entstanden.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 14.80 Das Bewusstsein, das darin als „du“ und „ich“ erscheint, ist eben die höchste Bewusstseinskraft. In ihr selbst gibt es keine Trennung.

J 14.81 Die Verschiedenheit erscheint nur aufgrund begrenzender Bedingungen, die durch Brahmas Vorstellung gestaltet sind. Wenn diese Vorstellung zurückgenommen wird, erscheint auch keine Trennung mehr.

J 14.82 Die gestaltende Kraft des Bewusstseins ist bei dir von Maya verhüllt. Wenn diese Verhüllung fällt, wird auch deine Kraft zur Vollendung gelangen.

J 14.83 Raum, Zeit und jedes andere Vorgestellte erscheinen dem Vorstellenden entsprechend seiner Gestaltung als ausgedehnt oder klein, lang oder kurz.

J 14.84 Ich stellte jenen Zeitraum als einen Tag vor; daher war er dort ein Tag. Brahma stellte denselben Zeitraum hier als zwölfhundert Millionen Jahre vor.

J 14.85 Daher entstand der Eindruck von langer und kurzer Dauer. In dem von Brahma geschaffenen Felsen von einem Viertel einer Gavyuti

J 14.86 stellte ich einen grenzenlosen Raum vor; daher erschien dort Unbegrenztheit. So sind beide Erfahrungsweisen in ihrem Zusammenhang wirklich und zugleich ohne eigenständige Wirklichkeit.

J 14.87 Stelle auch du dir innerlich einen Raum von einer Krosha und eine Zeit von einer Kala vor! Stelle dir dann am selben Ort unendlich viele Yojanas

J 14.88 und eine unzählbare Zeit vor: Sie erscheinen, solange die Vorstellung dauert. Ebenso besteht auch diese äußere Welt aus gestaltender Vorstellung.

J 14.89 Sie erscheint, König, im Unentfalteten, dessen Wesen Bewusstsein ist. Das vielfältige Weltbild auf der als außen erscheinenden Bildfläche des Unentfalteten

J 14.90 ist daher nichts anderes als diese Bildfläche. Sie wiederum hat ihren Grund im Bewusstsein. Deshalb können Yogis selbst einen fernen Ort, dessen Erreichen lange dauern würde,

J 14.91 in einem Augenblick erreichen und so deutlich sehen wie eine Frucht in ihrer Hand. Ob fern oder nah, lang oder kurz:

J 14.92 All dies beruht auf gestaltender Vorstellung und hat seinen Grund im Spiegel des Bewusstseins. Erkenne dies gewiss und löse deine Täuschung durch fortgesetzte Vergegenwärtigung des reinen Bewusstseins!

J 14.93 Dann wirst auch du frei sein wie ich.‘ Als Mahasena diese Worte des jungen Weisen gehört hatte, o bester Weiser,

J 14.94 ließ er alle Täuschung los und erkannte, was zu erkennen war. Mit geläutertem Herzen vollendete er durch die Übung des Samadhi seine innere Vergegenwärtigung.

J 14.95 Er erlangte Freiheit und lebte noch lange in diesem Zustand. Schließlich ließ er auch die Erscheinung seines Körpers fallen und ruhte im großen Bewusstseinsraum.

J 14.96 So erlangte Mahasena die höchste Befreiung, Bhargava. Auf dieselbe Weise erscheint die Welt allein aufgrund der gefestigten Vorstellung ihrer Wirklichkeit

J 14.97 als etwas eigenständig Wirkliches. Prüfe dies, Spross des Bhrigu! Durch unterscheidende Untersuchung wird die in deinem Geist wohnende Täuschung zur Ruhe kommen.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 14. Kapitel: Die Erzählung von der Felsenwelt.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 15: Ashtavakra und die Prüfung der Erkenntnis

Wissen und unmittelbare Erkenntnis: Die Asketin stellt nicht die Bedeutung der Schriften infrage, sondern Ashtavakras Gleichsetzung von Gelehrsamkeit und verwirklichter Einsicht. Ihre namenlose Gestalt trägt die entscheidende Unterweisung.

J 15.1 Als Rama, der Spross des Bhrigu-Geschlechts, diese wunderbare Geschichte von der Felsenwelt hörte, war er erneut tief erstaunt.

J 15.2 Er prüfte die Worte seines Lehrers und gewann mit geläutertem Verständnis Gewissheit. Dann trat er wieder zu Dattatreya, verneigte sich und fragte ehrerbietig:

J 15.3 „Erhabener, aus deinen verschiedenen Erzählungen habe ich nach gründlicher Betrachtung folgenden wesentlichen Sinn verstanden:

J 15.4 Allein das Gewahrsein ist wirklich. Das Erkannte wird darin vorgestellt und erscheint, wie eine Stadt im Spiegel, ohne eigenständige Wirklichkeit.

J 15.5 Dieses Bewusstsein ist die höchste Kraft, die große Herrin, deren Wesen Gewahrsein ist. Auf der Bildfläche ihres eigenen Selbst lässt sie das Weltbild,

J 15.6 das sich vom Unentfalteten an in verschiedene Ebenen gliedert, allein kraft ihrer Freiheit erscheinen, ohne äußeren Stoff und ohne äußere Ursache. So viel habe ich durch feine Untersuchung verstanden.

J 15.7 Doch dieses Bewusstsein wird als frei von jedem erkannten Gegenstand beschrieben. Es scheint unmöglich, es zu erfahren, da uns Bewusstsein stets mit einem Gegenstand begegnet.

J 15.8 Wie kann Bewusstsein ohne einen erkannten Gegenstand erfahren werden? Ohne seine Erfahrung lässt sich aber das höchste Lebensziel nicht erreichen.

J 15.9 Dieses höchste Ziel soll Befreiung sein. Was genau wird darunter verstanden? Wenn Erkenntnis Befreiung bewirkt, wie kann ein Befreiter noch in der Welt handeln?

J 15.10 Auch Menschen, die als Erkennende gelten, sieht man ganz dem Handeln zugewandt. Wie kann ihr Gewahrsein dabei frei von Erkanntem sein?

J 15.11 Wie kann Handeln stattfinden, wenn reines Gewahrsein besteht? Erkenntnis ist doch einheitlich, und auch ihre Frucht, die Befreiung, ist eine.

J 15.12 Warum sieht man dann so unterschiedliche Lebensweisen unter den Erkennenden? Manche vollziehen zur rechten Zeit die von den heiligen Schriften gebotenen Handlungen.

J 15.13 Manche verehren Gottheiten auf verschiedenen Wegen. Andere widmen sich ganz dem Samadhi und haben ihre Sinne zurückgezogen.

J 15.14 Manche üben Askese, die Körper und Sinne auszehrt. Andere unterweisen Schüler mit ausführlichen Erklärungen.

J 15.15 Manche regieren ein Reich nach den Regeln der Staatsführung. Andere führen in Versammlungen Streitgespräche mit ihren Gegnern.

J 15.16 Manche verfassen unablässig verschiedene Lehrschriften. Andere erscheinen stets ganz einfältig.

J 15.17 Einige leben sogar auf eine Weise, die von der Welt getadelt wird. Und dennoch werden all diese von vielen als Erkennende bezeichnet. [Das letzte Wort des zweiten Halbverses ist in der Vorlage unklar; die Zuschreibung als Erkennende ist eindeutig.]

J 15.18 Wie kommt es bei gleichem Mittel und gleicher Frucht zu so verschiedenen Lebensweisen? Besitzen sie alle dieselbe Erkenntnis, oder gibt es Abstufungen?

J 15.19 Bitte erkläre mir dies alles vollständig. Dein Herz ist von Natur aus mitfühlend mit deinem Schüler, der keine andere Zuflucht kennt.“

J 15.20 So von Bhargava befragt, begann der Sohn Atris mit heiterem Geist zu sprechen; er hielt diese Fragen für angemessen:

J 15.21 „Rama, bester der Verständigen, gewiss näherst du dich jenem höchsten Zustand. Weil du dich gründlicher Untersuchung widmest, bist du für die Erkenntnis bereit geworden.

J 15.22 Eben diese klare Untersuchung ist das Herabkommen der göttlichen Kraft, Shaktipat. Wer könnte ohne die Zuwendung der göttlichen Kraft das höchste Heil erlangen?

J 15.23 Erkenne darin die Wirksamkeit der Gottheit des eigenen Selbst: Wenn sie günstig gestimmt ist, lässt sie die klare Untersuchung immer weiter wachsen.

J 15.24 Was du verstanden hast, verhält sich tatsächlich so. Doch obwohl du das Wesen des höchsten Bewusstseins mit diesen Worten beschrieben hast,

J 15.25 hast du es noch nicht gründlich erkannt, Rama; das zeigt deine Art zu sprechen. Solange jemand es nur aus der Distanz kennt, kennt er es noch nicht wirklich.

J 15.26 Denn rechte Erkenntnis hebt gerade diese Distanz auf. Eine Erkenntnis, die äußerlich bleibt, ist dem Erkennen im Traum vergleichbar.

J 15.27 Wie der Fund eines Schatzes im Traum im Wachleben nichts einbringt, so schenkt bloß mittelbare Erkenntnis nicht die eigentliche Frucht.

J 15.28 Hierzu erzähle ich dir eine schöne alte Geschichte. Einst lebte im Land Videha ein König, der ganz dem Dharma ergeben war:

J 15.29 Janaka, reif an Weisheit und Kenner des Höheren und Niederen. Eines Tages verehrte er die Göttin seines eigenen Selbst mit vorzüglichen Opfern.

J 15.30 Gelehrte Brahmanen, Asketen, Kenner der Künste und des Veda, Opferpriester und Teilnehmer langer Opferfeiern kamen dorthin.

J 15.31 Zur gleichen Zeit begann auch Varuna ein Opfer. Doch viele der von ihm eingeladenen Brahmanen kamen nicht zu ihm,

J 15.32 weil sie Janaka zugetan waren, der sie geehrt und reichlich beschenkt hatte. Da kam Varunas Sohn, ausgestattet mit geistiger Gewandtheit,

J 15.33 in der Gestalt eines Brahmanen, um die Brahmanen durch eine List fortzuführen. Er betrat die Opferhalle, segnete den König

J 15.34 und verspottete vor der versammelten Gemeinschaft deren Mitglieder: ‚König, deine Opferhalle macht keinen schönen Eindruck.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 15.35 Sie gleicht einem Lotusteich voller Krähen und Reiher. Eine Versammlung gewinnt Schönheit durch eine Schar wahrhaft Wissender,

J 15.36 wie ein Lotusteich im Herbst durch Schwäne. Doch hier sehe ich nicht einen Einzigen, dessen Wissen wirklich klar wäre.

J 15.37 Heil sei dir! Ich gehe wieder. Hier kann ich nicht bleiben. Wie sollte ich mich in eine Versammlung voller Unwissender setzen?‘

J 15.38 Als Varunas Sohn dies sagte, wurden die Versammelten zornig: ‚Du bist wohl nur dem Namen nach ein Brahmane! Warum schmähst du uns alle?

J 15.39 Welche besondere Wissenschaft beherrschst du, durch die wir schon besiegt wären? Du prahlst vergeblich, Tor. Erst wenn du uns besiegt hast, wirst du gehen!

J 15.40 Hier sind nahezu alle Gelehrten der Menschenwelt versammelt. Willst du etwa heute die ganze Menschenwelt besiegen, Unverständiger?

J 15.41 Sage, mit welcher Wissenschaft du uns besiegen willst!‘ Darauf antwortete Varunas Sohn den Versammelten:

J 15.42 ‚Unter folgender Bedingung werde ich euch alle in einem Augenblick besiegen: Wenn ihr mich besiegt, soll ich im Meer versenkt werden.

J 15.43 Wenn ich siege, versenke ich jeden Besiegten von euch darin. Wer diese Bedingung annimmt, möge mit mir streiten.‘

J 15.44 Die Versammelten stimmten den Bedingungen zu, und die Brahmanen führten mit Varunas Sohn eine heftige Debatte.

J 15.45 Durch widerlegendes und auf Sieg gerichtetes Streitreden besiegte er die Brahmanen. Hunderte und Tausende wurden ins Meer versenkt.

J 15.46 Varunas Boten nahmen die Versenkten auf und brachten sie zu seinem Opfer. Dort wurden sie hoch geehrt und waren erfreut.

J 15.47 Als Ashtavakra hörte, dass sein Vater Kahola versenkt worden war, kam er herbei. Er führte mit großer Gelehrsamkeit das Streitgespräch,

J 15.48 besiegte Varunas Sohn und befahl, ihn ins Meer zu versenken. Da gab dieser sich zu erkennen

J 15.49 und brachte die Brahmanen aus seiner Welt zurück. Nachdem die Brahmanen wieder eingetroffen waren, wurde Kaholas Sohn jedoch überheblich.

J 15.50 Er behandelte alle von ihm befreiten Brahmanen geringschätzig. Durch Ashtavakras Verachtung gekränkt,

J 15.51 nahmen sie Zuflucht zu einer Asketin, die gerade gekommen war. Sie tröstete die Brahmanen. Sie trug ein ockerfarbenes Gewand,

J 15.52 verfilzte Haarflechten und eine anmutige, ewig jugendliche Gestalt. Sie trat in die Versammlung, wurde vom König ehrerbietig empfangen und sprach:

J 15.53 ‚Mein Kind, Sohn Kaholas, du bist sehr verständig. Du hast Varunas Sohn im Streitgespräch besiegt und die Brahmanen befreit.

J 15.54 Ich möchte dich etwas fragen. Antworte ohne Ausflüchte: Kennst du jenen Zustand, dessen Erkenntnis umfassende Unsterblichkeit gewährt,

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

J 15.55 bei dessen Erkenntnis alle Zweifel vergehen, nichts unerkannt bleibt und nichts mehr zu erhoffen ist?

J 15.56 Wenn du jenes nicht gegenständlich Erkennbare erkannt hast, dann erkläre es mir unverzüglich!‘ Auf diese Frage der Asketin antwortete Kaholas Sohn:

J 15.57 ‚Jenen Zustand kenne ich. Höre, Asketin, ich werde ihn dir erklären. Es gibt in der Welt nichts, was ich nicht wüsste; wie viel weniger gerade dies!

J 15.58 Ich habe sämtliche Lehrschriften wiederholt durchgearbeitet. Was du erfragst, werde ich dir der Wahrheit gemäß erklären.

J 15.59 Es ist die Ursache der ganzen Welt, frei von Anfang, Mitte und Ende, durch Raum und Zeit unbegrenzt, reines ungeteiltes Bewusstsein.

J 15.60 Auf ihm beruhend erstrahlt diese Welt wie eine Stadt im Spiegel. Dies ist der höchste Zustand.

J 15.61 Nur durch seine Erkenntnis erlangt man die unwandelbare Unsterblichkeit. Wie nach dem Erkennen eines Spiegels hinsichtlich der unzähligen Spiegelbilder

J 15.62 kein Zweifel, kein Unbekanntes und nichts mehr zu suchen bleibt, so verhält es sich beim Erkennen des Höchsten.

J 15.63 Es kann von keinem anderen als Gegenstand erkannt werden, weil außerhalb seiner kein Erkennender besteht. So ist diese Wirklichkeit, Asketin, gemäß der Einsicht der Schriften dargelegt.‘

J 15.64 Nachdem sie Ashtavakras Worte gehört hatte, antwortete die Asketin: ‚Du hast trefflich gesprochen, junger Weiser; so wird es allgemein gelehrt.

J 15.65 Du sagst, es sei unerkennbar, weil kein anderer Erkennender besteht. Zugleich sagst du, nur durch seine Erkenntnis erlange man den unvergänglichen Zustand der Unsterblichkeit.

J 15.66 Wie passen deine erste und deine zweite Aussage zusammen? Wenn es unerkennbar ist, dann sage: „Ich kenne es nicht“, und erkläre, ob es überhaupt besteht.

J 15.67 Wenn es besteht und du es kennst, nenne es nicht unerkennbar! Du hast dies nur nach der Lehre der Schriften dargestellt, Brahmane.

J 15.68 Du kennst es nicht aus eigener Erfahrung; deshalb ist es dir nicht unmittelbar gegenwärtig. Du siehst sämtliche Spiegelbilder unmittelbar so, wie sie erscheinen,

J 15.69 aber den Spiegel selbst kennst du nicht unmittelbar – wie soll das möglich sein? Wenn du so vor dieser Versammlung und vor Janaka sprichst,

J 15.70 wie kannst du nicht erkennen, dass du dich selbst widerlegst?‘ Als sie dies gesagt hatte, wusste er nichts zu erwidern.

J 15.71 Er wurde bestürzt und schämte sich. Eine Weile stand er mit gesenktem Kopf da und prüfte innerlich ihre Worte.

J 15.72 Da er keine Antwort auf ihre Frage fand, sagte der Brahmane: ‚Asketin, ich weiß auf deine Frage keine Antwort.

J 15.73 Ich bin dein Schüler. Bitte erkläre mir, wie dies zu verstehen ist! Ich will keine Unwahrheit sprechen, die meine Askese entkräftet und nichts Gutes bewirkt.‘

J 15.74 Erfreut über seine Wahrhaftigkeit, antwortete die Asketin Ashtavakra vor den Ohren der Versammelten:

J 15.75 ‚Mein Kind, viele geraten in Verwirrung, weil sie gerade dies nicht erkennen. Durch bloßes Argumentieren ist es nicht zu erkennen; überall bleibt es tief verborgen.

J 15.76 Von all den hier Versammelten erkennt es keiner – dieser König erkennt es, und ich erkenne es; die anderen noch nicht.

J 15.77 Bei Streitgesprächen wissen selbst die Gelehrten meist keine Antwort auf diese Frage, weil sie sich allein auf Schlussfolgerungen verlassen.

J 15.78 Auch ein feiner Verstand kann es nicht allein durch Argumente erkennen, ohne Hinwendung zu einem wahren Lehrer und ohne die Gnade der Gottheit.

J 15.79 Höre mit feinem Verständnis, Sohn des Weisen; ich werde es dir erklären. Selbst nachdem man es gehört hat, erkennt man es nicht mit einem Denken, das auf Abstand bleibt.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 15.80 Solange diese Erkenntnis nicht auf das eigene Selbst bezogen und darin verwirklicht wird, bleibt es vergeblich, sie tausendmal zu sagen und zu hören.

J 15.81 Jemand trägt beispielsweise eine Perlenkette um den Hals, bemerkt sie aber aus Unachtsamkeit nicht und glaubt irrtümlich, Diebe hätten sie gestohlen.

J 15.82 Selbst wenn ein anderer ihn darauf hinweist: „Sie ist an deinem Hals“, findet er sie nicht, solange er diesen Hinweis nicht auf sich selbst bezieht und nach seinem Hals schaut.

J 15.83 Mag er noch so fein darüber nachdenken: Die Kette an seinem Hals findet er so nicht. Ebenso verhält es sich, wenn du vom eigenen Selbst und seinem Wesen hörst.

J 15.84 Solange selbst ein äußerst scharfsinniger Mensch die Aufmerksamkeit nicht nach innen auf sich selbst richtet, wo und wie sollte er es außen erkennen?

J 15.85 Eine Lampe beleuchtet die Gegenstände ringsum. Sie muss aber nicht erst durch eine andere Lampe beleuchtet werden.

J 15.86 Sie leuchtet selbst und ist nicht auf einen anderen Lichtspender angewiesen. Ebenso verhält es sich mit der Sonne und den anderen Lichtquellen.

J 15.87 Kann man deshalb behaupten, eine Lampe und die anderen Lichtquellen bestünden nicht oder leuchteten nicht, weil sie nicht erst von anderswo beleuchtet werden müssen?

J 15.88 Wenn sich dies schon bei Lampen und ähnlichen Dingen so verhält, die letztlich selbst erkennbare Gegenstände sind, warum sollte dann beim Bewusstseinsprinzip, das überhaupt kein beleuchteter Gegenstand ist,

J 15.89 der Zweifel entstehen, wie es offenbar sein kann, obwohl es nicht gegenständlich erkennbar ist? Untersuche dies gründlich mit nach innen gewandtem Blick!

J 15.90 Diese höchste Bewusstseinskraft ist Tripura, der Grund von allem. Sie macht alles offenbar. Wo oder wann sollte sie selbst nicht leuchten?

J 15.91 Wenn sie nicht leuchtete, was könnte dann überhaupt erscheinen? Selbst als Nichtoffenbarsein erscheint nur diese Bewusstseinskraft.

J 15.92 Wenn sogar Dunkelheit oder Nichtoffenbarsein erfahren wird, wie könnte sie selbst nicht offenbar sein? Und wenn sie offenbar ist: Auf welche Weise? Prüfe dies sehr fein!

J 15.93 Hier sehen selbst geschickte Gelehrte nicht klar, solange ihr Blick nicht nach innen gewandt ist. Deshalb bleiben sie verwirrt und wandern im Kreislauf des Daseins.

J 15.94 Solange die Aufmerksamkeit ihr nach außen greifendes Tätigsein nicht aufgibt und zur Ruhe kommt, ist auch der Blick nach innen nicht möglich.

J 15.95 Solange man diesen inneren Blick nicht gewinnt, erkennt man sie nicht. Der innere Blick ist frei von Bemühen um Gegenstände; wie könnte er zugleich ein solches Greifen sein?

J 15.96 Lass dieses Greifen ganz los und ruhe in deinem eigenen Wesen. Verweile einen Augenblick in dir selbst, ohne begriffliche Untersuchung.

J 15.97 Danach betrachte durch Erinnerung, was gegenwärtig war; so erkennst du den Zusammenhang. Daher wird diese Wirklichkeit zugleich nicht gegenständlich erkennbar und wohl erkennbar genannt.

J 15.98 Wer das nicht gegenständlich Erkennbare auf diese Weise erkennt, erlangt den Zustand der Unsterblichkeit. Nun habe ich dir alles erklärt. Sei gegrüßt, Sohn des Weisen!

J 15.99 Ich gehe jetzt. Durch einmaliges Hören hast du dies noch nicht völlig verstanden. Dieser König, der Beste der Verständigen, wird dich weiter unterweisen.

J 15.100 Frage ihn erneut! Er wird alle deine Zweifel lösen.‘ So sprach sie, wurde vom König geehrt und von den Versammelten mit Verneigung verabschiedet.

J 15.101 In einem Augenblick verschwand sie wie ein vom Wind verwehter Wolkenstreif. So habe ich dir, Rama, den Weg zur Erkenntnis des Selbst erklärt.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 15. Kapitel im Abschnitt über Ashtavakra.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 16: Unterweisung durch Janaka

Zum Sprachgebrauch: Janaka verwendet Samadhi zunächst in einem weiten Sinn für nichtbegriffliches Gewahrsein und unterscheidet davon ausdrücklich den eigentlichen Samadhi. Die Ähnlichkeit mit Tiefschlaf betrifft daher nicht dessen befreiende Wirkung.

J 16.1 Als Rama Bhargava dies hörte, war er innerlich voller Staunen. Noch immer nicht gesättigt vom Hören der Geschichte, fragte er den Sohn Atris erneut:

J 16.2 „Erhabener, diese alte Begebenheit ist wunderbar. Der große Weise Ashtavakra befragte anschließend den König.

J 16.3 Erzähle mir vollständig, was der König ihm antwortete! Diese Geschichte ist erstaunlich; ich habe sie noch nirgendwo gehört.

J 16.4 Lehrer, erkläre mir aus Mitgefühl den ganzen Zusammenhang dieser Erkenntnis!“ So gebeten, erzählte der große Weise Dattatreya

J 16.5 dem Bhargava diese höchst läuternde Geschichte: „Höre, Bhargava, was der edle Janaka sagte.

J 16.6 Nachdem die Asketin fortgegangen war, trat Ashtavakra, der Sohn des Weisen, von vielen Brahmanen umgeben, an den großen König heran.

J 16.7 Er fragte nach dem tiefen Sinn dessen, was die Asketin nur kurz erklärt hatte. Höre aufmerksam, wie ich es dir wiedergebe!

J 16.8 ‚König, Herr von Videha! Ich habe die Worte der Asketin nicht gründlich verstanden, weil sie so knapp gesprochen hat.

J 16.9 Wie erkenne ich das nicht gegenständlich Erkennbare? Erkläre es mir, du Schatz des Mitgefühls!‘ So befragt, antwortete Janaka wie erstaunt:

J 16.10 ‚Sohn des Weisen, höre, was ich dir nun sage! Es ist weder in jeder Hinsicht unerkennbar noch in jeder Hinsicht ein erkennbarer Gegenstand.

J 16.11 Wäre es völlig unerkennbar, was könnte ein Lehrer darüber mitteilen? Der Lehrer erschließt die Wirklichkeit; deshalb soll man sich zuerst an einen Lehrer wenden.

J 16.12 Diese Erkenntnis ist zugleich äußerst leicht und äußerst schwierig. Wer seine Aufmerksamkeit zurückgewandt hat, für den ist sie leicht.

J 16.13 Wer ausschließlich nach außen schaut, für den ist sie sehr schwer. Für sich genommen ist sie nicht beschreibbar und kein gegenständlich Erkennbares.

J 16.14 Doch durch eine andere Ausdrucksweise lässt sie sich andeuten und auch erkennen. Was immer du als Gegenstand siehst, daran lässt sie sich erschließen.

J 16.15 Betrachte mit klarem Verständnis, was immer dir erscheint! Die Kraft des Offenbarens, frei vom jeweils Offenbarten, ist der Grund jedes Erscheinens.

J 16.16 Erkenne, Sohn des Weisen: Eben sie ist jene Wirklichkeit. Das Erkannte selbst ist nicht Erkenntnis, denn es erscheint nicht aus eigener Kraft.

J 16.17 Die Erkenntnis ist davon zu unterscheiden: Durch sie wird das Erkannte erkannt, niemals aus sich selbst. Die verschieden gestalteten Gegenstände werden allein durch Erkenntnis erkannt.

J 16.18 Durch die Unterschiede ihrer Gestalten wird die Erkenntnis selbst nicht geteilt. Verschiedenheit ist eine Eigenschaft des Erkannten; sie berührt die Erkenntnis nicht.

J 16.19 Denn die Unterschiede der Formen erscheinen auf der Seite des Erkannten. Unterscheide gedanklich das Erkannte und schaue die formlose Erkenntnis!

J 16.20 Wie ein Spiegel ein Urbild nachbildet, so nimmt Bewusstsein scheinbar viele Gestalten an, indem es die Formen des Sichtbaren trägt.

J 16.21 So wird dieses Gewahrsein erkannt, indem es vom Erkannten unterschieden wird. Seinem eigenen Wesen nach aber ist das Gewahrsein, der Grund des Alls, kein Gegenstand.

J 16.22 Denn es ist das Wesen des Erkennenden selbst; deshalb wird es nicht wie ein Gegenstand erkannt. Ashtavakra, erforsche dein eigenes Wesen als eben dieses!

J 16.23 Du bist weder Körper noch Lebensatem noch Geist, denn diese sind unbeständig. Der Körper ist eine Ansammlung von Bestandteilen. Wie könnte er dein eigentliches Wesen sein?

J 16.24 Wenn andere Gegenstände erscheinen, tritt die Vorstellung vom Körper als Ich zurück. Ebenso verhält es sich mit dem Lebensatem und dem Geist: Auch sie sind nicht unablässig im Ich-Gewahrsein gegenwärtig.

J 16.25 Das höchste Bewusstsein dagegen besteht niemals außerhalb des unmittelbaren Selbstgewahrseins. Deshalb bist du in Wahrheit das alles erkennende Bewusstsein, Ashtavakra.

J 16.26 Wende deinen Blick zurück und schaue dein Selbst als reines Bewusstsein! Menschen von höchster Einsicht erkennen sich schon im Augenblick dieser Unterweisung.

J 16.27 Mit „Auge“ meine ich hier nicht deinen Augapfel. Gemeint ist das Auge des Geistes. Das, womit du im Traum siehst, wird das eigentliche Auge genannt.

J 16.28 Höre nun, Brahmane, was dessen Zurückwendung bedeutet. Wer seine Aufmerksamkeit nicht von anderem zurückzieht, sieht überhaupt nichts deutlich.

J 16.29 Wenn jemand etwas mit den Augen sehen will, muss er seine Aufmerksamkeit von allem anderen zurückziehen und fest auf dieses eine richten.

J 16.30 Dann erscheint es deutlich, sonst nicht. Ohne diese Sammlung erscheint selbst das, was direkt vor ihm liegt, nicht klar.

J 16.31 Es ist dann beinahe so, als erschiene es gar nicht. Entsprechend verhält es sich mit dem Hören, Tasten und den übrigen Sinnen, Brahmane.

J 16.32 Ebenso verhält es sich im Geist mit dem Erleben von Freude und Schmerz. Ohne Zurückziehen der zerstreuten Aufmerksamkeit kann man nichts deutlich erkennen.

J 16.33 Das Zurückwenden des Blicks bedeutet also seine ungeteilte Ausrichtung. Der zurückgewandte Geist ist rein und lässt das eigene Wesen offenbar werden.

J 16.34 Höre aufmerksam, was ich dir dazu erkläre! Obwohl das Selbst kein Gegenstand ist, ist es doch auf gewisse Weise dem Geist zugänglich.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 16.35 Hier geraten viele Ausleger der Shruti und der Agamas in Verwirrung. Bei äußeren Gegenständen umfasst das geistige Erfassen zwei Vorgänge:

J 16.36 Zuerst die Abwendung von anderem, dann die Hinwendung zu diesem Gegenstand. Die bloße Abwendung von anderem allein

J 16.37 macht noch keinen bestimmten Gegenstand offenbar, wie man in Augenblicken ungerichteter Aufmerksamkeit sieht. Deshalb ist die besondere Hinwendung eine zweite Tätigkeit des Geistes.

J 16.38 So werden voneinander unterschiedene Gegenstände durch zwei Tätigkeiten offenbar. Bewusstsein aber ist von nichts ausgeschlossen; deshalb verhält es sich hier anders.

J 16.39 Es wird allein durch die Abwendung von anderem offenbar. Wenn man in einem vor sich stehenden Spiegel einen bestimmten Gegenstand sehen möchte,

J 16.40 muss man sich von anderem abwenden und den Spiegel diesem Gegenstand zuwenden, um dessen Spiegelbild zu erkennen.

J 16.41 Wenn man dagegen den weiten Raum im Spiegel sehen möchte, genügt es, sich von den anderen Gegenständen abzuwenden.

J 16.42 Der Raum ist allgegenwärtig und im Spiegel stets vorhanden. Er wird nicht ausgeschlossen, sondern von den anderen Bildern verdeckt und deshalb nicht bemerkt.

J 16.43 Obwohl er allem zugrunde liegt und überall ist, wird er von den Bildern verhüllt. Deshalb wird er allein durch die Abwendung von ihnen offenbar.

J 16.44 Ebenso ist Bewusstsein allgegenwärtig und der Grund von allem. Wie der Raum ist es zu jeder Zeit im Geist vollständig gegenwärtig, Brahmane.

J 16.45 Deshalb ist nur die Abwendung des Geistes von anderem erforderlich. Sieh, Brahmane: Wo oder wann fehlt das offenbarende Bewusstsein?

J 16.46 Wo oder wann es fehlte, gäbe es auch kein erkennbares „Wo“ oder „Wann“. Damit das Bewusstseins-Selbst offenbar wird, ist daher nur die Abwendung des Geistes von anderem

J 16.47 erforderlich, niemals eine neue Hinwendung zu etwas bisher Abwesendem. Gerade weil eine solche gegenständliche Hinwendung entfällt, heißt es nicht gegenständlich erkennbar.

J 16.48 Darum wird diese Wirklichkeit auch als durch den reinen Geist erkennbar bezeichnet. Die Abwendung von anderem ist hier die Reinheit des Geistes.

J 16.49 Dies gilt als das entscheidende Mittel zur Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit. Solange der Geist nicht rein ist, wie könnte diese Erkenntnis entstehen?

J 16.50 Wenn der Geist rein ist, wie sollte die Erkenntnis dann ausbleiben? Alle Mittel erfüllen sich hier in der Läuterung des Geistes.

J 16.51 Rituelles Handeln, verehrende Betrachtung, Nichtanhaftung und die anderen Hilfen dienen der Läuterung des Geistes.

J 16.52 Durch den reinen Geist wird daher das höchste Wesen offenbar.‘ Nachdem Ashtavakra diese Worte des Königs gehört hatte, sagte er erneut:

J 16.53 ‚König, du hast erklärt: Wenn der Geist sich lediglich von anderem abwendet, wird das höchste Bewusstsein durch ihn offenbar.

J 16.54 Dann müsste es doch im Tiefschlaf offenbar werden, denn dann hat der Geist sich zurückgezogen. Wozu andere Mittel? Allein durch Schlaf wäre das Ziel erreicht!‘

J 16.55 Auf diesen Einwand des Brahmanen antwortete der König: ‚Höre aufmerksam meine Erklärung!

J 16.56 Es stimmt, dass der Geist sich im Tiefschlaf völlig zurückzieht. Doch auch seine Fähigkeit als Geist ist dabei aufgelöst. Wie sollte er das Bewusstsein klar erkennen lassen?

J 16.57 Wenn ein Spiegel mit Ruß bestrichen ist, wird darin der Raum nicht schon dadurch sichtbar, dass man ihn von anderen Gegenständen abwendet.

J 16.58 Ebenso kann der vom Schlaf überzogene Geist das Bewusstsein nicht allein durch die Abwendung von anderem deutlich machen, weil ihm die erforderliche Klarheit fehlt.

J 16.59 Andernfalls müsste es sich ja ebenso durch einen Erdklumpen oder eine Mauer erkennen lassen. Daher wird es durch einen geeigneten, reinen Geist offenbar.

J 16.60 Deshalb, so das hier verwendete Beispiel, unterscheidet auch ein neugeborenes Kind noch keinen bestimmten Gegenstand. Höre weiter: Selbst in einem mit schwarzer Farbe bestrichenen Spiegel

J 16.61 ist ein Spiegelbild dieser Farbe vorhanden, auch wenn man es nicht gesondert bemerkt. Wegen ihrer unmittelbaren Verbindung lässt es sich nicht unterscheiden; der Spiegel hat seine Natur aber nicht verloren.

J 16.62 Ebenso ist der Geist im Tiefschlaf eng mit dem Schlaf verbunden. Weil die Abwendung von allem anderen insofern nicht vollständig ist, macht er das Bewusstsein nicht deutlich.

J 16.63 Daher kann man sich nach dem Erwachen auch an den Schlaf erinnern. Und weshalb in jenem Zustand Unklarheit erfahren wird,

J 16.64 werde ich dir nun genau erklären. Höre aufmerksam! Der Geist hat zwei Zustandsweisen: unmittelbares Offenbarsein und reflektierendes Erfassen.

J 16.65 Sein Verweilen bei den äußeren Gegenständen wird Offenbarsein genannt; das innere Untersuchen dieser Gegenstände heißt reflektierendes Erfassen.

J 16.66 Das unmittelbare Offenbarsein ist frei von begrifflicher Unterscheidung, weil die Gegenstände darin noch nicht begrifflich getrennt werden. Reflektierendes Erfassen ist mit Worten und Unterscheidungen verbunden und deshalb begrifflich.

J 16.67 Das bloße Sehen eines Gegenstandes, noch ohne die sprachliche Bestimmung „Dies ist so beschaffen“, ist nichtbegriffliches Offenbarsein.

J 16.68 Die Bestimmung „Dies ist so beschaffen“, die auf dem Sehen beruht, mit Worten verbunden ist und den Gegenstand unterscheidend erfasst,

J 16.69 heißt innere Reflexion, ob sie sich auf eine neue Erfahrung oder auf eine andere bezieht. Das neu Erscheinende wird unmittelbare Erfahrung genannt.

J 16.70 Das andere ist erinnerndes Wiederaufnehmen, das aus hinterlassenen Eindrücken entsteht. So verfügt der Geist stets über diese beiden Kräfte.

J 16.71 Tiefschlaf ist ein länger anhaltendes Offenbarsein des Schlafzustands. Im Wachen überwiegt das reflektierende Erfassen; deshalb wird es als ein nicht benommener Zustand bezeichnet.

J 16.72 Weil im Tiefschlaf bloßes Offenbarsein ohne reflektierendes Erfassen überwiegt, ist er von Unklarheit geprägt. Aus demselben Grund gelten auch Lampen und andere Lichtquellen,

J 16.73 bei denen nur Beleuchten und kein reflektierendes Erkennen vorhanden ist, den Gelehrten als unbewusst. Schlaf wird hier mit dem zuerst auftretenden Unentfalteten, der großen Leere, verbunden.

J 16.74 Es ist der allgemeine Zustand des „Da ist nichts“; Tiefschlaf ist dessen Erscheinen. Auch im Wachen ist der Geist im ersten Augenblick des Sehens eines Gegenstands auf ähnliche Weise beschaffen.

J 16.75 Doch dies wird durch die Menge begrifflicher Vorstellungen verhüllt, die im nächsten Augenblick auftritt. Im Tiefschlaf ist der Geist dagegen vom Offenbarsein der unentfalteten Kraft ausgefüllt.

J 16.76 Deshalb sagen die Unterscheidungskundigen, der Geist sei dort aufgelöst. In entsprechender Hinsicht ist der Geist auch im unmittelbaren Augenblick des Sehens aufgelöst.

J 16.77 Höre, Brahmane! Ich erkläre dir aus eigener Erfahrung ein Geheimnis, über das selbst Gelehrte von äußerst feinem Unterscheidungsvermögen in Verwirrung geraten.

J 16.78 Nirvikalpa Samadhi, Tiefschlaf und unmittelbares Sehen eines Gegenstands gleichen einander darin, dass in ihnen das nichtbegriffliche Offenbarsein vorherrscht.

J 16.79 Ihre Unterschiede werden im reflektierenden Erfassen festgestellt. Dessen Verschiedenheit beruht auf dem Unterschied dessen, was jeweils offenbar wird.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 16.80 Im Samadhi ist es reines Bewusstsein, im Tiefschlaf das Unentfaltete, im Sehen eine unterschiedene Erscheinung. So ist das Offenbarte dreifach verschieden.

J 16.81 Trotz dieses Unterschieds ist das unmittelbare Offenbarsein selbst ohne begriffliche Unterscheidung. Daher sagt man, in allen dreien herrsche dieses Offenbarsein vor.

J 16.82 Weil Samadhi und Tiefschlaf längere Zeit andauern können, lassen sie sich anschließend deutlich reflektierend erfassen.

J 16.83 Das unmittelbare Sehen dagegen wird wegen seiner Kürze nicht deutlich als solches erfasst. Ebenso werden sehr kurze Augenblicke des Samadhi oder des Tiefschlafs nicht erkannt.

J 16.84 Es gibt sowohl augenblicklichen Tiefschlaf als auch augenblicklichen Samadhi. Feine Beobachter erkennen kurze Schlafzustände aufgrund ihrer Vertrautheit damit.

J 16.85 Ein feiner Samadhi wird hingegen aus mangelnder Vertrautheit nicht bemerkt. Bei allen Lebewesen, Brahmane, gibt es auch während des alltäglichen Handelns

J 16.86 feine Augenblicke der Versenkung; aus mangelnder Einsicht werden sie nicht erkannt. Das nicht reflektierende Gewahrsein im Wachen wird hier Samadhi genannt.

J 16.87 In diesem weiteren Sinn bezeichnet Samadhi das bloße Fehlen begrifflicher Reflexion. Deshalb lässt sich auch von Tiefschlaf und unmittelbarem Sehen als einer Art Samadhi sprechen.

J 16.88 Beide sind jedoch nicht Samadhi im eigentlichen, höchsten Sinn, denn sie bergen weiterhin die Eindrücke unterscheidenden Erfassens.

J 16.89 Das unmittelbare Sehen im Wachen ist zwar ohne begriffliche Reflexion; dennoch besteht ein Unterschied. Höre aufmerksam, Sohn des Weisen, ich werde ihn erklären!

J 16.90 Das zuerst hervorgetretene Unentfaltete ist der allgemeine Zustand des „Nicht-da“. Es erscheint als „Es ist nichts“, als völlige Abwesenheit.

J 16.91 Dies wird Tiefschlaf genannt und ist die unbewusste Kraft des Bewusstseins. Auch das im gegenständlichen Sehen Erscheinende gehört zu dem auf diesem Nichtsein beruhenden Erscheinungsbereich.

J 16.92 Deshalb ist das bloße Sehen unbewusster Gegenstände in dieser Hinsicht dem Tiefschlaf verwandt. Das im Samadhi offenbar werdende Bewusstsein dagegen ist seinem Wesen nach Brahman.

J 16.93 Es nimmt Raum und Zeit in sich auf und hebt das Erscheinen des „Nicht-da“ auf. Es ist die Göttin, ganz und gar Sein. Wie könnte dies Tiefschlaf sein?

J 16.94 Deshalb wird das höchste Ziel nicht allein durch Tiefschlaf erreicht.‘ Mit diesen Worten unterwies Janaka Ashtavakra.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 16. Kapitel im Abschnitt über Ashtavakra.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 17: Bewusstsein und Versenkung

Erfahrung und Wiedererkennen: Die Beispiele überraschender Freude, Furcht oder Erschütterung illustrieren kurze Unterbrechungen des begrifflichen Denkens. Sie werden nicht als Methoden empfohlen. Janaka unterscheidet solche Augenblicke ausdrücklich von befreiender Erkenntnis.

J 17.1 Dattatreya sprach: „Höre aufmerksam, Bhargava, was Ashtavakra den König fragte, nachdem er Janakas Erklärung gehört hatte.

J 17.2 ‚König, du hast gesagt, dass auch im alltäglichen Handeln feine Augenblicke des Samadhi vorkommen. Erkläre mir dies deutlich!

J 17.3 In welchen Zuständen erscheinen diese Augenblicke nichtbegrifflichen Bewusstseins?‘ So befragt, antwortete der edle König:

J 17.4 ‚Höre, Brahmane! Ich werde dir Samadhi-Augenblicke im gewöhnlichen Leben beschreiben. Wenn ein Mensch zum ersten Mal von einer neuen Geliebten umarmt wird,

J 17.5 nimmt er einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr und ist dennoch nicht vom Schlaf überwältigt. Dies wird hier Samadhi genannt.

J 17.6 Wenn etwas lange Ersehntes, das man schon für unerreichbar hielt, plötzlich erlangt wird, o Weiser,

J 17.7 nimmt ein Mensch einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr, ohne dabei einzuschlafen. Dies wird hier Samadhi genannt.

J 17.8 Wenn jemand unbesorgt, furchtlos und fröhlich seines Weges geht und plötzlich einem Tiger oder einer anderen tödlichen Gefahr begegnet,

J 17.9 nimmt er einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr, ohne vom Schlaf überwältigt zu sein. Dies wird hier Samadhi genannt.

J 17.10 Wenn er unerwartet vom Tod eines geliebten Sohnes oder eines anderen Angehörigen hört, der eben noch gesund und im Haus tätig war,

J 17.11 nimmt er einen Augenblick lang weder Äußeres noch Inneres als Gegenstand wahr und ist dennoch nicht eingeschlafen. Dies wird hier Samadhi genannt.

J 17.12 Höre auch von anderen Gelegenheiten solcher Versenkung. Zwischen Wachen, Traum und Tiefschlaf liegen Augenblicke des Samadhi.

J 17.13 Wenn du mit gesammeltem Verständnis etwas in der Ferne betrachtest, streckt der Geist sich gleichsam aus, wie ein Blutegel zwischen Grashalmen.

J 17.14 Am Körper hat er die Erscheinungsform des Körpers, am Gegenstand die Form des Gegenstands. Beachte den Zwischenraum: Dort ist der Geist frei von begrifflicher Bestimmung.

J 17.15 Wozu viele weitere Worte? Höre diese feine Untersuchung: Im gewöhnlichen Handeln erscheint niemandem eine einzige ununterbrochene gegenständliche Erkenntnis.

J 17.16 Das ausgedehnte Alltagsgeschehen besteht aus einer Folge einzelner Erkenntnisse. Daher beschreiben Vertreter verschiedener Lehrmeinungen

J 17.17 das Selbst oder den Verstand als in einzelne Augenblicke aufgeteilt. In den Zwischenräumen dieser Augenblicke liegt der nichtbegriffliche Zustand.

J 17.18 Sohn Kaholas, wisse: Für den, der dies erkennt, ist Samadhi in jedem Augenblick gegenwärtig. Für den anderen bleibt er so ungreifbar wie ein Hasenhorn.‘

J 17.19 Nachdem der Brahmane Janakas Worte gehört hatte, fragte er erneut: ‚König, wenn im alltäglichen Handeln aller Menschen

J 17.20 solcher Nirvikalpa-Samadhi vorkommt, warum besteht dann der Kreislauf des Daseins fort? Tiefschlaf und bloßes Sehen führen wegen des darin erscheinenden Unentfalteten beziehungsweise Gegenständlichen

J 17.21 nicht zum höchsten Ziel. Im nichtbegrifflichen Samadhi dagegen erscheint reines Bewusstsein. Wie kann danach noch Samsara bestehen?

J 17.22 Dies ist doch jene Erkenntnis, die das ganze Nichtwissen vernichtet: Nirvikalpa-Samadhi, die Ursache des höchsten Heils.

J 17.23 Erkläre mir dies, großer König, und löse damit alle Zweifel!‘ Auf diese Frage antwortete der König dem großen Weisen:

J 17.24 ‚Höre, Brahmane, ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Aus Nichtwissen besteht der Daseinskreislauf seit anfangsloser Zeit.

J 17.25 Er ist ein Strom von Erfahrungen der Freude und des Schmerzes. Wie eine fortgesetzte Traumfolge wird er von allen immer wieder erlebt.

J 17.26 Sein Ende kommt allein durch Erkenntnis. Doch die Erkenntnis, die das Nichtwissen widerlegt, muss eine bestimmte, unterscheidende Einsicht sein.

J 17.27 Durch bloßes nichtbegriffliches Gewahrsein endet das Nichtwissen nicht. Nichtbegriffliches Gewahrsein steht nämlich zu keiner bestimmten Vorstellung im Widerspruch.

J 17.28 Es ist der Grund aller begrifflichen Erkenntnisse, wie eine Wand die Grundlage verschiedenster Bilder bildet.

J 17.29 „Nichtbegriffliche Erkenntnis“ bedeutet reines Gewahrsein. Wenn in ihm bestimmte Vorstellungen hervortreten, heißt es begrifflich bestimmte Erkenntnis.

J 17.30 Auch Nichtwissen ist eine Form begrifflich bestimmter Erkenntnis und nichts davon Getrenntes. Es ist vielfältig und besteht als Ursache und als Wirkung.

J 17.31 Seine ursächliche Form ist das Nichterkennen der Fülle des eigenen Selbst. Das Bewusstseins-Selbst ist vollkommen, weil es keiner Begrenzung unterliegt.

J 17.32 Es macht sogar die begrenzenden Faktoren wie Kalā überhaupt erst erfahrbar. Wenn dieses Selbst dennoch als unvollständig erscheint,

J 17.33 in der Form „Ich bin hier und jetzt“, so ist dies das grundlegende Nichtwissen. Die Vorstellung, der Körper sei das Selbst, und ähnliche Annahmen sind seine Triebe.

J 17.34 Solange das Nichtwissen nicht endet, endet auch Samsara nicht. Und ohne Erkenntnis des vollkommenen Selbst endet das Nichtwissen nicht.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 17.35 Diese Erkenntnis des vollkommenen Selbst ist zweifach: mittelbar und unmittelbar. Mittelbar entsteht sie durch Lehrer und Schriften.

J 17.36 Sie ist nicht unmittelbar die Ursache des höchsten Lebensziels. Von dieser Art ist auch dein Wissen, das durch das Hören der Schriften entstanden ist.

J 17.37 Was lediglich im Vertrauen angenommen wurde, gilt noch nicht als die eigentliche Frucht bringende Erkenntnis. Unmittelbare Erkenntnis dagegen erwächst aus gereiftem Samadhi.

J 17.38 Sie kann das Nichtwissen mitsamt seiner entfalteten Weltverstrickung auflösen und die heilsame Frucht bringen. Samadhi, dem die rechte Einsicht vorausgeht, lässt diese Erkenntnis entstehen.

J 17.39 Deshalb bringt ein auftretender Samadhi einem Unwissenden noch nicht die entscheidende Frucht. Wer keinen Rubin kennt, kann einen Edelstein in einer Schatzkammer sehen,

J 17.40 ohne ihn zu erkennen. Wer dagegen durch Unterweisung seine Merkmale kennt und darauf achtet, erkennt den Edelstein beim Anblick wieder.

J 17.41 Wer nicht darauf achtet, erkennt ihn möglicherweise auch beim erneuten Sehen nicht, obwohl er davon gehört hat und sonst sehr klug ist, Brahmane.

J 17.42 So gewinnen Unwissende die Frucht der Erkenntnis nicht, weil sie deren Wesen nicht kennen. Auch Gelehrte, die durch Hören Wissen erlangt haben,

J 17.43 erkennen sie ohne entsprechende Aufmerksamkeit nicht. Ebenso kann jemand einen bestimmten Stern sehen,

J 17.44 ohne ihn zu erkennen, weil ihm die Erklärung fehlt. Doch auch mit einer Erklärung kann er ihn übersehen, wenn er nicht aufmerksam ist.

J 17.45 Ein verständiger Mensch aber hört, in welcher Richtung und mit welchen Merkmalen der Venus-Stern erscheint, und richtet sich darauf aus: „Diesen will ich erkennen.“

J 17.46 Wenn er mit gesammeltem Geist schaut, erkennt er ihn deutlich wieder. Ebenso erkennen die einen aus Unwissenheit, die anderen aus mangelnder Aufmerksamkeit

J 17.47 ihr eigenes Selbst nicht, obwohl Augenblicke des Samadhi vorhanden sind. Sie gleichen einem Unglücklichen, der seinen Schatz vergessen hat und betteln geht.

J 17.48 Daher bleiben all diese Samadhi-Zustände ohne die entscheidende Frucht. Ebenso ist bei kleinen Kindern ständig nichtbegriffliches Gewahrsein vorhanden,

J 17.49 bringt aber noch nicht die befreiende Frucht, weil das Nichtwissen nicht aufgehoben ist. Die Erkenntnis in der Form eines Wiedererkennens ist dagegen eine bestimmte Einsicht.

J 17.50 Gerade sie hebt das Nichtwissen auf, die Wurzel des Samsara. Wenn die Gottheit des eigenen Selbst durch gute Handlungen über viele Leben erfreut ist,

J 17.51 entsteht das Verlangen nach Befreiung; andernfalls nicht einmal nach Millionen Weltperioden. Unter den geborenen Wesen ist bewusste Empfindungsfähigkeit bereits äußerst selten.

J 17.52 Noch seltener ist eine menschliche Geburt, und unter Menschen wiederum besonders selten ein feines Unterscheidungsvermögen.

J 17.53 Sieh, Brahmane: Gegenüber den unbeweglichen Lebewesen erscheinen die beweglichen nicht einmal im Verhältnis von eins zu hundert. Und unter diesen

J 17.54 erreichen Menschen ebenfalls nicht dieses Verhältnis. Betrachte weiter: Millionen Menschen leben, so die zugespitzte Aussage des Textes, ähnlich wie Tiere,

J 17.55 weil sie weder heilsam und unheilsam noch Verdienst und Verfehlung unterscheiden. Millionen andere handeln ausschließlich aus Verlangen.

J 17.56 Stolz auf den Anschein ihrer Gelehrsamkeit finden sie Gefallen am wiederholten Kommen und Gehen im Daseinskreislauf. Unter solchen Menschen gibt es einige wirklich Verständige,

J 17.57 doch auch bei ihnen bleiben Trübungen des Geistes zurück, sodass sie den nichtdualen Zustand bestreiten. Der höchste nichtduale Zustand ist von der göttlichen Maya verhüllt.

J 17.58 Wie sollten alle ihn erreichen, solange Maya sie blind macht? Für die von Maya Geblendeten wird dieser Zustand nicht einmal gedanklich zugänglich.

J 17.59 Andere sind noch unglücklicher: Obwohl er ihrem Verständnis zugänglich geworden ist, weisen sie ihn aus unbegründeter Voreingenommenheit mit verfehlten Vorstellungen wieder zurück.

J 17.60 Welch große Macht besitzt die göttliche Maya! Obwohl sie den höchsten Zustand bereits sehen, werfen sie den Wunschjuwel in ihrer Hand durch falsches Denken fort.

J 17.61 Bei denen aber die Gottheit des eigenen Selbst durch hingebungsvolle Verehrung erfreut ist, fallen die Fesseln der Maya. Mit klarem Denken und Vertrauen

J 17.62 gewinnen sie Zuversicht in die höchste Nichtdualität und erreichen den höchsten Zustand. Höre aufmerksam, Brahmane, wie dieser Weg verläuft!

J 17.63 Durch gute Handlungen in zahllosen Leben entsteht Hingabe an die Gottheit. Durch lange Verehrung und ihre Gnade

J 17.64 verliert man den Geschmack an der Vielzahl äußerer Genüsse und richtet sich auf das Höchste aus. Mit Nichtanhaftung, Entschlossenheit und Vertrauen

J 17.65 findet man einen wahren Lehrer und erfährt durch dessen Unterweisung vom höchsten nichtdualen Zustand. Die Einsicht „Es gibt die Nichtdualität“ ist zunächst mittelbar.

J 17.66 Dann soll man die nichtduale Gottheit des eigenen Selbst gründlich untersuchen, die Lehre durch stimmige Überlegungen erschließen und dadurch Zweifel auflösen.

J 17.67 Anschließend soll man das als nichtdual erkannte Selbst mit Hingabe betrachten, bis die Erkenntnis unmittelbar wird – nötigenfalls mit entschlossener, beharrlicher Anstrengung.

J 17.68 Der so betrachtete höchste Zustand, anschließend in einer klaren Einsicht erfasst, vernichtet zweifellos das Nichtwissen, die Wurzel des Samsara.

J 17.69 Wenn die Meditation zum nichtbegrifflichen Samadhi gereift ist, wird der höchste Zustand unmittelbar erfahren. Durch anschließendes erinnerndes Erfassen entsteht das Wiedererkennen.

J 17.70 Die unmittelbare Einsicht „Ich bin dieses nichtduale Selbst“ löst das grundlegende Nichtwissen mitsamt seinen Folgen rasch auf.

J 17.71 Die Reife der Meditation besteht im Wegfallen der unterscheidenden Vorstellungen. Begriffliche Vorstellung ist vielfältiges Erfassen; ungeteiltes Gewahrsein ist nichtbegrifflich.

J 17.72 Wenn andere Vorstellungen nicht mehr aufgenommen werden, fällt die begriffliche Vielheit weg. Dann besteht das nichtbegriffliche Gewahrsein von selbst.

J 17.73 Wenn ein Bild weggewischt wird, bleibt die reine Wand. Die reine Wand herzustellen bedeutet hier nur, das Bild zu entfernen.

J 17.74 Ebenso ist der Geist nach dem Wegfallen der unterscheidenden Vorstellungen von selbst nichtbegrifflich. Das Erlangen dieses Zustands besteht im Loslassen jener Vorstellungen.

J 17.75 Es gibt darüber hinaus keinen weiteren reinen Zustand, der erst erworben werden müsste. Doch selbst Gelehrte geraten hier durch die Macht der Maya in Verwirrung.

J 17.76 Wer klar versteht, erkennt diesen Zustand in einem Augenblick. Es gibt drei Arten von Übenden, Brahmane: besonders reife, wenig reife und mittlere.

J 17.77 Besonders reife Menschen erkennen ihn schon beim ersten Hören der Unterweisung. Untersuchung und Meditation vollziehen sich bei ihnen im selben Augenblick wie das Hören.

J 17.78 Für sie ist das Erreichen dieses Zustands nicht mühsam. Einst ruhte ich in einer vom Mondlicht erfüllten Sommernacht,

J 17.79 von meiner Geliebten umarmt, auf einem kostbaren Lager im blühenden Garten, vom Wein berauscht.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 17.80 Da hörte ich aus dem Himmel die honigsüßen Worte einer Schar Vollendeter über die nichtduale Wirklichkeit. In diesem Augenblick erkannte ich den höchsten Zustand.

J 17.81 Untersuchung und Meditation vollzogen sich zugleich mit dieser Erkenntnis. In einer halben Muhurta erkannte ich so den reinen Zustand.

J 17.82 Dann blieb mein Geist eine weitere Muhurta darin gesammelt, ganz eingetaucht in das Meer höchster Glückseligkeit.

J 17.83 Als das erinnernde Erfassen wieder einsetzte, begann ich nachzudenken: „Wie wunderbar ist dieser Zustand, erfüllt vom Nektar der Glückseligkeit!

J 17.84 Etwas nie zuvor Erlebtes ist mir zuteilgeworden. Ich will wieder darin eintauchen. Selbst Indras Glück reicht nicht an den geringsten Teil davon heran.

J 17.85 Nicht einmal Brahmas Glück kommt einem Bruchteil davon gleich. Bis heute habe ich meine Zeit vergeblich verbracht.

J 17.86 Wie jemand seinen eigenen Schatz voller Wunschjuwelen nicht kennt und um eine Handvoll Mehl betteln geht,

J 17.87 so mühen sich die Menschen aus Unkenntnis der Glückseligkeit ihres Selbst um winzige äußere Freuden.

J 17.88 Genug mit meiner vergeblichen Mühe um geringe äußere Freuden! Ich will mich immer der unendlichen Fülle der Glückseligkeit widmen.

J 17.89 Wozu brauche ich noch dieses äußere Geschäft, das dem erneuten Mahlen bereits gemahlenen Mehls gleicht und Anlass zu Vorwürfen gibt?

J 17.90 Immer dieselben Speisen, dieselben Blumengirlanden und Lager, die mannigfaltigen Schmuckstücke und dieselben Liebesgenüsse!

J 17.91 Längst sind sie wie abgestanden und werden dennoch erneut aufgesucht. Nur weil ich der Gewohnheit folge, empfinde ich keinen Überdruss.“

J 17.92 Mit diesem Entschluss wollte ich mich wieder nach innen wenden. Da trat eine andere, heilsamere Einsicht in mir auf:

J 17.93 „Was ist das für eine Verwirrung meines Geistes? Ich bin doch bereits eben dieses Selbst, vollkommen erfüllt von Glückseligkeit.

J 17.94 Was will ich noch tun? Was müsste ich noch erreichen? Was fehlt mir, wo und wann sollte ich es auf welche Weise erwerben?

J 17.95 Wie könnte etwas wirklich erworben werden, das nicht schon gegenwärtig ist? Wie könnte im unendlichen Bewusstsein und in der Glückseligkeit, die ich bin, ein solches Tun bestehen?

J 17.96 Körper, Sinne und inneres Organ gleichen Traumgestalten. Sie alle gehören mir, dem einen ungeteilten Bewusstsein.

J 17.97 Was wäre gewonnen, wenn nur eines dieser inneren Organe stillgestellt würde? Auch die anderen, nicht stillgestellten Geister sind Erscheinungen in mir.

J 17.98 Was also bewirkt die Stillstellung eines einzelnen Geistes für mich? Ruhige und unruhige Geister erscheinen gleichermaßen in mir.

J 17.99 Selbst wenn alle Geister stillständen, würde ich dadurch nicht stillgestellt. Wie könnte es in mir, weiter als der große Raum, eine solche Begrenzung geben?

J 17.100 Wie sollte es in mir, dessen Wesen vollkommene Glückseligkeit ist, einen erst herzustellenden Samadhi geben? Ich bin ganz erfüllt von Bewusstsein und Glückseligkeit, umfassender als der Raum.

J 17.101 Welche Handlung könnte mir als diesem Selbst zukommen und mir Heil oder Unheil bringen? In den unzähligen Erscheinungen körperlicher Gestalten, die durch meine eigene Herrlichkeit bestehen,

J 17.102 mögen Handlungen erscheinen oder nicht erscheinen – was ändert dies an meinem Wesen? Für mich gibt es nicht das Geringste, das noch zu tun oder zu unterlassen wäre.

J 17.103 Was wäre also durch Stillstellung zu gewinnen? Ich bin ganz von Glückseligkeit erfüllt, im Samadhi wie außerhalb des Samadhi von wahrhaft vollkommenem Wesen.

J 17.104 Bei welcher Tätigkeit sich dieser Körper auch befindet: Er möge darin verbleiben.“ So ruhe ich ganz in mir selbst, eine Stätte großer Glückseligkeit.

J 17.105 Ich bin das nie untergehende Licht, vollkommen und makellos. Damit habe ich dir meinen Zustand als den eines besonders reifen Übenden beschrieben.

J 17.106 Für wenig reife Übende kommt die Frucht der Erkenntnis erst nach vielen Leben. Bei den mittleren vollziehen sich Hören, Untersuchung

J 17.107 und fortgesetzte Betrachtung nacheinander; daraus entsteht Erkenntnis. Selten ist ein Samadhi, der mit der Frucht wahrer Erkenntnis verbunden ist.

J 17.108 Was nützen hundert Versenkungen ohne diese Frucht? Deshalb bringen jene Samadhis, denen Erkenntnis fehlt, nicht das entscheidende Ergebnis.

J 17.109 Auch im gewöhnlichen Leben sieht jemand auf einem Weg Gegenstände zunächst nichtbegrifflich. Wenn er sie nicht erkennt, wird sein Nichtwissen über sie dadurch nicht beseitigt.

J 17.110 Das sogenannte nichtbegriffliche Erkennen ist reines Gewahrsein, das eigene Wesen. Obwohl es immer offenbar ist, scheint es unerkannt,

J 17.111 weil begriffliche Vorstellungen es überdecken. Fallen diese weg, erscheint das längst Gegenwärtige gleichsam neu.

J 17.112 Da Erkennen und Erkanntes hier nicht getrennt sind, wird das zuvor Nichterkannte erkannt genannt. So verläuft der vorzügliche Weg zur Selbsterkenntnis.

J 17.113 Brahmane, prüfe erneut, was du gehört hast, und erkenne es selbst. Wenn du das Wesen des Selbst erkannt hast, ist dein Ziel erreicht.‘

J 17.114 So von Janaka unterwiesen, wurde der große Weise Ashtavakra geehrt und verabschiedet. Er kehrte an seinen eigenen Ort zurück,

J 17.115 erkannte durch Untersuchung und fortgesetzte Meditation den höchsten Zustand, schüttelte alle Zweifel ab und wurde rasch zu einem zu Lebzeiten Befreiten.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 17. Kapitel im Abschnitt über Ashtavakra.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 18: Erkenntnis und ihre Hindernisse

J 18.1 Dattatreya sprach: „Bhargava, damit ist das Gewahrsein als frei von gegenständlich Erkanntem erklärt. Du hast von vielerlei Gelegenheiten gehört, in denen es unmittelbar erfahren wird.

J 18.2 Die Menschen erkennen es aus mangelnder Einsicht nicht, weil Maya sie verwirrt. Dieser Zustand lässt sich nur mit feiner Aufmerksamkeit erfassen, nicht anders.

J 18.3 Wozu viele Worte, Rama? Höre das Wesentliche: Durch den Geist wird das Erkennbare erkannt; deshalb ist der Geist in dieser Funktion nicht selbst das Erkannte.

J 18.4 Daher ist auch ein Geist ohne erkannten Gegenstand möglich. Dieser Geist wird gegenstandsfreies Gewahrsein genannt.

J 18.5 Da sein Wesen Erfahren selbst ist, ist er stets unmittelbar bekannt. Müsste er erst durch ein weiteres Erfahren erkannt werden, führte dies in einen endlosen Rückgang und damit ins Nichtwissen.

J 18.6 Wenn du einen Gegenstand siehst, bist du dabei nicht selbst offenbar, Bhargava? Wenn du nicht offenbar bist, bist du nicht vorhanden. Wie könntest du dann diese Frage stellen?

J 18.7 Wie könnte jemand, der selbst so wenig besteht wie eine Blume am Himmel, sein eigenes Heil wünschen? Überlege: Wie sollte ich dir dein Selbst erst beweisen?

J 18.8 Wenn du sagst: „Im Allgemeinen bin ich mir gegenwärtig, aber ich kenne mich nicht in einer besonderen Bestimmung“, dann höre, Rama: Gerade das von besonderen Bestimmungen freie Allgemeine ist dein unvergängliches Wesen.

J 18.9 Frei auch vom geringsten besonderen Merkmal – genau dies ist dein Wesen. Obwohl du es kennst, gerätst du erneut ganz unnötig in Verwirrung!

J 18.10 Alles gegenständliche Erhellen richtet sich auf besondere Bestimmungen. Du aber bist die allgemeine Gegenwart des Gewahrseins und leuchtest aus dir selbst.

J 18.11 Wenn du meinst, du erschienest als Körper und dergleichen, dann höre: Nur aufgrund einer Vorstellung erscheinst du dir als Körper.

J 18.12 Prüfe mit feiner Aufmerksamkeit: Wenn du dir etwas vom Körper Verschiedenes vorstellst, erscheint dann noch dein Körpersein? Und doch besteht dein Körper weiter.

J 18.13 Was immer als Körper vorgestellt wird, nimmt jeweils diese Gestalt an. In diesem Sinn bist du in allem gegenwärtig; wie könntest du ausschließlich ein bestimmter Körper sein?

J 18.14 Deshalb ist nichts Sichtbares dein eigentliches Wesen, denn es ist wechselhaft. Du bist reines Sehen; das Sehen selbst ist niemals ein gesehener Gegenstand.

J 18.15 Es leuchtet aus sich selbst und besitzt nicht das geringste besondere Merkmal einer sichtbaren Gestalt. Dennoch erscheint es vielfältig ausgestaltet durch Körper, Raum und Zeit.

J 18.16 Erkenne daher nach dem Loslassen der bloßen Vorstellungen das Verbleibende als dein Selbst: das reine Wesen des Bewusstseins.

J 18.17 Wird dieses auch nur einmal klar erkannt, löst sich das Nichtwissen auf, das aus seinem Nichterkennen entstand und allen Samsara verursacht.

J 18.18 Befreiung liegt weder hinter dem Himmel noch in der Unterwelt noch irgendwo auf der Erde. Sie ist das Offenbarwerden des reinen eigenen Wesens durch das Loslassen begrenzender Vorstellungen.

J 18.19 Da sie das eigene Wesen ist, fehlt sie niemals wirklich. Das Ziel ist erreicht, wenn die bloße Verblendung fortfällt.

J 18.20 Eine andere Befreiung ist nicht denkbar: Was hergestellt wird, vergeht. Eine Befreiung außerhalb des eigenen Wesens wäre so unwirklich wie ein Hasenhorn.

J 18.21 Das eigene Wesen ist allumfassend. Wo sollte es eine davon getrennte Befreiung geben? Wenn eine besondere Befreiung innerhalb seiner erschiene, wäre sie nur wie ein Spiegelbild.

J 18.22 Auch im gewöhnlichen Sprachgebrauch bedeutet Befreiung nichts anderes als das Ende einer Bindung. Dieses Ende ist eine Abwesenheit. Wie könnte eine bloße Abwesenheit als eigenständige Wirklichkeit bestehen?

J 18.23 Ein und dasselbe Ding kann nicht zugleich seinem Wesen nach Sein und Nichtsein sein. Andernfalls müssten auch die Dinge eines Traums, die erscheinen und wieder fehlen,

J 18.24 als uneingeschränkt wirklich gelten. Wenn du sagst, sie seien unwirklich, weil sie widerlegt werden, dann höre: Diese Widerlegung ist die Erkenntnis ihrer Abwesenheit, wenn sie nicht mehr wahrgenommen werden.

J 18.25 Was auf diese Weise aufgehoben werden kann, ist nicht unbedingt wirklich. Eine solche Aufhebung trifft aber alles Sichtbare, wenn es nicht mehr wahrgenommen wird.

J 18.26 Deshalb ist das, was zwischen Anwesenheit und Abwesenheit wechselt, nicht die unbedingte Wirklichkeit. Wirklich ist vielmehr das, was niemals und nirgendwo auch nur von einem Hauch des Nichtseins berührt wird.

J 18.27 Von dieser Art ist das Bewusstseinsprinzip: in jeder Hinsicht wirklich. Eine davon getrennte Befreiung könnte deshalb keine unbedingte Wirklichkeit besitzen.

J 18.28 Befreiung nennt man das klare Offenbarwerden des vollkommenen eigenen Wesens. Allein durch das Wegfallen des gegenständlichen Begrenzens wird Bewusstsein als vollkommen erkannt.

J 18.29 Das Erscheinen als auf einen Gegenstand beschränkt ist die scheinbare Einschränkung des Bewusstseins. Ohne diese Gegenstandsbegrenzung ist es vollkommen und unbegrenzt.

J 18.30 Wenn ihm eine Begrenzung durch Zeit oder anderes zugeschrieben wird, sage mir: Wird diese Begrenzung erkannt oder nicht erkannt?

J 18.31 Wird sie nicht erkannt, ist sie nicht festgestellt. Wird sie erkannt, so wird auch sie vom Bewusstsein umfasst. Was immer in der Welt als zeitlich begrenzt gilt,

J 18.32 lässt sich nur dann als Verhältnis eines begrenzten Gegenstands zu einer begrenzenden Zeit bestimmen, wenn beide vom Bewusstsein erfasst sind.

J 18.33 Wären sie nicht vom Bewusstsein erfasst, wie ließe sich die Begrenzung feststellen? Nur ein Gegenstand außerhalb des Bewusstseins könnte dieses von außen begrenzen.

J 18.34 Doch ein erkennbarer Gegenstand außerhalb des Bewusstseins lässt sich auf keine Weise begründen. Wie sollte etwas ohne jede Beziehung zum Bewusstsein festgestellt werden?

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 18.35 Auch eine nur teilweise Beziehung genügt nicht: Der übrige Teil wäre nicht feststellbar. Nur der mit dem Bewusstsein verbundene Anteil erschiene; etwas anderes wäre nicht erwiesen.

J 18.36 Erkenne deshalb auch den sogenannten äußeren Gegenstand als ganz im Bewusstsein enthalten. Alles Erkannte ist vollständig in ihm gegenwärtig.

J 18.37 Wie könnte das, was ganz in ihm liegt, es von außen begrenzen? Prüfe das Wesen des Erkannten mit schlüssiger Überlegung, Rama!

J 18.38 Was innerhalb des Bewusstseins erscheint, ist von der Art eines Spiegelbildes. In der gewöhnlichen Erfahrung befindet sich kein eigenständiges Ding vollständig im Inneren eines anderen,

J 18.39 ohne dass ihre Bestimmungen durcheinandergerieten. Das von dir angenommene unabhängige Außen beruht, wie erklärt, auf einer Verwechslung.

J 18.40 Sage: Wie könnten die Dinge, die auf diesem Außen beruhen sollen, unbedingte Wirklichkeit besitzen? Das eigene Selbst, dessen Wesen Bewusstsein ist, erscheint fortwährend als diese und jene Dinge,

J 18.41 kraft seiner freien Macht. Etwas darüber Hinausgehendes gibt es nirgends.“ Nachdem Bhargava dies gehört hatte, fragte er erneut:

J 18.42 „Erhabener, deine Erklärung erscheint mir schwer nachvollziehbar. Wie sollte das eine reine Bewusstsein zugleich in so vielfältigen Gestalten erscheinen können?

J 18.43 Alle unterscheiden doch Bewusstsein und Gegenstand. Mag der Gegenstand durch Bewusstsein offenbar werden und Bewusstsein selbstleuchtend sein,

J 18.44 so kann der Gegenstand dennoch davon verschieden sein – wie ein beleuchtetes Ding vom Licht verschieden bleibt.

J 18.45 Dass das Erkannte selbst Bewusstsein sei, entspricht nicht unmittelbar meiner Erfahrung. Außerdem hat der edle Janaka zuvor erklärt:

J 18.46 Allein durch das Aufgeben der Vorstellungen wird der Geist nichtbegrifflich. Eben dies sei die nichtbegriffliche Erkenntnis, die Samsara auflöst,

J 18.47 und das eigene Wesen des Selbst. Wie ist das möglich? Der Geist gilt doch als Werkzeug des Selbst beim Erkennen.

J 18.48 Wenn das Selbst keinen Geist hätte, wodurch unterschiede es sich dann vom Unbewussten? Der Geist müsste doch, Erhabener, gerade diesen Unterschied ausmachen.

J 18.49 Durch den Geist entstehen offenbar Bindung und Befreiung des Selbst. Der vorstellende Geist bedeutet Bindung, der nichtvorstellende Befreiung.

J 18.50 Wie könnte also der Geist selbst das Selbst sein, wenn er doch als Werkzeug gilt? Selbst nach Erreichen des nichtbegrifflichen Zustands bliebe dann Zweiheit zurück.

J 18.51 Außerdem gibt es doch jemanden, dem eine Täuschung widerfährt; der kann nicht völlig unwirklich sein. Auch die Täuschung als solche lässt sich nicht einfach leugnen. Wie kann dann Nichtdualität bestehen?

J 18.52 Man sieht nirgends, dass etwas völlig Unwirkliches eine Wirkung hervorbringt. Alle Dinge der Welt besitzen Bestand und erfüllen bestimmte Zwecke.

J 18.53 Erkläre mir, wie sie unwirklich sein sollen, sodass die Nichtdualität gilt! Und wenn alle Erkenntnis Täuschung ist, wie unterscheidet man dann Täuschung und Nichttäuschung?

J 18.54 Wie kann dieselbe Täuschung allen gemeinsam sein? Lehrer, dieser Zweifel bewegt mich schon lange im Herzen.“

J 18.55 Als der allkundige Dattatreya diese Fragen hörte, freute er sich über ihre Klarheit und begann zu antworten:

J 18.56 „Rama, du hast gut gefragt. Vieles davon wurde bereits erklärt; doch solange der Geist keine Gewissheit gefunden hat, soll man es weiter klären.

J 18.57 Wie sollte ein Lehrer ohne eine Frage wissen, welche Gedanken den Schüler beschäftigen? Die Überlegungen der Menschen unterscheiden sich entsprechend ihrer Veranlagung.

J 18.58 Wer wird Zweifel los, ohne seine eigenen Auffassungen zur Sprache zu bringen? Ohne Fragen bleibt das Nichtwissen fest; die Frage ist der Keim der Klärung. [Die Vorlage ist im zweiten Halbvers sprachlich unklar; die Wiedergabe folgt dem fortlaufenden Gedankengang.]

J 18.59 Wer nicht fragt, erlangt hier keine Klarheit. Deshalb soll man den Lehrer befragen und verstehen lernen. Es ist durchaus möglich, dass das eine Bewusstsein vielfältig erscheint,

J 18.60 wie ein einheitlicher Spiegel durch Spiegelbilder vielfältig erscheint. Betrachte Traum und Vorstellung: Der Geist ist dort einer,

J 18.61 und dennoch erscheint er als die Vielfalt von Sehendem, Sehen und Gesehenem. Ebenso erscheint das reine Gewahrsein in mannigfaltigen Formen.

J 18.62 Auch im Traum erscheinen Bewusstsein und Gegenstand als zwei. Dein Vergleich mit dem Licht trifft jedoch nicht vollständig zu: Ein Blinder kann einen Gegenstand auch ohne Licht erkennen.

J 18.63 Und eine Form, die einem inzwischen Erblindeten nicht sichtbar ist, kann in der Erinnerung erscheinen. Was aber könnte wo oder wann ohne das Offenbarsein des Bewusstseins erscheinen?

J 18.64 Wie ohne Spiegel kein Spiegelbild erscheint und das Spiegelbild deshalb keine vom Spiegel getrennte Wirklichkeit besitzt,

J 18.65 so besteht nichts unabhängig vom Bewusstsein. Deshalb ist auch der Geist in keiner Weise etwas außerhalb des Bewusstseins.

J 18.66 Wie der Geist im Traum keine getrennte Wirklichkeit besitzt, so auch im Wachen. Er wird lediglich als Werkzeug angenommen, um die Vorgänge des Erkennens zu erklären.

J 18.67 So gilt im Traum eine Axt als Werkzeug beim Fällen eines Baumes. Wenn die Handlung keine unabhängige Wirklichkeit besitzt, wie sollte ihr Werkzeug sie besitzen, Rama?

J 18.68 Wer wurde jemals von einem nicht vorhandenen Menschenhorn durchbohrt? Ein wirkliches Werkzeug für eine gänzlich unwirkliche Wirkung lässt sich nicht begründen. In diesem Sinn besteht kein eigenständiger Geist.

J 18.69 Wie man im Traum den Geist als Werkzeug des Sehens bezeichnet, so auch sonst; doch ein davon getrenntes, eigenständig wirkendes Ding namens Geist besteht nicht.

J 18.70 Allein das Bewusstseins-Selbst stellt durch seine klare Freiheit Geist und anderes vor und entfaltet das Geschehen als Unterschied zwischen Sehendem, Gesehenem und den weiteren Vorgängen.

J 18.71 Mitunter bleibt es ausschließlich als nichtbegriffliches Gewahrsein gegenwärtig. Höre, Bhargava: Das Bewusstseinsprinzip ist zwar allumfassend,

J 18.72 aber nicht einfach dem Raum gleich, denn es ist bewusst und selbstleuchtend. Im Übrigen haben Raum und Bewusstseins-Selbst zahlreiche gemeinsame Bestimmungen:

J 18.73 umfassend, fein, rein, ungeboren, unbegrenzt, formlos, alles tragend, ungebunden, innerhalb und außerhalb von allem.

J 18.74 Der Unterschied liegt im Bewusstsein, das dem bloßen Raum nicht zugeschrieben wird. In Wahrheit ist aber auch der sogenannte Raum nichts anderes als das von Bewusstsein erfüllte Selbst.

J 18.75 Zwischen Selbst und Raum besteht letztlich nicht die geringste Trennung. Was Raum ist, ist das Selbst; was Selbst ist, ist auch der Grund dessen, was Raum genannt wird.

J 18.76 Unwissende sehen das eigene Wesen irrtümlich als bloßen Raum, so wie eine Eule das Sonnenlicht als Dunkelheit wahrnimmt.

J 18.77 Die Wissenden erkennen dagegen den Raum selbst als das Bewusstseins-Selbst. Das höchste Bewusstsein, die höchste Herrin, lässt kraft ihrer klaren Freiheit

J 18.78 sich selbst als vielfältig begrenzt erscheinen. So lässt auch du, Rama, dich selbst im Traum in vielen unterschiedlichen Formen,

J 18.79 als Menschen und andere Wesen, erscheinen. Die Vielfalt besteht jedoch nur für den begrenzten Blick.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 18.80 Aus eigener Sicht bleibt das höchste Bewusstsein vollkommen und ungeteilt. Ein Zauberkundiger ist einer und zeigt sich den Zuschauern dennoch in vielen Gestalten.

J 18.81 Aus seiner eigenen Sicht bleibt er dabei einer und unverändert. Ebenso verhält es sich mit dem höchsten Bewusstsein.

J 18.82 Obwohl es rein und einheitlich leuchtet, erscheint es den begrenzten Wesen vielfach begrenzt und von Maya verhüllt.

J 18.83 Auch diese Verhüllung durch Maya besteht nur aus begrenzter Sicht – so, wie der Zauberkundige nur in den Augen der anderen von seinem Zauber umhüllt ist.

J 18.84 Maya ist die höchst erstaunliche Freiheit des höchsten Bewusstseins. Schon in dieser Welt können Yogis, Mantrakundige und Zauberkünstler,

J 18.85 wenn sie durch geeignete Mittel einen kleinen Teil ihrer verhüllten Freiheit erschließen, scheinbar Unmögliches bewirken. In diesem Zusammenhang ist die göttliche Freiheit nicht verwunderlich.

J 18.86 So lässt das höchste Bewusstsein kraft seiner klaren Freiheit sein eigenes Wesen vielfach begrenzt erscheinen, Sohn des Bhrigu.

J 18.87 Begrenzung bedeutet, dass die Selbstzuordnung bei einem einzelnen Ausschnitt verweilt. Dieses Erscheinen als unvollständig wird Nichtwissen genannt.

J 18.88 Hier geraten viele Denker, selbst gelehrte Logiker, in Verwirrung, weil sie nicht auf das eigene Selbst schauen, sondern nach außen gerichtet bleiben.

J 18.89 Was immer ein Lehrer unterweist – sei es als seiend, nichtseiend oder anders bezeichnet –, solange man es nicht auf sich selbst bezieht und unmittelbar prüft,

J 18.90 bleibt die Frucht aus, denn das Gehörte bleibt mittelbar. Deshalb sage ich dir, Rama: Schaue mit klarem Blick in dein eigenes Selbst!

J 18.91 Bewusstsein ist die höchste Göttin, das allen gemeinsame Wesen. Weil sie Licht des Erkennens ist, unterscheidet sie sich vom Unbewussten.

J 18.92 Ihr Ruhen in sich selbst ist das höchste Ich-Gewahrsein. Unbewusste Dinge dagegen haben ihren Ruhegrund im Bewusstseins-Selbst, denn sie erscheinen in ihm.

J 18.93 Sie leuchten nicht aus sich selbst in ihrem eigenen Wesen; deshalb ruhen sie nicht in sich selbst. Bewusstsein aber erscheint stets in sich selbst, unabhängig von anderem.

J 18.94 Deshalb lässt sich bei ihm von einem Ruhen in sich selbst sprechen. Dies ist das vollkommene höchste Ich-Gewahrsein, das unbewussten Dingen fehlt.

J 18.95 Es ist frei von jeder Abgrenzung, weil es unbegrenzt ist. Alles besteht in ihm, wie eine Stadt in einem Spiegel.

J 18.96 Wodurch sollte es also ausgeschlossen oder begrenzt werden? Das umfassende Leuchten dieses vollkommenen Wesens

J 18.97 wird Ruhen im eigenen Selbst oder vollkommenes Ich-Gewahrsein genannt. Es ist ungeteilt und von einer Wesensart; darum geht es, Rama.

J 18.98 Nur durch die verschiedenen Erklärungen scheint es vielfältig. Eben dies ist seine Freiheit, denn seine Kraft ist nicht von ihm getrennt.

J 18.99 Wie Helligkeit und Wärme ungetrennt zum Feuer gehören, so ist es einheitlich verbunden mit Freiheit und Ruhen in sich selbst.

J 18.100 Dies ist jene höchst erstaunliche Kraft, die Maya genannt wird. Obwohl sie in ihrem eigenen Wesen wie ein Spiegel allein aus einheitlichem Bewusstsein besteht,

J 18.101 erscheint sie durch die Offenbarung mannigfaltiger Gestalten. Auch während dieses Erscheinens weicht sie nicht von ihrem eigenen Wesen ab.

J 18.102 Das Erscheinen von Begrenzung wird das Erscheinen eines Nicht-Selbst genannt. Es heißt Nichtwissen, unbewusste Kraft, Leere oder Prakriti.

J 18.103 Völlige Abwesenheit, Raum, Dunkelheit und erste Schöpfung: All diese Bezeichnungen werden hier auf jene ursprüngliche Begrenzungserscheinung bezogen.

J 18.104 Rama, wenn das Ruhen im allumfassenden Selbst irrtümlich nur einem Ausschnitt zugeschrieben wird, entsteht das Erscheinen eines äußeren Raumes.

J 18.105 Der Bereich des Selbst, der nicht als Selbst anerkannt wird, heißt dann Raum. Darin liegt die Ursache des Samsara.

J 18.106 Diese Trennung besteht nur für den Blick des gebundenen Wesens. Prüfe mit feiner Aufmerksamkeit den Raum, den du siehst, Rama!

J 18.107 Für die darin lebenden Wesen ist derselbe Grund ihr eigenes bewusstes Selbst. Ebenso erscheint dir in den Körpern anderer ein Raum,

J 18.108 der für sie selbst ihr von Bewusstsein und Glückseligkeit erfülltes Selbst ist. Das Bewusstseinswesen, das vom selbst vorgestellten Raum gleichsam eingeschlossen wird,

J 18.109 heißt Geist. Es ist nichts anderes als das Selbst. Wenn dabei der verhüllende Aspekt hervorgehoben wird, spricht man vom Geist als Erkenntnismittel.

J 18.110 Wird dagegen das verhüllte Bewusstsein hervorgehoben, heißt es Erkennender oder individuelles Lebewesen. Nachdem das Bewusstseins-Selbst so vom Raum verhüllt erscheint,

J 18.111 stellt es im zarten, lockeren, nicht dichten und reinen Raum Festigkeit, Zusammenhalt, Dichte und Trübung vor.

J 18.112 Dadurch lässt es die Elemente erscheinen und wird als verkörpertes Selbst auch vom Körper umhüllt. Wie eine Lampe in einem Gefäß dessen Inneres erhellt,

J 18.113 so scheint es nun nur das Innere des Körpers zu erhellen, gleich einer verborgenen Lampe.

J 18.114 Wie das Lampenlicht durch Löcher im Gefäß nach außen tritt, so scheint Bewusstsein durch die Tore der Sinne nach außen zu gehen.

J 18.115 In Wahrheit geht Bewusstsein nirgendwohin, weil es allumfassend und ohne räumliche Bewegung ist. Seine Kraft des Aufleuchtens durchdringt die selbst vorgestellte Raumhülle.

J 18.116 Soweit sie diese Verhüllung aufhebt, erscheint ein Nach-außen-Treten. Diese Tätigkeit des Geistes ist das Durchbrechen der Verhüllung durch das Aufleuchten.

J 18.117 Daher ist der Geist nichts anderes als das Selbst, Rama. Bewegtes Bewusstsein heißt Geist; unbewegt ist es das eigene Wesen des Selbst.

J 18.118 Die Bewegung des Bewusstseins ist das Durchbrechen der Verhüllung durch sein Aufleuchten. Dies wird begrifflich gestaltendes Erkennen genannt. Wenn diese Gestaltung wegfällt,

J 18.119 ist die Erkenntnis nichtbegrifflich und vollkommen; dies wird Befreiung genannt. Lass den Zweifel los, Rama,

J 18.120 ob nach dem Wegfall der Vorstellungen noch eine Verhüllung übrig bleibe. Es besteht keine eigenständig wirkliche Verhüllung, denn sie ist vom Bewusstsein selbst vorgestellt.

J 18.121 Stelle dir vor, du seist in einer inneren Vorstellung von einem Feind gefesselt, geschlagen und bedroht. Sobald du diese Vorstellung aufgibst,

J 18.122 verschwinden Schläge und Drohungen. Bleibt dann etwa noch eine Fessel zurück? Verstehe den vorliegenden Zusammenhang ebenso.

J 18.123 Rama, seit anfangsloser Zeit ist niemand im eigentlichen Wesen gebunden. Gib die Verwechslung mit dem Unbewussten auf und prüfe: Was ist diese Bindung?

J 18.124 Die große Bindung ist gerade die feste Überzeugung, die Bindung sei unbedingt wirklich. Sie gleicht dem eingebildeten Zugriff eines Geistes auf ein grundlos erschrockenes Kind.

J 18.125 Solange selbst ein verständiger Mensch diese Täuschung über die Bindung nicht aufgibt, wird er auch durch größte Anstrengung nicht frei vom Samsara.

J 18.126 Was sollte das reine Bewusstseins-Selbst binden, und auf welche Weise? Etwa die Spiegelbilder, die im Spiegel des eigenen Selbst erscheinen?

J 18.127 Wenn diese wirklich binden könnten, müsste auch ein gespiegeltes Feuer den Spiegel verbrennen. Zwei Überzeugungen halten die Bindung aufrecht: dass sie unbedingt wirklich sei und dass der Geist eine eigenständige Existenz besitze.

J 18.128 Außer diesen beiden gibt es für niemanden eine solche Bindung. Solange diese doppelte Trübung nicht mit dem mächtigen Wasser gründlicher Untersuchung

J 18.129 fortgewaschen ist, können weder ich noch Brahma, Vishnu oder Shankara

J 18.130 noch Tripura selbst als verkörperte Erkenntnis den Samsara dieses Menschen beenden. Gib daher diese beiden Annahmen auf und sei glücklich, Rama!

J 18.131 Wenn der Geist im nichtbegrifflichen Zustand ruht, bleibt keine Zweiheit zurück, weil er nichts anderes als das Selbst ist.

J 18.132 Geist ist nichts außerhalb des Erscheinens in der Form „dies“ und „jenes“. Wenn diese Bestimmungen losgelassen werden, bleibt allein das Offenbarsein.

J 18.133 Bei der Verwechslung eines Seils mit einer Schlange erscheint die Schlange auf der Grundlage des für wirklich gehaltenen Seils.

J 18.134 Wird die Schlange widerlegt, bleibt aufgrund des Seils eine bestimmte Erkenntnis des Seils bestehen, die vom Bewusstseins-Selbst verschieden zu sein scheint.

J 18.135 Wird aber auch das Seil als eine Erscheinung im Bewusstsein erkannt, wie im Traum, wie sollte dann nach Aufhebung seiner Eigenständigkeit noch eine davon getrennte Erkenntnis bestehen? Worauf sollte sie beruhen?

J 18.136 Wenn die eigenständige Wirklichkeit des Gesehenen aufgehoben ist, bleibt seine Erkenntnis reines Sehen. Da dieses nicht vom Bewusstseins-Selbst verschieden ist, entsteht daraus keine Zweiheit.

J 18.137 Auch Traumgegenstände haben innerhalb des Traums beständige Wirkungen. Während des Träumens hält jeder sie für wirklich und beständig.

J 18.138 Der Unterschied zwischen Traum- und Wacherscheinungen besteht insofern darin, dass im Wachen die Unwirklichkeit des Traums erkannt wird,

J 18.139 während im Traum die Unwirklichkeit des Wachens gewöhnlich nicht festgestellt wird. Daraus allein folgt aber noch keine unbedingte Wirklichkeit des Wachgeschehens.

J 18.140 Du siehst im Wachen Beständigkeit und Wirksamkeit der Dinge. Sage: Siehst du beides im Traum nicht ebenfalls?

J 18.141 Wachgegenstände erscheinen im Traum nicht als beständig und wirksam; Traumgegenstände erscheinen im Wachen nicht so. Darin gleichen sich beide.

J 18.142 Prüfe fein: Welcher Unterschied besteht in der Erinnerung zwischen Vergangenem und Geträumtem? Betrachte außerdem Beständigkeit und Wirksamkeit einer vom Zauberkünstler geschaffenen Erscheinung.

J 18.143 Wird sie dadurch unbedingt wirklich? Gewöhnliche Menschen durchschauen den Unterschied zwischen bedingter Erscheinung und unbedingter Wirklichkeit nicht.

J 18.144 Deshalb nennen sie, von Täuschung erfasst, die Welt uneingeschränkt wirklich. Wirklich nennt man aber, Rama, was niemals von Nichtsein berührt wird.

J 18.145 Nichtsein wird durch Nichtoffenbarsein festgestellt; doch Bewusstsein ist niemals völlig unoffenbar. Unbewusste Dinge können fehlen, denn sie erscheinen als viele voneinander unterschiedene Dinge.

J 18.146 Jedes unbewusste Ding erscheint als nicht das andere. Wann und wo aber könnte Bewusstsein selbst fehlen? Prüfe dies, Rama!

J 18.147 Wenn Bewusstsein nicht offenbar wäre, wie könnte dann etwas erscheinen? Und wie könnte sein Nichtoffenbarsein selbst erscheinen? Ob etwas erscheint oder nicht,

J 18.148 Bewusstsein ist dabei notwendig gegenwärtig. Deshalb ist Bewusstsein wirklich. Höre, Rama, die knappe Unterscheidung von wirklich und unwirklich:

J 18.149 Wirklich ist, was unabhängig von anderem offenbar ist; anderes besitzt keine selbständige Wirklichkeit. Andernfalls müsste auch die vermeintliche Schlange auf dem Seil wirklich sein.

J 18.150 Widerlegung bedeutet die Erkenntnis einer Abwesenheit. Doch eine solche Erkenntnis kann irrtümlich auch auftreten, wenn etwas vorhanden ist; ebenso kann etwas als vorhanden erscheinen, obwohl es fehlt.

J 18.151 Deshalb ist der Satz „Was nicht widerlegt ist, ist wirklich; was widerlegt ist, ist unwirklich“ für sich allein kein verlässliches Kriterium. Er kann in beiden Richtungen fehlgehen.

J 18.152 Ohne das Offenbarsein des Bewusstseins gäbe es nichts; nicht einmal dieses Nichtsein wäre feststellbar. Ein Streitdenker, der dennoch sagt: „Bewusstsein ist nicht offenbar“,

J 18.153 könnte ebenso sagen: „Ich bin nicht.“ Wer würde dann was behaupten? Wenn jemand am eigenen Selbst zweifelt, weil es angeblich nie offenbar sei,

J 18.154 und trotzdem mit kunstvollen Argumenten die Verwirrung anderer lösen möchte, dann könnte ebenso gut dieser Felsblock ihre Verwirrung auflösen.

J 18.155 Bloße praktische Wirksamkeit beweist daher keine unbedingte Wirklichkeit. Jede gegenständliche Erkenntnis, die ihren Gegenstand als unabhängig auffasst, ist insofern Täuschung.

J 18.156 Die Überzeugung, solche Erkenntnisse seien völlig frei von Täuschung, ist eine weitere große Täuschung. Wie ein Irrtum vor seiner Widerlegung für wahr gehalten wird,

J 18.157 so gilt auch gewöhnliche Welterkenntnis zunächst als irrtumsfrei. Wie das vermeintliche Silber durch die Erkenntnis des Perlmutts als Täuschung erkannt wird,

J 18.158 so zeigt die Erkenntnis des Bewusstseins-Selbst die täuschende Eigenständigkeit aller gegenständlichen Erkenntnisse. Und wie die Täuschung eines blauen Himmels vielen gemeinsam erscheint,

J 18.159 so ist auch die Welttäuschung aufgrund einer gemeinsamen Begrenzung allen gemeinsam. Irrtumsfrei ist reines Gewahrsein, das als Bewusstseins-Selbst besteht.

J 18.160 Damit habe ich deine Fragen durch zusammenhängende Überlegungen beantwortet. Lass den Zweifel los, Rama, und gewinne Gewissheit über das Gesagte!

J 18.161 Du hast außerdem gefragt, wie ein Befreiter noch handeln kann. Höre aufmerksam, Rama, ich werde es dir erklären.

J 18.162 Unter den befreiten Erkennenden gibt es höchste, mittlere und weniger gefestigte. Wer durch die aus dem bereits wirksamen Karma entstehenden Erfahrungen immer wieder bedrängt wird,

J 18.163 obwohl er sein Wesen kennt, gilt als weniger gefestigt. Wer die durch Prarabdha eintretenden Erfahrungen durchlebt, sie aber kaum beachtet,

J 18.164 wie ein vom Honigwein Berauschter dessen Geschmack nicht mehr eigens bemerkt, gilt als Erkennender mittlerer Reife. Wer selbst durch die vielfältigen Früchte unzähliger karmischer Ursachen

J 18.165 nicht aus seinem eigenen Stand gebracht wird, vor keiner Schar von Schwierigkeiten erschrickt, durch Wunder nicht aus der Fassung gerät und durch große Freuden nicht fortgerissen wird,

J 18.166 wer innerlich friedvoll und äußerlich wie andere Menschen lebt, gilt als höchster Erkennender. So entstehen je nach Verständnis, Reife der Erkenntnis

J 18.167 und Wirksamkeit des verbliebenen Prarabdha unterschiedliche Lebensweisen. Auch ein Handeln ähnlich dem eines Berauschten ist dabei möglich.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 18. Kapitel.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 19: Die Reife der Erkenntnis

Unterschiedliche Lebensweisen: Dattatreya unterscheidet die Erkenntnis selbst, ihre Festigung und die fortwirkenden Gewohnheiten. Die Beispiele bekannter Weiser sind traditionelle Typisierungen; der folgende Text erklärt kein beliebiges Verhalten für ein Zeichen der Verwirklichung.

J 19.1 Nachdem Bhargava Dattatreyas Worte gehört hatte, fragte er weiter nach den unterschiedlichen Lebensweisen der Befreiten:

J 19.2 „Erhabener, erkläre mir nochmals ausführlich, wie durch Unterschiede des Verstehens verschiedene Reifegrade der Erkenntnis entstehen.

J 19.3 Die Erkenntnis ist doch einheitlich: das Offenbarsein des eigenen Selbst allein. Eben dies ist auch das Ziel, denn Befreiung besteht in seinem Offenbarwerden.

J 19.4 Wie entstehen dann je nach Verständnis verschiedene Reifegrade? Unterscheiden sich auch die Mittel oder nicht? Erkläre mir dies!“

J 19.5 So erneut befragt, begann Dattatreya, der Schatz des Mitgefühls, denselben Zusammenhang ausführlich darzulegen:

J 19.6 „Höre, Rama! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Die Mittel unterscheiden sich nicht ihrem grundlegenden Zweck nach; die Erkenntnis verlangt keine grundsätzlich verschiedenen Ursachen.

J 19.7 Je nach dem Grad ihrer Vollendung wird die Frucht unterschiedlich erlangt. Sind die Mittel vollkommen gereift, stellt sich Erkenntnis mühelos ein.

J 19.8 Je nach dem Maß ihrer Unvollständigkeit ist mehr oder weniger Anstrengung erforderlich. In Wahrheit aber wird für das Bewusstsein selbst überhaupt kein hervorbringendes Mittel benötigt.

J 19.9 Erkenntnis muss nirgendwo erst hergestellt werden, denn sie besteht von Natur aus. Bewusstsein selbst ist diese Erkenntnis und leuchtet stets aus sich selbst.

J 19.10 Wozu sollte das, dessen Wesen immerwährendes Offenbarsein ist, ein hervorbringendes Mittel brauchen? Das Bewusstsein gleicht einem Juwel in der an sich reinen Schatulle des Geistes.

J 19.11 Doch im Schlamm zahlloser latenter Neigungen versunken, wird es nicht bemerkt. Wird dieser Schlamm mit dem Wasser der Sammlung gründlich fortgewaschen

J 19.12 und die seit langer Zeit verschlossene Schatulle des Geistes mit dem scharfen Werkzeug unterscheidender Untersuchung und geeigneter Überlegung geöffnet,

J 19.13 dann wird das bereits leuchtende Bewusstsein wie ein Edelstein entdeckt. Deshalb dienen die Mittel, Rama, dem Beseitigen der Vasanas, der eingeprägten Neigungen.

J 19.14 Das Verständnis ist verschieden, je nachdem, wie schwach oder stark diese Neigungen sind. In dem Maß, wie sie es verhüllen,

J 19.15 sind Hilfsmittel erforderlich, Spross des Bhrigu. Die Neigungen sind vielfältig; ich nenne dir ihre wichtigsten Arten.

J 19.16 Sie sind dreifach: Fehlhaltung, karmisch bedingte Trübung und Verlangen. Die grundlegende Fehlhaltung ist ein Mangel an Vertrauen, der den Zugang zum eigenen Selbst verschließt.

J 19.17 Auch hartnäckiges verkehrtes Auffassen gehört zu dieser vom Menschen aufrechterhaltenen Fehlhaltung. Aufgrund solcher Fehlhaltungen erkennen selbst Menschen, die in vielen Künsten bewandert sind,

J 19.18 die höchste Wirklichkeit weder durch gute Gesellschaft noch durch den Umgang mit Schriften. Sie behaupten etwa: „Eine höchste Wirklichkeit ohne besondere Merkmale gibt es nicht und kann es nicht geben.

J 19.19 Oder wenn es sie gibt, kann niemand sie erkennen. Und selbst wenn etwas als höchste Wirklichkeit erkannt wird, ist es nicht wirklich das Höchste.

J 19.20 Wie sollte seine Erkenntnis Befreiung bringen?“ Solches verkehrte Festhalten oder beständiges Zweifeln an diesem Zusammenhang

J 19.21 wird hier als Fehlhaltung und als erste Art der Neigung bezeichnet. Hunderte und Tausende, die in Schriften und Wissenschaften bewandert sind,

J 19.22 werden dadurch behindert und bleiben im Samsara, Rama. Die zweite Art beruht auf Eindrücken früherer unheilsamer Handlungen:

J 19.23 eine Trübung des Verstehens, welche die Aufnahme der Unterweisung behindert. Durch sie wird selbst das, was Lehrer klar erklären, nicht erfasst.

J 19.24 Dies heißt karmisch bedingte Neigung; selbst durch bloße Sammlung ist sie schwer zu überwinden. Verlangen dagegen besteht in dem Gefühl, noch etwas erreichen zu müssen; es ist endlos und vielfach verzweigt.

J 19.25 Vielleicht könnte jemand die Wellen des Meeres zählen, Rama, oder die Staubteilchen der Erde oder die Sterne.

J 19.26 Die Wünsche auch nur eines einzigen Menschen aber lassen sich nicht zählen. Dies ist die dritte Art, die Neigung des Verlangens.

J 19.27 Weiter als der Raum und unbeweglicher als ein Berg – so wird dieses Gespenst der Hoffnung auf Wunscherfüllung beschrieben, die Neigung des Verlangens.

J 19.28 Durch sie lebt die ganze Welt wie im Rausch. Von ihr immer wieder verbrannt, klagen die Menschen unablässig.

J 19.29 Einige besonders Gesegnete aber nehmen zu einem großen Mantra Zuflucht, werden von ihr frei und erscheinen am ganzen Wesen gekühlt und friedvoll.

J 19.30 Weil diese drei Neigungen den Geist beherrschen, wird jene Wirklichkeit nicht deutlich erkannt, Rama.

J 19.31 Deshalb ist die Frucht aller Hilfsmittel das Auflösen dieser Neigungen. Die erste endet, wenn ihre Beschaffenheit als Fehlhaltung durchschaut wird.

J 19.32 Die zweite kann in einem Leben oder über mehrere Leben durch göttliche Gnade enden, nicht allein durch Millionen von Argumenten.

J 19.33 Die dritte wird durch Nichtanhaftung und andere geeignete Mittel aufgelöst. Nichtanhaftung entsteht durch das Erkennen der Begrenzungen und leidvollen Folgen des Begehrten.

J 19.34 Je nachdem, wie schwach oder stark die genannten Neigungen sind, muss auch diese Einsicht in geringerem oder größerem Maß vertieft werden, Bhargava.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 19.35 Die erste Grundlage von allem ist jedoch Mumukshutva, das Verlangen nach Befreiung. Hören, Nachdenken und andere Übungen ohne dieses Verlangen

J 19.36 bringen nicht die entscheidende Frucht; sie bleiben wie eine erlernte Fertigkeit. Bloße Sachkenntnis führt nicht zum höchsten Zustand.

J 19.37 Wer ohne Befreiungssehnsucht hört und gründlich argumentiert, schmückt, um das Gleichnis des Textes zu gebrauchen, nur einen Leichnam: Die entscheidende Lebenskraft fehlt.

J 19.38 Auch ein nur schwaches Verlangen nach Befreiung bleibt ohne die gesuchte Frucht, Rama – wie ein allgemeiner Wunsch, der entsteht, sobald man von einer schönen Belohnung hört.

J 19.39 Ein bloß nach dem Hören einer Verheißung aufkommender Wunsch bringt noch nicht die Frucht des erforderlichen Handelns. Wer würde sich nicht wünschen, eine angenehme Frucht zu erhalten?

J 19.40 Deshalb genügt ein flüchtiges Verlangen nach Befreiung nicht. Je entschiedener es wird, desto rascher trägt es Frucht.

J 19.41 Echte Befreiungssehnsucht führt dazu, dass man sich den hilfreichen Mitteln tatsächlich zuwendet. Dies wird ungeteilte Ausrichtung genannt.

J 19.42 Wie jemand, dessen ganzer Körper brennt, nichts anderes als Kühlung begehrt, so sucht ein Mensch mit intensiver Befreiungssehnsucht nichts anderes als Freiheit.

J 19.43 Ein solches Verlangen ist stark genug, zur Frucht zu führen. Es entsteht, indem die Grenzen aller anderen Ziele erkannt werden.

J 19.44 Durch tiefe Nichtanhaftung wird es allmählich immer stärker. Die Einsicht in die leidvollen Seiten der Sinnesbindung lässt Nichtanhaftung entstehen und löst die Fixierung auf Gegenstände.

J 19.45 Aus Nichtanhaftung erwächst intensive Befreiungssehnsucht, daraus ungeteilte Ausrichtung. Diese zeigt sich in entschiedener Hinwendung zu den geeigneten Mitteln.

J 19.46 Durch solch intensive Hinwendung wird die Frucht rasch erlangt.“ Als Bhargava Dattatreyas Worte hörte,

J 19.47 stellte er, erneut zweifelnd, eine wichtige Frage: „Erhabener, du hast die Gemeinschaft mit Weisen als Grundursache genannt,

J 19.48 aber auch göttliche Gnade und die Einsicht in die Grenzen des Begehrten. Was ist nun die entscheidende erste Ursache, und wie erlangt man sie?

J 19.49 Es gilt doch, dass nichts ohne Ursache entsteht. Wie könnte also diese erste Hinwendung ohne Ursache zustande kommen? Erkläre mir dies ausführlich!“

J 19.50 Dattatreya, der Schatz des Mitgefühls, antwortete Rama: „Höre, Bhargava! Ich erkläre dir den tiefsten Ursprung des Weges zum Heil.

J 19.51 Die höchste Göttin als Bewusstsein lässt durch die Herrlichkeit ihrer Freiheit das Weltbild in sich selbst erscheinen, wie ein Spiegel seine Bilder.

J 19.52 Sie selbst nimmt die Gestalt Hiranyagarbhas an. Aus dem Wunsch, den von anfangslosem Nichtwissen verhüllten Wesen Gutes zu tun,

J 19.53 entfaltete sie das Meer der heiligen Überlieferungen, das alle Wünsche zu erfüllen verspricht. Die Wesen besitzen von Natur aus vielfältige eingeprägte Wünsche.

J 19.54 In der Überlegung, wie sie dennoch zum Guten geführt werden könnten, schuf sie Handlungen mit erwünschten Zielen und mannigfaltigen Früchten.

J 19.55 Ein Mensch handelt ohnehin entsprechend seiner Veranlagung, heilsam oder unheilsam. Durch das Reifen irgendeiner Handlung

J 19.56 gelangt er, nachdem er durch verschiedene Geburtsformen gewandert ist, zu einer menschlichen Geburt. Aus Verlangen wendet er sich Handlungen zu, die bestimmte Früchte versprechen.

J 19.57 Wenn ein besonderer Wunsch ihn zur Gottheit hinführt, beschäftigt er sich bei Gelegenheit mit den auf sie bezogenen Schriften.

J 19.58 Er hört von den Früchten entsprechender Handlungen und beginnt sie auszuführen. Bleibt die Frucht aus, weil die feinen Regeln des Handelns nicht vollständig erfüllt wurden,

J 19.59 sucht er einen rechtschaffenen Menschen auf, um zu erfahren, was zu tun ist. In diesem Umgang hört er vielleicht von der Herrlichkeit

J 19.60 des höchsten Herrn. Wenn frühere heilsame Handlungen reifen, entsteht daraufhin auch der Wunsch, dessen Gunst zu gewinnen, Bhargava.

J 19.61 So gelangt man durch gereiftes Verdienst zur Gemeinschaft mit Guten und findet die schwer erreichbare Folge von Stufen zum höchsten Heil.

J 19.62 Deshalb gilt meist Satsang als Wurzel des Heilsweges. Bisweilen erlangt jemand durch außergewöhnliches Verdienst oder außerordentliche Askese

J 19.63 das Heil unvermittelt, wie eine Frucht, die plötzlich vom Himmel fällt. Die Verschiedenheit der Ursachen erklärt also die Verschiedenheit des Weges.

J 19.64 Entsprechend unterscheiden sich auch die Zustände der Erkennenden: durch ihr Verständnis, die Stärke ihrer Neigungen und die Reife ihrer Übungsmittel.

J 19.65 Wer von Natur aus nur wenige latente Neigungen besitzt, gelangt schon durch geringe Übung zur Erkenntnis.

J 19.66 Wessen Geist von Natur aus rein und ohne solche Verhüllung ist, bei dem kann ein kleiner Anlass große Erkenntnis auslösen.

J 19.67 Wessen Geist dagegen von dichten Neigungen erfüllt ist, bei dem bleibt selbst entstandene Erkenntnis gleichsam überdeckt.

J 19.68 Durch wiederholte Vertiefung gelangt sie erst nach längerer Zeit zur Fülle. Deshalb zeigen sich unter Erkennenden verschiedene Zustände.

J 19.69 Die Unterschiede beruhen auf der Reife des Geistes, Spross des Bhrigu. Je nach dem Grad, in dem die Neigungen das Verständnis verhüllen,

J 19.70 erscheint die Erkenntnis unterschiedlich gefestigt; entsprechend unterscheiden sich die Lebensweisen. Betrachte diese Unterschiede unter den Erkennenden, Rama!

J 19.71 Brahma, Vishnu und Maheshvara sind von Natur aus Erkennende. Dennoch unterscheiden sich ihre Wirkungsweisen entsprechend ihren jeweiligen Eigenschaften.

J 19.72 Man kann deshalb keineswegs von einer Trübung ihrer Erkenntnis sprechen. Die Wirksamkeit ihrer natürlichen Eigenschaften ist dennoch verschieden.

J 19.73 Wie ein hellhäutiger Körper eines Erkennenden durch die Erkenntnis nicht dunkelhäutig wird, so muss auch die natürliche Veranlagung des Geistes nicht zu einer völlig anderen werden.

J 19.74 Betrachte ebenso uns erkennende Söhne Atris: Durvasas, Chandra und mich. Unsere Lebensweisen sind verschieden.

J 19.75 Der eine ist zum Zorn geneigt, der andere zum Begehren; ich habe alle äußeren Kennzeichen und Bindungen aufgegeben. Vasishta ist dem rituellen Handeln zugewandt, Sanaka und die anderen der Entsagung.

J 19.76 Narada ist in Hingabe versunken; Bhargava, der weise Shukra, steht den Daityas zur Seite, während der Lehrer Brihaspati den Göttern beisteht.

J 19.77 Der beredte Vyasa widmet sich dem Verfassen von Schriften. Janaka lebt als König, Bharata als Entsagender.

J 19.78 Auch andere Erkennende leben entsprechend ihrer Natur auf verschiedene Weise. Höre nun ein Geheimnis, Sohn des Bhrigu!

J 19.79 Von den drei genannten Arten latenter Neigungen ist die zweite, die karmisch bedingte geistige Trübung, das größte Hindernis.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

J 19.80 Menschen, deren Geist nicht den geringsten Anteil davon besitzt, sind besonders verständig. Wenn sie zudem frei von den genannten Fehlhaltungen sind,

J 19.81 behindern ihre übrigen Neigungen, etwa Begehren, die Erkenntnis nicht, selbst wenn diese nicht durch Übung aufgelöst wurden. Deshalb benötigen solche Menschen nicht erst weitere Nichtanhaftung und ähnliche Hilfen.

J 19.82 Auch wiederholtes Nachdenken und Samadhi sind für das erste Erkennen dann nicht erforderlich. Schon beim einmaligen Hören vollziehen sich Untersuchung und Meditation

J 19.83 in kurzer Zeit; der höchste Zustand wird zweifelsfrei erkannt. So werden sie wie Janaka und andere zu Lebzeiten befreit.

J 19.84 Diese feinsinnigen Menschen mit klarem Verständnis haben ihre subtilen Neigungen zu Begehren und anderem nicht zuvor durch die Einübung entgegengesetzter Haltungen vollständig aufgelöst.

J 19.85 Deshalb können die früheren Neigungen auch nach Erkenntnis des höchsten Zustands weiterwirken, wie sie zuvor gewirkt haben.

J 19.86 Doch sie beflecken deren Erkenntnis nicht im Geringsten. Solche Befreiten werden von den Wissenden „Menschen mit vielfältig tätigem Geist“ genannt.

J 19.87 Ein durch karmische Neigungen stark getrübter Geist dagegen gelangt nicht zur Erkenntnis, selbst wenn Shiva ihn unterwiese, Rama.

J 19.88 Ebenso wenig gelingt es bei hartnäckigen Fehlhaltungen. Wenn dagegen Fehlhaltung und karmische Trübung nur gering sind,

J 19.89 die Neigungen des Verlangens aber stark, dann entsteht Erkenntnis durch häufiges Hören, wiederholte Untersuchung und Versenkung,

J 19.90 nach langer Zeit und mit großer Mühe. Das äußere Tätigsein eines solchen Menschen wird gering. Ist durch intensive Übung

J 19.91 der Geist wegen des Fehlens bindender Neigungen fast ganz zur Ruhe gekommen, so heißt dieser Erkennende von mittlerer Reife „einer mit aufgelöstem Geist“.

J 19.92 Bei manchen derselben Gruppe war die Übung weniger intensiv. Ihr Geist ist noch nicht aufgelöst, weil darin weiterhin Neigungen vorhanden sind.

J 19.93 Sie heißen „Erkennende mit fortbestehendem Geist“ und besitzen weniger gefestigte Erkenntnis. Sie werden hier bloße Erkennende genannt, die anderen dagegen zu Lebzeiten Befreite.

J 19.94 Die bloßen Erkennenden erfahren noch offenbares Leid. Sie stehen unter der Wirkung des bereits begonnenen Karmas und erlangen die volle Befreiung am Ende des Körpers.

J 19.95 Diejenigen mit aufgelöstem Geist haben die bindende Wirkung dieses Prarabdha zurückgedrängt. Denn sein Same kann nur auf dem Boden des Geistes zum Spross persönlicher Erfahrung werden.

J 19.96 Fehlt dieser Boden, verliert das Prarabdha mit der Zeit seine Kraft und vergeht wie ein Same, der im Vorratsspeicher liegen bleibt.

J 19.97 Ein außergewöhnlich verständiger Mensch kann mitunter fünf oder zehn Aufgaben zugleich ausführen, ohne dabei fehlzugehen.

J 19.98 Solche geschickten Menschen sieht man immer wieder. Auch ein gewöhnlicher Mensch kann gleichzeitig gehen, sprechen und etwas mit den Händen tun.

J 19.99 Wie könnten diese drei Tätigkeiten mit einem einzigen Geist zusammen stattfinden? Ebenso bemerkt ein Lehrer bei vielen gleichzeitig rezitierenden Schülern

J 19.100 die Unterschiede zwischen falsch ausgesprochenen, ausgelassenen und richtig gesprochenen Lauten. Und du kennst deinen besiegten Gegner Arjuna, den Herrscher der Haihayas,

J 19.101 den Tausendarmigen: Du hast selbst gesehen, wie er mit vielen Waffen zugleich und ohne Fehlgriff kämpfte.

J 19.102 Wie ihr Geist vielfältige Funktionen annimmt und den verschiedenen Abläufen folgt, um viele Aufgaben auszuführen,

J 19.103 so stehen bei den höchsten Erkennenden Selbstgewahrsein und nach außen gerichtete Aufmerksamkeit nie im Widerspruch. Deshalb heißen sie „Menschen mit vielfältig tätigem Geist“.

J 19.104 Das Prarabdha mag auf dem Boden ihres Geistes jeweils aufkeimen; doch jeder neue Spross wird immer wieder vom Feuer der Erkenntnis verbrannt.

J 19.105 Das Zusammentreffen mit Freude und Schmerz ist der Spross des Prarabdha-Samens; das persönliche Festhalten daran seine Frucht. Woher sollte ein verbrannter Spross noch Frucht tragen?

J 19.106 Sie nehmen für ihr Handeln die erforderlichen gedanklichen Bezüge bewusst auf – wie ein Erwachsener, der mit einem Kind spielt.

J 19.107 Er zeigt Freude oder Betrübnis, wenn etwa ein Spielzeugelefant aus Stein gelingt oder zerbricht. Ebenso freuen oder betrüben sich die vielfältig tätigen Erkennenden bei ihren Aufgaben.

J 19.108 Wie jemanden, dessen Herz bei einer anderen Sache verweilt, solche Freude und Erregung nicht im Innersten erfassen, so bleibt ihr innerer Stand im Handeln überall gleich.

J 19.109 Weil diese scharfsinnigen Erkennenden die früheren Neigungen nicht erst durch entgegengesetzte Gewöhnung, Stillstellung und andere Übungen vernichtet haben,

J 19.110 können jene fortbestehen. Daher sind manche dem rituellen Handeln zugewandt, andere zeigen Begehren oder Zorn.

J 19.111 So erscheinen höchste Erkennende in verschiedenen Lebensweisen. Doch auch der zuvor als weniger gefestigt beschriebene Erkennende mit fortbestehendem Geist

J 19.112 hat die fehlende Eigenständigkeit aller Gegenstände erkannt. In den Versenkungen, in denen sein eigenes Wesen offenbar ist, erscheint kein davon getrennter Gegenstand.

J 19.113 Samadhi bedeutet hier das klare Gewahrsein des eigenen Wesens. Das nichtbegriffliche Selbst besteht dagegen stets als Grund von allem.

J 19.114 Es leuchtet in allen; ohne dieses Leuchten wäre nichts erfahrbar. In den zuvor beschriebenen Zuständen leuchtet es zudem ohne begriffliche Vorstellungen.

J 19.115 Allein dadurch haben aber nicht alle Menschen Samadhi im befreienden Sinn. So wird er nur bei denen genannt, die dieses Gewahrsein als solches erkennen, Bhargava.

J 19.116 Auch das im Alltag tätige Gewahrsein ist dann frei von einem als selbständig aufgefassten Gegenstand. Wer beispielsweise erkannt hat, dass die Bläue des Himmels nur Erscheinung ist,

J 19.117 sieht sie weiterhin, ohne seine Erkenntnis an eine wirklich vorhandene Himmelsfarbe zu binden. Andernfalls gäbe es keinen Unterschied zwischen zutreffender und unzutreffender Einsicht.

J 19.118 Ebenso bindet ein als nicht eigenständig erkannter Gegenstand die Erkenntnis nicht. Deshalb ist bei den Erkennenden

J 19.119 das Gewahrsein gegenstandsfrei, obwohl die in ihrer Eigenständigkeit widerlegte Erscheinung fortbesteht. Umso mehr gilt dies bei dem, dessen Geist still geworden ist: Dies ist der Zustand Unmani.

J 19.120 Unmani heißt der Zustand, in dem der Geist unbewegt ist. Bewegung des Geistes bedeutet hier die Bindung an einen für unabhängig wirklich gehaltenen Gegenstand.

J 19.121 Der höchste Erkennende lebt gleichzeitig in beiden Zuständen: Er ist dem äußeren Handeln zugewandt und zugleich im Samadhi, Bhargava.

J 19.122 Deshalb bleibt auch sein Gewahrsein frei von einem getrennten Gegenstand. Damit habe ich die Fragen beantwortet, die du zuvor gestellt hast.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 19. Kapitel: Die verschiedenen Zustände der Erkennenden.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 20: Vidyāgītā – Die Göttin lehrt die Erkenntnis

J 20.1 Dattatreya sprach: „Hierzu werde ich dir eine Begebenheit aus alter Zeit erzählen. Höre sie! Einst kam es in Brahmas Versammlung im höchst reinen Satyaloka

J 20.2 zu einem Gespräch über die Erkenntnis, bei dem immer feinere Fragen untersucht wurden. Sanaka und die anderen Weisen, Vasishtha, Pulastya, Pulaha und Kratu,

J 20.3 Bhrigu, Atri, Angiras, Prachetas und Narada, Chyavana, Vamadeva, Vishvamitra und Gautama,

J 20.4 Shukra [Variante: Shuka], Parashara, Vyasa, Kanva und Kashyapa, Daksha, Sumantu, Shankha, Likhita und Devala,

J 20.5 weitere Scharen von Rishis und hervorragende königliche Weise waren dort zu jener großen Versammlung der Brahman-Erkenntnis zusammengekommen.

J 20.6 Mit immer feineren Erörterungen untersuchten sie die Sache gründlich. Alle diese Weisen fragten Brahma:

J 20.7 ‚Erhabener, wir gelten in der Welt als Erkennende und kennen das Höhere und das Niedere. Dennoch zeigt sich unter uns entsprechend den unterschiedlichen Anlagen eine Vielfalt von Lebensweisen.

J 20.8 Manche verweilen stets im Samadhi, manche widmen sich der unterscheidenden Untersuchung, andere sind in Hingabe versunken, wieder andere stützen sich auf das Handeln.

J 20.9 Einige gehen alltäglichen Geschäften nach, als seien sie nach außen gerichtete Menschen. Wer von ihnen ist der Höchste? Bitte sage es uns.

J 20.10 Jeder von uns hält seinen eigenen Standpunkt für den besten, o Schöpfer.‘ So befragt, erkannte Brahma, dass ihre Herzen noch keine Gewissheit gefunden hatten, und antwortete:

J 20.11 ‚Ihr großen Weisen, auch ich weiß dies nicht in jeder Hinsicht. Der allwissende höchste Herr aber dürfte diese Sache kennen.

J 20.12 Lasst uns zu ihm gehen und ihn fragen.‘ Mit diesen Worten ging er mit ihnen dorthin. Sie trafen den Herrn der Götter, bei dem auch Vishnu war.

J 20.13 Brahma, der Schöpfer der Welt, trug die Frage der großen Weisen vor. Shiva hörte sie und erkannte Brahmas Gedanken.

J 20.14 Da er die innere Ungewissheit der Weisen sah, dachte der Gott: ‚Was immer ich hier sage, könnte ebenfalls vergeblich bleiben.

J 20.15 Weil es ihnen an Vertrauen fehlt, würden sie es nur für meinen eigenen Standpunkt halten.‘ So überlegte Maheshvara, der Herr der Götter, und sprach:

J 20.16 ‚Hört, ihr Weisen! Auch ich weiß dies nicht völlig eindeutig. Darum wollen wir über die erhabene Vidya, die höchste Herrin, meditieren.

J 20.17 Durch ihre Gnade werden wir auch den verborgenen Sinn erkennen.‘ Auf diese Worte hin meditierten alle Weisen zusammen mit Brahma, Vishnu und Shiva

J 20.18 über Vidya, die große Herrin Tripurā, deren Leib Bewusstsein ist. Von allen so betrachtet, trat Tripurā, die Verkörperung des Bewusstseins,

J 20.19 als höchste Wirklichkeit hervor, erfüllt vom Raum des Bewusstseins und in Gestalt des Klanges. Im Himmelsraum ertönte eine Stimme, tief wie das Grollen einer Wolke:

J 20.20 ‚Sagt, ihr Weisen, weshalb ihr über mich meditiert habt! Nennt sogleich euren Wunsch. Wer sich mir ganz zuwendet, soll seiner ersehnten Erfüllung nicht entbehren.‘

J 20.21 Als sie diese höchste Stimme hörten, verneigten sich die großen Weisen. Auch Brahma und die anderen priesen sie anschließend mit verschiedenen Hymnen.

J 20.22 Dann sprachen die Weisen zu Vidya, der Herrin Tripurā: ‚Verehrung dir, große Herrin, Shri Vidya, Herrin Tripurā!

J 20.23 Du bringst alles hervor, erhältst es in deinem eigenen Selbst und lässt alles wieder vergehen. Höchste Herrin, dir sei Verehrung!

J 20.24 Du bist immer ungeworden, denn für dich gibt es keine Geburt. Du bist stets von frischem Wesen, denn für dich gibt es kein Altern.

J 20.25 Du bist alles, bist die Essenz von allem, allwissend und allen Freude schenkend. Du bist auch jenseits jedes Alles, jedes Durchdringens, jeder Essenz, jedes Wissens und jedes Freudenschenkens. [Die zweite Vershälfte verneint die Begrenzung der Göttin durch diese Bestimmungen.]

J 20.26 Göttin, erneut sei dir Verehrung: vor mir und hinter mir, unter mir, über mir und an meiner Seite – von allen Seiten immer wieder Verehrung!

J 20.27 Lehre uns deine höhere und deine niedere Gestalt, deine Herrlichkeit, die Erkenntnis, deren Frucht, ihr hauptsächliches Mittel, den Übenden und die Verwirklichung,

J 20.28 den höchsten Gipfel dieser Verwirklichung und den Hervorragendsten unter den Vollendeten. Göttin, erkläre all dies der Reihe nach! Wieder und wieder verneigen wir uns vor dir.‘

J 20.29 So befragt, begann die große Vidya aus Mitgefühl mit den Weisen, ein höchstes Wort von klarem Sinn zu sprechen:

J 20.30 ‚Hört, ihr Weisen! Ich werde euch dies der Reihe nach erklären. Aus dem Ozean der Agamas schöpfe ich den Nektar und reiche ihn euch.

J 20.31 Das, worin diese ganze Welt wie ein Spiegelbild entsteht, besteht und sich wieder auflöst, leuchtet stets für alle.

J 20.32 Denjenigen, die ihr Selbst nicht kennen, erscheint es als Weltgestalt; den Yogis leuchtet es im eigenen Selbst allein, frei von begrifflicher Unterscheidung.

J 20.33 Es leuchtet unbewegt wie ein tiefer, vollkommen ruhiger Ozean. Ihm dienen die wahrhaft Hingebungsvollen mit überströmender Liebe und ohne jede Täuschung,

J 20.34 obwohl sie aus ihrem eigenen Wesen heraus ihren nichtdualen Zustand erkannt haben: Voller Hingabe nehmen sie freiwillig die Beziehung der Unterschiedenheit an.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 20.35 Es ist der innere Lebensfaden der Sinne und des inneren Organs. Ohne sein Leuchten wäre nichts; auf dieses weisen die Schriften hin.

J 20.36 Dieses höchste Leuchten wird meine höchste Gestalt genannt. Außerhalb und oberhalb der vielen Welteier, im Nektarozean,

J 20.37 auf der Edelsteininsel, im Nipa-Wald, im herrlichen Wunschjuwelenpalast, auf einem Lager aus den fünf Brahmas, erscheint die wunderschöne Gestalt Tripurās.

J 20.38 Dieses anfangslose Paar, ihr großen Weisen, wird meine niedere Gestalt genannt. Ebenso sind Sadashiva und Ishana, Brahma, Vishnu und der Dreiäugige,

J 20.39 Ganesha, Skanda, die Hüter der Himmelsrichtungen, die Shaktis und die Göttergruppen, die Yatudhanas, Götter, Nagas, Yakshas, Kimpurushas und andere,

J 20.40 soweit sie verehrt werden, sämtlich als meine niederen Erscheinungsformen bezeichnet. Doch die von meiner Maya Verwirrten erkennen mich nicht überall.

J 20.41 In allen diesen Formen werde allein ich verehrt und gewähre die ersehnte Frucht. Außer mir gibt es keine andere, die verehrt wird oder Früchte schenkt.

J 20.42 Wie jemand mich innerlich betrachtet, so erlangt er von mir die entsprechende Frucht. Meine Herrlichkeit, ihr Weisen, wird unbegrenzt genannt.

J 20.43 Ohne von irgendetwas anderem abzuhängen, erstrahle ich, deren Wesen nichtduales Bewusstsein ist, als die unendliche Welt, ihr vortrefflichen Weisen.

J 20.44 Obwohl ich immer so erscheine, verlasse ich niemals mein Wesen als nichtduales Bewusstsein. Dies ist meine vornehmste Herrlichkeit: das scheinbar Unmögliche zu verwirklichen.

J 20.45 Betrachtet meine Herrlichkeit mit feiner Einsicht, ihr Weisen: Ich bin der Grund von allem, durchdringe alles und bleibe doch allein in meinem eigenen Wesen.

J 20.46 Durch meine eigene Maya erkenne ich mich selbst nicht und wandere seit langer Zeit im Samsara. Dann nehme ich die Stellung des Schülers ein und erkenne durch den Guru mein eigenes Selbst wieder.

J 20.47 Obwohl ich ewig frei bin, werde ich so immer wieder befreit. Ohne eine Ansammlung materieller Ursachen erschaffe ich eine solche Welt.

J 20.48 Viele derartige Entfaltungen meiner Herrlichkeit gibt es. Selbst mit tausend Mündern könnten sie nicht aufgezählt werden.

J 20.49 Hört! Ich werde einen kleinen Teil meiner Herrlichkeit zusammenfassend nennen: Dieses vielfältige Schauspiel der Welt ist nach allen Seiten ausgebreitet.

J 20.50 Die Erkenntnis meiner ist vielfältig: dual und nichtdual, mittelbar und unmittelbar. Entsprechend verschieden sind auch ihre Früchte.

J 20.51 Die duale Erkenntnis ist vielfältig, weil sie sich auf ein Zweites stützt. Sie wird als gegenständliche Meditation bezeichnet und mit einem im Traum geschauten Königreich verglichen.

J 20.52 Doch auch sie ist als fruchtbringend zu verstehen, da sie durch die Ordnung der Wirklichkeit bestimmt ist. Auch die niedere Erscheinung ist vielfältig; ihre vorzüglichste Form wurde bereits genannt.

J 20.53 Die Meditation über die zuvor genannte vorzüglichste niedere Gestalt führt in der entsprechenden Abfolge zur vorzüglichen Frucht. Die nichtduale Erkenntnis allein wird höchste Erkenntnis genannt.

J 20.54 Wie könnte man die höchste, nichtdual genannte Erkenntnis erlangen, ohne mich, die erhabene, strahlende Shri Vidya, lange verehrt zu haben?

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

J 20.55 Nichtduale Erkenntnis ist die unmittelbare Berührung des reinen Zustands jenes höchsten Bewusstseins, das allein ist; sie überwindet die Auffassung der Zweiheit.

J 20.56 Wenn der Geist sein eigenes Selbst allein erreicht, dann leuchtet eben dies als Erkenntnis auf, ihr vortrefflichen Weisen.

J 20.57 Durch die Offenbarung oder durch schlüssige Einsicht leuchtet das Selbst allein auf. Dieses Aufleuchten, das die Gleichsetzung des Selbst mit Körper und anderem aufhebt, wird Erkenntnis genannt.

J 20.58 Das ist Erkenntnis: Durch sie erscheint nichts mehr als eigenständiges Zweites, auch wenn es weiterhin in Erscheinung tritt.

J 20.59 Das ist nichtduale Erkenntnis: Durch sie bleibt niemals auch nur das Geringste seinem Wesen nach unerkannt.

J 20.60 Jene Erkenntnis, die das Wesen aller Erkenntnis ist, ist wahrhaft die höchste nichtduale Erkenntnis, ihr hervorragenden Asketen.

J 20.61 Wenn bei ihrem Erwachen die lange angesammelten Zweifel vergehen wie Wolkenmassen im Wind, dann ist dies die höchste Erkenntnis.

J 20.62 Wo sämtliche Prägungen des Begehrens und Ähnliches unwirksam werden, wie Schlangen mit zerbrochenen Giftzähnen, dort ist die höchste Erkenntnis.

J 20.63 Die Frucht der Erkenntnis ist die Auflösung allen Leidens. Das Erlangen völliger Furchtlosigkeit wird als ihre Frucht, als Befreiung, bezeichnet.

J 20.64 Furcht entsteht aus der Vorstellung eines Zweiten. Wenn die Nichtdualität fest erkannt ist, woher sollte dann die Vorstellung der Zweiheit kommen? Es ist wie mit der Dunkelheit beim Sonnenaufgang.

J 20.65 Ihr Weisen, wo die Vorstellung der Zweiheit aufgegeben ist, gibt es nirgends Furcht. Jede andere Frucht ist dagegen mit Furcht verbunden.

J 20.66 Was als ein Zweites erscheint, ist endlich – immer wieder lässt sich dies in der Welt erkennen. Wo ein Ende möglich ist, besteht Furcht. Wie könnte darin Furchtlosigkeit liegen?

J 20.67 Jede Verbindung endet in Trennung; dies ist überall erkennbar. Deshalb muss auch die Verbindung mit einer erlangten Frucht vergehen.

J 20.68 Solange eine Frucht als etwas anderes bezeichnet wird, wird damit auch Furcht bezeichnet. Als die wahrhafte Frucht nennen alle hingegen das Furchtlose,

J 20.69 das vom eigenen Selbst nicht verschieden ist: Diese Frucht heißt Befreiung. Wenn Erkennender, Erkenntnis, Erkanntes und Frucht eins sind,

J 20.70 dann ist die höchste Befreiung da, frei von jeder Furcht. Erkenntnis ist das Aufgeben begrifflicher Konstruktionen, ohne in geistige Dumpfheit zu verfallen.

J 20.71 Sie ist das klare eigene Wesen des Erkennenden, das zuvor unbeachtet blieb. Daher weisen Guru und Schrift lediglich darauf hin; sie erzeugen nichts anderes.

J 20.72 Eben dies wird auch als das Wesen dessen bezeichnet, was erkannt werden soll. Solange eine Trennung zwischen Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem erscheint,

J 20.73 sind weder Erkennender noch Erkenntnis noch Erkanntes in ihrem wahren Wesen verwirklicht. Wenn aber ihre gegenseitige Trennung dahinschwindet,

J 20.74 dann gelangen Erkennender und die übrigen zur Erfüllung; dies gilt als die Frucht. Vom Erkennenden bis zur Frucht besteht in Wahrheit kein Unterschied.

J 20.75 Nur damit die alltägliche Verständigung möglich ist, wird dort ein Unterschied angenommen. Deshalb gibt es hier keine völlig neue Frucht zu erlangen.

J 20.76 Solange das Selbst durch Maya als Erkennender, Erkenntnis, Erkanntes und Frucht erscheint, besteht der Samsara fest wie ein Berg.

J 20.77 Sobald dieses jedoch ohne Trennung aufleuchtet, löst sich der Samsara auf wie eine vom Wind zerrissene Wolke.

J 20.78 Die entschiedene Ausrichtung auf diese große Befreiung ist das Mittel zu ihr. Ist diese Ausrichtung vollkommen, wird kein weiteres Mittel verlangt.

J 20.79 Ist die Ausrichtung unvollkommen, was nützen dann tausend noch so gute Mittel? Darum ist die innere Entschiedenheit das hauptsächliche Mittel zur Befreiung.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 20.80 Entschiedene Ausrichtung bedeutet, fest dabei zu bleiben: „Dies werde ich ganz verwirklichen.“ Wer mit solcher Ausrichtung erfüllt ist, wird gewiss befreit.

J 20.81 Ob die Befreiung nach Tagen, Monaten, Jahren oder erst in einer weiteren Geburt eintritt – die kürzere oder längere Dauer richtet sich nach der Reinheit des Verstehens.

J 20.82 Im Verstehen gibt es viele Fehler, die alle Ziele zunichtemachen; durch sie werden Menschen fortwährend im schrecklichen Samsara gequält.

J 20.83 Der erste ist mangelndes Vertrauen, der zweite die Prägung durch Begehren, der dritte geistige Dumpfheit. So lassen sich die Fehler in drei Gruppen zusammenfassen.

J 20.84 Mangelndes Vertrauen ist zweifach: Zweifel und falsche Gewissheit. „Gibt es Befreiung oder gibt es sie nicht?“ ist ein Beispiel für Zweifel.

J 20.85 „Es gibt überhaupt keine Befreiung“ ist ein Beispiel für falsche Gewissheit. Beide sind wesentliche Hindernisse für die entschiedene Ausrichtung.

J 20.86 Beide vergehen nach und nach durch eine ihnen entgegengesetzte Gewissheit. Das wichtigste Mittel besteht darin, ihre Wurzel abzuschneiden, nicht in etwas anderem.

J 20.87 Die Wurzel mangelnden Vertrauens ist das Grübeln in widersprechenden Gedankengängen. Gibt man dies auf und übt wiederholt eine tragfähige Untersuchung,

J 20.88 dann entsteht eine entgegengesetzte Gewissheit, nachdem die Wurzel beseitigt ist. Durch das Erwachen des Vertrauens vergeht die innere Ungewissheit.

J 20.89 Prägungen durch Begehren und Ähnliches hindern das Verstehen am wirklichen Hören. Ist der Geist von ihnen besetzt, kann er sich der Lehre nicht zuwenden.

J 20.90 Auch in der Welt ist ein begehrender Mensch stets allein auf die begehrte Sache ausgerichtet. Er sieht nicht, was vor ihm steht, und hört nicht einmal Worte, die unmittelbar an seinem Ohr ausgesprochen werden.

J 20.91 Für einen vom Begehren geprägten Menschen ist deshalb das Gehörte wie ungehört. Darum überwinde solche Prägungen durch die Kraft der Nichtanhaftung.

J 20.92 Es gibt tausenderlei Prägungen, angefangen mit Begehren und Zorn. Unter ihnen ist das Begehren die Wurzel; ist diese beseitigt, bleibt von ihnen nichts wirksam.

J 20.93 Darum löse durch Nichtanhaftung die Prägung des Begehrens auf. Begehren ist jenes Verlangen, das sagt: „Dies soll mir gehören.“

J 20.94 Bei erreichbaren Dingen tritt es grob hervor, bei unerreichbaren besteht es in subtiler Form. Durch feste Nichtanhaftung soll es in all seinen Formen aufgelöst werden.

J 20.95 Die Grundlage dafür ist, in jedem Augenblick die Begrenzungen des Begehrten zu betrachten und sich innerlich von den Sinnendingen abzuwenden. So löst man diese Prägung auf. [Der erste Halbvers ist in der Vorlage fehlerhaft geschrieben.]

J 20.96 Der dritte Fehler des Verstehens, die geistige Dumpfheit, lässt sich durch Übungen und ähnliche Mittel allein nicht beheben, ihr vortrefflichen Weisen.

J 20.97 Durch sie gelangt selbst das mit großer Entschiedenheit Gehörte nicht ins Verstehen. Diese Dumpfheit ist ein schweres Hindernis, das das höchste menschliche Ziel vereitelt.

J 20.98 Hier gibt es kein anderes Mittel als die Verehrung der Gottheit des eigenen Selbst. Entsprechend der Tiefe dieser Verehrung beseitige ich die Dumpfheit.

J 20.99 Je nachdem, ob die Dumpfheit gering oder groß ist, erlangt der davon betroffene Mensch die Frucht unmittelbar oder in einer späteren Geburt.

J 20.100 Die Fülle aller Mittel erwächst aus der Hingabe an mich. Wer sich mir immer mit aufrichtiger, unverstellter Liebe zuwendet,

J 20.101 überwindet rasch die Hindernisse seiner Praxis und erreicht Erfüllung. Wer aber mich, die Herrin, die jede Regung des Verstehens ermöglicht,

J 20.102 missachtet und sich aus Verblendung ausschließlich auf seine Methoden verlässt, stößt bei jedem Schritt auf Hindernisse; ob er die Frucht erreicht, bleibt ungewiss.

J 20.103 Darum, ihr Weisen, ist die entschiedene innere Ausrichtung das hauptsächliche Mittel. Wer so ausgerichtet ist, gilt als hervorragender Übender.

J 20.104 Unter solchen Übenden ist der mir Hingebungsvolle besonders verehrungswürdig. Verwirklichung bedeutet die Gewissheit des Selbst, durch die Körper und anderes als Nicht-Selbst erkannt werden.

J 20.105 Das Gefühl, das Selbst zu sein, haftet gewöhnlich am Körper und an anderem. Das bloße Aufhören dieser Verwechslung, frei von Dumpfheit, ist Verwirklichung.

J 20.106 Alle sind ihres Selbst gewiss, aber nicht des Selbst in seiner reinen Eigenart. Gerade daraus entsteht eine große Folge von Unheil.

J 20.107 Darum ist die Gewissheit, allein jenes reine Bewusstsein zu sein, das Körper und anderes erhellt, die Vernichterin aller Zweifel.

J 20.108 Dies nennen die Weisen Verwirklichung; darüber hinaus gibt es keine höhere Verwirklichung zu erlangen. Die Fähigkeiten des Fliegens und die Kräfte wie das Kleinwerden

J 20.109 sind nicht einmal ein Sechzehntel der Verwirklichung der Selbsterkenntnis wert. Denn all diese besonderen Kräfte sind durch Raum und Zeit begrenzt.

J 20.110 Diese heilsame Selbsterkenntnis, deren Wesen Shiva ist, ist hingegen unbegrenzt. Alle jene Kräfte sind bereits innerhalb der Mittel zur Selbsterkenntnis enthalten.

J 20.111 Auf dem Weg zur Selbsterkenntnis können sie Hindernisse verursachen. Was ließe sich mit solchen Kräften gewinnen, die den Kunststücken eines Zauberers gleichen?

J 20.112 Für wen selbst die Stellung Brahmas nur einem Grashalm gleicht – welchen Wert hätten für ihn jene Kräfte, die lediglich Zeit verstreichen lassen?

J 20.113 Darum gibt es keine höhere Vollendung als die Verwirklichung der Selbsterkenntnis. Durch sie endet das Leid vollständig und die Glückseligkeit wird dicht und ungeteilt.

J 20.114 Nur sie ist die Vollendung, die aus dem Rachen des Todes befreit, keine andere. Diese Verwirklichung der Selbsterkenntnis zeigt Unterschiede entsprechend der Übung,

J 20.115 der Reinheit des Verstehens und dem Grad ihrer Reife. Zusammenfassend unterscheidet man drei Stufen: höchste, mittlere und geringste.

J 20.116 Ihr Weisen, sie lässt sich mit dem gelernten Veda der Zweimalgeborenen vergleichen. Durch gutes Gedächtnis und ausdauernde Übung kann dessen Rezitation selbst inmitten Hunderter Tätigkeiten

J 20.117 ohne einen Fehler in den Lauten gelingen: Dies ist die höchste Stufe. Gelingt sie bei einer Tätigkeit nur gesammelt, ohne Tätigkeit aber auch ohne besondere Sammlung,

J 20.118 und bleibt sie dabei wie zuvor fehlerlos, so ist dies die mittlere Stufe. Gelingt sie dagegen immer nur durch fortwährende bewusste Konzentration

J 20.119 völlig fehlerfrei, so ist dies die geringste Stufe. Ebenso, ihr Weisen, wird die Verwirklichung der Selbsterkenntnis dreifach beschrieben.

J 20.120 Bleibt die Erkenntnis auch inmitten bedeutender Tätigkeiten ohne besondere Rückbesinnung bestehen, oder außerhalb solcher Tätigkeiten ohne Rückbesinnung, oder stets nur durch ausdrückliche Rückbesinnung,

J 20.121 und bleibt sie unter den jeweiligen Bedingungen unverändert, dann heißt sie höchste, mittlere beziehungsweise geringste Verwirklichung. Die höchste von ihnen gilt als der Gipfel der Vollendung.

J 20.122 Wenn selbst im Traum und in anderen Zuständen die höchste innere Haltung ebenso besteht wie im Augenblick klarer Selbsterforschung, dann ist die Verwirklichung von höchster Güte.

J 20.123 Wenn die Hinwendung zu den verschiedenen weltlichen Tätigkeiten erst durch bewusste Anstrengung und das Aufrufen entsprechender Prägungen erfolgt, wird dies als höchster Gipfel der Verwirklichung bezeichnet.

J 20.124 Wenn das Verweilen im höchsten Selbst, im Bewusstsein selbst, mühelos und ununterbrochen ist, dann hat die Verwirklichung ihren Gipfel erreicht.

J 20.125 Auch während der Mensch tätig ist und die Dinge sieht, sieht er keine Zweiheit. Dann ist seine Verwirklichung zur Fülle gelangt.

J 20.126 Wenn er sich im Wachen und in anderen Zuständen betätigt und doch wie ein Schlafender ruht, dann ist die Verwirklichung zur Fülle gelangt.

J 20.127 Wer diese Vollendung erreicht hat, gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Auch wenn er stets im Alltag tätig ist, verlässt er den Samadhi nicht,

J 20.128 nicht einmal für einen Augenblick. Dieser Einsichtsvolle gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Er kennt jederzeit die verschiedenen Zustände der Erkennenden

J 20.129 aus eigener Erfahrung im eigenen Inneren. Er gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Wer nicht den geringsten Zweifel und nicht das geringste Begehren hat,

J 20.130 wer im alltäglichen Handeln furchtlos ist, der gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Alles Glück, alles Leid und alles weltliche Geschehen

J 20.131 erkennt er im eigenen Selbst; er gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Wer die vollständig Gebundenen und ebenso die Befreiten

J 20.132 im eigenen Selbst sieht, weil sein Selbst das Selbst aller ist, gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Wer alle Netze der Bindung klar im eigenen Selbst sieht

J 20.133 und dennoch nirgends mehr nach Befreiung verlangt, gilt als der Höchste unter den Vollendeten. Der Höchste unter den Vollendeten bin ich selbst; zwischen uns besteht keinerlei Unterschied.

J 20.134 Dies, ihr Weisen, habe ich auf eure Fragen klar erklärt. Wer das von mir Gesagte erkennt, verfällt keiner Verwirrung mehr.‘

J 20.135 Nach diesen Worten schwieg die höchste Vidya, o Nachkomme Bhrigus. Die Weisen hatten alles gehört und ihre Zweifel aufgegeben.

J 20.136 Sie verneigten sich vor Shiva und den anderen Weltenherren und kehrten an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück. Diese Vidyagita, die die Masse der Verfehlungen tilgt, habe ich dir nun verkündet.

J 20.137 Richtig gehört und gründlich erwogen, schenkt sie die Souveränität des eigenen Selbst. Diese erhabene Vidyagita ist von Vidya selbst unmittelbar dargelegt worden.

J 20.138 Denjenigen, die sie täglich lesen, ist die Göttin gewogen und schenkt ihnen selbst Erkenntnis. Für jene, die im dunklen Ozean des Samsara versinken, wird sie zum rettenden Schiff.“

Kapitelabschluss: Hier endet Kapitel 20 des Jñānakhaṇḍa im erhabenen Tripurārahasya: Vidyāgītā – Die Göttin lehrt die Erkenntnis.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 21: Die Frucht der Erkenntnis

Selbstprüfung und tätige Erkenntnis: Die Kennzeichen der Verwirklichung dienen nach diesem Kapitel vor allem der eigenen Prüfung. Bei anderen Menschen sind äußere Zeichen nicht eindeutig. Die anschließende Rakshasa-Erzählung verbindet diese Lehre mit einem Frage-und-Antwort-Gespräch.

J 21.1 Nachdem Rama Bhargava diese Unterweisung des Weisen Dattatreya gehört hatte, war er von der Verwirrung durch das Netz des Nichtwissens nahezu befreit.

J 21.2 Er verneigte sich voller Hingabe vor dem Sohn Atris und fragte noch einmal: „Erhabener, nenne mir ein sicher wirksames Mittel zur Erkenntnis,

J 21.3 das wesentlich, leicht zugänglich und unmittelbar fruchtbar ist. Nenne mir auch die Kennzeichen der Erkennenden, damit ich sie erkennen kann.

J 21.4 Wie ist ihr Zustand, solange sie mit einem Körper verbunden sind, und nach dessen Ende? Wie bleibt ihr Geist ohne Anhaftung, obwohl sie handeln?

J 21.5 Bitte erkläre mir dies alles deutlich aus Mitgefühl!“ So vom Sohn Jamadagnis befragt,

J 21.6 antwortete der Sohn Atris, ein Meer des Mitgefühls, erfreut: „Höre, Rama, ich erkläre dir das verborgene Mittel zur Erkenntnis.

J 21.7 Das wichtigste Mittel ist die höchste Gnade der Gottheit. Wer sich mit seinem ganzen Wesen der Gottheit des eigenen Selbst zuwendet,

J 21.8 für den wird Erkenntnis leicht zugänglich. Dies steht fest. Damit ist das vorzüglichste Mittel zur Erkenntnis genannt, Rama.

J 21.9 Es vermag die Frucht unabhängig von anderen Mitteln zu bewirken. Ohne dieses bringt kein anderes Mittel hier die vollständige Frucht.

J 21.10 Höre die Begründung, Rama! Erkenntnis ist reines Bewusstsein, das alles offenbar macht.

J 21.11 Wenn die vorgestellte Verhüllung dieses leuchtenden Bewusstseins durch Untersuchung aufgehoben wird, erkennt man sein eigenes Wesen.

J 21.12 Für Menschen, die ganz auf äußere Dinge ausgerichtet sind, ist das schwer. Für Hingebungsvolle ist es leicht, weil sie ihre Fixierung auf anderes aufgeben und sich auf das Höchste ausrichten.

J 21.13 Sie können es gewiss rasch erlangen. Wer sich so ganz der Gottheit zuwendet und nur wenige weitere Mittel benötigt,

J 21.14 soll, nachdem er einen Zugang zur Selbsterkenntnis gefunden hat, auch anderen diesen Zusammenhang erklären. Durch fortgesetztes Erläutern vertieft sich sein Eintauchen in die Erkenntnis.

J 21.15 Wenn dieses Eintauchen durch Erklärung und ähnliche Vertiefung gefestigt ist, erlangt der Geist die Einheit mit Shiva und wird frei von aufwühlender Freude und Beunruhigung.

J 21.16 Wohin er sich dann auch wendet, lässt der höchste Erkennende alles als Shiva erkennen. Er lebt im Zustand der Befreiung zu Lebzeiten.

J 21.17 Darum ist wiederholtes Erläutern für andere, verbunden mit tiefer Hingabe, ein hervorragendes Mittel. Kein anderes kommt ihm gleich.

J 21.18 Kein Mittel gleicht dieser von Hingabe getragenen Klärung. Die Kennzeichen eines Erkennenden dagegen sind schwer festzustellen, Rama.

J 21.19 Denn die Erkenntnis liegt im Innersten und ist Augen, Worten und anderen äußeren Zeichen nicht unmittelbar zugänglich. Sie lässt sich anderen nicht wie ein äußerer Gegenstand vorzeigen.

J 21.20 Auch die Kenntnis einer Wissenschaft lässt sich nicht am Körper, an der Kleidung oder am Schmuck eines Menschen erkennen.

J 21.21 Wissen wird unmittelbar nur im eigenen Gewahrsein erkannt, Bhargava – wie der Geschmack einer Speise nur durch eigenes Kosten bekannt ist.

J 21.22 Dennoch können sachkundige, aufmerksame Menschen es anhand der Rede und ähnlicher Hinweise erkennen, wie kleine Ameisen ihren Weg finden.

J 21.23 Es gibt äußere Kennzeichen, doch sie sind nicht eindeutig. Andere, feinere Kennzeichen lassen sich von außen schwer erkennen.

J 21.24 Denn Erklärungen, Reden und die Darstellung spiritueller Übungen können auch Menschen nachahmen, die keine Erkennenden sind.

J 21.25 Wer vor der Erkenntnis sein noch nicht völlig reines inneres Organ durch Übung läuterte, bei dem bleiben die eingeübten Mittel als erkennbare Eigenschaften bestehen.

J 21.26 Wen Ehre und Missachtung, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage nicht im Geringsten aus seinem inneren Stand bringen, den erkenne als einen vorzüglichen Wissenden.

J 21.27 Der höchste Erkennende antwortet auf Fragen zur eigenen unmittelbaren Erfahrung, selbst zu deren tiefstem Sinn, ohne Zweifel und ohne Zögern.

J 21.28 Freude an Gesprächen über Erkenntnis und Bereitschaft, sie zu erläutern, sind ebenfalls Kennzeichen eines Erkennenden.

J 21.29 Wer von Natur aus keine neuen eigennützigen Unternehmungen sucht, zufrieden und reinen Herzens ist und auch in großer Not innerlich friedvoll bleibt, ist ein vorzüglicher Erkennender.

J 21.30 Diese und ähnliche Kennzeichen eignen sich, bester Bhargava, zuverlässig zur Prüfung des eigenen Zustands.

J 21.31 Ein Übender soll stets auf solche Selbstprüfung bedacht sein. Wenn er sein eigenes Wesen so sorgfältig prüft,

J 21.32 wie er gewöhnlich andere prüft, wie sollte er nicht zur Vollendung gelangen? Wenn er aufhört, ständig die Vorzüge und Fehler anderer zu untersuchen,

J 21.33 und stattdessen die eigenen Eigenschaften und Schwächen erforscht, wird er durch die Reifung aller Hilfsmittel zur Vollendung gelangen.

J 21.34 Die genannten Kennzeichen sind also besonders für die Prüfung des eigenen Zustands geeignet, Sohn des Bhrigu.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 21.35 Für die Beurteilung anderer sind sie dagegen nicht eindeutig. Denn bei Erkennenden, deren Geist von Anfang an außerordentlich rein war,

J 21.36 kam die Vollendung schon durch einen kleinen Anstoß der Übung zustande. Danach können ihre Tätigkeiten weiterhin früheren Gewohnheiten folgen.

J 21.37 Wie sollte man solche Menschen, die äußerlich gewöhnlich handeln, sicher beurteilen? Andere Erkennende können dies aufgrund ihrer Vertrautheit mit der Erkenntnis,

J 21.38 wie Edelsteinkenner einen Stein oft schon beim ersten Anblick beurteilen. Bei weniger gefestigten Erkennenden ähnelt das körperbezogene Erleben noch dem eines Unwissenden.

J 21.39 Denn sie haben den natürlichen, beständigen Samadhi noch nicht erreicht. Solange sie im klaren Selbstgewahrsein verweilen, sind sie in der Fülle ihres Wesens.

J 21.40 Wenn sie davon abgewandt sind und sich wieder mit dem Körper identifizieren, erleben sie Freude und Schmerz wie gebundene Wesen.

J 21.41 Zwar finden sie immer wieder Frieden, indem sie in die Fülle zurückkehren; die dazwischen auftretenden Zustände der Gebundenheit

J 21.42 führen aber nicht mehr zu endgültiger Bindung, sondern gleichen einer verbrannten Schnur. Werden beide Enden eines Tuches mit rotem Lackfarbstoff getränkt,

J 21.43 durchzieht die Farbe allmählich auch seine Mitte. Ebenso wird das alltägliche Handeln zwischen den Augenblicken klaren Bewusstseinsgewahrseins

J 21.44 von der Einheit mit dem Bewusstsein durchdrungen und bindet deshalb nicht mehr. Beim Erkennenden mittlerer Reife besteht keine solche Identifikation mit dem Körper.

J 21.45 Die Weisen nennen gerade die Auffassung, der Körper sei das Selbst, „Verbindung mit dem Körper“. Diese besteht beim mittleren Erkennenden nicht mehr, Rama.

J 21.46 Durch intensive Übung bleibt sein Geist stets aufgelöst. Er verweilt fortwährend in Sammlung und entfaltet kaum eigenständiges äußeres Handeln.

J 21.47 Auch die Verrichtungen zur Erhaltung des Körpers geschehen bei ihm wie im Schlaf. So kann jemand im Schlaf allein aufgrund eingeprägter Gewohnheit

J 21.48 etwas sagen oder tun, ohne später davon zu wissen; ebenso kann ein Berauschter sprechen und handeln, ohne es klar zu erfassen.

J 21.49 So steht dieser große Yogi außerhalb des gewöhnlichen weltlichen Betriebes. Was er gelegentlich tut, nimmt er nicht anschließend als eigene Geschichte auf.

J 21.50 Sein Körper wird durch Prarabdha und Gewohnheit erhalten. Auch der höchste Erkennende betrachtet den Körper nicht als sein eigentliches Selbst.

J 21.51 Er handelt jedoch wie ein Wagenlenker. Der Lenker führt mit dem Wagen seine Aufgaben aus, ohne deshalb der Wagen zu sein.

J 21.52 Ebenso wirkt der Erkennende durch die Tätigkeiten des Körpers, ohne seinem Wesen nach Verkörperter oder Handelnder zu sein: Er ist reines Gewahrsein.

J 21.53 Innerlich ist sein Geist ganz klar, äußerlich handelt er – wie ein Schauspieler in einer Frauenrolle zugleich seine Rolle und seine eigene Identität kennt.

J 21.54 Wie ein Erwachsener mit einem Kind spielt, ohne dessen Unverständnis zu teilen, so nimmt er mit reinem Herzen am Spiel der Welt teil.

J 21.55 Der mittlere Erkennende ist durch die Stärke der Stillstellung unbewegt; beim höchsten beruht die Unerschütterlichkeit auf der Tiefe der unterscheidenden Einsicht.

J 21.56 Die Reife des Verstehens unterscheidet beide. Höre hierzu ein Gespräch zwischen zwei Wissenden.

J 21.57 Einst gab es einen König namens Ratnangada, einen Herrscher im Bergland. Er wohnte in der Stadt Amrita am Fluss Vipasha.

J 21.58 Er hatte zwei edle, sehr verständige Söhne, Rukmangada und Hemangada, die ihrem Vater besonders lieb waren.

J 21.59 Rukmangada war in den Lehrschriften gründlich bewandert. Hemangada aber besaß tiefe unmittelbare Erkenntnis und gehörte zu den höchsten Erkennenden.

J 21.60 Im Frühling zogen beide, von ihren Truppen begleitet, zur Jagd in einen dichten Wald.

J 21.61 Nachdem sie zahlreiche Wildtiere, Tiger, Hasen und Büffel getötet hatten, waren sie sehr erschöpft und rasteten an einem See.

J 21.62 Am anderen Ufer lebte in einem Banyanbaum ein Brahmarakshasa, ein dämonisches Wesen brahmanischer Herkunft. Er kannte den Inhalt aller Lehrschriften und führte Streitgespräche mit Gelehrten.

J 21.63 Die Besiegten verschlang er; so lebte er schon lange, Bhargava. Rukmangada hörte durch einen Kundschafter davon und bekam Lust auf eine Debatte.

J 21.64 Zusammen mit seinem Bruder ging er dorthin und stritt mit dem Brahmarakshasa. Doch er wurde besiegt und von dem Dämon ergriffen.

J 21.65 Als Hemangada dies sah, sagte er: ‚Brahmarakshasa, du sollst meinen Bruder nicht fressen!

J 21.66 Besiege zuerst auch mich, seinen jüngeren Bruder; dann magst du uns beide zusammen fressen.‘ Auf diese Worte antwortete der Brahmarakshasa:

J 21.67 ‚Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Nahrung gefunden; der Hunger quält mich. Ich werde mit ihm mein Fasten brechen und danach mit dir streiten.

J 21.68 Wenn ich auch dich besiegt habe, werde ich dich fressen und vollends gesättigt sein. So ist mein Entschluss, Prinz.

J 21.69 Vor langer Zeit erhielt ich diese Erlaubnis vom edlen Vasishta. Einst hatte ich einen seiner Schüler gefressen,

J 21.70 Devarata mit Namen. Deshalb verfluchte mich der große Weise: „Wenn du von nun an einen Menschen frisst, Brahmarakshasa,

J 21.71 soll dein Mund verbrennen!“ Danach flehte ich den Weisen wiederholt an. Da gewährte er mir eine Ausnahme:

J 21.72 „Menschen, die du im Streitgespräch besiegt hast, darfst du fressen.“ Deshalb fresse ich nur die von mir im Streit Besiegten.

J 21.73 Nun habe ich nach langer Zeit diese ausgezeichnete Nahrung erlangt. Nachdem ich ihn gefressen habe, werde ich dich in der Debatte besiegen, Prinz.‘

J 21.74 Als er sich anschickte, Rukmangada zu verschlingen, sprach Hemangada erneut: ‚Brahmarakshasa, höre bitte noch ein Wort von mir!

J 21.75 Gibt es irgendetwas, für das du ihn freilassen würdest? Sage es mir; ich gebe es dir und befreie so meinen Bruder.‘

J 21.76 Der Brahmarakshasa antwortete: ‚Höre, Prinz! Es gibt nichts, gegen das ich ihn einfach eintauschen würde.

J 21.77 Wer gäbe die lebenswichtige Nahrung auf, die sich endlich bietet? Doch eine Bedingung habe ich: In meinem Herzen sind einige Fragen.

J 21.78 Wenn du sie beantwortest, lasse ich deinen Bruder frei.‘ Hemangada erwiderte: ‚Frage, ich werde dir antworten.‘

J 21.79 Darauf stellte der Brahmarakshasa dem Prinzen nacheinander tiefgründige Fragen. Höre, Bhargava, ich werde sie wiedergeben.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 21.80 Der Brahmarakshasa fragte: ‚Was ist weiter als der Raum und feiner als ein Atom? Welches Wesen hat es, und wo besteht es? Sage es, Königssohn!‘

J 21.81 Hemangada antwortete: ‚Bewusstsein ist weiter als der Raum und feiner als ein Atom. Sein Wesen ist lebendiges Aufleuchten; es ruht in sich selbst. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.82 ‚Wie kann ein und dasselbe überaus weit und zugleich höchst fein sein? Was ist dieses Aufleuchten, und was ist das Selbst? Sage es, Königssohn!‘

J 21.83 ‚Es ist umfassend, weil es die Ursache von allem ist, und fein, weil es kein greifbarer Gegenstand ist. Aufleuchten und Selbst sind Bewusstsein. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.84 ‚Wo wird es erkannt, wie wird es erkannt, und was bewirkt seine Erkenntnis? Sage es, Königssohn!‘

J 21.85 ‚Der Ort seiner Erkenntnis ist das Verstehen. Es wird erkannt, wenn dieses ganz im eigenen Selbst gesammelt ist. Durch seine Erkenntnis endet Geburt. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.86 ‚Was ist dieses Verstehen? Was bedeutet seine Sammlung? Und was ist jene Geburt? Sage es, Königssohn!‘

J 21.87 ‚Verstehen ist von Unbewusstheit verhülltes Bewusstsein. Sammlung ist Ruhen im eigenen Selbst. Geburt bedeutet die Vorstellung, der Körper sei das Selbst. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.88 ‚Warum wird Bewusstsein nicht erkannt? Wodurch wird es erkannt? Und wie kommt Geburt zustande? Sage es, Königssohn!‘

J 21.89 ‚Aus mangelnder Unterscheidung wird es nicht erkannt; durch sich selbst wird es erkannt. Geburt kommt durch die Selbstzuschreibung des Handelns zustande. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.90 ‚Was ist mangelnde Unterscheidung? Was ist das Selbst? Was ist die Selbstzuschreibung des Handelns? Sage es, Königssohn!‘

J 21.91 ‚Mangelnde Unterscheidung ist das Nichtauseinanderhalten von Erkennendem und Erkanntem. Nach dem Selbst frage in deinem eigenen Selbst! Die eingeprägte Gewohnheit des Handelnden-Seins ist jene Selbstzuschreibung. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.92 ‚Wodurch endet mangelnde Unterscheidung? Was ist die Ursache dieses Mittels, und was wiederum dessen Ursache? Sage es, Königssohn!‘

J 21.93 ‚Sie endet durch unterscheidende Untersuchung. Deren Voraussetzung ist Nichtanhaftung; deren Voraussetzung ist die Einsicht in die leidvollen Begrenzungen des Begehrten. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.94 ‚Was ist Untersuchung? Was nennt man Nichtanhaftung? Und was bedeutet die Einsicht in jene Begrenzungen? Sage es, Königssohn!‘

J 21.95 ‚Untersuchung prüft Sehen und Gesehenes. Nichtanhaftung lässt die Fixierung auf das Gesehene los. Die Einsicht in seine Begrenzungen erkennt das mit ihm verbundene Leiden. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.96 ‚Wodurch wird all dies möglich? Wie wird dieses Ermöglichende erlangt, und was ist dessen Ausgangspunkt? Sage es, Königssohn!‘

J 21.97 ‚Alles wird durch die Gnade der Gottheit möglich. Sie wird durch Hingabe erlangt; der Ausgangspunkt ist die Gemeinschaft mit Guten. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.98 ‚Was ist die Gottheit? Was heißt Hingabe? Und wie sind die Guten beschaffen? Sage es, Königssohn!‘

J 21.99 ‚Die Gottheit trägt die Welt. Hingabe ist die ungeteilte Ausrichtung auf sie. Die Guten sind friedvoll und mitfühlend. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.100 ‚Wer lebt stets in Furcht, wer in Leid und wer in Bedürftigkeit? Sage es, Königssohn!‘

J 21.101 ‚Der sehr Reiche fürchtet ständig um seinen Besitz; wer für eine große Familie zu sorgen hat, ist von Sorgen bedrängt; wer von unerfüllter Hoffnung beherrscht wird, fühlt sich bedürftig. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.102 ‚Wer lebt furchtlos, wer ohne Leid und wer frei von innerer Bedürftigkeit? Sage es, Königssohn!‘

J 21.103 ‚Furchtlos ist, wer nicht anhaftet; frei von Leid, wer seinen Geist gemeistert hat; frei von Bedürftigkeit, wer erkannt hat, was zu erkennen ist. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.104 ‚Wer ist in der Welt schwer zu erkennen? Wer ist körperlos und doch sichtbar? Was ist das Handeln eines Nicht-Handelnden? Sage es, Königssohn!‘

J 21.105 ‚Der zu Lebzeiten Befreite ist schwer zu erkennen. Obwohl er einen Körper trägt, ist er seinem Wesen nach körperlos. Sein Handeln heißt Handeln eines Nicht-Handelnden. Höre dies, Brahmarakshasa!‘

J 21.106 ‚Was ist wirklich, was ist nicht eigenständig wirklich, und was ist im höchsten Sinn unmöglich? Beantworte auch dies, Prinz, und befreie damit deinen älteren Bruder!‘

J 21.107 ‚Das Sehen ist wirklich; das Gesehene besitzt keine davon getrennte Wirklichkeit. Ein davon unabhängiges Weltgeschehen ist daher unmöglich. Dies ist meine Antwort, Brahmarakshasa. Lass meinen Bruder nun frei!‘

J 21.108 Nachdem er dies gehört hatte, ließ der erfreute Brahmarakshasa Rukmangada los. Anschließend nahm er wieder die Gestalt eines Brahmanen an.

J 21.109 Die Prinzen sahen ihn strahlend, als Verkörperung der Askese, und fragten verwundert: ‚Wer bist du?‘

J 21.110 Der Brahmane erzählte ihnen seine Geschichte: ‚Einst war ich ein im Land Magadha bekannter Brahmane,

J 21.111 Vasuman genannt, in allen Lehrschriften bewandert. Stolz auf mein Wissen besiegte ich in Versammlungen immer wieder

J 21.112 Hunderte gelehrter Brahmanen und wurde dadurch sehr überheblich. Eines Tages begegnete ich am Hof des Königs von Magadha dem Weisen Ashtaka,

J 21.113 dem friedvollen Kenner des Höheren und Niederen. Ich suchte mit ihm Streit über die Selbsterkenntnis, obwohl ich nur in trockener Argumentation geschickt war.

J 21.114 Ich griff ihn mit logischen Einwänden an. Seine Antworten, die durch viele heilige Überlieferungen gestützt waren,

J 21.115 versuchte ich mit einem Netz von Argumenten zu entkräften und ging immer mehr zu Beschimpfungen über. Obwohl ich ihn vor dem König wiederholt beleidigte,

J 21.116 blieb er friedvoll und schwieg. Doch sein Schüler Kashyapa wurde zornig und verfluchte mich in der königlichen Versammlung:

J 21.117 „Du beleidigst meinen Lehrer ohne Grund, unwürdiger Brahmane. Deshalb wirst du lange Zeit ein Brahmarakshasa sein!“

J 21.118 Von diesem Fluch getroffen, erschrak ich zutiefst. Zitternd warf ich mich vor Ashtaka nieder und nahm Zuflucht zu ihm.

J 21.119 Der friedvolle Weise hatte Mitgefühl mit mir, obwohl ich sein Gegner gewesen war, und bestimmte ein Ende des Fluchs. Höre, was er sagte:

J 21.120 „Du hast mir Fragen gestellt; ich habe sie beantwortet, doch du hast sie mit bloßen Gegenargumenten offenhalten wollen. Wenn dir ein Wissender dieselben Fragen beantwortet,

J 21.121 wirst du vom Fluch befreit sein.“ Heute bin ich nach langer Zeit durch dich von diesem Fluch frei geworden, Königssohn.

J 21.122 Deshalb halte ich dich für einen großen Menschen, der erkannt hat, was zu erkennen ist, und für einen der Besten unter den Menschen.‘ Der Prinz war über diese Worte erstaunt.

J 21.123 Danach befragte Vasuman ihn noch ausführlicher. Nachdem der Prinz ihn gründlich unterwiesen hatte, kehrte er in seine Stadt zurück,

J 21.124 zusammen mit seinem Bruder und den Soldaten, nachdem sie sich vor Vasuman verneigt hatten. Damit ist alles erzählt, wonach du gefragt hast, Bhargava.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Jñānakhaṇḍa des erhabenen Tripurārahasya das 21. Kapitel: Die Erzählung vom Rakshasa.


Jñānakhaṇḍa, Kapitel 22: Abschließende Unterweisung

Die Einheit im Handeln: Hemangada erläutert, warum die Erkenntnis durch das Fortbestehen von Wahrnehmung und Handlung nicht aufgehoben wird. Danach fasst Dattatreya die Lehre zusammen. Mit der Anrede an Narada in Vers 107 kehrt der Text zur übergeordneten Erzählebene zurück.

J 22.1 Nachdem Rama, der Spross des Bhrigu-Geschlechts, die Geschichte des Rakshasa gehört hatte, fragte er demütig den höchsten der Avadhutas:

J 22.2 „Erhabener, was fragte jener vom Fluch befreite Brahmane, und was antwortete Hemangada? Erzähle es mir bitte aus Mitgefühl.

J 22.3 Meine Neugier darauf ist groß, denn dieses Gespräch kann nicht unbedeutend sein.“ So befragt, antwortete der mitfühlende Dattatreya:

J 22.4 „Rama, ich werde dir ihre tiefgründigen Worte wiedergeben. Vasuman fragte den vor ihm stehenden Hemangada:

J 22.5 ‚Königssohn, beantworte mir noch eine Frage! Schon durch den Yogimeister Ashtaka hatte ich diese Lehre zunächst kennengelernt.

J 22.6 Durch deine Worte habe ich den höchsten Zustand nun klar verstanden. Doch wie ist deine gegenwärtige Lebensweise mit deiner Erkenntnis vereinbar?

J 22.7 Wie kann jemand, der erkannt hat, was zu erkennen ist, zugleich dem äußeren Handeln zugewandt sein? Es scheint so unmöglich wie das gleichzeitige Bestehen von Dunkelheit und Licht an einem Ort.

J 22.8 Erkläre mir genau, wie es sich verhält, Königssohn!‘ Hemangada antwortete dem Brahmanen:

J 22.9 ‚Brahmane, deine Verwirrung ist noch nicht vollständig aufgelöst. Wie sollte das äußere Handeln die Erkenntnis des eigenen Selbst widerlegen?

J 22.10 Wenn diese Erkenntnis durch Handeln aufgehoben werden könnte, wie sollte sie zum höchsten Lebensziel führen? Sie wäre dann nicht mehr wert als eine Erkenntnis im Traum.

J 22.11 Alles Handeln ist nur auf der Grundlage des Bewusstseins möglich. Erkläre mir, wie es dieses Bewusstsein aufheben könnte!

J 22.12 Bewusstsein ist gerade das, worin diese Welt erscheint. Aufgrund von Vorstellungen wird das gesamte Handeln darin offenbar.

J 22.13 Wer sein Wesen ohne begriffliche Überlagerung auch nur einmal klar erkennt, erreicht das Ziel und wird von Bindung frei. Dies steht fest.

J 22.14 Deshalb halten die Verständigen deinen Einwand nicht für schlüssig.‘ Darauf sagte Vasuman erneut zum edlen Prinzen:

J 22.15 ‚Es ist wahr, Königssohn; auch ich habe dies so verstanden. Das eigene Wesen wird als nichtbegriffliches Gewahrsein bezeichnet.

J 22.16 Warum entsteht dann keine neue Täuschung, wenn wieder begriffliche Vorstellungen auftreten? Ist nicht gerade Vorstellung die Täuschung, wie die Schlange auf dem Seil?‘

J 22.17 Hemangada antwortete: ‚Höre, Brahmane! Du hast den Unterschied zwischen Täuschung und Nichttäuschung noch nicht vollständig geklärt. Der Himmel erscheint auch denen blau, die seine Beschaffenheit kennen.

J 22.18 Auch sie sagen im Alltag: „Der Himmel ist blau.“ Allein deshalb nennt man ihre Erkenntnis nicht irrig.

J 22.19 Für den Unkundigen ist diese Erscheinung eine Täuschung; für den Kundigen ist sie richtig eingeordnet. Der Glaube an ihre eigenständige Geltung ist abgestorben, wie eine große Schlange tot und ungefährlich wird.

J 22.20 Der Umgang mit einem Spiegelbild kann bei Kundigen und Unkundigen äußerlich gleich aussehen. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen ihnen.

J 22.21 Der Kundige erkennt zutreffend, der Unkundige irrt. Für den Erkennenden ist deshalb auch das ganze Handeln Ausdruck der Erkenntnis.

J 22.22 Es gleicht dem Umgang eines Kundigen mit Spiegelbildern. Deshalb entsteht für ihn dadurch keine neue grundlegende Täuschung.

J 22.23 Was allein durch Nichtwissen entstanden ist, endet durch Wissen. Warum aber sollte eine Erscheinung, die durch eine andere Störung verursacht wird, allein durch Wissen verschwinden?

J 22.24 Deshalb kann jemand mit einer Sehstörung trotz besseren Wissens weiterhin doppelt sehen. Ebenso beruht die Welterscheinung auf der fortwirkenden Bedingtheit des Karmas.

J 22.25 Solange dieses Karma nicht erschöpft ist, endet das äußere Geschehen nicht. Wenn es endet, bleibt allein nichtduales Bewusstsein.

J 22.26 Für den Erkennenden entsteht daher keine erneute grundlegende Täuschung.‘ Als der Brahmane dies hörte, fragte er den Königssohn erneut:

J 22.27 ‚Wie kann bei einem Erkennenden überhaupt noch Karma bestehen? Wie bleibt die Baumwolle des Karmas erhalten, nachdem sie mit dem Feuer der Erkenntnis in Berührung gekommen ist?‘

J 22.28 Der Königssohn Hemangada antwortete: ‚Höre, Brahmane! Ich erkläre dir die drei Arten des Karmas bei Erkennenden.

J 22.29 Wie bei allen unterscheidet man unreifes Karma, bereits gereiftes Karma und Karma, dessen bindende Kraft schon bei seinem Entstehen aufgehoben ist. Durch Erkenntnis werden die erste und die dritte Art unwirksam.

J 22.30 Die Zeit lässt Karma reifen; dieser Vorgang folgt der Ordnung der Niyati. Was durch die Zeit bereits zur Wirksamkeit gereift ist, heißt reifes Karma.

J 22.31 Was noch nicht gereift ist, heißt unreif. Handlungen nach dem Entstehen der Erkenntnis heißen von Anfang an entkräftet, weil Erkenntnis ihre bindende Entstehung aufhebt.

J 22.32 Das gereifte Karma heißt Prarabdha, bereits in Gang gesetztes Karma. Wie ein abgeschossener Pfeil wirkt es weiter, solange sein Impuls reicht.

J 22.33 Die darauf beruhende Welterscheinung bleibt je nach Reife der Erkenntnis unterschiedlich bestehen. Obwohl sie einer Täuschung gleicht, ist sie keine im selben Sinn, denn ihre Folgen unterscheiden sich.

J 22.34 Bei wenig gefestigten Erkennenden bringt sie eine deutlich erfahrene gegenwärtige Frucht hervor; bei denen mittlerer Reife ist das Erscheinen dieser Frucht undeutlich.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

J 22.35 Bei den höchsten Erkennenden erscheint die gegenwärtige Wirkung wiederum klar. Als bindende Frucht aber ist sie so wenig vorhanden wie ein Hasenhorn.

J 22.36 Bei Unwissenden wird die karmische Frucht durch das gedankliche Anknüpfen an Vergangenes verstärkt. Sie nähren die Erfahrung, indem sie Vorher und Nachher zu einer persönlichen Geschichte verbinden.

J 22.37 Bei Erkennenden wird diese Verknüpfung durch die Hinwendung zum Selbst unterbrochen. Deshalb wird selbst bei den weniger gefestigten die Prarabdha-Frucht nicht auf dieselbe Weise genährt.

J 22.38 Bei Erkennenden mittlerer Reife ist sie sehr fein, wie der Schmerz durch einen Mückenstich während leichten Schlafes.

J 22.39 Bei den höchsten kann sie vollständig erscheinen und gleicht dennoch einer verbrannten Schnur: So groß ist die Kraft der gefestigten Selbsterkenntnis.

J 22.40 Wie ein Schauspieler in einer anderen Rolle Freude und Trauer ausdrückt, ohne dadurch im Innersten verändert zu werden,

J 22.41 so wird der fest gegründete Erkennende auch beim vollständigen Erscheinen einer Frucht nicht von ihr gebunden. Deshalb gleicht ihre bindende Wirkung einem Hasenhorn.

J 22.42 Unwissende haben das reine Selbst nicht erkannt. Daher identifizieren sie sich mit dem Körper und halten das Gesehene für unabhängig wirklich.

J 22.43 Weniger gefestigte Erkennende haben das Selbst als reines Bewusstsein erkannt und die fehlende Eigenständigkeit der Welt eingesehen. Doch wegen unzureichender Vertiefung

J 22.44 wird ihre Erkenntnis zeitweise von früheren Gewohnheiten überlagert; dann erscheinen Körperidentifikation und die vermeintliche unabhängige Wirklichkeit der Welt erneut.

J 22.45 Durch die eingeprägte Kraft der Erkenntnis schütteln sie diese unzutreffende Sicht wieder ab. So bestehen bei ihnen die Gewohnheiten wahrer und falscher Auffassung nebeneinander.

J 22.46 Deshalb wird die karmische Frucht zeitweise deutlich erlebt. Doch auch wenn beide Gewohnheiten nebeneinander bestehen, sind sie nicht gleichwertig, Brahmane.

J 22.47 Die Gewohnheit wahrer Erkenntnis widerlegt die andere. Die Gewohnheit falscher Auffassung kann die wahre Erkenntnis dagegen nicht widerlegen.

J 22.48 Wer von der falschen Gewohnheit erfasst wird, vergisst nur vorübergehend die höchste Wirklichkeit. Erkennt er die falsche Gewohnheit als Täuschung,

J 22.49 schüttelt er sie ab und kehrt zur wahren Einsicht zurück. Deshalb wird die Wahrheit selbst durch jene Gewohnheit niemals widerlegt.

J 22.50 Beim mittleren Erkennenden gibt es weder solches Vergessen noch unwillkürliche falsche Auffassung. Ohne das Selbst zu vergessen, kann er sich bei Bedarf willentlich auf gegenständliche Vorstellungen einlassen.

J 22.51 Damit ist der Zustand des Vollendeten beschrieben. Höre nun vom Übenden: Je entschiedener er sich auf das Selbst ausrichtet, desto beständiger bleibt es ihm gegenwärtig.

J 22.52 Beim Vollendeten gibt es kein Vergessen; gegenständliches Erfassen wird bewusst aufgenommen. Beim höchsten Erkennenden aber besteht zwischen Samadhi und Handeln

J 22.53 nicht der geringste Unterschied, weil das Selbst stets gegenwärtig bleibt. Beim mittleren Erkennenden, der auf Versenkung ausgerichtet ist,

J 22.54 kann diese Gegenwärtigkeit im Bereich gegenständlicher Vorstellungen etwas verblassen. Der höchste dagegen mag aus freiem Entschluss oder aufgrund des Prarabdha

J 22.55 nicht eigens auf Versenkung ausgerichtet sein; sein Selbstgewahrsein bleibt dennoch ungetrübt. Höre nun, Brahmane, wie es sich in Wahrheit mit mittleren und höchsten Erkennenden verhält:

J 22.56 Für sie besteht überhaupt kein eigenständiges Karma, denn sie sind zur Fülle gelangt. Sie sehen nichts außerhalb des Bewusstseins-Selbst.

J 22.57 Wie sollte dann ein davon getrennter Karmarest übrig bleiben? Alles ist im Feuer des Bewusstseins aufgegangen; nichts bleibt als selbständige Wirklichkeit zurück.

J 22.58 Nur andere sehen noch ihr Handeln, ähnlich einer Zaubererscheinung. Höre, Brahmane, ich fasse das Geheimnis zusammen:

J 22.59 Die Sicht der Erkennenden ist die Sicht Shivas selbst. Nicht der geringste Unterschied besteht darin; dies ist wahr und zweifellos.

J 22.60 Deshalb haftet ihnen kein Karma mehr an.‘ Nachdem Vasuman Hemangadas Erklärung gehört hatte,

J 22.61 war er von allen Zweifeln frei und sein Herz durch Erkenntnis klar. Von den Prinzen und ihren Begleitern geehrt, kehrte er an seinen eigenen Ort zurück.

J 22.62 Auch die beiden Prinzen kehrten daraufhin in ihre Stadt zurück.“ Als Rama dies hörte, fragte er den Weisen, den Sohn Atris, erneut:

J 22.63 „Lehrer, ich habe die Erkenntnislehre aus deinem Mund gehört. Mein Zweifel ist verschwunden; der höchste Zustand ist erkannt.

J 22.64 Das Selbst als reines, alles durchziehendes Gewahrsein leuchtet überall. Dennoch bitte ich dich: Fasse alles, was du von Anfang an erklärt hast,

J 22.65 noch einmal kurz in seinem wesentlichsten Sinn zusammen, damit ich es vollständig im Herzen bewahre, Lehrer!“

J 22.66 Auf diese Bitte Ramas antwortete der Sohn Atris erneut: „Höre, Rama! Ich erkläre dir nochmals das Wesentlichste von allem.

J 22.67 Das höchste Bewusstsein ist die höchste Herrin und besteht als vollkommenes Ich-Gewahrsein. Durch die Herrlichkeit ihrer Maya-Kraft, die Freiheit genannt wird,

J 22.68 lässt sie die Welt erscheinen wie Spiegelbilder in einem Spiegel. Diese Kraft vermag das scheinbar Unmögliche. Höre den Zusammenhang Schritt für Schritt!

J 22.69 Das höchste, vollkommene Bewusstsein, erfüllt vom umfassenden Ich-Gewahrsein, ließ kraft seiner Freiheit sein eigenes Wesen zweifach erscheinen.

J 22.70 Als in einem Bereich ein begrenztes Ich-Gewahrsein erschien, trat der andere Bereich aus dieser Selbstzuordnung heraus.

J 22.71 Nur aus dessen begrenzter Sicht wurde er zum äußeren Unentfalteten, Spross des Bhrigu. Der mit diesem begrenzten Ich-Gewahrsein verbundene Zustand wird hier Sadashiva genannt.

J 22.72 Er sieht jenen unentfalteten Bereich, obwohl er ihm von sich selbst verschieden erscheint … [Hier ist in beiden Schriftfassungen nur der erste Halbvers des Grundtextes überliefert. Der Kommentar erläutert eine fortgesetzte Zuordnung als Ich; der fehlende Verswortlaut wird nicht ergänzt.]

J 22.73 Derselbe will kraft seiner Freiheit eine vielfältige Welt hervorbringen. Er nimmt das Unentfaltete als seinen eigenen Körper an: „Eben darin bin ich gegenwärtig.“

J 22.74 In dieser Selbstzuordnung erscheint er als Ishvara. Dieser Ishvara, der sich das Unentfaltete als eigenes Wesen zuordnet,

J 22.75 erscheint dreifach als Rudra, Hari und Druhina, also Shiva, Vishnu und Brahma. Die Hervorbringer der Gesamtheit von Erkennenden und Erkanntem

J 22.76 erscheinen als viele Brahmas. Ebenso gibt es viele Haris, welche die jeweilige Weltgestalt erhalten,

J 22.77 und viele Rudras, die sie wieder auflösen. So ist die Ordnung der Welt. Dieses Weltgeschehen erscheint wie ein Spiegelbild im Spiegel.

J 22.78 Es erscheint lediglich, Rama; nichts ist als vom Bewusstsein getrennte Wirklichkeit entstanden. Das höchste Bewusstsein bleibt stets vollkommenes Ich-Gewahrsein.

J 22.79 Obwohl es vielfältig erscheint, bleibt es von diesem umfassenden Selbstgewahrsein erfüllt. So bist auch du dir im ganzen Körper als ein Ich gegenwärtig,

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

J 22.80 während du durch besondere Selbstzuordnungen zu Augen und anderen Organen die jeweiligen Tätigkeiten ausführst. Ebenso ruht das höchste Gewahrsein im vollkommenen Ich.

J 22.81 Auch wenn es von Sadashiva bis zum Grashalm in begrenzten Selbstzuordnungen erscheint, ist es in Wahrheit allein das höchste Bewusstsein, das so leuchtet.

J 22.82 Du als das dem ganzen Körper zugeordnete Ich kannst für dich genommen weder Farbe noch Geschmack erfassen. Indem du dich aber mit den jeweiligen Sinnen verbindest,

J 22.83 erfasst du all dies. Ebenso ist der Gott Sadashiva in sich ungeteilt und tritt in die Wesen von Brahma bis zum Grashalm ein.

J 22.84 Durch diese innere Identifikation erkennt und handelt er. Dein nichtbegriffliches Wesen wiederum ist zwar der Grund aller dieser Vorgänge,

J 22.85 erkennt und tut aber selbst nichts als gesonderte Handlung, Spross des Bhrigu. Ebenso ist das höchste Gewahrsein der Grund aller Welten,

J 22.86 ohne jemals auch nur den geringsten wirklichen Unterschied zu erkennen oder hervorzubringen. Die ganze Welt erscheint allein in ihm,

J 22.87 aus seiner Freiheit hervorgegangen, wie ein Spiegelbild im Spiegel. Das gesamte Erscheinen der Welt ist sein eigenes Offenbarsein.

J 22.88 Wie das Erscheinen eines Spiegelbildes nichts anderes als das Erscheinen des Spiegels ist, so sind du, ich und alle anderen Erkennenden ihrem Wesen nach reines Sehen.

J 22.89 Ohne die Verbindung mit einem als getrennt aufgefassten Gesehenen sind sie allein reines Bewusstsein. Ein Spiegel, der einen Topf und andere Dinge zeigt, ist ohne diese Bilder

J 22.90 weiterhin nur reiner Spiegel; die Verschiedenheit liegt in den Spiegelbildern. Ebenso bleibt nach dem Fortfall der aus Vorstellungen hervorgegangenen Gegenstandsbegrenzung

J 22.91 das höchste Gewahrsein als nichtduale Wirklichkeit zurück. Es ist die Fülle großer Glückseligkeit, weil ihm jede Spur von Leiden fehlt.

J 22.92 Es umfasst alle Glückseligkeit, denn alle sehnen sich danach. Glück ist das Wesen des Selbst, weil es von allen begehrt wird.

J 22.93 Um seinetwillen sind Körper und anderes von Bedeutung; niemand wünscht es nicht. Was Freude an Gegenständen genannt wird, ist nur ein geringer Ausdruck davon.

J 22.94 Dasselbe Glück wird beim Ablegen einer Last und im Tiefschlaf offenbar. Eben Bewusstsein wird wegen seiner tiefsten Erwünschtheit Glückseligkeit genannt.

J 22.95 Unwissende erkennen diese große Freude, die ihr eigenes Selbst ist, nicht. Weil die Anlässe ihrer Offenbarung verschieden sind, halten sie auch die Freude selbst für etwas jeweils Verschiedenes.

J 22.96 Ebenso erscheinen Dinge im Spiegel als voneinander getrennt, solange der Spiegel als ihr gemeinsamer Grund nicht erkannt wird.

J 22.97 Wird ihr Wesen als Spiegelbilder erkannt, erscheinen sie weiterhin wie zuvor; doch nichts davon besteht getrennt vom Spiegel, der selbst rein bleibt.

J 22.98 Ebenso ist für den Kenner der Wirklichkeit diese ganze Welt, obwohl sie weiterhin so erscheint, allein das eigene Selbst und nichts anderes.

J 22.99 Wie Töpfe im Ton, Schmuckstücke im Gold und Bildgestalten im Stein bestehen, so besteht die Welt im Bewusstseins-Selbst.

J 22.100 Auch die Ansicht „Die Welt ist überhaupt nicht vorhanden“ ist unvollständig, Spross des Bhrigu. Die gegenteilige Behauptung ihres bloßen Nichtseins lässt sich nicht halten.

J 22.101 Denn auch derjenige, der sie begründen will, sieht die Welt weiterhin. Wie sollte sie durch den bloßen Bannspruch „Sie ist nicht“ verschwinden?

J 22.102 Die ganze Stadt im Spiegel besteht als Spiegel. Ebenso gilt die Welt als wirklich, insofern sie ein einziges Wesen mit dem Bewusstseins-Selbst ist.

J 22.103 Dies ist vollständige Erkenntnis, weil sie jede Einschränkung aufgibt. Das Sehen selbst erscheint kraft seiner eigenen Herrlichkeit als Gesehenes,

J 22.104 wie ein Spiegel die Gestalt einer Stadt annimmt. Dies ist der zusammengefasste Sinn der Lehre: Es gibt keine eigenständige Bindung, keine davon getrennte Befreiung, keinen getrennten Übenden und kein getrenntes Mittel.

J 22.105 Allein Tripura leuchtet als ungeteilte, nichtduale Bewusstseinskraft. Sie selbst ist Nichtwissen und Wissen, Bindung, Befreiung und der Weg dazu.

J 22.106 Nur dies ist zu erkennen; etwas anderes gibt es nicht, Bhargava. Damit habe ich dir, Rama, den Weg der Erkenntnis von Anfang an erklärt.

J 22.107 Wer dies gründlich erkennt, trauert nicht mehr auf die frühere Weise.“ – „Narada, dieser Erkenntnisteil erschließt die Einsicht durch schlüssige Begründungen.

J 22.108 Wessen aus Nichtwissen entstandene Verwirrung sollte durch sein Hören nicht aufgelöst werden? Wer ihn hört und dennoch keine Beruhigung seiner Verwirrung erfährt,

J 22.109 gleicht einem Menschen aus Stein. Wodurch sollte ihm dann Erkenntnis entstehen? Schon einmaliges Hören kann gefestigte Erkenntnis hervorbringen.

J 22.110 Wie sollte sich bei einem weniger rasch Verstehenden nach zwei- oder dreimaligem Hören keine Einsicht einstellen? Dieser Text gilt als Beschwichtiger angehäufter Verfehlungen; gehört und verstanden schenkt er Erkenntnis.

J 22.111 Aufgeschrieben, so lautet die Verheißung, beseitigt er Fehler des Sehens; verehrt läutert er den Geist; beständig betrachtet löst er Unverständnis auf.

J 22.112 Wird durch Untersuchung das Wesen klar erkannt, das das Selbst von allem ist, so ist dies Befreiung; andernfalls bleibt Bindung. Eben dieses Wesen ist Tripura. Hrīm.“

Kapitelabschluss: Hier endet das 22. Kapitel des Jñānakhaṇḍa in der zwölftausend Verse umfassenden Sammlung des Tripurārahasya, der erhabenen vorzüglichen heiligen Erzählung. Die traditionelle Angabe von zwölftausend Versen bezeichnet den Anspruch der Gesamtsammlung, nicht den Umfang des hier erhaltenen Erkenntnisteils.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 51: Lalitas Erscheinung aus dem Bewusstseinsfeuer

Beginn des erhaltenen Verherrlichungsteils: Der Māhātmyakhaṇḍa setzt hier mit Kapitel 51 mitten in der Lalita-Erzählung ein; Kapitel 1–50 liegen nicht vor. Hayagriva spricht zu Agastya, dem aus einem Krug Geborenen. Die poetische Beschreibung der Göttin verbindet ihre sichtbare Gestalt mit ihrer Deutung als Bewusstsein.

M 51.1 „Höre, Kruggeborener! So von ihm überall vertrieben, lebten die Götter voller Kummer in Wäldern, Felsspalten und tiefen Höhlen.

M 51.2 Aus Furcht vor dem Herrn der Daityas versteckten sie sich lange in den Gebüschen an den Flüssen, damit die Dämonen sie nicht entdeckten. Wurden sie doch entdeckt,

M 51.3 zerrte man sie hervor und schlug sie; wie Knechte mussten sie Dienste verrichten. So vergingen zweitausend mal tausend Jahre.

M 51.4 Da begegnete der Götterkönig eines Tages seinem Lehrer, dem Sohn des Angiras. Shakra verneigte sich und sprach mit gefalteten Händen:

M 51.5 ‚Lehrer, sieh mich leiden, den Herrn der Götter, der bei dir Zuflucht sucht! Nach langer Zeit sehe ich dich wieder. Habe Mitgefühl mit mir, deinem Schüler!

M 51.6 Herr, ich kann solches Leid nicht länger ertragen. Schon früher flehte ich Brahma an, doch er sagte mir wiederholt:

M 51.7 „Herr der Götter, höre: Die Zeit für Abhilfe ist noch nicht gekommen. Warte auf den rechten Zeitpunkt; ohne ihn gelingt das Gewünschte nicht.“

M 51.8 Seither sind unzählige Jahre, ganze Weltalter, vergangen. Noch immer sehe ich nicht die geringste Aussicht auf eine Zeit, die Erleichterung bringt.

M 51.9 Sieh mich: beschmutzt, elend, abgemagert und von allen Seiten bedroht! Dieses Dornengebüsch ist nun mein Himmel und mein Lustgarten Nandana.

M 51.10 Es ist meine Versammlungshalle Sudharma. Die Mücken bilden den Chor der Gandharvas, die Krähen sind meine Hofsänger und die Frösche meine Lobredner.

M 51.11 Die Leuchtkäfer sind Rambha und die anderen himmlischen Tänzerinnen, der nackte Fels mein Daunenbett, ein Strauch mein Kopfkissen und das Heulen der Schakale mein feierlicher Anruf.

M 51.12 Reiher und Kraniche bilden meinen Hofstaat, Erdenstaub ist mein duftendes Puder, und die vom Sturm geschüttelten Dornenzweige sind meine königlichen Wedel.

M 51.13 Sieh, wie ich leben muss! Mein Herz vergeht darunter. Dies ist offenbar mein Schicksal.‘ Mit diesen Worten fiel er in Ohnmacht.

M 51.14 Als der Lehrer sah, wie er vor Kummer ohnmächtig wurde, ergriff ihn Mitgefühl. Er tröstete den Götterkönig; dann sprach der Sohn des Angiras:

M 51.15 ‚Höre, Bester der Götter! Die Weisen verlieren sich nicht in Trauer. In Schwierigkeiten bewahren sie Zuversicht, im Glück Gleichmut.

M 51.16 Menschen von klarem Herzen lassen sich nicht entstellen. Große Menschen überwinden Kummer durch Besinnung und standhaften Mut.

M 51.17 Sie warten auf den rechten Zeitpunkt und schaffen die Voraussetzungen für das Gute. Höre nun, welche entschlossene Handlung hier Frucht bringen wird!

M 51.18 Der Dämon hat durch Askese den Herrn der Wesen erfreut und umfassenden Schutz erlangt. Shiva erklärte, weder ein aus einem Mutterleib noch ein aus geistiger Zeugung entstandenes Wesen könne ihn töten.

M 51.19 In der Welt gibt es nichts außerhalb dieser beiden Arten. Auch durch Götter und männliche Wesen sollte er keinen Tod finden.

M 51.20 Deshalb nimm gemeinsam mit den Götterscharen Zuflucht zu Tripura, der höchsten Herrin. Es gibt keinen anderen Schutz.‘

M 51.21 Nach diesen Worten dachte der Götterlehrer an den Windgott. Kaum hatte er an ihn gedacht, erschien dieser Lebensatem der Welt und verneigte sich.

M 51.22 Vachaspati sprach zu ihm: ‚Höre meine Worte, Windgott! Du kannst überallhin gelangen, bist der Lebensatem aller und besitzt große Kraft.

M 51.23 Bringe Shakra rasch durch die Luft auf einen Gipfel des Himalaya. Bringe auch alle anderen Götter, angefangen bei Agni,

M 51.24 von ihren verschiedenen Verstecken dorthin, ohne dass die Daityas es bemerken. Dort wollen wir mit entschlossener Anstrengung das Gewünschte erreichen.‘

M 51.25 Der Windgott antwortete zustimmend und brachte alle Götter in einem Augenblick zusammen. Shakra und die übrigen Götter versammelten sich auf dem Himalaya-Gipfel.

M 51.26 Dann sandte der Lehrer den Wind aus, um auch die Herren der kosmischen Eigenschaften herbeizuholen. Sie berieten über den Sieg über den Dämon Bhanda.

M 51.27 Sie kamen zu dem Entschluss, dass es keinen anderen Weg gebe als Tripura, die höchste Herrin. So richteten Brahma und die anderen Götter ihre Betrachtung auf sie,

M 51.28 die Mutter und Trägerin aller Welten, und hielten Sinne und Lebensatem gesammelt. Hundert Jahre vergingen, während sie so in Meditation verweilten.

M 51.29 Dann berieten die Götter und verehrten Tripura zu ihrer Freude durch ein großes Opfer nach tantrischer Ordnung.

M 51.30 Dieses große Opfer war reich ausgestattet mit Mantras und Opfergaben. Brahma übernahm das Amt des beaufsichtigenden Brahman-Priesters, der Guru selbst das des leitenden Lehrers.

M 51.31 Shiva, Vishnu und die anderen wirkten als Opferpriester. Als der letzte Tag dieses im Bewusstsein vergegenwärtigten Opfers gekommen war,

M 51.32 brachte der Lehrer, die höchste Mutter betrachtend, die vollständige Schlussgabe dar: im großen Opferbecken, dessen loderndes Feuer als Bewusstsein verehrt wurde.

M 51.33 Während die Götter sie voller Hingabe priesen, erschien Mutter Tripura aus der Mitte des Beckens, aus dem Inneren des brennenden Bewusstseinsfeuers.

M 51.34 Als die Schlussgabe geopfert worden war, flammte das Feuer im Becken auf. Eine Flamme stieg gewaltig empor, eine Yojana hoch.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 51.35 Ein gewaltiger Laut ertönte, wie beim Bersten eines Berges oder beim Einschlag von hundert Blitzen; er durchdrang die Ohren der Himmelsbewohner.

M 51.36 Dann entstand im Inneren der Flamme ein großes Licht, das mit seinem mächtigen Glanz die Augen der Götter überwältigte, als träfen Millionen Blitze zugleich zusammen.

M 51.37 Von diesem ungeheuren Laut und dieser Helligkeit wurden die Götter überwältigt.

M 51.38 Wie taub und blind fielen sie ohnmächtig zu Boden. Nur der Lehrer und die drei großen Gottheiten blieben aufrecht.

M 51.39 Aus der Mitte dieses Lichtes erschien die erhabene Mutter Tripura. Ihr Körper leuchtete wie die geballte Röte der jungen Morgensonne.

M 51.40 Ihre anmutige Gestalt strahlte wie eine Blitzranke. Ihr Gesicht glich einem erblühten Lotus und dem Vollmond, von leuchtender Helligkeit umgeben.

M 51.41 Aus der dunklen Fülle ihres Haares strahlte das Rot des Sindura. Die Juwelen in ihrem Haar funkelten wie Sterne am nächtlichen Himmel.

M 51.42 Ihr langer Zopf glich einer Schlange; der leuchtende Scheitel darin ihrer hervortretenden Zunge. Die rote Sindura-Farbe durchzog die dunkle Himmelsfläche ihres Haares.

M 51.43 Auf ihrer Stirn, die einem umgekehrten Halbmond glich, glänzte ein Schmuckzeichen. Locken wie Bienenschwärme umspielten den geöffneten Lotus ihres Gesichts.

M 51.44 Ihre Augen glichen blauen Lotusblumen im See ihrer Gesichtsschönheit. Ihre Blicke trugen die geheime Kraft eines Mantras, der Millionen Liebesgötter hervorbringen könnte.

M 51.45 Ihre Seitenblicke waren schön wie Wellen, die aus Millionen Milchozeanen aufsteigen. Ihre zarte Nase übertraf die Schönheit einer Champaka-Knospe.

M 51.46 Ihre Wangen glänzten wie polierte Rubinspiegel. Die Edelsteine ihrer Ohrringe waren wie Lotusblüten, die im Strom ihrer Seitenblicke auftauchten.

M 51.47 Die Perlenreihen an diesen Lotus-Ohrringen glichen kleinen Schwänen. Der Glanz des Ohrschmucks bildete einen Bogen, ihre Seitenblicke eine Folge von Pfeilen.

M 51.48 Ihre Lippen trugen das Rot reifer Granatapfelkerne; die Zähne darin schimmerten wie helle Staubfäden im Inneren einer geöffneten roten Wasserlilie.

M 51.49 Über den korallenroten Lippen leuchteten die Zähne wie Knospen weißer Jasminblüten. Ihr sanftes Lächeln war ein Milchozean, aus dem die Korallen der Lippen hervortraten.

M 51.50 Ihr Kinn glänzte wie der Stängel des Rubinlotus ihres Gesichts. Edelsteinketten und Schmuck schmückten die anmutige Lotusgestalt ihres Halses.

M 51.51 Ihre beiden Brüste glichen Lotusknospen über kostbaren Lotusstielen, ihren Armen. Sie schmückten die rubinrote Ranke ihres Körpers wie Blütenbüschel.

M 51.52 Sie glichen einem Paar Chakravaka-Vögel, das sich vor dem Mondglanz ihres Gesichts verborgen hatte, und zugleich Schwänen, die im Strom ihres sanften Lächelns spielten.

M 51.53 Ihre Hände waren rote Blätter an den Zweigen der Körperranke; ihre Finger glichen zarten Hibiskusknospen an korallenroten Trieben.

M 51.54 Ihre vier Arme glänzten mit Stachelstock, Schlinge, Bogen und Pfeilen. Armreifen, Oberarmspangen, Edelsteinringe und ein kostbares Gewand schmückten sie.

M 51.55 Eine Perlenkette leuchtete wie der Stängel des Gesichtslotus. Die feine Haarlinie des Bauches glich einem zarten Stiel, aus dem die beiden Lotusknospen der Brüste hervorgingen.

M 51.56 Ihr vertiefter Nabel war wie die Bewässerungsmulde am Fuß dieser Ranke; die Haarlinie stieg daraus wie eine Wasserpflanze aus einem See empor.

M 51.57 Ein kostbares safranrotes Gewand bedeckte ihre Hüften. Ihre Taille schien nur zu dem Zweck vorhanden, den Oberkörper zu tragen.

M 51.58 Durch den zarten Stoff, einer feinen Wolke gleich, schimmerten ihre Schmuckstücke wie Sterne. Ihre Schenkel übertrafen rubinrote Bananenstämme an Schönheit.

M 51.59 Ihre Unterschenkel glichen Köchern aus rotem Edelstein. Die gewölbten Fußrücken erinnerten an die schöne Rundung eines Schildkrötenpanzers.

M 51.60 Juwelengeschmückte Fußreifen erklangen mit lieblichen Glöckchen. Ihre Lotusfüße überboten die Schönheit erblühter Lotusblumen.

M 51.61 Kostbare Fußornamente schmückten sie. Die mondgleichen Nägel ergossen Nektar und kühlten das Leid derer, die sich vor ihr verneigten.

M 51.62 Ihre Füße waren Meisterinnen des langsamen, anmutigen Schwanengangs. Wie junge Triebe des himmlischen Mandara-Baumes erfüllten sie die Wünsche der Hingebungsvollen.

M 51.63 Als Brahma und die anderen sie so erscheinen sahen, warfen sie sich lang zu Boden und riefen: ‚Sieg sei dir, Göttin!‘

M 51.64 Vachaspati verneigte sich, erhob sich wieder und schaute die Höchste an, ganz überflutet vom Meer der Freude über ihre Erscheinung.

M 51.65 Seine erhobenen, aneinandergelegten Hände bildeten eine Lotusknospe. Aus den Lotusaugen strömten Tränen der Freude.

M 51.66 Von großer Liebe bewegt, pries er sie mit stockender, langsamer Stimme und erfreute Mutter Tripura durch die kunstvolle Schönheit seines Lobgesangs:

M 51.67 ‚Ich habe nicht die Kraft, das Spiel deiner Herrlichkeit zu beschreiben. Doch selbst diese Worte, die ich jetzt spreche, sind nicht ohne deine Kraft möglich. Dadurch verliert mein Name „Herr der Rede“ nichts von seiner Geltung; sollte er sie verlieren, beträfe das die Wirksamkeit deiner Gnade.

M 51.68 Was ich als Lehrer der Götter hier ausspreche, bist du selbst. Du, ich und all dieses – Mutter, alles bist du. Daher gibt es für mich keinen getrennten Verlust oder Gewinn, so wenig wie eine Welle des Milchozeans eine von ihm unabhängige süße oder bittere Natur besitzt.

M 51.69 Was der verblendete Blick als vielfältig getrennt sieht, erscheint wie ein Bild auf der Fläche eines Spiegels. Auch die göttliche Gestalt, die du jetzt vor uns offenbarst, zeigst du uns aus Mitgefühl durch deine Maya, ebenso wie die übrigen Erscheinungen.

M 51.70 Wer sich unter den Gelehrten für den Besten hält, ist dennoch durch dein Spiel verwirrt, Mutter, wenn er dich nicht kennt. Wie sollte ein solcher Denker deine grenzenlose Kraft und die Vielfalt des Sichtbaren mit unzureichenden Argumenten beschreiben?

M 51.71 Wer in Netzen von Worten über „Es ist“ und „Es ist nicht“ streitet, verbringt seine Zeit vergeblich. Gesegnet sind dagegen jene, Weltmutter, die auch nur einen Augenblick in ihrem Herzen deine Bewusstseinskraft betrachten und darin verweilen.

M 51.72 Gesegnet sind die Yogis, die in ihrem inneren Wesen, frei von Durst nach Gegenständen und den entsprechenden Neigungen, ruhig wie in einem makellosen Spiegel deine Kraft schauen und in höchster Freude ruhen.

M 51.73 Wenn sie so lange dein Wesen innerlich betrachten, wird ihre Einsicht fest und natürlich. Dann erkennen sie auch alles Äußere als dein Wesen und leben ganz in deinem Spiel. Selbst die größten Yogis verehren sie.

M 51.74 Auch ich, Lalita, habe eine gewisse Vertrautheit mit deinen Lotusfüßen gewonnen. Innen, immer und überall erkenne ich in Worten, in ihrer Gestaltung und im Denken nicht das Geringste außerhalb von dir. Deshalb verneige ich mich vor dir.‘

M 51.75 Nachdem der Lehrer der Götter sie so gepriesen hatte, warf er sich lang auf die Erde. Auch Brahma und die anderen, die den kosmischen Eigenschaften vorstehen, priesen die Mutter:

M 51.76 ‚Sieg, Sieg dir, Mutter! Deine Herrlichkeit bringt die Welt hervor, erhält sie und löst sie auf. Dein Wesen ist das in allem gleiche Bewusstsein. Obwohl du alles erscheinen lässt, bist du unbegrenztes Gewahrsein, dessen einzige Gestalt das Unübertreffliche ist.

M 51.77 Wunderbar ist deine Kunst: Wie ein Spiegel erscheinst du trotz deiner formlosen Klarheit in vielfältigen Bildern. Es triumphiert deine große Seinsmacht, die das scheinbar Unmögliche möglich macht. [Der Wortlaut in der ersten Hälfte ist beschädigt; die Wiedergabe folgt dem Spiegelvergleich und dem Zusammenhang.]

M 51.78 Obwohl dein Wesen unbegrenzt ist, Herrin, lässt du es durch deine erstaunliche Kraft begrenzt erscheinen. So offenbarst du alle mannigfaltigen Unterschiede von Sehen und Gesehenem.

M 51.79 Indem du dein eigenes Wesen so vielfach siehst, erscheinst du begrenzt. Wenn du aber das Bindende innerlich als Bewusstsein erkennst, leuchtest du wieder so, wie du wirklich bist.

Das Shri Yantra veranschaulicht die Verehrung der Tripura Sundari.

M 51.80 So entfaltest du aus Freiheit dein weites Spiel im Spiegel deines eigenen Selbst. Du schaust diese selbst gestaltete Welt und erfreust dich unablässig daran. Göttin, dir sei Verehrung!

M 51.81 Wer dieses unablässige Spiel durch deine Kraft durchschaut, erfreut sich gleich dir, große Herrin, als göttlicher Zeuge des Spiels der Welten. [Das Wort bhinnaḥ ist hier mehrdeutig; die genaue Beziehung zur göttlichen Kraft bleibt unsicher.]

M 51.82 Für jene, die noch nicht fähig sind, dein verborgenes Wesen samt seinem Spiel zu schauen, ist diese höchste Gestalt sichtbar geworden und schenkt ihren Augen Erfüllung.

M 51.83 Wir verneigen uns erneut vor dieser safranroten, anmutigen Gestalt: sanft geneigt unter der Fülle ihrer Brüste, geschmückt mit der Mondsichel, mit Stachelstock, Pfeilen, Bogen und Schlinge in den Händen.‘

M 51.84 Nachdem Brahma und die anderen sie so gepriesen hatten, verneigten sie sich zu ihren Füßen. Da sprach die Höchste zu ihnen: ‚Meine Kinder, steht rasch auf!

M 51.85 Ich bin gerüstet gekommen, um euren Feind zu besiegen. Was wünscht ihr darüber hinaus? Nehmt meine Gaben entgegen, Herren der kosmischen Eigenschaften!

M 51.86 Auch du, Sohn des Angiras, sage mir: Was begehrst du? Was soll ich dir schenken?‘ Nachdem sie diese Worte der Göttin gehört hatten, antworteten Brahma und die anderen.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya, der erhabenen vorzüglichen heiligen Erzählung, innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 51. Kapitel: Die Erscheinung der erhabenen Lalita. Die überlieferte fortlaufende Gesamtzählung lautet 4233.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 52: Die Götter suchen Schutz bei Tripura

Zur Erzählung: Der kluge Rat Shrutavarmans stellt Bhandas Verachtung weiblicher Macht ausdrücklich infrage. Die drastische Selbstopferung der Götter in Vers 70–72 gehört zur mythologischen Rettungserzählung und ist keine Anleitung zur Selbstverletzung.

M 52.1 „Höre nun, kruggeborener Weiser, die Worte Brahmas und der anderen! In Hingabe verneigt sprachen die Götter zur Göttin:

M 52.2 ‚Wenn die Welten erneut in solche große Not geraten, mögest du zu ihrem Schutz bereitstehen und die feindlichen Widersacher der Götter vernichten.

M 52.3 Doch höre, Mutter: Wie wirst du den Dämon Bhanda töten? Durch den Dreiäugigen hat er doch Schutz vor dem Tod von allen Seiten erlangt.

M 52.4 Wie kann dann das Anliegen der Götter erfüllt und der Dämon besiegt werden?‘ Als die Heilbringende ihre Worte hörte, antwortete sie:

M 52.5 ‚Lotusgeborener, zweifle nicht an der Vernichtung dieses Dämons! Ich bin weder aus einem Mutterleib noch aus dem Geist irgendeines Wesens hervorgegangen.

M 52.6 Ich bin aus dem Feuerbecken erschienen, als eine überweltliche weibliche Gestalt. Mit einer bisher unbekannten Waffe werde ich diesen großen Dämon töten.‘

M 52.7 Nach diesen Worten Lalitas ließen die Herren der kosmischen Eigenschaften ihre Sorge los. Dann sprach der Götterlehrer mit gefalteten Händen zur höchsten Kraft:

M 52.8 ‚Göttin, lass auch Shakra und die anderen dich als Mutter aller in dieser Gestalt schauen, große Herrin, damit sie dadurch geläutert werden!‘

M 52.9 Die Herrin Tripura hörte die Worte des Angiras-Sohnes und antwortete: ‚Höre, Jiva! Shakra und die anderen sind noch nicht fähig,

M 52.10 meine ganz aus göttlicher Kraft bestehende Gestalt so zu sehen. Andere haben diese Gestalt nicht geschaut; ein gewöhnlicher Mensch kann mich nicht so wahrnehmen.

M 52.11 Ihr aber seid dieser meiner Gestalt hingegeben und meditiert beständig darüber. Deshalb habe ich sie euch gezeigt; anderen war sie bisher nicht sichtbar.

M 52.12 Der Donnerkeilträger möge eine andere, begrenztere Gestalt sehen.‘ Doch der Lehrer bat sie wiederholt:

M 52.13 ‚Zeige Shakra eben diese Gestalt!‘ Darauf sagte sie zum Lehrer: ‚Wenn Shakra mich so sehen möchte, höre, was ich ihm auftrage:

M 52.14 Er soll mich nach der Ordnung des Shri Sukta verehren. Dann werde ich ihm diese meine Gestalt gewiss zeigen.‘

M 52.15 Nach diesen Worten weckte sie die ohnmächtigen Götter mit ihrem nektargleichen Blick und verschwand vor den Augen Brahmas und der anderen.

M 52.16 Als Shakra und die übrigen Götter erwacht waren, hörten sie von Brihaspati, wie die erhabene Göttin Tripura erschienen war. Darauf begann Indra,

M 52.17 gemeinsam mit den Göttern und vom Lehrer in die Ordnung der Verehrung eingewiesen, voller Hingabe und Vertrauen die Verehrung nach dem Lakshmi-Sukta.

M 52.18 So verehrte er Tripura, die höchste Herrin. Während dieser Verehrung vergingen sechs und fünf Monate, also elf Monate.

M 52.19 Inzwischen erfuhr der Lehrer der Daityas von den Unternehmungen der Götter und berichtete Bhandasura alles.

M 52.20 ‚Höre, Herr der Daityas! Dein Feind, der Götterkönig, verehrt jetzt auf dem Himalaya voller Hingabe die höchste Kraft.

M 52.21 Wenn sie ihm gnädig ist, wird sie dich samt Söhnen und Verwandten in einem Augenblick vernichten, wie ein Waldbrand einen Haufen Gras und Holz verzehrt.

M 52.22 Handle, solange du noch nicht zugrunde gegangen bist! Gegen einen Feind, der bei einer überlegenen Macht Zuflucht gefunden hat, sehe ich hier kein anderes Mittel als Verständigung.

M 52.23 Übergib Indra rasch Himmel und Erde samt Reichtum und Ausstattung. Behalte nur die Herrschaft über die Unterwelt und nimm selbst

M 52.24 Zuflucht zu jener Göttin, der Herrin des Alls. Andernfalls wirst du vernichtet.‘ Nach diesen Worten ehrte Bhanda ihn, und er ging seines Weges.

M 52.25 Darauf beriet Bhandasura sich in der Stadt Shunyaka mit seinen in der Staatsberatung geschulten Ministern, die ihm aufwarteten.

M 52.26 Auf Befehl des Königs legten sie ihre jeweiligen Ansichten dar: Einer empfahl Verständigung, ein anderer Spaltung der Gegner, ein weiterer Zugeständnisse.

M 52.27 Manche rieten zu Gewalt. So geriet die Versammlung in Unruhe. Da erhob sich Vishukras Sohn, der an Klugheit Shukra gleichgeachtet wurde,

M 52.28 Shrutavarman mit Namen. Er verneigte sich vor dem Herrscher und sprach: ‚Höre, König, eine Überlegung nach den Grundsätzen der Staatskunst!

M 52.29 Der bloß äußere Blick ist fehleranfällig und von Natur aus unstet. Eine Handlung muss mit dem klaren Auge des unterscheidenden Verstandes geprüft werden.

M 52.30 Wer ohne Prüfung handelt, geht zugrunde wie eine Motte im Feuer. Wer gründlich prüft, dem wendet sich das Gelingen zu.

M 52.31 Ein Minister, der an unbegründeten Vorurteilen festhält, vorschnell nach dem ersten Anschein urteilt, nur das sagt, was der König hören möchte, und stets den eigenen Vorteil sucht,

M 52.32 vernichtet zweifellos den König mitsamt seinem Reich – wie ein leckes Boot den Fährmann und die Reisenden im Wasser untergehen lässt.

M 52.33 Wer sein Reich erhalten will, muss sich deshalb von schlechten Ratgebern trennen. Höre nun, was als Nächstes zu tun ist!

M 52.34 Großer König, einst hast du die Gottheit durch Askese erfreut. Doch Schutz vor Frauen hast du dir nicht erbeten, weil du sie fälschlich für unbedeutend hieltest.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 52.35 Deshalb ist hier keine Sorglosigkeit angebracht. Schon der mächtige Dämon Mahisha, der die drei Welten beherrschte, wurde von einer Frau getötet.

M 52.36 Auch Shumbha und Nishumbha, stark und überaus tapfer, wurden mitsamt ihren Heeren von Chandika im Kampf besiegt; so haben wir gehört.

M 52.37 Nicht das Geschlecht entscheidet über den Sieg, sondern Einsicht und Tapferkeit. Höre noch etwas, das seit Langem bekannt ist:

M 52.38 Wann immer unter Daityas, Danavas und Rakshasas ein besonders mächtiger Führer auftritt, räumt Vishnu ihn aus dem Weg wie einen Dorn.

M 52.39 Nun haben wir gehört, dass Hari, der Feind der Daityas, die höchste Kraft erfreut hat. Sie ist erschienen, um dich zu töten,

M 52.40 und zwar aus dem Opferfeuerbecken, weder aus einem Mutterleib noch aus geistiger Zeugung. Schutz vor einem Wesen, das auf keine dieser beiden Arten entsteht, hast du nicht erbeten.

M 52.41 Der verehrte Lehrer Shukra ist der Beste der Verständigen. Halte seine Worte nicht für geringfügig, Herr der Daityas!

M 52.42 Darum erscheint mir der Rat des Lehrers angemessen. Ein Kluger muss mit allen Mitteln die Gefahr abwenden, die sich aus der gegenwärtigen Lage ergibt.

M 52.43 Wo keine übermächtige Gefahr besteht, ist Tapferkeit gut; bei solcher Gefahr ist Verständigung geboten. Wer klar sieht, muss den völligen Verlust seiner Grundlage nach Kräften vermeiden.

M 52.44 Ist die Wurzel abgeschnitten, welche Hoffnung bleibt auf Früchte? Wird sie geschützt, können wieder Früchte wachsen. Höre meine wohlbedachte Ansicht, König:

M 52.45 Stelle zunächst nach dem Rat des Lehrers Frieden her. Dann verehre wie zuvor durch Askese die Götter und beseitige die verbliebene Lücke in deinem Schutz.

M 52.46 Danach kannst du mit neuer Kraft die drei Welten wieder unter deine Herrschaft bringen. Dies ist mein Rat; ich sehe keine sicherere Möglichkeit.

M 52.47 Prüfe ihn und handle bald so, wie du es für richtig hältst.‘ Als der Daityaherrscher Bhanda Shrutavarmans Worte hörte,

M 52.48 wies er dessen Auffassung vor der Dämonenversammlung zurück. Wie einem Menschen, dessen Ende naht, die hilfreiche Arznei widerstrebt, so missfiel ihm dieser Rat.

M 52.49 Da sprach ein von Übermut berauschter Dämon zum Herrscher: ‚Herr der Daityas, höre meinen erfreulichen Rat!

M 52.50 Ängstliche Kinder gehören nicht in eine Beratung. Dieses Kind weiß nichts von der Kraft deiner Arme.

M 52.51 Er lässt sich von den Worten des furchtsamen Brahmanen Ushanas völlig einschüchtern. Was versteht ein Brahmane von den Kriegsgeschäften der Könige?

M 52.52 Brahmanen kennen Opferhandlungen und die Wissenschaft des Veda; sie wissen, wie man Einladungen zum Opfer ordnet. Was haben sie mit Krieg zu schaffen?

M 52.53 Sie kennen die scharfe Kante des Opfermessers und sind tapfer beim Auslegen von Kusha-Gras und Brennholz. Die Schneide des Schwertes und ein Feld voller Pfeile kennen sie nicht.

M 52.54 Wenn Brahmanen mit bloßer Beratung einen Krieg gewinnen könnten, würden Elefanten vor Dorfhunden vor Angst Wasser lassen!

M 52.55 Wenn Brahmanen wirklich das gewaltige Kriegshandwerk verstünden, könnten auch Schakale die Schläfen eines wilden Elefanten aufreißen.

M 52.56 Steh auf, König! Jetzt ist nicht die Zeit zum Ausruhen. Frau oder Mann – wer zum Feind geworden ist, darf nicht unbeachtet bleiben.

M 52.57 Soll etwa heute eine Frau dich besiegen, Dämonenfürst, dessen Kraft den Meru entwurzeln könnte und dessen sonnenähnliche Macht die drei Welten versengt?

M 52.58 Dann könnte man auch einen Berg mit blauen Lotusblättern spalten oder einen massiven Eisenberg mit Grasspitzen durchbohren!

M 52.59 Oder bleibe du hier und genieße nach Belieben. Gib nur mir, deinem Diener, den Auftrag; ich gehe und werde in einem Augenblick

M 52.60 Brahma und die anderen sowie diese Frau gefesselt oder erschlagen vor dich bringen.‘ Bhanda freute sich über die Worte des Dämons.

M 52.61 Dem Verhängnis bereits verfallen, lachte er Shrutavarman aus und sagte: ‚Mein Kind, warum erschrickst du schon beim bloßen Gerede über einen Krieg?

M 52.62 In unserem Geschlecht wurde noch nie ein solcher Schwächling geboren und wird nie geboren werden, der schon vor dem Gedanken an einen Kampf mit einer Frau Angst bekommt.

M 52.63 Du bist ein Kind. Geh zu deinen Geliebten und mache ihnen schöne Worte! Schande über mich, dass ich jemanden wie dich zum Minister gemacht habe, der jede Beratung zunichtemacht.

M 52.64 Deine geschickten, nichtswürdigen Worte zerschlagen selbst den Berg des Mutes tapferer Männer wie ein Donnerkeil.‘ So sprach er, erhob sich mit dem Schwert in der Hand und zog aus, die Götter zu vernichten.

M 52.65 Begleitet von zahllosen tapferen Dämonen mit verschiedensten Waffen gelangte er dorthin, wo Shakra und die anderen Tripura verehrten.

M 52.66 Als die Götter hörten, dass Bhanda, der Herr der Daityas, herannahte, erschraken sie sehr und riefen laut zur Göttin: ‚Beschütze uns!‘

M 52.67 Tripura erkannte ihre Furcht und sprach zur vierzehnten Nitya: ‚Geh, Jvalamalini, beschütze rasch die verängstigten Götter!‘

M 52.68 Auf diesen Befehl hin versperrte die heilvolle Jvalamalini mit einer hohen Flammenwand den Weg, auf dem die Dämonen zum Angriff kamen.

M 52.69 Bhanda sah das von Feuer umgebene Gebiet und glaubte, die Götter seien in einem Waldbrand umgekommen. Voll Freude kehrte er um.

M 52.70 Die Götter jedoch hörten den gewaltigen Lärm des Dämonenheeres, gerieten in Todesangst und beschlossen, ihr Leben hinzugeben. Sie schnitten Teile ihres Körpers ab

M 52.71 und opferten sie einzeln im Feuerbecken, um die Göttin zu erfreuen. Nachdem sie ihre Glieder dargebracht hatten, wollten sie den verbliebenen Körper

M 52.72 als vollständige Schlussgabe opfern und sprachen leise die entsprechenden Mantras. In diesem Augenblick erschien Tripura, ganz dem Schutz ihrer Verehrer zugewandt,

M 52.73 aus der Mitte des Beckens, strahlend wie Millionen Blitze. Ein gewaltiges Knistern und Krachen stieg aus dem Feuer empor.

M 52.74 Die Flamme wuchs mächtig an. In ihrer Mitte sahen die Götter die große Göttin als die Fülle aller Schönheit.

M 52.75 Freudig riefen sie laut: ‚Sieg, Sieg!‘, und warfen sich zu Boden. Dann erhoben sich Shakra und die anderen und priesen die höchste Herrin.

M 52.76 Brahma, Vishnu und die übrigen Götter sowie Weise und Rishis kamen herbei. Vom Himmel regneten Blüten, und himmlische Trommeln erklangen.

M 52.77 Sanfte, duftende, angenehm berührende Winde wehten. Brahma und die anderen vollzogen von allen Seiten ihre Verehrung nach der überlieferten Ordnung.

M 52.78 Sie brachten ihr große Ehrengaben, Blumengirlanden, verschiedene Speisen, Getränke, vergorene Getränke und auch Fleisch dar.

M 52.79 So verehrten und erfreuten sie die Herrin der Götter durch Gesang, Tanz, Instrumentalmusik und viele festliche Feiern.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 52. Kapitel: Die Erscheinung Tripuras auf das inständige Flehen der Götter. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4312.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 53: Shri Sukta, Lopamudra und die Gründung Shripuras

Shri und Tripura: Das Kapitel erklärt die Beziehung zwischen Lakshmi und Tripura aus der Sicht dieser shaktischen Überlieferung. Es lobt das sechzehnversige Shri Sukta, gibt dessen Wortlaut aber nicht wieder. Die erwähnte sechzehnsilbige Vidya wird hier ebenfalls nicht ausgeschrieben.

M 53.1 „Nachdem Shakra und die anderen Götter die höchste Herrin gesehen hatten, wandten sie sich an Brahma und die übrigen, damit die Göttin unter ihnen bleibe.

M 53.2 Höre, Kruggeborener, wie Brahma und die anderen daraufhin die Weltherrin verehrten und sie baten:

M 53.3 ‚Höchste Herrin, Shakra und die anderen wünschen, dass du in dieser Welt Wohnung nimmst, damit wir dich beständig schauen können.

M 53.4 Wir, die Herren der kosmischen Eigenschaften, können durch die Macht deiner Gnade deine eigene Welt erreichen und dort deine Lotusfüße sehen.

M 53.5 Shakra und die anderen Götter aber sind durch deine Weltordnung gebunden und können die Grenze ihres Welteis nicht überschreiten. Auch sie möchten dich schauen.

M 53.6 Darum erschaffe hier eine Wohnstatt und verweile darin!‘ So von Brahma und den anderen gebeten, nahm Mutter Tripura, die höchste Herrin,

M 53.7 mit ihrem Gefolge Wohnung in einer herrlichen Stadt, die Vishvakarman auf dem Meru-Gipfel errichtete – so, wie sie in ihrer eigenen Welt wohnt.

M 53.8 Auf weitere Bitte machte die Mutter Kameshvara, den sie durch Teilung eines Anteils ihrer selbst gestaltet hatte, zu ihrem Gemahl und vermählte sich mit ihm.

M 53.9 Als der Kruggeborene Hayagrivas Bericht hörte, wurde sein Interesse an der Herrlichkeit der Höchsten geweckt, und er fragte:

M 53.10 ‚Hayagriva, Meer des Mitgefühls! Wo liegt diese Stadt, in der die Höchste wohnt? Wie ist sie beschaffen, und welche Ausdehnung hat sie?

M 53.11 Wie konnte der Weltenbaumeister jene Welt kennen, die Indra und den anderen unzugänglich ist? Wie heißt sie, und wie ist sie angeordnet?

M 53.12 Außerdem haben Shakra und die anderen Mutter Tripura nach der Ordnung des Shri Sukta verehrt und dadurch ihre Gunst erlangt.

M 53.13 Wie ist diese Ordnung beschaffen, wie dieses Sukta? Welche Herrlichkeit besitzt es? Bitte erkläre mir dies!

M 53.14 Pferdegesichtiger, habe Mitgefühl mit deinem hingebungsvollen Schüler!‘ So befragt, hörte Hayagriva, der große Weise, aufmerksam zu.

M 53.15 Er hielt Agastya für geeignet und antwortete erfreut: ‚Höre, Kruggeborener! Ich werde es dir erklären, denn du bist voller Hingabe und Vertrauen.

M 53.16 Dies soll nicht einem Vertrauenslosen, einem Hingabelosen oder einem Unaufrichtigen mitgeteilt werden. Du bist gesegnet auf Erden,

M 53.17 denn dein Eifer, diese Geschichte zu hören, ist so groß. Ich kenne die Ursache dafür; ihre Frucht ist keineswegs gering, Weiser.

M 53.18 Hingabe an die Gottheiten, welche die kosmischen Eigenschaften verkörpern, ist verbreitet. Hingabe an Tripuras Füße dagegen ist überaus selten.

M 53.19 Das Leben, in dem Hingabe an Tripura entsteht, gilt hier als die letzte Geburt. Hingabe an Shiva, Vishnu und die anderen wird als Eingang zu diesem Weg beschrieben.

M 53.20 Wer nach und nach Vishnu und die anderen verehrt und zur Verehrung der Füße der erhabenen Göttin gelangt, wird vollständig befreit; anders, so erklärt der Text, nicht einmal in Millionen Weltperioden.

M 53.21 Ich werde dir die Begründung nennen, damit kein Zweifel bleibt. Einem Weltherrscher dienen in der gewöhnlichen Welt verschiedene Amtsträger,

M 53.22 höhere, mittlere und untere. Sind sie günstig gestimmt, gewähren sie Zugang zu ihrem eigenen Bereich und weisen den Weg zu den über ihnen Stehenden.

M 53.23 So gewährt zunächst ein freundlich gestimmter Torhüter ungehinderten Eintritt durch das Tor und zeigt den Weg zum Aufseher des Hofes, Kruggeborener.

M 53.24 Dass Brahma und die anderen den kosmischen Eigenschaften zugeordnet sind und die Höchste verehren, gilt in dieser Überlieferung als bekannt; deshalb sollst du daran nicht zweifeln.

M 53.25 Obwohl die Wirklichkeit nichtdual ist, gibt es aus der Sicht der Weltordnung eine Unterscheidung von Haupt- und Nebenfunktionen, wie der Kopf im Verhältnis zu den übrigen Körperteilen.

M 53.26 Menschen, die durch unheilsames Handeln verblendet sind und trotz offener Augen nicht sehen, finden darin kein Vertrauen. Selbst die aus ihren Füßen hervorgegangenen Gottheiten sind beständig ihrer Verehrung zugewandt. [Der zweite Halbvers ist im Zusammenhang nicht eindeutig.]

M 53.27 Du aber bist sehr gesegnet, Brahmane, weil du Liebe zur erhabenen Höchsten gefunden hast. Dies ist die Größe guter Gemeinschaft. Welch Glück, welch gereifte Askese!

M 53.28 Höre nun, was deine Hingabe an die Füße der Höchsten geweckt hat. Deine geliebte, treue Frau, die Königstochter Lopamudra,

M 53.29 gewann schon im Haus ihres Vaters Hingabe zum höchsten Zustand. Ich erkläre dir den verborgenen Grund dafür, den sonst niemand kennt.

M 53.30 Eine der Hauptkräfte Tripuras heißt Bhagamalinika. Der König war ihr stets mit seinem ganzen Wesen ergeben.

M 53.31 Deine Frau war von Kindheit an reinen Herzens und ihrem Vater im Dienst zugetan. Sie beobachtete die geordnete Verehrung der Göttin, die ihr Vater vollzog.

M 53.32 Wenn er mit den Regierungsgeschäften beschäftigt war, führte sie die Verehrung aus. Durch lange, hingebungsvolle Verehrung und innere Betrachtung

M 53.33 erfreute sie die Göttin. Diese bot ihr eine Gabe an, und Lopamudra wählte die Verehrung der Füße jener Höchsten, die von der ganzen Welt verehrt wird.

M 53.34 Die gnädige Göttin wies sie auf die wahre Vidya Tripuras hin. Nachdem diese ihr angezeigt worden war, erschloss Lopamudra sie aus dem Meer der heiligen Rede

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 53.35 wie einen kostbaren Edelstein. Durch die Gnade der Göttin erlangte sie den Rang einer Seherin dieser Vidya, die daraufhin unter ihrem Namen bekannt wurde.

M 53.36 Durch die Kraft deiner Gemeinschaft mit ihr ist auch deine Hingabe erwacht.‘ Als der Kruggeborene von der großen Herrlichkeit seiner Frau hörte,

M 53.37 war er erfreut und ehrte sie als eine den Füßen der Göttin ganz Ergebene. Dann sprach Hayagriva heiter zu Agastya:

M 53.38 ‚Höre gesammelt, Sohn des Kruges! Ich erkläre dir die höchst läuternde Ordnung des Shri Sukta, nach der du gefragt hast.

M 53.39 Sie soll nicht einem Hingabelosen oder einem ausschließlich einer anderen Gottheit Zugewandten mitgeteilt werden. Wie die Vidya soll sie in dieser Überlieferung sorgsam bewahrt werden.

M 53.40 Das Shri Sukta mit seinen sechzehn Versen stammt aus dem ursprünglichen Veda. Einst schaute Shri es und hob es aus dem Meer des Veda hervor.

M 53.41 Mit ihm verehrte sie nach der rechten Ordnung die höchste Kraft Tripura, erlangte den Rang der Weltmutter und wurde von allen verehrt.

M 53.42 Einundzwanzig mal hundert Millionen Jahre verehrte sie die Höchste. Dann wurde Tripura gnädig und bot ihr eine Gabe an.

M 53.43 Shri wählte die völlige Vereinigung mit ihr. Darauf sprach die höchste Mutter: „Mein Kind, ohne dich kann Vishnu die Welten nicht erhalten.

M 53.44 Wenn er sie nicht erhält, würden sie augenblicklich zerfallen. Dadurch würde meine Weltordnung verletzt; deshalb ist diese Vereinigung jetzt nicht angemessen.

M 53.45 Stattdessen gewähre ich dir Folgendes: Ich werde immer deinen Namen und deine Wesensgestalt tragen. Höre, wie dies geschehen soll!

M 53.46 Ich werde Shri Vidya heißen, meine Stadt Shripura, mein Chakra Shri Chakra und meine Verehrungsordnung Shri Krama.

M 53.47 Dieses Sukta wird mein Shri Sukta sein, meine Vidya wird Shri Shodashi heißen. Als Mahalakshmi werde ich bekannt sein und in Wesenseinheit mit dir bestehen.

M 53.48 Du wirst in vier Gestalten an meiner Seite verehrt werden. Was dir in der Welt lieb ist, wird auch mir lieb sein.

M 53.49 Am Freitag verehren dich deine Anhänger nach der rechten Ordnung. An diesem Tag sollen auch meine Verehrer mir besondere Verehrung darbringen.

M 53.50 Wenn sie mich mit den Mantras dieses Sukta, mit Ehrengaben und mit verschiedenen Opferstoffen verehren, werde ich gnädig und erfülle ihre Wünsche.

M 53.51 Wenn sie mein Yantra, mein Bild oder eine andere Verehrungsform mit Wasser, Milch und Fruchtsäften übergießen, gewähre ich die ersehnten Früchte.

M 53.52 Bei meiner täglichen Verehrung, bei anlassbezogenen und wunschbezogenen Riten und auch sonst soll beim rituellen Bad der Göttin das Lakshmi-Sukta mit seinen sechzehn Versen rezitiert werden.

M 53.53 Schon nach einer vollständigen Rezitation, so die Verheißung, wohnt Lakshmi beständig im Haus des Verehrenden. Wer die aufwendige Verehrung nicht vollziehen kann, aber regelmäßig dein Sukta rezitiert,

M 53.54 hat dadurch alles vollständig getan; ich bin erfreut. Auch die Vidya wird mir durch ihre Verbindung mit dir besonders lieb sein.

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

M 53.55 Ich bin die Vidya selbst. Dein überaus heilvolles Bija ergänzt sie zur Fülle; so wird sie als die große sechzehnsilbige Shri-Vidya gelehrt.

M 53.56 Bei den einzelnen Ehrengaben der Puja sollen die Mantras aus dem Sukta gesprochen werden. So wird diese Puja zur großen Verehrung, und ich werde rasch gnädig.

M 53.57 Im Sukta bin ich als sein Bedeutungssinn verborgen, und auch mein Bija ist darin verborgen. Die Seher erflehen meine vollkommene Gestalt vom väterlichen Feuer.

M 53.58 Nichts ist mir in der Welt lieber als dein Sukta. Du bist ich, Göttin, und ich bin du. Zwischen uns besteht keine Trennung.

M 53.59 Wer eine solche Trennung behauptet, wird große Schwierigkeiten erfahren.“ Nachdem die höchste Tripura Rama-Lakshmi diese Gabe gewährt hatte,

M 53.60 ging sie unvermittelt in den weiten Raum ein. Damit ist dir, Kruggeborener, die Herrlichkeit des Shri Sukta erklärt. Teile dies keinesfalls

M 53.61 Hingabelosen, Unaufrichtigen oder Menschen ohne inneres Vertrauen mit. Nun erzähle ich dir die überweltliche Geschichte Shripuras. Höre!

M 53.62 Schon durch ihr Hören, so heißt es, wird man von allen Verfehlungen frei. Als Brahma und die anderen die höchste Göttin gebeten hatten,

M 53.63 für Shakra und die übrigen sichtbar Wohnung zu nehmen, stimmte sie zu und nahm spielerisch eine sichtbare Gestalt an.

M 53.64 Darauf rief Brahma den Baumeister Tvashtar herbei und beauftragte ihn, auf dem hohen Meru-Gipfel Shripura für die Göttin zu errichten.

M 53.65 Vishvakarman verneigte sich vor dem Urvater und sagte: „Erhabener, ich kenne jene Stadt nicht. Wo liegt sie?

M 53.66 Welche Ausdehnung und Gestalt hat sie? Wie ist sie aufgebaut? Erkläre es mir, Erhabener; wenn ich es gehört habe, werde ich sie errichten.“ [Eine Wortgruppe in der ersten Hälfte ist beschädigt; die Frage nach Gestalt und Beschaffenheit ist deutlich.]

M 53.67 Da sprach der Schöpfer der Welt: „Höre, Weltenbaumeister! Ich erkläre dir die Maße, Anordnung, Beschaffenheit

M 53.68 und Gestalt Shripuras ganz deutlich. Höre aufmerksam! Schon das Hören davon kann heilvolle Hingabe an Tripuras Füße wecken.

M 53.69 Der goldene Berg namens Sumeru trägt die Gestalt des vielfältigen Weltbildes. In seiner Mitte liegt ein großer Gipfel von vierhundert Yojanas Ausdehnung.

M 53.70 Dort errichte die Stadt der Göttin Tripura, Weltenbaumeister! Höre meine Beschreibung und führe sie sorgfältig aus.

M 53.71 Die Stadt soll bezaubernd und überaus schön sein, geschmückt mit verschiedenen Ringwällen, wie ein Abbild der Welt. Höre nun meine Worte!“‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya, im Gespräch zwischen Hayagriva und Agastya, das 53. Kapitel: Die Ordnung des Shri Sukta und die Beschreibung der Errichtung des Shri Chakra. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4383.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 54: Die Stadt der Göttin

Eine heilige Stadt als Bewusstseinsbild: Die kosmischen Maße gehören zur religiösen Schilderung. Die konzentrischen Wälle führen von Metallen und Edelsteinen über Geist, Verstehen und Ichbewusstsein bis zur Göttin im Shri Chakra. Die Bilder verbinden Verehrung, Kosmologie und Erkenntnis.

M 54.1 „Außerhalb der unzähligen Millionen [Welten] und über ihnen liegt ein unermesslicher Nektarozean, Weltenbaumeister. [Der erste Halbvers ist unvollständig; das Bezugswort „Welten“ ist aus dem Zusammenhang ergänzt.]

M 54.2 Seine tanzenden Wellen türmen sich hoch wie der Sumeru. In seiner Mitte liegt die Juweleninsel Manidvipa, deren Glanz alle Finsternis vertreibt.

M 54.3 Sie erstreckt sich über Hunderte von Koti Yojanas; eine Koti entspricht zehn Millionen und ist überaus bezaubernd. Ringsum schmücken vielfältige Wälder wunscherfüllender Bäume das Land.

M 54.4 Dort liegt ihre Stadt, strahlend von allen Arten von Edelsteinen. Länge und Breite betragen jeweils vierhunderttausend Yojanas.

M 54.5 Ihr äußerer Ringwall hat dieselbe Ausdehnung und besteht aus festem Eisen. Er ist viereckig, nach allen Seiten wohlgeordnet und erhellt die Himmelsrichtungen.

M 54.6 Mit seinen Aufbauten ist er viertausend Yojanas hoch, besitzt vier Tore und wird außen von einem Graben umgeben.

M 54.7 Siebentausend Yojanas weiter innen steht ein strahlender Ringwall aus Bronze, dessen Maße der beschriebenen Ordnung folgen.

M 54.8 Der Zwischenraum ist von Hunderten Gärten mit Wunschbäumen erfüllt und von Hunderten Wasserbecken geschmückt, jedes zehn Yojanas weit.

M 54.9 In den acht Richtungen liegen Seen voller erblühter Lotusblumen, jeweils hundert Yojanas weit, im Bereich zwischen den Einfassungen. [Die genaue räumliche Zuordnung im zweiten Halbvers ist bereits in der Vorlage als unsicher gekennzeichnet.]

M 54.10 Der innere Boden ist mit Bronze gestaltet; vielerlei Vögel und Tiere leben dort. Im Bereich der Lotusseen liegen acht bronzene Häuser.

M 54.11 Sie sind mit mannigfaltigen Bildern geschmückt, von fünf Einfassungen umgeben und jeweils hundert Yojanas breit und hoch.

M 54.12 Auf einem großen Sitz thront Mahakala, von Kali umfangen. Er ist erfüllt von der Gunst, die er durch den Dienst an den Füßen Mutter Tripuras erlangte.

M 54.13 Er hat sich achtfach entfaltet und wohnt in den acht Häusern, ständig umgeben und verehrt von zahllosen Scharen seines Gefolges.

M 54.14 Im genannten Abstand innerhalb des bronzenen Ringwalls liegt ein kupferner Ringwall, glänzend wie die junge Morgensonne.

M 54.15 Maße, Tore, Wasserbecken, Lotusseen und Häuser folgen der beschriebenen Ordnung. Der Zwischenraum ist außen mit Bronze und innen mit Kupfer gestaltet.

M 54.16 Wie zuvor gibt es dort Wälder wunscherfüllender Bäume. In den Häusern glänzt der anmutige Frühlingsgott.

M 54.17 Zusammen mit den Kräften Madhu und Madhava sowie seinem Gefolge verehrt er die höchste Mutter und erstrahlt in seiner eigenen Herrlichkeit.

M 54.18 Die Maße der Wälle, Tore, Wasserbecken und Lotusseen sind entsprechend der bereits genannten Ordnung zu verstehen. Ich beschreibe nun jeweils ihre besonderen Merkmale.

M 54.19 Es folgt ein Ringwall aus Blei, umgeben von Santana-Bäumen. Dort wohnt der Sommer, begleitet von den Kräften Shukra und Shuchi.

M 54.20 Der nächste Wall besteht aus Messing und hat Gärten mit gelbem Sandelholz. Dort erstrahlt die Regenzeit mit den Kräften Nabhas und Nabhasya.

M 54.21 Ein Wall aus fünf Metallen ist von Mandara-Bäumen geschmückt. Dort herrscht der Herbst mit den Kräften Isha und Urja.

M 54.22 Darauf folgt ein silberner Wall mit Parijata-Wäldern. Dort erstrahlt der frühe Winter mit den Kräften Sahas und Sahasya.

M 54.23 Der nächste Ringwall ist golden und glänzt wie hundert junge Sonnen. Dort liegt ein Kadamba-Wald, erfüllt vom Duft berauschenden Blütentranks.

M 54.24 Süßer Bienengesang, Tanz und Musik erfüllen ihn; Scharen von Papageien verleihen ihm mit ihren lieblichen Rufen besondere Schönheit.

M 54.25 Dort wohnt die Göttin Mantrini, die Ratgeberin, welche die Welt bezaubert. Sie ist die göttliche Mutter der Musik und als Matangi bekannt.

M 54.26 Zu ihren Gestalten gehören Shuka-Shyamala, Sharika, Hasantika, Vina-Shyamala, Venu-Shyamala und Laghu-Shyamala.

M 54.27 Raja-Shyamala ist die Ratgeberin selbst. Hinzu tritt Shri-Matrika; so stehen ihre Gestalten in den acht Richtungen. [Die Namensfolge in Vers 26–27 ist in der Vorlage stellenweise beschädigt; ihre genaue Abgrenzung bleibt unsicher.]

M 54.28 Millionen und Abermillionen Matanga-Töchter umgeben sie. Weiter innen folgt ein Wall aus gelbem Edelstein, nach derselben Ordnung wie zuvor.

M 54.29 Dort meditiert der Herr der Siddhas, von Vollendeten umgeben, über die Höchste. Innerhalb davon liegt ein Wall aus roten Rubinen, rot wie die Spitze einer Flamme.

M 54.30 Dort wohnen die Charanas, Verehrer Tripuras, mit ihren Gefährtinnen. Es folgt ein Wall aus Gomedaka-Edelsteinen; dort weilt inmitten der Bhairava-Herren

M 54.31 die Göttin Kalasamkarshini, umgeben von Scharen junger Bhairava-Gestalten. Sie ist furchterregend, dunkel wie eine Gewitterwolke und trägt ein Schwert.

M 54.32 Acht große Bhairavas, die Herren von achtzig Millionen Bhairavas, und dreihundertzwanzig Millionen Batukas verehren sie beständig.

M 54.33 Sie meditiert über die Lotusfüße der großen Königin und erstrahlt in Herrlichkeit. Danach folgt ein diamantener Wall. Dort fließt der Fluss Vajra,

M 54.34 der das Gebiet wie ein Graben umschließt und in den Nektarozean mündet. Seine Ufer glänzen aus Gomedaka und Diamant.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 54.35 Dort wohnt Vajreshvari, leuchtend mit Diamantschmuck. Sie freut sich an Diamantgaben und wird von Indra, dem Donnerkeilträger, und den anderen verehrt.

M 54.36 Innerhalb davon liegt ein Wall aus Vaidurya. Dort verweilen die Nagas und die Söhne Ditis und meditieren unablässig über die Lotusfüße der höchsten Mutter.

M 54.37 Dann folgt ein Wall aus blauem Saphir, in dessen Bereich Menschen wohnen. Innerhalb des folgenden Perlenwalls stehen die Hüter der Himmelsrichtungen an ihren jeweiligen Plätzen.

M 54.38 Es folgt ein Smaragdwall mit Wäldern goldener Palmen. Der aus den Palmen fließende Trank erfüllt die Umgebung mit starkem Duft.

M 54.39 Dort wohnt die erhabene Dandini, die Göttin der strafenden Ordnung, mit ihrem Gefolge und weist den Fehlhandelnden die entsprechende Strafe zu. [Die Bezeichnung des Gefolges im ersten Halbvers ist beschädigt.]

M 54.40 Durch den Genuss des süßen Tranks ist sie innerlich vom Meer der Freude erfüllt. Danach folgt ein korallener Wall; in seinem inneren Bereich

M 54.41 verweilen viele vollendete Weise und Yogis. Anschließend liegt ein besonders schöner, heilvoller Wall aus neun Edelsteinarten.

M 54.42 Dort erstrahlt Vishnu, dessen Füße von seinem Gefolge verehrt werden. Ein weiterer strahlender Wall besteht aus einer Fülle verschiedener Edelsteine.

M 54.43 Dort wohnt der dreiäugige Shiva, dem die Pramathas dienen. Danach folgt ein aus Geist bestehender Wall, rot wie das Morgenlicht.

M 54.44 In seinem Inneren liegt ein Nektarbecken, das den Bereich wie ein Graben umgibt. Es ist von erblühten Lotusblumen erfüllt und nimmt ein Drittel des Zwischenraums ein.

M 54.45 Schwäne, Enten, Chakravaka-Vögel und Kraniche schmücken es. In seiner Mitte liegt ein mit neun Edelsteinarten besetztes Boot.

M 54.46 Darin sitzt auf einem Lotusthron Tara, die ihre Verehrer hinüberführt. Zahllose Kräfte auf kostbaren Booten umgeben sie.

M 54.47 Ohne Dandinis Erlaubnis führt sie niemanden hinüber. Danach folgt ein Wall aus unterscheidendem Verstehen, klar wie die Mondscheibe.

M 54.48 Dort liegt das Becken der Glückseligkeit, in jeder Hinsicht so schön wie zuvor beschrieben. Amriteshvari steht darin auf einem Boot, von ihren Kräften umgeben.

M 54.49 Dieses Becken ist von der Freude des göttlichen Tranks erfüllt; ihr Inneres ist voller Wonne. Ohne Amriteshvaris Erlaubnis trinkt niemand daraus.

M 54.50 Niemand überquert das von ihr geschützte Becken ohne ihre Zustimmung. Danach folgt eine Einfassung aus Ichbewusstsein, dunkel

M 54.51 wie eine blaue Wolke. Darin liegt das Becken namens Vimarsha, reflektierendes Selbstgewahrsein, dessen Wasser der Geschmack der Erkenntnis ist: still und kühl.

M 54.52 Dort befindet sich die große Göttin Kurukulla auf einem Boot. Ohne ihre Erlaubnis erlangt niemand auch nur ein wenig dieses Nektars.

M 54.53 Wer auch nur einen Tropfen davon trinkt, lässt alles aus Nichtwissen entstandene Brennen los und schaut das Wesen der Welt unverhüllt.

M 54.54 Danach folgt ein aus Sonne bestehender Wall, eine Fülle von Licht. Darin sitzt Surya auf einem Lotussitz.

M 54.55 Er ist von den zwölf Sonnengestalten, darunter Martanda-Bhairava, umgeben. Verehrer mit sonnenleuchtenden Körpern preisen ihn.

M 54.56 Es folgt eine Mondeinfassung, strahlend wie Millionen Monde. Dort wohnt König Soma und ergießt mit seinen Strahlen Nektar.

M 54.57 Innerhalb davon liegt der besonders vielfältig gestaltete Wall der Liebesschönheit, aus einer Fülle von Kaustubha-Edelsteinen erbaut.

M 54.58 In seiner Mitte liegt ein Graben voll klarer Liebeswonne. Auf einem Boot aus Kaustubha-Edelsteinen, das ebenfalls Liebesschönheit heißt,

M 54.59 wohnt Kandarpa, der Liebesgott, mit Rati und Priti. Millionen von Liebesgöttern und ihren entsprechenden Liebeskräften dienen ihm.

M 54.60 Als einer der vorzüglichsten Verehrer Tripuras erfreut er sich dort. Jenseits davon liegt ein großer, von Duft erfüllter Lotuswald.

M 54.61 Es ist ein Wald von Landlotusblumen. Ihre Stiele, Blätter, Staubfäden und Blütenböden sind außerordentlich groß; ich werde ihre Maße nennen.

M 54.62 Die Stiele sind tausend Yojanas lang und eine Gavyuti dick. Für die Blätter wird eine Ausdehnung von zwanzig Yojanas genannt.

M 54.63 Die Blätter sind dreißig Yojanas lang, Sohn des Kruges, die Staubfäden fünfzehn Yojanas. [Die beiden Verse nennen für patra unterschiedliche Maße; möglicherweise sind Breite und Länge gemeint. Der Wortlaut unterscheidet dies nicht sicher.]

M 54.64 Die Blütenböden sind zehn Yojanas weit. Die darin lebenden Bienen glänzen wie Edelsteine und sind so groß wie Berggipfel.

M 54.65 In diesem Wald liegt das überaus strahlende Haus der Göttin Tripura, aus kostbarsten Wunschjuwelen erbaut und vielfältig geschmückt.

M 54.66 Es besitzt vier Tore. Dort steht ein göttlicher runder Untersatz, dessen Wesen Feuer ist, verbunden mit dessen Kräften.

M 54.67 Er ist fünfhundert Yojanas breit und halb so hoch. Darauf steht ein Gefäß, dessen Wesen Sonne ist, verbunden mit ihren zwölf Kräften.

M 54.68 Es ist tausend Yojanas breit und anderthalbtausend hoch. Es ist vollständig gefüllt mit wohlschmeckendem, lieblich duftendem Nektartrank.

M 54.69 Dieser hat das Wesen des Mondes und ist von dessen Kräften umgeben. Der Mond weilt dort auf einem Boot und spielt in den Wellen des Nektartranks.

M 54.70 Der Trank ist für die Kräfte bestimmt, die im Shri Chakra wohnen, ebenso für die reinen Kräfte im großen Lotuswald.

M 54.71 Durch die Gunst der Hauptkräfte empfangen sie davon und erfreuen sich beständig. Südöstlich befindet sich ein großes Opferbecken, umkränzt von Flammen des Bewusstseinsfeuers.

M 54.72 Es ist tausend Yojanas weit und ebenso tief und besitzt drei Stufenränder. Jeder Rand ist hundert Yojanas hoch und breit.

M 54.73 Dort brennt das bewusste Feuer, aus dem die Göttin Tripura erschien, umgeben von einer zweitausend Yojanas hohen Flammenkrone.

M 54.74 Westlich des Hauses steht der Wagen in Gestalt des Chakra, mit mannigfaltigen Edelsteinen besetzt und tausend Yojanas lang.

M 54.75 Er ist viermal so hoch und mit neun Ebenen überaus schön gestaltet. Die zehn Sinnes- und Handlungsorgane sind seine Pferde, der Geist ist sein Lenker.

M 54.76 Die heiligen Überlieferungen sind seine Räder, Yoga seine Zügel, der Wind sein Banner und der Raum sein Baldachin. Dieser große Wagen besteht aus allen Welten. [Eine zusätzliche Bestimmung im ersten Halbvers ist in der Vorlage unklar.]

M 54.77 In der Mitte jenes Wunschjuwelenhauses befindet sich der herrliche Mittelpunkt des Shri Chakra, umgeben von den Göttinnen seiner neun Einfassungen.

M 54.78 In dessen Mitte erstrahlt Tripura als Lichtgestalt, auf dem aus den fünf Brahmas bestehenden Lager, auf Kameshvaras Schoß.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Tripura-Erzählung das 54. Kapitel: Die Beschreibung Shripuras. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4461.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 55: Kameshvari, Kameshvara und die Entfaltung der Kräfte

Einheit und göttliches Paar: Die Forderung der Götter nach einem Gemahl folgt zunächst zeitgebundenen gesellschaftlichen Vorstellungen. Sadashivas Antwort betont ausdrücklich die völlige Unabhängigkeit der Göttin. Kameshvara erscheint anschließend aus ihr selbst. Die Versnummer 6 fehlt in der Textgrundlage; die Zählung wird unverändert bewahrt.

M 55.1 „Vishvakarman hörte diesen wunderbaren Bericht und fragte, tief erstaunt, den Urvater aller Welten:

M 55.2 ‚Erhabener Urvater, in meinem Herzen bestehen dazu noch viele Zweifel. Ich frage dich danach; bitte erkläre es mir!

M 55.3 Wer hat diese Wohnstatt geschaffen, wann und aus welchem Grund? Es hieß, niemand außer den aus den kosmischen Eigenschaften hervorgegangenen Gottheiten könne dorthin gelangen.

M 55.4 Nun wurden dort aber auch andere Götter, Menschen, Nagas und weitere Wesen beschrieben. Wie ist dies zu verstehen? Herr, habe Mitgefühl mit mir!‘

M 55.5 So befragt, antwortete der Weltenherr dem Weltenbaumeister: ‚Höre, Tvashtar! Ich erzähle dir diese tief verborgene Begebenheit.

M 55.7 Einst waren wir unablässig mit Schöpfung und den anderen Welttätigkeiten beschäftigt. Da unser Inneres dadurch stets beansprucht war, verehrten wir die Mutter, bis sie uns gnädig wurde.

M 55.8 Tripura, die höchste Kraft, deren Wesen reines Bewusstsein ist, erschien ungeteilt wie der Raum, körperlos und nur als heilvolle Stimme.

M 55.9 Sie sprach: „Meine Kinder, was wünscht ihr?“ Als wir ihre Worte hörten, verneigten wir uns und antworteten.

M 55.10 Wir priesen sie mit verschiedenen Hymnen und sprachen ehrerbietig mit gefalteten Händen: „Große Göttin, du hast uns beständig mit diesen Aufgaben der Welt betraut.

M 55.11 Doch wir finden darin keine Freude. Außer dem Verweilen in deinem eigenen Wesen vermag uns nichts zu erfreuen.

M 55.12 Es ist, als sollte jemand nach dem Kosten von Nektar Salzwasser trinken. Habe Mitgefühl, Herrin der Götter; wir finden an diesen Tätigkeiten kein Gefallen.“

M 55.13 Auf diese Worte von uns, Brahma und den anderen, antwortete Tripura: „Brahma und ihr übrigen, dies kann jetzt nicht geschehen.

M 55.14 Meine von mir selbst zuvor bestimmte Weltordnung lässt sich nicht einfach umgehen. Denkt deshalb nicht weiter in dieser Weise. Ich werde euch einen anderen Wunsch erfüllen.“

M 55.15 Da baten wir Tripura, die Förderin der Welten: „Wenn es so ist, Mutter, nimm auch du eine sichtbare göttliche Gestalt an.

M 55.16 Werde zur Königin aller Könige und leite die Gesamtheit der Welteier. Wenn wir deine Gestalt täglich verehren,

M 55.17 werden wir auch an unseren Aufgaben und am Befolgen deiner Weisung Freude finden.“ Die höchste Tripura hörte unsere Bitte und sagte:

M 55.18 „So sei es! Zu eurem Wohl nehme ich eine sichtbare Gestalt an. Ich werde jedoch nicht in einem einzelnen Weltei wohnen,

M 55.19 sondern im Nektarozean eine Juweleninsel schaffen, die allen Welten gemeinsam zugänglich ist. Dort sollen die Weltenherren mich hingebungsvoll verehren.

M 55.20 Entzündet dort im Opferbecken das reine Bewusstseinsfeuer und betrachtet mich nach eurem Wunsch in heilvoller weiblicher oder männlicher Gestalt.

M 55.21 Ich werde entsprechend eurer Betrachtung erscheinen und die Schar der Welten leiten. Den Brahmas und den anderen Herrschern aller Welteier

M 55.22 werde ich mich beständig in einer sichtbaren Gestalt zeigen.“ Nach diesen Worten verschwand sie vor uns, Brahma und den übrigen.

M 55.23 Ihrem Wort folgend verließen wir das Weltei und erreichten den Nektarozean. Überall suchten wir nach der Juweleninsel.

M 55.24 Nach langer Suche fanden wir Manidvipa, ganz aus neun Edelsteinarten bestehend, deren eigener Glanz die Himmelsrichtungen erfüllte.

M 55.25 Dort errichteten wir ein herrliches Opferbecken in den bereits genannten Maßen. Dann fragten wir uns, wie wir darin Feuer entzünden sollten.

M 55.26 Es gab dort weder Feuer noch Brennstoff. Da ließ Shiva aus seinem Auge Feuer in das Becken treten.

M 55.27 Weil dieses Feuer ohne Brennstoff zu erlöschen drohte, gestaltete Vishnu aus Anteilen seines eigenen Geistes Brennholz.

M 55.28 Als das Feuer loderte, stellte ich, Brahma, meinen Geist als Opfertier, das unterscheidende Verstehen als geklärte Butter und das Ichbewusstsein als Opfergabe vor.

M 55.29 Die Sinne und inneren Fähigkeiten machte ich zu den Opfergefäßen, um die höchste Gottheit zu verehren. In meinem Inneren betrachtete ich im Feuer ihre weibliche Gestalt so, wie sie beschrieben wurde.

M 55.30 Nachdem ich sie so betrachtet und die Gabe geopfert hatte, erschien die höchste Herrin aus dem Feuerbecken, genau entsprechend dieser Meditation.

M 55.31 Wir priesen die höchste Kraft. Dann trat die Schönste der drei Welten aus dem Feuer heraus.

M 55.32 Die Höchste sagte zu mir: „Zeige mir meinen Sitz!“ Auf ihren Befehl gestaltete ich einen ausgezeichneten Sitz.

M 55.33 Doch schon bei ihrer Berührung zerfiel er. Immer wieder schuf ich feste Sitze verschiedenster Art; jeder zerbrach augenblicklich, sobald sie ihn berührte.

M 55.34 Mehr als hundert Sitze, die ich mit all meiner Kraft gefertigt hatte, zerfielen. Da schämte ich mich.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 55.35 In diesem Augenblick erschienen durch ihren Willen Sadashiva, der allumfassende Gott, und die vierte Gottgestalt, Ishvara. Beide verneigten sich vor der Göttin.

M 55.36 Sie sprach zu ihnen: „Schafft mir einen Sitz!“ Sadashiva hörte ihre Worte und versenkte sich in Betrachtung.

M 55.37 Sogleich erschienen unzählige Millionen Gottheiten der kosmischen Eigenschaften, Sadashivas und Ishvaras. Aus ihnen allen

M 55.38 zog er die Wesenskraft zusammen und gestaltete daraus fünf herrliche Formen. Aus dem Anteil der Sadashivas schuf er eine zinnoberrote Sitzfläche,

M 55.39 geformt aus ihrer göttlichen Gestalt. Aus den vier Gruppen der Kräfte Ishvaras, Rudras, Haris und Brahmas

M 55.40 bildete Sadashiva die vier Füße des Lagers. Danach bereitete er aus der Essenz aller Erden eine Decke,

M 55.41 weich wie Schwanenflaum, und breitete sie darüber. Aus der Gesamtheit der Meru-Gipfel gestaltete der Gott der Götter

M 55.42 ein Kopfkissen. Er verneigte sich und sagte: „Mutter, es ist bereit. Nimm darauf Platz!“

M 55.43 Da verneigten sich die Herren der kosmischen Eigenschaften vor Sadashiva und sagten: „Gott, ein Sitz allein genügt nicht. Es fehlt noch ein Haus.

M 55.44 Er steht hier unter freiem Himmel. Errichte daher ein schönes Haus!“ Sadashiva hielt dies für angemessen und schuf ein herrliches Gebäude,

M 55.45 aus Wunschjuwelen gefügt und mit mannigfaltigen Edelsteinen geschmückt. Dieser Palast hatte eine Ausdehnung von zweitausend Yojanas.

M 55.46 Er besaß vier Tore, bestand aus den vier Veden, war mit den heiligen Überlieferungen geschmückt und trug den großen Raum als Baldachin.

M 55.47 Da das Haus allein im weiten Raum noch nicht vollkommen anmutig erschien, schuf er ringsum einen großen, herrlichen Lotuswald

M 55.48 mit den zuvor beschriebenen Merkmalen. Dadurch erstrahlte das Gebäude. In diesem Haus bestieg die höchste Herrin

M 55.49 Tripura den Edelsteinthron und erhellte alle Richtungen. Dort sitzend,

M 55.50 wurde sie von unzähligen Brahmas, Vishnus, Rudras, Ishvaras und Sadashivas gepriesen. Dann sprach die höchste Herrin zu Sadashiva:

M 55.51 „Gib mir, der Namenlosen, einen wunderbaren Namen, durch den meine Gestalt in der Welt bekannt wird.“

M 55.52 Sadashiva, der Gott der Götter, nahm ihren Auftrag an und dachte über einen Namen nach.

M 55.53 Da baten Brahma, Vishnu, Rudra und die anderen ihn: „Gott, auch dies scheint uns noch nicht ganz passend. Die höchste Mutter

M 55.54 ist das ewige Bewusstsein, das Wesen des Erkennenden und der Grund von Sein und Nichtsein. Aus Mitgefühl ist sie entsprechend unserer Meditation sichtbar geworden.

M 55.55 Da sie nun die Gestalt einer Frau trägt, erscheint sie uns ohne einen männlichen Gefährten nicht vollständig geschmückt; die Welt könnte daran Anstoß nehmen.

M 55.56 In der Welt scheint eine Frau ohne männlichen Beistand so wenig bestehen zu können wie eine Ranke ohne einen Baum.

M 55.57 Gestalte deshalb für diese Trägerin des Alls einen würdigen, heilvollen und höchsten Gemahl. Dies ist unser aller Wunsch.“

M 55.58 Als Sadashiva die Worte der Gottheiten gehört hatte, dachte er lange nach und antwortete entschlossen:

M 55.59 „Hört aufmerksam, ihr aus den kosmischen Eigenschaften hervorgegangenen Gottheiten! Diese Göttin steht über allem Höchsten; ihr Wesen ist reines Sein und Bewusstsein.

M 55.60 Vor allem anderen war sie allein, aus sich selbst frei. Es gab nichts anderes, weder seiend noch nichtseiend, weder einheitlich noch verschieden.

M 55.61 Aus der Fülle ihrer eigenen Herrlichkeit ließ sie dieses vielfältige Weltbild in sich erscheinen, spielerisch wie ein Spiegel seine Bilder.

M 55.62 Niemand ist ihr gleich – wie sollte es jemanden geben, der ihr überlegen wäre? Wer könnte der Gemahl dieser einzigen Mutter aller Welten sein?

M 55.63 Ich besitze nicht die Macht, hier etwas Entsprechendes zu schaffen.“ So sprach Sadashiva vor unseren Augen.

M 55.64 Die höchste Herrin Tripura erkannte unseren Wunsch und lächelte leicht; ihr Lächeln strahlte wie Millionen Vollmonde.

M 55.65 Da ertönte ein gewaltiger Laut, als würden Scharen von Welteiern bersten. Er durchdrang die Ohren und erfüllte alle Richtungen.

M 55.66 Ein großes Licht flammte auf und verschlang gleichsam die Himmelsrichtungen. Es glich dem Aufleuchten von Millionen Blitzen und überwältigte alle Augen.

M 55.67 Durch den Laut und das Licht waren wir wie taub und blind. Voll Staunen fragten wir uns, was geschehen sei.

M 55.68 Im nächsten Augenblick sahen wir die höchste Herrin auf dem kostbaren Schoß eines Wesens sitzen, dessen Schönheit der ihren glich.

M 55.69 Sie erschien als ein Paar, gleichsam mit ihrem eigenen Spiegelbild vereint. Als wir sie auf dem linken Schoß dieses ihr gleichen Mannes erblickten,

M 55.70 erfüllte uns unvergleichliche Freude, denn unser Wunsch war erfüllt, Weltenbaumeister. Die beiden schienen einander durch die Fülle ihrer anmutigen Schönheit

M 55.71 noch zu übertreffen und waren ganz von der Freude ihrer Umarmung erfüllt. Da sprach die Höchste zu uns: „Götter, euer Wunsch ist erfüllt.

M 55.72 Ich selbst bin zweifach geworden, um euren Wunsch zu erfüllen. Gebt uns beiden Namen, unter denen wir hier bekannt sein werden.“

M 55.73 Sadashiva sah, wie wir über die Namensgebung unschlüssig waren, verneigte sich und sagte: „Göttin, weil du unseren Wunsch erfüllt hast,

M 55.74 sollst du Kameshvari heißen und dieser Gott Kameshvara. Da ihr nun auch über uns als die Könige der Könige herrscht,

M 55.75 bist du Rajarajeshvari und er Rajarajeshvara. Du bist Tripurasundari und er Tripurasundara.“

M 55.76 Darauf priesen wir, Brahma und die anderen, die höchste Herrin. Weil sie dort noch ohne Gefolge war, baten wir erneut:

M 55.77 „Mutter, höchste Herrin, du solltest hier mit deinem Gefolge wohnen. Wenn wir dich allein sehen, ist unsere Freude noch nicht vollständig, Heilvolle.“

M 55.78 Auf unsere Bitte ließ sie in einem Augenblick aus ihrem eigenen Körper eine ihr gleiche höchste Kraft hervorgehen, wie ein Spiegelbild.

M 55.79 Sie nannte diese Kraft Mahatripurasundari und sprach: „Erschaffe einen vorzüglichen Kreis von Kräften, der meinem Wesen entspricht,

Das Shri Yantra veranschaulicht die Verehrung der Tripura Sundari.

M 55.80 ein Gefolge aus meinen eigenen Anteilen, das die Wünsche aller Welten erfüllt.“ Die Göttin stimmte zu und erschuf einen höchst wunderbaren Kreis von Kräften,

M 55.81 die herrlichen Einfassungen der Kraft der großen Göttin. Währenddessen entfaltete sich die große Göttin selbst in sechzehn Gestalten.

M 55.82 Über diese hinaus blieb sie selbst als siebzehnte Göttin bestehen. Inzwischen ließ Mahatripurasundari

M 55.83 aus ihrem Körper neun Kräfte entstehen und sagte zu ihnen: „Erschafft jeweils weitere anmutige Kräfte, die eurem eigenen Wesen entsprechen!“

M 55.84 So von der großen Sundari angewiesen, erschuf jede ihre eigenen Kräfte. Auf diese Weise erhielt die große Mutter Tripura ihr Gefolge.

M 55.85 Schnell schuf sie für diese Kräfte Wohnstätten in Gestalt des Weltenkreises. An ihren jeweiligen Orten stehend, verehrten sie die Göttin.‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung, im Gespräch zwischen Brahma und Vishvakarman, das Kapitel über Kameshvari, Kameshvara und die Anordnung des Kraftkreises in Shripura. In der fortlaufenden Abfolge ist dies Kapitel 55; die verkürzte Kapitelzahl im Kolophon ist widersprüchlich. Die Gesamtzählung lautet 4546.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 56: Die Göttinnen des Shri Chakra

Kräfte und Einfassungen: Namen, Gestalten und Wohnorte bezeichnen die rituelle Ordnung des Shri Chakra. Die Überlieferung enthält einzelne unstimmige Namenszählungen; fehlende Namen werden hier nicht aus anderen Fassungen ergänzt.

M 56.1 „Nachdem Vishvakarman diesen wunderbaren Bericht gehört hatte, verneigte er sich vor dem Weltschöpfer und fragte voller Wissbegier:

M 56.2 ‚Erhabener, nenne mir Namen, Gestalt und Wohnorte der sechzehn Kräfte, die Mutter Tripura selbst hervorgebracht hat.

M 56.3 Beschreibe auch die von Mahatripurasundari geschaffenen Kräfte: Wie sind sie gestaltet, wie viele sind es, und welche Kräfte gingen wiederum aus ihnen hervor?

M 56.4 Wie ist die Wohnstatt beschaffen, die Tripuras Kraft als Abbild des Weltenkreises schuf? Welche Kräfte wohnen an welchen Orten?

M 56.5 Erkläre mir dies alles; ich möchte es hören.‘ Auf diese Frage des Weltenbaumeisters antwortete der Viergesichtige erfreut:

M 56.6 ‚Höre aufmerksam das tiefste Geheimnis, Tvashtar! Mahatripurasundari, die zuerst hervorgebracht worden war,

M 56.7 erschuf neun Kräfte zur weiteren Entfaltung der Schar göttlicher Kräfte. Als sie ihnen ihren Auftrag gab, fragten diese:

M 56.8 „Mutter, wie sollen wir die von dir genannten Kräfte hervorbringen?“ Mahatripurasundari antwortete:

M 56.9 „Verbindet euch im Yoga mit eurem eigenen Wesen und erschafft sie unverzüglich!“ Darauf brachte die erste zehn leuchtend rote Kräfte hervor.

M 56.10 Diese gewähren in der Welt die Vollkommenheiten, angefangen bei der Fähigkeit, sich unendlich klein zu machen. Sie halten Schlinge, Lotus und Stachelstock und tragen die Mondsichel im Haarschmuck.

M 56.11 Ihre Namen sind Anima, Laghima, Mahima, Ishitva, Vashitva, Prakamya, Bhukti, Iccha und Prapti,

M 56.12 sowie Sarvakama, jeweils mit dem Zusatz Siddhi. So entstanden zehn Göttinnen. Dann wandten sich die neun ursprünglichen Kräfte an ihre Mutter:

M 56.13 „Mutter, gib auch uns rasch Namen; dann wollen wir weitere Kräfte erschaffen.“ Mahatripurasundari antwortete ihnen:

M 56.14 „Weil ihr durch Yoga erschafft, werdet ihr Yoginis heißen.“ Die erste verneigte sich vor der Herrin Tripura und bat:

M 56.15 „Mutter, schaffe einen Ort, an dem die Kräfte wohnen können!“ Auf diese Bitte hin gestaltete die höchste Kraft eine wunderbare Wohnstatt.

M 56.16 Sie schuf eine viereckige Plattform, zwei Yojanas hoch und zweihundert Yojanas breit.

M 56.17 Auf ihr ließ sie in allen vier Richtungen außen einen Rand von vier Yojanas frei und gestaltete innerhalb davon eine schöne Anlage mit vier Toren.

M 56.18 Die Toranlage wird als zwanzig Yojanas breit und sechs Yojanas lang beschrieben und mit dem inneren Bereich verbunden. [Die genauen Baubezüge in Vers 17–19 sind sprachlich nicht eindeutig.]

M 56.19 Daran schließt eine viereckige, zwei Yojanas hohe Ebene an. Zwei Yojanas weiter innen folgt eine weitere, eine Yojana hohe Ebene und entsprechend noch eine.

M 56.20 So gibt es drei Ebenen. Innerhalb davon liegt auf sechzehn Yojanas eine um eine Yojana erhöhte Ebene in Gestalt eines sechzehnblättrigen Lotus.

M 56.21 Darin folgt, wieder um eine Yojana erhöht, eine sehr schöne Ebene von zwanzig Yojanas Ausdehnung in Gestalt eines achtblättrigen Lotus.

M 56.22 Innerhalb liegt eine zwölf Yojanas weite, eine Yojana hohe Ebene in Gestalt von vierzehn Dreiecken. Darin folgt eine weitere von gleicher Ausdehnung,

M 56.23 in Gestalt von zehn Dreiecken. Innerhalb davon liegt eine elf Yojanas weite, wieder eine Yojana erhöhte Ebene mit zehn Dreiecken.

M 56.24 Darin folgt eine zehn Yojanas weite Ebene aus acht Dreiecken, ebenfalls eine Yojana hoch.

M 56.25 In ihrer Mitte liegt die sechs Yojanas weite dreieckige Ebene, wiederum eine Yojana erhöht. Darüber liegt, nochmals um dieselbe Höhe angehoben,

M 56.26 die runde Bindu-Ebene von einer Yojana Durchmesser. Nachdem sie diese Wohnstatt geschaffen hatte, nahm die Göttin selbst auf der runden Ebene Platz,

M 56.27 auf dem Schoß Kameshvaras, der auf dem Sitz der fünf Brahmas thront. Die sechzehn ihr gleichen Kräfte, die aus ihrem eigenen Wesen hervorgegangen waren,

M 56.28 ließ sie der Reihe nach auf der dreieckigen Ebene unterhalb ihres eigenen Sitzes wohnen. Diese Göttinnen bestehen aus den Mondkräften und stehen den Tagen der beiden Mondhälften vor.

M 56.29 Sie heißen Nityas. Ich nenne dir ihre Namen: Die erste ist Kameshvari Nitya, die zweite Bhagamalini,

M 56.30 dann Nityaklinna, Bherunda, Vahnivasini, Mahavidyeshvari und Shivaduti,

M 56.31 Tvarita, Kulasundari, Nitya, Nilapataka, Vijaya, Sarvamangala und Jvalamala,

M 56.32 sowie Chitra. Je fünf wurden links, hinten und rechts auf der dreieckigen Ebene angeordnet.

M 56.33 Die Göttin selbst ist die siebzehnte Nitya. Die zuvor genannte sechzehnte erlangte durch die Kraft ihrer Askese die Vereinigung mit ihr.

M 56.34 Mahatripurasundari, die zu Beginn hervorgebracht worden war, setzte sie als Herrin der Bindu-Ebene vor sich.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 56.35 Auch die zuvor genannten neun Yoginis waren von ihr erschaffen worden. Sie erhielten jeweils Namen entsprechend ihren besonderen Aufgaben.

M 56.36 Sie heißen Prakata, Gupta, Guptatara, Sampradaya, Kulottirna, Nirbhaga und Rahasya,

M 56.37 ferner Atirahasya und Parapararahasya. Die Göttin ordnete sie den Kreisen zu; höre, wie.

M 56.38 Sie wohnen der Reihe nach im Quadrat, im sechzehnblättrigen und achtblättrigen Lotus, in den vierzehn, zehn, weiteren zehn, acht und drei Dreiecken sowie auf der obersten Ebene.

M 56.39 Die Yogini Prakata setzte die zehn von ihr geschaffenen Kräfte der Reihe nach auf die unterste Ebene.

M 56.40 Danach schuf sie acht Kräfte in Gestalt der Muttergöttinnen, angefangen bei Brahmi, die Kräfte der Lautgruppen, und setzte sie auf die zweite Ebene.

M 56.41 Anschließend schuf Prakata eine weitere Gruppe von zehn Kräften und ordnete sie auf der dritten Ebene an.

M 56.42 Gupta sah ihre sechzehn vorgesehenen Plätze und erschuf entsprechend sechzehn Kräfte. Ebenso erschufen Guptatara,

M 56.43 Sampradaya, Kulottirna und Nirbhaga jeweils so viele verschieden gestaltete Kräfte, wie es ihrer Wohnstatt entsprach.

M 56.44 Rahasya brachte sieben Kräfte hervor. Die „noch Geheimnisvollere“ erschuf eine einzige weitere Kraft.

M 56.45 Auch Anima und die anderen schufen jeweils Hunderte Kräfte, die ihnen selbst in Gestalt, Waffen, Gewändern und Schmuck glichen.

M 56.46 Mahatripurasundari, die Herrin des Bindu-Chakra, wurde von der ursprünglichen Göttin beauftragt, den Kräften Namen zu geben.

M 56.47 Sie benannte jede nach ihrer jeweiligen Tätigkeit. Die zehn Göttinnen der dritten Ebene,

M 56.48 die das Wesen und die Ordnung der Mudras kennen und alle Mudras verkörpern, bringen Freude hervor; deshalb werden sie Mudras genannt.

M 56.49 Indem sie Freude hervorbringen, erschüttern sie die Welten, lassen sie dahinschmelzen, ziehen sie an, bringen sie unter ihre Gewalt und berauschen sie.

M 56.50 Sie säen aus, lassen keimen, bewegen sich im Himmelsraum, gliedern dreifach und führen zum Wesen des schöpferischen Ursprungs, der Yoni.

M 56.51 Diese kraftvollen Mudras heißen Samkshobhini, Vidravini, Akarshini und Vashamkari,

M 56.52 Unmadini, Mahankusha, Trikhanda, Khechari, Bija und Yoni. Sie stehen in den Himmels- und Zwischenrichtungen sowie unten und oben.

M 56.53 Zu den Göttinnen der drei Ebenen gehören ferner Brahmi, Maheshvari, Kaumari, Vaishnavi, Varahi und Mahendri,

M 56.54 Chamunda und Mahalakshmi. Sie entsprechen Brahma und den anderen Gottheiten in Körpergestalt, Waffen, Schmuck und Gewändern. [Die Vorlage wiederholt Vaishnavi in Vers 53; die Wiederholung ist hier als offensichtliche Dublette nicht nochmals als neunte Mutter gezählt.]

M 56.55 Die Mudra-Göttinnen leuchten rot, tragen Schlinge, Mudra-Gesten und Stachelstock und sind mit rubinroten Schmuckstücken geschmückt.

M 56.56 Die von Gupta geschaffenen Kräfte ziehen das von den Verehrenden Ersehnte an. Die erste heißt Kamakarshini, die zweite Buddhyakarshini,

M 56.57 dann folgen Ahamkarakarshini, Shabdakarshini, Sparshakarshini und Rupakarshini,

M 56.58 Rasakarshini, Gandhakarshini, Cittakarshini, Dhairyakarshini und Smrityakarshini,

M 56.59 Namakarshini, Bijakarshini, Atmakarshini und Amritakarshini,

M 56.60 sowie Sharirakarshini. Diese sechzehn Kräfte wurden von der Gupta-Yogini hervorgebracht und auf den sechzehn Blättern angeordnet, beginnend beim vorderen Blatt nach links.

M 56.61 Sie sind weiß, tragen weiße Gewänder und weißen Schmuck und erstrahlen in voller Jugend. Ihre Hände halten Schlinge, Nektargefäß und Stachelstock und zeigen die Gabe gewährende Geste.

M 56.62 Anangakusuma, Anangamekhala, Anangamadana, Anangamadanatura und Anangarekha,

M 56.63 Anangaveshini, Anangankusha und Anangamalini sind aus Guptatara hervorgegangen und wohnen im achtblättrigen Lotus.

M 56.64 Sie sind rot und tragen rote Gewänder und roten Schmuck. Nach Himmels- und Zwischenrichtungen geordnet, halten sie Schlinge, blauen Lotus, Schale und Stachelstock.

M 56.65 Samkshobhini, Vidravini, Akarshini, Ahladini, Sammohini, Stambhini, Jrimbhini und Vashamkari,

M 56.66 Ranjini, Unmadini, Arthasadhini, Sampattipurani, Mantramayi und Dvandvakshayamkari

M 56.67 wurden von Sampradaya hervorgebracht und in den vierzehn Dreiecken angeordnet, von vorn nach links. Sie sind rot, mit entsprechenden Gewändern und Schmuck.

M 56.68 Ihre vier Arme halten Schlinge, Nektartopf, Spiegel und Stachelstock. Die nächste Gruppe beginnt mit Siddhiprada, Sampatprada und Priyamkari,

M 56.69 gefolgt von Mangalajnakarini, Kamaprada, Duhkhavimocani und Mrityuprashamani,

M 56.70 Vighnanivarini, Angasundari und Saubhagyadayini. Sie wohnen in den zehn Dreiecken, in derselben Ordnung wie zuvor. [Die Worttrennung bei Mangalajnakarini in Vers 69 ist nicht eindeutig; die Lesung als ein Name wahrt die genannte Zehnergruppe.]

M 56.71 Ihre vier Hände tragen Schlinge, Schmuckkästchen und Stachelstock; die Gestalten, Gewänder und Schmuckstücke sind hell und klar. [Die vierte Handbestimmung ist nicht ausdrücklich erhalten.]

M 56.72 Diese jugendlichen Kräfte sind aus Kulottirna hervorgegangen. Die nächste Gruppe nennt Jnanashakti, Aishvaryaprada und Jnanamayi,

M 56.73 Vyadhivinashini, Adharasvarupini, Papahara, Anandamayi und Rakshasvarupini,

M 56.74 sowie Ipsitaprada. Sie stehen wie zuvor in der inneren Zehnergruppe, mit Schlinge, Gabe-Geste, Erkenntnis-Geste und Beil; ihre Glieder und Schmuckstücke sind rot. [Die überlieferte Namensfolge lässt nur neun Namen sicher abgrenzen; ein zehnter wird nicht ergänzt.]

M 56.75 Diese reinen jugendlichen Kräfte wurden von der hier Nigarbhā genannten Yogini hervorgebracht. Danach werden Vashini, Modini, Vimala und Aruna genannt,

M 56.76 ferner Jayini, Sarveshvari und Kaulini. Diese Kräfte sind aus der Rahasya-Yogini hervorgegangen und leuchten wie Rubine.

M 56.77 Sie tragen Bogen, Gabe-Geste, Buch und Pfeile, sind rot geschmückt und erstrahlen in den acht Dreiecken nach der beschriebenen Ordnung.

M 56.78 Eine weitere, aus Atirahasya hervorgegangene Kraft steht im nördlichen Dreieck. So wurden die Kräfte des Chakra von den ursprünglichen Kräften hervorgebracht.‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 56. Kapitel: Die Erklärung der Gottheiten des Shri Chakra. Die fortlaufende Gesamtzählung lautet 4624.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 57: Die Plätze der Kräfte und der Gurukreis

M 57.1 „Nachdem Tvashtar Brahmas Erklärung gehört hatte, fragte er ehrerbietig weiter: ‚Urvater, ich habe nun vom Shri Chakra als Kreis der göttlichen Kräfte gehört.

M 57.2 Erkläre mir noch, wodurch diese Kräfte ihre Namen erhielten. Warum bleiben im achtfachen Kreis und im Dreieck Plätze ohne eine zugeordnete Kraft?

M 57.3 Und wodurch erlangte die sechzehnte große Nitya die Vereinigung mit der Höchsten?‘ Auf diese Fragen antwortete der Viergesichtige erfreut:

M 57.4 ‚Höre, Weltenbaumeister, dieses tief verborgene Geheimnis! Die sechzehn Nityas wurden von der großen Herrin Tripura selbst geschaffen.

M 57.5 Die übrigen Kräfte wurden von Mahatripurasundari hervorgebracht. Ihre jeweiligen Namen bestimmen sich aus ihren eigenen Tätigkeiten.

M 57.6 Die höchste Kraft, die große Göttin namens Tripura, hat diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt zu ihrem fortwährenden Spiel.

M 57.7 Mit Anteilen ihrer selbst ist die bewusste höchste Herrin in Brahma und den anderen Gottheiten gegenwärtig und vollzieht durch sie die Vorgänge des Weltenkreises.

M 57.8 Obwohl die Mutter ungeteilt und von einem einzigen Wesen ist, ganz aus Bewusstsein bestehend, erscheint sie durch ihre eigene Freiheit vielfältig.

M 57.9 Wie die Sonne, das Juwel des Himmels, ein einziges Lichtgestirn ist und doch als Fülle tausender Strahlen erscheint, oder wie das Meer

M 57.10 ein einziges ist und doch als Wellen, Wogen und Schaum vielfältig auftritt, oder wie ein Spiegel tausend Spiegelbilder trägt,

M 57.11 so besteht auch die Höchste zugleich in Verschiedenheit und Nichtverschiedenheit. Anima und die übrigen Kräfte sind ihre eigenen Anteile.

M 57.12 Durch ihre Freiheit nehmen sie sichtbare Gestalten an. Jede Kraft erhält den Namen der Tätigkeit, die durch sie bewirkt wird.

M 57.13 Als die Kräfte so geschaffen waren, gerieten sie durch Mahamaya in Verwirrung. Weil ihre Plätze höher oder niedriger lagen, begannen sie miteinander zu wetteifern.

M 57.14 Mahatripurasundari sah diese Unruhe im Kreis der Kräfte und sprach auf Weisung der großen Göttin:

M 57.15 „Hört alle meine Worte, ihr Kräfte! Wer von Rivalität und Zorn erfüllt ist, kann einen Platz nahe der Göttin

M 57.16 nicht leicht erlangen. Gewinnt euren Platz durch Askese und Yoga, nicht anders!“ Danach begann sie selbst mit einer großen, erstaunlichen Askese.

M 57.17 Als die anderen Mahatripurasundari so sahen, übten auch sie mit gesammeltem Geist Askese.

M 57.18 Lange Zeit verging, während die Schar der Kräfte sich der Askese widmete. Dann wurde die Höchste gnädig und sagte:

M 57.19 „Meine Kinder, eure Askese erfreut mich. Ich werde euch angemessene Plätze zuweisen.“ Sie bestimmte zuerst den Platz Mahatripurasundaris

M 57.20 und verlieh ihr die Herrschaft über alle Kreise. Die eigenen Nitya-Kräfte ordnete sie auf der dreieckigen Ebene an,

M 57.21 je fünf an jeder Seite. Der sechzehnten Nitya gab sie einen Platz unmittelbar vor sich; doch diese hielt selbst das noch nicht für ihr höchstes Ziel.

M 57.22 Sie begann erneut mit außerordentlich schwieriger Askese. Ebenso gaben sich Kameshvari und Bhagamalini

M 57.23 mit ihren Plätzen nicht zufrieden und übten große Askese. Während sich der Kreis der Kräfte so der Askese zuwandte,

M 57.24 sah die Göttin sich allein und empfand dies als nicht passend. Mahatripurasundari erkannte ihren Wunsch

M 57.25 und ließ aus Tripuras Körpergliedern und Waffen zehn weitere Kräfte hervorgehen. Diese fragten Mahatripurasundari nach einem Wohnort.

M 57.26 Sie antwortete: „Erlangt euren Platz durch Askese!“ Darauf übten auch sie zusammen mit den früheren Kräften intensive Askese.

M 57.27 Erneut sah die Göttin, dass sie allein war, und blickte ringsum. Aus ihrem Blick entstanden vier Kräfte,

M 57.28 goldglänzend, Lotusblumen tragend, mit weißen Gewändern und Schmuck. Als sie sahen, wie alle anderen sich der Askese widmeten,

M 57.29 entschlossen auch sie sich dazu, Tvashtar. Die Göttin blickte wieder umher, und eine weitere Vierergruppe entstand,

M 57.30 mit Schlinge und Stachelstock, mit Schutz- und Gabe-Geste, rotgliedrig, geschmückt und dreiäugig. Auch sie folgten dem Beispiel der zuvor Entstandenen und übten Askese.

M 57.31 Dann wurden weitere Kräfte geschaffen, die Schlinge, Buch, Gebetskette und Stachelstock trugen, ebenfalls rot und geschmückt.

M 57.32 Erneut entstanden vier Kräfte, klar wie Bergkristall, mit Schlinge, Schutz- und Gabe-Geste sowie Stachelstock. Auch sie widmeten sich der Askese.

M 57.33 Schließlich schuf die Göttin noch einmal vier Kräfte mit roter Gestalt und rotem Schmuck. Auch diese sahen ihre Vorgängerinnen und übten Askese.

M 57.34 Als die Herrin Tripura die besonders große Askese der sechzehnten Nitya sah, sagte sie zu ihr: „Mein Kind, nenne mir die Gabe, die du begehrst!“

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 57.35 Da sie jeden gesonderten Rang für begrenzt hielt, wählte sie allein die völlige Vereinigung. So erlangte die höchste sechzehnte Nitya die Einheit mit der Höchsten.

M 57.36 Den fünf Vierergruppen, die aus dem Wesen der Göttin hervorgegangen waren, trat sie selbst jeweils als Fünfte hinzu und verweilte gnädig unter ihnen.

M 57.37 Dadurch wurden sie zu fünf Fünfergruppen. Die erste erhielt den Rang der Juwelenherrinnen, die nächste den der wunscherfüllenden Kühe,

M 57.38 dann folgten die Herrinnen der Wunschranken, der Schatzkammern und schließlich der Glücksfülle, Lakshmi. Sie erhielten Sitze im Kreis der Kräfte.

M 57.39 Jeder einzelnen verlieh die Heilvolle die Herrschaft über tausend Kräfte. Diese tragen entsprechend die Bezeichnungen Juwelen, Wunschkühe, Wunschranken, Schatzkammern

M 57.40 und Lakshmis. Unterscheide diese Gruppen, Tvashtar! Insgesamt sind es fünfundzwanzigtausend Kräfte,

M 57.41 jeweils tausend im Dienst ihrer eigenen Herrin. Fünftausend davon dienen unmittelbar den fünf Gestalten der ursprünglichen Göttin.

M 57.42 Bei den Juwelenherrinnen ist die erste Siddhalakshmi, die zweite Rajamatangini, die dritte Bhuvaneshani und die vierte Varahi.

M 57.43 Damit sind die Juwelenherrinnen genannt. Höre nun die Wunschkühe: zuerst Sudhapitheshvari, dann Sudhasu,

M 57.44 als dritte Amriteshani und als vierte Annaprapurani. Bei den Wunschranken folgen Panchakama,

M 57.45 Parijateshvari, Kumari und Panchabaneshvari. Die nächste Gruppe beginnt mit Paramjyotis,

M 57.46 gefolgt von Paranishkalashambhavi, Ajapa und Matrika: Dies sind die Herrinnen der Schatzkammern. Höre nun die Lakshmi-Herrinnen!

M 57.47 Genannt werden Lakshmi, Mahalakshmi, Trishakti, Samrajyalakshmi und Rama. So lauten die Bezeichnungen der Fünfergruppen. [Die Abgrenzung der letzten Namensgruppe ist in der Vorlage nicht eindeutig; die ursprüngliche Göttin wird nach Vers 36 jeweils als fünfte verstanden.]

M 57.48 Erfreut durch die Askese dieser Göttinnengruppen, gab sie ihnen der Reihe nach nahe Plätze oberhalb des Bindu-Chakra,

M 57.49 in den Zwischenrichtungen, beginnend im Südosten. Wegen ihrer besonders intensiven Askese verlieh sie Matangini und Varahi unvergleichliche Würde:

M 57.50 Matangini wurde Mantrini, die Ratgeberin für alle Angelegenheiten der Welten; Varahi wurde Dandini, zuständig für das Bestrafen der Übeltäter.

M 57.51 Später gab die Göttin ihnen, erfreut über ihren Dienst, Wohnstätten in den Bereichen des goldenen beziehungsweise des smaragdenen Ringwalls.

M 57.52 Ebenso gewährte sie aufgrund besonderer Askese weitere Plätze. Kameshvari, Vajreshi und Bhagamalini

M 57.53 erhielten den Rang der Samaya-Göttinnen und Plätze vor, hinter, links und rechts von ihr. [Die drei Namen und die vier Ortsangaben werden in der Vorlage nicht vollständig einander zugeordnet.]

M 57.54 Die von der „noch Geheimnisvolleren“ hervorgebrachte Göttin erlangte durch außergewöhnliche Askese die Herrschaft über den Bereich innerhalb des Diamantwalls,

M 57.55 einen Palast am Ufer des Vajra-Flusses und die Herrschaft über den Diamanten. Deshalb heißt sie Vajreshvari.

M 57.56 Kameshvari und die anderen erlangten durch die Größe ihrer Askese außerdem Plätze in den Ecken des Dreiecks. Kameshvari selbst

M 57.57 gewann durch ihre Askese einen zweiten Platz im achtfachen Kreis. Auch die anderen Kräfte wurden durch Mahatripurasundari

M 57.58 und die Göttin ihren jeweiligen Orten zugeordnet. Nachdem sie diese auf die neun Kreise verteilt hatten,

M 57.59 erschien Mahatripurasundari selbst neunfach als deren jeweilige Herrin: Tripura, Tripureshi, Tripurasundari,

M 57.60 Tripuravasini, Tripurashri, Tripuramalini, Tripurasiddha und Tripurambika,

M 57.61 sowie als neunte Mahatripurasundari selbst. Jede steht am Eingang ihrer jeweiligen Einfassung und entspricht deren Gestalt.

M 57.62 Alle Kräfte sind der ursprünglichen Göttin zugewandt. Als Brahma und die anderen sahen, dass alles nur von weiblichen Kräften umgeben war,

M 57.63 empfanden sie dies noch nicht als ausgeglichen und baten Kamesha: „Erhabener Gott, erschaffe auch du aus deinem eigenen Wesen

M 57.64 ein Gefolge in Shiva-Gestalt! Ein ausschließlich aus Shaktis bestehendes Gefolge erscheint uns ungleichgewichtig.“

M 57.65 Darauf schuf Kameshvara vier Gestalten: aus seinem eigenen Anteil, aus dem Anteil der Shakti, aus beider Anteil und aus einem weiteren Anteil.

M 57.66 Sie hießen Mitrisha, Shashthisha, Uddisha und Charyanatha. Sie leuchteten wie Bergkristall, trugen ein Buch und zeigten Schutz-, Gabe- und Bewusstseinsgesten.

M 57.67 Sie trugen weiße Gewänder und weißen Schmuck, hatten drei Augen und rote Shaktis an ihrer Seite. Auf Lotussitzen ruhend, waren ihre Gesichter und Blicke heiter.

M 57.68 Er machte diese friedvollen Gestalten zu Gurus der Shakti-Mantras und sagte: „Erschafft weitere Lehrer der einzelnen Vidyas!“

M 57.69 Der erste schuf die göttliche Lehrerschar, der zweite die Schar der Vollendeten und der dritte die menschliche Lehrerschar,

M 57.70 jeweils sieben, vier und acht Lehrer der Vidyas. Der vierte erschuf neun strahlende Nathas als Gestalten der Zeit.

M 57.71 Dieser so geschaffene Gurukreis übte strenge Askese und erlangte einen Wohnort hinter Tvarita.

M 57.72 Dort liegen die Wohnstätten der Lehrer des göttlichen, vollendeten und menschlichen Überlieferungsstroms in drei Reihen.

M 57.73 Wer Tripura, die höchste Herrin, nach dem in den Schriften gelehrten Weg mit vollständiger Verehrung verehrt, gelangt dorthin.

M 57.74 Anschließend wird er von den Gurus unterwiesen und erreicht den höchsten Zustand. Damit habe ich dir das große, tief verborgene Geheimnis erklärt, nach dem du gefragt hast.‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 57. Kapitel: Die Erklärung der Gottheiten des göttlichen und der weiteren Überlieferungsströme im Shri Chakra. Die Gesamtzählung 4689 im Kolophon stimmt nicht mit der vorherigen Gesamtzählung und den 74 Kapitelversen überein.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 58: Wortkraft, Bewusstseinsfeuer und die Welt der Göttin

Sprache, Körper und Verehrung: Das Kapitel verknüpft die vier Sprachebenen mit Lehrerüberlieferungen und deutet Shivas Stirnfeuer durch eine Lehre der Nadis. Diese religiöse Körperdeutung ist keine anatomische Beschreibung und keine konkrete Pranayama-Anleitung. Die Begründung der weiblichen Gottesgestalt spricht zunächst aus der Perspektive der männlichen Erzähler und führt dann alles Geschehen auf die Freiheit der Göttin zurück.

M 58.1 „Tvashtar fragte den Viergesichtigen erneut ehrerbietig: ‚Weltschöpfer, ich möchte wissen: Warum haben die Gurus der verschiedenen Überlieferungsströme

M 58.2 nicht dieselbe Anzahl? Erkläre mir dies und nenne ihre Namen. Außerdem hast du das Feuerbecken beschrieben.

M 58.3 Wie entstand darin das Bewusstseinsfeuer? Und warum habt ihr die höchste Kraft dort in weiblicher Gestalt

M 58.4 betrachtet? Erkläre mir den Grund, Herr! Auch wenn ich diese wunderbare Geschichte immer wieder höre, werde ich nicht satt.

M 58.5 Wer könnte jemals genug vom Nektar der Erzählung über die höchste Kraft, das eigene Selbst, trinken – außer einem vom Schicksal benachteiligten, empfindungslosen Menschen?

M 58.6 Erkläre es mir, Erhabener, wenn ich würdig bin, es zu hören!‘ Der Urvater hörte die Worte des Weltenbaumeisters und antwortete erfreut:

M 58.7 ‚Höre gesammelt diese wunderbare alte Geschichte, Tvashtar! Gern erzähle ich dir die sorgsam gehütete Überlieferung der Göttin.

M 58.8 Mitrisha und die anderen, die Rajarajeshvara geschaffen hat, sind Gurus der Wort-Vidya. Ihr Wesen ist klares Bewusstsein.

M 58.9 Die höchste Kraft entfaltet sich als Sprache auf vier Ebenen: Pashyanti, Madhyama, Vaikhari und Para.

M 58.10 Ich werde dir diesen überall sorgsam bewahrten Zusammenhang erklären. Die Kraft namens Tripura besteht aus reinem Gewahrsein.

M 58.11 In ihr gibt es weder gesonderte Sprache noch Sinne noch Geist. Die höchste Herrin ist das Wesen, das allem Sein zugrunde liegt.

M 58.12 Sie ist weder eine Eigenschaft noch ein von Eigenschaften getrennt gedachter Träger, denn sie ist frei von allen solchen Bestimmungen: reines Bewusstsein, der Grund von allem, jenseits der Sprache.

M 58.13 Bewusstsein ist ihr eigenes Wesen; etwas darüber Hinausgehendes besteht nicht. Eben dieses ist uneingeschränkte Freiheit und wird deshalb Maya genannt.

M 58.14 Seine Herrlichkeit lässt sich durch Argumente nicht erschöpfen oder von außen bestimmen. Es trägt alles und gestaltet sein eigenes reines Wesen in vielfältigen Vorstellungen.

M 58.15 Spielerisch entfaltet es so das ganze Weltgeflecht. Diese gestaltende Vorstellung hat die Natur des Wortes und gliedert sich in eine grobe und eine mittlere,

M 58.16 eine feine und eine ursächliche Form. So ergibt sich eine Vierheit. Die grobe Form wird Vaikhari genannt.

M 58.17 Als bloßer Klang ist sie noch nicht in Sprachlaute gegliedert; als Lautgestalt ist sie deutlich artikuliert. Letztere ist wiederum weltlich oder überweltlich.

M 58.18 Der noch nicht sprachlich gegliederte Klang ist siebenfach und bildet den Keim des Klang-Brahman: Shadja, Rishabha, Gandhara, Madhyama, Panchama, Dhaivata

M 58.19 und Nishada. Diese sieben Töne entstehen durch Saiten, Stimme und andere Klangquellen und gliedern sich in zahlreiche Ragas. [Die anschließende Zahl in bildhaften Zahlwörtern ist in der Vorlage nicht sicher aufzulösen.]

M 58.20 Durch weitere Unterteilungen werden ihre Formen unzählbar. Dies ist der Bereich der göttlichen Kräfte; ihm entsprechen die sieben Gurus.

M 58.21 Deshalb werden die von Mitrisha hervorgebrachten Lehrer der göttliche Überlieferungsstrom genannt. Die artikulierte überweltliche Rede besteht aus Vidya und besitzt vier Lautgruppen.

M 58.22 Auf diesen beruhen die Siddha-Gruppen; deshalb sind es vier. Sie heißen Gurus des Vollendetenstroms und wurden von Shashthisha hervorgebracht.

M 58.23 Die weltliche Rede besteht aus der Lautmutter Matrika mit ihren acht Gruppen. Darauf beruhen die menschlichen Lehrer; deshalb sind es acht.

M 58.24 So stehen insgesamt neunzehn Gurus in den drei Überlieferungsströmen. Die acht menschlichen Lehrer stammen von Uddisha.

M 58.25 Alle Rede ist zeitlich gegliedert und reicht bei den Vokalen bis zu drei Zeiteinheiten. Die Gruppe des unartikulierten Klangs verbindet sich mit den acht Lautgruppen.

M 58.26 Daher gibt es neun Nathas, die aus Charyanatha hervorgingen. Sie bestimmen die zeitlichen Abschnitte und ruhen im vierten, transzendenten Zustand.

M 58.27 Ihre Namen sind Prakasha, Vimarsha, Ananda, Jnana, Satya, Purna, Svabhava, Pratibha und Subhaga.

M 58.28 Diese neun Nathas sind die Herren der Überlieferungsströme. Je nach Vidya und Weltalter werden auch vier Überlieferungsströme unterschieden.

M 58.29 Durch Vermischung entstehen mit Shaktis verbundene Lehrerformen. Es gibt außerdem einen fünften Strom, der die Guru-Vidya weitergibt.

M 58.30 Dort werden zwölf, elf und sechs Lehrer genannt, die außerhalb des Chakra stehen: Wir gehören zu den göttlichen, Kumara und andere zu den vollendeten,

M 58.31 Nrisimha und andere zu den menschlichen Lehrern. Damit sind die Lehrer der Überlieferungsströme beschrieben. Höre nun, wie das Feuer Bewusstseinsnatur besitzt!

M 58.32 Mahadeva, der höchste Herr, ist die dritte Gottgestalt der kosmischen Eigenschaften. Seine auflösende Tätigkeit ist Tamas zugeordnet, seine Gestalt ist lichtvoll, sein Inneres Bewusstsein.

M 58.33 Im Körper der verkörperten Wesen verlaufen drei heilsame Wege: rechts Pingala, links Ida und in der Mitte Sushumna.

M 58.34 Sie werden den Kräften von Wollen, Handeln und Erkennen zugeordnet. Die beiden seitlichen Wege sind geöffnet; der mittlere Weg der Erkenntnis ist gewöhnlich verschlossen, so lehren die Wissenden.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 58.35 Die Bewusstseinsregung, deren mittlerer Weg blockiert ist, steigt durch die Seitenwege auf und belebt Wollen und Handeln. Dadurch sind die Menschen bewusst tätig.

M 58.36 Weil der Erkenntnisweg verschlossen ist, sind sie zunächst auf Wollen und Handeln beschränkt. Das tragende Bewusstsein strömt bei ihnen nach oben und ermöglicht bewusstes Erfassen.

M 58.37 Bei Tieren seien die aufwärtsführenden Wege dagegen blockiert, sodass die Bewegung seitlich verlaufe. Deshalb, so die Vorstellung des Textes, erfassen sie Vergangenheit und Zukunft nicht in derselben inneren Weise.

M 58.38 Darum werden die Tiere hier mit unbewussten Wesen verglichen. Der dreiäugige Mahadeva steht demgegenüber auf einer höheren Stufe.

M 58.39 Bei uns Gottheiten ist die mittlere Nadi, der Sitz des Bewusstseins, im Inneren geöffnet. Deshalb wird unsere innere Erkenntnis als vollkommen erfahren.

M 58.40 Bei Mahadeva hat die besondere Fülle der Erkenntnis die mittlere Bewusstseins-Nadi nach oben bis zur Stirn geöffnet.

M 58.41 Wegen der starken auflösenden Kraft in seinem Inneren erscheint das Bewusstsein selbst als Feuer. Deshalb heißt das aus seinem Auge hervorgegangene Feuer Bewusstseinsfeuer.

M 58.42 Nun erkläre ich dir, warum wir die Höchste in weiblicher Gestalt betrachtet haben. Höre, Vishvakarman: Jede Freude in der Welt hat Bewusstsein zu ihrem Wesen.

M 58.43 Deshalb sind auch gebundene Wesen ganz auf Freude ausgerichtet. Was Freude gewährt, erscheint schön; dies ist in der Welterfahrung unmittelbar zu beobachten.

M 58.44 Die weibliche Gestalt erscheint den hier sprechenden Verehrern als schön und freudebringend. Deshalb betrachten die Menschen sie als einen Anlass von Freude.

M 58.45 Ich nenne dir noch einen weiteren Grund: Die höchste Bewusstseinsmacht lässt die ganze Welt, die ihre eigene Herrlichkeit ist, aus Freiheit erscheinen.

M 58.46 Alles ist durch ihre eigene Kraft der Ordnung bestimmt. Die Vorstellung „Ich bin der Handelnde“ ist ein leerer Anspruch aus Verblendung.

M 58.47 Wenn jemand völlig aus eigener Macht handelte, warum müsste er auf anderes Rücksicht nehmen? Und wie könnte ihm etwas Unerwünschtes widerfahren?

M 58.48 Deshalb sind Schöpfung und alle anderen Vorgänge ihre eigene Entfaltung. Auch unsere Meditation ihrer weiblichen Gestalt wurde von ihr selbst ermöglicht.

M 58.49 Die gesamte Vielfalt der Welt beruht auf ihrer Freiheit. So wohnte die große Königin im Wunschjuwelenhaus.

M 58.50 Sadashiva betrachtete diesen Palast im großen Lotuswald und hielt auch dies noch nicht für vollständig.

M 58.51 Mit Erlaubnis der Göttin errichtete er darum die zuvor beschriebene Stadt. Götter, Daityas, Menschen und andere Wesen aus den verschiedenen Welteiern,

M 58.52 die Tripura verehren und die Befreiung durch Wohnen in ihrer Welt erlangen, leben dort an ihren jeweiligen Orten.

M 58.53 Auch Indras, Brahmas und andere wohnen auf diese Weise lange in der Stadt und erhalten reine Herrschaftsbereiche zwischen den entsprechenden Ringwällen.

M 58.54 Nachdem sie das Hunderttausendfache der jeweils für sie geltenden Zeitspanne durchlebt haben, gehen sie in den höchsten Zustand ein, der Worten und Gedanken unzugänglich ist.

M 58.55 Andere Brahmas, Indras, Mondgötter und weitere Gottheiten kommen inzwischen an und verbinden sich mit den bereits dort Verweilenden zu einem gemeinsamen Zustand.

M 58.56 Mit dem Brahma, der sich gegenwärtig dort befindet, haben sich aus anderen Welteiern sechzigtausend

M 58.57 sechshundertdreiundsechzig Brahmas vereinigt. Damit habe ich dir die Anordnung und Ausdehnung Shripuras vollständig erklärt.

M 58.58 Errichte nun hier auf dem Meru nach dieser Beschreibung eine schöne Stadt, in der Mutter Tripura, die Herrscherin Shripuras, wohnen wird.

M 58.59 Dort sollen wir sie beständig schauen können, die Freude unserer Augen.“ Vishvakarman hörte Brahmas Worte voller Staunen.

M 58.60 Er nahm sich vor, Shripura für die Göttin auf dem Meru-Gipfel zu bauen, vergegenwärtigte sich Brahmas Beschreibung und war innerlich von Freude erfüllt.‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 58. Kapitel: Die Beschreibung Shripuras und des Erlangens der Vollendung bis zur völligen Vereinigung. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 4749.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 59: Bhandas frühere Geburt und die alles umfassende Göttin

Tatfolgen und Gnade: Bhandas Rückblick unterscheidet die hilfreiche Rettungstat klar von seinem anschließenden sexuellen Übergriff; die Rettung begründet keinen Anspruch auf die Frau. Seine spätere Todessehnsucht gehört zur besonderen mythischen Vorgeschichte des Kampfes und ist keine Empfehlung für die spirituelle Lebensführung. Vers 101 ist beschädigt; die Elementvergleiche sind dort dem erkennbaren Zusammenhang entsprechend übersetzt.

M 59.1 Nachdem der aus dem Krug geborene Agastya diese überaus schöne Rede Hayagrivas gehört hatte, sprach er erneut, begierig, die Erzählung weiterzuhören.

M 59.2 „Erhabener mit dem Pferdeantlitz! Der Dämon Bhanda war gekommen, um die Askese der Götter zu stören. Als er sie vom Feuer umgeben sah,

M 59.3 kehrte er um und zog in die Stadt Shunyaka zurück. Was tat er dort? Erzähle mir dies ausführlich!

M 59.4 Während ich deiner Erzählung von der Herrin Lalita lausche, wächst mein Verlangen, immer mehr davon zu hören.“

M 59.5 So vom Kruggeborenen gefragt, sprach der Weise mit dem Pferdeantlitz: „Höre, Agastya, diese wunderbare, überaus erstaunliche Geschichte!

M 59.6 Als der Dämon Bhanda abgezogen war, kam der Götterweise Narada nach Shunyaka herab, einer Herbstwolke am Himmel gleich.

M 59.7 Bhanda sah den göttlichen Weisen durch die Luft herankommen, hell wie eine abgeregnete Wolke und seine schöne Laute spielend.

M 59.8 Er ging ihm entgegen, führte ihn herein und ehrte ihn. Nachdem er die vorgeschriebene Verehrung vollzogen hatte, sprach er mit gefalteten Händen:

M 59.9 ‚Sei willkommen, Götterweiser! Nach langer Zeit hast du mich wieder aufgesucht. Blicke gnädig auf deinen Schüler; selten ist dein Blick der Gnade.

M 59.10 Sage mir, wie es um die geschwächten Götter bestellt ist. Brahmanen sind wohl meist furchtsam: Auch mein Lehrer ist von Angst verwirrt.

M 59.11 Er kennt die Kraft meiner Arme nicht, die Göttern und Dämonen Schrecken einjagt. Er sagte: „Die Götter verehren die Shakti. Wenn sie ihnen gnädig wird,

M 59.12 ist deine Niederlage gewiss; darum störe ihre Verehrung!“ Auf diese Worte hin zog ich mit den Dämonenscharen dorthin, um sie zu vernichten.

M 59.13 Als ich die Götter samt Indra von Feuerflammen verzehrt sah, kehrte ich erfreut in meine Stadt zurück. Deshalb frage ich jetzt:

M 59.14 Wie wurden die Götter von diesem Brand erfasst und zu Asche? Ist einer von ihnen entkommen? Sage es mir, Herr der Weisen!‘

M 59.15 Der Götterweise lächelte bei dieser Frage und sagte zum Dämonenkönig: ‚Die Herren der Dämonen sollen mir deshalb nicht zürnen.

M 59.16 Wir sagen niemals etwas Unwahres; unser einziger Halt ist die Wahrheit. Wie kannst du, obwohl du kundig bist, wie ein Verblendeter sprechen?

M 59.17 Offenbar hat sich dein Schicksal gegen dich gewandt, da dein Denken so verkehrt ist: Ich sehe dich jubeln, wo Anlass zur Trauer besteht.

M 59.18 Deine Feinde sind mächtig geworden, weil sie bei der großen Göttin Zuflucht gefunden haben. Von Indra und den anderen erfreut, ist sie erschienen, um dich zu töten.

M 59.19 Aus der Opfergrube des Bewusstseinsfeuers ist Lalita hervorgegangen, die höchste Herrin: Gebieterin aller Welten, von göttlicher Gestalt und wunderbar großer Kraft.

M 59.20 Umgeben von Scharen der Shaktis, die mit allen Waffen ausgestattet sind, wird sie kommen, um dich zu vernichten. Warum freust du dich wie ein Tor?‘

M 59.21 Als der Dämonenkönig Naradas Worte hörte, lachte er und sprach: ‚Ich habe es doch schon gesagt: Brahmanen sind von Natur aus furchtsam!

M 59.22 Weiser, kennst du mich denn nicht? Selbst dem Tod jage ich Schrecken ein. Vishnu, der Stärkste unter den Göttern, wurde im Kampf von mir besiegt.

M 59.23 Ich bin der mächtige Herr von hundertfünf Welteneiern. Ich erschaffe Götter und Dämonen, Welten und die Scharen von Waffen und Geschossen.

M 59.24 Die Reihen der Gottheiten, angefangen mit Brahma und Vishnu, stehen unter meiner Gewalt. Weshalb fürchtest du dich vor einer Frau? Frauen sind doch von Natur aus schwach!‘

M 59.25 Währenddessen ließen Bhandas Gemahlinnen, Sammohini und die anderen, den Götterweisen durch ihre Gefährtinnen in die inneren Gemächer führen.

M 59.26 Dort ehrten sie den vortrefflichen Weisen mit einem ausgezeichneten Sitz, Wasser zum Waschen der Füße, einer Willkommensgabe und reichen Opfergaben. Sie verneigten sich und sprachen ehrerbietig:

M 59.27 ‚Götterweiser! Durch deine Gnade und deinen Anblick sind wir gesegnet. Sieh uns mit tiefem Mitgefühl an!

M 59.28 Von den Gemahlinnen der Lehrer haben wir etwas überaus Beängstigendes gehört: Die Göttin Lalita ist erschienen, und die Götter verehren sie.

M 59.29 Die höchste Herrin will unseren Gatten töten und den Göttern Wohlergehen schenken. Unterweise den Dämonenkönig, damit er nicht zugrunde geht!

M 59.30 Wir nehmen zu dir Zuflucht, versunken im Meer des Leidens. Hebe uns aus diesem Meer heraus und beschütze uns, deine Dienerinnen!‘

M 59.31 So sprachen die Frauen der Dämonen, berührten seine Füße und weinten. Als Narada ihre Tränen sah, wurde sein Herz von Mitgefühl ergriffen.

M 59.32 Er ließ den Dämonenkönig herbeiholen und sagte zu ihm: ‚Herr der Dämonen, höre meine Worte, die dem Unsterblichkeitstrank gleichen!

M 59.33 Stürze diese Frauen nicht in Trauer und vernichte deine Angehörigen nicht. Selten ist in der Welt ein Mensch, der einem sagt, was wirklich heilsam ist.

M 59.34 Wer einem angenehme Worte ins Gesicht sagt, ohne Nutzen und Schaden zu bedenken, den erkenne als Feind in der Gestalt eines Freundes.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 59.35 Wer Nutzen und Schaden mit tiefer Einsicht erwägt und dann etwas Bitteres sagt, das wie eine Arznei wirkt, den erkenne als wirklichen Freund.

M 59.36 Dein Lehrer Kavya ist überaus besonnen, vorausschauend und deinem Wohl zugetan. Sein Rat ist so heilsam wie die Arznei für einen Kranken.

M 59.37 Wer den Rat seines Lehrers nicht verwirft, erlangt großes Wohlergehen. Höre darum, Dämonenkönig, was ich dir sage!

M 59.38 Du hältst dich für stärker als alle anderen. Doch höre, was ich dir auch dazu sagen werde: Kaitabha, der hervorragendste der Dämonen,

M 59.39 aus dessen Fett diese Erde hervorging, die die Lebewesen trägt, wurde von Vishnu im Kampf getötet, obwohl seine Kraft und Tapferkeit unvergleichlich waren.

M 59.40 Du hältst jene Göttin für eine schwache Frau. Doch hast du nicht die alte Geschichte gehört? Shumbha, Nishumbha und der machtstolze Mahisha wurden von eben dieser höchsten Göttin vernichtet, obwohl gewaltige Dämonenheere sie umgaben. Die überlieferte Strophe ist länger als ein gewöhnlicher Doppelhalbvers und am Ende sprachlich beschädigt.

M 59.41 Genug des Stolzes auf deine Kraft! Er ist ein Feind, durch den du dich selbst vernichtest. Erinnerst du dich nicht daran, wie Gauri dich einst im Kampf besiegte?

M 59.42 Lalita, die höchste Herrin, überragt selbst Gauri und die anderen. Unzählige Millionen Shaktis, darunter Gauri, dienen ihr.

M 59.43 Die Gesamtheit der Welteneier gleicht einem Zehennagel dieser Shakti. Derjenige, durch dessen Gnade du dich für den Stärksten hältst,

M 59.44 auch dieser große Gott Shiva ist nur aus einem Anteil eines Fußes ihres Thrones hervorgegangen. Lass darum ab von dem Starrsinn, der dich und alles, was dir wert ist, vernichtet!

M 59.45 Sieh deine geliebten, treuen Frauen, wie sie trauern und verzweifeln. Ich werde dich zu den Füßen der höchsten Shakti führen.

M 59.46 Mit aller Kraft werde ich sie für dich um Vergebung bitten. Herrsche du in der Unterwelt; Indra soll den Himmel regieren.

M 59.47 Beschütze deine Dämonengefolgschaft! Gehe nicht mit deinen Lieben zugrunde. Wenn du meinem Rat nicht folgst, wirst du untergehen.

M 59.48 Herr der Dämonen, hast du gehört, was ich dir sagte? Findet es Zustimmung in deinem Herzen? Bedenke mit einem klaren, von Sattva erfüllten Geist, wie du dich retten kannst.‘

M 59.49 Nachdem Bhanda Naradas Worte gehört hatte, lächelte er, nahm den Götterweisen bei der Hand und stieg mit ihm zum höchsten Teil des Palastes hinauf.

M 59.50 Dort, auf der goldenen Palastspitze, die einem Gipfel des Meru glich, trat er an ein edelsteinbesetztes Fenster mit weichen Sitzpolstern.

M 59.51 Er ließ den Götterweisen auf einem weichen Baumwollkissen Platz nehmen und sagte: ‚Götterweiser, du solltest deinem Schüler nicht zürnen.

M 59.52 Ich weiß, dass du ein großer Verehrer bist, der bei den Füßen der höchsten Shakti Zuflucht gefunden hat. Alles, was du sagst, ist wahr; ich weiß es ebenso.

M 59.53 Du kennst meine ganze Geschichte. Nur im göttlichen Spiel sprichst du so zu mir. Unter dieser Nummer steht in der Textgrundlage nur ein Halbvers.

M 59.54 Ich war einst Manikyashekhara, ein Bote der Göttin Rama, der Lakshmi. Eines Tages begann sie, um Tripura zu erfreuen, eine große Askese.

M 59.55 Dreihunderttausend Jahre lang übte sie am Ufer der Ganga. Dort geriet einmal eine Kinnari, erfüllt vom Nektar der Jugend,

M 59.56 in das Wasser der Ganga. Sie tauchte auf und sank wieder unter, wurde von der Strömung fortgetragen und fand keinen Retter.

M 59.57 Als ich sie sah, ergriff mich Mitgefühl. Ich sprang in den himmlischen Fluss, nahm sie auf meinen Rücken und erreichte schnell das Ufer.

M 59.58 Ich setzte sie dort nieder, und bald erholte sie sich von ihrem Schrecken. Doch durch die Berührung ihres Körpers und den Anblick ihrer Schönheit

M 59.59 wurde ich von Begierde verblendet. Ich sagte zu ihr: „Schöne, ich habe dich gleichsam aus dem Rachen des Todes gerettet.

M 59.60 Durch die Berührung deines Körpers bin ich von Verlangen gequält. Rette nun du mich! Wer dazu imstande ist, soll eine Wohltat mit ganzer Kraft erwidern.

M 59.61 Wer Hilfe nicht vergilt, schädigt sich selbst. Ich bin vom Feuer der Begierde ergriffen, leide und suche bei dir Zuflucht.

M 59.62 Rette mich jetzt, indem du dich mir hingibst; sonst werde ich mein Leben aufgeben!“ Als die tugendhafte Kinnari meine verkehrten Worte hörte,

M 59.63 antwortete sie mit süßer, nektargleicher und edler Rede: „Verliere nicht deine Vernunft! Ich bin eine Kinnari und meinem Gatten treu ergeben.

M 59.64 Mein Mann übt fünf Krosha von hier entfernt Askese. Ich bin seine geliebte Frau und gehöre zu ihm wie der Schatten zum Baum.

M 59.65 Ich werde meinem Gatten niemals untreu. Höre auch diesen Grund: Wer einen Menschen aus Gefahr rettet oder ihn als Kind aufzieht,

M 59.66 gilt nach der Lehre des Dharma als Vater. Darum bist du mein Vater, und ich bin dem Dharma nach deine Tochter. Du darfst nicht so zu mir sprechen!

M 59.67 Der Mensch soll seinen Geist, der ihm zum Feind werden kann, von falschen Wegen zurückhalten. Wer den Geist nicht beherrscht, wird bald durch ihn zugrunde gerichtet.

M 59.68 Betrachte mit klarem, standhaftem Verstehen das Treiben der Welt. Geschlechtliche Lust ist überall von derselben Art; selbst bei Tieren ist sie darin nicht anders.

M 59.69 Finde daher in Gedanken Freude an deinen eigenen Gemahlinnen, nicht an anderen Frauen. Gerate nicht in das Zornesfeuer einer ihrem Gatten treuen Frau und werde nicht zu Asche!“

M 59.70 Obwohl sie mir mit solchen und vielen weiteren Worten zum Guten riet, stürzte ich, von Begierde und Verblendung überwältigt, auf sie zu, um sie anzufassen.

M 59.71 Schreiend floh sie zu den Füßen der Göttin Rama und rief: „Beschütze mich, beschütze mich!“ Doch sogar vor deren Augen

M 59.72 griff ich, blind vor Begierde, nach ihrem Obergewand. Als die Göttin Rama dieses Unrecht sah, wurde sie zornig und verfluchte mich:

M 59.73 „Tor, Unbeherrschter! Dieser göttliche Körper ist deiner nicht würdig. Dein Tun ist dämonisch; darum werde ein Dämon!“

M 59.74 Als ich diesen schrecklichen Fluch hörte, erwachte ich aus dem Rausch der Begierde und versank sogleich in einem Meer des Kummers.

M 59.75 Die Kinnari wurde beruhigt, verneigte sich und ging nach Hause. Die Göttin Rama aber sprach erneut zu mir, der ich im Meer des Kummers versunken war:

M 59.76 „Schande über dich, Unedler! Du darfst nicht mehr in meiner Nähe bleiben. Dein Körper ist abscheulich geworden, weil er die Frau eines anderen gewaltsam angetastet hat.

M 59.77 Er soll sofort unsichtbar werden; dein Leib sei nur noch Wind!“ So verflucht, wandte ich mich voller Furcht an die Göttin Shri.

M 59.78 Mit vielen Bitten und Verneigungen suchte ich sie zu besänftigen. Nach langer Zeit wurde die Mutter mir wieder gnädig.

M 59.79 Als ich sie um Befreiung von dem Fluch bat, sagte sie: „Manikyashekhara, du hast etwas zutiefst Verwerfliches getan.

Das Shri Yantra veranschaulicht die Verehrung der Tripura Sundari.

M 59.80 Ich sehe keine andere Sühne dafür, nicht einmal eine geringe. Mein Fluch kann nicht unwahr werden; die Folgen deiner Tat musst du erfahren.

M 59.81 Nachdem du deinen Körper verloren und lange als Windwesen gelebt hast, wirst du ein Dämon werden. Doch du hast jene ins Wasser gefallene Frau aus Mitgefühl gerettet.

M 59.82 Wenn das Verdienst dieser Tat heranreift, wirst du eine alles überragende Macht gewinnen, Herr vieler Welteneier werden und Freuden nach deinem Verlangen genießen.

M 59.83 Dann wirst du im Kampf von der großen Göttin getötet und in ihre Welt gelangen. Dort wirst du lange verweilen und von den Dämonen geehrt werden.

M 59.84 Schließlich wirst du ihren höchsten Zustand erreichen und nicht wiedergeboren werden.“ Als ich dies hörte, fragte ich die Mutter der Welt erneut:

M 59.85 „Göttin, wer ist diese große Göttin, von der ich im Kampf getötet werden soll? Steht sie über dir? Ich kenne keine Göttin, die dich überragt.

M 59.86 Sage mir, wer sie ist, welcher Art sie ist und worin ihre Größe besteht!“ So von mir gefragt, antwortete Shri, die Mutter der Welt:

M 59.87 „Manikyashekhara, höre! Diese Göttin steht über allem. Ihr Wesen ist das große Bewusstsein. Aus ihrem natürlichen Wirken entstehen

M 59.88 in jedem Weltenei Brahma, Vishnu und Hara als Verkörperungen der drei Gunas. Auch Ishvara, der die Verhüllung bewirkt, ist Herr über das aus den drei Gunas Entstandene.

M 59.89 Derjenige, der darin die Gnade gewährt, heißt Sadashiva. Durch einen winzigen Hauch ihres Blickes erschafft er aus Gnade alles.

M 59.90 Die seit anfangsloser Zeit von Maya gefesselten Einzelseelen will dieser große Herr durch seine Gnade befreien; darum bringt er die Schöpfung hervor.

M 59.91 Die Seelen sind während der Weltauflösung nicht befreit, denn sie befinden sich lediglich in einem Zustand der Leere. Erst wenn sie in der Schöpfung Verkörperung erlangen, können sie erkennen.

M 59.92 Auch er ist nur ein Anteil von ihr. Darum ist sie das innerste Wesen von allem; man nennt sie die höchste Bewusstseinskraft, das Selbst aller Wesen.

M 59.93 Sie allein ist hier: der tragende Grund und Spiegel des vielfältigen Weltbildes. Weil sie sich als alles entfaltet und alles umfasst, wird sie mit dem Wort Brahman bezeichnet.

M 59.94 Tripura ist weder weiblich noch geschlechtslos noch männlich; ihre Gestalt ist Bewusstsein. Sie ist für Wort und Denken unerreichbar: reines Bewusstsein, frei von allem Gegenständlichen.

M 59.95 Sie ist die siebzehnte, ewige Kraft, die mit dem höchsten Herrn verbunden ist. Zwei Aspekte hat dieser Herr: das Hervorgebrachte und das Hervorbringen.

M 59.96 Das Hervorgebrachte gliedert sich sechzehnfach, das Hervorbringen ist eines. Die zehn Sinnes- und Handlungskräfte, die fünf Elemente

M 59.97 und das innere Organ bilden die sechzehn Aspekte des Hervorgebrachten. Das Hervorbringen ist die siebzehnte, ewige Kraft des großen Herrn.

M 59.98 Sie ist das Bewusstsein, das die sechzehn trägt, und die Ursache von allem. Ohne sie gibt es weder Shiva noch Brahma noch Sadashiva.

M 59.99 Ishvara, Shiva, Vishnu, Brahma und die Scharen der Gottheiten, Männer, Frauen und alle Lebewesen, die beweglichen und die unbeweglichen,

M 59.100 das Belebte wie das Unbelebte: Nichts bleibt außerhalb von ihr. Sie ist in allem wie das Gold in den Schmuckstücken und das Wasser in den Meeren.

M 59.101 Wie die Leere im Raum, die Berührbarkeit und Bewegung in der Luft, wie Wärme und sichtbare Gestalt im Feuer, wie Fließen und Geschmack im Wasser,

M 59.102 wie Geruch und Festigkeit in der Erde, so ist sie überall gegenwärtig. Um die Welten zu erheben, die sie im Spiel aus sich selbst erscheinen lässt,

M 59.103 hat sie die Herrschaft über die höchste Stadt des Shri Chakra angenommen. Wir, die Vach, Shri und Gauri heißen, sind aus ihren Gliedern hervorgegangen.

M 59.104 Aus ihrem Zorn entstand Kali, verbunden mit Mahakala; aus ihrem Wort entstand Tara, verbunden mit Bhairava.

M 59.105 Aus ihrer Tatkraft entstand Durga, die das Elend vernichtet. Aus ihrer furchterregenden Macht entstand Pratyangira, verbunden mit Mahasharabha.

M 59.106 Aus ihrer Tapferkeit entstand Shulini; Malini ging aus ihrer Rede hervor. Chandika entstand aus ihrem gewaltigen Ruf und Dhumra aus ihrem schrecklichen Blick.

M 59.107 So sind alle Göttinnen aus ihren Gliedern hervorgegangen; keine steht über ihr. Durch ihre spielerische Erscheinung, die Lalita heißt, wirst du im Kampf

M 59.108 getötet werden, lange in ihrer Welt leben und schließlich Befreiung erlangen.“ Als sie dies gesagt hatte, richtete ich noch eine Bitte an sie:

M 59.109 „Wenn es so ist, Mutter, möge es geschehen! Doch um eines bitte ich dich noch: Meine Dämonengeburt möge ohne Verbindung mit einem Mutterschoß erfolgen.

M 59.110 Möge ich aus dem Körper eines hervorragenden Verehrers der höchsten Shakti entstehen! Und niemals möge mich diese Einsicht verlassen, Mutter der Welt!“

M 59.111 Auf diese Bitte antwortete Rama: „So soll es dir geschehen!“ Darum bin ich aus dem Körper Kamas entstanden, eines der höchsten Verehrer.

M 59.112 Lange habe ich über hundertfünf Welteneier geherrscht und unablässig die erlesensten Freuden genossen.

M 59.113 Nun bin ich der Sinnesfreuden überdrüssig und sehne mich danach, von ihr getötet zu werden. Ich bin entschlossen, in ihrer Welt und in ihrer Nähe zu wohnen.

M 59.114 Unaufhörlich meditiere ich über die Lotusfüße der höchsten Herrin und warte: Wann wird sie kommen und mich erschlagen?

M 59.115 Wenn sie mich zusammen mit Söhnen, Enkeln und Gemahlinnen im Kampf tötet, werde ich sogleich in ihrer Welt leben. Darauf drängt mein Herz.

M 59.116 Gehe darum zu meiner Gemahlin, tröste sie und unterweise sie mit klarem Verständnis!‘ Als Narada Bhandas Worte hörte, wurde sein Herz froh.

M 59.117 Der vortreffliche Weise Narada pries den Dämonenkönig Bhanda, tröstete dessen Gemahlin und ging an den Ort, den er aufzusuchen wünschte.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung, im Gespräch zwischen Narada und Bhanda, das 59. Kapitel: Bhandas Erzählung von den Folgen seiner Taten in einer früheren Geburt und vom Erlangen der Welt der Göttin durch ihre Gnade. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 4875.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 60: Gnade, Befreiung und der Aufbruch zum Kampf

Mehrere Erzählebenen: Narada befragt zunächst Haritayana; danach wird Dattatreyas Bericht an Parashurama fortgesetzt, in dem Hayagriva zu Agastya spricht. Mantrinis Belehrung unterscheidet die immer freie Natur des Bewusstseins vom Weg eines noch unwissenden Menschen. Bhandas Überlegungen über den Tod seines Heeres bleiben Teil der konfliktreichen Kriegserzählung; seine öffentliche Rede am Ende verbirgt seine inneren Gedanken.

Lesung zu Vers 37: Im überlieferten Wortlaut steht ‚heilsam‘, obwohl der Gegensatz zur bitteren Arznei ‚unheilsam‘ verlangt. Die Übersetzung folgt diesem Zusammenhang; die Stelle ist unsicher.

M 60.1 Als Narada dies hörte, freute er sich, denn seine eigenen Erlebnisse waren geschildert worden. Zufrieden sprach er zu Haritayana:

M 60.2 „Haritayana, treffend hast du diese längst vergangene Geschichte erzählt: was ich damals im Inneren erlebte und was äußerlich geschah.

M 60.3 Durch deine genaue Schilderung habe ich mich in der Reihenfolge deiner Erzählung an alles erinnert. Obwohl es lange zurückliegt, ist es durch deine Worte,

M 60.4 als wäre es heute geschehen: Alles steht deutlich vor meinem inneren Auge. Gesegnet bist du auf Erden, da du durch die Gnade der Höchsten alles Äußere und Innere kennst.

M 60.5 Darum frage ich dich; beantworte einen Zweifel, der schon lange in mir besteht: Wie hast du von diesen vergangenen inneren und äußeren Ereignissen erfahren?

M 60.6 Wie erkennst du, was du weder gesehen noch gehört hast, du Gelübdetreuer?“ Als Haritayana Naradas Worte hörte, lächelte er und antwortete:

M 60.7 „Höre, Götterweiser, ich will es dir sagen. Was hier ausführlich oder kurz erwähnt wird, erhält seine vollständige Begründung im anderen Teil des Werkes.

M 60.8 Wie ein Mensch sich an Erlebtes erinnert, so erinnere ich mich durch eine Gabe Brahmas an alles Äußere und Innere.

M 60.9 Durch deine Gnade und die große Gunst der Göttin erinnere ich mich daran unverstellt, als hätte ich es selbst erfahren.“ Der erste Halbvers ist sprachlich gestört; der Zusammenhang der Erinnerung bleibt erkennbar.

M 60.10 Dann sprach der Lehrer Dattatreya zum aufmerksam lauschenden Rama: „Höre, Bhargava! Danach erzählte der Pferdegesichtige dem Kruggeborenen

M 60.11 die überaus wunderbare Geschichte des Kampfes zwischen dem Dämon Bhanda und der Göttin: ‚Höre, Agastya! Als die Götter die aus dem Opferfeuer geborene glückverheißende Göttin,

M 60.12 Lalita, die einzig Schöne aller Welten, die höchste Herrin, erblickten, dachten Indra und die anderen bei sich:

M 60.13 „Diese junge Frau ist der Wohnsitz aller Schönheit der Welten. Doch ohne Gemahl ist sie wie eine Ranke ohne Stütze; so erscheint sie uns nicht vollendet.“

M 60.14 Brahma und die anderen Verkörperungen der Gunas erkannten die Gedanken der Götter. Als sie über Kameshvara meditierten, trat dieser sogleich

M 60.15 aus dem Körper der großen Göttin hervor, ihr an Gestalt und Schmuck entsprechend. Als die Götter ihn sahen, hielten sie ihn für einen passenden Gemahl der Göttin.

M 60.16 Ganz davon erfüllt, wünschten sie: „Möge ihre Hochzeit stattfinden!“ Brahma und die anderen erkannten dies und baten die Göttin, die über allem Höchsten steht.

M 60.17 Mit einem großen Fest vollzogen sie die Vermählung. Danach wurde Lalita, die höchste Herrin, von den Göttern gebeten,

M 60.18 den Dämon Bhanda zu töten. Sie schuf ihre Gefolgschaft und ließ durch bloßes Erinnern sämtliche Scharen der Einfassungsgottheiten hervortreten.

M 60.19 Währenddessen kam der Götterweise zu ihren Füßen. Er warf sich lang vor ihr nieder und pries sie mit vielfältigen Lobgesängen.

M 60.20 Mit gefalteten Händen, demütig und mit geneigtem Haupt, sprach er: „Göttin, ich komme aus der Nähe des Dämonen Bhanda.

M 60.21 Dieser Gewaltige rückt mit einem großen Heer heran. Er hat mich gesandt. Der Dämonenkönig lässt dir sagen:

M 60.22 ‚Du bist eine schwache Frau. Auf wessen Kraft vertrauend willst du mit mir kämpfen? Unwissende, kenne meine Macht und stürze dich nicht ins Verderben!

M 60.23 Komm rasch an meine Seite! Verlasse die Götter mit Brahma an der Spitze, die ich immer wieder besiegt habe und die sich nur auf Täuschung stützen.

M 60.24 Wer sich mir widersetzt, Frau oder Mann, wird keinerlei Glück erfahren, als wäre er bereits in den Rachen des Todes geraten.‘

M 60.25 So sprach er und ordnete umfassende Vorbereitungen zum Krieg an. Mir scheint, du bist durch diesen Entschlossenen schon beinahe besiegt.

M 60.26 Göttin, ich möchte dich noch etwas im Vertrauen fragen. Erlaube es mir!“ Als sie Naradas Worte hörte, blickte sie ihre Ministerin an.

M 60.27 Die höchste Mantrini verstand ihre Absicht und ihren Wink, nahm den Götterweisen bei der Hand und führte ihn an einen abgeschiedenen Ort.

M 60.28 Dort nahm die Herrin des Rates Platz und sagte: „Frage, Narada, was immer du auf dem Herzen hast!

M 60.29 Ich weiß, dass du ganz der Hingabe an die Füße der höchsten Göttin ergeben bist. Da du dort Zuflucht gefunden hast, gibt es gewiss nichts in der Welt, das du nicht kennst.

M 60.30 Dennoch frage nach deinem Wunsch; ich werde deinen Zweifel lösen.“ Auf diese Aufforderung Mantrinis hin verneigte sich der göttliche Asket.

M 60.31 Mit gefalteten Händen stellte er seine Frage in wohlgesetzten Worten: „Göttin, ich habe Bhanda gesehen und ihn genau geprüft.

M 60.32 Gewiss überragt er uns alle, die wir Verehrer der Göttin sind. Wie könnte jemand, dessen einzige Zuflucht die Füße der Höchsten sind, im Kampf unterliegen?

M 60.33 Und doch sagte er: ‚Von der Göttin im Kampf getötet, werde ich lange in ihrer Welt wohnen und danach ihren höchsten Zustand erreichen.‘

M 60.34 Warum wird jemand befreit, der die Welten bedrängt und schlecht handelt? Weshalb aber verbleiben wir im Lauf der Welten? Erkläre mir dies!“

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 60.35 So gefragt, antwortete die Königin Shyamala dem Narada: „Höre nun meine Worte, auch wenn sie ein Geheimnis betreffen!

M 60.36 Wer bei Shris Füßen Zuflucht nimmt, wird niemals aufgegeben. Ganz gewiss wird er den höchsten Zustand erreichen; anders kann es nicht sein.

M 60.37 Eine Mutter gibt ihrem kranken Kind nicht das Schädliche, selbst wenn es danach verlangt. Die heilsame Arznei hingegen, die es nicht haben will,

M 60.38 verabreicht sie ihm nötigenfalls gegen seinen Widerstand, ganz auf sein Gedeihen bedacht. Ebenso tötet die Göttin diesen hervorragenden Verehrer und tilgt die weitreichenden schlimmen Taten,

M 60.39 deren Folgen mächtig geworden sind, durch ihren Anblick, ihre Worte, ihre Waffen und anderes. So führt sie ihn rasch zu ihrem eigenen Zustand. Höre weiter!

M 60.40 Was ein Mensch mit ungeteiltem Herzen erbittet, das gewährt Tripura ihm rasch; daran besteht kein Zweifel.

M 60.41 Nur solange dasjenige nicht vergangen ist, was der Erfüllung seines Wunsches entgegensteht, dauert es für ihn. Danach erlangt er das Ersehnte.

M 60.42 Höre: Du selbst bist ewig frei; du begehrst keine Befreiung. Ein Unwissender mag sie ersehnen, doch wie sollte ein Wissender sie noch begehren?

M 60.43 Ein Gebundener wünscht Befreiung, wie ein Hungriger Nahrung wünscht. Wie sollte ein Gesättigter essen wollen? Wie könnte jemand dich noch speisen, wenn du satt bist?

M 60.44 Was man nicht erreicht hat, möchte man erreichen. Doch wie könnte man das schon Erreichte nochmals erlangen? Sage: Was könnte einer, der wie der Raum vollständig ist, noch hinzugewinnen?

M 60.45 Darum ist Befreiung etwas, das der Unwissende zu erlangen hat. Wie könnte dies für dich als Wissenden gelten?“ Als Narada Mantrinis Worte hörte, wurde sein Herz froh.

M 60.46 Er verneigte sich vor ihr und vor Tripura und ging als zu Lebzeiten Befreiter fort. Die Göttin Tripura aber wurde von Brahma, Vishnu und den anderen gebeten,

M 60.47 den Dämon Bhanda zu töten. Sie zog mit dem Heer der Shaktis aus, auf einem Wagen in der Gestalt des Königs der Chakras, der neun Stufen besaß.

M 60.48 Diese waren wie übereinander aufsteigende Geschosse gestaltet und reich geschmückt. Auf der obersten Stufe stand sie, versehen mit allem Gerät des Kampfes.

M 60.49 Von undurchdringlicher Rüstung geschützt, erschien sie höchst furchterregend, mit einer Fülle von Waffen und Geschossen und vor Zorn geröteten Augen. Die Beschreibung der Rüstung ist teilweise unsicher überliefert.

M 60.50 Die verkörperte Wissenschaft des Bogenschießens stand mit gefalteten Händen an ihrer Seite. Auch Waffen und Geschosse waren in persönlicher Gestalt anwesend.

M 60.51 Auf den tieferen Stufen standen der Reihe nach sämtliche Shaktis der Einfassungen, mit vielfältigen Rüstungen bekleidet und mit Waffen und Geschossen versehen.

M 60.52 Auch die Reihen der Gurus waren gerüstet und kampfbereit aufgestellt. Zu ihrer Rechten stand die Herrin der Mantras auf einem prächtigen siebenstufigen Wagen.

M 60.53 Mit ihrem Gefolge zum Kampf gerüstet, zog sie aus, begleitet von den Gruppen der Shyamala-Gestalten, darunter Shuka-Shyamala.

M 60.54 Ihre beiden Lotusaugen rollten in der Freude und dem Rausch des göttlichen Trankes. Unzählige Millionen gleichgestaltiger Töchter Matangas umgaben sie.

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

M 60.55 Diese erfreuten Mantrini mit Gesang, Musik, Tanz, scherzenden Reden und anmutigen Spielen, die mit Lachen vermischt waren. Das überlieferte Wort am Versanfang lautet wörtlich „Gaben“; im Zusammenhang ist „Gesang“ wahrscheinlich.

M 60.56 Sie selbst, die Ministerin der Königin Lalita, war im Rat kundig und stets auf Ratschlüsse bedacht, die dem Willen ihrer Herrin entsprachen.

M 60.57 Besonders liebte sie Gesang, Instrumentalmusik, Scherz und Spiel. Zu Lalitas Linken erschien die ebergesichtige Herrscherin der Strafgewalt.

M 60.58 Auf der obersten Stufe des fünfstufigen Kiri-Chakra-Wagens stand sie, umgeben von ihren zahlreichen Shaktis, Jambhini und den anderen.

M 60.59 Sie verkörperte den Zorn, war überaus furchtbar, doch denen wohlgesinnt, die um Vergebung baten. Stets strafte sie diejenigen, die sich dem Unrecht hingaben.

M 60.60 An ihren Seiten standen ihre Reittiere, ein großer Büffel und ein Löwe. Sie glänzte mit Waffen, darunter Pflug und Keule.

M 60.61 Millionen Batukas und Yoginis umgaben sie. Auf Lalitas Geheiß war auch Bala Tripurasundari erschienen,

M 60.62 die jugendliche Göttin. Sie stand auf dem Wagen namens Laghu-Chakra und war von den mächtigen Shaktis ihrer eigenen Einfassungen umgeben.

M 60.63 Zu ihrer Rechten kam die Herrin des Gedeihens. Sie bestieg den überaus furchterregenden Elefanten Ranakolahala, aus dessen drei Stellen der Brunstsaft floss.

M 60.64 Dieser König der Elefanten glich einem hohen Gipfel des Vindhya-Gebirges und war von natürlicher Kraft berauscht. Die Göttin auf seinem Rücken trug einen gewaltigen Elefantenhaken.

M 60.65 Ihr folgten zahllose Millionen brünstiger Elefanten aus dem Vindhya-Gebirge, aus Malaya und aus Pragjyotisha.

M 60.66 Sie waren gut geschult, mit den Bewegungen des Kampfes vertraut und sechzig Jahre alt. Auf ihnen ritten die mächtigen Shaktis aus dem Gefolge der Herrin des Gedeihens,

M 60.67 kundig im Kampf mit Waffen und Geschossen. Schnell rückten sie vor. Auf der linken Seite erschien die große Herrin Ashvarudha, die Pferdereiterin.

M 60.68 Sie saß auf dem hochgewachsenen kostbaren Ross Aparajita, „Unbesiegt“, einem Pferd von Gandharva-Abstammung, schnell wie der Wind.

M 60.69 Es übertraf Uccaihshravas und trug alle glückverheißenden Kennzeichen: Muschel, Halbmuschel, Edelstein, Götterzeichen, Swastika und Lotus.

M 60.70 Weitere günstige Zeichen wie Gandika zeichneten es aus; es glänzte golden. Selbst bei genauester Aufmerksamkeit vermochte man die Folge seiner Huftritte nicht zu erkennen.

M 60.71 Es kannte den Gedanken seiner Herrin und verstand, wie man den Feind angreift. Hinter ihr folgten zahllose Pferde aus Sindhu und Tankana,

M 60.72 aus Arada, aus Bergländern und aus Barbara, voller Feuer: rote, dunkle, weiße, gelbe, bräunliche und rosafarbene,

M 60.73 grünliche, rauchfarbene, gescheckte und bläulich rote, vielfältig gefärbt, an allen Gliedern schön und mit dichten Mähnen geschmückt.

M 60.74 Sie waren in mannigfaltigen Gangarten geschult, verstanden zu tanzen und hielten den Takt. Auf ihnen ritten Shaktis, die verschiedenste Waffen und Geschosse trugen.

M 60.75 Wie Wogen des Meeres stürmten sie ringsum voran. Beim Auszug schien es, als würden sie mit ihren Hufschlägen die Erde aufreißen.

M 60.76 Das scharfe Klappern ihrer aufschlagenden Hufe verband sich mit lautem Wiehern und dem Trompeten der Elefanten,

M 60.77 mit dem Löwengebrüll der Shaktis und den gewaltigen Herausforderungen der Heldinnen, mit siegverkündenden Kesselpauken, Trommeln und Becken,

M 60.78 mit dem Klang von Hörnern, großen Pauken, Gongs und Trompeten. Damit vermischte sich das Getöse der Räder des königlichen Shri-Chakra-Wagens.

M 60.79 Ein gewaltiger Klang entstand, als erfülle er alle Himmelsrichtungen. Als die Dämonen den mächtigen Lärm von Lalitas Siegeszug hörten,

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 60.80 gerieten sie in äußerste Furcht, als wäre der Tod selbst gekommen. Bhanda jedoch hatte sich schon lange danach gesehnt, durch sie zu sterben.

M 60.81 Als er das nahe Getöse hörte, wusste er gewiss, dass dies nun bevorstand. Doch dann sah er die erschrockenen Dämonen, deren Gesichter bleich geworden waren.

M 60.82 Tiefes Mitgefühl ergriff ihn, und er dachte bei sich: „Gewiss werden diese hier meinetwegen zusammen mit ihren Angehörigen zugrunde gehen.

M 60.83 Keine Furcht in der Welt übertrifft die Todesfurcht. Wenn sie meinetwegen erschlagen werden, werden ihre Frauen und Kinder um sie trauern,

M 60.84 ebenso ihre Schwestern, Mütter und die übrigen Angehörigen. Ach, welch ein Unheil! Ich will daher selbst vorausgehen, mit Mutter Lalita kämpfen

M 60.85 und, durch das Feuer ihrer Waffen gereinigt, das ersehnte Ziel erreichen. Warum sollte ich diese Menschen in Trauer stürzen und von ihren Angehörigen trennen?

M 60.86 Genug der Klagen über den schrecklichen Tod, den ich verursachen würde! Wer seine eigenen Leute vor einer Ursache des Leidens schützen könnte und es nicht tut,

M 60.87 den sollen die Menschen als Mörder seiner Angehörigen ansehen, einem Menschenfresser gleich. Doch wenn ich allein ausziehe und durch die Göttin den Tod finde,

M 60.88 werden meine Angehörigen ebenfalls trauern, weil sie mich verloren haben. Was wird nach meinem Tod aus meinen Verwandten, vor denen die Götter zittern?

M 60.89 Jetzt glänzen sie in großer Macht; dann werden die Götter sie überwältigen und ihnen ihren Reichtum rauben. Sie werden verelenden und trauern. Auch das kann ich nicht billigen.

M 60.90 Wie könnte jemand, der höchste Macht erlangt hat, Erniedrigung ertragen? Gewiss werden nach meinem Tod durch die Göttin meine Brüder, Söhne und die übrigen Angehörigen,

M 60.91 soweit sie tapfer sind, sogleich in Mut und Zorn entbrennen und ihre eigenen Körper wie Motten im Feuer des Kampfes zu Asche werden lassen.

M 60.92 Die Furchtsamen und weniger Starken aber werden sich in Erdhöhlen verbergen wie einst die Götter, elend und von Frauen und Kindern getrennt.

M 60.93 Sie werden einander beklagen und schlimmer daran sein als Tote. Keinesfalls lässt sich die Trauer der Angehörigen ganz vermeiden.

M 60.94 Wozu also dieses vergebliche Grübeln? Mir scheint, es gibt keinen besseren Weg: Zuerst mögen sie durch die Göttin fallen, danach werde ich getötet.

M 60.95 Dies erscheint mir vorzuziehen, denn es hat viele Vorzüge: Reinigung durch die Waffen der Gottheit und das Erreichen der höchsten Welt,

M 60.96 Bewahrung vor Erniedrigung und großer Ruhm auf Erden. Doch auch dabei, denke ich, gibt es für Frauen, Kinder und die anderen keine entsprechende Möglichkeit.

M 60.97 Das lässt sich nicht abwenden; hier bleibt allein die göttliche Fügung als Zuflucht. Einst hörte ich jedoch aus Brahmas Mund:

M 60.98 „Die höchste Göttin Tripura erfüllt die Wünsche ihrer Verehrer.“ Möge die Höchste daher mein Gefolge nicht in Kummer stürzen!

M 60.99 Diese gehören nicht wirklich mir, noch gehöre ich ihnen. Obwohl ich ihre wahre Natur kenne, lässt die Göttin mächtige Verblendung in mir entstehen.

M 60.100 Vergeblich ist daher mein Grübeln über eine Welt, deren Bestand dem eines Traumes gleicht. Mit meinem ganzen Wesen nehme ich zu ihr Zuflucht.

M 60.101 Wie immer sie mich einsetzen will, so bin ich dazu bestimmt, nicht anders. Beschütze mich, höchste Herrin, du Zuflucht aller, mich, der bei dir Zuflucht sucht!

M 60.102 Du mögest mich aus dem dicht geknüpften Netz der Verblendung herausheben!“ So betete Bhanda zur großen Göttin Tripura.

M 60.103 Dann blickte er auf seine Angehörigen, die verzagt rings um ihn standen, und sprach mutige Worte, um sie aufzurichten:

M 60.104 „Dämonen, hört aufmerksam auf meine Worte! Von keiner Seite droht mir der Tod, denn ich bin der Tod des Todes selbst.

M 60.105 Vor euren Augen habe ich Waffen, Geschosse, große Zaubermächte und die Welten mit allem Beweglichen und Unbeweglichen erschaffen.

M 60.106 Ich bin der gewaltige Herr von hundertfünf Welteneiern. Weil ich diese Gegnerin als schwache Frau ansehe, will ich sie nicht sogleich töten.

M 60.107 Ich werde erst ihre Kampfeslust betrachten, sie dann spielend besiegen, in meine inneren Gemächer bringen und höchste Freude genießen.“‘“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 60. Kapitel: Die widerstreitenden Überlegungen Bhandas, der sich zum Kampf mit der Göttin rüstet. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 4983.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 61: Die Gesandten im Heer der Göttin

Botschaft und Auskundschaftung: Die Erzählung unterscheidet den offen auftretenden Gesandten Amitraghna vom heimlich eindringenden Späher Vidyunmalin. Die übergroßen Heereszahlen gehören zur epischen Darstellung göttlicher Macht. Der heilende Mantra in Vers 70 wird erwähnt, aber nicht im Wortlaut mitgeteilt.

M 61.1 Nach diesen Worten wandte sich der große Dämon mit zornroten Augen an seinen Wagenlenker Dirghagriva, der neben ihm stand: „Spannt meinen Wagen an!“

M 61.2 In einem Augenblick machte der Lenker den vortrefflichen Wagen kampfbereit, verneigte sich demütig und meldete es dem Dämonenherrscher.

M 61.3 Der furchtgebietende Bhanda bestieg den ausgezeichneten Wagen, nahm Bogen und Pfeile zur Hand und zog in heftigem Zorn los.

M 61.4 Als die Dämonen sahen und hörten, dass ihr Herr zum Kampf aufbrach, rückten sie rasch aus, gerüstet und von Zorn überwältigt.

M 61.5 Scharen tapferer Dämonenkrieger mit erhobenen Waffen umgaben ihn von allen Seiten, vor ihm, neben ihm und hinter ihm.

M 61.6 Alle Söhne Bhandas waren ihm an Tapferkeit gleich. Ihr Ältester war Kutilaksha, dessen Kraft und Kampfesmut unermesslich waren.

M 61.7 Auf Wagen, gut gerüstet und niemals vor einer Schlacht zurückweichend, zogen sie mit hundert Akshauhini-Heeren vor Bhanda her.

M 61.8 Sie wetteiferten stets darum, im Kampf die Ersten zu sein. An den beiden Seiten des Dämonenkönigs zogen Vishanga und Vishukra,

M 61.9 seine beiden Brüder, an Tapferkeit Vishnu gleich. Sie standen auf ihren Wagen, trugen mächtige Bogen und hatten vor Zorn gerötete Augen.

M 61.10 Rasch rückten sie vor, als wollten sie die Heere ihrer Gegner verschlingen; jeder war von hundert Akshauhini-Heeren umgeben.

M 61.11 Seine Minister, Ugrakarman und die anderen mit furchtbarer Kampfkraft, folgten dem Dämonenherrscher ebenfalls mit hundert Akshauhinis.

M 61.12 Als der Herr der Dämonen so zum Kampf auszog, erschien die Königsstraße wie ein Fluss in der Regenzeit.

M 61.13 Das Heer war ein Strom, der seine Ufer unterspülte: Die Dämonen waren sein Wasser, die Wagen seine wirbelnden Strudel, die Pferde seine Wellen, die Elefanten seine Krokodile und die Schilde seine Schildkröten.

M 61.14 Es war voll aufsteigender Schaumflocken; Banner waren seine Wogen, Schwerter seine langen Schlangen und Köcher seine bunten Fische.

M 61.15 Die Gesichter der Dämonen waren Reihen von Lotusblüten, ihre Augen kleine Fische; vielfältige Schirme bildeten Scharen von Schwänen und anderen Vögeln.

M 61.16 Hoch aufspringende Pferde glichen großen Wassertieren, und das Rasseln der Wagen war sein lautes Brausen. So strömte dieses Heer wie ein Fluss dahin.

M 61.17 Es zog durch das große Stadttor mit seinem edelsteingeschmückten Torturm. Wie Wasser aus der Mündung eines Kanals rasch über ein Feld fließt,

M 61.18 so breitete sich das Heer in einem Augenblick außerhalb der Stadt aus. Da trat Vijaya eilig an den Dämonenkönig heran.

M 61.19 Der Minister verneigte sich, hob die gefalteten Hände zum Scheitel und blieb vor ihm stehen. Als er die Erlaubnis erhielt, sprach er wohlbedachte, der Lage angemessene Worte:

M 61.20 „Großer König, Herr der Dämonen! Dein Ruhm ist überall verbreitet. Die hochstehende Sonne deiner Macht erhitzt die Welteneier.

M 61.21 Als der Stärkste gilt hier allein Hari; doch auch er ist dir im Kampf gegenübergetreten und immer wieder besiegt worden.

M 61.22 Die Annahme, jemand könnte dich im Kampf überwinden, ist daher gewiss irrig. Dennoch muss ein Minister zur rechten Zeit gemäß der Staatslehre

M 61.23 die Lage erwägen und dem König sagen, was heilsam ist und mit der Überlieferung übereinstimmt. Wer das Angemessene zur rechten Zeit verschweigt, verdient nicht, ein guter Ratgeber genannt zu werden.

M 61.24 Vier Mittel werden in der Lehre der Herrschaft genannt. Jedes einzelne ist zu seiner Zeit anerkannt und besonders wirksam.

M 61.25 Wer, von törichten schlechten Ministern beraten, ein Mittel zur falschen Zeit anwendet, geht zugrunde wie ein Kranker, der eine ungeeignete Arznei einnimmt.

M 61.26 Darum prüfen die Klugen zuerst alles durch die Augen von Boten und Kundschaftern. Erst nach solcher Einsicht soll man kämpfen; so erlangt man Erfolg.

M 61.27 Sende daher rasch einen geeigneten Boten und einen Späher zu den Gegnern. Inzwischen wird auch das Heer vollständig gerüstet und ohne Unsicherheit bereitstehen.

M 61.28 Ebenso lässt sich die Verteidigung der Stadt ordnungsgemäß einrichten. Dies musste ich dir, meinem Herrn, zur rechten Zeit vortragen.

M 61.29 Ich habe es vorgetragen; nun mögest du tun, was der Lage entspricht.“ Als Bhanda diesen vernünftigen, von Kundigen gebilligten Rat hörte,

M 61.30 stimmte er ihm zu, um seine Angehörigen zu beruhigen. Er ließ die Heerführer das Heer in einzelnen Abteilungen aufstellen

M 61.31 und sandte Kutilaksha zur Sicherung der Stadt. Dann sprach der große Dämon Bhanda zum vorzüglichen Minister Amitraghna:

M 61.32 „Gehe, Amitraghna, und sage auf meinen Befehl zu jener, die Lalita heißt: ‚Du bist eine schöne Göttin, würdig, in jeder Hinsicht meine Gefährtin zu sein.

M 61.33 Ich wünsche nicht, mit dir zu kämpfen. Weshalb bist du gekommen, um mich herauszufordern? Doch deinen Wunsch nach einem Kampf nehme ich durchaus an.

M 61.34 Ich fürchte mich nicht vor einer großen Schlacht; warum sollte ich den Kampf mit dir fürchten? Aber wenn ich deine liebliche Gestalt sehe, wird mein Herz weich.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 61.35 Verlasse darum die Partei der Götter und verbinde dich mit mir! Durch friedliche Worte oder durch Kampf werde ich dich an meine Seite bringen.

M 61.36 Wenn du dich mir widersetzt, wirst du gewiss nur Schaden erfahren. Bedenke dies rasch und entscheide dich für eine der beiden Seiten!‘

M 61.37 Sprich so freundlich zu ihr. Erfahre, was sie beabsichtigt, wie stark ihr Heer ist und was sie vorhat; dann kehre schnell zurück!“

M 61.38 Darauf wandte er sich an Vidyunmalin, den vortrefflichen Meister der Zauberkunst: „Vidyunmalin, du Kluger, Führer der Zauberkundigen!

M 61.39 Gehe unbemerkt von den Gegnern hin und erkunde das gesamte Heer der Göttin, seine Stärke, seine Entschlossenheit, mögliche Spaltungen und Schwachstellen.

M 61.40 Prüfe alles umsichtig und kehre rasch zurück; du verstehst dich darauf!“ So beauftragt, gingen die beiden Dämonen zum Heer der Shaktis.

M 61.41 Es war grenzenlos und einem Ozean gleich. Amitraghna drang mühsam in dieses große Heer ein wie ein Boot in das Meer.

M 61.42 Shaktis mit gezogenen Schwertern bewachten es. Kaum war er eingetreten, da ergriff eine mächtige Shakti ihn.

M 61.43 Sie war eine goldglänzende Dienerin der Dandanatha. Rasch versetzte sie dem Dämon einen Schlag und packte ihn am Hals.

M 61.44 Mit zornigen, furchterregenden Worten fuhr sie ihn an: „Wer bist du, dass du in dieses Heer der Göttin eindringst, das die Herrscherin der Strafgewalt so gut beschützt?

M 61.45 Ohne dich anzumelden bist du hereingekommen, obwohl wir seine Zugänge bewachen! Wer ohne Erlaubnis der Herrscherin der Strafgewalt dieses Heer betritt,

M 61.46 wird nicht lebend zurückkehren, selbst wenn er der Tod in eigener Person wäre!“ Inzwischen eilten die zur Bewachung des Heeres eingesetzten,

M 61.47 auf Dandinis Befehle wartenden Shaktis zu Hunderten herbei. Die Gewaltigen zerrten an ihm und schlugen ihn, bis er bewusstlos wurde.

M 61.48 Da erfuhr Dandanatha vom Eintreffen des Dämonen und ließ ihn durch ihre dienenden Shaktis vor sich bringen.

M 61.49 Sie befragte ihn und erkannte, dass er Bhandas Bote war. Darauf unterrichtete sie Mantrini und führte ihn zu ihr.

M 61.50 Diese meldete seine Ankunft, brachte ihn vor Lalita und fragte den Boten nach dem Zweck seines Kommens.

M 61.51 Amitraghna verneigte sich und sagte: „Auf Bhandas Befehl bin ich gekommen. Ich bin der Bote dieses Dämonenherrschers und werde seine Worte mitteilen:

M 61.52 ‚Zwischen uns besteht keine Feindschaft. Warum bist du zum Kampf gekommen? Göttin, mit oder ohne Kampf sollst du dich mit mir verbinden.

M 61.53 Sage, wie könnte ich dich bekämpfen, die mir so lieb und teuer ist? Verlasse daher die Götter und komme an meine Seite!‘

M 61.54 ‚Das sollst du ihr sagen‘, befahl er mir, ‚und die Stärke oder Schwäche ihres Heeres erkunden.‘ So wurde ich von ihm geschickt. Das Töten eines Boten ist verwerflich.

M 61.55 Die Kundigen befürworten in den Lehrschriften nicht die Tötung eines Gesandten. In diesem Vertrauen bin ich eingetreten, offen vor den Augen aller Shaktis.

M 61.56 Kaum war ich eingetreten, packten deine Shaktis mich, misshandelten mich und brachten mich vor dich. Damit ist alles gesagt.

M 61.57 Nun ist die Göttin selbst meine Zuflucht. Es wäre nicht recht, mich zu töten.“ Nachdem sie die Worte des Boten gehört hatte, erkannte Mantrini Lalitas Willen.

M 61.58 Lächelnd und mit freundlicher Stimme sagte sie: „Fürchte dich nicht, Dämon! Gehe in Frieden; du wirst keinesfalls getötet.

M 61.59 Höre aufmerksam, was ich sage, und richte es dem Dämonenkönig Bhanda aus: ‚Wenn du am Leben bleiben möchtest, komme rasch und ohne Furcht.

M 61.60 Nimm bei der Herrin der Götter Zuflucht und gib die drei Welten frei. Indra soll ihr Herr sein; du wirst in der Unterwelt wohnen.

M 61.61 Schließe mit Indra Freundschaft, zusammen mit deinen Söhnen, Heeren und Reittieren! Andernfalls wird es für dich nirgends ein lebendes Entkommen geben.‘

M 61.62 Herrscherin der Strafgewalt, führe ihn herum und zeige ihm das gesamte Heer! Wenn er alles gesehen hat, entlasse ihn außerhalb des Heerlagers.“

M 61.63 So beauftragt, zeigte die Ebergesichtige ihm ihr Heer und entließ den Dämon außerhalb des Lagers.

M 61.64 Als er frei war, fühlte er sich wie neu geboren. Mit einem vor Angst bebenden Herzen kehrte er zum König zurück.

M 61.65 Vidyunmalin hatte gesehen, wie Amitraghna misshandelt wurde, und war erschrocken. In der Nacht nahm der große Zauberkünstler die Gestalt einer Eule an.

M 61.66 Er flog durch die Luft und besichtigte das gesamte Heer. Nachdem er die Truppen gezählt hatte und auf dem Luftweg fortfliegen wollte,

M 61.67 ergriff ihn eine durch die Luft ziehende Shakti, die nachts Wache hielt. Kaum war er gefasst, flog der Zauberkundige hoch in den Himmel hinauf.

M 61.68 Fünfzig Yojanas über der Erde kämpfte er heftig mit ihr. Nach langem Kampf traf sie ihn mit ihrem Dreizack; irgendwie kam er schließlich von ihr los.

M 61.69 Mit kaum noch einem Rest von Leben gelangte er zum Dämonenkönig. Bei Sonnenaufgang brach er vor ihm zusammen.

M 61.70 Bhanda sah den schwer Verwundeten vor sich liegen, dem Tod nahe. Während er einen Mantra rezitierte, berührte er dessen Glieder mit der Hand.

M 61.71 Durch die bloße Mantraberührung kam er wieder zum Leben und war von Schmerz befreit. Er erhob sich rasch und verneigte sich vor dem Dämonenkönig.

M 61.72 Auf dessen Frage berichtete Vidyunmalin der Reihe nach, was ihm widerfahren war: „Großer König! Von dir fortgehend, zog ich zusammen mit Amitraghna los.

M 61.73 Ich sah jenes Heer, das dem Ozean bei der Weltauflösung gleicht. Zuerst trat Amitraghna in die gewaltige Heeresmasse ein.

M 61.74 Vor meinen Augen wurde er sogleich gewaltsam von den Shaktis ergriffen. Wie Bienen den Honig umschwärmen, so fielen sie über ihn her.

M 61.75 In einem Augenblick verlor er das Bewusstsein, obwohl er stark ist. Er konnte sich nicht einmal mehr bewegen; an Kampf oder Flucht war nicht zu denken.

M 61.76 Ich war überzeugt, dass er das unmöglich überleben würde. Voller Angst wollte ich weit fortfliehen.

M 61.77 Nur die Achtung vor deinem Befehl und die Furcht vor dir hielten mich davon ab, unverrichteter Dinge zurückzukehren. Am Ende des Tages verwandelte ich mich durch Zauberkraft in eine Eule.

M 61.78 Hoch über dem Heer flog ich umher und beobachtete es. Ich sah seine gewaltige, furchtbare Masse und hörte sein schreckliches Getöse.

M 61.79 Es glich dem Meer mit seinen riesigen, aufgewühlten Wogen zur Zeit der Weltauflösung. Schon sein Anblick könnte die Dämonen zu Tode bringen.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 61.80 Alle Shaktis dort sind höchst furchterregend und von gewaltiger Kampfkraft. Sie drängen danach, im Kampf jeweils die Erste zu sein.

M 61.81 Dort ist die junge Bala, Lalitas geliebte Tochter, umgeben von Hunderten Millionen jugendlicher Göttinnen.

M 61.82 Sie versteht sich auf Waffen und Geschosse und ist voller Eifer bei den Kriegsvorbereitungen. Immer wieder sagt sie: ‚Ich werde Bhandas Söhne erschlagen!‘

M 61.83 Auch die jungen Göttinnen rufen kampfbegierig und laut brüllend: ‚In einem Augenblick werden wir das große Heer von Bhandas Söhnen vernichten!‘

M 61.84 Dann sind dort Sampatkari und Ashvarudha, Führerinnen der Shaktis. Sie bringen zahllose Elefanten und Pferde heran, auf denen mächtige Shaktis sitzen.

M 61.85 Diese beiden Gewaltigen stehen an Balas Seiten. Hinter Bala, auf einem großen Wagen,

M 61.86 befindet sich die erhabene große Göttin Lalita. Die Shaktis der neun Einfassungen umgeben sie, von unermesslicher Kraft, Wildheit und Tapferkeit.

M 61.87 Zu ihren beiden Seiten stehen die Herrin der Mantras und die Trägerin der Strafgewalt, jede auf ihrem eigenen Wagen, mit wunderbar großer Kampfkraft.

M 61.88 Mantrini ist ringsum von vielen Millionen Töchtern Matangas umgeben, ihr selbst gleich und mit erstaunlichen Kräften ausgestattet.

M 61.89 Varahi ist von Shaktis mit höchst furchtbaren Namen und Gestalten begleitet, außerdem von Batukas und anderen; sie ist von heftigem Zorn erfüllt.

M 61.90 Nirgends im ganzen Heer der Shaktis bemerkte ich einen Ort, an dem nicht davon gesprochen wurde, wie du getötet werden sollst.

M 61.91 Ich bin zu der festen Überzeugung gelangt, dass schon eine einzige der geringeren Shaktis unser ganzes Heer in einem Augenblick vernichten könnte.

M 61.92 Das Heer setzt sich aus Shaktis in unfassbarer Zahl zusammen, aus Hunderten, Millionen, Milliarden und noch weit größeren Zahlengrößen. So berichte ich es dir, Dämonenkönig! Die verschachtelte Zahlenangabe ist sprachlich unsicher und erlaubt keine verlässliche Gesamtzahl.

M 61.93 Selbst eine unter ihnen gering geachtete Shakti überragt uns und sämtliche Dämonenscharen in Kraft, Mut und Tapferkeit vollständig.“

M 61.94 Nach diesen Worten verneigte sich Vidyunmalin mit gefalteten Händen vor dem Dämonenkönig und schwieg in der Versammlung der Dämonen.

Kapitelabschluss: Hier endet im Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 61. Kapitel: Die Aussagen von Bhandas Boten und des Kundschafters Vidyunmalin. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5077.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 62: Bhandas innerer Zwiespalt und Balas Kampfbeginn

Innere Gedanken und äußere Rolle: Bhanda verbirgt seine Sehnsucht nach Erlösung hinter gespieltem Zorn. Die Erzählung selbst vergleicht dies mit einem Schauspiel. Seine Vorstellungen vom gemeinsamen Tod der Angehörigen gehören zu dieser mythologischen Figur und bilden keine Lehre für das eigene Handeln. In der Textgrundlage fehlen Vers 21 und ein Teil von Vers 22.

M 62.1 Kurz darauf betrat Amitraghna die Versammlung der Dämonen und fiel, innerlich von Furcht erschüttert, Bhanda zu Füßen.

M 62.2 Nachdem man ihn beruhigt hatte, berichtete er auf die Fragen der Minister noch immer zitternd: „Großer König! Auf deinen Befehl ging ich zum mächtigen Heer der Shaktis.

M 62.3 Kaum hatte ich es betreten, ergriffen mich die Shaktis mit Gewalt. Meine Tapferkeit und meine Kraft waren vor ihnen zu nichts nütze,

M 62.4 wie das Licht eines Leuchtkäfers im Glanz der Sonne verschwindet. Als sie mich packten, verlor ich sofort das Bewusstsein.

M 62.5 Dann wurde ich zu Dandanatha gebracht und lag wie tot vor ihr. Sie ragte empor wie ein großer Berg, ebergesichtig und golden glänzend.

M 62.6 Aus ihren Augen schien Zornesfeuer zu strömen, und sie stieß grollende Laute aus. Als ich die ebenso furchtbaren, durch ihren Zorn entflammten Scharen der Shaktis sah,

M 62.7 konnte ich wiederum kaum atmen. Auf ihren Befehl führten mich die Shaktis vor Mantrini.

M 62.8 Ich sah die Göttin Mantrini, dunkel wie das Blatt des Tamala-Baumes, die Verkörperung erlesenster Schönheit, im stolzen Vollbesitz ihrer Jugend.

M 62.9 Ihr Gesicht zeigte ein sanftes Lächeln; sie bewegte sich anmutig im Rausch des Trankes, liebte stets Gesang und Lachen und war dem Spiel der Vina ergeben.

M 62.10 Der Nektarregen aus ihren freundlichen Lotusaugen belebte mich wieder. Ich betrachtete sie, die einzige Stätte allen Glücks und aller Schönheit.

M 62.11 Auf ihre Frage teilte ich ihr alle deine Worte mit. Danach führte sie mich rasch vor die große Königin.

M 62.12 Ich sah die Königin Lalita in ihrer gewaltigen Herrlichkeit. Sie ließ mir durch Mantrinis Mund eine Botschaft für dich mitteilen.

M 62.13 Höre, Herr der Dämonen, mit aufmerksamem Geist, was ich dir ausrichten werde: ‚Sage dem Dämonenkönig Bhanda: Wenn du leben möchtest,

M 62.14 überlasse Indra die drei Welten und nimm bei der Mutter Zuflucht. Wohne mit deinem Gefolge in der Unterwelt!

M 62.15 Verbinde dich mit Indra, zusammen mit deinen Söhnen, Ministern und den anderen. Tust du dies nicht, gibt es für dich kein Entkommen, selbst wenn du in eine andere Welt gehst.

M 62.16 Dich, den Feind Indras, werde ich unter meine Gewalt bringen.‘ Dies sollte ich dir, dem Dämonen Bhanda, nach meiner Rückkehr sagen. Der Wortlaut der Drohung im ersten Halbvers ist gestört; die Wiedergabe bleibt sinngemäß.

M 62.17 Inzwischen kam eine dunkle Shakti auf einem Pferd heran, mit einem schrecklichen gezogenen Schwert in der erhobenen Hand.

M 62.18 Sie stieg von ihrem Reittier, verneigte sich vor Mutter Lalita und der Herrin der Mantras und berichtete auf deren Frage:

M 62.19 ‚Ich habe meine dienenden Shaktis in Bhandas Heer und in seine Stadt geschickt. Sie sind hingegangen, haben alles gesehen und sind zurückgekehrt.

M 62.20 Sie haben das ganze Heer und die Stadt erkundet.‘ Darauf berichtete sie alles, was uns betrifft.

M 62.22 Von den Dämonen und ihren Kriegern war ihr nichts unbekannt, weder im Inneren noch im Äußeren. Die Nummer 21 fehlt; auch der Beginn des unter 22 überlieferten Textes ist unvollständig.

M 62.23 Alle Frauen kannte sie genau und ebenso ihre Gespräche. Sogar deinen geheimen Rat, von dem nicht einmal wir etwas wussten,

M 62.24 gab sie wieder, die einzelnen Worte und Vorgänge der Reihe nach. Ich staunte: Was selbst mir nach langem Aufenthalt hier unbekannt geblieben war,

M 62.25 berichtete sie vollständig so, wie es sich tatsächlich verhielt. Auch Dinge, von denen du selbst nichts wusstest, wurden von ihr erzählt.

M 62.26 Ich halte das Heer der Göttin daher für unbesiegbar, selbst für die größten Dämonen. Schon eine geringere Shakti könnte uns alle in einem Augenblick vernichten.

M 62.27 Herr der Dämonen, unter den Starken deines Heeres gehöre ich gewiss nicht zu den Geringsten. Selbst Indra und die anderen habe ich wiederholt im Kampf besiegt.

M 62.28 Doch kaum war ich eingetreten, da ergriff mich eine gewöhnliche Shakti mühelos, wie ein Löwe ein junges Wild packt.

M 62.29 Wie Kinder einem anderen ein Spielzeug aus der Hand reißen, so packten sie mich, obwohl ich stark bin.

M 62.30 Ich konnte mich nicht einmal bewegen, geschweige denn befreien. Die Dämonen können dieses Heer keinesfalls besiegen; daran besteht kein Zweifel.“

M 62.31 Nachdem der Dämon so gesprochen hatte, schwieg er vor seinem Herrn. Bhanda hörte seinen Bericht und dachte bei sich:

M 62.32 „Gewiss hat die Herrin Tripura aus Mitgefühl mit mir, der bei ihr Zuflucht sucht, heute die lange ersehnte Gnade gewährt.

M 62.33 Was die Mutter der Welt mir damals sagte, wird heute wahr. Gesegnet bin ich: Ich werde die Herrin Tripura im Kampf sehen und mit ihr sprechen.

M 62.34 Die großen Flammen ihrer Waffen werden die Unreinheit meines Leibes verbrennen. Dann werde ich in ihre Welt gehen, die Stätte höchsten Glücks.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 62.35 Dieser aus schwerem Unrecht entstandene Körper, ein Sitz unheilsamer Taten und von dämonischer Natur bestimmt, ist mir längst zu einer Last geworden.

M 62.36 Wie ein zum Frondienst Gezwungener seine Last abwirft und flieht, so werde ich diese Last des leidbringenden Körpers ablegen

M 62.37 und an einen Ort des Glücks entkommen. Darüber empfinde ich keinen Kummer. Unzählige Tausende von Jahren habe ich diesen Leib getragen.

M 62.38 Obwohl er mir großes Wohlleben ermöglicht hat, gefällt er mir nicht mehr: dieselben Freuden, dieselbe Herrschaft, dieselben Frauen und derselbe Umgang.

M 62.39 Da ich dies Tag für Tag genieße, ist alles schal geworden. Tief empfinde ich Überdruss an diesem alt gewordenen Dasein.

M 62.40 Ich sehne mich nach dem Ende des Körpers wie ein langjährig Kranker nach dem Ende seiner Krankheit. Doch meine Lieben werden trauern, wenn sie mich verlieren.

M 62.41 Ebenso werde ich ohne sie keinen Augenblick Glück finden. Ob ihr Tod vor meinem oder danach eintritt, er wird Leid bringen.

M 62.42 Das erscheint mir ausweglos. Wie könnte mir der Schmerz erspart bleiben? Möge die Göttin Tripura mir die ersehnte Gnade so gewähren:

M 62.43 Wenn sie uns alle zugleich tötete, erschiene mir dies als Wohlergehen. Von Natur aus schenkt sie ihren Verehrern mehr, als diese erbitten.

M 62.44 Warum sollte sie meinen Wunsch nicht erfüllen, da ich bei ihren Füßen Zuflucht nehme?“ So dachte er und verneigte sich innerlich vor der höchsten Mutter.

M 62.45 Dann stellte er wie ein Schauspieler im Theater nach Belieben heftigen Zorn dar: „Schande über dich, erbärmlicher Dämon! Wie kannst du vor meinen Augen

M 62.46 unsere Feinde in einer Weise preisen, die mir missfällt, und dich dabei nicht schämen? Den Gegner zu loben gilt in der Welt als die Art eines Feiglings.

M 62.47 Ein Held preist den Feind nicht, nur weil er ihn für stark hält. Ob der Gegner stark oder schwach ist: Helden fürchten sich nicht vor ihm!“

M 62.48 Mit diesen Worten hob er zornig sein Schwert. Wie eine gewaltige schwarze Todesschlange schien er aus Augen und Mund das Giftfeuer des Zorns zu speien.

M 62.49 Er trat aus dem Stadttor hervor wie aus der Öffnung einer großen Höhle und rief: „Die Dämonen, die sich vor ihr fürchten, sollen meine Tapferkeit sehen!

M 62.50 Wenn sie mir heute im Kampf begegnet, wird sie nicht weiterbestehen!“ Noch während der Dämonenkönig so sprach, kam sein Wagenlenker mit dem Wagen heran.

M 62.51 Bhanda bestieg ihn und zog los. Die Menschen hielten ihn für die Zeit selbst, die zur Vernichtung der Welt antritt.

M 62.52 „Wenn die Welt seinem Zornesfeuer begegnet, wird nichts von ihr übrig bleiben!“ So sprachen alle erschrocken. Auch die führenden Dämonen gerieten in Furcht.

M 62.53 Die Heerführer und Minister zogen mit ihren jeweiligen Truppen aus, ebenso sämtliche Söhne, Enkel und Brüder.

M 62.54 Voller Angst nahmen sie das gesamte Heer mit sich und rückten aus. Auf Vishukras Befehl ließ der Fürst Kutilaksha

M 62.55 fünf Akshauhinis zur Verteidigung der Stadt zurück. Nachdem er Vishukra dies gemeldet hatte, führte er ein mächtiges Heer heran

M 62.56 und zog vor Bhanda her, als wollte er den Horizont verschlingen. Als der Dämonenkönig mit dem ganzen Heer aufbrach,

M 62.57 schlugen die Dämonen ringsum die Kriegspauken. Die Klänge der Trommeln, Kessel- und Schlachtpauken verbanden sich mit ihrem Gebrüll,

M 62.58 mit dem Schlagen auf die Arme, dem Rasseln der Räder und dem Trompeten der Elefanten, mit den Rufen der Lobredner und dem Wiehern der Pferde,

M 62.59 mit dem harten Klappern der aufschlagenden Hufe, mit Kampfgeschrei und Herausforderungen. Daraus entstand ein gewaltiges Getöse,

M 62.60 das alles erfüllte und das Gewebe der Welt zu zerreißen schien. Dandini hörte den Lärm des Heeres und erkannte Bhandas Ankunft.

M 62.61 Durch die Kundschafter erfuhr sie von dem großen Aufmarsch. Eilig begab sie sich zur Herrin der Mantras und meldete:

M 62.62 „Herrin des Rates, Bhanda ist mit seinem Heer herangekommen. Seine Kriegsausrüstung ist gewaltig; eine große Schlacht steht bevor.

M 62.63 Unterrichte die Göttin Lalita und begleite die große Königin, umgeben von Shaktis; beschütze sie mit deinen Scharen!

M 62.64 Ich werde mit meinem Heer vorausziehen und ihn aufhalten. Schon hört man das Getöse von Elefanten und Pferden.

M 62.65 Ich vermute, die kampfbegierige Bala hat bereits den Kampf begonnen, zusammen mit der Herrin der Elefanten und der Herrin der Pferde, in erstaunlicher Tapferkeit.“

M 62.66 Während sie noch sprach, traf eine Botin ein. Sie begrüßte Dandanatha und Mantrini mit Segenswünschen und sagte:

M 62.67 „Göttin, eine gewaltige Schlacht mit Mutter Bala hat begonnen. Der Dämonenkönig ist umfassend gerüstet und mit großer Kampfesmacht herangerückt.

M 62.68 Zusammen mit seinen Brüdern, Söhnen und den anderen, umgeben von seinem gesamten Heer, ist der Grausame gekommen und kämpft mit furchtbarer Kraft.

M 62.69 Sampatkari hat mich geschickt, um dies zu melden. Was soll ich der Göttin, die das Elefantenheer führt, bei meiner Rückkehr ausrichten?“

M 62.70 Als die erhabene Herrin der Strafgewalt die Botschaft hörte, sprach sie der Lage angemessene, von Kampfesmut erfüllte Worte:

M 62.71 „Gehe zur Führerin des Elefantenheeres und richte ihr genau aus, was ich sage: Gegen die mächtigen Dämonen müsst ihr mit größter Wachsamkeit kämpfen.

M 62.72 Bala ist ein junges Mädchen, stets voller Begeisterung für den Kampf. Sie muss von allen Seiten beschützt werden. Auch ich werde rasch eintreffen.

M 62.73 Haltet den Dämonenherrscher so eingeschlossen und bekämpft ihn so, dass er bis zu meiner Ankunft nicht durch Zauberkunst entkommt!

M 62.74 Dann werde ich seine lange gehegte Kampfeslust in einem Augenblick zunichtemachen, wie beim Sonnenaufgang die Dunkelheit vergeht.

M 62.75 Gehe rasch und bringe diese Botschaft zur Führerin des Elefantenheeres!“ Mit diesem Auftrag ging die Botin fort.

M 62.76 Darauf bestieg Dandini den Kiri-Wagen und zog rasch aus, begleitet von zahllosen Shakti-Heeren und erfüllt von Zorn.

M 62.77 Schon von Natur aus zornig, war sie durch den Beginn der Schlacht noch heftiger entflammt, als wollte sie mit ihrem Zornesfeuer in einem Augenblick sämtliche Welten verbrennen.

M 62.78 Der gewaltige Lärm ihres Heeres verband sich mit dem Rasseln der Wagenräder, drang durch die Ohren der Gegner ein und schien ihnen das Herz zu zerreißen.

M 62.79 Mächtiger Widerhall begleitete sie, und ihre schreckliche Gestalt bewegte sich vorwärts. So begann die Herrscherin der Strafgewalt ihren Siegeszug.

Kapitelabschluss: Hier endet im Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 62. Kapitel: Die Vorbereitung zum Kampf durch Bala, die Tochter der Erhabenen. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5156.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 63: Balas Vorstoß und der Mut der jungen Göttin

Die junge Göttin: Bala erscheint als achtjährige Tochter Lalitas und zugleich als eine deren Macht verkörpernde göttliche Gestalt. Die drastische Schlachtpoesie gehört zum epischen Register. Vishukras abwertende Worte über Frauen in Vers 70–71 sind Figurenrede; gerade die Erzählung von Balas Überlegenheit widerlegt seinen Machtanspruch.

M 63.1 Als die junge Göttin den gewaltigen Lärm von Bhandas großem Heer hörte, blickte sie voller Kampfeslust in die Richtung,

M 63.2 aus der er kam: nach Nordosten. Die ihrem Herzen nach Lalita so liebe Tochter sah den Staub, den das Gedränge des Dämonenheeres aufwirbelte.

M 63.3 Er glich den Wolkenmassen bei der Auflösung der Welt. Sie erkannte, dass der Dämonenkönig mit seinem gesamten Heer eingetroffen war.

M 63.4 Voller Kampfeifer stand Bala Tripurasundari auf ihrem Laghu-Chakra-Wagen und trieb ihre Wagenlenkerin an.

M 63.5 Weil sie vermutete, die erhabene Mutter würde ihr den Kampf untersagen, ging sie nicht erst zur großen Göttin. Sie begab sich in Richtung Mantrinis,

M 63.6 doch im eiligen Verlangen nach dem Kampf ließ sie Heerführerin und Heer hinter sich und stürmte mit Windeseile dem Dämonenheer entgegen. Der Übergang in Vers 5–6 ist sprachlich unsicher; die folgende Szene zeigt ihren unbegleiteten Vorstoß.

M 63.7 Wie eine große Herbstwolke, vom Wind durch den Himmel getrieben, nach vorn schießt, so schnell fuhr ihr Wagen dahin.

M 63.8 Als Ashvarudha Balas gefährlichen Aufbruch zum Kampf sah, folgte sie ihr unverzüglich und in größter Eile.

M 63.9 Ihr Heer wogte wie ein Meer, dessen hohe Wellen die Pferde bildeten. Es stürmte von allen Seiten heran, als wollte es die Welt überfluten.

M 63.10 Danach kam Sampatkari auf Ranakolahala, umgeben von vielen Millionen Elefanten ihres Heeres.

M 63.11 Mit größter Geschwindigkeit folgte sie, um Bala zu schützen. Balas Wagenlenkerin aber, im Lenken von Wagen erfahren und zur Eile angetrieben,

M 63.12 führte den Wagen rasch vorwärts. Sie glich Bala an Gestalt. Wie ein Fluss zur Regenzeit in den Ozean strömt, drang Bala in das Dämonenheer ein.

M 63.13 Sie spannte ihren sehnenbespannten Bogen und ließ Pfeile regnen. Wie ein Boot in das durch die Strömung eines Flusses geteilte Meer,

M 63.14 so fuhr ihr Wagen in das Heer des Dämonenkönigs hinein, das ihre Pfeilscharen auseinanderrissen. Kutilaksha stand an der Spitze des Dämonenheeres auf einem Elefanten.

M 63.15 Der Gewaltige versperrte Bala mit einem großen Heer den Weg. Als der Heerführer das junge Mädchen sah,

M 63.16 das Pfeilregen aussandte, erkannte er ihre wunderbare Kampfkraft: Sie stand allein auf dem Wagen, zartgliedrig und acht Jahre alt.

M 63.17 „Ach, welch ein Wunder! Wer ist dieses einsame Mädchen, das furchtlos gegen uns kämpft, vor denen selbst Indra und die anderen zittern?

M 63.18 Nach den Merkmalen, die die Kundschafter beschrieben, halte ich sie für Lalita. Ich erkenne alle Zeichen, doch sie ist keine erwachsene junge Frau.

M 63.19 Vielleicht ist sie die Tochter jener, von der wir zuvor gehört haben. Aber wie könnte deren kleine Tochter ohne Heer

M 63.20 allein gerüstet in die Schlacht ziehen? Mir scheint, sie allein wird uns alle besiegen.

M 63.21 Ich sehe nur Vishukra, Vishanga, den König oder mich selbst als fähig an, ihr im Kampf gegenüber standzuhalten.

M 63.22 Wie sollten es die Prinzen und die übrigen vermögen, einzeln oder gemeinsam? Wohin sie im Heer auch blickt,

M 63.23 dort zerschlägt sie unsere Truppen in einem halben Augenblick mit einem Netz von Pfeilen. Millionen Dämonen sind gefallen, und unser großes Heer ist in Schrecken versetzt.

M 63.24 Hier liegen sie mit abgetrennten Armen, Füßen und Köpfen, mit zerrissener Brust und geöffnetem Leib. Andere sind tot, wieder andere fliehen in großer Angst.

M 63.25 Zitternd vor Furcht können sie die Blutströme nicht überqueren. Zu Hunderten stürzen sie hinein und versinken in diesen Meeren von Blut.

M 63.26 Sie hat unser Heer durchbrochen und wird in einem Augenblick ins Innere gelangen. Mit aller Kraft muss ich sie aufhalten. Schande über mich, wenn ich untätig bleibe!

M 63.27 Ein junges Mädchen wird vor meinen Augen das Heer durchbrechen und eindringen! Nicht einmal Indra, die Maruts oder Vayu haben dies früher vermocht.

M 63.28 Dies ist eine schwere Lage für mich. Um jeden Preis muss sie besiegt werden.“ So entschlossen, stellte er sich auf seinem gewaltigen Elefanten ihrem Vormarsch entgegen.

M 63.29 Er rückte vor sie und überschüttete sie mit Pfeilen. Der mächtige Dämon Kutilaksha kämpfte gegen Bala.

M 63.30 Er war kriegserfahren und kundig in Zauberkunst, Waffen und Geschossen. Mit einem Pfeilregen bedeckte er Bala, die vor ihm auf dem Schlachtfeld stand,

M 63.31 wie ein Schneesturm die aufgehende Sonne verhüllt. Doch Bala, deren Körper rötlich leuchtete, richtete ihre überaus scharfen Pfeilstrahlen darauf.

M 63.32 In einem halben Augenblick vernichtete sie diesen Regen vollständig und bedrängte das Heer des Dämonen mit spitzen Geschossen.

M 63.33 So schnell bewegten sich ihre Hände, dass niemand, auch kein Kundiger mit noch so scharfem Blick, das Auflegen und Abschießen der Pfeile wahrnehmen konnte.

M 63.34 Man sah nur den ununterbrochenen Strom von Pfeilen aus ihrem Bogen hervorgehen, wie in der Regenzeit Wasser aus einer Bergöffnung strömt.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 63.35 In einem Achtel eines Muhurta zerstreute sie das große Heer, gelangte an Kutilaksha heran und traf ihn mit scharfen Pfeilen.

M 63.36 Auch der Gewaltige kämpfte in der Schlacht mit seiner ganzen Lebenskraft. Doch sie machte seine Waffen und Geschosse durch einen Regen von Gegenwaffen

M 63.37 wirkungslos und beschoss den Dämonenführer mit scharfen Pfeilen. Mit einem einzigen spitzen, breitköpfigen Pfeil zertrennte sie rasch seinen Bogen.

M 63.38 Dann traf sie mit einem weiteren Pfeil seinen Reitelefanten ins Gesicht. Der Elefant, einem König der Berge gleich, wurde dort vom Geschoss getroffen.

M 63.39 Trompetend und schwankend stürzte er sogleich leblos zu Boden. Kutilaksha erkannte, dass der Elefant starb, und ergriff seine Keule.

M 63.40 Voller Zorn stürmte er heran, um Bala auf ihrem Wagen zu töten. Er glich dem rasch heraneilenden Rahu, der die junge rote Sonne verschlingen will.

M 63.41 So sahen ihn die Götter und Siddhas am Himmel. Als Bala den Keulenträger mit großer Geschwindigkeit kommen sah,

M 63.42 traf sie ihn mit einem bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil mitten ins Herz. Vom scharfen Geschoss durchbohrt, spie er viel Blut aus

M 63.43 und stürzte bewusstlos zu Boden wie ein vom Donnerkeil getroffener Berg. Darauf sprach Bala lächelnd zu ihrer Freundin, der Wagenlenkerin:

M 63.44 „Freundin, lenke den Wagen rasch zu Bhanda! Hinter mir kommt Dandini mit dem Eberbanner heran.

M 63.45 Ich sehne mich danach, in der Schlacht mit Bhanda zu kämpfen. Wenn Dandanatha mich erreicht, wird sie mich gewiss aufhalten.

M 63.46 Fahre daher so schnell, dass sie mich nicht einholt!“ Darauf antwortete ihre Freundin, die Wagenlenkerin:

M 63.47 „Siehst du mitten im Dämonenheer jenes hoch aufragende goldene Banner? Genau das ist sein Wagen.

M 63.48 Er ist noch weit entfernt; man sieht ihn von mächtigen, furchtbaren Dämonen und großen Wagenkämpfern umgeben.

M 63.49 Ich sehe keine Lücke, durch die ich den Wagen führen könnte. Bahne mit deinen Waffen einen Weg, dann lenke ich den Wagen hindurch!“

M 63.50 So angesprochen, schuf die schnellhändige Bala mit einem Pfeilregen in einem Augenblick einen Weg mitten durch das Dämonenheer.

M 63.51 Unter dem Strom ihrer Geschosse erschien die Front des Heeres sogleich wie ein geborstener Damm, obwohl mächtige Dämonenhelden sie verteidigten.

M 63.52 Einigen wurden die Wagen zerbrochen, anderen Pferde und Elefanten getötet. Von dem unerträglichen Pfeilstrom getroffen, flohen die Dämonen.

M 63.53 Anderen wurden Arme, Augen, Beine, Bäuche und Köpfe zertrennt; wieder andere wurden durch den Hagel der Waffen in kleinste Stücke zerschlagen.

M 63.54 Blutströme flossen, für die Furchtsamen wie Meere, schäumend und voller Wellen, mit heißem Wasser gleichendem Blut.

M 63.55 Die mächtige Wolke des Pfeilnetzes verdeckte die Sonnenstrahlen. Die Himmelsrichtungen waren verdunkelt; die fliehenden Dämonen konnten sie nicht mehr unterscheiden.

M 63.56 Sie meinten, der große Tod selbst sei in Balas Gestalt gekommen. Scharenweise fielen dort die Köpfe der Dämonen,

M 63.57 wie reife Früchte eines hohen Palmenbaumes im heftigen Wind herabfallen. „Ach Vater! Sohn! Lieber Freund! Bruder! Gefährte! Ich bin erschlagen!“

M 63.58 So erhob sich in der Bedrängnis der Schlacht ein gewaltiges Geschrei der Dämonen. Als die Front des Heeres auf diese Weise aufgerissen war,

M 63.59 lenkte die Wagenführerin den vortrefflichen Wagen in einem Augenblick hindurch. Vishukra, der jüngere Bruder Bhandas, sah im Kampf,

M 63.60 wie Bala seine Front durchbrochen hatte und nun herankam, begierig, mit dem Dämonenkönig zu kämpfen.

M 63.61 Er erkannte ihre Absicht und dachte: „Dieses achtjährige Mädchen besitzt grenzenlose Kraft und Tapferkeit und kämpft auf höchst erstaunliche Weise.

M 63.62 Kein Dämon kann sie besiegen, wie mächtig er auch sei. Dennoch müssen Helden im Kampf unter allen Umständen standhalten.

M 63.63 Sie allein wird uns und alle Dämonen vernichten, daran besteht kein Zweifel. Was wird dann erst die Göttin Lalita selbst im Kampf tun?

M 63.64 Mit aller Lebenskraft müssen wir kämpfen; die göttliche Fügung ist dabei die letzte Zuflucht.“ So entschlossen, bestieg er einen König der Elefanten aus Airavatas Geschlecht,

M 63.65 weiß, mit vier Stoßzähnen und glänzend wie ein silberner Berg. Rasch stieg Vishukra auf und ließ Pfeile regnen wie eine Regenwolke.

M 63.66 Er erschien wie eine dunkle Wolke auf dem Kailasa. Er drang in das Dämonenheer ein und versperrte Bala auf ihrem Wagen den Weg.

M 63.67 Sie kam rasch durch die Schlacht heran und sammelte die Leben der Dämonen ein. Er hielt sie mit einem Pfeilregen auf und stieß ein Löwengebrüll aus.

M 63.68 Mit seinem Ruf brachte er das fliehende Dämonenheer zur Umkehr: „Dämonen, für Menschen von edler Herkunft ist Flucht im Kampf nicht angemessen!

M 63.69 Wer aus Angst aus der Schlacht flieht, wird von Dharma und Wohlergehen verlassen. Fasst Mut und Zorn und kehrt alle um!

M 63.70 Wenn ihr von einer Frau im Kampf besiegt nach Hause flieht, was werdet ihr euren Frauen sagen, wenn sie nach eurer Rückkehr fragen?

M 63.71 Besser ist der Tod als die Erniedrigung durch eine Frau!“ Als die Dämonen Vishukras Worte hörten, kehrten sie um.

M 63.72 Sie rückten wieder heran und umringten Bala Tripura von allen Seiten. Die junge Göttin stand, von Dämonenheeren umschlossen, auf ihrem Wagen

M 63.73 und leuchtete wie die aufgehende Sonne in einem Ring. Da sprach ihre Freundin, die Wagenlenkerin, mit freundlichen Worten zu ihr:

M 63.74 „Junge Herrin! Mir scheint, die Masse des Dämonenheeres ist schwer zu überwinden. Du hast weder eine Beschützerin im Rücken noch jemanden, der deine Wagenräder sichert.

M 63.75 Vor uns steht ein gewaltiges Heer. Wenn du zustimmst, wende ich den Wagen rasch. Mit deinen Truppen vereint kannst du dann schnell zurückkehren

M 63.76 und nach Herzenslust gegen diese Dämonenherrscher kämpfen.“ Als Bala die Worte ihrer Freundin hörte, lachte sie und antwortete sanft:

M 63.77 „Fürchtest du dich im Kampf, Liebe? Selbst hundertmal so große Dämonenheere wären mir im Gefecht nicht gewachsen.

M 63.78 Aus Freude am Kampf kämpfe ich spielerisch und lasse mir Zeit. Wenn du willst, sieh zu, wie ich in einem Augenblick die Welt von Dämonen leer mache!“

M 63.79 Darauf erwiderte die Freundin, die den Wagen lenkte: „Göttin, ich habe keine Angst, selbst wenn das Heer hundertmal größer wäre.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 63.80 Doch muss die Lenkerin die Absicht ihrer Herrin im Kampf kennen. Meine Sorge gilt Lalita, denn ohne ihre Erlaubnis bin ich mit dir

M 63.81 in die Schlacht gezogen. Nur dies macht mir Angst. Sage rasch, wohin ich den Wagen auf dem Schlachtfeld lenken soll!“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 63. Kapitel: Balas Tapferkeit beim Beginn des Kampfes zwischen den Shaktis der Göttin und dem Dämonenheer. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5237.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 64: Balas Zweikampf und Bhandas Verehrung mit Pfeilen

Kampf und Verehrung: Bhanda erkennt die Tochter Lalitas als göttliche Erscheinung und verwandelt seine ersten Pfeile in Wasser- und Blumengaben. Die zugehörigen Mantras werden nicht ausgeschrieben. Vers 4 fehlt; die Nummer 37 ist doppelt vergeben und 38 fehlt. Unter 37 stehen hier beide überlieferten Strophen zusammen.

M 64.1 Als Bala die Worte ihrer Freundin hörte, antwortete sie freudig: „Lenke den Wagen rasch dorthin, wo jener Dämon auf dem Elefanten sitzt,

M 64.2 von Lobrednern gepriesen, der große Vishukra!“ Auf diesen Befehl hin führte die Lenkerin den vortrefflichen Wagen in einem Augenblick dorthin.

M 64.3 Bala zerschlug unterdessen mit ununterbrochenen Pfeilströmen eine weitere, einem Meer gleichende Dämonenschar.

M 64.5 Mit der Donnerkeilwaffe vernichtete sie sie und ließ nur Asche zurück. Überall wurden große Dämonen von dieser Waffe getroffen. Vers 4 fehlt in der Textgrundlage.

M 64.6 Einige wurden zu Asche, anderen wurden die Glieder verstümmelt. Wieder andere verloren je einen Arm, ein Auge, ein Bein oder eine Körperseite.

M 64.7 Als Vishukra sein Heer sah, das unter schrecklichem Geschrei beinahe vernichtet war, trieb er seinen aus Airavatas Geschlecht stammenden Elefanten voran.

M 64.8 Er wollte gegen Bala kämpfen, deren wunderbare Kampfkraft er erkannt hatte. Er überschüttete sie mit Pfeilströmen wie eine Wolke einen Edelsteingipfel mit Regen.

M 64.9 Sie antwortete dem Dämonen mit einem Gegenregen von Pfeilen. Diese beiden Pfeilströme verdunkelten das Schlachtfeld.

M 64.10 Da schoss er einen scharfen Pfeil mit geradem Schaft ab, den er bis zum Ohr ausgezogen hatte, und traf die Wagenlenkerin an der Hand.

M 64.11 Tief von dem Pfeil getroffen, wurde sie etwas benommen. Als Bala dies sah, röteten sich ihre Augen vor Zorn. Den brüllenden Dämonenherrscher

M 64.12 traf sie rasch mit vier scharfen, breitköpfigen Pfeilen an der Stirn. Von ihnen getroffen, sank Vishukra in tiefe Ohnmacht.

M 64.13 Doch nach einem Augenblick richtete er sich wieder auf und ließ erneut scharfe Pfeile regnen. Bala aber bewegte ihre Hände blitzschnell.

M 64.14 Mit zwei Pfeilen zertrennte sie im Kampf zugleich seinen Bogen und seinen Schirm. Dann schoss sie einen weiteren geradschaftigen Pfeil ab, bis zum Ohr ausgezogen,

M 64.15 und durchbohrte den Reitelefanten aus Airavatas Geschlecht. Wie Indras Donnerkeil einen Berg spaltet, so spaltete dieser Pfeil den Elefanten.

M 64.16 Er drang durch die Stirnwölbung ein und trat hinten wieder aus. Der Elefant glich einem mächtigen Baumstumpf, der von einer Säge zerschnitten worden ist. Der erste Halbvers ist verkürzt überliefert.

M 64.17 Als der Dämonenherrscher den gewaltigen Elefanten so leblos sah, sprang er mit dem Schwert in der Hand in die Luft und stürmte auf Bala zu, um sie zu treffen.

M 64.18 Er kam wie der Tod heran, die Hand mit dem Schwert erhoben. Bala aber schoss behände schon aus der Ferne einen einzigen Pfeil ab.

M 64.19 Damit zerteilte sie sein Schwert; mit drei weiteren traf sie ihn am Kopf. Als diese drei Pfeile ein Stück weit in Vishukras Schädel eingedrungen waren,

M 64.20 sah der Dämon aus wie ein König der Berge mit drei Gipfeln. Obwohl schwer getroffen, blieb er standhaft und schnell wie der König der Vögel.

M 64.21 Er ergriff Bala mit beiden Händen und flog mit ihr in den Himmel. Als die Wagenlenkerin sah, wie sie fortgetragen wurde, rief sie:

M 64.22 „Genug dieses Spiels, Bala, das in großem Unheil enden könnte! Erschlage den Dämonen mit deiner Kraft, bevor er weit fortkommt!“

M 64.23 Bala hörte ihre Freundin und hielt deren Worte der Lage für angemessen. Sie ballte eine feste Faust und ließ sie auf seinen Kopf niederfallen.

M 64.24 Von der donnerkeilgleichen Faust getroffen, mit gespaltenem Kopf und Blut speiend, sank er in tiefe Ohnmacht und stürzte zur Erde.

M 64.25 Bala bestieg wieder ihren Wagen und trieb ihre Freundin an: „Liebe, lenke den Wagen rasch weiter! Dort vorn steht der Dämonenherrscher,

M 64.26 umgeben von Reihen weißer Schirme und wehenden Yakschweifen, wie ein dunkler Berg von Schwänen und Wasserfällen umgeben ist.

M 64.27 Dort steht und glänzt er; fahre schnell dorthin! Hinter mir kommt schon Dandanatha mit ihrem Heer.

M 64.28 Man hört das schreckliche Brüllen ihres Löwen. Ganz gewiss wird sie meinen Kampf unterbrechen.

M 64.29 Vorher will ich rasch gegen den gewaltigen Bhanda kämpfen. Ich sehne mich nach diesem Zweikampf; bringe mich unbedingt schnell zu ihm!“

M 64.30 Als ihre Freundin dies hörte, trieb sie den Wagen bis vor Bhanda. Doch Vishanga stand auf seinem vortrefflichen Wagen

M 64.31 und hatte alles erkannt. Er hielt Bala für unbesiegbar durch Götter und Dämonen und dachte: „Wenn der Dämonenkönig mit ihr kämpft,

M 64.32 gibt es für ihn gewiss kein lebendes Entkommen. Wenn er von ihr besiegt wird, geht sein lange erworbener Ruhm völlig und vergeblich verloren.

M 64.33 Wenn ihn dagegen die Königin Lalita besiegt, wäre es ein angemessener Kampf. Daher muss ich hier mit aller Kraft eingreifen.“

M 64.34 So entschlossen, stellte sich der Gewaltige vor Bala. Als sie den Dämonen auf seinem ausgezeichneten Wagen geradewegs herankommen sah,

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 64.35 erkannte sie darin ein großes Hindernis für ihren Kampf gegen Bhanda und sagte zu ihrer Freundin: „Liebe, nun stellt sich meinem Zweikampf mit Bhanda ein großes Hindernis entgegen.

M 64.36 Sieh meine Geschicklichkeit! Ich werde ihn schon aus großer Entfernung abwehren.“ So sprach sie und schoss vier scharfe Pfeile ab.

M 64.37 Mit ihnen tötete sie seine hochgewachsenen, windschnellen Zugtiere. Dann zerschoss sie mit einem Pfeil sein Banner und erschlug mit einem weiteren seinen Wagenlenker. Vishanga geriet in heftigen Zorn. Als er sah, dass sein Vorstoß vereitelt war, bestieg er ein anderes Pferd. Die Textgrundlage zählt die beiden hier übersetzten Strophen jeweils als 37; eine Nummer 38 fehlt.

M 64.39 Er ergriff eine schreckliche Eisenkeule und stürmte rasch heran. Er kam auf seinem Pferd wie ein vom Wind getriebenes Wolkenstück.

M 64.40 Bala überschüttete ihn mit einer Flut von Pfeilen, wie eine Regenwolke einen Berg begießt. Als sie sah, dass er den Pfeilregen nicht achtete und weiter direkt auf sie zukam,

M 64.41 tötete sie rasch mit einem einzigen Widerhakenpfeil sein Pferd. Vishanga hatte nun auch sein Ross verloren.

M 64.42 Er hob seine furchtbare Eisenkeule und kam in schrecklicher Gestalt heran, wie das Meer brüllend und Yama, dem Vernichter am Ende der Zeit, gleich.

M 64.43 Mit einem gut befiederten Pfeil traf sie ihn rasch und mit Gewalt in die Brust. Tief durchbohrt, taumelte er und spie heißes Blut aus. Der erste Halbvers steht in der Textgrundlage zweimal mit geringfügiger Abweichung.

M 64.44 Bewusstlos stürzte er zu Boden wie ein Berg, dem die Flügel abgeschlagen worden sind. Als Götter und Dämonen diese wunderbare Tat sahen, staunten sie.

M 64.45 „Dieser Dämonenherrscher hat einst Indra und die anderen Götter vielfach im Kampf besiegt; seine Tapferkeit gleicht der Vishnus.

M 64.46 Und nun hat Bala ihn mühelos zu Boden geworfen! Sie allein wird alle besiegen. Was wird Lalita dann noch tun?“

M 64.47 So sprachen sie. Die Wagenlenkerin führte den Wagen nun unmittelbar vor Bhanda. Als Bala den großen Dämonen sah, sagte sie:

M 64.48 „Gut! Heute hast du mir einen lange gehegten Wunsch erfüllt. Wenn ich mit ihm kämpfe, werde ich zufrieden sein; schon lange habe ich mich danach gesehnt.“

M 64.49 Mit diesen Worten überschüttete sie den Dämonenkönig mit einem Pfeilregen. Bhanda sah Bala vor sich stehen

M 64.50 und freute sich, weil sich nun sein lange gehegter Wunsch erfüllte. Er dachte: „Die von Shri angekündigte, lange ersehnte Zeit ist gekommen.

M 64.51 Ich habe die große Göttin gesehen, die die Wünsche ihrer Verehrer erfüllt. Gewiss ist dies der Augenblick, der mich heute von meinem schrecklichen Körper trennt.

M 64.52 Wenn sie mich hier tötet, werde ich in ihre Welt gelangen. Dies ist die Tochter der Königin Lalita, von wunderbarer Tapferkeit.

M 64.53 Sie ist aus ihr hervorgegangen wie ein Spiegelbild aus seinem Urbild. Auch die Göttin selbst wird kommen, um mich zu töten, aus Achtung vor Ramas Wort.

M 64.54 Daran besteht kein Zweifel; Ramas Aussage kann nicht unwahr werden. So sei es! Ich will diese Göttin verehren, die aus jenem Urbild hervorgegangen ist,

M 64.55 mit einer der Lage angemessenen Verehrung, deren Opfergaben Pfeile sind.“ So dachte er und ergriff seinen festen Bogen samt Pfeilen.

M 64.56 Einen Pfeil, den er mit dem Mantra der Wasserwaffe geweiht hatte, schoss er zu ihren Füßen; einen anderen, mit dem Blumenmantra geweihten, auf ihren Kopf.

M 64.57 Der erste Pfeil wusch ihre Füße mit klarem, kühlem Wasser. Der andere ließ einen Regen von Blütenkränzen auf ihren Kopf niedergehen.

M 64.58 Als die Wagenlenkerin dies Wunder sah, fragte sie: „Junge Herrin, ich sehe bei diesem Dämonenherrscher etwas höchst Erstaunliches.

M 64.59 Hat er es selbst bewirkt, oder ist es durch deine Macht entstanden? Während du auf dem Schlachtfeld Pfeile regnen lässt,

M 64.60 vollzieht er mit seinen Pfeilen eine Verehrung für dich. Was bedeutet dies? Ich bin voller Zweifel; beseitige ihn rasch!“

M 64.61 So gefragt, antwortete Bala: „Höre, Liebe! Ich will dir sagen, was ich früher von Lalita hörte, ein tief verborgenes Geheimnis.

M 64.62 Dieser war ein großer Bote Lakshmis namens Manikyashekhara. Durch einen Fluch wurde er zum Dämonen; er ist ein hervorragender Verehrer Tripuras.

M 64.63 Wenn er im Kampf getötet wird, gelangt er nach Shripura. Er hat mich als Lalitas Tochter erkannt und mich deshalb mit Pfeilen verehrt.

M 64.64 Sieh nun, wie ich es ihm erwidere!“ Mit diesen Worten schoss sie einen Pfeil ab. Dieser wurde fünffach verzweigt und berührte seinen Kopf.

M 64.65 Der große Dämon meinte, ihre Lotushand ruhe auf seinem Haupt. „Die Göttin hat mir Gnade erwiesen“, dachte er und war voller Freude.

M 64.66 Die Wagenlenkerin Balas staunte überaus, als sie dies sah. Dann begann ein gewaltiger Kampf zwischen der jungen Göttin und Bhanda.

M 64.67 Angriff und Gegenangriff wechselten in diesem schrecklichen, Furcht erregenden Gefecht. Es war ein unvergleichlicher Zweikampf zweier Wagenkrieger unter strömendem Pfeilregen.

M 64.68 Auch Bhanda kämpfte mit ganzer Kraft, gerade aus Hingabe. Er dachte: „Durch meine erstaunlichen Taten der Tapferkeit will ich die Göttin erfreuen.“

M 64.69 Beide schleuderten Scharen von Waffen und suchten die verwundbaren Stellen des anderen zu treffen. Sie erkannten die Geschicklichkeit des Gegners im Waffengebrauch und lobten sie.

M 64.70 „Gut, Held, im Kampf bist du des Lobes würdig!“ – „Gut, Göttin von großer Kraft!“ Während die junge Göttin und Bhanda so kämpften,

M 64.71 setzten sie große Wunderwaffen ein, die die Welt in Staunen versetzten: gegen die Bergwaffe die Donnerkeilwaffe, gegen die Schlangenwaffe die Garuda-Waffe,

M 64.72 gegen die Feuerwaffe die Regenwaffe, gegen diese die Windwaffe, gegen jene wieder die Schlangenwaffe, dagegen die Mungo-Waffe und wiederum dagegen

M 64.73 die Katzenwaffe, dann Hunde-, Reiher- und Tigerwaffe, die Großtigerwaffe, die Löwenwaffe und dagegen die Sharabha-Waffe,

M 64.74 sowie die Gandabherunda-Waffe. Ebenso gebrauchten sie die Waffen Yamas, Varunas, Kuberas, Nirritis, Indras und Rudras und die Waffe der Verblendung,

M 64.75 die Pinaka-Waffe sowie Vishnus und Brahmas Waffen. Von solchen Geschossen erfüllt war der überaus schreckliche Kampf zwischen der jungen Göttin und Bhanda.

M 64.76 Dämonen und Shaktis, die zur Unterstützung herbeigekommen waren, standen als Zuschauer dabei, zutiefst erstaunt über diesen ungewöhnlichen Kampf.

M 64.77 Als Bhanda im Verlauf der Schlacht durch Balas schnelle Geschicklichkeit allmählich ins Hintertreffen geriet,

M 64.78 umringten Vishanga, Vishukra und der Fürst Kutilaksha mit ihren Dämonenheeren die junge Göttin.

M 64.79 Sie kämpften mit Scharen von Waffen, aus denen heftiges Feuer hervorschoss. Doch Bala bekämpfte sie alle ringsum mit spielerischer Leichtigkeit.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 64.80 Während diese gewaltige Schlacht um Bala tobte, traf die Herrscherin der Strafgewalt ein, nachdem sie das große Dämonenheer bezwungen hatte.

M 64.81 Mit furchtbarer Kampfkraft hatte sie den weit ausgedehnten Berg dieses Heeres durchbrochen, mit ihrer Keule, die einem großen Donnerkeil glich.

M 64.82 So erreichte sie Bala, die voller Freude am Kampf stand. Staunend sah sie, wie diese allein gegen die Dämonen kämpfte.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 64. Kapitel: Die Schilderung von Balas Tapferkeit. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5319.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 65: Balas Rückkehr und Varahis Sieg

M 65.1 Durch die Kampfkraft der Ebergesichtigen wurde Bhandas Heer zerschlagen wie ein Berg durch die Wucht von Indras Donnerkeil.

M 65.2 Als die Keulenschläge Varahis das Heer des Dämonenkönigs zerstreut hatten, sah sie Bala, dicht von Dämonen umringt.

M 65.3 Sie kämpfte ganz allein gegen die großen Dämonen auf allen Seiten und blieb voller Kampfeifer. Bei diesem Anblick staunte Varahi.

M 65.4 Die Ebergesichtige trat zu ihr, die weiter Pfeile ausschickte, und sagte: „Genug, Bala, mit diesem Wagnis und deinem gefährlichen Kampf!

M 65.5 Nirgends sonst sehe ich eine solche Kühnheit: Du allein hast gewaltige, furchtbare Dämonen im Kampf besiegt.

M 65.6 Wenn die liebevolle erhabene Göttin hört, dass du, große Herrin, ganz allein mit den Dämonen kämpfst, wird ihr Herz gewiss von Sorge erfüllt.

M 65.7 Du solltest sie jetzt aufsuchen; gehe!“ Nach diesen Worten befahl sie der Shakti, die das Pferdeheer führte:

M 65.8 „Ashvarudha, bringe sie unverzüglich fort! Übergib sie der großen Königin und kehre rasch zurück!“

M 65.9 Auf diesen Befehl hin bestieg Ashvarudha Balas Wagen. Da Bala selbst nicht aus dem Kampf weichen wollte, wendete sie den Wagen.

M 65.10 Sie kam zur großen Königin und übergab ihr Bala: „Mutter, diese hier musste mit Gewalt vom Schlachtfeld zurückgeführt werden.

M 65.11 Ihre Taten sind von äußerster Kühnheit, ihre Kraft und Tapferkeit sind erstaunlich. Als wir auf deinen Befehl hin aufbrachen, um sie aus dem Kampf zurückzuholen,

M 65.12 war sie bereits in den großen Ozean des Dämonenheeres eingedrungen. Dort hat sie Millionen überaus mächtiger Dämonen

M 65.13 in der großen Schlacht zu Fall gebracht. Auch Bhandas beide jüngeren Brüder, Vishukra und Vishanga mit ihren furchtbaren Taten, wurden von ihr besiegt.

M 65.14 Dann stellte sie sich Bhanda, dem Dämonen, der die Weltenherrscher bezwungen hat, kämpfte lange mit ihm und brachte ihn beinahe zur Niederlage.

M 65.15 Nur mit Mühe und großer Kampfkraft konnte Varahi sie erreichen.“ Nach diesen Worten zog die Pferdereiterin wieder zum Kampf hinaus.

M 65.16 Die große Königin nahm Bala rasch auf ihren Schoß, umarmte sie voller mütterlicher Liebe und küsste sie auf den Scheitel.

M 65.17 „Kind, begehe niemals wieder ein solches Wagnis! Du bist in den Kampf gegangen, ohne mir etwas zu sagen; das ziemt sich nicht für dich.“

M 65.18 Da antwortete die junge Göttin ihrer Mutter Lalita, mit geröteten Augenwinkeln und immer wieder tief seufzend:

M 65.19 „Mutter, schon lange sehnte sich mein Herz nach dem Spiel des Kampfes. Weil ich fürchtete, du würdest mich hindern, habe ich es dir nicht gesagt.

M 65.20 Noch war ich von der Freude dieses Kampfspiels nicht gesättigt, da hat mich deine Herrscherin der Strafgewalt ohne Grund vom Schlachtfeld zurückgehalten.

M 65.21 Nur weil ich dich sehr fürchte, habe ich sie geachtet, als sie mich im Kampfgetümmel erreichte. Sonst hätte auch sie im Kampf gegen mich ihren Stolz verloren!“

M 65.22 Als Bala so sprach, umarmte die große Herrin sie und beruhigte sie: „Kind, sage so etwas nicht noch einmal!“

M 65.23 Unterdessen kämpfte die große Herrscherin der Strafgewalt auf ihrem Kiri-Chakra-Wagen gegen Bhanda und das ihn begleitende Dämonenheer.

M 65.24 Das Heer der Shaktis und das Heer der Dämonen kämpften gegeneinander, ganz von Zorn erfüllt, und ihre Reihen drangen ineinander ein.

M 65.25 Die Dämonen schlugen auf die Shaktis ein mit Keulen, Speeren und Wurfspießen, mit eisernen Pfeilen und Schleuderwaffen, mit Schwertern, Dreizacken und Äxten.

M 65.26 Auch die mächtigen Shaktis, von heftigem Kampfeszorn erfüllt, erschlugen in dieser furchtbaren Schlacht die führenden Dämonen mit verschiedensten Waffen.

M 65.27 Einigen wurden von den Shaktis Arme, Schenkel und Nasen abgetrennt; andere wurden entzwei gehauen, wieder andere in kleinste Stücke zerschlagen.

M 65.28 Manchen wurde der ganze Körper von schweren Waffen zerquetscht. Sie schrien: „Sohn! Freund! Ach Bruder! Vater!“

M 65.29 So wurden die Dämonen durch das Feuer der Waffen der Shaktis zu Asche. Die Übriggebliebenen gerieten in große Furcht und suchten zu fliehen.

M 65.30 Das Schlachtfeld wurde rasch unbetretbar. Schäumende Blutflüsse strömten mit schrecklichem Rauschen dahin.

M 65.31 Für Geister, Schakale, Reiher und andere Aasfresser war es ein großes Festmahl. Als das Dämonenheer beinahe vernichtet und in Auflösung begriffen war,

M 65.32 hielten Vishukra und Vishanga es auf und rückten erneut zum Kampf vor. Wieder begann eine grausame Schlacht mit den Scharen der Shaktis.

M 65.33 Vishukra verwirrte das Heer der Shaktis in einem Augenblick durch Zauberkunst. Er erzeugte magische Dunkelheit und einen Regen von Steinen,

M 65.34 begleitet von Feuer und Sturm. Dadurch wurde das große Shakti-Heer erschreckt und betäubt; schreckliche Schreie erhoben sich.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 65.35 Als Sampatkari dies sah, eilte sie auf ihrem Elefanten heran und trat rasch in einen gewaltigen Kampf mit Vishukra ein.

M 65.36 Die mächtige Ashvarudha kämpfte gegen Vishanga, und Varahi kämpfte voller Zorn gegen Bhanda.

M 65.37 Die erhabene Sampatkari bestieg den schnellen Elefanten Ranakolahala und zog mit einem unzählbaren Elefantenheer heran.

M 65.38 Sie kämpfte gegen Vishukra, der ebenfalls auf einem großen Elefanten saß, und überschüttete den zauberkundigen Dämonen mit Pfeilen.

M 65.39 Mit einer die Täuschung aufhebenden Waffe zerstörte sie seinen schrecklichen Zauber. Der Dämon antwortete seinerseits mit einem Gegenregen von Pfeilen.

M 65.40 Nach langem Kampf zerschoss sie seinen Bogen in der Mitte. Er nahm einen anderen, doch auch diesen zertrennte sie.

M 65.41 So wurden hundert Bogen zerschossen, die er immer wieder ergriff. Da geriet Vishukra, dessen Tapferkeit erstaunlich war, in heftigen Zorn.

M 65.42 Mit einem breitköpfigen Pfeil traf er Sampatkari am starken Arm. Aus dem vom Pfeil getroffenen Arm fiel ihr großer Bogen herab.

M 65.43 Sampatkari wurde zornig und trieb ihren Reitelefanten an. Als dieser den großen Bogen aus ihrer Hand fallen sah, brüllte er.

M 65.44 Der angespornt heranstürmende Elefantenkönig griff den Elefanten des Dämonen an. Zwischen beiden entstand ein großer Kampf, als kämpften zwei Berge gegeneinander.

M 65.45 Sie umschlangen sich mit den Rüsseln, stießen mit den Stirnen zusammen, drängten gegen die Flanken und griffen mit den Stoßzähnen an. Laut und furchtbar währte dieser Kampf eine Weile.

M 65.46 Dann überwältigte der starke Ranakolahala den Elefanten des Dämonen, warf ihn heftig zu Boden und stieß ihm seine beiden Stoßzähne

M 65.47 in den Bauch. Er hob ihn empor und schleuderte ihn zornig fort. So geschleudert, stieß der Elefantenkönig ein lautes Trompeten aus,

M 65.48 drehte sich dreimal und fiel leblos nieder wie ein Berggipfel. Als der große Dämon seinen Reitelefanten stürzen sah,

M 65.49 sprang er ab, ergriff seinen Elefantenhaken und schlug Ranakolahala zornig mit aller Kraft zwischen die Stirnwölbungen.

M 65.50 Heftig vom Haken getroffen, mit aufgerissenem Kopf, wich der Elefant unter schrecklichem Trompeten fünf Bogenlängen zurück.

M 65.51 Vishukra sprang wieder empor und griff, den Haken in der Hand, Sampatkaris mächtigen Reitelefanten an.

M 65.52 Zornig riss er der Göttin den Bogen aus der Hand, brach ihn in der Mitte entzwei und ergriff eines der Stücke.

M 65.53 Damit schlug der Gewaltige Sampatkari mit großer Wucht auf den Kopf. Durch den heftigen Schlag wurde sie kurz benommen.

M 65.54 Dann ballte Sampatkari eine donnerkeilfeste Faust und schlug sie Vishukra zornig und mit Gewalt auf den Kopf.

M 65.55 Durch den Faustschlag wurde sein Schädel verletzt; Blut strömte hervor, und er verlor tief das Bewusstsein. Er stürzte zur Erde wie ein Berg mit abgeschlagenen Flügeln.

M 65.56 Inzwischen war auch der Elefant wütend geworden und wollte ihn zertreten. Einer von Bhandas Söhnen, der in der Nähe kämpfte, sah dies.

M 65.57 Er hielt seinen Onkel für erschlagen und trug ihn durch Zauberkraft fort. So wurde der große Dämon von der Herrin des Gedeihens besiegt.

M 65.58 Auch Vishanga kämpfte auf seinem Pferd gegen Ashvarudha. Den großen Dämonen, der mit verschiedenen Wunderwaffen und anderen Waffen focht,

M 65.59 traf Ashvarudha vom Pferd aus mit ihrer Keule an der Brust. Er wurde dadurch kurz ohnmächtig, erholte sich aber rasch.

M 65.60 Er nahm ein breites Schwert und einen vortrefflichen, mit hundert Monden geschmückten Schild und bewegte sich wie der Tod durch das Pferdeheer.

M 65.61 Von der Schneide seines Schwertes getroffen, fielen Pferde und Shaktis in Scharen, mit abgetrennten Köpfen, Gliedern und Füßen.

M 65.62 Als er die Shaktis so erschlug, geriet Ashvarudha in großen Zorn. Sie band ihn mit ihrer Schlinge und wollte ihn samt Pferd mit der Keule erschlagen.

M 65.63 Doch der große Dämon, ein Meister unter den Zauberkundigen, erkannte seine Niederlage und verschwand durch Zauberkraft zusammen mit seinem Pferd.

M 65.64 So trieb die Herrin der Pferde Vishanga aus dem Kampf in die Flucht. Dandanatha aber kämpfte voller Kraft gegen Bhanda.

M 65.65 Sie zerstörte seine Wunderwaffen durch entsprechende Gegenwaffen und seine übrigen Waffen durch ihre eigenen. Mit großer Tapferkeit bedrängte die Ebergesichtige Bhanda im Kampf.

M 65.66 Im Schwertkampf, im Keulenkampf, im Kampf mit Bogen und Axt und auch im Faustkampf war Dandini dem Dämonenherrscher überlegen.

M 65.67 Als er in all diesen Waffenkämpfen unterlag, überlegte der Dämon, der höchste unter den Zauberkundigen, und entfaltete einen großen Zauber.

M 65.68 Er schuf Dunkelheit, mächtigen Sturm, einen Regen von Blitzen und gewaltigen Donner, Steinregen, Schlangenregen und Feuer.

M 65.69 Im Kampf ließ er Hunde, Wölfe, Tiger, Hyänen, Rakshasas, Löwen, Sharabhas und Gandabherunda-Vögel entstehen.

M 65.70 Doch alle großen Zauber, die er immer wieder hervorbrachte, vernichtete sie vollständig, indem sie jeweils die entsprechenden Gegenwaffen einsetzte.

M 65.71 Von der Macht der Waffen der großen Herrscherin der Strafgewalt bedrängt, machte sich der Dämon samt seinem Wagen am Himmel unsichtbar und kämpfte von dort aus weiter.

M 65.72 Er ließ einen überaus furchtbaren, laut donnernden Steinregen entstehen, vermischt mit Waffen und Blitzen, der das Shakti-Heer in Schrecken versetzte.

M 65.73 Von diesem gewaltigen Regen gequält, zerstreute sich das Heer der Shaktis in alle Richtungen wie Wasser hinter einem geborstenen Damm.

M 65.74 Als die heftig zürnende Herrscherin der Strafgewalt diesen Angriff sah, sprang sie bewaffnet mit großer Geschwindigkeit in den Himmel hinauf.

M 65.75 Rasch drang sie in den niederfallenden Steinregen ein und suchte den Dämonenherrscher im tief verdunkelten Himmel.

M 65.76 Mit dem Glanz ihres eigenen Körpers erhellte sie den Himmelsraum, zerstreute den großen Zauber und erreichte den Dämonen.

M 65.77 Er stand berggleich auf seinem Wagen und ließ Berge herabregnen. Sie schlug ihn mit der Keule auf den Kopf, wie der Donnerkeil einen großen Berg trifft.

M 65.78 Bewusstlos stürzte er zur Erde wie ein vom Strom unterspültes Ufer. Dann vernichtete Dandanatha rasch mit derselben Keule seinen Wagen, seine Pferde und seinen Lenker,

M 65.79 von großem Zorn erfüllt. Inzwischen kam der mächtige Dämon wieder zu Bewusstsein, nahm seine Keule und

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 65.80 sprang rasch in den Himmel, um gegen die Ebergesichtige zu kämpfen. Ein gewaltiger Kampf begann zwischen Varahi und dem Dämonenkönig.

M 65.81 Keulenschläge erfüllten ihn mit Getöse wie das Krachen von Donnerkeilen. Nachdem sie eine Weile so gekämpft hatte, erkannte sie den Dämonen als stolz auf seine Kraft.

M 65.82 Sie zog ihn mit ihrem Pflug an sich und hob mit ihrem mächtigen Arm die Keule. Da hielt Bhanda sich durch den bevorstehenden Keulenschlag bereits für verloren.

M 65.83 Er erinnerte sich an Lakshmis frühere Worte: „Was die Göttin Rama einst gesagt hat, kann gewiss nicht unwahr werden.

M 65.84 Wie könnte ich nun durch diesen unfehlbaren Keulenschlag getötet werden? Die große Göttin Tripura erfüllt die Wünsche ihrer Verehrer.

M 65.85 Sie selbst möge mich im Kampf töten; dies ist seit Langem mein Wunsch.“ Während der Dämon so dachte, erklang eine Stimme aus dem Himmel:

M 65.86 „Dandanatha, dieser darf im Kampf keinesfalls durch dich getötet werden. Halte deine unfehlbare Keule unverzüglich zurück!“

M 65.87 Als die furchtbare Herrin der Strafgewalt diese Himmelsstimme hörte, ließ sie ihn aus dem Griff ihres Pfluges frei, weil sie erkannte, dass sie ihn nicht töten durfte.

M 65.88 Darauf verschwand der von Dandanatha besiegte Dämon. Sein Heer, von den Shaktis schwer getroffen, floh.

M 65.89 Als sie das zerschlagene Dämonenheer sahen, ließen die Shaktis die Siegespauke ertönen und spielten verschiedene Instrumente, die zur Feier eines Sieges gehören.

M 65.90 Dandini sandte Lalita rasch die Nachricht vom Sieg und sammelte das ringsum verstreute Heer der Shaktis.

M 65.91 Amriteshi heilte die verwundeten Shaktis und belebte die gefallenen rasch wieder. Darauf ließ Dandini das erfreute Heer erneut Aufstellung nehmen.

M 65.92 Sie bestieg ihren Wagen und zog mit der Göttin des Gedeihens weiter; die Herrin der Pferde führte mit ihrem Heer den Zug an.

M 65.93 Voller Freude eilte die Herrin der Strafgewalt zu Lalita. Das Trompeten der Elefanten und der Klang der Instrumente verkündeten ihren Sieg.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 65. Kapitel: Bhandas Niederlage. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5412.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 66: Bhandas verborgenes Ziel und Durmadas Ende

Zwei Ebenen des Geschehens: Im vertraulichen Gespräch mit seinen Gemahlinnen spricht Bhanda über sein verborgenes Ziel. In der Versammlung spielt er weiterhin die Rolle des gedemütigten Königs. Der Erzähler führt die Fehlurteile seiner Ratgeber auf das Wirken der Göttin und der Zeit zurück.

M 66.1 Dandanatha begab sich mit verschiedenen Shaktis zur Göttin Mantrini, verneigte sich und meldete den Sieg.

M 66.2 Mantrini freute sich und ehrte sie mit einer Umarmung. Dann ging Dandanatha mit ihr zur großen Königin, verneigte sich

M 66.3 und berichtete von dem Sieg, der den Kreis der Shaktis erfreute. Bhanda hingegen zog mit den Resten seines zerschlagenen Dämonenheeres fort.

M 66.4 Äußerlich zeigte er sich niedergeschlagen; innerlich freute er sich, weil sein Wunsch der Erfüllung näherkam. Er erreichte Shunyaka und begab sich in seine inneren Gemächer.

M 66.5 Seine geliebten Gemahlinnen, Sammohini und die anderen, kamen zu ihm und sagten: „Herr, warum sehen wir dich heute so elend?

M 66.6 Wie könnte sich das, was Narada zuvor gesagt hat, als falsch erweisen?“ Als Bhanda dies hörte, erkannte er, dass seine Frauen sein heilsames Ziel

M 66.7 durch Naradas Worte vollständig kannten. Daher sprach er offen zu ihnen: „Ihr Lieben, hört meine Worte!

M 66.8 Wie könnte ich bei der Erfüllung meines Wunsches niedergeschlagen sein wie ein völlig Unwissender? Aus Naradas Bericht kennt ihr alles, was ich mir ersehne.

M 66.9 Bald werde ich, von der Höchsten getötet, ihre Welt erreichen. Nur vor den Dämonen muss ich mein wahres Inneres verbergen; darum verhalte ich mich so.“

M 66.10 Da antworteten die Gemahlinnen: „Herr, wir wollen dir unseren Wunsch sagen. Wenn du fest entschlossen bist und denkst: ‚Im Kampf getötet, gelangen wir in ihren Zustand‘,

M 66.11 dann nimm auch uns mit, die wir allein dir ergeben sind. Dein Weg ist dir bekannt; sage uns, wie wir dorthin gelangen können.

M 66.12 Du darfst uns, deine dir ergebenen Frauen, nicht zurücklassen; wir sind mit dir verbunden wie dein Schatten.“ Als er dies hörte, antwortete er voller Freude:

M 66.13 „Hört meine Worte! Genau dies habe ich schon zuvor bedacht. Es wird gewiss nicht anders kommen; ich will euch den Grund nennen.

M 66.14 Durch die Gnade der Göttin Rama erinnere ich mich an meine frühere Geburt. Sie sagte mir ausdrücklich: ‚Tripura ist unsere Zuflucht.

M 66.15 Sie gewährt ihren treuen Verehrern, die bei ihr Schutz suchen, alles Ersehnte, selbst das Unmögliche.‘ Daher wird auch unser Wunsch erfüllt werden.

M 66.16 Ich habe mir gewünscht, zusammen mit euch in ihre Welt zu gehen. So wird es unter allen Umständen geschehen; daran besteht kein Zweifel.

M 66.17 Ich habe noch einen weiteren Wunsch: Auch unsere Söhne und die übrigen Angehörigen sollen mitgehen. Auch dies wird so eintreffen.

M 66.18 Ich denke jedoch, dass es durch ihre Gnade gleichzeitig geschehen möge. Denn die Trennung von Freunden und Angehörigen ist in dieser Welt selbst für einen Augenblick

M 66.19 kaum zu ertragen; ein winziger Moment erscheint dann wie viele Weltalter. Nur darum bitte ich: Ein solcher Augenblick möge niemals eintreten.

M 66.20 Darum sollt auch ihr Tag und Nacht darum beten. Sie erfüllt ihren Verehrern selbst Wünsche, die unmöglich scheinen.

M 66.21 Dies sollen die anderen nicht erfahren; deshalb zeige ich mich traurig. Legt eure Trauer ab, Königinnen! Ein höchstes Glück steht bevor.“

M 66.22 Nach diesen Worten begab er sich bei Sonnenuntergang in die große Versammlungshalle. Seine Brüder, Vishukra und die anderen, sowie die Minister kamen hinzu.

M 66.23 Söhne, Diener und Hofangehörige verneigten sich vor dem Dämonenkönig und nahmen ihre jeweiligen Plätze in der strahlenden Halle ein.

M 66.24 Als Vishukra den König sah, der wie trauernd dasaß, verneigte er sich, faltete die Hände, sprach Segenswünsche und äußerte erstaunliche Worte.

M 66.25 Denn die erhabene Göttin wollte Bhandas Wunsch erfüllen und hatte allen Dämonen das mit kluger Staatsführung übereinstimmende Urteilsvermögen genommen.

M 66.26 Sogar Vishukra, einer der Klügsten und an Urteilskraft Shukra ebenbürtig, sprach verkehrte Worte, die seinem eigenen Wohl entgegenstanden.

M 66.27 Agastya, so wird hier das Wirken der Zeit beschrieben: Sie lässt das Denken sich so entfalten, dass es dem bevorstehenden Geschehen dient.

M 66.28 Vishukra sagte: „Großer König, du scheinst trauernd in der Versammlung zu sitzen. Solange wir Dämonen leben, halte ich dies für unangemessen.“

M 66.29 Darauf antwortete der Dämonenherrscher vor seiner Versammlung: „Vishukra, was soll ich heute sagen, da die Zeit sich so gegen uns gewandt hat?

M 66.30 Ich bin der Herrscher über hundertfünf Welteneier; Vishnu und die anderen haben mir im Kampf immer wieder den Rücken gekehrt.

M 66.31 Schon bei meinem Namen findet Indra keinen Schlaf. Und nun bin ich in einem sinnlosen Kampf von Scharen schwacher Frauen gedemütigt worden.

M 66.32 Warum fragst du mich, der ich einem Toten gleiche, ob ich trauere? Ein rechtzeitiger Tod wäre ruhmreicher als solche Erniedrigung.“

M 66.33 Als Vishukra dies hörte, sagte er: „Herr der Dämonen, du solltest nicht derart kläglich sprechen.

M 66.34 Wer würde nicht Mitgefühl empfinden, wenn er denkt: ‚Es ist eine schwache Frau‘? Es entspricht deiner natürlichen Haltung, Waffen gegen Frauen zurückzuhalten.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 66.35 Weder du noch ich noch die Prinzen müssen deshalb ausziehen. Einer der geringeren Dämonen wird auf deinen Befehl in kurzer Zeit

M 66.36 die ganze Schar der Shaktis vernichten; dafür berühre ich deine Füße zum Schwur. Bleibe du in deinen Gemächern und vergnüge dich mit den Scharen himmlischer Frauen!

M 66.37 Ich werde hingehen, sie besiegen und erst dann deine Füße wiedersehen.“ So sprach er und blickte seitwärts zum Heerführer Kutilaksha.

M 66.38 Dieser verneigte sich vor ihm und sagte mit gefalteten Händen: „Kronprinz, warum sprichst du so, solange ich lebe?

M 66.39 Bleibe beim König, bei Vishanga und den Prinzen! Ich werde mit dem Heer und seinen Führern ausziehen und sie bezwingen.

M 66.40 Andernfalls werde ich nicht zurückkehren; dies verspreche ich dir wahrhaftig!“ Er verneigte sich vor ihnen und zog aus der Stadt hinaus,

M 66.41 begleitet von vielen Akshauhini-Heeren und deren Führern. Da trat der mächtige Heerführer Durmada zu ihm.

M 66.42 Er führte zehn Akshauhinis, ritt auf einem Kamel und trug eine Keule. Auf dem Berg seines Hochmuts stehend, verneigte er sich vor dem Oberbefehlshaber und sprach:

M 66.43 „Heerführer, bleibe mit dem Heer hier! Soll wegen des Sieges über eine schwache Frau wirklich euer Aufbruch nötig sein?

M 66.44 Ich werde die Gebieterin dieser Frauen in einem Muhurta gefesselt herbringen. Wenn ich sie innerhalb dieser Zeit nicht hergebracht habe,

M 66.45 dann magst du selbst handeln und ausziehen.“ Mit diesen Worten brach er rasch auf und ließ immer wieder die Instrumente eines Siegeszuges spielen.

M 66.46 Bei Sonnenaufgang erreichte er die Front des Shakti-Heeres. Als die Göttin Sampatkari und die mächtige Ashvarudha das gewaltige Getöse des Dämonenaufmarschs hörten,

M 66.47 gingen sie zur erhabenen Mutter, verneigten sich auch vor Mantrini und Dandini

M 66.48 und meldeten die Kriegsvorbereitungen der Dämonen. Sie erhielten die Erlaubnis zum Auszug und gingen freudig, begleitet von zahllosen Shakti-Heeren.

M 66.49 Die Göttin Sampatkari bestieg den großen Elefanten Ranakolahala, der hoch wie der Himalaya emporragte.

M 66.50 Sie glänzte golden, trug hibiskusrote Gewänder und Edelsteinschmuck, war eine Woge im Meer der Jugend und ein Ozean der Schönheit.

M 66.51 Sie spannte ihren edelsteinbesetzten Bogen, der wie ein Regenbogen leuchtete, und sandte sonnenstrahlengleiche Pfeile aus, um den Ozean der Dämonen auszutrocknen.

M 66.52 So zog sie aus wie die Sonne auf dem Berg des Aufgangs. Zahllose gleichartige Shaktis ritten ebenfalls auf Elefanten.

M 66.53 Sie umgaben sie und schossen nach allen Seiten Pfeile ab. Jede dieser Shaktis hielt einen Elefantenhaken und ließ gewaltige Rufe ertönen.

M 66.54 Auf den Hälsen der Elefanten sitzend, führten sie ihr Heer gegen den Feind. Auf manchen Elefanten saß eine, auf anderen saßen mehrere Shaktis.

M 66.55 So kam die Herrin des Gedeihens mit zahllosen Elefantentruppen heran, die Erde bedeckend, als wollte sie das Dämonenheer verschlingen.

M 66.56 Die Elefanten waren bergen gleich; der Brunstsaft floss ihnen von selbst aus den Schläfen. Unbeugsam im Kampf rückten sie gegen das Dämonenheer vor.

M 66.57 Die Kriegsinstrumente beider Heere erklangen. Auch der Einschlag der Waffen begann, mit gewaltigem, lebensraubendem Getöse.

M 66.58 Die Dämonen fuhren auf Wagen oder ritten auf Elefanten, Pferden, Eseln, Kamelen und wilden Tieren, auf Geiern, Krähen, Reihern, Eulen, Raubvögeln und Pfauen.

M 66.59 Andere hatten Katzen, Mungos, Eidechsen oder Totengeister als Reittiere. Sie trugen furchtbare Dreizacke, Schwerter, Wurfscheiben und Schleuderwaffen,

M 66.60 Speere, Wurfspieße, Eisenkeulen, Bhushundi-Waffen und Knüttel. Mit solchen Dämonenscharen traf das Heer der Shaktis zusammen.

M 66.61 Mit heftigem Kampfeifer und vor Zorn roten Augen kämpfte es gegen sie. Beide Seiten verhöhnten einander mit bitteren Worten.

M 66.62 „Du bist des Todes! Stehe mutig fest! Zeige nicht deinen Rücken!“ Mit solchen und vielen anderen Rufen erschlugen die Shaktis im Kampf

M 66.63 die Dämonen; diese schlugen ebenso auf das Shakti-Heer ein. So begann ein schrecklicher Kampf, ein Würfelspiel um das Leben.

M 66.64 Arme, Füße und Köpfe wurden abgetrennt, Körper in Hälften zerrissen. Auch Shaktis wurden auf diese Weise von den Waffen der Dämonen getroffen.

M 66.65 Selbst mit zerfetzten Gliedern bissen sie zornig die Lippen zusammen und erschlugen die Gegner mit Waffen, Zähnen und Fäusten.

M 66.66 Wer seine Waffen verloren hatte, riss dem Gegner mit Gewalt welche aus der Hand. Andere kämpften heftig mit zerbrochenen Wagenrädern und sonstigen Waffen.

M 66.67 Während diese schreckliche, der Weltauflösung gleichende Schlacht tobte, flossen Blutströme mit schäumenden Wellen dahin.

M 66.68 Die auf Elefanten reitenden Shaktis vernichteten das Dämonenheer. Schwer getroffen und fliehend, blieben nur Reste der zehn Akshauhinis übrig. Die verdichtete Zahlenformulierung ist nicht eindeutig; zuvor werden insgesamt zehn Akshauhinis genannt.

M 66.69 Als Durmada sein Heer ringsum zerbrochen sah, saß er keulentragend auf seinem Kamel, Yama bei der Weltauflösung gleich.

M 66.70 Er trieb das gelbbraune, zehn Tala hohe Kamel, das große Schnelligkeit und Kraft besaß, in das Heer der Shaktis hinein.

M 66.71 Mit großer Geschwindigkeit drang es ein; aus seinen Mundwinkeln hing die Zunge wie ein herabgleitender Fleischklumpen.

M 66.72 Seine Rufe hallten wider wie das große Getöse beim Quirlen des Ozeans. Es spie Schaumklumpen aus und ließ nach hinten reichlich Urin.

M 66.73 Mit der Brust, mit Tritten, Schlägen des Mauls und Bissen vernichtete es Scharen von Elefanten, während es durch das Shakti-Heer wütete.

M 66.74 Auch Durmada tötete mit Keulenschlägen Elefanten und Shaktis. Zornig richtete er ein Gemetzel an, wie der Tod des Shakti-Heeres selbst.

M 66.75 Als die Herrin des Gedeihens diese Vernichtung ihrer Truppen sah, trieb sie Ranakolahala an, den Gegner zu vernichten.

M 66.76 Der Elefantenkönig trat an das Kamel, das Reittier des Dämonen, heran und kämpfte mit wiederholten Stößen der Stoßzahnspitzen und der Stirn.

M 66.77 Das Kamel wehrte sich mit Bissen, Kopfstößen und Tritten. So entstand ein gewaltiger Kampf zwischen Kamel und Elefant.

M 66.78 Dann warf der Elefantenkönig das Kamel mit Gewalt zu Boden, trat darauf und tötete es.

M 66.79 Als Durmada erkannte, dass sein Kamel starb, sprang er mit der Keule in der Hand empor, schwang sie und ließ sie zwischen den Stirnwölbungen des Elefanten niederfallen.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 66.80 Von der Keule getroffen, mit aufgerissenem Kopf und schwankender Brust, sank der Elefant hilflos auf die Knie und spie Blut aus.

M 66.81 Da traf die Herrin des Gedeihens Durmada mit einem Pfeil in die Brust. Seine Brust wurde entzwei gespalten, und er gab das Leben auf.

M 66.82 Als die Dämonenkrieger ihren Heerführer getötet sahen, flohen sie. Ohne auf die ihnen nachsetzenden Shaktis zurückzublicken, suchten sie ihr Leben zu retten.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 66. Kapitel: Die Tötung Durmadas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5494.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 67: Nakuli und die Überwindung des Schlangenzaubers

Die Kraft der Rede: Nakuli geht aus Lalitas Gaumen hervor und wird ausdrücklich als Göttin der Rede bezeichnet. Ihre Mungos überwinden die Schlangen der Zaubergestalt Sarpini. Der Text stellt damit eine Verbindung zwischen Sprache und schützender göttlicher Kraft her; eine konkrete Rezitationsanweisung enthält diese Szene nicht. Vers 59 fehlt.

M 67.1 Als Kuranda, Durmadas älterer Bruder, von dessen Tod hörte, wurde er zornig. Der Gewaltige holte sich Kutilakshas Erlaubnis

M 67.2 und zog rasch mit zwanzig Akshauhinis zum Kampf aus. Als das erneut heranrückende, himmelsweite Dämonenheer sichtbar wurde,

M 67.3 zog Ashvarudha ihm mit ihren grenzenlosen Pferdetruppen entgegen. Die verschiedenartigen, hochgewachsenen Pferde glänzten wie Wogen.

M 67.4 In verschiedenfarbigen Abteilungen strahlte das Heer überaus prächtig. Goldglänzende Shaktis ritten auf Pferden, die Schaumflocken glichen.

M 67.5 Sie trugen blaue Gewänder, Schwerter und Schilde und standen im Stolz ihrer Jugend. Andere ritten auf Pferden, die dunklen Regenwolken glichen.

M 67.6 Diese Göttinnen leuchteten wie Mondlicht, trugen rote Gewänder und roten Schmuck, hielten Bogen und Pfeile und waren mit Kronen aus blauen Edelsteinen geschmückt.

M 67.7 Wieder andere bestiegen schnelle smaragdgrüne Pferde; ihre Körper glänzten wie Rubine, ihre Gewänder und ihr Schmuck waren rosafarben.

M 67.8 Bei manchen Shaktis hatten Körper, Schmuck, Gewand und Pferd dieselbe Farbe. So glich das Heer einem Abendhimmel voller bunter Wolken.

M 67.9 Wie ein über seine Ufer tretender Ozean schien es das Dämonenheer rasch verschlingen zu wollen. Der Klang von Pauken, Trompeten, Tierhörnern und Trommeln

M 67.10 vermischte sich mit dem rhythmischen Schlagen der Pferdehufe und wurde durch Kampfrufe, Herausforderungen und das Schlagen auf die Arme verstärkt.

M 67.11 Er erfüllte den ganzen Raum zwischen Himmel und Erde. Dann begann ein grausiger Kampf, der die Lebenskräfte raubte.

M 67.12 Das gewaltige Krachen der einschlagenden Waffen betäubte die Himmelsrichtungen. Der von den Pferdehufen aufgewirbelte Staub

M 67.13 bedeckte den Himmel wie eine Ansammlung großer Weltuntergangswolken. Einen Augenblick lang wurde alles dunkel wie eine mondlose Mitternacht; nichts war zu erkennen.

M 67.14 Dann löschte der Blutregen, den die niederfallenden Waffen hervorriefen, die Staubfinsternis aus. Wieder wurde die große Schlacht sichtbar.

M 67.15 Das Heer der Shaktis und die Dämonen raubten einander das Leben. Doch die stärkeren Shaktis nahmen den Dämonen ihre Kampfkraft.

M 67.16 Heftig von ihnen bedrängt, zerbrach das Dämonenheer. Den großen Dämonen waren Füße, Hände und Ohren abgetrennt, Bäuche und Rücken aufgerissen.

M 67.17 Sie warfen ihre Waffen ringsum fort, schüttelten immer wieder die Arme und riefen: „Ach, wir sind verloren!“ Sie gaben den Kampf auf und flohen.

M 67.18 Als Kuranda sein Heer zerbrochen sah, wurde er von Zorn überwältigt. Auf seinem Pferd spannte er den großen Bogen und schoss Pfeile ab.

M 67.19 Er drang in das Heer der Shaktis ein und tötete sie zu Tausenden. Unter dem Pfeilregen, der aus der Wolke Kuranda niederging,

M 67.20 brach das Shakti-Heer zusammen wie ein hoher Damm unter gewaltigen Wassermassen. Als ihr Heer zerbrach, trat Ashvarudha ihm entgegen.

M 67.21 Sie saß auf dem Pferd Aparajita, glänzte wie geschmolzenes Gold und strahlte in reinen Seidengewändern und Schmuck.

M 67.22 Sie trug Schlinge, Haken, Bogen und Pfeile. Als er sie sah, sagte er: „Schlechte Frau, lange warst du überheblich; ich werde dir diesen Hochmut nehmen!

M 67.23 Weil du meinen Bruder getötet hast, wirst du rasch die Frucht dieser Tat erfahren. Wenn ich dich im Kampf erschlagen habe, bin ich von meiner Schuld gegenüber dem Bruder frei.

M 67.24 Zeige zuerst an mir deine lange angesammelte Kampfkraft!“ Von diesen Worten erzürnt, traf Ashvarudha ihn mit drei scharfen Pfeilen.

M 67.25 Mit dem ersten schlug sie seinem Reittier den Kopf ab; mit dem zweiten warf sie seine Krone zu Boden.

M 67.26 Mit dem dritten durchbohrte sie rasch seine Brust. Sein Pferd war getötet, seine Krone verloren, und er selbst war schwer am Herzen getroffen.

M 67.27 Bewusstlos stürzte der große Dämon wie ein an der Wurzel gefällter Baum. Nach einem Augenblick erwachte er und sagte mitten in der Schlacht:

M 67.28 „Gut, du bist des Lobes im Kampf würdig; als Gegnerin erkenne ich dich an!“ Darauf erwiderte die Göttin: „Schande, Dämon, du lebst noch!

M 67.29 Absichtlich habe ich dir einen Rest des Lebens gelassen, damit du sprechen kannst. Sieh jetzt diesen lebensraubenden Pfeil, der den Stolz des Feindes zerstört!“

M 67.30 Als der Dämon ihre Worte hörte, entflammte sein Körper im Zornesfeuer. Mit einem geradschaftigen Pfeil zertrennte er den Bogen der Göttin.

M 67.31 Sie ihrerseits zerschlug mit dem Schwert den Bogen in seiner Hand. Darauf hieb der Dämon mit seinem Schwert das ihre entzwei.

M 67.32 Dann schlug er mit demselben Schwert heftig auf ihr Pferd ein. Mit aufgerissenem Kopf wich das Pferd zurück.

M 67.33 Da wurde die Göttin zornig, band ihn fest mit ihrer Schlinge, zog ihn an sich und schlug ihm mit ihrem feurig strahlenden Haken auf den Kopf.

M 67.34 Von diesem Haken wurde sein Schädel gespalten, und der Dämon starb. Als der Oberbefehlshaber von Kurandas Tod hörte, wurde er zornig.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 67.35 Kutilaksha blickte mit geröteten Augen auf die neben ihm stehenden Heerführer, Karanka und die anderen, und sprach:

M 67.36 „Hört, Karanka und ihr übrigen, ihr fünf! Geht rasch mit euren Truppen hin, tötet sie im Kampf oder fesselt sie

M 67.37 und bringt sie her! Ihr besitzt doch die Zauberkraft namens Sarpini; durch sie seid ihr für Götter und Dämonen unbesiegbar.“

M 67.38 Auf diesen Befehl hin verneigten sich Karanka und die anderen vor dem Oberbefehlshaber und zogen aus, jeder mit zwanzig Akshauhinis.

M 67.39 Karanka fuhr auf einem von Eseln gezogenen Wagen, Vajradanta ritt auf einem Kamel, Vajraloman fuhr auf einem Geierwagen und Kakamukha ritt auf einem Elefanten.

M 67.40 Vajravaktra saß auf einem großen Esel. Furchtbar sahen sie aus. Als der gewaltige Lärm der zum Kampf aufbrechenden Dämonen erklang,

M 67.41 machten Ashvarudha und Sampatkari ihr Heer bereit. Die beiden Heere, das der Shaktis und das der Dämonen, trafen aufeinander.

M 67.42 Unter dem Klang verschiedener Kriegsinstrumente und im Aufblitzen geschwungener Waffen sandten sie schon aus der Ferne Pfeilregen aus, Wolkenmassen gleich.

M 67.43 Dann prallten beide Heere aufeinander und schlugen sich gegenseitig nieder, die Lippen vor Zorn zusammengebissen, die Gesichter von zusammengezogenen Brauen verzerrt.

M 67.44 Sie wurden von blanken Schwertern zerrissen, von langen Speeren durchbohrt, von Pfeilnetzen durchlöchert und von geschleuderten Eisenkeulen zerquetscht.

M 67.45 Mit großen und kleinen Waffen vernichteten sie einander. Das gewaltige Elefanten- und Pferdeheer der Shaktis kämpfte in heftigem Zorn.

M 67.46 In kurzer Zeit vernichtete es das Heer der Dämonenherrscher nahezu vollständig. Als Karanka und die anderen großen Dämonen ihre Truppen so sahen,

M 67.47 drangen sie in das Shakti-Heer ein und vernichteten seine Reihen mit Gewalt. Als die beiden Göttinnen ihr Heer von diesen Dämonen bedrängt und geschlagen sahen,

M 67.48 traten Ashvarudha und Sampatkari gegen sie an. Von ihnen im Kampf überwältigt, erschufen Karanka und die anderen großen Dämonen

M 67.49 die große Zaubergestalt Sarpini, mit Schlangen geschmückt, von furchtbarer Gestalt und gewaltigem Geschrei. Sie erzeugte verschiedenartige Schlangenscharen,

M 67.50 um auf dem Schlachtfeld das Shakti-Heer zu vernichten. Aus ihrem Mund, ihren Augen und anderen Körperöffnungen strömten die Schlangen hervor.

M 67.51 In einem halben Muhurta richtete sie im Heer der Shaktis Verwüstung an. Als einige Shaktis dieses überaus schreckliche Gemetzel sahen,

M 67.52 flohen sie und eilten zur Herrscherin der Strafgewalt, um es zu melden. Sie erreichten die Ebergesichtige, die sich bei der erhabenen Mutter befand.

M 67.53 Sie verneigten sich auch vor Mantrini und sprachen: „Ach, welch eine Gefahr durch die Dämonen! Dandanatha, wir waren mit der Göttin Sampatkari gegen sie ausgezogen.

M 67.54 Es entstand eine furchtbare, überaus lebensraubende Schlacht. Durmada wurde von der Herrin des Gedeihens getötet, und Kuranda

M 67.55 wurde von Ashvarudha zu bloßem Ruhmesgedächtnis gemacht. Auch ein gewaltiges Heer vernichteten wir; die furchtbaren Dämonen wurden besiegt.

M 67.56 Doch jetzt haben die fünf Heerführer, Karanka und die anderen, deren Fußtruppen gefallen waren, die große Zaubergestalt namens Sarpini hervorgebracht.

M 67.57 Aus ihren Augen und anderen Öffnungen erschafft sie immer wieder zahllose Schlangen. Diese erschlagen, beißen, fesseln und verbrennen die Shaktis.

M 67.58 Das große Heer der Shaktis ist beinahe vollständig dem Tod verfallen. Die beiden Göttinnen töten die Schlangen immer wieder mit Pfeilregen.“

M 67.60 Die Herrscherin der Strafgewalt zog mit ihrer gewaltigen Keule aus, um die Dämonen zu töten. Doch die Herrin der Mantras hielt sie zurück, da sie Sarpinis unfehlbare Macht erkannte. Vers 59 fehlt in der Textgrundlage; die Sprecherinnenfolge ergibt sich aus dem anschließenden Bericht.

M 67.61 Mantrini ging rasch selbst zur Göttin und meldete das Geschehen. Die Mutter besann sich einen Augenblick, gähnte und öffnete

M 67.62 ihren Lotusmund. Daraus trat mit großer Geschwindigkeit eine goldglänzende mächtige Shakti hervor, aus dem Gaumen der Göttin geboren.

M 67.63 Es war Nakuli, die Göttin der Rede, auf Garuda sitzend und mit Edelsteinen geschmückt. Sie verneigte sich und stand vor Lalita. Die erhabene Herrin sprach:

M 67.64 „Gehe, Kind, und vernichte Sarpini rasch durch deine Macht!“ So beauftragt, erreichte sie in einem Augenblick das Schlachtfeld.

M 67.65 Der Wind von Garudas Flügeln trieb alle Schlangen in die Flucht. Von ihren Schlangenfesseln befreit, erhoben sich die Shaktis wieder.

M 67.66 Doch Sarpini erschuf erneut Schlangen, um den Kreis der Shaktis zu vernichten. Als Nakuli sah, wie die Shaktis abermals von Schlangenscharen bedeckt wurden,

M 67.67 ließ sie in einem Augenblick aus ihren eigenen Körperhaaren mächtige Mungos entstehen. Sie waren überaus schnell, verschiedenfarbig und voller Zorn.

M 67.68 Ihre Haare und Schwänze standen aufrecht, ihre Zähne waren hart wie Donnerkeile und ihre Körper fest. Rasch griffen sie die überall vorhandenen Schlangen an.

M 67.69 Mit ihren donnerkeilharten Zähnen bissen sie zu und zerrissen die Schlangen in zwei oder drei Teile. Solche Mungos zerrissen und fraßen die Schlangen,

M 67.70 bis von denen, die zur Vernichtung des Shakti-Heeres entstanden waren, keine mehr übrig blieb. Nachdem die Mungos alle Schlangen restlos vernichtet hatten,

M 67.71 bissen sie auch Sarpini, die mit Schlangen geschmückt war, von allen Seiten. Als Sarpini vernichtet war, kämpften Karanka und die anderen großen Dämonen

M 67.72 mit vielen Waffen und Wunderwaffen gegen die Göttin Nakuli. Diese zerstörte sämtliche Waffen und Reittiere der Gegner

M 67.73 und schlug ihnen gleichzeitig mit ihrem Schwert die Köpfe ab. Mit abgeschlagenen Häuptern fielen sie leblos nieder.

M 67.74 Auch die Reste ihres Heeres flohen voller Angst in alle Richtungen. Unter siegreichen Zurufen nahm Nakuli die hilfreichen Mungos

M 67.75 wieder in ihren eigenen Körper auf. Dann verneigte sie sich vor Varahi, Mantrini und der Herrin Lalita und berichtete mit gefalteten Händen vom Sieg.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 67. Kapitel: Die Tötung Karankas und der anderen durch Nakulis Tapferkeit. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5570.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 68: Der Plan des Nachtangriffs und Tiraskaranikas Schutz

M 68.1 Als Kutilaksha durch die Dämonen erfuhr, dass Karanka und die anderen getötet worden waren, seufzte er tief und geriet in große Sorge.

M 68.2 „Diese große Shakti scheint mir wirklich unbesiegbar. Die beiden Mächtigen, Durmada und Kuranda, sind im Kampf gefallen.

M 68.3 Doch sei es so; darüber muss man nicht grübeln, denn der Sieg ist ungewiss. Aber Karanka und die anderen verfügten über die unfehlbare Sarpini.

M 68.4 Für Götter und Dämonen waren sie unbesiegbar. Wie konnten sie im Kampf fallen? Die Herrin der Shaktis, von der man hört, dass sie Lalita heißt,

M 68.5 ist selbst noch an ihrem Platz geblieben; ihre dienenden Shaktis haben unser Heer vernichtet. Ach, was kann in der Welt nicht geschehen, wenn das Schicksal sich gegen einen wendet!

M 68.6 Erstaunlich ist es, dass Karanka und die anderen von einer Frau getötet wurden. Ein Viertel unseres Heeres ist verloren, mächtige Heerführer sind gefallen.

M 68.7 Doch keine einzige führende Göttin des Shakti-Heeres wurde getötet. Wie ist das möglich? Ich habe dem König den Sieg über die Shaktis versprochen.

M 68.8 Wie könnte ich nun wieder wie ein Feigling sagen: ‚Es ist unmöglich‘?“ Während der Heerführer Kutilaksha von solchen Sorgen erfüllt war,

M 68.9 kam Vishanga, von Vishukra gesandt, zu ihm. Als Kutilaksha ihn sah, erhob er sich.

M 68.10 Er ehrte ihn mit einem Sitz und den weiteren Zeichen des Empfangs und setzte sich dann wieder. Vishanga sah das niedergeschlagene Gesicht des Heerführers.

M 68.11 Er sprach zu ihm, selbst von jener Göttin verblendet, die die Wünsche ihrer Verehrer erfüllt und Bhandas erbetenes Ziel verwirklichen wollte:

M 68.12 „Kutilaksha, dein Gesicht sieht traurig aus. Sage rasch, was der Grund ist; ich werde alles in Ordnung bringen!“

M 68.13 Darauf berichtete dieser von der großen Vernichtung der Dämonen, davon, dass die Shaktis unversehrt blieben, und von der drohenden gewaltigen Gefahr.

M 68.14 Vishanga lachte und rief: „Ach, welche Verblendung!“ Selbst durch die Maya der Göttin getäuscht, sprach er nun, als wäre er weise:

M 68.15 „Höre, Heerführer! Ich habe alles erfahren und bin deshalb gekommen. Ohne klugen Plan kann selbst ein sehr Mächtiger den Gegner nicht besiegen.

M 68.16 Der Sieg beruht stets auf dem rechten Vorgehen, und dieses beruht auf Einsicht. Mit meinem scharfen Verstand habe ich den Sieg über die Shaktis schon beinahe gesichert.

M 68.17 Vertreibe die Finsternis deiner Sorge und vertraue auf die Sonne meines Plans! Aufgrund dieser Überlegung halte ich die Shaktis bereits für vernichtet.

M 68.18 Höre, ich will dir sagen, was ich für den Sieg beschlossen habe. Nur durch eine List kann sie besiegt werden; ich erkläre dir das festgelegte Vorgehen.

M 68.19 Noch heute, gegen Ende des Tages, sollen alle mit einem großen Dämonenheer gerüstet ausziehen, begleitet von Vishukra

M 68.20 und den Prinzen. Sie müssen so zum Kampf vorgehen, dass auch sämtliche Shaktis

M 68.21 vollständig in die Schlacht eingreifen und Lalita allein zurückbleibt. Dann werde ich in der Dunkelheit der Nacht, umgeben von vielen Dämonen,

M 68.22 seitlich ausrücken, mich ihrem Rücken nähern und ihren Wagen besteigen. Die wenigen Shaktis, die dort noch sind, werde ich töten

M 68.23 und die schlechte, schwache Lalita, die Wurzel aller Shakti-Scharen, mit Gewalt lebendig gefangen nehmen.

M 68.24 Wenn sie sich nicht lebendig fangen lässt, werde ich sie mit der Keule erschlagen. Sobald sie getötet oder gefesselt ist, kannst du das Heer der Shaktis

M 68.25 als beinahe vernichtet ansehen; ihr werdet es dann vollends zerstören. Die Königin Lalita mit ihren zarten Händen und Füßen

M 68.26 ist nicht imstande, gegen mich zu kämpfen; das weiß ich schon lange. So habe ich es mit meinem überaus kühnen Verstand beschlossen.

M 68.27 Freund, hältst du diesen Plan ebenfalls für frei von Fehlern und Schwachstellen?“ Als Kutilaksha Vishangas Worte hörte,

M 68.28 hielt er, von Tripuras Maya verblendet, die Göttin bereits für besiegt. Freudig erhob er sich und umarmte Vishanga rasch.

M 68.29 „Gut, du Ruhm des Dämonengeschlechts! Ich erkenne dich als den Klügsten an. Ein Gedanke, der zur rechten Zeit den Sieg bringt, ist wahrhaft selten.

M 68.30 Nicht einmal Shukras oder Brihaspatis Verstand ist so! Lebe lange! Ich sehe in dir denjenigen, der das Anliegen des Königs erfüllt.

M 68.31 Gehe unverzüglich zum König und unterrichte ihn. Hole die Minister, die Prinzen und Vishukra und kehre zum Kampf zurück!

M 68.32 Schon neigt sich die Sonne, um in das Meer einzutreten. Sobald wir das Heer der Shaktis in den Kampf verwickelt haben,

M 68.33 wirst du rasch mit Verstand und Kraft dein Vorhaben vollenden.“ Nach diesen Worten Kutilakshas ging Vishanga in die Stadt.

M 68.34 Dort unterrichtete er den König und Vishukra über alles. Die von Maya verblendeten Dämonenherrscher stimmten zu, und er zog rasch wieder aus.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 68.35 Von den Prinzen, Vishukra und den Ministern begleitet, vereinigte er sich mit Kutilaksha. Umgeben vom ganzen Heer

M 68.36 rückte er dorthin zum Kampf vor, wo das große Shakti-Heer stand. Mantrini erfuhr durch Kundschafter von den umfassenden Kriegsvorbereitungen des Dämonenkönigs

M 68.37 und vom Zusammenzug des gesamten Heeres und der führenden Dämonen. Sie verneigte sich vor Lalita und meldete das Geschehen.

M 68.38 Auf Lalitas Befehl sprach Mantrini zu Dandini: „Liebe, wir sehen hier einen gewaltigen Aufmarsch Bhandas.

M 68.39 Mit Ausnahme des Dämonenherrschers selbst sind alle zum Kampf gekommen. Auch wir müssen unverzüglich und vollständig ausziehen.

M 68.40 Rüste daher das Heer und insbesondere die Shaktis!“ Auf diesen Befehl hin sammelte die Ebergesichtige das gesamte Shakti-Heer.

M 68.41 Zusammen mit Mantrini verneigte sie sich vor der Göttin und zog in die Schlacht. Das ausrückende Shakti-Heer war voller Elefanten, Pferde und Wagen,

M 68.42 wie der Ozean, der bei der Weltauflösung die Welten überflutet. Der Klang der Kriegsinstrumente verband sich mit dem Lärm von Elefanten, Pferden und Wagen.

M 68.43 Darin schwoll das Löwengebrüll der Shaktis an. Als die Dämonen diesen furchtbaren, die Welt erschütternden Lärm hörten,

M 68.44 erhoben sie ihrerseits ein noch gewaltigeres Geschrei. Der vereinte Ruf beider Heere erfüllte Himmel und Erde.

M 68.45 Er raubte den Furchtsamen den Atem und schien selbst kleine Teiche auszutrocknen. Dann begann eine große Schlacht zwischen den Heeren der Shaktis und der Dämonen.

M 68.46 Die Dämonen schlugen mit verschiedenartigen Waffen auf die Shaktis ein. Ebenso zermalmten die Shaktis die Dämonen mit ihren Waffenschlägen.

M 68.47 Einige wurden in der Schlacht von Pfeilen in kleinste Stücke zerschlagen; andere wurden mit Schwertern in der Mitte gespalten und zerstückelt.

M 68.48 Manche wurden von Speeren, langen Lanzen und Dreizacken durchbohrt; anderen wurden durch Wurfscheiben Hals, Bauch und Arme zertrennt.

M 68.49 Einige wurden von Eisenkeulen, Shataghni-Waffen, Hämmern und ähnlichen Waffen zerquetscht; andere wurden ringsum von unfehlbaren Schlingen gefesselt.

M 68.50 Manchen spalteten Beile und Äxte den Kopf; andere wurden durch Speere und Haken an der Brust verwundet.

M 68.51 So blieb der Kampf eine Weile ausgeglichen. Dann zerbrach das Dämonenheer unter den Schlägen der Shaktis und floh.

M 68.52 „Wir sind verloren! Ach, ach!“ schrien die schwer Getroffenen. Von den Shaktis verfolgt, suchten sie überall Schutz.

M 68.53 Blutströme flossen dahin, ein erfreulicher Anblick für die Aasfresser. Anschwellende Wellen trugen Massen von Leichengerippen fort.

M 68.54 Einige stürzten hinein und wurden in einem Augenblick weit fortgetragen. Als Bhandas jüngerer Bruder die Flucht der Dämonen sah,

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

M 68.55 rief Vishukra die neben ihm stehenden Dämonen mit Balahaka an der Spitze herbei, deren unermessliche Kampfkraft er kannte.

M 68.56 Er sagte: „Balahaka, sieh diese von den Shaktis geschlagenen Dämonen! Wie Schutzlose werden sie überall aus dem Kampf getrieben.

M 68.57 Gehe mit deinen Brüdern hin und vernichte diese Feinde! Durch eure Askese hat die Sonne doch einen Teil ihrer Kraft in eure Augen gelegt.

M 68.58 Geht und verbrennt sie mit eurem Blick!“ So beauftragt, zog Balahaka mit seinen Brüdern aus, um die Shaktis zu vernichten.

M 68.59 Balahaka, Kalamukha, Vikarna, Vikatanana, Sucimukha, Karalaksha und Karata: Diese sieben

M 68.60 Brüder besaßen furchtbare Kraft. Wen sie in großem Zorn ansahen, der wurde von Hitze und übermäßigem Durst gequält und starb rasch.

M 68.61 Diese Macht hatten sie durch Verehrung der Sonne erlangt. Nun drangen sie gemeinsam in das Heer ein

M 68.62 und richteten ihre grausamen Augen auf die Shaktis, um sie zu vernichten. Durch den Blick der Dämonen wurden sämtliche Shaktis

M 68.63 von großem Durst und von Hitze in allen Gliedern erfasst. Von dieser übermächtigen Glut und diesem Durst überwältigt,

M 68.64 sanken die Shaktis scharenweise auf dem Schlachtfeld nieder. Mit Ausnahme von Mantrini und Dandini fiel das ganze Heer,

M 68.65 einschließlich seiner Elefanten und Pferde, von der Hitze zu Boden. Wegen ihrer eigenen Größe wirkte die Augenkraft der Dämonen auf diese beiden Göttinnen nicht.

M 68.66 Als Dandanatha dies sah, meldete sie es Mantrini. Diese erwog die Lage und erkannte die Gunst, die die Dämonen von der Sonne erhalten hatten.

M 68.67 Sie erinnerte sich im Geist an die Shakti Tiraskaranika, die zur Bewachung des Chakras der erhabenen Göttin zurückgeblieben und nicht in die große Schlacht gezogen war.

M 68.68 Kaum war sie ihrer gedacht worden, da kam sie auf einem Pferd, schwarz wie dunkle Augensalbe. Ihr Körper war blau, ebenso Gewand und Schmuck.

M 68.69 Sie trug blaue Kränze, war von dichter Finsternis umhüllt und von Millionen gleichgestaltiger Shaktis umgeben.

M 68.70 Niemand auf Erden konnte sie ohne ihren Willen sehen. Sie kam, verneigte sich vor Mantrini und fragte: „Weshalb hast du meiner gedacht?“

M 68.71 Mantrini erklärte ihr die Macht der Dämonen und entsandte sie, diese zu vernichten. Um die Shaktis wieder zu beruhigen und zu heilen,

M 68.72 befahl sie sogleich auch Amriteshi, dem Meer des Nektars, tätig zu werden. Tiraskaranika bestieg ihr vortreffliches unsichtbares Reittier.

M 68.73 Selbst unsichtbar und von ebensolchen Shaktis umgeben, vernichtete sie mit ihren Waffenschlägen das Heer der Dämonen.

M 68.74 Tiraskaranika setzte die Waffe namens „Blindheit“ ein. Dadurch wurden die Dämonen blind und vermochten nicht das Geringste mehr zu sehen.

M 68.75 Dennoch kämpften sie weiter, erfüllt von Kraft und Mut. Nach langem Kampf bezwang Tiraskaranika sie

M 68.76 und schlug ihnen zornig mit ihrem Schwert zugleich die Köpfe ab. Als Balahaka und die anderen getötet waren, überschütteten die Götter Tiraskaranika

M 68.77 mit himmlischen Blumen und ließen die Himmelspauken ertönen. Die führenden Gottheiten freuten sich, weil die Plagegeister der Welt vernichtet waren.

M 68.78 Amriteshi belebte die gefallenen Shaktis mit Nektargüssen wieder. Nachdem Tiraskaranika so die Dämonen mit den Sonnenaugen besiegt hatte,

M 68.79 verneigte sie sich vor Mantrini und Dandini und berichtete von ihrem Sieg. Die beiden umarmten sie und sagten: „Du hast ein Werk vollbracht, das sonst unmöglich war!“

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 68.80 So priesen sie Mantrini und die Herrin der Strafgewalt. Als Balahaka und die anderen auf diese Weise gefallen waren, ging die Sonne unter.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 68. Kapitel: Die Tötung Balahakas und der anderen im Kampf mit Tiraskaranika. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5650.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 69: Die nächtliche Schlacht und der Angriff auf Lalitas Wagen

Die Nacht wird erhellt: Jvalamukhi beendet die Finsternis, in der beide Heere sogar die eigenen Reihen treffen. Gleichzeitig versucht Vishanga den Angriff von hinten. Die Versnummern 32 und 49 fehlen; die Übersetzung ergänzt keine verlorenen Strophen.

M 69.1 Obwohl Tiraskaranika die Dämonen mit den Sonnenaugen getötet hatte, blieben die übrigen durch Tripuras Maya verblendet und freuten sich über den Sieg, den sie sich in Gedanken ausmalten.

M 69.2 Vishukra, Kutilaksha und die anderen sandten Vishanga mit einer Dämonenschar aus, um den Angriff von hinten auszuführen.

M 69.3 Dann kämpften sie mit äußerster Tapferkeit gegen die Shakti-Heere: Vishukra gegen Mantrini, der Heerführer selbst gegen die Herrscherin der Strafgewalt,

M 69.4 Bhandas Söhne gegen Bala, die Minister gegen Tiraskaranika und Ulukajit samt den anderen gegen die Führerinnen der Elefanten und Pferde.

M 69.5 Die Dämonenheere trafen auf das Heer der Shaktis. Die Sonne war untergegangen, und überall breitete sich Dunkelheit aus.

M 69.6 Ein überaus grausamer Kampf zwischen Shaktis und Dämonen begann. Eine Weile stritten sie noch im Licht der Abenddämmerung.

M 69.7 Als sich dann tiefe Finsternis in allen Richtungen ausbreitete, wurde der Kampf zwischen den beiden Heeren noch schrecklicher.

M 69.8 Im Licht der Sterne und nach den Geräuschen zielend kämpften die Dämonen mit ihren Waffen gegen die Shaktis.

M 69.9 Durch das gewaltige Gedränge beider Heere stieg Staub auf und verhüllte den sternenbesetzten Himmel.

M 69.10 Von Dunkelheit umgeben und zusätzlich vor Zorn blind, kämpften die Scharen der Shaktis und Dämonen ohne geordnete Reihen.

M 69.11 Die einen riefen Herausforderungen, andere liefen ihnen nach. Waffen wurden gegen bestimmte Gegner gerichtet, trafen aber andere.

M 69.12 Es entstand ein überaus grausiger Kampf, in dem man nach Geräuschen zielte. Dabei töteten Dämonen andere Dämonen und Shaktis andere Shaktis.

M 69.13 So abscheulich war diese Schlacht, furchtbar vom Geschrei. Einige wurden durch Waffen getötet, andere von Wagen zermalmt,

M 69.14 wieder andere von Pferden niedergerannt oder von Elefanten zerquetscht. In diesem gewaltigen Gedränge und Gemetzel

M 69.15 erkannte niemand mehr das eigene oder das gegnerische Heer. Niemand wusste, wo Anfang, Mitte oder Ende der Truppen lagen.

M 69.16 Mantrini sah dies und erkannte die gefährliche Lage. Sie gedachte der großen Göttin Jvalamukhi, die aus einem Anteil Tripuras hervorgegangen ist.

M 69.17 Kaum hatte sie ihrer gedacht, erschien diese auf dem Schlachtfeld, einem flammenden Berg gleich, mit Feuerzungen, die die Himmelsrichtungen erfüllten.

M 69.18 Die Fülle des Glanzes ihres Körpers vernichtete die ganze Finsternis. Nun kämpften Dämonen und Shaktis wieder in geordneten Reihen.

M 69.19 Als der nächtliche Kampf so wieder geordnet verlief, Agastya, focht Bala einen höchst erstaunlichen Kampf gegen Bhandas Söhne.

M 69.20 Diese dreißig Söhne, Caturbahu und die anderen, an Tapferkeit Vishnu gleich, kämpften alle zugleich mit großer Kraft gegen Bala.

M 69.21 Auf ihren Wagen stehend, schossen sie verschiedenartige Pfeile nach allen Seiten und bedeckten Bala mit Waffen, wie Nebel die Sonne verhüllt.

M 69.22 Doch Bala zerstörte diese Waffenmassen rasch durch die Macht ihrer eigenen Waffen, wie der Sonnenaufgang die Dunkelheit vertreibt.

M 69.23 Dann legte sie blitzschnell Pfeile auf und tötete mit jeweils vier scharfen Geschossen die Wagenpferde jedes einzelnen Sohnes Bhandas.

M 69.24 Mit je einem Pfeil traf sie die Wagenlenker, mit einem weiteren zertrennte sie die Bogen. Dann durchbohrte sie spielend jedem mit einem Pfeil das Herz.

M 69.25 Ihre Pferde waren tot, ihre Waffen verloren, und ihre Brust war vom Pfeil durchbohrt. Durch den Schmerz tief bewusstlos, lagen sie dem Tod nahe.

M 69.26 Ulukajit und die anderen, die Söhne von Bhandas Schwester, waren sechzig an der Zahl, im Kampf furchtbar stark und erfahren.

M 69.27 Gegen sie kämpften Ashvarudha und Sampatkari mit Pfeilen. Sie entfalteten einen erstaunlichen Kampf, der die Zuschauer in Staunen versetzte.

M 69.28 In zwei Gruppen zu je dreißig kämpften die Gegner getrennt gegen die beiden Göttinnen. Nach langem Kampf fesselte Ashvarudha ihre Gegner nacheinander mit ihrer Schlinge

M 69.29 und schlug ihnen zornig mit ihrem blanken Schwert die Köpfe ab. Auch Sampatkari kämpfte gegen die ihren und traf sie nacheinander mit breitköpfigen Pfeilen

M 69.30 in die Brust; so schickte sie sie rasch in die Stadt des Todes. Ugrakarman und die anderen Minister kämpften unterdessen

M 69.31 mit vielen Waffen und Wunderwaffen gegen die Göttin Tiraskaranika. Nachdem sie so mit ihnen gekämpft hatte, schlug sie sie zornig mit ihrem Schwert nieder. Die Nummer 32 fehlt; der Übergang zur nächsten Kampfszene ist unvollständig.

M 69.33 Die beiden überschütteten einander mit goldgeschmückten Pfeilen und zerschlugen die verschiedenartigen Waffen, die sie gegeneinander einsetzten.

M 69.34 Der zornige Kutilaksha, Bhandas Heerführer, stand auf seinem Wagen und kämpfte, bestens geschult, mit Nachdruck gegen die Ebergesichtige.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 69.35 Nachdem sie so gestritten hatten, tötete Varahi seine acht Pferde mit Pfeilen, die sie bis zum Ohr ausgezogen hatte.

M 69.36 Mit einem Pfeil erschlug sie den Wagenlenker; einen weiteren stieß sie ihm ins Herz. An der Brust durchbohrt, verlor er kurz das Bewusstsein.

M 69.37 Dann erwachte er wieder, ergriff seine Keule, sprang empor und ließ sie auf den Kopf des Löwen niederfallen, der vor den Kiri-Chakra-Wagen gespannt war.

M 69.38 Mit aller Kraft schlug er mit dieser ganz eisernen, donnerkeilgleichen Keule zu. Der gelbäugige Dämon brüllte wie ein Löwe, der einen Elefanten getötet hat.

M 69.39 Auch der Löwe verlor durch den Keulenschlag einen Augenblick das Bewusstsein. Dann kam er wieder zu sich, sah zornig den Dämonen vor sich stehen

M 69.40 und schlug ihm mit der Pranke auf die Brust. Der Prankenschlag riss die Brust auf, und Blut strömte in vielen Bahnen heraus.

M 69.41 Doch der Nachkomme Ditis sprang erneut auf Varahis Wagen und richtete voller Zorn unter den Shaktis ihres Gefolges ein Gemetzel an.

M 69.42 Als der große Dämon auf dem Wagen so kämpfte, trat ihm Jambhini entgegen, eine hervorragende Shakti und eine der führenden Göttinnen aus Varahis Einfassung.

M 69.43 Lange kämpfte sie mit Kutilaksha. Schließlich traf die Gewaltige den heftig Kämpfenden mit einem Pfeil in den Mund.

M 69.44 Schwer getroffen und von großem Schmerz gelähmt, stand er einen Augenblick still. Dann sprang er erneut vor und schlug sie zornig mit der Keule auf den Kopf.

M 69.45 Schwer verletzt sank sie auf die Plattform des Wagens. Als die Shaktis sie so sahen, schrien sie: „Ach, ach!“

M 69.46 Inzwischen riss der Dämon ihr rasch den Bogen weg und zerbrach ihn. Jambhini erhob sich wieder und sah ihren zerbrochenen Bogen.

M 69.47 Vor Zorn brennend ergriff sie ihre große Keule. Ein schrecklicher Keulenkampf begann, dem Kampf zwischen Indra und dem Sohn Tvashtris gleich.

M 69.48 Götter und Dämonen staunten über den Kampf zwischen Jambhini und dem Dämonen. Weil ihnen der Wagen zu eng war, setzten die beiden den Kampf auf dem Boden fort.

M 69.50 Beim Zusammenprallen ihrer Keulen sprühten Feuerschauer hervor. Vielfältige Angriffe, Sprünge und wechselnde Kampfstellungen machten den Kampf erstaunlich anzusehen. Vers 49 fehlt in der Textgrundlage.

M 69.51 Dann sprang der Dämon rasch vor, um sie zu töten. Doch noch während er angriff, traf sie ihn mit ihrer Keule heftig auf den Kopf.

M 69.52 Aus aufgerissenen Augen, Zunge und Mund strömte Blut, das auf sie herabregnete. Mit zerschlagenen Gliedern stürzte er zu Boden.

M 69.53 Er umklammerte seine Keule, wälzte sich auf der Erde und gab rasch das Leben auf. Als die Dämonen ihren Heerführer getötet sahen, flohen sie voller Angst.

M 69.54 Götter und Shaktis freuten sich über die Vernichtung des Feindes. Nachdem Jambhini den Dämonen getötet hatte, verneigte sie sich rasch vor der Herrin der Strafgewalt

M 69.55 und trat an ihre Seite. Dandini freute sich, umarmte sie und betrachtete sie liebevoll.

M 69.56 Die mächtige Mantrini kämpfte heftig gegen Vishukra. Auch der Kronprinz Vishukra war ein großer Held von gewaltiger Kraft.

M 69.57 Er lieferte der Göttin einen ungewöhnlichen, staunenswerten Kampf. Beide vernichteten die Waffen des anderen durch Gegenwaffen

M 69.58 und ebenso dessen Wunderwaffen durch eigene Wunderwaffen. Als sie ihn lange so mit erstaunlicher Tapferkeit kämpfen sah,

M 69.59 zeigte die große Herrin des Rates ihre eigene Geschicklichkeit: Mit einer gleichzeitig abgeschossenen Pfeilschar zerstörte sie seinen Wagen, seine Pferde und seinen Lenker,

M 69.60 seinen Bogen, seine Krone und sein Banner in einem halben Augenblick. Im Kampf so gedemütigt, brannte Vishukra vor Zorn.

M 69.61 Er ergriff Schild und Schwert und nahm sich vor, die Göttin zu töten. Als er mit dem Schwert in der Hand herankam, zerteilte sie schon aus der Ferne mit einem einzigen Pfeil

M 69.62 sein Schwert und zerbrach mit einem anderen seinen Schild. Ohne Schwert und Schild stürmte er mit geballter Faust weiter.

M 69.63 Da traf sie ihn mit einem schweren, scharfen, breitköpfigen Pfeil an der Brust. Vishukra spie schäumendes Blut aus,

M 69.64 taumelte und wurde mit Gewalt zwei Krosha weit fortgeschleudert, hilflos wie ein großer Berg im Sturm der Weltauflösung.

M 69.65 Er sank in tiefe Ohnmacht, als wäre er bereits in eine andere Welt versetzt. Als Vishukra so getroffen war, floh das Dämonenheer.

M 69.66 Die Krieger warfen ihre Waffen weg, verließen ihre Reittiere und stoben in alle zehn Richtungen auseinander. Einige nahmen den bewusstlosen Vishukra mit und kehrten in die Stadt zurück.

M 69.67 Während Vishukra und die anderen gegen das gesamte Heer der Shaktis kämpften, erkannte Vishanga, dass Lalita allein auf ihrem Chakra-Wagen geblieben war,

M 69.68 nur von wenigen dienenden Shaktis umgeben. Er freute sich, weil er sie für bezwingbar hielt, und eilte dorthin.

M 69.69 Damanas und fünfzehn Akshauhini-Führer begleiteten ihn; er führte nur ein kleines Truppengefolge, aber zahlreiche Waffen und Wunderwaffen mit sich.

M 69.70 Weil er das Geräusch der vielen marschierenden Füße vermeiden wollte, bestieg er einen brünstigen Elefanten und zog ausschließlich mit Elefantenreitern los.

M 69.71 Alle trugen dunkle Gewänder und dunklen Schmuck. Nachdem sie sich miteinander abgesprochen hatten, gingen sie mit ihren Elefanten in getrennten Gruppen vor.

M 69.72 Sie zogen mehr als zwei Yojanas hinter das Dämonenheer. Dann umgingen die einen das Shakti-Heer links, die anderen rechts,

M 69.73 wobei sie einen Abstand von zwei Yojanas hielten. So bewegten sie sich in einzelnen Gruppen wie Räuber.

M 69.74 In einer Entfernung von einem Krosha hinter dem königlichen Chakra-Wagen trafen sie wieder zusammen. Von dort erreichten sie in einem Augenblick

M 69.75 dessen Rückseite, Vishanga an der Spitze. Lalita, deren Wesen Erkenntnis ist, kannte die Absicht der Dämonen durchaus.

M 69.76 Doch im göttlichen Spiel blieb sie, als wüsste sie nichts davon. Die Shaktis hatten gehört, der Kampf finde weit entfernt statt, und fühlten sich völlig sicher.

M 69.77 Sie schliefen alle auf ihren Plätzen im vortrefflichen Wagen. Dieser war voller schlafender Shaktis und hell brennender Lampen.

M 69.78 Das flimmernde Lampenlicht verstärkte den Glanz der Edelsteine; ringsum strahlten die Reihen der Juwelen.

M 69.79 Die Dämonen sahen dies, rückten gemeinsam heran und wollten den königlichen Wagen mit einem einzigen schnellen Vorstoß besteigen.

Meditation führt die Aufmerksamkeit zum Licht des eigenen Bewusstseins.

M 69.80 Doch tausend Shaktis mit gezogenen Schwertern bewachten sorgfältig den Wagen von allen Seiten.

M 69.81 Einige sahen die Scharen der Dämonen auf ihren Elefanten ringsum herankommen, erhoben laute Alarmrufe und drangen in das Dämonenheer ein.

M 69.82 Mit Schwertern erschlugen sie die Dämonen und forderten sie mit scharfen Worten heraus. So entstand zwischen Dämonen und Shaktis ein überaus furchtbarer Kampf.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 69. Kapitel: Der Angriff der Dämonen auf den Kreis der Shaktis. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5732.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 70: Vishangas Gefangennahme und der schützende Flammenwall

Schutz und Begrenzung der Gewalt: Kameshvari vereitelt den Hinterhalt; Mantrini setzt mit Lalitas Zustimmung die Freilassung des gefangenen Vishanga durch. Der Flammenwall verbindet Abwehr nach außen mit Ruhe im Inneren. In der Textgrundlage fehlen die Nummern 4 und 67; der Übergang zu Dandinis Rede in Vers 68 ist verkürzt, Vers 84 besteht aus einem Halbvers.

M 70.1 Als die Shaktis der Einfassungen, Anima und die anderen, die Alarmrufe hörten und vom Eintreffen der Dämonen erfuhren,

M 70.2 bestiegen sie ihre jeweiligen Reittiere, rüsteten sich mit Waffen und Wunderwaffen und traten dem Dämonenheer mit großer Kraft entgegen.

M 70.3 Nach und nach hörten alle Shaktis auf dem Wagen davon. Die Nityas, Kameshvari und die anderen, meldeten es der erhabenen Göttin.

M 70.5 Auf Kameshvaris Befehl nahm Jvalamalini, die vierzehnte Nitya, einen berggroßen, von Flammen umgebenen Körper an. Vers 4 fehlt in der Textgrundlage.

M 70.6 Sie loderte, und ihre Flammen erhellten ringsum einen Raum von einem Yojana. Dort kämpften die Shaktis gegen die Dämonen.

M 70.7 Mit verschiedensten Waffen erschlugen sie die zum Kampf gekommenen Gegner. So bekämpften sie die Dämonen und schickten sie rasch in Yamas Stadt.

M 70.8 Die übrigen Dämonenscharen wollten fliehen. Doch von den Shaktis umringt, fanden sie nirgends einen Ausweg.

M 70.9 Von ihnen niedergeschlagen, schrien sie laut: „Ach, ach!“ Als Damana und die anderen großen Dämonen diese Vernichtung sahen,

M 70.10 beschossen sie die Shaktis mit Pfeilen, hielten sie ringsum heftig auf und schlugen mit vielerlei Waffen auf sie ein.

M 70.11 Obwohl die Shaktis schwer von den Dämonen getroffen wurden, überschütteten sie ihre Gegner mit eigenen Waffen, wie Regenwolken Berggipfel begießen.

M 70.12 Eine Weile dauerte der Kampf zwischen den Shaktis und Damana samt seinen Gefährten. Dann brachten diese gewaltigen Dämonenheerführer

M 70.13 die Scharen der Shaktis durch einen Regen von Waffen und Wunderwaffen in Verwirrung. Die Shaktis verloren Reittiere, Waffen, Glieder und Leben.

M 70.14 Sie konnten dem lebensraubenden Einschlag der Dämonenwaffen nicht standhalten. Einige wurden ohnmächtig, andere gaben das Leben auf.

M 70.15 Wieder andere wurden in Stücke gehauen oder starben mit zerfetzten Gliedern. Als die mächtigen Mondtagesgöttinnen, Kameshvari und die anderen, diese Vernichtung sahen,

M 70.16 wurden sie zornig und bestiegen ihre Wagen. Sie traten Damana und den anderen entgegen, fünfzehn Göttinnen gegen ebenso viele Dämonen.

M 70.17 Voller Kraft und Tapferkeit kämpften sie mit einer Fülle von Waffen. Sie zerstörten gewöhnliche Waffen durch Gegenwaffen und Wunderwaffen durch andere Wunderwaffen

M 70.18 und trafen die Dämonen geschickt mit Pfeilen an den verwundbaren Stellen. So bedrängt, gerieten die Dämonen in äußersten Zorn.

M 70.19 Sie vollführten einen erstaunlichen Kampf voller Kraft und Wagemut. Aus den Mündungen ihrer Bogen strömten Pfeilflammen wie aus dem untermeerischen Feuer.

M 70.20 Auf dem Schlachtfeld erschienen sie, als wollten sie die Welten verbrennen. Doch die Mondtagesgöttinnen kämpften gegen diese erstaunlich tapferen Gegner weiter.

M 70.21 Der Reihe nach zerstörten sie Pferde, Wagen, Wagenlenker und Banner, zerbrachen die Bogen und schlugen ihnen mit scharfen, breitköpfigen Pfeilen kraftvoll die Köpfe ab.

M 70.22 Als Damana und die anderen Dämonen vernichtet waren, flohen die verbliebenen Krieger voller Angst in alle zehn Himmelsrichtungen.

M 70.23 Vishanga aber kämpfte von seinem Elefanten aus gegen die Mondtages-Shaktis. Der Gewaltige stritt allein gegen viele, erfüllt von heftigem Zorn.

M 70.24 Während er mutig standhielt, umringten ihn Kameshvari und die anderen Nityas von allen Seiten und trafen ihn mit Pfeilregen.

M 70.25 Da sprach Kameshvari zu Vishanga, der sich dem Kampf gestellt hatte: „Niederster Dämon, genug dieses Kampfes, der dich das Leben kosten wird!

M 70.26 Lege die Waffen ab und gehe rasch zu Fuß in Frieden fort. Es erscheint dir wohl als ungleicher Kampf, allein gegen viele zu stehen.“

M 70.27 Als der große Dämon Kameshvaris Worte hörte, lachte er laut: „Warum prahlst du vergeblich, Schlechte, und wirfst jede Scham fort?

M 70.28 Ich allein werde in einem Augenblick dieses ganze Shakti-Heer erschlagen und eure Göttin Lalita lebendig fesseln

M 70.29 und fortbringen. Daran besteht kein Zweifel; vor dir berühre ich meine Waffe zum Schwur. Nur mein Mitgefühl mit Frauen hat mich bisher aufgehalten.“

M 70.30 So sprach er und traf jede von ihnen mit scharfen, breitköpfigen Pfeilen. Die erste der Nityas erwiderte: „Wenn es so ist, dann soll der Kampf stattfinden,

M 70.31 rasch und unter gleichen Bedingungen, nur mit mir allein!“ Danach wandte sich die große Herrin erneut an die anderen:

M 70.32 „Bhagamalini und ihr übrigen, hört aufmerksam meine Worte! Ich werde gegen ihn kämpfen; ihr aber sollt ihn bewachen,

M 70.33 damit er nicht flieht. Seid ringsum wachsam!“ Dann traf sie den Dämonen mit einem kräftigen Pfeil und sagte:

M 70.34 „Tor, lege jedes Mitgefühl mit mir ab und kämpfe mit deiner ganzen Kraft! Ich will deine männliche Tapferkeit sehen.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 70.35 Wenn du ein Mann bist, wirst du doch ohne Flucht von hier fortgehen können. Ich werde dich nicht töten; ich werde dich zur Flucht bringen.

M 70.36 Höre dies und kämpfe mannhaft, du Schamloser!“ Mit diesen Worten schoss sie scharfe, breitköpfige Pfeile in seinen Körper.

M 70.37 Auch er sammelte zornig seine Kraft und kämpfte gegen Kameshvari. Da schoss sie einen bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil auf sein Reittier

M 70.38 und traf es zwischen die Stirnwölbungen. Von diesem Pfeil entzwei gespalten, fiel der Elefant leblos wie ein Berg zu Boden.

M 70.39 Nachdem Vishanga sein Reittier verloren hatte, nahm er Bogen und Pfeile und stürmte zornig zum Kampf heran, das Gesicht unter zusammengezogenen Brauen verzerrt.

M 70.40 Doch mit drei Pfeilen zerschoss Kameshvari in einem Augenblick seinen Bogen, seinen Köcher und seine Krone.

M 70.41 Dann ergriff er ein großes, furchtbares Schwert und lief auf sie zu. Noch während er heranstürmte, zerteilte sie mit einem scharfen Pfeil

M 70.42 das mächtige Schwert in drei Stücke und sagte lächelnd: „Dämon, du bist doch der größte Held! Wie kämpfst du denn da?

M 70.43 Warum ist noch keine einzige Waffe auf meinen Körper gefallen? Ist dein Mitgefühl so groß? Warum bist du nun ohne Waffen?

M 70.44 Wie willst du uns besiegen, Lalita fesseln und fortbringen? Sage es! Die Waffe, auf die du deinen Siegesschwur stütztest, hat sich als nutzlos erwiesen.

M 70.45 Oder fliehe vor meinen Augen, wenn das deine Mannhaftigkeit ist!“ Als er Kameshvaris bittere, spöttische Worte hörte,

M 70.46 hob er die Faust und stürmte direkt auf sie zu, um sie zu erschlagen. Da traf sie ihn erneut mit drei überaus kräftigen Pfeilen,

M 70.47 an Fuß, Brust und Faust. An diesen drei Stellen verwundet und gequält, konnte er weder vom Platz weichen noch klar sehen noch seine Faust bewegen.

M 70.48 Beschämt machte er sich rasch unsichtbar. Doch die Göttin Kameshvari umgab ihn von allen Seiten mit einem Netz von Pfeilen

M 70.49 und versperrte dem Dämonen den Weg: ein erstaunliches Schauspiel. Als alle Wege blockiert waren, entfaltete der Dämon seine Zauberkunst.

M 70.50 Er ließ Waffen, Steine, Blut, Schlangen, Staub, glühende Kohlen und Berge herabregnen und erschuf große Geister sowie Scharen von Rakshasas und Totengeistern.

M 70.51 Verschiedenste, überaus furchterregende Zauber brachte er hervor. Doch jeden neu entstandenen Zauber des Dämonen vernichtete sie mit ihren Wunderwaffen.

M 70.52 Dann nahm er eine rasende, riesenhafte Gestalt an, schrecklich, schwarzbraun, mit tausend Mündern und hunderttausend Händen und Füßen, überaus schnell.

M 70.53 Mit aufgerissenem Rachen, Feuer speiend, ging er auf sie los, um sie zu töten. Als sie die Shaktis vor seiner ein Yojana hohen Gestalt erschrecken sah,

M 70.54 erkannte sie den Zauber des Dämonen und setzte die Waffe ein, die Zauber aufhebt. Damit vernichtete sie in einem Augenblick alle seine Täuschungen.

M 70.55 Dann band Kameshvari den noch immer unsichtbaren Dämonen mit einer Mantraschlinge und warf ihn augenblicklich vor sich zu Boden.

M 70.56 In der Schlinge gefesselt lag er bei ihren Füßen, beschämt, mit gesenktem Gesicht und geschlossenen Augen, einem Toten gleich.

M 70.57 „Shaktis, bringt diesen gefesselten Vishanga zum königlichen Chakra-Wagen!“ So befahl die Nitya. Der Satz ist beschädigt, sein Auftrag jedoch eindeutig erkennbar.

M 70.58 Umgeben von den anderen Nityas ging sie zu den Füßen der erhabenen Göttin. Sie bestiegen den Wagen und verneigten sich vor Mutter Lalita.

M 70.59 Sie berichteten von ihrem Sieg. Inzwischen kamen auch Mantrini und die anderen, nachdem sie ihre Gegner besiegt hatten, verneigten sich und meldeten ihren Erfolg im Kampf.

M 70.60 Als Mantrini und die übrigen vom listigen Unternehmen der Dämonen hörten, staunten sie; ebenso staunten die Götter über deren Hinterhalt.

M 70.61 Dann sahen die Shaktis den jüngeren Bruder des Dämonenherrschers, den ihre Gefährtinnen gefesselt herbeibrachten. Von heftigem Zorn erfüllt, riefen sie:

M 70.62 „Bindet ihn! Tötet ihn! Zerschneidet ihn! Zerstückelt ihn!“ Als die Herrscherin der Strafgewalt dies hörte, erwog sie, ihn zu töten.

M 70.63 Doch mit Zustimmung der erhabenen Mutter sagte Mantrini: „Es ist nicht recht, einen Gefesselten zu töten; er gilt bereits als einem Toten gleich.

M 70.64 Lasst ihn gehen, damit er dem Dämonenkönig von seinem Zustand berichtet!“ Sie ließ ihn frei und sprach zu ihm:

M 70.65 „Dämon, begehe nie wieder eine solche Tat, die Helden verabscheuen!“ Als er Mantrinis Worte hörte, wurde der mächtige Dämon beschämt.

M 70.66 Mit gesenktem Gesicht ging er rasch fort, ohne zurückzublicken. Die Schar der Shaktis aber versammelte sich bei Mutter Lalita.

M 70.68 Sie berichteten einander vom Kampf. Dandini sprach: „Heute fand ein gewaltiger, schrecklicher Kampf mit den Dämonen statt. Nur wenig von der Nacht bleibt übrig; bei Sonnenaufgang

M 70.69 wird es erneut eine überaus heftige Schlacht geben. Die Dämonen kämpfen mit List. Daher müssen wir wieder mit dem ganzen Heer ausziehen.

M 70.70 Dann wird der königliche Chakra-Wagen hier erneut allein zurückbleiben. Zwar gibt es für die Macht der großen Göttin nichts Unmögliches,

M 70.71 doch erscheint dies unpassend. Was ist zu tun? Bedenke einen Plan, erkenne mit deiner Einsicht das Richtige und bringe die Sache in Ordnung!“

M 70.72 Mantrini hörte Dandinis Worte, erwog sie mit klarem Verstand und hielt sie für zutreffend.

M 70.73 Sie verneigte sich vor Lalita und sagte: „Mutter, höre meine Worte! Die Ebergesichtige weist darauf hin, dass wir bei Sonnenaufgang

M 70.74 mit dem Shakti-Heer erneut zum Kampf ausziehen müssen. Dein Wagen bliebe dann ungeschützt und ohne Heer zurück.

M 70.75 Das wäre unangemessen und entspräche nicht deiner Würde. Außerdem sollen die vom Kampf ermüdeten Shaktis nachts Ruhe finden.

M 70.76 Doch nach dem heutigen hinterlistigen Angriff sind sie beunruhigt. Ihr Herz ist nicht ruhig, und sie können keine Erholung finden.

M 70.77 Wenn du zustimmst, erteile mir daher die Erlaubnis: Ich werde einen Schutz einrichten, den die Feinde nicht überwinden können.“

M 70.78 Die Göttin hörte ihre Bitte und beauftragte sie mit dem Vorhaben. Darauf wandte sich Mantrini an die vierzehnte unter den Mondtages-Nityas.

M 70.79 Sie befahl ihr, einen Wall zu errichten, der die Feinde zurückhielt. Schon auf diesen Befehl hin erschuf die Göttin namens Jvalamalini

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 70.80 einen großen Wall aus Feuerflammen, der die Dämonen abwehrte. Ringförmig umschloss er das Heer der Shaktis.

M 70.81 Er ragte unübersteigbar empor und loderte nach außen überaus furchtbar; im Inneren aber kühlte und beruhigte er die Shaktis. Nach außen verbrannte er alles bis zu einem Yojana Entfernung.

M 70.82 Er glänzte mit einem Tor in der Mitte, das ein Yojana breit war. Als die Shaktis diesen Wall sahen, verloren sie ihre Furcht.

M 70.83 Die vom Kampf ermüdeten Shaktis schliefen dort in Ruhe. Die Herrin der Mantras setzte tausend von ihnen zur Bewachung ein.

M 70.84 So verweilte Mutter Lalita innerhalb des Flammenwalls. Unter dieser Nummer ist ein einzelner Halbvers überliefert.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 70. Kapitel: Die Niederlage Vishangas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5816.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 71: Das Hindernis-Yantra und die Verwirrung des Heeres

Ein Hindernis im Inneren: Nach dem Scheitern des äußeren Angriffs versucht Vishukra, das Heer durch magisch hervorgerufene Trägheit, Misstrauen und Zwietracht zu lähmen. Die abwertenden Urteile über Lalita und ihre Begleiterinnen sind Rede der verzauberten Shaktis. Das schädigende Ritual wird erzählerisch beschrieben; ein vollständiger Mantra oder eine zeichnerische Yantra-Vorlage ist hier nicht überliefert.

M 71.1 Nachdem Vishanga aus seinen Fesseln entlassen worden war, kehrte er zum Dämonenheer zurück, tief bedrückt, elend, mutlos und schwer seufzend.

M 71.2 Allein setzte er sich an einen verlassenen Ort, seines Glanzes beraubt. Dort hörte er, dass der Heerführer Kutilaksha und die Minister

M 71.3 getötet worden waren. Noch tiefer versank er im Meer des Kummers. Da kam Vishukra, von den Prinzen umgeben, zu ihm.

M 71.4 Er sah seinen jüngeren Bruder Vishanga mit niedergeschlagenem Gesicht dasitzen und fragte: „Lieber, warum sehe ich dein Gesicht heute so verdüstert?

M 71.5 Was ist bei deinem Angriff von hinten geschehen? Erzähle mir alles!“ Auf diese Frage seines Bruders antwortete Vishanga seufzend:

M 71.6 „Bruder, was soll ich dir sagen? So etwas ist mir noch nie widerfahren. Ich erkenne: Diese ungünstige Zeit ist gekommen, um die Dämonen zu vernichten.

M 71.7 Wie erstaunlich! Dämonen, die selbst gegen Vishnus Kraft kämpfen können, werden von Scharen schwacher Frauen besiegt, wie ein Löwe von Schakalen!

M 71.8 In einem solchen Zustand ist mein Weiterleben nicht angemessen. Doch was kann ich tun? Im Kampf ist mir der Tod nicht zuteilgeworden.

M 71.9 Glücklich sind die gefallenen Dämonen, Kutilaksha und die anderen. Sie mussten ihre eigene Erniedrigung nicht erleben und darüber leiden.

M 71.10 Sie haben die empfangene Nahrung ihres Herrn durch ihren Dienst vergolten und den höchsten Zustand sowie bleibenden Ruhm in dieser und der anderen Welt erlangt.

M 71.11 Schande über mich, einen solchen Dämonen, der weder wirklich lebt noch tot ist! Bruder, wozu viele Worte? Höre das Wesentliche, das ich dir sage.

M 71.12 Für die Dämonen ist eine überaus ungünstige Zeit gekommen. Darum will ich nicht weiterleben, nachdem Frauen mich im Kampf besiegt haben.

M 71.13 Bei Anbruch der Nacht zog ich von hier mit Dämonen aus, um sie, wie vereinbart, durch einen Angriff von hinten zu überwinden.

M 71.14 Wir kamen alle an die Rückseite ihres Wagens und wollten ihn gerade besteigen, um sie gefangen zu nehmen.

M 71.15 Da kamen die Shaktis herbei, die den Wagen bewachten. Sie gingen mit gezogenen, erhobenen Schwertern um ihn herum.

M 71.16 Sie bedrohten uns und kämpften mit großer Kraft. Obwohl es ringsum dunkel war, bewegten sie sich sicher, ohne zu straucheln.

M 71.17 Dann kamen fünfzehn Göttinnen aus ihrem vortrefflichen Wagen hervor. Sie erschufen einen flammenden Berg, der die Dunkelheit vertrieb.

M 71.18 Sie umringten uns und ließen Pfeilströme regnen. In einem Augenblick erschlugen sie Damana und die anderen und wandten sich dann gegen mich.

M 71.19 Eine ihrer führenden Shaktis, Kameshvari von wunderbarer Tapferkeit, trat mir im Zweikampf entgegen und fesselte mich in einem halben Augenblick.

M 71.20 Weder meine Tapferkeit noch meine Kraft noch mein Zauber vermochten etwas gegen sie. Gefesselt wurde ich fortgebracht und vor Lalitas Füße geworfen.

M 71.21 Ihre Ministerin, dunkel glänzend wie ein Tamala-Blatt, deren schöner Körper die Essenz aller Schönheit ist und die sich auf süße Rede versteht,

M 71.22 hat mich aus Mitgefühl von den Fesseln befreit. Was nützt mir nun das Leben, da mein Ruhm und meine Kraft vernichtet sind?“

M 71.23 Vishukra hörte diese Klage und antwortete lächelnd. Mutter Lalita hatte sein Urteil getrübt, damit Bhandas Wunsch erfüllt werde.

M 71.24 „Lieber, du verstehst die Kunst nicht, die zum Sieg im Krieg führt. Selbst große Helden werden gelegentlich von Geringeren besiegt.

M 71.25 Das ist nichts Erstaunliches und noch kein endgültiges Ergebnis im Urteil der Tapferen. Ein Mensch, der mit seinen Füßen geht, stolpert zuweilen sogar am hellen Tag.

M 71.26 Unbewegliche Dinge stolpern niemals; was folgt daraus? Sieg und Niederlage im Verlauf eines Kampfes lassen sich nicht sicher vorhersagen.

M 71.27 Nur der Sieg am Ende ist der wirkliche Sieg. Ein zwischenzeitlicher Erfolg verdient diese Bezeichnung noch nicht.

M 71.28 Ach, welche Macht die Verblendung besitzt! Was soll ich dir sagen? Eine Überlegung, verbunden mit Standhaftigkeit und klugem Rat, führt zum Sieg.

M 71.29 Lass ab von diesem verkehrten Zustand, der alles Wertvolle zerstört. Höre meinen Plan, der deinen Kummer sogleich beseitigen wird.

M 71.30 Du hast das Mittel vergessen, durch das wir einst Indra und die anderen Götter wiederholt besiegten. Höre, was ich dir sage!

M 71.31 Es gibt ein feindhemmendes Yantra, das durch schädigende Magie Hindernisse beim Gegner hervorruft. Ich habe dieses Mittel zur Abwehr der Feinde von Bhargava gelernt.

M 71.32 Ich werde es jetzt rasch nach der vorgeschriebenen Ordnung herstellen. Seine Anwendung wird das Heer der Shaktis lähmen.

M 71.33 Ich werde es auf eine Steintafel zeichnen und dir geben. Wirf es durch eine List mitten in das Shakti-Heer und kehre rasch zurück!

M 71.34 Dann werden die Shaktis ihre Kraft und ihren Tatendrang verlieren. Wir werden mit dem Dämonenheer hingehen und sie ohne Mühe rasch

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 71.35 vernichten. Zweifle nicht daran! Stehe auf und lege die aus Trauer geborene Qual ab, die deine Tapferkeit zerstört.“

M 71.36 Als Vishanga dies von seinem Bruder hörte, war er durch die große Maya verblendet und überzeugt, der Sieg sei sicher. Große Freude erfüllte ihn.

M 71.37 Der Bruder pries den Bruder und lobte dessen klugen Einfall. Dann trugen sie dem Dämonenkönig den Plan vor und erhielten seine Zustimmung.

M 71.38 Vishukra stellte das Hindernis-Yantra auf einer Steintafel her. Er badete, vollzog die Reinigung und zeichnete es rasch ein.

M 71.39 Darauf verehrte er dort die dämonische, Hindernisse erzeugende Göttin mit verschiedenen Darbringungen, darunter berauschendem Trank und Fleisch.

M 71.40 Er selbst war nackt und mit Asche vom Verbrennungsplatz bedeckt. Dem linken Ritualweg folgend, trank er berauschenden Trank aus einer Schädelschale.

M 71.41 Nach Süden gewandt, rezitierte er die betreffende Formel mit einer Mala aus einem unklar bezeichneten Material; nackte junge Frauen umgaben ihn ringsum. Das Wort für die Mala ist unsicher. Der Mantrawortlaut wird nicht mitgeteilt.

M 71.42 Nachdem er das Yantra auf diese Weise wirksam gemacht hatte, gab er es Vishanga: „Lieber, wirf dies mitten in das Heer der Shaktis,

M 71.43 gegenüber Lalitas königlichem Wagen, und kehre rasch zurück!“ Vishanga nahm das unfehlbare Hindernis-Yantra und ging dorthin.

M 71.44 Im letzten Teil der Nacht sah Vishanga den Flammenwall. Er erkannte, dass dieser unüberwindlich war, und sah die Shaktis am Tor.

M 71.45 Aus Furcht ging er nicht näher heran, sondern blieb in der Ferne stehen. Er überlegte und sprang in die Luft, um den Wall zu überqueren.

M 71.46 Doch er vermochte es nicht. Daher schleuderte er das Yantra mit Kraft hinein und kehrte zurück. Er hielt seine Aufgabe für erfüllt und berichtete seinem älteren Bruder davon.

M 71.47 „Durch das Hindernis-Yantra werden die Shaktis bald gelähmt sein, denn es ist unfehlbar und ganz von seiner wirksamen Kraft erfüllt.“

M 71.48 In diesem Vertrauen bereitete Vishukra zusammen mit seinem Bruder alle Dämonen auf den Kampf vor.

M 71.49 Mit den Prinzen und dem König zog er aus der Stadt. Alle Dämonen außer Frauen, Alten und Kindern nahmen daran teil.

M 71.50 Eine Akshauhini ließen sie zum Schutz Shunyakas zurück. Alle anderen rückten gerüstet zum Kampf aus.

M 71.51 Mit großer Geschwindigkeit näherten sie sich dem Feuerwall. Als sie seine Unbezwingbarkeit sahen, fassten sie den Entschluss, ihn zu durchbrechen.

M 71.52 Vishukra und die führenden Dämonen setzten Wunderwaffen ein: Wind-, Berg-, Mond-, Kälte- und Erdwaffen,

M 71.53 Meeres- und Wasserwaffen sowie Regenwaffen und weitere. Mit Mantras versehen, wurden sie ringsum gegen den Wall geschleudert.

M 71.54 Doch der Wall vernichtete sie restlos wie das Feuer der Weltauflösung trockenes Gras. Als Vishukra und die anderen den Wall als undurchdringlich erkannten,

M 71.55 wollten sie hoch hinaufspringen und ins Innere gelangen. Doch so hoch ein Dämon auch sprang, um hineinzukommen,

M 71.56 der Wall wuchs an dieser Stelle noch höher. Als sie auch dies für unmöglich hielten, gingen sie zum Tor, um dort einzudringen.

M 71.57 Doch auch dort verbrannte das Feuer jeden Eindringenden in einem Augenblick zu Asche. Als sie erkannten, dass ein Eindringen unmöglich war, blieben sie vor dem Tor

M 71.58 und schleuderten durch die Toröffnung Waffen und Wunderwaffen hinein. Dandanatha erfuhr vom Aufmarsch des Dämonenheeres und von der Blockade des Tores.

M 71.59 Sie befahl, das Shakti-Heer kampfbereit zu machen. Doch die überall versammelten Shaktis waren vom Hindernis-Yantra beeinträchtigt.

M 71.60 Die einen waren von Trägheit überwältigt, andere von Schlaf und Verwirrung. Sie achteten den Befehl der Herrscherin der Strafgewalt überhaupt nicht.

M 71.61 „Was haben wir mit diesem Krieg zu tun? Warum sollen wir die Dämonen töten? Sie haben uns nichts getan; warum sollen wir mit ihnen streiten?

M 71.62 Warum sollen die Dämonen getötet werden, damit die Götter ihre Wünsche erreichen? Warum töten wir nicht ebenso die Götter, damit die Dämonen ihre Ziele verwirklichen?

M 71.63 Die Herrscherin der Strafgewalt ist von Natur aus zornig, und Mantrini ist von übermäßigem Trinken berauscht. Woher sollten die beiden vernünftig urteilen können?

M 71.64 Die große Königin wiederum ist ganz mit dem Liebesspiel mit Kameshvara beschäftigt. Von sich aus fehlt ihr stets die Prüfung dessen, was angemessen oder unangemessen ist.

M 71.65 Alles, was die berauschte Mantrini sagt, hält sie für heilsam. Und welche Überlegung wäre von Bala zu erwarten, die immer nur am Spielen interessiert ist?

M 71.66 Ach, welche Macht die Verblendung besitzt! Warum haben wir die Dämonen getötet? Durch die Schuld dieser sinnlosen Gewalt werden wir rasch zugrunde gehen.

M 71.67 Lasst uns von hier aufbrechen und heilige Orte aufsuchen. Nach der vorgeschriebenen Ordnung wollen wir gewissenhaft die Schuld der Dämonentötung sühnen.“

M 71.68 Einige sagten: „Genug des sinnlosen Kampfes, der nur unser Leid vermehrt! Gehen wir zu heiligen Badeorten und erlangen durch Askese das Ersehnte.“

M 71.69 Andere sagten: „Genug der Kämpfe, die Leid bringen und den Körper zerstören! Lasst uns einen passenden Gemahl finden und unablässig glücklich miteinander spielen.“

M 71.70 So äußerten sie viele verschiedene Ansichten. „Wir werden nicht sinnlos kämpfen und stehen nicht unter deinem Befehl!

M 71.71 Wenn du zornig wirst, werden wir gegen dich kämpfen. Bilde dir mit der berauschten Mantrini zusammen nicht so viel ein!

M 71.72 Wenn du uns im Kampf begegnest, wirst du deinen Stolz bald verlieren.“ Andere riefen zornig: „Ebergesichtige, warum zürnst du uns immer

M 71.73 und rollst deine schrecklichen Augen? Geh sofort fort, sonst werde ich dir die Augen ausschlagen!

M 71.74 Nirgends gibt es eine so schamlose Ebergesichtige wie dich!“ Eine andere sprang ihr mit dem Schwert in der Hand entgegen und sagte:

M 71.75 „Was redest du? Höre meine Worte, Ebergesichtige! Wenn du stolz bist, dann kläre die Sache im Kampf mit mir durch deine Kraft!

M 71.76 Von meinen Waffen getroffen, wirst du sinnlos dein Leben verlieren.“ Als Dandini die Shaktis so sah, war sie zutiefst erstaunt.

M 71.77 „Woher kommt dieser plötzliche Verlust ihres Urteilsvermögens?“ dachte sie. Rasch ging sie zu Mantrini und meldete es ihr.

M 71.78 Auch Mantrini staunte, als sie von der geistigen Verwirrung der Shaktis hörte. Sie suchte die große Königin auf, verneigte sich und sprach:

M 71.79 „Mutter, ein überaus seltsames Hindernis ist uns entstanden. Gewiss ist es ein Werk der bösen Dämonen.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 71.80 Eine furchtbare Zerrüttung des Denkens zeigt sich bei den Shaktis. Die Dämonen stehen gerüstet am Eingang des Walls.

M 71.81 Mit Ausnahme Dandinis, meiner selbst und der Shaktis auf dem Chakra-Wagen sind alle verändert; sie sprechen voller Zorn.

M 71.82 Ergreife rasch die nötige Maßnahme; die Zeit erlaubt keinen Aufschub! Zwar würden sämtliche Dämonen schon durch ein bloßes Runzeln deiner Brauen

M 71.83 vergehen, doch diese Lage können wir nicht hinnehmen. Aus Mitgefühl mit uns, Mutter, schaffe rasch Abhilfe!“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 71. Kapitel: Die durch Anwendung des Hindernis-Yantras hervorgerufene Störung im Shakti-Heer. Die Gesamtzählung 5898 stimmt nicht mit den 83 nummerierten Kapitelversen und der vorhergehenden Gesamtzählung überein.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 72: Ganeshas Erscheinung und die Aufhebung des Hindernisses

Ganesha als Beseitiger der Hindernisse: Aus Lalitas liebevollem Blick auf Kameshvara geht Ganesha hervor. Er zerstört das Hindernis-Yantra, worauf die Shaktis ihre ursprüngliche Verfassung zurückerlangen. Die Szene verbindet die Einheit des göttlichen Paares mit neu gewonnener Klarheit und Handlungsfähigkeit.

M 72.1 So von Shyamala gebeten, entfaltete die erhabene Mutter, die höchste Herrin, ihr göttliches Spiel. Lächelnd und voller Liebe

M 72.2 richtete sie ihre Seitenblicke auf das Meer der Schönheit von Kameshvaras Gesicht. Sie leuchteten wie die Strahlen von Millionen Monden und ließen den Nektar der Liebe regnen.

M 72.3 Aus der Begegnung des lächelnden Blicks der Göttin mit Kameshvaras Antlitz entstand der Herr der Ganas, elefantengesichtig und rötlich strahlend.

M 72.4 In seinen rechten Händen trug er Keule, Dreizack, Muschelhorn, Lotus und einen Stoßzahn; in den linken eine Zitronatzitrone, einen Bogen, eine Wurfscheibe, eine Schlinge und eine Ähre.

M 72.5 Mit dem Rüssel hielt er ein Gefäß voller Edelsteine. Er trug rote Seide, himmlische Blumenkränze und Schmuck.

M 72.6 Er hatte drei Augen, trug die Mondsichel und eine Edelsteinkrone. Seine Shakti umarmte ihn, und aus seinen Schläfen floss der Brunstsaft.

M 72.7 Er verneigte sich vor Lalita und sprach mit gefalteten Händen: „Göttin, sage mir, was ich bei diesem Kampf zu tun habe!

M 72.8 Allein durch deine Gnade werde ich selbst das Schwerste vollbringen.“ Darauf antwortete Mutter Lalita, die große Herrin, dem Gana-Herrscher:

M 72.9 „Gehe, Kind, und vernichte den Schadenszauber der Dämonen!“ So beauftragt, schwenkte Ganesha seinen Rüssel

M 72.10 und suchte ringsum. In einem Augenblick fand er das Yantra. Vor den Augen der Shaktis trat er an das Hindernis-Yantra heran,

M 72.11 das fest wie ein Donnerkeil war, und zerbrach es zornig mit einem Stoß seines Zahnes. Nachdem er es augenblicklich in kleinste Stücke zermalmt hatte,

M 72.12 trat er kampfbegierig durch das Tor des Flammenwalls hinaus. Er drang in das Dämonenheer ein und kämpfte gegen die führenden Dämonen.

M 72.13 Einige zerschmetterte er mit der Keule, andere zerschnitt er mit der Wurfscheibe. Wieder andere durchbohrte er mit dem Dreizack oder mit Pfeilen.

M 72.14 Mit seinem Stoßzahn tötete er weitere Tausende von Dämonen. So brachte Ganesha immer mehr Dämonenherrscher zu Fall.

M 72.15 Der mächtige Wind seiner schlagenden Ohren zerstreute das Dämonenheer. Durch den starken Atemzug seiner Nase wurden ganze Dämonenscharen angesogen.

M 72.16 Hilflos gerieten sie rasch in die Öffnung seines Rüssels. Durch das Zusammenpressen seines Inneren wurden ihre Glieder zerschlagen, und sie starben.

M 72.17 Einige verloren das Bewusstsein und wurden mit dem Ausatmen auf die Erde geschleudert, wo sie starben. Andere gelangten unversehrt durch die Ohröffnungen hinaus,

M 72.18 wurden dann aber von den schlagenden Ohren getroffen und verloren das Leben. So vernichtete der Herr der Ganas die Dämonen in ihrem eigenen Heer.

M 72.19 Er stellte sich Bhandas Söhnen und warf sie mit Keulenschlägen nieder. Vishanga verwundete er mit seinem Stoßzahn schwer an der Brust.

M 72.20 Als Vishanga und die Prinzen bewusstlos wurden, sahen die Dämonen in ihm den Tod leibhaftig vor sich.

M 72.21 „Ach, ach!“ schrien sie voller Angst, verließen den Kampf und flohen weit fort. Als Vishukra das Heer so fliehen sah, wurde er überaus zornig.

M 72.22 Auf seinem Wagen kam er gegen den kämpfenden Herrn der Hindernisse heran. Zwischen Vishukra und dem Elefantengesichtigen begann eine große Schlacht.

M 72.23 Furchtbare Regen von Waffen und Wunderwaffen gingen nieder; jeder suchte den anderen zu besiegen. Da wurde der Elefantengesichtige zornig und zertrümmerte mit einem Keulenschlag

M 72.24 rasch Vishukras Wagen samt Pferden und Lenker. Auch Vishukra geriet in Zorn, hob schnell seine Keule

M 72.25 und schlug mit aller Kraft auf die Stirnwölbungen Ganeshas. Aus der durch den Keulenschlag aufgerissenen Stirn des Gana-Herrschers

M 72.26 strömte viel Blut. Da traf der zornige Ganesha Vishukra mit großer Wucht mit dem Dreizack in die Brust.

M 72.27 Mit durchbohrter Brust stürzte Vishukra bewusstlos nieder. Nachdem Ganesha ihn besiegt hatte, wandte er sich Bhandas Wagen zu.

M 72.28 Bhanda sah Ganesha kommen, um mit ihm zu kämpfen. Er hielt ihn für unbesiegbar und dachte in seinem Inneren:

M 72.29 „Dieser Elefantengesichtige kommt, um gegen mich zu kämpfen. Seine Kraft ist gewaltig; selbst alle Götter und Dämonen können ihn nicht besiegen.

M 72.30 Doch mein Entschluss lautet: Von den Waffen Mutter Lalitas getroffen will ich diesen Körper verlassen und ihre Welt erreichen.

M 72.31 Hier sehe ich ein Hindernis für diesen Wunsch. Wie kann mein Ziel erfüllt werden? Dieser hat früher schon mit einem mächtigen

M 72.32 Elefantendämonen gekämpft. Ich werde jenen erschaffen, damit er mit ihm kämpft. Dann werde ich selbst Mutter Lalita zum Kampf entgegentreten.“

M 72.33 So entschlossen, erschuf er einen wunderbaren, berggleichen, höchst furchtbaren Elefantendämonen, der mit erhobenem Rüssel eine Eisenkeule trug.

M 72.34 Auf Bhandas Befehl stürmte dieser Dämon auf Ganapati los. Der Herr der Ganas begegnete ihm und nahm den Kampf auf.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 72.35 Während der Elefantengesichtige so kämpfte, erlangten die Shaktis durch die Vernichtung des Hindernis-Yantras ihre ursprüngliche Verfassung zurück und zogen zum Kampf aus.

M 72.36 Mantrini und Dandini sahen Bhandas vollständige Kriegsbereitschaft und den Aufmarsch sämtlicher Dämonenheere.

M 72.37 Nachdem sie die große Königin beraten hatten, zog diese selbst zum Kampf aus, umgeben von allen gerüsteten Shakti-Heeren.

M 72.38 Zuerst bestieg die Göttin Sampatkari ihren Elefanten Ranakolahala und zog mit großer Eile an der Spitze der Elefantentruppen hinaus.

M 72.39 Dann rückte die mächtige Ashvarudha auf dem Pferd Aparajita aus, umgeben von ihren Reiterheeren und voller Kampfeifer.

M 72.40 Inzwischen verneigte sich die kampfbegierige Bala, die von der großen Königin noch zurückgehalten wurde, vor Lalita und sprach mit lieblicher Stimme:

M 72.41 „Mutter, erlaube mir den Kampf! Ich bin fest dazu entschlossen, und mein Herz ist immer voller Verlangen nach dem Kräftemessen.

M 72.42 Du hältst mich zurück, obwohl die große Schlacht bereits begonnen hat. Ich berühre deine Füße mit meinem Haupt; gib mir die Erlaubnis zum Kampf!

M 72.43 Schon lange sehne ich mich danach und darf doch nicht ausziehen. Auch am ersten Tag erfüllte der Kampf meinen Wunsch nicht ganz.

M 72.44 Mitten darin wurde ich von jener Ebergesichtigen ohne Grund gehindert. Erfülle heute meine lange gehegte Hoffnung auf den Kampf!“

M 72.45 Als die höchste Mutter Lalita Balas Worte hörte, lächelte sie und blickte die Herrin der Mantras an.

M 72.46 Mantrini verstand die Absicht der Göttin und sagte zu Bala: „Junge Herrin, höre meine Worte! Wenn du kämpfen möchtest,

M 72.47 dann musst du unter gleichen Bedingungen kämpfen, falls du dem zustimmst. Kämpfe gegen einen einzigen Gegner, zusammen mit Dandini und mir.

M 72.48 Verlasse uns in der Schlacht nicht und dringe nirgends allein in das Dämonenheer ein! Wir beide werden deine Seiten schützen.

M 72.49 Sage jetzt, gegen wen du kämpfen möchtest.“ Als Bala Mantrinis Worte hörte, antwortete sie:

M 72.50 „Ich werde gegen Bhandas Söhne kämpfen. Keine andere darf auch nur einen einzigen Pfeil gegen sie abschießen. Ich allein

M 72.51 werde gegen sie kämpfen und sie töten. Auch ihre Reittiere, Wagen, Waffen und das übrige Gerät dürfen keinesfalls von anderen zerstört werden.“

M 72.52 Mantrini hörte dies und erwiderte: „Die Göttin hat bestimmt, dass du gegen einen einzigen Gegner kämpfen sollst. Warum begehrst du nun

M 72.53 den Kampf gegen dreißig? Das ist für dich nicht angemessen. Bhandas Söhne sind große Helden, an Tapferkeit Bhanda gleich.

M 72.54 Alle besitzen furchtbare Körperkraft und verstehen sich auf hinterlistige Kriegsführung. Kämpfe gegen einen von ihnen, den du dir aussuchst!“

M 72.55 Als Bala diese Worte Shyamalas hörte, verneigte sie sich erneut und bat mit gefalteten Händen darum, gegen alle kämpfen zu dürfen.

M 72.56 Mutter Lalita sah sie so bitten, freute sich, umarmte sie liebevoll und gab ihr die Erlaubnis zur Schlacht.

M 72.57 Darauf sprach Bala erneut zur erhabenen Göttin Tripura: „Mutter, höre noch etwas! Diese Dandini soll nicht mit mir zusammen

M 72.58 auf dem Schlachtfeld stehen. Schon früher hat sie mir die Freude am Kampf verdorben. Wenn sie mit mir kommt,

M 72.59 soll sie hinter mir bleiben und mich nicht wieder hindern. Falls sie meinen Kampf nochmals stört, dann höre:

M 72.60 Du wirst sie bald von mir im Kampf besiegt sehen!“ Als Dandini Balas Worte und ihren Zorn wahrnahm,

M 72.61 verneigte sie sich vor ihr und beruhigte sie mit sanften, freundlichen Worten: „Göttin, lege deinen Argwohn gegen mich ab! Ich werde mit dir kommen,

M 72.62 deinen Kampf anschauen und tun, was dir gefällt. Ganz nach deinem Befehl werde ich vor dir oder hinter dir

M 72.63 bleiben und dich gewiss nicht im Kampf hindern.“ Als Bala dies hörte, umarmte sie Dandini rasch und freudig.

M 72.64 Dann bestieg sie ihren Wagen und zog kampfbegierig aus. Mantrini und Dandanatha standen auf ihren jeweiligen Wagen

M 72.65 und fuhren zu ihren beiden Seiten, von Shakti-Heeren umgeben. Darauf bestieg die Göttin rasch den Wagen namens Shri-Chakraraja

M 72.66 und zog selbst zum Kampf aus, in heldenhafter Kriegsrüstung. Hinter ihr bestieg Tiraskaranika ein Pferd, dunkel wie eine Masse von Finsternis,

M 72.67 schnell wie der Wind. So rückte sie aus und führte ein unermessliches, dem Ozean gleichendes Shakti-Heer heran.

M 72.68 Die Fronten der beiden Heere trafen furchtbar aufeinander. Der vielfältige Klang der Kriegsinstrumente wurde durch das Rasseln der Räder verstärkt.

M 72.69 Mit dem Schlagen der Helden auf ihre Arme, mit Schlachtrufen, dem Trompeten der Elefanten und dem Wiehern der Pferde schwoll das Getöse immer weiter an.

M 72.70 Dann begann der Einschlag der Waffen mit heftigem Krachen. Ein überaus furchtbarer, dichter Blutregen ging nieder.

M 72.71 „Du bist verloren! Gleich wirst du getötet! Stehe fest! Fliehe nicht! Zeige rasch deine Kraft! Sieh heute meine Tapferkeit!“

M 72.72 Solche und viele andere Worte waren in der Schlacht zu hören. Einigen wurden die Glieder durch Pfeile zerschlagen, andere wurden mit Äxten gespalten.

M 72.73 Manche wurden von Dreizacken durchbohrt, andere von Schwertern zerrissen, wieder andere von Eisenkeulen zerquetscht oder von Wurfscheiben enthauptet.

M 72.74 Einige wurden von Speeren durchbohrt, andere durch Wurfspieße und Hellebarden verwundet, durch Schleuderwaffen zerstückelt oder mit Keulen am Kopf zerschlagen.

M 72.75 So erging es den Dämonen, die die Shaktis im Kampf schwer trafen. Tausende von Blutströmen flossen dort dahin.

M 72.76 Von den Shaktis überaus bedrängt und von ihren Waffen durchbohrt, floh das Dämonenheer unter lautem Klagen.

M 72.77 Es konnte dem gewaltigen Ansturm des Shakti-Heeres nicht standhalten und schwand dahin wie das Wasser eines Teiches, dessen Damm gebrochen ist.

M 72.78 Als Bhandas dreißig Söhne, Caturbahu und die anderen von erstaunlicher Tapferkeit, das zerschlagene Dämonenheer sahen,

M 72.79 griffen sie ein. Sie waren so stark wie Bhanda, kundig in Waffen und Wunderwaffen und im Kampf kaum zu ertragen. Von ihren Wagen aus trafen sie das Shakti-Heer mit Pfeilregen.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 72.80 Durch diese brennenden Pfeile wurde das Shakti-Heer bedrängt; von allen Seiten traf es die unerträgliche Macht der Waffen und Wunderwaffen der Dämonen.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 72. Kapitel: Der Zusammenzug aller Heere. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 5978.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 73: Ganeshas Sieg und das Ende von Bhandas Söhnen

Rückblick und Fortgang: Agastyas Frage führt zunächst zum Zweikampf Ganeshas mit dem Elefantendämonen zurück. Danach setzt die Erzählung Balas Kampf fort. Die dritte Strophe trägt irrtümlich dieselbe Nummer 33 wie eine spätere Strophe; sie wird hier nach ihrer Stellung als Vers 3 bezeichnet. Beide Strophen sind vollständig übersetzt.

M 73.1 Als der aus dem Krug geborene Weise diese Kriegserzählung hörte, sprach er: „Pferdegesichtiger, du hast eine überaus wunderbare Geschichte erzählt.

M 73.2 Du hast erwähnt, wie der Herr der Ganas mit dem Elefantendämonen zusammentraf. Wie verlief ihr Kampf? Erkläre es mir, der ich danach frage!“

M 73.3 So vom kruggeborenen Weisen gefragt, begann der Pferdegesichtige, von Ganeshas großer Schlacht zu erzählen. Diese Strophe steht an dritter Stelle, trägt in der Textgrundlage jedoch die Nummer 33; zur Unterscheidung von der späteren 33 wird sie hier als 3 bezeichnet.

M 73.4 „Agastya, höre! Ich will dir eine höchst wunderbare Geschichte erzählen, erfüllt von Ganeshas großer Kraft und vielfältigen Empfindungen.

M 73.5 Der Herr der Ganas kämpfte gegen den von Bhanda erschaffenen Dämonen. Eine Weile währte ihr überaus heftiger Kampf.

M 73.6 Dann erschuf der Dämon weitere Dämonen, ihm selbst gleich an Kraft, Gestalt, Schnelligkeit, Kühnheit und Tapferkeit.

M 73.7 Als Ganesha die vielen Kämpfenden sah, wurde er zornig und erschuf ebenfalls Millionen Ganeshas, die ihm selbst glichen.

M 73.8 Jeder dieser Gana-Herrscher kämpfte gegen einen Dämonen mit verschiedensten Waffen und Wunderwaffen. Es war ein erstaunliches Schauspiel.

M 73.9 Dämonen und Shaktis wurden zu Zuschauern dieses wunderbaren Kampfes; sie vergaßen ihren eigenen Kampfeifer.

M 73.10 Die Gana-Herrscher griffen kraftvoll mit ihren Waffen an. Einer der Dämonen wurde vom Dreizack getroffen, ein anderer von der Wurfscheibe zerstückelt,

M 73.11 einem wurde der Rüssel mit der Keule zerschlagen, ein anderer vom Stoßzahn aufgerissen. Einer wurde durch einen Bruststoß zermalmt, ein anderer unter den Füßen zerquetscht.

M 73.12 Wieder einem spaltete ein Stirnstoß den Kopf, sodass er im Kampf starb. So vernichteten die Elefantengesichtigen die vom Dämonen erschaffenen Gegner.

M 73.13 Darauf war der große Elefantendämon wieder allein. Mächtig und überaus kühn kämpfte er gegen Ganesha.

M 73.14 Als Mahaganesha sah, dass der Dämon wie zuvor allein war, nahm er seine Ganesha-Gestalten in einem Augenblick wieder in den eigenen Körper auf.

M 73.15 Dann begann zwischen den beiden kraftvoll Streitenden erneut ein großer Kampf, überaus furchtbar und voller verschiedenartiger Waffen und Wunderwaffen.

M 73.16 Durch Zauberkunst wurde der große Dämon riesenhaft, mit tausend Gesichtern und doppelt so vielen Armen, versehen mit vielfältigen Waffen.

M 73.17 In jedem Augenblick schleuderte er tausend Waffen aus. Doch jede neu ausgesandte Waffenmasse vernichtete der Herr der Ganas.

M 73.18 Als Ganesha diesen Zauber des Dämonen sah, geriet er in heftigen Zorn und zerschlug gleichzeitig die tausend Waffen, die jener trug.

M 73.19 Darauf entstand ein Keulenkampf zwischen Ganesha und dem Elefantendämonen. Mit großen Keulen schlugen sie aufeinander ein.

M 73.20 Von Ganeshas Keule getroffen, zerbrach die Keule des Dämonen und fiel in Stücken herab. Nun war der Dämon ohne Waffe.

M 73.21 Er hob die Faust und stürmte heran, um Ganesha zu töten. Als Ganesha ihn kommen sah, schleuderte er seine Keule.

M 73.22 Die Keule traf seinen Körper, fügte ihm aber keinen Schmerz zu. Von seinem Leib zurückgeworfen, fiel sie wirkungslos auf die Erde.

M 73.23 Ebenso schleuderte Ganesha Wurfscheibe, Dreizack, Eisenkeule und Speer; jede Waffe fiel nach der Berührung mit seinem Körper wirkungslos zu Boden,

M 73.24 wie ein Hagel von Steinen gegen eine Felswand. Als Ganesha sah, dass der Dämon durch keine Waffe zu besiegen war,

M 73.25 geriet er in Sorge. Da traf ihn der Gegner mit der Faust. Ein überaus grausamer Faustkampf begann zwischen ihnen.

M 73.26 Bei den Faustschlägen sprühten Feuerregen auf. Schließlich umschlang Ganesha den Dämonen mit seinen Armen, hielt ihn fest und warf ihn zu Boden.

M 73.27 Er trat auf den Gestürzten und riss ihm mit dem Stoßzahn die Brust auf. So durchbohrt, gab der Dämon im Kampf das Leben auf.

M 73.28 Nachdem Ganesha von wunderbarer Tapferkeit den Elefantendämonen getötet hatte, eilte er erneut auf Bhanda zu, um mit ihm zu kämpfen.

M 73.29 Als Bhanda Ganesha herankommen sah, fürchtete er dessen Kampfkraft und gedachte der Göttin Lalita:

M 73.30 ‚Mutter, dieser Körper soll im Kampf durch dich getroffen vergehen. Erfülle diesen Wunsch von mir; ich habe bei deinen Lotusfüßen Zuflucht genommen!‘

M 73.31 Die große Herrin erkannte dies. Um den Wunsch ihres Verehrers zu erfüllen, gedachte sie von ihrem königlichen Chakra-Wagen aus des Elefantengesichtigen.

M 73.32 Dieser nahm den inneren Ruf der Göttin wahr, kam herbei, verneigte sich und fragte: ‚Mutter, warum hast du mich gerufen, während ich im Kampf stand?‘

M 73.33 Lalita, die höchste Herrin, hörte seine Worte und antwortete: ‚Kind, genug des Kampfes! Bleibe jetzt an meiner Seite.

M 73.34 Diese kampfbegierigen Göttinnen sollen gegen das Dämonenheer kämpfen.‘ So beauftragt, zog sich Ganesha aus der Schlacht zurück.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 73.35 Als Bala sah, wie schwer Bhandas Söhne das Shakti-Heer bedrängten, trat sie ihnen im Kampf entgegen und überschüttete sie mit Pfeilen.

M 73.36 Die Söhne des Dämonenherrschers umringten mit zahllosen Dämonentruppen Bala, deren Taten im Kampf höchst erstaunlich waren.

M 73.37 Millionen Dämonenkrieger überschütteten die auf dem Wagen stehende Göttin mit verschiedensten Waffen, brüllend und vom Kampfrausch erfüllt.

M 73.38 Da sprach Dandini zu den Shaktis: ‚Hört alle her! Ich teile euch den Befehl Mutter Balas mit.

M 73.39 Gegen diejenigen, mit denen sie kämpft, darf keine von euch eigenmächtig Waffen einsetzen. Wer es dennoch tut, wird von mir bestraft.

M 73.40 Schaut ihrem Kampf zu; ihr dürft keinesfalls eingreifen!‘ Nachdem sie dies im Heer hatte verkünden lassen, trat sie selbst zusammen mit Mantrini

M 73.41 an Balas Seite, während diese ihre Kampfkraft entfaltete. Bala freute sich, als sie den Befehl der Herrscherin der Strafgewalt hörte.

M 73.42 Allein kämpfte sie auf erstaunliche Weise gegen zahllose Dämonenkrieger. Siddhas, Rishis und führende Gottheiten schauten vom Himmel aus zu.

M 73.43 Sie staunten, wie das junge Mädchen allein gegen viele kämpfte. Dann bedeckten die von den Dämonen ausgesandten Waffenmassen Bala

M 73.44 von allen Seiten wie Wolken die aufgehende Sonne. Als die Shaktis sie so verhüllt sahen, wurden sie besorgt.

M 73.45 Doch in einem Augenblick vernichtete Bala den Waffenregen durch Gegenwaffen und griff alle Gegner erneut an.

M 73.46 Mit schneller Geschicklichkeit zerstörte sie gleichzeitig die Waffen und Reittiere der zahllosen Gegner; erstaunlich war ihre Tatkraft.

M 73.47 Auch jede neu ergriffene Waffe zerschoss sie sofort. Dann vernichtete sie die Dämonen mit scharfen Pfeilen in größter Geschwindigkeit.

M 73.48 Niemand konnte, auch mit noch so geübtem Blick, das Ergreifen, Auflegen, Ausziehen und Abschießen ihrer Pfeile erkennen.

M 73.49 Man sah nur, wie aus der Mitte ihres Bogens ununterbrochen scharfe Pfeile in alle Richtungen strömten, wie Heuschrecken aus einer Erdhöhle.

M 73.50 Scharenweise fielen die Köpfe der Dämonen krachend herab wie reife Früchte von hohen Palmen.

M 73.51 Einigen wurden Hände, Füße und Schenkel abgetrennt, anderen Brust, Bauch oder Hals durchbohrt. Von zahllosen Pfeilen durchlöchert, sahen sie wie Tausendäugige aus.

M 73.52 Andere Dämonen wurden zerstückelt und ihre Körper in kleinsten Teilen verstreut. Wieder andere, an der Brust getroffen und bereits tot, blieben aufrecht stehen.

M 73.53 Mit ihren Waffen in den Händen sahen sie aus wie gemalte Krieger. Einige wurden, obwohl schon leblos, von der Wucht der Pfeile fortgetragen,

M 73.54 als liefen sie aus Angst vor dem Kampf davon. So verloren durch Bala in kurzer Zeit Millionen führender Dämonen

M 73.55 ihr Leben; Hunderte und noch mehr stürzten verwundet nieder. Kein Dämon, auch kein Held, vermochte dort noch sich selbst zu schützen.

M 73.56 Wie hätte er kämpfen oder eine Waffe einsetzen können? Die Dämonen begriffen nicht, dass nur eine Einzige diesen Kampf führte.

M 73.57 Sie meinten, Millionen Shakti-Heere kämpften gegen sie. Das Heer der Shaktis und die Götter ringsum am Himmel

M 73.58 gerieten in höchstes Staunen über Balas Tapferkeit. Als die Dämonen im Heer sahen, wie Bala sie niederschlug,

M 73.59 warfen sie voller Angst ihre Waffen fort und wollten fliehen. ‚Ach, wir sind verloren! Dies ist kein junges Mädchen,

M 73.60 sondern der Tod selbst, der gekommen ist, um uns zu vernichten. Heute wird unser Dämonenheer in einem Augenblick vollständig ausgelöscht!‘

M 73.61 So riefen sie und flohen schreiend in alle Richtungen. Doch in dem von Waffenströmen erfüllten Raum fanden sie keinen Weg hinaus.

M 73.62 Von den Pfeilströmen zerrissen, fielen die Dämonen in Scharen. Einige, schwer von Pfeilen getroffen, stürzten zwischen Leichenhaufen.

M 73.63 Dort versteckten sie sich aus Todesangst, um ihr Leben zu retten. So war das Dämonenheer größtenteils vernichtet oder geflohen.

M 73.64 Als Bhandas Söhne auch die verbliebenen Reste sahen, rückten sie selbst heran, mit großen Bogen auf löwenbespannten Wagen.

M 73.65 Zornig umringten sie Bala mit einem gemeinsamen Vorstoß. Dunkel wie große Wolken und wie Löwen brüllend,

M 73.66 überschütteten sie Bala mit Pfeilströmen, wie Wolken die Sonne am Himmel verhüllen. Das junge Mädchen stand nun vielen Gegnern gegenüber, die an Tapferkeit Vishnu glichen.

M 73.67 Doch man sah, wie sie spielend gegen sie kämpfte. Mantrini, Dandini und die anderen staunten über Balas Kampfkraft

M 73.68 und berichteten der höchsten Göttin von der großen Schlacht: ‚Göttin, gewiss wird diese junge Herrin niemanden übrig lassen,

M 73.69 weder Bhanda noch seine beiden Brüder, weder die Söhne noch die Krieger im Heer. Spielerisch wird sie heute alles vernichten, daran besteht kein Zweifel.‘

M 73.70 Nachdem sie eine Weile gelassen gegen Bhandas furchtbare Söhne gekämpft hatte, zerstörte Bala gleichzeitig mit Pfeilen deren Reittiere, Banner und Schirme.

M 73.71 Sie fegte ihren Pfeilregen mit Gegenregen hinweg und zerschoss der Reihe nach ihre Bogen mit gut befiederten Geschossen.

M 73.72 Zornig griffen sie nach Schwertern, Keulen und anderen Waffen, um sie zu töten. Doch kaum ergriffen sie eine Waffe,

M 73.73 zerschoss sie diese schon: ein erstaunliches Schauspiel. So wurden die Dämonen waffenlos und erkannten Balas

M 73.74 überaus wunderbare Macht. Große Sorge erfasste sie. Als Vishanga und Vishukra sie im Kampf wie vom großen Tod in Balas Gestalt verschlungen sahen,

M 73.75 eilten die beiden mit mächtigen Heeren herbei, um die Prinzen zu retten.

M 73.76 ‚Fürchtet euch nicht, wir sind gekommen!‘ riefen sie. Die glückverheißende Göttin sah sie wie dunkle Regenwolken Waffenregen ausschütten.

M 73.77 Bala freute sich überaus und wehrte den dichten Waffenregen mühelos ab. Dann vernichtete sie das Dämonenheer

M 73.78 mit der Windwaffe in einem Augenblick, wie ein mächtiger Sturm Wolken zerstreut, sodass nur sein Name blieb. Da stürmten die beiden in großem Zorn

M 73.79 mit Keule und Schwert schnell heran. Bala sah sie kommen und tötete mit ihren Pfeilen ihre Reitelefanten.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 73.80 Dann traf sie jeden mit einem einzigen kräftigen Pfeil an der Brust. Bewusstlos stürzten sie zur Erde wie zwei vom Donnerkeil getroffene Berge.

M 73.81 Inzwischen hatten sich Bhandas Söhne umgewandt, um neue Waffen zu holen. Bala sah dies und zerstörte in einem Augenblick ihre Wagen.

M 73.82 Die nun zu Fuß Gehenden traf sie rasch mit scharfen Pfeilen an den Beinen und sagte: ‚He, Bhandas Erben, wie könnt ihr euch Helden nennen?

M 73.83 Ist es angemessen, im Kampf den Rücken zu zeigen und zu fliehen? Antwortet!‘ Als die Hochmütigen diese bitteren Worte hörten,

M 73.84 wandten sie sich ihr wieder zu und sagten mit vor Zorn glühenden Augen: ‚Schande, törichtes Mädchen! Weil wir dich als Kind sehen und von Natur aus mitfühlend sind,

M 73.85 lebst du überhaupt noch, obwohl du uns, die wir dem Tod gleichen, begegnet bist. Sieh nun, wie wir dir sofort deinen Stolz nehmen! Halte stand!‘

M 73.86 So riefen sie und stürmten mit erhobenen Fäusten auf sie zu. Doch sie schlug jedem mit einem scharfen, breitköpfigen Pfeil den Kopf ab.

M 73.87 Ihre Köpfe fielen wie reife Palmenfrüchte herab. Ein großes Wehgeschrei erhob sich an der Front des Dämonenheeres.

M 73.88 Indra überschüttete Bala mit duftenden Blumen. Im Heer der Shaktis erklangen überall laute Siegesrufe.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 73. Kapitel: Die Tötung von Bhandas Söhnen. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6066.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 74: Bhandas Meditation und Mantrinis Sieg über Vishukra

Trauer und Erinnerung: Bhanda erlebt zunächst wirklichen Schmerz und erinnert sich dann an sein zuvor ausgesprochenes Begehren. Seine anschließende Regungslosigkeit wird ausdrücklich als gedankenfreie Meditation beschrieben, während seine Brüder sie für Ohnmacht halten. Die Erzählung unterscheidet damit innere Erfahrung und äußere Deutung.

M 74.1 Nachdem Bhandas Söhne auf diese Weise getötet worden waren, sahen Mantrini und Dandanatha, dass Bala weiterhin zum Kampf drängte.

M 74.2 Sie sagten: „Göttin, wir wollen zuerst die erhabene Königin aufsuchen, uns vor ihr verneigen und Bericht erstatten. Wenn wir ihre Erlaubnis erhalten, werden wir rasch zum Kampf zurückkehren.

M 74.3 Inzwischen mögen die Dämonen erneut gerüstet herankommen. Du hast etwas Unmögliches vollbracht; wir wären dazu nicht imstande gewesen.“

M 74.4 So sprachen sie, nahmen Bala mit und gingen zur erhabenen Mutter. Sie bestiegen den königlichen Chakra-Wagen und verneigten sich vor der höchsten Mutter.

M 74.5 Sie schilderten Balas gewaltige, wunderbare Tapferkeit und ihren Sieg. Mutter Lalita hörte es voller Freude.

M 74.6 Liebevoll umarmte sie Bala und ließ sie an ihrer Seite Platz nehmen. Die Dämonen aber sahen Bhandas Söhne getötet und schrien laut: „Ach, ach!“

M 74.7 Mit bleichen Gesichtern und verlorenem Glanz flohen sie nach allen Seiten. Als Bhanda vom Tod seiner Söhne hörte, empfand er tiefen Schmerz.

M 74.8 Doch er besann sich mit klarem Verstand und gewann rasch seine Standhaftigkeit zurück: „Ach, welche große Verblendung hat mich erfasst! Meine Erinnerung ist geschwunden.

M 74.9 Warum trauere ich vergeblich? Die Göttin hat meinen Wunsch erfüllt. Genau so, wie ich es erbeten habe, hat sie gehandelt.

M 74.10 Meine Angehörigen würden gewiss um mich trauern; darum sollten sie vor mir sterben, von der Göttin im Kampf getötet.

M 74.11 Danach werde ich gemeinsam mit meinem Gefolge in ihre Welt gelangen. So hatte ich es zuvor beschlossen und die höchste Mutter darum gebeten.

M 74.12 Sie, die die Wünsche ihrer Verehrer wie eine Wunschkuh erfüllt, hat dies verwirklicht. Warum hat mich dabei unnötig eine so große Verblendung ergriffen?

M 74.13 Genug meiner Verwirrung! Göttin, ich nehme zu dir Zuflucht. Erfülle rasch auch den Rest meines Wunsches, große Herrin!

M 74.14 Vernichte das noch verbliebene Heer samt meinen beiden Brüdern. Dann reinige mich zusammen mit meinen Gemahlinnen rasch im Kampf durch das Feuer deiner Waffen

M 74.15 und führe uns in die Nähe deiner Lotusfüße! Wann werde ich das Antlitz der erhabenen Mutter sehen, mit der Mondsichel geschmückt und von drei Augen verschönt,

M 74.16 mit vor Zorn geröteten Augenwinkeln und zusammengezogenen Brauen? Wann werde ich, von ihrem Pfeilfeuer verbrannt,

M 74.17 jenen kummerlosen, unsterblichen Ort erreichen, der selbst für Yogis schwer zu erlangen ist?“ So betete er und betrachtete in Meditation die Gestalt der Göttin Lalita,

M 74.18 die schöner als Millionen Liebesgötter ist. Einen Augenblick lang wurde er frei von Gedankenunterscheidung. Da kamen die beiden Brüder des Dämonenkönigs herbei.

M 74.19 Sie sahen ihn vollkommen reglos dasitzen, einem Baumstumpf gleich. Sie meinten, die Last der Trauer um seine Söhne habe ihn in tiefe Ohnmacht versetzt.

M 74.20 Der Lage entsprechend sprachen sie beruhigende Worte. Durch diese beschwichtigenden Laute wandte sich sein Geist vom Gegenstand der Meditation ab.

M 74.21 Er öffnete die Augen und sah seine beiden Brüder vor sich stehen. Um sein wahres Inneres vor ihnen zu verbergen,

M 74.22 beklagte er seine Söhne heftig, während er innerlich über die beiden lächelte: „Ach, Söhne! Ihr habt mich, euren Vater, verlassen, der ich im Meer des Leidens

M 74.23 versinke, zutiefst elend. Wohin seid ihr gegangen, aller Verbundenheit vergessend? Eure Mütter, aus großer Liebe so empfindsam,

M 74.24 wie wird es ihnen ergehen, wenn sie von diesem Schicksal hören? Werden ihre Herzen nicht zerbrechen?“ Als die beiden Brüder ihn so klagen sahen,

M 74.25 sprachen sie, selbst von der Maya der Göttin verblendet: „Herr der Dämonen, genug der Trauer, die Standhaftigkeit und Kraft raubt!

M 74.26 Wenn wir dich, den Herrscher zahlloser Welten, so trauern sehen, verbrennt die Qual unsere Körper wie Feuer trockenes Gras.

M 74.27 Fasse für einen Augenblick Mut und bleibe standhaft, König! Wir beide werden hingehen und jene, die deine Söhne getötet hat, mit scharfen Pfeilen in einem einzigen Angriff erschlagen,

M 74.28 jene Lalita, die wie eine Seuche über die Dämonen gekommen ist. Lebendig oder tot werden wir sie gefesselt rasch herbringen.“

M 74.29 So sprachen sie, ergriffen Bogen und Pfeile, bestiegen ihre Wagen und zogen mit gewaltiger Kraft und Tapferkeit zum Kampf aus.

M 74.30 Von zweihundert Akshauhini-Heeren begleitet und gut gerüstet, griffen sie getrennt die beiden Flanken des großen Shakti-Heeres an.

M 74.31 Der mächtige Vishanga stürmte mit hundert Akshauhinis rasch gegen die rechte Seite des vortrefflichen Chakra-Wagens.

M 74.32 Vishukra griff ebenso die linke Seite an. Es war am Morgen des dritten Kampftages, bei Sonnenaufgang.

M 74.33 Als beide plötzlich auf die Flanken des Shakti-Heeres trafen, erhob sich dort auf beiden Seiten ein gewaltiger Lärm.

M 74.34 Mantrini und Dandanatha hörten den Schlachtenlärm, wurden sehr besorgt und sprachen zur höchsten Mutter:

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 74.35 „Göttin, man hört das überaus furchtbare Getöse des Zusammenstoßes zwischen Dämonen- und Shakti-Heer. Die Dämonen führen einen hinterlistigen Krieg.

M 74.36 Ohne vorherige Abmachung greifen sie plötzlich gerüstet an. Erlaube uns rasch auszuziehen, große Herrin!“

M 74.37 Als sie die Erlaubnis erhalten hatten, verneigten sich Mantrini und Dandanatha und zogen eilig zum Kampf, jede von eigenen Shakti-Scharen umgeben.

M 74.38 Dandini von gewaltiger Kampfkraft, die an der rechten Seite der Göttin stand, verließ den königlichen Chakra-Wagen durch das rechte Tor.

M 74.39 Sie bestieg den fünfstufig hoch aufragenden Kiri-Chakra-Wagen. Zwei große Löwen waren seitlich angespannt, vorn ein mächtiger Büffel.

M 74.40 Bhairava selbst stand dort als Wagenlenker. Zu ihren Seiten zogen auf löwenbespannten Wagen

M 74.41 Svapneshvari und Kalasamkarsha mit großem Kampfeifer aus. Batukas, Scharen von Kali-Gestalten und zahllose ebergesichtige Shaktis

M 74.42 umgaben sie beim Aufbruch zur Schlacht. Ebenso verließ Mantrini den Chakra-Wagen durch das nördliche Tor.

M 74.43 Sie bestieg den hohen königlichen Geya-Chakra-Wagen mit seinen sieben Stufen, gezogen von den Veden in Gestalt von Pferden.

M 74.44 Die erhabene Hasanti-Shyamala war dort die Wagenlenkerin. Shuka-Shyamala und Sarika-Shyamala standen auf der rechten Seite,

M 74.45 Sangita-Shyamala und Sahitya-Shyamala auf der linken, Laghu-Shyamala hinter ihr. Diese Göttinnen auf ihren Wagen

M 74.46 zogen rasch rings um den Geya-Chakra-Wagen aus. Millionen und Abermillionen Shyamala-Gestalten, aus Mantrinis Körper hervorgegangen,

M 74.47 fuhren auf Wagen mit vollständiger Kriegsausrüstung heran. Alle erschienen sechzehnjährig und von jugendlicher Schönheit erfüllt.

M 74.48 Sie trugen rote Seidengewänder und Schmuck aus neun Arten von Edelsteinen. Mit Seitenblicken und sanftem Lächeln bezauberten sie die ganze Welt.

M 74.49 Ihre Augen rollten im Rausch des Kapishayana-Trankes. Sie verstanden den Geschmack dichterischer Rede und erfreuten sich an Gesang und Instrumentalmusik.

M 74.50 Sie liebten Scherz und Spiel und waren heiterem Lachen ergeben. So glänzte das Heer der Herrin der Mantras überaus prächtig,

M 74.51 wie eine Reihe von Tamala-Wäldern mit sich öffnenden schönen Blütenrispen. Dann traf das Heer der Shaktis auf das der Dämonen,

M 74.52 wie zwei über ihre Ufer tretende Ozeane auf Erden zusammenströmen. Der Klang der Kriegsinstrumente, Kampfrufe und Armschläge

M 74.53 verband sich mit Wagenrasseln und tiefem Pferdewiehern. Das Getöse beider Heere betäubte die Himmelsrichtungen.

M 74.54 Unter dem Pfeilregen aus den großen Wolken der Shakti-Scharen wurde das Ufer der Dämonenfront in hundert Teile zerrissen.

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

M 74.55 Durch die Öffnungen der zerbrochenen Front strömte das Shakti-Heer rasch von allen Seiten in den See des Dämonenheeres hinein.

M 74.56 Die mächtigen Shaktis drangen in die Reihen der Dämonen ein und verbrannten mit dem Feuer ihrer Waffen den Wald ihres Heeres zu Asche.

M 74.57 Einige wurden von Pfeilen übersät, andere von Eisenkeulen zerschmettert; wieder andere verloren, von Schwertern an allen Gliedern zerschnitten, das Leben.

M 74.58 Andere wurden von Wurfscheiben zerstückelt oder von Äxten am Hals getroffen. Wieder andere waren auf Dreizackspitzen aufgereiht wie Edelsteine auf Schnüren.

M 74.59 Speere und weitere Waffen spalteten Köpfe und Bäuche. Als das Heer auf diese Weise von den Shaktis vernichtet wurde,

M 74.60 stürmte Vishukra, dessen Augen im Zornesfeuer glühten, auf seinem Wagen mit Waffenregen gegen das Shakti-Heer vor.

M 74.61 Wie eine Wolke zur Regenzeit ließ er Pfeilströme niedergehen. Das mächtige Shakti-Heer kämpfte gegen ihn.

M 74.62 Dann griffen auch Vishukras Söhne ein, dem Vater an Tapferkeit gleich: Jimutakaya, Devari, Karambha und Shikhibhashana.

M 74.63 Die Gewaltigen drangen in das Shakti-Heer ein und erschlugen seine Kriegerinnen. Als die Shyamala-Gestalten sahen, wie Vishukras Söhne die Truppen bedrängten

M 74.64 und in alle vier Richtungen trieben, gingen Shuka-Shyamala und die anderen gegen sie vor und ließen ununterbrochen Pfeile regnen.

M 74.65 Shuka-Shyamala kämpfte gegen Jimutakaya. Nach langem Kampf zerstörte sie mit ihren Pfeilen Wagen, Lenker und Bogen

M 74.66 in einem halben Augenblick. Da wurde der Dämon zornig und schlug mit einem scharfen Schwert auf das Zugtier ihres Wagens ein.

M 74.67 Das Wagenpferd stürzte mit gespaltenem Kopf tot nieder. Sofort schoss Shuka-Shyamala einen halbmondförmigen Pfeil ab

M 74.68 und trennte ihm den Kopf vom Körper, der wie eine reife Palmenfrucht herabfiel. Die Göttin namens Sarika kämpfte gegen Devari.

M 74.69 Sein Banner und seine Wagenpferde waren zerstört, doch er kämpfte heftig mit der Keule weiter. Sie sprang vor und schlug ihm mit ihrer eigenen Keule auf den Kopf.

M 74.70 Mit gespaltenem Schädel fiel Devari leblos nieder. Sangita-Shyamala kämpfte gegen Karambha.

M 74.71 Nach langem Kampf schlug sie ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Sahitya-Shyamala kämpfte gegen den mächtigen Shikhibhashana.

M 74.72 Sie bezwang seine Waffen und Wunderwaffen und schleuderte rasch einen Dreizack in seine Brust. Mit zerrissenem Herzen sank er tot nieder.

M 74.73 Während seine Söhne kämpften, näherte sich Vishukra in verborgener Gestalt rasch der Rückseite von Shyamalas Wagen.

M 74.74 Laghu-Shyamala sah den Gewaltigen mit der Keule in der Hand wie einen Dieb herankommen.

M 74.75 Als er den vortrefflichen Wagen der Herrin der Mantras besteigen wollte, schlug sie ihm rasch mit einem überaus kräftigen Schwert auf den Kopf.

M 74.76 Durch den Schwertschlag wurde seine Krone zertrümmert. Mit verlorener Krone und vor Zorn roten Augen

M 74.77 ergriff Vishukra seine Keule und stürmte heran, um sie zu töten. Doch sie zerschoss seine Keule mit einem Pfeil in sieben Teile.

M 74.78 Nun waffenlos, schlug Vishukra mit der Faust auf ihre Wagenpferde ein. Da traf sie ihn mit Pfeilen am Kopf.

M 74.79 Mit von Pfeilen aufgerissenem Kopf stürzte er bewusstlos zu Boden. Als er nur schwach bei Bewusstsein war, wollte Laghu-Shyamala ihn ergreifen.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 74.80 Sie sprang rasch vom Wagen und packte ihn mit beiden Armen. Doch er kam wieder zu sich und erkannte, dass er gefesselt werden sollte.

M 74.81 Er schlug die Göttin mit der Faust, sodass auch sie kurz benommen wurde. Inzwischen bemerkten die Shaktis auf dem Wagen den nahen Feind.

M 74.82 Millionen stürmten auf ihn zu, ebenso die Shaktis aus dem Heer. Der Dämonenherrscher erkannte, dass er diesen Scharen nicht standhalten konnte.

M 74.83 Er sprang fort und erreichte seinen eigenen Wagen an der Front des Dämonenheeres. Dort sah er seine getöteten Söhne und wurde von Trauer erschüttert.

M 74.84 Er klagte kurz; dann glühten seine Augen vor äußerstem Zorn. Wie Feuer brennend zerschlug er das Shakti-Heer mit Pfeilregen.

M 74.85 Als Mantrini sah, wie Vishukra ihrem Heer das Leben raubte, ließ sie aus der Wolke ihres Bogens dichte Pfeilströme niedergehen.

M 74.86 Sie überschüttete ihn heftig wie Regen einen hohen Gipfel des blauen Gebirges. Die scharfen Pfeilströme verwundeten Vishukra schwer.

M 74.87 Aus seinen Wunden strömte reichlich Blut wie roter Ockersaft, den der Regen aus einem dunklen Berg herausspült.

M 74.88 Von Mantrini tief getroffen, brannte sein Körper vor Zorn. Mit verschiedenartigen Waffen, Motten gleich, bedeckte er Mantrini.

M 74.89 Von den bienengleichen Waffen des Dämonen umschwärmt, erschien Mantrini wie eine Tamala-Blütenrispe, die von Nektar überquillt.

M 74.90 In einem Augenblick wehrte sie die Waffen des Dämonen mit Pfeilregen ab. Mit einem bis zum Ohr ausgezogenen breitköpfigen Pfeil zerschnitt sie rasch seine Bogensehne.

M 74.91 Noch während er versuchte, eine neue Sehne auf den Bogen zu spannen, traf sie ihn mit einem scharfen Pfeil an der Faust.

M 74.92 Aus der schwer verwundeten Faust fiel der Bogen. Als der große Dämon sich bückte, um den gefallenen Bogen aufzuheben,

M 74.93 traf sie ihn mit einem anderen befiederten Pfeil am Kopf. Mit durchbohrtem Schädel sank er in tiefe Ohnmacht

M 74.94 und stürzte auf die Plattform seines Wagens wie ein vom Donnerkeil getroffener Berg. In einem Augenblick vernichtete Mantrini seine Zugtiere,

M 74.95 den Wagenlenker, Schirm und Krone sowie die ganze Waffenmenge mit einzelnen Pfeilen. Als er aus der Ohnmacht erwachte, sah er seine Kriegsausrüstung

M 74.96 vollständig zerstört. Zornig sprang er auf, ergriff ein zerbrochenes Wagenrad und stürmte heran, um sie zu erschlagen.

M 74.97 Da schoss sie mit äußerster Geschwindigkeit einen Pfeil in seinen rechten Arm. Aus der getroffenen Hand fiel das Wagenrad zur Erde.

M 74.98 Dann hob er die Faust, sprang rasch auf ihren Wagen und griff nach dem Bogen in Mantrinis Hand, um ihn zu zerbrechen.

M 74.99 Doch da trennte sie mit einem scharfen Schwert seinen Kopf vom Körper. Als die Dämonen Vishukra getötet sahen, floh ihr Heer.

M 74.100 Die völlig verängstigten Reste warfen überall ihre Waffen fort. Die Shaktis und auch die Götter erhoben laute Siegesrufe.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 74. Kapitel: Die Tötung Vishukras. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6166.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 75: Varahis Sieg über Vishanga

Wirklichkeit und Trugbild: Vishangas scheinbarer Angriff auf Lalita wird ausdrücklich als Zaubererscheinung geschildert. Bhairavas Rat führt dazu, dass Varahi die Täuschung beendet. Die zwischen 25 und 27 stehende vollständige, aber unnummerierte Strophe wird hier als 26 geführt.

M 75.1 Als Varahi im Kampf auf Vishanga traf, begann eine furchtbare Schlacht zwischen dem Dämonenheer und dem Heer der Shaktis.

M 75.2 Die Schwerter, Wurfscheiben, Eisenkeulen, Speere und Wurfspieße der Shaktis sowie die Dreizacke und übrigen Waffen der Batukas verwundeten die Dämonen immer schwerer.

M 75.3 Ihre Körper wurden in kleinste Stücke zerschlagen, und sie gaben auf dem Schlachtfeld das Leben auf. Als Vishangas Söhne sahen, dass das Dämonenheer von den Shaktis beinahe vernichtet war,

M 75.4 stürmten sie zornig auf das Shakti-Heer los, bergen gleich, mit gewaltiger Tapferkeit und Kraft.

M 75.5 Karalavaktra, Vishikha, Vibhandha, Vikatekshana, Indrashatru, Surarati, Mahakukshi und Madoddhata:

M 75.6 Diese acht furchtbar Starken erschlugen die Shaktis auf allen Seiten. Als die führenden Kräfte das Heer so bedrängt sahen,

M 75.7 traten ihnen Jambhini, Stambhini, Andhini, Mohini, Bhairava und Kalakarshini entgegen,

M 75.8 ebenso Svapneshvari und Batuka: acht überaus furchterregende Gestalten. Jambhini begegnete im Kampf Karalavaktra.

M 75.9 Lange kämpfte der führende Dämon mit ihr mit Waffen und Wunderwaffen. Dann schlug er rasch mit der Keule auf den Eber, das Reittier der Shakti, ein.

M 75.10 Jambhinis Eber wurde am Kopf verletzt, stürzte ein Stück nach vorn und sank mit den Knien auf die Erde.

M 75.11 Da schlug die zornige Jambhini dem Dämonen mit dem Schwert den Kopf ab. Der mächtige Vishikha trat Stambhini entgegen und kämpfte heftig mit ihr.

M 75.12 Stambhini saß auf einem Hirsch und traf Vishikha mit drei Pfeilen. Die Pfeile blieben in seinem Kopf stecken,

M 75.13 sodass der Dämonenherrscher wie ein dreigipfliger Berg erschien. Viel Blut strömte hervor. Zornig schoss er rasch einen scharfkantigen Widerhakenpfeil ab,

M 75.14 zerschnitt ihre Bogensehne und überschüttete sie erneut mit scharfen Pfeilen. Da wurde Stambhini zornig und traf mit einem scharfen, geierbefiederten Pfeil

M 75.15 sein Reitkamel, das sie damit in die Stadt des Todes sandte. Dann zerschoss sie in einem Augenblick mit drei scharfen Pfeilen

M 75.16 gleichzeitig seinen Köcher, seine Krone und seinen Bogen. Mit zerstörtem Bogen schleuderte er voller Zorn einen hell strahlenden Dreizack

M 75.17 gegen Stambhini. Doch sie bewegte sich schnell, zerschlug den Dreizack und trennte mit einem breitköpfigen Pfeil den Kopf des Dämonen ab.

M 75.18 Vibhandha, stolz auf seine Kraft, kämpfte gegen Andhini mit vielen Waffen und Wunderwaffen in raschem Angriff und Gegenangriff.

M 75.19 Andhini ritt auf einem Büffel, Vibhandha auf einem Esel. Nach langem Kampf schoss sie einen bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil ab

M 75.20 und traf den Dämonen in die Brust. So getroffen, stürzte Vibhandha tief bewusstlos wie ein Berg mit abgeschlagenen Flügeln zu Boden.

M 75.21 Sein berggroßer, grauer Reitesel stieß ein furchtbares Geschrei aus und hob den Schwanz.

M 75.22 Mit aufgerichtetem Fell drang der Gewaltige in das Shakti-Heer ein. Einige warf er mit Hinterhufschlägen, Bissen und Schütteln nieder,

M 75.23 andere durch die Wucht seines Ansturms. Als Andhini sah, wie der Esel die Shaktis vernichtete,

M 75.24 traf sie ihn voller Zorn mit einem bis zum Ohr ausgezogenen Pfeil. Vom scharfen Geschoss getroffen, stürzte er bewusstlos zu Boden.

M 75.25 Inzwischen erwachte Vibhandha aus der Ohnmacht. Überaus zornig schlug der Gewaltige rasch mit seiner Keule auf ihr Reittier ein.

M 75.26 Der Büffel Andhinis wurde heftig getroffen. Er stürmte, vor Zorn brennend, vor und schleuderte den Dämonen mit seinen Hörnern empor. Diese vollständige Strophe steht in der Textgrundlage ohne Verszahl zwischen 25 und 27.

M 75.27 Vom Büffel hoch in die Luft geworfen, stürzte Vibhandha mehr als ein Yojana entfernt tief bewusstlos auf die Erde.

M 75.28 Da kam sein Reittier, der mächtige Esel, wieder heran und stieß rasch laute, grollende Schreie aus.

M 75.29 Er näherte sich dem Büffel, wandte sich plötzlich um und trat ihn mit den Hinterbeinen kräftig.

M 75.30 Dann biss er ihn in den Hals. Der zornige Büffel riss ihm mit den Hörnern den Bauch auf und schleuderte ihn heftig auf die Erde.

M 75.31 Mit herausquellenden Eingeweiden und Augen starb der Esel. Vibhandha war inzwischen wieder zu Bewusstsein gekommen, eilte herbei und trat den Büffel.

M 75.32 Da trennte Andhini dem Dämonen voller Zorn mit einem Pfeil den Kopf ab. Enthauptet starb er.

M 75.33 Mohini kämpfte mit Waffen und Wunderwaffen gegen Vikatekshana. Sie ritt auf Garuda, er auf einem Geier.

M 75.34 Zwischen Garuda und dem Geier entstand am Himmel ein furchtbarer, höchst erstaunlicher Kampf, als stritten zwei geflügelte Berge.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

M 75.35 Garudas Flügel schlugen den großen Geier nieder; Krallen und Schnabel zerrissen seinen Körper. Er fiel zur Erde und starb.

M 75.36 Nachdem sein Reittier getötet war, kämpfte Vikatekshana lange zornig gegen Mohini. Schließlich durchtrennte ihre Wurfscheibe seinen Hals, und er starb.

M 75.37 Indrashatru saß auf einer Schlange und trat Bhairava entgegen. Mit seinem furchtbaren Reittier kämpfte er überaus kühn.

M 75.38 Bhairava glich einer dunklen Regenwolke. Acht ihm gleichgestaltige Bhairavas dienten ihm, jeder mit einer millionenstarken Schar.

M 75.39 Alle trugen Dreizack und Stab, hatten drei Augen und die Mondsichel auf dem Haupt. Dunklen Wolken gleich, waren sie mit Schlangen geschmückt und in Tierhäute gekleidet.

M 75.40 Sie drangen in Indrashatrus furchtbares Heer von zehn Akshauhinis ein und vernichteten es kraftvoll in einem Augenblick.

M 75.41 Einige Gegner wurden von Dreizacken durchbohrt, andere von Stäben zerschlagen, wieder andere von Krallen zerrissen oder von Fäusten getroffen.

M 75.42 Die Scharen der Bhairavas trugen Ketten aus den Eingeweiden der Dämonen. Als Indrashatru sein Heer so vernichtet sah,

M 75.43 zerschlug er zornig mit seiner Keule die Bhairava-Scharen ringsum. Als die führenden Bhairavas sahen, wie der Dämon ihre Gefährten im Kampf bedrängte,

M 75.44 kämpften Asitanga und die anderen, die auch Manthana und weitere Namen tragen, gegen den berggleichen, auf einer Schlange reitenden Indrashatru.

M 75.45 Der Dämon kämpfte allein gegen sie alle. Sein donnerkeilfester Körper blieb unter den Schlägen ihrer Dreizacke und Stäbe

M 75.46 vollkommen unversehrt, wie eine Felswand, gegen die Früchte geworfen werden. Als der Herr der Bhairavas diesen unverletzten, seine Scharen erschreckenden Dämonen sah,

M 75.47 trat er selbst gegen ihn an. Lange kämpfte er mit ihm. Als der Gegner in die Luft sprang, um ihn mit der Keule zu erschlagen,

M 75.48 durchbohrte er ihm mit dem Dreizack die Brust und schleuderte ihn tot zur Erde. Auch der mächtige Surarati kämpfte lange gegen die Göttin namens Kalakarshini.

M 75.49 Er ritt auf einer Krähe, sie auf einem Büffel. Ihre Shaktis vernichteten seine großen Dämonenscharen restlos.

M 75.50 Durch einen Schlag ihres Hakens wurde sein Schädel gespalten, und er starb. Der Dämon Mahakukshi ritt auf einem Wolf und kämpfte gegen Svapneshvari,

M 75.51 die auf einem Wagen stand. Seine Truppen wurden von den Shaktis vernichtet. Als der mächtige Mahakukshi lange weiterkämpfte,

M 75.52 riss sie ihm mit dem Schwert den Bauch auf und tötete ihn. Madoddhata trat Batuka-Bhairava entgegen.

M 75.53 Dieser war ringsum von hundert Millionen gleichgestaltigen Batukas begleitet, die große Schädelschalen und Stäbe trugen und mit Schlangen geschmückt waren.

M 75.54 Sie erschienen fünfjährig, berauscht und nackt, mit roten Augen, dunkel wie dichte Finsternis und mit der Mondsichel auf dem Haupt.

M 75.55 Madoddhata führte zehn Akshauhinis und kämpfte mit gewaltiger Kraft. Die zornigen Batuka-Scharen drangen in das Dämonenheer ein

M 75.56 und vernichteten es rasch mit ihren Stäben. Als der zornige Dämonenherrscher darauf mit seiner Keule heranstürmte,

M 75.57 schlug der Herr der Batukas ihm spielend mit dem Stab auf den Kopf. Sein Schädel zersprang; schäumendes Blut spie er aus.

M 75.58 Der mächtige Dämon fiel rasch zu Boden, wurde reglos und starb. Als Vishanga seine Söhne verloren hatte, empfand er tiefsten Schmerz.

M 75.59 Er entfachte heftigen Zorn und stürmte mit zwanzig Akshauhinis in einem einzigen Vorstoß heran, schnell wie der Sturm der Weltauflösung.

M 75.60 Unter lautem Kriegsmusikklang griff er den Kiri-Chakra-Wagen an. Er ließ Waffenströme niedergehen, die die Himmelsrichtungen verdunkelten.

M 75.61 Wie Motten in einen großen flammenden Feuerberg stürzten seine Truppen vor. Doch Jambhini und die anderen vernichteten sie in einem Augenblick.

M 75.62 Die Feuerflammen ihrer Waffen verbrannten Vishangas Heer wie Motten. Einige starben mit von Dreizacken aufgerissenen Herzen.

M 75.63 Anderen wurden die Glieder mit Stäben zerschlagen, wieder andere von Eisenkeulen zerquetscht, von Pfeilen bedeckt oder durch Fäuste zerrissen.

M 75.64 Schwerter trennten Füße, Arme, Schenkel und Hälse ab; die einschlagenden Waffenmassen zerstückelten weitere Körper.

M 75.65 Als sein Heer so vernichtet war, geriet Vishanga außer sich vor Zorn. Mit seiner Keule zerschlug er die Shaktis und durchbrach deren Reihen vollständig.

M 75.66 Er traf mit derselben Keule den Büffel und die beiden Löwen vor Dandanathas Wagen und bestieg den königlichen Wagen.

M 75.67 Als die Shaktis sahen, wie Vishanga rasch auf den Wagen kletterte, erhob sich in ihrem Heer ringsum ein gewaltiges Wehgeschrei.

M 75.68 Er bedrängte auch die Shaktis auf dem Wagen und drang rasch bis in den Bereich der vierten Stufe vor.

M 75.69 Dandanatha sah den Dämonen auf sich zukommen, stieg von ihrer eigenen Stufe herab und kämpfte heftig mit ihrer Keule gegen ihn.

M 75.70 Ein gewaltiger Kampf begann zwischen Dandini und dem Dämonenherrscher, mit verschiedenen Waffen und Wunderwaffen, allen Welten furchterregend.

M 75.71 Als der Dämon erkannte, dass Dandini durch Waffen und Wunderwaffen nicht zu besiegen war, entfaltete er einen großen Zauber, der alle Welten erschreckte:

M 75.72 Finsternis, Staubregen, Steinregen, gewaltiges Getöse, Feuerregen, Regen von Blut und Unrat,

M 75.73 einen schrecklichen Regen von Totenschädeln und ein großes Dämonenheer. Auch sich selbst vervielfachte er hundertfach, mit tausend Füßen, Armen und Gesichtern.

M 75.74 Vor diesem Zauber fürchteten sich alle Shaktis. Dandini sah ihre Angst und vernichtete mit Pfeilregen

M 75.75 die magischen Erscheinungen. Doch der Dämonenherrscher erschuf erneut einen gewaltigen Zauber. Alle Shaktis sahen,

M 75.76 wie der königliche Chakra-Wagen rasch herankam und der Dämon dessen Zugtiere tötete und den Wagen in viele Stücke zerbrach.

M 75.77 Dann packte er scheinbar die Göttin Lalita heftig am Haar. Durch seinen Zauber getäuscht, schrien die Shaktis laut: „Ach, ach!“

M 75.78 Da sprach der erhabene Bhairava als Wagenlenker zur Göttin: „Genug deines Spiels mit den Dämonen, Göttin, das so viel Furcht erzeugt!

M 75.79 Sieh die Shaktis, Glückverheißende, wie sie überall von Angst erfüllt sind und trauern! Nimm dem Dämonen mit der zauberauflösenden Waffe seine Täuschungsmacht und vernichte ihn rasch.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 75.80 Die Abenddämmerung naht; in ihr ist Zauber schwer zu überwinden.“ Dandini hörte die Worte ihres Lenkers und hielt sie für angemessen.

M 75.81 Sie setzte die zauberauflösende Waffe ein und vernichtete seine Täuschung. Wie Nebel durch den Wind verschwand sie vollständig.

M 75.82 Da wurde der Dämon wieder sichtbar, wie er mit der Keule in der Hand direkt herankam. Dandini sah ihn und trennte ihm zornig mit dem Schwert den Kopf ab,

M 75.83 in einem halben Augenblick, wie Indra den Sohn Tvashtris mit dem Donnerkeil erschlug. Als Vishanga von furchtbarer Tapferkeit so getötet war,

M 75.84 erklangen die Himmelspauken und ein Blumenregen fiel herab. Die Himmelsrichtungen wurden frei von Dunkelheit, und die Sonne glänzte klar.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 75. Kapitel: Die Tötung Vishangas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6250.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 76: Bhandas letztes Heer und das Geheimnis seiner Hingabe

Der Wagen und die innere Führung: Die Pferde des göttlichen Wagens werden ausdrücklich als Sinneskräfte gedeutet; der Treibstock verkörpert die Unterscheidungskraft. In der Textgrundlage fehlen die Nummern 29 und 31; der Übergang 30–32 ist verkürzt. Die Waffenliste vor Vers 37 trägt irrtümlich die Nummer 66 und wird hier nach ihrer Stellung als 36 bezeichnet. Einzelne Namen bereits gefallener Dämonen erscheinen erneut; eine Identität oder Verschiedenheit der Namensträger wird nicht erklärt.

M 76.1 Als Vishanga auf diese Weise getötet war, erhob sich ein großer Siegesruf. Alle Shaktis freuten sich und priesen die Herrin der Strafgewalt.

M 76.2 Der große Dämon Bhanda hörte, dass seine beiden Brüder mit ihrem Gefolge im Kampf gefallen waren. Durch Verblendung verfiel er kurz schmerzhafter Trauer.

M 76.3 Dann besann er sich, legte den Kummer ab und lächelte gleichsam über sich selbst: „Ach, was soll ich von mir sagen, da ich trauere und meine innere Freiheit vergesse?

M 76.4 Die Mutter der Welt hat meinen lange gehegten Wunsch erfüllt. Ebenso wird sie auch den Rest rasch erfüllen; daran besteht kein Zweifel.

M 76.5 Darum will ich mit meinen verbliebenen Gefährten vor die erhabene Mutter treten. Genug des Zögerns! Das Heilvolle ist von Hindernissen umgeben.

M 76.6 Wahrlich, was ein Mensch mit ungeteiltem Herzen erbittet, das gewährt die höchste Mutter. Sie ist die Wunschkuh, deren Wesen inneres Sein ist.

M 76.7 Sie wohnt im eigenen Herzen, schenkt mehr als das Ersehnte und bringt höchste Glückseligkeit hervor. Doch der vom Schicksal geschlagene Mensch wendet sich von ihr ab

M 76.8 und lässt sich durch das schreckliche Begehren nach geringfügigen Sinnesdingen, deren Kern Leiden ist, unablässig und vergeblich zum Bissen im Rachen des Todes machen.

M 76.9 Gesegnet bin ich, mein Lebensziel ist erfüllt: Ich werde die Lotusfüße der erhabenen Göttin schauen und diesen unreinen, elenden Körper ablegen.

M 76.10 Furchtlos werde ich den höchsten, von Trauer freien Zustand erreichen.“ So dachte der Dämonenherrscher. Um sein inneres Erleben zu verbergen,

M 76.11 gab er sich höchst zornig, sammelte rasch das gesamte verbliebene Dämonenheer und rüstete sich mit ihm zum Kampf.

M 76.12 Er bestieg einen hohen Wagen, den tausend Löwen zogen. Ein weißer Perlenschirm erhob sich über ihm, Yakschweife wurden ihm zugefächelt.

M 76.13 Fünfzig kraftstolze Heerführer begleiteten ihn. Mächtiger Instrumentenklang, verstärkt durch Armschläge,

M 76.14 das laute Rasseln der Wagenräder, Pferdewiehern und das Brüllen der Wagenlöwen erfüllten die Welt.

M 76.15 So zog er zum vermeintlichen Sieg aus, als erschüttere er die Erde. Das Shakti-Heer sah den großen Ozean von Bhandas Truppen,

M 76.16 grenzenlos, schwer zu überwinden, furchtbar und tief brausend. Mantrini erkannte, dass Bhanda zum Kampf gekommen war.

M 76.17 Sie verneigte sich vor der großen Königin und meldete: „Göttin, Bhanda selbst ist gekommen, umfassend gerüstet zum Kampf.

M 76.18 Das gesamte Heer und alle Heerführer begleiten ihn. Wenn du zustimmst, wäre jetzt auch dein Siegeszug angemessen.“

M 76.19 Die Göttin hörte Mantrinis Meldung und hielt den Vorschlag für richtig. In einem halben Augenblick war das Shakti-Heer kampfbereit.

M 76.20 Ashvarudha stand mit den Reitertruppen an der Spitze. Hinter ihr folgte Sampatkari, die Gebieterin der Elefantenheere.

M 76.21 Dann kam Bala auf ihrem Wagen, von jugendlichen Göttinnen umgeben. Danach setzte sich der große königliche Chakra-Wagen der ungeborenen Göttin in Bewegung.

M 76.22 Er besaß neun Stufen und war von Anima und den übrigen Shaktis umgeben. Ein großer Perlenschirm und ein hohes Banner mit dem Lotuszeichen schmückten ihn.

M 76.23 Er war mit den neun Edelsteinarten besetzt und mit Pferden bespannt, die die Sinneskräfte verkörperten. Mahatripurasundari lenkte diesen königlichen Wagen.

M 76.24 Als Herrin des Chakras glänzte sie mit dem Treibstock der Unterscheidungskraft in der Hand. Zu beiden Seiten des königlichen Chakra-Wagens

M 76.25 erhoben sich die hohen Kiri- und Geya-Chakra-Wagen, auf denen die gerüsteten Dandini und Mantrini standen.

M 76.26 Sie waren von ihren jeweiligen Heeren begleitet und mit allen Kampfmitteln ausgestattet. Tiraskaranika hielt sich hinter dem königlichen Chakra-Wagen.

M 76.27 Sie ritt auf einem hohen Pferd, dunkel wie dichte Finsternis, und schwang ihr gezogenes, überaus furchtbares Schwert.

M 76.28 Ein Kreis gleichgestaltiger Shaktis umgab sie. So zog die erhabene Göttin Lalita mit ihrem Heer aus,

M 76.30 zum Kampf gerüstet und von den führenden Göttern gepriesen. Die Pferde, Wagen, Elefanten und Fußsoldaten beider Heere

M 76.32 wirbelten durch ihre schnellen, aufeinanderprallenden Bewegungen hohe Staubmassen auf. Diese erzeugten tiefe Finsternis wie in einer Neumondnacht. Die vom Heer bedrängte Erde erschien,

M 76.33 als wäre sie vor Qual ganz schmal geworden und hätte aus Furcht ihren Herrn aufgesucht. Weil die gewaltigen Staubmassen rasch emporstiegen,

M 76.34 schien das Heer mangels festen Bodens nach unten zu sinken. Solche Vermutungen stellten die Scharen der himmlischen Zuschauer an.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

M 76.35 Dann begann ein großer Kampf zwischen den Heeren der Shaktis und Dämonen, begleitet von tönenden Kriegsinstrumenten, Armschlägen und Gebrüll.

M 76.36 Pfeile, Speere, Lanzen, Dreizacke, Schwerter, breite Klingen, Wurfspieße, Keulen, Wurfscheiben, Schleuderwaffen, Eisenstangen, Haken und Stäbe

M 76.37 wurden unablässig eingesetzt und erfüllten den Raum zwischen den beiden Heeren. Die Dämonen dachten: „Wir sind ohnehin verloren; durch den Tod unserer Söhne und Angehörigen ist Trauer über uns gekommen.

M 76.38 Was nützt uns das Leben, wenn unsere Feinde uns besiegt haben? Wir wollen tapfer kämpfen, diese Shaktis überwinden und wieder Glück erlangen.

M 76.39 Andernfalls werden wir im Kampf getötet und im himmlischen Nandana-Wald wohnen.“ So entschlossen kämpften die Dämonen mit größter Kraft.

M 76.40 Die Shaktis wiederum dachten: „Jetzt ist das Ende der Dämonen gekommen. Noch heute werden wir sie töten und den höchsten Sieg erringen.“

M 76.41 Mit dieser Überzeugung kämpften die Mächtigen mit großer Geschwindigkeit. Während Shaktis und Dämonen so gegeneinander stritten,

M 76.42 trafen sie einander mit Waffen und stürzten leblos nieder. Manche wurden durch Pfeilnetze ganz durchlöchert und starben.

M 76.43 Es war, als hätten sie durch die Vollendung ihres Kampfgelübdes die Gestalt des tausendäugigen Indra erlangt. Manchen flog durch einen Schwerthieb plötzlich der Kopf empor,

M 76.44 wie Rahus Kopf am Himmel mit aufgerissenem Mund die Sonne verschlingen will. Andere wurden von Hämmern zermalmt oder von Wurfscheiben in der Mitte gespalten.

M 76.45 Scharenweise wurden sie auf lange Speere aufgespießt. Von Pfeilen abgeschlagene Köpfe flogen rasch durch die Luft.

M 76.46 Mit ihren langen schwarzen Seitenlocken glichen sie Schwärmen fliegender Vögel. Die mit verstreuten Gliedern bedeckte Erde erschien auf dem Schlachtfeld

M 76.47 wie ein Bild, auf dem zunächst einzelne Körperteile skizziert sind. Die Blutströme glichen rotem Lack, den der Maler aus Versehen verschüttet hat.

M 76.48 Wo sie bereits eingetrocknet waren, sah es aus, als hätte der Maler sie hastig weggewischt.

M 76.49 Einige von Pfeilen getötete Krieger blieben hier und dort aufrecht stehen. Sie sahen aus wie fertig gemalte Gestalten.

M 76.50 So verging Bhandas großes Dämonenheer in kurzer Zeit im Feuer des Shakti-Heeres wie eine Motte.

M 76.51 Dann griffen seine Heerführer mit vor Zorn roten Augen ein und bedrängten die Shaktis heftig mit Waffenregen.

M 76.52 Als sie ihr Heer von diesen Führern gequält und schwer erschüttert sahen, kämpften Mantrini, Dandini, Ashvarudha und Sampatkari

M 76.53 mit ihren begleitenden Shaktis, von Zorn entflammt. Lange stritten sie gegen die mächtigen Dämonenheerführer.

M 76.54 Schließlich überwältigten und vernichteten sie alle. Ashvarudha tötete Vakraksha, Vamana, Tala, Dirghanasa und Subahuka

M 76.55 sowie Vidyujjihva im Kampf. Sampatkari erschlug Talajangha, den kampfstolzen Kutilaksha,

M 76.56 Nishatha, Shambara und Krura. Jambhini tötete Kruravadana, Stambhini Sucikamukha,

M 76.57 Andhini Kanthakakara und Mohini Mrigavaktra. Bhairava erschlug Kalakeya, Kalakarshini Vyaghrasya,

M 76.58 Svapneshvari Mundamurdhan und Batuka Bhandabhashana. Ulmuka, Karabhasya, Mahakukshi, Shivarava,

M 76.59 Shonitaksha, Talaketu, Talagriva, Mahahanu, Gridhravaha und Kakamukha vernichtete Dandini im Kampf.

M 76.60 Shuka-Shyamala, Sarika-Shyamala, Sangita-Shyamala, Laghu-Shyamala und Sahitya-Shyamala töteten Nikumbha, Kumbhamastaka,

M 76.61 Cakraksha, Dirghadamshtra und Ulbanaka. Katankata, Karanjaksha, Munda, Canda und Krikanana,

M 76.62 Salasira, Dvishringa, Shunaka, Shurpakarnaka, Vakrakukshi, Vamamukha, Kalaka, Kotara und Vita:

M 76.63 Diese Dämonen überwältigte und vernichtete Mantrini. Als Heer und Heerführer so vollständig getötet waren,

M 76.64 sprach Bhanda freudigen Herzens von seinem Wagen aus zum Lenker: „Wagenlenker, bringe meinen Wagen rasch zum Shakti-Heer!

M 76.65 Sieh heute meine erstaunliche, haarsträubende Tapferkeit!“ Der Lenker hörte die Worte seines Herrn und trieb den Wagen rasch voran.

M 76.66 Doch er hatte einen Zweifel. Er verneigte sich und fragte den Dämonenherrscher: „Herr, wenn du es erlaubst, möchte ich dich etwas fragen.

M 76.67 Gewähre es mir, der ich mich vor dir verneige; ein großer Zweifel beschäftigt mich.“ Bhanda gab ihm die Erlaubnis, und der Lenker sprach:

M 76.68 „Herr der Dämonen, ich halte dieses Shakti-Heer für unbesiegbar. Vishukra und die anderen wurden von ihm im Kampf mit spielerischer Leichtigkeit getötet.

M 76.69 Doch ich sehe dich, obwohl du Brüder, Söhne und Angehörige verloren hast, innerlich froh und von keinem Hauch der Trauer berührt, wie einen Entsagenden.

M 76.70 Schon bei deinem früheren Kampf gegen Bala bemerkte ich deine tiefe Hingabe an die Göttin. Erkläre mir dies wahrheitsgemäß!

M 76.71 Trotz dieser Niederlage und eines so furchtbaren Grundes zum Leiden sehe ich bei dir weder einen Rest von Trauer noch von Furcht.“

M 76.72 Als der seit Langem dienende Dämon so eindringlich fragte, lächelte Bhanda ein wenig und begann: „Höre, Dämon!

M 76.73 Diese Göttin Lalita ist die Glückverheißende, die über allem Höchsten steht. Wenn sie mich im Kampf tötet, werde ich die allerhöchste Frucht erlangen:

M 76.74 ihre Welt, frei von Trauer und Furcht, ganz und gar Glück. Diese Welt hier hingegen ist voller Trauer und Furcht und besteht aus Leiden.

M 76.75 Durch Maya verblendet hält das Geschöpf sie törichterweise für das Höchste. Besonders die Dämonenwelt ist von Rajas erfüllt und überaus furchtbar.

M 76.76 Wer sie für vorzüglich hält, gilt als ein völlig verblendetes Wesen. Ich war Manikyashekhara, der Bote der auf dem Lotus thronenden Shri.

M 76.77 Durch das Heranreifen meiner eigenen Taten geriet ich in diesen niederen Zustand. Doch durch die Gnade der Göttin hat mich meine Erinnerung nicht verlassen.

M 76.78 Diese Göttin ist die höchste Herrin über alles, die Mutter Brahmas und der übrigen Götter. Meine Brüder und Söhne, die im Kampf durch sie gefallen sind,

M 76.79 wurden durch das Feuer ihrer Waffen gereinigt und haben ihre höchste Welt erreicht. Auch du wirst bald zusammen mit mir dorthin gelangen

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 76.80 und deine Brüder und Söhne wiedersehen. Danach wirst du den unsterblichen Zustand erreichen.“ Der Wagenlenker hörte Bhandas Worte und staunte.

M 76.81 Er pries den Dämonenkönig und legte den Kummer seines Herzens ab. Als er vor sich die erhabene Lalita erblickte, verneigte er sich in tiefer Hingabe.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb von Lalitas Verherrlichung das 76. Kapitel: Die Offenbarung des Geheimnisses der Hingabe an die Göttin durch den Dämonenkönig Bhanda beim Zusammentreffen mit Lalita. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6331.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 77: Lalitas Sieg und Bhandas Aufgehen in der Meditation

Verhülltes Lob und letzte Versenkung: Der Erzähler bezeichnet Bhandas scheinbare Schmährede ausdrücklich als verborgenes Lob. Ihre Mehrdeutigkeit verweist auf das göttliche Spiel, die Freiheit von Geschlecht und Herkunft und die Zugänglichkeit der Göttin auch jenseits gesellschaftlicher Anerkennung. Unmittelbar vor seinem Tod geht Bhanda ganz im Gegenstand seiner Meditation auf. Die Vernichtung Shunyakas einschließlich seiner Bewohner gehört zur drastischen kosmischen Kriegserzählung; aus ihr folgt keine Rechtfertigung menschlicher Gewalt.

M 77.1 Bhanda begegnete im Kampf Sampatkari, Ashvarudha, Dandini und Mantrini und zeigte ihnen seine außerordentliche Kriegskunst.

M 77.2 Nachdem er sie damit erfreut hatte, sprach er der Reihe nach zu ihnen: „Göttinnen, eure Geschicklichkeit und Tapferkeit im Kampf haben mich erfreut.

M 77.3 Jetzt aber sehnt sich mein Herz danach, mit eurer Herrin zu kämpfen. Seid ihr alle Zuschauerinnen meines Zweikampfes mit ihr!

M 77.4 Mein Arm schämt sich, mit Scharen von Dienerinnen zu kämpfen. Wenn ich ihre Stellung im Kampf überwunden habe, werde ich anschließend auch euch besiegen.

M 77.5 Gewährt mir diese Bitte!“ Die Göttinnen hörten seine Worte und hielten ihn durch ihre eigene Kampfkraft für nicht zu besiegen.

M 77.6 Auch erschien es ihnen angemessen, dass die große Göttin selbst den Dämonenherrscher überwinde. Darum gaben sie ihm den Weg zum Kampf mit der großen Königin frei.

M 77.7 Bhanda gelangte zum königlichen Shri-Chakra-Wagen und begann dort einen überaus wunderbaren Kampf.

M 77.8 Das ganze Shakti-Heer wurde zum Zuschauer. Götterscharen in himmlischen Fahrzeugen, Siddhas und Rishis kamen herbei,

M 77.9 um zuzusehen; der ganze Himmel war von ihnen erfüllt. Bhanda trat an Lalita heran, sah sie vor sich und wurde überaus froh.

M 77.10 Innerlich verneigte er sich in Hingabe vor ihr. Dann schoss er rasch fünf Pfeile auf sie ab. Es geschah etwas Erstaunliches:

M 77.11 Zwei davon wurden zu Haufen schöner Blumen und fielen zu ihren Füßen. Der dritte wurde zu einem Kranz aus aufgeblühten Lotusblumen an ihrem Hals.

M 77.12 Der nächste fiel als Blumenregen auf ihr Haupt. Der letzte wurde zu einem Edelsteinschmuck auf ihrer Krone.

M 77.13 Die Göttin sah diese von ihm vollzogene Verehrung und freute sich sehr. Die Götter und die anderen Zuschauer aber gerieten darüber ins Fragen.

M 77.14 Von Narada hörte Indra, dass Bhanda zu den höchsten Verehrern gehörte, und staunte zutiefst.

M 77.15 Dann begann die große Schlacht zwischen Lalita und Bhanda. Die Weite des Himmels füllte sich mit vielfältigen Waffen und Wunderwaffen.

M 77.16 Bhanda, ein Meister der höchsten Wunderwaffen, kämpfte mit seiner eigenen Kraft, um die höchste Herrin zu erfreuen.

M 77.17 Er verneigte sich im Geist vor der vor ihm stehenden Göttin und begann, sie mit Worten herauszufordern, in denen ihr Lob verborgen war:

M 77.18 „Lalita, höre mich! Du erscheinst mir wie eine Schauspielerin, stets mit trügerischem Tun beschäftigt und mit einem Mann verbunden, der ganz einer Frau ergeben ist.

M 77.19 Du scheinst eine Frauengestalt zu tragen und bist doch frei von weiblicher Natur. Ich halte dich weder für eine Frau noch für einen Mann.

M 77.20 Dein Verhalten widerspricht der Welt; du bist frei von Scham, Zweifel und Ähnlichem. Du bist nicht aus einem ehrbaren Geschlecht hervorgegangen; du erscheinst mir ohne Abstammung.

M 77.21 Auch Menschen, die auf von der Welt verurteilten Wegen gehen und keine Unterscheidung kennen, haben dich erreicht – so erscheint es mir.

M 77.22 Ach, es ist wohl die Folge meiner früheren Taten, dass ich dich, obwohl du so bist und man dich angeblich nicht ansehen dürfte, nun vor mir sehe!

M 77.23 Höre, ich werde wahrhaftig sprechen; die Dinge mögen sein, wie sie sind. Auf irgendeine Weise bist du jetzt in meinen Blick getreten.

M 77.24 Lass das trügerische Tun und deine Maya zurück und bleibe mir gegenüber fest! Da ich dich endlich erreicht habe, kehre mir nicht den Rücken.

M 77.25 Du kannst mich, der ich vor dir stehe, nicht mehr täuschen und unsichtbar werden. Darum bleibe ganz bei mir!

M 77.26 Erkenne meine ungeteilte, fest entschlossene Absicht, sieh meine Kraft und vollende dein eigenes Gelübde!“

M 77.27 Mutter Lalita hörte diese Worte mit ihrem verborgenen Sinn und antwortete gnädig: „Höre, Dämonenherrscher! Was du gesagt hast, ist so.

M 77.28 Ich werde deinen Wunsch erfüllen und dich Stolz und alles Weitere ablegen lassen. Wer einmal in meinen Blick gekommen ist,

M 77.29 behält keinen Rest von Kampfeslust und dergleichen zurück. Bleibe darum ganz standhaft!“ So sprach sie und überschüttete den Dämonenkönig mit Pfeilen.

M 77.30 Er antwortete rasch mit einem Gegenregen. Dabei lobten beide die Kenntnis des anderen im Gebrauch der Waffen.

M 77.31 Ein gewaltiger, tosenden Schrecken erregender Kampf entstand. Nachdem sie lange so gestritten hatten, setzte der Dämon Wunderwaffen ein:

M 77.32 die Feuer-, Wasser-, Mond-, Kubera-, Berg-, Regen-, Indra- und Windwaffe sowie Brahmas und Kumaras Waffen.

M 77.33 All diese Wunderwaffen vernichtete die höchste Herrin Lalita rasch durch Gegenwaffen, wie die Sonne den Nebel vertreibt.

M 77.34 Auch die neu erschaffenen vernichtete sie augenblicklich. Darauf erschuf Bhanda Madhu und Kaitabha,

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

M 77.35 Somaka, Hiranyaksha, Hiranyakashipu, Bali, den Haihaya namens Arjuna und Ravana,

M 77.36 Kumbhakarna, Mura, den Krokodildämonen, Kamsa, Dvivida und weitere Feinde Vishnus, die die Welten vernichten wollten.

M 77.37 Von Bhanda geschaffen, besaßen sie die Natur und Kampfkraft ihrer früheren Gestalten. Dem Wirken des Tamas ergeben, machten sie sich daran, die Welten zu zerstören.

M 77.38 Um sie zu vernichten, ließ die Herrin Lalita aus ihren Fingernägeln einzeln die zehn Erscheinungen Narayanas hervorgehen.

M 77.39 Die so entstandenen Vishnu-Gestalten vernichteten sie in einem Augenblick. Darauf erschuf der Dämonenherrscher Andhaka, den Tod, Kama und Tripura,

M 77.40 also die Gegner Mahadevas. Als die höchste Göttin sie sah, ließ sie aus ihrem Stirnauge

M 77.41 Mahadeva, den Gott der Götter, hervortreten. Durch ihn wurden jene vernichtet. Dann erschuf Bhanda in einem Augenblick erneut das unzählbare, furchtbare Dämonenheer,

M 77.42 das die Shaktis zuvor getötet hatten: Vishanga, Vishukra und seine Söhne mit Caturbahu an der Spitze,

M 77.43 Karanka, Kutilaksha und die anderen, wie Brahma eine untergegangene Schöpfung neu hervorbringt. In heftigem Zorn kämpften sie wieder gegen die Shakti-Heere.

M 77.44 Alle staunten über Bhandas erstaunliche Fähigkeit. Zugleich fürchteten sich Götter und Shaktis und fragten: „Was soll daraus werden?“

M 77.45 Wieder begann eine gewaltige Schlacht wie am Anfang. Jeden Gefallenen erschuf Bhanda immer wieder neu.

M 77.46 Die Shaktis und auch die Gottheiten sahen dies mit großer Furcht. Da priesen Brahma und die anderen die erhabene Göttin Lalita.

M 77.47 Auch Mantrini trat an die große Göttin heran, verneigte sich und bat mit gefalteten Händen und freundlicher Stimme:

M 77.48 „Göttin, die Macht dieses Dämonen erscheint mir äußerst furchtbar. Sieh die Shaktis, wie sie verstört sind und ihre Gesichter bleich werden!

M 77.49 Schon zwei Praharas kämpfen sie ohne Rast. Wen die Shaktis auch töten, den erschafft er augenblicklich neu.

M 77.50 Seine Söhne, Caturbahu und die anderen, hat die junge Göttin bereits siebenmal im Kampf getötet; nun kämpfen sie wieder.

M 77.51 Vishanga wurde zehnmal und Vishukra neunmal getötet. Doch von Bhanda neu erschaffen, kämpfen sie erneut.

M 77.52 Auch Karanka, Kutilaksha und die anderen sind vielfach gefallen. Neu geschaffen kämpfen sie weiter; so können wir unsere Aufgabe nicht vollenden.

M 77.53 Sieh die Shaktis, überall erschrocken, erschöpft und ihres Glanzes beraubt! Beschütze diese ganze Welt; du solltest sie nicht sich selbst überlassen.“

M 77.54 So gebeten, lächelte die Göttin ein wenig und sagte: „Fürchte dich nicht! Sieh, ich werde den Dämonenherrscher in einem Augenblick vernichten.“

M 77.55 Mit diesen Worten legte sie rasch einen einzigen Pfeil auf den Bogen und rief in ihm die Pashupata-Waffe an, die allen Welten Schrecken einjagt.

M 77.56 Sie schoss diese Waffe in das Dämonenheer. In einem halben Augenblick verbrannte sie die ozeangleichen Truppen zu Asche.

M 77.57 Dann legte sie einen weiteren, überaus strahlenden Pfeil auf ihren Bogen. Sogleich schienen Flammenkränze alle Himmelsrichtungen zu verschlingen.

M 77.58 Die Erde bebte, die Meere wurden erschüttert, und Furcht ergriff die ganze bewegliche und unbewegliche Welt. Tausende Meteore fielen herab.

M 77.59 Wilde Tiere und andere Wesen umkreisten Bhanda in unheilverkündender Richtung. Er aber sah sein ozeangleiches Heer vernichtet

M 77.60 und meditierte mit vollkommen stillem Inneren über die Lotusfüße Lalitas. Als der große Dämon ganz eins mit dem Gegenstand seiner Meditation geworden war,

M 77.61 schoss Lalita den mit der Kameshvara-Waffe verbundenen Pfeil auf Bhanda ab. Dieser Pfeil war überaus furchtbar.

M 77.62 Wie das Feuer der Weltauflösung ließ er strahlende Flammen nach allen Seiten hervorschießen, als wollte er augenblicklich die ganze bewegliche und unbewegliche Welt verbrennen.

M 77.63 Er blendete alle Augen. Wie ein Waldbrand trockenes Gras verzehrt, so verbrannte er Bhanda samt seinem Wagen und seine Stadt Shunyaka,

M 77.64 zusammen mit Frauen, Alten und Kindern, mit allen Wohnstätten und Lebewesen, bis nur Asche übrig blieb. Es war ein erschütterndes Wunder.

M 77.65 Brahma, Vishnu und die anderen sahen dort weder Bhanda noch sein Heer, weder seine Stadt noch auch nur ein Kind der erschlagenen Dämonen.

M 77.66 Voller Staunen erhoben sie Siegesrufe. Die Shaktis schlugen ihre Instrumente zu Tausenden an.

M 77.67 Die himmlischen Instrumente erklangen, die führenden Gandharvas sangen, und die himmlischen Tänzerinnen, Urvashi und die anderen, tanzten voller Freude.

M 77.68 Die Rishis trugen Lobgesänge vor, die Siddhas rezitierten den Namen der höchsten Glückverheißenden, die Weisen meditierten über ihre Gestalt, und andere Menschen verneigten sich.

M 77.69 Es regnete Haufen voll erblühter, stark duftender Blumen. Sanfte Wolken ließen unter leisem Donner

M 77.70 duftende, mit wohlriechender Salbe vermischte Wassertropfen fallen. Wohlriechende Winde wehten und berührten alle mit Freude.

M 77.71 Die Sonne leuchtete klar, und auch das Meer hielt wieder seine Grenzen ein. Das Wasser in Flüssen und anderen Gewässern wurde rein wie das Herz guter Menschen.

M 77.72 Als Bhanda getötet war, erstrahlte die Welt, als wäre sie nach einer Weltauflösung neu erschaffen, frei von Unruhe und Verwirrung.

M 77.73 Als die Götter, großen Rishis und Siddhas den Dämonen Bhanda, diesen Plagegeist der Welt, vernichtet sahen, begaben sie sich alle zur Göttin.

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya innerhalb der Lalita-Erzählung das 77. Kapitel: Die Tötung Bhandas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6404.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 78: Lalitas Verherrlichung, Shripura und die Reife der Hingabe

Shripura und innere Reife: Die heilige Stadt wird nicht als allgemein sichtbarer geografischer Ort erklärt, sondern als nur durch entsprechend gereifte Verehrung zugängliche Wirklichkeit. Bemerkenswert ist die ausdrückliche Anweisung, dass Agastya die Einweihung von seiner Gemahlin Lopamudra empfangen soll. Die Stufenfolge der Gottesverehrung in Vers 54–57 gibt die eigene shaktische Sicht des Werkes wieder.

Lob der Mutter Lalita, Verse 2–6

M 78.1 Alle führenden Götter traten an die höchste Lalita heran. Ihre Herzen waren voller Freude, und sie priesen sie mit vielfältigen Lobgesängen.

M 78.2 „Sieg, Sieg dir, Mutter Lalita! Welchen ersehnten Segen könnte die Verehrung deiner Lotusfüße deinen Verehrern hier nicht schenken? Selbst göttliche Wunschbäume und andere Wunscherfüller verleiht sie denen, die Zuflucht suchen, überaus rasch – bis hin zu deren wunscherfüllender Natur.

M 78.3 Wir waren hier von Not bedrängt; die verworrenen, schrecklichen Flammen von Bhandas Macht hatten unsere Flügel verbrannt. Gemeinsam waren wir in ein unermessliches Meer der Furcht versunken. Durch eben diese Verehrung wurden wir jäh herausgehoben und erlangten wieder den freien Weg durch den Himmel.

M 78.4 Diese deine Lotusfüße triumphieren: Sie vernichten die tiefe Herzensqual der sich Verneigenden, bändigen die mächtige Maya und die Scharen unheilsamer Folgen bei den Zufluchtsuchenden, sind der Lebensfaden aller beweglichen und unbeweglichen Wesen und lenken die Welt.

M 78.5 Mutter, das Erscheinen aller Welten ist dein Spiel. Welche Mühe könnte dir da der Kampf gegen die Dämonen bereiten? Möge dein Spiel stets in unserem von Rajas gereinigten Geist gegenwärtig sein, dessen klare Regungen sich entfalten und den heilsame Eindrücke durchdringen.

M 78.6 Es ist ja bekannt: Du allein bist die Zuflucht der verkörperten Wesen und der reine Ursprung alles ersehnten Heils. Dein Fuß gleicht dem Schwan, Brahmas Reittier: Für jene, die lange mit dem Unbewussten verbunden waren, wird er zum einzigen Grund wahrer Unterscheidung.“ Der erste Halbvers steht in der Textgrundlage in Klammern; das Schwanenbild des zweiten verbindet Brahmas Reittier mit der Unterscheidungskraft.

M 78.7 So priesen Brahma und die anderen die Mutter, warfen sich lang vor ihr nieder und lobten sie immer wieder mit vielfältigen Hymnen.

M 78.8 Da kamen, Agastya, aus Millionen Welteneiern Brahma und die übrigen ursächlichen Herrscher, begleitet von ihren Shaktis, Bharati und den anderen.

M 78.9 Mit zum Scheitel erhobenen gefalteten Händen verneigten sie sich voller Hingabe, priesen die verehrungswürdige Lalita und sprachen:

M 78.10 „Herrin der Götter, durch die Tötung Bhandas sind heute hundertfünf Welteneier wieder beschützt, denn über diese hatte er geherrscht.

M 78.11 In diesen Welteneiern waren Indra und die anderen gefesselt oder geflohen. Überall ließ er die Herrschaft über die Welten von Dämonen ausüben.

M 78.12 Überall wurden Dämonen-Veden und Dämonenopfer eingeführt. Weder Götteropfer noch das dem Brahman gewidmete Opfer des Schriftstudiums, Glückverheißende,

M 78.13 wurden von Brahmanen und anderen vollzogen, solange Bhanda regierte. Doch heute hast du, große Herrin, den Dämonen im Kampf getötet.

M 78.14 Die Dämonenscharen sind geflohen, und die Weltenhüter erfüllen wieder ihre jeweiligen Aufgaben. Alles ist frei von Unordnung geworden.“

M 78.15 Während die Götter so sprachen, kam Vishvakarman herbei, verneigte sich vor der Göttin, Brahma und den anderen und sagte mit gefalteten Händen:

M 78.16 „Großvater Brahma, du hattest mich beauftragt, auf dem Gipfel des Meru Shripura für die Göttin zu erbauen. Dies habe ich nach deinem Auftrag vollendet.

M 78.17 Du solltest es rasch zusammen mit der Göttin und den Göttern besichtigen.“ Auf diese Bitte des göttlichen Baumeisters hin berichtete Brahma der Göttin davon.

M 78.18 Von den Herren der Götter gebeten, begab sich Lalita, die höchste Herrin, rasch dorthin, begleitet vom Shakti-Heer und den Götterscharen.

M 78.19 Sie sahen die wunderschöne, von Vishvakarman erbaute Stadt, gleichsam ein getreu errichtetes Spiegelbild des großen königlichen Shripura.

M 78.20 Alle Götter und Shaktis staunten. Dann baten die Götter Mutter Lalita inständig, dort zu wohnen.

M 78.21 Sie verneigten sich mit ihrem ganzen Wesen. Nachdem sie ihre Zustimmung erhalten hatten, machten Brahma und die anderen

M 78.22 die erlesenen Vorbereitungen für die königliche Weihe. Als alle Mittel bereitstanden und eine glückverheißende Sternenstunde gekommen war,

M 78.23 vollzog Brahma mit den Weisen die Weihe nach dem in den Agamas gelehrten Weg und den höchsten Ritualvorschriften.

M 78.24 Die himmlischen Götterscharen, Maruts, Vasus und Feuergötter, Gandharvas und Götterboten, Weltenhüter, Yakshas und Guhyakas,

M 78.25 Rakshasas, Kimpurushas, Kinnaras und Schlangenwesen, Vidyadharas, Siddhas, Munis, Rishis, Ahnen und Asuras,

M 78.26 Millionen Brahmas, Rudras und Haris aus anderen Welteneiern, auch Sadashiva, Ishvara, Shrikantha und Ananta:

M 78.27 Sie alle kamen zu Lalitas Weihe als höchste Herrscherin und dienten Mutter Lalita von allen Seiten.

M 78.28 Millionen Brahmani-, Kamala- und Gauri-Gestalten verehrten sie voller Hingabe und Ehrfurcht mit jeweils besonderen Darbringungen.

M 78.29 Segensriten und glückverheißende Handlungen wurden für sie vollzogen. Glückbringende Instrumente erklangen und entfalteten ihre melodischen Wendungen,

M 78.30 mit aufsteigenden und absteigenden Tonfolgen, Rhythmus und feinen Tonabstufungen. Gandharvas musizierten, und himmlische Tänzerinnen tanzten ringsum.

M 78.31 Die Weisen rezitierten, Rishis trugen heilige Texte vor, vielfältige Lobgesänge erklangen laut, und die Wesen schauten aufmerksam zu.

M 78.32 Brahma führte die Göttin auf den glückverheißenden großen Löwenthron. Dann nahm er Wasser, das durch Mantras gereinigt war,

M 78.33 aus Flüssen und Meeren, gesammelt in Gefäßen mit neun Arten von Edelsteinen. Umgeben von Vasishtha und den anderen vollzog der Weltschöpfer ihre Weihe.

M 78.34 Nachdem die große Göttin geweiht war, erstrahlte sie in unschätzbarem Schmuck und vielfältigen himmlischen Gewändern über dem Shri Chakra.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

M 78.35 Mutter Lalita glänzte auf dem Lager in Gestalt der fünf Brahmas. Die Unsterblichen verehrten sie mit verschiedensten erlesenen Gaben.

M 78.36 Brahma, Vishnu, Mahesha und die anderen, jeder ganz in Hingabe gesammelt, priesen sie mit vielfältigen Hymnen und warfen sich lang auf die Erde.

M 78.37 So wurde die erhabene Lalita dort auf dem Thron im höchsten Bereich Shripuras geweiht, wie in ihrem ursprünglichen großen Shripura.

M 78.38 Sie wies Mantrini und den übrigen ihre jeweiligen Plätze zu. So, kruggeborener Weiser, wohnt sie auf dem hohen Gipfel des Meru

M 78.39 in Shripura und lenkt Brahma und die anderen. Diese Stadt hatte der göttliche Baumeister mit der ganzen Essenz seiner Kunst erschaffen.

M 78.40 Auf die Bitte Brahmas und der anderen nahm die große Göttin aus Mitgefühl die Stadt, den Schmuck, den Schirm und die Sandalen an.

M 78.41 Obwohl sie ganz und gar verdichtete Bewusstseinswonne ist, verweilt sie so in einer Gestalt des göttlichen Spiels.“ Agastya hörte von Hayagriva diese höchst läuternde Geschichte.

M 78.42 Zufriedenen Herzens stellte er eine Frage, die ihn sehr beschäftigte: „Hayagriva, Meer des Mitgefühls! Du hast gesagt, dass auf diesem Meru

M 78.43 die Stadt der großen Göttin liegt. Das erscheint mir seltsam. Innerhalb dieses Welteneies gibt es keinen Ort, der mir unbekannt wäre.

M 78.44 Besonders auf dem Meru dürfte es keine Stelle geben, die ich nicht kenne. Der Meru gilt als der tragende Grund für das vielfältige Bild der Welten.

M 78.45 Über ihm liegen sieben Welten, unter ihm sieben Tiefen. Auf seinem Gipfel befinden sich die Wohnstätten Brahmas, Vishnus und Shivas.

M 78.46 Dort ist mir nicht einmal ein Fleck von zwei Fingerbreiten unbekannt. Wie kann es dort das von dir beschriebene Shripura geben? Erkläre es mir!“

M 78.47 So von Agastya gefragt, antwortete der Pferdegesichtige freudig: „Höre, Kruggeborener! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erläutern.

M 78.48 Nicht jeder kann diese Wohnstätte sehen. Nur diejenigen, die die Shakti Tripura nach der vorgeschriebenen Ordnung verehren,

M 78.49 können sie erreichen und schauen; andere nicht. Durch das Hören ihrer Verherrlichung ist nun Hingabe in deinem Herzen entstanden.

M 78.50 Wenn höchste Hingabe erreicht ist, bleibt nichts unerreichbar, so wie jemand, der die Quelle der Edelsteine erreicht hat, keinen Mangel an Juwelen mehr kennt.

M 78.51 Deine treue Gemahlin Lopamudra ist der Höchsten besonders lieb. Empfange von ihr die Einweihung und verehre die höchste Göttin nach der rechten Ordnung.

M 78.52 Wenn du Vollendung erlangt hast, wirst du jene Stadt sehen; anders nicht. So habe ich dir, Agastya, Lalitas höchst wunderbare

M 78.53 Herrlichkeit geschildert, die bei den Hörenden alles Unheilsame vernichtet. Für Menschen des Kali-Zeitalters mit beflecktem Herzen und verwirrtem Denken

M 78.54 gibt es nach dieser Lehre keine bessere Zuflucht als die Verherrlichung der Herrin Tripura. Wer wiederholt vedische Handlungen ohne Verlangen nach Lohn vollzieht,

M 78.55 gewinnt Vertrauen in die Verehrung anderer Gottheiten: Vishnus, Shivas und der Shaktis. Am Ende, wenn die Reife vollständig geworden ist,

M 78.56 entsteht beständiges Vertrauen in die Verehrung Tripuras. Durch diese Verehrung erkennt man sie als die Gestalt des eigenen Selbst,

M 78.57 als nichtduale Bewusstseinswonne und große Herrin aller Welten. Wer so ihre höchste Herrlichkeit offenbar werden lässt, gelangt nicht erneut ins Werden.

M 78.58 Der erste Schritt auf der Treppe zum Erreichen des eigenen Selbstzustandes ist daher das Hören von der erhabenen Größe der höchsten Shakti.

M 78.59 Darum soll jemand, der das höchste Wohl erstrebt, zuerst unbedingt dies hören. Es beruhigt die Folgen unheilsamer Taten und bringt alle ersehnten Früchte hervor.

M 78.60 Rasch weckt es Hingabe und befreit von der höchsten Furcht.“ Nach diesen Worten wurde Hayagriva von Agastya verehrt.

M 78.61 Er verabschiedete sich und ging in die von ihm gewünschte Richtung. „So, Rama, habe ich dir die glückverheißende Geschichte Lalitas erzählt.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya, im Gespräch zwischen Dattatreya und Parashurama und innerhalb von Lalitas Verherrlichung, das 78. Kapitel: Lalitas Weihe in Shripura. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6465.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 79: Einweihung, Bewusstseinskraft und das Wesen der Offenbarung

Die eigene Sicht der Überlieferung: Dattatreya begründet die Bedeutung der Einweihung für den besonderen Shri-Vidya-Weg. Die scharfe Kritik an bloßer Ritualgelehrsamkeit, die Höllendrohungen und die Aussagen über soziale Berechtigung sind traditionsgebundene Lehraussagen, keine neutralen Urteile über andere spirituelle Wege. Im weiteren Verlauf erklärt das Kapitel Veda und Tantra ausdrücklich als ihrem innersten Wesen nach eins und deutet sämtliche Gottesverehrung als Verehrung der Bewusstseinskraft. Vers 50 trägt in der Textgrundlage irrtümlich die Nummer 59; die nachfolgende, reguläre 59 ist ebenfalls erhalten.

M 79.1 Als Jamadagnis Sohn diese alles überragende Verherrlichung der Göttin Lalita gehört hatte, wurde er vom Nektar der Freude überströmt.

M 79.2 Er versank im Ozean der Hingabe, seine Körperhaare richteten sich auf, und unaufhörlich flossen ihm Tränen der Freude aus den Augen.

M 79.3 Einen Augenblick war er wie ohne äußeres Bewusstsein, einem vom Trank Berauschten gleich. Dann faltete er erneut die Hände und sprach mit stockender Stimme:

M 79.4 „Erhabener, du hast mich heute zutiefst geläutert, indem du mich mit den heiligen Wasserströmen der Erzählung von der Höchsten übergossen hast.

M 79.5 Aus Mitgefühl hast du mich aus dem uferlosen Meer des Samsara herausgehoben. Verehrung dir, erhabener Guru und Herr, Sonne gegen die Finsternis des Leidens!

M 79.6 Ich verneige mich auch vor dem friedvollen, furchtlosen Weisen Samvarta, der mir den Weg zeigte, als ich wie ein Blinder umherirrte.

M 79.7 Bis heute habe ich meine Zeit in der Welt vergeblich verbracht. Wie ein Frosch in einem verlassenen Brunnen erkannte ich mein wahres Wohl nicht.

M 79.8 Gesegnet bin ich, mein Ziel ist erfüllt, weil ich bei deinen Füßen Zuflucht fand. Nun sehne ich mich ganz nach dem Reichtum der Befreiung.

M 79.9 Erhabener, ein großer Zweifel liegt mir noch am Herzen. Ich frage dich darüber; bitte erkläre es mir.

M 79.10 Ich weiß, dass deine Gnade mir reichlich gilt, du Meer des Mitgefühls. Für dich, den Barmherzigen, dürfte es nichts geben, was du deinem Schüler nicht sagen würdest.

M 79.11 Wie konnte der kruggeborene Weise, der alle Lehrschriften kennt, die höchste Shakti, die große Herrin aller Welten, nicht verehrt haben,

M 79.12 sodass ihm die vortreffliche Stadt der Göttin auf dem Meru unsichtbar blieb? Warum konnte er, der sich ganz dem Veda widmete, sie nicht sehen?

M 79.13 Und wie hat er jene Stadt später doch erblickt? Sage es mir!“ So von Jamadagnis Sohn gefragt, antwortete der weise Lehrer Dattatreya:

M 79.14 „Höre, Rama! Ich werde dir dieses höchste Geheimnis erklären. Bloße Kenntnis der Lehrschriften genügt hier nicht.

M 79.15 Die Menschen sind von den in früheren Leben eingeübten Eindrücken geprägt. Hunderte solcher Vasanas sind in den Herzen der Wesen auf unterschiedliche Weise angesammelt.

M 79.16 Wenn sie erweckt werden, treten sie hervor; der Umgang mit den Guten weckt sie. Erst wenn jemand die entsprechende Gemeinschaft findet, entfaltet sich dies, nicht vorher.

M 79.17 Durch die Begegnung mit Hayagriva und das Hören von Tripuras Herrlichkeit erwachte Agastyas Hingabe an sie. Darauf empfing er von seiner Gemahlin die Einweihung.

M 79.18 Solange jemand keine Einweihung empfangen hat, ist er nach dieser Überlieferung selbst als Verehrer Tripuras noch nicht imstande, die Treppe zum Palast der Befreiung zu ersteigen.

M 79.19 Wie den Zweimalgeborenen ohne die Einführung in das vedische Studium die Berechtigung zu den entsprechenden Riten fehlt, so verhält es sich hier ohne Einweihung, Nachkomme Bhrigus.

M 79.20 Wer keine Einweihung von einem wahren Guru empfangen hat und den überlieferten Weg des Gurus nicht kennt, mag nach eigenem Ermessen ein Ritual vollziehen, sogar scheinbar nach Vorschrift.

M 79.21 Dennoch kann es den Übenden rasch schädigen, wie ein unvollständig zubereitetes Verjüngungsmittel dem schadet, der es einnimmt.

M 79.22 Wer sich einen Mantra und dessen Anwendung allein nach eigener Vorstellung, ohne Guru, aneignet, begeht nach dieser Lehre ein Vergehen gegen die Gottheit.

M 79.23 Für den, der sich an der Gottheit vergeht, gibt es weder hier noch jenseits Wohlergehen. Wie könnte ein unwissender Mensch die Folgen eines solchen Vergehens selbst beseitigen?

M 79.24 Ein entsprechendes Prinzip sieht man auch in der Welt: Herrscher belegen jemanden, der ihre Anordnung verletzt, mit verschiedenen schweren Strafen.

M 79.25 Sie lassen den Übertreter keineswegs unbeachtet. Bloße vedische Gelehrsamkeit begründet hier also keine Berechtigung.

M 79.26 Die vedische Ordnung dient den Zweimalgeborenen dazu, die Eignung zur Verehrung zu gewinnen. Das höchste menschliche Ziel liegt nicht in der bloßen Ausführung vedischer Riten.

M 79.27 Menschen mögen den Veda kennen, auf vergängliche Früchte ausgerichtet sein, sich als begrenzte Einzelseelen verstehen und doch meinen, das höchste Lebensziel zu verfolgen.

M 79.28 Wenn sie damit schon das höchste Ziel erreichten, was unterschiede sie dann von unbeweglichen Baumstümpfen? Die Ritualisten halten eine Frucht, die aus Opferrauch hervorgeht, für dauerhaft. Die rhetorische Frage im ersten Halbvers ist sprachlich unsicher; ihr Sinn ergibt sich aus der Kritik an erkenntnislosem Ritual.

M 79.29 Wo hat man je gesehen, dass etwas Vergängliches eine unvergängliche Frucht hervorbringt? Sie halten begrenzte, vom Leiden geprägte Früchte für Glück.

M 79.30 Ohne das Wesen der Frucht zu kennen, preisen sie als Frucht, was keine bleibende Frucht ist. Der von den Gunas geprägte Veda wurde vom Weltschöpfer eingesetzt,

M 79.31 um den Weltlauf zu erhalten und die Götter zufriedenzustellen. Für die Begehrenden ist er voller begehrter Ziele, wie Gift für jemanden, der sterben will.

M 79.32 Doch den höchsten, im Veda verborgenen Teil kennen sie nicht. Weil der Schöpfer ihn verborgen hat, sind sie über seine geheimen Inhalte verwirrt.

M 79.33 Sie deuten ihn anders, als er gemeint ist. Vyasa aber, Narayana selbst, hat aus Mitgefühl mit den Wesen dessen Sinn in einer dem menschlichen Verständnis zugänglichen Weise

M 79.34 ausführlich entfaltet: als einziges Mittel zur höchsten Wahrheit. Darum wird die Berechtigung hierzu denen zugesprochen, die ihre Begierden aufgegeben haben.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

M 79.35 Auch für einen Entsagenden ist die Verehrung der Bewusstseinskraft erwünscht. Wer aus Unwissenheit oder Verblendung die Verehrung der Vidya aufgibt,

M 79.36 gerät nach dieser Lehre in tiefste Finsternis und findet daraus keinen Weg zurück. Ein Entsagender soll alles aufgeben, was Bindung bewirkt.

M 79.37 Die Verehrung der Shri Vidya aber, Rama, hat das Wesen der Befreiung. Sie aufzugeben ist für ihn ebenso wenig angemessen, wie seine geistige Berufung preiszugeben.

M 79.38 Die Aufgabe dieser Verehrung gilt hier als schweres, furchtbares Vergehen. Tamisra, Andhatamisra, Kumbhipaka und Avici,

M 79.39 diese Höllenzustände erreichen nach der Schilderung die Menschen, die solchen Verfehlungen ergeben sind. Auf Befehl der Herrscherin der Strafgewalt handeln dabei die überaus furchterregenden Shaktis

M 79.40 Samkarshini, Karshini und Kalasamkarshini. Menschen, die auf dem Weg der Verehrung Unheil stiften und sich Verfehlungen hingeben,

M 79.41 weisen diese machtvollen Muttergottheiten den genannten leidvollen Zuständen zu. Ein Mensch hingegen, der sich der Verehrung widmet, erlangt den Zustand der vollkommenen Freiheit.

M 79.42 Die höchste Bestimmung, die selbst einem tantrischen Ritualpraktizierenden zuteilwerden kann, steht dem ausschließlich vedisch Verehrenden nach dieser Lehre nicht in gleicher Weise offen.

M 79.43 Denn vedisches Ritualhandeln ist hier als ganz nach außen gerichtet beschrieben, als menschliches Tun ohne unmittelbare Gotteserkenntnis; darum bringt es der gebundenen Seele entsprechende Früchte.

M 79.44 Tantrisches Handeln hingegen ist auf den Herrn bezogen und mit Erkenntnis und Verehrung verbunden. Durch Vollendung, gestärkt von Vertrauen und Hingabe, führt es rasch zur Befreiung.

M 79.45 Durch das vorgeschriebene Handeln erlangt man Reinigung des Geistes und durch Vidya Erkenntnis. So erreichen die Erwachten durch eigene Bemühung noch hier das Shiva-Sein.

M 79.46 Auch die noch nicht Erwachten werden durch das Handeln in der rechten Reihenfolge befreit. Ohne Einweihung besteht keine Berechtigung zu diesem Handeln als Mittel der Erkenntnis.

M 79.47 Die Eingeweihten gelangen am Ende ihres Körpers in die höchste Welt. Dort werden sie von Sadashiva vollständig zur Erkenntnis geführt und nehmen Shivas Wesen an.

M 79.48 Dies gilt auch für diejenigen Ritualpraktizierenden, die noch nicht erwacht sind, Nachkomme Bhrigus. Darum wird der heilsame Zustand nicht durch trockene Veda- und Schriftgelehrsamkeit erreicht.

M 79.49 Wie könnte ohne den Dienst an Tripura überhaupt eine heilsame Hinwendung entstehen? Weder Mittel noch Frucht noch auch das Tätigwerden selbst, Bhargava,

M 79.50 kommen ohne die Gnade der Herrin Tripura zustande. Auch die Frucht, die durch Verehrung Shivas, Vishnus und anderer Gottheiten erlangt wird,

M 79.51 entsteht durch ihre Gnade; dies ist die Überzeugung dieser Lehre. Die Verehrung aller Gottheiten ist Verehrung der höchsten Shakti.

M 79.52 Ohne Shakti könnte keine Gottheit eine Verehrung annehmen. Darum ist jede von Menschen vollzogene Verehrung letztlich Verehrung der Shakti.

M 79.53 Die Kundigen prüfen zunächst die Kraft einer Gottheit, bestimmte Früchte zu verleihen. Dann verehren sie diese Gottheit gesondert und erlangen die entsprechende Frucht.

M 79.54 Auch in der Welt wird jemand ohne Fähigkeit nicht um etwas gebeten, Bhargava. Du magst einwenden: ‚Ohne Shiva gibt es keine Shakti, denn er ist ihr Träger.‘

M 79.55 Doch ebenso wenig gibt es Shiva ohne die Kraft seines eigenen Seins. Wo und wann könnte eine Sonne ohne Leuchtkraft bestehen?

M 79.56 Wie könnte Shiva ohne die Shakti des Bewusstseins bestehen? Wie könnte auch nur ein Grashalm ohne diese Bewusstseinskraft sein?

M 79.57 Wenn Bewusstsein ist, ist dieses alles; andernfalls ist nichts. Was immer ist, ist Bewusstsein – erkenne dies, Nachkomme Bhrigus!

M 79.58 Dies ist die shaktische Erkenntnis: ‚Es gibt nichts von mir Verschiedenes.‘ Mit dieser Einsicht erkenne alles, selbst einen Grashalm, als Tripuras Wesen.

M 79.59 Nur über Bezeichnungen streiten die Denker in dieser Welt. Darum lege deinen Zweifel ab; diese Wahrheit ist überall dieselbe.

M 79.60 Sprache dient der Bezeichnung und muss sich dabei auf Unterschiede stützen. Doch jene Wirklichkeit ist unterschiedslos, ungeteilt und von einem einzigen Bewusstseinswesen.

M 79.61 Solange jemand nur Unterschiede erkennt, ist er nicht ganz auf sie gerichtet. Die Veden enthalten viele Unterscheidungen und verhüllen dadurch das Unterschiedslose.

M 79.62 Darum sah Agastya jene Stadt nicht, obwohl er vedisch gelehrt war. Der höchste Sinn des Veda ist jedoch eben Tripura.

M 79.63 Deshalb gilt der Veda als Mittel zur Vollendung in Tripura. Vyasa nannte die Puranas eine ausführliche Entfaltung des vedischen Sinnes.

M 79.64 Der Veda ist ein Teil des Agama; Agama ist die Gesamtheit des offenbarten Wortes. Er ist ihre Gestalt; aus dieser Grundlage entfaltet sich alles.

M 79.65 In der Form des Veda wirkt diese Offenbarung mit einer auf die drei oberen sozialen Stände beschränkten Berechtigung. Der höchste Herr aber wollte aus Mitgefühl alle Wesen erheben.

M 79.66 Darum offenbarte er dieselbe höchste Erkenntnis unter dem Namen Agama. Agama ist, so lautet die Lehre, die Selbstreflexion des höchsten Herrn.

M 79.67 Nach und nach ließ er ihn aus den Mündern Brahmas und der anderen hervorgehen. Der grenzenlose Ozean des Agama breitete sich in allen Welten aus.

M 79.68 Als die Rishis später die Menschen mit nachlassender Auffassungskraft und in bedrängten Verhältnissen sahen, quirlten sie mit ihrer reichen Einsicht diesen Agama-Ozean.

M 79.69 Daraus gewannen sie den höchsten Nektar der Tantras als Sammlung seiner Essenz. Entsprechend den verschiedenen Ländern und Verhältnissen wurde er in unterschiedlichen Formen dargelegt.

M 79.70 Für die Zweimalgeborenen, die durch vedische Handlungen vorbereitet sind, entsteht die Berechtigung zum tantrischen Weg im Anschluss an die vedischen Riten.

M 79.71 Für Shudras und andere kann die Berechtigung zum Tantra unmittelbar bestehen. Denn der Veda ist im Wesen Tantra, und Tantra wird als Veda bezeichnet.

M 79.72 Zwischen beiden besteht nicht einmal der geringste wesentliche Unterschied. So sind in Teilen des Veda tantrische Abschnitte erkennbar,

M 79.73 in denen die Ordnung von Mantra, Yantra und Puja klar dargelegt wird. Solche Abschnitte stehen an der Spitze des Veda.

M 79.74 Weil sie die Kennzeichen des Tantra tragen, gilt Tantra hier als höchst erhaben. Auch in den Tantras finden sich vedische Teile, unterschieden in Mantra und Brahmana,

M 79.75 innerhalb der Ritualvorschriften. Deshalb wird das Tantra als vorzüglich bezeichnet. Ebenso finden sich tantrische Bestandteile in den Puranas und anderen Schriften.

M 79.76 Umgekehrt enthalten die Tantras Abschnitte über Schöpfung und ähnliche Themen. Diese gehören ihrem Charakter nach zu den Puranas. So verstehe es, Bhargava!

M 79.77 Der Ozean des Agama geht somit aus der ursprünglichen Selbstreflexion der erhabenen Tripura hervor. Erkenne daraus die Entfaltung der Veden und Tantras.

M 79.78 Die ordnende Notwendigkeit, Niyati, ist ihre Kraft; durch sie ist alles geregelt. Weil Agastya keine tantrische Einweihung besaß, sah er trotz seiner vedischen Gelehrsamkeit,

M 79.79 von dieser Ordnung begrenzt, die Stadt auf dem Meru nicht. Dann hörte er die alles überragende Verherrlichung der großen Göttin.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und seine schöpferische Kraft.

M 79.80 Voller Hingabe empfing er von seiner Gemahlin die tantrische Einweihung nach der überlieferten Folge und verehrte Tripura. So erlangte er im Kreis des erhabenen Herrn

M 79.81 zusammen mit seiner geliebten Frau einen Platz, erfüllt von höchster Glückseligkeit. Auf diese Weise erreichte und schaute er die höchste Wohnstätte.“

Kapitelabschluss: Hier endet im Māhātmyakhaṇḍa des Tripurārahasya das 79. Kapitel: Die Bestimmung des Wesens der Agamas. Die überlieferte Gesamtzählung lautet 6546.


Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 80: Die wesentlichen Aufgaben der Verehrenden

M 80.1 Nachdem Rama diese von Dattatreya erzählte Geschichte gehört hatte, verneigte er sich mit gefalteten Händen und sprach mit freudigem Herzen erneut:

M 80.2 „Erhabener Herr, ich habe deine nektargleichen Worte gehört und bin von meinen Zweifeln frei geworden. Dennoch möchte ich noch etwas fragen.

M 80.3 Wenn jemand so die Einweihung empfangen hat, sich der Verehrung Tripurās widmet und seine täglichen Riten erfüllt – durch welche besondere Handlung

M 80.4 kann er rasch die große Frucht erlangen, sei er ein König oder ein Mensch ohne Besitz? Erkläre mir dies, o Guru, aus Mitgefühl mit mir, deinem Diener.“

M 80.5 So befragt, antwortete Guru Datta, erfreut über dessen Hingabe: „Höre, Rama, dieses große Geheimnis, das Tripurā erfreut.

M 80.6 Wie Shiva durch rituelle Übergießungen erfreut wird, die Sonne durch Verneigungen, Ganesha durch Speisegaben und Hari durch Schmuck,

M 80.7 so wird die höchste Shakti, die große Herrin, durch besondere, ordnungsgemäße Verehrung erfreut. Höre, was dabei das Vorzüglichste ist.

M 80.8 Man errichte nach den eigenen Möglichkeiten einen hohen, kunstvoll gestalteten Tempel und darin den König der Chakras oder ein Bildnis mit den richtigen Merkmalen.

M 80.9 Nach ordnungsgemäßer Aufstellung verehre man es täglich selbst oder durch einen anderen – fünfmal, viermal, dreimal, zweimal oder einmal.

M 80.10 Die fünf Zeiten sind Morgendämmerung, Morgen, Mittag, Abenddämmerung und die Mitte der Nacht. Im Alltag kann man auch zwei-, drei- oder einmal verehren, an Festtagen jedoch zu allen fünf Zeiten.

M 80.11 An großen Festtagen soll unbedingt ein Fest gefeiert werden. Das Prozessionsbild trage oder fahre man auf einem Wagen oder einem anderen Träger hinaus

M 80.12 und führe es nach der Vorschrift der Agamas mit Tanz und glückverheißendem Gesang umher. Wer so handelt, wird in Shripura wohnen,

M 80.13 innerhalb des blauen Walles, mit allen Freuden versehen. Wer einen eigenen Tempel nicht errichten kann, möge in einem von anderen errichteten den Herrn des Chakras aufstellen.

M 80.14 Nichts ist Tripurā so lieb wie die Aufstellung des Shri Chakras. Wer dies vollzieht, kehrt nicht mehr zurück und erlangt nach und nach Einheit mit der Göttin.

M 80.15 Schon der Aufstellung des Shri Chakras wird eine unermessliche Frucht zugesprochen. Wo ein fest aufgestelltes Yantra vorhanden ist, möge der Verehrer in seiner Nähe wohnen.

M 80.16 Ein solcher Verehrer wohnt gewiss im goldenen Wall. Er soll diese heilige Stätte als allen anderen überlegen erkennen.

M 80.17 Wer auch dazu nicht imstande ist, verehre an heiligen Festtagen entsprechend seinen Mitteln ein fest aufgestelltes Chakra oder ein Bildnis voller Hingabe.

M 80.18 Die Verehrung eines fest aufgestellten Yantras und entsprechenden Bildnisses bringt eine hunderttausendfach größere Frucht als die eines beweglichen, Rama – daran besteht kein Zweifel.

M 80.19 Man verehre die Mutter im Yantra zusammen mit ihren Umkreisgottheiten nach der überlieferten Ordnung und vergegenwärtige sie an ihren jeweiligen Plätzen, um die große Frucht zu erlangen.

M 80.20 Wie die Strahlen der Sonne nach allen Seiten ausgebreitet sind, ihrem Wesen nach zur Sonne gehören und die ganze Welt erfreuen,

M 80.21 Kälte, Dunkelheit und andere Leiden der Lebewesen vertreiben, so sind auch die als Gefolge bezeichneten Gottheiten der höchsten Shakti Tripurā.

M 80.22 Von ihr selbst sind sie damit betraut, den Menschen das Ersehnte zu gewähren. Sie alle sind ihre Anteile und daher nach der rechten Ordnung zu verehren.

M 80.23 Wie die Sonne am Himmel eine geeinte Fülle von Strahlen ist, so gilt Tripurā als die Einheit der Shaktis ihrer Umkreise.

M 80.24 Die große Herrin der Götter sitzt im Bindu-Chakra. Wer die umfassende Verehrung nicht vermag, verehre sie mit Hingabe, nach seinem Verständnis und nach der ihm möglichen Ordnung. [Die zweite Vershälfte ist fehlerhaft überliefert.]

M 80.25 Sie umfasst ihr ganzes Gefolge in sich und kann mit gewöhnlichen Gaben verehrt werden. Auf die jeweils mögliche Weise soll die höchste Herrin in ihrer fest aufgestellten Gestalt verehrt werden.

M 80.26 Wer jedoch Zugang zu einem fest aufgestellten Chakra oder Bildnis erlangt und es nicht verehrt, den soll man als einen erkennen, der sich selbst schadet und von der ganzen Welt getadelt wird.

M 80.27 Wer wenig vermag, bringe Duftstoffe, Blumen, Früchte, ungebrochene Reiskörner und Wasser, Gaben, Betel, Licht, Verneigungen und ehrerbietige Umkreisungen dar.

M 80.28 Mit allen diesen Gaben oder auch nur mit einer, zweien oder einigen verehre er sie dort nach seinen Kräften. Wer sie im Chakra mit den tausend Namen oder anderen Namensreihen verehrt,

M 80.29 wird bereits durch eine solche vollständige Verehrung von allen Verfehlungen befreit, sei es ein Mann oder eine Frau. „Daran besteht kein Zweifel“, so sprach der erhabene Shiva.

M 80.30 Nun höre die Ordnung einer hunderttausendfachen Verehrung und ähnlicher Feiern. Man beginne an einem besonderen Festtag oder auch an einem Freitag.

M 80.31 Man fasse den rituellen Entschluss, verehre Ganapati und lasse Brahmanen Segensworte sprechen. Dann verehre man nach der Ordnung die große Herrin einschließlich ihrer Umkreise.

M 80.32 Die Göttin samt ihren Umkreisen verehre man mit den fünf Darbringungen. An der Stelle der Blumengabe vollziehe man die wiederholte Verehrung

M 80.33 mit den tausend Namen oder anderen Namensreihen; anschließend vollende man die Verehrung mit Räucherwerk und den weiteren Gaben. So verehre man sie Tag für Tag.

M 80.34 Die Zahl der Darbringungen bleibe jeden Tag gleich; man führe die Verehrung in der vorgeschriebenen Folge aus und verwende Blumen derselben Art für die Höchste.

Die Vielfalt der Welt wird im Licht des einen Bewusstseins betrachtet.

M 80.35 Man vollziehe sie selbst, durch Sohn, Ehefrau und andere Angehörige oder durch einen Brahmanen. Am Ende errichte man auf dem Sarvatobhadra-Mandala mit neun Yonis

M 80.36 einen schön aufgestellten Krug aus Gold oder einem anderen geeigneten Material, geschmückt mit Fäden und Gewändern, inmitten einer Anhäufung von Reiskörnern.

M 80.37 Man stelle ihn geschmückt und beräuchert auf, spreche den Mantra und fülle ihn mit Wasser, dem acht Duftstoffe beigegeben sind. Fünf Edelsteine

M 80.38 lege man hinein, bedecke ihn der Reihe nach mit fünf Blättern und lege Reis, eine Frucht und ein gefülltes Gefäß auf seine Öffnung. [Die Vorlage kennzeichnet die Lesung als unsicher.]

M 80.39 Darauf stelle man eine in allen Gliedern schön gestaltete Darstellung der Göttin auf, rufe sie darin an und vollziehe ihre Verehrung.

M 80.40 Zuerst verehre man der Reihe nach die Gottheiten des Sarvatobhadra-Mandalas, in den zehn Richtungen die Richtungshüter und an den vier Verkettungen

M 80.41 Dharma und die weiteren entsprechenden Mächte. Im mittleren weißen Feld sowie im roten halben Feld verehre man Adharma und die anderen, beginnend im Osten und im Uhrzeigersinn. [Die Zuordnung der Felder ist sprachlich unsicher.]

M 80.42 Man verehre die Paare, angefangen mit Asitanga, und an den Einfassungen die drei Gunas. Nachdem man so verehrt und die Verehrung des Sitzes vorausgeschickt hat,

M 80.43 rufe man Tripurā nach der Ordnung in den Krug herab und verehre sie mit den Darbringungen. Die betreffenden Blumen und anderen Gaben fertige man auch aus Gold oder Silber,

M 80.44 im Gewicht eines Masha oder eines Karsha, möglichst nicht darunter; oder man verwende die Hälfte oder ein Viertel davon und fertige neun solcher Gaben.

M 80.45 Bei den Darbringungen verehre man mit den Namen der Göttinnen, angefangen mit Vashini, und in der Mitte Tripurā. In der Nacht verehre man den Herrn des Chakras

M 80.46 westlich des Kruges auf dem Sarvatobhadra-Mandala. Man vollziehe dies selbst oder durch einen Acharya, der die Abfolge kennt.

M 80.47 Nach der Schrift verehre man ein Mädchen und einen Knaben, den Guru, eine verheiratete Frau sowie Brahmanen und die übrigen der Reihe nach.

M 80.48 Man schließe die Verehrung ab, ohne die Gottheit zu verabschieden, und wache nachts mit allen Versammelten bei Erzählungen, Gesängen und Tänzen.

M 80.49 Am folgenden Tag verehre man nach Erfüllung der notwendigen Verrichtungen den Herrn des Chakras. Nach dem zur Verehrung gehörenden Feueropfer bereite man das Feuer nach der Schrift.

M 80.50 Darin bringe man tausend Gaben der jeweiligen Blumen ordnungsgemäß dar. Nach Abschluss der Verehrung und der Verabschiedung der Gottheit überreiche man den Krug samt Gewand,

M 80.51 Gabe und Bildnis einer verheirateten Frau. Sechzehn Brahmanen, acht verheiratete Frauen,

M 80.52 Knaben und Mädchen bewirte man ohne Geiz mit Speisen verschiedener Art und erfreue sie durch Gaben und Geschenke.

M 80.53 Durch solche Verehrung wird man von allen Verfehlungen frei. Die erfreute Herrin Tripurā gewährt das Ersehnte.

M 80.54 Mit allem Wohlergehen, Nachkommen und Söhnen gesegnet, hilft der Verehrer seinen Vorfahren empor und erlangt am Ende Befreiung.

Begleitendes Video zur spirituellen Praxis:

M 80.55 Mit Lotosblüten wird die Erlangung eines Königreichs verbunden, mit Oleander großer Wohlstand, mit Hibiskus Nachkommenschaft, mit Jasmin ein Haus und Ähnliches.

M 80.56 Mit Yoni-Blüten wird das Gedeihen der Familie verbunden, mit Bakula-Blüten Heiterkeit, mit Kimshuka die Beseitigung von Krankheit, mit Kutaja die Überwindung von Feinden.

M 80.57 Ebenso erlangt man durch die ordnungsgemäße Verehrung mit anderen wohlriechenden Blumen und Blättern eine große Frucht, o Nachkomme Bhrigus.

M 80.58 Nach dem beschriebenen Weg verehre man auch mit Früchten und Getreide, oder man verehre Mutter Tripurā mit Lampen, deren Dochte zusammen hunderttausend zählen.

M 80.59 Wer dazu imstande ist, richte die Lampen mit je zwei Dochten her, mit zehn, hundert oder tausend,

M 80.60 mit fünfzigtausend oder hunderttausend. Jede mit Ghee gefüllte Lampe bringe man unter Nennung eines Namens dar,

M 80.61 mit den tausend oder den hundert Namen der Göttin, in zehn Wiederholungen oder einer einzigen,

M 80.62 oder in fünfhundert Wiederholungen. So bringe man der Göttin Licht dar. Am Ende fertige man aus Gold oder Silber neun Dochtpaare

M 80.63 und bringe sie in einer kupfernen, mit Ghee-Dochten hell brennenden Lampe am Krug dar. Ebenso opfere man Milchspeise im Feuer. [Das Verhältnis der metallenen Dochtformen zu den brennenden Dochten bleibt unklar.]

M 80.64 Am Herrn des Shri Chakras vollziehe man eine rituelle Übergießung mit dem Shri Sukta, in hunderttausend, tausend oder hundert Wiederholungen,

M 80.65 selbst oder durch Brahmanen, mit Milch, Zuckerrohrsaft, Ghee, Honig, Fruchtsaft, Dickmilch oder wohlriechendem

M 80.66 Wasser aus heiligen Gewässern, Rama, nach der zuvor beschriebenen Weise. Am Ende opfere man der Reihe nach Milchspeise im Feuer, im Umfang eines Zehntels,

M 80.67 jeweils zu einem Vers des Shri Sukta, und schließe wie zuvor ab. Auch einer Rudra-Übergießung wird eine große Frucht zugesprochen.

M 80.68 So, Nachkomme Bhrigus, wurde die heilsame Praxis der Wohlhabenden beschrieben. Menschen ohne Besitz sollen heilsame Praxis durch ihren körperlichen Einsatz verwirklichen.

M 80.69 Wer dazu imstande ist, unternehme eine Pilgerreise und erlange dadurch Heil; oder er leiste an einer Stätte der Gottheit Dienst.

M 80.70 Oder er diene ohne eigennütziges Verlangen denen, die sich ganz der Verehrung widmen. Für einen Menschen von sehr geringem Verständnis wird dies allein als Aufgabe genannt.

M 80.71 Ein verständiger Mensch erlangt Heil durch Japa und Rezitation, durch das Erzählen heiliger Geschichten, durch das Studium der Schriften über die Gottheit und durch deren Unterricht.

M 80.72 Wer geeigneten Menschen die Lehre von der Verehrung der Gottheit gründlich vermittelt, wird nach dem Tod lange innerhalb des Korallenwalles wohnen.

M 80.73 Wer in den Tempeln mit aufrichtiger Hingabe Bilder der Göttin malt, wird lange, im Innersten voller Freude, im Frühlingswall wohnen.

M 80.74 Wer den Tempel reinigt, ihn mit kühlem Wasser besprengt und ebenso mit kühlem, wohlriechendem Wasser übergießt,

M 80.75 wird innerhalb des Mondwalles frei von sengendem Leid wohnen. Wer nachts den Tempel mit Lampen erhellt,

M 80.76 wird innerhalb des Sonnenwalles wohnen und die gewünschten Freuden erlangen. Welchen Dienst jemand hier im Tempel auch leistet,

M 80.77 erlangt er nach dem Tod einen entsprechenden Ort in Shripura. Auch durch Gaben an Verehrer erlangt man dort einen Platz.

M 80.78 Wer einem geeigneten Menschen aus Hingabe ein Buch über die Gottheit schenkt, erlangt eine freudenreiche Wohnstätte im Siddha-Wall.

M 80.79 Wer einem vortrefflichen Übenden Geräte zur Verehrung schenkt, wird im Wall der Richtungshüter wohnen und Glück erfahren.

Die Göttin erscheint in der Erzählung als schützende und befreiende Kraft.

M 80.80 Was immer jemand einem hervorragenden Verehrer voller Hingabe schenkt, eine dem entsprechende Wohnstätte erlangt er – daran besteht kein Zweifel.

M 80.81 Nun werde ich dir die höchste unter den Gaben erklären: Die Schenkung des Shri Chakras bringt eine große Frucht.

M 80.82 Nachdem man den König der Chakras ordnungsgemäß verehrt hat [die einleitende Zeit- oder Umstandsangabe ist beschädigt], verehre man am Ende einen würdigen Brahmanen, der sich der Verehrung Tripurās widmet,

M 80.83 zusammen mit seiner Frau, durch besondere Gaben, Gewänder, Schmuck, Düfte, Blumen und die weiteren Darbringungen in ihrer Folge.

M 80.84 Das Chakra samt Sitz, Geräten und Materialien zur Praxis übergebe man, indem man gewöhnliches Arghya-Wasser in die Hand des Brahmanen gießt.

M 80.85 Darauf soll der Brahmane die Verabschiedung der Gottheit und die weiteren Abschlussriten vollziehen. Man bewirte Brahmanen in einer den Umkreisen entsprechenden Zahl nach der rechten Ordnung.

M 80.86 Verheiratete Frauen bewirte man unter Nennung der sechzehn Namen der Nityas; oder man bewirte Brahmanen sorgsam nach den eigenen Möglichkeiten.

M 80.87 Oder man verehre und bewirte verheiratete Frauen mit den Namen der Nityas; außerdem werden sechzehn beziehungsweise zwölf Brahmanen genannt. [Die Zuordnung der beiden Zahlen ist in der Überlieferung nicht eindeutig.]

M 80.88 Wer so den König der Chakras voller Hingabe verschenkt, dem gewährt die erfreute große Göttin die Einheit mit sich selbst.

M 80.89 Er gilt als einer, der in allen heiligen Gewässern gebadet, alle Gelübde erfüllt, alle Gaben gespendet und alle Opfer vollzogen hat.

M 80.90 Er gilt als einer, der Askese geübt und alle Agamas studiert hat. Auch Tripurā denkt: „Es gibt keine Frucht, die dieser Handlung angemessen wäre.“

M 80.91 Darum gewährt sie ihm rasch die Einheit mit sich. Denn das Chakra, Rama, ist ein Abbild der gesamten Welt.

M 80.92 Damit hat er die ganze Welt geschenkt – was wäre dann noch nicht geschenkt? Wenn er es mit einem bestimmten Wunsch vollzieht, was immer er erstrebt,

M 80.93 das erlangt er rasch und am Ende auch Befreiung. Wer auf diese Weise ein fest aufgestelltes Yantra samt einem Hara [Lesung beziehungsweise Gegenstandsbezeichnung unklar]

M 80.94 und einer großen Gabe einem Brahmanen schenkt – dessen Verdienst könnte selbst Ananta niemals schildern.

M 80.95 Ebenso möge er voller Hingabe ein Bildnis, einen Narmada-Stein, einen als Shiva bezeichneten Gegenstand [Lesung unklar], einen Shaligrama oder eine Kundalini-Darstellung schenken.

M 80.96 Nachdem er lange in Shripura geweilt hat, wird er am Ende des leiblichen Daseins befreit. Wer einen verfallenen Tempel des Königs der Chakras oder einer anderen Gottesgestalt erneuert,

M 80.97 erlangt hundertmal so viel Verdienst wie durch den Bau eines neuen Tempels. Wer eine lange unterbrochene Verehrung wieder in Gang setzt,

M 80.98 indem er Geld oder Land schenkt, erlangt ebenfalls eine hundertfache Frucht. Nun höre noch das Allerverborgenste, Nachkomme Bhrigus!

M 80.99 Wer geeigneten Hingebungsvollen die Überlieferung vermittelt, nach der Ordnung der stufenweisen Einweihung und der weiteren Unterweisungen, wird hier mit einer Lesung beschrieben, die wörtlich „auf Geld, Ehre und Ähnliches bedacht“ lautet. [An dieser entscheidenden Stelle ist vermutlich eine Verneinung ausgefallen; sie wird nicht stillschweigend ergänzt.]

M 80.100 Dessen Frucht ist unendlich, Rama! Wer könnte sie schildern? Nach seinem Wunsch weilt er im Kreis der Meister und wird am Ende befreit.

M 80.101 Wer aber einen geeigneten Menschen, der um Unterweisung in der Verehrung bittet, aus Begierde, Verblendung, Nachlässigkeit oder auch aus Abgewandtheit zurückweist,

M 80.102 und wer aus Gier nach Besitz die Lehre einem Ungeeigneten vermittelt – für beide gibt es keine gute Welt; sie werden einen niederen Zustand erlangen.

M 80.103 Auch wer aus törichter, besitzergreifender Bindung an sein Wissen den Hingebungsvollen die Überlieferung nicht erklärt, gelangt in einen niederen Zustand.

M 80.104 Darum soll man einen geeigneten, von Hingabe erfüllten Menschen, der die Überlieferung verstehen möchte, niemals zurückweisen, sei es der eigene Schüler oder ein anderer.

M 80.105 Dies bringt eine große Frucht, Rama; nichts kommt ihm gleich. Andere Gaben, die nicht das Selbst zum Inhalt haben, können sogar binden.

M 80.106 Das Schenken der Erkenntnis ist in besonderem Sinn ein Schenken des eigenen Selbst. Auch durch die schriftliche Weitergabe der Erkenntnis kann ihre Frucht unendlich sein. [Die erste Vershälfte enthält eine Wortwiederholung.]

M 80.107 Wer wegen begrenzten Verständnisses die Erkenntnis nicht selbst lehren kann, erlangt ihre Frucht auch dadurch, dass er die Lehre schriftlich weitergibt.

M 80.108 Dieses äußerst verborgene Wissen habe ich dir aus Liebe erklärt. So wird im Weg der Verehrung Tripurās die große Frucht erlangt.

M 80.109 Nachkomme Bhrigus, so wurde dir im Geheimnis Tripurās ihre herrliche Größe dargelegt. Wer davon hört, wird von Hingabe erfüllt.“

M 80.110 „Göttlicher Weiser, hast du dies mit gesammeltem Geist gehört? Dies ist der Verherrlichungsteil des Geheimnisses Tripurās.

M 80.111 Wer ihn hört, wird von allen Verfehlungen frei. Dies ist ein vorzügliches Mittel, um die Bindung des Selbst zu lösen.

M 80.112 Denn Hingabe wird die Mutter der Befreiung genannt. Sie entsteht nicht ohne das Hören von der Herrlichkeit der Göttin.

M 80.113 Darum ist das Hören ihrer Herrlichkeit die erste Stufe zum Palast des Höchsten. Es gilt in dieser Welt als Tor zur Befreiung.

M 80.114 Wie könnte Hingabe entstehen, ohne von ihrer Größe gehört zu haben? Und wie könnte ohne Hingabe das höchste Heil, die höchste Gottheit, erreicht werden?

M 80.115 Ohne Hingabe vermögen die Mittel zur Befreiung nichts. Die folgende Vergleichszeile über die Schönheit einer jungen Frau ist beschädigt; der fehlende Vergleichsbezug lässt sich nicht sicher übersetzen.

M 80.116 Wie ein Same ohne Erde keinen Spross hervorbringen kann, so bringt Erkenntnis ohne Hingabe keine Frucht hervor.

M 80.117 Dem Menschen ohne Hingabe fehlen rechtes Handeln, Verehrung und Unterscheidung. Darum findet der von Hingabe Entblößte nirgends innere Festigkeit.

M 80.118 Weil das Hören ihrer Herrlichkeit die Wurzel dieser Hingabe ist, Narada, soll man diesen als Verherrlichung bezeichneten Teil hören.

M 80.119 Er tilgt die schweren Verfehlungen der Hörenden und Lesenden. Wer ihre Gnade ersehnt, soll ihn täglich lesen – ein Kapitel oder auch nur einen Vers.

M 80.120 Wer nach der gänzlich heilsamen Gnade der Shakti Tripurā verlangt, dem wird hier langes Leben und die Mehrung des Wohlergehens zugesprochen.

M 80.121 Ein Besitzloser werde wohlhabend, eine kinderlose Frau Mutter von Söhnen; was immer gewünscht wird, soll durch das Hören dieses Textes erlangt werden.

M 80.122 Abgeschrieben schenkt er Wissen, verehrt gewährt er das Ersehnte; gründlich erwogen schenkt er den Menschen Erkenntnis, Hingabe, Nichtanhaftung und die weiteren Tugenden.

M 80.123 Der Schlussvers beschreibt das aus dem Quirlen des Ozeans aller Agamas gewonnene Nektarhafte der Hingabe und die Unsterblichkeit Shivas und der übrigen Götter; die Verbform ist beschädigt. Er endet: „Diese Mutter ist Tripurā selbst – Hrīm.“

Kapitelabschluss: Hier endet Kapitel 80 des Māhātmyakhaṇḍa im erhabenen Tripurārahasya: Die wesentlichen Aufgaben der Verehrenden.

Angehängte Lob- und Meditationsverse

Nach dem Abschluss des Māhātmyakhaṇḍa stehen in der Sanskritgrundlage weitere, unnummerierte Gebets- und Betrachtungsverse. Sie sind von den achtzig Kapiteln des Werkteils zu unterscheiden; einzelne werden ausdrücklich anderen Hymnen zugeordnet. Die Buchstaben A 1–7 dienen hier allein der Orientierung.

Abschlusswidmung des Māhātmyakhaṇḍa

Dies sei der Mutter Tripura dargebracht. Om, das ist die Wahrheit. Hier endet der Māhātmyakhaṇḍa im Tripurārahasya.

A 1 – Ehrfürchtige Bitte an Shri Vidya

Möge jene ewige Herrin der Welten wie ein Schwan in meinem Geist wohnen: Ein unbeschreiblicher, makelloser Strahl ihrer Kraft überflutet alle Richtungen mit den nektargleichen Lichtstrahlen erwachter Erkenntnis und durchdringt die sechs Chakras. Sie allein vermag die Finsternis der Niedergeschlagenheit zu zerreißen und entfaltet die höchste Sprache.

A 2 – Das Geheimnis der Tripura

Die Dreiheit der Götter, der Feuer und der Shaktis, die drei Töne, die drei Welten, die dreifüßige heilige Formel, die drei Pushkaras, das dreifache Brahman und die drei Laute: Was immer in der Welt dreifach geordnet ist, einschließlich der drei menschlichen Lebensziele, all dies folgt in Wahrheit deinem Namen Tripura, Erhabene. Einzelne Bestandteile der stark verdichteten Liste sind sprachlich unsicher. Die Quelle weist den Vers dem Laghustava des Laghvacarya zu; die einzelnen Dreiheiten werden dort nicht weiter erklärt.

A 3 – Betrachtung der höchsten Mutter

Man meditiere über die höchste Mutter: Ihr Körper ist zinnoberrot, sie hat drei Augen. Auf ihrer Rubinkrone leuchtet die Mondsichel; ihr Gesicht lächelt, ihre Brüste sind voll. In ihren Händen trägt sie eine mit berauschendem Trank gefüllte Edelsteinschale und einen roten Lotus. Sanft ist sie, und ihre roten Füße ruhen auf einem edelsteinbesetzten Gefäß.

A 4 – Betrachtung der Shri Vidya

Man meditiere über Shri Vidya, die auf einem Lotus sitzt, mit erblühtem Antlitz und langen Augen wie Lotusblätter. Sie glänzt golden, trägt ein gelbes Gewand und hält einen leuchtenden goldenen Lotus in der Hand. Von schöner Gestalt, mit allem Schmuck versehen, gewährt Bhavani stets Furchtlosigkeit und ist durch Hingabe zugänglich. Ihre Gestalt ist Frieden; alle Götter preisen sie, und sie schenkt jede Fülle. Die Wörter für Goldglanz, Furchtlosigkeit und die Zugänglichkeit durch Hingabe sind im überlieferten Wortlaut beschädigt; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Sinn der Meditationsstrophe.

A 5 – Ein Vers aus dem Karpurastava

„Dunkle Göttin! Den Menschen, die bei deiner Verehrung Fleisch samt Haaren und Knochen als Opfer darbringen – von Katze, Kamel, Schaf, Mensch oder Büffel oder auch von einer Ziege –, erwachsen nach dieser Aussage alle außergewöhnlichen Vollkommenheiten auf Schritt und Tritt.“ Der im Anhang ausdrücklich dem Karpurastava zugewiesene Vers enthält eine drastische Opferliste. Er wird als überlieferter Text wiedergegeben, nicht als Praxisempfehlung. Eine symbolische Umdeutung dieser Liste wird im beigefügten Wortlaut nicht erläutert; einzelne Wörter sind gestört.

A 6 – Verehrung Tripuras

Mutter, ich nehme Zuflucht zu deiner Gestalt, die ganz aus Bewusstsein besteht: Ursprung der Glückseligkeit und Wohnstätte der heiligen Offenbarungen. Brahma, Shiva und Vishnu verehren deine Lotusfüße. Tripura, dich, die Geburtsstätte alles Glücks, verehre ich in rechter Weise.

A 7 – Verherrlichung der Hrim-Silbe

Tripura, was wäre für jene hier schwer zu erlangen, die täglich deinen Namen rezitieren? Lakshmi selbst dient ihnen freudig und verleiht die Würde von Kränzen, Kronen und mächtigen Elefanten. Die im Versanfang wiederholte Bija-Silbe ist abweichend und unsicher überliefert; deshalb wird daraus keine Rezitationsformel hergestellt. Die deutsche Wiedergabe gibt den verständlichen Sinn des Lobverses wieder, nicht eine gesicherte Mantrafassung.

Spirituelle Bedeutung des Tripura Rahasya

Die hier übersetzten Kapitel zeichnen einen Weg, auf dem Hingabe, Erforschung und tätige Großzügigkeit einander tragen. Parashurama beginnt nicht als Anfänger ohne Praxis. Gerade die Vertiefung seiner Verehrung lässt ihn fragen, ob die unablässige Suche nach Ergebnissen je an ein Ende gelangt. Diese Frage ist keine Verurteilung verantwortlichen Handelns. Sie richtet sich gegen die Verwechslung einer vorübergehenden Erleichterung mit bleibender Erfüllung.

Die Vidyāgītā führt die Frage an ihren Grund. Was als göttliche Mutter verehrt wird, leuchtet zugleich als Bewusstsein jedes Erlebens. Der Unterschied zwischen innerer und äußerer Verehrung verliert dadurch seine Starrheit: Ein Bild, ein Mantra oder ein heiliger Ort können das Herz sammeln; Erkenntnis durchschaut, dass auch Verehrer, Verehrung und Verehrte in derselben Wirklichkeit erscheinen. Die nichtduale Einsicht muss die Liebe nicht zum Verstummen bringen. Sie kann sie von der Angst befreien, das Göttliche sei grundsätzlich fern.

Shiva und Shakti erinnern an die Untrennbarkeit von Bewusstsein und schöpferischer Gegenwart.

Die hohen Aussagen über Mühelosigkeit dürfen nicht mit gedankenloser Gleichgültigkeit verwechselt werden. Der Text sagt ausdrücklich, dass Erkenntnis frei von Dumpfheit ist. Er beschreibt die Reife eines klaren, nicht mehr an einer getrennten Identität haftenden Bewusstseins. Die geringere Aufmerksamkeit auf weltliche Zwecke, die manche Verse schildern, ist keine allgemeine Aufforderung, Verpflichtungen zu vernachlässigen.

Im letzten Kapitel des Māhātmyakhaṇḍa wird diese innere Weite sozial greifbar: Ein Tempel kann gereinigt, ein Licht entzündet, eine Praxis unterstützt und ein Buch weitergegeben werden. Nicht jeder Mensch verfügt über dieselben Mittel; die Möglichkeit des Dienens bleibt dennoch offen. Die Weitergabe von Erkenntnis wird sogar als Gabe des Selbst gewürdigt. Damit begegnen sich Jnana Yoga, Bhakti Yoga und Karma Yoga, ohne dass man die überlieferten Riten in moderne Übungen umdeuten müsste.

Die Kraft, die nicht außerhalb des Bewusstseins steht

Der Māhātmyakhaṇḍa vertieft das Verhältnis von Shiva und Shakti: So wenig eine Sonne ohne Leuchtkraft besteht, so wenig besteht Shiva ohne Bewusstseinskraft (79.54–57). Umgekehrt ist Shakti keine vom Bewusstsein abgetrennte Energie. Das Bild des göttlichen Paares hält Ruhe und schöpferisches Erscheinen zusammen. Kameshvara geht im Mythos aus Lalita selbst hervor; die höchste Einheit wird dadurch nicht zu zwei voneinander unabhängigen Wirklichkeiten.

Die Welt Shripuras führt von äußeren Wällen bis zu den Kräften des Geistes und zum Mittelpunkt der Verehrung. Sprache, Nadis und Chakras erscheinen in diesem heiligen Zusammenhang. Diese Bilder erschließen einen geistlichen Kosmos; sie ergeben für sich keine vollständige Anleitung zu Atemlenkung, Nyasa oder Kundalini-Praxis. Die einzelnen Kräfte werden in Māhātmya 80.20–23 mit Sonnenstrahlen verglichen: Viele Wirkweisen gehören zu einer einzigen leuchtenden Gegenwart.

Hingabe im Widerspruch

Bhandas Geschichte ist besonders anspruchsvoll. Sein früherer Übergriff bleibt schuldhaft, und sein zunächst hilfreiches Handeln hebt diese Schuld nicht auf. Dennoch bleibt in ihm eine Erinnerung an die Göttin lebendig. Der Text führt ihn durch Macht, Überdruss, Trauer und Hingabe bis zur völligen Sammlung auf Lalitas Füße. Die mythische Vernichtung ist dabei kein Vorbild menschlichen Handelns. Spirituell bedeutsam ist die Frage, ob auch ein tief verstrickter Mensch seine Ausrichtung ändern und Gnade empfangen kann.

In der Ganesha-Episode zeigt sich ein anderes Hindernis: Die gemeinsame Aufgabe zerfällt durch Trägheit und gegenseitiges Misstrauen. Ganesha geht aus dem liebevollen Blick Lalitas auf Kameshvara hervor; nach der Zerstörung des Hindernis-Yantras kehren Klarheit und Handlungsfähigkeit zurück. Für eine heutige Betrachtung lässt sich darin die Verbindung von liebevoller Sammlung und entschlossenem Handeln sehen, ohne den erzählten Zauber zum Erklärungsmodell alltäglicher Konflikte zu machen.

Weibliche Lehrerschaft und gelebte Erkenntnis

Hemalekha unterweist ihren Gemahl, eine Asketin prüft Ashtavakras Wissen, und Lopamudra weiht Agastya ein. Diese drei Konstellationen sind für das Werk wesentlich: Geistliche Autorität beruht auf Einsicht und Überlieferung und ist nicht auf die männlichen Hauptfiguren beschränkt. Zugleich fordert Jñāna 21.30–34 dazu auf, die Kennzeichen der Erkenntnis vor allem zur eigenen Prüfung zu verwenden. Das bewahrt die Lehre davor, zu einem bloßen Maßstab für Urteile über andere zu werden.

Anregungen für heutige Aspiranten

Die folgenden Anregungen sind eine heutige Anwendung der behandelten Lehren:

  • Lies täglich einen kurzen Abschnitt und frage: Welche meiner Erwartungen stellt er infrage?
  • Verbinde Meditation mit einer einfachen Selbstbeobachtung: Gedanken verändern sich – worin werden sie erkannt?
  • Lass eine Form der Hingabe Raum behalten, etwa Dankbarkeit, ein Gebet oder bewusstes Verneigen. Nichtdualität muss das Herz nicht trocken machen.
  • Prüfe den Umgang mit besonderen Erfahrungen. Der Text stellt Selbsterkenntnis über außergewöhnliche Kräfte.
  • Setze eine Einsicht in einen konkreten Dienst um: unterstütze einen Lernenden, teile ein gutes Buch oder hilf an einem Ort gemeinsamer Praxis.

Siehe auch

Literatur und Weblinks

Traditionelle Yoga-Vidya-Literatur

Textausgaben und weiterführende Quellen

  • Hāritāyana: Tripurārahasya, Jñānakhaṇḍa, mit der Tātparyadīpikā von Śrīnivāsabhaṭṭa. Elektronische Sanskritüberlieferung: Muktabodha, M00344.
  • Tripurārahasya, Māhātmyakhaṇḍa, Gurumaṇḍalagranthamālā 28, Teil 2, Kapitel 51–80. Elektronische Sanskritüberlieferung: Muktabodha, M00221.
  • Tripura Rahasya im Yoga Vidya Wiki – ergänzende traditionelle Deutungen; keine Ersatzquelle für den hier wiedergegebenen Sanskritwortlaut.
  • Yoga: Grundlagen und Praxis
  • Meditation: Einführung und Vertiefung

Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Sanskritgrundlage: Muktabodha Indological Research Institute, elektronische Texte M00344, Tripurārahasya, Jñānakhaṇḍa, mit Śrīnivāsabhaṭṭas Tātparyadīpikā (Revision vom 21. Februar 2016), und M00221, Tripurārahasya, Māhātmyakhaṇḍa, Kapitel 51 bis zum Schluss, Gurumaṇḍalagranthamālā 28, Teil 2 (Revision vom 18. September 2010). Erfassung durch die Mitarbeiter des Instituts unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Beide elektronischen Texte nennen Creative Commons BY-NC 4.0 als Lizenz.

Die Sanskritwiedergabe bewahrt die Lesungen, Variantenklammern, Sprecherangaben, Kolophone und angehängten Verse der elektronischen Textgrundlage. Kapitelüberschriften, Absätze und Halbversumbrüche sind für die Lektüre gegliedert; Druckseitenmarkierungen entfallen. Offensichtliche Schreib- und Nummerierungsprobleme der Grundlage sind damit nicht als gesicherte Lesungen bestätigt. Im Māhātmyakhaṇḍa stehen teilweise verkürzte oder widersprüchliche Kapitelbezeichnungen; die Orientierung folgt der fortlaufenden Kapitelabfolge und den Kolophonen. Der Jñānakhaṇḍa überliefert den Grundtext zusammen mit seinem Sanskritkommentar; wiederkehrende Versnummern können sich auf die anschließende Erklärung desselben Verses beziehen.

Māhātmyakhaṇḍa 1–50 und ein Caryākhaṇḍa gehören nicht zum hier zugrunde liegenden Textbestand. Die abschließenden Lob- und Meditationsverse nach dem Māhātmyakhaṇḍa werden als Anhang überliefert, nicht als zusätzliche Kapitel des Grundwerks.

Die deutsche Übersetzung umfasst Jñānakhaṇḍa 1–22 sowie Māhātmyakhaṇḍa 51–80, insgesamt 4.672 nummerierte Einträge. Die angehängten Lobverse sind ebenfalls übersetzt. Der umfangreiche Kommentar Tātparyadīpikā bildet eine eigene Textebene; seine deutsche Wiedergabe steht vollständig im zweiten Teil. Der hier übersetzte Grundtext ist im Umfang der genannten Sanskritgrundlage wiedergegeben, nicht im Umfang des gesamten historischen Werkes. Unsichere oder beschädigte Wörter sind an den betreffenden Stellen kenntlich gemacht; bei M 80.115 und 80.123 ist keine durchgehend sichere Übersetzung möglich. Die Angaben zu Wunschfrüchten und übernatürlichen Kräften geben Aussagen des religiösen Textes wieder.

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