Kalika Purana: Unterschied zwischen den Versionen
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Das '''Kalika Purana''' ([[Sanskrit]]: कालिका पुराण, Kālikā Purāṇa) befasst sich mit der [[Verehrung]] der [[Göttin]] [[Kali]] und ihrer vielfältigen [[Manifestation]]en, wie [[Girija]], [[Devi]], [[Bhadrakali]] und [[Mahamaya]]. Das [[Purana]] beschreibt im Detail die Berge und Flüsse des Kamarupa Tirthas (heute Assam) und erwähnt den [[Tempel]] der Göttin [[Kamakshya]]/[[Kamakshi]]. Es verherrlicht die Göttin und beschreibt die für sie wichtigen Riten. Es gehört damit zu der Shakta Literatur, in der die Göttin als die allerschaffende [[Kraft]] des [[Universum]]s gilt. | Das '''Kalika Purana''' ([[Sanskrit]]: कालिका पुराण, Kālikā Purāṇa) befasst sich mit der [[Verehrung]] der [[Göttin]] [[Kali]] und ihrer vielfältigen [[Manifestation]]en, wie [[Girija]], [[Devi]], [[Bhadrakali]] und [[Mahamaya]]. Das [[Purana]] beschreibt im Detail die Berge und Flüsse des Kamarupa Tirthas (heute Assam) und erwähnt den [[Tempel]] der Göttin [[Kamakshya]]/[[Kamakshi]]. Es verherrlicht die Göttin und beschreibt die für sie wichtigen Riten. Es gehört damit zu der Shakta Literatur, in der die Göttin als die allerschaffende [[Kraft]] des [[Universum]]s gilt. Der ganze Text siehe [[Kalika Purana Sanskrit IAST]] und [[Kalika Purana Sanskrit Devanagari]]. Eine werkübergreifende Auswahl mit eigenen Erläuterungen bietet [[Kalika Purana 108 Verse und Mantras]]. Hier in diesem Artikel die volle Übersetzung dieser Purana der Dunklen Göttin. | ||
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[[Datei:Dakshayani.jpg|thumb|Shiva trägt Sati auf seinem Dreizack.]] | [[Datei:Dakshayani.jpg|thumb|Shiva trägt Sati auf seinem Dreizack.]] | ||
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'''Kalika Purana''' (Sanskrit: कालिकापुराण, ''Kālikāpurāṇa'', „Purana der Göttin Kalika“) ist eine Schrift der [[Shaktismus|Shakta-Tradition]], in der die göttliche Mutter als Ursprung, tragende Kraft und verwandelnde Macht des Lebens verehrt wird. Sie verbindet die Geschichten von [[Shiva]], [[Sati]] und [[Parvati]] mit Lobpreisungen der [[Devi]], der Verehrung [[Kamakhya]]s, tantrischem Ritual und der Beschreibung heiliger Orte. Ihre besondere Faszination liegt darin, dass dieselbe Göttin als das Licht des [[Bewusstsein]]s und als [[Maya]], als nährende Mutter und als erschütternde Kraft erscheint. | |||
[[Datei:KaliMitShiva gr.jpg|thumb|Kali und Shiva. Das Kalika Purana erzählt von der Beziehung zwischen göttlicher Kraft, Weltgeschehen und innerer Versenkung.]] | |||
Für spirituelle Aspiranten eröffnet das Werk eine lebendige Frage: Wie kann die Welt, die uns mit ihren Wünschen und Ängsten bindet, zugleich zum Ort der Erkenntnis werden? Die Hymnen antworten, indem sie die Göttin nicht nur im Außergewöhnlichen suchen. Sie preisen sie als Geduld, Mitgefühl, Freundlichkeit, Einsicht und Frieden. So kann [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] zu einer Hinwendung zum Göttlichen werden, die sich im eigenen Geist ebenso bewährt wie im Umgang mit anderen Menschen. | |||
'''Umfang dieser Ausgabe:''' Der fortlaufende deutsche Text umfasst alle 90 Kapitel der zugrunde gelegten Fassung. Der Sanskrittext aller 90 Kapitel steht unter [[Kalika Purana Sanskrit IAST]] und [[Kalika Purana Sanskrit Devanagari]]. Eine werkübergreifende Auswahl mit eigenen Erläuterungen bietet [[Kalika Purana 108 Verse und Mantras]]. | |||
==Bedeutung und Einordnung== | |||
''Kālikā'' ist ein Name der Göttin [[Kali]]; ''Purāṇa'' bezeichnet eine Überlieferung über die alte, heilige Geschichte der Welt. Die Bezeichnung lässt sich daher als „Purana über Kalika“ oder „heilige Überlieferung der Kalika“ verstehen. Die verbreitete Schreibweise „Kalika Purana“ verzichtet auf die diakritischen Zeichen der wissenschaftlichen Umschrift. | |||
Das Werk wird den [[Upapurana]]s zugeordnet. „Neben-Purana“ bedeutet dabei keine geringe spirituelle Bedeutung, sondern bezeichnet seine Stellung außerhalb der verbreiteten Liste der achtzehn Mahapuranas. [[Markandeya]] tritt als Erzähler auf. Diese traditionelle Zuschreibung und die historische Entstehung des Textes sind verschiedene Ebenen: Ein mythologischer Sprecher ist nicht ohne Weiteres ein datierbarer Verfasser. | |||
Historisch gehört das Kalika Purana in das mittelalterliche religiöse Umfeld von [[Kamarupa]], dem alten Assam und seinen Nachbarregionen. Die genaue Datierung ist umstritten; häufig wird ein Entstehungszusammenhang um das 10.–11. Jahrhundert angesetzt, während einzelne Forschungsansätze frühere oder spätere Zeiträume vertreten. Die besondere Vertrautheit mit regionalen Heiligtümern, Flüssen, Bergen und der Naraka-Überlieferung erklärt seine große Bedeutung für die Religionsgeschichte dieser Region. Eine genaue Entstehungsjahreszahl wäre nicht gerechtfertigt. | |||
Im Werk selbst greifen [[Shaktismus]], [[Shaivismus]] und die Verehrung [[Vishnu]]s ineinander. Schon die Eingangsstrophen rufen Hari und die göttliche Maya an. In den Kapiteln 11–12 wird die Einheit von Brahma, Vishnu und Shiva ausdrücklich zum Thema. Die starke Hinwendung zur Göttin schließt andere Gottesgestalten somit nicht aus. | |||
==Aufbau und zentrale Lehren== | |||
Die hier zugrunde gelegte Fassung hat 90 Kapitel. Mythologische Erzählung, philosophische Betrachtung, Lobpreis, Rituallehre und Ortsbeschreibung wechseln einander ab. Das Werk ist deshalb am besten als vielschichtige religiöse Welt zu lesen, nicht als ein durchgehend gleichförmiges Übungshandbuch. | |||
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! Bereich !! Inhaltliche Orientierung | |||
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| Kapitel 1–17 || Kama und Rati, die Hinwendung Shivas zu Sati, die Hochzeit sowie der Konflikt um Dakshas Opfer. | |||
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| Kapitel 18–23 || Weitere Erzählungen um Sati, Sandhya, Chandra und die Verbindung von Vasishtha und Arundhati. | |||
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| Kapitel 24–36 || Weltschöpfung und Weltauflösung, Varaha, Sharabha und die Frage nach dem bleibend Wesentlichen. | |||
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| Kapitel 37–40 || Naraka und seine mit Kamarupa verbundene Geschichte. | |||
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| Kapitel 41–51 || Weitere Shiva-Devi-Erzählungen, Ardhanarishvara und die Vorgeschichte von Vetala und Bhairava. | |||
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| Kapitel 52–76 || Ausführliche Verehrungslehren: Mahamaya, Kamakhya, Tripura, Mantra, innere Betrachtung, Nyasa, Mudra, Schutztexte und Opfergaben. | |||
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| Kapitel 77–90 || Weitere Heiligtümer und Erzählungen, unter anderem um Parashurama, königlichen Dharma und Nachkommenschaften; abschließend Lobpreis und Würdigung des Werkes. | |||
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Diese Übersicht dient der Orientierung; sie ersetzt weder die einzelnen Erzählungen noch die ausführlichen Ritualabschnitte. Für den Einstieg in die spirituelle Gedankenwelt eignen sich besonders die Göttinnenhymnen in Kapitel 5 und 8, die Einheitsschau in Kapitel 11–12, die Betrachtung des Wesentlichen in Kapitel 28 sowie die Verbindung von Guru, Mantra und Herz in Kapitel 55. | |||
==Kali, Devi und Shakti== | |||
Eine Schlüsselstelle ist Brahmas Anrufung in 5.17: Die Göttin ist Bewusstsein, höchste Glückseligkeit, das Wesen des höchsten Selbst und die Kraft aller Wesen. Diese Aussage weitet den Blick über eine einzelne mythologische Gestalt hinaus. [[Shakti]] bezeichnet hier die göttliche Wirksamkeit, durch die Erkennen, Leben und Welt überhaupt möglich werden. | |||
Zugleich bleibt die Göttin persönlich ansprechbar. Sie hört den Lobpreis, erscheint vor den Verehrenden und antwortet. Das Kalika Purana hält diese beiden Zugänge nebeneinander: philosophische Erkenntnis und liebevolle Beziehung, [[Jnana]] und [[Bhakti]]. Wer betet, muss seine Sehnsucht nicht erst in abstrakte Begriffe auflösen. Wer nach der letzten Wirklichkeit fragt, findet in der Göttin mehr als eine bloße Verkörperung menschlicher Wünsche. | |||
In 5.25 erscheint die Eine in zwei Weisen: als [[Vidya]], die zur Befreiung führt, und als [[Avidya]], die Weltgebundenheit hervorruft. Maya bedeutet damit mehr als Täuschung im gewöhnlichen Sinn. Sie bezeichnet die Kraft, die Gestalten hervorbringt, Erfahrung ermöglicht und dabei zugleich die zugrunde liegende Einheit verhüllen kann. | |||
Auch die Erscheinungsform verdient Aufmerksamkeit: In 5.52 und 8.9–10 wird Kalika dunkel, vierarmig und auf einem Löwen beschrieben, mit Schwert und blauem Lotus. Die Namen Kali, Kalika, Mahamaya und Yoganidra dürfen daher nicht automatisch auf ein einziges, heute besonders bekanntes Bildschema festgelegt werden. | |||
==Mythologie und spirituelle Symbolik== | |||
Das Kalika Purana beginnt mit [[Kama]], der Kraft des Begehrens. Kaum erschaffen, erprobt er seine Macht an den höchsten Wesen. Selbst Brahma und die Weisen bleiben nicht unberührt. Darin liegt eine eindringliche Beobachtung: Wissen um das Richtige und tatsächliche [[Selbstbeherrschung]] sind nicht dasselbe. | |||
[[Shiva]] erscheint zunächst als der völlig zurückgezogene Yogi. Seine Verbindung mit Sati bringt die Spannung zwischen Weltabkehr und Weltzuwendung in Bewegung. In einer heutigen spirituellen Lesart kann diese Begegnung daran erinnern, dass innere Freiheit und lebendige Beziehung einander nicht ausschließen müssen. Diese Lesart ist eine Auslegung der Erzählung, keine Behauptung, der Text erzähle ausschließlich psychologische Gleichnisse. | |||
Auch die Natur erhält eine Stimme. Der Frühling entsteht aus einem Seufzer, Blüten und Vögel begleiten das Erwachen der Liebe. Die Welt erscheint als belebt und bedeutungsvoll. Eine solche Sicht kann die Aufmerksamkeit schulen: auf Schönheit achten, ohne sie besitzen zu müssen; Bewegung wahrnehmen, ohne das innere Zentrum zu verlieren. | |||
==Guru, Mantra und Ritual== | |||
Die tantrischen Teile des Werkes beschreiben eine strukturierte Verehrung. Dazu gehören [[Mantra]], [[Mandala]], [[Mudra]], [[Nyasa]], Darbringung und die innere Vergegenwärtigung der Göttin. Das äußere Ritual und die innere Aufmerksamkeit bilden dabei keine getrennten Welten. | |||
Kapitel 54.10–12 führt in die Verehrung der Göttin im Herzen. In Kapitel 55.23–25 werden [[Guru]], Mantra, eigenes Selbst und Göttin in einer zusammenhängenden Betrachtung vergegenwärtigt. 55.33 nennt das Herz den Ausgangspunkt von Meditation, Mantra, Betrachtung und [[Japa]]. Das ist für heutige Aspiranten ein hilfreicher Schwerpunkt: Wiederholung soll von Gegenwart erfüllt sein, Verehrung von einer bewussten Beziehung. | |||
Vergleichende Lektüre kann diesen Zugang vertiefen. [[Kularnava Tantra]] behandelt die Bedeutung von Guru und spiritueller Reife; [[Yogini Hridaya]] erschließt andere Zusammenhänge innerer Göttinnenverehrung. [[Nitya Shodashikarnava]] und [[Vamakeshvara Tantra]] gehören in den weiteren Bereich der Tripura-Traditionen. Solche Querverweise eröffnen verwandte Themen, ohne die jeweiligen Systeme gleichzusetzen oder direkte literarische Abhängigkeiten zu behaupten. | |||
'''Historische Opferformen''' | |||
Zum Kalika Purana gehören auch ausführliche Vorschriften über Blut- und Tieropfer sowie Passagen über Menschenopfer. Sie dürfen in einer zuverlässigen Darstellung weder verschwiegen noch insgesamt als bloße Metaphern umgedeutet werden. Sie bezeugen historische religiöse Vorstellungen und ritualtheologische Rechtfertigungen. Die Darstellung dieser Vorschriften ist keine Empfehlung ihrer Ausführung. | |||
Für eine heutige, an [[Ahimsa]] orientierte Yoga-Praxis bieten die Hymnen, die geistige Verehrung und die Betrachtung von Mitgefühl und Erkenntnis eigenständige Zugänge. Komplexe, initiationsgebundene Ritualverfahren werden nicht durch das Lesen eines Wiki-Artikels zu einer allgemeinen Selbstpraxis. | |||
==Yoga und Meditation== | |||
[https://www.yoga-vidya.de/meditation/meditation Meditation] ist im Kalika Purana mehr als Vorbereitung auf eine Gottesschau. Sie ist auch der Weg, auf dem Shiva die Nichtverschiedenheit der göttlichen Gestalten unmittelbar erkennt. Die Belehrung mündet in Versenkung: Der Gedanke wird zur Anschauung. | |||
Der achtgliedrige Yoga wird in 5.44 und 28.6 angesprochen. Seine Verbindung mit der Frage nach der ewigen Wirklichkeit zeigt, dass [[Dharana]], [[Dhyana]] und [[Samadhi]] in einen umfassenden Weg der Läuterung und Erkenntnis gehören. Die Göttinnenverehrung steht dazu nicht notwendig im Gegensatz. | |||
Bei der feinstofflichen Anatomie ist genaues Lesen besonders wichtig. Kapitel 55.29–33 beschreibt Zentren und die Verbindung von [[Ida]], [[Pingala]] und [[Sushumna]] in einer Anordnung, die nicht einfach dem heute verbreiteten Sieben-Chakra-Schema entspricht. Das dortige ''ṣaṭcakra'' ist aus dem Zusammenhang zu verstehen; es darf nicht überall mechanisch als „die sechs Chakras“ übersetzt werden. Auch Begriffe wie [[Kundalini]] oder ein modernes System von [[Pranayama]] dürfen nicht an jede Erwähnung von Atem, Licht oder Kraft herangetragen werden. | |||
Die folgende Anleitung zeigt eine heutige Yoga-Vidya-Praxis der Chakra-Energie-Meditation. Sie illustriert einen gegenwärtigen Zugang und ist keine Rekonstruktion der Ritualpraxis des Kalika Purana. | |||
{{#ev:youtube|bC1zJIRf7as}} | |||
==Deutsche Übersetzung des Kalika Purana== | |||
Die Kapitel- und Versangaben folgen der Sanskritfassung. Zusammenhängende Sätze können über mehrere nummerierte Verse reichen. Fehlende Nummern werden nicht durch erfundene Verse aufgefüllt; doppelte Nummern erhalten nur dort einen erläuternden Zusatz, wo dies zur eindeutigen Orientierung nötig ist. | |||
===Kapitel 1=== | |||
'''Die Entstehung Kamas''' | |||
'''1.1''' Möge euch das Paar der Lotusfüße [[Hari]]s läutern: Yogis mit ganz geläutertem Geist nahen ihm und verehren es, weil es die Angst und den Schmerz des Werdens vernichten kann. Als es sich offenbarte, überschritt es mit seinen Schritten Erde, Zwischenraum und Himmel. | |||
'''1.2''' Möge sie euch beschützen, die im Herzen aller Yogis wie die Sonne das Dunkel der Unwissenheit vertreibt und den Asketen Befreiung schenkt: die [[Maya]] des allmächtigen Herrn, welche die Schar der Geschöpfe bei ihrer Geburt verblendet und unrechte Einsicht vernichtet. Die Schlusswendung des Sanskritverses ist sprachlich gestört. | |||
'''1.3''' Nachdem ich mich vor dem ursprünglichen Herrn der Welten, dem höchsten [[Purusha]], verneigt habe, will ich das Kalika genannte [[Purana]] verkünden, das von ewigem Wissen erfüllt ist. | |||
'''1.4''' Die Weisen, angeführt von Kamatha, verneigten sich vor [[Markandeya]], dem hervorragenden Seher, der am Himalaya weilte, und fragten ihn: | |||
'''Die Weisen sprechen:''' | |||
'''1.5''' Erhabener, du hast die Lehrschriften ihrem wahren Gehalt nach und ebenso sämtliche Veden mit ihren Hilfswissenschaften erläutert und dabei ihren wesentlichen Gehalt herausgearbeitet. Der Wortlaut enthält eine kleine Textbeschädigung. | |||
'''1.6''' Jeden Zweifel, der uns hinsichtlich der Veden und Lehrschriften gekommen war, hast du beseitigt, o Brahmane, wie die Sonne eine Masse von Dunkelheit vertreibt. | |||
'''1.7''' Du Hervorragender unter den Langlebigen, durch deine Gnade, bester der Zweimalgeborenen, sind unsere Zweifel an Veda und Lehrschrift vollständig geschwunden. | |||
'''1.8''' Unser Ziel ist erreicht, o Brahmane: Von dir haben wir die gesamte Lehre des [[Dharma]] samt ihren Geheimnissen gelernt, wie sie der Selbstgeborene verkündete. | |||
'''1.9''' Nun möchten wir weiter hören, wie [[Kali]] einst in der Gestalt [[Sati]]s den asketischen Herrn [[Shiva|Hara]] bezauberte. | |||
'''1.10''' Wie brachte sie Hara in Bewegung, der stets in [[Dhyana|Meditation]] ruhte, sich beherrschte, der Beste der Asketen war und dem Weltleben entsagt hatte? | |||
'''1.11''' Wie wurde die schöne Sati unter Dakshas Frauen geboren? Wie fasste Hara den Entschluss, eine Ehe einzugehen? | |||
'''1.12''' Wie gab Sati einst wegen Dakshas Zorn ihren Körper auf? Wie wurde sie als Tochter des Himavat geboren, und wie kehrte sie wieder zurück? | |||
'''1.13''' Wie nahm sie darauf die Hälfte des Körpers des Feindes des Liebesgottes ein? Erzähle uns dies alles ausführlich, bester der Zweimalgeborenen. | |||
'''1.14''' Es gibt keinen anderen, der Zweifel so auflösen könnte wie du, und es wird auch keinen geben. Lass uns dies verstehen, bester Brahmane, du Kenner des [[Atman|Selbst]]. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''1.15''' Hört alle, ihr Weisen, das Geheimste der Geheimnisse: heilig, heilbringend und höchst erhaben, schenkt es Erkenntnis und die Erfüllung von Wünschen. | |||
'''1.16''' Einst erklärte [[Brahma]] dies dem großen [[Narada]], als dieser ihn danach fragte. Narada wiederum lehrte es die Valakhilyas. | |||
'''1.17''' Die großen Valakhilyas erzählten es dem Seher Yavakrita; dieser gab es an Asita weiter. | |||
'''1.18''' Asita hat es mir ausführlich erklärt, ihr Brahmanen. Ich werde euch diese uralte Geschichte erzählen, nachdem ich mich vor dem höchsten Selbst, dem Herrn der Welt mit dem Diskus in der Hand, verneigt habe. | |||
'''1.19''' Verehrung dem Schöpfer, dessen Wesen das Offenbare und das Unoffenbare ist, in dem Seiendes und Nichtseiendes Gestalt annehmen, der grobstofflich und feinstofflich ist und die ganze Welt als Gestalt hat. | |||
'''1.20''' Verehrung dem Ewigen, dem ewigen Wissen, dem unveränderlichen Licht, dessen Wesen Wissen und Nichtwissen umfasst und der als Zeit erscheint. | |||
'''1.21''' Verehrung dem Makellosen, der frei von den sechs Wogen und anderen Bedrängnissen ist, dem Leidenschaftslosen, Allgegenwärtigen, der als Welt erscheint und Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkt. | |||
'''1.22''' Ich verneige mich vor jenem, den die Yogis, die über die letzte Wahrheit des [[Vedanta]] nachdenken, im Innersten als das höchste Licht betrachten. | |||
'''1.23''' Indem er ihn verehrte, erschuf der erhabene Brahma, der Großvater der Welt, sämtliche Geschöpfe: Götter, Asuras, Menschen und die übrigen Wesen. | |||
'''1.24''' Er schuf nach der Ordnung die Stammväter, angefangen mit [[Daksha]], sowie Marichi, Atri, Pulaha, Angiras und Kratu. | |||
'''1.25''' Als er Pulastya, Vasishtha, Narada, Prachetas und Bhrigu hervorgebracht hatte, seine zehn geistgeborenen Söhne, entstand in seinem Geist eine Frau von vollendeter Schönheit. | |||
'''1.26''' Sie wurde unter dem Namen Sandhya bekannt; der Text verbindet sie auch mit Abenddämmerung und Gayatri. Eine Frau von solcher Fülle guter Eigenschaften gab es weder in der Götterwelt noch auf Erden oder in der Unterwelt, und in keiner der drei Zeiten würde es eine geben. Die Namenswendung ist beschädigt. | |||
'''1.27''' Mit ihrem von Natur aus schönen dunklen Haar glänzte sie, ihr besten Zweimalgeborenen, wie ein Pfau in der Regenzeit mit seinem farbenreichen Gefieder. | |||
'''1.28''' Ihre leicht rötlich helle Stirn, von Locken bis zu den Ohren eingefasst, glänzte schön wie Indras Bogen und die junge Mondsichel. Die Beschreibung der Stirn ist im Sanskrit nicht vollständig klar. | |||
'''1.29''' Ihre beiden dunklen Augen, blühenden blauen Lotusblumen gleich, leuchteten und bewegten sich wie die einer scheuen Gazelle. | |||
'''1.30''' Ihr schönes, von Natur aus bewegliches dunkles Brauenpaar reichte weit zu den Ohren und glich dem Bogen des Liebesgottes mit dem Fischbanner. | |||
'''1.31''' Ihre lange, hohe Nase erhob sich aus der Vertiefung unter der Mitte der Brauen. Einer Sesamblüte gleich schien sie die Schönheit der Stirn herabströmen zu lassen. | |||
'''1.32''' Ihr Antlitz glich einem roten Lotus und strahlte wie der volle Mond. Durch die Röte ihrer Lippen, gleich Bimba-Früchten, bezauberte es die Liebenden. | |||
'''1.33''' Ihre beiden Brüste schienen sich zu erheben, um ihr von Schönheit und Anmut erfülltes Gesicht bis zum Kinn zu erreichen. | |||
'''1.34''' Sie waren voll und hoch, eng beieinander, Lotusknospen gleich und an den Spitzen dunkel; selbst Asketen konnten sie bezaubern. | |||
'''1.35''' Ihre schmale, von Hautfalten gezeichnete Mitte schien sich mit einer Hand umfassen zu lassen. Alle sahen darin gleichsam eine Waffe des aus dem Geist geborenen Liebesgottes. | |||
'''1.36''' Ihre beiden Schenkel waren oben kräftig und langgestreckt, weich und anmutig; sie glichen sich herabneigenden Elefantenrüsseln. | |||
'''1.37''' Ihre beiden Füße waren rot wie Landlotusse, mit schönen Fersen und blütenblattartigen Zehen, gleich den Pfeilen des Gottes mit den Blumenwaffen. | |||
'''1.38''' Sie war schlank und schön anzusehen, mit zartem Körperhaar, leicht schweißbedecktem Gesicht, langen Augen und einem anmutigen Lächeln. | |||
'''1.39''' Als der Schöpfer diese schöne Frau mit ihren wohlgeformten Ohren, drei vertieften und sechs erhobenen Körpermerkmalen sah, stand er auf und bedachte sie in seinem Herzen. | |||
'''1.40''' Auch die Schöpfer mit Daksha an der Spitze und die geistgeborenen Söhne, angefangen mit Marichi, betrachteten sie voller Erwartung, als sie die herrlich Schöne sahen. | |||
'''1.41''' Alle überlegten gespannt: Welche Aufgabe wird sie in der Schöpfung erfüllen, und wem wird diese schöne Frau zugehören? | |||
'''1.42''' Während Brahma so nachdachte, ihr hervorragenden Weisen, trat aus seinem Geist ein anmutiger Mann hervor. | |||
'''1.43''' Er schimmerte gelb wie Goldstaub, hatte eine breite Brust und eine schöne Nase, wohlgerundete Schenkel, Hüften und Unterschenkel sowie dunkles Haar. Seine Brauen lagen eng beieinander; er war lebhaft, und sein Gesicht glich dem Vollmond. | |||
'''1.44''' Seine breite Brust war mit einer Reihe von Haaren geschmückt. Seine vollen, gleichmäßig geformten Arme glichen hellen Elefantenrüsseln. Hände, Augen, Gesicht, Füße und Nägel waren rötlich. | |||
'''1.45''' Er hatte eine schmale Mitte, schöne Zähne und den kräftigen Nacken eines Elefanten in der Brunft. Seine Augen glichen entfalteten Lotusblättern; Blütenduft erfüllte die Nase. Sein Hals war muschelförmig, sein Banner trug einen Fisch, und er ritt auf einem [[Makara]]. | |||
'''1.46''' Schnell war er, mit fünf Blumenpfeilen bewaffnet und mit einem Blumenbogen geschmückt. Schön anzusehen, ließ er seine beiden Augen in Seitenblicken wandern. | |||
'''1.47''' Duftender Wind umgab ihn, und die Stimmung der Liebe begleitete ihn. Als Daksha und die geistgeborenen Söhne ihn so sahen, | |||
'''1.48''' wurden die zehn, Marichi und die anderen, von Staunen ergriffen. Große Erregung entstand in ihnen, und ihr Geist geriet in Bewegung. | |||
'''1.49''' Auch jener Mann erblickte den Schöpfer, den Herrn der Welten. Er verneigte sich und sprach mit demütig gesenktem Haupt: | |||
'''Der Mann spricht:''' | |||
'''1.50''' Brahma, welche Aufgabe soll ich erfüllen? Weise mir eine rechtmäßige Tätigkeit zu; denn ein Mensch bewährt sich in einer Aufgabe, die ihm entspricht. | |||
'''1.51''' Bestimme einen passenden Namen für mich, meinen Aufenthaltsort und meine Gemahlin, Herr der Welt; denn du bist der Schöpfer der Welten. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''1.52''' Nachdem er die Worte dieses bedeutenden Mannes gehört hatte, sprach Brahma einen Augenblick lang nicht: Selbst über sein eigenes Geschöpf war er erstaunt. | |||
'''1.53''' Dann sammelte er seinen Geist, legte das Staunen ganz ab und erklärte dem Mann, zu welcher Aufgabe er bestimmt sei. | |||
'''Brahma spricht:''' | |||
'''1.54''' Bezaubere durch diese schöne Gestalt und durch deine fünf Blumenpfeile Männer und Frauen und bringe so die immer wiederkehrende Schöpfung hervor. | |||
'''1.55''' Kein Gott, kein Gandharva, kein Kinnara und keine große Schlange, kein Asura, kein Daitya, kein Vidyadhara und kein Rakshasa, | |||
'''1.56''' kein Yaksha, kein Pishacha, kein Bhuta und kein Vinayaka, kein Guhyaka, kein Siddha, kein Mensch und kein Vogel, | |||
'''1.57''' kein Haustier, kein wildes Tier, kein Insekt, kein fliegendes und kein im Wasser lebendes Wesen wird außerhalb der Reichweite deiner Pfeile sein. | |||
'''1.58''' Ich selbst, [[Vasudeva]] und selbst der höchste [[Shiva|Sthanu]] werden unter deiner Macht stehen – was soll man da von den übrigen Lebewesen sagen? | |||
'''1.59''' Tritt in unsichtbarer Gestalt stets in die Herzen der Geschöpfe ein. Werde selbst zum Anlass ihrer Freude und führe die immer wiederkehrende Schöpfung fort. | |||
'''1.60''' Der Geist soll stets das wichtigste Ziel deines Blumenpfeils sein. Du wirst allen Lebewesen Erregung und Freude bringen. | |||
'''1.61''' Damit habe ich dir deine Aufgabe genannt, die den Fortgang der Schöpfung bewirkt. Auch einen Namen werde ich dir noch nennen, der zu dir passt. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''1.62''' Nachdem der höchste Gott dies gesagt hatte, blickte er in die Gesichter seiner geistgeborenen Söhne und setzte sich sogleich wieder auf seinen Lotussitz. | |||
[[Datei:Shiva.jpg|thumb|Shiva mahnt in der Erzählung zur Selbstbeherrschung.]] | |||
===Kapitel 2=== | |||
'''Kama erprobt seine Macht''' | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''2.1''' Darauf fanden die Weisen mit Marichi und Atri an der Spitze, die Brahmas Absicht verstanden, einen Namen, der zu jenem passte. | |||
'''2.2''' Allein aus Brahmas Blick erkannten auch die Schöpfer mit Daksha an der Spitze, was darüber hinaus zu tun war, und bestimmten seinen Aufenthaltsort und seine Gemahlin. | |||
'''2.3''' Nachdem sie sich auf die Namen geeinigt hatten, sprachen Marichi und die anderen Brahmanen gemeinsam zu diesem Mann: | |||
'''Die Rishis sprechen:''' | |||
'''2.4''' Weil du bei deiner Geburt unseren Geist und den Geist des Schöpfers aufgewühlt hast, wirst du in der Welt unter dem Namen [[Manmatha]], der den Geist Aufwühlende, bekannt sein. | |||
'''2.5''' Du verkörperst das Begehren in den Welten; niemand kommt dir gleich. Darum sei auch unter dem Namen [[Kama]] bekannt, du aus dem Geist Geborener. | |||
'''2.6''' Weil du berauschst, heißt du [[Madana]], und durch deinen Übermut gegenüber Shambhu Darpaka. Auch unter dem Namen [[Kandarpa]] wirst du in der Welt bekannt werden. | |||
'''2.7''' Die Waffen Vishnus, Rudras und Brahmas besitzen nicht jene Macht, die deinen Pfeilen zukommen wird. | |||
'''2.8''' Himmel, Erde, Unterwelt und die ewige Welt Brahmas sind alle deine Wohnstätten; denn du durchdringst alles. Was bedarf es vieler Einzelheiten? Überhaupt niemand kommt dir gleich. | |||
'''2.9''' Überall, wo Lebewesen, Gras oder Bäume sind, soll dein Aufenthaltsort sein, bis hinauf zum Sitz Brahmas. | |||
'''2.10''' Daksha, der erste der Stammväter, wird dir selbst eine schöne Gemahlin geben, so wie du sie wünschst, du hervorragender Mann. | |||
'''2.11''' Und dieses schöne Mädchen, das aus Brahmas Geist geboren ist, wird in allen Welten unter dem Namen [[Sandhya]] bekannt sein. | |||
'''2.12''' Weil diese herrliche Frau entstand, als Brahma sich ganz in Betrachtung versenkte, wird ihr Name in dieser Welt Sandhya sein. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''2.13''' Nachdem die Weisen dies gesagt hatten, schwiegen sie. Vor Brahma stehend, blickten sie demütig geneigt in sein Antlitz. | |||
'''2.14''' Darauf ergriff Kama seinen aus Blumen entstandenen Bogen, der Unmadana, der Erregende, genannt wird und sich wie die Braue einer schönen Frau biegt. | |||
'''2.15''' Dazu nahm er seine fünf Blumenwaffen: Harshana, den Erfreuenden, Rochana, den Anziehenden, Mohana, den Verblendenden, Shoshana, den Auszehrenden, | |||
'''2.16''' und Marana, den Tötenden. Sie können selbst Weise betören. In unsichtbarer Gestalt fasste er dort einen Entschluss: | |||
'''2.17''' Die beständige Aufgabe, die Brahma mir übertragen hat, werde ich gleich hier erfüllen, in Gegenwart des Schöpfers und der Weisen. | |||
''Die Nummer 18 fehlt in der Textfassung; ein eigenständiger Vers wird hier nicht ergänzt.'' | |||
'''2.19''' Hier stehen die Weisen und der Stammvater selbst, und auch Sandhya ist hier. Soeben hat Brahma gesagt: | |||
'''2.20''' „Ich, Vishnu und Hara stehen unter der Macht deiner Waffen; was soll man da von den anderen Geschöpfen sagen?“ Dieses Wort will ich wahr machen. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''2.21''' Nachdem der aus dem Geist Geborene dies erwogen und beschlossen hatte, legte er die Pfeile an die Blumensehne seines Blumenbogens. | |||
'''2.22''' Kama, der beste der Bogenschützen, nahm die Alidha-Stellung ein und spannte den Bogen mit Kraft, bis dieser kreisförmig wurde. | |||
'''2.23''' Als der Bogen gespannt war, wehten dort wohlriechende Winde, die tiefe Freude hervorriefen, ihr hervorragenden Weisen. | |||
'''2.24''' Darauf bezauberte der Bezaubernde Brahma und sämtliche geistgeborenen Söhne, einen nach dem anderen, mit seinen Blumenpfeilen. | |||
'''2.25''' Die Weisen und der viergesichtige Brahma wurden betört; zuerst geriet ihr Geist ein wenig in Unruhe. | |||
'''2.26''' Immer wieder blickten sie erregt auf Sandhya. Ihr Begehren wuchs, denn – so schildert es die Erzählung – die Frau steigerte ihre Erregung. | |||
'''2.27''' Madana betörte sie wieder und wieder, bis ihre Sinne in Bewegung gerieten. | |||
'''2.28''' Als der Schöpfer mit erregten Sinnen auf sie blickte, entstanden an ihrem Körper neunundvierzig Ausdrucksweisen. | |||
'''2.29''' Sandhya, von Kandarpa getroffen, zeigte Gebärden wie spielerische Zurückweisung sowie die vierundsechzig Künste. | |||
'''2.30''' Während sie von ihnen betrachtet wurde, vollführte sie immer wieder die durch Kamas Pfeile hervorgerufenen Gesten, etwa Seitenblicke und das Verhüllen des Körpers. | |||
'''2.31''' Sandhya, von Natur aus schön, glänzte durch diese vom Liebesgott hervorgerufenen Regungen umso mehr, wie der Himmelsstrom mit seinen kleinen Wellen. | |||
'''2.32''' Als der Stammvater Sandhya mit diesen Ausdrucksweisen betrachtete, wurde sein Körper von Schweiß bedeckt, und Verlangen entstand in ihm. | |||
'''2.33''' Auch die Weisen Marichi und Atri sowie Daksha und die übrigen besten Brahmanen erfuhren die Erregung ihrer Sinne. | |||
'''2.34''' Als Madana Brahma, Daksha, Marichi und die anderen sowie Sandhya in diesem Zustand sah, gewann er Vertrauen in seine Aufgabe. | |||
'''2.35''' „Die Aufgabe, die Brahma mir übertragen hat, kann ich tatsächlich erfüllen!“ Dieser Überzeugung gab er sich hin. | |||
'''2.36''' Da erblickte Shambhu vom Himmelsraum aus Brahma, Daksha und die geistgeborenen Söhne in diesem Zustand und lachte sie aus. | |||
'''2.37''' Immer wieder lachte der Gott mit dem Stierbanner über sie, rief ihnen spöttisches Lob zu und sprach, um sie zu beschämen: | |||
'''Ishvara spricht:''' | |||
'''2.38''' Ach, Brahma! Wie konnte in dir Begehren entstehen, als du deine eigene Tochter sahst? Das ziemt sich nicht für diejenigen, die dem Veda folgen. | |||
'''2.39''' Wie die Mutter, so ist die Schwester; wie die Schwester, so die Tochter. So lautet die von deinem eigenen Mund verkündete Ordnung des vedischen Weges. Wie konnte bloßes Begehren dich dies vergessen lassen? | |||
'''2.40''' Brahma, du Viergesichtiger, diese ganze Welt beruht auf deiner Standfestigkeit. Wie konnte sie durch das geringe Begehren erschüttert werden? | |||
'''2.41''' Und warum werden Daksha, Marichi und die anderen geistgeborenen Söhne begierig nach Frauen, obwohl sie sich ganz dem Yoga widmen und stets göttliche Schau besitzen? | |||
'''2.42''' Wie konnte auch der unverständige Kama, der seine Aufgabe gerade erst erhalten hat, euch zu Zielscheiben machen, ohne Zeit und Gelegenheit zu berücksichtigen? | |||
'''2.43''' Schande über den Weisen, dessen Festigkeit von einer begehrten Frau gewaltsam fortgezogen wird und dessen Geist dadurch in Unbeständigkeit versinkt! | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''2.44''' Als der Herr der Welt diese Worte des Herrn der Berge hörte, wurde er vor Scham sogleich von doppelt so viel Schweiß bedeckt. | |||
'''2.45''' Der Viergesichtige zügelte die Erregung seiner Sinne und ließ von Sandhya, der Gestalt des Begehrens, ab, obwohl er sich mit ihr verbinden wollte. | |||
'''2.46''' Aus dem Schweiß, der von seinem Körper fiel, entstanden die Ahnenscharen der Agnishvattas und Barhishads. | |||
'''2.47''' Sie alle waren dunkel wie aufgebrochene Augensalbe und hatten Augen wie entfaltete Lotusse: hochheilige, ganz enthaltsame Wesen, die sich vom Weltleben abgewandt hatten. | |||
'''2.48''' Die Agnishvattas werden als vierundsechzigtausend, die Barhishads als sechsundachtzigtausend beschrieben, ihr Brahmanen. | |||
'''2.49''' Aus dem Schweiß, der von Dakshas Körper auf die Erde fiel, entstand eine herrliche Frau, mit allen guten Eigenschaften ausgestattet. | |||
'''2.50''' Sie war von schlanker Gestalt und schmaler Mitte, mit zartem Körperhaar, schönen weichen Gliedern und schönen Zähnen; sie strahlte wie erhitztes Gold. | |||
'''2.51''' Sechs der Weisen, angefangen mit Marichi, beherrschten die Regung ihrer Sinne; ausgenommen waren Kratu, Vasishtha, Pulastya und Angiras. Der Name Kratu ist in der Textfassung beschädigt. | |||
'''2.52''' Aus dem, was von diesen vier, Kratu und den anderen, auf die Erde fiel, entstanden weitere Scharen der Ahnen. | |||
'''2.53''' Sie heißen Somapas, Ajyapas und Sukalins; auch die Havirbhujas gehören dazu. Sie alle werden als Empfänger der Ahnengaben bezeichnet. | |||
'''2.54''' Die Somapas sind die Söhne Kratus, die Sukalins die Vasishthas, die Ajyapas die Pulastyas und die Havishmants die Söhne des Angiras. | |||
'''2.55''' So entstanden die Agnishvattas und die übrigen Gruppen der Weltenahnen als Empfänger der Opfergaben. | |||
'''2.56''' Brahma ist der Großvater aller Wesen. Sandhya wurde zur Stammmutter der Ahnen, weil ihr Anblick der Anlass ihrer Entstehung war. | |||
'''2.57''' Durch Shankaras Worte beschämt, wurde der Großvater plötzlich zornig auf Kandarpa; sein Gesicht verzog sich, und seine Brauen zogen sich zusammen. | |||
'''2.58''' Manmatha hatte seine Absicht schon zuvor erkannt. Aus Furcht vor [[Pashupati]] und Brahma zog er seine Pfeile rasch zurück. | |||
'''2.59''' Hört nun gesammelt und in Ruhe, ihr besten Zweimalgeborenen, was der von Zorn erfüllte Brahma, der Großvater der Welt, darauf tat. | |||
===Kapitel 3=== | |||
'''Rati und der Liebesgott''' | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''3.1''' Vom Zorn ergriffen, loderte der lotusgeborene Herr der Welt heftig auf wie ein Feuer, das alles verbrennen will. | |||
'''3.2''' Er sprach zum Herrn: Weil Kama mich vor deinen Augen mit seinen Blumenpfeilen angegriffen hat, soll er die entsprechende Frucht erfahren, du Erhabener. | |||
'''3.3''' Mahadeva, der durch seinen Stolz verblendete Kandarpa wird eine äußerst schwierige Tat unternehmen und dann vom Feuer deines Auges verbrannt werden. | |||
'''3.4''' So verfluchte der Schöpfer selbst Kama vor den Augen Shivas, dessen Haar der Himmel ist, und der selbstbeherrschten Weisen. | |||
'''3.5''' Als der Herr der Rati diesen entsetzlichen Fluch hörte, erschrak er, legte sogleich seine Pfeile ab und trat sichtbar hervor. | |||
'''3.6''' Zu Brahma, bei dem Daksha und Marichi standen, sprach er die Wahrheit, vor Furcht stammelnd; denn Furcht beeinträchtigt die Fähigkeiten. | |||
'''Manmatha spricht:''' | |||
'''3.7''' Brahma, warum hast du mich so schrecklich verflucht, obwohl ich dir gegenüber ohne Schuld bin, Herr der Welt, der du dem Weg der Gerechtigkeit folgst? | |||
'''3.8''' Du selbst hast mir die Aufgabe genannt, die ich erfüllen sollte, Herr. Dafür verdiene ich keinen Fluch; denn etwas anderes habe ich nicht getan. | |||
'''3.9''' Du hast gesagt: „Ich, Vishnu und Shambhu befinden uns alle in der Reichweite deiner Pfeile.“ Eben dies habe ich erprobt. | |||
'''3.10''' Ich habe mich dabei nicht vergangen, Brahma. Mildere diesen schrecklichen Fluch, der mich Schuldlosen trifft, Herr der Welt! | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''3.11''' Als der Schöpfer, der Herr der Welten, diese Worte hörte, antwortete er Madana, der sich beherrschte, mit erwachendem Mitgefühl: | |||
'''Brahma spricht:''' | |||
'''3.12''' Sandhya ist meine Tochter. Weil du mich ihr gegenüber zum Ziel gemacht hast, habe ich diesen Fluch ausgesprochen. | |||
'''3.13''' Mein Zorn hat sich nun gelegt, du aus dem Geist Geborener. Ich will dir sagen, auf welche Weise dein Fluch gemildert werden wird. | |||
'''3.14''' Madana, nachdem du durch das Feuer aus Bhargas Auge zu Asche geworden bist, wirst du durch seine Gnade wieder einen Körper erlangen. | |||
'''3.15''' Wenn Hara, der große Gott, die Ehe eingeht, wird er selbst dir wieder einen Körper verleihen. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''3.16''' Nachdem Brahma, der Großvater der Welt, so zu Madana gesprochen hatte, verschwand er vor den Augen der großen Weisen und der geistgeborenen Söhne. | |||
'''3.17''' Als der Schöpfer aller Wesen verschwunden war, begab sich Shambhu mit der Geschwindigkeit des Windes an einen Ort seiner Wahl. Im letzten Halbvers steht eine bereits in der Textgrundlage unsichere Namenslesung. | |||
'''3.18''' Nachdem Brahma verschwunden und Shambhu an seinen eigenen Ort gegangen war, sprach Daksha zu Kandarpa und zeigte ihm seine Gemahlin. | |||
'''Daksha spricht:''' | |||
'''3.19''' Kandarpa, diese Frau ist aus meinem Körper entstanden und hat an meiner Gestalt und meinen Eigenschaften Anteil. Nimm sie zur Gemahlin; in ihren Vorzügen entspricht sie dir. | |||
'''3.20''' Sie wird dir, du Strahlender, stets Gefährtin sein und sich nach deinen Wünschen richten, dem Dharma entsprechend. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''3.21''' Mit diesen Worten stellte Daksha die aus seinem Schweiß entstandene Frau vor Kandarpa, gab ihr den Namen [[Rati]] und übergab sie ihm. | |||
'''3.22''' Als Madana die bezaubernde Frau namens Rati sah, wurde er selbst gleichsam von seinem eigenen Pfeil getroffen; von Rati beglückt, geriet er in Verzauberung. | |||
'''3.33a''' Sie war hell wie ein Blitz und hatte Gazellenaugen. Mit ihren beweglichen Seitenblicken erschien die Braut ihm wie eine Gazelle. ''Dieser Vers steht zwischen 3.22 und 3.24 und trägt in der Textfassung die Nummer 33; hier wird er zur Unterscheidung als 33a bezeichnet.'' | |||
'''3.24''' Als Madana ihr Brauenpaar sah, fragte er sich: Hat der Schöpfer meinen berauschenden Bogen hier eingesetzt? | |||
'''3.25''' Als er die Schnelligkeit ihrer Seitenblicke sah, verlor er das Vertrauen in die Schnelligkeit und Schönheit seiner eigenen Waffen. | |||
'''3.26''' Als Madana ihren von Natur aus duftenden, sanften Atem roch, verlor er seine Bewunderung für den Wind vom Malaya-Gebirge. | |||
'''3.27''' Er sah ihr vollmondgleiches Gesicht, von den Brauen wie von einem Mondmal gezeichnet, und konnte zwischen ihrem Antlitz und dem Mond keinen Unterschied finden. | |||
'''3.28''' Ihre beiden Brüste glichen Knospen goldener Lotusblumen; mit den beiden Spitzen erschienen sie wie von Bienen besuchte Blüten. | |||
'''3.29''' Zwischen ihren festen, vollen, hochgewölbten Brüsten verlief bis zum Nabel eine feine, schöne und langgezogene Haarlinie. | |||
'''3.30''' Als Kama diese betrachtete, vergaß er die aus einer Bienenreihe gebildete Sehne seines Blumenbogens. | |||
'''3.31''' Ihr tiefer Nabel war ringsum eingefasst; Gesicht und Augen erscheinen in diesem Vers in einem Bild von roten Lotussen. Die genaue Verknüpfung der Bildteile ist in der überlieferten Lesung unklar. | |||
'''3.32''' Mit ihrer schmalen Mitte und dem natürlichen Goldglanz ihres Körpers erschien sie Kama wie ein mit Juwelen geschmückter Altar. | |||
'''3.33b''' Ihre beiden weichen, glatten, langen Schenkel, Bananenstämmen gleich, betrachtete Kama als ebenso bezaubernd wie seine eigene Macht. ''Zweites Vorkommen der Nummer 33.'' | |||
'''3.34''' Ihre beiden Füße mit ihren rötlichen Fersen, Spitzen und Rändern erschienen dem aus dem Geist Geborenen wie eine sichtbare Verkörperung der Liebe. | |||
'''3.35''' Ihre beiden Hände waren bezaubernd: mit roten, Kinshuka-Blüten ähnlichen Nägeln und runden, an den Enden feinen Fingern. | |||
'''3.36''' Als Smara dies sah, dachte er: Will sie mich etwa mit meinen eigenen, verdoppelten Waffen bezaubern? | |||
'''3.37''' Ihre beiden schönen Arme, lang wie Lotusstängel, glänzten weich und glatt wie Ströme von Anmut. | |||
'''3.38''' Ihr schönes, dem Liebesgott liebes Haar war dunkel wie eine Regenwolke und glänzte wie ein dichter Yakhaarschweif. | |||
'''3.39''' Madana erblickte die höchst bezaubernde Göttin Rati wie einen Strom, erfüllt von den Wassermassen der Schönheit, mit Lotusknospen ihrer Brüste, | |||
'''3.40''' mit ihrem Lotusgesicht, den schönen Armen als Lotusstängeln und dem beweglichen Brauenpaar als zarten Wellen, | |||
'''3.41''' mit ihren Seitenblicken als Bienenschwärmen, ihren Augen als blauen Lotussen und dem feinen Körperhaar als Wasserpflanzen – ein Strom, der den Baum des Geistes entwurzelt, | |||
'''3.42''' mit dem tiefen Nabel als See, hervorgegangen aus Daksha wie aus einem Schneegebirge. Mit vor Freude weit geöffneten Augen nahm er sie an, wie [[Mahadeva]] die [[Ganga]]. | |||
'''3.43''' Von Freude erfüllt, vergaß Kama den furchtbaren Fluch Brahmas und sprach zu Daksha: | |||
'''Madana spricht:''' | |||
'''3.44''' Mit dieser Gefährtin von vollendeter Schönheit vermag ich selbst Shambhu zu bezaubern – was soll man da von anderen Wesen sagen? | |||
'''3.45''' Wo immer ich ein Ziel für meinen Bogen bestimme, soll auch sie mit jener bezaubernden Kraft wirken, die man Liebesfreude nennt. | |||
'''3.46''' Ob ich zur Wohnstatt der Götter, zur Erde oder in die Unterwelt gehe: Diese schön Lächelnde soll stets meine Gefährtin sein. | |||
'''3.47''' Wie die Lotusbewohnerin Vishnu begleitet und der Blitz die Wolken, so wird sie mir beistehen, Herr der Geschöpfe. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''3.48''' Nach diesen Worten nahm Madana die Göttin Rati voller Verlangen an, wie Hrishikesha die erhabene [[Lakshmi]], die aus dem Ozean emporgestiegen war. | |||
'''3.49''' Der gelblich schimmernde Smara glänzte an ihrer Seite wie eine Abendwolke mit einem schönen Blitz. | |||
'''3.50''' Voll überströmender Freude schloss der Herr der Rati sie in sein Herz, wie ein mit yogischer Schau Begabter das Wissen aufnimmt. Auch die vollmondgesichtige Rati fand Freude, nachdem sie ihren erhabenen Gemahl gewonnen hatte, wie die Lotusgeborene an Hari. | |||
[[Datei:Shiva-parvati-2.1-500.jpg|thumb|Die spätere Verbindung von Shiva und der Göttin wird durch die Erzählung vom Frühling vorbereitet.]] | |||
===Kapitel 4=== | |||
'''Die Entstehung des Frühlings''' | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''4.1''' Seitdem der Schöpfer damals verschwunden war, dachte er unablässig nach, vom Gift der Worte Shambhus getroffen: | |||
'''4.2''' Shambhu hat mich vor den Weisen getadelt, weil er mein Verlangen nach einer schönen Frau sah. Aus welchem Anlass wird er selbst eine Gemahlin annehmen? | |||
'''4.3''' Wer wird seine Gemahlin sein? Wer wird in seinen Geist eintreten und den auf den Yogaweg Gestützten bezaubern? | |||
'''4.4''' Auch Manmatha wird ihn nicht bezaubern können. Er ist ein ganz in Yoga versunkener Asket und duldet nicht einmal die Erwähnung von Frauen. | |||
'''4.5''' Wie kann die Schöpfung ihren Anfang, ihre Mitte und ihr Ende haben, wenn Hara keine Gemahlin annimmt? Bestimmte Wesen können durch keinen anderen getötet werden. | |||
'''4.6''' Manche mächtigen Wesen auf Erden müssen von mir bezwungen werden, andere von Vishnu aufgehalten und wieder andere durch Shambhus Eingreifen bewältigt werden. | |||
'''4.7''' Doch wenn Shambhu dem Weltleben ganz den Rücken kehrt und völlig leidenschaftslos bleibt, wird er gewiss keine andere Tätigkeit als die in Verbindung mit uns übernehmen. Die genaue Wendung des zweiten Halbverses ist nicht eindeutig. | |||
'''4.8''' Während Brahma, der Herr und Großvater der Welt, so nachdachte, sah er vom Himmel aus Daksha und die anderen erneut auf der Erde. | |||
'''4.9''' Als er Madana erblickte, der sich an Ratis Seite freute, begab er sich wieder dorthin und sprach besänftigend zu dem Gott mit den Blumenpfeilen: | |||
'''Brahma spricht:''' | |||
'''4.10''' Du aus dem Geist Geborener, mit dieser Gefährtin strahlst du, und auch sie wird durch dich als Gemahl überaus verschönt. | |||
'''4.11''' Wie Hrishikesha mit Shri und Haris Geliebte mit ihm verbunden glänzt, wie die Nacht mit dem Mond und der Mond mit ihr, | |||
'''4.12''' so ausgezeichnet sind eure Schönheit und eure Ehegemeinschaft. Darum wirst du zum Banner der Welt und Vishvaketu heißen. | |||
'''4.13''' Mein Kind, bezaubere zum Wohl der Welt den Träger des Pinaka-Bogens, damit Shambhu mit frohem Herzen die Ehe eingeht. | |||
'''4.14''' Wohin der Herr auch geht – an einen einsamen, lieblichen Ort, zu Bergen oder Flüssen –, dorthin begib dich zusammen mit ihr. | |||
'''4.15''' Bezaubere den selbstbeherrschten Hara, der sich von Frauen abgewandt hat. Außer dir gibt es keinen anderen, der ihn betören könnte. | |||
'''4.16''' Wenn in Hara Liebe erwacht, wird auch dein Fluch gemildert werden. Handle daher zugleich zu deinem eigenen Wohl, du aus dem Geist Geborener. | |||
'''4.17''' Wenn er, von Liebe erfüllt, eine schöne Frau begehrt, wird er dich begünstigen, damit auch du wieder Freude erfahren kannst. | |||
'''4.18''' Bemühe dich also zum Wohl der Welt darum, Hara zu bezaubern. Werde zu Shivas Banner, indem du den großen Herrn betörst. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''4.19''' Als Manmatha diese Worte des erhabenen Brahma hörte, antwortete er ihm wahrheitsgemäß und zum Wohl der Welt: | |||
'''Manmatha spricht:''' | |||
'''4.20''' Herr, auf dein Wort hin werde ich Shambhu bezaubern. Doch eine Frau ist meine mächtigste Waffe: Erschaffe dafür eine schöne Frau. | |||
'''4.21''' Weise mir eine bezaubernde, anmutige Frau zu, die seine Liebe weiter nähren kann, wenn ich ihn betört habe, Erhalter der Welt. | |||
'''4.22''' Ich sehe gegenwärtig keine, die dies vermöchte. Schöpfer, finde dafür ein Mittel. | |||
'''Markandeya spricht:''' | |||
'''4.23''' Als Kandarpa dies gesagt hatte, begann der Großvater der Welt darüber nachzudenken: Wie kann ich eine Frau hervorbringen, die ihn bezaubert? | |||
'''4.24''' Aus dem Seufzer, der dem in Gedanken versunkenen Schöpfer entfuhr, entstand [[Vasanta]], der Frühling, mit einer Fülle von Blumen geschmückt. | |||
'''4.25''' Er trug knospende Mangotriebe, Bienenschwärme und herrliche Kinshuka-Blüten und glänzte wie ein Baum in voller Blüte. | |||
'''4.26''' Er schimmerte wie ein roter Lotus, hatte Augen wie geöffnete Lotusblüten, eine schöne Nase und ein Gesicht wie der volle Mond, der am Abend aufgeht. | |||
'''4.27''' Seine Ohrmuscheln glichen Muschelschalen, sein Haar war dunkel und gelockt; zwei Ohrringe schmückten ihn, die wie die Abendsonne glänzten. | |||
'''4.28''' Sein Gang glich dem eines Elefanten in der Brunft. Er hatte eine breite Brust, volle, kräftige und lange Arme sowie starke Hände. | |||
'''4.29''' Seine Schenkel, Hüften und Unterschenkel waren wohlgerundet, sein Hals muschelförmig, seine Schultern hoch, die Schlüsselbeine gut eingebettet und die Brust kräftig. Er besaß sämtliche glückverheißenden Merkmale. | |||
'''4.30''' Als dieser vollkommene Bringer der Blumen erschienen war, wehte ein duftender Wind, und auch die Bäume erblühten. | |||
'''4.31''' Hunderte Kokilas sangen mit süßer Stimme den fünften Ton. Die Teiche waren voller geöffneter Lotusblüten und üppiger Lotuspflanzen. | |||
'''4.32''' Als Hiranyagarbha diesen herrlichen, neu Entstandenen erblickte, sprach er freundlich zu Madana: | |||
'''Brahma spricht:''' | |||
'''4.33''' Manmatha, dieser soll dein Freund und ständiger Begleiter sein. Er wird immer zu deinen Gunsten wirken. | |||
'''4.34''' Wie der Wind dem Feuer ein Freund ist und es überall unterstützt, so wird dieser Freund dich stets begleiten. | |||
'''4.35''' Weil er dem Verweilen ein Ende setzt, soll er Vasanta heißen. Seine Aufgabe sei es, dir zu folgen und die Welten zu erfreuen. Der Vers enthält eine traditionelle Namensdeutung, deren genaue Herleitung sprachlich unsicher ist. | |||
'''4.36''' Dieser Frühling, die Liebesstimmung und der Malaya-Wind im Frühling sollen deine Freunde sein und stets unter deinem Einfluss stehen. | |||
'''4.37''' Gebärden wie spielerische Zurückweisung sowie die vierundsechzig Künste sollen Rati befreundet sein, wie deine Freunde dir. | |||
'''4.38''' Kama, mit diesen Gefährten, angeführt vom Frühling, und mit dieser Gefährtin, die von ihrem zu dir passenden Gefolge umgeben ist, | |||
'''4.39''' bezaubere Mahadeva und führe die ewige Schöpfung fort. Geh, von allen deinen Gefährten begleitet, an den Ort deiner Wahl. Ich werde an jene denken, die Hara bezaubern kann. | |||
'''4.40''' Durch diese Worte des Ältesten der Götter erfreut, machte sich Madana mit seinen Scharen, seiner Gemahlin und seinen Begleitern auf den Weg. | |||
'''4.41''' Er verneigte sich vor Daksha, begrüßte ehrerbietig sämtliche geistgeborenen Söhne und begab sich dorthin, wo Shambhu weilte. | |||
'''4.42''' Als Manmatha mit seinem Gefolge und den verschiedenen Liebesregungen gegangen war, sprach der Großvater freundlich zu Daksha und zu den großen Weisen Marichi, Atri und den anderen. | |||
[[Datei:DurgaaufdemTiger gr.jpg|thumb|Die Göttin auf einem großen Raubtier: ein verbreitetes Motiv der Shakta-Kunst. In Kapitel 5 sitzt Kalika auf einem Löwen.]] | |||
===Kapitel 5=== | |||
'''Brahmas Lobpreis der Göttin''' | |||
'''5.1''' Markandeya sprach: Darauf richtete Brahma diese Worte an den großen Daksha und an Marichi und die übrigen Weisen. | |||
'''5.2''' Brahma sprach: Wer wird Shambhus Gemahlin sein, und wer wird ihn bezaubern? So sehr ich auch über eine solche Frau nachdenke, vermag ich mich auf keine festzulegen. | |||
'''5.3''' Daksha, außer der [[Vishnumaya]], der großen, weltdurchdringenden [[Mahamaya]], kann ihn keine andere bezaubern; der Vers nennt in diesem Zusammenhang Sandhya, Savitri und Uma. | |||
'''5.4''' Deshalb preise ich Vishnumaya, die [[Yoganidra]], die Mutter der Welt. In schöner Gestalt wird sie Shankara bezaubern. | |||
'''5.5''' Du aber, Daksha, verehre eben diese Göttin, deren Gestalt das All ist, damit sie deine Tochter und dann Haras Gemahlin wird. | |||
'''5.6''' Markandeya sprach: Als Daksha die Worte des erhabenen Brahma gehört hatte, antwortete er dem Schöpfer, von Marichi und den anderen dazu ermuntert. | |||
'''5.7''' Daksha sprach: Erhabener, was du zum Wohl der Welt sagst, ist wahr. Wir werden entsprechend handeln, damit sie sein Herz gewinnt. | |||
'''5.8''' Ich werde so handeln, dass Vishnumaya selbst meine Tochter wird und die Gemahlin des großen Shambhu. | |||
'''5.9''' Markandeya sprach: „So soll es sein“, sagten Marichi und die anderen. Daksha begann darauf, die weltdurchdringende Mahamaya zu verehren. | |||
'''5.10''' Am nördlichen Ufer des Milchozeans nahm er sie in sein Herz auf und begann [[Tapas]] zu üben, um [[Ambika]] unmittelbar zu schauen. | |||
'''5.11''' Daksha übte dreitausend Götterjahre lang Askese, diszipliniert, selbstbeherrscht und fest in seinem Gelübde. | |||
'''5.12''' Bald lebte er von Luft, bald fastete er, bald nahm er Wasser oder Blätter zu sich. So verbrachte er diese Zeit und betrachtete die Göttin, die das All erfüllt. | |||
'''5.13''' Nachdem Daksha zur Askese aufgebrochen war, begab sich Brahma, der Herr aller Welten, zur Umgebung des Mandara, einem besonders heiligen Ort. | |||
'''5.14''' Dort pries er hundert Jahre lang mit bedeutungsvollen Worten und ungeteilter Aufmerksamkeit die Trägerin der Welt, die weltdurchdringende Vishnumaya. | |||
'''5.15''' Brahma sprach: Ich preise die reine Göttin, die Trägerin der Welt, deren Wesen Wissen und Nichtwissen ist, die keiner Stütze bedarf und unerschüttert bleibt, deren Gestalt das Grobe und das Feinste umfasst. | |||
'''5.16''' Aus ihr geht die Welt hervor, auch jene höchste Grundlage, die Pradhana genannt wird. Dich, die ewige Nidra, preise ich als einen Anteil von ihr. Die Zuordnung von „Anteil“ und „Grundlage“ ist im überlieferten Satz nicht eindeutig. | |||
'''5.17''' Du bist [[Chit|Bewusstsein]], höchste [[Ananda|Glückseligkeit]] und von der Natur des höchsten [[Atman|Selbst]]. Du bist die [[Shakti|Kraft]] aller Wesen und die Läuternde für alle. | |||
'''5.18''' Du bist [[Savitri]], die Trägerin der Welt; du bist [[Sandhya]], [[Rati]] und [[Dhriti|Standhaftigkeit]]. Als Lichtgestalt erhellst du die Welt des Werdens. | |||
'''5.19''' Ebenso verhüllst du als Dunkelheit beständig die Welt. Als Schöpfung erfüllst du selbst das Dasein mit Wesen. | |||
'''5.20''' Als Erhaltung wirkst du mit Hari zum Wohl der Welten; als Auflösung bringst du ebenso das Ende der Welten herbei. | |||
'''5.21''' Du bist Einsicht und Mahamaya, du bist [[Svadha]], welche die Ahnen erfreut. Du bist [[Svaha]], die ehrerbietige Verneigung, der Opferruf Vashat und das Erinnern. | |||
'''5.22''' Du bist Gedeihen, Festigkeit, [[Maitri|Freundlichkeit]], [[Karuna|Mitgefühl]] und [[Mudita|Mitfreude]]. Du bist sittsame Zurückhaltung, [[Shanti|Frieden]] und Schönheit, Herrin der Welt. | |||
'''5.23''' Du bist Mahamaya, Svaha und Svadha, die Gottheit der Ahnen. Die schöpferische Kraft in uns und die erhaltende Kraft in Hari – | |||
'''5.24''' die auflösende Kraft ebenso, o Herrin: Diese ewige Kraft bist du. | |||
'''5.25''' Du bist die Eine; in zweifacher Gestalt bewirkst du [[Moksha|Befreiung]] und [[Samsara|Weltgebundenheit]]. Als Wissen und Nichtwissen offenbarst oder verhüllst du dein eigenes Licht. | |||
'''5.26''' Du bist das Glück aller Wesen, du bist Schatten und [[Sarasvati]]. Du bist die dreifache vedische Lehre und die drei Lautmaße; du bist von der Natur aller Wesen. | |||
'''5.27''' Du bist der erhebende Gesang des [[Samaveda]], der die Scharen der Ahnen erfreut. Du bist der Altar aller Opfer, die Verse zur Entzündung des Opferfeuers und die Opfergabe. | |||
'''5.28''' Du bist die unoffenbare, nicht bestimmbare und ungeteilte Gestalt des höchsten Selbst; ebenso die feinen Elemente und die gegliederte, weltdurchdringende Erscheinung. | |||
'''5.29''' Du bist jene Gestalt, die die Erde trägt, o Trägerin des Alls, die in der Welt stets Kraft und Wohlergehen schenkt. Die nähere Beschreibung dieser Gestalt ist im Sanskrit beschädigt. | |||
'''5.30''' Du bist Glück, Bewusstsein und Schönheit, du bist Gedeihen und die Ewige. Du bist [[Kalaratri]], Befreiung, Frieden, Weisheit und Erinnerung. Das erste Wort wird als die naheliegende Lesung „Lakshmi“ verstanden. | |||
'''5.31''' Du bist das Boot zur Überquerung des Ozeans des Weltlebens, Geberin von Glück und Befreiung. Sei gnädig! Für alle Welten bist du stets Zuflucht und Einsicht. | |||
'''5.32''' Du bist das Ewige und das Vergängliche, du bezauberst alles Bewegliche und Unbewegliche. Du bist die Verbindende, die alle Formen des Yoga mit ihren Haupt- und Nebengliedern zur Erscheinung bringt. | |||
'''5.33''' Du bist die Betrachtung und der Ruhm der Entsagenden und mit den acht Gliedern verbunden. Du trägst Schwert, Dreizack und Diskus und hast eine furchterregende Gestalt. Die erste Hälfte des Verses ist sprachlich unsicher. | |||
'''5.34''' Du bist die Herrin der Menschen und erweist allen Gnade. Du bist der Anfang des Alls und selbst ohne Anfang, der Mutterschoß des Alls und selbst ungeboren aus einem Mutterschoß. Grenzenlos bist du und allein die Vollenderin aller Welten. | |||
'''5.35''' Du bist vollkommen rein und wirst doch auch als dunkel besungen. Du bist Gewalt und [[Ahimsa|Gewaltlosigkeit]], du bist Kali und die Viergesichtige. | |||
'''5.36''' Du bist die Höchste, die Mutter aller, die Bezwingende und Bändigende. In dir allein löst sich das All auf; in dir leuchtet die Wirklichkeit, und du trägst sie. | |||
'''5.37''' Du bist unerschaffen und die Schöpfung; ohne Ohren hörst du doch. Du bist die Asketin; ohne Hände und Füße greifst du dennoch. Die abschließende Wortform ist unklar. | |||
'''5.38''' Du bist Himmel, Wasser, Licht, Wind, Raum, Geist und das Ichbewusstsein der Welten: die achtfältige [[Prakriti]]. Die Aufzählung ist in der Textfassung nicht vollständig eindeutig und wird nicht stillschweigend ergänzt. | |||
'''5.39''' Als Meru trägst du die Gestalt des Nabels der Welt. Du bist die reine Wirklichkeit des Höheren und Niederen, die Maya, die Verblendung hervorruft. Ein Ausdruck in der ersten Hälfte bleibt unklar. | |||
'''5.40''' Ursache und Wirkung, Wahrheit und Frieden, Heilsames und Unheilsames sowie die Früchte am Baum der Leidenschaft: Dies sind deine Gestalten im Weltgeschehen. | |||
'''5.41''' Du bist äußerst kurz und lang, winzig klein und von gewaltigem Leib. Obwohl fein, durchdringst du alle Welten; das All ist von dir erfüllt. | |||
'''5.42''' Du bist ohne Maß und trittst doch in mannigfachen Maßen hervor. Der Vers verbindet deine Größe mit Gesamtheit und Einzelheit sowie mit dem Schwinden von Genuss und Leidenschaft. Wegen mehrerer beschädigter Wortformen ist sein genauer Zusammenhang nicht sicher zu übersetzen. | |||
'''5.43''' Du kennst das Reifen erwünschter und unerwünschter Folgen und ihre Ursachen. Auch die Gestalt von Anfang, Mitte und Ende der Schöpfung gehört dir. Die Schlusswendung ist unsicher. | |||
'''5.44''' Die Wirklichkeit, die man durch wiederholte Betrachtung und den achtgliedrigen [[Yoga]] verwirklicht und zur Festigkeit bringt, ist deine ewige Gestalt. | |||
'''5.45''' Äußeres und Inneres, Freude und Leid, Wissen und Nichtwissen, Auflösung und Fortbestehen, Bedrängnis und Frieden: Du bist die Machtfülle des Herrn der Welt. | |||
'''5.46''' Niemand in den drei Welten vermag deine Macht auszusprechen. Du selbst bist die bezaubernde Kraft – wie könnte ich dich angemessen preisen? | |||
'''5.47''' [[Yoganidra]], großer Schlaf, verblendender Schlaf, weltdurchdringende Göttin, Vishnumaya und Prakriti: Wer könnte dich durch Lobpreis ganz erfassen? | |||
'''5.48''' Du bist die Kraft, durch welche ich, Vishnu und Shankara einen Leib tragen. Wer kann ihre Macht aussprechen, wer ihre Eigenschaften erkennen? | |||
'''5.49''' Im Innern bist du als Lichtgestalt erfahrbar, die das Erkennen ermöglicht. Nach außen erscheinst du, die Eine, in der Gestalt des Beweglichen und Unbeweglichen. | |||
'''5.50''' Sei gnädig, Mutter aller Welten, die du Frauengestalt annimmst! Du mit dem All als Gestalt, Herrin des Alls, Ewige, sei gnädig! | |||
'''5.51''' Markandeya sprach: Als Yoganidra so von Brahma gepriesen wurde, erschien sie unmittelbar vor ihm. | |||
'''5.52''' Sie glänzte dunkel wie schimmernde Augensalbe, war schön, hochgewachsen und vierarmig. Auf einem Löwen sitzend, hielt sie Schwert und blauen Lotus in den Händen; ihr Haar fiel frei herab. | |||
'''5.53''' Als der Schöpfer, der Lehrer der ganzen Welt, sie vor sich sah, neigte er voller Hingabe seine hohen Schultern, pries sie und verneigte sich. | |||
'''5.54''' Brahma sprach: Wieder und wieder Verehrung dir, die du Weltentfaltung und Rückkehr aus der Welt, Erhaltung und Schöpfung bist! Du bist die ewige Kraft aller beweglichen und unbeweglichen Wesen, die alles zu bezaubern vermag. | |||
'''5.55''' Du bist Shri, stets mit Keshavas Gestalt verbunden, die Trägerin des Alls, die alles trägt; du bist die verehrte, liebliche Yogini und sittsame Zurückhaltung. Verehrung dir, dem innersten Wesen des höchsten Selbst! | |||
'''5.56''' Du bist jene vielfältig gestützte Erkenntnis, welche Yogis auf dem mit Yama beginnenden Weg im Herzen betrachten: unmittelbar gewiss, von Licht und Reinheit erfüllt. Eine Wortform des zweiten Halbverses ist unsicher. | |||
'''5.57''' Du trägst das Unveränderliche, Unoffenbare und Unvorstellbare und die von Zeit geprägten Welten. Stets bringst du den Keim der Wandlungen hervor: Altes, Neues und Dazwischenliegendes. | |||
'''5.58''' Du bist das unveränderte Gleichgewicht der Eigenschaften [[Sattva]], [[Rajas]] und [[Tamas]], die einzige Ursache der Welt, die sich als Außen und Innen entfaltet. | |||
'''5.59''' Du Keim sämtlicher Welten, deren Wesen Erkennen und Erkennbares ist, Vishnumaya, die zum Wohl der Welten wirkt: Verehrung dir! | |||
'''5.60''' Als Kali, die Bezauberin der Welten, diese Worte vernommen hatte, sprach sie zum Schöpfer Brahma mit einer Stimme wie Wolkendonner. | |||
'''5.61''' Die Göttin sprach: Brahma, aus welchem Grund hast du mich gepriesen? Sage mir nun rasch, was du begehrst. Die mittlere Wendung des Verses ist beschädigt. | |||
'''5.62''' Da ich dir unmittelbar erschienen bin, ist das Gelingen deines Vorhabens gewiss. Sprich darum deinen Wunsch aus; ich werde ihn erfüllen, durch deine Verehrung bewegt. | |||
'''5.63''' Brahma sprach: Der Herr der Wesen wandelt allein und begehrt keine Gefährtin. Bezaubere ihn, damit er selbst eine Gemahlin annehmen möchte. | |||
'''5.64''' Außer dir kann niemand sein Herz gewinnen. Nimm darum eine Gestalt an, in der du Bhava bezauberst. | |||
'''5.65''' Wie du einen Leib angenommen hast und in Lakshmis Gestalt Keshava erfreust, so handle auch an ihm zum Wohl des Alls. | |||
'''5.66''' Der Gott mit dem Stierbanner tadelte schon mein bloßes Verlangen nach einer Frau. Wie wird er nun aus eigenem Willen eine Gemahlin annehmen? | |||
'''5.67''' Wie kann die Schöpfung fortschreiten, solange Hara keine Gemahlin angenommen hat, solange Shambhu, die Ursache von Anfang, Mitte und Ende, leidenschaftslos bleibt? | |||
'''5.68''' Von dieser Sorge erfüllt, habe ich keine andere Zuflucht als dich gefunden. Handle darum zu meinem Beistand und zum Wohl des Alls. | |||
'''5.69''' Weder Vishnu noch Lakshmi, weder Manobhava noch ich vermögen ihn zu bezaubern. Mutter der Welt, bezaubere du den Herrn! | |||
'''5.70''' Wie du der Ruhm aller Wesen und die sittsame Zurückhaltung der Selbstbeherrschten bist, wie du Vishnus einzige Geliebte bist, so bezaubere auch den Herrn. | |||
'''5.71''' Markandeya sprach: Ihr edlen, besten Zweimalgeborenen, hört nun, was die von Yoga erfüllte Kali darauf zu Brahma sagte. | |||
===Kapitel 6=== | |||
'''Yoganidra und die Macht der Maya''' | |||
Die Nummern 8–11 fehlen. Nach dem ersten Vers 40 wiederholt die Textfassung den Block 29–40; die Nummer 39 erscheint jeweils als 69. Die Zusätze a, b und c unterscheiden die überlieferten Vorkommen, ohne die Originalnummern zu ersetzen. | |||
'''6.1''' Die Göttin sprach: Alles, was du gesagt hast, Brahma, ist wahr. Außer mir gibt es hier niemanden, der Shankara bezaubern könnte. | |||
'''6.2''' Ebenso hast du richtig dargelegt, dass diese immer wiederkehrende Schöpfung nicht fortbestehen würde, wenn Hara keine Gemahlin annähme. | |||
'''6.3''' Auch ich bemühe mich sehr um diesen Herrn der Welt. Durch deine Worte ist mein Bemühen heute noch nachdrücklicher und doppelt so stark geworden. | |||
'''6.4''' Ich werde so wirken, dass Hara, von selbst verzaubert und nicht mehr Herr seiner Regung, eine Gemahlin annehmen wird. | |||
'''6.5''' Eine schöne Gestalt werde ich annehmen und ihm ergeben sein, du Edler, wie Haripriya Vishnu ergeben ist. | |||
'''6.6''' Ebenso werde ich bewirken, dass auch Hara mir stets ergeben ist, wie es bei anderen Menschen geschieht. | |||
'''6.7''' Bei jedem Schöpfungsgang werde ich Shambhu, der unerschüttert bleibt, in Frauengestalt begleiten, Schöpfer. Die genaue zeitliche Gliederung des ersten Halbverses ist sprachlich unsicher. | |||
'''6.12''' Aus Dakshas Gemahlin geboren, werde ich in schöner Gestalt Shankara bei jeder erneuten Schöpfung verehren, Großvater. | |||
'''6.13''' Markandeya sprach: Nachdem sie so zu Brahma gesprochen hatte, ihr besten Zweimalgeborenen, verschwand sie dort, während der Weltschöpfer sie noch betrachtete. | |||
'''6.14''' Als sie verschwunden war, begab sich der erhabene Schöpfer, der Großvater der Welt, dorthin, wo der aus dem Geist geborene Liebesgott weilte. | |||
'''6.15''' An Mahamayas Worte denkend, freute er sich außerordentlich und betrachtete seine Aufgabe als erfüllt, ihr hervorragenden Weisen. | |||
'''6.16''' Als Madana den erhabenen Brahma auf seinem Schwanengefährt herankommen sah, erhob er sich rasch. | |||
'''6.17''' Mit vor Freude weit geöffneten Augen trat der aus dem Geist Geborene zu ihm und verneigte sich vor dem freudigen Herrn aller Welten. | |||
'''6.18''' Der erhabene Schöpfer sprach mit liebevoll bewegter Stimme zu Madana. Um ihn zu erfreuen, berichtete er, was die Göttin Vishnumaya gesagt hatte. | |||
'''6.19''' Brahma sprach: Mein Kind, du aus dem Geist Geborener, du hast mir früher im Zusammenhang mit Sharvas Bezauberung gesagt: „Erschaffe eine, welche die erwachte Liebe weiter nährt.“ | |||
'''6.20''' Zu diesem Zweck habe ich die Göttin Yoganidra, die das All erfüllt, in einer Höhle des Mandara mit ungeteiltem Geist gepriesen. | |||
'''6.21''' Sie selbst erschien mir unmittelbar und sagte, durch die Verehrung erfreut, zu: „Shambhu soll durch mich bezaubert werden.“ | |||
'''6.22''' Als Tochter im Hause Dakshas wird sie Hara schon bald bezaubern. Dies ist gewiss, du aus dem Geist Geborener. | |||
'''6.23''' Madana sprach: Brahma, wer ist diese weltdurchdringende Göttin, die als Yoganidra bekannt ist? Wie kann sie Hara, der in Askese weilt, unter ihren Einfluss bringen? | |||
'''6.24''' Welche Macht besitzt diese Göttin? Wer ist sie, und wo weilt sie? Das möchte ich von dir hören, Großvater der Welt. | |||
'''6.25''' Wenn er aus seiner Versenkung hervortritt, können wir nicht einmal einen Augenblick in seinem Blickfeld bestehen. Wie sollte sie ihn bezaubern? | |||
'''6.26''' Wer könnte vor dem Träger des Dreizacks stehen bleiben, Brahma, wenn er seine wie loderndes Feuer leuchtenden Augen und sein wildes Geflecht von Haaren sieht? | |||
'''6.27''' Um einen solchen Gott zu bezaubern, habe ich diese Aufgabe übernommen. Darum möchte ich wahrheitsgemäß von ihr hören. | |||
'''6.28''' Markandeya sprach: Der Viergesichtige hörte die Worte des aus dem Geist Geborenen. Obwohl er antworten wollte, wirkten diese Worte entmutigend auf ihn. | |||
'''6.29a''' Brahma wurde von Sorge über die Bezauberung Sharvas ergriffen: „Ich bin nicht imstande, ihn zu bezaubern.“ Immer wieder seufzte er. | |||
'''6.30a''' Aus dem Atem seiner Seufzer entstanden mächtige Scharen von vielerlei Gestalt, mit beweglichen Zungen, unruhig und überaus furchterregend. | |||
'''6.31a''' Manche hatten Pferdegesichter, andere Elefantengesichter; wieder andere die Gesichter von Löwen, Tigern, Hunden, Ebern oder Eseln. | |||
'''6.32a''' Andere besaßen die Gesichter von Bären, Katzen, Sharabhas, Papageien, Affen, Schakalen oder Kriechtieren. Eine Wortgruppe im ersten Halbvers ist beschädigt. | |||
'''6.33a''' Einige hatten Kuhgestalt oder Kuhgesichter, andere Vogelgesichter. Manche waren äußerst lang, andere sehr kurz, sehr dick oder sehr mager. | |||
'''6.34a''' Sie hatten gelblichbraune oder weit geöffnete Augen; einige besaßen drei Augen, andere nur eines und große Bäuche. Manche hatten ein Ohr, andere drei oder vier. | |||
'''6.35a''' Einige hatten dicke, große oder viele Ohren, andere gar keine; ihre Augen waren lang, groß oder winzig, und manche hatten einen entstellten Blick. | |||
'''6.36a''' Manche hatten vier Füße, andere fünf, drei oder nur einen. Es gab kurzfüßige, langfüßige und solche mit dicken oder gewaltigen Füßen. | |||
'''6.37a''' Einige hatten eine Hand, andere vier, zwei oder drei; manche waren ohne Hände, andere hatten entstellte Augen oder die Gestalt von Eidechsen. | |||
'''6.38a''' Einige hatten Menschengestalt oder Krokodilsgesichter, andere glichen Kranichen, Reihern, Schwänen und Sarasa-Vögeln. Wieder andere hatten Gesichter von Tauchvögeln, Fischadlern, Reiherartigen oder Krähen. | |||
'''6.69a''' Manche waren halb blau und halb rot, andere rötlichbraun oder gelblichbraun, blau, weiß, gelb, grün oder vielfarbig. | |||
'''6.40a''' Sie spielten Muschelhörner, große Trommeln, Saiteninstrumente, Mridangas, Dindimas, Gomukha-Hörner und Panava-Trommeln. | |||
'''6.29b''' Brahma wurde von Sorge über die Bezauberung Sharvas ergriffen: „Ich bin nicht imstande, ihn zu bezaubern.“ Immer wieder seufzte er. | |||
'''6.30b''' Aus dem Atem seiner Seufzer entstanden mächtige Scharen von vielerlei Gestalt, mit beweglichen Zungen, unruhig und überaus furchterregend. | |||
'''6.31b''' Manche hatten Pferdegesichter, andere Elefantengesichter; wieder andere die Gesichter von Löwen, Tigern, Hunden, Ebern oder Eseln. | |||
'''6.32b''' Andere besaßen die Gesichter von Bären, Katzen, Sharabhas, Papageien, Affen, Schakalen oder Kriechtieren. Eine Wortgruppe im ersten Halbvers ist beschädigt. | |||
'''6.33b''' Einige hatten Kuhgestalt oder Kuhgesichter, andere Vogelgesichter. Manche waren äußerst lang, andere sehr kurz, sehr dick oder sehr mager. | |||
'''6.34b''' Sie hatten gelblichbraune oder weit geöffnete Augen; einige besaßen drei Augen, andere nur eines und große Bäuche. Manche hatten ein Ohr, andere drei oder vier. | |||
'''6.35b''' Einige hatten dicke, große oder viele Ohren, andere gar keine; ihre Augen waren lang, groß oder winzig, und manche hatten einen entstellten Blick. | |||
'''6.36b''' Manche hatten vier Füße, andere fünf, drei oder nur einen. Es gab kurzfüßige, langfüßige und solche mit dicken oder gewaltigen Füßen. | |||
'''6.37b''' Einige hatten eine Hand, andere vier, zwei oder drei; manche waren ohne Hände, andere hatten entstellte Augen oder die Gestalt von Eidechsen. | |||
'''6.38b''' Einige hatten Menschengestalt oder Krokodilsgesichter, andere glichen Kranichen, Reihern, Schwänen und Sarasa-Vögeln. Wieder andere hatten Gesichter von Tauchvögeln, Fischadlern, Reiherartigen oder Krähen. | |||
'''6.69b''' Manche waren halb blau und halb rot, andere rötlichbraun oder gelblichbraun, blau, weiß, gelb, grün oder vielfarbig. | |||
'''6.40b''' Sie spielten Muschelhörner, große Trommeln, Saiteninstrumente, Mridangas, Dindimas, Gomukha-Hörner und Panava-Trommeln. | |||
'''6.41''' Ihr besten Brahmanen, alle diese auf Wagen fahrenden Scharen wirkten wild durch ihr dichtes, hohes, gelblichbraunes verfilztes Haar. | |||
'''6.42''' Sie hielten Dreizacke, Schlingen, Schwerter und Bögen, ferner Speere, Elefantenhaken, Keulen, Pfeile, Streitäxte und Wurfspieße in den Händen. | |||
'''6.43''' Mit vielerlei Waffen versehen, erhoben diese Mächtigen einen großen Lärm. Vor Brahma tretend, riefen sie: „Töte! Zerschneide!“ | |||
'''6.44''' Während sie „Töte! Zerschneide!“ riefen, begann der Schöpfer unter dem Einfluss Yoganidras zu sprechen. | |||
'''6.45''' Madana sah diese Scharen und wandte sich an Brahma. Er hielt ihn zunächst vom Weiterreden ab und sprach vor den versammelten Scharen: | |||
'''6.46''' Madana sprach: Welche Aufgabe sollen sie erfüllen? Wo sollen sie wohnen, Schöpfer, und welchen Namen sollen sie tragen? Weise ihnen dies zu. | |||
'''6.47''' Bestimme zuerst ihre eigene Aufgabe, gib ihnen Wohnstätte und Namen. Danach erzähle mir von Mahamayas Macht. | |||
'''6.48''' Markandeya sprach: Als der Großvater aller Welten diese Worte gehört hatte, wandte er sich an Madana und die Scharen und wies ihnen ihre Aufgaben zu. | |||
'''6.49''' Brahma sprach: Kaum waren sie entstanden, riefen sie immer wieder laut „Töte!“ – deshalb soll ihr Name Mara sein. | |||
'''6.50''' Auch wegen ihres todbringenden Wesens sollen sie Maras heißen. Den Wesen werden sie Hindernisse bereiten, sofern sie nicht verehrt werden. | |||
'''6.51''' Ihre wichtigste Aufgabe ist es, dir zu folgen, du aus dem Geist Geborener. Wohin du zur Erfüllung deiner Aufgabe auch gehst, dorthin werden sie jeweils zu deiner Unterstützung mitgehen. | |||
'''6.52''' Sie werden den Geist jener verwirren, die deinen Waffen unterliegen, und den Weg der Erkenntnis selbst bei den Wissenden immer wieder behindern. | |||
'''6.53''' Sie werden überall darauf hinwirken, dass die Geschöpfe trotz aller Hindernisse den Tätigkeiten des Weltlebens nachgehen. | |||
'''6.54''' Diese schnellen Wesen, die jede gewünschte Gestalt annehmen können, sollen überall wohnen. Du selbst bist ihr Anführer. Sie sollen einen Anteil an den fünf Opfern erhalten und die Wassergaben derer empfangen, die ihre täglichen Riten vollziehen. | |||
'''6.55''' Markandeya sprach: Nachdem sie dies und ihre Bestimmung gehört hatten, umgaben sie Madana und Brahma und nahmen nach Belieben ihre Plätze ein. | |||
'''6.56''' Wer auf Erden könnte ihre Größe und Macht beschreiben, ihr besten Weisen? Denn sie verfügen über die Kraft der Askese. | |||
'''6.57''' Sie haben weder Gemahlinnen noch Kinder und sind stets ohne eigenes Verlangen. Obwohl sie Entsagende und hochherzige Wesen sind, bewahren sie alle ihre Zeugungskraft nach oben gerichtet. | |||
'''6.58''' Darauf begann Brahma freudig, Madana die Größe Yoganidras ausführlich zu erklären. | |||
'''6.59''' Indem sie sich als Unoffenbares und Offenbares sowie durch die Eigenschaften Rajas, Sattva und Tamas gliedert und wirkt, wird sie Vishnumaya genannt. | |||
'''6.60''' Diejenige, die in den unteren Wasserräumen innerhalb der Welteihülle weilt und sich gliedernd zum Purusha gelangt, wird Yoganidra genannt. Die räumlichen und kosmologischen Bezüge sind in der überlieferten Lesung nicht eindeutig. | |||
'''6.61''' Sie ist der inneren Vergegenwärtigung des Mantras hingegeben und von der Natur höchster Glückseligkeit; im reinen Erkennen der Yogis gegenwärtig, wird sie die Weltdurchdringende genannt. | |||
'''6.62''' Das im Mutterleib mit Erkenntnis ausgestattete Wesen wird von den Geburtswinden herausgetrieben. Sie lässt es nach der Geburt seine Erkenntnis verlieren. | |||
'''6.63''' Durch die eingeprägten Eindrücke verbindet sie es mit dem immer weiter zurückliegenden Früheren; dann entstehen Verblendung hinsichtlich Nahrung und anderer Dinge, das Gefühl „mein“ und Zweifel am Erkennen. | |||
'''6.64''' Immer wieder versetzt sie es in Zorn, Bedrängnis und Gier, richtet es danach rasch auf Begehren aus und erfüllt es Tag und Nacht mit Sorgen. | |||
'''6.65''' Sie macht das Wesen zugleich freudig erregt und an leidbringende Gewohnheiten gebunden. Darum heißt sie Mahamaya, die große Maya, die Herrin der Welt. | |||
'''6.66''' Sie bringt die mit Ichbewusstsein und weiteren Prinzipien verbundene Schöpfung hervor. Daher nennen die Menschen sie, die unendlich viele Gestalten hat, das Entstehen. | |||
'''6.67''' Wie das aus Wolken stammende Wasser den aus dem Samen entstandenen Keim wachsen lässt, so lässt sie die geborenen Wesen wachsen. | |||
'''6.68''' Sie ist Kraft und Schöpfung, die Herrin und die Entfaltung aller. Sie ist stets die Geduld der Geduldigen und das Mitgefühl der Mitfühlenden. | |||
'''6.69c''' Als die Ewige leuchtet sie in ewiger Gestalt im Innern der Welt. Als höchstes Licht macht sie Offenbares und Unoffenbares sichtbar. | |||
'''6.70''' Als Wissen ist diese Vaishnavi für die Yogis Ursache der Befreiung; in ihrer entgegengesetzten Erscheinung ist sie für die dem Weltleben Verhafteten Ursache der Bindung an Samsara. | |||
'''6.71''' Als Lakshmi ist sie Krishnas überaus liebliche Gefährtin. Als die dreifache vedische Lehre weilt sie stets an meiner Kehle, du aus dem Geist Geborener. Brahma ist hier der Sprecher. | |||
'''6.72''' Überall gegenwärtig, alles durchdringend, von göttlicher Gestalt, ewig, alle Gestalten umfassend und die Höchste genannt: Diese Göttin bezaubert selbst Krishna und die anderen und erscheint den Lebewesen ringsum in Frauengestalt. | |||
===Kapitel 7=== | |||
'''Kamas vergebliche Bemühungen um den Yogi''' | |||
'''7.1''' Markandeya sprach: Nachdem Brahma das Wesen Mahamayas erklärt hatte, sagte er erneut zu Madana: „Sie ist die Rechte, um Hara zu bezaubern.“ | |||
'''7.2''' Brahma sprach: Vishnumaya hat bereits zugesagt, so zu handeln, dass Mahadeva eine Gemahlin annehmen wird. | |||
'''7.3''' Sie selbst hat gesagt, Smara, dass sie gewiss Dakshas Tochter und dann die Gefährtin des großen Shambhu werden wird. | |||
'''7.4''' Wirke zusammen mit deinen Scharen, mit Rati und mit dem Frühling darauf hin, dass Shankara selbst eine Gemahlin annehmen möchte. | |||
'''7.5''' Wenn Shambhu die Ehe eingegangen ist, ist unsere Aufgabe erfüllt, Smara. Ohne Zweifel wird diese Schöpfung dann ununterbrochen fortbestehen. | |||
'''7.6''' Markandeya sprach: Darauf berichtete der aus dem Geist Geborene dem Herrn der Welt freundlich, was er unternommen hatte, um Mahadeva zu bezaubern. | |||
'''7.7''' Madana sprach: Höre, Brahma, wie wir uns darum bemühen, Hara zu bezaubern – in seiner Gegenwart ebenso wie ungesehen von ihm. | |||
'''7.8''' Wenn der sinnenbeherrschte Shambhu in [[Samadhi]] weilt, umfächle ich ihn stets mit duftendem, kühlem, sanft bewegtem Wind, der Bezauberung hervorruft, Herr der Welt. | |||
'''7.9''' Mit meinem Bogen und meinen fünf Pfeilen gehe ich in seiner Nähe umher und bezaubere sein Gefolge. | |||
'''7.10''' Tag und Nacht lasse ich dort Siddha-Paare sich miteinander erfreuen; alle Liebesregungen und anmutigen Gebärden gehen in sie ein. | |||
'''7.11''' Welches Lebewesen, das sich in Shambhus Nähe befindet, würde dort nicht immer wieder nach Paarung streben, Großvater? | |||
'''7.12''' Alle Wesen verhalten sich so, sobald ich dort eintrete. Doch weder Shambhu noch sein Stier haben eine solche Veränderung ihres Geistes erfahren. | |||
'''7.13''' Wenn der Herr der Pramathas sich zu deinem Bergplateau begibt, gehe ich sogleich zusammen mit dem Frühling dorthin und zu den Flüssen, Schöpfer. Die Ortsangabe der ersten Hälfte ist unsicher. | |||
'''7.14''' Wenn er zum Meru, nach Natakeshvara oder zum Kailasa geht, begebe ich mich ebenfalls dorthin. | |||
'''7.15''' Wenn Hara auch nur einen Augenblick aus der Versenkung hervortritt, bringe ich vor ihm ein Paar Chakravaka-Vögel zusammen. | |||
'''7.16''' Dieses Vogelpaar zeigt dann immer wieder anmutige Regungen und Gebärden und entfaltet auf vielerlei Weise das Zusammensein von Gefährten. | |||
'''7.17''' Ebenso bezaubere ich vor ihm Pfauen mit ihren Weibchen, Wildtiere und andere Vögel in seiner Nähe. | |||
'''7.18''' Wer bliebe ohne Verlangen, wenn er ein Pfauenpaar sieht, das sich mit vielfältigen Bewegungen der Liebe hingibt? | |||
'''7.19''' Auch die Wildtiere vor ihm zeigten mit ihren Weibchen erregt anmutige Liebesregungen, unmittelbar an seiner Seite. | |||
'''7.20''' Doch niemals fand ich bei ihm eine Öffnung, durch die mein Pfeil in seinen Leib eindringen könnte, du Träger aller Welten. | |||
'''7.21''' Auf vielerlei Weise habe ich geprüft und erkannt: Selbst mit meinen Helfern vermag ich den ungeteilten Hara ohne die Begegnung mit einer Frau nicht zu bezaubern. Die Lesung ist im zweiten Halbvers gestört; die Verneinung ergibt sich aus dem Zusammenhang. | |||
'''7.22''' Höre auch, du Edler, welche Tätigkeiten der Frühling regelmäßig und seinem Wesen entsprechend unternimmt, um ihn zu bezaubern. | |||
'''7.23''' Er lässt Champaka, Keshara, Mango, Karuna, Patala, Nagakeshara, Punnaga, Kinshuka, Ketaka und Dhava, | |||
'''7.24''' Madhavi, Mallika, Parnadhara und Kuravaka an dem Ort erblühen, an dem Hara weilt. | |||
'''7.25''' Er fächelt den Teichen mit ihren geöffneten Lotusblüten Malaya-Winde zu und erfüllt Shankaras Einsiedelei mit besonders angenehmem Duft. | |||
'''7.26''' Dort umschlingen blühende Ranken mit anmutigen Bewegungen die Bäume, die voller Blüten stehen. | |||
'''7.27''' Wer würde angesichts dieser Bäume mit ihren schönen Blüten und der duftenden Winde nicht unter die Macht des Begehrens geraten – selbst ein Weiser? Die Verneinung der Vorlage ist syntaktisch nicht eindeutig; diese Lesart folgt dem Gegensatz zum unveränderten Shiva in Vers 29. | |||
'''7.28''' Auch sein Gefolge sowie die Götter und Siddhas, selbst die von großer Askesekraft, zeigten dort vielerlei schöne Regungen, Herr der Welt. | |||
'''7.29''' Doch an ihm selbst sahen wir keinen Anlass zu solcher Betörung. Shankara zeigt nicht einmal die geringste aus Begehren entstandene Regung. | |||
'''7.30''' Nachdem ich dies alles gesehen und Haras Haltung erkannt hatte, gab ich die Hoffnung auf, Shambhu ohne Maya bezaubern zu können. | |||
'''7.31''' Nun aber habe ich deine Worte gehört, Yoganidras Zusage und den Bericht über ihre Macht, und ich habe diese unterstützenden Scharen gesehen. | |||
'''7.32''' Darum werde ich mich erneut und immer wieder bemühen, Shambhu zu bezaubern. Auch du, Herr der drei Welten, wirke darauf hin, dass Yoganidra rasch Shambhus Gemahlin wird. | |||
'''7.33''' Hinsichtlich seiner [[Yama]]s und [[Niyama]]s, seines beständigen [[Pranayama]], seiner Sitzhaltung und seines [[Pratyahara]], | |||
'''7.34''' seiner Meditation, Konzentration und Versenkung halte ich es nicht für möglich, eine Störung hervorzurufen – selbst durch hundert Maras nicht. | |||
'''7.35''' Dennoch möge diese Mara-Schar versuchen, Haras Yogaübungen zu erschüttern oder zu unterbrechen, soweit es ihr möglich ist. Die abschließende Frage des Verses ist sprachlich beschädigt und nicht sicher zu übersetzen. | |||
===Kapitel 8=== | |||
'''Die Geburt Satis''' | |||
Die erste Nummer 6 steht zwischen 2 und 4, die erste Nummer 26 zwischen 22 und 24. Die Zusätze a und b unterscheiden die jeweiligen Vorkommen. | |||
'''8.1''' Markandeya sprach: Ihr an Askese reichen Weisen, nachdem Brahma Gewissheit über Yoganidras Zusage gewonnen hatte, erinnerte er sich an ihre Worte und sagte erneut zu Madana: | |||
'''8.2''' Brahma sprach: Yoganidra wird gewiss Shambhus Gemahlin werden. Unterstütze sie dabei nach besten Kräften. | |||
'''8.6a''' Begib dich mit deinen Scharen und dem Frühling rasch an den Ort, an dem Shankara weilt, du aus dem Geist Geborener. | |||
'''8.4''' Verwende stets ein Viertel von Tag und Nacht darauf, die Welt zu bezaubern. Während der übrigen drei Viertel bleibe mit deinen Scharen an Shambhus Seite. | |||
'''8.5''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten verschwand der Herr aller Welten dort. Madana begab sich mit seinen Scharen zu Shambhu. | |||
'''8.6b''' Währenddessen war Daksha lange in Askese vertieft und verehrte die Göttin durch zahlreiche disziplinierte Übungen und feste Gelübde. | |||
'''8.7''' Dem Daksha, der diszipliniert Yoganidra verehrte, erschien die Glückverheißende unmittelbar, ihr hervorragenden Weisen. | |||
'''8.8''' Als der Stammvater Daksha Vishnumaya, die das All erfüllt, vor sich sah, betrachtete er seine Aufgabe als erfüllt. | |||
'''8.9''' Kalika war dunkel, saß auf einem Löwen, hatte volle, hohe Brüste, vier Arme, ein schönes Antlitz und hielt einen blauen Lotus; sie war glückverheißend. | |||
'''8.10''' Sie gewährte Gaben und Furchtlosigkeit, hielt ein Schwert in der Hand und besaß alle Vorzüge. Ihre Augen waren rötlich, ihr schönes Haar fiel offen herab, und ihre Gestalt bezauberte. | |||
'''8.11''' Als der Stammvater Daksha sie sah, pries er Mahamaya mit tiefster Liebe und demütig geneigtem Haupt. | |||
'''8.12''' Daksha sprach: Ich preise die Göttin, deren Wesen Glückseligkeit ist und die der Welt Freude schenkt: die glückverheißende Lakshmi Haris, die als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung erscheint. | |||
'''8.13''' Das höchste Lichtprinzip, das durch das Überwiegen von Sattva offenbar wird, das aus sich selbst leuchtet und die Wohnstatt der Welt ist: Es ist ein Anteil von dir, große Herrin. | |||
'''8.14''' Die Offenbarung des Begehrens durch das Überwiegen von Rajas, die als Leidenschaft in der Mitte steht: Sie ist ein Anteil deines Anteils, du Weltdurchdringende. | |||
'''8.15''' Was durch das Überwiegen von Tamas als Verblendung erscheint und das Bewusstsein der Wesen verhüllt, gehört ebenfalls zum Bereich eines Anteils deines Anteils. | |||
'''8.16''' Du bist die Höchste, von höchster Natur, rein und makellos und doch die Bezauberin der Welt. Du bist dreigestaltig, die dreifache vedische Lehre, Ruhm, Lebensunterhalt und Zuflucht dieser Welt. | |||
'''8.17''' Die Gestalt, in der Madhava die Erde trägt und die aus ihm selbst hervorgeht, ist deine Gestalt, die allen Welten wohltut. | |||
'''8.18''' Du bist von gewaltiger Macht, die feine, unbesiegbare Kraft des Alls. Jenes höchste Licht, das durch das Anhalten der aufwärts- und abwärtsgerichteten Atemströmungen offenbar wird, | |||
'''8.19''' ist ein Ausdruck deiner Kraft: sattvig und der inneren Betrachtung zugehörig. Das höchste Reine, das die Yogis betrachten, ohne Stütze und ohne das Streben nach Früchten, | |||
'''8.20''' gehört zum Bereich deines Wesens. Jene bekannte, unveränderliche und überaus reine Erkenntnis – die Aussage setzt sich im folgenden Vers fort. Einzelne Begriffe in Vers 19 sind in der überlieferten Lesung unsicher. | |||
'''8.21''' Jenes Erkennen bist du: frei von Entfaltung und doch die Entfaltung erhellend. Du bist Wissen und Nichtwissen, Stütze und selbst ohne Stütze. Als Gestalt der Welten bist du die ursprüngliche Kraft, die Herrin. | |||
'''8.22''' Die reine Sprache, die in Brahmas Kehle wohnt und als Stimme besungen wird, die sich ganz der Offenbarung der Veden widmet: Diese bist du, Erhellerin des Alls. | |||
'''8.26a''' Du bist Feuer und Svaha, du bist Svadha mit den Ahnen. Du bist der Himmel und die Gestalt der Zeit, du bist das Zeitmaß Kashtha und das darüber Hinausliegende. Die letzte Wendung ist nicht eindeutig. | |||
'''8.24''' Du bist unvorstellbar, unoffenbar und von nicht bestimmbarer Gestalt. Du bist Kalaratri und die Friedvolle, du selbst bist die höchste Prakriti. | |||
'''8.25''' Wenn selbst der Schöpfer und die anderen nur deine äußere, zum Schutz der Welten angenommene Gestalt kennen, wer vermöchte dich als die Höchste zu erkennen? | |||
'''8.26b''' Sei gnädig, erhabene Mutter; sei gnädig, deren Gestalt Yoga ist! Sei gnädig, Furchtgebietende, Weltdurchdringende: Verehrung dir! | |||
'''8.27''' Markandeya sprach: So von Daksha mit gesammeltem Geist gepriesen, sprach Mahamaya zu ihm, obwohl sie selbst seinen Wunsch bereits kannte. | |||
'''8.28''' Die Erhabene sprach: Daksha, durch diese deine Hingabe bin ich sehr erfreut. Wähle die gewünschte Gabe; ich selbst werde sie dir verleihen, mein Lieber. | |||
'''8.29''' Durch deine Übungen, deine Askese und deine Lobpreisungen bin ich überaus erfreut, Stammvater. Wähle die ersehnte Gabe; ich werde sie dir gewähren. | |||
'''8.30''' Daksha sprach: Weltdurchdringende, Mahamaya, wenn du mir eine Gabe gewähren willst, dann werde meine Tochter und Haras Gemahlin. | |||
'''8.31''' Göttin, dies ist nicht nur mein Wunsch, sondern auch der der Welten, Brahmas, Vishnus und Shivas, Herrin der Geschöpfe. | |||
'''8.32''' Die Göttin sprach: Ich werde aus deiner Gemahlin hervorgehen, deine Tochter werden und bald darauf Haras Gemahlin, Stammvater. | |||
'''8.33''' Wenn du mir gegenüber wieder geringe Achtung zeigst, werde ich sogleich diesen Körper verlassen, ob es mir darin gut ergeht oder anders. | |||
'''8.34''' Diese Gabe sei dir gewährt, Stammvater: Bei jedem Schöpfungsgang werde ich deine Tochter und Haras Geliebte werden. | |||
'''8.35''' Bei jeder Schöpfung werde ich Mahadeva so bezaubern, dass er ganz von dieser Bezauberung erfasst wird, Stammvater. | |||
'''8.36''' Markandeya sprach: Nachdem Mahamaya so zu Daksha, dem führenden Stammvater, gesprochen hatte, verschwand die Göttin vor seinen Augen. | |||
'''8.37''' Als Maya verschwunden war, kehrte Daksha in seine Einsiedelei zurück und freute sich darüber, dass sie seine Tochter werden würde. | |||
'''8.38''' Darauf brachte er Nachkommen ohne geschlechtliche Vereinigung hervor: durch Entschluss, geistiges Hervortreten und inneres Denken. | |||
'''8.39''' Die vielen Söhne, die dabei geboren wurden, wanderten auf Naradas Unterweisung hin über diese Erde, ihr besten Zweimalgeborenen. | |||
'''8.40''' Alle Tausende von Söhnen, die ihm immer wieder geboren wurden, folgten auf Naradas Worte hin dem Weg ihrer Brüder. | |||
'''8.41''' „Ihr alle seid dazu bestimmt, auf Erden Wesen hervorzubringen, ihr besten Zweimalgeborenen. Betrachtet zuerst die ganze Erde, wie weit sie sich bis zu ihren äußersten Grenzen erstreckt!“ | |||
'''8.42''' Durch diese Worte Naradas angespornt, wandern Dakshas Söhne bis heute über die Erde und kehren nicht zurück. | |||
'''8.43''' Um nun durch geschlechtliche Vereinigung entstandene Nachkommen hervorzubringen, heiratete Daksha die von ihm erwünschte Tochter Viranas. | |||
'''8.44''' Sie hieß Virini, wurde aber auch Asikni genannt, ihr Edlen. Als der Stammvater seinen ersten Zeugungsentschluss auf sie richtete, | |||
'''8.45''' wurde Mahamaya sogleich aus ihr geboren. Kaum war sie geboren, freute sich der Stammvater sehr. Als er sie strahlend sah, dachte er: „Sie selbst ist es!“ | |||
'''8.46''' Blumen regneten herab, Wolken spendeten Wasser, und die Himmelsrichtungen wurden bei ihrer Geburt friedvoll. | |||
'''8.47''' Die im Himmel versammelten Götter spielten glückverheißende Musik. Als sie geboren war, loderten die Opferfeuer ruhig und klar, ihr besten Menschen. | |||
'''8.48''' Unter Virinis Blick pries Daksha voller Hingabe die Herrin der Welt, Vishnumaya, Mahamaya, nachdem er sie erkannt hatte. | |||
'''8.49''' Daksha sprach: Ich verneige mich vor der Ewigen, die als die Glückverheißende, Friedvolle, Mahamaya, Yoganidra, Weltdurchdringende und Vishnumaya bezeichnet wird. | |||
'''8.50''' Von ihr beauftragt, schuf der Schöpfer einst die Welt; auf ihre Weisung hin bewirkte Vishnu, der Herr der Welt, ihre Erhaltung, | |||
'''8.51''' und Shambhu ihre Auflösung. Vor dir, dieser erhabenen Göttin, verneige ich mich: unveränderlich, rein, unermesslich und machtvoll, Erkenntnismittel, Maß und Erkennbares genannt, deren Wesen Freude ist. | |||
'''8.52''' Wer dich als die höchste Göttin betrachtet, deren Wesen Wissen und Nichtwissen ist, dem liegen Lebensgenuss und Befreiung stets in der Hand. | |||
'''8.53''' Wer dich, die läuternde Göttin, die Wissen und Nichtwissen offenbart, auch nur einmal unmittelbar schaut, dem wird gewiss Befreiung zuteil. | |||
'''8.54''' Yoganidra, Mahamaya, Vishnumaya, Weltdurchdringende: Das Bewusstsein, das mit den Gegenständen gültiger Erkenntnis verbunden ist, ist von deiner Natur. | |||
'''8.55''' Wer dich als Mutter der Welt preist, als Ambika, als Weltdurchdringende und als Maya, dem wird alles zuteil. | |||
'''8.56''' Markandeya sprach: Als die Mutter der Welt so vom großen Daksha gepriesen worden war, antwortete sie ihm auf eine Weise, die ihre Mutter nicht hören konnte. | |||
'''8.57''' Ambika umhüllte alle Anwesenden mit ihrer Maya und sprach so, dass allein Daksha, kein anderer, ihre Worte hörte. | |||
'''8.58''' Die Göttin sprach: Das Ziel, um dessentwillen du mich zuvor verehrt hast, ist nun erreicht, hervorragender Weiser. Erkenne dies jetzt. | |||
'''8.59''' Markandeya sprach: Nachdem sie so zu Daksha gesprochen hatte, nahm die Göttin durch ihre eigene Maya das Wesen eines Säuglings an und weinte bei ihrer Mutter. | |||
'''8.60''' Virini versorgte sie sorgfältig, vollzog die angemessenen Reinigungsriten und gab ihr Muttermilch und alles Weitere nach der Weise der Säuglingspflege. | |||
'''8.61''' Von Virini und dem großen Daksha behütet, wuchs sie täglich heran wie der Mond in seiner zunehmenden Hälfte. | |||
'''8.62''' Schon in ihrer Kindheit gingen alle guten Eigenschaften in sie ein, wie sämtliche lieblichen Mondteile sich im Mond entfalten, ihr besten Zweimalgeborenen. | |||
'''8.63''' Wenn sie ihrer eigenen Natur folgend unter ihren Freundinnen spielte, zeichnete sie Tag für Tag immer wieder das Bild Bhargas. | |||
'''8.64''' Wenn sie die für Kinder üblichen Lieder sang, erinnerte sie sich liebevoll an Ugra, Sthanu, Hara und Rudra. | |||
'''8.65''' Daksha gab ihr den Namen [[Sati]], ihr besten Zweimalgeborenen, weil sie durch alle guten Eigenschaften, durch Güte und richtiges Verhalten ausgezeichnet war. | |||
'''8.66''' Die unvergleichliche Zuneigung Dakshas und Virinis zu ihr, die ihnen schon als Kind ergeben war, wuchs jeden Tag weiter. | |||
'''8.67''' Mit allen liebenswerten Eigenschaften ausgestattet und stets von gutem Verhalten, erfreute sie ihre Eltern Tag für Tag, ihr besten Menschen. | |||
'''8.68''' Eines Tages sahen Brahma und Narada die glückverheißende Sati, dieses Juwel auf Erden, an der Seite ihres Vaters stehen. | |||
'''8.69''' Als sie die beiden erblickte, freute sie sich, neigte sich demütig und verneigte sich vor dem Gott Brahma und vor Narada. | |||
'''8.70''' Nach ihrer Verneigung sahen Brahma und Narada die demütig geneigte Sati an und sprachen diesen Segen: | |||
'''8.71''' Mögest du jenen Gott zum Gemahl gewinnen, der dich allein begehrt und den du selbst zum Gemahl begehrst, den allwissenden Herrn der Welt. | |||
'''8.72''' Möge jener dein Gemahl werden, der keine andere Frau angenommen hat, annimmt oder annehmen wird, der keinem anderen gleicht, du Glückverheißende. | |||
'''8.73''' Nachdem sie so gesprochen und noch lange in Dakshas Einsiedelei verweilt hatten, wurden die beiden von ihm verabschiedet und kehrten an ihre eigenen Orte zurück. | |||
[[Datei:Devi1.jpg|thumb|Die Geburt der Göttin als Sati verbindet kosmische Erzählung und persönliche Hingabe.]] | |||
===Kapitel 9=== | |||
'''Satis Gelübde und Shivas Zustimmung''' | |||
Die Originalnummer 62 steht zwischen 31 und 33; die letzte Texteinheit dieses Kapitels trägt die Nummer 59. | |||
'''9.1''' Markandeya sprach: Nachdem ihre Kindheit vergangen war, trat sie in die schöne Jugend ein, von außerordentlicher Schönheit und an allen Gliedern bezaubernd. | |||
'''9.2''' Als der Stammvater Daksha sie an der Schwelle dieses neuen Lebensalters sah, dachte er darüber nach, wie er seine Tochter Bharga zur Gemahlin geben könne. | |||
'''9.3''' Auch sie selbst wünschte täglich, Bharga zu gewinnen, und verehrte ihn mit Erlaubnis ihrer Mutter zu Hause. | |||
'''9.4''' Im Monat Ashvina verehrte sie Hara am Nandaka genannten Tag mit Salz sowie mit Reis und unraffiniertem Zucker. Danach verneigte sie sich vor ihm und verbrachte so den Tag. | |||
'''9.5''' Am vierzehnten Tag des Monats Karttika verehrte sie Hara mit reichlich Kuchen und Milchspeise und dachte an den höchsten Herrn. | |||
'''9.6''' Am achten Tag der dunklen Monatshälfte von Margashirsha verehrte sie Hara mit Sesam, Gerstenreis und blauen Blüten und verbrachte wiederum den Tag in seiner Verehrung. | |||
'''9.7''' Am siebten Tag der dunklen Monatshälfte von Pausha hielt Sati nachts Wache und verehrte Shiva am Morgen mit einer Reis-Hülsenfrucht-Speise. | |||
'''9.8''' In der Vollmondnacht von Magha wachte sie; am Flussufer verehrte sie Hara in nassen Kleidern. | |||
'''9.9''' Mit verschiedenen Früchten und Blumen, die zu dieser Jahreszeit verfügbar waren, verehrte sie ihn. Den Monat verbrachte sie bei geregelter Nahrung, den Geist auf Hara gerichtet. | |||
'''9.10''' Besonders am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte des Monats Tapasya, also Phalguna, hielt sie Nachtwache und verehrte den Gott mit [[Bilva]]-Blättern. | |||
'''9.11''' Am vierzehnten Tag der hellen Hälfte von Chaitra verehrte sie Shiva mit Palasha-Blüten. Tag und Nacht verbrachte sie im Gedenken an ihn. | |||
'''9.12''' Am dritten Tag der hellen Hälfte von Vaishakha verehrte sie Hara mit Gerstenreis. Den Monat hindurch vollzog sie die Verehrung mit Opfergaben; der Vers nennt zugleich Fasten und das Gedenken an den Gott mit dem Stier als Reittier. Die genaue Verbindung der Nahrungsregeln ist nicht eindeutig. | |||
'''9.13''' In der Vollmondnacht von Jyeshtha verehrte sie den Gott auf dem Stier mit Gewändern und Brihati-Blüten und verbrachte die Nacht fastend. | |||
'''9.14''' Am vierzehnten Tag der hellen Hälfte von Ashadha verehrte sie den Gott, der ein Tierfell trägt, mit Brihati-Blüten. | |||
'''9.15''' Am achten und vierzehnten Tag der hellen Hälfte von Shravana verehrte sie Shiva mit heiligen Schnüren, Gewändern und rituellen Pavitra-Fäden. | |||
'''9.16''' Am dreizehnten Tag der dunklen Hälfte von Bhadra verehrte sie ihn mit Blumen und vielerlei Früchten; am vierzehnten nahm sie nur Wasser zu sich. | |||
'''9.17''' Zur Zeit, als Sati dieses Gelübde begonnen hatte, begab sich Brahma zusammen mit Savitri zu Hara. | |||
'''9.18''' Auch der erhabene Vasudeva kam mit Lakshmi dorthin, auf jenes Plateau des Himalaya, wo Shambhu mit seinen Scharen weilte. | |||
'''9.19''' Als Hara Brahma und Krishna gemeinsam mit ihren Gemahlinnen kommen sah, begrüßte er sie angemessen und fragte nach dem Grund ihres Besuchs. | |||
'''9.20''' Als er sie so in ehelicher Verbundenheit sah, entstand auch in seinem Geist eine leise Neigung, eine Gemahlin anzunehmen. | |||
'''9.21''' „Erklärt nun genau den Anlass eures Kommens. Warum seid ihr gekommen, und welche Aufgabe führt euch hierher?“ | |||
'''9.22''' So von Tryambaka gefragt, sprach Brahma, der Großvater der Welt, auf Vishnus Ermunterung hin zu Mahadeva. | |||
'''9.23''' Brahma sprach: Höre, Dreiäugiger, weshalb wir beide gekommen sind, du mit dem Stierbanner: insbesondere um der Götter und um der ganzen Welt willen. | |||
'''9.24''' Ich widme mich der Schöpfung, Shambhu; Hari ist die Ursache ihrer Erhaltung, und du bewirkst bei jedem Schöpfungsgang die Auflösung dieser Welt. | |||
'''9.25''' Bei meiner Aufgabe bin ich nur gemeinsam mit euch beiden wirksam; ebenso ist Hari bei der Erhaltung auf mich und dich bezogen. Auch du wirst zur Auflösung ohne uns beide nicht imstande sein. Die erforderliche Verneinung der Schlussaussage ist im überlieferten Sanskrit nicht ausdrücklich vorhanden; sie ist hier aus dem Zusammenhang ergänzt. | |||
'''9.26''' Darum, du mit dem Stierbanner, ist es angemessen, dass wir einander stets bei sämtlichen Aufgaben unterstützen. Andernfalls könnte die Welt nicht bestehen. | |||
'''9.27''' Manche Asuras werden von mir zu töten sein, großer Herr, andere von Hari und wieder andere von dir. | |||
'''9.28''' Manche Götterfeinde werden durch einen aus deiner Kraft Geborenen zu töten sein, andere durch einen aus meinem Anteil Entstandenen, und wieder andere durch Maya. Der Bezug von „deiner Kraft“ ist nicht völlig eindeutig. | |||
'''9.29''' Wenn du stets in Yoga versunken, frei von Zuneigung und Abneigung und ganz dem Mitgefühl hingegeben bist, werden die Asuras von dir nicht getötet werden. | |||
'''9.30''' Wie können aber Schöpfung, Erhaltung und Auflösung stets in rechter Weise geschehen, wenn sie unbehelligt bleiben, Herr mit dem Stierbanner? | |||
'''9.31''' Wenn die Aufgaben der Schöpfung, Erhaltung und Auflösung nicht zu erfüllen wären, Hara, hätte die Verschiedenheit unserer Körper und der Gestalten Mayas keinen Sinn. | |||
'''9.62''' Wir sind unserem Wesen nach eins und nur durch die Verschiedenheit der Aufgaben unterschieden. Wenn keine verschiedenen Aufgaben verwirklicht werden, ist auch die Verschiedenheit der Gestalten zwecklos. | |||
'''9.33''' Erkenne diese ewige Wahrheit, Maheshvara: Der Eine ist dreifach geworden; so sind wir mit unterschiedlichen Gestalten hervorgetreten. | |||
'''9.34''' Auch Maya ist wegen der Verschiedenheit ihrer Aufgaben in verschiedenen Gestalten erschienen: als Kamala, Sarasvati, Savitri und Sandhya. | |||
'''9.35''' Die Frau ist, so erklärt Brahma hier, der Ursprung der Hinwendung zum Weltleben und der Zuneigung, Maheshvara. Nach dem Eingehen der Ehe entstehen Begehren, Zorn und weitere Regungen. | |||
'''9.36''' Wenn Zuneigung als Ursache von Begehren und Zorn entstanden ist, bemühen sich die Wesen darum, das zu beschwichtigen, was zur Leidenschaftslosigkeit führt. Der genaue Sinn der zweiten Hälfte ist in der überlieferten Lesung unsicher. | |||
'''9.37''' Die erste große Frucht am Baum der Leidenschaft ist Bindung. Aus ihr entsteht Begehren, und aus Begehren wiederum Zorn. | |||
'''9.38''' Leidenschaftslosigkeit, Rückzug und beständige Ungebundenheit sind hingegen Ursachen der Abwendung vom Weltleben; auch natürlich entstehender Schmerz kann dazu führen. | |||
'''9.39''' Dann entstehen stets Mitgefühl und Frieden, großer Herr, Gewaltlosigkeit, Ruhe durch Askese und die Hinwendung zum Weg der Erkenntnis. | |||
'''9.40''' Solange du in Askese gegründet, ungebunden und voller Mitgefühl bist, werden Gewaltlosigkeit und Frieden immer bei dir sein. | |||
'''9.41''' Wie sollte dann dein Bemühen um weltliches Wohlergehen entstehen? Alles, was sich aus dem Unterlassen der notwendigen Aufgaben an Schwierigkeiten ergibt, habe ich dir erklärt. | |||
'''9.42''' Nimm darum zum Wohl der Welt und der Götter eine schöne Frau zur Gemahlin, Herr der Welt. | |||
'''9.43''' Wie die Lotusbewohnerin Vishnu begleitet und Savitri mich, so nimm nun jene an, die Shambhus Gefährtin sein kann. | |||
'''9.44''' Markandeya sprach: Als Hara diese Worte Brahmas in Haris Gegenwart gehört hatte, antwortete er dem Herrn der Welt mit lächelndem Gesicht. | |||
'''9.45''' Ishvara sprach: Es verhält sich so, wie du zum Wohl der Welt gesagt hast, Brahma. Da ich mich ganz in Brahman versenke, besteht für mich kein Handlungsantrieb aus eigenem Interesse. | |||
'''9.46''' Dennoch will ich dir sagen, was ich zum Wohl der Welt tun werde. Höre meine wohlüberlegten Worte, du Edler. | |||
'''9.47''' Weise mir als Gemahlin eine [[Yogini]] zu, die jede gewünschte Gestalt annehmen kann und fähig ist, meine Kraft in angemessenem Maß aufzunehmen. | |||
'''9.48''' Wenn ich mit Yoga verbunden bin, soll sie selbst Yogini sein; wenn ich mich der Liebe zuwende, soll sie bezaubernd sein. Eine solche schöne Frau weise mir als Gemahlin zu, Brahma. | |||
'''9.49''' Ich werde jenes ewige höchste Licht betrachten, das die weisen Kenner des Veda das Unvergängliche nennen. | |||
'''9.50''' Brahma, stets dieser Betrachtung fähig, gehe ich in innere Versenkung ein. Meine Gemahlin soll dabei keine Hindernisse hervorrufen. | |||
'''9.51''' Du, Vishnu und ich sind Glieder des höchsten Brahman, du Edler. Ihn zu betrachten ist daher angemessen. | |||
'''9.52''' Ohne diese Betrachtung werde ich nicht sein, Lotusgeborener. Darum bestimme mir eine Gemahlin, die meinem Wirken stets entspricht. | |||
'''9.53''' Markandeya sprach: Als Brahma, der Herr aller Welten, diese Worte gehört hatte, antwortete er lächelnd und frohen Sinnes. | |||
'''9.54''' Brahma sprach: Es gibt eine solche Frau, Mahadeva, genau wie du sie gesucht hast. | |||
'''9.55''' Dakshas schöne Tochter namens Sati ist eine solche. Sie ist von großer Einsicht und wird deine Gemahlin werden. | |||
'''9.56''' Erkenne, Herr der Götter, der du in allen Wesen gegenwärtig bist: Sie übt um deinetwillen Askese und sehnt sich danach, dich zu gewinnen. | |||
'''9.57''' Markandeya sprach: Als Brahma seine Rede beendet hatte, sagte der erhabene Madhusudana: „Erfülle alles, was Brahma gesagt hat.“ | |||
'''9.58''' Als Hara antwortete: „Ich werde es tun“, kehrten Hari und Brahma mit Kamala und Savitri freudig an ihre jeweiligen Orte zurück. | |||
'''9.59''' Auch Kama hörte Haras Worte und freute sich mit Rati und seinem Freund. Er trat unsichtbar zu Shambhu, blieb dort und setzte den Frühling beständig für seine Aufgabe ein. | |||
===Kapitel 10=== | |||
'''Die Werbung um Sati''' | |||
'''10.1''' Markandeya sprach: Im Monat Ashvina fastete Sati wiederum am achten Tag der hellen Hälfte und verehrte den Herrn der Götter voller Hingabe. | |||
'''10.2''' Als so das Nanda-Gelübde erfüllt war, erschien Hara am neunten Tag bei Tage unmittelbar vor ihr, die sich in Hingabe verneigte. | |||
'''10.3''' Sati sah Hara vor sich, freute sich von Herzen und verneigte sich voller Scheu zu seinen Füßen. | |||
'''10.4''' Mahadeva, der ihr die Frucht ihrer Gelübde gewähren und sie selbst zur Gemahlin gewinnen wollte, sprach zu Sati: | |||
'''10.5''' Ishvara sprach: Tochter Dakshas, durch dieses dein Gelübde bin ich erfreut. Wähle eine Gabe; ich werde dir gewähren, was du begehrst. | |||
'''10.6''' Markandeya sprach: Obwohl Mahadeva, der Herr der Welt, ihre Absicht kannte, sagte er „Wähle“, weil er ihre Worte hören wollte. | |||
'''10.7''' Doch die junge Frau wurde von Scheu ergriffen und konnte den Wunsch ihres Herzens nicht aussprechen, weil Scham ihn verhüllte. | |||
'''10.8''' Währenddessen erkannte Kama an den Bewegungen von Haras Augen und Gesicht, dass er eine Frau zur Gemahlin annehmen wollte. | |||
'''10.9''' Er fand eine Öffnung, legte einen Blumenpfeil an den Bogen und traf Haras Herz mit dem Pfeil Harshana, dem Erfreuenden. | |||
'''10.10''' Freudig betrachtete Shambhu darauf Sati immer wieder; der höchste Herr vergaß die Betrachtung des höchsten Brahman. | |||
'''10.11''' Darauf traf der aus dem Geist Geborene ihn erneut, diesmal mit dem Pfeil Mohana, dem Bezaubernden. Shambhu war voller Freude und tief verzaubert. | |||
'''10.12''' Als er nun die Regungen von Bezauberung und Freude deutlich zeigte, auch durch Maya betört, | |||
'''10.13''' überwand Sati ihre Scheu und sagte zu Hara: „Geber der Gaben, gewähre mir die Gabe, die ich ersehne.“ | |||
'''10.14''' Ohne das Ende ihrer Rede abzuwarten, sagte der Gott mit dem Stierbanner immer wieder zu Dakshas Tochter: „Werde meine Gemahlin!“ | |||
'''10.15''' Als sie diese Worte hörte, die ihren ersehnten Wunsch verwirklichten, stand sie schweigend und froh da; sie hatte die im Herzen gewünschte Gabe erhalten. | |||
'''10.16''' Vor dem von Liebe erfüllten Hara zeigte die schön Lächelnde ihre eigenen anmutigen Regungen und Gebärden, ihr besten Zweimalgeborenen. | |||
'''10.17''' Die Liebesstimmung ging mit ihren zugehörigen Regungen in beide ein; auch der Liebesstreit trat jeweils seinem Anlass entsprechend hinzu, ihr hervorragenden Brahmanen. | |||
'''10.18''' Sie glänzte dunkel wie schimmernde Augensalbe vor Hara, dessen Leib kristallhell leuchtete: wie die dunkle Zeichnung beim Mond. | |||
'''10.19''' Dakshas Tochter sagte darauf wiederholt zu Hara: „Herr der Welt, nimm mich an, nachdem du meinen Vater darüber unterrichtet hast.“ | |||
'''10.20''' Als die Göttin Sati diese Worte lächelnd sprach, sagte er, von Kama bezaubert, erneut: „Werde meine Gemahlin!“ | |||
'''10.21''' Als Madana dies sah, freute er sich mit Rati und seinem Freund und beglückwünschte sich immer wieder selbst. | |||
'''10.22''' Nachdem Dakshas Tochter Shambhu beruhigt hatte, begab sie sich, erfüllt von Freude und Verzauberung, zu ihrer Mutter. | |||
'''10.23''' Auch Hara kehrte in seine Einsiedelei auf dem Himalaya-Plateau zurück. Vom Schmerz der Trennung von Dakshas Tochter erfüllt, versank er in Betrachtung. | |||
'''10.24''' Obwohl der Herr der Wesen unter der Trennung litt, erinnerte er sich an Brahmas Worte über das Eingehen der Ehe. | |||
'''10.25''' Im Vertrauen auf diese früheren Worte dachte der Gott mit dem Stierbanner in seinem Geist an Brahma. | |||
'''10.26''' Als der Höchstsitzende vom Dreizackträger so in Gedanken gerufen wurde, erschien er rasch vor ihm, vom Gelingen des ersehnten Vorhabens angetrieben. | |||
'''10.27''' Dorthin, wo Hara unter der Trennung auf dem Plateau des Himalaya weilte, kam Brahma zusammen mit Savitri. | |||
'''10.28''' Als Hara den Schöpfer mit Savitri sah, sprach er voller Sehnsucht und Trennungsschmerz zu ihm über Sati. | |||
'''10.29''' Ishvara sprach: Brahma, was du um der Welt willen über mein Eingehen der Ehe gesagt hast, erscheint mir jetzt als zutreffend. | |||
'''10.30''' Dakshas Tochter hat mich mit tiefster Hingabe verehrt. Als ich zu ihr kam, um ihr nach dieser Verehrung eine Gabe zu gewähren, | |||
'''10.31''' traf Kama mich in ihrer Nähe mit seinen mächtigen Pfeilen. Durch Maya bezaubert, vermochte ich nichts dagegen auszurichten, Lotusgeborener. | |||
'''10.32''' Auch ihren Wunsch habe ich erkannt, Brahma: Sie möchte, dass ich ihr Gemahl werde, erfreut durch ihr Gelübde und ihre Hingabe. | |||
'''10.33''' Handle darum zum Wohl der Welt und auch für mich, Stammvater: Daksha möge mich rasch einladen und mir seine Tochter geben. | |||
'''10.34''' Geh zu Dakshas Haus und überbringe meine Worte. Wirke so, dass meine Trennung von Sati endet. | |||
'''10.35''' Markandeya sprach: Nachdem Mahadeva so zum Stammvater gesprochen hatte, sah er Savitri an, und sein Schmerz über die Trennung von Sati nahm zu. | |||
'''10.36''' Der Herr der Welt betrachtete seine Aufgabe als erfüllt und sprach erfreut zu ihm, zum Wohl der Welten und zum Heil des Gottes mit dem verfilzten Haar: | |||
'''10.37''' Brahma sprach: Was du gesagt hast, erhabener Shambhu, dient gewiss dem Wohl des Alls. Weder bei dir noch bei mir steht dabei ein eigenes Interesse im Vordergrund, du mit dem Stierbanner. | |||
'''10.38''' Daksha wird dir seine Tochter selbst geben. Auch ich werde ihm deine Worte unmittelbar überbringen. | |||
'''10.39''' Markandeya sprach: Nachdem Brahma, der Großvater der Welt, so zu Mahadeva gesprochen hatte, fuhr er auf seinem schnellen Wagen zu Dakshas Wohnstatt. | |||
'''10.40''' Daksha hatte den ganzen Vorgang aus Satis Mund gehört und dachte darüber nach, wie er seine Tochter Shambhu geben könne. | |||
'''10.41''' Mahadeva war gekommen und zufrieden wieder gegangen. Wie könnte er erneut um der Tochter willen herbeigerufen werden, die er so sehr begehrte? | |||
'''10.42''' Oder sollte ich sogleich einen Boten zu ihm senden? Das wäre nicht angemessen, falls der Herr sie doch nicht für sich annähme. | |||
'''10.43''' Oder ich werde den Gott mit dem Stierbanner selbst verehren, damit er von sich aus der Gemahl meiner Tochter wird. | |||
'''10.44''' Auch sie hat ihn ja mit größter Anstrengung verehrt, weil sie wünschte: „Shambhu möge mein Gemahl werden.“ Und eben dies hat er ihr gewährt. | |||
'''10.45''' Während Daksha so nachdachte, erschien vor ihm der Schöpfer auf seinem Schwanenwagen, zusammen mit Savitri. | |||
'''10.46''' Als Daksha Brahma sah, verneigte er sich und blieb ehrerbietig geneigt stehen. Er begrüßte ihn angemessen und bot ihm einen Sitz an. | |||
'''10.47''' Obwohl noch von seinen Gedanken beschäftigt, fragte Daksha den Herrn aller Welten freudig nach dem Anlass seines Kommens, ihr hervorragenden Brahmanen. | |||
'''10.48''' Daksha sprach: Lehrer der Welt, nenne mir den Grund deines Besuchs. Bist du aus Liebe zu deinem Sohn oder wegen einer Aufgabe in meine Einsiedelei gekommen? | |||
'''10.49''' Markandeya sprach: So vom großen Daksha gefragt, antwortete der höchste Gott lächelnd und erfreute den Stammvater mit seinen Worten. | |||
'''10.50''' Brahma sprach: Höre, Daksha, weshalb ich zu dir gekommen bin. Es dient dem Wohl und Heil der Welt und entspricht auch deinem Wunsch. | |||
'''10.51''' Die Gabe, die deine Tochter nach ihrer Verehrung Mahadevas, des Herrn der Welt, erbeten hat, ist heute gleichsam von selbst in dein Haus gekommen. | |||
'''10.52''' Shambhu hat mich wegen deiner Tochter zu dir gesandt. Überlege nun, was zu tun ist und was zum Besten dient. | |||
'''10.53''' Seit Shankara zu ihr gekommen ist, um ihr eine Gabe zu gewähren, findet er wegen der Trennung von deiner Tochter keine Ruhe mehr. | |||
'''10.54''' Madana fand eine Öffnung und traf damals den Herrn der Welt mit sämtlichen Blumenpfeilen zugleich. | |||
'''10.55''' Von Kama getroffen, hat er die Betrachtung des Selbst aufgegeben. Er denkt an Sati und ist unruhig wie ein gewöhnlicher Mensch. | |||
'''10.56''' Vor seinem Gefolge vergisst der Herr der Berge wegen der Trennung, was er gerade sagen wollte. Selbst bei anderen Tätigkeiten fragt er: „Wo ist Sati?“ | |||
'''10.57''' Was ich früher wünschte, was du, Madana und die großen Weisen mit Marichi an der Spitze wünschten, ist jetzt gelungen, mein Sohn. | |||
'''10.58''' Deine Tochter hat Shambhu verehrt. Auch er sehnt sich danach, ihrem Wunsch zu entsprechen, und weilt auf dem Himalaya. | |||
'''10.59''' Wie Sati Shambhu mit verschiedenen Ausdrucksformen ihrer Hingabe und dem Nanda-Gelübde verehrt hat, so verehrt nun auch er Sati. | |||
'''10.60''' Gib ihm darum unverzüglich deine Tochter, Daksha, die für Shambhu bestimmt ist. Dadurch wird deine Aufgabe erfüllt sein. | |||
'''10.61''' Ich werde ihn mit Narada zu deinem Haus bringen. Gib ihm dann jene, die für ihn bestimmt ist. | |||
'''10.62''' Markandeya sprach: „So soll es sein“, antwortete Daksha dem Höchstsitzenden. Brahma begab sich darauf dorthin, wo der Herr der Berge weilte. | |||
'''10.63''' Nachdem Brahma gegangen war, waren Daksha, seine Gemahlin und seine Tochter ganz von Freude erfüllt, als seien ihre Leiber mit Nektar angefüllt. | |||
'''10.64''' Auch der lotusgeborene Brahma war heiter und froh, als er sich dem auf dem Himalaya weilenden Mahadeva näherte. | |||
'''10.65''' Als der Gott mit dem Stierbanner den Weltschöpfer zurückkehren sah, kamen in seinem Geist immer wieder Zweifel auf, ob er Sati gewinnen werde. | |||
'''10.66''' Schon von fern sprach Mahadeva, von Kama aufgewühlt und mit dem Geist bei der Liebe, Brahma an, den mit dem Samaveda verbundenen Herrn der Welt. | |||
'''10.67''' Ishvara sprach: Was hat dein Sohn selbst hinsichtlich Satis gesagt, du höchster Gott? Sprich, damit mein Herz nicht von Manmatha zerrissen wird! | |||
'''10.68''' Diese bedrängende Trennung trifft allein mich, da Sati nicht hier ist; sie scheint alle anderen Lebewesen verschont zu haben, du höchster Gott. | |||
'''10.69''' Auch bei anderen Aufgaben denke ich beständig nur „Sati“, Brahma. Handle rasch so, dass ich sie gewinnen kann. | |||
'''10.70''' Brahma sprach: Höre, was mein Sohn in Bezug auf Sati gesagt hat, du mit dem Stierbanner. Erkenne, dass dein Ziel erreicht ist: | |||
'''10.71''' „Ich werde ihm meine Tochter geben; sie ist für ihn bestimmt. Auch ich wünsche dieses Geschehen, und durch deine Worte wünsche ich es noch mehr. | |||
'''10.72''' Meine Tochter hat Shambhu selbst zu diesem Zweck verehrt. Da auch er sie begehrt, werde ich sie Hara geben. | |||
'''10.73''' Er möge bei günstiger Gestirnstellung und zu einer glückverheißenden Stunde zu mir kommen. Dann werde ich Shambhu meine Tochter auf seine Bitte hin geben, Schöpfer.“ | |||
'''10.74''' So sprach Daksha freudig. Geh darum zu günstiger Stunde in sein Haus, du mit dem Stierbanner, um um sie zu bitten. | |||
'''10.75''' Ishvara sprach: Ich werde sogleich mit dir und mit dem großen Narada gehen, von der Welt Verehrter. Rufe darum Narada in Gedanken herbei. | |||
'''10.76''' Rufe ebenso die zehn geistgeborenen Söhne mit Marichi an der Spitze. Mit ihnen und meinen Scharen werde ich mich zu Dakshas Wohnstatt begeben. | |||
'''10.77''' Darauf dachte der Lotusgeborene an Narada und Brahmas Söhne, die sich mit Gedankenschnelle bewegen. Sie kamen dorthin, wo Hara und Brahma weilten, und erkannten das ersehnte Vorhaben. | |||
===Kapitel 11=== | |||
'''Die Hochzeit und Vishnus Eingreifen''' | |||
'''11.1''' Markandeya sprach: Alle geistgeborenen Söhne kamen mit Narada zusammen, allein durch Brahmas Gedenken herbeigerufen, wie vom Wind herangetragen. | |||
'''11.2''' Zur passenden Zeit begab sich Shambhu mit seinem Gefolge und gemeinsam mit Brahma und den Weisen freudig zu Dakshas Haus. | |||
'''11.3''' Seine Scharen folgten Shankara voller Freude und spielten Muschelhörner, große Trommeln, Dindimas, weitere Instrumente und Flöten. | |||
'''11.4''' Manche schlugen mit den Händen den Takt und ließen ihre Füße rhythmisch ertönen; andere folgten dem Gott mit dem Stierbanner in ihren schnellen Himmelsgefährten. | |||
'''11.5''' Die Scharen mit ihren vielerlei Gestalten zogen aus, erhoben lauten Jubel und ließen die unterschiedlichsten Klänge zusammen ertönen. | |||
'''11.6''' Freudige Götter, Gandharvas und Apsarasscharen folgten dem Gott mit dem Stierbanner mit Musik, Jubel und Tanz. | |||
'''11.7''' Der mächtige Klang der Gandharvas und der Scharen erfüllte alle Himmelsrichtungen und die Erde, ihr hervorragenden Brahmanen. | |||
'''11.8''' Auch Kama zog mit seinem Gefolge vor Shambhu her und erfreute und bezauberte ihn durch die Liebesstimmung und ihre Begleiterscheinungen. | |||
'''11.9''' Als Hara aufbrach, um seine Gemahlin zu gewinnen, musizierten die Götter mit Brahma an der Spitze selbst auf liebliche Weise. | |||
'''11.10''' Alle Himmelsrichtungen wurden klar und heiter, die Opferfeuer brannten ruhig, und ein Regen von Blumen fiel herab. | |||
'''11.11''' Duftende Winde wehten, und die Bäume standen in voller Blüte. Die Lebewesen wurden wohlauf, selbst jene, denen es zuvor nicht gut gegangen war. | |||
'''11.12''' Schwäne, Sarasa-Vögel, Kadamba-Wasservögel und Chatakas ließen süße Stimmen erklingen, als wollten sie den Herrn ermuntern. Ein weiterer Vogelname ist in der Vorlage unsicher. | |||
'''11.13''' Die Schlange, das Tigerfell, das verfilzte Haar und die Mondsichel wurden zu seinem Schmuck, durch den er noch mehr erstrahlte. | |||
'''11.14''' Auf dem kräftigen, schnellen Stier erreichte Hara mit Brahma, Narada und den anderen in einem Augenblick Dakshas Haus. | |||
'''11.15''' Der mächtige Daksha erhob sich selbst, um Hara und die von Brahma angeführten Gäste zu empfangen, und bot ihnen angemessene Sitze an. | |||
'''11.16''' Er ehrte sie ihrer Würde entsprechend mit Wasser für die Füße und weiteren Gaben und beriet sich dann erneut mit den geistgeborenen Weisen. | |||
'''11.17''' Zu glückverheißender Stunde und bei günstiger Gestirnstellung gab Daksha seine Tochter Sati freudig Shambhu zur Gemahlin. | |||
'''11.18''' Auch der Gott mit dem Stierbanner ergriff freudig nach dem Hochzeitsritus die Hand der schön gestalteten Tochter Dakshas. | |||
'''11.19''' Brahma, Narada und die anderen Weisen erfreuten den Herrn mit Samagesängen, Rigversen und wohlklingenden Yajus-Formeln. | |||
'''11.20''' Alle Scharen spielten Musik, die Apsaras tanzten, und die am Himmel versammelten Wolken ließen Blumen regnen. | |||
'''11.21''' Da kam der Gott mit dem Garuda-Banner auf dem überaus schnellen Garuda gemeinsam mit Kamala zu Shambhu und sagte: | |||
'''11.22''' Der Erhabene sprach: Hara, du erstrahlst mit Dakshas Tochter, deren Schönheit dunkel wie glänzende Augensalbe ist, so wie ich mit der Lotusgöttin – nur mit umgekehrtem Verhältnis der Farben. | |||
'''11.23''' Beschütze zusammen mit ihr die Götter und die Menschen. | |||
'''11.24''' Bewirke mit ihr stets das Heil derer, die durch das Weltleben ziehen. Die Bedränger wirst du jeweils ihrer Lage entsprechend bezwingen, Shankara. | |||
'''11.25''' Wer sie sieht oder von ihr hört und sie begehrt, den wirst du töten, Herr der Wesen; darüber sollst du nicht zögern. | |||
'''11.26''' Markandeya sprach: „So sei es“, antwortete der Allwissende dem freudigen höchsten Herrn, mit heiterem Gesicht und voller Zuneigung. | |||
'''11.27''' Als Brahma die schön lächelnde Tochter Dakshas sah, wurde sein Geist vom Liebesgott ergriffen, und er betrachtete ihr Antlitz. | |||
'''11.28''' Immer wieder blickte Brahma auf Satis Gesicht; unwillkürlich gerieten seine Sinne erneut in Erregung. | |||
'''11.29''' Sein Samen fiel vor den Weisen rasch auf die Erde und glänzte wie loderndes Feuer. | |||
'''11.30''' Daraus entstanden laut tönende Wolken: Samvarta, Avarta, Pushkara und Drona. Sie donnerten und ließen Wasser herabströmen, ihr besten Zweimalgeborenen. | |||
'''11.31''' Während sie den Himmel bedeckten und donnerten, blickte Shankara auf die Göttin Dakshayani, selbst tief vom Begehren bezaubert. | |||
'''11.32''' Doch auch in diesem Zustand erinnerte er sich an Vishnus Worte, hob seinen Dreizack und wollte Brahma töten. | |||
'''11.33''' Als Shambhu den Dreizack erhob, um den Schöpfer zu töten, brachen Marichi, Narada und die anderen in Klagerufe aus. | |||
'''11.34''' Daksha eilte erschrocken vor ihn, hob die Hand und hielt den Herrn der Wesen mit den Worten zurück: „Nicht so! Nicht so!“ | |||
'''11.35''' Als Maheshvara Daksha vor sich treten sah, antwortete er ihm mit harten Worten und erinnerte an Vishnus Aussage: | |||
'''11.36''' Ishvara sprach: Was Narayana soeben gesagt hat, hervorragender Brahmane, und was auch ich zugesagt habe, werde ich hier erfüllen, Stammvater. | |||
'''11.37''' „Wer sie begehrlich ansieht, den wirst du töten.“ Dieses Wort werde ich wahr machen, indem ich ihn töte. | |||
'''11.38''' Warum hat Brahma Sati begehrlich betrachtet und dabei seinen Samen verloren? Darum töte ich ihn, der sich vergangen hat. | |||
'''11.39''' Markandeya sprach: Als er so sprach, trat Vishnu, der Herr der ganzen Welt, rasch vor ihn und hielt ihn mit diesen Worten vom Töten zurück: | |||
'''11.40''' Der Erhabene sprach: Du sollst den erhabenen Schöpfer der Welten nicht töten, Herr der Wesen. Er selbst hat Sati als Gemahlin für dich vorgesehen. | |||
'''11.41''' Dieser Viergesichtige ist erschienen, um die Geschöpfe hervorzubringen, Shambhu. Wenn er getötet wird, ist gegenwärtig kein anderer entsprechender Weltschöpfer da. | |||
'''11.42''' Wie könnten dann die Aufgaben der Schöpfung, Erhaltung und Auflösung durch ihn, mich und dich aufeinander abgestimmt erfüllt werden? | |||
'''11.43''' Wenn einer von uns getötet wird, wer wird seine Aufgabe übernehmen? Darum darfst du den Schöpfer nicht töten, du mit dem Stierbanner. | |||
'''11.44''' Ishvara sprach: Ich werde mein Versprechen erfüllen und den Viergesichtigen töten. Ich selbst werde die beweglichen und unbeweglichen Geschöpfe erschaffen. | |||
'''11.45''' Oder ich werde durch meine eigene Kraft einen anderen Schöpfer hervorbringen. Dieser soll auf meine Weisung hin stets die Schöpfung vollziehen. | |||
'''11.46''' Indem ich diesen Brahma töte, werde ich mein Versprechen halten und einen neuen Schöpfer erschaffen. Halte mich nicht zurück, du Vierarmiger. | |||
'''11.47''' Markandeya sprach: Als der Vierarmige diese Worte des Herrn der Berge hörte, sagte er mit heiterem Lächeln erneut: „Nicht so!“ | |||
'''11.48''' Dem Herrn zugewandt erklärte er: „Es wäre nicht angemessen, dein Versprechen gegen dein eigenes Selbst zu erfüllen.“ | |||
'''11.49''' Shambhu fragte darauf erneut: „Wie ist Brahma mein Selbst? Er steht doch hier sichtbar vor mir und erscheint deutlich verschieden von mir.“ | |||
'''11.50''' Da lächelte der erhabene Gott mit dem Garuda-Banner und sprach vor den Weisen zu Mahadeva, um ihn zu besänftigen: | |||
'''11.51''' Brahma ist nicht von dir verschieden, und Shambhu ist nicht von Brahma verschieden. Auch ich bin nicht von euch beiden verschieden: Diese Nichtverschiedenheit ist ewig. Vishnu spricht zu Shiva. | |||
'''11.52''' Ihr beide und ich sind Anteile jener lichtvollen Wirklichkeit, die als Urnatur und jenseits der Urnatur, als gegliedert und ungegliedert erscheint. Der Sanskritsatz ist in der Zuordnung der Anteile nicht eindeutig. | |||
'''11.53''' Wer bist du, wer bin ich, und wer ist Brahma? Diese drei unterschiedenen Anteile des höchsten Selbst sind die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. | |||
'''11.54''' Betrachte mit dem Selbst das Selbst und richte deinen Lobpreis auf das Selbst. Nimm die Einheit von Brahma, Vishnu und Shambhu in dein Herz auf. | |||
'''11.55''' Wie Kopf und Hals verschiedene Glieder ein und desselben Wesens sind, so sind diese drei Anteile, Hara, Glieder meiner einen Wirklichkeit. | |||
'''11.56''' Jenes ursprüngliche Licht, das sich selbst und anderes erhellt, unveränderlich, unoffenbar, von grenzenloser Gestalt und ewig, frei von Bestimmungen wie Länge und dergleichen: Dieses Höchste sind wir; wir sind nicht voneinander verschieden. | |||
'''11.57''' Markandeya sprach: Mahadeva hörte diese Worte. Obwohl er die Nichtverschiedenheit kannte, war er verblendet, weil er sie durch die Hinwendung zu anderem vergessen hatte. | |||
'''11.58''' Er fragte Govinda erneut nach der Nichtverschiedenheit der drei Gestalten Brahma, Vishnu und Tryambaka und nach dem besonderen Wesen des Einen. | |||
'''11.59''' So gefragt, erklärte Narayana Shambhu die Nichtverschiedenheit der drei Götter und zeigte ihm ihre Einheit. | |||
'''11.60''' Nachdem Mrida aus Vishnus Lotusmund von der Nichtverschiedenheit der Wirklichkeit Vishnus, Brahmas und Shivas gehört und sein eigenes Wesen geschaut hatte, tötete er Brahma nicht. Die abschließende Bezeichnung des Verses ist sprachlich unklar. | |||
===Kapitel 12=== | |||
'''Die Einheit der drei Götter''' | |||
'''12.1''' Die Weisen sprachen: Bester der Zweimalgeborenen, wir möchten hören, was Janardana Shambhu über die Nichtverschiedenheit der drei Götter erklärte. | |||
'''12.2''' Wie zeigte der Gott mit dem Garuda-Banner ihre Einheit? Erzähle es uns, hervorragender Brahmane; unsere Neugier ist groß. | |||
'''12.3''' Markandeya sprach: Hört gesammelt, ihr Weisen, dieses höchste Geheimnis: die Nichtverschiedenheit der drei Götter und die Schau ihrer Einheit. | |||
'''12.4''' Von Hara gefragt, wandte Govinda sich ihm achtungsvoll zu und erklärte die Nichtverschiedenheit mit folgenden Worten: | |||
'''12.5''' Der Erhabene sprach: Dieses Ganze war einst von Dunkel erfüllt, ohne ausgebildete Welten, unerkannt und ohne Kennzeichen, wie ringsum in Schlaf versunken. | |||
'''12.6''' Es gab weder die Unterscheidung von Tag und Nacht noch Raum oder Erde, weder Licht noch Wasser noch Wind; auch sonst bestand nichts. | |||
'''12.7''' Es gab allein das höchste Brahman: fein, ewig, jenseits der Sinne, unoffenbar, von der Natur des Erkennens und ohne die Bestimmung der Zweiheit. | |||
'''12.8''' Prakriti und Purusha waren als zwei ewige, alles umfassende Prinzipien vorhanden. Auch die Zeit bestand, Herr der Wesen; zusammen bilden sie die eine Ursache der Welt. | |||
'''12.9''' Das eine höchste Brahman ist die Wirklichkeit jenseits der Erscheinung, Hara. Diese drei ewigen Gestalten gehören eben diesem Herrn der Welt an. | |||
'''12.10''' Zeit heißt eine weitere seiner Gestalten: anfanglos und ursächlich. Sie verbindet sich mit allen Wesen, indem sie deren Abschnitte bestimmt. | |||
'''12.11''' Darauf leuchtete jene unvergleichliche Wirklichkeit aus sich selbst heraus auf und versetzte die Prakriti um der Schöpfung willen in Bewegung. | |||
'''12.12''' Als Prakriti in Bewegung geraten war, entstand das [[Mahat]]-Prinzip; aus Mahat ging danach das dreifache [[Ahamkara|Ichprinzip]] hervor. | |||
'''12.13''' Nach dem Entstehen des Ichprinzips erschuf Vishnu aus dem feinen Klangprinzip den grenzenlosen, gestaltlosen Raum. | |||
'''12.14''' Darauf erschuf der große Herr aus dem feinen Geschmacksprinzip die Wasser. Selbst ohne Stütze, trug er sie durch seine eigene Maya. | |||
'''12.15''' Für die Schöpfung versetzte der höchste Herr die Prakriti, deren drei Eigenschaften im Gleichgewicht waren, erneut in Bewegung. | |||
'''12.16''' Darauf wurde Prakriti im Wasser zu einem dreifach bestimmten Samen und brachte dort den geordneten Keim der Welt hervor. | |||
'''12.17''' Dieser wuchs allmählich zu einem großen goldenen Ei heran. Das Ei nahm die gesamten Wasser in seinen Innerraum auf. | |||
'''12.18''' Als die Wasser im Innern des goldenen Eis weilten, trug Vishnu dieses unvergleichliche Weltei wiederum durch deine Maya. | |||
'''12.19''' Von außen war dieses Ei ringsum von Wasser, Feuer, Wind und Raum umgeben. | |||
'''12.20''' Im Innern des Welteis befand sich Wasser im Umfang der sieben Meere, der Flüsse und der übrigen Gewässer; das andere Wasser lag außerhalb. | |||
'''12.21''' Vishnu selbst nahm im Innern Brahmas Gestalt an. Nachdem er dort ein Götterjahr verweilt hatte, spaltete er das Ei. | |||
'''12.22''' Daraus entstand der Meru, großer Herr. Aus den Hüllen wurden die Berge, aus seinem Wasser die sieben Meere. | |||
'''12.23''' In seiner Mitte entstand aus dem feinen Geruchsprinzip die Erde, vom Herrn mit der dreigunahaften Prakriti verbunden. | |||
'''12.24''' Die Erde war schon vor den Bergen und den übrigen Gebilden entstanden. Durch die Verbindung mit den Teilen des Welteis wurde sie sehr fest. | |||
'''12.25''' Auf ihr nahm Brahma, der Lehrer aller Welten, seinen Sitz. Noch bevor der im Weltei befindliche Brahma sichtbar geworden war, entstand aus dem feinen Formprinzip das Feuerlicht. | |||
'''12.26''' Aus dem von Prakriti wirksam gemachten feinen Tastprinzip entstand der Wind, der überall zum Lebensatem aller Wesen wurde. | |||
'''12.27''' Wasser, gewaltiges Feuer, Wind und Raum erfüllten das Innere und Äußere jenes Eis. Der abschließende Ausdruck über das Innere ist beschädigt. | |||
'''12.28''' Dann teilte der große Herr den Brahma-Leib in drei Teile, Shambhu, dem Willen der Urnatur entsprechend und unter dreifacher Ausprägung der drei Gunas. | |||
'''12.29''' Der obere Teil wurde zum Brahma-Leib: viergesichtig und vierarmig, mit einer hellen Körperfarbe wie die Staubfäden einer Lotusblüte. | |||
'''12.30''' Der mittlere Teil wurde zum Vishnu-Leib: dunkel, mit einem Gesicht und vier Armen, Muschel, Diskus, Keule und Lotus in den Händen. | |||
'''12.31''' Der untere Teil wurde zu deinem Leib, Mondbekrönter: fünfgesichtig, vierarmig und hell wie Kristall und Wolken. | |||
'''12.32''' Darauf setzte er die schöpferische Kraft in den Brahma-Leib ein. Er selbst wurde in Brahmas Gestalt zum Schöpfer und Träger der Welt. | |||
'''12.33''' Seine erhaltende Kraft, seine eigene Maya, die Prakriti genannt wird, setzte der große Herr in den Vishnu-Leib ein, ebenso seine Erkenntniskraft. | |||
'''12.34''' So wurde Vishnu zum Erhalter; ich selbst bin dieser große Herr. Durch die Einsetzung all dieser Kräfte habe ich stets diese Gestalt. | |||
'''12.35''' Die Kraft der Auflösung setzte er ebenso in den Shambhu-Leib ein. Die Kraft der Auflösung setzte er ebenso in den Shambhu-Leib ein. ''Derselbe Halbvers steht in der Vorlage zweimal; die Wiederholung wird hier sichtbar bewahrt.'' | |||
'''12.36''' Shambhu wurde zum Vollzieher der Auflösung, er selbst, der höchste Herr. Darauf offenbart er sich selbst in den drei Körpern. | |||
'''12.37''' Der anfanglose erhabene Herr ist das höchste Licht von der Natur des Erkennens. Der eine große Herr bewirkt Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. | |||
'''12.38''' Dabei empfängt er die verschiedenen Namen Brahma, Vishnu und Shiva. Deshalb sind du, der Schöpfer und ich nicht getrennt voneinander; so verhält es sich mit unseren Leibern, Gestalten und dem inneren Erkennen. | |||
'''12.39''' Markandeya sprach: Nachdem er diese Worte Vishnus von unermesslichem Glanz gehört hatte, sprach er mit einem vor Freude erblühten Gesicht erneut zu Janardana: | |||
'''12.40''' Ishvara sprach: Wenn der große Herr einer allein ist, Lichtgestalt und makellos, was ist dann Maya, was ist Zeit, und was wird Prakriti genannt? | |||
'''12.41''' Was sind die Purushas? Sind sie von ihm ungeschieden? Wenn sie verschieden sind, wie besteht dann Einheit? Erkläre mir dies, Govinda, und ihre jeweilige Macht. | |||
'''12.42''' Der Erhabene sprach: Stets schaust du, wenn du in Meditation versunken bist, den höchsten Herrn im Selbst, als das Wesen des Selbst: als mein Licht, das wahrhaft Unvergängliche. | |||
'''12.43''' Durch den Yoga der Meditation wirst du selbst Maya, Prakriti, Zeit und Purusha erkennen, Herr. Darum widme dich der Meditation. | |||
'''12.44''' Weil du jetzt durch meine Maya bezaubert bist, hast du das höchste Licht vergessen und dich der Liebe zu einer Frau zugewandt. | |||
'''12.45''' Jetzt bist du von Zorn erfüllt und hast das Selbst im Selbst vergessen. Darum fragst du nach den Gestalten wie Prakriti und den übrigen, du ursprünglicher Herr. | |||
'''12.46''' Markandeya sprach: Als Mahadeva diese entschiedenen Worte gehört hatte, verband er sich vor den Augen der Weisen mit dem Yoga und versenkte sich in Meditation. | |||
'''12.47''' Er nahm eine fest verschränkte Sitzhaltung ein, hielt die Augen unbewegt und betrachtete als großer Herr das Selbst im Selbst. | |||
'''12.48''' Während er das Höchste betrachtete, strahlte sein glückverheißender Körper so hell, dass die Weisen ihn nicht mehr anzusehen vermochten. | |||
'''12.49''' Sogleich, als Shambhu sich in Meditation verband, verließ ihn Vishnus Maya; er erstrahlte außerordentlich im Licht seiner Askese. | |||
'''12.50''' Auch die Scharen, die dienend in Shankaras Nähe standen, vermochten weder ihn noch gleichsam die Sonne anzusehen. | |||
'''12.51''' Da trat Vishnu selbst in Lichtgestalt in den Körper des tief in Samadhi versunkenen Gottes mit dem verfilzten Haar ein. | |||
'''12.52''' Nachdem er in sein Inneres eingetreten war, zeigte der unvergängliche Narayana selbst den ursprünglichen Ablauf der Schöpfung. | |||
'''12.53''' Weder grob noch fein, keiner näheren Bestimmung zugänglich, ewige Glückseligkeit und jenseits eines begrenzten Glücksempfindens, eines, rein und jenseits der Sinne – | |||
'''12.54''' unsichtbar und doch alles schauend, ohne Eigenschaften, die höchste Stätte, das höchste Selbst, Glückseligkeit und Ursache der Ursache der Welt – | |||
'''12.55''' als diese Wirklichkeit schaute Shambhu zuerst sein eigenes Selbst. Sein Geist war darin eingegangen, und die Wahrnehmung des Äußeren war geschwunden. | |||
'''12.56''' Prakriti, eine Gestalt ebendieser Wirklichkeit, sah er um der Schöpfung willen in Unterschieden hervortreten, gleichsam einzeln und getrennt neben ihr. | |||
'''12.57''' Auch die Purushas sah er von dort fortwährend hervorgehen, wie Funken aus einem großen Feuer, ihr besten Zweimalgeborenen. Die Feuervergleichung ist im Wortlaut leicht gestört. | |||
'''12.58''' Ebendieses erscheint immer wieder als Zeit, als Ursache der Abgrenzung von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. | |||
'''12.59''' Prakriti, Purusha und Zeit sah er immer wieder als ungeschieden aufleuchten und doch um der Schöpfung willen in Unterschieden hervortreten. | |||
'''12.60''' Der Mondbekrönte sah sie als unterschieden und doch ungetrennt. Brahman ist eines allein, ohne Zweites; hier gibt es keinerlei Vielheit. | |||
'''12.61''' Es erscheint in der Gestalt des Urstoffs, in der Gestalt der Zeit und ebenso in der Gestalt des Purusha und wirkt so für das Weltgeschehen. | |||
'''12.62''' Sie wirkt beständig im Körper, damit die Lebewesen Erfahrungen machen. Diese Maya ist eben Prakriti; sie bezaubert Shankara, | |||
'''12.63''' Hari, Brahma und ebenso die übrigen geborenen Wesen. Als Maya bezeichnet, ist Prakriti erschienen und versetzt die Geschöpfe in Verblendung. | |||
'''12.64''' In Frauengestalt ist sie Lakshmi, Haris Geliebte; sie ist Savitri, Rati und Sandhya, sie ist Sati und sie ist Virini. | |||
'''12.65''' Die Göttin selbst hat die Gestalt der Erkenntniskraft und wird auch Chandika besungen. Dies schaute Hara unmittelbar, als er den Weg der Meditation beschritt. | |||
'''12.66''' Ebenso schaute er selbst den Ablauf der Schöpfung mit der Ausgliederung von Mahat und den weiteren Prinzipien. | |||
'''12.67''' Nachdem Hari ihm Zeit, Prakriti und die Purushas gezeigt hatte, zeigte er ihm in jenem Körper noch Weiteres, ihr besten Zweimalgeborenen. | |||
Die folgende heutige Meditationsanleitung begleitet die Betrachtung der Verse, ohne die im Purana geschilderte Gottesschau nachzustellen. | |||
===Kapitel 13=== | |||
'''Shivas Schau der einen Wirklichkeit''' | |||
Nach Vers 19 folgt ein unnummerierter Textabschnitt; die Nummer 24 fehlt. Die Orientierung „20u“ bezeichnet nur den unnummerierten Abschnitt, keine gesicherte Ergänzung der Originalnummerierung. | |||
'''13.1''' Markandeya sprach: Darauf zeigte er Shambhu die Gestalt des Welteis und wie es einst in der Wassermasse herangewachsen war. | |||
'''13.2''' In seiner Mitte zeigte er Brahma, den Herrn der Welt, der dem Innern einer Lotusblüte glich: als Lichtgestalt, die zur Offenbarung und zur Schöpfung gesondert hervortrat. | |||
'''13.3''' Immer wieder sah er den vierarmigen, lotusgeborenen Gott im Innern des Welteis, verkörpert und von Licht umstrahlt. | |||
'''13.4''' Dort sah er auch den Brahma-Leib dreigeteilt: oben, in der Mitte und unten als Brahma, Vishnu und Shiva. | |||
'''13.5''' Er sah, wie der obere Teil des Leibes zu Brahma, die Mitte zu Vishnu und der untere Teil zu Shambhu wurde. | |||
'''13.6''' Immer wieder sah Hara in seinem eigenen Innern den einen Körper dreifach werden und ebenso diese ganze Welt. | |||
'''13.7''' Einmal ging der Vishnu-Leib im Brahma-Leib auf, dann der Brahma-Leib im Vishnu-Leib und der Vishnu-Leib im Shambhu-Leib. | |||
'''13.8''' Den Shambhu-Leib sah er im Vishnu-Leib und den Brahma-Leib im Shambhu-Leib aufgehen; immer wieder sah er ihre Auflösung und Einheit. | |||
'''13.9''' Vamadeva sah die Körper unterschieden und doch nicht voneinander getrennt und schließlich im höchsten Selbst aufgehen. | |||
'''13.10''' Inmitten davon sah Shambhu die ausgedehnte Erde im Wasser, stellenweise von Gruppen großer Berge bedeckt. | |||
'''13.11''' Er sah wiederum Brahma, der zunächst den Himmel erschuf, sich selbst als eigene Gestalt und Vishnu auf Garuda. | |||
'''13.12''' Dort sah er den Stammvater Daksha und seine eigenen Scharen, die zehn Weisen mit Marichi an der Spitze sowie Virini und Sati, | |||
'''13.13''' Sandhya, Rati und Kandarpa, die Liebesstimmung mit dem Frühling, anmutige Gebärden und Regungen, die Maras, Rishis, Götter und Marutscharen, | |||
'''13.14''' Wolken, Mond und Sonne, Bäume, Ranken und Gräser, Siddhas, Vidyadharas, Yakshas, Rakshasas und Kinnaras, | |||
'''13.15''' Menschen, Schlangen, Krokodile, Fische und Schildkröten, Meteore, Donnerschläge und Kometen sowie Würmer, Insekten und fliegende Kleintiere. | |||
'''13.16''' Er sah eine Frau in geschlechtlicher Vereinigung, andere Wesen bereits geboren, wieder andere gerade entstehend oder vergehend. | |||
'''13.17''' Der höchste Herr sah manche lachen und sich erfreuen, andere klagen und wieder andere eilen. | |||
'''13.18''' Manche sah er mit himmlischem Schmuck versehen, mit Kränzen und Sandelpaste geschmückt und immer wieder mit Shambhu spielend. Die Zuordnung der Handelnden ist im Wortlaut nicht ganz eindeutig. | |||
'''13.19''' Er sah Weise, reich an Askese, die Shambhu, Vishnu und Brahma priesen und besangen. | |||
'''13.20u''' Einige übten Askese an Flussufern und in Einsiedlerwäldern, andere widmeten sich dem eigenen Schriftstudium und den Veden oder lehrten deren Rezitation. ''Dieser Textabschnitt steht nach Vers 19 ohne abschließende Versnummer; „20u“ dient nur der Orientierung.'' | |||
'''13.21''' Ebenso sah Shambhu selbst die sieben Meere, Flüsse und himmlischen Seen sowie sich selbst auf einem Berg. | |||
'''13.22''' Shankara sah, wie Maya in Lakshmis Gestalt Hari und in Satis Gestalt ihn selbst bezauberte. | |||
'''13.23''' Er sah, wie er sich mit Sati auf dem Kailasa, dem Meru und dem Mandara sowie in göttlichen Wäldern erfreute, erfüllt von Liebesstimmung. | |||
'''13.25''' Er sah ausführlich, wie sie Satis Leib verließ und als Himavats Tochter geboren wurde, wie Karttikeya entstand und den Taraka genannten Feind erschlug. Die Schlusskonstruktion des Verses ist verkürzt. | |||
'''13.26''' Er sah, wie Hiranyakashipu durch die Gestalt Narasimhas getötet wurde, ebenso wie Kalanemi und Hiranyaksha getötet wurden. | |||
'''13.27''' Hara sah alle Kämpfe, die Vishnu früher mit den Danava-Scharen geführt hatte, und welche Gegner dabei jeweils getötet worden waren. | |||
'''13.28''' Nachdem er die Entfaltungen der Welt einzeln betrachtet hatte – Brahma und die anderen, Sterne, Planeten, Menschen, Siddhas und Vidyadharas –, | |||
'''13.29''' sah der Herr Shambhu sich selbst diese auflösen. Am Ende der Auflösung sah er Brahma, Vishnu und Maheshvara. | |||
'''13.30''' Diese ganze Welt mit allem Beweglichen und Unbeweglichen wurde leer. | |||
'''13.31''' Als die ganze Welt leer geworden war, ging Brahma in Vishnus Körper auf; auch Shambhu trat in ebendiesen Körper ein. | |||
'''13.32''' Er sah allein Vishnu von unoffenbarer Gestalt. Hara sah damals nichts anderes als Vishnu. | |||
'''13.33''' Dann sah er auch Vishnu in das höchste Selbst eingehen, in die höchste, ewige Wirklichkeit, die als Licht erscheint. | |||
'''13.34''' Darauf sah er nur noch das höchste Brahman, erfüllt von Erkenntnis und ewiger Glückseligkeit, allein durch Erkenntnis zugänglich, und nichts anderes. | |||
'''13.35''' In seinem eigenen Körper sah er die Einheit und die Unterschiedenheit der Welt im höchsten Selbst sowie die Ordnungen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. | |||
'''13.36''' Er sah das leuchtende höchste Selbst, friedvoll, ewig und jenseits der Sinne: Brahman allein, ohne Zweites, und nichts anderes. | |||
'''13.37''' „Wer ist Vishnu, wer Hara, wer Brahma, und was ist diese Welt?“ Eine solche Trennung vom höchsten Selbst nahm Shambhu nicht mehr wahr. | |||
'''13.38''' Während er so schaute, trat Maya wieder hervor und ging in den Gott mit dem Stierbanner ein. Der räumliche Bezug von Innen und Außen ist in der überlieferten Formulierung nicht eindeutig. | |||
'''13.39''' Nachdem Janardana Shambhu die Nichtverschiedenheit und die Unterschiedenheit gezeigt hatte, trat er rasch aus dessen Körper heraus. | |||
'''13.40''' Als Hara aus Samadhi hervortrat, kam sein Geist wieder in Bewegung. Von Maya bezaubert, wandte er sich sofort Sati zu. | |||
'''13.41''' Immer wieder betrachtete Hara das bezaubernde Antlitz Dakshas Tochter, das einem geöffneten Lotus glich. | |||
'''13.42''' Als Shankara dort auch Daksha, Marichi und die anderen, seine Scharen, den Lotusgeborenen und Vishnu sah, geriet er in Staunen. | |||
'''13.43''' Zu dem staunenden Mahadeva mit dem Stierbanner sprach Janardana mit einem von Lächeln erhellten Gesicht: | |||
'''13.44''' Der Erhabene sprach: Alles, was du über die Einheit und die Verschiedenheit der drei Götter gefragt hast, Shankara, hast du nun erkannt. | |||
'''13.45''' Prakriti, Purusha, Zeit und Maya hast du in deinem Innern erkannt, Mahadeva: wie sie beschaffen sind und was sie sind. | |||
'''13.46''' Du hast gesehen, wie das eine, stets friedvolle, ewige, höchste und große Brahman in Unterschieden erscheint und welcher Art dies ist. | |||
'''13.47''' Markandeya sprach: So vom Erhabenen gefragt, antwortete der erhabene Gott mit dem Stierbanner Hari mit diesen wahrheitsgemäßen Worten: | |||
'''13.48''' Ishvara sprach: Brahman ist eines, glückverheißend, friedvoll, grenzenlos und unvergänglich; nichts anderes ist ihm gleich. Die ganze Welt ist nicht von ihm verschieden, ebenso wenig die Gestalten der Zeit und der anderen Schöpfungsursachen. | |||
'''13.49''' Es ist der makellose Ursprung aller Wesen. Auch wir sind stets seine Anteile. Von ihm gehen Schöpfung, Erhaltung und Auflösung aus; deshalb erscheinen seine drei Gestalten unterschieden. | |||
'''13.50''' Weder ich noch du, weder Hiranyagarbha noch Zeit, Prakriti oder irgendetwas anderes vermag ohne seinen Antrieb zu wirken. Auch die vorhandenen Gestalten gehören ihm an. Die Schlusswendung ist sprachlich gestört. | |||
'''13.51''' Der Erhabene sprach: Diese Wirklichkeit hast du erkannt und ausgesprochen, du mit dem Stierbanner. Wir, Brahma, Vishnu und der Träger des Pinaka-Bogens, sind ihre Anteile. | |||
'''13.52''' Darum darf dieser Brahma von dir nicht getötet werden, wenn du die Einheit Brahmas, Vishnus und des Pinaka-Trägers erkannt hast, Shambhu. | |||
'''13.53''' Markandeya sprach: Als Mahadeva diese Worte Vishnus von unermesslichem Glanz hörte und die Einheit geschaut hatte, tötete er Brahma nicht. | |||
'''13.54''' So habe ich euch erzählt, wie Vishnu Shambhu die Nichtverschiedenheit lehrte. Nun kehre ich zur begonnenen Erzählung zurück, ihr Brahmanen. | |||
===Kapitel 14=== | |||
'''Shiva und Sati in den Bergen''' | |||
'''14.1''' Markandeya sprach: Während die Wolken donnerten, verabschiedete Mahadeva, Satis Gemahl, Vishnu und die anderen und begab sich zum Himalaya. | |||
'''14.2''' Er ließ die freudige Sati auf den hohen Stier steigen und ging zu einem lieblichen, von Lauben erfüllten Plateau des Himalaya. | |||
'''14.3''' Neben Shankara glänzte die schönzahnige, anmutig lächelnde Sati auf dem Stier wie die dunkle Zeichnung neben dem Mond. | |||
'''14.4''' Brahma und die anderen, die geistgeborenen Söhne mit Marichi an der Spitze, Daksha, Götter und Asuras waren alle voller Freude. | |||
'''14.5''' Manche spielten Muschelhörner, andere schlugen glückverheißende Rhythmen, und wieder andere machten Scherze, während sie dem Gott mit dem Stierbanner folgten. | |||
'''14.6''' Obwohl Shambhu sie bereits verabschiedet hatte, begleiteten Brahma und die anderen ihn in großer Freude noch ein Stück des Weges. | |||
'''14.7''' Dann nahmen Brahma und die geistgeborenen Söhne Abschied von Shambhu und kehrten in ihren schnellen Gefährten an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück. | |||
'''14.8''' Auch sämtliche Götter, Siddhas, Apsaras, Yakshas, Vidyadharas und die anderen, die dort zusammengekommen waren, | |||
'''14.9''' kehrten von Hara verabschiedet an ihre eigenen Orte zurück. Sie freuten sich darüber, dass der Gott mit dem Stierbanner nun vermählt war. | |||
'''14.10''' Mit seinem Gefolge erreichte Hara den erfreulichen Wohnort Kailasa und ließ dort seine Geliebte vom Stier absteigen. | |||
'''14.11''' Nachdem er Dakshas Tochter gewonnen hatte, entließ Virupaksha sein eigenes Gefolge, Nandin und die anderen, aus der Berghöhle. | |||
'''14.12''' Shambhu sagte freundlich zu ihnen allen: „Wann immer ich hier an euch denke, sollt ihr, durch mein Gedenken im Geist bewegt, sogleich an meine Seite kommen.“ | |||
'''14.13''' Als Vamadeva dies gesagt hatte, begaben sich Nandin, Bhairava und die anderen zum Wasserfall der Mahakaushi im Himalaya. | |||
'''14.14''' Nachdem sie gegangen waren, erfreute sich auch der Herr, von Dakshas Tochter bezaubert, lange Zeit Tag für Tag mit ihr in der Abgeschiedenheit. | |||
'''14.15''' Manchmal sammelte er Waldblumen, flocht daraus einen schönen Kranz und legte ihn Sati anstelle eines Halsgeschmeides um. | |||
'''14.16''' Wenn Sati ihr eigenes Gesicht im Spiegel betrachtete, trat Hara manchmal hinzu und betrachtete darin auch sein eigenes Antlitz. | |||
'''14.17''' Manchmal hob er freudig ihre Locken an, band sie zusammen, löste sie wieder und strich sie immer wieder glatt. | |||
'''14.18''' Liebevoll färbte der Gott mit dem Stierbanner ihre von Natur aus roten Füße mit leuchtendem roten Lack. | |||
'''14.19''' Was man vor anderen ohne Weiteres laut sagen konnte, flüsterte er ihr dennoch ins Ohr, um dabei ihr Gesicht zu berühren. | |||
'''14.20''' Nachdem er sich nur ein wenig entfernt hatte, kam er behutsam zurück und hielt ihr von hinten die Augen zu, während sie an anderes dachte. | |||
'''14.21''' Dort machte der Gott mit dem Stierbanner sich durch Maya unsichtbar und umarmte sie. Überrascht erschrak sie und geriet in Unruhe. | |||
'''14.22''' Auf ihre beiden Brüste, die Knospen goldener Lotusblumen glichen, malte er mit Moschus eine bienenförmige Verzierung. | |||
'''14.23''' Plötzlich nahm Hara ihr die Halskette von der Brust und legte sie an derselben Stelle wieder an, wobei er sie mit den Händen berührte. | |||
'''14.24''' Immer wieder löste er Armschmuck, Armreifen und weitere Schmuckstücke und befestigte sie danach erneut an ihrem Platz. Eine Schmuckbezeichnung ist in der Vorlage unklar. | |||
'''14.25''' „Hier kommt Kalika, deine Freundin, die dieselbe Farbe hat wie du!“ Als sie hinsehen wollte, berührte er ihre Brüste. | |||
'''14.26''' Manchmal vollführte der vom Liebesrausch ergriffene Herr der Pramathas freudig solche Scherze mit seiner Herzensgeliebten. | |||
'''14.27''' Shankara holte Lotusblüten und Waldblumen und schmückte zuweilen ihren ganzen Körper mit Blumenschmuck. | |||
'''14.28''' Freudig wandelte Hara, Satis Gemahl, mit ihr durch die schönen Berglauben und durch sämtliche Wälder. | |||
'''14.29''' Ob unterwegs, sitzend, stehend oder tätig: Ohne sie fand der Gott mit dem Stierbanner nicht einen Augenblick Ruhe. | |||
'''14.30''' Nachdem er lange in einer Höhle des Kailasa geweilt hatte, begab er sich zum Wasserfall der Mahakaushi im Himalaya. | |||
'''14.31''' Als der Gott mit dem Stierbanner den Himalaya betrat, folgte auch Kama mit seinem Freund und mit Rati. | |||
'''14.32''' Als Kama dort eingezogen war, breitete der Frühling seine eigene Schönheit in Shankaras Nähe aus: an Bäumen, im Wasser und auf der Erde. | |||
'''14.33''' Alle Bäume und Ranken waren voller Blüten, die Gewässer voller entfalteter Lotusse und die Lotusse voller Bienen. | |||
'''14.34''' Als die Liebe dort Einzug hielt, wehten Malaya-Winde; der Duft wohlriechender Blumen bezauberte die Frauen. | |||
'''14.35''' Smara wirbelte selbst die Gedanken der Weisen auf und zog geschickt deren Essenz heraus, wie man Butter aus der aufgewühlten Milchflüssigkeit gewinnt. Die genaue Bezeichnung der Flüssigkeit ist im Vergleich nicht ganz stimmig. | |||
'''14.36''' Palasha-Blüten glänzten wie die Mondsichel am Abend. Blumen gleich Kamas Waffen erweckten immer neue Freude. | |||
'''14.37''' Die Lotusblüten in den Seen leuchteten, als seien sie die schönen Gesichter von Wassergottheiten, die alle Menschen bezaubern wollten. | |||
'''14.38''' Die Nagakeshara-Bäume mit goldfarbenen Blüten standen lieblich in Shankaras Nähe und glichen Bannern des Liebesgottes. | |||
'''14.39''' Auch die Champaka-Bäume glänzten mit zahlreichen geöffneten und noch nicht geöffneten Blüten und zeigten immer wieder deren goldene Farbe. | |||
'''14.40''' Die Patala-Bäume blühten so reich, dass die Himmelsrichtungen vom rosigen Schein ihrer offenen Blüten erfüllt wurden. | |||
'''14.41''' Der Duft der Lavanga-Ranken durchzog die Luft und bezauberte die Herzen der Liebenden zutiefst. | |||
'''14.42''' Die Pflanzen dort waren vom Frühlingsduft erfüllt; von diesem Duft angezogene Bienen umgaben sie, und alles erschien lieblich und von Liebesfreude durchdrungen. Einzelne Pflanzenbezeichnungen sind unsicher. | |||
'''14.43''' Die Spitzen der Mangobäume glänzten schön wie Feuer und erschienen wie Lagerstätten ganzer Bündel von Kamas Pfeilen. Der letzte Vergleich ist textlich gestört. | |||
'''14.44''' Die reinen Gewässer glänzten mit offenen Lotusblüten wie der Geist der Weisen, wenn das Licht der Erkenntnis deutlich hervortritt. | |||
'''14.45''' Durch die Berührung mit den Sonnenstrahlen schwand der Frost, wie das Gefühl des Besitzens aus dem Herzen der Wissenden schwindet. | |||
'''14.46''' Furchtlos ließen die Kokilas täglich ihre Stimmen erklingen, wie der starke Klang der Blumensehne, wenn Blumenpfeile Lebewesen treffen. | |||
'''14.47''' Bienen summten an den Blumen im Wald, wie der Liebesgott als Tiger seine Stimme erhebt, hungrig nach dem Liebesspiel der Frauen. | |||
'''14.48''' Der Mond mit seinen kühlen Strahlen nahm seine Phasen nach und nach an, um die Menschen auf Erden zu bezaubern. Der Wortlaut des ersten Halbverses ist beschädigt. | |||
'''14.49''' Die Nächte wurden mit dem Mond klar und frostfrei, so schön wie Frauen in der Gemeinschaft ihres Geliebten. | |||
'''14.50''' Zu dieser Zeit erfreute sich Mahadeva lange mit Sati auf dem herrlichen Berg, verborgen in Lauben und Höhlen. | |||
'''14.51''' Auch die glückverheißende Tochter Dakshas erfreute sich mit ihm so, dass Hara ohne sie nicht einmal einen Augenblick Frieden fand. | |||
'''14.52''' In der Liebesvereinigung schien die Göttin Sati, seinem Herzen lieb, in Haras Leib einzugehen und ihn den Geschmack ihrer Liebe trinken zu lassen. | |||
'''14.53''' Er schmückte ihren ganzen Leib mit Blumenkränzen, die er eigenhändig geflochten hatte, und machte liebevolle Scherze. | |||
'''14.54''' Durch Worte, Blicke, Lachen und Gespräche ging der Herr der Berge ganz in ihr auf, wie ein Selbstbeherrschter in der Erkenntnis des Selbst. | |||
'''14.55''' Hara blieb im Trinken des Nektars ihres Mondgesichts versunken. Die im zweiten Halbvers genannte weitere Zustandsbeschreibung ist in der überlieferten Lesung nicht sicher zu übersetzen. | |||
'''14.56''' Vom Duft ihres Lotusgesichts, von ihrer Schönheit und ihrem Scherz war er wie ein großer Elefant durch Fesseln gebunden und richtete sein Tun auf nichts anderes. | |||
'''14.57''' So erfreute sich Mahesha Tag für Tag mit Dakshas Tochter in den Lauben, auf den Plateaus und in den Höhlen des Himalaya. Der Vers nennt für die Dauer neun, zehn und weitere fünf Jahre sowie die zusätzliche Zahlenwendung „ṛtubhuja“; deren Zusammenhang ist nicht sicher zu bestimmen. | |||
===Kapitel 15=== | |||
'''Die Regenzeit und die Wahl einer Wohnstatt''' | |||
'''15.1''' Markandeya sprach: Als einmal die Regenzeit herankam, sprach Dakshas Tochter zum Gott mit dem Stierbanner, der auf einem Bergplateau weilte. | |||
'''15.2''' Sati sprach: Die Regenzeit ist gekommen, eine schwer zu ertragende Zeit. Wolkenmassen von vielerlei Farbe verhüllen den Himmel und die Himmelsrichtungen. | |||
'''15.3''' Heftige Winde wehen, die das Herz beinahe zerreißen; sie treiben kleine Regentropfen heran, vermischt mit dem Blütenstaub der Kadamba-Bäume. | |||
'''15.4''' Wessen Geist bliebe unerschüttert vom lauten, heftigen Donner der Wolken, die Regenströme ausschütten und Blitze als Banner tragen? | |||
'''15.5''' Weder die Sonne noch der von Wolken verhüllte Mond ist sichtbar. Selbst der Tag erscheint wie Nacht und bringt jene in Verwirrung, die von ihren Geliebten getrennt sind. | |||
'''15.6''' Die Wolken bleiben nicht an einem Ort, sondern ziehen tönend und vom Wind getrieben dahin. Es sieht aus, als fielen sie den Menschen auf die Köpfe, Shankara. | |||
'''15.7''' Vom Wind getroffen, scheinen die großen Bäume am Himmel zu tanzen. Sie erschrecken die Ängstlichen, Hara, doch die Liebenden freuen sich an ihnen. | |||
'''15.8''' Vor der dunklen Wolkenmasse, die wie glänzende Augensalbe erscheint, leuchtet hoch eine Reihe weißer Vögel wie Schaum auf der bewegten Yamuna. | |||
'''15.9''' Augenblick für Augenblick sieht man den flackernden Blitz in der dunklen Wolke, wie das lodernde unterseeische Feuer im Ozean. | |||
'''15.10''' Selbst in den Vorhöfen der Häuser sprießen Gräser. Was soll ich dir, Virupaksha, da vom Graswuchs an anderen Orten erzählen? | |||
'''15.11''' Der helle Himalaya ist mit dunklem und silbrigem Pflanzenwuchs bedeckt, wie der Milchozean mit Blättern der Bäume vom Mandara. Einzelne Bestandteile des Vergleichs sind sprachlich unsicher. | |||
'''15.12''' Die Blütenpracht hat die Kinshuka-Bäume verlassen und sich dem Kutaja zugewandt, wie im Kali-Zeitalter das Glück die Guten verlässt und sich bald diesem, bald jenem zuwendet. | |||
'''15.13''' Vom Donner immer wieder erfreut, rufen die Pfauen in jedem Wald und kündigen unablässig den Regen an. | |||
'''15.14''' Höre, Hara, den süßen Ruf der begeisterten Chatakas, die zu den Wolken aufblicken; er kündigt das Herannahen des Regens an. | |||
'''15.15''' Indras Bogen hat jetzt seinen Platz am Himmel eingenommen, als sei er erschienen, um mit den Pfeilen der Regenschauer die Hitze zu durchbohren. | |||
'''15.16''' Sieh hier das schlechte Verhalten der Wolken, Bharga: Mit Hagelmassen bedrängen sie die Pfauen und Chatakas, die ihnen doch ergeben sind. Das entsprechende Verb ist in der Vorlage gestört. | |||
'''15.17''' Als die Schwäne sehen, wie Pfauen und Chatakas sogar von ihrem Freund bedrängt werden, ziehen sie zum weit entfernten Manasa-See, Herr der Berge. | |||
'''15.18''' In dieser schwierigen Zeit bauen selbst Krähen und andere Vögel Nester. Wie willst du ohne Haus Ruhe finden? | |||
'''15.19''' Die von den Wolken ausgelöste große Furcht bedrängt mich, Träger des Pinaka-Bogens. Sorge darum auf meine Bitte hin unverzüglich für eine Unterkunft. | |||
'''15.20''' Schaffe dir eine angemessene Wohnstatt, du mit dem Stierbanner: auf dem Kailasa, im Himalaya, bei der Mahakaushi oder auf der Erde. | |||
'''15.21''' Als Dakshas Tochter dies zu Shambhu sagte, lachte er; die Strahlen des Mondes auf seinem Haupt erhellten sein Gesicht. | |||
'''15.22''' Mit lächelnden Lippen sprach der hochherzige Kenner aller Prinzipien zur Göttin Sati, um die höchste Herrin zu erfreuen: | |||
'''15.23''' Ishvara sprach: Wo ich dir zuliebe eine Wohnstatt schaffen werde, meine schöne Geliebte, werden niemals Wolken hinkommen. | |||
'''15.24''' Selbst in der Regenzeit ziehen die Wolken am Himalaya nur bis zu den Flanken des Berges, du Schöne. | |||
'''15.25''' Ebenso ziehen die Wolken am Kailasa nur bis zu seinem Berggürtel, Göttin; darüber hinaus gelangen sie niemals. | |||
'''15.26''' Auch am Sumeru steigen Wolken wie Pushkara und Avartaka nur bis zum Fuß seiner Knie auf und gehen nicht weiter hinauf. Eine Ortsbezeichnung im ersten Halbvers ist unklar. | |||
'''15.27''' Sage mir rasch, Geliebte, auf welchem dieser großen Berge du wohnen möchtest. | |||
'''15.28''' Im Himalaya werden Vogelscharen mit goldenen Flügeln, die frei umherschweifen und süß singen, dir stets mannigfache Freude bereiten. Ein Ausdruck der ersten Hälfte ist beschädigt. | |||
'''15.29''' Siddha-Frauen, die auf dem juwelengeschmückten Berg frei umherwandeln, werden deine beständige Freundschaft suchen, dir hilfreich zur Seite stehen und dir Früchte und andere Gaben bringen. | |||
'''15.30''' Göttertöchter, Bergtöchter, Naga-Töchter und pferdegesichtige Wesen werden dir stets mit erfreulichem Spiel und anmutigen Bewegungen Gesellschaft leisten. | |||
'''15.31''' Wenn die schönen, mit unbewegten Augen schauenden Frauen deine unvergleichliche Gestalt und dein schönes Gesicht sehen, werden sie die Schönheit ihres eigenen Körpers gering achten. | |||
'''15.32''' Auch [[Menaka]], die Gemahlin des Bergkönigs, deren Schönheit und gute Eigenschaften in den drei Welten bekannt sind, wird dich dort stets erfreuen, auch durch hilfreiche Hinweise. | |||
'''15.33''' Frauen, die vom Bergkönig geehrt werden und große Zuneigung schenken, werden dich täglich liebevoll in den zu deiner Familie passenden Sitten und guten Eigenschaften unterweisen. | |||
'''15.34''' Möchtest du dorthin gehen, Geliebte, wo liebliche Lauben vom vielfältigen Gesang der Kokilas erfüllt sind und stets der Frühling herrscht – | |||
'''15.34a''' zum König der Berge, dem Himalaya, umgeben von Hunderten klarer Seen und Hunderten von Lotusteichen? | |||
'''15.35''' Er ist bedeckt mit Grasflächen und den Kalpa genannten Bäumen, die alle Wünsche erfüllen. Ihre Blüten wirst du dort verwenden können. | |||
'''15.36''' Er ist eine göttliche Wohnstatt, du Edle, mit friedlichen Wildtieren, bevölkert von Weisen und Entsagenden und von vielerlei Tieren. | |||
'''15.37''' Er glänzt mit kristallenen, goldenen und silbernen Hängen und wird ringsum von Seen wie dem Manasa verschönt. | |||
'''15.38''' Diese sind voller goldener Lotusblüten und Knospen mit juwelenartigen Stängeln, bevölkert von Wassersäugern, Muscheln, Schildkröten, Makaras und Fischen und geschmückt mit blauen Lotussen. | |||
'''15.39''' Hunderte Göttinnen baden dort; deshalb sind die klaren Wasser von Wohlgerüchen, Safran und dem Duft verschiedenster Blumenkränze erfüllt. | |||
'''15.40''' Grasflächen und hohe Bäume schmücken ihre Ufer; mit ihren Ästen scheinen die Bäume zu tanzen und den Ort ihres Entstehens zu umfächeln. | |||
'''15.41''' Kadamba-Wasservögel, Sarasa-Vögel und lebhafte Schwanscharen verschönern sie; Bienen und andere Wesen erfreuen mit süßen Lauten. | |||
'''15.42''' Oder möchtest du den Berg mit den Städten Indras, Kuberas, Yamas, Varunas, Agnis, des Rakshasa-Herrn, des Windgottes und Haras – | |||
'''15.43''' den hohen Meru, dessen Gipfel durch diese Städte glänzen, den Wohnsitz der Götter, besucht von Scharen schöner Frauen wie Rambha, Shachi und Menaka, den großen Berg, der das Beste aller in sich vereint? | |||
'''15.44''' Dort wird Shachi, von Hunderten Göttinnen und Apsaras begleitet, dir stets die angemessene Gesellschaft leisten. | |||
'''15.45''' Oder wünschst du meinen Kailasa, den König der Berge, meine beständige Zuflucht, geschmückt mit der Stadt des Herrn der Schätze? | |||
'''15.46''' Er wird von Gangas Wassermassen geheiligt und strahlt wie der Vollmond. In seinen Höhlen und auf seinen Hängen wandeln stets Yaksha-Töchter. | |||
'''15.47''' Vielerlei Wildtiere bewohnen ihn, und Hunderte Lotusteiche umgeben ihn. In allen Vorzügen gleicht er dem schönen Sumeru. | |||
'''15.48''' Sage mir rasch, zu welchem dieser Orte es dein Herz zieht. Dort werde ich dir eine Wohnstatt schaffen. | |||
'''15.49''' Markandeya sprach: Als Shankara so gesprochen hatte, antwortete Dakshas Tochter Mahadeva langsam und sanft und gab ihren eigenen Wunsch zu erkennen. | |||
'''15.50''' Sati sprach: Auf dem Himalaya selbst möchte ich mit dir wohnen. Richte dort auf diesem großen Berg bald unsere Wohnstatt ein. | |||
'''15.51''' Markandeya sprach: Als Hara ihre Worte gehört hatte, freute er sich sehr und begab sich mit Dakshas Tochter zu einem hohen Gipfel des Himalaya. | |||
'''15.52''' Er ging zu einem hohen Gipfel, auf dem Siddha-Frauen weilten und der für Wolken und Vögel unerreichbar war, geschmückt mit einem Wald von Maricha-Pflanzen. | |||
===Kapitel 16=== | |||
'''Dakshas Opfer und Satis Tod''' | |||
Die folgenden Verse erzählen Satis Tod als mythologisches Geschehen. Diese Darstellung ist keine Anleitung zur Yogapraxis. | |||
'''16.1''' Markandeya sprach: Als Gefährte Satis erreichte er den hohen, gold- und silberfarbenen, mit Juwelen gesprenkelten Gipfel, der wie die junge Sonne leuchtete. | |||
'''16.2''' Dort gab es Wohnstätten aus Kristallstein, Grasflächen und Bäume, vielerlei Blütenranken und Seen sowie summende Bienen an den Zweigspitzen blühender Bäume. | |||
'''16.3''' Offene Lotusblüten, Gruppen blauer Lotusse, Scharen von Chakravakas, Kadamba-Wasservögeln, Schwänen und Tauchvögeln schmückten den Ort. | |||
'''16.4''' Er erklang von lebhaften Sarasa-Vögeln, Kranichen, Pfauen und dem süßen Gesang männlicher Kokilas; Wildtiere bewohnten ihn. | |||
'''16.5''' Pferdegesichtige Wesen, Siddhas, Apsaras, Guhyakas, Vidyadhara-Frauen, Göttinnen und Kinnari-Frauen wandelten dort umher, ebenso Frauen und Mädchen der Bergregion. | |||
'''16.6''' Die tiefen Töne der Vipanchi-Laute, der Saiteninstrumente, Mridangas und großen Trommeln sowie freudig tanzende Apsaras verschönerten ihn. | |||
'''16.7''' Göttliche duftende Ranken umgaben ihn, und Lauben mit hoch emporragenden Blüten schmückten ihn. | |||
'''16.8''' Auf diesem schönen Gipfel nahe der Stadt des Bergkönigs erfreute sich der Gott mit dem Stierbanner lange mit Sati. | |||
'''16.9''' An diesem dem Himmel gleichen Ort erfreute sich Shankara zehntausend Götterjahre lang freudig mit Sati. | |||
'''16.10''' Manchmal ging Shankara von dort zum Kailasa, manchmal zum Gipfel des Meru, der von Göttern und Göttinnen bevölkert war. | |||
'''16.11''' Auch die Gärten der Weltenhüter, Wälder und die Erde besuchte er und kehrte immer wieder zurück; als Satis Gefährte erfreute er sich an all diesen Orten. | |||
'''16.12''' Er achtete weder auf Tag und Nacht noch auf Brahman, Askese und Ruhe. Shambhus Geist war ganz auf Sati gerichtet; er lebte allein der Freude ihrer Liebe. | |||
'''16.13''' Sati sah überall allein Mahadevas Antlitz, und auch Mahadeva erblickte überall stets Satis Gesicht. | |||
'''16.14''' So ließen Shambhu und Sati durch ihre Verbundenheit den Baum ihrer Liebe wachsen und begossen ihn mit dem Wasser ihrer Empfindungen. | |||
'''16.15''' Währenddessen begann Daksha, der zum Wohl der Welt wirkte, ein großes Opfer zur Verehrung dessen, der das Leben aller ist. | |||
'''16.16''' Achtundachtzigtausend Opferpriester brachten dort Gaben ins Feuer. Vierundsechzigtausend Götterseher wirkten als Udgatri-Sänger, und ebenso viele, darunter Narada und andere, als Adhvaryu- und Hotri-Priester. | |||
'''16.17''' Vishnu selbst war zusammen mit sämtlichen Maruts der Aufseher; Brahma selbst erklärte dort das Verfahren der dreifachen vedischen Lehre. | |||
'''16.18''' Ebenso waren alle Richtungswächter, Torhüter und Beschützer zugegen. Das Opfer selbst trat in Erscheinung, und die Erde selbst wurde zum Opferaltar. | |||
'''16.19''' Auch Agni vervielfachte seine eigene Gestalt tausendfach, um bei diesem großen Opferfest rasch die Gaben entgegenzunehmen. | |||
'''16.20''' Die herbeigerufenen Weisen mit Marichi an der Spitze trugen jeder ein rituelles Pavitra und entzündeten überall mit den Samidheni-Versen das Feuer. | |||
'''16.21''' Die sieben Rishis sangen einzeln ihre Sama-Gesänge und erfüllten Erde, Hauptrichtungen, Zwischenrichtungen und Himmel mit den Tönen der heiligen Überlieferung. | |||
'''16.22''' Es gab keine Rishis, Götter, Menschen oder Vögel, keine Pflanzen, kein Gras, keine Haustiere oder Wildtiere, die Daksha nicht zu diesen Opfern eingeladen hätte. | |||
'''16.23''' Zu seinem großen Opfer berief Daksha Gandharvas, Vidyadharas und Siddhas, Adityas, Sadhyas und Rishis, Yakshas, die vornehmsten Nagas und selbst die unbeweglichen Wesen. | |||
'''16.24''' Kalpas, Manu-Zeiträume, Weltalter, Jahre, Monate, Tage, Nächte sowie Kala-, Kashtha- und Augenblicksmaße waren alle eingeladen und zusammengekommen. | |||
'''16.25''' Scharen großer Rishis, Königsrishis und Götterseher, Könige mit Söhnen, Ratgebern und Heeren sowie die Göttergruppen mit den Vasus an der Spitze folgten seiner Einladung zu diesem Opfer. | |||
'''16.26''' Insekten, fliegende und im Wasser lebende Wesen, Affen, Wildtiere und furchterregende Hinderniswesen, Wolken, Berge, Flüsse, Meere, Seen und Teiche kamen auf seine Einladung hin. | |||
'''16.27''' Alle zogen zum Opfer, um ihren Anteil an den Gaben zu empfangen, entschlossen zur Opferhandlung. Auch die in der Unterwelt lebenden Asuras, Naga-Frauen und sämtliche Götterversammlungen kamen. | |||
'''16.28''' Alles, was sich in der Welt befindet, Bewusstes und Unbewusstes, lud er ein und begann das Opfer, bei dem er seinen ganzen Besitz als Opferlohn darbringen wollte. | |||
'''16.29''' Doch Shambhu wurde von Daksha nicht zu diesem Opfer eingeladen. Er hatte entschieden: „Er ist ein Schädelträger und deshalb nicht zur Teilnahme am Opfer geeignet.“ | |||
'''16.30''' Auch Sati, seine eigene geliebte Tochter, wurde von dem nach Fehlern suchenden Daksha nicht eingeladen, weil sie die Gemahlin eines Schädelträgers war. | |||
'''16.31''' Sati erfuhr von dem großen Opfer, das ihr Vater begonnen hatte, und auch davon, dass sie als „Gemahlin des Schädelträgers“ nicht eingeladen worden war. | |||
'''16.32''' Darauf wurde sie sehr zornig auf Daksha; Augen und Gesicht röteten sich. Sie wollte ihn durch einen Fluch verbrennen. | |||
'''16.33''' Doch obwohl sie von Zorn erfüllt war, erinnerte sie sich an ihre frühere Zusage. Nachdem sie dies innerlich bedacht hatte, sprach sie keinen Fluch aus. | |||
'''16.34''' „Genug mit einem Fluch! Ich habe schon früher eine feste Vereinbarung getroffen: Wenn er mich missachtet, werde ich gewiss mein Leben in diesem Leib aufgeben. | |||
'''16.35''' Als Daksha mich lange verehrte, weil er eine Tochter wünschte, traf ich diese Vereinbarung. Genug also mit einem Fluch – ich werde die Vereinbarung erfüllen.“ | |||
'''16.36''' So dachte die Göttin nach und erinnerte sich an ihre eigene ewige, unvergleichliche, überaus gewaltige, ungeteilte und weltdurchdringende Gestalt. | |||
'''16.37''' Während sie an ihre ursprüngliche Gestalt dachte, die Yoganidra Haris genannt wird, erwog Dakshas Tochter in ihrem Geist: | |||
'''16.38''' „Der Zweck, um dessentwillen Daksha auf Brahmas Anweisung hin mich gepriesen hat, ist noch nicht vollständig verwirklicht; auch Shankara hat noch keinen Sohn. | |||
'''16.39''' Bis jetzt ist nur ein Anliegen der Götterscharen erfüllt: Durch mich ist in Shankara die Liebe zu einer Frau erwacht. | |||
'''16.40''' Keine andere außer mir wird Shambhus Liebe weiter nähren können; er wird keine andere annehmen. | |||
'''16.41''' Dennoch werde ich wegen der früheren Vereinbarung diesen Körper verlassen. Zum Wohl der Welten werde ich erneut am Berg erscheinen. | |||
'''16.42''' Früher weilte Shambhu lange freudig mit mir auf einem schönen Plateau des Himalaya, das einer Götterwohnung glich. | |||
'''16.43''' Dort war die schön gestaltete Göttin Menaka, die Gelübde geübt hatte, von gutem Wesen und die Beste der Frauen der Bergregion. | |||
'''16.44''' Sie begegnete mir bei allen Tätigkeiten liebevoll wie eine Mutter. Ich gewann tiefe Zuneigung zu ihr; sie soll meine Mutter werden. | |||
'''16.45''' Mit den Mädchen der Berge werde ich lange immer wieder Kinderspiele spielen und Menaka höchste Freude bereiten. Die Bezeichnung der Bergmädchen ist im Sanskrit wiederholt. | |||
'''16.46''' Wieder werde ich Shambhus überaus geliebte Gemahlin werden und auf diesem Weg gewiss die Aufgaben der Götter erfüllen.“ | |||
'''16.47''' Während sie so nachdachte, wurde Dakshas Tochter erneut von Zorn ergriffen und flammte wegen seiner grausamen Tat auf. | |||
'''16.48''' Mit vor Zorn geröteten Augen verschloss die schlanke Sati durch Yoga sämtliche Öffnungen und bewirkte ein gewaltsames Aufbrechen. | |||
'''16.49''' Durch dieses gewaltige Aufbrechen durchstießen ihre Lebenswinde die zehnte Öffnung und traten aus ihrem Leib heraus. | |||
'''16.50''' Als die im Himmelsraum weilenden Götter sahen, dass sie ihren Lebensatem aufgegeben hatte, brachen sie mit vor Trauer verwirrten Blicken in laute Klage aus. | |||
'''16.51''' [[Vijaya]], die Tochter von Satis Schwester, war zu Besuch gekommen. Als sie Sati tot sah, schrie sie immer wieder vor Schmerz auf. | |||
'''16.52''' „Ach, Sati, wohin bist du gegangen? Ach, Sati, was ist mit dir geschehen? Ach, Schwester meiner Mutter!“ So erhob sich ein lauter Klageruf. | |||
'''16.53''' „Sati, schon als du diese kränkende Nachricht hörtest, gabst du dein Leben auf. Wie kann ich weiterleben, nachdem ich dieses entsetzliche Unglück gesehen habe?“ | |||
'''16.54''' Immer wieder strich sie mit der Hand über Satis Gesicht und klagte erbarmungswürdig. Sie beugte sich zu ihrem Gesicht und atmete dessen Duft ein. | |||
'''16.55''' Sie benetzte Satis Brust und Gesicht mit ihren Tränen, hob mit beiden Händen das Haar an und betrachtete immer wieder das Antlitz. | |||
'''16.56''' Sie bewegte den Kopf auf und ab; alle Sinne waren von Trauer überwältigt. Mit beiden Händen schlug sie sich auf Brust und Kopf. | |||
'''16.57''' Mit tränenerstickter Stimme sprach Vijaya: „Wenn deine Mutter Virini von deinem Tod hört, wird der Kummer sie aufzehren. | |||
'''16.58''' Wie könnte sie ihren Lebensatem bewahren? Sie wird sogleich das Leben aufgeben. Und dein Vater, so mitleidlos und grausam in seinem Handeln – | |||
'''16.59''' wie wird er weiterleben, wenn er von deinem Tod hört? Gewiss wird Daksha dann von Trauer erfüllt seine eigenen grausamen Taten gegen dich bedenken. | |||
'''16.60''' Wie kann er, der Opferherr ohne Einsicht, das Opfer fortsetzen? Wie könnte er ohne Vertrauen und ohne Besonnenheit weiter am Opfer handeln? | |||
'''16.61''' Ach, Mutter, sprich ein Wort zu mir, die ich wie ein Kind weine! Durch dein erbarmungsloses Schweigen trage ich in meinem Schmerz den Lebensatem wie einen Dorn. Die Satzverbindung ist im Sanskrit unsicher. | |||
'''16.62''' Denkst du an etwas, das ich oder Shambhu dir früher angetan haben? Bist du deshalb verstimmt? Mutter, warum sprichst du nicht mit mir? Die Zuordnung der Handelnden in der ersten Hälfte ist unklar. | |||
'''16.63''' Es sind doch noch dieselben Worte, Augen, dasselbe Gesicht und dieselbe Nase – wohin sind alle ihre Regungen gegangen, wohin das Lächeln? | |||
'''16.64''' Wie wird Hara es ertragen, deine reglosen Augen, die schöne Nase und dein Gesicht ohne Lächeln zu sehen? | |||
'''16.65''' Wer außer dir, Mutter, wird denen, die zu Haras Einsiedelei kommen, immer wieder nektargleiche, freundliche Worte sagen? | |||
'''16.66''' Wer wird dir gleichen: voller Zuneigung zu den Angehörigen, dem Wesen ihres Gemahls entsprechend und mit allen guten Merkmalen ausgestattet? | |||
'''16.67''' Ohne dich, Göttin, wird der Herr der Götter im Geist von Trauer getroffen sein: schmerzerfüllt, ohne Mut und ohne Antrieb.“ | |||
'''16.68''' So klagte Vijaya. Beim Anblick der toten Sati wurde sie von übergroßem Kummer überwältigt und fiel laut schreiend, mit erhobenen Armen und zitternd zu Boden. | |||
===Kapitel 17=== | |||
'''Die Zerstörung des Opfers und Shivas Trauer''' | |||
'''17.1''' Markandeya sprach: Währenddessen hatte Shambhu am schönen Manasa-See seine Sandhya-Verehrung vollendet und kehrte zu seiner Einsiedelei zurück. | |||
'''17.2''' Schon auf dem Weg hörte der Gott mit dem Stierbanner Vijayas entsetzliche, durchdringende Schreie und erschrak. | |||
'''17.3''' Auf seinem kräftigen Stier, schnell wie Gedanke und Wind, eilte Sharva zu seiner Einsiedelei. | |||
'''17.4''' Als Hara seine geliebte Göttin, Dakshas Tochter, erreicht hatte, sah er sie tot; doch seine innige Liebe ließ ihn ihren Tod nicht erfassen. Die Schlusswendung ist syntaktisch unsicher. | |||
'''17.5''' Er betrachtete ihr Gesicht, strich immer wieder darüber und fragte Dakshas Tochter wiederholt: „Warum schläfst du?“ | |||
'''17.6''' Als Vijaya, die Tochter ihrer Schwester, Bhargas Worte hörte, erklärte sie, wie Dakshas Tochter gestorben war. | |||
'''17.7''' Vijaya sprach: Um das Opfer zu vollziehen, rief Daksha sämtliche Götter mit Indra herbei, Shambhu, ebenso Daityas, Rakshasas, Siddhas und Guhyakas, | |||
'''17.8''' Brahmanen, Govinda, die Richtungswächter mit Indra an der Spitze und alle himmlischen Wesen, darunter Sadhyas und Vidyadharas. | |||
'''17.9''' In den gesamten Welten gibt es kein Wesen, das Daksha nicht zu seinem Opfer eingeladen hätte, Shankara. | |||
'''17.10''' Als Sati von mir von diesem weithin ausgebreiteten Opfer hörte, fragte sie sich, weshalb Shambhu und sie selbst nicht eingeladen waren. | |||
'''17.11''' Ich erkannte, dass sie darüber nachdachte, und nannte ihr, Herr der Wesen, den Grund der Nichteinladung so, wie ich ihn gehört hatte: | |||
'''17.12''' „Shambhu ist ein Schädelträger; seine Gemahlin ist durch die Verbindung mit ihm ebenfalls verwerflich. Darum sollen weder Shambhu noch Sati zu meinem Opfer kommen.“ | |||
'''17.13''' Diesen Grund hatte ich früher in Dakshas Haus aus seinem eigenen Mund gehört, als er zur sanften Virini sprach. | |||
'''17.14''' Als sie meine Worte hörte, verfärbte sich ihr Gesicht. Sie setzte sich auf die Erde, sprach nicht mehr zu mir und gab sich ganz dem Zorn hin. | |||
'''17.15''' Sogleich wurde ihr Gesicht dunkel und von zusammengezogenen Brauen entstellt, Hara, wie der Himmel durch einen unheilvollen Kometen. Eine Wortform ist beschädigt. | |||
'''17.16''' Nachdem sie eine kurze Zeit in Betrachtung verweilt hatte, gab sie mit einem gewaltigen Aufbrechen ihren Lebensatem auf; er durchbrach den Scheitel ihres Hauptes. | |||
'''17.17''' Markandeya sprach: Als der Gott mit dem Stierbanner Vijayas Worte hörte, erhob er sich in höchstem Zorn wie ein Feuer, das alles verbrennen will. | |||
'''17.18''' Aus den Ohren, der Nase, den Augen und dem Mund des Zornerfüllten schossen zahlreiche furchtbare Feuerstrahlen und glühende Funken hervor, mit gewaltigem Feuerlärm und dem Glanz der Sonne am Ende eines Weltzeitalters. | |||
'''17.19''' Hara eilte dorthin, wo der askesereiche Daksha das Opfer vollzog, und blieb außerhalb des Opferplatzes stehen. | |||
'''17.20''' Von großem Zorn erfüllt, betrachtete Bharga das überaus reich ausgestattete Opfer mit seinen Gefäßen, Opferpfählen und weiteren Geräten. | |||
'''17.21''' Es war durch Ghee-Spenden genährt und glänzte mit lodernden Feuern. Er sah sämtliche Richtungswächter an ihren Plätzen, mit Waffen und Bannern. | |||
'''17.22''' Auch Brahma und Vishnu sah der zornige Shambhu mitten im Opfer stehen. Ihr Anblick steigerte seinen Zorn. | |||
'''17.23''' Im Osten sah er Bhaga, Surya und Soma mit ihren Gemahlinnen sowie den Tausendäugigen und Gautama. | |||
'''17.24''' Im Südosten sah er Sanatkumara, Atreya, Bhargava und Vinatas Sohn, die Maruts, die Sadhyas und Agni Jatavedas. | |||
'''17.25''' Er sah Kala und Chitragupta, den Kruggeborenen Agastya mit Galava, sämtliche Vishvedevas und die Ahnen, angefangen mit den Empfängern der Ahnengaben, | |||
'''17.26''' alle Agnishvattas und die übrigen Ahnengruppen, die vier Arten der Wesen, Bhauma, Pretascharen und Siddhas im Süden. | |||
'''17.27''' Er sah Rakshasas, Pishachas, Bhutas, Wildtiere und Vögel, Fleischfresser, kleine Geschöpfe sowie den Herrn der Punyajanas, | |||
'''17.28''' den großen Rishi Maudgala, Rahu und Kinnaras im Südwesten; ferner große Schlangen, Krokodile, Fische, weitere Wassertiere, Schildkröten, Meere, die sieben großen Ströme, Flüsse, Pilgerstätten und Guhyakas, | |||
'''17.29''' alle Seen mit dem Manasa an der Spitze, Ganga und Jambunadi, Kama, Madhu und Vasanta sowie Varuna mit seinem Gefolge, | |||
'''17.30''' Shanaishchara und sämtliche Berge im Westen. Er sah die fünf Lebenswinde mit Prana an der Spitze, den Windgott mit seinen Scharen, Wunschbäume, den Himalaya und den großen Weisen Kashyapa, | |||
'''17.31''' im Nordwesten Gruppen von Lotusblüten, Früchte, den Mond, vielerlei Juwelen, Goldgebilde, Menschen und Berge. | |||
'''17.32''' Er sah die Yakshas, darunter Sthunakarna und andere Kundige, sowie den auf einem Menschen getragenen Yaksha-König zusammen mit Nalakubara. Die erste Verbindung mit dem Namen Himadri ist unklar. | |||
'''17.33''' Dhruva, Dhara, Soma, Vishnu, Anila, Anala, Pratyusha und Prabhasa sah er in Kuberas Richtung, im Norden. Die Namensliste folgt der vorliegenden Fassung. | |||
'''17.34''' Er sah sämtliche Rudras außer dem Gott mit dem Stierbanner, Jiva, die Manus und ringsum verschiedene Kshatriyas, Vaishyas und Shudras, | |||
'''17.35''' im Nordosten vielerlei Speisen, Reis und Sesam; zwischen Nordosten und Osten die Brahmarshis mit ihren strengen Gelübden, | |||
'''17.36''' große Rishis, die vier Veden und die sechs Vedangas; zwischen Südwesten und Westen Ananta und den weißen Berg, | |||
'''17.37''' die sieben großen Schlangenträger mit tausend Nachkommen Kadrus; dort auch Ketu und Kushmanda mit Dakini-Scharen. | |||
'''17.38''' Hara sah weitere Wolken von vielerlei Farbe mit ihren Blitzen und die Richtungselefanten mit Airavata an der Spitze, | |||
'''17.39''' alle an ihren jeweiligen Orten und mit ihren Elefantenweibchen. Nachdem er diesen reichen Opferplatz von fern betrachtet hatte, entsandte er rasch den [[Virabhadra]] Genannten dorthin. | |||
'''17.40''' Virabhadra, von vielen Scharen unterschiedlicher Gestalt umgeben, verwüstete darauf das Opfer des großen Daksha. | |||
'''17.41''' Als Vaikuntha sah, wie Virabhadra das große Opfer zerstörte, hielt er ihn zurück, umgeben von sämtlichen Götterscharen. | |||
'''17.42''' Als der Herr sah, dass Virabhadra zurückgehalten wurde, trat er selbst mit vor Zorn geröteten Augen in das Opfer ein und verwüstete es. | |||
'''17.43''' Als er eintrat, stellte sich ihm zuerst Bhaga rasch mit ausgebreiteten Armen entgegen. | |||
'''17.44''' Als Bharga ihn herankommen sah, zerstörte er ihm im großen Zorn mit einem Schlag seiner Fingerspitzen die Augen. | |||
'''17.45''' Als der Sonnengott Bhaga ohne Augen sah, eilte er voller Kampfesmut auf Virupaksha zu. | |||
'''17.46''' Mahadeva ergriff Surya mit der Hand, schleuderte ihn fort und stürmte in höchstem Zorn auf das Opfer zu. | |||
'''17.47''' Martanda breitete rasch seine mächtigen Arme aus, lachte und versperrte ihm erneut den Weg: „Komm, ich werde mit dir kämpfen!“ | |||
'''17.48''' Darauf schlug der Gott mit dem Stierbanner dem lachenden Sonnengott zornig mit der Hand die Zähne aus dem Mund. | |||
'''17.49''' Als alle Götter, Rishis und anderen Anwesenden den zahnlosen Sonnengott und Bhaga ohne Augen sahen, flohen sie. | |||
'''17.50''' Nachdem Hara im höchsten Zorn sämtliche Götter und die anderen vertrieben hatte, verfolgte er das Opfer selbst, das in Gestalt eines Wildtiers entfloh. | |||
'''17.51''' Das Opfer floh durch den Himmelsraum zu Brahmas Wohnstatt. Auch der zornige Gott mit dem Stierbanner begab sich dorthin. | |||
'''17.52''' Aus Furcht vor Bharga stieg das Opfer aus Brahmas Wohnstatt wieder herab und ging durch seine eigene Maya in Satis Körper ein. | |||
'''17.53''' Bharga verfolgte das Opfer bis in die Nähe der verstorbenen Tochter Dakshas und erblickte dort Satis Leichnam. | |||
'''17.54''' Als Hara die verstorbene Göttin Sati, Dakshas Tochter, sah, vergaß er das Opfer, blieb bei ihr stehen und trauerte heftig um sie. | |||
'''17.55''' Der Dreizackträger dachte an die Fülle ihrer guten Eigenschaften. Er sah ihr lotusgleich leuchtendes Gesicht, die schöne Zahnreihe, die roten Lippen und das Brauenpaar; von ungeheuer scharfem, mächtigem Schmerz überwältigt, weinte er. | |||
[[Datei:Virabhadra.jpg|thumb|Virabhadra wird von Shiva zum Opfer Dakshas entsandt.]] | |||
===Kapitel 18=== | |||
'''Satis heilige Stätten und der Trost der Götter''' | |||
Die Vorlage verwendet die Nummer 4 ein zweites Mal an der Stelle von 14; die Zusätze a und b unterscheiden beide Vorkommen. Der zusätzliche Vers nach 72 trägt in der Vorlage den Zusatz „ka“ und wird hier als 18.72ka wiedergegeben. | |||
'''18.1''' Markandeya sprach: Der hellleibige Gott gedachte der vielen guten Eigenschaften Dakshas Tochter und klagte, von tiefstem Schmerz erfüllt, wie ein gewöhnlicher Mensch. | |||
'''18.2''' Als der Gott mit dem Makara-Banner Bharga klagen sah, näherte er sich mit Rati und dem Frühling dem großen Herrn. | |||
'''18.3''' Den Weinenden, der durch Trauer seine Fassung verloren hatte, traf der Herr der Rati mit allen fünf Pfeilen zugleich. | |||
'''18.4a''' Obwohl sein Geist schon von Trauer getroffen war, bedrängten ihn nun auch Smaras Pfeile. Von widersprüchlichen Regungen erfüllt, trauerte er und geriet in Verwirrung. | |||
'''18.5''' Bald fiel er zu Boden, bald sprang er auf und eilte davon; bald wanderte er an derselben Stelle umher, bald schloss der Herr wieder die Augen. | |||
'''18.6''' Manchmal dachte er an die Göttin Dakshayani und lächelte; dann umarmte er die auf der Erde Liegende, als sei sie noch voller lebendiger Empfindungen. | |||
'''18.7''' Immer wieder rief Shankara ihren Namen: „Sati, Sati!“ Er sagte: „Gib deinen grundlosen Groll auf!“, und berührte sie mit der Hand. | |||
'''18.8''' Er strich mit der Hand über sie, löste ihren Schmuck und brachte ihn wieder an den gewohnten Stellen an. | |||
'''18.9''' Als die tote Sati trotz all dieser Bemühungen des Herrn der Wesen kein Wort sprach, weinte Bharga aus Kummer heftig. | |||
'''18.10''' Die Götter mit Brahma an der Spitze sahen seine Tränen fallen und wurden von großer Sorge erfüllt. | |||
'''18.11''' „Wenn diese Tränen auf die Erde fallen, könnten sie die Erde verbrennen. Welches Mittel lässt sich dagegen finden?“ So klagten sie laut. | |||
'''18.12''' Nach reiflicher Überlegung priesen die Götter mit Brahma an der Spitze [[Shani|Shanaishchara]], damit er die Tränen des verwirrten Bharga auffange. | |||
'''18.13''' Die Götter sprachen: Shanaishchara, du Edler, der den Welten Gnade erweist und aus der ursprünglichen Kraft hervorgegangen ist: Verehrung dir, Sohn der Sonne! | |||
'''18.4b''' Verehrung dir, der du Dreizack, Schlinge und Bogen hältst und mit einer Hand Gaben gewährst, du dunkler Sohn Chayas! | |||
'''18.15''' Du gleichst einer dunklen Regenwolke und einer Masse aufgebrochener Augensalbe. Verehrung dir, der du den Lebensatem aller Welten erhältst! | |||
'''18.16''' Verehrung dir mit dem Geierbanner! Sei uns gnädig, Erhabener. Bewahre unsere Erde vor Bhargas aus Trauer geborenen Tränen. | |||
'''18.17''' Wie du einst hundert Jahre lang den Regen der Wolken zurückgehalten hast, so verfahre jetzt mit Haras Tränenwasser. | |||
'''18.18''' Als die Wolken Pushkara und die anderen sahen, dass du das Wasser zurückhieltest, ließen sie auf Mahendras Befehl unablässig Regen fallen. Die einleitende Wortverbindung ist beschädigt. | |||
'''18.19''' Wie du damals das gesamte Regenwasser schon im Luftraum aufgelöst hast, so lass auch die Tränen des Dreizackträgers verschwinden. | |||
'''18.20''' Außer dir vermag niemand Haras Tränen aufzuhalten. Fielen sie auf die Erde, würden sie diese samt Bergen, Götter-, Gandharva- und Brahmawelten verbrennen. Halte sie darum durch deine Kraft auf. | |||
'''18.21''' Markandeya sprach: Als die Götter so sprachen, antwortete ihnen der Sonnensohn, ohne besonders erfreut zu sein: | |||
'''18.22''' Shanaishchara sprach: Ihr höchsten Götter, ich werde eure Aufgabe nach Kräften erfüllen. Sorgt aber dafür, dass Hara mich nicht bemerkt. | |||
'''18.23''' Wenn ich mich dem von Schmerz und Trauer Erfüllten nähere, um seine Tränen aufzufangen, könnte mein Körper durch seinen Zorn vernichtet werden. Daran besteht kein Zweifel. | |||
'''18.24''' Sorgt darum dafür, dass Satis Gemahl, der Herr der Wesen, mich nicht erkennt, während ich die aus seinen Augen fließenden Tränen auffange. | |||
'''18.25''' Markandeya sprach: Darauf gingen die Götter mit Brahma an der Spitze zu Shankara und hüllten Hara durch Yogamaya in Verblendung. Ein Beiwort dieser Kraft ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''18.26''' Auch Shanaishchara näherte sich dem Herrn der Wesen, blieb unsichtbar und hielt durch seine Kraft den unwiderstehlichen Tränenregen auf. | |||
'''18.27''' Als der Sonnensohn die Tränen nicht länger zu tragen vermochte, schleuderte er sie auf den großen Berg Jaladhara. | |||
'''18.28''' Dieser Berg namens Jaladhara liegt nahe Lokāloka, auf dem Pushkara-Kontinent, westlich des Wasserozeans. | |||
'''18.29''' In allen Ausmaßen gleicht er dem Berg Meru. Dort legte Shanaishchara die Tränen ab, als seine Kraft nicht mehr ausreichte. | |||
'''18.30''' Doch auch dieser Berg konnte die Tränen des Herrn nicht tragen. Von ihren Fluten zerrissen, brach er rasch in seiner Mitte auseinander. | |||
'''18.31''' Die Tränen durchbrachen den Berg und drangen in den Wasserozean ein. Auch der Ozean vermochte ihre ungeheure Gewalt nicht aufzunehmen. | |||
'''18.32''' Sie durchbrachen die Mitte des Ozeans und erreichten sein östliches Ufer, das sie schon durch bloße Berührung aufrissen. | |||
'''18.33''' Nachdem die Tränen den Küstensaum durchbrochen hatten, gelangten sie in den Pushkara-Kontinent. Sie wurden zum Fluss [[Vaitarani]], der in den östlichen Ozean mündete. | |||
'''18.34''' Durch das Durchbrechen des Jaladhara und die Verbindung mit dem Ozean hatten die Tränen etwas von ihrer Heftigkeit verloren und zerrissen deshalb die Erde nicht weiter. | |||
'''18.35''' Bis heute besteht dieser aus Haras Tränen entstandene Fluss vor dem Tor der Stadt des Vaivasvata, des Todesgottes Yama; er ist zwei Yojanas breit. | |||
'''18.36''' Dann nahm der Gott mit dem Stierbanner, dessen Geist von Kummer verwirrt war, Satis Leichnam auf die Schulter und zog klagend in die östlichen Länder. | |||
'''18.37''' Als die Götter mit Brahma an der Spitze sahen, wie er einem Wahnsinnigen gleich umherwanderte, überlegten sie, wie der Leichnam von ihm getrennt werden könne. | |||
'''18.38''' „Durch die Berührung mit Haras Körper wird dieser Leichnam nicht zerfallen. Wie kann er also von ihm gelöst werden?“ | |||
'''18.39''' Während sie dies erwogen, traten Brahma, Vishnu und Shanaishchara, durch Yogamaya unsichtbar, in Satis Leichnam ein. | |||
'''18.40''' Nachdem die Götter in den Leichnam eingetreten waren, ließen sie ihn Stück für Stück an verschiedenen besonderen Orten auf die Erde fallen. | |||
'''18.41''' Zuerst fielen ihre beiden Füße in Devikuta auf die Erde, danach ihre beiden Schenkel in Uddiyana, zum Wohl der Welten. | |||
'''18.42''' In Kamarupa, auf dem Berg Kamagiri, fiel der Bereich ihrer Yoni nieder. Dort fiel auch der Bereich ihres Nabels auf einen Berg. | |||
'''18.43''' In Jalandhara fielen ihre beiden mit einer goldenen Kette geschmückten Brüste, in Purnagiri Schultern und Hals; danach fiel ihr Haupt in Kamarupa. Die Form des Ortsnamens in der letzten Wendung ist gestört. | |||
'''18.44''' So weit Bharga Satis Leichnam durch die östlichen Länder trug, so weit wird das Land als für das Opfer geheiligt bezeichnet. | |||
'''18.45''' Die übrigen Körperteile wurden von den Göttern in kleine Stücke geteilt und gelangten, vom Wind getragen, zur himmlischen Ganga. | |||
'''18.46''' Wo immer damals Satis Füße und die anderen Körperteile niederfielen, blieb Mahadeva selbst in Linga-Gestalt, von seiner Liebe zu Sati und seiner Verzauberung bestimmt. | |||
'''18.47''' Brahma, Vishnu, Shanaishchara und sämtliche Götterscharen verehrten aus Liebe zum Herrn Satis Füße und die anderen Körperteile. | |||
'''18.48''' In Devikuta wird die große Göttin als Mahabhaga besungen: Yoganidra, die Mutter der Welt, ist dort in Satis beide Füße eingegangen. | |||
'''18.49''' In Uddiyana heißt sie Katyayani, in Kamarupa die jede Gestalt annehmende [[Kamakhya]], auf Purnagiri Purneshvari und auf dem Berg Jalandhara Chandi. | |||
'''18.50''' Am östlichen Ende Kamarupas wird Yoganidra als Dikkaravasini und ebenso als Lalitakanta besungen. | |||
'''18.51''' Dort, wo Satis Haupt niedergefallen war, setzte sich der Gott mit dem Stierbanner nieder, betrachtete es und seufzte voller Trauer. | |||
'''18.52''' Als Hara dort saß, näherten sich die Götter mit Brahma an der Spitze und sprachen ihm schon von fern Trost zu. | |||
'''18.53''' Als Hara die Götter herankommen sah, erfüllten ihn Trauer und Scham. Er wurde dort zu Stein und nahm Linga-Gestalt an. | |||
'''18.54''' Nachdem Hara Linga-Gestalt angenommen hatte, priesen die Götter mit Brahma an der Spitze Tryambaka, den Lehrer der Welt, in dieser Gestalt. | |||
'''18.55''' Die Götter sprachen: Mahadeva, Shiva, Sthanu, Ugra, Rudra, den Gott mit dem Stierbanner, den Bewohner der Verbrennungsstätten, Bharga, den höchsten Vollender aller Dinge – | |||
'''18.56''' dich verehren wir voller Hingabe: Shankara, den Dunkelroten, den Herrn der Berge, den gabenverleihenden Gott, den unvergänglichen Förderer aller Wesen. | |||
'''18.57''' Verehrung Shambhu, dem anfang- und mittellosen Kenner der Yogaweisheit des Weltgeschehens. Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. Die Zusammensetzung der ersten Hälfte ist mehrdeutig. | |||
'''18.58''' Dir mit dem verfilzten Haar, dem Herrn der Berge, dem Träger der Erkenntniskraft: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. | |||
'''18.59''' Dir, dessen reines Inneres ganz vom Nektar der Erkenntnis erfüllt ist: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. | |||
'''18.60''' Dir, der du Anfang, Mitte und Ende bist und durch das Feuer deines eigenen Wesens leuchtest: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. | |||
'''18.61''' Dir, der du im Ozean der Weltauflösung weilst und Auflösung wie Fortbestehen bewirkst: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. Die Bezeichnung des Auflösungsozeans ist leicht beschädigt. | |||
'''18.62''' Dir, dem höchsten Selbst, das selbst noch über dem steht, was das Höhere überragt: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. | |||
'''18.63''' Verehrung dir, dessen Glieder von Flammenkränzen umgeben sind, dessen Gestalt das All ist. Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. | |||
'''18.64''' Om, Verehrung der höchsten Wirklichkeit, der Leuchte der Erkenntnis, dem Schöpfer! Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. | |||
'''18.65''' Verehrung dir, Geliebter Dakshayanis, Mrida, Sharva, Maheshvara! Verehrung dir, Herr aller Wesen! Sei gnädig, erhabener Shiva. | |||
'''18.66''' Wenn du, der Herr der Welt, dich von Trauer getrieben bewegst, werden sämtliche Götter erschüttert, großer Herr. Darum lass die Trauer los. | |||
'''18.67''' Wieder und wieder Verehrung dir, Herr der Wesen, Ursache aller Ursachen! Sei gnädig, beschütze uns alle und lass die Trauer los. Verehrung dir! | |||
'''18.68''' Markandeya sprach: Als Mahadeva, der Herr der Welt, so gepriesen wurde, nahm er seine eigene Gestalt wieder an und erschien, noch immer vom Kummer getroffen. | |||
'''18.69''' Brahma sah ihn in Trauer überwältigt und ohne Fassung hervortreten. Mit besänftigenden Worten pries er den Gott mit dem Stierbanner, um seinen Schmerz zu lindern. | |||
'''18.70''' Brahma sprach: Goldarmiger, du bist Brahma, du bist Vishnu, der Herr der Welt. Du allein bist die Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung, Hara. | |||
'''18.71''' Mit deinen acht Gestalten durchdringst du die ganze bewegliche und unbewegliche Welt. Du bist ihr Hervorbringer, Erhalter und Auflöser, der Schöpfer des Alls. | |||
'''18.72''' Die nach Befreiung strebenden Weisen haben durch deine Verehrung Befreiung erlangt, Mahadeva, nachdem sie Zuneigung, Abneigung und ähnliche Bindungen aufgegeben und sich vom Weltkreislauf abgewandt hatten. | |||
'''18.72ka''' Dein drittes Auge auf der Stirn, das unablässig strahlt, großer Herr: Sein Licht sollen die nach Befreiung Strebenden betrachten. Die Form des Verbs „betrachten“ ist beschädigt. | |||
'''18.73''' Die höchste reine Wirklichkeit ist frei von der Sonderung in Wind, Feuer und Wasser, nicht fern, mit Sonne und Mond verbunden; sie weilt inmitten der drei Wege und erhellt sie, großer Herr. Die genaue Zuordnung der yogischen Ausdrücke bleibt unsicher. | |||
'''18.74''' Die Blüte des achtästigen Baumes, der durch das Wasser des Bewusstseins wächst und von Blättern der Askese bedeckt ist, ist reich entfaltet, dem Feinen zugänglich und stets in deiner Gewalt. Mehrere Wörter dieses Bildes sind beschädigt. | |||
'''18.75''' Der Vers beschreibt die Sammlung des Atems, eine Hemmung der Aufwärtsbewegung und die Betrachtung des höchsten Lichtes im Herzlotus. Die Ausdrücke um Hamsa und Rajas sind so stark gestört, dass eine genaue Übersetzung der beschriebenen Abfolge nicht möglich ist. | |||
'''18.76''' Durch verschiedene Atemübungen – Füllen, Anhalten und Leeren – erkennen die Yogis die höchste Anregung, sichtbar und unsichtbar. Deine Entfaltungen werden dabei ihrem Wesen nach als rein und umfassend erlangt. Die Verknüpfung der beiden Halbverse ist unsicher. | |||
'''18.77''' Dein Schatz ist fein, weltdurchdringend und reich an Eigenschaften, zugleich Mittel und Ziel der Übung. Die Sinne als Diebe können ihn nicht rauben; er ist kein gewöhnlicher Besitz, großer Herr. Ein Ausdruck im ersten Halbvers bleibt unklar. | |||
'''18.78''' Nicht durch Zorn, Trauer, Stolz oder Heuchelei lässt sich dieser Schatz gebrauchen. Wird jener Schatz jedoch angewendet, so wächst er weiter. Ein Wort in der abschließenden Wendung ist beschädigt; die genaue Art dieses Anwachsens bleibt offen. | |||
'''18.79''' Von Maya bezaubert, Shambhu, hast du vergessen, was in deinem Herzen ruht. Erkenne Maya als unterschieden und gründe das Selbst durch das Selbst. | |||
'''18.80''' Wir haben Maya früher um der Welt willen gepriesen, großer Herr. Mit vielen Bemühungen hat sie deinen in Meditation versunkenen Geist für ihr Wirken gewonnen. | |||
'''18.81''' Trauer, Zorn, Gier, Begehren, Verblendung, Fremdbestimmtheit, Eifersucht, Stolz, Zweifel, Mitleid, Missgunst und Abscheu – | |||
'''18.82''' diese zwölf Befleckungen des Geistes zerstören die Einsicht. Menschen wie du geben sich ihnen nicht hin; darum lass deine Trauer los, Hara. Das hier unter die Befleckungen gerechnete Mitleid steht im Zusammenhang überwältigender Gemütsbewegungen und ist nicht ohne Weiteres mit dem andernorts gepriesenen Mitgefühl gleichzusetzen. | |||
'''18.83''' Markandeya sprach: Obwohl Shambhu so besänftigend gepriesen wurde und sich an sein eigenes Streben erinnerte, vermochte er sich in der Trauer über Satis Verlust nicht zu sammeln. | |||
'''18.84''' Mit gesenktem Gesicht blickte er zu Brahma und sagte langsam: „Brahma, sage mir, was ich jetzt tun soll; rede nicht nur von einer fernen Zukunft.“ Die Wendung zur Zukunft ist sprachlich unsicher. | |||
'''18.85''' So von Vamadeva angesprochen, sagte der Schöpfer gemeinsam mit allen Göttern Worte, die den Schmerz des Herrn zerstreuen sollten. | |||
'''18.86''' Brahma sprach: Lass deine Trauer los, Mahadeva, indem du dich durch das Selbst an das Selbst erinnerst. Du bist keine Wohnstätte der Trauer; dein Innerstes liegt jenseits von ihr. | |||
'''18.87''' Wenn du trauerst, Herr der Wesen, sind die Götter von Angst erfüllt. Dein Zorn könnte die Erde vernichten, deine Trauer alles austrocknen. | |||
'''18.88''' Die Erde wäre von deinen Tränen erschüttert und zerrissen worden, hätte Shani sie nicht aufgefangen. Auch er wurde dadurch plötzlich ganz dunkel. | |||
'''18.89''' Jener hervorragende Berg, auf dem Götter und Gandharvas stets freudig spielen und dessen Ausmaße dem Sumeru gleichen, | |||
'''18.90''' in dessen kühle, an Lotusstängeln reiche Bereiche die Wolken Pushkara, Avartaka und die anderen eintreten, um Wasser aufzunehmen, | |||
'''18.91''' zu dem der große, aus dem Krug geborene Weise vom Mandara immer wieder ging, um zum Wohl der Welt Askese zu üben, Hara, | |||
'''18.92''' auf dem Agastya einst stand, als er durch die Kraft seiner Askese den Wasserozean in seiner hohlen Hand sammelte und austrank – | |||
'''18.93''' dieser Berg namens Jaladhara wurde von deinen Tränen zerrissen, als Shanaishchara sie auf ihn schleuderte, weil er sie nicht mehr tragen konnte. | |||
'''18.94''' Nachdem sie den Berg durchbrochen hatten, gelangten deine Tränen in den Ozean, Shambhu, und durchbrachen rasch auch ihn, dessen Wasserwesen vor Furcht durcheinandergerieten. | |||
'''18.95''' Sie erreichten sein östliches Ufer und rissen es auf. Nachdem sie Küste und Erde durchbrochen hatten, | |||
'''18.96''' bildeten sie den Fluss Vaitarani, der zum östlichen Ozean fließt. Weder mit einem Boot noch mit einem Himmelsgefährt, einem Einbaum oder einem Wagen | |||
'''18.97''' kann man diesen durch sein heißes Wasser furchtbaren Fluss überqueren. Nur mit großer Mühe trägt die Erde ihn jetzt. | |||
'''18.98''' Mit ständig aufsteigendem Dampf schleudert er die Himmelswanderer zurück. Selbst die Götter wagen aus Furcht nicht, über ihn hinwegzugehen. | |||
'''18.99''' Er umfließt Yamas Tor, ist zwei Yojanas breit und strömt tief und voll dahin, sodass er die drei Welten erschreckt. | |||
'''18.100''' Die Bergwälder wurden durch die Winde deiner Seufzer durcheinandergeworfen; Tiger und Elefanten sind verstört, und noch immer ist dort keine Ruhe eingekehrt. | |||
'''18.101''' Der aus deinen Seufzern entstandene Wind beeinträchtigt das Wohlergehen der Welt. Noch immer hat er sich nicht gelegt und weht unaufhaltsam weiter. | |||
'''18.102''' Als du Satis Leichnam trugst, wurde die Erde bei jedem Schritt erschüttert. Noch immer hat sie diese Erschütterung nicht überwunden. | |||
'''18.103''' Weder im Himmel noch in der Unterwelt gibt es gegenwärtig ein Wesen, das durch deinen Zorn und deine Trauer nicht beunruhigt wäre, du mit dem Stierbanner. | |||
'''18.104''' Lass deshalb Kummer und Zorn los und schenke uns Frieden. Du erkennst das Selbst durch das Selbst; gründe dich im Selbst durch das Selbst. | |||
'''18.105''' Nach Ablauf von hundert Götterjahren, zu Beginn des Treta-Yuga, wird Sati wieder deine Gemahlin werden. | |||
'''18.106''' Markandeya sprach: Als Brahma dies gesagt hatte, versank Shambhu schweigend in Betrachtung. Mit gesenktem Gesicht sprach er dann zu Brahma von unermesslicher Kraft: | |||
'''18.107''' Ishvara sprach: Brahma, bis ich den durch Satis Verlust entstandenen Kummer überwunden habe, sei mein Freund und hilf mir, die Trauer zu lindern. | |||
'''18.108''' Wohin ich in dieser Zeit auch gehe, Schöpfer, dorthin begleite mich und hilf mir, meinen Schmerz zu vermindern. | |||
'''18.109''' Markandeya sprach: „So soll es sein“, antwortete der Herr der Welt dem Gott auf dem Stier und beschloss, mit Hara zum Kailasa zu gehen. | |||
'''18.110''' Als Nandin, Bhringin und die übrigen Scharen sahen, dass Shambhu mit Brahma zum Kailasa aufbrechen wollte, kamen sie zu ihm. | |||
'''18.111''' Dann trat der berggleiche Stier vor Brahma, weiß wie eine helle Wolke oder ein heller Gesteinsberg. Die letzte Vergleichsbezeichnung ist unsicher. | |||
'''18.112''' Vasuki und die anderen Schlangen kamen rasch hervor und schmückten Hara an ihren jeweiligen Stellen: am Haupt, an den Armen und an den übrigen Körperteilen. | |||
'''18.113''' Brahma, Vishnu und Mahadeva, Satis Gemahl, zogen darauf mit sämtlichen Götterscharen zum Schneegebirge. | |||
'''18.114''' Der Bergkönig kam mit allen seinen Ministern aus seiner Stadt Aushadhiprastha heraus und trat den höchsten Göttern entgegen. Die Satzform der Ortsangabe ist beschädigt. | |||
'''18.115''' Von ihm geehrt, freuten sich die Götterscharen gemeinsam mit dem Bergkönig, seinen Ratgebern und den Stadtbewohnern. | |||
'''18.116''' Dort in Aushadhiprastha, der Stadt des Bergkönigs, sah Hara Vijaya, Gautamas Tochter, zusammen mit ihren Freundinnen. | |||
'''18.117''' Auch sie verneigte sich vor allen höchsten Göttern und wandte sich an Hara. Weinend fragte sie den Herrn der Berge nach Sati, der Schwester ihrer Mutter. | |||
'''18.118''' „Wo ist deine Sati, Mahadeva? Ohne sie erstrahlst du nicht. Auch wenn du sie vergessen haben solltest, Vater, weicht sie nicht aus meinem Herzen. | |||
'''18.119''' Seit sie damals vor meinen Augen im Zorn ihren Lebensatem aufgab, bin ich vom Dorn der Trauer getroffen und finde keine Freude mehr.“ | |||
'''18.120''' Nachdem sie dies gesagt hatte, bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Saum ihres Gewandes. Heftig weinend fiel sie zu Boden und verlor das Bewusstsein. | |||
===Kapitel 19=== | |||
'''Der Shipra-See und Sandhyas Entschluss''' | |||
'''19.1''' Markandeya sprach: Als Shiva sie zu Boden gefallen sah, erinnerte er sich an Dakshas Tochter. Er vermochte den Schmerz, der aus seiner Erschütterung aufstieg, nicht zu ertragen. | |||
'''19.2''' Shambhu verlor seine Fassung. Mit tränenverschleierten Augen versank er vor den Blicken aller Götter in sorgenvollen Gedanken. | |||
'''19.3''' Da richtete Brahma zunächst Vijaya auf, die der Kummer ausgezehrt hatte. Dann suchte er Hara zu trösten und sprach ihm beruhigend zu. | |||
'''19.4''' Brahma sprach: Ehrwürdiger Herr, uranfänglicher Yogi, dieser Kummer ziemt dir nicht. Deine Versenkung galt der höchsten Wirklichkeit; warum gilt sie nun einer Frau? | |||
'''19.5''' Dein Wesen ist schöpferisch mächtig, erhaben und friedvoll, zugleich fein und überaus weit ausgedehnt. Wie konnte es durch Trauer derart zerrissen werden? | |||
'''19.6''' Unbefleckt, nur in der Meditation erreichbar, für die Entsagenden das Höchste über allem Hohen, rein und allgegenwärtig, frei von den Verunreinigungen des Begehrens und der Gier: Das ist deine eigene Gestalt. Erfasse sie mit deiner Einsicht. | |||
'''19.7''' Trauer, Gier, Zorn, Verblendung, Gewalttätigkeit, Hochmut, Heuchelei, sinnliches Verlangen, spekulatives Grübeln, übermütige Freude, Eifersucht, Missgunst, Ungeduld und Unwahrhaftigkeit: Diese vierzehn Fehler zerstören die Erkenntnis. Die beiden Ausdrücke nach dem sinnlichen Verlangen sind in der gedrängten Wortverbindung nicht völlig eindeutig. | |||
'''19.8''' In der Meditation betrachten dich die Yogis. Du trägst Vishnus Gestalt und ordnest die Welten. Diejenige, die dich als Sati so tief in Verblendung stürzt, ist eben jene Maya, die auch die Welt bezaubert. | |||
'''19.9''' Sie verwirrt alle Wesen bei ihrer Geburt, schon im Mutterleib; sie löscht das Wissen um den früheren Körper und versetzt das Geschöpf in den Zustand der Kindheit. Dieselbe Macht verwirrt jetzt auch dich und erfüllt dich mit Trauer. | |||
'''19.10''' In jedem Weltzeitalter sind schon Tausende von Satis gestorben und von dir zurückgelassen worden. Zum Heil der beweglichen und unbeweglichen Welt hast du sie immer wieder zu dir genommen. | |||
'''19.11''' Erblicke durch meditative Versenkung die Tausende von Satis, die in früheren Daseinsformen starben: wie sie dich jeweils verließen und wo sie sich nun befindet, du mit dem königlichen Stier im Banner. | |||
'''19.12''' Erblicke durch meditative Versenkung auch, woher sie erneut hervorgehen und dich erreichen wird, den selbst die Götter nur schwer erlangen. Schau, wie sie wiederum deine Gemahlin werden wird. | |||
'''19.13''' Markandeya sprach: Mit solchen und vielen anderen besänftigenden Worten redete Brahma auf Shankara ein und führte ihn aus der Stadt des Bergkönigs an einen einsamen Ort. | |||
'''19.14''' Auf einer Hochfläche des Himalaya, westlich jener Stadt, erblickten Brahma und die anderen einen wasserreichen See namens Shipra. | |||
'''19.15''' An diesem abgeschiedenen Ort ließen sich Brahma, Indra und die übrigen Götter in der gebührenden Ordnung nieder; Maheshvara nahmen sie in ihre Mitte und ehrten ihn als den Ersten. | |||
'''19.16''' Der Shipra genannte See erfreute alle Lebewesen. Sein Wasser war kühl und klar; in allen Vorzügen glich er dem Manasa-See. | |||
'''19.17''' Für einen Augenblick wurde Haras Interesse an diesem Anblick geweckt. Er sah auch den Fluss Shipra, der aus dem See hervorströmte, zum südlichen Meer floss und die Menschen der Welt läuterte. | |||
'''19.18''' An dem wasserreichen See betrachtete Shambhu zahlreiche liebliche Vögel, die aus verschiedenen Gegenden herbeigekommen waren und sich dort bewegten. | |||
'''19.19''' Auf den Wellen, die ein kräftiger Wind aufwarf, sah er Paare von Chakravaka-Vögeln, als tanzten sie miteinander. | |||
'''19.20''' Er betrachtete die einzelnen Wellen, die an die Schnäbel der Tauchvögel schlugen, und die Vögel, die immer wieder aus dem Wasser aufflogen. | |||
'''19.21''' An jedem Ufer standen Kadamba-Wasservögel, Kraniche und Schwäne in Reihen. So glich der See einem Meer, das mit kunstvoll angeordneten Muscheln geschmückt ist. | |||
'''19.22''' Große Fische wühlten das Wasser auf. Von dessen Geräusch aufgeschreckt, ließen die Vögel hier und dort ihre Rufe hören und machten den Ort bezaubernd. | |||
'''19.23''' Mit seinen geöffneten Lotusblüten und den stellenweise dichten, schönen Blütenteppichen leuchtete der See wie der Himmel mit seinen großen und kleinen Sternen. | |||
'''19.24''' Vereinzelte blaue Wasserlilien zwischen den großen Blüten glänzten wie Stücke einer dunklen Wolke inmitten der Sterne. | |||
'''19.25''' Die Schwäne standen reglos zwischen den Lotusblüten. Manche Himmelsbewohner erkannten sie nicht, weil sie sie für geöffnete weiße Blüten hielten. | |||
'''19.26''' Als Brahma die zweifache Pracht der roten und weißen Lotusblüten sah, schätzte er die Röte seines eigenen Körpers und das Aufblühen des Lotus, auf dem er saß, gering. | |||
'''19.27''' Shankara betrachtete die großen geöffneten Wasserlilien des Sees. Die Blüte in seiner Hand, deren Glanz vom Mond auf seinem Haupt überstrahlt wurde, erschien ihm daneben unbedeutend. | |||
'''19.28''' Hari sah ringsum die Lotusblüten des Sees. Die Blume in seiner Hand, von den sonnenartigen Strahlen seines eigenen Diskus geöffnet, hielt er ihnen für ebenbürtig. | |||
'''19.29''' Er sah den vollen See, belebt von vielerlei Vögeln, bedeckt mit Hunderten von Lotuspflanzen und umgeben von Gruppen blauer Wasserlilien. | |||
'''19.30''' Der Blütenstaub der Zedern am Ufer verlieh seinem Wasser Duft. Der Anblick erfreute das Herz. | |||
'''19.31''' Große Bäume und grüne Rasenflächen säumten jedes Ufer. Als Shambhu dies sah, war er für einen Augenblick interessiert und von seiner Trauer frei. | |||
'''19.32''' Er betrachtete die Shipra, die aus dem See hervorströmte: Wie die Ganga aus der Mondscheibe und wie der Jambu-Fluss vom Meru, so sah Mahesha die Shipra aus dem Shipra-See hervortreten. | |||
'''19.33''' Die Rishis sprachen: Was ist das für ein See, der Shipra heißt? Wie strömte die Shipra aus ihm hervor, und welche heilige Kraft besitzt er? Erzähle uns dies ausführlich. | |||
'''19.34''' Markandeya sprach: Hört, ihr ehrwürdigen Weisen, wie der Fluss Shipra entstand. Ich will euch auch von der heiligen Kraft des Shipra-Sees berichten. | |||
'''19.35''' Als die Göttin Arundhati mit Vasishtha vermählt wurde, ihr Zweimalgeborenen, entstand der Fluss Shipra aus dem bei der Hochzeit verwendeten Wasser. | |||
'''19.36''' Auf göttliches Geheiß gelangte dieses Wasser in den Shipra-See, wie die heilbringende Mandakini von Vishnus Fuß herab ins Meer fließt. | |||
'''19.37''' Brahma, Vishnu und Mahadeva hatten bei der Hochzeit Wasser über die beiden gegossen, während sie zur Segnung die Gayatri und andere heilige Sprüche, darunter den mit „Drupada“ bezeichneten, verwendeten. | |||
'''19.38''' All dieses Wasser vereinigte sich und fiel aus einer Höhlung des Manasa-Berges in den meeresgleichen Shipra-See. | |||
'''19.39''' Diesen großen See namens Shipra hatte Brahma einst auf einer Höhe des Schneegebirges geschaffen, damit die Götter sich daran erfreuten. | |||
'''19.40''' Noch heute vergnügt sich Indra dort mit Shachi und den Scharen der Apsaras in dem klaren, glückverheißenden Wasser. | |||
'''19.41''' Noch heute wird der See von den Göttern stets sorgsam wie ein Juwel behütet. Kein Mensch, der kein Weiser ist, vermag dorthin zu gelangen. | |||
'''19.42''' Die Weisen erreichen durch die Kraft ihrer Askese und mit großer Anstrengung den heiligen Shipra-See, um darin zu baden und sein Wasser zu trinken. | |||
'''19.43''' Menschen, die durch göttliche Fügung dort baden und trinken, gelangen gewiss zur Unsterblichkeit und behalten ihre Sinne unversehrt. | |||
'''19.44''' Ihr Besten der Zweimalgeborenen, dieser See schwillt in der Regenzeit nicht an und trocknet im Sommer nicht aus. Er bleibt zu allen Zeiten unverändert. | |||
'''19.45''' Das Wasser von Vasishthas Hochzeit, das aus den lotosgleichen Händen Brahmas, Vishnus und Mahadevas ausgegossen worden war, fiel in diesen See. | |||
'''19.46''' Im Inneren des Shipra-Sees nahm es Tag für Tag zu, ihr Besten der Zweimalgeborenen. Als sich dieses Wasser vermehrt hatte, griff Hari zu seinem Diskus. | |||
'''19.47''' Zum Wohl der Welten spaltete er einen Berggipfel, leitete das Wasser zur Erde hinab und machte daraus einen überaus heiligen Fluss. | |||
'''19.48''' Der Fluss umströmte den Mahendra-Berg und gelangte zum südlichen Meer. Er läutert die Badenden und schenkt ebenso wie die Ganga heilsame Früchte. | |||
'''19.49''' Weil dieser große Fluss aus dem See namens Shipra hervorgegangen war, gab Brahma ihm schon damals den Namen Shipra. | |||
'''19.50''' Ein Mensch, der am Vollmondtag des Monats Karttika darin badet, gelangt in einem hell strahlenden Himmelswagen zu Vishnus Wohnstatt. | |||
'''19.51''' Wer den ganzen Monat Karttika hindurch im Wasser der Shipra badet, gelangt zu Brahmas Wohnstatt und erlangt danach Befreiung. | |||
'''19.52''' Die Rishis sprachen: Wie wurde die Göttin Arundhati mit Vasishtha vermählt? Wessen Tochter war sie, und wie wurde sie geboren? Sage es uns, Brahmane. | |||
'''19.53''' Sie gilt in den drei Welten als die Höchste unter den ihrem Gatten treuen Frauen; ihren Blick richtet sie auf nichts anderes als auf die Füße ihres Gemahls. | |||
'''19.54''' Frauen, die sich allein ihrer Geschichte und ihrer Größe erinnern, erlangen eheliche Treue und Reinheit in diesem Leben, nach dem Tod und in einer weiteren Geburt. | |||
'''19.55''' Wer dem Tod nahe ist, erblickt sie nicht mehr, selbst wenn er rein ist; ebenso wenig sieht sie ein Mensch, der Böses tut. Erzähle uns von ihrer Geburt. | |||
'''19.56''' Markandeya sprach: Hört, wie die Glückverheißende geboren wurde, wessen Tochter sie war, wie sie Vasishtha erlangte und wie sie zur gattentreuen Frau wurde. | |||
'''19.57''' Die einst aus Brahmas Geist geborene Tochter Sandhya übte Askese, legte ihren Körper ab und wurde darauf als Arundhati geboren. | |||
'''19.58''' Als Tochter des hervorragenden Weisen Medhatithi übte die tugendhafte Frau auf Brahmas, Vishnus und Maheshas Geheiß Gelübde. Sie erwählte den edlen, in seinen Gelübden festen Vasishtha zum Gemahl. | |||
'''19.59''' Die Rishis sprachen: Wie, aus welchem Grund und an welchem Ort übte Sandhya Askese? Wie legte sie ihren Körper ab und wurde Medhatithis Tochter? | |||
'''19.60''' Wie sprachen Brahma, Vishnu und Shiva zu ihr, sodass sie den hochherzigen, in seinen Gelübden festen Vasishtha zum Gemahl erwählte? | |||
'''19.61''' Erzähle uns dies alles ausführlich, du Bester der Zweimalgeborenen. Wir möchten die Geschichte der überaus tugendhaften Arundhati hören und sind von großer Wissbegier erfüllt. | |||
'''19.62''' Markandeya sprach: Als Brahma einst seine eigene Tochter Sandhya erblickte, wandte sich sein Geist dem Begehren zu, und er ließ den Gedanken fallen, dass sie seine Tochter war. | |||
'''19.63''' Auch der Geist der großen, aus seinem Denken geborenen Rishis geriet bei ihrem Anblick ins Schwanken, aufgewühlt von Kamas Pfeilen. | |||
'''19.64''' Sandhya hörte, wie Shiva sich mit spöttischen Worten an Brahma wandte. Sie bemerkte auch, dass ihr eigener Geist sich den Rishis gegenüber ohne die gebotene Zurückhaltung regte. | |||
'''19.65''' Als sie sah, wie Kama die Weisen immer wieder in Verwirrung versetzte, wurde sie selbst von Scham und Schmerz erfüllt. | |||
'''19.66''' Dann verfluchte Brahma den Liebesgott. Als Brahma verschwunden und Shambhu an seinen eigenen Wohnort zurückgekehrt war, | |||
'''19.67''' versank Sandhya, von innerem Aufruhr ergriffen, in Nachdenken. Einen Augenblick lang vergegenwärtigte sich die Besonnene das eben Geschehene. | |||
'''19.68''' Zu dieser Zeit erwog Sandhya: Kaum war ich als junge Frau entstanden und hatte der von Kama angetriebene Stammvater mich gesehen, | |||
'''19.69''' entbrannte er in leidenschaftlichem Verlangen nach mir. Auch bei allen aus seinem Geist geborenen Weisen, obwohl sie sich innerlich geläutert hatten, | |||
'''19.70''' wurde der Geist bei meinem bloßen Anblick von Begehren erfüllt und überschritt jede Grenze. Auch mein eigener Geist wurde von dem üblen Liebesgott aufgewühlt. | |||
'''19.71''' So geriet mein Inneres beim Anblick aller dieser Weisen heftig in Bewegung. Kama selbst hat die Frucht dieser Verfehlung bereits empfangen. | |||
'''19.72''' Der erzürnte Stammvater verfluchte ihn vor Shambhu. Nun möchte auch ich alle Folgen auf mich nehmen, die meinem eigenen Tun entsprechen. | |||
'''19.73''' Mein Vater und meine Brüder sahen mich offen von Verlangen erfüllt und begehrten mich. Deshalb halte ich keine für schuldiger als mich selbst. | |||
'''19.74''' Auch in mir erwachte grenzenloses Begehren, als ich sie ansah: meinen eigenen Vater und alle meine Brüder betrachtete ich wie einen Gemahl. | |||
'''19.75''' Für diese Verfehlung will ich selbst Sühne leisten. Ich will meinen Körper dem Feuer darbringen, wie es der vedische Weg vorsieht. | |||
'''19.76''' Zuvor aber will ich hier auf Erden eine Grenze begründen: Verkörperte Wesen sollen nicht schon im Augenblick ihrer Geburt von geschlechtlichem Verlangen erfüllt sein. | |||
'''19.77''' Dafür will ich überaus strenge Askese üben. Erst nachdem ich diese Grenze begründet habe, will ich mein Leben ablegen. | |||
'''19.78''' Dieser Körper hat meinen Vater und meine Brüder dazu gebracht, mich zu begehren. Wozu sollte mir ein solcher Körper noch dienen? | |||
'''19.79''' Durch diesen meinen Körper erwachte in mir Begehren nach meinem Vater und meinen eigenen Brüdern. Er kann mir nicht zum Erwerb heilsamen Verdienstes dienen. | |||
'''19.80''' Nachdem Sandhya dies in ihrem Inneren erwogen hatte, ging sie zu dem herrlichen Berg Chandrabhaga, aus dem der Fluss Chandrabhaga hervorgeht. | |||
'''19.81''' Als die goldglänzende, ebenmäßig strahlende Sandhya sich dort niederließ, leuchtete der Berg beständig wie der östliche Berg, über dem zur Dämmerungszeit der Mond aufgeht. | |||
===Kapitel 20=== | |||
'''Der Mondgott, seine Gemahlinnen und die Erschütterung der Welt''' | |||
'''20.1''' Markandeya sprach: Als Brahma sah, dass Sandhya zu jenem herrlichen Berg gegangen war und sich entschlossen der Askese zuwandte, sprach er zu seinem Sohn, | |||
'''20.2''' dem selbstbeherrschten Vasishtha, der in seiner Nähe saß: Er war ein allwissender Yogi der Erkenntnis und mit den Veden und ihren Hilfswissenschaften vollkommen vertraut. | |||
'''20.3''' Brahma sprach: Vasishtha, gehe dorthin, wohin die besonnene Sandhya gegangen ist. Sie ist fest zur Askese entschlossen; weihe sie auf die vorgeschriebene Weise ein. | |||
'''20.4''' Du bester Weiser, als sie damals euch, mich und auch sich selbst von Begehren erfüllt sah, ergriff sie Scham. | |||
'''20.5''' Sie überdenkt unser früheres unangemessenes Verhalten und auch ihr eigenes. Deshalb möchte sie ihr Leben aufgeben. | |||
'''20.6''' Durch Askese will sie dort eine Grenze begründen, wo bisher keine bestand. Dazu ist die Tugendhafte nun zum Chandrabhaga-Berg gegangen. | |||
'''20.7''' Mein Sohn, sie weiß jedoch noch nichts vom Wesen der Askese. Sorge deshalb dafür, dass sie die entsprechende Unterweisung erhält. | |||
'''20.8''' Lege diese deine Gestalt ab und nimm eine andere an. Tritt so vor sie hin und unterweise sie in der Ausübung der Askese. | |||
'''20.9''' Wenn sie dich in deiner jetzigen Gestalt erblickt, wird sie sich wie zuvor schämen und vor dir kein Wort hervorbringen. | |||
'''20.10''' Darum lege deine eigene Gestalt ab und gehe in einer anderen Erscheinung zu der edlen Sandhya, um sie zu unterweisen. | |||
'''20.11''' Markandeya sprach: Vasishtha antwortete: „So sei es.“ Er nahm die Gestalt eines jungen Asketen mit verfilztem Haar an und begab sich zu Sandhya auf den Chandrabhaga-Berg. | |||
'''20.12''' Dort sah Vasishtha einen wasserreichen göttlichen See, der in seinen Vorzügen dem Manasa-See glich. Sandhya bewegte sich an seinem Ufer. | |||
'''20.13''' Mit ihr am Ufer erstrahlte der von Lotusblüten erhellte See wie der Sternenhimmel zur Abendzeit, wenn der Mond aufgeht. | |||
'''20.14''' Der Weise sah sie dort und sprach sie an. Voll Interesse betrachtete er auch den See, der Brihallohita hieß. | |||
'''20.15''' Er sah, wie der Chandrabhaga-Fluss aus diesem See hervortrat, eine große Bergflanke durchbrach und zum südlichen Meer floss. | |||
'''20.16''' Nachdem der Fluss die westliche Flanke des Chandrabhaga-Berges durchbrochen hatte, strömte er zum Meer wie die Ganga vom Himalaya. | |||
'''20.17''' Die Rishis sprachen: Wie entstand der Chandrabhaga-Fluss dort auf dem großen Berg? Wie beschaffen ist jener See namens Brihallohita, du führender Brahmane? | |||
'''20.18''' Wie kam dieser herrliche Berg zu seinem Namen Chandrabhaga? Und warum heißt auch der Fluss mit seinem heiligen Wasser Chandrabhaga? Das Wort für die Beschaffenheit des Wassers ist in der Vorlage unsicher. | |||
'''20.19''' Während wir dies hören, erwacht in uns große Wissbegier nach der Herrlichkeit des Chandrabhaga-Flusses, des Sees und des Berges. | |||
'''20.20''' Markandeya sprach: Hört, ihr besten Weisen, von der Entstehung der Chandrabhaga, von der Herrlichkeit des Chandrabhaga-Berges und vom Grund seines Namens. | |||
'''20.21''' Mit dem Himalaya verbunden liegt ein Berg, hundert Yojanas breit und dreißig Yojanas lang, weiß wie Jasmin und Mondlicht. | |||
'''20.22''' Auf diesem Berg teilte Brahma einst den reinen Mond, den Schatz des Nektars, in Abschnitte ein und bestimmte ihn zur Nahrung der Götter. | |||
'''20.23''' Auch für die Ahnen ordnete der Lotusgeborene dies an. Zum Wohl der Welten legte er das Zu- und Abnehmen des Mondes entsprechend den Mondtagen fest. | |||
'''20.24''' Weil der Mond dort geteilt wurde, ihr Besten der Zweimalgeborenen, nannten die Götter den Berg einst Chandrabhaga, „Mondteilung“. Die Ortsbezeichnung innerhalb des ersten Halbverses ist verderbt. | |||
'''20.25''' Die Rishis sprachen: Wenn doch die Opferanteile und der aus dem Milchmeer entstandene Unsterblichkeitstrank vorhanden waren, warum bestimmte der Lotusgeborene den Mond zur Nahrung der Götter? | |||
'''20.26''' Warum bestimmte er ihn auch für die Ahnen, obwohl es die Ahnenopfer gab? Und wie kam es, ehrwürdiger Lehrer, zum Abnehmen und Zunehmen des Mondes nach den Mondtagen? | |||
'''20.27''' Brahmane, zerstreue diesen unseren Zweifel, wie die Sonne die Finsternis vertreibt. Niemand außer dir, du Bester der Zweimalgeborenen, vermag ihn aufzulösen. | |||
'''20.28''' Markandeya sprach: Einst gab der Schöpferherr Daksha seine siebenundzwanzig schönen Töchter, angefangen mit Ashvini, dem Mondgott Soma zur Frau. | |||
'''20.29''' Soma heiratete sie alle nach der vorgeschriebenen Ordnung und führte sie mit Dakshas Zustimmung an seinen eigenen Wohnort. | |||
'''20.30''' Unter allen diesen Töchtern aber wandte sich Chandra aus Leidenschaft besonders Rohini zu. Mit ihr verbrachte er seine Zeit in Liebesfreuden und den Künsten des Genusses. | |||
'''20.31''' Nur Rohini suchte er auf, nur mit Rohini vergnügte er sich. Auch Rohini fand ohne den Mondgott keinerlei Ruhe. | |||
'''20.32''' Als die anderen Töchter sahen, dass Chandra ganz Rohini ergeben war, bemühten sie sich mit vielerlei Aufmerksamkeiten um ihn. | |||
'''20.33''' Obwohl sie ihm Tag für Tag dienten, wandte der Mondgott ihnen keine Zuneigung zu. Da wurden sie alle von Unmut ergriffen. | |||
'''20.34''' Uttaraphalguni und Bharani, Krittika, Ardra, Magha, Vishakha und Uttarabhadrapada, | |||
'''20.35''' sowie Jyeshtha und Uttarashadha: Diese neun wurden überaus zornig, gingen zu dem kühl strahlenden Mondgott und umringten ihn. | |||
'''20.36''' Als sie den Herrn der Nacht umstellt hatten, sahen sie Rohini auf seiner linken Hüfte sitzen und sich mit ihm in seinem eigenen Kreis vergnügen. | |||
'''20.37''' Beim Anblick der schönen Rohini in dieser Lage loderten sie alle vor heftigem Zorn auf wie ein Feuer, in das Opferbutter gegossen wird. | |||
'''20.38''' Darauf packten Magha, die drei mit „Purva“ benannten Frauen, Bharani und Krittika gewaltsam die edle Rohini, die auf Chandras Schoß saß. Diese Namensliste weicht von der vorangehenden Aufzählung ab. | |||
'''20.39''' Überaus zornig richteten sie harte Worte an Rohini: Solange du lebst, du Unverständige, wird der Mondgott sich uns niemals liebevoll zuwenden | |||
'''20.40''' und uns aus Verlangen nach Liebesvereinigung aufsuchen. Um das Wohl der vielen zu fördern, werden wir diese Übelgesinnte töten. | |||
'''20.41''' Uns trifft keine Schuld, wenn wir dich töten: Du hinderst viele Frauen daran, Nachkommen zu empfangen, und tust Unrecht außerhalb der dafür bestimmten Zeit. Der zweite Halbvers ist sprachlich beschädigt. | |||
'''20.42''' Hast du nicht gehört, was Brahma einst seinem Sohn zu diesem Gegenstand sagte, als er ihn in der Lehre vom rechten Handeln unterwies? | |||
'''20.43''' Wenn durch die Tötung eines einzigen Übeltäters das Wohl vieler gesichert wird, dann bringt dessen Tötung Verdienst. | |||
'''20.44''' Ein Golddieb, ein Trinker berauschenden Getränks, ein Brahmanenmörder, einer, der das Lager seines Lehrers schändet, oder einer, der sich selbst tötet: Deren Tötung wird hier als verdienstbringend bezeichnet. Die letzte Verbindung ist in der Vorlage inhaltlich und sprachlich problematisch; sie bleibt als Aussage der erzählten Figuren stehen. | |||
'''20.45''' Markandeya sprach: Chandra erkannte ihre Absicht und sah ihr Vorgehen. Er sah auch seine überaus schöne, geliebte Rohini voller Angst. | |||
'''20.46''' Er bedachte seine eigene Schuld, die aus dem fortgesetzten Ausbleiben der Gemeinschaft mit den anderen entstanden war, und befreite die erschrockene Rohini aus ihren Händen. | |||
'''20.47''' Nachdem er sie befreit hatte, umschlang er Rohini mit beiden Armen und hielt Krittika und die übrigen zornigen Frauen zurück. | |||
'''20.48''' Krittika, Magha und die anderen widersprachen Chandra. Während sie auf Rohini blickten, forderten die entschlossenen Frauen gleiche Behandlung. | |||
'''20.49''' Herr der Nacht, empfindest du weder Scham noch Furcht vor dem Unrecht, wenn du uns zurückweist und dich wie ein gewöhnlicher unbeherrschter Mensch verhältst? | |||
'''20.50''' Wie kannst du uns, die wir sittliche Gelübde halten und dir stets ergeben sind, verschmähen und dich wie ein Verblendeter allein dieser einen widmen? | |||
'''20.51''' Kennst du denn den in den Veden gegründeten Dharma nicht, von dem du früher gehört hast? Warum tust du etwas, das ihm widerspricht und von guten Menschen getadelt wird? | |||
'''20.52''' Wir sind mit dir vermählt und handeln pflichtgemäß nach der Lehre des Dharma. Warum blickst du uns nicht einmal ins Gesicht? | |||
'''20.53''' Herr der Nacht, höre, was wir einst aus dem Mund unseres Vaters Daksha hörten, als er Narada die Bedeutung der Dharma-Lehre erklärte. | |||
'''20.54''' Ein Mann mit mehreren Frauen, der sich aus Leidenschaft nur einer einzigen zuwendet, lädt Schuld auf sich und lässt sich von ihr beherrschen; seine Unreinheit dauert fort. | |||
'''20.55''' Mondgott, kein anderer Schmerz gleicht dem Leid, das Frauen empfinden, wenn ihnen die Gemeinschaft mit ihrem Gemahl vorenthalten wird. | |||
'''20.56''' Der niedrigste unter den Männern, der seine tugendhafte Frau während der reinen Tage ihrer fruchtbaren Zeit nicht aufsucht, wird einem Vernichter ungeborenen Lebens gleichgesetzt. | |||
'''20.57''' Solange die Frau noch nicht den hier mit „Atreyi“ bezeichneten Zustand erreicht hat, soll der Mann die entsprechende Zeit beachten; selbst eine vorgeschriebene andere Handlung soll ihn nicht von der Vereinigung mit ihr abhalten. Der erste Halbvers ist beschädigt, daher bleibt die genaue Bedingung unsicher. | |||
'''20.58''' Für einen Mann mit mehreren Frauen gibt es keine Handlung, auch keine in der Lehre vorgeschriebene, die es rechtfertigte, seinen Frauen die Vereinigung zur fruchtbaren Zeit vorzuenthalten. | |||
'''20.59''' Er soll die Frauen, deren Hand er nach dem vorgeschriebenen Ritus ergriffen hat, stets zufriedenstellen. Ihre Zufriedenheit bringt Wohlergehen, das Gegenteil bringt Unheil. | |||
'''20.60''' In einer Familie, in der der Mann stets mit seiner Frau und die Frau mit ihrem Mann zufrieden ist, ist Wohlergehen gewiss. | |||
'''20.61''' Eine Frau, die im Stolz auf ihre bevorzugte Stellung den Gemahl daran hindert, mit einer Mitfrau zusammenzukommen, wird in einer anderen Geburt eine Prostituierte sein. | |||
'''20.62''' Schon in dieser Welt wird sie getadelt und verfällt dem Unrecht. Weder die Familie ihres Vaters noch die ihres Gemahls freut sich über sie. | |||
'''20.63''' Wenn Streit mit dem Gemahl oder mit einer Mitfrau entsteht, erwächst daraus überaus großes Leid, das beiden Unheil bringt. | |||
'''20.64''' Markandeya sprach: Während sie solche überaus harten Worte redeten, sah Chandra Rohinis getrübtes Gesicht und geriet in Zorn. | |||
'''20.65''' Rohini sah ihre Heftigkeit und sprach kein Wort. Angst, Schmerz und Scham erfüllten sie. | |||
'''20.66''' Der erzürnte Chandra verfluchte darauf die Frauen: Weil ihr vor mir so wilde und schneidende Worte ausgestoßen habt, | |||
'''20.67''' sollt ihr, Krittika und die übrigen, in dieser Welt und selbst unter den Göttern als „wild“ und „scharf“ bekannt sein. Die hier überlieferte Zahl „drei“ stimmt nicht mit den neun Frauen des folgenden Verses überein. | |||
'''20.68''' Darum werdet ihr neun, Krittika und die übrigen, künftig an euren jeweiligen Tagen für den Antritt einer Reise ungeeignet sein. | |||
'''20.69''' Wenn Götter oder Menschen auf Erden ihre Reise unter eurem Zeichen beginnen, soll die Reise durch diesen Makel nicht den gewünschten Erfolg bringen. | |||
'''20.70''' Als sie alle diesen überaus furchtbaren Fluch hörten und daran die Härte von Chandras Herzen erkannten, | |||
'''20.71''' gingen sie voller Empörung zu Dakshas Haus. Ashvini und die anderen sprachen mit stockender Stimme zu ihrem Vater. | |||
'''20.72''' Soma lebt nicht mit uns; immer sucht er nur Rohini auf. Obwohl wir ihm dienen, wendet er sich uns nicht zu, als wären wir die Frauen eines anderen. | |||
'''20.73''' Ob beim Verweilen, beim Ruhen, beim Essen oder beim Zuhören: Ohne Rohini findet der Mondgott keinerlei Frieden. Einzelne Wörter dieser Aufzählung sind in der Vorlage unsicher. | |||
'''20.74''' Wenn er bei Rohini sitzt und deine Töchter sich ihm nähern, richtet er seinen Blick anderswohin und sieht sie nicht an. | |||
'''20.75''' Von jeder anderen Zuwendung eines Gemahls ganz zu schweigen: Er blickt uns nicht einmal ins Gesicht. Sage uns, was wir in dieser Sache tun sollen. | |||
'''20.76''' Als wir Chandra deshalb zur Rede stellten, belegte er uns mit einem heftigen Fluch. | |||
'''20.77''' Er sagte: Ihr werdet in der Welt als furchtbar und überaus scharf getadelt werden; unter euren Zeichen soll man keine Reise antreten. | |||
'''20.78''' Markandeya sprach: Als der Schöpferherr die Worte seiner Töchter gehört hatte, ging er mit ihnen dorthin, wo Soma mit Rohini weilte. | |||
'''20.79''' Schon von Weitem sah der Mondgott Daksha kommen. Er erhob sich von seinem Sitz, trat ihm entgegen und verneigte sich vor dem großen Weisen. | |||
'''20.80''' Daksha nahm den angebotenen Sitz an. Nachdem Chandra ihn ehrerbietig begrüßt hatte, sprach er zunächst besänftigend zu ihm. | |||
'''20.81''' Daksha sprach: Verhalte dich gleich gegenüber deinen Frauen und gib deine Ungleichbehandlung auf. Brahma hat die zahlreichen Fehler benannt, die daraus erwachsen. | |||
'''20.82''' Die Ehe trägt als Früchte Liebesfreude und Nachkommen, weil sich das Verlangen an die Frauen bindet. Die Bindung des Verlangens entsteht aus Vertrautheit, Vertrautheit aus dem Zusammensein. | |||
'''20.83''' Das Zusammensein wiederum erwächst aus dem Denken aneinander und aus dem gegenseitigen Anblick. Darum schenke deinen Frauen Aufmerksamkeit, blicke sie an und wende dich ihnen zu. | |||
'''20.84''' Wenn du meinen Worten, die vom Dharma bestimmt sind, nicht folgst, wirst du den Tadel der Welt und Schuld auf dich ziehen. | |||
'''20.85''' Markandeya sprach: Als Chandra diese Worte des hochherzigen Daksha hörte, antwortete er aus Furcht vor ihm: „So soll es sein.“ | |||
'''20.86''' Darauf verabschiedete sich Daksha von seinen Töchtern und seinem Schwiegersohn Chandra. Der Weise kehrte an seinen eigenen Wohnort zurück und hielt seine Aufgabe für erfüllt. | |||
'''20.87''' Nachdem Daksha fortgegangen war, suchte Chandra Rohini wieder auf. Aus Leidenschaft nahm er ihr und den anderen gegenüber sein früheres Verhalten wieder an. | |||
'''20.88''' Er blieb bei Rohini und sah keine der anderen an. Nur mit Rohini lebte er zusammen; deshalb wurden die übrigen erneut zornig. | |||
'''20.89''' Durch ihr Unglück bedrückt, gingen sie zu ihrem Vater und sagten: Soma lebt nicht mit uns; immer sucht er nur Rohini auf. | |||
'''20.90''' Auch dein Wort hat er nicht befolgt. Darum gewähre uns Schutz. | |||
'''20.91''' Von Erregung und Zorn erfüllt erhob sich der Weise augenblicklich. Er ging zu Chandra und erwog unterwegs, was zu tun sei. | |||
'''20.92''' Als er bei ihm angekommen war, sagte der Schöpferherr zu Chandra: Verhalte dich gleich gegenüber deinen Frauen und gib deine Ungleichbehandlung auf. | |||
'''20.93''' Wenn du aus Torheit unsere Worte nicht begreifst und die Dharma-Lehre übertrittst, werde ich dich verfluchen, Herr der Nacht. | |||
'''20.94''' Markandeya sprach: Aus großer Furcht vor Daksha erklärte Chandra sich in dessen Gegenwart dazu bereit und wiederholte: „So will ich handeln.“ | |||
'''20.95''' Nachdem der Mondgott zugesagt hatte, seine Frauen gleich zu behandeln, kehrte Daksha mit Chandras Zustimmung an seinen eigenen Ort zurück. | |||
'''20.96''' Doch als Daksha fort war, vergnügte sich der Herr der Nacht wieder leidenschaftlich mit Rohini und vergaß Dakshas Worte. | |||
'''20.97''' Ashvini und die übrigen schönen Frauen dienten ihm alle, aber Chandra wandte sich ihnen nicht zu, sondern behandelte sie verächtlich. | |||
'''20.98''' Von Chandra missachtet, gingen sie alle zu ihrem Vater. Weinend und mit schmerzerfüllter Stimme sagten sie: | |||
'''20.99''' Bester Weiser, Soma hat auch dein Wort nicht befolgt. Er verachtet uns noch mehr als zuvor. | |||
'''20.100''' Darum wollen wir mit Soma nichts mehr zu tun haben. Wir wollen Asketinnen werden; unterweise uns in der Askese. | |||
'''20.101''' Durch Askese wollen wir uns läutern und dann unser Leben ablegen. Was nützt uns Unglücklichen das Leben, du Bester der Zweimalgeborenen? | |||
'''20.102''' Markandeya sprach: Nachdem Krittika und die anderen Töchter Dakshas dies gesagt hatten, setzten sie sich auf die Erde, stützten ihre Wangen in die Hände und weinten. | |||
'''20.103''' Daksha sah, wie der Schmerz ihr ganzes Wesen erschütterte. Sein Gesicht wurde tief betrübt, und er loderte vor Zorn wie Feuer. | |||
'''20.104''' Aus der Nasenspitze des von Zorn erfüllten, mächtigen Daksha trat darauf die furchterregende Schwindsucht hervor. | |||
'''20.105''' Ihr Gesicht war durch gewaltige Fangzähne entstellt, ihr Leib dunkel wie Kohle. Sie war sehr lang gewachsen, hatte wenig Haar und war mager, von hervortretenden Adern überzogen. | |||
'''20.106''' Mit gesenktem Kopf und einem Stab in der Hand hustete sie immer wieder, nur von kurzen Pausen unterbrochen. Ihre Augen lagen tief, und sie war gierig nach dem Verkehr mit Frauen. | |||
'''20.107''' Sie sagte zu Daksha: Wo soll ich wohnen, Weiser, und was soll ich tun? Sage es mir, du Einsichtsvoller. | |||
'''20.108''' Daksha antwortete: Gehe rasch zu Soma. Verzehre Soma fortwährend und nimm nach deinem Belieben in ihm Wohnung. | |||
'''20.109''' Markandeya sprach: Als die Krankheit die Worte des großen Weisen Daksha gehört hatte, näherte sie sich allmählich Soma. | |||
'''20.110''' Sie gelangte zu ihm, fand einen Zugang und drang in Chandras Herz ein wie eine Schlange in einen Ameisenhügel. | |||
'''20.111''' Als die furchtbare königliche Schwindsucht in sein Herz eingedrungen war, wurde Chandra benommen und verfiel in schwere Mattigkeit. | |||
'''20.112''' Weil diese Krankheit unmittelbar nach ihrer Entstehung zuerst in einen König einging, wurde sie in der Welt als Rajayakshman, „königliche Schwindsucht“, bekannt, ihr Zweimalgeborenen. | |||
'''20.113''' Von dieser Schwindsucht überwältigt, schwand Rohinis Gemahl Tag für Tag dahin wie ein kleiner Fluss im Sommer. | |||
'''20.114''' Während der Mond schwand, gingen auch alle Pflanzen zugrunde. Als die Pflanzen schwanden, fanden keine Opfer mehr statt. | |||
'''20.115''' Weil die Opfer ausblieben, ging den Göttern ihre gesamte Nahrung verloren. Darauf versiegten die Regenwolken, und es fiel kein Regen mehr. | |||
'''20.116''' Ohne Regen nahmen die Nahrungsmittel der Menschen ab. Die ganze Welt wurde von der Not einer Hungersnot heimgesucht, ihr Besten der Zweimalgeborenen. | |||
'''20.117''' Weder Freigebigkeit noch andere Pflichten wurden mehr ausgeübt. Alle Geschöpfe verloren ihre innere Kraft; ihre Sinne wurden von Gier überwältigt. Sie taten nur noch Unrecht und fanden Gefallen an bösen Handlungen. | |||
'''20.118''' Als die Hüter der Himmelsrichtungen und Indra dies sahen, gerieten sie in große Bestürzung. Auch die übrigen Götter, die Meere und die Planeten wurden erschüttert. | |||
'''20.119''' Die ganze Welt war in Aufruhr und wurde von Räubern bedrängt. Als die Götter dies sahen, gingen sie alle, mit Indra an der Spitze, zu Brahma. | |||
'''20.120''' Sie traten vor den Herrn der Götter, den Schöpfer und Herrn der Welten, verneigten sich gebührend und nahmen ihre Plätze ein. | |||
'''20.121''' Der Stammvater der Welt sah ihre niedergeschlagenen Gesichter. Sie wirkten wie von einem Feind überwältigt und ihrer Herrschaftsgebiete beraubt. Er wandte sich dem Götterlehrer, Indra und dem Feuergott zu und fragte sie. | |||
'''20.122''' Brahma sprach: Willkommen, ihr Götterscharen. Warum seid ihr gekommen? Ich sehe, dass Leid eure Körper angegriffen hat und euer Glanz verblasst ist. | |||
'''20.123''' Ich hatte euch doch frei von Hindernissen und Furcht gemacht, euch freie Bewegung gewährt und euch in eure jeweiligen Wirkungsbereiche eingesetzt. Warum sehe ich euch nun voller Leid? | |||
'''20.124''' Sagt mir vollständig, was die Ursache eures Leides ist und wer euch bedrängt. Seid gewiss, dass Abhilfe geschaffen werden soll. | |||
'''20.125''' Markandeya sprach: Darauf erklärten Indra, Brihaspati und Agni, die Träger der Welt, dem aus sich selbst entstandenen Brahma den Grund für das Leid der Götter. | |||
'''20.126''' Die Götter sprachen: Schöpfer der Welt, höre alles darüber, weshalb wir zu dir gekommen sind, was unser Leid verursacht und warum unser Glanz verblasst ist. | |||
'''20.127''' Nirgendwo auf der Welt werden noch Opfer vollzogen, Stammvater. Alle Geschöpfe verlieren ihren Halt und gehen zugrunde. Ein weiteres überliefertes Eigenschaftswort passt nicht sicher in diesen Zusammenhang. | |||
'''20.128''' Auf Erden gibt es weder Freigebigkeit und andere Pflichterfüllung noch Askese. Die Regenwolke lässt keinen Regen fallen; das Wasser der Erde ist versiegt. | |||
'''20.129''' Alle Pflanzen und Feldfrüchte sind verkümmert, die Menschen in Aufruhr. Von Räubern bedrängt, tragen die Brahmanen die Veden nicht mehr vor. | |||
'''20.130''' Wegen des Nahrungsmangels sterben viele Geschöpfe. Da auch die Opferanteile schwinden, bleiben wir selbst ohne Nahrung. | |||
'''20.131''' Wir sind schwach geworden, haben unseren Glanz verloren und finden keinen Frieden. | |||
'''20.132''' Chandra verharrt schon lange im Haus der Rohini und weicht von seinem gewohnten Lauf ab. Im Tierkreiszeichen des Stieres schwindet er dahin und besitzt keinen Mondschein mehr. | |||
'''20.133''' Wann immer die Götter nach Chandra suchen, erscheint er nicht vor ihnen, weder in einer Götterversammlung noch bei einer Versammlung wie der deinen. Der genaue Wortlaut des Verses ist beschädigt. | |||
'''20.134''' Niemals verlässt er Rohini, um irgendwohin zu gehen. Nur wenn sonst niemand da ist, kommt Chandra heraus. | |||
'''20.135''' Man sieht ihn seiner Mondteile beraubt; nur ein einziger Teil ist noch übrig. So ist überall, Herr der Welt, die Ordnung des Wirkens verkehrt worden. | |||
'''20.136''' Angesichts dessen sind wir erschrocken und haben bei dir Zuflucht gesucht. Bevor die Kalakanjas und die anderen Asuras aus der Unterwelt aufsteigen | |||
'''20.137''' und uns bedrängen, Herr der Welt, rette uns aus unserer Angst. Wir wissen nicht, warum diese Störung der Welten eintritt und wodurch der Zusammenbruch verursacht ist. | |||
'''20.138''' Markandeya sprach: Als der mit göttlicher Schau begabte Stammvater diese Worte der Götter gehört hatte, versenkte er sich einen Augenblick in Betrachtung und sprach zu den hohen Göttern. | |||
'''20.139''' Brahma sprach: Hört alle, ihr Gottheiten, weshalb die Welt gegenwärtig erschüttert wird und wodurch diese Erschütterung zur Ruhe kommen wird. Das Wort für das Zur-Ruhe-Kommen ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''20.140''' Soma heiratete die siebenundzwanzig schönen Töchter Dakshas, Ashvini und die übrigen. | |||
'''20.141''' Obwohl er sie alle geheiratet hatte, wandte der Mondgott seine Liebe beständig nur Rohini zu und behandelte sie nicht alle gleich. | |||
'''20.142''' Die übrigen sechsundzwanzig schönen Frauen, Ashvini und die anderen, wurden von der brennenden Qual ihrer Zurücksetzung bedrückt und gingen zu ihrem Vater. | |||
'''20.143''' Sie berichteten Daksha, dass der Herr der Nacht sich aus Leidenschaft Rohini zuwandte, ihnen aber keine entsprechende Liebe schenkte. | |||
'''20.144''' Da redete der weise Daksha dem Mondgott freundlich zu, sprach viele wohlwollende Worte und bat ihn um seiner Töchter willen. | |||
'''20.145''' Auf die eindringliche Bitte des hochherzigen Daksha hin versprach der Mondgott, sie alle gleich zu behandeln. | |||
'''20.146''' Nachdem der kühl strahlende Chandra eine gleiche Haltung gegenüber allen zugesagt hatte, kehrte der treffliche Weise Daksha an seinen Wohnort zurück. | |||
'''20.147''' Doch nach dem Fortgang des Weisen gab Chandra seine Ungleichbehandlung nicht auf. Deshalb gingen die Frauen erneut erzürnt zu ihrem Vater. | |||
'''20.148''' Darauf bat Daksha Chandra noch einmal um seiner anderen Töchter willen. Er ließ ihn eine gleiche Behandlung versprechen und sagte zu ihm: | |||
'''20.149''' Chandra, wenn du dich nicht allen diesen Frauen gegenüber gleich verhältst, werde ich dich verfluchen. Handle darum angemessen. | |||
'''20.150''' Als Daksha wieder gegangen war und Chandra sie dennoch nicht gleich behandelte, gingen die Frauen erneut zu Daksha und sagten zornig: | |||
'''20.151''' Er achtet dein Wort nicht und wendet sich uns nicht zu. Wir wollen Askese üben und bei dir bleiben. | |||
'''20.152''' Als der große Weise ihre Worte hörte, wurde er zornig und wollte einen Fluch aussprechen, der Chandra zum Schwinden bringen sollte. | |||
'''20.153''' Aus der Nasenspitze des zornigen großen Weisen, dessen Geist auf den Fluch gerichtet war, trat die schwere Krankheit namens Kshaya, „Auszehrung“, hervor. | |||
'''20.154''' Der Weise Daksha sandte sie zu Chandra. Sie drang in seinen Körper ein, und durch sie wurde Chandra aufgezehrt. | |||
'''20.155''' Als Chandra schwand, nahm auch sein Mondschein ab. Mit dem Schwinden all seines Lichts gingen alle Pflanzen zugrunde. | |||
'''20.156''' Weil die Pflanzen fehlen, werden in dieser Welt keine Opfer mehr vollzogen. Wegen des Ausbleibens der Opfer bleibt auch der Regen aus, und dadurch gehen alle Geschöpfe zugrunde. | |||
'''20.157''' Auch ihr seid des Genusses eurer Opferanteile beraubt. Deshalb seid ihr schwach geworden, und in euren jeweiligen Wirkungsbereichen ist die Ordnung gestört. | |||
'''20.158''' Damit habe ich euch vollständig erklärt, wie die Erschütterung der Welt entstand. Hört nun, ihr hohen Götter, durch welches Mittel sie gestillt werden kann. | |||
===Kapitel 21=== | |||
'''21.1''' Brahma sprach: Geht, ihr Götterscharen, zu Dakshas Wohnstatt und stimmt ihn um des Mondes willen gnädig, damit dieser wieder voll werde. | |||
'''21.2''' Ist der Mond wieder voll, wird die ganze Welt zu ihrer Ordnung zurückkehren. Ihr werdet Frieden finden, und die Pflanzen werden wieder wachsen. | |||
'''21.3''' Markandeya sprach: Als die Götter mit Indra an der Spitze Brahmas Worte gehört hatten, gingen sie frohen Sinnes zu Dakshas Wohnstatt. | |||
'''21.4''' Sie näherten sich dem hervorragenden Weisen nach der gebührenden Ordnung, verneigten sich vor dem Schöpferherrn Daksha und sprachen mit sanfter Stimme. | |||
'''21.5''' Die Götter sprachen: Sei uns gnädig, Brahmane! Wir sind von vielem Leid bedrückt und sinken dahin. Richte uns auf, du Einsichtsvoller, und rette uns aus dem Meer des Kummers. | |||
'''21.6''' Die schöpferische Gestalt des höchsten Selbst trägt den Namen Brahma. Du bist ein Teil von ihr, höchstes Licht in brahmanischer Gestalt. Verehrung dir! | |||
'''21.7''' Weil du alle Welten beschützt und die Geschöpfe behütest, heißt du Daksha und Prajapati. Dich, den Herrn des Yoga, preisen wir. | |||
'''21.8''' Verehrung dir, dem Edlen, der für alle Welten und für die Tüchtigen wirkt und das Heil des Selbst fördert! Der Vers spielt mehrfach auf die Bedeutung des Namens Daksha, „tüchtig“, an. | |||
'''21.9''' Du bist der innerste Wesenskern jener Wirklichkeit, die Yogis mit beherrschten Sinnen beständig betrachten: Verehrung Daksha, dem höchsten Selbst. | |||
'''21.10''' Du lebst als Yogi, bist unbezwingbar und die höchste Zuflucht derer, die das andere Ufer erreicht haben. Anfang und Ende bist du enthoben. Dir immer wieder Verehrung! Ein Wort der zweiten Vershälfte ist unsicher. | |||
'''21.11''' Als Daksha die Worte der Götter, die Opfergaben genießen, gehört hatte, wandte er sich mit freundlichem Gesicht besonders an Indra. | |||
'''21.12''' Daksha sprach: Woher ist euch dieses Leid gekommen, starkarmiger Indra? Sage mir seine Ursache, Mächtiger; ich möchte sie hören. | |||
'''21.13''' Was kann ich tun, um euer Leid zu beseitigen? Wenn es in meiner Macht steht, werde ich handeln und euer aller Wohl fördern. | |||
'''21.14''' Markandeya sprach: Als sie die Worte dieses edlen Sohnes Brahmas gehört hatten, antworteten Brihaspati, Indra und Agni dem Weisen. | |||
'''21.15''' Sie sprachen: Der Herr der Nacht ist von Schwindsucht befallen. Mit seinem Schwinden sind alle Pflanzen zurückgegangen, du bester Brahmane; ihr Verlust führt zum Ausfall der Opfer. | |||
'''21.16''' Weil die Opfer ausbleiben, sind alle Geschöpfe von Hungerangst gequält. Ohne Regen erleiden sie große Not; manche sind bereits zugrunde gegangen. | |||
'''21.17''' Das Schwinden des Herrn der Nacht, das durch deinen Zorn verursacht wurde, droht die ganze Welt zu vernichten, Brahmane. | |||
'''21.18''' In den drei Welten gibt es jetzt nichts, das nicht erschüttert oder in Unordnung geraten wäre, weder unter den unbeweglichen Wesen noch unter den Vögeln, du führender Brahmane. | |||
'''21.19''' Es werden keine Opfer vollzogen, und die Asketen üben keine Askese. Aus Nahrungsmangel sind die Geschöpfe glanzlos und ausgezehrt, von Furcht bedrängt. | |||
'''21.20''' Befreie uns aus diesem Zusammenbruch, du führender Brahmane, bevor die Daityas aus der Unterwelt aufsteigen und uns bedrängen. | |||
'''21.21''' Sei dem Mond gnädig, Daksha, und mache ihn durch die Kraft deiner Askese wieder voll. Ist er voll, wird die ganze Welt zu ihrer Ordnung zurückkehren. | |||
'''21.22''' Markandeya sprach: Als Brahmas Sohn diese Worte hörte, sprach er zu den Götterscharen und zog dabei gleichsam den Dorn aus seinem Herzen. | |||
'''21.23''' Daksha sprach: Was ich als Fluch über den Herrn der Nacht ausgesprochen habe, möchte ich unter keinen Umständen unwahr machen. | |||
'''21.24''' Sucht jedoch ein Mittel, durch das mein Wort nicht völlig unwahr wird und der Mond dennoch wieder zunimmt. | |||
'''21.25''' Dieses Mittel gibt es: Einen halben Monat soll der Mond abnehmen und einen halben Monat zunehmen. Seine Frauen aber soll er gleich behandeln. | |||
'''21.26''' Markandeya sprach: Nachdem die Götterscharen seine Worte gehört und den Schöpferherrn gnädig gestimmt hatten, gingen sie dorthin, wo Chandra war. | |||
'''21.27''' Als der Weise Daksha so gesprochen hatte, ihr Zweimalgeborenen, nahmen die hohen Götter Chandra samt seinen Gemahlinnen mit und gingen voller Freude zu Brahmas Wohnstatt. | |||
'''21.28''' Dort berichteten die Edlen Brahma, dem höchsten Selbst, alles, was Daksha gesagt hatte. | |||
'''21.29''' Als Brahma aus dem Mund der Götter Dakshas Worte gehört hatte, begab er sich gemeinsam mit ihnen zum großen Berg Chandrabhaga. | |||
'''21.30''' Dort ließ der Höchste der Götter zum Wohl der Geschöpfe den hell strahlenden Mond im Brihallohita-See baden. | |||
'''21.31''' Der Stammvater, der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart kennt und die Welt unterweist, hatte schon zuvor eigens zu diesem Zweck den wasserreichen See geschaffen. | |||
'''21.32''' Wer in diesem Brihallohita genannten See badet, erlangt Freiheit von Krankheit und ein langes Leben: So wird hier seine heilige Wirkung beschrieben. | |||
'''21.33''' Als Chandra darin gebadet hatte, trat die Krankheit Rajayakshman sogleich aus seinem Körper hervor, in der bereits beschriebenen Gestalt. | |||
'''21.34''' Nachdem die königliche Schwindsucht hervorgetreten war, verneigte sie sich vor Brahma, dem Herrn der Welt, und fragte: Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? | |||
'''21.35''' Herr der Welt, bestimme für mich eine passende Wohnstatt, eine Gemahlin und meine bleibende Aufgabe; denn du bist der Schöpfer der Welten. | |||
'''21.36''' Markandeya sprach: Brahma sah, dass die Krankheit von dem Nektar, der aus Chandras Körper stammte, ganz erfüllt und kräftig geworden war, während der Herr der Nacht ausgezehrt blieb. Die Satzverknüpfung der Vorlage ist beschädigt. | |||
'''21.37''' Er packte die königliche Schwindsucht eigenhändig, presste sie wiederholt gegen den Berg und ließ den Nektar aus ihrem Körper fließen. | |||
'''21.38''' Den dabei herausgeflossenen Nektar brachte der Welterhalter an einen abgeschiedenen Ort inmitten des Milchmeers. | |||
'''21.39''' Aus dem Milchmeer sammelte er dann Stück für Stück die zermahlenen Reste jener Mondteile, die zuvor mit diesem Nektar geschwunden waren. Die Satzform ist gestört. | |||
'''21.40''' Durch den Befall mit der königlichen Schwindsucht war nur ein Mondteil übrig geblieben. Die übrigen fünfzehn nektarartigen Teile waren zuvor geschwunden. | |||
'''21.41''' Sie befanden sich im Inneren der Krankheit und waren durch deren Druck zermahlen worden. Der aus Strahlkraft, Mondschein und Nektar gefügte Leib des Herrn der Mondteile | |||
'''21.42''' war in diese drei Bestandteile zerfallen und im Inneren der königlichen Schwindsucht eingeschlossen. | |||
'''21.43''' Sein Licht war zu Staub geworden, sein Mondschein in der Krankheit aufgegangen; der ganze Nektar war verflüssigt und ruhte in ihrem Inneren. | |||
'''21.44''' Als Brahma den Nektar aus der Schwindsucht presste, kamen zugleich Mondschein, Nektar und Licht aus ihr hervor. | |||
'''21.45''' Brahma ließ die Götter auf dem Berg zurück, eilte selbst zum Milchmeer und legte all dies dort hinein. | |||
'''21.46''' Dann wusch er den Nektar, den Staub der Mondteile und den Mondschein mit Wasser, nahm die drei Bestandteile an sich und kehrte rasch zum Berg zurück. | |||
'''21.47''' Vom Milchmeer zum Chandrabhaga-Berg zurückgekehrt, legte Brahma den Staub der Mondteile, den Nektar und den Mondschein inmitten der Götter nieder. | |||
'''21.48''' Nachdem er die drei dort abgelegt hatte, trat er in die Mitte der Götter und bestimmte der königlichen Schwindsucht ihre Wohnstatt und die übrigen Verhältnisse. | |||
'''21.49''' Brahma sprach: Königliche Schwindsucht, du sollst in dem wohnen, der sich bei Tag, bei Nacht und in der Dämmerung ständig dem Liebesverkehr mit Frauen hingibt. | |||
'''21.50''' Wer trotz Schnupfen, Atembeschwerden und Husten Geschlechtsverkehr ausübt, in den sollst du eintreten; ebenso in einen, der entsprechend von Schleimleiden betroffen ist. | |||
'''21.51''' Die Tochter des Todes namens Krishna, deren Eigenschaften den deinen gleichen, soll deine Gemahlin sein und dir stets folgen. | |||
'''21.52''' Deine Aufgabe ist die Auszehrung; darin soll dein Wirkungsbereich liegen. Gehe rasch, wohin du willst, und wende dich von Chandra ab. | |||
'''21.53''' Markandeya sprach: So von Brahma entlassen, verschwand die schwere Krankheit Rajayakshman vor den Augen aller Götter. | |||
'''21.54''' Als sie verschwunden war, machte Brahma, der Stammvater der Welt, Chandra durch die Hinzufügung der fünfzehn Mondteile wieder vollständig. | |||
'''21.55''' Mit dem Staub der Mondteile samt ihrem Mondschein, gewaschen im Milchmeer und vom Nektar gereinigt, stellte der Selbstgeborene den Mond in seiner früheren Gestalt wieder her. | |||
'''21.56''' Als Chandra mit seinen sechzehn Teilen wieder vollständig wie zuvor erstrahlte, freuten sich alle Götter über seinen Anblick. | |||
'''21.57''' Der wieder volle Mond verneigte sich vor dem Stammvater. Doch inmitten der Götterversammlung sprach er, ohne recht froh zu sein: | |||
'''21.58''' Soma sprach: Brahma, mein Körper fühlt sich nicht wohl wie früher. Mir fehlen Kraft und Tatendrang, und meine Gelenke geben nach. | |||
'''21.59''' Ich vermag mich nicht mehr wie zuvor zu bewegen. Wie soll ich ohne Tatkraft Tag für Tag bestehen, Schöpfer der Welt? | |||
'''21.60''' Brahma sprach: Soma, als die Schwindsucht dich ergriffen hatte, wurden deine Gliederverbindungen aufgelöst. Sie sind noch nicht wieder vollständig hergestellt. | |||
'''21.61''' Soeben habe ich den Staub deines Körpers samt Nektar und Mondschein unmittelbar aus dem Leib der königlichen Schwindsucht herausgeholt. | |||
'''21.62''' Beim Waschen blieben kleine Teilchen davon im Wasser zurück, ebenso Anteile des Mondscheins und des Nektars. Diese fehlen dir noch. | |||
'''21.63''' Darum, König, geben deine Gelenke jetzt nach. Ich werde ein Mittel schaffen, damit du nicht weiter leidest. Das entsprechende Wort am Versende ist beschädigt. | |||
'''21.64''' Beim Opfer soll zuerst der Prajapati geweihte Opferkuchen dargebracht werden, danach der für Indra und der für Agni. | |||
'''21.65''' Anschließend habe ich dir einen Anteil am Opferkuchen zugewiesen. Wenn du diese beständig im Opfer bereitete Gabe genießt, werden Tatendrang und Kraft wie früher zurückkehren. Ein Wort der letzten Zeile ist verderbt. | |||
'''21.66''' Die Nektartropfen von dir, die im Wasser des Milchmeers zurückgeblieben sind, der Staub deines Körpers und die kleinen Anteile deines Mondscheins, | |||
'''21.67''' all dies wird im Inneren des Milchmeers durch die Verbindung mit deinem Mondlicht Tag für Tag weiter anwachsen, Mondgott. | |||
'''21.68''' Wenn das zweite Manvantara, das des Svarochisha, gekommen ist, wird aus einem Anteil Shankaras der Brahmane Durvasas entstehen, heftig wie die glühende Sonne. | |||
'''21.69''' Wegen einer Unhöflichkeit des Götterkönigs wird er einen überaus furchtbaren Fluch aussprechen und den drei Welten samt Göttern und Asuras ihre Herrlichkeit nehmen. | |||
'''21.70''' Wenn die Welt ihre Herrlichkeit verloren hat, wird ein Zusammenbruch eintreten, wie ihn jetzt dein Schwinden verursacht hat, Soma. | |||
'''21.71''' Nach menschlicher Zeitrechnung wird dies im dritten Krita-Yuga geschehen und bis zum Ablauf des Viererzyklus der Weltalter dauern. Die zeitliche Zuordnung ist in der überlieferten Form nicht völlig eindeutig. | |||
'''21.72''' Wenn darauf das vierte Krita-Yuga beginnt, werden Shambhu, Vishnu und ich gemeinsam mit den Göttern das Milchmeer quirlen. | |||
'''21.73''' Wir werden den Mandara als Quirl und Vasuki als Zugseil verwenden. Weil die Opferanteile verloren gegangen sein werden, werden wir mit Göttern und Danavas gemeinsam das Milchmeer quirlen, um Nahrung für die Götter zu gewinnen. | |||
'''21.74''' Den Nektar deines Körpers, der im Milchmeer ruht, werden wir durch das Quirlen gewinnen, angesammelt und unerschöpflich. Das letzte Wort der Vorlage ist gestört. | |||
'''21.75''' Wir werden deinen Leib unter alle Heilpflanzen mischen und ihn ins Meerwasser geben, um deinen Körper wiederherzustellen, Mondgott. | |||
'''21.76''' Wenn wir danach das Meer gequirlt und den Nektar hervorgeholt haben, wird dein Leib darin wie zuvor neu entstehen. | |||
'''21.77''' Dein Körper wird wunderbar an Lebenskraft und Stärke sein, anmutig, unvergänglich und aus Nektar bestehend, mit festen Gliederverbindungen und von großer Schönheit. | |||
'''21.78''' Markandeya sprach: Nachdem Brahma, der Stammvater der Welt, so zum nektarstrahlenden Mond gesprochen hatte, traf er Vorsorge für dessen halbmonatliches Abnehmen und Zunehmen. | |||
'''21.79''' Wie Daksha gesagt hatte, sollte der Mond einen halben Monat abnehmen und einen halben Monat zunehmen. Darauf richtete Brahma sein Bemühen. | |||
'''21.80''' Der Älteste der Götter teilte den Mond in sechzehn Teile. Nachdem er dies getan hatte, sprach er zu allen Göttern diese vortrefflichen Worte. | |||
'''21.81''' Brahma sprach: Der Mond hat sechzehn Teile. Einer davon soll von heute an auf Shambhus Haupt bleiben; die übrigen sollen schwinden, ohne von der Krankheit der Auszehrung befallen zu sein. | |||
'''21.82''' Würde Chandra nach Dakshas Wort einen halben Monat durch die Krankheit selbst zum Schwinden gebracht, so gäbe es keine wirkliche Beruhigung. | |||
'''21.83''' Stattdessen soll der Mondschein, der in vierzehn seiner Teile ruht, jeden Monat zu jenem Teil gelangen, der sich auf Shambhu befindet, ihr hohen Götter. | |||
'''21.84''' Den Nektar in diesen vierzehn Teilen sollt ihr trinken, beginnend mit dem ersten Mondtag bis zum vierzehnten. Die Bezeichnung des Nektars ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''21.85''' Die Lichtanteile sollen im Laufe der vierzehn Mondtage nacheinander in die Sonnenscheibe eingehen. So soll das Abnehmen des Mondes in der dunklen Monatshälfte geschehen. | |||
'''21.86''' Der verbleibende Mondteil soll sich am Neumondtag in einem grünen Blatt verbergen und während des ersten Viertels dieses Mondtages dort verweilen. | |||
'''21.87''' Im zweiten Viertel des Neumondtages soll er in Rohinis Haus gehen. Im dritten soll der Mond in der Sarasvati baden und wieder emporsteigen. | |||
'''21.88''' Im vierten Viertel dieses Mondtages soll Chandra, wieder voller Kraft, samt seiner Scheibe, seinem Wagen und seinen Pferden in die Sonnenscheibe eintreten. | |||
'''21.89''' So lange, wie der erste Mondteil in der dunklen Monatshälfte zum Schwinden braucht, so lange soll der erste Mondtag dauern. | |||
'''21.90''' Dasselbe gilt für den zweiten und die folgenden Mondtage der dunklen Monatshälfte. Entsprechendes Zu- und Abnehmen bestimmt die Länge der Mondtage in der hellen wie in der dunklen Hälfte. | |||
'''21.91''' In der hellen Monatshälfte soll der erste Mondtag zunächst so lange dauern, bis der zuerst hervortretende Teil sein Wachstum vollendet hat. | |||
'''21.92''' Dann soll der Mondschein des zweiten Teils zurückkehren, der zu dem Mondteil auf Haras Haupt gegangen war. Der Nektar aber soll Tag für Tag von euch getrunken werden. Die Satzfolge ist in der Vorlage unregelmäßig. | |||
'''21.93''' Vom zweiten Mondtag bis zum Vollmond wird der Mond durch seine Verbindung mit dem Mondschein immer wieder von selbst ergänzt werden, ihr hohen Götter. | |||
'''21.94''' Wie seine Teile Tag für Tag schwinden, so werden sie in der hellen Monatshälfte Tag für Tag zunehmen, ihr Götter. | |||
'''21.95''' Der Lichtanteil wird aus der Sonnenscheibe wieder zurückkehren und in der dunklen Monatshälfte in derselben Reihenfolge der Teile wieder zu ihr gehen. | |||
'''21.96''' Der Mondschein wird täglich vom Mond auf Haras Haupt zurückkehren, der Lichtanteil aus der Sonnenscheibe; der Nektar wird von selbst herabströmen. | |||
'''21.97''' So wird der nektarstrahlende Mond in der hellen Monatshälfte wachsen. Das Helle und Dunkle der beiden Monatshälften entsteht durch sein Zunehmen und Abnehmen. | |||
'''21.98''' So lange ein jeweiliger Teil zum Schwinden oder Wachsen benötigt, so lange wird der entsprechende Mondtag dauern. | |||
'''21.99''' Ob Zu- oder Abnehmen langsam oder schnell geschieht: Aus dem schnellen Verlauf ergibt sich die Verkürzung, aus dem langsamen die Verlängerung der Mondtage beim Eintritt in ihren jeweiligen Abschnitt. | |||
'''21.100''' Ohne den Mond können weder Götteropfer noch Ahnenopfer bestehen. Darum sollen die Götter den Mond schützen, damit beide gedeihen. | |||
'''21.101''' An jedem Neumondnachmittag sollen die Ahnen in Rohinis Haus vom hell strahlenden Mond kosten, von dem dann nur ein Teil übrig ist. | |||
'''21.102''' Durch dieses Kosten werden die Ahnenopfer immer weiter gedeihen. Durch diese Opfer werden die Ahnen höchste Sättigung erlangen. | |||
'''21.103''' Markandeya sprach: Alle Götterscharen handelten darauf zum Wohl der Welt nach Brahmas Anordnung und richteten das Abnehmen und Zunehmen des Mondes ein. | |||
'''21.104''' Auch Mahadeva nahm um des Mondes willen jene Gestalt des höchsten Selbst auf sein Haupt, im Beisein Brahmas und der Götter. Ein abschließendes Beiwort ist in der Vorlage unverständlich. | |||
'''21.105''' Jener Mondteil ist seinem Wesen nach das höchste, ewige, ungeborene, unwandelbare und unerschöpfliche Licht; nur durch den Fluch war er dem Schwinden unterworfen worden. | |||
'''21.106''' Wenn die Yogis in jenes höchste, alterslose Licht der Seligkeit eingehen, findet ihr Denken darin Auflösung. Die grammatische Verknüpfung des Verses ist unsicher. | |||
'''21.107''' Wenn das Bewusstsein in dem Nektarschatz auf Mahadevas Haupt aufgegangen ist, entsteht Befreiung durch das Tor des Mondes: So lautet hier die vedische Überlieferung. | |||
'''21.108''' Weil Mahadeva dies wusste, nahm er zum Wohl aller Welten den vom Zu- und Abnehmen freien Mond auf sein Haupt. | |||
'''21.109''' Durch die Berührung mit dem Mondschein wachsen die Pflanzen. Wenn alle Pflanzen gedeihen, werden die Opfer wieder vollzogen. | |||
'''21.110''' Wenn die Opfer stattfinden, empfangen die Götter ihre jeweiligen Anteile und die Ahnen reichliche Ahnenopfer. | |||
'''21.111''' Durch den Nektar, den Brahma einst für die Götter schuf, werden auch diejenigen Götter gesättigt, die keinen Anteil an den Opfergaben erhalten. | |||
'''21.112''' Auch dieser Nektar wird durch das Opfer genährt und wächst durch den Mondschein. Ohne Opfer und Mondschein würde er dagegen schwinden. | |||
'''21.113''' So ist der Mond selbst eine Grundlage des Nektars und des Opfers. Darum wurde dieses Mittel geschaffen, um ihn vor Dakshas Fluch zu bewahren. | |||
'''21.114''' Noch heute trinken die Götter in der dunklen Monatshälfte den Nektar des Mondes. Sein Licht geht zur Sonne, sein Mondschein zu dem Halbmond auf Shambhu. | |||
'''21.115''' In der hellen Monatshälfte tritt zunächst der verbleibende Teil wieder hervor; darauf folgen der Mondschein und der Lichtanteil des zweiten Teils. | |||
'''21.116''' Die übrigen kehren der Reihe nach vom Mond auf Shivas Haupt und aus der Sonnenscheibe zurück. Sechzehn Teile hat der Mond; einer davon bleibt als Schmuck auf Shambhus Haupt. | |||
'''21.117''' Die helle und die dunkle Monatshälfte sind das Aufgehen und Schwinden der übrigen Teile. Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie Brahma den Mond auf dem herrlichen Berg teilte und wie dieser dadurch Chandrabhaga genannt wurde. | |||
'''21.118''' Auch habe ich erklärt, warum er den Mond trotz der vorhandenen Opferanteile zur Nahrung der Götter und trotz der Ahnenopfer zur Nahrung der Ahnen machte und wie die Verlängerung und Verkürzung der Mondtage entsteht. | |||
'''21.119''' Wer diese überaus heilige Erzählung auch nur einmal hört, in dessen Familie wird niemals die königliche Schwindsucht auftreten: So lautet die traditionelle Verheißung des Textes. | |||
'''21.120''' Wer von Schwindsucht befallen ist und Brahmas Worte hört, soll bald von ihr frei werden. Die Vorlage überliefert an dieser Stelle „verbunden“ statt des dem Zusammenhang nach erwarteten „befreit“; die Aussage ist daher textlich unsicher. | |||
'''21.121''' Diese heilige, glückbringende Erzählung ist verborgener als das Verborgene. Wer sie mit gesammeltem Geist hört, wird an großem heiligem Verdienst teilhaben. | |||
===Kapitel 22=== | |||
Die Versnummern 80–82 fehlen in der Vorlage; nach 79 folgt 83. | |||
'''22.1''' Markandeya sprach: An der Bergflanke, an der die Götterversammlung stattgefunden hatte, entstand auf Brahmas Wort hin ein göttlicher Fluss namens Sita. | |||
'''22.2''' Nachdem die Götter den Mond mit dem lieblichen Wasser der Sita gebadet hatten, tranken sie auf Brahmas Geheiß von ihm. | |||
'''22.3''' Durch das Bad des Mondes wurde das Wasser der Sita mit Nektar erfüllt und fiel in den See namens Brihallohita. | |||
'''22.4''' Das so vermehrte Wasser fand in dem See keinen Raum mehr. Brahma selbst sah, wie das nektarhaltige Wasser anschwoll. | |||
'''22.5''' Unter seinem Blick erhob sich daraus eine herrliche Jungfrau. Brahma selbst gab ihr darauf den Namen Chandrabhaga. | |||
'''22.6''' Mit Brahmas Zustimmung nahm der Ozean sie zur Gemahlin. | |||
'''22.7''' Der Herr der Nacht durchbrach mit der Spitze seiner Keule die Westseite des Berges und ließ das von ihr bewohnte Wasser hindurchströmen. | |||
'''22.8''' So durchbrach der Chandrabhaga-Fluss mit seinem Nektarwasser den Rand des Brihallohita-Sees und floss zum Meer. | |||
'''22.9''' Auch der Ozean führte seine Gemahlin, den großen Chandrabhaga-Fluss, mit diesem Wasserstrom in sein eigenes Haus. | |||
'''22.10''' So entstand auf dem großen Chandrabhaga-Berg der gleichnamige Fluss, der in seinen heiligen Eigenschaften stets der Ganga ebenbürtig ist. | |||
'''22.11''' Alle Flüsse und Berge besitzen von Natur aus zwei Gestalten: Die eine Gestalt der Flüsse ist ihr Wasser, die andere ihr persönlicher Leib. | |||
'''22.12''' Die eine Gestalt der Berge ist ihre unbewegliche Masse, die andere ein persönlicher Körper. Wie bei Muscheln und Schneckengehäusen der lebendige Leib im Inneren ruht, | |||
'''22.13''' während die äußere Gestalt jederzeit sichtbar besteht, so verhält es sich auch mit dem Wasser der Flüsse und der festen Masse der Berge. | |||
'''22.14''' Der persönliche Körper wohnt im Inneren und tritt nicht jederzeit hervor. | |||
'''22.15''' Der persönliche Körper eines Berges wird durch seine feste Masse genährt; ebenso wird der Körper eines Flusses stets durch sein Wasser genährt. | |||
'''22.16''' Zum Bestand der Welt verlieh Vishnu einst den Flüssen und Bergen sorgfältig die Fähigkeit, beliebige Gestalt anzunehmen. | |||
'''22.17''' Wenn das Wasser schwindet, erleidet der Fluss Schmerz; wenn die feste Masse zerfällt, entsteht Schmerz im persönlichen Körper des Berges. | |||
'''22.18''' Auf jenem Chandrabhaga-Berg sah Vasishtha Sandhya am Ufer des Brihallohita-Sees und fragte sie voller Achtung. | |||
'''22.19''' Vasishtha sprach: Warum bist du zu diesem einsamen Berg gekommen, Glückverheißende? Wessen Tochter bist du, Helle, und was hast du vor? | |||
'''22.20''' Das möchte ich hören, sofern es kein Geheimnis ist. Und warum hat dein Gesicht, das dem Vollmond gleicht, seinen Glanz verloren? | |||
'''22.21''' Markandeya sprach: Sandhya hörte die Worte des edlen Vasishtha und sah den großen Weisen, der wie Feuer leuchtete, | |||
'''22.22''' mit verfilztem Haar, als wäre die Enthaltsamkeit selbst verkörpert. Sie verneigte sich ehrerbietig und sprach zu ihm, dessen Reichtum Askese war. | |||
'''22.23''' Sandhya sprach: Bester Brahmane, das Ziel, um dessentwillen ich auf den Berg gekommen bin, ist durch deinen bloßen Anblick bereits erreicht oder wird nun erreicht werden, Mächtiger. | |||
'''22.24''' Brahmane, ich bin zu diesem einsamen Berg gekommen, um Askese zu üben. Ich bin aus Brahmas Geist geboren und unter dem Namen Sandhya bekannt. | |||
'''22.25''' Ich kenne die Unterweisung in der Askese nicht, bester Weiser. Wenn es dir angemessen erscheint, unterweise mich in ihrem Geheimnis. Dies ist mein verborgenes Vorhaben; ein anderes habe ich nicht. | |||
'''22.26''' Ohne das Wesen der Askese zu kennen, habe ich diesen Asketenwald aufgesucht. Vor Sorge zehre ich aus, und mein Geist zittert unablässig. | |||
'''22.27''' Markandeya sprach: Brahmas Sohn Vasishtha hörte ihre Worte. Da er die ganze Wirklichkeit kannte, fragte er nach nichts Weiterem. | |||
'''22.28''' Er sah ihre Selbstbeherrschung und ihren festen Entschluss zur Askese. Darauf unterwies er sie wie ein Lehrer seine Schülerin. | |||
'''22.29''' Vasishtha sprach: Richte deinen Geist auf Vishnu, das höchste große Licht, die höchste Kraft der Askese und den Höchsten, der zu verehren ist. | |||
'''22.30''' Verehre allein ihn, den höchsten Purusha, den Ursprung der Welten und die erste Ursache von Dharma, Wohlstand, Erfüllung der Wünsche und Befreiung. | |||
'''22.31''' Betrachte ihn mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus in den Händen, mit lotosgleichen Augen, leuchtend wie reiner Bergkristall oder wie eine dunkle Regenwolke. | |||
'''22.32''' Hari sitzt im Lotussitz auf einem weißen Lotus über Garuda. Seine Brust trägt das Shrivatsa-Zeichen; er ist friedvoll, erhaben und mit einer Waldblumengirlande geschmückt. | |||
'''22.33''' Er trägt Armreifen und Ohrringe und erstrahlt mit einer hohen Krone. Er ist formlos, nur durch Erkenntnis erreichbar, und zugleich gestaltet, einen Leib annehmend. | |||
'''22.34''' Er ist ewige Seligkeit, ruht in sich selbst und weilt inmitten der Sonnenscheibe. Verehre Vishnu, den Herrn der Götter, mit dem folgenden Mantra, du mit dem schönen Gesicht. | |||
'''22.35''' Sprich beständig: „Om, Verehrung Vasudeva, Om“, mit Om auch am Ende. Beginne die Askese des Schweigens. Höre nun die dazugehörigen Regeln. | |||
'''22.36''' Das Bad und die Verehrung sollen schweigend vollzogen werden. Bei den ersten beiden als „sechste Zeit“ bezeichneten Mahlzeiten sollst du Blätter und Wasser zu dir nehmen, bei der dritten fasten. Die genaue zeitliche Einteilung bleibt in der knappen Vorschrift offen. | |||
'''22.37''' So soll während dieser Askese die entsprechende Handlung jeweils zur sechsten Zeit erfolgen. Trage Baumrinde und schlafe zur vorgesehenen Zeit auf dem Erdboden. Diese schweigende Gelübdepraxis wird Askese genannt und trägt Frucht. | |||
'''22.38''' Richte so deine Askese ein und betrachte Madhava mit deinem Anliegen im Herzen. Wenn er dir gnädig ist, wird er dir das Ersehnte bald schenken. | |||
'''22.39''' Markandeya sprach: Nachdem Vasishtha Sandhya in die Ausübung der Askese eingewiesen hatte, verabschiedete er sich gebührend und verschwand dort. | |||
'''22.40''' Sandhya freute sich, nun das Wesen der Askese zu kennen, und begann am Ufer des Brihallohita-Sees ihre Übung. | |||
'''22.41''' Mit dem von Vasishtha gelehrten Mantra als Mittel der Askese und mit dem entsprechenden Gelübde verehrte sie Govinda voller Hingabe. | |||
'''22.42''' Während sie mit gesammeltem Sinn diese große Askese übte und ihren Geist ganz in Vishnu ruhen ließ, verging ein vollständiger Zyklus der vier Weltalter. | |||
'''22.43''' Niemand sah ihre wunderbare Askese, ohne zu staunen. Eine solche asketische Lebensführung wird auch künftig niemand sonst erreichen. | |||
'''22.44''' Nachdem nach menschlichem Maß ein Zyklus der vier Weltalter vergangen war, offenbarte Vishnu seine Gestalt im Inneren, außen und im Luftraum. | |||
'''22.45''' Zufrieden mit ihr erschien der Herr der Welt sichtbar vor ihr, genau in jener Gestalt, die sie betrachtet hatte. | |||
'''22.46''' Sie sah vor sich den Hari, den sie im Geist betrachtet hatte: mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus, mit lotosgleichen Augen, | |||
'''22.47''' mit Armreifen und Ohrringen, leuchtender Krone, auf Garuda sitzend, seine Haut wie die Blütenblätter einer blauen Wasserlilie. | |||
'''22.48''' Ehrfürchtig erschrocken dachte sie: Was soll ich sagen? Wie soll ich Hari preisen? Von dieser Überlegung erfüllt, schloss sie die Augen. | |||
'''22.49''' Als sie die Augen geschlossen hatte, trat Hari in ihr Herz ein und schenkte ihr göttliche Erkenntnis, göttliche Rede und göttliche Augen. | |||
'''22.50''' Nachdem sie diese Erkenntnis, Schau und Rede empfangen hatte, erblickte sie Govinda unmittelbar und pries den Herrn der Welten. | |||
'''22.51''' Sandhya sprach: Formlos und durch Erkenntnis erreichbar ist dein Wesen, weder grob noch fein noch räumlich erhöht; Yogis betrachten deine Gestalt im Inneren. Dir, Hari, sei meine Verehrung! | |||
'''22.52''' Heilsam, friedvoll, rein und unveränderlich, jenseits gewöhnlicher Erkenntnis, hell strahlend und alles durchdringend, sonnenähnlich und jenseits der Finsternis ist deine Gestalt. Vor dir, dem Gütigen, verneige ich mich. | |||
'''22.53''' Eins, rein, leuchtend und voller Freude, Seligkeit des Bewusstseins, aus Klarheit hervorgehend und Schuld tilgend, ewige Wonne, Wahrheit, überaus gütig und Herrlichkeit verleihend ist deine Gestalt. Ihr sei Verehrung! | |||
'''22.54''' Dein Selbstwesen ist durch Erkenntnis zu erschließen, von gewöhnlichen Erscheinungen unterschieden und hinter dem Sattva verborgen; es ist zu meditieren, der innerste Kern, das andere Ufer und das Reinste des Reinigenden. Dir, dessen Gestalt dies ist, sei Verehrung! Einzelne Verbindungen sind unsicher. | |||
'''22.55''' Du bist beständig aufrichtig und unvergänglich. Die im Yoga Gesammelten betrachten dich durch seine acht Glieder. Wenn Yogis im Erkenntnisyoga deine alldurchdringende Wirklichkeit erreichen, gelangen sie zum Höchsten. Dir sei Verehrung! | |||
'''22.56''' Deine sichtbare Gestalt ist rein und bezaubernd: Du sitzt auf Garuda, leuchtest wie eine blaue Wolke und hältst Muschel, Diskus, Lotus und Keule. Dir, dem im Yoga Geeinten, sei Verehrung! | |||
'''22.57''' Raum, Erde, Himmelsrichtungen, Wasser, Feuer, Wind und Zeit sind deine Gestalten. Dir sei Verehrung! | |||
'''22.58''' Urnatur und Purusha bestehen als Bestandteile deines Wirkens. Dir, Govinda in unoffenbarer Gestalt, sei Verehrung! | |||
'''22.59''' Du selbst bist die fünf Elemente und ihre höchsten Eigenschaften; du selbst bist die Grundlage der Welt. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''22.60''' Du bist der höchste, uranfängliche Purusha, das höchste Selbst und das Wesen der ganzen Welt, der unerschöpfliche, unwandelbare Gott. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''22.61''' Als Brahma vollziehst du die Schöpfung, als Vishnu die Erhaltung, als Rudra wirst du die Auflösung bewirken. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''22.62''' Immer wieder Verehrung der Ursache aller Ursachen, dem Spender göttlicher, unsterblicher Erkenntnis und Herrlichkeit, der die Welten in Verzauberung hüllt, dessen Wesen Licht ist und der über allem Hohen steht! | |||
'''22.63''' Die große Welt wird deine Entfaltung genannt: Erde, Richtungen, Sonne und Mond; aus deinem Mund das Feuer, aus deinem Nabel der Luftraum. Dir, Hari, sei Verehrung! Die Aufzählung enthält eine beschädigte Verbindung. | |||
'''22.64''' Du bist das Höchste und das höchste Selbst, Hari; du bist die mannigfaltige Erkenntnis, das Brahman als heiliges Wort und das höchste Brahman, erhabener als alles, was die Betrachtung erreicht. | |||
'''22.65''' Wie könnte ich den Gott preisen, den Herrn der Welt, der weder Anfang noch Mitte noch Ende hat und außerhalb der Reichweite von Rede und Denken liegt? | |||
'''22.66''' Nicht einmal Brahma und die übrigen Götter oder die an Askese reichen Weisen können deine Gestalten entfalten. Wie sollte ich dich beschreiben? | |||
'''22.67''' Wie könnte ich als Frau die Eigenschaften des eigenschaftslosen Herrn erkennen, dessen Wesen selbst Götter und Asuras samt Indra nicht kennen? | |||
'''22.68''' Verehrung dir, Herr der Welt! Verehrung dir, dessen Wesen Askese ist! Sei gnädig, Erhabener. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''22.69''' Markandeya sprach: Hari sah ihren ausgezehrten Körper, mit Baumrinde und einem Tierfell bedeckt, und die heiligen Flechten, die ihr Haupt schmückten. | |||
'''22.70''' Ihr Gesicht glich einem Lotus, den der Frost getroffen hat. Von Mitgefühl erfüllt, sprach Hari zu ihr. | |||
'''22.71''' Der Erhabene sprach: Deine höchste Askese und dein Lobpreis haben mich erfreut, Glückverheißende mit reinem Verständnis. Wähle jetzt einen Wunsch. | |||
'''22.72''' Was immer du durch einen Segen zu erreichen wünschst und im Herzen trägst, werde ich erfüllen. Heil sei dir! Deine Gelübde haben mich gnädig gestimmt. | |||
'''22.73''' Sandhya sprach: Wenn du jetzt durch meine Askese zufriedengestellt bist, Gott, dann gewähre mir zuerst den folgenden erwählten Wunsch. | |||
'''22.74''' Herr der Götter, die Wesen dieser Welt sollen nicht schon unmittelbar nach ihrer Geburt geschlechtliches Verlangen haben. Es soll sich erst allmählich entwickeln. | |||
'''22.75''' Ferner soll ich in allen drei Welten als eine gattentreue Frau bekannt werden, der darin keine andere gleichkommt. Dies ist ein weiterer Wunsch. | |||
'''22.76''' Mein begehrender Blick soll auf niemanden außer auf meinen Gemahl fallen, Herr der Welt. Auch er soll überaus tugendhaft sein. | |||
'''22.77''' Ein Mann, der mich mit geschlechtlichem Begehren ansieht, soll seine Manneskraft verlieren und unfähig zur Zeugung werden. | |||
'''22.78''' Der Erhabene sprach: Der erste Lebenszustand ist das Säuglingsalter, der zweite die Kindheit, der dritte die Jugend und der vierte das Greisenalter. | |||
'''22.79''' Wenn die verkörperten Wesen den dritten Lebensabschnitt erreichen, sollen sie geschlechtliches Verlangen empfinden; vereinzelt wird dies schon am Ende des zweiten geschehen. | |||
'''22.83''' Dein Gemahl wird mit großer Askesekraft begabt sein, Edle, und gemeinsam mit dir bis zum Ende von sieben Kalpas leben. | |||
'''22.84''' Damit habe ich die Wünsche erfüllt, die du von mir erbeten hast. Noch etwas will ich dir über das sagen, was du schon früher im Herzen beschlossen hattest. | |||
'''22.85''' Du hattest dir vorgenommen, deinen Körper im Feuer abzulegen. Dies soll beim zwölfjährigen Opfer des Weisen Medhatithi geschehen. | |||
'''22.86''' Bald sollst du ihn dort dem lodernden Feuer übergeben. Unten an diesem Berg, am Ufer des Chandrabhaga-Flusses, | |||
'''22.87''' vollzieht Medhatithi in einer Asketeneinsiedelei ein großes Opfer. | |||
'''22.88''' Gehe verborgen dorthin, von den Weisen unbemerkt. Durch meine Gnade wirst du aus dem Feuer geboren und seine Tochter werden. | |||
'''22.89''' Denjenigen, den du dir im Herzen zum Gemahl wünschst, halte in deinem Inneren fest, wenn du deinen Körper im Feuer ablegst. | |||
'''22.90''' Sandhya, während du hier auf dem Berg einen ganzen Zyklus der vier Weltalter hindurch harte Askese übtest, geschah nach dem Ende des Krita-Yuga Folgendes: | |||
'''22.91''' Zu Beginn des Treta-Yuga wurden Dakshas Töchter geboren. Siebenundzwanzig von ihnen gab er dem nektarstrahlenden Mond zur Frau. | |||
'''22.92''' Als Daksha den Mond um dieser Töchter willen im Zorn verfluchte, kamen sämtliche Götter hier in deine Nähe. | |||
'''22.93''' Du sahst die Götter samt Brahma nicht, Sandhya, weil dein Geist ganz in mir ruhte. Auch sie sahen dich nicht. | |||
'''22.94''' Als Brahma hier den Chandrabhaga-Fluss schuf, um den Mond von seinem Fluch zu lösen, traf auch Medhatithi hier ein. | |||
'''22.95''' Niemand gleicht ihm an Askese, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Er hat ein Opfer begonnen, den Jyotishtoma nach dem großen Ritus. | |||
'''22.96''' Dort lodert das Feuer. In ihm sollst du deinen eigenen Körper ablegen. | |||
'''22.97''' Dies habe ich für die Erfüllung deines Vorhabens eingerichtet, Asketin. Vollziehe es, Edle, und gehe zum Opfer des großen Weisen. | |||
'''22.98''' Markandeya sprach: Narayana selbst berührte Sandhya mit seiner Hand. Sogleich wurde ihr Körper seinem Wesen nach zu Opferkuchen. | |||
'''22.99''' Dies geschah, damit das Feuer bei jenem großen, dem Wohl der Welt dienenden Opfer des Weisen nicht zu einem Fleischverzehrer würde. Die entsprechende Wortform der Vorlage ist beschädigt. | |||
'''22.100''' Nachdem der Herr der Welt dies bewirkt hatte, verschwand er dort. Sandhya ging zu der Opferversammlung des Weisen Medhatithi. | |||
'''22.101''' Durch Vishnus Gnade von niemandem bemerkt, betrat sie das Opfer des Weisen. | |||
'''22.102''' Zuvor hatte Vasishtha auf Brahmas Geheiß die Gestalt eines jungen Brahmanenschülers angenommen und sie in der Askese unterwiesen. | |||
'''22.103''' Diesen Brahmanen, ihren enthaltsamen Lehrer der Askese, stellte Sandhya sich nun im Herzen als ihren künftigen Gemahl vor. | |||
'''22.104''' Dann trat Brahmas Tochter durch Vishnus Gnade, von den Weisen unbemerkt, in das lodernde Feuer des großen Opfers ein. | |||
'''22.105''' Ihr aus Opferkuchen bestehender Körper verbrannte sogleich und verbreitete unbemerkt den Duft von Opferkuchen. | |||
'''22.106''' Agni verbrannte ihren Körper und ließ ihn, gereinigt, auf Vishnus Geheiß in die Sonnenscheibe eingehen. | |||
'''22.107''' Die Sonne gab ihm einen Platz, um Götter und Ahnen zu erfreuen. | |||
'''22.108''' Die obere Hälfte ihres Körpers wurde zur Morgendämmerung, ihr Besten der Zweimalgeborenen, an der Grenze zwischen dem Ende der Nacht und dem Beginn des Tages. | |||
'''22.109''' Der verbleibende Teil wurde zur Abenddämmerung an der Grenze zwischen Tagesende und Nacht; sie erfreut stets die Ahnen. | |||
'''22.110''' Wenn vor Sonnenaufgang das erste Morgenrot erscheint, erhebt sich die Morgendämmerung und erfreut die Götter. | |||
'''22.111''' Nach dem Untergang der Sonne erhebt sich die Abenddämmerung, einem roten Lotus gleich, und erfreut die Ahnen. | |||
'''22.112''' Ihre Lebenskräfte aber wurden durch den mächtigen Vishnu kraft seines Geistes mit einem göttlichen Körper neu verkörpert. | |||
'''22.113''' Als das Opfer des Weisen zu Ende ging, fand er sie als seine Tochter inmitten des Feuers, glänzend wie geschmolzenes Gold. | |||
'''22.114''' Freudig nahm der Weise seine Tochter an sich. Er badete sie mit dem Opferwasser und setzte sie voller Liebe auf seinen Schoß. | |||
'''22.115''' Der große Weise gab ihr den Namen Arundhati. Von seinen Schülern umgeben, empfand er darüber höchste Freude. | |||
'''22.116''' Weil sie den Dharma unter keinen Umständen hemmt, erhielt sie diesen in den drei Welten bekannten, bedeutungsvollen Namen: Arundhati, „die nicht hemmt“. | |||
'''22.117''' Nachdem der Weise das Opfer vollendet hatte, fühlte er seine Aufgabe erfüllt. Voller Freude über die gewonnene Tochter lebte er mit seinen Schülern in seiner Einsiedelei und umgab sie beständig mit Liebe. | |||
===Kapitel 23=== | |||
'''23.1''' Markandeya sprach: Die Göttin wuchs in der Einsiedelei des großen Weisen am Ufer der Chandrabhaga auf, die Tapasaranya, „Asketenwald“, hieß. | |||
'''23.2''' Wie die Mondsichel in der hellen Monatshälfte beständig wächst und ihr Licht zunimmt, so wuchs auch Arundhati heran. | |||
'''23.3''' Als sie ihr fünftes Lebensjahr erreicht hatte, heiligte die Tugendhafte durch ihre Eigenschaften den Chandrabhaga-Fluss und den Asketenwald. Die Satzform des ersten Halbverses ist beschädigt. | |||
'''23.4''' Jener hochheilige, von Medhatithi aufgesuchte Badeplatz wurde durch Arundhatis kindliche Spiele zu einer geläuterten Stätte. | |||
'''23.5''' Noch heute gelangt ein Mensch zu Hari, wenn er im Asketenwald im Wasser der Chandrabhaga an Arundhatis heiligem Badeplatz badet. | |||
'''23.6''' Wer den ganzen Monat Karttika im Wasser der Chandrabhaga badet, gelangt zu Vishnus Wohnstatt und erreicht am Ende Befreiung. | |||
'''23.7''' Wer im Monat Magha am Vollmond- oder am Neumondtag auch nur einmal im Wasser der Chandrabhaga badet, | |||
'''23.8''' in dessen Familie wird niemals die königliche Schwindsucht auftreten. Nach dem Tod gelangt er zunächst zur Wohnstatt des Mondes und dann zu Haris Haus. | |||
'''23.9''' Kehrt er nach dem Verbrauch seines heiligen Verdienstes hierher zurück, wird er ein vedakundiger Brahmane. Wer Chandrabhaga-Wasser trinkt, gelangt in die Mondwelt. | |||
'''23.10''' Wer darin auch nur einmal nach der vorgeschriebenen Ordnung badet, erlangt das Verdienst von zehntausend Pferdeopfern. | |||
'''23.11''' Einst sah der Lotusgeborene auf seinem Weg durch den Himmel Arundhati: Nach ihrem Bad in der Chandrabhaga spielte sie kindlich am Ufer in der Nähe ihres Vaters. | |||
'''23.12''' Brahma, der erhabene Stammvater der Welt, stieg herab und erkannte, dass für Arundhati die Zeit der Unterweisung gekommen war. | |||
'''23.13''' Von Medhatithi und den anderen Weisen verehrt, sprach Brahma zu jenem großen Weisen die passenden Worte. | |||
'''23.14''' Brahma sprach: Großer Weiser, jetzt ist Arundhatis Zeit für Unterweisung gekommen. Bringe sie deshalb in die Nähe tugendhafter Frauen. | |||
'''23.15''' Frauen sollen von Frauen unterwiesen werden; nur ausnahmsweise geschieht dies anders. Gib deine Tochter in die Obhut von Bahula und Savitri. | |||
'''23.16''' Durch den Umgang mit diesen beiden wird deine Tochter bald mit großen Tugenden und innerem Reichtum ausgestattet sein. | |||
'''23.17''' Als der treffliche Weise Medhatithi die Worte Brahmas, des höchsten Selbst, gehört hatte, antwortete er: „So soll es geschehen.“ | |||
'''23.18''' Nachdem der Höchste der Götter gegangen war, nahm Medhatithi seine Tochter mit und begab sich sogleich zur Wohnstatt der Sonne. | |||
'''23.19''' Dort sah er die Göttin Savitri inmitten der Sonnenscheibe: hell, im Lotussitz sitzend und eine Gebetskette haltend. | |||
'''23.20''' Nachdem der Weise sie erblickt hatte, trat sie aus der Sonnenscheibe hervor und ging rasch zu Bahula auf den Manasa-Berg. Die Verbindung der Namen ist in der Vorlage gestört. | |||
'''23.21''' Jeden Tag trafen sich auf dem Manasa-Berg diese fünf: Savitri, Gayatri, Bahula, Sarasvati und Drupada. | |||
'''23.22''' Sie erzählten einander heilige Geschichten und Überlieferungen über den Dharma und kehrten dann zum Wohl der Welten an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück. | |||
'''23.23''' Als der an Askese reiche Medhatithi sie alle beisammen sah, verneigte er sich vor jeder einzelnen dieser Mütter der ganzen Welt. | |||
'''23.24''' Staunend und ehrfürchtig darüber, sie gemeinsam anzutreffen, sprach der Weise mit sanften Worten zu ihnen. | |||
'''23.25''' Medhatithi sprach: Mutter Savitri, Bahula, dies ist meine Tochter mit ihrem guten Herzen. Die Zeit ihrer Unterweisung ist gekommen; deshalb bin ich hier. | |||
'''23.26''' Der Schöpfer der Welt hat bestimmt, dass sie eure Schülerin werden soll. Auf sein Geheiß habe ich mein Töchterchen zu euch gebracht. | |||
'''23.27''' Unterweist mein Kind so, ihr Göttinnen, dass es einen guten Charakter gewinnt. Mutter, Mutter, euch beiden sei Verehrung! | |||
'''23.28''' Darauf sprach die Göttin Savitri gemeinsam mit Bahula lächelnd zu dem besten Weisen und zu dem Mädchen. | |||
'''23.29''' Die beiden sprachen: Brahmane, durch Vishnus Gnade besitzt deine Tochter schon jetzt einen guten Charakter. Was könnte eine Unterweisung dem noch hinzufügen? | |||
'''23.30''' Dennoch werden ich und die tugendhafte Bahula auf Brahmas Wort hin deine Tochter so unterrichten, dass sie bald gefestigt und einsichtsvoll wird. | |||
'''23.31''' Früher war Arundhati Brahmas Tochter. Durch die Kraft deiner Askese und durch Vishnus Gnade wurde sie nun deine Tochter. | |||
'''23.32''' Diese Tugendhafte wird deine Familie läutern und wachsen lassen. Den Menschen und Göttern wird sie Heil bringen. | |||
'''23.33''' Markandeya sprach: Von ihnen entlassen, sprach Medhatithi seiner Tochter Arundhati Mut zu, verneigte sich vor den Göttinnen und kehrte an seinen Wohnort zurück. | |||
'''23.34''' Nachdem der große Weise gegangen war, lebte Arundhati froh und ohne Furcht bei den beiden, die sie wie Mütter behüteten. | |||
'''23.35''' Manchmal ging sie nachts mit Savitri in das Haus der Sonne, manchmal mit Bahula in Indras Haus. | |||
'''23.36''' So bewegte sich die Göttin mit den beiden in den Götterwohnungen und verbrachte dort sieben Jahre nach göttlichem Maß. | |||
'''23.37''' Von ihnen unterwiesen, lernte die Tugendhafte in kurzer Zeit die ganze Lehre von den Pflichten der Frauen und übertraf darin sogar Savitri und Bahula. Die Form für „unterwiesen“ ist in der Vorlage gestört. | |||
'''23.38''' Als die rechte Zeit gekommen war, entfaltete sich ihre Jugend in schöner Pracht, wie die Schönheit der Lotuspflanzen. | |||
'''23.39''' In dieser Jugendblüte wanderte sie eines Tages allein auf dem Manasa-Berg und sah den anmutigen, strahlenden Weisen Vasishtha. | |||
'''23.40''' Als sie ihn erblickte, erwachte in der Tugendhaften das Verlangen nach ihm: Er leuchtete wie die junge Sonne, war schön gestaltet und von brahmanischer Herrlichkeit erfüllt. | |||
'''23.41''' Auch im mächtigen Vasishtha erwachte beim Anblick der schönen Arundhati die Liebe, und er betrachtete sie. | |||
'''23.42''' Als sie einander ansahen, wuchs ihr Verlangen grenzenlos, ihr besten Brahmanen, wie die Liebe bei gewöhnlichen Menschen. | |||
'''23.43''' Doch Medhatithis Tochter fasste sich und hielt sich selbst und ihren vom Liebesgott erregten Geist zurück. | |||
'''23.44''' Auch der mächtige Vasishtha gewann seine Festigkeit zurück und zügelte seinen vom Liebesgott aufgewühlten Geist. | |||
'''23.45''' Arundhati verließ darauf die Nähe des Weisen und ging zu Savitri, während sie ihren eigenen Wunsch tadelte. | |||
'''23.46''' Die überaus Tugendhafte litt unter schwerer innerer Qual und dachte: Ich habe meinen Zustand der Treue aufgegeben. | |||
'''23.47''' Unter diesem seelischen Schmerz verlor ihr Gesicht die Farbe, ihr ganzer Körper wurde matt, und ihr Gang geriet ins Schwanken. | |||
'''23.48''' Sie tadelte ihren eigenen Geist und überlegte: Fein wie eine Faser im Lotusstängel und augenblicklich zerreißbar | |||
'''23.49''' ist der Stand der tugendhaften Frauen; schon geringe Unbeständigkeit zerstört ihn. Dies lehrte mich die in ihren Gelübden bewährte Savitri bei der Unterweisung in den Pflichten der Frauen. | |||
'''23.50''' Sie bezeichnete dies als den herausgezogenen Kern der Treue. Nun habe ich ihn vernichtet, indem ich den Wunsch nach einem anderen Mann | |||
'''23.51''' in mir wachsen ließ. Was wird mir deshalb hier und im Jenseits widerfahren? So dachte Medhatithis Tochter. | |||
'''23.52''' Schmerzerfüllt gelangte sie zu den Göttinnen Bahula und Savitri. Als Savitri die Tugendhafte mit ihrem blassen Gesicht sah, | |||
'''23.53''' in Grübeln und Sorge versunken, dachte sie nach. Durch göttliche Erkenntnis erfasste sie alles: | |||
'''23.54''' wie Vasishtha und Arundhati einander gesehen hatten und wie in beiden ein überaus schwer zu ertragendes Verlangen gewachsen war. | |||
'''23.55''' Die göttlich schauende Savitri erkannte auch den Grund der Blässe ihres Gesichts. Sie legte die Hand auf Medhatithis Tochter. | |||
'''23.56''' Die große Göttin Savitri, in ihren Gelübden bewährt, sagte: Mein Kind, warum hat dein Gesicht seine Farbe verloren? | |||
'''23.57''' Warum ist dein Körper welk geworden wie ein Lotus, dessen Stängel abgerissen ist und den die Sonnenstrahlen versengen, du Tugendreichste? | |||
'''23.58''' Du gleichst der Mondscheibe hinter einer dünnen dunklen Wolke. Auch dein Inneres scheint von Sorge erfüllt. Erzähle mir dein Geheimnis, Glückverheißende, sofern dies dir keinen weiteren Schmerz bereitet. | |||
'''23.59''' Markandeya sprach: Obwohl ihre Mutter und Lehrerin Savitri sie so fragte, senkte Arundhati aus Scham das Gesicht und sagte nichts. | |||
'''23.60''' Als Medhatithis Tochter kein Wort hervorbrachte, enthüllte die asketische Savitri selbst den Zusammenhang und sprach zu ihr. | |||
'''23.61''' Savitri sprach: Mein Kind, der sonnenähnliche Weise, den du gesehen hast, ist Vasishtha, Brahmas Sohn. Er wird dein Gemahl sein. Eure eheliche Verbindung hat Brahma schon früher bestimmt. | |||
'''23.62''' Darum ist deine Treue durch seinen Anblick nicht vermindert worden. Dass dein Herz bei seinem Anblick Verlangen empfand, | |||
'''23.63''' bringt dir keine Schuld, Tochter. Gib deshalb deinen inneren Schmerz auf. In deiner früheren Geburt hast du höchste Askese geübt, du Schöne, | |||
'''23.64''' und gerade ihn zum Geliebten erwählt. Deshalb begehrt auch er dich. Höre, mein Kind, wie du damals diesen Vasishtha zum Gemahl erwähltest und mit welcher Gesinnung du beständig Askese übtest. | |||
'''23.65''' Markandeya sprach: Darauf erzählte Savitri, wie sie einst Sandhya gewesen war, | |||
'''23.66''' zu welchem Zweck sie auf dem Chandrabhaga-Berg Askese geübt hatte und wie Vasishtha in der Gestalt eines jungen Brahmanenschülers auf Brahmas | |||
'''23.67''' Geheiß sie in der schwer zu vollziehenden Askese unterwiesen hatte; wie der erhabene Vishnu, durch sie zufriedengestellt, sichtbar erschienen war, | |||
'''23.68''' welche Wünsche er ihr erfüllt und welche Grenze er begründet hatte, und wie sie den Weisen Vasishtha zum Gemahl gewünscht hatte; | |||
'''23.69''' wie sie beim Opfer Medhatithis ihren Körper im Feuer abgelegt hatte und wie sie seine Tochter geworden war: All dies erzählte sie ausführlich. | |||
'''23.70''' Gemeinsam mit Bahula berichtete Savitri ihr die Ereignisse der Reihe nach. | |||
'''23.71''' Als Arundhati hörte, was in ihrer früheren Geburt geschehen war, dachte sie: Nun ist alles bekannt, was ich in meinem Inneren trage. | |||
'''23.72''' Sie schämte sich sehr und senkte tief das Gesicht. Zugleich erwachte durch Savitris Worte ihre Erinnerung an die frühere Geburt. | |||
'''23.73''' Mit gesenktem Gesicht erinnerte sich Arundhati, nun göttlich wissend, an alles, was in jenem früheren Leben geschehen war. | |||
'''23.74''' Schon damals hatte sie durch Vishnus Gnade göttliche Schau erlangt. Jetzt war diese Schau durch den Zustand der Kindheit verhüllt gewesen. | |||
'''23.75''' Als sie Savitris Bericht über ihre frühere Geburt hörte, kehrte das frühere Wissen zurück, als stünde alles unmittelbar vor ihr. | |||
'''23.76''' Sie gewann jene Erkenntnis wieder, die Vishnu ihr einst gegeben hatte, und wusste: Diesen Vasishtha habe ich in meiner früheren Geburt zum Gemahl erwählt. | |||
'''23.77''' Diese Einsicht erfüllte Arundhati mit Freude. Die Angst, die durch das beim Anblick Vasishthas erwachte Verlangen | |||
'''23.78''' in ihr entstanden war, ihre Treue könne verletzt sein, ließ Medhatithis Tochter nun von selbst los. | |||
'''23.79''' Als Savitri erkannte, dass Arundhati von ihrer Sorge frei war, ging sie gemeinsam mit ihr in das Haus der Sonne. | |||
'''23.80''' Dort ließ Savitri Arundhati zurück. Die allwissende, unter den Tugendhaften hervorragende Göttin ging selbst zu Brahmas Wohnstatt. | |||
'''23.81''' Sie verneigte sich vor Brahma. Als er sie sogleich befragte, sprach Savitri zu ihm, dessen Kraft unermesslich ist. | |||
'''23.82''' Erhabener Herr der Welten, die tugendhafte Arundhati hat deinen Sohn Vasishtha auf einer Höhe des Manasa-Berges gesehen. | |||
'''23.83''' Durch den bloßen Anblick erwuchs in beiden große Liebe. Sie verlangten nacheinander, Schöpferherr. | |||
'''23.84''' Doch beide hielten ihr Verlangen mit Festigkeit zurück und kehrten schmerzerfüllt, zerstreut und beschämt an ihre jeweiligen Wohnorte zurück. | |||
'''23.85''' Da dies geschehen ist, möge jetzt das Angemessene veranlasst werden, du Höchster der Götter, auch zum künftigen Wohl der Welten. | |||
'''23.86''' Als Brahma, der Lehrer der ganzen Welt, ihre Worte gehört hatte, erkannte er durch göttliche Schau den bevorstehenden Verlauf. | |||
'''23.87''' Der Stammvater der Welt sagte zu sich: Jetzt ist die Zeit ihrer ehelichen Verbindung gekommen. | |||
'''23.88''' Zum Wohl der Welt will ich mich aufmachen und sie verwirklichen. Nach diesem Entschluss ging Brahma mit Savitri auf jene Höhe des Manasa-Berges, auf der die beiden einander gesehen hatten. | |||
'''23.89''' Als der Stammvater dort angekommen war, erschien auch Shiva mit den Götterscharen und mit Nandin, Bhringin und den übrigen Begleitern, er mit dem Stierbanner. | |||
'''23.90''' Brahma dachte voller Hingabe an Vasudeva. Darauf erschien auch dieser erhabene Herr der Welt mit Muschel, Diskus und Keule dort, wo Brahma und Hara weilten. | |||
'''23.91''' Brahma, Vishnu und Maheshvara, die Herren der Welten, sandten Narada als Boten zu Medhatithi. | |||
'''23.92''' Gehe rasch zum Chandrabhaga-Berg, Narada. An seinem Fuß lebt der hervorragende Weise Medhatithi. | |||
'''23.93''' Hole ihn persönlich auf unser Geheiß zur rechten Zeit herbei. Nimm Medhatithi mit und kehre rasch zurück. | |||
'''23.94''' Narada hörte die Worte Brahmas und der anderen und eilte fort, um Medhatithi zur Vollendung des großen Vorhabens zu holen. | |||
'''23.95''' Er richtete ihm die Worte der Götter aus, nahm ihn mit und begab sich zum Manasa-Berg. | |||
'''23.96''' Sämtliche Götterscharen mit Indra, die askesereichen Weisen, Sadhyas, Vidyadharas, Yakshas und Gandharvas kamen zusammen. | |||
'''23.97''' Alle Götter und Göttinnen samt ihren Begleitern sowie weitere Wesen begaben sich auf jene Höhe des Manasa-Berges. | |||
'''23.98''' Als die Götterversammlung zusammengekommen war, sprach der Lotusgeborene zu dem Weisen Medhatithi und gab ihm folgende Anweisung. | |||
'''23.99''' Brahma sprach: Medhatithi, gib deine in ihren Gelübden bewährte Tochter Vasishtha nach dem Brahma-Hochzeitsritus, hier in der Versammlung der Himmelsbewohner. | |||
'''23.100''' Schon früher habe ich die beiden als Braut und Bräutigam füreinander bestimmt. Auch Hari hat dieser angemessenen Verbindung zugestimmt. | |||
'''23.101''' Dadurch wird deiner Familie großer Ruhm entstehen und allen Wesen Wohl erwachsen. Gib sie ihm und zögere nicht. | |||
'''23.102''' Als der Weise Brahmas Worte hörte, wurde er überaus froh. Er verneigte sich vor den hohen Göttern und antwortete: „So sei es.“ | |||
'''23.103''' Auf ihre Worte hin nahm er seine Tochter Arundhati mit und ging gemeinsam mit den Göttern zu Vasishtha, der in Meditation verweilte. | |||
'''23.104''' Von den Göttern umgeben, gelangte der Weise in Vasishthas Nähe und sah ihn in brahmanischer Herrlichkeit erstrahlen wie ein loderndes Feuer. | |||
'''23.105''' Vasishtha saß in einer Höhle des Manasa-Berges, sein Verständnis auf Dharma, Wohlstand, Wunscherfüllung und Befreiung jeweils klar ausgerichtet. | |||
'''23.106''' Er war ein Hervorragender unter den Kraftvollen, wie die aufgehende Sonne. Medhatithi stellte seine Tochter vor sich und sprach als Arundhatis Vater zu dem selbstbeherrschten Vasishtha. | |||
'''23.107''' Der Rishi sprach: Erhabener Sohn Brahmas, nimm diese meine in ihren Gelübden bewährte Tochter an, die ich dir rechtmäßig nach dem Brahma-Ritus gebe. | |||
'''23.108''' In welcher Einsiedelei du auch nach deinem Willen wohnen wirst, Brahmane, sie wird dir ergeben sein und dir wie dein Schatten folgen. | |||
'''23.109''' Überall wird meine schöne, gattentreue Tochter dieselben Gelübde wie du halten und dir dienen. | |||
'''23.110''' Markandeya sprach: Vasishtha hörte die Worte Medhatithis und sah Brahma, Vishnu, Shiva und die übrigen versammelten Götter. | |||
'''23.111''' Mit göttlicher Schau erkannte er, dass dies geschehen sollte. Mit Brahmas Zustimmung nahm er Medhatithis Tochter an und sagte: „Ja, gewiss.“ | |||
'''23.112''' Nachdem der edle Vasishtha ihre Hand ergriffen hatte, richtete die tugendhafte Göttin beide Augen auf die Füße ihres Gemahls. | |||
'''23.113''' Brahma, Vishnu, Rudra und die anderen Unsterblichen erfreuten die beiden mit Festlichkeiten nach dem Hochzeitsritus. | |||
'''23.114''' Die Göttinnen mit Savitri an der Spitze, die Götter mit Indra und die an Askese reichen Weisen mit Daksha und Kashyapa | |||
'''23.115''' legten auf Brahmas Wort hin Vasishthas Rindengewand, Tierfell und Haarflechten ab und badeten Brahmas Sohn rasch mit Mandakini-Wasser. | |||
'''23.116''' Dann schmückten sie Vasishtha mit herrlichem Goldschmuck und göttlichen Zierden. Ebenso schmückten sie die tugendhafte Arundhati. | |||
'''23.117''' Nachdem die beiden geschmückt waren und die Weisen den Ritus vollendet hatten, vollzogen Brahma, Vishnu und Shiva an ihnen das abschließende Hochzeitsbad. | |||
'''23.118''' Sie füllten Wasser aus allen heiligen Badeorten in einen goldenen Krug und verwendeten segnende Mantras, die Gayatri und die mit Drupada beginnenden Sprüche. | |||
'''23.119''' Brahma, Vishnu und Maheshvara badeten die beiden selbst. Danach taten dies auch die übrigen großen Rishis und die Götterweisen. | |||
'''23.120''' Mit laut erklingenden Abschnitten aus Rigveda, Yajurveda und Samaveda und mit dem Wasser der Ganga und anderer Flüsse vollzogen sie wiederholt Segenshandlungen für die beiden. | |||
'''23.121''' Brahma schenkte ihnen einen sonnenhellen Himmelswagen, der ungehindert durch die drei Welten fährt, und ein mit Wasser gefülltes Gefäß. | |||
'''23.122''' Vishnu gab ihnen eine schwer erreichbare, höchste Wohnstatt oberhalb aller Götter, in der Nähe Marichis und der anderen Weisen. | |||
'''23.123''' Rudra gewährte ihnen, bis zum Ende von sieben Kalpas zu leben. Aditi nahm die von Brahma gefertigten Ohrringe aus ihren eigenen Ohren und schenkte sie Medhatithis Tochter. | |||
'''23.124''' Savitri gab ihr eheliche Treue, Bahula viele Söhne. Der Götterkönig schenkte gemeinsam mit Kubera zahlreiche Juwelen. | |||
'''23.125''' So gaben die anwesenden Götter, Weisen, Göttinnen und anderen Wesen den beiden jeweils passende Geschenke. | |||
'''23.126''' Nachdem Vasishtha Arundhati auf dem goldenen Manasa-Berg nach dem vorgeschriebenen Ritus geheiratet hatte, empfand er mit ihr große Freude. | |||
'''23.127''' Das Wasser, das in die Höhlung des Manasa-Berges gefallen war, hatten die Götter für das abschließende Hochzeitsbad und die Segnung herbeigebracht. | |||
'''23.128''' Aus den Händen Brahmas, Vishnus und Mahadevas ausgegossen, teilte es sich in sieben Ströme und fiel vom Manasa-Berg hinab. | |||
'''23.129''' Es fiel jeweils in Höhlen, auf Hochflächen und in Seen des Himalaya; ein Teil gelangte in den den Göttern vorbehaltenen Shipra-See. | |||
'''23.130''' Daraus entstand der Fluss Shipra, den Vishnu auf die Erde leitete. Das Wasser, das in die große Kaushi-Schlucht fiel, | |||
'''23.131''' wurde zum Fluss Kaushiki, den Vishvamitra herabführte. Aus dem Wasser, das im Gebiet Umas niederfiel, entstand der große Fluss | |||
'''23.132''' Kaveri, der aus dem Kavera-See hervorströmte. Ein weiterer Wasserstrom fiel vom Berg in den herrlichen See Mahakala, | |||
'''23.133''' an der Südseite des Himalaya, in Shambhus Nähe. Daraus entstand der Fluss Gomati, den Gomant hervortreten ließ. Der Eigenname am Versende ist unsicher. | |||
'''23.134''' Mainaka heißt ein Sohn des Bergkönigs, ihm selbst ebenbürtig und einst aus Mena geboren. Auf dessen Hochfläche | |||
'''23.135''' fiel ein weiterer Teil des Wassers nieder. Daraus entstand der große Fluss Devika, den Mahadeva zum Meer leitete. | |||
'''23.136''' Das Wasser, das in einer Höhle nahe der Hamsa-Erscheinung zusammenkam, wurde zum Fluss Sarayu, der als überaus heilig gilt. | |||
'''23.137''' Das Wasser, das nahe dem großen Khandava-Wald in einer südlichen Höhlung des Himalaya mitten in den Ira-See gelangte, | |||
'''23.138''' wurde zu dem hervorragenden Fluss Iravati. Diese Flüsse schenken durch Baden, Trinken und Verehrung dieselbe Frucht wie die Ganga. | |||
'''23.139''' Sie fließen zum südlichen Meer und sind den Menschen seit alters her Grundlagen für Dharma, Wohlstand, Wunscherfüllung und Befreiung. | |||
'''23.140''' Diese sieben großen Flüsse schenken stets göttlichen Genuss. So entstanden die sieben Flüsse mit ihrem allzeit überaus heiligen Wasser | |||
'''23.141''' bei der Hochzeit Arundhatis und Vasishthas in Gegenwart der Götter. | |||
'''23.142''' Nachdem Vasishtha Arundhati geheiratet hatte, fuhr er mit dem Himmelswagen zu der Wohnstatt, die ihm die Götter gegeben hatten. | |||
'''23.143''' Auf das Wort Brahmas, Vishnus und Maheshas hin wirkte der hervorragende Weise fortan weiter. | |||
'''23.144''' Zum Wohl aller Welten nimmt er in den drei Welten in jedem Zeitalter die jeweils passende Erscheinungsweise an. Die Zuordnung zu den Frauen in dieser Zeile ist textlich unklar. | |||
'''23.145''' Mit entsprechendem Gewand, Wesen und Körper durchwandert er die drei Welten, aufmerksam und heiteren Sinnes, und weist die Menschen zum Dharma. | |||
'''23.146''' So wurde Arundhati einst auf das Geheiß der Götter mit Vasishtha vermählt, zum Wohl der Welten. | |||
'''23.147''' Wer diese Erzählung, die den Dharma fördert und alles Wohlergehen umfasst, regelmäßig hört, wird langes Leben und Wohlstand erlangen. | |||
'''23.148''' Eine Frau, die Arundhatis Geschichte beständig hört, wird in diesem Leben gattentreu und gelangt danach in den Himmel. | |||
'''23.149''' Diese Erzählung ist ein höchster Segensquell und verleiht Dharma. Sie vermehrt stets Ansehen, Ruhm und heiliges Verdienst. | |||
'''23.150''' Wer sie bei einer Hochzeit, beim Ritus für Nachkommenschaft, beim Aufbruch zu einer Reise oder beim Ahnenopfer vortragen lässt, gewinnt jeweils Beständigkeit, Nachkommenschaft, Erfolg und die Freude der Ahnen. Das zweite Ritualwort ist verkürzt überliefert. | |||
'''23.151''' Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie Arundhati die tugendhafte Gemahlin des edlen Vasishtha wurde, | |||
'''23.152''' wessen Tochter sie war, wie und wo sie entstand und wie sie auf Brahmas, Haris und Shivas Wort Vasishtha zum Gemahl erwählte. | |||
'''23.153''' All dies habe ich euch dargelegt: ein höchstes Geheimnis, das Verdienst schenkt, Schuld tilgt und Lebensdauer sowie Gesundheit mehrt. | |||
'''23.154''' Wer diese dem Dharma und dem Wohlergehen dienende Geschichte auch nur einmal in einer Brahmanenversammlung vortragen lässt, wird von der Fülle seiner Verunreinigungen frei. Nach dem Tod wird er selbst zu einem Himmelsbewohner in der Gemeinschaft der großen Weisen. Einzelne Wörter des ersten Halbverses sind beschädigt. | |||
===Kapitel 24=== | |||
Die Nummer 36 steht auch an der Stelle von 39, die Nummer 99 auch an der Stelle von 91. Die Zusätze a und b unterscheiden jeweils beide Vorkommen. | |||
'''24.1''' Markandeya sprach: Mahadeva saß auf einer Höhe des Himalaya am Ufer des Shipra-Sees und betrachtete den See vor sich. | |||
'''24.2''' Von Brahma und Hari wiederholt zur Meditation ermuntert, festigte der Selbstbeherrschte dort seinen Geist. | |||
'''24.3''' Der Bezwinger Kamas bemühte sich mit aller Kraft, durch Versenkung das Selbst mit dem Selbst im eigenen Inneren zu schauen. | |||
'''24.4''' Als Brahma und die anderen sahen, dass sein Geist in Meditation eingetreten war, priesen sie mit gesammeltem Sinn die Maya, die in Hara eingegangen war. | |||
'''24.5''' Sie dachten: Von Maya bezaubert, ist Bharga vom Schmerz um Sati überwältigt und klagt unaufhörlich. Wir wollen diese Weltenmutter, die ihn in Verblendung hält, | |||
'''24.6''' preisen und aus Shambhus Körper herausführen. Dann werden wir Shambhus Geist von Unruhe befreien, rein und der Meditation zugewandt machen. | |||
'''24.7''' Bis Sati wieder einen Körper annimmt und Haras Gemahlin wird, soll er frei von Kummer über das Ungeteilte meditieren. | |||
'''24.8''' Mit diesem Gedanken begannen Brahma und die übrigen Himmelsbewohner, Yoganidra, die große Maya, so zu preisen. | |||
'''24.9''' Die Götter sprachen: Voller Hingabe preisen wir die heilige Kraft Shri, die Reinigende und Nährende, die höchste Ungeteilte, deren Gestalt das Große und das Unoffenbare ist. | |||
'''24.10''' Wir preisen die Heilvolle, die Heil bewirkt, die Reine, die Grobe und Feine, die Höhere und Niedere, die innere Erkenntnis und die als Nichtwissen Bezeichnete, die Liebe und die einspitzig gesammelte Yogini. | |||
'''24.11''' Du bist Einsicht, Standhaftigkeit und Schamgefühl; du allein durchdringst alles. Du bist der Glanz der Sonne, der die entfaltete Welt erhellt. | |||
'''24.12''' Du bist das Wasser, das in der Gestalt des Welteis und in den Keimen der Welt die Welt nährt, von Brahma bis zum Grasbüschel. Die erste Satzverbindung ist beschädigt. | |||
'''24.13''' Der Wind, der sich beständig bewegt und als Lebensatem der ganzen Welt sowie als Stütze der Götter wirkt, ist ein Teil von dir. | |||
'''24.14''' Das sich überall ausbreitende und entzündende Feuer ist deine Gestalt, der Keim der Welt, der in vielerlei Formen erscheint. | |||
'''24.15''' Du bist der Raum, der sich von Brahmas Welt bis zur Unterwelt mit allen Zwischenräumen erstreckt, innerhalb und außerhalb des Welteis und überall. | |||
'''24.16''' Du bist die Erde, Madhavi, geordnet im Kreis des Beweglichen und Unbeweglichen, die Gebärerin der Erscheinungswelt, Trägerin des Alls und Mutter der Welten. | |||
'''24.17''' Du bist die Einsicht und ihr Gegenstand; du bist Mutter und Ziel der heiligen Versmaße. Du bist Gayatri, Mutter der Veden, Savitri und Sarasvati. | |||
'''24.18''' Du bist die Mutter aller Welten und die dreifache Veda-Offenbarung, die jede Gestalt annimmt. Als Schlaf erfreust und bezauberst du sämtliche Wesen, die Götter und alle Bewohner des Himmels und der übrigen Welten. | |||
'''24.19''' Für die rechtschaffen Handelnden bist du Glück, für die Übeltäter Qual. Du bist die Herrlichkeit derer, die gerecht handeln, und der nächtliche Halt, der Erholung schenkt. Die letzte Verbindung ist unsicher. | |||
'''24.20''' Du bist der Friede aller Welten und der Glanz im Mond. Du bist die Ernährerin aller Wesen, Lakshmi, die selbst Vishnu bezaubert. | |||
'''24.21''' Du bist die wirkliche Natur der fünf Elemente und ihr innerster Gehalt. Du bist die Dreiwelt, die große Maya und die Ordnung, die zugleich verzaubern kann. | |||
'''24.22''' Du bist jene Maya, durch die Maheshvara alle Wesen auf das Rad des Daseins setzt und kreisen lässt, große Göttin. | |||
'''24.23''' Du bist die Sieghafte bei den Siegreichen, Schamgefühl, Wissen und höchste Lebensordnung. Du bist der Gesang des Samaveda, die Verknüpfung der Yajus-Sprüche und die Opfergabe. | |||
'''24.24''' Du bist die Kraft sämtlicher Götterscharen: aus Dunkelheit bestehend, durch die Qualität der Klarheit erkennbar und die Erfahrung der durch Rajas entfalteten Welt bewirkend. Die von uns Gepriesene möge hier Heil schaffen. Die Negation im überlieferten Schlussteil ist unsicher. | |||
'''24.25''' Du bist das rettende Schiff aus dem Leid der furchtbaren Wogen des Daseinsmeers. Die weitere Vershälfte verbindet achtgliedrige Gestalt, höchste Läuterung, Spiel und Gesang; ihre Wortfolge ist beschädigt. Vor dieser Göttin verneigten sie sich auf dem Berg. | |||
'''24.26''' Sie ergreift Nase, Augen, Mund, Arme, Brust und Geist und schenkt dem Lebewesen Erholung. Als die Glückverheißende namens Schlaf kommt sie zu den Wesen der Welt. Sie, deren Formen Festigkeit, Erinnerung und geistige Tätigkeit sind, sei uns gnädig. | |||
'''24.27''' Diejenige, deren Gestalt Schöpfung, Erhaltung und Ende ist, die diese bewirkt und ihre Kraft bildet: Diese Maya sei uns gnädig. | |||
'''24.28''' Markandeya sprach: Als die Götter Yoganidra, die große Maya, so gepriesen hatten, trat sie unverzüglich aus Haras Herzen hervor. | |||
'''24.29''' Nachdem sie hervorgetreten war, ging Madhusudana selbst in Shambhus Inneres ein, um ihm Frieden zu schenken, und nahm dabei universale Gestalt an. | |||
'''24.30''' Achyuta trat in sein Herz ein und zeigte ihm, wie in jedem Kalpa Schöpfung, Erhaltung und Auflösung geschehen waren. | |||
'''24.31''' Er zeigte ihm vollständig, wie Sati seine Gemahlin geworden war, wer sie jeweils gewesen und wessen Tochter sie war, und wie sie ihren Körper abgelegt hatte. | |||
'''24.32''' Er zeigte ihm die vielfache, von Rajas geprägte äußere Erscheinungswelt als ohne bleibenden Kern und richtete dann seinen Geist auf das höchste Licht. | |||
'''24.33''' Hara sah all diese Entfaltungen immer wieder, erkannte ihre Unbeständigkeit und ließ seinen Geist im Wesentlichen ruhen. | |||
'''24.34''' Die von Brahma und den anderen Göttern gepriesene Maya sagte zu, das Erforderliche zu tun, und verschwand sogleich an jenem Ort. | |||
'''24.35''' Auch der erhabene Vishnu sammelte Shambhus Geist Schritt für Schritt und trat dann aus seinem Körper hervor, wie ein König aus der Sonnenscheibe. Der Vergleich ist ungewöhnlich überliefert. | |||
'''24.36a''' Brahma, Narayana und die übrigen Götter sahen ihre Aufgabe erfüllt. Freudig kehrten sie an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück und ließen Hara auf dem Berg. | |||
'''24.37''' Indra und die anderen Götter verneigten sich vor dem in Meditation versunkenen Mahadeva, verabschiedeten sich von dem schweigenden Gott und gingen an ihre Orte. | |||
'''24.38''' Nachdem sie gegangen waren, meditierte der Gott mit dem geflochtenen Haar, dessen Reittier der Stier ist, tausend Götterjahre lang über das höchste Licht. | |||
'''24.36b''' Die Rishis sprachen: Wie trat Vishnu unmittelbar in Shambhus Herz ein und zeigte ihm die Schöpfung, Erhaltung und Auflösung in jedem Kalpa? | |||
'''24.40''' Wie zeigte der Bezwinger Kaitabhas die Unbeständigkeit jener Erscheinungen, die durch Rajas zur Entfaltung der Welt hervortreten? | |||
'''24.41''' Was ist jenes tief verborgene, höchste und ewige Licht, das er ihm als den wahren Wesenskern zeigte? Erkläre es uns, du Bester der Zweimalgeborenen. | |||
'''24.42''' Wir möchten von dir dieses wunderbare und höchste Geschehen hören, führender Weiser. Erzähle es ausführlich, diese Lehre des höchsten Heils. | |||
'''24.43''' Markandeya sprach: Ich werde euch die ursprüngliche Schöpfung und jene des Varaha-Kalpa erklären, ihr Besten der Zweimalgeborenen: wie die Schöpfung in jedem Kalpa geschieht und wie sie im Varaha-Kalpa war. | |||
'''24.44''' Nachdem Hari die ursprüngliche Schöpfung gezeigt hatte, offenbarte er Shambhu auch die erneute Schöpfung. Vernehmt nun die Vorgänge der Auflösung und die übrigen Geschehnisse. | |||
'''24.45''' Zuerst werde ich die Auflösung erklären, dann die erste Schöpfung und darauf die erneute Schöpfung im Varaha-Kalpa, ihr Brahmanen. | |||
'''24.46''' Ein Nimesha ist ein Zeitteil, gekennzeichnet durch einen Augenblick. Achtzehn Nimeshas bilden eine Kashtha, dreißig Kashthas eine Kala. | |||
'''24.47''' Dreißig Kalas werden als ein Kshana bezeichnet, zwölf Kshanas als ein Muhurta; dreißig Muhurtas | |||
'''24.48''' bilden einen menschlichen Tag samt Nacht. Fünfzehn solcher Tage bilden eine Monatshälfte; zwei Monatshälften einen menschlichen Monat. Dieser ist ein Tag samt Nacht der Ahnen. | |||
'''24.49''' Zwölf Monate bilden ein Jahr, das einem Tag samt Nacht der Götter entspricht. Für die Ahnen gilt die dunkle Monatshälfte als Tag zum Tätigsein, | |||
'''24.50''' die helle Monatshälfte als Nacht zum Schlafen. Der Tag der Götter besteht aus den sechs Monaten des nördlichen Sonnenlaufs. | |||
'''24.51''' Die sechs Monate des südlichen Sonnenlaufs sind die Schlafensnacht der Götter. Je zwei Sonnenmonate bilden eine Jahreszeit. | |||
'''24.52''' Drei Jahreszeiten bilden einen Halbjahreslauf nach menschlichem Maß, sechs Jahreszeiten ein Jahr. Hört die Jahreszeiten einzeln. | |||
'''24.53''' Sie sind durch Monatspaare vom Chaitra an bestimmt: Chaitra und Vaishakha bilden den Frühling, Jyeshtha und Shuchi den Sommer. | |||
'''24.54''' Nabhas und Nabhasya bilden die Regenzeit, Isha und Karttika den Herbst, Sahas und Pausha den frühen Winter, Magha und Phalguna den späten Winter. | |||
'''24.55''' Diese sechs Jahreszeiten werden für Opfer und andere Handlungen gesondert festgelegt. Nach menschlichem Maß umfasst das Krita-Yuga 1.728.000 Jahre. Das Wort für die Zeitspanne ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''24.56''' Seine einleitende Dämmerung umfasst vierhundert Jahre, ebenso seine abschließende Dämmerung; beide sind eingeschlossen. Dass hier Götterjahre gemeint sind, wird erst durch die folgende Gesamtberechnung verständlich. | |||
'''24.57''' Das Treta-Yuga umfasst 1.296.000 Menschenjahre. Seine einleitende Dämmerung beträgt dreihundert Jahre, | |||
'''24.58''' und dreihundert seine eingeschlossene abschließende Dämmerung. Achthundertvierundsechzigtausend Menschenjahre | |||
'''24.59''' umfasst das Dvapara-Yuga. Darin sind zweihundert Jahre einleitender und zweihundert Jahre abschließender Dämmerung enthalten. | |||
'''24.60''' Das Kali-Yuga umfasst vierhundertzweiunddreißigtausend | |||
'''24.61''' Menschenjahre. Seine einleitende Dämmerung beträgt hundert Jahre, ebenso die eingeschlossene abschließende Dämmerung. | |||
'''24.62''' So bilden Krita, Treta, Dvapara und Kali nach menschlichem Maß einen Zyklus der vier Weltalter. | |||
'''24.63''' Dieser Viererzyklus umfasst samt beiden Dämmerungen 4.320.000 Jahre. | |||
'''24.64''' Ein Göttertag samt Nacht entspricht einem Menschenjahr. Nach dieser Umrechnung entspricht ein menschlicher Viererzyklus zwölftausend Götterjahren. | |||
'''24.65''' Zwölftausend Götterjahre bilden ein göttliches Yuga; dieses entspricht dem menschlichen Viererzyklus samt einleitenden und abschließenden Dämmerungen. | |||
'''24.66''' Bei den Göttern selbst gibt es keine Einteilung in Krita, Treta, Dvapara und so weiter und auch keinen entsprechenden Unterschied des Dharma. | |||
'''24.67''' Vielmehr gilt ein menschlicher Viererzyklus stets als ein Götteryuga. Einundsiebzig Götteryugas bilden ein Manvantara. | |||
'''24.68''' Zweitausend Götteryugas bilden einen Tag samt Nacht Brahmas, nach menschlichem Maß also zweitausend Zyklen der vier Weltalter. | |||
'''24.69''' An einem Tag Brahmas herrschen vierzehn Manus. Dreihundertsechzig solcher Brahma-Tage bilden, wie bei den Menschen, ein Jahr nach Brahmas Maß. | |||
'''24.70''' Die Vorlage bezeichnet hier „fünfhundert“ Brahma-Jahre als Parardha, als einen Tag Ishvaras, mit einer ebenso langen Nacht. Diese Zahl widerspricht dem folgenden Vers, der für zwei Parardhas hundert Brahma-Jahre nennt; die üblicherweise erwartete Zahl wäre fünfzig. | |||
'''24.71''' Hundert Jahre Brahmas bilden die Zeitspanne von zwei Parardhas. Sind beide vergangen, erfolgt Brahmas Auflösung. | |||
'''24.72''' Wenn Brahma im Höchsten aufgegangen ist, tritt die Rückkehr der Welten in die Urnatur ein. Die unvergängliche, über allem Höchsten stehende Grundlage der ganzen Welt, | |||
'''24.73''' die das Wesen Brahmans hat, wird in Bezug auf ihren gedachten Tag-Nacht-Zyklus als Para bezeichnet; dessen Hälfte heißt Parardha. Die genaue Satzverknüpfung bleibt unsicher. | |||
'''24.74''' Der Erhabene, dessen Gestalt die Welt ist, das höchste, unerschöpfliche und unwandelbare Selbst, gröber als das Gröbste und feiner als das Feinste, kennt eigentlich weder Tag noch Nacht noch Jahr. | |||
'''24.75''' Doch die früheren Purana-Lehrer und auch wir setzen ihm solche Tage und Nächte zu, um Schöpfung und Auflösung verständlich zu machen. | |||
'''24.76''' Er selbst ist Nacht, Tag und Jahr, Erde, Schöpfer und Hara. Er ist der uranfängliche Purusha in Vishnus Gestalt; in ihm erscheint alles. | |||
'''24.77''' Wenn Brahma im ewigen höchsten Selbst aufgegangen ist, nimmt auch die ganze Welt nach und nach dessen Wesen an. | |||
'''24.78''' Nach Ablauf von Brahmas hundert Jahren bewirkt Janardana in Rudras Gestalt selbst das Ende der Welt und geht dann im Höchsten auf. | |||
'''24.79''' Zuerst trocknet die Sonne mit heftigen Strahlen alles Bewegliche und Unbewegliche aus und nimmt sämtliches Wasser an sich. | |||
'''24.80''' Die vertrockneten Bäume, Gräser, Lebewesen und Berge zerfallen im Verlauf von hundert Götterjahren zu Staub. | |||
'''24.81''' Die überaus mächtigen Strahlen entfalten sich zu zwölf Sonnen, genährt von den Stoffen der Welt. Der Ausgangsausdruck zur Sonne ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''24.82''' Mit ihren Strahlen verbrennen diese Sonnen alle Welten, Erde und Himmel; die Erde wird glühend heiß. | |||
'''24.83''' Wenn alles Bewegliche und Unbewegliche vernichtet ist, tritt der Gott Janardana in Rudras Gestalt aus den Sonnenstrahlen hervor | |||
'''24.84''' und steigt zunächst, mächtig aufgerichtet, in die Tiefen der Unterwelt hinab. | |||
'''24.85''' Mit seinem vortrefflichen Dreizack vernichtet er die Nagas, Gandharvas, Rakshasas, Götter und Rishis in den sieben Unterwelten und auch Shesha. | |||
'''24.86''' So vernichtet Janardana alle Lebewesen im Himmel, in der Unterwelt, auf der Erde und in den Meeren. | |||
'''24.87''' Dann lässt Rudra selbst einen gewaltigen Wind aus seinem Mund hervorgehen. Dieser durchzieht ungehindert und mit großer Wucht die drei Welten. | |||
'''24.88''' Hundert Jahre lang kreist er im Inneren der Welten und wirbelt alles, was dort noch vorhanden ist, wie einen Haufen Baumwolle fort. | |||
'''24.89''' Nachdem er alles in der Welt ringsum weggetragen hat, tritt der überaus schnelle Wind in die zwölf Sonnen ein. | |||
'''24.90''' Er geht in ihre Scheiben ein und bildet, von Rudra angetrieben, gemeinsam mit ihrem Feuer große Wolken. | |||
'''24.99a''' Von diesem heftigen Wind und vom überaus furchtbaren Rudra angetrieben, bedecken die Wolken den ganzen Himmelsraum. | |||
'''24.92''' Diese großen, Samvartaka genannten Weltuntergangswolken gleichen Massen aufgebrochener Augensalbe; manche sind rauchfarben, andere rot, weiß oder bunt und furchterregend. | |||
'''24.93''' Einige sind wie Berge, andere wie Elefanten, wieder andere wie Paläste; manche sind kranichfarben und schrecklich. | |||
'''24.94''' Die großen Wolken donnern und regnen mehr als hundert Jahre lang. Mit gewaltigem Getöse überfluten sie die drei Welten. | |||
'''24.95''' Durch unablässige, säulendicke Regenströme werden die drei Welten mit Wasser gefüllt. | |||
'''24.96''' Wenn die Wassermasse bis zu Dhruvas Wohnstatt reicht, lässt Janardana in Rudras Gestalt wiederum Wind aus seinem Mund hervorgehen. | |||
'''24.97''' Dieser unaufhaltsame Sturm treibt die Wolken hundert Jahre lang auseinander und vernichtet sie schließlich völlig. | |||
'''24.98''' Nachdem die Wolken verschwunden sind, zerstört Rudra erbarmungslos auch Janaloka und alle höheren Welten bis zu Brahmas Wohnstatt. | |||
'''24.99b''' Als sämtliche Welten und auch Brahmas Welt vernichtet sind, begibt sich Rudra zu den zwölf Sonnen. | |||
'''24.100''' Hari erreicht sie mit großer Geschwindigkeit und verschlingt sie. Mit diesen Sonnen in seinem Inneren flammt er gewaltig auf. | |||
'''24.101''' Dann ergreift der überaus starke Rudra, dem Vollender der Zeit gleich, das Weltei und zertrümmert es vollständig mit den Fäusten. | |||
'''24.102''' Bei der Zertrümmerung des Welteis wird auch die Erde zermalmt. Alle Wasser hält Hari durch seine Yogakraft zusammen. | |||
'''24.103''' Das Wasser, das zuvor ringsum außerhalb des Welteis lag, und das Wasser in seinem Inneren vereinigen sich. | |||
'''24.104''' Wenn die Wasser überall zu einer einzigen Masse geworden sind, schwimmt darin das mit Bruchstücken gefüllte Weltei wie ein Schiff. Die Form des Subjekts ist beschädigt. | |||
'''24.105''' Dann nimmt das Wasser nach und nach den ganzen Wesenskern der Erde an sich, das feinstoffliche Geruchselement. Darauf verschwindet die Erde. | |||
'''24.106''' Der furchtbare Rudra lässt nun das in seinem Inneren gesammelte Feuer wieder aus seinem Körper hervortreten. | |||
'''24.107''' Dieses Feuer nimmt alles übrige Licht und Feuer auf, das innerhalb oder außerhalb des Welteis und anderswo vorhanden ist. | |||
'''24.108''' Nachdem das gesamte Feuer der Welt vereinigt ist, lodert es auf und verbrennt die schrecklichen Trümmer des Welteis im Wasser. | |||
'''24.109''' Es verbrennt den Staub des Welteis und ergreift dann den Wesenskern des Wassers, das feinstoffliche Geschmackselement. Seines Wesenskerns beraubt, verschwindet das Wasser im Feuer. | |||
'''24.110''' Nachdem das Wasser verschwunden ist, tritt der Wind in das Feuer ein, vereinigt sich mit ihm und nimmt das feinstoffliche Formelement an sich. | |||
'''24.111''' Ist dieses Formelement aufgenommen, verschwindet das gesamte Feuer. Dann herrscht der Wind mächtig und ungehindert. | |||
'''24.112''' Rudra tritt dem laut brausenden Wind entgegen, selbst wie Feuer leuchtend, und versetzt den Raum in Erschütterung. | |||
'''24.113''' Der so erschütterte Raum nimmt aus dem Wind dessen feinstoffliches Berührungselement auf. Darauf verschwindet der Wind. | |||
'''24.114''' Nachdem der Wind verschwunden ist, nimmt Rudra aus dem Raum dessen Wesenskern, das feinstoffliche Klangelement. Sobald es aufgenommen ist, vergeht der Raum. | |||
'''24.115''' Nach dem Schwinden des Raumes geht Rudra in Brahmas Körper ein. Dieser nun haltlose Körper Brahmas geht seinerseits in den Körper Vishnus ein, der Muschel, Diskus und Keule trägt. Zwei gegensätzliche Beiwörter Brahmas sind unsicher überliefert. | |||
'''24.116''' Darauf zieht der mächtige Vishnu durch seine eigene Kraft den aus fünf Elementen bestehenden Körper mit Muschel, Diskus, Keule, Sharnga-Bogen und trefflichem Schwert ein, indem er überall dessen Wesenskern aufnimmt. | |||
'''24.117''' Ohne äußere Stütze, ohne Gestalt, ohne dingliche Beschaffenheit, ungehindert, aus Seligkeit bestehend, nichtdual, ohne Zweiheit und ohne unterscheidende Merkmale, | |||
'''24.118''' weder grob noch fein, ewige und unbefleckte Erkenntnis: Allein das höchste Brahman bleibt, ringsum aus sich selbst leuchtend. | |||
'''24.119''' Weder Tag noch Nacht, weder Raum noch Erde, weder Finsternis noch Licht oder etwas anderes besteht dann. Allein Brahman, der ursprüngliche Purusha, bleibt. Die überlieferte Wendung zur Wahrnehmbarkeit durch Sinne und Verstand ist in diesem Zusammenhang unklar. | |||
'''24.120''' So lange, wie die Schöpfung bestanden hatte, bleibt die eine höchste Wirklichkeit ohne Schöpfung. Danach beginnt die Schöpfung erneut. | |||
'''24.121''' Weil die Gesamtheit der feinstofflichen Elemente samt Ichprinzip und Mahat in der Urnatur zur Ruhe kommt, heißt dies Auflösung in die Urnatur. | |||
'''24.122''' Das Offenbare ist in die Urnatur eingegangen und hat die Auflösung durchlaufen. Deshalb wird diese Rückbildung als Prakrita bezeichnet. | |||
'''24.123''' Damit habe ich euch, ihr Brahmanen, die große Auflösung namens Prakrita erklärt. Hört nun, wie ich die ursprüngliche Schöpfung beschreibe. | |||
===Kapitel 25=== | |||
'''25.1''' Markandeya sprach: Die Zeit ist selbst die Gottheit, die Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirkt. Sie bleibt ununterbrochen bestehen und umfasst die Auflösung als einen ihrer Abschnitte. Die Schlusswendung ist beschädigt. | |||
'''25.2''' Als die Zeit der Auflösung vergangen war, erwachte in dem allgegenwärtigen höchsten Brahman, dessen Wesen Erkenntnis ist, der Wille zur Schöpfung. | |||
'''25.3''' Durch seine Einsicht versetzte es seine Urnatur in Bewegung. Diese wurde, nun tätig, zur aus drei Grundeigenschaften bestehenden Ursache aller Wirkungen. | |||
'''25.4''' Wie ein Duft schon durch seine bloße Nähe den Geist erregt, so wirkt der höchste Herr als Schöpfer der Welt. | |||
'''25.5''' Er selbst ist der Erregende und das Erregte, Brahmane. Durch Zusammenziehung und Ausdehnung besteht der höchste Herr auch als Urnatur. | |||
'''25.6''' Allein durch seinen Willen versetzte der Purusha, der höchste Herr und Weltenherr, sie zur Schöpfung erneut in Bewegung. | |||
'''25.7''' Aus dem zuvor ausgeglichenen Zustand der Grundeigenschaften, vom Kenner des Feldes durchdrungen, entstand zur Schöpfungszeit ihre unterscheidbare Entfaltung. | |||
'''25.8''' Aus dem durch den Willen des Herrn bewegten Prinzip der Urnatur entstand zuerst Mahat, das große Erkenntnisprinzip. Die Urnatur umhüllte es. | |||
'''25.9''' Aus diesem von der Urnatur umhüllten Mahat ging das Ichprinzip hervor: als sattvisches Vaikarika, als feuriges Taijasa und als dunkler Ursprung der Elemente, Bhutadi. | |||
'''25.10''' Dieses dreifache Ichprinzip, das zunächst aus Mahat entstand, ist die ursprüngliche Ursache der Elemente und Sinneskräfte. | |||
'''25.11''' Mahat umhüllte das Ichprinzip unmittelbar nach dessen Entstehen. Aus diesem umhüllten Prinzip gingen dann die fünf feinstofflichen Elemente hervor. | |||
'''25.12''' Zuerst entstand das feinstoffliche Klangelement, danach das Berührungselement, als drittes das Formelement, darauf das Geschmackselement. | |||
'''25.13''' Als fünftes entstand das Geruchselement. Sie gingen der Reihe nach hervor; das Ichprinzip umhüllte jedes einzelne von ihnen. | |||
'''25.14''' Aus dem Klangelement entstand der Raum, dessen Eigenschaft Klang ist. Das elementbildende Ichprinzip umhüllte das Klangelement und den Raum. | |||
'''25.15''' Aus dem mit dem Klangelement verbundenen Berührungselement entstand der Wind, der Berührung als Eigenschaft besitzt und zugleich Klang enthält. | |||
'''25.16''' Aus dem mit Raum und Wind verbundenen Formelement entstand das leuchtende Feuer und breitete sich überall aus. | |||
'''25.17''' Es besaß Klang, Berührung und sichtbare Form. Danach entstand aus dem mit Raum, Wind und Feuer verbundenen Geschmackselement das Wasser, von jenem überall durchdrungen. | |||
'''25.18''' Die tragende Kraft Vishnus von unermesslichem Glanz hielt die Wasser, die ohne eigene Stütze vom Wind bewegt wurden. | |||
'''25.19''' In sie legte der höchste Herr zuerst einen Keim. Dieser wurde zu einem goldenen Ei, strahlend wie die Sonne. | |||
'''25.20''' Aus den Prinzipien von Mahat bis zu den besonderen Elementen gebildet, war dieses Ei ringsum umhüllt: außen von Wasser, Feuer, Wind, Raum und dem dunklen elementbildenden Prinzip, jeweils zehnfach ausgedehnt; dieses wiederum von Mahat. | |||
'''25.21''' Wie ein Samen von seinen äußeren Hüllen umgeben ist, so war das unvergleichliche Weltei von Wasser und den weiteren Schichten umgeben, ihr Brahmanen. | |||
'''25.22''' Inmitten des Eies nahm Vishnu selbst einen Körper in Brahmas Gestalt an. Ein Götterjahr lang blieb er darin und erfasste mit seiner Einsicht die Gesamtheit der Schöpfungskeime. | |||
'''25.23''' Durch Meditation teilte er das Ei selbst in zwei Hälften und verweilte einen Augenblick darin. Dann schuf er aus der Gesamtheit der feinstofflichen Elemente, mit dem Geruch als letztem, die Erde. | |||
'''25.24''' Weil die ganze Erde aus sämtlichen feinstofflichen Elementen gebildet ist, trägt sie Berührung, Klang, sichtbare Form, Geruch und Geschmack. | |||
'''25.25''' Daraus entstand der goldene Berg; aus den Eihäuten entstand die Gesamtheit der Berge. Aus den inneren Flüssigkeiten gingen die sieben Meere hervor, aus zwei Teilstücken die Wohnstatt der Götter. Einige embryologische Ausdrücke bleiben mehrdeutig. | |||
'''25.26''' Aus zwei Teilstücken der anderen Seite entstanden die sieben glückreichen Naga-Wohnstätten namens Patala, in denen der große Herr selbst zugegen ist. | |||
'''25.27''' Aus der Feuerfülle entstand die als Maharloka bekannte Welt, aus dem inneren Wind Janaloka und aus der Meditation die hohe Welt Tapoloka. | |||
'''25.28''' Im oberen Bereich des Eies entstand Satyaloka. Über dem Teil des Welteis steht der unvergängliche Vishnu: jene höchste Stätte, die die Weisen nennen, nur durch Erkenntnis erreichbar und von vollendeter Natur. | |||
'''25.29''' Nachdem er dies zunächst geordnet hatte, nahm er zur Erhaltung selbst Vishnus Gestalt an. Weil sein Körper aus ihm selbst hervorging, wurde Vishnu als Svabhu, „Selbstentstandener“, bekannt. | |||
'''25.30''' Dann nahm Vishnu die mächtige Gestalt des Opfer-Ebers an, um die Erde emporzuheben. Als sie versank, drang er mit großer Geschwindigkeit unter sie, um sie zu tragen. | |||
'''25.31''' Er hob die Erde auf die Spitze seines Hauers und stieg über die gesamte Wassermasse empor. Danach nahm er Anantas Gestalt mit sieben Hauben an, um die Erde zu tragen. | |||
'''25.32''' Als Shesha breitete er seine Hauben aus, legte die Erde auf die mittlere und hielt sie über dem Wasser, während er selbst im Wasser ruhte. Dann ließ der Opfer-Eber die Erde los. | |||
'''25.33''' Von den ausgebreiteten Hauben lag eine im Osten, eine im Westen und je eine im Süden und Norden. | |||
'''25.34''' Eine Haube lag im Nordosten, eine im Südosten und eine unter der Mitte der Erde. Sein Leib befand sich im Südwesten. Der Nordwesten blieb ohne Stütze; deshalb neigte sich die Erde dort. | |||
'''25.35''' Als der langgestreckte Ananta sie im Wasser nicht zu halten vermochte, nahm Hari die Schildkrötengestalt an und trug Anantas Leib. | |||
'''25.36''' Die Schildkröte stemmte ihre Füße auf das untere Stück des Welteis, streckte den Hals nach Nordwesten und trug Ananta auf ihrem Rücken. | |||
'''25.37''' Ananta legte seinen mächtigen Leib in neun Windungen auf den Rücken der Schildkröte und trug nun die Erde mühelos. | |||
'''25.38''' Doch die Erde bewegte sich noch auf Anantas Hauben. Um sie unbeweglich zu machen, festigte der Eber sie durch die Berge. | |||
'''25.39''' Mit einem Hufschlag trieb er den Meru in den Erdboden. Der Berg durchbrach die Erde und drang in ihr Inneres ein. | |||
'''25.40''' Durch den Hufschlag des Ebers drang der große Berg sechzehntausend Yojanas tief in die Unterwelt ein. | |||
'''25.41''' Sein Gipfel wurde durch diesen Schlag zweiunddreißigtausend Yojanas breit, ihr besten Brahmanen. | |||
'''25.42''' Der Eber legte an den Seiten des Bergkönigs feste Begrenzungen an, damit dieser Träger der Erde sich nicht bewegte. | |||
'''25.43''' Auch den Himalaya und die übrigen Berge drückte er mit dem Fuß zu einem Fünftel ihrer Höhe in die Erde. Die Formulierung des Anteils ist gedrängt überliefert. | |||
'''25.44''' Brahma verneigte sich vor dem mächtigen Eber und ließ aus seiner Seite den Gott der Götter als Ardhanarishvara hervorgehen, halb Mann und halb Frau. | |||
'''25.45''' Kaum war dieser geboren, begann er laut zu weinen. Brahma fragte den Weinenden: Warum weinst du? | |||
'''25.46''' Maheshvara antwortete: Gib mir einen Namen. Brahma sagte: Wegen deines Weinens sollst du Rudra heißen. Weine nicht, Edler. | |||
'''25.47''' Doch nachdem er dies gehört hatte, weinte er noch siebenmal. Deshalb gab Brahma ihm sieben weitere Namen: | |||
'''25.48''' Sharva, Bhava, Bhima, als vierten Mahadeva, als fünften Ugra, als sechsten Ishana und schließlich Pashupati. | |||
'''25.49''' Wie ich dich aufgeteilt habe, so teile auch du dich selbst, um viele Geschöpfe hervorzubringen. Auch du bist ein Schöpferherr. | |||
'''25.50''' Dann teilte Brahma sich in zwei: Mit einer Hälfte wurde er Mann, mit der anderen Frau. In dieser weiblichen Hälfte zeugte der Herr Viraj. | |||
'''25.51''' Der erhabene Brahma sagte zu ihm: Schöpferherr, vollziehe die Schöpfung. Viraj übte Askese und brachte darauf Svayambhuva Manu hervor. | |||
'''25.52''' Auch dieser stellte Brahma durch Askese zufrieden. Brahma, dadurch erfreut, schuf aus seinem Geist Daksha für die weitere Schöpfung. | |||
'''25.53''' Nachdem Daksha geschaffen war, verneigte Manu sich vielfach vor Brahma. Darauf schuf dieser noch zehn weitere geistgeborene Söhne: | |||
'''25.54''' Marichi, Atri, Angiras, Pulastya, Pulaha, Kratu, Prachetas, Vasishtha, Bhrigu und Narada. | |||
'''25.55''' Nachdem der Weltenherr sie aus seinem Geist hervorgebracht hatte, sagte er zu ihnen und zu Svayambhuva Manu: „Schafft nun ihr!“ Dann verschwand er wieder. | |||
'''25.56''' Der höchste Herr in Ebergestalt grub mit seinem Rüssel die sieben Meere und schuf sie ringförmig auf der Erde. | |||
'''25.57''' Indem er siebenmal kreiste, schuf er die sieben Meere, grenzte die sieben Kontinente voneinander ab und gelangte schließlich an den Rand der Erde. | |||
'''25.58''' Dort schuf er ringsum den Berg Lokāloka als Umfassung der Erde, zweihunderttausend Yojanas hoch, und befestigte ihn fest wie die Außenwand eines Hauses. | |||
'''25.59''' Damit habe ich euch, ihr Brahmanen, die ursprüngliche Schöpfung erklärt. Nun werde ich die erneute Schöpfung beschreiben; hört, ihr großen Weisen. | |||
===Kapitel 26=== | |||
'''26.1''' Markandeya sprach: Diese Schöpfung heißt Varaha-Schöpfung, weil sie vom Eber getragen wird. Als erneute Schöpfung bezeichnet man das, was Daksha und die anderen jeweils hervorbrachten. | |||
'''26.2''' Die einzelnen Schöpfungen Rudras, Virajs, Manus, Dakshas und der geistgeborenen Söhne mit Marichi an der Spitze gelten als erneute Schöpfung. | |||
'''26.3''' Virajs Sohn schuf die Manus seiner Linie, durch welche die Welt ausgebreitet wurde. Nachdem die sieben Manus hervorgebracht waren, schuf Manu zahlreiche Geschöpfe. | |||
'''26.4''' Der als Svayambhuva bekannte Manu wollte Nachkommen hervorbringen. Zunächst schuf er sechs weitere Manus als seine Söhne: | |||
'''26.5''' Svarochisha, Auttami, Tamasa, Raivata, den mächtigen Chakshusha und Vivasvant. Der letzte Name steht so in der Vorlage. | |||
'''26.6''' Yakshas, Rakshasas, Pishachas, Nagas, Gandharvas, Kinnaras, Vidyadharas, Apsaras, Siddhas und viele Scharen von Geistwesen, | |||
'''26.7''' Wolken samt Blitzen, Bäume, Schlingpflanzen, Büsche, Gräser und dergleichen, Fische, Landtiere, Insekten und weitere Wasser- und Landbewohner: | |||
'''26.8''' All diese Arten schuf Svayambhuva Manu gemeinsam mit seinen Söhnen. Dies wird als eine weitere erneute Schöpfung bezeichnet. | |||
'''26.9''' Auch die sechs anderen Manus vollziehen in ihren jeweiligen Herrschaftszeiten selbst eine erneute Schöpfung und erfassen damit das Bewegliche und Unbewegliche. | |||
'''26.10''' Der Eber schuf das Opfer und seine Bestandteile, den Opferpfosten und die nach Osten gerichtete Opferhalle, Dharma und Adharma sowie sämtliche Eigenschaften. Der Anfang des Verses ist beschädigt. | |||
'''26.11''' Daksha brachte viele Söhne hervor, hervorragende Götterweise, große Rishis, Somatrinker und zahlreiche Ahnenscharen. | |||
'''26.12''' So setzte er die Schöpfung fort; dies gilt als seine erneute Schöpfung. Aus Brahmas Mund entstanden die Brahmanen, aus seinen beiden Armen die Kshatriyas, | |||
'''26.13''' aus seinen Schenkeln die Vaishyas und aus seinen Füßen die Shudras; aus den vier Gesichtern die vier Veden. Dies ist Brahmas erneute Schöpfung und wird deshalb Brahma-Schöpfung genannt. | |||
'''26.14''' Aus Marichi wurde Kashyapa geboren, aus Kashyapa die ganze Welt, Götter, Daityas und Danavas. Dies gilt als seine Schöpfung. | |||
'''26.15''' Aus Atris Auge entstand Chandra, aus ihm die Monddynastie. Durch sie wurde die ganze Welt erfüllt; dies gilt als seine Schöpfung. | |||
'''26.16''' Die Atharvangirasas, seine Söhne und viele weitere Enkel, sowie Mantras, Yantras und dergleichen werden alle Angiras zugerechnet. | |||
'''26.17''' Pulastyas Söhne sind die als Ajyapas bekannten Wesen und weitere Rakshasas voller Kraft und Schnelligkeit. Sie bilden Pulastyas erneute Schöpfung. | |||
'''26.18''' Die Nachkommen Kadrus, Elefanten, Pferde und viele weitere Geschöpfe wurden von Pulaha hervorgebracht. Dies wird als seine Schöpfung bezeichnet. | |||
'''26.19''' Kratus Söhne sind die allwissenden, machtvoll strahlenden Valakhilyas: achtundachtzigtausend, leuchtend wie die glühende Sonne. | |||
'''26.20''' Die Söhne des Prachetas heißen Prachetasas: sechsundachtzigtausend, deren Glanz dem Feuer gleicht. | |||
'''26.21''' Die Sukalins, weitere Yogis und fünfzig Söhne Arundhatis sind Vasishthas Nachkommen. Dies heißt Vasishthas Schöpfung. | |||
'''26.22''' Aus Bhrigu entstanden die Bhargavas, die Hauspriester der Daityas. Diese Seher sind von großer Einsicht; durch sie ist die ganze Welt erfüllt. | |||
'''26.23''' Aus Narada entstanden Sterne und Himmelswagen, Frage und Antwort sowie Tanz, Gesang und unterhaltsame Künste. | |||
'''26.24''' Daksha, Marichi und die anderen zeugten viele Söhne, die ihrerseits heirateten, und füllten so Erde und Himmel. | |||
'''26.25''' Aus ihren Söhnen gingen weitere Söhne hervor und aus deren Söhnen wiederum andere. Noch heute bestehen ihre Linien in den Welten fort. | |||
'''26.26''' Aus Vishnus Augen entstand die Sonne, aus seinem Geist der Mond, aus seinem Ohr der Wind und aus seinem Mund das Feuer. | |||
'''26.27''' Dies und die zehn Himmelsrichtungen bilden Vishnus erneute Schöpfung. Zur weiteren Schöpfung trat der Mond später aus Atris Auge hervor; die Sonne wurde aus Kashyapa geboren und erhielt eine Gemahlin. | |||
'''26.28''' Viele Rudras und vier Arten von Geisterscharen entstanden: mit Hunde-, Eber- und Kamelgestalt sowie mit Affen-, Schakal- und Kuhgesichtern, | |||
'''26.29''' mit Bären- und Katzengesichtern, andere mit Löwen- und Tigergesichtern. Alle trugen verschiedene Waffen, hatten mannigfaltige Gestalten und große Kraft. | |||
'''26.30''' Damit habe ich euch auch die erneute Schöpfung erklärt, ihr Besten der Zweimalgeborenen. Hört nun von der täglichen Auflösung am Ende eines Kalpa. | |||
===Kapitel 27=== | |||
Die Nummer 30 steht auch an der Stelle von 20; die Zusätze a und b unterscheiden beide Vorkommen. | |||
'''27.1''' Markandeya sprach: Ein Manvantara ist die Zeit eines Manu. So lange ein einzelner Manu die Geschöpfe behütet, so lange dauert das nach ihm benannte Manvantara. | |||
'''27.2''' Es umfasst einundsiebzig Götteryugas. Vierzehn solcher Zeiträume bilden einen Kalpa, einen Tag Brahmas. | |||
'''27.3''' Wenn Brahmas Tag endet, erwacht in ihm das Bedürfnis zu schlafen. Yoganidra, die große Maya, tritt zum Stammvater. | |||
'''27.4''' Er geht in den Nabellotus des unermesslich strahlenden Vishnu ein und schläft dort glücklich, der erhabene Brahma, Stammvater der Welt. | |||
'''27.5''' Dann nimmt Vishnu selbst Rudras Gestalt an und vernichtet wie zuvor die gesamten drei Welten. | |||
'''27.6''' Mit Wind und Feuer verbrennt er alle drei Welten, so wie bei der großen Weltauflösung. | |||
'''27.7''' Die Bewohner von Maharloka werden bei diesem Weltenbrand von der Hitze und dem schrecklichen Feuer bedrängt und ziehen nach Janaloka. | |||
'''27.8''' Dann lässt er durch die vielfarbigen, laut donnernden Weltuntergangswolken einen gewaltigen Regen entstehen und füllt die drei Welten | |||
'''27.9''' mit wogenden Wassermassen bis hinauf zu Dhruvas Wohnstatt. Janardana nimmt die drei Welten in seinen Leib auf und legt sich als höchster Herr auf sein Schlangenlager. | |||
'''27.10''' Nachdem der Weltenlehrer die drei Welten verbrannt und verschlungen hat, lässt er Brahma im Nabellotus schlafen und ruht gemeinsam mit Shri. | |||
'''27.11''' Das Brahman in Narayanas Gestalt, mächtig durch das Verschlingen der drei Welten, liegt unter Yoganidras Einfluss auf dem Schlangenbett. | |||
'''27.12''' Als die gesamte Dreiwelt vom Feuer der Zeit verbrannt wurde, verließ Ananta die Erde und kam in Vishnus Nähe. | |||
'''27.13''' Von ihm verlassen, sank die Erde augenblicklich hinab und fiel auf den Rücken der Schildkröte, als wollte sie zerbrechen. | |||
'''27.14''' Die Schildkröte stemmte ihre Füße gegen das Weltei und trug mit großer Anstrengung die im Wasser schwankende Erde auf ihrem Rücken. | |||
'''27.15''' Janardana in Schildkrötengestalt nahm sie auf, damit sie beim Aufprall auf das Stück des Welteis nicht zertrümmert würde. | |||
'''27.16''' Durch den Druck der Erde, die sich mit den bewegten Wassermassen hin und her bewegte, wurde der Schildkrötenrücken mit zahlreichen Erhebungen versehen. | |||
'''27.17''' Ananta ging zum Milchmeer, wo Janardana gemeinsam mit Shri zu schlafen wünschte. | |||
'''27.18''' Mit seiner mittleren Haube trug er den durch das Verschlingen der drei Welten mächtig gewordenen Herrn. Seine vorderen Hauben breitete der starke Shesha lotusförmig nach oben aus und beschirmte damit Vishnu. | |||
'''27.19''' Seine südliche Haube machte Ananta zum Kopfkissen des Herrn, die nördliche zur Unterlage für dessen Füße. | |||
'''27.30a''' Die westliche Haube machte Shesha zu einem Fächer und fächelte dem schlafenden Janardana Luft zu. | |||
'''27.21''' Mit der nordöstlichen Haube trug der Mächtige die Muschel, den Diskus, das Schwert Nandaka, zwei Köcher und auch Garuda. | |||
'''27.22''' Mit der südöstlichen Haube trug er die Keule, den Lotus, den Sharnga-Bogen und die verschiedenen anderen Waffen des Herrn. | |||
'''27.23''' So machte er seinen eigenen Körper zum Lager Haris und stützte mit seinem Unterleib zugleich die im Wasser versunkene Erde. | |||
'''27.24''' Er trug Janardana samt Lakshmi, Brahma und den drei Welten, mit allem Zugehörigen: den Keim der Welt und die Ursache ihrer Ursachen, | |||
'''27.25''' den ewig Seligen, dessen Wesen die Veden sind, den dem Brahman zugewandten höchsten Herrn, den Urheber und Grund aller Weltursachen, | |||
'''27.26''' Hari, den Herrn von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, das Ziel des Hohen und Niederen. Auf seinem Haupt trug er so selbst seine eigene göttliche Gestalt. | |||
'''27.27''' Der unvergängliche Narayana schläft die ganze Nacht samt ihrer Dämmerung hindurch; sie ist ebenso lang wie ein Tag Brahmas. | |||
'''27.28''' Weil diese Auflösung an jedem Tag Brahmas geschieht, nennen die Kenner der Vorzeit sie die tägliche Auflösung. | |||
'''27.29''' Nach Ablauf der Nacht erwacht Brahma, der Stammvater der Welt, aus dem Schlaf und erhebt sich, wieder auf Schöpfung bedacht. | |||
'''27.30b''' Er sieht die drei Welten voller Wasser und den schlafenden höchsten Purusha. Darauf preist er Vishnus weltumfassende große Maya, Yoganidra, die in Haris Körper weilt. | |||
'''27.31''' Brahma sprach: Ich verneige mich vor der unveränderlichen Bewusstseinskraft, deren Wesen das höchste Brahman ist, vor der großen Maya, der ewigen Yoganidra. | |||
'''27.32''' Du bist die Erkenntnis der Yogis, Göttin, ihr Ziel, ihr Verständnis und ihr Lobpreis. Du bist Schöpfung und Erhaltung, Svaha und Svadha, du bist der heilige Gesang. | |||
'''27.33''' Du bist Samaveda-Gesang, rechte Lebensführung, Schamgefühl, Shri und Sarasvati. Du bist Yogaschlaf, große Maya und der Schlaf der Verzauberung, du Herrin. | |||
'''27.34''' Du bist Schönheit und sämtliche Kraft, Vishnus heilvolle Gestalt. Du bist die Trägerin aller Welten und das Nichtwissen der verkörperten Wesen. | |||
'''27.35''' Du bist die tragende Kraft, Göttin, die das Weltei hält. Du allein bist die aus drei Grundeigenschaften bestehende Urnatur aller Welten. | |||
'''27.36''' Du bist Savitri und Gayatri, mild und nicht mild, überaus schön. Du bist Haris ewiger Schöpfungswille, sein Schlafverlangen und sein tiefer Schlaf. | |||
'''27.37''' Du bist Nahrung, Scham, Geduld, Friede und Festigkeit, höchste Herrin. Als Erde trägst du alles Bewegliche und Unbewegliche. | |||
'''27.38''' Du bist das Wasser und die Mutter des Wassers, im Inneren aller Dinge wirkend. Du bist Lobpreis, die Gepriesene, die Preisende und die Kraft des Preisens. | |||
'''27.39''' Wie könnte ich dich angemessen preisen? Sei gnädig, höchste Herrin. Verehrung dir, Mutter der Welt! Erwecke Janardana. | |||
'''27.40''' So von Brahma, dem Weltschöpfer, gepriesen, trat Mahamaya aus Haris Augen, Mund, Nase, Armen und Herzen hervor. Sie nahm eine von Rajas geprägte Gestalt an und stand vor Brahmas Blick. | |||
'''27.41''' Vom Schlaf verlassen, erhob Janardana sich augenblicklich von seinem Schlangenlager und richtete seinen Geist auf die Schöpfung. | |||
'''27.42''' Dann hob er in Ebergestalt die im Wasser versunkene Erde rasch empor und legte sie über das Wasser. | |||
'''27.43''' Dort lag sie wie ein großes Schiff auf der Wasserflut. Wegen der weiten Ausdehnung ihres Körpers sank die Erde nicht unter. | |||
'''27.44''' Hari begab sich zur Erde, zog durch seine Maya die Wassermassen zurück und sorgte selbst für die Lebensgrundlage der Wesen. | |||
'''27.45''' Auch Ananta ging wie zuvor unter die Erde und trug sie, auf der Schildkröte ruhend. | |||
'''27.46''' Brahma, der Stammvater aller Welten, brachte darauf sämtliche Schöpferherren hervor und ließ durch sie die Welt entstehen. | |||
'''27.47''' Ob Brahma selbst die Schöpfung vollzieht oder andere Hüter der Geschöpfe wie Daksha handeln, stets geschieht dies nach dem göttlichen Willen. | |||
'''27.48''' Derjenige, dessen Wesen das höchste Brahman ist, unterstützt sie fortwährend; ebenso wirken die Urnatur und die fünf großen Elemente mit. | |||
'''27.49''' Auch der Purusha und die Prinzipien von Mahat an unterstützen sie, getragen vom Willen des Herrn. Die anschließende Wendung zu einer achtfachen Gesamtheit ist beschädigt. | |||
'''27.50''' Alles Entstehende beruht auf der Mitwirkung der Purushas, der großen Elemente, der Prinzipien von Mahat an, der mächtigen Zeit und der Urnatur. | |||
'''27.51''' Ob unbeweglich oder beweglich, beständig oder wunderbar: Alles entsteht auf dieser Grundlage, ihr Besten der Zweimalgeborenen. | |||
'''27.52''' Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie der erhabene Hari einst Hara die Kalpas von Schöpfung und Auflösung zeigte. | |||
'''27.53''' Hört nun von mir, ihr Brahmanen, wie er ihm die äußerste Unbeständigkeit der entfalteten Welt zeigte und was er ihm als ihren bleibenden Wesenskern offenbarte. | |||
===Kapitel 28=== | |||
'''28.1''' Die ganze Welt ist ohne bleibenden Kern, vergänglich und eine Stätte des Leidens. In einem Augenblick entsteht sie, in einem Augenblick vergeht sie. | |||
'''28.2''' So geht die Welt ohne bleibenden Kern aus dem wahrhaft Wesentlichen hervor; bei der großen Auflösung gehen ihre Erscheinungen wieder in dieses ein. | |||
'''28.3''' Durch Entstehen und Vergehen zeigte Hari, der Herr der Welten, Shambhu die Unbeständigkeit der Welt unmittelbar auf. | |||
'''28.4''' Eines ist das Wesentliche: glückverheißend, friedvoll, grenzenlos, unvergänglich, höher als das Höchste und von Erkenntnis erfüllt, ohne Zweites, unoffenbar und von unvorstellbarer Gestalt. Außer ihm gibt es nichts, das in gleicher Weise wesentlich wäre. | |||
'''28.5''' Woraus dieses ganze All hervorgeht, worin es später wieder aufgeht und worin es besteht, das die Welt trägt wie der Himmel die sich bildenden Wolken: Das ist das Wesentliche der Wirklichkeit. | |||
'''28.6''' Was der Yogi durch den achtgliedrigen Yoga zu erreichen sucht und dafür beständig sein eigenes Wesen läutert, was er erlangt, ohne in diese Welt zurückzukehren: Das ist das Wesentliche; kein anderes ist es in gleicher Weise. | |||
'''28.7''' Als Zweites ist jener Dharma wesentlich, der zur Erlangung des Ewigen führt und der Weg der Rückkehr genannt wird. Der auf weiteres Weltgeschehen gerichtete Weg ist in diesem Vergleich nicht das Wesentliche. | |||
'''28.8''' Man sammle Dharma allmählich an, wie ein Termitenhügel aus Erde wächst: als Beistand für die andere Welt und zur Befreiung von früherem Unrecht. | |||
'''28.9''' Unter allen Tätigkeiten im Weltleben ist Dharma allein das höchste Gut. Die anderen drei Lebensziele, angefangen mit Artha, entstehen aus Dharma. | |||
'''28.10''' Besser sei es, den Lebensatem aufzugeben oder den Kopf zu verlieren, als den Dharma preiszugeben: Dessen Aufgabe werde in der Welt und im Veda getadelt. Der Vers formuliert die kompromisslose Wertung der Überlieferung. | |||
'''28.11''' Durch Dharma wird die menschliche Welt getragen, durch Dharma das All. Durch Dharma allein gelangten einst sämtliche Götter zu ihrem göttlichen Zustand. | |||
'''28.12''' Der erhabene, auf vier Füßen stehende Dharma schützt die Welt unablässig. Er selbst ist der ursprüngliche Purusha, der Dharma genannt wird. | |||
'''28.13''' Alles in dieser Welt vergeht; Dharma hingegen soll nicht aufgegeben werden. Wer vom Dharma nicht abweicht, wird unvergänglich genannt. | |||
'''28.14''' So habe ich euch das Wesentliche erläutert; die ganze Welt ist ohne bleibenden Kern. Ebenso schaute Shambhu selbst durch Erkenntnis in seinem Innern. | |||
'''28.15''' Dies zeigte ihm Vishnu, der Herr der Welt. Shankara erfasste es selbst mit dem Geist durch Meditation im Selbst. | |||
'''28.16''' Wesentlich ist die höchste, ungeteilte Wirklichkeit ohne Gestalt; als weiteres Wesentliches gilt der gestaltgewordene Dharma. Alles andere entbehrt dieser Wesentlichkeit. Wer dies erkennt, gelangt als Mensch großer Einsicht zum Ewigen. | |||
===Kapitel 29=== | |||
'''29.1''' Die Rishis sprachen: Zu welchem Zweck schuf Shambhu einst die vier Arten von Geisterscharen, und wie kamen sie zu ihren vielfältigen Gestalten? | |||
'''29.2''' Einige Scharenführer besitzen einen Leib, der halb Eber und halb Elefant ist; andere haben Löwen- oder Tigerkörper. | |||
'''29.3''' Wie entstanden diese furchtbaren, mächtigen Scharen, und wovon leben sie? All dies möchten wir hören, du Bester der Zweimalgeborenen. | |||
'''29.4''' Markandeya sprach: Hört, ihr Weisen, wie Shambhus Scharen entstanden, zu welchem Zweck sie hervorgingen und warum sie mannigfaltige Gestalten tragen. | |||
'''29.5''' Dies ist ein höchstes Geheimnis, das Dharma, Wohlstand und Wunscherfüllung schenkt, höchste Strahlkraft und höchste Askese. | |||
'''29.6''' Wer diese große Erzählung hört, gerät weder hier noch im Jenseits ins Elend. Sie bringt Ruhm, Dharma, langes Leben, Zufriedenheit und Gedeihen. | |||
'''29.7''' Als die erste Schöpfung durch den Eber vollendet war, ihr besten Weisen, sprach Shankara zu Varaha, dem Herrn aller Dinge und der Welten. | |||
'''29.8''' Ishvara sprach: Mächtiger, das Ziel, für das du die Ebergestalt angenommen hast, ist erfüllt. Du hast die Erde an ihren rechten Platz gebracht. | |||
'''29.9''' Durch deine Gnade sind die Meere, Flüsse und die Erde geordnet, und auch die von Brahma vollzogene Schöpfung ist entstanden. | |||
'''29.10''' Du bist alles, du bestehst aus Opfer und Licht. Du bist der Lehrer aller Lehrer und überragst das Höchste. | |||
'''29.11''' Die Erde vermag dich nicht zu tragen, Herr der Welt. Sie scheint auseinanderzubrechen, obwohl sie durch die Berge zusammengehalten wird, die du zuvor eingesetzt hast. | |||
'''29.12''' Darum lege deinen Eberkörper ab, Herr der Welt, diesen allumfassenden Leib in Weltgestalt, die Ursache der Weltursachen. | |||
'''29.13''' Wer außer ihr könnte diesen deinen Eberkörper tragen, Mächtiger? Zumal du im Wasser die begehrende Erde bedrängt hast, während sie ihre Monatsblutung hatte; durch deine Kraft empfing sie eine furchtbare Leibesfrucht. | |||
'''29.14''' Aus dieser Schwangerschaft, die die Erde während ihrer Blutung empfing, wird ein Sohn entstehen, der dir Schande bringen wird, Herr der Welt. | |||
'''29.15''' Er wird das Wesen eines Asura annehmen und Götter und Gandharvas schädigen. Dies sagte mir Brahma in Dakshas Gegenwart. | |||
'''29.16''' Gib diesen begehrenden Eberkörper auf, Weltenherr: Aus der Vereinigung während ihrer Unreinheit ist etwas Böses hervorgegangen, das dir Unheil bringen wird. Die Satzverbindung ist unsicher. | |||
'''29.17''' Du selbst bist Schöpfer, Erhalter und Auflöser, Förderer der Welt. Zur jeweiligen Zeit wirst du Schöpfung, Erhaltung und Auflösung vollziehen. | |||
'''29.18''' Darum lege diesen Körper zum Wohl der Welten ab, Mächtiger. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du wieder einen anderen Eberkörper annehmen. | |||
'''29.19''' Markandeya sprach: Als der Erhabene in Ebergestalt die Worte des edlen Shankara gehört hatte, antwortete er Mahadeva. | |||
'''29.20''' Der Erhabene sprach: Ich werde deinem Wort folgen, Maheshvara, so wie du gesagt hast. Diesen Körper des Opfer-Ebers werde ich gewiss ablegen. | |||
'''29.21''' Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich zum Wohl der Welten eine andere wunderbare und unbezwingbare Ebergestalt annehmen. | |||
'''29.22''' Nach diesen Worten verschwand der Großleibige dort, der Weltenlehrer, Weltschöpfer, Welterhalter und Herr der Welt. | |||
'''29.23''' Nachdem der Gott verschwunden war, ging Maheshvara, der Gott der Götter, mit den Götterscharen und seinen eigenen Scharen an seinen Wohnort zurück. | |||
'''29.24''' Der Eber aber ging zum Berg Lokāloka und vergnügte sich dort mit der schönen Erde, die eine weibliche Ebergestalt angenommen hatte. | |||
'''29.25''' Lange liebkoste er sie auf jenem herrlichen Berg. Doch der leidenschaftliche Weltenherr in Ebergestalt fand keine Sättigung. | |||
'''29.26''' Aus der Erde, die als weiblicher Eber mit ihm spielte, wurden drei Söhne geboren, ihr besten Brahmanen. Hört ihre Namen: | |||
'''29.27''' Suvritta, Kanaka und Ghora; alle waren von großer Kraft. | |||
'''29.28''' Als Junge spielten sie miteinander auf den goldenen Höhen und Hängen des Meru, in Höhlen und Seen. | |||
'''29.29''' Von diesen Söhnen und seiner Gemahlin umgeben, vergnügte sich der Eber und dachte nicht mehr daran, seinen Körper abzulegen, ihr Brahmanen. | |||
'''29.30''' Manchmal spielte der Mächtige zusammen mit seinen Jungen und seiner Gemahlin mitten im Schlamm. | |||
'''29.31''' Mit Schlamm bedeckt glänzte der honigbraune Eber wie eine Abendwolke, aus der Wasser herabrinnt. | |||
'''29.32''' Höchst erfreut an seinen Söhnen und seiner Gemahlin, der Erde, spielte er und zerwühlte dabei den Erdboden. So entstand eine Senkung in ihrer Mitte. | |||
'''29.33''' Ananta stand unter der Erde auf der Schildkröte und trug Hari. Unter dem Druck wurden seine Häupter gebeugt, und er geriet in Angst. | |||
'''29.34''' Suvritta, Ghora und Kanaka durchwühlten mit ihren Rüsseln die goldenen Hänge und ebneten sie durch zerbrochene Goldmassen ein. | |||
'''29.35''' Alles, was die Götter auf dem Meru sorgfältig aus Gold errichtet hatten, wurde von den Söhnen des Ebers zerstört, ihr besten Brahmanen. | |||
'''29.36''' Die Jungen trübten mit ihren Rüsselschlägen auch die Seen der Götter, den Manasa und die übrigen, ringsum auf. | |||
'''29.37''' In ihrer weiblichen Gestalt erfreute die Erde den Eber; in ihrer unbeweglichen Erdgestalt aber erlitt sie heftigen Schmerz. | |||
'''29.38''' Suvritta und die anderen tauchten ringsum in die Meere ein, zerstreuten mit ihren Rüsseln die Juwelen und brachten alle Meere in Aufruhr. | |||
'''29.39''' Die umherspielenden Eberjungen beschädigten die Welten, die Flüsse und die wunscherfüllenden Bäume. | |||
'''29.40''' Obwohl der Eber als Welterhalter um die Bedrängnis der Welt wusste, hielt er seine Söhne aus Liebe zu ihnen nicht zurück. | |||
'''29.41''' Wenn Suvritta, Kanaka und Ghora in den Himmel kamen, flohen die erschrockenen Götterscharen in alle zehn Richtungen. | |||
'''29.42''' So spielte der Opfer-Eber mit seinen Söhnen und seiner Gemahlin, ohne je Sättigung zu finden. Sein Verlangen wuchs täglich, und er wollte den Körper nicht ablegen, obwohl es ihm aufgetragen worden war. | |||
===Kapitel 30=== | |||
Die Nummer 103 steht auch an der Stelle von 173; die Zusätze a und b unterscheiden beide Vorkommen. | |||
'''30.1''' Markandeya sprach: Alle Götterscharen und die übrigen göttlichen Wesen berieten gemeinsam mit Indra sorgfältig über das Wohl der Welt. | |||
'''30.2''' Nachdem sie einen Entschluss gefasst hatten, suchten Indra und die anderen mit den Weisen Zuflucht bei dem ungeborenen, allgegenwärtigen Narayana, der Schutz gewährt. | |||
'''30.3''' Sie traten vor Govinda, Vasudeva, den Herrn der Welt, verneigten sich und priesen ihn, dessen Banner Garuda trägt. | |||
'''30.4''' Die Götter sprachen: Verehrung dir, Gott der Götter, Urheber der Weltursachen, Erhabener in Zeitgestalt, dessen Wesen Urnatur und Purusha ist! | |||
'''30.5''' Du bist grob und fein, durchdringst die Welt, bist höchster Herr und höchster Purusha. Du erschaffst, erhältst und vernichtest alle Wesen. | |||
'''30.6''' In der Gestalt der Maya bezauberst du die Welt. Alles Vergangene, Zukünftige und jetzt Bestehende, | |||
'''30.7''' alles Bewegliche und Unbewegliche bist du, höchster Herr. Für die nach Wohlstand Strebenden bist du Wohlstand, für die nach Wunscherfüllung Strebenden deren Erfüllung. | |||
'''30.8''' Du bist Dharma für die nach Dharma Strebenden und Befreiung für die, die Erlöschen wünschen. Du selbst bist der Begehrende, der Wohlstand Suchende, der Rechtschaffene und der beständig Gehende. Ein Wort der zweiten Hälfte ist beschädigt. | |||
'''30.9''' Aus deinem Mund entstanden die Brahmanen, aus deinen Armen die Kshatriyas, aus deinen Schenkeln die Vaishyas und aus deinen Füßen die Shudras. | |||
'''30.10''' Aus deinem Auge entstand die Sonne, Mächtiger, aus deinem Geist der Mond, aus deinem Ohr der Wind und die weiteren zehn Lebenshauche. | |||
'''30.11''' Aus deinem Haupt entstanden die oberen Welten, angefangen mit dem Himmel, aus deinem Nabel der Luftraum, aus deinen Fußsohlen die Erde. | |||
'''30.12''' Aus deinen Ohren entstanden die Himmelsrichtungen, aus deinem Leib die ganze Welt. Als Maya bezauberst du die Welt. | |||
'''30.13''' Du bist ohne Eigenschaften und zugleich mit Eigenschaften versehen, der eine Reine, höher als das Höchste. Du unterliegst weder Entstehen noch Bestehen und überragst unvergänglich die Eigenschaften. | |||
'''30.14''' Adityas, Vasus, Götter, Sadhyas, Yakshas und Maruts sowie die nach Befreiung strebenden Weisen betrachten dich, Weltenherr. | |||
'''30.15''' Die erfahrenen Weisen, frei von Genussverlangen, erkennen dich als Bewusstsein und Seligkeit. Du bist Same, Wasser, Standort und Frucht des großen Baumes des Daseins. | |||
'''30.16''' Mit Padma strahlst du, den Lotus in der Hand; du trägst treffliches Schwert, Diskus, Lotus und Bogen. Auf Garuda leuchtest du beständig wie eine wasserreiche Wolke über dem goldenen Berg. | |||
'''30.17''' Du bist der Gelbgewandete, Shankara und der Lotusgeborene; alles dies bist du, nichts ist davon getrennt. Deine Eigenschaften können weder wir noch Brahma, Hara oder die Weltenhüter ganz erfassen. Voll Furcht und Hingabe suchen wir Zuflucht bei dir. Beschütze uns, Vishnu! | |||
'''30.18''' Markandeya sprach: So von Indra und den Götterscharen gepriesen, sprach der Gott der Götter, Ursprung der Förderer aller Wesen, mit einer Stimme wie Wolkendonner zu ihnen. | |||
'''30.19''' Der Erhabene sprach: Sagt rasch, ihr Götter, weshalb ihr gekommen seid, welche Gefahr euch droht und was ich dagegen tun soll. | |||
'''30.20''' Die Götter sprachen: Durch das Spiel des Opfer-Ebers zerbricht die Erde fortwährend. Alle Welten sind erschüttert und finden keine Ruhe. | |||
'''30.21''' Wie eine getrocknete Flaschenkürbisschale unter Schlägen zerbricht, so wird die Erde durch die Hufschläge des Ebers zerrüttet. | |||
'''30.22''' Auch seine drei Söhne Suvritta, Kanaka und Ghora, glühend wie das Weltuntergangsfeuer, setzen der Welt zu. | |||
'''30.23''' Durch ihre Schlammspiele sind die Seen, der Manasa und die anderen, beschädigt und kehren nicht in ihren früheren Zustand zurück, Weltenherr. | |||
'''30.24''' Die göttlichen Bäume, Mandara und die übrigen, sind von diesen Mächtigen zerbrochen. Noch immer treiben sie weder Früchte noch Blüten noch Blätter. | |||
'''30.25''' Wenn die drei, Suvritta und seine Brüder, den Trikuta besteigen und von dort ins Salzmeer springen, Starkarmiger, überfluten dessen aufgewühlte Wassermassen die ganze Erde. | |||
'''30.26''' Alle Menschen werden fortgerissen und fliehen in die zehn Richtungen, um ihr Leben zu retten. | |||
'''30.27''' Wenn die Söhne des Opfer-Ebers in den Himmel kommen, werden die Götter hierhin und dorthin vertrieben und finden keinen Frieden. | |||
'''30.28''' Beim Spiel auf den Gipfeln haben die Ebersöhne alle Berge zu einem großen Teil in die Tiefe gedrückt, Weltenherr. | |||
'''30.29''' So geht durch ihr Spiel die ganze Welt zugrunde, Vaikuntha. Darum beschütze die Welt, Herr! | |||
'''30.30''' Markandeya sprach: Janardana hörte ihre Worte und wandte sich besonders an den Gott Shankara und an Brahma. | |||
'''30.31''' Der Erhabene sprach: Jenen Eberkörper, durch den alle Götter und Geschöpfe großes Leid erfahren und die ganze Welt zerbricht, | |||
'''30.32''' möchte ich ablegen, Shankara. Doch weil er am Genuss hängt, lässt er sich nicht einfach willentlich aufgeben. Sorge du jetzt mit Nachdruck dafür, dass dieser Körper abgelegt wird. | |||
'''30.33''' Brahma, stärke den Bezwinger Kamas immer wieder mit deiner Kraft. Auch die Götter sollen ihn stärken. Shankara soll den Eber töten. | |||
'''30.34''' Durch die Vereinigung mit einer menstruierenden Frau und durch das Töten von Brahmanen ist dieser Körper schuldbeladen geworden. Es ist nun angemessen, ihn abzulegen. | |||
'''30.35''' Durch Sühne schwindet Schuld; deshalb will ich Sühne üben. Zu diesem Zweck soll mein Leib mit aller Anstrengung zur Ruhe gebracht werden. | |||
'''30.36''' Ich soll die Geschöpfe stets schützen; doch durch mich leiden sie täglich. Darum werde ich diesen Körper um der Geschöpfe willen aufgeben. | |||
'''30.37''' Markandeya sprach: So von Vasudeva angesprochen, antworteten Brahma und Shankara Govinda: Es soll geschehen, wie du gesagt hast. | |||
'''30.38''' Vasudeva entließ alle Götter und versenkte sich selbst in Meditation, um die Kraft der Ebergestalt zurückzunehmen. | |||
'''30.39''' Während Madhava diese Kraft allmählich einzog, verlor der Eberkörper seine Stärke. | |||
'''30.40''' Als sämtliche Götter erkannten, dass der Körper an Kraft verloren hatte, näherte sich der Gott dem wunderbaren Opfer-Eber. | |||
'''30.41''' Alle Götter mit Brahma an der Spitze folgten Mahadeva, Umas Gemahl, um dem Bezwinger Kamas ihre Kraft zu übertragen. | |||
'''30.42''' Jede Götterschar legte ihre eigene Kraft in den Gott mit dem Stierbanner. Dadurch wurde er überaus mächtig. | |||
'''30.43''' Sogleich nahm der Herr der Berge die furchtbare Gestalt des Sharabha an, mit acht Beinen, oben und unten angeordnet. | |||
'''30.44''' Er war zweihunderttausend Yojanas hoch und hundertfünfzigtausend breit. Der Körper des Ebers erstreckte sich hunderttausend Yojanas in die Höhe, | |||
'''30.45''' fünfzigtausend in die Breite und wuchs weiter. Darauf sah der Opfer-Eber Mahadeva, Umas Gemahl, in Sharabha-Gestalt: | |||
'''30.46''' Sein Kopf berührte den Mond; Nase und Krallen waren überaus lang, sein Leib dunkel wie Kohle. | |||
'''30.47''' Er hatte ein langes Gesicht, einen gewaltigen Körper, acht Fangzähne, einen behaarten Schweif und lange Ohren; sein Anblick war schrecklich. | |||
'''30.48''' Vier Beine befanden sich auf der Rückenseite, vier darunter. Er stieß furchtbare Rufe aus und sprang immer wieder empor. | |||
'''30.49''' Als Suvritta, Kanaka und Ghora ihn so zornig heranstürmen sahen, liefen sie ihm entgegen, vom Zorn überwältigt. | |||
'''30.50''' Die drei mächtigen Brüder stießen gleichzeitig mit ihren Rüsseln gegen den riesigen Sharabha und schleuderten ihn empor. | |||
'''30.51''' In dem Augenblick, in dem sie ihn hochwarfen, nahmen die drei Eber durch ihre Zauberkraft dieselbe Größe wie Sharabha an. | |||
'''30.52''' Von ihren Rüsselschlägen emporgeschleudert, fiel Sharabha am Rand der Erde in den tiefen Wasserozean. | |||
'''30.53''' Als er in das Meer, die Wohnstatt der Meeresungeheuer, gestürzt war, sprangen die drei im Zorn hinterher und fielen ebenfalls hinein. | |||
'''30.54''' Nachdem Suvritta, Kanaka und Ghora ins Meer gefallen waren, sprang auch der Eber aus Liebe zu seinen Söhnen und im Zorn plötzlich in die Wassermasse, ihr besten Brahmanen. | |||
'''30.55''' Bei ihren gewaltigen Sprüngen zerschlugen die Eber und Sharabha die Götter im Himmel sowie Sterne und Planeten. | |||
'''30.56''' Einige Götter wurden getötet, andere stürzten zur Erde. Manche wissenden Götter suchten in Maharloka Zuflucht. | |||
'''30.57''' Die aus ihren Himmelswagen zur Erde fallenden Sterne erschienen in Flammenkränze gehüllt, ihr besten Brahmanen. | |||
'''30.58''' Die furchtbare Wucht ihrer Sprünge erzeugte einen überaus heftigen und schrecklichen Wind. | |||
'''30.59''' Von diesem Wind fortgetrieben, stürzten Berge auf die Erde; einige fielen auf andere Berge. | |||
'''30.60''' Immer wieder stürzten sie nieder, zerquetschten Bäume und Lebewesen. Andere wurden durch die Stöße der Berge wie tanzend über die Erde getrieben. | |||
'''30.61''' Die wandernden Berge vernichteten zahlreiche Geschöpfe. Durch die Gewalt des Windes schienen die sonst unbeweglichen Berge über den Erdboden zu ziehen, | |||
'''30.62''' stießen gegeneinander und bewegten sich weiter. Die ins Meer fallenden Eber und Sharabha | |||
'''30.63''' und die gewaltig hohen Berge schleuderten die Wassermassen empor. Durch die Wucht ihres Sturzes wurde das Wasser so weit hinausgeworfen, | |||
'''30.64''' dass alle Meere einen Augenblick lang wasserlos schienen. Die fortgeschleuderten Wasser fielen auf die Erde. | |||
'''30.65''' Alle Geschöpfe wurden überflutet und gingen augenblicklich zugrunde. Ringsum trieben sie im Wasser und starben. | |||
'''30.66''' Voller Angst, leidend und dem Tod nahe, klagten sie erbarmungswürdig: „Ach, Vater! Ach, lieber Vater! Ach, Mutter! Ach, mein Kind!“ | |||
'''30.67''' Wo Sharabha mit den Ebern niederfiel, sank die Erde hinab, von der Gewalt ihrer Füße aufgerissen. | |||
'''30.68''' Der gegenüberliegende Rand der Erde hob sich samt seinen Bergen empor und versetzte durch die Stürme selbst Janaloka in Erschütterung. Die Satzform ist beschädigt. | |||
'''30.69''' Sharabha sah die bis nach Janaloka reichende Erde, von den Ebern bedrängt und wie leblos. Er staunte, war erschrocken und von Erschöpfung gequält. Einzelne Verbindungen sind unsicher. | |||
'''30.70''' Alle Eber kämpften mit Rüsselschlägen, Huftritten, Fangzähnen und furchtbaren Körperstößen. | |||
'''30.71''' Sharabha kämpfte mit den Spitzen seiner Fangzähne, scharfen Krallen und Hufen, mit Schweif- und Schnabelschlägen sowie gewaltigem Gebrüll. | |||
'''30.72''' Der eine große Sharabha kämpfte unablässig tausend Jahre lang gegen die vier Eber. | |||
'''30.73''' Durch ihre Schläge, Anstürme, Drehungen, ihr Hin und Her, ihre Aufpralle, Rufe und Körperstürze gingen alle Schlangen der Unterwelt samt Kadrus Nachkommen zugrunde. | |||
'''30.74''' Schließlich verließen die Kämpfenden das Meer und gelangten in die Mitte der Erde. Dadurch wurde die Erde wieder eben. | |||
'''30.75''' Shesha stemmte sich mit großer Mühe gegen die Schildkröte und trug die Erde, schmerzgebeugt und mit niedergedrückten Häuptern. | |||
'''30.76''' Ananta war zusammengestaucht, die Erdoberfläche wieder eben; durch die bewegten Wassermassen und Berge waren alle Lebewesen | |||
'''30.77''' zugrunde gegangen, während Eber und Sharabha weiterkämpften. Die ganze Welt war vom Meer überflutet und bestand nur noch aus Wasser. | |||
'''30.78''' Da sprach der Älteste der Götter, der Stammvater, voller Sorge zu Hari: Erhabener, die ganze Welt mit Göttern, Asuras und Menschen | |||
'''30.79''' ist vernichtet, die Erde zerbrochen, das Bewegliche und Unbewegliche zerstört. Götter, Danavas, Gandharvas, Daityas, kriechende Tiere und askesereiche Weise sind zugrunde gegangen, Weltenherr. | |||
'''30.80''' Du bist der Beschützer aller und der Herr der Welt. Darum beschütze uns alle und die Erde. | |||
'''30.81''' Ziehe deinen Eberkörper selbst zurück. Stelle die Erde samt ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen wieder her, Starkarmiger. | |||
'''30.82''' Markandeya sprach: Als Janardana Brahmas Worte gehört hatte, bemühte sich der Unvergängliche, alles wiederherzustellen. | |||
'''30.83''' Hari nahm die Gestalt eines Rohita-Fisches an. Zum Wohl der Welt und zum Schutz der Offenbarung nahm er die sieben führenden, vedakundigen Weisen samt den Veden auf: | |||
'''30.84''' Vasishtha, Atri, Kashyapa, Vishvamitra, Gautama, den in großer Askese stehenden Jamadagni und Bharadvaja, den Schatz der Askese. | |||
'''30.85''' Er setzte die führenden Weisen in ein großes Schiff auf seinen Rücken und ruhte damit im Wasser. Dann ging Janardana zu Shiva, der mit den Ebern kämpfte, um ihn zu stärken. | |||
'''30.86''' Shiva war erschöpft, von den heftigen Rüsselschlägen bedrängt und keuchte mit offenem Mund. Als der Eber Hari herankommen sah, erinnerte er sich an die frühere Narasimha-Gestalt. | |||
'''30.87''' Auf diese Erinnerung hin kam Narasimha als Freund zu Hilfe. Vishnu aber nahm seine eigene Kraft aus dessen Körper zurück. Der überlieferte Vers ist verkürzt. | |||
'''30.88''' Die Eber und Sharabha sahen das sonnenähnliche Licht in Vishnu eingehen. Als der Eber erkannte, dass Narasimha seine Kraft verloren hatte, stieß er zahlreiche Atemzüge aus. | |||
'''30.89''' Daraus entstanden viele Eber von verschiedener Größe, mit erstaunlich scharfen Hauern. Diese zauberkundigen und furchtlosen Eber bedrängten den Herrn der Berge in Sharabha-Gestalt. | |||
'''30.90''' Gemeinsam mit Narasimha kämpften sie und setzten Shiva heftig zu. Bald nahmen sie die Gestalt großer Vögel an, bald die von Kühen, Pferden und Menschen, | |||
'''30.91''' bald von Mannlöwen und Ebern, bald von entstellten Schakalen. Als Madhava die vielen schrecklichen Gestalten sah, die die Eber im Kampf entfalteten, | |||
'''30.92''' und Bharga von ihnen bedrängt sah, näherte er sich dem Bergesherrn. Vishnu berührte ihn mit der Hand und legte erneut eigene Kraft in ihn. | |||
'''30.93''' Kaum hatte der mächtige Vishnu ihn berührt, wurde Shiva froh, begeistert und voller Stärke. | |||
'''30.94''' Darauf stieß Sharabha ein mächtiges, durchdringendes Gebrüll aus, das die vierzehn Welten erfüllte. | |||
'''30.95''' Aus den Tropfen, die beim Brüllen aus seinem Mund sprühten, entstanden Scharen von gewaltiger Gestalt und großer Kraft. | |||
'''30.96''' Wie aus dem Atem des Ebers vielgestaltige Eberscharen hervorgegangen waren, so entstanden auch diese, noch weit mächtiger. | |||
'''30.97''' Sie hatten Hunde-, Eber- und Kamelgestalten, Affen-, Schakal- und Kuhgesichter sowie Gestalten von Bären, Katzen, Elefanten und Wassertieren. | |||
'''30.98''' Einige hatten Löwen- und Tigergesichter, andere Schlangen- oder Mäusegestalt, Pferdehälse und Pferdeköpfe, wieder andere Büffelgestalt. | |||
'''30.99''' Manche waren menschenförmig, andere hatten Hirsch- oder Widdergesichter. Es gab kopflose Rümpfe, Fußlose, Armlose und solche mit vielen Händen. | |||
'''30.100''' Einige waren wie Sharabhas, andere mit Eidechsengesichtern, Fisch- oder Krokodilmäulern, klein oder lang, stark oder mager. Ein Beiwort ist nicht eindeutig überliefert. | |||
'''30.101''' Sie hatten vier, acht, drei, zwei oder ein Bein, viele Hände und glichen Yakshas oder Kimpurushas. | |||
'''30.102''' Einige waren tiergestaltig und geflügelt, mit hängenden, großen oder langen Bäuchen, dichtem Haar, vielen Ohren oder ganz ohne Ohren. | |||
'''30.103a''' Andere hatten dicke Lippen, lange Zähne und lange Bärte. Welche Lebewesen es auch ringsum in den Welten gibt, ihr Brahmanen, | |||
'''30.104''' in allen vierzehn Welten: Ihre Gestalten fanden sich unter diesen Scharen wieder. Kein bewegliches oder unbewegliches Wesen existiert, | |||
'''30.105''' dessen Gestalt nicht auch in einer Schar Shankaras entstanden wäre. Sie führten Wurfkeulen, Schwerter, Eisenstangen und Speere, | |||
'''30.106''' weitere Klingen, Keulen, Schlingen, Spieße, Schädelstäbe, Dreizacke, Schädel und Lanzen, | |||
'''30.107''' Sicheln, Haken, Deichselspitzen, Stäbe, dreizackige Waffen, Wurfspeere, Äxte, Pfeile und Bogen und waren überaus furchtbar. | |||
'''30.108''' Alle waren mächtig und mit Haarflechten und Mondsicheln geschmückt. Einige glichen Bharga in Gestalt, Reittier und Schmuck. | |||
'''30.109''' Ihre Häupter glänzten durch Haarflechten und Halbmond. Manche waren Ardhanarishvaras, halb Mann und halb Frau, genauso wie Rudra. | |||
'''30.110''' Andere entstanden in einer schönen, bezaubernden Gestalt wie der Liebesgott, zusammen mit Frauenscharen und voller Liebesverlangen. | |||
'''30.111''' Alle bewegten sich im Luftraum und gingen nach freiem Willen. Manche waren dunkel wie blaue Wasserlilien, andere weiß oder rötlich, | |||
'''30.112''' rot, gelb, bunt, grün oder braun; einige halb gelb und halb rot, andere halb blau und halb weiß. | |||
'''30.113''' Manche waren schwarz und gelb, andere zur Hälfte weiß oder schwarz, einfarbig, zweifarbig oder dreifarbig. | |||
'''30.114''' Andere trugen vier, fünf, sechs oder zehn Farben, ihr Brahmanen. Sie spielten Dindima- und Pataha-Trommeln, Muschelhörner, Bheri, Anaka und Kahala, | |||
'''30.115''' Manduka, Jharjhara, Jharjhari und Mardala, Vinas, Saiteninstrumente und fünfsaitige Instrumente, Shakata und Dardara, | |||
'''30.116''' Gomukha, Anaka und Kunda sowie Becken und Handklappern. Alle Scharen musizierten und lachten immer wieder. | |||
'''30.117''' Freudig stellten sie sich den Ebern gegenüber auf. Der erhabene Sharabha mit dem Stierbanner sprach zu ihnen allen: | |||
'''30.118''' Vernichtet diese Scharen des Ebers mit furchtbarem Vorgehen! Kämpft mit grimmigem Blick und grimmiger Kampfweise, ihr Mächtigen! | |||
'''30.119''' Darauf kämpften die furchtbar blickenden, vielgestaltigen Scharen mit ihren trefflichen Waffen gegen die Scharen des Ebers. | |||
'''30.120''' Beide Heere konnten sich im Himmel bewegen. Sie verließen die wassergefüllten drei Welten und kämpften im Luftraum. | |||
'''30.121''' In einem Augenblick vernichteten Haras Pramathas alle mächtigen Scharen des Ebers, wie große Stürme Wolken vertreiben. | |||
'''30.122''' Als jene tapferen Eberscharen getötet waren, dachte der Eber darüber nach, was zuvor und danach geschehen war. | |||
'''30.123''' Während er nachdachte, trat Janardana in sein Inneres ein und ließ ihn alles erkennen, was für die Ebergestalt heilsam war. | |||
'''30.124''' Darauf erklärte der Eber sich bereit, den Körper aufzugeben. Nun versetzte der mächtige Sharabha Narasimha einen Schlag mit der Spitze seines Fangzahns. | |||
'''30.125''' Der erhabene Bharga spaltete Narasimha in der Mitte entzwei. Aus dessen menschlicher Hälfte | |||
'''30.126''' ging der große Weise Nara in göttlicher Gestalt hervor. Aus seiner Löwenhälfte entstand der als Narayana bekannte | |||
'''30.127''' überaus mächtige Janardana in Weisengestalt. Nara und Narayana waren beide von großer Einsicht und Ursachen weiterer Schöpfung. | |||
'''30.128''' Unbezwingbar war ihre Kraft in Lehrwissen, Veda und Askese. Hari setzte die beiden in das Schiff, das er in Fischgestalt behütete. | |||
'''30.129''' Dann näherte der göttliche Eber Hari sich erneut Sharabha. Er dachte: Zum Wohl der Welten muss ich meinen Körper unbedingt ablegen. | |||
'''30.130''' Dies habe ich früher versprochen. Dazu dient dieses gemeinsame Bemühen Haris, Shambhus und Brahmas. | |||
'''30.131''' Mit diesem Gedanken sprach der höchste Herr in Ebergestalt zum göttlichen Sharabha, dem mächtigen Mahadeva. | |||
'''30.132''' Töte mich, Mahadeva. Ich werde meinen Körper gewiss ablegen, zum Wohl aller Welten, der Götter und der Opferpriester. | |||
'''30.133''' Gestaltet aus den einzelnen Teilen meines Leibes das Opfer, den Opferpfosten, den Schlachtplatz und die Opferlöffel mit allem Zugehörigen, ihr Edlen. | |||
'''30.134''' Ordnet diese Teile zusammen mit meinen drei Söhnen Kanaka, Suvritta und Ghora zum Wohl der Welt als weltumfassendes Opfer. Der Satzabschluss ist beschädigt. | |||
'''30.135''' Aus dem Opfer leben Götter und Geschöpfe; aus der im Opfer begründeten Nahrung leben die Tätigen. Alles wird stets aus Opfer hervorgehen; die ganze Welt ist Opfer. | |||
'''30.136''' Die Leibesfrucht, die die Erde während ihrer Unreinheit empfangen hat, wird sie nach der Geburt selbst lange Zeit verborgen halten. | |||
'''30.137''' Wenn die Zeit gekommen ist und die Göttin unter dessen Übergriffen leidend selbst zu euch spricht, dann sollt ihr ihn töten. Die genaue Formulierung ihrer Bitte ist beschädigt. | |||
'''30.138''' Wenn die Erde Bharati hundert Yojanas tief versunken sein wird, werde ich sie in der Gestalt des gehörnten Ebers wieder emporheben. | |||
'''30.139''' Wenn dessen Aufgabe erfüllt ist, wird dein Sohn ihn zum Ablegen des Körpers bringen: der künftige Heerführer der Götter, aus Rudra hervorgehend und Shanmatura, „Sohn der sechs Mütter“, genannt. | |||
'''30.140''' Während der mächtige Opfer-Eber so sprach, trat ein gewaltiges, von Flammenkränzen erhelltes Licht hervor. | |||
'''30.141''' Dieses wunderbare Licht, strahlend wie zehn Millionen Sonnen, verließ den Eberkörper und ging in den Leib des erhabenen Hari ein. | |||
'''30.142''' Nachdem die Kraft des Ebers in Vishnu eingegangen war, nahm Hari auch aus Suvritta, Kanaka und Ghora die Kraft zurück, ihr Brahmanen. | |||
'''30.143''' Aus ihren Körpern traten nacheinander die jeweiligen Lichtanteile hervor, hell in Flammenkränzen leuchtend. | |||
'''30.144''' Wie zuvor die Kraft ihres Vaters gingen sie in Haris Leib ein. Hari, Brahma und Mahadeva | |||
'''30.145''' stimmten den Worten des Ebers zu, sagten wiederholt „Om“ und bemühten sich nun mit aller Kraft darum, dass sie ihre Körper ablegten. | |||
'''30.146''' Sharabha durchtrennte mit einem Schnabelschlag den Hals des Ebers und ließ dessen Körper ins Wasser fallen. | |||
'''30.147''' Nachdem er ihn zuerst niedergestreckt hatte, tötete er auch Suvritta, Kanaka und Ghora, indem er ihre Hälse durchtrennte. | |||
'''30.148''' Alle vier verloren ihren Lebensatem und stürzten in das Wasser des großen Meeres, von der Glut des Weltendes begleitet und mit gewaltigem Getöse. | |||
'''30.149''' Nachdem die Eber gefallen waren, versammelten sich Brahma, Vishnu und Hara erneut und berieten über die Schöpfung. | |||
'''30.150''' Alle Scharen Haras traten zu Bharga und stellten sich vor ihm auf, in vier Gruppen geteilt. | |||
'''30.151''' Die Vorlage nennt hier sechsunddreißigtausend Pramathas und sechzehntausend in einer Gruppe. Im Folgenden werden dieselben Gruppengrößen jedoch in Kotis, Zehnmillionen, angegeben; die Zahlenüberlieferung ist widersprüchlich. | |||
'''30.152''' Die vielgestaltigen, mit Haarflechten und Halbmond geschmückten Scharen besitzen alle Herrscherkräfte und sind der Meditation ergeben. | |||
'''30.153''' Sie sind Yogis, frei von Stolz, Neid, Heuchelei und Ichdünkel, ihre Schuld ist getilgt; diese Edlen bereiten Shambhu höchste Freude. | |||
'''30.154''' Niemals verlangen sie nach Besitz oder leidenschaftlicher Bindung. Alle sind vom Weltkreislauf abgewandte Entsagende, ganz dem Yoga zugewandt. | |||
'''30.155''' Sie halten ihre Gelübde, umgeben den meditierenden Mahadeva und bilden nach seinem Wohlgefallen eine Versammlung, ohne zu ermüden. | |||
'''30.156''' Wann immer Ambikas Gemahl das höchste Licht betrachtet, versammeln sich all diese Gefährten rings um ihn. | |||
'''30.157''' Als sechzehn Kotis werden diese in ihren Gelübden gefestigten Wesen bezeichnet. Sie besitzen Löwen-, Tiger- und andere Gestalten und die Vollkommenheiten von Anima an. | |||
'''30.158''' Andere sind der Liebe zugewandt und gelten als Shambhus Begleiter in heiterem Spiel. Sie tragen vielfältige Gestalten und Schmuck, Haarflechten und Halbmond. | |||
'''30.159''' Sie gleichen Hara, strahlen hell, tragen das Stierbanner und sind mit Frauen verbunden, deren Gestalt Uma gleicht. | |||
'''30.160''' Mit bunten Girlanden, Schmuck, göttlichen Blumen und Düften geschmückt, folgen sie dem mit Uma spielenden Herrn. | |||
'''30.161''' Acht Kotis umfassen diese Scharen in lieblichem Gewand und Schmuck. Andere sind halb Mann und halb Frau wie Ardhanarishvara. | |||
'''30.162''' Sie, die Hara gleichen, treten zum meditierenden Ardhanarishvara. Wenn Hara sich glücklich mit Uma vergnügt, | |||
'''30.163''' stehen diese halb weiblichen Wesen als Torhüter bereit. Wenn er durch den Himmel zieht, folgen sie ihm stets. | |||
'''30.164''' Dem in Meditation weilenden Herrn dienen sie mit Wasser und anderen Gaben. Diese vielfältig bewaffneten Scharen Shambhus heißen Pramathas. | |||
'''30.165''' Denn in Kämpfen zermalmen sie mächtige Gegner. Diese starken Helden zählen neun Kotis. | |||
'''30.166''' Andere sind Sänger: Mit Becken, Mridanga-, Panava-Trommeln und weiteren Instrumenten tanzen sie, musizieren und singen mit süßer Stimme. | |||
'''30.167''' Diese vielgestaltigen Wesen zählen drei Kotis. Sie folgen Maheshvara ständig bei seinen Wanderungen. | |||
'''30.168''' Alle verfügen über Zauberkraft, sind Helden und mit dem Sinn der Lehren vertraut. Alle sind allwissend und können sich überallhin bewegen. | |||
'''30.169''' In einem Muhurta durcheilen sie alle Welten und kehren zu Bhava zurück. Diese Mächtigen besitzen die acht Herrscherkräfte von Anima an. | |||
'''30.170''' Andere heißen Rudras und sind mit Haarflechten und Halbmond geschmückt. Auf Geheiß des Götterkönigs wirken sie beständig im Himmel. | |||
'''30.171''' Sie zählen eine Koti und sind sämtlich überaus mächtig. Auch diese Scharen dienen Hara fortwährend. | |||
'''30.172''' Sie erschrecken die Übeltäter, schützen die Rechtschaffenen und erweisen denen Gnade, die das Pashupata-Gelübde halten. | |||
'''30.103b''' Sie beseitigen beständig die Hindernisse der Yogis, die sich ernsthaft bemühen. Insgesamt zählen die Scharen Haras sechsunddreißig Kotis. Die zuvor genannten Untergruppen ergeben einschließlich der zusätzlichen Rudras eine abweichende Summe. | |||
'''30.174''' Diese Scharen entstanden, um das Heer des Ebers zu vernichten, der Welt zu dienen und Shankara zu begleiten. | |||
'''30.175''' Als Shiva in Sharabha-Gestalt die Scharen des Ebers und Hari als Narasimha sah, dachte er an ihre Gestalten und stieß seinen Ruf aus. | |||
'''30.176''' Weil sie aus diesem Ruf hervorgingen, erhielten sie ihre vielfältigen Gestalten. Der Gott mit dem geflochtenen Haar hatte gesagt: Vernichtet die Scharen des Ebers mit grimmigem Blick, grimmigem Kampf und furchtbaren Taten. | |||
'''30.177''' Deshalb entstanden sie mit furchtbarem Auftreten und schrecklicher Kampfweise. Doch diese Mächtigen vollbringen nicht ständig grausame Taten. | |||
'''30.178''' Furchtbar sind sie nur anzusehen, nicht ihrem gewöhnlichen Handeln nach. Früchte, Wasser, Blumen, Blätter und Wurzeln, | |||
'''30.179''' die ihnen dargebracht werden, genießen sie; auch sammeln sie in Wäldern und an Berghängen selbst Blätter, Blüten und dergleichen als Nahrung. | |||
'''30.180''' Diese Mächtigen genießen, was Bharga zum Genuss dient. Fleisch essen sie nicht, außer am vierzehnten Mondtag des Monats Chaitra. | |||
'''30.181''' An jenem vierzehnten Tag im Frühlingsmonat nimmt Hara Fleisch an; deshalb genießen dort auch alle Scharen Fleischspeisen. | |||
'''30.182''' Nach der Vernichtung der Eberscharen traten sie zu Bharga, teilten sich selbst in vier Gruppen und sagten: „Das Werk ist geschehen.“ Dadurch erhielten diese vier Gruppen die Bezeichnung Bhutas. | |||
'''30.183''' Auf Brahmas Wort wurden sie deshalb als Bhutagrama, „Schar der Wesen“, bezeichnet. Der weitere Vergleich mit den zuvor bekannten vier Arten von Wesen ist in der Vorlage sprachlich beschädigt. | |||
'''30.184''' Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie Shambhus Scharen entstanden, welche Nahrung sie haben, welche Gestalten und welche Aufgaben diese Mächtigen besitzen. | |||
'''30.185''' Wer diese große, wunderbare Erzählung regelmäßig hört, erlangt langes Leben, beständige Tatkraft und Verbundenheit mit Yoga. | |||
===Kapitel 31=== | |||
'''31.1''' Die Rishis sprachen: Wie wurde der Körper des Opfer-Ebers zum Opfer, und wie wurden seine drei Söhne zu den drei Opferfeuern? | |||
'''31.2''' Warum bewirkte der erhabene Eber diese außerzeitliche Auflösung, diesen furchtbaren Untergang der Geschöpfe? | |||
'''31.3''' Wie rettete der Träger des Sharnga-Bogens die Veden in Fischgestalt? Wie entstand die Schöpfung erneut, und wer hob die Erde empor? | |||
'''31.4''' Wie legte Ishvara den Sharabha-Körper ab, Lehrer, und was wurde aus diesem Leib? Sage es uns, du Einsichtsvoller. | |||
'''31.5''' Du hast all dies unmittelbar geschaut, du Hervorragender unter den Brahmanen. Erzähle es uns, die wir hören möchten. | |||
'''31.6''' Markandeya sprach: Hört aufmerksam, ihr besten Brahmanen, von dem wunderbaren Geschehen, nach dem ihr mich gefragt habt und dessen Hören die Frucht aller Veden gewährt. | |||
'''31.7''' Durch Opfer werden die Götter erfreut, im Opfer ist alles gegründet. Durch Opfer wird die Erde getragen, Opfer führt die Geschöpfe hinüber. | |||
'''31.8''' Die Wesen leben von Nahrung, Nahrung entsteht aus Regen, Regen aus Opfer. Daher ist alles vom Opfer durchdrungen. | |||
'''31.9''' Dieses Opfer entstand aus dem von Shambhu zerteilten Körper des Ebers. Ich werde es euch entsprechend erklären; hört aufmerksam, ihr Brahmanen. | |||
'''31.10''' Als Bharga den Leib des Ebers aufgespalten hatte, kamen Brahma, Vishnu und Shiva mit sämtlichen Pramathas zusammen. | |||
'''31.11''' Sie hoben den Körper aus dem Wasser in den Luftraum und teilten ihn mit Vishnus Diskus Stück für Stück. | |||
'''31.12''' Aus seinen Gliederverbindungen entstanden die einzelnen Opfer. Hört, ihr großen Weisen, welche aus welchen Körperteilen hervorgingen. | |||
'''31.13''' Aus der Verbindung von Brauen und Nase entstand das große Jyotishtoma-Opfer, aus der Verbindung von Kiefer und Ohren das Vahnishtoma. | |||
'''31.14''' Aus den Verbindungen zwischen Augen und Brauen entstand das Vratyashtoma, aus der Verbindung von Rüssel und Lippe das Paunarbhavastoma. | |||
'''31.15''' Aus der Zungenwurzel entstanden Vriddhastoma und Brihatstoma, aus dem Bereich unter der Zunge Atiratra samt Vairaja. | |||
'''31.16''' Das Lehren ist das Brahman-Opfer, die Wasserspende das Ahnenopfer, die Feuerdarbringung das Götteropfer, die Speisegabe das Wesenopfer und die Bewirtung eines Gastes das Menschenopfer. | |||
'''31.17''' Alle täglichen Opferhandlungen vom Bad bis zur Wasserspende entstanden aus der Halsverbindung, ihre rituellen Regeln aus der Zunge. | |||
'''31.18''' Pferdeopfer, großes Opfer, Menschenopfer und die weiteren Opfer, bei denen Lebewesen getötet werden, gingen aus den Fußgelenken hervor. | |||
'''31.19''' Rajasuya, das Wohlstand bewirkende Opfer, Vajapeya und die Planetenopfer entstanden aus den Verbindungen des Rückens. | |||
'''31.20''' Weihe- und Freigabeopfer, Gaben, Ahnenriten und das Savitri-Opfer gingen aus der Herzverbindung hervor. | |||
'''31.21''' Alle Opfer der Lebensriten und sämtliche Sühneopfer entstanden aus der Verbindung am Geschlechtsorgan des edlen Ebers. | |||
'''31.22''' Rakshasa- und Schlangenopfer, alle schädigenden Zauberrituale, Rinderopfer und Baumverehrung gingen aus seinen Hufen hervor. | |||
'''31.23''' Mayeshti, Parameshti, Gishpati, Bhogasambhava und Agnishtoma entstanden aus der Verbindung des Schweifes. Einige Ritualnamen sind unsicher überliefert. | |||
'''31.24''' Auch die anlassbezogenen Opfer zu Sonnenübergängen und anderen Zeiten sowie das zwölfjährige Opfer entstanden aus der Schweifverbindung. | |||
'''31.25''' Tirthaprayoga, Samaujas, Sankarshana, Arka und Atharvana gingen aus den Verbindungen der Leitungsbahnen hervor. Die ersten beiden Bezeichnungen sind textlich unsicher. | |||
'''31.26''' Ric-utkarsha, Feldopfer, Panchasargatiyojana, Linga-Aufstellung und Hedamba-Opfer entstanden an den Knien. Mehrere Ritualnamen sind beschädigt oder nicht eindeutig abzugrenzen. | |||
'''31.27''' So entstanden eintausendacht Opfer, ihr Besten der Zweimalgeborenen, durch welche die Welten noch heute fortwährend erhalten werden. | |||
'''31.28''' Aus seinem Rüssel entstand der große Opferlöffel, aus seiner Nase der kleinere. Auch die anderen Arten von Opferlöffeln gingen aus Rüssel und Nase hervor. | |||
'''31.29''' Aus seinem Nacken entstand die nach Osten gerichtete Opferhalle. Aus seinen Ohröffnungen gingen Ishtapurta, Yajus und Dharma hervor; der erste Begriff ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''31.30''' Aus seinen Hauern entstanden die Opferpfosten, aus seinen Haaren das Kusha-Gras. Udgatri, Adhvaryu, Hotri und der Schlachtplatz | |||
'''31.31''' wurden den vorderen, rechten, linken und hinteren Füßen zugeordnet. Aus der Gehirnmasse entstanden Opferkuchen und gekochte Opferbreie. | |||
'''31.32''' Aus den beiden Augen entstanden die Opfergruben, aus einem Huf das Opferbanner. Der mittlere Körperbereich wurde zum Altar, aus dem Geschlechtsorgan entstand die Feuergrube. | |||
'''31.33''' Aus seinem Samen gingen die Opferbutter und die Svadha-Sprüche hervor, aus dem Rücken das Opferhaus, aus dem Herzlotus das Opfer selbst. Sein Selbst wurde zum Opfer-Purusha, aus den Achseln entstand Munja-Gras. | |||
'''31.34''' So gingen sämtliche Geräte und Gaben der Opfer aus dem Körper des Opfer-Ebers hervor. | |||
'''31.35''' Auf diese Weise wurde sein Leib zum Opfer, um in Opfergestalt die ganze Welt zu nähren. | |||
'''31.36''' Nachdem Brahma, Vishnu und Maheshvara das Opfer so eingerichtet hatten, wandten sie sich mit Entschlossenheit Suvritta, Kanaka und Ghora zu. | |||
'''31.37''' Die drei Götter formten die drei Körper jeweils zu einer Masse und fachten sie mit ihrem Atem an. | |||
'''31.38''' Der Weltschöpfer selbst blies Suvrittas Körper an. Daraus entstand das südliche Opferfeuer, Dakshinagni. | |||
'''31.39''' Keshava blies Kanakas Körper an. Daraus entstand das Hausfeuer, Garhapatya, das die entsprechenden Opfergaben verzehrt. Dessen nähere Bezeichnung ist beschädigt. | |||
'''31.40''' Shambhu selbst blies Ghoras Körper an. Sogleich entstand daraus das Darbringungsfeuer, Ahavaniya. | |||
'''31.41''' Diese drei durchdringen die Welt; die ganze Welt hat in ihnen ihre dreifache Wurzel. Wo diese drei beständig bestehen, ihr besten Brahmanen, | |||
'''31.42''' dort wohnen sämtliche Gottheiten mit ihren Begleitern. Dies ist die bleibende heilvolle Stätte, dies ist das dreifache Wesen. | |||
'''31.43''' Dies ist die Stätte des dreifachen Veda-Ritus und ein höchster Ursprung heiligen Verdienstes. In welchem Land diese drei Feuer mit Gaben gespeist werden, | |||
'''31.44''' dort gedeihen die vier Lebensziele beständig. Damit habe ich euch alles erklärt, wonach ihr gefragt habt, ihr besten Brahmanen: | |||
'''31.45''' wie der Körper des Opfer-Ebers zum Opfer wurde und wie aus den Körpern seiner Söhne die Feuer entstanden. | |||
===Kapitel 32=== | |||
'''32.1''' Markandeya sprach: Hört, ihr Edlen, warum der Erhabene diesen außerzeitlichen Untergang der Welt durch die Ebergestalt bewirkte. | |||
'''32.2''' Auch werde ich erzählen, wie der Träger des Sharnga-Bogens die Veden in Fischgestalt rettete: eine Überlieferung, die alle Schuld tilgt. | |||
'''32.3''' Einst lebte der große vollendete Weise Kapila, der höchste unter den Siddhas, Vishnu selbst, der Herr und leibhaftige Hari. | |||
'''32.4''' Er ging aus Haris Körper hervor, als dieser betrachtete, wie die ganze Welt von selbst vollendet sei. Deshalb wird er Kapila genannt. Die Namenserklärung ist in der Vorlage nicht sprachlich durchsichtig. | |||
'''32.5''' Während des Manvantara des Svayambhuva trat dieser hervorragende Weise einst vor Svayambhuva Manu und sprach zu ihm. | |||
'''32.6''' Kapila sprach: Svayambhuva, bester Weiser, Gestalt Brahmas und Einsichtsvoller, gewähre mir jetzt das Ersehnte, um das ich dich bitte. | |||
'''32.7''' Diese ganze Welt gehört dir und wird von dir behütet. Du hast die ganze Welt geschaffen und bist ihr Herr. | |||
'''32.8''' Im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt, unter Göttern, Menschen und Tieren bist du Herr, Gabenspender und Beschützer, du allein, der Uralte. | |||
'''32.9''' Du bist Träger und Ordner, Herr aller Herren. In dir sind die drei Welten beständig gegründet. | |||
'''32.10''' Während du Askese übst, erscheinen dir die Welten in ihrer Gesamtheit samt der Fülle ihrer Ursachen und Wirkungen. Die genaue Verbindung des ersten Halbverses ist unsicher. | |||
'''32.11''' Gib mir deshalb einen abgeschiedenen Ort, wie er in den drei Welten schwer zu finden ist: heilig, schuldtilgend, schön und hervorragend als Ursprung der Erkenntnis. | |||
'''32.12''' Ich will die Wesen der Welt emporheben, indem ich alle Wesen unmittelbar schaue und die Leuchte der Erkenntnis entzünde. | |||
'''32.13''' Jetzt ist die ganze Welt im Meer des Nichtwissens versunken. Ich will ihr das Schiff der Erkenntnis geben und die drei Welten hinüberführen. | |||
'''32.14''' Unterstütze mich dabei, damit dieses Vorhaben gelingt. Du bist unser Herr, unser Verehrungswürdiger und Beschützer, Weltenherr. | |||
'''32.15''' Markandeya sprach: So von dem edlen Kapila angesprochen, antwortete Manu dem in seinen Gelübden festen Weisen. | |||
'''32.16''' Manu sprach: Wenn du zum Wohl der ganzen Welt eine Leuchte der Erkenntnis schaffen willst, wozu benötigst du dann die Bitte um einen besonderen Ort? | |||
'''32.17''' Hiranyagarbha übte einst große, wunderbare Askese. Er bat weder mich noch einen anderen um einen Ort dafür, Brahmane. Die Negation ist in der Vorlage gestört. | |||
'''32.18''' Shambhu übte ohne sinnlichen Genuss Zehntausende von Götterjahren Askese; auch er suchte keinen Ort bei einem anderen. | |||
'''32.19''' Der Götterkönig, Agni, Yama, der Herr der Rakshasas, Varuna, der Windgott und der Herr des Reichtums | |||
'''32.20''' übten strenge Askese, um Weltenhüter zu werden. Keiner bat um einen besonderen Ort, großer Weiser. | |||
'''32.21''' Auf dieser Erde gibt es zahlreiche heilige Tempel, Badeplätze, geheiligte Gebiete und Flüsse, Kapila. | |||
'''32.22''' Wenn du einen davon aufsuchst und dort Askese übst, warum solltest du dort keine Vollendung erlangen, Brahmane? | |||
'''32.23''' Dass du mich um einen Ort bittest, ist bloße Prahlerei. Eine solche prahlerische Haltung ziemt sich für Asketen nicht. | |||
'''32.24''' Markandeya sprach: Als der vollendete Kapila diese Worte Svayambhuva Manus hörte, wurde er zornig und sagte zu Manu: | |||
'''32.25''' Kapila sprach: Im Vertrauen auf dich habe ich um einen Ort gebeten, um meine Askese bald zu vollenden. Nun weist du mich mit solchen Begründungen ab. | |||
'''32.26''' Deine überaus harten Worte kann ich nicht hinnehmen. Du bist so stolz, weil du dich selbst für den Herrn der drei Welten hältst. | |||
'''32.27''' Unerträglich ist mir, dass du meine Bitte Prahlerei nennst. Empfange dafür diese Frucht: | |||
'''32.28''' Die ganzen drei Welten mit Göttern, Asuras und Menschen werden bald erschlagen, zerschmettert und vernichtet sein. | |||
'''32.29''' Diejenigen, die diese Erde emporgehoben und befestigt haben, die ihre Nahrung hervorbringen und sie beschützen, | |||
'''32.30''' sollen selbst alles Bewegliche und Unbewegliche vernichten. Bald wirst du die drei Welten voller Wasser sehen, geschlagen, zertrümmert und zerstört. Das wird deinen Stolz brechen, Manu. | |||
'''32.31''' Nach diesen Worten verschwand der führende Weise Kapila, der Schatz der Askese, und begab sich zu Brahmas Versammlung. | |||
'''32.32''' Manu hörte Kapilas Worte und senkte betrübt das Gesicht. Er erkannte, dass es so geschehen würde, und sagte nichts. | |||
'''32.33''' Der einsichtsvolle Svayambhuva entschloss sich zur Askese. Zum Wohl der ganzen Welt wollte er den Gott mit dem Garuda-Banner schauen. | |||
'''32.34''' Er ging zur weiten Badari-Stätte nahe Gangadvara. Dort sah der Welterhalter Manu die heilige, schuldtilgende Badari-Pflanzung. | |||
'''32.35''' Sie trug stets Früchte, war mit weichen grünen Trieben bedeckt, spendete wohltuenden Schatten und war frei von welken oder vertrockneten Blättern. | |||
'''32.36''' Vom Wipfel bis zur Wurzel wurde sie vom Wasser der Ganga benetzt und beständig von vielerlei askesereichen Weisen aufgesucht. | |||
'''32.37''' Dieser allseits glückverheißende Ort war von Bienenscharen belebt, sein Wasser mit geöffneten Lotusblüten geschmückt; er war lieblich und förderte den Dharma. | |||
'''32.38''' Der Förderer der Welt betrat ihn und bemühte sich um Askese. Er mäßigte seine Nahrung und versenkte sich tief. | |||
'''32.39''' So verehrte er Hari, die Ursache aller Weltursachen, den Herrn sämtlicher Welten, dunkel glänzend wie Regenwolke und Augensalbe, | |||
'''32.40''' mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus, lotosäugig, in gelbes Gewand gekleidet und auf Garuda sitzend, | |||
'''32.41''' den allumfassenden Weltenherrn, dessen Wesen offenbar und unoffenbar ist, den Keim der Welt, tausendäugig und tausendköpfig, | |||
'''32.42''' den alldurchdringenden Grund, Narayana, ungeboren und allgegenwärtig. Manu wiederholte dabei dieses höchste, alle Veden umfassende Mantra: | |||
'''32.43''' Om, Verehrung Vasudeva, dessen Wesen reine Erkenntnis ist, der die Gestalten Hiranyagarbhas, des Purusha und der unoffenbaren Urnatur trägt. | |||
'''32.44''' Als Svayambhuva Manu dieses Gebet wiederholte, wurde Keshava, der Herr der Welt, ihm bald gnädig. | |||
'''32.45''' Er nahm die Gestalt eines kleinen Fisches an, grün schimmernd wie ein Durva-Blatt, mit zwei hellen Augen wie kleinen Kampferknospen. | |||
'''32.46''' In dieser kleinen Fischgestalt näherte Janardana sich dem edlen Weisen Svayambhuva Manu, der Askese übte. | |||
'''32.47''' Er sprach zu dem mitfühlenden Manu, selbst scheinbar heftig erschrocken und mit vor Angst stockender Stimme: | |||
'''32.48''' Du Schatz der Askese, Edler, rette mich Ängstlichen! Große Fische bedrohen mich ständig, um mich zu verschlingen. | |||
'''32.49''' Jeden Tag verfolgen mich die Fische, um mich zu fressen; überall sind sie mir überlegen. Du, Herr, vermagst mich zu schützen. | |||
'''32.50''' Heute haben mich zahlreiche große Fische mit breiten Schuppen verletzt. Ich bin so klein und erschöpft, dass ich nicht mehr fliehen kann. | |||
'''32.51''' Weil ich leben möchte, habe ich bei dir, dem edlen Weisen, Zuflucht gesucht. Wenn du Mitgefühl hast, beschütze mich. | |||
'''32.52''' Vor Angst ist mein Geist verwirrt. Selbst vor den schwankenden Schatten der Bäume und den bewegten Wellen fürchte ich mich, als wären es Fische. | |||
'''32.53''' Markandeya sprach: Svayambhuva Manu hörte diese Worte und wurde von tiefem Mitgefühl erfüllt. Er sagte: Ich werde dich beschützen. | |||
'''32.54''' Er schöpfte Wasser in seine hohle Hand, setzte den kleinen Fisch hinein und betrachtete, wie er darin schwamm. | |||
'''32.55''' Dann setzte der gütige Manu den schön gestalteten Fisch in ein geräumiges, mit Wasser gefülltes Gefäß. | |||
'''32.56''' Darin wuchs der Fisch Tag für Tag und erreichte bald die Größe eines gewöhnlichen Rohita-Fisches. | |||
'''32.57''' Der Edle ließ ihn in einem Gefäß heranwachsen, das täglich mit zehn Krügen Wasser gefüllt wurde und bald zu klein war. In kurzer Zeit bekam der junge Fisch mit den klaren Augen im Gefäßwasser einen kräftigen, schuppenbedeckten Leib. Die Schlusszeile ist syntaktisch unvollständig. | |||
===Kapitel 33=== | |||
Die Versnummern 71–72 fehlen; auf 70 folgt in der Vorlage 73. | |||
'''33.1''' Markandeya sprach: Als Manu sah, wie kräftig der Fisch geworden war, nahm er ihn eigenhändig und ging zu einem See voller blühender Lotuspflanzen. | |||
'''33.2''' Dieser große See lag in Narayanas heiliger Einsiedelei. Er war ein Yojana breit und anderthalb Yojanas lang. | |||
'''33.3''' Viele Fische lebten darin; sein Wasser war kühl und klar. Manu kam zum See und setzte den Fisch hinein. | |||
'''33.4''' Voller Mitgefühl beschützte er ihn wie einen Sohn. In kurzer Zeit wurde der Fisch so gewaltig, | |||
'''33.5''' dass der See ihn nicht mehr fassen konnte, ihr besten Brahmanen. Eines Tages legte der große Fisch Kopf und Schwanz an die beiden gegenüberliegenden Ufer, | |||
'''33.6''' sein hoher Leib ragte empor, und er rief dem edlen Svayambhuva zu: Rette mich! | |||
'''33.7''' Als Manu den Fisch mit dem mächtigen Schwanz so rufen hörte, trat er zu ihm und ergriff ihn mit der Hand. | |||
'''33.8''' Noch während er dachte: Diesen wunderbaren, großschuppigen Fisch kann ich unmöglich herausheben, hob er ihn bereits mit der Hand empor. | |||
'''33.9''' Denn der erhabene Janardana, das Selbst des Alls in Fischgestalt, nahm in Svayambhuvas Hand die Kraft äußerster Leichtigkeit an. | |||
'''33.10''' Manu hob ihn mit beiden Händen heraus, legte ihn auf seine Schulter, brachte ihn rasch zum Meer und setzte ihn dort ins Wasser. | |||
'''33.11''' Hier kannst du wachsen, wie du willst; niemand wird dich töten. Erreiche bald die volle Größe deines Körpers. | |||
'''33.12''' So sprach der Edle, der Beste unter den Lebewesen. Als er über die Leichtigkeit des Fisches nachdachte, geriet er in größtes Staunen. | |||
'''33.13''' Der Fisch erreichte bald seine volle, gewaltige Größe und füllte mit der Ausdehnung seines Körpers das Meer ringsum. | |||
'''33.14''' Manu sah diesen riesigen Körper, über das Wasser emporragend, mächtig wie der steinbedeckte Manasa-Berg. | |||
'''33.15''' Er versperrte das ganze Meer und machte es durch seine Körpermasse unbeweglich. Da erkannte der einsichtsvolle Manu, dass dies kein gewöhnlicher Fisch war. | |||
'''33.16''' Er betrachtete die wunderbare Gestalt und dachte an ihre Leichtigkeit. Dann fragte Svayambhuva Manu den Fisch freundlich. | |||
'''33.17''' Manu sprach: Wenn ich deine Größe und Leichtigkeit bedenke, halte ich dich nicht für einen Fisch. Wer bist du? Sage es mir, du Erhabener. | |||
'''33.18''' Bist du Brahma, Vishnu oder Shambhu in Fischgestalt? Wenn es kein Geheimnis ist, teile es mir mit, Edler und Einsichtsvoller. | |||
'''33.19''' Der Fisch sprach: Ich bin jener ewige Hari, den du beständig verehrst. Ich bin eigens erschienen, um deinen ersehnten Wunsch zu erfüllen. | |||
'''33.20''' Was du von mir in Fischgestalt wünschst, Herr der Wesen, werde ich jetzt vollbringen. Erkenne diese Gestalt als die meine, Manu. | |||
'''33.21''' Markandeya sprach: Als Manu die Worte des unermesslich mächtigen Vishnu gehört und ihn unmittelbar erkannt hatte, pries er Keshava. | |||
'''33.22''' Manu sprach: Verehrung dir, Hari, Herr der offenbaren und unoffenbaren Welt, des Höheren und Niederen, Unvergänglicher mit Feuer, Sonne und Mond als deinen drei Augen! | |||
'''33.23''' Du allwissende Ursache und Wohnstatt der Welt, höchster Hari, Selbst des Hohen und Niederen, Grund des Hinübergelangens für die, die das andere Ufer erreichen! | |||
'''33.24''' Du hältst dich selbst durch dich selbst und nimmst Erdgestalt an. Als tragendes Selbst erhältst du alle Welten, Hari, du mit den drei Schritten. | |||
'''33.25''' Du höchster Inbegriff aller Veden, Grund des Bestehens aller Wohnstätten, oberster Herr der Götterscharen, Narayana, Gottesherr! | |||
'''33.26''' Du bist ungeboren und doch der Mutterschoß der Welt, ohne Füße und doch immer bewegt, Licht ohne Berührung, Herr aller und selbst keinem Herrn unterworfen. | |||
'''33.27''' Du bist anfanglos und Anfang von allem, ewig, innerstes Inneres. Das goldene Ei, das als Weltei bezeichnet wird und den Keim der Welten bildet, | |||
'''33.28''' ist dein Lichtkeim, den du ins Wasser gelegt hast. Du bist die Grundlage aller Dinge, selbst ohne Grundlage, ursachlos und Ursache von allem. | |||
'''33.29''' Immer wieder Verehrung dir, Herr des Alls, Ursprung der Welten! Du bewirkst Schöpfung, Erhaltung und Ende und trägst die Gestalten Brahmas, Vishnus und Haras. | |||
'''33.30''' Deine Gestalt entfaltet sich zehnfach und ist frei von den sechs Wogen des Daseins. Du bist Herr des Lichts und Ozean. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''33.31''' Wer könnte dein Wesen aussprechen, höchster Herr, gröber als das Grobe und zugleich von feinster Gestalt? Dir gelte stets meine Verehrung, dem Sonnenfarbenen jenseits der Finsternis. Eine Wortverbindung ist beschädigt. | |||
'''33.32''' Der tausendköpfige, tausendfüßige und tausendäugige Purusha umfasst die Erde ringsum und ragt noch zehn Fingerbreit über sie hinaus. Dieser mächtige Vishnu sei mir hier gnädig. | |||
'''33.33''' Verehrung dir in Fischgestalt! Verehrung dir, erhabener Hari! Verehrung dir, Freude der Welt! Verehrung dir, der du deine Verehrer liebst! | |||
'''33.34''' Markandeya sprach: So von Svayambhuva Manu gepriesen, sprach Vasudeva in Fischgestalt mit einer Stimme tief wie Wolkendonner. | |||
'''33.35''' Der Erhabene sprach: Deine Askese hat mich heute erfreut, ebenso deine hingebungsvollen Lobpreisungen, deine Verehrung und deine Gaben. Wähle einen Wunsch, du Gelübdetreuer. | |||
'''33.36''' Ich werde dir das Ersehnte schenken, daran besteht kein Zweifel. Wähle, was du dir wünschst oder was den Welten nützt. | |||
'''33.37''' Manu sprach: Wenn mir heute ein Wunsch gewährt wird, Vishnu, dann gib mir einen, der den Welten dient. Höre, was ich erbitte. | |||
'''33.38''' Kapila hat einst meinetwegen die drei Welten verflucht: Alles, was dir gehört, soll erschlagen, zerschmettert und vernichtet werden. | |||
'''33.39''' Diejenigen, die diese Erde emporgehoben haben, sie beschützen und sie auflösen werden, sollen sie jetzt überfluten. | |||
'''33.40''' Deshalb habe ich mit bedrücktem Herzen allein bei dir Zuflucht gesucht. Gewähre mir, dass diese Dreiwelt nicht überflutet, erschlagen, zerschmettert und vernichtet wird. | |||
'''33.41''' Der Erhabene sprach: Kapila ist nicht von mir verschieden, und ich bin nicht von Kapila verschieden. Was jener Weise gesagt hat, betrachte als mein eigenes Wort, Manu. | |||
'''33.42''' Darum wird sein Wort wahr werden und kann nicht anders ausfallen. Doch werde ich dabei Hilfe leisten, Svayambhuva. Höre, wie. | |||
'''33.43''' Wenn die drei Welten zerschlagen und im Wasser versunken sind, werde ich bald dort erscheinen. Du wirst mich an einem dunklen Horn erkennen. Die Wendung über mein Erscheinen ist beschädigt. | |||
'''33.44''' Höre jetzt aufmerksam meine heilsamen Worte darüber, was du während der Wasserflut tun sollst, Manu. | |||
'''33.45''' Baue ein Schiff aus dem Holz sämtlicher opfergeeigneter Bäume. Ich werde es so festigen, dass das Wasser es nicht zerbrechen kann. | |||
'''33.46''' Es soll zehn Yojanas breit und dreißig lang sein, alle Samen tragen und dem Wiederaufbau der drei Welten dienen. | |||
'''33.47''' Aus zahlreichen Rindenfasern sämtlicher opfergeeigneter Bäume fertige ein Seil von neun Yojanas Länge und drei Klafter Dicke. | |||
'''33.48''' Stelle dieses große Seil rasch her, Manu. Die Welterhalterin, Welt-Maya und allumfassende Weltenmutter wird es so festigen, dass es nicht reißt. | |||
'''33.49''' Nimm alle Samen und die sieben Rishis samt den Veden mit und setze dich bei Anbruch der Flut in das Schiff. | |||
'''33.50''' Zusammen mit Daksha sollst du dann an mich denken, Manu. Sobald du meiner gedenkst, werde ich rasch zu dir kommen; an meinem dunklen Horn wirst du mich erkennen. | |||
'''33.51''' Solange die drei Welten zerschlagen und vernichtet werden, werde ich das Schiff auf meinem Rücken tragen, daran besteht kein Zweifel. | |||
'''33.52''' Wenn die Überflutung vollständig ist, wirst du das Schiff mit jenem Seil fest an mein Horn binden. | |||
'''33.53''' Ist es an mein Horn gebunden, werde ich das Schiff tausend Götterjahre lang ziehen und dabei das Wasser austrocknen. | |||
'''33.54''' Wenn das Wasser zurückgegangen ist, werde ich das Schiff an einem hohen Gipfel des Himalaya festbinden, Manu. | |||
'''33.55''' Wer mich mit jenem Gebet erfreut, mit dem du mich verehrt hast, Manu, wird alle Vollkommenheit erlangen. | |||
'''33.56''' Markandeya sprach: Nachdem der Fisch ihm diesen Segen gewährt hatte und Manu sich vor ihm verneigt hatte, verschwand der Weltenherr, der den Welten Gnade erweist. | |||
'''33.57''' Als Hari verschwunden war, fertigte der ehrwürdige Svayambhuva das Schiff und das Seil nach dessen Anweisung. | |||
'''33.58''' Er ließ die opfergeeigneten Bäume fällen, das Holz herausarbeiten und daraus mit Beilen und weiteren Werkzeugen das Schiff bauen. | |||
'''33.59''' Aus den Fasern ihrer Rinde ließ Manu das Seil nach den zuvor genannten Maßen herstellen. | |||
'''33.60''' Nach langer Zeit kam es zu dem wunderbaren Kampf zwischen Vishnu als Opfer-Eber und Hara als Sharabha. | |||
'''33.61''' Als die Wasserflut eintrat und die drei Welten zerstört wurden, befestigte Manu das Schiff mit dem Seil und sammelte sämtliche Samen. | |||
'''33.62''' Er brachte auch die Veden und die Rishis in das Schiff, während alles Bewegliche und Unbewegliche versank. Die Zahl und der anschließende Name sind hier zu „siebzehn“ verschmolzen; aus 33.49–50 ergeben sich sieben Rishis und Daksha. | |||
'''33.63''' Vom Schiff aus gedachte Svayambhuva Haris in Fischgestalt. Darauf erhob sich über dem Wasser eine Gestalt wie ein Berg mit einem Gipfel. | |||
'''33.64''' Vishnu erschien als Fisch mit einem einzigen Horn und kam rasch dorthin, wo Manu sich mit dem Schiff befand. | |||
'''33.65''' Solange die gewaltige, furchtbare Wassermasse in Bewegung war, nahm er das Schiff auf seinen Rücken. | |||
'''33.66''' Als das Wasser sich beruhigt hatte, wurde das Seil an seinem Horn befestigt. Tausend Götterjahre lang zog er das Schiff. | |||
'''33.67''' Der höchste Herr selbst hielt und trug das Schiff; Yoganidra, die Welterhalterin, nahm in dem Seil ihren Sitz. | |||
'''33.68''' Als das Wasser nach langer Zeit allmählich austrocknete, trat der westliche, zuvor ganz versunkene Gipfel des Himalaya hervor. | |||
'''33.69''' Er ragte zweitausend Yojanas aus dem Wasser und glänzte schneehell; die Gesamthöhe dieses Gipfels betrug fünfzigtausend Yojanas. Die Verknüpfung beider Maßangaben ist in der Vorlage unsicher. | |||
'''33.70''' Hari in Fischgestalt band das Schiff an diesem Gipfel fest und ging rasch daran, die Wasser auszutrocknen. So rettete der Träger des Sharnga-Bogens die Veden in Fischgestalt. | |||
'''33.73''' Markandeya sprach: Durch Kapilas Fluch wurde diese außerzeitliche Auflösung bewirkt. Damit habe ich euch vollständig erklärt, warum der Erhabene diesen Untergang außerhalb der gewöhnlichen Zeit herbeiführte, ihr besten Brahmanen. | |||
===Kapitel 34=== | |||
'''34.1''' Markandeya sprach: Hört, ihr besten Brahmanen, wie nach dem außerzeitlichen Untergang die Schöpfung erneut entstand und durch wen die Erde emporgehoben wurde. | |||
'''34.2''' Nach der Auflösung nahm der mächtige Vishnu die Schildkrötengestalt an, hob die Erde samt ihren Bergen auf seinen Rücken und machte sie überall wieder eben wie zuvor. | |||
'''34.3''' Wo der Boden durch die Schritte Sharabhas, des Ebers und seiner Söhne zerrissen war, glättete die Schildkröte ihn. | |||
'''34.4''' Nachdem der höchste Herr die Erde wieder eben gemacht hatte, ließ er Ananta wie zuvor unter ihr ruhen und sie tragen. | |||
'''34.5''' Dann kamen Brahma, Vishnu und der höchste Herr Hara zusammen und sprachen zu den sieben Weisen, Svayambhuva Manu, Nara, Narayana und Daksha im Schiff. | |||
'''34.6''' Hört alle, ihr Weisen, Nara und Narayana, Daksha und Svayambhuva Manu, was wir euch jetzt sagen. | |||
'''34.7''' Die Schöpfung ist durch den Kampf des Ebers mit Sharabha zerstört worden. Hört, wie wir sie wiederherstellen sollen. | |||
'''34.8''' Nara und Narayana sind zur Schöpfung bereit. Sie sollen höchste Askese üben, um die Götter wieder einzusetzen. | |||
'''34.9''' Durch ihre Askese sollen sie die nach Janaloka gelangten Götter stärken und zurückbringen; außerdem sollen sie viele weitere Scharen hervorbringen. | |||
'''34.10''' Durch ihre Askese sollen Sterne, Planeten und deren Wohnstätten die Festigkeit ihres früheren Zustands zurückgewinnen. | |||
'''34.11''' Der erhabene Janardana selbst soll den Sonnenwagen und den Mondwagen wieder ordnen. | |||
'''34.12''' Du, Svayambhuva Manu, sollst auf der Erde sämtliche Samen aussäen. Möge die Erde überall mit Feldfrüchten erfüllt werden. | |||
'''34.13''' Lass überall Heilpflanzen, Bäume, Ranken und Schlingpflanzen wachsen, Svayambhuva, und die großen Gewächse mit ihren Früchten zur jeweiligen Jahreszeit. | |||
'''34.14''' Daksha soll gemeinsam mit den sieben führenden Weisen Hari durch Opfer verehren und dabei die drei aus den Körpern der Ebersöhne entstandenen Feuer speisen. | |||
'''34.15''' Dieses Opfer ist aus dem Leib des Ebers zur Schöpfung hervorgegangen. Durch eben dieses Opfer soll Daksha die Schöpfung ausbreiten. | |||
'''34.16''' Durch Nara und Narayana, die sieben Rishis, Daksha und dich, durch das Opfer und diese Feuer soll die Schöpfung im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt wieder vollständig werden. | |||
'''34.17''' Auch wir werden die Schöpfung nähren und uns beständig um ihr Gedeihen bemühen. Ihr aber vollzieht das Hervorbringen. | |||
'''34.18''' So möge die Schöpfung wieder werden wie zuvor. Zuerst bringe du jetzt die Samen zum Keimen, Manu. | |||
'''34.19''' Markandeya sprach: Nachdem die erhabenen Brahma, Vishnu und Shiva dies angeordnet hatten, gingen sie daran, die Berge wieder an ihre Plätze zu setzen. | |||
'''34.20''' Auf Meru, Mandara, Kailasa, Himalaya und den übrigen Bergen errichteten sie die jeweiligen Städte sämtlicher Götter. | |||
'''34.21''' Svayambhuva verließ das Schiff, betrat die Erde und säte zum allgemeinen Gedeihen die Samen aus. | |||
'''34.22''' Darauf entstanden Bäume, Schlingpflanzen, Ranken, Büsche und Wälder, junge Feldfrüchte, Getreide und sämtliche Heilpflanzen, | |||
'''34.23''' aus Samen und Stängeln treibende Gewächse, Ausläufer und Wasserpflanzen, geöffnete Blüten, Früchte, Knollen und Blätter. | |||
'''34.24''' Grüne Rasen entstanden zur Stärkung aller Lebewesen. Freudigen Herzens sah Manu die Erde wieder reich an Feldfrüchten und die Bäume schön begrünt wie zuvor. | |||
'''34.25''' Dann übten der große Yogi Nara und der einsichtsvolle Narayana höchste Askese, um die Götter wiederherzustellen. | |||
'''34.26''' Die beiden hervorragenden Rishis verehrten durch Askese die höchste, lichtvolle und leidfreie Wirklichkeit. | |||
'''34.27''' Sie brachten die Wesen und hohen Götterweisen zurück und erschufen durch ihre große Askesekraft die zuvor gestorbenen Götter, Schar für Schar, von Neuem. | |||
'''34.28''' Janardana selbst schuf die Gottheiten Sonne und Mond, die zehn Weltenhüter und die Bewohner der Unterwelt. | |||
'''34.29''' Der Unvergängliche ordnete Sonne und Mond wieder an ihren Plätzen und setzte sie wie zuvor zur Regelung von Tag und Nacht ein. | |||
'''34.30''' Als die Heilpflanzen, Opferbäume und Feldsamen gewachsen und die einzelnen Götter wieder entstanden waren, | |||
'''34.31''' begann Daksha das große Jyotishtoma-Opfer. Kashyapa, Atri, Vasishtha, Vishvamitra, Gautama, Jamadagni und Bharadvaja waren die sieben reinen Rishis dabei. | |||
'''34.32''' Mit diesen sieben führenden Weisen vollzog Brahmas Sohn Daksha selbst das große Opfer zwölf Jahre lang. | |||
'''34.33''' Während wiederholt Gaben in die drei Feuer fielen und die Brahmanen den Eber in Opfergestalt verehrten, entstanden aus dem Opfer selbst die vier Arten von Geschöpfen, ihr besten Brahmanen. | |||
'''34.34''' Dann wurden Daksha dreizehn heilige Töchter geboren, reich an Schönheit und Tugend, zur Schöpfung unermesslicher Nachkommenschaft bestimmt. | |||
'''34.35''' Daksha gab sie dem edlen Kashyapa zur Frau. Aus ihnen entstanden zahlreiche Wesen, durch die die ganze Welt erfüllt wurde. | |||
'''34.36''' Kashyapa wurde zum Vater all dieser Geschöpfe. Gewiss stammt die ganze Welt aus Kashyapa, ihr besten Brahmanen. | |||
'''34.37''' Hört nun die Namen der Töchter und aller ihrer jeweiligen Nachkommen, ihr Weisen, wie ich sie euch darlege. | |||
'''34.38''' Aditi, Diti, Danu, Kala, Danayu, Simhika, Muni, Krodha, Pradha, Varishtha, Vinata, Kapila und Kadru werden als Dakshas dreizehn Töchter genannt. | |||
'''34.39''' Daksha entstand aus dem rechten Daumen des meditierenden Brahma; deshalb heißt er unter Göttern und Menschen Daksha. | |||
'''34.40''' Brahmas zehn geistgeborene Söhne wurden schon genannt. Sechs von ihnen waren nach diesem Untergang der Geschöpfe als Schöpfer tätig: | |||
'''34.41''' Marichi, Atri, Angiras, Pulastya, Pulaha und Kratu. Marichis Sohn war Kashyapa, der die Welt gedeihen lässt. | |||
'''34.42''' Gerade ihm wurden von Dakshas Töchtern zahlreiche Nachkommen geboren. Vernehmt die Namen der aus seinen Gemahlinnen Hervorgegangenen. | |||
'''34.43''' Dhatri, Mitra, Aryaman, Shakra, Varuna, Soma, Bharga, Vivasvant, Pushan, Savitri, Tvashtri und Vishnu: | |||
'''34.44''' Diese zwölf Söhne Aditis heißen Adityas. Der jüngere, tugendreiche unter ihnen, der den Geschöpfen beständig Wärme spendet, | |||
'''34.45''' ist der als Stammvater hervorragende Sonnengott, von dem euch erzählt wird. Diti hatte hier einen einzigen Sohn, den mächtigen Hiranyakashipu. | |||
'''34.46''' Dessen vier Söhne waren kraftvoll und übermütig: Prahlada, Samhlada, Vashkala und Shibi. | |||
'''34.47''' Prahlada hatte drei Söhne: als ältesten Virochana, ferner Kumbha und den starken Nikumbha. | |||
'''34.48''' Virochanas Sohn war der große Bali, berühmt für seine Freigebigkeit. Balis Sohn hieß Bana und war überaus mächtig. | |||
'''34.49''' Dieser herrliche Gefährte Shambhus hieß auch Mahakala. Bana hatte hundert Söhne, darunter Kusumbha und Makara. | |||
'''34.50''' Danu hatte vierzig Söhne, mit Viprachitti an der Spitze; genannt werden Shambara, Namuchi und Puloman, | |||
'''34.51''' Asiloman, Keshin, Durjaya, Ayahshiras, Ashvashiras, Kshaya, Shanku und Viyanmurdhan, allesamt mächtig, | |||
'''34.52''' Vegavant, Ketumant, Svarbhanu, Ashva, Ashvapati, Kunda, Vrishaparvan und Ajaka, | |||
'''34.53''' Ashvagriva, Sukshma, Turundu, Mandala, Urdhvabahu, Ekachakra, Virupaksha, Hara und Ahara, | |||
'''34.54''' Niyantra, Nikumbha, Kupata, Chapatu, Sarabha, Sulabha sowie Surya und Chandramas. Mehrere Namen dieser Liste sind unsicher überliefert; die genannte Gesamtzahl wird durch die klare Aufzählung nicht erreicht. | |||
'''34.55''' Diese beiden Söhne Danus namens Surya und Chandramas sind andere Wesen als die hohen Götter Sonne und Mond. | |||
'''34.56''' Durch ihre zahlreichen Söhne, Enkel und weiteren Nachkommen, ausgestattet mit Stärke und Tatkraft, wurde die ganze Welt erfüllt. | |||
'''34.57''' Danayu hatte vier überaus starke Söhne: Virabhadra, Vikshara, Vatsa und Vritta. | |||
'''34.58''' Jeder von diesen vieren hatte wiederum hundert Söhne, ausgestattet mit Schönheit, innerer Kraft und Stärke, ihr besten Brahmanen. | |||
'''34.59''' Kalas Söhne wurden als Kaleyas bekannt: vier weithin berühmte, überaus starke Herren der Danavas. | |||
'''34.60''' Vinashana, Krodha, Krodhahantṛ und Krodhashakra werden als diese Söhne Kalas genannt. | |||
'''34.61''' Simhikas Sohn war Rahu, der Mond und Sonne bedrängt; ferner werden Suchandra, Chandrahantṛ und Chandravimardana genannt. | |||
'''34.62''' Weitere Namen der überlieferten Liste lauten Egavant, Ketumant, Aya, Surbhanu, Ashvodyapati, Krishtu, Ashtaparva und Ajusru. Die Worttrennung und mehrere Namensformen sind beschädigt. | |||
'''34.63''' Krodhas Söhne vollbringen grausame Taten. Simhika und Krodha sind zwei stets furchtbare Töchter; daher gilt das aus ihnen hervorgegangene Geschlecht als besonders grausam. | |||
'''34.64''' Muni hatte als einzigen Sohn den großen Seher Shukra, den beständigen Lehrer der Daityas, Danavas, Kaleyas und der übrigen Asuras. | |||
'''34.65''' Ihm wurden vier redegewandte Söhne geboren, die als Opferpriester der Asuras dienten: Tvashtri, Vara, Atri und Saukala. Die Trennung der ersten Namen ist unsicher. | |||
'''34.66''' Sie waren an Glanz der Sonne gleich und entfalteten ihre Kraft bis in Brahmas Welt. Durch die Nachkommenschaft der Asuras, Daityas und Kaleyas, | |||
'''34.67''' der Söhne Krodhas und des Sohnes Simhikas wurde die ganze bewegliche und unbewegliche Welt erfüllt. | |||
'''34.68''' Die Nachkommen all dieser Geschlechter wuchsen fortlaufend an. Wegen ihrer Menge könnte man sie selbst in langer Zeit nicht zählen, ihr Brahmanen. | |||
'''34.69''' Tarkshya, Arishtanemi, Anuru, Garuda, Aruni und Varuni gelten als Vinatas Söhne. | |||
'''34.70''' Shesha, König Vasuki, Takshaka, Kulika, Kurma und Sumanas werden als Kadrus Söhne genannt. | |||
'''34.71''' Bhimasena, Ugrasena, Suparna, Garuda, Gopati, Dhritarashtra und der mächtige Suryavarchas, | |||
'''34.72''' Arkadrista, Prayukta, Vishruta, Sushruta, Bhima, Chitraratha, Vikhyata, Sarvavid und Balin, | |||
'''34.73''' Shalishirsha, Parjanya, Kali und Narada werden als göttliche Gandharvas und Söhne Munis genannt. Dies steht neben der abweichenden Aussage über Munis einzigen Sohn in 34.64. | |||
'''34.74''' Anavadya, Sanuraga, Samvara, Margana, Priya, Asuya, Subhaga und Bhima gebar sie als Töchter. | |||
'''34.75''' Pradha empfing sie von dem tugendreichen, askesestarken Kashyapa. Vishvavasu, Suchandra, Suparna, Siddha, | |||
'''34.76''' Barhis, Purna, Purnanga, Brahmacharin, Ratipriya und als zehnter Bhanu werden als Pradhas Söhne genannt. | |||
'''34.77''' Diese göttlichen Gandharvas, stets von heiligen Merkmalen geprägt, gebar die edle Göttin Pradha dem hervorragenden Götterweisen. | |||
'''34.78''' Alambusha, Mishrakeshi, Gamini, Manorama, Vidyutpanna, Adharambha, Aruna, Rakshita und Atula, | |||
'''34.79''' Subahu, Surata, Muraja, Supriya, Vapus und Tilottama gelten als die wichtigsten Apsaras. Die Namenfolge des vorigen Verses ist stellenweise beschädigt. | |||
'''34.80''' Atibahu, Tumburu, Haha und Huhu gelten als die wichtigsten Gandharvas, den Göttern ebenbürtig. | |||
'''34.81''' Nektar, Brahmanen, Kühe, Weise und Apsaras werden als Kapilas glückverheißende und freudvolle Nachkommen bezeichnet. | |||
'''34.82''' Durch diese Nachkommen, die Kashyapa mit Dakshas Töchtern zeugte, wurde die ganze bewegliche und unbewegliche Welt erfüllt. | |||
'''34.83''' So entstanden nach dem Fall des Opfer-Ebers und seiner Umwandlung in Opfergestalt durch die drei Feuer, den edlen Svayambhuva Manu, | |||
'''34.84''' die sieben Weisen mit Kashyapa an der Spitze sowie Nara und Narayana die Geschöpfe erneut, nachdem die außerzeitliche Auflösung vergangen war: durch den vielgestaltigen Hari. | |||
'''34.85''' So entstand die Schöpfung wieder durch die Gnade Haris, der Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirkt und als Nara und Narayana erscheint. | |||
===Kapitel 35=== | |||
'''35.1''' Markandeya sprach: Hört nun weiter, ihr besten Brahmanen, wie Ishvara seinen Sharabha-Körper wieder ablegte. | |||
'''35.2''' Nachdem der Opfer-Eber getötet war, trat Brahma, der Stammvater der Welt, zu Sharabha und sprach besänftigende Worte zum Wohl der Welt. | |||
'''35.3''' Die Ausdehnung deines Körpers füllt viele Yojanas. Darum ziehe diesen die Welten erschreckenden Leib zurück. | |||
'''35.4''' Durch deinen Kampf sind die ganzen drei Welten zerstört worden. Selbst Janardana fürchtet sich jetzt, beim Anblick deiner Gestalt den Himmel zu betreten. Lege deshalb zum Wohl der oberen Welten diesen Körper ab. | |||
'''35.5''' Markandeya sprach: Als Shankara die Worte des Ältesten der Götter gehört hatte, legte er den Sharabha-Körper sogleich über dem Wasser ab. | |||
'''35.6''' Die acht Beine dieses vom edlen Shankara verlassenen Körpers gingen in die acht Gestalten des achtgestaltigen Gottes ein. | |||
'''35.7''' Das erste rechte Bein ging rasch in den Raum, das linke daneben in die Sonne, das hintere rechte in den Mond. | |||
'''35.8''' Das linke ging ins Feuer, das vordere rechte der Rückenbeine in die Erde, das vordere linke Rückenbein ins Wasser. | |||
'''35.9''' Das hintere rechte ging in den Wind, das linke in den allseits wirkenden Opferer. So gingen die acht Beine augenblicklich in seine acht Gestalten ein, jede Kraft an ihren eigenen Ort. | |||
'''35.10''' Der mittlere Teil des Sharabha-Körpers des edlen Shankara wurde zu Kapalin Bhairava, wildgestaltig und schwer zugänglich. | |||
'''35.11''' Die Träger des Schädelgelübdes opfern Fleisch zusammen mit Gehirn und Fett im Feuer; sie verehren die Gottheit mit berauschendem Getränk aus einer Brahma-Schädelschale. Die genaue Zuordnung des Schädels ist in der Vorlage mehrdeutig. | |||
'''35.12''' Als Opfergabe dient ihnen Menschenfleisch, als Getränk Blut; beim Opfer beenden sie das Fasten mit Alkohol und tragen auffällige Schädelzier. | |||
'''35.13''' Sie tragen Tigerfell, unrein und in drei Falten gelegt. So handeln nach der hier gegebenen Beschreibung die Träger des Schädelgelübdes beständig. | |||
'''35.14''' Ihre stets zu verehrende Gottheit ist Kapalin Bhairava, der Bhairava der Verbrennungsstätte, auch Mahabhairava genannt. | |||
'''35.15''' Er leuchtet wie die aufgehende Sonne, erstrahlt mit achtzehn Armen und hat rote Augen. Beständig ist er von Scharen weiblicher Mächte umgeben, | |||
'''35.16''' mit Kali und Prachanda an der Spitze, und spielt mit ihnen. Er verzehrt frisch verbranntes Menschenfleisch; die abschließende Beschreibung seiner Arme ist sprachlich beschädigt. | |||
'''35.17''' Er nährt sich von Blut und Resten und sitzt auf einem Leichnam, mit breitem Gesicht, hängender Lippe und kurzen, kräftigen Füßen. Er ist spielerisch und laut; wegen seines schallenden Lachens heißt er Bhairava. Einzelne Bezeichnungen sind unsicher. | |||
'''35.18''' So nahm der starkarmige Mahadeva durch den mittleren Sharabha-Leib die Gestalt Mahabhairavas und dessen Wirken an. | |||
'''35.19''' Dann begab sich dieser Gott zu Haras Pramathas. Als Bhairava spielt er gemeinsam mit den Scharen im Luftraum. | |||
'''35.20''' Noch heute wird der Gott Mahabhairava von den Menschen der Welt verehrt und bewirkt die Erfüllung ihrer ersehnten Wünsche. | |||
'''35.21''' Wer Bhairava am vierzehnten Tag der hellen Hälfte des Chaitra auch nur einmal mit Honig, berauschendem Trank, Milch, Früchten, Fleisch, Fisch und Blut verehrt, | |||
'''35.22''' erfüllt nach der Verheißung des Textes alle Wünsche, genießt die ersehnten Freuden und gelangt schließlich auf einem herrlichen Stier zu Shambhus Wohnstatt. | |||
'''35.23''' Damit habe ich euch alles erzählt, wonach ihr besten Brahmanen mich gefragt habt. Fragt mich nun, was ihr darüber hinaus hören möchtet. | |||
===Kapitel 36=== | |||
'''36.1''' Die Rishis sprachen: Wie wurde jener mächtige Sohn des Ebers namens Naraka von Asura-Wesen, obwohl er Sohn eines Gottes und einer Göttin war? | |||
'''36.2''' Wie erhielt er ein langes Leben? Warum blieb er so lange im Leib der Erde, und wo wurde dieser Mächtige geboren? | |||
'''36.3''' Wie wurde er König der Asuras, und wie hieß seine Stadt? Man hört, er sei aus der Vereinigung des Ebers mit der Erde während ihrer Unreinheit hervorgegangen. | |||
'''36.4''' Wie verhielt sich dies, du hervorragender Weiser? Erzähle uns auf unsere Fragen alles vollständig. | |||
'''36.5''' Du bist unser Lehrer und Unterweiser und hast alles unmittelbar geschaut. Wie erlangte er seinen Segen von dem mächtigen Brahma? | |||
'''36.6''' Markandeya sprach: Hört alle, ihr Weisen, die Antwort auf eure Fragen: wie Naraka, der große Asura und Sohn der Erde, entstand. | |||
'''36.7''' Weil der Samen des Ebers in den Leib der menstruierenden Erde gelangte, wurde er trotz seiner göttlichen Abstammung ein Asura. | |||
'''36.8''' Brahma und die übrigen Götter erkannten den großen Helden im Mutterleib, den unbezwingbaren Sohn des Ebers von gewaltiger Kraft und Tapferkeit. | |||
'''36.9''' Deshalb hielten sie ihn durch ihre Macht lange und fest im Mutterleib zurück, sodass er selbst zur rechten Geburtszeit nicht geboren wurde. | |||
'''36.10''' Als der Eber mit seinen Söhnen die Körper abgelegt hatte, wurde die Erde, die Trägerin der Welt, von tiefstem Schmerz verbrannt. | |||
'''36.11''' Von Trauer überwältigt, klagte sie lange und immer wieder. Erst durch Madhavas Zuspruch fand sie zu ihrer Fassung zurück. | |||
'''36.12''' Doch als trotz erreichter Geburtszeit die durch Götterkraft zurückgehaltene Leibesfrucht nicht geboren wurde, litt die Erde schwer. | |||
'''36.13''' Sie trug eine harte Leibesfrucht. Als die Göttin die Last nicht mehr tragen konnte, suchte sie beim Gott Madhava Zuflucht. | |||
'''36.14''' Sie trat zu Madhava, dem Weltenherrn und Zufluchtspender, verneigte ihr Haupt und sprach. | |||
'''36.15''' Die Erde sprach: Verehrung dir, unoffenbare Gestalt der Welt, Ursache der Ursachen, jenseits von Urnatur und Purusha, dessen Wesen Erhaltung, Entstehung und Auflösung ist! | |||
'''36.16''' Du ordnest die Welt, empfängst die mit Svaha dargebrachten Opfergaben und bist das selige Selbst der Weltfreude, erhabener Weltenherr. | |||
'''36.17''' Du bist der Lenkende und das Gelenkte, strahlender, unvergänglicher Vishnu. Verehrung dir, Welterhalter, Wohnstatt der drei Welten und Schöpfer des Alls! | |||
'''36.18''' Du erhältst und befestigst beständig die Ordnung. Als diese Ordnung selbst verehre ich dich, Weltenherr. Ein Wort des ersten Halbverses ist unsicher. | |||
'''36.19''' Du bist Madhava, der Hervorragende, Begehren, Wohnstatt des Begehrens und Auflösung, Ursache von Geburt und Vergehen und Grund des Schutzes, du Herr. | |||
'''36.20''' Wasser kann dich nicht durchnässen, Hitze dich nicht erhitzen, Kälte dich nicht erkalten lassen. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''36.21''' Das Meer kann dich nicht überfluten, Feuer dich nicht austrocknen, Yama dich nicht dem Tod unterwerfen. Dir immer wieder Verehrung! | |||
'''36.22''' Dein Wesen wird von den durch Übung erschöpften Yogis im Bewusstsein gehalten. Die weitere Wendung über Irrwege und Meditation ist beschädigt. Du, dessen ewige Gestalt sie suchen, rette die Erde, die Schutz begehrt. | |||
'''36.23''' Markandeya sprach: So von der Welterhalterin gepriesen, erschien Hrishikesha und sprach zu der niedergeschlagenen Erde. | |||
'''36.24''' Der Erhabene sprach: Warum bist du betrübt, Göttin Erde, und klagst? Welche Bedrängnis trifft dich? Ich möchte sie erfahren. | |||
'''36.25''' Dein Gesicht ist ausgetrocknet, dein Körper ohne Glanz. Deine Augen sind unruhig, und das lebendige Spiel deiner Brauen fehlt. | |||
'''36.26''' Noch nie habe ich dich so gesehen. Sage mir den Grund deines Leides und dieser Veränderung deiner Erscheinung. | |||
'''36.27''' Als die Göttin Erde Madhavas Worte gehört hatte, neigte sie sich demütig und antwortete mit stockender Stimme. | |||
'''36.28''' Die Erde sprach: Madhava, ich kann die Last der Schwangerschaft nicht mehr tragen. Ich leide beständig schwer; darum rette mich. | |||
'''36.29''' In Ebergestalt hast du dich einst mit mir vereinigt, als ich unrein war. Die Leibesfrucht, die du dabei in meinen Bauch gelegt hast, | |||
'''36.30''' wird trotz erreichter Geburtszeit nicht geboren, Madhava. Mit dieser harten Frucht in mir werde ich Tag für Tag gequält. | |||
'''36.31''' Wenn du mich nicht von diesem Schwangerschaftsleid befreist, Gott und Weltenherr, werde ich gewiss bald dem Tod verfallen. | |||
'''36.32''' Niemals zuvor hat jemand eine solche Leibesfrucht getragen, Madhava. Sie erschüttert mich, die sonst Unbewegliche, wie ein Elefant einen See aufwühlt. | |||
'''36.33''' Hari, der Herr der Erde, hörte ihre Worte und antwortete ihr erquickend, als belebte er eine von Hitze versengte Ranke. | |||
'''36.34''' Der Erhabene sprach: Erde, dein großes Leid wird nicht lange dauern. Höre, warum du dies erfahren hast. | |||
'''36.35''' Die Leibesfrucht aus jener Vereinigung während deiner Unreinheit besitzt Asura-Wesen und ist furchtbar, obwohl sie göttlicher Abstammung ist. Die Vaterbezeichnung ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''36.36''' Brahma und die anderen erkannten die Beschaffenheit dieser Leibesfrucht und hielten sie schon zuvor mit göttlichen Kräften in deinem Bauch fest. | |||
'''36.37''' Würde dir ein solcher Sohn gleich zu Beginn der Schöpfung geboren, würde er alle drei Welten samt Göttern und Asuras ins Verderben stürzen. | |||
'''36.38''' Darum erkannten Brahma und die anderen Götter seine Kraft und Tapferkeit und hielten deine Leibesfrucht am Beginn der Schöpfung zum Wohl der Welt zurück. | |||
'''36.39''' Im achtundzwanzigsten Zyklus der vier Weltalter seit der ersten Schöpfung wirst du zur Mitte des Treta-Yuga deinen Sohn gebären. | |||
'''36.40''' Bis das Satya-Yuga und die Hälfte des Treta-Yuga vergangen sind, trage diese große Leibesfrucht, Schönangesichtige. Diesen Zeitpunkt habe ich dir bestimmt. | |||
'''36.41''' Doch bis zur Geburt deiner furchtbaren Leibesfrucht wirst du, Welterhalterin, keine Schwangerschaftsschmerzen mehr erleiden. | |||
'''36.42''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten berührte der erhabene Vishnu seine geliebte, von der Schwangerschaft schwer gequälte Erde mit der Spitze seiner Muschel am Nabel. | |||
'''36.43''' Von Vishnu berührt, empfand sie ihren Körper als leicht. Auch die Leibesfrucht wurde leicht, was ihr große Erleichterung schenkte. | |||
'''36.44''' Obwohl sie die Frucht weiterhin trug, wurde die Weltenmutter so froh und unbeschwert wie eine nicht schwangere Frau. | |||
'''36.45''' Darauf beruhigte der Erhabene die Erde erneut mit vielen freundlichen Worten und sagte: | |||
'''36.46''' Der Erhabene sprach: Welterhalterin von großer Kraft, du bist Festigkeit und tragendes Wesen. Weil du alles trägst, wirst du Dhatri, „Trägerin“, genannt. | |||
'''36.47''' Du heißt Kshama, weil du die Welt zu tragen vermagst und geduldig bist; Vasumati, „die Reichtum besitzt“, weil aller Reichtum in dir ruht. | |||
'''36.48''' Lass daher deinen Schmerz los. Wenn dein Sohn geboren wird, denke an mich, Göttin. Ich werde deinen Sohn behüten. | |||
'''36.49''' Erde, offenbare dieses Geheimnis nirgendwo. Was ich dir gesagt habe, ist ein höchstes Geheimnis. | |||
'''36.50''' Deine Leibesfrucht wird in der Mitte des Treta-Yuga geboren werden, Edle, nachdem der Held Ravana von dem Rama Genannten getötet worden ist. | |||
'''36.51''' Markandeya sprach: Nachdem Vishnu dies gesagt und die vom Gewicht ihrer Leibesfrucht gequälte Göttin Erde unterwiesen hatte, verschwand er dort. | |||
'''36.52''' Die Erde aber war wieder wohlauf, schlank, leicht und voller Kraft. In großer Freude ging die Göttin davon, als wäre sie nicht schwanger. | |||
===Kapitel 37=== | |||
'''37.1''' Markandeya sprach: Nach langer Zeit, ihr besten Brahmanen, herrschte im Land Videha ein mächtiger König namens Janaka. | |||
'''37.2''' Er besaß alle königlichen Tugenden, war in der Staatskunst erfahren, wahrhaftig, gesittet, tüchtig, den Brahmanen zugewandt, beherrscht und rein. | |||
'''37.3''' Stets widmete er sich der Verehrung von Göttern, Brahmanen und Lehrern und behütete alle Menschen wie ein Vater. | |||
'''37.4''' Als ihm auch nach Ablauf der angemessenen Zeit kein Sohn geboren war, wurde er bedrückt und versank in sorgenvollen Gedanken. | |||
'''37.5''' Eines Tages hörte der König aus Naradas Mund: Der große, schon alte König Dasharatha war kinderlos gewesen, | |||
'''37.6''' doch durch ein Opfer hatte der Einsichtsvolle überaus kraftvolle Söhne erlangt. In Ayodhya hatten die Weisen mit Rishyashringa an der Spitze | |||
'''37.7''' die Opfer vollzogen, durch die der König seine Söhne Rama, Bharata, Shatrughna und Lakshmana gewann, | |||
'''37.8''' kraftvolle Helden, glückverheißend wie Götterkinder. Als König Janaka dies hörte, ging er in seine inneren Gemächer und beriet sich mit seinen Frauen über ein Opfer zur Geburt von Söhnen. | |||
'''37.9''' Nachdem er sich mit seinen vier Frauen, angefangen mit der Hauptkönigin, beraten hatte, ließ er sich für das Opfer weihen. | |||
'''37.10''' Er bestellte den hervorragenden Weisen Gautama als Hauspriester und dessen Sohn Shatananda und vollzog mit ihnen das Opfer. | |||
'''37.11''' Auf dem Opferplatz wurden ihm zwei schöne Söhne zuteil und eine tugendhafte, glückverheißende Tochter, die im Erdinneren verborgen gewesen war. | |||
'''37.12''' Auf Naradas Rat durchpflügte der König selbst mit einem Pflug den Opferboden bis zur Grenze des Opfergeländes. | |||
'''37.13''' In der so entstandenen Furche fand er eine glückverheißende Tochter, ausgestattet mit allen günstigen Merkmalen, und nahm sie voller Freude an sich. | |||
'''37.14''' Kaum war sie erschienen, sprach die Erde selbst, unsichtbar bleibend, zu Gautama, Narada und dem König. | |||
'''37.15''' Die Erde sprach: Diese liebliche Tochter habe ich dir gegeben, König. Nimm die Glückverheißende an, die zwei Familien Heil bringen wird. | |||
'''37.16''' Durch sie als entscheidende Ursache wird meine große Last schwinden, und ich werde von der furchtbaren Bedrängnis durch diese Last frei werden. | |||
'''37.17''' Die mächtigen Helden Ravana, Kumbhakarna und die übrigen schwer bezwingbaren Rakshasas werden ihretwegen zugrunde gehen. | |||
'''37.18''' Du wirst unübertreffliche Freude an deiner Tochter gewinnen und deine Schuld gegenüber Göttern und Ahnen begleichen. | |||
'''37.19''' Doch eine Vereinbarung sollst du mit mir treffen, bester Mann. Ich werde sie dir vor Narada und Gautama nennen. | |||
'''37.20''' Wenn der Held Ravana getötet ist und ich von der Bedrückung meiner Last frei bin, werde ich glücklich auf deinem Opferplatz einen guten Sohn gebären. | |||
'''37.21''' Diesen sollst du wie deinen eigenen Sohn aufziehen, bester König, bis er seine Kindheit hinter sich hat. | |||
'''37.22''' Danach werde ich ihn selbst behüten, König. Sorge dafür, dass er eine menschliche Gesinnung entwickelt. | |||
'''37.23''' Markandeya sprach: König Janaka hörte die Worte der Erde, verneigte sich voller Freude und antwortete ihr freundlich. | |||
'''37.24''' Der König sprach: Was du sagst, Welterhalterin, werde ich erfüllen. Gewähre auch mir meinen Wunsch und sei gnädig, höchste Göttin. | |||
'''37.25''' Ich möchte deine Gestalt unmittelbar sehen, Göttin. Du bist die Kraft und Mutter der Welt. Ich verneige mich vor dir; sei mir gnädig. | |||
'''37.26''' Als die Erde Janakas Worte hörte, zeigte sie dem König in Gegenwart der Weisen ihre Gestalt. | |||
'''37.27''' Sie war dunkel wie die Blütenblätter einer blauen Wasserlilie und hielt Gebetskette und Lotus mit zwei leuchtenden, langen Armen, schön wie Lotusstängel. Beim Anblick der schönen Welterhalterin verneigte sich der König immer wieder. | |||
'''37.28''' Die Göttin Erde berührte Sita, die nun Königstochter geworden war, wiederholt mit der Hand und sprach: | |||
'''37.29''' Diese Weltenmutter wird als deine Tochter menschliches Wesen annehmen, bester König. Halte deine Vereinbarung ein. | |||
'''37.30''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten an König Janaka verabschiedete die Göttin Erde sich von Narada und den anderen und verschwand dort. | |||
'''37.31''' Janaka hatte die mit allen günstigen Merkmalen ausgestattete Tochter und die beiden Söhne gewonnen und kehrte froh in sein Haus zurück. | |||
'''37.32''' Als später die rechte Zeit gekommen und der Rakshasa Ravana vom mächtigen Vishnu in menschlicher Gestalt getötet worden war, | |||
'''37.33''' ging die Erde zum Opferplatz des Königs von Videha und gebar dort einen heldenhaften Sohn, wo zuvor Sita erschienen war. | |||
'''37.34''' Nach der Geburt des Sohnes gedachte die Welterhalterin zur rechten Zeit Vishnus, des Weltenherrn, und erinnerte sich an seine frühere Zusage. | |||
'''37.35''' Kaum hatte sie seiner gedacht, hielt der Gott sein Versprechen und erschien dort, wo der Sohn der Erde geboren war. | |||
'''37.36''' Die Göttin verneigte sich vor dem erschienenen höchsten Herrn, pries ihn mit freundlichen Worten und sprach: | |||
'''37.37''' Die Erde sprach: Dies ist dein neugeborener Sohn, zart und von großem Glanz. Denke an deine frühere Zusage und beschütze ihn. | |||
'''37.38''' Der Erhabene sprach: Göttin, dein Sohn wird von großer Kraft und Tapferkeit sein, einsichtsvoll und lange Zeit menschliche Gesinnung bewahren. | |||
'''37.39''' Solange er diese menschliche Gesinnung pflegt, wird er Wohlergehen erfahren und lange herrschen. | |||
'''37.40''' Wenn er aber das menschliche Wesen aufgibt und entsprechend handelt, wird ihm kein langes Leben mehr bleiben. | |||
'''37.41''' Mit sechzehn Jahren wird er ein Königreich erlangen, reich an Besitz, Juwelen, Elefanten und Wagen. Als Held wird er große Herrlichkeit gewinnen und genießen. | |||
'''37.42''' Sorge dafür, dass er jeweils die Gesinnung annimmt, die den Menschen des betreffenden Zeitalters entspricht. | |||
'''37.43''' Sein Königreich wird die Stadt Pragjyotisha sein; dort wird dein Sohn lange als Herrscher regieren. | |||
'''37.44''' Markandeya sprach: Nachdem Vishnu dies zur Erde gesagt hatte, verschwand der Weltenherr rasch vor ihren Augen. | |||
'''37.45''' Die Erde hatte ihren strahlenden Sohn um Mitternacht geboren. Nun ließ sie Janaka von dem früher vereinbarten Geheimnis wissen. | |||
'''37.46''' Der König von Videha erfuhr, dass die Erde ihren Sohn geboren hatte, und ging nach den nötigen Vorbereitungen noch in der Nacht zum Opferplatz. | |||
'''37.47''' Als die alles tragende Erde den König dorthin kommen sah, verschwand sie, ohne ihm noch etwas zu sagen. | |||
'''37.48''' Der Herrscher von Videha kam an und sah den Sohn auf dem Erdboden liegen, leuchtend wie Mond, Sonne und Feuer. | |||
'''37.49''' Er weinte immer wieder, war anmutig und bewegte Hände und Füße. Wohlgestaltet und von Herrlichkeit strahlend glich er einem zweiten Karttikeya. | |||
'''37.50''' Der strahlende Säugling bewegte sich weinend auf dem Rücken über die Grenze des Opferplatzes hinaus und gelangte rasch ein Stück weiter. | |||
'''37.51''' Dort erreichte er den Schädel eines verstorbenen Menschen, legte seinen eigenen Kopf darauf und blieb einen Augenblick weinend liegen. | |||
'''37.52''' Der König von Videha suchte nach dem Sohn der Erde, überschritt die Grenze des Opferplatzes und fand ihn draußen. | |||
'''37.53''' Er sah das Kind, glühend wie Feuer, an Schönheit dem Mond und an Strahlkraft der Sonne gleich. | |||
'''37.54''' Der König erinnerte sich an die Vereinbarung mit der Erde und nahm es selbst auf, wie Agni einst seinen Sohn im Schilf aufgenommen hatte. | |||
'''37.55''' Beim Aufheben sah er den Menschenschädel unter dem Kopf des Kindes. Bald berichtete er Gautama davon. | |||
'''37.56''' Er nahm das Kind mit in seine inneren Gemächer und erzählte der Hauptkönigin von dem gefundenen Sohn, der Guha glich. | |||
'''37.57''' Sie sah seine großen Augen, löwengleichen Schultern, mächtigen Arme, breite Brust und die schöne Hautfarbe einer blauen Wasserlilie. Freudig sagte sie zum König: Diesen will ich aufziehen. | |||
'''37.58''' Der König antwortete: Dieser ist mein Sohn, Schöne, auf dem Opferplatz hervorgegangen. Ziehe ihn nach deinem Herzen auf. | |||
'''37.59''' Was die Erde ihm im Geheimen gesagt hatte, teilte der wahrhaftige König seiner Gemahlin nicht mit, obwohl sie ihm lieb war. | |||
'''37.60''' Der König freute sich: Diese Erde wird die Geschlechter meiner Söhne und Töchter behüten. Auch die Königin freute sich über den einem Göttersohn gleichen Knaben. Der Schluss des Verses beschreibt königliche Freude und Sieg über Feinde, ist aber sprachlich beschädigt. | |||
===Kapitel 38=== | |||
Der Abschnitt zwischen 7 und 9 steht ohne Nummer und wird hier als 38.8u bezeichnet. Die Vorlage schreibt 177 an der Stelle von 17; diese Originalnummer bleibt erhalten. | |||
'''38.1''' Markandeya sprach: Der König ließ den großen Rishi Gautama die menschlichen Lebensriten für das Kind vollziehen. | |||
'''38.2''' Weil es seinen Kopf auf den Kopf eines Menschen gelegt hatte, gab der hervorragende Weise ihm den Namen Naraka. | |||
'''38.3''' Auch die weiteren Kindheitsriten bis zum ersten Bartschneiden vollzog der Weise nach der Kshatriya-Ordnung mit Sprüchen aus Rigveda, Yajurveda und Samaveda. | |||
'''38.4''' Der Erdsohn Naraka wuchs im Haus des Königs heran und gewann täglich an Glanz wie der Mond im Herbst. | |||
'''38.5''' Der König gewöhnte ihn beständig an menschliche Gesinnung. Durch Gautamas weisen Sohn Shatananda ließ er ihn in menschlichem Verhalten und in den Pflichten eines Kshatriya unterweisen. | |||
'''38.6''' Auch die Göttin Erde vermittelte ihrem Sohn in der Gestalt einer Amme beständig gutes menschliches Verhalten. | |||
'''38.7''' Sogleich nach seiner Geburt hatte die Erde selbst durch ihre Maya menschliche Gestalt angenommen und die inneren Gemächer des Königs betreten. | |||
'''38.8u''' Mit Zustimmung des Königs wurde die Göttin dort seine Amme, in der Gestalt Katyayanis, ihr besten Brahmanen. Dieser Abschnitt steht in der Vorlage ohne Versnummer. | |||
'''38.9''' Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr zog sie den Knaben selbst auf und lehrte ihn gutes Benehmen. | |||
'''38.10''' Naraka, der Sohn der Erde, wuchs Tag für Tag und übertraf alle Söhne des edlen Janaka. | |||
'''38.11''' An Körperkraft, Tapferkeit, Schönheit und Stärke sowie im Gebrauch von Bogen und Keule übertraf der Held die Königssöhne. | |||
'''38.12''' Mit sechzehn Jahren war er in gelehrten Erörterungen und in der Bogenkunst erfahren und für andere Helden schwer zu bezwingen. | |||
'''38.13''' Der König von Videha sah seine große Kraft und Tapferkeit und die geringeren Fähigkeiten seiner eigenen Söhne. Darüber war er nicht sehr erfreut. | |||
'''38.14''' Er dachte: Wenn die Zeit gekommen ist, wird dieser große Held meine Söhne verdrängen und mein Königreich an sich nehmen. | |||
'''38.15''' Wenn der König sich in den inneren Gemächern mit allen Söhnen vergnügte, empfand er deshalb beim Anblick Narakas keine besondere Freude. | |||
'''38.16''' Die Göttin Erde bemerkte diese Haltung des Königs. Auch die Hauptkönigin wunderte sich über sein Verhalten. | |||
'''38.177''' Eines Tages fragte die Hauptkönigin den edlen Janaka, ihren Gemahl und trefflichen König von Videha. | |||
'''38.18''' Die Königin sprach: Herr, ich möchte dich etwas fragen. Wenn es kein Geheimnis ist und du mir gewogen bist, sage es mir. | |||
'''38.19''' Wenn alle Söhne vor dir spielen, wirkst du beim Anblick Narakas betrübt. | |||
'''38.20''' Darüber wundere ich mich Tag und Nacht immer mehr. Zweifel und Angst lassen mich nicht los. | |||
'''38.21''' Dieser dein Sohn ist schön, tapfer und mächtig, geschickt in Lebensordnung und Disziplin und von klarem Verstand. | |||
'''38.22''' Warum schenkst du diesem für andere unbezwingbaren Sohn keine Anerkennung? Das möchte ich wissen; sage mir die Wahrheit. | |||
'''38.23''' Markandeya sprach: Der König hörte die Worte seiner geliebten Frau, schwieg einen Augenblick und antwortete ihr. | |||
'''38.24''' Der König sprach: Geliebte, ich werde dir die Wahrheit über deine Frage sagen, wenn drei Monate vergangen sind. Warte diese Zeit ab. | |||
'''38.25''' Hier besteht eine geheime Vereinbarung zwischen mir und einer Gottheit. Darum werde ich dir dieses Geheimnis jetzt noch nicht mitteilen. | |||
'''38.26''' Markandeya sprach: Die Erde in menschlicher Ammengestalt befand sich in der Nähe und hörte dieses Gespräch des Königs mit seiner Frau. | |||
'''38.27''' Sie hörte, wie der König der Königin eine Frist von drei Monaten setzte, | |||
'''38.28''' und bemerkte seine derzeitige Sorge wegen Narakas. Sie dachte: Nach diesen drei Monaten wird mein Sohn sechzehn Jahre alt sein. | |||
'''38.29''' Dann wird der König der Hauptkönigin das Geheimnis erzählen, und meine verborgene Geschichte wird bekannt werden. | |||
'''38.30''' So überlegte die Welterhalterin, entschied, was für ihren Sohn zu tun sei, und handelte zur rechten Zeit. | |||
'''38.31''' Die ruhmreiche Göttin trat in einer vertraulichen Unterredung vor den König und Gautama und sprach um ihres Sohnes willen. | |||
'''38.32''' Die Erde sprach: Makelloser, du hast die mit mir getroffene Vereinbarung eingehalten und meinen Sohn Naraka wohlerzogen aufgezogen. | |||
'''38.33''' Er ist nun jung erwachsen und von dir in rechter Ordnung unterwiesen. Durch deine Gnade ist mein Sohn glücklich in deinem Haus herangewachsen. | |||
'''38.34''' Nach unserer früheren Vereinbarung werde ich ihn jetzt mitnehmen. Gib deine Zustimmung zu Narakas Fortgang. Heil sei dir! | |||
'''38.35''' Du und dein Hauspriester sollt die Vereinbarung weiterhin wahren. Ich werde ihn unbemerkt fortführen; gräme dich nicht, König. | |||
'''38.36''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten an den König von Videha verschwand die Welterhalterin vor ihren Augen. | |||
'''38.37''' Der König hatte ihren Worten zugestimmt und kehrte gemeinsam mit seinem Hauspriester an seinen Platz zurück. Die Ortswendung ist in der Vorlage gestört. | |||
'''38.38''' Eines Tages sprach die Göttin Erde in ihrer menschlichen Ammengestalt leise zu Naraka. | |||
'''38.39''' Starkarmiger, ich möchte mit dir zur Ganga gehen. Wenn du mitkommst, mein Sohn, werde ich noch heute mit dem Wagen aufbrechen. | |||
'''38.40''' Naraka sprach: Mutter, ohne die Erlaubnis meines Vaters werde ich nicht mit dir gehen. Nach seiner Zustimmung fahre ich mit dir zur Ganga. | |||
'''38.41''' Ich werde den großen König sowie meinen Lehrer, den hervorragenden Brahmanen Shatananda, um Erlaubnis bitten und dann deinen Wunsch erfüllen. | |||
'''38.42''' Die Amme sprach: Dieser Janaka ist nicht dein Vater. Dein Vater ist der Herr der ganzen Welt. Gehe mit mir zur Ganga und sieh ihn dort. | |||
'''38.43''' Dieser ist nur dein Pflegevater und wird dir sein Königreich nicht geben. Suche den auf, der dich wirklich fördern wird, mein Sohn. | |||
'''38.44''' Das ganze Geheimnis werde ich dir erst an der Ganga erzählen, mein Sohn. Andernfalls würde es hier vorzeitig enthüllt. | |||
'''38.45''' Markandeya sprach: Naraka vertraute den Worten der Amme, verzichtete auf einen Wagen und ging mit ihr zu Fuß zur Ganga. | |||
'''38.46''' Dort angekommen, ließ die Erde ihren Sohn nach der vorgeschriebenen Ordnung baden und zeigte ihm dann ihre eigene Gestalt. | |||
'''38.47''' Die Weltenmutter legte die durch Maya angenommene menschliche Gestalt ab und offenbarte sich dunkel wie eine blaue Wasserlilie, mit allen glückverheißenden Merkmalen, | |||
'''38.48''' an allen Gliedern schön, anmutig und mit vielerlei Schmuck geziert. So zeigte sich Vasundhara ihrem Sohn Naraka. | |||
'''38.49''' Dann erzählte sie ihm die frühere Geschichte, damit er Vertrauen gewann. | |||
'''38.50''' Die Erde sprach: Mein Sohn, als du Tag für Tag in meinem Leib heranwuchsest, erkannten Brahma und die anderen Götter dich. | |||
'''38.51''' Sie dachten: Dieser Sohn des edlen Vishnu ist von der Erde während ihrer Unreinheit empfangen worden. Er wird Asura-Wesen annehmen und uns alle töten. | |||
'''38.52''' Voller Sorge hielten die Götter einen verhängnisvollen Rat: Dieser soll nicht geboren werden; er soll für immer im Mutterleib bleiben. | |||
'''38.53''' Durch diesen Entschluss der Götter bliebst du viele Weltalter leidend in meinem Leib, mein Sohn. | |||
'''38.54''' Unter deiner Last war ich dem Tod nahe. Deshalb suchte ich beim ewigen Erhabenen Zuflucht. | |||
'''38.55''' Auf Narayanas Wort hin wurdest du schließlich geboren. Erkenne meine Worte als gewiss und wahr, mein Sohn. | |||
'''38.56''' Markandeya sprach: Noch bevor ihr Sohn sich von seinem Staunen erholt hatte, erzählte die Göttin weiter. | |||
'''38.57''' Sie berichtete, wie sie ihn auf dem Opferplatz des Königs von Videha geboren hatte und welche Vereinbarung mit diesem König bestand, | |||
'''38.58''' wie sie in menschlicher Gestalt seine Amme geworden war: All dies erklärte sie dem edlen Naraka. | |||
'''38.59''' Nachdem er ihre Worte gehört hatte, blieben ihm noch geringe Zweifel, und er sprach erneut zur Erde. | |||
'''38.60''' Naraka sprach: Wenn Vishnu mein Vater ist und du, glückverheißende Erde, meine Mutter bist, dann möge der Weltenherr selbst kommen, um dies zu bestätigen. | |||
'''38.61''' Wenn der unvergängliche Herr aller Welten mir selbst sagt: „Ich bin dein Vater, und diese ist deine Mutter“, dann werde ich es glauben, Glückverheißende. | |||
'''38.62''' Du hast mich in menschlicher Ammengestalt aufgezogen. Wenn du diese Göttin bist, möchte ich auch jene frühere Gestalt wiedersehen. | |||
'''38.63''' Die Erde sprach: Ich bin deine Mutter, mein Lieber, und kenne dich als meinen Sohn. Ich bin die Erde, die Trägerin der Welt; meine andere Gestalt besteht aus Erdstoff. | |||
'''38.64''' Dein Vater, Starkarmiger, ist der unvergängliche Herr Narayana, Achyuta, der edle Welterhalter in Ebergestalt. | |||
'''38.65''' Er legte dich in meinen Leib, in dem du lange wohntest. Zur festgesetzten Zeit wurdest du geboren und hier vom König aufgezogen. | |||
'''38.66''' Markandeya sprach: Als der Bogenträger Naraka dies hörte, wurde er von Freude und Trauer bewegt und sagte zur Göttin Erde: | |||
'''38.67''' Naraka sprach: Früher kannte ich dich nicht als Mutter; nun sprichst du so zu mir. Auch dass Vishnu mein Vater sei, wusste ich nicht. Die erste Vershälfte ist beschädigt. | |||
'''38.68''' Als Vater kenne ich den König von Videha, als Mutter seine Frau namens Sumati. | |||
'''38.69''' Alle seine Söhne sind meine Brüder, die glückverheißende Sita meine Schwester. Die Welt kennt Sumati als meine Mutter. | |||
'''38.70''' Meine Amme ist Katyayani, deren Gestalt du eben angenommen hattest. All dies hast du nun für unwahr erklärt. Sage mir wahrhaftig, wie ich dein Sohn bin. | |||
'''38.71''' Markandeya sprach: Die alles tragende Erde hörte die Worte ihres Sohnes und erzählte ihm noch einmal die ganze frühere Geschichte: | |||
'''38.72''' wie die Vereinigung mit dem Eber während ihrer Unreinheit geschehen war und aus welchem Grund die Götter ihn im Mutterleib zurückgehalten hatten; | |||
'''38.73''' wie sie, vom Schwangerschaftsleid bedrängt, bei Madhava Zuflucht gesucht hatte und wie seine Zusage und die Vereinbarung mit Janaka zustande gekommen waren. | |||
'''38.74''' Die Rishis sprachen: Warum bestimmte der mächtige Vishnu als Zeitpunkt die Tötung des Helden Ravana durch den edlen Rama? | |||
'''38.75''' Warum sagte er: „Dann wird dein Sohn gewiss geboren werden“? Zerstreue diese Zweifel, Lehrer, der du uns stets unterweist. | |||
'''38.76''' Markandeya sprach: Unter der Last Ravanas und der anderen Fleischverzehrer war die Erde fünf Yojanas tief gesunken, ihr besten Brahmanen. | |||
'''38.77''' Der aus der Kraft des Ebers in ihrem Leib entstandene Sohn würde ebenfalls ein großer König wie der zehnköpfige Ravana werden. | |||
'''38.78''' Damit die Erde nicht unter beiden Lasten noch tiefer sänke, legte Vishnu seine Geburt auf die Zeit nach Ravanas Tod fest, um ihre Bürde zu erleichtern. | |||
'''38.79''' Naraka sprach: Wenn ich deine frühere Gestalt sehe und das Wort des Weltenlehrers höre, werde ich vertrauen und deine Vereinbarung einhalten, Edle. Der Sprecherwechsel ist in der Vorlage nicht ausdrücklich markiert. | |||
'''38.80''' Die Erde hörte ihren Sohn und nahm zunächst vor ihm wieder die durch Maya geschaffene menschliche Gestalt an. | |||
'''38.81''' Sie legte ihre Erdgestalt ab und wurde wieder Katyayani, in deren Gestalt Naraka aufgezogen worden war. | |||
'''38.82''' Als Naraka die Amme Katyayani sah, fragte er sie nach den früheren Ereignissen im Königspalast. | |||
'''38.83''' Sie erzählte ihm genau, wie er aufgezogen worden war und was einst im Haus König Janakas geschehen war. | |||
'''38.84''' Dadurch gewann Naraka Vertrauen. Die Erde nahm darauf wieder ihre eigene göttliche Gestalt an. | |||
'''38.85''' Nun gedachte sie nach der früheren Vereinbarung des Weltenherrn Hari und verneigte wiederholt ihr Haupt. | |||
'''38.86''' Kaum hatte die Erde seiner gedacht, erschien Madhava mit dem Garuda-Banner, der gnädige Herr der Welten, unmittelbar vor ihr. | |||
'''38.87''' Sie sah den Gott auf Garuda, dunkel wie eine blaue Wasserlilie, mit Muschel, Diskus und Keule, | |||
'''38.88''' in gelbem Gewand, mit dem Shrivatsa-Zeichen auf der Brust, den unvergänglichen Weltenherrn. Voller Hingabe verneigte sie sich und berührte mit dem Haupt die Erde. | |||
'''38.89''' Höchster Herr, Weltenherr, Ursache aller Weltursachen, sei gnädig! So sprach die Weltenmutter. | |||
'''38.90''' Naraka aber schloss beim Anblick Haris beide Augen, überwältigt von dessen Licht, und setzte sich auf den Boden. | |||
'''38.91''' Als ihr Sohn Naraka so dasaß, bat die schöne Göttin um seinetwillen den Herrn um Gnade. | |||
'''38.92''' Von der Erde gnädig gestimmt, berührte der unvergängliche Narayana seinen Sohn Naraka mit der Spitze seiner Muschel. | |||
'''38.93''' Durch Haris Berührung gewann Naraka klare Schau und wurde froh, tatkräftig und stark. | |||
'''38.94''' Er erhob sich und verneigte sich wiederholt voller Hingabe vor Hari, Narayana und Govinda, mit allen acht Gliedern auf der Erde. | |||
'''38.95''' Nun überzeugt, verneigte sich der Held auch in höchster Hingabe vor der edlen Göttin Erde. | |||
'''38.96''' Mit gefalteten Händen stand er vor ihnen und sagte aus Ehrfurcht nichts. Die Erde bat Madhava für ihn. | |||
'''38.97''' Sei gnädig, Gott der Götter, und halte deine Zusage ein! Du hast mir diesen Sohn gegeben, Weltenherr. Erfülle, was du für ihn versprochen hast. | |||
'''38.98''' Der Erhabene sprach: Alles, worum du mich einst für deinen guten Sohn gebeten hast, ist dir gewährt. Auch ein Königreich habe ich deinem Sohn gegeben. | |||
'''38.99''' Nach diesen Worten nahm Vishnu Naraka mit sich und tauchte gemeinsam mit der Erde in die Ganga ein. | |||
'''38.100''' In einem Augenblick gelangten sie durch das Untertauchen nach Pragjyotisha mitten in Kamarupa, wo Kamakhya die herrschende Göttin ist. | |||
'''38.101''' Dieses Gebiet war zuvor von Shambhu für seine Herrschaft bestimmt worden und von starken Kiratas bewohnt, die der Text als wild und unwissend beschreibt. Das Verb über Shambhu ist beschädigt. | |||
'''38.102''' Die Kiratas werden als goldenen Säulen gleich, ohne Erkenntnis, mit ungewöhnlich geschorenem Haar und vorwiegend dem Genuss von Alkohol und Fleisch ergeben geschildert. | |||
'''38.103''' Vishnu sah, wie sie bei seinem Anblick zornig wurden, ihr besten Brahmanen. Ihr mächtiger Herrscher hieß Ghataka, golden leuchtend wie eine Säule und wie loderndes Feuer. | |||
'''38.104''' Voller Zorn näherte er sich mit einem großen viergliedrigen Heer dem Weltenherrn und dem mächtigen Naraka. | |||
'''38.105''' Der Kirata-König Ghataka griff mit seinen Kriegern an und überschüttete den unvergänglichen Herrn mit einem Pfeilregen. | |||
'''38.106''' Madhava sandte seinen überaus tapferen Sohn Naraka gegen den Kirata-König in den Kampf. | |||
'''38.107''' Naraka ergriff seinen Bogen und kämpfte dort lange mit verschiedenartigen Waffen und Geschossen gegen die mächtigen Gegner. | |||
'''38.108''' Dann legte er einen breitspitzigen Pfeil auf die Sehne und trennte dem Kirata-König den Kopf ab. | |||
'''38.109''' Zornig tötete der Held viele führende Kiratas und Heerführer, wie ein Löwe Elefanten niederstreckt. | |||
'''38.110''' Als ihr König gefallen war, flohen einige Kiratas; andere suchten bei Naraka Zuflucht. | |||
'''38.111''' Er tötete die Weiterkämpfenden, beschützte die Schutzsuchenden und trat dann vor seinen Vater. Er verneigte sich und berichtete. | |||
'''38.112''' Naraka sprach: Vater, ich habe Ghataka, den Herrscher der Kiratas, und seine weiteren Heerführer getötet. Was soll ich noch tun? | |||
'''38.113''' Der Erhabene sprach: Bekämpfe die Kiratas bis zur Stätte der Göttin Dikkaravasini; vertreibe die Fliehenden, aber beschütze die, die Zuflucht suchen. | |||
'''38.114''' Markandeya sprach: Darauf bestieg der Held Naraka den weißen, vierstoßzähnigen Riesenelefanten, das Reittier des Kirata-Königs, | |||
'''38.115''' an Kraft Airavata, an Schnelligkeit Garuda gleich, und trieb die Kiratas bis Dikkaravasini zurück. | |||
'''38.116''' Dann kehrte er zu seinem Vater zurück und sagte: Die Kiratas sind vertrieben und haben sich an den Rand des Meeres zurückgezogen. | |||
'''38.117''' Der große Kirata-Herrscher Ghataka ist getötet. Auf dem schnellen, Airavata ebenbürtigen Elefanten habe ich dies vollbracht. Befiehl mir jetzt, was ich noch tun soll. | |||
'''38.118''' Der Erhabene sprach: Von der Karatoya, die stets der Ganga gleich ist, ostwärts bis zur Stätte Lalitakantas soll dein Herrschaftsgebiet reichen. Die Grenzformulierung ist gedrängt überliefert. | |||
'''38.119''' Hier weilt die erhabene Göttin Yoganidra, die Weltenmutter, beständig in der schönen Gestalt Kamakhyas. | |||
'''38.120''' Hier fließt der König der Ströme, Lauhitya, Brahmas Sohn. Hier sind die zehn Weltenhüter an ihren jeweiligen heiligen Sitzen gegenwärtig. | |||
'''38.121''' Hier weilen Mahadeva selbst, Brahma und ich; auch Mond und Sonne wohnen beständig hier, mein Sohn. | |||
'''38.122''' Alle sind zum Spiel in dieses hervorragende geheime Land gekommen. Hier wohnt die heilvolle Shri, und hier gibt es reiche Genüsse. | |||
'''38.123''' In seiner Mitte schuf Brahma einst die Sterne. Daher heißt diese Stadt Pragjyotisha und gleicht Indras Stadt. | |||
'''38.124''' Wohne hier als mächtiger König, von mir selbst geweiht, mit einer Gemahlin und deinen Ratgebern. Heil sei dir! | |||
'''38.125''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten siedelte Vishnu selbst mit Shambhus Zustimmung sämtliche Kiratas im Osten am Meeresrand an. | |||
'''38.126''' Von der östlichen Grenze bei Lalitakanta bis zum Meer wohnten fortan die Kiratas. | |||
'''38.127''' Westlich Lalitakantas bis zum Fluss Karatoya bestimmte er das Gebiet als Kamakhyas Wohnstatt. | |||
'''38.128''' Er entfernte daraus die Kiratas und siedelte viele in Veda und Lehrschriften erfahrene Zweimalgeborene und die traditionellen sozialen Stände an. Die Namens- und Eigenschaftszuordnung ist in der Vorlage knapp. | |||
'''38.129''' Der Erhabene ließ dort Weise wohnen und richtete es so ein, dass Veda-Studium, Gaben und weitere Pflichten beständig ausgeübt wurden. | |||
'''38.130''' Bald war das Kamarupa genannte Land von Menschen bewohnt, die dem Veda-Vortrag, der Freigebigkeit und dem Dharma zugewandt waren. | |||
'''38.131''' Dann warb Hari für Naraka um Maya, die Tochter des Königs von Vidarbha, die seinem Sohn an Eigenschaften ebenbürtig war. | |||
'''38.132''' Hrishikesha vollzog ihre Vermählung und weihte seinen Sohn gemeinsam mit ihr in jener herrlichen Stadt zum König. | |||
'''38.133''' Madhava machte die Stadt durch Bergbefestigungen und eine ringsum günstige Wasserbefestigung so sicher, dass selbst Götter sie schwer angreifen konnten. | |||
'''38.134''' Die fünfundzwanzigtausend vierstoßzähnigen Elefanten des Kirata-Königs mit ihren Führern und Decken, | |||
'''38.135''' seine zahlreichen Juwelen, verschiedenen Heeresabteilungen, Pferde und Schmuckstücke: All dies nahm Naraka an sich. | |||
'''38.136''' Vishnu selbst übergab seinem Sohn alle königlichen Zierden, Banner und Schmuckstücke. | |||
'''38.137''' Er schenkte ihm auch einen in den drei Welten schwer erhältlichen Wagen mit acht eisernen Rädern, ein halbes Yojana breit. | |||
'''38.138''' Achttausend gedankenschnelle Pferde waren davor gespannt. Er war mit Juwelen und Gold reich verziert und besaß eine weite Plattform. | |||
'''38.139''' Er leuchtete mit einem großen goldenen, diamantgeschmückten Banner, goldenen Fahnenstangen und einer Deichsel aus Vaidurya-Edelstein. | |||
'''38.140''' Er war mit Löwen- und Tigerfellen bedeckt, durch Eisengitter geschützt, mit Glöckchengirlanden geschmückt, mit allen Waffen versehen und von vielfacher Zauberkraft erfüllt. | |||
'''38.141''' Außerdem gab er ihm eine Lanze, die alle Feinde vernichtete, von Flammenkränzen umgeben, ein Feuer für das dürre Gras der Gegner. | |||
'''38.142''' Zum Wohl des edlen Naraka traf der Herr in Gegenwart der Erde folgende Vereinbarung mit ihm. | |||
'''38.143''' Der Erhabene sprach: Diese Lanze sollst du niemals einsetzen, außer wenn dein Leben in Gefahr ist, besonders nicht gegen Menschen. | |||
'''38.144''' Diese schöne Gemahlin aus Vidarbha ist dir an Eigenschaften ebenbürtig. Sie wird bei dir bleiben, solange du lebst. | |||
'''38.145''' Du wirst dich im Treta-Yuga um Nachkommenschaft bemühen; doch erst am Ende des Dvapara-Yuga wird sie entstehen. | |||
'''38.146''' Mein Sohn, wenn du lange leben möchtest, darfst du niemals Streit mit Weisen und Brahmanen beginnen. | |||
'''38.147''' Auch Streit mit Königen oder Göttern ziemt dir nicht, der du in dieser großen, unbezwingbaren Festung wohnst. | |||
'''38.148''' Lebe lange auf deinem Berg in Kamarupa, mein Sohn, umgeben von göttlichen Frauen und reich an Genüssen. | |||
'''38.149''' Außer der großen Göttin Mahamaya, Ambika, der Weltenmutter Kamakhya, sollst du keine andere Gottheit verehren, mein Sohn. | |||
'''38.150''' Wenn du anders handelst, wirst du dein Leben verlieren. Darum bewahre diese Vereinbarung sorgfältig, Naraka. | |||
'''38.151''' Markandeya sprach: Nachdem Vishnu dies zu seinem Sohn gesagt hatte, trat er mit der Erde beiseite und sprach vertraulich zu ihr. | |||
'''38.152''' Schöne, unterweise Naraka zu seinem Gedeihen rasch in allem, was ich dir früher als deine Aufgabe genannt habe. | |||
'''38.153''' Wenn du selbst mich bittest, ihn zu töten, Welterhalterin, dann wird ein Mensch Naraka erschlagen. | |||
'''38.154''' Die Erde sprach: Meine Mühe um einen Sohn wäre ohne fortbestehende Nachkommenschaft vergeblich. Darum, Herr, beschütze sorgfältig meine Nachkommen. | |||
'''38.155''' Markandeya sprach: „So soll es sein“, antwortete der reinigende Vishnu der Erde. Er verabschiedete sich auch von Naraka und verschwand augenblicklich. | |||
'''38.156''' Nachdem Hari an seinen eigenen Ort gegangen war, unterwies die Erde ihren Sohn selbst in allem, was Hari zuvor gesagt hatte. | |||
'''38.157''' Naraka war einsichtsvoll, mit Veden und Lehrschriften vertraut, den Brahmanen zugewandt, kundig in gerechter Herrschaft, freigebig und dem Schenken ergeben. | |||
'''38.158''' Er verehrte Kamakhya auf dem großen Berg Nilakuta. Reich an Genuss und Herrlichkeit, von Feinden unbedrängt, regierte er lange wie Indra in der Götterwelt. | |||
'''38.159''' Als der König von Videha von Narakas Herrlichkeit hörte, kam er mit Frau, Söhnen und Gefolge, um ihn zu sehen. | |||
'''38.160''' Er gelangte nach Pragjyotisha in Kamarupa und sah Naraka, dessen Glanz dem Herbstmond glich. | |||
'''38.161''' Die Stadt erschien ihm wie Amaravati, Naraka mit seiner vortrefflichen Ausstattung und seinem Schmuck wie der Götterkönig. | |||
'''38.162''' Janaka sprach darauf zur Hauptkönigin: Dieser ruhmreiche Naraka ist der Sohn, den du aufgezogen hast. | |||
'''38.163''' Er ist der geliebte Sohn der Erde, gezeugt von Vishnu, dem Weltenherrn, in Ebergestalt. Sieh ihn nun hier. | |||
'''38.164''' Markandeya sprach: König Janaka erzählte ihr darauf die ganze frühere Geschichte und wie Naraka geboren worden war. | |||
'''38.165''' Lange blieb der König von Videha freudig in Pragjyotisha und wurde von Naraka geehrt. | |||
'''38.166''' Dann kehrte er, von seinem Gefolge umgeben, an seinen eigenen Wohnort zurück. | |||
'''38.167''' So wurde Naraka als Sohn der Erde geboren und lebte lange auf Erden, noch frei von der Gesinnung eines Asura. | |||
===Kapitel 39=== | |||
'''39.1''' Markandeya sprach: Der ruhmreiche, langlebige und starkarmige König Naraka herrschte lange mit menschlicher Gesinnung. | |||
'''39.2''' Nachdem das Treta-Yuga vergangen war, lebte gegen Ende des Dvapara-Yuga in Shonitapura ein großer Asura namens Bana. | |||
'''39.3''' Seine Stadt war durch Feuer befestigt. Er war Shambhus mächtiger Freund, tausendarmig und unbezwingbar, der geliebte Sohn Balis. | |||
'''39.4''' Zwischen ihm und Naraka entstand eine enge Freundschaft. Durch beständige gegenseitige Besuche und Hilfe wuchs ihre Zuneigung wie die Verbindung von Wind und Feuer. | |||
'''39.5''' Bana hatte Mahadeva, den Weltenherrn, verehrt und zog nun mit Asura-Gesinnung umher, ohne sich vor irgendetwas zu fürchten. | |||
'''39.6''' Durch den Umgang mit ihm und den Anblick seiner erstaunlichen Taten begann Naraka, mit derselben Gesinnung zu leben. | |||
'''39.7''' Er verehrte die Brahmanen nicht mehr wie früher und fand nicht mehr dieselbe Freude an Opfern und Gaben. | |||
'''39.8''' Er wandte sich Vishnu nicht mehr ebenso zu, ehrte die Erde nicht mehr und besaß auch nicht mehr seine frühere Hingabe an Kamakhya. | |||
'''39.9''' Zu dieser Zeit kam Brahmas Sohn, der hervorragende Weise Vasishtha, nach Pragjyotisha, um Kamakhya zu schauen. | |||
'''39.10''' Doch Naraka verweigerte Vasishtha den Zugang zu der Göttin, die innerhalb der Festung auf dem Nilakuta weilte. | |||
'''39.11''' Da wurde der hervorragende Weise zornig, tadelte den Helden Naraka und sprach harte Worte. | |||
'''39.12''' Vasishtha sprach: Wie kannst du als Sohn der Erde und des Ebers einem Brahmanen, der dazu hergekommen ist, den Anblick der Göttin verwehren? | |||
'''39.13''' Ist dies ein Verhalten, das deiner Herkunft entspricht, Erdsohn? Ich bin nach Pragjyotisha gekommen, um die allumfassende Göttin zu verehren. | |||
'''39.14''' Markandeya sprach: Doch König Naraka, dessen verhängnisvolle Stunde nahte, beleidigte ihn mit harten Worten und wies ihn zurück. | |||
'''39.15''' Der erzürnte Weise verfluchte darauf den König. Vasishtha sprach: Bald wirst du durch denjenigen sterben, der dich gezeugt hat, wenn er menschliche Gestalt annimmt, du Übeltäter und Schande des Ebergeschlechts! | |||
'''39.16''' Erst wenn du tot bist, werde ich Kamakhya, die große Göttin und Weltenmutter, verehren. Bleibe hier; ich gehe an meinen eigenen Ort. | |||
'''39.17''' Solange du lebst, Übeltäter, soll auch Kamakhya, die Weltenmutter, mit ihrer ganzen Begleitung unsichtbar werden. | |||
'''39.18''' Markandeya sprach: So sprach Brahmas Sohn Vasishtha und kehrte, von dem Erdsohn zurückgewiesen, in heftigem Zorn an seinen Wohnort zurück. | |||
'''39.19''' Nachdem Vasishtha gegangen war, eilte Naraka erschrocken zum Haus der Göttin auf dem großen Berg Nilakuta. | |||
'''39.20''' Dort sah er weder die jede Gestalt annehmende Kamakhya noch ihren Yoni-Kreis oder ihre Begleitung. | |||
'''39.21''' Betrübt gedachte Naraka seiner Mutter Erde und seines Vaters, des unvergänglichen Weltenherrn. | |||
'''39.22''' Doch auch diese beiden erschienen ihm nicht, weil er die Vereinbarung übertreten und die rechte Ordnung verlassen hatte. Das letzte Wort des Verses ist unklar. | |||
'''39.23''' Lange wartete der Erdsohn mit dem Donnerkeilbanner dort. Als Erde und Vishnu nicht erschienen, kehrte er traurig zu seinem Haus zurück. | |||
'''39.24''' Auf dem Heimweg sah er seine Stadt ohne ihre frühere Herrlichkeit, wie eine Frau mit getrübtem Glanz. | |||
'''39.25''' Seit die Göttin verschwunden war, fehlte der Stadt der Veda-Vortrag, und die Menschen achteten heiliges Verdienst nur noch wenig. | |||
'''39.26''' Weder Götter noch Brahmanen noch große Weise kamen dorthin. Opferhandlungen und Feste wurden in seiner Stadt selten. | |||
'''39.27''' Viele Plagen brachen aus, und zahlreiche Menschen starben. Selbst der König der Ströme, Lauhitya, führte weniger Wasser. | |||
'''39.28''' Als Naraka all diese widrigen Erscheinungen sah, glaubte er, sein Tod durch den Fluch des Brahmanen sei nahe. | |||
'''39.29''' Der Herr von Pragjyotisha war von Kummer überwältigt und wandte sich in Gedanken an seinen Freund Bana, Balis Sohn. | |||
'''39.30''' Dieser Freund war ihm lieb wie das eigene Leben. Bana und Naraka waren stets auf gegenseitigen Schutz bedacht, wie die beiden himmlischen Ärzte, die Ashvins. | |||
'''39.31''' Naraka dachte: In dieser Lage wird mir der mächtige Bana, Shambhus Freund und ein Einsichtsvoller, durch seinen Rat helfen. | |||
'''39.32''' Darin war er fest überzeugt. Er sandte einen tüchtigen Boten in Banas Stadt. | |||
'''39.33''' Der Bote fuhr mit einem schnellen Wagen nach Shonitapura und berichtete Bana sogleich von Narakas Lage: | |||
'''39.34''' wie Vasishtha ihn verflucht hatte, Ambika verschwunden war und Hindernisse in der herrlichen Stadt Pragjyotisha aufgetreten waren; | |||
'''39.35''' wie die Vereinbarung mit Erde und Madhava übertreten worden war: All dies erzählte der Bote des Erdsohnes Balis Sohn. | |||
'''39.36''' Als Bana erfuhr, wie sein Freund vom Schicksal getroffen war, ging er selbst zu Naraka, um ihm beizustehen. | |||
'''39.37''' Er bestieg einen großen, kunstvoll mit Gold verzierten Wagen, bespannt mit dreihundert Pferden, mit Eisenrädern, Tigerfellbedeckung und einem Pfauenbanner, | |||
'''39.38''' überdacht von einem weißen Schirm auf goldenem Stab, geschmückt mit Glöckchen und vielerlei Edelsteinen. | |||
'''39.39''' Der herrliche Tausendarmige kam mit einem viergliedrigen Heer bald nach Pragjyotisha, der Stadt des Erdsohnes. | |||
'''39.40''' Dort sah Bana seinen Freund, den Herrn von Pragjyotisha, und dessen Stadt ihrer früheren Herrlichkeit beraubt. | |||
'''39.41''' Vom Erdsohn gebührend geehrt, fragte Bana: Weshalb hat deine Stadt ihren Glanz verloren? | |||
'''39.42''' Bana sprach: Auch dein Körper strahlt nicht wie früher, und dein Geist ist nicht froh. Sage mir den Grund dafür. | |||
'''39.43''' Markandeya sprach: Auf diese und weitere Fragen erzählte Naraka, der Sohn der Erde, alles über Vasishthas Fluch. | |||
'''39.44''' Bana erkannte, dass Narakas Bericht mit dem des Boten übereinstimmte, und sprach zu dem Träger des Donnerkeilbanners. | |||
'''39.45''' Bana sprach: Gräme dich nicht. Glück und Leid wechseln bei den verkörperten Wesen wie ein Rad; niemand bleibt von beiden unberührt. | |||
'''39.46''' Doch die Besonnenen müssen Gegenmittel ergreifen, um ihr Wohlergehen wiederherzustellen. Auch du solltest jetzt Abhilfe schaffen. | |||
'''39.47''' Wenn ein Mensch auf Erden oder ein Danava, Daitya, Asura, | |||
'''39.48''' Rakshasa oder Kinnara zu außergewöhnlicher Macht gelangt, duldet Indra ihn nicht. Gemeinsam mit den Götterscharen betreibt er Ränke und bringt ihn auf irgendeine Weise um seinen Wohlstand. | |||
'''39.49''' Vishnu ist stets sein liebster Gott. Er tut nichts, was Indras Sinn missfällt. Die Namensform Indras ist hier beschädigt. | |||
'''39.50''' Wenn jemand Vishnu verehrt, der Indra schaden könnte, gibt Vishnu ihm einen Segen mit einer Schwachstelle und vernichtet ihn dadurch. | |||
'''39.51''' Vishnu erfüllt Wünsche erst nach langer Verehrung und wird durch Huldigung unter großen körperlichen Mühen gnädig. | |||
'''39.52''' Wer hat jemals ohne Verehrung seiner erwählten Gottheit unvergleichliche Macht erlangt? Das haben weder wir noch die Alten gehört. | |||
'''39.53''' Du hast früher weder Brahma noch Vishnu noch Ishvara auf diese Weise verehrt. Darum sind jetzt diese großen Hindernisse in deinem Reich entstanden. | |||
'''39.54''' Vishnu beschützt dich nicht aus angeborenem Mitgefühl, sondern aufgrund der Bitte der Erde, die ihn wiederholt verehrt hat. | |||
'''39.55''' Auch dir hat Vishnu eine Schwachstelle gegeben: Du dürftest die Brahmanen nicht kränken, sonst würdest du deine Herrlichkeit verlieren. So haben wir gehört. | |||
'''39.56''' Du hast aber den hohen Weisen Vasishtha beleidigt, König. Darum sind Erde und Madhava nicht auf dein bloßes Gedenken hin erschienen. | |||
'''39.57''' Erkenne deshalb, mein Freund, Haris listige Überlegung. Gleichgültiges Abwarten ziemt dir jetzt nicht, Erdsohn. | |||
'''39.58''' Du vertraust darauf, dass er dein Vater sei. Dein Vater war jedoch der Eber, und dieser ist in eine andere Welt gegangen. | |||
'''39.59''' Du hast zwar gehört, der Eber sei ein Teil Haris. Doch wer zeigt euch Mitgefühl bloß deshalb, weil jemand sein Teil ist? Sage es mir. | |||
'''39.60''' Darum verehre jetzt Shambhu oder Brahma. Zufriedengestellt wird einer von ihnen dir deinen höchsten Wunsch erfüllen. | |||
'''39.61''' Wenn Brahma oder Shambhu dir gnädig ist, werden Hindernisse, der Fluch des Weisen und bedrückende Plagen bald schwinden. | |||
'''39.62''' Markandeya sprach: Der Erdsohn vertraute Banas Worten. Sehr erfreut antwortete er mit tiefer, dröhnender Stimme. | |||
'''39.63''' Der Erdsohn sprach: Bana, du Freundestreuer, dein Rat dient meinem Wohl. Ich werde ihn bald befolgen und höchste Askese üben. | |||
'''39.64''' Den Grund, weshalb ich Vishnu nicht verehren sollte, hast du genannt. Aber auch Shambhu kommt nicht in Betracht, denn er hält sich in meiner Stadt verborgen. | |||
'''39.65''' Darum werde ich nach deinem Rat Brahma verehren, Freund, am Wasser seines Sohnes Lauhitya, Starkarmiger. | |||
'''39.66''' Du hast mich unterwiesen wie ein Lehrer seinen Schüler und wie ein besonnener Freund den Freund, mit überaus freundlichen Worten. | |||
'''39.67''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten ehrte der starkarmige Naraka mit dem Donnerkeilbanner seinen Freund Bana gebührend. | |||
'''39.68''' Er verehrte ihn angemessen und verabschiedete Balis Sohn. Dann wollte der Erdsohn eine überaus strenge Verehrung Brahmas beginnen. | |||
'''39.69''' Am Ufer des edlen Lauhitya, des Königs der Ströme, bestieg er den Brahmachala und begann Askese zu üben. | |||
'''39.70''' Hundert Menschenjahre lang verehrte der Erdsohn den Stammvater mit dem Gelübde, sich allein von Wasser zu ernähren. | |||
'''39.71''' Nach hundert Jahren war Brahma, der Stammvater der Welt, zufriedengestellt und erschien sichtbar vor Naraka. | |||
'''39.72''' Der Lotusgeborene sprach zu ihm: Ich bin dir gnädig und will dir einen Segen geben. Wähle einen Wunsch, Gelübdetreuer. | |||
'''39.73''' Naraka sah den Lotusgeborenen, den Herrn aller Welten, unmittelbar vor sich, verneigte sich und sprach mit gefalteten Händen und demütig gesenktem Haupt. | |||
'''39.74''' Der Erdsohn sprach: Gewähre mir als ersten Segen, du Höchster der Götter, dass Götter, Asuras, Rakshasas und sämtliche göttlichen Wesensarten mich nicht töten können. | |||
'''39.75''' Meine Nachkommenschaft soll ununterbrochen bestehen, solange Mond und Sonne leuchten. Dies ist mein zweiter Wunsch, Weltenherr. | |||
'''39.76''' Die schönen und tugendreichen göttlichen Frauen, Tilottama und die übrigen, sechzehntausend an der Zahl, sollen meine Geliebten werden. | |||
'''39.77''' Ich möge unbesiegbar sein, und das Glück soll mich niemals verlassen. Diese fünf Wünsche habe ich heute von dir gewählt, Stammvater. | |||
'''39.78''' Markandeya sprach: Von Maya verblendet, vergaß der Erdsohn den Fluch des Weisen und wählte andere Gaben. Der Fluch blieb deshalb bestehen. | |||
'''39.79''' „So sei es“, sprach der Stammvater und gewährte alle Wünsche. Dann sagte er: In der Übergangszeit am Ende des Dvapara-Yuga werden die Göttertöchter | |||
'''39.80''' Tilottama und die übrigen auf Erden deine Gemahlinnen werden. Doch bevor Narada in deine Stadt kommt, darfst du dich nicht mit ihnen vereinigen, Erdsohn mit dem Donnerkeilbanner. | |||
'''39.81''' Nach diesen Worten verschwand der Herr aller Welten augenblicklich. Naraka kehrte in höchster Freude an seinen Wohnort zurück. | |||
'''39.82''' Seine Stadt wurde wieder von glücklichen Menschen bewohnt, von Shri begünstigt, voller Tatkraft und frei von Plagen und Hindernissen. | |||
'''39.83''' Sie war mit Viehherden, Pferden und Elefanten erfüllt wie Amaravati, die geliebte Stadt des Götterkönigs. | |||
'''39.84''' Als Bana hörte, dass Naraka seine Askese beendet und einen Segen empfangen hatte, besuchte er den Erdsohn erneut. | |||
'''39.85''' Er kam nach Pragjyotisha und fragte seinen Freund Naraka nach dem Verlauf seiner Askese. | |||
'''39.86''' Wo hast du Askese geübt? Welches Gelübde hast du gehalten, und welchen Segen hast du gewonnen? Erzähle es mir. | |||
'''39.87''' Ich habe deine ganze Stadt voller begeisterter Menschen gesehen, reich an Pferden, Elefanten und Juwelen, erfüllt von glückverheißenden Klängen. | |||
'''39.88''' Dein Reich erscheint heute reich an Feldfrüchten und frei von Not. Erzähle mir, wie Brahma dir den Segen gewährte. | |||
'''39.89''' Der Erdsohn sprach: Brahma selbst nahm Berggestalt an und kam hierher, um Kameshvari zu tragen. Vor Vasishthas Fluch suchte er diesen Ort selbst auf. Die Zeitform und ein Wort des zweiten Halbverses sind beschädigt. | |||
'''39.90''' Dieser Berg leuchtet in meiner Stadt, Sohn Balis, ein Teil des höchsten Gottes und von Götterscharen verehrt. Dort übte ich allein, nur von Wasser lebend, hundert Jahre Askese. | |||
'''39.91''' Am lieblichen, windumwehten Ufer des Lauhitya, das den Lebewesen Freude schenkt, vergingen mir in der Askese hundert Jahre wie ein einziges. | |||
'''39.92''' Dann erschien der zufriedene Viergesichtige unmittelbar vor mir und sprach zu meinem Wohl: Ich bin dir gnädig; empfange den Segen, den du wünschst. | |||
'''39.93''' Unverletzlichkeit gegenüber Göttern und göttlichen Wesen, ununterbrochene Nachkommenschaft, Unbesiegbarkeit, niemals weichender Wohlstand und schöne junge Frauen: | |||
'''39.94''' Diese fünf Gaben wählte ich. Er sagte sie zu und kehrte an seinen Ort zurück. Ich kam freudig in meine Stadt zurück und erfreute mit meinen führenden Ministern | |||
'''39.95''' die Bürger, Verwandten und Scharen durch Geschenke, Ehren und Speisen. | |||
'''39.96''' Markandeya sprach: Als Balis Sohn diese Worte des Erdsohnes hörte, freute er sich nicht sogleich. Er sagte ihm etwas der Lage Angemessenes, das jedoch nicht angenehm klang. | |||
'''39.97''' Bana sprach: Freund, vor Brahma ist dir nicht der Gedanke gekommen, den Fluch des Weisen zu überwinden. Wie soll es dir nun gut ergehen? Was geschehen soll, wird gewiss geschehen, Erdsohn. | |||
'''39.98''' Was durch das Schicksal festgelegt und vollzogen ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Was notwendig eintreten muss, kann selbst Brahma nicht hindern. | |||
'''39.99''' Darum verbinde dich mit großen, feuergleichen Asura-Helden, stelle sie an deine Seite und ernenne sie zu Ratgebern. | |||
'''39.100''' Setze Helden an die Tore, die selbst für Götter schwer zu bezwingen sind, und fordere den Götterkönig heraus, wenn du diesen Segen empfangen hast. | |||
'''39.101''' Prüfe die Gabe, die Brahma dir gewährt hat. Da du noch kinderlos bist, zeuge mit deiner Gemahlin einen Sohn. | |||
'''39.102''' Nach diesen Worten und gebührender Ehrung reiste Bana ab. Naraka begann, den Rat seines Freundes in die Tat umzusetzen. | |||
===Kapitel 40=== | |||
'''40.1''' Markandeya sprach: Zur rechten Zeit zeugte Naraka mit seiner Gemahlin während ihrer fruchtbaren Tage Bhagadatta, Mahashirsha, Madavant und Sumalin. | |||
'''40.2''' Diese vier Söhne des Erdsohnes waren überaus kraftvoll und tapfer, für andere Helden schwer zu bezwingen. | |||
'''40.3''' Auf Banas Rat verband er sich mit Hayagriva und Muru, holte sie zu sich und ernannte sie zu Heerführern. | |||
'''40.4''' Als die Asuras auf Erden hörten, dass Muru und Hayagriva sich dem Erdsohn angeschlossen hatten, kamen auch sie zu ihm. | |||
'''40.5''' Nisunda und Sunda erschienen mit ihren Soldaten, als sie von Hayagrivas und Murus Verbindung mit Naraka hörten. | |||
'''40.6''' Auch der Daitya Virupaksha schloss sich ihm an. Darauf setzte Naraka mit einer Heeresabteilung am Westtor | |||
'''40.7''' Muru als Torbefehlshaber ein, Hayagriva am Nordtor, Nisunda am Osttor und Virupaksha am Südtor. | |||
'''40.8''' Im Inneren ernannte er Panchajana und Sunda zu Heerführern. Muru brachte sechstausend Schlingen mit rasiermesserscharfen Enden an, | |||
'''40.9''' um die Stadt an ihrem Zugang zu schützen. Vom Erdsohn geehrt, diente er ihm so. Naraka aber setzte die früheren guten Ratgeber zurück. | |||
'''40.10''' Der Asura freute sich nun nur noch am Umgang mit Asuras. Der Erdsohn gab seine frühere Gesinnung auf, | |||
'''40.11''' nahm Asura-Wesen an und bedrängte die Himmelsbewohner. Weder Götter noch Weise noch sonst jemanden achtete er. | |||
'''40.12''' Mit Hayagrivas Hilfe besiegte er rasch den Götterkönig. So zog er mit Asura-Gesinnung auf Erden umher. | |||
'''40.13''' Auf Banas Rat bedrängte er Indra und die Weisen. Dreimal besiegte er mit Hayagrivas Hilfe den Götterherrn. | |||
'''40.14''' Aditis in den drei Welten berühmtes Ohrringpaar, das allerlei Juwelen und Nektar spendete und Leid und Hindernisse tilgte, | |||
'''40.15''' raubte der Erdsohn Naraka, ohne Furcht vor dem Fluch des Weisen. So bedrängte er Götter, Rishis und Brahmanen und herrschte fünftausend Jahre in Pragjyotisha. | |||
'''40.16''' Inzwischen suchte die Göttin Erde, von großer Last bedrückt, bei den Göttern mit Brahma und Vishnu an der Spitze Schutz. Sie verneigte sich vor Brahma und Madhava und sprach. | |||
'''40.17''' Die Erde sprach: Die Danavas, Rakshasas und Daityas, die Hari einst erschlagen hat, sind jetzt in Königshäusern wiedergeboren und stolz auf ihre Kraft. | |||
'''40.18''' Ihre ungeheure Last kann ich nicht mehr tragen. Sie sind unzählbar; ich vermag sie nicht alle aufzuzählen. | |||
'''40.19''' Achthunderttausend sind ihre mächtigsten Anführer. Selbst unter diesen gibt es besonders Starke, deren Last ich jetzt nicht mehr tragen kann: | |||
'''40.20''' den Helden Bana, Balis Sohn, Kamsa, Dhenuka, Arishta, Pralamba, Sunaman, Muru und Shala, | |||
'''40.21''' die Ringer Chanura und Mushtika, den mächtigen Jarasandha, Naraka, Hayagriva, Nisunda und Sunda, | |||
'''40.22''' Virupaksha, Panchajana, Hidimba, Baka, Bala, Jatasura, Kirmira, Anayudha und Alambusha, | |||
'''40.23''' den Saubha Genannten, Jarasandha, den Affen Dvivida, den großen Daitya Shrutayudha und ferner Shatayudha, | |||
'''40.24''' Rishyashringas Sohn, Subahu, Atibahuka und die Kalakanja-Daityas, die in Hiranyapura wohnen. Einige Namen erscheinen in ungewöhnlicher oder wiederholter Form. | |||
'''40.25''' Durch die Erschütterungen ihrer Schritte werde ich täglich zerrissen. Ich kann die Welten nicht mehr tragen. Tötet sie, ihr hohen Götter! | |||
'''40.26''' Wenn ihr mich nicht schützt, werde ich zerrüttet und hilflos in die Unterwelt sinken. | |||
'''40.27''' Markandeya sprach: Brahma, Vishnu und Maheshvara hörten sie und sagten: Erde, wir werden dich von deiner Last befreien. | |||
'''40.28''' Sie entließen die Göttin Erde. Dann stimmten alle Götter den ewigen Madhava gnädig, damit die Last beseitigt werde. | |||
'''40.29''' Zufriedengestellt sagte er zu ihnen: Steigt alle mit Anteilen eures Wesens auf die Erde hinab, um ihre Last zu vermindern. Dann stieg der Herr selbst | |||
'''40.30''' in Devakis Leib hinab, um die Erde zu entlasten. Als die Götter wussten, dass der ewige Vishnu sich verkörpern würde, | |||
'''40.31''' ließen sie Rambha, Tilottama und die übrigen schönen und tugendreichen Göttinnen auf Erden geboren werden, sechzehntausend an der Zahl. | |||
'''40.32''' Der Erdsohn Naraka sah diese schönen Frauen auf den Höhen des Himalaya spielen und raubte sie gewaltsam. | |||
'''40.33''' Er führte die bedrängten Göttinnen nach Pragjyotisha. Dort baten sie ihn um eine Vereinbarung bezüglich der geschlechtlichen Vereinigung. | |||
'''40.34''' Erdsohn, bis Narada in deine Stadt kommt, beschütze uns und verschone uns mit geschlechtlichem Verkehr. | |||
'''40.35''' Der Weise wird dir und uns zuliebe bald kommen, Held. Nachdem er uns gesehen hat, werden wir uns mit dir vereinigen. | |||
'''40.36''' So von ihnen gebeten, erinnerte Naraka sich an Brahmas Wort und antwortete wiederholt: So soll es sein. | |||
'''40.37''' Inzwischen wurde der erhabene Weltenförderer aus Devakis Leib geboren und wuchs in Nandas Haus auf. | |||
'''40.38''' Er tötete zahlreiche Daityas, darunter Kamsa, Keshin und Pralamba, und nahm seinen Wohnsitz in Dvaraka mitten im Meer. | |||
'''40.39''' Dort nahm er nach der gebührenden Ordnung acht Frauen zu sich. Die Aufzählung nennt Kalindi in menschlicher Gestalt und die schöne Rukmini, | |||
'''40.40''' Nagnajits Tochter Satya, Lakshmana, Charuhasini, die tugendreiche Sushila und die treue Jambavati. Die überlieferte Liste und die zuvor genannte Zahl stimmen nicht eindeutig überein. | |||
'''40.41''' Diesen Frauen liebevoll zugewandt und von Baladeva begleitet, erreichte er das Alter von sechsunddreißig Jahren. | |||
'''40.42''' Ihm wurden dort mächtige Söhne geboren, mit Pradyumna und Samba an der Spitze, kundig in Lehrwissen und Waffen, ihr besten Brahmanen. | |||
'''40.43''' Viele Daityas, die der Erde zur Last gefallen waren, waren nun getötet. Freudig und spielend wohnte er in Dvaraka. | |||
'''40.44''' Da kam Indra, von Naraka schwer bedrängt, mit seinen Scharen nach Dvaraka, um Krishna zu sehen. | |||
'''40.45''' Er umarmte den von der Welt verehrten Krishna, wurde von ihm vielfach geehrt und nahm auf einem goldenen Sitz Platz. | |||
'''40.46''' Indra erzählte Hari von Narakas Handlungen, den früheren Ereignissen und seiner gegenwärtigen Lage. | |||
'''40.47''' Indra sprach: Höre, starkarmiger Krishna, weshalb ich gekommen bin. Ich werde dir alles berichten; zweifle nicht daran. | |||
'''40.48''' Der langlebige Asura Naraka, Sohn der Erde und Bedränger der Götter, wurde früher von Vishnu und der Erde behütet. | |||
'''40.49''' Jetzt missachtet der schwer bezwingbare Erdsohn Erde und Vishnu und hat auf Banas Rat Brahma zufriedengestellt. | |||
'''40.50''' Durch Brahmas Gaben wurde er überaus hochmütig. Er denkt nicht mehr an Madhava oder an die Erde. | |||
'''40.51''' Früher war er rechtschaffen, verehrte die Götter und hielt Gelübde. Nun hat er Asura-Gesinnung angenommen und bedrängt alle. | |||
'''40.52''' In seiner Verblendung raubte er Aditis aus Nektar hervorgegangene Ohrringe. Er bedrängt Götter und Weise und freut sich daran, Brahmanen zu schaden. | |||
'''40.53''' Auch mich bedrängt er ständig. Er bewegt sich nach Belieben, ist schwer zu bezwingen und siegt über Götter und Daityas; kein verkörpertes Wesen vermag ihn zu töten. | |||
'''40.54''' Er wartet auch auf eine Schwachstelle bei dir. Töte diesen Übeltäter zum allgemeinen Wohl! Die Götter- und Gandharvatöchter, die alle Götter für dich | |||
'''40.55''' einst auf dem herrlichen Himalaya geboren werden ließen, vierzehntausend und weitere zweitausend, um hundert vermehrt, | |||
'''40.56''' raubte dieser schwer bezwingbare Frevler mit Hayagrivas Hilfe gewaltsam, im Stolz auf seine Gaben. Die Zahl in 40.55 weicht von den zuvor genannten sechzehntausend ab. | |||
'''40.57''' Alle Juwelen des Meeres, der Erde und des Himmels hat er an sich gebracht, nachdem er Götter und Menschen überwältigt hatte. | |||
'''40.58''' Am Ufer des heiligen Lauhitya errichtete er daraus einen Juwelenberg und auf diesem eine schöne Stadt namens Alaka. | |||
'''40.59''' Dort ließ er sämtliche Götter- und Gandharvafrauen wohnen. Alle tragen nur einen Haarzopf und enthalten sich des Liebesgenusses. | |||
'''40.60''' Sie warten allein auf dich, Krishna. Gib ihnen Schutz und Zugehörigkeit. Sie trafen mit Naraka diese Vereinbarung: | |||
'''40.61''' „Erdsohn, solange Narada nicht in deine Stadt kommt, sollst du keine geschlechtliche Vereinigung mit uns suchen.“ | |||
'''40.62''' Narada wird dann nach Pragjyotisha kommen, wenn du aufbrichst, um Naraka in seiner Stadt zu töten. | |||
'''40.63''' Darum töte den schwer bezwingbaren, höllengleichen Naraka, diesen Übeltäter und Dorn für Götter und Menschen. | |||
'''40.64''' Die Göttin Erde wird durch seinen Tod nicht in Sohnestrauer verfallen, denn sie selbst hat die Götter um seine Tötung gebeten. | |||
'''40.65''' Töte daher den schuldvollen Naraka. Befreie die herrlichen Frauen und bringe die Juwelen zurück. | |||
'''40.66''' Markandeya sprach: So vom edlen Indra angesprochen, versprach der Weltenherr sogleich, den Erdsohn zu töten. | |||
'''40.67''' Nach dieser Zusage brach Keshava gemeinsam mit Indra in Richtung Pragjyotisha auf. | |||
'''40.68''' Krishna bestieg Garuda, begleitet von Satyabhama, und wandte sich nach Pragjyotisha; Indra kehrte in den Himmel zurück. | |||
'''40.69''' Die Yadavas sahen die beiden strahlenden Gestalten Krishna und Indra durch den Himmel ziehen wie Sonne und Mond. | |||
'''40.70''' Von Gandharvas, Göttern und Apsaras gepriesen, verschwanden Krishna und Indra bald im Himmelsraum aus ihrem Blick. | |||
'''40.71''' Auf Garuda erreichte der Weltenherr in einem Augenblick die schöne, von Naraka beherrschte Stadt Pragjyotisha. | |||
'''40.72''' Die Festung war ringsum von Murus sechstausend furchtbaren Schlingen mit messerscharfen Enden umgeben, aufgerichtet wie die Schlingen des Todes. | |||
'''40.73''' Er sah auch Narada aus der Stadt kommen. Als der ruhmreiche Götterweise zuvor bei Naraka eingetroffen war, | |||
'''40.74''' war er in Pragjyotisha von ihm geehrt worden und hatte den Zeitpunkt der Vereinigung mit den Frauen folgendermaßen bestimmt: | |||
'''40.75''' Heute ist der fünfte Tag der hellen Hälfte des Chaitra. Am neunten Tag wirst du in große Gefahr geraten, Erdsohn. | |||
'''40.76''' Wenn du diese überstehst, sollen am vierzehnten Tag die Frauen wohlgebadet mit dir nach deinem Wunsch die Liebesvereinigung vollziehen. Die Bedingung ist in der Vorlage nur verkürzt ausgedrückt. | |||
'''40.77''' Naraka hörte Naradas Worte und geriet in Angst. Er stellte Unterstützungs- und Ausfalltruppen in der Stadt auf. | |||
'''40.78''' Sein Reich wurde ringsum von Wachen geschützt. Zwischen Furcht und Freude erwartete der Erdsohn die bestimmte Zeit. | |||
'''40.79''' In dieser Lage erreichte Krishna Pragjyotisha. Der Gott mit dem Garuda-Banner näherte sich zuerst dem Westtor. | |||
'''40.80''' Er zerschnitt die sechstausend scharfen Schlingen in viele Stücke und tötete den Daitya Muru samt seinen Begleitern und Verwandten. | |||
'''40.81''' Sechstausend große Danava-Helden standen an diesem Tor; Hari tötete sie mit seinem Diskus zusammen mit Muru. | |||
'''40.82''' Nachdem Muru gefallen war, zerschlug er auch dessen sechstausend Söhne und weitere Danavas mit dem Diskus. | |||
'''40.83''' Dann überwand Janardana zahlreiche Steinbefestigungen und vernichtete Nisunda samt seinen Scharen und Begleitern. | |||
'''40.84''' Hayagriva, der einst allein tausend Jahre gegen die Götter gekämpft und Indra durch seine Heldenkraft übertroffen hatte, | |||
'''40.85''' wurde vom erhabenen Keshava, Devakis Sohn, mitten im Lauhitya überwältigt und getötet. | |||
'''40.86''' Nachdem der Mächtige Virupaksha und Sunda bei der Wasserbefestigung getötet hatte, vernichtete der höchste Herr auch den Helden Panchajana. | |||
'''40.87''' Nach der Tötung dieser riesigen, mächtigen und schwer bezwingbaren Gegner gelangte der Weltenherr zur Stadt Pragjyotisha. | |||
'''40.88''' Alle im Himmel stehenden Götter und der edle Narada priesen ihn mit Siegesrufen, während er als Herr in die Stadt einzog. | |||
'''40.89''' Vishnu sah die herrlich leuchtende Stadt mit Mauern und Türmen und fragte sich, ob dies Indras Amaravati sei. | |||
'''40.90''' Dort entstand eine große Schlacht mit vielerlei Waffen, den Furchtsamen schrecklich, den Helden begeisternd, wie ein Kampf zwischen Göttern und Asuras. | |||
'''40.91''' Auf Garuda sitzend tötete der starkarmige Janardana viele Danavas mit Pfeilen aus seinem Sharnga-Bogen. | |||
'''40.92''' Nachdem er achthunderttausend und weitere achtzigtausend Asuras getötet hatte, näherte der Starkarmige sich Naraka. | |||
'''40.93''' Naraka hörte vom Tod der vielen Asuras und sah den mächtigen, starkarmigen Krishna auf Garuda. | |||
'''40.94''' Er erinnerte sich an Vasishthas Fluch, Madhavas Vereinbarung, Naradas Worte und die Lücke in Brahmas Segen. | |||
'''40.95''' Seine Stunde war gekommen, und Keshava stand ihm gegenüber. An Banas Worte denkend, hielt er allein den Kampf für angemessen. | |||
'''40.96''' Er bestieg seinen trefflichen goldenen Wagen mit Donnerkeilbanner, acht Eisenrädern und einem Maß von drei Nalvas. | |||
'''40.97''' Mit Tausenden von Pferden bespannt, mit dem Donnerkeilbanner, zahlreichen Waffen und Köchern versehen, fuhr der Erdsohn rasch in die Schlacht. | |||
'''40.98''' Auf dem Weg zum Kampf erinnerte er sich an Haris frühere Worte und erkannte die menschliche Gesinnung als ehrwürdig, die Asura-Gesinnung als verwerflich. | |||
'''40.99''' Bald sah er Krishna auf Garuda, den Unvergänglichen mit Muschel, Diskus, Keule, Sharnga-Bogen und trefflichem Schwert, | |||
'''40.100''' mit Krone und Ohrringen, dem Shrivatsa-Zeichen und dem leuchtenden Kaustubha-Juwel auf der Brust, in gelbem Gewand, den höchsten Hari. | |||
'''40.101''' Mit diesem mächtigen Vishnu kämpfte der Held Naraka, Erdsohn und Herr von Pragjyotisha. | |||
'''40.102''' Während des Kampfes sah er neben Krishna Kalika, dunkel wie eine Gewitterwolke, mit rotem Mund und roten Augen, hochgewachsen, mit Schwert und Lanze. | |||
'''40.103''' Er sah in ihr die Welterhalterin Kamakhya, die Bezaubernde. | |||
'''40.104''' Staunen und Furcht ergriffen ihn beim Anblick der Weltenmutter. Doch der Asura Naraka dachte: Ich muss kämpfen, und kämpfte weiter. | |||
'''40.105''' Krishna focht mit ihm eine gewaltige, wunderbare Schlacht, wie sie zuvor weder unter Göttern noch unter Menschen stattgefunden hatte. | |||
'''40.106''' Lange trieb Madhava dieses Kampfspiel mit dem Erdsohn; dann tötete er ihn und erfreute dadurch den Götterkönig. | |||
'''40.107''' Mit dem Diskus Sudarshana zerschnitt Hari Naraka mitten durch den Leib. In zwei Teile gespalten fiel er zur Erde. | |||
'''40.108''' Sein geteilter Körper lag auf dem Boden wie zwei vom Donnerkeil gespaltene, rötlich schimmernde Berge. | |||
'''40.109''' Die Göttin Erde sah den gefallenen Leib ihres Sohnes. Sie ertrug den Ansturm der Trauer, weil sie erkannte, dass seine Zeit gekommen war. | |||
'''40.110''' Sie nahm selbst Aditis Ohrringpaar, trat zu Govinda und sprach. | |||
'''40.111''' Die Erde sprach: Als du mich einst in Ebergestalt emporhobst, entstand durch die Berührung deines Leibes mein Sohn Naraka. Diesen Sohn hast du beschützt und nun auch gefällt. | |||
'''40.112''' Nimm diese beiden Ohrringe Aditis, die alle Wünsche erfüllen. Beschütze aber beständig seine Nachkommenschaft, Govinda. | |||
'''40.113''' Der Erhabene sprach: Göttin, zur Entlastung der Erde hast du selbst einst um Narakas Tod gebeten. Deshalb habe ich ihn getötet. | |||
'''40.114''' Auf dein Wort hin werde ich seine Nachkommenschaft beschützen. Deinen Enkel Bhagadatta werde ich in Pragjyotisha zum König weihen. | |||
'''40.115''' Nach diesen Worten betrat der starkarmige Madhusudana die inneren Gemächer und die Schatzkammer Narakas. | |||
'''40.116''' Der Held sah dort verschiedenartige reine Juwelen, zu Bergen aufgeschichtet. | |||
'''40.117''' Madhava sah Berge von Perlen, Edelsteinen, Korallen und Vaidurya, dazu Silber- und Diamanthaufen, | |||
'''40.118''' Goldmassen, goldene Stäbe, juwelenbesetzte Banner, prächtige Reittiere, Fahrzeuge und Lagerstätten, | |||
'''40.119''' groß und kostbar, mit Gold und Juwelen eingelegt. So viel Besitz, Edelsteine und Juwelen, wie er dort sah, | |||
'''40.120''' war auf Erden nirgendwo außerhalb Narakas Wohnstatt zu finden, weder bei Kubera oder Indra noch bei Yama oder dem Herrn der Wasser. | |||
'''40.121''' So reich war Narakas Haus. Dort traf Keshava auch mit Narada zusammen. | |||
'''40.122''' Der Bezwinger feindlicher Helden besichtigte die Schätze der inneren Gemächer und nahm daraus in großer Menge das Kostbare und Kostbarste, das mitzunehmen war. | |||
'''40.123''' Nach dem Tod des Erdsohnes nahm Devakis Sohn auch jene Vishnu-Lanze an sich, die der mächtige Vishnu ihm gegeben hatte. | |||
'''40.124''' Gemeinsam mit der Erde und Narada weihte Keshava Bhagadatta, den Sohn Narakas, in der herrlichen Stadt Pragjyotisha | |||
'''40.125''' zum König und setzte ihn in der Stadt ein. Als die Erde ihren Enkel geweiht sah, | |||
'''40.126''' bat sie Keshava für ihn um jene Lanze. Auf ihr Wort hin und mit Naradas Zustimmung gab Keshava sie Bhagadatta freudig. | |||
'''40.127''' Hari nahm den Schirm namens Kanchanasravin an sich, den Naraka einst nach seinem Sieg über Varuna geraubt hatte. | |||
'''40.128''' Dieser spendete täglich acht Bharas Gold, war einen Krosha breit und ein halbes Yojana hoch. | |||
'''40.129''' Alle besten Juwelen, die vierstoßzähnigen Elefanten, hier vierzehntausend an der Zahl, und die geehrten Frauen | |||
'''40.130''' ließ Keshava durch Daityascharen nach Dvaraka bringen. Die Zahlenzuordnung im vorigen Vers ist grammatisch nicht völlig eindeutig. | |||
'''40.131''' Den Göttertöchtern, die Naraka einst gewaltsam geraubt hatte, löste Hrishikesha die gebundenen Haarzöpfe. | |||
'''40.132''' Er ehrte sie wiederholt mit göttlichen Gewändern und Schmuck und ließ sie mit starken Wächtern Himmelswagen besteigen. | |||
'''40.133''' Unter Naradas Leitung brachte er sie alle nach Dvaraka. Den Juwelenberg, den Naraka für die Göttertöchter errichtet hatte, | |||
'''40.134''' voller Edelsteine und strahlend wie die Sonne, hob der Weltenherr aus und ließ ihn auf Garudas Rücken setzen. | |||
'''40.135''' Auch Varunas Schirm legte Madhava auf Garuda. Dann nahm Hari freudig zusammen mit Satyabhama Platz. | |||
'''40.136''' Er verabschiedete sich von Bhagadatta und der Erde und brach rasch durch den Himmel nach Dvaraka auf. | |||
'''40.137''' Mühelos trug Garuda den goldspendenden Schirm, den Juwelenberg und Keshava samt Satyabhama durch den Himmelsraum. | |||
'''40.138''' In einem Augenblick erreichte Keshava, der Bezwinger feindlicher Helden, Dvaraka und freute sich mit allen Verwandten und Scharen. | |||
'''40.139''' So bezaubert Kali, die große Maya, die allumfassende Göttin namens Kalika, selbst Vishnu, den Herrn der Welten, Hari, den Herrn des Hohen und Niederen, | |||
'''40.140''' den Urheber der Weltursachen, durch Erkenntnis erreichbar und allumfassend, sodass auch er Zuneigung und Abneigung zeigt. | |||
'''40.141''' Er begünstigt Freunde und tötet Feinde, vergnügt sich von Frauen bezaubert und wird selbst von den Gegensatzpaaren bewegt. | |||
'''40.142''' Damit habe ich euch erzählt, ihr Brahmanen, wie Naraka zum Asura wurde, wie er seine Gaben erlangte und wie er handelte. | |||
'''40.143''' Auch habe ich erklärt, wie der Erdsohn auf Banas Rat Brahma verehrte. Sagt nun, ihr besten Brahmanen, was ihr noch hören möchtet. | |||
===Kapitel 41=== | |||
'''41.1''' Die Rishis sprachen: Wie wurde Kali, die Weltenmutter, zur Tochter des Berges? Wie erlangte Dakshas Tochter, nachdem sie ihren Körper abgelegt hatte, erneut Hara zum Gemahl? | |||
'''41.2''' Wie gewann sie die Hälfte des Körpers des Trägers des Pinaka-Bogens? Erkläre uns dies, Einsichtsvoller. | |||
'''41.3''' Markandeya sprach: Hört, ihr führenden Weisen, wie Sati, Dakshas Tochter, einst zur Bergestochter wurde und die Hälfte seines Körpers gewann. | |||
'''41.4''' Als die Göttin Sati ihren früheren Körper aufgab, wandte sie sich im Geist Menaka und dem Himalaya zu. | |||
'''41.5''' Denn als Dakshas Tochter mit Hara im Himalaya gespielt hatte, war Menaka ihr wohlgesinnt gewesen. | |||
'''41.6''' Mit dem Gedanken „Ich will ihre Tochter werden“ gab die Göttin ihren Lebensatem auf und wurde später Himalayas Tochter, ihr Brahmanen. | |||
'''41.7''' Als Dakshas Tochter einst aus Zorn über Daksha ihr Leben ablegte, wollte auch die Göttin Menaka die Heilvolle verehren: | |||
'''41.8''' Mahamaya, die Welterhalterin, die ewige Yoganidra, die alle Wesen bezaubert und sämtlichen Himmelsbewohnern Zuflucht gewährt. | |||
'''41.9''' Am achten Mondtag fastete sie, am neunten verehrte sie die Göttin mit süßen Modakas, Opfergaben, Gebäck, Milchreis, Düften und Blumen. | |||
'''41.10''' Sie begann im Monat Chaitra und verehrte sie rein und mit dem Wunsch nach Nachkommen. Die hier genannten „siebenundzwanzig Tage“ stehen neben den siebenundzwanzig Jahren des folgenden Abschnitts. | |||
'''41.11''' An der Ganga bei Aushadhiprastha stellte sie ein Bild aus Erde her. Manchmal fastete sie ganz, manchmal hielt sie andere Gelübde. | |||
'''41.12''' Mit dem Geist auf die Göttin Shiva gerichtet, verbrachte Menaka siebenundzwanzig Jahre, nach höchstem Segen strebend. | |||
'''41.13''' Am Ende dieser Zeit wurde die allumfassende Weltenmutter überaus gnädig, erschien sichtbar und sprach. | |||
'''41.14''' Die Göttin sprach: Erbitte jetzt, Göttin, was du von mir ersehnt hast. Ich werde dir alles geben, was dein Herz wünscht. | |||
'''41.15''' Markandeya sprach: Als Menaka Kalika unmittelbar vor sich sah, verneigte sie sich und sagte: | |||
'''41.16''' Göttin, nun habe ich deine Gestalt unmittelbar geschaut. Wenn du mir gnädig bist, Heilvolle, möchte ich dich preisen. | |||
'''41.17''' Kalika, die alle bezaubert, nannte sie „Mutter“ und umarmte Menaka mit ihren schönen, wohlgerundeten Armen. | |||
'''41.18''' Darauf pries Menaka die höchste Göttin Kalika, die Heilvolle, die sichtbar vor ihr stand, mit liebevollen Worten. | |||
'''41.19''' Menaka sprach: Ich verneige mich vor Chandika, die die Wohnstatt der Welt bewegt und die Welten trägt, vor der Welterhalterin, die alle Wünsche und Ziele erfüllt. | |||
'''41.20''' Ich verehre die ewig Selige, die aus Erkenntnis besteht, Yoganidra, die Weltenmutter, die reine Heilvolle, deren Wesen Brahma, Vishnu und Shiva ist. | |||
'''41.21''' Ich verehre dich, die aus Maya bestehende große Maya, die den Kummer ihrer Verehrer vernichtet, die glückverheißende Gemahlin des Liebesgottes und das heilvolle Bewusstsein. | |||
'''41.22''' Du bist die ewige Einsicht der Wesen, die durch das Überwiegen von Sattva hervortritt, und die Ursache, durch die Entsagende ihre Bindung durchtrennen. Wie könnte jemand wie ich deine Macht aussprechen? | |||
'''41.23''' Du bist Vollendung der Saman-Gesänge, Lobpreis der Rig-Verse und weite Entfaltung der Yajus-Sprüche; auch die schädigende Macht des Atharvaveda bist du. Erfülle meinen ersehnten Wunsch. | |||
'''41.24''' Die feinstofflichen Elemente, aus denen die Gesamtheit der Wesen hervorgeht, werden als ewig und nicht ewig beschrieben. Du bist ihre beständige Kraft. Welche Frau vermöchte dich angemessen zu beschreiben? Die erste Hälfte ist sprachlich beschädigt. | |||
'''41.25''' Du allein bist die Erde, Trägerin der Welten, und die ewige Urnatur. Durch dich wird selbst die Brahma-Gestalt gelenkt. Sei mir gnädig, ewige Mutter. | |||
'''41.26''' Du bist die Kraft im Feuer und die brennende Kraft der Sonnenstrahlen. Du bist die reiche Erquickung des Mondlichts. Dich, Ambika in all diesen Formen, preise und verehre ich. | |||
'''41.27''' Für die Frauenliebenden bist du die Frau, für die Enthaltsamen das Wissen. Du bist das Sehnen aller Welten und auch Haris Maya. | |||
'''41.28''' Du nimmst stets viele Gestalten an und bewirkst Schöpfung, Erhaltung und Untergang. Du bist die Ursache der Körper Brahmas, Achyutas und Sthanus. Sei heute gnädig; erneut verneige ich mich vor dir. | |||
'''41.29''' Markandeya sprach: Darauf sagte die Weltenmutter Kalika wieder zu Menaka: Wähle deinen Wunsch. | |||
'''41.30''' Zuerst wählte die Ruhmreiche hundert Söhne, tapfer, langlebig und mit Gedeihen und Vollkommenheit ausgestattet. | |||
'''41.31''' Danach wünschte sie sich eine einzige schöne und tugendreiche Tochter, die zwei Familien Freude brächte und in den drei Welten ihresgleichen suchte. | |||
'''41.32''' Die Erhabene lächelte und sprach zu der einer Weisen gleichenden Menaka, um ihren Wunsch zu erfüllen. | |||
'''41.33''' Die Göttin sprach: Hundert tapfere Söhne sollen dir geboren werden. Zuerst wird ein besonders starker und hervorragender Sohn entstehen. | |||
'''41.34''' Ich selbst werde deine Tochter werden, zum Wohl der Götter, Menschen, Rakshasas und aller Welten. | |||
'''41.35''' Du wirst stets leichte Geburten haben, deinem Gemahl treu bleiben, unverwelkt, schön und glücklich sein. | |||
'''41.36''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten verschwand die Welterhalterin dort. Menaka kehrte voller Freude an ihren Wohnort zurück. | |||
'''41.37''' Zur rechten Zeit gebar sie den hervorragenden Berg Mainaka, der noch heute mit seinen Flügeln mitten im Meer lebt, | |||
'''41.38''' und einst Indra herausforderte. Danach gebar die Tugendhafte nacheinander neunundneunzig weitere Söhne, | |||
'''41.39''' von großer Kraft, Stärke und vielerlei Tugenden. Dann begab sich die Göttin Kalika, die allumfassende Yoganidra, | |||
'''41.40''' die ihre frühere Sati-Gestalt abgelegt hatte, zu Menaka, um geboren zu werden. Gemäß ihrer Zusage trat die Heilvolle in Menakas Leib ein. | |||
'''41.41''' Sie wurde geboren wie Lakshmi aus dem Meer. Im Frühling, am neunten Mondtag unter günstiger Sternenverbindung, | |||
'''41.42''' kam sie um Mitternacht hervor wie die Ganga aus der Mondscheibe. Bei ihrer Geburt wurden alle Himmelsrichtungen klar. | |||
'''41.43''' Ein günstiger, tiefer und wohlriechender Wind wehte. Blumen regneten herab, und auch ein segensreicher Regen fiel. | |||
'''41.44''' Die Opferfeuer brannten ruhig, die Wolken donnerten tief. Mit ihrer Geburt gelangte alles ins Gleichgewicht. | |||
'''41.45''' Menaka sah die neugeborene dunkle Göttin, einer blauen Wasserlilie gleich, und empfand höchste Freude. | |||
'''41.46''' Auch die Götter waren von unvergleichlicher Freude erfüllt. Gandharvas und Apsaras priesen sie vom Himmel aus. | |||
'''41.47''' Weil seine Tochter dunkel wie die Blütenblätter einer blauen Wasserlilie war, nannte Himalaya sie bei der Feier Kali. | |||
'''41.48''' Von sämtlichen Verwandten wurde die Bergestochter sowohl Parvati als auch Kali genannt. | |||
'''41.49''' Die glückverheißende Göttin wuchs im Haus des Bergkönigs heran wie die Ganga in der Regenzeit und das Mondlicht im Herbst. | |||
'''41.50''' Tag für Tag nahm Kali mit ihren schönen Gliedern an Schönheit zu, wie die Mondscheibe an ihren Teilen wächst. | |||
'''41.51''' Als Kind spielte Kalika voller Freude mit ihren Freundinnen, wie die Kalindi mit den anderen Flüssen. | |||
'''41.52''' Die sechs göttlichen Vorzüge, die sie schon in der früheren Geburt beherrscht hatte, kamen von selbst zu ihr, wie dunkle Wolken zur Regenzeit. | |||
'''41.53''' An Tugenden übertraf sie die Göttertöchter, an Schönheit alle Apsaras und an Gesang die Gandharvatöchter. | |||
'''41.54''' Schon als Kind war sie allen Verwandten lieb und erfreute durch ihre Eigenschaften Familie, Vater und Mutter. | |||
'''41.55''' Die Weltenmutter pries stets ihre Mutter, ehrte ihren Vater und war immer mit ihren Brüdern zusammen. | |||
'''41.56''' Als Mädchen hielt sie sich beständig in der Nähe ihres Vaters auf, wie die Kalindi beim Sonnengott. | |||
'''41.57''' Eines Tages saß Himalaya voller Freude mit seinen Söhnen beisammen und hatte seine Tochter neben sich. | |||
'''41.58''' Da kam der Weise Narada aus der Götterwelt und sah Himalaya behaglich mit seinen Kindern sitzen. | |||
'''41.59''' Neben ihm sah er Kali, wie einen Lichtsaum bei der Sonne und wie volles Mondlicht in einer Herbstnacht. Der erste Vergleich ist beschädigt. | |||
'''41.60''' Der Berg ehrte ihn und bot ihm einen Sitz an. Zuerst fragte Narada nach seinem Wohlergehen. | |||
'''41.61''' Nachdem er alles erfahren hatte, sprach der redekundige Weise erfreuende Worte in Gegenwart Menakas. | |||
'''41.62''' Narada sprach: Bergkönig, deine Tochter ist wie die erste wachsende Mondsichel, schön und mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattet. | |||
'''41.63''' Sie wird Shambhus Geliebte sein und Hara stets zugetan bleiben. Durch ihre Askese wird sie sein Herz gewinnen. | |||
'''41.64''' Auch er wird keine andere als sie zur Frau nehmen. Eine Liebe wie die zwischen diesen beiden hat es bei keinem anderen Paar | |||
'''41.65''' gegeben, gibt es jetzt nicht und wird es künftig nicht geben. Viele Aufgaben der Götter werden durch sie erfüllt werden. | |||
'''41.66''' Durch sie wird Hara aus Liebe zu Ardhanarishvara, halb Mann und halb Frau, bester Berg, wie der Mond mit seinem Licht verbunden ist. | |||
'''41.67''' Nachdem sie Hara durch Askese erfreut hat, wird sie goldhell und goldglänzend die Hälfte seines Körpers zu ihrer Wohnstatt machen. | |||
'''41.68''' Deine Tochter Kali wird hell wie der Blitz werden und später unter dem Namen Gauri bekannt sein. | |||
'''41.69''' Denke nicht daran, sie einem anderen zu geben. Dieses geheime Vorhaben der Götter sollst du nicht öffentlich machen. | |||
'''41.70''' Markandeya sprach: Himalaya hörte die Worte des Götterweisen Narada und antwortete ihm kundig. | |||
'''41.71''' Himalaya sprach: Man hört, dass Mahadeva selbstbeherrscht alle Bindung aufgegeben hat und verborgen Askese übt, selbst den Göttern nicht sichtbar. | |||
'''41.72''' Wie könnte er seinen auf das höchste Brahman gerichteten Geist vom Weg der Meditation abwenden, Götterweiser? Daran zweifle ich sehr. | |||
'''41.73''' Er schaut überall im Inneren das unvergängliche höchste Brahman, einer kleinen Flamme gleich, und richtet den Blick nicht auf Äußeres. | |||
'''41.74''' So höre ich es stets aus dem Mund der Kinnaras, Brahmane. Wie könnte Hara einen solchen Geist ablenken? | |||
'''41.75''' Außerdem hört man, dass Hara früher mit Dakshas Tochter eine Vereinbarung getroffen hat. Höre, was ich darüber weiß. | |||
'''41.76''' „Außer dir werde ich keine andere Frau zur Gemahlin nehmen, geliebte Sati, Dakshas Tochter. Dies sage ich dir wahrhaftig.“ | |||
'''41.77''' So hat er es einst Sati versprochen. Wie könnte er nach ihrem Tod eine andere Frau annehmen? | |||
'''41.78''' Narada sprach: Darüber brauchst du dir keine Sorge zu machen, Bergkönig. Deine Tochter ist Sati selbst, die ohne Zweifel für Hara wiedergeboren wurde. | |||
'''41.79''' Markandeya sprach: Darauf erzählte der Götterweise Narada dem Berg alles darüber, wie Sati in Menaka wiedergeboren worden war. | |||
'''41.80''' Als der Berg mit Frau und Söhnen die ganze frühere Geschichte aus Naradas Mund hörte, war er frei von Zweifel. | |||
'''41.81''' Kali hörte Naradas Erzählung, senkte schamhaft das Gesicht und lächelte. | |||
'''41.82''' Der Berg nahm sie bei der Hand, hob ihr Gesicht, berührte liebevoll ihr Haupt und setzte sie auf seinen Sitz. | |||
'''41.83''' Narada sprach erneut zur Bergestochter und erfreute damit den Bergkönig, Menaka und die Söhne. | |||
'''41.84''' Narada sprach: Wozu braucht sie deinen Thron, Bergkönig? Shambhus Schoß wird stets ihr Sitz sein. | |||
'''41.85''' Hat deine Tochter Haras Schoß als Sitz gewonnen, wird sie auf keinem anderen Sitz mehr dieselbe Freude finden, Berg. | |||
'''41.86''' Markandeya sprach: Nach diesen erhebenden Worten an den Bergkönig fuhr Narada sogleich mit einem Götterfahrzeug zum Himmel. Der Bergesherr aber ging mit seiner Tochter in seine inneren Gemächer, bewegt von Nachdenken, Freude und Staunen. | |||
===Kapitel 42=== | |||
Die Vorlage wiederholt den Block 143–155 einschließlich der als 348 bezeichneten Stelle. Außerdem stehen 71, 100 und 116 jeweils doppelt; Buchstabenzusätze unterscheiden die Vorkommen. Die Originalnummer 348 bleibt erhalten. | |||
'''42.1''' Markandeya sprach: Inzwischen verließ Shambhu rasch jenen See und ging nach Gangavatara, einer herrlichen Höhe des Himalaya. | |||
'''42.2''' Dort war einst die Ganga herabgefallen, als sie aus Brahmas Stadt hervorströmte, unweit der Stadt Aushadhiprastha. | |||
'''42.3''' An diesem Ort betrachtete Bharga sein eigenes Selbst: unvergänglich, höher als das Höchste, ewiges Bewusstsein und Erkenntnis, lichtförmig und ungetrübt, | |||
'''42.4''' allumfassend, einer Flamme gleich, ohne Zweiheit und ohne unterscheidende Merkmale. Einspitzig meditierte der Erhabene mit dem Stierbanner darüber. | |||
'''42.5''' Während Hara meditierte, vertieften sich auch einige Pramathas in Meditation. Andere Scharen mit Nandin und Bhringin | |||
'''42.6''' standen als Torhüter bereit, wie ihnen zuvor aufgetragen worden war. Obwohl so viele anwesend waren, hörte man keinen Laut. | |||
'''42.7''' Alle verharrten schweigend. Andere Scharen spielten weiter entfernt, | |||
'''42.8''' mit Blumen, Blättern, Speisen und dem Wasser der Bergquellen; sie sammelten Juwelen und schmückten sich mit farbiger Erde. | |||
'''42.9''' Als der Bergkönig sah, dass Hara mit seinen Scharen gekommen war, verließ er mit seinem Gefolge Aushadhiprastha. | |||
'''42.10''' Er trat zur Verehrung vor ihn und ehrte ihn gebührend. Shambhu nahm die mit tiefem Vertrauen dargebrachte Verehrung an, unbewegt wie zuvor am Ursprung der Ganga. | |||
'''42.11''' Nach der Ehrung sprach der Weltenherr mit dem Stierbanner, im Meditationsyoga ruhend und gleichsam lächelnd, zum Bergkönig. | |||
'''42.12''' Ishvara sprach: Ich bin auf deine Höhe gekommen, um im Verborgenen Askese zu üben. Sorge dafür, dass niemand sich mir nähert. | |||
'''42.13''' Du Edler bist eine Wohnstatt der Welt, stets Zuflucht für Weise, Götter, Rakshasas, Yakshas und Kinnaras, | |||
'''42.14''' ein bleibender Aufenthalt der Brahmanen und stets durch die Ganga gereinigt. Die Höhe Gangavatara nahe deiner Stadt | |||
'''42.15''' habe ich aufgesucht, bester Berg. Richte sie jetzt entsprechend ein. | |||
'''42.16''' Nach diesen Worten schwieg der Weltenherr. Der Bergkönig antwortete Shambhu voller Zuneigung. | |||
'''42.17''' Himalaya sprach: Durch dein heutiges Kommen in mein Gebiet bin ich geheiligt, Weltenherr und höchster Gott. Was könnte ich darüber hinaus noch wünschen? | |||
'''42.18''' Selbst die Götter erreichen dich trotz großer Askese und Anstrengung nicht leicht; nun bist du von selbst hier erschienen. | |||
'''42.19''' Niemand ist glücklicher oder verdienstvoller als ich, da du auf dieser Höhe des Himalaya zur Askese gekommen bist. | |||
'''42.20''' Ich halte mich für glücklicher als Indra, höchster Herr, weil du mich mit deinen Scharen aus freiem Willen aufgesucht hast. | |||
'''42.21''' Nach diesen Worten kehrte der Bergkönig heim und erteilte seinem Gefolge und seinen Scharen eine Anordnung. | |||
'''42.22''' Von heute an darf niemand ohne meinen Befehl nach Gangavatara gehen. Wer dennoch hingeht, den werde ich bestrafen. | |||
'''42.23''' Nachdem er dies festgelegt hatte, nahm er Sesam, Blumen, Kusha-Gras und Früchte und ging mit seiner Tochter rasch zu Hara. | |||
'''42.24''' Dort ließ er seine tugendreiche Tochter Kali sich vor dem in Meditation versunkenen Weltenherrn verneigen. | |||
'''42.25''' Er legte Sesam, Blumen und die übrigen Gaben vor ihm nieder, stellte seine Tochter vor sich und sprach zu Shambhu. | |||
'''42.26''' Himalaya sprach: Erhabener, ich habe diese meine Tochter zu deiner Verehrung angewiesen und hergeführt. Sie wünscht, dir zu dienen. | |||
'''42.27''' Mit zwei Freundinnen soll sie dich beständig verehren, Herr Shankara. Erlaube ihr diesen Dienst, wenn du mir gnädig bist. | |||
'''42.28''' Markandeya sprach: Shankara sah sie, eben in die Jugend eingetreten, schimmernd wie die Blätter einer geöffneten blauen Wasserlilie, mit einem Gesicht wie der Vollmond, | |||
'''42.29''' mit reichem dunklem Haar, schönem Gewand, muschelförmigem Hals, großen Augen und zwei schönen Ohren, | |||
'''42.30''' mit lieblichen, langen Armen wie Lotusstängeln und wohlgeformter Brust, die der Vers mit Lotuszier vergleicht, | |||
'''42.31''' mit schmaler Taille, roten Handflächen und zwei lieblichen Füßen wie Landlotusblüten, | |||
'''42.32''' mit großer innerer Kraft, kräftig gerundeten Hüften, schönen Unterschenkeln, Schenkeln wie Elefantenrüssel und tiefem Nabel, | |||
'''42.33''' mit schön gerundeten Beinen und den drei tiefen und sechs erhabenen Körpermerkmalen, reich an allen günstigen Zeichen und in den drei Welten selten, | |||
'''42.34''' einem Juwel unter den Frauen, deren bloßer Anblick selbst den Geist eines in Meditation fest eingeschlossenen Weisen ablenken konnte. | |||
'''42.35''' Er sah in ihr eine Gestalt, die Meditierende bezaubert, ein mögliches Hindernis für Askese und eine Mehrerin der Liebe. | |||
'''42.36''' Dennoch nahm Shankara die Tochter des Bergkönigs auf dessen Bitte und aus Achtung vor ihm zum Dienst an. | |||
'''42.37''' Ishvara sprach: Bergkönig, deine Tochter soll mir mit ihren beiden Freundinnen beständig und sorgfältig dienen und hier ohne Furcht verweilen. | |||
'''42.38''' Markandeya sprach: So nahm Hara die Göttin zu seinem Dienst an. Große Festigkeit zeigt sich darin, dass ein Hindernis nicht stört. Brahmanen können Askese an einem hindernisfreien Ort üben; | |||
'''42.39''' wer aber unter Hindernissen deren Ursache überwindet und fortfährt, zeigt die Größe der Askese und die Standhaftigkeit des Asketen. | |||
'''42.40''' Der Bergkönig kehrte mit seinen Dienern in seine Stadt zurück. Hara richtete sich im Meditationsyoga wieder auf die Betrachtung des Höchsten. | |||
'''42.41''' Kali kam täglich mit ihren beiden Freundinnen und diente Mahadeva, dem Mondgeschmückten. | |||
'''42.42''' Manchmal sang sie mit ihren Freundinnen vor Shankara ein schönes Lied und entfaltete dabei den fünften Ton. | |||
'''42.43''' Manchmal brachte sie Hara Kusha-Gras, Blumen, Brennholz und Wasser und bereitete gemeinsam mit den Freundinnen sein Bad und seine Verehrung vor. | |||
'''42.44''' Manchmal stand sie gesammelt vor ihm, schaute in das Gesicht des Mondträgers und dachte voller Sehnsucht an ihn. | |||
'''42.45''' Wenn sie mit Aufgaben beschäftigt war, verrichtete sie diese; sobald sie frei war, dachte sie an Hara. | |||
'''42.46''' Wann wird dieser Herr der Wesen meine Hand ergreifen? Wann wird er mit mir in mannigfaltiger liebevoller Zuwendung spielen? | |||
'''42.47''' Mit solchen Gedanken verehrte Kali den höchsten Herrn sogar im Traum und blieb stets auf ihn ausgerichtet. | |||
'''42.48''' Wenn Kali vor Maheshvara trat und ihn betrachtete, erkannte der Herr der Wesen ihre natürliche Zuneigung. | |||
'''42.49''' Doch der Herr der Berge nahm Kali noch nicht zur Frau, weil sie noch kein Gelübde gehalten hatte und ihr Körper nach der Vorstellung des Textes die Prägung von Mutterleib und Zeugung trug. | |||
'''42.50''' Mahadeva dachte bei ihrem Anblick: Wie könnte diese Tochter des Berges das Gelübde der Askese auf sich nehmen? | |||
'''42.51''' Wenn sie das Gelübde vollzogen und die Prägung der leiblichen Geburt abgelegt hat, werde ich die geliebte Kali zur Frau nehmen. Die Darstellung wertet hier die Geburt aus dem Mutterleib als Verunreinigung. | |||
'''42.52''' Durch Gelübde und Reinigungsriten wird diese Geburtsprägung entfernt. Wie lässt sich daher erreichen, dass Kali ein solches Gelübde hält? | |||
'''42.53''' Nach dieser Überlegung blieb der Herr der Wesen in Meditation. In die Versenkung vertieft, entwickelte er keine anderen Gedanken. | |||
'''42.54''' Kali aber diente Shambhu täglich mit großer Hingabe und betrachtete beständig die Gestalt des Edlen. | |||
'''42.55''' Hara war der Meditation ergeben. Obwohl Kali täglich vor ihm stand, sah er sie gleichsam nicht und hatte die früheren Ereignisse vergessen. | |||
'''42.56''' Inzwischen bedrängte der Daitya-König Taraka die Götter und alle Welten, im Stolz auf eine Gabe Brahmas. | |||
'''42.57''' Er unterwarf die drei Welten und machte sich selbst zum Indra. Er vertrieb alle Götter und setzte eigene Daityas und andere Wesen in ihre Ämter ein. | |||
'''42.58''' Unter seiner Herrschaft konnte Yama die Wesen nicht nach eigener Ordnung lenken. Auch die Sonne wärmte die Welten aus Furcht vor ihm nicht nach freiem Willen. | |||
'''42.59''' Der Mond diente ihm als Gefährte seiner Vergnügungen und bediente ihn mit seinen Strahlen zusammen mit dem Wind unablässig. | |||
'''42.60''' Auf Befehl des Herrschers wehte der Wind stets duftend, sanft, kühl und angenehm und fächelte ihm Luft zu. | |||
'''42.61''' Auch Kubera sammelte sorgfältig die kostbarsten Schätze und diente aufmerksam nach Tarakas Wunsch. | |||
'''42.62''' Agni wurde auf Tarakas Befehl sein Koch und bereitete nach dessen Willen Speisen und Beilagen. | |||
'''42.63''' Nirriti sorgte mit allen Rakshasas voller Furcht für seine Pferde, Elefanten und sonstigen Reittiere. | |||
'''42.64''' Mit tanzenden Apsaras, preisenden Barden und singenden Gandharvas vergnügte sich der Götterfeind. | |||
'''42.65''' So erschütterte er alle drei Welten und nahm überall, selbst den Göttern, das Kostbarste fort. | |||
'''42.66''' Von ihm bedrängt und ohne Schutz, suchten die Götter mit Indra an der Spitze Zuflucht bei Brahma, dem höchsten Schutzherrn. | |||
'''42.67''' Sie verneigten sich und sprachen zu dem edlen Stammvater aller Welten. | |||
'''42.68''' Die Götter sprachen: Weltenherr, der Daitya Taraka ist durch deinen Segen übermütig geworden. Er hat uns gewaltsam vertrieben und unsere Wirkungsbereiche an sich genommen. | |||
'''42.69''' Tag und Nacht bedrängt er uns, wo immer wir sind. Auch wenn wir fliehen, sehen wir Taraka in jeder Richtung. | |||
'''42.70''' Agni, Yama, Varuna, Nirriti, Vayu und Kubera mit ihrem ganzen Gefolge | |||
'''42.71a''' werden von ihm gequält. Auf seinen Befehl verrichten sie unerwünschte Arbeiten und sind alle zu seinen Dienern geworden. | |||
'''42.71b''' Alle Götterfrauen und Apsaras im Himmel hat der Daitya an sich genommen, dazu das Kostbarste in allen Welten. | |||
'''42.73''' Keine Opfer finden mehr statt, die Asketen üben keine Askese; Freigebigkeit und andere Pflichten werden in den Welten nicht mehr gepflegt. | |||
'''42.74''' Sein böser Heerführer, ein Danava namens Krauncha, ist in die Unterwelt gegangen und bedrängt dort Tag und Nacht die Geschöpfe. | |||
'''42.75''' So hat Taraka die ganzen drei Welten an sich gerissen. Rette die Welt vor diesem Übeltäter, Stammvater. | |||
'''42.76''' Bestimme uns einen Ort, an dem wir wohnen können, da er uns aus unseren Wohnstätten vertrieben hat, Weltenherr und Weltenlehrer. | |||
'''42.77''' Du bist unsere Zuflucht, unser Unterweiser, Retter, Vater und Mutter, der geschickte Begründer und Bewahrer der Welten. | |||
'''42.78''' Handle jetzt so, Schöpferherr, dass wir nicht im Feuer namens Taraka verbrennen. | |||
'''42.79''' Markandeya sprach: Brahma, der Stammvater der Welt, hörte die Worte der Götter und gab eine der Lage entsprechende Antwort. | |||
'''42.80''' Brahma sprach: Durch meinen eigenen Segen ist Taraka stark geworden. Darum ziemt es sich nicht, dass ich ihn töte, ihr Himmelsbewohner. | |||
'''42.81''' Zwar soll ich euch gegen seine Taten helfen, doch vermag ich die verlangte Abhilfe nicht unmittelbar zu schaffen. | |||
'''42.82''' Richtet es deshalb so ein, dass Taraka auf andere Weise sein Ende findet. Ich werde euch den Weg weisen. | |||
'''42.83''' Taraka darf weder durch mich noch durch Vishnu oder Hara getötet werden, auch nicht durch andere Götter oder Menschen. | |||
'''42.84''' Diesen Segen habe ich ihm für seine Askese gegeben. Doch habe ich ein Mittel bedacht; führt es aus, ihr hohen Götter. | |||
'''42.85''' Sati, Dakshas Tochter, hatte einst ihren Körper abgelegt und wandte sich zur Wiedergeburt Menaka, der Gemahlin des Bergkönigs, zu. | |||
'''42.86''' Der Berg zeugte sie in Menakas Leib, wie mein Sohn Bhrigu einst Lakshmi in Khyati hervorbrachte. | |||
'''42.87''' Mahadeva wird sie gewiss zur Gemahlin nehmen. Bemüht euch darum, dass er bald Liebe zu ihr fasst, ihr Götter, | |||
'''42.88''' damit seiner Kraft eure Rettung entspringt. Sie allein vermag Shambhu, der seinen Samen aufwärts hält, dazu zu bringen, ihn hervorzubringen; | |||
'''42.89''' keine andere Frau vermag dies. Der Sohn, der aus dieser hervorgebrachten Kraft geboren wird, | |||
'''42.90''' allein wird Taraka töten; einen anderen Bezwinger gibt es nicht. Diese Tochter des Bergkönigs steht jetzt in der Jugendblüte. | |||
'''42.91''' Auf Himalayas Wort dient sie unter dem Namen Kali mit zwei Freundinnen täglich dem allwissenden höchsten Herrn, der auf einer Berghöhe Askese und Meditation übt. | |||
'''42.92''' Obwohl diese Schönste der drei Welten vor ihm steht, begehrt Mahadeva sie nicht einmal im Geist, so sehr ist er in Meditation versunken. | |||
'''42.93''' Bemüht euch rasch und sorgfältig darum, dass der Mondgeschmückte Kali als Gemahlin wünscht. | |||
'''42.94''' Eure eigene Wohnstatt ist der Himmel. Ich werde Taraka aufsuchen und ihn von dort zurückziehen lassen. Geht ohne Sorge. | |||
'''42.95''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten begab der Herr aller Welten sich zu Taraka und sprach ihn an. | |||
'''42.96''' Brahma sprach: Höre, Taraka, herrsche nicht über das Himmelreich. Dafür hast du einst deine Askese nicht geübt. | |||
'''42.97''' Auch habe ich dir nicht die Königsherrschaft über den Himmel als Segen gegeben. Verlasse deshalb den Himmel und herrsche auf Erden. | |||
'''42.98''' Dort werden dir die Genüsse der Götter zuteilwerden, Asura. Markandeya sprach: Nach diesen Worten verschwand der Weltenherr dort. | |||
'''42.99''' Taraka verließ den Himmel und ging zur Erde. Doch auch von dort bedrängte er die Götter ständig und machte den mächtigen Indra zu seinem tributpflichtigen Untergebenen. | |||
'''42.100a''' Indra brachte ihm fortwährend göttliche Güter und diente ihm, konnte diesen Herrn jedoch nicht zufriedenstellen. | |||
'''42.101''' So bedrängt und voller Kummer bemühten die Götter sich nach Brahmas Rat darum, dass Hara einen Nachkommen erhielt. | |||
'''42.102''' Indra beriet sich mit seinem Lehrer, fasste einen Entschluss, rief den Gott der Blumenpfeile herbei und sprach. | |||
'''42.103''' Indra sprach: Durch dich wird das All erhalten und hervorgebracht. Du bist seit alters die Ursache der Liebe Brahmas, Vishnus und Rudras. | |||
'''42.104''' Durch deine Macht nahm Brahma einst die gelübdetreue Savitri, Madhava Lakshmi und Hara Sati, Dakshas Tochter, in Liebe an. | |||
'''42.105''' Wie du diesen Götterherren damals durch ihre Gemahlinnen Freude bereitet hast, so bereite auch mir und den Lebewesen Freude, Kama. | |||
'''42.106''' Es gibt im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt kein Lebewesen, dem du nicht lieb bist, Kama. Du giltst stets als Liebling der Welten. | |||
'''42.107''' Du erhältst und erschaffst Götter, Danavas, Yakshas, Rakshasas und Menschen und wirkst in ihren Herzen. | |||
'''42.108''' Handle deshalb zum Wohl aller Welten, der Götter, Danavas, Yakshas und edlen Menschen. | |||
'''42.109''' Markandeya sprach: Der Gott mit dem Makara-Banner hörte Indras nektargleiche Worte und antwortete dem Götterkönig hocherfreut. | |||
'''42.100b''' Madana sprach: Indra, du kennst den Bereich, in dem ich Macht habe. Befiehl mir daher eine Aufgabe, die mir entspricht und die ich vollbringen kann. | |||
'''42.111''' Ich besitze nur fünf weiche Blumenpfeile. Auch mein Bogen besteht aus Blumen, seine Sehne aus Bienen. | |||
'''42.112''' Rati ist meine geliebte Gemahlin, der Frühling mein Ratgeber, der Wind vom Malaya mein Lenker und der Mond mein Freund. | |||
'''42.113''' Mein Heerführer ist die Liebesstimmung, meine Soldaten sind Mienen und Gefühlsregungen. Alle sind sanft und nicht grausam, und ebenso bin ich selbst. | |||
'''42.114''' Ein Verständiger sollte jeden mit der Aufgabe betrauen, zu der er geeignet ist. Darum gib mir eine Arbeit, die zu mir passt. | |||
'''42.115''' Indra sprach: Was ich durch dich ausführen lassen möchte, Geistgeborener, entspricht dir vollkommen; du bist dafür gerüstet. | |||
'''42.116a''' Du hast auf diesem Gebiet bereits erfolgreich gehandelt und bist erfahren. Für andere aber ist diese Aufgabe schwer; deshalb betraue ich dich damit. | |||
'''42.116b''' Man hört, dass der Gott mit dem Stierbanner auf einer Höhe des Himalaya in Meditation Askese übt und keinerlei Wunsch nach einer Gemahlin hat. | |||
'''42.117''' Kali dient ihm dort auf das Wort ihres Vaters hin mit zwei Freundinnen, und Hara selbst hat es erlaubt. | |||
'''42.118''' Obwohl sie jung, schön und ein Juwel unter den Frauen ist, begehrt der meditierende Mahadeva sie nicht einmal im Geist. | |||
'''42.119''' Bewirke zum Wohl der Götter und Welten, dass der Gott mit dem Stierbanner Liebe zu ihr fasst. | |||
'''42.120''' Wie er einst voller Liebe mit Sati spielte, so möge er nun durch dein Wirken mit dieser Bergestochter spielen. | |||
'''42.121''' Der Sohn, der aus Haras um ihretwillen hervorgebrachter Kraft entsteht, wird uns vor Taraka retten. | |||
'''42.122''' Markandeya sprach: Der Geistgeborene hörte die Worte des Götterkönigs und erinnerte sich an Brahmas früheren Fluch, dessen Zeit nun gekommen war. | |||
'''42.123''' Als Kama einst seine Waffe an Brahma in Bezug auf Sandhya erprobt und ihn mit Blumenpfeilen getroffen hatte, hatte Brahma ihn verflucht: | |||
'''42.124''' Du wirst vom Feuer aus Shambhus Auge verbrannt werden. Doch wenn Hara die Bergestochter zur Gemahlin nimmt, | |||
'''42.125''' wirst du deinen vollständigen Körper wiedererlangen. An Brahmas Fluch erinnernd, war der Gott mit dem Makara-Banner zwar voller Furcht, | |||
'''42.126''' doch nahm er auf Indras Wort die Aufgabe an, Hara mit Kali zu verbinden, und sagte das der Lage Angemessene. | |||
'''42.127''' Madana sprach: Ich werde deinem Wort folgen, Indra, und Hara mit Kali, der Bergestochter, verbinden wie einst mit Dakshas Tochter. | |||
'''42.128''' Doch gewähre mir eine Hilfe dabei: Wenn ich Hara mit dem Verzauberungspfeil bezaubere, | |||
'''42.129''' sollst du mich vom Himmel aus unterstützen und stärken. Bald werde ich mit dem Frühling Shankaras Einsiedelei betreten. | |||
'''42.130''' Zuerst werde ich mit dem erfreuenden Pfeil eine Regung in seinem Geist auslösen, dann ihn mit dem Verzauberungspfeil tief bezaubern. | |||
'''42.131''' Wenn die Zeit gekommen ist, denke zu meinem Schutz an mich. Ich gehe nun mit meinen Begleitern, um dies zu vollbringen, Bezwinger Balas. | |||
'''42.132''' Markandeya sprach: Nach diesen Worten ging Madana zu Shankaras Einsiedelei. Indra sprach zu allen Göttern: | |||
'''42.133''' Helft dem Geistgeborenen, folgt ihm, wohin er geht, und benachrichtigt mich zur rechten Zeit. | |||
'''42.134''' Wenn er Shankara mit dem Verzauberungspfeil bezaubert, werde auch ich dorthin kommen. Meldet es mir dann, ihr Götter. | |||
'''42.135''' So angewiesen, folgten die Götter dem Liebesgott. Dieser kam zu Hara nach Gangavatara auf dem schneetragenden Berg und setzte den Frühling an die Arbeit. | |||
'''42.136''' Sobald der Frühling dort eingezogen war, zeigten sich seine Merkmale an Bäumen, Büschen und Ranken. | |||
'''42.137''' Kimshuka-, Manjula- und Ketaka-Gewächse blühten; die Seen trugen Lotusblüten, und die Lebewesen wurden innerlich bewegt. | |||
'''42.138''' Ein sanfter, mit Blütenstaub duftender Wind wehte langsam und wohltuend und bewegte den Wald. | |||
'''42.139''' Vögel, Wildtiere und andere Lebewesen, Siddhas und Kinnaras fanden sich zu Paaren zusammen. | |||
'''42.140''' Die Mangobäume blühten und trugen frische Blütenbüschel, ebenso Ashoka, Patala und Nagakeshara. Ein weiterer Pflanzenname ist unsicher. | |||
'''42.141''' Auch Shankaras Scharen wurden von Liebesregungen erfasst, verbargen diese aber aus Furcht vor Shambhu. Die Negation ist in der Vorlage gestört. | |||
'''42.142''' Bienen schwirrten dort mit ihren Gefährtinnen summend umher und tranken wiederholt den aus den Blüten fließenden Nektar. | |||
'''42.143a''' Während der Frühling so wirkte, trat auch die Liebesstimmung mit ihren Scharen, Mienen und Gefühlsregungen in Haras Nähe. | |||
'''42.144a''' Madana blieb lange mit seinen Begleitern dort, fand aber keine Lücke in Shambhus Sammlung, durch die er eindringen konnte. | |||
'''42.145a''' Wenn sich eine Gelegenheit bot, wurde er von Furcht überwältigt und ging, auch von Rati zurückgehalten, nicht vor. | |||
'''42.146a''' So verging viel Zeit, ihr besten Brahmanen. Trotz seiner Beobachtung fand er keinen geeigneten Zugang zu diesem Asketen. | |||
'''42.147a''' Wer könnte sich Shankara nähern, wenn er in Meditation wie das Weltuntergangsfeuer und wie hunderttausend Sonnen leuchtet? | |||
'''42.348a''' Eines Tages stand Kali, die Bergestochter, vor ihm. Sie hatte mit ihren beiden Freundinnen den erforderlichen Dienst verrichtet und wartete verneigt. | |||
'''42.149a''' Shankara hatte für einen Augenblick die Meditation verlassen, dachte nicht an das höchste Licht und wies seinen Scharen Aufgaben zu. | |||
'''42.150a''' Diese Gelegenheit nutzte Madana und erfreute den nahen Mondgeschmückten zunächst mit dem erfreuenden Pfeil. | |||
'''42.151a''' Auch die Liebesstimmung trat mit Mienen und Gefühlsregungen zu Hara, gemeinsam mit dem Frühling, um Kama zu helfen. | |||
'''42.152a''' Durch den erfreuenden Pfeil bewegt und von den Liebesmächten umgeben, blickte Shankara mit wachsendem Interesse in Kalis Gesicht. | |||
'''42.153a''' Kama nutzte diese Öffnung und legte den blumenumhüllten, mit Blütengirlanden verstärkten Verzauberungspfeil auf seinen Blumenbogen. | |||
'''42.154a''' Rati stand zu seiner Rechten, Priti zu seiner Linken, hinter ihm der schöne Frühling mit dem Blumenköcher. | |||
'''42.155a''' Als der Geistgeborene gesammelt den Blumenbogen bis zum Ohr spannte, trat der Wind zu ihm. | |||
'''42.143b''' Während der Frühling so wirkte, trat auch die Liebesstimmung mit ihren Scharen, Mienen und Gefühlsregungen in Haras Nähe. | |||
'''42.144b''' Madana blieb lange mit seinen Begleitern dort, fand aber keine Lücke in Shambhus Sammlung, durch die er eindringen konnte. | |||
'''42.145b''' Wenn sich eine Gelegenheit bot, wurde er von Furcht überwältigt und ging, auch von Rati zurückgehalten, nicht vor. | |||
'''42.146b''' So verging viel Zeit, ihr besten Brahmanen. Trotz seiner Beobachtung fand er keinen geeigneten Zugang zu diesem Asketen. | |||
'''42.147b''' Wer könnte sich Shankara nähern, wenn er in Meditation wie das Weltuntergangsfeuer und wie hunderttausend Sonnen leuchtet? | |||
'''42.348b''' Eines Tages stand Kali, die Bergestochter, vor ihm. Sie hatte mit ihren beiden Freundinnen den erforderlichen Dienst verrichtet und wartete verneigt. | |||
'''42.149b''' Shankara hatte für einen Augenblick die Meditation verlassen, dachte nicht an das höchste Licht und wies seinen Scharen Aufgaben zu. | |||
'''42.150b''' Diese Gelegenheit nutzte Madana und erfreute den nahen Mondgeschmückten zunächst mit dem erfreuenden Pfeil. | |||
'''42.151b''' Auch die Liebesstimmung trat mit Mienen und Gefühlsregungen zu Hara, gemeinsam mit dem Frühling, um Kama zu helfen. | |||
'''42.152b''' Durch den erfreuenden Pfeil bewegt und von den Liebesmächten umgeben, blickte Shankara mit wachsendem Interesse in Kalis Gesicht. | |||
'''42.153b''' Kama nutzte diese Öffnung und legte den blumenumhüllten, mit Blütengirlanden verstärkten Verzauberungspfeil auf seinen Blumenbogen. | |||
'''42.154b''' Rati stand zu seiner Rechten, Priti zu seiner Linken, hinter ihm der schöne Frühling mit dem Blumenköcher. | |||
'''42.155b''' Als der Geistgeborene gesammelt den Blumenbogen bis zum Ohr spannte, trat der Wind zu ihm. | |||
'''42.156''' Mit dem aufgelegten Blumenpfeil gerieten die Sinne des Mondgeschmückten in Bewegung, und er wollte die Bergestochter zur Vereinigung an sich ziehen. | |||
'''42.157''' Alle Götter samt Indra befanden sich im Himmel und betrachteten den Geistgeborenen als geeigneten Helfer bei ihrem Vorhaben. Die Satzform ist beschädigt. | |||
'''42.158''' Doch Mahadeva besann sich, sammelte sich und zügelte die Erregung seiner Sinne. Plötzlich dachte er: | |||
'''42.159''' Warum will ich Kali, die leiblich geborene Bergestochter, die noch keine Askesegelübde vollzogen hat, jetzt voller Verlangen an mich ziehen? | |||
'''42.160''' Erst wenn ihr Leib durch Askese und Gelübde geläutert ist, werde ich sie selbst annehmen wie Sati, Dakshas Tochter. | |||
'''42.161''' Warum bin ich jetzt gegen meinen Willen von Verlangen bewegt, wie von jemandem gezogen, und wünsche die Vereinigung? | |||
'''42.162''' Während er den Grund dieser Sinnesregung erforschte, sah er vor sich den Liebesgott mit gespanntem Pfeil. | |||
'''42.163''' Inzwischen hatte Brahma die Lage erkannt. Er sah die versammelten Götter und kam aus seiner Wohnstatt, um ihnen beizustehen. | |||
'''42.164''' Als Shankara den Liebesgott mit aufgelegtem Pfeil sah, geriet er in Zorn, flammte wie Feuer auf und wollte ihn unmittelbar verbrennen. | |||
'''42.165''' Er dachte: Kama hat die Gelegenheit erkannt und will mich bezaubern, meinen Geist seiner Macht unterwerfen. Darum werde ich ihn zu Yama senden. | |||
'''42.166''' Während er so dachte, wuchs die Strahlkraft seines Auges; sein Zorn wurde zu Feuer und trat aus dem Auge hervor. | |||
'''42.167''' Brahma erkannte, dass dieser Zorn in Feuergestalt hervortreten würde. Er zog Kamas Blumenpfeile, die auf dem Bogen lagen, | |||
'''42.168''' seine Kraft, Lebenshauche und sein Selbst zurück und bewahrte sie. Auch den Frühling entfernte der Stammvater vom Ort. | |||
'''42.169''' So schützte er den Liebesgott durch eigene Kraft vor Shambhus Zorn. Die Götter im Himmel sahen Maheshvara erzürnt und riefen: | |||
'''42.170''' Sei gnädig, Weltenherr! Lass deinen Zorn auf Kama los. Er ist einst durch dich selbst in deiner Shambhu-Gestalt für sein Wirken geschaffen worden. | |||
'''42.171''' Der Geistgeborene erfüllt nur die Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde. Ziehe deshalb dein Zornfeuer gegen Madana zurück, Shambhu. | |||
'''42.172''' Sei gnädig, Herr aller Wesen! Voller Hingabe verneigen wir uns vor dir. Doch während die Götter noch so sprachen, | |||
'''42.173''' machte das aus dem Stirnauge geborene Feuer den Liebesgott zu Asche. Nachdem es Kama verbrannt hatte, leuchtete es in gewaltigen Flammenkränzen. | |||
'''42.174''' Brahma hielt es zurück, sodass es nicht zu Hara zurückkehren konnte. Mahadeva nahm die aus Kamas Körper entstandene Asche | |||
'''42.175''' und bestrich damit alle seine Glieder. Auch die übrig gebliebene Asche nahm Hara an sich. | |||
'''42.176''' Mit seinen Scharen verschwand er auf Brahmas Zustimmung hin und ließ Kali zurück. Brahma aber sah Shambhus Zornfeuer, das alle Götter zu verbrennen drohte, | |||
'''42.177''' und gab ihm vor den Göttern die Gestalt einer Stute. Die Götter sahen diese nun friedliche, glückverheißende Stute mit flammendem Maul, | |||
'''42.178''' und ihre zuvor bedrängten Herzen wurden ruhig. Brahma nahm die flammenmäulige Stute | |||
'''42.179''' und ging zum Wohl der Welt an den Ozean. Dort wurde der Weltenherr gebührend geehrt und sprach zu ihm, | |||
'''42.180''' wobei er eine Vereinbarung traf: Dieser Zorn Maheshas in Stutengestalt | |||
'''42.181''' mit flammendem Maul soll von dir bewahrt werden, bis ich ihn wegführe. Wenn ich zu dir komme und es dir sage, Herr der Flüsse, | |||
'''42.182''' sollst du diesen stutenmäuligen Zorn wieder freigeben. Dein Wasser wird ihm zur Nahrung dienen. | |||
'''42.183''' Halte ihn sorgsam so, dass er nicht ins Innere vordringt. Auf Brahmas Wort hin erklärte der Ozean sich bereit, | |||
'''42.184''' den sonst kaum zu tragenden Zorn Shambhus mit Stutenmaul aufzunehmen. Darauf ging das stutenmäulige Feuer in den Ozean ein. | |||
'''42.185''' Dort verbrannte es Wasserfluten, hell von Flammenkränzen umgeben. Als es zuvor aus Shambhus Auge hervorgegangen war und Madana verbrannt hatte, | |||
'''42.186''' war ein gewaltiger Laut entstanden, der den Himmelsraum erfüllte. Durch diesen Laut und die plötzliche Verbrennung Kamas | |||
'''42.187''' war Kali mit ihren beiden Freundinnen von Angst und Trauer ergriffen worden. Auch Himalaya hörte den Laut, erschrak und staunte. | |||
'''42.188''' Er eilte zu seiner Tochter, die in Haras Einsiedelei war. Dort fand der Bergesherr die glückverheißende Kali voller Angst und Kummer, über die Trennung von Shambhu weinend. | |||
'''42.189''' Er wischte ihr mit der Hand die Augen und sagte: Fürchte dich nicht, Kali, weine nicht! Dann nahm er sie an sich. | |||
'''42.190''' Himalaya nahm seine Tochter auf den Schoß, brachte sie nach Hause und tröstete die Leidende. | |||
'''42.191''' Nachdem Hara verschwunden war, trauerte Kali in ihres Vaters Haus beständig um seine Abwesenheit und war wie benommen. | |||
'''42.192''' Der Bergkönig, Menaka, Mainaka und die anderen Brüder sowie die beiden Freundinnen trösteten sie. Doch Uma vergaß Hara trotz ihres sonst unerschütterlichen Wesens nicht. | |||
===Kapitel 43=== | |||
'''43.1''' Markandeya sprach: Darauf begab sich der göttliche Weise Narada, der sich nach Belieben überallhin bewegen konnte, auf Indras Geheiß zum Haus des Himalaya. | |||
'''43.2''' Der hochherzige Herr der Berge ehrte ihn bei seiner Ankunft. Dann verließ Narada ihn und suchte Kali im Verborgenen auf. | |||
'''43.3''' Er trat zu der erkenntnisreichen Kali, sprach sie an und sagte diese wahrhaftigen Worte zum Heil aller Welten. | |||
'''43.4''' Narada sprach: Höre meine Worte, Kali, und erkenne ihre Wahrheit: Du hast Mahadeva hier gedient, ohne zuvor Askese zu üben. | |||
'''43.5''' Darum hat Mahadeva dich verlassen, obwohl er dir zugetan ist. Außer dir wird Shankara keine andere Gefährtin annehmen. | |||
'''43.6''' Auch du wirst keinen anderen Geliebten als den Herrn annehmen. Verehre ihn deshalb lange Zeit durch Askese. | |||
'''43.7''' Wenn du durch Askese geläutert bist, wird er dich zu seiner Gefährtin machen. Höre, Glückliche, seinen Mantra, durch den er bald, | |||
'''43.8''' von dir verehrt, sichtbar vor dir stehen wird: „Om, Verehrung dem Shiva!“ Dieser Mantra ist Shankara stets lieb. | |||
'''43.9''' Betrachte seine Gestalt, halte die Gelübde ein und wiederhole diesen sechssilbigen Mantra, Tochter des Berges. Dadurch wird Hara erfreut sein. | |||
'''43.10''' Als der hochherzige Narada dies gesagt hatte, erkannte Kali seine Worte als heilsam und wahr an und beschloss, ihnen zu folgen. | |||
'''43.11''' Nachdem Narada Kali zur Askese ermutigt hatte, kehrte er in den Himmel zurück. Ihr Entschluss zu diesem Gelübde stand fest. | |||
'''43.12''' Nach dem Fortgang des göttlichen Weisen suchte Kali Menaka auf und erklärte ihr ihren Wunsch, durch Askese die Vereinigung mit Hara zu erlangen. | |||
'''43.13''' Kali sprach: Mutter, ich will fortgehen, um Askese zu üben und Maheshvara zu gewinnen. Erlaube mir, heute in den Büßerwald zu ziehen. | |||
'''43.14''' Teile meinem Vater rasch meinen Entschluss zur Askese mit, Mutter, bevor mich das Feuer der Trennung vom Herrn der Wesen verbrennt. | |||
'''43.15''' Markandeya sprach: Als Menaka diese Worte hörte, wurde sie von Kummer gequält. Sie umarmte ihre Tochter und sagte: Meine Liebe, übe keine solche Askese! | |||
'''43.16''' Dein Körper ist zart, Tochter. Begib dich nicht in diese harte Askese. Der Körper eines Weisen kann sie ertragen, deiner aber nicht. | |||
'''43.17''' Nicht einmal Feinde würden dir das Leben im Wald wünschen. Verzichte deshalb auf die Askese des Waldlebens und übe eine heilsame Entsagung, die deiner Natur entspricht. | |||
'''43.18''' Die Tochter des Berges hörte die Worte ihrer Mutter und wurde traurig. Doch sie blieb zur Askese entschlossen und antwortete ihr. | |||
'''43.19''' Kali sprach: Halte mich nicht zurück! Heute werde ich zur Askese in den Büßerwald gehen. Selbst wenn du es mir nicht erlaubst, werde ich heimlich fortgehen. | |||
'''43.20''' Menaka sprach: Brahma, Vishnu, Shiva und die anderen Götter sind stets auch im Haus gegenwärtig. Verehre deshalb hier die Götter deiner Wahl, Tochter. | |||
'''43.21''' Man hört nicht, dass Frauen ohne ihren Gatten in den Büßerwald ziehen. Deshalb ziemt dir, Tochter, dieser Gang zur Askese im Wald nicht. | |||
'''43.22''' Markandeya sprach: Weil Mena sie mit den Worten „U, ma!“ – „O, nicht!“ – vom Gang zur Askese in den Wald abhalten wollte, erhielt die Göttin damals den Namen Uma. | |||
'''43.23''' Die Tochter des Himalaya setzte sich über die Worte ihrer Mutter hinweg und ließ ihren Vater durch ihre beiden Freundinnen von ihrem Vorhaben unterrichten. | |||
'''43.24''' Als der Herr der Berge vom Entschluss seiner Tochter zur Askese erfuhr, gab er seine Zustimmung, wenn auch ohne große Freude. | |||
'''43.25''' Mit der Erlaubnis ihres Vaters ging sie nach Gangavatarana, an den Ort, an dem Shambhu den Liebesgott verbrannt hatte. | |||
'''43.26''' Gangavatarana heißt eine Bergterrasse des Himalaya. Als Kali sie erreichte, sah sie, ganz in Gedanken an Hara versunken, dass er nicht dort war. | |||
'''43.27''' Sie verweilte eine Weile an der Stelle, an der Shambhu früher in tiefer Meditation gesessen hatte, und wurde vom Schmerz der Trennung überwältigt. | |||
'''43.28''' „Ach, Hara!“, rief die Tochter des Berges weinend. Von Sorge und Kummer erfüllt, klagte sie in tiefem Schmerz. | |||
'''43.29''' Eine Weile klagte Kali. Als sie sich an Haras frühere Zuneigung erinnerte, verlor die Lotusäugige das Bewusstsein. | |||
'''43.30''' Nach längerer Zeit überwand sie ihre Ohnmacht durch Standhaftigkeit. Die Tochter des Himalaya weihte sich dort ihren Gelübden. | |||
'''43.31''' Zunächst bestand ihre Regel darin, sich von Früchten zu ernähren. Sie übte die Askese der fünf Feuer, betrachtete Shambhu im Geist und wiederholte seinen Mantra. | |||
'''43.32''' Im Sommer ließ sie in den vier Himmelsrichtungen vier Feuer aus trockenem, für Opfer geeignetem Holz brennen. Die glühende Sonne war das fünfte Feuer. | |||
'''43.33''' Nach dem Feuerritual stand sie, mit Bast bekleidet, zwischen den vier Feuern, die je eine Elle entfernt waren, und blickte auf die Sonnenscheibe. | |||
'''43.34''' Den Sommer verbrachte sie inmitten der Feuer, die kalte Jahreszeit im Wasser. Anfangs nahm sie Früchte zu sich, in der zweiten Stufe nur Wasser. | |||
'''43.35''' In der dritten Stufe ernährte sie sich von Blättern, die von selbst von den Bäumen gefallen waren. Schließlich verzichtete die Tochter des Himalaya auch auf diese. | |||
'''43.36''' Sie nahm das Gelübde völliger Nahrungslosigkeit auf sich und wurde von der Askese erschöpft. Weil die Tochter des Himalaya selbst Blätter als Nahrung aufgegeben hatte, | |||
'''43.37''' nannten die Götter sie auf Erden Aparna, „die ohne Blätter“. So übte sie die Askese der fünf Feuer und das Verweilen im Wasser. | |||
'''43.38''' Im Frühling stand die Tochter des Himalaya auf einem Bein. Den sechssilbigen Mantra wiederholend, vollbrachte sie lange Zeit große Askese. | |||
'''43.39''' In Lumpen und Bast gehüllt, mit verfilztem Haar und abgemagerten Gliedern, blieb sie ganz der Betrachtung hingegeben. Ihre Askese übertraf die der Weisen. | |||
'''43.40''' Shankara selbst beschützte sie bei ihrer hingebungsvollen Askese. Er stärkte sie und bewahrte sie voller Freude vor Gefahren. | |||
'''43.41''' Während Kali so im Büßerwald Askese übte und Maheshvara betrachtete, vergingen dreitausend Jahre. | |||
'''43.42''' Durch seinen Blick und nach göttlicher Fügung wurde die Göttin in diesen Jahrtausenden geläutert und zur Verbindung mit Hara bereit. Die Zahlenform der Vorlage ist hier verderbt und weicht von den dreitausend Jahren in Vers 41 ab. | |||
'''43.43''' Nach Ablauf dieser Jahrtausende verweilte die Schöne an dem Ort, an dem Hara Askese geübt hatte, und dachte nach. Auch hier ist die Zahlenangabe der Vorlage unklar. | |||
'''43.44''' Kali sprach: Weiß Mahadeva denn noch immer nicht, dass ich meine Gelübde halte? Warum hat er mich, die ich so lange Askese übe, noch nicht erhört? | |||
'''43.45''' Ist der Herr des Berges nicht in dieser Welt? Die Götter und die ihn preisenden Weisen nennen Hara doch allwissend und allgegenwärtig. | |||
'''43.46''' Er ist allgegenwärtig, allwissend, das Selbst aller und in jedem Herzen gegenwärtig. Der Gott schenkt alle Wohlfahrt und bringt das Werden aller Wesen hervor. | |||
'''43.47''' Wenn meine Mutter Menaka tugendhaft ist und ich allein den Gott mit dem Stierbanner liebe und keinen anderen, möge Shankara mir gnädig sein! | |||
'''43.48''' Wenn dieser sechssilbige Mantra wahrhaft aus Naradas Mund stammt und ich ihn mit Hingabe wiederholt habe, möge Hara dadurch erfreut sein! | |||
'''43.49''' Wenn ich wahrhaft Askese geübt und Hara wahrhaft verehrt habe, wenn diese Askese Frucht trägt, möge Hara mir dadurch gnädig sein! | |||
'''43.50''' Markandeya sprach: Während sie so in Haras Einsiedelei nachdachte, mit gesenktem Gesicht, ärmlich gekleidet, mit verfilztem Haar und Bastgewand, | |||
'''43.51''' trat ein Brahmane zu ihr, ein enthaltsamer Schüler, der seine Gelübde hielt. Er trug ein schwarzes Antilopenfell, einen Stab und ein Wassergefäß. | |||
'''43.52''' Er strahlte in geistlichem Glanz, war goldhell und von schöner Erscheinung. Sein schlanker Körper war von einer Fülle aufgebundener Haarflechten gekrönt. | |||
'''43.53''' Es war Shambhu, der in Brahmanengestalt zu Kali gekommen war. Zuerst begrüßte er sie. | |||
'''43.54''' Um ihre Liebe selbst zu erkennen und ihre Worte zu hören, stellte der redegewandte Gott der Tochter des Berges mit kunstvollen Worten eine Frage. | |||
'''43.55''' Der Brahmane sprach: Wer bist du, Glückliche, und wessen Tochter? Weshalb übst du im einsamen Wald eine Askese, die selbst beherrschten Weisen schwerfällt? | |||
'''43.56''' Du bist weder ein Kind noch eine Greisin, sondern eine überaus schöne junge Frau. Wie kommt es, dass du ohne Gatten beständig Askese übst? | |||
'''43.57''' Oder bist du, gute Asketin, die Gefährtin eines Büßers, der fortgegangen ist, um Blumen und anderes zu sammeln? | |||
'''43.58''' Erzähle es mir, sofern es kein Geheimnis ist. Wenn gegenwärtig ein Kummer in deinem Herzen wohnt, sprich ihn aus. Ich vermag ihn abzuwehren. | |||
'''43.59''' Als der Brahmane so gesprochen hatte, gab Girija ihrer Freundin mit einem Seitenblick zu verstehen, dass sie ihm antworten solle. | |||
'''43.60''' Ihre Freundin Vijaya blickte auf Girijas Gesicht und erklärte dem Brahmanen wahrheitsgemäß den Sachverhalt. | |||
'''43.61''' Vijaya sprach: Sie ist die Tochter dieses Königs der Berge, bester Brahmane. Die Schöne ist unter den Namen Parvati und Kali bekannt. | |||
'''43.62''' Ohne von jemandem dazu aufgefordert worden zu sein, übt sie strenge Askese, weil sie Shankara mit dem Stierbanner zum geliebten Gatten gewinnen möchte. | |||
'''43.63''' Seit dreitausend Jahren übt die Schöne Askese. Dennoch hat Shankara die Tochter des Berges bisher nicht angenommen. | |||
'''43.64''' Die Götter und die askesereichen Weisen sagen doch, Shankara, der Herr des Berges, sei der allgegenwärtige höchste Herr. | |||
'''43.65''' „Weiß er nichts von ihr, oder befindet er sich nicht auf diesem Berg?“ Dieser Gedanke bedrückt sie heute und lässt sie keine Freude finden. | |||
'''43.66''' Wenn du ihr unaufgefordert aus Mitgefühl Glück schenken willst, dann vereinige sie heute mit Shankara, du treuer Bewahrer deiner Gelübde. | |||
'''43.67''' Als der enthaltsame Brahmane ihre Worte hörte, lächelte er und sprach leichthin zu Parvati. | |||
'''43.68''' Der Brahmane sprach: Eine Begegnung mit mir bleibt nicht ohne Frucht, und ich kann Hara herbeibringen. Doch zunächst will ich dir etwas sagen. Höre meine feste Überzeugung. | |||
'''43.69''' Ich kenne Mahadeva. Höre, was ich über ihn sage: Dieser große Gott mit dem Stierbanner beschmiert sich mit Asche und trägt verfilztes Haar. | |||
'''43.70''' Er trägt ein Tigerfell und hüllt sich in Elefantenhaut. Er hält einen Schädel, und sein ganzer Körper ist von Schlangen umwunden. | |||
'''43.71''' Seine Kehle ist vom Gift verbrannt. Er hat drei sonderbare Augen und wirkt furchterregend. Seine Herkunft ist unbekannt; ein Haus und häusliche Annehmlichkeiten besitzt er nicht. | |||
'''43.72''' Er hat keine Verwandten und Angehörigen und keine geregelte Nahrung. Stets lebt er auf Verbrennungsstätten und meidet geselligen Umgang. | |||
'''43.73''' Ihn umgeben Scharen brüllender, missgestalteter, gefährlicher Geister. Er kennt keine Liebesfreuden und hat weder Frau noch Sohn. | |||
'''43.74''' Aus welchem Grund willst du einen solchen Gatten? Früher habe ich noch eine andere Geschichte über ihn gehört. | |||
'''43.75''' Ich will sie dir erzählen; nimm sie an, wenn du möchtest. Die tugendhafte Sati, Dakshas Tochter, wählte einst den Gott, dessen Reittier der Stier ist, | |||
'''43.76''' nach der Fügung des Schicksals zum Gatten, obwohl er dem Liebesgenuss fernstand. Daksha verstieß Sati als „Frau des Schädelträgers“. | |||
'''43.77''' Auch Shambhu schloss er vom Empfang eines Opferanteils aus. Durch diese Beleidigung wurde Sati so sehr von Kummer überwältigt, | |||
'''43.78''' dass sie ihr geliebtes Leben aufgab und Shankara verließ. Du aber bist ein Juwel unter den Frauen, und dein Vater ist der König aller Berge. | |||
'''43.79''' Warum strebst du mit grausamer Askese nach einem solchen Gatten? Indra, der Herr des Reichtums, der Windgott oder der Herr der Gewässer, | |||
'''43.80''' der Feuergott oder ein anderer Gott, auch einer der Ashvins, der himmlischen Ärzte, ein Vidyadhara, Gandharva, Naga oder Mensch, | |||
'''43.81''' der Schönheit, Jugend und alle guten Eigenschaften besitzt, wohlhabend ist und aus edler Familie stammt: Ein solcher wäre ein würdiger Gatte für dich. | |||
'''43.82''' Mit ihm könntest du ein kostbares, geräumiges Lager teilen, reich mit Edelsteinen geschmückt, mit herrlichen Blumengirlanden versehen und von Räucherwerk wohlriechend, | |||
'''43.83''' weich gepolstert, weit und entzückend, im Innern eines schönen Palastes gelegen und mit feinem Gold verziert. | |||
'''43.84''' Ein Mann, mit dem du ein solches Lager teilst, wäre deiner würdig. Wenn du aber trotz alledem Shankara wünschst, Glückliche, wozu weitere Askese? Ich werde ihn mit dir vereinigen. | |||
'''43.85''' Markandeya sprach: Als Kali dies hörte, antwortete sie dem Brahmanen zornig, doch mit knappen und wahrhaftigen Worten. | |||
'''43.86''' Kali sprach: Du kennst den Gott Hara nicht und behauptest dennoch, ihn zu kennen. Du hast nur beschrieben, was von außen sichtbar ist, Brahmanensohn. | |||
'''43.87''' Nicht einmal Brahma und die anderen Götter samt Indra kennen sein Wesen. Wie solltest du, ein junger Brahmanensohn, Bhava erkennen? | |||
'''43.88''' Du sprichst leichtfertig nach, was du aus dem Mund niedriger Menschen gehört hast. Du hast hier und dort etwas aufgeschnappt, ihn selbst aber nicht erkannt. | |||
'''43.89''' Deshalb wünsche ich von dir weder eine Gabe noch einen Gatten. Rede von etwas anderem! Auch die Vereinigung mit Hara will ich nicht durch dich erlangen. | |||
'''43.90''' Nachdem Girija dies zum Brahmanen gesagt hatte, blickte sie ihre Freundin an. Von Unruhe erfasst, sprach Kali zu ihr. | |||
'''43.91''' Durch tiefe Betrachtung und Askese habe ich Hara hier verehrt. Nun hat dieser Brahmanensohn vor meinen Augen Worte ausgesprochen, die ihn schmähen. | |||
'''43.92''' Diese Verfehlung will ich jetzt durch einen Lobpreis tilgen. Wer die Schmähung großer Seelen anhört oder selbst ausspricht, | |||
'''43.93''' lädt die gleiche Schuld auf sich; so habe ich es einst von meinem Vater gehört. Darum will ich sie tilgen. Halte den jungen Brahmanen zurück! | |||
'''43.94''' Markandeya sprach: Nachdem Kali so zu ihrer Freundin gesprochen hatte, begann sie, im Geist mit Shambhu verbunden, Hara zu preisen, um die Schuld zu tilgen. | |||
'''43.95''' Verehrung dem Shiva, dem Friedvollen, dem Ursprung der drei Ursachen! Dir übergebe ich mich selbst. Du bist meine Zuflucht, höchster Herr. | |||
'''43.96''' Verehrung dir, der Erkenntnis, Glück und Freundschaft gewährt, der frei von weltlicher Vielheit ist und goldene Arme hat! Du bist der ursprüngliche Same Narayanas und des lotusgeborenen Brahma und wirkst zum Wohl der Welt. | |||
'''43.97''' Während sie so pries, bemühte sich der Brahmane erneut, etwas zu sagen. Die Tochter des Berges bemerkte es und sprach zu ihrer Freundin. | |||
'''43.98''' Dieser Brahmane will wieder etwas sagen und schmäht den gewaltigen Hara, ohne ihn zu kennen. Ich kann keine solche Schmähung Haras anhören; sie ist mir unerträglich wie der Tod. | |||
'''43.99''' Bevor ich noch mehr Worte von ihm höre, Freundin, will ich aufstehen und weit fortgehen, meine Liebe. | |||
'''43.100''' Mit diesen Worten erhob sich die Tochter des Himalaya und ging mit ihrer Freundin davon. Entschlossen ließ sie den Brahmanen zurück. | |||
'''43.101''' Da nahm Shambhu seine eigene Gestalt an und folgte lächelnd der Tochter des Himalaya, die ihn verlassen wollte. | |||
'''43.102''' Ich bin Hara, Mahadeva, den du eben gepriesen hast. Wende dich mir zu, Kali! Schenke mir Trost, Shankari! | |||
'''43.103''' Mit diesen Worten trat Mahadeva vor die Fortgehende, breitete beide Arme aus und versperrte Kali den Weg. | |||
'''43.104''' Als sie Shambhus Gesicht sah, senkte die Tochter des Berges unvermittelt den Blick, wie von Blitz und Sturm erschreckt. | |||
'''43.105''' Aus Scheu, Liebe und Scham stand sie wie erstarrt. Obwohl sie sprechen wollte, brachte die Schöne kein Wort hervor. | |||
'''43.106''' Ihr Wunsch war erfüllt. Ihr ganzer Körper schien mit Nektar angefüllt und war von Freude durchdrungen, ihr besten Brahmanen. | |||
'''43.107''' In einem Augenblick vergaß sie alle Qualen ihrer jahrtausendelangen Askese und strahlte vor Glück. Die Jahreszahl ist wie in Vers 42 und 43 unsicher überliefert. | |||
'''43.108''' Als der Gott mit dem Stierbanner sie so sah, wurde er von Liebe überwältigt; auch Kama, der als Asche auf seinem Körper ruhte, verwirrte ihn. | |||
'''43.109''' Von Sehnsucht erfüllt trat er zu ihr und sprach freudig diese zärtlichen Worte. | |||
'''43.110''' Willst du mir gar nichts sagen, Schöne? Denkst du an die Mühsal deiner Askese zurück und bist mir deshalb jetzt böse? | |||
'''43.111''' Auch ich leide ohne dich, Glückliche, seit jener vereinbarten Zeit, da ich zusammen mit dir Askese begann. | |||
'''43.112''' Voller Liebe werde ich mich mit dir verbinden, Geliebte, nachdem du geläutert bist. Die Frist, die ich gesetzt hatte, ist nun vergangen. | |||
'''43.113''' Du bist durch deine Askese vollkommen geläutert. Mit deiner Betrachtung, deiner Mantrawiederholung und deiner strengen Askese hast du mich um einen hohen Preis erkauft. Ich bin dein Diener: Gib mir einen Auftrag! | |||
'''43.114''' Lass mich deinen Körper pflegen, dein verfilztes Haar ordnen, das Bastgewand ablegen und dir ein schönes Gewand anziehen. | |||
'''43.115''' Beauftrage mich rasch, dir Halsketten, Fußreifen, Armspangen, einen Gürtel und anderen Schmuck anzulegen, Glückliche, wenn du einen wie mich liebst. | |||
'''43.116''' Kama, den ich verbrannt habe, liegt als Asche auf meinem Körper. Als wollte er sich rächen, will er mich nun vor deinen Augen verbrennen. | |||
'''43.117''' Rette mich deshalb vor Kama wie vor einem Feuer, Bezaubernde! Schenke mir den Nektar deiner Nähe. Sei mir gewogen, meine Geliebte! | |||
===Kapitel 44=== | |||
'''44.1''' Markandeya sprach: Als Girija Shambhus Worte hörte, freute sie sich sehr. Sie wusste nun, dass sie den schönen Shambhu als geliebten Gatten gewonnen hatte. | |||
'''44.2''' Darauf ließ Kali Shankara durch ihre Freundin antworten. Er lauschte aufmerksam und wollte ihre Worte hören. | |||
'''44.3''' Kali ließ sagen: Edle Menschen handeln nicht, indem sie die geltenden Bindungen verletzen. Shankara möge deshalb nach der rechten Ordnung meine Hand ergreifen. | |||
'''44.4''' Eine Tochter wird von ihrem Vater zur Ehe gegeben, nicht von ihrer Askese. Wenn meine Askese mich ihm zugesprochen hat, wird auch mein Vater mich ihm geben. | |||
'''44.5''' Deshalb möge Hara meinen Vater Himalaya, den Herrn der Berge, um mich bitten und nach dem Hochzeitsritual meine Hand ergreifen. | |||
'''44.6''' Markandeya sprach: Nachdem Kali dies gesagt hatte, schwieg sie voller Scham. Auch Hara erkannte ihre Worte als wahr, richtig und angemessen an. | |||
'''44.7''' Darauf nahm Shambhu mit seinem Gefolge wieder auf der Bergterrasse Gangavatarana Wohnung, wie schon zuvor. | |||
'''44.8''' Kali kehrte, von ihren Freundinnen umgeben, in das Haus ihres Vaters zurück. Schüchtern wagte sie nicht, ihren Eltern und Älteren ins Gesicht zu sehen. | |||
'''44.9''' Unterdessen dachte der Gott mit dem Mond im Haar an die sieben Weisen, Marichi und die anderen, damit sie für ihn um Kali werben sollten. | |||
'''44.10''' Kaum hatte der Feind des Liebesgottes an die sieben Weisen gedacht, da kamen sie zu ihm, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft herbeigezogen. | |||
'''44.11''' Shambhu sah die Weisen wie sieben lodernde Feuer vor sich. An Vasishthas Seite erblickte er die tugendhafte Arundhati. | |||
'''44.12''' Als er Arundhati neben Vasishtha sah, erkannte er, dass auch die Weisen den heiligen Stand der Ehe nicht ablehnten. | |||
'''44.13''' Die Weisen, die sein Gedenken herbeigezogen hatte, verehrten den Gott mit dem Stierbanner und sprachen freudig diese freundlichen Worte. | |||
'''44.14''' Die Weisen sprachen: Was sich hier in reiner Gestalt vor unseren Augen zeigt, mondgleich und mit der Mondsichel geschmückt, ist das innere Bewusstsein, das die Weisen betrachten. Durch glückliche Fügung dürfen wir es schauen. Der Schluss der Strophe ist sprachlich unsicher. | |||
'''44.15''' Shambhus erhabenes Licht, das durch Erkenntnis und Meditation zugänglich ist, steht vor uns. Es leuchtet aus sich selbst, ist stets Gegenstand der Versenkung und erscheint hier in verdichteter äußerer Gestalt, die durch Yoga erreichbar ist. | |||
'''44.16''' Sein Antlitz samt dem Auge zu schauen, ist wie der Anblick der Sonne und gewährt Schutz. Dieser Glanz ist die ewige Stätte aller Wesen, mit Hingabe zu preisen. Verehrung dieser Gestalt Shambhus! | |||
'''44.17''' Der Leuchtende, der von Anfang an erstrahlt, an der linken Seite steht und hier führt, möge uns zur Vollendung gereichen: Durch Haras Kraft wird er an seiner Stirn getragen. Die Bezüge dieser Strophe sind in der Vorlage nicht eindeutig. | |||
'''44.18''' Hara, der das Urprinzip verkörpert, mit Sattva, Rajas und Tamas verbunden und der Purusha aller Welten ist, möge uns gnädig sein! | |||
'''44.19''' Markandeya sprach: Nachdem die Weisen den Herrn der Götter so gepriesen hatten, verneigten sie sich demütig und fragten: Sage uns, weshalb du an uns gedacht hast. | |||
'''44.20''' Shankara hörte ihre Worte, lächelte und antwortete den Weisen, nachdem er jeden einzeln angesprochen hatte. | |||
'''44.21''' Der Herr sprach: Zum Wohl aller Welten, zu meiner eigenen Liebesfreude und zur Mehrung der Nachkommenschaft möchte ich eine Gattin annehmen. | |||
'''44.22''' Helft mir jetzt dabei und bittet den Schneeberg in meinem Namen um Kali. | |||
'''44.23''' Möge Kali durch ihre große Askese bald mich zum Gatten gewinnen. Doch ich will sie nach dem vorgeschriebenen Ritus heiraten. Bittet deshalb den Berg um sie. | |||
'''44.24''' Ihr seid der Rede mächtig. Wirkt mit euren Worten so auf ihn ein, dass der Berg selbst freudig bereit wird, mir Kali zu geben. | |||
'''44.25''' Markandeya sprach: Die Weisen verabschiedeten sich von Hara und gingen zum Haus des Bergkönigs. Er erwies ihnen Ehre; darauf sprachen sie zu ihm. | |||
'''44.26''' Die Weisen sprachen: Der Gott, der den Mond als Krone trägt, der als Gott der Götter gilt, der zu Fluch und Gnade mächtig und der einzige Herr der Welten ist, | |||
'''44.27''' der beim Weltuntergang alle Welten auflöst, seinen Verehrern Wohlergehen schenkt und in vielerlei bezaubernden Gestalten erscheint, | |||
'''44.28''' möchte deine Tochter Kali zur Gattin nehmen. Wenn du ihn für einen würdigen Bräutigam hältst, deiner Tochter ebenbürtig, | |||
'''44.29''' dann gib dem Mondträger deine Tochter Kali, o Berg! Als der Herr der Berge dies hörte, erkannte er darin die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. | |||
'''44.30''' Er wusste, dass dies auch seiner Tochter lieb war, und freute sich über die guten Worte. Offen sprach er: | |||
'''44.31''' Durch euren Besuch, ihr größten Weisen, bin ich geheiligt, und mein Wunsch ist erfüllt. Auf eure Bitte hin werde ich Shambhu meine Tochter geben. | |||
'''44.32''' Sie selbst hat bereits Askese geübt, weil sie den Herrn zum Gatten wünschte. Dies ist die Fügung des Schöpfers. Wer könnte sie ändern wollen? | |||
'''44.33''' Wer außer Hara könnte um meine Tochter werben? Wer sonst dürfte diejenige begehren, die Hara angenommen hat? | |||
'''44.34''' Sie hat Hara in ihr Herz aufgenommen und wünscht keinen anderen. Mit diesen Worten erklärte er sich gemeinsam mit Mena bereit, Shambhu seine Tochter zu geben. | |||
'''44.35''' Dann entließ er die Weisen, und sie kehrten zu Maheshvara zurück. Marichi und die anderen Brahmanen traten zu ihm. | |||
'''44.36''' Sie berichteten dem Feind des Liebesgottes, was der Bergkönig gesagt hatte: Himalaya ist bereit, dir seine Tochter zu geben, Hara. | |||
'''44.37''' Tue nun, was dafür zu tun ist. Erlaube auch uns, Hara, in unsere eigenen Wohnstätten zurückzukehren. | |||
'''44.38''' Als Hara wusste, dass sein Vorhaben gelungen war, freute er sich. Er sprach die Weisen nacheinander mit gebührender Achtung an und entließ sie. | |||
'''44.39''' „Kommt zur Zeit meiner Hochzeit mit Kali wieder zu mir!“ Dies versprachen ihm die Weisen und gingen fort. | |||
'''44.40''' In gegenseitigem Wohlwollen wurden wiederholt Botschaften ausgetauscht. So vereinbarte Hara mit dem Berg den Hochzeitstermin. | |||
'''44.41''' Er fiel auf den fünften Tag der hellen Monatshälfte im Monat Madhava, einen Donnerstag, als der Mond in Uttara Phalguni und die Sonne am Anfang von Bharani stand. | |||
'''44.42''' Als Hara an sie dachte, kamen Marichi und die anderen Weisen wieder dorthin, ebenso Brahma und die übrigen Götter. | |||
'''44.43''' Auch alle Hüter der Himmelsrichtungen, die askesereichen Weisen, Indra mit Shachi und die göttlichen Mütter, Brahmani und die anderen, fanden sich ein. | |||
'''44.44''' Auch Narada, der göttliche Weise und Sohn Brahmas, kam. Inmitten dieser Begleiter und seines eigenen Gefolges, | |||
'''44.45''' das ihn freudig umgab, nahm Hara nach dem Hochzeitsritus die Tochter des Berges zur Gattin. Bei dieser Hochzeit verwandelten sich die acht Schlangen an Shambhus Körper | |||
'''44.46''' in goldgefasste Schmuckstücke. Mahadeva erschien mit zwei Armen, und seine verfilzten Haarsträhnen wurden zu geordnetem Haar. | |||
'''44.47''' Die Mondsichel auf seinem Haupt erstrahlte in flammendem Glanz. | |||
'''44.48''' Das Tigerfell wurde zu einem prachtvollen Gewand, ihr Brahmanen, und sein Ascheüberzug zu duftender Sandelpaste aus dem Malaya-Gebirge. | |||
'''44.49''' Hara erschien dort mit heller Haut in wundersamer Schönheit. Die Götter, Gandharvas, Siddhas, Vidyadharas und Nagas | |||
'''44.50''' gerieten in höchstes Staunen, als sie ihn so sahen. Himalaya freute sich mit seinen Söhnen und Mena. | |||
'''44.51''' Auch seine Verwandten waren von Haras Anblick überwältigt. Als Brahma den bezaubernden Hara sah, verkündete er: | |||
'''44.52''' Da seine schöne Erscheinung allen Segen bringt, ihr Götter, soll er in den Welten unter dem Namen Shiva, „der Segensreiche“, als der überaus Heilvolle bekannt sein. | |||
'''44.53''' Wer Maheshvara in dieser Gestalt, mit Uma vereint, beständig im Herzen erinnert, dem werden Segen und die Erfüllung seiner Wünsche zuteil. | |||
'''44.54''' So erschien Kali, die große Maya, der Yogaschlaf und die Mutter der Welt, zuerst als Dakshas Tochter und danach als Tochter des Berges. | |||
'''44.55''' Obwohl Kali selbst imstande war, Hara zu bezaubern, übte die segensreiche Göttin zum Wohl der Welten strenge Askese. So gewann Kalika den Gott mit dem Mond im Haar für sich. | |||
'''44.56''' Damit habe ich vollständig erzählt, wie Sati ihren Körper aufgab, als Tochter des Himalaya geboren wurde und Maheshvara wiedergewann. | |||
'''44.57''' Wer diese heilige Geschichte Kalikas verkündet, ihr Brahmanen, wird – so verheißt der Text – von seelischen und körperlichen Leiden verschont und erlangt ein langes Leben. | |||
'''44.58''' Sie ist höchst reinigend und mehrt das Wohlergehen. Schon wer sie ein einziges Mal hört, gelangt nach dieser Verheißung in Shivas Welt. | |||
'''44.59''' Wer beim Ahnenopfer Brahmanen diese große Geschichte Kalikas hören lässt, dessen Ahnen erlangen zweifellos endgültige Befreiung. | |||
'''44.60''' Wo jemand sie gesammelt vor Brahmanen vortragen lässt, kommt Hara selbst mit Maya, um zuzuhören. | |||
'''44.61''' Damit habe ich euch diese heilige, alle Verfehlungen tilgende Geschichte erzählt. Wenn euch noch etwas anderes zu hören verlangt, fragt danach, ihr Edlen! | |||
===Kapitel 45=== | |||
'''45.1''' Die Weisen sprachen: Wunderbar hast du, Brahmane, die Vereinigung Kalis mit Hara erzählt: eine heilige, verfehlungstilgende, stets wohltuend anzuhörende Geschichte. | |||
'''45.2''' Erzähle weiter, wie Kali die Hälfte von Sharvas herrlichem Körper annahm, wie sie zu Gauri wurde und welche Gestalt Kalika dabei gewann. | |||
'''45.3''' Aus welchem Grund wurde die dunkle Göttin zur hellen Gauri? Erkläre uns dies wahrheitsgemäß, bester Weiser und vorzüglichster Brahmane. | |||
'''45.4''' Markandeya sprach: Diese große Geschichte will ich euch jetzt erzählen. Hört sie aufmerksam, große Weise; sie ist höchst segensreich. | |||
'''45.5''' Einst fragte König Sagara den Weisen Aurva danach. Wie dieser ihm antwortete, will ich nun euch berichten. | |||
'''45.6''' Einst lebte im Mondgeschlecht ein König namens Sagara. Er war wohlhabend, mächtig, tüchtig und mit dem Sinn aller Lehrschriften vertraut. Die Zuordnung zum Mondgeschlecht steht so in dieser Vorlage. | |||
'''45.7''' Mit einem einzigen Streitwagen besiegte er sämtliche Könige und wurde zum Weltherrscher, ausgestattet mit allen königlichen Tugenden. | |||
'''45.8''' Als der vorzügliche König Sagara seine Herrschaft erlangt hatte, kamen Weise, um ihm ihre besondere Anerkennung zu erweisen. | |||
'''45.9''' Hochherzige Weise und Brahmanen aus den verschiedenen Himmelsrichtungen versammelten sich, um den König zu sehen. Die Richtungsbezeichnungen der Vorlage überschneiden sich. | |||
'''45.10''' Nachdem sie alle eingetroffen waren, kam auch der herrliche Weise Aurva, eine große Seele, leuchtend wie Feuer, um den König zu beglückwünschen. | |||
'''45.11''' Als Sagara den Weisen kommen sah, der wie ein loderndes Feuer strahlte, empfing und verehrte er ihn mit großer Ehrerbietung. | |||
'''45.12''' Er reichte ihm die Ehrengabe, Wasser zum Waschen der Füße und zum Mundspülen und ließ den besten Weisen auf einem ausgezeichneten Sitz Platz nehmen. | |||
'''45.13''' Dann verneigte sich König Sagara gebührend vor dem hochherzigen Brahmanen Aurva und fragte nach seinem Wohlergehen. | |||
'''45.14''' Der beste Weise antwortete: König der Menschen, mir geht es stets und überall gut. Ich wollte dich in deinem Wohlergehen sehen. | |||
'''45.15''' Wer unter allen Königen der Erde könnte glücklicher sein als du, der du allein so rasch sämtliche Herrscher besiegt hast? | |||
'''45.16''' Möge dein Wohlergehen stets wachsen, vorzüglichster König! Regiere die Erde nach kluger Staatsführung und guter Sitte. | |||
'''45.17''' Mit deinem Gedeihen wächst das Gedeihen der Welt. Strebe deshalb nach deinem Fortschritt, wie mit dem zunehmenden Mond auch der Ozean anschwillt. | |||
'''45.18''' Verbinde zuerst dich selbst mit guten Eigenschaften, König. Dann sorge dafür, dass auch deine Gattin, die Königin, mit diesen Eigenschaften ausgestattet ist. | |||
'''45.19''' Eine Frau, die beständig daran teilhat, wird von selbst in diese guten Eigenschaften hineinwachsen und selbst bei großen Anforderungen ihren Gelübden treu bleiben. Der Wortlaut ist nicht ganz sicher. | |||
'''45.20''' Man erzählt, dass Shambhu die Tochter des Himalaya, deren Geist ihm zugewandt war, durch viele verschiedene Handlungen und Mittel anleitete. | |||
'''45.21''' Dann nahm Parvati aus übergroßer Liebe mit Shankaras Zustimmung die Hälfte seines Körpers an. | |||
'''45.22''' Seitdem ist Shankara Ardhanarishvara, der Herr, dessen Hälfte Frau ist, bester König. Er nahm keine andere Gattin an. | |||
'''45.23''' Darum sollst auch du, König, nach dir selbst deine Gattin mit guten Eigenschaften verbinden und anschließend deinen Sohn darin unterweisen. | |||
'''45.24''' Markandeya sprach: Als König Sagara Aurvas Worte hörte, freute er sich. Lächelnd fragte er den Weisen. | |||
'''45.25''' Sagara sprach: Wie nahm die tugendhafte Göttin Girija die Hälfte von Shankaras Körper an, bester Brahmane? Das möchte ich hören. | |||
'''45.26''' Auch möchte ich die mit guter Lebensführung verbundene Lehre hören, nach der man sich selbst, seine Gattin oder seinen Sohn bilden soll. | |||
'''45.27''' Ich bitte dich, Brahmane: Erkläre mir einzeln die Staatsführung der Könige, die Lebensordnung der Guten und die anderer Menschen, die sich selbst beherrschen. | |||
'''45.28''' Wenn dies kein Geheimnis ist, Brahmane, möchte ich es hören. Ich erteile dir keinen Befehl; ich wünsche nur, es zu erfahren. Wenn du es aus Güte mitteilen kannst, dann erzähle es, Weiser. | |||
'''45.29''' Markandeya sprach: Auf diese Worte Sagaras antwortete der beste Brahmane Aurva dem hochherzigen König voller Mitgefühl. | |||
'''45.30''' Aurva sprach: Höre, König! Ich werde dir alles erklären, wonach du gefragt hast: wie die Tochter des Berges einst die Hälfte von Haras Körper annahm, | |||
'''45.31''' welche Regeln du in den jeweiligen Angelegenheiten befolgen sollst und welche gute Lebensführung für alle gilt. Ich werde es der Reihe nach darlegen; höre zu. | |||
'''45.32''' Nachdem der hochherzige Shankara die Tochter des Himalaya geheiratet hatte, verbrachte er dort noch einige Zeit mit Uma. | |||
'''45.33''' Er vergnügte sich lange mit ihr auf Bergterrassen, in Lauben und Höhlen und erfreute Parvati. | |||
'''45.34''' Als die Zeit gekommen war, begab sich Shambhu mit seiner Gattin und seinem Gefolge zum Kailasa, der dem Himmel gleicht. | |||
'''45.35''' Er gab sich dem Spiel mit ihr hin und ließ Meditation und Selbstbetrachtung ruhen. Seine Augen richtete er auf den Mond ihres Gesichts wie Chakora-Vögel, die nach Mondlicht verlangen. | |||
'''45.36''' Manchmal sammelte Shankara Blumen und flocht für Girija eine überaus schöne Girlande, die ihren ganzen Körper umschlang. | |||
'''45.37''' Manchmal betrachtete der Gott mit dem Stierbanner im Spiegel gleichzeitig sein eigenes Gesicht und das Gesicht Aparnas. | |||
'''45.38''' Manchmal zeichnete der Bezwinger des Liebesgottes mit Moschuspaste duftende Blattmuster auf ihre vollen Brüste. | |||
'''45.39''' Mit kostbarer Duftpaste malte er schöne Tilaka-Zeichen auf Ambikas Körper und ihre Stirn, wie Monde zwischen dichten Wolken. | |||
'''45.40''' Auf Umas mit duftendem Harz geglättetes Haar trug er kunstvolle Muster aus Sandelholz, Aloeholz, Moschus und Safran auf. | |||
'''45.41''' Dadurch erstrahlte ihr Haar wie das ausgebreitete Rad eines Pfaus, der zum Tanz ansetzt. | |||
'''45.42''' Der Gott mit dem Stierbanner legte Uma bezaubernde Ohrringe und anderen Schmuck aus reinem Gold an. | |||
'''45.43''' Mit diesem Goldschmuck glänzte Girijas Körper wie eine dunkle Wolkenmasse, die von Blitzen durchzogen wird. | |||
'''45.44''' Mit allen himmlischen Schmuckstücken, mannigfachen Edelsteinen und schönen Gewändern vollständig geschmückt, verkörperte Kali die Schönheit der Urnatur. | |||
'''45.45''' So spielte Shambhu, der Herr der Welt, stets voller Liebe mit seiner geliebten Kali zum Wohl der Welt. | |||
'''45.46''' Kali ist die Mutter der Welten, die große Maya und die Welt selbst, der Yogaschlaf und die Erkenntniskraft der Welt. Sie umfasst Wissen und Nichtwissen. | |||
'''45.47''' Sie ist die Urnatur, die höchste Gestalt, die Schöpfung, Auflösung und Erhaltung bewirkt. Zum Heil der Welten bezauberte die Göttin Shankara und vergnügte sich mit ihm wie das Mondlicht mit dem Mond. | |||
'''45.48''' Eines Tages vergnügte sich der Bezwinger des Liebesgottes freudig mit Uma auf dem Gipfel des Kailasa. Da sah er schöne Apsaras. | |||
'''45.49''' Sie besaßen Schönheit, Jugend und alle glückverheißenden Merkmale. In ihrer Mitte befand sich die bezaubernde himmlische Kurtisane Urvashi. | |||
'''45.50''' Sie alle hatten einen hellen, rötlich schimmernden Teint und trugen reichen Schmuck. Sie vermochten selbst den Geist der Weisen plötzlich völlig zu bezaubern. | |||
'''45.51''' Sie sahen Hara und die schöne Girija, verneigten sich und blieben mit gefalteten Händen vor ihnen stehen, die Köpfe ehrfürchtig gesenkt. | |||
'''45.52''' Da sagte Bharga vor ihren Augen etwas zu Parvati, das sie als unangenehm empfinden sollte. | |||
'''45.53''' Kali, dunkel wie zerriebene Augenschwärze, unterhalte dich doch hier mit Urvashi und den anderen Apsaras, wie Frauen es miteinander tun. | |||
'''45.54''' Als Girija diese Worte hörte, begrüßte sie Urvashi und die anderen Apsaras angemessen und entließ sie wieder. | |||
'''45.55''' Doch weil Bharga sie „Kali, dunkel wie zerriebene Augenschwärze“ genannt hatte, wurde Parvati sogleich zornig. | |||
'''45.56''' Voller Unmut konnte Girija es nicht ertragen, dass der Gott mit der Mondsichel vor den Apsaras so über ihre Hautfarbe gesprochen hatte. | |||
'''45.57''' Zornig verließ sie den Gott mit dem Stier als Reittier und zog sich auf eine verborgene Bergterrasse zurück, um ihren Ärger zu verbergen. | |||
'''45.58''' Von der Trennung beunruhigt, suchte der Stierreiter Parvati. Eine Zeit lang konnte er sie auf dem herrlichen Berg nicht finden. | |||
'''45.59''' Als Parvati selbst erkannte, wie sehr Hara unter der Trennung litt, zeigte sie sich ihm auf der verborgenen Terrasse. | |||
'''45.60''' Shambhu trat zu ihr und sagte wie gebrochen: Weshalb hast du diesen verletzenden Unmut gefasst, geliebte Göttin? | |||
'''45.61''' Eine Verfehlung des Gatten gibt einer Frau Anlass, gekränkt zu sein. Wenn sie ohne solchen Grund schmollt, setzt sie sich dem Tadel aus, Schüchterne. | |||
'''45.62''' Warum bist du also zornig geworden, Lotusgesichtige? Sage es mir rasch, Geliebte! Mein Herz findet keine Ruhe. | |||
'''45.63''' Mit diesen Worten wollte Shankara die Göttin umarmen. Kali hielt ihn zurück und antwortete. | |||
'''45.64''' Hast du mich etwa nie zuvor gesehen, Herr der Wesen, dass du mich vor den Apsaras mit zerriebener Augenschwärze vergleichst? | |||
'''45.65''' Man soll niemanden wegen niedriger Herkunft, fehlenden Lebensunterhalts, mangelnder Schönheit oder Geschicklichkeit, fehlender oder überzähliger Glieder verspotten. | |||
'''45.66''' So hat Brahma einst den Sinn der Veden zusammengefasst. Du aber missachtest diese Lehre und machst mich zum Gegenstand deines Spottes. | |||
'''45.67''' Solange mein Körper nicht goldhell geworden ist, werde ich mich nicht wieder mit dir vereinigen. Das sage ich dir wahrhaftig. | |||
'''45.68''' Ohne einen hellen Körper zu erlangen, werde ich nicht zu dir zurückkehren, Shambhu. Höre meinen festen Entschluss: Ich schwöre es bei meinem eigenen Haupt. | |||
'''45.69''' Mit diesen Worten ging die Göttin vor seinen Augen fort zur herrlichen Terrasse des Himalaya namens Mahakoshiprapata. | |||
'''45.70''' Der allwissende Mahadeva erkannte, was geschehen sollte und welchen Sinn es hatte. Deshalb hielt er Aparna nicht zurück. | |||
'''45.71''' Sie ging dorthin und verehrte, wie schon zuvor im Geist mit Shambhu verbunden, hundert Jahre lang den Gott mit dem Stierbanner. | |||
'''45.72''' Sie hob einen Fuß, stand mit dem linken auf der Erde, wandte sich nach Norden und blieb beständig ohne Nahrung. | |||
'''45.73''' In ein Tigerfell gekleidet, Kopf und Gesicht nach oben gerichtet, verehrte sie den höchsten Shiva, der aus Licht besteht, friedvoll und segenspendend ist. | |||
'''45.74''' Da sie die Wahrheit ihres eigenen Selbst kannte, verehrte sie Hara seinem wahren Wesen nach. Sie betrachtete das Höchste, reglos und im Geist auf die Wahrheit ausgerichtet. | |||
'''45.75''' Weise, die ihr wahres Wesen nicht erkannten, hielten sie für einen Baumstumpf. So vergingen während ihrer Askese hundert Jahre. | |||
'''45.76''' Diese erschienen ihr wie anderen Menschen ein einziges Jahr, bester König. Nach Ablauf der hundert Jahre zeigte sich Shankara, ganz dem Yoga hingegeben, | |||
'''45.77''' der scheuen Göttin schrittweise. Zuerst ließ er sie Brahma schauen, danach Hari, | |||
'''45.78''' dann Shambhus Gestalt und schließlich die Einheit dieser drei: ihr lichtvolles, reines Wesen und ihren Ursprung aller Dinge. | |||
'''45.79''' Danach zeigte Shankara erneut seine Gestalt als Shambhu und ließ sie sich selbst als Yogaschlaf, große Maya, Yogini und Mutter Kalika erkennen. | |||
'''45.80''' Zuerst offenbarte er ihr ihre Gestalt als Urnatur; danach zeigte er ihr schrittweise, wie sie als Parvati erscheint. | |||
'''45.81''' Durch die angesammelte Askese erlangte Parvati rasch Erkenntnis. Mit innerem und äußerem Schauen erkannte sie die Wahrheit, wie sie ist. | |||
'''45.82''' Sie erkannte Shambhu als die gesamte Welt und ebenso sich selbst als die gesamte Welt: Brahma, Vishnu und Hara, aus denen dieses ganze Weltall hervorgeht. | |||
'''45.83''' „Ich bin die gesamte Urnatur, der Yogaschlaf und Sati.“ Nachdem die Göttin dies in der Versenkung erkannt hatte, beendete sie ihre Meditation, öffnete die Augen und sah Shambhu auch vor sich. | |||
'''45.84''' Als sie den Gott Shankara, den Gott der Götter und Gatten Umas, sah, pries sie den Selbstbeherrschten, dem Yoga Hingegebenen, mit liebevollen Worten. | |||
'''45.85''' Parvati sprach: Verehrung dir, Herr der Welten! Verehrung dir, unvergänglicher Keshava! Du stehst jenseits von Urnatur und Purusha und bist die Ursache der drei Ursachen. | |||
'''45.86''' Diese deine Gestalt als Shambhu umfasst Yoga, Verblendung, Zuneigung, Recht und Unrecht. Sie ist Wissen ebenso wie Nichtwissen. | |||
'''45.87''' Du bist das höchste Heil und mit allem Heil verbunden, sichtbar und unsichtbar, Verkörperung des Yoga und weise Erkenntnis. Du bist vollkommener Glaube, die Wahrheit des Purusha, ursprüngliches Licht und die Gestalt des Friedens. Einzelne Verbindungen dieser Strophe sind unsicher. | |||
'''45.88''' Du bist Brahma, Vishnu, Hara und Mahendra, Sonne, Mond, Wind, Feuer und der Herr des Reichtums; du bist der Herr der Gewässer, der Todesgott, der Wächter der Rakshasas und Shesha. Nichts hier ist von dir getrennt. | |||
'''45.89''' Du bist Erde, Himmel und der Weg der Himmelsbewohner, das Unbewegliche und das Bewegliche auf Erden. Du bist Erkenntnis, das zu Erkennende, die in Meditation zugängliche Wahrheit, höher als das Höchste und den anderen in Gestalt offenbar. | |||
'''45.90''' Du bist Purusha, höchstes Selbst und Urnatur, der Höchste, die Überlieferung und das durch Erkenntnis Erreichbare. Du bist Sein und Wirken, von fünffacher Gestalt und durch alles zugänglich. Der Schluss der Strophe ist verderbt. | |||
'''45.91''' Du bist Ruhm, der zu Rühmende, der zu Preisende und sein Lob, der Sehende und das Gesehene, Träger der Festigkeit und das Feste, ewig und vergänglich, freie Vereinigung und Trennung, Geben und Nehmen, Entzweiung und Versöhnung. | |||
'''45.92''' Du bist Führung und der zu Führende, der Geweihte und die Opfergabe, der innerste Kern, der Ordnende und das Geordnete, edel und unedel, gestaltet und gestaltlos, himmlisch und göttlich, menschlich und nichtmenschlich. | |||
'''45.93''' Du bist das Geschaffene und der Schöpfer, der Bewahrer und das Bewahrte, der Erkennende und das zu Erkennende, frei von Wogen und selbst die Woge, Wissen, Nichtwissen und die Lehre der Veden, Gestalt und Gestaltlosigkeit, Strenge und Milde in einem. | |||
'''45.94''' Du bist Sein und Nichtsein, Schönheit und reine Gestalt, immerwährende Selbstbeherrschung und die tiefe Ruhe der Weisen, Zweiheit und Nichtzweiheit, Allgegenwart und ihr Gegenteil, Verwirrung und Klarheit, Vollendung und ihr Gewährer. | |||
'''45.95''' Du weilst in Einem und behütest alles. Du hast einen schönen Körper und bist körperlos; du bist der eine Körper der Götter. Du bist grob und fein, unwandelbar und verkörpert. Du bist das Selbst des Alls; nichts ist von dir getrennt. | |||
'''45.96''' Tun und Nichttun sind gleichermaßen deine Gestalten, ebenso das Durchdrungene und das Nichtdurchdrungene. Du bist ungeteilt und übervoll. Deine ewige Gestalt ruht in Yoga und Erkenntnis. Dir, dem Spender des Glücks, gilt meine Verehrung. | |||
'''45.97''' Du bist der Schöpfer auch von Urnatur und Purusha, der zeitgestaltige Purusha und höchste Herr. Ich verneige mich vor dir, dem gewaltigen, gabenreichen und erwählenswerten Gott, der die Ordnung des Bewusstseins entfaltet. | |||
'''45.98''' Du bist unzerstörbar, unvergänglich, der Zeuge, der Kenner und Träger des Feldes. Verehrung dir, Selbst des Alls, Maheshvara mit dem Stierbanner! | |||
'''45.99''' Der Mond deines Bewusstseins lässt unablässig den Nektar der Erkenntnis strömen. Du bist die eine zu erkennende Gestalt, durch Hingabe zugänglich. Verehrung dir! | |||
'''45.100''' Aurva sprach: So gepriesen, antwortete Mahadeva, der mit allen Wesen Mitgefühl hat, mit freundlichem Gesicht und erfreute Parvati. | |||
'''45.101''' Der Herr sprach: Ich bin zufrieden, Göttin. Heil sei dir! Wähle die Gabe, die du wünschst. Durch deine Askese hast du mich, Brahma und Hari gestärkt. | |||
'''45.102''' Niemand gleicht dir an Askese, Lebensführung und Tugend. Ohne dich finde ich keine Erfüllung, Geliebte. Lass geschehen, was du wünschst. | |||
'''45.103''' Aurva sprach: Da antwortete die Tochter des Himalaya, von Maya beeinflusst: Mein Körper möge jetzt die helle Farbe reinen Goldes erhalten. Und du, Hara, sollst außer mir keine andere Geliebte haben. Die Sprecherüberschriften stehen in der Vorlage unregelmäßig. | |||
'''45.104''' Als Parvati dies gesagt hatte, ließ Mahadeva die Schöne in den Fluten der himmlischen Ganga untertauchen. | |||
'''45.105''' Sie tauchte ein und stieg blitzhell wieder empor. Inmitten des klaren Wassers erschien die Göttin wie ein Blitz in einer Herbstwolke. | |||
'''45.106''' Der Herr sprach: Shambhu gab ihr sogleich sein Versprechen: Außer dir werde ich keine andere annehmen, Geliebte, nicht einmal in Gedanken. Das sage ich dir wahrhaftig. | |||
'''45.107''' Aurva sprach: Parvati stieg freudig aus dem Wasser. Von den Mühen der Askese befreit, strahlte sie wie das Licht des Mondes. | |||
'''45.108''' Dann nahm der Gott mit dem Stierbanner die Göttin Parvati mit sich und begab sich rasch zum Berg Kailasa, seiner eigenen Wohnstätte. | |||
'''45.109''' Dort pflegte und schmückte Hara die Göttin und erfreute sie wie zuvor durch Scherze, Lachen und Gespräche. | |||
'''45.110''' Auch sie freute sich sehr: Ihr Körper war goldhell, ihre Erscheinung bezaubernd, und Shambhu hatte das erbetene Versprechen gegeben. | |||
'''45.111''' Während die beiden Segensreichen sich so aneinander erfreuten, verging auf dem herrlichen Kailasa lange Zeit. | |||
'''45.112''' Eines Tages saß die Tochter des Himalaya neben Mahadeva und sah ihr eigenes Spiegelbild auf seiner Brust. | |||
'''45.113''' Shambhus schöne Brust war rein und durchsichtig wie Kristall, wie der Spiegel der Erkenntnis eines Yogin. Darin spiegelte sich ihre schöne Gestalt. | |||
'''45.114''' Auf seiner bezaubernden linken Seite sah die Tochter des Berges ihr eigenes Abbild als schöne Frau mit lächelndem Gesicht. | |||
'''45.115''' Durch einen Irrtum ihres Blicks dachte Parvati: Hat der Herr des Berges trotz seines Versprechens eine andere Frau angenommen? | |||
'''45.116''' Hat er sie durch Zauberkraft in seinen Körper versetzt, von wo aus sie mich schief ansieht? Ihr Gesicht verfinsterte sich, die Brauen zogen sich zusammen; auch der Stierbannerträger erschien verdüstert wie unter einem Unheilszeichen. Der letzte Vergleich ist unsicher. | |||
'''45.117''' Vom Trug Vishnus verwirrt, zog sie sich, nachdem sie das Spiegelbild gesehen hatte, aus gekränktem Stolz und Zorn auf einen verborgenen Berggipfel zurück. | |||
'''45.118''' Shankara suchte sie, von der Trennung bedrückt. Nach langer Zeit fand er die versteckte Göttin. | |||
'''45.119''' Er trat zu seiner Geliebten, deren Gesicht seine Farbe verloren hatte, und sprach zu ihr, um den wahren Grund ihres Zorns zu erfahren. | |||
'''45.120''' Der Herr sprach: Warum bist du mir böse, Schöne und Zornige? Ich möchte den Grund deines Ärgers erfahren, Geliebte. | |||
'''45.121''' Weder mit Worten noch in Gedanken oder durch meinen Körper habe ich mich an dir vergangen. Wie kannst du da zornig sein, Schöne? | |||
'''45.122''' Die Göttin sprach: Früher habe ich dich um ein bestimmtes Versprechen gebeten. Warum gibst du es auf und begehrst eine andere Gattin? | |||
'''45.123''' Mit eigenen Augen habe ich in deiner Brust eine schöne Frau gesehen, Hara, dort, wo das Wasser die Asche fortgespült hatte. | |||
'''45.124''' Du bist ganz Erkenntnis, allgegenwärtig und der höchste Herr. Durch meine vielfache Askese habe ich dich zu erfreuen gesucht, doch du bist nicht zufrieden, Maheshvara. | |||
'''45.125''' Darum will ich fortgehen und für immer Askese üben. Erlaube es mir, Shambhu, und halte mich nicht vergeblich auf. | |||
'''45.126''' Aurva sprach: Als Shankara ihre Worte hörte, breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. Er antwortete der zweifelnden Parvati. | |||
'''45.127''' Der Herr sprach: Ich habe keine andere Frau geheiratet und mein Versprechen nicht gebrochen. Aus Verwirrung ist jetzt eine falsche Vorstellung in dir entstanden, Unschuldige. | |||
'''45.128''' Wenn du die Ursache erfahren willst, Parvati, werde ich dir die Wahrheit erklären. Sei nicht gekränkt, du Stolze. | |||
'''45.129''' Auf meiner breiten Brust, die rein wie ein Spiegel glänzt, hast du das Abbild deines eigenen Körpers gesehen. | |||
'''45.130''' Erkenne es jetzt selbst: Ohne dich ist sie nicht in mir. Du sollst deshalb nicht schmollen, die du in meinem Herzen wohnst. | |||
'''45.131''' Die Göttin sprach: Wenn ich hier bin, ist das Bild vorhanden; ohne mich ist es nicht da. Wie kann ich das erkennen? Sage es mir, Stierbannerträger. | |||
'''45.132''' Der Herr sprach: Stelle dich hinter das Gitter eines Fensters, Bezaubernde, und blicke hindurch auf meine Brust, nachdem das Wasser ihren Ascheüberzug fortgespült hat. | |||
'''45.133''' Betrachte dann deinen geschmückten Körper im Spiegel, tritt an meine Brust heran und sieh dort das gleiche Abbild. | |||
'''45.134''' Was du an deinem Körper beobachtest, führe hier vor mir aus und betrachte dabei dein eigenes Spiegelbild. Ohne dich wird es nicht vorhanden sein. | |||
'''45.135''' So wirst du selbst das Abbild auf meiner schönen Brust erkennen. Wenn du es erkannt hast, wirst du deinen Unmut aufgeben und wieder zu mir kommen. | |||
'''45.136''' Aurva sprach: Auf Haras Worte hin wusch Parvati die Brust des Gottes mit der Mondsichel mit Wasser ab und sah erneut ihr eigenes Spiegelbild darin. | |||
'''45.137''' Sie betrachtete ihr Gesicht und ihren Körper im Spiegel und blickte dann wieder auf Shankaras Brust. | |||
'''45.138''' Welche Miene oder Augenbewegung die Göttin auch machte, das Spiegelbild machte sie ebenfalls; ebenso folgte es jedem Bewegen ihrer Hand. | |||
'''45.139''' Dann stellte sich die Tochter des Himalaya erneut hinter das Fenstergitter und betrachtete Shambhus von Asche befreite Brust. | |||
'''45.140''' Parvati sah dort keine Frau, sondern das Muster des Gitters, das sich auf der Brust des Stierbannerträgers spiegelte. | |||
'''45.141''' Durch diese und andere Versuche wurden alle Zweifel der Göttin beseitigt. Da schämte sich die Schöne. | |||
'''45.142''' Shambhu umarmte die beschämte Tochter des Berges, die etwas ängstlich den Blick senkte, mit beiden Armen und küsste ihr Gesicht. | |||
'''45.143''' Mahadeva sprach ihr immer wieder Trost zu: Schäme dich nicht, Glückliche! Wem unterläuft kein Irrtum? | |||
'''45.144''' Schöne Frauen dürfen gekränkt sein, denn dies kann die Liebe steigern. Doch auch du, Göttin, solltest nur gelegentlich schmollen, nicht ständig. | |||
'''45.145''' So vom Gott der Götter angesprochen, antwortete Ambika, Mainakas Schwester, Shankara voller Liebe mit freundlichen, süßen Worten. | |||
'''45.146''' Die Göttin sprach: Sorge dafür, Hara, dass ich dir in unserer Gemeinschaft immer wie dein Schatten folgen kann. | |||
'''45.147''' Ich wünsche mir die Berührung deines ganzen Körpers, die Freude einer ununterbrochenen Umarmung. Wenn du es vermagst, lass es geschehen. | |||
'''45.148''' Der Erhabene sprach: Auch mir gefällt, was du dir wünschst, Schöne. Ich werde dir ein Mittel nennen; wenn du es vermagst, führe es aus. | |||
'''45.149''' Nimm die Hälfte meines Körpers an, Bezaubernde. Eine Hälfte von mir sei Frau, die andere Mann. | |||
'''45.150''' Wenn du selbst eine solche Teilung ermöglichen kannst, werde ich die Hälfte deines Körpers annehmen, Schönangesichtige. | |||
'''45.151''' Dann sei auch von dir die eine Hälfte Frau und die andere Mann. Ich habe die Macht dazu; gib mir deine Zustimmung. | |||
'''45.152''' Die Göttin sprach: Ich will die Hälfte deines Körpers annehmen, Stierbannerträger. Dabei wünsche ich mir aber Folgendes, wenn du es erfüllen willst. | |||
'''45.153''' Ich möchte so lange als deine Hälfte bestehen, wie ich es wünsche. Wenn ich deine Hälfte wieder verlasse, sollen wir beide wieder vollständig sein. | |||
'''45.154''' Wenn diese Annahme einer Körperhälfte nach meinem Wunsch möglich ist, dann will ich die Hälfte deines Körpers annehmen, Shambhu. | |||
'''45.155''' Der Herr sprach: So soll es sein. Du kannst jederzeit die Hälfte meines Körpers annehmen und diese Verbindung nach deinem Wunsch wieder lösen. | |||
'''45.156''' Aurva sprach: Da betrachtete Gauri im Geist ihre eigene Gestalt als Yogaschlaf, die sie während ihrer früheren Askese erfahren hatte. | |||
'''45.157''' Zuerst verneigte sie sich vor Hara, danach vor Brahma und dann vor Hari, dem Herrn Narayana, dem Gebieter der drei Welten. | |||
'''45.158''' Die das All verkörpernde Asketin betrachtete ihre Einheit und sich selbst als Yogaschlaf. | |||
'''45.159''' Voller Liebe verband sie die rechte Hälfte ihres eigenen Körpers mit der linken Hälfte des Körpers des Mondträgers. Die Satzform der Vorlage ist an dieser Stelle beschädigt. | |||
'''45.160''' Auch Hara fügte aus Liebe seine Körperhälfte in Gauris Körper ein, um ihr diesen wunderbaren Wunsch zu erfüllen. | |||
'''45.161''' Nachdem Bharga lange so mit Kali vereint geblieben war, löste er die Verbindung der Körperhälften und erstrahlte wieder gesondert. | |||
'''45.162''' Kali war goldhell geworden und hatte die Hälfte von Shankaras Körper erlangt. Die das All verkörpernde Göttin war von Freude erfüllt und ganz zufrieden. | |||
'''45.163''' Wenn die höchste Herrin in vertrauter Zurückgezogenheit seine Körperhälfte annimmt, erstrahlt sie in außerordentlicher Schönheit. | |||
'''45.164''' Die eine Hälfte des Hauptes trägt einen geordneten Haarknoten, die andere einen Knoten verfilzter Haare. An einem Ohr befindet sich eine Schlange, | |||
'''45.165''' am anderen glänzt ein goldener Ohrring. Ein Auge gleicht dem einer Gazelle, das andere dem eines Stieres. | |||
'''45.166''' Die eine Hälfte hat eine kräftige Nase, die andere eine schöne Nase wie eine Sesamblüte. Die eine trägt einen langen Bart, die andere ist bartlos. | |||
'''45.167''' Auf einer Seite zeigen sich schöne, rötlich schimmernde Zähne und rote Lippen; auf der anderen große, weiße, lang geformte Zähne. | |||
'''45.168''' Die eine Hälfte des Halses ist blau, die andere trägt eine Halskette. Ein Arm ist mit Armreifen und Oberarmspangen geschmückt, | |||
'''45.169''' der andere mit einer Schlange als Armspange; er ist kräftig und ohne Hautfalten. Auf der einen Seite ist der Arm schön und beweglich, auf der anderen gleicht er einem Elefantenrüssel. | |||
'''45.170''' An der einen Hand befindet sich ein als Somika bezeichnetes Schmuckstück, an der anderen fehlt es. Die Brust trägt nur eine weibliche Brust und auf ihrer anderen Hälfte einen Haarstreifen. Die Bezeichnung des Handschmucks ist unklar. | |||
'''45.171''' Die eine Seite hat einen Schenkel wie der Stamm einer Bananenpflanze, eine schöne Ferse und einen weichen Fuß. Die andere hat einen kräftigen, festen Schenkel und einen entsprechend kräftigen Fuß. | |||
'''45.172''' Die eine Hälfte besitzt eine schöne, weiche, volle Hüfte; die andere eine feste Taille und einen kräftigen Übergang zum Bein. | |||
'''45.173''' Die eine Seite ist mit Tigerfell bekleidet und mit Asche bestrichen, die andere trägt weiche Seide und ist mit Sandelholz gesalbt. | |||
'''45.174''' So besitzt die eine Hälfte alle weiblichen Merkmale, während die andere die kraftvolle, ausgeprägte Gestalt eines Mannes zeigt. | |||
'''45.175''' So nahm die tugendhafte Girija, Kalika, die zuvor einer dunklen Wolke glich, zum Wohl aller Welten die Hälfte des Körpers des Liebesgottbezwingers an. | |||
'''45.176''' König, für ihren mit Haras Körperhälfte vereinten Leib lässt sich selbst bei einer Suche in allen drei Welten kein angemessener Vergleich finden. | |||
'''45.177''' Auch ein strahlender Santanaka- oder Parijata-Baum, den eine üppige Ranke umschlingt, erreicht diese Schönheit nicht. Einzelne Wörter des Vergleichs sind unsicher überliefert. | |||
'''45.178''' Auf vielerlei Weise vergnügten sich die beiden auch in getrennten Gestalten, Herr der Menschen. Bisweilen spielte er in der Gestalt Ardhanarishvaras. | |||
'''45.179''' Obwohl der Herr der Wesen, der Ursprung der Ursache aller Wesen, selbst imstande war, Kalika unmittelbar zu Gauri zu machen, | |||
'''45.180''' führte er die Tochter des Berges zunächst durch verschiedene Handlungen und Mittel zur Askese. | |||
'''45.181''' Erst nachdem ihr ganzer Körper durch Askese geläutert war, machte er sie zu Gauri. Dann schenkte Maheshvara ihr auch die Hälfte seines Körpers. | |||
'''45.182''' Indra und die übrigen Götter kennen die tiefere Wahrheit weder dieser Hingabe seiner Körperhälfte noch der Führung zur Askese. | |||
'''45.183''' Diese Wahrheit kennen die hochherzigen, mächtigen Nandi, Bhringi, Mahakala, Vetala und Bhairava. | |||
'''45.184''' Sie sind Glieder Maheshas, furchtlos und reich an Askese. Aus menschlichen Körpern heraus haben sie durch die Kraft ihrer Askese | |||
'''45.185''' die Herrschaft über die Scharen erlangt. Sie kennen den höchsten Hara. So sollst auch du stets die dir Anvertrauten anleiten, bester König, | |||
'''45.186''' und deine Gattin durch gute Handlungen fördern; dann wirst du Heil erlangen. Wer diese wunderbare, verdienstvolle Erzählung beständig hört, | |||
'''45.187''' wie die beiden Segensreichen einander erfreuten, wie sie ihre Körperhälften vereinten und wie Kalika auf segensreiche Weise zu Gauri wurde, | |||
'''45.188''' dem entstehen nach der Verheißung des Textes keine Hindernisse. Er gilt als überaus verdienstvoll, lebt lange und glücklich und ist von Kindern und Enkeln umgeben. | |||
'''45.189''' Wer diese große Geschichte der beiden Segensreichen immer wieder hört, gelangt in Shivas Welt und bleibt Shiva lange lieb. | |||
===Kapitel 46=== | |||
'''46.1''' Sagara sprach: Wer war jener Bhairava, und wer wurde Vetala genannt? Wie wurden die beiden mit menschlichen Körpern zu Herren der Scharen? | |||
'''46.2''' Erzähle mir dies, vorzüglicher Brahmane und großer Weiser. Nandi, den Gefährten des Mondträgers, kenne ich. | |||
'''46.3''' Wie er zum Oberhaupt der Scharen wurde, habe ich aus Naradas Mund gehört. Ebenso sind Bhringi und Mahakala als Söhne Haras bekannt. | |||
'''46.4''' Wie diese beiden entstanden, möchte ich von dir hören. Von Mahadeva in seiner früheren Gestalt als Sharabha | |||
'''46.5''' habe ich bereits gehört, dass ein Teil seines Körpers Mahabhairava hieß. Ist dies derselbe Bhairava oder ein anderer, bester Brahmane? | |||
'''46.6''' Ich möchte all dies genau wissen. Als wessen Söhne wurden sie geboren, bevor sie Herren der Scharen wurden? Erzähle auch, weshalb ihre Gesichter denen von Affen gleichen. | |||
'''46.7''' Aurva sprach: Höre, König! Ich werde dir die Geschichte Mahakalas, Bhringis, Bhairavas und des hochherzigen Vetala erzählen. | |||
'''46.8''' Bhringi, Haras Sohn, und Mahakala, der ebenfalls von Bharga stammt, wurden durch Gauris Fluch in menschlichem Schoß geboren. | |||
'''46.9''' Auf Erden erschienen sie in einem Königshaus als Vetala und Bhairava. Höre zunächst, wie Bhringi und Mahakala ursprünglich entstanden. | |||
'''46.10''' Der Mahabhairava genannte Körper Haras in Sharabha-Gestalt ist davon verschieden. Dieser Bhairava hier ist Haras Sohn und ein Oberhaupt der Scharen. | |||
'''46.11''' Nachdem der hochherzige Bharga die Tochter des Himalaya geheiratet hatte, baten die Götter unter Indras Führung Shambhu mit Lobpreis und Verneigungen um einen Nachkommen, der Taraka töten sollte. | |||
'''46.12''' Auf die Bitte der Götterscharen begann der erhabene Stierbannerträger mit Uma eine lang anhaltende geschlechtliche Vereinigung, um Nachkommenschaft zu zeugen. | |||
'''46.13''' Während dieser Vereinigung vergingen für den Mondträger zweiunddreißig Jahre wie ein Augenblick, König. | |||
'''46.14''' Maheshvara fand in dieser großen Vereinigung noch keine Erfüllung. Seine Zeugungskraft war noch nicht ausgeflossen, und auch Parvati war nicht gesättigt. | |||
'''46.15''' Während ihrer mächtigen Vereinigung bebte die Erde heftig. Alle Götter und die übrigen Himmelsbewohner wurden beunruhigt. | |||
'''46.16''' Die ganze Welt geriet durch die anhaltende Vereinigung der beiden Segensreichen in Aufruhr. Die Formulierung zum Fortgang der Vereinigung ist in der Vorlage unsicher. | |||
'''46.17''' Da suchten die Götter samt Indra, von Shankaras Liebesspiel erschreckt, Zuflucht bei Brahma, dem Herrn der Welten. | |||
'''46.18''' Die vorzüglichsten Götter versammelten sich, verneigten sich vor dem Schöpfer und berichteten von der allgemeinen Erschütterung durch Haras Vereinigung. | |||
'''46.19''' Darauf ließ Indra die Götterscharen hinter sich stehen, trat vor und sprach aus seiner augenblicklichen Furcht zum Schöpfer. | |||
'''46.20''' Indra sprach: Alle Welten sind durch Haras Vereinigung beunruhigt. Von großer Angst erfasst, bin ich zu dir gekommen, um Zuflucht zu suchen. | |||
'''46.21''' Der Sohn, der aus einer solchen Vereinigung Shankaras mit Uma hervorgeht, wird mich überwältigen, Brahma. | |||
'''46.22''' Schon der Anblick dieses Geschehens und die Aussicht auf den daraus geborenen Sohn machen mir jetzt noch größere Angst als Taraka. | |||
'''46.23''' Handle deshalb so, dass sein Sohn mich und die Götter nicht bedrängt. Rette uns mit Sorgfalt aus dieser großen Gefahr. | |||
'''46.24''' Brahma sprach: Wenn aus Shankaras Zeugungskraft in Uma ein Sohn entsteht, werden ihm sämtliche Welthüter, Götter und Asuras samt Indra nichts anhaben können. | |||
'''46.25''' Darum werde ich mit den Göttern zu Hara gehen und dafür sorgen, dass er keinen Sohn in Uma zeugt. | |||
'''46.26''' Zugleich werde ich bewirken, dass Taraka dennoch durch Haras Kraft vernichtet wird. Deine innere Unruhe soll schwinden. | |||
'''46.27''' Aurva sprach: Mit diesen Worten begab sich Prajapati zusammen mit den Götterscharen zum Kailasa, wo der Herr des Berges sich innig mit der Bergestochter vereinte. | |||
'''46.28''' Dort pries Brahma, der Großvater der Welt, gemeinsam mit allen Göttern Mahadeva, den Gott mit dem Stierbanner. | |||
'''46.29''' Die Götter sprachen: Weder Rati noch Kama, der aus deinem Geist hervorgeht, sind die Ursache deiner Freude. Deine Geburt hat keine Ursache. Dir gilt wieder und wieder unsere Verehrung. | |||
'''46.39a''' Dem Dreiäugigen, der allein zum Wohl der Welt eine Gattin angenommen hat, gilt unsere Verehrung. Dieser Shiva möge uns gnädig sein! Die Vorlage trägt hier die Nummer 39 statt 30. | |||
'''46.31''' Vor dir, Hara, verneigen wir uns: Liebesstimmung und die anderen Regungen treten durch deine eigene Kraft in dich ein, ohne dass der Liebesgott dazu nötig wäre. | |||
'''46.32''' Du besitzt goldenen Samen, goldenen Glanz und goldene Arme. Du Gott, der Schöpfung und Auflösung bewirkt, mögest uns stets gewogen sein. | |||
'''46.33''' Die allumfassende Yogaschlaf-Göttin, die mächtige Maya Vishnus, ist selbst deine Gattin geworden. Dir gilt wieder und wieder unsere Verehrung. | |||
'''46.34''' Deine fünf Häupter, aus den fünf Elementen bestehend, erstrahlen. Vor dir, dem fünfgesichtigen Gott, verneigen wir uns mit Hingabe. | |||
'''46.35''' Heute verehren wir dich als Sadyojata, Aghora, Vamadeva, Umas Gatten, Ishana und denjenigen, den man Tatpurusha nennt. | |||
'''46.36''' Du bringst den Übeltätern Unheil und den Hingebungsvollen Heil. Verehrung dir, Shiva, dessen Gestalt Heil und Unheil umfasst. | |||
'''46.37''' In deinen drei bekannten Gestalten als Brahma, Vishnu und Shambhu bewirkst du stets Schöpfung, Erhaltung und Auflösung der Welten. Wir verehren dich, Shiva, den vieläugigen Herrn des Heils. Der Anfang mehrerer Wörter ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''46.38a''' Du trägst Dreizack, Schädelstab und Mond, führst das Stierbanner, bist voller Kraft und besitzt fünf Gestalten. Vor dir, der wie Feuer erstrahlt, verneigen wir uns wieder und wieder, Shankara. | |||
'''46.39b''' Du strahlst im Glanz Brahmans, trägst Schlangen, vernichtest die Daityas, bist Beherrscher und Kämpfer und frei von weltlicher Geburt. Du Unendlicher, stets Erhabener und Ursprünglicher, sei uns durch dieses Lob gewogen. Einige Wörter der Strophe sind verstümmelt. | |||
'''46.40''' Du bist die Gestalt des höchsten Brahman, ewig frei und eins, die Gestalt des höchsten Lichts, beständig und unendlich. Du Höchster, im eigenen Selbst Ruhender, Herr des Berges in Bhargas Gestalt, mögest uns Wohlergehen bringen. Die Versanfänge sind beschädigt. | |||
'''46.41''' Wir verehren Umas Gatten, den Träger großer Maya, Mahadeva, den Herrn der Welt, Shiva, den friedvollen Spender des Heils. Er möge uns gnädig sein. | |||
'''46.42''' Aurva sprach: So von Indra und den anderen Göttern gepriesen, löste Mahadeva die Vereinigung mit Uma und trat zu den Himmelsbewohnern. | |||
'''46.43''' Er erschien vor Brahma und den anderen noch in demselben Zustand, in dem er sich der großen Vereinigung hingegeben hatte. | |||
'''46.44''' Der Herr sprach: Mahadeva fragte die Götter gleichsam ungeduldig: Weshalb seid ihr gekommen? Sagt es mir, Unsterbliche! | |||
'''46.45''' Die Götter sprachen: Alle Götter, Brahma und Indra voran, antworteten: Durch deine große Vereinigung ist die ganze Welt erschüttert, Bharga. | |||
'''46.46''' Die Erde mit ihren Bergen, Wäldern und Hainen bebt heftig. Alle Ozeane, Ströme und Flüsse sind aufgewühlt, Shankara. | |||
'''46.47''' Auch sämtliche Götter und Hüter der Himmelsrichtungen finden keine Ruhe. Habe deshalb mit allen Erbarmen, Herr sämtlicher Welten. | |||
'''46.48''' Beende diese große Vereinigung und beschränke dich auf das Liebesspiel. Aurva sprach: Als Shankara die Worte des erhabenen Brahma hörte, antwortete er ohne große Freude. | |||
'''46.49''' Der Herr sprach: Dieses Vorhaben dient eurem Wohl, vorzügliche Unsterbliche. Wenn ich die große Vereinigung beende und mich auf das Liebesspiel beschränke, wird Uma keinen Sohn bekommen. Darauf zielt euer Bemühen. | |||
'''46.50''' Ein Sohn, der aus meiner Zeugungskraft in Umas Körper entsteht, würde die Feinde töten und die Götter stärken. | |||
'''46.51''' Da ihr euch so sehr vor meiner großen Vereinigung fürchtet, kehrt in eure jeweiligen Wohnstätten zurück. Ich werde darüber nachdenken. | |||
'''46.52''' Die Götter sprachen: Sorge dafür, Hara, Herr der Welt, dass kein Sohn aus Umas Körper geboren wird. Beende diese große Vereinigung. | |||
'''46.53''' Der Herr sprach: Durch bloßes Liebesspiel wird in Uma kein Sohn von mir entstehen. Wenn ich die große Vereinigung aufgebe, wird Parvati kinderlos bleiben. | |||
'''46.54''' Auf die Worte der Götter und Brahmas hin will ich sie dennoch beenden. Doch eines müsst ihr tun, Unsterbliche. | |||
'''46.55''' Bringt mir einen kraftvollen Gott, der meine durch die große Vereinigung hervorgetretene Zeugungskraft aufnehmen kann. | |||
'''46.56''' Sagt mir, ihr Götter, wer sie ohne Erschütterung und Veränderung aufnehmen kann. Dann werde ich die Kraft aus meinem Körper entlassen. | |||
'''46.57''' Aurva sprach: Als die Götter unter Brahmas Führung die Worte des Stierbannerträgers hörten, dachten sie an den Feuergott als Empfänger von Haras Zeugungskraft. | |||
'''46.58''' Sie berieten sich mit Brahma und gewannen Agnis Zustimmung. Dann sprachen alle Götterscharen samt Indra zu Hara. | |||
'''46.59''' Die Götter sprachen: Hier ist Vaishvanara, der herrliche, mächtige Gott, der aus großer Glut besteht. Er wird deine Zeugungskraft, den Samen dieser großen Vereinigung, aufnehmen. | |||
'''46.60''' Aurva sprach: Mit diesen Worten wiesen die Götter Shambhu, dem Ursprung aller Dinge, auf den vor ihm stehenden Feuergott hin. | |||
'''46.61''' Darauf entließ der Starkarmige seinen als sechsfach beschriebenen Samen, die Frucht der großen Vereinigung, in den geöffneten Mund des Feuers. | |||
'''46.62''' Als die Zeugungskraft des Mondträgers in Agni strömte, fielen zwei winzig kleine Tropfen auf die Bergterrasse. | |||
'''46.63''' Aus diesen beiden Teilchen entstanden sogleich zwei Söhne Shankaras. Der eine war schwarz wie eine Biene, der andere wie zerriebene Augenschwärze. | |||
'''46.64''' Brahma, der Träger der Welt, gab dem bienenfarbenen den Namen Bhringi und dem ganz tiefschwarzen den Namen Mahakala. | |||
'''46.65''' Shankara ließ sie durch die Pramatha-Scharen aufziehen; auch Aparna sorgte für sie. So wuchsen die beiden allmählich heran. | |||
'''46.66''' Als die von Hara und Uma behüteten Hochherzigen erwachsen waren, machte Hara sie zu Herren der Scharen und setzte sie als Torhüter ein. | |||
'''46.67''' Sagara sprach: Was geschah mit der Zeugungskraft, die in Agni entlassen wurde, bester Brahmane? Auch das möchte ich hören. Erzähle es mir kurz. | |||
'''46.38b''' Aurva sprach: Nachdem der Stierbannerträger seine Zeugungskraft in Agni entlassen hatte, wies er auf die himmlische Ganga und sprach zu den Göttern. Die Vorlage trägt hier 38 statt 68. | |||
'''46.69''' Der Herr sprach: Diese Zeugungskraft ist für andere Frauen nicht zu ertragen, beste Götter, außer für die Göttin Yogaschlaf oder die Tochter des Berges. | |||
'''46.70''' Deshalb werde ich euch erklären, wo aus dieser Kraft ein göttlicher Sohn entstehen wird und wer sie aufnehmen kann. | |||
'''46.71''' Diese im Himmel fließende Ganga ist die andere Tochter des Königs der Berge und Umas ältere Schwester. Aus dem von Agni übergebenen Samen | |||
'''46.72''' wird sie durch meine eigene Kraft einen Sohn von unvergleichlichem Glanz gebären. Dieser herrliche Bezwinger der Feinde wird euer Heerführer sein. | |||
'''46.73''' Mit seiner unfehlbaren großen Lanze wird er, dessen Banner den Pfau zeigt, vor euren Augen Taraka besiegen, von mir selbst gestärkt. | |||
'''46.74''' Aurva sprach: Mit diesen Worten entließ Mahadeva alle Götter, sprach mit Parvati und ging dann fort, um sich zu reinigen. | |||
'''46.75''' Als die tugendhafte Parvati die ihr unerfreulichen Worte der Götter gehört hatte und ihrer Hoffnung auf einen Sohn beraubt war, wurde sie zornig auf die Götterschar. | |||
'''46.76''' Von Unmut gleichsam brennend, mit bebenden Lippen, sah sie die Götter und Hara, der die Vereinigung beendet hatte, und sprach. | |||
'''46.77''' Die Göttin sprach: Weil ihr Shambhu aus der Vereinigung mit mir fortgeführt und mich kinderlos gemacht habt, bin ich gekränkt wie eine Frau, die nur zum Vergnügen dient. | |||
'''46.78''' Deshalb sollen von heute an alle Götterscharen für immer an der zeugenden Vereinigung mit ihren eigenen Gattinnen gehindert sein. | |||
'''46.79''' Wie mir sollen auch ihnen keine Söhne geboren werden. Ihre schönen göttlichen Gattinnen sollen ohne Nachkommenschaft bleiben. | |||
'''46.80''' Wie ich unter dem Verlust der Hoffnung auf einen Sohn leide, so sollen alle diese Göttinnen ihre Hoffnung auf Söhne verlieren. | |||
'''46.81''' Aurva sprach: So verfluchte die Tochter des Berges die Götter in großem Zorn. Seitdem werden im Himmel keine Göttersöhne geboren. | |||
'''46.82''' Auch heute noch gebären ihre Gattinnen den Nektartrinkern keine Söhne. Als die Zeit gekommen war, übertrug der Feuergott Shambhus goldgleichen Samen in Gangas Schoß. | |||
'''46.83''' Durch diesen Samen gebar die Göttin nach vollendeter Zeit ein schönes Paar von Söhnen, die alle glückverheißenden Merkmale besaßen. Das Wort für das Kinderpaar ist in der Vorlage fehlerhaft. | |||
'''46.84''' Der eine hieß Skanda, der andere Vishakha. Beide waren schön, trugen je eine Lanze und wuchsen an Kraft und Glanz. | |||
'''46.85''' Skanda und Vishakha wurden rasch eins. Es entstand ein einziges Kind, wie auch andere Menschen einen Sohn haben. | |||
'''46.86''' Als Ganga ihren so geborenen Sohn sah, staunte sie sehr. Sie setzte ihn rasch mitten in einem Schilfwald aus; die Vorlage erwähnt dabei ein Gefäß. | |||
'''46.87''' Nachdem sie das Kind abgelegt hatte, berichtete Ganga Bahula selbst von der Schwangerschaft, der Geburt und dem Aussetzen. | |||
'''46.88''' Bahula hörte dies und erkannte, dass das Kind aus Mahadevas Körper hervorgegangen war. Die Krittika nahm den Sohn an und zog ihn auf. | |||
'''46.89''' Sie unterrichtete Uma und Shankara. Mit ihrer Zustimmung brachte sie den Sohn, den künftigen Feindebezwinger, zur Göttin und übergab ihn ihr. | |||
'''46.90''' Er wuchs rasch heran, trug die Lanze und besaß gewaltige Kraft und Tapferkeit. Von Shankara gestärkt, wurde er zum Heerführer der Götter. | |||
'''46.91''' Dann vernichtete Haras Sohn mit der Lanze in der Hand den mächtigen Götterfeind Taraka samt seinem Gefolge und rettete so die Welten. | |||
'''46.92''' Damit habe ich dir erzählt, bester König, was aus der Zeugungskraft wurde, die Bharga in Agni entlassen hatte. | |||
'''46.93''' Höre jetzt die angekündigte Geschichte Mahakalas und Bhringis, König: wie die beiden Menschen wurden. | |||
===Kapitel 47=== | |||
'''47.1''' Aurva sprach: Nachdem die Götterscharen Hara zum Wohl der Welt umgestimmt hatten, verzichtete er auf die große zeugende Vereinigung mit Uma. | |||
'''47.2''' Er beschränkte sich auf das Liebesspiel, erfüllte dabei seinen eigenen Wunsch und ebenso stets die Wünsche der Göttin. | |||
'''47.3''' Eines Tages scherzte der liebesfrohe Mahadeva voller Freude mit Uma in einem abgeschiedenen Gemach. | |||
'''47.4''' Als Gauri zum Liebesspiel zum Bezwinger des Liebesgottes gegangen war, standen Bhringi und Mahakala als Wächter am Eingang. | |||
'''47.5''' Nach dem Liebesspiel kam die Göttin mit gelöstem Haarknoten heraus. Ihr ungebundenes Gewand glitt vom Körper, und sie hielt es mit der Hand fest. | |||
'''47.6''' Ihre Halskette war verrutscht, duftende Blumen waren zerstreut, der Safran verwischt. Ihre Lippen zeigten Spuren von Liebesbissen. | |||
'''47.7''' So trat die Lotusgesichtige aus dem Liebesgemach, die Augen noch leicht bewegt und den Körper mit Schweißperlen bedeckt. | |||
'''47.8''' In diesem Zustand sahen sie die untadelige Göttin aus dem Haus kommen, obwohl niemand außer ihrem Gatten, dem Stierbannerträger, sie so sehen sollte. | |||
'''47.9''' Bhringi und Mahakala sahen sie und waren wenig erfreut. Die beiden Hochherzigen empfanden Unmut über diese Situation. | |||
'''47.10''' Als sie ihre Mutter so sahen, senkten die beiden Bekümmerten den Blick, gerieten in tiefe Sorge und seufzten. | |||
'''47.11''' Die Tochter des Himalaya bemerkte, dass sie sie gesehen hatten. Aparna wurde zornig und sprach diese Worte. | |||
'''47.12''' Weshalb habt ihr mich in diesem Zustand angesehen, ihr Ungehörigen? Ihr seid doch meine eigenen Söhne, aber ohne Scham und Achtung vor den Grenzen des Anstands! | |||
'''47.13''' Weil ihr schamlos diese Grenze überschritten habt, sollt ihr unter Menschen geboren werden. | |||
'''47.14''' Wegen der Verfehlung, mich so angesehen zu haben, sollt ihr aus menschlichem Schoß auf Erden mit Affengesichtern geboren werden. | |||
'''47.15''' So wurden die verständigen Söhne Haras, Bhringi und Mahakala, von Uma verflucht, während sie vor ihrer Mutter standen. | |||
'''47.16''' Die Söhne Haras waren tief betrübt und konnten ihren Fluch nicht ertragen. Sie antworteten der Tochter des Berges. | |||
'''47.17''' Wir haben uns niemals gegen dich vergangen, Tochter des Himalaya. Warum hast du uns, Mutter, in deinem plötzlichen Zorn so verflucht? | |||
'''47.18''' Mahesha hat uns gemeinsam mit dir als Torhüter eingesetzt. Wir erfüllen diesen Auftrag und stehen beherrscht am Eingang. | |||
'''47.19''' Dein unvermitteltes Heraustreten aus dem Gemach war unbedacht. Als du kamst, hast du uns hier in pflichtgemäßer Haltung gesehen. | |||
'''47.20''' Dein Zorn ist deshalb grundlos. Welche Schuld trifft uns dabei? Höre nun, untadelige Mutter, was diesem Fluch entgegenwirken soll. | |||
'''47.21''' Auch du sollst als menschliche Frau auf Erden geboren werden, und Hara soll ein Mensch werden. Als Gattin des menschlichen Hara sollst du durch seine Zeugungskraft | |||
'''47.22''' uns beide in deinem menschlichen Schoß tragen. Wenn wir wahrhaft Haras Söhne und ohne Schuld sind, | |||
'''47.23''' dann möge unser Wort wahr werden, Tochter des Berges. Nachdem sie einander so überaus schwere Flüche ausgesprochen hatten, | |||
'''47.24''' kehrten Gauri und Haras beide Söhne zurück, bester König. Als einige Zeit vergangen war, erkannte der allwissende Stierbannerträger | |||
'''47.25''' das bevorstehende Geschehen und wurde selbst Mensch. Aus Brahmas rechtem Daumen war Daksha, Brahmas Sohn, entstanden. | |||
'''47.26''' Dakshas Tochter war Aditi; von ihr wurde der Gott Pushan geboren. Pushans Sohn war Paushya, der den Sinn sämtlicher Lehrschriften durchdrungen hatte. | |||
'''47.27''' Ein König wie er hatte auf Erden nie gelebt und würde auch künftig nicht leben. Doch dieser vorzügliche König Paushya war kinderlos. | |||
'''47.28''' Als er ins höhere Alter kam, verehrte Paushya gemeinsam mit seinen drei Gattinnen Brahma mit höchster Hingabe. | |||
'''47.29''' Brahma sprach: Der erhabene Großvater der Welt war ihm gnädig und sagte zum König: Was wünschst du? Sage es mir. | |||
'''47.30''' Ich bin zufrieden, bester König, und werde dir gewähren, was du begehrst. Sprich jetzt aus, was du und deine Gattinnen wünschen. | |||
'''47.31''' Paushya sprach: Als dein Nachkomme, Hiranyagarbha, verehre ich dich, weil ich einen Sohn wünsche. Wenn du mir gnädig bist, möge mir ein Sohn mit allen glückverheißenden Merkmalen geboren werden. | |||
'''47.32''' Dafür bin ich mit meinen Gattinnen hingebungsvoll zu dir gekommen. Sorge dafür, Herr der Welt, dass ich einen Sohn bekomme. | |||
'''47.33''' Ein Sohn rettet Vater und Mutter aus der Hölle namens Put. Darum sollst du, Brahma, meine Furcht davor beseitigen. Der Vers spielt auf die traditionelle Herleitung des Wortes für Sohn an. | |||
'''47.34''' Brahma sprach: Höre, Paushya! Ich werde dir sagen, wie du einen Sohn erlangen wirst, der dein Geschlecht fortführt. Handle mit deinen Gattinnen danach. | |||
'''47.35''' Nimm diese Frucht, die ich dir gebe, bester König. Auch nach langer Zeit verdirbt sie nicht und bleibt stets wohlschmeckend. | |||
'''47.36''' Bewahre diese Frucht und verehre drei Jahre lang Mahadeva. Er wird dir gnädig werden. | |||
'''47.37''' Was Bharga dir in Bezug auf diese Frucht sagen wird, das sollst du gemeinsam mit deinen drei Gattinnen ausführen, König. | |||
'''47.38''' Dann wirst du einen Sohn erhalten, der alle glückverheißenden Merkmale besitzt, dein Geschlecht mehrt und als Weltherrscher selbst die Erde regiert. | |||
'''47.39''' Aurva sprach: Mit diesen Worten ging Brahma fort. Der König begann mit seinen Gattinnen, Hara voller Hingabe zu verehren. | |||
'''47.40''' Er fastete und zügelte seine Nahrung; bisweilen aß er Früchte. Am Ufer der Drishadvati stellte er die Frucht vor sich hin | |||
'''47.41''' und erfreute den Stierbannerträger mit Blumen, Ehrengaben, Lichtern und Räucherwerk. Als drei Jahre vergangen waren, wurde Mahadeva, der Herr der Welt, | |||
'''47.42''' dem König Paushya zur Erfüllung seines Wunsches gnädig. Lächelnd sprach er: Weshalb verehrst du mich? Sage es mir, ich werde es dir geben. | |||
'''47.43''' Paushya sprach: Ich bin kinderlos und wünsche mir einen Sohn. Höre mich, Stierbannerträger, und sorge dafür, dass ich einen Sohn bekomme. | |||
'''47.44''' Aurva sprach: So sprach der König freudig zusammen mit seinen Gattinnen. Er verneigte sich, pries den Gott und war innerlich von Hingabe erfüllt. | |||
'''47.45''' Der gnädige Stierbannerträger nahm die von Brahma geschenkte Frucht in die Hand und sprach zum König, der sich einen Sohn wünschte. | |||
'''47.46''' Der Herr sprach: Teile diese von Brahma gegebene Frucht in drei Teile, König, und lass deine Gattinnen sie mit frohem, ruhigem Herzen essen. | |||
'''47.47''' Wenn du dich anschließend zur fruchtbaren Zeit mit ihnen vereinigst, werden deine Gattinnen gleichzeitig schwanger werden. | |||
'''47.48''' Wenn die Zeit gekommen ist, werden deine Frauen gleichzeitig gebären, bester König. Dann sollst du folgendermaßen handeln. | |||
'''47.49''' Im Schoß der einen wird der Kopfteil deines Kindes entstehen, im Leib der anderen sein mittlerer Körperteil. | |||
'''47.50''' Der Teil unterhalb des Nabels wird in der dritten entstehen. Diese drei Teile sollst du, König, jeweils an ihrer richtigen Stelle | |||
'''47.51''' zusammenfügen. Dann wirst du einen einzigen Sohn haben. Auf seinem Haupt wird sich von Geburt an eine Mondsichel befinden. | |||
'''47.52''' Nach diesem Merkmal wird er auf Erden berühmt werden. Aurva sprach: Nachdem Mahadeva dies gesagt hatte, bereitete er ihre Leiber selbst | |||
'''47.53''' mit Gangawasser darauf vor, ihn als Wohnstätte aufzunehmen. Dann trat der Stierbannerträger selbst in die Frucht ein. Der Beginn des Verses ist teilweise beschädigt. | |||
'''47.54''' Sogleich teilte sich die Frucht von selbst in drei Teile. Paushya nahm sie freudig an und kehrte mit seinen Gattinnen, | |||
'''47.55''' nachdem er sich vom Stierbannerträger verabschiedet hatte, glücklich in seinen Palast zurück. Zur geeigneten Zeit aßen die Frauen | |||
'''47.56''' die Frucht, bester König, und ihre glückverheißenden Leibesfrüchte wuchsen heran. Nach vollendeter Schwangerschaft wurden aus ihren Leibern | |||
'''47.57''' die drei getrennten Teile geboren, genau wie Bharga es angekündigt hatte. Paushya fügte diese drei Teile an den richtigen Stellen zusammen | |||
'''47.59a''' und vereinte sie rasch zu einem einzigen Körper. So entstand der Sohn. Auf seinem Haupt trug er von Geburt an eine glückverheißende Mondsichel. Die Vorlage zählt diesen Vers als 59 statt 58. | |||
'''47.59b''' Sie strahlte wie die Mondsichel am Himmel im Herbst. Der Sohn besaß alle glückverheißenden Merkmale, eine breite Brust und eine wohlgeformte Nase. | |||
'''47.60''' Sein Hals glich dem eines Löwen, seine Augen waren groß, seine Arme lang. Als Paushya ihn mit seinen drei Gattinnen sah, empfand er große Freude, | |||
'''47.61''' wie ein Armer, der einen gewaltigen Schatz findet. Gemeinsam mit seinen brahmanischen Hauspriestern gab der König ihm den Namen | |||
'''47.62''' Chandrashekhara, „der den Mond auf dem Haupt trägt“. Sein Glanz glich dem des Mondes. Der glückliche Sohn wuchs von Tag zu Tag wie der zunehmende Mond. | |||
'''47.63''' Er strahlte wie der Mond im Herbst, der mit seinen Phasen zunimmt. Weil Hara so in den Leibern dreier Mütter geboren wurde, | |||
'''47.64''' wurde er unter dem Namen Tryambaka in Welt und Veda bekannt. Der Text deutet den Namen hier als „der drei Mütter hat“. Der Königssohn erreichte das Jugendalter. | |||
'''47.65''' Er kannte die Wahrheit und den Sinn sämtlicher Lehrschriften und wurde Vishnu gleich. An Kraft, Heldenmut, Waffenkunst, Wissen und Lebensführung | |||
'''47.66''' gab es auf Erden niemanden wie ihn, bester König, und es würde auch künftig keinen geben. Paushya weihte den mächtigen jungen Mann zum König. | |||
'''47.67''' Er war sechzehn Jahre alt und mit allen königlichen Tugenden ausgestattet. Dann zog der überaus rechtschaffene König Paushya mit seinen drei Gattinnen in den Wald, um die dem Alter angemessenen Pflichten zu erfüllen. | |||
'''47.68''' Nachdem sein Vater sich zum Waldleben zurückgezogen hatte, unterwarf der mächtige König | |||
'''47.69''' Chandrashekhara gemeinsam mit seinen Ratgebern die ganze Erde. Er wurde Weltherrscher, von anderen Königen bedient, | |||
'''47.70''' und lebte in herrlichem Wohlstand wie Indra unter den Göttern. So war Tryambaka als Sohn Paushyas erschienen und durch heiliges Verdienst erfüllt. | |||
'''47.71''' In der schönen Landschaft Brahmavarta, in der Stadt Karavira am Ufer der Drishadvati, erfreute er sich seiner Königsherrschaft. | |||
'''47.72''' Eines Tages, bester König, wollte er seinen Vater und seine Mütter besuchen, die sich zum Waldleben zurückgezogen hatten. | |||
'''47.73''' Chandrashekhara fuhr allein in einem einzigen Wagen los und nahm einen großen Bogen und einen Vorrat an Pfeilen mit. | |||
'''47.74''' Er erreichte den heiligen Büßerwald am Rand seines Reiches, um seinen alten Vater und seine Mütter zu sehen. | |||
'''47.75''' Auf dem Weg zu seinem Vater erblickte König Chandrashekhara den großen Weisen Namucha, der Askese übte. | |||
'''47.76''' Er trug ein schwarzes Antilopenfell und leuchtete wie die Sonne. Sein verfilztes Haar war aufgebunden; sein Körper war mager, und er war in Meditation versunken. | |||
'''47.77''' Sein Leib strahlte durch die Askese. Regungslos saß er auf einem Sitz aus Kusha-Gras. Als der Held ihn von fern sah, stieg er vom Wagen. | |||
'''47.78''' Mit demütig gesenktem Haupt trat er zu dem vorzüglichen Brahmanen, verneigte sich und sprach. | |||
'''47.79''' Ich bin Paushyas Sohn, Brahmane, und heiße Chandrashekhara. Mit großer Hingabe verneige ich mich vor dir, dem besten der Weisen. | |||
'''47.80''' Mit gefalteten Händen blieb der König vor dem Weisen stehen, blickte in Namuchas Gesicht und war innerlich voller Demut. | |||
'''47.81''' Schon früher, als Paushya zur Askese in den Wald gezogen war, hatte er den Weisen gemeinsam mit seinen Gattinnen verehrt. | |||
'''47.82''' Der sehr gelehrte Paushya hatte Namucha lange geehrt und ihn mit freundlichen Worten um Gunst für seinen Sohn gebeten. | |||
'''47.83''' Du lebst hier am Rand meines Reiches und übst Askese, bester Weiser. Um eines möchte ich dich bitten, wenn du mir gewogen bist. | |||
'''47.84''' Mein Sohn, König Chandrashekhara, ist noch jung. Er trägt von Geburt an die Mondsichel und ist durch seine Jugend noch unbeständig. | |||
'''47.85''' Sollte er einmal zu dir kommen und sich gegen dich verfehlen, dann verzeihe ihm, Weiser. Darum bitte ich dich. | |||
'''47.86''' Der Weise hatte Paushyas Bitte gehört und zugestimmt. Als er nun dessen Sohn sah, erinnerte er sich an Paushyas Worte. | |||
'''47.87''' Der mitfühlende Namucha sah Chandrashekhara lange demütig vor sich stehen, gedachte jener Bitte und sagte. | |||
'''47.88''' Deine Bescheidenheit erfreut mich heute, Chandrashekhara. Wähle eine Gabe! Ich werde dir einen großen Wunsch erfüllen. | |||
'''47.89''' König Chandrashekhara hörte seine Worte, verneigte sich erneut vor Namucha und antwortete überaus freundlich. | |||
'''47.90''' Alles, was für Körper, Geist und Rede erstrebenswert ist, bester Brahmane, findet sich in meinem Reich, dem Menschen wie du gewogen sind. | |||
'''47.91''' In meinem Herzen gibt es keinen unerfüllbaren Wunsch. Deshalb wünsche ich mir als Gabe das, was du mir von dir aus schenken möchtest. | |||
'''47.92''' Namucha sprach: Wenn du dein nächstes Lebensjahr, das siebzehnte, erreichst, wirst du, bester König, der Gatte einer vorzüglichen Frau werden. | |||
'''47.93''' Wie die Tochter des Berges zu Shambhu, Lakshmi zum Keulenträger und Shachi zum König der Götter gehört, so wird sie zu dir gehören. | |||
'''47.94''' Mit diesen Worten entließ Namucha, der Schatz der Askese, den König. Dieser ging erfreut weiter. | |||
'''47.95''' Chandrashekhara erreichte seinen Vater und seine Mütter und ehrte sie gebührend. Auch sie sprachen ihrem Sohn liebevoll zu. | |||
'''47.96''' Dann kehrte der König in seine Stadt Karavira zurück. Voller Freude lebte er dort mit seinen Ratgebern wie der König der Götter. | |||
===Kapitel 48=== | |||
Die Nummer 40 und Teile der Verse 40–41 werden in der Vorlage wiederholt; a und b unterscheiden die beiden Vorkommen. | |||
'''48.1''' Aurva sprach: Nachdem Mahadeva nach eigenem Wunsch in den Gattinnen Paushyas herabgestiegen war und nach menschlichem Maß drei Jahre vergangen waren, | |||
'''48.2''' wurde auch Girija aus eigenem Willen unter den Gattinnen König Kakutsthas geboren. So erschien die höchste Herrin wie früher bei Menaka. | |||
'''48.3''' In Aryavarta lebte der rechtschaffene König Kakutstha aus dem Geschlecht Ikshvakus, ein Freund der Brahmanen und ein vorzüglicher Held. | |||
'''48.4''' Er residierte in der Stadt Bhogavati, bezwang seine Feinde und besaß alle glückverheißenden Merkmale und königlichen Tugenden. | |||
'''48.5''' Seine glückliche Gattin war Bhargadevas Tochter. Sie hieß Manonmathini, wurde hoch geachtet und war ihrem Gatten lieb. | |||
'''48.6''' Sie hatte dem vorzüglichen König Kakutstha hundert Söhne geboren, beständig und von göttlicher Art, mit Kraft und Heldenmut ausgestattet. | |||
'''48.7''' Doch sie hatte keine Tochter. Deshalb richtete sie im Innern des Hauses an einem stillen Ort einen Opferplatz ein und verehrte Chandika. | |||
'''48.8''' Die große Göttin Chandika, von der Königin verehrt, wurde ihr nach drei Jahren gnädig und sagte ihr im Traum. | |||
'''48.9''' Du wirst eine Tochter bekommen, die alle weiblichen Glücksmerkmale besitzt, eine Sternenkette trägt und die Gattin eines Weltherrschers werden wird. | |||
'''48.10''' Als die Königin im Traum diese Gabe empfangen hatte, freute sie sich. Als die Königin im Traum diese Gabe empfangen hatte, freute sie sich. Die Vorlage wiederholt hier denselben Halbvers. | |||
'''48.11''' Zur rechten Zeit trat Parvati selbst in ihren Schoß ein. Als Königin Manonmathini sich zur fruchtbaren Zeit mit ihrem Gatten vereinigte, empfing sie die erhabene Leibesfrucht wie Mondlicht eine Fülle von Nektar. | |||
'''48.12''' Als die Zeit vollendet war, gebar Königin Manonmathini eine glückverheißende Tochter mit einer Sternenkette. | |||
'''48.13''' Als Kakutstha das schöne Kind mit seiner Kette sah, leuchtend wie herbstliches Mondlicht, freute er sich sehr mit seiner Gattin. | |||
'''48.14''' Mit ihrer angeborenen Halskette geschmückt, wuchs Kakutsthas Tochter in seinem Haus heran wie der himmlische Fluss während der Regenzeit. | |||
'''48.15''' Nach diesem Zeichen, der Halskette, gab ihr der Vater zur vorgeschriebenen Zeit den Namen Taravati, „die Sternengeschmückte“, bester König. | |||
'''48.16''' Im Lauf der Zeit ließ die Schöne die Kindheit hinter sich und erreichte die anmutige Blüte der Jugend, wie Schönheit im Frühling aufblüht. | |||
'''48.17''' In ihrem Glanz glich sie Shri, in ihrer Reinheit Sati, in ihrem guten Wesen einer vollkommen Tugendhaften und in ihrer Gestalt Parvati. | |||
'''48.18''' Als König Kakutstha ihre Jugend aufblühen sah, bereitete er zusammen mit seinen Söhnen zur rechten Zeit ihre freie Gattenwahl vor. | |||
'''48.19''' Im Monat Madhava, an einem glücklichen Tag bei zunehmendem Mond, richtete Taravatis Vater mit seinen Söhnen die Versammlung zur Gattenwahl aus. | |||
'''48.20''' Der König schickte zahlreiche Boten auf Stuten und Kamelen rasch zu den Königen verschiedener Länder. | |||
'''48.21''' Als die Könige die Nachricht aus dem Mund der Boten hörten, kamen sie unverzüglich zu Taravatis Gattenwahl. | |||
'''48.22''' Auch Paushyas Sohn hörte davon und zog rasch mit seinem viergliedrigen Heer und in prächtigem Schmuck zur Gattenwahl. | |||
'''48.23''' Die versammelten Könige nahmen in der von Kakutstha errichteten Halle ihre Plätze nach ihrem jeweiligen Rang ein. | |||
'''48.24''' Als die Herrscher saßen und der glückverheißende Augenblick gekommen war, beschloss Kakutstha, seine Tochter in die Versammlung zu führen. | |||
'''48.25''' Unterdessen wandte sich die schöne Königstochter an ihre alte, erfahrene Amme, die umfassendes Verständnis besaß. | |||
'''48.26''' Sie schickte sie zur Halle der Gattenwahl, damit sie sich die Versammlung ansehe, und sagte zu der glückverheißenden Amme. | |||
'''48.27''' Geh in die Versammlung, Amme, und suche einen König von schöner Gestalt und guten Merkmalen aus. Berichte mir anschließend selbst von ihm. | |||
'''48.28''' Du wünschst mir Wohlergehen und Glück, Mutter. Sorge dafür, dass ich einen Gatten bekomme, der mir Glück bringt. | |||
'''48.29''' Nachdem die Königstochter die Amme so fortgeschickt hatte, ging sie an den Ort, an dem Manonmathini Chandika verehrt hatte. | |||
'''48.30''' Die glückliche, schöne Taravati begab sich dorthin und verneigte sich vor der großen Göttin namens Kalika. | |||
'''48.31''' In ihrem menschlichen Bewusstsein begegnete sie dort ihrem eigenen göttlichen Selbst, ohne es vollständig zu erkennen. Mit großer Hingabe verneigte sie sich und sprach. | |||
'''48.32''' Ich verehre die große Maya, den Yogaschlaf, die das All verkörpert. Gauri Chandika, die ihre Verehrer liebt, möge mir gnädig sein. | |||
'''48.33''' Wenn meine Mutter dich wahrhaft verehrt hat, um mich zu bekommen, dann möge kraft dieser Wahrheit ein glückverheißender, vorzüglicher König | |||
'''48.34''' heute bei der Gattenwahl mein Ehemann werden. Sei mir gnädig, Geliebte Haras! Als Chandika, die Hara bezaubert, diese Worte hörte, | |||
'''48.35''' verhüllte sie der Königstochter die Erkenntnis ihrer eigenen Identität. Unsichtbar sprach sie diese freundlichen Worte. | |||
'''48.36''' Die Göttin sprach: Paushyas Sohn namens Chandrashekhara, von bezaubernder Gestalt, wird dein geliebter Gatte werden. | |||
'''48.37''' Wähle diesen vorzüglichen König, dessen Haupt durch eine Mondsichel gekennzeichnet ist, Schöne, wie Parvati den Gott mit dem Stierbanner gewählt hat. | |||
'''48.38''' Nachdem Parvati so zur Königstochter gesprochen hatte, schwieg sie. Taravati verneigte sich vor der Unsichtbaren, die Augen vor Freude weit geöffnet, | |||
'''48.39''' und kehrte in das festlich bereitete Gemach zurück, wo ihre Mutter sie untergebracht hatte. Nun kam auch die Amme zurück, die einen passenden Gatten ausgesucht hatte. | |||
'''48.40a''' Sie wollte Taravati im Verborgenen berichten, bester König. Die Königstochter sah die erfreute Amme vor sich stehen. | |||
'''48.40b''' Sie fragte sie heimlich: Welchen König hast du gesehen, und wie ist er? Die Königstochter sah die erfreute Amme vor sich stehen. Diese Versnummer und Teile des Wortlauts wiederholen sich in der Vorlage. | |||
'''48.41''' Sie fragte sie heimlich: Welchen König hast du gesehen, und wie ist er? Die Amme antwortete: Auf deine Worte hin habe ich die Könige angesehen. | |||
'''48.42''' Sie sind schön, von edler Herkunft und in Wissenschaft wie Waffenkunst bewandert. Ihre vielen guten Eigenschaften könnte ich gar nicht alle aufzählen. | |||
'''48.43''' Ich will dir aber von denen erzählen, die mir besonders gefallen, du hell Erstrahlende. Unter ihnen habe ich vier schöne Männer gesehen. | |||
'''48.44''' Zwei sind die göttlichen Nasatyas, zwei sind Menschen. Über die beiden Götter brauche ich hier nicht weiter zu sprechen. | |||
'''48.45''' Von den beiden Königen ist einer bereits verheiratet; er heißt Sarvangakalyana. Der andere heißt Chandrashekhara. | |||
'''48.46''' In Schönheit und körperlicher Anmut stehen diese beiden den Nasatyas in nichts nach. Alle vier sind überaus bezaubernd. | |||
'''48.47''' Die Könige sind hochherzig, haben Schultern wie Löwen und mächtige Arme. Ihre Hände, Augen, Gesichter, Füße und Nägel schimmern rötlich. | |||
'''48.48''' Beide besitzen eine breite Brust, große Augen und einander nahe Augenbrauen. Sie haben alle glückverheißenden Merkmale und tragen göttlichen Schmuck. | |||
'''48.49''' Von ihnen ist Chandrashekhara wegen seines jugendlichen Alters besonders geeignet. Er hat ein gutes Wesen, spricht freundlich und ist in Gelehrsamkeit und Waffenkunst anerkannt. | |||
'''48.50''' Sein schönes, reines Gesicht ist von einem eben sprießenden dunklen Bart geschmückt, wie der Mond durch sein dunkles Mal. | |||
'''48.51''' Auf seinem Haupt strahlt eine leuchtende Mondsichel, die er von Geburt an trägt. Er ist wahrhaft ein Chandrashekhara, ein Mondgekrönter. | |||
'''48.52''' Gerade er ist ein würdiger Gatte für dich. An diesem Zeichen wirst du ihn erkennen, Schöne. Wähle diesen König, der deiner würdig ist und Glück verheißt. | |||
'''48.53''' Als die Königstochter die Worte ihrer Amme hörte, sagte sie: Bleibe an meiner Seite und zeige mir den vorzüglichen König, | |||
'''48.54''' wenn ich die Versammlung zur Gattenwahl betrete, Amme. Während die beiden so miteinander sprachen, kam der König. | |||
'''48.55''' Im glückverheißenden Augenblick kam Kakutstha selbst in das festliche Gemach, um seine Tochter zur Versammlung zu führen. | |||
'''48.56''' Er trat zu seiner geliebten Tochter, für die die Frauen die Segensriten vollzogen hatten, nahm eine Girlande aus duftenden Blumen und legte sie ihr in die Hand. | |||
'''48.57''' Als er sie aus dem Festgemach führte, sagte er: Tritt in die Versammlung ein, mein Kind, und wähle mit dieser Girlande den Besten, | |||
'''48.58''' den du dir wünschst, sei er König oder Brahmane. Dann ließ er sie von vertrauten alten Dienern in einer Sänfte tragen. | |||
'''48.59''' Als Indra und die anderen Götter sie zur Versammlung kommen sahen, | |||
'''48.60''' begaben sich auch die übrigen Hüter der Himmelsrichtungen sogleich dorthin. Taravati stieg freudig aus ihrem Fahrzeug | |||
'''48.61''' und ging mit der Amme an ihrer Seite durch die Versammlung. Lange bewegte sich die Schöne unter den Versammelten. | |||
'''48.62''' Nach der Fügung des Schicksals, durch Chandikas Gnade und aufgrund ihrer beider Übereinstimmung und Einheit, von der Amme auf ihn hingewiesen, | |||
'''48.63''' wählte die tugendhafte Königstochter Taravati, deren Gesicht von der Bewegung mit kleinen Schweißperlen bedeckt war, ihren früheren Gatten. | |||
'''48.64''' Denn sie war die Göttin Parvati selbst und wählte Chandrashekhara. Als die Brahmanen sahen, dass sie ihn erwählt hatte, sangen sie Lieder des Samaveda | |||
'''48.65''' und vollzogen gesammelt die glückverheißenden Hochzeitsriten. Herolde, Sänger und Musiker, König, | |||
'''48.66''' priesen, sangen und spielten voller Freude. Alle Götter freuten sich darüber, dass Chandrashekhara | |||
'''48.67''' von Taravati gewählt worden war. Auch Kakutstha war überglücklich. Andere Könige, Subahu und weitere, wurden angesichts des Geschehens zornig. | |||
'''48.68''' Chandrashekhara hielt sie in der Versammlung zurück. Dann kehrten die Götter nach ihrem Wunsch in den Himmel zurück. | |||
'''48.69''' Auch die von Kakutstha geehrten Könige reisten ab. König Chandrashekhara vollzog nach dem Hochzeitsritus | |||
'''48.70''' mit Kakutsthas Zustimmung die weiteren Riten für Taravati als seine Gattin und machte ihre Verbindung durch vedische Opfer den Göttern bekannt. | |||
'''48.71''' Nachdem er ihre Hand nach dem vorgeschriebenen Ritus ergriffen und sie zur Gefährtin genommen hatte, brach Chandrashekhara rasch nach Karavira auf. | |||
'''48.72''' Bei der Hochzeit gab König Kakutstha dem Bräutigam zweiundzwanzigtausend Dienerinnen. | |||
'''48.73''' Seiner Tochter schenkte er sechzigtausend Kühe edler Herkunft sowie eine entsprechende Zahl von Dienern und Dienerinnen als Ausstattung. | |||
'''48.74''' König Kakutstha hatte noch eine andere Tochter namens Chitrangada, die Taravati an Schönheit gleichkam. | |||
'''48.75''' Sie übernahm die Leitung der Dienerinnen und begleitete selbst ihre schöne ältere Schwester, die Königstochter Taravati. | |||
'''48.76''' Kakutsthas ältester Sohn, der hochherzige Vishvavasu, führte das Dienstpersonal mit sich. | |||
'''48.77''' Auf einem schnellen Wagen folgte der verständige Prinz Chandrashekhara und Taravati nach Karavira. | |||
'''48.78''' In der schönen Stadt Karavira erfreute sich Paushyas Sohn, König Chandrashekhara, der Vorzüglichste unter den Königen, des Lebens mit Taravati. | |||
'''48.79''' So nahm Mahadeva selbst eine menschliche Geburt an, und auch die untadelige Parvati wurde als Mensch geboren. | |||
'''48.80''' Höre jetzt, König, wie Bhringi und Mahakala ihre Söhne wurden. Ich werde dir von ihrer Geburt erzählen. | |||
===Kapitel 49=== | |||
'''49.1''' Markandeya sprach: Nach einiger Zeit ging die tugendhafte Tochter Kakutsthas, von Frauen begleitet, zum Bad nach ihrer Monatszeit. | |||
'''49.2''' Sie begab sich an einen schönen Fluss mit kühlem, klarem Wasser, der Unreinheit tilgt und dunkel wie zerriebene Augenschwärze erscheint. Die Vorlage wiederholt die Aussage über das Tilgen der Unreinheit; Flussname und Satzanschluss sind beschädigt. | |||
'''49.3''' Nachdem sie gebadet hatte, aber noch halb im Wasser stand, sah der vorzügliche Weise Kapota die sehr tugendhafte Frau mit ihrem goldhellen Körper. | |||
'''49.4''' Weil er früher aus Sorge, Lebewesen zu töten, in Gestalt einer Taube umhergezogen war, wurde er Kapota, „Taube“, genannt. | |||
'''49.5''' Als er sie sah, glänzend wie Gold und wie herbstliches Mondlicht, begehrte Kapota sie, von den Pfeilen des Liebesgottes heftig getroffen. | |||
'''49.6''' Vom Feuer des Begehrens gequält, trat der Weise zu Kakutsthas schöner Tochter und sprach. | |||
'''49.7''' Kapota sprach: Wer bist du, Schöne? Wessen Gattin oder Tochter bist du? Warum bist du heimlich an das Wasser dieses Flusses gekommen? | |||
'''49.8''' Deine Gestalt ist sanft und erfreulich, dein Gesicht gleicht dem Vollmond, und deine Nase ist wie eine Sesamblüte. | |||
'''49.9''' Deine Augen gleichen blauen Lotusblüten, die der Wind bewegt. Deine schönen, runden Arme sind lang und weich wie Lotusstängel; deine Schenkel gleichen Elefantenrüsseln, deine Taille ist schmal wie die Mitte eines Opferaltars. | |||
'''49.10''' Mit einer solchen Schönheit kannst du keine menschliche Frau sein. Bist du eine Göttin oder eine Danavi, mit den Vorzügen einer Apsaras ausgestattet? | |||
'''49.11''' Oder bist du Shri, die zum Genuss weltlicher Freuden Frauengestalt angenommen hat? Bist du Aparna oder Shachi? Sage es mir, Bezaubernde. | |||
'''49.12''' Aurva sprach: Als die Schöne die Worte des Weisen hörte, stieg sie aus dem Wasser, verneigte sich demütig vor ihm und antwortete. | |||
'''49.13''' Ich heiße Taravati und bin Kakutsthas tugendhafte Tochter. Wisse, Weiser, dass ich die Gattin König Chandrashekharas bin. | |||
'''49.14''' Ich bin weder Göttin noch Gandharvi, weder Yakshi noch Rakshasi. Ich bin eine menschliche Königstochter und halte das Gelübde treuer Lebensführung. | |||
'''49.15''' Kapota sprach: Als ich dich sah, trat Kama selbst zu mir und trieb mich zur Vereinigung mit dir. Von ihm werde ich gequält, wie von deiner unerschöpflichen Macht. | |||
'''49.16''' Ich bin in die Wogen des Meeres der Liebe gestürzt. Rette mich rasch mit dem Boot deiner Schenkel, du Sanftredende, damit ich wieder Ruhe finde. | |||
'''49.17''' Von mir wirst du zwei schöne, große Söhne bekommen, Glückliche, mit guten Merkmalen, Kraft und Heldenmut ausgestattet. | |||
'''49.18''' Markandeya sprach: Als Kakutsthas sonst redegewandte Tochter Kapotas Worte hörte, wurde sie von Furcht und Schmerz erfasst und antwortete stockend. | |||
'''49.19''' Taravati sprach: Einen anderen Auftrag könnte ich erfüllen, aber keine solche überaus verwerfliche Handlung. Sprich deshalb nicht so zu mir! Ich verneige mich und bitte dich um Gnade. | |||
'''49.20''' Auch dir, einem Weisen, der reich an Askese ist, steht dies nicht an. Es wäre verwerflich, würde deine Askesekraft mindern und meine eheliche Treue zerstören. | |||
'''49.21''' Kapota sprach: Ob meine Askese dadurch schwindet oder eine andere Verfehlung entsteht, das sei meine Sache. Dennoch will ich auf die Vereinigung mit dir nicht verzichten, Schöne. | |||
'''49.22''' Du musst mich aus meinem Begehren retten. Wenn du mich zurückweist und ich vom Liebesfeuer verbrannt werde, Bezaubernde, | |||
'''49.23''' werde ich dich samt deinen Angehörigen durch einen Fluch verbrennen. Als die tugendhafte Taravati dies hörte, gab sie aus Furcht vor dem Fluch des Weisen zunächst keine Antwort. | |||
'''49.24''' Dann sagte sie: Ich will mit meinen Freundinnen sprechen. Bleibe hier, großer Weiser. | |||
'''49.25''' Mit diesen Worten ging die Königin in die Mitte ihrer Dienerinnen, rief Chitrangada herbei und sagte. | |||
'''49.26''' Chitrangada, dieser Weise begehrt mich heftig. Was soll ich tun? Wie kann ich verhindern, meine eheliche Treue zu verlieren? | |||
'''49.27''' Wenn ich dem Weisen nicht zu Willen bin, wird Kapota meinen Gatten und meine Verwandten sofort mit dem Feuer seines Fluches verbrennen. Ich bin in eine ausweglose Lage geraten. | |||
'''49.28''' Da antwortete Chitrangada: Fürchte dich nicht, Wahrhaftige. Ich werde dir ein Mittel nennen, durch das du dich befreien kannst. | |||
'''49.29''' Wenn der Weise nicht von dir ablässt, schmücke eine schöne Dienerin mit kostbarem Schmuck und schicke sie zu ihm. | |||
'''49.30''' Der von Begierde verwirrte, bedauernswerte Weise wird nicht erkennen, dass es eine Dienerin ist, wenn dein Schmuck sie umhüllt wie Mondlicht eine Gazelle. | |||
'''49.31''' Handle so, Glückliche, und sorge dich nicht. Wenn du deiner Treue fest bleibst, wird der Weise es nicht erkennen. | |||
'''49.32''' Darauf sprach Taravati zu der schönen und tugendhaften Königstochter Chitrangada, die stets bescheiden und freundlich redete. | |||
'''49.33''' Geh du selbst zu dem Weisen Kapota, meine untadelige Schwester. Schmücke deinen Körper mit meinem Schmuck, du Verständige. | |||
'''49.34''' Wenn ich eine andere schicke, wird der Brahmane es erkennen und mich gewiss samt meiner Familie im Feuer seines Zorns verbrennen. Deshalb geh du, Schöne. | |||
'''49.35''' Du gleichst mir in allen Eigenschaften. Lege meinen ganzen Schmuck an und vereinige dich heute mit dem Weisen. Rette mich und meine Familie, Gute. | |||
'''49.36''' Als Chitrangada ihre Worte und ihre ängstliche Bitte hörte, schwieg sie zunächst eine Weile und war keineswegs froh. | |||
'''49.37''' Dann sagte sie zu der glücklichen Tochter Kakutsthas: Heute werde ich deinen Wunsch erfüllen. Denke zur rechten Zeit an mich. | |||
'''49.38''' Erkläre deshalb unserem Vater, König Chandrashekhara und allen Freundinnen die Sache und beruhige sie. | |||
'''49.39''' Mit diesen Worten legte Chitrangada Taravatis Schmuck an und ging rasch zum Weisen, um dessen Liebesverlangen zu erfüllen. | |||
'''49.40''' Taravati blieb bedrückt zurück, ohne ihre festliche Kleidung und ihren Schmuck. Inmitten der Dienerinnen folgte sie ihrer geliebten Schwester. | |||
'''49.41''' Als Kapota die Herankommende sah, war er von Begierde verblendet. Er erinnerte sich an andere Weise, die sich mit fremden Frauen vereinigt hatten. | |||
'''49.42''' Wie einst Vatanḍas Sohn Pramlocha begehrte und wie der verständige Bharadvaja Padma begehrte, | |||
'''49.43''' so werde auch ich jetzt diese schöne Frau lieben. Danach werde ich mich durch die Kraft meiner Askese von der Schuld dieser Verbindung mit einer fremden Gattin befreien. | |||
'''49.44''' Während er so dachte, trat die schöne Chitrangada zu ihm und sprach schüchtern einige Worte. | |||
'''49.45''' Als Kapota sie empfangen hatte, dachte der vorzügliche Weise an Madana, um eine für die Liebe passende Gestalt und Kleidung zu erhalten. | |||
'''49.46''' Kaum hatte er an Madana gedacht, da kam dieser selbst zu ihm und schmückte den großen Weisen freudig mit Düften, Girlanden und schönen Gewändern. | |||
'''49.47''' So von ihm ausgestattet, nahm Kapota eine schöne Gestalt an und strahlte in seinem Glanz wie eine zweite Sonne. | |||
'''49.48''' Als die Frauen Kapota so bezaubernd und dem Liebesgott gleich sahen, empfanden alle Begehren nach ihm – außer Taravati. | |||
'''49.49''' Taravati staunte über den schönen Weisen, der Madana glich, und hielt ihn für Kama selbst. | |||
'''49.50''' Dann vereinigte sich der begehrende Brahmane mit Chitrangada und war sogleich sehr erfreut. | |||
'''49.51''' Aus ihr wurden unmittelbar zwei Söhne geboren, göttlichen Kindern gleich und so strahlend wie loderndes Feuer und die Sonne. | |||
'''49.52''' Nachdem die beiden Söhne geboren waren, berührte der Weise sie mit der Hand und stellte ihren vorherigen körperlichen Zustand wieder her. Dann sagte er. | |||
'''49.53''' Bleibe noch einige Zeit in meiner Gemeinschaft, Geliebte mit dem schönen Gesicht. Mit meiner Erlaubnis wirst du später gehen. Vor dem König brauchst du dich nicht zu fürchten. | |||
'''49.54''' Aus Furcht vor dem Fluch des Weisen antwortete sie: So sei es. Darauf entließ der Weise die übrigen Frauen. | |||
'''49.55''' Königin Taravati kehrte, von ihren Dienerinnen umgeben und um ihre Schwester bekümmert, in ihren Palast zurück. | |||
'''49.56''' Dort berichtete Kakutsthas Tochter dem Herrn von Brahmavarta sogleich das ganze ungewöhnliche Geschehen, das Kapota bewirkt hatte. | |||
'''49.57''' Der vorzügliche König hörte zu, dachte einen Augenblick nach und sorgte mit Kapotas Zustimmung für Unterstützung Chitrangadas. | |||
'''49.58''' Kapota vollzog für die beiden Söhne, die ihm von ihr geboren worden waren, die vorgeschriebenen Geburtsriten. | |||
'''49.59''' Sagara sprach: Wie kam es, dass Chitrangada Kakutsthas Tochter war? Das möchte ich hören. Erzähle es mir, bester Brahmane. | |||
'''49.60''' Aurva sprach: Eines Tages ging Kakutstha zur Jagd auf den großen Himalaya und erlegte dort Wild. | |||
'''49.61''' Als er sich auf einer Bergterrasse zur Rast niedergelassen hatte, sah er die himmlische Kurtisane Urvashi aus der Götterwelt zur Erde herabsteigen. | |||
'''49.62''' Von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen, trat der König zu ihr, als sie auf dem Berg gelandet war, und bat sie um körperliche Vereinigung. | |||
'''49.63''' Urvashi erkannte Kakutstha als einen vorzüglichen, Indra gleichen König und erfreute ihn nach seinem Wunsch in einer Berglaube. | |||
'''49.64''' Aus der Verbindung König Kakutsthas mit der himmlischen Kurtisane wurde sogleich eine schöne Tochter geboren. | |||
'''49.65''' Als der König in der Liebe Erfüllung gefunden hatte, erklärte Urvashi ihm, wohin sie gehen wollte, und begehrte aufzubrechen. | |||
'''49.66''' Der König sagte: Wie kannst du fortgehen und deine Tochter zurücklassen, Schöne? Ziehe dieses Kind auf! | |||
'''49.67''' Sie antwortete: Ich bin eine Kurtisane des Himmels. Wem hätte ich nicht schon einen Sohn oder eine Tochter geboren? Königskinder werden uns unmittelbar geboren. | |||
'''49.68''' Durch meine eigene Kraft erfährt mein Körper keine bleibende Veränderung. Auch ziehen wir unsere Kinder nicht auf; das gehört zu unserer Lebensweise als Kurtisanen. | |||
'''49.69''' Wenn du Mitgefühl mit deiner Tochter hast, nimm sie mit und ziehe sie selbst auf. Erlaube mir zu gehen; ich sage dir die Wahrheit. | |||
'''49.70''' Mit diesen Worten ging Urvashi rasch dorthin, wohin sie wollte. Der König nahm seine Tochter und kehrte in seine Stadt zurück. | |||
'''49.71''' Er selbst gab ihr den Namen Chitrangada und übergab das schöne Mädchen seiner Gattin Manonmathini. | |||
'''49.72''' Der vorzügliche König sagte zu seiner Königin: Dies ist meine Tochter. Ziehe dieses tugendhafte Kind auf. | |||
'''49.73''' Ich habe sie vom Berg mitgebracht, wo sie geboren wurde. Behandle sie nicht geringschätzig. Auf diese Worte hin beschloss die Königin, das Mädchen aufzuziehen. | |||
'''49.74''' Sie befolgte die Anweisung ihres Gatten und sagte nichts weiter. Eines Tages sah das Mädchen in kindlichem Unverstand den großen Weisen Ashtavakra, | |||
'''49.75''' der sich mit gekrümmtem Körper fortbewegte, und lachte ihn spöttisch aus. Der Weise wurde zornig und sprach einen überaus schweren Fluch aus. | |||
'''49.76''' Tochter Kakutsthas, du wirst zur Dienerin deiner eigenen Familie werden. Als Dienerin deines Geschlechts wirst du unverheiratet zwei Söhne | |||
'''49.77''' gebären, du Übeltäterin. Danach wirst du Wohlergehen erlangen. So wurde Chitrangada Kakutsthas Tochter, König. | |||
'''49.78''' Sie wurde zur Dienerin und lebte bei Taravati. Unverheiratet empfing sie von dem Weisen ein Paar von Söhnen. | |||
'''49.79''' Diese beiden hochherzigen Söhne werden eine große Aufgabe erfüllen. Damit habe ich dir erzählt, König, wie die tugendhafte Chitrangada Kakutsthas Tochter wurde. Höre nun die Fortsetzung der begonnenen Geschichte. | |||
===Kapitel 50=== | |||
'''50.1''' Aurva sprach: Nach einiger Zeit ging die schöne Taravati erneut zur Drishadvati, um das vorgeschriebene Bad nach der Monatszeit zu nehmen. | |||
'''50.2''' Von tausenden Dienerinnen begleitet und mit vielerlei Schmuck geziert, erschien sie wie Indrani inmitten Rambhas und der anderen Apsaras. | |||
'''50.3''' Die goldhelle, wie ein Blitz leuchtende Königin stieg ins Wasser und erhellte den Fluss, dessen Wasser dunkel wie zerriebene Augenschwärze war. | |||
'''50.4''' Wie eine goldene Statue eine klare Fläche aus Glas mit ihrem Glanz und ihrem Spiegelbild erleuchtet, so ließ sie das Wasser erstrahlen. | |||
'''50.5''' Wieder sah der vorzügliche Weise Kapota die überaus Schöne, die bis zum Nabel in den Fluten stand. | |||
'''50.6''' Als er sie sah, fragte er Chitrangada: Wer ist diese Frau, die mit hunderten Freundinnen in die Drishadvati gestiegen ist? | |||
'''50.7''' Sie strahlt in Schönheit wie Shri. Ist sie Aparna, die Tochter des Berges? Ihre Gestalt leuchtet überaus herrlich. Kennst du sie denn nicht? | |||
'''50.8''' Chitrangada hörte die Worte des Weisen und antwortete aus Furcht vor seinem Fluch wahrheitsgemäß: Ich kenne sie. | |||
'''50.9''' Dies ist die tugendhafte Taravati, Kakutsthas Tochter, die schöne und innig geliebte Gattin König Chandrashekharas. | |||
'''50.10''' Sie hast du früher zur Liebe begehrt, Weiser. Sie schmückte mich mit ihrem Schmuck, überließ mich dir und kehrte nach Hause zurück. | |||
'''50.11''' Nun ist meine ältere Schwester wieder zum Baden an den Fluss gekommen. Du solltest ihr nichts Kränkendes sagen, Weiser. | |||
'''50.12''' Bleibe hier, vorzüglicher Brahmane. Wenn du mir erlaubst zu gehen, werde ich mit meiner geliebten älteren Schwester sprechen und dann zu dir zurückkehren. | |||
'''50.13''' Als der Weise von der Täuschung hörte, die Taravati damals aus Sorge um ihre Lieben angewandt hatte, wurde er zornig auf sie. | |||
'''50.14''' Diese schlechte Frau hat mich getäuscht. Heute werde ich sie dafür gewiss zur Rechenschaft ziehen. | |||
'''50.15''' Mit diesen Worten ging der Weise gemeinsam mit Chitrangada zu der Stelle, an der die schöne Königin Taravati stand. | |||
'''50.16''' Kapota trat zu ihr und sprach zornig, mit einem spöttischen Lächeln. | |||
'''50.17''' Früher habe ich dich um Liebe gebeten, und du hast mich durch einen Kunstgriff getäuscht, Unzugängliche. Nun empfange die Frucht davon! | |||
'''50.18''' Selbst vor mir hast du dich deiner ehelichen Treue gerühmt, Übeltäterin. Du wolltest mich nicht lieben, weil du darin einen Bruch dieser Treue sahst. | |||
'''50.19''' Darum soll dich im Verborgenen ein grauhaariger Schädelträger in abscheulicher Kleidung, hässlich und mittellos, unvermittelt zur Liebe nehmen. | |||
'''50.20''' Noch innerhalb eines Jahres wirst du unmittelbar ein Paar von Söhnen gebären, strahlend, aber mit Affengesichtern, Übeltäterin. | |||
'''50.21''' Als Taravati die Worte des Weisen hörte, antwortete sie mit vor Zorn und Furcht bebenden Lippen. | |||
'''50.22''' Wenn meine Mutter mich erlangt hat, indem sie Chandika verehrte, und wenn ich König Chandrashekhara stets die Treue halte, | |||
'''50.23''' wenn ich wahrhaft Kakutsthas Tochter bin, bester Brahmane, dann soll kraft dieser Wahrheit kein anderer als mein Herr mich lieben. | |||
'''50.24''' Wenn ich Mahadeva wahrhaft beständig verehre, dann soll kraft dieser Wahrheit außer meinem verehrten Herrn Chandrashekhara | |||
'''50.25''' kein anderer sich mit mir vereinigen, nicht einmal im Traum, größter Weiser. Mit diesen Worten verneigte sie sich vor dem Weisen, ihr Geist ganz dem Gatten zugewandt. | |||
'''50.26''' Dann kehrte die schöne Königin Taravati in ihr Haus zurück. Nachdem sie gegangen war, dachte der Weise über sie nach. | |||
'''50.27''' Sie spricht selbst vor mir so furchtlos und bestimmt. Dahinter muss ein verborgener, reiner Grund liegen. | |||
'''50.28''' Mit diesem Gedanken sammelte der Weise seinen Geist in Meditation und erfasste durch göttliche Erkenntnis das ganze Geschehen. | |||
'''50.29''' Er erkannte, wie die Göttin ihre beiden Söhne Bhringi und Mahakala verflucht und wie diese wiederum Parvati und Hara verflucht hatten, | |||
'''50.30''' wie und zu welchem Zweck die beiden in menschlicher Gestalt herabgestiegen waren und wie und weshalb Chitrangada als Tochter einer Göttlichen geboren worden war. | |||
'''50.31''' Nachdem er dies durch göttliche Erkenntnis erfahren hatte, unternahm der Weise nichts weiter. Er nahm Chitrangada mit großer Achtung mit sich | |||
'''50.32''' und kehrte in seine Wohnstätte zurück, wo er sie ehrte. Taravati aber berichtete König Chandrashekhara | |||
'''50.33''' die ganze Geschichte vom Fluch des Weisen. Paushyas Sohn nahm alles auf und dachte darüber nach. | |||
'''50.34''' Dann tröstete er seine geliebte Gattin: Fürchte dich nicht, Königin! Durch beständige Zuwendung zum Gatten, durch die Pflege von Recht und Wohlergehen | |||
'''50.35''' und durch das Meiden verwerflicher Handlungen lässt sich der Fluch eines Weisen abwenden. Du aber, glückliche Königin, hältst das Gelübde guter Lebensführung. | |||
'''50.36''' Darum wird dir stets Heil zuteilwerden, und du wirst nicht ins Unglück geraten. Mit diesen Worten ließ der Herr von Karavira | |||
'''50.37''' einen großen, wolkenberührenden Palast errichten, vierhundert Klafter hoch und dreißig Yojanas breit. | |||
'''50.38''' Seine Böden bestanden aus Edelsteinen und Kristall, mit bunten Juwelen eingelegt. Er war mit glänzenden Vaidurya-Platten bedeckt und überaus schön. | |||
'''50.39''' Vishvakarman erbaute ihn aus Gold, mit Balken und Säulen aus Edelsteinen. Der König ließ diesen erfreulichen Palast zum Schutz Taravatis errichten. | |||
'''50.40''' Er hatte Treppen aus Edelsteinen, Galerien aus Vaidurya und goldene Bauteile. In seinen Vorzügen glich er der himmlischen Halle Sudharma. | |||
'''50.41''' Chandrashekhara ließ durch vertraute Diener alle Annehmlichkeiten, köstliche Speisen und weiche Lager hineinbringen. | |||
'''50.42''' Dann stieg König Chandrashekhara täglich mit Taravati auf die obere Terrasse des Palastes und erfreute sich dort mit ihr. | |||
'''50.43''' So behütete er sie während eines Jahres in diesem für andere unzugänglichen Haus, dessen Eingänge von Vertrauten bewacht wurden. | |||
'''50.44''' Eines Tages stieg Taravati ohne den Herrn von Karavira auf die hohe Palastterrasse und blieb dort. | |||
'''50.45''' Sie dachte an ihren geliebten König Chandrashekhara, ihr Geist seinen Füßen hingegeben, ihrem Gatten treu wie Savitri. | |||
'''50.46''' Nachdem sie Mahadeva zusammen mit Parvati verehrt hatte, verweilte die Königin in Gedanken bei ihrer geliebten Göttin. | |||
'''50.47''' Während sie Tryambaka und Chandrashekhara betrachtete, erkannte sie keinen Unterschied zwischen den beiden Mondgekrönten. | |||
'''50.48''' So stand die tugendhafte Taravati auf der Palastterrasse, geschmückt wie Indras königliche Glücksgöttin in der Halle Sudharma. | |||
'''50.49''' Da kam der göttliche Chandrashekhara gemeinsam mit Uma durch den Luftraum in die Nähe dieses Palastes, König. | |||
'''50.50''' Er sah die dort einhergehende Frau, die Uma in ihren Eigenschaften glich, alle Glücksmerkmale besaß und wie Madhavas Gefährtin erschien. Einzelne Wörter sind unsicher. | |||
'''50.51''' Als der Gott mit dem Stierbanner sie sah, sprach er lächelnd und mit heiterem Gesicht zur schönen Göttin Gauri. | |||
'''50.52''' Der Herr sprach: Dies ist deine menschliche Gestalt, Geliebte, die Taravati heißt. Du hast sie selbst für die Geburt deiner Söhne Bhringi und Mahakala bestimmt. | |||
'''50.53a''' Außer dir habe ich keine Geliebte und will mich keiner anderen zuwenden. Tritt deshalb jetzt selbst in diese deine Gestalt ein, Schöne. Dann werde ich Mahakala und Bhringi zeugen. | |||
'''50.53b''' Die Göttin sprach: Diese ist meine eigene menschliche Gestalt, Stierbannerträger. Auf dein Wort hin trete ich in sie ein. Zeuge die beiden Söhne. Die Vorlage zählt diesen Vers erneut als 53 statt 54. | |||
'''50.55''' So werden mein Fluch, die Flüche Bhringis und Mahakalas und Kapotas Fluch ihre Erfüllung und ihr Ende finden. Darum erfülle meinen Wunsch, Bharga. | |||
'''50.56''' Aurva sprach: Darauf trat die Göttin selbst in Taravatis Körper ein. Auch Mahadeva näherte sich ihr zur Liebe. | |||
'''50.57''' Die tugendhafte Taravati, in der Aparna gegenwärtig war, wandte sich freudig dem sie begehrenden Mahadeva zu. | |||
'''50.58''' In diesem Augenblick erschien Bharga als grauhaariger Schädelträger mit einer Knochenkette, in abstoßender Kleidung, übelriechend und von überaus hässlicher Gestalt. | |||
'''50.59''' Nach der Vereinigung wurden ihr sogleich zwei Söhne geboren, bester König, beide mit Affengesichtern. | |||
'''50.60''' Als die beiden Söhne geboren waren, verließ Aparna ihren Körper. Sie verhüllte der Tochter Kakutsthas die Erkenntnis „Ich bin Gauri“, sodass diese wieder im menschlichen Bewusstsein verblieb. Der Schluss der Strophe ist beschädigt. | |||
'''50.61''' Als Königin Taravati die beiden auf dem Boden liegenden Söhne sah, glaubte sie, ihre eheliche Treue verloren zu haben. | |||
'''50.62a''' Sie sah Hara in seiner abstoßenden Gestalt vor sich stehen und hielt den Fluch des Weisen für eingetroffen, dem vernichtenden Tod gleich. | |||
'''50.62b''' Von Kummer verwirrt, begann sie, am Wert ihres Treuegelübdes zu zweifeln. Zum dreizacktragenden Mahadeva sagte sie Folgendes. Die Vorlage wiederholt hier 62 statt 63. | |||
'''50.64''' Die verständigen Kenner der alten Überlieferung sagen stets, das Treuegelübde der Frauen sei sogar höher als das Gelübde der Weisen. | |||
'''50.65''' Ich kann dies nicht für wahr halten, nachdem mir solches widerfahren ist. Mit diesen Worten klagte die Königin und wurde von Verwirrung überwältigt. | |||
'''50.66''' Da sagte Mahadeva zu ihr: Trauere nicht, Schönangesichtige! Tadle auch das Gelübde der Treue nicht, du Verständige. | |||
'''50.67''' Als Kapota dich verfluchte, hast du vor ihm bestimmte Worte gesprochen, Langäugige. Genau diese sind nun wahr geworden. | |||
'''50.68''' „Wenn ich die große Gottheit beständig verehre, dann soll kraft dieser Wahrheit außer meinem verehrten Herrn Chandrashekhara | |||
'''50.69''' kein anderer sich mit mir vereinigen, nicht einmal im Traum, größter Weiser.“ Ich selbst bin Mahadeva, der verehrte Chandrashekhara. | |||
'''50.70''' Mit mir hast du dich vereinigt. Trauere deshalb nicht, Frau! Mit diesen Worten verschwand Mahadeva an Ort und Stelle. | |||
'''50.71''' Die tugendhafte Taravati blieb von Maya verwirrt zurück. In ungeordneter Kleidung setzte sie sich voller Kummer auf den Boden. | |||
'''50.72''' Sie kümmerte sich nicht um die beiden Söhne, die auf dem Boden lagen, sondern erwartete nur die Ankunft ihres Gatten und dachte an Bhargas Worte. | |||
'''50.73''' Mit gelöstem Haar saß sie so da und brachte dem Haus keinen Glanz mehr. Nach kurzer Zeit kam der hochherzige König Chandrashekhara | |||
'''50.74''' auf die Palastterrasse, um Taravati zu sehen. Als er hinaufgestiegen war, erblickte er seine Gattin | |||
'''50.75''' am Boden liegend, mit gelöstem Haar, ohne Freude, das Gesicht verdüstert, seufzend und von heftiger Selbstanklage erfüllt. | |||
'''50.76''' Er sah auch die beiden affengesichtigen Söhne auf dem Boden, strahlend wie Sonne und Mond, sowie die Abdrücke eines Stieres. | |||
'''50.77''' Als König Chandrashekhara dies alles sah, war er erschrocken und erstaunt. Aufgeregt fragte er seine Gattin. | |||
'''50.78''' Was ist dir hier im einsamen Haus widerfahren, Taravati? Wer hat sich dir genähert wie ein Schakal einer Löwin? | |||
'''50.79''' Wessen Kinder sind diese beiden leuchtenden Wesen mit Affengesichtern? Sage es mir rasch: Welcher andere hat sich mit dir vereinigt? | |||
'''50.80''' Aurva sprach: Auf diese Frage des Königs erzählte die tugendhafte Taravati Chandrashekhara die gesamte Begebenheit. | |||
'''50.81''' Mit tränenerstickter, stockender Stimme berichtete sie, wie Bharga gekommen war und was er ihr anschließend erklärt hatte. | |||
'''50.82''' Als Chandrashekhara ihre Worte hörte, setzte er sich auf den Boden und dachte nach, um zu verstehen, was geschehen war. | |||
'''50.83''' Der König erwog bei sich: Der Herr des Berges hat keine andere Geliebte. Außer Parvati würde er keine Frau | |||
'''50.84''' begehren. Deshalb kann es nicht Bharga, der höchste Herr, gewesen sein. Der Fluch des Weisen ist mächtig. Durch ihn muss irgendein Rakshasa | |||
'''50.85''' mit großer Zauberkraft unter Shankaras Gestalt gekommen sein. Meine treue, geliebte Gattin ist also von einem Rakshasa befleckt worden. | |||
'''50.86''' Wie kann ich sie bei allen Handlungen wieder wie zuvor annehmen? Auch diese beiden unmittelbar geborenen Söhne sind dann Rakshasas. | |||
'''50.87''' Wie sonst könnten die Kinder Affengesichter haben? Während er so nachdachte, erschien Sarasvati, von den Götterscharen beauftragt, | |||
'''50.88''' im Luftraum und sprach zum König: Du sollst keinen Zweifel an Taravati hegen, bester König. | |||
'''50.89''' Wahrhaftig hat Mahadeva sich mit deiner Gattin vereinigt. Diese beiden sind seine Söhne. Ziehe sie auf, König. | |||
'''50.90''' Alle weiteren Zweifel, die du daran hast, wird Narada beseitigen. Mit diesen Worten schwieg die freundlich redende Göttin der Sprache. | |||
'''50.91''' Der König gewann Vertrauen und tröstete seine Gattin. Für die beiden Söhne des Gottes der Götter ließ er die vorgeschriebenen Riten vollziehen. | |||
'''50.92''' Dann zog er sie auf und wartete auf Naradas Ankunft. Schließlich kam der göttliche Weise Narada in seinen Palast. | |||
'''50.93''' Der König empfing ihn mit vielfältigen Ehren. Gemeinsam mit Taravati verehrte er ihn nach der rechten Ordnung. | |||
'''50.94''' Dann führte Chandrashekhara den Weisen in den unvergleichlichen hohen Palast hinauf, der dem Haus des Götterkönigs glich. | |||
'''50.95''' Dort fragte König Chandrashekhara im Verborgenen, zusammen mit seiner Gattin, nach den früheren Ereignissen. | |||
'''50.96''' Durch dich, Brahmas Sohn, bin ich innerlich und äußerlich gereinigt und begnadet, vorzüglicher Brahmane, da du in diesen hohen Palast gekommen bist. | |||
'''50.97''' Bitte beseitige einen Zweifel in meinem Herzen, Brahmane. Niemand außer dir kann diesen Zweifel lösen. | |||
'''50.98''' Durch den Fluch eines Weisen wurde meine tugendhafte Gattin Taravati von dem Fellbekleideten in abstoßender Erscheinung zur Vereinigung genommen. | |||
'''50.99''' Sogleich wurden ihm diese beiden Söhne geboren. Daran entzündet sich immer wieder ein Zweifel in meinem Geist. | |||
'''50.100''' Der Herr des Berges hat außer Girija Parvati keine andere Geliebte. Wie konnte er sich mit einer menschlichen Frau von niedrigerer Geburt vereinigen? | |||
'''50.101''' Wie konnte er seine eigenen Söhne als Menschen zeugen? Erkläre mir alles, sofern es kein Geheimnis ist. | |||
'''50.102''' Aurva sprach: So von König Chandrashekhara gefragt, erzählte der vorzügliche Weise Narada das gesamte Geschehen. | |||
'''50.103''' Er berichtete, wie Bhringi und Mahakala ursprünglich entstanden waren, wie Parvati sie verflucht und wie sie darauf geantwortet hatten, | |||
'''50.104''' wie Bharga als Paushyas Sohn Chandrashekhara geboren und wie Gauri als Taravati in Kakutsthas Haus erschienen war. | |||
'''50.105''' All dies erzählte Narada Chandrashekhara. Außerdem berichtete er ihm diese weitere bedeutende Geschichte. | |||
'''50.106''' Narada sprach: Als der Stierbannerträger Aparna „Kali“ genannt hatte, ging Uma zur Askese fort, weil sie einen hellen Körper erlangen wollte. | |||
'''50.107''' Durch Shankaras Worte gekränkt, begab sich die Tochter des Berges trotz Bhargas Beschwichtigung auf eine Terrasse des Himalaya. | |||
'''50.108''' Nachdem Parvati gegangen war, litt Shankara unter der Trennung. Er verließ den Kailasa und ging auf den Gipfel des Meru. | |||
'''50.109''' Doch auch dort fand er ohne Parvati keine Ruhe. Der Liebesgott und ebenso die Göttin Yogaschlaf verwirrten ihn. | |||
'''50.110''' Eines Tages sah Shambhu auf dem Meru die überaus schöne Savitri umhergehen, die Parvati in ihren Eigenschaften glich. | |||
'''50.111''' Vom Liebesverlangen erfüllt und durch die Trennung von Parvati gequält, wurde er von Nichtwissen umfangen wie ein gewöhnlicher Mensch. | |||
'''50.112''' Er hielt die Umhergehende irrtümlich für Parvati und lief ihr nach: Komm zu mir, schöne Parvati! Unter der Trennung von dir leide ich. | |||
'''50.113''' Kama greift mich an und erinnert sich an unsere frühere Feindschaft. Hilf mir jetzt dagegen, Geliebte! | |||
'''50.114''' Mit diesen Worten berührte der Stierbannerträger Savitri an der Schulter, als sie sich abwandte und fortging. Sie wurde sehr zornig. | |||
'''50.115''' Die überaus gattentreue Savitri wandte sich ihm zu, tadelte Mahadeva und sagte. | |||
'''50.116''' Was tust du, törichter Herr der Wesen, wie ein gewöhnlicher Mensch? Nachdem du deine Gattin im Streit fortgeschickt hast, solltest du sie versöhnen. | |||
'''50.117''' Von Begierde verwirrt sprichst du eine fremde Frau vertraulich an. Darfst du eine Frau wie mich berühren, ohne sie überhaupt erkannt zu haben? Der Wortlaut ist teilweise unsicher. | |||
'''50.118''' Bin ich etwa Parvati, Verblendeter, dass du mir ohne mich zu erkennen die Hand auf die Schulter legst? Wisse: Ich bin die treue Savitri. | |||
'''50.119''' Weil du mich wie ein gewöhnlicher Mensch behandelst, Ungehobelter, sollst du dich mit einer menschlichen Frau vereinigen. | |||
'''50.120''' Obwohl du außer Gauri keine Geliebte hast, begehrst du eine andere. Dies soll die Folge davon sein, Bharga. Geh und lass mich allein! | |||
'''50.121''' Mit diesen Worten kehrte die tugendhafte Göttin in ihre Einsiedelei zurück. Auch Hara ging beschämt und erstaunt in seine Wohnstätte zurück. | |||
'''50.122''' Deshalb vollzog Shankara die Vereinigung in menschlichem Schoß. Zweifle also nicht an der tugendhaften Taravati, König. Begegne ihr liebevoll und ziehe Bhargas beide Söhne auf. | |||
'''50.123''' Aurva sprach: So hörte der König aus Naradas Mund, dass er selbst eine Gestalt Shambhus und Taravati Gauri sei und dass Uma und der Stierbannerträger als Menschen geboren worden waren. | |||
'''50.124''' Überaus erfreut und erstaunt fragte der König Narada erneut, um dies selbst zu erkennen. | |||
'''50.125''' Erkläre mir gewiss, wie ich mein eigenes Shankara-Sein und Taravatis Gauri-Sein unmittelbar schauen kann. | |||
'''50.126''' Narada sprach: Nimm Taravati auf deinen Schoß und schließe die Augen. Auch Taravati soll für einen Augenblick ihre Augen schließen. | |||
'''50.127''' Nachdem ihr sie geschlossen habt, öffne sie rasch wieder, König. Dann wirst du Shambhus Erkenntnis und Gestalt erlangen. | |||
'''50.128a''' Auf Naradas Worte hin hielt König Chandrashekhara die tugendhafte Königin Taravati mit seinem linken Arm. | |||
'''50.129''' Gemeinsam mit ihr schloss und öffnete er sogleich die Augen. Während er sie geschlossen hielt, nahm er Shambhus Gestalt an. | |||
'''50.130''' Die tugendhafte Taravati wurde zu Gauri. In beiden entstand die Erkenntnis: „Ich bin Shambhu“, „Ich bin Gauri“. | |||
'''50.131''' Da sagte Narada lächelnd zu Shambhu: Du bist leibhaftig Shambhu, und Königin Taravati ist Gauri selbst. | |||
'''50.132''' Nun ist es dir unmittelbar offenbar, Glücklicher. Schau dein Selbst durch dich selbst! Der König antwortete: So sei es. Dann betrachtete er seinen eigenen Körper, | |||
'''50.133''' mit Tigerfell bekleidet und mit zehn Armen ausgestattet, Dreizack, Schädelstab, Lanze und weitere Waffen in den Händen, | |||
'''50.134''' auf einem Stier sitzend und mit einem Knoten verfilzter Haare geschmückt. Taravati sah er blitzhell, mit einem Lotus in der Hand und schönem Gesicht. | |||
'''50.135''' Durch diesen Anblick und die innere Erkenntnis gewann er Gewissheit. Dann sprach Narada: Höre meine Worte, König. | |||
'''50.136''' In eurer menschlichen Geburt hat Vishnus Maya euch zuvor verblendet. Deshalb hast du in deinem jeweiligen Körper dein Shambhu-Sein nicht erkannt. | |||
'''50.137''' Jetzt hat Shambhu dir deine Shambhu-Gestalt offenbart. Schließe erneut beide Augen und kehre in den menschlichen Zustand zurück. | |||
'''50.128b''' Nimm den menschlichen Zustand an und bleibe bis zum Ende deines Körpers darin. Ebenso soll Königin Taravati rasch wieder Mensch werden. Die Vorlage trägt hier 128 statt 138. | |||
'''50.149a''' Aurva sprach: Nachdem der König seine göttliche Gestalt erkannt und mit eigenen Augen gesehen hatte, war er überzeugt und schloss die Augen. Die Vorlage trägt hier 149 statt 139. | |||
'''50.140''' Auch Königin Taravati schloss die Augen. Darauf wurden beide wieder Menschen, die Königin und der König. | |||
'''50.141''' Sie öffneten die Augen, sahen ihre menschliche Gestalt und erkannten: Wir beide sind wieder sterblich. | |||
'''50.142''' Dann wurden die Eheleute erneut von Vishnus Maya umhüllt. Ihre Vorstellung lautete wieder: „Ich bin der König“, „Ich bin die Königin“. | |||
'''50.143''' Die beiden Söhne der Königin hielten sie für göttliche Teilgestalten. Auch die Zeichen ihrer eigenen Geburt blieben ihnen bewusst. Der Hinweis auf die Mondsichel im beschädigten zweiten Halbvers ist nicht eindeutig. | |||
'''50.144''' Freudig sagte der König zu Narada: Wahr ist, was du gesagt hast. Ich werde nach deinen Worten handeln. | |||
'''50.145''' Ich werde Shambhus durch Wahrhaftigkeit erlangte Söhne stets aufziehen. Vollziehe du aber für die beiden die vorgeschriebenen Riten, bester Weiser. | |||
'''50.146''' Aurva sprach: Auf die Bitte des Königs gab Narada den beiden ihre Namen. Der ältere, furchterregende Sohn Gauris wurde Bhairava genannt. | |||
'''50.148a''' Der andere war dunkel und einem Vetala ähnlich; deshalb hieß er Vetala. So gab ihnen der göttliche Weise, Brahmas Sohn, ihre Namen. Die Vorlage trägt hier 148 statt 147. | |||
'''50.148b''' Auch die übrigen Riten vollzog der vorzügliche Weise Narada der Reihe nach auf die Bitte König Chandrashekharas. | |||
'''50.149b''' Nachdem er alle Zweifel beseitigt und die Riten für Bhargas Söhne vollzogen hatte, wurde der vorzügliche Weise vom König verabschiedet. | |||
'''50.150''' Narada ging durch den Luftraum in den Himmel zurück. Nach seinem Fortgang erfreute sich König Chandrashekhara | |||
'''50.151''' mit Taravati des Lebens in Karavira. Er vertraute darauf: „Ich bin ein Teil Shambhus, und Taravati ist ein Teil Gauris.“ | |||
'''50.152''' In diesem Glauben regierte der König lange die Erde. Haras hochherzige Söhne Vetala und Bhairava | |||
'''50.153''' wuchsen heran wie zwei aufgehende Herbstmonde. König Chandrashekhara hatte von Taravati außerdem, bester König, | |||
'''50.154''' drei sehr tapfere und schöne Söhne: den ältesten Uparichara, dann Damana und Alarka. | |||
'''50.155''' Diese drei waren älter als Vetala und Bhairava. So wuchsen die drei Söhne König Chandrashekharas | |||
'''50.156''' und die beiden unmittelbar geborenen Söhne Haras, Vetala und Bhairava, mit gleichen Annehmlichkeiten auf. Der König und seine Gattin behüteten sie und gaben ihnen gleiche Sitze und Fahrzeuge. | |||
'''50.157''' So wuchsen die fünf mächtigen Söhne heran, als hätte der Schöpfer sie den fünf Elementen nachgebildet. Freudig und im Bewusstsein ihrer Kraft übertrafen sie die ganze Welt. | |||
===Kapitel 51=== | |||
'''51.1''' Aurva sprach: Im Lauf der Zeit wuchsen die mächtigen Söhne heran. Sie wurden im Umgang mit Waffen und Geschossen geschickt und durchdrangen den Sinn der Lehrschriften. | |||
'''51.2''' Sie erreichten die Jugend, strahlend und für Feinde schwer zu bezwingen. Sie verstanden Recht und Wohlergehen, ehrten die Brahmanen und sprachen die Wahrheit. | |||
'''51.3''' Vetala und Bhairava waren einander liebevoll verbunden und stets zusammen. Auch die drei Brüder Alarka, Damana und Uparichara, Chandrashekharas Söhne, hielten beständig zusammen. | |||
'''51.4''' Den drei eigenen Söhnen, Uparichara und den anderen, schenkte der König stets stärkere Verbundenheit, größere Freude und mehr Zuneigung. | |||
'''51.5''' Für Vetala und Bhairava empfand König Chandrashekhara nicht dieselbe Liebe wie für jene. | |||
'''51.6''' Wenn er die beiden sah, zeigte er nie die gleiche überschäumende Freude und betrachtete sie nicht in gleicher Weise als seine Söhne. | |||
'''51.7''' Dabei waren sie Helden, im Recht bewandert, von gewaltiger Kraft und Tapferkeit, fähig, die drei Welten zu erobern, und Meister sämtlicher Waffen. | |||
'''51.8''' Der König fürchtete sie und dachte: Was werden Vetala und Bhairava eines Tages mit mir, meinen Söhnen oder meinem Reich tun? | |||
'''51.9''' Von dieser Sorge erfüllt, betrachtete er die beiden stets argwöhnisch, auch wenn Vetala und Bhairava sich ehrfürchtig vor ihm verneigten. | |||
'''51.10''' Der König weihte seinen ältesten leiblichen Sohn Uparichara, der alle königlichen Tugenden besaß, zum Thronfolger. | |||
'''51.11''' Dieser König Uparichara, mit dem Sinn aller Lehrschriften vertraut, sollte später sämtliche Herrscher durch kluge Staatsführung lenken. | |||
'''51.12''' Damana und Alarka gab der König als Ausstattung große Mengen an Reichtum und Edelsteinen sowie zahlreiche Sitze und Wagen. | |||
'''51.13''' Vetala und Bhairava gab er keinen entsprechend großen Anteil am Vermögen. Darüber wurden die beiden bekümmert. | |||
'''51.14''' Von Unmut erfüllt, wanderten die Helden umher. Sie begehrten keine Genüsse mehr und beschlossen, Askese zu üben. Unverheiratet blieben sie beständig an einsamen Orten. | |||
'''51.15''' Königin Taravati bemerkte den Zustand ihrer göttlichen Söhne Vetala und Bhairava und wurde von Sorge erfasst. | |||
'''51.16''' Aus Furcht vor König Uparichara und ihrem Gatten Chandrashekhara sagte die Schöne öffentlich nichts. Heimlich versuchte sie jedoch, die beiden zu trösten. | |||
'''51.17''' Unterdessen hatte der gelehrte Weise Kapota in Chitrangadas Gemeinschaft und den Liebesfreuden Erfüllung gefunden. | |||
'''51.18''' Er wollte nun seine Gefährtin Chitrangada samt den Söhnen verlassen und fortgehen. Deshalb sprach er zu ihr. | |||
'''51.19''' Der Weise sprach: Chitrangada, ich werde in den Büßerwald gehen, um Askese zu üben. Was kann ich dir zuvor Gutes tun? Sage es mir, Bezaubernde. | |||
'''51.20''' Chitrangada sprach: Tumburu und Suvarchas sind deine Söhne, du Gelübdetreuer. Sorge in angemessener Weise für sie, bester Weiser. | |||
'''51.21''' Bringe auch mich im Haus meiner Schwester unter, bester Brahmane. Danach gehe in den Büßerwald, wenn du es wünschst, Schuldloser. | |||
'''51.22''' Als Kapota ihre Worte hörte, dachte er über die Beschaffung von Gold nach und begab sich zu Kuberas Wohnstätte. | |||
'''51.23''' Er bat Kubera und erhielt sechshunderttausend goldene Nishka-Münzen. Die Zahl steht in der Vorlage als „sechs Hundert Tausend“. | |||
'''51.24''' Außerdem ließ er hundert Lasten Edelsteine auf Transporttieren herbeibringen und gab sie seinen beiden Söhnen und insbesondere seiner Gattin. | |||
'''51.25''' Nachdem Chitrangada und die beiden Söhne zugestimmt hatten, nahm er sie und die großen Reichtümer mit sich. | |||
'''51.26''' Der vorzügliche Weise sprach mit Suvarchas, Tumburu und Chitrangada und ging nach Karavira. | |||
'''51.27''' Dort wandte sich Kapota an König Chandrashekhara und König Uparichara und sagte. | |||
'''51.28''' Diese Tochter Kakutsthas ist dir bereits bekannt, König. Auch diese beiden reinen Söhne von mir wurden ihr unmittelbar geboren. | |||
'''51.29''' Nimm meine beiden Söhne mit diesem Vermögen auf und beschütze sie. Auch König Uparichara möge für sie sorgen. | |||
'''51.30''' Für den Kinderlosen ist der König ein Sohn, für den Armen Reichtum, für den Mutterlosen eine Mutter und für den Vaterlosen ein Vater. | |||
'''51.31''' Für den Schutzlosen ist der König ein Schutzherr, für den ohne Beistand ein Gebieter, für den Dienerlosen ein Diener und für die Menschen ein Freund. Der König verkörpert alle Götter. Deshalb bitte ich dich, König. | |||
'''51.32''' Aurva sprach: Der König antwortete dem vorzüglichen Brahmanen: Ich werde deine Bitte erfüllen, und ebenso wird es König Uparichara tun. | |||
'''51.33''' Mit Zustimmung des Weisen nahm der König Chitrangada auf. Dessen beide Söhne übergab er zusammen mit ihrem Vermögen seinem ältesten Sohn. | |||
'''51.34''' Uparichara überließ Suvarchas die Hälfte seines Reiches und machte Tumburu zum Oberhaupt seiner Ratgeber. | |||
'''51.35''' Kapota sah, dass für seine Söhne gesorgt war, und freute sich sehr. Er verabschiedete sich vom König und ging zur Askese in den Büßerwald. | |||
'''51.36''' Unterwegs sah Kapota Shambhus beide schöne Söhne allein umhergehen, Sonne und Mond vergleichbar. | |||
'''51.37''' Er bemerkte ihre affenähnlichen Gesichter und erinnerte sich an das frühere Geschehen. Der askesereiche Weise fragte sie. | |||
'''51.38''' Wer seid ihr beiden, die ihr göttlichen Kindern gleicht und allein auf diesem einsamen Weg wandert, vorzügliche Männer? Sagt es mir. | |||
'''51.39''' Shankaras Söhne verneigten sich vor dem vorzüglichen Weisen Kapota, begrüßten ihn gebührend und antworteten. | |||
'''51.40''' Wisse, bester Weiser, dass wir Chandrashekharas Söhne sind, von Taravati geboren. Wir verneigen uns vor deinen Füßen. | |||
'''51.41''' Weil der König uns stets geringschätzig behandelt, wandern wir bekümmert allein an einsamen Orten umher. | |||
'''51.42''' Warum verachtet der König uns, seine Söhne, obwohl wir ihm stets Ehre erweisen? Warum will er uns nicht einmal einen Anteil am Vermögen geben, Hochherziger? | |||
'''51.43''' Darum wollen wir Askese üben, bester Brahmane, wenn du uns durch deine Unterweisung gnädig unterstützen möchtest. | |||
'''51.44''' Der vorzügliche Weise hörte ihre Worte und lächelte. Da er Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart kannte, antwortete er ihnen. | |||
'''51.45''' Der Weise sprach: Ihr seid nicht die leiblichen Söhne König Chandrashekharas. Ihr seid Shankaras Söhne, von Taravati geboren. | |||
'''51.46''' Ihr wurdet unmittelbar und mit großer Kraft geboren und werdet als Vetala und Bhairava anerkannt. Ursprünglich hießt ihr Bhringi und Mahakala und kamt durch einen Fluch auf die Erde. | |||
'''51.47''' Deshalb will er euch keinen ihm lieben Erbanteil geben. Sucht Zuflucht bei eurem Vater Shankara, dem Gott mit dem Stierbanner. | |||
'''51.48''' Maheshvara selbst wird alles für euch tun. Wozu überaus strenge Askese, deren Frucht erst nach langer Zeit reift? | |||
'''51.49''' Mit diesen Worten erklärte der vorzügliche Weise Kapota, im höchsten Selbst verankert und Kenner aller Zeiten, ihnen alles. | |||
'''51.50''' Er erzählte, wie Bhringi und Mahakala verflucht worden und auf die Erde gekommen waren und wie auch Hara und Gauri auf Erden erschienen waren, König, | |||
'''51.51''' wie er selbst früher Taravati verflucht hatte und wie die beiden in Taravatis Schoß entstanden waren, | |||
'''51.52''' und wie Narada die Zweifel des Königs beseitigt hatte. All dies berichtete er den Söhnen des Herrn des Berges. | |||
'''51.53''' Als die untadeligen, hochherzigen Vetala und Bhairava dies hörten, wurden sie von höchster Freude erfüllt. | |||
'''51.54''' Vor Freude überströmend, wie mit Nektar begossen, fragten Vetala und Bhairava Kapota erneut. | |||
'''51.55''' Du hast wahrhaftig gesagt, dass Mahadeva unser Vater ist. Wie sollen wir ihn verehren, bester Weiser, um Vollendung zu erlangen? | |||
'''51.56''' Wie und wo sollen wir Hara verehren, damit er uns bald gnädig wird? Sage es uns, großer Verständiger. | |||
'''51.57''' Wir sind glücklich und begnadet, bester Weiser, weil du uns all dies offenbart und den Dorn aus unserem Herzen gezogen hast. | |||
'''51.58''' Habe nochmals Erbarmen mit uns, mitfühlender Herr der Weisen. Sage uns, wie wir Bharga bald erreichen können. | |||
'''51.59''' Der Weise sprach: Hört! Ich werde euch sagen, wo ihr Hara verehren könnt, sodass er euch bald unmittelbar erscheint. | |||
'''51.60''' Ich werde euch den geheimen Ort offenbaren, an dem Mahadeva stets wohnt und Gnade schenkt. | |||
'''51.61''' Am schönen Ufer der Ganga liegt die Stadt Varanasi, bogenförmig zwischen den Flüssen Arana und Asi. Die Vorlage nennt den ersten Fluss Arana. | |||
'''51.62''' Dort wohnt der Stierbannerträger selbst beständig. Als Yogin erfreut er die Yogins und verweilt in der Betrachtung seines Selbst. | |||
'''51.63''' Diese Stadt wird durch Bhargas Yogakraft stets im Luftraum getragen. Wer dort stirbt, dem schenkt Mahadeva göttliche Erkenntnis, | |||
'''51.64''' um die Knoten des Daseinskreislaufs zu lösen. Wer dort stirbt, wird in einem weiteren Dasein zu einem höchsten Yogin | |||
'''51.65''' und erlangt mit Haras Zustimmung leicht die Befreiung. Mahadeva ist stets dem Yoga hingegeben und mit Parvati verbunden. | |||
'''51.66''' Hara ist dort für Götter, Gandharvas, Yakshas und Menschen erkennbar und offenbar; auch die heilige Stätte ist weithin bekannt. | |||
'''51.67''' Dort erfüllt der Gott jedoch nicht rasch weltliche Wünsche und wird nicht schnell gnädig. Nach langer liebevoller Verehrung schenkt er Gnade zur Befreiung. | |||
'''51.68''' Diese Stadt ist ohne Gauri; Shankaras Gefährtin geht niemals zu diesem großen heiligen Ort des Yoga. Diese Aussage steht in Spannung zur Erwähnung Parvatis in Vers 65 und bleibt hier unverändert erhalten. | |||
'''51.69''' Die eben beschriebene Stätte Varanasi liegt euch nahe, nicht allzu weit entfernt, beste Männer. | |||
'''51.70''' Nun werde ich einen anderen, geheimen und stets verehrten Sitz beschreiben, an dem Hara und Gauri vereint sind und der in höchstem Maß Recht, Wohlergehen und Wunscherfüllung schenkt. | |||
'''51.71''' Durch sehr strenge Askese gewährt er nach langer Zeit auch Befreiung. Eine heilige Stätte, die Wünsche rasch erfüllt, wird Pitha, heiliger Sitz, genannt. | |||
'''51.72''' Wo der Gott Wünsche erst nach langer Zeit erfüllt, Erkenntnis aber rasch schenkt, spricht man nach den früheren Lehrern von einem Kshetra, einem heiligen Feld. | |||
'''51.73''' Kamarupa ist ein großer heiliger Sitz, das höchste Geheimnis unter den Geheimnissen. Dort ist Shankara stets gemeinsam mit Parvati gegenwärtig. | |||
'''51.74''' Wird der Gott an diesem Sitz verehrt, so wird er bald gnädig. Auch Parvati begnadet dort den Verehrer Bhargas. | |||
'''51.75''' Der höchste Herr erfüllt seinem Verehrer rasch den Wunsch. Diesen heiligen Sitz werde ich euch jetzt beschreiben; hört beide zu. | |||
'''51.76''' Er reicht östlich des Flusses Karatoya bis zu Dikkaravasini, ist dreißig Yojanas breit und hundert Yojanas lang. | |||
'''51.77''' Er ist dreieckig, dunkel und voller großer Berge und hunderter Flüsse. Dieses Gebiet wird Kamarupa genannt. | |||
'''51.78''' Kama war vom Feuer aus Shambhus Auge verbrannt worden und erhielt dort durch Shambhus Gnade seine Gestalt zurück. Deshalb heißt der Ort Kamarupa, „Kamas Gestalt“. | |||
'''51.79''' Im Nordwesten, Südwesten, im mittleren Bereich, im Nordosten, Südosten sowie im Zentrum und seitlich dieses Sitzes hat Shankara seine Stätten. Die Richtungsaufzählung ist in der Vorlage nicht eindeutig gegliedert. | |||
'''51.80''' An sechs schönen Orten hat er seine Einsiedeleien eingerichtet und wohnt dort beständig im freudigen Spiel mit Parvati. | |||
'''51.81''' In der Mitte liegt das Haus der Göttin; dort ist Shankara ihr zugeordnet. Auf dem vorzüglichen Berg namens Nila weilt Parvati. | |||
'''51.82''' Im Nordosten, auf dem Berg Nataka, befindet sich Shankaras große Einsiedelei. Dort wohnt der Herr stets, und Parvati ist ihm zugeordnet. | |||
'''51.83''' Es gibt weitere ewige Einsiedeleien Haras und Gauris. Doch keine andere Wohnstätte Shankaras kommt diesen beiden gleich. | |||
'''51.84''' Dort sollt ihr Mahadeva verehren, beste Männer. Nehmt diesen Ort in euren Geist auf und gewinnt die Gnade des Stierbannerträgers. | |||
'''51.85''' Vetala und Bhairava sprachen: Wir werden nach Kamarupa zum verborgenen Berg Nataka gehen, wo Gauri und Hara stets gegenwärtig sind, Weiser. | |||
'''51.86''' Wir müssen den Herrn der Wesen verehren. Erkläre uns genau, wie wir dies tun sollen, bester Brahmane. | |||
'''51.87''' Sage uns auch den Mantra, durch den der Gott bald erfreut wird, Hochherziger, wenn du uns gnädig sein willst. | |||
'''51.88''' Der Weise sprach: Geht zum herrlichen Berg Nataka, beste Männer. Dort vergnügt sich Mahadeva stets mit Aparna. | |||
'''51.89''' Auf dem Berg Sandhya verehrt der Weise Vasishtha, Brahmas Sohn, Shankara. Sucht ihn auf. | |||
'''51.90''' Wenn ihr ihn fragt, wird er euch, Vetala und Bhairava, den Mantra und das Verfahren zur Verehrung Haras lehren. | |||
'''51.91''' Ich will zur Askese gehen und darf jetzt keine weitere Zeit verstreichen lassen. Lasst mich deshalb ziehen, beste Helden. | |||
'''51.92''' Mit diesen Worten ging Kapota in den Wald. Die beiden verneigten sich vor dem Weisen und kehrten in ihr Haus zurück. | |||
'''51.93''' Sie trafen ihre Vereinbarung, weihten sich der Askese, verabschiedeten sich mit Erlaubnis ihrer Eltern, Brüder und übrigen Angehörigen und brachen nach Kamarupa auf. | |||
'''51.94''' Als Shankara und Uma wussten, dass sie aufgebrochen waren, sprach er zu allen Göttern samt Indra, gleichsam beruhigend. | |||
'''51.95''' Der Herr sprach: Meine beiden Söhne sind nun zur Askese aufgebrochen, beste Götter. Ihr Geist ist auf meine Verehrung gerichtet. Seid ihnen gewogen, Götterherren. | |||
'''51.96''' Nachdem meine Söhne Vetala und Bhairava durch Askese geläutert sind, werde ich sie zu Herren der Scharen einsetzen. Unterstützt ihre Läuterung, Unsterbliche. | |||
'''51.97''' Mit eben diesen Körpern werden sie die Herrschaft über die Scharen erlangen. Durch die Askese sollen ihre Körper den menschlichen Zustand verlassen | |||
'''51.98''' und göttlichen Zustand gewinnen; dafür werde ich sorgen. Mit diesen Worten folgte Shiva als Vamadeva gemeinsam mit Parvati den beiden Söhnen aus Liebe durch den Luftraum. | |||
'''51.99''' Indra und sämtliche anderen Götter sowie die Hüter der Himmelsrichtungen | |||
'''51.100''' folgten Hara, der seinen Söhnen nachging. Die beiden erreichten, mit schwarzen Antilopenfellen bekleidet, | |||
'''51.101''' den der Ganga gleichen Fluss Drishadvati. Sie hatten die Lebensweise von Asketen angenommen und wurden vom Gott Tryambaka beschützt. | |||
'''51.102''' So gelangten sie, von den Göttern begleitet, nach Kamarupa. Dort vollzogen sie im Wasser des Flusses Karatoya | |||
'''51.103''' die rituelle Berührung des Wassers und gingen dann zum Nandikunda, bester König. Sie badeten dort, reinigten sich und begaben sich zum Fluss Jatodbhava. | |||
'''51.104''' Dort reinigten sie sich erneut, ehrten den in Askese verweilenden Nandi und den Gott Jalpisha und zogen weiter zum Berg Nataka. | |||
'''51.105''' Als sie Nataka erreicht hatten, verneigten sie sich vor dem Stierbannerträger. Sie erinnerten sich an Kapotas Worte und suchten Unterweisung in der Verehrung. | |||
'''51.106''' Deshalb gingen sie nach Süden, wo der Berg Sandhya liegt. Dort fließt der von Vasishtha herabgeführte Fluss Kanta. | |||
'''51.107''' An seinem Ufer erhebt sich ein großer Berg mit dicht beschattenden Bäumen und Ranken. Weil Vasishtha, der Sohn des Schöpfers, dort seine Sandhya-Andacht verrichtete, | |||
'''51.108''' nennen die Götter ihn Sandhyachala. Dort fanden sie Vasishtha, der wie verkörpertes Feuer erschien. | |||
'''51.109''' Er verehrte den Herrn des Berges, sein Geist in Meditation gesammelt, und strahlte durch den Glanz seiner Askese wie eine zweite Sonne. | |||
'''51.110''' Vetala und Bhairava verneigten sich vor ihm und blieben mit gefalteten Händen und demütig gesenktem Haupt vor ihm stehen, König. | |||
'''51.111''' Während sie sich vor Brahmas Sohn verneigten, sagten sie: Wir sind von Taravati geboren, im ehelichen Bereich König Chandrashekharas. | |||
'''51.112''' Wisse, dass wir Bhargas Söhne in menschlicher Gestalt sind. Wir möchten Hara verehren, damit unser Wunsch erfüllt wird, | |||
'''51.113''' wenn du uns dabei unterstützen willst, du Gelübdetreue. Als der vorzügliche Weise Vasishtha ihre Worte hörte, | |||
'''51.114''' antwortete er: Ich weiß, dass ihr wahrhaft Haras Söhne seid. Ihr sollt Hara verehren, beste Männer. | |||
'''51.115''' Sagt, was ich dabei für euch tun kann, Untadelige. Was ihr zur Verehrung des Stierbannerträgers benötigt, könnt ihr als erfüllt betrachten. | |||
'''51.116''' Vetala und Bhairava sprachen: Lehre uns den Mantra, durch den Hara, recht verehrt, auf Erden bald gnädig wird, großer Weiser. | |||
'''51.117''' Erkläre uns vollständig das Verfahren, nach dem wir ihn verehren sollen, und die Reihenfolge der Handlungen, bester Weiser. | |||
'''51.118''' Unterweise uns so, dass wir durch deine Lehre bald Hara erreichen. Wir verneigen uns vor dir, bester Weiser. | |||
'''51.119''' Vasishtha sprach: Der Stierbannerträger und Uma sind euch bereits gewogen. Bald wird er hier selbst seine Gnade offenbaren. | |||
'''51.120''' Mit seiner Gattin und allen Götterscharen ist er durch den Luftraum gekommen und hat euch seit eurem Aufbruch von zu Hause behütet. | |||
'''51.121''' Doch zuerst wird er eure menschlichen Körper durch asketische Gelübde läutern. Dann wird er euch zu Herren der Scharen einsetzen und selbst zum Kailasa führen. | |||
'''51.122''' Auch ich werde euch lehren, wie ihr Bharga rasch erreicht, Söhne Parvatis. Hört konzentriert zu. | |||
'''51.123''' Durch Meditation allein wird er erst nach längerer Zeit erfreut, durch Meditation und rituelle Verehrung aber rasch. Deshalb erkläre ich euch nun beides genau. | |||
'''51.124''' Mahadeva besteht aus Licht, ist stets rein, vom Nektar der Erkenntnis erfüllt, allumfassend, Bewusstsein und Seligkeit. Er trägt die Gestalten Vishnus und Brahmas. | |||
'''51.125''' Er ist von großer Gestalt und stets mit höchstem Yoga verbunden. Die Welten sind seine Gestalten; wer könnte sie alle aufzählen? | |||
'''51.126''' Doch von den Gestalten, in denen Shankara hier wirkt, werde ich euch die bevorzugte beschreiben, soweit sie meiner Erkenntnis zugänglich ist. | |||
'''51.127''' Hört zuerst den Mantra, dann das Bild für die Meditation und anschließend die Reihenfolge der Verehrung, beste Männer. | |||
'''51.128''' Von den Vokalen werden die langen, verbleibenden Formen genommen, ohne die vokalischen R- und L-Laute, versehen mit Punkt und Halbmond und mit dem vorletzten Laut verbunden. Die verschlüsselte Lautanweisung wird hier nach dem Wortlaut wiedergegeben; eine eindeutige ausgeschriebene Mantraform ist daraus in dieser Vorlage nicht sicher zu gewinnen. | |||
'''51.129''' Aus diesen fünf Silben wird der Mantra des Fünfgesichtigen gelehrt. Ihre Namen lauten der Reihe nach Sammada, Sandoha, Nada und Gaurava. | |||
'''51.130''' Der letzte heißt Prasada. So werden fünf Mantras genannt. Mit jedem einzelnen soll jeweils eines der Gesichter des Gottes verehrt werden. | |||
'''51.131''' Man kann sie zu einer Einheit verbinden und mit allen fünf gemeinsam verehren oder den fünfgesichtigen Gott allein mit Prasada verehren. | |||
'''51.132''' Unter den Mantras Sammada und den übrigen wird Prasada besonders gerühmt. Denn dieser Mantra ist aus Shambhus Gnadenerweisung hervorgegangen. | |||
'''51.133''' Darum nennen die besten Weisen ihn Prasada. Von allen Mantras erfreut Prasada ihn in höchstem Maß. | |||
'''51.134''' Der Mantra, der Shambhu Freude bereitet, heißt Sammada. Weil ein anderer den Geist ganz erfüllt, wird er Sandoha genannt. | |||
'''51.135''' Nada zieht an; Gaurava heißt so wegen seines Gewichts und seiner Würde. Damit ist Shambhus Mantra in seinen einzelnen Teilen und als Ganzes beschrieben. | |||
'''51.136''' Mit diesem fünfsilbigen Mantra, der für den Fünfgesichtigen gelehrt wurde, sollt ihr den Herrn verehren. | |||
'''51.137''' Nun beschreibe ich die Meditation. Hört aufmerksam, Vetala und Bhairava: Betrachtet den Gott mit fünf Gesichtern und gewaltigem Körper, geschmückt mit einem Knoten verfilzter Haare, | |||
'''51.138''' mit einer schönen Mondsichel und reichlichem Haar auf dem Haupt, mit zehn Armen und einem Tigerfell als Gewand, | |||
'''51.139''' mit dem Kalakuta-Gift in seiner Kehle und einer Schlangenkette als Schmuck. Schlangen bilden seinen Kopfschmuck und seine Armzier. | |||
'''51.140''' Er trägt sie an allen Gliedern und erstrahlt wie im Mondlicht. Sein ganzer Körper ist mit Asche bestrichen. An jedem seiner Gesichter befinden sich drei Augen. | |||
'''51.141''' So glänzt er mit fünfzehn leuchtenden Augen. Er sitzt auf einem Stier und trägt eine Elefantenhaut als Umhüllung. | |||
'''51.142''' Seine fünf Gesichter heißen Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana. | |||
'''51.143''' Sadyojata ist weiß wie reiner Kristall. Vamadeva ist gelb, mild und bezaubernd. | |||
'''51.144''' Aghora ist dunkelblau und steigert mit seinen Fangzähnen das Erschrecken. Tatpurusha ist rot, von himmlischer, schöner Gestalt. | |||
'''51.145''' Ishana ist dunkel und stets von heilvollem Wesen. Das erste Gesicht soll im Westen betrachtet werden, das zweite im Norden. | |||
'''51.146''' Aghora befindet sich im Süden, Tatpurusha im Osten; Ishana ist in der Mitte zu erkennen. So soll man sie voller Hingabe betrachten. | |||
'''51.147''' In den rechten Händen trägt Shiva Lanze, Dreizack und Schädelstab; die beiden weiteren rechten Hände zeigen die Geste des Gabengebens und der Furchtlosigkeit. | |||
'''51.148''' In den linken Händen hält er Gebetskette, Zitronatzitrone, Schlange, Trommel und Lotus. Mit den acht göttlichen Fähigkeiten ausgestattet, soll Shiva im Herzen meditiert werden. | |||
'''51.149''' So soll Mahadeva, der Herr der Welt, in der Meditation betrachtet werden. Dann soll man die Torhüter, Ganesha und die anderen, geistig vergegenwärtigen und verehren. | |||
'''51.150''' Anschließend soll man die Reinigung der fünf Elemente wiederholt betrachten und danach die acht Gestalten mit ihren acht Namen verehren. | |||
'''51.151''' Auch alle seine Sitze sollen verehrt werden. Die acht inneren Blüten, beginnend mit der rechten Gesinnung, sollen im Herzen dargebracht werden. | |||
'''51.152''' Das rituelle Abwehren wird mit der Naracha-Handgeste beschrieben. Zur Verabschiedung soll nach Vorschrift die Dhenu-Handgeste gezeigt werden. | |||
'''51.153''' Beim Annehmen der verbliebenen Opfergaben soll stets Chandeshvara im Geist gegenwärtig sein. Mit den fünf Mantras soll man die Körperglieder jeweils reinigen. | |||
'''51.154''' Dies geschieht mit den zuvor genannten Mantras, Sammada und den übrigen, beste Männer. Dann sollen Bala, Jyeshtha, Raudri und Kali, | |||
'''51.155''' die Göttin Kalavikarini, Balapramathini, die Bezwingerin aller Wesen und Manonmathini verehrt werden. | |||
'''51.156''' Diese acht Göttinnen soll man der Reihe nach verehren, um Shambhu zu erfreuen. Nachdem Shiva so verehrt wurde, soll der Geist ganz in Meditation gesammelt sein. | |||
'''51.157''' Man nehme die Gebetskette, betrachte den Mantra und den Guru und wiederhole entweder den einen fünfsilbigen Mantra oder allein Prasada. | |||
'''51.158''' Wenn ihr ihn mit ganz darauf gerichtetem Geist wiederholt, werdet ihr rasch Vollendung erlangen. Damit habe ich euch den Mantra, die Meditation und die Reihenfolge der Verehrung erklärt. Geht zum Berg Nataka und verehrt dort Hara. | |||
'''51.159''' Vetala und Bhairava sprachen: Nach deiner Unterweisung haben wir diesen fünfsilbigen Mantra aufgenommen, Weiser. Mit ihm werden wir den Gott Hara freudig verehren. | |||
'''51.160''' Mit diesen Worten verneigten sich Vetala und Bhairava vor Vasishtha und begaben sich mit seiner Erlaubnis zum Berg Nataka, König. | |||
'''51.161''' Dort liegt ein schöner, reich gefüllter, bezaubernder See, dessen Wasser stets klar ist und in dem Lotus- und Wasserlilienblüten stehen. | |||
'''51.162''' An seinem Ufer befindet sich Haras weite, überaus schöne Einsiedelei. Sie wird stets von Danavas, Göttern, Kinnaras und Pramathas | |||
'''51.163''' behütet, die sich Tanz und Musik widmen, bester König. Weil der Herr dort stets voller Freude tanzt, | |||
'''51.164''' wird dieser Bergkönig Nataka genannt. Der Berg hat die Gestalt eines Schirms, ist schön und Shankara lieb. | |||
'''51.165''' Als die beiden ihn erreicht hatten und zum See gegangen waren, konnten sie Haras erhabene Einsiedelei nicht sehen. | |||
'''51.166''' Sie vermochten auch nicht, an den Ort der Einsiedelei zu gelangen, König. Daher verneigten sie sich vor Hara und errichteten am Ufer dieses Sees | |||
'''51.167''' einen schönen Opferplatz. Nach der von Vasishtha gelehrten Ordnung begannen Vetala und Bhairava, Hara zu verehren. | |||
'''51.168''' Als Hara sah, wie seine beiden Söhne den Herrn der Wesen verehrten, ließ er sich mit Aparna und den Götterscharen in seiner Einsiedelei auf dem Hochland dieses Berges nieder. | |||
'''51.169''' Shankara blieb dort mit den Göttern und sah seine Söhne, die unten am Seeufer Askese übten. | |||
'''51.170''' Die beiden hörten beständig den Klang von Haras Tanz und der Trommeln, konnten aber nicht dorthin gehen und ihn sehen. | |||
'''51.171''' Der Berg, auf dem Hara mit allen Götterscharen weilte, erstrahlte wie Indras Halle Sudharma, König. | |||
'''51.172''' Während die beiden dort meditierten, wurde der erhabene Stierbannerträger bald zu einem festen, unbeweglichen Bild auf ihrem inneren Meditationsweg. | |||
'''51.173''' Ob sie verehrten, gingen oder stillstanden: Niemals ließen sie Chandrashekhara aus ihrem Geist, König. | |||
'''51.174''' Indem sie den Stierbannerträger mit dem fünfsilbigen Mantra verehrten, verbrachten sie tausend Jahre. | |||
'''51.175''' Fastend oder mit streng geregelter Nahrung, den Geist ganz Hara zugewandt, verbrachten sie diese tausend Jahre der Askese wie ein einziges Jahr. | |||
'''51.176''' Als tausend Jahre vergangen waren, wurde der Stierbannerträger ihnen gnädig und erschien selbst sichtbar vor ihnen. | |||
'''51.177''' Vetala und Bhairava sahen den Stierbannerträger unmittelbar vor sich, den sie bisher in der Meditation erreicht hatten, und priesen ihn. | |||
'''51.178''' Seine lichtvolle Gestalt entsprach genau dem Bild Haras, das sie nach Vasishthas Unterweisung in ihrem Herzen betrachtet hatten. | |||
'''51.179''' Vetala und Bhairava sprachen: Wir verneigen uns vor dem Stierbannerträger mit fünf Gesichtern und mächtigem Körper, dem Höchsten, der ganz Erkenntnis ist und aus dem Meer des Daseinskreislaufs rettet. | |||
'''51.180''' Du bist das Höchste, das höchste Selbst, der höchste Herr und der höchste Purusha. Du bist unwandelbar, weltdurchdringend, das Urprinzip und der höchste Gott. | |||
'''51.181''' Du bist das Selbst aller Gestalten, das große Prinzip, die Stätte der Wahrheitserkenntnis, der Herr. Du bist die Grundlage von Samkhya und Yoga, rein und Kenner der Unterscheidung der drei Eigenschaften. | |||
'''51.182''' Du bist das Ewige und das Vergängliche, Schöpfer und Auflösung der Welt. Du bist eins und von vielerlei Gestalt, von ruhigem Wirken und das ganze All. | |||
'''51.183''' Du bist unveränderlich, ohne äußere Stütze, ewige Seligkeit und immerwährend. Du bist Vishnu, Mahendra und Brahma, du bist der Herr der Welten. | |||
'''51.184''' Du bist Gestalt und Herr der Gestalten, mit Juwelen geschmückt, Ursprung des Werdens und ungehindert. Du bist Herr des Yoga, Ziel der Erkenntnis und dennoch unzugänglich. Die mittleren Wortgruppen der Strophe sind stark beschädigt. | |||
'''51.185''' Du trägst das Wesen des Erkennbaren, erhaben wie ein Berg, von mächtigen Schlangen umwunden und Herr unsterblicher Freude. Du bist das feine, unvergängliche Prinzip, Kenner der Wahrheit, Gott der Götter und Zuflucht der Götter. Einzelne Komposita sind unsicher. | |||
'''51.186''' Deine Gestalt ist frei von begrifflicher Unterscheidung und Begrenzung. In deinem reinen inneren Licht ruht die eine Erkenntnis. Du bist der Wachsende, der Gewaltige, Purusha und höchstes Selbst, die unterscheidende Vernunft hinter den Sinnen. | |||
'''51.187''' Du bist der Herr der Herren, Ursprung der anderen, Ziel der Weisen und für höchste Yogins erreichbar. Du trägst die Erde, empfängst den Opferanteil und bist unendlich. Du bist das Selbst des Alls; vielfältig sind deine Entfaltungen. | |||
'''51.188''' Du bist der Vollmond, der den Nektar der Erkenntnis ausströmt, und das höchste Licht gegen die Finsternis der Verblendung. Du bist der höchste Vater deiner Verehrer und Söhne und nimmst nach deinem Wunsch fünfgesichtige Gestalt an. | |||
'''51.189''' Du bist die erste Sonne aller Lehrschriften und das Feuer; du entfaltest die Fülle der Eigenschaften. In Brahmas Gestalt vollbringst du die Schöpfung und in Vishnus Gestalten beständig die Erhaltung. | |||
'''51.190''' In Rudras Gestalt bewirkst du das Ende. Nichts in dieser Welt ist etwas anderes als du. Du bist der Herr der Nacht und der Herr des Tages, Feuer, Wasser, Wind und Erde. | |||
'''51.191''' Du bist der Raum und der Opferpriester im Opfergeschehen. Du hast acht Gestalten, und nichts ist von dir verschieden. Obwohl deine Gestalten unendlich sind, spricht man nach den vorherrschenden Formen von acht oder drei Gestalten. | |||
'''51.192''' Wie könnte es sonst eine feste Zahl deiner Formen geben, du Unendlichgestaltiger? Du bist Tryambaka und der Zerstörer der drei Städte, Shambhu, der Herr, der Bezwinger und der Schöpfer. | |||
'''51.193''' Du hast tausend Arme und goldene Arme, tausend Gestalten und hier fünf Gesichter, unzählige Augen und drei Augen, unzählige Arme und als Herr zehn Arme. | |||
'''51.194''' Du genießt in Fülle und beschränkst zugleich deinen Genuss. Du folgst dem jeweils zu Erfahrenden und bist doch ungebunden. | |||
'''51.195''' Verehrung dir, dessen Wesen Ewiges und Vergängliches umfasst, der ewiges Licht und höchste Wahrheit verkörpert und dessen Selbst Shiva ist. | |||
'''51.196''' Weder Vishnu noch Brahma erreichten das Ende deines Linga. Welche Worte des Lobes könnten wir beide da für dich finden, Stierbannerträger? | |||
'''51.197''' Weder Götter noch Danavas kennen dein wahres Wesen. Wie könnten wir beiden Unerfahrenen dich preisen, höchster Herr? | |||
'''51.198''' Allein aus Hingabe verneigen wir uns vor dir, Gott der Götter, Stierbannerträger und Herr Gauris. Wieder und wieder gilt dir unsere Verehrung. | |||
'''51.199''' Aurva sprach: So vom hochherzigen Vetala und von Bhairava gepriesen, wurde Mahadeva erfreut und sprach zu ihnen, König. | |||
'''51.200''' Der Erhabene sprach: Ich bin mit euch zufrieden, meine Söhne. Wählt die Gabe, die ihr wünscht. Eure asketischen Gelübde haben mich erfreut; ich werde euren Wunsch erfüllen. | |||
'''51.201''' Durch eure Lobgesänge, Selbstbeherrschung und ungeteilte Betrachtung bin ich immer wieder höchst erfreut. Ich werde euch das Gewünschte schenken, Söhne. | |||
'''51.202''' Vetala und Bhairava sprachen: Wenn du wahrhaft mit uns zufrieden bist und wir wahrhaft deine Söhne sind, Stierbannerträger, dann gewähre uns diese gewünschte Gabe. | |||
'''51.203''' Lass uns dich, den Herrn der Welten, stets als unseren Vater erkennen, so wie Söhne ihren Vater erkennen. | |||
'''51.204''' Wir begehren weder Königsherrschaft noch Reichtum noch etwas anderes. Wir möchten dir in Hingabe dienen, Stierbannerträger. | |||
'''51.205''' Wenn du uns gnädig bist, mögen unsere Augen stets wie Bienen an deinen beiden Lotusfüßen verweilen. | |||
'''51.206''' Darüber hinaus mögen tausende von Millionen Weltzeitaltern mit Gedanken an dich, Meditation über dich und deiner Verehrung für uns vergehen. | |||
'''51.207''' Aurva sprach: Als Mahadeva ihre Worte hörte, lächelte er und verlieh ihnen gemeinsam mit allen Götterscharen göttlichen Zustand. | |||
'''51.208''' Mit Indras Zustimmung ließ Shankara Nektar aus dem Himmel bringen und gab ihn Vetala und Bhairava zu trinken. | |||
'''51.209''' Nachdem die beiden vorzüglichen Männer den Nektar getrunken hatten, verließen sie durch Shivas Kraft die Sterblichkeit und erlangten Unsterblichkeit. Die Wortstellung der Vorlage ist hier gestört. | |||
'''51.210''' In diesem Zustand schlafend, wurden die beiden Feindebezwinger mit göttlicher Erkenntnis und Kraft sowie mit göttlicher Gestalt ausgestattet. | |||
'''51.211''' Ohne ihre bisherigen Körper aufzugeben, waren sie zu Göttern geworden. Zu den beiden überglücklichen Söhnen sprach Shambhu. | |||
'''51.212''' Der Erhabene sprach: Ich bin mit euch zufrieden. Wenn ihr die von mir gewährte Erfüllung erlangen wollt, verehrt meine geliebte Parvati, die höchste Herrin. | |||
'''51.213''' Ohne sie vermag ich euch die ewige Erfüllung eures Wunsches nicht zu geben. Sucht Zuflucht bei Shiva, der Segensreichen, damit ihr beständig dienen könnt, meine Söhne. | |||
'''51.214''' Verehrt die Göttin in der Weise, durch die sie bald erfreut wird, hier oder an einem anderen dafür geeigneten Ort. | |||
===Kapitel 52=== | |||
'''52.1''' Aurva sprach: Als der Herr der Wesen so gesprochen hatte, antworteten Vetala und Bhairava dem Gott mit dem Luftraum als Haar, die Augen vor Freude weit geöffnet. | |||
'''52.2''' Vetala und Bhairava sprachen: Wir kennen weder Parvatis Meditationsbild noch ihren Mantra oder das Verfahren ihrer Verehrung. Wie sollen wir sie verehren? Erkläre es uns genau, Erhabener. | |||
'''52.3''' Der Erhabene sprach: Meine Söhne, ich werde euch das Verfahren, den Mantra und die Ritualordnung Mahamayas wahrheitsgemäß lehren. Dadurch wird alles gelingen. | |||
'''52.4''' Aurva sprach: Mit diesen Worten erklärte der Herr des Berges den beiden eingehend das Meditationsbild, den Mantra und die Verehrungsweise Mahamayas, bester König. | |||
'''52.5''' Später hielt Bhairava diese Ritualordnung samt ihren genauen Bestimmungen in achtzehn Abschnitten des Werkes Shivamrita fest. | |||
'''52.6''' Sagara sprach: Welchen Mantra lehrte Shambhu damals den beiden, durch dessen Anwendung sie Mahamaya verehrten und die Herrschaft über die Scharen erlangten? | |||
'''52.7''' Ich möchte ihn mit der Ritualordnung, seinen Geheimnissen und allen Bestandteilen hören, wie Bhairava ihn in achtzehn Abschnitten niederlegte. | |||
'''52.8''' Aurva sprach: Wegen seines großen Umfangs könnte man dies nur in langer Zeit vollständig darlegen. Deshalb werde ich jetzt aus Mahadevas Worten das Wesentliche herausheben und es kurz erklären. Höre, bester König. | |||
'''52.9''' Als Vetala und Bhairava nach Parvatis Mantra fragten, sagte Mahadeva zu ihnen: Hört den Mantra und seine Ritualordnung. | |||
'''52.10''' Der Erhabene sprach: Ich werde den höchsten, geheimsten Mantra erklären: den achtsilbigen Mantra Vaishnavis, die große Feier Mahamayas. | |||
'''52.11''' Der Seher dieses ehrwürdigen Vaishnavi-Mantras ist Narada, seine Gottheit Shambhu und sein Versmaß Anushtubh. Er wird zur Verwirklichung aller Anliegen eingesetzt. | |||
'''52.12''' Die acht Laute werden verschlüsselt durch Endlaute bei Ha, Ra, Na und dem rückgebogenen Na sowie durch weitere Buchstaben- und Zahlenpositionen bezeichnet, mit Vishnu vorangestellt. Die überlieferte Lautformel ist beschädigt; eine verlässliche vollständige Auflösung ist hier nicht möglich. | |||
'''52.13''' Dieser aus acht Silben bestehende Mantra leuchtet wie ein rotes Blatt. Alle Übenden sollen ihn mit vorangestelltem Om wiederholen. | |||
'''52.14''' Dieser große, geheime Mantra heißt Vaishnavi-Mantra. Weil der Mantra im Körper gegenwärtig ist, wird er auch als dessen Glied bezeichnet. | |||
'''52.15''' Mahadevas nach oben gerichtetes Gesicht wird als sein Keim bezeichnet; auch die Silbe Om ist sein Keim. Der Laut Ya wird seine Kraft genannt. | |||
'''52.16''' Damit ist der Mantra samt seinem Keim erklärt. Höre nun die Ritualordnung, Bhairava: Zuerst soll man an einer heiligen Badestelle, in einem Fluss, einem heiligen Becken, einer Vertiefung, einer Quelle oder Ähnlichem | |||
'''52.17''' baden, in Wasser, das nicht fremdes Eigentum ist. Nach dem rituellen Mundspülen und der Reinigung soll man seinen Sitz einnehmen. | |||
'''52.18''' Nach Norden gewandt, soll man den Opferplatz mit der Hand reinigen und dabei die Formel „Yum, Sah, der Erde“ sprechen. Der Wortlaut der Formel ist unsicher. | |||
'''52.19''' Mit dem Mantra „Om Hrim Sa“ und dem Mantra zur Erfüllung der Himmelsrichtungen soll man den Platz mit Wasser besprengen, um störende Wesen zu entfernen. | |||
'''52.20''' Dann soll der Gereinigte mit der linken Hand den Opferplatz berühren und den Mantra mit einem goldenen Gerät oder einem für Opfer geeigneten Kusha-Halm darauf schreiben. | |||
'''52.21''' Oder er schreibe den königlichen Mantra „Om, Verehrung der Vaishnavi“. Anschließend zeichne er damit drei Mandala-Umgrenzungen mit gleichmäßiger Linie. | |||
'''52.22''' Bei der täglichen Verehrung soll das Mandala nicht mit Farbpulvern gezeichnet werden. Bei vorbereitenden Mantraübungen und besonderen Wunschritualen soll man diese verwenden. | |||
'''52.23''' Zuerst wird die Linie im Norden gezogen, dann im Westen, danach im Süden und zuletzt im Osten. | |||
'''52.24''' Die gleiche Reihenfolge gilt für die Farben beziehungsweise Schriftzeichen und für die Tore. Danach wird das Mandala mit dem Mantra „Om Hrim Shrim Sa“ verehrt. | |||
'''52.25''' Nachdem das Mandala mit der Hand angelegt wurde, folgt der Schutzverschluss der Himmelsrichtungen, der Reihe nach mit dem zuvor genannten Richtungsmantra. | |||
'''52.26''' Dabei soll die Formel mit „Phat“ enden und die Abgrenzung mit der Hand vollzogen werden. Acht Gerstenkörner ergeben eine Fingerbreite. | |||
'''52.27''' Vierundzwanzig Fingerbreiten bilden eine Elle, gemessen ohne übermäßiges Strecken. Nach diesem Maß soll das Mandala eine Elle groß sein. | |||
'''52.28''' Der Lotus soll eine Spanne messen, sein Mittelteil die Hälfte davon. Die Blütenblätter sollen länglich sein und aneinander anschließen. | |||
'''52.29''' Ihre Teile sollen weder zu klein noch zu groß und von einer äußeren Umgrenzung umfasst sein. Das Tor wird genau in der Mitte angebracht. Das so klar abgegrenzte Mandala soll rot vorgestellt werden. | |||
'''52.30''' Wer ein von diesen Merkmalen abweichendes, mangelhaft gegliedertes Mandala der gewaltigen Göttin anfertigt, erlangt nach der Aussage des Textes weder die Frucht noch den gewünschten Erfolg. Deshalb soll das Mandala in der beschriebenen Weise gezeichnet werden. | |||
===Kapitel 53=== | |||
'''53.1''' Der Erhabene sprach: Dann soll mit dem Mantra „Lam“ ein viereckiges Mandala für das Gefäß der Ehrengabe angelegt werden, ohne Tore und ohne Lotus. | |||
'''53.2''' Mit dem Mantra „Om Hrim Shrim“ soll das Gefäß zuerst in das Mandala gestellt und dort verehrt werden. Der abschließende Ausdruck der Vorlage ist unklar. | |||
'''53.3''' Mit dem Mantra „Om Hri Hraum“ sollen Duftstoff, Blumen und Wasser in das Gefäß gegeben werden. Dann soll darin das Mandala vergegenwärtigt werden. | |||
'''53.4''' Nachdem das Mandala wie zuvor angelegt ist, soll das Gefäß der Ehrengabe zu drei Vierteln mit Wasser gefüllt und eine Blume hineingelegt werden. | |||
'''53.5''' Dann soll der eigene Sitz mit dem Mantra „Hrim“ verehrt werden. Anschließend soll der Kundige mit „Kshaum“ sich selbst verehren. | |||
'''53.6''' Er bringe Duftstoffe und Blumen am eigenen Haupt dar. Dann nehme er eine Blume auf die Handfläche und spreche den Mantra „Om Hrim Sa“. | |||
'''53.7''' Der Kundige soll sie mit der linken Hand reinigen, daran riechen und sie mit derselben Hand unter dem genannten Mantra nach Nordosten werfen. | |||
'''53.8''' Dann nehme er eine rote Blume, bilde mit beiden Händen die Schildkröten-Handgeste und vollziehe danach die innere Verbrennung, Überflutung und die weiteren Reinigungsvorgänge. | |||
'''53.9''' Dabei wird der kleine Finger der rechten Hand an den Zeigefinger der linken gelegt und der linke Daumen an den rechten Zeigefinger. | |||
'''53.10''' Der rechte Daumen bleibt erhoben. Mittelfinger und die folgenden Finger der linken Hand werden auf den Rücken der rechten Hand gelegt. | |||
'''53.11''' Mittel- und Ringfinger der rechten Hand werden nach unten gewandt an die als Ahnenfurt bezeichnete Stelle der linken Hand gelegt. | |||
'''53.12''' Der Rücken der rechten Hand soll einem Schildkrötenrücken gleichen. Die so gebildete Schildkröten-Handgeste verleiht nach der Lehre des Textes alle Vollendungen. | |||
'''53.13''' Der Kundige halte diese Geste nahe am Herzen, schließe beide Augen und richte Körper, Kopf und Hals gerade aus. Sein Geist bleibe fest. | |||
'''53.14''' Er beginne die Meditation der Göttin mit der inneren Verbrennung und Überflutung: Das Feuer werde in den Wind aufgelöst, der Wind in das Wasser und das Wasser ins Herz. | |||
'''53.15''' Das Herz werde in das Unbewegliche versenkt, der Klang in den Raum. Mit dem Mantra „Om Hum Phat“ stelle man sich vor, die Öffnung am Scheitel zu durchbrechen. | |||
'''53.16''' Dann werde das individuelle Lebensprinzip zusammen mit dem Klang in den Raum versetzt. Mit den Keimsilben des Windes, des Feuers, Yamas, Indras und Varunas, | |||
'''53.17''' jeweils mit Halbmond und Punkt versehen und auf ihre höheren Bereiche bezogen, sollen Austrocknung, Verbrennung, Beseitigung und schließlich das Besprengen mit Nektar | |||
'''53.18''' der Reihe nach allein in der Vorstellung zur Reinigung vollzogen werden. Dann soll mit der Keimsilbe der Göttin ein winziges goldgestaltiges Teilchen vergegenwärtigt werden. | |||
'''53.19''' Dieses soll dort mit den Mantras „Um Hrim Shrim“ in zwei Teile geteilt werden. Aus seinem oberen Teil werden die Herzenswelt, der Himmel und der Raum gebildet. | |||
'''53.20''' Aus dem verbleibenden Teil entstehen Erde, Unterwelt und Wasser. Darin soll man alle Bereiche und die Erde mit ihren sieben Kontinenten betrachten. | |||
'''53.21''' In ihnen soll man die Ozeane und eine goldene Insel vorstellen. In deren Mitte liegt ein Edelsteinlager in einem Pavillon aus Juwelen. | |||
'''53.22''' Es wird stets von den Wassern der himmlischen Ganga umspült und ist glückverheißend. Auf diesem Lager soll ein roter Lotus erscheinen, offen und stets heilvoll. | |||
'''53.23''' Seine Glieder sind golden, sein Stängel reicht durch die sieben Unterwelten, und er erstreckt sich bis zur Welt Brahmas. Sein Mittelteil ist der goldene Berg. Einzelne Wörter sind beschädigt. | |||
'''53.24''' Auf diesem Lotus soll mit ungeteilter Aufmerksamkeit Mahamaya meditiert werden, einer roten Lotusblüte gleich, mit offen herabhängendem Haar. | |||
'''53.25''' Sie strahlt mit beweglichem Goldschmuck und glänzenden Ohrringen und trägt eine Krone aus Gold und Edelsteinen. Der erste Halbvers ist nicht vollständig sicher zu lesen. | |||
'''53.26''' Sie ist mit drei schönen Augen geschmückt, die Weiß, Schwarz und Rot zeigen. Ihre Wangen leuchten wie der Mond in der Dämmerung, und ihre Augen sind lebhaft. | |||
'''53.27''' Ihre Zähne gleichen reifen Granatapfelkernen; schöne Brauen lassen ihr Gesicht erstrahlen. Ihre Lippen sind wie Bandhuka-Blüten, ihre Nase glänzt wie eine Shirisha-Blüte. | |||
'''53.28''' Ihr Hals gleicht einer Muschel, ihre Augen sind groß, und sie leuchtet wie zehn Millionen Sonnen. Sie hat vier Arme, ist unbekleidet und besitzt volle, erhobene Brüste. | |||
'''53.29''' In der oberen rechten Hand trägt sie ein Schwert, in der anderen rechten eine Gebetskette der Vollendung. Mit den beiden linken Händen gewährt sie Furchtlosigkeit und Gaben. | |||
'''53.30''' Ihr Nabel ist tief, ihre Gestalt lang und anmutig, ihre Taille schmal und bezaubernd. Ihre Schenkel sind schön gerundet, ihre Knöchel verborgen und ihre Fersen wohlgeformt. Der Schenkelvergleich der Vorlage ist unsicher. | |||
'''53.31''' Sie sitzt mit verschränkten Beinen in einer eindrucksvollen Sitzhaltung und lehnt ihren Körper an eine Säule aus Edelsteinen. Die genaue Bezeichnung der Sitzhaltung ist beschädigt. | |||
'''53.32''' Immer wieder spricht sie: „Was wünschst du?“ Dabei blickt sie auf den vor ihr stehenden Löwen, ihr schönes Reittier. Das Wort „Fünfgesichtiger“ kann hier auch den Löwen bezeichnen. | |||
'''53.33''' Mit Perlenketten, Halsketten aus Gold und Edelsteinen, Armreifen und allem übrigen Schmuck strahlt sie und zeigt ein lächelndes Gesicht. | |||
'''53.34''' Sie leuchtet wie zehn Millionen Sonnen, besitzt alle glückverheißenden Merkmale, steht in frischer Jugend und ist an allen Gliedern schön. | |||
'''53.35''' Nachdem Ambika so meditiert wurde, soll man zuerst mit „Verehrung, Phat“ die Blume auf das eigene Haupt legen und betrachten: „Sie bin ich selbst.“ | |||
'''53.36''' Dann folgen der Reihe nach die Einsetzung der Mantralaute in die Körperglieder und in die Hände. Die dafür genannten Lautfolgen samt Vokalen sind in der Vorlage beschädigt. | |||
'''53.37''' Unter anderem werden „Om“ und „Kshaum“ genannt, mit dem Urlaut vorangestellt. Die Mantralaute werden rot und schön vorgestellt und vom Daumen bis zum kleinen Finger eingesetzt, jeweils mit „Phat“ abgeschlossen. | |||
'''53.38''' Zuerst erfolgt die Einsetzung in beide Handflächen, danach der Reihe nach in Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer und Augen. | |||
'''53.39''' Anschließend sollen die Silben des Grundmantras der Reihe nach in Gesicht, Rücken, Bauch, Arme, Schambereich, Füße, Unterschenkel und Hüften eingesetzt werden. | |||
'''53.40''' Dabei werden die acht Silben unter Erinnerung an Om eingesetzt. Nach der Lehre des Textes befähigt diese gründliche innere Reinigung zur Verehrung; sie reinigt den Körper, sammelt den Geist und ordnet die Elemente. | |||
===Kapitel 54=== | |||
'''54.1''' Der Erhabene sprach: Dann soll der Mantra achtmal über dem Gefäß der Ehrengabe wiederholt werden. Mit dessen Wasser reinige man Wasser, Blumen, sich selbst, Mandala und Sitz. | |||
'''54.2''' Danach reinige man ebenso sämtliche Gegenstände der Verehrung mit dem Mantra „Om Aim Hrim Hraum“, ohne lautes Aussprechen. Die genaue Bestimmung der Sprechweise ist beschädigt. | |||
'''54.3''' Dann verehre man die Torhüter und Sitze der Göttin. Nandi, Bhringi, Mahakala und Ganesha sind die Torhüter; sie werden von Norden aus der Reihe nach verehrt, die Sitze in der Mitte. | |||
'''54.4''' Beginnend mit der tragenden Grundkraft sollen die in allen Tantras und Ritualordnungen bekannten Grundlagen verehrt werden, Bhairava. Die abschließende Angabe zur Mantraform ist unklar. | |||
'''54.5''' Zusammen mit den zehn Hütern der Himmelsrichtungen sollen Dharma, Adharma und die weiteren Prinzipien in den Ecken des Mandalas, beginnend im Südosten, sowie an seinen Seiten verehrt werden. | |||
'''54.6''' Es folgen die Bereiche von Sonne, Feuer, Mond und Wind, der Lotus, Rajas, Tamas und Sattva, der Yogasitz und der Platz des Guru. | |||
'''54.7''' Alle Sitze vom ersten genannten bis zum glückverheißenden Sitz sollen mit ihren Haupt- und Nebengliedern verehrt werden; ebenso das Weltei, das goldene Ei, Brahma, Vishnu und Maheshvara, | |||
'''54.8''' die sieben Kontinente samt den Ozeanen, die goldene Insel mit dem Pavillon, der Edelsteinlotus mit seinem Lager und die Säule aus Edelsteinen. | |||
'''54.9''' In der Mitte des Mandalas soll unbedingt der Löwe verehrt werden. Dann bilde man mit dem Mantra „Rim“ aus beiden Händen die Schildkrötenrücken-Geste. | |||
'''54.10''' Auf dem vorzüglichen Sitz soll die Göttin wie zuvor meditiert werden. In der Mitte des Herzens stelle man sich die goldene Insel mit dem Lager vor. | |||
'''54.11''' Mit ungeteilter Aufmerksamkeit erinnere man sich der Göttin, als sähe man sie unmittelbar. Im Herzen sichtbar gegenwärtig, wird sie mit geistigen Darbringungen verehrt. | |||
'''54.12''' Mit den sechzehn Arten des Dienstes soll die im Herzen wohnende Segensreiche verehrt werden. Dann lasse man sie mit der Keimsilbe des Windes durch die rechte | |||
'''54.13''' Nasenöffnung hervortreten und setze sie mit dem Mantra „Krim“ in die Mitte des Lotus, Bhairava. Dabei soll die Hand den Kontakt nicht lösen. | |||
'''54.14''' Wenn die Hand von der Blume getrennt wird, so verehren nach dieser Rituallehre die Gandharvas die Göttin, während der ausführende Verehrer keine Frucht erlangt, Bhairava. | |||
'''54.15''' Dann soll die Herbeirufung mit der Gayatri samt ihrem abschließenden Teil erfolgen: „Wir erkennen die große Maya; wir meditieren über dich, die Chandika genannt wird.“ | |||
'''54.16''' Danach folgt: „Möge sie unsere Einsicht anregen.“ Anschließend: „Dieses Badewasser ist für dich, Göttin. Om Hrim Shrim, Verehrung.“ Die Vorlage verwendet im Gayatri-Schluss eine grammatisch unregelmäßige Form. | |||
'''54.17''' Dann soll der Göttin das nach seinen Merkmalen geeignete Badewasser gegeben werden. Mit dem Grundmantra folgen Duftstoffe, Blumen, Licht | |||
'''54.18''' und Räucherwerk, ferner Süßgebäck, Milchreis, weißer Zucker, Rohzucker, Dickmilch, Milch, geklärte Butter und vielerlei Früchte. | |||
'''54.19''' Rote Blumen, Blumengirlanden, Gold, Silber und anderes sollen dargebracht werden, ebenso vorzügliche Speisegaben, die als Langala bezeichnete Gabe, Süßgebäck und Zucker. | |||
'''54.20''' Dazu kommen die Früchte der als Shandilya und Karatamra bezeichneten Pflanzen, Kürbis, Haritaki, Orange und Kamelaka. Einige Pflanzennamen sind in dieser Schreibweise nicht eindeutig bestimmbar. | |||
'''54.21''' Auch Dinge, die Kindern angenehm sind, wie Kaseruka-Knollen und Lotuswurzeln, sowie Kokoswasser sollen der Göttin sorgfältig dargebracht werden. | |||
'''54.22''' Man soll ihr ein rotes Seidengewand geben, niemals ein blaues. Unter den Blumen sind ihr Bakula und Keshara lieb, | |||
'''54.23''' ferner Madhya, Kahlara und Vajra, Karavira und Kuruntaka, Arka-Blüten, Shalmali und ganz zarte Durva-Sprossen. Mehrere Pflanzennamen sind unsicher überliefert. | |||
'''54.24''' Dazu kommen die Blütenstände von Kusha und Darbha, Bandhuka und Lotus, Blätter und Blüten des Malura sowie Trisandhya und rotblättrige Pflanzen. | |||
'''54.25''' Diese Blumen sind Ambika lieb, Bhairava. Bandhuka, Bakula, Madhya, Bilva-Blätter und Sandhyaka | |||
'''54.26''' gelten unter den Blumen als vorzüglich, unter den Speisen Milchreis und Süßgebäck. Wer der Segensreichen eine Girlande aus tausend Bandhuka-, Bakula-, | |||
'''54.27''' Karavira- oder Madhya-Blüten darbringt, erlangt nach der Verheißung seine gewünschten Ziele und erfreut sich danach in meiner Welt. | |||
'''54.28''' Kühlende Sandelpaste, mit Kaliyaka vermischt, soll der Göttin sorgfältig als vorzügliche Salbung gegeben werden. | |||
'''54.29''' Unter den Duftstoffen erfreuen Kampfer, Safran, Kurcha, Moschus und duftendes Kaliyaka die Göttin besonders. | |||
'''54.30''' Als erfreuliche Räucherstoffe gelten Yakshadhupa, Prativaha, geformte Räucherkuchen und -kugeln, Aloeholz und Sindhuvara. | |||
'''54.31''' Unter den Körperfarben ist Zinnober der Göttin besonders lieb. Duftender gekochter Reis mit Honig und Fleisch, | |||
'''54.32''' Kuchen, Milchreis, Milch und gekochte Speise werden als Gaben für sie gerühmt. Für ihr Bad werden mit Edelsteinen behandeltes Wasser, Kampfer, Pinditaka und Kumaraka, | |||
'''54.33''' Rochana und Blüten genannt. Unter den Lichtern wird besonders die Lampe mit geklärter Butter gepriesen. | |||
'''54.34''' Mit dem Grundmantra sollen drei schöne Handvoll Blumen dargebracht werden. Nachdem sämtliche Dienste erwiesen sind, sollen in der Mitte folgende Göttinnen verehrt werden: | |||
'''54.35''' Kameshvari, Guptadurga, die Bewohnerin der Vindhya-Höhlen, Koteshvari, Dirghika, Prakati und Bhuvaneshvari, | |||
'''54.36''' Akashaganga, Kamakhya, Dikkaravasini, Matangi, Lalita, Durga, Bhairavi und Siddhida, | |||
'''54.37''' Balapramathini, Chandi, Chandogra, Chandanayika, Ugra, Bhima, Shiva, Shanta, Jayanti und Kalika, | |||
'''54.38''' Mangala, Bhadrakali, Shiva, Dhatri, Kapalini, Svaha, Svadha, Aparna und Panchapushkarini, | |||
'''54.39''' die Berauscherin aller Wesen, die den Geist anregende Göttin, die Bezwingerin aller Wesen sowie die vierundsechzig Yoginis. | |||
'''54.40''' Nachdem diese in der Mitte verehrt wurden, sollen mit dem Mantra die Glieder verehrt werden: Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Augen, Arme und Füße. | |||
'''54.41''' Für das erste Glied werden die ersten drei Silben des Grundmantras genommen. Für die weiteren Glieder wird jeweils eine Silbe hinzugefügt. | |||
'''54.42''' Die Gebetskette der Vollendung und das Schwert sollen mit dem Schwertmantra verehrt werden. Dann verehre man auf den acht Blütenblättern die acht Yoginis. | |||
'''54.43''' Shailaputri, Chandaghanta, Skandamata und Kalaratri sollen der Reihe nach in den vier Hauptrichtungen, beginnend im Osten, verehrt werden. | |||
'''54.44''' Chandika, Kushmandi, die schöne Katyayani und Mahagauri werden in den Zwischenrichtungen, beginnend im Südosten und dann im Südwesten, verehrt. | |||
'''54.45''' Mit der Bitte „Große Maya, verzeihe!“ und dem Grundmantra soll sie achtfach in der Mitte des Lotus verehrt werden. Danach folgt die Darbringung der Opfergabe. | |||
'''54.46''' Wenn die wunscherfüllende Göttin so nach den Regeln der Ritualordnung verehrt wird, Bhairava, kommt sie selbst in das Mandala, nimmt die Gabe an und erfüllt den Wunsch vollständig. | |||
Begleitender Vortrag zur spirituellen Praxis: | |||
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===Kapitel 55=== | |||
'''55.1''' Der Erhabene sprach: Danach soll die Opfergabe dargebracht werden, die die Göttin erfreut. Den Elefantengesichtigen erfreut man mit Süßgebäck, die Sonne mit Opferbutter und anderen Opfergaben. | |||
'''55.2''' Shankara erfreut man mit Tanz, Gesang und Musik, Hari mit Gelübden; Chandika soll der Übende stets durch Opfergaben erfreuen. | |||
'''55.3''' Als Opfergaben nennt der Text Vögel, Schildkröten, Krokodile, Ziegen, Eber, Büffel, Warane und weitere Tiere sowie neun Arten von Wild. | |||
'''55.4''' Dazu zählen Yak, Schwarzbock, Hase und Löwe, ferner Fische und Blut aus dem eigenen Körper. Die hier angegebene Einteilung in acht Gruppen lässt sich mit der beschädigten Aufzählung nicht eindeutig verbinden. | |||
'''55.5''' Wenn diese fehlen, werden in bestimmten Fällen auch Pferd und Elefant, Ziegen, Sharabha-Tiere und der Mensch der Reihe nach genannt. | |||
'''55.6''' Die Gaben werden als Opfer und großes Opfer bezeichnet. Das Opfertier soll dort gebadet und mit Blumen, Sandelholz und Räucherwerk geehrt werden. | |||
'''55.7''' Der Ausführende soll die Göttin mit den Opfermantras wiederholt verehren. Er selbst ist nach Norden gewandt, die Opfergabe nach Osten. | |||
'''55.8''' Dann betrachtet er sie und spricht den Mantra: „Du bist durch mein Glück in der Gestalt einer Opfergabe hier erschienen. | |||
'''55.9''' Darum verehre ich dich, der alle Gestalten und nun die Opfergestalt trägt. Indem du Chandika Freude schenkst, beseitigst du das Unglück des Gebers. | |||
'''55.10''' Verehrung dir, Opfergabe, die du die Opfergestalt Vaishnavis annimmst! Der Selbstgeborene selbst hat die Tiere für das Opfer geschaffen. | |||
'''55.11''' Darum töte ich dich heute; nach dieser Opferauffassung gilt das Töten im Opfer nicht als Töten.“ Mit dem Mantra „Om Aim Hrim Shrim“ wird die Opfergabe als wunschgestaltig betrachtet. | |||
'''55.12''' Dabei legt man eine Blume auf ihr Haupt, Bhairava. Dann wird sie mit Bezug auf die Göttin und auf den eigenen Wunsch | |||
'''55.13''' rituell besprengt. Anschließend wird das Schwert verehrt: „Du bist Chandikas Zunge und eröffnest den Weg zur Götterwelt.“ | |||
'''55.14''' Mit dem Mantra „Im Hrim Shrim“ wird das Schwert meditiert und verehrt, als dunkle Gestalt mit dem Pinaka-Bogen und als Verkörperung der Nacht der Zeit. | |||
'''55.15''' Diese Gestalt ist gewaltig, mit rotem Mund und roten Augen, roten Girlanden und roter Salbung, in rote Gewänder gehüllt, mit einer Schlinge in der Hand und mit Gefolge. | |||
'''55.16''' Sie trinkt Blut und verzehrt rohes Fleisch. Der Lobpreis des Schwertes lautet: „Schneide, Vernichter, Schwert, Scharfschneidiger, Unbezwinglicher, | |||
'''55.17''' Sitz des Glanzes, Sieger und Hüter des Rechts, Verehrung dir!“ Nach dieser Verehrung des Schwertes mit „Om Am Hrim Phat“ | |||
'''55.18''' wird in der beschriebenen Opferhandlung das makellose Schwert genommen und die Opfergabe enthauptet. Dann wird das Blut mit Wasser, Steinsalz und guten Früchten, | |||
'''55.19''' mit Honig, Duftstoffen und Blumen sorgfältig versehen. Dabei wird gesprochen: „Om Aim Hrim Shrim, Kaushiki, dieses Blut lasse ich dir darbringen.“ | |||
'''55.20''' Das Blut und der Kopf mit einer Lampe werden an ihren vorgesehenen Platz gestellt. Nach der Aussage des Textes erlangt der Ausführende durch eine so vollständige Darbringung die Frucht. | |||
'''55.21''' Ein mangelhaftes Opfer führt nach dieser Rituallehre zu Mangel, ein verkehrt ausgeführtes bleibt fruchtlos. Diese Ordnung gilt für Durgas Opfergaben auch an anderen Orten. | |||
'''55.22''' Die dafür Zuständigen sollen sie so anwenden, Vetala und Bhairava. Danach beginne man die Mantrawiederholung, während man die zuvor beschriebene Meditation aufnimmt. | |||
'''55.23''' Man nehme die Gebetskette in die Hand und betrachte die Segensreiche im Geist. Auf dem Haupt stelle man sich den Guru mit seiner jeweiligen Farbe und Gestalt vor. | |||
'''55.24''' Den Mantra meditiere man in der Kehle, weiß und goldglänzend, Mahamaya im Herzen und sich selbst zu Füßen des Guru. | |||
'''55.25''' Dann betrachte man die Einheit von Guru, Mantra, eigenem Selbst und Göttin und führe sie auf dem Weg der Sushumna | |||
'''55.26''' als eine einzige Wesenswirklichkeit zum sechsfachen Zentrum. Dort meditiere man Mahamaya für einen Augenblick mit Sorgfalt. | |||
'''55.27''' Mit dem Grundmantra allein führe man sie zum ursprünglichen sechzehnteiligen Zentrum, wo sie verweilt und dem Übenden Freude schenkt. | |||
'''55.28''' Während der Übende die Göttin dort betrachtet, beginne er die Mantrawiederholung. Oberhalb der Augenbrauen wird der Endpunkt der drei feinen Leitbahnen beschrieben. | |||
'''55.29''' Dieser Ort der drei Wege ist sechseckig, vier Fingerbreiten groß und rot. Die Kenner des Yoga nennen ihn Ajna-Chakra. | |||
'''55.30''' In der Kehle des Menschen liegt eine Verschlingung der drei Leitbahnen Sushumna, Ida und Pingala. Sie ist sechseckig und sechs Fingerbreiten groß. | |||
'''55.31''' Sie wird das sechsfache Zentrum genannt, ist weiß und liegt in der Mitte der Kehle. Im Herzen vereinigen sich die drei Leitbahnen. | |||
'''55.32''' Dieser Ort hat sechzehn Speichen und misst sieben Fingerbreiten. Deshalb wird er von den Yogakundigen als ursprüngliches sechzehnteiliges Zentrum bezeichnet. | |||
'''55.33''' Weil das Herz der Ausgangspunkt für Meditation, Mantra, Betrachtung und Wiederholung ist, wird dieses Zentrum „das ursprüngliche“ genannt. | |||
'''55.34''' Vor Beginn der Wiederholung soll die Gebetskette sorgfältig mit Wasser besprengt und verehrt werden, im Mandala liegend oder in der linken Hand gehalten. | |||
'''55.35''' „Om, Gebetskette, Gebetskette, große Maya, Verkörperung aller Kräfte! Die vier Lebensziele sind in dir enthalten. Darum schenke mir Vollendung.“ | |||
'''55.36''' Nach der Verehrung nehme man die Kette in die rechte Hand und lege sie auf das mittlere Glied des Mittelfingers, ohne den Zeigefinger zu verwenden. | |||
'''55.37''' Der Mittelfinger wird dabei mit Ringfinger und kleinem Finger zusammengebogen. Auf ihm ruht die Kette; mit der Daumenspitze wird jeweils | |||
'''55.38''' eine Perle erfasst und bei jeder Wiederholung weitergeführt, Bhairava. Man spricht jedes Mal den Mantra und bewegt dabei die Lippen nur leicht. Eine nähere Zeitangabe ist unklar. | |||
'''55.39''' Die Perlen sollen während der Wiederholung nicht zugleich vom Daumen berührt werden. Der Daumen, der die vorige Wiederholung gezählt hat, soll nicht vorzeitig die nächste Perle erfassen, Bhairava. | |||
'''55.40''' Wer während der Wiederholung an der vorherigen Perle bereits die nächste mit dem Daumen berührt, dessen Wiederholung gilt nach der Ritualregel als fruchtlos. | |||
'''55.41''' Man halte die Kette mit der rechten Hand nahe am Herzen, meditiere die Göttin und wiederhole den Mantra. Die linke Hand soll sie dabei nicht berühren. | |||
'''55.42''' Die Kette soll aus Kristall, Indraksha-, Rudraksha- oder Putranjiva-Samen, goldenen Perlen, Edelsteinen, Korallen oder Lotussamen gefertigt sein. | |||
'''55.43''' Eine solche Gebetskette erfreut die Göttin besonders. Die Wiederholung soll stets leise erfolgen; auch mit Knoten aus Kusha-Gras oder mit der Hand kann gezählt werden. | |||
'''55.44''' Unter allen Kettenperlen ist Rudraksha meiner Geliebten lieb. Weil Rudraksha Rudra erfreut, gefällt es auch ihr. | |||
'''55.45''' Eine Korallenkette soll achtundzwanzig oder fünfundfünfzig Perlen besitzen, weder weniger noch mehr. | |||
'''55.46''' Wenn eine Kette aus Rudraksha, Indraksha oder Kristall zum Wiederholen verwendet wird, sollen keine anderen Perlen, etwa Putranjiva, dazwischengefügt werden. | |||
'''55.47''' Wird bei der Mantrawiederholung eine solche Mischung verwendet, so gewährt die erfreuende Göttin nach der Aussage des Textes weder Wunscherfüllung noch Befreiung. | |||
'''55.48''' Der Text verbindet dies mit einer abwertenden Wiedergeburtsdrohung: Selbst ein Kenner von Veda und Vedangas werde dadurch in einer als niedrig bewerteten Gemeinschaft geboren, die er mit den Chandalas gleichsetzt. Die Satzverbindung ist gestört. | |||
'''55.49''' Eine Meru-Perle soll größer als alle anderen eingefügt werden. Die erste Perle ist groß, die folgenden werden jeweils kleiner. | |||
'''55.50''' Sie sollen der Reihe nach angeordnet werden, sodass die Kette einer Schlange gleicht. Zwischen den Perlen kann jeweils ein Brahma-Knoten angebracht werden. | |||
'''55.51''' Oder man fertigt sie ohne Knoten mit einer festen Schnur. Für den Brahma-Knoten wird die Schnur in der Mitte zweimal und am Ende mit einer halben Windung geführt. | |||
'''55.52''' Der rechtsläufige Knoten heißt Brahma-Knoten. Die Kette soll mit einem Mantra zusammengefügt werden, niemals ohne Mantra. | |||
'''55.53''' Die Schnur soll fest sein, damit sie während der Wiederholung nicht reißt. Man halte die Kette so, dass sie nicht aus der Hand fällt. | |||
'''55.54''' Das Herabfallen gilt dem Text als Zeichen eines Hindernisses, das Reißen als Todeszeichen. Wer die Kette und die Wiederholung in dieser Weise richtig ausführt, | |||
'''55.55''' erlangt nach der Verheißung sein gewünschtes Ziel; bei Mängeln tritt das Gegenteil ein. Auch bei der Wiederholung für andere Gottheiten soll eine passende, die Gottheit erfreuende Kette verwendet werden. | |||
'''55.56''' Ein solcher Übender soll diese Ordnung befolgen und nicht davon abweichen. Er wiederhole nach seinen Kräften und zähle dabei sorgfältig. | |||
'''55.57''' Eine ungezählte Wiederholung gilt als fruchtlos. Nach dem Wiederholen lege man die Kette auf das Haupt oder an einen erhöhten Ort. | |||
'''55.58''' Dann trage man den Lobpreis vor und bringe seinen Wunsch vor. Auch dieser Lobpreis ist ein großer Mantra, der alle Vorhaben verwirklicht. | |||
'''55.59''' Ich werde ihn euch erklären, Hochherzige; er gewährt alle Vollendungen: „Du Segensreichste unter allem Segensreichen, Shiva, die du alle Ziele erfüllst, | |||
'''55.60''' du Zuflucht, Dreiäugige, Gauri, Narayani: Verehrung dir!“ Diesen Lobpreis soll der Übende siebenmal wiederholen. | |||
'''55.61''' Dann vollziehe er fünf Verneigungen mit den Mantras „Aim Hrim Shrim“, auch vor den anderen verehrten Gestalten; nach Wunsch kann er weitere hinzufügen. | |||
'''55.62''' Danach zeige er die Yoni-Handgeste und verabschiede die Göttin. Dazu werden beide Hände ausgestreckt und zu einer nach oben geöffneten Schale verbunden. | |||
'''55.63''' Die beiden Daumenspitzen werden an die Spitzen der kleinen Finger gelegt. Der linke kleine Finger wird vor den linken Ringfinger gelegt. | |||
'''55.64''' Ebenso wird der rechte kleine Finger an den rechten Ringfinger gelegt. Die beiden Mittelfinger werden auf die Rückseiten der Ringfinger gelegt. | |||
'''55.65''' Die beiden Zeigefingerspitzen werden an die Spitzen der kleinen Finger geführt. Dies heißt Yoni-Handgeste und gilt als der Göttin erfreulich. Die Handanordnung ist aus dem Wortlaut nicht vollständig eindeutig rekonstruierbar. | |||
'''55.66''' Der Übende soll diese Geste dreimal mit dem Grundmantra zeigen. Dann lege er sie auf sein Haupt und zeichne ein weiteres Mandala | |||
'''55.67''' im Nordosten mit der Handspitze, ohne Tor und ohne Lotus. Dort verehre er Raktachanda mit dem Mantra „Hrim Shrim“. | |||
'''55.68''' Mit „Verehrung der Raktachanda“ lege er die verbliebenen Opfergaben dort nieder. Danach sollen die Reste ins Wasser oder an die Wurzel eines Baumes gegeben werden. | |||
'''55.69''' Wer die segensreiche Göttin nach dieser Ordnung verehrt, erlangt nach der Verheißung bald alle Wünsche seines Herzens. | |||
'''55.70''' Zuerst soll der Übende fünfzigtausend Mantrawiederholungen vollziehen und die vorbereitende Praxis insbesondere mit vielfältigen Speisegaben ausführen. | |||
'''55.71''' Er errichte eine Feuergrube entsprechend dem Mandala und faste am achten Tag. Am neunten Tag der hellen Monatshälfte zeichne er mit fünf Farbpulvern | |||
'''55.72''' das Mandala wie zuvor und verehre Chandika nach derselben Ordnung in Gegenwart des Guru und der Eltern. | |||
'''55.73''' Mit Sesam zusammen mit Bilva-Blättern soll er dreihundertacht Feuerdarbringungen vollziehen und dabei dreitausend Mantrawiederholungen ausführen. | |||
'''55.74''' Er bringe Speisen, Duftstoffe, Blumen und ein ihr liebes Gewand dar, ferner die zuvor genannten Gaben und Milchreis. | |||
'''55.77a''' Am Ende der Verehrung sollen drei Opfergaben der entsprechenden Art dargebracht werden, dazu Zinnober, Gold, Edelsteine und weiterer Frauenschmuck. Die Vorlage trägt hier 77 statt 75. | |||
'''55.76''' Nach seinen Kräften bringe er reichlich Blumen und Girlanden, ein reiches Gericht aus geröstetem Mehl, gekochten Reis und Beigaben aus Kuhmilchprodukten dar. | |||
'''55.77b''' Am neunten Tag soll der Göttin eine vollständige Opfergabe mit geklärter Butter und den weiteren Zutaten gegeben werden. Dem Guru gebe man als Ehrengabe Gold, eine Kuh und Sesam. | |||
'''55.78''' Für die Mantraunterweisung schließt der Text einen verfluchten, kinderlosen, tadelnswerten, spielsüchtigen oder pflichtvergessenen Lehrer aus, ebenso einen, der die Ritualordnung nicht kennt, kleinwüchsig ist oder seinen Guru schmäht. | |||
'''55.79''' Auch ein beständig missgünstiger Guru soll gemieden werden. Der Guru ist die Wurzel des Mantras; ist die Wurzel rein, so wird das aus ihr Hervorgehende | |||
'''55.80''' fruchtbar. Deshalb soll die Übermittlung des Mantras sorgfältig geprüft werden. Wer ihn durch Täuschung, Zorn, Verblendung oder unlautere Absicht aus dem Mund des Guru aufnimmt, | |||
'''55.81''' oder ihn in Ritualbüchern sieht und sich heimlich aneignet, fällt nach der Drohung des Textes wegen Mantradiebstahls in die Finsternishölle Tamisra. | |||
'''55.82''' Dort bleibt er drei Manvantaras und wird danach in unheilvollen Lebensformen geboren. Einem Hinterlistigen, Grausamen, Unverständigen, Täuscher oder Menschen ohne Hingabe | |||
'''55.83''' soll kein Mantra gegeben werden, ebenso wenig einem Verdorbenen, wie man gutes Saatgut nicht in ungeeignetes Wildland legt. Nach der vorbereitenden Praxis soll der Wunsch durch hunderttausend Wiederholungen verwirklicht werden. | |||
'''55.84''' Denn durch diese Vorbereitung schwinden nach dem Text die Verfehlungen. Durch zweihunderttausend Wiederholungen des Mantras, beste Männer, | |||
'''55.85''' täglich zu den drei Übergangszeiten und zusammen mit den Keimsilben, wird der Übende nach der Verheißung zum Dichter, Redner, Gelehrten und berühmten Menschen. | |||
'''55.86''' Höre nun vom Ort der Verehrung, vorzüglicher Übender. Wo immer ein Mensch an einem einsamen Ort die Verehrung vollzieht, | |||
'''55.87''' nimmt die Göttin selbst Blatt, Blume, Frucht und Wasser an. Ein Stein oder ein einsamer, vorbereiteter Bodenplatz gilt als geeignet. | |||
'''55.88''' Die leise Mantrawiederholung wird als die vorzüglichste bezeichnet. Im Zustand ritueller Unreinheit soll Mahamaya niemals äußerlich verehrt werden. | |||
'''55.89''' Ein Mensch voller Hingabe soll den Mantra dennoch im Geist erinnern. Bei Zahnfleischbluten untersagt der Text jedoch selbst diese Erinnerung. | |||
'''55.90''' Er verbindet das Erinnern an irgendeinen Mantra in diesem Zustand mit einer Höllendrohung. Bei einer blutenden Wunde oberhalb des Knies sollen die täglichen Riten unterbleiben. | |||
'''55.91''' Bei Blutfluss darunter sollen die anlassbezogenen Riten unterbleiben. Auch bei ritueller Unreinheit durch Geburt, nach Rasur oder Geschlechtsverkehr, | |||
'''55.92''' bei Rauchaufstoßen oder Erbrechen sollen die täglichen Riten ausgesetzt werden. Ebenso nennt der Text unverdaute Nahrung und das Essen vor der Handlung. | |||
'''55.93''' Die täglichen Riten sollen bei Unreinheit nach Geburt oder Tod nicht vollzogen werden. Ferner nennt der Text Blätter, Blüten, Betel und als Heilmittel verwendete Stoffe, | |||
'''55.94''' Früchte und Gewürze bis hin zu langem Pfeffer. Die Bestimmung über deren Einnahme und über Wasser enthält eine unklare Ausnahme für medizinische Verwendung. | |||
'''55.95''' Unter den genannten Umständen sollen tägliche und anlassbezogene Riten unterbleiben. Wer Blutegel, Schlangen, Würmer oder Regenwürmer | |||
'''55.96''' absichtlich mit der Hand berührt hat, soll die täglichen Riten aussetzen. Besonders die Verehrung der Segensreichen soll ein Mensch, dessen Vater gestorben ist, | |||
'''55.97''' bis zum Ablauf eines Jahres nach dieser Vorschrift nicht einmal im Geist vollziehen. Beim Tod eines großen Lehrers oder maßgeblichen Älteren soll keine wunschbezogene Handlung vorgenommen werden. | |||
'''55.98''' Genannt werden dabei die Tätigkeit als Opferpriester, das Brahma-Opfer, das Ahnenopfer und das Götteropfer. Wer einen Guru oder Brahmanen geschmäht oder mit der Hand geschlagen hat, | |||
'''55.99''' soll die täglichen Riten nicht vollziehen, ebenso nach einem Samenerguss, Bhairava. Sitz und Gefäß der Ehrengabe dürfen nicht beschädigt sein. | |||
'''55.100''' Auf salzig-unfruchtbarem oder von Würmern besetztem Boden soll nicht verehrt werden, selbst wenn er gereinigt ist. Auf einem niedrigen Sitz, körperlich rein und mit gesammeltem Geist, | |||
'''55.101''' soll man die Göttin Chandika oder eine andere Gottheit verehren, Bhairava. Unter den Himmelsrichtungen ist die Richtung Kuberas, der Norden, heilvoll und spendet günstige Früchte. | |||
'''55.102''' Darum soll man Chandika stets nach Norden gewandt verehren. Blumen mit Ungeziefer, zerfallene, zerbrochene oder zertretene Blumen, | |||
'''55.103''' solche mit Haaren, von Mäusen beschädigte, erbettelte, fremdes Eigentum bildende, abgestandene, von einer nach der Ritualordnung ausgeschlossenen Person oder mit dem Fuß berührte Blumen soll man sorgfältig meiden. Eine Personenbezeichnung der Vorlage ist beschädigt. | |||
'''55.104''' Dies ist die höchste, erfreuliche Ordnung der Verehrung Shivas, der Göttin. Wer sie danach verehrt, erlangt nach der Verheißung sein gewünschtes Ziel und gelangt bald in Chandikas Wohnstätte, Bhairava. | |||
===Kapitel 56=== | |||
'''56.1''' Der Erhabene sprach: Höre nun das Schutzgebet dieses Mantras, Vetala und Bhairava, das zum Vaishnavi-Tantra und besonders zu Vaishnavi gehört. | |||
'''56.2''' Die erste Silbe des Mantras trägt Vasudevas Gestalt, die zweite ist Brahma selbst, die dritte Chandrashekhara. | |||
'''56.3''' Die vierte ist der Elefantengesichtige, die fünfte die Sonne. Der Laut Pa ist die Kraft selbst, die große Maya, die das All verkörpert. | |||
'''56.4''' Der Laut Ya ist Mahalakshmi, der letzte Laut Sarasvati. Die Yogini der ersten Silbe wird Shailaputri genannt. | |||
'''56.5''' Die Yogini der zweiten Silbe ist Chandika, die der dritten Chandraghanta und die der folgenden Kushmandi. | |||
'''56.6''' Dem Laut Ta gehört Skandamata zu, dem Pa Katyayani selbst, dem siebten Kalaratri. Als letzte wird hier die große Göttin genannt. | |||
'''56.7''' Zuerst kommt der Schutz durch die Silben, dann der Schutz durch die Yoginis, danach durch die Götterscharen und durch die Göttinnen der Himmelsrichtungen. | |||
'''56.8''' Darauf folgen der Schutz der Seiten, der Schutz der zweiten Lautform und anschließend der Schutz durch den sechssilbigen Mantra. | |||
'''56.9''' Als weiterer wird der undurchdringliche Schutz genannt, der gänzlich der Bewahrung dient. Wer diese acht Schutzgebete kennt, ist ein vorzüglicher Mensch. | |||
'''56.10''' Er ist ich selbst, Mahadeva, kraftvoll und auch von der Gestalt der Göttin. Der Seher dieses Schutzgebets des Vaishnavi-Tantras ist Narada, das Versmaß Anushtubh. | |||
'''56.11''' Die Gottheit ist Katyayani; die Anwendung dient der Verwirklichung aller Wünsche und Anliegen. Der Laut A möge mich im Osten schützen, Ka stets im Südosten. | |||
'''56.12''' Cha möge in Yamas Richtung, dem Süden, schützen, Da immer im Südwesten; Ta möge mich im Westen schützen und die Kraft im Nordwesten. | |||
'''56.13''' Ya möge mich im Norden schützen und der letzte Laut im Nordosten. Sa möge mein Haupt behüten, Ka meinen rechten Arm. Die Bezeichnung des Lauts für den Nordosten ist beschädigt. | |||
'''56.14''' Cha möge meinen linken Arm schützen, der rückgebogene Ta stets mein Herz; Ta möge meine Kehle schützen und die Kraft meine Hüften. | |||
'''56.15''' Ya möge meinen rechten Fuß schützen, der letzte Zischlaut meinen linken Fuß. Shailaputri möge mich im Osten schützen, Chandika im Südosten. | |||
'''56.16''' Chandraghanta möge mich im Süden schützen und die Furcht vor Yama überwinden. Im Südwesten möge Kushmandi, die Mutter der Welten, mich behüten. Das Wort zur Furcht vor Yama ist beschädigt. | |||
'''56.17''' Skandamata möge mich stets im Westen beschützen, Katyayani, die Herrin der Welt, immer im Nordwesten. | |||
'''56.18''' Kalaratri möge mich selbst beständig in Kuberas Richtung, dem Norden, bewahren; die reinigende Mahagauri stets im Nordosten. | |||
'''56.19''' Der ewige Vasudeva möge meine Augen schützen. Brahma, lotusgeboren und ohne gewöhnlichen Mutterschoß, möge mein Gesicht bewahren. | |||
'''56.20''' Chandrashekhara möge stets meine Nase schützen. Haras elefantengesichtiger Sohn möge meine beiden Brüste bewahren. | |||
'''56.21''' Die Sonne möge stets meine linke und rechte Hand beschützen. Die höchste Herrin Mahamaya selbst möge meinen Nabel behüten. | |||
'''56.22''' Mahalakshmi möge meinen Schambereich schützen und Sarasvati meine Knie. Die heilvolle Mahamaya möge mich stets von Osten her bewahren. | |||
'''56.23''' Agnijvala, die schön Sitzende, möge mich immer im Südosten behüten; Rudrani im Süden und Chandanayika im Südwesten. | |||
'''56.24''' Ugrachanda, die große Herrin, möge mich stets im Westen schützen, Prachanda im Nordwesten und die Furchtgestaltige im Norden. | |||
'''56.25''' Die ewige Ishvari möge mich stets im Nordosten behüten. Mahamaya möge mich von oben schützen, die höchste Herrin von unten. | |||
'''56.26''' Ugra möge mich von vorn schützen, Vaishnavi von hinten. Die schöne Brahmani möge stets meine rechte Seite bewahren. | |||
'''56.27''' Maheshvari mit dem Stierbanner möge stets meine linke Seite schützen. Kaumari möge mich auf dem Berg, Varahi im Wasser behüten. | |||
'''56.28''' Narasimhi möge mich bei Gefahr durch Tiere mit Fangzähnen und in den Wäldern schützen. Aindri möge mich im Luftraum sowie in jedem Wasser und auf jedem Land bewahren. | |||
'''56.29''' Die Brückensilbe möge alle meine Finger schützen, der Anfang des Gottesmantras meine Ohren, sein Ende mein Kinn und die fünfte Kraftsilbe meine Seiten. Die Lautbezeichnungen bleiben hier verschlüsselt. | |||
'''56.30''' Ha möge meine Schenkel schützen, Maya meine Unterschenkel. Ya möge sämtliche Sinne und stets die Haarporen behüten. | |||
'''56.31''' Er möge meine Haut bewahren; Shambhu möge mich stets schützen. Ram möge Nägel, Zähne, Hände, Lippen und die übrigen Glieder behüten. | |||
'''56.32''' Der Anfang des Gottesmantras möge meinen Unterleib schützen, sein Ende Brust und Achseln. Die am Anfang stehende Brückensilbe möge mich außerhalb meines Körpers behüten. | |||
'''56.33''' Im Ajna-Chakra, in der Sushumna, im sechsfachen Zentrum, im Herzen, in den Gelenken, im ursprünglichen sechzehnteiligen Zentrum und im Raum der Stirn | |||
'''56.34''' möge der Mantra des Vaishnavi-Tantras stets schützend gegenwärtig sein. In allen feinen Leitbahnen, an Seiten, Achseln und Haarspitze – die Nummer 34 ist im Schlusszeichen der Vorlage wiederholt – | |||
'''56.35''' in Blut, Sehnen, Mark, Gehirn und Gelenken möge der zweite achtsilbige Mantra als Schutz überall wirken. | |||
'''56.36''' Im Samen, im Lebenswind, in der Nabelöffnung und in allen Verbindungen des Rückens möge dieser dritte, sechssilbige Mantra mich stets behüten. | |||
'''56.37''' Mahamaya möge die Nasenöffnungen schützen, Vaishnavi die Öffnung der Kehle. Durga, die Not und Bedrängnis beseitigt, möge mich in allen Gelenken bewahren. | |||
'''56.38''' Mit „Hum Phat“ möge Kalika stets meine Ohren schützen. Die drei Augen-Keimsilben mögen in den Augen zu ihrem Schutz gegenwärtig bleiben. | |||
'''56.39''' Mit „Om Aim Hrim Hrau“ möge Chandika meine Nase schützen. Mit „Om Hrim Hum“ möge Tara stets an meiner Zungenwurzel weilen. | |||
'''56.40''' Die Brückensilbe möge in meinem Herzen bleiben, um die höchste Erkenntnis zu schützen. Mit „Om Kshaum Phat“ möge Mahamaya mich immer von allen Seiten behüten. | |||
'''56.41''' Mit „Om Yum Sah“ möge Kaushiki, die Beschützerin, meine Lebenskräfte bewahren. Mit „Om Hrim Hum Saum“ möge Bhargas Geliebte mich in den Hohlräumen des Körpers schützen. | |||
'''56.42''' Mit „Om Amah“ möge Shailaputri stets alle Krankheiten hinwegwischen. „Om Hrim Sah Sphem Kshah Phat, der Waffe“ möge vor Löwen, Tigern und Kampfgefahr schützen. | |||
'''56.43''' Shivaduti möge mich stets bewahren; Hrim möge in allen Waffen gegenwärtig sein. Mit „Om Ham Him Sah“ möge Chandaghanta die Öffnungen meiner Ohren schützen. | |||
'''56.44''' Mit „Om Krim Sah“ möge Kameshvari über meine Wünsche wachen und sie schützen. Mit „Om Am Hum Phat“ möge Ugrachanda Feinde und Hindernisse niederwerfen. | |||
'''56.45a''' Mit „Om Pam“ möge Narasimhi mich vor Fleischfressern und Waffen schützen. Mit „Om Shrim Hrim Hram Hram“ möge Kalaratri mich stets vor dem Schwert bewahren. | |||
'''56.45b''' Mit „Om Am“ möge Vaishnavi, die Herrin der Welt, mich stets vor dem Dreizack schützen; mit „Om Kam“ Brahmani vor dem Diskus und mit „Om Cham“ Rudrani vor der Lanze. Die Vorlage wiederholt die Versnummer 45. | |||
'''56.46''' Mit „Om Tam“, mit rückgebogenem T gesprochen, möge Kaumari mich vor dem Donnerkeil schützen; mit „Om Tam“ Varahi vor dem Pfeil. Mit „Om Pam“ möge Narasimhi mich vor Fleischfressern und Waffen bewahren. | |||
'''56.47''' Vor sämtlichen Hand- und Wurfwaffen, Vorrichtungen und schädlichen Mantras möge Chandika mich stets schützen: „Ya Sam, der Göttin wiederholte Verehrung!“ Aindri möge mich vor Verrätern und meinen Geist vor Schaden bewahren. Die letzte Verbindung ist unsicher. | |||
'''56.48''' „Om, Verehrung der großen Maya! Om, der Vaishnavi wiederholte Verehrung! Beschütze mich überall vor allen Wesen, höchste Herrin!“ | |||
'''56.49''' Der achtsilbige Mantra möge durch die gabenspendende Göttin in der Grundlage, im Weg des Lebenswinds, im Herzlotus, im mondgleich lächelnden Sonnenbereich, im Unterleib und im lodernden Feuer gegenwärtig werden. Brahma trägt ihn auf dem Haupt, Hari behütet ihn in der Kehle und der Mondgekrönte im Herzen. Dieses höchste, allumfassende, dem Innern eines Lotus gleiche Keimprinzip möge mich schützen. Einzelne Ortsangaben sind unsicher. | |||
'''56.50''' Die ersten und letzten Laute, verbunden mit Vokalen, den bezeichneten Keimen, Nasalpunkt und Hauchlaut, bilden die von Hari und Hara gekannten tausendacht Mantras. Ihre verbindende Brücke wohnt stets im Mantra des Vaishnavi-Tantras. Dieses reine, höchste und ungeborene Prinzip möge mich auf Erden und im Raum schützen. Die verschlüsselte Lautbeschreibung ist beschädigt. | |||
'''56.51''' Acht Glieder, acht Vasus, die achtgestaltige Gottheit, acht Blütenblätter und acht Vollendungen werden genannt, ferner achtfache und achtmal achtfache Gruppen von Liebeskünsten und Yoga-Verbindungen. Die acht Silben mögen in mir nicht ihre Kraft verlieren. Die ausgedehnte Zahlen- und Lautstrophe ist teilweise stark verderbt und erlaubt keine sichere vollständige Deutung. | |||
'''56.52''' Damit ist dir das Schutzgebet gelehrt, das Recht, Wünsche und Wohlergehen verwirklicht. Es ist das höchste Geheimnis und dient allen Anliegen. | |||
'''56.53''' Wer dieses von mir gelehrte Schutzgebet auch nur einmal hört, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche und nach dem Tod Shivas Gestalt. | |||
'''56.54''' Wer es nur einmal rezitiert, erhält nach derselben Verheißung die Frucht sämtlicher Opfer; daran bestehe kein Zweifel. | |||
'''56.55''' Im Kampf besiegt er seine Feinde wie ein Löwe die Elefanten. Wie Feuer Gras verbrennt, so überwindet er stets die Feinde. | |||
'''56.56''' Weder Hand- noch Wurfwaffen dringen nach dem Schutzversprechen in seinen Körper ein; Krankheit und Leid entstehen ihm nicht. | |||
'''56.57''' Auch die besonderen Fähigkeiten durch Zauberpillen, Augensalben, Zugang zur Unterwelt, Fußsalben und alchemistische Mittel sowie Vertreibung und weitere Wirkungen sollen ihm zuteilwerden. | |||
'''56.58''' Seine Bewegung wird dem Wind gleich und von anderen nicht aufzuhalten. Er erlangt nach der Verheißung langes Leben, Liebesfreuden und Reichtum. | |||
'''56.59''' Wer am achten Tag Enthaltsamkeit wahrt und am neunten die Segensreiche nach Vorschrift verehrt und sie im Geist betrachtet, | |||
'''56.60''' und dann das Schutzgebet in seinen Körper einsetzt, erhält folgende verheißene Frucht: Er überwindet Krankheit, lebt hundert Jahre und besitzt Schönheit und gute Eigenschaften. | |||
'''56.61''' Er ist mit Reichtum, Edelsteinen und Wissen erfüllt. Nach dem Schutzversprechen verbrennt Feuer seinen Körper nicht, und Wasser durchnässt ihn nicht. | |||
'''56.62''' Wind trocknet ihn nicht aus, ein Fleischfresser verletzt ihn nicht, Waffen zerschneiden ihn nicht, und die Sonne versengt ihn nicht. | |||
'''56.63''' Ihm entsteht kein Hindernis und kein Fieber. Vetalas, Pishachas, Rakshasas und Herren der Scharen | |||
'''56.64''' sowie die vier Gruppen von Wesen gelangen unter seine Gewalt. Wer das von Hari geschaffene Schutzgebet stets mit Hingabe rezitiert, | |||
'''56.65''' ist nach dieser Gleichsetzung ich selbst, Mahadeva, und die Mutter Mahamaya. Recht, Wohlergehen, Wunscherfüllung und Befreiung liegen stets in seiner Hand. | |||
'''56.66''' Als Gelehrter kann er anderen mit seinen Mitteln Gaben gewähren. Dichterkraft und Wahrhaftigkeit entstehen beständig in ihm. | |||
'''56.67''' Er kann tausende Strophen vortragen und das Gehörte behalten. In wessen Haus dieses Schutzgebet aufgeschrieben liegt, Bhairava, | |||
'''56.68''' dem entsteht nach der Verheißung kein Unheil und keine Befleckung. Alle Planetengottheiten werden ihm gewogen, und Könige folgen seinem Einfluss. Im zweiten Satzteil ist die Verneinung der Vorlage verkürzt. | |||
'''56.69''' In einem Reich, in dem ein Kenner des Schutzgebets lebt, treten nach dem Text keine Landplagen auf. Nun folgen verschlüsselte Bezeichnungen für einen weiteren Mantra: Brückensilbe, Gottesformel, Kraftkeim, fünfter Laut und Grußformel. | |||
'''56.70''' Die Verbindung mit Wind und Kraft bildet den zweiten achtsilbigen Mantra. Brückensilbe, Gottesformel und „der Vaishnavi“ bilden den als sechssilbig bezeichneten Mantra. Die erste Lautanweisung ist beschädigt. | |||
'''56.71''' Wessen Zungenspitze diese beiden stets trägt, in dessen Körper wohnt die Göttin Mahamaya immer. | |||
'''56.72''' Om ist die Brücke der Mantras; der Urlaut wird deshalb Brücke genannt. Fehlt Om am Anfang, verrinnt ihre Kraft; fehlt es am Ende, zerfällt sie. | |||
'''56.73''' Die Götter nennen den großen Grußmantra „Gott“. Er ist der Mantra für die Zweimalgeborenen und bei sämtlichen Handlungen auch für die Shudras. | |||
'''56.74''' Prajapati entnahm einst den Laut A, den Laut U und den Laut M den drei Veden und bildete daraus den Urlaut Om. | |||
'''56.75''' Für Brahmanen wird er nach dieser Einteilung mit erhobenem Ton, für Könige mit nicht erhobenem Ton und für die aus den Schenkeln hervorgegangenen Vaishyas mit gleichmäßigem Ton gebraucht; auch im Geist soll er so erinnert werden. | |||
'''56.76''' Der vierzehnte und letzte Vokal, Au genannt, zusammen mit Nasalpunkt und Halbmond, wird als Brückensilbe der Shudras bezeichnet. | |||
'''56.77''' Wie Wasser ohne Damm in einem Augenblick nach unten abfließt, so verrinnt nach der Lehre des Textes die Kraft eines Mantras ohne seine Brückensilbe. | |||
'''56.78''' Deshalb sollen die Angehörigen der vier Stände bei der Mantrawiederholung die entsprechende Brückensilbe an den Seiten des Mantras anbringen. Die Verbindung der Standesbegriffe ist in der Vorlage widersprüchlich. | |||
'''56.79''' Für Shudras wird wahlweise eine Brückensilbe am Anfang oder an beiden Enden genannt. Für Zweimalgeborene werden stets zwei, eine an jedem Ende, vorgeschrieben. | |||
'''56.80''' Aurva sprach: Damit habe ich dir das ganze von Tryambaka gelehrte Schutzgebet erzählt: den undurchdringlichen Schutz, die vorzüglichen acht Schutzformen. | |||
'''56.81''' Diese Ritualordnung des Mahamaya-Mantras mit ihrem Schutzgebet, ihren Mantras und dem sechssilbigen Mantra ist in den drei Welten schwer zu erlangen. | |||
'''56.82''' Wenn du sie stets mit Hingabe liest und Vaishnavis Mantra wiederholst, bester König, wirst du nach dieser Verheißung alle Vollendungen erlangen. | |||
===Kapitel 57=== | |||
'''57.1''' Markandeya sprach: Nachdem König Sagara dieses Gespräch Bhargas mit Bhairava und Vetala gehört hatte, fragte er Aurva erneut. | |||
'''57.2''' Sagara sprach: Du hast erklärt, dass der im Körper gegenwärtige Mantra die Glieder bildet, Brahmane. Lehre mich nun die Gliedermantras der Göttin, bester Brahmane. | |||
'''57.3''' Erkläre auch sämtliche weiteren Mantras, alle Orte der Verehrung, die ergänzenden Mantras und die einzelnen Schutzgebete. | |||
'''57.4''' Erzähle von Kamakhyas Größe mit ihren Geheimnissen und Mantras, so wie der erhabene Mahadeva, Umas Gatte, | |||
'''57.5''' dies Vetala und Bhairava ausführlich darlegte. Wenn ich diese große, wunderbare Lehre höre, werde ich nicht satt. | |||
'''57.6''' Was du erzählst, erweckt in mir höchste Wissbegier. Aurva sprach: Höre, vorzüglicher König, was Umas Gatte seinen beiden Söhnen | |||
'''57.7''' als große Lehre mitteilte. Ich werde es jetzt erzählen. Dies ist das höchste Geheimnis, reinigend und verfehlungstilgend. | |||
'''57.8''' Es gilt als höchstes Segensritual für Menschen, als Mittel zur Förderung eines männlichen Kindes im Mutterleib, als heilvoll, glückverheißend und als Spender der vier Lebensziele. | |||
'''57.9''' Einem Hinterlistigen, Unbeständigen, Gottesleugner oder Unbeherrschten, ebenso einem, der Götter, Brahmanen oder Lehrer mit falschen Vorwürfen bedrängt, | |||
'''57.10''' soll es nach den Zugangsbeschränkungen des Textes nicht mitgeteilt werden; ebenso wenig einem als sündig oder verflucht Geltenden, einem Menschen mit Lahmheit, Einäugigkeit oder anderen Krankheiten oder einem Menschen ohne Vertrauen. | |||
'''57.11''' Nachdem Umas Gatte Vetala und Bhairava die Ritualordnung des Mahamaya-Mantras gelehrt hatte, sprach er weiter. | |||
'''57.12''' Der Erhabene sprach: Ich habe das vorzügliche Verfahren erklärt und werde nun die Gliedermantras lehren. Versteht zuerst diese Ordnung, die bei allen Verehrungen dazugehört. | |||
'''57.13''' Nach dem Bad und dem rituellen Mundspülen, gereinigt für die Götterverehrung, bleibe man zunächst vier Ellen außerhalb des Opferplatzes. | |||
'''57.14''' Oder man stehe am Eingang des Hauses, verneige sich mit dem Haupt vor dem Guru und grüße im Geist die eigene erwählte Gottheit und die Hüter der Himmelsrichtungen. | |||
'''57.15''' Man erinnere sich der Verfehlungen, die man an diesem oder einem früheren Tag begangen hat und die noch nicht durch Sühne getilgt sind. | |||
'''57.16''' Um diese zu entfernen, spreche man zwei Mantras: „Göttin, mein gewöhnlicher Geist ist von Verfehlung umfangen. | |||
'''57.17''' Entferne diese Verfehlung aus meinem Geist! Hum Phat, Verehrung dir! Sonne, Mond, Yama, Zeit und die fünf großen Elemente, | |||
'''57.18''' diese neun sind hier Zeugen guter und schlechter Taten.“ Dann betrachte man mit „Hum Phat“ die Seiten, oben und unten | |||
'''57.19''' und sich selbst mit strengem Blick und werde innerlich heiter. Wenn zuerst so die Entfernung der Verfehlungen vollzogen wurde, | |||
'''57.20''' bleibt eine fest verwurzelte Verfehlung nach dieser Vorstellung in der Ferne und kehrt nach Ende der Verehrung an ihren Platz zurück. | |||
'''57.21''' Eine geringere Verfehlung wird dagegen vernichtet. Mit dem Mantra „Om Ah Phat“ betrete man dann den Opferplatz. | |||
'''57.22''' Wer bei der Verehrung seine Verfehlungen abgelegt hat, erlangt nach dem Text rasch den gewünschten Erfolg. Mit der Naracha-Handgeste und gleichmäßigem Blick betrachte man | |||
'''57.23''' Blumen, Speisegaben, Duftstoffe und anderes unter den Mantras „Hrim Hum Phat“. Etwaige unbemerkte Verunreinigungen der Blumen und übrigen Gaben, | |||
'''57.24''' etwa durch nach der Ritualordnung unerlaubte Berührung, unrechtmäßigen Erwerb, Vermischung mit Opferresten oder Insekten, | |||
'''57.25''' werden nach dieser Lehre durch das rituelle Betrachten der Gaben beseitigt. Dann berühre man mit dem Mantra „Ram“ die Flamme der Lampe. | |||
'''57.26''' Durch diese Berührung wird die Lampe glückverheißend. Wenn darin Falter, Insekten, Haare oder Ähnliches verbrannt wurden, gilt das Feuer als mit Fleischverbrennung verbunden. | |||
'''57.27''' Auch eine unbemerkte Verunreinigung durch Fett, Mark oder Knochen, die es für das Opfer ungeeignet machte, wird nach dieser Vorstellung durch die Berührung beseitigt. | |||
'''57.28''' Mit dem Narasimha-Mantra soll der Opfernde das Trinkwasser im Gefäß ansehen, besprengen und mit der als Götterfurt bezeichneten Stelle der Hand berühren. | |||
'''57.29''' Das links stehende Gefäß halte er mit der linken Hand und weihe es mit dem Mantra der Grundlage. Dabei berühre er das Wasser. | |||
'''57.30''' Eine für Opfer und Gabe ungeeignete Beimischung oder eine andere unerkannte Verunreinigung des Gefäßes oder des Wassers, | |||
'''57.31''' etwa durch Berührung einer Leiche im Wasserbecken oder durch Baden, wird nach dem Text für die Götterverehrung dadurch beseitigt. | |||
'''57.32''' Der Narasimha-Mantra wird aus verschlüsselten Lautbezeichnungen gebildet: dem Sohn Prajapatis, dem Endlaut bei Ha, einem Vokal sowie Halbmond und Punkt. Die genaue Lautfolge ist aus dieser Lesart nicht sicher aufzulösen. | |||
'''57.33''' Die erste Silbe des eigenen Namens, mit Punkt und Halbmond versehen, soll der Übende als Mantra der Grundlage zur Erfüllung des Vorhabens kennen. | |||
'''57.34''' Dann nehme er mit diesem Mantra seinen Sitz in beide Hände, stelle ihn hin und berühre ihn erneut mit der Hand. | |||
'''57.35''' Mit dem eigenen Mantra setze er sich auf diesen vorzüglichen Sitz. Ein Mangel des Sitzes, etwa durch einen ungeeigneten Hersteller, | |||
'''57.36''' wird, soweit er unbekannt ist, nach dieser Lehre durch das Hinsetzen mit Mantra beseitigt. Zuerst wird die eigene Namenssilbe mit dem halben Mond verbunden | |||
'''57.37''' und mit dem Punkt versehen; dies ist der eigene Mantra des Übenden. Danach soll der Kundige die Buchstabenmütter mit Klang und Punkt | |||
'''57.38''' unter ihren Mantras in den eigenen Körper einsetzen. Unbemerkte Fehler im Ritual oder bei der Aussprache der Mantras, | |||
'''57.39''' etwa fehlerhafte Berührung oder verlorene Lautlänge, werden durch die eingesetzten Buchstabenmütter beseitigt. | |||
'''57.40''' Alle Konsonanten und die mit Vishnu und anderen Namen bezeichneten Vokale, geschmückt mit Mond und Punkt, sind die Mantras der Buchstabenmütter. | |||
'''57.41''' Wenn alle der Reihe nach eingesetzt sind, vervollständigen die Buchstabenmütter selbst das Fehlende im Mantra und in der Ritualordnung. Eine nähere Ortsangabe ist beschädigt. | |||
'''57.42''' Ein kurzer Laut hat eine Zeiteinheit, ein langer zwei; ein überlanger Laut wird mit drei Zeiteinheiten bestimmt. So sind die Laute geordnet. | |||
'''57.43''' Die Göttinnen der Zeiteinheiten sämtlicher Laute sind die Buchstabenmütter, Shivaduti und die anderen. Durch ihre Einsetzung wohnen sie im Körper. | |||
'''57.44''' Sie ergänzen die fehlenden Bestandteile, schenken bald die vier Lebensziele und gewähren bei der Götterverehrung stets Schutz. | |||
'''57.45''' Diese Einsetzung der Buchstabenmütter verleiht die vier Lebensziele, erfüllt alle Wünsche und schenkt stets Zufriedenheit und Gedeihen. | |||
'''57.46''' Wer sie vollzieht, auch ohne anschließende Götterverehrung, vor dem fürchten sich nach der Verheißung die vier Gruppen von Wesen. | |||
'''57.47''' Selbst die Götter verlangen danach, diesen Machtvollen zu sehen. Er bringt alles unter seinen Einfluss und erleidet keine Niederlage. | |||
'''57.48''' Zur Reinigung der Hände nehme der Übende mit dem Vishnu-Mantra eine Blume mit den Fingerspitzen auf, um sie zu zerreiben. | |||
'''57.49''' Der Vaishnava-Mantra wird verschlüsselt aus dem vorletzten Laut, Halbmond, Leere und einem über dem Endlaut Rudras stehenden Zeichen beschrieben. Eine sichere Auflösung ist nicht möglich. | |||
'''57.50''' Mit dem Prasada-Mantra nehme er die Blume an den Fingerspitzen und zerreibe sie dann zwischen beiden Händen. | |||
'''57.51''' Mit dem Kama-Keim zerreibe er sie weiter, rieche mit dem Brahma-Mantra daran und werfe sie mit Prasada nach Nordosten. | |||
'''57.52''' Dadurch werden die Hände nach der Rituallehre besonders gründlich gereinigt, auch nach Berührung von Blutegeln, Schlangen und Ähnlichem. | |||
'''57.53''' Alle unbemerkte Verunreinigung der Hände durch übelriechende Dinge oder Speisereste wird nach dieser Vorschrift beseitigt. | |||
'''57.54''' Durch das Aufnehmen der Blume werden die Fingerspitzen gereinigt, durch das Zerreiben die beiden Handflächen. | |||
'''57.55''' Durch weiteres Reiben werden die Handrücken gereinigt, durch das Riechen die Nasenspitze. Die heiligen Wasserstellen werden dabei an Nase und Hand gegenwärtig. | |||
'''57.56''' Darum sollen diese Handlungen sorgfältig ausgeführt werden, Bhairava. Für Prasada werden der erste Laut der Endgruppe und der mit Vasudeva bezeichnete Laut verbunden, | |||
'''57.57''' mit Shambhus Mondsichel und dem Punkt versehen. So wird Prasada genannt. Der Kama-Keim wird durch Vasudeva, Mond und Punkt bezeichnet. | |||
'''57.58''' Für den Brahma-Keim werden Konsonanten, die erste und letzte dentale Lautgruppe und zwei erste Dentale nach dem Urlaut genannt. Die verschlüsselte Folge ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''57.59''' Dies heißt Brahma-Keim, der alle Verfehlungen tilgt. Zuerst werde Om lang ausgesprochen, um den Mund zu reinigen. | |||
'''57.60''' Mit Vasudevas Keimsilbe soll die Atemregelung vollzogen werden. Dabei betrachte man die Gestalt der zu verehrenden Gottheit mit ihrem Schmuck und Reittier. | |||
'''57.61''' Bei der Einatmung und den übrigen Phasen bleibe diese Gestalt gegenwärtig. Der im Vaishnavi-Tantra-Mantra voranstehende Kehllaut | |||
'''57.62''' ist Vasudevas Keim und stets wie der Vollmond zu betrachten. Dann soll zunächst mit dem Keim für Gangas Herabkunft und der Dhenu-Handgeste | |||
'''57.63''' das Wasser im Gefäß der Ehrengabe in Nektar verwandelt werden. Der Mantra besteht aus einem Kehllaut mit Mondsichel sowie dem bezeichneten fünften Laut und Kraftkeim. | |||
'''57.64''' Dies ist der Mantra von Gangas Herabkunft, der alle Verfehlungen tilgt. Vishnu mit zwei Zeiteinheiten wird als Kraftkeim bezeichnet. | |||
'''57.65''' Nach dieser Nektarverwandlung wird das dargebrachte Wasser nach der Ritualvorstellung zu Nektar und erfreut die Gottheit. | |||
'''57.66''' Auch Ganga selbst kommt in das Wasser des Verehrungsgefäßes. Die Nektarverwandlung dient der Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen. | |||
'''57.67''' Als geeignete Sitzhaltungen bei der Verehrung der erwählten Gottheit gelten Svastika, Gomukha, Padma, Halb-Svastika und Paryanka. | |||
'''57.68''' Diese Anordnung der Füße wird als besonders geeignet für die Mantras beschrieben. Der Kundige soll sie zuerst mit Varahas Keimsilbe einnehmen. | |||
'''57.69''' Varahas Keim wird durch den Anfang von Maya, den vierten zum Feuerkeim gehörenden Laut und den darüberstehenden sechsten Vokal bezeichnet. Die Lautanweisung ist nicht sicher aufzulösen. | |||
'''57.70''' Sind die beiden Füße durch Varahas Keim rituell gereinigt und angeordnet, entsteht beim Schauen der erwählten Gottheit kein Mangel durch den Anblick der Füße. | |||
'''57.71''' Andernfalls gilt das Anschauen der Füße bei der Götterverehrung als unangemessen. Da man durch den Mantra die gewünschten Ziele erlangt, soll man dem Mantra hingegeben sein. | |||
'''57.72''' Mit dem Kurma-Mantra soll der Übende die Schildkröten-Handgeste bilden. Mit der darin geweihten Blume verehre er seinen eigenen Körper. | |||
'''57.73''' Durch die Verehrung mit dieser Blume wird der eigene Körper nach der Ritualvorstellung göttlich. Der zweite Laut des Vaishnavi-Tantra-Mantras, mit Punkt und Mond | |||
'''57.74''' und dem sechsten Vokal versehen, heißt Kurma-Keim. Vor der inneren Verbrennung und Überflutung soll der Übende die zehnte Öffnung | |||
'''57.75''' mit dem Urlaut-Mantra in der Vorstellung durchbrechen. Mit Vasudevas Keim soll er das Lebensprinzip in den Raum versetzen, | |||
'''57.76''' zusammen mit der Lebenskraft, wie zuvor erklärt. Bei sorgfältig Übenden können beim Reinigen des Mandala-Platzes unbemerkte | |||
'''57.77''' Verunreinigungen von Gegenständen oder durch Berührungen auftreten. Die Erde erhielt ihre Festigkeit aus den Fettmassen Madhus und Kaitabhas. | |||
'''57.78''' Die Erde wird hier als bei der Götterverehrung stets rein bezeichnet. Dennoch wird hinzugefügt, dass die Götter bis heute die Erde nicht mit den Füßen berühren. | |||
'''57.79''' Auch lassen sie ihren eigenen Körperschatten nicht auf die Erde fallen. Um den damit bezeichneten Mangel zu beseitigen, soll der königliche Mantra auf den Boden geschrieben werden. | |||
'''57.80''' Durch Besprengen oder rituelles Betrachten wird die Erde gereinigt. Der Opferplatz soll mit dem Dharma-Keim betrachtet werden. | |||
'''57.81''' Der Endlaut der Dentalgruppe, verbunden mit Kraft, Mondsichel und Punkt, heißt Dharma-Keim und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. | |||
'''57.82''' Aufnehmen, Halten, Aufstellen und Verehren, Füllen mit Wasser sowie Einlegen von Duftstoffen und Blumen, | |||
'''57.83''' Einsetzen des Mandalas, erneutes Einlegen einer Blume und Verwandeln in Nektar: Dies sind die Handlungen am Gefäß. | |||
'''57.84''' Mit dem Aniruddha-Mantra wird es aufgenommen, mit dem Waffenmantra gehalten. Das Mandala wird mit dem vorangestellten Sprachkeim in das Gefäß eingesetzt. | |||
'''57.85''' Der erste Laut mit zwei nachfolgenden Punkten heißt Aniruddha-Keim. Aniruddha mit abschließendem „Phat“ wird Waffenmantra genannt. | |||
'''57.86''' Für die folgenden Keime werden Shambhu, ursprüngliche Kraft, Endlaut und vollständige Lautform jeweils in bestimmter Reihenfolge und mit Punkt verbunden. Die genaue verschlüsselte Folge ist beschädigt. | |||
'''57.87''' Der dritte Vagbhava-Keim wird als vollständig und zugleich ungeteilt bezeichnet. Der vierte Vokal wird in vollständiger Form mit Punkt und Mond verbunden. | |||
'''57.88''' Der erste Laut der ersten Konsonantengruppe bildet den zweiten Vagbhava-Keim. Dieser heißt Kamaraja und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. | |||
'''57.89''' Der Keim des aus dem Geist geborenen Liebesgottes, verbunden mit der Kundalini-Kraft und Vasudeva, wird der erste Vagbhava-Keim genannt. | |||
'''57.90''' Dieser erste Vagbhava heißt Sarasvata. Die einzelnen Keime, mit Kama beginnend, bilden zu dritt Tripuras Glanz. | |||
'''57.91''' Der erste und der dritte Laut, mit Halbmond und Punkt geschmückt, bilden den Mantra Madanas, der die Frucht der Liebesfreude gewährt. | |||
'''57.92''' Ich werde das sonnenhelle Yantra beschreiben, dessen Gestalt entsprechend angeordnet ist. Es wird wegen seiner Wesenseinheit auch Kundalini-Kraft genannt. Der Beginn des Verses ist beschädigt. | |||
'''57.93''' Mit diesem Mantra soll der Opfernde störende Wesen entfernen. Dadurch ziehen die am Ort befindlichen Wesen bei der Götterverehrung fort. | |||
'''57.94''' Bleiben sie dort, so rauben sie nach dieser Vorstellung gierig die Speisegaben und das Mandala, und die Götter nehmen die Gaben nicht an. | |||
'''57.95''' Darum sollen die Wesen sorgfältig entfernt werden. Zusammen mit dem Waffenmantra wird dafür folgende Formel gesprochen. | |||
'''57.96''' „Mögen die Wesen fortgehen, die als Hüter dieses Bodens hier weilen. Ohne Feindschaft gegen die Wesen vollziehe ich die Verehrung.“ | |||
'''57.97''' Nachdem der Übende sie mit dieser Formel vom Opferplatz entfernt hat, schließe er die Himmelsrichtungen rituell ab und entferne sie auch von dort. | |||
'''57.98''' Vishnus Keim mit abschließendem „Phat“ dient zum Verschließen der Richtungen. Eine umkreisende Handbewegung, eingeleitet durch Fingerschnippen, bildet diesen Schutzabschluss. | |||
'''57.99''' Durch die Verehrung seiner selbst erlangt man die Befähigung, die Handlung zu beginnen. Der verehrte Sitz wird dem Yogasitz gleich. | |||
'''57.100''' Der aus den fünf Elementen bestehende Körper ist seinem Wesen nach rein, zugleich aber mit Schmutz und Verweslichem, Schleim, Kot und Urin verbunden. | |||
'''57.101''' Samen, Auswurf und Speichel treten aus ihm aus und machen ihn äußerlich unrein. Seine Grundbestandteile sind die fünf großen Elemente. | |||
'''57.102''' Zur Reinigung dieser im Körper verbundenen Elemente – Wind, Feuer, Erde, Wasser und Raum – sollen der Reihe nach | |||
'''57.103''' Austrocknung, Verbrennung, Beseitigung der Asche, Nektarregen und Überflutung allein in der Vorstellung vollzogen werden. | |||
'''57.104''' Durch das Vorstellen des Welteis, seine Teilung und die Betrachtung der Gottheit in seinem Innern wird die eigene erwählte Gottheit als das Selbst aller Dinge betrachtet. | |||
'''57.105''' Durch das beständige Betrachten „Er bin ich“ entsteht im eigenen Selbst die göttliche Gestalt. Die Darbringung der Blume vollendet diese Weihe. | |||
'''57.106''' „Ich bin die Gottheit“: Auch Speisegaben, Blumen, Duftstoffe und alles für die Verehrung Bestimmte werden als göttlich erkannt. | |||
'''57.107''' „Ich bin die Gottheit und ihr Träger; Göttliches wird der Gottheit dargebracht.“ Durch die Vergegenwärtigung der Göttlichkeit aller Bestandteile entsteht Reinheit. | |||
'''57.108''' Durch die Atemregelung werden Geist und individuelles Selbst gereinigt. Auch die im Innern befindliche Unreinheit wird dadurch nach der Ritualvorstellung beseitigt. | |||
'''57.109''' Wird die Gottheit im Haus verehrt, soll das Haus mit dem Sonnenkeim der Reihe nach in allen vier Richtungen betrachtet werden. | |||
'''57.110''' Der Sonnenkeim wird verschlüsselt aus dem Endlaut bei Ha, dem Abschlusslaut, dem Feuerkeim, dem vorletzten Laut und dem vierten Vokal in vollständiger Form beschrieben. | |||
'''57.111''' Dieser als Aditya-Keim bezeichnete Mantra gilt als Vernichter aller Krankheiten, Ursache der vier Lebensziele und Spender der Zufriedenheit. | |||
'''57.112''' Verunreinigungen des Hauses durch unreine Vögel, Vogelkot, Berührung von Mäusen oder den Kontakt mit Würmern und Insekten | |||
'''57.113''' werden nach der Rituallehre durch dieses Betrachten beseitigt. Anschließend beginne man die Meditation des Yogasitzes. | |||
'''57.114''' Allein durch die Meditation tritt der Yogasitz in das Mandala ein. Wird er vergegenwärtigt, wird alles gleichermaßen von seinem Wesen erfüllt. | |||
'''57.115''' Es gibt keinen höheren Sitz als den Yogasitz. Seine Meditation umfasst die ganze Welt mit beweglichen, unbeweglichen und menschlichen Wesen. | |||
'''57.116''' Wer könnte die Größe dieser Betrachtung vollständig aussprechen? Sieh, wie allein die geistige Vergegenwärtigung menschlichen Kummer vernichtet. | |||
'''57.117''' Durch die Konzentration auf den Yogasitz werden die vier Lebensziele gewährt. Er gleicht reinem Kristall, ist viereckig und vierfach eingefasst. | |||
'''57.118''' Von der tragenden Grundkraft gestützt, leuchtet sein Aufbau wie die Sonne. In den vier Ecken, beginnend im Südosten, befinden sich der Reihe nach | |||
'''57.119''' Dharma, Erkenntnis, Herrschaftskraft und Loslösung. In den Hauptrichtungen, beginnend im Osten, stehen entsprechend | |||
'''57.120''' Unrecht, Nichtwissen, Machtlosigkeit und fehlende Loslösung als weitere Bestandteile der tragenden Ordnung. | |||
'''57.121''' Darüber befindet sich eine Wassermasse, darin das Weltei. Im Weltei liegt Wasser, und darüber ruht die Schildkröte. | |||
'''57.122''' Auf der Schildkröte liegt Ananta, darüber die Erde. Mit Anantas Körper verbunden ist der Lotusstängel, der in die Unterwelt reicht. | |||
'''57.123''' In der Mitte der Erde steht der Lotus; die Himmelsrichtungen sind seine Blütenblätter und die Berge seine Staubfäden. In seinen acht Richtungen stehen die Welthüter, in der Mitte liegt der Himmel. | |||
'''57.124''' Im Mittelteil befindet sich Brahmas Welt, darunter Maharloka und die weiteren Welten. Im Himmel sind die Gestirne und Götter, dazwischen die vier Veden. | |||
'''57.125''' Sattva, Rajas und Tamas, die aus der Urnatur hervorgehenden Eigenschaften, sind stets in der Mitte des Lotus gegenwärtig, ebenso das höchste Prinzip. | |||
'''57.126''' Dort befindet sich das Selbstprinzip, mit einer oberen und einer unteren Bedeckung. Eine weitere Lage wird an den Spitzen der Staubfäden genannt; die räumliche Zuordnung ist unsicher. | |||
'''57.127''' Dann folgen der Reihe nach die Bereiche von Sonne, Feuer, Mond und Wind. Auf dem Yogasitz liegen der Leichensitz und darüber der angenehme Sitz, | |||
'''57.128''' darüber der Verehrungssitz und danach der reine Sitz. In ihrer Mitte soll die gesamte Welt mit allem Beweglichen und Unbeweglichen betrachtet werden. | |||
'''57.129''' Brahma, Vishnu und Shiva sind drei Bereichen zugeordnet. Dort stelle man sich auch selbst vor, zur Verehrung bereit. | |||
'''57.130''' Das Mandala werde als Yogasitz und der Lotus als kosmischer Lotus betrachtet; ebenso die vier Sitze, beginnend mit dem Leichensitz. | |||
'''57.131''' Zuerst meditiere man den Yogasitz gesondert, dann seine Einheit mit dem Mandala. Danach soll der Sitz verehrt werden. | |||
'''57.132''' Durch die Meditation des Yogasitzes gelangen das dargebrachte Wasser, Speisegaben, Blumen, Räucherwerk und die übrigen Gaben selbst zu ihrem Ziel. | |||
'''57.133''' Bei der Verehrung des Yogasitzes sind sämtliche Götter, Gandharvas, Guhyakas und alle beweglichen und unbeweglichen Wesen mitgedacht und verehrt. | |||
'''57.134''' Schon seine Betrachtung, auch ohne besondere Verehrung der erwählten Gottheit, verleiht nach der Verheißung die vier Lebensziele, Zufriedenheit und Gedeihen. | |||
'''57.135''' Unmittelbar nach der Herbeirufung lasse man die Gottheit mit beiden Händen herabsteigen. Zuerst werden die Handflächen nach oben gewandt und mit Abstand erhoben. | |||
'''57.136''' Dann werden sie ohne Zwischenraum abwärts geführt und gesenkt. Dabei spricht der Verehrende Herambas Keimsilbe und wiederholt: „Steige herab!“ | |||
'''57.137''' Dies dient der Herabkunft der erwählten Gottheit. Nachdem sie mit dem Atem aus der Nase ausgetreten ist, befindet sie sich zunächst im Raum. | |||
'''57.138''' Durch diese Handlung wird sie im Mandala gegenwärtig. Herambas Keim wird aus dem eigenen bezeichneten Endlaut mit reinem Mondzeichen und Punkt gebildet. Die Lautangabe ist unklar. | |||
'''57.139''' Er vernichtet die Keime der Hindernisse und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. Bei Duftstoffen, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speisegaben | |||
'''57.140''' sowie Gewändern, Schmuck und allem sonst Dargebrachten soll jeweils die zugehörige Gottheit genannt werden. Dann folgen Besprengen und Verehren. | |||
'''57.141''' Mit dem Grundmantra werde die Gabe überlassen und unter ihrem jeweiligen Namen dargebracht. Das Besprengen erfolgt mit Varunas Keimsilbe. | |||
'''57.142''' Überlassen und Darbringen geschehen mit dem Grundmantra der erwählten Gottheit. Der auf La folgende Laut mit Mond und Punkt wird Varuna-Keim genannt. | |||
'''57.143''' Betrachten, Verehren und Darbringen sind drei gesonderte Handlungen; entsprechend wird auch mit der Gebetskette bei der Mantrawiederholung verfahren. | |||
'''57.144''' Die Gebetskette wird mit dem Mantra der erwählten Gottheit besprengt. Zuerst wird Ganeshas Keimsilbe gesprochen, danach | |||
'''57.145''' „Gebetskette, mache die Übung hindernisfrei“, und mit dieser Formel wird sie aufgenommen. Am Ende der Wiederholung wird die Kette auf das Haupt gelegt. | |||
'''57.146''' Man nehme sie mit beiden Händen und verehre sie mit dem Shri-Keim. Dieser wird durch den letzten Dental, bestimmte Vokalzeichen und den dritten Laut der ersten Gruppe beschrieben, | |||
'''57.147''' jeweils in der genannten Folge, mit Punkt und Mond. Danach wird die Kette wieder vom Haupt abgenommen. | |||
'''57.148''' Dabei nehme man sie mit beiden Händen unter dem Sarasvata-Mantra. Der jeweils erste bezeichnete Laut der Shri-Keime wird mit Punkt und Halbmond verbunden. | |||
'''57.149''' Diese vierteilige Keimform heißt Sarasvata. Mit puranischen und vedischen Formeln sowie dem Grundmantra sollen | |||
'''57.150''' Rechtsumwandlung und Verneigung vollzogen werden, die Recht und Wohlergehen fördern. Zuvor betrachte und besprenge man den Boden mit dem Erdkeim. | |||
'''57.151''' Dann berühre man die Erde mit dem Haupt und verneige sich vor der erwählten Gottheit. Varahas Keim ohne seinen Abschlusslaut, mit Punkt und Mond, | |||
'''57.152''' ist als Erdkeim zu kennen, der die vier Lebensziele gewährt. Spiegel, Fächer, Glocke und Yakschweifwedel sollen erneut besprengt werden | |||
'''57.153''' mit dem zuvor gelehrten Mantra zum Betrachten der Speisegaben, Bhairava. Die Anfangssilben ihrer Namen werden jeweils mit Punkt und Mond verbunden. | |||
'''57.154''' Mit abschließendem „Verehrung ihm“ bilden sie die Mantras zum Aufnehmen dieser Gegenstände. Ihre Darbringung erfolgt mit dem Mantra der erwählten Gottheit. | |||
'''57.155''' Mit dem zweiten Vagbhava, dem Kama-Keim, soll die Handgeste gebildet werden, Bhairava; gezeigt wird sie mit dem Grundmantra. | |||
'''57.156''' Das Auflösen der Geste erfolgt mit Taras Keimsilbe. Der erste Laut der Endgruppe, mit Punkt, Mond und dem sechsten Vokal verbunden, | |||
'''57.157''' heißt Tara-Keim und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. Weil die Geste Freude schenkt, wird sie Mudra genannt. | |||
'''57.158''' Mit dem Zeigen der Mudra endet die Verehrung. Die Gottheit, selbst von Freude erfüllt, schenkt dem Übenden | |||
'''57.159''' rasch Wunscherfüllung, Befreiung, Recht und Wohlergehen und ist bereit fortzugehen. Nach der Mudra sollen diese sechs großen Mantras gesprochen werden. | |||
'''57.160''' „Was allein aus Hingabe gegeben wurde – Blatt, Blume, Frucht, Wasser und die dargebrachte Speise –, nimm es aus Mitgefühl an. | |||
'''57.161''' Ich weiß nicht recht herbeizurufen und nicht recht zu verabschieden. Ich kenne die rechte Weise der Verehrung nicht. Du bist meine Zuflucht, höchste Herrin. | |||
'''57.162''' In Tat, Geist und Rede habe ich keine andere Zuflucht als dich. Du wirkst im Innern der Wesen und bist meine Zuflucht, höchste Herrin. | |||
'''57.163''' Mutter, in welchen von tausenden Geburten ich auch erscheinen mag: In jeder möge meine Hingabe an dich, die Unvergängliche, unerschütterlich bleiben. | |||
'''57.164''' Die Göttin ist die Gebende und die Empfangende; die Göttin ist diese ganze Welt. Überall siegt die Göttin. Was die Göttin ist, das bin ich selbst. | |||
'''57.165''' Alle falsch gesprochenen Silben und fehlenden Lautlängen verzeihe, Göttin. Wessen Geist wäre niemals fehlgegangen?“ | |||
'''57.166''' Wenn diese Mantras gesprochen sind, wird die Göttin von selbst erfreut und gewährt bald die vier Lebensziele, Bhairava. | |||
'''57.167''' Im Nordosten werde zur Verabschiedung ein Mandala ohne Tor und Lotus angelegt, um die Trägerin der Opferreste zu verehren. | |||
'''57.168''' Nachdem sie meditiert und mit Wasser für die Füße und den übrigen Gaben verehrt wurde, lege man die Opferreste dort nieder und verabschiede mit dem Mantra. | |||
'''57.169''' „Gehe, gehe zum höchsten Ort, zu deiner eigenen Stätte, höchste Herrin, zu jenem höchsten Zustand, den selbst Brahma und die anderen Götter nicht kennen.“ | |||
'''57.170''' Nach der Verabschiedung mit dieser Formel verneige man sich und lasse sie durch den einströmenden Atem wieder im Herzen gegenwärtig werden, während man diesen Mantra betrachtet. | |||
'''57.171''' „Verweile, Göttin, am höchsten Ort, in deiner eigenen Stätte, höchste Herrin, dort, wo Brahma und alle übrigen Götter in meinem Herzen wohnen.“ | |||
'''57.172''' Dann erinnere man sich mit den Keimen Ekajatas im Geist an die erwählte Göttin und nehme die geheiligten Opferreste auf das Haupt; dies fördert Recht, Wünsche und Wohlergehen. | |||
'''57.173''' Danach werde das Mandala zum Heil aufgelöst. Mit den Spitzen sämtlicher Finger verwische man den achtblättrigen Lotus | |||
'''57.174''' und mit dem Erdkeim auch das Mandala, Bhairava. Dann berühre man mit dem Grundmantra oder dem alles anziehenden Mantra | |||
'''57.175''' mit der Ringfingerspitze die Stirn. Für Ekajatas Keim werden der Endlaut samt Abschluss und danach Taras Keim genannt, | |||
'''57.176''' anschließend der Liebeskeim mit Hauchlaut, jeweils in der bezeichneten Folge. Dies heißt Ekajata-Keim und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. | |||
'''57.177''' Dann bringe man der Sonne mit dem eigenen Mantra, verbunden mit ihrem Keim, eine Ehrengabe dar, damit die Handlung ohne Lücke sei. | |||
'''57.178''' „Verehrung dem Vivasvat, dem Brahman, dem Strahlenden mit Vishnus Glanz, dem Erzeuger der Welt, dem Reinen, Savitri, der das Wirken verleiht.“ | |||
'''57.179''' Mit gefalteten Händen spreche man den genannten Mantra und bekräftige mit gesammeltem Geist die Vollständigkeit der Handlung. | |||
'''57.180''' „Welche Lücke auch im Opfer, in der Askese oder in meiner Verehrung geblieben ist: All dies möge durch Bhaskaras Gnade lückenlos werden.“ | |||
'''57.181''' Danach betrachte man Blumen, Speisegaben, Wassergefäße und alles Übrige erneut mit dem Keim der Göttin. | |||
'''57.182''' Wo zuvor durch Hand oder Blick ein Mantra eingesetzt wurde, wird er dadurch wieder entlassen. | |||
'''57.183''' Durgas Keim wird verschlüsselt aus einem fünften Laut der Endgruppe, dem Feuerkeim mit sechstem Vokal, dem vorletzten Laut und dem ersten Vagbhava bezeichnet. Die Auflösung bleibt in dieser Lesart unsicher. | |||
'''57.184''' Auf einem vorbereiteten Bodenplatz, in loderndem Feuer, im Wasser, in Sonnenstrahlen, an reinen Götterbildern und Shalagrama-Steinen, | |||
'''57.185''' am Shiva-Linga oder an einem Stein kann die Verehrung zum Wohlergehen vollzogen werden. Überall soll mit gesammeltem Geist das Mandala eingesetzt werden. | |||
'''57.186''' Mit dem Keim des Yogasitzes soll der Übende dies am Bodenplatz und den übrigen Orten tun, bei der Verehrung Vasudevas, Rudras, Brahmas oder der Sonne. | |||
'''57.187a''' Diese Ordnung soll der Kundige bei allen Verehrungen anwenden. Wer Vishnu mit diesen begleitenden Handlungen verehrt, | |||
'''57.187b''' dem gewährt Hari bald die vier Lebensziele. Ebenso werden Shiva, die Sonne und die anderen, etwa der dickbäuchige Ganesha, erfreut. Die Vorlage wiederholt die Versnummer 187 statt 188. | |||
'''57.189''' Alle Götter werden durch diese Weise der Verehrung gnädig. Besonders die große Göttin Mahamaya, die das All verkörpert, | |||
'''57.190''' wünscht diese Ordnung stets bei ihrer Verehrung. Wer die Verehrung so vollständig vollzieht, empfängt ihre Frucht. | |||
'''57.191''' Einer Verehrung, der diese Teile fehlen, wird nur eine geringere Frucht zugeschrieben. Der Text vergleicht dies mit einem Menschen, dem Glieder fehlen und den er deshalb für den Opferdienst als ungeeignet bewertet. | |||
'''57.192''' Ebenso erlangt eine Verehrung mit fehlenden Gliedern nicht die volle Frucht. Dies ist das höchste Geheimnis und das höchste Segensmittel, aus Mantra und Veda bestehend, rein und verfehlungstilgend. | |||
'''57.193''' Wer dies vor Brahmanen bei Ahnenriten, Opfern oder Götterverehrungen vortragen lässt, erlangt nach der Verheißung die volle Frucht jener Handlung; auch ohne selbst die Verehrung auszuführen, empfängt er unendlichen Ertrag. | |||
===Kapitel 58=== | |||
'''58.1''' Der Erhabene sprach: Hört nun beide das besondere Verfahren für die Göttin. Wenn sie danach verehrt wird, schenkt sie bald ihre Gaben. | |||
'''58.2''' Die frühere und die ergänzende Ritualordnung habe ich euch bereits gelehrt, sowohl allgemein als auch in ihren Besonderheiten. | |||
'''58.3''' Jetzt werde ich die übrigen Mantras erklären, die speziell bei der hingebungsvollen Verehrung der Göttin verwendet werden. | |||
'''58.4''' Wer Mahamaya mit ungeteiltem Geist verehrt, soll diese heilvolle Ordnung zusammen mit dem Hauptmantra und den Gliedermantras ausführen. | |||
'''58.5''' Früchte, Blumen, Betel, Speisen, Getränke und anderes sollen niemals genossen werden, ohne sie zuvor der großen Göttin dargebracht zu haben. | |||
'''58.6''' Ob unterwegs, auf einem Berggipfel oder in einer Versammlung: Der Übende soll zuerst auf die jeweils mögliche Weise darbringen und erst dann für sich selbst verwenden. | |||
'''58.7''' Beim Anblick eines Weingefäßes, rot gekleideter oder rotfarbener Frauen, eines Löwen, eines Leichnams, eines roten Lotus oder einer Begegnung zwischen Tiger und Elefant, | |||
'''58.8''' auch beim Anblick eines Guru oder Königs, verneige man sich vor Mahamaya. Die Vereinigung mit der treuen Gattin zur fruchtbaren Zeit | |||
'''58.9''' soll zum Wohlergehen unter Betrachtung Chandikas geschehen. Bei friedensstiftenden oder gedeihensfördernden Riten sowie Opfer- und gemeinnützigen Werken | |||
'''58.10''' soll man sich vor der Göttin verneigen und sich zu ihrer Verehrung begeben. Wenn man Tanz, Gesang und Musik oder auch nur Gesang erlebt, | |||
'''58.11''' soll man dies zuerst der Göttin darbringen und erst danach selbst genießen. Schmuck, Kleidung oder Sandelholzpaste, | |||
'''58.12''' die man am eigenen Körper verwendet, sollen im Geist mit dem Mantra versehen werden. Bei körperlicher Übung, bei Verrichtungen, in Versammlungen, im Wasser oder auf dem Land, | |||
'''58.13''' wohin man auch geht, soll man stets der Göttin gedenken. Jeder Teil der Verehrung wird mit dem dafür bestimmten Mantra ausgeführt. | |||
'''58.14''' Eine zur Verehrung gehörende Handlung ohne Mantra gilt als fruchtlos. Für eine Handlung, für die bei der Verehrung kein eigener Mantra angegeben ist, Bhairava, | |||
'''58.15''' soll der Mantra zum Betrachten der Speisegabe verwendet werden. Das Einsetzen des Mandalas der Göttin erfolgt mit ihrem erwählten Mantra. | |||
'''58.16''' Nach der Verehrung wird das Mandala verwischt; mit seinem Material wird ein Stirnzeichen angebracht, unter dem alles anziehenden Mantra, der Recht, Wünsche und Wohlergehen verleiht. | |||
'''58.17''' Nach der Tötung der Opfergabe soll nach dieser historischen Ritualvorschrift mit dem am Schwert haftenden Opferblut ein Stirnzeichen angebracht werden, ebenfalls unter dem alles anziehenden Mantra. | |||
'''58.18''' Dadurch soll die Welt unter den Einfluss des Ausführenden gelangen. Der Mantra beginnt mit einer verschlüsselten Lautanweisung: dem vierten Laut der Ka-Gruppe, verbunden mit Feuer, sechstem Vokal, Mondsichel und Punkt. | |||
'''58.19''' Es folgen Angaben zum vorletzten Laut, zu einem abschließenden K-Laut, zum folgenden Laut und zur zweimaligen Silbenfolge „Mohi“. Die weitere Bestimmung mit zwei Vokalen ist beschädigt. | |||
'''58.20''' Genannt werden sodann der Endlaut der dritten Konsonantengruppe, der dritte Vokal, ein abschließender Fülllaut und der vierte Laut der ersten Gruppe. Die Folge ist nicht sicher rekonstruierbar. | |||
'''58.21''' Darauf folgen der zweite Vokal, das Wort für Erschütterung und die Lautfolge „Pura“. Anschließend werden Freund, Feind und Rakshasa angesprochen. | |||
'''58.22''' Auch Yakshas, Untertanen, König und sämtliche Waffen oder Lehrschriften werden genannt; das letzte Wort ist mehrdeutig. Wer selbst ohne vollständige Verehrung im Verborgenen das Stirnzeichen anbringt, | |||
'''58.23''' und dabei diesen Mantra verwendet, bringt nach der Verheißung alles unter seinen Einfluss: König, Königssohn, Frauen, Yakshas und Rakshasas. | |||
'''58.24''' Alle vier Gruppen von Wesen sollen ihm folgen. In der Fremde, unterwegs, an einem schwer zugänglichen Ort, ohne geeigneten Platz oder im Wasser, | |||
'''58.25''' im Gefängnis gebunden oder im Königshaus befindlich, soll der Kundige Mahamaya im Geist verehren. | |||
'''58.26''' Bei innerer Furcht, in einer von Löwen und Tigern erfüllten Gegend oder beim Einfall eines feindlichen Heeres soll geistige Verehrung vollzogen werden. | |||
'''58.27''' Man stelle sich im Innern des Herzens den Yogasitz vor und vollziehe dort, auf der darin vergegenwärtigten Erde, die Verehrung. | |||
'''58.28''' Körperentleerung, Reinigung, Bad, Zähneputzen und alle übrigen Vorbereitungen werden im Geist ausgeführt; danach folgt die Verehrung. | |||
'''58.29''' Wie die äußere Verehrung mit Blumen und anderen Gaben vorgeschrieben ist, so sollen auch im Herzen sämtliche begleitenden Handlungen vollzogen werden. | |||
'''58.30''' Der Verehrer der Göttin soll am achten Tag stets ein Gelübde halten. Am neunten wird hier auch die Verehrung mit eigenem Blut vorgeschrieben. | |||
'''58.31''' Die Göttin kann im Linga, im Buch, auf dem vorbereiteten Bodenplatz, in Fußsymbolen oder in Bildern verehrt werden. | |||
'''58.32''' Ebenso kann sie in einem Gemälde, einem Dreizack, einem Schwert oder im Wasser verehrt werden. Für das Schwert werden fünfzig Fingerbreiten genannt; der Dreizack hat drei Spitzen. | |||
'''58.33''' Auch an einem Stein, auf einem Berggipfel oder in einer Berghöhle soll die Göttin stets voller Hingabe und Vertrauen verehrt werden. | |||
'''58.34''' Die Verehrung in Varanasi gewährt die volle Frucht; in der Nähe Purushottamas wird die doppelte Frucht gelehrt. | |||
'''58.35''' In Dvaravati gilt die Frucht wiederum als doppelt so groß. An allen heiligen Feldern und Badeplätzen wird sie der in Dvaravati gleichgesetzt. | |||
'''58.36''' Im Vindhya-Gebirge wird hundertfache Frucht genannt, ebenso an der Ganga. In Aryavarta, im Mittelland und in Brahmavarta, | |||
'''58.37''' auch in Prayaga und Pushkara, bringt die Verehrung die gleiche Frucht wie im Vindhya. Im Wasser der Karatoya wird das Vierfache davon gelehrt. | |||
'''58.38''' Im Nandikunda ist die Frucht nochmals vierfach, Bhairava; in der Nähe von Jalpishvara wiederum vierfach. Der Gottesname ist in der Vorlage mit einer unsicheren Lesart versehen. | |||
'''58.39''' Am dortigen Yoni-Sitz Siddheshvaris gilt sie als nochmals doppelt, im Wasser des Lohitya-Stromes als vierfach davon. | |||
'''58.40''' Dieselbe Frucht gilt überall in Kamarupa, im Wasser und auf dem Land. Wie Vishnu als vorzüglichster und Lakshmi als höchste gelten, | |||
'''58.41''' so wird die Göttinnenverehrung in Kamarupa, der Wohnstätte der Götter, gepriesen. Kamarupa ist das Feld der Göttin, dem andernorts keines gleichkommt. Die Verneinung ist in der Vorlage ausgefallen. | |||
'''58.42''' Andernorts ist die Göttin selten gegenwärtig, in Kamarupa aber in jedem Haus. Auf dem Gipfel des Nilakuta wird nochmals hundertfache Frucht genannt. | |||
'''58.43''' Am Shiva-Linga Heruka gilt sie als doppelt so groß und an den Yoni-Sitzen Shailaputris und der übrigen Göttinnen wiederum als doppelt. | |||
'''58.44''' Im Yoni-Mandala Kamakhyas wird das Hundertfache davon gelehrt. Wer Mahamaya auch nur einmal in Kamakhya verehrt hat, | |||
'''58.45''' erlangt nach der Verheißung hier seine Wünsche und jenseits Shivas Gestalt. Niemand gleicht ihm, und für ihn bleibt nichts mehr zu vollbringen. | |||
'''58.46''' Er erhält hier das Gewünschte und lebt lange. Seine Bewegung wird dem Wind gleich und von anderen nicht aufzuhalten. | |||
'''58.47''' Im Kampf oder in der gelehrten Auseinandersetzung ist er schwer zu besiegen. Eine einzige Verehrung im Yoni-Mandala Kamakhyas mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras gewährt hundertfache Frucht. | |||
'''58.48''' Die ursprüngliche Gestalt ist Mahamaya, der Yogaschlaf, die das All verkörpert. Ihr Mantra des Vaishnavi-Tantras wurde zuvor erklärt. | |||
'''58.49''' Die übrigen beschriebenen Gestalten, Shailaputri und die anderen, sind ihre eigenen Teilerscheinungen, aus ihrem Körper hervorgegangen. | |||
'''58.50''' Wie die Strahlen stets aus der Sonnenscheibe hervorgehen, so treten Ugrachanda und die anderen Göttinnen aus Mahamayas Körper hervor. | |||
'''58.51''' Ihre einzelnen Gliedgestalten werde ich dir erklären. Mahamaya ist nur eine, nimmt aber zur Erfüllung ihrer Aufgaben verschiedene Formen an. | |||
'''58.52''' Kamakhya wird als Mahamayas ursprüngliche Gestalt gepriesen. An den verschiedenen heiligen Sitzen trägt dieselbe Mahamaya unterschiedliche Namen. | |||
'''58.53''' Wie der eine Vishnu wegen seiner Ewigkeit Sanatana und wegen seiner Überwindung der Wesen oder Feinde Janardana genannt wird, | |||
'''58.54''' so wird Mahamaya, weil sie auf dem Berg zur Liebe zusammenkam, von Göttern und Menschen stets Kamakhya genannt. | |||
'''58.55''' Wie ein Mensch durch das Tragen eines Schirms Schirmträger und beim Baden Badender heißt, so erhält auch Kamakhya ihren Namen nach ihrem Wirken. | |||
'''58.56''' Mahamayas Körper erscheint zur Liebe bereit, durch dafür verwendete rote Farben und Safran gelblich gefärbt. | |||
'''58.57''' In der Zeit der Liebe legt sie das Schwert ab und nimmt selbst eine Girlande. Wenn sie vom Liebesverlangen frei ist, trägt sie wieder das Schwert. | |||
'''58.58''' Zur Liebeszeit erfreut sie sich auf einem roten Lotus, der auf Shiva in Leichengestalt liegt. Ohne Liebesverlangen steht sie auf dem weißen Leichnam. | |||
'''58.59''' Wenn sie sich hierhin und dorthin bewegt, sitzt sie auf dem Löwen und erfüllt Wünsche. Bisweilen ist sie auf dem weißen Leichnam, bisweilen auf dem roten Lotus. | |||
'''58.60''' Manchmal vergnügt sich die wunschgestaltige Göttin auf dem Rücken des Löwen. Wenn sie auf dem roten Lotus sitzt, bewegt sich der Löwe vor ihr. | |||
'''58.61''' Wenn die Göttin auf dem Leichnam steht, blickt sie auf die andere Trägergestalt vor sich. Wenn sie als Mahamaya Gaben gewährt, | |||
'''58.62''' wird sie bei der Verehrung auf Leichnam, Lotus und Löwe zugleich vorgestellt. Wird sie auf dem roten Lotus meditiert, soll der Löwe vor ihr betrachtet werden. | |||
'''58.63''' Wird sie auf dem Löwen meditiert, sollen die beiden anderen vor ihr vorgestellt werden. Werden alle drei zugleich betrachtet, stehen sie der Reihe nach als Leichnam, Lotus und Löwe bereit. | |||
'''58.64''' Auf diesen soll die wunscherfüllende Göttin meditiert werden. Auch auf jedem einzelnen kann die Segensreiche in der entsprechenden Weise betrachtet werden. | |||
'''58.65''' Weil sie die eine gesamte Urnatur der Welten ist und das All verkörpert, wird sie von den Göttern Vishnu, Brahma und Shiva getragen. | |||
'''58.66''' Der weiße Leichnam ist Mahadeva, der rote Lotus Brahma, und der Löwe ist Hari. Dies sind die Träger der überaus Machtvollen. | |||
'''58.67''' Da es nicht angemessen wäre, dass sie in ihren eigenen Gestalten als Reittiere dienen, haben die drei andere Gestalten angenommen, um sie zu tragen. | |||
'''58.68''' Je nachdem, welche Gestalt Mahamaya, die Segensreiche, erfreut, wurden die drei in dieser Gestalt zu ihren Sitzen. | |||
'''58.69''' Auf dem Löwen befindet sich der rote Lotus, darauf Shiva und über ihm Mahamaya, die Gaben und Furchtlosigkeit gewährt. | |||
'''58.70''' Wer die Segensreiche stets in dieser Gestalt meditiert und verehrt, hat damit zweifellos auch Brahma, Vishnu und Shiva verehrt. | |||
'''58.71''' So sind Mahamaya und Kamakhya stets von einem Wesen, unterscheiden sich aber im Meditationsbild und in der Erscheinung. Darum soll sie dort entsprechend verehrt werden. | |||
'''58.72''' Damit habe ich euch die besonderen Verfahren Durgas erklärt. Hört nun ihre Gliedermantras, beste Männer. | |||
===Kapitel 59=== | |||
'''59.1''' Der Erhabene sprach: Ich werde nun besonders Chandikas Gliedermantras lehren. Wird die Göttin damit verehrt, gewährt sie die vier Lebensziele. | |||
'''59.2''' Der letzte palatale Laut wird mit dem sechsten Vokal, Punkt, Mond und Feuer verbunden; hinzu kommen der vorletzte Laut, die genannten Vokale und die äußere Vagbhava-Form. Die verschlüsselte Lautfolge ist nicht eindeutig aufzulösen. | |||
'''59.3''' Diese drei werden als Chandikas Augenkeime bezeichnet. Sie werden der Reihe nach dem linken Auge, dem Stirnauge und dem rechten Auge zugeordnet. | |||
'''59.4''' Dieser höchst geheime Mantra, stets eine vorzügliche Ursache der vier Lebensziele, heißt Durga-Keim. | |||
'''59.5''' Als die Göttin einst in der Einsiedelei des Weisen Katyayana aus dem Glanz der Himmelsbewohner einen Körper annahm und von den Götterscharen gepriesen wurde, | |||
'''59.6''' trat aus ihren drei Augen die ursprüngliche Gestalt hervor, lichtvoll, die Welt tragend und Mahishasura vernichtend. | |||
'''59.7''' Aus dem Glanz aller Götter nahm sie einen herrlichen Körper an und empfing die vielen Waffen, die die Götter ihr einzeln schenkten. | |||
'''59.8''' Von Brahma und den anderen gepriesen, erschlug die Göttin Mahishasura samt seinem Gefolge, seinen Anhängern, Ratgebern, Streitkräften und Reittieren. | |||
'''59.9''' Nachdem Mahisha getötet war, verehrten die Götter sie mit eben diesem Mantra. Dadurch wurde sie in der Welt bekannt. | |||
'''59.10''' Seitdem wird diese Gestalt überall von allen verehrt. Die ursprüngliche Gestalt blieb verborgen, während sie durch diese Erscheinung berühmt wurde. | |||
'''59.11''' Höre nun, Bhairava, von jener Gestalt, die durch ihre Gaben an die Götter und durch Brahmas und der anderen Wirken von allen verehrt wird. | |||
'''59.12''' Sie trägt einen Knoten verfilzter Haare und eine Mondsichel als Kopfschmuck. Sie hat drei Augen und ein Gesicht wie der Vollmond. | |||
'''59.13''' Ihre Farbe gleicht glühendem Gold. Sie steht fest, hat schöne Augen, ist jugendlich und mit allem Schmuck versehen. | |||
'''59.14''' Sie hat schöne Zähne, ist kraftvoll und besitzt volle, erhobene Brüste. In dreifach gebogener Haltung steht sie als Bezwingerin Mahishasuras. | |||
'''59.15''' Ihre zehn Arme sind lang und weich wie Lotusstängel. In den rechten Händen sind von oben nach unten Dreizack, Schwert, Diskus, | |||
'''59.16''' ein scharfer Pfeil und eine Lanze angeordnet. In den linken Händen befinden sich Schild, gespannter Bogen, Schlinge und Elefantenhaken, | |||
'''59.17''' dazu Glocke oder Axt in der unteren Hand. Unter ihr soll der Büffel mit abgetrenntem Kopf dargestellt werden. | |||
'''59.18''' Aus der Halsöffnung tritt der schwerttragende Danava hervor, dessen Herz vom Dreizack durchbohrt ist und dessen Eingeweide hervortreten. | |||
'''59.19''' Sein Körper ist blutbedeckt, seine Augen sind blutrot und zucken. Er ist von einer Schlangenschlinge umwunden; sein Gesicht ist durch zusammengezogene Brauen verzerrt. | |||
'''59.20''' Durga hält sein Haar mit der linken Hand, die auch die Schlinge trägt. Der Löwe der Göttin soll mit bluttriefendem Maul dargestellt werden. | |||
'''59.21''' Der rechte Fuß der Göttin steht sicher auf dem Löwen, der linke ist etwas angehoben und berührt mit der großen Zehe den Büffel. | |||
'''59.22''' Ugrachanda, Prachanda, Chandogra, Chandanayika, Chanda, Chandavati, Chamunda und Chandika | |||
'''59.23''' umgeben sie stets als acht Kräfte. So soll die Göttin betrachtet werden, die Recht, Wünsche, Wohlergehen und Befreiung gewährt. | |||
'''59.24''' Ihr Gliedermantra wird als Durga-Tantra bezeichnet. Höre ihn mit gesammeltem Geist; er verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. | |||
'''59.25''' Die Gattin des Feuers, der sechste Vokal, der Endlaut bei Ha, der Schlusslaut, Feuer und der Anfang Durgas werden mit vorangestelltem Om verbunden. So wird der Durga-Mantra verschlüsselt beschrieben. | |||
'''59.26''' Am fünften Tag der hellen Monatshälfte, wenn die Sonne im Zeichen Steinbock steht, soll die Segensreiche mit diesem Mantra nach Vorschrift verehrt werden. | |||
'''59.27''' Am achten Tag der hellen Hälfte werde sie erneut nach Vorschrift verehrt; am neunten sollen zahlreiche Opfergaben dargebracht werden. | |||
'''59.28''' In der Abenddämmerung wird hier eine mit eigenem Blut besprengte Opfergabe vorgeschrieben. Wer dies vollzieht, soll nach der Verheißung stets in Segen und Freude leben. | |||
'''59.29''' Er ist von Kindern und Enkeln umgeben und reich an Geld und Getreide. Kummer und Bedrängnis entstehen ihm nicht; er lebt lange und glücklich in dieser Welt. Eine Zusatzzeile ist in der Vorlage unvollständig geklammert und teilweise beschädigt. | |||
'''59.30''' Wer am achten Tag der hellen Hälfte des Monats Chaitra die Göttin mit diesem Mantra und den Blumen der Jahreszeit, besonders Ashoka-Blüten, verehrt, | |||
'''59.31''' dem entstehen nach der Verheißung weder Kummer noch Krankheit oder Unglück. Im Monat Jyeshtha soll man am achten Tag der hellen Hälfte fasten. | |||
'''59.32''' Am neunten Tag verehre man sie mit Sesamreis, Gerstenspeise, Süßgebäck, Milch, geklärter Butter, Honig, Zucker und Kuchen, | |||
'''59.33''' ferner nach dieser Opferordnung mit Blut und Fleisch verschiedener Tiere. Am zehnten Tag der hellen Hälfte sollen dann mit Sesam vermischtes Wasser | |||
'''59.34''' und der Durga-Tantra-Mantra für drei Handvoll Darbringungen verwendet werden. Was in zehn Geburten an Verfehlung begangen wurde, | |||
'''59.35''' wird nach der Verheißung durch diese Handlung am zehnten Tag getilgt; auch langes Leben wird gewährt. Am achten Tag der hellen Hälfte von Ashadha oder Shravana | |||
'''59.36''' soll die Darbringung der heiligen Schnüre vollzogen werden, die die Göttin besonders erfreut, mit dem Durga-Tantra-Mantra und dem Durga-Keim, Bhairava. | |||
'''59.37''' Auch mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras soll die Darbringung der heiligen Schnüre geschehen; besonders im Monat Shravana soll sie für die Göttin vorgenommen werden. Die Vorlage wiederholt hier einen Teil der Mantraangabe. | |||
'''59.38''' Für sämtliche Götter soll die Darbringung der heiligen Schnüre in Ashadha oder Shravana vollzogen werden; sie gewährt die Frucht eines ganzen Jahres. | |||
'''59.39''' Für den Herrn des Reichtums ist der erste Mondtag dafür bestimmt; für die Göttin Shri gilt der zweite als vorzüglich. | |||
'''59.40''' Der dritte gehört Bhavas Gefährtin, der vierte ihrem Sohn, der fünfte dem Mondkönig und der sechste Guha. | |||
'''59.41''' Der siebte gehört der Sonne, der achte Durga, der neunte den göttlichen Müttern und der zehnte Vasuki. | |||
'''59.42''' Der elfte gehört den Weisen, der zwölfte dem Diskusträger, der dreizehnte dem körperlosen Liebesgott und der vierzehnte mir. | |||
'''59.43''' Der Vollmondtag ist für Brahma und die Hüter der Himmelsrichtungen bestimmt. Wer die Darbringung der heiligen Schnüre für die Götter nicht vollzieht, | |||
'''59.44''' dem nimmt Keshava nach der Aussage des Textes die Frucht der Jahresverehrung. Deshalb soll dieses vorzügliche Ritual sorgfältig ausgeführt werden. | |||
'''59.45''' Wird es vollzogen, entsteht große Frucht, und die Verehrung wird wirksam. Höre nun, aus welcher Schnur und auf welche Weise das Pavitra hergestellt werden soll, | |||
'''59.46''' und welche Maße gelten, Bhairava. Zuerst wird Darbha-Faser genannt, danach Lotusfaser. | |||
'''59.47''' Dann folgen die besonders heilige Leinenfaser, Baumwolle und Seidenfaden. Aus anderen Materialien sollen die heiligen Schnüre nicht gefertigt werden. | |||
'''59.48''' Sie sollen sorgfältig und kunstvoll hergestellt und nach Vorschrift mit wohlriechenden Duftstoffen und Girlanden versehen werden. | |||
'''59.49''' Eine unverheiratete junge Frau, eine gattentreue Frau oder eine Witwe von guter Lebensführung soll den Faden spinnen; eine Frau von schlechter Lebensführung soll dies nach der Vorschrift nicht tun. | |||
'''59.50''' Mit einer Nadel beschädigte, verbrannte oder von Asche und Rauch überzogene Fäden sollen sorgfältig ausgeschlossen werden. | |||
'''59.51''' Ebenso gebrauchte, von Mäusen angenagte, durch Wein oder Blut verunreinigte, schmutzige oder blau gefärbte Fäden. | |||
'''59.52''' Die heilige Schnur wird in kleiner, mittlerer und vorzüglicher Ausführung hergestellt. Die kleine besteht aus siebenundzwanzig Fäden. | |||
'''59.53''' Sie mehrt nach der Verheißung Ruhm, Ansehen, Glück und Wohlergehen in der Menschenwelt. Die mittlere besteht aus vierundfünfzig Fäden. | |||
'''59.54''' Sie verleiht himmlische Freuden, Verdienst, Himmel und Befreiung. Die vorzügliche besteht aus hundertacht Fäden. | |||
'''59.55''' Wer diese der großen Göttin darbringt, soll Vereinigung mit Shiva erlangen. Wer Vasudeva eine solche vorzügliche Schnur gibt, | |||
'''59.56''' gelangt nach der Verheißung zweifellos in Haris Welt. Eine Schnur aus tausendacht Fäden heißt Ratnamala, „Juwelenkette“. | |||
'''59.57''' Diese heilige Schnur der großen Göttin gewährt Genuss und Befreiung. Wer ihr eine Ratnamala als Pavitra darbringt, | |||
'''59.58''' verweilt nach dem Text tausende von Millionen Weltzeitaltern im Himmel und wird dann Shiva gleich. Für Shankara heißt diese Schnur Nagahara, „Schlangenkette“. | |||
'''59.59''' Wer mir eine solche schöne Schnur aus tausendacht Fäden gibt, erfreut sich in meiner Welt ebenso viele | |||
'''59.60''' tausend Weltzeitalter, wie Fäden vorhanden sind. Für Hari heißt die Schnur aus tausendacht Fäden Vanamala, „Waldgirlande“. | |||
'''59.61''' Durch ihre Darbringung erlangt man Vereinigung mit Vishnu. Das kleine Pavitra soll bis zum Nabel reichen. | |||
'''59.62''' Es erhält zwölf Knoten und wird nach dem Maß der betreffenden Gestalt angefertigt. Das mittlere reicht bis zu den Schenkeln und erhält | |||
'''59.63''' vierundzwanzig Knoten, wiederum nach dem Maß der Gestalt. Das vorzügliche Pavitra reicht bis zu den Knien, Bhairava. | |||
'''59.64''' Es erhält sechsunddreißig Fadenknoten. Für die besonders große Ausführung sollen nach Vorschrift hundertacht Knoten angefertigt werden. | |||
'''59.65''' Dies gilt für die Nagahara genannte Form und entsprechend für die übrigen. Die Knoten sollen aus einem Faden gefertigt werden, | |||
'''59.66''' dessen Farbe von der Grundschnur abweicht, und die vorgeschriebenen Merkmale besitzen. Bei der kleinen Ausführung hat jeder Knoten sieben Windungen. | |||
'''59.67''' Bei der mittleren sind es doppelt so viele, bei der vorzüglichen dreimal so viele. Am Vortag werden die Schnüre rituell vorbereitet. | |||
'''59.68''' Am folgenden Tag wird der Mantra in das Pavitra eingesetzt. Der Brahmane vollzieht diese Einsetzung mit dem Durga-Keim. | |||
'''59.69''' Andere verwenden den Mantra des Vaishnavi-Tantras, Bhairava. Der Kundige soll den Mantra selbst in jeden einzelnen Knoten einsetzen. | |||
'''59.70''' Wie bei der Gebetskette wird dabei mit der Daumenspitze gezählt, Bhairava. So viele Knoten vorhanden sind, so oft sollen | |||
'''59.71''' die Mantras eingesetzt werden. Dadurch werden die göttlichen Glieder in die Schnur eingefügt. Die Einsetzung der Wesensprinzipien erfolgt mit dem Durga-Tantra-Mantra. | |||
'''59.72''' Dazu wird das ganze Pavitra zusammen in ein Opfergefäß gelegt und mit Duftstoffen und schönen Blumen versehen. | |||
'''59.73''' Mit der Fingerspitze werden dann die Wesensprinzipien eingesetzt, Bhairava. Bei Vishnu geschieht dies mit seinem Grundmantra. | |||
'''59.74''' Für den Brahmanen wird die vedische Formel „Dies hat Vishnu …“ zur Mantraeinsetzung genannt; für Shudras der zwölfsilbige Mantra. | |||
'''59.75''' Bei mir erfolgt die Einsetzung der Wesensprinzipien mit dem Prasada-Mantra. Mit demselben sollen auch die Mantraeinsetzung und die Darbringung geschehen. | |||
'''59.76''' Die heiligen Schnüre werden mit Safran, Vetiver, Kampfer, Sandelholz und weiteren Salben bestrichen; dann folgt die Einsetzung der Wesensprinzipien. | |||
'''59.77''' Der gesammelte Verehrer verehre die Göttin im Mandala nach Vorschrift mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras oder des Durga-Tantras, Bhairava. | |||
'''59.78''' Mit dem Durga-Keim lege er das Pavitra auf ihr Haupt. Für jede andere Gottheit wird das Mandala mit dem jeweils für sie bestimmten Mantra behandelt. | |||
'''59.79''' Mit dem zugehörigen Mantra und der entsprechenden Meditation soll jede Gottheit sorgfältig verehrt werden. | |||
'''59.80''' Dann wird mit ihrem eigenen Keim und Mantra die heilige Schnur auf ihr Haupt gelegt. Wer mir und den übrigen Göttern Pavitra-Schnüre darbringt, | |||
'''59.81''' vollendet damit die Verehrung aller Götter, Bhairava. Agni, Brahma, Bhavani, der Elefantengesichtige, die große Schlange, | |||
'''59.82''' Skanda, die Sonne, die Mütterschar, die Hüter der Himmelsrichtungen und die neun Planetengottheiten sollen jeweils in Gefäßen nach Vorschrift verehrt werden. | |||
'''59.83''' Jedem werde gesammelt eine heilige Schnur auf das Haupt gelegt. Dann bereite man eine Opferspeise mit den fünf Kuhprodukten zu und gebe der Göttin drei Feuerdarbringungen. | |||
'''59.84''' Mit derselben Gabe folgen nach Vorschrift Darbringungen für Vishnu und Shambhu. Mit geklärter Butter werden hundertacht Opfergaben vollzogen, ebenso mit Sesam und geklärter Butter. | |||
'''59.85''' Der Übende bringe der großen Göttin hundertacht solcher Gaben dar. In gleicher Weise soll er auch für Vishnu und die anderen | |||
'''59.86''' die Darbringung der heiligen Schnüre zur Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen vollziehen. Mit verschiedenen Speisen, Getränken, Krapfen, Kuchen und Süßgebäck, | |||
'''59.87''' mit Kürbissen, Kokosnüssen, Datteln, Jackfrüchten, Mangos, Granatäpfeln, Gurken, Trauben und vielerlei weiteren Früchten, | |||
'''59.88''' mit allen Arten fester und gekochter Speisen, Fisch, Fleisch und Reis, mit Duftstoffen, Blumen, Räucherwerk und schönen Lichtern, | |||
'''59.89''' mit Kleidern und Schmuck soll der Verehrer Bhavani verehren. Mit Schauspielern, Tänzern und Kurtisanen, Bhairava, | |||
'''59.90''' soll er freudig eine Nachtwache mit Tanz und Gesang veranstalten. Auch Brahmanen und Angehörige soll er gemeinsam mit den Zweimalgeborenen bewirten. | |||
'''59.91''' Nach der Darbringung der heiligen Schnüre gebe er eine Ehrengabe: Gold, eine Kuh, Sesam, geklärte Butter, ein Gewand oder auch Gemüse. | |||
'''59.92''' Danach spreche der Übende diesen Mantra: „Mit Ketten aus Edelsteinen und Korallen, mit Mandara-Blüten und den übrigen Gaben | |||
'''59.93''' sei dir diese jährliche Verehrung dargebracht, höchste Herrin.“ Anschließend verabschiede er die Göttin mit den entsprechenden Verehrungs- und Begleithandlungen. | |||
'''59.94''' Wenn der Göttin die heiligen Schnüre so nach Vorschrift gegeben wurden, wird nach dem Text die Verehrung des ganzen Jahres vollständig. | |||
'''59.95''' Der Mensch verweilt nach der Verheißung hundert Millionen Weltzeitalter im Haus der Göttin. Auch dort besitzt er unvergleichliche Fülle an Glück und Wohlergehen. | |||
[[Datei:Durga painting.jpg|thumb|Die Göttin wird im Kalika Purana mit vielen Namen angerufen. Die Bilder veranschaulichen die weitere Shakta-Tradition, nicht stets die genaue Ikonographie einer einzelnen Textstelle.]] | |||
===Kapitel 60=== | |||
'''60.1''' Der Erhabene sprach: Mit dem Mantra des Durga-Tantras soll das große Durga-Fest gefeiert werden. Am großen neunten Tag im Herbst sollen Könige und andere Opfergaben darbringen. | |||
'''60.2''' Der achte Tag der hellen Monatshälfte von Ashvina heißt Mahashtami und erfreut die Göttin besonders. | |||
'''60.3''' Der darauffolgende neunte Tag heißt Mahanavami. Dieser Tag ist von allen Welten zu ehren und der Segensreichen lieb. | |||
'''60.4''' Höre die Besonderheiten der Verehrung an diesen beiden Tagen, mein Sohn Bhairava. Ein Mensch soll gesammelt die Göttin im Mandala nach Vorschrift verehren. | |||
'''60.5''' Mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras oder des Durga-Tantras empfängt sie die Verehrung in unterschiedlichen Gestalten zum Wohlergehen. Höre, wie dies geschieht. | |||
'''60.6''' Wenn die Sonne im Zeichen Jungfrau steht, beginne man am ersten glückverheißenden Tag der hellen Hälfte. Man esse ungebetene Gaben, nachts oder nur einmal täglich oder faste; der letzte Ausdruck der Vorlage ist beschädigt. | |||
'''60.7''' Man bade am Morgen, überwinde die Gegensatzpaare, verehre die Segensreiche dreimal täglich, übe Mantrawiederholung und Feueropfer und bewirte junge Mädchen. | |||
'''60.8''' Am sechsten Tag soll die Göttin in Bilva-Zweigen und den ihr zugeordneten Früchten geweckt werden. Am siebten hole man diesen Zweig herbei und verehre ihn. | |||
'''60.9''' Am achten Tag vollziehe man eine besondere Verehrung und halte selbst Nachtwache. In tiefer Nacht werde die Opfergabe dargebracht. | |||
'''60.10''' Am neunten Tag bringe man zahlreiche Opfergaben nach Vorschrift dar. Man meditiere die zehnarmige Göttin und verehre sie mit dem Durga-Tantra-Mantra. | |||
'''60.11''' Am zehnten Tag soll der vorzügliche Übende die Verabschiedung vollziehen. Danach nehme er an diesem Tag die Mahlzeit erst nachts ein. | |||
'''60.12''' Wenn Mahamaya in ihrer sechzehnarmigen Gestalt mit dem Durga-Tantra-Mantra verehrt wird, höre folgende Besonderheiten. | |||
'''60.13''' Bei der Sonne in Jungfrau faste man am elften Tag der dunklen Hälfte, esse am zwölften einmal und am folgenden Tag erst nachts. | |||
'''60.14''' Am vierzehnten Tag werde Mahamaya nach Vorschrift mit lautem Gesang und Musik sowie vielfältigen Speisegaben geweckt. | |||
'''60.15''' Der Kundige lebe an diesem Tag von ungebetenen Gaben und faste am nächsten. Diese Gelübdeordnung führe er bis zum neunten Tag fort. | |||
'''60.16''' Unter Jyeshtha werde sie verehrt, unter Mula erneut, unter Uttara wiederum; am Ende von Shravana werde sie verabschiedet. Die Bezeichnungen beziehen sich hier auf Mondstationen. | |||
'''60.17''' Wenn die achtzehnarmige Mahamaya mit dem Durga-Tantra-Mantra verehrt wird, höre auch dafür die Besonderheiten, Bhairava. | |||
'''60.18''' Bei der Sonne in Jungfrau werde sie am neunten Tag der dunklen Hälfte tagsüber unter Ardra verehrt und mit Gesang und Musik geweckt. | |||
'''60.19''' Am vierten Tag der hellen Hälfte wird das Haar der Göttin gelöst; am fünften soll sie frühmorgens mit glückverheißendem Wasser gebadet werden. | |||
'''60.20''' Am siebten wird die Blattgestalt verehrt. Am achten folgen Fasten, Verehrung und Nachtwache; am neunten die vorgeschriebene Opfergabe. | |||
'''60.21''' Am zehnten wird sie mit Spielen, Festfreude und Segenshandlungen verabschiedet. An diesem Tag folgt auch die große Lichtzeremonie, die die Kraft mehren soll. | |||
'''60.22''' Wenn Mahamaya, die das All verkörpert, als Vaishnavi verehrt wird, höre hierfür die Besonderheiten, Bhairava. | |||
'''60.23''' Wenn die Sonne in Jungfrau steht, soll sie in der Nacht des achten Tages der hellen Hälfte mit großer Pracht verehrt werden. | |||
'''60.24''' Am neunten Tag werden die Opfergaben nach Vorschrift dargebracht. Auch Mantrawiederholung und Feueropfer sollen zum Wohlergehen ausgeführt werden. | |||
'''60.25''' Die große Göttin soll mit den acht Blütengaben verehrt werden. Um Rama Gnade zu erweisen und Ravana zu töten, | |||
'''60.26''' wurde die große Göttin einst nachts von Brahma geweckt. Sie verließ ihren Schlaf am Nanda-Tag der hellen Hälfte von Ashvina, | |||
'''60.27''' und begab sich nach Lanka, wo Raghava damals weilte. Dort angekommen, veranlasste die große Göttin Rama und Ravana | |||
'''60.28''' zum Kampf, während Ambika selbst unsichtbar blieb. Sie verzehrte Fleisch und Blut der Rakshasas und Affen. | |||
'''60.29''' Sie ließ Rama und Ravana sieben Tage gegeneinander kämpfen. Als die siebte Nacht vergangen war, ließ sie am neunten Tag Ravana | |||
'''60.30''' von Rama töten, Mahamaya, die das All verkörpert. Solange die Göttin selbst das Kampfgeschehen der beiden beobachtete, | |||
'''60.31''' wurde sie sieben Nächte lang von den Göttern verehrt. Als der tapfere Ravana am neunten Tag gefallen war, vollzog der Großvater der Welt mit sämtlichen Göttern | |||
'''60.32''' eine besondere Verehrung Durgas. Am zehnten Tag wurde die Göttin mit nächtlichen Festlichkeiten verabschiedet. | |||
'''60.33''' Auch Indra vollzog für das Götterheer die Lichtzeremonie, um Frieden für die himmlischen Truppen und das Gedeihen der Götterherrschaft zu sichern. | |||
'''60.34''' Nachdem das Heer den furchterregenden Pfeilkampf Ramas und Ravanas gesehen hatte, befand es sich am dritten Tag nordöstlich von Lanka. | |||
'''60.35''' An diesem mit der Mondstation Svati verbundenen Tag beruhigte der Götterkönig auf Haris Wort hin das große, erschreckte Götterheer. | |||
'''60.36''' Dann verabschiedete Indra am zehnten Tag unter Shravana die heilvolle Chandika und vollzog zur Befriedung die Lichtzeremonie für das Heer. Die Darstellung greift hier auf einen früheren Festtag zurück. | |||
'''60.37''' Nachdem Indra sein Heer so gesegnet hatte, begegnete Shachis Gatte dem Raghava Rama und kehrte mit den Göttern in den Himmel zurück. | |||
'''60.38''' Dies geschah in einem früheren Weltzeitalter, während des Manvantara Svayambhuvas. Die zehnarmige Göttin war zum Wohl der Götter erschienen, | |||
'''60.39''' zu Beginn des menschlichen Treta-Zeitalters, um den Welten Heil zu bringen. Wie es in jenem früheren Weltzeitalter geschah, so handelt sie in jedem weiteren. | |||
'''60.40''' Die Göttin selbst tritt hervor, um die Daityas zu vernichten. In jedem Weltzeitalter erscheinen Rama und der Rakshasa Ravana. | |||
'''60.41''' Ebenso entstehen der Kampf und die Versammlung der Götter. So hat es tausende Ramas und tausende Ravanas gegeben, | |||
'''60.42''' und weitere werden erscheinen; entsprechend wirkt die Göttin. Alle Götter verehren sie und vollziehen die Lichtzeremonie für ihr Heer. | |||
'''60.43''' Ebenso sollen die Menschen die Verehrung nach Vorschrift ausführen. Der König vollziehe die Lichtzeremonie zur Stärkung seiner Streitkräfte. | |||
'''60.44''' Das Fest soll mit prächtig geschmückten Frauen und berauschendem Getränk, mit Tanz, Gesang, Spielen, Freude und Segenshandlungen gefeiert werden. Die Verbindung der ersten Angaben ist mehrdeutig. | |||
'''60.45''' Mit Süßgebäck, Kuchen, Getränken, vielen festen und gekochten Speisen, Kürbissen, Kokosnüssen, Datteln und Jackfrüchten, | |||
'''60.46''' Trauben, Amalaka, Bilva und weiteren Früchten, Kaseruka-Knollen, Betelnüssen, Wurzeln, Jambu- und Tinduka-Früchten, | |||
'''60.47''' mit Milchprodukten, Rohzucker, Fleisch, Wein, Honig und Kindern angenehmen Speisegaben, geröstetem und ungebrochenem Reis sowie Früchten, | |||
'''60.48''' mit Zuckerrohrstangen, weißem Zucker, Lavali und Orangen, mit Ziegen, Büffeln, Schafen und eigenem Blut, | |||
'''60.49''' mit Vögeln und anderen Opfertieren sowie verschiedenen Wildtieren wird die Weltenträgerin nach dieser historischen Opferordnung verehrt, auch mit vermischtem Fleisch und Blut. | |||
'''60.50''' Nachts soll ein Teigbild Skandas und Vishakhas angefertigt und zur Vernichtung der Feinde und zur Freude Durgas verehrt werden. | |||
'''60.51''' Das Feueropfer erfolgt mit Sesam und geklärter Butter, nach der beschriebenen Ordnung auch mit Fleisch. Ugrachanda und die anderen acht glückverheißenden Yoginis sollen verehrt werden. | |||
'''60.52''' Ebenso die vierundsechzig Yoginis, die unzähligen Yoginis und die neun Durgas, die der Göttin nahe sind. | |||
'''60.53''' Jayanti und die weiteren werden mit Duftstoffen und Blumen verehrt, denn sie sind Gestalten der Göttin. Auch die Göttinnen, sämtliche Waffen und Schmuckstücke, | |||
'''60.54''' ihre Haupt- und Nebenglieder sowie der Löwe als Reittier der Bezwingerin Mahishasuras sollen stets zum Wohlergehen verehrt werden. | |||
'''60.55''' In einem früheren Weltzeitalter, im Manvantara Svayambhuvas, zu Beginn des menschlichen Krita-Zeitalters, wurde die große Göttin von allen Göttern gepriesen. | |||
'''60.56''' Um Mahishasura zu vernichten und den Welten Heil zu bringen, erschien Yogaschlaf, Mahamaya, die Weltenträgerin und Verkörperung des Alls, | |||
'''60.57''' mit sechzehn Armen, bekannt als Bhadrakali, am Nordufer des Milchozeans in gewaltiger Gestalt. | |||
'''60.58''' Ihre Farbe glich der Atasi-Blüte, ihre goldenen Ohrringe flammten. Sie trug verfilztes Haar, die Mondsichel und dreifachen Kronenschmuck. | |||
'''60.59''' Sie war mit einer Schlangenkette und einer goldenen Halskette geschmückt. Dreizack, Diskus, Schwert, Muschel und Pfeil, | |||
'''60.60''' Lanze, Donnerkeil und Stab trug die Göttin stets in ihren rechten Händen. Ihre sichtbaren Zähne ließen sie hell erstrahlen. | |||
'''60.61''' In den linken Händen trug sie Schild, Fell, Bogen, Schlinge, Elefantenhaken, Glocke, Axt und Keule. | |||
'''60.62''' Sie stand auf dem Löwen, strahlend mit drei roten Augen. Die höchste Herrin hatte Mahisha mit dem Dreizack durchbohrt. | |||
'''60.63''' Mit dem linken Fuß trat die das All verkörpernde Göttin auf ihn. Als die Götter die höchste Herrin so sahen, verneigten sie sich. | |||
'''60.64''' Sie sagten nichts, denn sie sahen Mahishasura bereits getötet. Darauf sprach die höchste Herrin zu Brahma und den übrigen Göttern, | |||
'''60.65''' ihr Gesicht vom Lächeln erhellt: Geht, ihr Götterscharen, in das Innere Jambudvipas, | |||
'''60.66''' zur herrlichen Einsiedelei Katyayanas nahe dem Himalaya. Dort wird euer Anliegen zweifellos erfüllt werden. | |||
'''60.67''' Mit diesen Worten verschwand die große Göttin an Ort und Stelle. Die Götter gingen zur Wohnstätte des Weisen Katyayana. | |||
'''60.68''' Auf dem Weg zu seiner Einsiedelei waren ihre Herzen voller Staunen: Die Göttin hat Mahisha getötet, wir haben es gesehen. Dafür | |||
'''60.69''' hatten wir die große Göttin, die Weltenträgerin und Verkörperung des Alls, gepriesen. Warum hat sie uns nun aufgetragen, zu Katyayanas Einsiedelei zu gehen? | |||
'''60.70''' Welches weitere Anliegen soll dort für uns erfüllt werden? So sprachen sie miteinander, während sie gingen. | |||
'''60.71''' Sie erreichten die Einsiedelei des Weisen Katyayana nahe dem Himalaya. Indra, die Welthüter, Brahma, Vishnu und Shiva | |||
'''60.72''' ließen sich dort lange und freudig nieder, begierig, Durga zu sehen. Da kamen sämtliche Rudra-Scharen und berichteten | |||
'''60.73''' von Mahishasuras Taten und der Niederlage der Götterwelt. Brahma, Vishnu, Shiva und die anderen wurden sehr zornig. | |||
'''60.74''' Welcher andere Mahisha ist das? Jener Danava wurde doch von der Göttin getötet. Wer richtet nun erneut solche Verwüstung in der Welt an? | |||
'''60.75''' Während sie so zürnten, traten aus ihren Körpern jeweils Lichtkräfte hervor und nahmen Gestalt als göttliche Mächte an. | |||
'''60.76''' Aus diesen Lichtkräften bildete sich der Körper der Göttin. Katyayana stärkte und verehrte sie; deshalb wird sie Katyayani genannt. | |||
'''60.77''' Danach tötete die Weltenträgerin, die das All verkörpert, Mahisha in der zehnarmigen Gestalt und unter demselben Mantra. Die Zuordnung von Mantra und Gestalt ist in der Vorlage syntaktisch unsicher. | |||
'''60.78''' Am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte von Ashvina war die große Göttin gepriesen und geweckt worden und als Verkörperung des Alls erschienen. | |||
'''60.79''' Am siebten Tag der schönen hellen Hälfte bildete sie ihre Gestalt aus den Lichtkräften der Götter; am achten wurde sie von ihnen geschmückt. | |||
'''60.80''' Am neunten wurde sie mit Gaben verehrt und tötete Mahishasura. Am zehnten wurde die Segensreiche verabschiedet und verschwand. | |||
'''60.81''' Markandeya sprach: Nachdem König Sagara diese herrliche Erzählung von der Göttin gehört hatte, zweifelte er an der zeitlichen Abfolge ihrer Gestalten und fragte Aurva erneut. | |||
'''60.82''' Sagara sprach: Wenn die große Göttin Mahishasura erst später tötete, wie konnte sie sich zuvor als Bhadrakali mit dem besiegten Mahishasura zeigen? | |||
'''60.83''' Alle Götter sahen ihn doch unter ihrem Fuß, mit dem Dreizack im Herzen durchbohrt. Löse mir jetzt diesen Zweifel, bester Weiser. | |||
'''60.84''' Aurva sprach: Höre, vorzüglicher König, wie Mahamaya früher als Bhadrakali zusammen mit Mahisha erschien. | |||
'''60.85''' Der Held Mahishasura schlief eines Nachts auf einem Berg und sah einen schrecklichen, furchterregenden Traum. | |||
'''60.86''' Er sah: Mahamaya Bhadrakali schlägt mir mit dem Schwert den Kopf ab und trinkt mein Blut, mit weit geöffnetem Mund, überaus schrecklich. | |||
'''60.87''' Am Morgen wurde der Daitya Mahishasura von Furcht erfüllt und verehrte die Göttin lange zusammen mit seinen Anhängern. | |||
'''60.88''' Von Mahishasura verehrt, erschien die Göttin als Bhadrakali mit sechzehn Armen. | |||
'''60.89''' Mahisha verneigte sich vor Mahamaya, die das All verkörpert, und sprach mit demütiger Haltung und Hingabe. | |||
'''60.90''' Mahisha sprach: Göttin, ich habe im Traum deutlich gesehen, wie du mir mit dem Schwert den Kopf abschlägst und mein Blut freisetzt. | |||
'''60.91''' Ich weiß gewiss, dass du dies tun und mein Blut trinken wirst. Gewähre mir dabei eine Gabe. | |||
'''60.92''' Du wirst mich töten; daran besteht kein Zweifel, höchste Herrin. Auch empfinde ich darüber keinen Kummer. Wer könnte die Bestimmung überschreiten? | |||
'''60.93''' Mein Vater hat früher Shambhu zusammen mit dir verehrt, um mich zu erhalten. Danach wurde ich geboren. | |||
'''60.94''' Auch ich habe Shambhu verehrt und entsprechende Wunschgaben empfangen. Drei Manvantaras lang habe ich die herrliche Herrschaft der Asuras | |||
'''60.95''' ohne Hindernisse genossen; ich habe nichts zu bereuen. Der Weise Katyayana hat mich jedoch wegen eines seiner Schüler verflucht. | |||
'''60.96''' „Eine Frau wird dich vernichten, daran besteht kein Zweifel.“ Einst übte der vorzügliche Weise Raudrashva, | |||
'''60.97a''' ein Schüler Katyayanas, nahe dem Himalaya Askese. Zum Spaß nahm ich eine unvergleichlich schöne himmlische Frauengestalt an. | |||
'''60.97b''' Dadurch verwirrte ich den Brahmanen, und er gab seine Askese sofort auf. Katyayanas Sohn, der Weise, befand sich nicht weit entfernt. Die Vorlage wiederholt 97 statt 98; auch die Namensverbindung ist gestört. | |||
'''60.99''' Er erkannte meine Täuschung und verfluchte mich zum Schutz seines Schülers, im Feuer seines Zorns: „Weil du meinen Schüler verwirrt und ihn von der Askese abgebracht hast, | |||
'''60.100''' indem du Frauengestalt annahmst, wird eine Frau dich töten.“ So hat der Weise Katyayana mich damals selbst verflucht. | |||
'''60.101''' Nun ist die Zeit der Erfüllung dieses Fluches gekommen. Ich habe die Stellung des Götterkönigs erlangt und die drei Welten gleichermaßen genossen. | |||
'''60.102''' Es gibt nichts Unerfülltes, um das ich trauern müsste. Deshalb nehme ich Zuflucht zu dir. Was mir noch zu erbitten bleibt, das gewähre mir, Göttin Durga. Wieder und wieder Verehrung dir! | |||
'''60.103''' Die Göttin sprach: Wähle die Gabe, die du dir wünschst, großer Asura. Ich werde sie dir gewähren; daran besteht kein Zweifel. | |||
'''60.104''' Mahisha sprach: Durch deine Gnade möchte ich einen Opferanteil empfangen. Sorge dafür, dass ich bei allen Opfern verehrt werde. | |||
'''60.105''' Solange die Sonne ihren Lauf nimmt, will ich den Dienst an deinen Füßen nicht aufgeben. Gewähre mir diese beiden Gaben, wenn du mir eine Gabe schenken willst. | |||
'''60.106''' Die Göttin sprach: Die Opferanteile sind den Göttern bereits einzeln zugeteilt. Es gibt keinen freien Anteil, den ich dir jetzt geben könnte. | |||
'''60.107''' Doch nachdem ich dich im Kampf getötet habe, Mahishasura, wirst du meine Füße niemals verlassen. Daran besteht kein Zweifel. | |||
'''60.108''' Wo immer meine Verehrung vollzogen wird, dort soll auch diese deine Gestalt mitgedacht und verehrt werden, Danava. | |||
'''60.109''' Mahishasura hörte ihre Worte am frühen Morgen und freute sich über die empfangene Gabe. Mit heiterem Gesicht sagte er. | |||
'''60.110''' Ugrachanda, Bhadrakali, Göttin Durga, Verehrung dir! Deine Erscheinungsformen sind zahlreich und umfassen alles, Göttin. | |||
'''60.111''' Mit welchen deiner Gestalten soll ich beim Opfer verehrt werden, höchste Herrin? Erkläre es mir, wenn du mir hier deine Gnade erwiesen hast. | |||
'''60.112''' Die Göttin sprach: Unter den Namen, die du eben ausgesprochen hast, Mahishasura, werde ich in jenen Gestalten mit dir verbunden sein, und du wirst in der Welt verehrt werden. | |||
'''60.113''' Die eine Gestalt heißt Ugrachanda, eine andere bin ich als Bhadrakali. Die Gestalt, in der ich dich jetzt töten werde, wird Durga genannt. | |||
'''60.114''' In diesen Gestalten wirst du stets an meinen Füßen weilen und von Menschen, von Göttern im Himmel und auch von Rakshasas verehrt werden. | |||
'''60.115''' Bei der ersten Schöpfung wurdest du einst von meiner Gestalt Ugrachanda getötet. Bei der zweiten Schöpfung habe ich dich als Bhadrakali getötet. | |||
'''60.116''' Jetzt werde ich dich als Durga samt deinem Gefolge töten. Doch früher habe ich dich noch nicht unter meinen Füßen festgehalten. | |||
'''60.117''' Da du diese Gabe nun erbeten hast, bist du auch in den beiden früheren Gestalten aufgenommen und wirst künftig dort bleiben, um am Opferanteil teilzuhaben. | |||
'''60.118''' Aurva sprach: Mit diesen Worten zeigte Mahamaya dem Asura Mahisha ihre Ugrachanda genannte Gestalt. | |||
'''60.119''' Sie glich der als Bhadrakali bekannten sechzehnarmigen Gestalt, trug aber zwei zusätzliche Arme. | |||
'''60.120''' In der unteren rechten Hand hielt sie eine Keule, in der linken ein mit Wein gefülltes Trinkgefäß. An ihrem Haupt trug sie eine Kette abgetrennter Köpfe. | |||
'''60.121''' Sie war dunkel wie eine Masse zerriebener Augenschwärze, gewaltig und auf einem Löwen reitend, mit roten Augen, riesigem Körper und achtzehn Armen. | |||
'''60.122''' Als Mahisha die beiden Gestalten der Göttin, Ugrachanda und Bhadrakali, sah, staunte er und verneigte sich rasch. | |||
'''60.123''' Die beiden Göttinnengestalten nahmen ihn unter ihre Füße, genau so, wie Mahishasura niedergetreten und getötet worden war. | |||
'''60.124''' Er sah seine frühere Büffelgestalt, kopflos und mit dem Dreizack im Herzen durchbohrt, von der Göttin am Haar erfasst und mit hervortretenden Eingeweiden, | |||
'''60.125''' Blut erbrechend und von gewaltigem Körper. Als der Asura seine frühere Gestalt so sah, geriet er in Furcht, klagte und verlor die Fassung. | |||
'''60.126''' Nach einem Augenblick fasste er sich wieder, verneigte sich vor der Göttin und sagte mit stockender Stimme. | |||
'''60.127''' Mahisha sprach: Wenn du mir gnädig bist, Göttin, und mir Opferanteile gewährt hast, dann lass eine solche Vernichtung nicht noch einmal geschehen. | |||
'''60.128''' Sorge dafür, dass ich keine so gewaltige Feindschaft mehr gegen die Götter aufnehme und nicht erneut geboren werde, Göttin. | |||
'''60.129''' Die Göttin sprach: Du hast mich verehrt, und ich habe dir eine Gabe gewährt. Dennoch wirst du hier von mir getötet werden; daran ist nicht zu zweifeln. | |||
'''60.130''' Deine Bitte, keine dauernde Feindschaft mehr gegen sämtliche Götterscharen zu hegen, wird ebenfalls erfüllt werden. | |||
'''60.131''' Durch die Berührung meiner Fußsohlen wird dein Körper nicht zerfallen, Danava, sodass du den Opferanteil empfangen kannst. | |||
'''60.132''' Dein individuelles Selbst und alle Lebenskräfte werden durch die Verbindung mit Haras Füßen lange in ihrem eigenen Zustand verbleiben, großer Asura. Die grammatische Fassung ist unsicher. | |||
'''60.133''' Dreißigtausend Millionen Weltzeitalter und weitere achthundert wirst du nicht wieder geboren werden, Mahishasura. Die außerordentlich große Zeitangabe wird nach dem Wortlaut belassen. | |||
'''60.134''' Nachdem die Göttin dem Asura Mahisha diese Gabe gewährt hatte und er sich mit dem Haupt vor ihr verneigt hatte, verschwand sie dort. | |||
'''60.135''' Mahisha kehrte an seinen eigenen Ort zurück. Wieder von Maya verblendet, nahm er wie zuvor die Gesinnung eines Asuras an, König. | |||
'''60.136''' Sagara sprach: Viele Daityas wurden von Maya zum Wohl der Welt getötet. Ihnen wurden keine solchen Gaben verliehen, und sie wurden nicht wieder in ihre Nähe aufgenommen. Warum geschah dies bei Mahisha? Erkläre mir genau den Grund, bester Brahmane. | |||
'''60.137''' Aurva sprach: Der Götterfeind Rambha verehrte Mahadeva. Nach langer Zeit wurde Shankara durch seine Askese sehr erfreut. | |||
'''60.138''' Mahadeva erschien vor Rambha und sagte: Ich bin mit dir zufrieden, Rambha. Wähle die Gabe, die du wünschst. | |||
'''60.139''' Rambha antwortete dem Mondgekrönten: Ich bin kinderlos, Mahadeva. Wenn du mir gewogen bist, | |||
'''60.140''' dann werde du selbst in drei Geburten mein Sohn, Shankara, für alle Wesen unbesiegbar und ein Bezwinger der Himmelsbewohner. | |||
'''60.141''' Er möge lange leben, berühmt und reich sein, Shankara. Auf diese Worte des Daitya antwortete der Stierbannerträger. | |||
'''60.142''' Dein Wunsch soll erfüllt werden. Ich werde dein Sohn sein. Mit diesen Worten verschwand Mahadeva an Ort und Stelle. | |||
'''60.143''' Rambha kehrte mit vor Freude geöffneten Augen nach Hause zurück. Unterwegs sah er eine schöne Büffelkuh. | |||
'''60.144''' Sie war dreijährig, bunt gefärbt, schön und paarungsbereit. Als Rambha sie sah, wurde er von Begehren überwältigt. | |||
'''60.145''' Er ergriff sie mit beiden Armen und vereinigte sich mit ihr. Durch seine Zeugungskraft wurde sie schwanger. | |||
'''60.146''' Aus dieser Schwangerschaft entstand Mahishasura. Der Herr des Berges hatte mit einem Teil seiner selbst die Sohnschaft Rambhas in ihr angenommen. | |||
'''60.147''' Rambhas Sohn wuchs heran wie der Mond in der hellen Monatshälfte. Später verfluchte der Weise Katyayana diesen Mahishasura, | |||
'''60.148''' weil er dessen Fehlverhalten gegenüber seinem Schüler sah und dem Schüler helfen wollte. Als der Herr erfuhr, dass Katyayana Mahishasura verflucht hatte, sprach er. | |||
'''60.149''' Der Herr sprach: Göttin, Verkörperung des Alls, Katyayana hat Mahishasura verflucht: Eine Frau wird seine Vernichtung bewirken. | |||
'''60.150''' Das Wort des Weisen wird zweifellos wahr werden. Diese meine Büffelgestalt sollst du mit dir verbinden, Göttin. | |||
'''60.151''' Sie soll von dir getötet werden und dennoch stets mit dir verbunden bleiben, früher wie künftig. Hari in Löwengestalt kann dich jetzt nicht allein tragen. | |||
'''60.152''' Diese meine Büffelgestalt soll dein Träger werden. So hatte Mahadeva die Göttin bereits früher gebeten. | |||
'''60.153''' Deshalb nahm die Göttin Mahadeva in der Gestalt Mahishasuras an. In drei Geburten wurde der erhabene Hara Rambhas Sohn. | |||
'''60.154''' In den drei Schöpfungen wurde auch Rambha jeweils wieder als Rambha geboren und übte dieselbe überaus strenge Askese eines Asuras. | |||
'''60.155''' Ebenso wurde Shambhu verehrt und gewährte die Gabe eines Sohnes. Ebenso verband sich Rambha zuerst mit einer Büffelkuh. | |||
'''60.156''' Aus ihr entstand der heldenhafte Danava Mahishasura, und ebenso verfluchte ihn der erhabene Weise Katyayana. | |||
'''60.157''' Nachdem dies in früheren und späteren Geburten so geschehen war, verehrte Mahisha die Göttin und bat um eine Gabe. | |||
'''60.158''' In der dritten Geburt erhielt er die Gabe und bat darum, für unzählige Weltzeitalter nicht wieder hier geboren zu werden. | |||
'''60.159''' Darum weilt dieser Asura jetzt unter den Füßen der Göttin. Bis zum Ende der Weltauflösung wird ihm keine neue Geburt zuteil, König. | |||
'''60.160''' So erlangte der große Asura, der aus einem Teil Mahadevas hervorgegangen war, durch die Gnade der Göttin eine dauernde, höchste Stellung. | |||
'''60.161''' Damit habe ich dir erzählt, König, wie Mahishasura an die Füße der Göttin gelangte und sich bis heute dort erfreut. Höre nun die Fortsetzung, bester König. | |||
'''60.162''' Markandeya sprach: So habe ich euch erzählt, wie König Sagara mit Aurva über die Verbindung der Göttin mit Mahisha sprach. | |||
'''60.163''' Hört nun, beste Weise, was Aurva dem hochherzigen Sagara weiter sagte: die höchste Lehre, geheimer als das Geheime. | |||
===Kapitel 61=== | |||
'''61.1''' Aurva sprach: Höre nun die Fortsetzung, bester König, so wie der erhabene Gott sie dem hochherzigen Bhairava und Vetala mitteilte. | |||
'''61.2''' Der Erhabene sprach: Die achtzehnarmige Gestalt Ugrachanda erschien einst am neunten Tag der dunklen Monatshälfte, als die Sonne in Jungfrau stand. | |||
'''61.3''' Mahamaya trat mit Millionen Yoginis hervor. Am Vollmondtag des Monats Ashadha hatte Daksha begonnen, ein zwölfjähriges Opfer abzuhalten. | |||
'''61.4''' Alle Himmelsbewohner waren dazu eingeladen. Mich aber hatte der hochangesehene Daksha nicht eingeladen. | |||
'''61.5''' Er nannte mich einen Schädelträger; auch Sati lud er nicht ein, weil sie meine Gattin war. Darüber zornig, gab Sati ihr Leben auf. | |||
'''61.6''' Nachdem Sati ihren Körper verlassen hatte, nahm sie eine gewaltige Gestalt an. Während jenes zwölfjährige Opfer weiterging, | |||
'''61.7''' erschien Yogaschlaf Mahamaya am neunten Tag der dunklen Hälfte bei der Sonne in Jungfrau in furchtbarer Gestalt, mit Millionen Yoginis. | |||
'''61.8''' Sie hatte Satis Erscheinung abgelegt und zerstörte das Opfer, gemeinsam mit Shankara und allen seinen Scharen. | |||
'''61.9''' Die Göttin selbst zerbrach das große Opfer dieses Hochangesehenen. Als ihr gewaltiger Zorn vorüber war, verehrten die Himmelsbewohner | |||
'''61.10''' die unvergleichliche Göttin nach dem zuvor gelehrten Verfahren. | |||
'''61.11''' Durch diese Verehrung erlangten sie höchste Ruhe und das Ende ihres Leidens. Ebenso sollen auch andere die Göttin stets verehren, | |||
'''61.12''' um unvergleichliches Wohlergehen und die vier Lebensziele zu gewinnen. Wer beim großen Fest Durga aus Verblendung, Trägheit, | |||
'''61.13''' Überheblichkeit oder Hass nicht verehrt, Bhairava, dessen erwünschte Ziele zerstört nach der Drohung des Textes die zornige Erhabene. | |||
'''61.14''' In einem späteren Dasein werde er selbst zur Opfergabe Mahamayas. Am achten Tag werden Blut, als großes Fleisch bezeichnete Opfergaben und wohlriechende Stoffe vorgeschrieben, | |||
'''61.15''' ferner vielerlei Opfergaben und Speisen, Zinnober, Seidengewänder und verschiedene Salben zur Verehrung der Segensreichen. | |||
'''61.16''' Hinzu kommen Blumen und Früchte vieler Arten. Wer Söhne hat, soll am großen achten Tag nach dieser Vorschrift nicht fasten. | |||
'''61.17''' Dennoch soll er gereinigt und gelübdetreu die Göttin verehren. Nach der Verehrung am großen achten Tag und den Opfergaben am neunten | |||
'''61.18''' soll sie am zehnten unter Shravana mit dem Fest nach Art der Shabaras verabschiedet werden. Fällt das letzte Viertel von Shravana in den Tag, | |||
'''61.19''' soll der Kundige an diesem zehnten Tag die Göttin verabschieden: mit verheirateten Frauen, unverheirateten Mädchen, Kurtisanen und Tänzern, | |||
'''61.20''' mit dem Klang von Muscheln, Instrumenten, Trommeln und Pauken, mit Fahnen, verschiedenen Stoffen sowie ausgestreutem geröstetem Reis und Blumen, | |||
'''61.21''' mit dem Werfen von Staub und Schlamm, Spielen, Festfreude und Segenshandlungen, auch mit Benennungen und Liedern über weibliche und männliche Geschlechtsorgane. | |||
'''61.22''' Die Menschen sollen ausgelassen mit solchen Worten spielen. Wer weder von anderen verspottet wird noch selbst andere verspottet, | |||
'''61.23''' dem droht der Text einen schweren Fluch der erzürnten Göttin an. Fällt das erste Viertel von Shravana in die Nacht, | |||
'''61.24a''' soll das Aufbrechen der Göttin am neunten Tag nachts und nicht tagsüber erfolgen. Fällt das letzte Viertel von Shravana in die Nacht, | |||
'''61.24b''' soll sie am neunten Tag während des Tages aufbrechen. Die Verabschiedung erfolgt mit dem folgenden Mantra, mein Sohn Bhairava. Die Vorlage wiederholt die Nummer 24 statt 25. | |||
'''61.26''' Die Göttin wird zum Wohlergehen ins Wasser gestellt und verabschiedet: „Erhebe dich, Göttin, Herrin der Chanda-Kräfte, nachdem du die heilvolle Verehrung empfangen hast. | |||
'''61.27''' Gewähre mir mit deinen acht Kräften Wohlergehen. Gehe, gehe zum höchsten Ort, zu deiner eigenen Stätte, Göttin Chandika. | |||
'''61.28''' Was ich dir an Verehrung dargebracht habe, möge vollständig sein. Gehe in das fließende Wasser und bleibe zugleich zum Wohl im Haus.“ | |||
'''61.29''' Nach dem Eintauchen wird die Gestalt im Wasser zurückgelassen; die Bestimmung zur Blattgestalt ist sprachlich unklar. Es folgt: „Zur Mehrung von Kindern, Lebensdauer und Reichtum habe ich dich ins Wasser gestellt.“ | |||
'''61.30''' Mit diesem Mantra soll die Göttin ins Wasser gesetzt werden, zum Heil aller Welten und zum Wohlergehen aller Wesen. | |||
'''61.31''' Beim großen Fest sollen Bhadrakali und Ugrachanda, beide Gestalten Mahamayas, mit dem Durga-Tantra-Mantra verehrt werden. | |||
'''61.32''' Die Augenkeime werden für die Verehrung aller dieser Gestalten, sämtlicher Yoginis und der ursprünglichen Gestalt gelehrt. | |||
'''61.33''' Höre nun gesondert Ugrachandas Mantra, Bhairava. Die beiden ersten Augenkeime werden mit dem vorletzten Mantralaut in ihrer Mitte verbunden. | |||
'''61.34''' Mit Feuer, dem inneren Vokal, Mond und Punkt ergibt dies das Ugra-Verfahren. Der zweite Augenkeim wird zweimal wiederholt | |||
'''61.35''' und bildet Bhadrakalis Mantra zur Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen. Wird Mahamaya, die das All verkörpert, als Vaishnavi verehrt, | |||
'''61.36''' so gehören dazu die im Tantra genannten acht Yoginis, Shailaputri und die anderen, die bereits in der früheren Ritualordnung erklärt wurden, Bhairava. | |||
'''61.37''' Ugrachanda und die anderen acht gehören zum Durga-Tantra. Bhadrakali soll mit ihrem eigenen Mantra verehrt werden. | |||
'''61.38''' Zum Gedeihen werden bei ihr die entsprechenden Yoginis verehrt: Jayanti, Mangala, Kali, Bhadrakali und Kapalini, | |||
'''61.39''' Durga, Shiva, Kshama und Dhatri auf den acht Blütenblättern. Die Vorlage nennt hier neun Namen für acht Plätze. Wird die Göttin mit dem Ugrachanda-Verfahren verehrt, | |||
'''61.40''' so sollen acht andere Yoginis verehrt werden, Bhairava: Kaushiki, Shivaduti, Uma, Haimavati und Ishvari, | |||
'''61.41''' Shakambhari, Durga als siebte und Mahodari. Höre nun das Verfahren für Umas milde Gestalt, Bhairava. | |||
'''61.42''' Der Anfangslaut der Pa-Gruppe, mit Abschlusslaut und „Phat“ oder mit abschließendem Na verbunden, wird als ein- oder dreisilbiger Uma-Mantra bezeichnet. Die verschlüsselte Lesart ist unsicher. | |||
'''61.43''' Gauri soll goldfarben und zweiarmig betrachtet werden. In der linken Hand trägt sie einen blauen Lotus. | |||
'''61.44''' In der rechten hält sie einen weißen Yakschweifwedel; zugleich ist die rechte Hand an Bhargas Körper gelegt. So wird die stehende Göttin betrachtet. Die Handzuordnung ist im Wortlaut nicht ganz eindeutig. | |||
'''61.45''' Der Verehrer kann Rudrani auch ohne Shambhu meditieren: zweiarmig, goldhell und mit Lotus und Wedel in den Händen. | |||
'''61.46''' Sie sitzt im Lotussitz auf einem Lotus, der auf einem Tigerfell liegt. Bei ihrer Verehrung werden acht | |||
'''61.47''' Yoginis oder Anführerinnen gesondert angeordnet, Vetala und Bhairava: Jaya, Vijaya, Matangi und Lalita, | |||
'''61.48''' Narayani, Savitri, Svadha und als achte Svaha. Einst lebten die beiden Danava-Brüder Shumbha und Nishumbha. | |||
'''61.49''' Sie waren gewaltig, von riesigem Körper und großer Kraft. Als Söhne Andhakas waren sie ungestüm wie zwei wilde Elefanten. | |||
'''61.50''' Nachdem ich den mächtigen Andhaka getötet hatte, suchten die beiden mit Heeren und Reittieren Zuflucht in der Unterwelt. | |||
'''61.51''' Dann übten die großen Asuras strenge Askese und erfreuten Brahma vollständig. Er wurde sehr gnädig und gab ihnen eine Wunschgabe. | |||
'''61.52''' Durch Brahmas Gabe übermütig geworden, bemächtigten sie sich der drei Welten. Shumbha übernahm Indras Stellung, Nishumbha die des Mondes. | |||
'''61.53''' Sie nahmen selbst die Opferanteile sämtlicher Götter an sich und übernahmen auch die Ämter der Welthüter. | |||
'''61.54''' Darauf gingen alle Götterscharen samt Indra zum Himalaya und priesen Mahamaya nahe Gangavatara. | |||
'''61.55''' Als die Göttin von sämtlichen Göttern auf vielfältige Weise gepriesen wurde, nahm sie die Gestalt einer Matanga-Frau an und fragte sie. | |||
'''61.56''' Welche Schöne preist ihr Götter hier? Warum seid ihr zu Matangas Einsiedelei gekommen? | |||
'''61.57''' Während Matangi so sprach, trat aus der Hülle ihres Körpers eine Göttin hervor und sagte: Mich preisen die Götter. | |||
'''61.58''' Die Asuras Shumbha und Nishumbha bedrängen sämtliche Götter. Deshalb preisen sie mich alle, damit ich die beiden töte. | |||
'''61.59''' Als die Göttin aus Matangis Körperhülle hervorgetreten war, wurde Gauri in einem Augenblick dunkel wie zerriebene Augenschwärze. | |||
'''61.60''' Sie erhielt den Namen Kalika und nahm ihren Aufenthalt im Himalaya. Die verständigen Weisen nennen sie Ugratara. | |||
'''61.61''' Denn Ambika rettet ihre Verehrer stets selbst aus gewaltigster Furcht. Ihre ersten drei Keimsilben wurden bereits genannt. | |||
'''61.62''' Sie heißt auch Ekajata, weil sie eine einzige Haarflechte trägt. Hört ihr Meditationsbild genau, Vetala und Bhairava. | |||
'''61.63''' Wer die große Göttin so meditiert, erlangt nach der Verheißung das Ersehnte: Sie ist vierarmig, dunkel und mit einer Kette abgetrennter Köpfe geschmückt. | |||
'''61.64''' In den rechten Händen hält sie oben ein Schwert und unten einen Wedel; in den linken der Reihe nach ein Schneidemesser und eine Schädelschale. | |||
'''61.65''' Auf dem Haupt trägt sie eine einzige Haarflechte, die bis an den Himmel reicht, sowie eine Kopfkette; auch um den Hals trägt sie stets eine solche Kette. | |||
'''61.66''' Über der Brust liegt eine Schlangenkette. Ihre Augen sind rot, sie trägt schwarze Gewänder und an den Hüften ein Tigerfell. | |||
'''61.67''' Der linke Fuß steht auf dem Herzen eines Leichnams, der rechte auf dem Rücken eines Löwen. Mit herausgestreckter Zunge leckt sie den Leichnam. | |||
'''61.68''' Sie lacht laut, ist überaus furchtbar und mit schrecklichem Gebrüll erfüllt. So soll Ugratara stets von hingebungsvollen Menschen betrachtet werden, die Heil wünschen. | |||
'''61.69''' Nun werde ich ihre acht Yoginis nennen: Mahakali, Rudrani, Ugra, Bhima, | |||
'''61.70''' Ghora, Bhramari, als siebte Maharatri und als achte Bhairavi. Diese Yoginis sollen verehrt werden. | |||
'''61.71''' Die Göttin, die aus Kalikas Körperhülle hervortrat, Bhairava, ist als Kaushiki bekannt, von schöner, bezaubernder Gestalt. | |||
'''61.72''' Chandika trat aus dem Herzen der Göttin über ihre Zungenspitze hervor. Keine andere Gestalt gleicht ihr an Schönheit. | |||
'''61.73''' In den drei Welten gibt es keine, die ihrem Glanz gleichkäme, und keine wird ihr künftig gleichen. Yogaschlaf Mahamaya gilt als ursprüngliche Natur. | |||
'''61.74''' Die Kaushiki genannte Göttin ist deren Lebenswesen. Als ihre Keimsilben werden ebenfalls die Augenkeime genannt. | |||
'''61.75''' Ich werde ihren Mantra und ihre Gestalt beschreiben, Bhairava. Für den Mantra werden Abschlusslaut, letzter Dental, Anfang der sechsten Gruppe und Punkt genannt, | |||
'''61.76''' verbunden mit dem sechsten Vokal und mit einem Punkt geschmückt. Dies ist die verschlüsselte Mantraordnung Kaushikis, die alle Wünsche und Anliegen gewährt. | |||
'''61.77''' Nun werde ich ihre Gestalt erklären, Bhairava. Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit das Bild, das die Welt erfreut. | |||
'''61.78''' Ihr Haar ist in einem Knoten geordnet. Am Haaransatz oberhalb des Stirnzeichens trägt sie eine nach unten gewendete Mondsichel und ist überaus schön. | |||
'''61.79''' Edelsteinohrringe berühren ihre Wangen, eine Krone schmückt sie, und leuchtender Ohrschmuck füllt ihre Ohren. | |||
'''61.80''' Sie strahlt mit Gold, Edelsteinen, Rubinen und einer Schlangenkette. Die überaus Schöne trägt stets eine Girlande aus duftenden, unverwelkten Lotusblüten | |||
'''61.81''' um den Hals und Oberarmspangen aus Edelsteinen. Ihre schönen, weichen Arme sind rund und lang wie Lotusstängel. | |||
'''61.82''' Ihre vollen, erhobenen Brüste sind von einem Obergewand bedeckt. Sie hat eine schmale Taille, trägt gelbe Gewänder und zeigt drei anmutige Bauchfalten. | |||
'''61.83''' In ihren rechten Händen trägt die Göttin Dreizack, Donnerkeil, Pfeil, Schwert und Lanze. | |||
'''61.84''' In den linken Händen hält sie von oben nach unten Keule, Glocke, Bogen, Schild und Muschel. | |||
'''61.85''' Kaushiki steht auf einem Löwen, trägt Tigerfell und besitzt eine unvergleichliche Gestalt, die Götter und Asuras bezaubert. | |||
'''61.86''' Höre nun ihre acht zu verehrenden Yoginis, mein Sohn. Wenn sie verehrt werden, gewähren sie den Menschen stets die vier Lebensziele. | |||
'''61.87''' Als erste wird Brahmani genannt, danach Maheshvari, Kaumari, Varahi und als fünfte Vaishnavi, | |||
'''61.88''' ferner Narasimhi, Aindri und als achte Shivaduti. Diese hochbegnadeten, wunscherfüllenden Yoginis sollen verehrt werden. | |||
'''61.89''' Von der Göttin, die aus ihrer Stirn hervortrat und als Kali bekannt ist, werde ich den wunscherfüllenden Mantra erklären. Höre, Bhairava. | |||
'''61.90''' Ein Dental mit Abschlusslaut, davor der Schlusslaut, verbunden mit sechstem Vokal, Feuer, Punkt und Mond und mit dem Anfang versehen: So lautet die verschlüsselte Anweisung. | |||
'''61.91''' Dies wird Kali-Mantra genannt, der Recht, Wünsche und Wohlergehen verleiht. Ich werde ihre Gestalt erklären; höre gesammelt, mein Sohn. | |||
'''61.92''' Sie ist dunkel wie ein Blatt des blauen Lotus und hat vier Arme. In den rechten Händen trägt sie Schädelstab und das Schwert Chandrahasa. | |||
'''61.93''' In den linken hält sie von oben nach unten Schild und Schlinge. Sie trägt eine Kette abgetrennter Köpfe und ein Tigerfell. | |||
'''61.94''' Ihr Körper ist mager, ihre Fangzähne sind lang, und ihre Gestalt ist überaus hoch und furchtbar. Ihre Zunge bewegt sich, ihre roten Augen liegen tief, und ihr Laut ist schrecklich. | |||
'''61.95''' Sie sitzt auf einem kopflosen Rumpf als Reittier und hat große Ohren und einen weiten Mund. Diese Göttin wird Tara und auch Chamunda genannt. | |||
'''61.96''' Wenn sie meditiert und verehrt wird, sollen ihre acht Yoginis verehrt werden: Tripura, Bhishana, Chandi, Kartri, Hartri, Vidhayini, | |||
'''61.97''' Karala und Shulini. Diese acht werden genannt. Die Göttin erfüllt Wünsche in höchstem Maß und beseitigt stets geistige Trägheit. | |||
'''61.98''' Keine andere erfüllt Wünsche in gleicher Weise. Aus Kaushikis Herzen trat eine Göttin hervor, während Hara meditierte. | |||
'''61.99''' Sie ist als Shivaduti bekannt und von hunderten Gottheiten umgeben. Ich werde ihren Mantra erklären, der Recht, Wünsche und Wohlergehen gewährt. | |||
'''61.100''' Durch sein Hören gelangt der Übende nach der Verheißung in Shivas schwer erreichbare Wohnstätte. Wer die große Göttin Shivaduti, die von Shivas Wesen ist, verehrt, | |||
'''61.101''' erlangt bald seine Wünsche und wird überall siegreich. Der Mantra wird aus einem Endlaut mit Abschluss, Punkt und Mond sowie einer zehnten Lautposition beschrieben. | |||
'''61.102''' Es folgen Vokal, vorletzter Dental und Endlaut; derselbe wird mit zwei Punkten, dem vorangehenden vorletzten Laut und Feuer verbunden. | |||
'''61.103''' Mit sechstem Vokal, Mondsichel und Leere versehen, steht er an erster Stelle. Dies ist Shivadutis siegverleihender Mantra. Die verschlüsselte Lautfolge ist teilweise beschädigt. | |||
'''61.104''' Ich werde ihre Gestalt beschreiben; höre gesammelt, mein Sohn. Sie ist vierarmig, von gewaltigem Körper und leuchtet wie Zinnober. | |||
'''61.105''' Ihre Zähne sind rot; sie trägt eine Kopfkette, einen Knoten verfilzter Haare und die Mondsichel. Schlangenohrringe und Schlangenkette schmücken sie, ihre Nägel glänzen. | |||
'''61.106''' Sie trägt ein Tigerfell. In den rechten Händen hält sie Dreizack und Schwert, in den linken von oben nach unten Schlinge und Schild. | |||
'''61.107''' Ihr Gesicht ist breit, ihre Lippen sind voll, ihre Gestalt hoch und erschreckend. Der rechte Fuß steht auf einem Leichnam, | |||
'''61.108''' der linke auf dem Rücken eines Schakals. Hunderte Schakale umgeben sie. So soll Shivadutis Gestalt zum Wohlergehen meditiert werden. | |||
'''61.109''' Schon ihre Meditation verleiht nach der Lehre Heil. Durch Verehrung gewährt die Göttin bald alle Wünsche. | |||
'''61.110''' Wenn ein Übender den Ruf eines Schakals hört und sich hingebungsvoll vor der heilspendenden Shivaduti verneigt, liegen nach der Verheißung seine Wünsche in seiner Hand. | |||
'''61.111''' Als die große Göttin Mahamaya zum Heil der Welten Raktabija tötete, trat diese Gestalt aus ihrem Körper hervor. | |||
'''61.112''' Ambika sandte Shiva als Boten zu Shumbha. Deshalb wird sie von allen Göttern Shivaduti genannt, „die Shiva als Boten hat“. | |||
'''61.113''' Kshemakari, Shanta, Vedamata, Mahodari, Karala, die Göttin Kamada, Bhagasya und Bhagamalini, | |||
'''61.114''' Bhagodari, Bhagaroha, Bhagajihva und Bhaga werden als ihre zwölf Yoginis bei der Verehrung genannt. | |||
'''61.115''' Diese zwölf Yoginis gehören stets zu Shivaduti. Wohin die Göttin selbst wandert, dorthin gehen auch sie. | |||
'''61.116''' Wie bei den anderen Göttinnen sind die Yoginis ihre Gefährtinnen. Auch Chandikas Yoginis werden hier als Freundinnen bezeichnet. | |||
'''61.117''' Damit habe ich euch die Gliedermantras in Kürze erklärt. Nun werde ich euch Kamakhyas Größe und ihre Ritualordnung darlegen. | |||
===Kapitel 62=== | |||
Die Vorlage wiederholt die Blöcke 49–60 und 89–101. Buchstabenzusätze unterscheiden die Vorkommen; die Originalnummer 217 bleibt erhalten. | |||
'''62.1''' Der Erhabene sprach: Weil die Göttin mit mir zur Liebe auf den großen Berg kam und sich auf dem Nilakuta ins Verborgene zurückzog, wird sie Kamakhya genannt. | |||
'''62.2''' Sie erfüllt Wünsche, liebt, ist Begehren und Geliebte, verleiht dem Liebesgott seinen Körper und vernichtet ihn auch. Deshalb heißt sie Kamakhya. | |||
'''62.3''' Hört besonders von Kamakhyas Größe. Als Urnatur setzt sie die ganze Welt in Bewegung. | |||
'''62.4''' Als Vishnu zur Vernichtung Madhus und Kaitabhas kämpfte, war er von Mahamaya beeinflusst. Sie selbst hatte Hari in diesen Zustand versetzt. | |||
'''62.5''' Bei einer täglichen Weltauflösung schlief der Gott mit dem Garuda-Banner. Die Asuras Madhu und Kaitabha entstanden aus seinem Ohrenschmutz. | |||
'''62.6''' Die Göttin Erde lag auf dem Rücken der Schildkröte und war durch das Wasser gleichsam aufgelöst. Yogaschlaf Mahamaya sah sie in diesem Zustand. | |||
'''62.7''' Um die Erde fester zu machen, dachte die Herrin über ein Mittel nach: Wie kann die Erde Festigkeit gewinnen? | |||
'''62.8''' Jetzt ist sie durch das Wasser weich geworden wie geklärte Butter. Wie wird sie bei der Schöpfung die Wesen tragen können? | |||
'''62.9''' So dachte Maya, die die Schöpfung der Welt verkörpert, und trat zu Vishnu, der tief schlief. | |||
'''62.10''' Sie näherte sich dem schlafenden Herrn und Schutzherrn der Welt und führte die Spitze ihres linken kleinen Fingers in sein Ohr. | |||
'''62.11''' Mit der Nagelspitze holte die Göttin Yogaschlaf, die Mutter der Welt, den Ohrenschmutz heraus und zerrieb ihn. | |||
'''62.12''' Aus den zerriebenen Teilchen entstand der Asura Madhu. Dann führte sie die Spitze des kleinen Fingers der rechten Hand in das rechte | |||
'''62.13''' Ohr, holte auch dort Schmutz heraus und zerrieb ihn zwischen zwei Fingern. | |||
'''62.14''' Daraus entstand der große, mächtige Asura Kaitabha. Weil der erste nach seiner Entstehung Honig zum Trinken suchte, | |||
'''62.15''' gab die große Göttin ihm den Namen Madhu. Weil der andere bei seiner Entstehung auf Mahamayas Hand wie ein Insekt erschien, | |||
'''62.16''' nannte sie ihn Kaitabha. Mahamaya sagte zu beiden: Kämpft mit Hari! | |||
'''62.17''' Er wird euch nicht nach bloßem Belieben töten. Erst wenn ihr selbst sagt: „Vishnu, töte uns beide!“, | |||
'''62.18''' wird er euch töten, sonst nicht. Von Mahamaya verblendet, gelangten die beiden an Vishnus Körper. | |||
'''62.19''' Dort bewegten sie sich umher und sahen den aus dem Nabellotus entstandenen Schöpfer. Sie sagten zu ihm: Wir werden dich jetzt töten. | |||
'''62.20''' Wecke Vaikuntha, wenn du leben willst! Da suchte Brahma aus Furcht die Gunst Mahamayas, des Yogaschlafs und der Mutter der Welt, | |||
'''62.21''' mit vielen Lobpreisungen. Lange von Brahma, dem Weltenselbst, gepriesen, wurde die Göttin | |||
'''62.22''' gnädig und sagte rasch zu dem Beunruhigten: Warum hast du mich gepriesen? Was soll ich für dich tun? | |||
'''62.23''' Sage es, Hochbegnadeter; ich werde es jetzt für dich ausführen. Der hochherzige Schöpfer antwortete Mahamaya. | |||
'''62.24''' Wecke den Herrn der Welt, bevor die beiden mich töten, und verwirre die schwer bezwingbaren Asuras Madhu und Kaitabha. | |||
'''62.25''' So von Brahma, dem Weltenselbst, gebeten, weckte die Göttin Vaikuntha und verblendete die beiden. | |||
'''62.26''' Krishna erwachte und sah den furchterfüllten Brahma sowie die beiden schrecklichen Asuras Madhu und Kaitabha. | |||
'''62.27''' Janardana kämpfte mit ihnen, konnte die heldenhaften Asuras Madhu und Kaitabha aber nicht überwältigen. | |||
'''62.28''' Selbst Ananta vermochte die gewaltigen Kämpfer Vaikuntha, Madhu und Kaitabha nicht auf der Spitze seiner Schlangenhauben zu tragen. | |||
'''62.29''' Da ließ Brahma die erhaltende Kraft als Steinplatte erscheinen, eine halbe Yojana breit und eine halbe Yojana lang. | |||
'''62.30''' Auf diesem Stein kämpfte Govinda mit den beiden, bester König. Doch die Steinplatte sank unter das Wasser. | |||
'''62.31''' Nachdem diese Kraftgestalt versunken war, kämpfte Hari fünftausend Jahre ununterbrochen im Wasser mit den Armen gegen sie. | |||
'''62.32''' Als Vishnu, der Herr der Welten, die beiden nicht töten konnte, geriet er in tiefe Sorge, und auch der Schöpfer wurde von Furcht erfasst. | |||
'''62.33''' Da sprachen die beiden, stolz auf ihre Kraft und wiederholt von der Weltmutter Mahamaya verblendet, zu Vishnu. | |||
'''62.34''' Wir sind mit deinem Ringkampf zufrieden, Madhava. Wähle eine Gabe! Wir werden dir geben, was du wünschst; das sagen wir wahrhaftig. | |||
'''62.35''' Madhava, der Herr der Welten, hörte ihre Worte und antwortete: Ihr beiden Mächtigen sollt durch mich getötet werden können. | |||
'''62.36''' Gewährt mir diese Gabe, wenn ihr etwas geben wollt. Sie sagten: Unser Tod durch dich wäre jetzt ehrenvoll. | |||
'''62.37''' Töte uns dort, wo sich kein Wasser befindet. Als Madhava, der Herr der Welten, dies hörte, | |||
'''62.38''' gab er Brahma und mir rasch ein Zeichen: Hebt sogleich den Stein von Brahmas Kraft empor und haltet ihn fest. | |||
'''62.39''' Darauf stehend werde ich die beiden schrecklichen Mächtigen töten. Da hoben Brahma und ich die Steinplatte empor. | |||
'''62.40''' In ihrem mittleren östlichen Bereich nahm ich Berggestalt an, stand aufgerichtet, durchdrang die Platte und reichte bis in die Unterwelt. | |||
'''62.41''' Im Nordosten wurde die Schildkröte zum Berg und hielt den Stein. Im Nordwesten tat Ananta dasselbe, im Südwesten die Herrin der Götter, | |||
'''62.42''' Mahamaya, die Weltenträgerin, ebenfalls in Berggestalt. Im Südosten stand Vishnu in einer seiner Gestalten | |||
'''62.43''' und hielt den Stein von Brahmas Kraft, der erhabene höchste Herr. In der Mitte standen Brahma, ich und außerdem Varaha. | |||
'''62.44''' Dann stellte sich der Herr der Welten an das hintere Ende von Varahas Rücken und stützte sich auf die darunterliegende Steinplatte von Brahmas Kraft. | |||
'''62.45''' Er legte die Köpfe der beiden sorgfältig auf seinen linken Schenkel. Als Träger der Welt wandte er seine ganze Anstrengung auf, | |||
'''62.46''' bezwang sie mit aller Kraft und trennte ihre Hälse nacheinander durch, ohne dass sie auf der Erde lagen. | |||
'''62.47''' Unter seinem gewaltigen Druck sank Brahmas Kraftplatte weiter hinab, obwohl die Götterscharen sie immer wieder mit großer Mühe hielten. | |||
'''62.48''' Als die beiden tot waren, hob der Herr der Welten die Steinplatte wieder und legte ihre Körper sorgfältig darauf. | |||
'''62.49a''' Nachdem die Erde emporgehoben war, bestrich er sie mit dem Fett der beiden und machte die von Wassermassen aufgeweichte Erde fest. | |||
'''62.50a''' Weil sie mit Fett bestrichen wurde, wird die Göttin Erde bis heute von Göttern, Rakshasas und Menschen Medini genannt. | |||
'''62.51a''' Nach langer Zeit, als die Lebewesen geschaffen waren, nahm ich Dakshas Tochter als vorzügliche Gattin an. | |||
'''62.52a''' Sie wurde meine geliebte Frau, nachdem sie ihrem Vater eine Bedingung genannt hatte: „Wenn du mir Kränkendes antust, werde ich mein Leben aufgeben.“ | |||
'''62.53a''' Dann lud er zu seinem Opfer alle beweglichen und unbeweglichen Wesen ein, mich und Sati aber nicht. Wegen dieser Kränkung starb sie. | |||
'''62.54a''' Von Verwirrung ergriffen, nahm ich ihren toten Körper auf und wanderte hierhin und dorthin, bis ich jenen vorzüglichen heiligen Sitz erreichte. | |||
'''62.55a''' Wo immer ihre Körperteile der Reihe nach niederfielen, wurde der Ort durch die Macht der Göttin Yogaschlaf überaus heilig. | |||
'''62.56a''' An diesem Kubjika-Sitz fiel Satis Yoni-Bereich nieder. Dort ging die Göttin Mahamaya in die Stätte ein. | |||
'''62.57a''' Als Yogaschlaf in mich in Berggestalt einging und der Yoni-Bereich herabfiel, wurde der Berg dunkelblau. | |||
'''62.58a''' Der sehr hohe Berg drang tief in die Unterwelt ein. Unter dem Druck der Göttin hielt Brahma ihn von innen. | |||
'''62.59a''' Der Viergesichtige hatte schon früher Berggestalt angenommen, um die Steinplatte von Brahmas Kraft zu tragen. In dieser Berggestalt stützte er mich. | |||
'''62.60a''' Doch Brahma als Berg sank zusammen mit mir in Berggestalt tiefer hinab, vom Gewicht der Maya stark bedrängt. | |||
'''62.49b''' Nachdem die Erde emporgehoben war, bestrich er sie mit dem Fett der beiden und machte die von Wassermassen aufgeweichte Erde fest. | |||
'''62.50b''' Weil sie mit Fett bestrichen wurde, wird die Göttin Erde bis heute von Göttern, Rakshasas und Menschen Medini genannt. | |||
'''62.51b''' Nach langer Zeit, als die Lebewesen geschaffen waren, nahm ich Dakshas Tochter als vorzügliche Gattin an. | |||
'''62.52b''' Sie wurde meine geliebte Frau, nachdem sie ihrem Vater eine Bedingung genannt hatte: „Wenn du mir Kränkendes antust, werde ich mein Leben aufgeben.“ | |||
'''62.53b''' Dann lud er zu seinem Opfer alle beweglichen und unbeweglichen Wesen ein, mich und Sati aber nicht. Wegen dieser Kränkung starb sie. | |||
'''62.54b''' Von Verwirrung ergriffen, nahm ich ihren toten Körper auf und wanderte hierhin und dorthin, bis ich jenen vorzüglichen heiligen Sitz erreichte. | |||
'''62.55b''' Wo immer ihre Körperteile der Reihe nach niederfielen, wurde der Ort durch die Macht der Göttin Yogaschlaf überaus heilig. | |||
'''62.56b''' An diesem Kubjika-Sitz fiel Satis Yoni-Bereich nieder. Dort ging die Göttin Mahamaya in die Stätte ein. | |||
'''62.57b''' Als Yogaschlaf in mich in Berggestalt einging und der Yoni-Bereich herabfiel, wurde der Berg dunkelblau. | |||
'''62.58b''' Der sehr hohe Berg drang tief in die Unterwelt ein. Unter dem Druck der Göttin hielt Brahma ihn von innen. | |||
'''62.59b''' Der Viergesichtige hatte schon früher Berggestalt angenommen, um die Steinplatte von Brahmas Kraft zu tragen. In dieser Berggestalt stützte er mich. | |||
'''62.60b''' Doch Brahma als Berg sank zusammen mit mir in Berggestalt tiefer hinab, vom Gewicht der Maya stark bedrängt. | |||
'''62.61''' Darauf verband sich Madhava als Varaha mit mir. In Berggestalt begann er, mich als Berg zu stützen. | |||
'''62.62''' Auch er sank mit mir hinab. Die Göttin in Berggestalt drückte auf die Erde und blieb tief in ihr verankert. | |||
'''62.63''' Jeder der drei Berge war hundert Yojanas hoch gewesen. Unter dem Druck der großen Göttin sank diese ganze Höhe in die Tiefe. | |||
'''62.64''' Nur eine Krosha Höhe blieb von den dreien übrig. Weil sie die eine gesamte Urnatur der Welten ist, | |||
'''62.65''' wird die Weltmutter von den Göttern Brahma, Vishnu und Shiva getragen. Der östliche Brahma-Berg wird von den Göttern Shveta, „der Weiße“, genannt. | |||
'''62.66''' Der Berg, der meine Gestalt trägt, heißt Nila, „der Dunkelblaue“. Er liegt in der Mitte; sein heiliger Sitz ist dreieckig und einem Mörser ähnlich. | |||
'''62.67''' Er erstrahlt stets zwischen Brahma und Varaha. Varaha in Berggestalt heißt Chitra, „der Bunte“. | |||
'''62.68''' Er liegt hinter den anderen und ist länger als sie. Die leuchtende Schildkröte, die im Nordosten Berggestalt annahm, | |||
'''62.69''' ist als Manikarna bekannt und wird von den Götterscharen verehrt. Der Ananta verkörpernde Berg im Nordwesten | |||
'''62.70''' heißt Maniparvata und ist Madhava lieb. Der Mahamaya-Berg im Südwesten | |||
'''62.71''' heißt Gandhamadana und ist Shankara stets lieb. Weil Hari die beiden großen Asuras am hinteren Ende von Varahas Rücken enthauptete, | |||
'''62.72''' weilt er dort unter dem Namen Pandunatha. Der Berg, den ich im mittleren östlichen Teil der Steinplatte von Brahmas Kraft bildete, | |||
'''62.73''' heißt Bhasmachala. An diesem überaus heiligen Ort namens Kubjika-Pitha | |||
'''62.74''' weilt die Göttin mit mir im Verborgenen auf dem Nilakuta. Satis abgetrennter Yoni-Bereich fiel dort nieder | |||
'''62.75''' und wurde auf dem Berg zu Stein. Dort ist Kamakhya gegenwärtig. Wer diesen Stein berührt, erlangt nach der Verheißung Unsterblichkeit. | |||
'''62.76''' Ein Unsterblicher gelangt dadurch in Brahmas Wohnstätte, und wer dort bereits weilt, erreicht Befreiung. So groß ist die Macht des Steines, in dem Kameshvari gegenwärtig ist. | |||
'''62.77''' Wunderbar ist er: Eisen, das in seine geheime Vertiefung gelangt, werde zu Asche. Dort nimmt die Göttin täglich fünf Gestalten an, | |||
'''62.78''' um die Welten zu bezaubern und auch mich zu erfreuen. Ich selbst bin mit meinen fünf Gesichtern in fünf Bereichen gegenwärtig. | |||
'''62.79''' Ishana befindet sich vor allem im Osten Kameshvaris, Tatpurusha im Nordosten und Aghora in dessen Nähe. | |||
'''62.80''' Sadyojata steht im Nordwesten, und auch Vamadeva ist zugeordnet. Höre nun die fünf Gestalten der Göttin, bester Mann Bhairava, | |||
'''62.81''' und auch du, Vetala, die selbst für Götter geheim sind: Kamakhya, Tripura und die heilvolle Kameshvari, | |||
'''62.82''' ferner Sharada und Mahaloka, ausgestattet mit den Eigenschaften Kamarupas. Als ich Linga-Gestalt und sie im Stein die Yoni-Gestalt annahm, | |||
'''62.83''' wurden auch alle unsterblichen Götter zu Steinen und Bergen. Wie ich in meiner eigenen Gestalt mit der Liebesgöttin spielte, | |||
'''62.84''' so waren auch sämtliche Gottheiten durch Steingestalten verhüllt und auf den jeweiligen Bergen gegenwärtig. | |||
'''62.85''' Im Verborgenen vergnügen sie sich stets in ihren eigenen Gestalten. Brahma, Vishnu, Hara und alle Hüter der Himmelsrichtungen | |||
'''62.86''' sowie weitere Götter wohnen hier, mir stets wohlgesinnt, um Kamakhya, die wunschgestaltige Göttin, zu verehren. | |||
'''62.87''' Der Nila-Berg ist dreieckig, in der Mitte vertieft und stets heilvoll. In seiner Mitte liegt ein schönes Mandala mit dreißig Kräften. | |||
'''62.88''' Dort liegt die von Manobhava geschaffene Höhle Manobhava. In diesem Stein befindet sich die schöne steinerne Yoni, eine Spanne breit und einundzwanzig Fingerbreiten lang. | |||
'''62.89a''' Sie wird allmählich schmaler, neigt sich abwärts und ist zum Bhasma-Berg gerichtet. Mahamaya, die Weltenträgerin, ist die ewige ursprüngliche Grundlage. | |||
'''62.90a''' Mit Zinnober und Safran gerötet, erfüllt sie alle Wünsche. In dieser Yoni spielt die Liebende beständig in fünf Gestalten. | |||
'''62.91a''' Die zuvor genannten acht ewigen, ursprünglichen Yoginis, Shailaputri und die anderen, stehen rings um die Göttin. | |||
'''62.92a''' Höre ihre Namen an diesem heiligen Sitz zusammen, Bhairava: Guptakama, Shrikama und Vindhyavasini, | |||
'''62.93a''' Kotishvari, die Waldbewohnerin, Padadurga, Dirgheshvari und die offenbare Bhuvaneshvari. Die Trennung der letzten Namen ist mehrdeutig. | |||
'''62.94a''' Diese acht Gottheiten, ihre Yoginis, sind unter ihren Namen an den heiligen Sitzen bekannt. Alle heiligen Badeplätze sind hier in Wassergestalt vereint, Bhairava. | |||
'''62.95a''' Sie befinden sich im Saubhagya-See, der selbst in seiner geringen Größe Verdienst schenkt. An seinem Ufer weilt Vishnu unter dem Namen Kamala. | |||
'''62.96a''' Der jugendliche Wächter namens Kamuka befindet sich nahe Kamakhya. Die Göttinnen Lakshmi und Sarasvati stehen der Göttin zur Seite. | |||
'''62.97a''' Lakshmi heißt dort Lalita, Sarasvati Matangi. Der Herr der Scharen befindet sich im östlichen Bereich des Berges. | |||
'''62.98a''' Er ist unter dem Namen Siddha bekannt und steht als geliebter Sohn am Tor der Göttin. Der Wunschbaum und die Wunschranke haben die Gestalten des Tamarindenbaums und der Aparajita-Ranke angenommen. | |||
'''62.99a''' Auf diesem großen Berg stehen sie, von der Göttin als ihre Lieben angenommen. Varaha trägt dort den Namen Pandunatha, weil Hari hier | |||
'''62.100a''' die Köpfe Madhus und Kaitabhas auf seinen Schenkel legte und sie tötete. In der Nähe liegt das Brahmakunda, das Brahma einst schuf. | |||
'''62.101a''' Wo Shiva als Ishana weilt, heißt der steinerne heilige Ort Siddheshvara. Er befindet sich inmitten des Siddhakunda; wisse dies, Bhairava. | |||
'''62.89b''' Sie wird allmählich schmaler, neigt sich abwärts und ist zum Bhasma-Berg gerichtet. Mahamaya, die Weltenträgerin, ist die ewige ursprüngliche Grundlage. | |||
'''62.90b''' Mit Zinnober und Safran gerötet, erfüllt sie alle Wünsche. In dieser Yoni spielt die Liebende beständig in fünf Gestalten. | |||
'''62.91b''' Die zuvor genannten acht ewigen, ursprünglichen Yoginis, Shailaputri und die anderen, stehen rings um die Göttin. | |||
'''62.92b''' Höre ihre Namen an diesem heiligen Sitz zusammen, Bhairava: Guptakama, Shrikama und Vindhyavasini, | |||
'''62.93b''' Kotishvari, die Waldbewohnerin, Padadurga, Dirgheshvari und die offenbare Bhuvaneshvari. Die Trennung der letzten Namen ist mehrdeutig. | |||
'''62.94b''' Diese acht Gottheiten, ihre Yoginis, sind unter ihren Namen an den heiligen Sitzen bekannt. Alle heiligen Badeplätze sind hier in Wassergestalt vereint, Bhairava. | |||
'''62.95b''' Sie befinden sich im Saubhagya-See, der selbst in seiner geringen Größe Verdienst schenkt. An seinem Ufer weilt Vishnu unter dem Namen Kamala. | |||
'''62.96b''' Der jugendliche Wächter namens Kamuka befindet sich nahe Kamakhya. Die Göttinnen Lakshmi und Sarasvati stehen der Göttin zur Seite. | |||
'''62.97b''' Lakshmi heißt dort Lalita, Sarasvati Matangi. Der Herr der Scharen befindet sich im östlichen Bereich des Berges. | |||
'''62.98b''' Er ist unter dem Namen Siddha bekannt und steht als geliebter Sohn am Tor der Göttin. Der Wunschbaum und die Wunschranke haben die Gestalten des Tamarindenbaums und der Aparajita-Ranke angenommen. | |||
'''62.99b''' Auf diesem großen Berg stehen sie, von der Göttin als ihre Lieben angenommen. Varaha trägt dort den Namen Pandunatha, weil Hari hier | |||
'''62.100b''' die Köpfe Madhus und Kaitabhas auf seinen Schenkel legte und sie tötete. In der Nähe liegt das Brahmakunda, das Brahma einst schuf. | |||
'''62.101b''' Wo Shiva als Ishana weilt, heißt der steinerne heilige Ort Siddheshvara. Er befindet sich inmitten des Siddhakunda; wisse dies, Bhairava. | |||
'''62.102''' In der Nähe befinden sich die heiligen Orte Gaya und Varanasi, als Becken von der Gestalt eines Yoni-Mandalas. | |||
'''62.103''' Dort liegt auch das Amritakunda, voll von Nektar. Indra und die anderen Unsterblichen haben es zu meiner Freude angelegt. | |||
'''62.104''' Mein Vamadeva genanntes Haupt heißt hier Shrikameshvara. In seiner Nähe liegt das überaus heilige Kamakunda. | |||
'''62.105''' Zwischen Siddha und Kama befindet sich das heilige Feld Kedara, vierzehn Klafter lang und Chayachhatra genannt. | |||
'''62.106''' Nahebei weilt Shailaputri unter dem Namen Guptakama in der Mitte des Guptakunda, verbunden mit Kameshvaras Stein. | |||
'''62.107''' Stets an Kameshvaras Stein angeschlossen, heißt sie Kamakhya. Sie berührt den östlichen Bereich der Yoni an deren oberem Zugang. Die räumliche Beschreibung ist nicht völlig eindeutig. | |||
'''62.108''' Zwischen Kama und Kamakhya steht Kalaratri. Am heiligen Sitz heißt sie Dirgheshvari; am Grenzbereich weilt Prachandika. Die Vorlage verwendet eine abweichende Geschlechtsendung beim Sitznamen. | |||
'''62.109''' Am Rand von Kamakhyas Stein weilt die Yogini Kushmandi. Am heiligen Sitz steht sie als Yoni unter dem Namen Kotishvari. | |||
'''62.110''' Mein Aghora genanntes Haupt befindet sich südlich der Liebesgöttin. Die nach dem Höchsten Strebenden nennen es an diesem Sitz Bhairava. | |||
'''62.111''' Chamunda weilt unter dem Namen Bhairavi nahe Bhairava. Sie ist die Anführerin, die ihren Verehrern Wünsche erfüllt und Chanda und Munda vernichtet. | |||
'''62.112''' Zwischen Kama und Bhairava fließt die göttliche Ganga selbst, stets zum Wohl aller Welten und zur Freude der Göttin. | |||
'''62.113''' Mein Sadyojata genanntes Haupt heißt an diesem Sitz Amratakeshvara. Es liegt in der Bhairava genannten Höhle und wird von Göttern und Weisen verehrt. | |||
'''62.114''' Dort befindet sich auch die Anführerin Durga in Yoni-Gestalt. Unter den Göttern ist sie stets als Siddhakameshvari bekannt. | |||
'''62.115''' Dort steht ein schöner, schattenspendender Baum mit unverwelkenden Blättern: der Amrataka-Wunschbaum, mit der Wunschranke verbunden. | |||
'''62.116''' Nahe dem Amrataka tritt Ganga selbst unter dem Namen Siddhaganga hervor, um meine Freude zu mehren. | |||
'''62.217''' Dieses heilige Feld heißt Pushkara, am Sitz jedoch Amrataka. Im Nordosten steht mein Tatpurusha genanntes Haupt. Die Vorlage nummeriert diesen Vers 217 statt 117. | |||
'''62.118''' Es ist dort als Bhuvaneshvara bekannt, Bhairava. Seine Höhle trägt den Namen Bhuvanananda. | |||
'''62.119''' In der Nähe steht Surabhi in Steingestalt. Sie ist dort als Kamadhenu, die Wünsche gewährende Kuh, bekannt. | |||
'''62.120''' Der gewaltige mittlere Teil meiner Sharabha-Gestalt, der Mahabhairava hieß, wird hier Kotilinga genannt. | |||
'''62.121''' In fünf Gestalten bin ich in den fünf Bereichen gegenwärtig; dahinter wohne ich aus großer Liebe auf dem Berg unter dem Namen Bhairava. Der örtliche Ausdruck ist beschädigt. | |||
'''62.122''' Die Yogini Mahagauri, die Vollendung verkörpert, weilt oben auf dem Brahma-Berg in Steingestalt. | |||
'''62.123''' Sie ist überaus schön und heißt Bhuvaneshvari. Dort, wo Brahma sich mit mir in Berggestalt verbindet, | |||
'''62.124''' steht die Wunschranke namens Aparajita. Kamadhenu ist nicht weit entfernt; im östlichen Bereich befindet sich Maheshvari. | |||
'''62.125''' Shrikamakhya in Yoni-Gestalt ist die Yogini Chandika. Wisse, dass die heilvolle, alle Wünsche gewährende Göttin im Südosten steht. | |||
'''62.126''' Die Yogini Chandaghanta heißt an diesem Sitz Vindhyavasini, Skandamata dort Vanavasini. | |||
'''62.127''' Katyayani wird am heiligen Sitz Padadurga genannt. Die Segensreiche steht am südwestlichen Rand des Nila-Berges. | |||
'''62.128''' Nandi, der meine eigene Körpergestalt ist, steht als Stein am westlichen Tor. An diesem Sitz heißt er Hanuman. | |||
'''62.129''' Aurva sprach: Als Bhairava und Vetala diese Worte des unermesslich strahlenden Shambhu hörten, fragten sie voller Wissbegier. | |||
'''62.130''' Vetala und Bhairava sprachen: Wir haben die Anordnung des heiligen Sitzes und die Reihenfolge der Göttinnenverehrung gehört, Vater. Nun möchten wir auch von den fünf Gestalten hören, Shankara. | |||
'''62.131''' Beschreibe ihre fünf Erscheinungen und sämtliche zugehörigen Mantras und Verfahren, Stierbannerträger. | |||
'''62.132''' Der Herr sprach: Höre, Vetala! Ich werde die Mantras und Verfahren der fünf Kamakhya-Gestalten einzeln erklären, ebenso ihre Erscheinungen und Ritualordnungen, Bhairava. | |||
'''62.133''' Im Kama-Keim stehend, inmitten des Kama-Keims und vom Liebesgott-Keim umschlossen, soll der Wünschende durch Kama das Gewünschte erstreben und das Begehren in Kama einsetzen. Der Vers arbeitet absichtlich mit mehrfacher Bedeutung desselben Wortes. | |||
'''62.134''' Der älteste Konsonant wird zuerst gesetzt; der folgende wird als friedvoll bezeichnet. Der Reihe nach soll er mit der nektarartigen Lautform verbunden werden. Die verschlüsselte Anweisung ist unsicher. | |||
'''62.135''' Prajapati und Indras Keim werden mit den bezeichneten Anfangs- und Abschlusslauten sowie dem Halbmond verbunden. Dies wird Kamakhyas Keim genannt. | |||
'''62.136''' Er verleiht Recht, Wünsche, Befreiung und Wohlergehen. Dies ist das höchste Geheimnis, das andernorts schwer zu erlangen ist. | |||
'''62.137''' Wer es aufmerksam mit dem Ohr aus dem Mund des Guru hört, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche und wird in Shivas Welt geehrt. | |||
'''62.138''' Diese Lehre enthält den gesammelten Kern der Offenbarung und schmückt die Kehlen der Götter wie eine Halskette. Sie tilgt alle Befleckung und erfreut Shridhara. Ihr heilvoller Sinn weist auf die Vernichtung der Hindernisse. Die kunstvolle Strophe ist teilweise beschädigt. | |||
'''62.139''' Höre von der Gestalt der Liebesgöttin, die Augen und Händen förderlich und den Meditierenden hilfreich ist, in liebevoller rechter Führung und göttlicher Wahrhaftigkeit ruht, zum höchsten Zustand führt und Unglück auflöst. Mehrere Komposita sind unsicher überliefert. | |||
'''62.140''' Schon ihr Name, der den Raum des Hörens erfüllt, wirkt zu großem Wohlergehen und ist eine Stätte rechter Ordnung. Ihre Kraft ist Kundalini unter den Götterscharen. Diese höchste Gestalt soll auch von Menschen ohne Hoffnung betrachtet werden. Einzelne Verbindungen bleiben unsicher. | |||
'''62.141''' Ihre Ohren tragen Sonne und Mond; ihre Farbe ist durch Safran gelblich. Edelsteine und Gold schmücken sie, ihr Ohrschmuck bewegt sich, und sie hat drei Augen. Ihre Hände gewähren Furchtlosigkeit und Gaben; eine Gebetskette zeichnet sie aus. Götter und Menschenkönige verneigen sich vor ihr: Sie ist Siddhakameshvari. | |||
'''62.142''' Sie sitzt auf einem rötlichen Lotus, auf einem roten Lotussitz am Herzen eines Leichnams. Ihr Körper ist jugendlich, ihr Haar offen, ihre Halskette schön. Sie ist anmutig, mit vollen, hohen Brüsten und einem Gewand wie die junge Sonne: Sie ist die Herrin aller Wünsche. | |||
'''62.143''' Sie spendet große Fülle, lächelt und hat schönes Haar, glänzende Nägel und Zähne und eine geneigte Mondsichel. Auf dem Liebesstein gegenwärtig, erstrahlt sie mit der Yoni-Handgeste. Die Schlusswörter über Bewegung und Stätte sind beschädigt. | |||
'''62.144''' So soll sie, leuchtend wie Blitz und Feuer, von Übenden meditiert werden, die Recht und die übrigen Ziele wünschen. Vetala und Bhairava, richtet die drei Ehrengaben beziehungsweise Gefäße ordnungsgemäß als Stätte des Segens her. Die Anweisung ist teilweise unklar. | |||
'''62.145''' Danach soll das Mandala mit Sandelholz und Blumen angelegt werden. Die zuvor im Göttinnenverfahren genannte Reihenfolge des Zeichnens ist auch hier zuerst einzuhalten. | |||
===Kapitel 63=== | |||
'''63.1''' Der Herr sprach: Die Anordnung des Mandalas und seine begleitenden Handlungen, die ich zuvor für den Mantra des Vaishnavi-Tantras gelehrt habe, | |||
'''63.2''' sollen zuerst mit Blumen und Sandelholz auf dem Stein ausgeführt werden. Auch das Aufstellen der Gefäße und der übrigen Gegenstände erfolgt hier ebenso. | |||
'''63.3''' Sämtliche für den Vaishnavi-Tantra-Mantra genannten Begleithandlungen werden auch hier angewandt, einschließlich der Verehrung des Sitzes und der weiteren Grundlagen. | |||
'''63.4''' Was hier davon abweicht, werde ich erklären. Höre, Bhairava: Zuerst werde der Sonne eine Ehrengabe mit weißem Senf dargebracht, | |||
'''63.5''' mit Blumen und Sandelholz versehen, ihr als hochherziger Gottheit samt ihrem Gefolge. Nach der Verehrung des Sitzes sollen alle am heiligen Ort genannten Gottheiten | |||
'''63.6''' unter ihren dortigen Namen in der Mitte des Mandalas zugeordnet werden. Das Meditationsbild unterscheidet sich hier von dem Vaishnavis, Bhairava. | |||
'''63.7''' Alles andere für die Liebesgöttin wurde bereits bei Mahamaya erklärt. Die vierundsechzig Yoginis sollen einzeln verehrt werden. | |||
'''63.8''' Ebenso die Höhle Manobhava und die Gefährtin Mahotsaha. Danach werden die Hüter der Himmelsrichtungen und die neun Planetengottheiten verehrt. | |||
'''63.9''' Jede wird in ihrer eigenen Gestalt vergegenwärtigt, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Am Osttor soll zuerst Ganapati verehrt werden. | |||
'''63.10''' Am Westtor werden Nandi und Hanuman verehrt, Bhringi im Norden und Mahakala im Süden. | |||
'''63.11''' Diese meine Torhüter sollen auch an den Toren der Göttin verehrt werden. Bei der Nektarverwandlung im Gefäß wird die Kama-Handgeste verwendet. | |||
'''63.12''' Zuerst sollen störende Wesen durch dreimaliges Klatschen entfernt werden. Dazu schlägt die rechte Hand auf die linke. | |||
'''63.13''' Mit dem Mantra „Hum Hum Phat“ werden Vetalas und andere Wesen fortgewiesen. Der Übende vollziehe sämtliche im ergänzenden Tantra genannten Handlungen. | |||
'''63.14''' Mit der hier beschriebenen Gestalt als Meditationsbild erfolgt auch die Atemregelung. Zuerst bade der Verehrer die Göttin mit dem Grundmantra. | |||
'''63.15''' Dafür werden Honig, Milch, geklärte Butter, Dickmilch, Kuhurin und Kuhdung genannt, ferner Edelsteinwasser, Zucker sowie mit Rohzucker, Edelsteinen oder Kusha-Gras bereitetes Wasser. | |||
'''63.16''' Weißer Senf, Mungbohnen, Sesam, Milch, Gerste, rotes Sandelholz, Blumen und Durva-Gras, mit Rochana versehen, | |||
'''63.17''' bilden die neun Bestandteile der Ehrengabe, die auf dem Stein nahe der Yoni dargebracht wird. Dann folgen Sitz, Fußwasser, Ehrengabe und Wasser zum Mundspülen, | |||
'''63.18''' Honigtrank, Badewasser, Gewand, Sandelholz und Schmuck, Blumen, Räucherwerk, Licht und Augenschminke, | |||
'''63.19''' Speisegabe, erneutes Mundspülwasser, Rechtsumwandlung und Verneigung. Diese werden hier als die sechzehn Dienste am heiligen Sitz bezeichnet; die Einzelglieder sind in der Aufzählung teils zusammengefasst. | |||
'''63.20''' Die große Göttin werde mit der auf Kama bezogenen Gayatri herbeigerufen. Erkenne sie als die geheime Gottheit Bhairavas, Vetala. | |||
'''63.21''' „Kamakhya, komm hierher, in gebührender Weise in meine Nähe. Werde bei meiner Verehrung hier gegenwärtig, Liebende.“ | |||
'''63.22''' „Wir erkennen Kamakhya; wir meditieren über Kameshvari. Möge die große Göttin uns anregen.“ | |||
'''63.23''' Dies ist die Kama-Gayatri; mit ihr soll die Heilvolle verehrt werden. Am Ende der Verehrung werden ihr zur Freude Opfergaben dargebracht. | |||
'''63.24''' Die Mantrawiederholung soll mit einer Rudraksha-Kette erfolgen. Mit den drei Silben des Grundmantras, jeweils dreifach angewandt, | |||
'''63.25''' werden nach der Herbeirufung Kamakhyas sechs Glieder verehrt. Die für die Einsetzung in Hände und Körper beim Vaishnavi-Tantra-Mantra genannten | |||
'''63.26''' Vokale, mit Halbmond und Punkt versehen, werden mit den Anfangssilben des Grundmantras verbunden. | |||
'''63.27''' Beginnend beim kleinen Finger erfolgt die Einsetzung der Glieder. Nachdem die Einsetzung in Körper und Hände vollzogen ist, soll der Übende | |||
'''63.28''' Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Augen, Mund, Bauch, Rücken, Arme, Hände, Unterschenkel und Füße mit den Mantras versehen. | |||
'''63.29''' Verehrt werden die Furchtlosigkeit und Gaben gewährenden Hände, die Gebetskette und ihre Schnur, Mond und Sonne sowie die Mondsichel auf dem Haupt. | |||
'''63.30''' Ebenso der rote Lotus, der Leichnam, der Strom Lauhitya, Brahmas Sohn, und der Stein Manobhava, in dem die Kraft inmitten des Leichnams gegenwärtig ist. | |||
'''63.31''' Der Verehrer ehre auch das seitlich befindliche Schwert und die Gottheiten des heiligen Sitzes, darunter die heilvolle Kameshvari. | |||
'''63.32''' Tripura werde in der Mitte als besondere Gottheit des Sitzes verehrt, ebenso Sharada und Mahotsaha. | |||
'''63.33''' Die große Göttin Chandeshvari ist die Trägerin der Opferreste. Bei Kamakhyas Verabschiedung wird die Yoni-Handgeste gelehrt. | |||
'''63.34''' Zinnober, Sandelholz, Aloeholz und Safran gehören zu den hier besonders genannten Gaben. Dies sind die von mir erklärten Besonderheiten der Verehrung. | |||
'''63.35''' Mit diesen Besonderheiten und der gesamten Ritualordnung des Vaishnavi-Tantras soll Kamakhya verehrt werden. | |||
'''63.36''' Wer Kamakhya nach dieser Ordnung im Innern der Höhle Manobhava verehrt, gelangt nach der Verheißung zum höchsten Ziel. | |||
'''63.37''' Brahmani, Chandika, Raudri, Gauri, Indrani, Kaumari, Vaishnavi, Durga, Narasimhi und Kalika, | |||
'''63.38''' Chamunda, Shivaduti, Varahi, Kaushiki, Maheshvari, Shankari, Jayanti und Sarvamangala, | |||
'''63.39''' Kali, Kapalini, Medha, Shiva, Shakambhari, Bhima, Shanta, Bhramari, Rudrani und Ambika, | |||
'''63.40''' Kshama, Dhatri, Svaha, Svadha, Aparna, Mahodari, Ghorarupa, Mahakali, Bhadrakali und Bhayankari, | |||
'''63.41''' Kshemakari, Ugrachanda, Chandogra, Chandanayika, Chanda, Chandavati, Chandi, Mahamoha und Priyankari, | |||
'''63.42''' die Göttin Kalavikarini, Balapramathini, Madanonmathini und die Bezwingerin aller Wesen, | |||
'''63.43''' Uma, Tara, Mahanidra, Vijaya und Jaya sowie die zuvor genannten acht Yoginis, Shailaputri und die übrigen, | |||
'''63.44''' sollen gemeinsam als vierundsechzig Yoginis im Mandala verehrt werden, zur Erfüllung aller Wünsche und Anliegen. Die Namenszählung der Vorlage ist nicht vollständig eindeutig. | |||
'''63.45''' Verschiedenste Speisegaben, Getränke, Milchreis, Süßgebäck, Kuchen und Mehlspeisen sollen der Göttin angemessen dargebracht werden. | |||
'''63.46''' Wer Kamakhya, die Gabenspenderin, so voller Hingabe verehrt, erlangt nach der Verheißung alles Ersehnte. | |||
'''63.47''' Die Göttin Mahotsaha ist Mahamaya selbst. Sie soll im Yoni-Mandala mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras verehrt werden. | |||
'''63.48''' Ihr Mandala und die Einsetzung der Körperglieder sind dieselben; ebenso die Abfolge der Verehrung, das Meditationsbild und die Gottheit. | |||
'''63.49''' Das Verfahren ist also das bereits erklärte, ohne etwas anderes hinzuzufügen. Was beim großen Mahamaya-Fest über das Auflösen des Mandalas und die übrigen Handlungen gelehrt wurde, | |||
'''63.50''' gilt auch für Mahotsaha. Nach einem vorbereitenden Bad mit Honig, geklärter Butter und weiteren Flüssigkeiten soll sie im Mandala verehrt werden. | |||
'''63.51''' Hört nun die Verehrung Kamakhyas in Tripura-Gestalt. Ihr Grundmantra wurde zuvor im ergänzenden Tantra | |||
'''63.52''' euch beiden geliebten Söhnen der Reihe nach erklärt: Vagbhava, Kama-Keim und Damara, diese drei. | |||
'''63.53''' Mit der Kundalini-Kraft verbunden verwirklichen sie Recht, Wohlergehen, Wünsche und die übrigen Ziele. Diese drei werden vorangestellt, während Durga als große Herrin meditiert wird. | |||
'''63.54''' Darum wird die wunschgestaltige Kamakhya auch Tripura genannt. Ihr Bad erfolgt so, wie es für Kamakhya beschrieben wurde. | |||
'''63.55''' Mit dem Grundmantra soll der Verehrer dieses Bad vollziehen. Ihr Mandala ist dreieckig, umfasst drei Bereiche und hat drei Linien. | |||
'''63.56''' Der Mantra ist als dreisilbig zu verstehen; ebenso gibt es drei Gestalten. Die Kundalini-Kraft ist dreifach zur Hervorbringung der drei Götter. | |||
'''63.57''' Weil alles dreifach ist, heißt sie Tripura. Im Mandala werden die Linien von Norden bis Osten der Reihe nach angelegt. | |||
'''63.58''' Je drei Linien sollen mit Blumen und Sandelholz gezogen werden. Unter dem Mantra wird zunächst vom Nordosten zum Südwesten gezeichnet, | |||
'''63.59''' dann vom Südwesten zum Nordwesten und von dort zurück zum Nordosten. So entsteht im Innern des Mandalas ein Dreieck. | |||
'''63.60''' Die vom Nordosten ausgehende Linie wird Kraft genannt. Die vom Südwesten zum Nordwesten und dann zum Nordosten führende Linie | |||
'''63.61''' heißt Shambhu. Mit der Kraft wird Shambhu durchdrungen; die so verbundene Gestalt des Herrn der Wesen wird mit einem Lotus umgeben. | |||
'''63.62''' Dieser hat acht Blätter. Man meditiere die dreifarbige Göttin und verehre sie zuerst. Kraft und Shambhu werden jeweils mit drei Linien umschlossen. | |||
'''63.63''' Das Besprengen, Reinigen und Zeichnen des Platzes, die Anwendung des Waffenmantras und das Entfernen störender Wesen | |||
'''63.64''' sollen zunächst so ausgeführt werden, wie es allgemein im Vaishnavi-Tantra und im ergänzenden Tantra gelehrt wurde. | |||
'''63.65''' Daran schließen die Besonderheiten von Tripuras Verehrung an. Dieses Dreieck gilt als Stätte der drei Götter. | |||
'''63.66''' Im Nordosten befindet sich Ishana, im Südwesten der Viergesichtige und im Nordwesten Brahma; so werden sie bei den sechs Ecken genannt. Die Vorlage nennt Brahma hier doppelt und lässt Vishnu ungenannt. | |||
'''63.67''' Die Blütenblätter bilden einen Bereich, die Staubfäden einen zweiten und das Dreieck den verbleibenden dritten. Deshalb heißt es dreieckiges Mandala. | |||
'''63.68''' An Blütenblättern, Staubfäden und Dreieck werden jeweils dreifache Linien sorgfältig und wiederholt angebracht. | |||
'''63.69a''' Das Nordtor hat Bogenform, das Osttor ist sechseckig und das Südtor viereckig. | |||
'''63.70''' Das Westtor hat die Form eines Torbogens, wie in anderen Mandalas. Im Nordosten zeichne man die fünf Pfeile, im Südosten ihren Bogen, | |||
'''63.71''' im Südwesten ein Buch und im Nordwesten eine Gebetskette. Nach dem Zeichnen berühre man das Mandala mit der linken Hand. | |||
'''63.72''' Mit „Verehrung der Wohnstätte der Sprache“ soll das Mandala verehrt werden. Danach folgt die Entfernung der Wesen mit drei entsprechenden Handlungen; die Bezeichnung ist beschädigt. | |||
'''63.73''' Mit dem Grundmantra und den zuvor genannten Mantras wird dreimal umkreist, begleitet von neunmaligem Fingerschnippen. | |||
'''63.74''' Danach folgen Besprengen und Vertreiben der Wesen sowie die neun Handlungen am Gefäß der Ehrengabe. | |||
'''63.75''' Der Übende vollziehe wie zuvor die innere Verbrennung und Überflutung. Zuerst werde mit der Dhenu-Handgeste die Verwandlung in Nektar vollzogen. | |||
'''63.76''' Danach bilde man die Yoni-Handgeste und berühre das Gefäßwasser dreimal. Martanda-Bhairava wird eine Ehrengabe mit Durva-Gras und weißem Senf, | |||
'''63.77''' roten Blumen und Sandelholz samt seinem Gefolge dargebracht. Dann bilde man die Schildkröten-Handgeste und meditiere mit der Yoni-Handgeste. | |||
'''63.78''' Dies geschieht der Reihe nach am Anfang und in der Mitte, Vetala und Bhairava. Zum Aufstellen des Gefäßes werde unter dem Waffenmantra ein Mandala | |||
'''63.79''' mit sechs Ecken gezeichnet, ebenso bei der Einsetzung des Mantras. Mit „Aim Am Klim“ wird dreimal Wasser in das Gefäß gegeben. | |||
'''63.80''' Dreimal folgen Duftstoff und Blume, dreimal Durva-Gras und ungebrochener Reis. „Ram Hrim Hrum Hraim Hraum“ werden vom Daumen an der Reihe nach eingesetzt. | |||
'''63.81''' Mit dem Waffenmantra „Om Hra“ werden Handrücken und Handflächen versehen. Danach folgt die Einsetzung vom Herzen an, jeweils dreifach. | |||
'''63.82''' Die entsprechenden Finger beider Hände werden vom Daumen an paarweise verbunden. Dreimal wird jede Einsetzung vollzogen, dann folgen die übrigen Glieder. | |||
'''63.83''' Die Ohröffnungen, das Brahma-Tor am Scheitel, der Haaransatz, beide Nasenöffnungen, Knie und Füße | |||
'''63.84''' werden jeweils dreimal mit diesen sechs Mantras versehen. Danach folgt die Atemregelung mit Einatmen, Anhalten | |||
'''63.85''' und Ausatmen, während die Göttin Tripura meditiert wird. Nach innerer Verbrennung und Überflutung wird ihre erste Gestalt betrachtet. | |||
'''63.86''' Höre diese Gestalt, Bhairava, die dreifach im Herzen gegenwärtig gemacht wird: Sie leuchtet wie eine Masse Zinnober, hat drei Augen und vier Arme. | |||
'''63.87''' In der oberen linken Hand hält sie einen Blumenbogen, unten ein Buch; in der oberen rechten fünf Pfeile und unten eine Gebetskette. | |||
'''63.88''' Auf den Rücken von vier Leichnamen liegt ein weiterer Leichnam. Auf dessen Rücken steht sie mit beiden Füßen gleichmäßig. | |||
'''63.89''' Ihr Haupt ist mit einem Knoten verfilzter Haare und der Mondsichel geschmückt. Sie ist unbekleidet, ihre schöne Taille zeigt drei Bauchfalten, und sie ist bezaubernd. | |||
'''63.90''' Mit sämtlichem Schmuck versehen, an allen Gliedern schön und heilvoll, lässt sie eine Fülle von Reichtum ausströmen und besitzt alle Glücksmerkmale. | |||
'''63.91''' Zuerst wird sie so meditiert. Dann betrachte man sich selbst in dreifacher Weise als von ihrer Gestalt und nehme mit dem Vagbhava-Mantra eine Blume. | |||
'''63.92''' Diese lege man auf das eigene Haupt und vollziehe erneut die Einsetzung in die Glieder. Der Übende wiederhole die beiden Mantras, mit Vagbhava beginnend, je dreimal | |||
'''63.93''' über dem Wasser der Ehrengabe und besprenge damit sein Haupt sowie dreimal sämtliche Gegenstände der Verehrung. | |||
'''63.94''' Dann meditiere er den Liebessitz und verehre der Reihe nach Ganesha, Ganadhyaksha, Gananatha | |||
'''63.95''' und Ganakrida an den Toren, beginnend im Osten. Ihr Mantra ist Herambas Keimsilbe. | |||
'''63.69b''' Die Torhüter heißen Vidya, Shanti, Nivritti und Pratishtha, jeweils mit der Bezeichnung Kala. Sie werden vom Osten an der Reihe nach verehrt. Die Vorlage trägt hier 69 statt 96. | |||
'''63.97''' Siddhaputra, Jnanaputra, Sahajaputra und als letzter Samayaputra sind die jugendlichen Wächter, die verehrt werden sollen. | |||
'''63.98''' Jeweils bei diesen Wächtern wird die Göttin Shri mit dem Mantra „Shrim“ verehrt, der Reihe nach vom Osten an. | |||
'''63.99''' Die Jungfrauengestalten von Siddha, Sahaja, Jnana und Samaya werden in den Ecken des Mandalas verehrt, beginnend im Nordosten. | |||
'''63.100''' Yorata, Damara, Lohajangha und Bhutanatha werden als Feldhüter vom Nordosten an verehrt. Der erste Name ist unsicher überliefert. | |||
'''63.101''' In der Mitte des Mandalas sollen die fünf Pfeile verehrt werden: der Erweichende, der Austrocknende, der Bindende, der Verblendende | |||
'''63.102''' und der Anziehende, mit dem mittleren Mantra. Dann verehre man drei Yoginis in den drei Ecken. | |||
'''63.103''' Bhaga, Bhagajihva und Bhagasya werden vom Norden an der Reihe nach verehrt. Drei weitere befinden sich im inneren Dreieck. | |||
'''63.104''' In der ersten Stelle Bhagamalini, in der zweiten Bhagodari und in der dritten die wunschgestaltige Yogini Bhagaroha. | |||
'''63.105''' Die Göttinnen Anangakusuma, Anangamekhala, Anangamadana und Anangamadanatura, | |||
'''63.106''' Anangavesha, Anangamalini, Madanatura und als achte Madanangakusha werden im Bereich von Blütenblättern und Staubfäden verehrt. | |||
'''63.107''' Die acht Yoginis Shailaputri und die anderen erscheinen bei Tripuras Verehrung unter diesen Namen als Yoginis der Liebe. | |||
'''63.108''' Mit Vagbhava und dem letzten Augenkeim Durgas erfolgt die Einsetzung in die Glieder. Mit den sechs Einsetzungsmantras und den weiteren zugeordneten Formeln werden acht | |||
'''63.109''' Feldhüter zwischen Staubfäden und Blütenblättern verehrt: Hetuka, Vipuraghna, Agnijihva, | |||
'''63.110''' Agnivetala, Kala, Karala, Ekapada und Bhimanatha, der Reihe nach vom Norden an. | |||
'''63.111''' Mit den entsprechenden acht Mantras, verbunden mit Kamaraja, sollen die neun Anführer Asitanga und die übrigen der Reihe nach verehrt werden. | |||
'''63.112''' Je zwei stehen in den vier Himmelsrichtungen, beginnend im Osten, zwischen Lotus und Mandala. Der verbleibende einzelne wird ebenfalls dort verehrt. | |||
'''63.113''' Die neun heißen Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, Unmatta, Bhayankara, Kapali, Bhishana und Samhara. | |||
'''63.114''' Vom Nordosten an verehre man jeweils zwei Anführerinnen zwischen Lotus und Mandala; zwei weitere stehen im Südosten. | |||
'''63.115''' Es sind Brahmani, Bhairavi, Maheshvari, Kaumari, Vaishnavi, Narasimhi, | |||
'''63.116''' Varahi, Indrani, Chamunda und Chandika. In der Mitte des Mandalas sollen auch die tragende Grundkraft und alle weiteren | |||
'''63.117''' im Vaishnavi-Tantra genannten Prinzipien verehrt werden, Bhairava. Shivas fünf zuvor beschriebene Gestalten, Sadyojata und die anderen, | |||
'''63.118''' sind in der Mitte des Lotus zu den fünf Leichnamen geworden. Diese fünf sollen dort verehrt werden, ebenso roter Lotus und Leichnam. | |||
'''63.119''' Auch der als Weltengrundlage bezeichnete Löwe wird dort verehrt; ferner Jayanti, Mangala, Kali, Bhadrakali und Kapalini, | |||
'''63.120''' Durga, Kshama, Shiva, Dhatri, Svadha und Svaha. Dazu Ugrachanda, Prachanda, Chandogra und Chandanayika, | |||
'''63.121''' Chanda, Chandavati, Chandarupa und Atichandika. Diese sollen besonders in der Mitte des Mandalas verehrt werden. | |||
'''63.122''' Alle Planetengottheiten, die Sonne voran, werden einzeln mit ihren Gestalten und Waffen vergegenwärtigt und der Reihe nach an den Seiten verehrt. | |||
'''63.123''' Ebenso werden sämtliche Welthüter mit ihren Richtungsmantras und ihre Waffen mit den Waffenmantras verehrt, Bhairava. | |||
'''63.124''' Dort meditiere man den Herrn Kameshvara mit einem Gesicht und vier Armen, ascheweiß, in der Mitte seines Herzens mit roten Blumen und Safran geschmückt. | |||
'''63.125''' In den beiden linken Händen befinden sich Dreizack und Pinaka-Bogen, in den beiden rechten Lotus und Zitronatzitrone. | |||
'''63.126''' Auf einem weißen Lotus sitzend wird er in der Mitte meditiert und verehrt. Dann wird Kamakhya in ihrer Gestalt meditiert und ebenfalls verehrt. | |||
'''63.127''' Auch die Göttin Kameshvari, die höchste Herrin, soll dort in der noch zu beschreibenden Gestalt verehrt werden, Vetala und Bhairava. | |||
'''63.128''' Der Feldhüter Karala trägt Schneidemesser und Schädelschale. Der gewaltige Herr ist furchterregend; seine Fangzähne treten durch die Lippen. | |||
'''63.129''' Verehrt werden ferner der schattige, mit Edelsteinen geschmückte Tamarinden-Wunschbaum und der dreigipflige, dunkle, hell erstrahlende Nila-Berg. | |||
'''63.130''' Die glückverheißende Höhle Manobhava ist fünf Klafter lang, mit Edelsteinen versehen, rot und schön gerundet. | |||
'''63.131''' Die Aparajita-Ranke breitet sich drei Klafter weit aus, ist rötlich und stets mit Blüten geschmückt. | |||
'''63.132''' Der jugendliche Wächter Kambala ist goldhell, sitzt auf einem Elefanten und hat zwei Arme. Rechts hält er einen Stab, links eine Schädelschale. | |||
'''63.133''' Er soll vor der Göttin verehrt werden, um Hindernisse zu beseitigen. Bhairava Pandunatha ist rötlich hell und vierarmig. | |||
'''63.134''' Er trägt Keule, Lotus, Lanze und Diskus in den Händen. Als Gestalt Vishnus soll er vor der Göttin verehrt werden. | |||
'''63.135''' Der zur Verbrennungsstätte gehörende Heruka ist rot und furchterregend. Er trägt Schwert und Schild, ist wild und verzehrt Menschenfleisch. | |||
'''63.136''' Drei bluttriefende Kopfketten schmücken ihn. Er steht auf einem verbrannten Leichnam, dessen Zähne sich lösen. | |||
'''63.137''' Seine Waffen, sein Reittier und sein Schmuck werden allein durch geistige Betrachtung verehrt. Die Yogini Mahotsaha, die Mahamaya verkörpert, | |||
'''63.138''' wird nach ihrem Meditationsbild und ihrer Gestalt vor der Göttin verehrt. Ebenso die Stadt Chandravati der Göttin, östlich des Nila-Berges, | |||
'''63.139''' zwei Yojanas breit und eine halbe Yojana lang, geschmückt mit vielen hohen Palästen, großen Häusern und Wohngebäuden. | |||
'''63.140''' Ihre Paläste bestehen aus Edelsteinen, Juwelen und Gold. Sie besitzt schöne Lustseen, die mit geöffneten Blüten bedeckt sind. Das letzte Pflanzenwort ist beschädigt. | |||
'''63.141''' Diese Stadt soll mit ihrem Mantra vor der Göttin verehrt werden. Lauhitya wird rötlich hell und mit blauen Gewändern geschmückt dargestellt. | |||
'''63.142''' Er trägt eine Edelsteinkette und hat vier Arme. In den rechten Händen hält er ein Buch und einen weißen Lotus, | |||
'''63.143''' in den linken Lanze und Banner. Er sitzt heilvoll auf einem Wassertier. Diese Herren des heiligen Sitzes sollen in der Mitte mit den zugehörigen Mantras verehrt werden. | |||
'''63.144''' Den Gott Kameshvara verehre man mit Prasada, die heilvolle Kameshvari mit ihrem eigenen Mantra. | |||
'''63.145''' Zwei vorletzte Laute werden mit Kraft und dem Ende des Liebeskeims sowie Klang und Punkt verbunden. So wird die zugehörige Lautformel verschlüsselt beschrieben; die genaue Zuordnung ist beschädigt. | |||
'''63.146''' Die letzte Silbe von Chandikas Augenkeim ist der Mantra des Tamarinden-Wunschbaums. | |||
'''63.147''' Der mittlere Keim Ugras ist der Mantra des Nila-Berges. Der Keim Manobhavas wird mit Mahadeva verbunden, | |||
'''63.148''' mit vorangestelltem Mond, Punkt und einem abschließenden V-Laut versehen. Dies wird als Mantra der Höhle Manobhava gelehrt. | |||
'''63.149''' Der letzte Keim des Vaishnavi-Tantra-Mantras ohne seinen Vokal wird unten mit dem Endlaut der V-Gruppe und dem vierten Vokal verbunden, | |||
'''63.150''' mit Mond und Punkt versehen. Dies ist Aparajitas Mantra. Der vorzügliche Keim Vishnus in Hayagriva-Gestalt | |||
'''63.151''' wird als Mantra zur Verehrung Kambalas verwendet. Die folgende Lautanweisung nennt einen einzelnen Anfangslaut samt Erweiterung und sechstem Vokal; | |||
'''63.152''' mit Mond und Punkt versehen ist dies Hayagrivas Keim. Bhairava Pandunatha, der die Gestalt des Waldgirlandenträgers besitzt, | |||
'''63.153''' wird nach Vorschrift mit dem Varaha-Keim verehrt. Zwei bezeichnete Laute werden mit Nasalpunkt und Hauchlaut verbunden. | |||
'''63.154''' Mit dem Mahabhairava-Mantra und abschließendem Bhairava-Namen erfolgt die entsprechende Verehrung. Mahotsaha Mahamaya wird mit dem zweiten achtsilbigen Mantra | |||
'''63.155''' des Göttinnenverfahrens verehrt, um Wohlergehen zu mehren. Die Anfangssilbe ihres eigenen Namens, mit Halbmond und Punkt geschmückt, | |||
'''63.156''' ist der Verehrungsmantra Chandravatis. Der König der Flüsse Lauhitya, Brahmas Sohn, wird mit allen Glücksmerkmalen und allem Schmuck betrachtet. | |||
'''63.157''' Sein heilvoller Mantra ist der Brahma-Keim; als Abschluss wird die Gattin des Feuers, also Svaha, genannt. | |||
'''63.158''' Die zweite und ebenso die dritte Gestalt Tripuras soll zur Herbeirufung der Göttin mit der Yoni-Handgeste meditiert werden. | |||
'''63.159''' Die zweite gleicht einer Bandhuka-Blüte, trägt verfilztes Haar und die Mondsichel, besitzt alle Glücksmerkmale und ist mit allem Schmuck versehen. | |||
'''63.160''' Sie leuchtet wie die aufgehende Sonne, sitzt auf einem Lotuslager, trägt Perlen- und Edelsteinketten und hat volle, erhobene Brüste. | |||
'''63.161''' Anmutige Bauchfalten schmücken sie. Sie erfreut sich am Duft berauschenden Getränks, erfreut die Augen, strahlt rein und versetzt die Welten in Bewegung. Ein Wort der Vorlage ist beschädigt. | |||
'''63.162''' Sie hat drei Augen, zeigt die Yoni-Handgeste und lächelt leicht. Sie steht in frischer Jugend und hat vier Arme wie Lotusstängel. | |||
'''63.163''' Links trägt sie ein Buch, rechts eine Gebetskette. Mit der weiteren linken Hand gewährt sie Furchtlosigkeit, mit der weiteren rechten Gaben. | |||
'''63.164''' Sie trägt eine bis zu den Füßen reichende Kopfkette, deren strömendes Blut wie Sonnenlicht leuchtet, und steht beim Wunschbaum. | |||
'''63.165''' In einem Kadamba-Hain gegenwärtig, schenkt sie heilvolle Liebesfreude. So soll die zweite, bezaubernde Tripura meditiert werden. | |||
'''63.166''' Hört die dritte Gestalt Tripuras, Vetala und Bhairava: Sie gleicht einer Hibiskusblüte, hat offenes Haar und ein schönes Gesicht. | |||
'''63.167''' Den lächelnden Sadashiva hat sie wie einen Leichnam niedergelegt. Auf seinem Herzen sitzt sie im halben Lotussitz. | |||
'''63.168''' Um den Hals trägt sie eine mit roten Lotusblüten durchflochtene Kopfkette, die bis zu den Füßen reicht. Ihre Brüste sind voll und erhoben. | |||
'''63.169''' Sie ist vierarmig und unbekleidet. Oben rechts trägt sie eine Gebetskette, darunter gewährt sie Gaben; links zeigt die Weltmaya oben Furchtlosigkeit. | |||
'''63.170''' Unten links hält sie ein Buch. Sie hat drei Augen und ein lächelndes Gesicht, verlangt nach dem Genuss strömenden Blutes und ist an allen Gliedern schön. | |||
'''63.171''' So soll der Verehrende die dritte Gestalt meditieren. Die erste ist die Vagbhava-Gestalt, die zweite gehört Kamaraja an. | |||
'''63.172''' Die dritte heißt Damara und die Bezaubernde. Wer seine Ziele verfolgt, soll zuerst jede der drei Gestalten einzeln betrachten. | |||
'''63.173''' Mit jeweils einem der drei Mantras verehre man sie im Herzen durch die sechzehn Dienste, genauso wie bei der äußeren Verehrung. | |||
'''63.174''' Danach werden die drei Mantras zu einer Einheit verbunden, ebenso die geistigen Gestalten, und in der mittleren Gestalt zusammengeführt. | |||
'''63.175''' Man lasse sie durch die rechte Nasenöffnung hervortreten, führe sie mit beiden Händen herab und rufe die Göttin dreifach herbei. | |||
'''63.176''' Nach dem Sprechen der drei Gayatris werde sie zuerst gebadet. Bei der Herbeirufung sollen die Übenden diesen Mantra sprechen. | |||
'''63.177''' „Komm, Göttin des glücklichen Wirkens, zu diesem meinem Opfer in meine Nähe. Verleihe meiner Kehle ununterbrochene, reine Rede. | |||
'''63.178''' Komm, komm, erhabene Mutter Tripura, Spenderin der Wünsche! Nimm diesen Opferanteil an und werde hier gegenwärtig.“ | |||
'''63.179''' „Wir erkennen Narayani; wir meditieren über die aus Sprache Bestehende. Möge die Göttin uns anregen.“ Der zweite Gottesname ist in der Vorlage beschädigt. | |||
'''63.180''' „Wir erkennen dich als Narayani; wir meditieren über Chandika. Möge Kubjika uns anregen.“ | |||
'''63.181''' „Wir erkennen die große Maya; wir meditieren über dich, die Bezaubernde. Möge Chandi uns anregen.“ | |||
'''63.182''' Dies sind die Gayatris der Göttin Tripura. Mit den drei Formeln soll jede der drei Gestalten einzeln gebadet werden. | |||
'''63.183''' Zuerst werde die Segensreiche mit Vagbhava verehrt, danach mit Kamaraja und dann mit Damara. | |||
'''63.184''' Anschließend verehre man sie mit allen drei Mantras gemeinsam. Darauf werden mit dem Mantra die sechzehn Dienste dargebracht, | |||
'''63.185''' wie sie im Kamakhya-Verfahren gelehrt wurden. Dann werden die Gliedsilben verehrt und die Körperglieder der Göttin mit den Mantras der Gliedereinsetzung. | |||
'''63.186''' Die verbleibende Verehrung der acht Glieder geschieht mit dem Grundmantra. Nach jedem einzelnen Schritt folgt „Verehrung der Tripura“. | |||
'''63.187''' So wird die wunschgestaltige Tripura neunfach verehrt. Auf den vier Lotusblättern, beginnend im Norden, verehre man | |||
'''63.188''' Brahma, Madhava, Shambhu und Bhaskara. In den Zwischenrichtungen, beginnend im Nordosten, werden die Göttinnen der Reihe nach verehrt: | |||
'''63.189''' zuerst Jayanti, dann im Nordwesten Aparajita, im Südwesten Vijaya und im Südosten Jaya. | |||
'''63.190''' Im Dreieck an den Spitzen der Staubfäden werden Kama, Priti und Rati verehrt, ebenso die fünf Pfeile, Blumen, Bogen und Buch, | |||
'''63.191''' die Gebetskette, die fünf Liebespfeile, das Edelsteinlager, der Leichnam, der Lotus und Shiva. | |||
'''63.192''' Die Kristall-Gebetskette soll wie zuvor verehrt, aufgenommen und sorgfältig mit einem Obergewand bedeckt werden, Bhairava. | |||
'''63.193''' Dann wiederhole der Übende den zuvor gelehrten Tripura-Mantra. Nach der Wiederholung lese er den Lobpreis und verneige sich wiederholt. | |||
'''63.194''' Tripura werden, soweit verfügbar, Opfergaben dreier Arten dargebracht. Das Blut wird mit Schaum, Wasser, Zucker, Honig und Steinsalz | |||
'''63.195''' besprengt beziehungsweise vermischt und mit Kamaraja dargebracht, Bhairava. Für die Tötung nennt die historische Opferordnung Vagbhava, für das Darbringen des Kopfes Damara. | |||
'''63.196''' Wo immer der Übende bei einer Götterverehrung eine Opfergabe darbringt, soll er sie nach der im Vaishnavi-Tantra beschriebenen Ordnung vorbereiten. | |||
'''63.197''' Danach werden der Göttin die nach den Ständen geordneten Gaben gegeben: Ein Brahmane gebe Kuhmilch, ein Angehöriger des Königsstandes geklärte Butter aus Kuhmilch. | |||
'''63.198''' Ein Vaishya gebe Honig, ein Shudra Blumengärtrank und Ähnliches. Nachdem der Kundige an einer Blume gerochen hat, lege er die Opferreste im Nordosten nieder. | |||
'''63.199''' Die Trägerin der Opferreste ist hier die Göttin Tripurachandika. Bei der Verabschiedung zeige man zuerst die Yoni-Handgeste, ebenso die Lotus-Handgeste, | |||
'''63.200''' die halbe Geste und die dreifache Geste, jeweils gesondert. Dann nehme man die geheiligten Opferreste mit dem Kamaraja-Mantra an. | |||
'''63.201''' Wer die wunschgestaltige Göttin Tripura so verehrt, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche und erreicht die Welt der Göttin. | |||
===Kapitel 64=== | |||
'''64.1''' Markandeya sprach: Höre, Bhairava, ich werde die Kameshvari-Gestalt der Göttin beschreiben. Schon durch ihre Betrachtung erlangt der Übende nach der Verheißung das Ersehnte. Die Sprecherangabe der Vorlage wechselt hier unvermittelt. | |||
'''64.2''' Zuerst erkläre ich ihr Verfahren, dann ihr Meditationsbild und danach die Reihenfolge der Verehrung, Vetala und Bhairava. | |||
'''64.3''' Prajapati, danach Feuer und Indras Keim, verbunden mit Mondsichel und dem vierten Vokal, | |||
'''64.4''' bilden den als Kameshvara bezeichneten Keimmantra, der alle Ziele verwirklicht. Besprengen des Platzes, Zeichnen des Yantras, Aufstellen der Gefäße | |||
'''64.5''' und Entfernen störender Wesen soll der vorzügliche Übende so ausführen, wie es im Vaishnavi-Verfahren und im ergänzenden Tantra gelehrt wurde. | |||
'''64.6''' Er vollziehe die dreifache Atemregelung sowie die innere Verbrennung und Überflutung. Hört nun von ihrem besonderen Mandala, Vetala und Bhairava. | |||
'''64.7''' Das Mandala wird sechseckig angelegt und rot vorgestellt. Der Kundige lasse wie im Tripura-Verfahren die Kraft Shambhu durchdringen. | |||
'''64.11''' Danach lasse er umgekehrt Shambhu die Kraft durchdringen. Eine Linie wird vom Nordosten zum Südwesten gezogen; die anschließende Anweisung nennt Süden und Kamarupa im Osten, ist aber verstümmelt. Die Nummern 8–10 fehlen in der Vorlage. | |||
'''64.12''' Die zwölf geheimen Zeichen der Göttin, die ihren zwölf Händen entsprechen, werden in den Ecken des Mandalas gezeichnet, jeweils drei in jeder Richtung. | |||
'''64.13''' Das Mandala wird mit jeweils sechs Linien aufgebaut. Die übrige Ordnung folgt dem ergänzenden Tantra und dem Vaishnavi-Verfahren. | |||
'''64.14''' So ist die gesamte Anordnung des Mandalas zu verstehen, Vetala und Bhairava. Mit „Om Klim, Verehrung dem Wesen des Mandalas“ soll es | |||
'''64.15''' zuerst verehrt werden, nachdem es als Yogasitz meditiert wurde. Am heiligen Sitz wird auf dem Stein das Yoni-Mandala gezeichnet. | |||
'''64.16''' Danach zeichne man ein Dreieck und umgebe es mit einem Lotus. Nun betrachte man die bezaubernde Gestalt der Göttin Kameshvari. | |||
'''64.17''' Sie ist dunkel wie zerriebene Augenschwärze, mit glänzendem dunklem Haar, sechs Gesichtern, zwölf Armen und achtzehn Augen. | |||
'''64.18''' Auf jedem der sechs Häupter trägt sie die Mondsichel als Schmuck. Ketten aus Edelsteinen, Rubinen, Perlen und anderen Juwelen liegen auf ihrer Brust | |||
'''64.19''' und um ihren Hals; stets ist sie mit allem Schmuck geziert. In ihren rechten Händen trägt sie Buch, Vollendungsschnur und die fünf Pfeile, | |||
'''64.20''' Schwert, Lanze und Dreizack. In den linken Händen hält sie Gebetskette, großen Lotus, Bogen und die Geste der Furchtlosigkeit, | |||
'''64.21''' danach Schild und Pinaka. Weiß, Rot, Gelb, Grün, Schwarz | |||
'''64.22''' und Bunt sind der Reihe nach die Farben ihrer Häupter im Nordosten, Osten, Süden, Westen, Norden | |||
'''64.23''' und in der Mitte, Hochbegnadeter. Das weiße Gesicht gehört Maheshvari, das rote Kamakhya. | |||
'''64.24''' Tripura ist gelb, Sharada grün, Kameshvaris Gesicht schwarz und Chandas Gesicht bunt. | |||
'''64.25''' Das Haar jedes Hauptes ist in einem Knoten geordnet. Auf dem Löwen liegt ein weißer Leichnam, darauf ein roter Lotus. | |||
'''64.26''' Dort weilt Kameshvari mit leicht lächelndem Gesicht, in bunte Gewänder und ein Tigerfell gehüllt. | |||
'''64.27''' So soll Kameshvari zur Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen meditiert werden. Nun folgt die Reihenfolge ihrer Verehrung am heiligen Sitz oder andernorts. | |||
'''64.28''' Die Besonderheiten des heiligen Sitzes werden eigens erklärt; sonst gilt die allgemeine Ordnung. Vom Daumen an werden jeweils die entsprechenden Finger beider Hände verbunden. | |||
'''64.29''' Mit der Silbe des Grundmantras und den ersten sechs langen Vokalformen wird zunächst die Einsetzung in die Finger vollzogen. | |||
'''64.30''' Dann werden mit der rechten Hand und den sechs Mantras der Reihe nach Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Augen und Waffe eingesetzt. | |||
'''64.31''' Ebenso folgen Gesicht, beide Arme, Bauch, Schambereich, beide Knie und beide Füße, der Reihe nach mit den sechs Mantras. | |||
'''64.32''' Der Grundmantra wird achtmal über dem Wasser der Ehrengabe wiederholt. Damit werden die darzubringenden Gegenstände besprengt; dann beginnt die Verehrungsfolge. | |||
'''64.33''' Am heiligen Sitz soll ein ortskundiger Lehrer die Göttin verehren, kein Ortsfremder ohne Anleitung. Nur durch seine Handberührung wird die Segensreiche nach der Ritualvorstellung nicht beunruhigt. | |||
'''64.34''' Kommt jemand aus einem anderen Land an einen fremden heiligen Sitz, soll er die Verehrung nach Unterweisung eines dortigen Lehrers beginnen. | |||
'''64.35''' Wer von außerhalb Kamarupas kommt, soll nach der Unterweisung eines Einheimischen verehren und so die Frucht erlangen. | |||
'''64.36''' Welcher heilige Sitz auch in Odra, Panchala oder einer anderen Gegend liegt: Seine Gottheit soll von den Menschen nach örtlicher Unterweisung verehrt werden. | |||
'''64.37''' Andernfalls erlangt die Verehrung nicht die volle Frucht, selbst wenn sie mit großem Aufwand ausgeführt wird, Bhairava. | |||
'''64.38''' Eine hier nicht eigens genannte Handlung soll nach der Beschreibung im Vaishnavi-Verfahren oder im ergänzenden Tantra übernommen werden. | |||
'''64.39''' Am Osttor verehre man zuerst das Prinzip des Begehrens, im Süden das Prinzip der Zuneigung und im Westen das Prinzip der Liebesfreude. | |||
'''64.40''' Im Norden folgt das Prinzip der Bezauberung. Im Nordosten werde der Gott Ganesha als Torhüter verehrt. | |||
'''64.41''' Im Südosten Agnivetala, im Südwesten Kala und im Nordwesten Nandi: Diese werden der Reihe nach verehrt. | |||
'''64.42''' Wer die Vierer-, Fünfer- und Sechsergruppen, die weitere Vierergruppe, Fünfergruppe, Vierergruppe und Sechserordnung kennt, ist zur Verehrung des heiligen Sitzes geeignet. | |||
'''64.43''' Der erste Sitz heißt Odra, der zweite Jalashaila, der dritte Purna-Pitha und der vierte Kamarupa. | |||
'''64.44''' Im Westen werden Odra-Pitha, die heilvolle Odreshvari, Katyayani sowie Jagannatha als Odresha verehrt. | |||
'''64.45''' Im Norden werden der vorzügliche Sitz Jalashaila, Mahadeva als Jaleshvara und Chandi als Jaleshvari verehrt. | |||
'''64.46''' Auch Dirghika und Ugrachanda werden dort verehrt. Im Süden folgen Purnashaila und die segensreiche Purneshvari, | |||
'''64.47''' Purnanatha, Mahanatha, Saroja, Chandika sowie die Göttinnen Damani, Shanta und Shiva. | |||
'''64.48''' Der große Sitz Kamarupa, die heilvolle Kameshvari, der vorzügliche Nila-Berg und der Herr Kameshvara | |||
'''64.49''' werden der Reihe nach am Osttor verehrt, Bhairava. Auch die Feldhüter und Lehrer der heiligen Sitze Odra und der übrigen | |||
'''64.50''' sowie deren Torhüter werden an ihren jeweiligen Orten verehrt. Bei Kameshvaris besonderer Verehrung in Kamarupa | |||
'''64.51''' höre die Gottheiten, die auf dem Nila-Berg gegenwärtig sind, Vetala und Bhairava: der Herr Kameshvara, die Göttin Kameshvari, | |||
'''64.52''' der Feldhüter Karala, der Tamarindenbaum, der dreigipflige Nila-Berg und die Höhle Manobhava, | |||
'''64.53''' der jugendliche Wächter Kambala, die Aparajita-Ranke, Bhairava Pandunatha und die Verbrennungsstätte Heruka, | |||
'''64.54''' die Yogini Mahotsaha, die Stadt Chandravati, der Flusskönig Lauhitya und Dikkaravasini am Rand. | |||
'''64.55''' Im Nordwesten steht Jalpisha, im Südwesten Kedara. Diese sollen an den Toren und im Mandala der Göttin verehrt werden. | |||
'''64.56''' Wie Torhüter, Yogini und jugendliche Wächter am vorzüglichen Sitz Kamarupa zugeordnet sind, so gilt dies entsprechend auch in Odra und den anderen Sitzen. | |||
'''64.57''' In der Mitte des Mandalas werden die fünf Pfeile des Liebesgottes verehrt: der Erweichende, der Austrocknende, der Bindende, der Verblendende | |||
'''64.58''' und der Anziehende. An den sechs Eckspitzen, beginnend im Norden, folgt die Sechsergruppe mit Bhaga an erster Stelle. | |||
'''64.59''' Der Kundige verehre sie nach dem Tripura-Verfahren. Ebenso Ganakrida und die weiteren Torhüter sowie Vidyakala und die übrigen Kräfte, | |||
'''64.60''' die jugendlichen Wächter Siddhaputra und die anderen sowie die Jungfrauengestalten Siddha und die übrigen. Diese vier Vierergruppen werden als eine Viererordnung bezeichnet. | |||
'''64.61''' Kama, Rati und Priti, die Gruppe mit Anangamekhala, die sieben mit Tripuraghna und die neun mit Asitanga, | |||
'''64.62''' ferner die zehn Göttinnen Maheshvari und die übrigen bilden fünf Gruppen. Diese zweite Fünferordnung gewährt am heiligen Sitz Liebeswünsche. Die überlieferte Gruppen- und Mitgliederzählung ist nicht überall konsistent. | |||
'''64.63''' Die tragende Grundkraft und die weiteren dort stets gegenwärtigen Prinzipien, die acht mit Dharma beginnenden sowie die Eigenschaften Sattva und die übrigen, | |||
'''64.64''' zusammen mit Planeten und Welthütern bilden eine weitere Viererordnung. Die Göttinnen Ugrachanda und die übrigen Anführerinnen werden ebenfalls verehrt. | |||
'''64.65''' Mit Hingabe und ihren Mantras werden sie an den zuvor genannten Orten verehrt, Vetala und Bhairava. Herbeirufung und Darbringung der sechzehn Dienste, | |||
'''64.66''' Mantrawiederholung und Opfergabe, Verehrung der Glieder und Waffen sowie Handgeste mit anschließender Verabschiedung werden als Sechserordnung bezeichnet. | |||
'''64.67''' Ein verständiger Verehrer, der diese sieben Ordnungen kennt, ist befähigt, die heiligen Sitze Odra und die anderen zu verehren. | |||
'''64.68''' Wer die Verehrung eines heiligen Sitzes ausführt, ohne sie genau zu kennen, erhält nach dem Text nicht die volle Frucht und muss eine Verkürzung seines Lebens befürchten. | |||
'''64.69''' Nach der Verehrung dieser Gruppen an den im Tripura-Verfahren genannten Orten, Bhairava, soll die höchste Herrin verehrt werden. | |||
'''64.70''' „Kameshvari, komm hierher, wende dich mir zu, Herrin!“ Nachdem sie im Geist betrachtet und im Herzen mit geistigen | |||
'''64.71''' Duftstoffen, Blumen und weiteren Gaben verehrt wurde, lasse man den Atem durch das rechte Nasenloch ausströmen und übertrage sie auf die Blume im Mandala. | |||
'''64.72''' Dann werde die große Göttin, die höchste Herrin aller Wünsche, herbeigerufen: „Kameshvari, komm hierher, werde gegenwärtig und wende dich mir zu. | |||
'''64.73''' Wir erkennen dich, Kameshvari; wir meditieren über Kamakhya. Möge Kubjika, die große Maya, uns anregen. | |||
'''64.74''' Komm, komm, erhabene Mutter, die du den Welten Gnade erweist. Herrin der Liebe, Wunschgestaltige, Geliebte des Liebesgottes, sei mir gnädig!“ | |||
'''64.75''' Danach gebe der Verehrer zuerst Badewasser und bringe mit dem Grundmantra die sechzehn Dienste dar. | |||
'''64.76''' Sie wird in der Mitte verehrt; danach werden ihre sechs Glieder geehrt. Die zuvor für die Einsetzung in die Glieder genannten Mantras | |||
'''64.77''' dienen auch der Verehrung der Glieder der Göttin. Auf den acht Blütenblättern, beginnend im Osten, sollen die Yoginis verehrt werden, | |||
'''64.78''' der Reihe nach zur Erfüllung der Wünsche: Guptakama, Shrikama und Vindhyavasini, | |||
'''64.79''' Koteshvari, die Waldbewohnerin, die Yogini Padachandika, Dirgheshvari und die offenbare Bhuvaneshi. Die letzte Namensgruppe ist nicht eindeutig getrennt. | |||
'''64.80''' Die acht Silben des Vaishnavi-Tantra-Mantras, mit Punkt und Mond versehen, gelten als die dafür einzusetzenden Mantras. | |||
'''64.81''' In den sechs Ecken sollen vom Nordosten an sechs Göttinnengestalten verehrt werden: Kamakhya, Tripura, | |||
'''64.82''' Sharada, Mahotsaha, die offenbare Bhuvaneshvari und Siddhakameshvari, Bhairava. | |||
'''64.83''' Dann wird die Göttin erneut achtfach mit den acht Blütengaben verehrt. Nach Mantrawiederholung, Lobpreis, Opfergabe, Verneigung und Zeigen der Handgeste | |||
'''64.84''' werden die Opferreste der Göttin Siddhachandi übergeben. Die Göttin wird aus dem Mandala verabschiedet und im Yoni-Mandala gegenwärtig gemacht. | |||
'''64.85''' Damit ist euch das Kameshvari-Verfahren erklärt, meine Söhne. Höre nun das große Verfahren Sharadas samt ihrem Mantra, Bhairava. | |||
===Kapitel 65=== | |||
'''65.1''' Der erhabene Herr sprach: Weil die Götter sie einst im Herbst am neunten Mondtag erweckten, heißt sie am heiligen Sitz und in der Welt Sharada, o Mensch. | |||
'''65.2''' Für sie wurde zuvor der als Augen-Keimsilbe bezeichnete Mantra gelehrt; auch der Durga-Tantra-Mantra und sein Gliedermantra wurden bereits genannt. | |||
'''65.3''' Mit diesen beiden Mantras verehre man die Göttin, welche die ganze Welt erfüllt. Als dritter folgt Sharadas unübertrefflicher Mantra des heiligen Sitzes. | |||
'''65.4''' Hört ihn mit gesammeltem Geist; er verleiht die vier Lebensziele. Der vorletzte Laut wird mit dem vierten Vokal und dem Feuerlaut verbunden. | |||
'''65.5''' Dazu kommen der Kamaraja-Laut und der mit „na“ bezeichnete Abschluss, verbunden mit dem vorletzten Vokal, vom Feuerlaut belebt und mit den bezeichneten Punkten versehen. [Die überlieferte Lautverschlüsselung ist an dieser Stelle beschädigt.] | |||
'''65.6''' Der mit „ha“ beginnende Laut samt Abschluss bildet die vierte Keimsilbe. Aus diesen vier Bestandteilen wird der als sechssilbig bezeichnete Mantra gebildet. | |||
'''65.7''' Dies wird als Sharadas dritter Mantra gelehrt. Wer sie damit am heiligen Sitz verehrt, erlangt nach der Verheißung alle Vollkommenheiten. | |||
'''65.8''' Ihre auf dem Löwen sitzende, zehnarmige Gestalt wurde bereits beschrieben. Hört nun genau die Reihenfolge ihrer Verehrung, meine beiden Söhne. | |||
'''65.9''' Man errichte dort ein Mandala mit vier Toren, um ihre Macht zu entfalten. Das Mandala Mahamayas dient auch als Mandala Sharadas. | |||
'''65.10''' Nach Reinigung des Ortes und den übrigen Vorbereitungen mit den im Vaishnavi-Tantra gelehrten Mantras zeichne man mit der Augen-Keimsilbe das Mandala auf den Stein. | |||
'''65.11''' Im Yoni-Feld zeichne man einen achtblättrigen Lotus und setze in seine Mitte ein Dreieck. Dies ist der hier genannte Unterschied gegenüber dem Vaishnavi-Mandala. | |||
'''65.12''' Das Zeichnen des Mandalas, das Entfernen störender Wesen, das Bereitstellen des Gefäßes und seine Verwandlung in Nektar, | |||
'''65.13''' das Hinzufügen von Duft, Blumen und Wasser, die Verehrung seiner selbst und des Sitzes, die dreifache Atemregelung und die Reinigung der Elemente, | |||
'''65.14''' das innere Verbrennen und Überfluten, die Schildkrötenhaltung der Hände sowie die Meditation über den Yoga-Sitz erfolgen nach der Lehre des Vaishnavi-Tantra. | |||
'''65.15''' Ebenso vollziehe man die im Uttara-Tantra beschriebene Verehrung der Göttin. Mit der Kuh-Mudra verwandle man das Wasser sinnbildlich in Nektar. | |||
'''65.16''' Man vergegenwärtige sich die zuvor beschriebene zehnarmige Gestalt. Die Einsetzung der Mantras in Körper und Hände geschehe mit dem Durga-Tantra-Mantra, Bhairava. | |||
'''65.17''' Mit seinem neun Silben umfassenden Wortlaut beginne man an den Daumen und gehe der Reihe nach vor; danach folge die Einsetzung vom Herzen an und, wie zuvor, am Gesicht und den weiteren Stellen. | |||
'''65.18''' Der Verständige spreche denselben Mantra achtmal über dem Arghya-Gefäß und besprenge mit dessen Wasser seinen Kopf sowie Blumen, Duftstoffe und die übrigen Gaben. | |||
'''65.19''' So vollziehe man die Verehrung im Mandala der Göttin. Auf der östlichen Steinfläche stelle man sich den Sonnengott in der Gestalt Chandikas vor. | |||
'''65.20''' Ihm bringe man ein Arghya aus Senfkörnern, ungebrochenem Reis und Blumen dar. Mit dem Mantra „klīṁ“ verehre der Übende die tragende Kraft und die weiteren Mächte. | |||
'''65.21''' Zuerst verehre er in der Mitte Dharma und die übrigen zuvor genannten Wesenheiten; ebenso die mit Sattva beginnende Reihe bis zu den Füßen des Lehrers, wie im früheren Tantra gelehrt. | |||
'''65.22''' Im mittleren Lotus verehre er auch den Sumeru in dessen Mitte. Im östlichen Teil des Mandalas verehre er die Kräfte der Göttin. | |||
'''65.23''' Im Norden des Mandalas verehre er sämtliche Gottheiten des heiligen Sitzes, insbesondere die Reihe vom Herrn Kameshvara bis zum Lauhitya. | |||
'''65.24''' Manikarna, Chitraratha, Bhasmakuta, Shveta, Nila, Chitra, Varaha und Gandhamadana, | |||
'''65.25''' Manikuta und Nandana verehre er im Westen. Jalpisha, Kedara und die Göttin Dikkaravasini, | |||
'''65.26''' Dhatri, Svadha, Svaha, Manastoka und Aparajita sowie die vierundsechzig Yoginis verehre er im Süden. | |||
'''65.27''' Die Planeten, die zehn Hüter der Himmelsrichtungen in der vom Osten ausgehenden Ordnung und auch Bhairavi verehre der Verständige wie zuvor, Bhairava. | |||
'''65.28''' Dann forme der Verehrer erneut die Schildkröten-Mudra und meditiere wie zuvor im Geist über die Göttin, die in seinem Herzen wohnt. | |||
'''65.29''' Nachdem er die im Herzen Weilende mit innerlich vorgestellten Düften, Blumen und anderen Gaben verehrt hat, lasse er sie durch das rechte Nasenloch hervortreten und im Mandala gegenwärtig werden. | |||
'''65.30''' Er lege eine Blume nieder und rufe Kamakhya als Sharada wiederholt an: „Komm, komm, höchste Herrin! Sei hier gegenwärtig! | |||
'''65.31''' Nimm diesen dir zukommenden Anteil der Verehrung an und schütze das Opfer; Verehrung sei dir! Durga, Durga, komm hierher mit deinem ganzen Gefolge! | |||
'''65.32''' Nimm diesen Anteil der Verehrung an und schütze das Opfer; Verehrung sei dir!“ Dann folgt: „Wir erkennen dich als Narayani; über Chandika meditieren wir.“ | |||
'''65.33''' Der abschließende Teil dieser Gayatri lautet: „Möge Chandi uns anregen!“ Nachdem man mit ihr das rituelle Bad dargebracht hat, verwende man wiederum den Durga-Tantra-Mantra. | |||
'''65.34''' Auch mit der Augen-Keimsilbe und dem Mantra des heiligen Sitzes, schließlich mit dem viersilbigen Wortlaut, vollziehe man die Verehrung mit den drei Mantras. [Die Zuordnung der genannten Formeln ist im Wortlaut nicht eindeutig.] | |||
'''65.35''' Mit dem viersilbigen Mantra bringe man die zuvor genannten sechzehn Ehrendienste dar, beginnend mit dem Wasser für die Füße, Bhairava. | |||
'''65.36''' Mit dem Durga-Tantra-Mantra verehre man die Glieder der Göttin: mit „durge“ das Herz und nochmals mit „durge“ den Kopf. | |||
'''65.37a''' Mit den verbleibenden fünf, bei „va“ beginnenden Silben verehre der Verständige nacheinander Scheitel, Schutzpanzer, Augen, Füße und die weiteren bezeichneten Stellen. [Die Aufzählung ist in der Vorlage unklar.] | |||
'''65.37b''' Auf den acht, vom Osten aus gezählten Lotusblättern verehre man sie der Reihe nach: Jayanti auf dem östlichen Blatt, Mangala im Südosten, | |||
'''65.38''' dann Kali, Bhadrakali, Kapalini, Durga, Shiva und Kshama, jede unter ihrem eigenen Namen. | |||
'''65.40''' Im inneren Bereich der Lotusfäden befinden sich die acht Führerinnen. Man verehre sie mit dem Mantra der Augen-Keimsilbe und den bezeichneten Keimsilben. [Die Vorlage nennt hier auch „sechs“; Vers 39 fehlt.] | |||
'''65.41''' Für sie werden sechs eingefügte Laute und die Lautformen „hrāṁ hrāṁ śrīṁ“ genannt; ferner der vorletzte und der letzte Laut mit dem ersten Vokal. [Die verschlüsselte Bildung ist nicht sicher rekonstruierbar.] | |||
'''65.42''' Diese Göttinnen sind Ugrachanda, Prachanda, Chandogra, Chandanayika, Chanda, Chandavati, Chandarupa und Chandika. | |||
'''65.43''' Im Dreieck innerhalb der Lotusfäden verehre man Kama, Priti und Rati sowie die fünf Pfeile und den Blumenbogen mit den Mantras Kamas. | |||
'''65.44''' Danach verehre man die höchste Herrin mit den acht Blumen. Auch die von ihren Händen gehaltenen Waffen und Geschosse sowie ihr Reittier gehören zur Verehrung. | |||
'''65.45''' Den Löwen, den Mähnenträger, verehre man vor der Göttin; Sharada als Göttin des heiligen Sitzes und Kamakhya als dessen übergeordnete Gottheit. | |||
'''65.46''' Die große Göttin Tripura verehre man als die zugeordnete Gottheit des Sitzes; Kameshvari und Mahotsaha verehre man in der Mitte. | |||
'''65.47''' Mit dem viersilbigen Mantra bringe man drei Hände voll Blumen dar. Nach Mantrawiederholung, Lobpreis, Opfergabe und Verneigung vollziehe man die verhüllende Geste. | |||
'''65.48''' Dann zeige man die Yoni-Mudra und lege die verbliebenen Opferblumen im Nordosten nieder, mit den Worten „caṇḍeśvaryai namaḥ“ – „Verehrung der Chandeshvari“. Darauf vollziehe man die rituelle Verabschiedung. | |||
'''65.49''' Anschließend bringe man dem Sonnengott das Arghya dar und achte auf die Ergänzung etwaiger Lücken im Ritus. Man vergegenwärtige die Göttin im Herzen und im Yoni-Mandala. | |||
'''65.50''' So verehre man nach dieser yogischen Ordnung die große Göttin Kamakhya, die Weltgestaltige mit dem Yoni-Zeichen, welche Sharada heißt. | |||
'''65.51''' Nach der Verheißung erlangt der Verehrer alle Wünsche und Shivas Welt. Wenn er die Göttin, die jede gewünschte Gestalt annimmt, außerhalb des heiligen Sitzes verehrt, | |||
'''65.52''' gilt auf dem Nilakuta dennoch die gesamte hier beschriebene Ordnung. Verehrt man die Göttin anderswo, im Wasser oder auf einem hergerichteten Bodenplatz, | |||
'''65.53''' auf einem Stein, im Feuer oder an einem anderen Göttersitz, so kann man die zusätzlichen Sitzgottheiten nach eigenem Ermessen einbeziehen oder weglassen; am eigentlichen heiligen Sitz aber muss man sie verehren. | |||
'''65.54''' Wer die heilvolle Göttin in ihren fünf Gestalten mit den fünf Mantras oder mit einem einzelnen von ihnen verehrt, dem wird sie selbst zur Spenderin von Gaben. | |||
'''65.55''' Der Text verheißt ihm Freiheit von Hindernissen, seelischem Leid und Krankheit; niemand gleiche ihm an Reichtum und Vorräten. | |||
'''65.56''' Die Frucht, die Menschen durch das Verschenken von zehn Millionen Kühen erlangen, erhalte auch derjenige, der Kamakhya verehrt. | |||
'''65.57''' Schon durch einmalige Verehrung befreie er zehn frühere und zehn spätere Generationen von Verfehlung und gelange in meine Welt. | |||
'''65.58''' Wer die große Göttin Kamakhya zweimal im Yoni-Mandala verehrt, erhebe hundert Generationen und erlange die Welt der Göttin. | |||
'''65.59''' Der Mensch, der den blauen Berg besteigt und Kamakhya im Yoni-Mandala dreimal nach dieser Ordnung verehrt, | |||
'''65.60''' befreie tausend Generationen aus der Anhäufung ihrer Verfehlungen und erlange in dieser Welt Glück, Herrlichkeit und langes Leben. | |||
'''65.61''' Nach dem Ende seines Körpers gelange er in mein Haus und werde ein Herr der Scharen. An irgendeinem achten oder neunten Mondtag möge der Übende | |||
'''65.62''' die gabenspendende Kamakhya in ihren fünf Gestalten mit den fünf Mantras und den zugehörigen Ritualordnungen in jeweils eigenen Mandalas verehren. | |||
'''65.63''' Wer die fünf Gestalten meditiert und die fünf Mantras wiederholt, weile viele tausendmal zehn Millionen Weltzeitalter in meiner Welt. | |||
'''65.64''' Danach erlange er durch die Gnade der Göttin die höchste Befreiung; zuvor erhalte er hier die ersehnten Güter, Glück und Ruhm. | |||
'''65.65''' Als rechtschaffener Mensch besiege er seine Feinde wie ein Löwe die Elefanten und genieße langes Leben, Söhne, Enkel und Wohlstand. | |||
'''65.66''' Nachdem er wie ein Unsterblicher in liebevoller Gemeinschaft mit jungen Frauen gelebt hat, werde er zum dauerhaften Führer der Yakshas, Rakshasas und Pishachas. Alle Wünsche erfüllten sich ihm, und er gleiche dem Mond, dem König der Zweimalgeborenen. | |||
===Kapitel 66=== | |||
'''66.1''' Aurva sprach: Nachdem Vetala und Bhairava diese gesamte Rituallehre gehört hatten, wandten sie sich mit vor Freude weit geöffneten Augen fragend an den Dreiäugigen. | |||
'''66.2''' Vetala und Bhairava sprachen: Durch deine Gnade haben wir Kamakhyas Rituallehre samt ihren Gliedern gehört. Nun erläutere uns auch die Verneigungen, die Mudras und die Darbringung der Opfergaben, | |||
'''66.3''' ferner die Einsetzung der Buchstabenkräfte und die weiteren Abläufe der Verehrung. Erkläre dies alles ausführlich, Herr der Welt! Denn beim Hören dieser freudvollen Gegenstände werden wir nicht satt. | |||
'''66.4''' Der erhabene Herr sprach: Ich werde erklären, wonach ihr mich gefragt habt, ihr vortrefflichen Söhne. Hört jetzt mit gesammeltem Geist, ihr Tiger unter den Menschen! | |||
'''66.5''' Die Verneigung wird in sieben Formen unterschieden: Dreieck, Sechseck, Halbmond, Rechtsumkreisung, Stab, achtgliedrige und gewaltige Verneigung. | |||
'''66.6''' Bei Kamakhyas Verehrung gilt die nordöstliche oder nördliche Richtung als günstig; auf einem hergerichteten Bodenplatz und bei der allgestaltigen Gottheit ist sie von jeder Seite möglich. | |||
'''66.7''' Die Anordnung der dreieckigen und übrigen Bewegungen richtet sich danach: Verehrt man nach Osten gewandt, beginnt die Orientierung im Westen und führt zum Nordosten. | |||
'''66.8''' Vollzieht der Übende die Götterverehrung nach Norden gewandt, bestimme er die Stellung vom Süden und vom Nordwesten aus. | |||
'''66.9''' Man gehe vom Süden zum Nordwesten, von dort zum Nordosten und wiederum zum Süden; so entsteht die dreieckige Verneigung. | |||
'''66.10''' Diese Dreiecksverneigung erfreut Tripura. Für die nächste Form gehe man vom Süden zum Nordwesten und von dort zum Nordosten, | |||
'''66.11''' weiter zum Süden, verlasse diesen und gehe zum Südosten, von dort zum Südwesten und danach zum Norden. | |||
'''66.12a''' werden durch Umkehrung zu linken Formen; auch diese weiteren Mudras schenken Freude. So habe ich euch die Gesten erklärt, die bei der Verehrung die verehrten Gottheiten erfreuen. Hört nun, Vetala und Bhairava, die Ordnung der Opfergaben. [Die Vorlage zählt den Schlussvers als 12 statt 121.] | |||
'''66.13''' Geht man vom Süden zum Nordwesten und von dort auf demselben Bogen zum Süden zurück, so heißt diese Verneigung Halbmond. | |||
'''66.14''' Beschreibt der Übende einmal einen Kreis im Uhrzeigersinn, nennen die Zweimalgeborenen diese Verneigung Rechtsumkreisung. | |||
'''66.15''' Man verlasse den eigenen Sitz und verneige sich vor Durga, indem man ohne Umkreisung wie ein Stab zu Boden fällt. | |||
'''66.16''' Die Götter nennen dies die Stabverneigung, welche sämtliche Götterscharen erfreut. Fällt man ebenso ausgestreckt auf den Boden und berührt ihn mit der Brust, | |||
'''66.17''' dann nacheinander mit Kinn, Gesicht, Nase, Kiefer, Scheitelöffnung und beiden Ohren, | |||
'''66.18''' so nennen die Weisen dies die achtgliedrige Verneigung. Der Übende vollziehe ferner drei kreisförmige Rechtsumkreisungen. | |||
'''66.19''' Wenn bei der anschließenden Verneigung der Scheitel die Erde berührt, nennen die Götterscharen sie „gewaltig“; sie erfreut Vishnu. | |||
'''66.20''' Wie das Meer unter den Flüssen, nach der Rangordnung des Textes der Brahmane unter den Zweibeinigen, die Ganga unter den Strömen und der Diskusträger unter den Göttern, | |||
'''66.21''' so wird unter allen Verneigungen die gewaltige besonders gepriesen. Schon durch hingebungsvoll ausgeführte Dreiecksverneigungen und die übrigen Formen | |||
'''66.22''' erlangt der gläubige Übende nach dieser Lehre bald die vier Lebensziele. Die Verneigung ist ein großes Opfer und bereitet stets umfassende Freude, | |||
'''66.23''' allen Göttern und auch anderen Verehrungswürdigen, Bhairava. Die gewaltige Verneigung, die Hari stets erfreut, | |||
'''66.24''' erfreut auch Mahamaya und gilt als die vorzüglichste. Damit sind die Verneigungen erklärt. Hört nun beide weiter | |||
'''66.25''' die Aufzählung und die jeweilige Gestalt der Mudras: Kuh, Hohlgefäß, gefaltete Hände, Bilva-Frucht und Lotus, | |||
'''66.26''' Pfeil, Kopf und Stab, Yoni und halbe Yoni, Verehrungsgeste, große Mudra und große Yoni, | |||
'''66.27''' Bhaga, kleine Schale, Köcher beziehungsweise Nihsanga, Halbmond, Glied, Doppelgesicht, Muschel und Faust, | |||
'''66.28''' Donnerkeil, Öffnung, sechsfache Yoni, reine Geste, Topf, Gipfel, Höhe, Stirnzeichen und halbes Stirnzeichen, | |||
'''66.29''' Zusammenführung, Becken, Rad, Dreizack, Löwengesicht, Kuhgesicht, Erhebung und Aufrichtung, | |||
'''66.30''' Scheibe, Pashupata, Reinheit, Loslassen, Fortführen, Ausbreiten, gewaltige Geste und Kundali-Anordnung, | |||
'''66.31''' Dreigesicht, Schwert-Ranke, Yoga, Trennung, Bezauberung, Pfeil, Bogen und Köcher: Dies sind die vortrefflichen Mudras. | |||
'''66.32''' Von den hundertacht durch Brahma verkündeten Mudras werden diese fünfundfünfzig bei der Verehrung verwendet. | |||
'''66.33''' Die übrigen dreiundfünfzig dienen bei vereinbarten Zeichen, beim Herbeibringen von Gegenständen, beim Tanz und ähnlichen Verrichtungen. | |||
'''66.34''' Die ersten fünfundfünfzig werden für das Vergegenwärtigen der Götter, Yoga, Meditation, Mantrawiederholung und rituelle Verabschiedung gelehrt, Bhairava. | |||
'''66.35''' Ohne Mudra bleiben nach dieser Rituallehre Mantrawiederholung, Atemregelung, Götterverehrung, Yoga, Meditation und Sitzhaltung ohne Frucht, Bhairava. | |||
'''66.36''' Hört nun die einzelnen Kennzeichen, meine beiden Söhne. Mit der Spitze des rechten Mittelfingers verbinde man den Zeigefinger der linken Hand, | |||
'''66.37''' den linken Mittelfinger mit dem rechten Zeigefinger; ebenso den rechten Ringfinger mit dem kleinen Finger der linken Hand | |||
'''66.38''' und den linken Ringfinger mit dem rechten kleinen Finger. Der Hingebungsvolle verbinde sie sorgfältig unter einer Rechtswendung. | |||
'''66.39''' Dies heißt Kuh-Mudra und erfreut alle Gottheiten. Fügt man die beiden Handflächen und sämtliche Fingerspitzen zusammen | |||
'''66.40''' und legt die Daumen seitlich aneinander, nennen die Götter dies Sampuṭa, die geschlossene Schale. Sie erfreut sämtliche Gottheiten. | |||
'''66.41''' Bei Meditation, innerer Betrachtung und Yoga wird diese Schalenform stets gelobt. Hält man beide Hände etwas gewölbt und fügt sie nur teilweise aneinander, | |||
'''66.42''' sodass in der Mitte ein schalenartiger Hohlraum bleibt, heißt dies Pranjali. Schließt man die Hände zu Fäusten, wobei die Daumen innen liegen, | |||
'''66.43''' und fügt sie wie eine Bilva-Frucht zusammen, heißt dies Bilva-Mudra. Verbindet man beide Hände vom Handgelenk bis zum Handballen, | |||
'''66.44''' ebenso beide Daumen und beide kleinen Finger, während die jeweils drei übrigen Finger auseinandergespreizt sind, | |||
'''66.45''' so heißt dies Lotus-Mudra; den Menschen verheißt sie die vier Lebensziele. Man verbinde ferner Daumen- und Zeigefingerspitze in aufwärts gerichteter Linie, | |||
'''66.46''' beuge die übrigen Finger und strecke die beiden verbundenen aus: Dies ist die Pfeil-Mudra. Diese liebenswerte Geste erfreut mich und die Göttin Shiva. | |||
'''66.47''' Stets dient die Pfeil-Mudra unserer Freude, Vetala und Bhairava. Ferner balle man die linke Hand zur Faust, den Daumen nach innen gelegt, | |||
'''66.48''' beuge sorgfältig den Mittelfinger der rechten Hand und setze die Daumenspitze an Mittel- und Zeigefinger. [Die genaue Fingerzuordnung ist in der Vorlage unklar.] | |||
'''66.49''' Der Übende lege die rechte Hand an die linke Faust und zeige die Geste rechts. Dies gilt als Kopf-Mudra. | |||
'''66.50''' Diese vorzügliche Mudra erfreut den Herrn der Scharen; bei allen Verrichtungen bereitet sie auch sämtlichen anderen Göttern Freude. | |||
'''66.51''' Beugt man an der rechten Hand Daumen, Mittelfinger und die übrigen Finger und streckt den Zeigefinger aus, heißt dies Stab-Mudra. | |||
'''66.52''' Man verbinde sämtliche Finger beider Hände und verschränke sie wie ein Seil; auch die kleinen Finger beider Hände werden einbezogen. | |||
'''66.53''' Die Spitze des rechten kleinen Fingers setze man an die Wurzel des linken Ringfingers, die des linken an die Wurzel des rechten Mittelfingers. | |||
'''66.54''' Nach dieser Verbindung drehe man die Finger so, dass die Mitte die Gestalt einer Yoni annimmt. Dies heißt Yoni-Mudra. | |||
'''66.55''' Diese Yoni-Mudra erfreut Kamakhya in ihren fünf Gestalten und auch Durga, Bhairava; sie ist mir und Kama lieb. | |||
'''66.56''' Man strecke die aneinanderliegenden Finger aus und verbinde das Daumenglied beziehungsweise seine Spitze mit der Spitze des kleinen Fingers. | |||
'''66.57''' An der rechten Hand gebildet, heißt dies halbe Yoni. Die große Yoni ist im vortrefflichen Vaishnavi-Tantra beschrieben. | |||
'''66.58''' Zeigt man die geschlossene Schale oder die gefalteten Hände über dem Kopf, so heißt dies Vandanī, die Verehrungsgeste; sie erfreut Vishnu. | |||
'''66.59''' Wird dieselbe Geste am Ohr gehalten, heißt sie große Mudra; an der rechten Körperseite wird sie Vaishnavi genannt. | |||
'''66.60''' Die große Yoni gehört zur Lehre des Vaishnavi-Tantra. Für die nächste Geste setze man die Daumenspitzen an die Wurzeln beider kleinen Finger, | |||
'''66.61''' breite die Hände aus und füge sie wieder zusammen. Dies heißt Bhaga-Mudra; sie ist Lakshmi, Sarasvati und Shiva lieb. | |||
'''66.62''' Wenn sämtliche Fingerspitzen der rechten Hand an einer Stelle zusammenkommen und nach vorn weisen, heißt dies Puṭaka, kleine Schale. | |||
'''66.63a''' Der Verständige bringe die Spitzen von kleinem Finger, Ringfinger und Daumen zusammen und strecke Mittel- und Zeigefinger aus. | |||
'''66.64a''' Er wölbe beide Hände und zeige sie getrennt nach vorn. Diese Nihsanga genannte Mudra gehört Narasimha und Varaha. | |||
'''66.65a''' Man beuge kleinen Finger, Ring- und Mittelfinger der rechten Hand, während man Zeigefinger und Daumen ausstreckt. | |||
'''66.66a''' Diese Halbmond-Mudra erfreut die Planeten. Bei der folgenden Geste richte man den Daumen der rechten Hand auf, | |||
'''66.67a''' umschließe ihn mit der linken Faust und richte deren Daumen ebenfalls nach oben. Dies heißt Anga-Mudra. | |||
'''66.68a''' Aus dieser Mudra entstehen durch das Lösen des kleinen Fingers und der weiteren Finger acht Formen. Hört ihre einzelnen Namen: | |||
'''66.69a''' Doppelgesicht, Faust, Donnerkeil, Gebundenes, Reines, Topf, Höhe und Stirnzeichen. | |||
'''66.70a''' Zusammen mit der Ausgangsgeste werden diese neun Mudras den neun Gestalten Vishnus und entsprechend den Führerinnen zugeordnet. | |||
'''66.71a''' Man füge die Handrücken zusammen, wende sie gleichmäßig und strecke die beiden aneinanderliegenden Zeigefinger aus. | |||
'''66.72a''' Auch die Daumen werden angelegt: Dies heißt Muschel-Mudra. Bei der nächsten Geste bilde man nach oben geöffnete gefaltete Hände und setze beide Daumen | |||
'''66.73a''' an die Wurzeln der kleinen Finger; man füge die Hände zusammen und zeige sie. Diese als Yoni bekannte Mudra erfreut die Götterscharen. | |||
'''66.74a''' Eine rechte Faust mit aufgerichtetem Daumen heißt Gipfel-Mudra; sie ist Brahmi und der Sonne lieb. | |||
'''66.75a''' Man verbinde Ringfinger und kleine Finger und verschränke Mittel- und Zeigefinger wie bei der Kuh-Mudra. [Der Ausdruck für die erste Verbindung ist nicht eindeutig.] | |||
'''66.76a''' Diese Form heißt halbe Kuh und steigert die Freude des Mondes. Für die nächste Geste kommen sämtliche Fingerspitzen beider Hände zusammen. | |||
'''66.63b''' [Die Vorlage beginnt hier den wiederholten Block 63–76; unmittelbar davor steht nochmals der Anfang von 77: „Man füge beide Handflächen auch unten aneinander.“] Der Verständige bringe die Spitzen von kleinem Finger, Ringfinger und Daumen zusammen und strecke Mittel- und Zeigefinger aus. | |||
'''66.64b''' Er wölbe beide Hände und zeige sie getrennt nach vorn. Diese Nihsanga genannte Mudra gehört Narasimha und Varaha. | |||
'''66.65b''' Man beuge kleinen Finger, Ring- und Mittelfinger der rechten Hand, während man Zeigefinger und Daumen ausstreckt. | |||
'''66.66b''' Diese Halbmond-Mudra erfreut die Planeten. Bei der folgenden Geste richte man den Daumen der rechten Hand auf, | |||
'''66.67b''' umschließe ihn mit der linken Faust und richte deren Daumen ebenfalls nach oben. Dies heißt Anga-Mudra. | |||
'''66.68b''' Aus dieser Mudra entstehen durch das Lösen des kleinen Fingers und der weiteren Finger acht Formen. Hört ihre einzelnen Namen: | |||
'''66.69b''' Doppelgesicht, Faust, Donnerkeil, Gebundenes, Reines, Topf, Höhe und Stirnzeichen. | |||
'''66.70b''' Zusammen mit der Ausgangsgeste werden diese neun Mudras den neun Gestalten Vishnus und entsprechend den Führerinnen zugeordnet. | |||
'''66.71b''' Man füge die Handrücken zusammen, wende sie gleichmäßig und strecke die beiden aneinanderliegenden Zeigefinger aus. | |||
'''66.72b''' Auch die Daumen werden angelegt: Dies heißt Muschel-Mudra. Bei der nächsten Geste bilde man nach oben geöffnete gefaltete Hände und setze beide Daumen | |||
'''66.73b''' an die Wurzeln der kleinen Finger; man füge die Hände zusammen und zeige sie. Diese als Yoni bekannte Mudra erfreut die Götterscharen. | |||
'''66.74b''' Eine rechte Faust mit aufgerichtetem Daumen heißt Gipfel-Mudra; sie ist Brahmi und der Sonne lieb. | |||
'''66.75b''' Man verbinde Ringfinger und kleine Finger und verschränke Mittel- und Zeigefinger wie bei der Kuh-Mudra. [Der Ausdruck für die erste Verbindung ist nicht eindeutig.] | |||
'''66.76b''' Diese Form heißt halbe Kuh und steigert die Freude des Mondes. Für die nächste Geste kommen sämtliche Fingerspitzen beider Hände zusammen. | |||
'''66.77''' Man füge beide Handflächen auch unten aneinander und verbinde die Spitzen miteinander. Dies ist die Mudra der Zusammenführung. | |||
'''66.78''' Sie erhöht die Freude des Mars, der Erde, der Weisen und Ishanas. Für die nächste Form verbinde man sämtliche Finger der rechten Hand, | |||
'''66.79''' beuge sie ein wenig und forme die Handfläche wie ein Becken. Dies heißt Becken-Mudra; sie ist Merkur, Sarasvati und Shiva lieb. | |||
'''66.80''' Man lege die Finger der linken Hand in die Zwischenräume der anderen Finger, strecke beide Daumen aus und verbinde ihre Spitzen, Bhairava. | |||
'''66.81''' Dann halte man die Daumen einander gegenüber und breite die Form aus. Dies heißt Rad-Mudra; sie ist Jupiter, Vishnu und Shiva lieb. | |||
'''66.82''' Man beuge Daumen und Mittelfinger der rechten Hand und füge die übrigen drei Finger nach vorn zusammen. | |||
'''66.83''' Dies heißt Dreizack-Mudra und ist mir sowie dem Planeten Venus lieb. Man wölbe ferner beide Hände und setze die Spitzen der linken Finger | |||
'''66.84''' in die Mitte der rechten Handfläche, während die linke Hand nach unten gerichtet ist. Dies heißt Löwengesicht-Mudra. | |||
'''66.85''' Sie erfreut Durga, den Sohn der Sonne und den Diskusträger. Die am Ohransatz gezeigte Bhaga-Mudra heißt Kuhgesicht. | |||
'''66.86''' Sie erfreut stets mich, Vishnu und Rahu. Für die folgende Reihe halte man beide Fäuste mit den Handflächen nach oben seitlich aneinander. | |||
'''66.87''' Man strecke nacheinander die Finger der rechten Hand vom kleinen Finger an aus und danach ebenso die Finger der linken Hand, jeweils einzeln. | |||
'''66.88''' So werden acht Mudras bezeichnet; hört ihre Namen in der Reihenfolge: Entfaltung, Aufrichtung, Scheibe und Pashupata, | |||
'''66.89''' Reinheit, Loslassen, Fortführen und Ausbreiten. Beugt man die Finger der rechten Hand wieder, | |||
'''66.90''' heißt dies gewaltige Mudra; durch die entsprechende Umkehrung der linken Hand entsteht die weitere Form. Diese zehn Mudras werden den Welthütern von Indra an zugeordnet. | |||
'''66.91''' Sie steigern die höchste Freude aller Götter. Für die nächste Geste verbinde man die Daumenspitze mit dem vorderen Teil des Zeigefingers | |||
'''66.92''' und beuge die übrigen Finger der rechten Hand, vom Mittelfinger an. Man zeige die ringförmige Gestalt: Sie erfreut die Kundali-Shakti. | |||
'''66.93''' Sie bereitet auch allen anderen Göttern große Freude. Für die nächste Geste verbinde man die Spitzen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger, | |||
'''66.94''' während man die verbleibenden Finger der rechten Hand beugt. Diese Dreigesicht-Mudra ist den Vishvedevas stets lieb. [Die Vorlage nennt widersprüchlich nochmals den Mittelfinger als gebeugt.] | |||
'''66.95''' Sie ist auch Ketu stets lieb und erfreut die Mütter. Bei der folgenden Geste verbinde man die Spitzen von Zeigefinger und Daumen | |||
'''66.96''' und beuge die drei übrigen Finger. Dies heißt Schwert-Ranke. Den Ahnen, Sadhyas, Rudras und Vishvakarman | |||
'''66.97''' bereitet die Schwert-Ranke genannte Mudra stets Freude. Für die nächste Haltung lege man die Fußsohlen aneinander und führe die beiden großen Zehen | |||
'''66.98''' aufwärts zur Nabelgegend; darüber halte man die gefalteten Hände. Dies heißt Yoga-Mudra; sie vermittelt den Yogis Erkenntnis des Wirklichen. | |||
'''66.99''' Bei Verehrung und innerer Betrachtung sämtlicher Götter gilt die Yoga-Mudra stets als Quelle von Zufriedenheit und Freude. | |||
'''66.100''' Man führe die Pranjali genannte Geste nach oben und unten aus, trenne dann die Hände und zeige sie aufwärts und abwärts ausgestreckt. | |||
'''66.101''' Dies heißt Trennungs-Mudra; sie ist mir, Vishnu und Brahma lieb. Bei der nächsten Geste lege man die beiden Daumen in die Hände | |||
'''66.102''' und verbinde danach die Spitzen der beiden kleinen Finger. Auch die übrigen Finger beider Hände, vom Zeigefinger an, werden verbunden, | |||
'''66.103''' jeweils Spitze an Spitze; die kleinen Finger zeige man gesondert. Diese Mudra heißt Bezauberung; sie ist Kama, Durga und Lakshmi lieb. | |||
'''66.104''' Die bezaubernde Geste gilt als erfreulich für sämtliche Götter. Für die folgende Form beuge man Mittel- und Ringfinger der rechten Hand | |||
'''66.105''' und lege die Daumenspitze fest auf deren Rückseite. Danach verbinde man die Spitzen von kleinem Finger und Zeigefinger. | |||
'''66.106''' Dies heißt Pfeil-Mudra und erfreut alle Götter. Bei der nächsten Geste beuge man die Finger und strecke Daumen und Zeigefinger | |||
'''66.107''' beider Hände aus; dann verbinde man Daumenspitze mit Daumenspitze und Zeigefingerspitze mit Zeigefingerspitze. | |||
'''66.108''' Man spanne sie so weit wie möglich. [Die Vorlage nennt diese Geste „Kuh“, im Zusammenhang der Reihe ist wohl „Bogen“ gemeint.] Für die folgende Form lege man sämtliche Fingerspitzen an die Brahma-Stelle der Hand. | |||
'''66.109''' Man lege die Daumenspitze auf die Rückseite des Ringfingers und lasse innen einen köcherartigen Hohlraum entstehen, Bhairava. | |||
'''66.110''' Dies heißt Köcher-Mudra und steigert die Freude aller. In den Mudras sind Verehrung und innere Betrachtung verankert, | |||
'''66.111''' auch die Yogaübungen ruhen in den Mudras; darum schenken Mudras Freude. Wann immer bei Verehrung, innerer Betrachtung und Meditation, | |||
'''66.112''' beim Opfer oder Lobpreis keine andere Verrichtung der Hände ansteht, halte man beide Hände in einer Mudra, auch bei Opfer- und Wohltätigkeitswerken. | |||
'''66.113''' Sind die Hände bei einer Opferhandlung imstande, zugleich eine Mudra zu bilden, so vollziehe man die betreffende Handlung mit dieser Geste. | |||
'''66.114''' Wird ein göttlicher Ritus mit Händen ohne Mudra ausgeführt, bleibt er nach dieser Lehre fruchtlos; darum soll man die Mudras einbeziehen. | |||
'''66.115''' Die Mudra, die einer Gottheit eigens für ihre rituelle Verabschiedung zugewiesen ist, verwende man für sie nicht zu Beginn der Verehrung. | |||
'''66.116''' Mit Ausnahme der ausdrücklich zur Verabschiedung bestimmten Geste vollziehe der Kundige die gesamte Verehrung mit Mudras, damit das Ritual gedeihe. | |||
'''66.117''' Darum gilt die Mudra als etwas Höchstes; sie schenkt Verdienst und bereitet den Göttern Freude. Deshalb führe man sie sorgfältig aus. | |||
'''66.118''' Halbe Yoni, große Yoni, Yoni, Brahmi und Vaishnavi werden bei der Verabschiedung von Shiva beziehungsweise der Göttin und Tripura genannt. | |||
'''66.119''' Diese Mudras gelten auch für alle Gestalten Durgas. Yoni, geschlossene Schale und große Yoni | |||
'''66.120''' sind von der folgenden Umkehrung ausgenommen; die übrigen kann man in umgekehrter Form auch außerhalb der genannten Anwendungen verwenden. Die anderen dreiundfünfzig Mudras | |||
'''66.12b''' werden durch Umkehrung zu linken Formen; auch diese weiteren Mudras schenken Freude. So habe ich euch die Gesten erklärt, die bei der Verehrung die verehrten Gottheiten erfreuen. Hört nun, Vetala und Bhairava, die Ordnung der Opfergaben. [Die Vorlage zählt den Schlussvers als 12 statt 121.] | |||
===Kapitel 67=== | |||
'''67.1''' Der erhabene Herr sprach: Meine beiden Söhne, ich werde euch die Reihenfolge der Opfergaben und ihre Beschaffenheit, beginnend mit dem Blut, erklären, wie sie nach dieser Lehre Wohlgefallen bewirken. | |||
'''67.2''' Die im Vaishnavi-Tantra gelehrte Ordnung der Opfergaben sollen die Übenden überall und jederzeit bei sämtlichen Gottheiten zugrunde legen. | |||
'''67.3''' Vögel, Schildkröten, Krokodile, Fische, neun Arten von Wild, Büffel, Warane, Rinder, Ziegen, Ruru-Hirsche und Schweine, | |||
'''67.4''' Nashörner, Schwarzantilopen, nochmals Warane, Sharabhas, Löwen, Tiger, Menschen und Blut aus dem eigenen Körper | |||
'''67.5''' werden hier als Opfergaben für Chandika, Bhairava und weitere Gottheiten genannt. Der Text behauptet, durch solche Gaben würden Befreiung und Himmel erlangt. | |||
'''67.6''' Durch Opfergaben, heißt es weiter, könne ein König feindliche Könige besiegen. Durch das Blut von Fischen und Schildkröten werde die Göttin Shiva | |||
'''67.7''' einen Monat lang befriedigt, durch Krokodile drei Monate. Durch das Blut von Wild und auch, wie hier ausdrücklich steht, von Menschen | |||
'''67.8''' erlange die heilspendende Göttin acht Monate Befriedigung, durch Waranblut ein Jahr. | |||
'''67.9''' Durch das Blut von Schwarzantilopen und Schweinen erlange die Göttin jeweils zwölf Jahre Befriedigung, | |||
'''67.10''' durch das Blut von Ziegen und Schafen fünfundzwanzig Jahre, durch das von Büffeln und Nashörnern hundert Jahre. | |||
'''67.11''' Auch Tigerblut bereite ihr höchste Befriedigung. Durch das Blut von Löwen und Sharabhas sowie durch Blut aus dem eigenen Körper | |||
'''67.12''' werde die Göttin tausend Jahre befriedigt. Für Fleisch wird jeweils dieselbe Dauer des Wohlgefallens angegeben wie für das entsprechende Blut. | |||
'''67.13''' Für Schwarzantilope, Wild, Nashorn, Rohita-Fisch und die beiden als Vardhrinasa bezeichneten Tiere werden jedoch besondere Früchte genannt. | |||
'''67.14''' Durch das Fleisch der Schwarzantilope und des Nashorns werde Chandika jeweils hundert Jahre befriedigt. | |||
'''67.15''' Durch das Fleisch des Rohita-Fisches und des Vardhrinasa werde meine Geliebte dreihundert Jahre befriedigt. | |||
'''67.16''' Ein alter weißer Ziegenbock mit geschwächten Sinnen wird Vardhrinasa genannt und bei Götter- und Ahnenopfern geschätzt. [Der Anfang der Zeile ist beschädigt.] | |||
'''67.17''' Auch ein Vogel mit blauem Hals, rotem Kopf, schwarzen Füßen und weißen Flügeln heißt Vardhrinasa; er ist mir und Vishnu lieb. | |||
'''67.18''' Durch ein nach der vorgeschriebenen Ordnung dargebrachtes Menschenopfer werde die Göttin tausend Jahre befriedigt, durch drei Menschen hunderttausend Jahre. | |||
'''67.19''' Durch Menschenfleisch erlange Kamakhya, die Bhairavi in meiner Gestalt, dreitausend Jahre Befriedigung. | |||
'''67.20''' Durch Mantras gereinigtes Blut werde, so die rituelle Vorstellung, zu Nektar. Die Göttin Shiva verzehre auch den Kopf und das Fleisch. | |||
'''67.21''' Darum weist der Text der Verehrung Kopf und Blut des Opfers zu; das Fleisch solle der Kundige bei Speisung und Feueropfer verwenden. | |||
'''67.22''' Bei der eigentlichen Verehrung solle der Übende kein Fleisch darbringen, sondern Blut und Kopf; diese würden dabei zu Nektar. | |||
'''67.23''' Kürbis, der als Bhikshudanda bezeichnete Gegenstand sowie Wein und gegorener Trank gelten als gleichwertige Opfergaben; ihre befriedigende Wirkung wird der einer Ziege gleichgesetzt. | |||
'''67.24''' Als vorzüglich gilt hier die Abtrennung mit dem Chandrahāsa-Schwert oder einer Schneideklinge; Sichel, Messer, Säge und Beil werden als mittlere Geräte eingestuft. | |||
'''67.25''' Rasiermesser, halbmondförmige Klingen und Lanzenspitzen gelten als geringere Mittel. Andere Waffen wie Speere und Pfeile schließt die Vorschrift aus. | |||
'''67.26''' Ein solches unzulässiges Opfer nehme die Göttin nicht an; dem Geber drohe der Tod. Wer ein rituell besprengtes Tier mit bloßen Händen zerreiße, | |||
'''67.27''' oder es auf die im beschädigten Wortlaut bezeichnete Weise töte, lade die schwere Schuld eines Brahmanenmordes auf sich. Der Kundige dürfe das Opfer nicht ohne vorherige Anrufung des Schwertes vollziehen. | |||
'''67.28''' Alle früher bei Mahamayas Opfer gelehrten Mantras zur Anrufung des Schwertes seien auch hier von den Kundigen anzuwenden. | |||
'''67.29''' Mit ihnen zusammen sollen bei Sharadas und insbesondere Kamakhyas Verehrung die folgenden Formeln zur Anrufung des Schwertes und der übrigen Geräte verbunden werden. | |||
'''67.30''' Zuerst stehe zweimal „Kali“, dann die Anrede „Vajreshvari“, danach „der Trägerin des Eisenstabes“ und zum Schluss „Verehrung“. | |||
'''67.31''' Nach dieser Verehrung nehme man das Schwert in die Hand und spreche darüber den Mantra Kalaratris. | |||
'''67.32''' Der mittlere Teil der Augen-Keimsilbe werde zweimal wiederholt; dann folgen „Kali, Kali“ und „du mit den furchtbaren Lippen“. | |||
'''67.33''' Anschließend folgen zwei durch den dritten und elften Vokal sowie Klangzeichen und Punkt gebildete Lautgruppen. [Die verschlüsselte Konsonantenangabe ist unklar.] | |||
'''67.34''' Dann stehen die Anrede „Phetkarini“ und die Worte: „Verzehre, zerschneide alle Bösen; töte, töte den Büffel! | |||
'''67.35''' Zerschneide, zerschneide mit dem Schwert!“ Es folgen die Lautfolgen „kilikili“ und „cikiciki“, dann „Trinke, trinke | |||
'''67.36''' das Blut! sphaiṁ sphaiṁ kiri kiri. Verehrung der Kalika!“ Dies wird als Mantra Kalaratris bezeichnet. | |||
'''67.37''' Wenn das Schwert mit diesem Mantra besprochen worden sei, werde Kalaratri selbst darin zur Vernichtung der Feinde gegenwärtig und gnädig. | |||
'''67.38''' Die früher genannten Opfermantras sollen die Übenden geheim halten. Die folgende Formel werde ausgesprochen, um nach der Vorstellung des Textes die Schuld der Tötung aufzuheben: | |||
'''67.39''' „Der Selbstentstandene selbst erschuf die Tiere für das Opfer. Darum werde ich dich töten; beim Opfer gilt die Tötung daher als Nichttötung.“ | |||
'''67.40''' Danach nennt die Vorschrift die Gottheit und den eigenen Wunsch; das nach Osten gerichtete Opfer werde mit jenem Schwert getötet. | |||
'''67.41''' Oder das Opfer werde nach Norden, der Vollziehende selbst nach Osten ausgerichtet. Die zuvor genannten Stoffe, darunter Steinsalz, seien dem Mund beizugeben. | |||
'''67.42''' Als Gefäß für die Blutgabe nennt der Text Gold, Silber, Kupfer, Messing, eine Blattschale, | |||
'''67.43''' Ton, Bronze oder Holz eines Opferbaumes, je nach Vermögen. Eisen, Rinde, Rohrgeflecht, Zinn und Blei werden ausgeschlossen. | |||
'''67.44''' Das Blut der Opfer solle auch nicht auf den Boden oder in die Opferlöffel gelangen; Krug, bloße Erde und zu kleines Gefäß werden ebenfalls abgelehnt. | |||
'''67.45''' Der nach Gedeihen Strebende solle das Blut entsprechend darbringen. Menschenblut werde stets in einem irdenen oder metallenen Gefäß vorgesehen. | |||
'''67.46''' Der König dürfe es nicht in Blätter oder Ähnliches geben. Ein Pferd solle niemals außerhalb des Pferdeopfers geopfert werden. | |||
'''67.47''' Ebenso werde ein Elefant dem König nur beim Opfer für die Hüter der Himmelsrichtungen zugewiesen. Pferde und Elefanten dürfe er der Göttin sonst nicht darbringen. | |||
'''67.48''' Beim als Hayakarsha bezeichneten Ritus werde dem König ein Yak als Opfer zugewiesen. Löwe, Tiger, Mensch und Blut aus dem eigenen Körper | |||
'''67.49''' sowie alkoholischer Trank seien einem Brahmanen als Gabe an die große Göttin untersagt. Bringe er Löwe, Tiger oder Mensch dar, gelange er nach dem Text in die Hölle. | |||
'''67.50''' Schon hier sei sein Leben verkürzt und ohne Glück und Wohlergehen. Die Darbringung eigenen Blutes rechne der Text ihm als Selbsttötung an. | |||
'''67.51''' Durch Darbringung von Alkohol verliere ein Brahmane seinen Brahmanenstand. Ein Kshatriya oder Angehöriger der weiteren Stände solle keine Schwarzantilope opfern. | |||
'''67.52''' Ihre Darbringung gelte ihm als Brahmanenmord. Wo die Tötung eines Löwen, Tigers oder Menschen vorgeschrieben werde, | |||
'''67.53''' gilt für den Brahmanen folgende Ersatzordnung, Bhairava: Er fertige die Gestalt eines Tigers, Menschen oder Löwen aus geklärter Butter | |||
'''67.54''' oder aus Opferkuchen beziehungsweise Gerstenmehl und teile diese nach der rituellen Weihe mit dem Chandrahāsa-Schwert. | |||
'''67.55''' Bei einer großen Zahl von Opfergaben stelle der Übende zwei oder drei an die Spitze und verehre durch sie mit dem Mantra alle gemeinsam. | |||
'''67.56''' Die allgemeine Verehrung der Opfergaben habe ich bereits erklärt. Hört nun von mir die jeweiligen Besonderheiten, Bhairava. | |||
'''67.57''' Werde ein Büffel der Göttin, Bhairavi oder Bhairava dargebracht, so werde er mit der folgenden Formel verehrt: | |||
'''67.58''' „Wie du das Reittier hasst und Chandika trägst, so vernichte meine Feinde und bringe mir Heil, Büffel!“ [Die erste Aussage ist im Wortlaut unklar.] | |||
'''67.59''' „Du bist Yamas Reittier, unvergänglich und von erlesener Gestalt. Gib Lebensdauer, Besitz und Ruhm! Verehrung dem Büffel!“ | |||
'''67.60''' Bei der Darbringung eines Nashorns werde es unter Besprengen mit Wasser durch die mit „Höhlengeborener“ beginnende Formel angesprochen. | |||
'''67.61''' „Bei Götter- und Ahnenriten bist du glückverheißend, Nashorn, dem Schwert vergleichbar. Zerschneide die Hindernisse, Hochbegnadeter! Verehrung dir, Höhlengeborener!“ | |||
'''67.62''' Für die Schwarzantilope wird diese Formel genannt: „Schwarzantilope, Gestalt Brahmas, du Mehrerin des brahmanischen Glanzes, | |||
'''67.63''' du Verkörperung der vier Veden, du Weise, gib Einsicht und großen Ruhm!“ Für die Verehrung des Sharabha wird folgende Formel gelehrt: | |||
'''67.64''' „Du Achtfüßiger, hervorgegangen aus dem herabgefallenen Mondteil, du Achtgestaltiger, Starkarmiger, Bhairava Genannter, Verehrung dir! | |||
'''67.65''' Wie du in Bhairavas Gestalt den Eber getötet hast, so vernichte in Sharabha-Gestalt Feinde und Hindernisse!“ | |||
'''67.66''' „Du Löwe, der in Haras Gestalt Chandika trägt, bringe mir ebenso immerdar Heil und vernichte die vielen Hindernisse! | |||
'''67.67''' Du bist Hari in Löwengestalt; durch die Wahrheit, dass du Hiranyakashipu, das Hindernis der Welt, getötet hast, wirke auch hier!“ [Der Satz ist in der Vorlage nicht vollständig ausgeführt.] | |||
'''67.68''' So habe ich die Ordnung der Löwenverehrung erklärt, Schuldloser. Höre nun die Bestimmungen über Menschen und eigenes Blut, Bhairava. | |||
'''67.69''' Wenn am heiligen Sitz ein Menschenopfer dargebracht werde, ordnet der Text es dem Verbrennungsplatz zu, dem bereits genannten Heruka-Stätte. | |||
'''67.70''' Dies gelte auf dem Berg von Kamakhyas Wohnsitz und an Oda und den weiteren Sitzen. Jener Verbrennungsplatz sei meine Gestalt und werde auch Bhairava genannt. | |||
'''67.71''' Er habe bei der Vollendung der Askese drei Teilbereiche. Der östliche, Bhairava genannte Bereich werde für die rituelle Übergabe des Menschen bestimmt, | |||
'''67.72''' der südliche für die Darbringung des Kopfes an die schädelbekränzte Bhairavi, der westliche, Heruka genannte, für das Blut. | |||
'''67.73''' Nach Verehrung, Übergabe und Verabschiedung solle der Vollziehende auf dem Weg seines Kommens zurückkehren und an diesen Verbrennungsplätzen nicht mehr nach der Opferlampe sehen. | |||
'''67.74''' Auch anderswo, wo ein solches großes Opfer stattfinde, unterscheide die Vorschrift den Ort der Übergabe vom Ort der Abtrennung und von dem, an dem der Kopf als „Nektar“ niedergelegt werde. | |||
'''67.75''' Nach der Übergabe solle der Übende nicht zurückblicken. Der betreffende Mensch werde gebadet, geschmückt und auf eine geregelte Vormittagsmahlzeit beschränkt, | |||
'''67.76''' halte sich von Fleisch und geschlechtlichem Genuss fern und werde mit Kranz und Sandel versehen. Nach Norden gerichtet, werde sein Körper mit den Gliedergottheiten in Beziehung gesetzt. | |||
'''67.77''' Der Mensch werde unter seinem Namen und mit der Gottheit verehrt: Brahma an der Scheitelöffnung, die Erde an der Nase, | |||
'''67.78''' der Raum an den Ohren, der nach allen Seiten gewandte Feuergott an der Zunge, die Gestirne an den Augen und Vishnu am Mund. | |||
'''67.79''' An der Stirn werde der Mond verehrt, an der rechten Wange Indra, an der linken das Feuer und am Hals Yama, der Unparteiische. | |||
'''67.80''' An den Haarspitzen werde Nirriti, zwischen den Brauen Varuna, am Nasenansatz der Wind und an der Schulter der Herr des Reichtums verehrt. | |||
'''67.81''' Nach der Verehrung des Schlangenkönigs am Herzen folge diese Anrede: „Bester der Menschen, Hochbegnadeter, erhaben und alle Götter in dir tragend, | |||
'''67.82''' schütze mich, der ich Zuflucht suche, samt Kindern, Vieh und Verwandten, meinem Reich, meinen Ministern und dem viergliedrigen Heer! | |||
'''67.83''' Schütze mich durch die Hingabe deines Lebens, da der Tod ohnehin gewiss ist. Was durch große Askese, Erkenntnis und Opfer als Unsterblichkeit erlangt wird, | |||
'''67.84''' das gib mir, Hochbegnadeter, und erlange selbst Herrlichkeit! Rakshasas, Pishachas, Vetalas und andere Wesen, Kriechtiere, | |||
'''67.85''' Könige, Feinde und andere sollen mich durch deine Wirkung nicht töten. Durch das aus deinem Hals fließende Blut und die Glieder | |||
'''67.86''' werde Sättigung bewirkt, da du, deiner selbst mächtig, stirbst und der Tod gewiss ist.“ Nach dieser Verehrung folgen die zuvor gelehrten Riten. [Die Aufforderung im ersten Halbvers ist sprachlich unsicher.] | |||
'''67.87''' Der so Verehrte gelte als meine Gestalt, von den Welthütern bewohnt und ebenso von sämtlichen übrigen Göttern, Brahma voran. | |||
'''67.88''' Selbst wenn der Mensch Verfehlungen begangen habe, werde er nach dieser Vorstellung frei davon; sein von Makel gereinigtes Blut werde sogleich zu Nektar. | |||
'''67.89''' Es erfreue die große Göttin, Mutter und Gestalt der Welt. Nachdem auch er seinen menschlichen Körper verlassen habe und gestorben sei, | |||
'''67.90''' werde er bald zum Herrn der Scharen und von mir hoch geehrt. Andernfalls gelte das Opfer als mit Schuld, Ausscheidungen und Körperfett verunreinigt, | |||
'''67.91''' und weder Kamakhya noch eine andere Göttin nehme es an. Auch bei den anderen Opfern, Büffeln und weiteren Tieren, bewirke die Verehrung, | |||
'''67.92''' dass der Körper als opferrein gelte und die Göttin Shiva das Blut annehme. Was immer anderen Gottheiten gegeben werde, | |||
'''67.93''' solle nach eigener ritueller Ehrung der ebenfalls verehrten Gottheit dargebracht werden. Die folgende Ausschlussliste nennt Einäugige, Gehbehinderte, sehr Alte, Kranke und Menschen mit nässenden Wunden, | |||
'''67.94''' ferner Impotente, Menschen mit fehlenden Gliedern, vergrößertem Geschlechtsteil, als ungünstig bewerteten Körperzeichen, weißen Hautflecken, sehr kleiner Gestalt sowie schwere Übeltäter, | |||
'''67.95''' Kinder unter zwölf Jahren, von Geburtsunreinheit Betroffene und solche, die noch im vorgeschriebenen Trauerzeitraum nach dem Tod eines besonders nahen Älteren stehen. [Die Zeitangabe der Vorlage ist widersprüchlich.] | |||
'''67.96''' Diese schließt die historische Vorschrift vom Opfer aus, selbst wenn sie bereits rituell verehrt wurden. Bei Tieren, Vögeln und besonders bei Menschen | |||
'''67.97''' werde kein weibliches Wesen als Einzelopfer dargebracht; andernfalls drohe Hölle. Bei Sammelopfern werden weibliche Tiere und Vögel dagegen zugelassen, | |||
'''67.98''' während Frauen auch dort ausgeschlossen bleiben. Ein Tier unter drei Monaten werde nicht als Opfer für die Göttin Shiva zugelassen, | |||
'''67.99''' ein Vogel unter drei Halbmonaten ebenfalls nicht. Einäugige oder körperlich versehrte Tiere und Vögel werden ausgeschlossen. | |||
'''67.100''' Entsprechend gelten die Bestimmungen für Menschen, Tiere und Vögel. Wesen mit abgeschnittenem Schwanz oder Ohr und mit zerbrochenen Zähnen, | |||
'''67.101''' mit abgebrochenen Hörnern und ähnlichen Verletzungen werden nicht zugelassen. Brahmanen und auch Chandalas schließt der Text ausdrücklich aus, o König, | |||
'''67.102''' ebenso bereits den Zweimalgeborenen oder Göttern Übergebene und den Sohn des eigenen Herrschers. Dagegen nennt er den im Krieg gefangenen Sohn eines feindlichen Königs. | |||
'''67.103''' Der eigene Sohn, Bruder, ein nicht feindlich gesinnter Vater, der hier genannte Hausherr sowie Schwestersohn und Mutterbruder werden ausgeschlossen. | |||
'''67.104''' Nicht genannte oder unbekannte Wild- und Vogelarten sollen nicht verwendet werden. Fehlen die genannten Tiere, nennt der Text Esel und Kamel als Ersatz. | |||
'''67.105''' Sind andere vorhanden, sollen Tiger, Kamel und Esel nicht verwendet werden. Nach ordnungsgemäßer Verehrung eines Menschen, Tieres oder Vogels | |||
'''67.106''' und der mit Mantra begleiteten Tötung werde auch die Darbringung mit Mantra vollzogen. Menschenkopf und Menschenblut sollen der Göttin in der bezeichneten Weise übergeben werden. [Die Richtungsangabe ist beschädigt.] | |||
'''67.107''' Das Ziegenopfer ordnet die Vorschrift links, das Büffelopfer vorn an, Vögel links und eigenes Blut vorn. | |||
'''67.108''' Kopf und Blut fleischfressender Tiere und Vögel sowie der Wasserwesen werden der linken Seite zugeordnet. | |||
'''67.109''' Schwarzantilope, Schildkröte, Nashorn, Hase, Krokodil und Fisch werden jedoch ausdrücklich vor der Göttin angeordnet. | |||
'''67.110''' Der Löwe werde rechts dargebracht, ebenso das Nashorn. Kopf oder Blut eines Opfers sollen nicht hinter der Göttin stehen. [Die Angaben zum Nashorn widersprechen einander.] | |||
'''67.111''' Speisegaben gehören rechts, links oder vor die Gottheit, nicht dahinter. Die Lampe soll rechts oder vorn stehen, nicht links. | |||
'''67.112''' Räucherwerk soll links oder vorn stehen, nicht rechts. Duft, Blumen und Schmuck werden vor der Gottheit dargebracht. | |||
'''67.113''' Im Mandala gilt dies entsprechend von der Mitte aus. Alkoholischer Trank wird hinten, anderes Getränk links angeordnet. | |||
'''67.114''' Wo Alkohol ausdrücklich vorgesehen ist, soll ein Zweimalgeborener stattdessen Kokoswasser in einem Bronzegefäß oder Honig in einem Kupfergefäß darbringen. | |||
'''67.115''' Auch in einer Notlage solle ein Zweimalgeborener keinen Alkohol übergeben; als Ausnahmen nennt die Vorlage den zuvor erwähnten Blütenauszug und besonders einen Grinjana genannten Stoff. | |||
'''67.116''' Königssöhne, Minister, Ratgeber, Heerführer und andere königliche Amtsträger werden im Text als Darbringende von Menschenopfern für Wohlstand und Macht genannt. | |||
'''67.117''' Ohne Zustimmung des Königs gelte eine solche Darbringung als Sünde. Für Aufruhr und Krieg behauptet die Vorschrift dagegen eine freie Entscheidungsmacht | |||
'''67.118''' eines königlichen Amtsträgers, niemals eines anderen. Am Tag vor der vorgesehenen Darbringung beginne die rituelle Vorbereitung des Menschen. | |||
'''67.119''' Dabei nennt der Text die mit „mā nastoke“ beginnende Formel, das Devi-Sukta und „gandhadvāre“ sowie die symbolische Auflage des Schwertes auf dem Kopf. | |||
'''67.120''' Dem Schwert werden Duftstoffe dargebracht und damit die vorbereitende Weihe vollzogen; die darauf liegenden Duftstoffe werden am Hals des Menschen angebracht. | |||
'''67.121''' Dazu treten „ambe ambike“ und der wilde Mantra Bhairavas. Nach dieser Weihe, behauptet der Text, beschütze die Göttin das ihr bestimmte Opfer. | |||
'''67.122''' Krankheiten, Verletzungen und die genannten Verunreinigungen sowie Geburt oder Tod in der Verwandtschaft sollen seinen rituellen Status dann nicht beeinträchtigen. | |||
'''67.123''' Höre nun, welches gute oder schlechte Vorzeichen der Text aus der Fallrichtung eines abgetrennten Menschenkopfes und ebenso der Köpfe von Tieren ableitet. | |||
'''67.124''' Bei einem Menschenkopf werden Nordosten und Südwesten als Zeichen für Verlust des Reiches und Vernichtung gedeutet. | |||
'''67.125''' Die übrigen Richtungen, vom Osten über Südosten, Süden, Westen und Nordwesten bis Norden, werden mit Glück, Gedeihen, Furcht, Gewinn, Nachkommenschaft und Reichtum verbunden. | |||
'''67.126''' So lautet die Reihenfolge für den Menschenkopf, Bhairava. Für den Büffelkopf beginnt die Zählung dagegen im Norden | |||
'''67.127''' und endet im Nordwesten. Höre die Zeichen dieser acht Richtungen: Glück, Verlust, Herrschaft, Vermögen, Sieg über Feinde, Furcht, | |||
'''67.128''' Gewinn eines Reiches und Wohlstand, jeweils in dieser Reihenfolge, Bhairava. Für alle übrigen Tiere, beginnend mit Ziegen, | |||
'''67.129''' gelte dieselbe Deutung, ausgenommen Wasserwesen und Vögel. Bei diesen gelten Süden und Südwesten als Furcht verheißend, | |||
'''67.130''' alle anderen Fallrichtungen des abgetrennten Kopfes dagegen als glückverheißend. Ein klapperndes Geräusch der Zähne im abgetrennten Kopf | |||
'''67.131''' von Menschen, Tieren, Vögeln oder Krokodilen wird als Krankheitszeichen gedeutet. Wenn aus den Augen eines Menschenkopfes Tränen fließen, | |||
'''67.132''' kündige dies Verlust des Reiches an. Wenn dagegen aus den Augen des abgetrennten Büffelkopfes Tränen fließen, | |||
'''67.133''' werde dies nach der Darbringung als Tod eines feindlichen Königs gedeutet. Bei den Köpfen der übrigen Opfertiere | |||
'''67.134''' kündigten Tränen große Furcht und Krankheit an. Wenn der abgetrennte Menschenkopf lache, bedeute dies den Untergang der Feinde, | |||
'''67.135''' Zunahme von Wohlstand und Lebensdauer des Gebers. Was immer ein solcher Kopf sage, werde nach dieser Vorzeichenlehre bald eintreten. | |||
'''67.136''' Ein „uṁ“-Laut bedeute Verlust des Reiches, Schleimaustritt den Tod. Wenn der abgetrennte Kopf Götternamen ausspreche, | |||
'''67.137''' sei innerhalb von sechs Monaten unvergleichliche Macht zu erwarten. Wenn beim Auffangen des Blutes Kot oder Urin austrete, | |||
'''67.138''' oder der Körper sich auf die hier unklar bezeichnete Weise aufwärts oder abwärts bewege, werde der Tod des Gebers vorausgesagt; ein Zucken des linken Fußes bedeute schwere Krankheit. | |||
'''67.139''' Andere Zuckungen und Bewegungen würden als günstig gedeutet. Von Büffel- oder Menschenblut nehme der Übende nach dieser Vorschrift | |||
'''67.140''' mit Daumen und Ringfinger eine geringe Menge und gebe sie mit dem Mahakaushika-Mantra als besondere Opfergabe auf die Erde, | |||
'''67.141''' für die Mächte wie Putana, zuerst in südwestlicher Richtung. Als Alter nennt der Text für den Büffel fünf Jahre, | |||
'''67.142''' für einen Menschen fünfundzwanzig Jahre. Dessen Blut wird mit dem Wunsch nach Gedeihen verbunden. Nun folgt die verschlüsselte Mantrabildung aus drei Augen-Keimsilben, Kama-Keim, Endlaut und Prajapati-Laut, | |||
'''67.143''' ferner Feuer-Keim und zwei genannten Vokalen; weitere Glieder verbinden die bezeichneten Laute mit dem Ende der ersten Konsonantengruppe. | |||
'''67.144''' Hinzu kommen der sechste Vokal, Flammenzeichen, Punkt und Mondzeichen sowie die als Virmasika bezeichnete Keimsilbe; dann folgt die Anrede „Kaushiki“. [Die Lautbeschreibung ist beschädigt.] | |||
'''67.145''' Mit „Dies ist die Opfergabe, svāhā“ schließt der Kaushiki genannte Mantra. Der König solle nach vorheriger Anrufung des Schwertes ein stellvertretendes Feindopfer darbringen. | |||
'''67.146''' Ein Büffel oder eine Ziege werde dabei mit dem Namen des Feindes angesprochen und nach der dreifachen Mantraanwendung mit einer Schnur am Maul gebunden. | |||
'''67.147''' Nach Abtrennung des Kopfes werde dieser der Göttin übergeben. Immer wenn die Macht des Feindes zunehme, werde eine solche besondere Opfergabe vorgesehen, | |||
'''67.148''' verbunden mit dem Ziel seines Untergangs. Zuvor solle nach der magischen Vorstellung des Textes die Lebenskraft des Feindes in das Tier eingesetzt werden. | |||
'''67.149''' Beim Tod des Tieres, behauptet der Text, vergehe auch die Lebenskraft des Feindes durch Unheil. Die Formel beginne mit „Du von feindlicher Gestalt, Chandika“; | |||
'''67.150''' dann werde der betreffende Feind genannt und zweimal „Geh zu ihm“ gesprochen, gefolgt von „svāhā“. Dies wird als Schwertmantra bezeichnet. | |||
'''67.151''' „Dieser, der mich hasst, ist selbst der Feind in Tiergestalt. Vernichte ihn, Mahamari! spheṁ spheṁ, verzehre, verzehre!“ | |||
'''67.152''' Mit dieser Formel werde eine Blume auf seinen Kopf gelegt; das Blut werde danach mit den beiden Keimsilben dargebracht. | |||
'''67.153''' Wenn im Herbst an der großen Navami eine solche Opfergabe stattfinde, werde ein Feueropfer mit Fleisch aus acht Körperbereichen vorgeschrieben, | |||
'''67.154''' unter dem Durga-Tantra-Mantra in einem rituell reinen Feuer. Der Text verheißt dem Menschen dadurch die Vernichtung seiner Feinde. | |||
'''67.155''' Bei Gaben eigenen Blutes schließt die Vorschrift die Körperbereiche unterhalb des Nabels und den Rücken ausdrücklich aus. | |||
'''67.156''' Auch Lippen, Kinn und Sinnesorgane werden ausgeschlossen; genannt wird stattdessen der Bereich unterhalb des Halses und oberhalb des Nabels sowie die Arme, ausgenommen die Hände. | |||
'''67.157''' Der Text mahnt, die Verletzung nicht übermäßig auszuführen. Er nennt außerdem Blut von Wangen, Stirn und der Stelle zwischen den Brauen, | |||
'''67.158''' von Ohrspitzen, Armen, Hals- und Bauchgegend sowie wiederum von der Brustregion zwischen Hals und Nabel. | |||
'''67.159''' Auch die Körperseiten werden in dieser historischen Vorschrift als Herkunft der Durga zugedachten Gabe genannt; Knöchel, Schlüsselbeingegend und Mund werden ausgeschlossen. | |||
'''67.160''' Ebenso ausgeschlossen werden krankhafte Wunden und Verletzungen, die jemand anderes zugefügt hat, Bhairava. Die dafür eigens vorgenommene Handlung wird mit Glauben und unerschüttertem Geist verbunden. | |||
'''67.161''' Das ausgetretene Blut werde nach der Vorschrift auf einem Lotusblatt oder in einem goldenen, silbernen oder bronzenen Gefäß gesammelt; die Lesart zu Eisen und Klinge ist nicht eindeutig. | |||
'''67.162''' Von dort werde es mit Mantra der Göttin dargebracht. Als Geräte nennt die Vorlage Grabwerkzeug, kleines Messer, Schwert, Beil und ähnliche Schneiden. | |||
'''67.163''' Einer Verletzung durch ein größeres Gerät schreibt der Text eine größere rituelle Frucht zu. Als Maß wird die Blutmenge angeführt, die ein Lotusblatt aufnimmt. | |||
'''67.164''' Die Gabe dürfe dieses Maß nicht um mehr als ein Viertel überschreiten; eine Abtrennung von Körpergliedern wird ausdrücklich untersagt. | |||
'''67.165''' Wer, so die folgende Verheißung, der Göttin hingebungsvoll ein kleines Stück Fleisch aus der Brustgegend darbringe, im Maß einer schwarzen Bohne, eines Sesamkorns oder einer Mungbohne, | |||
'''67.166''' erlange innerhalb von sechs Monaten den ersehnten Wunsch. Wer an Armen oder Schultern einen Lampendocht darbringe, | |||
'''67.167''' oder an der Brust ohne gesondertes Ölgefäß, dem wird für einen einzigen Augenblick dieser schmerzhaften Lampengabe folgende Frucht zugesprochen: | |||
'''67.168''' Er genieße nach Belieben große Freuden im Haus der Göttin, verweile dort drei Weltzeitalter und werde danach ein Weltherrscher. | |||
'''67.169''' Wer einen abgetrennten Büffelkopf mit Lampe in beiden Händen vor der Göttin halte und so einen ganzen Tag und eine Nacht verharre, | |||
'''67.170''' erlange langes Leben und einen gereinigten Körper, genieße hier angenehme Freuden und gelange danach in mein Haus als Herr der Scharen. | |||
'''67.171''' Wer dagegen nachts wachend einen Menschenkopf in der rechten Hand und ein Blutgefäß in der linken halte | |||
'''67.172''' und so die ganze Nacht verharre, werde nach dieser Verheißung auf Erden König und gelange nach dem Tod als Herr der Scharen in mein Haus. | |||
'''67.173''' Wer auch nur einen Augenblick Kopf und Blut eines Opfers in beiden Händen halte, dabei die Göttin innerlich betrachte und vor ihr stehe, | |||
'''67.174''' erlange hier seine Wünsche und werde in der Welt der Göttin geehrt. Es folgt die Anrede: „Mahamaya, Herrin der Welt, Spenderin aller Wünsche, | |||
'''67.175''' ich gebe Blut meines Körpers; sei gnädig und schenke deine Gaben!“ Nach diesen Worten und einer Verneigung wird der Grundmantra genannt, | |||
'''67.176''' mit dem der als einem Vollendeten gleich bezeichnete Mensch eigenes Blut darbringe. Die nächste Formel lautet: „Weil ich wahrhaftig mein eigenes Fleisch für Gedeihen gebe, Herrin, | |||
'''67.177''' gewähre mir durch diese Wahrheit Befreiung! haṁ haṁ, Verehrung, Verehrung!“ Diese Worte ordnet der Text der Gabe eigenen Fleisches zu. | |||
'''67.178''' „Glück, von Wohlergehen erfüllt, höchste Leuchte und Glanz: Dieses Fleisch möge als Lampe leuchten. hnauṁ hnauṁ, Verehrung, Verehrung!“ [Der Satzbau dieser Formel ist beschädigt.] | |||
'''67.179''' Diese Formel wird der Lampengabe zugeordnet. In der Nacht der großen Navami im Herbst folgt ein Ritus für Skanda und Vishakha. | |||
'''67.180''' Der Feind werde als Figur aus Gerstenmehl oder Ton dargestellt; nach der Mantraanwendung werde ihr Kopf als symbolische Opfergabe abgetrennt. | |||
'''67.181''' Zuvor werde das Schwert mit der folgenden Formel angesprochen, deren Anfang „Blut, kilikili, Schrecklicher, Vernichter des schrecklichen Trägers“ lautet. [Die Wortverbindungen sind unsicher.] | |||
'''67.182''' Es folgen „Schüler Brahmas, Schüler Ambikas“ und der Name des betreffenden Feindes; danach werden ein Endlaut mit Visarga und ein weiterer mit Punkt verschlüsselt angegeben. | |||
'''67.183''' Die Vorlage wiederholt hier die Abtrennung des Kopfes der Figur sowie die Anwendung desselben, mit Punkt versehenen Mantras. | |||
'''67.184''' Brahma-Laut, Feuer-Laut, Yoga-Mond und Punkt sowie der Abschluss „phaṭ“ bilden nach der verschlüsselten Angabe den Schwertmantra bei Opfergaben für Skanda und Vishakha. | |||
'''67.185''' Die künstliche Feindfigur werde mit roten Stoffen gefärbt und mit einem Zeichen aus rotem Sandel auf der Stirn versehen. | |||
'''67.186''' Sie erhalte roten Kranz und rote Kleidung, rote Schnüre am Hals und einen künstlichen Dorn beziehungsweise ein Geschoss am Nabel. | |||
'''67.187''' Der Kopf werde nach Norden ausgerichtet; nach seiner symbolischen Abtrennung werde er unter dem Skanda-Mantra dargebracht. | |||
'''67.188''' Der folgende Grundmantra wird aus dem vierzehnten Vokal, Feuer-Laut, den bezeichneten vorderen und hinteren Lauten sowie Mondzeichen und Punkt beschrieben. [Die Reihenfolge ist im Wortlaut nicht sicher auflösbar.] | |||
'''67.189''' Dies sei Skandas Grundmantra, mit dem seine Gabe übergeben werde. Der dritte entsprechende Laut, wiederum mit vierzehntem Vokal und Feuer-Laut verbunden, | |||
'''67.190''' werde als Vishakhas Mantra bezeichnet und bei dessen Gabe verwendet. Beide werden mit schrägen Augen, schwarzbrauner Farbe und roten Körperzeichen geschildert. | |||
'''67.191''' In den rechten Händen tragen sie Dreizack und Schwert, in den linken einen Menschenschädel und eine Schneideklinge. | |||
'''67.192''' Sie sind dreiäugig, tragen eine Menschenkopfgirlande auf der Brust und erscheinen mit gewaltigen Zähnen furchtbar; diese beiden Herren der Scharen dienen als Torhüter. | |||
'''67.193''' So sollen sie in der Meditation stets vor der Göttin stehend vergegenwärtigt werden. Besonders am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte des Monats Chaitra | |||
'''67.194''' werde ich in Bhairava-Gestalt mit Büffel- und Ziegenopfern, berauschenden beziehungsweise süßen Getränken und Fleisch verehrt; dadurch werde ich erfreut, meine Söhne. | |||
'''67.195''' Bei Chandikas Opfergabe werde der Opferkopf mit Wasser besprengt und mit dem Grundmantra dargebracht. | |||
'''67.196''' An der noch geringfügig belebten, sich bewegenden und vorher verehrten Gabe wolle der Übende Zeichen körperlichen Gedeihens und der Vollendung erkennen. | |||
'''67.197''' „Der weiße Tote ist ihr Wagen, dem Yoga-Sitz vergleichbar. Auf ihm meditiere ich, Mahamaya; offenbare die Vollendung! Verehrung!“ [Die Formulierung ist in der Vorlage unsicher.] | |||
'''67.198''' Wenn der so angesprochene Kopf sich bald bewege, werde das als Gelingen des Vorhabens gedeutet, andernfalls als Misslingen. | |||
'''67.199''' Der „Held“, der nach dieser Vorschrift Opfergaben darbringe, erlange, so die abschließende Verheißung, dadurch die vier Lebensziele. | |||
'''67.200''' Damit wurden Reihenfolge und Gestalt der Opfergaben in diesem Blutkapitel erklärt. Höre nun von mir die weiteren Ehrendienste. | |||
===Kapitel 68=== | |||
'''68.1''' Der erhabene Herr sprach: Ich werde die sechzehn Ehrendienste erklären; höre, Bhairava. Durch sie wird die Gottheit, ebenso jede andere Gottheit, bei hingebungsvoller Ausführung erfreut. | |||
'''68.2''' Zuerst bringe man einen Sitz dar, aus Blumen oder Holz, aus Stoff, Fell oder Kusha-Gras, und stelle ihn nördlich des Mandalas auf. | |||
'''68.3''' Was auf dem Lotus dargebracht wird, gebe man in das Mandala. Mit gesprochenen Worten, Blumen und Wasser werde es übergeben; Gegenstände, die außer Blumen den Lotus verdecken würden, | |||
'''68.4''' lege man außerhalb, etwa an einem Tor, nieder. Ehrenwasser, Fußwasser, Mundspülwasser, Badewasser und Augenschminke, | |||
'''68.5''' Honigmischung, Duftstoffe und Blumen bringe man auf dem Lotus dar. Bei Bildgestalten gebe man auf den Körper, was sich zur unmittelbaren Anwendung eignet; | |||
'''68.6''' Speisen und andere Essensgaben stelle man davor. Ist ein vorgeschriebener Blumensitz klein genug für das Innere, | |||
'''68.7''' lege man ihn auf den Lotus; einen großen stelle man an ein Tor. Ein Blumensitz wird aus zahlreichen Blumen, verbunden durch Kusha-Fasern oder andere Fäden, gefertigt. | |||
'''68.8''' Er erfreut die Göttin besonders, auch mich und andere Gottheiten, Bhairava. Ein Sitz aus dem Holz eines Opferbaumes sei glatt und schön, | |||
'''68.9''' nicht zu hoch und nicht übermäßig breit. Auch aus anderem Holz kann ein vortrefflicher Sitz dargebracht werden, | |||
'''68.10''' doch ausgeschlossen werden dorniges oder milchsaftführendes Holz, kernloses Holz, Holz von Heiligtümern und Verbrennungsplätzen sowie Vibhitaka-Holz. | |||
'''68.11''' Rindenstoff, Seide und Hanf gelten als drei Stoffarten; mit der aus Haar beziehungsweise Wolle gefertigten Decke sind es vier. | |||
'''68.12''' Aus ihnen bereite man einen Sitz für das ersehnte Gedeihen. Die folgende Aufzählung nennt Felle von Löwe, Tiger, Hyäne, Ziege und Büffel, | |||
'''68.13''' von Elefant, Pferd, Schwarzantilope, Srimara, Rama und den neun Arten von Wild. | |||
'''68.14''' Sitze aus solchen Fellen gelten in dieser Überlieferung als erfreulich für alle Götter. Unter den Stoffen wird die Wolldecke als Göttersitz empfohlen. | |||
'''68.15''' Unter den Fellen gilt Rankava als vorzüglich, unter Holzsitzen Sandelholz. Ein Sitz aus Kusha-Gras aber wird als unübertrefflich bezeichnet. | |||
'''68.16''' Für sämtliche Götter und selbstbeherrschten Seher wird dieser Sitz einem Yoga-Sitz gleichgestellt. | |||
'''68.17''' Durch die Gabe eines Sitzes erlange man Glück und Befreiung. Die neun Wildarten werden genannt als Shambara, Rohita, Rama, Nyanku, Ranku, Hase, Ruru, | |||
'''68.18''' Ena und Harina. Unter Harina werden wiederum fünf Arten unterschieden, Bhairava: | |||
'''68.19''' Rishya, Nashorn, Ruru, Prishata und die als Mriga bezeichnete Art. Diese werden bei Opfergaben und Fellgaben angeführt. | |||
'''68.20''' Auch Sitze aus Metallen gelten als vorzüglich, mit Ausnahme von Eisen, Bronze und Blei. | |||
'''68.21''' Ebenso werden Sitze aus Stein, Edelstein und kostbarem Schmuckstein anerkannt; man bringe sie den Gottheiten für weltlichen Genuss und Befreiung dar. | |||
'''68.22''' Höre nun auch von den Sitzen der Übenden, Bhairava, auf denen sie bei der Verehrung nach dieser Lehre sämtliche Vollkommenheiten erlangen können. | |||
'''68.23''' Vier Arten werden für die Übenden genannt: aus Holz, aus Fell, aus Stoff und aus Metall. | |||
'''68.24''' Diese gelten als geeignete Sitze beim Verehrungsritus. Der Übende soll dabei nicht beliebig auf irgendeinem Sitz Platz nehmen. | |||
'''68.25''' Der Kundige wähle für einen Holzsitz und dergleichen stets eine helle beziehungsweise weiße Ausführung. Für einen Holzsitz werden vierundzwanzig Fingerbreiten Länge angegeben, | |||
'''68.26''' sechzehn Fingerbreiten Breite und vier oder sechs Fingerbreiten Höhe; höher solle er nicht sein. | |||
'''68.27''' Die zuvor ausgeschlossenen Materialien bleiben auch für den Sitz bei der Verehrung ausgeschlossen. Ein Stofftuch sei nicht länger als zwei Ellen und nicht breiter als anderthalb Ellen. | |||
'''68.28''' Bei der Verehrung solle es nicht höher als drei Fingerbreiten aufliegen. Einen der zuvor genannten, Vollendung verheißenden Fellsitze könne man nach Bedarf gestalten, | |||
'''68.29''' jedoch niemals höher als sechs Fingerbreiten. Sitze aus Wolldecke, Fell und Stein werden für Mahamayas Verehrung | |||
'''68.30''' und ebenso für Kamakhya empfohlen; für Tripura und Vishnu wird stets der Kusha-Sitz hervorgehoben. | |||
'''68.31''' Ein sehr langes, hohes oder breites Holzstück gilt bei den Riten wie der Erdboden; für einen Stein gilt Entsprechendes. | |||
'''68.32''' Man richte darum einen gesonderten Sitz ein, auch außerhalb am Tor. Einen Sitz aus Blättern soll man bei der Verehrung nicht verwenden. | |||
'''68.33''' Aus Körperteilen von Tieren gefertigte Knochensitze werden ausgeschlossen, mit Ausnahme von Elefantenmaterial; ein Sitz aus Elfenbein wird für Riten zur Erfüllung besonderer Wünsche genannt. | |||
'''68.34''' Die bereits erwähnten Felle sind zugelassen, ebenso das des Moschustieres. Wenn die Verehrung der Gottheiten im Wasser stattfindet, | |||
'''68.35''' soll sie auch dort nach Möglichkeit sitzend geschehen, nicht stehend. Als Sitz im Wasser eignen sich Stein oder Kusha, | |||
'''68.36''' auch Holz oder Metall, keine anderen der genannten Arten. Fehlt ein Ort, an dem man einen Sitz aufstellen kann, | |||
'''68.37''' stelle der Verehrer sich den Sitz im Geist vor und verehre so im Wasser. Ist mitten im Wasser überhaupt keine Möglichkeit zum Sitzen vorhanden, | |||
'''68.38''' oder gilt dasselbe an einem anderen Ort, darf die Götterverehrung stehend geschehen. Damit ist der Sitz für Verehrte und Verehrer erklärt, mein Sohn. | |||
'''68.39''' Hört nun über das Fußwasser, Vetala und Bhairava. Padya ist das für die Füße bestimmte Wasser, schlichtes Wasser allein. | |||
'''68.40''' Man reiche es in einem Metallgefäß oder einer Muschel. Das Fußwasser gilt als Grundlage für Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lebensfreude und Befreiung. | |||
'''68.41''' Es wird nach dem Sitz mit dem Grundmantra dargebracht. Das Ehrenwasser bereite man mit Kusha, Blumen, ungebrochenem Reis, Senfkörnern und Sandel, | |||
'''68.42''' Wasser und verfügbaren Duftstoffen und bringe es für die Vollendung dar. Durch Arghya erlange man Wünsche und Reichtum, | |||
'''68.43''' Nachkommenschaft, Lebensdauer, Glück und Befreiung. Dem Sonnengott soll der Kundige kein Arghya mit Wasser aus einer Muschel geben. | |||
'''68.44''' Ebenso soll er Vishnu das Arghya nicht in einer Perlmutterschale darbringen. Mundspülwasser reiche man als reines, wohlriechendes Wasser, | |||
'''68.45''' mit Kampfer beduftet, mit schwarzem Adlerholz beräuchert oder auf andere Weise wohlriechend gemacht, stets ohne Schaum. | |||
'''68.46''' Man reiche es in einem Metallgefäß oder einer Muschel. Klares, schaumfreies Wasser, das den Göttern | |||
'''68.47''' zum Spülen des Mundes gereicht wird, heißt Achamana. Man kann dafür auch schlichtes, unvermischtes Wasser geben. | |||
'''68.48''' Sind Duftstoffe verfügbar, bedufte man es damit. Durch die Gabe des Mundspülwassers erlange der Übende nach der Verheißung Lebensdauer, Kraft und zunehmenden Ruhm | |||
'''68.49''' sowie die jeweils ersehnten Wünsche. Dickmilch, geklärte Butter, Wasser, Honig und Zucker bilden die fünf Bestandteile | |||
'''68.50''' der Honigmischung Madhuparka, die alle Götterscharen erfreut. Wasser nehme man am wenigsten; Zucker, Dickmilch und Butter zu gleichen Teilen, | |||
'''68.51''' Honig dagegen mehr als jeden anderen Bestandteil. Man reiche die Mischung in Bronze, Gold oder Silber. | |||
'''68.52''' Beim Jyotishtoma, Pferdeopfer und anderen Opfern, bei Wohltätigkeitswerken und bei der Verehrung ist diese alle Götterscharen erfreuende Honigmischung vorgesehen. | |||
'''68.53''' Sie gilt als Mittel für die vier Lebensziele und als Spenderin von Glück, Genuss, Zufriedenheit und Gedeihen. | |||
'''68.54''' Mehlpaste, Moschus, gelber Rinderfarbstoff, Safran, Rohzucker, Honig, die fünf Kuhprodukte und die Gesamtheit der Heilkräuter, | |||
'''68.55''' Zucker, Reinigungsmittel, Öl, fettige Salben, Sesam und abschließend Wasser werden von den Ritualkundigen als Mittel des rituellen Bades genannt. | |||
'''68.56''' Auch Wasser, in dem Gold und Edelsteine liegen oder das mit Kampfer und anderen Düften versetzt ist, werde in Metall- oder Bronzegefäßen beziehungsweise Muscheln dargebracht. | |||
'''68.57''' Im Mandala gebe man es an die Lotusfäden; ebenso wird es an Sonnenbildern, am Shiva-Linga, am bezeichneten Bhoga, am heiligen Sitz und am Körper der Gottheit verwendet. | |||
'''68.58''' Bei empfindlichen Bildgestalten aus frischer Masse, Ton, Butter, Zinnober oder Sandelpaste beschränke man sich auf das Bestreichen beziehungsweise eine schonende Anwendung. [Der Beginn ist beschädigt.] | |||
'''68.59''' Stellvertretend kann ein auf einem Svastika aufgestelltes Schwert oder ein Spiegel gebadet werden. So bringe man insbesondere der großen Göttin das Bad dar, | |||
'''68.60''' oder Sonne, Vishnu und Shiva, wo immer die Verehrung stattfindet. Durch die Darbringung des Bades werde der Verehrer langlebig. | |||
'''68.61''' Ein ordnungsgemäßes Bad verheiße ihm bis zum Ende eines Weltzeitalters Anteil am Himmel. Fußwasser, Duftstoffe, Blumen | |||
'''68.62''' und sämtliche anderen Ehrengaben sollen vor der Übergabe mit dem Wasser aus dem Arghya-Gefäß besprengt werden, das durch Nektarverwandlung und die übrigen Riten geweiht ist. | |||
'''68.63''' Dann bringe man sie der erwählten Gottheit dar; so nehme sie selbst die Gaben an. Eine Darbringung ohne dieses Wasser aus dem Arghya-Gefäß | |||
'''68.64''' bleibe nach dieser Lehre ohne Frucht. Wenn durch Unbeherrschtheit, Habgier oder Unachtsamkeit das zu Nektar geweihte Wasser | |||
'''68.65''' aus dem Gefäß verschüttet werde, müsse die Weihe erneut vollzogen werden. Bleibt jedoch eine kleine Menge des geweihten Wassers im Gefäß zurück, | |||
'''68.66''' kann weiteres Wasser hinzugegossen werden; dieses gelte durch die Verbindung ebenfalls als Nektar. Auch zahlreiche Blumen oder große Kränze | |||
'''68.67''' sollen vor der Darbringung mit dem Wasser aus dem Arghya-Gefäß besprengt werden. Was stattdessen mit anderem Wasser übergeben werde, | |||
'''68.68''' nehme die erwählte Gottheit selbst bei hundert weiteren Riten nicht an. In dem durch neun vorbereitende Handlungen geweihten Arghya-Gefäß | |||
'''68.69''' seien alle heiligen Badeorte und alle Nektarkräfte gegenwärtig. Deshalb sollen die Ehrengaben mit seinem Wasser besprengt und dann übergeben werden. | |||
'''68.70''' Man lege aber keine ungeeigneten Gegenstände in das Arghya-Gefäß, um sie darzubringen. So sind dir, Bhairava, die sechs Dienste vom Sitz an erklärt. Die zehn weiteren, beginnend mit Kleidung, werde ich nun zu deiner wachsenden Erkenntnis erläutern. | |||
===Kapitel 69=== | |||
'''69.1''' Der erhabene Herr sprach: Baumwolle, Wolldecke, Rindenstoff und Seide gelten als geeignete Kleidung. Nach ihrer vorherigen Verehrung bringe man sie mit Mantras der Gottheit dar. | |||
'''69.2''' Ausgeschlossen werden Stoffe ohne ordentlichen Saum, schmutzige, abgetragene, zerrissene, bereits am Körper getragene, fremdes Eigentum, von Mäusen angenagte, durchstochene und lange liegengebliebene Stücke, | |||
'''69.3''' ferner die hier unklar als „mit Resten“ bezeichneten, bereits gewaschenen und durch Schleim, Urin oder Ähnliches verunreinigten Stoffe. Dies gilt für Gaben an Götter sowie für Götter- und Ahnenriten, | |||
'''69.4''' auch für die eigene Verwendung bei Opfern. Obergewand, Schultertuch, Umhüllung, Modachelaka | |||
'''69.5''' und Untergewand, diese fünf, sollen ungenäht verwendet werden. Hanfgewand, Nachtgewand, Sonnenschutz, | |||
'''69.6''' Chandataka und Drishya werden als fünf zulässige genähte Formen genannt. Auch für Banner, Fahnenstangen und dergleichen ist genähter Stoff vorgesehen. | |||
'''69.7''' Ebenso gilt dies für andere Abdeckungen, damit sie nicht zerfallen. Rote Seidenkleidung wird für die große Göttin empfohlen. | |||
'''69.8''' Gelbe Seide bringe man Vasudeva dar, eine rote Wolldecke dagegen Shiva, dem höchsten Selbst. | |||
'''69.9''' Buntes feines Gewebe kann allen Göttern und Göttinnen dargebracht werden; Baumwolle gilt als allgemein günstig und für alle geeignet. | |||
'''69.10''' Vasudeva solle kein ausschließlich rotes Gewand erhalten, Shiva kein ausschließlich blaues. | |||
'''69.11''' Mit Indigo gefärbter Stoff wird allgemein ausgeschlossen; der Kundige soll ihn bei Götter- und Ahnenriten nicht verwenden. | |||
'''69.12''' Wer Vishnu aus Unachtsamkeit ein indigogefärbtes Gewand darbringt, dessen Verehrung bleibt nach dieser Vorschrift fruchtlos, Bhairava. | |||
'''69.13''' Ein buntes Gewand mit indigogefärbten Anteilen darf jedoch der großen Göttin dargebracht werden, keiner anderen Gottheit. | |||
'''69.14''' Wie nach der Rangordnung des Textes der Brahmane unter den Zweibeinigen und Indra unter den Göttern, so gilt Kleidung unter den Schmuckgaben als vorzüglich. | |||
'''69.15''' Kleidung beseitigt Beschämung und mindert Übel; durch sie werde umfassendes Gelingen möglich. Sie verheißt die vier Lebensziele. | |||
'''69.16''' Damit wurde dir die stets erfreuende Kleidung als nützlicher und vorzüglicher Schmuck erklärt, mein Sohn. Höre nun über die Schmuckstücke. | |||
'''69.17''' Krone, Kopfschmuckstein, Ohrring, Stirnschmuck, palmblattförmiger Ohrschmuck, Halskette, Halsband und Ring, | |||
'''69.18''' Hängekette, Edelsteinschnur, hoher Schmuck, die in der Vorlage unklar bezeichnete Kette, Seitenschmuck, Nagelschmuck und Fingerhülle, | |||
'''69.19''' Haarknoten- und Lockenschmuck, Manavaka, Scheitelstern, Khalantika, Armreif, Oberarmring, Haarbüschelschmuck und Ingika, | |||
'''69.20''' Rangdandabandha, leuchtender Schmuck, Nabelfüllung, Kettchen, siebenreihiger Schmuck, Gliederkette, zahnförmiges Schmuckblatt und Ohrgehänge, | |||
'''69.21''' Schenkelschnur, Hüftband, Handgelenkband, Streuschmuck, Fußreif, Hamsaka, Fußschelle und kleines Glöckchen, | |||
'''69.22''' sowie Sukha-Patta werden als schöne Zierstücke genannt. Diese vierzig Schmuckarten gelten in weltlicher und vedischer Überlieferung als freudebringend. [Einige Namen sind textlich unsicher.] | |||
'''69.23''' Die Darbringung von Schmuck wird als Mittel zu den vier Lebenszielen gepriesen. Nach seiner Verehrung bringe man ihn für das ersehnte Gelingen dar. | |||
'''69.24''' Der Kundige verehre ihn unter Nennung seiner Gottheit. Schmuck für den Kopf soll stets aus Gold bestehen, | |||
'''69.25''' etwa der Schmuckstein am Haarknoten und ähnliche Zierden, Bhairava. Vom Halsband bis zum Hamsaka dürfen die Stücke aus Gold oder Silber sein. | |||
'''69.26''' Solchen Schmuck bringe man den Göttern dar, nicht Schmuck aus anderen Metallen. Gefäße und Geräte dagegen dürfen aus Messing, Zinn und anderen genannten Stoffen bestehen, | |||
'''69.27''' unter Ausschluss von Eisen; für eigentlichen Schmuck gilt diese Erlaubnis nicht. Glocke, Yakschweifwedel, Krug und weitere Gefäße und Geräte | |||
'''69.28''' werden als ergänzende Ausstattung neben dem Schmuck dargebracht. Alles, auch Schmuck, darf ferner aus Kupfer bestehen. | |||
'''69.29''' Kupfer gilt überall dem Gold gleich, für das Arghya-Gefäß sogar als überlegen. Gefäße zur Verehrung, für Ehrenwasser, Speisen und Getränke | |||
'''69.30''' aus Udumbara-Holz erfreuen Vishnu stets. Im Kupfer erfreuen sich die Götter, im Kupfer sind sie beständig gegenwärtig. | |||
'''69.31''' Kupfer erfreut alle; darum soll man es verwenden. Sowohl bei eigenem Schmuck als auch bei Götterschmuck, Bhairava, | |||
'''69.32''' soll jedoch oberhalb des Halses kein Silber verwendet werden. Mantel, Trinkgefäß, Gandaka, Haus, | |||
'''69.33''' Ruhebett und weitere Gegenstände zählen zur ergänzenden Ausstattung. Schmuck aus anderen Stoffen, außer Eisen und Bronze, | |||
'''69.34''' kann bei Fehlen von Gold und Silber am unteren Körper angebracht werden. Von diesen Schmuck- und Ausstattungsstücken gebe man, was man vermag; | |||
'''69.35''' wenn die Mittel vorhanden sind, bringe man alles dar. So gilt Schmuck als Spender der vier Lebensziele und sämtlicher Freuden. | |||
'''69.36''' Nach Vermögen bringe man ihn zum erwählten Ziel dar, als Quelle von Zufriedenheit, Gedeihen und Wohlgefallen. Damit ist euch der alle Götter erfreuende Schmuck erklärt. | |||
'''69.37''' Hört nun genau über Duftstoffe, meine Söhne Vetala und Bhairava: Sie werden zu Pulver zerstoßen, verrieben, durch Hitze gewonnen, | |||
'''69.38''' ausgepresst oder aus einem tierischen Körperteil erhalten. Diese fünf Arten von Duftstoffen erfreuen nach der Lehre die Götter. | |||
'''69.39''' Duftpulver, zerriebene Duftblätter, Blütenpulver und Pulver aus Blättern mit angenehmem Geruch | |||
'''69.40''' tragen den Duft; dies ist die erste Art. Verriebenes Sandelholz aus dem Malaya, mit pulverisiertem Meru-Stoff verbunden, | |||
'''69.41''' und Adlerholz sowie andere Stoffe, deren Paste dargebracht wird, bilden die zweite, durch Reiben gewonnene Art. [Ein Ausdruck ist beschädigt.] | |||
'''69.42''' Aus Zeder, Adlerholz, Lotusduftholz, Sandel und weiteren duftenden Hölzern wird durch Erhitzen ein Saft beziehungsweise Auszug gewonnen. | |||
'''69.43''' Dieser durch Hitze entzogene Duft heißt die dritte Art. Aus duftendem Karavi, Bilvagandhi, Tilaka | |||
'''69.44''' und weiteren Pflanzen durch Pressen gewonnener Saft heißt dagegen Pressduft. | |||
'''69.45''' Der aus der Moschusdrüse beziehungsweise ihrem Beutel gewonnene Duft heißt tierischer Duft; er erfreut nach dem Text die Himmelsbewohner. | |||
'''69.46''' Kampfer, Sandelessenz und ähnliche Stoffe kommen als Pulver und als Verreibung vor; Chandrabhaga und verwandte Stoffe als Saft und Paste. | |||
'''69.47''' Sandelessenz und die verschiedenen Säfte werden in Duftmischungen verwendet; Moschus kann durch Verbindung mit anderen Stoffen als Verreibung oder Pulver erscheinen. | |||
'''69.48''' So lassen sich alle Duftstoffe den fünf Arten zuordnen und durch Reiben und andere Verarbeitung miteinander verbinden, um besonderes Wohlgefallen zu bewirken. | |||
'''69.49''' Die vielen weiteren Duftarten, etwa Kaliyaka, fallen sämtlich unter diese fünf Hauptgruppen. | |||
'''69.50''' Sandel aus dem Malaya wird bei Götter- und Ahnenriten geschätzt. Seine Paste, sein Auszug und sein Pulver erfreuen Vishnu. | |||
'''69.51''' Unter allen Duftstoffen wird Malaya-Sandel besonders gelobt; darum soll man sich bemühen, ihn stets darzubringen. | |||
'''69.52''' Schwarzes Adlerholz mit Kampfer und Malaya-Sandel erfreut Vaishnavi und Kamakhya, Bhairava. | |||
'''69.53''' Eine Mischung gleicher Teile Safran, Adlerholz, Moschus und Chandrabhaga erfreut Tripura und wird auch für Chandi empfohlen. | |||
'''69.54''' Der Übende verehre den Duftstoff unter Nennung der Gottheit und bringe ihn seiner erwählten Gottheit dar; dies verheißt sämtliche Vollkommenheiten. | |||
'''69.55''' Durch Duft erlange man Wünsche; Duft verleihe Rechtschaffenheit, fördere Wohlstand, und in ihm sei auch Befreiung begründet. | |||
'''69.56''' Damit ist euch der Duft erklärt, meine Söhne Vetala und Bhairava. Hört nun die Blumen, die der Göttin Vaishnavi lieb sind. | |||
'''69.57''' Mit Bakula, Mandara, Kunda, Kuruntaka, Oleander, Arka, Shalmali und Aparajita, | |||
'''69.58''' Damana, Sindhuvara, Surabhi und Kuruvaka, mit Ranken des Brahma-Baumes und zarten Durva-Sprossen, | |||
'''69.59''' mit Blütenständen des Kusha-Grases und schönen Bilva-Blättern verehre man Vaishnavi, Kamakhya und Tripura. | |||
'''69.60''' Hört auch die weiteren Blumenarten, die der Göttin Shiva Freude bereiten, Vetala und Bhairava: | |||
'''69.61''' Malati, Mallika, Jati, Yuthika, Madhavi, Patala, Oleander, Hibiskus und Tarkarika, | |||
'''69.62''' Kubjaka, Tagara, Karnikara, Rochana, Champaka, Amrataka, Bana, Barbara und nochmals Mallika, | |||
'''69.63''' Ashoka, Lodhra, Tilaka, Atarusha, Shirisha, Shami-Blüten, Drona, Lotus, Wasserlilie, Baka und Aruna, | |||
'''69.64''' weiße und rote Trisandhya, Palasha, Khadira, Vanamala, Sevanti, Kumuda und Kadamba, | |||
'''69.65''' Chakra, roter Lotus, Tandila, Girikarnika, Nagakeshara, Punnaga, Ketaki und Anjalika, | |||
'''69.66''' Dohada, Zitronatzitrone, Nameru, Shala, Trapushi, Chandabilva und die fünf Arten von Jhinti. | |||
'''69.67''' Mit diesen und ähnlichen Blumen verehre man die gabenspendende Göttin. Bei den Blättern beginnt die folgende Rangfolge mit Apamarga, danach kommt Bhringara, | |||
'''69.68''' dann Gandhin, danach Valahaka, darauf Khadira und die Blütenbüschel des Vanjula, | |||
'''69.69''' ferner Mango, Baka-Büschel, Jambu-Blatt, Zitronatzitronenblatt und Kusha-Blatt, | |||
'''69.70''' dann Durva-Spross, Shami-Blatt, Amalaka-Blatt und schließlich das als Amala bezeichnete Blatt. | |||
'''69.71''' Vor allen gilt das Bilva-Blatt als der Göttin besonders erfreulich. Unter den Blumen werden roter Lotus, Lotus, Hibiskus und Bandhuka hervorgehoben. | |||
'''69.72''' Das Bilva-Blatt erfreut Vaishnavi mehr als andere Blätter; unter sämtlichen Blumen wird hier der rote Lotus als vorzüglich bezeichnet. | |||
'''69.73''' Höre die verdienstvolle Frucht dessen, der der großen Göttin hingebungsvoll einen Kranz aus tausend roten Lotusblüten darbringt: | |||
'''69.74''' Er verweile herrlich viele tausend und viele hundert Zehnmillionen von Weltzeitaltern in meiner Stadt und werde danach König auf Erden. | |||
'''69.75''' Unter den Blättern gilt Bilva als besonders erfreulich für die Göttin. Ein Kranz aus tausend Bilva-Blättern verheißt dieselbe Frucht. | |||
'''69.76''' Doch wozu viele Worte? Allgemein gilt: Mit den genannten und ungenannten Blumen, aus Wasser und Land, | |||
'''69.77''' mit verfügbaren Blättern, mit allen Kräuterarten und mit Blumen und Blättern des Waldes verehre man die Göttin Shiva. | |||
'''69.78''' Fehlen Blumen, verehre man die höchste Herrin mit Blättern; fehlen auch diese, mit Gräsern, Sträuchern, Kräutern und Ähnlichem. | |||
'''69.79''' Fehlen die Kräuter, verehre man sie mit ihren Früchten, mit ungebrochenem Reis oder Wasser; fehlen diese, mit Senfkörnern, | |||
'''69.80''' und zwar weißen. Sind auch sie nicht zu bekommen, übe man Hingabe im Geist. Auch die Blätter und Blüten des Ajidantaka werden genannt. | |||
'''69.81''' Mit Tulasi-Blüten und -Blättern verehre man sie zur Mehrung des Wohlergehens. Bei vorbereitenden Mantraübungen verwende man Sesam mit Bilva-Blättern, | |||
'''69.82''' ungebrochenem Reis und geklärter Butter und bringe dies, der Göttin Shiva gewidmet, in ein gut entfachtes, geweihtes Feuer dar, damit die ersehnten Ziele gedeihen. | |||
'''69.83''' Wenn eine gelobte Zahl von Mantrawiederholungen für ein bestimmtes Ziel vollendet ist und danach die vorgeschriebene Verehrung durch die Zweimalgeborenen stattfindet, | |||
'''69.84''' nennen die vorzüglichen Zweimalgeborenen dies Purashcharana. Dabei verehre man nach den in diesem Purana zuvor ausführlich beschriebenen | |||
'''69.85''' Ordnungen Kamakhya und Vaishnavi. Der Übende bringe nach Möglichkeit die sechzehn | |||
'''69.86''' genannten Ehrendienste dar und übergehe die vorgeschriebenen Handlungen nicht. Nach vollständiger Verehrung wiederhole er den im Ritual gelehrten Mantra hundertmal. | |||
'''69.87''' Nach der Wiederholung folge das Feueropfer, danach drei Opfergaben aus drei Arten; anschließend folgen Gesang, Instrumentalmusik und Tanz. | |||
'''69.88''' Die Gattin, er selbst, ein Bruder oder der Lehrer, auch der eigene Sohn oder ein Schüler, können die Speisegaben und übrigen Gaben bereitstellen. | |||
'''69.89''' Am Ende des Opfers gebe man dem Lehrer eine angemessene Ehrengabe: Gold, Sesam oder eine Kuh; reichen die Mittel nicht, ein Gewand. | |||
'''69.90''' Am achten Tag der hellen Monatshälfte, am neunten oder vierzehnten, vollziehe man die vorbereitende Verehrung der großen Göttin, keusch und mit beherrschten Sinnen. | |||
'''69.91''' An diesen Tagen empfange man den Mantra aus dem Mund des Lehrers nach der ausführlichen Ordnung und der im Ritual vorgeschriebenen Verehrung, Bhairava. | |||
'''69.92''' Ohne die vollständige Verehrung soll man den ersehnten Mantra nicht empfangen und auch kein Purashcharana beginnen; andernfalls drohe Misslingen. | |||
'''69.93''' Die tägliche Verehrung soll ebenfalls vollständig sein, wenn man dazu imstande ist; dann führe man die Ritualordnung unermüdlich aus. | |||
'''69.94''' Kann man die ausführliche Verehrung der Göttin oder einer anderen Gottheit jedoch nicht leisten, Bhairava, gilt die folgende vereinfachte Ordnung. | |||
'''69.95''' Nach Reinigung und Vorbereitung zeichne man das Mandala auf einen hergerichteten Bodenplatz, bereite das Gefäß und vollziehe die innere Verbrennung und Überflutung. | |||
'''69.96''' Dann meditiere man über sich selbst, nachdem die Körpergestalt rituell geweiht wurde; zur Reinigung der zwölf Stellen vollziehe man die Einsetzungen vom Daumen bis zum Waffenmantra. | |||
'''69.97''' Nach achtmaliger Wiederholung über dem Arghya-Gefäß besprenge man die Ehrengaben. Mit den Grundlauten beginne man bei der tragenden Kraft und den weiteren Mächten. | |||
'''69.98''' Man meditiere über die Gottheit im Herzen, lasse sie mit dem Atem hervortreten und vergegenwärtige sie im Mandala; dann bringe man die Ehrendienste nach der Ordnung dar. | |||
'''69.99''' Nach Verehrung der sechs Glieder und der acht Gottheiten der Lotusblätter folgen drei Hände voll Blumen, Mantrawiederholung, Lobpreis und Verneigung. | |||
'''69.100''' Dann zeige man die Mudra vor der Gottheit und vollziehe die Verabschiedung. Diese Ordnung gilt für alle Gottheiten. | |||
'''69.101''' Wenn weder die vollständige vorgeschriebene Verehrung noch sämtliche Ehrengaben möglich sind, bringe man diese fünf dar: | |||
'''69.102''' Duft, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speise. Fehlen diese, genügen Blumen und Wasser; fehlen auch sie, geschieht die Verehrung durch Hingabe. | |||
'''69.103''' Damit ist die verkürzte Verehrung sowie die Gabe von Kleidung und Weiterem beim Purashcharana erklärt. Höre nun über die Lampe, Bhairava. | |||
'''69.104''' Durch Licht gewinne man die Welten; die Lampe gilt als Verkörperung des Glanzes und als Spenderin der vier Lebensziele. Darum verehre man die Herrlichkeit mit Lichtern. | |||
'''69.105''' Wer die Gottheit stets mit Blumen und Lampen verehrt, dem werden allein dadurch die vier Lebensziele verheißen. | |||
'''69.106''' Durch Blumen werden die Götter gnädig, in Blumen sind sie gegenwärtig. Alles Bewegliche und Unbewegliche gilt als vom Saft der Blüten getragen. | |||
'''69.107''' Wozu darüber noch viele Worte? Dies ist der höchste Lobpreis der Blume: Das höchste Licht wohnt in ihr und wird durch sie erfreut. | |||
'''69.108''' Die Blume fördert die drei weltlichen Lebensziele und schenkt Zufriedenheit, Wohlstand, Gedeihen und Befreiung. An ihrem Grund wohnt Brahma, in ihrer Mitte Keshava, | |||
'''69.109''' an ihrer Spitze Mahadeva und in den Blütenblättern alle Götter. Deshalb soll der Mensch die Götter täglich hingebungsvoll mit Blumen verehren. | |||
'''69.110''' Schon das Aussprechen ihres Namens bringe umfassendes Gedeihen. Unter den Lampen steht die mit geklärter Butter an erster Stelle, danach die mit Sesamöl. | |||
'''69.111''' Es folgen Lampen mit Senföl, Fruchtauszug, Rajika-Öl, aus Dickmilch gewonnenem Fett und aus Getreide gewonnenem Brennstoff: sieben Arten werden genannt. | |||
'''69.112''' Dochte aus Lotusfasern, inneren Darbha-Fasern, Hanf, Baumwolle beziehungsweise dem als Badari bezeichneten Stoff und Fasern einer Fruchtkapsel | |||
'''69.113''' gelten als die fünf Dochtarten für Lampen. Lampengefäße aus Metall, Holz, Eisen, Ton und Kokosnussschale | |||
'''69.114''' oder aus dem Stamm der als Trinadhvaja bezeichneten Palme werden empfohlen. Lampenständer sollen ebenfalls aus Metall und den anderen geeigneten Stoffen gefertigt werden, Bhairava. | |||
'''69.115''' Lampen gehören auf Ständer, niemals unmittelbar auf die Erde. Die alles tragende Erde ertrage diese beiden Dinge nicht: | |||
'''69.116''' unnötige Fußtritte und die Hitze einer Lampe. Deshalb stelle man das Licht so auf, dass die Erde nicht erhitzt wird. | |||
'''69.117''' So bringe man der großen Göttin und den anderen Gottheiten das Licht dar, Bhairava. Wer eine Lampe aufstellt, die die Erde erhitzt, | |||
'''69.118''' gelange nach der Strafandrohung des Textes hundert Jahre in die Hölle der Kupferhitze. Der Docht sei gut gedreht, der Brennstoff gut, im Gefäß aufgenommen und schön anzusehen. | |||
'''69.119''' Die Lampe soll sorgfältig auf einem angemessen hohen Ständer stehen. Ein Licht, dessen Hitze noch jenseits von vier Fingerbreiten spürbar ist, | |||
'''69.120''' gelte nicht mehr als Lampe, sondern als heftiges Feuer. Die Flamme soll die Augen erfreuen, schön leuchten und keine weitreichende Hitze ausstrahlen, | |||
'''69.121''' eine gute Spitze haben, geräuschlos und rauchfrei sein und nicht zu klein brennen. Ein rechtsherum gedrehter Docht gilt als förderlich für das Wohlergehen. | |||
'''69.122''' In einem Gefäß auf einem Lampenständer, mit reinem Brennstoff gefüllt und einem rechtsgedrehten Docht, soll die Lampe schön leuchten. | |||
'''69.123''' Dies heißt die vorzüglichste, alle erfreuende Form, mein Sohn. Eine Lampe ohne Ständer wird als mittlere Form bezeichnet, | |||
'''69.124''' eine ohne Gefäß und Öl als geringste. Für Dochte soll der Übende kein altes, schmutziges oder schon benutztes Hanf-, Rinden- oder Stoffmaterial nehmen, | |||
'''69.125''' sondern stets neues verwenden, um das Wohlergehen zu fördern. | |||
'''69.126''' Seiden- und Wollstoffe sollen nicht als Docht dienen. Auch sollen Öl, geklärte Butter und andere Brennstoffe in einer Lampe nicht vermischt werden. | |||
'''69.127''' Wer die Brennfette vermische, dem droht der Text die Finsternishölle an. Tierisches Körperfett, Mark und Knochenauszüge | |||
'''69.128''' schließt er als Lampenbrennstoff aus und verbindet ihre Verwendung mit einem Versinken im Höllenschlamm; auch ein Knochengefäß wird mit einer stinkenden Knochenhölle verbunden. | |||
'''69.129''' Eine solche Lampe sollen die Kundigen nicht zur Mehrung des Wohlergehens geben. Eine ordnungsgemäß bereitete Lampe sollen sie auch nicht mutwillig auslöschen. | |||
'''69.130''' Ein den Göttern zugedachtes, den Merkmalen entsprechendes Licht soll niemand wissentlich aus Habgier oder ähnlichen Gründen wegnehmen. | |||
'''69.131''' Dem Wegnehmer wird Blindheit, dem Auslöscher Verlust eines Auges angedroht. Fehlt eine Lampe, darf ein hell brennendes Holzstück, | |||
'''69.132''' insbesondere aus Bilva-Holz, als Ersatz dienen. Ein bloßes Glutstück solle jedoch nicht als eigentliche Lampengabe übergeben werden. | |||
'''69.133''' Es könne außerhalb der gezählten Ehrendienste zum Wohlgefallen dargebracht werden. Damit ist euch die Lampe erklärt; hört nun über Räucherwerk, meine Söhne. | |||
'''69.134''' Rauch aus brennendem, sorgfältig ausgewähltem Holz oder anderem Material, der Nase und Augen angenehm ist, wohlriechend und anziehend, | |||
'''69.135''' auch Rauch aus einem Pulver, sofern er ohne belastende Hitze aufsteigt, heißt Räucherwerk und erfreut die Götter. | |||
'''69.136''' Man soll die Stoffe nicht zu einem großen Haufen zusammenballen und verräuchern; auch mit einem Kreis aus brennenden Hülsen werde die vorgesehene Frucht nicht erlangt. | |||
'''69.137''' Sandel, Sarala-Kiefer, Shala, schwarzes Adlerholz, Udaya, Suratha-Skanda und Raktavidruma, | |||
'''69.138''' Pitashala, Parimala, Virmadi, Kashala, Nameru, Zeder, Bilva-Kernholz und Khadira, | |||
'''69.139''' Santana, Parijata, Harichandana und Vallabha werden unter den Hölzern als Räucherstoffe genannt, die alle erfreuen. | |||
'''69.140''' Arala samt den genannten Fasern, Shrivasa, Pattavasaka, Kampfer, Shrikara, Paraga, Shrihara und Amala, | |||
'''69.141''' die Gesamtheit der Kräuter, die textlich unsicher bezeichneten weiteren Stoffe, Varaha-Pulver, Utkala, Muskatkapselpulver, Duftstoffe und Moschus | |||
'''69.142''' werden als Pulver oder geformtes Räucherwerk genannt. Yaksha-Räucherharz, Baumharz, Shripishta, Adlerholz, Jharjhara, | |||
'''69.143''' Patrivaha, Pinda-Räucherwerk, Sugola und Kantha werden als Harze beziehungsweise miteinander verbundene Räuchermischungen bezeichnet. | |||
'''69.144''' Mit ihnen verräuchere man Gaben vor den Göttern im Feuer: Es sollen Stoffe sein, deren Rauchgeruch Lebewesen Freude bereitet. | |||
'''69.145''' Harz, Pulver, Holz, Duftstoff und künstlich bereitete Mischung sind die fünf besonders erfreulichen Arten des Räucherwerks. | |||
'''69.146''' Yaksha-Räucherharz soll Madhava nicht erhalten; mir sollen Raktavidruma, Suratha und der als Kadrala überlieferte Stoff nicht gegeben werden. | |||
'''69.147''' Yaksha-Harz, Putrivaha, Pinda-Räucherwerk, Sugola und schwarzes Adlerholz mit Kampfer gelten dagegen als Mahamaya lieb. | |||
'''69.148''' Auch mit Baumharz kann man Mahamaya verehren. Räucherwerk, das mit Körperfett oder Mark vermischt ist, wird ausgeschlossen. | |||
'''69.149''' Ebenso ausgeschlossen sind fremdes Eigentum, bereits beschnupperte und durch unzulässige Behandlung beeinträchtigte Gaben. Blumen, Räucherwerk, Duft und andere Ehrengaben | |||
'''69.150''' sollen nicht erst selbst gerochen und dann den Göttern dargebracht werden; daran knüpft der Text eine Höllenandrohung. Räucherwerk gehört weder unmittelbar auf die Erde noch auf den Sitz oder in einen Krug. | |||
'''69.151''' Man gebe es auf eine geeignete Unterlage und bringe es so dar. Raktavidruma, Shala, Suratha und Surala, | |||
'''69.152''' Santana und Nameru, verbunden mit schwarzem Adlerholz, Muskatkapsel und Aksha, ergeben ein Kameshvari liebes Räucherwerk. | |||
'''69.153''' Es ist auch Tripura, den Müttern, allen Gottheiten der heiligen Sitze und Rudra samt den weiteren Göttern lieb, meine Söhne. | |||
'''69.154''' Damit ist euch das Räucherwerk erklärt. Hört nun über die Augenschminke, die Kamakhya, Tripura und Vaishnavi erfreut. | |||
'''69.155''' Sauvira, Yamuna, Tuttha, Mayuragrivaka, Darvika und Meghanila sind die sechs genannten Arten von Augenschminke. | |||
'''69.156''' Sauvira wird einem ausfließenden Baumstoff, Yamuna einem Stein, Mayuragrivaka einem Edelstein und Meghanila einem metallischen Stoff zugeordnet. [Die erste Zuordnung ist textlich unsicher.] | |||
'''69.157''' Diese Stoffe werden auf Stein oder Metall verrieben und allen Göttern und Göttinnen dargebracht, mein Sohn. | |||
'''69.158''' Der auf Kupfer und ähnlichen Flächen durch eine mit Butter oder Öl brennende Lampe entstehende Ruß heißt Darvika. | |||
'''69.159''' Fehlen die anderen Stoffe, bringe man den Göttinnen diese durch Brennen gewonnene Schminke dar. Mahamaya, die Trägerin der Welt, Kamakhya und Tripura | |||
'''69.160''' erlangen nach der Lehre durch diese sechs Arten großes Wohlgefallen. Die historische Vorschrift schließt Witwen von der Herstellung der Augenschminke für Mahamaya aus. | |||
'''69.161''' Sie behauptet, die Göttin Vaishnavi nehme von einer Witwe bereitete Schminke nicht an. Ferner soll die Augenschminke nicht in einem Tongefäß bereitgestellt werden. | |||
'''69.162''' Mit in Ton bereiteter Schminke werde die Frucht der Verehrung nicht erlangt. Räucherwerk verheiße die vier Lebensziele, Augenschminke die Erfüllung von Wünschen. | |||
'''69.163''' Darum bringe der Mensch beides den Göttern hingebungsvoll dar. So wurden Räucherwerk und Augenschminke erklärt. Höre nun mit gesammeltem Geist über die Speisegaben der großen Göttin. | |||
===Kapitel 70=== | |||
'''70.1''' Der erhabene Herr sprach: Geeignete, reine Stoffe, die als Nahrung dargebracht werden, heißen Naivedya. Sie werden in fünf Arten eingeteilt. | |||
'''70.2''' Es sind zu kauende feste Speisen, weich zu essende Speisen, zu leckende, zu trinkende und zu saugende Nahrung. Diese Speisegaben bringe man bei der Verehrung der erwählten Gottheit dar. | |||
'''70.3''' Ich werde nennen, was der Göttin besonders lieb ist; hört beide zu. Durch die Darbringung dieser fünf Nahrungsarten wird sie erfreut. | |||
'''70.4''' Fehlen sie, nimmt sie nach dieser Lehre auch andere ordnungsgemäße Gaben nicht an. Genannt werden Nagara, Kapittha, Weintrauben und Arekanüsse, | |||
'''70.5''' Karaka, Varada, Jujube, Kürbis, Jackfrucht, Bakula, Madhuka, Mango, Amrataka und Keshara, | |||
'''70.6''' Walnuss, Pressdattel, Karuna, Bilva-Frucht, Udumbara-Feige, Punnaga, Madhava und Gurke, | |||
'''70.7''' Jambu, nochmals Pressdattel, Zitronatzitrone und Jambu, Haritaki, Amalaka und sechs Arten von Zitrusfrüchten, | |||
'''70.8''' Devaka, Madhuka, Shita, Patola, Früchte milchsaftführender Bäume, Patala, Shala-Frucht, Vrinta, Agnija und Banane, | |||
'''70.9''' Tinduka, Kusuma, Pita, Karavinda, Karushaka, Garbhavarta samt Blüte, milchsaftführende Früchte und Anangaja. | |||
'''70.10''' Mit den verschiedenen Früchten von Wasserlilien und Lotus sowie allen geeigneten Früchten und Blüten des Waldes verehre man die Göttin. | |||
'''70.11''' Ausgenommen werden für Vaishnavi Shleshmataka und die als Bimba-Shailaka überlieferten Früchte. Unter den besonders geliebten Früchten der Göttin | |||
'''70.12''' werden Langala, Zitronatzitrone, Karamarda und Mango genannt. Solche Früchte bringe man Kamakhya dar, Bhairava, | |||
'''70.13''' ebenso Tripura und den Göttinnen der heiligen Sitze. Wassernuss, Kasheru, Lotusknolle und Lotusstängel, | |||
'''70.14''' Ingwer, Kanchana, große Knollen, Bakulaka und ähnliche Knollen werden als Gaben für die Göttin genannt. | |||
'''70.15''' Milchreis, Mehlkuchen, Gerstenspeise, Reis mit Hülsenfrüchten, Modaka-Süßigkeit, Reisflocken und andere im Ofen gebackene Speisen sollen dargebracht werden. | |||
'''70.16''' Vorzüglicher gekochter Opferreis mit geklärter Butter und Zucker sowie sämtliche geeigneten Beilagen werden der großen Göttin gereicht. | |||
'''70.17''' Milch und Milchprodukte von Kühen und Büffeln, ebenso von Ziegen, Schafen und Wildtieren, werden in dieser Aufzählung zugelassen. | |||
'''70.18''' Auch Honig und andere Süßstoffe, Rohzuckerzubereitungen, Zucker, Speisen, Getränke und Fleisch werden genannt. | |||
'''70.19''' Jede angenehme, wohlriechende Zubereitung aus Gemüse, Fleisch und weiteren Zutaten wird der großen Göttin als Speisegabe zugewiesen. | |||
'''70.20''' Wer Fleisch, Milchreis, Dickmilch und geklärte Butter mit Zucker der großen Göttin darbringt, erlange nach der Verheißung die Frucht eines Pferdeopfers. | |||
'''70.21''' Wer mit Zucker und Honig gemischten berauschenden Trank darbringt, verweile lange in der Welt der Göttin und werde danach König auf Erden. | |||
'''70.22''' Wer Langala, Arekanuss, Ruchaka und Karamarda darbringt, erlange unvergleichliches Glück und werde in der Welt der Göttin geehrt. | |||
'''70.23''' Schwarze Bohnen, Mungbohnen, Linsen, Sesam, Hanf und sämtliche geeigneten Getreidearten, etwa Gerste, soll man passend zubereitet darbringen. | |||
'''70.24''' Je nach Essbarkeit und Art des Stoffes werde er mit Fleischpaste oder anderen geeigneten Zubereitungen verarbeitet und der großen Göttin gereicht. | |||
'''70.25''' Ob großer Held, Weiser, Brahmane oder ein anderer: Was immer der Betreffende sich selbst als Nahrung zubereiten dürfte, | |||
'''70.26''' das bringe er auch der großen Göttin hingebungsvoll dar, nachdem alles, was Zubereitung verlangt, entsprechend verarbeitet worden ist. | |||
'''70.27''' Die jeweilige Gabe werde nach ihrer erforderlichen Zubereitungsart hergerichtet. Übelriechende, verbrannte oder als Nahrung ausgeschlossene Speisen | |||
'''70.28''' dürfen auch dann nicht der großen Göttin gegeben werden, wenn ihre Grundstoffe vorher genannt wurden. Betel, mit Duftstoffen und Kampfer versehen, | |||
'''70.29''' werde mit Pulver aus Schalen von Wasserwesen zubereitet und dargebracht. Das Fleisch der bei den Opfergaben zugelassenen Wildtiere und Vögel | |||
'''70.30''' sowie Fischfleisch wird hier ebenfalls als Speisegabe genannt. Eine Zubereitung aus Nashorn-, Vardhrinasa- und Ziegenfleisch, | |||
'''70.31''' wohlschmeckend, duftend und angenehm angerichtet, verheiße bei einmaliger Darbringung an die große Göttin die Stellung eines Weltherrschers. | |||
'''70.32''' Eine duftende Speise aus Rettich und Antilopenfleisch, in einem Eisengefäß gut zubereitet, verheiße die Welt der Göttin. | |||
'''70.33''' Wer Vaishnavi Datteln, Pressdatteln und Gerstenmehl mit geklärter Butter darbringt, erlange die Frucht eines königlichen Rajasuya-Opfers. | |||
'''70.34''' Eine Gabe von Reis mit Hülsenfrüchten verheiße unvergleichliches Glück; Kokoswasser die Frucht des Agnishtoma-Opfers. | |||
'''70.35''' Wer Jambu, Lavali, Amalaka und Bilva-Früchte darbringt, erlange die Frucht des Agnishtoma und gelange in die Welt der Göttin. | |||
'''70.36''' Wer der großen Göttin Weintrauben mit Zucker und Zitrusfrüchten darbringt, werde wohlhabend und schön. | |||
'''70.37''' Getreide und Reisflocken für die Göttin verheißen Wohlstand. Zuckerrohr, Mungbohnenbrühe und frische Butter | |||
'''70.38''' verheißen höchstes Glück und Ehre in der Welt der Göttin. Wer Sesam mit frischer Butter darbringt, | |||
'''70.39''' erlange hier seine Wünsche und nach dem Tod Befreiung. Alle zulässigen Speisen, mit Beilagen versehen, | |||
'''70.40''' stelle man wie eine Mahlzeit zusammen und bringe sie der großen Göttin dar. Kokoswasser, mit Edelsteinwasser verbunden, | |||
'''70.41''' mit Milch, geklärter Butter, Honig, Zucker und Dickmilch gemischt, werde ihr als Getränk in einem Metallgefäß gereicht. | |||
'''70.42''' Höre die verdienstvolle Frucht dessen, der dies mit hingebungsvollem Herzen tut: Viele tausend und viele hundert Zehnmillionen von Weltzeitaltern | |||
'''70.43''' verweile der Standhafte in der Stadt der Göttin, werde danach Weltherrscher auf Erden und erlange schließlich nach seinem Wunsch die vollkommene Befreiung. | |||
'''70.44''' Wer gekochte Erbsen mit Wildreis und Dickmilch der großen Göttin darbringt, erlange den ersehnten Wunsch. | |||
'''70.45''' Schwarzer Pfeffer, Langpfeffer, Jujube, Kreuzkümmel und Tantubha werden sowohl als Würzzutaten wie als gesonderte Gaben genannt. | |||
'''70.46''' Wer Tamarinde mit Zuckerstücken hingebungsvoll darbringt, erlange die Frucht des Jyotishtoma-Opfers und die Welt der Göttin. | |||
'''70.47''' Rajamasha-Bohnen, Linsen, Spinat, Potika, dunkles Blattgemüse, Erbsen, Brahmi und Rettich, | |||
'''70.48''' Vastuka, Kalambi, Kanchuka, Hilamochika, Chakra, Vidruma-Blätter und Punarnava | |||
'''70.49''' werden als Gemüse für die große Göttin genannt. Wer sie hingebungsvoll darbringt, erlange unvergleichlichen Wohlstand und werde in meiner Welt geehrt. | |||
'''70.50''' Je größer Vertrauen, sorgfältige Verehrung, Zubereitung, Hingabe, Aufwand für die Gaben und liebevolle Zuwendung sind, desto größer werde die Frucht; bei geringerem Einsatz falle sie geringer aus. | |||
'''70.51''' Speisegaben, die dem Mantra oder der vorgeschriebenen Zeit widersprechen oder vom Lehrer nicht zugelassen wurden, soll man den Göttern nicht darbringen. | |||
'''70.52''' Auf Silber, Gold, Kupfer, Stein oder einem Lotusblatt bringe man die Speisegabe dar, die meiner Geliebten lieb ist. | |||
'''70.53''' Unter den Metallgefäßen werden Gold und Kupfer sowohl für Speisung als auch für das Arghya-Gefäß empfohlen. | |||
'''70.54''' Ein Gefäß aus dem Holz eines Opferbaumes gilt als mittlere Wahl. Fehlt alles andere, kann ein eigenhändig geformtes Tongefäß dienen. | |||
'''70.55''' Damit sind euch, meine Söhne, die Vaishnavi lieben Speisegaben erklärt, ebenso diejenigen für Kamakhya und besonders Tripura. Hört nun beide über Umkreisung und Verneigung. | |||
===Kapitel 71=== | |||
'''71.1''' Der erhabene Herr sprach: Mit ausgestreckter rechter Hand und geneigtem Kopf, der Gottheit die rechte Seite zuwendend und auch innerlich aufrichtig, | |||
'''71.2''' umschreite man sie einmal oder dreimal; das erfreut die Göttin. Dies heißt Rechtsumkreisung und erfreut alle Götterscharen. | |||
'''71.3''' Wer die Göttin hundertachtmal umkreist, erlange nach der Verheißung sämtliche Wünsche und danach Befreiung. | |||
'''71.4''' Wer ihr auch nur im Geist hingebungsvoll eine Umkreisung darbringt, werde die Höllen in Yamas Haus nicht sehen. | |||
'''71.5''' Die Verneigung wird als körperliche, sprachliche und geistige in drei Arten eingeteilt; die Kundigen unterscheiden bei jeder eine vorzügliche, mittlere und geringere Form. | |||
'''71.6''' Man strecke Füße und Hände aus, lege sich wie ein Stab auf die Erde, bringe die Knie zum Boden und berühre die Erde mit dem Kopf. | |||
'''71.7''' Eine so ausgeführte Verneigung heißt die vorzügliche körperliche Form. Berührt man die Erde mit den Knien, aber nicht mit dem Kopf, | |||
'''71.8''' gilt dies als mittlere körperliche Verneigung. Hält man die Hände gefaltet am Kopf, ohne mit Knien und Kopf die Erde zu berühren, heißt dies die geringere Form. | |||
'''71.9''' Eine hingebungsvoll mit selbst verfasster Prosa oder Dichtung vollzogene Huldigung gilt als die vorzügliche sprachliche Verneigung. | |||
'''71.10''' Eine Huldigung mit puranischen oder vedischen Texten beziehungsweise Mantras gilt als mittlere sprachliche Verneigung. | |||
'''71.11''' Eine mit gewöhnlichen menschlichen Worten ausgesprochene Verneigung gilt innerhalb dieser Einteilung als die geringere sprachliche Form, meine Söhne. | |||
'''71.12''' Die geistige Verneigung wird je nachdem, ob der Geist liebevoll, gleichgültig oder widerwillig gestimmt ist, ebenfalls als vorzüglich, mittel oder gering eingestuft. | |||
'''71.13''' Von den drei Hauptarten wird die körperliche besonders hervorgehoben; durch körperliche Verneigungen werden die Götter stets erfreut. | |||
'''71.14''' Die bereits unter Namen wie Stabverneigung beschriebenen Formen heißen auch Pranama; sie wurden zuvor erläutert. | |||
'''71.15''' Durch Speisegaben werde alles erlangt, durch sie auch Unsterblichkeit. Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lebensfreude und Befreiung seien in ihnen begründet. | |||
'''71.16''' Die Speisegabe verkörpere sämtliche Opfer, erfreue alle, schenke Erkenntnis und Wunscherfüllung, sei verdienstvoll und enthalte alle Genüsse. | |||
'''71.17''' Wer der großen Göttin hingebungsvoll auch nur im Geist eine Speisegabe darbringen möchte, werde langlebig und glücklich. | |||
'''71.18''' Wer von dem Gedanken erfüllt ist: „Ich werde die Göttin Mahamaya stets hingebungsvoll mit vielfältigen Speisegaben verehren“, erlange alle Wünsche und werde in meiner Welt geehrt. | |||
'''71.19''' Wer der Göttin auch nur im Geist hingebungsvoll eine Rechtsumkreisung darbringt, werde die Höllen in Yamas südlichem Reich nicht sehen. | |||
'''71.20''' Götter, Menschen, Gandharvas, Yakshas, Rakshasas, Schlangenwesen und alle Hochgesinnten werden durch ehrerbietige Verneigung erfreut. | |||
'''71.21''' Durch Verneigung erlange der Verständige die vier Lebensziele. Überall wird sie als Mittel zu umfassender Vollendung gepriesen. | |||
'''71.22''' Durch Verneigung gewinne man die Welten und verlängere sein Leben; sie verheiße langes Leben und eine ununterbrochene Nachkommenschaft. | |||
'''71.23''' Wer wiederholt sagt: „Verneige dich vor der großen Göttin, umkreise sie und bringe ihr reichlich Speisen dar“, erlange ebenfalls hier seine Wünsche und freue sich in meiner Welt. | |||
'''71.24''' Auch der hingebungsvolle Mensch, der eine Speisegabe für die große Göttin zur Darbringung vorbereitet, gelange in die Welt der Göttin. | |||
'''71.25''' Damit sind euch die sechzehn Ehrendienste genau erklärt. Wonach ihr sonst noch zu fragen wünscht, werde ich euch auf eure Fragen erläutern. | |||
===Kapitel 72=== | |||
'''72.1''' Der erhabene Herr sprach: Hört nun Kamakhyas Größe, die ich euch mit ihren Einzelheiten und Geheimnissen verkünden werde, Vetala und Bhairava. | |||
'''72.2''' Einst flog Vishnu auf Garuda dahin und gelangte zur Göttin Kamakhya auf dem blauen Berg, ihr beiden Vishnu Zugewandten. | |||
'''72.3''' Als Keshava jenen vorzüglichen Berg erreichte, missachtete er ihn und trieb Garuda an: „Weiter, weiter!“ | |||
'''72.4''' Da hielt die Göttin Mahamaya, Kamakhya, die Mutter der Welten, Krishna samt Garuda zwischen Himmel und Erde fest. | |||
'''72.5''' Durch Mahamayas Macht verwirrt, konnte er weder weiterfliegen noch zurückkehren und blieb wie gefesselt stehen. | |||
'''72.6''' Als der Gott mit Garuda im Banner sah, dass Garuda nicht vorankam, geriet er in Zorn und wollte den gewaltigen Berg beiseiteschieben. | |||
'''72.7''' Der Herr der Welt umfasste den Berg mit beiden Händen; doch Keshava vermochte ihn nicht einmal ein wenig zu bewegen. | |||
'''72.8''' Als er den Berg bewegen wollte, wurde Kamakhya zornig und band Vaikuntha samt Garuda mit ihrer Vollendungsschnur. | |||
'''72.9''' Nachdem sie ihn damit gefesselt hatte, schleuderte die Göttin ihn mühelos in das salzige Meer, vor die Krokodile; rasch sank er auf dessen Grund. | |||
'''72.10''' Dort hielt sie ihn wiederum durch ihre eigene Zaubermacht gebannt und fest umschlossen am Meeresboden. | |||
'''72.11''' Trotz großer Anstrengung konnte er nicht auftauchen. So sehr Hari sich um das Wiederauftauchen bemühte, | |||
'''72.12''' Kamakhya verhinderte seine Bewegung und Entfaltung; auch das Aufsteigen seiner Erkenntnis hemmte die Göttin. | |||
'''72.13''' Ohne Einsicht und ohne Bewegungsmöglichkeit lag er lange Zeit erschöpft mit Garuda unter dem Wasser. | |||
'''72.14''' Der Schöpfer suchte ihn und fand Hari im Meer liegen, kraftlos wie ein gewöhnliches Wesen. | |||
'''72.15''' Der Schöpfer, Großvater der Welt, ergriff ihn samt Garuda mit beiden Händen und wollte ihn emporheben. | |||
'''72.16''' Doch er vermochte es nicht; auch er selbst wurde durch die Macht der Göttin gebunden und blieb staunend dort. | |||
'''72.17''' Alle Götter unter Indras Führung suchten die beiden und fanden sie nach langer Zeit im Wasser. | |||
'''72.18''' Als die Götter sie erreicht hatten, bemühten sie sich, sie emporzuheben, doch auch sie waren dazu nicht imstande. | |||
'''72.19''' Alle wurden heftig durch die Maya verwirrt und blieben dort wie Brahma und Vishnu gefangen. | |||
'''72.20''' Als der Götterlehrer Brihaspati seinerseits alle Götter suchte, gelangte er zu Mahadeva, der auf einem Berghang des Himalaya weilte. | |||
'''72.21''' Der von den Göttern Verehrte pries und verneigte sich ordnungsgemäß vor ihm und fragte ehrerbietig nach dem Verbleib der Götter. | |||
'''72.22''' Der Lehrer sprach: Mahadeva, Wohnstatt der Welt und Ursache ihres Zur-Ruhe-Kommens! Auf der Suche nach Indra und den anderen Göttern bin ich zu dir gekommen. | |||
'''72.23''' Brahma und Vishnu befinden sich weder in Brahmas Wohnstatt noch im Himmel; anders als sonst kann ich sie auch an keinem anderen Ort erkennen. | |||
'''72.24''' Beseitige diesen Zweifel, Gott der Götter! Wo halten sie sich auf, weshalb und in welchem Zustand? | |||
'''72.25''' Nach deiner Weisung werde ich zu ihnen allen gehen, Herr. Sage mir, wo sie sind, wenn du Erbarmen mit mir hast. | |||
'''72.26''' Als ich seine Worte gehört hatte, berichtete ich ihm, wo sie sich befanden, was geschehen war und wie sie durch Maya gefesselt wurden. | |||
'''72.27''' Vishnu hatte die große Göttin, die weltgestaltige Mahamaya, missachtet. Deshalb lag er durch ihre Maya gebunden im Meer. | |||
'''72.28''' Brahma und die übrigen Götter, die ihn gesucht hatten, waren ebenfalls durch ihre Maya gefesselt und lagen völlig bewegungslos neben ihm. | |||
'''72.29''' Wenn du ohne mich dorthin gehst, um sie zu suchen, wirst auch du so gebunden werden und nicht zurückkehren können. | |||
'''72.30''' Darum gehe ich selbst zu dem Ort, an dem der Gott mit Garuda im Banner weilt, und werde ihn, Brahma, Indra und die anderen der Reihe nach befreien. | |||
'''72.31''' Nach diesen Worten begab sich der stierbekränzte Maheshvara gemeinsam mit dem Lehrer dorthin, wo die Götterscharen lagen. | |||
'''72.32''' Dort sprach Mahadeva Vishnu, Brahma und alle anderen an und fragte: Weshalb seid ihr hier? | |||
'''72.33''' Warum könnt ihr weder kommen noch gehen und seid ohne Erkenntnis wie unbeseelte Wesen? Sagt es mir jetzt, ihr Götter. | |||
'''72.34''' Auf Mahadevas Worte antwortete Keshava langsam dem Strahlenden, vor Brahma und den übrigen Göttern. | |||
'''72.35''' Der erhabene Herr Vishnu sprach: Als ich auf Garuda durch den Luftraum über den Gipfel des Nilakuta flog, wurde unsere Bewegung gehemmt. Da ergriff ich den großen blauen Berg | |||
'''72.36''' mit der Hand, um ihn wegzuheben. Dort packte mich Mahamaya, Kamakhya, die jede gewünschte Gestalt annimmt, | |||
'''72.37''' die Yogaschlaf-Göttin selbst, und warf mich in die Wasserfläche des Meeres. So gelangte ich mit meinem Reittier auf den Grund der Wassermassen. | |||
'''72.38''' Hier liege ich nun schon lange, Vernichter Andhakas; lange verweile ich in diesem Meerwasser. | |||
'''72.39''' Bis heute hat Mahamaya mich nicht freigegeben, Maheshvara. Brahma, Indra und die anderen Götter kamen meinetwegen hierher, | |||
'''72.40''' doch auch sie wurden gewaltsam von der großen Göttin mit ihrer Maya-Schlinge gebunden. Darum erbarme dich unser und führe uns nun zur Wohnstatt der Heilvollen. | |||
'''72.41''' Wir wollen sie gnädig stimmen, damit die Fessel vollständig gelöst werde. Als ich Haris Worte hörte, wurde ich von Mitgefühl erfüllt | |||
'''72.42''' und sprach liebevoll zu Brahma und Vishnu: Legt den wunderschönen Schutzpanzer der Herrin Kameshvari an. | |||
'''72.43''' Vergegenwärtigt ihn an eurem Körper, steigt dann aus dem Wasser und geht zu ihr. Weil ich diesen Schutzpanzer trage, | |||
'''72.44''' bin ich hier nicht durch ihre Maya gebunden; durch die Verbindung mit mir gilt das auch für Brihaspati. Hört darum den Schutzpanzer aus meinem Mund, | |||
'''72.45''' durch den wir mühelos auftauchen und die höchste Herrin sehen werden. Om. Als Seher von Kamakhyas Schutzgebet gilt Brihaspati. | |||
'''72.46''' Seine Gottheit ist Kameshvari, sein Versmaß Anushtubh. Seine Anwendung gilt sämtlichen Vollkommenheiten. Hört ihn, ihr Götter: | |||
'''72.47''' Die Göttin Kameshvari schütze meinen Kopf, Kamakhya meine Augen, Sharada beide Ohren und Tripura mein Gesicht. | |||
'''72.48''' Mahamaya schütze meinen Hals, Kameshvari mein Herz, Kamakhya meinen Bauch und Sharada meine Nabelgegend. | |||
'''72.49''' Tripura schütze beide Seiten, Mahamaya das Geschlechtsorgan, Kameshvari den After und Kamakhya meine beiden Schenkel. | |||
'''72.50''' Sharada schütze die Knie, Tripura die Unterschenkel; die wunscherfüllende Mahamaya behüte stets beide Füße. | |||
'''72.51''' Koteshvari schütze das Haar, Dirghika die Nase, Bhairavi die Zahnreihen und Matangi die bezeichneten Körperglieder. | |||
'''72.52''' Lalita schütze meine Arme, Vanavasini die Hände, Vindhyavasini die Finger und Shrikama die Nagelspitzen. | |||
'''72.53''' Guptakama behüte stets alle Haarporen; Bhuvaneshvari schütze meine Zehen und Fersen. | |||
'''72.54''' Die Brückensilbe schütze meine Zunge, „ka“ das Innere des Halses, „la“ das Innere der Brust und „ha“ das Innere des Bauches. | |||
'''72.55''' Die als Halbmond bezeichnete Lautmacht schütze die Blasengegend; Punkt und die weiteren Zeichen das Innere. „a“ schütze meine Haut, „ra“ stets meine Knochen. [Die erste Zeile ist beschädigt.] | |||
'''72.56''' „la“ schütze alle Leitbahnen, „ī“ alle Gelenke, das Mondzeichen die Sehnen und der Punkt unablässig das Mark. | |||
'''72.57''' Im Osten, Südosten, Süden, Südwesten, Westen, Nordwesten, Norden und Nordosten | |||
'''72.58''' sollen die acht Mantralaute Vaishnavis, beginnend mit „a“, beständig zum Schutz gegenwärtig sein und Entstehen und Wachstum fördern. | |||
'''72.59''' Oben und unten sollen mich stets die beiden Brückensilben behüten. Die neun Silben im Bereich des Sharada-Mantras | |||
'''72.60''' sollen mit ihren neun Lautkräften Nase und die weiteren Stellen allseits schützen. Vor Störungen von Wind, Galle und Schleim schütze mich Tripuras dreisilbiger Mantra, | |||
'''72.61''' ebenso vor Bhutas und Pishachas. Seine beiden Brückensilben sollen mich stets vor fleischfressenden Wesen abschirmen. | |||
'''72.62''' Verehrung der Göttin Kameshvari, der weltgestaltigen Mahamaya, die als Urnatur beständig den Ursprung der Welt entfaltet! | |||
'''72.63''' Zur Vollendung verehre ich Kamakhya: Sie trägt Gebetskette, Schutz- und Gnadengeste sowie die Vollendungsschnur, steht auf einem weißen Leichnam, ist mit Edelsteinen und Gold geschmückt und von safrangelber Farbe. Sie gründet in Erkenntnis und Meditation, ist von höchster Sanftmut, wird von Brahma und Indra verehrt, liebt den mit Feuerlaut und Punkt bezeichneten Mantra und weilt in der Freude der Liebe. | |||
'''72.64''' Möge Kameshvari uns stets schützen: In der innersten Mitte gegenwärtig, voller anmutiger Regungen, entfaltet sie spielerisch die Welt; alle Eigenschaften wohnen in ihr, sie erscheint in mannigfaltiger Gestalt. Sie bringt Wissen und Nichtwissen zur Ruhe, bezähmt den Todesherrn, schafft Wohlergehen und hat ein schönes Antlitz; der heilige Urlaut ist mit ihrer Gnadengeste verbunden. [Mehrere Wortverbindungen dieses Verses sind unsicher.] | |||
'''72.65''' Dieser am Körper vergegenwärtigte Schutzpanzer Haras besänftigt sogar den Todesherrn. Nimm ihn hier an und bemühe dich um Befreiung, zusammen mit Brahma und den Unsterblichen. | |||
'''72.66''' Wenn ein Kundiger diesen Schutzpanzer Kamakhyas auch nur einmal rezitiert, begleitet ihn nach der Verheißung die große Göttin beständig. | |||
'''72.67''' Er brauche weder seelisches Leid und Krankheit noch fleischfressende Wesen zu fürchten, weder Feuer noch Wasser, Feinde oder königliche Gewalt. | |||
'''72.68''' Er werde langlebig, reich an Freuden, mit Kindern und Enkeln gesegnet; nach hundert Wiederholungen erfreue er sich im höchsten Haus der Göttin. | |||
'''72.69''' Wie immer ein Kundiger gefesselt sei, im Kampf oder anderswo: Schon die Erinnerung an diesen Schutzpanzer werde ihn augenblicklich befreien. | |||
'''72.70''' Ishvara sprach: Nachdem Hari, Brahma, Indra und die übrigen Götter das Schutzgebet gehört hatten, setzten sie es jeder für sich rituell in den eigenen Körper ein. | |||
'''72.71''' Mit diesem vergegenwärtigten Schutzpanzer stiegen sie durch Mahamayas Macht aus dem Meerwasser auf und erreichten rasch die Erde. | |||
'''72.72''' Nachdem Brahma, Vishnu und alle anderen Götter das Land erreicht hatten, begaben sie sich zum Nilakuta, um Kamakhya zu sehen. | |||
'''72.73''' Als Keshava die weltgestaltige Göttin Kameshvari sah und nun ihre dort gegenwärtige Macht erkannte, sprach er: | |||
'''72.74''' Du allein bist die Urnatur, Göttin; du bist Erde und Wasser. Du allein bist die Mutter der Welten und die Gestalt der ganzen Welt. | |||
'''72.75''' Du bist die Schöpferin aller Welten und die befreiende Erkenntnis; du bist das Höchste und das Niedere, das Grobe und das Feine, Göttin. | |||
'''72.76''' Sei gnädig, große Göttin! Wenn du, die Heilvolle, gnädig bist, werden alle Götter gnädig, du Schuldlose, Spenderin der vier Lebensziele. | |||
'''72.77''' Kamakhya erschien dem hochgesinnten Keshava unmittelbar sichtbar. Die Vorlage wiederholt diese Aussage; dann sprach sie zu Hari. | |||
'''72.78''' Die Göttin sprach: Keshava, bade und trinke jetzt zusammen mit Brahma, allen Göttern und ihren Scharen im Wasser meiner Yoni. | |||
'''72.79''' Danach wirst du frei von Hochmut und mit höchster Kraft erfüllt sein. Besteige Garuda und kehre mit Brahma in den Himmel zurück. | |||
'''72.80''' So von der großen Göttin angewiesen, badete Keshava gemeinsam mit Brahma in den Wassern des Yoni-Mandalas und trank davon. | |||
'''72.81''' Nachdem die Götter und Keshava gebadet hatten, machten sie sich mit Zustimmung der Göttin freudig auf den Weg zum Himmel. | |||
'''72.82''' Während die Götterscharen mit Keshava und Brahma dahinzogen, sahen sie Kamakhya im Himmelsraum gegenwärtig. | |||
'''72.83''' Sie erblickten tausende Nilakuta-Berge mit den darin befindlichen Yoni-Heiligtümern, oberhalb und unterhalb angeordnet. | |||
'''72.84''' Die Götter bestiegen sie nacheinander, tranken und badeten dort wie zuvor und empfanden unvergleichliche Freude. | |||
'''72.85''' Frei von Beschwerden zogen sie weiter, ihr Geist von Staunen erfüllt, und priesen immer wieder Kamakhyas Yoni-Mandala. | |||
'''72.86''' Dann verneigten sie sich vor dem Götterlehrer und priesen mich; von mir verabschiedet, kehrten sie mit vor Freude weit geöffneten Augen in den Himmel zurück. | |||
'''72.87''' So groß ist Kamakhyas Herrlichkeit, Bhairava, und so beschaffen der gelehrte Schutzpanzer. Erfasse seine Wahrheit, mein Sohn, | |||
'''72.88''' wende ihn entsprechend deinem Ziel an und sei glücklich. Was könnte ich dir noch über Kamakhyas Größe sagen, wenn nach der Überlieferung schon die Berührung ihres Yoni-Steines Eisen und andere Stoffe in Gold verwandelt? | |||
'''72.89''' Wer einmal im Yoni-Mandala badet und sein Wasser trinkt, werde nach dieser Verheißung hier nicht wiedergeboren, sondern erlange die höchste Befreiung. | |||
===Kapitel 73=== | |||
'''73.1''' Der erhabene Herr sprach: Hört nun die Einsetzung der Buchstabenmütter, Vetala und Bhairava. Durch ihre ordnungsgemäße Ausführung erlange selbst ein Mensch göttliche Beschaffenheit. | |||
'''73.2''' Die Göttinnen, beginnend mit der Sprache und Brahmani, heißen Matrikas, Buchstabenmütter. Ihre Mantras sind sämtliche Konsonanten und Vokale, | |||
'''73.3''' verbunden mit Mondzeichen und Punkt; sie gelten als Spender aller Wünsche. Als Seher der Mutter-Mantras wird Brahma selbst genannt. | |||
'''73.4''' Ihr Versmaß ist Gayatri, ihre Gottheit Sarasvati. Die Anwendung gilt vor allem der Reinigung des Körpers, der Erfüllung aller Wünsche | |||
'''73.5''' und der Ergänzung fehlender Mantrabestandteile. Die erste, mit „ka“ beginnende Konsonantengruppe wird mit „a“ verbunden. | |||
'''73.6''' Ihre Buchstaben erhalten Mondzeichen und Punkt, am Ende steht „ā“ und „Verehrung den beiden Daumen“. So setze man den ersten Matrika-Mantra in beide Daumen ein. | |||
'''73.7''' Auch alle weiteren Konsonantengruppen und Vokale, die bei der Einsetzung vorkommen, sollen durchgehend mit Mondzeichen und Punkt versehen sein. | |||
'''73.8''' Die mit „ca“ beginnende Gruppe wird mit kurzem „i“ am Anfang und langem „ī“ am Ende verbunden. | |||
'''73.9''' Mit dem Abschluss „svāhā“ setze man sie wie zuvor in beide Zeigefinger ein. Die mit „ṭa“ beginnende Gruppe erhält kurzes „u“ am Anfang und langes „ū“ am Ende. | |||
'''73.10''' Mit dem Abschluss „vaṣaṭ“ wird sie in beide Mittelfinger eingesetzt. Die mit „ta“ beginnende Gruppe erhält „e“ am Anfang, „ai“ am Ende und den Abschluss „huṁ“. | |||
'''73.11''' Sie wird in beide Ringfinger eingesetzt, Bhairava. Die mit „pa“ beginnende Gruppe erhält „o“ am Anfang und „au“ am Ende. | |||
'''73.12''' Mit dem Abschluss „vauṣaṭ“ wird sie zur Vollendung des Vorhabens in beide kleinen Finger eingesetzt. Dann folgt „aṁ“ mit der bei „ya“ beginnenden Reihe bis „kṣa“. | |||
'''73.13''' Mit dem im Text als „a“ überlieferten Endlaut wird diese Reihe in Handflächen und Handrücken eingesetzt; für den Abschluss der Gliedereinsetzung nennt die Vorlage „vaṣaṭ“. [Die Endlautangabe ist unvollständig.] | |||
'''73.14''' In die sechs Glieder vom Herzen an setze man der Reihe nach dieselben sechs Gruppen ein, die zuvor den Daumen und den anderen Handstellen zugeordnet wurden. | |||
'''73.15''' Ebenso setze man die Mantras mit denselben Buchstaben der Reihe nach in Füße, Knie, Schenkel, Schambereich, beide Seiten und Blasengegend ein. | |||
'''73.16''' Mit den sechs Gruppen geschehe die Einsetzung auch an Armen, Händen, Hüfte, Nabel, Bauch und beiden Brüsten. | |||
'''73.17''' Ebenso vollziehe man sie mit den sechs Gruppen an Mund, Kinn, Wangen, Ohren, Stirn, Schultern und Achseln. | |||
'''73.18''' Auch an Haarporen, Scheitelöffnung, After, beiden Unterschenkeln, Nägeln und Fersen geschehe sie wie zuvor. | |||
'''73.19''' Der vorzügliche Mensch, der diese Matrika-Einsetzung vollzieht, werde dadurch gereinigt und zur Teilnahme an allen Opfern und Verehrungen geeignet. | |||
'''73.20''' Nirgendwo gebe es einen höheren Mantra als diesen verdienstvollen, alle Wünsche und die vier Lebensziele verleihenden. | |||
'''73.21''' Man meditiere im Herzen über die Göttin der Sprache und alle Buchstaben als ihre Gestalt und trinke dreimal Wasser mit den Matrika-Mantras in ihrer Reihenfolge. | |||
'''73.22''' Dies verheißt Beredsamkeit, Gelehrsamkeit, Einsicht und hervorragende Dichtkunst. Zuerst rezitiere der Kundige die Vokale mit Mondzeichen und Punkt, | |||
'''73.23''' danach die Konsonanten für sich. Die Reihe von „a“ bis „kṣa“ wird dabei mit der Einatmung verbunden. | |||
'''73.24''' Man nehme Wasser in die Handfläche, rezitiere die Buchstabenreihe darüber und trinke das so besprochene Wasser beim ersten Mal mit der Einatmung. | |||
'''73.25''' Das zweite Mal wird mit dem Anhalten des Atems, das dritte mit der Ausatmung verbunden. Wer auf diese Weise einen dreifachen Wasserritus vollzieht, | |||
'''73.26''' werde kräftig, gelehrt und mit Kindern und Enkeln gesegnet. Wer an den drei Tagesübergängen solches mit Matrika-Mantras besprochene | |||
'''73.27''' Wasser trinke, erlange Dichtkunst und alle Wünsche. Wer diesen Wasserritus beständig | |||
'''73.28''' mit Einatmung, Atemhalten und Ausatmung ausführe, Hochbegnadeter, erlange alle Wünsche und Reichtum an Kindern und Enkeln. | |||
'''73.29''' Er werde ein großer Dichter in der Welt, kraftvoll, zuverlässig in seiner Tatkraft und überall beliebt; am Ende erlange er Befreiung. | |||
'''73.30''' Dem Trinken des mit Matrika-Mantras besprochenen Wassers schreibt der Text außerdem die Macht zu, einen König, Königssohn oder die Gattin rasch für sich einzunehmen. | |||
'''73.31''' Bei der Einsetzung gilt die Reihenfolge der Konsonantengruppen; beim Wasserritus dagegen soll die fortlaufende Reihenfolge der Buchstaben verwendet werden. | |||
'''73.32''' Alle Mantras von Gottheiten, Sehern und Rakshasas sind nach dieser Lehre beständig in den Matrika-Mantras begründet. | |||
'''73.33''' Dieser Matrika-Mantra umfasst alle Mantras und alle Veden und verleiht die vier Lebensziele. | |||
'''73.34''' Damit ist dir, mein Sohn, die wunderbare Einsetzung der Buchstabenmütter erklärt. Hört nun über die Einteilung der Mudras, Vetala und Bhairava. | |||
===Kapitel 74=== | |||
'''74.1''' Der erhabene Herr sprach: Die bei der früheren Einteilung beschriebene Yoni-Mudra ist die erste von acht Formen dieser Geste. | |||
'''74.2''' Die zweite ist Kamakhyas Khechari-Mudra, Bhairava. Erkenne dieses wunderbare Geheimnis, durch das Chandika erfreut wird. | |||
'''74.3''' Man lege den rechten Ringfinger an den linken Zeigefinger und den linken Ringfinger an den rechten Zeigefinger. | |||
'''74.4''' Die beiden Zeigefinger umschließen die Ringfinger an ihren Enden; die beiden Mittelfinger werden oberhalb der Ringfinger angeordnet. | |||
'''74.5''' Ihre Spitzen werden verbunden, ebenso die Spitzen der kleinen Finger; an deren Wurzeln legt man die Daumen. | |||
'''74.6''' Dies ist die Khechari-Yoni, die wunscherfüllende Yoni-Mudra. Werden bei derselben Anordnung die beiden kleinen Finger nach unten gelegt, | |||
'''74.7''' heißt sie geheime Yoni und erfreut Kameshvari. Für die nächste Form verschränke man wie zuvor die kleinen Finger und Ringfinger beider Hände, | |||
'''74.8''' ordne sie unten und die Mittelfinger oben an und verbinde die jeweiligen Fingerspitzen miteinander. | |||
'''74.9''' Die Daumen werden in die Mitte gesetzt und an den Spitzen verbunden. Diese Yoni heißt Trishankari und erfreut Tripura stets. [Einzelheiten der Fingerstellung sind im Wortlaut unklar.] | |||
'''74.10''' Man verschränke ferner die beiden Mittelfinger und wie zuvor die Ringfinger, lege sie vor die kleinen Finger und die Daumen an deren Wurzeln. | |||
'''74.11''' Diese Geste heißt Sharadi und erfreut Sharada. Die Grund-Yoni wurde im Zusammenhang des Vaishnavi-Tantra beschrieben. | |||
'''74.12''' Man verbinde die Zeige-, Ring-, Mittel- und kleinen Finger beider Hände der Reihe nach und setze an die Wurzeln der kleinen Finger | |||
'''74.13''' die Daumenspitzen: Dies heißt große Yoni. Für die nächste Form verschränke man die Daumen und verbinde die Finger | |||
'''74.14''' an ihren Spitzen so, dass zwischen den Händen ein Hohlraum bleibt. Dies ist die Yogini-Yoni, welche die Yoginis erfreut. | |||
'''74.15''' Diese acht Yoni-Gesten sind Kameshvari lieb; entsprechend den verschiedenen Gestalten erfreuen sie auch andere Gottheiten. | |||
'''74.16''' Wer auf Reisen, im Krieg, beim Wortstreit oder in einer Auseinandersetzung der acht Yoni-Gesten gedenkt, dem wird beständiger Sieg verheißen. | |||
'''74.17''' Bei Verabschiedung, Verehrung und innerer Erinnerung werden diese Gesten je nach Handlung verwendet, auch in Chandikas Verehrung. | |||
'''74.18''' Damit sind die Yoni-Gesten für die einzelnen Schritte und die Verabschiedung erklärt. Höre nun über das Geheimnis, den linken und rechten Weg sowie die Reinigung der Mantras. | |||
'''74.19''' Was mit einem Mantra als höchste Mantrakraft am Körper vollzogen wird, nennen die Mantrakundigen das Geheimnis der Mantras. | |||
'''74.20''' Für Kamakhya zeichne man im Innern der Lotusblätter des Mandalas ein Sechseck und schreibe den Grundmantra dreimal an seine drei oberen Verbindungsstellen. | |||
'''74.21''' An die drei unteren Stellen schreibe man Brahma, Indra und Hara, jeweils mit Madana verbunden, dreifach auf Birkenrinde. | |||
'''74.22''' Man nehme den Faden in die rechte Hand und auch die Gebetskette und wiederhole, nach Norden gewandt, den Mantra tausendmal. [Die Zuordnung von Faden und Zahl ist sprachlich unsicher.] | |||
'''74.23''' Nach der Wiederholung sollen die vorzüglichen Übenden das beschriebene Yantra am rechten Arm tragen; dies verheiße Sieg über alles. | |||
'''74.24''' Es verheiße langes Leben, Einfluss auf andere, Reichtum und Vorräte; nach dem Tod gelange der durch das Yantra ausgerichtete Kundige ins Haus der Göttin. | |||
'''74.25''' Bei einer weiteren Form zeichne man auf Birkenrinde mit aufgelöstem rotem Farbstoff um das Sechseck herum acht Blätter. | |||
'''74.26''' Darauf schreibe man vom Norden aus die acht Laute des Vaishnavi-Tantra; in die Mitte wie zuvor den Kamaraja-Laut. | |||
'''74.27''' Die drei Laute der Augen-Keimsilbe schreibe man an die Spitzen des Dreiecks. Dieses dreifach gegliederte Yantra halte man in der linken Hand. | |||
'''74.28''' Mit der Gebetskette in der rechten wiederhole man den Mantra dreitausendmal; danach meditiere man unermüdlich über Vaishnavis Gestalt. | |||
'''74.29''' Nach tausend Atemregelungen trage man das beschriebene Yantra am Hals. Dadurch werde man nach der Verheißung überall siegreich. | |||
'''74.30''' Ein Königssohn werde König, ein anderer Minister; ein Brahmane werde zum Ersten der Zweimalgeborenen, gelehrt, dichterisch begabt und beredt. | |||
'''74.31''' Durch Rakshasas, Pishachas, Bhutas oder andere Wesen erleide er niemals eine Niederlage. | |||
'''74.32''' Er werde langlebig, stark und verständig und erlange nach dem Tod Befreiung. Für die nächste Form zeichne man ein vollständiges Mandala mit acht Blättern | |||
'''74.33''' auf Birkenrinde mit dem Saft der Bilva-Frucht; in seine Mitte ein Sechseck. An dessen drei nach vorn weisende Spitzen | |||
'''74.34''' schreibe man Tripuras Laute, nach unten die Augen-Keimsilbe. Auf die acht Blätter kommen wiederum die zum Vaishnavi-Tantra gehörenden | |||
'''74.35''' acht Laute, ebenso an die vier Tore und in die Ecken des Sechsecks, vom Norden ausgehend, mit gesammeltem Geist. | |||
'''74.36''' Man halte es in der rechten Hand und wiederhole den Vaishnavi-Tantra-Mantra mit beherrschtem Geist innerhalb von drei Tagen zehntausendmal. | |||
'''74.37''' Nach dreitausend Atemregelungen trage der Kundige es freudig am Abend des neunten Mondtages auf dem Kopf. | |||
'''74.38''' Dies verheiße hundertjährige Lebensdauer, Herrschaft über andere, Einsicht, höchste Gelehrsamkeit, Kraft, Tatmacht, Reichtum und königliche Stellung. | |||
'''74.39''' Der Einsichtige sehe Mahamaya, Kamakhya, Tripura, Mahotsaha und Sharada fortwährend unmittelbar vor sich. | |||
'''74.40''' Löwen, Tiger, Schlangen und andere Wesen, die ihm schaden wollen, würden kraftlos, sobald sie seinen Körper erreichen. | |||
'''74.41''' Für Sieg im Kampf oder im gelehrten Streit gebe es in den drei Welten kein anderes gleiches Mittel; darum empfiehlt der Text dieses Yantra. | |||
'''74.42''' Am Ende gelange man ins Haus der Göttin und danach zur Befreiung. Nun werden die Mantragruppen Mahamayas, Sharadas, Kamakhyas, Tripuras | |||
'''74.43''' und Mahotsahas in einem achtblättrigen Mandala angeordnet und in dessen Mitte eingeschrieben. | |||
'''74.44''' Die zuvor genannte Mantragruppe werde wie vorher geschrieben; die beiden anderen kommen an die Torbereiche und deren Ränder, Buchstabe für Buchstabe. | |||
'''74.45''' Dies geschehe auf weißer Seide mit dem Saft der als Vahnishikha bezeichneten Pflanze. Man trage den Stoff als Obergewand und beginne die Mantrawiederholung. | |||
'''74.46''' Nach Fasten, Reinigung und Einsetzung der Buchstabenmütter wiederhole man jede der fünf Mantragruppen fünftausendmal. | |||
'''74.47''' Die Wiederholung werde innerhalb von fünf Tagen vollzogen; anschließend geschehen fünftausend Atemregelungen in fünf Tagen. | |||
'''74.48''' Am Ende setze man Katyayanis Schutzgebet in den Körper ein. Danach trinke man unter den Matrika-Mantras, verbunden mit Atemhalten, | |||
'''74.49''' dreimal Milch einer braunen Kuh und wache in der folgenden Nacht. Wer so das Yantra auf weißem Stoff am Körper trägt, | |||
'''74.50''' erlange nach der Verheißung hier Vollendung und die Welt der Göttin. Höre auch die Wirkung dessen, der das mit Mantras geweihte Obergewand | |||
'''74.51''' beständig trägt, Hochbegnadeter: Keine Waffe dringe in seinen Körper ein. | |||
'''74.52''' Feuer verbrenne ihn nicht, Wasser durchweiche ihn nicht. Rakshasas, Pishachas, Bhutas und andere schädigende Wesen | |||
'''74.53''' wichen beim Anblick dieses Hochbegnadeten furchtsam zurück. Der vorzügliche Übende könne sich überall ungehindert bewegen. | |||
'''74.54''' Er gewinne Einfluss auf Götter, Könige, andere Menschen und Frauen; wenn er sich darum bemühe, werde er einsichtig, beredt und König. | |||
'''74.55''' Er werde langlebig, hochbegnadet, reich an Geld und Vorräten, ein verständiger Dichter und für Feinde unbezwingbar. | |||
'''74.56''' In der Stadt, in der er wohne, schlage kein Blitz ein; Gift und selbst von kräftiger Hand geschleuderte Waffen | |||
'''74.57''' schadeten ihm nicht. Überall sei ihm Sieg beschieden, Bhairava; alle Angriffe verfehlten ihn. | |||
'''74.58''' Seelische und körperliche Leiden träfen ihn nicht. Als verständiger Sohn der Göttin erlange er nach dem Tod Befreiung. | |||
'''74.59''' Eine ihrem Gatten treue Frau, die das von ihm geweihte Yantra trägt, erlange nach dem Text Söhne, Wohlstand und langes Leben. | |||
'''74.60''' Durch einzelne Anwendung, Zusammenfassung und die jeweils zunehmenden Verbindungen habe ich hier der Reihe nach zwanzig Yantras beschrieben. | |||
'''74.61''' Wer jedes davon versteht und stets im Herzen vergegenwärtigt oder alle aufzeichnet und am Hals trägt, | |||
'''74.62''' gleiche durch seine Macht auf Erden dem Götterkönig. Er erlange sogleich sämtliche zuvor genannten Früchte und könne, selbst verborgen, stets alle drei Welten sehen. | |||
'''74.63''' Wer die zuvor genannte Tausenderzahl mit den acht Gruppen und sämtlichen Yantragruppen auf weißen Stoff schreibt und beständig am Körper trägt, erlange alles Genannte. [Die Zahlenverbindung ist im Vers unklar.] | |||
'''74.64''' Für den Kampf solle der Krieger am Herzen im Bereich des Schutzpanzers und an weiteren äußeren Körperstellen die acht grundlegenden Mantralaute der Göttin anordnen. [Der Anfang des Verses ist beschädigt.] | |||
'''74.65''' Am Hals schreibe er Hari, an der Brust Brahma, an beiden Brüsten Maheshvara mit seinen Söhnen, an den Gelenken der Arme Hara und Vaishnavi, an den Armen Lakshmi und Sarasvati. | |||
'''74.66''' Nachdem er so die achtfache Kampfordnung am gepanzerten Körper angebracht hat, meditiere er über die Göttin Shiva. Zwischen die Stirnzeichen schreibe er das vorzügliche Yantra mit sämtlichen Mantrabuchstaben. | |||
'''74.67''' Dann lege er die Hand an die acht Stellen und wiederhole den Vaishnavi-Tantra-Mantra achtmal; danach betrete er das Schlachtfeld. | |||
'''74.68''' Dieser Held werde im Kampf mir gleich. Die Waffen der Gegner würden an seinem feurigen Wesen wie Grashalme vergehen. | |||
'''74.69''' Die Feinde wichen vor ihm; der Vergleich mit Bittstellern und einem Reichen ist in der Vorlage beschädigt. Er werde löwengleich, ein Tiger unter den Menschen, voll Tatkraft und Stärke. | |||
'''74.70''' Damit ist Kamakhyas Geheimnis im Hauptzusammenhang des Vaishnavi-Tantra erklärt, Bhairava. Höre nun dasjenige Tripuras. | |||
'''74.71''' Ihre Mantras werden auf zwanzigtausend und dreizehn gezählt. Unter den hervorgehobenen heißt der erste Vagbhava. | |||
'''74.72''' Der zweite heißt Kamaraja, der dritte Mohana; als vierter wird die verdoppelte Vagbhava-Form genannt. | |||
'''74.73''' Der zweite Bestandteil der Augen-Keimsilbe und der zweimal gesprochene Vagbhava-Laut bilden mit dem bezeichneten Anfang die als viersilbig beschriebene fünfte Form. [Die Anordnung bleibt unsicher.] | |||
'''74.74''' Für die nächste Form steht zuerst der zweite Bestandteil der Augen-Keimsilbe, danach die Kama-Keimsilbe und an dritter Stelle Vagbhava. | |||
'''74.75''' Der aus diesen dreien gebildete Mantra heißt der sechste. Der zweite Augen-Keim mit Vagbhava bildet den siebten. | |||
'''74.76''' Dieselbe Verbindung mit Vagbhava am Anfang heißt der achte. Vagbhava, Kama-Keim und die beiden Augenbestandteile bilden den neunten. | |||
'''74.77''' Mit Kama-Keim am Anfang folgt der zehnte, der bezaubernde. Als elfter wird die hier bezeichnete weitere Form genannt; Vagbhava mit Damara am Anfang | |||
'''74.78''' heißt der zwölfte. Zuletzt folgt die große Tripura-Form. Höre diesen machtvollen Tripura-Mantra mit gesammeltem Geist. | |||
'''74.79''' Der Anfang des letzten Lautbereichs, dessen Anfang, Feuer-Laut und die Verbindung mit Vagbhava werden als erste Keimsilbe Tripurabhairavis beschrieben. | |||
'''74.80''' Der vorletzte Laut, dessen Anfang, Feuer-Laut und Endvokal, verbunden mit viertem Vokal, Punkt und Mondzeichen, bilden die zweite. | |||
'''74.81''' Der vorletzte Laut, dessen Anfang, Feuer-Laut, Endvokal und Abschluss mit Punkt bilden die dritte. [Diese drei Verse verschlüsseln die Lautbildung; der genaue Wortlaut lässt sich aus der beschädigten Vorlage nicht sicher gewinnen.] | |||
'''74.82''' Wer diese Wahrheit kennt, ein Juwel unter den Menschen auf Erden, werde den Siddhas und Vidyadharas gleich oder überrage sie. | |||
'''74.83''' Diese dreizehn werden als besonders strahlende Mantras und als den zwanzigtausend übrigen überlegen bezeichnet. | |||
'''74.84''' Nun wird der erste unter den zwanzigtausend genannt, der Mantra der jungen Tripura. Höre ihn, Bhairava. | |||
'''74.85''' Vagbhava, Kamaraja und die mit dem vorletzten Laut beginnende, mit Punkt, Endvokal und Abschluss verbundene Form werden als dieser Mantra angegeben. | |||
'''74.86''' Dies ist Tripura Bala, die Junge. Die mittlere Gestalt wurde zuvor erklärt; die letzte, strahlende Gestalt heißt Tripurabhairavi. | |||
'''74.87''' Die Verehrung der mittleren wurde erläutert. Höre nun die Verehrung Balas und Tripurabhairavis, die alle Vollkommenheiten verheißen soll. | |||
'''74.88''' Man lasse die Shakti-Gestalt die Shambhu-Gestalt durchdringen und umgekehrt; in der Verbindung zeichne man das sechseckige Buchstabenfeld und die Lotusfäden. [Gemeint ist die Verbindung der Dreiecksformen.] | |||
'''74.89''' Die Tor- und Mandalaanordnung entspricht derjenigen der mittleren Tripura; ebenso die Einschriften an den Ecken. | |||
'''74.90''' Das Entfernen von Verfehlungen und die Reinigung des Bodens und der weiteren Bestandteile erfolgen nach dem zuvor im Uttara-Tantra für Tripuras Sitz Gelehrten. | |||
'''74.91''' Alles bei Kamakhyas Verehrung Genannte soll der Übende vollziehen, auch inneres Verbrennen und Überfluten sowie das Bereiten des Gefäßes. | |||
'''74.92''' Alles wird wie bei Kamakhya ausgeführt. Danach folgt die Einsetzung der Mantrabuchstaben in den Körper, | |||
'''74.93''' mit sämtlichen Vokalen und den Konsonanten von „ka“ an. Dann meditiere man ihre Gestalt: vierarmig, rot, mit roter Kleidung geschmückt, | |||
'''74.94''' in der oberen rechten Hand eine Gebetskette, in der unteren ein vorzügliches Buch, mit den beiden linken Händen Schutz und Gnade verheißend, | |||
'''74.95''' leuchtend wie tausend Sonnen, dreiäugig, die Welt durchwaltend, mit hohen vollen Brüsten und auf einem weißen Leichnam sitzend, | |||
'''74.96''' mit lächelndem, heiterem Gesicht und sämtlichem Schmuck versehen. Drei Girlanden aus Köpfen schmücken Kopf, Brust und Hüfte, | |||
'''74.97''' jeweils dreifach gelegt; sie verkörpert die drei Eigenschaften. Ihre Augen rollen vom Wein, beide Lippen sind rot. | |||
'''74.98''' So meditiere man die gabenspendende Tripurabhairavi. Die Gestalt der jungen Tripura wurde bereits im früheren Verehrungsabschnitt beschrieben. | |||
'''74.99''' Auch die Ordnung am heiligen Sitz wurde genannt; höre nun die Rituallehre, Bhairava. Sie trägt Blumenpfeile, Schlinge und Blumenbogen | |||
'''74.100''' sowie die nochmals genannte Schlinge und sitzt auf einem Leichnam: So wird Bala Tripura vorgestellt. Die Gayatri beginnt mit der Erkenntnisformel und den Anreden „Manmatha, Tripura“. | |||
'''74.101''' „Wir meditieren über dich, Kameshvari; mögest du Feuchte, uns anregen!“ Dies ist Tripuras Gayatri, besonders zur Anrufung. [Die Anrede „Klinne“ bleibt wörtlich wiedergegeben.] | |||
'''74.102''' Mit Bad und den weiteren Diensten verehre man Bala und die andere Gestalt Bhairavi. Die Besonderheiten ihrer Ordnung bei der Einsetzung und den folgenden Handlungen | |||
'''74.103''' hört nun samt den Mantras, Vetala und Bhairava. Man erhebe sich in der Brahma-Stunde vor Sonnenaufgang und meditiere über den höchsten Lehrer, | |||
'''74.104''' dann über den eigenen reinen Lehrer und danach über Tripurabhairavi: vierarmig und weiß, Gnade und Schutz verheißend, ein Buch | |||
'''74.105''' und eine Gebetskette in den linken und rechten Händen tragend, auf einem vorzüglichen, mit Gold und Edelsteinen besetzten Sitz. | |||
'''74.106''' Sie trägt ein goldenes Obergewand und goldene Ohrringe. Entsprechend vergegenwärtige man auch den eigenen Lehrer in Farbe und Meditationsgestalt. | |||
'''74.107''' Nach der Meditation über Bhairavi stehe man auf und vollziehe Ausscheidung, Mundspülung und Zahnreinigung. | |||
'''74.108''' Dann nehme man das Morgenbad unter Anwendung von Tripuras Ordnung. Bei allen Mantras der Göttin, auch den vedischen, | |||
'''74.109''' und ebenso bei Göttermantras vergegenwärtige man stets Tripurabhairavi. Mit den drei Tripura-Keimsilben vollziehe man dreimaliges Untertauchen. | |||
'''74.110''' Bei sämtlichen Göttern füge man stets die Bezeichnung „Bhairava“ hinzu; ihre Namen sollen in dieser Ordnung nicht ohne diesen Zusatz ausgesprochen werden. | |||
'''74.111''' Bei „Mögen die Wasser die Erde reinigen“ füge der Brahmane „Tripurabhairavi“ ein und vollziehe die Mundspülung; ebenso verfahre er mit dem Drupada-Spruch. | |||
'''74.112''' Beim Aufnehmen von Erde spreche er die mit „Dies hat Vishnu durchschritten“ beginnende Formel stets mit dem Zusatz „Bhairava“ zu Vishnu. | |||
'''74.113''' Die Gayatri rufe er als Tripurabhairavi, die Heilvolle, an; das Ehrenwasser für die Sonne bringe er mit „für Martandabhairava“ dar. | |||
'''74.114''' An die Formel „Die Strahlen tragen den allwissenden Gott empor, die Sonne, damit die ganze Welt sie sehe“ füge er am Ende „Bhairava“ an. | |||
'''74.115''' Bei der Sättigungsgabe spreche er: „Möge Brahmabhairava gesättigt sein.“ Bei der Anrufung der Ahnen bezeichne er sie selbst als Bhairavas. | |||
'''74.116''' „Mutter Bhairavi, sei gesättigt! Vater Bhairava, sei gesättigt!“ Auch bei der Sättigungsgabe soll die Bezeichnung Tripura vorangestellt werden. | |||
'''74.117''' Wen immer man beim Jyotishtoma, Pferdeopfer oder anderen Opfern verehrt, vergegenwärtige man als Bhairava, eine Göttin als Bhairavi. | |||
'''74.118''' Beim Anblick eines Weingefäßes, einer rot gekleideten Frau oder eines Menschenkopfes soll der Zweimalgeborene an Bhairavi denken. | |||
'''74.119''' Sieht er an einem Ort schöne junge Frauen, so bringe er ihnen zur Freude Tripurabhairavis ehrerbietige Gesten dar, | |||
'''74.120''' hingebungsvoll im Geist und mit innerer Betrachtung Bhairavis. „Ich empfange Bhairavi; ich bin Bhairava, der Empfangende“: | |||
'''74.121''' So soll der verständige Tripura-Verehrer bei der Eheschließung die Braut betrachten. „Dem Bhairava gebe ich heute die Göttin Tripurabhairavi“: | |||
'''74.122''' So spreche derjenige, der die Braut übergibt, und vergegenwärtige Tripura. Ihre Verehrungsgeräte und Gefäße sollen nicht für andere Verehrungen verwendet werden. | |||
'''74.123''' Auch den ihr bestimmten gegorenen Trank und ähnliche Gaben verwende man nicht anderweitig. Ein zweifachgeborener Übender lasse einmalig durch andere Wein darbringen. | |||
'''74.124''' Shudras und die weiteren hier genannten Gruppen dürfen dagegen nach dieser Ordnung stets vorzüglichen gegorenen Trank geben. So werde Tripurabhairavi auf dem linken Weg verehrt. | |||
'''74.125''' Bala dagegen kann sowohl auf dem linken wie auf dem rechten Weg verehrt werden. Die Göttinnen Shmashanabhairavi, Ugratara, | |||
'''74.126''' Ucchishtabhairavi, Chandi und Tripurabhairavi werden ausschließlich dem linken Weg zugeordnet, nicht dem rechten. | |||
'''74.127''' Man verehre Seher, Götter, Ahnen, Menschen und die Scharen der Wesen durch die fünf Opfer und trage damit seine Verpflichtungen ab. | |||
'''74.128''' Die ordnungsgemäße Verehrung mit Bad und Gaben, einschließlich ihrer geheimen Bestandteile, heißt hier der rechte Weg. | |||
'''74.129''' Weil man dabei gegenüber Ahnen, Göttern und anderen rechtschaffen handelt und auch die Göttin wohlgesinnt ist, heißt er „rechts“. | |||
'''74.130''' Die Göttin dagegen, die noch vor Göttern und den übrigen Empfängern selbst deren Opferanteil annimmt, wird „links“ genannt. | |||
'''74.131''' Ihr Verehrer wird entsprechend ebenfalls als links bezeichnet, mein Sohn. Ob er bei der Verehrung des linken Weges die fünf Opfer vollzieht oder nicht: | |||
'''74.132''' Weil die Göttin den Verehrungsanteil der anderen annimmt, gilt die auf linke Weise vollzogene Verehrung nicht als Abtragung der Verpflichtungen | |||
'''74.133''' gegenüber Ahnen, Göttern, Menschen und den übrigen Wesen. Doch wenn er Tripuras Yoga übt und mit diesem Yoga verbunden | |||
'''74.134''' zu tiefer Einsicht gelangt, erlangt er Befreiung. Diese komme erst nach langer Zeit; zuvor werde er wiederholt hier geboren, | |||
'''74.135''' belastet durch die Verfehlungen aus den nicht abgetragenen Verpflichtungen, Bhairava. In dieser Welt sei er dennoch glücklich, mächtig und überall beliebt, | |||
'''74.136''' mit einem strahlenden, dem Liebesgott gleichen Körper. Er bringe den König samt seinem Reich unter seinen Einfluss, | |||
'''74.137''' bezaubere Frauen und versetze sie in Erregung; Löwen, Tiger, Hyänen, Bhutas, Pretas und Pishachas | |||
'''74.138''' bändige er und ziehe schnell wie der Wind umher. Wer die Göttin Tripura als Bala, als mittlere Gestalt oder als Bhairavi | |||
'''74.139''' mit höchster Hingabe verehrt, werde von der im Text mit Bana verglichenen Gestalt. Kameshvari und Kamakhya kann man nach eigener Wahl | |||
'''74.140''' auf rechtem oder linkem Weg verehren; in beiden Fällen wird Vollendung verheißen. Mahamaya, Sharada und die Bergestochter | |||
'''74.141''' sollen dagegen in jeder Ausführungsform auf dem rechten Weg verehrt werden. Wer Mahamaya ohne diese rechte Gesinnung verehrt, | |||
'''74.142''' falle nach der Strafandrohung des Textes aus den Himmelswelten und werde krank. Die übrigen zuvor genannten Göttinnen, Shivaduti und die weiteren, | |||
'''74.143''' sollen ebenfalls auf dem rechten Weg verehrt werden und euch schützen. Wer ausschließlich dem linken Weg folgt, bleibt von der Verehrung der anderen ausgeschlossen. | |||
'''74.144''' Der Verehrer des rechten Weges kann dagegen alle verehren; darum wird dieser hier als vorzüglich eingestuft. Höre nun Tripurabhairavis Mantraeinsetzung, Bhairava. | |||
'''74.145''' Schon durch diese Einsetzung werde ein Mensch göttergleich. Der Seher des Bhairavi-Tantra-Mantras heißt Dakshina. | |||
'''74.146''' Sein Versmaß ist Pankti, seine Göttin Tripurabhairavi; die Anwendung gilt der Erfüllung von Wünschen und dem Erwerb von Gütern. | |||
'''74.147''' „ha“ werde am Nabel eingesetzt, „sa“ an der Blasengegend, „va“ am Geschlechtsorgan und „e“ am After. | |||
'''74.148''' Dann komme der erste Laut an die Schenkel, der zweite an die Knie, der dritte an die Unterschenkel und der vierte an die Füße. | |||
'''74.149''' So setze man die göttliche Kraft dreifach vom Nabel bis zu den Füßen ein. Den ersten Laut der zweiten Keimsilbe setze man an die bezeichnete erste Stelle. [Das Körperwort ist beschädigt.] | |||
'''74.150''' Den zweiten setze man an die linke Brust, den dritten an die rechte, den vierten an den Bauch und den fünften an die Seiten. | |||
'''74.151''' Den sechsten setze man an den Nabel, jeweils in dreifacher Wiederholung. Den ersten Laut der dritten Keimsilbe setze man auf den Scheitel, | |||
'''74.152''' den zweiten an den Haaransatz, den dritten an den Mund und den vierten an das Herz, ebenfalls jeweils dreifach. | |||
'''74.153''' Den ersten Laut der ersten Gruppe setze man an den rechten Daumen, den zweiten an den Zeigefinger, den dritten an den Mittelfinger und den vierten an den Ringfinger. | |||
'''74.154''' Den ersten Laut der zweiten Gruppe setze man an den kleinen Finger, den zweiten an den linken Daumen, den dritten an den linken Zeigefinger und den vierten an den linken Mittelfinger. | |||
'''74.155''' Der fünfte kommt an den Ringfinger, der sechste an den verbleibenden kleinen Finger. So wird die zweite Keimsilbe dreifach eingesetzt. | |||
'''74.156''' Dann fasse man die entsprechenden Finger beider Hände paarweise zusammen, beginnend mit den Daumen, und setze die Laute der dritten Keimsilbe der Reihe nach ein. | |||
'''74.157''' Die vereinigte Gesamtheit der Keimsilben setze man an beide kleinen Finger, die erste an die Handflächen und die zweite an die Handrücken. | |||
'''74.158''' Nach dreimaligem Klatschen vollziehe man mit der dritten die schützende Umhüllung. An Ohren, Kinn, Wangen, Mund, Augen und Nase, | |||
'''74.159''' Schultern, Ellbogen, Bauch, Geschlechtsorgan, Scheitel, Füßen, Seiten, Herz und beiden Brüsten | |||
'''74.160''' sowie am Hals werden die Mantrabuchstaben erneut der Reihe nach eingesetzt. Am Geschlechtsorgan setze man mit Vagbhava am Anfang „Verehrung der Rati“ ein. | |||
'''74.161''' Dann setze man „oṃ klīṃ prītyai namaḥ“ – „Om, klim, Verehrung der Priti“ – an das Herz; zwischen die Brauen komme die dritte Formel mit „für Manobhava“. | |||
'''74.162''' Dort werde die Tripura-Keimsilbe eingesetzt, um unmittelbar göttliche Beschaffenheit zu erlangen. Es folgt „oṃ īṃ“, „in Ishanas Gestalt“ und „für Manobhava“. | |||
'''74.163''' Mit „Verehrung“ schließt die Formel, durch die Ishana auf den Scheitel eingesetzt wird. Tatpurusha und Makaradhvaja werden mit der entsprechenden Keimsilbe am Mund vergegenwärtigt. | |||
'''74.164''' Am Herzen setze man Aghora und Kandarpa mit der ersten Keimsilbe ein, am Geschlechtsorgan Vamadeva und Manmatha. | |||
'''74.165''' Sadyojata und Kamadeva kommen an beide Füße. „o“, „ha“ und „r“ werden für die folgenden Formeln miteinander verbunden. | |||
'''74.166''' Hinzu kommen der letzte Vokal, Vagbhava als Anfang und die fünf kurzen Vokale. Mit diesen fünf Mantras werden Ishana und die weiteren Gestalten eingesetzt. [Die verschlüsselte Lautfolge bleibt unklar.] | |||
'''74.167''' Die zuvor genannten Gesichter vergegenwärtige man über dem eigenen Gesicht, vorn, rechts, links und hinten. | |||
'''74.168''' Die sechs Glieder vom Herzen an werden mit den langen Anfangsvokalen eingesetzt; danach folgen die fünf Pfeile an den Stellen vom Scheitel an. | |||
'''74.169''' Am Scheitel lautet die Formel „oṃ hrīṃ klīṃ sauṃ drāvaṇāya“ – „für den zum Schmelzen Bringenden“; an den Füßen „oṃ hrīṃ kṣobhaṇabāṇāya … namaḥ“ – „Verehrung dem erregenden Pfeil“. | |||
'''74.170''' Die folgenden Formeln verwenden „oṃ klīṃ klīṃ hrīṃ“ mit den angegebenen Abschlüssen und Halbmondzeichen. Der bezwingende Pfeil wird am Mund, der bezaubernde am Geschlechtsorgan eingesetzt. | |||
'''74.171''' Der anziehende Pfeil wird mit dem entsprechenden Mantra am Herzen eingesetzt. Vagbhava am Anfang, der bezeichnete Endlaut und „vaṣaṭ“ werden als Bestandteile genannt. | |||
'''74.172''' Dreimal folgt der Endvokal mit Halbmond und Punkt. Mit diesen fünf Mantras werden anschließend die acht Shaktis, deren Lautreihe bei „krā“ beginnt, | |||
'''74.173''' an acht Stellen eingesetzt. Es sind Subhaga, die Göttin Bhaga und als dritte Bhagarupini, | |||
'''74.174''' als vierte Bhagamala, danach Anangakusuma, Anangamekhala und Anangamadana, | |||
'''74.175''' als achte die Göttin Madavibhramamanthara, die sich in berauschtem Anmutsspiel bewegt. Ihre Gestalt meditiere man entsprechend Tripurabhairavi. | |||
'''74.176''' Die acht Shaktis werden an Stirn, Brauenmitte, Mund- beziehungsweise Ohrenbereich, Hals, Herz, Nabel und Geschlechtsorgan vergegenwärtigt. [Die Aufzählung der acht Stellen ist nicht eindeutig gegliedert.] | |||
'''74.177''' An Kopf, Stirn, beiden Brauen, Ohren, Augen, Wangen, Nase, Zahnreihe und Mund | |||
'''74.178''' werden die vierzehn Vokale an vierzehn Stellen eingesetzt. Danach folgen Kinn, Nacken, Halsbereich, beide Seiten, | |||
'''74.179''' Brüste, Achseln, Ellbogen, Hände, Handrücken, Nabel, Geschlechtsorgan und beide Schenkel, | |||
'''74.180''' Knie, Unterschenkel, Gesäß, Fußansätze und große Zehen; dort werden die Konsonanten von „ka“ an eingesetzt. | |||
'''74.181''' An Gürtel, Halsschmuck, Armschmuck, Halskette, Girlande, Ohrringen, Haarbindung | |||
'''74.182''' und Scheiteljuwel werden die Laute von „ya“ an vergegenwärtigt. Dann verbindet man die drei Mantrasilben miteinander. | |||
'''74.183''' In umgekehrter Reihenfolge werden sie je dreimal auf dem Scheitel eingesetzt, dazu Amrita, Yogini und Vishvayogini entsprechend der Buchstabenfolge. | |||
'''74.184''' Nachdem die drei Keimsilben an Scheitel, Armen und Herz eingesetzt sind, beginne der verständige Mantrakundige die Verehrung wie zuvor. | |||
'''74.185''' Er verehre die Göttin nach der früheren Ordnung, hier jedoch ohne die zusätzlichen Sitzgottheiten. Besonders vergegenwärtige er die acht Shaktis, Subhaga und die weiteren, | |||
'''74.186''' in den acht Richtungen des Mandalas, vom Osten an. An den Dreiecksspitzen verehre er Amrita und die beiden weiteren Yoni-Gestalten. | |||
'''74.187''' In der Mitte verehre er die acht Schmuckstücke, danach meine Gesichter, Ishana und die weiteren, Bhairava, | |||
'''74.188''' und ebenso die mit Manobhava beginnende Reihe. Im Übrigen gilt die zuvor beschriebene Reihenfolge der Verehrung. | |||
'''74.189''' Diese ist auch bei Tripuras vollständiger Verehrung beizubehalten. Höre nun von der Göttin, welche die verbliebenen Opfergaben trägt: Sie heißt hier Bhairavi. | |||
'''74.190''' Nach Niederlegen der verbliebenen Gaben im Norden vollziehe man die Verabschiedung. Tripurabhairavi soll in ihrer dreifachen Gestalt verehrt werden. | |||
'''74.191''' Die Mantrawiederholung soll niemals weniger als dreißig betragen. Blumen und weitere Gaben reiche man mit Daumen, Mittel- und Ringfinger; die Girlande werde dreifach angeordnet. | |||
'''74.192''' Man nehme auf einem Fellsitz Platz und lege beide Füße nach hinten. | |||
'''74.193''' An einem einsamen Ort verehre der Übende sie mit ungeteiltem Geist. Blumen, Speisen und andere Gaben soll er nach dieser Ordnung vorzugsweise mit der linken Hand bereitstellen. | |||
'''74.194''' Tripura wird als diejenige bezeichnet, die bei unvollständiger Verehrung drei Schäden hervorruft. | |||
'''74.195''' Als erster wird eine verachtete Körperkrankheit angedroht, als zweiter Ungehorsam von Kindern, Gattin, Dienern und weiteren Angehörigen. | |||
'''74.196''' Als dritter werden Verwundung durch eine Waffe und Lebensverlust genannt. So beschreibt der Text die drei Schäden einer falsch vollzogenen Verehrung. | |||
'''74.197''' Darum beachtet stets genau diese Ordnung, Vetala und Bhairava. Diese Tripura und alle anderen zuvor beschriebenen Göttinnen | |||
'''74.198''' sind Erscheinungsformen der Maya Bhairavis, der Yogaschlaf-Göttin und Mutter der Welt. Sie allein spielt in ihren vielen entfalteten Gestalten. | |||
'''74.199''' Mahamaya ist die Grundgestalt, daraus geht Sharada hervor, dann Uma, die Bergestochter; aus meiner Geliebten entstehen diese weiteren Formen: | |||
'''74.200''' Ugrachanda, Prachanda und die anderen, ebenso Tripura und ihre Reihe. Ihnen allen stehe ich stets in Mahabhairavas Gestalt | |||
'''74.201''' als Herr gegenüber. Der Kundige möge fortwährend in ihrer Gegenwart leben. Den Mantra meiner Bhairava-Gestalt habe ich bereits gelehrt, | |||
'''74.202''' ebenso ihre Gestalt; für die Verehrung gilt Tripuras Ordnung. „Wir erkennen Mahabhairava; über Kalarudra meditieren wir. | |||
'''74.203''' Möge der begehrende, erweichende Bhairava uns stets anregen!“ Dies ist die für meine Bhairava-Gestalt festgelegte Gayatri. | |||
'''74.204''' Diese Mahabhairava-Gestalt habe ich angenommen, um nach Belieben Fleisch, Wein und andere Genüsse sowie die geschlechtliche Vereinigung mit Frauen zu erfahren. | |||
'''74.205''' Sie wird stets auf dem linken Weg mit Wein und den übrigen Gaben verehrt. Auch Brahma besitzt eine linke Gestalt für Fleisch, Wein und solche Genüsse, | |||
'''74.206''' die Mahamoha heißt und als Begründer der Charvaka-Lehre und verwandter Anschauungen gilt. Vishnus linke Gestalt wird Narasimha genannt. | |||
'''74.207''' Diese soll von Kundigen sowohl auf dem rechten wie auf dem linken Weg verehrt werden; ebenso die Gestalt des neugeborenen, noch von der Eihaut umgebenen Bala-Gopala. | |||
'''74.208''' Der Text beschreibt die linke Gestalt als Wein und Fleisch genießend, sinnlich und den Frauen zugewandt. Von Chandika werden viele linke Gestalten genannt. | |||
'''74.209''' Lakshmis linke Gestalt heißt Dahanabhairavi. Als unverehrte Mahalakshmi verursache sie Brände in Städten, Dörfern und Häusern; darum werde sie an der Türschwelle verehrt. | |||
'''74.210''' Sarasvatis linke Gestalt heißt Vagbhairavi. | |||
'''74.211''' Ihr Mantra wurde zuvor genannt; ihre Farbe gilt als weiß. Gestalt und Meditation entsprechen hier der mittleren Tripura. | |||
'''74.212''' Auch die Verehrungsordnung ist überall dieselbe, Bhairava. Die entsprechende Gestalt der Sonne heißt Martandabhairava. | |||
'''74.213''' Ganeshas linke Gestalt wird Agnivetala genannt. Diese Formen sollen besonders auf dem linken Weg verehrt werden. | |||
'''74.214''' Nun folgt eine verschlüsselte Mantrareihe mit dreifachem Anfang sowie den Lauten „na“, „ma“, „ya“, „ra“, „la“, „va“ und doppeltem „r“ in den bezeichneten Verbindungen. [Der genaue Aufbau ist beschädigt.] | |||
'''74.215''' Anfang und Ende erhalten Anusvara und Visarga; in der Mitte stehen die Laute teils allein, zuvor aber mit den genannten Nasal- und Hauchzeichen. | |||
'''74.216''' Danach werden einzelne Laute in Zweier- und Dreierfolge, getrennt und zusammen, mit der bei „da“ beginnenden Reihe verbunden. | |||
'''74.217''' Die Verbindungen entsprechen den Mantras der ersten Tripura und den Buchstabenfolgen Tripurabhairavis. | |||
'''74.218''' Dreimal vierzehn Verbindungen werden gebildet und die drei bei „ḍa“ beginnenden Laute erweitert; der zweite wird verdoppelt und am Anfang und Ende eingefügt. | |||
'''74.219''' So nennt der Text zwanzigtausend und zusätzlich dreizehn Formen; die Reihenfolge des ersten und des mit Vagbhava beginnenden dritten wird nochmals bezeichnet. | |||
'''74.220''' Auf diese Weise wird auch eine weitere Vierergruppe von Mantras beschrieben. Wer dies kennt, erlange sämtliche Wünsche. | |||
'''74.221''' Nach dem Tod gelange er der Reihe nach in die Stadt der Göttin, Bhairava. Wer diese gesamte Mantrasammlung einmal wiederholt, | |||
'''74.222''' zuvor nach Wunsch die Einsetzung vollzieht und innerhalb von drei Tagen gesammelt Tripurabhairavi im Geist betrachtet, | |||
'''74.223''' erlange alle Wünsche und eine dem Liebesgott gleiche Gestalt. Er werde ein rechtschaffener König, als Brahmane ein Herr der Zweimalgeborenen. | |||
'''74.224''' Sein Körper werde nicht von Pishachas und ähnlichen Wesen bedrängt; er werde gesund, langlebig und stark. [Der erste Halbvers ist beschädigt; die Verneinung ergibt sich aus dem Zusammenhang.] | |||
'''74.225''' Damit habe ich diese Ordnung Tripurabhairavis erklärt. Von der großen Göttin Vaishnavi werden sechzehntausend Mantras genannt. | |||
'''74.226''' Höre sie mit gesammeltem, heilvollem Geist, Bhairava. Die Vorlage nennt zunächst eine Tausendergruppe mit acht, dazu vierundsechzig und drei. [Die Zahlenkonstruktion ist unklar.] | |||
'''74.227''' Diese Mantras werden nach den Gestalten der großen Göttin unterschieden; durch Anusvara und Visarga werden die entsprechenden Formen verdoppelt. | |||
'''74.228''' Durch Verbindung mit den Konsonanten von „ka“ an, oben und unten sowie getrennt, soll der Mantrakundige weitere Zweier- und Dreiergruppen gewinnen. | |||
'''74.229''' Dann werden jeweils acht verbunden, zusammen und einzeln, ohne Vokale oder mit Vokalen, mit Anusvara und Visarga, | |||
'''74.230''' auch allein oder in getrennten Zweierfolgen mit Zwischengliedern, bis die genannte Hundertachtzahl der Verbindungen erreicht ist. | |||
'''74.231''' So werden die Mantras der Göttin auf sechstausend und weitere zehntausend gezählt, Vetala und Bhairava. | |||
'''74.232''' Wer die von mir gelehrten verbundenen und getrennten Formen Vaishnavis kennt, gelange zu meiner Wohnstatt. | |||
'''74.233''' Wer am achten und neunten Mondtag die sechzehntausend Mantra-Keime einmal wiederholt, Bhairava, | |||
'''74.234''' und dabei mit völlig gesammeltem Geist Vaishnavis Gestalt meditiert, werde auf Erden König, gelehrt und froh, langlebig, voller angenehmer Genüsse und reich an Streitkräften und Reittieren. | |||
'''74.235''' Wer dieselbe Sammlung achtmal wiederholt, werde Weltherrscher; nach dem Tod werde er Herr der Scharen und erlange danach Befreiung. | |||
'''74.236''' So wird der vorzügliche Mantra als voller guter Kräfte, frei von Mängeln, Verunreinigung tilgend und Wohlergehen mehrend gepriesen. Wer diese beiden Mantrasysteme vollständig kennt, werde Sieger über Feinde und frei von Krankheit und Kummer. | |||
===Kapitel 75=== | |||
'''75.1''' Der erhabene Herr sprach: Zur Erfüllung seines Wunsches vollziehe der Übende die vorbereitende Praxis mit zwölfhunderttausend Wiederholungen des Mantras ohne zusätzliche Anfügungen. | |||
'''75.2''' Jati-Blüten, Bakula, Malati, Nandyavarta, Patala und weißer Lotus, | |||
'''75.3''' geklärte Butter, gekochte Speise, Milchreis, Dickmilch, Milch, Honig, Puffreis und Kampfer: Dies sind die vierzehn Stoffe, | |||
'''75.4''' die bei Tripuras Purashcharana genannt werden. Nach Vollendung der zwölfhunderttausend Wiederholungen soll der Übende | |||
'''75.5''' diese sämtlichen Stoffe in das helle Feuer opfern. Wer die vorbereitende Praxis nach dreihunderttausend Wiederholungen vollzieht, | |||
'''75.6''' verwende vier Stoffe mit Butter und Kampfer; nach neunhunderttausend Wiederholungen verwende der Mantrakundige zehn Stoffe, | |||
'''75.7''' nach sechshunderttausend acht. Möglich bleibt auch überall die vollständige Gabe. Die Feuergrube sei sechseckig und eine Elle plus drei Fingerbreiten groß. | |||
'''75.8''' Dieses Maß gilt für die mittlere Tripura, für Bala und für Tripurabhairavi. | |||
'''75.9''' Für Vaishnavis vorbereitende Praxis wird eine viereckige Feuergrube von zwei Ellen und acht Fingerbreiten angegeben. | |||
'''75.10''' Kamakhyas Feuergrube sei dreieckig und eine Elle groß. Entsprechend sind die jeweiligen Entfaltungen dieser Göttinnen zu behandeln. | |||
'''75.11''' Bei Vaishnavis Ritus weihe man das gut entfachte Feuer ordnungsgemäß; ebenso bei Kamakhya und den mit Jyotishtoma beginnenden Opfern, mein Sohn. | |||
'''75.12''' Für Tripurabhairavi bringe man zuerst vierzehn Güsse beziehungsweise Gaben aus den vierzehn genannten Stoffen in das entfachte Feuer dar. | |||
'''75.13''' Danach folgen mit dem Grundmantra dreimal hundertacht Feueropfer oder, entsprechend der Mantrawiederholung, neunhundert. [Die Verbindung der Zahlen ist nicht ganz eindeutig.] | |||
'''75.14''' Am Ende der Wiederholung bringe man eine Opfergabe nach Vaishnavis Ordnung dar. Edelsteine, Kampfer und Gold werden als Ehrengabe für den Lehrer genannt. | |||
'''75.15''' Fehlen die übrigen Stoffe, genügen Dickmilch, Blumen, Butter und Puffreis für die vorbereitende Praxis; sind sie verfügbar, verwende man alle vierzehn. | |||
'''75.16''' Hört nun ihr geheimes Yantra, Vetala und Bhairava; seine Ausführung verheiße dem vorzüglichen Menschen sämtliche Wünsche. | |||
'''75.17''' Man zeichne ein sechseckiges Mandala und schreibe an drei Ecken die drei Laute von Tripurabhairavis Mantra, darunter | |||
'''75.18''' die drei Keimsilben der ersten Tripura. Die drei Keime der mittleren Gestalt schreibe man in die Mitte des Sitz-Yantras. | |||
'''75.19''' Dann umgebe man es dreifach mit sämtlichen Matrika-Buchstaben. Die Zeichnung wird mit rotem Lacksaft ausgeführt und in die drei Metalle eingefasst. | |||
'''75.20''' Sie soll stets auf dem Kopf getragen werden und verheiße Sieg, Schönheit, Kraft, Beredsamkeit sowie Reichtum an Geld und Edelsteinen. | |||
'''75.21''' Auch langes Leben, erfüllte Genüsse und gute Nachkommenschaft werden verheißen. Bei weiteren Formen schreibe man eine Keimsilbe in die Mitte, eine darüber und eine darunter. | |||
'''75.22''' So verfahre man mit den Keimsilben der ersten Tripura und ebenso Bhairavis; daraus entstehen die sechs Mantraanordnungen, Vetala und Bhairava. | |||
'''75.23''' Jede werde wie zuvor aufgezeichnet und mit den drei Metallen umschlossen; getragen werden sie am linken Arm, am rechten Arm, am Herzen, am Hals, an der Hand | |||
'''75.24''' und auf dem Kopf, in dieser Reihenfolge. Ihre zugeordneten Früchte sind Wohlstand, Glück, Stillstellung, Einflussnahme, Bezauberung | |||
'''75.25''' und Dichtkunst. So werden Tripuras Yantras, Mantras und Rituallehren beschrieben, Bhairava. | |||
'''75.26''' Die Vorlage nennt sechstausend und fünf Formen durch verdreifachte Mantragruppen. Wer dies als verständiger Verehrer kennt, erleide weder hier noch jenseits Untergang. [Die Zahlenangabe ist unsicher.] | |||
'''75.27''' Die höchste Tripura-Macht, durch Mantragruppen und Ritualmantras begründet, verleiht einen unerschütterlichen, furchtlosen Stand und Dichtkunst. Sie ist mit den drei Lebenszielen und drei Gestalten verbunden; die drei Götter und der Himmel sind in ihr enthalten. Durch die Fülle der Erkenntnis erschlossen, schenkt diese Tripura genannte Herrlichkeit alle glücklichen Früchte. [Ein Ausdruck zur Weitergabe an Brahmanen und andere ist beschädigt.] | |||
'''75.28''' Höre nun Tripuras Schutzpanzer, Vetala und Bhairava. Wer ihn als Mantrakundiger versteht, erlangt die rechte Frucht der Verehrung. | |||
'''75.29''' Die früher genannten Ehrendienste gelten auch hier; ebenso die für die tägliche Verehrung gelehrten Vorbereitungen. | |||
'''75.30''' Weder ich noch Brahma, Keshava oder selbst der vielzüngige Ananta können die Größe dieses Schutzpanzers vollständig aussprechen. | |||
'''75.31''' Schon seine Erinnerung verheiße Schutz vor fleischfressenden Wesen und Überschwemmung sowie alles Heil. | |||
'''75.32''' Om. Der Seher dieses Tripura-Schutzgebets heißt Dakshina, sein Versmaß Chitra und seine Gottheit Tripurabhairavi. | |||
'''75.33''' Seine Anwendung gilt der Verwirklichung von Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lebensfreude und Befreiung. Wie ich die Keimsilben der ersten Tripura der Reihe nach | |||
'''75.34''' unter den Namen Vagbhava und den weiteren bezeichnet habe, mein Sohn, so heißen auch die Keimsilben Tripurabhairavis: | |||
'''75.35''' Vagbhava, Kamaraja und Trailokyamohana, der Bezauberer der drei Welten. | |||
'''75.36''' Vagbhava schütze meinen ganzen Kopf und die machtvolle Rede; Kamaraja behüte die Erfüllung aller Wünsche. Ishvara schütze stets sämtliche Sinnes- und Handlungskräfte, mehre den Glanz des Körpers und begründe Einsicht. | |||
'''75.37''' Dieses durch fünf Lautgruppen bezeichnete Yantra und der folgende Mantra seien mein beständiger machtvoller Glanz. Möge die lichtvolle Ritualkraft, dem Höchsten zugewandt, sich im Herzen entfalten und gute Einsicht schenken. [Der Satzbau ist beschädigt.] | |||
'''75.38''' Vagbhava schütze den Grundbereich, Kamaraja das Herz. | |||
'''75.39''' Zwischen den Brauen und am Kopf schütze Trailokyamohana. | |||
'''75.40''' Die begehrenswerte Bhairavi, kundig in den vielfältigen Kula-Künsten, die als Verbrennerin der drei Städte und Mutter aller Welten bezeichnet wird, schenke mir stets im Nabellotus und im Bauch Gesundheit und Glück; als Gemahlin des Herrn der Scharen schütze sie mich. | |||
'''75.41''' Sie, die durch ihre Yogakräfte fortwährend die Welten bezaubert und als Geliebte Tripurabhairavas wacht, behüte stets meine fünf Sinnesbereiche: Nase, Augen, Ohren, Zunge und Haut. | |||
'''75.42''' Die erste Tripura, die mittlere wunscherfüllende Gestalt | |||
'''75.43''' und die Göttin Tripurabhairavi sollen mich beständig in ihrer Dreifachheit behüten. | |||
'''75.44''' Im Osten schütze mich stets die Mutter Bala; im Süden bereite mir die mittlere Gestalt starkes Heil. Im Bereich von Westen und Nordwesten behüte mich die schöne Bhairavi mit umfassendem Schutz. | |||
'''75.45''' Mahamaya, große Yoni und Ursprung der Welt, Tripura, Sundari und Bhairavi, möge mich stets behüten. | |||
'''75.46''' An der Stirn und im Osten sei die Göttin Subhaga, die wunscherfüllende Tripurasundari, stets schützend gegenwärtig. | |||
'''75.47''' Zwischen den Brauen und im Südosten schütze mich Tripurabhairavi als Tripura, die die Fülle des Glücks mehrt. | |||
'''75.48''' Am Gesicht und im Süden behüte mich Tripura als Bhagasarpini und halte Yamas Boten und die anderen Schreckensmächte fern. | |||
'''75.49''' An den Ohren und im Westen schütze mich Bhagamalini, die ungeborene Weltmutter Bala Tripura. [Die Vorlage nennt hier Westen und im folgenden Vers nochmals Westen.] | |||
'''75.50''' Am Hals und im Westen schütze mich stets Anangakusuma, die schöne Mutter Tripurabhairavi, die große Herrin. | |||
'''75.51''' Am Herzen und im Nordwesten schütze Anangamekhala; am Nabel und im Norden die höchste Tripura als Matangi, | |||
'''75.52''' die Göttin Anangamadana und Tripurabhairavi. Im Nordosten und am Geschlechtsorgan schütze Madavibhramamanthara, | |||
'''75.53''' die Herrin der Rede, stets als Tripurabhairavi. Zwischen After und Geschlechtsorgan schütze Rati als Tripurabhairavi. | |||
'''75.54''' Im Innern des Herzens schütze Priti als Tripurabhairavi; zwischen Brauen und Nase schütze stets Manobhava. | |||
'''75.55''' Die zum Schmelzen bringende Pfeilkraft schütze mich vor bedrängenden Mächten und am schwer zugänglichen Gipfel; die erregende Kraft schütze mich vor Fleischfressern und der Furcht vor Unheil. [Der erste Halbvers ist beschädigt.] | |||
'''75.56''' Die bezwingende Pfeilkraft schütze mich vor Feuer und königlicher Gewalt; die anziehende Pfeilkraft vor Waffenhieben. | |||
'''75.57''' Der große bezaubernde Pfeil schütze mich stets vor Bhutas, Pishachas und Wasser und entfalte den höchsten Wunsch. | |||
'''75.58''' Die Gebetskette schütze mich beim Verständnis der Lehrschriften und im gelehrten Streit; das Buch schütze meinen Geist und stärke meine Entschlossenheit. | |||
'''75.59''' Die Gnadengeste schütze stets meine Wohnstatt und mehre ihren Glanz; die Schutzgeste schenke Furchtlosigkeit vor allem und fördere das Gedeihen. | |||
'''75.60''' Die mit roter Strahlung und machtvollen Kreisen umgebene, wie das Weltbrandfeuer leuchtende und von allen Göttern verehrte schädelbekränzte Erkenntniskraft schütze mich oben und unten. Sie stärke die Sammlung in Erkenntnis und Meditation, gründe im Wirklichen und behüte den vor allen Gefahren und Genüssen Bangenden. [Mehrere Wortverbindungen sind unsicher.] | |||
'''75.61''' „aḥ“ schütze mich stets am Herzen, „saḥ“ am Kopf, „raḥ“ im verborgenen Bereich und „sauḥ“ an Hals und Seiten. | |||
'''75.62''' Der Laut „ra“ schütze meine Leitbahnen, „sauḥ“ stets den Kopf. Indra schütze im Luftraum, Brahma von allen Seiten. | |||
'''75.63''' Die Erkenntnis und Nichtwissen hervorbringende, jede gewünschte Gestalt annehmende, grobe und feine Ur-Maya, von Brahma und Indra verehrt und Gedeihen schenkend, möge mich als Bhairavi allseits schützen. | |||
'''75.64''' Die erste, mittlere und werdende Gestalt, mit rechter Ordnung verbunden, höchste Gestalt von wahrer Erkenntnis und Erkennbarem, die rettende Göttin am Anfang, in der Mitte und am Ende, möge mich als Tripurabhairavi behüten. | |||
'''75.65''' Keshava, Brahma und Rudra kennen die Wahrheit ihrer Mantraanteile, Rituallehren und Yantras, kein anderer. Ihnen sei Verehrung! | |||
'''75.66''' Du bist Brahmani, Bhavani, Lakshmi des Weltschöpfers, Rati und Yogini. Du bist beredte Subhaga, der ungeteilte Mantrabuchstabe in unzähligen Verbindungen; alle Laute sind dein Körper. Du begehrenswerte, wunscherfüllende Göttin Tripura, schenke reine Dichtkunst und hohes Glück! [Eine Körperbeschreibung ist textlich beschädigt.] | |||
'''75.67''' Wer diesen Schutzpanzer der Göttin kennt, ist ein Mantrakundiger. Ihm werden Freiheit von seelischem und körperlichem Leid und von Furcht verheißen. | |||
'''75.68''' So habe ich dir den höchsten, tief geheimen Schutzpanzer erklärt. Pflege ihn, Hochbegnadeter; dann wirst du Vollendung erlangen. | |||
'''75.69''' Dieses höchste, reinigende, verdienstvolle und den Ruhm mehrende Schutzgebet der dreigestaltigen Tripura habe ich verkündet. | |||
'''75.70''' Wer es morgens nach dem Aufstehen rezitiert, erlange seinen Herzenswunsch. Wer es als Mantrakundiger aufgeschrieben am Hals trägt, | |||
'''75.71''' dessen Körper werde im Kampf nicht von Waffen verletzt, Bhairava; ihm werde Sieg im Kampf und im gelehrten Streit zuteil. | |||
'''75.72''' Wer dagegen Tripuras Mantra rezitiert, ohne diesen Schutzpanzer zu kennen, dem droht der Text Waffenverletzung an; dies gilt auch für Bhairavi und Sundari. | |||
'''75.73''' Die Keimsilbe soll gesammelt und ohne Sprachfehler ausgesprochen werden; ihre Verbindung soll erkennbar bleiben, während die einzelnen Bestandteile für das Ohr unterscheidbar sind. | |||
'''75.74''' So soll die Aussprache richtig und frei von den für Opfer und andere Riten genannten Fehlern sein. Wenn bei der Aussprache die Verbindung das Verständnis beeinträchtigt | |||
'''75.75''' oder nur getrennte Einzelteile wahrgenommen werden, droht der Text eine schwere Hautkrankheit an. Mit größerer Zahl der Einsetzungen werde auch die Frucht größer. | |||
'''75.76''' Die vorgeschriebene Einsetzung soll nicht ausgelassen werden; zusätzliche können erfolgen. Wer die von mir gelehrte Einsetzung nicht kennt oder sie aus Nachlässigkeit unterlässt | |||
'''75.77''' und dennoch die Göttin verehrt, dem wird großes Unheil angedroht. Die Einsetzung der Mantrabuchstaben gilt grundsätzlich für alle Mantras. | |||
'''75.78''' Ob es sich um einen Vaishnava- oder Rudra-Mantra handelt, Hochbegnadeter: Der Mantra soll im Körper gegenwärtig sein. Bei Mahamayas Verehrung | |||
'''75.79''' und der Anwendung anderer Mantras beschreibt die Vorlage die Einsetzung nochmals, doch ist die Verneinung im Satz widersprüchlich. Als Körperfarbe wird Zinnober, als Getränk Wein genannt. | |||
'''75.80''' Rote Seidenkleidung gilt Tripura als erfreulich. Drei, fünf oder sieben Lampen sollen dargebracht werden, Bhairava, | |||
'''75.81''' nicht weniger als drei. Mallika, Malati, Kunda, Baka, Drona und weißer Lotus, | |||
'''75.82''' diese weißen Blumen erfreuen Tripura, Bhairava. Roter Lotus, roter Hibiskus und zarter roter Oleander | |||
'''75.83''' erfreuen Tripurabhairavi, zusammen mit den genannten Fett- und Goldgaben. Damit habe ich dir dies in Kürze erklärt, mein Sohn Bhairava. | |||
'''75.84''' Wenn du höchste Vollendung erlangt hast, wirst du es selbst ausführlicher entfalten. Nachdem du Mahamaya verehrt und die Herrschaft über die Scharen erreicht hast, | |||
'''75.85''' wirst du die Ritual- und Mantragruppen weiter ausbreiten. Die weißen Gestalten dieser Tripurabhairavi | |||
'''75.86''' werden als Sarasvati-Gestalten bezeichnet, mit den entsprechenden Mantras. Sarasvati ist die Göttin mit Laute und Buch, | |||
'''75.87''' mit Gebetskette und Wassergefäß in den rechten Händen, von weißer Erscheinung, auf dem Rücken des großen Berges und auf einem weißen Lotus sitzend. [Die Sitzbeschreibung ist ungewöhnlich, aber so überliefert.] | |||
'''75.88''' Sie ist weiß, weiß gekleidet und mit weißem Schmuck versehen. Für sie wird Vagbhava mit dem zweiten Augen-Keim verbunden, | |||
'''75.89''' dieser wird am Ende eingesetzt; der Mantra wurde zuvor gelehrt. Eine weitere Gestalt hält Schutz- und Gnadengeste, Gebetskette und Buch, | |||
'''75.90''' sitzt auf einem weißen Lotus und heißt die höchste Rede, Sarasvati. Der Anfangslaut von Balas Keimsilbe wird verdoppelt und mit Halbmond verbunden. | |||
'''75.91''' Ihr Mantra wurde zuvor genannt, die Ritualordnung ist die gemeinsame. Die rote, mit einer Kopf-Girlande geschmückte Gestalt | |||
'''75.92''' heißt die alte Sarasvati; auch ihr Mantra wurde zuvor gelehrt. In der Erklärung der dreizehn Mantras ist er der sechste. | |||
'''75.93''' Sie wird als Spenderin von Glück und Erfolg in Dichtkunst, den Lehrschriften und der Entscheidung philosophischer Streitfragen gepriesen, Bhairava. | |||
'''75.94''' Durch getrennte und verbundene Formen sowie Unterschiede wie Weiß und Rot entstehen vierundsechzig Gestalten; die Sprachkraft entfaltet sich aus Tripura. [Der Schluss ist sprachlich verkürzt.] | |||
'''75.95''' Mahamaya, Yogaschlaf und Urgrund, ist die Mutter, Hervorbringerin und Trägerin der Welt; sie umfasst Wissen, Nichtwissen und das Höchste. | |||
'''75.96''' Tripura und die anderen beschriebenen Gestalten sind ihre Machtentfaltungen, Hochbegnadeter; sie selbst ist in ihnen gegenwärtig. | |||
'''75.97''' So habe ich dir, mein Sohn, das anziehende Geheimnis der großen Göttin und den linken wie rechten Weg erklärt. Höre nun über die Vollendung der Mantras. | |||
===Kapitel 76=== | |||
'''76.1''' Der erhabene Herr sprach: Erst nachdem man die Eignung eines Mantras geprüft hat, soll man den vorzüglichen Mantra empfangen. | |||
'''76.2''' Vier Arten werden unterschieden: vollendet, besonders vollendet, noch zu verwirklichen und feindlich. Erkenne sie anhand der Buchstaben. | |||
'''76.3''' Die beständige Reihenfolge der Buchstaben habe ich bereits gelehrt, Bhairava. Verstehe sie zuerst und höre dann die Anordnung des Buchstabenrades. | |||
'''76.4''' Die dem großen Vaishnavi-Tantra-Mantra zugehörigen Laute bilden die Grundlage; aus ihnen werden die weiteren erweitert. | |||
'''76.5''' „a“, „ka“, „ca“, „ṭa“, „ta“, „pa“ und „ya“ werden als Anfänge der Lautgruppen genannt. | |||
'''76.6''' „ā“, „i“, „ī“, „u“, „ū“, „ṛ“, „ṝ“, „ḷ“, „ḹ“ bilden die kurzen und langen Vokale; hinzu kommen „ai“, „o“, „au“, Visarga, Punkt und der bezeichnete Opferlaut. [Die Vokalreihe ist in der Vorlage lückenhaft.] | |||
'''76.7''' Diese aus dem Innern des Lautes hervorgehenden Kräfte werden Vokale genannt. „kha“, „ga“, „gha“ und „ṅa“ gehören zur ersten Konsonantengruppe. | |||
'''76.8''' Die nächste Gruppe umfasst die bei „ca“ beginnenden Laute, darunter „cha“ und „ja“; dann folgt die bei „ṭa“ beginnende Reihe mit „ṭha“, „ḍa“ und dem hier durch ein beschädigtes Wort bezeichneten weiteren Laut. | |||
'''76.9''' Die mit „ṇa“ endende dritte Gruppe wird so beschrieben. Danach folgen „tha“, „da“ und der Anfang von „dharma“, also „dha“. | |||
'''76.10''' Mit dem Anfang von „nava“, also „na“, endet die vierte Gruppe. Die fünfte enthält den Anfang von „phala“, also „pha“, und von „bahu“, also „ba“. | |||
'''76.11''' Dazu kommen „bha“ und der Anfang von „manas“, also „ma“: Dies heißt die fünfte Gruppe. „ya“, „ra“, „la“ und „va“ | |||
'''76.12''' bilden die sechste Gruppe, Bhairava. „śa“, „ṣa“, „sa“, „ha“ und die Lautverbindung „kṣa“ | |||
'''76.13''' bilden die siebte und letzte Gruppe. Durch Verbindung, Zusammenfügung, vorwärts und rückwärts gerichtete Folge werden diese Laute, mein Sohn, | |||
'''76.14''' zu Anfängen von Mantras und Namen sowie zur gewöhnlichen Sprache, Bhairava. Ihnen wird die Kraft zugeschrieben, die vier Lebensziele, Glück und Leid zu bewirken. | |||
'''76.15''' Sie werden auch mit Krankheit, Glanz, Verehrtem und Verehrer verbunden. Ich, Vishnu, Brahma, Gayatri und die Brahma-Mütter | |||
'''76.16''' stehen mit diesen Lauten des niederen Brahman in Verbindung, das zum Glück des höchsten Brahman führt. Wer im niederen Brahman kundig ist, erreicht das höchste. | |||
'''76.17''' Als Ishvara die Welten erschaffen wollte, brachte er aus freiem Willen die Laute hervor und legte sie in meinen Mund und in Brahmas Mund. | |||
'''76.18''' Ich setzte sämtliche Laute ein und entfaltete damit die Bhairava-Rituallehre, mein Sohn, um den Erkenntnisweg zu mehren. | |||
'''76.19''' Nachdem ich so die Buchstaben bestimmt habe, höre nun das Buchstabenrad zur Prüfung der Mantraeignung. | |||
'''76.20''' Zuerst ziehe man zwei Linien als Gestalten von Shakti und Shambhu; dazwischen weitere Linien auf der Ebene Vishnus und Lakshmis. | |||
'''76.21''' Zwischen diese beiden Linien setze man zwei weitere gleichmäßig. Für die Speichen des Rades werden zusätzliche Linien gezählt. | |||
'''76.22''' Vier seien im Bereich der Vokale anzubringen, Bhairava; durch die Unterteilung entstehen acht Verbindungsstellen für die Laute. | |||
'''76.23''' Vier Randabschnitte liegen zwischen den Verbindungen. So entsteht ein Rad mit acht Speichen und vier Randteilen, | |||
'''76.24''' umgeben von einer äußeren Einfassung: das Buchstabenrad. Es wird auch mit dem Auf- und Untergang der Tierkreiszeichen vom Widder an verbunden. | |||
'''76.25''' Dieses Rad soll Erkenntnis und Wohlergehen mehren. Man zeichne es auf ebenem Boden, nach Norden gewandt | |||
'''76.26''' oder nach Osten, rein und nach Verehrung der erwählten Gottheit und des Lehrers. Die Buchstaben werden darin im Uhrzeigersinn der Reihe nach eingeschrieben. | |||
'''76.27''' Am vorderen Rand werden „a“ und „ra“ genannt; langes „ā“ und „ī“ sollen aus der Vokalreihe ausgelassen werden. [Die erste Lautangabe ist beschädigt.] | |||
'''76.28''' Man schreibe die Reihe von „a“ bis „kṣa“ im Uhrzeigersinn, unter Auslassung von „jha“, „ṭa“, „ña“ und „ṇa“. | |||
'''76.29''' Vom Anfangsbuchstaben des eigenen Namens aus zähle man bis zum Anfangsbuchstaben des Mantras und ordne das Ergebnis den vier Klassen zu. | |||
'''76.30''' Die Stellen eins, fünf und neun gelten als „vollendet“, zwei, sechs und zehn als „zu verwirklichen“, drei, sieben und elf als „besonders vollendet“. | |||
'''76.31''' Vier, acht und zwölf gelten als „feindlich“. Der vollendete Mantra bringe rasch Erfolg, der zu verwirklichende erst nach längerer Zeit. | |||
'''76.32''' Der feindliche führe allmählich zum Untergang, der besonders vollendete rasch zur Vollendung. Dies war die Buchstabenfolge für Mantras des rechten Weges. | |||
'''76.33''' Höre nun die Reihenfolge für die Verehrung des linken Weges, Bhairava. Ausgelassen werden die genannten „ṛ“- und „ḷ“-Formen sowie „ṅa“, „ña“, „ṇa“ und „na“. | |||
'''76.34''' Der Mantrakundige schreibe die Buchstaben gegen den Uhrzeigersinn. Bei Narasimha, Sonne und Varaha, beim Prasada-Mantra und beim Urlaut | |||
'''76.35''' sowie bei ein- und zweisilbigen Mantras findet die Prüfung auf „vollendet“ und die übrigen Klassen nicht statt. Auch bei allen Keimsilben und Einweihungsmantras, Bhairava, | |||
'''76.36''' ist diese Prüfung nicht vorgeschrieben. Die besonders vollendete, wunscherfüllende Form ist anzunehmen; bei den vollendeten und zu verwirklichenden erfolgt die entsprechende Prüfung. [Eine Mengenangabe der ersten Zeile ist unklar.] | |||
'''76.37''' Den feindlichen Mantra soll der Besonnene nicht annehmen, denn damit werde Unheil verbunden. Der einsilbige Mantra einer Gottheit wird mit deren Namen bezeichnet. | |||
'''76.38''' Mit Mondzeichen und Punkt versehen heißt er ihre Keimsilbe. So steht Indra für den Laut „sa“; mit Halbmond und Punkt | |||
'''76.39''' wird daraus Indras Keimsilbe. Entsprechend verfahre man anderswo. Bei der Ableitung von Mantras werden vorangehende und folgende Bestandteile nach den genannten Stellungsregeln verbunden. | |||
'''76.40''' Auch ein zuvor genannter Laut kann nachgestellt werden; fehlt eine Angabe, gilt die vorangehende Position. Wenn die sechzehntausend Mantras Vaishnavis | |||
'''76.41''' am Rad geprüft werden, erhält es sechzehn Speichen. Wenn die zwanzigtausend Mantras Tripuras geprüft werden, | |||
'''76.42''' zeichnen die Kundigen ein Rad mit zweiunddreißig Speichen. Dasselbe große Rad kann für sechzehn und weitere Speichenzahlen | |||
'''76.43''' durch zusätzliche Linien erweitert werden, um andere Mantras zu prüfen, mein Sohn. Damit ist dir die erwünschte Mantravollendung erklärt. | |||
'''76.44''' Wer diese Lehre richtig kennt, werde siegreich und erlange seinen Wunsch. Nun will ich dir das höchste Geheimnis nach seinen Anwendungen und Arten | |||
'''76.45''' in Kürze erläutern, Vetala und Bhairava. Der Zahn eines als Pakshavidala bezeichneten Tieres werde mit dessen Haut umhüllt. | |||
'''76.46''' Dann werde er mit den verbliebenen Opfergaben Vaishnavis dreifach umwickelt, gegebenenfalls mit links gedrehtem Faden, und mit ihrem Mantra besprochen. | |||
'''76.47''' Am achten Mondtag halte man ihn mit beherrschten Sinnen in der rechten Hand und wiederhole die Mantras Vaishnavis hundertmal. | |||
'''76.48''' Dieses Amulett wird zum Tragen am rechten Arm bestimmt. Der Text verheißt zwölf Vollkommenheiten; eine zusätzliche Bedingung am Versende ist beschädigt. | |||
'''76.49''' Genannt werden Sieg im Kampf und Streit, Gesundheit des Körpers sowie fortwährender Einfluss auf Könige und Königssohne. | |||
'''76.50''' Bhutas, Pretas und Pishachas träten nicht in sein Blickfeld; schon durch einmalige Vorstellung gewinne er Einfluss auf erregte Frauen. | |||
'''76.51''' Ferner werden Stillstellung von Blut, Schleim und Körperbestandteilen, Hemmung fremder Strahlkraft und Stärkung des Augenlichts behauptet. | |||
'''76.52''' Wer die Hand auf den Kopf eines Pakshavidala legt, dreihundertmal den Vaishnavi-Tantra-Mantra spricht und das Tier im Haus hält, | |||
'''76.53''' dessen Hausbewohnerin, die das Tier während ihrer Menstruation sieht, werde nach dieser Verheißung nicht kinderlos bleiben, mein Sohn Bhairava. | |||
'''76.54''' Wo ein so geweihtes Tier wohnt, bekomme auch eine Frau, deren Kinder zuvor starben, ein lebendes Kind. | |||
'''76.55''' Wo ein Kuckuck, Bhringaraja-Vogel, Chakora oder Papagei wohnt, der mit dem Vaishnavi-Tantra-Mantra besprochen wurde, | |||
'''76.56''' gebe es keine Hindernisse im Haus, sondern gute Nachkommenschaft. Schlangen kämen nicht dorthin oder bissen niemanden; auch werde keine Frau des Hauses zur Ehebrecherin. | |||
'''76.57''' Die verbliebenen Opfergaben der fünf Gestalten Chandikas werden als nächste Anwendung genannt. [Der kurze Vers ist unvollständig.] | |||
'''76.58''' Sie werden drei Tage lang mit dem Fleisch ihrer Opfertiere in einem Topf zubereitet und am achten Tag nochmals der Göttin dargebracht. | |||
'''76.59''' Nach Besprengen mit mantra geweihtem Wasser werden sie unter innerer Betrachtung der Göttin gegessen. Dies verheiße langes Leben ohne Alter und Kummer, | |||
'''76.60''' Glanz, Sieg über Feinde, Dichtkunst und Beredsamkeit. Für die nächste Anwendung werden Stirn, Scheitel, Hals, beide Arme, beide Hände und Herz genannt. | |||
'''76.61''' An diese acht Stellen schreibe der Mantrakundige die acht Buchstaben des Vaishnavi-Tantra-Mantras, | |||
'''76.62''' mit Safran, Milch, Sandelpaste und rotem Farbstoff. Am achten Tag übe er Selbstbeherrschung; zu Beginn des neunten | |||
'''76.63''' lege er die Hand jeweils an die eingesetzten Stellen und wiederhole den Mantra achtmal. Danach verehre er die Göttin Shiva. | |||
'''76.64''' An diesem Tag bringe er ihr drei Opfergaben verschiedener Art dar und beginne tausend gezählte Mantrawiederholungen. | |||
'''76.65''' Danach esse er Opferspeise und verbringe die Nacht beherrscht. Wer dies einmal vollzogen habe, mein Sohn, dem werde im Kampf | |||
'''76.66''' und im gelehrten Streit keine Niederlage zuteil. Nach einmaliger Durchführung könne der Kshatriya zu Kampfzeiten | |||
'''76.67''' die Zeichen erneut zum Sieg auftragen. Dies wird als ein weiteres geheimes achtgliedriges Kampfritual bezeichnet. | |||
'''76.68''' Durch dieses Geheimnis wirst du siegreich sein. Damit habe ich euch alles Heilvolle erklärt, das noch geheimer ist als das Geheime: | |||
'''76.69''' die Glück und Wohlstand verheißenden Mantras samt Yantras und Rituallehren, den Nektar, den alle Götter stets zu hören wünschen. | |||
'''76.70''' Dies habe ich euch verkündet, meine Söhne Vetala und Bhairava. Wer all dies wahrhaft versteht, mein Sohn Bhairava, | |||
'''76.71''' erlange sämtliche Wünsche und schließlich bleibende Befreiung. Wer dies auch nur einmal hört, von vorzüglichen Zweimalgeborenen vorgetragen, | |||
'''76.72''' erfahre keine Hindernisse und bleibe nicht kinderlos. Er werde langlebig, stark, stets froh und erfolgreich, erlange das Ersehnte und das Haus der Göttin. | |||
'''76.73''' Geht zum heiligen Sitz im Innern Kamarupas, der Nilachala heißt, | |||
'''76.74''' zu Kamakhyas geheimem Wohnsitz, auch Kubjika-Pitha genannt. Dort fließt die Himmelsganga; badet in ihrem Wasser | |||
'''76.75''' und verehrt dort die weltgestaltige Mahamaya, meine Söhne. Bald wird die Göttin euch gnädig sein und Gaben schenken. | |||
'''76.76''' Aurva sprach: Nach diesen Worten bestieg der Herr den Stier, ließ seine beiden Söhne Vetala und Bhairava dort zurück und verschwand. | |||
'''76.77''' Die beiden Asketen verließen darauf den Nataka-Berg und begaben sich zum hochgesinnten Vasishtha, Brahmas Sohn. | |||
'''76.78''' Der Weise, der auf dem Sandhyachala weilte, sah Haras Söhne kommen und empfing sie wie Schüler. | |||
'''76.79''' Nach der Unterweisung des hochgesinnten Vasishtha gingen sie zum großen blauen Berg, an dem Kamakhya gegenwärtig war. | |||
'''76.80''' Dort nahmen die beiden Hochgesinnten die Verehrung der weltgestaltigen Mahamaya nach der Lehre des Vaishnavi-Tantra auf. | |||
'''76.81''' Sie hielten sich nahe dem Bhairava genannten Linga Shivas auf, badeten in der Himmelsganga und zeichneten ein vorzügliches Mandala auf dem hergerichteten Boden. | |||
'''76.82''' Die beiden Tiger unter den Menschen wiederholten den höchsten Mantra ordnungsgemäß, den aus acht Silben bestehenden vollendeten Mantra. | |||
'''76.83''' Für Vetala wird die zu verwirklichende Form mit achthunderttausend Wiederholungen genannt; ferner vierhunderttausend innerhalb von drei Jahren. [Die Zahlenzuordnung zu den beiden Brüdern ist verkürzt.] | |||
'''76.84''' Dreifach vollzogen sie hingebungsvoll die vorbereitende Praxis. Alles, was Uttara-Tantra und Ritualordnung für die Verehrung vorschrieben, | |||
'''76.85''' führten sie innerhalb dieser drei Jahre aus, auch die Verehrung Kamakhyas, Tripuras und der anderen Göttinnen. | |||
'''76.86''' Sie unternahmen einmal die ordnungsgemäße Pilgerreise zu den heiligen Sitzen. So trugen Haras Söhne den Schutzpanzer und hatten die Mantras eingesetzt. | |||
'''76.87''' Mahamaya wurde ihnen sehr gewogen und schenkte ihnen Gnade. Während sie meditierten, Mantras wiederholten und verehrten, | |||
'''76.88''' trat die Weltgestaltige sichtbar hervor, indem sie das Shiva-Linga durchbrach. Bei ihrem Hervortreten teilte sich das Linga in drei Teile: | |||
'''76.89''' Bhairava, Bhairavi und Heruka. Vetala und Bhairava sahen nun die Göttin | |||
'''76.90''' außerhalb ihrer selbst genauso, wie sie sie in der Meditation gesehen hatten: in allen Gliedern schön, mit hohen vollen Brüsten, | |||
'''76.91''' mit Schutz- und Gnadengeste, Vollendungsschnur und Schwert, leuchtend wie ein roter Lotus und auf einem weißen Leichnam sitzend. | |||
'''76.92''' Vetala und Bhairava schlossen beide Augen und riefen wiederholt: „Schütze uns, schütze uns, Mahamaya!“ | |||
'''76.93''' Die große Göttin stärkte sie mit ihrem Glanz; als Vaishnavi berührte sie sie mit den Fingerspitzen ihrer Gnadenhand. | |||
'''76.94''' Durch diese Stärkung und Berührung legten sie ihre Menschlichkeit ab und erlangten göttliche Beschaffenheit. | |||
'''76.95''' Nun göttlich geworden, priesen sie Mahamaya, die weltgestaltige Heilvolle, mit Lobgesängen und Verneigungen. | |||
'''76.96''' Vetala und Bhairava sprachen: Sieg, Sieg dir, Göttin, deren Lotusfüße die Götterscharen verehren! Du bringst das Gedeihen der Welt hervor, spielst mit dem Mondbekränzten und bist die Bergestochter. Deine drei Augen überstrahlen Sonne, Mond und Feuer; dein lotusgleiches Wesen ist rein. Die Bewegung deiner Brauen beim mittleren Auge erfüllt die Herzen der dir zugewandten Verehrer. [Der Schluss des kunstvollen Verses ist stark beschädigt.] | |||
'''76.97''' Du ruhst im Innern des Ajna-Chakras; dein friedlicher Mondglanz gleicht dem Leuchten unzähliger Schalen. In den Wellen von Maya, Körpererfahrung und Yoga bewegst du dich im Lotus der inneren Kräfte. [Mehrere Wortgruppen sind nicht sicher lesbar.] | |||
'''76.98''' Du gründest in der heilvollen Sushumna, der mittleren der drei Leitbahnen. Von den Juwelen der Götter erfreut, trägst du als weltgestaltige Lichtmacht die sechs Chakras. [Die übrigen Bildverbindungen sind beschädigt.] | |||
'''76.99''' Dein schöner Körper berührt die ursprünglichen sechzehn Kreise; deine hohen Brüste gleichen Bergen, und dein Leib verbindet Erde und die inneren Schlangenkräfte. Deine vier Hände tragen Vollendungsschnur, Gnade, Schutz und Schwert und tilgen Verfehlung. Du spielst mit dem Wesenskern von Erkenntnis, Mantra, Tantra und dem Yoga der Yogis; in der Erkenntnis des Selbst und den befreienden Worten offenbarst du Unterscheidung und ruhst auf dem weißen Leichnam. [Dieser lange Vers ist mehrfach verderbt; einzelne Verbindungen bleiben unsicher.] | |||
'''76.100''' Du vereinst den Kern der Juwelen, Klang und Farbe und schaffst durch Mantra die besondere Stätte des Friedens für die Yogis. Yoginis tanzen vor dir und dienen dir; Ketten, Armreifen und weiterer Schmuck umgeben dich. Dein lautes Lachen erfreut den Götterherrn mit gelöstem Haar. Gib uns, Göttin, Befreiung von Kummer und Fessel, tilge Verfehlung und schenke reine Einsicht! [Die Bildfolge ist teilweise beschädigt.] | |||
'''76.101''' Ich verneige mich vor Mahamaya, der geheimen, heilvollen Verkörperung aller Erkenntnisse, der Gestalt von Mantra und Yantra, die in Welt und Veda gepriesen wird. | |||
'''76.102''' Ich verneige mich vor dir, der Ewigen, die Höchstes und Niederes umfasst, im einzigen Grund alles zu Verwirklichenden ruht, Liebesfreude schenkt, lieblich ist und die Welt erfüllt. | |||
'''76.103''' Du lässt die eine Welt wachsen, bist jenseits ihrer Entfaltung das Unoffenbare; durch deine Macht ist dein Leib halb rot gefärbt. Göttin, Verehrung sei dir! | |||
'''76.104''' Kamakhya, als ewige Gestalt gepriesen, Mahamaya, Sarasvati und Lakshmi auf Vishnus Brust: Vor dieser unerschütterlichen Heilvollen verneigen wir uns. | |||
'''76.105''' Ihre Mantras und Ritualformen zählen sechzehntausend. Dir, der Verkörperung von Mantra und Yantra, gilt meine Verehrung, Parvati! | |||
'''76.106''' Aurva sprach: So von den beiden gepriesen, sprach Mahamaya, die Mutter der Welt, erfreut: Wählt euch beide eine Gabe! | |||
'''76.107a''' Haras Söhne sahen Mahamaya unmittelbar vor sich, wie zuvor in der Meditation, und antworteten mit diesen vortrefflichen Worten. | |||
'''76.108a''' Vetala und Bhairava sprachen: Göttin, wir erbitten, mit diesem Körper dir und Shankara ewig dienen zu dürfen, solange Sonne und Mond bestehen. | |||
'''76.109a''' Keine andere Gabe wünschen wir von dir, weltgestaltige Maya. Andernfalls wollen wir allein in Hingabe an dich in einer Berghöhle bleiben. | |||
'''76.110a''' Aurva sprach: Auf diese Worte antwortete die weltgestaltige Mahamaya wiederholt: So sei es! So wird es geschehen! | |||
'''76.111a''' Nachdem die Trägerin der Welt die Vollendung zugesagt hatte, drückte die Heilvolle ihre beiden Brustwarzen, sodass zwei Milchströme hervortraten. | |||
'''76.112a''' Die austretende Milch ließ sie Bhairava und Vetala trinken, großer König; die beiden tranken sie. | |||
'''76.113a''' Nachdem sie die Milch getrunken hatten, erlangten sie dauerhafte Göttlichkeit und wurden alterslos, unsterblich, überaus strahlend und heilvoll. | |||
'''76.114a''' Ihre Milch war Nektar; durch das Trinken wurden die beiden von großer Kraft erfüllt. Danach sprach Vaishnavi zu ihnen: | |||
'''76.115a''' Ihr beide sollt Herren der Scharen des Gottes der Götter sein; als Torhüter bleibt stets in seiner Nähe, wie Nandi, meine Söhne. | |||
'''76.116a''' Nach diesen Worten verschwand Mahamaya, die Weltgestaltige, mit Haras Zustimmung und begleitet von den Yoginis an eben diesem Ort. | |||
'''76.117a''' Als sie verschwunden war, waren Vetala und Bhairava froh, von höchster Freude erfüllt und am Ziel ihres Tuns. | |||
'''76.118a''' Dann kam Hara mit den Götterscharen und seinen Pramathas, um seine Söhne Vetala und Bhairava hoch zu ehren. | |||
'''76.119a''' Mahadeva trat auf dem blauen Berg zu ihnen und zeigte ihnen den gesamten heiligen Sitz mit seinen verschiedenen Stätten. | |||
'''76.107b''' [Hier beginnt die Wiederholung der Verse 107–119 in der Vorlage.] Haras Söhne sahen Mahamaya unmittelbar vor sich, wie zuvor in der Meditation, und antworteten mit diesen vortrefflichen Worten. | |||
'''76.108b''' Vetala und Bhairava sprachen: Göttin, wir erbitten, mit diesem Körper dir und Shankara ewig dienen zu dürfen, solange Sonne und Mond bestehen. | |||
'''76.109b''' Keine andere Gabe wünschen wir von dir, weltgestaltige Maya. Andernfalls wollen wir allein in Hingabe an dich in einer Berghöhle bleiben. | |||
'''76.110b''' Aurva sprach: Auf diese Worte antwortete die weltgestaltige Mahamaya wiederholt: So sei es! So wird es geschehen! | |||
'''76.111b''' Nachdem die Trägerin der Welt die Vollendung zugesagt hatte, drückte die Heilvolle ihre beiden Brustwarzen, sodass zwei Milchströme hervortraten. | |||
'''76.112b''' Die austretende Milch ließ sie Bhairava und Vetala trinken, großer König; die beiden tranken sie. | |||
'''76.113b''' Nachdem sie die Milch getrunken hatten, erlangten sie dauerhafte Göttlichkeit und wurden alterslos, unsterblich, überaus strahlend und heilvoll. | |||
'''76.114b''' Ihre Milch war Nektar; durch das Trinken wurden die beiden von großer Kraft erfüllt. Danach sprach Vaishnavi zu ihnen: | |||
'''76.115b''' Ihr beide sollt Herren der Scharen des Gottes der Götter sein; als Torhüter bleibt stets in seiner Nähe, wie Nandi, meine Söhne. | |||
'''76.116b''' Nach diesen Worten verschwand Mahamaya, die Weltgestaltige, mit Haras Zustimmung und begleitet von den Yoginis an eben diesem Ort. | |||
'''76.117b''' Als sie verschwunden war, waren Vetala und Bhairava froh, von höchster Freude erfüllt und am Ziel ihres Tuns. | |||
'''76.118b''' Dann kam Hara mit den Götterscharen und seinen Pramathas, um seine Söhne Vetala und Bhairava hoch zu ehren. | |||
'''76.119b''' Mahadeva trat auf dem blauen Berg zu ihnen und zeigte ihnen den gesamten heiligen Sitz mit seinen verschiedenen Stätten. | |||
'''76.120''' Er zeigte ihnen Kamakhyas begehrenswerte Höhle, dann seine eigene Kama-Höhle, den schattenspendenden Schirm und seine Wohnstatt. | |||
'''76.121''' Auch die Stätten seiner fünf Gestalten und den ganzen von Göttern erfüllten heiligen Bereich Kamarupas zeigte er ihnen. | |||
'''76.122''' Der Vernichter der drei Städte führte ihnen alles der Reihe nach einzeln vor Augen: zuerst den Karatoya genannten Fluss, die wahre Ganga, immer heilvoll, rein und mit heiligem Wasser erfüllt, die zum südlichen Meer fließt. [Der letzte Halbvers steht in der Vorlage nach der Versnummer.] | |||
===Kapitel 77=== | |||
'''77.1''' Aurva sprach: Dann zeigte der Vernichter der drei Städte im Nordwesten Kamarupas sein unvergleichliches Linga namens Jalpisha. | |||
'''77.2''' Dort hatte Nandi Mahadeva, den Herrn der Welt, verehrt und mit unverändertem Körper die Herrschaft über die Scharen erlangt. | |||
'''77.3''' Dort liegt auch das große Wasserbecken Nandikunda, in dem Nandi einst nach Empfang seiner Gabe badete und das vorzügliche Wasser trank. | |||
'''77.4''' Wer dort badet und trinkt, gelange, am Ziel seines Tuns, in Haras Wohnstatt und zu Nandis großer Herrlichkeit. | |||
'''77.5''' Nahe dabei, nicht weit entfernt, wohnt die große Göttin Siddheshvari in Yoni-Gestalt, die weltgestaltige Mahamaya. | |||
'''77.6''' Der Dreiäugige zeigte sie dem hochgesinnten Bhairava. Dort hatte Nandi auf Weisung des Mondträgers Mahamaya | |||
'''77.7''' mit Lobgesängen und Verneigungen verehrt und die Herrschaft über die Scharen erlangt. Dort fließt auch der schöne, vorzügliche Fluss Suvarnamanasa. | |||
'''77.8''' Um Nandi zu begünstigen, war das Manasa genannte Gewässer auf Shambhus Weisung schon während seiner Askese dorthin gekommen. | |||
'''77.9''' Dort fließt ferner die heilvolle, im Himalaya entspringende Jatodbhava. Ein Bad in ihr verheißt dasselbe Verdienst wie ein Bad in der Ganga. | |||
'''77.10''' Bei Gauris Hochzeit hatten die Mütterscharen Bharga mit Wasser übergossen, das sich in seinen verfilzten Haaren sammelte. | |||
'''77.11''' Aus diesem Wasser entstand der Fluss Jatoda. Wer darin am achten Tag der hellen Hälfte des Monats Chaitra badet, | |||
'''77.12''' erlange volle Lebensdauer und Shivas Wohnstatt, bester Mensch. Die Ganga des Dvapara-Zeitalters ist der vorzügliche Fluss namens Trisrota, | |||
'''77.13''' im Himalaya entsprungen und aus der reinen Mondscheibe hervorgegangen. Wer an der großen Magha-Vollmondfeier darin badet, werde nicht wieder in einem Mutterschoß geboren. | |||
'''77.14''' Ein Bad bei Mond- oder Sonnenfinsternis verheiße vollkommene Befreiung. Der Fluss namens Sitaprabha wurde von Mahadeva herabgeführt. | |||
'''77.15''' Auch er entspringt im Himalaya und fließt hell zum südlichen Meer. Wer an Dashahara, dem zehnten Tag der hellen Monatshälfte, | |||
'''77.16''' darin badet, gelange von Verfehlung befreit in Vishnus Haus. Östlich davon liegt seit alters der Fluss Navatoya. | |||
'''77.17''' Weil er fortwährend erneuert und reinigt, heißt er „Neuwasser“, Navatoya; auch er entspringt im Himalaya. | |||
'''77.18''' Ein Bad an der großen Magha-Vollmondfeier verheiße göttlichen Zustand; tägliches Baden während des ganzen Monats Magha Vishnus Wohnstatt. | |||
'''77.19''' Der Herr dieser Flüsse heißt Agada. Er liegt östlich des heiligen Sitzes, ist heilig und aus Brahmas Fuß entstanden. | |||
'''77.20''' Auch er entspringt im Himalaya und wird von Göttern und Gandharvas aufgesucht. Wer darin badet und davon trinkt, gelange in Brahmas Haus. | |||
'''77.21''' Höre die verdienstvolle Frucht dessen, der den ganzen Monat Kartika im großen Fluss Agada badet: | |||
'''77.22''' Er genieße hier Gesundheit und höchstes Glück, gelange danach in Brahmas Haus und schließlich zur Befreiung. | |||
'''77.23''' Nach einem Bad im Nandikunda nehme man erst nachts Nahrung zu sich; am folgenden Tag gehe man zum Heiligtum Jalpishas. | |||
'''77.24''' Dort bade man im großen Fluss und verehre Jalpisha; nachts esse man Opferspeise und verbringe die Nacht in Selbstbeherrschung. | |||
'''77.25''' Am folgenden Tag gehe man zur heilvollen Siddheshvari, verehre sie und faste am achten Mondtag. | |||
'''77.26''' Die Göttin ist vierarmig, mit hohen vollen Brüsten, leuchtet wie eine Masse Zinnober und trägt Schneideklinge und Schädelschale. | |||
'''77.27''' Mit den übrigen Händen gewährt sie Furchtlosigkeit und Gnade; ihr Kopf ist mit verfilzten Haaren geschmückt, sie steht auf einem roten Lotus. | |||
'''77.28''' Ihr Mantra wird als fünfsilbig beschrieben, mit der hier verschlüsselt angegebenen Anfangs- und Endbildung. Für ihre Verehrung gilt die Ritualordnung Kamakhyas. | |||
'''77.29''' Wer dies standhaft vollzieht, werde nicht wieder in einem Mutterschoß geboren. Einst fürchteten Kshatriyas den Sohn Jamadagnis, | |||
'''77.30''' nahmen die äußere Erscheinung von Mlecchas an und suchten bei Jalpisha Zuflucht. Sie sprechen sowohl die als fremd bezeichnete Sprache als auch die Sprache der Aryas. | |||
'''77.31''' Sie dienen Jalpisha und bewachen diesen Hara. Diese Menschen bilden seine lieblichen Scharen, großer König. | |||
'''77.32''' Nachdem man sie alle erfreut hat, verehre man Jalpisha: zweiarmig, mit Gnaden- und Schutzgeste und weiß wie eine Kunda-Blüte. | |||
'''77.33''' Mit dem Tatpurusha-Mantra verehre man den höchsten Gott. So verdienstvoll ist der heilige Sitz des hochgesinnten Jalpisha; wer ihn so versteht, gelange zu Shankaras höchster Wohnstatt. | |||
===Kapitel 78=== | |||
'''78.1''' Markandeya sprach: Nachdem König Sagara dieses vortreffliche Gespräch zwischen Shankara und dem hochgesinnten Bhairava samt Vetala gehört hatte, | |||
'''78.2''' fragte er den weisen Aurva erneut, von Freude erfüllt, mit freundlichen und vortrefflichen Worten. | |||
'''78.3''' Sagara sprach: Wunderbar hast du, erhabener bester Weiser, die Lage und Gliederung des heiligen Bereichs Kamarupa beschrieben. | |||
'''78.4''' Ich möchte noch ausführlicher hören, Hochverständiger, wie sein nordwestlicher, mittlerer und östlicher Teil beschaffen sind. | |||
'''78.5''' Wo und in welcher Gestalt Mahadeva und Ambika jeweils gegenwärtig sind, das alles erzähle mir, Tiger unter den Weisen; ich wünsche es zu hören. | |||
'''78.6''' Aurva sprach: Den nordwestlichen Teil habe ich beschrieben, bester König. Höre jetzt die Bestimmung der südwestlichen, nördlichen und mittleren Bergbereiche. | |||
'''78.7''' Rechts vom Karatoya liegt der Fluss namens Bahurokta, der nach Norden fließt; östlich davon erstreckt sich Kamarupa. | |||
'''78.8''' Dort liegt ein Berg namens Surasa. Aus ihm entspringt die Bahuroka, die Rechtschaffenheit beziehungsweise den Segen des Stieres spendet. | |||
'''78.9''' Nahe Surasa befindet sich das Shiva-Linga Mahavrisha; dort wohnt auch die Göttin Maheshvari in der Gestalt eines Yoni-Mandalas. | |||
'''78.10''' Wer in der Bahuroka badet, den Surasa-Berg besteigt und Mahavrisha sowie die große Göttin Maheshvari verehrt, | |||
'''78.11''' werde von Verfehlung gereinigt, überwinde die Gegensätze und werde nicht wiedergeboren. Mahavrisha ist vierarmig, auf einem Stier sitzend, mit Gnaden- und Schutzgeste und Dreizack, | |||
'''78.12''' hell wie reiner Kristall und mit verfilzten Haaren. Seine Verehrung wird mit dem Aghora-Mantra vollzogen. | |||
'''78.13''' Maheshvaris Gestalt entspricht Kameshvari; ebenso ihre Verehrung und die dadurch verheißene Frucht. | |||
'''78.14''' Dort liegt das vom Weisen Vasishtha aufgesuchte Vasishtha-Becken. Als Naraka ihm den Weg versperrte, | |||
'''78.15''' konnte Vasishtha den blauen Berg nicht erreichen und verfluchte ihn. Für sein eigenes Bad schuf er dort das von Götterscharen verehrte Becken. | |||
'''78.16''' Ein Bad darin verheiße den Aufstieg in den Himmel nach Wunsch. Östlich von Surasa liegt der Berg namens Krittivasa. | |||
'''78.17''' Dort wohnte einst Krittivasas selbst mit Sati. Dort fließt die Chandrika, deren Bad den Himmel verheißt. | |||
'''78.18''' Wer am vierten Tag der hellen Hälfte des Monats Bhadra in der Chandrika badet und Krittivasas verehrt, werde makellos. | |||
'''78.19''' Wer den ganzen Monat Bhadrapada darin badet und Krittivasas schaut, gelange zum Herrn der Wesen. | |||
'''78.20''' Der vorzügliche Fluss Chandrika fließt stets nach Norden. Nicht weit östlich davon liegt der Fluss Phenila, | |||
'''78.21''' den Shatananda herabführte. Er gilt als Brahmas Tochter, als eine im Gebirge entsprungene Ganga. | |||
'''78.22''' Wer im Monat Phalguna am Tag von Brahmas Erwachen in der Phenila badet, überwinde die Hölle und gelange in den Himmel. | |||
'''78.23''' Weiter östlich liegt der nach Norden fließende Fluss Sita. Ein Bad an der großen Chaitra-Vollmondfeier verheißt die Frucht eines Ganga-Bades. | |||
'''78.24''' Zwei Yojanas weiter östlich fließt die Sumadana. König Janaka verehrte den Stierbannerträger | |||
'''78.25''' und führte sie zum Wohl Bhairavas vom Sutikshna-Berg herab. Wer den Sutikshna besteigt, im Wasser der Sumadana badet | |||
'''78.26''' und am vierten Tag der hellen Hälfte des Monats Magha Maheshvara verehrt, erlange alle Wünsche und Shivas Welt. | |||
'''78.27''' Diese Flüsse fließen im südwestlichen Kamarupa nach Norden, östlich des dortigen heiligen Sitzes, an dem Tripura verehrt wird. | |||
'''78.28''' Damit ist dir, König, der höchst verdienstvolle Südwesten Kamarupas beschrieben, wo Shambhu und Ambika stets gegenwärtig sind. | |||
'''78.29''' Höre nun der Reihe nach die im Himalaya entspringenden Flüsse, die nach Süden fließen, großer König. | |||
'''78.30''' Oberhalb des Agada liegt der große Fluss Bhadra. Ein Bad darin am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte des Monats Bhadra verheißt den Himmel. | |||
'''78.31''' Östlich davon liegt der hochheilige Fluss Subhadra; ein Bad am dritten Tag des Monats Vaishakha verheißt ebenfalls den Himmel. | |||
'''78.32''' Danach folgt die als besonders heilig geltende Manasa, die Trinabindu aus dem Manasa-See herabführte. | |||
'''78.33''' Wer den ganzen Monat Vaishakha darin badet, erlange zuerst Vishnus Welt und danach Befreiung. | |||
'''78.34a''' Nahe dem Himalaya liegt der strahlende Berg Vibhrata. Auf ihm wohnt der Herr der Wesen stets in Bhairavas Gestalt. | |||
'''78.34b''' Aus ihm entspringt östlich der Manasa die heilvolle Bhairavi mit heiligem Wasser; sie spendet Früchte wie die Ganga. [Die Vorlage wiederholt die Nummer 34 statt 35.] | |||
'''78.36''' Wer im Frühling darin badet, gelange in den Himmel; wer dort Kamakhya verehrt, erlange die ersehnte Erkenntnis. | |||
'''78.37''' Die Verehrung Mahamayas verheiße die doppelte Frucht. Oberhalb davon liegt der vorzügliche Götterfluss namens Varnasa, | |||
'''78.38''' im Himalaya entsprungen und stets fruchtspendend wie die Manasa. Die genannten Flüsse von Subhadra bis Varnasa | |||
'''78.39''' entspringen alle im Himalaya und werden hier als nach Norden fließend bezeichnet. [Dies widerspricht der Einleitung dieser Reihe.] Östlich der Madana und westlich des Brahma-Feldes | |||
'''78.40''' liegt das Sonnenfeld, in dem Aditya stets gegenwärtig ist. Zum Wohl Bhairavas weilen dort alle göttlichen Herren, | |||
'''78.41''' Brahma, Indra, Varuna und die übrigen, im großen heiligen Bereich Kamarupa. Auf dem Tattva genannten Berg befindet sich auch die erhabene Sonne. | |||
'''78.42''' Östlich davon liegt der Fluss Trisrota, westlich die beiden Wasserbecken Kapota und Karana. | |||
'''78.43''' Nach ordnungsgemäßem Bad im Kapota- und Karana-Becken besteige man den Tattva-Berg und verehre den Tagesmacher. | |||
'''78.44''' Schon einmaliges Vollziehen verheiße dem Menschen das Haus der Sonne. Die Badeformel lautet: „Aus den Sonnenstrahlen entstandener Nektar von Kapota und Karana, | |||
'''78.45''' als heiliges Wasser gepriesen, Kapota, nimm meine Verfehlung hinweg!“ Mit dieser Formel bade man im Kapota-Becken. | |||
'''78.46''' Danach berühre man das Wasser des Karana und verehre die Sonne auf dem Tattva-Berg. Der dreifache Brahma-Keim wird mit dem Wort „tausend“ am Ende | |||
'''78.47''' und „dem Strahlenden“ in der Dativform sowie der Feuer-Gattin als Abschluss verbunden. Dies heißt Adityas Gliedermantra und gilt als höchst wunscherfüllend. | |||
'''78.48''' Bhaskara sitzt auf einem Lotus, hält Lotusse und leuchtet wie das Innere einer Lotusblüte; er besitzt sieben Pferde und sieben Zügel und ist zweiarmig. | |||
'''78.49''' Sein Mandala ist rund und hat acht Lotusblätter. Die Einsetzungen an Daumen und übrigen Fingern sowie an den sechs Stellen vom Herzen an | |||
'''78.50''' geschehen mit dem Gliedermantra und der mit Feuer-Laut verbundenen vorletzten Keimsilbe. Dieser für alle Einsetzungen vorgesehene Mantra verheißt sämtliche Früchte. | |||
'''78.51''' Am Herzen, Kopf, Scheitel, Schutzpanzer, Augen, Mund, Bauch, Rücken, Armen, Händen, Unterschenkeln und Füßen | |||
'''78.52''' sowie an den Hüften werden sämtliche Mantrabuchstaben der Reihe nach eingesetzt. Die Verehrungsfolge wird vom hier als Rama bezeichneten Ausgangspunkt aus weitergeführt. [Die Richtungsangabe ist unklar.] | |||
'''78.53''' Die Verabschiedung erfolgt im Nordosten. Vidya und die weiteren Kräfte gehören zu den Blättern, Tattvachanda empfängt die verbliebenen Opfergaben; Mathara und die übrigen Begleiter stehen seitlich. | |||
'''78.54''' Die Keimsilbe des Uttara-Tantra wurde zuvor gelehrt. Wer auf dem Tattva-Berg nach dieser Ordnung verehrt, | |||
'''78.55''' erlange sämtliche Wünsche und freue sich in dieser Welt; am Ende gelange er glücklich in Bhaskaras Wohnstatt. | |||
'''78.56''' Nicht weit südlich der Sonne liegt der Shubha genannte Berg; auf seinem oberen Hang steht ein vorzügliches Shiva-Linga. | |||
'''78.57''' Große Affen umgeben es beständig, ziehen ringsum und bleiben dort, um Shankara zu dienen. | |||
'''78.58''' Wer in der Trisrota badet und Mahadeva auf dem Shubha-Berg schaut, erlange den ersehnten Wunsch. | |||
'''78.59''' Östlich davon fließen die heiligen Flüsse Sukumamalini und Kshiroda, beide nach Süden. | |||
'''78.60''' Auch ihre Wasser sind heilig und nektargleich, großer König. Wer darin badet, gelange in Shankaras Wohnstatt. | |||
'''78.61''' Noch weiter östlich liegt der göttliche Fluss Lila; ein Bad in diesem großen Fluss verheißt Shivas Welt. | |||
'''78.62''' Östlich davon entspringt die heilvolle Chandi, der große Fluss Chandika, aus dem schönen Dhavala-Berg. | |||
'''78.63''' Dort stehen zwei Shiva-Lingas, Goloka und Shringa, nicht weit voneinander entfernt, im Abstand eines Krosha. | |||
'''78.64''' Nach dem Bad in der Chandika besteige man Dhavaleshvara, blicke zum südlichen Meer und berühre das Goloka genannte Heiligtum. | |||
'''78.65''' Dann steige man wieder hinab und verehre Maheshvara als Shringin auf dem Bodensitz nach Shivas Verehrungsordnung. | |||
'''78.66''' Dadurch erlange man die Frucht eines Pferdeopfers, hier alle Wünsche und nach dem Tod den Zustand Shivas. | |||
'''78.67''' Alle zuletzt genannten Flüsse fließen nach Süden. Nordöstlich davon liegt der Berg Gandhamadana. | |||
'''78.68''' Dort befindet sich Shivas großes Linga namens Bhringa. Dieser vorzügliche Berg erstreckt sich bis an den Westen des heiligen Bereichs. | |||
'''78.69''' Er trägt den Brahma-Stein und die göttliche, mit Savitri verbundene Stätte. Am Ende des Gandhamadana liegen die beiden Fußspuren Bhringeshas. [Die erste Zeile ist beschädigt.] | |||
'''78.70''' Dort fließt Ganga-Wasser in das Antaralaka-Becken. Wer darin badet und sein Wasser trinkt, | |||
'''78.71''' danach die beiden im Stein sichtbaren Fußspuren Bhringeshas schaut und Mahabhringa verehrt, erlange die Herrschaft über die Scharen. | |||
'''78.72''' Die Formel lautet: „Aus Shambhus Füßen hervorgegangen, Offenbarung des Zwischenraums, verbinde mich mit den Füßen des Stierbannerträgers, großer Stier!“ | |||
'''78.73''' Mit dieser Formel bade man im Antarala-Wasser und schaue danach den Gott Bhringa, der am Rand des Kubja-Sitzes wohnt. | |||
'''78.74''' Zwischen Manikuta und Gandhamadana fließt der Lauhitya, der aus Brahmas Feuer entstanden ist. | |||
'''78.75''' Südlich der Varnasa liegt der meeresgleiche Lauhitya; östlich befindet sich Manikuta, wo Hari als Hayagriva weilt. | |||
'''78.76''' Dort nahm Vishnu die Pferdehalsgestalt an, tötete den Dämon Jvara und den hier ebenfalls genannten Hayagriva und ließ sich zum göttlichen Spiel nieder. [Die Namensverknüpfung ist nicht eindeutig.] | |||
'''78.77''' Nachdem Vishnu Jvara getötet hatte, bezog er dort Wohnstatt zum Wohl von Menschen, Göttern, Asuras und den übrigen Wesen. | |||
'''78.78''' Da sein Körper vom Fieber bedrängt worden war, nahm er nach der Tötung des großen Fieberdämons zum Wohl aller Welten ein heilendes Bad. | |||
'''78.79''' Aus diesem Heilbad entstand ein großer See; Hayagriva selbst gab ihm den Namen Apunarbhava, „Keine Wiedergeburt“. | |||
'''78.80''' Weil ein Mensch nach einem Bad darin nicht wiedergeboren werde, wird der See Apunarbhava genannt. | |||
'''78.81''' Auf dem Manikuta-Berg ist Vishnu in Hayagrivas Gestalt gegenwärtig; der Ort wird mit einer Ausdehnung von hundert Armspannen beschrieben. | |||
'''78.82''' Östlich davon liegt der dreieckige Berg Bhadrakama; dort steht das Shiva-Linga namens Kalahaya. | |||
'''78.83''' Nahebei im Süden liegt das Apunarbhava-Becken. An dessen Ufer, auf dem Berg Bhadrakamada, | |||
'''78.84''' befindet sich ein Brahma verkörpernder Stein namens Haravithi. Dort weilt Mahadeva als Yogi, des Yoga kundig und in Meditation vertieft. | |||
'''78.85''' Wer ihn als Yogapraktizierender schaut, erlange nach dem Tod Befreiung. Auf demselben Stein befindet sich Shankara namens Gokarna, | |||
'''78.86''' der einst Gokarna, einen Freund Andhakas, tötete. Nordöstlich von Gokarna liegt Shambhu als Kedara. | |||
'''78.87''' Danach wird die Andhaka entsprechende, mit Kamala verbundene Gestalt genannt. Der Berg, auf dem Shambhu als Kedara wohnt, heißt Madana. [Der erste Halbvers ist beschädigt.] | |||
'''78.88''' Dort wird auch Kamala genannt, der die Wohnstatt des Höchsten verleiht. Nach dem Bad im Apunarbhava-Wasser schaue man Gokarna und den Yogi, | |||
'''78.89''' dann Kedara und Kamala; der Anblick Madhavas verheißt Befreiung. Nach dem Gott Madhava schaue man Kama. | |||
'''78.90''' Nachdem man Kama geschaut hat, blicke man von dort zum Apunarbhava. Wer diese Pilgerreise in der genannten Reihenfolge vollzieht, | |||
'''78.91''' erhebe sieben frühere und sieben spätere Generationen sowie sich selbst, insgesamt fünfzehn, und führe sie als vorzüglicher Mensch in den Himmel. | |||
'''78.92''' Die Badeformel lautet: „Aus Vishnus Stätte hervorgegangen, Herr, der Wiedergeburt aufhebt, nimm meine Verfehlung hinweg und führe zum Himmel, du großes Meer, das Bindung überwunden hat!“ | |||
'''78.93''' Mit dieser Formel bade der Held im Apunarbhava. Hayagrivas Rituallehre wurde schon zuvor erläutert. | |||
'''78.94''' Höre nun, großer König, welche Gestalt man meditieren soll: weiß wie Kampfer und Kunda-Blüte, auf einem weißen Lotus sitzend, | |||
'''78.95''' vierarmig und mit Ohrringen und vielfältigem Schmuck versehen. Mit den beiden linken Händen zeigt er Gnade und Schutz, | |||
'''78.96''' in den anderen beiden hält er Buch und weißen Lotus. Seine Brust trägt Shrivatsa und Kaustubha; gelegentlich sitzt er auf Garuda. | |||
'''78.97''' Bei der Verehrung gilt die gesamte Ordnung des Uttara-Tantra. Vishvaksena empfängt bei der Verabschiedung Hayagrivas verbliebene Opfergaben. | |||
'''78.98''' Der Gott mit Garuda im Banner bleibt in einer Steinform verhüllt, spielt mit den Gandharvas und weilt zum Wohl der Welt dort. | |||
'''78.99''' Hayagrivas Mantra werde durch zweihunderttausend Wiederholungen vollendet; die vorbereitende Praxis umfasst Feueropfer mit Gerstenspeise, Milchreis und Butter. | |||
'''78.100''' Schon durch einmaliges Vollziehen dieser Vorbereitung erlange man hier das ersehnte Gelingen und danach Vishnus Welt, König der Könige. | |||
'''78.101''' Mit den Mantras der fünf Gesichter verehre der Zweimalgeborene stets die fünf Gestalten, Kama und die weiteren, entsprechend Tatpurusha und der zuvor genannten Reihe. | |||
'''78.102''' Kama entspricht Tatpurusha, der Yogi Ishana, Gokarna Aghora und Kedara Vamadeva. | |||
'''78.103''' Kamala entspricht Sadyojata; jede Gestalt wird mit ihrem Mantra verehrt. Der Berg heißt Kedara, die Shiva-Ganga Kalika. | |||
'''78.104''' Östlich von Hayagriva und westlich von Kedara liegen die Stätte Chayabhoga und die Stadt Bhogavati. | |||
'''78.105''' Wer aus Interesse vom Manikuta zum Apunarbhava geht, erlange die Frucht sämtlicher Pilgerreisen. | |||
'''78.106''' Wer im Monat Jyeshtha am achten oder fünfzehnten Tag der hellen Hälfte im Apunarbhava badet und Hari ordnungsgemäß schaut, erhebe seine ganze Familie und erlange Vereinigung mit Vishnu. | |||
'''78.107''' Wer den ganzen Monat Jyeshtha täglich Hari schaut, gehe gemeinsam mit sämtlichen Familienlinien in Hari ein. | |||
'''78.108''' Damit ist dir der höchste, heilige Manikuta beschrieben, den der Text über Varanasi stellt und den Siddhas und Vidyadharas verehren. | |||
'''78.109''' Ein Brahmane, der diese Beschreibung Manikutas liest oder hört, erlange die Frucht des gesamten Veda, so die abschließende Verheißung. | |||
===Kapitel 79=== | |||
'''79.1''' Aurva sprach: Weiter östlich liegt der Berg Darpana, großer König; dort wohnt Kubera stets mit den Hütern des Reichtums. | |||
'''79.2''' In seiner Mitte befindet sich der rotgestaltige Rohita. Eisen und andere Stoffe, die ihn berühren, werden nach der Überlieferung augenblicklich zu Gold. | |||
'''79.3''' Nicht weit davon fließt der ebenfalls Darpana genannte Fluss, im Himalaya entsprungen und in seinen Früchten dem Lauhitya gleich. | |||
'''79.4''' Als der Sohn Lauhitya geboren war, badete Hari ihn gemeinsam mit allen Götterscharen mit Wasser aus sämtlichen heiligen Badeorten. | |||
'''79.5''' Aus diesem Bad entstand der Fluss, der den Hochmut der Verfehlung zerbricht; deshalb gaben die Götter ihm einst den Namen Darpana. | |||
'''79.6''' Wer im vorzüglichen Fluss badet und am ersten Tag der hellen Hälfte des Monats Kartika Kubera auf dem Darpana-Berg verehrt, | |||
'''79.7''' erlange hier hundertfachen Wohlstand und danach Brahmas Wohnstatt. Östlich von Darpana liegt der Berg Agnimala. | |||
'''79.8''' Er ist schlangenförmig, siebenhundert Armspannen lang und halb so breit. Auf seinem oberen Bereich wohnt Agni im Feuerkreis. | |||
'''79.9''' Auf der schönen, zinnoberrot leuchtenden Steinfläche brennt noch heute beständig Feuer ohne Brennstoff. | |||
'''79.10''' Zum Wohl Bhairavas bei der Verehrung Kamakhyas hatte sich das Feuer selbst mit seinen Scharen schon früher dort niedergelassen. | |||
'''79.11''' Wer im Lauhitya badet, den Agnimala-Berg besteigt und Agni verehrt, freue sich in Vishnus Haus. | |||
'''79.12''' Vor Agnimala liegt das Varuna-Becken; an seinem Ufer steht der vorzügliche Berg namens Kamsakara. | |||
'''79.13''' Dort wohnt stets Varuna, der Herr des Wassers. Wer Prachetas dort ordnungsgemäß verehrt | |||
'''79.14''' und im Varuna-Becken badet, erlange Varunas Welt. Der erste Konsonant mit dem fünften Vokal, | |||
'''79.15''' verbunden mit Shambhus Mondschmuck und dem Punkt, heißt Kuberas Keimsilbe. Der siebte Laut nach „pa“, mit Punkt und Halbmond, | |||
'''79.16''' heißt Feuer-Keimsilbe; mit ihr verehre man Agni. Der fünfte Laut nach „ma“ mit Mond und Punkt wird als Varunas Keim bezeichnet. | |||
'''79.17''' Mit diesen Mantras verehre man die jeweiligen Götter beständig. Östlich von Varunas Berg liegt Vayukuta. | |||
'''79.18''' Er hat zwei Teile und trägt das Mandala mit der Wind-Keimsilbe. Dort befindet sich der zur Windwelt gehörende Mondkreis, aus dem der Wind hervortritt, | |||
'''79.19''' sich nach oben und unten ausbreitet und beständig weht, König. Wer dort den Windgott verehrt, erlange dessen Welt. | |||
'''79.20''' Östlich vom Windberg liegt Chandrakuta, dreieckig und mondgleich leuchtend, mit dem Mondkreis auf seiner Höhe. | |||
'''79.21''' Der erste Laut der zweiten Konsonantengruppe, mit Punkt geschmückt, heißt Mond-Keimsilbe; mit ihr verehre man den Mond. | |||
'''79.22''' Noch heute umkreist der Herr der Nacht bei jedem Neumond diesen Berg, begleitet von den zehn genannten Himmelswesen. | |||
'''79.23''' Östlich davon liegt der See Somakunda. Wer darin badet und davon trinkt, erlange vollkommene Befreiung. | |||
'''79.24''' Als der Mond aus dem Himmel herabstieg, um Kamakhya zu dienen, strömten aus seiner Strahlenfülle Wassermassen hervor. | |||
'''79.25''' Aus ihnen schuf Indra selbst zwischen den Stätten Indras und des Mondes, an einem hochheiligen Ort über dem Brahma-Stein, ein Becken. | |||
'''79.26''' Die Badeformel lautet: „Aus den Mondstrahlen entstandenes großes Wasser des Mondbeckens, welche innere Haltung ich auch mitbringe, nimm meine Unreinheit hinweg, Mond! | |||
'''79.27''' Du lässt Nektar strömen und schenkst Freude; nimm meine Unreinheit hinweg!“ Wer mit dieser Formel im Mondwasser badet, | |||
'''79.28''' Chandrakuta besteigt und den Mond verehrt, erlange eine ununterbrochene, schöne Nachkommenschaft. | |||
'''79.29''' Im Jenseits durchschreite er die Mondwelt und erreiche die höchste Stätte. Am Rand Chandrakutas liegt der Berg Nandana. | |||
'''79.30''' Dort wohnt Indra, Kamakhyas Dienst hingegeben. Der Herr aller Götter nimmt die fünf Gestalten an und bleibt dort, um der Herrin der Götter zu dienen. [Der Vers verwendet dafür auch den Namen Hari.] | |||
'''79.30a''' Südlich des Chandrakuta liegt der Berg Janardana, und unterhalb davon im Süden der See Ashvakranta. [Die vier folgenden Abschnitte sind in der Vorlage mit a–d statt mit Zahlen bezeichnet.] | |||
'''79.30b''' Im ganzen Weltall gebe es keinen gleichwertigen heiligen Badeort. Wer hier im Wasser oder auf dem Land stirbt, gelange zum ewigen Brahman. | |||
'''79.30c''' Auf dem Janardana-Berg ist Vishnu in Schildkrötengestalt durch den Stein hervorgetreten und weilt dort, von Göttern und Gandharvas verehrt. | |||
'''79.30d''' Wer im Ashvakranta-Wasser badet und Janardana verehrt, erhebe zehn Millionen Angehörige seiner Linie und werde selbst zum höchsten Menschen. | |||
'''79.31''' Bei jedem Neumond umkreist der Mond Chandrakuta und Nandana dreimal. | |||
'''79.32''' Nach dem Bad im Wasser Chandrakutas besteige man Nandana. | |||
'''79.33''' Wer dort Indra, den Herrn der Welt, verehrt, erlange große Frucht. Östlich von Nandana liegt der große Berg Bhasmakuta. | |||
'''79.34''' Er ist selbst Bhargas Gestalt, beständig friedvoll und erhaben. Südlich davon wohnt die Göttin, die den Nektar trägt, | |||
'''79.35''' bekannt als Urvashi, die Indra stets erfreut. Den Nektar, den die Götter früher als Nahrung | |||
'''79.36''' für Kamakhya dort niedergelegt hatten, bewahrt Urvashi selbst. Hara in Steinform umschließt ihre Stätte. | |||
'''79.37''' Von dieser Nektarmenge bringt sie täglich nach und nach etwas in Kamakhyas Yoni-Mandala. | |||
'''79.38''' Sie wohnt zwischen den Nektarsteinen im Urvashi-Becken. Zwischen Urvashi und Bhasmakuta liegt dieses stets umschlossene Becken, | |||
'''79.39''' zweiunddreißig Bogenmaße breit und fünfzig lang. Wer darin badet und davon trinkt, erlange Befreiung. | |||
'''79.40''' Von Kamakhyas Yoni aus begibt sich die Yogini stets nach Nordosten, tritt in Bhasmakuta und in Urvashis Stätte ein. | |||
'''79.41''' Durch Nektar gestärkt, erfreut sich die Göttin beständig; voller Freude genießt die große Göttin das Begehren. | |||
'''79.42''' Nordöstlich von Bhasmakuta liegt der große Berg Manikuta. Dort steht Haras Linga namens Manikarna. | |||
'''79.43''' Manikarna ist die Gestalt Sadyojatas; dieser Sadashiva wird mit dem Sadyojata-Mantra verehrt. | |||
'''79.44''' Nach dem Bad im Mondheiligtum schaue man den Mond mit Indra, dann Manikarneshvara; beim Gang zum Ascheberg wird Befreiung verheißen. | |||
'''79.45''' Der Mond wird weiß, weiß gekleidet, mit zehn Pferden und Goldschmuck dargestellt, zweiarmig, mit Keule und Gnadengeste. | |||
'''79.46''' Indra ist tausendäugig, hellfarbig und zweiarmig; er trägt Donnerkeil, Keule und Stachelhaken in den angegebenen Händen. [Die Zahl der Gegenstände übersteigt die genannte Handzahl.] | |||
'''79.47''' Er sitzt auf dem Elefanten Airavata, trägt einen Köcher mit Pfeilen und den Bogen an der Seite und dient Maheshvari. | |||
'''79.48''' Der auf „va“ folgende Laut mit Mondzeichen und Punkt heißt Indras Keimsilbe; mit ihr verehre man ihn. | |||
'''79.49''' Östlich von Manikuta fließt stets der schöne Fluss Sumangala, der aus dem Schneegebirge hervortritt. | |||
'''79.50''' Wer Manikuta besteigt und diesen Fluss schaut, erlange das Verdienst eines Ganga-Bades und danach den Himmel. | |||
'''79.51''' Östlich von Manikuta liegt der Hauptberg Matsyadhvaja. Dort hatte der durch Haras Augenfeuer verbrannte Liebesgott | |||
'''79.52''' durch Askese und Verehrung des Stierbannerträgers seinen Körper wiedergewonnen. Dort ist Kamadeva in Fischgestalt gegenwärtig, | |||
'''79.53''' auf der Bergfläche, ringsum auf die Erde blickend. Dort fließt der Fluss Shashvati nach Süden. | |||
'''79.54''' Auf dem Berg liegt auch der See Kamasaras. Wer ordnungsgemäß in der Shashvati badet und Wasser des Kamasaras trinkt, | |||
'''79.55''' werde rein und von Verfehlung befreit in Shivas Welt geehrt. Östlich von Gandhamadana liegt der Berg Sukranta. | |||
'''79.56''' An seinem Rand befindet sich das Vasava-Becken, die Nektarstätte Indras. Dort im Süden hatte einst Indra, Shachis Gemahl, | |||
'''79.57''' mit ermüdetem Körper innerhalb Kamarupas Nektar getrunken. Wer im Vasava-Becken badet und Sukanta besteigt, | |||
'''79.58''' werde Indra lieb und erlange dessen Welt. Östlich von Sukanta liegt der Berg Rakshahkuta. | |||
'''79.59''' Dort wohnt beständig Nirriti, der Herr der Rakshasas: großleibig, mit Schwert und in der linken Hand einem Schild, | |||
'''79.60''' mit hochgebundenem verfilztem Haar, groß wie ein schwarzer Berg, zweiarmig, schwarz gekleidet und auf einem Esel sitzend. | |||
'''79.61''' Letzter und vorletzter Laut, mit Punkt und Mondzeichen sowie dem bezeichneten Anfang verbunden, bilden Nirritis Keimsilbe; mit ihr werde er verehrt. | |||
'''79.62''' Wer Rakshahkuta besteigt und Nirriti sowie Chandika als Herrin der Rakshasas nach der Ordnung verehrt, | |||
'''79.63''' habe niemals Furcht vor Rakshasas, König. Rakshasas, Pishachas, Vetalas und Herren der Scharen | |||
'''79.64''' fürchteten sich beim Anblick dieses Menschen. Östlich von Rakshahkuta befindet sich Madhava, hier auch Bhairava genannt, | |||
'''79.65''' bekannt als Pandunatha und in Steinform gegenwärtig. Ihn verehre man beständig mit dem aus acht Silben bestehenden Mantra | |||
'''79.66''' und seiner zugehörigen Ordnung. Pandunatha-Hari ist rötlich hell und trägt Keule und Lotus, | |||
'''79.67''' in den rechten Händen Diskus und Speer. Er ist vierarmig, steht auf einem roten Lotus und trägt eine leuchtende Krone, | |||
'''79.68''' reine Ohrringe und das Shrivatsa-Zeichen auf der Brust. Mit „namo nārāyaṇāya“ oder Haris Grundkeimsilbe | |||
'''79.69''' verehre man ihn zur Verwirklichung der vier Lebensziele. Nördlich von Pandunatha liegt der See Brahmakuta. | |||
'''79.70''' Brahma schuf ihn einst zum Bad der Himmelsbewohner; er ist hundert Armspannen lang und halb so breit, | |||
'''79.71''' alle Verfehlung tilgend, heilig und aus der Götterwelt gekommen. Die Formel lautet: „Aus dem Wassergefäß entstanden, nektarströmendes Brahma-Becken, | |||
'''79.72''' nimm alle meine Verfehlungen hinweg und schenke Verdienst und Himmel!“ Wer mit dieser Formel im See badet | |||
'''79.73''' und Pandunatha verehrt, erlange Vereinigung mit Vishnu. Wer im Brahma-Becken badet und Umas Gemahl verehrt, | |||
'''79.74''' dann Vayukuta besteigt, erlange Befreiung. Östlich von Pandunatha liegt der Berg Chitrahara als Haris Stätte, | |||
'''79.75''' wo Vishnu stets in Ebergestalt spielt. Danach folgt Nilakuta, Kamakhyas höchster Wohnsitz. | |||
'''79.76''' In dessen östlichem Teil wohnt Brahma auf dem Brahma-Berg. Östlich davon befindet sich auf dem Bodensitz | |||
'''79.77''' Kamakhyas Nabelkreis, eine schöne Vertiefung mit heilvollem Wirbel. Dort spielt die höchste Herrin in Ugrataras Gestalt. | |||
'''79.78''' In dieser Gestalt soll die Heilvolle dort verehrt werden. Ihre Keimsilbe wurde zuvor im Uttara-Tantra gelehrt. | |||
'''79.79''' Höre ihre stets zu meditierende Gestalt, bester Mensch: schwarz, mit herabhängendem Bauch, hochgewachsen, mit auseinanderstehenden roten Zähnen, | |||
'''79.80''' vierarmig und schlankgliedrig. Rechts hält sie Schneideklinge und Schädelschale, links Schwert und blauen Lotus; auf dem Kopf trägt sie einen einzigen Haarknoten. | |||
'''79.81''' Den linken Fuß setzt sie auf die Schenkel eines Leichnams, den rechten auf dessen Herz und lacht laut auf. | |||
'''79.82''' Schlangenketten und eine Kopf-Girlande schmücken die höchste Wunscherfüllerin. Ihr Mandala ist dreieckig, mit „huṁ“ als mittlerer Keimsilbe. | |||
'''79.83''' Die Namen ihrer Torherren und Yoginis sind aus ihrer Rituallehre zu entnehmen, wie sie im Zusammenhang des linken Weges genannt wurde, Tiger unter den Menschen. | |||
'''79.84''' Wer ordnungsgemäß in Urvashis Wasser badet, den Pandu-Stein berührt und Nilakuta besteigt, werde nicht wiedergeboren. | |||
'''79.85''' Die Badeformel lautet: „Aus Indras Stadt gekommen, in deiner Frucht größer als Varanasi, Urvashi, nimm durch deine nektarvermischten Wasser meine Verfehlung hinweg! | |||
'''79.86''' Nektarströmende Göttin, von Nektarfluten erfüllt, gib mir heute durch Nektar Unsterblichkeit, meine Urvashi! | |||
'''79.87''' Indra liebe Göttin, stets Varanasi übertreffend, mit dem Lauhitya-See verbunden, nimm meine Verfehlung hinweg, Urvashi!“ | |||
'''79.88''' Wer mit diesen Lobformeln in Urvashis heiligem Wasser badet, werde von allen Verfehlungen befreit und bewege sich in Vishnus Welt. | |||
'''79.89''' Urvashi wird zweiarmig beschrieben, mit goldenen Armringen und einem goldenen Gefäß, aus dem sie Nektar ausgießt, | |||
'''79.90''' weiß gekleidet, hellfarbig, mit hohen vollen Brüsten, in allen Gliedern schön, rein und mit sämtlichem Schmuck versehen. | |||
'''79.91''' Der Anfangslaut ihres Namens gilt als ihr Mantra; auch die Rituallehre Umas enthält den für sie gelehrten Mantra. | |||
'''79.92''' Am östlichen Tor von Kamakhyas Berg steht Ganesha; am selben Tor befindet sich auch der anziehende Agnivetala. | |||
'''79.93''' Ihre Gestalten und Mantras werde ich dir so erzählen, wie Shambhu sie einst lehrte. Höre zu, großer König. | |||
'''79.94''' „oṃ nama ulkāmukhāya“ – „Om, Verehrung dem Flammenmund“ –, mit der Grundkeimsilbe und den weiteren Bestandteilen verbunden, gilt als Mantra des am Tor stehenden Siddhaganesha. | |||
'''79.95''' Seine Gestalt beschreibe ich nun: elefantengesichtig, dreiäugig, mit großem Bauch und vier Armen, eine Schlange als heilige Schnur tragend, | |||
'''79.96''' mit Ohren wie Worfelkörbe, großen Wangen, einem Stoßzahn und breitem Leib. In den rechten Händen trägt er Stab und Lotus, | |||
'''79.97''' links eine süße Kugel und eine Axt. Seine Größe scheint den Himmel zu füllen; Schultern, Füße und Hände sind kräftig. | |||
'''79.98''' Er ist von Buddhi und Kubuddhi begleitet, unter ihm befindet sich eine Maus. Für seine Verehrung gilt dieselbe Rituallehre | |||
'''79.99''' wie bei dem Fünfgesichtigen, mit denselben Vorschriften und Verboten. Agnivetala dagegen ist zweiarmig, breitgesichtig, rotäugig und furchtbar. | |||
'''79.100''' Rechts hält er ein Messer, links ein Blutgefäß. Sein Gesicht ist durch Hauer schrecklich, sein Körper mager und von Adern durchzogen. | |||
'''79.101''' Er trägt langes verfilztes Haar und stößt schreckliche Rufe aus. Der vierte Laut der „pa“-Gruppe, mit Feuerlaut und sechstem Vokal verbunden, | |||
'''79.102''' ist Agnivetalas Keimsilbe, die überall Furcht vernichten soll. Agnivetala werde als Abwehr aller Furcht verehrt. | |||
'''79.103''' Wer ihn verehrt, habe keine Furcht vor Bhutas und ähnlichen Wesen. Nun folgen die Mantras der acht Yoginis, König. | |||
'''79.104''' Ihre Mantras, beginnend mit Shailaputri, entsprechen den zuvor genannten acht Silben des Vaishnavi-Tantra. | |||
'''79.105''' Auch Shailaputris Gliedermantra wurde zuvor gelehrt, ebenso die besonderen Gestalten der Yoginis, Tiger unter den Menschen. | |||
'''79.106''' Diese Yoginis werden mit der jeweiligen einzelnen Keimsilbe, mit dem Durga-Tantra-Mantra oder der Augen-Keimsilbe verehrt, bester König. | |||
'''79.107''' Katyayani als Pada-Durga verehre man mit dem Durga-Tantra-Mantra; ihre Gestalt und Verehrung wurden bereits erläutert. | |||
'''79.108''' Kalaratri werde mit ihrem eigenen Mantra verehrt; ihre Gestalt und ihr Mantra wurden zuvor beschrieben. | |||
'''79.109''' Bhuvaneshvari verehre man mit den Mantras von Mahamayas Rituallehre. Alle diese Yoginis verleihen nach dem Text Früchte wie Kamakhya. | |||
'''79.110''' Wo keine besondere Gestalt, Rituallehre oder Verehrungsform angegeben wurde, soll der Durga-Tantra-Mantra verwendet werden. | |||
'''79.111''' Wer jede Yogini einzeln verehrt, erlange die Frucht sämtlicher Opfer, bester Mensch. | |||
'''79.112''' Die Gestalt des blauen Berges wurde zuvor beschrieben. Östlich vom Nabelkreis und südlich von Bhasmakuta, | |||
'''79.113''' im östlichen Bereich, liegt der Berg Karpata, der Yamas Gestalt trägt. Dort befindet sich ein schwarzer Yama-Stein, leuchtend wie dunkle Augenschminke, | |||
'''79.114''' auf der Bergfläche, fünf Armspannen breit, König. Dort verehre man den Todesherrn, der stets den Stab in der Hand hält, | |||
'''79.115''' das Werkzeug zur Bestrafung der Lebewesen. Er ist schwarz, zweiarmig und trägt eine leuchtende Krone. | |||
'''79.116''' In der linken Hand hält er ein kurzes Schwert; er trägt schwarze Kleidung, hat kräftige Füße und hervorstehende Zähne. | |||
'''79.117''' Auf einem Büffel reitend, schenkt er Menschen Furcht und Furchtlosigkeit. Der Übende verehre ihn mit höchster Hingabe und Yamas Keimsilbe. | |||
'''79.118''' Der Anfangslaut der vorletzten Gruppe, mit Punkt und Mondzeichen verbunden, heißt Yamas Keimsilbe und erfreut ihn. | |||
'''79.119''' Wer mit diesem Mantra den Todesherrn auf dem vorzüglichen Karpata-Berg verehrt, erleide keinen vorzeitigen Tod. | |||
'''79.120''' Östlich vom Karpata liegt der Chitra genannte Berg, am östlichen Rand im südöstlichen Bereich. | |||
'''79.121''' Sein heiliger Sitz ist der Brahma-Stein, der zuvor als Berg bezeichnet wurde. Auf ihm wohnen beständig die neun Planetenmächte nach ihrem Willen. | |||
'''79.122''' Wer sie dort verehrt, erfahre nirgends Unheil. Sonne und Mond samt ihren Gestalten und Mantras wurden bereits erklärt. | |||
'''79.123''' Höre die Mantras und Gestalten der übrigen sieben. Mars ist rot gekleidet, trägt Dreizack, Speer und Keule, | |||
'''79.124''' ist vierarmig, fährt auf einem Widder und zeigt die Gnadengeste. Merkur trägt gelbe Kleidung, gelbe Kränze und Salbe; auch ein Dreizack wird ihm zugeordnet. | |||
'''79.125''' Mit Schwert, Schild, Keule und Gnadengeste sitzt Merkur auf einem Löwen. Jupiter ist goldhell, gelb gekleidet und sitzt auf einem goldenen Ruhebett. | |||
'''79.126''' Er trägt Gebetskette, Wassergefäß und Stab und zeigt links die Gnadengeste. Vierarmig und allwissend soll man den Götterlehrer meditieren, | |||
'''79.127''' lieblich und stets von allen Götterscharen verehrt. Der Lehrer der Daityas ist weiß gekleidet, weißfarbig und sitzt auf dem Elefanten Shankha. | |||
'''79.128''' Er ist vierarmig und trägt in den rechts und links angeordneten Händen Schlinge, Gebetskette, Buch sowie Gnaden- und Schutzgeste. [Die Aufzählung ist mit der Handzahl nicht eindeutig vereinbar.] | |||
'''79.129''' Der Sohn der Sonne, Saturn, wird saphirblau, mit Dreizack, Gnadengeste, Schlinge und Bogen, auf einem Geier reitend meditiert. | |||
'''79.130''' Kamadevas Keimsilbe wird als Mantra des Mars gelehrt. Der mittlere günstige Bestandteil von Durgas Augen-Keimsilbe | |||
'''79.131''' ist der alle Wünsche erfüllende Mantra des Mondsohnes Merkur. Für Jupiter werden „aṁ“ und der Anfang der fünften Gruppe, mit viertem und sechstem Vokal verbunden, | |||
'''79.132''' und Ganeshas Keim als Abschluss genannt; die beiden vorangehenden Laute erhalten Punkt und Mondzeichen. | |||
'''79.133''' Für die nächste Formel werden „ma“ mit dem siebten Vokal und der Anfangslaut der letzten Gruppe mit Punkt und Mondzeichen verbunden. | |||
'''79.134''' Dies bildet Venus’ Keimsilbe, welche die Erfüllung aller Wünsche verheißt. Der Anfangslaut der letzten Gruppe mit Mondzeichen und Punkt, | |||
'''79.135''' versehen mit dem Vokal des ersten Mantras und den genannten weiteren Bestandteilen, bildet Saturns alle Mängel tilgenden Mantra. [Die Lautanordnung ist verkürzt.] | |||
'''79.136''' Oder der Anfangslaut des jeweiligen Namens, mit Punkt und Mondzeichen verbunden, gilt als Gliedermantra jeder Planetenmacht. | |||
'''79.137''' Bei befriedenden und stärkenden Riten verehre der besonnene, verständige und nach Gedeihen strebende Mensch diese Planetenmächte mit ihren Mantras. | |||
'''79.138''' Rahu wird schwarz, auf einem Löwenthron sitzend, mit Schutz- und Gnadengeste sowie Schwert und Schild beschrieben. | |||
'''79.139''' Ketu ist rauchfarben, großäugig, schweifförmig und vierarmig; er hält Schwert, Schild, Keule und Pfeil und sitzt auf einem Leichnam. | |||
'''79.140''' Der Anfang der vorletzten Gruppe mit dem zwölften Vokal und der vorletzte Laut mit dem fünften Vokal, beide mit Mondzeichen und Punkt, | |||
'''79.141''' bilden vorwärts gelesen Rahus Mantra, rückwärts Ketus. Oder man verwende wie zuvor den mit den Mantrazeichen versehenen Anfangslaut ihres Namens. | |||
'''79.142''' Wer so auf dem vorzüglichen Chitra-Berg die neun Planetenmächte verehrt, erlange seine Wünsche und höchsten Frieden. | |||
'''79.143''' Östlich vom Chitrakuta liegt der vorzügliche Kajjala-Berg. Auf ihm wohnen Vidyadharas und alle weiteren Arten göttlicher Wesen. | |||
'''79.144''' Wer ihn besteigt und sich vor sämtlichen Göttern verneigt, erlange hier unvergleichlichen Wohlstand und danach den Himmel, bester Mensch. | |||
'''79.145''' Östlich von Kajjala liegt der Shubha-Berg, auf dem Indra, der Götterherr, einst mit Shachi spielte. | |||
'''79.146''' Östlich davon fließt die große göttliche Kapilagangika. Ein Bad in ihr verheißt die Frucht eines Ganga-Bades. | |||
'''79.147''' Östlich von Kamakhyas Wohnsitz, im südlichen Bereich, liegt ein gewaltiger Erdwirbel, die große Brahma-Höhlung, | |||
'''79.148''' von fünfundzwanzig Yojanas Ausmaß, Herr der Menschen. Aus ihr tritt der schöne Fluss mit klarem, weißem Wasser hervor. | |||
'''79.149''' Die Götter nennen Brahma „Ka“; weil der Fluss aus seiner Höhlung, „bila“, strömt und Früchte wie die Ganga verleiht, heißt er Kapilagangika. | |||
'''79.150''' Wer in der Kapilaganga badet, verweile über alle Manu-Zeitalter im Himmel und gelange danach in Brahmas Welt. | |||
'''79.151''' Jenseits dieses Flusses, weiter östlich, liegt die Damanika mit sehr dunklem Wasser, die Verfehlung bändigt. | |||
'''79.152''' Noch weiter östlich liegt der vorzügliche Fluss Vriddha, der Früchte wie die Ganga verleiht. | |||
'''79.153''' Wer den ganzen Monat Magha darin badet, erlange Befreiung; ebenso verheiße die Damanika höchste Erlösung. | |||
'''79.154''' Östlich davon fließt der große göttliche Fluss Divyayamuna, der Früchte wie die Yamuna verleiht. | |||
'''79.155''' Er entspringt im südlichen Gebirge und fließt zum südlichen Meer. Ein Bad während des Monats Kartika verheißt Befreiung, | |||
'''79.156''' und hier vorzügliche, dem eigenen Glück entsprechende Genüsse. Inmitten dieses Bereichs befindet sich der Gott Bhairava, aus Bhargas Vereinigung hervorgegangen, | |||
'''79.157''' im Tal des vorzüglichen Durjaya-Berges. Er ist der überaus furchtbare mittlere Teil der Sharabha-Gestalt. | |||
'''79.158''' Derselbe heißt hier Bhairava. Wer ihn verständig mit den Mantras des Fünfgesichtigen verehrt, erlange Shivas Welt. | |||
'''79.159''' Für die Verehrung auf dem vorzüglichen Durjaya-Berg gilt die bei der Beschreibung Nilas gelehrte Verehrung Kameshvaras. | |||
'''79.160''' Dort liegen die Bhairava-Ganga und der Bhairava-See. Wer in beiden badet, gelange in Shivas ewige Welt. | |||
'''79.161''' Östlich von Durjaya liegt der vorzügliche Sitz namens Pura; südlich davon der große Berg Kshobhaka. | |||
'''79.162''' Auf dessen Steinfläche wohnt die rote Göttin namens Panchapushkarini, die fünf Yoni-Gestalten besitzt. | |||
'''79.163''' Mit diesen fünf Durga-Yonis verehrt sie den Fünfgesichtigen; die Himalaya-Tochter weilt dort stets, um mit ihm zu spielen. | |||
'''79.164''' Östlich dieses Berges fließt die große Kanta, zunächst nach Norden, schließlich zum südlichen Meer. | |||
'''79.165''' Im Tal liegt das große göttliche Wasserbecken. Nach dem Bad darin verehre man die Göttin. | |||
'''79.166''' Wer im göttlichen Becken badet und die heilvolle Panchapushkarini verehrt, werde nicht wieder in einem Mutterschoß geboren. | |||
'''79.167''' Weil fünf Yoni-Becken dort beieinanderliegen, gilt sie als fünfgestaltig und heißt Panchapushkarini. | |||
'''79.168''' Wie die hier genannten Bakula-Blüten erscheinen diese fünf Yonis; die fünf mächtigen Göttinnen der Becken verleihen alle Wünsche. [Der Pflanzenvergleich ist textlich unsicher.] | |||
'''79.169''' Die vorzüglichen Übenden verehren sie nach Tripuras Rituallehre oder mit Kameshvaris Ritualmantras. | |||
'''79.170''' Als ihr Mantra wird derjenige der jungen Tripura oder Kameshvaris Mantra für die Verehrung angegeben. | |||
'''79.171''' Ihre fünf Yoginis heißen Ugrachanda, Prachanda, Chandogra, Chandanayika und Chanda. | |||
'''79.172''' Dort befindet sich auf einem Stein auch das Shiva-Linga namens Heruka. Südöstlich von der Göttin verehre man ihn als ihren Herrn. | |||
'''79.173''' Seine Verehrung mit Bhairavas Mantra verheiße den Himmel. Die Empfängerin der verbliebenen Opfergaben heißt Chandagauri. | |||
'''79.174''' So hat Bharga es früher für diese Göttin erklärt, Tiger unter den Menschen. Wer im Frühling im Wasser der Kanta badet, | |||
'''79.175''' werde schön und tugendhaft und gelange in Shivas Welt. Nordöstlich des großen Kshobhaka liegt der vorzügliche Berg | |||
'''79.176''' namens Tunga-Sandhyachala, wo Vasishtha einst verfluchte. Durch den Fluch des königlichen Sehers Nimi wurde Brahmas Sohn | |||
'''79.177''' Vasishtha körperlos, und durch seinen Gegenfluch ebenso Nimi. Auf Brahmas Weisung übte Vasishtha dann im einsamen Kamarupa | |||
'''79.178''' auf dem Sandhyachala Askese. Vishnu erschien ihm unmittelbar; durch dessen Gabe konnte der große Weise | |||
'''79.179''' Nektar herabführen und am Berghang ein Becken schaffen. Nachdem er darin gebadet und davon getrunken hatte, erhielt er einen vollständigen Körper zurück. | |||
'''79.180''' Aus diesem Nektarbecken entspringt der vorzügliche Fluss Sandhya. Ein Bad darin verheißt langes Leben und Gesundheit. | |||
'''79.181''' Östlich davon fließt die schöne Lalita, die Mahadeva einst aus dem südlichen Meer herabgeführt hatte. | |||
'''79.182''' Wer am dritten Tag der hellen Hälfte des Monats Vaishakha in der Lalita badet, gelange in Shambhus Haus. | |||
'''79.183''' Am östlichen Ufer der Lalita liegt der Berg Bhagavan. Dort ist der erhabene Hari, Vishnu selbst, in Linga-Gestalt gegenwärtig. | |||
'''79.184''' Wer am zwölften Tag der hellen Monatshälfte in der Lalita badet, Bhagavan besteigt und den höchsten Herrn verehrt, | |||
'''79.185''' gelange mit strahlendem Körper in Vishnus Haus. Alle zuvor genannten Flüsse fließen zunächst nach Norden | |||
'''79.186''' und wenden sich schließlich, der Ganga gleich, zum südlichen Meer. Wer zuerst Kamakhya schaut, in Urvashis Wasser badet und dann die Bäder in diesen Flüssen vollzieht, erlange Befreiung. | |||
===Kapitel 80=== | |||
'''80.1''' Aurva sprach: Östlich der bereits erwähnten Shashvati am Matsyadhvaja-Berg liegt der Fluss Dipavati. | |||
'''80.2''' Auch er entspringt im Himalaya und zerschneidet die Dunkelheit wie eine Lampe; darum heißt er bei Göttern und Menschen Dipavati, „die Leuchtende“. | |||
'''80.3''' Östlich der Dipavati liegt der Berg Shringata, auf dem ein Linga des Gottes Bharga gegründet ist. | |||
'''80.4''' An Shringatakas Fuß fließt beständig die vollkommene Trisrota zum südlichen Meer. | |||
'''80.5a''' Sie erfreut Bharga. Wer in ihrem Wasser badet, bester Mensch, | |||
'''80.6''' Shringataka besteigt und Shankara im Linga verehrt, erlange einen strahlenden Körper, Reinheit und unvergleichliche Wünsche. | |||
'''80.7''' Am Ende gelange er in Bhargas Haus und danach zur Befreiung. Hara ist dort zweiarmig, auf einem Stier reitend, | |||
'''80.8''' und spielt mit Uma. Mit Vamadevas Mantras und Ritualordnung verehre man den Gott, mit Umas Mantra Chandika. | |||
'''80.9''' Östlich davon liegt der Fluss Vriddhavedika; ein Bad in ihm verleihe die Frucht eines Bades in der Vedika. | |||
'''80.10''' Danach folgt der große Fluss Bhattarika, im Schneegebirge entsprungen und stets freudig von Götterscharen aufgesucht. | |||
'''80.11''' Wer an den vier als Beginn eines Zeitalters geltenden Tagen darin badet, erlange die höchste Stätte, Vishnus höchsten Aufenthaltsort. | |||
'''80.12''' Auf dem Nataka-Berg liegt ein dem Manasa gleicher See, in dem Hara beständig mit der Bergestochter Wasserspiele treibt, | |||
'''80.13''' geschmückt mit goldenen Lotusblüten, Tiger unter den Menschen. Aus seinem westlichen, mittleren und östlichen Bereich treten drei Flüsse hervor, | |||
'''80.14''' die zum südlichen Meer fließen. Der westliche heißt Dikkarika. | |||
'''80.15''' Weil er aus einer von den Richtungselefanten geschlagenen Öffnung entstand, heißt er Dikkarika. Den aus der Mitte kommenden führte Shankara herab. | |||
'''80.16''' Er heißt Vriddhaganga und verleiht Früchte wie die Ganga. Der aus dem östlichen Bereich des vorzüglichen Berges kommende Fluss | |||
'''80.17''' heißt Suvarnashri, „Goldene Herrlichkeit“, und gleicht der Ganga in seiner Frucht. Von Parvatis Körper lösten sich beim Bad im See | |||
'''80.18''' Goldteilchen, die seine Wasser mit sich führen. Shambhu hatte sie beim Spiel auf ihrem Körper verteilt. | |||
'''80.19''' Auch die an ihr haftenden Sandelpunkte lösen sich von Umas Körper und fließen mit dem Wasser fort. | |||
'''80.20''' Darum heißt der alles übertreffende Fluss auch Svarnavaha, „Goldträger“. Wer im Monat Chaitra in diesen Flüssen badet, | |||
'''80.21''' besonders am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte zu den drei Tageszeiten, verweile lange im Haus der Göttin und gelange danach in Brahmas Haus. | |||
'''80.22''' Kehrt er später zur Erde zurück, werde er Weltherrscher. Im Bereich der Vriddhaganga, am Ufer des Brahmasohnes, | |||
'''80.23''' befinden sich der Gott Vishvanatha als Shiva-Linga und die große Göttin Vishvadevi in Yoni-Mandala-Gestalt. | |||
'''80.24''' Dort kämpfte der Herr der Welt mit Hayagriva; nachdem er ihn getötet hatte, begab er sich einst nach Manikuta. | |||
'''80.25''' Wer dort Durga als Sharada mit ihren Ritualmantras verehrt, den Garuda-Bannerträger mit Hayagrivas Mantra und Ritualordnung, | |||
'''80.26''' und Shankara mit Kameshvaras Ritual und Mantra, in höchster Hingabe und nach Fasten am zwölften Tag, | |||
'''80.27''' am achten und vierzehnten Tag, dem wird folgende Frucht verheißen: Er verweile dreißig Millionen Weltzeitalter in Shivas Haus, | |||
'''80.28''' ebenso lange in Haris Haus und im Haus der Göttin; danach werde er auf Erden ein vedakundiger Brahmane. | |||
'''80.29''' Östlich der Svarnashri liegt der heilvolle Fluss Kama, östlich der Kama die Omashana. | |||
'''80.30''' Östlich der Omashana liegt der Fluss Vrishodaka. Weiter östlich befindet sich der heilige Sitz Kamarupas, wo die Mutter der Welten | |||
'''80.31''' als weltgestaltige Mahamaya, die Göttin Dikkaravasini, wohnt. Alle zuletzt genannten Flüsse fließen nach Süden. | |||
'''80.32''' Wer darin badet und davon trinkt, erlange die Himmelswelt. Am Rand von Dikkaravasinis Bereich fließt stets ein himmlischer Fluss, | |||
'''80.33''' in der Welt Sitaganga genannt, der unmittelbar die Frucht der Ganga verleiht. Die Göttin Dikkaravasini ist dort im Bodensitz gegenwärtig; | |||
'''80.34''' vom Wasser umspült, erscheint sie den Göttern sichtbar. Wer im Sitaganga-Wasser badet, Shambhu, Hari und Brahma schaut | |||
'''80.35''' und die Lalitakanta genannte Göttin verehrt, werde nicht wiedergeboren. Shambhu selbst ist dort in Linga-Gestalt gegenwärtig, | |||
'''80.36''' Vishnu in Steinform und Brahma ebenfalls in Linga-Gestalt. Die Göttin Shiva spielt an Dikkaravasinis Sitz in zwei Formen. | |||
'''80.37''' Die eine heißt Tikshnakanta und wird als Ugratara bezeichnet; die andere heißt Lalitakanta und ist die erhabene Mangalachandika. | |||
'''80.38''' Tikshnakantas Gestalt ist stets die schwarze, großbäuchige Heilvolle mit dem einen Haarknoten, König. | |||
'''80.39''' In dieser Gestalt soll die Göttin verehrt werden; ihr Gliedermantra und ihre Erscheinung wurden zuvor beschrieben. | |||
'''80.40''' Ihr Mandala wird mit Mantra dreieckig angelegt. Die Formel beginnt mit „rekhe“, danach folgt „surekhe“ | |||
'''80.41''' und anschließend die im Text als „adhigamya“ und „tiṣṭhantivati“ überlieferte Wortfolge. Dies heißt der Mandala-Mantra Tikshnas. [Der Wortlaut ist beschädigt.] | |||
'''80.42''' Als Torhüter werden Nara, Tripura, Deva, Yama, Vetala, Durdhara und die textlich unsicher überlieferten Schlussnamen genannt. | |||
'''80.43''' Sie werden in den acht Richtungen des Mandalas verehrt. Auf die jeweilige Anrede folgt „vajrapuṣpa“, die Diamantblume, | |||
'''80.44''' und danach die Feuer-Gattin als Abschluss. Dies ist ihr Mantra. Für Gefäße, Geräte, Ort und die übrigen Vorbereitungen | |||
'''80.45''' gilt bei beiden Gestalten die gesamte im Uttara-Tantra beschriebene Ordnung. Chamunda, Karala, Subhaga, Bhishana, Bhaga | |||
'''80.46''' und Vikata sind ihre sechs Yoginis. Die Gayatri beginnt: „Erhabene Ekajata, wir erkennen dich“; | |||
'''80.47''' dann: „Über dich mit den gewaltigen Hauern meditieren wir; mögest du, Tara, uns anregen!“ Dies ist die Tikshna-Gayatri der Sitzgöttin. | |||
'''80.48''' Ihre Empfängerin der verbliebenen Gaben ist Vikatachandika. Als Gebetskette werden Tonperlen oder Rudraksha-Samen genannt. | |||
'''80.49''' Dies sind die Besonderheiten ihrer Verehrung. Ehrendienste, Opfergaben, Mantrawiederholung und weitere Verrichtungen | |||
'''80.50''' entsprechen der zuvor beschriebenen Kamakhya-Verehrung. Unter Getränken wird Wein, unter den historischen Opfergaben ein Mensch hervorgehoben, König. | |||
'''80.51''' Süße Kugeln, Kokosnuss, Fleischzubereitungen und Zuckerrohrprodukte werden als Tikshna liebe Speisegaben genannt. | |||
'''80.52''' Die Lalitakanta genannte Göttin Mangalachandika dagegen ist zweiarmig, hellfarbig und zeigt Gnaden- und Schutzgeste. | |||
'''80.53''' Sie sitzt auf einem roten Lotus, trägt eine leuchtende Krone und rote Seide; ihr schönes Gesicht lächelt. | |||
'''80.54''' Sie ist jugendlich, von schönen Gliedern und anmutigem Glanz. Der früher für Uma gelehrte einsilbige Mantra | |||
'''80.55''' gilt auch für sie; mit ihm verehre man die Göttin. Ihre Gayatri beginnt: „Wir erkennen dich als Narayani; über Chandika meditieren wir“; | |||
'''80.56''' dann folgt: „Möge Lalitakanta uns anregen!“ Dies ist die Lalita-Gayatri für die Verehrung der Göttin. | |||
'''80.57''' Ihr liebster Wochentag ist der Tag des Mars, ihre bevorzugte Jahreszeit der Frühling und ihr Ton der fünfte. | |||
'''80.58''' Am achten und neunten Mondtag soll sie zur Entfaltung ihres Segens verehrt werden. Die Empfängerin ihrer verbliebenen Gaben heißt Lalitachandika. | |||
'''80.59''' Ungebrochener Reis mit Durva-Sprossen erfreut sie besonders. Dies wird als Besonderheit ihrer Verehrung genannt. | |||
'''80.60''' Die Verehrungsordnung des Vaishnavi-Tantra ist anzuwenden; Ehrendienste und Opfergaben folgen der zuvor für die große Göttin Mahamaya | |||
'''80.61''' beschriebenen Reihenfolge. Auch eigenes Blut wird in dieser historischen Vorschrift als zum eigenen Wohl bestimmte Gabe genannt. | |||
'''80.62''' Wer die heilvolle Mangalachandika auf einem Bildtuch, als Bildgestalt oder in einem Gefäß dienstags mit schönen Durva-Sprossen verehrt, | |||
'''80.63''' erlange bei beständiger Übung den ersehnten Wunsch. Damit ist Dikkaravasinis Verehrungsordnung erklärt. | |||
'''80.64''' Wer sie aufmerksam hört, erfahre kein Unheil. Dikkara wird als Bezeichnung Arunas und auch Shambhus erklärt. | |||
'''80.65''' Weil die Göttin in ihm wohnt, heißt sie Dikkaravasini. In den drei Welten gibt es keine andere Schöne, die ihr gleichkäme. | |||
'''80.66''' Darum heißt die anmutige Göttin Lalitakantika. Für Shankara gilt die zuvor gelehrte Verehrungsordnung. | |||
'''80.67''' Höre nun aufmerksam Brahmas Verehrungsordnung, König. Seine Keimsilbe wurde zuvor genannt; sie wird überall als Mantra verwendet. | |||
'''80.68''' Wer ihn damit verehrt, erlange höchste Befreiung. Höre auch seinen Gliedermantra und seine Gestalt, | |||
'''80.69''' wie Bharga sie Vetala und Bhairava erklärte, König: Der dritte der bezeichneten Laute wird mit Feuerlaut und Endvokal verbunden, | |||
'''80.70''' dazu Mondzeichen und Punkt; dies heißt Brahmas Mantra. Wer Brahma damit verehrt, | |||
'''80.71''' erlange seinen Wunsch und erfreue sich in Brahmas Welten. Brahma trägt ein Wassergefäß, besitzt vier Gesichter und vier Arme. | |||
'''80.72''' Er sitzt bisweilen auf einem roten Lotus, bisweilen auf einem Schwan; sein Körper ist rötlich hell, groß und hochgewachsen. | |||
'''80.73''' Links oben hält er das Wassergefäß, rechts oben den großen Opferlöffel, rechts unten die Gebetskette und links unten den kleinen Opferlöffel. | |||
'''80.74''' Zu seiner Linken steht die Butterschale, vor ihm alle Götter; Savitri steht links, Sarasvati rechts. | |||
'''80.5b''' Alle Seher stehen vor ihm: So soll man ihn meditieren. Sein Mandala ist viereckig, mit vier Toren und acht Lotusblättern. [Die Vorlage zählt diesen Vers als 5 statt 75.] | |||
'''80.76''' An den vier Ecken stehen Gebetskette, Wassergefäß sowie die beiden Opferlöffel. Reinigung und alle weiteren Vorbereitungen | |||
'''80.77''' entsprechen dem Uttara-Tantra; am Yoga-Sitz werden die tragende Kraft und sämtliche weiteren dort genannten Wesenheiten verehrt. | |||
'''80.78''' Auf den acht Lotusblättern verehre man die Richtungshüter. Die Gayatri lautet: „Wir erkennen den Lotussitzenden; über den Schwanenreiter meditieren wir“; | |||
'''80.79''' dann folgt: „Mögest du, Brahma, uns anregen!“ Mit dieser Brahma-Gayatri verehre man den Schöpfer. | |||
'''80.80''' Sanatkumara empfängt seine verbliebenen Opfergaben. Die Ehrendienste entsprechen der früheren Ordnung, unter Ausschluss der Augenschminke. | |||
'''80.81''' Rote Seide erfreut Brahma besonders; als Nahrung werden gekochter Reis, Milchreis, Butter und sesamhaltige Speisen genannt. | |||
'''80.82''' Als Duftgabe gilt weißer und roter Sandel zusammen. An seinen Seiten verehre man Shankara und Vishnu. | |||
'''80.83''' Seine in den Händen gehaltenen Opferlöffel und weiteren Gegenstände verehre man im Mandala, ebenso Sarasvati, Savitri, Schwan und Lotus. | |||
'''80.84''' Dies sind die Besonderheiten. Die Verneigung vor ihm erfolgt ausgestreckt wie ein Stab; zur Mantrawiederholung wird eine Kette aus Lotussamen genannt. | |||
'''80.85''' Vollmond und Neumond gelten als bevorzugte Tage der Verehrung. Das Ehrenwasser für Brahma soll stets Milch enthalten, König. | |||
'''80.86''' So habe ich dir die Ordnung erklärt, wie Bharga sie lehrte, als er seinen beiden Söhnen das heilvolle Kamarupa zeigte. | |||
'''80.87''' Überall kann der Übende Brahma verehren; durch die ordnungsgemäße Verehrung am heiligen Sitz wird höchste Befreiung verheißen. | |||
'''80.88''' Brahmas Verehrung ist erklärt. Höre nun Vishnus Verehrung. Vasudevas Keimsilbe wurde bereits zuvor gelehrt. | |||
'''80.89''' Sein Gliedermantra heißt der zwölfsilbige, König: Auf den Anfang folgen „namo bhagavate“ und danach „vāsudevāya“. | |||
'''80.90''' Dies ist Vasudevas Gliedermantra. Die zugehörige besondere Gestalt wird Dadhivamana genannt. | |||
'''80.91''' Höre seinen von Shambhu gelehrten Mantra, bester Mensch. Er beginnt mit „oṃ namo viṣṇave“. | |||
'''80.92''' Danach folgen „surapataye“ und die auf den Mächtigen bezogene Dativform; der Abschluss ist „svāhā“. Dies gilt als herzennaher ergänzender Vishnu-Mantra. | |||
'''80.93''' Wer die drei Mantraformen, Grundkeim, Gliedermantra und ergänzenden Mantra, kennt, besitze einen göttlichen Körper und werde nicht wiedergeboren. | |||
'''80.94''' Für die Verehrung gilt die gesamte Ordnung des Uttara-Tantra. Höre nun die Besonderheiten der drei Mantras, König. | |||
'''80.95''' Zuerst höre die Gestalt des Keimsilben-Mantras: weiß wie der Vollmond und auf dem König der Vögel sitzend, | |||
'''80.96''' vierarmig, den Körper in drei gelbe Gewänder gehüllt. Rechts oben hält er eine Keule, darunter einen aufgeblühten Lotus, | |||
'''80.97''' links oben den mächtigen Diskus und darunter die Muschel. Die Brust trägt Shrivatsa und den strahlenden Kaustubha-Stein. | |||
'''80.98''' Links unter dem Arm hängt ein pfeilgefüllter Köcher, rechts das Schwert Nandaka in seiner Scheide und der Bogen. | |||
'''80.99''' Auf dem Kopf trägt er eine leuchtende Krone, an den Ohren zwei Ringe und am Hals einen bunten Waldblumenkranz, der bis an die Knie reicht. | |||
'''80.100''' Zu seiner Rechten befindet sich die Göttin Shri, zu seiner Linken Sarasvati. So meditiere man den gabenspendenden Hari. | |||
'''80.101''' Damit ist die Gestalt des Keimsilben-Mantras beschrieben, König. Höre nun die Gestalt des zwölfsilbigen Mantras. | |||
'''80.102''' Sie ist dunkel wie ein blaues Lotusblatt und ebenfalls vierarmig; rechts oben hält sie den Lotus, darunter die Keule, | |||
'''80.103''' links unten den unvergleichlichen Diskus, darüber die Muschel. So meditiere man den gabenspendenden Gott; alles andere entspricht der vorherigen Gestalt. | |||
'''80.104''' Höre nun aufmerksam die Meditation des achtzehnsilbigen ergänzenden Mantras, die Armut und Furcht vertreiben soll. | |||
'''80.105''' Man stelle ihn sich weiß und vollmondgleich strahlend vor; links hält er einen mit Nektar gefüllten Krug, | |||
'''80.106''' rechts eine goldene Schale mit Dickmilch, Reis und Zuckerstücken. Er sitzt auf einem Lotus inmitten der Mondscheibe. | |||
'''80.107''' Er trägt weiße Kleidung, ist von zwergenhafter Größe und lächelt leicht: der Herr der drei Welten und Dreischrittige. | |||
'''80.108''' So meditiere man den gabenspendenden Gott, der alle Wünsche erfüllt. Bei innerem Verbrennen, Überfluten und den übrigen Vorbereitungen gelten | |||
'''80.109''' die im früheren und im Uttara-Tantra gelehrten Mantras. Höre nun die von Bharga beschriebene Anordnung seines Mandalas. | |||
'''80.110''' Bei der täglichen Verehrung genügen gezeichnete Linien; bei besonderen Anlässen werden fünf Farbpulver verwendet, mit den jeweils genannten Unterschieden. | |||
'''80.111''' Das Mandala sei eine Elle groß, mit vier Toren, lotusgleich, viereckig und an den vier Ecken mit vier Muscheln geschmückt. | |||
'''80.112''' Die Tore werden durch Waffen und Zeichen der Richtungshüter gesichert; diese stehen in den acht Richtungen, umgeben vom äußeren Lotuskranz. | |||
'''80.113''' Höre, wie es mit Farbpulvern ausgeführt wird, König: Weiß, Gelb, Rot, Dunkelblau und Grün werden der Reihe nach verwendet. | |||
'''80.114''' Mit diesen Pulvern soll das Mandala gefertigt werden. Als Größen werden vier, drei, zwei oder eine Elle genannt. | |||
'''80.115''' Man fertige es jeweils in der angegebenen oder einer zulässigen größeren Größe; beim Rajasuya, Pferdeopfer und ähnlichen Riten gilt ein Maß über vier Ellen. | |||
'''80.116''' Dabei darf die jeweilige Ritualordnung nicht überschritten werden, König. Die Waffen der Richtungshüter und die Lotusse werden wie zuvor angeordnet. | |||
'''80.117''' In der Mitte zeichne man mit weißem Pulver einen schön gerundeten Lotus, mit gelbem Fruchtboden und rötlichen Spitzen der Staubfäden. | |||
'''80.118''' Die Fläche außerhalb des Lotus fülle man ringsum mit Rot und Gelb. Donnerkeil, Speer, Eisenstab, Schwert, Schlinge, Stachelhaken, Keule | |||
'''80.119''' und Dreizack sind der Reihe nach die Waffen der acht Richtungshüter. Shambhu, Gauri, Brahma, Rama und Krishna | |||
'''80.120''' sind die fünf dort beständig zu verehrenden Gottheiten. Auch ein Unkundiger soll Shambhu und Gauri niemals voneinander trennen. | |||
'''80.121''' Eine getrennte Verehrung bleibe fruchtlos. Der folgende Ausdruck über eine am Kopf getrennte Gestalt ist beschädigt und nicht sicher übersetzbar. | |||
'''80.122''' Bei der Anlage dieses Mandalas vermeide man Fehler der Farbpulver. Überall bei Vasudevas Verehrung soll das Mandala so ausgeführt werden, | |||
'''80.123''' bester König; andernfalls sei es ohne Frucht. Balabhadra, Kama, dessen Sohn Aniruddha, | |||
'''80.124''' Narayana, Brahma, als sechster Vishnu, Narasimha und Varaha sind die acht genannten Yogis beziehungsweise Begleitgestalten. | |||
'''80.125''' Auf den acht Lotusblättern, vom Osten aus, werden sie nach ihrer jeweiligen Gestalt und ihrem Mantra verehrt; in der Mitte des Fruchtbodens Vasudeva als Herr. | |||
'''80.126''' Vasudevas zugehörige Herrin heißt Vimala. Höre nun die Yoginis der mit Balabhadra beginnenden Reihe, König. | |||
'''80.127''' Zuerst Utkarshini, dann Jnana, Kriya, Yoga, Prahvi, Ishani und Anugrahi als achte. [Die überlieferte Liste enthält neben Vimala sieben weitere Namen.] | |||
'''80.128''' Die Yogis werden vierarmig, mit Muschel, Diskus und Keule beschrieben, ausgenommen Balabhadra, Kama und Brahma. | |||
'''80.129''' Brahmas Gestalt wurde zuvor genannt. Bala trägt Pflug, Stößel, Schwert und Diskus; eine Keule steht stets an seiner Seite. | |||
'''80.130''' Kama trägt links den Blumenbogen, in den übrigen Händen Keule, Diskus und Blume. | |||
'''80.131''' Ein Lotus befindet sich an seiner Seite; alles andere entspricht der früheren Beschreibung. Bei Varaha werden Diskus und Muschel rechts angeordnet. | |||
'''80.132''' Bei Narasimha befinden sich Diskus und Muschel rechts beziehungsweise links; bei Vishnu liegen Muschel und Lotus in den beiden rechten Händen. | |||
'''80.133''' Narayana trägt links Muschel und Keule. Aniruddha hält die Keule rechts unten, bester Mensch. | |||
'''80.134''' Als Farben werden Weiß, Rot, Gelb, das Dunkel zerbrochener Augenschminke, das Dunkel eines blauen Lotusblattes und der Glanz einer roten Wolke genannt, | |||
'''80.135''' ferner Bienen-Schwarz, Braun und Goldhell. So beschreibt die Vorlage die Farben von Vasudeva und den Yogis, König. [Die Aufzählung umfasst neun Farbangaben.] | |||
'''80.136''' Welche Farbe und Meditationsgestalt der jeweilige Yogi besitzt, in entsprechender Gestalt meditiere man die neben ihm stehende Yogini. | |||
'''80.137''' Die tragende Kraft und sämtliche weiteren Sitzgottheiten, alle Planetenmächte und Richtungshüter | |||
'''80.138''' werden an den vorgesehenen Stellen des Mandalas nach ihrer Meditation und ihren Mantras verehrt, König. Auch alles am Körper des Gottes Vergegenwärtigte, etwa der Lotus, | |||
'''80.139''' seine Waffen, Donnerkeil, Speer und die übrigen Gegenstände sowie Garuda werden verehrt. Aus der von Shambhu gelehrten Buchstabenreihe werden der Reihenfolge nach | |||
'''80.140''' die Mantras der Keule und der anderen Gegenstände gewonnen. Es gelten dabei auch die im Pancharatra-Abschnitt von Narada gelehrten | |||
'''80.141''' Mantras für Diskus, Keule und die übrigen Zeichen. Garuda leuchtet wie die Sonne, die Keule ist aus schwarzem Eisen. | |||
'''80.142''' Sarasvati ist weiß, Lakshmi stets goldglänzend; der Diskus gleicht der Mittagssonne. | |||
'''80.143''' Die Muschel gleicht dem Vollmond, Kaustubha ist rötlich und Shrivatsa von rötlichem Glanz. | |||
'''80.144''' Nochmals wird Kaustubha als rot, die Girlande als bunt beschrieben. Alle Pfeile leuchten wie Blitze, der Bogen wie Indras Regenbogen. | |||
'''80.145''' Sein Gewand glänzt wie Goldstaub; die beiden Ohrringe gleichen der jungen Sonne. | |||
'''80.146''' Die Krone auf dem Kopf gleicht der Sonne. Höre nun die Einsetzungen, König, durch welche der Übende Vishnus Gestalt annimmt. | |||
'''80.147''' Sie verheißen Himmel und Befreiung. Zuerst vollziehe der Mantrakundige die Einsetzung mit den zwölf Silben. | |||
'''80.148''' Danach folgen Vasudevas Keimsilbe und die Keimsilben der Yogis; darauf die großen Mantras und der achtzehnsilbige Wortlaut. | |||
'''80.149''' Dann werden die sechs Mantras vom Herzen an nochmals in zweifacher Weise eingesetzt. So wird eine Verehrung mit vier Einsetzungsarten vollzogen. | |||
'''80.150''' Zuerst setze der Kundige den ersten Laut des zwölfsilbigen Mantras an den rechten Daumen, die übrigen Laute der Reihe nach | |||
'''80.151''' an die folgenden Finger bis zum linken Daumen; die letzten beiden werden in die beiden Handflächen eingesetzt. [Die Richtung innerhalb der linken Hand ist im Text verkürzt.] | |||
'''80.152''' Dann folgen Herz, Kopf, Scheitel, Schultern, Augen, Bauch, Rücken, Arme, Hände, Unterschenkel und Füße der Reihe nach. | |||
'''80.153''' Dort setze man die Silben des zwölfsilbigen Mantras ein. An beiden Daumen beginne man danach mit Vasudevas Wesenskeim. | |||
'''80.154''' An den übrigen Fingern beider Hände werden die acht Keime der Yogis eingesetzt; dann an Kopf, Augen, Mund, Hals, Brust, Nabel, Schambereich, Knien | |||
'''80.155''' und Füßen Vasudevas und der Yogis Keimsilben. Die zuvor genannten Mantras für Herz und die weiteren Glieder | |||
'''80.156''' werden paarweise an Daumenwurzel und Fingerstellen beider Hände eingesetzt, der letzte in die Handflächen. | |||
'''80.157''' Danach folgt ihre Einsetzung vom Herzen bis zur Waffenformel. Die ersten neun Buchstaben des achtzehnsilbigen Mantras setze der Kundige | |||
'''80.158''' an die zuvor genannten neun Stellen von Kopf und Augen an; die übrigen Laute kommen an die zusammengefassten Seiten, Blasengegend und Geschlechtsorgan, | |||
'''80.159''' Hüfte, Schenkel, Unterschenkel und Zehen. Wo die jeweilige Rituallehre die Verehrung eines bestimmten Mantras vorsieht, | |||
'''80.160''' vollziehe man auch die dazugehörige Einsetzung; oder der Kundige führe alle Einsetzungen gemeinsam aus. | |||
'''80.161''' Durch diese vierfache Einsetzung gereinigt und von Verfehlung befreit, werde der Mantrakundige unmittelbar zu Vishnu und erlange die volle Frucht der Verehrung. | |||
'''80.162''' Wer selbst ohne weitere Verehrung die vierfache Einsetzung vollzieht, erlange als Standhafter die höchste Stätte, Vereinigung mit Vishnu. | |||
'''80.163''' Danach meditiere man den Yoga-Sitz und ordne Garuda, Diskus, Muschel, Keule, Lakshmi und Lotus der Reihe nach an. | |||
'''80.164''' Die Stellen liegen im Osten, Süden, Norden, Westen und den genannten Ecken; rechts und links ordne sie der verständige Mantrakundige entsprechend zu. | |||
'''80.165''' Waldblumengirlande, Shrivatsa und Kaustubha werden in der Lotusmitte vergegenwärtigt; rechts davon der Bogen Sharnga. | |||
'''80.166''' Zwei Köcher kommen nach links, das Schwert nach rechts, der Schild nach links; dort wird auch Sarasvati eingesetzt. | |||
'''80.167''' Nach ihrer Verehrung zeige man die Mudras, beginnend mit den zuvor genannten Schalenformen, sowie diejenigen Vishnus und der Yogis. | |||
'''80.168''' Auch die Mudras der Planetenmächte und Richtungshüter werden gesondert gezeigt. Die abschließenden Mantras zur Sicherung der Vollständigkeit wurden früher gelehrt. | |||
'''80.169''' Nach ihrer Rezitation bringe man der Sonne das Ehrenwasser dar. Vishnus Empfänger der verbliebenen Opfergaben ist der vierarmige Vishvaksena, | |||
'''80.170''' mit Muschel, Diskus und Keule, langem Bart und verfilztem Haar, rötlich braun und auf einem weißen Lotus stehend. | |||
'''80.171''' Der mit dem dritten Vokal sowie Punkt und Mondzeichen verbundene bezeichnete Laut bildet seinen Mantra; damit werde er verehrt. [Der Konsonant ist nicht eindeutig überliefert.] | |||
'''80.172''' Vishnus Verabschiedung wird im Nordosten vollzogen; die anderen, Bala und die weiteren, verabschiede man im Geist. | |||
'''80.173''' Wer so Vishnu, Shambhu oder Brahma am heiligen Sitz Dikkaravasinis verehrt, gelange zur höchsten Stätte. | |||
'''80.174''' Wo immer Vishnu verehrt wird, bester König, sollen kundige Vaishnavas diese Ritualordnung zugrunde legen. | |||
'''80.175''' Dadhivamana kann dort in verkürzter Form verehrt werden; die Gliederverehrung vom Herzen an wird bei ihm nicht ausgeführt. | |||
'''80.176''' Vasudeva kann verkürzt oder ausführlich verehrt werden. Rote Seide, gelbe und weiße Gewänder | |||
'''80.177''' gelten als ihm erfreulich. Unter den Lichtern wird die Butterlampe, unter Düften Malaya-Sandel empfohlen. | |||
'''80.178''' Für Trink-, Ehrenwasser- und Speisegefäße gilt Kupfer als erfreulich. Krone, Ohrringe und Halskette sind Schmuckgaben, die Vishnu erfreuen. | |||
'''80.179''' Unter den Badegefäßen wird die Muschel, unter Räucherstoffen Adlerholz als Vasudeva stets erfreulich hervorgehoben. | |||
'''80.180''' Kadamba, Kubjaka, Jati, Mallika, Malati und Lotus sind ihm liebe Blumen. | |||
'''80.181''' Als Orte gelten ein einsamer hergerichteter Bodenplatz, ein heiliger Badeort oder Wasser; als Formel wird „tad viṣṇoḥ“, als Lobpreis das Purusha-Sukta genannt. | |||
'''80.182''' Eine Kette aus Putranjiva-Samen wird bei Vishnus Verehrung empfohlen; der bevorzugte Mondtag ist der zwölfte, die vorzüglichste Jahreszeit der Frühling. | |||
'''80.183''' Unter Speisen gelten gekochter Reis, Opferspeise, Gerstenspeise, Milchreis, Butter und Reis mit Hülsenfrüchten als geeignet, unter Getränken Milch. | |||
'''80.184''' Unter Blättern sind Tulasi, Bilva und Amalaka Hari besonders erfreulich, bester König. | |||
'''80.185''' Alles, was fremdes Eigentum ist, soll als unbefugte Gabe ausgeschlossen bleiben. Wer Vishnu beständig so verehrt, | |||
'''80.186''' erhebe zehn Millionen Angehörige seiner Linie und werde selbst Janardana gleich. Damit habe ich dir Vasudevas Mantraordnung erklärt, König, | |||
'''80.187''' und in Kürze die Gliederung des heiligen Bereichs Kamarupa. So zeigte Shambhu seinen beiden Söhnen den gesamten heiligen Bereich. | |||
'''80.188''' Danach begab er sich mit ihnen zum Berg Kailasa und wies seinen Söhnen dort die ihnen angemessenen Stätten zu. | |||
'''80.189''' Shambhu, die Bergestochter, Vetala und Bhairava waren damit von ihrem Fluch befreit und wieder unsterbliche Götter, bester König. | |||
'''80.190''' Wer diese große Erzählung mit gesammeltem Geist hört, brauche keinen Fluch zu fürchten; ihm werden Freiheit von Krankheit und seelischem Leid verheißen. | |||
'''80.191''' Mit Kindern, Enkeln, Reichtum und Macht gesegnet, überall beliebt und von allem Heil begleitet, lebe er lange. | |||
'''80.192''' Wer den großen heiligen Bereich Kamarupa kennt, werde mit göttlicher Erkenntnis erfüllt und erlange höchste Befreiung. | |||
'''80.193''' Wer die Pilgerreise durch ganz Kamarupa vollzieht, sämtliche heiligen Sitze aufsucht und alle Gottheiten verehrt, | |||
'''80.194''' führe zehn frühere und zehn spätere Generationen samt sich selbst, insgesamt einundzwanzig, rasch zur göttlichen Erkenntnis und gelange mit ihnen allen zur Befreiung. | |||
===Kapitel 81=== | |||
'''81.1''' Aurva sprach: Einst gelangten zahlreiche Menschen in den Himmel, nachdem sie im großen heiligen Bereich Kamarupa gebadet, dessen Wasser getrunken und die Gottheiten verehrt hatten. | |||
'''81.2''' Einige erlangten Befreiung, andere Shivas Zustand. Yama vermochte sie weder aufzuhalten noch in sein eigenes Haus zu führen, | |||
'''81.3''' denn er fürchtete die Göttin, Tiger unter den Menschen. Shankaras Scharen hinderten jeden Yama-Boten, der dorthin kam. | |||
'''81.4''' Aus Furcht vor ihnen gingen die Boten auch auf Befehl nicht mehr dorthin. Als der Todesherr sah, dass er seine Aufgabe nicht ausüben konnte, | |||
'''81.5''' begab er sich zum Schöpfer und sprach: Schöpfer, ein Mensch, der in Kamarupa badet und trinkt, | |||
'''81.6''' wird zum Mitglied von Kamakhyas Gefolge oder zum Herrn von Shambhus Scharen. Dort besitze ich keine Gewalt und kann diese Menschen nicht zurückhalten. | |||
'''81.7''' Ordne dort eine angemessene Regelung an, sofern dies möglich ist. Als Brahma, der Großvater der Welt, diese Worte hörte, | |||
'''81.8''' begab er sich gemeinsam mit Yama zu Vishnus Haus und berichtete ihm Yamas Anliegen. | |||
'''81.9''' Der Herr aller Welten nahm die Worte an. Vishnu ging mit Brahma und Yama zu Shambhu; von ihm geehrt und nach dem Grund gefragt, trug er Yamas Worte vor. | |||
'''81.10''' Der erhabene Herr Vishnu sprach: Kamarupa ist von allen Göttern, heiligen Badeorten und heiligen Feldern erfüllt; es gibt nichts Höheres als diesen Ort. | |||
'''81.11''' Menschen, die diesen heiligen Sitz erreichen, erlangen Göttlichkeit, Unsterblichkeit und Zugehörigkeit zu den Scharen. Yama vermag dort nichts. | |||
'''81.12''' Handle so, Mahadeva, dass Yama dort seine Aufgabe erfüllen kann. Wo Yama ausgeschlossen ist, wird keine Grenze mehr gewahrt. | |||
'''81.13''' Aurva sprach: Nachdem Shambhu die Worte Vishnus gehört hatte, der mit Brahma gekommen war, nahm er sie sich zu Herzen und beschloss, das Anliegen zu erfüllen. | |||
'''81.14''' Er verabschiedete Brahma, Vishnu und Yama, nahm alle seine Scharen mit und begab sich auf seinem Stier nach Kamarupa. | |||
'''81.15''' Dort sprach Shankara zur Göttin Ugratara und zu seinem Gefolge: Vertreibt rasch alle diese Menschen, ihr Scharen! | |||
'''81.16''' Auch du, große Göttin Ugratara, vertreibe sie rasch! Darauf vertrieben die Scharen und die unbesiegbare Göttin | |||
'''81.17''' die Menschen aus Kamarupa, um den heiligen Sitz Hara allein zu überlassen. Als die Angehörigen der vier Stände und die Zweimalgeborenen vertrieben wurden, | |||
'''81.18''' geriet der auf dem Sandhyachala weilende Brahmane Vasishtha in Zorn. Auch ihn hatte die mächtige Göttin Ugratara | |||
'''81.19''' mit den Scharen ergriffen, um ihn fortzuschaffen. Da sprach er diesen furchtbaren Fluch: Weil du mich, den Weisen, zum Vertreiben ergriffen hast, du Linke, | |||
'''81.20''' sollst du mit deinen Mantras auf dem linken Weg verehrt werden! Weil diese törichten Scharen sich wie Mlecchas aufführen, | |||
'''81.21''' sollen sie in Kamarupa zu Mlecchas werden! Weil auch Mahadeva mich vertreiben wollte, | |||
'''81.22''' mich, den askesereichen, beherrschten und vedakundigen Weisen, wie einen Fremden, soll Shankara den Mlecchas zugetan sein und Knochen und Asche tragen! | |||
'''81.23''' Dieser Kamarupa genannte Ort soll durch meinen Fluch von Mlecchas bewacht werden, bis Vishnu selbst wieder hierherkommt. | |||
'''81.24''' Die Überlieferungen, die diesen Ort erklären, sollen selten werden. Nur der Kundige, der die seltene Überlieferung Kamarupas kennt, | |||
'''81.25''' soll auch zur entsprechenden späteren Zeit die vollständige Frucht erlangen. Nach diesen Worten verschwand Vasishtha an eben diesem Ort. | |||
'''81.26''' Die Scharen wurden zu Mlecchas in Kamarupa, der Götterwohnstatt; Ugratara wurde dem linken Weg zugeordnet, und Shambhu wurde den Mlecchas zugetan. | |||
'''81.27''' Die diesen Bereich erklärenden Überlieferungen wurden selten. Kamarupa war augenblicklich ohne vedische Mantras und ohne die Ordnung der vier Stände, | |||
'''81.28''' sodass Yamas Herrschaft dort gelten konnte. Auch nachdem Hari gekommen und der fruchtspendende heilige Sitz vom Fluch befreit worden war, | |||
'''81.29''' schuf Brahma ein Mittel, die Wasserbecken zu verbergen, damit Götter und Menschen nicht ungehindert vollständig an diesem Sitz verweilten. | |||
'''81.30''' Dies betraf Apunarbhava und Somakunda, Brahma- und Urvashi-Becken sowie zahlreiche Flüsse. | |||
'''81.31''' Um die zuvor genannten und die ungenannten Flüsse zu verbergen, sorgte Brahma dafür, dass allgemein nur eine gemeinsame Frucht bekannt blieb. | |||
'''81.32''' Er zeugte in Amogha, Shantanus Gattin, einen eigenen Sohn in Wassergestalt und ließ ihn durch den verständigen Sohn Jamadagnis | |||
'''81.33''' herabführen, sodass er Kamarupa überflutete. Dieser mächtige Brahmasohn überschwemmte die vielen Becken, | |||
'''81.34''' bedeckte alle heiligen Badeorte und verbarg sie auf Erden. Die Menschen, die dort allein den Lauhitya kennen, | |||
'''81.35''' erhalten entsprechend die Frucht des Lauhitya-Bades; sie kennen weder die einzelnen Becken noch die anderen heiligen Badeorte. | |||
'''81.36''' Diese Verbergung der Heiligtümer ging aus Vasishthas Fluch hervor. Wer ihre jeweilige Besonderheit dennoch kennt, | |||
'''81.37''' erlange genau die entsprechende Badefrucht, bester Mensch. Der Lauhitya, Brahmas Sohn, überflutet ringsum Flüsse und heilige Badeorte und zieht zum südlichen Meer. | |||
'''81.38''' So habe ich dir Kamarupas Herrlichkeit erzählt, König. Frage, was du sonst noch hören möchtest; ich werde es dir erklären. | |||
===Kapitel 82=== | |||
'''82.1''' Markandeya sprach: Nachdem Sagara Aurvas Worte gehört hatte, fragte er den Weisen erneut, sein Herz von Freude erfüllt, ihr besten Zweimalgeborenen. | |||
'''82.2''' Sagara sprach: Wie wurde der Lauhitya als Brahmas Sohn in Amogha geboren? Wie wandte sich der Lotusgeborene Shantanus Gattin begehrend zu? | |||
'''82.3''' Wie konnte der Großvater in der Frau eines anderen einen Sohn zeugen? Dies alles möchte ich hören; erzähle es mir, bester Zweimalgeborener. | |||
'''82.4''' Aurva sprach: Höre, Tiger unter den Königen; ich erzähle die bedeutende Geschichte des hochgesinnten Lauhitya, des Brahmasohnes. | |||
'''82.5''' Im großen Land Harivarsha lebte ein Weiser namens Shantanu, hochbegnadet, erkenntnisreich und der Askese hingegeben. | |||
'''82.6''' Seine hochbegnadete Gattin hieß Amogha; sie war eine sehr tugendhafte Tochter des Weisen Hiranyagarbha, geboren in Trinabindus Einsiedelei. | |||
'''82.7''' Mit ihr wohnte er am Grenzgebirge Kailasa, beim Gandhamadana, am Ufer des Lohita genannten Sees. | |||
'''82.8''' Einst ging der askesefeste Weise in den Wald, um Blumen und viele Früchte für seinen Gebrauch zu sammeln. | |||
'''82.9''' Zu dieser Zeit kam Brahma, der Großvater aller Welten, an den Ort, an dem Shantanus geliebte Amogha weilte. | |||
'''82.10''' Als er die überaus schöne junge Frau in der heiligen Hütte sah, wurde er plötzlich vom Liebesgott verwirrt, und seine Sinne gerieten außer Ordnung. | |||
'''82.11''' Von Begehren erregt, wollte Brahma die tugendhafte Frau ergreifen und lief auf sie zu. | |||
'''82.12''' Als Amogha den Schöpfer auf sich zulaufen sah, rief sie: „Nicht so, nicht so!“ und flüchtete in die Laubhütte. | |||
'''82.13''' Sie verschloss augenblicklich die Tür und sprach zornig zum Schöpfer: | |||
'''82.14''' Als Gattin eines Weisen werde ich keine verwerfliche Tat begehen. Wenn du mich gewaltsam überwältigst, werde ich dich verfluchen! | |||
'''82.15''' Als Amogha so gesprochen hatte, vergoss der Schöpfer an eben diesem Ort in Shantanus Einsiedelei seinen Samen, König. | |||
'''82.16''' Danach bestieg Brahma seinen Schwanenwagen und kehrte von Scham überwältigt rasch in seine eigene Wohnstatt zurück. | |||
'''82.17''' Als Brahma fort war, kehrte Shantanu heim. Er sah die von den Schwänen hinterlassenen Spuren auf dem Boden | |||
'''82.18''' und die dort liegende, feuerähnliche Zeugungskraft des Schöpfers. Er fragte Amogha, die in der Laubhütte saß: | |||
'''82.19''' Was ist hier geschehen, Glückliche? Was bedeuten diese Vogelspuren, und was ist dies für ein leuchtender Stoff? | |||
'''82.20''' Auf seine Frage antwortete sie dem vorzüglichen Weisen, noch immer empört, aufgewühlt und mit verstörtem Gesicht: | |||
'''82.21''' Ein Viergesichtiger mit Wassergefäß kam auf einem von Schwänen gezogenen Wagen hierher und verlangte heftig nach Vereinigung mit mir. | |||
'''82.22''' Ich flüchtete in die Hütte und drohte ihm. Da vergoss er seine Zeugungskraft und ging aus Furcht vor meinem Fluch fort. | |||
'''82.23''' Schaffe Abhilfe, wenn du kannst, Shantanu! Kein lebendes Wesen kann einen solchen Übergriff ertragen. | |||
'''82.24''' Als er ihre Worte hörte, erkannte er, dass Brahma selbst gekommen war, und versenkte sich in Meditation. | |||
'''82.25''' Durch göttliche Erkenntnis sah der Weise, dass eine Aufgabe der Götter und das Herabkommen eines heiligen Gewässers zum Wohl der Welten bevorstanden. | |||
'''82.26''' Nachdem er den künftigen Ausgang bedacht hatte, sprach er zu seiner Frau: Nimm auf meine Weisung diese unfehlbare Zeugungskraft Brahmas in dich auf. | |||
'''82.27''' Zum Wohl aller Welten und zur Erfüllung einer göttlichen Aufgabe ist Brahma selbst zu dir gekommen. | |||
'''82.28''' Da er dich nicht erreichte, überließ er uns beiden diese große Aufgabe und kehrte heim. Du solltest sie erfüllen. | |||
'''82.29''' Als Amogha Shantanus Worte hörte, wurde sie sehr verlegen; die Tugendhafte verneigte sich vor ihrem Gatten und antwortete beschwichtigend: | |||
'''82.30''' Ich werde die Zeugungskraft eines anderen nicht tragen, will aber auch dich nicht betrüben. Wenn es unbedingt geschehen muss, trinke du sie und übertrage sie dann auf mich. | |||
'''82.31''' Shantanu erkannte ihre Worte als angemessen und wahr, trank die Zeugungskraft selbst und übertrug sie auf seine Gattin. | |||
'''82.32''' Durch die von Shantanu übertragene Zeugungskraft Brahmas empfing die tugendhafte Amogha zum Wohl der Welten eine Schwangerschaft. | |||
'''82.33''' Als die Zeit gekommen war, trat aus ihrer Nase eine Wassermenge hervor; in ihrer Mitte erschien ein Sohn, blau gekleidet und mit Krone, | |||
'''82.34''' mit einer Edelsteinkette geschmückt, rötlich hell wie Brahma und vierarmig, Lotus, Buch, Banner und Speer tragend. | |||
'''82.35''' Er stand auf dem Kopf eines Wassertieres, und sein Körper entsprach der Größe der Wassermasse. Den so geborenen Sohn brachte Shantanu, der die Welt befriedet, | |||
'''82.36''' in die Mitte von vier Bergen: Im Norden lag Kailasa, im Süden Gandhamadana, | |||
'''82.37''' im Westen Jarudhi und im Osten Samvartaka. Zwischen diesen Bergen schuf Brahmas Sohn sich selbst ein Becken | |||
'''82.38''' und wuchs darin beständig wie der Mond im Herbst. Brahma kam zu seinem im Wasser befindlichen Sohn | |||
'''82.39''' und vollzog der Reihe nach die reinigenden Lebensriten. Nach langer Zeit | |||
'''82.40''' war der Brahmasohn in Gestalt einer Wassermasse auf fünf Yojanas angewachsen. Die Götter tranken und badeten darin wie in einem zweiten Meer, | |||
'''82.41''' in seinem klaren, reinen, angenehmen Wasser, zusammen mit göttlichen Apsaras-Scharen. Zu dieser Zeit beging der mächtige Rama, Jamadagnis Sohn, | |||
'''82.42''' auf Befehl seines Vaters die schreckliche, unrechtmäßige Tötung seiner Mutter. Um von dieser Verfehlung befreit zu werden, ging er nach der Weisung seines Vaters | |||
'''82.43''' zum großen Brahma-Becken, um zu baden. Durch Bad und Trinken tilgte er die Schuld des Muttermordes; dann schlug er mit seiner Axt einen Weg und führte das Wasser zur Erde herab. | |||
'''82.44''' Sagara sprach: Warum tötete Rama, Jamadagnis Sohn, seine eigene Mutter? Wie hieß sie, und wessen Tochter war sie? | |||
'''82.45''' Wie wurde der Sohn eines Weisen so grausam und gewaltig, ein kampfkundiger Held, der die Könige zerschlug? | |||
'''82.46''' Dies möchte ich wahrheitsgemäß hören, bester Weiser. Erzähle es mir, Hochbegnadeter, auch wenn es ein Geheimnis ist. | |||
'''82.47''' Aurva sprach: Höre aufmerksam, König, die Geschichte von Jamadagnis Sohn: wie er seine Mutter tötete und weshalb er so grausam war. | |||
'''82.48''' Brahmas Sohn hieß Bhrigu, dessen Sohn Richika. Auf der Suche nach einer Gattin wanderte Richika einst über die Erde und gelangte nach Kanyakubja. | |||
'''82.49''' Im Wald sah er Gadhi, Kushikas Sohn aus Jahnus Geschlecht, der dort Askese übte, bester König. | |||
'''82.50''' Diesem König, der mit seiner Frau im Wald lebte und einen Sohn wünschte, wurde eine Tochter geboren, den Göttermädchen an Vorzügen gleich. | |||
'''82.51''' Bhrigus Sohn Richika bat um sie als Gattin. Gadhi sagte: Meine Tochter ist jetzt bereit zur Vermählung; so mag es geschehen, großer Weiser. | |||
'''82.52''' Doch bei der Brautgabe besteht ein Brauch unseres Hauses: Nur dem wird die Tochter gegeben, der tausend mondhelle Pferde mit je einem schwarzen Ohr bringt. [Das Wort für „Ohr“ ist in der Vorlage verkürzt.] | |||
'''82.53''' Richika sprach: Ich werde dir tausend solcher Pferde geben, König. Warte eine kleine Weile, bis ich sie hergebracht habe. | |||
'''82.54''' „So sei es“, antwortete Gadhi Bhrigus Sohn. Dieser ging zum Ganga-Ufer bei Kanyakubja, um die Pferde zu erlangen. | |||
'''82.55''' Dort verehrte Bhrigus Sohn Varuna, den Herrn der Wasserwesen, und erhielt von ihm tausend Pferde. | |||
'''82.56''' Der Ort, an dem er sie empfing, bester König, wurde als Ashvatirtha bekannt, ein höchst fruchtspendender heiliger Badeort. | |||
'''82.57''' Die von Varuna gegebenen Pferde stiegen aus dem Ganga-Wasser hervor; der Weise nahm die tausend Tiere und ging zu Gadhi. | |||
'''82.58''' Gadhi nahm die Pferde an und gab Richika seine Tochter Satyavati, wie das Meer Lakshmi dem Keshava gab. | |||
'''82.59''' Nachdem Richika Gadhis untadelige Tochter zur Gattin erhalten hatte, lebte er glücklich mit ihr nach seinem Wunsch in seiner Einsiedelei. | |||
'''82.60''' Als Bhrigu von der Heirat seines Sohnes hörte, kam er, um Sohn und Schwiegertochter zu sehen, und freute sich über sie. | |||
'''82.61''' Das Paar verehrte den von Götterscharen geehrten Bhrigu ordnungsgemäß und blieb mit gefalteten Händen vor ihm stehen. | |||
'''82.62''' Da sprach Bhrigu erfreut zu seiner Schwiegertochter: Wähle eine Gabe! Ich werde dir das Ersehnte gewähren, du Schöne, | |||
'''82.63''' auch wenn es schwer zu geben oder schwer zu vollbringen ist. Satyavati wünschte sich einen Sohn, der Askese und heilige Überlieferung vollkommen beherrsche, | |||
'''82.64''' und für ihre Mutter einen unvergleichlich heldenhaften Sohn. Bhrigu sagte: „So sei es“, und versenkte sich in Meditation. | |||
'''82.65''' Er umfasste die Welt im Geist und stieß gesammelt den Atem aus. Aus seinem Atemwind entstanden zwei Opferspeisen. | |||
'''82.66''' Er gab ihr beide und sprach: Nimm diese beiden Speisen selbst entgegen, meine Schwiegertochter Satyavati. | |||
'''82.67''' Nach dem Bad zur fruchtbaren Zeit sollen du und deine Mutter Folgendes tun: Deine Mutter soll zur Empfängnis eines Sohnes einen Ashvattha-Baum umarmen | |||
'''82.68''' und diese rötliche Speise essen. Du sollst einen Udumbara-Baum umarmen und die andersfarbige Speise essen, | |||
'''82.69''' dann wird dir ein Sohn von beständiger heiliger Kraft geboren werden. Nach diesen Worten ging Bhrigu, wohin er wollte. Die junge Frau freute sich | |||
'''82.70''' mit Mutter, Gatten und Vater. Doch am Tag des Bades umarmte Satyavati den Ashvattha und aß die rötliche Speise, | |||
'''82.71''' während ihre Mutter den Feigenbaum umarmte und die weiße Speise aß. Bhrigu erkannte den Tausch durch göttliche Erkenntnis. [Die erste Farbangabe in Vers 68 ist abweichend überliefert.] | |||
'''82.72''' Er kam zu seiner Schwiegertochter und sprach: Gute Frau, du hast das Umarmen der Bäume | |||
'''82.73''' und das Essen der Opferspeisen vertauscht. Darum wird dein Sohn ein Brahmane mit dem Verhalten eines Kriegers werden, | |||
'''82.74''' der Sohn deiner Mutter dagegen ein Kshatriya mit dem Verhalten eines Brahmanen. Als Bhrigu dies sagte, flehte die tugendhafte Satyavati ihn erneut an: | |||
'''82.75''' Möge stattdessen mein Enkel so sein! Bhrigu sagte: „So sei es“, und verschwand dort. | |||
'''82.76''' Zur rechten Zeit gebar Gadhis Tochter den strahlenden Jamadagni, ihre Mutter dagegen Vishvamitra, den Schatz der Askese. | |||
'''82.77''' Jamadagni erlernte bald die vier Veden; die Wissenschaft des Bogenschießens offenbarte sich dem Hochgesinnten von selbst. | |||
'''82.78''' Auch Vishvamitra erlernte bald sämtliche Veden und die gesamte Waffenkunde; durch die Macht seiner Askese wurde er Brahmane. | |||
'''82.79''' Der strahlende Jamadagni, von großer Askesekraft, leuchtete durch Veden und Entsagung unter den Weisen wie die Sonne hervor. | |||
===Kapitel 83=== | |||
'''83.1''' Aurva sprach: Nach einiger Zeit nahm der askesereiche Jamadagni die Tochter des Königs von Vidarbha, die er durch eigene Bemühung gewonnen hatte, | |||
'''83.2''' die mit günstigen Zeichen versehene Renuka, zur Gattin. Sie gebar ihm vier Söhne, den Veden vergleichbar: | |||
'''83.3''' Rushanvant, Sushena, Vasu und Vishvavasu. Danach wurde der erhabene Madhusudana selbst in ihr geboren. | |||
'''83.4''' Von Indra und allen Göttern um die Tötung Kartaviryas gebeten, erschien er als fünfter Sohn und erhielt den Namen Rama. | |||
'''83.5''' Er wurde mit einer Axt geboren, um die Last der Erde zu mindern; diese angeborene Axt verließ ihn niemals. | |||
'''83.6''' Weil seine Großmutter die Opferspeisen vertauscht hatte, war Rama ein Brahmane mit dem Verhalten eines Kriegers und vollbrachte grausame Taten. | |||
'''83.7''' Er erlernte sämtliche Veden und die gesamte Wissenschaft des Bogenschießens und war in vedischem Wissen stets vollkommen kundig. | |||
'''83.8''' Eines Tages ging seine Mutter Renuka zum Baden in die Ganga und sah dort den König Chitraratha. | |||
'''83.9''' Der schöne junge König spielte mit ebenbürtigen Gattinnen im Wasser, mit prächtigen Kränzen und Gewändern geschmückt. | |||
'''83.10''' Als Renuka den König so sah, wurde sie stark vom Begehren erfasst und sehnte sich nach dem strahlenden Herrscher. | |||
'''83.11''' Durch dieses Verlangen entstand körperliche Erregung; verwirrt, vom Wasser durchnässt und erschrocken kehrte sie in die Einsiedelei zurück. | |||
'''83.12''' Jamadagni erkannte ihre Veränderung und schalt sie heftig: „Schande, Schande über dich, die du dich dem Begehren hingibst!“ | |||
'''83.13''' Dann befahl der Weise seinen vier älteren Söhnen, Rushanvant und den anderen, rasch nacheinander: | |||
'''83.14''' Tötet diese sündhafte, untreue Renuka! Doch sie führten seinen Befehl nicht aus und blieben stumm wie erstarrt. | |||
'''83.15''' Da verfluchte der zornige Jamadagni die erschütterten Söhne. [Die Vorlage fügt hier unpassend eine aus dem früheren Gadhi-Gespräch stammende Zeile ein: „Gadhi, den Tiger unter den Königen; und der König sprach zum Weisen.“] | |||
'''83.16''' Ihr sollt bald stumpfsinnig werden, mit der Einsicht von Rindern! Danach kam der jüngste, überaus kraftvolle Sohn Jamadagnis. | |||
'''83.17''' Auch zu Rama sprach der Vater: Töte die sündhafte Mutter! Rama sah seine Brüder in diesem Zustand, ohne Erkenntnis, | |||
'''83.18''' vom Vater verflucht, und tötete seine Mutter mit der Axt. Als Jamadagni sah, dass Rama Renuka getötet hatte, verging sein Zorn. | |||
'''83.19''' Er wurde zufrieden und sprach: Ich bin erfreut, mein Sohn; Heil sei dir, weil du meinen Befehl ausgeführt hast. | |||
'''83.20''' Wähle dir nun die Gaben, die du wünschst. Rama wählte zuerst die Wiederauferstehung seiner Mutter, | |||
'''83.21''' dass sie sich nicht an die Tötung erinnere, die Befreiung seiner Brüder vom Fluch, die Tilgung seiner Muttermordschuld und Sieg in jedem Kampf, | |||
'''83.22''' ferner Leben bis zum Ende des Weltzeitalters, bester König. Der askesereiche Jamadagni gewährte ihm die Gaben. | |||
'''83.23''' Renuka erhob sich wie aus dem Schlaf, erinnerte sich nicht an ihre Tötung und kehrte in ihren natürlichen Zustand zurück. | |||
'''83.24''' Rama erhielt damals Sieg im Kampf und langes Leben. Zur Tilgung des Muttermordes aber sprach sein Vater: | |||
'''83.25''' Mein Sohn, die Schuld des Muttermordes verschwindet nicht durch eine bloße Gnadengabe. Gehe darum zum Brahma-Becken und bade in seinem Wasser. | |||
'''83.26''' Nach dem Bad wirst du bald von Verfehlung befreit zurückkehren. Gehe rasch zum Brahma-Becken, auch zum Wohl der Welt, mein Sohn. | |||
'''83.27''' Als der axttragende Rama diese Worte hörte, ging er nach der Weisung seines Vaters zum Brahma-Becken mit seinem heiligen Wasser. | |||
'''83.28''' Er vollzog dort das vorgeschriebene Bad und wusch seine Axt. Da sah er deutlich, wie die Gestalt seiner Muttermordschuld aus seinem Körper hervortrat. | |||
'''83.29''' Von der Wirkung dieses vorzüglichen Badeortes überzeugt, schlug er mit seiner Axt einen Durchgang und führte den Brahmasohn herab. | |||
'''83.30''' Aus dem Brahma-Becken floss Brahmas Sohn in den Lohita genannten See im Tal des Kailasa. | |||
'''83.31''' Dann erhob sich der Gewaltige am Ufer dieses Sees und leitete Brahmas Sohn mit der Axt nach Osten. | |||
'''83.32''' Weiterhin durchbrach er den Berg Hemashringa; so führte Hari in dieser Gestalt das Wasser in den heiligen Bereich Kamarupa hinein. | |||
'''83.33''' Brahma selbst gab ihm den Namen Lohitaganga. Weil der Fluss aus dem Lohita-See hervorkam, wurde er Lohita genannt. | |||
'''83.34''' Er überflutet mit seinem Wasser den ganzen heiligen Bereich Kamarupa, verbirgt alle heiligen Badeorte und fließt zum südlichen Meer. | |||
'''83.35''' Nachdem der Brahmasohn zuvor die Divyayamuna verlassen hat, fließt er zwölf Yojanas weit und fällt erneut in den Lauhitya. [Die Flussverbindung ist im Wortlaut nicht eindeutig.] | |||
'''83.36''' Wer im Monat Chaitra am achten Tag der hellen Hälfte oder während des ganzen Monats mit beherrschten Sinnen, rein und gesammelt | |||
'''83.37''' im Lauhitya-Wasser badet, gelange zu Brahmas Stätte. Ein Bad darin wird als Weg zur vollkommenen Befreiung gepriesen. | |||
'''83.38''' Damit habe ich dir erklärt, König, weshalb der heldenhafte Sohn Jamadagnis einst seine Mutter tötete und warum er grausame Taten vollbrachte. | |||
'''83.39''' Wer diese große Erzählung täglich hört, werde langlebig, froh und kräftig. | |||
'''83.40''' So habe ich dir erzählt, König, wie die Bergestochter Shambhus halben Körper gewann und wie Vetala und Bhairava ihre Namen erhielten, | |||
'''83.41''' wessen Söhne sie wurden und wie sie die Herrschaft über die Scharen erlangten. Was soll ich dir noch erzählen? Sage es, bester König. | |||
'''83.42''' Markandeya sprach: Damit ist Aurvas Gespräch mit dem hochgesinnten Sagara über die Aneignung von Shambhus halbem Körper durch Girija | |||
'''83.43''' heute vollständig erzählt, ihr Brahmanen, ebenso das weitere Erfragte: die Vollendung Bhairavas und die Bestimmung der heiligen Sitze. | |||
'''83.44''' Auch die Entstehung Bhringins und Mahakalas wurde euch erklärt. Was möchtet ihr sonst noch fragen, ihr besten Zweimalgeborenen? | |||
'''83.45''' Wer diese vollständige, durch Ritual und Mantra geläuterte, vielfältige Früchte verleihende Lehre liest, die dem Verständigen Ruhe bietet, soll ihren geheimen Erkenntnisgehalt erfassen und sich beständig dem Weg der Erkenntnis widmen. [Der Schluss des Verses ist sprachlich beschädigt.] | |||
===Kapitel 84=== | |||
'''84.1''' Die Seher sprachen: Du hast die Schöpfung erläutert und unsere Zweifel beseitigt. Durch deine Gnade sind wir am Ziel, hochbegnadeter Lehrer. | |||
'''84.2''' Doch wir möchten noch Folgendes hören, bester Zweimalgeborener: Wer sind die anderen Bhringi und Mahakala, nachdem jene als Vetala und Bhairava geboren wurden? | |||
'''84.3''' Wir hören von Vetala, Mahakala, Bhairava und Bhringi. Wie kommt diese Vierzahl zustande, Tiger unter den Zweimalgeborenen? | |||
'''84.4''' Markandeya sprach: Als Mahakala zur Erde gegangen und Bhringi Mensch geworden war und sie die Namen Vetala und Bhairava erhalten hatten, | |||
'''84.5''' als Vetala die Gnadengabe erlangte und Bhairava mit ihm verbunden war, machte Hara den askeseübenden Andhaka zum Bhringi. | |||
'''84.6''' Andhaka hatte Hara zuerst bekämpft und war ins Unglück geraten; später verehrte der Asura Hara und wurde dessen Sohn. | |||
'''84.7''' Aus Liebe zu Bhringi gab Hara ihm dessen Namen. Aus Liebe zu Mahakala machte er Bana, Balis Sohn, dem Vishnu die Arme abgetrennt hatte, zum Mahakala. | |||
'''84.8''' So erklärt sich ihre Vierzahl, beste Weise: Vetala und Bhairava sowie Bhringi und Mahakala. | |||
'''84.9''' Die Seher sprachen: Sagara fragte den verständigen Aurva auch nach der Ordnung, durch die man Gattin, Sohn und sich selbst leiten soll, Lehrer. | |||
'''84.10''' Welche besonderen Regeln zur Königspolitik, zum Verhalten guter Menschen und zum rechten Lebenswandel der hochgesinnte Aurva dabei erklärte, | |||
'''84.11''' das möchten wir genau hören, bester Zweimalgeborener, reich an Askese. Erzähle es uns, hochbegnadeter Lehrer der Welt. | |||
'''84.12''' Markandeya sprach: Alle von Aurva genannten Besonderheiten werde ich euch erklären. Hört zu, beste Weise. | |||
'''84.13''' Nachdem König Sagara die Mantras und Ritualordnungen gehört hatte, fragte er den großen Weisen erneut nach den besonderen Regeln der Lebensführung und Politik. | |||
'''84.14''' Sagara sprach: Nach welcher Ordnung sollen Sohn, eigenes Selbst und Gattin geleitet werden? Erkläre mir den rechten Lebenswandel mit seinen Besonderheiten. | |||
'''84.15''' Aurva sprach: Höre der Reihe nach, König der Könige, die besonderen Regeln, durch die man sich selbst, den Sohn und die Gattin führen soll. | |||
'''84.16''' Zuerst diene man Brahmanen, die an Erkenntnis, Gelehrsamkeit, Askese und Jahren gereift sind, freundlich und frei von Missgunst. | |||
'''84.17''' Von ihnen höre man beständig die begründete Lehre der Veden und Schriften. Was sie lehren, setze der König verständig in die Tat um. | |||
'''84.18''' Die fünf Sinne sind fünf Pferde, der Körper ist der Wagen, das Selbst der Wagenherr, Erkenntnis die Peitsche und der Geist der Wagenlenker. | |||
'''84.19''' Man zähme die Pferde gut und bringe den Lenker unter die eigene Herrschaft; die Peitsche bleibe fest, der Körper beständig. | |||
'''84.20''' Wie ein Wagenfahrer, der ungezähmte Pferde besteigt, ihrem Willen folgt und auf Abwege gerät, | |||
'''84.21''' so kann ein unbeherrschter Lenker, der die Pferde nach eigener Laune antreibt, selbst einen Helden im Wagen völlig abhängig machen. | |||
'''84.22''' Darum soll der König bei der Begegnung mit Sinnesgegenständen seine Sinne beherrschen und Geist und Erkenntnis festigen. | |||
'''84.23''' Ist die Erkenntnis wie eine feste Peitsche, bester König, kann der beherrschte Lenker die gezähmten Pferde richtig führen. | |||
'''84.24''' Der König bringe darum Sinne und Geist unter seine Herrschaft und verfolge auf dem Erkenntnisweg sein wahres Wohl. | |||
'''84.25''' Er genieße bewusst, ohne Gier nach berauschendem Trank. Er sehe, was zu sehen angemessen ist, und folge dabei nicht bloß seiner Laune. | |||
'''84.26''' Er höre, was hörenswert ist, ohne sich übermäßig dem Hören hinzugeben. Außer beim Erfassen der Lehrwahrheit soll der Standhafte nicht vom Gehörten beherrscht werden. | |||
'''84.27''' Ebenso beherrsche er Geruch und Berührung; er genieße nicht willkürlich und verliere sich nicht zügellos in den Sinnesgegenständen. | |||
'''84.28''' Ein König, der so lebt, gilt als Herr seiner Sinne. Die Grundlage dafür ist der Umgang mit in den Schriften erfahrenen Älteren. | |||
'''84.29''' Wer den Älteren nicht dient und die Schriften nicht kennt, gerät als König in Feindesgewalt. Darum gründe er sich auf die Lehre und beherrsche seine Sinne. | |||
'''84.30''' Standfestigkeit, Zuversicht, Tatkraft, Beredsamkeit, Unterscheidungsvermögen, Geschick, Ausdauer, Freigebigkeit, Freundschaft und Dankbarkeit, | |||
'''84.31''' klare Führung, Wahrhaftigkeit, Reinheit, entschlossene Einsicht, Verständnis fremder Absichten, guter Charakter und Mut im Unglück, | |||
'''84.32''' Fähigkeit zum Ertragen von Mühen, Verehrung von Lehrern, Göttern und Brahmanen, Freiheit von Neid und Unbeherrschtheit: Diese Eigenschaften soll der König üben. | |||
'''84.33''' Er erkenne stets den Unterschied zwischen Angemessenem und Unangemessenem sowie zwischen Rechtschaffenheit, Wohlstand und Lebensfreude und handle jeweils zur rechten Zeit. | |||
'''84.34''' Er kenne die vier politischen Mittel: Verständigung, Gabe, Spaltung und Zwang; jedes wende er zur passenden Zeit an. | |||
'''84.35''' Wo Verständigung genügt, gilt Spaltung nur als mittlere Wahl. Wo eine Gabe angebracht wäre, kann auch Verständigung angemessen sein. | |||
'''84.36''' Zwang anstelle einer angemessenen Gabe gilt als schlechte Wahl, ebenso eine Gabe, wo Zwang erforderlich wäre. | |||
'''84.37''' Wo Verständigung möglich ist, gilt Zwang als die schlechteste Wahl. Auch bei Spaltung und Strafe soll der Herrscher Anstand wahren, | |||
'''84.38''' ebenso bei Verständigung und Gaben. Begehren, Zorn, Habgier, überschäumende Freude, Stolz und Übermut | |||
'''84.39''' soll der König in ihrer Übersteigerung wie Feinde bekämpfen. Maßvoll und zur passenden Zeit kann er die entsprechenden Regungen zulassen; Habgier und Hochmut aber soll er meiden. | |||
'''84.40''' Die Strahlkraft der Könige ist scharf wie die Sonne; den mit Krankheit verglichenen Hochmut soll der Mensch dabei ablegen. | |||
'''84.41''' Sieben Laster soll er meiden: Jagdsucht, Würfelspiel, übermäßigen Umgang mit Frauen, Trunksucht, Verschwendung sowie Härte in Rede und Strafe. | |||
'''84.42''' Von fremden Frauen und von Frauen, die ihn nicht begehren, halte er sich entschieden fern; seinen eigenen treuen Gattinnen wende er sich angemessen zu. | |||
'''84.43''' Die Ehe wird hier mit Liebesfreude und Nachkommenschaft begründet; sie soll nicht völlig aufgegeben werden. Für diese Ziele sei eheliche Gemeinschaft angemessen, übermäßige Anhaftung aber zu meiden. | |||
'''84.44''' Die Jagd als ständige Quelle von Unachtsamkeit soll er meiden, ebenso das Würfelspiel, das die Hinwendung zu guten Aufgaben zerstört. | |||
'''84.45''' Allenfalls gelegentlich beobachte er es bei anderen, statt es selbst auszuüben. Den Trank, der zu ungehörigen Taten und Vernachlässigung der Pflichten führt, | |||
'''84.46''' zu unzeitiger Entzweiung von Freunden, Streit und Verlust der Achtung und der Reinheit, soll er stets meiden. | |||
'''84.47''' Ebenso lasse er ab von dem, was Vermögen vernichtet und ihn selbst herabsetzt. Gegen überführte Verbrecher, Diebe, Mörder und gewalttätige Angreifer | |||
'''84.48''' sieht die historische Staatslehre strenge Strafen vor; gegen andere soll der vorzügliche König keine Strafhärte anwenden. | |||
'''84.49''' Grobe Rede soll er überhaupt vermeiden. Die Wahrheit muss stets bewahrt werden; sie allein sei seine letzte Richtschnur. | |||
'''84.50''' Nach Lage der Dinge übe er Nachsicht oder Entschiedenheit. Er lerne die sechs Mittel der Außenpolitik: Ausmarsch, Abwarten, Zuflucht, Doppelpolitik, Vertrag und Krieg, | |||
'''84.51''' und ihre jeweils angemessene Anwendung. Wer Stillstand, Wachstum und Rückgang nicht richtig bemisst | |||
'''84.52''' bei Schatz, Landbevölkerung und Streitmacht, kann sich nicht im Königtum halten. Bei jedem dieser drei Bereiche berücksichtige er die drei Zustände | |||
'''84.53''' entsprechend der Lage und schütze nicht nur einen davon. Gegenüber Freund, Feind und Neutralem mache er seine Kraft wirksam. | |||
'''84.54''' Tatkraft sollen Könige bei berechtigtem Siegesstreben, religiösen Pflichten, den acht Verwaltungsbereichen und der Erhaltung des eigenen Lebens zeigen. | |||
'''84.55''' Die aus Beratung gewonnene Einsicht wende er überall an: bei Ministern, Feinden, Reich, Söhnen und im inneren Palast. | |||
'''84.56''' Landwirtschaft, Festungsbau, Handel, die Bereitstellung von Waffen beziehungsweise Abgaben, Einziehung von Heer und Steuern, Beschaffung von Elefanten und Pferden, | |||
'''84.57''' Besiedlung leerer Häuser und Orte sowie als achter Bereich der Bau wichtiger Verkehrsübergänge und Dämme werden genannt. [Einige Verwaltungsbegriffe sind beschädigt.] | |||
'''84.58''' In diesen acht Bereichen setze er zuverlässige Beobachter ein, um das pflichtgemäße und pflichtwidrige Verhalten der Verantwortlichen zu unterscheiden. | |||
'''84.59''' Acht Beobachter seien den acht Bereichen zugeordnet, zehn weitere den noch unbesetzten Aufgaben. Höre diese der Reihe nach. | |||
'''84.60''' Herrscher, Minister, Land, Verbündeter, Schatz, Streitmacht und als siebtes Festung sind die vom Lehrer genannten Glieder des Reiches. | |||
'''84.61''' Die Festung gehört schon zu den acht Bereichen, und gegen sich selbst setzt der König keinen Beobachter ein; somit bleiben fünf weitere Beobachtungsfelder. | |||
'''84.62''' Dazu kommen innerer Palast, Söhne, Schlafbereich und Küche sowie die Feststellung von Stärke und Schwäche des Feindes und des Neutralen. | |||
'''84.63''' In diesen insgesamt achtzehn Bereichen soll der König Beobachter einsetzen. Was er nicht offen erkennen kann, lasse er durch sie ermitteln. | |||
'''84.64''' Nach der Prüfung behebe er erkannte Schwachstellen. Wenn jemand von seiner zugewiesenen Aufgabe abweicht, | |||
'''84.65''' soll der König dies durch die Beobachter erfahren und ihn bestrafen oder ablösen. Mit dem Minister befrage er die Beobachter vertraulich | |||
'''84.66''' am Abend und handle nach den Ergebnissen. Die bei Söhnen, innerem Palast und Küche eingesetzten Beobachter | |||
'''84.67''' sowie den Beobachter seines eigenen Ministers befrage er dagegen um Mitternacht persönlich und ohne den Minister. | |||
'''84.68''' Die anderen Berichte prüfe er mit dem Minister und bestimme die Folgen. Ein Beobachter soll nicht nur eine Verkleidung beherrschen, nicht allein und nicht ohne Tatkraft sein, | |||
'''84.69''' nicht überall bekannt, nicht auffallend groß oder klein, nicht ausschließlich tagsüber tätig, nicht krank und nicht unverständig. | |||
'''84.70''' Auch soll er nach dieser Auswahlregel nicht mittellos oder ohne Gattin und Kinder sein. So werde er zur Ermittlung verborgener Tatsachen eingesetzt. | |||
'''84.71''' Geeignet sei jemand, der viele Erscheinungsformen annehmen kann, Familie besitzt, die Sprachen verschiedener Länder kennt und fremde Absichten versteht, | |||
'''84.72''' treu ergeben, leistungsfähig und furchtlos ist. Die Landwirtschaft beaufsichtige der König selbst oder durch ihm gleichgesinnte Männer. | |||
'''84.73''' Für Handelswege und Festungen setze er geeignete Fachleute ein; für den inneren Palast besonnene ältere Männer, dem eigenen Vater vergleichbar. | |||
'''84.74''' Auch Eunuchen und verständige ältere Frauen werden für diese Aufgaben genannt; am Tor des inneren Palastes sollen erfahrene ältere Frauen stehen. | |||
'''84.75''' Der König soll niemals allein schlafen oder essen, nicht allein zur allein befindlichen Königin gehen und auch bei der Verrichtung der Notdurft nicht ohne Begleitung sein. | |||
'''84.76''' Minister, Gattinnen und Söhne sollen durch Vertrauensprüfungen als zuverlässig erkannt werden; der König verhalte sich dabei grundsätzlich wohlwollend. | |||
'''84.77''' Weil man sich unter einem Vorwand nähert und die Person hinsichtlich Rechtschaffenheit, Besitz, Begehren oder Befreiung prüft, heißt dies Upadha, verdeckte Prüfung. | |||
'''84.78''' Gattinnen und Söhne prüfe man anhand von Besitz und Begehren, Brahmanen anhand religiöser Pflichten, Minister anhand aller Bereiche. | |||
'''84.79''' Als vorgetäuschte religiöse Verlockung wird vorgeschlagen: „Durch diese Opfer und Gaben wirst du schon hier König. Wenn du Herrschaft wünschst, vollziehe diesen Ritus! | |||
'''84.80''' Durch diesen Schadenszauber oder diese Opfer wird der jetzige König sein Leben verlieren; dann wirst du gewiss König. | |||
'''84.81''' Dies ist die königliche Pflicht, zu der Pferdeopfer und andere Riten gehören; der jetzige König erfüllt sie nicht. Darum tue du es, Bester!“ | |||
'''84.82''' Mit solchen Worten werde der Betreffende durch einen vom König eingesetzten Brahmanen geprüft; dadurch solle seine verborgene Gesinnung erkannt werden. | |||
'''84.83''' Wenn ein Minister aus Herrschaftsgier Unrecht begehe und einen gegen den König gerichteten Ritus veranlasse, solle er herabgesetzt werden. | |||
'''84.84''' Wer schweren Schadenszauber betreibe, werde nach dieser historischen Vorschrift getötet; ein Brahmane, der solchen Zauber ausführt, werde verbannt. | |||
'''84.85''' Dies heißt Prüfung durch religiöse Verlockung; damit erkenne man redliche Minister. Auch andere entsprechende Prüfungen seien möglich. | |||
'''84.86''' Der König spreche den Schatzmeister ab und lasse durch ihn Minister, Söhne und andere auf ihre Zuverlässigkeit bei Geheimnissen prüfen. | |||
'''84.87''' Die Versuchung lautet: „Dieser große Schatz steht unter meiner Verfügung, bester Mann. Mit deiner Zustimmung bringe ich ihn dir, wenn du bereit bist. | |||
'''84.88''' Wenn dein Vermögen wächst, wird auch unser Lebensunterhalt gesichert sein. Was könntest du mit solchen reichen Schätzen nicht alles tun?“ | |||
'''84.89''' Mit dieser und anderen auf den Schatz bezogenen Versuchungen prüfe der König Söhne, Minister und die übrigen beständig. | |||
'''84.90''' Nach der strengen Vorschrift werden diejenigen, die den Schatz tatsächlich schädigen, getötet; diejenigen, die es beabsichtigen, verbannt. Schwankende Gesinnung werde missbilligt, der Schatz geschützt. | |||
'''84.91''' Dienerinnen, Handwerkerinnen und ältere, kluge, standhafte Frauen, die im Palast ein- und ausgehen und den Ministern bekannt sind, | |||
'''84.92''' lasse der König heimlich, von den Gattinnen unbemerkt, zu sich kommen, unterweise sie und sende sie zu den Ministern. | |||
'''84.93''' Die verständigen Frauen sollen deren Gesinnung erkunden und sagen: „Die schöne Hauptkönigin begehrt dich. | |||
'''84.94''' Ich werde dich mit ihr zusammenbringen, wenn du es wünschst.“ Der Frau sagen sie umgekehrt: „Der Minister begehrt dich; er ist deiner würdig, Schöne. | |||
'''84.95''' Ich kann euch zusammenführen, wenn du es möchtest.“ Durch solche und andere vorbereitete Versuchungen | |||
'''84.96''' sollen Gattinnen, Töchter, Schwiegertöchter und weitere angeheiratete Frauen ebenso wie Minister, Söhne, Enkel und Diener geprüft werden. | |||
'''84.97''' Wer diese Prüfung des Begehrens nicht besteht, wird in der historischen Strafordnung mit Tötung bedroht; für Frauen wird eine andere Strafe, für Brahmanen Verbannung vorgesehen. | |||
'''84.98''' Einen Minister, der ausschließlich dem Befreiungsweg folgt, Gewalt und Anschwärzung meidet und ganz in Nachsicht aufgeht, soll der König nach dieser Staatslehre nicht verwenden. | |||
'''84.99''' Denn ein solcher, durch den Befreiungsweg leidenschaftslos Gewordener, würde selbst Strafwürdige nicht bestrafen und alle gleich behandeln; darum gelte er für dieses Amt als ungeeignet. | |||
'''84.100''' Dies ist nur der Grundriss der Vertrauensprüfungen. Ushanas hat sie vielfach unterschieden; Einzelheiten sind seiner Lehrschrift zu entnehmen. | |||
'''84.101''' Ein König soll nicht beständig Krieg mit anderen führen. Krieg komme nur infrage, wenn ein Gewinn an Land, Vermögen oder Verbündeten gesichert erscheint. | |||
'''84.102''' Die vorzüglichen Könige sollen allen sieben Reichsgliedern Fürsorge zukommen lassen und stets den Schatz mehren und schützen. | |||
'''84.103''' Als Berater wähle der König nach dieser Lehre gelehrte Brahmanen, die Disziplin kennen, aus angesehenen Familien stammen, in Recht und Wohlstand kundig und aufrichtig sind. | |||
'''84.104''' Er berate sich mit ihnen, aber nicht mit zu vielen zugleich. Zuerst soll er jeden einzeln zur Entscheidung befragen, | |||
'''84.105''' danach alle gemeinsam, gegebenenfalls unter verdeckter Darstellung eines anderen Falles. Die Beratung geschehe in einem gut geschützten Beratungsraum oder an einem erhöhten Ort. | |||
'''84.106''' Auch ein unbewohnter Wald wird genannt, niemals aber ein offener Versammlungsort. Kinder, Affen, Eunuchen, Papageien und Beos | |||
'''84.107''' sowie die hier als auffällig oder beeinträchtigt bezeichneten Menschen werden vom Beratungsraum ausgeschlossen. Der Schaden aus dem Verrat eines Staatsgeheimnisses | |||
'''84.108''' könne selbst durch hundert geschickte Könige nicht behoben werden. Strafwürdige sollen angemessen bestraft, Nichtstrafwürdige nicht bestraft werden. | |||
'''84.109''' Unterlässt der König die Strafe Schuldiger oder bestraft Unschuldige, zieht er Tadel und die Schuld eines Diebes auf sich. | |||
'''84.110''' Die Befestigungen soll er planmäßig mit Mauern, Türmen und Toranlagen versehen; auch außerhalb der geschmückten Stadt schaffe er sichere Rückzugsorte. | |||
'''84.111''' Die Festung ist die Stärke der Könige und wird stets gelobt. Ein Bogenschütze in einer Festung kann hundert Gegner bekämpfen, | |||
'''84.112''' hundert können zehntausend standhalten; darum wird die Festung gepriesen. Wasserfestung, Erdfestung, Baumfestung, | |||
'''84.113''' Waldfestung, die textlich unsicher bezeichnete weitere Form, Bergfestung und Grabenfestung werden genannt. Der König wähle nach den Gegebenheiten seines Landes. | |||
'''84.114''' Beim Festungsbau lege er die Stadt dreieckig, bogenförmig, rund oder viereckig an, nicht in beliebiger anderer Gestalt. | |||
'''84.115''' Eine trommelförmige Festung wird als Untergang der Dynastie gedeutet; als Beispiel nennt der Text die alte Festung Lanka des Rakshasa-Reiches. | |||
'''84.116''' Balis Stadt Shonita war durch machtvolle Befestigungen gesichert; weil sie fächerförmig war, wird dies mit dem Verlust seiner Stellung verbunden. [Der Schluss ist beschädigt.] | |||
'''84.117''' Die Stadt Saubha des Königs Shalva ist fünfeckig; auch dieses im Himmel bestehende Reich werde zugrunde gehen. | |||
'''84.118''' Ayodhya dagegen, die Stadt der Ikshvaku-Könige, ist bogenförmig und wurde daher als siegbringend angesehen, König. | |||
'''84.119''' Auf dem Festungsgrund verehre man Durga und an den Toren die Richtungshüter. Ordnungsgemäße Verehrung verheiße dem König Sieg. | |||
'''84.120''' Darum soll er zur Mehrung des Sieges Festungen schaffen. Brahmanen soll er nach dieser Standesordnung nicht verächtlich behandeln oder verachten lassen. | |||
'''84.121''' Wer sie verachtet, werde hier und jenseits Leid erfahren. Er soll keinen Streit mit ihnen beginnen und ihr Eigentum nicht an sich nehmen. | |||
'''84.122''' Bei wichtigen Handlungen soll er sie ehren, sie nicht verleumden und ihnen nicht missgünstig sein. | |||
'''84.123''' Ein verständiger König, der die Zusammenhänge seines Herrschaftsbereichs kennt, aufmerksam ist, durch Beobachter sieht, Tugenden besitzt und freundlich spricht, | |||
'''84.124''' erlange hier und jenseits großes Gelingen und erfreuliche Genüsse. Dieselben Eigenschaften, die er selbst erworben hat, soll er seinen Söhnen vermitteln. | |||
'''84.125''' Ungezügelte Unabhängigkeit eines Königs gefährde seinen Besitz; ein völlig ungebundener Königssohn gerate nach dieser Erziehungslehre auf Abwege. | |||
'''84.126''' Darum sollen stets ältere Aufseher eingesetzt werden. Bei Essen, Schlafen, Reisen und Begegnungen mit Männern | |||
'''84.127''' sowie bei Liebesangelegenheiten verlangt die historische Palastordnung auch die Beaufsichtigung der Gattinnen; sie spricht Frauen ausdrücklich selbstständige Verfügung ab. | |||
'''84.128''' Der Text begründet dies mit einer behaupteten Gefahr durch unabhängige Frauen. Darum sollen Prinz und Hauptkönigin durch die beschriebenen verdeckten Prüfungen | |||
'''84.129''' geprüft und erst danach mit Thronfolge und innerem Palast betraut werden. Freier Zugang zum inneren Palast | |||
'''84.130''' für den Königssohn und unbeschränktes Verlassen durch die Gattin werden untersagt. Dies ist die in Kürze erklärte besondere Königspflicht. | |||
'''84.131''' Sie betrifft auch die Ausbildung der Eigenschaften von Söhnen und Gattinnen, König. Ushanas und Brihaspati verfassten Lehrwerke der Königspolitik; | |||
'''84.132''' weitere Einzelheiten sind ihren Schriften zu entnehmen. Ein König, der diese Besonderheiten der Staatsführung beachtet, Hochbegnadeter, gehe nicht zugrunde, sondern erlange großen Wohlstand. | |||
===Kapitel 85=== | |||
'''85.1''' Aurva sprach: Höre nun die besonderen Regeln des rechten Lebenswandels, König der Könige, die ein Herrscher unbedingt beachten soll. | |||
'''85.2''' Gute Menschen haben ihre Fehler vermindert; das Wort „sat“ bezeichnet das Gute. Ihr Verhalten heißt deshalb Sadachara, rechter Lebenswandel. | |||
'''85.3''' Die in Agamas, Puranas und Samhitas gelehrten Lebensregeln soll der König wie ein Hausvater annehmen. | |||
'''85.4''' Er ehre die Seher durch Vedenrezitation, die Götter durch Feueropfer, die Ahnen durch Totengedenkriten und die Wesen durch Opfergaben. | |||
'''85.5''' Ausscheidung, Körperpflege, Bad, Zahnreinigung, Augenschminke und die Lebensriten von der Zeugung an vollziehe er nach den Regeln eines Hausvaters. | |||
'''85.6''' Der König soll nach dieser Standesordnung Brahmanen zu ihren sechs Aufgaben und Kshatriyas sowie die übrigen zu ihren jeweils eigenen Pflichten anhalten. | |||
'''85.7''' Wer die eigene Pflicht aufgibt und die eines anderen Standes übernimmt, soll nach der historischen Vorschrift mit hundert Geldeinheiten bestraft und zur eigenen Aufgabe zurückgeführt werden. | |||
'''85.8''' Unter den jährlich wiederkehrenden Handlungen muss der König insbesondere die folgenden vollziehen; höre ihre Besonderheiten. | |||
'''85.9''' Im Herbst verehre er Durga an der großen Ashtami; am zehnten Tag vollziehe er die schützende Lustration Nirajana zur Stärkung seiner Streitkräfte. | |||
'''85.10''' Im Monat Pausha vollziehe er am dritten Tag die Pushya-Weihe. Nach Verehrung der Göttin Shri bringe er am fünften Tag | |||
'''85.11''' das Shri-Opfer zur Mehrung von Geld und Vorräten dar, bester König. Im Monat Jyeshtha, an Dashahara, folge Vishnus Opfer. | |||
'''85.12''' Wenn die Sonne im Löwen steht, verehre er am zwölften Mondtag Indra. Diese Opfer soll der Herrscher besonders großzügig ausführen. | |||
'''85.13''' Durch ihre Ausführung wüchsen Streitmacht, Reich und Schatz; bei ihrer Unterlassung drohten Hungersnot und Tod | |||
'''85.14''' sowie die übrigen Plagen. Darum hebe man sie besonders hervor. Die Ordnung für Durgas Verehrung an der großen Ashtami im Herbst | |||
'''85.15''' wurde schon früher gelehrt; nach ihr ist zu verfahren. Höre nun die Ordnung der Lustration, bester König. | |||
'''85.16''' Sie soll das Gedeihen von Pferden und Elefanten bewirken. Am dritten Tag der hellen Hälfte des Monats Ashvina, bei Verbindung mit Svati, | |||
'''85.17''' wähle man einen geeigneten Ort nordöstlich der eigenen Stadt. Am achten Tag danach vollziehe man die Lustration. | |||
'''85.18''' Die Zeit habe ich dir bereits genannt; höre jetzt nur die Ausführung, durch die dein Vorhaben erfüllt werden soll. | |||
'''85.19''' Ein besonders kräftiges und schönes Pferd werde sieben Tage lang mit Duft, Blumen, Gewändern und weiteren Gaben geehrt. | |||
'''85.20''' Nach Beginn der Verehrung am dritten Mondtag führe man es zum Opferplatz. Seine Bewegungen werden als gute oder schlechte Vorzeichen gedeutet. | |||
'''85.21''' Läuft das Pferd davon, deute man dies als Überwältigung eines fremden Reiches; vergießt es Tränen, als Tod eines Königssohnes. | |||
'''85.22''' Geht es trotz Führung nicht weiter, werde dies als Tod der Hauptkönigin gedeutet. Gibt es Laute durch Mund und Nase oder die genannten Gesichtsbewegungen von sich, | |||
'''85.23''' so verheiße dies Sieg über Feinde in der Richtung, der es sich zuwendet. Hebt es den rechten Vorderfuß und schreitet voran, | |||
'''85.24''' werde der König alle Feinde besiegen. Am Morgen des zehnten Mondtages soll die Lustration stattfinden, bester König. | |||
'''85.25''' Ist dies nicht möglich, geschehe sie am zwölften Tag; andernfalls am fünfzehnten Tag des Monats Kartika. | |||
'''85.26''' Nordöstlich der Stadt errichte man einen Torbogen, sechzehn Ellen hoch und zehn Ellen breit. | |||
'''85.27''' Der Opferplatz sei zweiunddreißig Ellen lang und sechzehn Ellen breit; in der Mitte werde ein Altar angelegt. | |||
'''85.28''' Nördlich dieses Altars richte man einen besonderen Pferdealtar ein, auf dem die Priester das Pferd aufstellen und verehren. | |||
'''85.29''' Den Torbogen schmücke man mit Zweigen von Sarja, Udumbara oder Arjuna, mit Rädern, die Fische und Muscheln zeigen, und mit Bannern, | |||
'''85.30''' mit Gold, Edelsteinen und verschiedenen Früchten. Bhallataka, Reis und Kushtha werden als förderliche Stoffe für das Pferd genannt, | |||
'''85.31''' die zum Gedeihen und zur Befriedung an seinem Hals befestigt werden. Man zeichne ein Vishnu-Mandala und verehre die Richtungshüter, die neun Planetenmächte | |||
'''85.32''' und die Vishvedevas, Vishnu voran, mit ihren Mantras. Der Hauspriester mische Butter, Sesam und Blumen | |||
'''85.33''' und vollziehe sieben Tage Feueropfer für Sonne, Varuna, Prajapati, Indra und Vishnu. | |||
'''85.34''' Für jede Gottheit bringe er täglich tausend oder hundertacht Gaben dar, zur Verwirklichung der vier Lebensziele. | |||
'''85.35''' Als Opferhölzer werden Palasha, Khadira, Udumbara, Kashmarya und Ashvattha vom Priester verwendet. | |||
'''85.36''' Acht Gefäße aus Gold, Silber oder Ton werden nach den verfügbaren Mitteln bereitgestellt und mit Früchten, Mangozweigen und Tüchern versehen. | |||
'''85.37''' In sie gebe man Samanga, gelbes Harital, Sandel, Kushtha, Priyangu und Manahshila, | |||
'''85.38''' Augenschminke, Gelbwurz, weißen Danti, Bhallataka, Purnakosha, Sahadevi und Shatavari, | |||
'''85.39''' Kalmus, Nagakeshara-Blüten, Somaraji, Suguptika, Tuttha, Oleander und Tulasi-Blätter. | |||
'''85.40''' Diese Stoffe lege der Priester in die Krüge. Die beiden Opferlöffel sollen aus Gold oder den genannten Opferhölzern gefertigt werden, | |||
'''85.41''' wenn der König die befriedende Lustration wünscht. So werden sieben Tage lang mit Verehrung und Feueropfern | |||
'''85.42''' die zuvor genannten Gottheiten geehrt. Bis zum Abschluss der Lustration soll der König in seinem eigenen Haus wohnen, | |||
'''85.43''' nicht nachts auf dem Opferplatz, wenn er Frieden wünscht. Das dafür bestimmte Pferd oder den Elefanten soll er währenddessen nicht besteigen, | |||
'''85.44''' sondern die sieben Tage über ein anderes Fahrzeug benutzen. Verschiedene Speisen, Honig, Milchreis, Gerstenspeisen, | |||
'''85.45''' Süßkugeln und Reisgerichte mit Beilagen werden den genannten Göttern während dieser sieben Tage dargebracht. | |||
'''85.46''' Am siebten Tag verehre man unter dem Torbogen Revanta, den starkarmigen Sohn der Sonne: zweiarmig und in leuchtender Rüstung, | |||
'''85.47''' strahlend, weiß gekleidet, mit hochgebundenem Haar. Links hält er eine Reitgerte, die rechte Hand | |||
'''85.48''' mit dem Schwert ruht auf der linken Seite; er sitzt auf einem weißen Pferd. In dieser Gestalt werde Revanta als Bild oder in einem Gefäß | |||
'''85.49''' unter dem Torbogen nach der Sonnenverehrungsordnung verehrt. Danach werden Elefant und Pferd geehrt. | |||
'''85.50''' Mit ungetragenen Gewändern, Kränzen, Sandel, goldgeschmückter Bewaffnung und bunter Rüstung versehen, | |||
'''85.51''' führen ihre jeweiligen Hüter sie zum zuvor nordöstlich der Feuergrube angelegten Tieraltar. | |||
'''85.52''' Während Elefant und Pferd hingeführt werden, soll der König sorgfältig die genannten Vorzeichen beobachten und ihre Bedeutung feststellen. | |||
'''85.53''' Nördlich der Feuergrube sitzt er auf einem Tigerfell, begleitet von einem Vedenkundigen und einem Pferdekenner, und betrachtet das Pferd. | |||
'''85.54''' Dem herangeführten Pferd reiche der Priester einen wohlriechenden Futterballen, über den er befriedende Mantras gesprochen hat. | |||
'''85.55''' Wenn das Pferd ihn beschnuppert oder frisst, gelte dies als rundum günstig; andernfalls als gegenteiliges Zeichen. | |||
'''85.56''' Udumbara- und Mangozweige mit Kusha-Gras werden wiederholt in das Wasser der Krüge getaucht; damit berühre man Pferde, Elefanten, König, Soldaten | |||
'''85.57''' und Wagen unter befriedenden und stärkenden Mantras. Mit den anderen Brahmanen besprenge der Hauspriester das viergliedrige Heer. | |||
'''85.58''' Nach vielfacher Besprengung mit Mantras der Richtungshüter, Planetenmächte und Vishnus lasse der Opferpriester einen goldenen Spiegel sehen: | |||
'''85.59''' zuerst den König, dann den Minister, Königssohn, die Amtsträger und die weiteren Soldaten. | |||
'''85.60''' Er bewege den Spiegel und zeige ihn allen. Nachdem so die Befriedung und Stärkung des Heeres und des Königs vollzogen ist, | |||
'''85.61''' wird im historischen Ritus eine Feindfigur aus Ton unter Schadenszauber-Mantras mit einem Speer am Herzen durchstoßen und ihr Kopf mit einem Schwert abgetrennt. | |||
'''85.62''' Danach bespricht der Lehrer das Zaumzeug mit Mantras Indras und der Sonne und legt es dem Pferd selbst ins Maul. | |||
'''85.63''' Der König besteige es mit der folgenden Formel und ziehe mit allen Streitkräften nach Nordosten. | |||
'''85.64''' Opferpriester, Hauspriester und Lehrer sollen ihm folgen, um weitere Vorzeichen zu beobachten. | |||
'''85.65''' Unter lautem Instrumentenspiel und von Sonnenschirmen umgeben ziehe der König bei der Lustration dahin, als spalte er die Erde. | |||
'''85.66''' Mit Edelsteinen, Korallen, Perlen, Gold und Juwelen geschmückt, lege er einen Krosha zurück und kehre durch das Osttor | |||
'''85.67''' mit den Brahmanen in seine Stadt zurück. Der Hauspriester gehe zum Opferplatz; dort werde die Ehrengabe aus Gold, Kuh und Sesam übergeben. | |||
'''85.68''' Danach mache der König den Brahmanen nach Vermögen weitere Geschenke. Durch diese Lustration des Heeres | |||
'''85.69''' erlange er hier und jenseits beständigen Wohlstand. Die Aufstiegsformel lautet: „Pferd, aus dem Nektar entstanden, aus dem Meer geborenes edles Ross, | |||
'''85.70''' durch die Wahrheit, dass du Indra trägst, trage auch mich! Durch die Wahrheit, dass du Revanta und die Sonne trägst, | |||
'''85.71''' trage mich zum Sieg!“ Mit diesen beiden Versen soll der König das Pferd besteigen. | |||
'''85.72''' Nach der Rückkehr gehe er im inneren Palast zur Hauptkönigin und nehme auf dem Ruhebett Platz. | |||
'''85.73''' Die Königin verehre ihn gemeinsam mit den Frauen mit Durva, ungebrochenem Reis und weißen Senfkörnern. Wenn nach der Festlegung des Platzes am dritten Tag | |||
'''85.74''' eine Geburt oder ein Todesfall rituelle Unreinheit hervorruft, betrifft dies nur den gewöhnlichen Bereich. Auch ein davon betroffener König | |||
'''85.75''' soll die Lustration der Streitkräfte vollziehen; diese Ausnahme gilt ausdrücklich dafür. Bei der Prüfung von Rechtsgeschäften wird dem König sofortige rituelle Reinheit zugesprochen, | |||
'''85.76''' ebenso bei vorbereitender Opferweihe, Opfer und Feldzug gegen ein fremdes Reich. Damit habe ich die Lustrationsordnung erklärt, König. Höre nun die Ordnung des Pushya-Bades. | |||
===Kapitel 86=== | |||
'''Aurva sprach:'''<br> | |||
'''86.1''' Höre, König! Ich werde die Abfolge des Pushya-Bades erklären. Schon durch die Kenntnis davon werden Hindernisse immer wieder beseitigt. | |||
'''86.2''' Im Monat Pausha, wenn der Mond im Sternbild Pushya steht, soll der König das Pushya-Bad vollziehen. Es bringt Glück und Wohlergehen und wehrt Hungersnot und Tod ab. | |||
'''86.3''' Wenn dabei ungünstige Karana-Zeitabschnitte wie Vishti, die Konstellationen Vyatipata und Vaidhriti oder Yoga-Verbindungen wie Vajra, Shula und Harshana vorliegen, | |||
'''86.4''' wenn Pushya mit dem dritten Mondtag zusammentrifft und dieser auf einen Sonntag, Samstag oder Dienstag fällt, beseitigt dieses Bad sämtliche damit verbundenen Mängel. | |||
'''86.5''' Treten im Königreich ungünstige Planeteneinflüsse und Unheilszeichen auf, soll man es beim Sternbild Pushya auch in einem anderen Monat vollziehen. [Ein Wort der Vorlage ist hier gestört.] | |||
'''86.6''' Einst lehrte Brahma, der Herr der Welt, dem Götterlehrer diese Befriedungszeremonie, um Indra und allen übrigen Göttern Frieden zu bringen. | |||
'''86.7''' Man wähle einen Ort ohne Spreu, Haare, Knochen, Ameisenhügel und Insektenansammlungen, ohne Kies, Würmer und Kushmanda-Gewächse und ohne übermäßige Bodenbearbeitung; | |||
'''86.8''' einen Ort ohne Krähen, Eulen, Reiher, Kakalas, Geier und Hunde, ohne Dornengestrüpp und Vibhitaka-Bäume, | |||
'''86.9''' ohne Shigru- und Shleshmataka-Bäume und ohne Blutegel; einen unversehrten Platz, geschmückt mit Champaka, Ashoka, Bakula und ähnlichen Bäumen, | |||
'''86.10''' oder das reine Ufer eines Sees voller Schwäne und Karandava-Wasservögel. Einen solchen vortrefflichen Ort soll der König für das Pushya-Bad auswählen. | |||
'''86.11''' Am Vorabend sollen der König und sein Hauspriester in der Abenddämmerung unter dem Klang verschiedener Instrumente zu diesem Ort gehen. | |||
'''86.12''' Der Hauspriester stelle sich an dessen Nordseite und verwende duftendes Sandelholz, mit Kampfer und anderen Stoffen aromatisierte Getränke, | |||
'''86.13''' Gorochana, weißen Senf, ungebrochene Reiskörner, Früchte und weitere Gaben, die durch die Mantras, beginnend mit „gandhadvārā“, besprengt und geweiht sind. | |||
'''86.14''' Nachdem er den Platz so vorbereitet hat, verehre er dort die Gottheiten: Ganesha, Keshava, Indra, Brahma und Shankara, | |||
'''86.15''' den Gott zusammen mit Uma, sämtliche Götterscharen und die Muttergottheiten. Der König soll sie gemeinsam mit seinem Hauspriester verehren. | |||
'''86.16''' Man bereite glückverheißende Gefäße und vielerlei Speisegaben und bringe Milchreis, süße Früchte, Modaka-Süßigkeiten und Yavaka-Speise dar. | |||
'''86.17''' Nachdem der Ort mit Durva-Gras, weißem Senf und ungebrochenem Reis geweiht ist, soll man die dortigen Geistwesen unter folgendem Mantra zum Zurückweichen bewegen: | |||
'''86.18''' „Zurückweichen mögen jene Wesen, die diesen Boden bewachen! Ohne die Herbeigerufenen zu behindern, vollziehe ich die Badehandlung.“ | |||
'''86.19''' Dann lege der König die Hände zusammen und rufe mit diesem Mantra die beim Pushya-Abhisheka zu verehrenden Götter herbei: | |||
'''86.20''' „Alle Götter, die hier Verehrung wünschen, sollen kommen, alle Hüter der Himmelsrichtungen und alle anderen, denen ein Anteil gebührt!“ | |||
'''86.21''' Darauf bringe er eine Handvoll Blumen dar und spreche erneut dieses Mantra: „Heute mögen die Götter an meinem Platz verweilen, | |||
'''86.22''' ihre Verehrung empfangen und als Beschützer dem König Frieden schenken!“ Anschließend verbringe der König die Nacht zusammen mit dem Hauspriester dort. | |||
'''86.23''' König und Hauspriester sollen aus dem Traum das Günstige und Ungünstige erkennen. Nach der nächtlichen Götterverehrung schlafe der König an diesem Ort. | |||
'''86.24''' Die günstige oder ungünstige Bedeutung eines Traumes soll nach dem Urteil der Sachkundigen erkannt werden. Hat er einen schlechten Traum, soll man beim Pushya-Abhisheka | |||
'''86.25''' das Feueropfer vervierfachen und hundert Kühe schenken. Das Besteigen eines Rindes, Pferdes oder Elefanten, eines Palastes, Berges oder Baumes | |||
'''86.26''' ist glückverheißend und mehrt die Herrlichkeit des Reiches. Das Erblicken von Dickmilch, einer Gottheit, Gold oder eines Brahmanen, | |||
'''86.27''' einer Vina, von Durva, ungebrochenem Reis, Früchten, Blumen, eines Schirmes oder einer Salbe, des Mondes, eines Rades, einer Muschel, eines Lotus oder eines Freundes | |||
'''86.28''' und deren Erlangung bewirken den Untergang des Feindes. Das Sehen des Meeres, eines Berges und einer Verfinsterung, das Gefesseltwerden mit einer Kette, | |||
'''86.29''' das Essen von Fleisch, das Umwenden eines Berges, das Hervorwachsen eines Baumes aus dem Nabel und das Weinen um einen Toten, | |||
'''86.30''' der Verkehr mit einer verbotenen Partnerin, das Hinabsteigen in einen Brunnen oder eine Schlammgrube sowie das Überschreiten eines Berges, Flusses oder Wasserlaufes, | |||
'''86.31''' der Tod des eigenen Sohnes, das Trinken von Blut und Wein, das Essen von Milchreis und das Besteigen eines Menschen – | |||
'''86.32''' diese Träume bringen dem König Wohlergehen, Glück, günstiges Geschick, Königsherrschaft und die Vernichtung seiner Feinde, bester König. | |||
'''86.33''' Das Reiten auf Esel, Kamel oder Büffel dagegen vernichtet die Herrschaft. Tanzen, Singen, Lachen und Rezitieren im Traum bringen ebenfalls Unglück. | |||
'''86.34''' Wer rote Gewänder, rote Kränze und rote Salben trägt und eine rote oder schwarze Frau begehrt, erleidet den Tod. | |||
'''86.35''' Das Eintreten in einen Brunnen, das Gehen nach Süden, das Versinken im Schlamm und ein Bad bedeuten den Verlust von Frau und Sohn. | |||
'''86.36''' [Der erste Halbvers ist beschädigt; er erwähnt einen Gewinn im Traum und das Auftreten eines Geschwürs beim König.] Wenn ein Khanjana-Vogel die Nabelschnur ergreift und damit fortfliegt, | |||
'''86.37''' erlangt der König ein anderes Reich und großes Wohlergehen. Man errichte einen zwanzig Hasta langen und sechzehn Hasta breiten | |||
'''86.38''' vortrefflichen Opferplatz, der alle vorgeschriebenen Merkmale besitzt. Am folgenden Vormittag vollziehe man die Verehrung der Muttergottheiten, | |||
'''86.39''' die an der Wand angebrachte Vasordhara-Gussspende und das Vriddhi-Shraddha zur Mehrung des Gedeihens. Mit Sandelholz, Agaru, Moschus, Räucherwerk und Kampferpulver | |||
'''86.40''' verehre man den Mandala-Platz. Der Kundige schreibe dort die beiden Mantras „hrauṃ śambhave namaḥ“ und „astrāya huṃ phaṭ“ nieder. | |||
'''86.41''' Wer Mantras und Mandalas kennt, zeichne zuerst mit Woll- oder Seidenfäden das Svastika genannte Mandala. | |||
'''86.42''' Das Mandala messe vier Hasta. Für seinen Lotus ist ein Hasta angegeben. | |||
'''86.43''' Die Tore messen anderthalb Hasta; der Lotus erstrahle mit Fruchtboden und Staubfäden. Weiß, Rot, Gelb, Schwarz und Grün | |||
'''86.44''' erzeuge der König durch Reispulver, Saflor, Kurkuma, grünes Pflanzenpulver und Augenschminke, um das Mandala auszugestalten. | |||
'''86.45''' Vom Rand des Lotus ausgehend messe man eine Tala-Länge nach Westen und zeichne in die Mitte des Westtores einen hundertblättrigen Lotus. [Die Maßangabe ist im Wortlaut unsicher.] | |||
'''86.46''' Der Kenner der Mandala-Einteilung zeichne außerdem in die Mitte jedes Tores mit den jeweiligen Pulvern einen achtblättrigen Lotus. | |||
'''86.47''' Ist das Mandala aus Pulver fertiggestellt, entferne man die Fäden. Nach ihrer Entfernung soll zunächst das Mandala verehrt werden. | |||
'''86.48''' Mit „havanāya namaḥ“ löse man die Hand wieder. Die linke Hand halte das Gefäß mit dem Farbpulver. | |||
'''86.49''' Mit Mittelfinger, Ringfinger und Daumen lasse der Kundige das Pulver von oben herabrieseln; die Finger sind dabei nach unten gerichtet. | |||
'''86.50''' Die Linie soll gleichmäßig, kunstvoll und mit Blumen geschmückt sein. Durch geschickte Führung des Daumengliedes halte der Kundige sie ebenmäßig. | |||
'''86.51''' Niemals zeichne man ineinanderlaufende, ungleichmäßige, allzu dicke, unterbrochene, breiartig unförmige, am Rand aufgehäufte oder zu kurze Linien. | |||
'''86.52''' Ineinanderlaufende Linien bedeuten Streit, aufwärts abweichende Linien Kampf; übermäßig dicke Linien bringen Krankheit, vermischte beständiges Leiden. | |||
'''86.53''' Einzelne Flecken bringen gewiss Furcht vor der feindlichen Partei; eine zu dünne Linie bedeutet Vermögensverlust, eine unterbrochene sicheren Tod | |||
'''86.54''' oder Trennung von einem geliebten Gegenstand oder einem Sohn. Wer ohne Verständnis nach Belieben ein Mandala zeichnet, | |||
'''86.55''' zieht alle zuvor genannten Fehlerfolgen auf sich. Der Kundige lege die Linien mit weißem Senf und Durva-Gras an. | |||
'''86.56''' Vimala, Vijaya, Bhadra, Vimana, Shubhada, Shiva, Vardhamana, Deva, Shataksha, Kamadayaka, | |||
'''86.57''' Ruchika und Svastika: Dies sind die zwölf Mandalas. Die Sachkundigen sollen sie je nach Ort und Opfer passend verwenden. | |||
'''86.58''' Als die Götterscharen das Meer um des Unsterblichkeitstrankes willen quirlten, fertigte Vishvakarman Gefäße an, um diesen Trank aufzunehmen. | |||
'''86.59''' Weil bei ihrer Herstellung jeweils ein Anteil, eine ''kala'', der Götter zusammengetragen wurde, heißen sie ''Kalasha''. [Der Text bietet hier eine traditionelle Namenserklärung.] | |||
'''86.60''' Neun Kalashas werden genannt. Höre ihre Namen: Gohya, Upagohya, Maruta, ferner Mayukha, | |||
'''86.61''' Manoha, Acharyabhadra, Vijaya, Tanudushaka, Indriyaghna und als neunter wiederum Vijaya. [Die überlieferte Namensreihe und die Zahl neun stimmen nicht eindeutig überein.] | |||
'''86.62''' Höre nun, König, ihre anderen neun Namen in der Reihenfolge; sie verleihen stets Frieden: | |||
'''86.63''' Der erste heißt Kshitindra, der zweite Jalasambhava; darauf folgen Pavana und Agni, dann Yajamana. | |||
'''86.64''' Der sechste wird Koshasambhava genannt, der siebte Soma und der achte Aditya. | |||
'''86.65''' Das neunte Gefäß heißt Vijaya. Es besitzt fünf Mündungen und trägt die Gestalt Mahadevas. | |||
'''86.66''' An den fünf Mündungen des Gefäßes ist der Fünfgesichtige selbst gegenwärtig, entsprechend den Himmelsrichtungen unter Namen wie Vamadeva. | |||
'''86.67''' Das fünfgesichtige Gefäß stelle man im Lotusbereich des Mandalas auf, Kshitindra im Osten und Jalasambhava im Westen, | |||
'''86.68''' das Windgefäß im Nordwesten, das Feuergefäß im Südosten, Yajamana im Südwesten und Koshasambhava im Nordosten. | |||
'''86.69''' Soma ordne man dem Norden zu und das Sonnengefäß dem Süden. Nach dieser Aufstellung vergegenwärtige man sich Folgendes in ihnen: | |||
'''86.70''' An der Mündung der Gefäße ist Brahma, am Hals Shankara, am Grund Vishnu und in der Mitte sind die Scharen der Muttergottheiten. | |||
'''86.71''' Die Richtungshüter und sämtliche Gottheiten umgeben die zehn Richtungen. Im Bauch des Gefäßes befinden sich die sieben Meere und die sieben Weltinseln, | |||
'''86.72''' alle Mondhäuser und Planeten, die großen Gebirgsketten, alle Flüsse, angefangen mit der Ganga, und die vier Veden. | |||
'''86.73''' Sie alle sind im Gefäß gegenwärtig; man betrachte sie darin. Edelsteine, sämtliche Samen, Blumen und Früchte | |||
'''86.74''' lege man hinein: Diamant, Perle, Vaidurya, Mahapadma, Indra-Stein und Bergkristall; ferner die als alle Kräfte enthaltend beschriebene Bilva-Frucht, Nagara und Udumbara, | |||
'''86.75''' Zitronatzitrone, Jambira-Zitrone, Kashmira, Amrata und Granatapfel, Gerste, Reis, Wildreis, Weizen und weißen Senf, | |||
'''86.76''' Safran, Agaru, Kampfer, Madana und Gorochana, Sandelholz, Narde, Kardamom und Kushtha, | |||
'''86.77''' Moschus und Blattpulver, Jala, Harz und Ambuda, Shaileya, Jujube sowie Blätter und Blüten des Jasmins, | |||
'''86.78''' Kalashaka, Prikka, Deviparnaka, Kalmus, Dhatri, Manjishtha und Turushka, die acht glückverheißenden Stoffe, | |||
'''86.79''' Durva, Mohanika, Bhadra, Shatamuli, Shatavari, Sarala, Kshudra, Sahadevi und Gajahvaya, | |||
'''86.80''' Purnakosha, Sita, Pitha, Gunja, Shirasika und Anala, Vyamaka, Elefantenzahn, Shatapushpa und Punarnava, | |||
'''86.81''' Brahmi, Devi, Shiva, Rudra und Sarvasandhanika. Diese glückverheißenden Dinge trage man zusammen und lege sie in die Gefäße. [Mehrere Pflanzen- und Stoffnamen in 73–81 sind verderbt oder nicht sicher bestimmbar; sie bleiben daher als Namen stehen.] | |||
'''86.82''' Nachdem man Brahma, Shambhu und Gadadhara an ihren jeweiligen Stellen im Gefäß der Reihe nach verehrt hat, verehre man vor allem Shambhu. | |||
'''86.83''' Zuerst verehre man Shambhu in der Mitte mit dem Prasada-Mantra nach tantrischer Ordnung und mit vielerlei Speisegaben. | |||
'''86.84''' In den Gefäßen der Richtungshüter verehre man die Richtungshüter und in den zuvor außen aufgestellten Planetengefäßen | |||
'''86.85''' die neun Planeten, in den Muttergefäßen die Muttergottheiten. Alle Götter sind in Gefäßen zu verehren, jeder in einem eigenen. | |||
'''86.86''' Die zuvor genannten neun gelten dabei als die hauptsächlichen, König. Mit festen Speisen, gekochten Gerichten, Getränken, Blumen, vielerlei Früchten, | |||
'''86.87''' Yavaka-Speisen und Milchreis, je nach Verfügbarkeit zusammengestellt, soll der König für das Pushya-Bad sämtliche Götter verehren. | |||
'''86.88''' Südlich des Mandalas errichte man eine Feuergrube. Mit Milchreis, Brennhölzern, Reis, weißem Senf, Ghee, Durva und ungebrochenen Reiskörnern | |||
'''86.89''' sowie auch mit reinem Ghee soll der König zusammen mit Opferpriestern und Hauspriester die verehrten Götter durch das Feueropfer erfreuen, damit Gedeihen entsteht. | |||
'''86.90''' Nach dem Feueropfer stelle man auf dem Altar nördlich des Mandalas einen Sitz und den gesamten als Rochana bezeichneten Schmuck bereit. | |||
'''86.91''' Die Maße sollen sich Fingerbreite um Fingerbreite bis zu sechsundzwanzig Angula steigern. Die Formen sind rund, viereckig, lotusförmig oder dreieckig. | |||
'''86.92''' In der Mitte des Lotus bringe man die Edelsteinherren an, zusammen mit Gomushtika und Vinayaka, ferner Shri, den Shri-Baum und die herrlich gestaltete, glückverheißende Göttin Uma. [Die Aufzählung ist im Wortlaut unsicher.] | |||
'''86.93''' Der mit Edelsteinen und sämtlichen Verzierungen ausgestattete Sitz soll zwei Hasta messen und ein Hasta breit sein; als Höhe werden neun Hasta und zehn Angula genannt. [Diese auffällige Maßangabe ist so überliefert.] | |||
'''86.94''' Für das Bad sei ein geeigneter runder Sitz von anderthalb Hasta vorgesehen, dazu ein vierfach langes Ruhebett und ein Sockel im Dhanus-Maß. | |||
'''86.95''' Der Löwenthron sei mit Elefanten und Löwen prachtvoll gestaltet und mit Gold und Edelsteinen geschmückt; seine Breite betrage anderthalb Maßeinheiten. Auch ein Danda-Sitz ist vorgesehen. | |||
'''86.96''' Kissen lasse man mit Tiger- oder Leopardenfellbezügen oder anderen Häuten anfertigen und mit weicher Baumwolle füllen. | |||
'''86.97''' Das wohlgestaltete Bett sei vier Hasta lang und halb so breit. Nach der überlieferten Lehrregel wünscht man für den König eine zusätzliche Spanne. | |||
'''86.98''' Den Sitz fertige man halbmondförmig oder viereckig; die Kissen des Bettes ordne man entsprechend den Ecken und den übrigen Grundstellen an. | |||
'''86.99''' Sechzehn solcher Kissen mit bunten Mustern sind anzufertigen. Fahrzeug, Löwenthron, Sitzplatte, Bett und weiteres Zubehör | |||
'''86.100''' sollen neu und für den König geeignet sein; man stelle sie nördlich des Altars auf. Westlich davon befinde sich ein vortreffliches, mit Gold und vielen Edelsteinen besetztes | |||
'''86.101''' Ruhebett aus Opferhölzern, mit großer Decke, oberem Baldachin und vier übereinandergelegten Häuten: | |||
'''86.102''' vom Stier, einem Wolltier, vom Löwen und vom Tiger. Der König setze seine Füße auf einen edelsteinbesetzten Fußschemel. | |||
'''86.103''' Auf diesem mit vier Häuten bedeckten Bett sitze der König, reich geschmückt mit verschiedenen Zierstücken und Edelsteinen. | |||
'''86.104''' Den bequem sitzenden König soll man gemeinsam mit den Brahmanen baden. Er sei in eine schwarze Decke gehüllt und mit zahlreichen Gewändern ausgestattet. | |||
'''86.105''' Man vollziehe die Begießung mit den Gefäßen, begleitet von Opfergaben, Blumen und Reispulver. Als Anzahl der Gefäße werden acht, sechzehn, achtundzwanzig, hundert oder noch mehr | |||
'''86.106''' genannt; mit steigender Zahl wächst der Vorzug. Man verwende Sieg und Wohlergehen schenkende, glückverheißende Mantras Shivas, | |||
'''86.107''' Vishnus, der Richtungshüter, der Planeten und der Muttergottheiten: „Ghee gilt als Leuchtkraft; Ghee ist das höchste Mittel zur Beseitigung von Schuld. | |||
'''86.108''' Ghee ist die Nahrung der Götter; im Ghee sind die Welten gegründet. Was an Befleckung aus dem irdischen Bereich, dem Luftraum oder dem Himmel zu dir gelangt ist, | |||
'''86.109''' möge durch die Berührung mit Ghee vollständig vergehen!“ Danach entferne man Decke und Gewand vom Körper | |||
'''86.110''' und bade den König mit den Gefäßen, die mit dem blumenduftenden Badewasser gefüllt sind, unter folgenden Mantras, bester Mensch, die das Wesen des Leibes zur Erfüllung führen: | |||
'''86.111''' „Die Götter und die uralten Vollendeten mögen dich weihen: Brahma, Vishnu, die Rudras, die Sadhyas und die Scharen der Maruts, | |||
'''86.112''' die Adityas, die Vasus, die Rudras, die beiden Ashvins, die besten Ärzte, Aditi, die Göttermutter, Svaha, Lakshmi und Sarasvati, | |||
'''86.113''' Kirti, Lakshmi, Dhriti und Shri, Sinivali und Kuhu, Diti und Surasa, Vinata und Kadru, | |||
'''86.114''' alle genannten Göttergemahlinnen und Göttermütter – sie alle mögen dich weihen, ebenso die Vollendeten und die Scharen der Apsaras. | |||
'''86.115''' Die Mondhäuser, Muhurtas, Halbmonate, Übergänge von Tag und Nacht, Jahre, Augenblicke, Kalas, Kashthas, Kshanas und Lavas, | |||
'''86.116''' alle Glieder der Zeit mögen dich weihen, ebenso die in Himmelswagen fahrenden Götterscharen, die Manus zusammen mit den Meeren, | |||
'''86.117''' die Flüsse, die großen Nagas und die übrigen Nagas, die Kimpurushas, die hochgesegneten Vaikhanasa-Asketen und die im Luftraum weilenden Zweimalgeborenen, | |||
'''86.118a''' die sieben Rishis mit ihren Frauen und die festen Sternorte, Marichi, Atri, Pulaha, Pulastya, Kratu, Angiras, | |||
'''86.119''' Bhrigu, Sanatkumara, Sanaka, Sanandana, Sanatana, Daksha, Jaigishavya, Abhinandana, | |||
'''86.120''' Ekata, Dvita und Trita, Jabali und Kashyapa, Durvasas und Durvinita, Kanva und Katyayana, | |||
'''86.121''' Markandeya, Dirghatamas, Shunahshepha, Viduratha, Aurva und Samvartaka, Chyavana, Atri und Parashara, | |||
'''86.122''' Dvaipayana, Yavakrita, Devarata mit seinem Sohn sowie viele weitere, die den Veden und heiligen Gelübden ergeben sind. | |||
'''86.123''' Diese an Askese reichen Weisen mögen dich mit ihren Schülern und Frauen weihen, ebenso die Berge, Bäume, Flüsse und heiligen Stätten, | |||
'''86.124''' Prajapati und die Erde, die Kühe als Mütter des Alls, die göttlichen Fahrzeuge und alle Welten mit ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen, | |||
'''86.125''' die Feuer, die Ahnen, die Sterne, Wolken, der Luftraum, die Himmelsrichtungen und das Wasser: Diese und viele andere glückverheißende Wesen, deren Nennung heiligt, | |||
'''86.126''' mögen dich mit Wasser weihen, das sämtliche Unheilszeichen abwehrt!“ Mit diesen segensreichen göttlichen Mantras und weiteren | |||
'''86.127''' Sonnen-, Narayana- und Rudra-Mantras sowie solchen Brahmas und Indras, mit „āpo hi ṣṭhā“, „hiraṇya“, „sambhava“ und „sura“, | |||
'''86.118b''' mit dem Mantra „mā nas toke“, mit „gandhadvārā“, „sarvamaṅgalamāṅgalye“ und „śrīś ca te“ sowie den mit den Planeten verbundenen Mantras vollziehe man das Bad. [Die Vorlage wiederholt hier die Nummer 118 anstelle der erwarteten 128; die Mantras sind überwiegend nur durch ihre Anfangswörter bezeichnet.] | |||
'''86.129''' Nach diesem Bad hülle man den Leib in Decken und lege unter dem Sarvamangala-Mantra ein Baumwollgewand an. | |||
'''86.130''' Nach dem rituellen Schluck Wasser verehre man die Götter, den Guru und die Brahmanen, ferner Banner, Schirm, Yakschweifwedel, Glocke, Pferde und Elefanten. | |||
'''86.131''' Nach Mantrarezitation nehme man die Insignien auf und gehe zum Opferfeuer. Dort betrachte der König die leuchtende Erscheinung des Feuers | |||
'''86.132''' und beachte anhand seiner Funken günstige und ungünstige Zeichen, umgeben von Astrologen, Kämmerern, Ministern, Lobrednern und Stadtbewohnern, | |||
'''86.133''' unter lautem Instrumentenklang und glückverheißendem Gesang, Tanz und Musik. Zum Abschluss vollziehe er nochmals die Befriedung und lasse die Brahmanen Segensworte sprechen. | |||
'''86.134''' Er bringe vorschriftsgemäß die vollständige, mit Gold verbundene Opfervergütung dar, schenke Getreide und Gewänder und vollziehe die Entlassung der angerufenen Gottheiten. | |||
'''86.135''' Mit dem übrigen Wasser besprenge der Hauspriester alle Minister und übrigen Anwesenden, das viergliedrige Heer und das ganze Reich. | |||
'''86.136''' Danach übe der König drei Nächte lang Selbstbeherrschung, enthalte sich Fleisch und Geschlechtsverkehr und widme sich glückverheißenden Handlungen. | |||
'''86.137''' Fällt der dritte Mondtag mit dem Sternbild Pushya zusammen, soll man an ihm die Göttin Chandika gemeinsam mit Shankara verehren. | |||
'''86.138''' Mit Puppenspielen und ähnlichen Vergnügungen, mit Freuden für die Kinder und nach dem Ritus einer Hochzeit erfreue man Chandika, die glückverheißende Göttin. | |||
'''86.139''' Sämtliche Kreuzungen und die Heiligtümer der Götter und Göttinnen schmücke man mit Fahnen. Wer so handelt, geht nicht zugrunde. | |||
'''86.140''' Vollzieht der König auf diese Weise das Friedensopfer und die Pushya-Weihe, so wird er mitsamt seinem viergliedrigen Heer, seinen Frauen und seinen Leuten, | |||
'''86.141''' zusammen mit dem gesamten Herrschaftsgebiet, weder hier noch jenseits ins Unglück fallen. Es gibt kein höheres Opfer und kein höheres Fest, | |||
'''86.142''' keine höhere Befriedung und kein größeres Heil. Nach derselben Ordnung soll die Weihe des Königs | |||
'''86.143''' und die Einsetzung des Thronfolgers durch den königlichen Hauspriester geschehen. Vollzieht man bereits die erste Königsweihe | |||
'''86.144''' nach diesem Verfahren, wird die Herrschaft des Königs gefestigt. Einst wurde dieses Opfer von Brahma für Indra bestimmt. Vollzieht ein König dieses Opfer, geht er weder hier noch im Jenseits zugrunde. | |||
Damit endet das sechsundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana. | |||
===Kapitel 87=== | |||
'''Aurva sprach:'''<br> | |||
'''87.1''' Höre nun, König der Könige, vom Aufrichten des Indra-Banners, dem Fahnenfest. Ein König, der es vollzieht, erleidet niemals eine Niederlage. | |||
'''87.2''' Wenn die Sonne im Löwen steht, soll der König am zwölften Mondtag unter dem Sternbild Shravana Indra recht verehren, damit alle Hindernisse zur Ruhe kommen. | |||
'''87.3''' Einst führte der König namens Uparichara, der auch Vasu genannt wird, dieses unvergleichliche Opfer ein. | |||
'''87.4''' In der Regenzeit, im Monat Nabhas, am zwölften Tag der hellen Mondhälfte, soll der Hauspriester, begleitet von vielerlei Instrumenten und Festmusik, | |||
'''87.5''' zunächst den Baum für Indras Banner ansprechen und fällen lassen; Astrologe und Zimmermann sollen dabei die glückverheißenden Vorbereitungen vollzogen haben. | |||
'''87.6''' Bäume, die in einem Garten, bei einem Göttertempel, auf einem Verbrennungsplatz oder mitten auf einem Weg gewachsen sind, meide man für Indras Banner. | |||
'''87.7''' Ebenso meide man einen Baum mit vielen Schlingpflanzen, einen vertrockneten, stark dornigen, krummen, von Schmarotzerpflanzen befallenen oder von Ranken überwucherten Baum. | |||
'''87.8''' Sorgfältig meide man einen Baum mit zahlreichen Vogelnestern oder vielen Höhlungen und einen durch Wind oder Feuer beschädigten. | |||
'''87.9''' Bäume mit weiblicher Bezeichnung sowie sehr kleine oder sehr dünne Bäume soll der Besonnene bei der Verehrung Indras stets meiden. | |||
'''87.10''' Arjuna, Ashvakarna, Vata, Priyaka und Udumbara gelten als die fünf besten Bäume für das Banner. [Der vierte Name ist in der Vorlage entstellt.] | |||
'''87.11''' Auch andere als günstig geltende Bäume wie Devadaru und Shala sind zu wählen, niemals jedoch ungünstige. | |||
'''87.12''' In der Nacht fasse und berühre man den ausgewählten Baum und spreche dieses Mantra: „Den Wesen, die in den Bäumen wohnen, sei Heil! Euch sei Verehrung! | |||
'''87.13''' Nehmt diese Gabe an; möge das Banner Indras daraus entstehen! Der König erwählt dich. Heil sei dir, bester Baum! | |||
'''87.14''' Für das Banner des Götterkönigs nimm diese Verehrung an!“ Am folgenden Tag fälle man ihn und schneide am unteren Ende acht Angula ab, | |||
'''87.15''' am oberen Ende vier Angula; diese Stücke werfe man ins Wasser. Dann bringe man den Stamm zum Stadttor und fertige dort das Banner an. | |||
'''87.16''' Am achten Tag der hellen Hälfte des Bhadrapada bringe man das Banner zum Altar. Das kleinste Banner misst zweiundzwanzig Hasta, | |||
'''87.17''' das nächstgrößere zweiunddreißig, ein noch größeres zweiundvierzig; das vortrefflichste wird mit zweiundfünfzig angegeben. | |||
'''87.18''' Fünf Jungfrauengestalten Indras sind anzufertigen, bester König, sämtlich aus Shala-Holz, außerdem die Muttergestalten Indras. | |||
'''87.19''' Die Jungfrauengestalten sollen ein Viertel des Banners messen, die Muttergestalten die Hälfte; die Haltevorrichtung messe zwei Hasta. | |||
'''87.20''' Nach der Herstellung der Jungfrauen, Mütter und des Banners soll man am elften Tag der hellen Mondhälfte den Stab weihen. | |||
'''87.21''' Nach seiner Weihung mit Mantras wie „gandhadvārā“ errichte man am zwölften Tag ein Mandala für den weithin mächtigen Indra. | |||
'''87.22''' Zuerst verehre man Achyuta und danach Indra. Man fertige ein Bild Indras aus Gold oder Holz an, | |||
'''87.23''' oder aus einem anderen Metall; ist nichts davon vorhanden, aus Lehm. Dieses verehre man besonders in der Mitte des Mandalas. | |||
'''87.24''' Zu einer günstigen Stunde lasse der König dann das Banner aufrichten: „Donnerkeilträger, Vernichter der Götterfeinde, Vieläugiger, Städtezerstörer! Zum Wohlergehen aller Welten nimm diese Verehrung an! | |||
'''87.25''' Komm, komm, von allen Göttern und Vollendeten Gepriesener, Donnerkeilträger, Herr der Unsterblichen! Im ersten Viertel des Shravana-Sternbildes bist du aufgerichtet. Nimm die Verehrung an, Erhabener! Dir sei Verehrung!“ | |||
'''87.26''' Mit den im Uttara-Tantra genannten Verfahren des Verbrennens und Überflutens und den übrigen vorbereitenden Handlungen, mit Mantra und tantrischem Ritus sowie verschiedenen Speisegaben, | |||
'''87.27''' mit Kuchen, Milchreis, Getränken, Rohzucker, geröstetem Getreide und allerlei festen und gekochten Speisen verehre man ihn zur Mehrung des Gedeihens. | |||
'''87.28''' In Gefäßen verehre man die zehn Richtungshüter und die Planeten, die Sadhyas und alle übrigen Götter sowie sämtliche Muttergottheiten der Reihe nach. | |||
'''87.29''' Dann gehe der König zur glückverheißenden Stunde gemeinsam mit kundigen Zimmerleuten zum Aufrichtungsplatz westlich des Opferaltars, | |||
'''87.30''' begleitet von Brahmanen und Hauspriestern und günstigen Zeichen. Das Banner sei mit fünf Seilen befestigt und mit der Hebevorrichtung verbunden, ausgestattet mit den Muttergestalten, | |||
'''87.31''' den Jungfrauen und den Tafeln der Richtungshüter; diese seien groß, sehr schön und mit verschiedenen Dingen reich ausgestattet, | |||
'''87.32''' jeweils in ihrer Farbe an der entsprechenden Stelle angebracht und mit Stoff umhüllt. Das Banner versehe man mit Netzen kleiner Glöckchen, vielen großen Glocken und Yakschweifwedeln, | |||
'''87.33''' mit Spiegeln, hochhängenden Kränzen verschiedener Art, zahlreichen duftenden Blumen und einer Edelsteinkette, | |||
'''87.34''' mit bunten Girlanden und Gewändern und vier Torbögen. Dieses große Banner lasse man durch königliche Bedienstete ganz allmählich aufrichten. | |||
'''87.35''' Nach der Aufrichtung bringe man das zuvor im Mandala verehrte Bild an den Fuß des Banners und vergegenwärtige sich darin Indra. | |||
'''87.36''' Dort verehre man ihn wie zuvor, ebenso Shachi, Matali, seinen Sohn Jayanta, den Donnerkeil und Airavata, | |||
'''87.37''' die Planeten, die Richtungshüter und alle Götterscharen, mit Kuchen und anderen Gaben, mit Speiseopfern wie Milchreis. | |||
'''87.38''' Für die verehrten Gottheiten vollziehe man fortlaufend das Feueropfer und bringe an dessen Ende dem erhabenen Indra eine Bali-Gabe dar. | |||
'''87.39''' Sesam, Ghee, ungebrochenen Reis, Blumen und Durva opfere man den Gottheiten mit ihren jeweiligen Mantras, bester Mensch. | |||
'''87.40''' Nach dem Feueropfer speise man die Brahmanen. So verehre man ihn sieben Nächte lang, Tag für Tag, | |||
'''87.41''' der König gemeinsam mit Brahmanen, die die Veden und ihre Hilfswissenschaften vollständig kennen. Für alle Indra-Verehrungen und Opfer ist | |||
'''87.42''' das mit „trātāram“ beginnende Mantra angegeben, das Indra besonders liebt. Nachdem man das Banner zunächst am Tage auf diese Weise aufgerichtet hat, | |||
'''87.43''' am zwölften Mondtag unter Shravana, soll man Indra nachts im letzten Viertel des Bharani-Sternbildes entlassen, | |||
'''87.44''' wenn alle Menschen schlafen, sodass der König es nicht sieht. Sieht der König die Entlassung, so stirbt er innerhalb von sechs Monaten. | |||
'''87.45''' Darum soll der König die Entlassung Indras nicht ansehen, Tiger unter den Königen. Die Kenner der alten Überlieferung nennen dafür dieses Mantra: | |||
'''87.46''' „Purandara, Vollbringer von hundert Opfern! Zusammen mit den Scharen der Götter und Asuras nimm diese Gabe an. Großes Indra-Banner, ziehe nun fort!“ | |||
'''87.47''' Bei eingetretener Geburts- oder Todesunreinheit, an einem Dienstag oder Samstag und bei Unheilszeichen wie einem Erdbeben soll man Indra nicht entlassen. | |||
'''87.48''' Bei einem Unheilszeichen oder einer Störung warte man sieben Nächte ab. Samstag und Dienstag soll man meiden; dann darf man die Entlassung auch unter einem anderen Sternbild vollziehen. | |||
'''87.49''' Tritt eine rituelle Unreinheit ein, warte man ihr Ende ab und vollziehe die Entlassung danach an dem betreffenden Tag. | |||
'''87.50''' Bis zur Entlassung soll der König das Banner so bewachen lassen, dass sich keine Vögel darauf niederlassen, Tiger unter den Königen. | |||
'''87.51''' Ganz langsam senke man es, so wie man es zu Beginn aufgerichtet hat. Zerbricht das Banner, bedeutet dies den Tod. | |||
'''87.52''' Das entlassene Indra-Banner werfe man nachts mitsamt seinem Schmuck unter diesem Mantra in tiefes Wasser, König: | |||
'''87.53''' „Gesegnetes Banner, verweile ein Jahr im Wasser! Du beseitigst Hindernisse; diene dem Wohlergehen aller Welten!“ | |||
'''87.54''' Vor aller Öffentlichkeit soll man es unter Instrumentenklang aufrichten; heimlich soll man es entlassen. Dies ist die besondere Ordnung dieser Verehrung. | |||
'''87.55''' Wer den erhabenen Indra auf diese Weise verehrt, wird lange die Erde beherrschen und danach Indras Welt erlangen. | |||
'''87.56''' In seinem Reich werden weder Hungersnot noch seelische Bedrängnisse oder Krankheiten Bestand haben; die Menschen dort sterben nicht zur Unzeit. | |||
'''87.57''' Niemand ist Indra so lieb wie er, König. Seine Verehrung ist die Verehrung aller, denn Keshava und die anderen Götter sind darin gegenwärtig. | |||
'''87.58''' Alljährlich im Herbst verehre man das Indra-Banner mit zahlreichen Gaben zur Mehrung des Gedeihens. Diese Verehrung beseitigt alle Befleckung, vernichtet Krankheit und Hungersnot, umfasst alles Dasein und bringt umfassendes Glück. [Die Wendung über die zum Haus des Götterherrn gehörenden Gaben ist sprachlich unsicher.] | |||
Damit endet das siebenundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana. | |||
===Kapitel 88=== | |||
'''Lesehinweis:''' Die folgenden Regeln spiegeln historische Königs-, Kasten- und Ritualordnungen wider. Auch die Aussagen über Ernährung, Zeugungskraft und Gefäßmaterialien werden als Textüberlieferung wiedergegeben, nicht als heutige Gesundheitsanleitung; insbesondere eignet sich Blei nicht für Trinkgefäße. | |||
'''Aurva sprach:'''<br> | |||
'''88.1''' Höre, König, vom Vishnu-Opfer am Dashahara-Tag im Monat Jyeshtha und von der Ordnung, nach der ein König dieses Opfer für Vishnu vollziehen soll. | |||
'''88.2''' Alljährlich lasse der König ein Bild Haris aus Gold anfertigen, oder aus einem anderen Metall, aus Holz oder Stein. | |||
'''88.3''' Nachdem Künstler es nach den vorgeschriebenen Maßen und Proportionen hergestellt und aufgestellt haben, lasse er die ordnungsgemäße Weihe durch Brahmanen und Hauspriester vollziehen. | |||
'''88.4''' Er stelle es in einem Göttertempel oder in einem eigens sorgfältig errichteten Heiligtum auf und verehre mit Vasudevas Bija nach der zuvor erläuterten Ordnung | |||
'''88.5''' Vasudeva hingebungsvoll mit allen Verehrungsgaben. Nach der Verehrung soll der Brahmane am ordnungsgemäß bereiteten Feuer in der Opfergrube | |||
'''88.6''' tausend Ghee-Spenden darbringen, die Hari lieb sind. Nachdem er Vasudeva verehrt und das Feueropfer vollzogen hat, | |||
'''88.7''' bringe er mit Zustimmung des Königs das Bild zum Mandala. Er berühre seine beiden Wangen mit der rechten Hand | |||
'''88.8''' und vollziehe darin die Einsetzung der Lebenskräfte des Gottes Hari. Wenn diese Einsetzung der Lebenskräfte geschehen ist, bester König, | |||
'''88.9''' treten Vishnus Lebenskräfte selbst gewiss in dieses Bild ein. Sind die Lebenskräfte eingetreten, besitzt es wahrhaft göttliche Gegenwart. | |||
'''88.10''' Ist die Einsetzung der Lebenskräfte in den Bildern nicht vollzogen, behalten Gold und die übrigen Stoffe ihren früheren Zustand; sie besitzen nicht Vishnus Wesen. | |||
'''88.11''' Auch bei den Bildern anderer Gottheiten, König, soll die Prana-Pratishtha vollzogen werden, damit ihre göttliche Gegenwart verwirklicht wird. | |||
'''88.12''' Ohne die Einsetzung der Lebenskräfte bleibt Gold Gold, Stein Stein, Holz Holz und jeder andere Stoff in seiner eigenen gewöhnlichen Beschaffenheit. | |||
'''88.13''' Mit Vasudevas Bija, mit „tad viṣṇoḥ“ sowie mit den Mantras der Glieder und der Hauptgottheit vollziehe man Haris Einsetzung. | |||
'''88.14''' Ebenso lege der Mantrakundige den Daumen auf das Herz. Nach der Einsetzung mit diesen Mantras vollziehe er sie auch im Herzen. | |||
'''88.15''' Dabei spreche er die Yajus-Formel: „In diesem Bild mögen die Lebenskräfte festen Sitz nehmen; ihm mögen die Lebenskräfte zufließen. Möge es den Stand der Gottheit erlangen. Svaha!“ [Der überlieferte Wortlaut der Formel ist grammatisch unregelmäßig.] | |||
'''88.16''' Mit den Gliedermantras, dem Hauptmantra, vedischen Mantras und dieser Formel soll man überall in den Bildern die Einsetzung der Lebenskräfte vollziehen. | |||
'''88.17''' Bei der Bildverehrung vollziehe der Mantrakundige zuerst auch in sich selbst die Prana-Pratishtha, um seinen Anteil an der Verehrung zu reinigen. | |||
'''88.18''' Außerhalb der Bildverehrung soll kein Kundiger diese Einsetzung an sich vollziehen; wer es dennoch tut, zieht den Tod auf sich. | |||
'''88.19''' Der beste König vollziehe dieses Vishnu-Opfer am zehnten Mondtag. Nach dessen Vollendung soll er das Bild aufstellen. [Der Bezug von ''pūrṇāyām'' ist nicht völlig eindeutig.] | |||
'''88.20a''' Vollzieht der König am Dashahara-Tag so das Opfer für Hari, erlangt er alle Wünsche und wird frei von Hindernissen. | |||
'''88.21''' Am Shri-Panchami-Tag verehre man die Göttin Shri mit Kunda-Blüten und ebenso Indra auf dem königlichen Elefanten mit vortrefflichen Gaben. | |||
'''88.22''' Das zuvor erklärte Ritual und große Mantra Lakshmis sowie dasjenige Indras sind auch hier für die Verehrung anzuwenden, einschließlich des Mandalas und der übrigen Schritte in ihrer Reihenfolge. | |||
'''88.23''' Wird diese Verehrung besonders an Shri-Panchami vollzogen, wird der König von Glück und Herrlichkeit erfüllt und erleidet keinen Verlust seines Gedeihens. | |||
'''88.24''' Diese besonderen Regeln rechten Verhaltens habe ich dir erklärt, König. Höre nun die besonderen Verbote, durch deren Beachtung Gedeihen erlangt wird. | |||
'''88.25''' Niemals soll der König essen, ohne Vishnu, Shiva, Agni und Indra verehrt und eine Gabe geschenkt zu haben. | |||
'''88.26''' Täglich lasse er durch seine Hauspriester das Agnihotra vollziehen. Wer isst, ohne das Agnihotra vollzogen zu haben, gelangt in die Hölle. | |||
'''88.20b''' Der König soll weder in einem unbewachten Haus ohne Edelsteinleuchte schlafen noch dort mit einer Frau das Lager teilen. [Die Vorlage wiederholt hier 20 anstelle der erwarteten 27.] | |||
'''88.28''' Nach einer Mahlzeit soll der König weder Shriphala noch Dhatri-Früchte essen. Masha-Bohnen, gegorene Getränke und Erde werden als die Verstandeskraft mindernd bezeichnet. | |||
'''88.29''' Nimba, Atarusha und Chuta gelten als die Verstandeskraft stärkend. Was sie mindert, soll der König beim Essen stets meiden. | |||
'''88.30''' Täglich esse der beste König, was die Einsicht stärkt. Er soll keinen Sitz ohne ordnungsgemäßen Zugang besteigen. | |||
'''88.31''' Er besteige kein Fahrzeug, keinen Elefanten und kein Pferd ohne Sitzvorrichtung und gehe niemals allein an einen menschenleeren Ort. | |||
'''88.32''' Bei der Mahlzeit nehme er nichts Berauschendes zu sich. Am achten Mondtag enthalte er sich stets Fleisch und Geschlechtsverkehr. | |||
'''88.33''' Solange sein Vater lebt, soll der König weder Neumond-Shraddha noch Gaya-Shraddha noch Wasserspenden mit Sesam vollziehen; tut er es, lädt er Schuld auf sich. | |||
'''88.34''' Ist ein leiblicher Sohn vorhanden, soll der König keinen Kshetraja-Sohn oder Angehörigen einer anderen Sohnkategorie zum Herrscher weihen, um die reine Fortführung der Ahnenlinie zu wahren. | |||
'''88.35''' Der leibliche Sohn, der im Auftrag gezeugte Kshetraja-Sohn, der geschenkte Adoptivsohn, der durch Vereinbarung angenommene Sohn, der heimlich Geborene und der ausgesetzte und aufgenommene Sohn: Diese Söhne sind erbberechtigt. | |||
'''88.36''' Der Sohn einer unverheirateten Tochter, der bei der Eheschließung bereits empfangene Sohn, der gekaufte Sohn, der Sohn einer wiederverheirateten Frau, der sich selbst anbietende Sohn und der Sohn einer Sklavin: Diese sechs gelten als nachgeordnete Sohnkategorien. | |||
'''88.37''' Fehlt jeweils der frühere, soll man den nachfolgenden weihen. Den Sohn einer wiederverheirateten Frau, den sich selbst anbietenden und den Sohn einer Sklavin setze man jedoch nicht als Herrscher ein. | |||
'''88.38''' Adoptivsöhne und die übrigen, die bereits im eigenen ursprünglichen Gotra ihre Sakramente empfangen haben und aus dem Samen eines anderen stammen, erlangen nicht die volle Sohnschaft im neuen Geschlecht. | |||
'''88.39''' Ein Sohn, der bis einschließlich der ersten Haarschur im Gotra seines Vaters die Sakramente empfangen hat, bleibt dessen Sohn und erlangt nicht die Sohnschaft eines anderen, Herr der Erde. | |||
'''88.40''' Werden dagegen die Sakramente von der Haarschur an im eigenen Gotra des annehmenden Vaters vollzogen, können die angenommenen Söhne als solche gelten; andernfalls wird der Betreffende als Diener bezeichnet. | |||
'''88.41''' Bei der Annahme eines Sohnes betrifft die Regel das fünfte Lebensjahr. Hat man einen fünfjährigen Sohn angenommen, soll man zuerst ein Putreshti-Opfer vollziehen, König. [Ob die erste Satzhälfte Annahme nach dem fünften Jahr erlaubt oder begrenzt, bleibt im überlieferten Wortlaut unklar.] | |||
'''88.42''' Den Sohn einer wiederverheirateten Frau bringe man unmittelbar nach seiner Geburt herbei und vollziehe für den Neugeborenen den Paunarbhava-Stoma. | |||
'''88.43''' Danach vollziehe man alle Sakramente, beginnend mit dem Geburtsritus. Nach dem Paunarbhava-Stoma gilt er als Paunarbhava-Sohn. | |||
'''88.44''' Er darf für den Vater das einzeln gewidmete Ekoddishta-Shraddha vollziehen, nicht jedoch die Parvana- und anderen Shraddhas. Eine gegen einen Kaufpreis erworbene Frau wird als Sklavin bezeichnet. | |||
'''88.45''' Ihr Sohn gilt als Sklavensohn. Er soll nicht die Königsherrschaft erben und bei Brahmanen nicht als Vollzieher des Shraddha eingesetzt werden. | |||
'''88.46''' Er gilt als der niedrigste unter allen Sohnkategorien; deshalb soll man ihn hierfür ausschließen. Die Puranas, die Dharma-Schriften und die von den Weisen verkündeten Samhitas | |||
'''88.47''' soll der König nicht nach Belieben von Shudras lehren lassen. In wessen Reich Shudras fortwährend Purana und Samhita | |||
'''88.48''' rezitieren, dessen Lebensdauer wird nach dieser Vorschrift verkürzt, mitsamt Reich und Geschlecht. Ein Shudra, der aus Verblendung oder eigenem Wunsch Purana, Samhita und Smriti | |||
'''88.49''' rezitiert, gelangt als Übeltäter gemeinsam mit seinen Ahnen in die Hölle. Was aber für Shudras vorgeschrieben ist und welche Mantras für sie angegeben sind, | |||
'''88.50''' beides sollen sie stets aus dem Mund eines Brahmanen empfangen. Der König setze keinen Shudra zur Entscheidung von Rechtsstreitigkeiten ein. | |||
'''88.51''' Setzt er ihn dafür ein, wird der König zusammen mit ihm in der Tamisra-Hölle gepeinigt; auch das Volk, der König und seine Angehörigen werden kurzlebig. | |||
'''88.52''' Einen Einäugigen, körperlich beeinträchtigten oder sohnlosen Menschen, einen Unkundigen oder einen Menschen ohne Sinnesbeherrschung, einen Kleinwüchsigen oder Kranken soll der König nicht zum Hauspriester machen. [Das erste Wort ist beschädigt; „einäugig“ folgt dem erkennbaren Wortansatz.] | |||
'''88.53''' Der König soll niemals das Vermögen eines Bedürftigen an sich nehmen und es auch nicht an Brahmanen verschenken, selbst wenn es beträchtlich ist. | |||
'''88.54''' Niemals besteige der König einen durch Paarungstrieb rasenden Elefanten. Besteigt er ihn aus Begierde, gerät er hier und im Jenseits ins Unglück. | |||
'''88.55''' Der König soll niemals eine Handlung begehen, die das Leben verkürzt, sondern mit allen verfügbaren Mitteln beständig nach Verlängerung des Lebens streben. | |||
'''88.56''' An einem unter einem rauen Planeteneinfluss stehenden Wochentag sowie am achten und sechsten Mondtag soll der beste König weder Augenschminke noch Ölsalbung anwenden und auch keinen Betel kauen. | |||
'''88.57''' Er soll weder eine ganz geringe noch eine vollständige Mond- oder Sonnenfinsternis selbst betrachten, ebenso wenig die rote Sonne. | |||
'''88.58''' Ein himmlisches, irdisches oder atmosphärisches Unheilszeichen soll er sorgfältig zu sehen vermeiden. Hat er es gesehen, soll er drei Tage lang nicht essen. | |||
'''88.59''' Stets trage er einen glückverheißenden Edelstein zusammen mit Durva. Den unbekleideten Körper zeige er Brahmanen nicht. | |||
'''88.60''' Er betrachte sein Gesicht nicht im Wasser und esse an heiligen Übergangstagen kein Fleisch. Er besteige weder Esel noch Kamel und verkehre nicht mit einer schwangeren Frau. | |||
'''88.61''' So soll der König, in kluger Lebensführung gegründet, sein viergliedriges Heer mehren, sich selbst fortwährend schützen und seine Kraft beständig stärken. | |||
'''88.62''' Er meide stets Speisen und Getränke, die den Samen schwächen, namentlich stark alkalische Gemüse, übermäßig Saures und übermäßig Bitteres. | |||
'''88.63''' Wasser aus Bronze- oder Silbergefäßen sowie angeschwollenes Flusswasser soll er meiden; der Text bezeichnet es als die Harnausscheidung fördernd und die Zeugungskraft mindernd. | |||
'''88.64''' Wasser aus Gefäßen aus Kupfer, Eisen, Gold oder Blei sowie aus Fruchtschalen und Lederbehältern bezeichnet der Text dagegen als samenmehrend und fordert seinen sorgfältigen Gebrauch. | |||
'''88.65''' Wer bei allen grundlegenden Pflichten in rechtem Verhalten feststeht, genießt hier vielerlei Freuden und gelangt danach zur höchsten Stätte Indras. | |||
'''Markandeya sprach:'''<br> | |||
'''88.66''' So unterwies Aurva, der hervorragendste Weise, Sagara. Alle Lehrschriften, die Regeln rechten Verhaltens und die häuslichen Riten | |||
'''88.67''' erklärte er dem edlen Sagara ausführlich. Es gab nichts, was Aurva ihm damals nicht dargelegt hätte: | |||
'''88.68''' die Staatskunst, die Lebensordnung der Guten und alles andere aus den Lehrschriften, was in Samhitas, Puranas und den Sammlungen der Agamas enthalten ist. | |||
'''88.69''' Alles hörte Sagara aus dem Mund des weisen Aurva. Davon habe ich euch einen ausgewählten Teil mitgeteilt, beste Zweimalgeborene. | |||
'''88.70''' Früher habe ich im Vishnudharmottara die mit Veden und Vedangas übereinstimmende Staatskunst und rechte Lebensführung im vertraulichen Zusammenhang erklärt. | |||
'''88.71''' Betrachtet beständig dieses Geheimnis Vishnus, beste Zweimalgeborene! Was andernorts nicht ausgesprochen oder nur zweifelhaft dargelegt wurde, | |||
'''88.72''' habe ich euch zur Beseitigung dieser Zweifel erklärt, Brahmanen. Ein Brahmane, der dieses Kalika genannte Purana beständig studiert, das Ungesagtes darlegt und Zweifel löst, erlangt die Frucht der Veden. | |||
Damit endet das achtundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana. | |||
===Kapitel 89=== | |||
'''Die Rishis sprachen:'''<br> | |||
'''89.1''' Aus deinem Mund haben wir in Kürze die besonderen Regeln rechten Verhaltens und der Staatskunst gehört, wie Aurva sie Sagara erklärte. | |||
'''89.2''' Ausführlicher ist die rechte Lebensordnung im Lehrwerk Vishnudharmottara zu betrachten; dank deiner Gnade werden wir sie dort kennenlernen. | |||
'''89.3''' Doch ein weiterer Zweifel ist uns geblieben, den du zuvor nicht behandelt hast. Löse ihn, bester Brahmane! Wir fragen dich, denn unsere Wissbegier ist groß. | |||
'''89.4''' In Veda und Welt heißt es, dass ein Sohnloser keinen glücklichen Weg nach dem Tod hat. Vetala und Bhairava gingen einst zur Askese ins Gebirge. | |||
'''89.5''' Zuvor waren sie unverheiratet; von ihren Söhnen haben wir nichts gehört. Wurden ihnen keine geboren, oder doch? Falls es mehrere waren, bester Zweimalgeborener, möchten wir von ihnen und ihrem erhabenen Stand genau erfahren. | |||
'''Markandeya sprach:'''<br> | |||
'''89.6''' Dass der Sohnlose keinen solchen Weg hat, gilt als feststehend, ihr Guten. Durch eigene Söhne oder die Söhne ihrer Brüder gelten Menschen als mit Söhnen versehen und gelangen zum Himmel. | |||
'''89.7''' Auch die beiden standhaften Vetala und Bhairava hatten Nachkommen, Brahmanen. Ich werde ihre Geschlechter schildern; hört zu, große Rishis! | |||
'''89.8''' Als Vetala und Bhairava die Vollendung vollständig erlangt hatten und hocherfreut zum Kailasa, Haras Wohnstätte, gekommen waren, | |||
'''89.9''' sprach Nandin auf Haras Geheiß im Verborgenen diese wahrheitsgemäßen Worte zu ihnen, Brahmanen, um sie freundlich zu belehren: | |||
'''Nandin sprach:'''<br> | |||
'''89.10''' Ihr beiden Söhne Shankaras seid ohne Söhne. Bemüht euch um die Zeugung eines Sohnes! Wer einen Sohn hat, findet überall leicht einen guten Weg. | |||
'''89.11''' Der Sohnlose erblickt die Hölle namens Put. Weder durch Askese noch durch verdienstvolles Handeln vermag er sich daraus zu befreien. | |||
'''89.12''' Allein durch die Geburt eines Sohnes entsteht Befreiung daraus. Zeugt daher Söhne mit Frauen göttlicher Herkunft. | |||
'''89.13''' Durch das Trinken von Katyayanis Milch seid ihr unsterblich geworden; darum sollen eure Söhne euch gleichen und ebenfalls unsterblich sein. | |||
'''89.14''' Zeugt also auf geeignete Weise Söhne in göttlichen Geschlechtern und kehrt bald in die Wohnstatt Shivas und Shivas Gemahlin zurück, denen ihr lieb seid! | |||
'''Markandeya sprach:'''<br> | |||
'''89.15''' Als sie Nandins Worte hörten, freuten sie sich und antworteten ihm: „Genau so werden wir handeln.“ | |||
'''89.16''' Sie bewahrten Nandins Worte stets im Herzen, wanderten hierhin und dorthin und bemühten sich darum, Söhne zu erhalten. | |||
'''89.17''' Eines Tages sah Bhairava auf einer Hochfläche des Himalaya die überaus bezaubernde Urvashi, die beste der Apsaras. | |||
'''89.18''' Von Verlangen ergriffen, bat er sie um Liebesvereinigung. Da sie eine frei verfügbare himmlische Liebesgefährtin war, stimmte sie erfreut seinem Wunsch zu. | |||
'''89.19''' Darauf vereinigte sich Bhairava mit der erfreuten göttlichen Urvashi und empfand große Freude an ihren Liebesspielen. | |||
'''89.20''' Aus Bhairavas Zeugungskraft wurde der beglückten Urvashi sogleich ein Sohn geboren, strahlend wie die junge Sonne. | |||
'''89.21''' Urvashi ließ den Sohn zurück und ging an ihren eigenen Ort. Bhairava nahm den Knaben auf und kehrte in seine Wohnstätte zurück. | |||
'''89.22''' Freudig vollzog Bhairava die Sakramente für seinen Sohn und gab ihm zusammen mit dem Herrn der Ganas den Namen Uvesha. | |||
'''89.23''' Als Uvesha herangewachsen war und wie Indra und die Sonne erstrahlte, weihte er ihn zum Herrscher über die Vidyadharas. | |||
'''89.24''' Dieser Herr der Vidyadharas heiratete die wunderschöne Tochter des Gandharva-Königs namens Dhritarashtra. | |||
'''89.25''' Mit ihr erhielt er einen schönen Sohn namens Ruru. Rurus Sohn Bahu wurde von Mainaki geboren. | |||
'''89.26''' Bahu hatte mit Charvati vier Söhne: Tapana, Angada, Ishvara und als jüngsten den schönen Kumuda. | |||
'''89.27''' Kumudas Sohn war der überaus starke Devasena. Dieser schöne Devasena stieg zur Erde hinab | |||
'''89.28''' und warb wiederholt um Keshini, die zartgliedrige, einer Apsaras gleiche Tochter Mandhatris, des Sohnes Yuvanashvas. | |||
'''89.29''' Mandhatri, Yuvanashvas Sohn, gab ihm auf Indras Wort hin bereitwillig seine Tochter Keshini. | |||
'''89.30''' Nach der Heirat verehrte Devasena gemeinsam mit Keshini Hara, den glückverheißenden Gott, in Varanasi, Shambhus Stadt. | |||
'''89.31''' Durch diese Verehrung erfreut, gewährte Hara ihm die gewünschte Gunst. Devasena erbat drei ersehnte Gaben: | |||
'''89.32''' „Solange die Sonne besteht, möge meine Nachkommenschaft fortdauern. In eben dieser Stadt mögen die Angehörigen meines Geschlechtes die Königsherrschaft ausüben. | |||
'''89.33''' Du mögest meinem Geschlecht stets gnädig sein!“ Nachdem der verdienstvolle Devasena diese Gaben empfangen hatte, | |||
'''89.34''' herrschte er durch Shankaras Gnade lange über diese Stadt. Mit Keshini zeugte Devasena Söhne. | |||
'''89.35''' Hört ihre sieben Namen: Sumanas, Vasudana, Ritudhrig, Yavana, Kriti, | |||
'''89.36''' Nila und Vivekin. Sie alle waren in sämtlichen Lehrschriften bewandert, vortreffliche Söhne Devasenas und Fortsetzer seines Geschlechtes. | |||
'''89.37''' Als die Zeit gekommen war, übergab Devasena seinen Söhnen das Reich und zog mit seiner Frau in die Welt der Vidyadharas. | |||
'''89.38''' Seine Söhne, Vasudana und die übrigen, machten Sumanas zum König und genossen herrliches Gedeihen. | |||
'''89.39''' Sumanas erhielt drei heldenhafte, sehr starke Söhne: Sumati, Virupa und Satya, die den Sinn der Lehrschriften gründlich kannten. | |||
'''89.40''' Sumati hatte eine Tochter, Satya einen Sohn namens Dindima. Virupas Sohn war Gadhi und Gadhis Sohn Mitra. | |||
'''89.41''' In diesem Geschlecht wurde Kalpa König, und aus Kalpa ging Vijaya hervor. Dieser besiegte die ganze Erde und die überaus mächtigen Könige | |||
'''89.42''' und schuf mit Indras Zustimmung den hundert Yojana großen Khandava-Wald, den später der mächtige Pandu-Sohn Savyasachin verbrannte und dadurch dem erhabenen Feuergott größte Freude bereitete. | |||
'''Die Rishis sprachen:'''<br> | |||
'''89.43''' Wie schuf Vijaya den hundert Yojana großen Khandava-Wald? Das möchten wir hören. Erzähle es, du an Askese Reicher! | |||
'''Markandeya sprach:'''<br> | |||
'''89.44''' Im Mondgeschlecht lebte ein König von großer Kraft und Tapferkeit namens Sudarshana, standhaft, schön gestaltet und mächtig. | |||
'''89.45''' Nicht weit vom Himalaya zerstörte er einen großen Wald, vertrieb Löwen und Tiger und an manchen Stellen auch die Asketen. | |||
'''89.46''' Dort gründete er eine prächtige Stadt namens Khandavi, dreißig Yojana breit und hundert Yojana lang, | |||
'''89.47''' mit hohen Mauern, Türmen und bis an die Wolken ragenden Toren, umgeben von tiefen, überaus langen Gräben. | |||
'''89.48''' Andere Krieger konnten sie nicht bezwingen. Sie war voller verschiedenartiger Menschen, mit Teichen, zahlreichen Hainen und Scharen himmlischer Frauen, | |||
'''89.49''' mit Gärten und vortrefflichen Menschen reich ausgestattet. Ihre Bewohner feierten beständig Feste und wetteiferten mit den Göttern im Himmel, | |||
'''89.50a''' erfüllt von Freude und den erlesensten Genüssen. König Sudarshana grub Kanäle und durchbrach das Erdreich, | |||
'''89.51''' sodass er die Göttin Ganga von Kanakhala nach Khandavi leitete. Sie durchströmte die Mitte Khandavis auf den von ihm gegrabenen Wegen | |||
'''89.52''' und floss in vielen Windungen zum Fluss Sita. Nachdem er sämtliche Könige besiegt und große Reichtümer zusammengetragen hatte, | |||
'''89.53''' brachte er in Khandavi mithilfe vieler Edelsteine alles unter seine Herrschaft. Aus anderen Städten ließ König Sudarshana Menschen herbeibringen | |||
'''89.54''' und nötigenfalls gewaltsam in Khandavi ansiedeln. Immer wieder besiegte er Götter, Danavas und Gandharvas im Kampf, | |||
'''89.50b''' und brachte göttliche Bäume, göttliche Edelsteine und göttliche Heilpflanzen nach Khandavi. [Die Vorlage wiederholt 50 anstelle der erwarteten 55.] | |||
'''89.56''' Vishnu aber, unzufrieden mit König Sudarshana, der Göttern und Menschen vielfach Unrecht zugefügt hatte, | |||
'''89.57''' veranlasste den siegreichen Helden Vijaya, den Herrn von Varanasi, zur Feindschaft gegen ihn und stand ihm im Krieg als Beistand zur Seite. | |||
'''89.58''' Der kraftvolle, tapfere Vijaya nutzte eine günstige Gelegenheit und unternahm einen Überfall auf König Sudarshana. | |||
'''89.59''' Sudarshana duldete diesen Angriff Vijayas nicht und zog ihm sogleich mit seinem viergliedrigen Heer zum Kampf entgegen. | |||
'''89.60''' Vijaya bestieg seinen Wagen, stellte sein viergliedriges Heer auf und wandte sich unverzüglich zum Kampf gegen Sudarshana. | |||
'''89.61''' Da entstand zwischen dem edlen Vijaya und König Sudarshana eine gewaltige Schlacht wie zwischen Vritra und Indra. | |||
'''89.62''' Der mächtige Heerführer Sudarshanas hieß Rumanvat. Er bestieg einen goldenen Wagen und zog Vijaya entgegen. | |||
'''89.63''' Sieben Akshauhinis umgaben ihn von allen Seiten. Mit erhobener Waffe zerstreute er die gesamte feindliche Streitmacht vor sich. | |||
'''89.64''' Vijayas Heerführer, der Feindbezwinger Sanjaya, griff Rumanvat und dessen Truppen mit einem Elefantenheer an. | |||
'''89.65''' Zwischen diesen beiden heldenhaften Heerführern entbrannte ein gewaltiger Kampf. Rumanvat überschüttete Sanjaya mit einem Pfeilregen | |||
'''89.66''' und stieß ein mächtiges Gebrüll aus wie ein Löwe beim Anblick eines Elefanten. Er verwundete Sanjaya mit zwanzig Pfeilen | |||
'''89.67''' und zerschnitt dessen Bogen mit einem rasiermesserscharfen Pfeil. Darauf ergriff Sanjaya einen anderen Bogen und traf ihn mit drei | |||
'''89.68''' Pfeilen; mit einem breitspitzigen Pfeil durchtrennte er sogleich seinen Bogen. Achthundert Elefanten, fünf- oder sechstausend | |||
'''89.69''' Fußsoldaten und dreitausend Pferde ringsum erschlug Sanjaya rasch mit schrecklichen Pfeilschauern. | |||
'''89.70''' Da nahm der heftig erzürnte Rumanvat einen anderen Bogen und trennte mit einem breitspitzigen Pfeil den Kopf von Sanjayas Wagenlenker ab. | |||
'''89.71''' Mit vier Pfeilen sandte er dessen vier Pferde in Yamas Reich und traf Sanjaya selbst mit fünf Pfeilen. | |||
'''89.72''' Sanjaya ergriff augenblicklich mit großer Schnelligkeit eine Keule, sprang vom Wagen und stürmte auf Rumanvat los. | |||
'''89.73''' Rumanvat schoss mit flinker Hand einen Pfeilregen auf den heraneilenden Sanjaya und suchte ihn aufzuhalten. | |||
'''89.74''' Doch dieser wehrte den Pfeilregen durch Kreisen seiner Keule ab und näherte sich Rumanvat wie ein Löwe einem großen Elefanten. | |||
'''89.75''' Als er ihn erreicht hatte, schwang Sanjaya seine schwere Keule mit aller Kraft und zerschmetterte ihn samt seinem Wagen mit einem einzigen Schlag. | |||
'''89.76''' Von der Keule getroffen stürzte der große Held zu Boden wie ein blühender Shala-Baum mitten im Wald, den der Blitz gefällt hat. | |||
'''89.77''' Als König Sudarshana Rumanvat gefallen sah, wurde er von Trauer und Zorn erfüllt, wie ein von Rauch umhülltes Feuer. | |||
'''89.78''' Sein ganzer Leib bebte, und er loderte in heftigem Zorn auf. Er bestieg einen von schnellen Pferden gezogenen, mit Tigerfell bedeckten | |||
'''89.79''' und golden verzierten Wagen, geschmückt mit einem Löwenbanner. Gerüstet ergriff er seinen Bogen und ließ die Sehne immer wieder schwirren. | |||
'''89.80''' Mit seinem Heer stürmte der König rasch gegen Sanjaya. Mit scharfen Waffen erschlug er die weit vorausgerückten Truppen seines Gegners | |||
'''89.81''' vollständig, wie der Löwe die Tiere. Eine ganze vorausmarschierende Akshauhini überaus kraftvoller Krieger | |||
'''89.82''' vernichtete er über eine Strecke von zwei Krosha wie die Sonne die Finsternis. Nach der Vernichtung dieser Akshauhini erreichte er Sanjaya | |||
'''89.83''' und verwundete ihn mit sechzig Pfeilen; mit einem weiteren durchschnitt er sein Banner. Sanjaya traf seinerseits Sudarshana mit zwanzig Pfeilen in die Brust | |||
'''89.84''' und mit einem einzelnen Pfeil kunstfertig in die Stirn. Mit einer rasiermesserscharfen Spitze durchtrennte er den Bogen des Königs, | |||
'''89.85''' und mit zehn Pfeilen verwundete der tapfere Sanjaya dessen Wagenlenker. König Sudarshana nahm darauf einen anderen Bogen | |||
'''89.86''' und überschüttete Sanjaya mit einem heftigen Pfeilregen. Zwischen ihnen entbrannte eine gewaltige Schlacht, die selbst die Weisen staunen ließ, | |||
'''89.87''' mit überaus scharfen Hand- und Wurfwaffen, wie zwischen Bali und Indra. Dann zerschnitt König Sudarshana mit einem breitspitzigen Pfeil Sanjayas festen Bogen | |||
'''89.88''' und erschlug dessen Wagenlenker mit scharfen Pfeilen. Sanjaya, der Bezwinger feindlicher Helden, lenkte seine Pferde nun selbst, | |||
'''89.89''' ergriff einen anderen Bogen, bedrängte Sudarshana, traf ihn mit zehn Pfeilen und zerschnitt auch dessen starken Bogen. | |||
'''89.90''' König Sudarshana nahm einen weiteren Bogen und sandte Sanjayas vier Zugtiere mit Pfeilen in Yamas Reich. | |||
'''89.91''' Er zerschnitt den Bogen an Sanjayas Handgriff und traf ihn selbst mit fünf Pfeilen. Seines Wagens und seiner Pferde beraubt, nahm Sanjaya Schwert und Schild | |||
'''89.92''' und stürmte heftig erzürnt gegen den König. Sudarshana zerschnitt darauf mit einem rasiermesserscharfen Pfeil sein Schwert | |||
'''89.93''' in zwei Teile und mit einem breitspitzigen Pfeil auch den Schild. Sanjaya eilte dennoch an den prächtigen Wagen heran | |||
'''89.94''' und riss Sudarshanas Wagenlenker mit beiden Händen zu Boden. Als Sanjaya dicht an den Wagen gekommen war, | |||
'''89.95''' schlug Sudarshana ihm mit dem Schwert den Kopf ab, und er stürzte zu Boden. Der mächtige Krieger fiel neben dem Wagen | |||
'''89.96''' wie ein blühender Shala-Baum im Wald, den eine Axt gefällt hat. Als Vijaya Sanjaya gefallen sah, war er außer sich vor Zorn. | |||
'''89.97''' Er ließ den Himmel von einem gewaltigen Muschelruf widerhallen und fuhr auf einem golden verzierten, mit Tigerfell geschmückten Wagen, | |||
'''89.98''' dessen Stierbanner ein halbes Yojana hoch emporragte. Umgeben von zahlreichen Wagen ließ er alle Himmelsrichtungen erschallen, | |||
'''89.99''' entsandte Pfeilschauer und näherte sich Sudarshana. Als König Vijaya, der Bezwinger feindlicher Helden, ihn erreicht hatte, | |||
'''89.100''' traf er ihn mit drei Pfeilen in die Brust und rief: „Steh, steh!“ Sudarshana traf den wie ein Elefant brüllenden Vijaya | |||
'''89.101''' mit zehn scharfen Pfeilen und zerschnitt dessen Bogen. Den seines Bogens Beraubten durchbohrte er dann mit drei Pfeilen in der Gegend des Schlüsselbeins | |||
'''89.102''' und stieß ein mächtiges Siegesgebrüll aus. Vijaya ergriff einen anderen Bogen und traf Sudarshana mit drei reiherbefiederten Pfeilen | |||
'''89.103''' ins Herz. Dann richtete der Held eine große, hellglänzende Lanze gegen diesen König, | |||
'''89.104''' unvergleichlich wie eine zornige, züngelnde Schlangenfrau, mit goldenem Schaft, sehr scharfer Spitze, mit Öl gereinigt und makellos blank. | |||
'''89.105''' Vijaya hob sie hoch und schleuderte sie gegen den Feind. Die Lanze drang in Sudarshanas Brust ein. | |||
'''89.106''' Benommen sank er mit gesenktem Gesicht auf den Wagenboden. Während König Sudarshana bewusstlos dalag, | |||
'''89.107''' erschlug Vijaya in einem einzigen Augenblick sämtliche Soldaten, die vor ihm und an seinen Seiten standen, beste Zweimalgeborene: | |||
'''89.108''' zehntausend Wagen und ebenso viele Elefanten, fünfundzwanzigtausend schnelle Pferde | |||
'''89.109''' und zweihunderttausend Fußsoldaten vernichtete er augenblicklich. Sudarshana kam wieder zu Bewusstsein, ergriff einen starken Bogen | |||
'''89.110''' und überschüttete Vijaya mit einem Pfeilregen. Nachdem er Vijaya durch diesen Pfeilschauer zurückgedrängt hatte, | |||
'''89.111''' zerschnitt er sogleich dessen gespannten Bogen mit einer breiten Pfeilspitze. Mit einem weiteren solchen Pfeil trennte er dem Wagenlenker den Kopf vom Leib | |||
'''89.112''' und sandte die vier Pferde in den Tod. Den so seines Wagens beraubten König traf er mit zehn reiherbefiederten Pfeilen | |||
'''89.113''' erneut in die Brust und brüllte laut. Vijaya, dessen Bogen zerbrochen und dessen Wagen verloren war, griff rasch zur Keule | |||
'''89.114''' und stürmte siegesbegierig gegen Sudarshana. Dieser überschüttete den heraneilenden großen Helden mit Pfeilschauern, | |||
'''89.115''' wie eine Wolke in der Regenzeit einen Berg begießt. Vijaya deckte diesen Pfeilregen mit eigenen Pfeilen ab | |||
'''89.116''' und erreichte sofort mit der Keule den auf dem Wagen stehenden Gegner. Als er den mächtigen Sudarshana erreicht hatte, | |||
'''89.117''' traf er ihn mit der Keule am Kopf und warf ihn zu Boden. Wie ein hoher Berggipfel, vom Donnerkeil gespalten, | |||
'''89.118''' stürzte König Sudarshana, von der Keule zerschmettert. Als der Held gefallen war, flohen seine Soldaten samt ihren Abteilungen | |||
'''89.119''' voller Furcht in alle Richtungen. Nachdem sein Heer zerstreut war, betrat Vijaya die Stadt Khandavi | |||
'''89.120''' und sah dort viele Ansammlungen von Gold und Edelsteinen, zu Haufen aufgetürmt wie Berge. | |||
'''89.121''' Er sah Teiche mit voll erblühten Lotussen, ringsum erfüllt vom Rufen der Schwäne und Karandava-Wasservögel, | |||
'''89.122''' Gold- und Edelsteinhaufen, ausgedehnt wie Berge, sowie blühende göttliche Bäume, umschwirrt von Bienen, | |||
'''89.123''' große weiße Paläste, Elefanten gleich dem Kailasa und vor jedem Haus voll erblühte, duftreiche Gewächse. [Die Zuordnung der letzten Satzglieder ist in der Vorlage nicht eindeutig.] | |||
'''89.124''' Mit weit geöffneten Augen betrachtete König Vijaya, der Bezwinger feindlicher Helden, die Stadt und meinte, Amaravati selbst sei auf die Erde herabgekommen. | |||
'''89.125''' Während der König die Stadt betrachtete, trat der Götterherr zu Vijaya und sprach freundlich und beschwichtigend zu ihm: | |||
'''Indra sprach:'''<br> | |||
'''89.126''' König, hier war einst ein großer Wald, belebt von Götterscharen, ein reizvoller Aufenthaltsort der Gandharvas, Yakshas und Weisen. | |||
'''89.127''' Sudarshana vertrieb die Götter und alle anderen; darauf aus, mir zu missfallen, zerstörte er diesen verborgenen Wald und vertrieb die Asketen. | |||
'''89.128''' Gewaltsam errichtete er die Stadt Khandavi. Mache du nun diesen Ort wieder zum Wald, bester Mensch! | |||
'''89.129''' Dort will ich mit Takshaka ungestört umherwandern. Durch deine Gunst wird er wieder ein unvergleichlicher Askeseort für die Weisen und eine Wohnstatt für Yakshas und Kinnaras sein, König. | |||
'''Markandeya sprach:'''<br> | |||
'''89.130''' Als Vijaya diese Worte Indras hörte, verwandelte er aus Achtung vor ihm ganz Khandavi wieder in einen Wald. | |||
'''89.131''' „Alle Bewohner sollen nach eigenem Wunsch an ihre jeweiligen Orte ziehen! Wer aber in mein Reich kommen möchte, | |||
'''89.132''' der gehe nach Varanasi, das von mir selbst beschützt wird!“ Als die Menschen seine Worte hörten, kehrten einige in ihre Heimat zurück, | |||
'''89.133''' andere gingen nach Varanasi, das Vijaya behütete. Darauf ließ Vijaya die Ansammlungen von Vermögen und Edelsteinen, jede gesondert, | |||
'''89.134''' ferner Juwelen, Gold und andere Wertstoffe mit verschiedenen Beförderungsmitteln nach Varanasi bringen. | |||
'''89.135''' Was zuvor den Gandharvas und Göttern gewaltsam geraubt worden war, Edelsteine, Bäume und anderes, erhielten diese nach freundlicher Verständigung mit Vijaya zurück | |||
'''89.136''' und brachten es hocherfreut aus Khandavi an ihre eigenen Orte. Die dreißig Yojana breite und hundert Yojana lange | |||
'''89.137''' Stadt verwandelte Vijaya binnen kurzer Zeit in einen Wald. Dort wohnte mit Indras Zustimmung Takshaka mit seinen Gefolgsleuten | |||
'''89.138''' sehr lange; der Wald war nun menschenleer. Die Götter, Gandharvas und Apsarasscharen vergnügten sich dort | |||
'''89.139''' und wünschten Vijaya beständig Sieg in den Schlachten. Als im achtundzwanzigsten Weltalter das Dvapara-Yuga zu Ende ging, | |||
'''89.140''' bat der Feuergott in Brahmanengestalt Jishnu um eine Gabe. Nachdem Pandus Sohn zugesagt hatte, die erbetene Gabe zu gewähren, | |||
'''89.141''' nahm der Feuergott seine eigene Gestalt an und sprach zu Jishnu: „Ich bin Agni, Sohn Pandus. Durch übermäßigen Genuss von Opferanteilen | |||
'''89.142''' bin ich erkrankt. Beseitige nun meine Krankheit! Wenn du mir den Wald namens Khandava mitsamt seinen Vögeln, Tieren und Rakshasas | |||
'''89.143''' zur Speise geben kannst, du Held mit weißen Pferden, wird diese Krankheit binnen kurzer Zeit von mir weichen. | |||
'''89.144''' Weil König Vijaya einst jene Stadt Khandavi zerstörte und zum Wald machte, heißt dieser Wald Khandava. | |||
'''89.145''' Von den Göttern ist der Wald zu meinem Nutzen bestimmt, du Held mit weißen Pferden. Doch wegen Indras Widerstand vermag ich ihn nicht selbst zu verzehren. | |||
'''89.146''' Darum hilf mir, Hochgesegneter, und führe mich in diesen Wald, damit ich ihn durch deine Gunst ganz verzehren kann!“ | |||
'''89.147''' Als der mächtige Savyasachin seine Worte hörte, ließ er den gesamten Wald mitsamt den Lebewesen verbrennen. | |||
'''89.148''' Von Vasudeva, Devakis Sohn, beschützt und auf das Wohl des Feuergottes bedacht, ließ er Khandava in Flammen aufgehen. | |||
'''89.149''' Hocherfreut gab Agni dem edlen Arjuna darauf den von Göttern gefertigten, zu Varuna gehörenden Bogen Gandiva, | |||
'''89.150''' zwei göttliche unerschöpfliche Köcher, vier herrliche Pferde und das große Affenbanner, in dem Hanuman gegenwärtig war, | |||
'''89.151''' sowie ein scharfes dreispitziges Schwert. Durch Jishnus Hilfe wurde Agni frei von Krankheit. | |||
'''89.152''' Mit diesen Pfeilen, diesem Bogen, diesem Schwert und Banner sowie jenem Pferdegespann und Wagen besiegte Phalguna seine Feinde. | |||
'''89.153''' So schuf König Vijaya, der im Geschlecht Bhairavas geboren und von großen Verdiensten war, den Khandava genannten Wald. | |||
'''89.154''' Vijaya hatte dreizehn sehr starke Söhne: Dyutimat, Saumyadarshin, Bhuri, Pradyumna, | |||
'''89.155''' Kratu, Tunda, Virupaksha, Vikranta, Dhananjaya, Praharsha, Prabala, Ketu und schließlich Uparichara. | |||
'''89.156''' Von ihnen wurde der zuletzt genannte Held Uparichara König. Er vollzog einst in Varanasi hunderttausend Opfer. | |||
'''89.157''' Kein anderer hochgesegneter König auf Erden hat wie Uparichara hunderttausend Opfer vollzogen; auch künftig wird es keinen solchen geben. | |||
'''89.158''' Die Kinder und Kindeskinder dieser Männer erfüllten die ganze Welt. Welcher Mensch auf Erden könnte sie selbst in langer Zeit aufzählen? | |||
'''89.159''' Nach und nach wurde diese Dreiwelt vom Geschlecht Bhairavas erfüllt. Damit habe ich euch Bhairavas Nachkommenschaft geschildert, Brahmanen. | |||
'''89.160''' Wer auch nur die Erzählung von ihnen hört, bleibt nicht ohne Sohn. Wer dieses heilige Leben Vijayas verkündet, | |||
'''89.161''' erlangt beständig Sieg und niemals Niederlage. Wer diese vortreffliche Geschichte mit gesammeltem Geist hört, dessen Geschlecht wird niemals abbrechen. | |||
Damit endet das neunundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana. | |||
===Kapitel 90=== | |||
'''Markandeya sprach:'''<br> | |||
'''90.1''' Hört nun von Vetalās Nachkommenschaft, beste Weise! Wer davon hört, wird sogleich von allen Verfehlungen befreit. | |||
'''90.2''' Daksha hatte eine Tochter namens Surabhi, die hochgesegnete Mutter der Kühe, die allen Welten Wohltat erweist. | |||
'''90.3''' Ihr wurde von Prajapati Kashyapa eine Tochter geboren, die reine Rohini, die den Menschen alle Wünsche erfüllt. | |||
'''90.44''' Rohini gebar dem überaus askesereichen Weisen Shunahshepha die als Kamadhenu bekannte, mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattete Tochter. [Die Vorlage hat hier 44 anstelle der erwarteten 4.] | |||
'''90.5''' Sie glich einer weißen Wolke; ihre vier Füße waren die vier Veden. Durch ihre vier Zitzen ließ sie Dharma, Wohlstand und Wunscherfüllung hervorströmen. | |||
'''90.6''' Diese goldleibige Kamadhenu erreichte nach langer Zeit die makellose, reizvolle Jugend. | |||
'''90.7''' Als Vetala sie, schön gestaltet und mit edlen Merkmalen versehen, auf dem Rücken des Meru umherwandern sah, wurde er von Verlangen ergriffen. | |||
'''90.8''' Kamadhenu erkannte Vetalās Verlangen und wandte sich nach der Natur der Tiere von selbst diesem Sohn des Mondträgers Shiva zu. | |||
'''90.9''' Shankaras Sohn empfand mit ihr höchste Freude, und auch sie fand, überaus beglückt, höchste Freude an ihm. | |||
'''90.10''' Aus ihrer Vereinigung empfing sie ein Junges. Als die Zeit gekommen war, gebar Kamadhenu einen großen Stier. | |||
'''90.11''' Binnen kurzer Zeit wurde er zu einem gewaltigen Stier mit großem Buckel und schönen Hörnern. | |||
'''90.12''' Er hob und bewegte beide Ohren und besaß einen langen Schweif. Mit seinem Buckel, seinen Hörnern und Ohren glich er einer weißen Wolke. | |||
'''90.13''' Die Götter sahen ihn sich bewegen wie einen weißen Berg mit seinen Gipfeln. Vetala gab ihm den Namen Shringa, Brahmanen. | |||
'''90.14''' Dieser erkenntnisreiche Shringa verehrte Ishvara. Zufrieden gewährte ihm der Herr Hara die gewünschte Gunst. | |||
'''90.15''' Er verlieh dem Stier einen göttlichen Leib und machte ihn zu seinem Reittier: überaus langlebig, stark und fähig, die Erde zu tragen. | |||
'''90.16''' Der strahlende Shringa wurde auch zum Bannerzeichen des Herrn. Weil er als Shringa dem erhabenen Shankara lieb geworden war, | |||
'''90.17''' verkündete Maheshvara seinen Ruhm unter diesem Namen. Wenn Mahadeva in Meditation versunken war, ging dieser gehörnte Stier bisweilen | |||
'''90.18''' zu Varunas Haus und vereinigte sich dort nach Herzenslust mit Surabhis Töchtern, die Schönheit und Jugend besaßen. | |||
'''90.19''' In Varunas Haus wohnen stets Kühe mit allen glückverheißenden Merkmalen, Brahmanen. Mit ihnen zeugte er wiederum Söhne | |||
'''90.20''' und zahlreiche Töchter. Ihre Kinder und Kindeskinder erfüllten die gesamte Welt; durch sie wird das Opfer ermöglicht. | |||
'''90.21''' Ghee erfreut die Götter, und die Opfer sind im Ghee gegründet. Die ganze Welt mit ihren unbeweglichen und beweglichen Wesen hängt vom Opfer ab. | |||
'''90.22''' Dieses Ghee aber hängt von den Kühen ab; darum ist alles in der Kuh gegründet. So hängt dieses ganze Weltall von den Kühen ab, beste Zweimalgeborene. | |||
'''90.23''' Diese Kühe stammen aus Vetalās Geschlecht und sind stets allen lieb. Wer beständig diese Erzählung von der Entstehung der Geschlechter des erhabenen Vetala hört, | |||
'''90.24''' wird glücklich und stark, beste Brahmanen. Seine Kühe und seine Reichtümer werden niemals zugrunde gehen. | |||
'''90.25''' Bhutas, Pishachas und ähnliche Wesen werden ihn niemals heimsuchen; Vetala selbst beschützt ihn beständig. | |||
'''90.26''' Damit habe ich euch erklärt, Brahmanen, wie Vetala und Bhairava Nachkommen zeugten, und eure Zweifel sind gelöst; | |||
'''90.27''' ebenso, wie die Göttin Kalika Shankara bezauberte, wie sie sich verkörperte und wie sie zur Hälfte von Shambhus Leib wurde. | |||
'''90.28''' Wer selbst spricht: „Kalika, dir sei Verehrung!“, hält die Befreiung in seiner Hand; auch die drei Lebensziele Dharma, Wohlstand und Wunscherfüllung stehen ihm zu Gebote. | |||
'''90.29''' So habe ich euch das heilige, Kalika genannte Purana verkündet: erfüllt von Mantras und Yantras, rein, Erkenntnis schenkend, Wünsche erfüllend und erhaben. | |||
'''90.30''' Es ist das tiefste Geheimnis in der Welt und ebenso in den Veden, Brahmanen; Götter, Gandharvas, Siddhas und andere sehnen sich stets danach. | |||
'''90.31''' Der edle Vasishtha hörte von mir dieses vortreffliche, nektargleiche Kalika-Purana und studierte es. | |||
'''90.32''' Er bewahrte es vollständig im Götterland Kamarupa im Verborgenen. Nun habe ich es euch erklärt und offenbar gemacht, große Rishis. | |||
'''90.33''' Auch ihr sollt es nicht wahllos weitergeben, sondern in der Welt stets als Geheimnis hüten. Einem Hinterlistigen, Wankelmütigen, Gottesleugner oder Menschen ohne Selbstbeherrschung, | |||
'''90.34a''' dem Hingabe und Vertrauen fehlen, soll es niemals gegeben werden. Wer aber dieses Kalika genannte Purana auch nur einmal liest, | |||
'''90.34b''' erlangt alle Wünsche und schließlich Unsterblichkeit. In wessen Haus dieses vortreffliche Purana schriftlich niedergelegt ist | |||
'''90.36''' und beständig bewahrt wird, dem entsteht kein Hindernis, Brahmanen. Wer dieses geheime, höchste Tantra Tag für Tag studiert, | |||
'''90.37''' hat damit hier sämtliche Veden studiert, beste Zweimalgeborene. Kein anderer übertrifft ihn; er ist verständig und hat seine Aufgabe erfüllt. | |||
'''90.38''' Er wird glücklich, stark und langlebig in der Welt. | |||
'''90.39''' Verehrung jenem Herrn, der die Welt beständig trägt, sie behütet und am Ende ihr Ende herbeiführt! Ob dieses Ganze Täuschung oder Nichttäuschung ist: Es ist seine Gestalt. [Das auf „seine Gestalt“ bezogene Wort ist in der Vorlage beschädigt.] | |||
'''90.40''' Er, dessen Entfaltung Urnatur und Geist sind, der im Herzen der Yogis gegenwärtig ist, Vishnu, der Herr des Purana – dieser Glückverheißende sei euch gnädig! | |||
'''90.41''' Den Ursprung, den Gewaltigen, den uralten Purusha, den anfangslosen, ewigen höchsten Herrn, den Schöpfer der Puranas, der durch Veda und Purana erkannt wird: Ihn preise ich, ihm neige ich mich am Ende dieses Purana. | |||
'''90.42''' Möge Maya euch Fülle und Segen schenken: Sie trägt die gesamte Welt, bezaubert in der Gestalt Ramas den Bezwinger Madhus und erfreut in der Gestalt Shivas Gemahlin Hara! | |||
Damit endet das neunzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana. | |||
Damit ist das ehrwürdige Kalika Purana abgeschlossen. | |||
==Spirituelle Bedeutung des Kalika Purana== | |||
'''Die Kraft, die bindet, kann zur Erkenntnis führen''' | |||
Die ersten Kapitel zeigen das Begehren mit erstaunlicher Offenheit. Die Geschichte lässt weder die Schöpfergottheit noch die Weisen außerhalb seiner Reichweite stehen. Spirituelle Reife beginnt hier nicht mit der Behauptung eigener Unberührbarkeit, sondern mit Aufmerksamkeit für die tatsächlichen Bewegungen des Geistes. | |||
Die Hymnen weiten diese Beobachtung zu einer Lehre von Maya. Die Welt bindet nicht allein deshalb, weil sie vielfältig ist. Bindung entsteht auch dadurch, dass das Bewusstsein sich in einzelnen Erscheinungen verliert und deren Ursprung vergisst. Die Verehrung der Göttin kann den Blick zurückführen: von einzelnen Wünschen zur Kraft des Wünschens, von einzelnen Erkenntnissen zum Licht des Erkennens. | |||
'''Verehrung als Verwandlung der Beziehung''' | |||
Wer die Göttin als Geduld, Mitgefühl und Freundlichkeit anruft, betrachtet diese Eigenschaften nicht mehr als nebensächliche Tugenden. Sie werden zu Orten der Begegnung mit dem Heiligen. Eine solche Verehrung bewährt sich darin, dass der Umgang mit anderen Menschen weiter, klarer und liebevoller wird. | |||
Das Ritual kann diese Haltung sammeln und ausdrücken. Eine Gabe, ein Mantra oder ein bewusst gewähltes Bild ordnet die Aufmerksamkeit. Die innere Verehrung erinnert zugleich daran, dass die Beziehung zur Devi nicht auf einen äußeren Gegenstand begrenzt ist. Das Herz ist nicht nur Empfänger einer Erfahrung, sondern auch der Ort ihrer bewussten Vertiefung. | |||
'''Einheit ohne Verlust der Vielfalt''' | |||
Die Einheit von Brahma, Vishnu und Shiva hebt ihre unterschiedlichen Aufgaben in der Erzählung nicht auf. Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bleiben unterscheidbar. Die Erkenntnis betrifft ihren gemeinsamen Grund. Darin liegt eine spirituelle Möglichkeit auch für den Alltag: Unterschiede ernst nehmen und dennoch nicht jede Verschiedenheit zur Trennung werden lassen. | |||
Die entsprechende Betrachtung im [[Pratyabhijnahridaya]] oder in den [[Shiva Sutra]] gehört jeweils in einen anderen Lehrzusammenhang. Sie kann als vergleichender Zugang dienen, ohne das Kalika Purana nachträglich zu einem Lehrbuch einer anderen philosophischen Schule zu machen. | |||
[[Datei:Meditation.Herz.Sonne.jpg|thumb|Schriftstudium, stille Betrachtung und gelebtes Mitgefühl können einander vertiefen.]] | |||
==Bedeutung für heutige Aspiranten== | |||
Ein guter Einstieg ist eine kurze, regelmäßige Lektüre. Die Strophen 5.17, 5.22 und 5.25 eröffnen drei sich ergänzende Betrachtungen: Was bedeutet Bewusstsein? Wie zeigt sich göttliche Kraft als Mitgefühl? Und worin unterscheiden sich Erkenntnis und Verhaftung in der eigenen Erfahrung? | |||
Lies zunächst den Vers, ohne ihn vorschnell auf eine vertraute Lehre zu reduzieren. Bedenke seinen Sinn und lass danach einige Minuten Stille folgen. Eine kleine, konkrete Handlung kann die Betrachtung abschließen: jemandem aufmerksam zuhören, eine Pflicht verlässlich erfüllen oder eine vorschnelle Reaktion durch Geduld ersetzen. | |||
Die umfassende Verehrung der Göttin erfordert nicht, jede historische Vorschrift unbesehen zu übernehmen. [[Viveka|Unterscheidungsvermögen]] hilft, Überlieferung, eigene Lebenssituation und verantwortliches Handeln miteinander zu verbinden. Für weiterführende [[Sadhana]] sind erfahrene Begleitung und die eigene spirituelle Tradition wesentlich. | |||
Begleitende heutige Meditationsanleitung: | |||
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==Siehe auch== | ==Siehe auch== | ||
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==Seminare== | ==Seminare== | ||
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==Multimedia== | ==Multimedia== | ||
'''Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas''' | '''Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas''' | ||
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==Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung== | |||
Grundlage sind die IAST- und Devanagari-Fassungen des ''Kālikāpurāṇam'' im Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M04002, Revision vom 27. April 2017. Als Druckvorlage ist die von Pañcānana Tarkavāgīśa herausgegebene Ausgabe, Kalkutta 1909, genannt. Die digitale Erfassung erfolgte unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Der E-Text ist mit [https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ CC BY-NC 4.0] gekennzeichnet. Deutsche Übersetzung, Erläuterungen und Gliederung sind Ergänzungen gegenüber dieser Textgrundlage. | |||
Die beiden Schriftfassungen haben dieselbe Zeilenstruktur und dieselben Zahlenfolgen. Sie sind deshalb nicht als voneinander unabhängige Bestätigung schwieriger Lesarten zu behandeln. Die Sanskritartikel bewahren auch auffällige Schreibungen und originale Nummerierungsstörungen. Diese Ausgabe beansprucht keine neue kritische Rekonstruktion des Sanskrittextes. | |||
In der deutschen Übersetzung bezeichnet eine ausdrücklich genannte Lesungsunsicherheit eine Schwierigkeit des Wortlauts; eine Deutung wird nicht als sicherer Text ausgegeben. Bei 3.33a und 3.33b werden zwei Vorkommen derselben Nummer unterschieden. 3.33a steht zwischen 3.22 und 3.24. In Kapitel 2 fehlt die Nummer 18. In 5.30 wird die gestörte Form ''takṣmīḥ'' als ''lakṣmīḥ'' verstanden. An anderen Stellen werden fehlende Wörter oder Verse nicht stillschweigend erfunden. | |||
Die Wiederholung in Kapitel 6 ist auch im deutschen Text bewahrt; Buchstabenzusätze unterscheiden gleiche Originalnummern. Ein unnummerierter Abschnitt in Kapitel 13 wird als 13.20u gekennzeichnet. Für den weiteren Text sind insbesondere die Nummerierungsstörungen in Kapitel 42 und 62 und doppelte Versnummern bis Kapitel 90 zu beachten. Eine fehlende Nummer bedeutet nicht notwendig, dass an dieser Stelle auch Text fehlt. Die vollständigen Sanskritfassungen erlauben das unmittelbare Nachlesen. | |||
Die fortlaufende deutsche Übersetzung umfasst Kapitel 1–90. Beschädigte oder nicht sicher deutbare Stellen sind lokal gekennzeichnet; der Anspruch vollständiger Textabdeckung bedeutet keine abschließende philologische Klärung jeder Lesart. In den Schlusskapiteln bleiben die wiederholten Nummern 86.118, 88.20, 89.50 und 90.34 mit Buchstabenzusätzen unterscheidbar; die auffällige Nummer 90.44 an der Stelle des vierten Verses ist beibehalten. Der Praxisartikel bietet ergänzend ausgewählte Verse und Erläuterungen. | |||
[[Kategorie:Glossar]] | [[Kategorie:Glossar]] | ||
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[[Kategorie:Schriften]] | [[Kategorie:Schriften]] | ||
[[Kategorie:Hinduismus]] | [[Kategorie:Hinduismus]] | ||
[[Kategorie:Tantra Schriften]] | |||
Aktuelle Version vom 16. September 2026, 22:15 Uhr
Das Kalika Purana (Sanskrit: कालिका पुराण, Kālikā Purāṇa) befasst sich mit der Verehrung der Göttin Kali und ihrer vielfältigen Manifestationen, wie Girija, Devi, Bhadrakali und Mahamaya. Das Purana beschreibt im Detail die Berge und Flüsse des Kamarupa Tirthas (heute Assam) und erwähnt den Tempel der Göttin Kamakshya/Kamakshi. Es verherrlicht die Göttin und beschreibt die für sie wichtigen Riten. Es gehört damit zu der Shakta Literatur, in der die Göttin als die allerschaffende Kraft des Universums gilt. Der ganze Text siehe Kalika Purana Sanskrit IAST und Kalika Purana Sanskrit Devanagari. Eine werkübergreifende Auswahl mit eigenen Erläuterungen bietet Kalika Purana 108 Verse und Mantras. Hier in diesem Artikel die volle Übersetzung dieser Purana der Dunklen Göttin.
Kalika Purana ist der Göttin Kali gewidmet und verherrlicht die Muttergöttin Kamakhya. Kalika Purana ist eine großartige Arbeit, die im 10. Jahrhundert in Assam erstellt wurde. Dieser Lobgesang enthält über neuntausend Strophen und 98 Kapitel. Diese Texte sind die einzige Arbeit, die der Göttin Kali gewidment sind. Dies ist einer der wenigen hinduistischen Texte, die das Wort "Hindu" erwähnen.
Wie schon der Name darauf hindeutet, schildert Kalika Purana die verschiedenen Formen der Göttin Parvati oder Durga oder Kali. Die verschiedenen Ausprägungen von Devi Durga sind Girija, Devi, Bhadrakali, Kali und Mahamya. Die Kalika Purana gehört zu den Shakta-Anpassungen des hinduistischen Glaubens oder zur Anbetung der weiblichen Kräfte der Gottheiten. Die Kraft dieser Verehrung wird sehr deutlich auf den ersten Seiten des Werkes beschrieben. Es berichtet über die inzestuöse Leidenschaft von Brahma für seine Tochter Sandhya, in einem Ausmaß, das sich weder in den Vayu, Linga oder Shiva Puranas wiederfindet.

Die Kalika Purana enthält Ereignisse und Verhältnisse der weit entfernten Vergangenheit. Die Hochzeit von Shiva und Parvati ist beschrieben, mit dem Opfer von Daksha, sowie der Tod von Sati. Der Text schildert anschaulich wie Shiva den toten Körper von Parvati über die Welt trägt, und deren Körperteile über die Erde verstreut werden. An den Orten, an denen die Körperteile der Devi landeten, wurden 108 Pithasthanas geboren.
Diese Fabel resultiert aus den Geburten von Bhairava und Vetala. Deren Anbetung für verschiedene Formen von Devi liefert die Gelegenheit, um im Detail die Riten und Rezepte zu beschreiben, aus denen ihre Verehrung besteht.

Kalika Purana (Sanskrit: कालिकापुराण, Kālikāpurāṇa, „Purana der Göttin Kalika“) ist eine Schrift der Shakta-Tradition, in der die göttliche Mutter als Ursprung, tragende Kraft und verwandelnde Macht des Lebens verehrt wird. Sie verbindet die Geschichten von Shiva, Sati und Parvati mit Lobpreisungen der Devi, der Verehrung Kamakhyas, tantrischem Ritual und der Beschreibung heiliger Orte. Ihre besondere Faszination liegt darin, dass dieselbe Göttin als das Licht des Bewusstseins und als Maya, als nährende Mutter und als erschütternde Kraft erscheint.

Für spirituelle Aspiranten eröffnet das Werk eine lebendige Frage: Wie kann die Welt, die uns mit ihren Wünschen und Ängsten bindet, zugleich zum Ort der Erkenntnis werden? Die Hymnen antworten, indem sie die Göttin nicht nur im Außergewöhnlichen suchen. Sie preisen sie als Geduld, Mitgefühl, Freundlichkeit, Einsicht und Frieden. So kann Yoga zu einer Hinwendung zum Göttlichen werden, die sich im eigenen Geist ebenso bewährt wie im Umgang mit anderen Menschen.
Umfang dieser Ausgabe: Der fortlaufende deutsche Text umfasst alle 90 Kapitel der zugrunde gelegten Fassung. Der Sanskrittext aller 90 Kapitel steht unter Kalika Purana Sanskrit IAST und Kalika Purana Sanskrit Devanagari. Eine werkübergreifende Auswahl mit eigenen Erläuterungen bietet Kalika Purana 108 Verse und Mantras.
Bedeutung und Einordnung
Kālikā ist ein Name der Göttin Kali; Purāṇa bezeichnet eine Überlieferung über die alte, heilige Geschichte der Welt. Die Bezeichnung lässt sich daher als „Purana über Kalika“ oder „heilige Überlieferung der Kalika“ verstehen. Die verbreitete Schreibweise „Kalika Purana“ verzichtet auf die diakritischen Zeichen der wissenschaftlichen Umschrift.
Das Werk wird den Upapuranas zugeordnet. „Neben-Purana“ bedeutet dabei keine geringe spirituelle Bedeutung, sondern bezeichnet seine Stellung außerhalb der verbreiteten Liste der achtzehn Mahapuranas. Markandeya tritt als Erzähler auf. Diese traditionelle Zuschreibung und die historische Entstehung des Textes sind verschiedene Ebenen: Ein mythologischer Sprecher ist nicht ohne Weiteres ein datierbarer Verfasser.
Historisch gehört das Kalika Purana in das mittelalterliche religiöse Umfeld von Kamarupa, dem alten Assam und seinen Nachbarregionen. Die genaue Datierung ist umstritten; häufig wird ein Entstehungszusammenhang um das 10.–11. Jahrhundert angesetzt, während einzelne Forschungsansätze frühere oder spätere Zeiträume vertreten. Die besondere Vertrautheit mit regionalen Heiligtümern, Flüssen, Bergen und der Naraka-Überlieferung erklärt seine große Bedeutung für die Religionsgeschichte dieser Region. Eine genaue Entstehungsjahreszahl wäre nicht gerechtfertigt.
Im Werk selbst greifen Shaktismus, Shaivismus und die Verehrung Vishnus ineinander. Schon die Eingangsstrophen rufen Hari und die göttliche Maya an. In den Kapiteln 11–12 wird die Einheit von Brahma, Vishnu und Shiva ausdrücklich zum Thema. Die starke Hinwendung zur Göttin schließt andere Gottesgestalten somit nicht aus.
Aufbau und zentrale Lehren
Die hier zugrunde gelegte Fassung hat 90 Kapitel. Mythologische Erzählung, philosophische Betrachtung, Lobpreis, Rituallehre und Ortsbeschreibung wechseln einander ab. Das Werk ist deshalb am besten als vielschichtige religiöse Welt zu lesen, nicht als ein durchgehend gleichförmiges Übungshandbuch.
| Bereich | Inhaltliche Orientierung |
|---|---|
| Kapitel 1–17 | Kama und Rati, die Hinwendung Shivas zu Sati, die Hochzeit sowie der Konflikt um Dakshas Opfer. |
| Kapitel 18–23 | Weitere Erzählungen um Sati, Sandhya, Chandra und die Verbindung von Vasishtha und Arundhati. |
| Kapitel 24–36 | Weltschöpfung und Weltauflösung, Varaha, Sharabha und die Frage nach dem bleibend Wesentlichen. |
| Kapitel 37–40 | Naraka und seine mit Kamarupa verbundene Geschichte. |
| Kapitel 41–51 | Weitere Shiva-Devi-Erzählungen, Ardhanarishvara und die Vorgeschichte von Vetala und Bhairava. |
| Kapitel 52–76 | Ausführliche Verehrungslehren: Mahamaya, Kamakhya, Tripura, Mantra, innere Betrachtung, Nyasa, Mudra, Schutztexte und Opfergaben. |
| Kapitel 77–90 | Weitere Heiligtümer und Erzählungen, unter anderem um Parashurama, königlichen Dharma und Nachkommenschaften; abschließend Lobpreis und Würdigung des Werkes. |
Diese Übersicht dient der Orientierung; sie ersetzt weder die einzelnen Erzählungen noch die ausführlichen Ritualabschnitte. Für den Einstieg in die spirituelle Gedankenwelt eignen sich besonders die Göttinnenhymnen in Kapitel 5 und 8, die Einheitsschau in Kapitel 11–12, die Betrachtung des Wesentlichen in Kapitel 28 sowie die Verbindung von Guru, Mantra und Herz in Kapitel 55.
Kali, Devi und Shakti
Eine Schlüsselstelle ist Brahmas Anrufung in 5.17: Die Göttin ist Bewusstsein, höchste Glückseligkeit, das Wesen des höchsten Selbst und die Kraft aller Wesen. Diese Aussage weitet den Blick über eine einzelne mythologische Gestalt hinaus. Shakti bezeichnet hier die göttliche Wirksamkeit, durch die Erkennen, Leben und Welt überhaupt möglich werden.
Zugleich bleibt die Göttin persönlich ansprechbar. Sie hört den Lobpreis, erscheint vor den Verehrenden und antwortet. Das Kalika Purana hält diese beiden Zugänge nebeneinander: philosophische Erkenntnis und liebevolle Beziehung, Jnana und Bhakti. Wer betet, muss seine Sehnsucht nicht erst in abstrakte Begriffe auflösen. Wer nach der letzten Wirklichkeit fragt, findet in der Göttin mehr als eine bloße Verkörperung menschlicher Wünsche.
In 5.25 erscheint die Eine in zwei Weisen: als Vidya, die zur Befreiung führt, und als Avidya, die Weltgebundenheit hervorruft. Maya bedeutet damit mehr als Täuschung im gewöhnlichen Sinn. Sie bezeichnet die Kraft, die Gestalten hervorbringt, Erfahrung ermöglicht und dabei zugleich die zugrunde liegende Einheit verhüllen kann.
Auch die Erscheinungsform verdient Aufmerksamkeit: In 5.52 und 8.9–10 wird Kalika dunkel, vierarmig und auf einem Löwen beschrieben, mit Schwert und blauem Lotus. Die Namen Kali, Kalika, Mahamaya und Yoganidra dürfen daher nicht automatisch auf ein einziges, heute besonders bekanntes Bildschema festgelegt werden.
Mythologie und spirituelle Symbolik
Das Kalika Purana beginnt mit Kama, der Kraft des Begehrens. Kaum erschaffen, erprobt er seine Macht an den höchsten Wesen. Selbst Brahma und die Weisen bleiben nicht unberührt. Darin liegt eine eindringliche Beobachtung: Wissen um das Richtige und tatsächliche Selbstbeherrschung sind nicht dasselbe.
Shiva erscheint zunächst als der völlig zurückgezogene Yogi. Seine Verbindung mit Sati bringt die Spannung zwischen Weltabkehr und Weltzuwendung in Bewegung. In einer heutigen spirituellen Lesart kann diese Begegnung daran erinnern, dass innere Freiheit und lebendige Beziehung einander nicht ausschließen müssen. Diese Lesart ist eine Auslegung der Erzählung, keine Behauptung, der Text erzähle ausschließlich psychologische Gleichnisse.
Auch die Natur erhält eine Stimme. Der Frühling entsteht aus einem Seufzer, Blüten und Vögel begleiten das Erwachen der Liebe. Die Welt erscheint als belebt und bedeutungsvoll. Eine solche Sicht kann die Aufmerksamkeit schulen: auf Schönheit achten, ohne sie besitzen zu müssen; Bewegung wahrnehmen, ohne das innere Zentrum zu verlieren.
Guru, Mantra und Ritual
Die tantrischen Teile des Werkes beschreiben eine strukturierte Verehrung. Dazu gehören Mantra, Mandala, Mudra, Nyasa, Darbringung und die innere Vergegenwärtigung der Göttin. Das äußere Ritual und die innere Aufmerksamkeit bilden dabei keine getrennten Welten.
Kapitel 54.10–12 führt in die Verehrung der Göttin im Herzen. In Kapitel 55.23–25 werden Guru, Mantra, eigenes Selbst und Göttin in einer zusammenhängenden Betrachtung vergegenwärtigt. 55.33 nennt das Herz den Ausgangspunkt von Meditation, Mantra, Betrachtung und Japa. Das ist für heutige Aspiranten ein hilfreicher Schwerpunkt: Wiederholung soll von Gegenwart erfüllt sein, Verehrung von einer bewussten Beziehung.
Vergleichende Lektüre kann diesen Zugang vertiefen. Kularnava Tantra behandelt die Bedeutung von Guru und spiritueller Reife; Yogini Hridaya erschließt andere Zusammenhänge innerer Göttinnenverehrung. Nitya Shodashikarnava und Vamakeshvara Tantra gehören in den weiteren Bereich der Tripura-Traditionen. Solche Querverweise eröffnen verwandte Themen, ohne die jeweiligen Systeme gleichzusetzen oder direkte literarische Abhängigkeiten zu behaupten.
Historische Opferformen
Zum Kalika Purana gehören auch ausführliche Vorschriften über Blut- und Tieropfer sowie Passagen über Menschenopfer. Sie dürfen in einer zuverlässigen Darstellung weder verschwiegen noch insgesamt als bloße Metaphern umgedeutet werden. Sie bezeugen historische religiöse Vorstellungen und ritualtheologische Rechtfertigungen. Die Darstellung dieser Vorschriften ist keine Empfehlung ihrer Ausführung.
Für eine heutige, an Ahimsa orientierte Yoga-Praxis bieten die Hymnen, die geistige Verehrung und die Betrachtung von Mitgefühl und Erkenntnis eigenständige Zugänge. Komplexe, initiationsgebundene Ritualverfahren werden nicht durch das Lesen eines Wiki-Artikels zu einer allgemeinen Selbstpraxis.
Yoga und Meditation
Meditation ist im Kalika Purana mehr als Vorbereitung auf eine Gottesschau. Sie ist auch der Weg, auf dem Shiva die Nichtverschiedenheit der göttlichen Gestalten unmittelbar erkennt. Die Belehrung mündet in Versenkung: Der Gedanke wird zur Anschauung.
Der achtgliedrige Yoga wird in 5.44 und 28.6 angesprochen. Seine Verbindung mit der Frage nach der ewigen Wirklichkeit zeigt, dass Dharana, Dhyana und Samadhi in einen umfassenden Weg der Läuterung und Erkenntnis gehören. Die Göttinnenverehrung steht dazu nicht notwendig im Gegensatz.
Bei der feinstofflichen Anatomie ist genaues Lesen besonders wichtig. Kapitel 55.29–33 beschreibt Zentren und die Verbindung von Ida, Pingala und Sushumna in einer Anordnung, die nicht einfach dem heute verbreiteten Sieben-Chakra-Schema entspricht. Das dortige ṣaṭcakra ist aus dem Zusammenhang zu verstehen; es darf nicht überall mechanisch als „die sechs Chakras“ übersetzt werden. Auch Begriffe wie Kundalini oder ein modernes System von Pranayama dürfen nicht an jede Erwähnung von Atem, Licht oder Kraft herangetragen werden.
Die folgende Anleitung zeigt eine heutige Yoga-Vidya-Praxis der Chakra-Energie-Meditation. Sie illustriert einen gegenwärtigen Zugang und ist keine Rekonstruktion der Ritualpraxis des Kalika Purana.
Deutsche Übersetzung des Kalika Purana
Die Kapitel- und Versangaben folgen der Sanskritfassung. Zusammenhängende Sätze können über mehrere nummerierte Verse reichen. Fehlende Nummern werden nicht durch erfundene Verse aufgefüllt; doppelte Nummern erhalten nur dort einen erläuternden Zusatz, wo dies zur eindeutigen Orientierung nötig ist.
Kapitel 1
Die Entstehung Kamas
1.1 Möge euch das Paar der Lotusfüße Haris läutern: Yogis mit ganz geläutertem Geist nahen ihm und verehren es, weil es die Angst und den Schmerz des Werdens vernichten kann. Als es sich offenbarte, überschritt es mit seinen Schritten Erde, Zwischenraum und Himmel.
1.2 Möge sie euch beschützen, die im Herzen aller Yogis wie die Sonne das Dunkel der Unwissenheit vertreibt und den Asketen Befreiung schenkt: die Maya des allmächtigen Herrn, welche die Schar der Geschöpfe bei ihrer Geburt verblendet und unrechte Einsicht vernichtet. Die Schlusswendung des Sanskritverses ist sprachlich gestört.
1.3 Nachdem ich mich vor dem ursprünglichen Herrn der Welten, dem höchsten Purusha, verneigt habe, will ich das Kalika genannte Purana verkünden, das von ewigem Wissen erfüllt ist.
1.4 Die Weisen, angeführt von Kamatha, verneigten sich vor Markandeya, dem hervorragenden Seher, der am Himalaya weilte, und fragten ihn:
Die Weisen sprechen:
1.5 Erhabener, du hast die Lehrschriften ihrem wahren Gehalt nach und ebenso sämtliche Veden mit ihren Hilfswissenschaften erläutert und dabei ihren wesentlichen Gehalt herausgearbeitet. Der Wortlaut enthält eine kleine Textbeschädigung.
1.6 Jeden Zweifel, der uns hinsichtlich der Veden und Lehrschriften gekommen war, hast du beseitigt, o Brahmane, wie die Sonne eine Masse von Dunkelheit vertreibt.
1.7 Du Hervorragender unter den Langlebigen, durch deine Gnade, bester der Zweimalgeborenen, sind unsere Zweifel an Veda und Lehrschrift vollständig geschwunden.
1.8 Unser Ziel ist erreicht, o Brahmane: Von dir haben wir die gesamte Lehre des Dharma samt ihren Geheimnissen gelernt, wie sie der Selbstgeborene verkündete.
1.9 Nun möchten wir weiter hören, wie Kali einst in der Gestalt Satis den asketischen Herrn Hara bezauberte.
1.10 Wie brachte sie Hara in Bewegung, der stets in Meditation ruhte, sich beherrschte, der Beste der Asketen war und dem Weltleben entsagt hatte?
1.11 Wie wurde die schöne Sati unter Dakshas Frauen geboren? Wie fasste Hara den Entschluss, eine Ehe einzugehen?
1.12 Wie gab Sati einst wegen Dakshas Zorn ihren Körper auf? Wie wurde sie als Tochter des Himavat geboren, und wie kehrte sie wieder zurück?
1.13 Wie nahm sie darauf die Hälfte des Körpers des Feindes des Liebesgottes ein? Erzähle uns dies alles ausführlich, bester der Zweimalgeborenen.
1.14 Es gibt keinen anderen, der Zweifel so auflösen könnte wie du, und es wird auch keinen geben. Lass uns dies verstehen, bester Brahmane, du Kenner des Selbst.
Markandeya spricht:
1.15 Hört alle, ihr Weisen, das Geheimste der Geheimnisse: heilig, heilbringend und höchst erhaben, schenkt es Erkenntnis und die Erfüllung von Wünschen.
1.16 Einst erklärte Brahma dies dem großen Narada, als dieser ihn danach fragte. Narada wiederum lehrte es die Valakhilyas.
1.17 Die großen Valakhilyas erzählten es dem Seher Yavakrita; dieser gab es an Asita weiter.
1.18 Asita hat es mir ausführlich erklärt, ihr Brahmanen. Ich werde euch diese uralte Geschichte erzählen, nachdem ich mich vor dem höchsten Selbst, dem Herrn der Welt mit dem Diskus in der Hand, verneigt habe.
1.19 Verehrung dem Schöpfer, dessen Wesen das Offenbare und das Unoffenbare ist, in dem Seiendes und Nichtseiendes Gestalt annehmen, der grobstofflich und feinstofflich ist und die ganze Welt als Gestalt hat.
1.20 Verehrung dem Ewigen, dem ewigen Wissen, dem unveränderlichen Licht, dessen Wesen Wissen und Nichtwissen umfasst und der als Zeit erscheint.
1.21 Verehrung dem Makellosen, der frei von den sechs Wogen und anderen Bedrängnissen ist, dem Leidenschaftslosen, Allgegenwärtigen, der als Welt erscheint und Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkt.
1.22 Ich verneige mich vor jenem, den die Yogis, die über die letzte Wahrheit des Vedanta nachdenken, im Innersten als das höchste Licht betrachten.
1.23 Indem er ihn verehrte, erschuf der erhabene Brahma, der Großvater der Welt, sämtliche Geschöpfe: Götter, Asuras, Menschen und die übrigen Wesen.
1.24 Er schuf nach der Ordnung die Stammväter, angefangen mit Daksha, sowie Marichi, Atri, Pulaha, Angiras und Kratu.
1.25 Als er Pulastya, Vasishtha, Narada, Prachetas und Bhrigu hervorgebracht hatte, seine zehn geistgeborenen Söhne, entstand in seinem Geist eine Frau von vollendeter Schönheit.
1.26 Sie wurde unter dem Namen Sandhya bekannt; der Text verbindet sie auch mit Abenddämmerung und Gayatri. Eine Frau von solcher Fülle guter Eigenschaften gab es weder in der Götterwelt noch auf Erden oder in der Unterwelt, und in keiner der drei Zeiten würde es eine geben. Die Namenswendung ist beschädigt.
1.27 Mit ihrem von Natur aus schönen dunklen Haar glänzte sie, ihr besten Zweimalgeborenen, wie ein Pfau in der Regenzeit mit seinem farbenreichen Gefieder.
1.28 Ihre leicht rötlich helle Stirn, von Locken bis zu den Ohren eingefasst, glänzte schön wie Indras Bogen und die junge Mondsichel. Die Beschreibung der Stirn ist im Sanskrit nicht vollständig klar.
1.29 Ihre beiden dunklen Augen, blühenden blauen Lotusblumen gleich, leuchteten und bewegten sich wie die einer scheuen Gazelle.
1.30 Ihr schönes, von Natur aus bewegliches dunkles Brauenpaar reichte weit zu den Ohren und glich dem Bogen des Liebesgottes mit dem Fischbanner.
1.31 Ihre lange, hohe Nase erhob sich aus der Vertiefung unter der Mitte der Brauen. Einer Sesamblüte gleich schien sie die Schönheit der Stirn herabströmen zu lassen.
1.32 Ihr Antlitz glich einem roten Lotus und strahlte wie der volle Mond. Durch die Röte ihrer Lippen, gleich Bimba-Früchten, bezauberte es die Liebenden.
1.33 Ihre beiden Brüste schienen sich zu erheben, um ihr von Schönheit und Anmut erfülltes Gesicht bis zum Kinn zu erreichen.
1.34 Sie waren voll und hoch, eng beieinander, Lotusknospen gleich und an den Spitzen dunkel; selbst Asketen konnten sie bezaubern.
1.35 Ihre schmale, von Hautfalten gezeichnete Mitte schien sich mit einer Hand umfassen zu lassen. Alle sahen darin gleichsam eine Waffe des aus dem Geist geborenen Liebesgottes.
1.36 Ihre beiden Schenkel waren oben kräftig und langgestreckt, weich und anmutig; sie glichen sich herabneigenden Elefantenrüsseln.
1.37 Ihre beiden Füße waren rot wie Landlotusse, mit schönen Fersen und blütenblattartigen Zehen, gleich den Pfeilen des Gottes mit den Blumenwaffen.
1.38 Sie war schlank und schön anzusehen, mit zartem Körperhaar, leicht schweißbedecktem Gesicht, langen Augen und einem anmutigen Lächeln.
1.39 Als der Schöpfer diese schöne Frau mit ihren wohlgeformten Ohren, drei vertieften und sechs erhobenen Körpermerkmalen sah, stand er auf und bedachte sie in seinem Herzen.
1.40 Auch die Schöpfer mit Daksha an der Spitze und die geistgeborenen Söhne, angefangen mit Marichi, betrachteten sie voller Erwartung, als sie die herrlich Schöne sahen.
1.41 Alle überlegten gespannt: Welche Aufgabe wird sie in der Schöpfung erfüllen, und wem wird diese schöne Frau zugehören?
1.42 Während Brahma so nachdachte, ihr hervorragenden Weisen, trat aus seinem Geist ein anmutiger Mann hervor.
1.43 Er schimmerte gelb wie Goldstaub, hatte eine breite Brust und eine schöne Nase, wohlgerundete Schenkel, Hüften und Unterschenkel sowie dunkles Haar. Seine Brauen lagen eng beieinander; er war lebhaft, und sein Gesicht glich dem Vollmond.
1.44 Seine breite Brust war mit einer Reihe von Haaren geschmückt. Seine vollen, gleichmäßig geformten Arme glichen hellen Elefantenrüsseln. Hände, Augen, Gesicht, Füße und Nägel waren rötlich.
1.45 Er hatte eine schmale Mitte, schöne Zähne und den kräftigen Nacken eines Elefanten in der Brunft. Seine Augen glichen entfalteten Lotusblättern; Blütenduft erfüllte die Nase. Sein Hals war muschelförmig, sein Banner trug einen Fisch, und er ritt auf einem Makara.
1.46 Schnell war er, mit fünf Blumenpfeilen bewaffnet und mit einem Blumenbogen geschmückt. Schön anzusehen, ließ er seine beiden Augen in Seitenblicken wandern.
1.47 Duftender Wind umgab ihn, und die Stimmung der Liebe begleitete ihn. Als Daksha und die geistgeborenen Söhne ihn so sahen,
1.48 wurden die zehn, Marichi und die anderen, von Staunen ergriffen. Große Erregung entstand in ihnen, und ihr Geist geriet in Bewegung.
1.49 Auch jener Mann erblickte den Schöpfer, den Herrn der Welten. Er verneigte sich und sprach mit demütig gesenktem Haupt:
Der Mann spricht:
1.50 Brahma, welche Aufgabe soll ich erfüllen? Weise mir eine rechtmäßige Tätigkeit zu; denn ein Mensch bewährt sich in einer Aufgabe, die ihm entspricht.
1.51 Bestimme einen passenden Namen für mich, meinen Aufenthaltsort und meine Gemahlin, Herr der Welt; denn du bist der Schöpfer der Welten.
Markandeya spricht:
1.52 Nachdem er die Worte dieses bedeutenden Mannes gehört hatte, sprach Brahma einen Augenblick lang nicht: Selbst über sein eigenes Geschöpf war er erstaunt.
1.53 Dann sammelte er seinen Geist, legte das Staunen ganz ab und erklärte dem Mann, zu welcher Aufgabe er bestimmt sei.
Brahma spricht:
1.54 Bezaubere durch diese schöne Gestalt und durch deine fünf Blumenpfeile Männer und Frauen und bringe so die immer wiederkehrende Schöpfung hervor.
1.55 Kein Gott, kein Gandharva, kein Kinnara und keine große Schlange, kein Asura, kein Daitya, kein Vidyadhara und kein Rakshasa,
1.56 kein Yaksha, kein Pishacha, kein Bhuta und kein Vinayaka, kein Guhyaka, kein Siddha, kein Mensch und kein Vogel,
1.57 kein Haustier, kein wildes Tier, kein Insekt, kein fliegendes und kein im Wasser lebendes Wesen wird außerhalb der Reichweite deiner Pfeile sein.
1.58 Ich selbst, Vasudeva und selbst der höchste Sthanu werden unter deiner Macht stehen – was soll man da von den übrigen Lebewesen sagen?
1.59 Tritt in unsichtbarer Gestalt stets in die Herzen der Geschöpfe ein. Werde selbst zum Anlass ihrer Freude und führe die immer wiederkehrende Schöpfung fort.
1.60 Der Geist soll stets das wichtigste Ziel deines Blumenpfeils sein. Du wirst allen Lebewesen Erregung und Freude bringen.
1.61 Damit habe ich dir deine Aufgabe genannt, die den Fortgang der Schöpfung bewirkt. Auch einen Namen werde ich dir noch nennen, der zu dir passt.
Markandeya spricht:
1.62 Nachdem der höchste Gott dies gesagt hatte, blickte er in die Gesichter seiner geistgeborenen Söhne und setzte sich sogleich wieder auf seinen Lotussitz.

Kapitel 2
Kama erprobt seine Macht
Markandeya spricht:
2.1 Darauf fanden die Weisen mit Marichi und Atri an der Spitze, die Brahmas Absicht verstanden, einen Namen, der zu jenem passte.
2.2 Allein aus Brahmas Blick erkannten auch die Schöpfer mit Daksha an der Spitze, was darüber hinaus zu tun war, und bestimmten seinen Aufenthaltsort und seine Gemahlin.
2.3 Nachdem sie sich auf die Namen geeinigt hatten, sprachen Marichi und die anderen Brahmanen gemeinsam zu diesem Mann:
Die Rishis sprechen:
2.4 Weil du bei deiner Geburt unseren Geist und den Geist des Schöpfers aufgewühlt hast, wirst du in der Welt unter dem Namen Manmatha, der den Geist Aufwühlende, bekannt sein.
2.5 Du verkörperst das Begehren in den Welten; niemand kommt dir gleich. Darum sei auch unter dem Namen Kama bekannt, du aus dem Geist Geborener.
2.6 Weil du berauschst, heißt du Madana, und durch deinen Übermut gegenüber Shambhu Darpaka. Auch unter dem Namen Kandarpa wirst du in der Welt bekannt werden.
2.7 Die Waffen Vishnus, Rudras und Brahmas besitzen nicht jene Macht, die deinen Pfeilen zukommen wird.
2.8 Himmel, Erde, Unterwelt und die ewige Welt Brahmas sind alle deine Wohnstätten; denn du durchdringst alles. Was bedarf es vieler Einzelheiten? Überhaupt niemand kommt dir gleich.
2.9 Überall, wo Lebewesen, Gras oder Bäume sind, soll dein Aufenthaltsort sein, bis hinauf zum Sitz Brahmas.
2.10 Daksha, der erste der Stammväter, wird dir selbst eine schöne Gemahlin geben, so wie du sie wünschst, du hervorragender Mann.
2.11 Und dieses schöne Mädchen, das aus Brahmas Geist geboren ist, wird in allen Welten unter dem Namen Sandhya bekannt sein.
2.12 Weil diese herrliche Frau entstand, als Brahma sich ganz in Betrachtung versenkte, wird ihr Name in dieser Welt Sandhya sein.
Markandeya spricht:
2.13 Nachdem die Weisen dies gesagt hatten, schwiegen sie. Vor Brahma stehend, blickten sie demütig geneigt in sein Antlitz.
2.14 Darauf ergriff Kama seinen aus Blumen entstandenen Bogen, der Unmadana, der Erregende, genannt wird und sich wie die Braue einer schönen Frau biegt.
2.15 Dazu nahm er seine fünf Blumenwaffen: Harshana, den Erfreuenden, Rochana, den Anziehenden, Mohana, den Verblendenden, Shoshana, den Auszehrenden,
2.16 und Marana, den Tötenden. Sie können selbst Weise betören. In unsichtbarer Gestalt fasste er dort einen Entschluss:
2.17 Die beständige Aufgabe, die Brahma mir übertragen hat, werde ich gleich hier erfüllen, in Gegenwart des Schöpfers und der Weisen.
Die Nummer 18 fehlt in der Textfassung; ein eigenständiger Vers wird hier nicht ergänzt.
2.19 Hier stehen die Weisen und der Stammvater selbst, und auch Sandhya ist hier. Soeben hat Brahma gesagt:
2.20 „Ich, Vishnu und Hara stehen unter der Macht deiner Waffen; was soll man da von den anderen Geschöpfen sagen?“ Dieses Wort will ich wahr machen.
Markandeya spricht:
2.21 Nachdem der aus dem Geist Geborene dies erwogen und beschlossen hatte, legte er die Pfeile an die Blumensehne seines Blumenbogens.
2.22 Kama, der beste der Bogenschützen, nahm die Alidha-Stellung ein und spannte den Bogen mit Kraft, bis dieser kreisförmig wurde.
2.23 Als der Bogen gespannt war, wehten dort wohlriechende Winde, die tiefe Freude hervorriefen, ihr hervorragenden Weisen.
2.24 Darauf bezauberte der Bezaubernde Brahma und sämtliche geistgeborenen Söhne, einen nach dem anderen, mit seinen Blumenpfeilen.
2.25 Die Weisen und der viergesichtige Brahma wurden betört; zuerst geriet ihr Geist ein wenig in Unruhe.
2.26 Immer wieder blickten sie erregt auf Sandhya. Ihr Begehren wuchs, denn – so schildert es die Erzählung – die Frau steigerte ihre Erregung.
2.27 Madana betörte sie wieder und wieder, bis ihre Sinne in Bewegung gerieten.
2.28 Als der Schöpfer mit erregten Sinnen auf sie blickte, entstanden an ihrem Körper neunundvierzig Ausdrucksweisen.
2.29 Sandhya, von Kandarpa getroffen, zeigte Gebärden wie spielerische Zurückweisung sowie die vierundsechzig Künste.
2.30 Während sie von ihnen betrachtet wurde, vollführte sie immer wieder die durch Kamas Pfeile hervorgerufenen Gesten, etwa Seitenblicke und das Verhüllen des Körpers.
2.31 Sandhya, von Natur aus schön, glänzte durch diese vom Liebesgott hervorgerufenen Regungen umso mehr, wie der Himmelsstrom mit seinen kleinen Wellen.
2.32 Als der Stammvater Sandhya mit diesen Ausdrucksweisen betrachtete, wurde sein Körper von Schweiß bedeckt, und Verlangen entstand in ihm.
2.33 Auch die Weisen Marichi und Atri sowie Daksha und die übrigen besten Brahmanen erfuhren die Erregung ihrer Sinne.
2.34 Als Madana Brahma, Daksha, Marichi und die anderen sowie Sandhya in diesem Zustand sah, gewann er Vertrauen in seine Aufgabe.
2.35 „Die Aufgabe, die Brahma mir übertragen hat, kann ich tatsächlich erfüllen!“ Dieser Überzeugung gab er sich hin.
2.36 Da erblickte Shambhu vom Himmelsraum aus Brahma, Daksha und die geistgeborenen Söhne in diesem Zustand und lachte sie aus.
2.37 Immer wieder lachte der Gott mit dem Stierbanner über sie, rief ihnen spöttisches Lob zu und sprach, um sie zu beschämen:
Ishvara spricht:
2.38 Ach, Brahma! Wie konnte in dir Begehren entstehen, als du deine eigene Tochter sahst? Das ziemt sich nicht für diejenigen, die dem Veda folgen.
2.39 Wie die Mutter, so ist die Schwester; wie die Schwester, so die Tochter. So lautet die von deinem eigenen Mund verkündete Ordnung des vedischen Weges. Wie konnte bloßes Begehren dich dies vergessen lassen?
2.40 Brahma, du Viergesichtiger, diese ganze Welt beruht auf deiner Standfestigkeit. Wie konnte sie durch das geringe Begehren erschüttert werden?
2.41 Und warum werden Daksha, Marichi und die anderen geistgeborenen Söhne begierig nach Frauen, obwohl sie sich ganz dem Yoga widmen und stets göttliche Schau besitzen?
2.42 Wie konnte auch der unverständige Kama, der seine Aufgabe gerade erst erhalten hat, euch zu Zielscheiben machen, ohne Zeit und Gelegenheit zu berücksichtigen?
2.43 Schande über den Weisen, dessen Festigkeit von einer begehrten Frau gewaltsam fortgezogen wird und dessen Geist dadurch in Unbeständigkeit versinkt!
Markandeya spricht:
2.44 Als der Herr der Welt diese Worte des Herrn der Berge hörte, wurde er vor Scham sogleich von doppelt so viel Schweiß bedeckt.
2.45 Der Viergesichtige zügelte die Erregung seiner Sinne und ließ von Sandhya, der Gestalt des Begehrens, ab, obwohl er sich mit ihr verbinden wollte.
2.46 Aus dem Schweiß, der von seinem Körper fiel, entstanden die Ahnenscharen der Agnishvattas und Barhishads.
2.47 Sie alle waren dunkel wie aufgebrochene Augensalbe und hatten Augen wie entfaltete Lotusse: hochheilige, ganz enthaltsame Wesen, die sich vom Weltleben abgewandt hatten.
2.48 Die Agnishvattas werden als vierundsechzigtausend, die Barhishads als sechsundachtzigtausend beschrieben, ihr Brahmanen.
2.49 Aus dem Schweiß, der von Dakshas Körper auf die Erde fiel, entstand eine herrliche Frau, mit allen guten Eigenschaften ausgestattet.
2.50 Sie war von schlanker Gestalt und schmaler Mitte, mit zartem Körperhaar, schönen weichen Gliedern und schönen Zähnen; sie strahlte wie erhitztes Gold.
2.51 Sechs der Weisen, angefangen mit Marichi, beherrschten die Regung ihrer Sinne; ausgenommen waren Kratu, Vasishtha, Pulastya und Angiras. Der Name Kratu ist in der Textfassung beschädigt.
2.52 Aus dem, was von diesen vier, Kratu und den anderen, auf die Erde fiel, entstanden weitere Scharen der Ahnen.
2.53 Sie heißen Somapas, Ajyapas und Sukalins; auch die Havirbhujas gehören dazu. Sie alle werden als Empfänger der Ahnengaben bezeichnet.
2.54 Die Somapas sind die Söhne Kratus, die Sukalins die Vasishthas, die Ajyapas die Pulastyas und die Havishmants die Söhne des Angiras.
2.55 So entstanden die Agnishvattas und die übrigen Gruppen der Weltenahnen als Empfänger der Opfergaben.
2.56 Brahma ist der Großvater aller Wesen. Sandhya wurde zur Stammmutter der Ahnen, weil ihr Anblick der Anlass ihrer Entstehung war.
2.57 Durch Shankaras Worte beschämt, wurde der Großvater plötzlich zornig auf Kandarpa; sein Gesicht verzog sich, und seine Brauen zogen sich zusammen.
2.58 Manmatha hatte seine Absicht schon zuvor erkannt. Aus Furcht vor Pashupati und Brahma zog er seine Pfeile rasch zurück.
2.59 Hört nun gesammelt und in Ruhe, ihr besten Zweimalgeborenen, was der von Zorn erfüllte Brahma, der Großvater der Welt, darauf tat.
Kapitel 3
Rati und der Liebesgott
Markandeya spricht:
3.1 Vom Zorn ergriffen, loderte der lotusgeborene Herr der Welt heftig auf wie ein Feuer, das alles verbrennen will.
3.2 Er sprach zum Herrn: Weil Kama mich vor deinen Augen mit seinen Blumenpfeilen angegriffen hat, soll er die entsprechende Frucht erfahren, du Erhabener.
3.3 Mahadeva, der durch seinen Stolz verblendete Kandarpa wird eine äußerst schwierige Tat unternehmen und dann vom Feuer deines Auges verbrannt werden.
3.4 So verfluchte der Schöpfer selbst Kama vor den Augen Shivas, dessen Haar der Himmel ist, und der selbstbeherrschten Weisen.
3.5 Als der Herr der Rati diesen entsetzlichen Fluch hörte, erschrak er, legte sogleich seine Pfeile ab und trat sichtbar hervor.
3.6 Zu Brahma, bei dem Daksha und Marichi standen, sprach er die Wahrheit, vor Furcht stammelnd; denn Furcht beeinträchtigt die Fähigkeiten.
Manmatha spricht:
3.7 Brahma, warum hast du mich so schrecklich verflucht, obwohl ich dir gegenüber ohne Schuld bin, Herr der Welt, der du dem Weg der Gerechtigkeit folgst?
3.8 Du selbst hast mir die Aufgabe genannt, die ich erfüllen sollte, Herr. Dafür verdiene ich keinen Fluch; denn etwas anderes habe ich nicht getan.
3.9 Du hast gesagt: „Ich, Vishnu und Shambhu befinden uns alle in der Reichweite deiner Pfeile.“ Eben dies habe ich erprobt.
3.10 Ich habe mich dabei nicht vergangen, Brahma. Mildere diesen schrecklichen Fluch, der mich Schuldlosen trifft, Herr der Welt!
Markandeya spricht:
3.11 Als der Schöpfer, der Herr der Welten, diese Worte hörte, antwortete er Madana, der sich beherrschte, mit erwachendem Mitgefühl:
Brahma spricht:
3.12 Sandhya ist meine Tochter. Weil du mich ihr gegenüber zum Ziel gemacht hast, habe ich diesen Fluch ausgesprochen.
3.13 Mein Zorn hat sich nun gelegt, du aus dem Geist Geborener. Ich will dir sagen, auf welche Weise dein Fluch gemildert werden wird.
3.14 Madana, nachdem du durch das Feuer aus Bhargas Auge zu Asche geworden bist, wirst du durch seine Gnade wieder einen Körper erlangen.
3.15 Wenn Hara, der große Gott, die Ehe eingeht, wird er selbst dir wieder einen Körper verleihen.
Markandeya spricht:
3.16 Nachdem Brahma, der Großvater der Welt, so zu Madana gesprochen hatte, verschwand er vor den Augen der großen Weisen und der geistgeborenen Söhne.
3.17 Als der Schöpfer aller Wesen verschwunden war, begab sich Shambhu mit der Geschwindigkeit des Windes an einen Ort seiner Wahl. Im letzten Halbvers steht eine bereits in der Textgrundlage unsichere Namenslesung.
3.18 Nachdem Brahma verschwunden und Shambhu an seinen eigenen Ort gegangen war, sprach Daksha zu Kandarpa und zeigte ihm seine Gemahlin.
Daksha spricht:
3.19 Kandarpa, diese Frau ist aus meinem Körper entstanden und hat an meiner Gestalt und meinen Eigenschaften Anteil. Nimm sie zur Gemahlin; in ihren Vorzügen entspricht sie dir.
3.20 Sie wird dir, du Strahlender, stets Gefährtin sein und sich nach deinen Wünschen richten, dem Dharma entsprechend.
Markandeya spricht:
3.21 Mit diesen Worten stellte Daksha die aus seinem Schweiß entstandene Frau vor Kandarpa, gab ihr den Namen Rati und übergab sie ihm.
3.22 Als Madana die bezaubernde Frau namens Rati sah, wurde er selbst gleichsam von seinem eigenen Pfeil getroffen; von Rati beglückt, geriet er in Verzauberung.
3.33a Sie war hell wie ein Blitz und hatte Gazellenaugen. Mit ihren beweglichen Seitenblicken erschien die Braut ihm wie eine Gazelle. Dieser Vers steht zwischen 3.22 und 3.24 und trägt in der Textfassung die Nummer 33; hier wird er zur Unterscheidung als 33a bezeichnet.
3.24 Als Madana ihr Brauenpaar sah, fragte er sich: Hat der Schöpfer meinen berauschenden Bogen hier eingesetzt?
3.25 Als er die Schnelligkeit ihrer Seitenblicke sah, verlor er das Vertrauen in die Schnelligkeit und Schönheit seiner eigenen Waffen.
3.26 Als Madana ihren von Natur aus duftenden, sanften Atem roch, verlor er seine Bewunderung für den Wind vom Malaya-Gebirge.
3.27 Er sah ihr vollmondgleiches Gesicht, von den Brauen wie von einem Mondmal gezeichnet, und konnte zwischen ihrem Antlitz und dem Mond keinen Unterschied finden.
3.28 Ihre beiden Brüste glichen Knospen goldener Lotusblumen; mit den beiden Spitzen erschienen sie wie von Bienen besuchte Blüten.
3.29 Zwischen ihren festen, vollen, hochgewölbten Brüsten verlief bis zum Nabel eine feine, schöne und langgezogene Haarlinie.
3.30 Als Kama diese betrachtete, vergaß er die aus einer Bienenreihe gebildete Sehne seines Blumenbogens.
3.31 Ihr tiefer Nabel war ringsum eingefasst; Gesicht und Augen erscheinen in diesem Vers in einem Bild von roten Lotussen. Die genaue Verknüpfung der Bildteile ist in der überlieferten Lesung unklar.
3.32 Mit ihrer schmalen Mitte und dem natürlichen Goldglanz ihres Körpers erschien sie Kama wie ein mit Juwelen geschmückter Altar.
3.33b Ihre beiden weichen, glatten, langen Schenkel, Bananenstämmen gleich, betrachtete Kama als ebenso bezaubernd wie seine eigene Macht. Zweites Vorkommen der Nummer 33.
3.34 Ihre beiden Füße mit ihren rötlichen Fersen, Spitzen und Rändern erschienen dem aus dem Geist Geborenen wie eine sichtbare Verkörperung der Liebe.
3.35 Ihre beiden Hände waren bezaubernd: mit roten, Kinshuka-Blüten ähnlichen Nägeln und runden, an den Enden feinen Fingern.
3.36 Als Smara dies sah, dachte er: Will sie mich etwa mit meinen eigenen, verdoppelten Waffen bezaubern?
3.37 Ihre beiden schönen Arme, lang wie Lotusstängel, glänzten weich und glatt wie Ströme von Anmut.
3.38 Ihr schönes, dem Liebesgott liebes Haar war dunkel wie eine Regenwolke und glänzte wie ein dichter Yakhaarschweif.
3.39 Madana erblickte die höchst bezaubernde Göttin Rati wie einen Strom, erfüllt von den Wassermassen der Schönheit, mit Lotusknospen ihrer Brüste,
3.40 mit ihrem Lotusgesicht, den schönen Armen als Lotusstängeln und dem beweglichen Brauenpaar als zarten Wellen,
3.41 mit ihren Seitenblicken als Bienenschwärmen, ihren Augen als blauen Lotussen und dem feinen Körperhaar als Wasserpflanzen – ein Strom, der den Baum des Geistes entwurzelt,
3.42 mit dem tiefen Nabel als See, hervorgegangen aus Daksha wie aus einem Schneegebirge. Mit vor Freude weit geöffneten Augen nahm er sie an, wie Mahadeva die Ganga.
3.43 Von Freude erfüllt, vergaß Kama den furchtbaren Fluch Brahmas und sprach zu Daksha:
Madana spricht:
3.44 Mit dieser Gefährtin von vollendeter Schönheit vermag ich selbst Shambhu zu bezaubern – was soll man da von anderen Wesen sagen?
3.45 Wo immer ich ein Ziel für meinen Bogen bestimme, soll auch sie mit jener bezaubernden Kraft wirken, die man Liebesfreude nennt.
3.46 Ob ich zur Wohnstatt der Götter, zur Erde oder in die Unterwelt gehe: Diese schön Lächelnde soll stets meine Gefährtin sein.
3.47 Wie die Lotusbewohnerin Vishnu begleitet und der Blitz die Wolken, so wird sie mir beistehen, Herr der Geschöpfe.
Markandeya spricht:
3.48 Nach diesen Worten nahm Madana die Göttin Rati voller Verlangen an, wie Hrishikesha die erhabene Lakshmi, die aus dem Ozean emporgestiegen war.
3.49 Der gelblich schimmernde Smara glänzte an ihrer Seite wie eine Abendwolke mit einem schönen Blitz.
3.50 Voll überströmender Freude schloss der Herr der Rati sie in sein Herz, wie ein mit yogischer Schau Begabter das Wissen aufnimmt. Auch die vollmondgesichtige Rati fand Freude, nachdem sie ihren erhabenen Gemahl gewonnen hatte, wie die Lotusgeborene an Hari.

Kapitel 4
Die Entstehung des Frühlings
Markandeya spricht:
4.1 Seitdem der Schöpfer damals verschwunden war, dachte er unablässig nach, vom Gift der Worte Shambhus getroffen:
4.2 Shambhu hat mich vor den Weisen getadelt, weil er mein Verlangen nach einer schönen Frau sah. Aus welchem Anlass wird er selbst eine Gemahlin annehmen?
4.3 Wer wird seine Gemahlin sein? Wer wird in seinen Geist eintreten und den auf den Yogaweg Gestützten bezaubern?
4.4 Auch Manmatha wird ihn nicht bezaubern können. Er ist ein ganz in Yoga versunkener Asket und duldet nicht einmal die Erwähnung von Frauen.
4.5 Wie kann die Schöpfung ihren Anfang, ihre Mitte und ihr Ende haben, wenn Hara keine Gemahlin annimmt? Bestimmte Wesen können durch keinen anderen getötet werden.
4.6 Manche mächtigen Wesen auf Erden müssen von mir bezwungen werden, andere von Vishnu aufgehalten und wieder andere durch Shambhus Eingreifen bewältigt werden.
4.7 Doch wenn Shambhu dem Weltleben ganz den Rücken kehrt und völlig leidenschaftslos bleibt, wird er gewiss keine andere Tätigkeit als die in Verbindung mit uns übernehmen. Die genaue Wendung des zweiten Halbverses ist nicht eindeutig.
4.8 Während Brahma, der Herr und Großvater der Welt, so nachdachte, sah er vom Himmel aus Daksha und die anderen erneut auf der Erde.
4.9 Als er Madana erblickte, der sich an Ratis Seite freute, begab er sich wieder dorthin und sprach besänftigend zu dem Gott mit den Blumenpfeilen:
Brahma spricht:
4.10 Du aus dem Geist Geborener, mit dieser Gefährtin strahlst du, und auch sie wird durch dich als Gemahl überaus verschönt.
4.11 Wie Hrishikesha mit Shri und Haris Geliebte mit ihm verbunden glänzt, wie die Nacht mit dem Mond und der Mond mit ihr,
4.12 so ausgezeichnet sind eure Schönheit und eure Ehegemeinschaft. Darum wirst du zum Banner der Welt und Vishvaketu heißen.
4.13 Mein Kind, bezaubere zum Wohl der Welt den Träger des Pinaka-Bogens, damit Shambhu mit frohem Herzen die Ehe eingeht.
4.14 Wohin der Herr auch geht – an einen einsamen, lieblichen Ort, zu Bergen oder Flüssen –, dorthin begib dich zusammen mit ihr.
4.15 Bezaubere den selbstbeherrschten Hara, der sich von Frauen abgewandt hat. Außer dir gibt es keinen anderen, der ihn betören könnte.
4.16 Wenn in Hara Liebe erwacht, wird auch dein Fluch gemildert werden. Handle daher zugleich zu deinem eigenen Wohl, du aus dem Geist Geborener.
4.17 Wenn er, von Liebe erfüllt, eine schöne Frau begehrt, wird er dich begünstigen, damit auch du wieder Freude erfahren kannst.
4.18 Bemühe dich also zum Wohl der Welt darum, Hara zu bezaubern. Werde zu Shivas Banner, indem du den großen Herrn betörst.
Markandeya spricht:
4.19 Als Manmatha diese Worte des erhabenen Brahma hörte, antwortete er ihm wahrheitsgemäß und zum Wohl der Welt:
Manmatha spricht:
4.20 Herr, auf dein Wort hin werde ich Shambhu bezaubern. Doch eine Frau ist meine mächtigste Waffe: Erschaffe dafür eine schöne Frau.
4.21 Weise mir eine bezaubernde, anmutige Frau zu, die seine Liebe weiter nähren kann, wenn ich ihn betört habe, Erhalter der Welt.
4.22 Ich sehe gegenwärtig keine, die dies vermöchte. Schöpfer, finde dafür ein Mittel.
Markandeya spricht:
4.23 Als Kandarpa dies gesagt hatte, begann der Großvater der Welt darüber nachzudenken: Wie kann ich eine Frau hervorbringen, die ihn bezaubert?
4.24 Aus dem Seufzer, der dem in Gedanken versunkenen Schöpfer entfuhr, entstand Vasanta, der Frühling, mit einer Fülle von Blumen geschmückt.
4.25 Er trug knospende Mangotriebe, Bienenschwärme und herrliche Kinshuka-Blüten und glänzte wie ein Baum in voller Blüte.
4.26 Er schimmerte wie ein roter Lotus, hatte Augen wie geöffnete Lotusblüten, eine schöne Nase und ein Gesicht wie der volle Mond, der am Abend aufgeht.
4.27 Seine Ohrmuscheln glichen Muschelschalen, sein Haar war dunkel und gelockt; zwei Ohrringe schmückten ihn, die wie die Abendsonne glänzten.
4.28 Sein Gang glich dem eines Elefanten in der Brunft. Er hatte eine breite Brust, volle, kräftige und lange Arme sowie starke Hände.
4.29 Seine Schenkel, Hüften und Unterschenkel waren wohlgerundet, sein Hals muschelförmig, seine Schultern hoch, die Schlüsselbeine gut eingebettet und die Brust kräftig. Er besaß sämtliche glückverheißenden Merkmale.
4.30 Als dieser vollkommene Bringer der Blumen erschienen war, wehte ein duftender Wind, und auch die Bäume erblühten.
4.31 Hunderte Kokilas sangen mit süßer Stimme den fünften Ton. Die Teiche waren voller geöffneter Lotusblüten und üppiger Lotuspflanzen.
4.32 Als Hiranyagarbha diesen herrlichen, neu Entstandenen erblickte, sprach er freundlich zu Madana:
Brahma spricht:
4.33 Manmatha, dieser soll dein Freund und ständiger Begleiter sein. Er wird immer zu deinen Gunsten wirken.
4.34 Wie der Wind dem Feuer ein Freund ist und es überall unterstützt, so wird dieser Freund dich stets begleiten.
4.35 Weil er dem Verweilen ein Ende setzt, soll er Vasanta heißen. Seine Aufgabe sei es, dir zu folgen und die Welten zu erfreuen. Der Vers enthält eine traditionelle Namensdeutung, deren genaue Herleitung sprachlich unsicher ist.
4.36 Dieser Frühling, die Liebesstimmung und der Malaya-Wind im Frühling sollen deine Freunde sein und stets unter deinem Einfluss stehen.
4.37 Gebärden wie spielerische Zurückweisung sowie die vierundsechzig Künste sollen Rati befreundet sein, wie deine Freunde dir.
4.38 Kama, mit diesen Gefährten, angeführt vom Frühling, und mit dieser Gefährtin, die von ihrem zu dir passenden Gefolge umgeben ist,
4.39 bezaubere Mahadeva und führe die ewige Schöpfung fort. Geh, von allen deinen Gefährten begleitet, an den Ort deiner Wahl. Ich werde an jene denken, die Hara bezaubern kann.
4.40 Durch diese Worte des Ältesten der Götter erfreut, machte sich Madana mit seinen Scharen, seiner Gemahlin und seinen Begleitern auf den Weg.
4.41 Er verneigte sich vor Daksha, begrüßte ehrerbietig sämtliche geistgeborenen Söhne und begab sich dorthin, wo Shambhu weilte.
4.42 Als Manmatha mit seinem Gefolge und den verschiedenen Liebesregungen gegangen war, sprach der Großvater freundlich zu Daksha und zu den großen Weisen Marichi, Atri und den anderen.

Kapitel 5
Brahmas Lobpreis der Göttin
5.1 Markandeya sprach: Darauf richtete Brahma diese Worte an den großen Daksha und an Marichi und die übrigen Weisen.
5.2 Brahma sprach: Wer wird Shambhus Gemahlin sein, und wer wird ihn bezaubern? So sehr ich auch über eine solche Frau nachdenke, vermag ich mich auf keine festzulegen.
5.3 Daksha, außer der Vishnumaya, der großen, weltdurchdringenden Mahamaya, kann ihn keine andere bezaubern; der Vers nennt in diesem Zusammenhang Sandhya, Savitri und Uma.
5.4 Deshalb preise ich Vishnumaya, die Yoganidra, die Mutter der Welt. In schöner Gestalt wird sie Shankara bezaubern.
5.5 Du aber, Daksha, verehre eben diese Göttin, deren Gestalt das All ist, damit sie deine Tochter und dann Haras Gemahlin wird.
5.6 Markandeya sprach: Als Daksha die Worte des erhabenen Brahma gehört hatte, antwortete er dem Schöpfer, von Marichi und den anderen dazu ermuntert.
5.7 Daksha sprach: Erhabener, was du zum Wohl der Welt sagst, ist wahr. Wir werden entsprechend handeln, damit sie sein Herz gewinnt.
5.8 Ich werde so handeln, dass Vishnumaya selbst meine Tochter wird und die Gemahlin des großen Shambhu.
5.9 Markandeya sprach: „So soll es sein“, sagten Marichi und die anderen. Daksha begann darauf, die weltdurchdringende Mahamaya zu verehren.
5.10 Am nördlichen Ufer des Milchozeans nahm er sie in sein Herz auf und begann Tapas zu üben, um Ambika unmittelbar zu schauen.
5.11 Daksha übte dreitausend Götterjahre lang Askese, diszipliniert, selbstbeherrscht und fest in seinem Gelübde.
5.12 Bald lebte er von Luft, bald fastete er, bald nahm er Wasser oder Blätter zu sich. So verbrachte er diese Zeit und betrachtete die Göttin, die das All erfüllt.
5.13 Nachdem Daksha zur Askese aufgebrochen war, begab sich Brahma, der Herr aller Welten, zur Umgebung des Mandara, einem besonders heiligen Ort.
5.14 Dort pries er hundert Jahre lang mit bedeutungsvollen Worten und ungeteilter Aufmerksamkeit die Trägerin der Welt, die weltdurchdringende Vishnumaya.
5.15 Brahma sprach: Ich preise die reine Göttin, die Trägerin der Welt, deren Wesen Wissen und Nichtwissen ist, die keiner Stütze bedarf und unerschüttert bleibt, deren Gestalt das Grobe und das Feinste umfasst.
5.16 Aus ihr geht die Welt hervor, auch jene höchste Grundlage, die Pradhana genannt wird. Dich, die ewige Nidra, preise ich als einen Anteil von ihr. Die Zuordnung von „Anteil“ und „Grundlage“ ist im überlieferten Satz nicht eindeutig.
5.17 Du bist Bewusstsein, höchste Glückseligkeit und von der Natur des höchsten Selbst. Du bist die Kraft aller Wesen und die Läuternde für alle.
5.18 Du bist Savitri, die Trägerin der Welt; du bist Sandhya, Rati und Standhaftigkeit. Als Lichtgestalt erhellst du die Welt des Werdens.
5.19 Ebenso verhüllst du als Dunkelheit beständig die Welt. Als Schöpfung erfüllst du selbst das Dasein mit Wesen.
5.20 Als Erhaltung wirkst du mit Hari zum Wohl der Welten; als Auflösung bringst du ebenso das Ende der Welten herbei.
5.21 Du bist Einsicht und Mahamaya, du bist Svadha, welche die Ahnen erfreut. Du bist Svaha, die ehrerbietige Verneigung, der Opferruf Vashat und das Erinnern.
5.22 Du bist Gedeihen, Festigkeit, Freundlichkeit, Mitgefühl und Mitfreude. Du bist sittsame Zurückhaltung, Frieden und Schönheit, Herrin der Welt.
5.23 Du bist Mahamaya, Svaha und Svadha, die Gottheit der Ahnen. Die schöpferische Kraft in uns und die erhaltende Kraft in Hari –
5.24 die auflösende Kraft ebenso, o Herrin: Diese ewige Kraft bist du.
5.25 Du bist die Eine; in zweifacher Gestalt bewirkst du Befreiung und Weltgebundenheit. Als Wissen und Nichtwissen offenbarst oder verhüllst du dein eigenes Licht.
5.26 Du bist das Glück aller Wesen, du bist Schatten und Sarasvati. Du bist die dreifache vedische Lehre und die drei Lautmaße; du bist von der Natur aller Wesen.
5.27 Du bist der erhebende Gesang des Samaveda, der die Scharen der Ahnen erfreut. Du bist der Altar aller Opfer, die Verse zur Entzündung des Opferfeuers und die Opfergabe.
5.28 Du bist die unoffenbare, nicht bestimmbare und ungeteilte Gestalt des höchsten Selbst; ebenso die feinen Elemente und die gegliederte, weltdurchdringende Erscheinung.
5.29 Du bist jene Gestalt, die die Erde trägt, o Trägerin des Alls, die in der Welt stets Kraft und Wohlergehen schenkt. Die nähere Beschreibung dieser Gestalt ist im Sanskrit beschädigt.
5.30 Du bist Glück, Bewusstsein und Schönheit, du bist Gedeihen und die Ewige. Du bist Kalaratri, Befreiung, Frieden, Weisheit und Erinnerung. Das erste Wort wird als die naheliegende Lesung „Lakshmi“ verstanden.
5.31 Du bist das Boot zur Überquerung des Ozeans des Weltlebens, Geberin von Glück und Befreiung. Sei gnädig! Für alle Welten bist du stets Zuflucht und Einsicht.
5.32 Du bist das Ewige und das Vergängliche, du bezauberst alles Bewegliche und Unbewegliche. Du bist die Verbindende, die alle Formen des Yoga mit ihren Haupt- und Nebengliedern zur Erscheinung bringt.
5.33 Du bist die Betrachtung und der Ruhm der Entsagenden und mit den acht Gliedern verbunden. Du trägst Schwert, Dreizack und Diskus und hast eine furchterregende Gestalt. Die erste Hälfte des Verses ist sprachlich unsicher.
5.34 Du bist die Herrin der Menschen und erweist allen Gnade. Du bist der Anfang des Alls und selbst ohne Anfang, der Mutterschoß des Alls und selbst ungeboren aus einem Mutterschoß. Grenzenlos bist du und allein die Vollenderin aller Welten.
5.35 Du bist vollkommen rein und wirst doch auch als dunkel besungen. Du bist Gewalt und Gewaltlosigkeit, du bist Kali und die Viergesichtige.
5.36 Du bist die Höchste, die Mutter aller, die Bezwingende und Bändigende. In dir allein löst sich das All auf; in dir leuchtet die Wirklichkeit, und du trägst sie.
5.37 Du bist unerschaffen und die Schöpfung; ohne Ohren hörst du doch. Du bist die Asketin; ohne Hände und Füße greifst du dennoch. Die abschließende Wortform ist unklar.
5.38 Du bist Himmel, Wasser, Licht, Wind, Raum, Geist und das Ichbewusstsein der Welten: die achtfältige Prakriti. Die Aufzählung ist in der Textfassung nicht vollständig eindeutig und wird nicht stillschweigend ergänzt.
5.39 Als Meru trägst du die Gestalt des Nabels der Welt. Du bist die reine Wirklichkeit des Höheren und Niederen, die Maya, die Verblendung hervorruft. Ein Ausdruck in der ersten Hälfte bleibt unklar.
5.40 Ursache und Wirkung, Wahrheit und Frieden, Heilsames und Unheilsames sowie die Früchte am Baum der Leidenschaft: Dies sind deine Gestalten im Weltgeschehen.
5.41 Du bist äußerst kurz und lang, winzig klein und von gewaltigem Leib. Obwohl fein, durchdringst du alle Welten; das All ist von dir erfüllt.
5.42 Du bist ohne Maß und trittst doch in mannigfachen Maßen hervor. Der Vers verbindet deine Größe mit Gesamtheit und Einzelheit sowie mit dem Schwinden von Genuss und Leidenschaft. Wegen mehrerer beschädigter Wortformen ist sein genauer Zusammenhang nicht sicher zu übersetzen.
5.43 Du kennst das Reifen erwünschter und unerwünschter Folgen und ihre Ursachen. Auch die Gestalt von Anfang, Mitte und Ende der Schöpfung gehört dir. Die Schlusswendung ist unsicher.
5.44 Die Wirklichkeit, die man durch wiederholte Betrachtung und den achtgliedrigen Yoga verwirklicht und zur Festigkeit bringt, ist deine ewige Gestalt.
5.45 Äußeres und Inneres, Freude und Leid, Wissen und Nichtwissen, Auflösung und Fortbestehen, Bedrängnis und Frieden: Du bist die Machtfülle des Herrn der Welt.
5.46 Niemand in den drei Welten vermag deine Macht auszusprechen. Du selbst bist die bezaubernde Kraft – wie könnte ich dich angemessen preisen?
5.47 Yoganidra, großer Schlaf, verblendender Schlaf, weltdurchdringende Göttin, Vishnumaya und Prakriti: Wer könnte dich durch Lobpreis ganz erfassen?
5.48 Du bist die Kraft, durch welche ich, Vishnu und Shankara einen Leib tragen. Wer kann ihre Macht aussprechen, wer ihre Eigenschaften erkennen?
5.49 Im Innern bist du als Lichtgestalt erfahrbar, die das Erkennen ermöglicht. Nach außen erscheinst du, die Eine, in der Gestalt des Beweglichen und Unbeweglichen.
5.50 Sei gnädig, Mutter aller Welten, die du Frauengestalt annimmst! Du mit dem All als Gestalt, Herrin des Alls, Ewige, sei gnädig!
5.51 Markandeya sprach: Als Yoganidra so von Brahma gepriesen wurde, erschien sie unmittelbar vor ihm.
5.52 Sie glänzte dunkel wie schimmernde Augensalbe, war schön, hochgewachsen und vierarmig. Auf einem Löwen sitzend, hielt sie Schwert und blauen Lotus in den Händen; ihr Haar fiel frei herab.
5.53 Als der Schöpfer, der Lehrer der ganzen Welt, sie vor sich sah, neigte er voller Hingabe seine hohen Schultern, pries sie und verneigte sich.
5.54 Brahma sprach: Wieder und wieder Verehrung dir, die du Weltentfaltung und Rückkehr aus der Welt, Erhaltung und Schöpfung bist! Du bist die ewige Kraft aller beweglichen und unbeweglichen Wesen, die alles zu bezaubern vermag.
5.55 Du bist Shri, stets mit Keshavas Gestalt verbunden, die Trägerin des Alls, die alles trägt; du bist die verehrte, liebliche Yogini und sittsame Zurückhaltung. Verehrung dir, dem innersten Wesen des höchsten Selbst!
5.56 Du bist jene vielfältig gestützte Erkenntnis, welche Yogis auf dem mit Yama beginnenden Weg im Herzen betrachten: unmittelbar gewiss, von Licht und Reinheit erfüllt. Eine Wortform des zweiten Halbverses ist unsicher.
5.57 Du trägst das Unveränderliche, Unoffenbare und Unvorstellbare und die von Zeit geprägten Welten. Stets bringst du den Keim der Wandlungen hervor: Altes, Neues und Dazwischenliegendes.
5.58 Du bist das unveränderte Gleichgewicht der Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas, die einzige Ursache der Welt, die sich als Außen und Innen entfaltet.
5.59 Du Keim sämtlicher Welten, deren Wesen Erkennen und Erkennbares ist, Vishnumaya, die zum Wohl der Welten wirkt: Verehrung dir!
5.60 Als Kali, die Bezauberin der Welten, diese Worte vernommen hatte, sprach sie zum Schöpfer Brahma mit einer Stimme wie Wolkendonner.
5.61 Die Göttin sprach: Brahma, aus welchem Grund hast du mich gepriesen? Sage mir nun rasch, was du begehrst. Die mittlere Wendung des Verses ist beschädigt.
5.62 Da ich dir unmittelbar erschienen bin, ist das Gelingen deines Vorhabens gewiss. Sprich darum deinen Wunsch aus; ich werde ihn erfüllen, durch deine Verehrung bewegt.
5.63 Brahma sprach: Der Herr der Wesen wandelt allein und begehrt keine Gefährtin. Bezaubere ihn, damit er selbst eine Gemahlin annehmen möchte.
5.64 Außer dir kann niemand sein Herz gewinnen. Nimm darum eine Gestalt an, in der du Bhava bezauberst.
5.65 Wie du einen Leib angenommen hast und in Lakshmis Gestalt Keshava erfreust, so handle auch an ihm zum Wohl des Alls.
5.66 Der Gott mit dem Stierbanner tadelte schon mein bloßes Verlangen nach einer Frau. Wie wird er nun aus eigenem Willen eine Gemahlin annehmen?
5.67 Wie kann die Schöpfung fortschreiten, solange Hara keine Gemahlin angenommen hat, solange Shambhu, die Ursache von Anfang, Mitte und Ende, leidenschaftslos bleibt?
5.68 Von dieser Sorge erfüllt, habe ich keine andere Zuflucht als dich gefunden. Handle darum zu meinem Beistand und zum Wohl des Alls.
5.69 Weder Vishnu noch Lakshmi, weder Manobhava noch ich vermögen ihn zu bezaubern. Mutter der Welt, bezaubere du den Herrn!
5.70 Wie du der Ruhm aller Wesen und die sittsame Zurückhaltung der Selbstbeherrschten bist, wie du Vishnus einzige Geliebte bist, so bezaubere auch den Herrn.
5.71 Markandeya sprach: Ihr edlen, besten Zweimalgeborenen, hört nun, was die von Yoga erfüllte Kali darauf zu Brahma sagte.
Kapitel 6
Yoganidra und die Macht der Maya
Die Nummern 8–11 fehlen. Nach dem ersten Vers 40 wiederholt die Textfassung den Block 29–40; die Nummer 39 erscheint jeweils als 69. Die Zusätze a, b und c unterscheiden die überlieferten Vorkommen, ohne die Originalnummern zu ersetzen.
6.1 Die Göttin sprach: Alles, was du gesagt hast, Brahma, ist wahr. Außer mir gibt es hier niemanden, der Shankara bezaubern könnte.
6.2 Ebenso hast du richtig dargelegt, dass diese immer wiederkehrende Schöpfung nicht fortbestehen würde, wenn Hara keine Gemahlin annähme.
6.3 Auch ich bemühe mich sehr um diesen Herrn der Welt. Durch deine Worte ist mein Bemühen heute noch nachdrücklicher und doppelt so stark geworden.
6.4 Ich werde so wirken, dass Hara, von selbst verzaubert und nicht mehr Herr seiner Regung, eine Gemahlin annehmen wird.
6.5 Eine schöne Gestalt werde ich annehmen und ihm ergeben sein, du Edler, wie Haripriya Vishnu ergeben ist.
6.6 Ebenso werde ich bewirken, dass auch Hara mir stets ergeben ist, wie es bei anderen Menschen geschieht.
6.7 Bei jedem Schöpfungsgang werde ich Shambhu, der unerschüttert bleibt, in Frauengestalt begleiten, Schöpfer. Die genaue zeitliche Gliederung des ersten Halbverses ist sprachlich unsicher.
6.12 Aus Dakshas Gemahlin geboren, werde ich in schöner Gestalt Shankara bei jeder erneuten Schöpfung verehren, Großvater.
6.13 Markandeya sprach: Nachdem sie so zu Brahma gesprochen hatte, ihr besten Zweimalgeborenen, verschwand sie dort, während der Weltschöpfer sie noch betrachtete.
6.14 Als sie verschwunden war, begab sich der erhabene Schöpfer, der Großvater der Welt, dorthin, wo der aus dem Geist geborene Liebesgott weilte.
6.15 An Mahamayas Worte denkend, freute er sich außerordentlich und betrachtete seine Aufgabe als erfüllt, ihr hervorragenden Weisen.
6.16 Als Madana den erhabenen Brahma auf seinem Schwanengefährt herankommen sah, erhob er sich rasch.
6.17 Mit vor Freude weit geöffneten Augen trat der aus dem Geist Geborene zu ihm und verneigte sich vor dem freudigen Herrn aller Welten.
6.18 Der erhabene Schöpfer sprach mit liebevoll bewegter Stimme zu Madana. Um ihn zu erfreuen, berichtete er, was die Göttin Vishnumaya gesagt hatte.
6.19 Brahma sprach: Mein Kind, du aus dem Geist Geborener, du hast mir früher im Zusammenhang mit Sharvas Bezauberung gesagt: „Erschaffe eine, welche die erwachte Liebe weiter nährt.“
6.20 Zu diesem Zweck habe ich die Göttin Yoganidra, die das All erfüllt, in einer Höhle des Mandara mit ungeteiltem Geist gepriesen.
6.21 Sie selbst erschien mir unmittelbar und sagte, durch die Verehrung erfreut, zu: „Shambhu soll durch mich bezaubert werden.“
6.22 Als Tochter im Hause Dakshas wird sie Hara schon bald bezaubern. Dies ist gewiss, du aus dem Geist Geborener.
6.23 Madana sprach: Brahma, wer ist diese weltdurchdringende Göttin, die als Yoganidra bekannt ist? Wie kann sie Hara, der in Askese weilt, unter ihren Einfluss bringen?
6.24 Welche Macht besitzt diese Göttin? Wer ist sie, und wo weilt sie? Das möchte ich von dir hören, Großvater der Welt.
6.25 Wenn er aus seiner Versenkung hervortritt, können wir nicht einmal einen Augenblick in seinem Blickfeld bestehen. Wie sollte sie ihn bezaubern?
6.26 Wer könnte vor dem Träger des Dreizacks stehen bleiben, Brahma, wenn er seine wie loderndes Feuer leuchtenden Augen und sein wildes Geflecht von Haaren sieht?
6.27 Um einen solchen Gott zu bezaubern, habe ich diese Aufgabe übernommen. Darum möchte ich wahrheitsgemäß von ihr hören.
6.28 Markandeya sprach: Der Viergesichtige hörte die Worte des aus dem Geist Geborenen. Obwohl er antworten wollte, wirkten diese Worte entmutigend auf ihn.
6.29a Brahma wurde von Sorge über die Bezauberung Sharvas ergriffen: „Ich bin nicht imstande, ihn zu bezaubern.“ Immer wieder seufzte er.
6.30a Aus dem Atem seiner Seufzer entstanden mächtige Scharen von vielerlei Gestalt, mit beweglichen Zungen, unruhig und überaus furchterregend.
6.31a Manche hatten Pferdegesichter, andere Elefantengesichter; wieder andere die Gesichter von Löwen, Tigern, Hunden, Ebern oder Eseln.
6.32a Andere besaßen die Gesichter von Bären, Katzen, Sharabhas, Papageien, Affen, Schakalen oder Kriechtieren. Eine Wortgruppe im ersten Halbvers ist beschädigt.
6.33a Einige hatten Kuhgestalt oder Kuhgesichter, andere Vogelgesichter. Manche waren äußerst lang, andere sehr kurz, sehr dick oder sehr mager.
6.34a Sie hatten gelblichbraune oder weit geöffnete Augen; einige besaßen drei Augen, andere nur eines und große Bäuche. Manche hatten ein Ohr, andere drei oder vier.
6.35a Einige hatten dicke, große oder viele Ohren, andere gar keine; ihre Augen waren lang, groß oder winzig, und manche hatten einen entstellten Blick.
6.36a Manche hatten vier Füße, andere fünf, drei oder nur einen. Es gab kurzfüßige, langfüßige und solche mit dicken oder gewaltigen Füßen.
6.37a Einige hatten eine Hand, andere vier, zwei oder drei; manche waren ohne Hände, andere hatten entstellte Augen oder die Gestalt von Eidechsen.
6.38a Einige hatten Menschengestalt oder Krokodilsgesichter, andere glichen Kranichen, Reihern, Schwänen und Sarasa-Vögeln. Wieder andere hatten Gesichter von Tauchvögeln, Fischadlern, Reiherartigen oder Krähen.
6.69a Manche waren halb blau und halb rot, andere rötlichbraun oder gelblichbraun, blau, weiß, gelb, grün oder vielfarbig.
6.40a Sie spielten Muschelhörner, große Trommeln, Saiteninstrumente, Mridangas, Dindimas, Gomukha-Hörner und Panava-Trommeln.
6.29b Brahma wurde von Sorge über die Bezauberung Sharvas ergriffen: „Ich bin nicht imstande, ihn zu bezaubern.“ Immer wieder seufzte er.
6.30b Aus dem Atem seiner Seufzer entstanden mächtige Scharen von vielerlei Gestalt, mit beweglichen Zungen, unruhig und überaus furchterregend.
6.31b Manche hatten Pferdegesichter, andere Elefantengesichter; wieder andere die Gesichter von Löwen, Tigern, Hunden, Ebern oder Eseln.
6.32b Andere besaßen die Gesichter von Bären, Katzen, Sharabhas, Papageien, Affen, Schakalen oder Kriechtieren. Eine Wortgruppe im ersten Halbvers ist beschädigt.
6.33b Einige hatten Kuhgestalt oder Kuhgesichter, andere Vogelgesichter. Manche waren äußerst lang, andere sehr kurz, sehr dick oder sehr mager.
6.34b Sie hatten gelblichbraune oder weit geöffnete Augen; einige besaßen drei Augen, andere nur eines und große Bäuche. Manche hatten ein Ohr, andere drei oder vier.
6.35b Einige hatten dicke, große oder viele Ohren, andere gar keine; ihre Augen waren lang, groß oder winzig, und manche hatten einen entstellten Blick.
6.36b Manche hatten vier Füße, andere fünf, drei oder nur einen. Es gab kurzfüßige, langfüßige und solche mit dicken oder gewaltigen Füßen.
6.37b Einige hatten eine Hand, andere vier, zwei oder drei; manche waren ohne Hände, andere hatten entstellte Augen oder die Gestalt von Eidechsen.
6.38b Einige hatten Menschengestalt oder Krokodilsgesichter, andere glichen Kranichen, Reihern, Schwänen und Sarasa-Vögeln. Wieder andere hatten Gesichter von Tauchvögeln, Fischadlern, Reiherartigen oder Krähen.
6.69b Manche waren halb blau und halb rot, andere rötlichbraun oder gelblichbraun, blau, weiß, gelb, grün oder vielfarbig.
6.40b Sie spielten Muschelhörner, große Trommeln, Saiteninstrumente, Mridangas, Dindimas, Gomukha-Hörner und Panava-Trommeln.
6.41 Ihr besten Brahmanen, alle diese auf Wagen fahrenden Scharen wirkten wild durch ihr dichtes, hohes, gelblichbraunes verfilztes Haar.
6.42 Sie hielten Dreizacke, Schlingen, Schwerter und Bögen, ferner Speere, Elefantenhaken, Keulen, Pfeile, Streitäxte und Wurfspieße in den Händen.
6.43 Mit vielerlei Waffen versehen, erhoben diese Mächtigen einen großen Lärm. Vor Brahma tretend, riefen sie: „Töte! Zerschneide!“
6.44 Während sie „Töte! Zerschneide!“ riefen, begann der Schöpfer unter dem Einfluss Yoganidras zu sprechen.
6.45 Madana sah diese Scharen und wandte sich an Brahma. Er hielt ihn zunächst vom Weiterreden ab und sprach vor den versammelten Scharen:
6.46 Madana sprach: Welche Aufgabe sollen sie erfüllen? Wo sollen sie wohnen, Schöpfer, und welchen Namen sollen sie tragen? Weise ihnen dies zu.
6.47 Bestimme zuerst ihre eigene Aufgabe, gib ihnen Wohnstätte und Namen. Danach erzähle mir von Mahamayas Macht.
6.48 Markandeya sprach: Als der Großvater aller Welten diese Worte gehört hatte, wandte er sich an Madana und die Scharen und wies ihnen ihre Aufgaben zu.
6.49 Brahma sprach: Kaum waren sie entstanden, riefen sie immer wieder laut „Töte!“ – deshalb soll ihr Name Mara sein.
6.50 Auch wegen ihres todbringenden Wesens sollen sie Maras heißen. Den Wesen werden sie Hindernisse bereiten, sofern sie nicht verehrt werden.
6.51 Ihre wichtigste Aufgabe ist es, dir zu folgen, du aus dem Geist Geborener. Wohin du zur Erfüllung deiner Aufgabe auch gehst, dorthin werden sie jeweils zu deiner Unterstützung mitgehen.
6.52 Sie werden den Geist jener verwirren, die deinen Waffen unterliegen, und den Weg der Erkenntnis selbst bei den Wissenden immer wieder behindern.
6.53 Sie werden überall darauf hinwirken, dass die Geschöpfe trotz aller Hindernisse den Tätigkeiten des Weltlebens nachgehen.
6.54 Diese schnellen Wesen, die jede gewünschte Gestalt annehmen können, sollen überall wohnen. Du selbst bist ihr Anführer. Sie sollen einen Anteil an den fünf Opfern erhalten und die Wassergaben derer empfangen, die ihre täglichen Riten vollziehen.
6.55 Markandeya sprach: Nachdem sie dies und ihre Bestimmung gehört hatten, umgaben sie Madana und Brahma und nahmen nach Belieben ihre Plätze ein.
6.56 Wer auf Erden könnte ihre Größe und Macht beschreiben, ihr besten Weisen? Denn sie verfügen über die Kraft der Askese.
6.57 Sie haben weder Gemahlinnen noch Kinder und sind stets ohne eigenes Verlangen. Obwohl sie Entsagende und hochherzige Wesen sind, bewahren sie alle ihre Zeugungskraft nach oben gerichtet.
6.58 Darauf begann Brahma freudig, Madana die Größe Yoganidras ausführlich zu erklären.
6.59 Indem sie sich als Unoffenbares und Offenbares sowie durch die Eigenschaften Rajas, Sattva und Tamas gliedert und wirkt, wird sie Vishnumaya genannt.
6.60 Diejenige, die in den unteren Wasserräumen innerhalb der Welteihülle weilt und sich gliedernd zum Purusha gelangt, wird Yoganidra genannt. Die räumlichen und kosmologischen Bezüge sind in der überlieferten Lesung nicht eindeutig.
6.61 Sie ist der inneren Vergegenwärtigung des Mantras hingegeben und von der Natur höchster Glückseligkeit; im reinen Erkennen der Yogis gegenwärtig, wird sie die Weltdurchdringende genannt.
6.62 Das im Mutterleib mit Erkenntnis ausgestattete Wesen wird von den Geburtswinden herausgetrieben. Sie lässt es nach der Geburt seine Erkenntnis verlieren.
6.63 Durch die eingeprägten Eindrücke verbindet sie es mit dem immer weiter zurückliegenden Früheren; dann entstehen Verblendung hinsichtlich Nahrung und anderer Dinge, das Gefühl „mein“ und Zweifel am Erkennen.
6.64 Immer wieder versetzt sie es in Zorn, Bedrängnis und Gier, richtet es danach rasch auf Begehren aus und erfüllt es Tag und Nacht mit Sorgen.
6.65 Sie macht das Wesen zugleich freudig erregt und an leidbringende Gewohnheiten gebunden. Darum heißt sie Mahamaya, die große Maya, die Herrin der Welt.
6.66 Sie bringt die mit Ichbewusstsein und weiteren Prinzipien verbundene Schöpfung hervor. Daher nennen die Menschen sie, die unendlich viele Gestalten hat, das Entstehen.
6.67 Wie das aus Wolken stammende Wasser den aus dem Samen entstandenen Keim wachsen lässt, so lässt sie die geborenen Wesen wachsen.
6.68 Sie ist Kraft und Schöpfung, die Herrin und die Entfaltung aller. Sie ist stets die Geduld der Geduldigen und das Mitgefühl der Mitfühlenden.
6.69c Als die Ewige leuchtet sie in ewiger Gestalt im Innern der Welt. Als höchstes Licht macht sie Offenbares und Unoffenbares sichtbar.
6.70 Als Wissen ist diese Vaishnavi für die Yogis Ursache der Befreiung; in ihrer entgegengesetzten Erscheinung ist sie für die dem Weltleben Verhafteten Ursache der Bindung an Samsara.
6.71 Als Lakshmi ist sie Krishnas überaus liebliche Gefährtin. Als die dreifache vedische Lehre weilt sie stets an meiner Kehle, du aus dem Geist Geborener. Brahma ist hier der Sprecher.
6.72 Überall gegenwärtig, alles durchdringend, von göttlicher Gestalt, ewig, alle Gestalten umfassend und die Höchste genannt: Diese Göttin bezaubert selbst Krishna und die anderen und erscheint den Lebewesen ringsum in Frauengestalt.
Kapitel 7
Kamas vergebliche Bemühungen um den Yogi
7.1 Markandeya sprach: Nachdem Brahma das Wesen Mahamayas erklärt hatte, sagte er erneut zu Madana: „Sie ist die Rechte, um Hara zu bezaubern.“
7.2 Brahma sprach: Vishnumaya hat bereits zugesagt, so zu handeln, dass Mahadeva eine Gemahlin annehmen wird.
7.3 Sie selbst hat gesagt, Smara, dass sie gewiss Dakshas Tochter und dann die Gefährtin des großen Shambhu werden wird.
7.4 Wirke zusammen mit deinen Scharen, mit Rati und mit dem Frühling darauf hin, dass Shankara selbst eine Gemahlin annehmen möchte.
7.5 Wenn Shambhu die Ehe eingegangen ist, ist unsere Aufgabe erfüllt, Smara. Ohne Zweifel wird diese Schöpfung dann ununterbrochen fortbestehen.
7.6 Markandeya sprach: Darauf berichtete der aus dem Geist Geborene dem Herrn der Welt freundlich, was er unternommen hatte, um Mahadeva zu bezaubern.
7.7 Madana sprach: Höre, Brahma, wie wir uns darum bemühen, Hara zu bezaubern – in seiner Gegenwart ebenso wie ungesehen von ihm.
7.8 Wenn der sinnenbeherrschte Shambhu in Samadhi weilt, umfächle ich ihn stets mit duftendem, kühlem, sanft bewegtem Wind, der Bezauberung hervorruft, Herr der Welt.
7.9 Mit meinem Bogen und meinen fünf Pfeilen gehe ich in seiner Nähe umher und bezaubere sein Gefolge.
7.10 Tag und Nacht lasse ich dort Siddha-Paare sich miteinander erfreuen; alle Liebesregungen und anmutigen Gebärden gehen in sie ein.
7.11 Welches Lebewesen, das sich in Shambhus Nähe befindet, würde dort nicht immer wieder nach Paarung streben, Großvater?
7.12 Alle Wesen verhalten sich so, sobald ich dort eintrete. Doch weder Shambhu noch sein Stier haben eine solche Veränderung ihres Geistes erfahren.
7.13 Wenn der Herr der Pramathas sich zu deinem Bergplateau begibt, gehe ich sogleich zusammen mit dem Frühling dorthin und zu den Flüssen, Schöpfer. Die Ortsangabe der ersten Hälfte ist unsicher.
7.14 Wenn er zum Meru, nach Natakeshvara oder zum Kailasa geht, begebe ich mich ebenfalls dorthin.
7.15 Wenn Hara auch nur einen Augenblick aus der Versenkung hervortritt, bringe ich vor ihm ein Paar Chakravaka-Vögel zusammen.
7.16 Dieses Vogelpaar zeigt dann immer wieder anmutige Regungen und Gebärden und entfaltet auf vielerlei Weise das Zusammensein von Gefährten.
7.17 Ebenso bezaubere ich vor ihm Pfauen mit ihren Weibchen, Wildtiere und andere Vögel in seiner Nähe.
7.18 Wer bliebe ohne Verlangen, wenn er ein Pfauenpaar sieht, das sich mit vielfältigen Bewegungen der Liebe hingibt?
7.19 Auch die Wildtiere vor ihm zeigten mit ihren Weibchen erregt anmutige Liebesregungen, unmittelbar an seiner Seite.
7.20 Doch niemals fand ich bei ihm eine Öffnung, durch die mein Pfeil in seinen Leib eindringen könnte, du Träger aller Welten.
7.21 Auf vielerlei Weise habe ich geprüft und erkannt: Selbst mit meinen Helfern vermag ich den ungeteilten Hara ohne die Begegnung mit einer Frau nicht zu bezaubern. Die Lesung ist im zweiten Halbvers gestört; die Verneinung ergibt sich aus dem Zusammenhang.
7.22 Höre auch, du Edler, welche Tätigkeiten der Frühling regelmäßig und seinem Wesen entsprechend unternimmt, um ihn zu bezaubern.
7.23 Er lässt Champaka, Keshara, Mango, Karuna, Patala, Nagakeshara, Punnaga, Kinshuka, Ketaka und Dhava,
7.24 Madhavi, Mallika, Parnadhara und Kuravaka an dem Ort erblühen, an dem Hara weilt.
7.25 Er fächelt den Teichen mit ihren geöffneten Lotusblüten Malaya-Winde zu und erfüllt Shankaras Einsiedelei mit besonders angenehmem Duft.
7.26 Dort umschlingen blühende Ranken mit anmutigen Bewegungen die Bäume, die voller Blüten stehen.
7.27 Wer würde angesichts dieser Bäume mit ihren schönen Blüten und der duftenden Winde nicht unter die Macht des Begehrens geraten – selbst ein Weiser? Die Verneinung der Vorlage ist syntaktisch nicht eindeutig; diese Lesart folgt dem Gegensatz zum unveränderten Shiva in Vers 29.
7.28 Auch sein Gefolge sowie die Götter und Siddhas, selbst die von großer Askesekraft, zeigten dort vielerlei schöne Regungen, Herr der Welt.
7.29 Doch an ihm selbst sahen wir keinen Anlass zu solcher Betörung. Shankara zeigt nicht einmal die geringste aus Begehren entstandene Regung.
7.30 Nachdem ich dies alles gesehen und Haras Haltung erkannt hatte, gab ich die Hoffnung auf, Shambhu ohne Maya bezaubern zu können.
7.31 Nun aber habe ich deine Worte gehört, Yoganidras Zusage und den Bericht über ihre Macht, und ich habe diese unterstützenden Scharen gesehen.
7.32 Darum werde ich mich erneut und immer wieder bemühen, Shambhu zu bezaubern. Auch du, Herr der drei Welten, wirke darauf hin, dass Yoganidra rasch Shambhus Gemahlin wird.
7.33 Hinsichtlich seiner Yamas und Niyamas, seines beständigen Pranayama, seiner Sitzhaltung und seines Pratyahara,
7.34 seiner Meditation, Konzentration und Versenkung halte ich es nicht für möglich, eine Störung hervorzurufen – selbst durch hundert Maras nicht.
7.35 Dennoch möge diese Mara-Schar versuchen, Haras Yogaübungen zu erschüttern oder zu unterbrechen, soweit es ihr möglich ist. Die abschließende Frage des Verses ist sprachlich beschädigt und nicht sicher zu übersetzen.
Kapitel 8
Die Geburt Satis
Die erste Nummer 6 steht zwischen 2 und 4, die erste Nummer 26 zwischen 22 und 24. Die Zusätze a und b unterscheiden die jeweiligen Vorkommen.
8.1 Markandeya sprach: Ihr an Askese reichen Weisen, nachdem Brahma Gewissheit über Yoganidras Zusage gewonnen hatte, erinnerte er sich an ihre Worte und sagte erneut zu Madana:
8.2 Brahma sprach: Yoganidra wird gewiss Shambhus Gemahlin werden. Unterstütze sie dabei nach besten Kräften.
8.6a Begib dich mit deinen Scharen und dem Frühling rasch an den Ort, an dem Shankara weilt, du aus dem Geist Geborener.
8.4 Verwende stets ein Viertel von Tag und Nacht darauf, die Welt zu bezaubern. Während der übrigen drei Viertel bleibe mit deinen Scharen an Shambhus Seite.
8.5 Markandeya sprach: Nach diesen Worten verschwand der Herr aller Welten dort. Madana begab sich mit seinen Scharen zu Shambhu.
8.6b Währenddessen war Daksha lange in Askese vertieft und verehrte die Göttin durch zahlreiche disziplinierte Übungen und feste Gelübde.
8.7 Dem Daksha, der diszipliniert Yoganidra verehrte, erschien die Glückverheißende unmittelbar, ihr hervorragenden Weisen.
8.8 Als der Stammvater Daksha Vishnumaya, die das All erfüllt, vor sich sah, betrachtete er seine Aufgabe als erfüllt.
8.9 Kalika war dunkel, saß auf einem Löwen, hatte volle, hohe Brüste, vier Arme, ein schönes Antlitz und hielt einen blauen Lotus; sie war glückverheißend.
8.10 Sie gewährte Gaben und Furchtlosigkeit, hielt ein Schwert in der Hand und besaß alle Vorzüge. Ihre Augen waren rötlich, ihr schönes Haar fiel offen herab, und ihre Gestalt bezauberte.
8.11 Als der Stammvater Daksha sie sah, pries er Mahamaya mit tiefster Liebe und demütig geneigtem Haupt.
8.12 Daksha sprach: Ich preise die Göttin, deren Wesen Glückseligkeit ist und die der Welt Freude schenkt: die glückverheißende Lakshmi Haris, die als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung erscheint.
8.13 Das höchste Lichtprinzip, das durch das Überwiegen von Sattva offenbar wird, das aus sich selbst leuchtet und die Wohnstatt der Welt ist: Es ist ein Anteil von dir, große Herrin.
8.14 Die Offenbarung des Begehrens durch das Überwiegen von Rajas, die als Leidenschaft in der Mitte steht: Sie ist ein Anteil deines Anteils, du Weltdurchdringende.
8.15 Was durch das Überwiegen von Tamas als Verblendung erscheint und das Bewusstsein der Wesen verhüllt, gehört ebenfalls zum Bereich eines Anteils deines Anteils.
8.16 Du bist die Höchste, von höchster Natur, rein und makellos und doch die Bezauberin der Welt. Du bist dreigestaltig, die dreifache vedische Lehre, Ruhm, Lebensunterhalt und Zuflucht dieser Welt.
8.17 Die Gestalt, in der Madhava die Erde trägt und die aus ihm selbst hervorgeht, ist deine Gestalt, die allen Welten wohltut.
8.18 Du bist von gewaltiger Macht, die feine, unbesiegbare Kraft des Alls. Jenes höchste Licht, das durch das Anhalten der aufwärts- und abwärtsgerichteten Atemströmungen offenbar wird,
8.19 ist ein Ausdruck deiner Kraft: sattvig und der inneren Betrachtung zugehörig. Das höchste Reine, das die Yogis betrachten, ohne Stütze und ohne das Streben nach Früchten,
8.20 gehört zum Bereich deines Wesens. Jene bekannte, unveränderliche und überaus reine Erkenntnis – die Aussage setzt sich im folgenden Vers fort. Einzelne Begriffe in Vers 19 sind in der überlieferten Lesung unsicher.
8.21 Jenes Erkennen bist du: frei von Entfaltung und doch die Entfaltung erhellend. Du bist Wissen und Nichtwissen, Stütze und selbst ohne Stütze. Als Gestalt der Welten bist du die ursprüngliche Kraft, die Herrin.
8.22 Die reine Sprache, die in Brahmas Kehle wohnt und als Stimme besungen wird, die sich ganz der Offenbarung der Veden widmet: Diese bist du, Erhellerin des Alls.
8.26a Du bist Feuer und Svaha, du bist Svadha mit den Ahnen. Du bist der Himmel und die Gestalt der Zeit, du bist das Zeitmaß Kashtha und das darüber Hinausliegende. Die letzte Wendung ist nicht eindeutig.
8.24 Du bist unvorstellbar, unoffenbar und von nicht bestimmbarer Gestalt. Du bist Kalaratri und die Friedvolle, du selbst bist die höchste Prakriti.
8.25 Wenn selbst der Schöpfer und die anderen nur deine äußere, zum Schutz der Welten angenommene Gestalt kennen, wer vermöchte dich als die Höchste zu erkennen?
8.26b Sei gnädig, erhabene Mutter; sei gnädig, deren Gestalt Yoga ist! Sei gnädig, Furchtgebietende, Weltdurchdringende: Verehrung dir!
8.27 Markandeya sprach: So von Daksha mit gesammeltem Geist gepriesen, sprach Mahamaya zu ihm, obwohl sie selbst seinen Wunsch bereits kannte.
8.28 Die Erhabene sprach: Daksha, durch diese deine Hingabe bin ich sehr erfreut. Wähle die gewünschte Gabe; ich selbst werde sie dir verleihen, mein Lieber.
8.29 Durch deine Übungen, deine Askese und deine Lobpreisungen bin ich überaus erfreut, Stammvater. Wähle die ersehnte Gabe; ich werde sie dir gewähren.
8.30 Daksha sprach: Weltdurchdringende, Mahamaya, wenn du mir eine Gabe gewähren willst, dann werde meine Tochter und Haras Gemahlin.
8.31 Göttin, dies ist nicht nur mein Wunsch, sondern auch der der Welten, Brahmas, Vishnus und Shivas, Herrin der Geschöpfe.
8.32 Die Göttin sprach: Ich werde aus deiner Gemahlin hervorgehen, deine Tochter werden und bald darauf Haras Gemahlin, Stammvater.
8.33 Wenn du mir gegenüber wieder geringe Achtung zeigst, werde ich sogleich diesen Körper verlassen, ob es mir darin gut ergeht oder anders.
8.34 Diese Gabe sei dir gewährt, Stammvater: Bei jedem Schöpfungsgang werde ich deine Tochter und Haras Geliebte werden.
8.35 Bei jeder Schöpfung werde ich Mahadeva so bezaubern, dass er ganz von dieser Bezauberung erfasst wird, Stammvater.
8.36 Markandeya sprach: Nachdem Mahamaya so zu Daksha, dem führenden Stammvater, gesprochen hatte, verschwand die Göttin vor seinen Augen.
8.37 Als Maya verschwunden war, kehrte Daksha in seine Einsiedelei zurück und freute sich darüber, dass sie seine Tochter werden würde.
8.38 Darauf brachte er Nachkommen ohne geschlechtliche Vereinigung hervor: durch Entschluss, geistiges Hervortreten und inneres Denken.
8.39 Die vielen Söhne, die dabei geboren wurden, wanderten auf Naradas Unterweisung hin über diese Erde, ihr besten Zweimalgeborenen.
8.40 Alle Tausende von Söhnen, die ihm immer wieder geboren wurden, folgten auf Naradas Worte hin dem Weg ihrer Brüder.
8.41 „Ihr alle seid dazu bestimmt, auf Erden Wesen hervorzubringen, ihr besten Zweimalgeborenen. Betrachtet zuerst die ganze Erde, wie weit sie sich bis zu ihren äußersten Grenzen erstreckt!“
8.42 Durch diese Worte Naradas angespornt, wandern Dakshas Söhne bis heute über die Erde und kehren nicht zurück.
8.43 Um nun durch geschlechtliche Vereinigung entstandene Nachkommen hervorzubringen, heiratete Daksha die von ihm erwünschte Tochter Viranas.
8.44 Sie hieß Virini, wurde aber auch Asikni genannt, ihr Edlen. Als der Stammvater seinen ersten Zeugungsentschluss auf sie richtete,
8.45 wurde Mahamaya sogleich aus ihr geboren. Kaum war sie geboren, freute sich der Stammvater sehr. Als er sie strahlend sah, dachte er: „Sie selbst ist es!“
8.46 Blumen regneten herab, Wolken spendeten Wasser, und die Himmelsrichtungen wurden bei ihrer Geburt friedvoll.
8.47 Die im Himmel versammelten Götter spielten glückverheißende Musik. Als sie geboren war, loderten die Opferfeuer ruhig und klar, ihr besten Menschen.
8.48 Unter Virinis Blick pries Daksha voller Hingabe die Herrin der Welt, Vishnumaya, Mahamaya, nachdem er sie erkannt hatte.
8.49 Daksha sprach: Ich verneige mich vor der Ewigen, die als die Glückverheißende, Friedvolle, Mahamaya, Yoganidra, Weltdurchdringende und Vishnumaya bezeichnet wird.
8.50 Von ihr beauftragt, schuf der Schöpfer einst die Welt; auf ihre Weisung hin bewirkte Vishnu, der Herr der Welt, ihre Erhaltung,
8.51 und Shambhu ihre Auflösung. Vor dir, dieser erhabenen Göttin, verneige ich mich: unveränderlich, rein, unermesslich und machtvoll, Erkenntnismittel, Maß und Erkennbares genannt, deren Wesen Freude ist.
8.52 Wer dich als die höchste Göttin betrachtet, deren Wesen Wissen und Nichtwissen ist, dem liegen Lebensgenuss und Befreiung stets in der Hand.
8.53 Wer dich, die läuternde Göttin, die Wissen und Nichtwissen offenbart, auch nur einmal unmittelbar schaut, dem wird gewiss Befreiung zuteil.
8.54 Yoganidra, Mahamaya, Vishnumaya, Weltdurchdringende: Das Bewusstsein, das mit den Gegenständen gültiger Erkenntnis verbunden ist, ist von deiner Natur.
8.55 Wer dich als Mutter der Welt preist, als Ambika, als Weltdurchdringende und als Maya, dem wird alles zuteil.
8.56 Markandeya sprach: Als die Mutter der Welt so vom großen Daksha gepriesen worden war, antwortete sie ihm auf eine Weise, die ihre Mutter nicht hören konnte.
8.57 Ambika umhüllte alle Anwesenden mit ihrer Maya und sprach so, dass allein Daksha, kein anderer, ihre Worte hörte.
8.58 Die Göttin sprach: Das Ziel, um dessentwillen du mich zuvor verehrt hast, ist nun erreicht, hervorragender Weiser. Erkenne dies jetzt.
8.59 Markandeya sprach: Nachdem sie so zu Daksha gesprochen hatte, nahm die Göttin durch ihre eigene Maya das Wesen eines Säuglings an und weinte bei ihrer Mutter.
8.60 Virini versorgte sie sorgfältig, vollzog die angemessenen Reinigungsriten und gab ihr Muttermilch und alles Weitere nach der Weise der Säuglingspflege.
8.61 Von Virini und dem großen Daksha behütet, wuchs sie täglich heran wie der Mond in seiner zunehmenden Hälfte.
8.62 Schon in ihrer Kindheit gingen alle guten Eigenschaften in sie ein, wie sämtliche lieblichen Mondteile sich im Mond entfalten, ihr besten Zweimalgeborenen.
8.63 Wenn sie ihrer eigenen Natur folgend unter ihren Freundinnen spielte, zeichnete sie Tag für Tag immer wieder das Bild Bhargas.
8.64 Wenn sie die für Kinder üblichen Lieder sang, erinnerte sie sich liebevoll an Ugra, Sthanu, Hara und Rudra.
8.65 Daksha gab ihr den Namen Sati, ihr besten Zweimalgeborenen, weil sie durch alle guten Eigenschaften, durch Güte und richtiges Verhalten ausgezeichnet war.
8.66 Die unvergleichliche Zuneigung Dakshas und Virinis zu ihr, die ihnen schon als Kind ergeben war, wuchs jeden Tag weiter.
8.67 Mit allen liebenswerten Eigenschaften ausgestattet und stets von gutem Verhalten, erfreute sie ihre Eltern Tag für Tag, ihr besten Menschen.
8.68 Eines Tages sahen Brahma und Narada die glückverheißende Sati, dieses Juwel auf Erden, an der Seite ihres Vaters stehen.
8.69 Als sie die beiden erblickte, freute sie sich, neigte sich demütig und verneigte sich vor dem Gott Brahma und vor Narada.
8.70 Nach ihrer Verneigung sahen Brahma und Narada die demütig geneigte Sati an und sprachen diesen Segen:
8.71 Mögest du jenen Gott zum Gemahl gewinnen, der dich allein begehrt und den du selbst zum Gemahl begehrst, den allwissenden Herrn der Welt.
8.72 Möge jener dein Gemahl werden, der keine andere Frau angenommen hat, annimmt oder annehmen wird, der keinem anderen gleicht, du Glückverheißende.
8.73 Nachdem sie so gesprochen und noch lange in Dakshas Einsiedelei verweilt hatten, wurden die beiden von ihm verabschiedet und kehrten an ihre eigenen Orte zurück.

Kapitel 9
Satis Gelübde und Shivas Zustimmung
Die Originalnummer 62 steht zwischen 31 und 33; die letzte Texteinheit dieses Kapitels trägt die Nummer 59.
9.1 Markandeya sprach: Nachdem ihre Kindheit vergangen war, trat sie in die schöne Jugend ein, von außerordentlicher Schönheit und an allen Gliedern bezaubernd.
9.2 Als der Stammvater Daksha sie an der Schwelle dieses neuen Lebensalters sah, dachte er darüber nach, wie er seine Tochter Bharga zur Gemahlin geben könne.
9.3 Auch sie selbst wünschte täglich, Bharga zu gewinnen, und verehrte ihn mit Erlaubnis ihrer Mutter zu Hause.
9.4 Im Monat Ashvina verehrte sie Hara am Nandaka genannten Tag mit Salz sowie mit Reis und unraffiniertem Zucker. Danach verneigte sie sich vor ihm und verbrachte so den Tag.
9.5 Am vierzehnten Tag des Monats Karttika verehrte sie Hara mit reichlich Kuchen und Milchspeise und dachte an den höchsten Herrn.
9.6 Am achten Tag der dunklen Monatshälfte von Margashirsha verehrte sie Hara mit Sesam, Gerstenreis und blauen Blüten und verbrachte wiederum den Tag in seiner Verehrung.
9.7 Am siebten Tag der dunklen Monatshälfte von Pausha hielt Sati nachts Wache und verehrte Shiva am Morgen mit einer Reis-Hülsenfrucht-Speise.
9.8 In der Vollmondnacht von Magha wachte sie; am Flussufer verehrte sie Hara in nassen Kleidern.
9.9 Mit verschiedenen Früchten und Blumen, die zu dieser Jahreszeit verfügbar waren, verehrte sie ihn. Den Monat verbrachte sie bei geregelter Nahrung, den Geist auf Hara gerichtet.
9.10 Besonders am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte des Monats Tapasya, also Phalguna, hielt sie Nachtwache und verehrte den Gott mit Bilva-Blättern.
9.11 Am vierzehnten Tag der hellen Hälfte von Chaitra verehrte sie Shiva mit Palasha-Blüten. Tag und Nacht verbrachte sie im Gedenken an ihn.
9.12 Am dritten Tag der hellen Hälfte von Vaishakha verehrte sie Hara mit Gerstenreis. Den Monat hindurch vollzog sie die Verehrung mit Opfergaben; der Vers nennt zugleich Fasten und das Gedenken an den Gott mit dem Stier als Reittier. Die genaue Verbindung der Nahrungsregeln ist nicht eindeutig.
9.13 In der Vollmondnacht von Jyeshtha verehrte sie den Gott auf dem Stier mit Gewändern und Brihati-Blüten und verbrachte die Nacht fastend.
9.14 Am vierzehnten Tag der hellen Hälfte von Ashadha verehrte sie den Gott, der ein Tierfell trägt, mit Brihati-Blüten.
9.15 Am achten und vierzehnten Tag der hellen Hälfte von Shravana verehrte sie Shiva mit heiligen Schnüren, Gewändern und rituellen Pavitra-Fäden.
9.16 Am dreizehnten Tag der dunklen Hälfte von Bhadra verehrte sie ihn mit Blumen und vielerlei Früchten; am vierzehnten nahm sie nur Wasser zu sich.
9.17 Zur Zeit, als Sati dieses Gelübde begonnen hatte, begab sich Brahma zusammen mit Savitri zu Hara.
9.18 Auch der erhabene Vasudeva kam mit Lakshmi dorthin, auf jenes Plateau des Himalaya, wo Shambhu mit seinen Scharen weilte.
9.19 Als Hara Brahma und Krishna gemeinsam mit ihren Gemahlinnen kommen sah, begrüßte er sie angemessen und fragte nach dem Grund ihres Besuchs.
9.20 Als er sie so in ehelicher Verbundenheit sah, entstand auch in seinem Geist eine leise Neigung, eine Gemahlin anzunehmen.
9.21 „Erklärt nun genau den Anlass eures Kommens. Warum seid ihr gekommen, und welche Aufgabe führt euch hierher?“
9.22 So von Tryambaka gefragt, sprach Brahma, der Großvater der Welt, auf Vishnus Ermunterung hin zu Mahadeva.
9.23 Brahma sprach: Höre, Dreiäugiger, weshalb wir beide gekommen sind, du mit dem Stierbanner: insbesondere um der Götter und um der ganzen Welt willen.
9.24 Ich widme mich der Schöpfung, Shambhu; Hari ist die Ursache ihrer Erhaltung, und du bewirkst bei jedem Schöpfungsgang die Auflösung dieser Welt.
9.25 Bei meiner Aufgabe bin ich nur gemeinsam mit euch beiden wirksam; ebenso ist Hari bei der Erhaltung auf mich und dich bezogen. Auch du wirst zur Auflösung ohne uns beide nicht imstande sein. Die erforderliche Verneinung der Schlussaussage ist im überlieferten Sanskrit nicht ausdrücklich vorhanden; sie ist hier aus dem Zusammenhang ergänzt.
9.26 Darum, du mit dem Stierbanner, ist es angemessen, dass wir einander stets bei sämtlichen Aufgaben unterstützen. Andernfalls könnte die Welt nicht bestehen.
9.27 Manche Asuras werden von mir zu töten sein, großer Herr, andere von Hari und wieder andere von dir.
9.28 Manche Götterfeinde werden durch einen aus deiner Kraft Geborenen zu töten sein, andere durch einen aus meinem Anteil Entstandenen, und wieder andere durch Maya. Der Bezug von „deiner Kraft“ ist nicht völlig eindeutig.
9.29 Wenn du stets in Yoga versunken, frei von Zuneigung und Abneigung und ganz dem Mitgefühl hingegeben bist, werden die Asuras von dir nicht getötet werden.
9.30 Wie können aber Schöpfung, Erhaltung und Auflösung stets in rechter Weise geschehen, wenn sie unbehelligt bleiben, Herr mit dem Stierbanner?
9.31 Wenn die Aufgaben der Schöpfung, Erhaltung und Auflösung nicht zu erfüllen wären, Hara, hätte die Verschiedenheit unserer Körper und der Gestalten Mayas keinen Sinn.
9.62 Wir sind unserem Wesen nach eins und nur durch die Verschiedenheit der Aufgaben unterschieden. Wenn keine verschiedenen Aufgaben verwirklicht werden, ist auch die Verschiedenheit der Gestalten zwecklos.
9.33 Erkenne diese ewige Wahrheit, Maheshvara: Der Eine ist dreifach geworden; so sind wir mit unterschiedlichen Gestalten hervorgetreten.
9.34 Auch Maya ist wegen der Verschiedenheit ihrer Aufgaben in verschiedenen Gestalten erschienen: als Kamala, Sarasvati, Savitri und Sandhya.
9.35 Die Frau ist, so erklärt Brahma hier, der Ursprung der Hinwendung zum Weltleben und der Zuneigung, Maheshvara. Nach dem Eingehen der Ehe entstehen Begehren, Zorn und weitere Regungen.
9.36 Wenn Zuneigung als Ursache von Begehren und Zorn entstanden ist, bemühen sich die Wesen darum, das zu beschwichtigen, was zur Leidenschaftslosigkeit führt. Der genaue Sinn der zweiten Hälfte ist in der überlieferten Lesung unsicher.
9.37 Die erste große Frucht am Baum der Leidenschaft ist Bindung. Aus ihr entsteht Begehren, und aus Begehren wiederum Zorn.
9.38 Leidenschaftslosigkeit, Rückzug und beständige Ungebundenheit sind hingegen Ursachen der Abwendung vom Weltleben; auch natürlich entstehender Schmerz kann dazu führen.
9.39 Dann entstehen stets Mitgefühl und Frieden, großer Herr, Gewaltlosigkeit, Ruhe durch Askese und die Hinwendung zum Weg der Erkenntnis.
9.40 Solange du in Askese gegründet, ungebunden und voller Mitgefühl bist, werden Gewaltlosigkeit und Frieden immer bei dir sein.
9.41 Wie sollte dann dein Bemühen um weltliches Wohlergehen entstehen? Alles, was sich aus dem Unterlassen der notwendigen Aufgaben an Schwierigkeiten ergibt, habe ich dir erklärt.
9.42 Nimm darum zum Wohl der Welt und der Götter eine schöne Frau zur Gemahlin, Herr der Welt.
9.43 Wie die Lotusbewohnerin Vishnu begleitet und Savitri mich, so nimm nun jene an, die Shambhus Gefährtin sein kann.
9.44 Markandeya sprach: Als Hara diese Worte Brahmas in Haris Gegenwart gehört hatte, antwortete er dem Herrn der Welt mit lächelndem Gesicht.
9.45 Ishvara sprach: Es verhält sich so, wie du zum Wohl der Welt gesagt hast, Brahma. Da ich mich ganz in Brahman versenke, besteht für mich kein Handlungsantrieb aus eigenem Interesse.
9.46 Dennoch will ich dir sagen, was ich zum Wohl der Welt tun werde. Höre meine wohlüberlegten Worte, du Edler.
9.47 Weise mir als Gemahlin eine Yogini zu, die jede gewünschte Gestalt annehmen kann und fähig ist, meine Kraft in angemessenem Maß aufzunehmen.
9.48 Wenn ich mit Yoga verbunden bin, soll sie selbst Yogini sein; wenn ich mich der Liebe zuwende, soll sie bezaubernd sein. Eine solche schöne Frau weise mir als Gemahlin zu, Brahma.
9.49 Ich werde jenes ewige höchste Licht betrachten, das die weisen Kenner des Veda das Unvergängliche nennen.
9.50 Brahma, stets dieser Betrachtung fähig, gehe ich in innere Versenkung ein. Meine Gemahlin soll dabei keine Hindernisse hervorrufen.
9.51 Du, Vishnu und ich sind Glieder des höchsten Brahman, du Edler. Ihn zu betrachten ist daher angemessen.
9.52 Ohne diese Betrachtung werde ich nicht sein, Lotusgeborener. Darum bestimme mir eine Gemahlin, die meinem Wirken stets entspricht.
9.53 Markandeya sprach: Als Brahma, der Herr aller Welten, diese Worte gehört hatte, antwortete er lächelnd und frohen Sinnes.
9.54 Brahma sprach: Es gibt eine solche Frau, Mahadeva, genau wie du sie gesucht hast.
9.55 Dakshas schöne Tochter namens Sati ist eine solche. Sie ist von großer Einsicht und wird deine Gemahlin werden.
9.56 Erkenne, Herr der Götter, der du in allen Wesen gegenwärtig bist: Sie übt um deinetwillen Askese und sehnt sich danach, dich zu gewinnen.
9.57 Markandeya sprach: Als Brahma seine Rede beendet hatte, sagte der erhabene Madhusudana: „Erfülle alles, was Brahma gesagt hat.“
9.58 Als Hara antwortete: „Ich werde es tun“, kehrten Hari und Brahma mit Kamala und Savitri freudig an ihre jeweiligen Orte zurück.
9.59 Auch Kama hörte Haras Worte und freute sich mit Rati und seinem Freund. Er trat unsichtbar zu Shambhu, blieb dort und setzte den Frühling beständig für seine Aufgabe ein.
Kapitel 10
Die Werbung um Sati
10.1 Markandeya sprach: Im Monat Ashvina fastete Sati wiederum am achten Tag der hellen Hälfte und verehrte den Herrn der Götter voller Hingabe.
10.2 Als so das Nanda-Gelübde erfüllt war, erschien Hara am neunten Tag bei Tage unmittelbar vor ihr, die sich in Hingabe verneigte.
10.3 Sati sah Hara vor sich, freute sich von Herzen und verneigte sich voller Scheu zu seinen Füßen.
10.4 Mahadeva, der ihr die Frucht ihrer Gelübde gewähren und sie selbst zur Gemahlin gewinnen wollte, sprach zu Sati:
10.5 Ishvara sprach: Tochter Dakshas, durch dieses dein Gelübde bin ich erfreut. Wähle eine Gabe; ich werde dir gewähren, was du begehrst.
10.6 Markandeya sprach: Obwohl Mahadeva, der Herr der Welt, ihre Absicht kannte, sagte er „Wähle“, weil er ihre Worte hören wollte.
10.7 Doch die junge Frau wurde von Scheu ergriffen und konnte den Wunsch ihres Herzens nicht aussprechen, weil Scham ihn verhüllte.
10.8 Währenddessen erkannte Kama an den Bewegungen von Haras Augen und Gesicht, dass er eine Frau zur Gemahlin annehmen wollte.
10.9 Er fand eine Öffnung, legte einen Blumenpfeil an den Bogen und traf Haras Herz mit dem Pfeil Harshana, dem Erfreuenden.
10.10 Freudig betrachtete Shambhu darauf Sati immer wieder; der höchste Herr vergaß die Betrachtung des höchsten Brahman.
10.11 Darauf traf der aus dem Geist Geborene ihn erneut, diesmal mit dem Pfeil Mohana, dem Bezaubernden. Shambhu war voller Freude und tief verzaubert.
10.12 Als er nun die Regungen von Bezauberung und Freude deutlich zeigte, auch durch Maya betört,
10.13 überwand Sati ihre Scheu und sagte zu Hara: „Geber der Gaben, gewähre mir die Gabe, die ich ersehne.“
10.14 Ohne das Ende ihrer Rede abzuwarten, sagte der Gott mit dem Stierbanner immer wieder zu Dakshas Tochter: „Werde meine Gemahlin!“
10.15 Als sie diese Worte hörte, die ihren ersehnten Wunsch verwirklichten, stand sie schweigend und froh da; sie hatte die im Herzen gewünschte Gabe erhalten.
10.16 Vor dem von Liebe erfüllten Hara zeigte die schön Lächelnde ihre eigenen anmutigen Regungen und Gebärden, ihr besten Zweimalgeborenen.
10.17 Die Liebesstimmung ging mit ihren zugehörigen Regungen in beide ein; auch der Liebesstreit trat jeweils seinem Anlass entsprechend hinzu, ihr hervorragenden Brahmanen.
10.18 Sie glänzte dunkel wie schimmernde Augensalbe vor Hara, dessen Leib kristallhell leuchtete: wie die dunkle Zeichnung beim Mond.
10.19 Dakshas Tochter sagte darauf wiederholt zu Hara: „Herr der Welt, nimm mich an, nachdem du meinen Vater darüber unterrichtet hast.“
10.20 Als die Göttin Sati diese Worte lächelnd sprach, sagte er, von Kama bezaubert, erneut: „Werde meine Gemahlin!“
10.21 Als Madana dies sah, freute er sich mit Rati und seinem Freund und beglückwünschte sich immer wieder selbst.
10.22 Nachdem Dakshas Tochter Shambhu beruhigt hatte, begab sie sich, erfüllt von Freude und Verzauberung, zu ihrer Mutter.
10.23 Auch Hara kehrte in seine Einsiedelei auf dem Himalaya-Plateau zurück. Vom Schmerz der Trennung von Dakshas Tochter erfüllt, versank er in Betrachtung.
10.24 Obwohl der Herr der Wesen unter der Trennung litt, erinnerte er sich an Brahmas Worte über das Eingehen der Ehe.
10.25 Im Vertrauen auf diese früheren Worte dachte der Gott mit dem Stierbanner in seinem Geist an Brahma.
10.26 Als der Höchstsitzende vom Dreizackträger so in Gedanken gerufen wurde, erschien er rasch vor ihm, vom Gelingen des ersehnten Vorhabens angetrieben.
10.27 Dorthin, wo Hara unter der Trennung auf dem Plateau des Himalaya weilte, kam Brahma zusammen mit Savitri.
10.28 Als Hara den Schöpfer mit Savitri sah, sprach er voller Sehnsucht und Trennungsschmerz zu ihm über Sati.
10.29 Ishvara sprach: Brahma, was du um der Welt willen über mein Eingehen der Ehe gesagt hast, erscheint mir jetzt als zutreffend.
10.30 Dakshas Tochter hat mich mit tiefster Hingabe verehrt. Als ich zu ihr kam, um ihr nach dieser Verehrung eine Gabe zu gewähren,
10.31 traf Kama mich in ihrer Nähe mit seinen mächtigen Pfeilen. Durch Maya bezaubert, vermochte ich nichts dagegen auszurichten, Lotusgeborener.
10.32 Auch ihren Wunsch habe ich erkannt, Brahma: Sie möchte, dass ich ihr Gemahl werde, erfreut durch ihr Gelübde und ihre Hingabe.
10.33 Handle darum zum Wohl der Welt und auch für mich, Stammvater: Daksha möge mich rasch einladen und mir seine Tochter geben.
10.34 Geh zu Dakshas Haus und überbringe meine Worte. Wirke so, dass meine Trennung von Sati endet.
10.35 Markandeya sprach: Nachdem Mahadeva so zum Stammvater gesprochen hatte, sah er Savitri an, und sein Schmerz über die Trennung von Sati nahm zu.
10.36 Der Herr der Welt betrachtete seine Aufgabe als erfüllt und sprach erfreut zu ihm, zum Wohl der Welten und zum Heil des Gottes mit dem verfilzten Haar:
10.37 Brahma sprach: Was du gesagt hast, erhabener Shambhu, dient gewiss dem Wohl des Alls. Weder bei dir noch bei mir steht dabei ein eigenes Interesse im Vordergrund, du mit dem Stierbanner.
10.38 Daksha wird dir seine Tochter selbst geben. Auch ich werde ihm deine Worte unmittelbar überbringen.
10.39 Markandeya sprach: Nachdem Brahma, der Großvater der Welt, so zu Mahadeva gesprochen hatte, fuhr er auf seinem schnellen Wagen zu Dakshas Wohnstatt.
10.40 Daksha hatte den ganzen Vorgang aus Satis Mund gehört und dachte darüber nach, wie er seine Tochter Shambhu geben könne.
10.41 Mahadeva war gekommen und zufrieden wieder gegangen. Wie könnte er erneut um der Tochter willen herbeigerufen werden, die er so sehr begehrte?
10.42 Oder sollte ich sogleich einen Boten zu ihm senden? Das wäre nicht angemessen, falls der Herr sie doch nicht für sich annähme.
10.43 Oder ich werde den Gott mit dem Stierbanner selbst verehren, damit er von sich aus der Gemahl meiner Tochter wird.
10.44 Auch sie hat ihn ja mit größter Anstrengung verehrt, weil sie wünschte: „Shambhu möge mein Gemahl werden.“ Und eben dies hat er ihr gewährt.
10.45 Während Daksha so nachdachte, erschien vor ihm der Schöpfer auf seinem Schwanenwagen, zusammen mit Savitri.
10.46 Als Daksha Brahma sah, verneigte er sich und blieb ehrerbietig geneigt stehen. Er begrüßte ihn angemessen und bot ihm einen Sitz an.
10.47 Obwohl noch von seinen Gedanken beschäftigt, fragte Daksha den Herrn aller Welten freudig nach dem Anlass seines Kommens, ihr hervorragenden Brahmanen.
10.48 Daksha sprach: Lehrer der Welt, nenne mir den Grund deines Besuchs. Bist du aus Liebe zu deinem Sohn oder wegen einer Aufgabe in meine Einsiedelei gekommen?
10.49 Markandeya sprach: So vom großen Daksha gefragt, antwortete der höchste Gott lächelnd und erfreute den Stammvater mit seinen Worten.
10.50 Brahma sprach: Höre, Daksha, weshalb ich zu dir gekommen bin. Es dient dem Wohl und Heil der Welt und entspricht auch deinem Wunsch.
10.51 Die Gabe, die deine Tochter nach ihrer Verehrung Mahadevas, des Herrn der Welt, erbeten hat, ist heute gleichsam von selbst in dein Haus gekommen.
10.52 Shambhu hat mich wegen deiner Tochter zu dir gesandt. Überlege nun, was zu tun ist und was zum Besten dient.
10.53 Seit Shankara zu ihr gekommen ist, um ihr eine Gabe zu gewähren, findet er wegen der Trennung von deiner Tochter keine Ruhe mehr.
10.54 Madana fand eine Öffnung und traf damals den Herrn der Welt mit sämtlichen Blumenpfeilen zugleich.
10.55 Von Kama getroffen, hat er die Betrachtung des Selbst aufgegeben. Er denkt an Sati und ist unruhig wie ein gewöhnlicher Mensch.
10.56 Vor seinem Gefolge vergisst der Herr der Berge wegen der Trennung, was er gerade sagen wollte. Selbst bei anderen Tätigkeiten fragt er: „Wo ist Sati?“
10.57 Was ich früher wünschte, was du, Madana und die großen Weisen mit Marichi an der Spitze wünschten, ist jetzt gelungen, mein Sohn.
10.58 Deine Tochter hat Shambhu verehrt. Auch er sehnt sich danach, ihrem Wunsch zu entsprechen, und weilt auf dem Himalaya.
10.59 Wie Sati Shambhu mit verschiedenen Ausdrucksformen ihrer Hingabe und dem Nanda-Gelübde verehrt hat, so verehrt nun auch er Sati.
10.60 Gib ihm darum unverzüglich deine Tochter, Daksha, die für Shambhu bestimmt ist. Dadurch wird deine Aufgabe erfüllt sein.
10.61 Ich werde ihn mit Narada zu deinem Haus bringen. Gib ihm dann jene, die für ihn bestimmt ist.
10.62 Markandeya sprach: „So soll es sein“, antwortete Daksha dem Höchstsitzenden. Brahma begab sich darauf dorthin, wo der Herr der Berge weilte.
10.63 Nachdem Brahma gegangen war, waren Daksha, seine Gemahlin und seine Tochter ganz von Freude erfüllt, als seien ihre Leiber mit Nektar angefüllt.
10.64 Auch der lotusgeborene Brahma war heiter und froh, als er sich dem auf dem Himalaya weilenden Mahadeva näherte.
10.65 Als der Gott mit dem Stierbanner den Weltschöpfer zurückkehren sah, kamen in seinem Geist immer wieder Zweifel auf, ob er Sati gewinnen werde.
10.66 Schon von fern sprach Mahadeva, von Kama aufgewühlt und mit dem Geist bei der Liebe, Brahma an, den mit dem Samaveda verbundenen Herrn der Welt.
10.67 Ishvara sprach: Was hat dein Sohn selbst hinsichtlich Satis gesagt, du höchster Gott? Sprich, damit mein Herz nicht von Manmatha zerrissen wird!
10.68 Diese bedrängende Trennung trifft allein mich, da Sati nicht hier ist; sie scheint alle anderen Lebewesen verschont zu haben, du höchster Gott.
10.69 Auch bei anderen Aufgaben denke ich beständig nur „Sati“, Brahma. Handle rasch so, dass ich sie gewinnen kann.
10.70 Brahma sprach: Höre, was mein Sohn in Bezug auf Sati gesagt hat, du mit dem Stierbanner. Erkenne, dass dein Ziel erreicht ist:
10.71 „Ich werde ihm meine Tochter geben; sie ist für ihn bestimmt. Auch ich wünsche dieses Geschehen, und durch deine Worte wünsche ich es noch mehr.
10.72 Meine Tochter hat Shambhu selbst zu diesem Zweck verehrt. Da auch er sie begehrt, werde ich sie Hara geben.
10.73 Er möge bei günstiger Gestirnstellung und zu einer glückverheißenden Stunde zu mir kommen. Dann werde ich Shambhu meine Tochter auf seine Bitte hin geben, Schöpfer.“
10.74 So sprach Daksha freudig. Geh darum zu günstiger Stunde in sein Haus, du mit dem Stierbanner, um um sie zu bitten.
10.75 Ishvara sprach: Ich werde sogleich mit dir und mit dem großen Narada gehen, von der Welt Verehrter. Rufe darum Narada in Gedanken herbei.
10.76 Rufe ebenso die zehn geistgeborenen Söhne mit Marichi an der Spitze. Mit ihnen und meinen Scharen werde ich mich zu Dakshas Wohnstatt begeben.
10.77 Darauf dachte der Lotusgeborene an Narada und Brahmas Söhne, die sich mit Gedankenschnelle bewegen. Sie kamen dorthin, wo Hara und Brahma weilten, und erkannten das ersehnte Vorhaben.
Kapitel 11
Die Hochzeit und Vishnus Eingreifen
11.1 Markandeya sprach: Alle geistgeborenen Söhne kamen mit Narada zusammen, allein durch Brahmas Gedenken herbeigerufen, wie vom Wind herangetragen.
11.2 Zur passenden Zeit begab sich Shambhu mit seinem Gefolge und gemeinsam mit Brahma und den Weisen freudig zu Dakshas Haus.
11.3 Seine Scharen folgten Shankara voller Freude und spielten Muschelhörner, große Trommeln, Dindimas, weitere Instrumente und Flöten.
11.4 Manche schlugen mit den Händen den Takt und ließen ihre Füße rhythmisch ertönen; andere folgten dem Gott mit dem Stierbanner in ihren schnellen Himmelsgefährten.
11.5 Die Scharen mit ihren vielerlei Gestalten zogen aus, erhoben lauten Jubel und ließen die unterschiedlichsten Klänge zusammen ertönen.
11.6 Freudige Götter, Gandharvas und Apsarasscharen folgten dem Gott mit dem Stierbanner mit Musik, Jubel und Tanz.
11.7 Der mächtige Klang der Gandharvas und der Scharen erfüllte alle Himmelsrichtungen und die Erde, ihr hervorragenden Brahmanen.
11.8 Auch Kama zog mit seinem Gefolge vor Shambhu her und erfreute und bezauberte ihn durch die Liebesstimmung und ihre Begleiterscheinungen.
11.9 Als Hara aufbrach, um seine Gemahlin zu gewinnen, musizierten die Götter mit Brahma an der Spitze selbst auf liebliche Weise.
11.10 Alle Himmelsrichtungen wurden klar und heiter, die Opferfeuer brannten ruhig, und ein Regen von Blumen fiel herab.
11.11 Duftende Winde wehten, und die Bäume standen in voller Blüte. Die Lebewesen wurden wohlauf, selbst jene, denen es zuvor nicht gut gegangen war.
11.12 Schwäne, Sarasa-Vögel, Kadamba-Wasservögel und Chatakas ließen süße Stimmen erklingen, als wollten sie den Herrn ermuntern. Ein weiterer Vogelname ist in der Vorlage unsicher.
11.13 Die Schlange, das Tigerfell, das verfilzte Haar und die Mondsichel wurden zu seinem Schmuck, durch den er noch mehr erstrahlte.
11.14 Auf dem kräftigen, schnellen Stier erreichte Hara mit Brahma, Narada und den anderen in einem Augenblick Dakshas Haus.
11.15 Der mächtige Daksha erhob sich selbst, um Hara und die von Brahma angeführten Gäste zu empfangen, und bot ihnen angemessene Sitze an.
11.16 Er ehrte sie ihrer Würde entsprechend mit Wasser für die Füße und weiteren Gaben und beriet sich dann erneut mit den geistgeborenen Weisen.
11.17 Zu glückverheißender Stunde und bei günstiger Gestirnstellung gab Daksha seine Tochter Sati freudig Shambhu zur Gemahlin.
11.18 Auch der Gott mit dem Stierbanner ergriff freudig nach dem Hochzeitsritus die Hand der schön gestalteten Tochter Dakshas.
11.19 Brahma, Narada und die anderen Weisen erfreuten den Herrn mit Samagesängen, Rigversen und wohlklingenden Yajus-Formeln.
11.20 Alle Scharen spielten Musik, die Apsaras tanzten, und die am Himmel versammelten Wolken ließen Blumen regnen.
11.21 Da kam der Gott mit dem Garuda-Banner auf dem überaus schnellen Garuda gemeinsam mit Kamala zu Shambhu und sagte:
11.22 Der Erhabene sprach: Hara, du erstrahlst mit Dakshas Tochter, deren Schönheit dunkel wie glänzende Augensalbe ist, so wie ich mit der Lotusgöttin – nur mit umgekehrtem Verhältnis der Farben.
11.23 Beschütze zusammen mit ihr die Götter und die Menschen.
11.24 Bewirke mit ihr stets das Heil derer, die durch das Weltleben ziehen. Die Bedränger wirst du jeweils ihrer Lage entsprechend bezwingen, Shankara.
11.25 Wer sie sieht oder von ihr hört und sie begehrt, den wirst du töten, Herr der Wesen; darüber sollst du nicht zögern.
11.26 Markandeya sprach: „So sei es“, antwortete der Allwissende dem freudigen höchsten Herrn, mit heiterem Gesicht und voller Zuneigung.
11.27 Als Brahma die schön lächelnde Tochter Dakshas sah, wurde sein Geist vom Liebesgott ergriffen, und er betrachtete ihr Antlitz.
11.28 Immer wieder blickte Brahma auf Satis Gesicht; unwillkürlich gerieten seine Sinne erneut in Erregung.
11.29 Sein Samen fiel vor den Weisen rasch auf die Erde und glänzte wie loderndes Feuer.
11.30 Daraus entstanden laut tönende Wolken: Samvarta, Avarta, Pushkara und Drona. Sie donnerten und ließen Wasser herabströmen, ihr besten Zweimalgeborenen.
11.31 Während sie den Himmel bedeckten und donnerten, blickte Shankara auf die Göttin Dakshayani, selbst tief vom Begehren bezaubert.
11.32 Doch auch in diesem Zustand erinnerte er sich an Vishnus Worte, hob seinen Dreizack und wollte Brahma töten.
11.33 Als Shambhu den Dreizack erhob, um den Schöpfer zu töten, brachen Marichi, Narada und die anderen in Klagerufe aus.
11.34 Daksha eilte erschrocken vor ihn, hob die Hand und hielt den Herrn der Wesen mit den Worten zurück: „Nicht so! Nicht so!“
11.35 Als Maheshvara Daksha vor sich treten sah, antwortete er ihm mit harten Worten und erinnerte an Vishnus Aussage:
11.36 Ishvara sprach: Was Narayana soeben gesagt hat, hervorragender Brahmane, und was auch ich zugesagt habe, werde ich hier erfüllen, Stammvater.
11.37 „Wer sie begehrlich ansieht, den wirst du töten.“ Dieses Wort werde ich wahr machen, indem ich ihn töte.
11.38 Warum hat Brahma Sati begehrlich betrachtet und dabei seinen Samen verloren? Darum töte ich ihn, der sich vergangen hat.
11.39 Markandeya sprach: Als er so sprach, trat Vishnu, der Herr der ganzen Welt, rasch vor ihn und hielt ihn mit diesen Worten vom Töten zurück:
11.40 Der Erhabene sprach: Du sollst den erhabenen Schöpfer der Welten nicht töten, Herr der Wesen. Er selbst hat Sati als Gemahlin für dich vorgesehen.
11.41 Dieser Viergesichtige ist erschienen, um die Geschöpfe hervorzubringen, Shambhu. Wenn er getötet wird, ist gegenwärtig kein anderer entsprechender Weltschöpfer da.
11.42 Wie könnten dann die Aufgaben der Schöpfung, Erhaltung und Auflösung durch ihn, mich und dich aufeinander abgestimmt erfüllt werden?
11.43 Wenn einer von uns getötet wird, wer wird seine Aufgabe übernehmen? Darum darfst du den Schöpfer nicht töten, du mit dem Stierbanner.
11.44 Ishvara sprach: Ich werde mein Versprechen erfüllen und den Viergesichtigen töten. Ich selbst werde die beweglichen und unbeweglichen Geschöpfe erschaffen.
11.45 Oder ich werde durch meine eigene Kraft einen anderen Schöpfer hervorbringen. Dieser soll auf meine Weisung hin stets die Schöpfung vollziehen.
11.46 Indem ich diesen Brahma töte, werde ich mein Versprechen halten und einen neuen Schöpfer erschaffen. Halte mich nicht zurück, du Vierarmiger.
11.47 Markandeya sprach: Als der Vierarmige diese Worte des Herrn der Berge hörte, sagte er mit heiterem Lächeln erneut: „Nicht so!“
11.48 Dem Herrn zugewandt erklärte er: „Es wäre nicht angemessen, dein Versprechen gegen dein eigenes Selbst zu erfüllen.“
11.49 Shambhu fragte darauf erneut: „Wie ist Brahma mein Selbst? Er steht doch hier sichtbar vor mir und erscheint deutlich verschieden von mir.“
11.50 Da lächelte der erhabene Gott mit dem Garuda-Banner und sprach vor den Weisen zu Mahadeva, um ihn zu besänftigen:
11.51 Brahma ist nicht von dir verschieden, und Shambhu ist nicht von Brahma verschieden. Auch ich bin nicht von euch beiden verschieden: Diese Nichtverschiedenheit ist ewig. Vishnu spricht zu Shiva.
11.52 Ihr beide und ich sind Anteile jener lichtvollen Wirklichkeit, die als Urnatur und jenseits der Urnatur, als gegliedert und ungegliedert erscheint. Der Sanskritsatz ist in der Zuordnung der Anteile nicht eindeutig.
11.53 Wer bist du, wer bin ich, und wer ist Brahma? Diese drei unterschiedenen Anteile des höchsten Selbst sind die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.
11.54 Betrachte mit dem Selbst das Selbst und richte deinen Lobpreis auf das Selbst. Nimm die Einheit von Brahma, Vishnu und Shambhu in dein Herz auf.
11.55 Wie Kopf und Hals verschiedene Glieder ein und desselben Wesens sind, so sind diese drei Anteile, Hara, Glieder meiner einen Wirklichkeit.
11.56 Jenes ursprüngliche Licht, das sich selbst und anderes erhellt, unveränderlich, unoffenbar, von grenzenloser Gestalt und ewig, frei von Bestimmungen wie Länge und dergleichen: Dieses Höchste sind wir; wir sind nicht voneinander verschieden.
11.57 Markandeya sprach: Mahadeva hörte diese Worte. Obwohl er die Nichtverschiedenheit kannte, war er verblendet, weil er sie durch die Hinwendung zu anderem vergessen hatte.
11.58 Er fragte Govinda erneut nach der Nichtverschiedenheit der drei Gestalten Brahma, Vishnu und Tryambaka und nach dem besonderen Wesen des Einen.
11.59 So gefragt, erklärte Narayana Shambhu die Nichtverschiedenheit der drei Götter und zeigte ihm ihre Einheit.
11.60 Nachdem Mrida aus Vishnus Lotusmund von der Nichtverschiedenheit der Wirklichkeit Vishnus, Brahmas und Shivas gehört und sein eigenes Wesen geschaut hatte, tötete er Brahma nicht. Die abschließende Bezeichnung des Verses ist sprachlich unklar.
Kapitel 12
Die Einheit der drei Götter
12.1 Die Weisen sprachen: Bester der Zweimalgeborenen, wir möchten hören, was Janardana Shambhu über die Nichtverschiedenheit der drei Götter erklärte.
12.2 Wie zeigte der Gott mit dem Garuda-Banner ihre Einheit? Erzähle es uns, hervorragender Brahmane; unsere Neugier ist groß.
12.3 Markandeya sprach: Hört gesammelt, ihr Weisen, dieses höchste Geheimnis: die Nichtverschiedenheit der drei Götter und die Schau ihrer Einheit.
12.4 Von Hara gefragt, wandte Govinda sich ihm achtungsvoll zu und erklärte die Nichtverschiedenheit mit folgenden Worten:
12.5 Der Erhabene sprach: Dieses Ganze war einst von Dunkel erfüllt, ohne ausgebildete Welten, unerkannt und ohne Kennzeichen, wie ringsum in Schlaf versunken.
12.6 Es gab weder die Unterscheidung von Tag und Nacht noch Raum oder Erde, weder Licht noch Wasser noch Wind; auch sonst bestand nichts.
12.7 Es gab allein das höchste Brahman: fein, ewig, jenseits der Sinne, unoffenbar, von der Natur des Erkennens und ohne die Bestimmung der Zweiheit.
12.8 Prakriti und Purusha waren als zwei ewige, alles umfassende Prinzipien vorhanden. Auch die Zeit bestand, Herr der Wesen; zusammen bilden sie die eine Ursache der Welt.
12.9 Das eine höchste Brahman ist die Wirklichkeit jenseits der Erscheinung, Hara. Diese drei ewigen Gestalten gehören eben diesem Herrn der Welt an.
12.10 Zeit heißt eine weitere seiner Gestalten: anfanglos und ursächlich. Sie verbindet sich mit allen Wesen, indem sie deren Abschnitte bestimmt.
12.11 Darauf leuchtete jene unvergleichliche Wirklichkeit aus sich selbst heraus auf und versetzte die Prakriti um der Schöpfung willen in Bewegung.
12.12 Als Prakriti in Bewegung geraten war, entstand das Mahat-Prinzip; aus Mahat ging danach das dreifache Ichprinzip hervor.
12.13 Nach dem Entstehen des Ichprinzips erschuf Vishnu aus dem feinen Klangprinzip den grenzenlosen, gestaltlosen Raum.
12.14 Darauf erschuf der große Herr aus dem feinen Geschmacksprinzip die Wasser. Selbst ohne Stütze, trug er sie durch seine eigene Maya.
12.15 Für die Schöpfung versetzte der höchste Herr die Prakriti, deren drei Eigenschaften im Gleichgewicht waren, erneut in Bewegung.
12.16 Darauf wurde Prakriti im Wasser zu einem dreifach bestimmten Samen und brachte dort den geordneten Keim der Welt hervor.
12.17 Dieser wuchs allmählich zu einem großen goldenen Ei heran. Das Ei nahm die gesamten Wasser in seinen Innerraum auf.
12.18 Als die Wasser im Innern des goldenen Eis weilten, trug Vishnu dieses unvergleichliche Weltei wiederum durch deine Maya.
12.19 Von außen war dieses Ei ringsum von Wasser, Feuer, Wind und Raum umgeben.
12.20 Im Innern des Welteis befand sich Wasser im Umfang der sieben Meere, der Flüsse und der übrigen Gewässer; das andere Wasser lag außerhalb.
12.21 Vishnu selbst nahm im Innern Brahmas Gestalt an. Nachdem er dort ein Götterjahr verweilt hatte, spaltete er das Ei.
12.22 Daraus entstand der Meru, großer Herr. Aus den Hüllen wurden die Berge, aus seinem Wasser die sieben Meere.
12.23 In seiner Mitte entstand aus dem feinen Geruchsprinzip die Erde, vom Herrn mit der dreigunahaften Prakriti verbunden.
12.24 Die Erde war schon vor den Bergen und den übrigen Gebilden entstanden. Durch die Verbindung mit den Teilen des Welteis wurde sie sehr fest.
12.25 Auf ihr nahm Brahma, der Lehrer aller Welten, seinen Sitz. Noch bevor der im Weltei befindliche Brahma sichtbar geworden war, entstand aus dem feinen Formprinzip das Feuerlicht.
12.26 Aus dem von Prakriti wirksam gemachten feinen Tastprinzip entstand der Wind, der überall zum Lebensatem aller Wesen wurde.
12.27 Wasser, gewaltiges Feuer, Wind und Raum erfüllten das Innere und Äußere jenes Eis. Der abschließende Ausdruck über das Innere ist beschädigt.
12.28 Dann teilte der große Herr den Brahma-Leib in drei Teile, Shambhu, dem Willen der Urnatur entsprechend und unter dreifacher Ausprägung der drei Gunas.
12.29 Der obere Teil wurde zum Brahma-Leib: viergesichtig und vierarmig, mit einer hellen Körperfarbe wie die Staubfäden einer Lotusblüte.
12.30 Der mittlere Teil wurde zum Vishnu-Leib: dunkel, mit einem Gesicht und vier Armen, Muschel, Diskus, Keule und Lotus in den Händen.
12.31 Der untere Teil wurde zu deinem Leib, Mondbekrönter: fünfgesichtig, vierarmig und hell wie Kristall und Wolken.
12.32 Darauf setzte er die schöpferische Kraft in den Brahma-Leib ein. Er selbst wurde in Brahmas Gestalt zum Schöpfer und Träger der Welt.
12.33 Seine erhaltende Kraft, seine eigene Maya, die Prakriti genannt wird, setzte der große Herr in den Vishnu-Leib ein, ebenso seine Erkenntniskraft.
12.34 So wurde Vishnu zum Erhalter; ich selbst bin dieser große Herr. Durch die Einsetzung all dieser Kräfte habe ich stets diese Gestalt.
12.35 Die Kraft der Auflösung setzte er ebenso in den Shambhu-Leib ein. Die Kraft der Auflösung setzte er ebenso in den Shambhu-Leib ein. Derselbe Halbvers steht in der Vorlage zweimal; die Wiederholung wird hier sichtbar bewahrt.
12.36 Shambhu wurde zum Vollzieher der Auflösung, er selbst, der höchste Herr. Darauf offenbart er sich selbst in den drei Körpern.
12.37 Der anfanglose erhabene Herr ist das höchste Licht von der Natur des Erkennens. Der eine große Herr bewirkt Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.
12.38 Dabei empfängt er die verschiedenen Namen Brahma, Vishnu und Shiva. Deshalb sind du, der Schöpfer und ich nicht getrennt voneinander; so verhält es sich mit unseren Leibern, Gestalten und dem inneren Erkennen.
12.39 Markandeya sprach: Nachdem er diese Worte Vishnus von unermesslichem Glanz gehört hatte, sprach er mit einem vor Freude erblühten Gesicht erneut zu Janardana:
12.40 Ishvara sprach: Wenn der große Herr einer allein ist, Lichtgestalt und makellos, was ist dann Maya, was ist Zeit, und was wird Prakriti genannt?
12.41 Was sind die Purushas? Sind sie von ihm ungeschieden? Wenn sie verschieden sind, wie besteht dann Einheit? Erkläre mir dies, Govinda, und ihre jeweilige Macht.
12.42 Der Erhabene sprach: Stets schaust du, wenn du in Meditation versunken bist, den höchsten Herrn im Selbst, als das Wesen des Selbst: als mein Licht, das wahrhaft Unvergängliche.
12.43 Durch den Yoga der Meditation wirst du selbst Maya, Prakriti, Zeit und Purusha erkennen, Herr. Darum widme dich der Meditation.
12.44 Weil du jetzt durch meine Maya bezaubert bist, hast du das höchste Licht vergessen und dich der Liebe zu einer Frau zugewandt.
12.45 Jetzt bist du von Zorn erfüllt und hast das Selbst im Selbst vergessen. Darum fragst du nach den Gestalten wie Prakriti und den übrigen, du ursprünglicher Herr.
12.46 Markandeya sprach: Als Mahadeva diese entschiedenen Worte gehört hatte, verband er sich vor den Augen der Weisen mit dem Yoga und versenkte sich in Meditation.
12.47 Er nahm eine fest verschränkte Sitzhaltung ein, hielt die Augen unbewegt und betrachtete als großer Herr das Selbst im Selbst.
12.48 Während er das Höchste betrachtete, strahlte sein glückverheißender Körper so hell, dass die Weisen ihn nicht mehr anzusehen vermochten.
12.49 Sogleich, als Shambhu sich in Meditation verband, verließ ihn Vishnus Maya; er erstrahlte außerordentlich im Licht seiner Askese.
12.50 Auch die Scharen, die dienend in Shankaras Nähe standen, vermochten weder ihn noch gleichsam die Sonne anzusehen.
12.51 Da trat Vishnu selbst in Lichtgestalt in den Körper des tief in Samadhi versunkenen Gottes mit dem verfilzten Haar ein.
12.52 Nachdem er in sein Inneres eingetreten war, zeigte der unvergängliche Narayana selbst den ursprünglichen Ablauf der Schöpfung.
12.53 Weder grob noch fein, keiner näheren Bestimmung zugänglich, ewige Glückseligkeit und jenseits eines begrenzten Glücksempfindens, eines, rein und jenseits der Sinne –
12.54 unsichtbar und doch alles schauend, ohne Eigenschaften, die höchste Stätte, das höchste Selbst, Glückseligkeit und Ursache der Ursache der Welt –
12.55 als diese Wirklichkeit schaute Shambhu zuerst sein eigenes Selbst. Sein Geist war darin eingegangen, und die Wahrnehmung des Äußeren war geschwunden.
12.56 Prakriti, eine Gestalt ebendieser Wirklichkeit, sah er um der Schöpfung willen in Unterschieden hervortreten, gleichsam einzeln und getrennt neben ihr.
12.57 Auch die Purushas sah er von dort fortwährend hervorgehen, wie Funken aus einem großen Feuer, ihr besten Zweimalgeborenen. Die Feuervergleichung ist im Wortlaut leicht gestört.
12.58 Ebendieses erscheint immer wieder als Zeit, als Ursache der Abgrenzung von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.
12.59 Prakriti, Purusha und Zeit sah er immer wieder als ungeschieden aufleuchten und doch um der Schöpfung willen in Unterschieden hervortreten.
12.60 Der Mondbekrönte sah sie als unterschieden und doch ungetrennt. Brahman ist eines allein, ohne Zweites; hier gibt es keinerlei Vielheit.
12.61 Es erscheint in der Gestalt des Urstoffs, in der Gestalt der Zeit und ebenso in der Gestalt des Purusha und wirkt so für das Weltgeschehen.
12.62 Sie wirkt beständig im Körper, damit die Lebewesen Erfahrungen machen. Diese Maya ist eben Prakriti; sie bezaubert Shankara,
12.63 Hari, Brahma und ebenso die übrigen geborenen Wesen. Als Maya bezeichnet, ist Prakriti erschienen und versetzt die Geschöpfe in Verblendung.
12.64 In Frauengestalt ist sie Lakshmi, Haris Geliebte; sie ist Savitri, Rati und Sandhya, sie ist Sati und sie ist Virini.
12.65 Die Göttin selbst hat die Gestalt der Erkenntniskraft und wird auch Chandika besungen. Dies schaute Hara unmittelbar, als er den Weg der Meditation beschritt.
12.66 Ebenso schaute er selbst den Ablauf der Schöpfung mit der Ausgliederung von Mahat und den weiteren Prinzipien.
12.67 Nachdem Hari ihm Zeit, Prakriti und die Purushas gezeigt hatte, zeigte er ihm in jenem Körper noch Weiteres, ihr besten Zweimalgeborenen.
Die folgende heutige Meditationsanleitung begleitet die Betrachtung der Verse, ohne die im Purana geschilderte Gottesschau nachzustellen.
Kapitel 13
Shivas Schau der einen Wirklichkeit
Nach Vers 19 folgt ein unnummerierter Textabschnitt; die Nummer 24 fehlt. Die Orientierung „20u“ bezeichnet nur den unnummerierten Abschnitt, keine gesicherte Ergänzung der Originalnummerierung.
13.1 Markandeya sprach: Darauf zeigte er Shambhu die Gestalt des Welteis und wie es einst in der Wassermasse herangewachsen war.
13.2 In seiner Mitte zeigte er Brahma, den Herrn der Welt, der dem Innern einer Lotusblüte glich: als Lichtgestalt, die zur Offenbarung und zur Schöpfung gesondert hervortrat.
13.3 Immer wieder sah er den vierarmigen, lotusgeborenen Gott im Innern des Welteis, verkörpert und von Licht umstrahlt.
13.4 Dort sah er auch den Brahma-Leib dreigeteilt: oben, in der Mitte und unten als Brahma, Vishnu und Shiva.
13.5 Er sah, wie der obere Teil des Leibes zu Brahma, die Mitte zu Vishnu und der untere Teil zu Shambhu wurde.
13.6 Immer wieder sah Hara in seinem eigenen Innern den einen Körper dreifach werden und ebenso diese ganze Welt.
13.7 Einmal ging der Vishnu-Leib im Brahma-Leib auf, dann der Brahma-Leib im Vishnu-Leib und der Vishnu-Leib im Shambhu-Leib.
13.8 Den Shambhu-Leib sah er im Vishnu-Leib und den Brahma-Leib im Shambhu-Leib aufgehen; immer wieder sah er ihre Auflösung und Einheit.
13.9 Vamadeva sah die Körper unterschieden und doch nicht voneinander getrennt und schließlich im höchsten Selbst aufgehen.
13.10 Inmitten davon sah Shambhu die ausgedehnte Erde im Wasser, stellenweise von Gruppen großer Berge bedeckt.
13.11 Er sah wiederum Brahma, der zunächst den Himmel erschuf, sich selbst als eigene Gestalt und Vishnu auf Garuda.
13.12 Dort sah er den Stammvater Daksha und seine eigenen Scharen, die zehn Weisen mit Marichi an der Spitze sowie Virini und Sati,
13.13 Sandhya, Rati und Kandarpa, die Liebesstimmung mit dem Frühling, anmutige Gebärden und Regungen, die Maras, Rishis, Götter und Marutscharen,
13.14 Wolken, Mond und Sonne, Bäume, Ranken und Gräser, Siddhas, Vidyadharas, Yakshas, Rakshasas und Kinnaras,
13.15 Menschen, Schlangen, Krokodile, Fische und Schildkröten, Meteore, Donnerschläge und Kometen sowie Würmer, Insekten und fliegende Kleintiere.
13.16 Er sah eine Frau in geschlechtlicher Vereinigung, andere Wesen bereits geboren, wieder andere gerade entstehend oder vergehend.
13.17 Der höchste Herr sah manche lachen und sich erfreuen, andere klagen und wieder andere eilen.
13.18 Manche sah er mit himmlischem Schmuck versehen, mit Kränzen und Sandelpaste geschmückt und immer wieder mit Shambhu spielend. Die Zuordnung der Handelnden ist im Wortlaut nicht ganz eindeutig.
13.19 Er sah Weise, reich an Askese, die Shambhu, Vishnu und Brahma priesen und besangen.
13.20u Einige übten Askese an Flussufern und in Einsiedlerwäldern, andere widmeten sich dem eigenen Schriftstudium und den Veden oder lehrten deren Rezitation. Dieser Textabschnitt steht nach Vers 19 ohne abschließende Versnummer; „20u“ dient nur der Orientierung.
13.21 Ebenso sah Shambhu selbst die sieben Meere, Flüsse und himmlischen Seen sowie sich selbst auf einem Berg.
13.22 Shankara sah, wie Maya in Lakshmis Gestalt Hari und in Satis Gestalt ihn selbst bezauberte.
13.23 Er sah, wie er sich mit Sati auf dem Kailasa, dem Meru und dem Mandara sowie in göttlichen Wäldern erfreute, erfüllt von Liebesstimmung.
13.25 Er sah ausführlich, wie sie Satis Leib verließ und als Himavats Tochter geboren wurde, wie Karttikeya entstand und den Taraka genannten Feind erschlug. Die Schlusskonstruktion des Verses ist verkürzt.
13.26 Er sah, wie Hiranyakashipu durch die Gestalt Narasimhas getötet wurde, ebenso wie Kalanemi und Hiranyaksha getötet wurden.
13.27 Hara sah alle Kämpfe, die Vishnu früher mit den Danava-Scharen geführt hatte, und welche Gegner dabei jeweils getötet worden waren.
13.28 Nachdem er die Entfaltungen der Welt einzeln betrachtet hatte – Brahma und die anderen, Sterne, Planeten, Menschen, Siddhas und Vidyadharas –,
13.29 sah der Herr Shambhu sich selbst diese auflösen. Am Ende der Auflösung sah er Brahma, Vishnu und Maheshvara.
13.30 Diese ganze Welt mit allem Beweglichen und Unbeweglichen wurde leer.
13.31 Als die ganze Welt leer geworden war, ging Brahma in Vishnus Körper auf; auch Shambhu trat in ebendiesen Körper ein.
13.32 Er sah allein Vishnu von unoffenbarer Gestalt. Hara sah damals nichts anderes als Vishnu.
13.33 Dann sah er auch Vishnu in das höchste Selbst eingehen, in die höchste, ewige Wirklichkeit, die als Licht erscheint.
13.34 Darauf sah er nur noch das höchste Brahman, erfüllt von Erkenntnis und ewiger Glückseligkeit, allein durch Erkenntnis zugänglich, und nichts anderes.
13.35 In seinem eigenen Körper sah er die Einheit und die Unterschiedenheit der Welt im höchsten Selbst sowie die Ordnungen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.
13.36 Er sah das leuchtende höchste Selbst, friedvoll, ewig und jenseits der Sinne: Brahman allein, ohne Zweites, und nichts anderes.
13.37 „Wer ist Vishnu, wer Hara, wer Brahma, und was ist diese Welt?“ Eine solche Trennung vom höchsten Selbst nahm Shambhu nicht mehr wahr.
13.38 Während er so schaute, trat Maya wieder hervor und ging in den Gott mit dem Stierbanner ein. Der räumliche Bezug von Innen und Außen ist in der überlieferten Formulierung nicht eindeutig.
13.39 Nachdem Janardana Shambhu die Nichtverschiedenheit und die Unterschiedenheit gezeigt hatte, trat er rasch aus dessen Körper heraus.
13.40 Als Hara aus Samadhi hervortrat, kam sein Geist wieder in Bewegung. Von Maya bezaubert, wandte er sich sofort Sati zu.
13.41 Immer wieder betrachtete Hara das bezaubernde Antlitz Dakshas Tochter, das einem geöffneten Lotus glich.
13.42 Als Shankara dort auch Daksha, Marichi und die anderen, seine Scharen, den Lotusgeborenen und Vishnu sah, geriet er in Staunen.
13.43 Zu dem staunenden Mahadeva mit dem Stierbanner sprach Janardana mit einem von Lächeln erhellten Gesicht:
13.44 Der Erhabene sprach: Alles, was du über die Einheit und die Verschiedenheit der drei Götter gefragt hast, Shankara, hast du nun erkannt.
13.45 Prakriti, Purusha, Zeit und Maya hast du in deinem Innern erkannt, Mahadeva: wie sie beschaffen sind und was sie sind.
13.46 Du hast gesehen, wie das eine, stets friedvolle, ewige, höchste und große Brahman in Unterschieden erscheint und welcher Art dies ist.
13.47 Markandeya sprach: So vom Erhabenen gefragt, antwortete der erhabene Gott mit dem Stierbanner Hari mit diesen wahrheitsgemäßen Worten:
13.48 Ishvara sprach: Brahman ist eines, glückverheißend, friedvoll, grenzenlos und unvergänglich; nichts anderes ist ihm gleich. Die ganze Welt ist nicht von ihm verschieden, ebenso wenig die Gestalten der Zeit und der anderen Schöpfungsursachen.
13.49 Es ist der makellose Ursprung aller Wesen. Auch wir sind stets seine Anteile. Von ihm gehen Schöpfung, Erhaltung und Auflösung aus; deshalb erscheinen seine drei Gestalten unterschieden.
13.50 Weder ich noch du, weder Hiranyagarbha noch Zeit, Prakriti oder irgendetwas anderes vermag ohne seinen Antrieb zu wirken. Auch die vorhandenen Gestalten gehören ihm an. Die Schlusswendung ist sprachlich gestört.
13.51 Der Erhabene sprach: Diese Wirklichkeit hast du erkannt und ausgesprochen, du mit dem Stierbanner. Wir, Brahma, Vishnu und der Träger des Pinaka-Bogens, sind ihre Anteile.
13.52 Darum darf dieser Brahma von dir nicht getötet werden, wenn du die Einheit Brahmas, Vishnus und des Pinaka-Trägers erkannt hast, Shambhu.
13.53 Markandeya sprach: Als Mahadeva diese Worte Vishnus von unermesslichem Glanz hörte und die Einheit geschaut hatte, tötete er Brahma nicht.
13.54 So habe ich euch erzählt, wie Vishnu Shambhu die Nichtverschiedenheit lehrte. Nun kehre ich zur begonnenen Erzählung zurück, ihr Brahmanen.
Kapitel 14
Shiva und Sati in den Bergen
14.1 Markandeya sprach: Während die Wolken donnerten, verabschiedete Mahadeva, Satis Gemahl, Vishnu und die anderen und begab sich zum Himalaya.
14.2 Er ließ die freudige Sati auf den hohen Stier steigen und ging zu einem lieblichen, von Lauben erfüllten Plateau des Himalaya.
14.3 Neben Shankara glänzte die schönzahnige, anmutig lächelnde Sati auf dem Stier wie die dunkle Zeichnung neben dem Mond.
14.4 Brahma und die anderen, die geistgeborenen Söhne mit Marichi an der Spitze, Daksha, Götter und Asuras waren alle voller Freude.
14.5 Manche spielten Muschelhörner, andere schlugen glückverheißende Rhythmen, und wieder andere machten Scherze, während sie dem Gott mit dem Stierbanner folgten.
14.6 Obwohl Shambhu sie bereits verabschiedet hatte, begleiteten Brahma und die anderen ihn in großer Freude noch ein Stück des Weges.
14.7 Dann nahmen Brahma und die geistgeborenen Söhne Abschied von Shambhu und kehrten in ihren schnellen Gefährten an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück.
14.8 Auch sämtliche Götter, Siddhas, Apsaras, Yakshas, Vidyadharas und die anderen, die dort zusammengekommen waren,
14.9 kehrten von Hara verabschiedet an ihre eigenen Orte zurück. Sie freuten sich darüber, dass der Gott mit dem Stierbanner nun vermählt war.
14.10 Mit seinem Gefolge erreichte Hara den erfreulichen Wohnort Kailasa und ließ dort seine Geliebte vom Stier absteigen.
14.11 Nachdem er Dakshas Tochter gewonnen hatte, entließ Virupaksha sein eigenes Gefolge, Nandin und die anderen, aus der Berghöhle.
14.12 Shambhu sagte freundlich zu ihnen allen: „Wann immer ich hier an euch denke, sollt ihr, durch mein Gedenken im Geist bewegt, sogleich an meine Seite kommen.“
14.13 Als Vamadeva dies gesagt hatte, begaben sich Nandin, Bhairava und die anderen zum Wasserfall der Mahakaushi im Himalaya.
14.14 Nachdem sie gegangen waren, erfreute sich auch der Herr, von Dakshas Tochter bezaubert, lange Zeit Tag für Tag mit ihr in der Abgeschiedenheit.
14.15 Manchmal sammelte er Waldblumen, flocht daraus einen schönen Kranz und legte ihn Sati anstelle eines Halsgeschmeides um.
14.16 Wenn Sati ihr eigenes Gesicht im Spiegel betrachtete, trat Hara manchmal hinzu und betrachtete darin auch sein eigenes Antlitz.
14.17 Manchmal hob er freudig ihre Locken an, band sie zusammen, löste sie wieder und strich sie immer wieder glatt.
14.18 Liebevoll färbte der Gott mit dem Stierbanner ihre von Natur aus roten Füße mit leuchtendem roten Lack.
14.19 Was man vor anderen ohne Weiteres laut sagen konnte, flüsterte er ihr dennoch ins Ohr, um dabei ihr Gesicht zu berühren.
14.20 Nachdem er sich nur ein wenig entfernt hatte, kam er behutsam zurück und hielt ihr von hinten die Augen zu, während sie an anderes dachte.
14.21 Dort machte der Gott mit dem Stierbanner sich durch Maya unsichtbar und umarmte sie. Überrascht erschrak sie und geriet in Unruhe.
14.22 Auf ihre beiden Brüste, die Knospen goldener Lotusblumen glichen, malte er mit Moschus eine bienenförmige Verzierung.
14.23 Plötzlich nahm Hara ihr die Halskette von der Brust und legte sie an derselben Stelle wieder an, wobei er sie mit den Händen berührte.
14.24 Immer wieder löste er Armschmuck, Armreifen und weitere Schmuckstücke und befestigte sie danach erneut an ihrem Platz. Eine Schmuckbezeichnung ist in der Vorlage unklar.
14.25 „Hier kommt Kalika, deine Freundin, die dieselbe Farbe hat wie du!“ Als sie hinsehen wollte, berührte er ihre Brüste.
14.26 Manchmal vollführte der vom Liebesrausch ergriffene Herr der Pramathas freudig solche Scherze mit seiner Herzensgeliebten.
14.27 Shankara holte Lotusblüten und Waldblumen und schmückte zuweilen ihren ganzen Körper mit Blumenschmuck.
14.28 Freudig wandelte Hara, Satis Gemahl, mit ihr durch die schönen Berglauben und durch sämtliche Wälder.
14.29 Ob unterwegs, sitzend, stehend oder tätig: Ohne sie fand der Gott mit dem Stierbanner nicht einen Augenblick Ruhe.
14.30 Nachdem er lange in einer Höhle des Kailasa geweilt hatte, begab er sich zum Wasserfall der Mahakaushi im Himalaya.
14.31 Als der Gott mit dem Stierbanner den Himalaya betrat, folgte auch Kama mit seinem Freund und mit Rati.
14.32 Als Kama dort eingezogen war, breitete der Frühling seine eigene Schönheit in Shankaras Nähe aus: an Bäumen, im Wasser und auf der Erde.
14.33 Alle Bäume und Ranken waren voller Blüten, die Gewässer voller entfalteter Lotusse und die Lotusse voller Bienen.
14.34 Als die Liebe dort Einzug hielt, wehten Malaya-Winde; der Duft wohlriechender Blumen bezauberte die Frauen.
14.35 Smara wirbelte selbst die Gedanken der Weisen auf und zog geschickt deren Essenz heraus, wie man Butter aus der aufgewühlten Milchflüssigkeit gewinnt. Die genaue Bezeichnung der Flüssigkeit ist im Vergleich nicht ganz stimmig.
14.36 Palasha-Blüten glänzten wie die Mondsichel am Abend. Blumen gleich Kamas Waffen erweckten immer neue Freude.
14.37 Die Lotusblüten in den Seen leuchteten, als seien sie die schönen Gesichter von Wassergottheiten, die alle Menschen bezaubern wollten.
14.38 Die Nagakeshara-Bäume mit goldfarbenen Blüten standen lieblich in Shankaras Nähe und glichen Bannern des Liebesgottes.
14.39 Auch die Champaka-Bäume glänzten mit zahlreichen geöffneten und noch nicht geöffneten Blüten und zeigten immer wieder deren goldene Farbe.
14.40 Die Patala-Bäume blühten so reich, dass die Himmelsrichtungen vom rosigen Schein ihrer offenen Blüten erfüllt wurden.
14.41 Der Duft der Lavanga-Ranken durchzog die Luft und bezauberte die Herzen der Liebenden zutiefst.
14.42 Die Pflanzen dort waren vom Frühlingsduft erfüllt; von diesem Duft angezogene Bienen umgaben sie, und alles erschien lieblich und von Liebesfreude durchdrungen. Einzelne Pflanzenbezeichnungen sind unsicher.
14.43 Die Spitzen der Mangobäume glänzten schön wie Feuer und erschienen wie Lagerstätten ganzer Bündel von Kamas Pfeilen. Der letzte Vergleich ist textlich gestört.
14.44 Die reinen Gewässer glänzten mit offenen Lotusblüten wie der Geist der Weisen, wenn das Licht der Erkenntnis deutlich hervortritt.
14.45 Durch die Berührung mit den Sonnenstrahlen schwand der Frost, wie das Gefühl des Besitzens aus dem Herzen der Wissenden schwindet.
14.46 Furchtlos ließen die Kokilas täglich ihre Stimmen erklingen, wie der starke Klang der Blumensehne, wenn Blumenpfeile Lebewesen treffen.
14.47 Bienen summten an den Blumen im Wald, wie der Liebesgott als Tiger seine Stimme erhebt, hungrig nach dem Liebesspiel der Frauen.
14.48 Der Mond mit seinen kühlen Strahlen nahm seine Phasen nach und nach an, um die Menschen auf Erden zu bezaubern. Der Wortlaut des ersten Halbverses ist beschädigt.
14.49 Die Nächte wurden mit dem Mond klar und frostfrei, so schön wie Frauen in der Gemeinschaft ihres Geliebten.
14.50 Zu dieser Zeit erfreute sich Mahadeva lange mit Sati auf dem herrlichen Berg, verborgen in Lauben und Höhlen.
14.51 Auch die glückverheißende Tochter Dakshas erfreute sich mit ihm so, dass Hara ohne sie nicht einmal einen Augenblick Frieden fand.
14.52 In der Liebesvereinigung schien die Göttin Sati, seinem Herzen lieb, in Haras Leib einzugehen und ihn den Geschmack ihrer Liebe trinken zu lassen.
14.53 Er schmückte ihren ganzen Leib mit Blumenkränzen, die er eigenhändig geflochten hatte, und machte liebevolle Scherze.
14.54 Durch Worte, Blicke, Lachen und Gespräche ging der Herr der Berge ganz in ihr auf, wie ein Selbstbeherrschter in der Erkenntnis des Selbst.
14.55 Hara blieb im Trinken des Nektars ihres Mondgesichts versunken. Die im zweiten Halbvers genannte weitere Zustandsbeschreibung ist in der überlieferten Lesung nicht sicher zu übersetzen.
14.56 Vom Duft ihres Lotusgesichts, von ihrer Schönheit und ihrem Scherz war er wie ein großer Elefant durch Fesseln gebunden und richtete sein Tun auf nichts anderes.
14.57 So erfreute sich Mahesha Tag für Tag mit Dakshas Tochter in den Lauben, auf den Plateaus und in den Höhlen des Himalaya. Der Vers nennt für die Dauer neun, zehn und weitere fünf Jahre sowie die zusätzliche Zahlenwendung „ṛtubhuja“; deren Zusammenhang ist nicht sicher zu bestimmen.
Kapitel 15
Die Regenzeit und die Wahl einer Wohnstatt
15.1 Markandeya sprach: Als einmal die Regenzeit herankam, sprach Dakshas Tochter zum Gott mit dem Stierbanner, der auf einem Bergplateau weilte.
15.2 Sati sprach: Die Regenzeit ist gekommen, eine schwer zu ertragende Zeit. Wolkenmassen von vielerlei Farbe verhüllen den Himmel und die Himmelsrichtungen.
15.3 Heftige Winde wehen, die das Herz beinahe zerreißen; sie treiben kleine Regentropfen heran, vermischt mit dem Blütenstaub der Kadamba-Bäume.
15.4 Wessen Geist bliebe unerschüttert vom lauten, heftigen Donner der Wolken, die Regenströme ausschütten und Blitze als Banner tragen?
15.5 Weder die Sonne noch der von Wolken verhüllte Mond ist sichtbar. Selbst der Tag erscheint wie Nacht und bringt jene in Verwirrung, die von ihren Geliebten getrennt sind.
15.6 Die Wolken bleiben nicht an einem Ort, sondern ziehen tönend und vom Wind getrieben dahin. Es sieht aus, als fielen sie den Menschen auf die Köpfe, Shankara.
15.7 Vom Wind getroffen, scheinen die großen Bäume am Himmel zu tanzen. Sie erschrecken die Ängstlichen, Hara, doch die Liebenden freuen sich an ihnen.
15.8 Vor der dunklen Wolkenmasse, die wie glänzende Augensalbe erscheint, leuchtet hoch eine Reihe weißer Vögel wie Schaum auf der bewegten Yamuna.
15.9 Augenblick für Augenblick sieht man den flackernden Blitz in der dunklen Wolke, wie das lodernde unterseeische Feuer im Ozean.
15.10 Selbst in den Vorhöfen der Häuser sprießen Gräser. Was soll ich dir, Virupaksha, da vom Graswuchs an anderen Orten erzählen?
15.11 Der helle Himalaya ist mit dunklem und silbrigem Pflanzenwuchs bedeckt, wie der Milchozean mit Blättern der Bäume vom Mandara. Einzelne Bestandteile des Vergleichs sind sprachlich unsicher.
15.12 Die Blütenpracht hat die Kinshuka-Bäume verlassen und sich dem Kutaja zugewandt, wie im Kali-Zeitalter das Glück die Guten verlässt und sich bald diesem, bald jenem zuwendet.
15.13 Vom Donner immer wieder erfreut, rufen die Pfauen in jedem Wald und kündigen unablässig den Regen an.
15.14 Höre, Hara, den süßen Ruf der begeisterten Chatakas, die zu den Wolken aufblicken; er kündigt das Herannahen des Regens an.
15.15 Indras Bogen hat jetzt seinen Platz am Himmel eingenommen, als sei er erschienen, um mit den Pfeilen der Regenschauer die Hitze zu durchbohren.
15.16 Sieh hier das schlechte Verhalten der Wolken, Bharga: Mit Hagelmassen bedrängen sie die Pfauen und Chatakas, die ihnen doch ergeben sind. Das entsprechende Verb ist in der Vorlage gestört.
15.17 Als die Schwäne sehen, wie Pfauen und Chatakas sogar von ihrem Freund bedrängt werden, ziehen sie zum weit entfernten Manasa-See, Herr der Berge.
15.18 In dieser schwierigen Zeit bauen selbst Krähen und andere Vögel Nester. Wie willst du ohne Haus Ruhe finden?
15.19 Die von den Wolken ausgelöste große Furcht bedrängt mich, Träger des Pinaka-Bogens. Sorge darum auf meine Bitte hin unverzüglich für eine Unterkunft.
15.20 Schaffe dir eine angemessene Wohnstatt, du mit dem Stierbanner: auf dem Kailasa, im Himalaya, bei der Mahakaushi oder auf der Erde.
15.21 Als Dakshas Tochter dies zu Shambhu sagte, lachte er; die Strahlen des Mondes auf seinem Haupt erhellten sein Gesicht.
15.22 Mit lächelnden Lippen sprach der hochherzige Kenner aller Prinzipien zur Göttin Sati, um die höchste Herrin zu erfreuen:
15.23 Ishvara sprach: Wo ich dir zuliebe eine Wohnstatt schaffen werde, meine schöne Geliebte, werden niemals Wolken hinkommen.
15.24 Selbst in der Regenzeit ziehen die Wolken am Himalaya nur bis zu den Flanken des Berges, du Schöne.
15.25 Ebenso ziehen die Wolken am Kailasa nur bis zu seinem Berggürtel, Göttin; darüber hinaus gelangen sie niemals.
15.26 Auch am Sumeru steigen Wolken wie Pushkara und Avartaka nur bis zum Fuß seiner Knie auf und gehen nicht weiter hinauf. Eine Ortsbezeichnung im ersten Halbvers ist unklar.
15.27 Sage mir rasch, Geliebte, auf welchem dieser großen Berge du wohnen möchtest.
15.28 Im Himalaya werden Vogelscharen mit goldenen Flügeln, die frei umherschweifen und süß singen, dir stets mannigfache Freude bereiten. Ein Ausdruck der ersten Hälfte ist beschädigt.
15.29 Siddha-Frauen, die auf dem juwelengeschmückten Berg frei umherwandeln, werden deine beständige Freundschaft suchen, dir hilfreich zur Seite stehen und dir Früchte und andere Gaben bringen.
15.30 Göttertöchter, Bergtöchter, Naga-Töchter und pferdegesichtige Wesen werden dir stets mit erfreulichem Spiel und anmutigen Bewegungen Gesellschaft leisten.
15.31 Wenn die schönen, mit unbewegten Augen schauenden Frauen deine unvergleichliche Gestalt und dein schönes Gesicht sehen, werden sie die Schönheit ihres eigenen Körpers gering achten.
15.32 Auch Menaka, die Gemahlin des Bergkönigs, deren Schönheit und gute Eigenschaften in den drei Welten bekannt sind, wird dich dort stets erfreuen, auch durch hilfreiche Hinweise.
15.33 Frauen, die vom Bergkönig geehrt werden und große Zuneigung schenken, werden dich täglich liebevoll in den zu deiner Familie passenden Sitten und guten Eigenschaften unterweisen.
15.34 Möchtest du dorthin gehen, Geliebte, wo liebliche Lauben vom vielfältigen Gesang der Kokilas erfüllt sind und stets der Frühling herrscht –
15.34a zum König der Berge, dem Himalaya, umgeben von Hunderten klarer Seen und Hunderten von Lotusteichen?
15.35 Er ist bedeckt mit Grasflächen und den Kalpa genannten Bäumen, die alle Wünsche erfüllen. Ihre Blüten wirst du dort verwenden können.
15.36 Er ist eine göttliche Wohnstatt, du Edle, mit friedlichen Wildtieren, bevölkert von Weisen und Entsagenden und von vielerlei Tieren.
15.37 Er glänzt mit kristallenen, goldenen und silbernen Hängen und wird ringsum von Seen wie dem Manasa verschönt.
15.38 Diese sind voller goldener Lotusblüten und Knospen mit juwelenartigen Stängeln, bevölkert von Wassersäugern, Muscheln, Schildkröten, Makaras und Fischen und geschmückt mit blauen Lotussen.
15.39 Hunderte Göttinnen baden dort; deshalb sind die klaren Wasser von Wohlgerüchen, Safran und dem Duft verschiedenster Blumenkränze erfüllt.
15.40 Grasflächen und hohe Bäume schmücken ihre Ufer; mit ihren Ästen scheinen die Bäume zu tanzen und den Ort ihres Entstehens zu umfächeln.
15.41 Kadamba-Wasservögel, Sarasa-Vögel und lebhafte Schwanscharen verschönern sie; Bienen und andere Wesen erfreuen mit süßen Lauten.
15.42 Oder möchtest du den Berg mit den Städten Indras, Kuberas, Yamas, Varunas, Agnis, des Rakshasa-Herrn, des Windgottes und Haras –
15.43 den hohen Meru, dessen Gipfel durch diese Städte glänzen, den Wohnsitz der Götter, besucht von Scharen schöner Frauen wie Rambha, Shachi und Menaka, den großen Berg, der das Beste aller in sich vereint?
15.44 Dort wird Shachi, von Hunderten Göttinnen und Apsaras begleitet, dir stets die angemessene Gesellschaft leisten.
15.45 Oder wünschst du meinen Kailasa, den König der Berge, meine beständige Zuflucht, geschmückt mit der Stadt des Herrn der Schätze?
15.46 Er wird von Gangas Wassermassen geheiligt und strahlt wie der Vollmond. In seinen Höhlen und auf seinen Hängen wandeln stets Yaksha-Töchter.
15.47 Vielerlei Wildtiere bewohnen ihn, und Hunderte Lotusteiche umgeben ihn. In allen Vorzügen gleicht er dem schönen Sumeru.
15.48 Sage mir rasch, zu welchem dieser Orte es dein Herz zieht. Dort werde ich dir eine Wohnstatt schaffen.
15.49 Markandeya sprach: Als Shankara so gesprochen hatte, antwortete Dakshas Tochter Mahadeva langsam und sanft und gab ihren eigenen Wunsch zu erkennen.
15.50 Sati sprach: Auf dem Himalaya selbst möchte ich mit dir wohnen. Richte dort auf diesem großen Berg bald unsere Wohnstatt ein.
15.51 Markandeya sprach: Als Hara ihre Worte gehört hatte, freute er sich sehr und begab sich mit Dakshas Tochter zu einem hohen Gipfel des Himalaya.
15.52 Er ging zu einem hohen Gipfel, auf dem Siddha-Frauen weilten und der für Wolken und Vögel unerreichbar war, geschmückt mit einem Wald von Maricha-Pflanzen.
Kapitel 16
Dakshas Opfer und Satis Tod
Die folgenden Verse erzählen Satis Tod als mythologisches Geschehen. Diese Darstellung ist keine Anleitung zur Yogapraxis.
16.1 Markandeya sprach: Als Gefährte Satis erreichte er den hohen, gold- und silberfarbenen, mit Juwelen gesprenkelten Gipfel, der wie die junge Sonne leuchtete.
16.2 Dort gab es Wohnstätten aus Kristallstein, Grasflächen und Bäume, vielerlei Blütenranken und Seen sowie summende Bienen an den Zweigspitzen blühender Bäume.
16.3 Offene Lotusblüten, Gruppen blauer Lotusse, Scharen von Chakravakas, Kadamba-Wasservögeln, Schwänen und Tauchvögeln schmückten den Ort.
16.4 Er erklang von lebhaften Sarasa-Vögeln, Kranichen, Pfauen und dem süßen Gesang männlicher Kokilas; Wildtiere bewohnten ihn.
16.5 Pferdegesichtige Wesen, Siddhas, Apsaras, Guhyakas, Vidyadhara-Frauen, Göttinnen und Kinnari-Frauen wandelten dort umher, ebenso Frauen und Mädchen der Bergregion.
16.6 Die tiefen Töne der Vipanchi-Laute, der Saiteninstrumente, Mridangas und großen Trommeln sowie freudig tanzende Apsaras verschönerten ihn.
16.7 Göttliche duftende Ranken umgaben ihn, und Lauben mit hoch emporragenden Blüten schmückten ihn.
16.8 Auf diesem schönen Gipfel nahe der Stadt des Bergkönigs erfreute sich der Gott mit dem Stierbanner lange mit Sati.
16.9 An diesem dem Himmel gleichen Ort erfreute sich Shankara zehntausend Götterjahre lang freudig mit Sati.
16.10 Manchmal ging Shankara von dort zum Kailasa, manchmal zum Gipfel des Meru, der von Göttern und Göttinnen bevölkert war.
16.11 Auch die Gärten der Weltenhüter, Wälder und die Erde besuchte er und kehrte immer wieder zurück; als Satis Gefährte erfreute er sich an all diesen Orten.
16.12 Er achtete weder auf Tag und Nacht noch auf Brahman, Askese und Ruhe. Shambhus Geist war ganz auf Sati gerichtet; er lebte allein der Freude ihrer Liebe.
16.13 Sati sah überall allein Mahadevas Antlitz, und auch Mahadeva erblickte überall stets Satis Gesicht.
16.14 So ließen Shambhu und Sati durch ihre Verbundenheit den Baum ihrer Liebe wachsen und begossen ihn mit dem Wasser ihrer Empfindungen.
16.15 Währenddessen begann Daksha, der zum Wohl der Welt wirkte, ein großes Opfer zur Verehrung dessen, der das Leben aller ist.
16.16 Achtundachtzigtausend Opferpriester brachten dort Gaben ins Feuer. Vierundsechzigtausend Götterseher wirkten als Udgatri-Sänger, und ebenso viele, darunter Narada und andere, als Adhvaryu- und Hotri-Priester.
16.17 Vishnu selbst war zusammen mit sämtlichen Maruts der Aufseher; Brahma selbst erklärte dort das Verfahren der dreifachen vedischen Lehre.
16.18 Ebenso waren alle Richtungswächter, Torhüter und Beschützer zugegen. Das Opfer selbst trat in Erscheinung, und die Erde selbst wurde zum Opferaltar.
16.19 Auch Agni vervielfachte seine eigene Gestalt tausendfach, um bei diesem großen Opferfest rasch die Gaben entgegenzunehmen.
16.20 Die herbeigerufenen Weisen mit Marichi an der Spitze trugen jeder ein rituelles Pavitra und entzündeten überall mit den Samidheni-Versen das Feuer.
16.21 Die sieben Rishis sangen einzeln ihre Sama-Gesänge und erfüllten Erde, Hauptrichtungen, Zwischenrichtungen und Himmel mit den Tönen der heiligen Überlieferung.
16.22 Es gab keine Rishis, Götter, Menschen oder Vögel, keine Pflanzen, kein Gras, keine Haustiere oder Wildtiere, die Daksha nicht zu diesen Opfern eingeladen hätte.
16.23 Zu seinem großen Opfer berief Daksha Gandharvas, Vidyadharas und Siddhas, Adityas, Sadhyas und Rishis, Yakshas, die vornehmsten Nagas und selbst die unbeweglichen Wesen.
16.24 Kalpas, Manu-Zeiträume, Weltalter, Jahre, Monate, Tage, Nächte sowie Kala-, Kashtha- und Augenblicksmaße waren alle eingeladen und zusammengekommen.
16.25 Scharen großer Rishis, Königsrishis und Götterseher, Könige mit Söhnen, Ratgebern und Heeren sowie die Göttergruppen mit den Vasus an der Spitze folgten seiner Einladung zu diesem Opfer.
16.26 Insekten, fliegende und im Wasser lebende Wesen, Affen, Wildtiere und furchterregende Hinderniswesen, Wolken, Berge, Flüsse, Meere, Seen und Teiche kamen auf seine Einladung hin.
16.27 Alle zogen zum Opfer, um ihren Anteil an den Gaben zu empfangen, entschlossen zur Opferhandlung. Auch die in der Unterwelt lebenden Asuras, Naga-Frauen und sämtliche Götterversammlungen kamen.
16.28 Alles, was sich in der Welt befindet, Bewusstes und Unbewusstes, lud er ein und begann das Opfer, bei dem er seinen ganzen Besitz als Opferlohn darbringen wollte.
16.29 Doch Shambhu wurde von Daksha nicht zu diesem Opfer eingeladen. Er hatte entschieden: „Er ist ein Schädelträger und deshalb nicht zur Teilnahme am Opfer geeignet.“
16.30 Auch Sati, seine eigene geliebte Tochter, wurde von dem nach Fehlern suchenden Daksha nicht eingeladen, weil sie die Gemahlin eines Schädelträgers war.
16.31 Sati erfuhr von dem großen Opfer, das ihr Vater begonnen hatte, und auch davon, dass sie als „Gemahlin des Schädelträgers“ nicht eingeladen worden war.
16.32 Darauf wurde sie sehr zornig auf Daksha; Augen und Gesicht röteten sich. Sie wollte ihn durch einen Fluch verbrennen.
16.33 Doch obwohl sie von Zorn erfüllt war, erinnerte sie sich an ihre frühere Zusage. Nachdem sie dies innerlich bedacht hatte, sprach sie keinen Fluch aus.
16.34 „Genug mit einem Fluch! Ich habe schon früher eine feste Vereinbarung getroffen: Wenn er mich missachtet, werde ich gewiss mein Leben in diesem Leib aufgeben.
16.35 Als Daksha mich lange verehrte, weil er eine Tochter wünschte, traf ich diese Vereinbarung. Genug also mit einem Fluch – ich werde die Vereinbarung erfüllen.“
16.36 So dachte die Göttin nach und erinnerte sich an ihre eigene ewige, unvergleichliche, überaus gewaltige, ungeteilte und weltdurchdringende Gestalt.
16.37 Während sie an ihre ursprüngliche Gestalt dachte, die Yoganidra Haris genannt wird, erwog Dakshas Tochter in ihrem Geist:
16.38 „Der Zweck, um dessentwillen Daksha auf Brahmas Anweisung hin mich gepriesen hat, ist noch nicht vollständig verwirklicht; auch Shankara hat noch keinen Sohn.
16.39 Bis jetzt ist nur ein Anliegen der Götterscharen erfüllt: Durch mich ist in Shankara die Liebe zu einer Frau erwacht.
16.40 Keine andere außer mir wird Shambhus Liebe weiter nähren können; er wird keine andere annehmen.
16.41 Dennoch werde ich wegen der früheren Vereinbarung diesen Körper verlassen. Zum Wohl der Welten werde ich erneut am Berg erscheinen.
16.42 Früher weilte Shambhu lange freudig mit mir auf einem schönen Plateau des Himalaya, das einer Götterwohnung glich.
16.43 Dort war die schön gestaltete Göttin Menaka, die Gelübde geübt hatte, von gutem Wesen und die Beste der Frauen der Bergregion.
16.44 Sie begegnete mir bei allen Tätigkeiten liebevoll wie eine Mutter. Ich gewann tiefe Zuneigung zu ihr; sie soll meine Mutter werden.
16.45 Mit den Mädchen der Berge werde ich lange immer wieder Kinderspiele spielen und Menaka höchste Freude bereiten. Die Bezeichnung der Bergmädchen ist im Sanskrit wiederholt.
16.46 Wieder werde ich Shambhus überaus geliebte Gemahlin werden und auf diesem Weg gewiss die Aufgaben der Götter erfüllen.“
16.47 Während sie so nachdachte, wurde Dakshas Tochter erneut von Zorn ergriffen und flammte wegen seiner grausamen Tat auf.
16.48 Mit vor Zorn geröteten Augen verschloss die schlanke Sati durch Yoga sämtliche Öffnungen und bewirkte ein gewaltsames Aufbrechen.
16.49 Durch dieses gewaltige Aufbrechen durchstießen ihre Lebenswinde die zehnte Öffnung und traten aus ihrem Leib heraus.
16.50 Als die im Himmelsraum weilenden Götter sahen, dass sie ihren Lebensatem aufgegeben hatte, brachen sie mit vor Trauer verwirrten Blicken in laute Klage aus.
16.51 Vijaya, die Tochter von Satis Schwester, war zu Besuch gekommen. Als sie Sati tot sah, schrie sie immer wieder vor Schmerz auf.
16.52 „Ach, Sati, wohin bist du gegangen? Ach, Sati, was ist mit dir geschehen? Ach, Schwester meiner Mutter!“ So erhob sich ein lauter Klageruf.
16.53 „Sati, schon als du diese kränkende Nachricht hörtest, gabst du dein Leben auf. Wie kann ich weiterleben, nachdem ich dieses entsetzliche Unglück gesehen habe?“
16.54 Immer wieder strich sie mit der Hand über Satis Gesicht und klagte erbarmungswürdig. Sie beugte sich zu ihrem Gesicht und atmete dessen Duft ein.
16.55 Sie benetzte Satis Brust und Gesicht mit ihren Tränen, hob mit beiden Händen das Haar an und betrachtete immer wieder das Antlitz.
16.56 Sie bewegte den Kopf auf und ab; alle Sinne waren von Trauer überwältigt. Mit beiden Händen schlug sie sich auf Brust und Kopf.
16.57 Mit tränenerstickter Stimme sprach Vijaya: „Wenn deine Mutter Virini von deinem Tod hört, wird der Kummer sie aufzehren.
16.58 Wie könnte sie ihren Lebensatem bewahren? Sie wird sogleich das Leben aufgeben. Und dein Vater, so mitleidlos und grausam in seinem Handeln –
16.59 wie wird er weiterleben, wenn er von deinem Tod hört? Gewiss wird Daksha dann von Trauer erfüllt seine eigenen grausamen Taten gegen dich bedenken.
16.60 Wie kann er, der Opferherr ohne Einsicht, das Opfer fortsetzen? Wie könnte er ohne Vertrauen und ohne Besonnenheit weiter am Opfer handeln?
16.61 Ach, Mutter, sprich ein Wort zu mir, die ich wie ein Kind weine! Durch dein erbarmungsloses Schweigen trage ich in meinem Schmerz den Lebensatem wie einen Dorn. Die Satzverbindung ist im Sanskrit unsicher.
16.62 Denkst du an etwas, das ich oder Shambhu dir früher angetan haben? Bist du deshalb verstimmt? Mutter, warum sprichst du nicht mit mir? Die Zuordnung der Handelnden in der ersten Hälfte ist unklar.
16.63 Es sind doch noch dieselben Worte, Augen, dasselbe Gesicht und dieselbe Nase – wohin sind alle ihre Regungen gegangen, wohin das Lächeln?
16.64 Wie wird Hara es ertragen, deine reglosen Augen, die schöne Nase und dein Gesicht ohne Lächeln zu sehen?
16.65 Wer außer dir, Mutter, wird denen, die zu Haras Einsiedelei kommen, immer wieder nektargleiche, freundliche Worte sagen?
16.66 Wer wird dir gleichen: voller Zuneigung zu den Angehörigen, dem Wesen ihres Gemahls entsprechend und mit allen guten Merkmalen ausgestattet?
16.67 Ohne dich, Göttin, wird der Herr der Götter im Geist von Trauer getroffen sein: schmerzerfüllt, ohne Mut und ohne Antrieb.“
16.68 So klagte Vijaya. Beim Anblick der toten Sati wurde sie von übergroßem Kummer überwältigt und fiel laut schreiend, mit erhobenen Armen und zitternd zu Boden.
Kapitel 17
Die Zerstörung des Opfers und Shivas Trauer
17.1 Markandeya sprach: Währenddessen hatte Shambhu am schönen Manasa-See seine Sandhya-Verehrung vollendet und kehrte zu seiner Einsiedelei zurück.
17.2 Schon auf dem Weg hörte der Gott mit dem Stierbanner Vijayas entsetzliche, durchdringende Schreie und erschrak.
17.3 Auf seinem kräftigen Stier, schnell wie Gedanke und Wind, eilte Sharva zu seiner Einsiedelei.
17.4 Als Hara seine geliebte Göttin, Dakshas Tochter, erreicht hatte, sah er sie tot; doch seine innige Liebe ließ ihn ihren Tod nicht erfassen. Die Schlusswendung ist syntaktisch unsicher.
17.5 Er betrachtete ihr Gesicht, strich immer wieder darüber und fragte Dakshas Tochter wiederholt: „Warum schläfst du?“
17.6 Als Vijaya, die Tochter ihrer Schwester, Bhargas Worte hörte, erklärte sie, wie Dakshas Tochter gestorben war.
17.7 Vijaya sprach: Um das Opfer zu vollziehen, rief Daksha sämtliche Götter mit Indra herbei, Shambhu, ebenso Daityas, Rakshasas, Siddhas und Guhyakas,
17.8 Brahmanen, Govinda, die Richtungswächter mit Indra an der Spitze und alle himmlischen Wesen, darunter Sadhyas und Vidyadharas.
17.9 In den gesamten Welten gibt es kein Wesen, das Daksha nicht zu seinem Opfer eingeladen hätte, Shankara.
17.10 Als Sati von mir von diesem weithin ausgebreiteten Opfer hörte, fragte sie sich, weshalb Shambhu und sie selbst nicht eingeladen waren.
17.11 Ich erkannte, dass sie darüber nachdachte, und nannte ihr, Herr der Wesen, den Grund der Nichteinladung so, wie ich ihn gehört hatte:
17.12 „Shambhu ist ein Schädelträger; seine Gemahlin ist durch die Verbindung mit ihm ebenfalls verwerflich. Darum sollen weder Shambhu noch Sati zu meinem Opfer kommen.“
17.13 Diesen Grund hatte ich früher in Dakshas Haus aus seinem eigenen Mund gehört, als er zur sanften Virini sprach.
17.14 Als sie meine Worte hörte, verfärbte sich ihr Gesicht. Sie setzte sich auf die Erde, sprach nicht mehr zu mir und gab sich ganz dem Zorn hin.
17.15 Sogleich wurde ihr Gesicht dunkel und von zusammengezogenen Brauen entstellt, Hara, wie der Himmel durch einen unheilvollen Kometen. Eine Wortform ist beschädigt.
17.16 Nachdem sie eine kurze Zeit in Betrachtung verweilt hatte, gab sie mit einem gewaltigen Aufbrechen ihren Lebensatem auf; er durchbrach den Scheitel ihres Hauptes.
17.17 Markandeya sprach: Als der Gott mit dem Stierbanner Vijayas Worte hörte, erhob er sich in höchstem Zorn wie ein Feuer, das alles verbrennen will.
17.18 Aus den Ohren, der Nase, den Augen und dem Mund des Zornerfüllten schossen zahlreiche furchtbare Feuerstrahlen und glühende Funken hervor, mit gewaltigem Feuerlärm und dem Glanz der Sonne am Ende eines Weltzeitalters.
17.19 Hara eilte dorthin, wo der askesereiche Daksha das Opfer vollzog, und blieb außerhalb des Opferplatzes stehen.
17.20 Von großem Zorn erfüllt, betrachtete Bharga das überaus reich ausgestattete Opfer mit seinen Gefäßen, Opferpfählen und weiteren Geräten.
17.21 Es war durch Ghee-Spenden genährt und glänzte mit lodernden Feuern. Er sah sämtliche Richtungswächter an ihren Plätzen, mit Waffen und Bannern.
17.22 Auch Brahma und Vishnu sah der zornige Shambhu mitten im Opfer stehen. Ihr Anblick steigerte seinen Zorn.
17.23 Im Osten sah er Bhaga, Surya und Soma mit ihren Gemahlinnen sowie den Tausendäugigen und Gautama.
17.24 Im Südosten sah er Sanatkumara, Atreya, Bhargava und Vinatas Sohn, die Maruts, die Sadhyas und Agni Jatavedas.
17.25 Er sah Kala und Chitragupta, den Kruggeborenen Agastya mit Galava, sämtliche Vishvedevas und die Ahnen, angefangen mit den Empfängern der Ahnengaben,
17.26 alle Agnishvattas und die übrigen Ahnengruppen, die vier Arten der Wesen, Bhauma, Pretascharen und Siddhas im Süden.
17.27 Er sah Rakshasas, Pishachas, Bhutas, Wildtiere und Vögel, Fleischfresser, kleine Geschöpfe sowie den Herrn der Punyajanas,
17.28 den großen Rishi Maudgala, Rahu und Kinnaras im Südwesten; ferner große Schlangen, Krokodile, Fische, weitere Wassertiere, Schildkröten, Meere, die sieben großen Ströme, Flüsse, Pilgerstätten und Guhyakas,
17.29 alle Seen mit dem Manasa an der Spitze, Ganga und Jambunadi, Kama, Madhu und Vasanta sowie Varuna mit seinem Gefolge,
17.30 Shanaishchara und sämtliche Berge im Westen. Er sah die fünf Lebenswinde mit Prana an der Spitze, den Windgott mit seinen Scharen, Wunschbäume, den Himalaya und den großen Weisen Kashyapa,
17.31 im Nordwesten Gruppen von Lotusblüten, Früchte, den Mond, vielerlei Juwelen, Goldgebilde, Menschen und Berge.
17.32 Er sah die Yakshas, darunter Sthunakarna und andere Kundige, sowie den auf einem Menschen getragenen Yaksha-König zusammen mit Nalakubara. Die erste Verbindung mit dem Namen Himadri ist unklar.
17.33 Dhruva, Dhara, Soma, Vishnu, Anila, Anala, Pratyusha und Prabhasa sah er in Kuberas Richtung, im Norden. Die Namensliste folgt der vorliegenden Fassung.
17.34 Er sah sämtliche Rudras außer dem Gott mit dem Stierbanner, Jiva, die Manus und ringsum verschiedene Kshatriyas, Vaishyas und Shudras,
17.35 im Nordosten vielerlei Speisen, Reis und Sesam; zwischen Nordosten und Osten die Brahmarshis mit ihren strengen Gelübden,
17.36 große Rishis, die vier Veden und die sechs Vedangas; zwischen Südwesten und Westen Ananta und den weißen Berg,
17.37 die sieben großen Schlangenträger mit tausend Nachkommen Kadrus; dort auch Ketu und Kushmanda mit Dakini-Scharen.
17.38 Hara sah weitere Wolken von vielerlei Farbe mit ihren Blitzen und die Richtungselefanten mit Airavata an der Spitze,
17.39 alle an ihren jeweiligen Orten und mit ihren Elefantenweibchen. Nachdem er diesen reichen Opferplatz von fern betrachtet hatte, entsandte er rasch den Virabhadra Genannten dorthin.
17.40 Virabhadra, von vielen Scharen unterschiedlicher Gestalt umgeben, verwüstete darauf das Opfer des großen Daksha.
17.41 Als Vaikuntha sah, wie Virabhadra das große Opfer zerstörte, hielt er ihn zurück, umgeben von sämtlichen Götterscharen.
17.42 Als der Herr sah, dass Virabhadra zurückgehalten wurde, trat er selbst mit vor Zorn geröteten Augen in das Opfer ein und verwüstete es.
17.43 Als er eintrat, stellte sich ihm zuerst Bhaga rasch mit ausgebreiteten Armen entgegen.
17.44 Als Bharga ihn herankommen sah, zerstörte er ihm im großen Zorn mit einem Schlag seiner Fingerspitzen die Augen.
17.45 Als der Sonnengott Bhaga ohne Augen sah, eilte er voller Kampfesmut auf Virupaksha zu.
17.46 Mahadeva ergriff Surya mit der Hand, schleuderte ihn fort und stürmte in höchstem Zorn auf das Opfer zu.
17.47 Martanda breitete rasch seine mächtigen Arme aus, lachte und versperrte ihm erneut den Weg: „Komm, ich werde mit dir kämpfen!“
17.48 Darauf schlug der Gott mit dem Stierbanner dem lachenden Sonnengott zornig mit der Hand die Zähne aus dem Mund.
17.49 Als alle Götter, Rishis und anderen Anwesenden den zahnlosen Sonnengott und Bhaga ohne Augen sahen, flohen sie.
17.50 Nachdem Hara im höchsten Zorn sämtliche Götter und die anderen vertrieben hatte, verfolgte er das Opfer selbst, das in Gestalt eines Wildtiers entfloh.
17.51 Das Opfer floh durch den Himmelsraum zu Brahmas Wohnstatt. Auch der zornige Gott mit dem Stierbanner begab sich dorthin.
17.52 Aus Furcht vor Bharga stieg das Opfer aus Brahmas Wohnstatt wieder herab und ging durch seine eigene Maya in Satis Körper ein.
17.53 Bharga verfolgte das Opfer bis in die Nähe der verstorbenen Tochter Dakshas und erblickte dort Satis Leichnam.
17.54 Als Hara die verstorbene Göttin Sati, Dakshas Tochter, sah, vergaß er das Opfer, blieb bei ihr stehen und trauerte heftig um sie.
17.55 Der Dreizackträger dachte an die Fülle ihrer guten Eigenschaften. Er sah ihr lotusgleich leuchtendes Gesicht, die schöne Zahnreihe, die roten Lippen und das Brauenpaar; von ungeheuer scharfem, mächtigem Schmerz überwältigt, weinte er.

Kapitel 18
Satis heilige Stätten und der Trost der Götter
Die Vorlage verwendet die Nummer 4 ein zweites Mal an der Stelle von 14; die Zusätze a und b unterscheiden beide Vorkommen. Der zusätzliche Vers nach 72 trägt in der Vorlage den Zusatz „ka“ und wird hier als 18.72ka wiedergegeben.
18.1 Markandeya sprach: Der hellleibige Gott gedachte der vielen guten Eigenschaften Dakshas Tochter und klagte, von tiefstem Schmerz erfüllt, wie ein gewöhnlicher Mensch.
18.2 Als der Gott mit dem Makara-Banner Bharga klagen sah, näherte er sich mit Rati und dem Frühling dem großen Herrn.
18.3 Den Weinenden, der durch Trauer seine Fassung verloren hatte, traf der Herr der Rati mit allen fünf Pfeilen zugleich.
18.4a Obwohl sein Geist schon von Trauer getroffen war, bedrängten ihn nun auch Smaras Pfeile. Von widersprüchlichen Regungen erfüllt, trauerte er und geriet in Verwirrung.
18.5 Bald fiel er zu Boden, bald sprang er auf und eilte davon; bald wanderte er an derselben Stelle umher, bald schloss der Herr wieder die Augen.
18.6 Manchmal dachte er an die Göttin Dakshayani und lächelte; dann umarmte er die auf der Erde Liegende, als sei sie noch voller lebendiger Empfindungen.
18.7 Immer wieder rief Shankara ihren Namen: „Sati, Sati!“ Er sagte: „Gib deinen grundlosen Groll auf!“, und berührte sie mit der Hand.
18.8 Er strich mit der Hand über sie, löste ihren Schmuck und brachte ihn wieder an den gewohnten Stellen an.
18.9 Als die tote Sati trotz all dieser Bemühungen des Herrn der Wesen kein Wort sprach, weinte Bharga aus Kummer heftig.
18.10 Die Götter mit Brahma an der Spitze sahen seine Tränen fallen und wurden von großer Sorge erfüllt.
18.11 „Wenn diese Tränen auf die Erde fallen, könnten sie die Erde verbrennen. Welches Mittel lässt sich dagegen finden?“ So klagten sie laut.
18.12 Nach reiflicher Überlegung priesen die Götter mit Brahma an der Spitze Shanaishchara, damit er die Tränen des verwirrten Bharga auffange.
18.13 Die Götter sprachen: Shanaishchara, du Edler, der den Welten Gnade erweist und aus der ursprünglichen Kraft hervorgegangen ist: Verehrung dir, Sohn der Sonne!
18.4b Verehrung dir, der du Dreizack, Schlinge und Bogen hältst und mit einer Hand Gaben gewährst, du dunkler Sohn Chayas!
18.15 Du gleichst einer dunklen Regenwolke und einer Masse aufgebrochener Augensalbe. Verehrung dir, der du den Lebensatem aller Welten erhältst!
18.16 Verehrung dir mit dem Geierbanner! Sei uns gnädig, Erhabener. Bewahre unsere Erde vor Bhargas aus Trauer geborenen Tränen.
18.17 Wie du einst hundert Jahre lang den Regen der Wolken zurückgehalten hast, so verfahre jetzt mit Haras Tränenwasser.
18.18 Als die Wolken Pushkara und die anderen sahen, dass du das Wasser zurückhieltest, ließen sie auf Mahendras Befehl unablässig Regen fallen. Die einleitende Wortverbindung ist beschädigt.
18.19 Wie du damals das gesamte Regenwasser schon im Luftraum aufgelöst hast, so lass auch die Tränen des Dreizackträgers verschwinden.
18.20 Außer dir vermag niemand Haras Tränen aufzuhalten. Fielen sie auf die Erde, würden sie diese samt Bergen, Götter-, Gandharva- und Brahmawelten verbrennen. Halte sie darum durch deine Kraft auf.
18.21 Markandeya sprach: Als die Götter so sprachen, antwortete ihnen der Sonnensohn, ohne besonders erfreut zu sein:
18.22 Shanaishchara sprach: Ihr höchsten Götter, ich werde eure Aufgabe nach Kräften erfüllen. Sorgt aber dafür, dass Hara mich nicht bemerkt.
18.23 Wenn ich mich dem von Schmerz und Trauer Erfüllten nähere, um seine Tränen aufzufangen, könnte mein Körper durch seinen Zorn vernichtet werden. Daran besteht kein Zweifel.
18.24 Sorgt darum dafür, dass Satis Gemahl, der Herr der Wesen, mich nicht erkennt, während ich die aus seinen Augen fließenden Tränen auffange.
18.25 Markandeya sprach: Darauf gingen die Götter mit Brahma an der Spitze zu Shankara und hüllten Hara durch Yogamaya in Verblendung. Ein Beiwort dieser Kraft ist in der Vorlage beschädigt.
18.26 Auch Shanaishchara näherte sich dem Herrn der Wesen, blieb unsichtbar und hielt durch seine Kraft den unwiderstehlichen Tränenregen auf.
18.27 Als der Sonnensohn die Tränen nicht länger zu tragen vermochte, schleuderte er sie auf den großen Berg Jaladhara.
18.28 Dieser Berg namens Jaladhara liegt nahe Lokāloka, auf dem Pushkara-Kontinent, westlich des Wasserozeans.
18.29 In allen Ausmaßen gleicht er dem Berg Meru. Dort legte Shanaishchara die Tränen ab, als seine Kraft nicht mehr ausreichte.
18.30 Doch auch dieser Berg konnte die Tränen des Herrn nicht tragen. Von ihren Fluten zerrissen, brach er rasch in seiner Mitte auseinander.
18.31 Die Tränen durchbrachen den Berg und drangen in den Wasserozean ein. Auch der Ozean vermochte ihre ungeheure Gewalt nicht aufzunehmen.
18.32 Sie durchbrachen die Mitte des Ozeans und erreichten sein östliches Ufer, das sie schon durch bloße Berührung aufrissen.
18.33 Nachdem die Tränen den Küstensaum durchbrochen hatten, gelangten sie in den Pushkara-Kontinent. Sie wurden zum Fluss Vaitarani, der in den östlichen Ozean mündete.
18.34 Durch das Durchbrechen des Jaladhara und die Verbindung mit dem Ozean hatten die Tränen etwas von ihrer Heftigkeit verloren und zerrissen deshalb die Erde nicht weiter.
18.35 Bis heute besteht dieser aus Haras Tränen entstandene Fluss vor dem Tor der Stadt des Vaivasvata, des Todesgottes Yama; er ist zwei Yojanas breit.
18.36 Dann nahm der Gott mit dem Stierbanner, dessen Geist von Kummer verwirrt war, Satis Leichnam auf die Schulter und zog klagend in die östlichen Länder.
18.37 Als die Götter mit Brahma an der Spitze sahen, wie er einem Wahnsinnigen gleich umherwanderte, überlegten sie, wie der Leichnam von ihm getrennt werden könne.
18.38 „Durch die Berührung mit Haras Körper wird dieser Leichnam nicht zerfallen. Wie kann er also von ihm gelöst werden?“
18.39 Während sie dies erwogen, traten Brahma, Vishnu und Shanaishchara, durch Yogamaya unsichtbar, in Satis Leichnam ein.
18.40 Nachdem die Götter in den Leichnam eingetreten waren, ließen sie ihn Stück für Stück an verschiedenen besonderen Orten auf die Erde fallen.
18.41 Zuerst fielen ihre beiden Füße in Devikuta auf die Erde, danach ihre beiden Schenkel in Uddiyana, zum Wohl der Welten.
18.42 In Kamarupa, auf dem Berg Kamagiri, fiel der Bereich ihrer Yoni nieder. Dort fiel auch der Bereich ihres Nabels auf einen Berg.
18.43 In Jalandhara fielen ihre beiden mit einer goldenen Kette geschmückten Brüste, in Purnagiri Schultern und Hals; danach fiel ihr Haupt in Kamarupa. Die Form des Ortsnamens in der letzten Wendung ist gestört.
18.44 So weit Bharga Satis Leichnam durch die östlichen Länder trug, so weit wird das Land als für das Opfer geheiligt bezeichnet.
18.45 Die übrigen Körperteile wurden von den Göttern in kleine Stücke geteilt und gelangten, vom Wind getragen, zur himmlischen Ganga.
18.46 Wo immer damals Satis Füße und die anderen Körperteile niederfielen, blieb Mahadeva selbst in Linga-Gestalt, von seiner Liebe zu Sati und seiner Verzauberung bestimmt.
18.47 Brahma, Vishnu, Shanaishchara und sämtliche Götterscharen verehrten aus Liebe zum Herrn Satis Füße und die anderen Körperteile.
18.48 In Devikuta wird die große Göttin als Mahabhaga besungen: Yoganidra, die Mutter der Welt, ist dort in Satis beide Füße eingegangen.
18.49 In Uddiyana heißt sie Katyayani, in Kamarupa die jede Gestalt annehmende Kamakhya, auf Purnagiri Purneshvari und auf dem Berg Jalandhara Chandi.
18.50 Am östlichen Ende Kamarupas wird Yoganidra als Dikkaravasini und ebenso als Lalitakanta besungen.
18.51 Dort, wo Satis Haupt niedergefallen war, setzte sich der Gott mit dem Stierbanner nieder, betrachtete es und seufzte voller Trauer.
18.52 Als Hara dort saß, näherten sich die Götter mit Brahma an der Spitze und sprachen ihm schon von fern Trost zu.
18.53 Als Hara die Götter herankommen sah, erfüllten ihn Trauer und Scham. Er wurde dort zu Stein und nahm Linga-Gestalt an.
18.54 Nachdem Hara Linga-Gestalt angenommen hatte, priesen die Götter mit Brahma an der Spitze Tryambaka, den Lehrer der Welt, in dieser Gestalt.
18.55 Die Götter sprachen: Mahadeva, Shiva, Sthanu, Ugra, Rudra, den Gott mit dem Stierbanner, den Bewohner der Verbrennungsstätten, Bharga, den höchsten Vollender aller Dinge –
18.56 dich verehren wir voller Hingabe: Shankara, den Dunkelroten, den Herrn der Berge, den gabenverleihenden Gott, den unvergänglichen Förderer aller Wesen.
18.57 Verehrung Shambhu, dem anfang- und mittellosen Kenner der Yogaweisheit des Weltgeschehens. Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. Die Zusammensetzung der ersten Hälfte ist mehrdeutig.
18.58 Dir mit dem verfilzten Haar, dem Herrn der Berge, dem Träger der Erkenntniskraft: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt.
18.59 Dir, dessen reines Inneres ganz vom Nektar der Erkenntnis erfüllt ist: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt.
18.60 Dir, der du Anfang, Mitte und Ende bist und durch das Feuer deines eigenen Wesens leuchtest: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt.
18.61 Dir, der du im Ozean der Weltauflösung weilst und Auflösung wie Fortbestehen bewirkst: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt. Die Bezeichnung des Auflösungsozeans ist leicht beschädigt.
18.62 Dir, dem höchsten Selbst, das selbst noch über dem steht, was das Höhere überragt: Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt.
18.63 Verehrung dir, dessen Glieder von Flammenkränzen umgeben sind, dessen Gestalt das All ist. Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt.
18.64 Om, Verehrung der höchsten Wirklichkeit, der Leuchte der Erkenntnis, dem Schöpfer! Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Brahman in Linga-Gestalt.
18.65 Verehrung dir, Geliebter Dakshayanis, Mrida, Sharva, Maheshvara! Verehrung dir, Herr aller Wesen! Sei gnädig, erhabener Shiva.
18.66 Wenn du, der Herr der Welt, dich von Trauer getrieben bewegst, werden sämtliche Götter erschüttert, großer Herr. Darum lass die Trauer los.
18.67 Wieder und wieder Verehrung dir, Herr der Wesen, Ursache aller Ursachen! Sei gnädig, beschütze uns alle und lass die Trauer los. Verehrung dir!
18.68 Markandeya sprach: Als Mahadeva, der Herr der Welt, so gepriesen wurde, nahm er seine eigene Gestalt wieder an und erschien, noch immer vom Kummer getroffen.
18.69 Brahma sah ihn in Trauer überwältigt und ohne Fassung hervortreten. Mit besänftigenden Worten pries er den Gott mit dem Stierbanner, um seinen Schmerz zu lindern.
18.70 Brahma sprach: Goldarmiger, du bist Brahma, du bist Vishnu, der Herr der Welt. Du allein bist die Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung, Hara.
18.71 Mit deinen acht Gestalten durchdringst du die ganze bewegliche und unbewegliche Welt. Du bist ihr Hervorbringer, Erhalter und Auflöser, der Schöpfer des Alls.
18.72 Die nach Befreiung strebenden Weisen haben durch deine Verehrung Befreiung erlangt, Mahadeva, nachdem sie Zuneigung, Abneigung und ähnliche Bindungen aufgegeben und sich vom Weltkreislauf abgewandt hatten.
18.72ka Dein drittes Auge auf der Stirn, das unablässig strahlt, großer Herr: Sein Licht sollen die nach Befreiung Strebenden betrachten. Die Form des Verbs „betrachten“ ist beschädigt.
18.73 Die höchste reine Wirklichkeit ist frei von der Sonderung in Wind, Feuer und Wasser, nicht fern, mit Sonne und Mond verbunden; sie weilt inmitten der drei Wege und erhellt sie, großer Herr. Die genaue Zuordnung der yogischen Ausdrücke bleibt unsicher.
18.74 Die Blüte des achtästigen Baumes, der durch das Wasser des Bewusstseins wächst und von Blättern der Askese bedeckt ist, ist reich entfaltet, dem Feinen zugänglich und stets in deiner Gewalt. Mehrere Wörter dieses Bildes sind beschädigt.
18.75 Der Vers beschreibt die Sammlung des Atems, eine Hemmung der Aufwärtsbewegung und die Betrachtung des höchsten Lichtes im Herzlotus. Die Ausdrücke um Hamsa und Rajas sind so stark gestört, dass eine genaue Übersetzung der beschriebenen Abfolge nicht möglich ist.
18.76 Durch verschiedene Atemübungen – Füllen, Anhalten und Leeren – erkennen die Yogis die höchste Anregung, sichtbar und unsichtbar. Deine Entfaltungen werden dabei ihrem Wesen nach als rein und umfassend erlangt. Die Verknüpfung der beiden Halbverse ist unsicher.
18.77 Dein Schatz ist fein, weltdurchdringend und reich an Eigenschaften, zugleich Mittel und Ziel der Übung. Die Sinne als Diebe können ihn nicht rauben; er ist kein gewöhnlicher Besitz, großer Herr. Ein Ausdruck im ersten Halbvers bleibt unklar.
18.78 Nicht durch Zorn, Trauer, Stolz oder Heuchelei lässt sich dieser Schatz gebrauchen. Wird jener Schatz jedoch angewendet, so wächst er weiter. Ein Wort in der abschließenden Wendung ist beschädigt; die genaue Art dieses Anwachsens bleibt offen.
18.79 Von Maya bezaubert, Shambhu, hast du vergessen, was in deinem Herzen ruht. Erkenne Maya als unterschieden und gründe das Selbst durch das Selbst.
18.80 Wir haben Maya früher um der Welt willen gepriesen, großer Herr. Mit vielen Bemühungen hat sie deinen in Meditation versunkenen Geist für ihr Wirken gewonnen.
18.81 Trauer, Zorn, Gier, Begehren, Verblendung, Fremdbestimmtheit, Eifersucht, Stolz, Zweifel, Mitleid, Missgunst und Abscheu –
18.82 diese zwölf Befleckungen des Geistes zerstören die Einsicht. Menschen wie du geben sich ihnen nicht hin; darum lass deine Trauer los, Hara. Das hier unter die Befleckungen gerechnete Mitleid steht im Zusammenhang überwältigender Gemütsbewegungen und ist nicht ohne Weiteres mit dem andernorts gepriesenen Mitgefühl gleichzusetzen.
18.83 Markandeya sprach: Obwohl Shambhu so besänftigend gepriesen wurde und sich an sein eigenes Streben erinnerte, vermochte er sich in der Trauer über Satis Verlust nicht zu sammeln.
18.84 Mit gesenktem Gesicht blickte er zu Brahma und sagte langsam: „Brahma, sage mir, was ich jetzt tun soll; rede nicht nur von einer fernen Zukunft.“ Die Wendung zur Zukunft ist sprachlich unsicher.
18.85 So von Vamadeva angesprochen, sagte der Schöpfer gemeinsam mit allen Göttern Worte, die den Schmerz des Herrn zerstreuen sollten.
18.86 Brahma sprach: Lass deine Trauer los, Mahadeva, indem du dich durch das Selbst an das Selbst erinnerst. Du bist keine Wohnstätte der Trauer; dein Innerstes liegt jenseits von ihr.
18.87 Wenn du trauerst, Herr der Wesen, sind die Götter von Angst erfüllt. Dein Zorn könnte die Erde vernichten, deine Trauer alles austrocknen.
18.88 Die Erde wäre von deinen Tränen erschüttert und zerrissen worden, hätte Shani sie nicht aufgefangen. Auch er wurde dadurch plötzlich ganz dunkel.
18.89 Jener hervorragende Berg, auf dem Götter und Gandharvas stets freudig spielen und dessen Ausmaße dem Sumeru gleichen,
18.90 in dessen kühle, an Lotusstängeln reiche Bereiche die Wolken Pushkara, Avartaka und die anderen eintreten, um Wasser aufzunehmen,
18.91 zu dem der große, aus dem Krug geborene Weise vom Mandara immer wieder ging, um zum Wohl der Welt Askese zu üben, Hara,
18.92 auf dem Agastya einst stand, als er durch die Kraft seiner Askese den Wasserozean in seiner hohlen Hand sammelte und austrank –
18.93 dieser Berg namens Jaladhara wurde von deinen Tränen zerrissen, als Shanaishchara sie auf ihn schleuderte, weil er sie nicht mehr tragen konnte.
18.94 Nachdem sie den Berg durchbrochen hatten, gelangten deine Tränen in den Ozean, Shambhu, und durchbrachen rasch auch ihn, dessen Wasserwesen vor Furcht durcheinandergerieten.
18.95 Sie erreichten sein östliches Ufer und rissen es auf. Nachdem sie Küste und Erde durchbrochen hatten,
18.96 bildeten sie den Fluss Vaitarani, der zum östlichen Ozean fließt. Weder mit einem Boot noch mit einem Himmelsgefährt, einem Einbaum oder einem Wagen
18.97 kann man diesen durch sein heißes Wasser furchtbaren Fluss überqueren. Nur mit großer Mühe trägt die Erde ihn jetzt.
18.98 Mit ständig aufsteigendem Dampf schleudert er die Himmelswanderer zurück. Selbst die Götter wagen aus Furcht nicht, über ihn hinwegzugehen.
18.99 Er umfließt Yamas Tor, ist zwei Yojanas breit und strömt tief und voll dahin, sodass er die drei Welten erschreckt.
18.100 Die Bergwälder wurden durch die Winde deiner Seufzer durcheinandergeworfen; Tiger und Elefanten sind verstört, und noch immer ist dort keine Ruhe eingekehrt.
18.101 Der aus deinen Seufzern entstandene Wind beeinträchtigt das Wohlergehen der Welt. Noch immer hat er sich nicht gelegt und weht unaufhaltsam weiter.
18.102 Als du Satis Leichnam trugst, wurde die Erde bei jedem Schritt erschüttert. Noch immer hat sie diese Erschütterung nicht überwunden.
18.103 Weder im Himmel noch in der Unterwelt gibt es gegenwärtig ein Wesen, das durch deinen Zorn und deine Trauer nicht beunruhigt wäre, du mit dem Stierbanner.
18.104 Lass deshalb Kummer und Zorn los und schenke uns Frieden. Du erkennst das Selbst durch das Selbst; gründe dich im Selbst durch das Selbst.
18.105 Nach Ablauf von hundert Götterjahren, zu Beginn des Treta-Yuga, wird Sati wieder deine Gemahlin werden.
18.106 Markandeya sprach: Als Brahma dies gesagt hatte, versank Shambhu schweigend in Betrachtung. Mit gesenktem Gesicht sprach er dann zu Brahma von unermesslicher Kraft:
18.107 Ishvara sprach: Brahma, bis ich den durch Satis Verlust entstandenen Kummer überwunden habe, sei mein Freund und hilf mir, die Trauer zu lindern.
18.108 Wohin ich in dieser Zeit auch gehe, Schöpfer, dorthin begleite mich und hilf mir, meinen Schmerz zu vermindern.
18.109 Markandeya sprach: „So soll es sein“, antwortete der Herr der Welt dem Gott auf dem Stier und beschloss, mit Hara zum Kailasa zu gehen.
18.110 Als Nandin, Bhringin und die übrigen Scharen sahen, dass Shambhu mit Brahma zum Kailasa aufbrechen wollte, kamen sie zu ihm.
18.111 Dann trat der berggleiche Stier vor Brahma, weiß wie eine helle Wolke oder ein heller Gesteinsberg. Die letzte Vergleichsbezeichnung ist unsicher.
18.112 Vasuki und die anderen Schlangen kamen rasch hervor und schmückten Hara an ihren jeweiligen Stellen: am Haupt, an den Armen und an den übrigen Körperteilen.
18.113 Brahma, Vishnu und Mahadeva, Satis Gemahl, zogen darauf mit sämtlichen Götterscharen zum Schneegebirge.
18.114 Der Bergkönig kam mit allen seinen Ministern aus seiner Stadt Aushadhiprastha heraus und trat den höchsten Göttern entgegen. Die Satzform der Ortsangabe ist beschädigt.
18.115 Von ihm geehrt, freuten sich die Götterscharen gemeinsam mit dem Bergkönig, seinen Ratgebern und den Stadtbewohnern.
18.116 Dort in Aushadhiprastha, der Stadt des Bergkönigs, sah Hara Vijaya, Gautamas Tochter, zusammen mit ihren Freundinnen.
18.117 Auch sie verneigte sich vor allen höchsten Göttern und wandte sich an Hara. Weinend fragte sie den Herrn der Berge nach Sati, der Schwester ihrer Mutter.
18.118 „Wo ist deine Sati, Mahadeva? Ohne sie erstrahlst du nicht. Auch wenn du sie vergessen haben solltest, Vater, weicht sie nicht aus meinem Herzen.
18.119 Seit sie damals vor meinen Augen im Zorn ihren Lebensatem aufgab, bin ich vom Dorn der Trauer getroffen und finde keine Freude mehr.“
18.120 Nachdem sie dies gesagt hatte, bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Saum ihres Gewandes. Heftig weinend fiel sie zu Boden und verlor das Bewusstsein.
Kapitel 19
Der Shipra-See und Sandhyas Entschluss
19.1 Markandeya sprach: Als Shiva sie zu Boden gefallen sah, erinnerte er sich an Dakshas Tochter. Er vermochte den Schmerz, der aus seiner Erschütterung aufstieg, nicht zu ertragen.
19.2 Shambhu verlor seine Fassung. Mit tränenverschleierten Augen versank er vor den Blicken aller Götter in sorgenvollen Gedanken.
19.3 Da richtete Brahma zunächst Vijaya auf, die der Kummer ausgezehrt hatte. Dann suchte er Hara zu trösten und sprach ihm beruhigend zu.
19.4 Brahma sprach: Ehrwürdiger Herr, uranfänglicher Yogi, dieser Kummer ziemt dir nicht. Deine Versenkung galt der höchsten Wirklichkeit; warum gilt sie nun einer Frau?
19.5 Dein Wesen ist schöpferisch mächtig, erhaben und friedvoll, zugleich fein und überaus weit ausgedehnt. Wie konnte es durch Trauer derart zerrissen werden?
19.6 Unbefleckt, nur in der Meditation erreichbar, für die Entsagenden das Höchste über allem Hohen, rein und allgegenwärtig, frei von den Verunreinigungen des Begehrens und der Gier: Das ist deine eigene Gestalt. Erfasse sie mit deiner Einsicht.
19.7 Trauer, Gier, Zorn, Verblendung, Gewalttätigkeit, Hochmut, Heuchelei, sinnliches Verlangen, spekulatives Grübeln, übermütige Freude, Eifersucht, Missgunst, Ungeduld und Unwahrhaftigkeit: Diese vierzehn Fehler zerstören die Erkenntnis. Die beiden Ausdrücke nach dem sinnlichen Verlangen sind in der gedrängten Wortverbindung nicht völlig eindeutig.
19.8 In der Meditation betrachten dich die Yogis. Du trägst Vishnus Gestalt und ordnest die Welten. Diejenige, die dich als Sati so tief in Verblendung stürzt, ist eben jene Maya, die auch die Welt bezaubert.
19.9 Sie verwirrt alle Wesen bei ihrer Geburt, schon im Mutterleib; sie löscht das Wissen um den früheren Körper und versetzt das Geschöpf in den Zustand der Kindheit. Dieselbe Macht verwirrt jetzt auch dich und erfüllt dich mit Trauer.
19.10 In jedem Weltzeitalter sind schon Tausende von Satis gestorben und von dir zurückgelassen worden. Zum Heil der beweglichen und unbeweglichen Welt hast du sie immer wieder zu dir genommen.
19.11 Erblicke durch meditative Versenkung die Tausende von Satis, die in früheren Daseinsformen starben: wie sie dich jeweils verließen und wo sie sich nun befindet, du mit dem königlichen Stier im Banner.
19.12 Erblicke durch meditative Versenkung auch, woher sie erneut hervorgehen und dich erreichen wird, den selbst die Götter nur schwer erlangen. Schau, wie sie wiederum deine Gemahlin werden wird.
19.13 Markandeya sprach: Mit solchen und vielen anderen besänftigenden Worten redete Brahma auf Shankara ein und führte ihn aus der Stadt des Bergkönigs an einen einsamen Ort.
19.14 Auf einer Hochfläche des Himalaya, westlich jener Stadt, erblickten Brahma und die anderen einen wasserreichen See namens Shipra.
19.15 An diesem abgeschiedenen Ort ließen sich Brahma, Indra und die übrigen Götter in der gebührenden Ordnung nieder; Maheshvara nahmen sie in ihre Mitte und ehrten ihn als den Ersten.
19.16 Der Shipra genannte See erfreute alle Lebewesen. Sein Wasser war kühl und klar; in allen Vorzügen glich er dem Manasa-See.
19.17 Für einen Augenblick wurde Haras Interesse an diesem Anblick geweckt. Er sah auch den Fluss Shipra, der aus dem See hervorströmte, zum südlichen Meer floss und die Menschen der Welt läuterte.
19.18 An dem wasserreichen See betrachtete Shambhu zahlreiche liebliche Vögel, die aus verschiedenen Gegenden herbeigekommen waren und sich dort bewegten.
19.19 Auf den Wellen, die ein kräftiger Wind aufwarf, sah er Paare von Chakravaka-Vögeln, als tanzten sie miteinander.
19.20 Er betrachtete die einzelnen Wellen, die an die Schnäbel der Tauchvögel schlugen, und die Vögel, die immer wieder aus dem Wasser aufflogen.
19.21 An jedem Ufer standen Kadamba-Wasservögel, Kraniche und Schwäne in Reihen. So glich der See einem Meer, das mit kunstvoll angeordneten Muscheln geschmückt ist.
19.22 Große Fische wühlten das Wasser auf. Von dessen Geräusch aufgeschreckt, ließen die Vögel hier und dort ihre Rufe hören und machten den Ort bezaubernd.
19.23 Mit seinen geöffneten Lotusblüten und den stellenweise dichten, schönen Blütenteppichen leuchtete der See wie der Himmel mit seinen großen und kleinen Sternen.
19.24 Vereinzelte blaue Wasserlilien zwischen den großen Blüten glänzten wie Stücke einer dunklen Wolke inmitten der Sterne.
19.25 Die Schwäne standen reglos zwischen den Lotusblüten. Manche Himmelsbewohner erkannten sie nicht, weil sie sie für geöffnete weiße Blüten hielten.
19.26 Als Brahma die zweifache Pracht der roten und weißen Lotusblüten sah, schätzte er die Röte seines eigenen Körpers und das Aufblühen des Lotus, auf dem er saß, gering.
19.27 Shankara betrachtete die großen geöffneten Wasserlilien des Sees. Die Blüte in seiner Hand, deren Glanz vom Mond auf seinem Haupt überstrahlt wurde, erschien ihm daneben unbedeutend.
19.28 Hari sah ringsum die Lotusblüten des Sees. Die Blume in seiner Hand, von den sonnenartigen Strahlen seines eigenen Diskus geöffnet, hielt er ihnen für ebenbürtig.
19.29 Er sah den vollen See, belebt von vielerlei Vögeln, bedeckt mit Hunderten von Lotuspflanzen und umgeben von Gruppen blauer Wasserlilien.
19.30 Der Blütenstaub der Zedern am Ufer verlieh seinem Wasser Duft. Der Anblick erfreute das Herz.
19.31 Große Bäume und grüne Rasenflächen säumten jedes Ufer. Als Shambhu dies sah, war er für einen Augenblick interessiert und von seiner Trauer frei.
19.32 Er betrachtete die Shipra, die aus dem See hervorströmte: Wie die Ganga aus der Mondscheibe und wie der Jambu-Fluss vom Meru, so sah Mahesha die Shipra aus dem Shipra-See hervortreten.
19.33 Die Rishis sprachen: Was ist das für ein See, der Shipra heißt? Wie strömte die Shipra aus ihm hervor, und welche heilige Kraft besitzt er? Erzähle uns dies ausführlich.
19.34 Markandeya sprach: Hört, ihr ehrwürdigen Weisen, wie der Fluss Shipra entstand. Ich will euch auch von der heiligen Kraft des Shipra-Sees berichten.
19.35 Als die Göttin Arundhati mit Vasishtha vermählt wurde, ihr Zweimalgeborenen, entstand der Fluss Shipra aus dem bei der Hochzeit verwendeten Wasser.
19.36 Auf göttliches Geheiß gelangte dieses Wasser in den Shipra-See, wie die heilbringende Mandakini von Vishnus Fuß herab ins Meer fließt.
19.37 Brahma, Vishnu und Mahadeva hatten bei der Hochzeit Wasser über die beiden gegossen, während sie zur Segnung die Gayatri und andere heilige Sprüche, darunter den mit „Drupada“ bezeichneten, verwendeten.
19.38 All dieses Wasser vereinigte sich und fiel aus einer Höhlung des Manasa-Berges in den meeresgleichen Shipra-See.
19.39 Diesen großen See namens Shipra hatte Brahma einst auf einer Höhe des Schneegebirges geschaffen, damit die Götter sich daran erfreuten.
19.40 Noch heute vergnügt sich Indra dort mit Shachi und den Scharen der Apsaras in dem klaren, glückverheißenden Wasser.
19.41 Noch heute wird der See von den Göttern stets sorgsam wie ein Juwel behütet. Kein Mensch, der kein Weiser ist, vermag dorthin zu gelangen.
19.42 Die Weisen erreichen durch die Kraft ihrer Askese und mit großer Anstrengung den heiligen Shipra-See, um darin zu baden und sein Wasser zu trinken.
19.43 Menschen, die durch göttliche Fügung dort baden und trinken, gelangen gewiss zur Unsterblichkeit und behalten ihre Sinne unversehrt.
19.44 Ihr Besten der Zweimalgeborenen, dieser See schwillt in der Regenzeit nicht an und trocknet im Sommer nicht aus. Er bleibt zu allen Zeiten unverändert.
19.45 Das Wasser von Vasishthas Hochzeit, das aus den lotosgleichen Händen Brahmas, Vishnus und Mahadevas ausgegossen worden war, fiel in diesen See.
19.46 Im Inneren des Shipra-Sees nahm es Tag für Tag zu, ihr Besten der Zweimalgeborenen. Als sich dieses Wasser vermehrt hatte, griff Hari zu seinem Diskus.
19.47 Zum Wohl der Welten spaltete er einen Berggipfel, leitete das Wasser zur Erde hinab und machte daraus einen überaus heiligen Fluss.
19.48 Der Fluss umströmte den Mahendra-Berg und gelangte zum südlichen Meer. Er läutert die Badenden und schenkt ebenso wie die Ganga heilsame Früchte.
19.49 Weil dieser große Fluss aus dem See namens Shipra hervorgegangen war, gab Brahma ihm schon damals den Namen Shipra.
19.50 Ein Mensch, der am Vollmondtag des Monats Karttika darin badet, gelangt in einem hell strahlenden Himmelswagen zu Vishnus Wohnstatt.
19.51 Wer den ganzen Monat Karttika hindurch im Wasser der Shipra badet, gelangt zu Brahmas Wohnstatt und erlangt danach Befreiung.
19.52 Die Rishis sprachen: Wie wurde die Göttin Arundhati mit Vasishtha vermählt? Wessen Tochter war sie, und wie wurde sie geboren? Sage es uns, Brahmane.
19.53 Sie gilt in den drei Welten als die Höchste unter den ihrem Gatten treuen Frauen; ihren Blick richtet sie auf nichts anderes als auf die Füße ihres Gemahls.
19.54 Frauen, die sich allein ihrer Geschichte und ihrer Größe erinnern, erlangen eheliche Treue und Reinheit in diesem Leben, nach dem Tod und in einer weiteren Geburt.
19.55 Wer dem Tod nahe ist, erblickt sie nicht mehr, selbst wenn er rein ist; ebenso wenig sieht sie ein Mensch, der Böses tut. Erzähle uns von ihrer Geburt.
19.56 Markandeya sprach: Hört, wie die Glückverheißende geboren wurde, wessen Tochter sie war, wie sie Vasishtha erlangte und wie sie zur gattentreuen Frau wurde.
19.57 Die einst aus Brahmas Geist geborene Tochter Sandhya übte Askese, legte ihren Körper ab und wurde darauf als Arundhati geboren.
19.58 Als Tochter des hervorragenden Weisen Medhatithi übte die tugendhafte Frau auf Brahmas, Vishnus und Maheshas Geheiß Gelübde. Sie erwählte den edlen, in seinen Gelübden festen Vasishtha zum Gemahl.
19.59 Die Rishis sprachen: Wie, aus welchem Grund und an welchem Ort übte Sandhya Askese? Wie legte sie ihren Körper ab und wurde Medhatithis Tochter?
19.60 Wie sprachen Brahma, Vishnu und Shiva zu ihr, sodass sie den hochherzigen, in seinen Gelübden festen Vasishtha zum Gemahl erwählte?
19.61 Erzähle uns dies alles ausführlich, du Bester der Zweimalgeborenen. Wir möchten die Geschichte der überaus tugendhaften Arundhati hören und sind von großer Wissbegier erfüllt.
19.62 Markandeya sprach: Als Brahma einst seine eigene Tochter Sandhya erblickte, wandte sich sein Geist dem Begehren zu, und er ließ den Gedanken fallen, dass sie seine Tochter war.
19.63 Auch der Geist der großen, aus seinem Denken geborenen Rishis geriet bei ihrem Anblick ins Schwanken, aufgewühlt von Kamas Pfeilen.
19.64 Sandhya hörte, wie Shiva sich mit spöttischen Worten an Brahma wandte. Sie bemerkte auch, dass ihr eigener Geist sich den Rishis gegenüber ohne die gebotene Zurückhaltung regte.
19.65 Als sie sah, wie Kama die Weisen immer wieder in Verwirrung versetzte, wurde sie selbst von Scham und Schmerz erfüllt.
19.66 Dann verfluchte Brahma den Liebesgott. Als Brahma verschwunden und Shambhu an seinen eigenen Wohnort zurückgekehrt war,
19.67 versank Sandhya, von innerem Aufruhr ergriffen, in Nachdenken. Einen Augenblick lang vergegenwärtigte sich die Besonnene das eben Geschehene.
19.68 Zu dieser Zeit erwog Sandhya: Kaum war ich als junge Frau entstanden und hatte der von Kama angetriebene Stammvater mich gesehen,
19.69 entbrannte er in leidenschaftlichem Verlangen nach mir. Auch bei allen aus seinem Geist geborenen Weisen, obwohl sie sich innerlich geläutert hatten,
19.70 wurde der Geist bei meinem bloßen Anblick von Begehren erfüllt und überschritt jede Grenze. Auch mein eigener Geist wurde von dem üblen Liebesgott aufgewühlt.
19.71 So geriet mein Inneres beim Anblick aller dieser Weisen heftig in Bewegung. Kama selbst hat die Frucht dieser Verfehlung bereits empfangen.
19.72 Der erzürnte Stammvater verfluchte ihn vor Shambhu. Nun möchte auch ich alle Folgen auf mich nehmen, die meinem eigenen Tun entsprechen.
19.73 Mein Vater und meine Brüder sahen mich offen von Verlangen erfüllt und begehrten mich. Deshalb halte ich keine für schuldiger als mich selbst.
19.74 Auch in mir erwachte grenzenloses Begehren, als ich sie ansah: meinen eigenen Vater und alle meine Brüder betrachtete ich wie einen Gemahl.
19.75 Für diese Verfehlung will ich selbst Sühne leisten. Ich will meinen Körper dem Feuer darbringen, wie es der vedische Weg vorsieht.
19.76 Zuvor aber will ich hier auf Erden eine Grenze begründen: Verkörperte Wesen sollen nicht schon im Augenblick ihrer Geburt von geschlechtlichem Verlangen erfüllt sein.
19.77 Dafür will ich überaus strenge Askese üben. Erst nachdem ich diese Grenze begründet habe, will ich mein Leben ablegen.
19.78 Dieser Körper hat meinen Vater und meine Brüder dazu gebracht, mich zu begehren. Wozu sollte mir ein solcher Körper noch dienen?
19.79 Durch diesen meinen Körper erwachte in mir Begehren nach meinem Vater und meinen eigenen Brüdern. Er kann mir nicht zum Erwerb heilsamen Verdienstes dienen.
19.80 Nachdem Sandhya dies in ihrem Inneren erwogen hatte, ging sie zu dem herrlichen Berg Chandrabhaga, aus dem der Fluss Chandrabhaga hervorgeht.
19.81 Als die goldglänzende, ebenmäßig strahlende Sandhya sich dort niederließ, leuchtete der Berg beständig wie der östliche Berg, über dem zur Dämmerungszeit der Mond aufgeht.
Kapitel 20
Der Mondgott, seine Gemahlinnen und die Erschütterung der Welt
20.1 Markandeya sprach: Als Brahma sah, dass Sandhya zu jenem herrlichen Berg gegangen war und sich entschlossen der Askese zuwandte, sprach er zu seinem Sohn,
20.2 dem selbstbeherrschten Vasishtha, der in seiner Nähe saß: Er war ein allwissender Yogi der Erkenntnis und mit den Veden und ihren Hilfswissenschaften vollkommen vertraut.
20.3 Brahma sprach: Vasishtha, gehe dorthin, wohin die besonnene Sandhya gegangen ist. Sie ist fest zur Askese entschlossen; weihe sie auf die vorgeschriebene Weise ein.
20.4 Du bester Weiser, als sie damals euch, mich und auch sich selbst von Begehren erfüllt sah, ergriff sie Scham.
20.5 Sie überdenkt unser früheres unangemessenes Verhalten und auch ihr eigenes. Deshalb möchte sie ihr Leben aufgeben.
20.6 Durch Askese will sie dort eine Grenze begründen, wo bisher keine bestand. Dazu ist die Tugendhafte nun zum Chandrabhaga-Berg gegangen.
20.7 Mein Sohn, sie weiß jedoch noch nichts vom Wesen der Askese. Sorge deshalb dafür, dass sie die entsprechende Unterweisung erhält.
20.8 Lege diese deine Gestalt ab und nimm eine andere an. Tritt so vor sie hin und unterweise sie in der Ausübung der Askese.
20.9 Wenn sie dich in deiner jetzigen Gestalt erblickt, wird sie sich wie zuvor schämen und vor dir kein Wort hervorbringen.
20.10 Darum lege deine eigene Gestalt ab und gehe in einer anderen Erscheinung zu der edlen Sandhya, um sie zu unterweisen.
20.11 Markandeya sprach: Vasishtha antwortete: „So sei es.“ Er nahm die Gestalt eines jungen Asketen mit verfilztem Haar an und begab sich zu Sandhya auf den Chandrabhaga-Berg.
20.12 Dort sah Vasishtha einen wasserreichen göttlichen See, der in seinen Vorzügen dem Manasa-See glich. Sandhya bewegte sich an seinem Ufer.
20.13 Mit ihr am Ufer erstrahlte der von Lotusblüten erhellte See wie der Sternenhimmel zur Abendzeit, wenn der Mond aufgeht.
20.14 Der Weise sah sie dort und sprach sie an. Voll Interesse betrachtete er auch den See, der Brihallohita hieß.
20.15 Er sah, wie der Chandrabhaga-Fluss aus diesem See hervortrat, eine große Bergflanke durchbrach und zum südlichen Meer floss.
20.16 Nachdem der Fluss die westliche Flanke des Chandrabhaga-Berges durchbrochen hatte, strömte er zum Meer wie die Ganga vom Himalaya.
20.17 Die Rishis sprachen: Wie entstand der Chandrabhaga-Fluss dort auf dem großen Berg? Wie beschaffen ist jener See namens Brihallohita, du führender Brahmane?
20.18 Wie kam dieser herrliche Berg zu seinem Namen Chandrabhaga? Und warum heißt auch der Fluss mit seinem heiligen Wasser Chandrabhaga? Das Wort für die Beschaffenheit des Wassers ist in der Vorlage unsicher.
20.19 Während wir dies hören, erwacht in uns große Wissbegier nach der Herrlichkeit des Chandrabhaga-Flusses, des Sees und des Berges.
20.20 Markandeya sprach: Hört, ihr besten Weisen, von der Entstehung der Chandrabhaga, von der Herrlichkeit des Chandrabhaga-Berges und vom Grund seines Namens.
20.21 Mit dem Himalaya verbunden liegt ein Berg, hundert Yojanas breit und dreißig Yojanas lang, weiß wie Jasmin und Mondlicht.
20.22 Auf diesem Berg teilte Brahma einst den reinen Mond, den Schatz des Nektars, in Abschnitte ein und bestimmte ihn zur Nahrung der Götter.
20.23 Auch für die Ahnen ordnete der Lotusgeborene dies an. Zum Wohl der Welten legte er das Zu- und Abnehmen des Mondes entsprechend den Mondtagen fest.
20.24 Weil der Mond dort geteilt wurde, ihr Besten der Zweimalgeborenen, nannten die Götter den Berg einst Chandrabhaga, „Mondteilung“. Die Ortsbezeichnung innerhalb des ersten Halbverses ist verderbt.
20.25 Die Rishis sprachen: Wenn doch die Opferanteile und der aus dem Milchmeer entstandene Unsterblichkeitstrank vorhanden waren, warum bestimmte der Lotusgeborene den Mond zur Nahrung der Götter?
20.26 Warum bestimmte er ihn auch für die Ahnen, obwohl es die Ahnenopfer gab? Und wie kam es, ehrwürdiger Lehrer, zum Abnehmen und Zunehmen des Mondes nach den Mondtagen?
20.27 Brahmane, zerstreue diesen unseren Zweifel, wie die Sonne die Finsternis vertreibt. Niemand außer dir, du Bester der Zweimalgeborenen, vermag ihn aufzulösen.
20.28 Markandeya sprach: Einst gab der Schöpferherr Daksha seine siebenundzwanzig schönen Töchter, angefangen mit Ashvini, dem Mondgott Soma zur Frau.
20.29 Soma heiratete sie alle nach der vorgeschriebenen Ordnung und führte sie mit Dakshas Zustimmung an seinen eigenen Wohnort.
20.30 Unter allen diesen Töchtern aber wandte sich Chandra aus Leidenschaft besonders Rohini zu. Mit ihr verbrachte er seine Zeit in Liebesfreuden und den Künsten des Genusses.
20.31 Nur Rohini suchte er auf, nur mit Rohini vergnügte er sich. Auch Rohini fand ohne den Mondgott keinerlei Ruhe.
20.32 Als die anderen Töchter sahen, dass Chandra ganz Rohini ergeben war, bemühten sie sich mit vielerlei Aufmerksamkeiten um ihn.
20.33 Obwohl sie ihm Tag für Tag dienten, wandte der Mondgott ihnen keine Zuneigung zu. Da wurden sie alle von Unmut ergriffen.
20.34 Uttaraphalguni und Bharani, Krittika, Ardra, Magha, Vishakha und Uttarabhadrapada,
20.35 sowie Jyeshtha und Uttarashadha: Diese neun wurden überaus zornig, gingen zu dem kühl strahlenden Mondgott und umringten ihn.
20.36 Als sie den Herrn der Nacht umstellt hatten, sahen sie Rohini auf seiner linken Hüfte sitzen und sich mit ihm in seinem eigenen Kreis vergnügen.
20.37 Beim Anblick der schönen Rohini in dieser Lage loderten sie alle vor heftigem Zorn auf wie ein Feuer, in das Opferbutter gegossen wird.
20.38 Darauf packten Magha, die drei mit „Purva“ benannten Frauen, Bharani und Krittika gewaltsam die edle Rohini, die auf Chandras Schoß saß. Diese Namensliste weicht von der vorangehenden Aufzählung ab.
20.39 Überaus zornig richteten sie harte Worte an Rohini: Solange du lebst, du Unverständige, wird der Mondgott sich uns niemals liebevoll zuwenden
20.40 und uns aus Verlangen nach Liebesvereinigung aufsuchen. Um das Wohl der vielen zu fördern, werden wir diese Übelgesinnte töten.
20.41 Uns trifft keine Schuld, wenn wir dich töten: Du hinderst viele Frauen daran, Nachkommen zu empfangen, und tust Unrecht außerhalb der dafür bestimmten Zeit. Der zweite Halbvers ist sprachlich beschädigt.
20.42 Hast du nicht gehört, was Brahma einst seinem Sohn zu diesem Gegenstand sagte, als er ihn in der Lehre vom rechten Handeln unterwies?
20.43 Wenn durch die Tötung eines einzigen Übeltäters das Wohl vieler gesichert wird, dann bringt dessen Tötung Verdienst.
20.44 Ein Golddieb, ein Trinker berauschenden Getränks, ein Brahmanenmörder, einer, der das Lager seines Lehrers schändet, oder einer, der sich selbst tötet: Deren Tötung wird hier als verdienstbringend bezeichnet. Die letzte Verbindung ist in der Vorlage inhaltlich und sprachlich problematisch; sie bleibt als Aussage der erzählten Figuren stehen.
20.45 Markandeya sprach: Chandra erkannte ihre Absicht und sah ihr Vorgehen. Er sah auch seine überaus schöne, geliebte Rohini voller Angst.
20.46 Er bedachte seine eigene Schuld, die aus dem fortgesetzten Ausbleiben der Gemeinschaft mit den anderen entstanden war, und befreite die erschrockene Rohini aus ihren Händen.
20.47 Nachdem er sie befreit hatte, umschlang er Rohini mit beiden Armen und hielt Krittika und die übrigen zornigen Frauen zurück.
20.48 Krittika, Magha und die anderen widersprachen Chandra. Während sie auf Rohini blickten, forderten die entschlossenen Frauen gleiche Behandlung.
20.49 Herr der Nacht, empfindest du weder Scham noch Furcht vor dem Unrecht, wenn du uns zurückweist und dich wie ein gewöhnlicher unbeherrschter Mensch verhältst?
20.50 Wie kannst du uns, die wir sittliche Gelübde halten und dir stets ergeben sind, verschmähen und dich wie ein Verblendeter allein dieser einen widmen?
20.51 Kennst du denn den in den Veden gegründeten Dharma nicht, von dem du früher gehört hast? Warum tust du etwas, das ihm widerspricht und von guten Menschen getadelt wird?
20.52 Wir sind mit dir vermählt und handeln pflichtgemäß nach der Lehre des Dharma. Warum blickst du uns nicht einmal ins Gesicht?
20.53 Herr der Nacht, höre, was wir einst aus dem Mund unseres Vaters Daksha hörten, als er Narada die Bedeutung der Dharma-Lehre erklärte.
20.54 Ein Mann mit mehreren Frauen, der sich aus Leidenschaft nur einer einzigen zuwendet, lädt Schuld auf sich und lässt sich von ihr beherrschen; seine Unreinheit dauert fort.
20.55 Mondgott, kein anderer Schmerz gleicht dem Leid, das Frauen empfinden, wenn ihnen die Gemeinschaft mit ihrem Gemahl vorenthalten wird.
20.56 Der niedrigste unter den Männern, der seine tugendhafte Frau während der reinen Tage ihrer fruchtbaren Zeit nicht aufsucht, wird einem Vernichter ungeborenen Lebens gleichgesetzt.
20.57 Solange die Frau noch nicht den hier mit „Atreyi“ bezeichneten Zustand erreicht hat, soll der Mann die entsprechende Zeit beachten; selbst eine vorgeschriebene andere Handlung soll ihn nicht von der Vereinigung mit ihr abhalten. Der erste Halbvers ist beschädigt, daher bleibt die genaue Bedingung unsicher.
20.58 Für einen Mann mit mehreren Frauen gibt es keine Handlung, auch keine in der Lehre vorgeschriebene, die es rechtfertigte, seinen Frauen die Vereinigung zur fruchtbaren Zeit vorzuenthalten.
20.59 Er soll die Frauen, deren Hand er nach dem vorgeschriebenen Ritus ergriffen hat, stets zufriedenstellen. Ihre Zufriedenheit bringt Wohlergehen, das Gegenteil bringt Unheil.
20.60 In einer Familie, in der der Mann stets mit seiner Frau und die Frau mit ihrem Mann zufrieden ist, ist Wohlergehen gewiss.
20.61 Eine Frau, die im Stolz auf ihre bevorzugte Stellung den Gemahl daran hindert, mit einer Mitfrau zusammenzukommen, wird in einer anderen Geburt eine Prostituierte sein.
20.62 Schon in dieser Welt wird sie getadelt und verfällt dem Unrecht. Weder die Familie ihres Vaters noch die ihres Gemahls freut sich über sie.
20.63 Wenn Streit mit dem Gemahl oder mit einer Mitfrau entsteht, erwächst daraus überaus großes Leid, das beiden Unheil bringt.
20.64 Markandeya sprach: Während sie solche überaus harten Worte redeten, sah Chandra Rohinis getrübtes Gesicht und geriet in Zorn.
20.65 Rohini sah ihre Heftigkeit und sprach kein Wort. Angst, Schmerz und Scham erfüllten sie.
20.66 Der erzürnte Chandra verfluchte darauf die Frauen: Weil ihr vor mir so wilde und schneidende Worte ausgestoßen habt,
20.67 sollt ihr, Krittika und die übrigen, in dieser Welt und selbst unter den Göttern als „wild“ und „scharf“ bekannt sein. Die hier überlieferte Zahl „drei“ stimmt nicht mit den neun Frauen des folgenden Verses überein.
20.68 Darum werdet ihr neun, Krittika und die übrigen, künftig an euren jeweiligen Tagen für den Antritt einer Reise ungeeignet sein.
20.69 Wenn Götter oder Menschen auf Erden ihre Reise unter eurem Zeichen beginnen, soll die Reise durch diesen Makel nicht den gewünschten Erfolg bringen.
20.70 Als sie alle diesen überaus furchtbaren Fluch hörten und daran die Härte von Chandras Herzen erkannten,
20.71 gingen sie voller Empörung zu Dakshas Haus. Ashvini und die anderen sprachen mit stockender Stimme zu ihrem Vater.
20.72 Soma lebt nicht mit uns; immer sucht er nur Rohini auf. Obwohl wir ihm dienen, wendet er sich uns nicht zu, als wären wir die Frauen eines anderen.
20.73 Ob beim Verweilen, beim Ruhen, beim Essen oder beim Zuhören: Ohne Rohini findet der Mondgott keinerlei Frieden. Einzelne Wörter dieser Aufzählung sind in der Vorlage unsicher.
20.74 Wenn er bei Rohini sitzt und deine Töchter sich ihm nähern, richtet er seinen Blick anderswohin und sieht sie nicht an.
20.75 Von jeder anderen Zuwendung eines Gemahls ganz zu schweigen: Er blickt uns nicht einmal ins Gesicht. Sage uns, was wir in dieser Sache tun sollen.
20.76 Als wir Chandra deshalb zur Rede stellten, belegte er uns mit einem heftigen Fluch.
20.77 Er sagte: Ihr werdet in der Welt als furchtbar und überaus scharf getadelt werden; unter euren Zeichen soll man keine Reise antreten.
20.78 Markandeya sprach: Als der Schöpferherr die Worte seiner Töchter gehört hatte, ging er mit ihnen dorthin, wo Soma mit Rohini weilte.
20.79 Schon von Weitem sah der Mondgott Daksha kommen. Er erhob sich von seinem Sitz, trat ihm entgegen und verneigte sich vor dem großen Weisen.
20.80 Daksha nahm den angebotenen Sitz an. Nachdem Chandra ihn ehrerbietig begrüßt hatte, sprach er zunächst besänftigend zu ihm.
20.81 Daksha sprach: Verhalte dich gleich gegenüber deinen Frauen und gib deine Ungleichbehandlung auf. Brahma hat die zahlreichen Fehler benannt, die daraus erwachsen.
20.82 Die Ehe trägt als Früchte Liebesfreude und Nachkommen, weil sich das Verlangen an die Frauen bindet. Die Bindung des Verlangens entsteht aus Vertrautheit, Vertrautheit aus dem Zusammensein.
20.83 Das Zusammensein wiederum erwächst aus dem Denken aneinander und aus dem gegenseitigen Anblick. Darum schenke deinen Frauen Aufmerksamkeit, blicke sie an und wende dich ihnen zu.
20.84 Wenn du meinen Worten, die vom Dharma bestimmt sind, nicht folgst, wirst du den Tadel der Welt und Schuld auf dich ziehen.
20.85 Markandeya sprach: Als Chandra diese Worte des hochherzigen Daksha hörte, antwortete er aus Furcht vor ihm: „So soll es sein.“
20.86 Darauf verabschiedete sich Daksha von seinen Töchtern und seinem Schwiegersohn Chandra. Der Weise kehrte an seinen eigenen Wohnort zurück und hielt seine Aufgabe für erfüllt.
20.87 Nachdem Daksha fortgegangen war, suchte Chandra Rohini wieder auf. Aus Leidenschaft nahm er ihr und den anderen gegenüber sein früheres Verhalten wieder an.
20.88 Er blieb bei Rohini und sah keine der anderen an. Nur mit Rohini lebte er zusammen; deshalb wurden die übrigen erneut zornig.
20.89 Durch ihr Unglück bedrückt, gingen sie zu ihrem Vater und sagten: Soma lebt nicht mit uns; immer sucht er nur Rohini auf.
20.90 Auch dein Wort hat er nicht befolgt. Darum gewähre uns Schutz.
20.91 Von Erregung und Zorn erfüllt erhob sich der Weise augenblicklich. Er ging zu Chandra und erwog unterwegs, was zu tun sei.
20.92 Als er bei ihm angekommen war, sagte der Schöpferherr zu Chandra: Verhalte dich gleich gegenüber deinen Frauen und gib deine Ungleichbehandlung auf.
20.93 Wenn du aus Torheit unsere Worte nicht begreifst und die Dharma-Lehre übertrittst, werde ich dich verfluchen, Herr der Nacht.
20.94 Markandeya sprach: Aus großer Furcht vor Daksha erklärte Chandra sich in dessen Gegenwart dazu bereit und wiederholte: „So will ich handeln.“
20.95 Nachdem der Mondgott zugesagt hatte, seine Frauen gleich zu behandeln, kehrte Daksha mit Chandras Zustimmung an seinen eigenen Ort zurück.
20.96 Doch als Daksha fort war, vergnügte sich der Herr der Nacht wieder leidenschaftlich mit Rohini und vergaß Dakshas Worte.
20.97 Ashvini und die übrigen schönen Frauen dienten ihm alle, aber Chandra wandte sich ihnen nicht zu, sondern behandelte sie verächtlich.
20.98 Von Chandra missachtet, gingen sie alle zu ihrem Vater. Weinend und mit schmerzerfüllter Stimme sagten sie:
20.99 Bester Weiser, Soma hat auch dein Wort nicht befolgt. Er verachtet uns noch mehr als zuvor.
20.100 Darum wollen wir mit Soma nichts mehr zu tun haben. Wir wollen Asketinnen werden; unterweise uns in der Askese.
20.101 Durch Askese wollen wir uns läutern und dann unser Leben ablegen. Was nützt uns Unglücklichen das Leben, du Bester der Zweimalgeborenen?
20.102 Markandeya sprach: Nachdem Krittika und die anderen Töchter Dakshas dies gesagt hatten, setzten sie sich auf die Erde, stützten ihre Wangen in die Hände und weinten.
20.103 Daksha sah, wie der Schmerz ihr ganzes Wesen erschütterte. Sein Gesicht wurde tief betrübt, und er loderte vor Zorn wie Feuer.
20.104 Aus der Nasenspitze des von Zorn erfüllten, mächtigen Daksha trat darauf die furchterregende Schwindsucht hervor.
20.105 Ihr Gesicht war durch gewaltige Fangzähne entstellt, ihr Leib dunkel wie Kohle. Sie war sehr lang gewachsen, hatte wenig Haar und war mager, von hervortretenden Adern überzogen.
20.106 Mit gesenktem Kopf und einem Stab in der Hand hustete sie immer wieder, nur von kurzen Pausen unterbrochen. Ihre Augen lagen tief, und sie war gierig nach dem Verkehr mit Frauen.
20.107 Sie sagte zu Daksha: Wo soll ich wohnen, Weiser, und was soll ich tun? Sage es mir, du Einsichtsvoller.
20.108 Daksha antwortete: Gehe rasch zu Soma. Verzehre Soma fortwährend und nimm nach deinem Belieben in ihm Wohnung.
20.109 Markandeya sprach: Als die Krankheit die Worte des großen Weisen Daksha gehört hatte, näherte sie sich allmählich Soma.
20.110 Sie gelangte zu ihm, fand einen Zugang und drang in Chandras Herz ein wie eine Schlange in einen Ameisenhügel.
20.111 Als die furchtbare königliche Schwindsucht in sein Herz eingedrungen war, wurde Chandra benommen und verfiel in schwere Mattigkeit.
20.112 Weil diese Krankheit unmittelbar nach ihrer Entstehung zuerst in einen König einging, wurde sie in der Welt als Rajayakshman, „königliche Schwindsucht“, bekannt, ihr Zweimalgeborenen.
20.113 Von dieser Schwindsucht überwältigt, schwand Rohinis Gemahl Tag für Tag dahin wie ein kleiner Fluss im Sommer.
20.114 Während der Mond schwand, gingen auch alle Pflanzen zugrunde. Als die Pflanzen schwanden, fanden keine Opfer mehr statt.
20.115 Weil die Opfer ausblieben, ging den Göttern ihre gesamte Nahrung verloren. Darauf versiegten die Regenwolken, und es fiel kein Regen mehr.
20.116 Ohne Regen nahmen die Nahrungsmittel der Menschen ab. Die ganze Welt wurde von der Not einer Hungersnot heimgesucht, ihr Besten der Zweimalgeborenen.
20.117 Weder Freigebigkeit noch andere Pflichten wurden mehr ausgeübt. Alle Geschöpfe verloren ihre innere Kraft; ihre Sinne wurden von Gier überwältigt. Sie taten nur noch Unrecht und fanden Gefallen an bösen Handlungen.
20.118 Als die Hüter der Himmelsrichtungen und Indra dies sahen, gerieten sie in große Bestürzung. Auch die übrigen Götter, die Meere und die Planeten wurden erschüttert.
20.119 Die ganze Welt war in Aufruhr und wurde von Räubern bedrängt. Als die Götter dies sahen, gingen sie alle, mit Indra an der Spitze, zu Brahma.
20.120 Sie traten vor den Herrn der Götter, den Schöpfer und Herrn der Welten, verneigten sich gebührend und nahmen ihre Plätze ein.
20.121 Der Stammvater der Welt sah ihre niedergeschlagenen Gesichter. Sie wirkten wie von einem Feind überwältigt und ihrer Herrschaftsgebiete beraubt. Er wandte sich dem Götterlehrer, Indra und dem Feuergott zu und fragte sie.
20.122 Brahma sprach: Willkommen, ihr Götterscharen. Warum seid ihr gekommen? Ich sehe, dass Leid eure Körper angegriffen hat und euer Glanz verblasst ist.
20.123 Ich hatte euch doch frei von Hindernissen und Furcht gemacht, euch freie Bewegung gewährt und euch in eure jeweiligen Wirkungsbereiche eingesetzt. Warum sehe ich euch nun voller Leid?
20.124 Sagt mir vollständig, was die Ursache eures Leides ist und wer euch bedrängt. Seid gewiss, dass Abhilfe geschaffen werden soll.
20.125 Markandeya sprach: Darauf erklärten Indra, Brihaspati und Agni, die Träger der Welt, dem aus sich selbst entstandenen Brahma den Grund für das Leid der Götter.
20.126 Die Götter sprachen: Schöpfer der Welt, höre alles darüber, weshalb wir zu dir gekommen sind, was unser Leid verursacht und warum unser Glanz verblasst ist.
20.127 Nirgendwo auf der Welt werden noch Opfer vollzogen, Stammvater. Alle Geschöpfe verlieren ihren Halt und gehen zugrunde. Ein weiteres überliefertes Eigenschaftswort passt nicht sicher in diesen Zusammenhang.
20.128 Auf Erden gibt es weder Freigebigkeit und andere Pflichterfüllung noch Askese. Die Regenwolke lässt keinen Regen fallen; das Wasser der Erde ist versiegt.
20.129 Alle Pflanzen und Feldfrüchte sind verkümmert, die Menschen in Aufruhr. Von Räubern bedrängt, tragen die Brahmanen die Veden nicht mehr vor.
20.130 Wegen des Nahrungsmangels sterben viele Geschöpfe. Da auch die Opferanteile schwinden, bleiben wir selbst ohne Nahrung.
20.131 Wir sind schwach geworden, haben unseren Glanz verloren und finden keinen Frieden.
20.132 Chandra verharrt schon lange im Haus der Rohini und weicht von seinem gewohnten Lauf ab. Im Tierkreiszeichen des Stieres schwindet er dahin und besitzt keinen Mondschein mehr.
20.133 Wann immer die Götter nach Chandra suchen, erscheint er nicht vor ihnen, weder in einer Götterversammlung noch bei einer Versammlung wie der deinen. Der genaue Wortlaut des Verses ist beschädigt.
20.134 Niemals verlässt er Rohini, um irgendwohin zu gehen. Nur wenn sonst niemand da ist, kommt Chandra heraus.
20.135 Man sieht ihn seiner Mondteile beraubt; nur ein einziger Teil ist noch übrig. So ist überall, Herr der Welt, die Ordnung des Wirkens verkehrt worden.
20.136 Angesichts dessen sind wir erschrocken und haben bei dir Zuflucht gesucht. Bevor die Kalakanjas und die anderen Asuras aus der Unterwelt aufsteigen
20.137 und uns bedrängen, Herr der Welt, rette uns aus unserer Angst. Wir wissen nicht, warum diese Störung der Welten eintritt und wodurch der Zusammenbruch verursacht ist.
20.138 Markandeya sprach: Als der mit göttlicher Schau begabte Stammvater diese Worte der Götter gehört hatte, versenkte er sich einen Augenblick in Betrachtung und sprach zu den hohen Göttern.
20.139 Brahma sprach: Hört alle, ihr Gottheiten, weshalb die Welt gegenwärtig erschüttert wird und wodurch diese Erschütterung zur Ruhe kommen wird. Das Wort für das Zur-Ruhe-Kommen ist in der Vorlage beschädigt.
20.140 Soma heiratete die siebenundzwanzig schönen Töchter Dakshas, Ashvini und die übrigen.
20.141 Obwohl er sie alle geheiratet hatte, wandte der Mondgott seine Liebe beständig nur Rohini zu und behandelte sie nicht alle gleich.
20.142 Die übrigen sechsundzwanzig schönen Frauen, Ashvini und die anderen, wurden von der brennenden Qual ihrer Zurücksetzung bedrückt und gingen zu ihrem Vater.
20.143 Sie berichteten Daksha, dass der Herr der Nacht sich aus Leidenschaft Rohini zuwandte, ihnen aber keine entsprechende Liebe schenkte.
20.144 Da redete der weise Daksha dem Mondgott freundlich zu, sprach viele wohlwollende Worte und bat ihn um seiner Töchter willen.
20.145 Auf die eindringliche Bitte des hochherzigen Daksha hin versprach der Mondgott, sie alle gleich zu behandeln.
20.146 Nachdem der kühl strahlende Chandra eine gleiche Haltung gegenüber allen zugesagt hatte, kehrte der treffliche Weise Daksha an seinen Wohnort zurück.
20.147 Doch nach dem Fortgang des Weisen gab Chandra seine Ungleichbehandlung nicht auf. Deshalb gingen die Frauen erneut erzürnt zu ihrem Vater.
20.148 Darauf bat Daksha Chandra noch einmal um seiner anderen Töchter willen. Er ließ ihn eine gleiche Behandlung versprechen und sagte zu ihm:
20.149 Chandra, wenn du dich nicht allen diesen Frauen gegenüber gleich verhältst, werde ich dich verfluchen. Handle darum angemessen.
20.150 Als Daksha wieder gegangen war und Chandra sie dennoch nicht gleich behandelte, gingen die Frauen erneut zu Daksha und sagten zornig:
20.151 Er achtet dein Wort nicht und wendet sich uns nicht zu. Wir wollen Askese üben und bei dir bleiben.
20.152 Als der große Weise ihre Worte hörte, wurde er zornig und wollte einen Fluch aussprechen, der Chandra zum Schwinden bringen sollte.
20.153 Aus der Nasenspitze des zornigen großen Weisen, dessen Geist auf den Fluch gerichtet war, trat die schwere Krankheit namens Kshaya, „Auszehrung“, hervor.
20.154 Der Weise Daksha sandte sie zu Chandra. Sie drang in seinen Körper ein, und durch sie wurde Chandra aufgezehrt.
20.155 Als Chandra schwand, nahm auch sein Mondschein ab. Mit dem Schwinden all seines Lichts gingen alle Pflanzen zugrunde.
20.156 Weil die Pflanzen fehlen, werden in dieser Welt keine Opfer mehr vollzogen. Wegen des Ausbleibens der Opfer bleibt auch der Regen aus, und dadurch gehen alle Geschöpfe zugrunde.
20.157 Auch ihr seid des Genusses eurer Opferanteile beraubt. Deshalb seid ihr schwach geworden, und in euren jeweiligen Wirkungsbereichen ist die Ordnung gestört.
20.158 Damit habe ich euch vollständig erklärt, wie die Erschütterung der Welt entstand. Hört nun, ihr hohen Götter, durch welches Mittel sie gestillt werden kann.
Kapitel 21
21.1 Brahma sprach: Geht, ihr Götterscharen, zu Dakshas Wohnstatt und stimmt ihn um des Mondes willen gnädig, damit dieser wieder voll werde.
21.2 Ist der Mond wieder voll, wird die ganze Welt zu ihrer Ordnung zurückkehren. Ihr werdet Frieden finden, und die Pflanzen werden wieder wachsen.
21.3 Markandeya sprach: Als die Götter mit Indra an der Spitze Brahmas Worte gehört hatten, gingen sie frohen Sinnes zu Dakshas Wohnstatt.
21.4 Sie näherten sich dem hervorragenden Weisen nach der gebührenden Ordnung, verneigten sich vor dem Schöpferherrn Daksha und sprachen mit sanfter Stimme.
21.5 Die Götter sprachen: Sei uns gnädig, Brahmane! Wir sind von vielem Leid bedrückt und sinken dahin. Richte uns auf, du Einsichtsvoller, und rette uns aus dem Meer des Kummers.
21.6 Die schöpferische Gestalt des höchsten Selbst trägt den Namen Brahma. Du bist ein Teil von ihr, höchstes Licht in brahmanischer Gestalt. Verehrung dir!
21.7 Weil du alle Welten beschützt und die Geschöpfe behütest, heißt du Daksha und Prajapati. Dich, den Herrn des Yoga, preisen wir.
21.8 Verehrung dir, dem Edlen, der für alle Welten und für die Tüchtigen wirkt und das Heil des Selbst fördert! Der Vers spielt mehrfach auf die Bedeutung des Namens Daksha, „tüchtig“, an.
21.9 Du bist der innerste Wesenskern jener Wirklichkeit, die Yogis mit beherrschten Sinnen beständig betrachten: Verehrung Daksha, dem höchsten Selbst.
21.10 Du lebst als Yogi, bist unbezwingbar und die höchste Zuflucht derer, die das andere Ufer erreicht haben. Anfang und Ende bist du enthoben. Dir immer wieder Verehrung! Ein Wort der zweiten Vershälfte ist unsicher.
21.11 Als Daksha die Worte der Götter, die Opfergaben genießen, gehört hatte, wandte er sich mit freundlichem Gesicht besonders an Indra.
21.12 Daksha sprach: Woher ist euch dieses Leid gekommen, starkarmiger Indra? Sage mir seine Ursache, Mächtiger; ich möchte sie hören.
21.13 Was kann ich tun, um euer Leid zu beseitigen? Wenn es in meiner Macht steht, werde ich handeln und euer aller Wohl fördern.
21.14 Markandeya sprach: Als sie die Worte dieses edlen Sohnes Brahmas gehört hatten, antworteten Brihaspati, Indra und Agni dem Weisen.
21.15 Sie sprachen: Der Herr der Nacht ist von Schwindsucht befallen. Mit seinem Schwinden sind alle Pflanzen zurückgegangen, du bester Brahmane; ihr Verlust führt zum Ausfall der Opfer.
21.16 Weil die Opfer ausbleiben, sind alle Geschöpfe von Hungerangst gequält. Ohne Regen erleiden sie große Not; manche sind bereits zugrunde gegangen.
21.17 Das Schwinden des Herrn der Nacht, das durch deinen Zorn verursacht wurde, droht die ganze Welt zu vernichten, Brahmane.
21.18 In den drei Welten gibt es jetzt nichts, das nicht erschüttert oder in Unordnung geraten wäre, weder unter den unbeweglichen Wesen noch unter den Vögeln, du führender Brahmane.
21.19 Es werden keine Opfer vollzogen, und die Asketen üben keine Askese. Aus Nahrungsmangel sind die Geschöpfe glanzlos und ausgezehrt, von Furcht bedrängt.
21.20 Befreie uns aus diesem Zusammenbruch, du führender Brahmane, bevor die Daityas aus der Unterwelt aufsteigen und uns bedrängen.
21.21 Sei dem Mond gnädig, Daksha, und mache ihn durch die Kraft deiner Askese wieder voll. Ist er voll, wird die ganze Welt zu ihrer Ordnung zurückkehren.
21.22 Markandeya sprach: Als Brahmas Sohn diese Worte hörte, sprach er zu den Götterscharen und zog dabei gleichsam den Dorn aus seinem Herzen.
21.23 Daksha sprach: Was ich als Fluch über den Herrn der Nacht ausgesprochen habe, möchte ich unter keinen Umständen unwahr machen.
21.24 Sucht jedoch ein Mittel, durch das mein Wort nicht völlig unwahr wird und der Mond dennoch wieder zunimmt.
21.25 Dieses Mittel gibt es: Einen halben Monat soll der Mond abnehmen und einen halben Monat zunehmen. Seine Frauen aber soll er gleich behandeln.
21.26 Markandeya sprach: Nachdem die Götterscharen seine Worte gehört und den Schöpferherrn gnädig gestimmt hatten, gingen sie dorthin, wo Chandra war.
21.27 Als der Weise Daksha so gesprochen hatte, ihr Zweimalgeborenen, nahmen die hohen Götter Chandra samt seinen Gemahlinnen mit und gingen voller Freude zu Brahmas Wohnstatt.
21.28 Dort berichteten die Edlen Brahma, dem höchsten Selbst, alles, was Daksha gesagt hatte.
21.29 Als Brahma aus dem Mund der Götter Dakshas Worte gehört hatte, begab er sich gemeinsam mit ihnen zum großen Berg Chandrabhaga.
21.30 Dort ließ der Höchste der Götter zum Wohl der Geschöpfe den hell strahlenden Mond im Brihallohita-See baden.
21.31 Der Stammvater, der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart kennt und die Welt unterweist, hatte schon zuvor eigens zu diesem Zweck den wasserreichen See geschaffen.
21.32 Wer in diesem Brihallohita genannten See badet, erlangt Freiheit von Krankheit und ein langes Leben: So wird hier seine heilige Wirkung beschrieben.
21.33 Als Chandra darin gebadet hatte, trat die Krankheit Rajayakshman sogleich aus seinem Körper hervor, in der bereits beschriebenen Gestalt.
21.34 Nachdem die königliche Schwindsucht hervorgetreten war, verneigte sie sich vor Brahma, dem Herrn der Welt, und fragte: Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen?
21.35 Herr der Welt, bestimme für mich eine passende Wohnstatt, eine Gemahlin und meine bleibende Aufgabe; denn du bist der Schöpfer der Welten.
21.36 Markandeya sprach: Brahma sah, dass die Krankheit von dem Nektar, der aus Chandras Körper stammte, ganz erfüllt und kräftig geworden war, während der Herr der Nacht ausgezehrt blieb. Die Satzverknüpfung der Vorlage ist beschädigt.
21.37 Er packte die königliche Schwindsucht eigenhändig, presste sie wiederholt gegen den Berg und ließ den Nektar aus ihrem Körper fließen.
21.38 Den dabei herausgeflossenen Nektar brachte der Welterhalter an einen abgeschiedenen Ort inmitten des Milchmeers.
21.39 Aus dem Milchmeer sammelte er dann Stück für Stück die zermahlenen Reste jener Mondteile, die zuvor mit diesem Nektar geschwunden waren. Die Satzform ist gestört.
21.40 Durch den Befall mit der königlichen Schwindsucht war nur ein Mondteil übrig geblieben. Die übrigen fünfzehn nektarartigen Teile waren zuvor geschwunden.
21.41 Sie befanden sich im Inneren der Krankheit und waren durch deren Druck zermahlen worden. Der aus Strahlkraft, Mondschein und Nektar gefügte Leib des Herrn der Mondteile
21.42 war in diese drei Bestandteile zerfallen und im Inneren der königlichen Schwindsucht eingeschlossen.
21.43 Sein Licht war zu Staub geworden, sein Mondschein in der Krankheit aufgegangen; der ganze Nektar war verflüssigt und ruhte in ihrem Inneren.
21.44 Als Brahma den Nektar aus der Schwindsucht presste, kamen zugleich Mondschein, Nektar und Licht aus ihr hervor.
21.45 Brahma ließ die Götter auf dem Berg zurück, eilte selbst zum Milchmeer und legte all dies dort hinein.
21.46 Dann wusch er den Nektar, den Staub der Mondteile und den Mondschein mit Wasser, nahm die drei Bestandteile an sich und kehrte rasch zum Berg zurück.
21.47 Vom Milchmeer zum Chandrabhaga-Berg zurückgekehrt, legte Brahma den Staub der Mondteile, den Nektar und den Mondschein inmitten der Götter nieder.
21.48 Nachdem er die drei dort abgelegt hatte, trat er in die Mitte der Götter und bestimmte der königlichen Schwindsucht ihre Wohnstatt und die übrigen Verhältnisse.
21.49 Brahma sprach: Königliche Schwindsucht, du sollst in dem wohnen, der sich bei Tag, bei Nacht und in der Dämmerung ständig dem Liebesverkehr mit Frauen hingibt.
21.50 Wer trotz Schnupfen, Atembeschwerden und Husten Geschlechtsverkehr ausübt, in den sollst du eintreten; ebenso in einen, der entsprechend von Schleimleiden betroffen ist.
21.51 Die Tochter des Todes namens Krishna, deren Eigenschaften den deinen gleichen, soll deine Gemahlin sein und dir stets folgen.
21.52 Deine Aufgabe ist die Auszehrung; darin soll dein Wirkungsbereich liegen. Gehe rasch, wohin du willst, und wende dich von Chandra ab.
21.53 Markandeya sprach: So von Brahma entlassen, verschwand die schwere Krankheit Rajayakshman vor den Augen aller Götter.
21.54 Als sie verschwunden war, machte Brahma, der Stammvater der Welt, Chandra durch die Hinzufügung der fünfzehn Mondteile wieder vollständig.
21.55 Mit dem Staub der Mondteile samt ihrem Mondschein, gewaschen im Milchmeer und vom Nektar gereinigt, stellte der Selbstgeborene den Mond in seiner früheren Gestalt wieder her.
21.56 Als Chandra mit seinen sechzehn Teilen wieder vollständig wie zuvor erstrahlte, freuten sich alle Götter über seinen Anblick.
21.57 Der wieder volle Mond verneigte sich vor dem Stammvater. Doch inmitten der Götterversammlung sprach er, ohne recht froh zu sein:
21.58 Soma sprach: Brahma, mein Körper fühlt sich nicht wohl wie früher. Mir fehlen Kraft und Tatendrang, und meine Gelenke geben nach.
21.59 Ich vermag mich nicht mehr wie zuvor zu bewegen. Wie soll ich ohne Tatkraft Tag für Tag bestehen, Schöpfer der Welt?
21.60 Brahma sprach: Soma, als die Schwindsucht dich ergriffen hatte, wurden deine Gliederverbindungen aufgelöst. Sie sind noch nicht wieder vollständig hergestellt.
21.61 Soeben habe ich den Staub deines Körpers samt Nektar und Mondschein unmittelbar aus dem Leib der königlichen Schwindsucht herausgeholt.
21.62 Beim Waschen blieben kleine Teilchen davon im Wasser zurück, ebenso Anteile des Mondscheins und des Nektars. Diese fehlen dir noch.
21.63 Darum, König, geben deine Gelenke jetzt nach. Ich werde ein Mittel schaffen, damit du nicht weiter leidest. Das entsprechende Wort am Versende ist beschädigt.
21.64 Beim Opfer soll zuerst der Prajapati geweihte Opferkuchen dargebracht werden, danach der für Indra und der für Agni.
21.65 Anschließend habe ich dir einen Anteil am Opferkuchen zugewiesen. Wenn du diese beständig im Opfer bereitete Gabe genießt, werden Tatendrang und Kraft wie früher zurückkehren. Ein Wort der letzten Zeile ist verderbt.
21.66 Die Nektartropfen von dir, die im Wasser des Milchmeers zurückgeblieben sind, der Staub deines Körpers und die kleinen Anteile deines Mondscheins,
21.67 all dies wird im Inneren des Milchmeers durch die Verbindung mit deinem Mondlicht Tag für Tag weiter anwachsen, Mondgott.
21.68 Wenn das zweite Manvantara, das des Svarochisha, gekommen ist, wird aus einem Anteil Shankaras der Brahmane Durvasas entstehen, heftig wie die glühende Sonne.
21.69 Wegen einer Unhöflichkeit des Götterkönigs wird er einen überaus furchtbaren Fluch aussprechen und den drei Welten samt Göttern und Asuras ihre Herrlichkeit nehmen.
21.70 Wenn die Welt ihre Herrlichkeit verloren hat, wird ein Zusammenbruch eintreten, wie ihn jetzt dein Schwinden verursacht hat, Soma.
21.71 Nach menschlicher Zeitrechnung wird dies im dritten Krita-Yuga geschehen und bis zum Ablauf des Viererzyklus der Weltalter dauern. Die zeitliche Zuordnung ist in der überlieferten Form nicht völlig eindeutig.
21.72 Wenn darauf das vierte Krita-Yuga beginnt, werden Shambhu, Vishnu und ich gemeinsam mit den Göttern das Milchmeer quirlen.
21.73 Wir werden den Mandara als Quirl und Vasuki als Zugseil verwenden. Weil die Opferanteile verloren gegangen sein werden, werden wir mit Göttern und Danavas gemeinsam das Milchmeer quirlen, um Nahrung für die Götter zu gewinnen.
21.74 Den Nektar deines Körpers, der im Milchmeer ruht, werden wir durch das Quirlen gewinnen, angesammelt und unerschöpflich. Das letzte Wort der Vorlage ist gestört.
21.75 Wir werden deinen Leib unter alle Heilpflanzen mischen und ihn ins Meerwasser geben, um deinen Körper wiederherzustellen, Mondgott.
21.76 Wenn wir danach das Meer gequirlt und den Nektar hervorgeholt haben, wird dein Leib darin wie zuvor neu entstehen.
21.77 Dein Körper wird wunderbar an Lebenskraft und Stärke sein, anmutig, unvergänglich und aus Nektar bestehend, mit festen Gliederverbindungen und von großer Schönheit.
21.78 Markandeya sprach: Nachdem Brahma, der Stammvater der Welt, so zum nektarstrahlenden Mond gesprochen hatte, traf er Vorsorge für dessen halbmonatliches Abnehmen und Zunehmen.
21.79 Wie Daksha gesagt hatte, sollte der Mond einen halben Monat abnehmen und einen halben Monat zunehmen. Darauf richtete Brahma sein Bemühen.
21.80 Der Älteste der Götter teilte den Mond in sechzehn Teile. Nachdem er dies getan hatte, sprach er zu allen Göttern diese vortrefflichen Worte.
21.81 Brahma sprach: Der Mond hat sechzehn Teile. Einer davon soll von heute an auf Shambhus Haupt bleiben; die übrigen sollen schwinden, ohne von der Krankheit der Auszehrung befallen zu sein.
21.82 Würde Chandra nach Dakshas Wort einen halben Monat durch die Krankheit selbst zum Schwinden gebracht, so gäbe es keine wirkliche Beruhigung.
21.83 Stattdessen soll der Mondschein, der in vierzehn seiner Teile ruht, jeden Monat zu jenem Teil gelangen, der sich auf Shambhu befindet, ihr hohen Götter.
21.84 Den Nektar in diesen vierzehn Teilen sollt ihr trinken, beginnend mit dem ersten Mondtag bis zum vierzehnten. Die Bezeichnung des Nektars ist in der Vorlage beschädigt.
21.85 Die Lichtanteile sollen im Laufe der vierzehn Mondtage nacheinander in die Sonnenscheibe eingehen. So soll das Abnehmen des Mondes in der dunklen Monatshälfte geschehen.
21.86 Der verbleibende Mondteil soll sich am Neumondtag in einem grünen Blatt verbergen und während des ersten Viertels dieses Mondtages dort verweilen.
21.87 Im zweiten Viertel des Neumondtages soll er in Rohinis Haus gehen. Im dritten soll der Mond in der Sarasvati baden und wieder emporsteigen.
21.88 Im vierten Viertel dieses Mondtages soll Chandra, wieder voller Kraft, samt seiner Scheibe, seinem Wagen und seinen Pferden in die Sonnenscheibe eintreten.
21.89 So lange, wie der erste Mondteil in der dunklen Monatshälfte zum Schwinden braucht, so lange soll der erste Mondtag dauern.
21.90 Dasselbe gilt für den zweiten und die folgenden Mondtage der dunklen Monatshälfte. Entsprechendes Zu- und Abnehmen bestimmt die Länge der Mondtage in der hellen wie in der dunklen Hälfte.
21.91 In der hellen Monatshälfte soll der erste Mondtag zunächst so lange dauern, bis der zuerst hervortretende Teil sein Wachstum vollendet hat.
21.92 Dann soll der Mondschein des zweiten Teils zurückkehren, der zu dem Mondteil auf Haras Haupt gegangen war. Der Nektar aber soll Tag für Tag von euch getrunken werden. Die Satzfolge ist in der Vorlage unregelmäßig.
21.93 Vom zweiten Mondtag bis zum Vollmond wird der Mond durch seine Verbindung mit dem Mondschein immer wieder von selbst ergänzt werden, ihr hohen Götter.
21.94 Wie seine Teile Tag für Tag schwinden, so werden sie in der hellen Monatshälfte Tag für Tag zunehmen, ihr Götter.
21.95 Der Lichtanteil wird aus der Sonnenscheibe wieder zurückkehren und in der dunklen Monatshälfte in derselben Reihenfolge der Teile wieder zu ihr gehen.
21.96 Der Mondschein wird täglich vom Mond auf Haras Haupt zurückkehren, der Lichtanteil aus der Sonnenscheibe; der Nektar wird von selbst herabströmen.
21.97 So wird der nektarstrahlende Mond in der hellen Monatshälfte wachsen. Das Helle und Dunkle der beiden Monatshälften entsteht durch sein Zunehmen und Abnehmen.
21.98 So lange ein jeweiliger Teil zum Schwinden oder Wachsen benötigt, so lange wird der entsprechende Mondtag dauern.
21.99 Ob Zu- oder Abnehmen langsam oder schnell geschieht: Aus dem schnellen Verlauf ergibt sich die Verkürzung, aus dem langsamen die Verlängerung der Mondtage beim Eintritt in ihren jeweiligen Abschnitt.
21.100 Ohne den Mond können weder Götteropfer noch Ahnenopfer bestehen. Darum sollen die Götter den Mond schützen, damit beide gedeihen.
21.101 An jedem Neumondnachmittag sollen die Ahnen in Rohinis Haus vom hell strahlenden Mond kosten, von dem dann nur ein Teil übrig ist.
21.102 Durch dieses Kosten werden die Ahnenopfer immer weiter gedeihen. Durch diese Opfer werden die Ahnen höchste Sättigung erlangen.
21.103 Markandeya sprach: Alle Götterscharen handelten darauf zum Wohl der Welt nach Brahmas Anordnung und richteten das Abnehmen und Zunehmen des Mondes ein.
21.104 Auch Mahadeva nahm um des Mondes willen jene Gestalt des höchsten Selbst auf sein Haupt, im Beisein Brahmas und der Götter. Ein abschließendes Beiwort ist in der Vorlage unverständlich.
21.105 Jener Mondteil ist seinem Wesen nach das höchste, ewige, ungeborene, unwandelbare und unerschöpfliche Licht; nur durch den Fluch war er dem Schwinden unterworfen worden.
21.106 Wenn die Yogis in jenes höchste, alterslose Licht der Seligkeit eingehen, findet ihr Denken darin Auflösung. Die grammatische Verknüpfung des Verses ist unsicher.
21.107 Wenn das Bewusstsein in dem Nektarschatz auf Mahadevas Haupt aufgegangen ist, entsteht Befreiung durch das Tor des Mondes: So lautet hier die vedische Überlieferung.
21.108 Weil Mahadeva dies wusste, nahm er zum Wohl aller Welten den vom Zu- und Abnehmen freien Mond auf sein Haupt.
21.109 Durch die Berührung mit dem Mondschein wachsen die Pflanzen. Wenn alle Pflanzen gedeihen, werden die Opfer wieder vollzogen.
21.110 Wenn die Opfer stattfinden, empfangen die Götter ihre jeweiligen Anteile und die Ahnen reichliche Ahnenopfer.
21.111 Durch den Nektar, den Brahma einst für die Götter schuf, werden auch diejenigen Götter gesättigt, die keinen Anteil an den Opfergaben erhalten.
21.112 Auch dieser Nektar wird durch das Opfer genährt und wächst durch den Mondschein. Ohne Opfer und Mondschein würde er dagegen schwinden.
21.113 So ist der Mond selbst eine Grundlage des Nektars und des Opfers. Darum wurde dieses Mittel geschaffen, um ihn vor Dakshas Fluch zu bewahren.
21.114 Noch heute trinken die Götter in der dunklen Monatshälfte den Nektar des Mondes. Sein Licht geht zur Sonne, sein Mondschein zu dem Halbmond auf Shambhu.
21.115 In der hellen Monatshälfte tritt zunächst der verbleibende Teil wieder hervor; darauf folgen der Mondschein und der Lichtanteil des zweiten Teils.
21.116 Die übrigen kehren der Reihe nach vom Mond auf Shivas Haupt und aus der Sonnenscheibe zurück. Sechzehn Teile hat der Mond; einer davon bleibt als Schmuck auf Shambhus Haupt.
21.117 Die helle und die dunkle Monatshälfte sind das Aufgehen und Schwinden der übrigen Teile. Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie Brahma den Mond auf dem herrlichen Berg teilte und wie dieser dadurch Chandrabhaga genannt wurde.
21.118 Auch habe ich erklärt, warum er den Mond trotz der vorhandenen Opferanteile zur Nahrung der Götter und trotz der Ahnenopfer zur Nahrung der Ahnen machte und wie die Verlängerung und Verkürzung der Mondtage entsteht.
21.119 Wer diese überaus heilige Erzählung auch nur einmal hört, in dessen Familie wird niemals die königliche Schwindsucht auftreten: So lautet die traditionelle Verheißung des Textes.
21.120 Wer von Schwindsucht befallen ist und Brahmas Worte hört, soll bald von ihr frei werden. Die Vorlage überliefert an dieser Stelle „verbunden“ statt des dem Zusammenhang nach erwarteten „befreit“; die Aussage ist daher textlich unsicher.
21.121 Diese heilige, glückbringende Erzählung ist verborgener als das Verborgene. Wer sie mit gesammeltem Geist hört, wird an großem heiligem Verdienst teilhaben.
Kapitel 22
Die Versnummern 80–82 fehlen in der Vorlage; nach 79 folgt 83.
22.1 Markandeya sprach: An der Bergflanke, an der die Götterversammlung stattgefunden hatte, entstand auf Brahmas Wort hin ein göttlicher Fluss namens Sita.
22.2 Nachdem die Götter den Mond mit dem lieblichen Wasser der Sita gebadet hatten, tranken sie auf Brahmas Geheiß von ihm.
22.3 Durch das Bad des Mondes wurde das Wasser der Sita mit Nektar erfüllt und fiel in den See namens Brihallohita.
22.4 Das so vermehrte Wasser fand in dem See keinen Raum mehr. Brahma selbst sah, wie das nektarhaltige Wasser anschwoll.
22.5 Unter seinem Blick erhob sich daraus eine herrliche Jungfrau. Brahma selbst gab ihr darauf den Namen Chandrabhaga.
22.6 Mit Brahmas Zustimmung nahm der Ozean sie zur Gemahlin.
22.7 Der Herr der Nacht durchbrach mit der Spitze seiner Keule die Westseite des Berges und ließ das von ihr bewohnte Wasser hindurchströmen.
22.8 So durchbrach der Chandrabhaga-Fluss mit seinem Nektarwasser den Rand des Brihallohita-Sees und floss zum Meer.
22.9 Auch der Ozean führte seine Gemahlin, den großen Chandrabhaga-Fluss, mit diesem Wasserstrom in sein eigenes Haus.
22.10 So entstand auf dem großen Chandrabhaga-Berg der gleichnamige Fluss, der in seinen heiligen Eigenschaften stets der Ganga ebenbürtig ist.
22.11 Alle Flüsse und Berge besitzen von Natur aus zwei Gestalten: Die eine Gestalt der Flüsse ist ihr Wasser, die andere ihr persönlicher Leib.
22.12 Die eine Gestalt der Berge ist ihre unbewegliche Masse, die andere ein persönlicher Körper. Wie bei Muscheln und Schneckengehäusen der lebendige Leib im Inneren ruht,
22.13 während die äußere Gestalt jederzeit sichtbar besteht, so verhält es sich auch mit dem Wasser der Flüsse und der festen Masse der Berge.
22.14 Der persönliche Körper wohnt im Inneren und tritt nicht jederzeit hervor.
22.15 Der persönliche Körper eines Berges wird durch seine feste Masse genährt; ebenso wird der Körper eines Flusses stets durch sein Wasser genährt.
22.16 Zum Bestand der Welt verlieh Vishnu einst den Flüssen und Bergen sorgfältig die Fähigkeit, beliebige Gestalt anzunehmen.
22.17 Wenn das Wasser schwindet, erleidet der Fluss Schmerz; wenn die feste Masse zerfällt, entsteht Schmerz im persönlichen Körper des Berges.
22.18 Auf jenem Chandrabhaga-Berg sah Vasishtha Sandhya am Ufer des Brihallohita-Sees und fragte sie voller Achtung.
22.19 Vasishtha sprach: Warum bist du zu diesem einsamen Berg gekommen, Glückverheißende? Wessen Tochter bist du, Helle, und was hast du vor?
22.20 Das möchte ich hören, sofern es kein Geheimnis ist. Und warum hat dein Gesicht, das dem Vollmond gleicht, seinen Glanz verloren?
22.21 Markandeya sprach: Sandhya hörte die Worte des edlen Vasishtha und sah den großen Weisen, der wie Feuer leuchtete,
22.22 mit verfilztem Haar, als wäre die Enthaltsamkeit selbst verkörpert. Sie verneigte sich ehrerbietig und sprach zu ihm, dessen Reichtum Askese war.
22.23 Sandhya sprach: Bester Brahmane, das Ziel, um dessentwillen ich auf den Berg gekommen bin, ist durch deinen bloßen Anblick bereits erreicht oder wird nun erreicht werden, Mächtiger.
22.24 Brahmane, ich bin zu diesem einsamen Berg gekommen, um Askese zu üben. Ich bin aus Brahmas Geist geboren und unter dem Namen Sandhya bekannt.
22.25 Ich kenne die Unterweisung in der Askese nicht, bester Weiser. Wenn es dir angemessen erscheint, unterweise mich in ihrem Geheimnis. Dies ist mein verborgenes Vorhaben; ein anderes habe ich nicht.
22.26 Ohne das Wesen der Askese zu kennen, habe ich diesen Asketenwald aufgesucht. Vor Sorge zehre ich aus, und mein Geist zittert unablässig.
22.27 Markandeya sprach: Brahmas Sohn Vasishtha hörte ihre Worte. Da er die ganze Wirklichkeit kannte, fragte er nach nichts Weiterem.
22.28 Er sah ihre Selbstbeherrschung und ihren festen Entschluss zur Askese. Darauf unterwies er sie wie ein Lehrer seine Schülerin.
22.29 Vasishtha sprach: Richte deinen Geist auf Vishnu, das höchste große Licht, die höchste Kraft der Askese und den Höchsten, der zu verehren ist.
22.30 Verehre allein ihn, den höchsten Purusha, den Ursprung der Welten und die erste Ursache von Dharma, Wohlstand, Erfüllung der Wünsche und Befreiung.
22.31 Betrachte ihn mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus in den Händen, mit lotosgleichen Augen, leuchtend wie reiner Bergkristall oder wie eine dunkle Regenwolke.
22.32 Hari sitzt im Lotussitz auf einem weißen Lotus über Garuda. Seine Brust trägt das Shrivatsa-Zeichen; er ist friedvoll, erhaben und mit einer Waldblumengirlande geschmückt.
22.33 Er trägt Armreifen und Ohrringe und erstrahlt mit einer hohen Krone. Er ist formlos, nur durch Erkenntnis erreichbar, und zugleich gestaltet, einen Leib annehmend.
22.34 Er ist ewige Seligkeit, ruht in sich selbst und weilt inmitten der Sonnenscheibe. Verehre Vishnu, den Herrn der Götter, mit dem folgenden Mantra, du mit dem schönen Gesicht.
22.35 Sprich beständig: „Om, Verehrung Vasudeva, Om“, mit Om auch am Ende. Beginne die Askese des Schweigens. Höre nun die dazugehörigen Regeln.
22.36 Das Bad und die Verehrung sollen schweigend vollzogen werden. Bei den ersten beiden als „sechste Zeit“ bezeichneten Mahlzeiten sollst du Blätter und Wasser zu dir nehmen, bei der dritten fasten. Die genaue zeitliche Einteilung bleibt in der knappen Vorschrift offen.
22.37 So soll während dieser Askese die entsprechende Handlung jeweils zur sechsten Zeit erfolgen. Trage Baumrinde und schlafe zur vorgesehenen Zeit auf dem Erdboden. Diese schweigende Gelübdepraxis wird Askese genannt und trägt Frucht.
22.38 Richte so deine Askese ein und betrachte Madhava mit deinem Anliegen im Herzen. Wenn er dir gnädig ist, wird er dir das Ersehnte bald schenken.
22.39 Markandeya sprach: Nachdem Vasishtha Sandhya in die Ausübung der Askese eingewiesen hatte, verabschiedete er sich gebührend und verschwand dort.
22.40 Sandhya freute sich, nun das Wesen der Askese zu kennen, und begann am Ufer des Brihallohita-Sees ihre Übung.
22.41 Mit dem von Vasishtha gelehrten Mantra als Mittel der Askese und mit dem entsprechenden Gelübde verehrte sie Govinda voller Hingabe.
22.42 Während sie mit gesammeltem Sinn diese große Askese übte und ihren Geist ganz in Vishnu ruhen ließ, verging ein vollständiger Zyklus der vier Weltalter.
22.43 Niemand sah ihre wunderbare Askese, ohne zu staunen. Eine solche asketische Lebensführung wird auch künftig niemand sonst erreichen.
22.44 Nachdem nach menschlichem Maß ein Zyklus der vier Weltalter vergangen war, offenbarte Vishnu seine Gestalt im Inneren, außen und im Luftraum.
22.45 Zufrieden mit ihr erschien der Herr der Welt sichtbar vor ihr, genau in jener Gestalt, die sie betrachtet hatte.
22.46 Sie sah vor sich den Hari, den sie im Geist betrachtet hatte: mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus, mit lotosgleichen Augen,
22.47 mit Armreifen und Ohrringen, leuchtender Krone, auf Garuda sitzend, seine Haut wie die Blütenblätter einer blauen Wasserlilie.
22.48 Ehrfürchtig erschrocken dachte sie: Was soll ich sagen? Wie soll ich Hari preisen? Von dieser Überlegung erfüllt, schloss sie die Augen.
22.49 Als sie die Augen geschlossen hatte, trat Hari in ihr Herz ein und schenkte ihr göttliche Erkenntnis, göttliche Rede und göttliche Augen.
22.50 Nachdem sie diese Erkenntnis, Schau und Rede empfangen hatte, erblickte sie Govinda unmittelbar und pries den Herrn der Welten.
22.51 Sandhya sprach: Formlos und durch Erkenntnis erreichbar ist dein Wesen, weder grob noch fein noch räumlich erhöht; Yogis betrachten deine Gestalt im Inneren. Dir, Hari, sei meine Verehrung!
22.52 Heilsam, friedvoll, rein und unveränderlich, jenseits gewöhnlicher Erkenntnis, hell strahlend und alles durchdringend, sonnenähnlich und jenseits der Finsternis ist deine Gestalt. Vor dir, dem Gütigen, verneige ich mich.
22.53 Eins, rein, leuchtend und voller Freude, Seligkeit des Bewusstseins, aus Klarheit hervorgehend und Schuld tilgend, ewige Wonne, Wahrheit, überaus gütig und Herrlichkeit verleihend ist deine Gestalt. Ihr sei Verehrung!
22.54 Dein Selbstwesen ist durch Erkenntnis zu erschließen, von gewöhnlichen Erscheinungen unterschieden und hinter dem Sattva verborgen; es ist zu meditieren, der innerste Kern, das andere Ufer und das Reinste des Reinigenden. Dir, dessen Gestalt dies ist, sei Verehrung! Einzelne Verbindungen sind unsicher.
22.55 Du bist beständig aufrichtig und unvergänglich. Die im Yoga Gesammelten betrachten dich durch seine acht Glieder. Wenn Yogis im Erkenntnisyoga deine alldurchdringende Wirklichkeit erreichen, gelangen sie zum Höchsten. Dir sei Verehrung!
22.56 Deine sichtbare Gestalt ist rein und bezaubernd: Du sitzt auf Garuda, leuchtest wie eine blaue Wolke und hältst Muschel, Diskus, Lotus und Keule. Dir, dem im Yoga Geeinten, sei Verehrung!
22.57 Raum, Erde, Himmelsrichtungen, Wasser, Feuer, Wind und Zeit sind deine Gestalten. Dir sei Verehrung!
22.58 Urnatur und Purusha bestehen als Bestandteile deines Wirkens. Dir, Govinda in unoffenbarer Gestalt, sei Verehrung!
22.59 Du selbst bist die fünf Elemente und ihre höchsten Eigenschaften; du selbst bist die Grundlage der Welt. Dir immer wieder Verehrung!
22.60 Du bist der höchste, uranfängliche Purusha, das höchste Selbst und das Wesen der ganzen Welt, der unerschöpfliche, unwandelbare Gott. Dir immer wieder Verehrung!
22.61 Als Brahma vollziehst du die Schöpfung, als Vishnu die Erhaltung, als Rudra wirst du die Auflösung bewirken. Dir immer wieder Verehrung!
22.62 Immer wieder Verehrung der Ursache aller Ursachen, dem Spender göttlicher, unsterblicher Erkenntnis und Herrlichkeit, der die Welten in Verzauberung hüllt, dessen Wesen Licht ist und der über allem Hohen steht!
22.63 Die große Welt wird deine Entfaltung genannt: Erde, Richtungen, Sonne und Mond; aus deinem Mund das Feuer, aus deinem Nabel der Luftraum. Dir, Hari, sei Verehrung! Die Aufzählung enthält eine beschädigte Verbindung.
22.64 Du bist das Höchste und das höchste Selbst, Hari; du bist die mannigfaltige Erkenntnis, das Brahman als heiliges Wort und das höchste Brahman, erhabener als alles, was die Betrachtung erreicht.
22.65 Wie könnte ich den Gott preisen, den Herrn der Welt, der weder Anfang noch Mitte noch Ende hat und außerhalb der Reichweite von Rede und Denken liegt?
22.66 Nicht einmal Brahma und die übrigen Götter oder die an Askese reichen Weisen können deine Gestalten entfalten. Wie sollte ich dich beschreiben?
22.67 Wie könnte ich als Frau die Eigenschaften des eigenschaftslosen Herrn erkennen, dessen Wesen selbst Götter und Asuras samt Indra nicht kennen?
22.68 Verehrung dir, Herr der Welt! Verehrung dir, dessen Wesen Askese ist! Sei gnädig, Erhabener. Dir immer wieder Verehrung!
22.69 Markandeya sprach: Hari sah ihren ausgezehrten Körper, mit Baumrinde und einem Tierfell bedeckt, und die heiligen Flechten, die ihr Haupt schmückten.
22.70 Ihr Gesicht glich einem Lotus, den der Frost getroffen hat. Von Mitgefühl erfüllt, sprach Hari zu ihr.
22.71 Der Erhabene sprach: Deine höchste Askese und dein Lobpreis haben mich erfreut, Glückverheißende mit reinem Verständnis. Wähle jetzt einen Wunsch.
22.72 Was immer du durch einen Segen zu erreichen wünschst und im Herzen trägst, werde ich erfüllen. Heil sei dir! Deine Gelübde haben mich gnädig gestimmt.
22.73 Sandhya sprach: Wenn du jetzt durch meine Askese zufriedengestellt bist, Gott, dann gewähre mir zuerst den folgenden erwählten Wunsch.
22.74 Herr der Götter, die Wesen dieser Welt sollen nicht schon unmittelbar nach ihrer Geburt geschlechtliches Verlangen haben. Es soll sich erst allmählich entwickeln.
22.75 Ferner soll ich in allen drei Welten als eine gattentreue Frau bekannt werden, der darin keine andere gleichkommt. Dies ist ein weiterer Wunsch.
22.76 Mein begehrender Blick soll auf niemanden außer auf meinen Gemahl fallen, Herr der Welt. Auch er soll überaus tugendhaft sein.
22.77 Ein Mann, der mich mit geschlechtlichem Begehren ansieht, soll seine Manneskraft verlieren und unfähig zur Zeugung werden.
22.78 Der Erhabene sprach: Der erste Lebenszustand ist das Säuglingsalter, der zweite die Kindheit, der dritte die Jugend und der vierte das Greisenalter.
22.79 Wenn die verkörperten Wesen den dritten Lebensabschnitt erreichen, sollen sie geschlechtliches Verlangen empfinden; vereinzelt wird dies schon am Ende des zweiten geschehen.
22.83 Dein Gemahl wird mit großer Askesekraft begabt sein, Edle, und gemeinsam mit dir bis zum Ende von sieben Kalpas leben.
22.84 Damit habe ich die Wünsche erfüllt, die du von mir erbeten hast. Noch etwas will ich dir über das sagen, was du schon früher im Herzen beschlossen hattest.
22.85 Du hattest dir vorgenommen, deinen Körper im Feuer abzulegen. Dies soll beim zwölfjährigen Opfer des Weisen Medhatithi geschehen.
22.86 Bald sollst du ihn dort dem lodernden Feuer übergeben. Unten an diesem Berg, am Ufer des Chandrabhaga-Flusses,
22.87 vollzieht Medhatithi in einer Asketeneinsiedelei ein großes Opfer.
22.88 Gehe verborgen dorthin, von den Weisen unbemerkt. Durch meine Gnade wirst du aus dem Feuer geboren und seine Tochter werden.
22.89 Denjenigen, den du dir im Herzen zum Gemahl wünschst, halte in deinem Inneren fest, wenn du deinen Körper im Feuer ablegst.
22.90 Sandhya, während du hier auf dem Berg einen ganzen Zyklus der vier Weltalter hindurch harte Askese übtest, geschah nach dem Ende des Krita-Yuga Folgendes:
22.91 Zu Beginn des Treta-Yuga wurden Dakshas Töchter geboren. Siebenundzwanzig von ihnen gab er dem nektarstrahlenden Mond zur Frau.
22.92 Als Daksha den Mond um dieser Töchter willen im Zorn verfluchte, kamen sämtliche Götter hier in deine Nähe.
22.93 Du sahst die Götter samt Brahma nicht, Sandhya, weil dein Geist ganz in mir ruhte. Auch sie sahen dich nicht.
22.94 Als Brahma hier den Chandrabhaga-Fluss schuf, um den Mond von seinem Fluch zu lösen, traf auch Medhatithi hier ein.
22.95 Niemand gleicht ihm an Askese, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Er hat ein Opfer begonnen, den Jyotishtoma nach dem großen Ritus.
22.96 Dort lodert das Feuer. In ihm sollst du deinen eigenen Körper ablegen.
22.97 Dies habe ich für die Erfüllung deines Vorhabens eingerichtet, Asketin. Vollziehe es, Edle, und gehe zum Opfer des großen Weisen.
22.98 Markandeya sprach: Narayana selbst berührte Sandhya mit seiner Hand. Sogleich wurde ihr Körper seinem Wesen nach zu Opferkuchen.
22.99 Dies geschah, damit das Feuer bei jenem großen, dem Wohl der Welt dienenden Opfer des Weisen nicht zu einem Fleischverzehrer würde. Die entsprechende Wortform der Vorlage ist beschädigt.
22.100 Nachdem der Herr der Welt dies bewirkt hatte, verschwand er dort. Sandhya ging zu der Opferversammlung des Weisen Medhatithi.
22.101 Durch Vishnus Gnade von niemandem bemerkt, betrat sie das Opfer des Weisen.
22.102 Zuvor hatte Vasishtha auf Brahmas Geheiß die Gestalt eines jungen Brahmanenschülers angenommen und sie in der Askese unterwiesen.
22.103 Diesen Brahmanen, ihren enthaltsamen Lehrer der Askese, stellte Sandhya sich nun im Herzen als ihren künftigen Gemahl vor.
22.104 Dann trat Brahmas Tochter durch Vishnus Gnade, von den Weisen unbemerkt, in das lodernde Feuer des großen Opfers ein.
22.105 Ihr aus Opferkuchen bestehender Körper verbrannte sogleich und verbreitete unbemerkt den Duft von Opferkuchen.
22.106 Agni verbrannte ihren Körper und ließ ihn, gereinigt, auf Vishnus Geheiß in die Sonnenscheibe eingehen.
22.107 Die Sonne gab ihm einen Platz, um Götter und Ahnen zu erfreuen.
22.108 Die obere Hälfte ihres Körpers wurde zur Morgendämmerung, ihr Besten der Zweimalgeborenen, an der Grenze zwischen dem Ende der Nacht und dem Beginn des Tages.
22.109 Der verbleibende Teil wurde zur Abenddämmerung an der Grenze zwischen Tagesende und Nacht; sie erfreut stets die Ahnen.
22.110 Wenn vor Sonnenaufgang das erste Morgenrot erscheint, erhebt sich die Morgendämmerung und erfreut die Götter.
22.111 Nach dem Untergang der Sonne erhebt sich die Abenddämmerung, einem roten Lotus gleich, und erfreut die Ahnen.
22.112 Ihre Lebenskräfte aber wurden durch den mächtigen Vishnu kraft seines Geistes mit einem göttlichen Körper neu verkörpert.
22.113 Als das Opfer des Weisen zu Ende ging, fand er sie als seine Tochter inmitten des Feuers, glänzend wie geschmolzenes Gold.
22.114 Freudig nahm der Weise seine Tochter an sich. Er badete sie mit dem Opferwasser und setzte sie voller Liebe auf seinen Schoß.
22.115 Der große Weise gab ihr den Namen Arundhati. Von seinen Schülern umgeben, empfand er darüber höchste Freude.
22.116 Weil sie den Dharma unter keinen Umständen hemmt, erhielt sie diesen in den drei Welten bekannten, bedeutungsvollen Namen: Arundhati, „die nicht hemmt“.
22.117 Nachdem der Weise das Opfer vollendet hatte, fühlte er seine Aufgabe erfüllt. Voller Freude über die gewonnene Tochter lebte er mit seinen Schülern in seiner Einsiedelei und umgab sie beständig mit Liebe.
Kapitel 23
23.1 Markandeya sprach: Die Göttin wuchs in der Einsiedelei des großen Weisen am Ufer der Chandrabhaga auf, die Tapasaranya, „Asketenwald“, hieß.
23.2 Wie die Mondsichel in der hellen Monatshälfte beständig wächst und ihr Licht zunimmt, so wuchs auch Arundhati heran.
23.3 Als sie ihr fünftes Lebensjahr erreicht hatte, heiligte die Tugendhafte durch ihre Eigenschaften den Chandrabhaga-Fluss und den Asketenwald. Die Satzform des ersten Halbverses ist beschädigt.
23.4 Jener hochheilige, von Medhatithi aufgesuchte Badeplatz wurde durch Arundhatis kindliche Spiele zu einer geläuterten Stätte.
23.5 Noch heute gelangt ein Mensch zu Hari, wenn er im Asketenwald im Wasser der Chandrabhaga an Arundhatis heiligem Badeplatz badet.
23.6 Wer den ganzen Monat Karttika im Wasser der Chandrabhaga badet, gelangt zu Vishnus Wohnstatt und erreicht am Ende Befreiung.
23.7 Wer im Monat Magha am Vollmond- oder am Neumondtag auch nur einmal im Wasser der Chandrabhaga badet,
23.8 in dessen Familie wird niemals die königliche Schwindsucht auftreten. Nach dem Tod gelangt er zunächst zur Wohnstatt des Mondes und dann zu Haris Haus.
23.9 Kehrt er nach dem Verbrauch seines heiligen Verdienstes hierher zurück, wird er ein vedakundiger Brahmane. Wer Chandrabhaga-Wasser trinkt, gelangt in die Mondwelt.
23.10 Wer darin auch nur einmal nach der vorgeschriebenen Ordnung badet, erlangt das Verdienst von zehntausend Pferdeopfern.
23.11 Einst sah der Lotusgeborene auf seinem Weg durch den Himmel Arundhati: Nach ihrem Bad in der Chandrabhaga spielte sie kindlich am Ufer in der Nähe ihres Vaters.
23.12 Brahma, der erhabene Stammvater der Welt, stieg herab und erkannte, dass für Arundhati die Zeit der Unterweisung gekommen war.
23.13 Von Medhatithi und den anderen Weisen verehrt, sprach Brahma zu jenem großen Weisen die passenden Worte.
23.14 Brahma sprach: Großer Weiser, jetzt ist Arundhatis Zeit für Unterweisung gekommen. Bringe sie deshalb in die Nähe tugendhafter Frauen.
23.15 Frauen sollen von Frauen unterwiesen werden; nur ausnahmsweise geschieht dies anders. Gib deine Tochter in die Obhut von Bahula und Savitri.
23.16 Durch den Umgang mit diesen beiden wird deine Tochter bald mit großen Tugenden und innerem Reichtum ausgestattet sein.
23.17 Als der treffliche Weise Medhatithi die Worte Brahmas, des höchsten Selbst, gehört hatte, antwortete er: „So soll es geschehen.“
23.18 Nachdem der Höchste der Götter gegangen war, nahm Medhatithi seine Tochter mit und begab sich sogleich zur Wohnstatt der Sonne.
23.19 Dort sah er die Göttin Savitri inmitten der Sonnenscheibe: hell, im Lotussitz sitzend und eine Gebetskette haltend.
23.20 Nachdem der Weise sie erblickt hatte, trat sie aus der Sonnenscheibe hervor und ging rasch zu Bahula auf den Manasa-Berg. Die Verbindung der Namen ist in der Vorlage gestört.
23.21 Jeden Tag trafen sich auf dem Manasa-Berg diese fünf: Savitri, Gayatri, Bahula, Sarasvati und Drupada.
23.22 Sie erzählten einander heilige Geschichten und Überlieferungen über den Dharma und kehrten dann zum Wohl der Welten an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück.
23.23 Als der an Askese reiche Medhatithi sie alle beisammen sah, verneigte er sich vor jeder einzelnen dieser Mütter der ganzen Welt.
23.24 Staunend und ehrfürchtig darüber, sie gemeinsam anzutreffen, sprach der Weise mit sanften Worten zu ihnen.
23.25 Medhatithi sprach: Mutter Savitri, Bahula, dies ist meine Tochter mit ihrem guten Herzen. Die Zeit ihrer Unterweisung ist gekommen; deshalb bin ich hier.
23.26 Der Schöpfer der Welt hat bestimmt, dass sie eure Schülerin werden soll. Auf sein Geheiß habe ich mein Töchterchen zu euch gebracht.
23.27 Unterweist mein Kind so, ihr Göttinnen, dass es einen guten Charakter gewinnt. Mutter, Mutter, euch beiden sei Verehrung!
23.28 Darauf sprach die Göttin Savitri gemeinsam mit Bahula lächelnd zu dem besten Weisen und zu dem Mädchen.
23.29 Die beiden sprachen: Brahmane, durch Vishnus Gnade besitzt deine Tochter schon jetzt einen guten Charakter. Was könnte eine Unterweisung dem noch hinzufügen?
23.30 Dennoch werden ich und die tugendhafte Bahula auf Brahmas Wort hin deine Tochter so unterrichten, dass sie bald gefestigt und einsichtsvoll wird.
23.31 Früher war Arundhati Brahmas Tochter. Durch die Kraft deiner Askese und durch Vishnus Gnade wurde sie nun deine Tochter.
23.32 Diese Tugendhafte wird deine Familie läutern und wachsen lassen. Den Menschen und Göttern wird sie Heil bringen.
23.33 Markandeya sprach: Von ihnen entlassen, sprach Medhatithi seiner Tochter Arundhati Mut zu, verneigte sich vor den Göttinnen und kehrte an seinen Wohnort zurück.
23.34 Nachdem der große Weise gegangen war, lebte Arundhati froh und ohne Furcht bei den beiden, die sie wie Mütter behüteten.
23.35 Manchmal ging sie nachts mit Savitri in das Haus der Sonne, manchmal mit Bahula in Indras Haus.
23.36 So bewegte sich die Göttin mit den beiden in den Götterwohnungen und verbrachte dort sieben Jahre nach göttlichem Maß.
23.37 Von ihnen unterwiesen, lernte die Tugendhafte in kurzer Zeit die ganze Lehre von den Pflichten der Frauen und übertraf darin sogar Savitri und Bahula. Die Form für „unterwiesen“ ist in der Vorlage gestört.
23.38 Als die rechte Zeit gekommen war, entfaltete sich ihre Jugend in schöner Pracht, wie die Schönheit der Lotuspflanzen.
23.39 In dieser Jugendblüte wanderte sie eines Tages allein auf dem Manasa-Berg und sah den anmutigen, strahlenden Weisen Vasishtha.
23.40 Als sie ihn erblickte, erwachte in der Tugendhaften das Verlangen nach ihm: Er leuchtete wie die junge Sonne, war schön gestaltet und von brahmanischer Herrlichkeit erfüllt.
23.41 Auch im mächtigen Vasishtha erwachte beim Anblick der schönen Arundhati die Liebe, und er betrachtete sie.
23.42 Als sie einander ansahen, wuchs ihr Verlangen grenzenlos, ihr besten Brahmanen, wie die Liebe bei gewöhnlichen Menschen.
23.43 Doch Medhatithis Tochter fasste sich und hielt sich selbst und ihren vom Liebesgott erregten Geist zurück.
23.44 Auch der mächtige Vasishtha gewann seine Festigkeit zurück und zügelte seinen vom Liebesgott aufgewühlten Geist.
23.45 Arundhati verließ darauf die Nähe des Weisen und ging zu Savitri, während sie ihren eigenen Wunsch tadelte.
23.46 Die überaus Tugendhafte litt unter schwerer innerer Qual und dachte: Ich habe meinen Zustand der Treue aufgegeben.
23.47 Unter diesem seelischen Schmerz verlor ihr Gesicht die Farbe, ihr ganzer Körper wurde matt, und ihr Gang geriet ins Schwanken.
23.48 Sie tadelte ihren eigenen Geist und überlegte: Fein wie eine Faser im Lotusstängel und augenblicklich zerreißbar
23.49 ist der Stand der tugendhaften Frauen; schon geringe Unbeständigkeit zerstört ihn. Dies lehrte mich die in ihren Gelübden bewährte Savitri bei der Unterweisung in den Pflichten der Frauen.
23.50 Sie bezeichnete dies als den herausgezogenen Kern der Treue. Nun habe ich ihn vernichtet, indem ich den Wunsch nach einem anderen Mann
23.51 in mir wachsen ließ. Was wird mir deshalb hier und im Jenseits widerfahren? So dachte Medhatithis Tochter.
23.52 Schmerzerfüllt gelangte sie zu den Göttinnen Bahula und Savitri. Als Savitri die Tugendhafte mit ihrem blassen Gesicht sah,
23.53 in Grübeln und Sorge versunken, dachte sie nach. Durch göttliche Erkenntnis erfasste sie alles:
23.54 wie Vasishtha und Arundhati einander gesehen hatten und wie in beiden ein überaus schwer zu ertragendes Verlangen gewachsen war.
23.55 Die göttlich schauende Savitri erkannte auch den Grund der Blässe ihres Gesichts. Sie legte die Hand auf Medhatithis Tochter.
23.56 Die große Göttin Savitri, in ihren Gelübden bewährt, sagte: Mein Kind, warum hat dein Gesicht seine Farbe verloren?
23.57 Warum ist dein Körper welk geworden wie ein Lotus, dessen Stängel abgerissen ist und den die Sonnenstrahlen versengen, du Tugendreichste?
23.58 Du gleichst der Mondscheibe hinter einer dünnen dunklen Wolke. Auch dein Inneres scheint von Sorge erfüllt. Erzähle mir dein Geheimnis, Glückverheißende, sofern dies dir keinen weiteren Schmerz bereitet.
23.59 Markandeya sprach: Obwohl ihre Mutter und Lehrerin Savitri sie so fragte, senkte Arundhati aus Scham das Gesicht und sagte nichts.
23.60 Als Medhatithis Tochter kein Wort hervorbrachte, enthüllte die asketische Savitri selbst den Zusammenhang und sprach zu ihr.
23.61 Savitri sprach: Mein Kind, der sonnenähnliche Weise, den du gesehen hast, ist Vasishtha, Brahmas Sohn. Er wird dein Gemahl sein. Eure eheliche Verbindung hat Brahma schon früher bestimmt.
23.62 Darum ist deine Treue durch seinen Anblick nicht vermindert worden. Dass dein Herz bei seinem Anblick Verlangen empfand,
23.63 bringt dir keine Schuld, Tochter. Gib deshalb deinen inneren Schmerz auf. In deiner früheren Geburt hast du höchste Askese geübt, du Schöne,
23.64 und gerade ihn zum Geliebten erwählt. Deshalb begehrt auch er dich. Höre, mein Kind, wie du damals diesen Vasishtha zum Gemahl erwähltest und mit welcher Gesinnung du beständig Askese übtest.
23.65 Markandeya sprach: Darauf erzählte Savitri, wie sie einst Sandhya gewesen war,
23.66 zu welchem Zweck sie auf dem Chandrabhaga-Berg Askese geübt hatte und wie Vasishtha in der Gestalt eines jungen Brahmanenschülers auf Brahmas
23.67 Geheiß sie in der schwer zu vollziehenden Askese unterwiesen hatte; wie der erhabene Vishnu, durch sie zufriedengestellt, sichtbar erschienen war,
23.68 welche Wünsche er ihr erfüllt und welche Grenze er begründet hatte, und wie sie den Weisen Vasishtha zum Gemahl gewünscht hatte;
23.69 wie sie beim Opfer Medhatithis ihren Körper im Feuer abgelegt hatte und wie sie seine Tochter geworden war: All dies erzählte sie ausführlich.
23.70 Gemeinsam mit Bahula berichtete Savitri ihr die Ereignisse der Reihe nach.
23.71 Als Arundhati hörte, was in ihrer früheren Geburt geschehen war, dachte sie: Nun ist alles bekannt, was ich in meinem Inneren trage.
23.72 Sie schämte sich sehr und senkte tief das Gesicht. Zugleich erwachte durch Savitris Worte ihre Erinnerung an die frühere Geburt.
23.73 Mit gesenktem Gesicht erinnerte sich Arundhati, nun göttlich wissend, an alles, was in jenem früheren Leben geschehen war.
23.74 Schon damals hatte sie durch Vishnus Gnade göttliche Schau erlangt. Jetzt war diese Schau durch den Zustand der Kindheit verhüllt gewesen.
23.75 Als sie Savitris Bericht über ihre frühere Geburt hörte, kehrte das frühere Wissen zurück, als stünde alles unmittelbar vor ihr.
23.76 Sie gewann jene Erkenntnis wieder, die Vishnu ihr einst gegeben hatte, und wusste: Diesen Vasishtha habe ich in meiner früheren Geburt zum Gemahl erwählt.
23.77 Diese Einsicht erfüllte Arundhati mit Freude. Die Angst, die durch das beim Anblick Vasishthas erwachte Verlangen
23.78 in ihr entstanden war, ihre Treue könne verletzt sein, ließ Medhatithis Tochter nun von selbst los.
23.79 Als Savitri erkannte, dass Arundhati von ihrer Sorge frei war, ging sie gemeinsam mit ihr in das Haus der Sonne.
23.80 Dort ließ Savitri Arundhati zurück. Die allwissende, unter den Tugendhaften hervorragende Göttin ging selbst zu Brahmas Wohnstatt.
23.81 Sie verneigte sich vor Brahma. Als er sie sogleich befragte, sprach Savitri zu ihm, dessen Kraft unermesslich ist.
23.82 Erhabener Herr der Welten, die tugendhafte Arundhati hat deinen Sohn Vasishtha auf einer Höhe des Manasa-Berges gesehen.
23.83 Durch den bloßen Anblick erwuchs in beiden große Liebe. Sie verlangten nacheinander, Schöpferherr.
23.84 Doch beide hielten ihr Verlangen mit Festigkeit zurück und kehrten schmerzerfüllt, zerstreut und beschämt an ihre jeweiligen Wohnorte zurück.
23.85 Da dies geschehen ist, möge jetzt das Angemessene veranlasst werden, du Höchster der Götter, auch zum künftigen Wohl der Welten.
23.86 Als Brahma, der Lehrer der ganzen Welt, ihre Worte gehört hatte, erkannte er durch göttliche Schau den bevorstehenden Verlauf.
23.87 Der Stammvater der Welt sagte zu sich: Jetzt ist die Zeit ihrer ehelichen Verbindung gekommen.
23.88 Zum Wohl der Welt will ich mich aufmachen und sie verwirklichen. Nach diesem Entschluss ging Brahma mit Savitri auf jene Höhe des Manasa-Berges, auf der die beiden einander gesehen hatten.
23.89 Als der Stammvater dort angekommen war, erschien auch Shiva mit den Götterscharen und mit Nandin, Bhringin und den übrigen Begleitern, er mit dem Stierbanner.
23.90 Brahma dachte voller Hingabe an Vasudeva. Darauf erschien auch dieser erhabene Herr der Welt mit Muschel, Diskus und Keule dort, wo Brahma und Hara weilten.
23.91 Brahma, Vishnu und Maheshvara, die Herren der Welten, sandten Narada als Boten zu Medhatithi.
23.92 Gehe rasch zum Chandrabhaga-Berg, Narada. An seinem Fuß lebt der hervorragende Weise Medhatithi.
23.93 Hole ihn persönlich auf unser Geheiß zur rechten Zeit herbei. Nimm Medhatithi mit und kehre rasch zurück.
23.94 Narada hörte die Worte Brahmas und der anderen und eilte fort, um Medhatithi zur Vollendung des großen Vorhabens zu holen.
23.95 Er richtete ihm die Worte der Götter aus, nahm ihn mit und begab sich zum Manasa-Berg.
23.96 Sämtliche Götterscharen mit Indra, die askesereichen Weisen, Sadhyas, Vidyadharas, Yakshas und Gandharvas kamen zusammen.
23.97 Alle Götter und Göttinnen samt ihren Begleitern sowie weitere Wesen begaben sich auf jene Höhe des Manasa-Berges.
23.98 Als die Götterversammlung zusammengekommen war, sprach der Lotusgeborene zu dem Weisen Medhatithi und gab ihm folgende Anweisung.
23.99 Brahma sprach: Medhatithi, gib deine in ihren Gelübden bewährte Tochter Vasishtha nach dem Brahma-Hochzeitsritus, hier in der Versammlung der Himmelsbewohner.
23.100 Schon früher habe ich die beiden als Braut und Bräutigam füreinander bestimmt. Auch Hari hat dieser angemessenen Verbindung zugestimmt.
23.101 Dadurch wird deiner Familie großer Ruhm entstehen und allen Wesen Wohl erwachsen. Gib sie ihm und zögere nicht.
23.102 Als der Weise Brahmas Worte hörte, wurde er überaus froh. Er verneigte sich vor den hohen Göttern und antwortete: „So sei es.“
23.103 Auf ihre Worte hin nahm er seine Tochter Arundhati mit und ging gemeinsam mit den Göttern zu Vasishtha, der in Meditation verweilte.
23.104 Von den Göttern umgeben, gelangte der Weise in Vasishthas Nähe und sah ihn in brahmanischer Herrlichkeit erstrahlen wie ein loderndes Feuer.
23.105 Vasishtha saß in einer Höhle des Manasa-Berges, sein Verständnis auf Dharma, Wohlstand, Wunscherfüllung und Befreiung jeweils klar ausgerichtet.
23.106 Er war ein Hervorragender unter den Kraftvollen, wie die aufgehende Sonne. Medhatithi stellte seine Tochter vor sich und sprach als Arundhatis Vater zu dem selbstbeherrschten Vasishtha.
23.107 Der Rishi sprach: Erhabener Sohn Brahmas, nimm diese meine in ihren Gelübden bewährte Tochter an, die ich dir rechtmäßig nach dem Brahma-Ritus gebe.
23.108 In welcher Einsiedelei du auch nach deinem Willen wohnen wirst, Brahmane, sie wird dir ergeben sein und dir wie dein Schatten folgen.
23.109 Überall wird meine schöne, gattentreue Tochter dieselben Gelübde wie du halten und dir dienen.
23.110 Markandeya sprach: Vasishtha hörte die Worte Medhatithis und sah Brahma, Vishnu, Shiva und die übrigen versammelten Götter.
23.111 Mit göttlicher Schau erkannte er, dass dies geschehen sollte. Mit Brahmas Zustimmung nahm er Medhatithis Tochter an und sagte: „Ja, gewiss.“
23.112 Nachdem der edle Vasishtha ihre Hand ergriffen hatte, richtete die tugendhafte Göttin beide Augen auf die Füße ihres Gemahls.
23.113 Brahma, Vishnu, Rudra und die anderen Unsterblichen erfreuten die beiden mit Festlichkeiten nach dem Hochzeitsritus.
23.114 Die Göttinnen mit Savitri an der Spitze, die Götter mit Indra und die an Askese reichen Weisen mit Daksha und Kashyapa
23.115 legten auf Brahmas Wort hin Vasishthas Rindengewand, Tierfell und Haarflechten ab und badeten Brahmas Sohn rasch mit Mandakini-Wasser.
23.116 Dann schmückten sie Vasishtha mit herrlichem Goldschmuck und göttlichen Zierden. Ebenso schmückten sie die tugendhafte Arundhati.
23.117 Nachdem die beiden geschmückt waren und die Weisen den Ritus vollendet hatten, vollzogen Brahma, Vishnu und Shiva an ihnen das abschließende Hochzeitsbad.
23.118 Sie füllten Wasser aus allen heiligen Badeorten in einen goldenen Krug und verwendeten segnende Mantras, die Gayatri und die mit Drupada beginnenden Sprüche.
23.119 Brahma, Vishnu und Maheshvara badeten die beiden selbst. Danach taten dies auch die übrigen großen Rishis und die Götterweisen.
23.120 Mit laut erklingenden Abschnitten aus Rigveda, Yajurveda und Samaveda und mit dem Wasser der Ganga und anderer Flüsse vollzogen sie wiederholt Segenshandlungen für die beiden.
23.121 Brahma schenkte ihnen einen sonnenhellen Himmelswagen, der ungehindert durch die drei Welten fährt, und ein mit Wasser gefülltes Gefäß.
23.122 Vishnu gab ihnen eine schwer erreichbare, höchste Wohnstatt oberhalb aller Götter, in der Nähe Marichis und der anderen Weisen.
23.123 Rudra gewährte ihnen, bis zum Ende von sieben Kalpas zu leben. Aditi nahm die von Brahma gefertigten Ohrringe aus ihren eigenen Ohren und schenkte sie Medhatithis Tochter.
23.124 Savitri gab ihr eheliche Treue, Bahula viele Söhne. Der Götterkönig schenkte gemeinsam mit Kubera zahlreiche Juwelen.
23.125 So gaben die anwesenden Götter, Weisen, Göttinnen und anderen Wesen den beiden jeweils passende Geschenke.
23.126 Nachdem Vasishtha Arundhati auf dem goldenen Manasa-Berg nach dem vorgeschriebenen Ritus geheiratet hatte, empfand er mit ihr große Freude.
23.127 Das Wasser, das in die Höhlung des Manasa-Berges gefallen war, hatten die Götter für das abschließende Hochzeitsbad und die Segnung herbeigebracht.
23.128 Aus den Händen Brahmas, Vishnus und Mahadevas ausgegossen, teilte es sich in sieben Ströme und fiel vom Manasa-Berg hinab.
23.129 Es fiel jeweils in Höhlen, auf Hochflächen und in Seen des Himalaya; ein Teil gelangte in den den Göttern vorbehaltenen Shipra-See.
23.130 Daraus entstand der Fluss Shipra, den Vishnu auf die Erde leitete. Das Wasser, das in die große Kaushi-Schlucht fiel,
23.131 wurde zum Fluss Kaushiki, den Vishvamitra herabführte. Aus dem Wasser, das im Gebiet Umas niederfiel, entstand der große Fluss
23.132 Kaveri, der aus dem Kavera-See hervorströmte. Ein weiterer Wasserstrom fiel vom Berg in den herrlichen See Mahakala,
23.133 an der Südseite des Himalaya, in Shambhus Nähe. Daraus entstand der Fluss Gomati, den Gomant hervortreten ließ. Der Eigenname am Versende ist unsicher.
23.134 Mainaka heißt ein Sohn des Bergkönigs, ihm selbst ebenbürtig und einst aus Mena geboren. Auf dessen Hochfläche
23.135 fiel ein weiterer Teil des Wassers nieder. Daraus entstand der große Fluss Devika, den Mahadeva zum Meer leitete.
23.136 Das Wasser, das in einer Höhle nahe der Hamsa-Erscheinung zusammenkam, wurde zum Fluss Sarayu, der als überaus heilig gilt.
23.137 Das Wasser, das nahe dem großen Khandava-Wald in einer südlichen Höhlung des Himalaya mitten in den Ira-See gelangte,
23.138 wurde zu dem hervorragenden Fluss Iravati. Diese Flüsse schenken durch Baden, Trinken und Verehrung dieselbe Frucht wie die Ganga.
23.139 Sie fließen zum südlichen Meer und sind den Menschen seit alters her Grundlagen für Dharma, Wohlstand, Wunscherfüllung und Befreiung.
23.140 Diese sieben großen Flüsse schenken stets göttlichen Genuss. So entstanden die sieben Flüsse mit ihrem allzeit überaus heiligen Wasser
23.141 bei der Hochzeit Arundhatis und Vasishthas in Gegenwart der Götter.
23.142 Nachdem Vasishtha Arundhati geheiratet hatte, fuhr er mit dem Himmelswagen zu der Wohnstatt, die ihm die Götter gegeben hatten.
23.143 Auf das Wort Brahmas, Vishnus und Maheshas hin wirkte der hervorragende Weise fortan weiter.
23.144 Zum Wohl aller Welten nimmt er in den drei Welten in jedem Zeitalter die jeweils passende Erscheinungsweise an. Die Zuordnung zu den Frauen in dieser Zeile ist textlich unklar.
23.145 Mit entsprechendem Gewand, Wesen und Körper durchwandert er die drei Welten, aufmerksam und heiteren Sinnes, und weist die Menschen zum Dharma.
23.146 So wurde Arundhati einst auf das Geheiß der Götter mit Vasishtha vermählt, zum Wohl der Welten.
23.147 Wer diese Erzählung, die den Dharma fördert und alles Wohlergehen umfasst, regelmäßig hört, wird langes Leben und Wohlstand erlangen.
23.148 Eine Frau, die Arundhatis Geschichte beständig hört, wird in diesem Leben gattentreu und gelangt danach in den Himmel.
23.149 Diese Erzählung ist ein höchster Segensquell und verleiht Dharma. Sie vermehrt stets Ansehen, Ruhm und heiliges Verdienst.
23.150 Wer sie bei einer Hochzeit, beim Ritus für Nachkommenschaft, beim Aufbruch zu einer Reise oder beim Ahnenopfer vortragen lässt, gewinnt jeweils Beständigkeit, Nachkommenschaft, Erfolg und die Freude der Ahnen. Das zweite Ritualwort ist verkürzt überliefert.
23.151 Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie Arundhati die tugendhafte Gemahlin des edlen Vasishtha wurde,
23.152 wessen Tochter sie war, wie und wo sie entstand und wie sie auf Brahmas, Haris und Shivas Wort Vasishtha zum Gemahl erwählte.
23.153 All dies habe ich euch dargelegt: ein höchstes Geheimnis, das Verdienst schenkt, Schuld tilgt und Lebensdauer sowie Gesundheit mehrt.
23.154 Wer diese dem Dharma und dem Wohlergehen dienende Geschichte auch nur einmal in einer Brahmanenversammlung vortragen lässt, wird von der Fülle seiner Verunreinigungen frei. Nach dem Tod wird er selbst zu einem Himmelsbewohner in der Gemeinschaft der großen Weisen. Einzelne Wörter des ersten Halbverses sind beschädigt.
Kapitel 24
Die Nummer 36 steht auch an der Stelle von 39, die Nummer 99 auch an der Stelle von 91. Die Zusätze a und b unterscheiden jeweils beide Vorkommen.
24.1 Markandeya sprach: Mahadeva saß auf einer Höhe des Himalaya am Ufer des Shipra-Sees und betrachtete den See vor sich.
24.2 Von Brahma und Hari wiederholt zur Meditation ermuntert, festigte der Selbstbeherrschte dort seinen Geist.
24.3 Der Bezwinger Kamas bemühte sich mit aller Kraft, durch Versenkung das Selbst mit dem Selbst im eigenen Inneren zu schauen.
24.4 Als Brahma und die anderen sahen, dass sein Geist in Meditation eingetreten war, priesen sie mit gesammeltem Sinn die Maya, die in Hara eingegangen war.
24.5 Sie dachten: Von Maya bezaubert, ist Bharga vom Schmerz um Sati überwältigt und klagt unaufhörlich. Wir wollen diese Weltenmutter, die ihn in Verblendung hält,
24.6 preisen und aus Shambhus Körper herausführen. Dann werden wir Shambhus Geist von Unruhe befreien, rein und der Meditation zugewandt machen.
24.7 Bis Sati wieder einen Körper annimmt und Haras Gemahlin wird, soll er frei von Kummer über das Ungeteilte meditieren.
24.8 Mit diesem Gedanken begannen Brahma und die übrigen Himmelsbewohner, Yoganidra, die große Maya, so zu preisen.
24.9 Die Götter sprachen: Voller Hingabe preisen wir die heilige Kraft Shri, die Reinigende und Nährende, die höchste Ungeteilte, deren Gestalt das Große und das Unoffenbare ist.
24.10 Wir preisen die Heilvolle, die Heil bewirkt, die Reine, die Grobe und Feine, die Höhere und Niedere, die innere Erkenntnis und die als Nichtwissen Bezeichnete, die Liebe und die einspitzig gesammelte Yogini.
24.11 Du bist Einsicht, Standhaftigkeit und Schamgefühl; du allein durchdringst alles. Du bist der Glanz der Sonne, der die entfaltete Welt erhellt.
24.12 Du bist das Wasser, das in der Gestalt des Welteis und in den Keimen der Welt die Welt nährt, von Brahma bis zum Grasbüschel. Die erste Satzverbindung ist beschädigt.
24.13 Der Wind, der sich beständig bewegt und als Lebensatem der ganzen Welt sowie als Stütze der Götter wirkt, ist ein Teil von dir.
24.14 Das sich überall ausbreitende und entzündende Feuer ist deine Gestalt, der Keim der Welt, der in vielerlei Formen erscheint.
24.15 Du bist der Raum, der sich von Brahmas Welt bis zur Unterwelt mit allen Zwischenräumen erstreckt, innerhalb und außerhalb des Welteis und überall.
24.16 Du bist die Erde, Madhavi, geordnet im Kreis des Beweglichen und Unbeweglichen, die Gebärerin der Erscheinungswelt, Trägerin des Alls und Mutter der Welten.
24.17 Du bist die Einsicht und ihr Gegenstand; du bist Mutter und Ziel der heiligen Versmaße. Du bist Gayatri, Mutter der Veden, Savitri und Sarasvati.
24.18 Du bist die Mutter aller Welten und die dreifache Veda-Offenbarung, die jede Gestalt annimmt. Als Schlaf erfreust und bezauberst du sämtliche Wesen, die Götter und alle Bewohner des Himmels und der übrigen Welten.
24.19 Für die rechtschaffen Handelnden bist du Glück, für die Übeltäter Qual. Du bist die Herrlichkeit derer, die gerecht handeln, und der nächtliche Halt, der Erholung schenkt. Die letzte Verbindung ist unsicher.
24.20 Du bist der Friede aller Welten und der Glanz im Mond. Du bist die Ernährerin aller Wesen, Lakshmi, die selbst Vishnu bezaubert.
24.21 Du bist die wirkliche Natur der fünf Elemente und ihr innerster Gehalt. Du bist die Dreiwelt, die große Maya und die Ordnung, die zugleich verzaubern kann.
24.22 Du bist jene Maya, durch die Maheshvara alle Wesen auf das Rad des Daseins setzt und kreisen lässt, große Göttin.
24.23 Du bist die Sieghafte bei den Siegreichen, Schamgefühl, Wissen und höchste Lebensordnung. Du bist der Gesang des Samaveda, die Verknüpfung der Yajus-Sprüche und die Opfergabe.
24.24 Du bist die Kraft sämtlicher Götterscharen: aus Dunkelheit bestehend, durch die Qualität der Klarheit erkennbar und die Erfahrung der durch Rajas entfalteten Welt bewirkend. Die von uns Gepriesene möge hier Heil schaffen. Die Negation im überlieferten Schlussteil ist unsicher.
24.25 Du bist das rettende Schiff aus dem Leid der furchtbaren Wogen des Daseinsmeers. Die weitere Vershälfte verbindet achtgliedrige Gestalt, höchste Läuterung, Spiel und Gesang; ihre Wortfolge ist beschädigt. Vor dieser Göttin verneigten sie sich auf dem Berg.
24.26 Sie ergreift Nase, Augen, Mund, Arme, Brust und Geist und schenkt dem Lebewesen Erholung. Als die Glückverheißende namens Schlaf kommt sie zu den Wesen der Welt. Sie, deren Formen Festigkeit, Erinnerung und geistige Tätigkeit sind, sei uns gnädig.
24.27 Diejenige, deren Gestalt Schöpfung, Erhaltung und Ende ist, die diese bewirkt und ihre Kraft bildet: Diese Maya sei uns gnädig.
24.28 Markandeya sprach: Als die Götter Yoganidra, die große Maya, so gepriesen hatten, trat sie unverzüglich aus Haras Herzen hervor.
24.29 Nachdem sie hervorgetreten war, ging Madhusudana selbst in Shambhus Inneres ein, um ihm Frieden zu schenken, und nahm dabei universale Gestalt an.
24.30 Achyuta trat in sein Herz ein und zeigte ihm, wie in jedem Kalpa Schöpfung, Erhaltung und Auflösung geschehen waren.
24.31 Er zeigte ihm vollständig, wie Sati seine Gemahlin geworden war, wer sie jeweils gewesen und wessen Tochter sie war, und wie sie ihren Körper abgelegt hatte.
24.32 Er zeigte ihm die vielfache, von Rajas geprägte äußere Erscheinungswelt als ohne bleibenden Kern und richtete dann seinen Geist auf das höchste Licht.
24.33 Hara sah all diese Entfaltungen immer wieder, erkannte ihre Unbeständigkeit und ließ seinen Geist im Wesentlichen ruhen.
24.34 Die von Brahma und den anderen Göttern gepriesene Maya sagte zu, das Erforderliche zu tun, und verschwand sogleich an jenem Ort.
24.35 Auch der erhabene Vishnu sammelte Shambhus Geist Schritt für Schritt und trat dann aus seinem Körper hervor, wie ein König aus der Sonnenscheibe. Der Vergleich ist ungewöhnlich überliefert.
24.36a Brahma, Narayana und die übrigen Götter sahen ihre Aufgabe erfüllt. Freudig kehrten sie an ihre jeweiligen Wohnstätten zurück und ließen Hara auf dem Berg.
24.37 Indra und die anderen Götter verneigten sich vor dem in Meditation versunkenen Mahadeva, verabschiedeten sich von dem schweigenden Gott und gingen an ihre Orte.
24.38 Nachdem sie gegangen waren, meditierte der Gott mit dem geflochtenen Haar, dessen Reittier der Stier ist, tausend Götterjahre lang über das höchste Licht.
24.36b Die Rishis sprachen: Wie trat Vishnu unmittelbar in Shambhus Herz ein und zeigte ihm die Schöpfung, Erhaltung und Auflösung in jedem Kalpa?
24.40 Wie zeigte der Bezwinger Kaitabhas die Unbeständigkeit jener Erscheinungen, die durch Rajas zur Entfaltung der Welt hervortreten?
24.41 Was ist jenes tief verborgene, höchste und ewige Licht, das er ihm als den wahren Wesenskern zeigte? Erkläre es uns, du Bester der Zweimalgeborenen.
24.42 Wir möchten von dir dieses wunderbare und höchste Geschehen hören, führender Weiser. Erzähle es ausführlich, diese Lehre des höchsten Heils.
24.43 Markandeya sprach: Ich werde euch die ursprüngliche Schöpfung und jene des Varaha-Kalpa erklären, ihr Besten der Zweimalgeborenen: wie die Schöpfung in jedem Kalpa geschieht und wie sie im Varaha-Kalpa war.
24.44 Nachdem Hari die ursprüngliche Schöpfung gezeigt hatte, offenbarte er Shambhu auch die erneute Schöpfung. Vernehmt nun die Vorgänge der Auflösung und die übrigen Geschehnisse.
24.45 Zuerst werde ich die Auflösung erklären, dann die erste Schöpfung und darauf die erneute Schöpfung im Varaha-Kalpa, ihr Brahmanen.
24.46 Ein Nimesha ist ein Zeitteil, gekennzeichnet durch einen Augenblick. Achtzehn Nimeshas bilden eine Kashtha, dreißig Kashthas eine Kala.
24.47 Dreißig Kalas werden als ein Kshana bezeichnet, zwölf Kshanas als ein Muhurta; dreißig Muhurtas
24.48 bilden einen menschlichen Tag samt Nacht. Fünfzehn solcher Tage bilden eine Monatshälfte; zwei Monatshälften einen menschlichen Monat. Dieser ist ein Tag samt Nacht der Ahnen.
24.49 Zwölf Monate bilden ein Jahr, das einem Tag samt Nacht der Götter entspricht. Für die Ahnen gilt die dunkle Monatshälfte als Tag zum Tätigsein,
24.50 die helle Monatshälfte als Nacht zum Schlafen. Der Tag der Götter besteht aus den sechs Monaten des nördlichen Sonnenlaufs.
24.51 Die sechs Monate des südlichen Sonnenlaufs sind die Schlafensnacht der Götter. Je zwei Sonnenmonate bilden eine Jahreszeit.
24.52 Drei Jahreszeiten bilden einen Halbjahreslauf nach menschlichem Maß, sechs Jahreszeiten ein Jahr. Hört die Jahreszeiten einzeln.
24.53 Sie sind durch Monatspaare vom Chaitra an bestimmt: Chaitra und Vaishakha bilden den Frühling, Jyeshtha und Shuchi den Sommer.
24.54 Nabhas und Nabhasya bilden die Regenzeit, Isha und Karttika den Herbst, Sahas und Pausha den frühen Winter, Magha und Phalguna den späten Winter.
24.55 Diese sechs Jahreszeiten werden für Opfer und andere Handlungen gesondert festgelegt. Nach menschlichem Maß umfasst das Krita-Yuga 1.728.000 Jahre. Das Wort für die Zeitspanne ist in der Vorlage beschädigt.
24.56 Seine einleitende Dämmerung umfasst vierhundert Jahre, ebenso seine abschließende Dämmerung; beide sind eingeschlossen. Dass hier Götterjahre gemeint sind, wird erst durch die folgende Gesamtberechnung verständlich.
24.57 Das Treta-Yuga umfasst 1.296.000 Menschenjahre. Seine einleitende Dämmerung beträgt dreihundert Jahre,
24.58 und dreihundert seine eingeschlossene abschließende Dämmerung. Achthundertvierundsechzigtausend Menschenjahre
24.59 umfasst das Dvapara-Yuga. Darin sind zweihundert Jahre einleitender und zweihundert Jahre abschließender Dämmerung enthalten.
24.60 Das Kali-Yuga umfasst vierhundertzweiunddreißigtausend
24.61 Menschenjahre. Seine einleitende Dämmerung beträgt hundert Jahre, ebenso die eingeschlossene abschließende Dämmerung.
24.62 So bilden Krita, Treta, Dvapara und Kali nach menschlichem Maß einen Zyklus der vier Weltalter.
24.63 Dieser Viererzyklus umfasst samt beiden Dämmerungen 4.320.000 Jahre.
24.64 Ein Göttertag samt Nacht entspricht einem Menschenjahr. Nach dieser Umrechnung entspricht ein menschlicher Viererzyklus zwölftausend Götterjahren.
24.65 Zwölftausend Götterjahre bilden ein göttliches Yuga; dieses entspricht dem menschlichen Viererzyklus samt einleitenden und abschließenden Dämmerungen.
24.66 Bei den Göttern selbst gibt es keine Einteilung in Krita, Treta, Dvapara und so weiter und auch keinen entsprechenden Unterschied des Dharma.
24.67 Vielmehr gilt ein menschlicher Viererzyklus stets als ein Götteryuga. Einundsiebzig Götteryugas bilden ein Manvantara.
24.68 Zweitausend Götteryugas bilden einen Tag samt Nacht Brahmas, nach menschlichem Maß also zweitausend Zyklen der vier Weltalter.
24.69 An einem Tag Brahmas herrschen vierzehn Manus. Dreihundertsechzig solcher Brahma-Tage bilden, wie bei den Menschen, ein Jahr nach Brahmas Maß.
24.70 Die Vorlage bezeichnet hier „fünfhundert“ Brahma-Jahre als Parardha, als einen Tag Ishvaras, mit einer ebenso langen Nacht. Diese Zahl widerspricht dem folgenden Vers, der für zwei Parardhas hundert Brahma-Jahre nennt; die üblicherweise erwartete Zahl wäre fünfzig.
24.71 Hundert Jahre Brahmas bilden die Zeitspanne von zwei Parardhas. Sind beide vergangen, erfolgt Brahmas Auflösung.
24.72 Wenn Brahma im Höchsten aufgegangen ist, tritt die Rückkehr der Welten in die Urnatur ein. Die unvergängliche, über allem Höchsten stehende Grundlage der ganzen Welt,
24.73 die das Wesen Brahmans hat, wird in Bezug auf ihren gedachten Tag-Nacht-Zyklus als Para bezeichnet; dessen Hälfte heißt Parardha. Die genaue Satzverknüpfung bleibt unsicher.
24.74 Der Erhabene, dessen Gestalt die Welt ist, das höchste, unerschöpfliche und unwandelbare Selbst, gröber als das Gröbste und feiner als das Feinste, kennt eigentlich weder Tag noch Nacht noch Jahr.
24.75 Doch die früheren Purana-Lehrer und auch wir setzen ihm solche Tage und Nächte zu, um Schöpfung und Auflösung verständlich zu machen.
24.76 Er selbst ist Nacht, Tag und Jahr, Erde, Schöpfer und Hara. Er ist der uranfängliche Purusha in Vishnus Gestalt; in ihm erscheint alles.
24.77 Wenn Brahma im ewigen höchsten Selbst aufgegangen ist, nimmt auch die ganze Welt nach und nach dessen Wesen an.
24.78 Nach Ablauf von Brahmas hundert Jahren bewirkt Janardana in Rudras Gestalt selbst das Ende der Welt und geht dann im Höchsten auf.
24.79 Zuerst trocknet die Sonne mit heftigen Strahlen alles Bewegliche und Unbewegliche aus und nimmt sämtliches Wasser an sich.
24.80 Die vertrockneten Bäume, Gräser, Lebewesen und Berge zerfallen im Verlauf von hundert Götterjahren zu Staub.
24.81 Die überaus mächtigen Strahlen entfalten sich zu zwölf Sonnen, genährt von den Stoffen der Welt. Der Ausgangsausdruck zur Sonne ist in der Vorlage beschädigt.
24.82 Mit ihren Strahlen verbrennen diese Sonnen alle Welten, Erde und Himmel; die Erde wird glühend heiß.
24.83 Wenn alles Bewegliche und Unbewegliche vernichtet ist, tritt der Gott Janardana in Rudras Gestalt aus den Sonnenstrahlen hervor
24.84 und steigt zunächst, mächtig aufgerichtet, in die Tiefen der Unterwelt hinab.
24.85 Mit seinem vortrefflichen Dreizack vernichtet er die Nagas, Gandharvas, Rakshasas, Götter und Rishis in den sieben Unterwelten und auch Shesha.
24.86 So vernichtet Janardana alle Lebewesen im Himmel, in der Unterwelt, auf der Erde und in den Meeren.
24.87 Dann lässt Rudra selbst einen gewaltigen Wind aus seinem Mund hervorgehen. Dieser durchzieht ungehindert und mit großer Wucht die drei Welten.
24.88 Hundert Jahre lang kreist er im Inneren der Welten und wirbelt alles, was dort noch vorhanden ist, wie einen Haufen Baumwolle fort.
24.89 Nachdem er alles in der Welt ringsum weggetragen hat, tritt der überaus schnelle Wind in die zwölf Sonnen ein.
24.90 Er geht in ihre Scheiben ein und bildet, von Rudra angetrieben, gemeinsam mit ihrem Feuer große Wolken.
24.99a Von diesem heftigen Wind und vom überaus furchtbaren Rudra angetrieben, bedecken die Wolken den ganzen Himmelsraum.
24.92 Diese großen, Samvartaka genannten Weltuntergangswolken gleichen Massen aufgebrochener Augensalbe; manche sind rauchfarben, andere rot, weiß oder bunt und furchterregend.
24.93 Einige sind wie Berge, andere wie Elefanten, wieder andere wie Paläste; manche sind kranichfarben und schrecklich.
24.94 Die großen Wolken donnern und regnen mehr als hundert Jahre lang. Mit gewaltigem Getöse überfluten sie die drei Welten.
24.95 Durch unablässige, säulendicke Regenströme werden die drei Welten mit Wasser gefüllt.
24.96 Wenn die Wassermasse bis zu Dhruvas Wohnstatt reicht, lässt Janardana in Rudras Gestalt wiederum Wind aus seinem Mund hervorgehen.
24.97 Dieser unaufhaltsame Sturm treibt die Wolken hundert Jahre lang auseinander und vernichtet sie schließlich völlig.
24.98 Nachdem die Wolken verschwunden sind, zerstört Rudra erbarmungslos auch Janaloka und alle höheren Welten bis zu Brahmas Wohnstatt.
24.99b Als sämtliche Welten und auch Brahmas Welt vernichtet sind, begibt sich Rudra zu den zwölf Sonnen.
24.100 Hari erreicht sie mit großer Geschwindigkeit und verschlingt sie. Mit diesen Sonnen in seinem Inneren flammt er gewaltig auf.
24.101 Dann ergreift der überaus starke Rudra, dem Vollender der Zeit gleich, das Weltei und zertrümmert es vollständig mit den Fäusten.
24.102 Bei der Zertrümmerung des Welteis wird auch die Erde zermalmt. Alle Wasser hält Hari durch seine Yogakraft zusammen.
24.103 Das Wasser, das zuvor ringsum außerhalb des Welteis lag, und das Wasser in seinem Inneren vereinigen sich.
24.104 Wenn die Wasser überall zu einer einzigen Masse geworden sind, schwimmt darin das mit Bruchstücken gefüllte Weltei wie ein Schiff. Die Form des Subjekts ist beschädigt.
24.105 Dann nimmt das Wasser nach und nach den ganzen Wesenskern der Erde an sich, das feinstoffliche Geruchselement. Darauf verschwindet die Erde.
24.106 Der furchtbare Rudra lässt nun das in seinem Inneren gesammelte Feuer wieder aus seinem Körper hervortreten.
24.107 Dieses Feuer nimmt alles übrige Licht und Feuer auf, das innerhalb oder außerhalb des Welteis und anderswo vorhanden ist.
24.108 Nachdem das gesamte Feuer der Welt vereinigt ist, lodert es auf und verbrennt die schrecklichen Trümmer des Welteis im Wasser.
24.109 Es verbrennt den Staub des Welteis und ergreift dann den Wesenskern des Wassers, das feinstoffliche Geschmackselement. Seines Wesenskerns beraubt, verschwindet das Wasser im Feuer.
24.110 Nachdem das Wasser verschwunden ist, tritt der Wind in das Feuer ein, vereinigt sich mit ihm und nimmt das feinstoffliche Formelement an sich.
24.111 Ist dieses Formelement aufgenommen, verschwindet das gesamte Feuer. Dann herrscht der Wind mächtig und ungehindert.
24.112 Rudra tritt dem laut brausenden Wind entgegen, selbst wie Feuer leuchtend, und versetzt den Raum in Erschütterung.
24.113 Der so erschütterte Raum nimmt aus dem Wind dessen feinstoffliches Berührungselement auf. Darauf verschwindet der Wind.
24.114 Nachdem der Wind verschwunden ist, nimmt Rudra aus dem Raum dessen Wesenskern, das feinstoffliche Klangelement. Sobald es aufgenommen ist, vergeht der Raum.
24.115 Nach dem Schwinden des Raumes geht Rudra in Brahmas Körper ein. Dieser nun haltlose Körper Brahmas geht seinerseits in den Körper Vishnus ein, der Muschel, Diskus und Keule trägt. Zwei gegensätzliche Beiwörter Brahmas sind unsicher überliefert.
24.116 Darauf zieht der mächtige Vishnu durch seine eigene Kraft den aus fünf Elementen bestehenden Körper mit Muschel, Diskus, Keule, Sharnga-Bogen und trefflichem Schwert ein, indem er überall dessen Wesenskern aufnimmt.
24.117 Ohne äußere Stütze, ohne Gestalt, ohne dingliche Beschaffenheit, ungehindert, aus Seligkeit bestehend, nichtdual, ohne Zweiheit und ohne unterscheidende Merkmale,
24.118 weder grob noch fein, ewige und unbefleckte Erkenntnis: Allein das höchste Brahman bleibt, ringsum aus sich selbst leuchtend.
24.119 Weder Tag noch Nacht, weder Raum noch Erde, weder Finsternis noch Licht oder etwas anderes besteht dann. Allein Brahman, der ursprüngliche Purusha, bleibt. Die überlieferte Wendung zur Wahrnehmbarkeit durch Sinne und Verstand ist in diesem Zusammenhang unklar.
24.120 So lange, wie die Schöpfung bestanden hatte, bleibt die eine höchste Wirklichkeit ohne Schöpfung. Danach beginnt die Schöpfung erneut.
24.121 Weil die Gesamtheit der feinstofflichen Elemente samt Ichprinzip und Mahat in der Urnatur zur Ruhe kommt, heißt dies Auflösung in die Urnatur.
24.122 Das Offenbare ist in die Urnatur eingegangen und hat die Auflösung durchlaufen. Deshalb wird diese Rückbildung als Prakrita bezeichnet.
24.123 Damit habe ich euch, ihr Brahmanen, die große Auflösung namens Prakrita erklärt. Hört nun, wie ich die ursprüngliche Schöpfung beschreibe.
Kapitel 25
25.1 Markandeya sprach: Die Zeit ist selbst die Gottheit, die Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirkt. Sie bleibt ununterbrochen bestehen und umfasst die Auflösung als einen ihrer Abschnitte. Die Schlusswendung ist beschädigt.
25.2 Als die Zeit der Auflösung vergangen war, erwachte in dem allgegenwärtigen höchsten Brahman, dessen Wesen Erkenntnis ist, der Wille zur Schöpfung.
25.3 Durch seine Einsicht versetzte es seine Urnatur in Bewegung. Diese wurde, nun tätig, zur aus drei Grundeigenschaften bestehenden Ursache aller Wirkungen.
25.4 Wie ein Duft schon durch seine bloße Nähe den Geist erregt, so wirkt der höchste Herr als Schöpfer der Welt.
25.5 Er selbst ist der Erregende und das Erregte, Brahmane. Durch Zusammenziehung und Ausdehnung besteht der höchste Herr auch als Urnatur.
25.6 Allein durch seinen Willen versetzte der Purusha, der höchste Herr und Weltenherr, sie zur Schöpfung erneut in Bewegung.
25.7 Aus dem zuvor ausgeglichenen Zustand der Grundeigenschaften, vom Kenner des Feldes durchdrungen, entstand zur Schöpfungszeit ihre unterscheidbare Entfaltung.
25.8 Aus dem durch den Willen des Herrn bewegten Prinzip der Urnatur entstand zuerst Mahat, das große Erkenntnisprinzip. Die Urnatur umhüllte es.
25.9 Aus diesem von der Urnatur umhüllten Mahat ging das Ichprinzip hervor: als sattvisches Vaikarika, als feuriges Taijasa und als dunkler Ursprung der Elemente, Bhutadi.
25.10 Dieses dreifache Ichprinzip, das zunächst aus Mahat entstand, ist die ursprüngliche Ursache der Elemente und Sinneskräfte.
25.11 Mahat umhüllte das Ichprinzip unmittelbar nach dessen Entstehen. Aus diesem umhüllten Prinzip gingen dann die fünf feinstofflichen Elemente hervor.
25.12 Zuerst entstand das feinstoffliche Klangelement, danach das Berührungselement, als drittes das Formelement, darauf das Geschmackselement.
25.13 Als fünftes entstand das Geruchselement. Sie gingen der Reihe nach hervor; das Ichprinzip umhüllte jedes einzelne von ihnen.
25.14 Aus dem Klangelement entstand der Raum, dessen Eigenschaft Klang ist. Das elementbildende Ichprinzip umhüllte das Klangelement und den Raum.
25.15 Aus dem mit dem Klangelement verbundenen Berührungselement entstand der Wind, der Berührung als Eigenschaft besitzt und zugleich Klang enthält.
25.16 Aus dem mit Raum und Wind verbundenen Formelement entstand das leuchtende Feuer und breitete sich überall aus.
25.17 Es besaß Klang, Berührung und sichtbare Form. Danach entstand aus dem mit Raum, Wind und Feuer verbundenen Geschmackselement das Wasser, von jenem überall durchdrungen.
25.18 Die tragende Kraft Vishnus von unermesslichem Glanz hielt die Wasser, die ohne eigene Stütze vom Wind bewegt wurden.
25.19 In sie legte der höchste Herr zuerst einen Keim. Dieser wurde zu einem goldenen Ei, strahlend wie die Sonne.
25.20 Aus den Prinzipien von Mahat bis zu den besonderen Elementen gebildet, war dieses Ei ringsum umhüllt: außen von Wasser, Feuer, Wind, Raum und dem dunklen elementbildenden Prinzip, jeweils zehnfach ausgedehnt; dieses wiederum von Mahat.
25.21 Wie ein Samen von seinen äußeren Hüllen umgeben ist, so war das unvergleichliche Weltei von Wasser und den weiteren Schichten umgeben, ihr Brahmanen.
25.22 Inmitten des Eies nahm Vishnu selbst einen Körper in Brahmas Gestalt an. Ein Götterjahr lang blieb er darin und erfasste mit seiner Einsicht die Gesamtheit der Schöpfungskeime.
25.23 Durch Meditation teilte er das Ei selbst in zwei Hälften und verweilte einen Augenblick darin. Dann schuf er aus der Gesamtheit der feinstofflichen Elemente, mit dem Geruch als letztem, die Erde.
25.24 Weil die ganze Erde aus sämtlichen feinstofflichen Elementen gebildet ist, trägt sie Berührung, Klang, sichtbare Form, Geruch und Geschmack.
25.25 Daraus entstand der goldene Berg; aus den Eihäuten entstand die Gesamtheit der Berge. Aus den inneren Flüssigkeiten gingen die sieben Meere hervor, aus zwei Teilstücken die Wohnstatt der Götter. Einige embryologische Ausdrücke bleiben mehrdeutig.
25.26 Aus zwei Teilstücken der anderen Seite entstanden die sieben glückreichen Naga-Wohnstätten namens Patala, in denen der große Herr selbst zugegen ist.
25.27 Aus der Feuerfülle entstand die als Maharloka bekannte Welt, aus dem inneren Wind Janaloka und aus der Meditation die hohe Welt Tapoloka.
25.28 Im oberen Bereich des Eies entstand Satyaloka. Über dem Teil des Welteis steht der unvergängliche Vishnu: jene höchste Stätte, die die Weisen nennen, nur durch Erkenntnis erreichbar und von vollendeter Natur.
25.29 Nachdem er dies zunächst geordnet hatte, nahm er zur Erhaltung selbst Vishnus Gestalt an. Weil sein Körper aus ihm selbst hervorging, wurde Vishnu als Svabhu, „Selbstentstandener“, bekannt.
25.30 Dann nahm Vishnu die mächtige Gestalt des Opfer-Ebers an, um die Erde emporzuheben. Als sie versank, drang er mit großer Geschwindigkeit unter sie, um sie zu tragen.
25.31 Er hob die Erde auf die Spitze seines Hauers und stieg über die gesamte Wassermasse empor. Danach nahm er Anantas Gestalt mit sieben Hauben an, um die Erde zu tragen.
25.32 Als Shesha breitete er seine Hauben aus, legte die Erde auf die mittlere und hielt sie über dem Wasser, während er selbst im Wasser ruhte. Dann ließ der Opfer-Eber die Erde los.
25.33 Von den ausgebreiteten Hauben lag eine im Osten, eine im Westen und je eine im Süden und Norden.
25.34 Eine Haube lag im Nordosten, eine im Südosten und eine unter der Mitte der Erde. Sein Leib befand sich im Südwesten. Der Nordwesten blieb ohne Stütze; deshalb neigte sich die Erde dort.
25.35 Als der langgestreckte Ananta sie im Wasser nicht zu halten vermochte, nahm Hari die Schildkrötengestalt an und trug Anantas Leib.
25.36 Die Schildkröte stemmte ihre Füße auf das untere Stück des Welteis, streckte den Hals nach Nordwesten und trug Ananta auf ihrem Rücken.
25.37 Ananta legte seinen mächtigen Leib in neun Windungen auf den Rücken der Schildkröte und trug nun die Erde mühelos.
25.38 Doch die Erde bewegte sich noch auf Anantas Hauben. Um sie unbeweglich zu machen, festigte der Eber sie durch die Berge.
25.39 Mit einem Hufschlag trieb er den Meru in den Erdboden. Der Berg durchbrach die Erde und drang in ihr Inneres ein.
25.40 Durch den Hufschlag des Ebers drang der große Berg sechzehntausend Yojanas tief in die Unterwelt ein.
25.41 Sein Gipfel wurde durch diesen Schlag zweiunddreißigtausend Yojanas breit, ihr besten Brahmanen.
25.42 Der Eber legte an den Seiten des Bergkönigs feste Begrenzungen an, damit dieser Träger der Erde sich nicht bewegte.
25.43 Auch den Himalaya und die übrigen Berge drückte er mit dem Fuß zu einem Fünftel ihrer Höhe in die Erde. Die Formulierung des Anteils ist gedrängt überliefert.
25.44 Brahma verneigte sich vor dem mächtigen Eber und ließ aus seiner Seite den Gott der Götter als Ardhanarishvara hervorgehen, halb Mann und halb Frau.
25.45 Kaum war dieser geboren, begann er laut zu weinen. Brahma fragte den Weinenden: Warum weinst du?
25.46 Maheshvara antwortete: Gib mir einen Namen. Brahma sagte: Wegen deines Weinens sollst du Rudra heißen. Weine nicht, Edler.
25.47 Doch nachdem er dies gehört hatte, weinte er noch siebenmal. Deshalb gab Brahma ihm sieben weitere Namen:
25.48 Sharva, Bhava, Bhima, als vierten Mahadeva, als fünften Ugra, als sechsten Ishana und schließlich Pashupati.
25.49 Wie ich dich aufgeteilt habe, so teile auch du dich selbst, um viele Geschöpfe hervorzubringen. Auch du bist ein Schöpferherr.
25.50 Dann teilte Brahma sich in zwei: Mit einer Hälfte wurde er Mann, mit der anderen Frau. In dieser weiblichen Hälfte zeugte der Herr Viraj.
25.51 Der erhabene Brahma sagte zu ihm: Schöpferherr, vollziehe die Schöpfung. Viraj übte Askese und brachte darauf Svayambhuva Manu hervor.
25.52 Auch dieser stellte Brahma durch Askese zufrieden. Brahma, dadurch erfreut, schuf aus seinem Geist Daksha für die weitere Schöpfung.
25.53 Nachdem Daksha geschaffen war, verneigte Manu sich vielfach vor Brahma. Darauf schuf dieser noch zehn weitere geistgeborene Söhne:
25.54 Marichi, Atri, Angiras, Pulastya, Pulaha, Kratu, Prachetas, Vasishtha, Bhrigu und Narada.
25.55 Nachdem der Weltenherr sie aus seinem Geist hervorgebracht hatte, sagte er zu ihnen und zu Svayambhuva Manu: „Schafft nun ihr!“ Dann verschwand er wieder.
25.56 Der höchste Herr in Ebergestalt grub mit seinem Rüssel die sieben Meere und schuf sie ringförmig auf der Erde.
25.57 Indem er siebenmal kreiste, schuf er die sieben Meere, grenzte die sieben Kontinente voneinander ab und gelangte schließlich an den Rand der Erde.
25.58 Dort schuf er ringsum den Berg Lokāloka als Umfassung der Erde, zweihunderttausend Yojanas hoch, und befestigte ihn fest wie die Außenwand eines Hauses.
25.59 Damit habe ich euch, ihr Brahmanen, die ursprüngliche Schöpfung erklärt. Nun werde ich die erneute Schöpfung beschreiben; hört, ihr großen Weisen.
Kapitel 26
26.1 Markandeya sprach: Diese Schöpfung heißt Varaha-Schöpfung, weil sie vom Eber getragen wird. Als erneute Schöpfung bezeichnet man das, was Daksha und die anderen jeweils hervorbrachten.
26.2 Die einzelnen Schöpfungen Rudras, Virajs, Manus, Dakshas und der geistgeborenen Söhne mit Marichi an der Spitze gelten als erneute Schöpfung.
26.3 Virajs Sohn schuf die Manus seiner Linie, durch welche die Welt ausgebreitet wurde. Nachdem die sieben Manus hervorgebracht waren, schuf Manu zahlreiche Geschöpfe.
26.4 Der als Svayambhuva bekannte Manu wollte Nachkommen hervorbringen. Zunächst schuf er sechs weitere Manus als seine Söhne:
26.5 Svarochisha, Auttami, Tamasa, Raivata, den mächtigen Chakshusha und Vivasvant. Der letzte Name steht so in der Vorlage.
26.6 Yakshas, Rakshasas, Pishachas, Nagas, Gandharvas, Kinnaras, Vidyadharas, Apsaras, Siddhas und viele Scharen von Geistwesen,
26.7 Wolken samt Blitzen, Bäume, Schlingpflanzen, Büsche, Gräser und dergleichen, Fische, Landtiere, Insekten und weitere Wasser- und Landbewohner:
26.8 All diese Arten schuf Svayambhuva Manu gemeinsam mit seinen Söhnen. Dies wird als eine weitere erneute Schöpfung bezeichnet.
26.9 Auch die sechs anderen Manus vollziehen in ihren jeweiligen Herrschaftszeiten selbst eine erneute Schöpfung und erfassen damit das Bewegliche und Unbewegliche.
26.10 Der Eber schuf das Opfer und seine Bestandteile, den Opferpfosten und die nach Osten gerichtete Opferhalle, Dharma und Adharma sowie sämtliche Eigenschaften. Der Anfang des Verses ist beschädigt.
26.11 Daksha brachte viele Söhne hervor, hervorragende Götterweise, große Rishis, Somatrinker und zahlreiche Ahnenscharen.
26.12 So setzte er die Schöpfung fort; dies gilt als seine erneute Schöpfung. Aus Brahmas Mund entstanden die Brahmanen, aus seinen beiden Armen die Kshatriyas,
26.13 aus seinen Schenkeln die Vaishyas und aus seinen Füßen die Shudras; aus den vier Gesichtern die vier Veden. Dies ist Brahmas erneute Schöpfung und wird deshalb Brahma-Schöpfung genannt.
26.14 Aus Marichi wurde Kashyapa geboren, aus Kashyapa die ganze Welt, Götter, Daityas und Danavas. Dies gilt als seine Schöpfung.
26.15 Aus Atris Auge entstand Chandra, aus ihm die Monddynastie. Durch sie wurde die ganze Welt erfüllt; dies gilt als seine Schöpfung.
26.16 Die Atharvangirasas, seine Söhne und viele weitere Enkel, sowie Mantras, Yantras und dergleichen werden alle Angiras zugerechnet.
26.17 Pulastyas Söhne sind die als Ajyapas bekannten Wesen und weitere Rakshasas voller Kraft und Schnelligkeit. Sie bilden Pulastyas erneute Schöpfung.
26.18 Die Nachkommen Kadrus, Elefanten, Pferde und viele weitere Geschöpfe wurden von Pulaha hervorgebracht. Dies wird als seine Schöpfung bezeichnet.
26.19 Kratus Söhne sind die allwissenden, machtvoll strahlenden Valakhilyas: achtundachtzigtausend, leuchtend wie die glühende Sonne.
26.20 Die Söhne des Prachetas heißen Prachetasas: sechsundachtzigtausend, deren Glanz dem Feuer gleicht.
26.21 Die Sukalins, weitere Yogis und fünfzig Söhne Arundhatis sind Vasishthas Nachkommen. Dies heißt Vasishthas Schöpfung.
26.22 Aus Bhrigu entstanden die Bhargavas, die Hauspriester der Daityas. Diese Seher sind von großer Einsicht; durch sie ist die ganze Welt erfüllt.
26.23 Aus Narada entstanden Sterne und Himmelswagen, Frage und Antwort sowie Tanz, Gesang und unterhaltsame Künste.
26.24 Daksha, Marichi und die anderen zeugten viele Söhne, die ihrerseits heirateten, und füllten so Erde und Himmel.
26.25 Aus ihren Söhnen gingen weitere Söhne hervor und aus deren Söhnen wiederum andere. Noch heute bestehen ihre Linien in den Welten fort.
26.26 Aus Vishnus Augen entstand die Sonne, aus seinem Geist der Mond, aus seinem Ohr der Wind und aus seinem Mund das Feuer.
26.27 Dies und die zehn Himmelsrichtungen bilden Vishnus erneute Schöpfung. Zur weiteren Schöpfung trat der Mond später aus Atris Auge hervor; die Sonne wurde aus Kashyapa geboren und erhielt eine Gemahlin.
26.28 Viele Rudras und vier Arten von Geisterscharen entstanden: mit Hunde-, Eber- und Kamelgestalt sowie mit Affen-, Schakal- und Kuhgesichtern,
26.29 mit Bären- und Katzengesichtern, andere mit Löwen- und Tigergesichtern. Alle trugen verschiedene Waffen, hatten mannigfaltige Gestalten und große Kraft.
26.30 Damit habe ich euch auch die erneute Schöpfung erklärt, ihr Besten der Zweimalgeborenen. Hört nun von der täglichen Auflösung am Ende eines Kalpa.
Kapitel 27
Die Nummer 30 steht auch an der Stelle von 20; die Zusätze a und b unterscheiden beide Vorkommen.
27.1 Markandeya sprach: Ein Manvantara ist die Zeit eines Manu. So lange ein einzelner Manu die Geschöpfe behütet, so lange dauert das nach ihm benannte Manvantara.
27.2 Es umfasst einundsiebzig Götteryugas. Vierzehn solcher Zeiträume bilden einen Kalpa, einen Tag Brahmas.
27.3 Wenn Brahmas Tag endet, erwacht in ihm das Bedürfnis zu schlafen. Yoganidra, die große Maya, tritt zum Stammvater.
27.4 Er geht in den Nabellotus des unermesslich strahlenden Vishnu ein und schläft dort glücklich, der erhabene Brahma, Stammvater der Welt.
27.5 Dann nimmt Vishnu selbst Rudras Gestalt an und vernichtet wie zuvor die gesamten drei Welten.
27.6 Mit Wind und Feuer verbrennt er alle drei Welten, so wie bei der großen Weltauflösung.
27.7 Die Bewohner von Maharloka werden bei diesem Weltenbrand von der Hitze und dem schrecklichen Feuer bedrängt und ziehen nach Janaloka.
27.8 Dann lässt er durch die vielfarbigen, laut donnernden Weltuntergangswolken einen gewaltigen Regen entstehen und füllt die drei Welten
27.9 mit wogenden Wassermassen bis hinauf zu Dhruvas Wohnstatt. Janardana nimmt die drei Welten in seinen Leib auf und legt sich als höchster Herr auf sein Schlangenlager.
27.10 Nachdem der Weltenlehrer die drei Welten verbrannt und verschlungen hat, lässt er Brahma im Nabellotus schlafen und ruht gemeinsam mit Shri.
27.11 Das Brahman in Narayanas Gestalt, mächtig durch das Verschlingen der drei Welten, liegt unter Yoganidras Einfluss auf dem Schlangenbett.
27.12 Als die gesamte Dreiwelt vom Feuer der Zeit verbrannt wurde, verließ Ananta die Erde und kam in Vishnus Nähe.
27.13 Von ihm verlassen, sank die Erde augenblicklich hinab und fiel auf den Rücken der Schildkröte, als wollte sie zerbrechen.
27.14 Die Schildkröte stemmte ihre Füße gegen das Weltei und trug mit großer Anstrengung die im Wasser schwankende Erde auf ihrem Rücken.
27.15 Janardana in Schildkrötengestalt nahm sie auf, damit sie beim Aufprall auf das Stück des Welteis nicht zertrümmert würde.
27.16 Durch den Druck der Erde, die sich mit den bewegten Wassermassen hin und her bewegte, wurde der Schildkrötenrücken mit zahlreichen Erhebungen versehen.
27.17 Ananta ging zum Milchmeer, wo Janardana gemeinsam mit Shri zu schlafen wünschte.
27.18 Mit seiner mittleren Haube trug er den durch das Verschlingen der drei Welten mächtig gewordenen Herrn. Seine vorderen Hauben breitete der starke Shesha lotusförmig nach oben aus und beschirmte damit Vishnu.
27.19 Seine südliche Haube machte Ananta zum Kopfkissen des Herrn, die nördliche zur Unterlage für dessen Füße.
27.30a Die westliche Haube machte Shesha zu einem Fächer und fächelte dem schlafenden Janardana Luft zu.
27.21 Mit der nordöstlichen Haube trug der Mächtige die Muschel, den Diskus, das Schwert Nandaka, zwei Köcher und auch Garuda.
27.22 Mit der südöstlichen Haube trug er die Keule, den Lotus, den Sharnga-Bogen und die verschiedenen anderen Waffen des Herrn.
27.23 So machte er seinen eigenen Körper zum Lager Haris und stützte mit seinem Unterleib zugleich die im Wasser versunkene Erde.
27.24 Er trug Janardana samt Lakshmi, Brahma und den drei Welten, mit allem Zugehörigen: den Keim der Welt und die Ursache ihrer Ursachen,
27.25 den ewig Seligen, dessen Wesen die Veden sind, den dem Brahman zugewandten höchsten Herrn, den Urheber und Grund aller Weltursachen,
27.26 Hari, den Herrn von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, das Ziel des Hohen und Niederen. Auf seinem Haupt trug er so selbst seine eigene göttliche Gestalt.
27.27 Der unvergängliche Narayana schläft die ganze Nacht samt ihrer Dämmerung hindurch; sie ist ebenso lang wie ein Tag Brahmas.
27.28 Weil diese Auflösung an jedem Tag Brahmas geschieht, nennen die Kenner der Vorzeit sie die tägliche Auflösung.
27.29 Nach Ablauf der Nacht erwacht Brahma, der Stammvater der Welt, aus dem Schlaf und erhebt sich, wieder auf Schöpfung bedacht.
27.30b Er sieht die drei Welten voller Wasser und den schlafenden höchsten Purusha. Darauf preist er Vishnus weltumfassende große Maya, Yoganidra, die in Haris Körper weilt.
27.31 Brahma sprach: Ich verneige mich vor der unveränderlichen Bewusstseinskraft, deren Wesen das höchste Brahman ist, vor der großen Maya, der ewigen Yoganidra.
27.32 Du bist die Erkenntnis der Yogis, Göttin, ihr Ziel, ihr Verständnis und ihr Lobpreis. Du bist Schöpfung und Erhaltung, Svaha und Svadha, du bist der heilige Gesang.
27.33 Du bist Samaveda-Gesang, rechte Lebensführung, Schamgefühl, Shri und Sarasvati. Du bist Yogaschlaf, große Maya und der Schlaf der Verzauberung, du Herrin.
27.34 Du bist Schönheit und sämtliche Kraft, Vishnus heilvolle Gestalt. Du bist die Trägerin aller Welten und das Nichtwissen der verkörperten Wesen.
27.35 Du bist die tragende Kraft, Göttin, die das Weltei hält. Du allein bist die aus drei Grundeigenschaften bestehende Urnatur aller Welten.
27.36 Du bist Savitri und Gayatri, mild und nicht mild, überaus schön. Du bist Haris ewiger Schöpfungswille, sein Schlafverlangen und sein tiefer Schlaf.
27.37 Du bist Nahrung, Scham, Geduld, Friede und Festigkeit, höchste Herrin. Als Erde trägst du alles Bewegliche und Unbewegliche.
27.38 Du bist das Wasser und die Mutter des Wassers, im Inneren aller Dinge wirkend. Du bist Lobpreis, die Gepriesene, die Preisende und die Kraft des Preisens.
27.39 Wie könnte ich dich angemessen preisen? Sei gnädig, höchste Herrin. Verehrung dir, Mutter der Welt! Erwecke Janardana.
27.40 So von Brahma, dem Weltschöpfer, gepriesen, trat Mahamaya aus Haris Augen, Mund, Nase, Armen und Herzen hervor. Sie nahm eine von Rajas geprägte Gestalt an und stand vor Brahmas Blick.
27.41 Vom Schlaf verlassen, erhob Janardana sich augenblicklich von seinem Schlangenlager und richtete seinen Geist auf die Schöpfung.
27.42 Dann hob er in Ebergestalt die im Wasser versunkene Erde rasch empor und legte sie über das Wasser.
27.43 Dort lag sie wie ein großes Schiff auf der Wasserflut. Wegen der weiten Ausdehnung ihres Körpers sank die Erde nicht unter.
27.44 Hari begab sich zur Erde, zog durch seine Maya die Wassermassen zurück und sorgte selbst für die Lebensgrundlage der Wesen.
27.45 Auch Ananta ging wie zuvor unter die Erde und trug sie, auf der Schildkröte ruhend.
27.46 Brahma, der Stammvater aller Welten, brachte darauf sämtliche Schöpferherren hervor und ließ durch sie die Welt entstehen.
27.47 Ob Brahma selbst die Schöpfung vollzieht oder andere Hüter der Geschöpfe wie Daksha handeln, stets geschieht dies nach dem göttlichen Willen.
27.48 Derjenige, dessen Wesen das höchste Brahman ist, unterstützt sie fortwährend; ebenso wirken die Urnatur und die fünf großen Elemente mit.
27.49 Auch der Purusha und die Prinzipien von Mahat an unterstützen sie, getragen vom Willen des Herrn. Die anschließende Wendung zu einer achtfachen Gesamtheit ist beschädigt.
27.50 Alles Entstehende beruht auf der Mitwirkung der Purushas, der großen Elemente, der Prinzipien von Mahat an, der mächtigen Zeit und der Urnatur.
27.51 Ob unbeweglich oder beweglich, beständig oder wunderbar: Alles entsteht auf dieser Grundlage, ihr Besten der Zweimalgeborenen.
27.52 Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie der erhabene Hari einst Hara die Kalpas von Schöpfung und Auflösung zeigte.
27.53 Hört nun von mir, ihr Brahmanen, wie er ihm die äußerste Unbeständigkeit der entfalteten Welt zeigte und was er ihm als ihren bleibenden Wesenskern offenbarte.
Kapitel 28
28.1 Die ganze Welt ist ohne bleibenden Kern, vergänglich und eine Stätte des Leidens. In einem Augenblick entsteht sie, in einem Augenblick vergeht sie.
28.2 So geht die Welt ohne bleibenden Kern aus dem wahrhaft Wesentlichen hervor; bei der großen Auflösung gehen ihre Erscheinungen wieder in dieses ein.
28.3 Durch Entstehen und Vergehen zeigte Hari, der Herr der Welten, Shambhu die Unbeständigkeit der Welt unmittelbar auf.
28.4 Eines ist das Wesentliche: glückverheißend, friedvoll, grenzenlos, unvergänglich, höher als das Höchste und von Erkenntnis erfüllt, ohne Zweites, unoffenbar und von unvorstellbarer Gestalt. Außer ihm gibt es nichts, das in gleicher Weise wesentlich wäre.
28.5 Woraus dieses ganze All hervorgeht, worin es später wieder aufgeht und worin es besteht, das die Welt trägt wie der Himmel die sich bildenden Wolken: Das ist das Wesentliche der Wirklichkeit.
28.6 Was der Yogi durch den achtgliedrigen Yoga zu erreichen sucht und dafür beständig sein eigenes Wesen läutert, was er erlangt, ohne in diese Welt zurückzukehren: Das ist das Wesentliche; kein anderes ist es in gleicher Weise.
28.7 Als Zweites ist jener Dharma wesentlich, der zur Erlangung des Ewigen führt und der Weg der Rückkehr genannt wird. Der auf weiteres Weltgeschehen gerichtete Weg ist in diesem Vergleich nicht das Wesentliche.
28.8 Man sammle Dharma allmählich an, wie ein Termitenhügel aus Erde wächst: als Beistand für die andere Welt und zur Befreiung von früherem Unrecht.
28.9 Unter allen Tätigkeiten im Weltleben ist Dharma allein das höchste Gut. Die anderen drei Lebensziele, angefangen mit Artha, entstehen aus Dharma.
28.10 Besser sei es, den Lebensatem aufzugeben oder den Kopf zu verlieren, als den Dharma preiszugeben: Dessen Aufgabe werde in der Welt und im Veda getadelt. Der Vers formuliert die kompromisslose Wertung der Überlieferung.
28.11 Durch Dharma wird die menschliche Welt getragen, durch Dharma das All. Durch Dharma allein gelangten einst sämtliche Götter zu ihrem göttlichen Zustand.
28.12 Der erhabene, auf vier Füßen stehende Dharma schützt die Welt unablässig. Er selbst ist der ursprüngliche Purusha, der Dharma genannt wird.
28.13 Alles in dieser Welt vergeht; Dharma hingegen soll nicht aufgegeben werden. Wer vom Dharma nicht abweicht, wird unvergänglich genannt.
28.14 So habe ich euch das Wesentliche erläutert; die ganze Welt ist ohne bleibenden Kern. Ebenso schaute Shambhu selbst durch Erkenntnis in seinem Innern.
28.15 Dies zeigte ihm Vishnu, der Herr der Welt. Shankara erfasste es selbst mit dem Geist durch Meditation im Selbst.
28.16 Wesentlich ist die höchste, ungeteilte Wirklichkeit ohne Gestalt; als weiteres Wesentliches gilt der gestaltgewordene Dharma. Alles andere entbehrt dieser Wesentlichkeit. Wer dies erkennt, gelangt als Mensch großer Einsicht zum Ewigen.
Kapitel 29
29.1 Die Rishis sprachen: Zu welchem Zweck schuf Shambhu einst die vier Arten von Geisterscharen, und wie kamen sie zu ihren vielfältigen Gestalten?
29.2 Einige Scharenführer besitzen einen Leib, der halb Eber und halb Elefant ist; andere haben Löwen- oder Tigerkörper.
29.3 Wie entstanden diese furchtbaren, mächtigen Scharen, und wovon leben sie? All dies möchten wir hören, du Bester der Zweimalgeborenen.
29.4 Markandeya sprach: Hört, ihr Weisen, wie Shambhus Scharen entstanden, zu welchem Zweck sie hervorgingen und warum sie mannigfaltige Gestalten tragen.
29.5 Dies ist ein höchstes Geheimnis, das Dharma, Wohlstand und Wunscherfüllung schenkt, höchste Strahlkraft und höchste Askese.
29.6 Wer diese große Erzählung hört, gerät weder hier noch im Jenseits ins Elend. Sie bringt Ruhm, Dharma, langes Leben, Zufriedenheit und Gedeihen.
29.7 Als die erste Schöpfung durch den Eber vollendet war, ihr besten Weisen, sprach Shankara zu Varaha, dem Herrn aller Dinge und der Welten.
29.8 Ishvara sprach: Mächtiger, das Ziel, für das du die Ebergestalt angenommen hast, ist erfüllt. Du hast die Erde an ihren rechten Platz gebracht.
29.9 Durch deine Gnade sind die Meere, Flüsse und die Erde geordnet, und auch die von Brahma vollzogene Schöpfung ist entstanden.
29.10 Du bist alles, du bestehst aus Opfer und Licht. Du bist der Lehrer aller Lehrer und überragst das Höchste.
29.11 Die Erde vermag dich nicht zu tragen, Herr der Welt. Sie scheint auseinanderzubrechen, obwohl sie durch die Berge zusammengehalten wird, die du zuvor eingesetzt hast.
29.12 Darum lege deinen Eberkörper ab, Herr der Welt, diesen allumfassenden Leib in Weltgestalt, die Ursache der Weltursachen.
29.13 Wer außer ihr könnte diesen deinen Eberkörper tragen, Mächtiger? Zumal du im Wasser die begehrende Erde bedrängt hast, während sie ihre Monatsblutung hatte; durch deine Kraft empfing sie eine furchtbare Leibesfrucht.
29.14 Aus dieser Schwangerschaft, die die Erde während ihrer Blutung empfing, wird ein Sohn entstehen, der dir Schande bringen wird, Herr der Welt.
29.15 Er wird das Wesen eines Asura annehmen und Götter und Gandharvas schädigen. Dies sagte mir Brahma in Dakshas Gegenwart.
29.16 Gib diesen begehrenden Eberkörper auf, Weltenherr: Aus der Vereinigung während ihrer Unreinheit ist etwas Böses hervorgegangen, das dir Unheil bringen wird. Die Satzverbindung ist unsicher.
29.17 Du selbst bist Schöpfer, Erhalter und Auflöser, Förderer der Welt. Zur jeweiligen Zeit wirst du Schöpfung, Erhaltung und Auflösung vollziehen.
29.18 Darum lege diesen Körper zum Wohl der Welten ab, Mächtiger. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du wieder einen anderen Eberkörper annehmen.
29.19 Markandeya sprach: Als der Erhabene in Ebergestalt die Worte des edlen Shankara gehört hatte, antwortete er Mahadeva.
29.20 Der Erhabene sprach: Ich werde deinem Wort folgen, Maheshvara, so wie du gesagt hast. Diesen Körper des Opfer-Ebers werde ich gewiss ablegen.
29.21 Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich zum Wohl der Welten eine andere wunderbare und unbezwingbare Ebergestalt annehmen.
29.22 Nach diesen Worten verschwand der Großleibige dort, der Weltenlehrer, Weltschöpfer, Welterhalter und Herr der Welt.
29.23 Nachdem der Gott verschwunden war, ging Maheshvara, der Gott der Götter, mit den Götterscharen und seinen eigenen Scharen an seinen Wohnort zurück.
29.24 Der Eber aber ging zum Berg Lokāloka und vergnügte sich dort mit der schönen Erde, die eine weibliche Ebergestalt angenommen hatte.
29.25 Lange liebkoste er sie auf jenem herrlichen Berg. Doch der leidenschaftliche Weltenherr in Ebergestalt fand keine Sättigung.
29.26 Aus der Erde, die als weiblicher Eber mit ihm spielte, wurden drei Söhne geboren, ihr besten Brahmanen. Hört ihre Namen:
29.27 Suvritta, Kanaka und Ghora; alle waren von großer Kraft.
29.28 Als Junge spielten sie miteinander auf den goldenen Höhen und Hängen des Meru, in Höhlen und Seen.
29.29 Von diesen Söhnen und seiner Gemahlin umgeben, vergnügte sich der Eber und dachte nicht mehr daran, seinen Körper abzulegen, ihr Brahmanen.
29.30 Manchmal spielte der Mächtige zusammen mit seinen Jungen und seiner Gemahlin mitten im Schlamm.
29.31 Mit Schlamm bedeckt glänzte der honigbraune Eber wie eine Abendwolke, aus der Wasser herabrinnt.
29.32 Höchst erfreut an seinen Söhnen und seiner Gemahlin, der Erde, spielte er und zerwühlte dabei den Erdboden. So entstand eine Senkung in ihrer Mitte.
29.33 Ananta stand unter der Erde auf der Schildkröte und trug Hari. Unter dem Druck wurden seine Häupter gebeugt, und er geriet in Angst.
29.34 Suvritta, Ghora und Kanaka durchwühlten mit ihren Rüsseln die goldenen Hänge und ebneten sie durch zerbrochene Goldmassen ein.
29.35 Alles, was die Götter auf dem Meru sorgfältig aus Gold errichtet hatten, wurde von den Söhnen des Ebers zerstört, ihr besten Brahmanen.
29.36 Die Jungen trübten mit ihren Rüsselschlägen auch die Seen der Götter, den Manasa und die übrigen, ringsum auf.
29.37 In ihrer weiblichen Gestalt erfreute die Erde den Eber; in ihrer unbeweglichen Erdgestalt aber erlitt sie heftigen Schmerz.
29.38 Suvritta und die anderen tauchten ringsum in die Meere ein, zerstreuten mit ihren Rüsseln die Juwelen und brachten alle Meere in Aufruhr.
29.39 Die umherspielenden Eberjungen beschädigten die Welten, die Flüsse und die wunscherfüllenden Bäume.
29.40 Obwohl der Eber als Welterhalter um die Bedrängnis der Welt wusste, hielt er seine Söhne aus Liebe zu ihnen nicht zurück.
29.41 Wenn Suvritta, Kanaka und Ghora in den Himmel kamen, flohen die erschrockenen Götterscharen in alle zehn Richtungen.
29.42 So spielte der Opfer-Eber mit seinen Söhnen und seiner Gemahlin, ohne je Sättigung zu finden. Sein Verlangen wuchs täglich, und er wollte den Körper nicht ablegen, obwohl es ihm aufgetragen worden war.
Kapitel 30
Die Nummer 103 steht auch an der Stelle von 173; die Zusätze a und b unterscheiden beide Vorkommen.
30.1 Markandeya sprach: Alle Götterscharen und die übrigen göttlichen Wesen berieten gemeinsam mit Indra sorgfältig über das Wohl der Welt.
30.2 Nachdem sie einen Entschluss gefasst hatten, suchten Indra und die anderen mit den Weisen Zuflucht bei dem ungeborenen, allgegenwärtigen Narayana, der Schutz gewährt.
30.3 Sie traten vor Govinda, Vasudeva, den Herrn der Welt, verneigten sich und priesen ihn, dessen Banner Garuda trägt.
30.4 Die Götter sprachen: Verehrung dir, Gott der Götter, Urheber der Weltursachen, Erhabener in Zeitgestalt, dessen Wesen Urnatur und Purusha ist!
30.5 Du bist grob und fein, durchdringst die Welt, bist höchster Herr und höchster Purusha. Du erschaffst, erhältst und vernichtest alle Wesen.
30.6 In der Gestalt der Maya bezauberst du die Welt. Alles Vergangene, Zukünftige und jetzt Bestehende,
30.7 alles Bewegliche und Unbewegliche bist du, höchster Herr. Für die nach Wohlstand Strebenden bist du Wohlstand, für die nach Wunscherfüllung Strebenden deren Erfüllung.
30.8 Du bist Dharma für die nach Dharma Strebenden und Befreiung für die, die Erlöschen wünschen. Du selbst bist der Begehrende, der Wohlstand Suchende, der Rechtschaffene und der beständig Gehende. Ein Wort der zweiten Hälfte ist beschädigt.
30.9 Aus deinem Mund entstanden die Brahmanen, aus deinen Armen die Kshatriyas, aus deinen Schenkeln die Vaishyas und aus deinen Füßen die Shudras.
30.10 Aus deinem Auge entstand die Sonne, Mächtiger, aus deinem Geist der Mond, aus deinem Ohr der Wind und die weiteren zehn Lebenshauche.
30.11 Aus deinem Haupt entstanden die oberen Welten, angefangen mit dem Himmel, aus deinem Nabel der Luftraum, aus deinen Fußsohlen die Erde.
30.12 Aus deinen Ohren entstanden die Himmelsrichtungen, aus deinem Leib die ganze Welt. Als Maya bezauberst du die Welt.
30.13 Du bist ohne Eigenschaften und zugleich mit Eigenschaften versehen, der eine Reine, höher als das Höchste. Du unterliegst weder Entstehen noch Bestehen und überragst unvergänglich die Eigenschaften.
30.14 Adityas, Vasus, Götter, Sadhyas, Yakshas und Maruts sowie die nach Befreiung strebenden Weisen betrachten dich, Weltenherr.
30.15 Die erfahrenen Weisen, frei von Genussverlangen, erkennen dich als Bewusstsein und Seligkeit. Du bist Same, Wasser, Standort und Frucht des großen Baumes des Daseins.
30.16 Mit Padma strahlst du, den Lotus in der Hand; du trägst treffliches Schwert, Diskus, Lotus und Bogen. Auf Garuda leuchtest du beständig wie eine wasserreiche Wolke über dem goldenen Berg.
30.17 Du bist der Gelbgewandete, Shankara und der Lotusgeborene; alles dies bist du, nichts ist davon getrennt. Deine Eigenschaften können weder wir noch Brahma, Hara oder die Weltenhüter ganz erfassen. Voll Furcht und Hingabe suchen wir Zuflucht bei dir. Beschütze uns, Vishnu!
30.18 Markandeya sprach: So von Indra und den Götterscharen gepriesen, sprach der Gott der Götter, Ursprung der Förderer aller Wesen, mit einer Stimme wie Wolkendonner zu ihnen.
30.19 Der Erhabene sprach: Sagt rasch, ihr Götter, weshalb ihr gekommen seid, welche Gefahr euch droht und was ich dagegen tun soll.
30.20 Die Götter sprachen: Durch das Spiel des Opfer-Ebers zerbricht die Erde fortwährend. Alle Welten sind erschüttert und finden keine Ruhe.
30.21 Wie eine getrocknete Flaschenkürbisschale unter Schlägen zerbricht, so wird die Erde durch die Hufschläge des Ebers zerrüttet.
30.22 Auch seine drei Söhne Suvritta, Kanaka und Ghora, glühend wie das Weltuntergangsfeuer, setzen der Welt zu.
30.23 Durch ihre Schlammspiele sind die Seen, der Manasa und die anderen, beschädigt und kehren nicht in ihren früheren Zustand zurück, Weltenherr.
30.24 Die göttlichen Bäume, Mandara und die übrigen, sind von diesen Mächtigen zerbrochen. Noch immer treiben sie weder Früchte noch Blüten noch Blätter.
30.25 Wenn die drei, Suvritta und seine Brüder, den Trikuta besteigen und von dort ins Salzmeer springen, Starkarmiger, überfluten dessen aufgewühlte Wassermassen die ganze Erde.
30.26 Alle Menschen werden fortgerissen und fliehen in die zehn Richtungen, um ihr Leben zu retten.
30.27 Wenn die Söhne des Opfer-Ebers in den Himmel kommen, werden die Götter hierhin und dorthin vertrieben und finden keinen Frieden.
30.28 Beim Spiel auf den Gipfeln haben die Ebersöhne alle Berge zu einem großen Teil in die Tiefe gedrückt, Weltenherr.
30.29 So geht durch ihr Spiel die ganze Welt zugrunde, Vaikuntha. Darum beschütze die Welt, Herr!
30.30 Markandeya sprach: Janardana hörte ihre Worte und wandte sich besonders an den Gott Shankara und an Brahma.
30.31 Der Erhabene sprach: Jenen Eberkörper, durch den alle Götter und Geschöpfe großes Leid erfahren und die ganze Welt zerbricht,
30.32 möchte ich ablegen, Shankara. Doch weil er am Genuss hängt, lässt er sich nicht einfach willentlich aufgeben. Sorge du jetzt mit Nachdruck dafür, dass dieser Körper abgelegt wird.
30.33 Brahma, stärke den Bezwinger Kamas immer wieder mit deiner Kraft. Auch die Götter sollen ihn stärken. Shankara soll den Eber töten.
30.34 Durch die Vereinigung mit einer menstruierenden Frau und durch das Töten von Brahmanen ist dieser Körper schuldbeladen geworden. Es ist nun angemessen, ihn abzulegen.
30.35 Durch Sühne schwindet Schuld; deshalb will ich Sühne üben. Zu diesem Zweck soll mein Leib mit aller Anstrengung zur Ruhe gebracht werden.
30.36 Ich soll die Geschöpfe stets schützen; doch durch mich leiden sie täglich. Darum werde ich diesen Körper um der Geschöpfe willen aufgeben.
30.37 Markandeya sprach: So von Vasudeva angesprochen, antworteten Brahma und Shankara Govinda: Es soll geschehen, wie du gesagt hast.
30.38 Vasudeva entließ alle Götter und versenkte sich selbst in Meditation, um die Kraft der Ebergestalt zurückzunehmen.
30.39 Während Madhava diese Kraft allmählich einzog, verlor der Eberkörper seine Stärke.
30.40 Als sämtliche Götter erkannten, dass der Körper an Kraft verloren hatte, näherte sich der Gott dem wunderbaren Opfer-Eber.
30.41 Alle Götter mit Brahma an der Spitze folgten Mahadeva, Umas Gemahl, um dem Bezwinger Kamas ihre Kraft zu übertragen.
30.42 Jede Götterschar legte ihre eigene Kraft in den Gott mit dem Stierbanner. Dadurch wurde er überaus mächtig.
30.43 Sogleich nahm der Herr der Berge die furchtbare Gestalt des Sharabha an, mit acht Beinen, oben und unten angeordnet.
30.44 Er war zweihunderttausend Yojanas hoch und hundertfünfzigtausend breit. Der Körper des Ebers erstreckte sich hunderttausend Yojanas in die Höhe,
30.45 fünfzigtausend in die Breite und wuchs weiter. Darauf sah der Opfer-Eber Mahadeva, Umas Gemahl, in Sharabha-Gestalt:
30.46 Sein Kopf berührte den Mond; Nase und Krallen waren überaus lang, sein Leib dunkel wie Kohle.
30.47 Er hatte ein langes Gesicht, einen gewaltigen Körper, acht Fangzähne, einen behaarten Schweif und lange Ohren; sein Anblick war schrecklich.
30.48 Vier Beine befanden sich auf der Rückenseite, vier darunter. Er stieß furchtbare Rufe aus und sprang immer wieder empor.
30.49 Als Suvritta, Kanaka und Ghora ihn so zornig heranstürmen sahen, liefen sie ihm entgegen, vom Zorn überwältigt.
30.50 Die drei mächtigen Brüder stießen gleichzeitig mit ihren Rüsseln gegen den riesigen Sharabha und schleuderten ihn empor.
30.51 In dem Augenblick, in dem sie ihn hochwarfen, nahmen die drei Eber durch ihre Zauberkraft dieselbe Größe wie Sharabha an.
30.52 Von ihren Rüsselschlägen emporgeschleudert, fiel Sharabha am Rand der Erde in den tiefen Wasserozean.
30.53 Als er in das Meer, die Wohnstatt der Meeresungeheuer, gestürzt war, sprangen die drei im Zorn hinterher und fielen ebenfalls hinein.
30.54 Nachdem Suvritta, Kanaka und Ghora ins Meer gefallen waren, sprang auch der Eber aus Liebe zu seinen Söhnen und im Zorn plötzlich in die Wassermasse, ihr besten Brahmanen.
30.55 Bei ihren gewaltigen Sprüngen zerschlugen die Eber und Sharabha die Götter im Himmel sowie Sterne und Planeten.
30.56 Einige Götter wurden getötet, andere stürzten zur Erde. Manche wissenden Götter suchten in Maharloka Zuflucht.
30.57 Die aus ihren Himmelswagen zur Erde fallenden Sterne erschienen in Flammenkränze gehüllt, ihr besten Brahmanen.
30.58 Die furchtbare Wucht ihrer Sprünge erzeugte einen überaus heftigen und schrecklichen Wind.
30.59 Von diesem Wind fortgetrieben, stürzten Berge auf die Erde; einige fielen auf andere Berge.
30.60 Immer wieder stürzten sie nieder, zerquetschten Bäume und Lebewesen. Andere wurden durch die Stöße der Berge wie tanzend über die Erde getrieben.
30.61 Die wandernden Berge vernichteten zahlreiche Geschöpfe. Durch die Gewalt des Windes schienen die sonst unbeweglichen Berge über den Erdboden zu ziehen,
30.62 stießen gegeneinander und bewegten sich weiter. Die ins Meer fallenden Eber und Sharabha
30.63 und die gewaltig hohen Berge schleuderten die Wassermassen empor. Durch die Wucht ihres Sturzes wurde das Wasser so weit hinausgeworfen,
30.64 dass alle Meere einen Augenblick lang wasserlos schienen. Die fortgeschleuderten Wasser fielen auf die Erde.
30.65 Alle Geschöpfe wurden überflutet und gingen augenblicklich zugrunde. Ringsum trieben sie im Wasser und starben.
30.66 Voller Angst, leidend und dem Tod nahe, klagten sie erbarmungswürdig: „Ach, Vater! Ach, lieber Vater! Ach, Mutter! Ach, mein Kind!“
30.67 Wo Sharabha mit den Ebern niederfiel, sank die Erde hinab, von der Gewalt ihrer Füße aufgerissen.
30.68 Der gegenüberliegende Rand der Erde hob sich samt seinen Bergen empor und versetzte durch die Stürme selbst Janaloka in Erschütterung. Die Satzform ist beschädigt.
30.69 Sharabha sah die bis nach Janaloka reichende Erde, von den Ebern bedrängt und wie leblos. Er staunte, war erschrocken und von Erschöpfung gequält. Einzelne Verbindungen sind unsicher.
30.70 Alle Eber kämpften mit Rüsselschlägen, Huftritten, Fangzähnen und furchtbaren Körperstößen.
30.71 Sharabha kämpfte mit den Spitzen seiner Fangzähne, scharfen Krallen und Hufen, mit Schweif- und Schnabelschlägen sowie gewaltigem Gebrüll.
30.72 Der eine große Sharabha kämpfte unablässig tausend Jahre lang gegen die vier Eber.
30.73 Durch ihre Schläge, Anstürme, Drehungen, ihr Hin und Her, ihre Aufpralle, Rufe und Körperstürze gingen alle Schlangen der Unterwelt samt Kadrus Nachkommen zugrunde.
30.74 Schließlich verließen die Kämpfenden das Meer und gelangten in die Mitte der Erde. Dadurch wurde die Erde wieder eben.
30.75 Shesha stemmte sich mit großer Mühe gegen die Schildkröte und trug die Erde, schmerzgebeugt und mit niedergedrückten Häuptern.
30.76 Ananta war zusammengestaucht, die Erdoberfläche wieder eben; durch die bewegten Wassermassen und Berge waren alle Lebewesen
30.77 zugrunde gegangen, während Eber und Sharabha weiterkämpften. Die ganze Welt war vom Meer überflutet und bestand nur noch aus Wasser.
30.78 Da sprach der Älteste der Götter, der Stammvater, voller Sorge zu Hari: Erhabener, die ganze Welt mit Göttern, Asuras und Menschen
30.79 ist vernichtet, die Erde zerbrochen, das Bewegliche und Unbewegliche zerstört. Götter, Danavas, Gandharvas, Daityas, kriechende Tiere und askesereiche Weise sind zugrunde gegangen, Weltenherr.
30.80 Du bist der Beschützer aller und der Herr der Welt. Darum beschütze uns alle und die Erde.
30.81 Ziehe deinen Eberkörper selbst zurück. Stelle die Erde samt ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen wieder her, Starkarmiger.
30.82 Markandeya sprach: Als Janardana Brahmas Worte gehört hatte, bemühte sich der Unvergängliche, alles wiederherzustellen.
30.83 Hari nahm die Gestalt eines Rohita-Fisches an. Zum Wohl der Welt und zum Schutz der Offenbarung nahm er die sieben führenden, vedakundigen Weisen samt den Veden auf:
30.84 Vasishtha, Atri, Kashyapa, Vishvamitra, Gautama, den in großer Askese stehenden Jamadagni und Bharadvaja, den Schatz der Askese.
30.85 Er setzte die führenden Weisen in ein großes Schiff auf seinen Rücken und ruhte damit im Wasser. Dann ging Janardana zu Shiva, der mit den Ebern kämpfte, um ihn zu stärken.
30.86 Shiva war erschöpft, von den heftigen Rüsselschlägen bedrängt und keuchte mit offenem Mund. Als der Eber Hari herankommen sah, erinnerte er sich an die frühere Narasimha-Gestalt.
30.87 Auf diese Erinnerung hin kam Narasimha als Freund zu Hilfe. Vishnu aber nahm seine eigene Kraft aus dessen Körper zurück. Der überlieferte Vers ist verkürzt.
30.88 Die Eber und Sharabha sahen das sonnenähnliche Licht in Vishnu eingehen. Als der Eber erkannte, dass Narasimha seine Kraft verloren hatte, stieß er zahlreiche Atemzüge aus.
30.89 Daraus entstanden viele Eber von verschiedener Größe, mit erstaunlich scharfen Hauern. Diese zauberkundigen und furchtlosen Eber bedrängten den Herrn der Berge in Sharabha-Gestalt.
30.90 Gemeinsam mit Narasimha kämpften sie und setzten Shiva heftig zu. Bald nahmen sie die Gestalt großer Vögel an, bald die von Kühen, Pferden und Menschen,
30.91 bald von Mannlöwen und Ebern, bald von entstellten Schakalen. Als Madhava die vielen schrecklichen Gestalten sah, die die Eber im Kampf entfalteten,
30.92 und Bharga von ihnen bedrängt sah, näherte er sich dem Bergesherrn. Vishnu berührte ihn mit der Hand und legte erneut eigene Kraft in ihn.
30.93 Kaum hatte der mächtige Vishnu ihn berührt, wurde Shiva froh, begeistert und voller Stärke.
30.94 Darauf stieß Sharabha ein mächtiges, durchdringendes Gebrüll aus, das die vierzehn Welten erfüllte.
30.95 Aus den Tropfen, die beim Brüllen aus seinem Mund sprühten, entstanden Scharen von gewaltiger Gestalt und großer Kraft.
30.96 Wie aus dem Atem des Ebers vielgestaltige Eberscharen hervorgegangen waren, so entstanden auch diese, noch weit mächtiger.
30.97 Sie hatten Hunde-, Eber- und Kamelgestalten, Affen-, Schakal- und Kuhgesichter sowie Gestalten von Bären, Katzen, Elefanten und Wassertieren.
30.98 Einige hatten Löwen- und Tigergesichter, andere Schlangen- oder Mäusegestalt, Pferdehälse und Pferdeköpfe, wieder andere Büffelgestalt.
30.99 Manche waren menschenförmig, andere hatten Hirsch- oder Widdergesichter. Es gab kopflose Rümpfe, Fußlose, Armlose und solche mit vielen Händen.
30.100 Einige waren wie Sharabhas, andere mit Eidechsengesichtern, Fisch- oder Krokodilmäulern, klein oder lang, stark oder mager. Ein Beiwort ist nicht eindeutig überliefert.
30.101 Sie hatten vier, acht, drei, zwei oder ein Bein, viele Hände und glichen Yakshas oder Kimpurushas.
30.102 Einige waren tiergestaltig und geflügelt, mit hängenden, großen oder langen Bäuchen, dichtem Haar, vielen Ohren oder ganz ohne Ohren.
30.103a Andere hatten dicke Lippen, lange Zähne und lange Bärte. Welche Lebewesen es auch ringsum in den Welten gibt, ihr Brahmanen,
30.104 in allen vierzehn Welten: Ihre Gestalten fanden sich unter diesen Scharen wieder. Kein bewegliches oder unbewegliches Wesen existiert,
30.105 dessen Gestalt nicht auch in einer Schar Shankaras entstanden wäre. Sie führten Wurfkeulen, Schwerter, Eisenstangen und Speere,
30.106 weitere Klingen, Keulen, Schlingen, Spieße, Schädelstäbe, Dreizacke, Schädel und Lanzen,
30.107 Sicheln, Haken, Deichselspitzen, Stäbe, dreizackige Waffen, Wurfspeere, Äxte, Pfeile und Bogen und waren überaus furchtbar.
30.108 Alle waren mächtig und mit Haarflechten und Mondsicheln geschmückt. Einige glichen Bharga in Gestalt, Reittier und Schmuck.
30.109 Ihre Häupter glänzten durch Haarflechten und Halbmond. Manche waren Ardhanarishvaras, halb Mann und halb Frau, genauso wie Rudra.
30.110 Andere entstanden in einer schönen, bezaubernden Gestalt wie der Liebesgott, zusammen mit Frauenscharen und voller Liebesverlangen.
30.111 Alle bewegten sich im Luftraum und gingen nach freiem Willen. Manche waren dunkel wie blaue Wasserlilien, andere weiß oder rötlich,
30.112 rot, gelb, bunt, grün oder braun; einige halb gelb und halb rot, andere halb blau und halb weiß.
30.113 Manche waren schwarz und gelb, andere zur Hälfte weiß oder schwarz, einfarbig, zweifarbig oder dreifarbig.
30.114 Andere trugen vier, fünf, sechs oder zehn Farben, ihr Brahmanen. Sie spielten Dindima- und Pataha-Trommeln, Muschelhörner, Bheri, Anaka und Kahala,
30.115 Manduka, Jharjhara, Jharjhari und Mardala, Vinas, Saiteninstrumente und fünfsaitige Instrumente, Shakata und Dardara,
30.116 Gomukha, Anaka und Kunda sowie Becken und Handklappern. Alle Scharen musizierten und lachten immer wieder.
30.117 Freudig stellten sie sich den Ebern gegenüber auf. Der erhabene Sharabha mit dem Stierbanner sprach zu ihnen allen:
30.118 Vernichtet diese Scharen des Ebers mit furchtbarem Vorgehen! Kämpft mit grimmigem Blick und grimmiger Kampfweise, ihr Mächtigen!
30.119 Darauf kämpften die furchtbar blickenden, vielgestaltigen Scharen mit ihren trefflichen Waffen gegen die Scharen des Ebers.
30.120 Beide Heere konnten sich im Himmel bewegen. Sie verließen die wassergefüllten drei Welten und kämpften im Luftraum.
30.121 In einem Augenblick vernichteten Haras Pramathas alle mächtigen Scharen des Ebers, wie große Stürme Wolken vertreiben.
30.122 Als jene tapferen Eberscharen getötet waren, dachte der Eber darüber nach, was zuvor und danach geschehen war.
30.123 Während er nachdachte, trat Janardana in sein Inneres ein und ließ ihn alles erkennen, was für die Ebergestalt heilsam war.
30.124 Darauf erklärte der Eber sich bereit, den Körper aufzugeben. Nun versetzte der mächtige Sharabha Narasimha einen Schlag mit der Spitze seines Fangzahns.
30.125 Der erhabene Bharga spaltete Narasimha in der Mitte entzwei. Aus dessen menschlicher Hälfte
30.126 ging der große Weise Nara in göttlicher Gestalt hervor. Aus seiner Löwenhälfte entstand der als Narayana bekannte
30.127 überaus mächtige Janardana in Weisengestalt. Nara und Narayana waren beide von großer Einsicht und Ursachen weiterer Schöpfung.
30.128 Unbezwingbar war ihre Kraft in Lehrwissen, Veda und Askese. Hari setzte die beiden in das Schiff, das er in Fischgestalt behütete.
30.129 Dann näherte der göttliche Eber Hari sich erneut Sharabha. Er dachte: Zum Wohl der Welten muss ich meinen Körper unbedingt ablegen.
30.130 Dies habe ich früher versprochen. Dazu dient dieses gemeinsame Bemühen Haris, Shambhus und Brahmas.
30.131 Mit diesem Gedanken sprach der höchste Herr in Ebergestalt zum göttlichen Sharabha, dem mächtigen Mahadeva.
30.132 Töte mich, Mahadeva. Ich werde meinen Körper gewiss ablegen, zum Wohl aller Welten, der Götter und der Opferpriester.
30.133 Gestaltet aus den einzelnen Teilen meines Leibes das Opfer, den Opferpfosten, den Schlachtplatz und die Opferlöffel mit allem Zugehörigen, ihr Edlen.
30.134 Ordnet diese Teile zusammen mit meinen drei Söhnen Kanaka, Suvritta und Ghora zum Wohl der Welt als weltumfassendes Opfer. Der Satzabschluss ist beschädigt.
30.135 Aus dem Opfer leben Götter und Geschöpfe; aus der im Opfer begründeten Nahrung leben die Tätigen. Alles wird stets aus Opfer hervorgehen; die ganze Welt ist Opfer.
30.136 Die Leibesfrucht, die die Erde während ihrer Unreinheit empfangen hat, wird sie nach der Geburt selbst lange Zeit verborgen halten.
30.137 Wenn die Zeit gekommen ist und die Göttin unter dessen Übergriffen leidend selbst zu euch spricht, dann sollt ihr ihn töten. Die genaue Formulierung ihrer Bitte ist beschädigt.
30.138 Wenn die Erde Bharati hundert Yojanas tief versunken sein wird, werde ich sie in der Gestalt des gehörnten Ebers wieder emporheben.
30.139 Wenn dessen Aufgabe erfüllt ist, wird dein Sohn ihn zum Ablegen des Körpers bringen: der künftige Heerführer der Götter, aus Rudra hervorgehend und Shanmatura, „Sohn der sechs Mütter“, genannt.
30.140 Während der mächtige Opfer-Eber so sprach, trat ein gewaltiges, von Flammenkränzen erhelltes Licht hervor.
30.141 Dieses wunderbare Licht, strahlend wie zehn Millionen Sonnen, verließ den Eberkörper und ging in den Leib des erhabenen Hari ein.
30.142 Nachdem die Kraft des Ebers in Vishnu eingegangen war, nahm Hari auch aus Suvritta, Kanaka und Ghora die Kraft zurück, ihr Brahmanen.
30.143 Aus ihren Körpern traten nacheinander die jeweiligen Lichtanteile hervor, hell in Flammenkränzen leuchtend.
30.144 Wie zuvor die Kraft ihres Vaters gingen sie in Haris Leib ein. Hari, Brahma und Mahadeva
30.145 stimmten den Worten des Ebers zu, sagten wiederholt „Om“ und bemühten sich nun mit aller Kraft darum, dass sie ihre Körper ablegten.
30.146 Sharabha durchtrennte mit einem Schnabelschlag den Hals des Ebers und ließ dessen Körper ins Wasser fallen.
30.147 Nachdem er ihn zuerst niedergestreckt hatte, tötete er auch Suvritta, Kanaka und Ghora, indem er ihre Hälse durchtrennte.
30.148 Alle vier verloren ihren Lebensatem und stürzten in das Wasser des großen Meeres, von der Glut des Weltendes begleitet und mit gewaltigem Getöse.
30.149 Nachdem die Eber gefallen waren, versammelten sich Brahma, Vishnu und Hara erneut und berieten über die Schöpfung.
30.150 Alle Scharen Haras traten zu Bharga und stellten sich vor ihm auf, in vier Gruppen geteilt.
30.151 Die Vorlage nennt hier sechsunddreißigtausend Pramathas und sechzehntausend in einer Gruppe. Im Folgenden werden dieselben Gruppengrößen jedoch in Kotis, Zehnmillionen, angegeben; die Zahlenüberlieferung ist widersprüchlich.
30.152 Die vielgestaltigen, mit Haarflechten und Halbmond geschmückten Scharen besitzen alle Herrscherkräfte und sind der Meditation ergeben.
30.153 Sie sind Yogis, frei von Stolz, Neid, Heuchelei und Ichdünkel, ihre Schuld ist getilgt; diese Edlen bereiten Shambhu höchste Freude.
30.154 Niemals verlangen sie nach Besitz oder leidenschaftlicher Bindung. Alle sind vom Weltkreislauf abgewandte Entsagende, ganz dem Yoga zugewandt.
30.155 Sie halten ihre Gelübde, umgeben den meditierenden Mahadeva und bilden nach seinem Wohlgefallen eine Versammlung, ohne zu ermüden.
30.156 Wann immer Ambikas Gemahl das höchste Licht betrachtet, versammeln sich all diese Gefährten rings um ihn.
30.157 Als sechzehn Kotis werden diese in ihren Gelübden gefestigten Wesen bezeichnet. Sie besitzen Löwen-, Tiger- und andere Gestalten und die Vollkommenheiten von Anima an.
30.158 Andere sind der Liebe zugewandt und gelten als Shambhus Begleiter in heiterem Spiel. Sie tragen vielfältige Gestalten und Schmuck, Haarflechten und Halbmond.
30.159 Sie gleichen Hara, strahlen hell, tragen das Stierbanner und sind mit Frauen verbunden, deren Gestalt Uma gleicht.
30.160 Mit bunten Girlanden, Schmuck, göttlichen Blumen und Düften geschmückt, folgen sie dem mit Uma spielenden Herrn.
30.161 Acht Kotis umfassen diese Scharen in lieblichem Gewand und Schmuck. Andere sind halb Mann und halb Frau wie Ardhanarishvara.
30.162 Sie, die Hara gleichen, treten zum meditierenden Ardhanarishvara. Wenn Hara sich glücklich mit Uma vergnügt,
30.163 stehen diese halb weiblichen Wesen als Torhüter bereit. Wenn er durch den Himmel zieht, folgen sie ihm stets.
30.164 Dem in Meditation weilenden Herrn dienen sie mit Wasser und anderen Gaben. Diese vielfältig bewaffneten Scharen Shambhus heißen Pramathas.
30.165 Denn in Kämpfen zermalmen sie mächtige Gegner. Diese starken Helden zählen neun Kotis.
30.166 Andere sind Sänger: Mit Becken, Mridanga-, Panava-Trommeln und weiteren Instrumenten tanzen sie, musizieren und singen mit süßer Stimme.
30.167 Diese vielgestaltigen Wesen zählen drei Kotis. Sie folgen Maheshvara ständig bei seinen Wanderungen.
30.168 Alle verfügen über Zauberkraft, sind Helden und mit dem Sinn der Lehren vertraut. Alle sind allwissend und können sich überallhin bewegen.
30.169 In einem Muhurta durcheilen sie alle Welten und kehren zu Bhava zurück. Diese Mächtigen besitzen die acht Herrscherkräfte von Anima an.
30.170 Andere heißen Rudras und sind mit Haarflechten und Halbmond geschmückt. Auf Geheiß des Götterkönigs wirken sie beständig im Himmel.
30.171 Sie zählen eine Koti und sind sämtlich überaus mächtig. Auch diese Scharen dienen Hara fortwährend.
30.172 Sie erschrecken die Übeltäter, schützen die Rechtschaffenen und erweisen denen Gnade, die das Pashupata-Gelübde halten.
30.103b Sie beseitigen beständig die Hindernisse der Yogis, die sich ernsthaft bemühen. Insgesamt zählen die Scharen Haras sechsunddreißig Kotis. Die zuvor genannten Untergruppen ergeben einschließlich der zusätzlichen Rudras eine abweichende Summe.
30.174 Diese Scharen entstanden, um das Heer des Ebers zu vernichten, der Welt zu dienen und Shankara zu begleiten.
30.175 Als Shiva in Sharabha-Gestalt die Scharen des Ebers und Hari als Narasimha sah, dachte er an ihre Gestalten und stieß seinen Ruf aus.
30.176 Weil sie aus diesem Ruf hervorgingen, erhielten sie ihre vielfältigen Gestalten. Der Gott mit dem geflochtenen Haar hatte gesagt: Vernichtet die Scharen des Ebers mit grimmigem Blick, grimmigem Kampf und furchtbaren Taten.
30.177 Deshalb entstanden sie mit furchtbarem Auftreten und schrecklicher Kampfweise. Doch diese Mächtigen vollbringen nicht ständig grausame Taten.
30.178 Furchtbar sind sie nur anzusehen, nicht ihrem gewöhnlichen Handeln nach. Früchte, Wasser, Blumen, Blätter und Wurzeln,
30.179 die ihnen dargebracht werden, genießen sie; auch sammeln sie in Wäldern und an Berghängen selbst Blätter, Blüten und dergleichen als Nahrung.
30.180 Diese Mächtigen genießen, was Bharga zum Genuss dient. Fleisch essen sie nicht, außer am vierzehnten Mondtag des Monats Chaitra.
30.181 An jenem vierzehnten Tag im Frühlingsmonat nimmt Hara Fleisch an; deshalb genießen dort auch alle Scharen Fleischspeisen.
30.182 Nach der Vernichtung der Eberscharen traten sie zu Bharga, teilten sich selbst in vier Gruppen und sagten: „Das Werk ist geschehen.“ Dadurch erhielten diese vier Gruppen die Bezeichnung Bhutas.
30.183 Auf Brahmas Wort wurden sie deshalb als Bhutagrama, „Schar der Wesen“, bezeichnet. Der weitere Vergleich mit den zuvor bekannten vier Arten von Wesen ist in der Vorlage sprachlich beschädigt.
30.184 Damit habe ich euch vollständig erzählt, wie Shambhus Scharen entstanden, welche Nahrung sie haben, welche Gestalten und welche Aufgaben diese Mächtigen besitzen.
30.185 Wer diese große, wunderbare Erzählung regelmäßig hört, erlangt langes Leben, beständige Tatkraft und Verbundenheit mit Yoga.
Kapitel 31
31.1 Die Rishis sprachen: Wie wurde der Körper des Opfer-Ebers zum Opfer, und wie wurden seine drei Söhne zu den drei Opferfeuern?
31.2 Warum bewirkte der erhabene Eber diese außerzeitliche Auflösung, diesen furchtbaren Untergang der Geschöpfe?
31.3 Wie rettete der Träger des Sharnga-Bogens die Veden in Fischgestalt? Wie entstand die Schöpfung erneut, und wer hob die Erde empor?
31.4 Wie legte Ishvara den Sharabha-Körper ab, Lehrer, und was wurde aus diesem Leib? Sage es uns, du Einsichtsvoller.
31.5 Du hast all dies unmittelbar geschaut, du Hervorragender unter den Brahmanen. Erzähle es uns, die wir hören möchten.
31.6 Markandeya sprach: Hört aufmerksam, ihr besten Brahmanen, von dem wunderbaren Geschehen, nach dem ihr mich gefragt habt und dessen Hören die Frucht aller Veden gewährt.
31.7 Durch Opfer werden die Götter erfreut, im Opfer ist alles gegründet. Durch Opfer wird die Erde getragen, Opfer führt die Geschöpfe hinüber.
31.8 Die Wesen leben von Nahrung, Nahrung entsteht aus Regen, Regen aus Opfer. Daher ist alles vom Opfer durchdrungen.
31.9 Dieses Opfer entstand aus dem von Shambhu zerteilten Körper des Ebers. Ich werde es euch entsprechend erklären; hört aufmerksam, ihr Brahmanen.
31.10 Als Bharga den Leib des Ebers aufgespalten hatte, kamen Brahma, Vishnu und Shiva mit sämtlichen Pramathas zusammen.
31.11 Sie hoben den Körper aus dem Wasser in den Luftraum und teilten ihn mit Vishnus Diskus Stück für Stück.
31.12 Aus seinen Gliederverbindungen entstanden die einzelnen Opfer. Hört, ihr großen Weisen, welche aus welchen Körperteilen hervorgingen.
31.13 Aus der Verbindung von Brauen und Nase entstand das große Jyotishtoma-Opfer, aus der Verbindung von Kiefer und Ohren das Vahnishtoma.
31.14 Aus den Verbindungen zwischen Augen und Brauen entstand das Vratyashtoma, aus der Verbindung von Rüssel und Lippe das Paunarbhavastoma.
31.15 Aus der Zungenwurzel entstanden Vriddhastoma und Brihatstoma, aus dem Bereich unter der Zunge Atiratra samt Vairaja.
31.16 Das Lehren ist das Brahman-Opfer, die Wasserspende das Ahnenopfer, die Feuerdarbringung das Götteropfer, die Speisegabe das Wesenopfer und die Bewirtung eines Gastes das Menschenopfer.
31.17 Alle täglichen Opferhandlungen vom Bad bis zur Wasserspende entstanden aus der Halsverbindung, ihre rituellen Regeln aus der Zunge.
31.18 Pferdeopfer, großes Opfer, Menschenopfer und die weiteren Opfer, bei denen Lebewesen getötet werden, gingen aus den Fußgelenken hervor.
31.19 Rajasuya, das Wohlstand bewirkende Opfer, Vajapeya und die Planetenopfer entstanden aus den Verbindungen des Rückens.
31.20 Weihe- und Freigabeopfer, Gaben, Ahnenriten und das Savitri-Opfer gingen aus der Herzverbindung hervor.
31.21 Alle Opfer der Lebensriten und sämtliche Sühneopfer entstanden aus der Verbindung am Geschlechtsorgan des edlen Ebers.
31.22 Rakshasa- und Schlangenopfer, alle schädigenden Zauberrituale, Rinderopfer und Baumverehrung gingen aus seinen Hufen hervor.
31.23 Mayeshti, Parameshti, Gishpati, Bhogasambhava und Agnishtoma entstanden aus der Verbindung des Schweifes. Einige Ritualnamen sind unsicher überliefert.
31.24 Auch die anlassbezogenen Opfer zu Sonnenübergängen und anderen Zeiten sowie das zwölfjährige Opfer entstanden aus der Schweifverbindung.
31.25 Tirthaprayoga, Samaujas, Sankarshana, Arka und Atharvana gingen aus den Verbindungen der Leitungsbahnen hervor. Die ersten beiden Bezeichnungen sind textlich unsicher.
31.26 Ric-utkarsha, Feldopfer, Panchasargatiyojana, Linga-Aufstellung und Hedamba-Opfer entstanden an den Knien. Mehrere Ritualnamen sind beschädigt oder nicht eindeutig abzugrenzen.
31.27 So entstanden eintausendacht Opfer, ihr Besten der Zweimalgeborenen, durch welche die Welten noch heute fortwährend erhalten werden.
31.28 Aus seinem Rüssel entstand der große Opferlöffel, aus seiner Nase der kleinere. Auch die anderen Arten von Opferlöffeln gingen aus Rüssel und Nase hervor.
31.29 Aus seinem Nacken entstand die nach Osten gerichtete Opferhalle. Aus seinen Ohröffnungen gingen Ishtapurta, Yajus und Dharma hervor; der erste Begriff ist in der Vorlage beschädigt.
31.30 Aus seinen Hauern entstanden die Opferpfosten, aus seinen Haaren das Kusha-Gras. Udgatri, Adhvaryu, Hotri und der Schlachtplatz
31.31 wurden den vorderen, rechten, linken und hinteren Füßen zugeordnet. Aus der Gehirnmasse entstanden Opferkuchen und gekochte Opferbreie.
31.32 Aus den beiden Augen entstanden die Opfergruben, aus einem Huf das Opferbanner. Der mittlere Körperbereich wurde zum Altar, aus dem Geschlechtsorgan entstand die Feuergrube.
31.33 Aus seinem Samen gingen die Opferbutter und die Svadha-Sprüche hervor, aus dem Rücken das Opferhaus, aus dem Herzlotus das Opfer selbst. Sein Selbst wurde zum Opfer-Purusha, aus den Achseln entstand Munja-Gras.
31.34 So gingen sämtliche Geräte und Gaben der Opfer aus dem Körper des Opfer-Ebers hervor.
31.35 Auf diese Weise wurde sein Leib zum Opfer, um in Opfergestalt die ganze Welt zu nähren.
31.36 Nachdem Brahma, Vishnu und Maheshvara das Opfer so eingerichtet hatten, wandten sie sich mit Entschlossenheit Suvritta, Kanaka und Ghora zu.
31.37 Die drei Götter formten die drei Körper jeweils zu einer Masse und fachten sie mit ihrem Atem an.
31.38 Der Weltschöpfer selbst blies Suvrittas Körper an. Daraus entstand das südliche Opferfeuer, Dakshinagni.
31.39 Keshava blies Kanakas Körper an. Daraus entstand das Hausfeuer, Garhapatya, das die entsprechenden Opfergaben verzehrt. Dessen nähere Bezeichnung ist beschädigt.
31.40 Shambhu selbst blies Ghoras Körper an. Sogleich entstand daraus das Darbringungsfeuer, Ahavaniya.
31.41 Diese drei durchdringen die Welt; die ganze Welt hat in ihnen ihre dreifache Wurzel. Wo diese drei beständig bestehen, ihr besten Brahmanen,
31.42 dort wohnen sämtliche Gottheiten mit ihren Begleitern. Dies ist die bleibende heilvolle Stätte, dies ist das dreifache Wesen.
31.43 Dies ist die Stätte des dreifachen Veda-Ritus und ein höchster Ursprung heiligen Verdienstes. In welchem Land diese drei Feuer mit Gaben gespeist werden,
31.44 dort gedeihen die vier Lebensziele beständig. Damit habe ich euch alles erklärt, wonach ihr gefragt habt, ihr besten Brahmanen:
31.45 wie der Körper des Opfer-Ebers zum Opfer wurde und wie aus den Körpern seiner Söhne die Feuer entstanden.
Kapitel 32
32.1 Markandeya sprach: Hört, ihr Edlen, warum der Erhabene diesen außerzeitlichen Untergang der Welt durch die Ebergestalt bewirkte.
32.2 Auch werde ich erzählen, wie der Träger des Sharnga-Bogens die Veden in Fischgestalt rettete: eine Überlieferung, die alle Schuld tilgt.
32.3 Einst lebte der große vollendete Weise Kapila, der höchste unter den Siddhas, Vishnu selbst, der Herr und leibhaftige Hari.
32.4 Er ging aus Haris Körper hervor, als dieser betrachtete, wie die ganze Welt von selbst vollendet sei. Deshalb wird er Kapila genannt. Die Namenserklärung ist in der Vorlage nicht sprachlich durchsichtig.
32.5 Während des Manvantara des Svayambhuva trat dieser hervorragende Weise einst vor Svayambhuva Manu und sprach zu ihm.
32.6 Kapila sprach: Svayambhuva, bester Weiser, Gestalt Brahmas und Einsichtsvoller, gewähre mir jetzt das Ersehnte, um das ich dich bitte.
32.7 Diese ganze Welt gehört dir und wird von dir behütet. Du hast die ganze Welt geschaffen und bist ihr Herr.
32.8 Im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt, unter Göttern, Menschen und Tieren bist du Herr, Gabenspender und Beschützer, du allein, der Uralte.
32.9 Du bist Träger und Ordner, Herr aller Herren. In dir sind die drei Welten beständig gegründet.
32.10 Während du Askese übst, erscheinen dir die Welten in ihrer Gesamtheit samt der Fülle ihrer Ursachen und Wirkungen. Die genaue Verbindung des ersten Halbverses ist unsicher.
32.11 Gib mir deshalb einen abgeschiedenen Ort, wie er in den drei Welten schwer zu finden ist: heilig, schuldtilgend, schön und hervorragend als Ursprung der Erkenntnis.
32.12 Ich will die Wesen der Welt emporheben, indem ich alle Wesen unmittelbar schaue und die Leuchte der Erkenntnis entzünde.
32.13 Jetzt ist die ganze Welt im Meer des Nichtwissens versunken. Ich will ihr das Schiff der Erkenntnis geben und die drei Welten hinüberführen.
32.14 Unterstütze mich dabei, damit dieses Vorhaben gelingt. Du bist unser Herr, unser Verehrungswürdiger und Beschützer, Weltenherr.
32.15 Markandeya sprach: So von dem edlen Kapila angesprochen, antwortete Manu dem in seinen Gelübden festen Weisen.
32.16 Manu sprach: Wenn du zum Wohl der ganzen Welt eine Leuchte der Erkenntnis schaffen willst, wozu benötigst du dann die Bitte um einen besonderen Ort?
32.17 Hiranyagarbha übte einst große, wunderbare Askese. Er bat weder mich noch einen anderen um einen Ort dafür, Brahmane. Die Negation ist in der Vorlage gestört.
32.18 Shambhu übte ohne sinnlichen Genuss Zehntausende von Götterjahren Askese; auch er suchte keinen Ort bei einem anderen.
32.19 Der Götterkönig, Agni, Yama, der Herr der Rakshasas, Varuna, der Windgott und der Herr des Reichtums
32.20 übten strenge Askese, um Weltenhüter zu werden. Keiner bat um einen besonderen Ort, großer Weiser.
32.21 Auf dieser Erde gibt es zahlreiche heilige Tempel, Badeplätze, geheiligte Gebiete und Flüsse, Kapila.
32.22 Wenn du einen davon aufsuchst und dort Askese übst, warum solltest du dort keine Vollendung erlangen, Brahmane?
32.23 Dass du mich um einen Ort bittest, ist bloße Prahlerei. Eine solche prahlerische Haltung ziemt sich für Asketen nicht.
32.24 Markandeya sprach: Als der vollendete Kapila diese Worte Svayambhuva Manus hörte, wurde er zornig und sagte zu Manu:
32.25 Kapila sprach: Im Vertrauen auf dich habe ich um einen Ort gebeten, um meine Askese bald zu vollenden. Nun weist du mich mit solchen Begründungen ab.
32.26 Deine überaus harten Worte kann ich nicht hinnehmen. Du bist so stolz, weil du dich selbst für den Herrn der drei Welten hältst.
32.27 Unerträglich ist mir, dass du meine Bitte Prahlerei nennst. Empfange dafür diese Frucht:
32.28 Die ganzen drei Welten mit Göttern, Asuras und Menschen werden bald erschlagen, zerschmettert und vernichtet sein.
32.29 Diejenigen, die diese Erde emporgehoben und befestigt haben, die ihre Nahrung hervorbringen und sie beschützen,
32.30 sollen selbst alles Bewegliche und Unbewegliche vernichten. Bald wirst du die drei Welten voller Wasser sehen, geschlagen, zertrümmert und zerstört. Das wird deinen Stolz brechen, Manu.
32.31 Nach diesen Worten verschwand der führende Weise Kapila, der Schatz der Askese, und begab sich zu Brahmas Versammlung.
32.32 Manu hörte Kapilas Worte und senkte betrübt das Gesicht. Er erkannte, dass es so geschehen würde, und sagte nichts.
32.33 Der einsichtsvolle Svayambhuva entschloss sich zur Askese. Zum Wohl der ganzen Welt wollte er den Gott mit dem Garuda-Banner schauen.
32.34 Er ging zur weiten Badari-Stätte nahe Gangadvara. Dort sah der Welterhalter Manu die heilige, schuldtilgende Badari-Pflanzung.
32.35 Sie trug stets Früchte, war mit weichen grünen Trieben bedeckt, spendete wohltuenden Schatten und war frei von welken oder vertrockneten Blättern.
32.36 Vom Wipfel bis zur Wurzel wurde sie vom Wasser der Ganga benetzt und beständig von vielerlei askesereichen Weisen aufgesucht.
32.37 Dieser allseits glückverheißende Ort war von Bienenscharen belebt, sein Wasser mit geöffneten Lotusblüten geschmückt; er war lieblich und förderte den Dharma.
32.38 Der Förderer der Welt betrat ihn und bemühte sich um Askese. Er mäßigte seine Nahrung und versenkte sich tief.
32.39 So verehrte er Hari, die Ursache aller Weltursachen, den Herrn sämtlicher Welten, dunkel glänzend wie Regenwolke und Augensalbe,
32.40 mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus, lotosäugig, in gelbes Gewand gekleidet und auf Garuda sitzend,
32.41 den allumfassenden Weltenherrn, dessen Wesen offenbar und unoffenbar ist, den Keim der Welt, tausendäugig und tausendköpfig,
32.42 den alldurchdringenden Grund, Narayana, ungeboren und allgegenwärtig. Manu wiederholte dabei dieses höchste, alle Veden umfassende Mantra:
32.43 Om, Verehrung Vasudeva, dessen Wesen reine Erkenntnis ist, der die Gestalten Hiranyagarbhas, des Purusha und der unoffenbaren Urnatur trägt.
32.44 Als Svayambhuva Manu dieses Gebet wiederholte, wurde Keshava, der Herr der Welt, ihm bald gnädig.
32.45 Er nahm die Gestalt eines kleinen Fisches an, grün schimmernd wie ein Durva-Blatt, mit zwei hellen Augen wie kleinen Kampferknospen.
32.46 In dieser kleinen Fischgestalt näherte Janardana sich dem edlen Weisen Svayambhuva Manu, der Askese übte.
32.47 Er sprach zu dem mitfühlenden Manu, selbst scheinbar heftig erschrocken und mit vor Angst stockender Stimme:
32.48 Du Schatz der Askese, Edler, rette mich Ängstlichen! Große Fische bedrohen mich ständig, um mich zu verschlingen.
32.49 Jeden Tag verfolgen mich die Fische, um mich zu fressen; überall sind sie mir überlegen. Du, Herr, vermagst mich zu schützen.
32.50 Heute haben mich zahlreiche große Fische mit breiten Schuppen verletzt. Ich bin so klein und erschöpft, dass ich nicht mehr fliehen kann.
32.51 Weil ich leben möchte, habe ich bei dir, dem edlen Weisen, Zuflucht gesucht. Wenn du Mitgefühl hast, beschütze mich.
32.52 Vor Angst ist mein Geist verwirrt. Selbst vor den schwankenden Schatten der Bäume und den bewegten Wellen fürchte ich mich, als wären es Fische.
32.53 Markandeya sprach: Svayambhuva Manu hörte diese Worte und wurde von tiefem Mitgefühl erfüllt. Er sagte: Ich werde dich beschützen.
32.54 Er schöpfte Wasser in seine hohle Hand, setzte den kleinen Fisch hinein und betrachtete, wie er darin schwamm.
32.55 Dann setzte der gütige Manu den schön gestalteten Fisch in ein geräumiges, mit Wasser gefülltes Gefäß.
32.56 Darin wuchs der Fisch Tag für Tag und erreichte bald die Größe eines gewöhnlichen Rohita-Fisches.
32.57 Der Edle ließ ihn in einem Gefäß heranwachsen, das täglich mit zehn Krügen Wasser gefüllt wurde und bald zu klein war. In kurzer Zeit bekam der junge Fisch mit den klaren Augen im Gefäßwasser einen kräftigen, schuppenbedeckten Leib. Die Schlusszeile ist syntaktisch unvollständig.
Kapitel 33
Die Versnummern 71–72 fehlen; auf 70 folgt in der Vorlage 73.
33.1 Markandeya sprach: Als Manu sah, wie kräftig der Fisch geworden war, nahm er ihn eigenhändig und ging zu einem See voller blühender Lotuspflanzen.
33.2 Dieser große See lag in Narayanas heiliger Einsiedelei. Er war ein Yojana breit und anderthalb Yojanas lang.
33.3 Viele Fische lebten darin; sein Wasser war kühl und klar. Manu kam zum See und setzte den Fisch hinein.
33.4 Voller Mitgefühl beschützte er ihn wie einen Sohn. In kurzer Zeit wurde der Fisch so gewaltig,
33.5 dass der See ihn nicht mehr fassen konnte, ihr besten Brahmanen. Eines Tages legte der große Fisch Kopf und Schwanz an die beiden gegenüberliegenden Ufer,
33.6 sein hoher Leib ragte empor, und er rief dem edlen Svayambhuva zu: Rette mich!
33.7 Als Manu den Fisch mit dem mächtigen Schwanz so rufen hörte, trat er zu ihm und ergriff ihn mit der Hand.
33.8 Noch während er dachte: Diesen wunderbaren, großschuppigen Fisch kann ich unmöglich herausheben, hob er ihn bereits mit der Hand empor.
33.9 Denn der erhabene Janardana, das Selbst des Alls in Fischgestalt, nahm in Svayambhuvas Hand die Kraft äußerster Leichtigkeit an.
33.10 Manu hob ihn mit beiden Händen heraus, legte ihn auf seine Schulter, brachte ihn rasch zum Meer und setzte ihn dort ins Wasser.
33.11 Hier kannst du wachsen, wie du willst; niemand wird dich töten. Erreiche bald die volle Größe deines Körpers.
33.12 So sprach der Edle, der Beste unter den Lebewesen. Als er über die Leichtigkeit des Fisches nachdachte, geriet er in größtes Staunen.
33.13 Der Fisch erreichte bald seine volle, gewaltige Größe und füllte mit der Ausdehnung seines Körpers das Meer ringsum.
33.14 Manu sah diesen riesigen Körper, über das Wasser emporragend, mächtig wie der steinbedeckte Manasa-Berg.
33.15 Er versperrte das ganze Meer und machte es durch seine Körpermasse unbeweglich. Da erkannte der einsichtsvolle Manu, dass dies kein gewöhnlicher Fisch war.
33.16 Er betrachtete die wunderbare Gestalt und dachte an ihre Leichtigkeit. Dann fragte Svayambhuva Manu den Fisch freundlich.
33.17 Manu sprach: Wenn ich deine Größe und Leichtigkeit bedenke, halte ich dich nicht für einen Fisch. Wer bist du? Sage es mir, du Erhabener.
33.18 Bist du Brahma, Vishnu oder Shambhu in Fischgestalt? Wenn es kein Geheimnis ist, teile es mir mit, Edler und Einsichtsvoller.
33.19 Der Fisch sprach: Ich bin jener ewige Hari, den du beständig verehrst. Ich bin eigens erschienen, um deinen ersehnten Wunsch zu erfüllen.
33.20 Was du von mir in Fischgestalt wünschst, Herr der Wesen, werde ich jetzt vollbringen. Erkenne diese Gestalt als die meine, Manu.
33.21 Markandeya sprach: Als Manu die Worte des unermesslich mächtigen Vishnu gehört und ihn unmittelbar erkannt hatte, pries er Keshava.
33.22 Manu sprach: Verehrung dir, Hari, Herr der offenbaren und unoffenbaren Welt, des Höheren und Niederen, Unvergänglicher mit Feuer, Sonne und Mond als deinen drei Augen!
33.23 Du allwissende Ursache und Wohnstatt der Welt, höchster Hari, Selbst des Hohen und Niederen, Grund des Hinübergelangens für die, die das andere Ufer erreichen!
33.24 Du hältst dich selbst durch dich selbst und nimmst Erdgestalt an. Als tragendes Selbst erhältst du alle Welten, Hari, du mit den drei Schritten.
33.25 Du höchster Inbegriff aller Veden, Grund des Bestehens aller Wohnstätten, oberster Herr der Götterscharen, Narayana, Gottesherr!
33.26 Du bist ungeboren und doch der Mutterschoß der Welt, ohne Füße und doch immer bewegt, Licht ohne Berührung, Herr aller und selbst keinem Herrn unterworfen.
33.27 Du bist anfanglos und Anfang von allem, ewig, innerstes Inneres. Das goldene Ei, das als Weltei bezeichnet wird und den Keim der Welten bildet,
33.28 ist dein Lichtkeim, den du ins Wasser gelegt hast. Du bist die Grundlage aller Dinge, selbst ohne Grundlage, ursachlos und Ursache von allem.
33.29 Immer wieder Verehrung dir, Herr des Alls, Ursprung der Welten! Du bewirkst Schöpfung, Erhaltung und Ende und trägst die Gestalten Brahmas, Vishnus und Haras.
33.30 Deine Gestalt entfaltet sich zehnfach und ist frei von den sechs Wogen des Daseins. Du bist Herr des Lichts und Ozean. Dir immer wieder Verehrung!
33.31 Wer könnte dein Wesen aussprechen, höchster Herr, gröber als das Grobe und zugleich von feinster Gestalt? Dir gelte stets meine Verehrung, dem Sonnenfarbenen jenseits der Finsternis. Eine Wortverbindung ist beschädigt.
33.32 Der tausendköpfige, tausendfüßige und tausendäugige Purusha umfasst die Erde ringsum und ragt noch zehn Fingerbreit über sie hinaus. Dieser mächtige Vishnu sei mir hier gnädig.
33.33 Verehrung dir in Fischgestalt! Verehrung dir, erhabener Hari! Verehrung dir, Freude der Welt! Verehrung dir, der du deine Verehrer liebst!
33.34 Markandeya sprach: So von Svayambhuva Manu gepriesen, sprach Vasudeva in Fischgestalt mit einer Stimme tief wie Wolkendonner.
33.35 Der Erhabene sprach: Deine Askese hat mich heute erfreut, ebenso deine hingebungsvollen Lobpreisungen, deine Verehrung und deine Gaben. Wähle einen Wunsch, du Gelübdetreuer.
33.36 Ich werde dir das Ersehnte schenken, daran besteht kein Zweifel. Wähle, was du dir wünschst oder was den Welten nützt.
33.37 Manu sprach: Wenn mir heute ein Wunsch gewährt wird, Vishnu, dann gib mir einen, der den Welten dient. Höre, was ich erbitte.
33.38 Kapila hat einst meinetwegen die drei Welten verflucht: Alles, was dir gehört, soll erschlagen, zerschmettert und vernichtet werden.
33.39 Diejenigen, die diese Erde emporgehoben haben, sie beschützen und sie auflösen werden, sollen sie jetzt überfluten.
33.40 Deshalb habe ich mit bedrücktem Herzen allein bei dir Zuflucht gesucht. Gewähre mir, dass diese Dreiwelt nicht überflutet, erschlagen, zerschmettert und vernichtet wird.
33.41 Der Erhabene sprach: Kapila ist nicht von mir verschieden, und ich bin nicht von Kapila verschieden. Was jener Weise gesagt hat, betrachte als mein eigenes Wort, Manu.
33.42 Darum wird sein Wort wahr werden und kann nicht anders ausfallen. Doch werde ich dabei Hilfe leisten, Svayambhuva. Höre, wie.
33.43 Wenn die drei Welten zerschlagen und im Wasser versunken sind, werde ich bald dort erscheinen. Du wirst mich an einem dunklen Horn erkennen. Die Wendung über mein Erscheinen ist beschädigt.
33.44 Höre jetzt aufmerksam meine heilsamen Worte darüber, was du während der Wasserflut tun sollst, Manu.
33.45 Baue ein Schiff aus dem Holz sämtlicher opfergeeigneter Bäume. Ich werde es so festigen, dass das Wasser es nicht zerbrechen kann.
33.46 Es soll zehn Yojanas breit und dreißig lang sein, alle Samen tragen und dem Wiederaufbau der drei Welten dienen.
33.47 Aus zahlreichen Rindenfasern sämtlicher opfergeeigneter Bäume fertige ein Seil von neun Yojanas Länge und drei Klafter Dicke.
33.48 Stelle dieses große Seil rasch her, Manu. Die Welterhalterin, Welt-Maya und allumfassende Weltenmutter wird es so festigen, dass es nicht reißt.
33.49 Nimm alle Samen und die sieben Rishis samt den Veden mit und setze dich bei Anbruch der Flut in das Schiff.
33.50 Zusammen mit Daksha sollst du dann an mich denken, Manu. Sobald du meiner gedenkst, werde ich rasch zu dir kommen; an meinem dunklen Horn wirst du mich erkennen.
33.51 Solange die drei Welten zerschlagen und vernichtet werden, werde ich das Schiff auf meinem Rücken tragen, daran besteht kein Zweifel.
33.52 Wenn die Überflutung vollständig ist, wirst du das Schiff mit jenem Seil fest an mein Horn binden.
33.53 Ist es an mein Horn gebunden, werde ich das Schiff tausend Götterjahre lang ziehen und dabei das Wasser austrocknen.
33.54 Wenn das Wasser zurückgegangen ist, werde ich das Schiff an einem hohen Gipfel des Himalaya festbinden, Manu.
33.55 Wer mich mit jenem Gebet erfreut, mit dem du mich verehrt hast, Manu, wird alle Vollkommenheit erlangen.
33.56 Markandeya sprach: Nachdem der Fisch ihm diesen Segen gewährt hatte und Manu sich vor ihm verneigt hatte, verschwand der Weltenherr, der den Welten Gnade erweist.
33.57 Als Hari verschwunden war, fertigte der ehrwürdige Svayambhuva das Schiff und das Seil nach dessen Anweisung.
33.58 Er ließ die opfergeeigneten Bäume fällen, das Holz herausarbeiten und daraus mit Beilen und weiteren Werkzeugen das Schiff bauen.
33.59 Aus den Fasern ihrer Rinde ließ Manu das Seil nach den zuvor genannten Maßen herstellen.
33.60 Nach langer Zeit kam es zu dem wunderbaren Kampf zwischen Vishnu als Opfer-Eber und Hara als Sharabha.
33.61 Als die Wasserflut eintrat und die drei Welten zerstört wurden, befestigte Manu das Schiff mit dem Seil und sammelte sämtliche Samen.
33.62 Er brachte auch die Veden und die Rishis in das Schiff, während alles Bewegliche und Unbewegliche versank. Die Zahl und der anschließende Name sind hier zu „siebzehn“ verschmolzen; aus 33.49–50 ergeben sich sieben Rishis und Daksha.
33.63 Vom Schiff aus gedachte Svayambhuva Haris in Fischgestalt. Darauf erhob sich über dem Wasser eine Gestalt wie ein Berg mit einem Gipfel.
33.64 Vishnu erschien als Fisch mit einem einzigen Horn und kam rasch dorthin, wo Manu sich mit dem Schiff befand.
33.65 Solange die gewaltige, furchtbare Wassermasse in Bewegung war, nahm er das Schiff auf seinen Rücken.
33.66 Als das Wasser sich beruhigt hatte, wurde das Seil an seinem Horn befestigt. Tausend Götterjahre lang zog er das Schiff.
33.67 Der höchste Herr selbst hielt und trug das Schiff; Yoganidra, die Welterhalterin, nahm in dem Seil ihren Sitz.
33.68 Als das Wasser nach langer Zeit allmählich austrocknete, trat der westliche, zuvor ganz versunkene Gipfel des Himalaya hervor.
33.69 Er ragte zweitausend Yojanas aus dem Wasser und glänzte schneehell; die Gesamthöhe dieses Gipfels betrug fünfzigtausend Yojanas. Die Verknüpfung beider Maßangaben ist in der Vorlage unsicher.
33.70 Hari in Fischgestalt band das Schiff an diesem Gipfel fest und ging rasch daran, die Wasser auszutrocknen. So rettete der Träger des Sharnga-Bogens die Veden in Fischgestalt.
33.73 Markandeya sprach: Durch Kapilas Fluch wurde diese außerzeitliche Auflösung bewirkt. Damit habe ich euch vollständig erklärt, warum der Erhabene diesen Untergang außerhalb der gewöhnlichen Zeit herbeiführte, ihr besten Brahmanen.
Kapitel 34
34.1 Markandeya sprach: Hört, ihr besten Brahmanen, wie nach dem außerzeitlichen Untergang die Schöpfung erneut entstand und durch wen die Erde emporgehoben wurde.
34.2 Nach der Auflösung nahm der mächtige Vishnu die Schildkrötengestalt an, hob die Erde samt ihren Bergen auf seinen Rücken und machte sie überall wieder eben wie zuvor.
34.3 Wo der Boden durch die Schritte Sharabhas, des Ebers und seiner Söhne zerrissen war, glättete die Schildkröte ihn.
34.4 Nachdem der höchste Herr die Erde wieder eben gemacht hatte, ließ er Ananta wie zuvor unter ihr ruhen und sie tragen.
34.5 Dann kamen Brahma, Vishnu und der höchste Herr Hara zusammen und sprachen zu den sieben Weisen, Svayambhuva Manu, Nara, Narayana und Daksha im Schiff.
34.6 Hört alle, ihr Weisen, Nara und Narayana, Daksha und Svayambhuva Manu, was wir euch jetzt sagen.
34.7 Die Schöpfung ist durch den Kampf des Ebers mit Sharabha zerstört worden. Hört, wie wir sie wiederherstellen sollen.
34.8 Nara und Narayana sind zur Schöpfung bereit. Sie sollen höchste Askese üben, um die Götter wieder einzusetzen.
34.9 Durch ihre Askese sollen sie die nach Janaloka gelangten Götter stärken und zurückbringen; außerdem sollen sie viele weitere Scharen hervorbringen.
34.10 Durch ihre Askese sollen Sterne, Planeten und deren Wohnstätten die Festigkeit ihres früheren Zustands zurückgewinnen.
34.11 Der erhabene Janardana selbst soll den Sonnenwagen und den Mondwagen wieder ordnen.
34.12 Du, Svayambhuva Manu, sollst auf der Erde sämtliche Samen aussäen. Möge die Erde überall mit Feldfrüchten erfüllt werden.
34.13 Lass überall Heilpflanzen, Bäume, Ranken und Schlingpflanzen wachsen, Svayambhuva, und die großen Gewächse mit ihren Früchten zur jeweiligen Jahreszeit.
34.14 Daksha soll gemeinsam mit den sieben führenden Weisen Hari durch Opfer verehren und dabei die drei aus den Körpern der Ebersöhne entstandenen Feuer speisen.
34.15 Dieses Opfer ist aus dem Leib des Ebers zur Schöpfung hervorgegangen. Durch eben dieses Opfer soll Daksha die Schöpfung ausbreiten.
34.16 Durch Nara und Narayana, die sieben Rishis, Daksha und dich, durch das Opfer und diese Feuer soll die Schöpfung im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt wieder vollständig werden.
34.17 Auch wir werden die Schöpfung nähren und uns beständig um ihr Gedeihen bemühen. Ihr aber vollzieht das Hervorbringen.
34.18 So möge die Schöpfung wieder werden wie zuvor. Zuerst bringe du jetzt die Samen zum Keimen, Manu.
34.19 Markandeya sprach: Nachdem die erhabenen Brahma, Vishnu und Shiva dies angeordnet hatten, gingen sie daran, die Berge wieder an ihre Plätze zu setzen.
34.20 Auf Meru, Mandara, Kailasa, Himalaya und den übrigen Bergen errichteten sie die jeweiligen Städte sämtlicher Götter.
34.21 Svayambhuva verließ das Schiff, betrat die Erde und säte zum allgemeinen Gedeihen die Samen aus.
34.22 Darauf entstanden Bäume, Schlingpflanzen, Ranken, Büsche und Wälder, junge Feldfrüchte, Getreide und sämtliche Heilpflanzen,
34.23 aus Samen und Stängeln treibende Gewächse, Ausläufer und Wasserpflanzen, geöffnete Blüten, Früchte, Knollen und Blätter.
34.24 Grüne Rasen entstanden zur Stärkung aller Lebewesen. Freudigen Herzens sah Manu die Erde wieder reich an Feldfrüchten und die Bäume schön begrünt wie zuvor.
34.25 Dann übten der große Yogi Nara und der einsichtsvolle Narayana höchste Askese, um die Götter wiederherzustellen.
34.26 Die beiden hervorragenden Rishis verehrten durch Askese die höchste, lichtvolle und leidfreie Wirklichkeit.
34.27 Sie brachten die Wesen und hohen Götterweisen zurück und erschufen durch ihre große Askesekraft die zuvor gestorbenen Götter, Schar für Schar, von Neuem.
34.28 Janardana selbst schuf die Gottheiten Sonne und Mond, die zehn Weltenhüter und die Bewohner der Unterwelt.
34.29 Der Unvergängliche ordnete Sonne und Mond wieder an ihren Plätzen und setzte sie wie zuvor zur Regelung von Tag und Nacht ein.
34.30 Als die Heilpflanzen, Opferbäume und Feldsamen gewachsen und die einzelnen Götter wieder entstanden waren,
34.31 begann Daksha das große Jyotishtoma-Opfer. Kashyapa, Atri, Vasishtha, Vishvamitra, Gautama, Jamadagni und Bharadvaja waren die sieben reinen Rishis dabei.
34.32 Mit diesen sieben führenden Weisen vollzog Brahmas Sohn Daksha selbst das große Opfer zwölf Jahre lang.
34.33 Während wiederholt Gaben in die drei Feuer fielen und die Brahmanen den Eber in Opfergestalt verehrten, entstanden aus dem Opfer selbst die vier Arten von Geschöpfen, ihr besten Brahmanen.
34.34 Dann wurden Daksha dreizehn heilige Töchter geboren, reich an Schönheit und Tugend, zur Schöpfung unermesslicher Nachkommenschaft bestimmt.
34.35 Daksha gab sie dem edlen Kashyapa zur Frau. Aus ihnen entstanden zahlreiche Wesen, durch die die ganze Welt erfüllt wurde.
34.36 Kashyapa wurde zum Vater all dieser Geschöpfe. Gewiss stammt die ganze Welt aus Kashyapa, ihr besten Brahmanen.
34.37 Hört nun die Namen der Töchter und aller ihrer jeweiligen Nachkommen, ihr Weisen, wie ich sie euch darlege.
34.38 Aditi, Diti, Danu, Kala, Danayu, Simhika, Muni, Krodha, Pradha, Varishtha, Vinata, Kapila und Kadru werden als Dakshas dreizehn Töchter genannt.
34.39 Daksha entstand aus dem rechten Daumen des meditierenden Brahma; deshalb heißt er unter Göttern und Menschen Daksha.
34.40 Brahmas zehn geistgeborene Söhne wurden schon genannt. Sechs von ihnen waren nach diesem Untergang der Geschöpfe als Schöpfer tätig:
34.41 Marichi, Atri, Angiras, Pulastya, Pulaha und Kratu. Marichis Sohn war Kashyapa, der die Welt gedeihen lässt.
34.42 Gerade ihm wurden von Dakshas Töchtern zahlreiche Nachkommen geboren. Vernehmt die Namen der aus seinen Gemahlinnen Hervorgegangenen.
34.43 Dhatri, Mitra, Aryaman, Shakra, Varuna, Soma, Bharga, Vivasvant, Pushan, Savitri, Tvashtri und Vishnu:
34.44 Diese zwölf Söhne Aditis heißen Adityas. Der jüngere, tugendreiche unter ihnen, der den Geschöpfen beständig Wärme spendet,
34.45 ist der als Stammvater hervorragende Sonnengott, von dem euch erzählt wird. Diti hatte hier einen einzigen Sohn, den mächtigen Hiranyakashipu.
34.46 Dessen vier Söhne waren kraftvoll und übermütig: Prahlada, Samhlada, Vashkala und Shibi.
34.47 Prahlada hatte drei Söhne: als ältesten Virochana, ferner Kumbha und den starken Nikumbha.
34.48 Virochanas Sohn war der große Bali, berühmt für seine Freigebigkeit. Balis Sohn hieß Bana und war überaus mächtig.
34.49 Dieser herrliche Gefährte Shambhus hieß auch Mahakala. Bana hatte hundert Söhne, darunter Kusumbha und Makara.
34.50 Danu hatte vierzig Söhne, mit Viprachitti an der Spitze; genannt werden Shambara, Namuchi und Puloman,
34.51 Asiloman, Keshin, Durjaya, Ayahshiras, Ashvashiras, Kshaya, Shanku und Viyanmurdhan, allesamt mächtig,
34.52 Vegavant, Ketumant, Svarbhanu, Ashva, Ashvapati, Kunda, Vrishaparvan und Ajaka,
34.53 Ashvagriva, Sukshma, Turundu, Mandala, Urdhvabahu, Ekachakra, Virupaksha, Hara und Ahara,
34.54 Niyantra, Nikumbha, Kupata, Chapatu, Sarabha, Sulabha sowie Surya und Chandramas. Mehrere Namen dieser Liste sind unsicher überliefert; die genannte Gesamtzahl wird durch die klare Aufzählung nicht erreicht.
34.55 Diese beiden Söhne Danus namens Surya und Chandramas sind andere Wesen als die hohen Götter Sonne und Mond.
34.56 Durch ihre zahlreichen Söhne, Enkel und weiteren Nachkommen, ausgestattet mit Stärke und Tatkraft, wurde die ganze Welt erfüllt.
34.57 Danayu hatte vier überaus starke Söhne: Virabhadra, Vikshara, Vatsa und Vritta.
34.58 Jeder von diesen vieren hatte wiederum hundert Söhne, ausgestattet mit Schönheit, innerer Kraft und Stärke, ihr besten Brahmanen.
34.59 Kalas Söhne wurden als Kaleyas bekannt: vier weithin berühmte, überaus starke Herren der Danavas.
34.60 Vinashana, Krodha, Krodhahantṛ und Krodhashakra werden als diese Söhne Kalas genannt.
34.61 Simhikas Sohn war Rahu, der Mond und Sonne bedrängt; ferner werden Suchandra, Chandrahantṛ und Chandravimardana genannt.
34.62 Weitere Namen der überlieferten Liste lauten Egavant, Ketumant, Aya, Surbhanu, Ashvodyapati, Krishtu, Ashtaparva und Ajusru. Die Worttrennung und mehrere Namensformen sind beschädigt.
34.63 Krodhas Söhne vollbringen grausame Taten. Simhika und Krodha sind zwei stets furchtbare Töchter; daher gilt das aus ihnen hervorgegangene Geschlecht als besonders grausam.
34.64 Muni hatte als einzigen Sohn den großen Seher Shukra, den beständigen Lehrer der Daityas, Danavas, Kaleyas und der übrigen Asuras.
34.65 Ihm wurden vier redegewandte Söhne geboren, die als Opferpriester der Asuras dienten: Tvashtri, Vara, Atri und Saukala. Die Trennung der ersten Namen ist unsicher.
34.66 Sie waren an Glanz der Sonne gleich und entfalteten ihre Kraft bis in Brahmas Welt. Durch die Nachkommenschaft der Asuras, Daityas und Kaleyas,
34.67 der Söhne Krodhas und des Sohnes Simhikas wurde die ganze bewegliche und unbewegliche Welt erfüllt.
34.68 Die Nachkommen all dieser Geschlechter wuchsen fortlaufend an. Wegen ihrer Menge könnte man sie selbst in langer Zeit nicht zählen, ihr Brahmanen.
34.69 Tarkshya, Arishtanemi, Anuru, Garuda, Aruni und Varuni gelten als Vinatas Söhne.
34.70 Shesha, König Vasuki, Takshaka, Kulika, Kurma und Sumanas werden als Kadrus Söhne genannt.
34.71 Bhimasena, Ugrasena, Suparna, Garuda, Gopati, Dhritarashtra und der mächtige Suryavarchas,
34.72 Arkadrista, Prayukta, Vishruta, Sushruta, Bhima, Chitraratha, Vikhyata, Sarvavid und Balin,
34.73 Shalishirsha, Parjanya, Kali und Narada werden als göttliche Gandharvas und Söhne Munis genannt. Dies steht neben der abweichenden Aussage über Munis einzigen Sohn in 34.64.
34.74 Anavadya, Sanuraga, Samvara, Margana, Priya, Asuya, Subhaga und Bhima gebar sie als Töchter.
34.75 Pradha empfing sie von dem tugendreichen, askesestarken Kashyapa. Vishvavasu, Suchandra, Suparna, Siddha,
34.76 Barhis, Purna, Purnanga, Brahmacharin, Ratipriya und als zehnter Bhanu werden als Pradhas Söhne genannt.
34.77 Diese göttlichen Gandharvas, stets von heiligen Merkmalen geprägt, gebar die edle Göttin Pradha dem hervorragenden Götterweisen.
34.78 Alambusha, Mishrakeshi, Gamini, Manorama, Vidyutpanna, Adharambha, Aruna, Rakshita und Atula,
34.79 Subahu, Surata, Muraja, Supriya, Vapus und Tilottama gelten als die wichtigsten Apsaras. Die Namenfolge des vorigen Verses ist stellenweise beschädigt.
34.80 Atibahu, Tumburu, Haha und Huhu gelten als die wichtigsten Gandharvas, den Göttern ebenbürtig.
34.81 Nektar, Brahmanen, Kühe, Weise und Apsaras werden als Kapilas glückverheißende und freudvolle Nachkommen bezeichnet.
34.82 Durch diese Nachkommen, die Kashyapa mit Dakshas Töchtern zeugte, wurde die ganze bewegliche und unbewegliche Welt erfüllt.
34.83 So entstanden nach dem Fall des Opfer-Ebers und seiner Umwandlung in Opfergestalt durch die drei Feuer, den edlen Svayambhuva Manu,
34.84 die sieben Weisen mit Kashyapa an der Spitze sowie Nara und Narayana die Geschöpfe erneut, nachdem die außerzeitliche Auflösung vergangen war: durch den vielgestaltigen Hari.
34.85 So entstand die Schöpfung wieder durch die Gnade Haris, der Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirkt und als Nara und Narayana erscheint.
Kapitel 35
35.1 Markandeya sprach: Hört nun weiter, ihr besten Brahmanen, wie Ishvara seinen Sharabha-Körper wieder ablegte.
35.2 Nachdem der Opfer-Eber getötet war, trat Brahma, der Stammvater der Welt, zu Sharabha und sprach besänftigende Worte zum Wohl der Welt.
35.3 Die Ausdehnung deines Körpers füllt viele Yojanas. Darum ziehe diesen die Welten erschreckenden Leib zurück.
35.4 Durch deinen Kampf sind die ganzen drei Welten zerstört worden. Selbst Janardana fürchtet sich jetzt, beim Anblick deiner Gestalt den Himmel zu betreten. Lege deshalb zum Wohl der oberen Welten diesen Körper ab.
35.5 Markandeya sprach: Als Shankara die Worte des Ältesten der Götter gehört hatte, legte er den Sharabha-Körper sogleich über dem Wasser ab.
35.6 Die acht Beine dieses vom edlen Shankara verlassenen Körpers gingen in die acht Gestalten des achtgestaltigen Gottes ein.
35.7 Das erste rechte Bein ging rasch in den Raum, das linke daneben in die Sonne, das hintere rechte in den Mond.
35.8 Das linke ging ins Feuer, das vordere rechte der Rückenbeine in die Erde, das vordere linke Rückenbein ins Wasser.
35.9 Das hintere rechte ging in den Wind, das linke in den allseits wirkenden Opferer. So gingen die acht Beine augenblicklich in seine acht Gestalten ein, jede Kraft an ihren eigenen Ort.
35.10 Der mittlere Teil des Sharabha-Körpers des edlen Shankara wurde zu Kapalin Bhairava, wildgestaltig und schwer zugänglich.
35.11 Die Träger des Schädelgelübdes opfern Fleisch zusammen mit Gehirn und Fett im Feuer; sie verehren die Gottheit mit berauschendem Getränk aus einer Brahma-Schädelschale. Die genaue Zuordnung des Schädels ist in der Vorlage mehrdeutig.
35.12 Als Opfergabe dient ihnen Menschenfleisch, als Getränk Blut; beim Opfer beenden sie das Fasten mit Alkohol und tragen auffällige Schädelzier.
35.13 Sie tragen Tigerfell, unrein und in drei Falten gelegt. So handeln nach der hier gegebenen Beschreibung die Träger des Schädelgelübdes beständig.
35.14 Ihre stets zu verehrende Gottheit ist Kapalin Bhairava, der Bhairava der Verbrennungsstätte, auch Mahabhairava genannt.
35.15 Er leuchtet wie die aufgehende Sonne, erstrahlt mit achtzehn Armen und hat rote Augen. Beständig ist er von Scharen weiblicher Mächte umgeben,
35.16 mit Kali und Prachanda an der Spitze, und spielt mit ihnen. Er verzehrt frisch verbranntes Menschenfleisch; die abschließende Beschreibung seiner Arme ist sprachlich beschädigt.
35.17 Er nährt sich von Blut und Resten und sitzt auf einem Leichnam, mit breitem Gesicht, hängender Lippe und kurzen, kräftigen Füßen. Er ist spielerisch und laut; wegen seines schallenden Lachens heißt er Bhairava. Einzelne Bezeichnungen sind unsicher.
35.18 So nahm der starkarmige Mahadeva durch den mittleren Sharabha-Leib die Gestalt Mahabhairavas und dessen Wirken an.
35.19 Dann begab sich dieser Gott zu Haras Pramathas. Als Bhairava spielt er gemeinsam mit den Scharen im Luftraum.
35.20 Noch heute wird der Gott Mahabhairava von den Menschen der Welt verehrt und bewirkt die Erfüllung ihrer ersehnten Wünsche.
35.21 Wer Bhairava am vierzehnten Tag der hellen Hälfte des Chaitra auch nur einmal mit Honig, berauschendem Trank, Milch, Früchten, Fleisch, Fisch und Blut verehrt,
35.22 erfüllt nach der Verheißung des Textes alle Wünsche, genießt die ersehnten Freuden und gelangt schließlich auf einem herrlichen Stier zu Shambhus Wohnstatt.
35.23 Damit habe ich euch alles erzählt, wonach ihr besten Brahmanen mich gefragt habt. Fragt mich nun, was ihr darüber hinaus hören möchtet.
Kapitel 36
36.1 Die Rishis sprachen: Wie wurde jener mächtige Sohn des Ebers namens Naraka von Asura-Wesen, obwohl er Sohn eines Gottes und einer Göttin war?
36.2 Wie erhielt er ein langes Leben? Warum blieb er so lange im Leib der Erde, und wo wurde dieser Mächtige geboren?
36.3 Wie wurde er König der Asuras, und wie hieß seine Stadt? Man hört, er sei aus der Vereinigung des Ebers mit der Erde während ihrer Unreinheit hervorgegangen.
36.4 Wie verhielt sich dies, du hervorragender Weiser? Erzähle uns auf unsere Fragen alles vollständig.
36.5 Du bist unser Lehrer und Unterweiser und hast alles unmittelbar geschaut. Wie erlangte er seinen Segen von dem mächtigen Brahma?
36.6 Markandeya sprach: Hört alle, ihr Weisen, die Antwort auf eure Fragen: wie Naraka, der große Asura und Sohn der Erde, entstand.
36.7 Weil der Samen des Ebers in den Leib der menstruierenden Erde gelangte, wurde er trotz seiner göttlichen Abstammung ein Asura.
36.8 Brahma und die übrigen Götter erkannten den großen Helden im Mutterleib, den unbezwingbaren Sohn des Ebers von gewaltiger Kraft und Tapferkeit.
36.9 Deshalb hielten sie ihn durch ihre Macht lange und fest im Mutterleib zurück, sodass er selbst zur rechten Geburtszeit nicht geboren wurde.
36.10 Als der Eber mit seinen Söhnen die Körper abgelegt hatte, wurde die Erde, die Trägerin der Welt, von tiefstem Schmerz verbrannt.
36.11 Von Trauer überwältigt, klagte sie lange und immer wieder. Erst durch Madhavas Zuspruch fand sie zu ihrer Fassung zurück.
36.12 Doch als trotz erreichter Geburtszeit die durch Götterkraft zurückgehaltene Leibesfrucht nicht geboren wurde, litt die Erde schwer.
36.13 Sie trug eine harte Leibesfrucht. Als die Göttin die Last nicht mehr tragen konnte, suchte sie beim Gott Madhava Zuflucht.
36.14 Sie trat zu Madhava, dem Weltenherrn und Zufluchtspender, verneigte ihr Haupt und sprach.
36.15 Die Erde sprach: Verehrung dir, unoffenbare Gestalt der Welt, Ursache der Ursachen, jenseits von Urnatur und Purusha, dessen Wesen Erhaltung, Entstehung und Auflösung ist!
36.16 Du ordnest die Welt, empfängst die mit Svaha dargebrachten Opfergaben und bist das selige Selbst der Weltfreude, erhabener Weltenherr.
36.17 Du bist der Lenkende und das Gelenkte, strahlender, unvergänglicher Vishnu. Verehrung dir, Welterhalter, Wohnstatt der drei Welten und Schöpfer des Alls!
36.18 Du erhältst und befestigst beständig die Ordnung. Als diese Ordnung selbst verehre ich dich, Weltenherr. Ein Wort des ersten Halbverses ist unsicher.
36.19 Du bist Madhava, der Hervorragende, Begehren, Wohnstatt des Begehrens und Auflösung, Ursache von Geburt und Vergehen und Grund des Schutzes, du Herr.
36.20 Wasser kann dich nicht durchnässen, Hitze dich nicht erhitzen, Kälte dich nicht erkalten lassen. Dir immer wieder Verehrung!
36.21 Das Meer kann dich nicht überfluten, Feuer dich nicht austrocknen, Yama dich nicht dem Tod unterwerfen. Dir immer wieder Verehrung!
36.22 Dein Wesen wird von den durch Übung erschöpften Yogis im Bewusstsein gehalten. Die weitere Wendung über Irrwege und Meditation ist beschädigt. Du, dessen ewige Gestalt sie suchen, rette die Erde, die Schutz begehrt.
36.23 Markandeya sprach: So von der Welterhalterin gepriesen, erschien Hrishikesha und sprach zu der niedergeschlagenen Erde.
36.24 Der Erhabene sprach: Warum bist du betrübt, Göttin Erde, und klagst? Welche Bedrängnis trifft dich? Ich möchte sie erfahren.
36.25 Dein Gesicht ist ausgetrocknet, dein Körper ohne Glanz. Deine Augen sind unruhig, und das lebendige Spiel deiner Brauen fehlt.
36.26 Noch nie habe ich dich so gesehen. Sage mir den Grund deines Leides und dieser Veränderung deiner Erscheinung.
36.27 Als die Göttin Erde Madhavas Worte gehört hatte, neigte sie sich demütig und antwortete mit stockender Stimme.
36.28 Die Erde sprach: Madhava, ich kann die Last der Schwangerschaft nicht mehr tragen. Ich leide beständig schwer; darum rette mich.
36.29 In Ebergestalt hast du dich einst mit mir vereinigt, als ich unrein war. Die Leibesfrucht, die du dabei in meinen Bauch gelegt hast,
36.30 wird trotz erreichter Geburtszeit nicht geboren, Madhava. Mit dieser harten Frucht in mir werde ich Tag für Tag gequält.
36.31 Wenn du mich nicht von diesem Schwangerschaftsleid befreist, Gott und Weltenherr, werde ich gewiss bald dem Tod verfallen.
36.32 Niemals zuvor hat jemand eine solche Leibesfrucht getragen, Madhava. Sie erschüttert mich, die sonst Unbewegliche, wie ein Elefant einen See aufwühlt.
36.33 Hari, der Herr der Erde, hörte ihre Worte und antwortete ihr erquickend, als belebte er eine von Hitze versengte Ranke.
36.34 Der Erhabene sprach: Erde, dein großes Leid wird nicht lange dauern. Höre, warum du dies erfahren hast.
36.35 Die Leibesfrucht aus jener Vereinigung während deiner Unreinheit besitzt Asura-Wesen und ist furchtbar, obwohl sie göttlicher Abstammung ist. Die Vaterbezeichnung ist in der Vorlage beschädigt.
36.36 Brahma und die anderen erkannten die Beschaffenheit dieser Leibesfrucht und hielten sie schon zuvor mit göttlichen Kräften in deinem Bauch fest.
36.37 Würde dir ein solcher Sohn gleich zu Beginn der Schöpfung geboren, würde er alle drei Welten samt Göttern und Asuras ins Verderben stürzen.
36.38 Darum erkannten Brahma und die anderen Götter seine Kraft und Tapferkeit und hielten deine Leibesfrucht am Beginn der Schöpfung zum Wohl der Welt zurück.
36.39 Im achtundzwanzigsten Zyklus der vier Weltalter seit der ersten Schöpfung wirst du zur Mitte des Treta-Yuga deinen Sohn gebären.
36.40 Bis das Satya-Yuga und die Hälfte des Treta-Yuga vergangen sind, trage diese große Leibesfrucht, Schönangesichtige. Diesen Zeitpunkt habe ich dir bestimmt.
36.41 Doch bis zur Geburt deiner furchtbaren Leibesfrucht wirst du, Welterhalterin, keine Schwangerschaftsschmerzen mehr erleiden.
36.42 Markandeya sprach: Nach diesen Worten berührte der erhabene Vishnu seine geliebte, von der Schwangerschaft schwer gequälte Erde mit der Spitze seiner Muschel am Nabel.
36.43 Von Vishnu berührt, empfand sie ihren Körper als leicht. Auch die Leibesfrucht wurde leicht, was ihr große Erleichterung schenkte.
36.44 Obwohl sie die Frucht weiterhin trug, wurde die Weltenmutter so froh und unbeschwert wie eine nicht schwangere Frau.
36.45 Darauf beruhigte der Erhabene die Erde erneut mit vielen freundlichen Worten und sagte:
36.46 Der Erhabene sprach: Welterhalterin von großer Kraft, du bist Festigkeit und tragendes Wesen. Weil du alles trägst, wirst du Dhatri, „Trägerin“, genannt.
36.47 Du heißt Kshama, weil du die Welt zu tragen vermagst und geduldig bist; Vasumati, „die Reichtum besitzt“, weil aller Reichtum in dir ruht.
36.48 Lass daher deinen Schmerz los. Wenn dein Sohn geboren wird, denke an mich, Göttin. Ich werde deinen Sohn behüten.
36.49 Erde, offenbare dieses Geheimnis nirgendwo. Was ich dir gesagt habe, ist ein höchstes Geheimnis.
36.50 Deine Leibesfrucht wird in der Mitte des Treta-Yuga geboren werden, Edle, nachdem der Held Ravana von dem Rama Genannten getötet worden ist.
36.51 Markandeya sprach: Nachdem Vishnu dies gesagt und die vom Gewicht ihrer Leibesfrucht gequälte Göttin Erde unterwiesen hatte, verschwand er dort.
36.52 Die Erde aber war wieder wohlauf, schlank, leicht und voller Kraft. In großer Freude ging die Göttin davon, als wäre sie nicht schwanger.
Kapitel 37
37.1 Markandeya sprach: Nach langer Zeit, ihr besten Brahmanen, herrschte im Land Videha ein mächtiger König namens Janaka.
37.2 Er besaß alle königlichen Tugenden, war in der Staatskunst erfahren, wahrhaftig, gesittet, tüchtig, den Brahmanen zugewandt, beherrscht und rein.
37.3 Stets widmete er sich der Verehrung von Göttern, Brahmanen und Lehrern und behütete alle Menschen wie ein Vater.
37.4 Als ihm auch nach Ablauf der angemessenen Zeit kein Sohn geboren war, wurde er bedrückt und versank in sorgenvollen Gedanken.
37.5 Eines Tages hörte der König aus Naradas Mund: Der große, schon alte König Dasharatha war kinderlos gewesen,
37.6 doch durch ein Opfer hatte der Einsichtsvolle überaus kraftvolle Söhne erlangt. In Ayodhya hatten die Weisen mit Rishyashringa an der Spitze
37.7 die Opfer vollzogen, durch die der König seine Söhne Rama, Bharata, Shatrughna und Lakshmana gewann,
37.8 kraftvolle Helden, glückverheißend wie Götterkinder. Als König Janaka dies hörte, ging er in seine inneren Gemächer und beriet sich mit seinen Frauen über ein Opfer zur Geburt von Söhnen.
37.9 Nachdem er sich mit seinen vier Frauen, angefangen mit der Hauptkönigin, beraten hatte, ließ er sich für das Opfer weihen.
37.10 Er bestellte den hervorragenden Weisen Gautama als Hauspriester und dessen Sohn Shatananda und vollzog mit ihnen das Opfer.
37.11 Auf dem Opferplatz wurden ihm zwei schöne Söhne zuteil und eine tugendhafte, glückverheißende Tochter, die im Erdinneren verborgen gewesen war.
37.12 Auf Naradas Rat durchpflügte der König selbst mit einem Pflug den Opferboden bis zur Grenze des Opfergeländes.
37.13 In der so entstandenen Furche fand er eine glückverheißende Tochter, ausgestattet mit allen günstigen Merkmalen, und nahm sie voller Freude an sich.
37.14 Kaum war sie erschienen, sprach die Erde selbst, unsichtbar bleibend, zu Gautama, Narada und dem König.
37.15 Die Erde sprach: Diese liebliche Tochter habe ich dir gegeben, König. Nimm die Glückverheißende an, die zwei Familien Heil bringen wird.
37.16 Durch sie als entscheidende Ursache wird meine große Last schwinden, und ich werde von der furchtbaren Bedrängnis durch diese Last frei werden.
37.17 Die mächtigen Helden Ravana, Kumbhakarna und die übrigen schwer bezwingbaren Rakshasas werden ihretwegen zugrunde gehen.
37.18 Du wirst unübertreffliche Freude an deiner Tochter gewinnen und deine Schuld gegenüber Göttern und Ahnen begleichen.
37.19 Doch eine Vereinbarung sollst du mit mir treffen, bester Mann. Ich werde sie dir vor Narada und Gautama nennen.
37.20 Wenn der Held Ravana getötet ist und ich von der Bedrückung meiner Last frei bin, werde ich glücklich auf deinem Opferplatz einen guten Sohn gebären.
37.21 Diesen sollst du wie deinen eigenen Sohn aufziehen, bester König, bis er seine Kindheit hinter sich hat.
37.22 Danach werde ich ihn selbst behüten, König. Sorge dafür, dass er eine menschliche Gesinnung entwickelt.
37.23 Markandeya sprach: König Janaka hörte die Worte der Erde, verneigte sich voller Freude und antwortete ihr freundlich.
37.24 Der König sprach: Was du sagst, Welterhalterin, werde ich erfüllen. Gewähre auch mir meinen Wunsch und sei gnädig, höchste Göttin.
37.25 Ich möchte deine Gestalt unmittelbar sehen, Göttin. Du bist die Kraft und Mutter der Welt. Ich verneige mich vor dir; sei mir gnädig.
37.26 Als die Erde Janakas Worte hörte, zeigte sie dem König in Gegenwart der Weisen ihre Gestalt.
37.27 Sie war dunkel wie die Blütenblätter einer blauen Wasserlilie und hielt Gebetskette und Lotus mit zwei leuchtenden, langen Armen, schön wie Lotusstängel. Beim Anblick der schönen Welterhalterin verneigte sich der König immer wieder.
37.28 Die Göttin Erde berührte Sita, die nun Königstochter geworden war, wiederholt mit der Hand und sprach:
37.29 Diese Weltenmutter wird als deine Tochter menschliches Wesen annehmen, bester König. Halte deine Vereinbarung ein.
37.30 Markandeya sprach: Nach diesen Worten an König Janaka verabschiedete die Göttin Erde sich von Narada und den anderen und verschwand dort.
37.31 Janaka hatte die mit allen günstigen Merkmalen ausgestattete Tochter und die beiden Söhne gewonnen und kehrte froh in sein Haus zurück.
37.32 Als später die rechte Zeit gekommen und der Rakshasa Ravana vom mächtigen Vishnu in menschlicher Gestalt getötet worden war,
37.33 ging die Erde zum Opferplatz des Königs von Videha und gebar dort einen heldenhaften Sohn, wo zuvor Sita erschienen war.
37.34 Nach der Geburt des Sohnes gedachte die Welterhalterin zur rechten Zeit Vishnus, des Weltenherrn, und erinnerte sich an seine frühere Zusage.
37.35 Kaum hatte sie seiner gedacht, hielt der Gott sein Versprechen und erschien dort, wo der Sohn der Erde geboren war.
37.36 Die Göttin verneigte sich vor dem erschienenen höchsten Herrn, pries ihn mit freundlichen Worten und sprach:
37.37 Die Erde sprach: Dies ist dein neugeborener Sohn, zart und von großem Glanz. Denke an deine frühere Zusage und beschütze ihn.
37.38 Der Erhabene sprach: Göttin, dein Sohn wird von großer Kraft und Tapferkeit sein, einsichtsvoll und lange Zeit menschliche Gesinnung bewahren.
37.39 Solange er diese menschliche Gesinnung pflegt, wird er Wohlergehen erfahren und lange herrschen.
37.40 Wenn er aber das menschliche Wesen aufgibt und entsprechend handelt, wird ihm kein langes Leben mehr bleiben.
37.41 Mit sechzehn Jahren wird er ein Königreich erlangen, reich an Besitz, Juwelen, Elefanten und Wagen. Als Held wird er große Herrlichkeit gewinnen und genießen.
37.42 Sorge dafür, dass er jeweils die Gesinnung annimmt, die den Menschen des betreffenden Zeitalters entspricht.
37.43 Sein Königreich wird die Stadt Pragjyotisha sein; dort wird dein Sohn lange als Herrscher regieren.
37.44 Markandeya sprach: Nachdem Vishnu dies zur Erde gesagt hatte, verschwand der Weltenherr rasch vor ihren Augen.
37.45 Die Erde hatte ihren strahlenden Sohn um Mitternacht geboren. Nun ließ sie Janaka von dem früher vereinbarten Geheimnis wissen.
37.46 Der König von Videha erfuhr, dass die Erde ihren Sohn geboren hatte, und ging nach den nötigen Vorbereitungen noch in der Nacht zum Opferplatz.
37.47 Als die alles tragende Erde den König dorthin kommen sah, verschwand sie, ohne ihm noch etwas zu sagen.
37.48 Der Herrscher von Videha kam an und sah den Sohn auf dem Erdboden liegen, leuchtend wie Mond, Sonne und Feuer.
37.49 Er weinte immer wieder, war anmutig und bewegte Hände und Füße. Wohlgestaltet und von Herrlichkeit strahlend glich er einem zweiten Karttikeya.
37.50 Der strahlende Säugling bewegte sich weinend auf dem Rücken über die Grenze des Opferplatzes hinaus und gelangte rasch ein Stück weiter.
37.51 Dort erreichte er den Schädel eines verstorbenen Menschen, legte seinen eigenen Kopf darauf und blieb einen Augenblick weinend liegen.
37.52 Der König von Videha suchte nach dem Sohn der Erde, überschritt die Grenze des Opferplatzes und fand ihn draußen.
37.53 Er sah das Kind, glühend wie Feuer, an Schönheit dem Mond und an Strahlkraft der Sonne gleich.
37.54 Der König erinnerte sich an die Vereinbarung mit der Erde und nahm es selbst auf, wie Agni einst seinen Sohn im Schilf aufgenommen hatte.
37.55 Beim Aufheben sah er den Menschenschädel unter dem Kopf des Kindes. Bald berichtete er Gautama davon.
37.56 Er nahm das Kind mit in seine inneren Gemächer und erzählte der Hauptkönigin von dem gefundenen Sohn, der Guha glich.
37.57 Sie sah seine großen Augen, löwengleichen Schultern, mächtigen Arme, breite Brust und die schöne Hautfarbe einer blauen Wasserlilie. Freudig sagte sie zum König: Diesen will ich aufziehen.
37.58 Der König antwortete: Dieser ist mein Sohn, Schöne, auf dem Opferplatz hervorgegangen. Ziehe ihn nach deinem Herzen auf.
37.59 Was die Erde ihm im Geheimen gesagt hatte, teilte der wahrhaftige König seiner Gemahlin nicht mit, obwohl sie ihm lieb war.
37.60 Der König freute sich: Diese Erde wird die Geschlechter meiner Söhne und Töchter behüten. Auch die Königin freute sich über den einem Göttersohn gleichen Knaben. Der Schluss des Verses beschreibt königliche Freude und Sieg über Feinde, ist aber sprachlich beschädigt.
Kapitel 38
Der Abschnitt zwischen 7 und 9 steht ohne Nummer und wird hier als 38.8u bezeichnet. Die Vorlage schreibt 177 an der Stelle von 17; diese Originalnummer bleibt erhalten.
38.1 Markandeya sprach: Der König ließ den großen Rishi Gautama die menschlichen Lebensriten für das Kind vollziehen.
38.2 Weil es seinen Kopf auf den Kopf eines Menschen gelegt hatte, gab der hervorragende Weise ihm den Namen Naraka.
38.3 Auch die weiteren Kindheitsriten bis zum ersten Bartschneiden vollzog der Weise nach der Kshatriya-Ordnung mit Sprüchen aus Rigveda, Yajurveda und Samaveda.
38.4 Der Erdsohn Naraka wuchs im Haus des Königs heran und gewann täglich an Glanz wie der Mond im Herbst.
38.5 Der König gewöhnte ihn beständig an menschliche Gesinnung. Durch Gautamas weisen Sohn Shatananda ließ er ihn in menschlichem Verhalten und in den Pflichten eines Kshatriya unterweisen.
38.6 Auch die Göttin Erde vermittelte ihrem Sohn in der Gestalt einer Amme beständig gutes menschliches Verhalten.
38.7 Sogleich nach seiner Geburt hatte die Erde selbst durch ihre Maya menschliche Gestalt angenommen und die inneren Gemächer des Königs betreten.
38.8u Mit Zustimmung des Königs wurde die Göttin dort seine Amme, in der Gestalt Katyayanis, ihr besten Brahmanen. Dieser Abschnitt steht in der Vorlage ohne Versnummer.
38.9 Bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr zog sie den Knaben selbst auf und lehrte ihn gutes Benehmen.
38.10 Naraka, der Sohn der Erde, wuchs Tag für Tag und übertraf alle Söhne des edlen Janaka.
38.11 An Körperkraft, Tapferkeit, Schönheit und Stärke sowie im Gebrauch von Bogen und Keule übertraf der Held die Königssöhne.
38.12 Mit sechzehn Jahren war er in gelehrten Erörterungen und in der Bogenkunst erfahren und für andere Helden schwer zu bezwingen.
38.13 Der König von Videha sah seine große Kraft und Tapferkeit und die geringeren Fähigkeiten seiner eigenen Söhne. Darüber war er nicht sehr erfreut.
38.14 Er dachte: Wenn die Zeit gekommen ist, wird dieser große Held meine Söhne verdrängen und mein Königreich an sich nehmen.
38.15 Wenn der König sich in den inneren Gemächern mit allen Söhnen vergnügte, empfand er deshalb beim Anblick Narakas keine besondere Freude.
38.16 Die Göttin Erde bemerkte diese Haltung des Königs. Auch die Hauptkönigin wunderte sich über sein Verhalten.
38.177 Eines Tages fragte die Hauptkönigin den edlen Janaka, ihren Gemahl und trefflichen König von Videha.
38.18 Die Königin sprach: Herr, ich möchte dich etwas fragen. Wenn es kein Geheimnis ist und du mir gewogen bist, sage es mir.
38.19 Wenn alle Söhne vor dir spielen, wirkst du beim Anblick Narakas betrübt.
38.20 Darüber wundere ich mich Tag und Nacht immer mehr. Zweifel und Angst lassen mich nicht los.
38.21 Dieser dein Sohn ist schön, tapfer und mächtig, geschickt in Lebensordnung und Disziplin und von klarem Verstand.
38.22 Warum schenkst du diesem für andere unbezwingbaren Sohn keine Anerkennung? Das möchte ich wissen; sage mir die Wahrheit.
38.23 Markandeya sprach: Der König hörte die Worte seiner geliebten Frau, schwieg einen Augenblick und antwortete ihr.
38.24 Der König sprach: Geliebte, ich werde dir die Wahrheit über deine Frage sagen, wenn drei Monate vergangen sind. Warte diese Zeit ab.
38.25 Hier besteht eine geheime Vereinbarung zwischen mir und einer Gottheit. Darum werde ich dir dieses Geheimnis jetzt noch nicht mitteilen.
38.26 Markandeya sprach: Die Erde in menschlicher Ammengestalt befand sich in der Nähe und hörte dieses Gespräch des Königs mit seiner Frau.
38.27 Sie hörte, wie der König der Königin eine Frist von drei Monaten setzte,
38.28 und bemerkte seine derzeitige Sorge wegen Narakas. Sie dachte: Nach diesen drei Monaten wird mein Sohn sechzehn Jahre alt sein.
38.29 Dann wird der König der Hauptkönigin das Geheimnis erzählen, und meine verborgene Geschichte wird bekannt werden.
38.30 So überlegte die Welterhalterin, entschied, was für ihren Sohn zu tun sei, und handelte zur rechten Zeit.
38.31 Die ruhmreiche Göttin trat in einer vertraulichen Unterredung vor den König und Gautama und sprach um ihres Sohnes willen.
38.32 Die Erde sprach: Makelloser, du hast die mit mir getroffene Vereinbarung eingehalten und meinen Sohn Naraka wohlerzogen aufgezogen.
38.33 Er ist nun jung erwachsen und von dir in rechter Ordnung unterwiesen. Durch deine Gnade ist mein Sohn glücklich in deinem Haus herangewachsen.
38.34 Nach unserer früheren Vereinbarung werde ich ihn jetzt mitnehmen. Gib deine Zustimmung zu Narakas Fortgang. Heil sei dir!
38.35 Du und dein Hauspriester sollt die Vereinbarung weiterhin wahren. Ich werde ihn unbemerkt fortführen; gräme dich nicht, König.
38.36 Markandeya sprach: Nach diesen Worten an den König von Videha verschwand die Welterhalterin vor ihren Augen.
38.37 Der König hatte ihren Worten zugestimmt und kehrte gemeinsam mit seinem Hauspriester an seinen Platz zurück. Die Ortswendung ist in der Vorlage gestört.
38.38 Eines Tages sprach die Göttin Erde in ihrer menschlichen Ammengestalt leise zu Naraka.
38.39 Starkarmiger, ich möchte mit dir zur Ganga gehen. Wenn du mitkommst, mein Sohn, werde ich noch heute mit dem Wagen aufbrechen.
38.40 Naraka sprach: Mutter, ohne die Erlaubnis meines Vaters werde ich nicht mit dir gehen. Nach seiner Zustimmung fahre ich mit dir zur Ganga.
38.41 Ich werde den großen König sowie meinen Lehrer, den hervorragenden Brahmanen Shatananda, um Erlaubnis bitten und dann deinen Wunsch erfüllen.
38.42 Die Amme sprach: Dieser Janaka ist nicht dein Vater. Dein Vater ist der Herr der ganzen Welt. Gehe mit mir zur Ganga und sieh ihn dort.
38.43 Dieser ist nur dein Pflegevater und wird dir sein Königreich nicht geben. Suche den auf, der dich wirklich fördern wird, mein Sohn.
38.44 Das ganze Geheimnis werde ich dir erst an der Ganga erzählen, mein Sohn. Andernfalls würde es hier vorzeitig enthüllt.
38.45 Markandeya sprach: Naraka vertraute den Worten der Amme, verzichtete auf einen Wagen und ging mit ihr zu Fuß zur Ganga.
38.46 Dort angekommen, ließ die Erde ihren Sohn nach der vorgeschriebenen Ordnung baden und zeigte ihm dann ihre eigene Gestalt.
38.47 Die Weltenmutter legte die durch Maya angenommene menschliche Gestalt ab und offenbarte sich dunkel wie eine blaue Wasserlilie, mit allen glückverheißenden Merkmalen,
38.48 an allen Gliedern schön, anmutig und mit vielerlei Schmuck geziert. So zeigte sich Vasundhara ihrem Sohn Naraka.
38.49 Dann erzählte sie ihm die frühere Geschichte, damit er Vertrauen gewann.
38.50 Die Erde sprach: Mein Sohn, als du Tag für Tag in meinem Leib heranwuchsest, erkannten Brahma und die anderen Götter dich.
38.51 Sie dachten: Dieser Sohn des edlen Vishnu ist von der Erde während ihrer Unreinheit empfangen worden. Er wird Asura-Wesen annehmen und uns alle töten.
38.52 Voller Sorge hielten die Götter einen verhängnisvollen Rat: Dieser soll nicht geboren werden; er soll für immer im Mutterleib bleiben.
38.53 Durch diesen Entschluss der Götter bliebst du viele Weltalter leidend in meinem Leib, mein Sohn.
38.54 Unter deiner Last war ich dem Tod nahe. Deshalb suchte ich beim ewigen Erhabenen Zuflucht.
38.55 Auf Narayanas Wort hin wurdest du schließlich geboren. Erkenne meine Worte als gewiss und wahr, mein Sohn.
38.56 Markandeya sprach: Noch bevor ihr Sohn sich von seinem Staunen erholt hatte, erzählte die Göttin weiter.
38.57 Sie berichtete, wie sie ihn auf dem Opferplatz des Königs von Videha geboren hatte und welche Vereinbarung mit diesem König bestand,
38.58 wie sie in menschlicher Gestalt seine Amme geworden war: All dies erklärte sie dem edlen Naraka.
38.59 Nachdem er ihre Worte gehört hatte, blieben ihm noch geringe Zweifel, und er sprach erneut zur Erde.
38.60 Naraka sprach: Wenn Vishnu mein Vater ist und du, glückverheißende Erde, meine Mutter bist, dann möge der Weltenherr selbst kommen, um dies zu bestätigen.
38.61 Wenn der unvergängliche Herr aller Welten mir selbst sagt: „Ich bin dein Vater, und diese ist deine Mutter“, dann werde ich es glauben, Glückverheißende.
38.62 Du hast mich in menschlicher Ammengestalt aufgezogen. Wenn du diese Göttin bist, möchte ich auch jene frühere Gestalt wiedersehen.
38.63 Die Erde sprach: Ich bin deine Mutter, mein Lieber, und kenne dich als meinen Sohn. Ich bin die Erde, die Trägerin der Welt; meine andere Gestalt besteht aus Erdstoff.
38.64 Dein Vater, Starkarmiger, ist der unvergängliche Herr Narayana, Achyuta, der edle Welterhalter in Ebergestalt.
38.65 Er legte dich in meinen Leib, in dem du lange wohntest. Zur festgesetzten Zeit wurdest du geboren und hier vom König aufgezogen.
38.66 Markandeya sprach: Als der Bogenträger Naraka dies hörte, wurde er von Freude und Trauer bewegt und sagte zur Göttin Erde:
38.67 Naraka sprach: Früher kannte ich dich nicht als Mutter; nun sprichst du so zu mir. Auch dass Vishnu mein Vater sei, wusste ich nicht. Die erste Vershälfte ist beschädigt.
38.68 Als Vater kenne ich den König von Videha, als Mutter seine Frau namens Sumati.
38.69 Alle seine Söhne sind meine Brüder, die glückverheißende Sita meine Schwester. Die Welt kennt Sumati als meine Mutter.
38.70 Meine Amme ist Katyayani, deren Gestalt du eben angenommen hattest. All dies hast du nun für unwahr erklärt. Sage mir wahrhaftig, wie ich dein Sohn bin.
38.71 Markandeya sprach: Die alles tragende Erde hörte die Worte ihres Sohnes und erzählte ihm noch einmal die ganze frühere Geschichte:
38.72 wie die Vereinigung mit dem Eber während ihrer Unreinheit geschehen war und aus welchem Grund die Götter ihn im Mutterleib zurückgehalten hatten;
38.73 wie sie, vom Schwangerschaftsleid bedrängt, bei Madhava Zuflucht gesucht hatte und wie seine Zusage und die Vereinbarung mit Janaka zustande gekommen waren.
38.74 Die Rishis sprachen: Warum bestimmte der mächtige Vishnu als Zeitpunkt die Tötung des Helden Ravana durch den edlen Rama?
38.75 Warum sagte er: „Dann wird dein Sohn gewiss geboren werden“? Zerstreue diese Zweifel, Lehrer, der du uns stets unterweist.
38.76 Markandeya sprach: Unter der Last Ravanas und der anderen Fleischverzehrer war die Erde fünf Yojanas tief gesunken, ihr besten Brahmanen.
38.77 Der aus der Kraft des Ebers in ihrem Leib entstandene Sohn würde ebenfalls ein großer König wie der zehnköpfige Ravana werden.
38.78 Damit die Erde nicht unter beiden Lasten noch tiefer sänke, legte Vishnu seine Geburt auf die Zeit nach Ravanas Tod fest, um ihre Bürde zu erleichtern.
38.79 Naraka sprach: Wenn ich deine frühere Gestalt sehe und das Wort des Weltenlehrers höre, werde ich vertrauen und deine Vereinbarung einhalten, Edle. Der Sprecherwechsel ist in der Vorlage nicht ausdrücklich markiert.
38.80 Die Erde hörte ihren Sohn und nahm zunächst vor ihm wieder die durch Maya geschaffene menschliche Gestalt an.
38.81 Sie legte ihre Erdgestalt ab und wurde wieder Katyayani, in deren Gestalt Naraka aufgezogen worden war.
38.82 Als Naraka die Amme Katyayani sah, fragte er sie nach den früheren Ereignissen im Königspalast.
38.83 Sie erzählte ihm genau, wie er aufgezogen worden war und was einst im Haus König Janakas geschehen war.
38.84 Dadurch gewann Naraka Vertrauen. Die Erde nahm darauf wieder ihre eigene göttliche Gestalt an.
38.85 Nun gedachte sie nach der früheren Vereinbarung des Weltenherrn Hari und verneigte wiederholt ihr Haupt.
38.86 Kaum hatte die Erde seiner gedacht, erschien Madhava mit dem Garuda-Banner, der gnädige Herr der Welten, unmittelbar vor ihr.
38.87 Sie sah den Gott auf Garuda, dunkel wie eine blaue Wasserlilie, mit Muschel, Diskus und Keule,
38.88 in gelbem Gewand, mit dem Shrivatsa-Zeichen auf der Brust, den unvergänglichen Weltenherrn. Voller Hingabe verneigte sie sich und berührte mit dem Haupt die Erde.
38.89 Höchster Herr, Weltenherr, Ursache aller Weltursachen, sei gnädig! So sprach die Weltenmutter.
38.90 Naraka aber schloss beim Anblick Haris beide Augen, überwältigt von dessen Licht, und setzte sich auf den Boden.
38.91 Als ihr Sohn Naraka so dasaß, bat die schöne Göttin um seinetwillen den Herrn um Gnade.
38.92 Von der Erde gnädig gestimmt, berührte der unvergängliche Narayana seinen Sohn Naraka mit der Spitze seiner Muschel.
38.93 Durch Haris Berührung gewann Naraka klare Schau und wurde froh, tatkräftig und stark.
38.94 Er erhob sich und verneigte sich wiederholt voller Hingabe vor Hari, Narayana und Govinda, mit allen acht Gliedern auf der Erde.
38.95 Nun überzeugt, verneigte sich der Held auch in höchster Hingabe vor der edlen Göttin Erde.
38.96 Mit gefalteten Händen stand er vor ihnen und sagte aus Ehrfurcht nichts. Die Erde bat Madhava für ihn.
38.97 Sei gnädig, Gott der Götter, und halte deine Zusage ein! Du hast mir diesen Sohn gegeben, Weltenherr. Erfülle, was du für ihn versprochen hast.
38.98 Der Erhabene sprach: Alles, worum du mich einst für deinen guten Sohn gebeten hast, ist dir gewährt. Auch ein Königreich habe ich deinem Sohn gegeben.
38.99 Nach diesen Worten nahm Vishnu Naraka mit sich und tauchte gemeinsam mit der Erde in die Ganga ein.
38.100 In einem Augenblick gelangten sie durch das Untertauchen nach Pragjyotisha mitten in Kamarupa, wo Kamakhya die herrschende Göttin ist.
38.101 Dieses Gebiet war zuvor von Shambhu für seine Herrschaft bestimmt worden und von starken Kiratas bewohnt, die der Text als wild und unwissend beschreibt. Das Verb über Shambhu ist beschädigt.
38.102 Die Kiratas werden als goldenen Säulen gleich, ohne Erkenntnis, mit ungewöhnlich geschorenem Haar und vorwiegend dem Genuss von Alkohol und Fleisch ergeben geschildert.
38.103 Vishnu sah, wie sie bei seinem Anblick zornig wurden, ihr besten Brahmanen. Ihr mächtiger Herrscher hieß Ghataka, golden leuchtend wie eine Säule und wie loderndes Feuer.
38.104 Voller Zorn näherte er sich mit einem großen viergliedrigen Heer dem Weltenherrn und dem mächtigen Naraka.
38.105 Der Kirata-König Ghataka griff mit seinen Kriegern an und überschüttete den unvergänglichen Herrn mit einem Pfeilregen.
38.106 Madhava sandte seinen überaus tapferen Sohn Naraka gegen den Kirata-König in den Kampf.
38.107 Naraka ergriff seinen Bogen und kämpfte dort lange mit verschiedenartigen Waffen und Geschossen gegen die mächtigen Gegner.
38.108 Dann legte er einen breitspitzigen Pfeil auf die Sehne und trennte dem Kirata-König den Kopf ab.
38.109 Zornig tötete der Held viele führende Kiratas und Heerführer, wie ein Löwe Elefanten niederstreckt.
38.110 Als ihr König gefallen war, flohen einige Kiratas; andere suchten bei Naraka Zuflucht.
38.111 Er tötete die Weiterkämpfenden, beschützte die Schutzsuchenden und trat dann vor seinen Vater. Er verneigte sich und berichtete.
38.112 Naraka sprach: Vater, ich habe Ghataka, den Herrscher der Kiratas, und seine weiteren Heerführer getötet. Was soll ich noch tun?
38.113 Der Erhabene sprach: Bekämpfe die Kiratas bis zur Stätte der Göttin Dikkaravasini; vertreibe die Fliehenden, aber beschütze die, die Zuflucht suchen.
38.114 Markandeya sprach: Darauf bestieg der Held Naraka den weißen, vierstoßzähnigen Riesenelefanten, das Reittier des Kirata-Königs,
38.115 an Kraft Airavata, an Schnelligkeit Garuda gleich, und trieb die Kiratas bis Dikkaravasini zurück.
38.116 Dann kehrte er zu seinem Vater zurück und sagte: Die Kiratas sind vertrieben und haben sich an den Rand des Meeres zurückgezogen.
38.117 Der große Kirata-Herrscher Ghataka ist getötet. Auf dem schnellen, Airavata ebenbürtigen Elefanten habe ich dies vollbracht. Befiehl mir jetzt, was ich noch tun soll.
38.118 Der Erhabene sprach: Von der Karatoya, die stets der Ganga gleich ist, ostwärts bis zur Stätte Lalitakantas soll dein Herrschaftsgebiet reichen. Die Grenzformulierung ist gedrängt überliefert.
38.119 Hier weilt die erhabene Göttin Yoganidra, die Weltenmutter, beständig in der schönen Gestalt Kamakhyas.
38.120 Hier fließt der König der Ströme, Lauhitya, Brahmas Sohn. Hier sind die zehn Weltenhüter an ihren jeweiligen heiligen Sitzen gegenwärtig.
38.121 Hier weilen Mahadeva selbst, Brahma und ich; auch Mond und Sonne wohnen beständig hier, mein Sohn.
38.122 Alle sind zum Spiel in dieses hervorragende geheime Land gekommen. Hier wohnt die heilvolle Shri, und hier gibt es reiche Genüsse.
38.123 In seiner Mitte schuf Brahma einst die Sterne. Daher heißt diese Stadt Pragjyotisha und gleicht Indras Stadt.
38.124 Wohne hier als mächtiger König, von mir selbst geweiht, mit einer Gemahlin und deinen Ratgebern. Heil sei dir!
38.125 Markandeya sprach: Nach diesen Worten siedelte Vishnu selbst mit Shambhus Zustimmung sämtliche Kiratas im Osten am Meeresrand an.
38.126 Von der östlichen Grenze bei Lalitakanta bis zum Meer wohnten fortan die Kiratas.
38.127 Westlich Lalitakantas bis zum Fluss Karatoya bestimmte er das Gebiet als Kamakhyas Wohnstatt.
38.128 Er entfernte daraus die Kiratas und siedelte viele in Veda und Lehrschriften erfahrene Zweimalgeborene und die traditionellen sozialen Stände an. Die Namens- und Eigenschaftszuordnung ist in der Vorlage knapp.
38.129 Der Erhabene ließ dort Weise wohnen und richtete es so ein, dass Veda-Studium, Gaben und weitere Pflichten beständig ausgeübt wurden.
38.130 Bald war das Kamarupa genannte Land von Menschen bewohnt, die dem Veda-Vortrag, der Freigebigkeit und dem Dharma zugewandt waren.
38.131 Dann warb Hari für Naraka um Maya, die Tochter des Königs von Vidarbha, die seinem Sohn an Eigenschaften ebenbürtig war.
38.132 Hrishikesha vollzog ihre Vermählung und weihte seinen Sohn gemeinsam mit ihr in jener herrlichen Stadt zum König.
38.133 Madhava machte die Stadt durch Bergbefestigungen und eine ringsum günstige Wasserbefestigung so sicher, dass selbst Götter sie schwer angreifen konnten.
38.134 Die fünfundzwanzigtausend vierstoßzähnigen Elefanten des Kirata-Königs mit ihren Führern und Decken,
38.135 seine zahlreichen Juwelen, verschiedenen Heeresabteilungen, Pferde und Schmuckstücke: All dies nahm Naraka an sich.
38.136 Vishnu selbst übergab seinem Sohn alle königlichen Zierden, Banner und Schmuckstücke.
38.137 Er schenkte ihm auch einen in den drei Welten schwer erhältlichen Wagen mit acht eisernen Rädern, ein halbes Yojana breit.
38.138 Achttausend gedankenschnelle Pferde waren davor gespannt. Er war mit Juwelen und Gold reich verziert und besaß eine weite Plattform.
38.139 Er leuchtete mit einem großen goldenen, diamantgeschmückten Banner, goldenen Fahnenstangen und einer Deichsel aus Vaidurya-Edelstein.
38.140 Er war mit Löwen- und Tigerfellen bedeckt, durch Eisengitter geschützt, mit Glöckchengirlanden geschmückt, mit allen Waffen versehen und von vielfacher Zauberkraft erfüllt.
38.141 Außerdem gab er ihm eine Lanze, die alle Feinde vernichtete, von Flammenkränzen umgeben, ein Feuer für das dürre Gras der Gegner.
38.142 Zum Wohl des edlen Naraka traf der Herr in Gegenwart der Erde folgende Vereinbarung mit ihm.
38.143 Der Erhabene sprach: Diese Lanze sollst du niemals einsetzen, außer wenn dein Leben in Gefahr ist, besonders nicht gegen Menschen.
38.144 Diese schöne Gemahlin aus Vidarbha ist dir an Eigenschaften ebenbürtig. Sie wird bei dir bleiben, solange du lebst.
38.145 Du wirst dich im Treta-Yuga um Nachkommenschaft bemühen; doch erst am Ende des Dvapara-Yuga wird sie entstehen.
38.146 Mein Sohn, wenn du lange leben möchtest, darfst du niemals Streit mit Weisen und Brahmanen beginnen.
38.147 Auch Streit mit Königen oder Göttern ziemt dir nicht, der du in dieser großen, unbezwingbaren Festung wohnst.
38.148 Lebe lange auf deinem Berg in Kamarupa, mein Sohn, umgeben von göttlichen Frauen und reich an Genüssen.
38.149 Außer der großen Göttin Mahamaya, Ambika, der Weltenmutter Kamakhya, sollst du keine andere Gottheit verehren, mein Sohn.
38.150 Wenn du anders handelst, wirst du dein Leben verlieren. Darum bewahre diese Vereinbarung sorgfältig, Naraka.
38.151 Markandeya sprach: Nachdem Vishnu dies zu seinem Sohn gesagt hatte, trat er mit der Erde beiseite und sprach vertraulich zu ihr.
38.152 Schöne, unterweise Naraka zu seinem Gedeihen rasch in allem, was ich dir früher als deine Aufgabe genannt habe.
38.153 Wenn du selbst mich bittest, ihn zu töten, Welterhalterin, dann wird ein Mensch Naraka erschlagen.
38.154 Die Erde sprach: Meine Mühe um einen Sohn wäre ohne fortbestehende Nachkommenschaft vergeblich. Darum, Herr, beschütze sorgfältig meine Nachkommen.
38.155 Markandeya sprach: „So soll es sein“, antwortete der reinigende Vishnu der Erde. Er verabschiedete sich auch von Naraka und verschwand augenblicklich.
38.156 Nachdem Hari an seinen eigenen Ort gegangen war, unterwies die Erde ihren Sohn selbst in allem, was Hari zuvor gesagt hatte.
38.157 Naraka war einsichtsvoll, mit Veden und Lehrschriften vertraut, den Brahmanen zugewandt, kundig in gerechter Herrschaft, freigebig und dem Schenken ergeben.
38.158 Er verehrte Kamakhya auf dem großen Berg Nilakuta. Reich an Genuss und Herrlichkeit, von Feinden unbedrängt, regierte er lange wie Indra in der Götterwelt.
38.159 Als der König von Videha von Narakas Herrlichkeit hörte, kam er mit Frau, Söhnen und Gefolge, um ihn zu sehen.
38.160 Er gelangte nach Pragjyotisha in Kamarupa und sah Naraka, dessen Glanz dem Herbstmond glich.
38.161 Die Stadt erschien ihm wie Amaravati, Naraka mit seiner vortrefflichen Ausstattung und seinem Schmuck wie der Götterkönig.
38.162 Janaka sprach darauf zur Hauptkönigin: Dieser ruhmreiche Naraka ist der Sohn, den du aufgezogen hast.
38.163 Er ist der geliebte Sohn der Erde, gezeugt von Vishnu, dem Weltenherrn, in Ebergestalt. Sieh ihn nun hier.
38.164 Markandeya sprach: König Janaka erzählte ihr darauf die ganze frühere Geschichte und wie Naraka geboren worden war.
38.165 Lange blieb der König von Videha freudig in Pragjyotisha und wurde von Naraka geehrt.
38.166 Dann kehrte er, von seinem Gefolge umgeben, an seinen eigenen Wohnort zurück.
38.167 So wurde Naraka als Sohn der Erde geboren und lebte lange auf Erden, noch frei von der Gesinnung eines Asura.
Kapitel 39
39.1 Markandeya sprach: Der ruhmreiche, langlebige und starkarmige König Naraka herrschte lange mit menschlicher Gesinnung.
39.2 Nachdem das Treta-Yuga vergangen war, lebte gegen Ende des Dvapara-Yuga in Shonitapura ein großer Asura namens Bana.
39.3 Seine Stadt war durch Feuer befestigt. Er war Shambhus mächtiger Freund, tausendarmig und unbezwingbar, der geliebte Sohn Balis.
39.4 Zwischen ihm und Naraka entstand eine enge Freundschaft. Durch beständige gegenseitige Besuche und Hilfe wuchs ihre Zuneigung wie die Verbindung von Wind und Feuer.
39.5 Bana hatte Mahadeva, den Weltenherrn, verehrt und zog nun mit Asura-Gesinnung umher, ohne sich vor irgendetwas zu fürchten.
39.6 Durch den Umgang mit ihm und den Anblick seiner erstaunlichen Taten begann Naraka, mit derselben Gesinnung zu leben.
39.7 Er verehrte die Brahmanen nicht mehr wie früher und fand nicht mehr dieselbe Freude an Opfern und Gaben.
39.8 Er wandte sich Vishnu nicht mehr ebenso zu, ehrte die Erde nicht mehr und besaß auch nicht mehr seine frühere Hingabe an Kamakhya.
39.9 Zu dieser Zeit kam Brahmas Sohn, der hervorragende Weise Vasishtha, nach Pragjyotisha, um Kamakhya zu schauen.
39.10 Doch Naraka verweigerte Vasishtha den Zugang zu der Göttin, die innerhalb der Festung auf dem Nilakuta weilte.
39.11 Da wurde der hervorragende Weise zornig, tadelte den Helden Naraka und sprach harte Worte.
39.12 Vasishtha sprach: Wie kannst du als Sohn der Erde und des Ebers einem Brahmanen, der dazu hergekommen ist, den Anblick der Göttin verwehren?
39.13 Ist dies ein Verhalten, das deiner Herkunft entspricht, Erdsohn? Ich bin nach Pragjyotisha gekommen, um die allumfassende Göttin zu verehren.
39.14 Markandeya sprach: Doch König Naraka, dessen verhängnisvolle Stunde nahte, beleidigte ihn mit harten Worten und wies ihn zurück.
39.15 Der erzürnte Weise verfluchte darauf den König. Vasishtha sprach: Bald wirst du durch denjenigen sterben, der dich gezeugt hat, wenn er menschliche Gestalt annimmt, du Übeltäter und Schande des Ebergeschlechts!
39.16 Erst wenn du tot bist, werde ich Kamakhya, die große Göttin und Weltenmutter, verehren. Bleibe hier; ich gehe an meinen eigenen Ort.
39.17 Solange du lebst, Übeltäter, soll auch Kamakhya, die Weltenmutter, mit ihrer ganzen Begleitung unsichtbar werden.
39.18 Markandeya sprach: So sprach Brahmas Sohn Vasishtha und kehrte, von dem Erdsohn zurückgewiesen, in heftigem Zorn an seinen Wohnort zurück.
39.19 Nachdem Vasishtha gegangen war, eilte Naraka erschrocken zum Haus der Göttin auf dem großen Berg Nilakuta.
39.20 Dort sah er weder die jede Gestalt annehmende Kamakhya noch ihren Yoni-Kreis oder ihre Begleitung.
39.21 Betrübt gedachte Naraka seiner Mutter Erde und seines Vaters, des unvergänglichen Weltenherrn.
39.22 Doch auch diese beiden erschienen ihm nicht, weil er die Vereinbarung übertreten und die rechte Ordnung verlassen hatte. Das letzte Wort des Verses ist unklar.
39.23 Lange wartete der Erdsohn mit dem Donnerkeilbanner dort. Als Erde und Vishnu nicht erschienen, kehrte er traurig zu seinem Haus zurück.
39.24 Auf dem Heimweg sah er seine Stadt ohne ihre frühere Herrlichkeit, wie eine Frau mit getrübtem Glanz.
39.25 Seit die Göttin verschwunden war, fehlte der Stadt der Veda-Vortrag, und die Menschen achteten heiliges Verdienst nur noch wenig.
39.26 Weder Götter noch Brahmanen noch große Weise kamen dorthin. Opferhandlungen und Feste wurden in seiner Stadt selten.
39.27 Viele Plagen brachen aus, und zahlreiche Menschen starben. Selbst der König der Ströme, Lauhitya, führte weniger Wasser.
39.28 Als Naraka all diese widrigen Erscheinungen sah, glaubte er, sein Tod durch den Fluch des Brahmanen sei nahe.
39.29 Der Herr von Pragjyotisha war von Kummer überwältigt und wandte sich in Gedanken an seinen Freund Bana, Balis Sohn.
39.30 Dieser Freund war ihm lieb wie das eigene Leben. Bana und Naraka waren stets auf gegenseitigen Schutz bedacht, wie die beiden himmlischen Ärzte, die Ashvins.
39.31 Naraka dachte: In dieser Lage wird mir der mächtige Bana, Shambhus Freund und ein Einsichtsvoller, durch seinen Rat helfen.
39.32 Darin war er fest überzeugt. Er sandte einen tüchtigen Boten in Banas Stadt.
39.33 Der Bote fuhr mit einem schnellen Wagen nach Shonitapura und berichtete Bana sogleich von Narakas Lage:
39.34 wie Vasishtha ihn verflucht hatte, Ambika verschwunden war und Hindernisse in der herrlichen Stadt Pragjyotisha aufgetreten waren;
39.35 wie die Vereinbarung mit Erde und Madhava übertreten worden war: All dies erzählte der Bote des Erdsohnes Balis Sohn.
39.36 Als Bana erfuhr, wie sein Freund vom Schicksal getroffen war, ging er selbst zu Naraka, um ihm beizustehen.
39.37 Er bestieg einen großen, kunstvoll mit Gold verzierten Wagen, bespannt mit dreihundert Pferden, mit Eisenrädern, Tigerfellbedeckung und einem Pfauenbanner,
39.38 überdacht von einem weißen Schirm auf goldenem Stab, geschmückt mit Glöckchen und vielerlei Edelsteinen.
39.39 Der herrliche Tausendarmige kam mit einem viergliedrigen Heer bald nach Pragjyotisha, der Stadt des Erdsohnes.
39.40 Dort sah Bana seinen Freund, den Herrn von Pragjyotisha, und dessen Stadt ihrer früheren Herrlichkeit beraubt.
39.41 Vom Erdsohn gebührend geehrt, fragte Bana: Weshalb hat deine Stadt ihren Glanz verloren?
39.42 Bana sprach: Auch dein Körper strahlt nicht wie früher, und dein Geist ist nicht froh. Sage mir den Grund dafür.
39.43 Markandeya sprach: Auf diese und weitere Fragen erzählte Naraka, der Sohn der Erde, alles über Vasishthas Fluch.
39.44 Bana erkannte, dass Narakas Bericht mit dem des Boten übereinstimmte, und sprach zu dem Träger des Donnerkeilbanners.
39.45 Bana sprach: Gräme dich nicht. Glück und Leid wechseln bei den verkörperten Wesen wie ein Rad; niemand bleibt von beiden unberührt.
39.46 Doch die Besonnenen müssen Gegenmittel ergreifen, um ihr Wohlergehen wiederherzustellen. Auch du solltest jetzt Abhilfe schaffen.
39.47 Wenn ein Mensch auf Erden oder ein Danava, Daitya, Asura,
39.48 Rakshasa oder Kinnara zu außergewöhnlicher Macht gelangt, duldet Indra ihn nicht. Gemeinsam mit den Götterscharen betreibt er Ränke und bringt ihn auf irgendeine Weise um seinen Wohlstand.
39.49 Vishnu ist stets sein liebster Gott. Er tut nichts, was Indras Sinn missfällt. Die Namensform Indras ist hier beschädigt.
39.50 Wenn jemand Vishnu verehrt, der Indra schaden könnte, gibt Vishnu ihm einen Segen mit einer Schwachstelle und vernichtet ihn dadurch.
39.51 Vishnu erfüllt Wünsche erst nach langer Verehrung und wird durch Huldigung unter großen körperlichen Mühen gnädig.
39.52 Wer hat jemals ohne Verehrung seiner erwählten Gottheit unvergleichliche Macht erlangt? Das haben weder wir noch die Alten gehört.
39.53 Du hast früher weder Brahma noch Vishnu noch Ishvara auf diese Weise verehrt. Darum sind jetzt diese großen Hindernisse in deinem Reich entstanden.
39.54 Vishnu beschützt dich nicht aus angeborenem Mitgefühl, sondern aufgrund der Bitte der Erde, die ihn wiederholt verehrt hat.
39.55 Auch dir hat Vishnu eine Schwachstelle gegeben: Du dürftest die Brahmanen nicht kränken, sonst würdest du deine Herrlichkeit verlieren. So haben wir gehört.
39.56 Du hast aber den hohen Weisen Vasishtha beleidigt, König. Darum sind Erde und Madhava nicht auf dein bloßes Gedenken hin erschienen.
39.57 Erkenne deshalb, mein Freund, Haris listige Überlegung. Gleichgültiges Abwarten ziemt dir jetzt nicht, Erdsohn.
39.58 Du vertraust darauf, dass er dein Vater sei. Dein Vater war jedoch der Eber, und dieser ist in eine andere Welt gegangen.
39.59 Du hast zwar gehört, der Eber sei ein Teil Haris. Doch wer zeigt euch Mitgefühl bloß deshalb, weil jemand sein Teil ist? Sage es mir.
39.60 Darum verehre jetzt Shambhu oder Brahma. Zufriedengestellt wird einer von ihnen dir deinen höchsten Wunsch erfüllen.
39.61 Wenn Brahma oder Shambhu dir gnädig ist, werden Hindernisse, der Fluch des Weisen und bedrückende Plagen bald schwinden.
39.62 Markandeya sprach: Der Erdsohn vertraute Banas Worten. Sehr erfreut antwortete er mit tiefer, dröhnender Stimme.
39.63 Der Erdsohn sprach: Bana, du Freundestreuer, dein Rat dient meinem Wohl. Ich werde ihn bald befolgen und höchste Askese üben.
39.64 Den Grund, weshalb ich Vishnu nicht verehren sollte, hast du genannt. Aber auch Shambhu kommt nicht in Betracht, denn er hält sich in meiner Stadt verborgen.
39.65 Darum werde ich nach deinem Rat Brahma verehren, Freund, am Wasser seines Sohnes Lauhitya, Starkarmiger.
39.66 Du hast mich unterwiesen wie ein Lehrer seinen Schüler und wie ein besonnener Freund den Freund, mit überaus freundlichen Worten.
39.67 Markandeya sprach: Nach diesen Worten ehrte der starkarmige Naraka mit dem Donnerkeilbanner seinen Freund Bana gebührend.
39.68 Er verehrte ihn angemessen und verabschiedete Balis Sohn. Dann wollte der Erdsohn eine überaus strenge Verehrung Brahmas beginnen.
39.69 Am Ufer des edlen Lauhitya, des Königs der Ströme, bestieg er den Brahmachala und begann Askese zu üben.
39.70 Hundert Menschenjahre lang verehrte der Erdsohn den Stammvater mit dem Gelübde, sich allein von Wasser zu ernähren.
39.71 Nach hundert Jahren war Brahma, der Stammvater der Welt, zufriedengestellt und erschien sichtbar vor Naraka.
39.72 Der Lotusgeborene sprach zu ihm: Ich bin dir gnädig und will dir einen Segen geben. Wähle einen Wunsch, Gelübdetreuer.
39.73 Naraka sah den Lotusgeborenen, den Herrn aller Welten, unmittelbar vor sich, verneigte sich und sprach mit gefalteten Händen und demütig gesenktem Haupt.
39.74 Der Erdsohn sprach: Gewähre mir als ersten Segen, du Höchster der Götter, dass Götter, Asuras, Rakshasas und sämtliche göttlichen Wesensarten mich nicht töten können.
39.75 Meine Nachkommenschaft soll ununterbrochen bestehen, solange Mond und Sonne leuchten. Dies ist mein zweiter Wunsch, Weltenherr.
39.76 Die schönen und tugendreichen göttlichen Frauen, Tilottama und die übrigen, sechzehntausend an der Zahl, sollen meine Geliebten werden.
39.77 Ich möge unbesiegbar sein, und das Glück soll mich niemals verlassen. Diese fünf Wünsche habe ich heute von dir gewählt, Stammvater.
39.78 Markandeya sprach: Von Maya verblendet, vergaß der Erdsohn den Fluch des Weisen und wählte andere Gaben. Der Fluch blieb deshalb bestehen.
39.79 „So sei es“, sprach der Stammvater und gewährte alle Wünsche. Dann sagte er: In der Übergangszeit am Ende des Dvapara-Yuga werden die Göttertöchter
39.80 Tilottama und die übrigen auf Erden deine Gemahlinnen werden. Doch bevor Narada in deine Stadt kommt, darfst du dich nicht mit ihnen vereinigen, Erdsohn mit dem Donnerkeilbanner.
39.81 Nach diesen Worten verschwand der Herr aller Welten augenblicklich. Naraka kehrte in höchster Freude an seinen Wohnort zurück.
39.82 Seine Stadt wurde wieder von glücklichen Menschen bewohnt, von Shri begünstigt, voller Tatkraft und frei von Plagen und Hindernissen.
39.83 Sie war mit Viehherden, Pferden und Elefanten erfüllt wie Amaravati, die geliebte Stadt des Götterkönigs.
39.84 Als Bana hörte, dass Naraka seine Askese beendet und einen Segen empfangen hatte, besuchte er den Erdsohn erneut.
39.85 Er kam nach Pragjyotisha und fragte seinen Freund Naraka nach dem Verlauf seiner Askese.
39.86 Wo hast du Askese geübt? Welches Gelübde hast du gehalten, und welchen Segen hast du gewonnen? Erzähle es mir.
39.87 Ich habe deine ganze Stadt voller begeisterter Menschen gesehen, reich an Pferden, Elefanten und Juwelen, erfüllt von glückverheißenden Klängen.
39.88 Dein Reich erscheint heute reich an Feldfrüchten und frei von Not. Erzähle mir, wie Brahma dir den Segen gewährte.
39.89 Der Erdsohn sprach: Brahma selbst nahm Berggestalt an und kam hierher, um Kameshvari zu tragen. Vor Vasishthas Fluch suchte er diesen Ort selbst auf. Die Zeitform und ein Wort des zweiten Halbverses sind beschädigt.
39.90 Dieser Berg leuchtet in meiner Stadt, Sohn Balis, ein Teil des höchsten Gottes und von Götterscharen verehrt. Dort übte ich allein, nur von Wasser lebend, hundert Jahre Askese.
39.91 Am lieblichen, windumwehten Ufer des Lauhitya, das den Lebewesen Freude schenkt, vergingen mir in der Askese hundert Jahre wie ein einziges.
39.92 Dann erschien der zufriedene Viergesichtige unmittelbar vor mir und sprach zu meinem Wohl: Ich bin dir gnädig; empfange den Segen, den du wünschst.
39.93 Unverletzlichkeit gegenüber Göttern und göttlichen Wesen, ununterbrochene Nachkommenschaft, Unbesiegbarkeit, niemals weichender Wohlstand und schöne junge Frauen:
39.94 Diese fünf Gaben wählte ich. Er sagte sie zu und kehrte an seinen Ort zurück. Ich kam freudig in meine Stadt zurück und erfreute mit meinen führenden Ministern
39.95 die Bürger, Verwandten und Scharen durch Geschenke, Ehren und Speisen.
39.96 Markandeya sprach: Als Balis Sohn diese Worte des Erdsohnes hörte, freute er sich nicht sogleich. Er sagte ihm etwas der Lage Angemessenes, das jedoch nicht angenehm klang.
39.97 Bana sprach: Freund, vor Brahma ist dir nicht der Gedanke gekommen, den Fluch des Weisen zu überwinden. Wie soll es dir nun gut ergehen? Was geschehen soll, wird gewiss geschehen, Erdsohn.
39.98 Was durch das Schicksal festgelegt und vollzogen ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Was notwendig eintreten muss, kann selbst Brahma nicht hindern.
39.99 Darum verbinde dich mit großen, feuergleichen Asura-Helden, stelle sie an deine Seite und ernenne sie zu Ratgebern.
39.100 Setze Helden an die Tore, die selbst für Götter schwer zu bezwingen sind, und fordere den Götterkönig heraus, wenn du diesen Segen empfangen hast.
39.101 Prüfe die Gabe, die Brahma dir gewährt hat. Da du noch kinderlos bist, zeuge mit deiner Gemahlin einen Sohn.
39.102 Nach diesen Worten und gebührender Ehrung reiste Bana ab. Naraka begann, den Rat seines Freundes in die Tat umzusetzen.
Kapitel 40
40.1 Markandeya sprach: Zur rechten Zeit zeugte Naraka mit seiner Gemahlin während ihrer fruchtbaren Tage Bhagadatta, Mahashirsha, Madavant und Sumalin.
40.2 Diese vier Söhne des Erdsohnes waren überaus kraftvoll und tapfer, für andere Helden schwer zu bezwingen.
40.3 Auf Banas Rat verband er sich mit Hayagriva und Muru, holte sie zu sich und ernannte sie zu Heerführern.
40.4 Als die Asuras auf Erden hörten, dass Muru und Hayagriva sich dem Erdsohn angeschlossen hatten, kamen auch sie zu ihm.
40.5 Nisunda und Sunda erschienen mit ihren Soldaten, als sie von Hayagrivas und Murus Verbindung mit Naraka hörten.
40.6 Auch der Daitya Virupaksha schloss sich ihm an. Darauf setzte Naraka mit einer Heeresabteilung am Westtor
40.7 Muru als Torbefehlshaber ein, Hayagriva am Nordtor, Nisunda am Osttor und Virupaksha am Südtor.
40.8 Im Inneren ernannte er Panchajana und Sunda zu Heerführern. Muru brachte sechstausend Schlingen mit rasiermesserscharfen Enden an,
40.9 um die Stadt an ihrem Zugang zu schützen. Vom Erdsohn geehrt, diente er ihm so. Naraka aber setzte die früheren guten Ratgeber zurück.
40.10 Der Asura freute sich nun nur noch am Umgang mit Asuras. Der Erdsohn gab seine frühere Gesinnung auf,
40.11 nahm Asura-Wesen an und bedrängte die Himmelsbewohner. Weder Götter noch Weise noch sonst jemanden achtete er.
40.12 Mit Hayagrivas Hilfe besiegte er rasch den Götterkönig. So zog er mit Asura-Gesinnung auf Erden umher.
40.13 Auf Banas Rat bedrängte er Indra und die Weisen. Dreimal besiegte er mit Hayagrivas Hilfe den Götterherrn.
40.14 Aditis in den drei Welten berühmtes Ohrringpaar, das allerlei Juwelen und Nektar spendete und Leid und Hindernisse tilgte,
40.15 raubte der Erdsohn Naraka, ohne Furcht vor dem Fluch des Weisen. So bedrängte er Götter, Rishis und Brahmanen und herrschte fünftausend Jahre in Pragjyotisha.
40.16 Inzwischen suchte die Göttin Erde, von großer Last bedrückt, bei den Göttern mit Brahma und Vishnu an der Spitze Schutz. Sie verneigte sich vor Brahma und Madhava und sprach.
40.17 Die Erde sprach: Die Danavas, Rakshasas und Daityas, die Hari einst erschlagen hat, sind jetzt in Königshäusern wiedergeboren und stolz auf ihre Kraft.
40.18 Ihre ungeheure Last kann ich nicht mehr tragen. Sie sind unzählbar; ich vermag sie nicht alle aufzuzählen.
40.19 Achthunderttausend sind ihre mächtigsten Anführer. Selbst unter diesen gibt es besonders Starke, deren Last ich jetzt nicht mehr tragen kann:
40.20 den Helden Bana, Balis Sohn, Kamsa, Dhenuka, Arishta, Pralamba, Sunaman, Muru und Shala,
40.21 die Ringer Chanura und Mushtika, den mächtigen Jarasandha, Naraka, Hayagriva, Nisunda und Sunda,
40.22 Virupaksha, Panchajana, Hidimba, Baka, Bala, Jatasura, Kirmira, Anayudha und Alambusha,
40.23 den Saubha Genannten, Jarasandha, den Affen Dvivida, den großen Daitya Shrutayudha und ferner Shatayudha,
40.24 Rishyashringas Sohn, Subahu, Atibahuka und die Kalakanja-Daityas, die in Hiranyapura wohnen. Einige Namen erscheinen in ungewöhnlicher oder wiederholter Form.
40.25 Durch die Erschütterungen ihrer Schritte werde ich täglich zerrissen. Ich kann die Welten nicht mehr tragen. Tötet sie, ihr hohen Götter!
40.26 Wenn ihr mich nicht schützt, werde ich zerrüttet und hilflos in die Unterwelt sinken.
40.27 Markandeya sprach: Brahma, Vishnu und Maheshvara hörten sie und sagten: Erde, wir werden dich von deiner Last befreien.
40.28 Sie entließen die Göttin Erde. Dann stimmten alle Götter den ewigen Madhava gnädig, damit die Last beseitigt werde.
40.29 Zufriedengestellt sagte er zu ihnen: Steigt alle mit Anteilen eures Wesens auf die Erde hinab, um ihre Last zu vermindern. Dann stieg der Herr selbst
40.30 in Devakis Leib hinab, um die Erde zu entlasten. Als die Götter wussten, dass der ewige Vishnu sich verkörpern würde,
40.31 ließen sie Rambha, Tilottama und die übrigen schönen und tugendreichen Göttinnen auf Erden geboren werden, sechzehntausend an der Zahl.
40.32 Der Erdsohn Naraka sah diese schönen Frauen auf den Höhen des Himalaya spielen und raubte sie gewaltsam.
40.33 Er führte die bedrängten Göttinnen nach Pragjyotisha. Dort baten sie ihn um eine Vereinbarung bezüglich der geschlechtlichen Vereinigung.
40.34 Erdsohn, bis Narada in deine Stadt kommt, beschütze uns und verschone uns mit geschlechtlichem Verkehr.
40.35 Der Weise wird dir und uns zuliebe bald kommen, Held. Nachdem er uns gesehen hat, werden wir uns mit dir vereinigen.
40.36 So von ihnen gebeten, erinnerte Naraka sich an Brahmas Wort und antwortete wiederholt: So soll es sein.
40.37 Inzwischen wurde der erhabene Weltenförderer aus Devakis Leib geboren und wuchs in Nandas Haus auf.
40.38 Er tötete zahlreiche Daityas, darunter Kamsa, Keshin und Pralamba, und nahm seinen Wohnsitz in Dvaraka mitten im Meer.
40.39 Dort nahm er nach der gebührenden Ordnung acht Frauen zu sich. Die Aufzählung nennt Kalindi in menschlicher Gestalt und die schöne Rukmini,
40.40 Nagnajits Tochter Satya, Lakshmana, Charuhasini, die tugendreiche Sushila und die treue Jambavati. Die überlieferte Liste und die zuvor genannte Zahl stimmen nicht eindeutig überein.
40.41 Diesen Frauen liebevoll zugewandt und von Baladeva begleitet, erreichte er das Alter von sechsunddreißig Jahren.
40.42 Ihm wurden dort mächtige Söhne geboren, mit Pradyumna und Samba an der Spitze, kundig in Lehrwissen und Waffen, ihr besten Brahmanen.
40.43 Viele Daityas, die der Erde zur Last gefallen waren, waren nun getötet. Freudig und spielend wohnte er in Dvaraka.
40.44 Da kam Indra, von Naraka schwer bedrängt, mit seinen Scharen nach Dvaraka, um Krishna zu sehen.
40.45 Er umarmte den von der Welt verehrten Krishna, wurde von ihm vielfach geehrt und nahm auf einem goldenen Sitz Platz.
40.46 Indra erzählte Hari von Narakas Handlungen, den früheren Ereignissen und seiner gegenwärtigen Lage.
40.47 Indra sprach: Höre, starkarmiger Krishna, weshalb ich gekommen bin. Ich werde dir alles berichten; zweifle nicht daran.
40.48 Der langlebige Asura Naraka, Sohn der Erde und Bedränger der Götter, wurde früher von Vishnu und der Erde behütet.
40.49 Jetzt missachtet der schwer bezwingbare Erdsohn Erde und Vishnu und hat auf Banas Rat Brahma zufriedengestellt.
40.50 Durch Brahmas Gaben wurde er überaus hochmütig. Er denkt nicht mehr an Madhava oder an die Erde.
40.51 Früher war er rechtschaffen, verehrte die Götter und hielt Gelübde. Nun hat er Asura-Gesinnung angenommen und bedrängt alle.
40.52 In seiner Verblendung raubte er Aditis aus Nektar hervorgegangene Ohrringe. Er bedrängt Götter und Weise und freut sich daran, Brahmanen zu schaden.
40.53 Auch mich bedrängt er ständig. Er bewegt sich nach Belieben, ist schwer zu bezwingen und siegt über Götter und Daityas; kein verkörpertes Wesen vermag ihn zu töten.
40.54 Er wartet auch auf eine Schwachstelle bei dir. Töte diesen Übeltäter zum allgemeinen Wohl! Die Götter- und Gandharvatöchter, die alle Götter für dich
40.55 einst auf dem herrlichen Himalaya geboren werden ließen, vierzehntausend und weitere zweitausend, um hundert vermehrt,
40.56 raubte dieser schwer bezwingbare Frevler mit Hayagrivas Hilfe gewaltsam, im Stolz auf seine Gaben. Die Zahl in 40.55 weicht von den zuvor genannten sechzehntausend ab.
40.57 Alle Juwelen des Meeres, der Erde und des Himmels hat er an sich gebracht, nachdem er Götter und Menschen überwältigt hatte.
40.58 Am Ufer des heiligen Lauhitya errichtete er daraus einen Juwelenberg und auf diesem eine schöne Stadt namens Alaka.
40.59 Dort ließ er sämtliche Götter- und Gandharvafrauen wohnen. Alle tragen nur einen Haarzopf und enthalten sich des Liebesgenusses.
40.60 Sie warten allein auf dich, Krishna. Gib ihnen Schutz und Zugehörigkeit. Sie trafen mit Naraka diese Vereinbarung:
40.61 „Erdsohn, solange Narada nicht in deine Stadt kommt, sollst du keine geschlechtliche Vereinigung mit uns suchen.“
40.62 Narada wird dann nach Pragjyotisha kommen, wenn du aufbrichst, um Naraka in seiner Stadt zu töten.
40.63 Darum töte den schwer bezwingbaren, höllengleichen Naraka, diesen Übeltäter und Dorn für Götter und Menschen.
40.64 Die Göttin Erde wird durch seinen Tod nicht in Sohnestrauer verfallen, denn sie selbst hat die Götter um seine Tötung gebeten.
40.65 Töte daher den schuldvollen Naraka. Befreie die herrlichen Frauen und bringe die Juwelen zurück.
40.66 Markandeya sprach: So vom edlen Indra angesprochen, versprach der Weltenherr sogleich, den Erdsohn zu töten.
40.67 Nach dieser Zusage brach Keshava gemeinsam mit Indra in Richtung Pragjyotisha auf.
40.68 Krishna bestieg Garuda, begleitet von Satyabhama, und wandte sich nach Pragjyotisha; Indra kehrte in den Himmel zurück.
40.69 Die Yadavas sahen die beiden strahlenden Gestalten Krishna und Indra durch den Himmel ziehen wie Sonne und Mond.
40.70 Von Gandharvas, Göttern und Apsaras gepriesen, verschwanden Krishna und Indra bald im Himmelsraum aus ihrem Blick.
40.71 Auf Garuda erreichte der Weltenherr in einem Augenblick die schöne, von Naraka beherrschte Stadt Pragjyotisha.
40.72 Die Festung war ringsum von Murus sechstausend furchtbaren Schlingen mit messerscharfen Enden umgeben, aufgerichtet wie die Schlingen des Todes.
40.73 Er sah auch Narada aus der Stadt kommen. Als der ruhmreiche Götterweise zuvor bei Naraka eingetroffen war,
40.74 war er in Pragjyotisha von ihm geehrt worden und hatte den Zeitpunkt der Vereinigung mit den Frauen folgendermaßen bestimmt:
40.75 Heute ist der fünfte Tag der hellen Hälfte des Chaitra. Am neunten Tag wirst du in große Gefahr geraten, Erdsohn.
40.76 Wenn du diese überstehst, sollen am vierzehnten Tag die Frauen wohlgebadet mit dir nach deinem Wunsch die Liebesvereinigung vollziehen. Die Bedingung ist in der Vorlage nur verkürzt ausgedrückt.
40.77 Naraka hörte Naradas Worte und geriet in Angst. Er stellte Unterstützungs- und Ausfalltruppen in der Stadt auf.
40.78 Sein Reich wurde ringsum von Wachen geschützt. Zwischen Furcht und Freude erwartete der Erdsohn die bestimmte Zeit.
40.79 In dieser Lage erreichte Krishna Pragjyotisha. Der Gott mit dem Garuda-Banner näherte sich zuerst dem Westtor.
40.80 Er zerschnitt die sechstausend scharfen Schlingen in viele Stücke und tötete den Daitya Muru samt seinen Begleitern und Verwandten.
40.81 Sechstausend große Danava-Helden standen an diesem Tor; Hari tötete sie mit seinem Diskus zusammen mit Muru.
40.82 Nachdem Muru gefallen war, zerschlug er auch dessen sechstausend Söhne und weitere Danavas mit dem Diskus.
40.83 Dann überwand Janardana zahlreiche Steinbefestigungen und vernichtete Nisunda samt seinen Scharen und Begleitern.
40.84 Hayagriva, der einst allein tausend Jahre gegen die Götter gekämpft und Indra durch seine Heldenkraft übertroffen hatte,
40.85 wurde vom erhabenen Keshava, Devakis Sohn, mitten im Lauhitya überwältigt und getötet.
40.86 Nachdem der Mächtige Virupaksha und Sunda bei der Wasserbefestigung getötet hatte, vernichtete der höchste Herr auch den Helden Panchajana.
40.87 Nach der Tötung dieser riesigen, mächtigen und schwer bezwingbaren Gegner gelangte der Weltenherr zur Stadt Pragjyotisha.
40.88 Alle im Himmel stehenden Götter und der edle Narada priesen ihn mit Siegesrufen, während er als Herr in die Stadt einzog.
40.89 Vishnu sah die herrlich leuchtende Stadt mit Mauern und Türmen und fragte sich, ob dies Indras Amaravati sei.
40.90 Dort entstand eine große Schlacht mit vielerlei Waffen, den Furchtsamen schrecklich, den Helden begeisternd, wie ein Kampf zwischen Göttern und Asuras.
40.91 Auf Garuda sitzend tötete der starkarmige Janardana viele Danavas mit Pfeilen aus seinem Sharnga-Bogen.
40.92 Nachdem er achthunderttausend und weitere achtzigtausend Asuras getötet hatte, näherte der Starkarmige sich Naraka.
40.93 Naraka hörte vom Tod der vielen Asuras und sah den mächtigen, starkarmigen Krishna auf Garuda.
40.94 Er erinnerte sich an Vasishthas Fluch, Madhavas Vereinbarung, Naradas Worte und die Lücke in Brahmas Segen.
40.95 Seine Stunde war gekommen, und Keshava stand ihm gegenüber. An Banas Worte denkend, hielt er allein den Kampf für angemessen.
40.96 Er bestieg seinen trefflichen goldenen Wagen mit Donnerkeilbanner, acht Eisenrädern und einem Maß von drei Nalvas.
40.97 Mit Tausenden von Pferden bespannt, mit dem Donnerkeilbanner, zahlreichen Waffen und Köchern versehen, fuhr der Erdsohn rasch in die Schlacht.
40.98 Auf dem Weg zum Kampf erinnerte er sich an Haris frühere Worte und erkannte die menschliche Gesinnung als ehrwürdig, die Asura-Gesinnung als verwerflich.
40.99 Bald sah er Krishna auf Garuda, den Unvergänglichen mit Muschel, Diskus, Keule, Sharnga-Bogen und trefflichem Schwert,
40.100 mit Krone und Ohrringen, dem Shrivatsa-Zeichen und dem leuchtenden Kaustubha-Juwel auf der Brust, in gelbem Gewand, den höchsten Hari.
40.101 Mit diesem mächtigen Vishnu kämpfte der Held Naraka, Erdsohn und Herr von Pragjyotisha.
40.102 Während des Kampfes sah er neben Krishna Kalika, dunkel wie eine Gewitterwolke, mit rotem Mund und roten Augen, hochgewachsen, mit Schwert und Lanze.
40.103 Er sah in ihr die Welterhalterin Kamakhya, die Bezaubernde.
40.104 Staunen und Furcht ergriffen ihn beim Anblick der Weltenmutter. Doch der Asura Naraka dachte: Ich muss kämpfen, und kämpfte weiter.
40.105 Krishna focht mit ihm eine gewaltige, wunderbare Schlacht, wie sie zuvor weder unter Göttern noch unter Menschen stattgefunden hatte.
40.106 Lange trieb Madhava dieses Kampfspiel mit dem Erdsohn; dann tötete er ihn und erfreute dadurch den Götterkönig.
40.107 Mit dem Diskus Sudarshana zerschnitt Hari Naraka mitten durch den Leib. In zwei Teile gespalten fiel er zur Erde.
40.108 Sein geteilter Körper lag auf dem Boden wie zwei vom Donnerkeil gespaltene, rötlich schimmernde Berge.
40.109 Die Göttin Erde sah den gefallenen Leib ihres Sohnes. Sie ertrug den Ansturm der Trauer, weil sie erkannte, dass seine Zeit gekommen war.
40.110 Sie nahm selbst Aditis Ohrringpaar, trat zu Govinda und sprach.
40.111 Die Erde sprach: Als du mich einst in Ebergestalt emporhobst, entstand durch die Berührung deines Leibes mein Sohn Naraka. Diesen Sohn hast du beschützt und nun auch gefällt.
40.112 Nimm diese beiden Ohrringe Aditis, die alle Wünsche erfüllen. Beschütze aber beständig seine Nachkommenschaft, Govinda.
40.113 Der Erhabene sprach: Göttin, zur Entlastung der Erde hast du selbst einst um Narakas Tod gebeten. Deshalb habe ich ihn getötet.
40.114 Auf dein Wort hin werde ich seine Nachkommenschaft beschützen. Deinen Enkel Bhagadatta werde ich in Pragjyotisha zum König weihen.
40.115 Nach diesen Worten betrat der starkarmige Madhusudana die inneren Gemächer und die Schatzkammer Narakas.
40.116 Der Held sah dort verschiedenartige reine Juwelen, zu Bergen aufgeschichtet.
40.117 Madhava sah Berge von Perlen, Edelsteinen, Korallen und Vaidurya, dazu Silber- und Diamanthaufen,
40.118 Goldmassen, goldene Stäbe, juwelenbesetzte Banner, prächtige Reittiere, Fahrzeuge und Lagerstätten,
40.119 groß und kostbar, mit Gold und Juwelen eingelegt. So viel Besitz, Edelsteine und Juwelen, wie er dort sah,
40.120 war auf Erden nirgendwo außerhalb Narakas Wohnstatt zu finden, weder bei Kubera oder Indra noch bei Yama oder dem Herrn der Wasser.
40.121 So reich war Narakas Haus. Dort traf Keshava auch mit Narada zusammen.
40.122 Der Bezwinger feindlicher Helden besichtigte die Schätze der inneren Gemächer und nahm daraus in großer Menge das Kostbare und Kostbarste, das mitzunehmen war.
40.123 Nach dem Tod des Erdsohnes nahm Devakis Sohn auch jene Vishnu-Lanze an sich, die der mächtige Vishnu ihm gegeben hatte.
40.124 Gemeinsam mit der Erde und Narada weihte Keshava Bhagadatta, den Sohn Narakas, in der herrlichen Stadt Pragjyotisha
40.125 zum König und setzte ihn in der Stadt ein. Als die Erde ihren Enkel geweiht sah,
40.126 bat sie Keshava für ihn um jene Lanze. Auf ihr Wort hin und mit Naradas Zustimmung gab Keshava sie Bhagadatta freudig.
40.127 Hari nahm den Schirm namens Kanchanasravin an sich, den Naraka einst nach seinem Sieg über Varuna geraubt hatte.
40.128 Dieser spendete täglich acht Bharas Gold, war einen Krosha breit und ein halbes Yojana hoch.
40.129 Alle besten Juwelen, die vierstoßzähnigen Elefanten, hier vierzehntausend an der Zahl, und die geehrten Frauen
40.130 ließ Keshava durch Daityascharen nach Dvaraka bringen. Die Zahlenzuordnung im vorigen Vers ist grammatisch nicht völlig eindeutig.
40.131 Den Göttertöchtern, die Naraka einst gewaltsam geraubt hatte, löste Hrishikesha die gebundenen Haarzöpfe.
40.132 Er ehrte sie wiederholt mit göttlichen Gewändern und Schmuck und ließ sie mit starken Wächtern Himmelswagen besteigen.
40.133 Unter Naradas Leitung brachte er sie alle nach Dvaraka. Den Juwelenberg, den Naraka für die Göttertöchter errichtet hatte,
40.134 voller Edelsteine und strahlend wie die Sonne, hob der Weltenherr aus und ließ ihn auf Garudas Rücken setzen.
40.135 Auch Varunas Schirm legte Madhava auf Garuda. Dann nahm Hari freudig zusammen mit Satyabhama Platz.
40.136 Er verabschiedete sich von Bhagadatta und der Erde und brach rasch durch den Himmel nach Dvaraka auf.
40.137 Mühelos trug Garuda den goldspendenden Schirm, den Juwelenberg und Keshava samt Satyabhama durch den Himmelsraum.
40.138 In einem Augenblick erreichte Keshava, der Bezwinger feindlicher Helden, Dvaraka und freute sich mit allen Verwandten und Scharen.
40.139 So bezaubert Kali, die große Maya, die allumfassende Göttin namens Kalika, selbst Vishnu, den Herrn der Welten, Hari, den Herrn des Hohen und Niederen,
40.140 den Urheber der Weltursachen, durch Erkenntnis erreichbar und allumfassend, sodass auch er Zuneigung und Abneigung zeigt.
40.141 Er begünstigt Freunde und tötet Feinde, vergnügt sich von Frauen bezaubert und wird selbst von den Gegensatzpaaren bewegt.
40.142 Damit habe ich euch erzählt, ihr Brahmanen, wie Naraka zum Asura wurde, wie er seine Gaben erlangte und wie er handelte.
40.143 Auch habe ich erklärt, wie der Erdsohn auf Banas Rat Brahma verehrte. Sagt nun, ihr besten Brahmanen, was ihr noch hören möchtet.
Kapitel 41
41.1 Die Rishis sprachen: Wie wurde Kali, die Weltenmutter, zur Tochter des Berges? Wie erlangte Dakshas Tochter, nachdem sie ihren Körper abgelegt hatte, erneut Hara zum Gemahl?
41.2 Wie gewann sie die Hälfte des Körpers des Trägers des Pinaka-Bogens? Erkläre uns dies, Einsichtsvoller.
41.3 Markandeya sprach: Hört, ihr führenden Weisen, wie Sati, Dakshas Tochter, einst zur Bergestochter wurde und die Hälfte seines Körpers gewann.
41.4 Als die Göttin Sati ihren früheren Körper aufgab, wandte sie sich im Geist Menaka und dem Himalaya zu.
41.5 Denn als Dakshas Tochter mit Hara im Himalaya gespielt hatte, war Menaka ihr wohlgesinnt gewesen.
41.6 Mit dem Gedanken „Ich will ihre Tochter werden“ gab die Göttin ihren Lebensatem auf und wurde später Himalayas Tochter, ihr Brahmanen.
41.7 Als Dakshas Tochter einst aus Zorn über Daksha ihr Leben ablegte, wollte auch die Göttin Menaka die Heilvolle verehren:
41.8 Mahamaya, die Welterhalterin, die ewige Yoganidra, die alle Wesen bezaubert und sämtlichen Himmelsbewohnern Zuflucht gewährt.
41.9 Am achten Mondtag fastete sie, am neunten verehrte sie die Göttin mit süßen Modakas, Opfergaben, Gebäck, Milchreis, Düften und Blumen.
41.10 Sie begann im Monat Chaitra und verehrte sie rein und mit dem Wunsch nach Nachkommen. Die hier genannten „siebenundzwanzig Tage“ stehen neben den siebenundzwanzig Jahren des folgenden Abschnitts.
41.11 An der Ganga bei Aushadhiprastha stellte sie ein Bild aus Erde her. Manchmal fastete sie ganz, manchmal hielt sie andere Gelübde.
41.12 Mit dem Geist auf die Göttin Shiva gerichtet, verbrachte Menaka siebenundzwanzig Jahre, nach höchstem Segen strebend.
41.13 Am Ende dieser Zeit wurde die allumfassende Weltenmutter überaus gnädig, erschien sichtbar und sprach.
41.14 Die Göttin sprach: Erbitte jetzt, Göttin, was du von mir ersehnt hast. Ich werde dir alles geben, was dein Herz wünscht.
41.15 Markandeya sprach: Als Menaka Kalika unmittelbar vor sich sah, verneigte sie sich und sagte:
41.16 Göttin, nun habe ich deine Gestalt unmittelbar geschaut. Wenn du mir gnädig bist, Heilvolle, möchte ich dich preisen.
41.17 Kalika, die alle bezaubert, nannte sie „Mutter“ und umarmte Menaka mit ihren schönen, wohlgerundeten Armen.
41.18 Darauf pries Menaka die höchste Göttin Kalika, die Heilvolle, die sichtbar vor ihr stand, mit liebevollen Worten.
41.19 Menaka sprach: Ich verneige mich vor Chandika, die die Wohnstatt der Welt bewegt und die Welten trägt, vor der Welterhalterin, die alle Wünsche und Ziele erfüllt.
41.20 Ich verehre die ewig Selige, die aus Erkenntnis besteht, Yoganidra, die Weltenmutter, die reine Heilvolle, deren Wesen Brahma, Vishnu und Shiva ist.
41.21 Ich verehre dich, die aus Maya bestehende große Maya, die den Kummer ihrer Verehrer vernichtet, die glückverheißende Gemahlin des Liebesgottes und das heilvolle Bewusstsein.
41.22 Du bist die ewige Einsicht der Wesen, die durch das Überwiegen von Sattva hervortritt, und die Ursache, durch die Entsagende ihre Bindung durchtrennen. Wie könnte jemand wie ich deine Macht aussprechen?
41.23 Du bist Vollendung der Saman-Gesänge, Lobpreis der Rig-Verse und weite Entfaltung der Yajus-Sprüche; auch die schädigende Macht des Atharvaveda bist du. Erfülle meinen ersehnten Wunsch.
41.24 Die feinstofflichen Elemente, aus denen die Gesamtheit der Wesen hervorgeht, werden als ewig und nicht ewig beschrieben. Du bist ihre beständige Kraft. Welche Frau vermöchte dich angemessen zu beschreiben? Die erste Hälfte ist sprachlich beschädigt.
41.25 Du allein bist die Erde, Trägerin der Welten, und die ewige Urnatur. Durch dich wird selbst die Brahma-Gestalt gelenkt. Sei mir gnädig, ewige Mutter.
41.26 Du bist die Kraft im Feuer und die brennende Kraft der Sonnenstrahlen. Du bist die reiche Erquickung des Mondlichts. Dich, Ambika in all diesen Formen, preise und verehre ich.
41.27 Für die Frauenliebenden bist du die Frau, für die Enthaltsamen das Wissen. Du bist das Sehnen aller Welten und auch Haris Maya.
41.28 Du nimmst stets viele Gestalten an und bewirkst Schöpfung, Erhaltung und Untergang. Du bist die Ursache der Körper Brahmas, Achyutas und Sthanus. Sei heute gnädig; erneut verneige ich mich vor dir.
41.29 Markandeya sprach: Darauf sagte die Weltenmutter Kalika wieder zu Menaka: Wähle deinen Wunsch.
41.30 Zuerst wählte die Ruhmreiche hundert Söhne, tapfer, langlebig und mit Gedeihen und Vollkommenheit ausgestattet.
41.31 Danach wünschte sie sich eine einzige schöne und tugendreiche Tochter, die zwei Familien Freude brächte und in den drei Welten ihresgleichen suchte.
41.32 Die Erhabene lächelte und sprach zu der einer Weisen gleichenden Menaka, um ihren Wunsch zu erfüllen.
41.33 Die Göttin sprach: Hundert tapfere Söhne sollen dir geboren werden. Zuerst wird ein besonders starker und hervorragender Sohn entstehen.
41.34 Ich selbst werde deine Tochter werden, zum Wohl der Götter, Menschen, Rakshasas und aller Welten.
41.35 Du wirst stets leichte Geburten haben, deinem Gemahl treu bleiben, unverwelkt, schön und glücklich sein.
41.36 Markandeya sprach: Nach diesen Worten verschwand die Welterhalterin dort. Menaka kehrte voller Freude an ihren Wohnort zurück.
41.37 Zur rechten Zeit gebar sie den hervorragenden Berg Mainaka, der noch heute mit seinen Flügeln mitten im Meer lebt,
41.38 und einst Indra herausforderte. Danach gebar die Tugendhafte nacheinander neunundneunzig weitere Söhne,
41.39 von großer Kraft, Stärke und vielerlei Tugenden. Dann begab sich die Göttin Kalika, die allumfassende Yoganidra,
41.40 die ihre frühere Sati-Gestalt abgelegt hatte, zu Menaka, um geboren zu werden. Gemäß ihrer Zusage trat die Heilvolle in Menakas Leib ein.
41.41 Sie wurde geboren wie Lakshmi aus dem Meer. Im Frühling, am neunten Mondtag unter günstiger Sternenverbindung,
41.42 kam sie um Mitternacht hervor wie die Ganga aus der Mondscheibe. Bei ihrer Geburt wurden alle Himmelsrichtungen klar.
41.43 Ein günstiger, tiefer und wohlriechender Wind wehte. Blumen regneten herab, und auch ein segensreicher Regen fiel.
41.44 Die Opferfeuer brannten ruhig, die Wolken donnerten tief. Mit ihrer Geburt gelangte alles ins Gleichgewicht.
41.45 Menaka sah die neugeborene dunkle Göttin, einer blauen Wasserlilie gleich, und empfand höchste Freude.
41.46 Auch die Götter waren von unvergleichlicher Freude erfüllt. Gandharvas und Apsaras priesen sie vom Himmel aus.
41.47 Weil seine Tochter dunkel wie die Blütenblätter einer blauen Wasserlilie war, nannte Himalaya sie bei der Feier Kali.
41.48 Von sämtlichen Verwandten wurde die Bergestochter sowohl Parvati als auch Kali genannt.
41.49 Die glückverheißende Göttin wuchs im Haus des Bergkönigs heran wie die Ganga in der Regenzeit und das Mondlicht im Herbst.
41.50 Tag für Tag nahm Kali mit ihren schönen Gliedern an Schönheit zu, wie die Mondscheibe an ihren Teilen wächst.
41.51 Als Kind spielte Kalika voller Freude mit ihren Freundinnen, wie die Kalindi mit den anderen Flüssen.
41.52 Die sechs göttlichen Vorzüge, die sie schon in der früheren Geburt beherrscht hatte, kamen von selbst zu ihr, wie dunkle Wolken zur Regenzeit.
41.53 An Tugenden übertraf sie die Göttertöchter, an Schönheit alle Apsaras und an Gesang die Gandharvatöchter.
41.54 Schon als Kind war sie allen Verwandten lieb und erfreute durch ihre Eigenschaften Familie, Vater und Mutter.
41.55 Die Weltenmutter pries stets ihre Mutter, ehrte ihren Vater und war immer mit ihren Brüdern zusammen.
41.56 Als Mädchen hielt sie sich beständig in der Nähe ihres Vaters auf, wie die Kalindi beim Sonnengott.
41.57 Eines Tages saß Himalaya voller Freude mit seinen Söhnen beisammen und hatte seine Tochter neben sich.
41.58 Da kam der Weise Narada aus der Götterwelt und sah Himalaya behaglich mit seinen Kindern sitzen.
41.59 Neben ihm sah er Kali, wie einen Lichtsaum bei der Sonne und wie volles Mondlicht in einer Herbstnacht. Der erste Vergleich ist beschädigt.
41.60 Der Berg ehrte ihn und bot ihm einen Sitz an. Zuerst fragte Narada nach seinem Wohlergehen.
41.61 Nachdem er alles erfahren hatte, sprach der redekundige Weise erfreuende Worte in Gegenwart Menakas.
41.62 Narada sprach: Bergkönig, deine Tochter ist wie die erste wachsende Mondsichel, schön und mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattet.
41.63 Sie wird Shambhus Geliebte sein und Hara stets zugetan bleiben. Durch ihre Askese wird sie sein Herz gewinnen.
41.64 Auch er wird keine andere als sie zur Frau nehmen. Eine Liebe wie die zwischen diesen beiden hat es bei keinem anderen Paar
41.65 gegeben, gibt es jetzt nicht und wird es künftig nicht geben. Viele Aufgaben der Götter werden durch sie erfüllt werden.
41.66 Durch sie wird Hara aus Liebe zu Ardhanarishvara, halb Mann und halb Frau, bester Berg, wie der Mond mit seinem Licht verbunden ist.
41.67 Nachdem sie Hara durch Askese erfreut hat, wird sie goldhell und goldglänzend die Hälfte seines Körpers zu ihrer Wohnstatt machen.
41.68 Deine Tochter Kali wird hell wie der Blitz werden und später unter dem Namen Gauri bekannt sein.
41.69 Denke nicht daran, sie einem anderen zu geben. Dieses geheime Vorhaben der Götter sollst du nicht öffentlich machen.
41.70 Markandeya sprach: Himalaya hörte die Worte des Götterweisen Narada und antwortete ihm kundig.
41.71 Himalaya sprach: Man hört, dass Mahadeva selbstbeherrscht alle Bindung aufgegeben hat und verborgen Askese übt, selbst den Göttern nicht sichtbar.
41.72 Wie könnte er seinen auf das höchste Brahman gerichteten Geist vom Weg der Meditation abwenden, Götterweiser? Daran zweifle ich sehr.
41.73 Er schaut überall im Inneren das unvergängliche höchste Brahman, einer kleinen Flamme gleich, und richtet den Blick nicht auf Äußeres.
41.74 So höre ich es stets aus dem Mund der Kinnaras, Brahmane. Wie könnte Hara einen solchen Geist ablenken?
41.75 Außerdem hört man, dass Hara früher mit Dakshas Tochter eine Vereinbarung getroffen hat. Höre, was ich darüber weiß.
41.76 „Außer dir werde ich keine andere Frau zur Gemahlin nehmen, geliebte Sati, Dakshas Tochter. Dies sage ich dir wahrhaftig.“
41.77 So hat er es einst Sati versprochen. Wie könnte er nach ihrem Tod eine andere Frau annehmen?
41.78 Narada sprach: Darüber brauchst du dir keine Sorge zu machen, Bergkönig. Deine Tochter ist Sati selbst, die ohne Zweifel für Hara wiedergeboren wurde.
41.79 Markandeya sprach: Darauf erzählte der Götterweise Narada dem Berg alles darüber, wie Sati in Menaka wiedergeboren worden war.
41.80 Als der Berg mit Frau und Söhnen die ganze frühere Geschichte aus Naradas Mund hörte, war er frei von Zweifel.
41.81 Kali hörte Naradas Erzählung, senkte schamhaft das Gesicht und lächelte.
41.82 Der Berg nahm sie bei der Hand, hob ihr Gesicht, berührte liebevoll ihr Haupt und setzte sie auf seinen Sitz.
41.83 Narada sprach erneut zur Bergestochter und erfreute damit den Bergkönig, Menaka und die Söhne.
41.84 Narada sprach: Wozu braucht sie deinen Thron, Bergkönig? Shambhus Schoß wird stets ihr Sitz sein.
41.85 Hat deine Tochter Haras Schoß als Sitz gewonnen, wird sie auf keinem anderen Sitz mehr dieselbe Freude finden, Berg.
41.86 Markandeya sprach: Nach diesen erhebenden Worten an den Bergkönig fuhr Narada sogleich mit einem Götterfahrzeug zum Himmel. Der Bergesherr aber ging mit seiner Tochter in seine inneren Gemächer, bewegt von Nachdenken, Freude und Staunen.
Kapitel 42
Die Vorlage wiederholt den Block 143–155 einschließlich der als 348 bezeichneten Stelle. Außerdem stehen 71, 100 und 116 jeweils doppelt; Buchstabenzusätze unterscheiden die Vorkommen. Die Originalnummer 348 bleibt erhalten.
42.1 Markandeya sprach: Inzwischen verließ Shambhu rasch jenen See und ging nach Gangavatara, einer herrlichen Höhe des Himalaya.
42.2 Dort war einst die Ganga herabgefallen, als sie aus Brahmas Stadt hervorströmte, unweit der Stadt Aushadhiprastha.
42.3 An diesem Ort betrachtete Bharga sein eigenes Selbst: unvergänglich, höher als das Höchste, ewiges Bewusstsein und Erkenntnis, lichtförmig und ungetrübt,
42.4 allumfassend, einer Flamme gleich, ohne Zweiheit und ohne unterscheidende Merkmale. Einspitzig meditierte der Erhabene mit dem Stierbanner darüber.
42.5 Während Hara meditierte, vertieften sich auch einige Pramathas in Meditation. Andere Scharen mit Nandin und Bhringin
42.6 standen als Torhüter bereit, wie ihnen zuvor aufgetragen worden war. Obwohl so viele anwesend waren, hörte man keinen Laut.
42.7 Alle verharrten schweigend. Andere Scharen spielten weiter entfernt,
42.8 mit Blumen, Blättern, Speisen und dem Wasser der Bergquellen; sie sammelten Juwelen und schmückten sich mit farbiger Erde.
42.9 Als der Bergkönig sah, dass Hara mit seinen Scharen gekommen war, verließ er mit seinem Gefolge Aushadhiprastha.
42.10 Er trat zur Verehrung vor ihn und ehrte ihn gebührend. Shambhu nahm die mit tiefem Vertrauen dargebrachte Verehrung an, unbewegt wie zuvor am Ursprung der Ganga.
42.11 Nach der Ehrung sprach der Weltenherr mit dem Stierbanner, im Meditationsyoga ruhend und gleichsam lächelnd, zum Bergkönig.
42.12 Ishvara sprach: Ich bin auf deine Höhe gekommen, um im Verborgenen Askese zu üben. Sorge dafür, dass niemand sich mir nähert.
42.13 Du Edler bist eine Wohnstatt der Welt, stets Zuflucht für Weise, Götter, Rakshasas, Yakshas und Kinnaras,
42.14 ein bleibender Aufenthalt der Brahmanen und stets durch die Ganga gereinigt. Die Höhe Gangavatara nahe deiner Stadt
42.15 habe ich aufgesucht, bester Berg. Richte sie jetzt entsprechend ein.
42.16 Nach diesen Worten schwieg der Weltenherr. Der Bergkönig antwortete Shambhu voller Zuneigung.
42.17 Himalaya sprach: Durch dein heutiges Kommen in mein Gebiet bin ich geheiligt, Weltenherr und höchster Gott. Was könnte ich darüber hinaus noch wünschen?
42.18 Selbst die Götter erreichen dich trotz großer Askese und Anstrengung nicht leicht; nun bist du von selbst hier erschienen.
42.19 Niemand ist glücklicher oder verdienstvoller als ich, da du auf dieser Höhe des Himalaya zur Askese gekommen bist.
42.20 Ich halte mich für glücklicher als Indra, höchster Herr, weil du mich mit deinen Scharen aus freiem Willen aufgesucht hast.
42.21 Nach diesen Worten kehrte der Bergkönig heim und erteilte seinem Gefolge und seinen Scharen eine Anordnung.
42.22 Von heute an darf niemand ohne meinen Befehl nach Gangavatara gehen. Wer dennoch hingeht, den werde ich bestrafen.
42.23 Nachdem er dies festgelegt hatte, nahm er Sesam, Blumen, Kusha-Gras und Früchte und ging mit seiner Tochter rasch zu Hara.
42.24 Dort ließ er seine tugendreiche Tochter Kali sich vor dem in Meditation versunkenen Weltenherrn verneigen.
42.25 Er legte Sesam, Blumen und die übrigen Gaben vor ihm nieder, stellte seine Tochter vor sich und sprach zu Shambhu.
42.26 Himalaya sprach: Erhabener, ich habe diese meine Tochter zu deiner Verehrung angewiesen und hergeführt. Sie wünscht, dir zu dienen.
42.27 Mit zwei Freundinnen soll sie dich beständig verehren, Herr Shankara. Erlaube ihr diesen Dienst, wenn du mir gnädig bist.
42.28 Markandeya sprach: Shankara sah sie, eben in die Jugend eingetreten, schimmernd wie die Blätter einer geöffneten blauen Wasserlilie, mit einem Gesicht wie der Vollmond,
42.29 mit reichem dunklem Haar, schönem Gewand, muschelförmigem Hals, großen Augen und zwei schönen Ohren,
42.30 mit lieblichen, langen Armen wie Lotusstängeln und wohlgeformter Brust, die der Vers mit Lotuszier vergleicht,
42.31 mit schmaler Taille, roten Handflächen und zwei lieblichen Füßen wie Landlotusblüten,
42.32 mit großer innerer Kraft, kräftig gerundeten Hüften, schönen Unterschenkeln, Schenkeln wie Elefantenrüssel und tiefem Nabel,
42.33 mit schön gerundeten Beinen und den drei tiefen und sechs erhabenen Körpermerkmalen, reich an allen günstigen Zeichen und in den drei Welten selten,
42.34 einem Juwel unter den Frauen, deren bloßer Anblick selbst den Geist eines in Meditation fest eingeschlossenen Weisen ablenken konnte.
42.35 Er sah in ihr eine Gestalt, die Meditierende bezaubert, ein mögliches Hindernis für Askese und eine Mehrerin der Liebe.
42.36 Dennoch nahm Shankara die Tochter des Bergkönigs auf dessen Bitte und aus Achtung vor ihm zum Dienst an.
42.37 Ishvara sprach: Bergkönig, deine Tochter soll mir mit ihren beiden Freundinnen beständig und sorgfältig dienen und hier ohne Furcht verweilen.
42.38 Markandeya sprach: So nahm Hara die Göttin zu seinem Dienst an. Große Festigkeit zeigt sich darin, dass ein Hindernis nicht stört. Brahmanen können Askese an einem hindernisfreien Ort üben;
42.39 wer aber unter Hindernissen deren Ursache überwindet und fortfährt, zeigt die Größe der Askese und die Standhaftigkeit des Asketen.
42.40 Der Bergkönig kehrte mit seinen Dienern in seine Stadt zurück. Hara richtete sich im Meditationsyoga wieder auf die Betrachtung des Höchsten.
42.41 Kali kam täglich mit ihren beiden Freundinnen und diente Mahadeva, dem Mondgeschmückten.
42.42 Manchmal sang sie mit ihren Freundinnen vor Shankara ein schönes Lied und entfaltete dabei den fünften Ton.
42.43 Manchmal brachte sie Hara Kusha-Gras, Blumen, Brennholz und Wasser und bereitete gemeinsam mit den Freundinnen sein Bad und seine Verehrung vor.
42.44 Manchmal stand sie gesammelt vor ihm, schaute in das Gesicht des Mondträgers und dachte voller Sehnsucht an ihn.
42.45 Wenn sie mit Aufgaben beschäftigt war, verrichtete sie diese; sobald sie frei war, dachte sie an Hara.
42.46 Wann wird dieser Herr der Wesen meine Hand ergreifen? Wann wird er mit mir in mannigfaltiger liebevoller Zuwendung spielen?
42.47 Mit solchen Gedanken verehrte Kali den höchsten Herrn sogar im Traum und blieb stets auf ihn ausgerichtet.
42.48 Wenn Kali vor Maheshvara trat und ihn betrachtete, erkannte der Herr der Wesen ihre natürliche Zuneigung.
42.49 Doch der Herr der Berge nahm Kali noch nicht zur Frau, weil sie noch kein Gelübde gehalten hatte und ihr Körper nach der Vorstellung des Textes die Prägung von Mutterleib und Zeugung trug.
42.50 Mahadeva dachte bei ihrem Anblick: Wie könnte diese Tochter des Berges das Gelübde der Askese auf sich nehmen?
42.51 Wenn sie das Gelübde vollzogen und die Prägung der leiblichen Geburt abgelegt hat, werde ich die geliebte Kali zur Frau nehmen. Die Darstellung wertet hier die Geburt aus dem Mutterleib als Verunreinigung.
42.52 Durch Gelübde und Reinigungsriten wird diese Geburtsprägung entfernt. Wie lässt sich daher erreichen, dass Kali ein solches Gelübde hält?
42.53 Nach dieser Überlegung blieb der Herr der Wesen in Meditation. In die Versenkung vertieft, entwickelte er keine anderen Gedanken.
42.54 Kali aber diente Shambhu täglich mit großer Hingabe und betrachtete beständig die Gestalt des Edlen.
42.55 Hara war der Meditation ergeben. Obwohl Kali täglich vor ihm stand, sah er sie gleichsam nicht und hatte die früheren Ereignisse vergessen.
42.56 Inzwischen bedrängte der Daitya-König Taraka die Götter und alle Welten, im Stolz auf eine Gabe Brahmas.
42.57 Er unterwarf die drei Welten und machte sich selbst zum Indra. Er vertrieb alle Götter und setzte eigene Daityas und andere Wesen in ihre Ämter ein.
42.58 Unter seiner Herrschaft konnte Yama die Wesen nicht nach eigener Ordnung lenken. Auch die Sonne wärmte die Welten aus Furcht vor ihm nicht nach freiem Willen.
42.59 Der Mond diente ihm als Gefährte seiner Vergnügungen und bediente ihn mit seinen Strahlen zusammen mit dem Wind unablässig.
42.60 Auf Befehl des Herrschers wehte der Wind stets duftend, sanft, kühl und angenehm und fächelte ihm Luft zu.
42.61 Auch Kubera sammelte sorgfältig die kostbarsten Schätze und diente aufmerksam nach Tarakas Wunsch.
42.62 Agni wurde auf Tarakas Befehl sein Koch und bereitete nach dessen Willen Speisen und Beilagen.
42.63 Nirriti sorgte mit allen Rakshasas voller Furcht für seine Pferde, Elefanten und sonstigen Reittiere.
42.64 Mit tanzenden Apsaras, preisenden Barden und singenden Gandharvas vergnügte sich der Götterfeind.
42.65 So erschütterte er alle drei Welten und nahm überall, selbst den Göttern, das Kostbarste fort.
42.66 Von ihm bedrängt und ohne Schutz, suchten die Götter mit Indra an der Spitze Zuflucht bei Brahma, dem höchsten Schutzherrn.
42.67 Sie verneigten sich und sprachen zu dem edlen Stammvater aller Welten.
42.68 Die Götter sprachen: Weltenherr, der Daitya Taraka ist durch deinen Segen übermütig geworden. Er hat uns gewaltsam vertrieben und unsere Wirkungsbereiche an sich genommen.
42.69 Tag und Nacht bedrängt er uns, wo immer wir sind. Auch wenn wir fliehen, sehen wir Taraka in jeder Richtung.
42.70 Agni, Yama, Varuna, Nirriti, Vayu und Kubera mit ihrem ganzen Gefolge
42.71a werden von ihm gequält. Auf seinen Befehl verrichten sie unerwünschte Arbeiten und sind alle zu seinen Dienern geworden.
42.71b Alle Götterfrauen und Apsaras im Himmel hat der Daitya an sich genommen, dazu das Kostbarste in allen Welten.
42.73 Keine Opfer finden mehr statt, die Asketen üben keine Askese; Freigebigkeit und andere Pflichten werden in den Welten nicht mehr gepflegt.
42.74 Sein böser Heerführer, ein Danava namens Krauncha, ist in die Unterwelt gegangen und bedrängt dort Tag und Nacht die Geschöpfe.
42.75 So hat Taraka die ganzen drei Welten an sich gerissen. Rette die Welt vor diesem Übeltäter, Stammvater.
42.76 Bestimme uns einen Ort, an dem wir wohnen können, da er uns aus unseren Wohnstätten vertrieben hat, Weltenherr und Weltenlehrer.
42.77 Du bist unsere Zuflucht, unser Unterweiser, Retter, Vater und Mutter, der geschickte Begründer und Bewahrer der Welten.
42.78 Handle jetzt so, Schöpferherr, dass wir nicht im Feuer namens Taraka verbrennen.
42.79 Markandeya sprach: Brahma, der Stammvater der Welt, hörte die Worte der Götter und gab eine der Lage entsprechende Antwort.
42.80 Brahma sprach: Durch meinen eigenen Segen ist Taraka stark geworden. Darum ziemt es sich nicht, dass ich ihn töte, ihr Himmelsbewohner.
42.81 Zwar soll ich euch gegen seine Taten helfen, doch vermag ich die verlangte Abhilfe nicht unmittelbar zu schaffen.
42.82 Richtet es deshalb so ein, dass Taraka auf andere Weise sein Ende findet. Ich werde euch den Weg weisen.
42.83 Taraka darf weder durch mich noch durch Vishnu oder Hara getötet werden, auch nicht durch andere Götter oder Menschen.
42.84 Diesen Segen habe ich ihm für seine Askese gegeben. Doch habe ich ein Mittel bedacht; führt es aus, ihr hohen Götter.
42.85 Sati, Dakshas Tochter, hatte einst ihren Körper abgelegt und wandte sich zur Wiedergeburt Menaka, der Gemahlin des Bergkönigs, zu.
42.86 Der Berg zeugte sie in Menakas Leib, wie mein Sohn Bhrigu einst Lakshmi in Khyati hervorbrachte.
42.87 Mahadeva wird sie gewiss zur Gemahlin nehmen. Bemüht euch darum, dass er bald Liebe zu ihr fasst, ihr Götter,
42.88 damit seiner Kraft eure Rettung entspringt. Sie allein vermag Shambhu, der seinen Samen aufwärts hält, dazu zu bringen, ihn hervorzubringen;
42.89 keine andere Frau vermag dies. Der Sohn, der aus dieser hervorgebrachten Kraft geboren wird,
42.90 allein wird Taraka töten; einen anderen Bezwinger gibt es nicht. Diese Tochter des Bergkönigs steht jetzt in der Jugendblüte.
42.91 Auf Himalayas Wort dient sie unter dem Namen Kali mit zwei Freundinnen täglich dem allwissenden höchsten Herrn, der auf einer Berghöhe Askese und Meditation übt.
42.92 Obwohl diese Schönste der drei Welten vor ihm steht, begehrt Mahadeva sie nicht einmal im Geist, so sehr ist er in Meditation versunken.
42.93 Bemüht euch rasch und sorgfältig darum, dass der Mondgeschmückte Kali als Gemahlin wünscht.
42.94 Eure eigene Wohnstatt ist der Himmel. Ich werde Taraka aufsuchen und ihn von dort zurückziehen lassen. Geht ohne Sorge.
42.95 Markandeya sprach: Nach diesen Worten begab der Herr aller Welten sich zu Taraka und sprach ihn an.
42.96 Brahma sprach: Höre, Taraka, herrsche nicht über das Himmelreich. Dafür hast du einst deine Askese nicht geübt.
42.97 Auch habe ich dir nicht die Königsherrschaft über den Himmel als Segen gegeben. Verlasse deshalb den Himmel und herrsche auf Erden.
42.98 Dort werden dir die Genüsse der Götter zuteilwerden, Asura. Markandeya sprach: Nach diesen Worten verschwand der Weltenherr dort.
42.99 Taraka verließ den Himmel und ging zur Erde. Doch auch von dort bedrängte er die Götter ständig und machte den mächtigen Indra zu seinem tributpflichtigen Untergebenen.
42.100a Indra brachte ihm fortwährend göttliche Güter und diente ihm, konnte diesen Herrn jedoch nicht zufriedenstellen.
42.101 So bedrängt und voller Kummer bemühten die Götter sich nach Brahmas Rat darum, dass Hara einen Nachkommen erhielt.
42.102 Indra beriet sich mit seinem Lehrer, fasste einen Entschluss, rief den Gott der Blumenpfeile herbei und sprach.
42.103 Indra sprach: Durch dich wird das All erhalten und hervorgebracht. Du bist seit alters die Ursache der Liebe Brahmas, Vishnus und Rudras.
42.104 Durch deine Macht nahm Brahma einst die gelübdetreue Savitri, Madhava Lakshmi und Hara Sati, Dakshas Tochter, in Liebe an.
42.105 Wie du diesen Götterherren damals durch ihre Gemahlinnen Freude bereitet hast, so bereite auch mir und den Lebewesen Freude, Kama.
42.106 Es gibt im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt kein Lebewesen, dem du nicht lieb bist, Kama. Du giltst stets als Liebling der Welten.
42.107 Du erhältst und erschaffst Götter, Danavas, Yakshas, Rakshasas und Menschen und wirkst in ihren Herzen.
42.108 Handle deshalb zum Wohl aller Welten, der Götter, Danavas, Yakshas und edlen Menschen.
42.109 Markandeya sprach: Der Gott mit dem Makara-Banner hörte Indras nektargleiche Worte und antwortete dem Götterkönig hocherfreut.
42.100b Madana sprach: Indra, du kennst den Bereich, in dem ich Macht habe. Befiehl mir daher eine Aufgabe, die mir entspricht und die ich vollbringen kann.
42.111 Ich besitze nur fünf weiche Blumenpfeile. Auch mein Bogen besteht aus Blumen, seine Sehne aus Bienen.
42.112 Rati ist meine geliebte Gemahlin, der Frühling mein Ratgeber, der Wind vom Malaya mein Lenker und der Mond mein Freund.
42.113 Mein Heerführer ist die Liebesstimmung, meine Soldaten sind Mienen und Gefühlsregungen. Alle sind sanft und nicht grausam, und ebenso bin ich selbst.
42.114 Ein Verständiger sollte jeden mit der Aufgabe betrauen, zu der er geeignet ist. Darum gib mir eine Arbeit, die zu mir passt.
42.115 Indra sprach: Was ich durch dich ausführen lassen möchte, Geistgeborener, entspricht dir vollkommen; du bist dafür gerüstet.
42.116a Du hast auf diesem Gebiet bereits erfolgreich gehandelt und bist erfahren. Für andere aber ist diese Aufgabe schwer; deshalb betraue ich dich damit.
42.116b Man hört, dass der Gott mit dem Stierbanner auf einer Höhe des Himalaya in Meditation Askese übt und keinerlei Wunsch nach einer Gemahlin hat.
42.117 Kali dient ihm dort auf das Wort ihres Vaters hin mit zwei Freundinnen, und Hara selbst hat es erlaubt.
42.118 Obwohl sie jung, schön und ein Juwel unter den Frauen ist, begehrt der meditierende Mahadeva sie nicht einmal im Geist.
42.119 Bewirke zum Wohl der Götter und Welten, dass der Gott mit dem Stierbanner Liebe zu ihr fasst.
42.120 Wie er einst voller Liebe mit Sati spielte, so möge er nun durch dein Wirken mit dieser Bergestochter spielen.
42.121 Der Sohn, der aus Haras um ihretwillen hervorgebrachter Kraft entsteht, wird uns vor Taraka retten.
42.122 Markandeya sprach: Der Geistgeborene hörte die Worte des Götterkönigs und erinnerte sich an Brahmas früheren Fluch, dessen Zeit nun gekommen war.
42.123 Als Kama einst seine Waffe an Brahma in Bezug auf Sandhya erprobt und ihn mit Blumenpfeilen getroffen hatte, hatte Brahma ihn verflucht:
42.124 Du wirst vom Feuer aus Shambhus Auge verbrannt werden. Doch wenn Hara die Bergestochter zur Gemahlin nimmt,
42.125 wirst du deinen vollständigen Körper wiedererlangen. An Brahmas Fluch erinnernd, war der Gott mit dem Makara-Banner zwar voller Furcht,
42.126 doch nahm er auf Indras Wort die Aufgabe an, Hara mit Kali zu verbinden, und sagte das der Lage Angemessene.
42.127 Madana sprach: Ich werde deinem Wort folgen, Indra, und Hara mit Kali, der Bergestochter, verbinden wie einst mit Dakshas Tochter.
42.128 Doch gewähre mir eine Hilfe dabei: Wenn ich Hara mit dem Verzauberungspfeil bezaubere,
42.129 sollst du mich vom Himmel aus unterstützen und stärken. Bald werde ich mit dem Frühling Shankaras Einsiedelei betreten.
42.130 Zuerst werde ich mit dem erfreuenden Pfeil eine Regung in seinem Geist auslösen, dann ihn mit dem Verzauberungspfeil tief bezaubern.
42.131 Wenn die Zeit gekommen ist, denke zu meinem Schutz an mich. Ich gehe nun mit meinen Begleitern, um dies zu vollbringen, Bezwinger Balas.
42.132 Markandeya sprach: Nach diesen Worten ging Madana zu Shankaras Einsiedelei. Indra sprach zu allen Göttern:
42.133 Helft dem Geistgeborenen, folgt ihm, wohin er geht, und benachrichtigt mich zur rechten Zeit.
42.134 Wenn er Shankara mit dem Verzauberungspfeil bezaubert, werde auch ich dorthin kommen. Meldet es mir dann, ihr Götter.
42.135 So angewiesen, folgten die Götter dem Liebesgott. Dieser kam zu Hara nach Gangavatara auf dem schneetragenden Berg und setzte den Frühling an die Arbeit.
42.136 Sobald der Frühling dort eingezogen war, zeigten sich seine Merkmale an Bäumen, Büschen und Ranken.
42.137 Kimshuka-, Manjula- und Ketaka-Gewächse blühten; die Seen trugen Lotusblüten, und die Lebewesen wurden innerlich bewegt.
42.138 Ein sanfter, mit Blütenstaub duftender Wind wehte langsam und wohltuend und bewegte den Wald.
42.139 Vögel, Wildtiere und andere Lebewesen, Siddhas und Kinnaras fanden sich zu Paaren zusammen.
42.140 Die Mangobäume blühten und trugen frische Blütenbüschel, ebenso Ashoka, Patala und Nagakeshara. Ein weiterer Pflanzenname ist unsicher.
42.141 Auch Shankaras Scharen wurden von Liebesregungen erfasst, verbargen diese aber aus Furcht vor Shambhu. Die Negation ist in der Vorlage gestört.
42.142 Bienen schwirrten dort mit ihren Gefährtinnen summend umher und tranken wiederholt den aus den Blüten fließenden Nektar.
42.143a Während der Frühling so wirkte, trat auch die Liebesstimmung mit ihren Scharen, Mienen und Gefühlsregungen in Haras Nähe.
42.144a Madana blieb lange mit seinen Begleitern dort, fand aber keine Lücke in Shambhus Sammlung, durch die er eindringen konnte.
42.145a Wenn sich eine Gelegenheit bot, wurde er von Furcht überwältigt und ging, auch von Rati zurückgehalten, nicht vor.
42.146a So verging viel Zeit, ihr besten Brahmanen. Trotz seiner Beobachtung fand er keinen geeigneten Zugang zu diesem Asketen.
42.147a Wer könnte sich Shankara nähern, wenn er in Meditation wie das Weltuntergangsfeuer und wie hunderttausend Sonnen leuchtet?
42.348a Eines Tages stand Kali, die Bergestochter, vor ihm. Sie hatte mit ihren beiden Freundinnen den erforderlichen Dienst verrichtet und wartete verneigt.
42.149a Shankara hatte für einen Augenblick die Meditation verlassen, dachte nicht an das höchste Licht und wies seinen Scharen Aufgaben zu.
42.150a Diese Gelegenheit nutzte Madana und erfreute den nahen Mondgeschmückten zunächst mit dem erfreuenden Pfeil.
42.151a Auch die Liebesstimmung trat mit Mienen und Gefühlsregungen zu Hara, gemeinsam mit dem Frühling, um Kama zu helfen.
42.152a Durch den erfreuenden Pfeil bewegt und von den Liebesmächten umgeben, blickte Shankara mit wachsendem Interesse in Kalis Gesicht.
42.153a Kama nutzte diese Öffnung und legte den blumenumhüllten, mit Blütengirlanden verstärkten Verzauberungspfeil auf seinen Blumenbogen.
42.154a Rati stand zu seiner Rechten, Priti zu seiner Linken, hinter ihm der schöne Frühling mit dem Blumenköcher.
42.155a Als der Geistgeborene gesammelt den Blumenbogen bis zum Ohr spannte, trat der Wind zu ihm.
42.143b Während der Frühling so wirkte, trat auch die Liebesstimmung mit ihren Scharen, Mienen und Gefühlsregungen in Haras Nähe.
42.144b Madana blieb lange mit seinen Begleitern dort, fand aber keine Lücke in Shambhus Sammlung, durch die er eindringen konnte.
42.145b Wenn sich eine Gelegenheit bot, wurde er von Furcht überwältigt und ging, auch von Rati zurückgehalten, nicht vor.
42.146b So verging viel Zeit, ihr besten Brahmanen. Trotz seiner Beobachtung fand er keinen geeigneten Zugang zu diesem Asketen.
42.147b Wer könnte sich Shankara nähern, wenn er in Meditation wie das Weltuntergangsfeuer und wie hunderttausend Sonnen leuchtet?
42.348b Eines Tages stand Kali, die Bergestochter, vor ihm. Sie hatte mit ihren beiden Freundinnen den erforderlichen Dienst verrichtet und wartete verneigt.
42.149b Shankara hatte für einen Augenblick die Meditation verlassen, dachte nicht an das höchste Licht und wies seinen Scharen Aufgaben zu.
42.150b Diese Gelegenheit nutzte Madana und erfreute den nahen Mondgeschmückten zunächst mit dem erfreuenden Pfeil.
42.151b Auch die Liebesstimmung trat mit Mienen und Gefühlsregungen zu Hara, gemeinsam mit dem Frühling, um Kama zu helfen.
42.152b Durch den erfreuenden Pfeil bewegt und von den Liebesmächten umgeben, blickte Shankara mit wachsendem Interesse in Kalis Gesicht.
42.153b Kama nutzte diese Öffnung und legte den blumenumhüllten, mit Blütengirlanden verstärkten Verzauberungspfeil auf seinen Blumenbogen.
42.154b Rati stand zu seiner Rechten, Priti zu seiner Linken, hinter ihm der schöne Frühling mit dem Blumenköcher.
42.155b Als der Geistgeborene gesammelt den Blumenbogen bis zum Ohr spannte, trat der Wind zu ihm.
42.156 Mit dem aufgelegten Blumenpfeil gerieten die Sinne des Mondgeschmückten in Bewegung, und er wollte die Bergestochter zur Vereinigung an sich ziehen.
42.157 Alle Götter samt Indra befanden sich im Himmel und betrachteten den Geistgeborenen als geeigneten Helfer bei ihrem Vorhaben. Die Satzform ist beschädigt.
42.158 Doch Mahadeva besann sich, sammelte sich und zügelte die Erregung seiner Sinne. Plötzlich dachte er:
42.159 Warum will ich Kali, die leiblich geborene Bergestochter, die noch keine Askesegelübde vollzogen hat, jetzt voller Verlangen an mich ziehen?
42.160 Erst wenn ihr Leib durch Askese und Gelübde geläutert ist, werde ich sie selbst annehmen wie Sati, Dakshas Tochter.
42.161 Warum bin ich jetzt gegen meinen Willen von Verlangen bewegt, wie von jemandem gezogen, und wünsche die Vereinigung?
42.162 Während er den Grund dieser Sinnesregung erforschte, sah er vor sich den Liebesgott mit gespanntem Pfeil.
42.163 Inzwischen hatte Brahma die Lage erkannt. Er sah die versammelten Götter und kam aus seiner Wohnstatt, um ihnen beizustehen.
42.164 Als Shankara den Liebesgott mit aufgelegtem Pfeil sah, geriet er in Zorn, flammte wie Feuer auf und wollte ihn unmittelbar verbrennen.
42.165 Er dachte: Kama hat die Gelegenheit erkannt und will mich bezaubern, meinen Geist seiner Macht unterwerfen. Darum werde ich ihn zu Yama senden.
42.166 Während er so dachte, wuchs die Strahlkraft seines Auges; sein Zorn wurde zu Feuer und trat aus dem Auge hervor.
42.167 Brahma erkannte, dass dieser Zorn in Feuergestalt hervortreten würde. Er zog Kamas Blumenpfeile, die auf dem Bogen lagen,
42.168 seine Kraft, Lebenshauche und sein Selbst zurück und bewahrte sie. Auch den Frühling entfernte der Stammvater vom Ort.
42.169 So schützte er den Liebesgott durch eigene Kraft vor Shambhus Zorn. Die Götter im Himmel sahen Maheshvara erzürnt und riefen:
42.170 Sei gnädig, Weltenherr! Lass deinen Zorn auf Kama los. Er ist einst durch dich selbst in deiner Shambhu-Gestalt für sein Wirken geschaffen worden.
42.171 Der Geistgeborene erfüllt nur die Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde. Ziehe deshalb dein Zornfeuer gegen Madana zurück, Shambhu.
42.172 Sei gnädig, Herr aller Wesen! Voller Hingabe verneigen wir uns vor dir. Doch während die Götter noch so sprachen,
42.173 machte das aus dem Stirnauge geborene Feuer den Liebesgott zu Asche. Nachdem es Kama verbrannt hatte, leuchtete es in gewaltigen Flammenkränzen.
42.174 Brahma hielt es zurück, sodass es nicht zu Hara zurückkehren konnte. Mahadeva nahm die aus Kamas Körper entstandene Asche
42.175 und bestrich damit alle seine Glieder. Auch die übrig gebliebene Asche nahm Hara an sich.
42.176 Mit seinen Scharen verschwand er auf Brahmas Zustimmung hin und ließ Kali zurück. Brahma aber sah Shambhus Zornfeuer, das alle Götter zu verbrennen drohte,
42.177 und gab ihm vor den Göttern die Gestalt einer Stute. Die Götter sahen diese nun friedliche, glückverheißende Stute mit flammendem Maul,
42.178 und ihre zuvor bedrängten Herzen wurden ruhig. Brahma nahm die flammenmäulige Stute
42.179 und ging zum Wohl der Welt an den Ozean. Dort wurde der Weltenherr gebührend geehrt und sprach zu ihm,
42.180 wobei er eine Vereinbarung traf: Dieser Zorn Maheshas in Stutengestalt
42.181 mit flammendem Maul soll von dir bewahrt werden, bis ich ihn wegführe. Wenn ich zu dir komme und es dir sage, Herr der Flüsse,
42.182 sollst du diesen stutenmäuligen Zorn wieder freigeben. Dein Wasser wird ihm zur Nahrung dienen.
42.183 Halte ihn sorgsam so, dass er nicht ins Innere vordringt. Auf Brahmas Wort hin erklärte der Ozean sich bereit,
42.184 den sonst kaum zu tragenden Zorn Shambhus mit Stutenmaul aufzunehmen. Darauf ging das stutenmäulige Feuer in den Ozean ein.
42.185 Dort verbrannte es Wasserfluten, hell von Flammenkränzen umgeben. Als es zuvor aus Shambhus Auge hervorgegangen war und Madana verbrannt hatte,
42.186 war ein gewaltiger Laut entstanden, der den Himmelsraum erfüllte. Durch diesen Laut und die plötzliche Verbrennung Kamas
42.187 war Kali mit ihren beiden Freundinnen von Angst und Trauer ergriffen worden. Auch Himalaya hörte den Laut, erschrak und staunte.
42.188 Er eilte zu seiner Tochter, die in Haras Einsiedelei war. Dort fand der Bergesherr die glückverheißende Kali voller Angst und Kummer, über die Trennung von Shambhu weinend.
42.189 Er wischte ihr mit der Hand die Augen und sagte: Fürchte dich nicht, Kali, weine nicht! Dann nahm er sie an sich.
42.190 Himalaya nahm seine Tochter auf den Schoß, brachte sie nach Hause und tröstete die Leidende.
42.191 Nachdem Hara verschwunden war, trauerte Kali in ihres Vaters Haus beständig um seine Abwesenheit und war wie benommen.
42.192 Der Bergkönig, Menaka, Mainaka und die anderen Brüder sowie die beiden Freundinnen trösteten sie. Doch Uma vergaß Hara trotz ihres sonst unerschütterlichen Wesens nicht.
Kapitel 43
43.1 Markandeya sprach: Darauf begab sich der göttliche Weise Narada, der sich nach Belieben überallhin bewegen konnte, auf Indras Geheiß zum Haus des Himalaya.
43.2 Der hochherzige Herr der Berge ehrte ihn bei seiner Ankunft. Dann verließ Narada ihn und suchte Kali im Verborgenen auf.
43.3 Er trat zu der erkenntnisreichen Kali, sprach sie an und sagte diese wahrhaftigen Worte zum Heil aller Welten.
43.4 Narada sprach: Höre meine Worte, Kali, und erkenne ihre Wahrheit: Du hast Mahadeva hier gedient, ohne zuvor Askese zu üben.
43.5 Darum hat Mahadeva dich verlassen, obwohl er dir zugetan ist. Außer dir wird Shankara keine andere Gefährtin annehmen.
43.6 Auch du wirst keinen anderen Geliebten als den Herrn annehmen. Verehre ihn deshalb lange Zeit durch Askese.
43.7 Wenn du durch Askese geläutert bist, wird er dich zu seiner Gefährtin machen. Höre, Glückliche, seinen Mantra, durch den er bald,
43.8 von dir verehrt, sichtbar vor dir stehen wird: „Om, Verehrung dem Shiva!“ Dieser Mantra ist Shankara stets lieb.
43.9 Betrachte seine Gestalt, halte die Gelübde ein und wiederhole diesen sechssilbigen Mantra, Tochter des Berges. Dadurch wird Hara erfreut sein.
43.10 Als der hochherzige Narada dies gesagt hatte, erkannte Kali seine Worte als heilsam und wahr an und beschloss, ihnen zu folgen.
43.11 Nachdem Narada Kali zur Askese ermutigt hatte, kehrte er in den Himmel zurück. Ihr Entschluss zu diesem Gelübde stand fest.
43.12 Nach dem Fortgang des göttlichen Weisen suchte Kali Menaka auf und erklärte ihr ihren Wunsch, durch Askese die Vereinigung mit Hara zu erlangen.
43.13 Kali sprach: Mutter, ich will fortgehen, um Askese zu üben und Maheshvara zu gewinnen. Erlaube mir, heute in den Büßerwald zu ziehen.
43.14 Teile meinem Vater rasch meinen Entschluss zur Askese mit, Mutter, bevor mich das Feuer der Trennung vom Herrn der Wesen verbrennt.
43.15 Markandeya sprach: Als Menaka diese Worte hörte, wurde sie von Kummer gequält. Sie umarmte ihre Tochter und sagte: Meine Liebe, übe keine solche Askese!
43.16 Dein Körper ist zart, Tochter. Begib dich nicht in diese harte Askese. Der Körper eines Weisen kann sie ertragen, deiner aber nicht.
43.17 Nicht einmal Feinde würden dir das Leben im Wald wünschen. Verzichte deshalb auf die Askese des Waldlebens und übe eine heilsame Entsagung, die deiner Natur entspricht.
43.18 Die Tochter des Berges hörte die Worte ihrer Mutter und wurde traurig. Doch sie blieb zur Askese entschlossen und antwortete ihr.
43.19 Kali sprach: Halte mich nicht zurück! Heute werde ich zur Askese in den Büßerwald gehen. Selbst wenn du es mir nicht erlaubst, werde ich heimlich fortgehen.
43.20 Menaka sprach: Brahma, Vishnu, Shiva und die anderen Götter sind stets auch im Haus gegenwärtig. Verehre deshalb hier die Götter deiner Wahl, Tochter.
43.21 Man hört nicht, dass Frauen ohne ihren Gatten in den Büßerwald ziehen. Deshalb ziemt dir, Tochter, dieser Gang zur Askese im Wald nicht.
43.22 Markandeya sprach: Weil Mena sie mit den Worten „U, ma!“ – „O, nicht!“ – vom Gang zur Askese in den Wald abhalten wollte, erhielt die Göttin damals den Namen Uma.
43.23 Die Tochter des Himalaya setzte sich über die Worte ihrer Mutter hinweg und ließ ihren Vater durch ihre beiden Freundinnen von ihrem Vorhaben unterrichten.
43.24 Als der Herr der Berge vom Entschluss seiner Tochter zur Askese erfuhr, gab er seine Zustimmung, wenn auch ohne große Freude.
43.25 Mit der Erlaubnis ihres Vaters ging sie nach Gangavatarana, an den Ort, an dem Shambhu den Liebesgott verbrannt hatte.
43.26 Gangavatarana heißt eine Bergterrasse des Himalaya. Als Kali sie erreichte, sah sie, ganz in Gedanken an Hara versunken, dass er nicht dort war.
43.27 Sie verweilte eine Weile an der Stelle, an der Shambhu früher in tiefer Meditation gesessen hatte, und wurde vom Schmerz der Trennung überwältigt.
43.28 „Ach, Hara!“, rief die Tochter des Berges weinend. Von Sorge und Kummer erfüllt, klagte sie in tiefem Schmerz.
43.29 Eine Weile klagte Kali. Als sie sich an Haras frühere Zuneigung erinnerte, verlor die Lotusäugige das Bewusstsein.
43.30 Nach längerer Zeit überwand sie ihre Ohnmacht durch Standhaftigkeit. Die Tochter des Himalaya weihte sich dort ihren Gelübden.
43.31 Zunächst bestand ihre Regel darin, sich von Früchten zu ernähren. Sie übte die Askese der fünf Feuer, betrachtete Shambhu im Geist und wiederholte seinen Mantra.
43.32 Im Sommer ließ sie in den vier Himmelsrichtungen vier Feuer aus trockenem, für Opfer geeignetem Holz brennen. Die glühende Sonne war das fünfte Feuer.
43.33 Nach dem Feuerritual stand sie, mit Bast bekleidet, zwischen den vier Feuern, die je eine Elle entfernt waren, und blickte auf die Sonnenscheibe.
43.34 Den Sommer verbrachte sie inmitten der Feuer, die kalte Jahreszeit im Wasser. Anfangs nahm sie Früchte zu sich, in der zweiten Stufe nur Wasser.
43.35 In der dritten Stufe ernährte sie sich von Blättern, die von selbst von den Bäumen gefallen waren. Schließlich verzichtete die Tochter des Himalaya auch auf diese.
43.36 Sie nahm das Gelübde völliger Nahrungslosigkeit auf sich und wurde von der Askese erschöpft. Weil die Tochter des Himalaya selbst Blätter als Nahrung aufgegeben hatte,
43.37 nannten die Götter sie auf Erden Aparna, „die ohne Blätter“. So übte sie die Askese der fünf Feuer und das Verweilen im Wasser.
43.38 Im Frühling stand die Tochter des Himalaya auf einem Bein. Den sechssilbigen Mantra wiederholend, vollbrachte sie lange Zeit große Askese.
43.39 In Lumpen und Bast gehüllt, mit verfilztem Haar und abgemagerten Gliedern, blieb sie ganz der Betrachtung hingegeben. Ihre Askese übertraf die der Weisen.
43.40 Shankara selbst beschützte sie bei ihrer hingebungsvollen Askese. Er stärkte sie und bewahrte sie voller Freude vor Gefahren.
43.41 Während Kali so im Büßerwald Askese übte und Maheshvara betrachtete, vergingen dreitausend Jahre.
43.42 Durch seinen Blick und nach göttlicher Fügung wurde die Göttin in diesen Jahrtausenden geläutert und zur Verbindung mit Hara bereit. Die Zahlenform der Vorlage ist hier verderbt und weicht von den dreitausend Jahren in Vers 41 ab.
43.43 Nach Ablauf dieser Jahrtausende verweilte die Schöne an dem Ort, an dem Hara Askese geübt hatte, und dachte nach. Auch hier ist die Zahlenangabe der Vorlage unklar.
43.44 Kali sprach: Weiß Mahadeva denn noch immer nicht, dass ich meine Gelübde halte? Warum hat er mich, die ich so lange Askese übe, noch nicht erhört?
43.45 Ist der Herr des Berges nicht in dieser Welt? Die Götter und die ihn preisenden Weisen nennen Hara doch allwissend und allgegenwärtig.
43.46 Er ist allgegenwärtig, allwissend, das Selbst aller und in jedem Herzen gegenwärtig. Der Gott schenkt alle Wohlfahrt und bringt das Werden aller Wesen hervor.
43.47 Wenn meine Mutter Menaka tugendhaft ist und ich allein den Gott mit dem Stierbanner liebe und keinen anderen, möge Shankara mir gnädig sein!
43.48 Wenn dieser sechssilbige Mantra wahrhaft aus Naradas Mund stammt und ich ihn mit Hingabe wiederholt habe, möge Hara dadurch erfreut sein!
43.49 Wenn ich wahrhaft Askese geübt und Hara wahrhaft verehrt habe, wenn diese Askese Frucht trägt, möge Hara mir dadurch gnädig sein!
43.50 Markandeya sprach: Während sie so in Haras Einsiedelei nachdachte, mit gesenktem Gesicht, ärmlich gekleidet, mit verfilztem Haar und Bastgewand,
43.51 trat ein Brahmane zu ihr, ein enthaltsamer Schüler, der seine Gelübde hielt. Er trug ein schwarzes Antilopenfell, einen Stab und ein Wassergefäß.
43.52 Er strahlte in geistlichem Glanz, war goldhell und von schöner Erscheinung. Sein schlanker Körper war von einer Fülle aufgebundener Haarflechten gekrönt.
43.53 Es war Shambhu, der in Brahmanengestalt zu Kali gekommen war. Zuerst begrüßte er sie.
43.54 Um ihre Liebe selbst zu erkennen und ihre Worte zu hören, stellte der redegewandte Gott der Tochter des Berges mit kunstvollen Worten eine Frage.
43.55 Der Brahmane sprach: Wer bist du, Glückliche, und wessen Tochter? Weshalb übst du im einsamen Wald eine Askese, die selbst beherrschten Weisen schwerfällt?
43.56 Du bist weder ein Kind noch eine Greisin, sondern eine überaus schöne junge Frau. Wie kommt es, dass du ohne Gatten beständig Askese übst?
43.57 Oder bist du, gute Asketin, die Gefährtin eines Büßers, der fortgegangen ist, um Blumen und anderes zu sammeln?
43.58 Erzähle es mir, sofern es kein Geheimnis ist. Wenn gegenwärtig ein Kummer in deinem Herzen wohnt, sprich ihn aus. Ich vermag ihn abzuwehren.
43.59 Als der Brahmane so gesprochen hatte, gab Girija ihrer Freundin mit einem Seitenblick zu verstehen, dass sie ihm antworten solle.
43.60 Ihre Freundin Vijaya blickte auf Girijas Gesicht und erklärte dem Brahmanen wahrheitsgemäß den Sachverhalt.
43.61 Vijaya sprach: Sie ist die Tochter dieses Königs der Berge, bester Brahmane. Die Schöne ist unter den Namen Parvati und Kali bekannt.
43.62 Ohne von jemandem dazu aufgefordert worden zu sein, übt sie strenge Askese, weil sie Shankara mit dem Stierbanner zum geliebten Gatten gewinnen möchte.
43.63 Seit dreitausend Jahren übt die Schöne Askese. Dennoch hat Shankara die Tochter des Berges bisher nicht angenommen.
43.64 Die Götter und die askesereichen Weisen sagen doch, Shankara, der Herr des Berges, sei der allgegenwärtige höchste Herr.
43.65 „Weiß er nichts von ihr, oder befindet er sich nicht auf diesem Berg?“ Dieser Gedanke bedrückt sie heute und lässt sie keine Freude finden.
43.66 Wenn du ihr unaufgefordert aus Mitgefühl Glück schenken willst, dann vereinige sie heute mit Shankara, du treuer Bewahrer deiner Gelübde.
43.67 Als der enthaltsame Brahmane ihre Worte hörte, lächelte er und sprach leichthin zu Parvati.
43.68 Der Brahmane sprach: Eine Begegnung mit mir bleibt nicht ohne Frucht, und ich kann Hara herbeibringen. Doch zunächst will ich dir etwas sagen. Höre meine feste Überzeugung.
43.69 Ich kenne Mahadeva. Höre, was ich über ihn sage: Dieser große Gott mit dem Stierbanner beschmiert sich mit Asche und trägt verfilztes Haar.
43.70 Er trägt ein Tigerfell und hüllt sich in Elefantenhaut. Er hält einen Schädel, und sein ganzer Körper ist von Schlangen umwunden.
43.71 Seine Kehle ist vom Gift verbrannt. Er hat drei sonderbare Augen und wirkt furchterregend. Seine Herkunft ist unbekannt; ein Haus und häusliche Annehmlichkeiten besitzt er nicht.
43.72 Er hat keine Verwandten und Angehörigen und keine geregelte Nahrung. Stets lebt er auf Verbrennungsstätten und meidet geselligen Umgang.
43.73 Ihn umgeben Scharen brüllender, missgestalteter, gefährlicher Geister. Er kennt keine Liebesfreuden und hat weder Frau noch Sohn.
43.74 Aus welchem Grund willst du einen solchen Gatten? Früher habe ich noch eine andere Geschichte über ihn gehört.
43.75 Ich will sie dir erzählen; nimm sie an, wenn du möchtest. Die tugendhafte Sati, Dakshas Tochter, wählte einst den Gott, dessen Reittier der Stier ist,
43.76 nach der Fügung des Schicksals zum Gatten, obwohl er dem Liebesgenuss fernstand. Daksha verstieß Sati als „Frau des Schädelträgers“.
43.77 Auch Shambhu schloss er vom Empfang eines Opferanteils aus. Durch diese Beleidigung wurde Sati so sehr von Kummer überwältigt,
43.78 dass sie ihr geliebtes Leben aufgab und Shankara verließ. Du aber bist ein Juwel unter den Frauen, und dein Vater ist der König aller Berge.
43.79 Warum strebst du mit grausamer Askese nach einem solchen Gatten? Indra, der Herr des Reichtums, der Windgott oder der Herr der Gewässer,
43.80 der Feuergott oder ein anderer Gott, auch einer der Ashvins, der himmlischen Ärzte, ein Vidyadhara, Gandharva, Naga oder Mensch,
43.81 der Schönheit, Jugend und alle guten Eigenschaften besitzt, wohlhabend ist und aus edler Familie stammt: Ein solcher wäre ein würdiger Gatte für dich.
43.82 Mit ihm könntest du ein kostbares, geräumiges Lager teilen, reich mit Edelsteinen geschmückt, mit herrlichen Blumengirlanden versehen und von Räucherwerk wohlriechend,
43.83 weich gepolstert, weit und entzückend, im Innern eines schönen Palastes gelegen und mit feinem Gold verziert.
43.84 Ein Mann, mit dem du ein solches Lager teilst, wäre deiner würdig. Wenn du aber trotz alledem Shankara wünschst, Glückliche, wozu weitere Askese? Ich werde ihn mit dir vereinigen.
43.85 Markandeya sprach: Als Kali dies hörte, antwortete sie dem Brahmanen zornig, doch mit knappen und wahrhaftigen Worten.
43.86 Kali sprach: Du kennst den Gott Hara nicht und behauptest dennoch, ihn zu kennen. Du hast nur beschrieben, was von außen sichtbar ist, Brahmanensohn.
43.87 Nicht einmal Brahma und die anderen Götter samt Indra kennen sein Wesen. Wie solltest du, ein junger Brahmanensohn, Bhava erkennen?
43.88 Du sprichst leichtfertig nach, was du aus dem Mund niedriger Menschen gehört hast. Du hast hier und dort etwas aufgeschnappt, ihn selbst aber nicht erkannt.
43.89 Deshalb wünsche ich von dir weder eine Gabe noch einen Gatten. Rede von etwas anderem! Auch die Vereinigung mit Hara will ich nicht durch dich erlangen.
43.90 Nachdem Girija dies zum Brahmanen gesagt hatte, blickte sie ihre Freundin an. Von Unruhe erfasst, sprach Kali zu ihr.
43.91 Durch tiefe Betrachtung und Askese habe ich Hara hier verehrt. Nun hat dieser Brahmanensohn vor meinen Augen Worte ausgesprochen, die ihn schmähen.
43.92 Diese Verfehlung will ich jetzt durch einen Lobpreis tilgen. Wer die Schmähung großer Seelen anhört oder selbst ausspricht,
43.93 lädt die gleiche Schuld auf sich; so habe ich es einst von meinem Vater gehört. Darum will ich sie tilgen. Halte den jungen Brahmanen zurück!
43.94 Markandeya sprach: Nachdem Kali so zu ihrer Freundin gesprochen hatte, begann sie, im Geist mit Shambhu verbunden, Hara zu preisen, um die Schuld zu tilgen.
43.95 Verehrung dem Shiva, dem Friedvollen, dem Ursprung der drei Ursachen! Dir übergebe ich mich selbst. Du bist meine Zuflucht, höchster Herr.
43.96 Verehrung dir, der Erkenntnis, Glück und Freundschaft gewährt, der frei von weltlicher Vielheit ist und goldene Arme hat! Du bist der ursprüngliche Same Narayanas und des lotusgeborenen Brahma und wirkst zum Wohl der Welt.
43.97 Während sie so pries, bemühte sich der Brahmane erneut, etwas zu sagen. Die Tochter des Berges bemerkte es und sprach zu ihrer Freundin.
43.98 Dieser Brahmane will wieder etwas sagen und schmäht den gewaltigen Hara, ohne ihn zu kennen. Ich kann keine solche Schmähung Haras anhören; sie ist mir unerträglich wie der Tod.
43.99 Bevor ich noch mehr Worte von ihm höre, Freundin, will ich aufstehen und weit fortgehen, meine Liebe.
43.100 Mit diesen Worten erhob sich die Tochter des Himalaya und ging mit ihrer Freundin davon. Entschlossen ließ sie den Brahmanen zurück.
43.101 Da nahm Shambhu seine eigene Gestalt an und folgte lächelnd der Tochter des Himalaya, die ihn verlassen wollte.
43.102 Ich bin Hara, Mahadeva, den du eben gepriesen hast. Wende dich mir zu, Kali! Schenke mir Trost, Shankari!
43.103 Mit diesen Worten trat Mahadeva vor die Fortgehende, breitete beide Arme aus und versperrte Kali den Weg.
43.104 Als sie Shambhus Gesicht sah, senkte die Tochter des Berges unvermittelt den Blick, wie von Blitz und Sturm erschreckt.
43.105 Aus Scheu, Liebe und Scham stand sie wie erstarrt. Obwohl sie sprechen wollte, brachte die Schöne kein Wort hervor.
43.106 Ihr Wunsch war erfüllt. Ihr ganzer Körper schien mit Nektar angefüllt und war von Freude durchdrungen, ihr besten Brahmanen.
43.107 In einem Augenblick vergaß sie alle Qualen ihrer jahrtausendelangen Askese und strahlte vor Glück. Die Jahreszahl ist wie in Vers 42 und 43 unsicher überliefert.
43.108 Als der Gott mit dem Stierbanner sie so sah, wurde er von Liebe überwältigt; auch Kama, der als Asche auf seinem Körper ruhte, verwirrte ihn.
43.109 Von Sehnsucht erfüllt trat er zu ihr und sprach freudig diese zärtlichen Worte.
43.110 Willst du mir gar nichts sagen, Schöne? Denkst du an die Mühsal deiner Askese zurück und bist mir deshalb jetzt böse?
43.111 Auch ich leide ohne dich, Glückliche, seit jener vereinbarten Zeit, da ich zusammen mit dir Askese begann.
43.112 Voller Liebe werde ich mich mit dir verbinden, Geliebte, nachdem du geläutert bist. Die Frist, die ich gesetzt hatte, ist nun vergangen.
43.113 Du bist durch deine Askese vollkommen geläutert. Mit deiner Betrachtung, deiner Mantrawiederholung und deiner strengen Askese hast du mich um einen hohen Preis erkauft. Ich bin dein Diener: Gib mir einen Auftrag!
43.114 Lass mich deinen Körper pflegen, dein verfilztes Haar ordnen, das Bastgewand ablegen und dir ein schönes Gewand anziehen.
43.115 Beauftrage mich rasch, dir Halsketten, Fußreifen, Armspangen, einen Gürtel und anderen Schmuck anzulegen, Glückliche, wenn du einen wie mich liebst.
43.116 Kama, den ich verbrannt habe, liegt als Asche auf meinem Körper. Als wollte er sich rächen, will er mich nun vor deinen Augen verbrennen.
43.117 Rette mich deshalb vor Kama wie vor einem Feuer, Bezaubernde! Schenke mir den Nektar deiner Nähe. Sei mir gewogen, meine Geliebte!
Kapitel 44
44.1 Markandeya sprach: Als Girija Shambhus Worte hörte, freute sie sich sehr. Sie wusste nun, dass sie den schönen Shambhu als geliebten Gatten gewonnen hatte.
44.2 Darauf ließ Kali Shankara durch ihre Freundin antworten. Er lauschte aufmerksam und wollte ihre Worte hören.
44.3 Kali ließ sagen: Edle Menschen handeln nicht, indem sie die geltenden Bindungen verletzen. Shankara möge deshalb nach der rechten Ordnung meine Hand ergreifen.
44.4 Eine Tochter wird von ihrem Vater zur Ehe gegeben, nicht von ihrer Askese. Wenn meine Askese mich ihm zugesprochen hat, wird auch mein Vater mich ihm geben.
44.5 Deshalb möge Hara meinen Vater Himalaya, den Herrn der Berge, um mich bitten und nach dem Hochzeitsritual meine Hand ergreifen.
44.6 Markandeya sprach: Nachdem Kali dies gesagt hatte, schwieg sie voller Scham. Auch Hara erkannte ihre Worte als wahr, richtig und angemessen an.
44.7 Darauf nahm Shambhu mit seinem Gefolge wieder auf der Bergterrasse Gangavatarana Wohnung, wie schon zuvor.
44.8 Kali kehrte, von ihren Freundinnen umgeben, in das Haus ihres Vaters zurück. Schüchtern wagte sie nicht, ihren Eltern und Älteren ins Gesicht zu sehen.
44.9 Unterdessen dachte der Gott mit dem Mond im Haar an die sieben Weisen, Marichi und die anderen, damit sie für ihn um Kali werben sollten.
44.10 Kaum hatte der Feind des Liebesgottes an die sieben Weisen gedacht, da kamen sie zu ihm, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft herbeigezogen.
44.11 Shambhu sah die Weisen wie sieben lodernde Feuer vor sich. An Vasishthas Seite erblickte er die tugendhafte Arundhati.
44.12 Als er Arundhati neben Vasishtha sah, erkannte er, dass auch die Weisen den heiligen Stand der Ehe nicht ablehnten.
44.13 Die Weisen, die sein Gedenken herbeigezogen hatte, verehrten den Gott mit dem Stierbanner und sprachen freudig diese freundlichen Worte.
44.14 Die Weisen sprachen: Was sich hier in reiner Gestalt vor unseren Augen zeigt, mondgleich und mit der Mondsichel geschmückt, ist das innere Bewusstsein, das die Weisen betrachten. Durch glückliche Fügung dürfen wir es schauen. Der Schluss der Strophe ist sprachlich unsicher.
44.15 Shambhus erhabenes Licht, das durch Erkenntnis und Meditation zugänglich ist, steht vor uns. Es leuchtet aus sich selbst, ist stets Gegenstand der Versenkung und erscheint hier in verdichteter äußerer Gestalt, die durch Yoga erreichbar ist.
44.16 Sein Antlitz samt dem Auge zu schauen, ist wie der Anblick der Sonne und gewährt Schutz. Dieser Glanz ist die ewige Stätte aller Wesen, mit Hingabe zu preisen. Verehrung dieser Gestalt Shambhus!
44.17 Der Leuchtende, der von Anfang an erstrahlt, an der linken Seite steht und hier führt, möge uns zur Vollendung gereichen: Durch Haras Kraft wird er an seiner Stirn getragen. Die Bezüge dieser Strophe sind in der Vorlage nicht eindeutig.
44.18 Hara, der das Urprinzip verkörpert, mit Sattva, Rajas und Tamas verbunden und der Purusha aller Welten ist, möge uns gnädig sein!
44.19 Markandeya sprach: Nachdem die Weisen den Herrn der Götter so gepriesen hatten, verneigten sie sich demütig und fragten: Sage uns, weshalb du an uns gedacht hast.
44.20 Shankara hörte ihre Worte, lächelte und antwortete den Weisen, nachdem er jeden einzeln angesprochen hatte.
44.21 Der Herr sprach: Zum Wohl aller Welten, zu meiner eigenen Liebesfreude und zur Mehrung der Nachkommenschaft möchte ich eine Gattin annehmen.
44.22 Helft mir jetzt dabei und bittet den Schneeberg in meinem Namen um Kali.
44.23 Möge Kali durch ihre große Askese bald mich zum Gatten gewinnen. Doch ich will sie nach dem vorgeschriebenen Ritus heiraten. Bittet deshalb den Berg um sie.
44.24 Ihr seid der Rede mächtig. Wirkt mit euren Worten so auf ihn ein, dass der Berg selbst freudig bereit wird, mir Kali zu geben.
44.25 Markandeya sprach: Die Weisen verabschiedeten sich von Hara und gingen zum Haus des Bergkönigs. Er erwies ihnen Ehre; darauf sprachen sie zu ihm.
44.26 Die Weisen sprachen: Der Gott, der den Mond als Krone trägt, der als Gott der Götter gilt, der zu Fluch und Gnade mächtig und der einzige Herr der Welten ist,
44.27 der beim Weltuntergang alle Welten auflöst, seinen Verehrern Wohlergehen schenkt und in vielerlei bezaubernden Gestalten erscheint,
44.28 möchte deine Tochter Kali zur Gattin nehmen. Wenn du ihn für einen würdigen Bräutigam hältst, deiner Tochter ebenbürtig,
44.29 dann gib dem Mondträger deine Tochter Kali, o Berg! Als der Herr der Berge dies hörte, erkannte er darin die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches.
44.30 Er wusste, dass dies auch seiner Tochter lieb war, und freute sich über die guten Worte. Offen sprach er:
44.31 Durch euren Besuch, ihr größten Weisen, bin ich geheiligt, und mein Wunsch ist erfüllt. Auf eure Bitte hin werde ich Shambhu meine Tochter geben.
44.32 Sie selbst hat bereits Askese geübt, weil sie den Herrn zum Gatten wünschte. Dies ist die Fügung des Schöpfers. Wer könnte sie ändern wollen?
44.33 Wer außer Hara könnte um meine Tochter werben? Wer sonst dürfte diejenige begehren, die Hara angenommen hat?
44.34 Sie hat Hara in ihr Herz aufgenommen und wünscht keinen anderen. Mit diesen Worten erklärte er sich gemeinsam mit Mena bereit, Shambhu seine Tochter zu geben.
44.35 Dann entließ er die Weisen, und sie kehrten zu Maheshvara zurück. Marichi und die anderen Brahmanen traten zu ihm.
44.36 Sie berichteten dem Feind des Liebesgottes, was der Bergkönig gesagt hatte: Himalaya ist bereit, dir seine Tochter zu geben, Hara.
44.37 Tue nun, was dafür zu tun ist. Erlaube auch uns, Hara, in unsere eigenen Wohnstätten zurückzukehren.
44.38 Als Hara wusste, dass sein Vorhaben gelungen war, freute er sich. Er sprach die Weisen nacheinander mit gebührender Achtung an und entließ sie.
44.39 „Kommt zur Zeit meiner Hochzeit mit Kali wieder zu mir!“ Dies versprachen ihm die Weisen und gingen fort.
44.40 In gegenseitigem Wohlwollen wurden wiederholt Botschaften ausgetauscht. So vereinbarte Hara mit dem Berg den Hochzeitstermin.
44.41 Er fiel auf den fünften Tag der hellen Monatshälfte im Monat Madhava, einen Donnerstag, als der Mond in Uttara Phalguni und die Sonne am Anfang von Bharani stand.
44.42 Als Hara an sie dachte, kamen Marichi und die anderen Weisen wieder dorthin, ebenso Brahma und die übrigen Götter.
44.43 Auch alle Hüter der Himmelsrichtungen, die askesereichen Weisen, Indra mit Shachi und die göttlichen Mütter, Brahmani und die anderen, fanden sich ein.
44.44 Auch Narada, der göttliche Weise und Sohn Brahmas, kam. Inmitten dieser Begleiter und seines eigenen Gefolges,
44.45 das ihn freudig umgab, nahm Hara nach dem Hochzeitsritus die Tochter des Berges zur Gattin. Bei dieser Hochzeit verwandelten sich die acht Schlangen an Shambhus Körper
44.46 in goldgefasste Schmuckstücke. Mahadeva erschien mit zwei Armen, und seine verfilzten Haarsträhnen wurden zu geordnetem Haar.
44.47 Die Mondsichel auf seinem Haupt erstrahlte in flammendem Glanz.
44.48 Das Tigerfell wurde zu einem prachtvollen Gewand, ihr Brahmanen, und sein Ascheüberzug zu duftender Sandelpaste aus dem Malaya-Gebirge.
44.49 Hara erschien dort mit heller Haut in wundersamer Schönheit. Die Götter, Gandharvas, Siddhas, Vidyadharas und Nagas
44.50 gerieten in höchstes Staunen, als sie ihn so sahen. Himalaya freute sich mit seinen Söhnen und Mena.
44.51 Auch seine Verwandten waren von Haras Anblick überwältigt. Als Brahma den bezaubernden Hara sah, verkündete er:
44.52 Da seine schöne Erscheinung allen Segen bringt, ihr Götter, soll er in den Welten unter dem Namen Shiva, „der Segensreiche“, als der überaus Heilvolle bekannt sein.
44.53 Wer Maheshvara in dieser Gestalt, mit Uma vereint, beständig im Herzen erinnert, dem werden Segen und die Erfüllung seiner Wünsche zuteil.
44.54 So erschien Kali, die große Maya, der Yogaschlaf und die Mutter der Welt, zuerst als Dakshas Tochter und danach als Tochter des Berges.
44.55 Obwohl Kali selbst imstande war, Hara zu bezaubern, übte die segensreiche Göttin zum Wohl der Welten strenge Askese. So gewann Kalika den Gott mit dem Mond im Haar für sich.
44.56 Damit habe ich vollständig erzählt, wie Sati ihren Körper aufgab, als Tochter des Himalaya geboren wurde und Maheshvara wiedergewann.
44.57 Wer diese heilige Geschichte Kalikas verkündet, ihr Brahmanen, wird – so verheißt der Text – von seelischen und körperlichen Leiden verschont und erlangt ein langes Leben.
44.58 Sie ist höchst reinigend und mehrt das Wohlergehen. Schon wer sie ein einziges Mal hört, gelangt nach dieser Verheißung in Shivas Welt.
44.59 Wer beim Ahnenopfer Brahmanen diese große Geschichte Kalikas hören lässt, dessen Ahnen erlangen zweifellos endgültige Befreiung.
44.60 Wo jemand sie gesammelt vor Brahmanen vortragen lässt, kommt Hara selbst mit Maya, um zuzuhören.
44.61 Damit habe ich euch diese heilige, alle Verfehlungen tilgende Geschichte erzählt. Wenn euch noch etwas anderes zu hören verlangt, fragt danach, ihr Edlen!
Kapitel 45
45.1 Die Weisen sprachen: Wunderbar hast du, Brahmane, die Vereinigung Kalis mit Hara erzählt: eine heilige, verfehlungstilgende, stets wohltuend anzuhörende Geschichte.
45.2 Erzähle weiter, wie Kali die Hälfte von Sharvas herrlichem Körper annahm, wie sie zu Gauri wurde und welche Gestalt Kalika dabei gewann.
45.3 Aus welchem Grund wurde die dunkle Göttin zur hellen Gauri? Erkläre uns dies wahrheitsgemäß, bester Weiser und vorzüglichster Brahmane.
45.4 Markandeya sprach: Diese große Geschichte will ich euch jetzt erzählen. Hört sie aufmerksam, große Weise; sie ist höchst segensreich.
45.5 Einst fragte König Sagara den Weisen Aurva danach. Wie dieser ihm antwortete, will ich nun euch berichten.
45.6 Einst lebte im Mondgeschlecht ein König namens Sagara. Er war wohlhabend, mächtig, tüchtig und mit dem Sinn aller Lehrschriften vertraut. Die Zuordnung zum Mondgeschlecht steht so in dieser Vorlage.
45.7 Mit einem einzigen Streitwagen besiegte er sämtliche Könige und wurde zum Weltherrscher, ausgestattet mit allen königlichen Tugenden.
45.8 Als der vorzügliche König Sagara seine Herrschaft erlangt hatte, kamen Weise, um ihm ihre besondere Anerkennung zu erweisen.
45.9 Hochherzige Weise und Brahmanen aus den verschiedenen Himmelsrichtungen versammelten sich, um den König zu sehen. Die Richtungsbezeichnungen der Vorlage überschneiden sich.
45.10 Nachdem sie alle eingetroffen waren, kam auch der herrliche Weise Aurva, eine große Seele, leuchtend wie Feuer, um den König zu beglückwünschen.
45.11 Als Sagara den Weisen kommen sah, der wie ein loderndes Feuer strahlte, empfing und verehrte er ihn mit großer Ehrerbietung.
45.12 Er reichte ihm die Ehrengabe, Wasser zum Waschen der Füße und zum Mundspülen und ließ den besten Weisen auf einem ausgezeichneten Sitz Platz nehmen.
45.13 Dann verneigte sich König Sagara gebührend vor dem hochherzigen Brahmanen Aurva und fragte nach seinem Wohlergehen.
45.14 Der beste Weise antwortete: König der Menschen, mir geht es stets und überall gut. Ich wollte dich in deinem Wohlergehen sehen.
45.15 Wer unter allen Königen der Erde könnte glücklicher sein als du, der du allein so rasch sämtliche Herrscher besiegt hast?
45.16 Möge dein Wohlergehen stets wachsen, vorzüglichster König! Regiere die Erde nach kluger Staatsführung und guter Sitte.
45.17 Mit deinem Gedeihen wächst das Gedeihen der Welt. Strebe deshalb nach deinem Fortschritt, wie mit dem zunehmenden Mond auch der Ozean anschwillt.
45.18 Verbinde zuerst dich selbst mit guten Eigenschaften, König. Dann sorge dafür, dass auch deine Gattin, die Königin, mit diesen Eigenschaften ausgestattet ist.
45.19 Eine Frau, die beständig daran teilhat, wird von selbst in diese guten Eigenschaften hineinwachsen und selbst bei großen Anforderungen ihren Gelübden treu bleiben. Der Wortlaut ist nicht ganz sicher.
45.20 Man erzählt, dass Shambhu die Tochter des Himalaya, deren Geist ihm zugewandt war, durch viele verschiedene Handlungen und Mittel anleitete.
45.21 Dann nahm Parvati aus übergroßer Liebe mit Shankaras Zustimmung die Hälfte seines Körpers an.
45.22 Seitdem ist Shankara Ardhanarishvara, der Herr, dessen Hälfte Frau ist, bester König. Er nahm keine andere Gattin an.
45.23 Darum sollst auch du, König, nach dir selbst deine Gattin mit guten Eigenschaften verbinden und anschließend deinen Sohn darin unterweisen.
45.24 Markandeya sprach: Als König Sagara Aurvas Worte hörte, freute er sich. Lächelnd fragte er den Weisen.
45.25 Sagara sprach: Wie nahm die tugendhafte Göttin Girija die Hälfte von Shankaras Körper an, bester Brahmane? Das möchte ich hören.
45.26 Auch möchte ich die mit guter Lebensführung verbundene Lehre hören, nach der man sich selbst, seine Gattin oder seinen Sohn bilden soll.
45.27 Ich bitte dich, Brahmane: Erkläre mir einzeln die Staatsführung der Könige, die Lebensordnung der Guten und die anderer Menschen, die sich selbst beherrschen.
45.28 Wenn dies kein Geheimnis ist, Brahmane, möchte ich es hören. Ich erteile dir keinen Befehl; ich wünsche nur, es zu erfahren. Wenn du es aus Güte mitteilen kannst, dann erzähle es, Weiser.
45.29 Markandeya sprach: Auf diese Worte Sagaras antwortete der beste Brahmane Aurva dem hochherzigen König voller Mitgefühl.
45.30 Aurva sprach: Höre, König! Ich werde dir alles erklären, wonach du gefragt hast: wie die Tochter des Berges einst die Hälfte von Haras Körper annahm,
45.31 welche Regeln du in den jeweiligen Angelegenheiten befolgen sollst und welche gute Lebensführung für alle gilt. Ich werde es der Reihe nach darlegen; höre zu.
45.32 Nachdem der hochherzige Shankara die Tochter des Himalaya geheiratet hatte, verbrachte er dort noch einige Zeit mit Uma.
45.33 Er vergnügte sich lange mit ihr auf Bergterrassen, in Lauben und Höhlen und erfreute Parvati.
45.34 Als die Zeit gekommen war, begab sich Shambhu mit seiner Gattin und seinem Gefolge zum Kailasa, der dem Himmel gleicht.
45.35 Er gab sich dem Spiel mit ihr hin und ließ Meditation und Selbstbetrachtung ruhen. Seine Augen richtete er auf den Mond ihres Gesichts wie Chakora-Vögel, die nach Mondlicht verlangen.
45.36 Manchmal sammelte Shankara Blumen und flocht für Girija eine überaus schöne Girlande, die ihren ganzen Körper umschlang.
45.37 Manchmal betrachtete der Gott mit dem Stierbanner im Spiegel gleichzeitig sein eigenes Gesicht und das Gesicht Aparnas.
45.38 Manchmal zeichnete der Bezwinger des Liebesgottes mit Moschuspaste duftende Blattmuster auf ihre vollen Brüste.
45.39 Mit kostbarer Duftpaste malte er schöne Tilaka-Zeichen auf Ambikas Körper und ihre Stirn, wie Monde zwischen dichten Wolken.
45.40 Auf Umas mit duftendem Harz geglättetes Haar trug er kunstvolle Muster aus Sandelholz, Aloeholz, Moschus und Safran auf.
45.41 Dadurch erstrahlte ihr Haar wie das ausgebreitete Rad eines Pfaus, der zum Tanz ansetzt.
45.42 Der Gott mit dem Stierbanner legte Uma bezaubernde Ohrringe und anderen Schmuck aus reinem Gold an.
45.43 Mit diesem Goldschmuck glänzte Girijas Körper wie eine dunkle Wolkenmasse, die von Blitzen durchzogen wird.
45.44 Mit allen himmlischen Schmuckstücken, mannigfachen Edelsteinen und schönen Gewändern vollständig geschmückt, verkörperte Kali die Schönheit der Urnatur.
45.45 So spielte Shambhu, der Herr der Welt, stets voller Liebe mit seiner geliebten Kali zum Wohl der Welt.
45.46 Kali ist die Mutter der Welten, die große Maya und die Welt selbst, der Yogaschlaf und die Erkenntniskraft der Welt. Sie umfasst Wissen und Nichtwissen.
45.47 Sie ist die Urnatur, die höchste Gestalt, die Schöpfung, Auflösung und Erhaltung bewirkt. Zum Heil der Welten bezauberte die Göttin Shankara und vergnügte sich mit ihm wie das Mondlicht mit dem Mond.
45.48 Eines Tages vergnügte sich der Bezwinger des Liebesgottes freudig mit Uma auf dem Gipfel des Kailasa. Da sah er schöne Apsaras.
45.49 Sie besaßen Schönheit, Jugend und alle glückverheißenden Merkmale. In ihrer Mitte befand sich die bezaubernde himmlische Kurtisane Urvashi.
45.50 Sie alle hatten einen hellen, rötlich schimmernden Teint und trugen reichen Schmuck. Sie vermochten selbst den Geist der Weisen plötzlich völlig zu bezaubern.
45.51 Sie sahen Hara und die schöne Girija, verneigten sich und blieben mit gefalteten Händen vor ihnen stehen, die Köpfe ehrfürchtig gesenkt.
45.52 Da sagte Bharga vor ihren Augen etwas zu Parvati, das sie als unangenehm empfinden sollte.
45.53 Kali, dunkel wie zerriebene Augenschwärze, unterhalte dich doch hier mit Urvashi und den anderen Apsaras, wie Frauen es miteinander tun.
45.54 Als Girija diese Worte hörte, begrüßte sie Urvashi und die anderen Apsaras angemessen und entließ sie wieder.
45.55 Doch weil Bharga sie „Kali, dunkel wie zerriebene Augenschwärze“ genannt hatte, wurde Parvati sogleich zornig.
45.56 Voller Unmut konnte Girija es nicht ertragen, dass der Gott mit der Mondsichel vor den Apsaras so über ihre Hautfarbe gesprochen hatte.
45.57 Zornig verließ sie den Gott mit dem Stier als Reittier und zog sich auf eine verborgene Bergterrasse zurück, um ihren Ärger zu verbergen.
45.58 Von der Trennung beunruhigt, suchte der Stierreiter Parvati. Eine Zeit lang konnte er sie auf dem herrlichen Berg nicht finden.
45.59 Als Parvati selbst erkannte, wie sehr Hara unter der Trennung litt, zeigte sie sich ihm auf der verborgenen Terrasse.
45.60 Shambhu trat zu ihr und sagte wie gebrochen: Weshalb hast du diesen verletzenden Unmut gefasst, geliebte Göttin?
45.61 Eine Verfehlung des Gatten gibt einer Frau Anlass, gekränkt zu sein. Wenn sie ohne solchen Grund schmollt, setzt sie sich dem Tadel aus, Schüchterne.
45.62 Warum bist du also zornig geworden, Lotusgesichtige? Sage es mir rasch, Geliebte! Mein Herz findet keine Ruhe.
45.63 Mit diesen Worten wollte Shankara die Göttin umarmen. Kali hielt ihn zurück und antwortete.
45.64 Hast du mich etwa nie zuvor gesehen, Herr der Wesen, dass du mich vor den Apsaras mit zerriebener Augenschwärze vergleichst?
45.65 Man soll niemanden wegen niedriger Herkunft, fehlenden Lebensunterhalts, mangelnder Schönheit oder Geschicklichkeit, fehlender oder überzähliger Glieder verspotten.
45.66 So hat Brahma einst den Sinn der Veden zusammengefasst. Du aber missachtest diese Lehre und machst mich zum Gegenstand deines Spottes.
45.67 Solange mein Körper nicht goldhell geworden ist, werde ich mich nicht wieder mit dir vereinigen. Das sage ich dir wahrhaftig.
45.68 Ohne einen hellen Körper zu erlangen, werde ich nicht zu dir zurückkehren, Shambhu. Höre meinen festen Entschluss: Ich schwöre es bei meinem eigenen Haupt.
45.69 Mit diesen Worten ging die Göttin vor seinen Augen fort zur herrlichen Terrasse des Himalaya namens Mahakoshiprapata.
45.70 Der allwissende Mahadeva erkannte, was geschehen sollte und welchen Sinn es hatte. Deshalb hielt er Aparna nicht zurück.
45.71 Sie ging dorthin und verehrte, wie schon zuvor im Geist mit Shambhu verbunden, hundert Jahre lang den Gott mit dem Stierbanner.
45.72 Sie hob einen Fuß, stand mit dem linken auf der Erde, wandte sich nach Norden und blieb beständig ohne Nahrung.
45.73 In ein Tigerfell gekleidet, Kopf und Gesicht nach oben gerichtet, verehrte sie den höchsten Shiva, der aus Licht besteht, friedvoll und segenspendend ist.
45.74 Da sie die Wahrheit ihres eigenen Selbst kannte, verehrte sie Hara seinem wahren Wesen nach. Sie betrachtete das Höchste, reglos und im Geist auf die Wahrheit ausgerichtet.
45.75 Weise, die ihr wahres Wesen nicht erkannten, hielten sie für einen Baumstumpf. So vergingen während ihrer Askese hundert Jahre.
45.76 Diese erschienen ihr wie anderen Menschen ein einziges Jahr, bester König. Nach Ablauf der hundert Jahre zeigte sich Shankara, ganz dem Yoga hingegeben,
45.77 der scheuen Göttin schrittweise. Zuerst ließ er sie Brahma schauen, danach Hari,
45.78 dann Shambhus Gestalt und schließlich die Einheit dieser drei: ihr lichtvolles, reines Wesen und ihren Ursprung aller Dinge.
45.79 Danach zeigte Shankara erneut seine Gestalt als Shambhu und ließ sie sich selbst als Yogaschlaf, große Maya, Yogini und Mutter Kalika erkennen.
45.80 Zuerst offenbarte er ihr ihre Gestalt als Urnatur; danach zeigte er ihr schrittweise, wie sie als Parvati erscheint.
45.81 Durch die angesammelte Askese erlangte Parvati rasch Erkenntnis. Mit innerem und äußerem Schauen erkannte sie die Wahrheit, wie sie ist.
45.82 Sie erkannte Shambhu als die gesamte Welt und ebenso sich selbst als die gesamte Welt: Brahma, Vishnu und Hara, aus denen dieses ganze Weltall hervorgeht.
45.83 „Ich bin die gesamte Urnatur, der Yogaschlaf und Sati.“ Nachdem die Göttin dies in der Versenkung erkannt hatte, beendete sie ihre Meditation, öffnete die Augen und sah Shambhu auch vor sich.
45.84 Als sie den Gott Shankara, den Gott der Götter und Gatten Umas, sah, pries sie den Selbstbeherrschten, dem Yoga Hingegebenen, mit liebevollen Worten.
45.85 Parvati sprach: Verehrung dir, Herr der Welten! Verehrung dir, unvergänglicher Keshava! Du stehst jenseits von Urnatur und Purusha und bist die Ursache der drei Ursachen.
45.86 Diese deine Gestalt als Shambhu umfasst Yoga, Verblendung, Zuneigung, Recht und Unrecht. Sie ist Wissen ebenso wie Nichtwissen.
45.87 Du bist das höchste Heil und mit allem Heil verbunden, sichtbar und unsichtbar, Verkörperung des Yoga und weise Erkenntnis. Du bist vollkommener Glaube, die Wahrheit des Purusha, ursprüngliches Licht und die Gestalt des Friedens. Einzelne Verbindungen dieser Strophe sind unsicher.
45.88 Du bist Brahma, Vishnu, Hara und Mahendra, Sonne, Mond, Wind, Feuer und der Herr des Reichtums; du bist der Herr der Gewässer, der Todesgott, der Wächter der Rakshasas und Shesha. Nichts hier ist von dir getrennt.
45.89 Du bist Erde, Himmel und der Weg der Himmelsbewohner, das Unbewegliche und das Bewegliche auf Erden. Du bist Erkenntnis, das zu Erkennende, die in Meditation zugängliche Wahrheit, höher als das Höchste und den anderen in Gestalt offenbar.
45.90 Du bist Purusha, höchstes Selbst und Urnatur, der Höchste, die Überlieferung und das durch Erkenntnis Erreichbare. Du bist Sein und Wirken, von fünffacher Gestalt und durch alles zugänglich. Der Schluss der Strophe ist verderbt.
45.91 Du bist Ruhm, der zu Rühmende, der zu Preisende und sein Lob, der Sehende und das Gesehene, Träger der Festigkeit und das Feste, ewig und vergänglich, freie Vereinigung und Trennung, Geben und Nehmen, Entzweiung und Versöhnung.
45.92 Du bist Führung und der zu Führende, der Geweihte und die Opfergabe, der innerste Kern, der Ordnende und das Geordnete, edel und unedel, gestaltet und gestaltlos, himmlisch und göttlich, menschlich und nichtmenschlich.
45.93 Du bist das Geschaffene und der Schöpfer, der Bewahrer und das Bewahrte, der Erkennende und das zu Erkennende, frei von Wogen und selbst die Woge, Wissen, Nichtwissen und die Lehre der Veden, Gestalt und Gestaltlosigkeit, Strenge und Milde in einem.
45.94 Du bist Sein und Nichtsein, Schönheit und reine Gestalt, immerwährende Selbstbeherrschung und die tiefe Ruhe der Weisen, Zweiheit und Nichtzweiheit, Allgegenwart und ihr Gegenteil, Verwirrung und Klarheit, Vollendung und ihr Gewährer.
45.95 Du weilst in Einem und behütest alles. Du hast einen schönen Körper und bist körperlos; du bist der eine Körper der Götter. Du bist grob und fein, unwandelbar und verkörpert. Du bist das Selbst des Alls; nichts ist von dir getrennt.
45.96 Tun und Nichttun sind gleichermaßen deine Gestalten, ebenso das Durchdrungene und das Nichtdurchdrungene. Du bist ungeteilt und übervoll. Deine ewige Gestalt ruht in Yoga und Erkenntnis. Dir, dem Spender des Glücks, gilt meine Verehrung.
45.97 Du bist der Schöpfer auch von Urnatur und Purusha, der zeitgestaltige Purusha und höchste Herr. Ich verneige mich vor dir, dem gewaltigen, gabenreichen und erwählenswerten Gott, der die Ordnung des Bewusstseins entfaltet.
45.98 Du bist unzerstörbar, unvergänglich, der Zeuge, der Kenner und Träger des Feldes. Verehrung dir, Selbst des Alls, Maheshvara mit dem Stierbanner!
45.99 Der Mond deines Bewusstseins lässt unablässig den Nektar der Erkenntnis strömen. Du bist die eine zu erkennende Gestalt, durch Hingabe zugänglich. Verehrung dir!
45.100 Aurva sprach: So gepriesen, antwortete Mahadeva, der mit allen Wesen Mitgefühl hat, mit freundlichem Gesicht und erfreute Parvati.
45.101 Der Herr sprach: Ich bin zufrieden, Göttin. Heil sei dir! Wähle die Gabe, die du wünschst. Durch deine Askese hast du mich, Brahma und Hari gestärkt.
45.102 Niemand gleicht dir an Askese, Lebensführung und Tugend. Ohne dich finde ich keine Erfüllung, Geliebte. Lass geschehen, was du wünschst.
45.103 Aurva sprach: Da antwortete die Tochter des Himalaya, von Maya beeinflusst: Mein Körper möge jetzt die helle Farbe reinen Goldes erhalten. Und du, Hara, sollst außer mir keine andere Geliebte haben. Die Sprecherüberschriften stehen in der Vorlage unregelmäßig.
45.104 Als Parvati dies gesagt hatte, ließ Mahadeva die Schöne in den Fluten der himmlischen Ganga untertauchen.
45.105 Sie tauchte ein und stieg blitzhell wieder empor. Inmitten des klaren Wassers erschien die Göttin wie ein Blitz in einer Herbstwolke.
45.106 Der Herr sprach: Shambhu gab ihr sogleich sein Versprechen: Außer dir werde ich keine andere annehmen, Geliebte, nicht einmal in Gedanken. Das sage ich dir wahrhaftig.
45.107 Aurva sprach: Parvati stieg freudig aus dem Wasser. Von den Mühen der Askese befreit, strahlte sie wie das Licht des Mondes.
45.108 Dann nahm der Gott mit dem Stierbanner die Göttin Parvati mit sich und begab sich rasch zum Berg Kailasa, seiner eigenen Wohnstätte.
45.109 Dort pflegte und schmückte Hara die Göttin und erfreute sie wie zuvor durch Scherze, Lachen und Gespräche.
45.110 Auch sie freute sich sehr: Ihr Körper war goldhell, ihre Erscheinung bezaubernd, und Shambhu hatte das erbetene Versprechen gegeben.
45.111 Während die beiden Segensreichen sich so aneinander erfreuten, verging auf dem herrlichen Kailasa lange Zeit.
45.112 Eines Tages saß die Tochter des Himalaya neben Mahadeva und sah ihr eigenes Spiegelbild auf seiner Brust.
45.113 Shambhus schöne Brust war rein und durchsichtig wie Kristall, wie der Spiegel der Erkenntnis eines Yogin. Darin spiegelte sich ihre schöne Gestalt.
45.114 Auf seiner bezaubernden linken Seite sah die Tochter des Berges ihr eigenes Abbild als schöne Frau mit lächelndem Gesicht.
45.115 Durch einen Irrtum ihres Blicks dachte Parvati: Hat der Herr des Berges trotz seines Versprechens eine andere Frau angenommen?
45.116 Hat er sie durch Zauberkraft in seinen Körper versetzt, von wo aus sie mich schief ansieht? Ihr Gesicht verfinsterte sich, die Brauen zogen sich zusammen; auch der Stierbannerträger erschien verdüstert wie unter einem Unheilszeichen. Der letzte Vergleich ist unsicher.
45.117 Vom Trug Vishnus verwirrt, zog sie sich, nachdem sie das Spiegelbild gesehen hatte, aus gekränktem Stolz und Zorn auf einen verborgenen Berggipfel zurück.
45.118 Shankara suchte sie, von der Trennung bedrückt. Nach langer Zeit fand er die versteckte Göttin.
45.119 Er trat zu seiner Geliebten, deren Gesicht seine Farbe verloren hatte, und sprach zu ihr, um den wahren Grund ihres Zorns zu erfahren.
45.120 Der Herr sprach: Warum bist du mir böse, Schöne und Zornige? Ich möchte den Grund deines Ärgers erfahren, Geliebte.
45.121 Weder mit Worten noch in Gedanken oder durch meinen Körper habe ich mich an dir vergangen. Wie kannst du da zornig sein, Schöne?
45.122 Die Göttin sprach: Früher habe ich dich um ein bestimmtes Versprechen gebeten. Warum gibst du es auf und begehrst eine andere Gattin?
45.123 Mit eigenen Augen habe ich in deiner Brust eine schöne Frau gesehen, Hara, dort, wo das Wasser die Asche fortgespült hatte.
45.124 Du bist ganz Erkenntnis, allgegenwärtig und der höchste Herr. Durch meine vielfache Askese habe ich dich zu erfreuen gesucht, doch du bist nicht zufrieden, Maheshvara.
45.125 Darum will ich fortgehen und für immer Askese üben. Erlaube es mir, Shambhu, und halte mich nicht vergeblich auf.
45.126 Aurva sprach: Als Shankara ihre Worte hörte, breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. Er antwortete der zweifelnden Parvati.
45.127 Der Herr sprach: Ich habe keine andere Frau geheiratet und mein Versprechen nicht gebrochen. Aus Verwirrung ist jetzt eine falsche Vorstellung in dir entstanden, Unschuldige.
45.128 Wenn du die Ursache erfahren willst, Parvati, werde ich dir die Wahrheit erklären. Sei nicht gekränkt, du Stolze.
45.129 Auf meiner breiten Brust, die rein wie ein Spiegel glänzt, hast du das Abbild deines eigenen Körpers gesehen.
45.130 Erkenne es jetzt selbst: Ohne dich ist sie nicht in mir. Du sollst deshalb nicht schmollen, die du in meinem Herzen wohnst.
45.131 Die Göttin sprach: Wenn ich hier bin, ist das Bild vorhanden; ohne mich ist es nicht da. Wie kann ich das erkennen? Sage es mir, Stierbannerträger.
45.132 Der Herr sprach: Stelle dich hinter das Gitter eines Fensters, Bezaubernde, und blicke hindurch auf meine Brust, nachdem das Wasser ihren Ascheüberzug fortgespült hat.
45.133 Betrachte dann deinen geschmückten Körper im Spiegel, tritt an meine Brust heran und sieh dort das gleiche Abbild.
45.134 Was du an deinem Körper beobachtest, führe hier vor mir aus und betrachte dabei dein eigenes Spiegelbild. Ohne dich wird es nicht vorhanden sein.
45.135 So wirst du selbst das Abbild auf meiner schönen Brust erkennen. Wenn du es erkannt hast, wirst du deinen Unmut aufgeben und wieder zu mir kommen.
45.136 Aurva sprach: Auf Haras Worte hin wusch Parvati die Brust des Gottes mit der Mondsichel mit Wasser ab und sah erneut ihr eigenes Spiegelbild darin.
45.137 Sie betrachtete ihr Gesicht und ihren Körper im Spiegel und blickte dann wieder auf Shankaras Brust.
45.138 Welche Miene oder Augenbewegung die Göttin auch machte, das Spiegelbild machte sie ebenfalls; ebenso folgte es jedem Bewegen ihrer Hand.
45.139 Dann stellte sich die Tochter des Himalaya erneut hinter das Fenstergitter und betrachtete Shambhus von Asche befreite Brust.
45.140 Parvati sah dort keine Frau, sondern das Muster des Gitters, das sich auf der Brust des Stierbannerträgers spiegelte.
45.141 Durch diese und andere Versuche wurden alle Zweifel der Göttin beseitigt. Da schämte sich die Schöne.
45.142 Shambhu umarmte die beschämte Tochter des Berges, die etwas ängstlich den Blick senkte, mit beiden Armen und küsste ihr Gesicht.
45.143 Mahadeva sprach ihr immer wieder Trost zu: Schäme dich nicht, Glückliche! Wem unterläuft kein Irrtum?
45.144 Schöne Frauen dürfen gekränkt sein, denn dies kann die Liebe steigern. Doch auch du, Göttin, solltest nur gelegentlich schmollen, nicht ständig.
45.145 So vom Gott der Götter angesprochen, antwortete Ambika, Mainakas Schwester, Shankara voller Liebe mit freundlichen, süßen Worten.
45.146 Die Göttin sprach: Sorge dafür, Hara, dass ich dir in unserer Gemeinschaft immer wie dein Schatten folgen kann.
45.147 Ich wünsche mir die Berührung deines ganzen Körpers, die Freude einer ununterbrochenen Umarmung. Wenn du es vermagst, lass es geschehen.
45.148 Der Erhabene sprach: Auch mir gefällt, was du dir wünschst, Schöne. Ich werde dir ein Mittel nennen; wenn du es vermagst, führe es aus.
45.149 Nimm die Hälfte meines Körpers an, Bezaubernde. Eine Hälfte von mir sei Frau, die andere Mann.
45.150 Wenn du selbst eine solche Teilung ermöglichen kannst, werde ich die Hälfte deines Körpers annehmen, Schönangesichtige.
45.151 Dann sei auch von dir die eine Hälfte Frau und die andere Mann. Ich habe die Macht dazu; gib mir deine Zustimmung.
45.152 Die Göttin sprach: Ich will die Hälfte deines Körpers annehmen, Stierbannerträger. Dabei wünsche ich mir aber Folgendes, wenn du es erfüllen willst.
45.153 Ich möchte so lange als deine Hälfte bestehen, wie ich es wünsche. Wenn ich deine Hälfte wieder verlasse, sollen wir beide wieder vollständig sein.
45.154 Wenn diese Annahme einer Körperhälfte nach meinem Wunsch möglich ist, dann will ich die Hälfte deines Körpers annehmen, Shambhu.
45.155 Der Herr sprach: So soll es sein. Du kannst jederzeit die Hälfte meines Körpers annehmen und diese Verbindung nach deinem Wunsch wieder lösen.
45.156 Aurva sprach: Da betrachtete Gauri im Geist ihre eigene Gestalt als Yogaschlaf, die sie während ihrer früheren Askese erfahren hatte.
45.157 Zuerst verneigte sie sich vor Hara, danach vor Brahma und dann vor Hari, dem Herrn Narayana, dem Gebieter der drei Welten.
45.158 Die das All verkörpernde Asketin betrachtete ihre Einheit und sich selbst als Yogaschlaf.
45.159 Voller Liebe verband sie die rechte Hälfte ihres eigenen Körpers mit der linken Hälfte des Körpers des Mondträgers. Die Satzform der Vorlage ist an dieser Stelle beschädigt.
45.160 Auch Hara fügte aus Liebe seine Körperhälfte in Gauris Körper ein, um ihr diesen wunderbaren Wunsch zu erfüllen.
45.161 Nachdem Bharga lange so mit Kali vereint geblieben war, löste er die Verbindung der Körperhälften und erstrahlte wieder gesondert.
45.162 Kali war goldhell geworden und hatte die Hälfte von Shankaras Körper erlangt. Die das All verkörpernde Göttin war von Freude erfüllt und ganz zufrieden.
45.163 Wenn die höchste Herrin in vertrauter Zurückgezogenheit seine Körperhälfte annimmt, erstrahlt sie in außerordentlicher Schönheit.
45.164 Die eine Hälfte des Hauptes trägt einen geordneten Haarknoten, die andere einen Knoten verfilzter Haare. An einem Ohr befindet sich eine Schlange,
45.165 am anderen glänzt ein goldener Ohrring. Ein Auge gleicht dem einer Gazelle, das andere dem eines Stieres.
45.166 Die eine Hälfte hat eine kräftige Nase, die andere eine schöne Nase wie eine Sesamblüte. Die eine trägt einen langen Bart, die andere ist bartlos.
45.167 Auf einer Seite zeigen sich schöne, rötlich schimmernde Zähne und rote Lippen; auf der anderen große, weiße, lang geformte Zähne.
45.168 Die eine Hälfte des Halses ist blau, die andere trägt eine Halskette. Ein Arm ist mit Armreifen und Oberarmspangen geschmückt,
45.169 der andere mit einer Schlange als Armspange; er ist kräftig und ohne Hautfalten. Auf der einen Seite ist der Arm schön und beweglich, auf der anderen gleicht er einem Elefantenrüssel.
45.170 An der einen Hand befindet sich ein als Somika bezeichnetes Schmuckstück, an der anderen fehlt es. Die Brust trägt nur eine weibliche Brust und auf ihrer anderen Hälfte einen Haarstreifen. Die Bezeichnung des Handschmucks ist unklar.
45.171 Die eine Seite hat einen Schenkel wie der Stamm einer Bananenpflanze, eine schöne Ferse und einen weichen Fuß. Die andere hat einen kräftigen, festen Schenkel und einen entsprechend kräftigen Fuß.
45.172 Die eine Hälfte besitzt eine schöne, weiche, volle Hüfte; die andere eine feste Taille und einen kräftigen Übergang zum Bein.
45.173 Die eine Seite ist mit Tigerfell bekleidet und mit Asche bestrichen, die andere trägt weiche Seide und ist mit Sandelholz gesalbt.
45.174 So besitzt die eine Hälfte alle weiblichen Merkmale, während die andere die kraftvolle, ausgeprägte Gestalt eines Mannes zeigt.
45.175 So nahm die tugendhafte Girija, Kalika, die zuvor einer dunklen Wolke glich, zum Wohl aller Welten die Hälfte des Körpers des Liebesgottbezwingers an.
45.176 König, für ihren mit Haras Körperhälfte vereinten Leib lässt sich selbst bei einer Suche in allen drei Welten kein angemessener Vergleich finden.
45.177 Auch ein strahlender Santanaka- oder Parijata-Baum, den eine üppige Ranke umschlingt, erreicht diese Schönheit nicht. Einzelne Wörter des Vergleichs sind unsicher überliefert.
45.178 Auf vielerlei Weise vergnügten sich die beiden auch in getrennten Gestalten, Herr der Menschen. Bisweilen spielte er in der Gestalt Ardhanarishvaras.
45.179 Obwohl der Herr der Wesen, der Ursprung der Ursache aller Wesen, selbst imstande war, Kalika unmittelbar zu Gauri zu machen,
45.180 führte er die Tochter des Berges zunächst durch verschiedene Handlungen und Mittel zur Askese.
45.181 Erst nachdem ihr ganzer Körper durch Askese geläutert war, machte er sie zu Gauri. Dann schenkte Maheshvara ihr auch die Hälfte seines Körpers.
45.182 Indra und die übrigen Götter kennen die tiefere Wahrheit weder dieser Hingabe seiner Körperhälfte noch der Führung zur Askese.
45.183 Diese Wahrheit kennen die hochherzigen, mächtigen Nandi, Bhringi, Mahakala, Vetala und Bhairava.
45.184 Sie sind Glieder Maheshas, furchtlos und reich an Askese. Aus menschlichen Körpern heraus haben sie durch die Kraft ihrer Askese
45.185 die Herrschaft über die Scharen erlangt. Sie kennen den höchsten Hara. So sollst auch du stets die dir Anvertrauten anleiten, bester König,
45.186 und deine Gattin durch gute Handlungen fördern; dann wirst du Heil erlangen. Wer diese wunderbare, verdienstvolle Erzählung beständig hört,
45.187 wie die beiden Segensreichen einander erfreuten, wie sie ihre Körperhälften vereinten und wie Kalika auf segensreiche Weise zu Gauri wurde,
45.188 dem entstehen nach der Verheißung des Textes keine Hindernisse. Er gilt als überaus verdienstvoll, lebt lange und glücklich und ist von Kindern und Enkeln umgeben.
45.189 Wer diese große Geschichte der beiden Segensreichen immer wieder hört, gelangt in Shivas Welt und bleibt Shiva lange lieb.
Kapitel 46
46.1 Sagara sprach: Wer war jener Bhairava, und wer wurde Vetala genannt? Wie wurden die beiden mit menschlichen Körpern zu Herren der Scharen?
46.2 Erzähle mir dies, vorzüglicher Brahmane und großer Weiser. Nandi, den Gefährten des Mondträgers, kenne ich.
46.3 Wie er zum Oberhaupt der Scharen wurde, habe ich aus Naradas Mund gehört. Ebenso sind Bhringi und Mahakala als Söhne Haras bekannt.
46.4 Wie diese beiden entstanden, möchte ich von dir hören. Von Mahadeva in seiner früheren Gestalt als Sharabha
46.5 habe ich bereits gehört, dass ein Teil seines Körpers Mahabhairava hieß. Ist dies derselbe Bhairava oder ein anderer, bester Brahmane?
46.6 Ich möchte all dies genau wissen. Als wessen Söhne wurden sie geboren, bevor sie Herren der Scharen wurden? Erzähle auch, weshalb ihre Gesichter denen von Affen gleichen.
46.7 Aurva sprach: Höre, König! Ich werde dir die Geschichte Mahakalas, Bhringis, Bhairavas und des hochherzigen Vetala erzählen.
46.8 Bhringi, Haras Sohn, und Mahakala, der ebenfalls von Bharga stammt, wurden durch Gauris Fluch in menschlichem Schoß geboren.
46.9 Auf Erden erschienen sie in einem Königshaus als Vetala und Bhairava. Höre zunächst, wie Bhringi und Mahakala ursprünglich entstanden.
46.10 Der Mahabhairava genannte Körper Haras in Sharabha-Gestalt ist davon verschieden. Dieser Bhairava hier ist Haras Sohn und ein Oberhaupt der Scharen.
46.11 Nachdem der hochherzige Bharga die Tochter des Himalaya geheiratet hatte, baten die Götter unter Indras Führung Shambhu mit Lobpreis und Verneigungen um einen Nachkommen, der Taraka töten sollte.
46.12 Auf die Bitte der Götterscharen begann der erhabene Stierbannerträger mit Uma eine lang anhaltende geschlechtliche Vereinigung, um Nachkommenschaft zu zeugen.
46.13 Während dieser Vereinigung vergingen für den Mondträger zweiunddreißig Jahre wie ein Augenblick, König.
46.14 Maheshvara fand in dieser großen Vereinigung noch keine Erfüllung. Seine Zeugungskraft war noch nicht ausgeflossen, und auch Parvati war nicht gesättigt.
46.15 Während ihrer mächtigen Vereinigung bebte die Erde heftig. Alle Götter und die übrigen Himmelsbewohner wurden beunruhigt.
46.16 Die ganze Welt geriet durch die anhaltende Vereinigung der beiden Segensreichen in Aufruhr. Die Formulierung zum Fortgang der Vereinigung ist in der Vorlage unsicher.
46.17 Da suchten die Götter samt Indra, von Shankaras Liebesspiel erschreckt, Zuflucht bei Brahma, dem Herrn der Welten.
46.18 Die vorzüglichsten Götter versammelten sich, verneigten sich vor dem Schöpfer und berichteten von der allgemeinen Erschütterung durch Haras Vereinigung.
46.19 Darauf ließ Indra die Götterscharen hinter sich stehen, trat vor und sprach aus seiner augenblicklichen Furcht zum Schöpfer.
46.20 Indra sprach: Alle Welten sind durch Haras Vereinigung beunruhigt. Von großer Angst erfasst, bin ich zu dir gekommen, um Zuflucht zu suchen.
46.21 Der Sohn, der aus einer solchen Vereinigung Shankaras mit Uma hervorgeht, wird mich überwältigen, Brahma.
46.22 Schon der Anblick dieses Geschehens und die Aussicht auf den daraus geborenen Sohn machen mir jetzt noch größere Angst als Taraka.
46.23 Handle deshalb so, dass sein Sohn mich und die Götter nicht bedrängt. Rette uns mit Sorgfalt aus dieser großen Gefahr.
46.24 Brahma sprach: Wenn aus Shankaras Zeugungskraft in Uma ein Sohn entsteht, werden ihm sämtliche Welthüter, Götter und Asuras samt Indra nichts anhaben können.
46.25 Darum werde ich mit den Göttern zu Hara gehen und dafür sorgen, dass er keinen Sohn in Uma zeugt.
46.26 Zugleich werde ich bewirken, dass Taraka dennoch durch Haras Kraft vernichtet wird. Deine innere Unruhe soll schwinden.
46.27 Aurva sprach: Mit diesen Worten begab sich Prajapati zusammen mit den Götterscharen zum Kailasa, wo der Herr des Berges sich innig mit der Bergestochter vereinte.
46.28 Dort pries Brahma, der Großvater der Welt, gemeinsam mit allen Göttern Mahadeva, den Gott mit dem Stierbanner.
46.29 Die Götter sprachen: Weder Rati noch Kama, der aus deinem Geist hervorgeht, sind die Ursache deiner Freude. Deine Geburt hat keine Ursache. Dir gilt wieder und wieder unsere Verehrung.
46.39a Dem Dreiäugigen, der allein zum Wohl der Welt eine Gattin angenommen hat, gilt unsere Verehrung. Dieser Shiva möge uns gnädig sein! Die Vorlage trägt hier die Nummer 39 statt 30.
46.31 Vor dir, Hara, verneigen wir uns: Liebesstimmung und die anderen Regungen treten durch deine eigene Kraft in dich ein, ohne dass der Liebesgott dazu nötig wäre.
46.32 Du besitzt goldenen Samen, goldenen Glanz und goldene Arme. Du Gott, der Schöpfung und Auflösung bewirkt, mögest uns stets gewogen sein.
46.33 Die allumfassende Yogaschlaf-Göttin, die mächtige Maya Vishnus, ist selbst deine Gattin geworden. Dir gilt wieder und wieder unsere Verehrung.
46.34 Deine fünf Häupter, aus den fünf Elementen bestehend, erstrahlen. Vor dir, dem fünfgesichtigen Gott, verneigen wir uns mit Hingabe.
46.35 Heute verehren wir dich als Sadyojata, Aghora, Vamadeva, Umas Gatten, Ishana und denjenigen, den man Tatpurusha nennt.
46.36 Du bringst den Übeltätern Unheil und den Hingebungsvollen Heil. Verehrung dir, Shiva, dessen Gestalt Heil und Unheil umfasst.
46.37 In deinen drei bekannten Gestalten als Brahma, Vishnu und Shambhu bewirkst du stets Schöpfung, Erhaltung und Auflösung der Welten. Wir verehren dich, Shiva, den vieläugigen Herrn des Heils. Der Anfang mehrerer Wörter ist in der Vorlage beschädigt.
46.38a Du trägst Dreizack, Schädelstab und Mond, führst das Stierbanner, bist voller Kraft und besitzt fünf Gestalten. Vor dir, der wie Feuer erstrahlt, verneigen wir uns wieder und wieder, Shankara.
46.39b Du strahlst im Glanz Brahmans, trägst Schlangen, vernichtest die Daityas, bist Beherrscher und Kämpfer und frei von weltlicher Geburt. Du Unendlicher, stets Erhabener und Ursprünglicher, sei uns durch dieses Lob gewogen. Einige Wörter der Strophe sind verstümmelt.
46.40 Du bist die Gestalt des höchsten Brahman, ewig frei und eins, die Gestalt des höchsten Lichts, beständig und unendlich. Du Höchster, im eigenen Selbst Ruhender, Herr des Berges in Bhargas Gestalt, mögest uns Wohlergehen bringen. Die Versanfänge sind beschädigt.
46.41 Wir verehren Umas Gatten, den Träger großer Maya, Mahadeva, den Herrn der Welt, Shiva, den friedvollen Spender des Heils. Er möge uns gnädig sein.
46.42 Aurva sprach: So von Indra und den anderen Göttern gepriesen, löste Mahadeva die Vereinigung mit Uma und trat zu den Himmelsbewohnern.
46.43 Er erschien vor Brahma und den anderen noch in demselben Zustand, in dem er sich der großen Vereinigung hingegeben hatte.
46.44 Der Herr sprach: Mahadeva fragte die Götter gleichsam ungeduldig: Weshalb seid ihr gekommen? Sagt es mir, Unsterbliche!
46.45 Die Götter sprachen: Alle Götter, Brahma und Indra voran, antworteten: Durch deine große Vereinigung ist die ganze Welt erschüttert, Bharga.
46.46 Die Erde mit ihren Bergen, Wäldern und Hainen bebt heftig. Alle Ozeane, Ströme und Flüsse sind aufgewühlt, Shankara.
46.47 Auch sämtliche Götter und Hüter der Himmelsrichtungen finden keine Ruhe. Habe deshalb mit allen Erbarmen, Herr sämtlicher Welten.
46.48 Beende diese große Vereinigung und beschränke dich auf das Liebesspiel. Aurva sprach: Als Shankara die Worte des erhabenen Brahma hörte, antwortete er ohne große Freude.
46.49 Der Herr sprach: Dieses Vorhaben dient eurem Wohl, vorzügliche Unsterbliche. Wenn ich die große Vereinigung beende und mich auf das Liebesspiel beschränke, wird Uma keinen Sohn bekommen. Darauf zielt euer Bemühen.
46.50 Ein Sohn, der aus meiner Zeugungskraft in Umas Körper entsteht, würde die Feinde töten und die Götter stärken.
46.51 Da ihr euch so sehr vor meiner großen Vereinigung fürchtet, kehrt in eure jeweiligen Wohnstätten zurück. Ich werde darüber nachdenken.
46.52 Die Götter sprachen: Sorge dafür, Hara, Herr der Welt, dass kein Sohn aus Umas Körper geboren wird. Beende diese große Vereinigung.
46.53 Der Herr sprach: Durch bloßes Liebesspiel wird in Uma kein Sohn von mir entstehen. Wenn ich die große Vereinigung aufgebe, wird Parvati kinderlos bleiben.
46.54 Auf die Worte der Götter und Brahmas hin will ich sie dennoch beenden. Doch eines müsst ihr tun, Unsterbliche.
46.55 Bringt mir einen kraftvollen Gott, der meine durch die große Vereinigung hervorgetretene Zeugungskraft aufnehmen kann.
46.56 Sagt mir, ihr Götter, wer sie ohne Erschütterung und Veränderung aufnehmen kann. Dann werde ich die Kraft aus meinem Körper entlassen.
46.57 Aurva sprach: Als die Götter unter Brahmas Führung die Worte des Stierbannerträgers hörten, dachten sie an den Feuergott als Empfänger von Haras Zeugungskraft.
46.58 Sie berieten sich mit Brahma und gewannen Agnis Zustimmung. Dann sprachen alle Götterscharen samt Indra zu Hara.
46.59 Die Götter sprachen: Hier ist Vaishvanara, der herrliche, mächtige Gott, der aus großer Glut besteht. Er wird deine Zeugungskraft, den Samen dieser großen Vereinigung, aufnehmen.
46.60 Aurva sprach: Mit diesen Worten wiesen die Götter Shambhu, dem Ursprung aller Dinge, auf den vor ihm stehenden Feuergott hin.
46.61 Darauf entließ der Starkarmige seinen als sechsfach beschriebenen Samen, die Frucht der großen Vereinigung, in den geöffneten Mund des Feuers.
46.62 Als die Zeugungskraft des Mondträgers in Agni strömte, fielen zwei winzig kleine Tropfen auf die Bergterrasse.
46.63 Aus diesen beiden Teilchen entstanden sogleich zwei Söhne Shankaras. Der eine war schwarz wie eine Biene, der andere wie zerriebene Augenschwärze.
46.64 Brahma, der Träger der Welt, gab dem bienenfarbenen den Namen Bhringi und dem ganz tiefschwarzen den Namen Mahakala.
46.65 Shankara ließ sie durch die Pramatha-Scharen aufziehen; auch Aparna sorgte für sie. So wuchsen die beiden allmählich heran.
46.66 Als die von Hara und Uma behüteten Hochherzigen erwachsen waren, machte Hara sie zu Herren der Scharen und setzte sie als Torhüter ein.
46.67 Sagara sprach: Was geschah mit der Zeugungskraft, die in Agni entlassen wurde, bester Brahmane? Auch das möchte ich hören. Erzähle es mir kurz.
46.38b Aurva sprach: Nachdem der Stierbannerträger seine Zeugungskraft in Agni entlassen hatte, wies er auf die himmlische Ganga und sprach zu den Göttern. Die Vorlage trägt hier 38 statt 68.
46.69 Der Herr sprach: Diese Zeugungskraft ist für andere Frauen nicht zu ertragen, beste Götter, außer für die Göttin Yogaschlaf oder die Tochter des Berges.
46.70 Deshalb werde ich euch erklären, wo aus dieser Kraft ein göttlicher Sohn entstehen wird und wer sie aufnehmen kann.
46.71 Diese im Himmel fließende Ganga ist die andere Tochter des Königs der Berge und Umas ältere Schwester. Aus dem von Agni übergebenen Samen
46.72 wird sie durch meine eigene Kraft einen Sohn von unvergleichlichem Glanz gebären. Dieser herrliche Bezwinger der Feinde wird euer Heerführer sein.
46.73 Mit seiner unfehlbaren großen Lanze wird er, dessen Banner den Pfau zeigt, vor euren Augen Taraka besiegen, von mir selbst gestärkt.
46.74 Aurva sprach: Mit diesen Worten entließ Mahadeva alle Götter, sprach mit Parvati und ging dann fort, um sich zu reinigen.
46.75 Als die tugendhafte Parvati die ihr unerfreulichen Worte der Götter gehört hatte und ihrer Hoffnung auf einen Sohn beraubt war, wurde sie zornig auf die Götterschar.
46.76 Von Unmut gleichsam brennend, mit bebenden Lippen, sah sie die Götter und Hara, der die Vereinigung beendet hatte, und sprach.
46.77 Die Göttin sprach: Weil ihr Shambhu aus der Vereinigung mit mir fortgeführt und mich kinderlos gemacht habt, bin ich gekränkt wie eine Frau, die nur zum Vergnügen dient.
46.78 Deshalb sollen von heute an alle Götterscharen für immer an der zeugenden Vereinigung mit ihren eigenen Gattinnen gehindert sein.
46.79 Wie mir sollen auch ihnen keine Söhne geboren werden. Ihre schönen göttlichen Gattinnen sollen ohne Nachkommenschaft bleiben.
46.80 Wie ich unter dem Verlust der Hoffnung auf einen Sohn leide, so sollen alle diese Göttinnen ihre Hoffnung auf Söhne verlieren.
46.81 Aurva sprach: So verfluchte die Tochter des Berges die Götter in großem Zorn. Seitdem werden im Himmel keine Göttersöhne geboren.
46.82 Auch heute noch gebären ihre Gattinnen den Nektartrinkern keine Söhne. Als die Zeit gekommen war, übertrug der Feuergott Shambhus goldgleichen Samen in Gangas Schoß.
46.83 Durch diesen Samen gebar die Göttin nach vollendeter Zeit ein schönes Paar von Söhnen, die alle glückverheißenden Merkmale besaßen. Das Wort für das Kinderpaar ist in der Vorlage fehlerhaft.
46.84 Der eine hieß Skanda, der andere Vishakha. Beide waren schön, trugen je eine Lanze und wuchsen an Kraft und Glanz.
46.85 Skanda und Vishakha wurden rasch eins. Es entstand ein einziges Kind, wie auch andere Menschen einen Sohn haben.
46.86 Als Ganga ihren so geborenen Sohn sah, staunte sie sehr. Sie setzte ihn rasch mitten in einem Schilfwald aus; die Vorlage erwähnt dabei ein Gefäß.
46.87 Nachdem sie das Kind abgelegt hatte, berichtete Ganga Bahula selbst von der Schwangerschaft, der Geburt und dem Aussetzen.
46.88 Bahula hörte dies und erkannte, dass das Kind aus Mahadevas Körper hervorgegangen war. Die Krittika nahm den Sohn an und zog ihn auf.
46.89 Sie unterrichtete Uma und Shankara. Mit ihrer Zustimmung brachte sie den Sohn, den künftigen Feindebezwinger, zur Göttin und übergab ihn ihr.
46.90 Er wuchs rasch heran, trug die Lanze und besaß gewaltige Kraft und Tapferkeit. Von Shankara gestärkt, wurde er zum Heerführer der Götter.
46.91 Dann vernichtete Haras Sohn mit der Lanze in der Hand den mächtigen Götterfeind Taraka samt seinem Gefolge und rettete so die Welten.
46.92 Damit habe ich dir erzählt, bester König, was aus der Zeugungskraft wurde, die Bharga in Agni entlassen hatte.
46.93 Höre jetzt die angekündigte Geschichte Mahakalas und Bhringis, König: wie die beiden Menschen wurden.
Kapitel 47
47.1 Aurva sprach: Nachdem die Götterscharen Hara zum Wohl der Welt umgestimmt hatten, verzichtete er auf die große zeugende Vereinigung mit Uma.
47.2 Er beschränkte sich auf das Liebesspiel, erfüllte dabei seinen eigenen Wunsch und ebenso stets die Wünsche der Göttin.
47.3 Eines Tages scherzte der liebesfrohe Mahadeva voller Freude mit Uma in einem abgeschiedenen Gemach.
47.4 Als Gauri zum Liebesspiel zum Bezwinger des Liebesgottes gegangen war, standen Bhringi und Mahakala als Wächter am Eingang.
47.5 Nach dem Liebesspiel kam die Göttin mit gelöstem Haarknoten heraus. Ihr ungebundenes Gewand glitt vom Körper, und sie hielt es mit der Hand fest.
47.6 Ihre Halskette war verrutscht, duftende Blumen waren zerstreut, der Safran verwischt. Ihre Lippen zeigten Spuren von Liebesbissen.
47.7 So trat die Lotusgesichtige aus dem Liebesgemach, die Augen noch leicht bewegt und den Körper mit Schweißperlen bedeckt.
47.8 In diesem Zustand sahen sie die untadelige Göttin aus dem Haus kommen, obwohl niemand außer ihrem Gatten, dem Stierbannerträger, sie so sehen sollte.
47.9 Bhringi und Mahakala sahen sie und waren wenig erfreut. Die beiden Hochherzigen empfanden Unmut über diese Situation.
47.10 Als sie ihre Mutter so sahen, senkten die beiden Bekümmerten den Blick, gerieten in tiefe Sorge und seufzten.
47.11 Die Tochter des Himalaya bemerkte, dass sie sie gesehen hatten. Aparna wurde zornig und sprach diese Worte.
47.12 Weshalb habt ihr mich in diesem Zustand angesehen, ihr Ungehörigen? Ihr seid doch meine eigenen Söhne, aber ohne Scham und Achtung vor den Grenzen des Anstands!
47.13 Weil ihr schamlos diese Grenze überschritten habt, sollt ihr unter Menschen geboren werden.
47.14 Wegen der Verfehlung, mich so angesehen zu haben, sollt ihr aus menschlichem Schoß auf Erden mit Affengesichtern geboren werden.
47.15 So wurden die verständigen Söhne Haras, Bhringi und Mahakala, von Uma verflucht, während sie vor ihrer Mutter standen.
47.16 Die Söhne Haras waren tief betrübt und konnten ihren Fluch nicht ertragen. Sie antworteten der Tochter des Berges.
47.17 Wir haben uns niemals gegen dich vergangen, Tochter des Himalaya. Warum hast du uns, Mutter, in deinem plötzlichen Zorn so verflucht?
47.18 Mahesha hat uns gemeinsam mit dir als Torhüter eingesetzt. Wir erfüllen diesen Auftrag und stehen beherrscht am Eingang.
47.19 Dein unvermitteltes Heraustreten aus dem Gemach war unbedacht. Als du kamst, hast du uns hier in pflichtgemäßer Haltung gesehen.
47.20 Dein Zorn ist deshalb grundlos. Welche Schuld trifft uns dabei? Höre nun, untadelige Mutter, was diesem Fluch entgegenwirken soll.
47.21 Auch du sollst als menschliche Frau auf Erden geboren werden, und Hara soll ein Mensch werden. Als Gattin des menschlichen Hara sollst du durch seine Zeugungskraft
47.22 uns beide in deinem menschlichen Schoß tragen. Wenn wir wahrhaft Haras Söhne und ohne Schuld sind,
47.23 dann möge unser Wort wahr werden, Tochter des Berges. Nachdem sie einander so überaus schwere Flüche ausgesprochen hatten,
47.24 kehrten Gauri und Haras beide Söhne zurück, bester König. Als einige Zeit vergangen war, erkannte der allwissende Stierbannerträger
47.25 das bevorstehende Geschehen und wurde selbst Mensch. Aus Brahmas rechtem Daumen war Daksha, Brahmas Sohn, entstanden.
47.26 Dakshas Tochter war Aditi; von ihr wurde der Gott Pushan geboren. Pushans Sohn war Paushya, der den Sinn sämtlicher Lehrschriften durchdrungen hatte.
47.27 Ein König wie er hatte auf Erden nie gelebt und würde auch künftig nicht leben. Doch dieser vorzügliche König Paushya war kinderlos.
47.28 Als er ins höhere Alter kam, verehrte Paushya gemeinsam mit seinen drei Gattinnen Brahma mit höchster Hingabe.
47.29 Brahma sprach: Der erhabene Großvater der Welt war ihm gnädig und sagte zum König: Was wünschst du? Sage es mir.
47.30 Ich bin zufrieden, bester König, und werde dir gewähren, was du begehrst. Sprich jetzt aus, was du und deine Gattinnen wünschen.
47.31 Paushya sprach: Als dein Nachkomme, Hiranyagarbha, verehre ich dich, weil ich einen Sohn wünsche. Wenn du mir gnädig bist, möge mir ein Sohn mit allen glückverheißenden Merkmalen geboren werden.
47.32 Dafür bin ich mit meinen Gattinnen hingebungsvoll zu dir gekommen. Sorge dafür, Herr der Welt, dass ich einen Sohn bekomme.
47.33 Ein Sohn rettet Vater und Mutter aus der Hölle namens Put. Darum sollst du, Brahma, meine Furcht davor beseitigen. Der Vers spielt auf die traditionelle Herleitung des Wortes für Sohn an.
47.34 Brahma sprach: Höre, Paushya! Ich werde dir sagen, wie du einen Sohn erlangen wirst, der dein Geschlecht fortführt. Handle mit deinen Gattinnen danach.
47.35 Nimm diese Frucht, die ich dir gebe, bester König. Auch nach langer Zeit verdirbt sie nicht und bleibt stets wohlschmeckend.
47.36 Bewahre diese Frucht und verehre drei Jahre lang Mahadeva. Er wird dir gnädig werden.
47.37 Was Bharga dir in Bezug auf diese Frucht sagen wird, das sollst du gemeinsam mit deinen drei Gattinnen ausführen, König.
47.38 Dann wirst du einen Sohn erhalten, der alle glückverheißenden Merkmale besitzt, dein Geschlecht mehrt und als Weltherrscher selbst die Erde regiert.
47.39 Aurva sprach: Mit diesen Worten ging Brahma fort. Der König begann mit seinen Gattinnen, Hara voller Hingabe zu verehren.
47.40 Er fastete und zügelte seine Nahrung; bisweilen aß er Früchte. Am Ufer der Drishadvati stellte er die Frucht vor sich hin
47.41 und erfreute den Stierbannerträger mit Blumen, Ehrengaben, Lichtern und Räucherwerk. Als drei Jahre vergangen waren, wurde Mahadeva, der Herr der Welt,
47.42 dem König Paushya zur Erfüllung seines Wunsches gnädig. Lächelnd sprach er: Weshalb verehrst du mich? Sage es mir, ich werde es dir geben.
47.43 Paushya sprach: Ich bin kinderlos und wünsche mir einen Sohn. Höre mich, Stierbannerträger, und sorge dafür, dass ich einen Sohn bekomme.
47.44 Aurva sprach: So sprach der König freudig zusammen mit seinen Gattinnen. Er verneigte sich, pries den Gott und war innerlich von Hingabe erfüllt.
47.45 Der gnädige Stierbannerträger nahm die von Brahma geschenkte Frucht in die Hand und sprach zum König, der sich einen Sohn wünschte.
47.46 Der Herr sprach: Teile diese von Brahma gegebene Frucht in drei Teile, König, und lass deine Gattinnen sie mit frohem, ruhigem Herzen essen.
47.47 Wenn du dich anschließend zur fruchtbaren Zeit mit ihnen vereinigst, werden deine Gattinnen gleichzeitig schwanger werden.
47.48 Wenn die Zeit gekommen ist, werden deine Frauen gleichzeitig gebären, bester König. Dann sollst du folgendermaßen handeln.
47.49 Im Schoß der einen wird der Kopfteil deines Kindes entstehen, im Leib der anderen sein mittlerer Körperteil.
47.50 Der Teil unterhalb des Nabels wird in der dritten entstehen. Diese drei Teile sollst du, König, jeweils an ihrer richtigen Stelle
47.51 zusammenfügen. Dann wirst du einen einzigen Sohn haben. Auf seinem Haupt wird sich von Geburt an eine Mondsichel befinden.
47.52 Nach diesem Merkmal wird er auf Erden berühmt werden. Aurva sprach: Nachdem Mahadeva dies gesagt hatte, bereitete er ihre Leiber selbst
47.53 mit Gangawasser darauf vor, ihn als Wohnstätte aufzunehmen. Dann trat der Stierbannerträger selbst in die Frucht ein. Der Beginn des Verses ist teilweise beschädigt.
47.54 Sogleich teilte sich die Frucht von selbst in drei Teile. Paushya nahm sie freudig an und kehrte mit seinen Gattinnen,
47.55 nachdem er sich vom Stierbannerträger verabschiedet hatte, glücklich in seinen Palast zurück. Zur geeigneten Zeit aßen die Frauen
47.56 die Frucht, bester König, und ihre glückverheißenden Leibesfrüchte wuchsen heran. Nach vollendeter Schwangerschaft wurden aus ihren Leibern
47.57 die drei getrennten Teile geboren, genau wie Bharga es angekündigt hatte. Paushya fügte diese drei Teile an den richtigen Stellen zusammen
47.59a und vereinte sie rasch zu einem einzigen Körper. So entstand der Sohn. Auf seinem Haupt trug er von Geburt an eine glückverheißende Mondsichel. Die Vorlage zählt diesen Vers als 59 statt 58.
47.59b Sie strahlte wie die Mondsichel am Himmel im Herbst. Der Sohn besaß alle glückverheißenden Merkmale, eine breite Brust und eine wohlgeformte Nase.
47.60 Sein Hals glich dem eines Löwen, seine Augen waren groß, seine Arme lang. Als Paushya ihn mit seinen drei Gattinnen sah, empfand er große Freude,
47.61 wie ein Armer, der einen gewaltigen Schatz findet. Gemeinsam mit seinen brahmanischen Hauspriestern gab der König ihm den Namen
47.62 Chandrashekhara, „der den Mond auf dem Haupt trägt“. Sein Glanz glich dem des Mondes. Der glückliche Sohn wuchs von Tag zu Tag wie der zunehmende Mond.
47.63 Er strahlte wie der Mond im Herbst, der mit seinen Phasen zunimmt. Weil Hara so in den Leibern dreier Mütter geboren wurde,
47.64 wurde er unter dem Namen Tryambaka in Welt und Veda bekannt. Der Text deutet den Namen hier als „der drei Mütter hat“. Der Königssohn erreichte das Jugendalter.
47.65 Er kannte die Wahrheit und den Sinn sämtlicher Lehrschriften und wurde Vishnu gleich. An Kraft, Heldenmut, Waffenkunst, Wissen und Lebensführung
47.66 gab es auf Erden niemanden wie ihn, bester König, und es würde auch künftig keinen geben. Paushya weihte den mächtigen jungen Mann zum König.
47.67 Er war sechzehn Jahre alt und mit allen königlichen Tugenden ausgestattet. Dann zog der überaus rechtschaffene König Paushya mit seinen drei Gattinnen in den Wald, um die dem Alter angemessenen Pflichten zu erfüllen.
47.68 Nachdem sein Vater sich zum Waldleben zurückgezogen hatte, unterwarf der mächtige König
47.69 Chandrashekhara gemeinsam mit seinen Ratgebern die ganze Erde. Er wurde Weltherrscher, von anderen Königen bedient,
47.70 und lebte in herrlichem Wohlstand wie Indra unter den Göttern. So war Tryambaka als Sohn Paushyas erschienen und durch heiliges Verdienst erfüllt.
47.71 In der schönen Landschaft Brahmavarta, in der Stadt Karavira am Ufer der Drishadvati, erfreute er sich seiner Königsherrschaft.
47.72 Eines Tages, bester König, wollte er seinen Vater und seine Mütter besuchen, die sich zum Waldleben zurückgezogen hatten.
47.73 Chandrashekhara fuhr allein in einem einzigen Wagen los und nahm einen großen Bogen und einen Vorrat an Pfeilen mit.
47.74 Er erreichte den heiligen Büßerwald am Rand seines Reiches, um seinen alten Vater und seine Mütter zu sehen.
47.75 Auf dem Weg zu seinem Vater erblickte König Chandrashekhara den großen Weisen Namucha, der Askese übte.
47.76 Er trug ein schwarzes Antilopenfell und leuchtete wie die Sonne. Sein verfilztes Haar war aufgebunden; sein Körper war mager, und er war in Meditation versunken.
47.77 Sein Leib strahlte durch die Askese. Regungslos saß er auf einem Sitz aus Kusha-Gras. Als der Held ihn von fern sah, stieg er vom Wagen.
47.78 Mit demütig gesenktem Haupt trat er zu dem vorzüglichen Brahmanen, verneigte sich und sprach.
47.79 Ich bin Paushyas Sohn, Brahmane, und heiße Chandrashekhara. Mit großer Hingabe verneige ich mich vor dir, dem besten der Weisen.
47.80 Mit gefalteten Händen blieb der König vor dem Weisen stehen, blickte in Namuchas Gesicht und war innerlich voller Demut.
47.81 Schon früher, als Paushya zur Askese in den Wald gezogen war, hatte er den Weisen gemeinsam mit seinen Gattinnen verehrt.
47.82 Der sehr gelehrte Paushya hatte Namucha lange geehrt und ihn mit freundlichen Worten um Gunst für seinen Sohn gebeten.
47.83 Du lebst hier am Rand meines Reiches und übst Askese, bester Weiser. Um eines möchte ich dich bitten, wenn du mir gewogen bist.
47.84 Mein Sohn, König Chandrashekhara, ist noch jung. Er trägt von Geburt an die Mondsichel und ist durch seine Jugend noch unbeständig.
47.85 Sollte er einmal zu dir kommen und sich gegen dich verfehlen, dann verzeihe ihm, Weiser. Darum bitte ich dich.
47.86 Der Weise hatte Paushyas Bitte gehört und zugestimmt. Als er nun dessen Sohn sah, erinnerte er sich an Paushyas Worte.
47.87 Der mitfühlende Namucha sah Chandrashekhara lange demütig vor sich stehen, gedachte jener Bitte und sagte.
47.88 Deine Bescheidenheit erfreut mich heute, Chandrashekhara. Wähle eine Gabe! Ich werde dir einen großen Wunsch erfüllen.
47.89 König Chandrashekhara hörte seine Worte, verneigte sich erneut vor Namucha und antwortete überaus freundlich.
47.90 Alles, was für Körper, Geist und Rede erstrebenswert ist, bester Brahmane, findet sich in meinem Reich, dem Menschen wie du gewogen sind.
47.91 In meinem Herzen gibt es keinen unerfüllbaren Wunsch. Deshalb wünsche ich mir als Gabe das, was du mir von dir aus schenken möchtest.
47.92 Namucha sprach: Wenn du dein nächstes Lebensjahr, das siebzehnte, erreichst, wirst du, bester König, der Gatte einer vorzüglichen Frau werden.
47.93 Wie die Tochter des Berges zu Shambhu, Lakshmi zum Keulenträger und Shachi zum König der Götter gehört, so wird sie zu dir gehören.
47.94 Mit diesen Worten entließ Namucha, der Schatz der Askese, den König. Dieser ging erfreut weiter.
47.95 Chandrashekhara erreichte seinen Vater und seine Mütter und ehrte sie gebührend. Auch sie sprachen ihrem Sohn liebevoll zu.
47.96 Dann kehrte der König in seine Stadt Karavira zurück. Voller Freude lebte er dort mit seinen Ratgebern wie der König der Götter.
Kapitel 48
Die Nummer 40 und Teile der Verse 40–41 werden in der Vorlage wiederholt; a und b unterscheiden die beiden Vorkommen.
48.1 Aurva sprach: Nachdem Mahadeva nach eigenem Wunsch in den Gattinnen Paushyas herabgestiegen war und nach menschlichem Maß drei Jahre vergangen waren,
48.2 wurde auch Girija aus eigenem Willen unter den Gattinnen König Kakutsthas geboren. So erschien die höchste Herrin wie früher bei Menaka.
48.3 In Aryavarta lebte der rechtschaffene König Kakutstha aus dem Geschlecht Ikshvakus, ein Freund der Brahmanen und ein vorzüglicher Held.
48.4 Er residierte in der Stadt Bhogavati, bezwang seine Feinde und besaß alle glückverheißenden Merkmale und königlichen Tugenden.
48.5 Seine glückliche Gattin war Bhargadevas Tochter. Sie hieß Manonmathini, wurde hoch geachtet und war ihrem Gatten lieb.
48.6 Sie hatte dem vorzüglichen König Kakutstha hundert Söhne geboren, beständig und von göttlicher Art, mit Kraft und Heldenmut ausgestattet.
48.7 Doch sie hatte keine Tochter. Deshalb richtete sie im Innern des Hauses an einem stillen Ort einen Opferplatz ein und verehrte Chandika.
48.8 Die große Göttin Chandika, von der Königin verehrt, wurde ihr nach drei Jahren gnädig und sagte ihr im Traum.
48.9 Du wirst eine Tochter bekommen, die alle weiblichen Glücksmerkmale besitzt, eine Sternenkette trägt und die Gattin eines Weltherrschers werden wird.
48.10 Als die Königin im Traum diese Gabe empfangen hatte, freute sie sich. Als die Königin im Traum diese Gabe empfangen hatte, freute sie sich. Die Vorlage wiederholt hier denselben Halbvers.
48.11 Zur rechten Zeit trat Parvati selbst in ihren Schoß ein. Als Königin Manonmathini sich zur fruchtbaren Zeit mit ihrem Gatten vereinigte, empfing sie die erhabene Leibesfrucht wie Mondlicht eine Fülle von Nektar.
48.12 Als die Zeit vollendet war, gebar Königin Manonmathini eine glückverheißende Tochter mit einer Sternenkette.
48.13 Als Kakutstha das schöne Kind mit seiner Kette sah, leuchtend wie herbstliches Mondlicht, freute er sich sehr mit seiner Gattin.
48.14 Mit ihrer angeborenen Halskette geschmückt, wuchs Kakutsthas Tochter in seinem Haus heran wie der himmlische Fluss während der Regenzeit.
48.15 Nach diesem Zeichen, der Halskette, gab ihr der Vater zur vorgeschriebenen Zeit den Namen Taravati, „die Sternengeschmückte“, bester König.
48.16 Im Lauf der Zeit ließ die Schöne die Kindheit hinter sich und erreichte die anmutige Blüte der Jugend, wie Schönheit im Frühling aufblüht.
48.17 In ihrem Glanz glich sie Shri, in ihrer Reinheit Sati, in ihrem guten Wesen einer vollkommen Tugendhaften und in ihrer Gestalt Parvati.
48.18 Als König Kakutstha ihre Jugend aufblühen sah, bereitete er zusammen mit seinen Söhnen zur rechten Zeit ihre freie Gattenwahl vor.
48.19 Im Monat Madhava, an einem glücklichen Tag bei zunehmendem Mond, richtete Taravatis Vater mit seinen Söhnen die Versammlung zur Gattenwahl aus.
48.20 Der König schickte zahlreiche Boten auf Stuten und Kamelen rasch zu den Königen verschiedener Länder.
48.21 Als die Könige die Nachricht aus dem Mund der Boten hörten, kamen sie unverzüglich zu Taravatis Gattenwahl.
48.22 Auch Paushyas Sohn hörte davon und zog rasch mit seinem viergliedrigen Heer und in prächtigem Schmuck zur Gattenwahl.
48.23 Die versammelten Könige nahmen in der von Kakutstha errichteten Halle ihre Plätze nach ihrem jeweiligen Rang ein.
48.24 Als die Herrscher saßen und der glückverheißende Augenblick gekommen war, beschloss Kakutstha, seine Tochter in die Versammlung zu führen.
48.25 Unterdessen wandte sich die schöne Königstochter an ihre alte, erfahrene Amme, die umfassendes Verständnis besaß.
48.26 Sie schickte sie zur Halle der Gattenwahl, damit sie sich die Versammlung ansehe, und sagte zu der glückverheißenden Amme.
48.27 Geh in die Versammlung, Amme, und suche einen König von schöner Gestalt und guten Merkmalen aus. Berichte mir anschließend selbst von ihm.
48.28 Du wünschst mir Wohlergehen und Glück, Mutter. Sorge dafür, dass ich einen Gatten bekomme, der mir Glück bringt.
48.29 Nachdem die Königstochter die Amme so fortgeschickt hatte, ging sie an den Ort, an dem Manonmathini Chandika verehrt hatte.
48.30 Die glückliche, schöne Taravati begab sich dorthin und verneigte sich vor der großen Göttin namens Kalika.
48.31 In ihrem menschlichen Bewusstsein begegnete sie dort ihrem eigenen göttlichen Selbst, ohne es vollständig zu erkennen. Mit großer Hingabe verneigte sie sich und sprach.
48.32 Ich verehre die große Maya, den Yogaschlaf, die das All verkörpert. Gauri Chandika, die ihre Verehrer liebt, möge mir gnädig sein.
48.33 Wenn meine Mutter dich wahrhaft verehrt hat, um mich zu bekommen, dann möge kraft dieser Wahrheit ein glückverheißender, vorzüglicher König
48.34 heute bei der Gattenwahl mein Ehemann werden. Sei mir gnädig, Geliebte Haras! Als Chandika, die Hara bezaubert, diese Worte hörte,
48.35 verhüllte sie der Königstochter die Erkenntnis ihrer eigenen Identität. Unsichtbar sprach sie diese freundlichen Worte.
48.36 Die Göttin sprach: Paushyas Sohn namens Chandrashekhara, von bezaubernder Gestalt, wird dein geliebter Gatte werden.
48.37 Wähle diesen vorzüglichen König, dessen Haupt durch eine Mondsichel gekennzeichnet ist, Schöne, wie Parvati den Gott mit dem Stierbanner gewählt hat.
48.38 Nachdem Parvati so zur Königstochter gesprochen hatte, schwieg sie. Taravati verneigte sich vor der Unsichtbaren, die Augen vor Freude weit geöffnet,
48.39 und kehrte in das festlich bereitete Gemach zurück, wo ihre Mutter sie untergebracht hatte. Nun kam auch die Amme zurück, die einen passenden Gatten ausgesucht hatte.
48.40a Sie wollte Taravati im Verborgenen berichten, bester König. Die Königstochter sah die erfreute Amme vor sich stehen.
48.40b Sie fragte sie heimlich: Welchen König hast du gesehen, und wie ist er? Die Königstochter sah die erfreute Amme vor sich stehen. Diese Versnummer und Teile des Wortlauts wiederholen sich in der Vorlage.
48.41 Sie fragte sie heimlich: Welchen König hast du gesehen, und wie ist er? Die Amme antwortete: Auf deine Worte hin habe ich die Könige angesehen.
48.42 Sie sind schön, von edler Herkunft und in Wissenschaft wie Waffenkunst bewandert. Ihre vielen guten Eigenschaften könnte ich gar nicht alle aufzählen.
48.43 Ich will dir aber von denen erzählen, die mir besonders gefallen, du hell Erstrahlende. Unter ihnen habe ich vier schöne Männer gesehen.
48.44 Zwei sind die göttlichen Nasatyas, zwei sind Menschen. Über die beiden Götter brauche ich hier nicht weiter zu sprechen.
48.45 Von den beiden Königen ist einer bereits verheiratet; er heißt Sarvangakalyana. Der andere heißt Chandrashekhara.
48.46 In Schönheit und körperlicher Anmut stehen diese beiden den Nasatyas in nichts nach. Alle vier sind überaus bezaubernd.
48.47 Die Könige sind hochherzig, haben Schultern wie Löwen und mächtige Arme. Ihre Hände, Augen, Gesichter, Füße und Nägel schimmern rötlich.
48.48 Beide besitzen eine breite Brust, große Augen und einander nahe Augenbrauen. Sie haben alle glückverheißenden Merkmale und tragen göttlichen Schmuck.
48.49 Von ihnen ist Chandrashekhara wegen seines jugendlichen Alters besonders geeignet. Er hat ein gutes Wesen, spricht freundlich und ist in Gelehrsamkeit und Waffenkunst anerkannt.
48.50 Sein schönes, reines Gesicht ist von einem eben sprießenden dunklen Bart geschmückt, wie der Mond durch sein dunkles Mal.
48.51 Auf seinem Haupt strahlt eine leuchtende Mondsichel, die er von Geburt an trägt. Er ist wahrhaft ein Chandrashekhara, ein Mondgekrönter.
48.52 Gerade er ist ein würdiger Gatte für dich. An diesem Zeichen wirst du ihn erkennen, Schöne. Wähle diesen König, der deiner würdig ist und Glück verheißt.
48.53 Als die Königstochter die Worte ihrer Amme hörte, sagte sie: Bleibe an meiner Seite und zeige mir den vorzüglichen König,
48.54 wenn ich die Versammlung zur Gattenwahl betrete, Amme. Während die beiden so miteinander sprachen, kam der König.
48.55 Im glückverheißenden Augenblick kam Kakutstha selbst in das festliche Gemach, um seine Tochter zur Versammlung zu führen.
48.56 Er trat zu seiner geliebten Tochter, für die die Frauen die Segensriten vollzogen hatten, nahm eine Girlande aus duftenden Blumen und legte sie ihr in die Hand.
48.57 Als er sie aus dem Festgemach führte, sagte er: Tritt in die Versammlung ein, mein Kind, und wähle mit dieser Girlande den Besten,
48.58 den du dir wünschst, sei er König oder Brahmane. Dann ließ er sie von vertrauten alten Dienern in einer Sänfte tragen.
48.59 Als Indra und die anderen Götter sie zur Versammlung kommen sahen,
48.60 begaben sich auch die übrigen Hüter der Himmelsrichtungen sogleich dorthin. Taravati stieg freudig aus ihrem Fahrzeug
48.61 und ging mit der Amme an ihrer Seite durch die Versammlung. Lange bewegte sich die Schöne unter den Versammelten.
48.62 Nach der Fügung des Schicksals, durch Chandikas Gnade und aufgrund ihrer beider Übereinstimmung und Einheit, von der Amme auf ihn hingewiesen,
48.63 wählte die tugendhafte Königstochter Taravati, deren Gesicht von der Bewegung mit kleinen Schweißperlen bedeckt war, ihren früheren Gatten.
48.64 Denn sie war die Göttin Parvati selbst und wählte Chandrashekhara. Als die Brahmanen sahen, dass sie ihn erwählt hatte, sangen sie Lieder des Samaveda
48.65 und vollzogen gesammelt die glückverheißenden Hochzeitsriten. Herolde, Sänger und Musiker, König,
48.66 priesen, sangen und spielten voller Freude. Alle Götter freuten sich darüber, dass Chandrashekhara
48.67 von Taravati gewählt worden war. Auch Kakutstha war überglücklich. Andere Könige, Subahu und weitere, wurden angesichts des Geschehens zornig.
48.68 Chandrashekhara hielt sie in der Versammlung zurück. Dann kehrten die Götter nach ihrem Wunsch in den Himmel zurück.
48.69 Auch die von Kakutstha geehrten Könige reisten ab. König Chandrashekhara vollzog nach dem Hochzeitsritus
48.70 mit Kakutsthas Zustimmung die weiteren Riten für Taravati als seine Gattin und machte ihre Verbindung durch vedische Opfer den Göttern bekannt.
48.71 Nachdem er ihre Hand nach dem vorgeschriebenen Ritus ergriffen und sie zur Gefährtin genommen hatte, brach Chandrashekhara rasch nach Karavira auf.
48.72 Bei der Hochzeit gab König Kakutstha dem Bräutigam zweiundzwanzigtausend Dienerinnen.
48.73 Seiner Tochter schenkte er sechzigtausend Kühe edler Herkunft sowie eine entsprechende Zahl von Dienern und Dienerinnen als Ausstattung.
48.74 König Kakutstha hatte noch eine andere Tochter namens Chitrangada, die Taravati an Schönheit gleichkam.
48.75 Sie übernahm die Leitung der Dienerinnen und begleitete selbst ihre schöne ältere Schwester, die Königstochter Taravati.
48.76 Kakutsthas ältester Sohn, der hochherzige Vishvavasu, führte das Dienstpersonal mit sich.
48.77 Auf einem schnellen Wagen folgte der verständige Prinz Chandrashekhara und Taravati nach Karavira.
48.78 In der schönen Stadt Karavira erfreute sich Paushyas Sohn, König Chandrashekhara, der Vorzüglichste unter den Königen, des Lebens mit Taravati.
48.79 So nahm Mahadeva selbst eine menschliche Geburt an, und auch die untadelige Parvati wurde als Mensch geboren.
48.80 Höre jetzt, König, wie Bhringi und Mahakala ihre Söhne wurden. Ich werde dir von ihrer Geburt erzählen.
Kapitel 49
49.1 Markandeya sprach: Nach einiger Zeit ging die tugendhafte Tochter Kakutsthas, von Frauen begleitet, zum Bad nach ihrer Monatszeit.
49.2 Sie begab sich an einen schönen Fluss mit kühlem, klarem Wasser, der Unreinheit tilgt und dunkel wie zerriebene Augenschwärze erscheint. Die Vorlage wiederholt die Aussage über das Tilgen der Unreinheit; Flussname und Satzanschluss sind beschädigt.
49.3 Nachdem sie gebadet hatte, aber noch halb im Wasser stand, sah der vorzügliche Weise Kapota die sehr tugendhafte Frau mit ihrem goldhellen Körper.
49.4 Weil er früher aus Sorge, Lebewesen zu töten, in Gestalt einer Taube umhergezogen war, wurde er Kapota, „Taube“, genannt.
49.5 Als er sie sah, glänzend wie Gold und wie herbstliches Mondlicht, begehrte Kapota sie, von den Pfeilen des Liebesgottes heftig getroffen.
49.6 Vom Feuer des Begehrens gequält, trat der Weise zu Kakutsthas schöner Tochter und sprach.
49.7 Kapota sprach: Wer bist du, Schöne? Wessen Gattin oder Tochter bist du? Warum bist du heimlich an das Wasser dieses Flusses gekommen?
49.8 Deine Gestalt ist sanft und erfreulich, dein Gesicht gleicht dem Vollmond, und deine Nase ist wie eine Sesamblüte.
49.9 Deine Augen gleichen blauen Lotusblüten, die der Wind bewegt. Deine schönen, runden Arme sind lang und weich wie Lotusstängel; deine Schenkel gleichen Elefantenrüsseln, deine Taille ist schmal wie die Mitte eines Opferaltars.
49.10 Mit einer solchen Schönheit kannst du keine menschliche Frau sein. Bist du eine Göttin oder eine Danavi, mit den Vorzügen einer Apsaras ausgestattet?
49.11 Oder bist du Shri, die zum Genuss weltlicher Freuden Frauengestalt angenommen hat? Bist du Aparna oder Shachi? Sage es mir, Bezaubernde.
49.12 Aurva sprach: Als die Schöne die Worte des Weisen hörte, stieg sie aus dem Wasser, verneigte sich demütig vor ihm und antwortete.
49.13 Ich heiße Taravati und bin Kakutsthas tugendhafte Tochter. Wisse, Weiser, dass ich die Gattin König Chandrashekharas bin.
49.14 Ich bin weder Göttin noch Gandharvi, weder Yakshi noch Rakshasi. Ich bin eine menschliche Königstochter und halte das Gelübde treuer Lebensführung.
49.15 Kapota sprach: Als ich dich sah, trat Kama selbst zu mir und trieb mich zur Vereinigung mit dir. Von ihm werde ich gequält, wie von deiner unerschöpflichen Macht.
49.16 Ich bin in die Wogen des Meeres der Liebe gestürzt. Rette mich rasch mit dem Boot deiner Schenkel, du Sanftredende, damit ich wieder Ruhe finde.
49.17 Von mir wirst du zwei schöne, große Söhne bekommen, Glückliche, mit guten Merkmalen, Kraft und Heldenmut ausgestattet.
49.18 Markandeya sprach: Als Kakutsthas sonst redegewandte Tochter Kapotas Worte hörte, wurde sie von Furcht und Schmerz erfasst und antwortete stockend.
49.19 Taravati sprach: Einen anderen Auftrag könnte ich erfüllen, aber keine solche überaus verwerfliche Handlung. Sprich deshalb nicht so zu mir! Ich verneige mich und bitte dich um Gnade.
49.20 Auch dir, einem Weisen, der reich an Askese ist, steht dies nicht an. Es wäre verwerflich, würde deine Askesekraft mindern und meine eheliche Treue zerstören.
49.21 Kapota sprach: Ob meine Askese dadurch schwindet oder eine andere Verfehlung entsteht, das sei meine Sache. Dennoch will ich auf die Vereinigung mit dir nicht verzichten, Schöne.
49.22 Du musst mich aus meinem Begehren retten. Wenn du mich zurückweist und ich vom Liebesfeuer verbrannt werde, Bezaubernde,
49.23 werde ich dich samt deinen Angehörigen durch einen Fluch verbrennen. Als die tugendhafte Taravati dies hörte, gab sie aus Furcht vor dem Fluch des Weisen zunächst keine Antwort.
49.24 Dann sagte sie: Ich will mit meinen Freundinnen sprechen. Bleibe hier, großer Weiser.
49.25 Mit diesen Worten ging die Königin in die Mitte ihrer Dienerinnen, rief Chitrangada herbei und sagte.
49.26 Chitrangada, dieser Weise begehrt mich heftig. Was soll ich tun? Wie kann ich verhindern, meine eheliche Treue zu verlieren?
49.27 Wenn ich dem Weisen nicht zu Willen bin, wird Kapota meinen Gatten und meine Verwandten sofort mit dem Feuer seines Fluches verbrennen. Ich bin in eine ausweglose Lage geraten.
49.28 Da antwortete Chitrangada: Fürchte dich nicht, Wahrhaftige. Ich werde dir ein Mittel nennen, durch das du dich befreien kannst.
49.29 Wenn der Weise nicht von dir ablässt, schmücke eine schöne Dienerin mit kostbarem Schmuck und schicke sie zu ihm.
49.30 Der von Begierde verwirrte, bedauernswerte Weise wird nicht erkennen, dass es eine Dienerin ist, wenn dein Schmuck sie umhüllt wie Mondlicht eine Gazelle.
49.31 Handle so, Glückliche, und sorge dich nicht. Wenn du deiner Treue fest bleibst, wird der Weise es nicht erkennen.
49.32 Darauf sprach Taravati zu der schönen und tugendhaften Königstochter Chitrangada, die stets bescheiden und freundlich redete.
49.33 Geh du selbst zu dem Weisen Kapota, meine untadelige Schwester. Schmücke deinen Körper mit meinem Schmuck, du Verständige.
49.34 Wenn ich eine andere schicke, wird der Brahmane es erkennen und mich gewiss samt meiner Familie im Feuer seines Zorns verbrennen. Deshalb geh du, Schöne.
49.35 Du gleichst mir in allen Eigenschaften. Lege meinen ganzen Schmuck an und vereinige dich heute mit dem Weisen. Rette mich und meine Familie, Gute.
49.36 Als Chitrangada ihre Worte und ihre ängstliche Bitte hörte, schwieg sie zunächst eine Weile und war keineswegs froh.
49.37 Dann sagte sie zu der glücklichen Tochter Kakutsthas: Heute werde ich deinen Wunsch erfüllen. Denke zur rechten Zeit an mich.
49.38 Erkläre deshalb unserem Vater, König Chandrashekhara und allen Freundinnen die Sache und beruhige sie.
49.39 Mit diesen Worten legte Chitrangada Taravatis Schmuck an und ging rasch zum Weisen, um dessen Liebesverlangen zu erfüllen.
49.40 Taravati blieb bedrückt zurück, ohne ihre festliche Kleidung und ihren Schmuck. Inmitten der Dienerinnen folgte sie ihrer geliebten Schwester.
49.41 Als Kapota die Herankommende sah, war er von Begierde verblendet. Er erinnerte sich an andere Weise, die sich mit fremden Frauen vereinigt hatten.
49.42 Wie einst Vatanḍas Sohn Pramlocha begehrte und wie der verständige Bharadvaja Padma begehrte,
49.43 so werde auch ich jetzt diese schöne Frau lieben. Danach werde ich mich durch die Kraft meiner Askese von der Schuld dieser Verbindung mit einer fremden Gattin befreien.
49.44 Während er so dachte, trat die schöne Chitrangada zu ihm und sprach schüchtern einige Worte.
49.45 Als Kapota sie empfangen hatte, dachte der vorzügliche Weise an Madana, um eine für die Liebe passende Gestalt und Kleidung zu erhalten.
49.46 Kaum hatte er an Madana gedacht, da kam dieser selbst zu ihm und schmückte den großen Weisen freudig mit Düften, Girlanden und schönen Gewändern.
49.47 So von ihm ausgestattet, nahm Kapota eine schöne Gestalt an und strahlte in seinem Glanz wie eine zweite Sonne.
49.48 Als die Frauen Kapota so bezaubernd und dem Liebesgott gleich sahen, empfanden alle Begehren nach ihm – außer Taravati.
49.49 Taravati staunte über den schönen Weisen, der Madana glich, und hielt ihn für Kama selbst.
49.50 Dann vereinigte sich der begehrende Brahmane mit Chitrangada und war sogleich sehr erfreut.
49.51 Aus ihr wurden unmittelbar zwei Söhne geboren, göttlichen Kindern gleich und so strahlend wie loderndes Feuer und die Sonne.
49.52 Nachdem die beiden Söhne geboren waren, berührte der Weise sie mit der Hand und stellte ihren vorherigen körperlichen Zustand wieder her. Dann sagte er.
49.53 Bleibe noch einige Zeit in meiner Gemeinschaft, Geliebte mit dem schönen Gesicht. Mit meiner Erlaubnis wirst du später gehen. Vor dem König brauchst du dich nicht zu fürchten.
49.54 Aus Furcht vor dem Fluch des Weisen antwortete sie: So sei es. Darauf entließ der Weise die übrigen Frauen.
49.55 Königin Taravati kehrte, von ihren Dienerinnen umgeben und um ihre Schwester bekümmert, in ihren Palast zurück.
49.56 Dort berichtete Kakutsthas Tochter dem Herrn von Brahmavarta sogleich das ganze ungewöhnliche Geschehen, das Kapota bewirkt hatte.
49.57 Der vorzügliche König hörte zu, dachte einen Augenblick nach und sorgte mit Kapotas Zustimmung für Unterstützung Chitrangadas.
49.58 Kapota vollzog für die beiden Söhne, die ihm von ihr geboren worden waren, die vorgeschriebenen Geburtsriten.
49.59 Sagara sprach: Wie kam es, dass Chitrangada Kakutsthas Tochter war? Das möchte ich hören. Erzähle es mir, bester Brahmane.
49.60 Aurva sprach: Eines Tages ging Kakutstha zur Jagd auf den großen Himalaya und erlegte dort Wild.
49.61 Als er sich auf einer Bergterrasse zur Rast niedergelassen hatte, sah er die himmlische Kurtisane Urvashi aus der Götterwelt zur Erde herabsteigen.
49.62 Von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen, trat der König zu ihr, als sie auf dem Berg gelandet war, und bat sie um körperliche Vereinigung.
49.63 Urvashi erkannte Kakutstha als einen vorzüglichen, Indra gleichen König und erfreute ihn nach seinem Wunsch in einer Berglaube.
49.64 Aus der Verbindung König Kakutsthas mit der himmlischen Kurtisane wurde sogleich eine schöne Tochter geboren.
49.65 Als der König in der Liebe Erfüllung gefunden hatte, erklärte Urvashi ihm, wohin sie gehen wollte, und begehrte aufzubrechen.
49.66 Der König sagte: Wie kannst du fortgehen und deine Tochter zurücklassen, Schöne? Ziehe dieses Kind auf!
49.67 Sie antwortete: Ich bin eine Kurtisane des Himmels. Wem hätte ich nicht schon einen Sohn oder eine Tochter geboren? Königskinder werden uns unmittelbar geboren.
49.68 Durch meine eigene Kraft erfährt mein Körper keine bleibende Veränderung. Auch ziehen wir unsere Kinder nicht auf; das gehört zu unserer Lebensweise als Kurtisanen.
49.69 Wenn du Mitgefühl mit deiner Tochter hast, nimm sie mit und ziehe sie selbst auf. Erlaube mir zu gehen; ich sage dir die Wahrheit.
49.70 Mit diesen Worten ging Urvashi rasch dorthin, wohin sie wollte. Der König nahm seine Tochter und kehrte in seine Stadt zurück.
49.71 Er selbst gab ihr den Namen Chitrangada und übergab das schöne Mädchen seiner Gattin Manonmathini.
49.72 Der vorzügliche König sagte zu seiner Königin: Dies ist meine Tochter. Ziehe dieses tugendhafte Kind auf.
49.73 Ich habe sie vom Berg mitgebracht, wo sie geboren wurde. Behandle sie nicht geringschätzig. Auf diese Worte hin beschloss die Königin, das Mädchen aufzuziehen.
49.74 Sie befolgte die Anweisung ihres Gatten und sagte nichts weiter. Eines Tages sah das Mädchen in kindlichem Unverstand den großen Weisen Ashtavakra,
49.75 der sich mit gekrümmtem Körper fortbewegte, und lachte ihn spöttisch aus. Der Weise wurde zornig und sprach einen überaus schweren Fluch aus.
49.76 Tochter Kakutsthas, du wirst zur Dienerin deiner eigenen Familie werden. Als Dienerin deines Geschlechts wirst du unverheiratet zwei Söhne
49.77 gebären, du Übeltäterin. Danach wirst du Wohlergehen erlangen. So wurde Chitrangada Kakutsthas Tochter, König.
49.78 Sie wurde zur Dienerin und lebte bei Taravati. Unverheiratet empfing sie von dem Weisen ein Paar von Söhnen.
49.79 Diese beiden hochherzigen Söhne werden eine große Aufgabe erfüllen. Damit habe ich dir erzählt, König, wie die tugendhafte Chitrangada Kakutsthas Tochter wurde. Höre nun die Fortsetzung der begonnenen Geschichte.
Kapitel 50
50.1 Aurva sprach: Nach einiger Zeit ging die schöne Taravati erneut zur Drishadvati, um das vorgeschriebene Bad nach der Monatszeit zu nehmen.
50.2 Von tausenden Dienerinnen begleitet und mit vielerlei Schmuck geziert, erschien sie wie Indrani inmitten Rambhas und der anderen Apsaras.
50.3 Die goldhelle, wie ein Blitz leuchtende Königin stieg ins Wasser und erhellte den Fluss, dessen Wasser dunkel wie zerriebene Augenschwärze war.
50.4 Wie eine goldene Statue eine klare Fläche aus Glas mit ihrem Glanz und ihrem Spiegelbild erleuchtet, so ließ sie das Wasser erstrahlen.
50.5 Wieder sah der vorzügliche Weise Kapota die überaus Schöne, die bis zum Nabel in den Fluten stand.
50.6 Als er sie sah, fragte er Chitrangada: Wer ist diese Frau, die mit hunderten Freundinnen in die Drishadvati gestiegen ist?
50.7 Sie strahlt in Schönheit wie Shri. Ist sie Aparna, die Tochter des Berges? Ihre Gestalt leuchtet überaus herrlich. Kennst du sie denn nicht?
50.8 Chitrangada hörte die Worte des Weisen und antwortete aus Furcht vor seinem Fluch wahrheitsgemäß: Ich kenne sie.
50.9 Dies ist die tugendhafte Taravati, Kakutsthas Tochter, die schöne und innig geliebte Gattin König Chandrashekharas.
50.10 Sie hast du früher zur Liebe begehrt, Weiser. Sie schmückte mich mit ihrem Schmuck, überließ mich dir und kehrte nach Hause zurück.
50.11 Nun ist meine ältere Schwester wieder zum Baden an den Fluss gekommen. Du solltest ihr nichts Kränkendes sagen, Weiser.
50.12 Bleibe hier, vorzüglicher Brahmane. Wenn du mir erlaubst zu gehen, werde ich mit meiner geliebten älteren Schwester sprechen und dann zu dir zurückkehren.
50.13 Als der Weise von der Täuschung hörte, die Taravati damals aus Sorge um ihre Lieben angewandt hatte, wurde er zornig auf sie.
50.14 Diese schlechte Frau hat mich getäuscht. Heute werde ich sie dafür gewiss zur Rechenschaft ziehen.
50.15 Mit diesen Worten ging der Weise gemeinsam mit Chitrangada zu der Stelle, an der die schöne Königin Taravati stand.
50.16 Kapota trat zu ihr und sprach zornig, mit einem spöttischen Lächeln.
50.17 Früher habe ich dich um Liebe gebeten, und du hast mich durch einen Kunstgriff getäuscht, Unzugängliche. Nun empfange die Frucht davon!
50.18 Selbst vor mir hast du dich deiner ehelichen Treue gerühmt, Übeltäterin. Du wolltest mich nicht lieben, weil du darin einen Bruch dieser Treue sahst.
50.19 Darum soll dich im Verborgenen ein grauhaariger Schädelträger in abscheulicher Kleidung, hässlich und mittellos, unvermittelt zur Liebe nehmen.
50.20 Noch innerhalb eines Jahres wirst du unmittelbar ein Paar von Söhnen gebären, strahlend, aber mit Affengesichtern, Übeltäterin.
50.21 Als Taravati die Worte des Weisen hörte, antwortete sie mit vor Zorn und Furcht bebenden Lippen.
50.22 Wenn meine Mutter mich erlangt hat, indem sie Chandika verehrte, und wenn ich König Chandrashekhara stets die Treue halte,
50.23 wenn ich wahrhaft Kakutsthas Tochter bin, bester Brahmane, dann soll kraft dieser Wahrheit kein anderer als mein Herr mich lieben.
50.24 Wenn ich Mahadeva wahrhaft beständig verehre, dann soll kraft dieser Wahrheit außer meinem verehrten Herrn Chandrashekhara
50.25 kein anderer sich mit mir vereinigen, nicht einmal im Traum, größter Weiser. Mit diesen Worten verneigte sie sich vor dem Weisen, ihr Geist ganz dem Gatten zugewandt.
50.26 Dann kehrte die schöne Königin Taravati in ihr Haus zurück. Nachdem sie gegangen war, dachte der Weise über sie nach.
50.27 Sie spricht selbst vor mir so furchtlos und bestimmt. Dahinter muss ein verborgener, reiner Grund liegen.
50.28 Mit diesem Gedanken sammelte der Weise seinen Geist in Meditation und erfasste durch göttliche Erkenntnis das ganze Geschehen.
50.29 Er erkannte, wie die Göttin ihre beiden Söhne Bhringi und Mahakala verflucht und wie diese wiederum Parvati und Hara verflucht hatten,
50.30 wie und zu welchem Zweck die beiden in menschlicher Gestalt herabgestiegen waren und wie und weshalb Chitrangada als Tochter einer Göttlichen geboren worden war.
50.31 Nachdem er dies durch göttliche Erkenntnis erfahren hatte, unternahm der Weise nichts weiter. Er nahm Chitrangada mit großer Achtung mit sich
50.32 und kehrte in seine Wohnstätte zurück, wo er sie ehrte. Taravati aber berichtete König Chandrashekhara
50.33 die ganze Geschichte vom Fluch des Weisen. Paushyas Sohn nahm alles auf und dachte darüber nach.
50.34 Dann tröstete er seine geliebte Gattin: Fürchte dich nicht, Königin! Durch beständige Zuwendung zum Gatten, durch die Pflege von Recht und Wohlergehen
50.35 und durch das Meiden verwerflicher Handlungen lässt sich der Fluch eines Weisen abwenden. Du aber, glückliche Königin, hältst das Gelübde guter Lebensführung.
50.36 Darum wird dir stets Heil zuteilwerden, und du wirst nicht ins Unglück geraten. Mit diesen Worten ließ der Herr von Karavira
50.37 einen großen, wolkenberührenden Palast errichten, vierhundert Klafter hoch und dreißig Yojanas breit.
50.38 Seine Böden bestanden aus Edelsteinen und Kristall, mit bunten Juwelen eingelegt. Er war mit glänzenden Vaidurya-Platten bedeckt und überaus schön.
50.39 Vishvakarman erbaute ihn aus Gold, mit Balken und Säulen aus Edelsteinen. Der König ließ diesen erfreulichen Palast zum Schutz Taravatis errichten.
50.40 Er hatte Treppen aus Edelsteinen, Galerien aus Vaidurya und goldene Bauteile. In seinen Vorzügen glich er der himmlischen Halle Sudharma.
50.41 Chandrashekhara ließ durch vertraute Diener alle Annehmlichkeiten, köstliche Speisen und weiche Lager hineinbringen.
50.42 Dann stieg König Chandrashekhara täglich mit Taravati auf die obere Terrasse des Palastes und erfreute sich dort mit ihr.
50.43 So behütete er sie während eines Jahres in diesem für andere unzugänglichen Haus, dessen Eingänge von Vertrauten bewacht wurden.
50.44 Eines Tages stieg Taravati ohne den Herrn von Karavira auf die hohe Palastterrasse und blieb dort.
50.45 Sie dachte an ihren geliebten König Chandrashekhara, ihr Geist seinen Füßen hingegeben, ihrem Gatten treu wie Savitri.
50.46 Nachdem sie Mahadeva zusammen mit Parvati verehrt hatte, verweilte die Königin in Gedanken bei ihrer geliebten Göttin.
50.47 Während sie Tryambaka und Chandrashekhara betrachtete, erkannte sie keinen Unterschied zwischen den beiden Mondgekrönten.
50.48 So stand die tugendhafte Taravati auf der Palastterrasse, geschmückt wie Indras königliche Glücksgöttin in der Halle Sudharma.
50.49 Da kam der göttliche Chandrashekhara gemeinsam mit Uma durch den Luftraum in die Nähe dieses Palastes, König.
50.50 Er sah die dort einhergehende Frau, die Uma in ihren Eigenschaften glich, alle Glücksmerkmale besaß und wie Madhavas Gefährtin erschien. Einzelne Wörter sind unsicher.
50.51 Als der Gott mit dem Stierbanner sie sah, sprach er lächelnd und mit heiterem Gesicht zur schönen Göttin Gauri.
50.52 Der Herr sprach: Dies ist deine menschliche Gestalt, Geliebte, die Taravati heißt. Du hast sie selbst für die Geburt deiner Söhne Bhringi und Mahakala bestimmt.
50.53a Außer dir habe ich keine Geliebte und will mich keiner anderen zuwenden. Tritt deshalb jetzt selbst in diese deine Gestalt ein, Schöne. Dann werde ich Mahakala und Bhringi zeugen.
50.53b Die Göttin sprach: Diese ist meine eigene menschliche Gestalt, Stierbannerträger. Auf dein Wort hin trete ich in sie ein. Zeuge die beiden Söhne. Die Vorlage zählt diesen Vers erneut als 53 statt 54.
50.55 So werden mein Fluch, die Flüche Bhringis und Mahakalas und Kapotas Fluch ihre Erfüllung und ihr Ende finden. Darum erfülle meinen Wunsch, Bharga.
50.56 Aurva sprach: Darauf trat die Göttin selbst in Taravatis Körper ein. Auch Mahadeva näherte sich ihr zur Liebe.
50.57 Die tugendhafte Taravati, in der Aparna gegenwärtig war, wandte sich freudig dem sie begehrenden Mahadeva zu.
50.58 In diesem Augenblick erschien Bharga als grauhaariger Schädelträger mit einer Knochenkette, in abstoßender Kleidung, übelriechend und von überaus hässlicher Gestalt.
50.59 Nach der Vereinigung wurden ihr sogleich zwei Söhne geboren, bester König, beide mit Affengesichtern.
50.60 Als die beiden Söhne geboren waren, verließ Aparna ihren Körper. Sie verhüllte der Tochter Kakutsthas die Erkenntnis „Ich bin Gauri“, sodass diese wieder im menschlichen Bewusstsein verblieb. Der Schluss der Strophe ist beschädigt.
50.61 Als Königin Taravati die beiden auf dem Boden liegenden Söhne sah, glaubte sie, ihre eheliche Treue verloren zu haben.
50.62a Sie sah Hara in seiner abstoßenden Gestalt vor sich stehen und hielt den Fluch des Weisen für eingetroffen, dem vernichtenden Tod gleich.
50.62b Von Kummer verwirrt, begann sie, am Wert ihres Treuegelübdes zu zweifeln. Zum dreizacktragenden Mahadeva sagte sie Folgendes. Die Vorlage wiederholt hier 62 statt 63.
50.64 Die verständigen Kenner der alten Überlieferung sagen stets, das Treuegelübde der Frauen sei sogar höher als das Gelübde der Weisen.
50.65 Ich kann dies nicht für wahr halten, nachdem mir solches widerfahren ist. Mit diesen Worten klagte die Königin und wurde von Verwirrung überwältigt.
50.66 Da sagte Mahadeva zu ihr: Trauere nicht, Schönangesichtige! Tadle auch das Gelübde der Treue nicht, du Verständige.
50.67 Als Kapota dich verfluchte, hast du vor ihm bestimmte Worte gesprochen, Langäugige. Genau diese sind nun wahr geworden.
50.68 „Wenn ich die große Gottheit beständig verehre, dann soll kraft dieser Wahrheit außer meinem verehrten Herrn Chandrashekhara
50.69 kein anderer sich mit mir vereinigen, nicht einmal im Traum, größter Weiser.“ Ich selbst bin Mahadeva, der verehrte Chandrashekhara.
50.70 Mit mir hast du dich vereinigt. Trauere deshalb nicht, Frau! Mit diesen Worten verschwand Mahadeva an Ort und Stelle.
50.71 Die tugendhafte Taravati blieb von Maya verwirrt zurück. In ungeordneter Kleidung setzte sie sich voller Kummer auf den Boden.
50.72 Sie kümmerte sich nicht um die beiden Söhne, die auf dem Boden lagen, sondern erwartete nur die Ankunft ihres Gatten und dachte an Bhargas Worte.
50.73 Mit gelöstem Haar saß sie so da und brachte dem Haus keinen Glanz mehr. Nach kurzer Zeit kam der hochherzige König Chandrashekhara
50.74 auf die Palastterrasse, um Taravati zu sehen. Als er hinaufgestiegen war, erblickte er seine Gattin
50.75 am Boden liegend, mit gelöstem Haar, ohne Freude, das Gesicht verdüstert, seufzend und von heftiger Selbstanklage erfüllt.
50.76 Er sah auch die beiden affengesichtigen Söhne auf dem Boden, strahlend wie Sonne und Mond, sowie die Abdrücke eines Stieres.
50.77 Als König Chandrashekhara dies alles sah, war er erschrocken und erstaunt. Aufgeregt fragte er seine Gattin.
50.78 Was ist dir hier im einsamen Haus widerfahren, Taravati? Wer hat sich dir genähert wie ein Schakal einer Löwin?
50.79 Wessen Kinder sind diese beiden leuchtenden Wesen mit Affengesichtern? Sage es mir rasch: Welcher andere hat sich mit dir vereinigt?
50.80 Aurva sprach: Auf diese Frage des Königs erzählte die tugendhafte Taravati Chandrashekhara die gesamte Begebenheit.
50.81 Mit tränenerstickter, stockender Stimme berichtete sie, wie Bharga gekommen war und was er ihr anschließend erklärt hatte.
50.82 Als Chandrashekhara ihre Worte hörte, setzte er sich auf den Boden und dachte nach, um zu verstehen, was geschehen war.
50.83 Der König erwog bei sich: Der Herr des Berges hat keine andere Geliebte. Außer Parvati würde er keine Frau
50.84 begehren. Deshalb kann es nicht Bharga, der höchste Herr, gewesen sein. Der Fluch des Weisen ist mächtig. Durch ihn muss irgendein Rakshasa
50.85 mit großer Zauberkraft unter Shankaras Gestalt gekommen sein. Meine treue, geliebte Gattin ist also von einem Rakshasa befleckt worden.
50.86 Wie kann ich sie bei allen Handlungen wieder wie zuvor annehmen? Auch diese beiden unmittelbar geborenen Söhne sind dann Rakshasas.
50.87 Wie sonst könnten die Kinder Affengesichter haben? Während er so nachdachte, erschien Sarasvati, von den Götterscharen beauftragt,
50.88 im Luftraum und sprach zum König: Du sollst keinen Zweifel an Taravati hegen, bester König.
50.89 Wahrhaftig hat Mahadeva sich mit deiner Gattin vereinigt. Diese beiden sind seine Söhne. Ziehe sie auf, König.
50.90 Alle weiteren Zweifel, die du daran hast, wird Narada beseitigen. Mit diesen Worten schwieg die freundlich redende Göttin der Sprache.
50.91 Der König gewann Vertrauen und tröstete seine Gattin. Für die beiden Söhne des Gottes der Götter ließ er die vorgeschriebenen Riten vollziehen.
50.92 Dann zog er sie auf und wartete auf Naradas Ankunft. Schließlich kam der göttliche Weise Narada in seinen Palast.
50.93 Der König empfing ihn mit vielfältigen Ehren. Gemeinsam mit Taravati verehrte er ihn nach der rechten Ordnung.
50.94 Dann führte Chandrashekhara den Weisen in den unvergleichlichen hohen Palast hinauf, der dem Haus des Götterkönigs glich.
50.95 Dort fragte König Chandrashekhara im Verborgenen, zusammen mit seiner Gattin, nach den früheren Ereignissen.
50.96 Durch dich, Brahmas Sohn, bin ich innerlich und äußerlich gereinigt und begnadet, vorzüglicher Brahmane, da du in diesen hohen Palast gekommen bist.
50.97 Bitte beseitige einen Zweifel in meinem Herzen, Brahmane. Niemand außer dir kann diesen Zweifel lösen.
50.98 Durch den Fluch eines Weisen wurde meine tugendhafte Gattin Taravati von dem Fellbekleideten in abstoßender Erscheinung zur Vereinigung genommen.
50.99 Sogleich wurden ihm diese beiden Söhne geboren. Daran entzündet sich immer wieder ein Zweifel in meinem Geist.
50.100 Der Herr des Berges hat außer Girija Parvati keine andere Geliebte. Wie konnte er sich mit einer menschlichen Frau von niedrigerer Geburt vereinigen?
50.101 Wie konnte er seine eigenen Söhne als Menschen zeugen? Erkläre mir alles, sofern es kein Geheimnis ist.
50.102 Aurva sprach: So von König Chandrashekhara gefragt, erzählte der vorzügliche Weise Narada das gesamte Geschehen.
50.103 Er berichtete, wie Bhringi und Mahakala ursprünglich entstanden waren, wie Parvati sie verflucht und wie sie darauf geantwortet hatten,
50.104 wie Bharga als Paushyas Sohn Chandrashekhara geboren und wie Gauri als Taravati in Kakutsthas Haus erschienen war.
50.105 All dies erzählte Narada Chandrashekhara. Außerdem berichtete er ihm diese weitere bedeutende Geschichte.
50.106 Narada sprach: Als der Stierbannerträger Aparna „Kali“ genannt hatte, ging Uma zur Askese fort, weil sie einen hellen Körper erlangen wollte.
50.107 Durch Shankaras Worte gekränkt, begab sich die Tochter des Berges trotz Bhargas Beschwichtigung auf eine Terrasse des Himalaya.
50.108 Nachdem Parvati gegangen war, litt Shankara unter der Trennung. Er verließ den Kailasa und ging auf den Gipfel des Meru.
50.109 Doch auch dort fand er ohne Parvati keine Ruhe. Der Liebesgott und ebenso die Göttin Yogaschlaf verwirrten ihn.
50.110 Eines Tages sah Shambhu auf dem Meru die überaus schöne Savitri umhergehen, die Parvati in ihren Eigenschaften glich.
50.111 Vom Liebesverlangen erfüllt und durch die Trennung von Parvati gequält, wurde er von Nichtwissen umfangen wie ein gewöhnlicher Mensch.
50.112 Er hielt die Umhergehende irrtümlich für Parvati und lief ihr nach: Komm zu mir, schöne Parvati! Unter der Trennung von dir leide ich.
50.113 Kama greift mich an und erinnert sich an unsere frühere Feindschaft. Hilf mir jetzt dagegen, Geliebte!
50.114 Mit diesen Worten berührte der Stierbannerträger Savitri an der Schulter, als sie sich abwandte und fortging. Sie wurde sehr zornig.
50.115 Die überaus gattentreue Savitri wandte sich ihm zu, tadelte Mahadeva und sagte.
50.116 Was tust du, törichter Herr der Wesen, wie ein gewöhnlicher Mensch? Nachdem du deine Gattin im Streit fortgeschickt hast, solltest du sie versöhnen.
50.117 Von Begierde verwirrt sprichst du eine fremde Frau vertraulich an. Darfst du eine Frau wie mich berühren, ohne sie überhaupt erkannt zu haben? Der Wortlaut ist teilweise unsicher.
50.118 Bin ich etwa Parvati, Verblendeter, dass du mir ohne mich zu erkennen die Hand auf die Schulter legst? Wisse: Ich bin die treue Savitri.
50.119 Weil du mich wie ein gewöhnlicher Mensch behandelst, Ungehobelter, sollst du dich mit einer menschlichen Frau vereinigen.
50.120 Obwohl du außer Gauri keine Geliebte hast, begehrst du eine andere. Dies soll die Folge davon sein, Bharga. Geh und lass mich allein!
50.121 Mit diesen Worten kehrte die tugendhafte Göttin in ihre Einsiedelei zurück. Auch Hara ging beschämt und erstaunt in seine Wohnstätte zurück.
50.122 Deshalb vollzog Shankara die Vereinigung in menschlichem Schoß. Zweifle also nicht an der tugendhaften Taravati, König. Begegne ihr liebevoll und ziehe Bhargas beide Söhne auf.
50.123 Aurva sprach: So hörte der König aus Naradas Mund, dass er selbst eine Gestalt Shambhus und Taravati Gauri sei und dass Uma und der Stierbannerträger als Menschen geboren worden waren.
50.124 Überaus erfreut und erstaunt fragte der König Narada erneut, um dies selbst zu erkennen.
50.125 Erkläre mir gewiss, wie ich mein eigenes Shankara-Sein und Taravatis Gauri-Sein unmittelbar schauen kann.
50.126 Narada sprach: Nimm Taravati auf deinen Schoß und schließe die Augen. Auch Taravati soll für einen Augenblick ihre Augen schließen.
50.127 Nachdem ihr sie geschlossen habt, öffne sie rasch wieder, König. Dann wirst du Shambhus Erkenntnis und Gestalt erlangen.
50.128a Auf Naradas Worte hin hielt König Chandrashekhara die tugendhafte Königin Taravati mit seinem linken Arm.
50.129 Gemeinsam mit ihr schloss und öffnete er sogleich die Augen. Während er sie geschlossen hielt, nahm er Shambhus Gestalt an.
50.130 Die tugendhafte Taravati wurde zu Gauri. In beiden entstand die Erkenntnis: „Ich bin Shambhu“, „Ich bin Gauri“.
50.131 Da sagte Narada lächelnd zu Shambhu: Du bist leibhaftig Shambhu, und Königin Taravati ist Gauri selbst.
50.132 Nun ist es dir unmittelbar offenbar, Glücklicher. Schau dein Selbst durch dich selbst! Der König antwortete: So sei es. Dann betrachtete er seinen eigenen Körper,
50.133 mit Tigerfell bekleidet und mit zehn Armen ausgestattet, Dreizack, Schädelstab, Lanze und weitere Waffen in den Händen,
50.134 auf einem Stier sitzend und mit einem Knoten verfilzter Haare geschmückt. Taravati sah er blitzhell, mit einem Lotus in der Hand und schönem Gesicht.
50.135 Durch diesen Anblick und die innere Erkenntnis gewann er Gewissheit. Dann sprach Narada: Höre meine Worte, König.
50.136 In eurer menschlichen Geburt hat Vishnus Maya euch zuvor verblendet. Deshalb hast du in deinem jeweiligen Körper dein Shambhu-Sein nicht erkannt.
50.137 Jetzt hat Shambhu dir deine Shambhu-Gestalt offenbart. Schließe erneut beide Augen und kehre in den menschlichen Zustand zurück.
50.128b Nimm den menschlichen Zustand an und bleibe bis zum Ende deines Körpers darin. Ebenso soll Königin Taravati rasch wieder Mensch werden. Die Vorlage trägt hier 128 statt 138.
50.149a Aurva sprach: Nachdem der König seine göttliche Gestalt erkannt und mit eigenen Augen gesehen hatte, war er überzeugt und schloss die Augen. Die Vorlage trägt hier 149 statt 139.
50.140 Auch Königin Taravati schloss die Augen. Darauf wurden beide wieder Menschen, die Königin und der König.
50.141 Sie öffneten die Augen, sahen ihre menschliche Gestalt und erkannten: Wir beide sind wieder sterblich.
50.142 Dann wurden die Eheleute erneut von Vishnus Maya umhüllt. Ihre Vorstellung lautete wieder: „Ich bin der König“, „Ich bin die Königin“.
50.143 Die beiden Söhne der Königin hielten sie für göttliche Teilgestalten. Auch die Zeichen ihrer eigenen Geburt blieben ihnen bewusst. Der Hinweis auf die Mondsichel im beschädigten zweiten Halbvers ist nicht eindeutig.
50.144 Freudig sagte der König zu Narada: Wahr ist, was du gesagt hast. Ich werde nach deinen Worten handeln.
50.145 Ich werde Shambhus durch Wahrhaftigkeit erlangte Söhne stets aufziehen. Vollziehe du aber für die beiden die vorgeschriebenen Riten, bester Weiser.
50.146 Aurva sprach: Auf die Bitte des Königs gab Narada den beiden ihre Namen. Der ältere, furchterregende Sohn Gauris wurde Bhairava genannt.
50.148a Der andere war dunkel und einem Vetala ähnlich; deshalb hieß er Vetala. So gab ihnen der göttliche Weise, Brahmas Sohn, ihre Namen. Die Vorlage trägt hier 148 statt 147.
50.148b Auch die übrigen Riten vollzog der vorzügliche Weise Narada der Reihe nach auf die Bitte König Chandrashekharas.
50.149b Nachdem er alle Zweifel beseitigt und die Riten für Bhargas Söhne vollzogen hatte, wurde der vorzügliche Weise vom König verabschiedet.
50.150 Narada ging durch den Luftraum in den Himmel zurück. Nach seinem Fortgang erfreute sich König Chandrashekhara
50.151 mit Taravati des Lebens in Karavira. Er vertraute darauf: „Ich bin ein Teil Shambhus, und Taravati ist ein Teil Gauris.“
50.152 In diesem Glauben regierte der König lange die Erde. Haras hochherzige Söhne Vetala und Bhairava
50.153 wuchsen heran wie zwei aufgehende Herbstmonde. König Chandrashekhara hatte von Taravati außerdem, bester König,
50.154 drei sehr tapfere und schöne Söhne: den ältesten Uparichara, dann Damana und Alarka.
50.155 Diese drei waren älter als Vetala und Bhairava. So wuchsen die drei Söhne König Chandrashekharas
50.156 und die beiden unmittelbar geborenen Söhne Haras, Vetala und Bhairava, mit gleichen Annehmlichkeiten auf. Der König und seine Gattin behüteten sie und gaben ihnen gleiche Sitze und Fahrzeuge.
50.157 So wuchsen die fünf mächtigen Söhne heran, als hätte der Schöpfer sie den fünf Elementen nachgebildet. Freudig und im Bewusstsein ihrer Kraft übertrafen sie die ganze Welt.
Kapitel 51
51.1 Aurva sprach: Im Lauf der Zeit wuchsen die mächtigen Söhne heran. Sie wurden im Umgang mit Waffen und Geschossen geschickt und durchdrangen den Sinn der Lehrschriften.
51.2 Sie erreichten die Jugend, strahlend und für Feinde schwer zu bezwingen. Sie verstanden Recht und Wohlergehen, ehrten die Brahmanen und sprachen die Wahrheit.
51.3 Vetala und Bhairava waren einander liebevoll verbunden und stets zusammen. Auch die drei Brüder Alarka, Damana und Uparichara, Chandrashekharas Söhne, hielten beständig zusammen.
51.4 Den drei eigenen Söhnen, Uparichara und den anderen, schenkte der König stets stärkere Verbundenheit, größere Freude und mehr Zuneigung.
51.5 Für Vetala und Bhairava empfand König Chandrashekhara nicht dieselbe Liebe wie für jene.
51.6 Wenn er die beiden sah, zeigte er nie die gleiche überschäumende Freude und betrachtete sie nicht in gleicher Weise als seine Söhne.
51.7 Dabei waren sie Helden, im Recht bewandert, von gewaltiger Kraft und Tapferkeit, fähig, die drei Welten zu erobern, und Meister sämtlicher Waffen.
51.8 Der König fürchtete sie und dachte: Was werden Vetala und Bhairava eines Tages mit mir, meinen Söhnen oder meinem Reich tun?
51.9 Von dieser Sorge erfüllt, betrachtete er die beiden stets argwöhnisch, auch wenn Vetala und Bhairava sich ehrfürchtig vor ihm verneigten.
51.10 Der König weihte seinen ältesten leiblichen Sohn Uparichara, der alle königlichen Tugenden besaß, zum Thronfolger.
51.11 Dieser König Uparichara, mit dem Sinn aller Lehrschriften vertraut, sollte später sämtliche Herrscher durch kluge Staatsführung lenken.
51.12 Damana und Alarka gab der König als Ausstattung große Mengen an Reichtum und Edelsteinen sowie zahlreiche Sitze und Wagen.
51.13 Vetala und Bhairava gab er keinen entsprechend großen Anteil am Vermögen. Darüber wurden die beiden bekümmert.
51.14 Von Unmut erfüllt, wanderten die Helden umher. Sie begehrten keine Genüsse mehr und beschlossen, Askese zu üben. Unverheiratet blieben sie beständig an einsamen Orten.
51.15 Königin Taravati bemerkte den Zustand ihrer göttlichen Söhne Vetala und Bhairava und wurde von Sorge erfasst.
51.16 Aus Furcht vor König Uparichara und ihrem Gatten Chandrashekhara sagte die Schöne öffentlich nichts. Heimlich versuchte sie jedoch, die beiden zu trösten.
51.17 Unterdessen hatte der gelehrte Weise Kapota in Chitrangadas Gemeinschaft und den Liebesfreuden Erfüllung gefunden.
51.18 Er wollte nun seine Gefährtin Chitrangada samt den Söhnen verlassen und fortgehen. Deshalb sprach er zu ihr.
51.19 Der Weise sprach: Chitrangada, ich werde in den Büßerwald gehen, um Askese zu üben. Was kann ich dir zuvor Gutes tun? Sage es mir, Bezaubernde.
51.20 Chitrangada sprach: Tumburu und Suvarchas sind deine Söhne, du Gelübdetreuer. Sorge in angemessener Weise für sie, bester Weiser.
51.21 Bringe auch mich im Haus meiner Schwester unter, bester Brahmane. Danach gehe in den Büßerwald, wenn du es wünschst, Schuldloser.
51.22 Als Kapota ihre Worte hörte, dachte er über die Beschaffung von Gold nach und begab sich zu Kuberas Wohnstätte.
51.23 Er bat Kubera und erhielt sechshunderttausend goldene Nishka-Münzen. Die Zahl steht in der Vorlage als „sechs Hundert Tausend“.
51.24 Außerdem ließ er hundert Lasten Edelsteine auf Transporttieren herbeibringen und gab sie seinen beiden Söhnen und insbesondere seiner Gattin.
51.25 Nachdem Chitrangada und die beiden Söhne zugestimmt hatten, nahm er sie und die großen Reichtümer mit sich.
51.26 Der vorzügliche Weise sprach mit Suvarchas, Tumburu und Chitrangada und ging nach Karavira.
51.27 Dort wandte sich Kapota an König Chandrashekhara und König Uparichara und sagte.
51.28 Diese Tochter Kakutsthas ist dir bereits bekannt, König. Auch diese beiden reinen Söhne von mir wurden ihr unmittelbar geboren.
51.29 Nimm meine beiden Söhne mit diesem Vermögen auf und beschütze sie. Auch König Uparichara möge für sie sorgen.
51.30 Für den Kinderlosen ist der König ein Sohn, für den Armen Reichtum, für den Mutterlosen eine Mutter und für den Vaterlosen ein Vater.
51.31 Für den Schutzlosen ist der König ein Schutzherr, für den ohne Beistand ein Gebieter, für den Dienerlosen ein Diener und für die Menschen ein Freund. Der König verkörpert alle Götter. Deshalb bitte ich dich, König.
51.32 Aurva sprach: Der König antwortete dem vorzüglichen Brahmanen: Ich werde deine Bitte erfüllen, und ebenso wird es König Uparichara tun.
51.33 Mit Zustimmung des Weisen nahm der König Chitrangada auf. Dessen beide Söhne übergab er zusammen mit ihrem Vermögen seinem ältesten Sohn.
51.34 Uparichara überließ Suvarchas die Hälfte seines Reiches und machte Tumburu zum Oberhaupt seiner Ratgeber.
51.35 Kapota sah, dass für seine Söhne gesorgt war, und freute sich sehr. Er verabschiedete sich vom König und ging zur Askese in den Büßerwald.
51.36 Unterwegs sah Kapota Shambhus beide schöne Söhne allein umhergehen, Sonne und Mond vergleichbar.
51.37 Er bemerkte ihre affenähnlichen Gesichter und erinnerte sich an das frühere Geschehen. Der askesereiche Weise fragte sie.
51.38 Wer seid ihr beiden, die ihr göttlichen Kindern gleicht und allein auf diesem einsamen Weg wandert, vorzügliche Männer? Sagt es mir.
51.39 Shankaras Söhne verneigten sich vor dem vorzüglichen Weisen Kapota, begrüßten ihn gebührend und antworteten.
51.40 Wisse, bester Weiser, dass wir Chandrashekharas Söhne sind, von Taravati geboren. Wir verneigen uns vor deinen Füßen.
51.41 Weil der König uns stets geringschätzig behandelt, wandern wir bekümmert allein an einsamen Orten umher.
51.42 Warum verachtet der König uns, seine Söhne, obwohl wir ihm stets Ehre erweisen? Warum will er uns nicht einmal einen Anteil am Vermögen geben, Hochherziger?
51.43 Darum wollen wir Askese üben, bester Brahmane, wenn du uns durch deine Unterweisung gnädig unterstützen möchtest.
51.44 Der vorzügliche Weise hörte ihre Worte und lächelte. Da er Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart kannte, antwortete er ihnen.
51.45 Der Weise sprach: Ihr seid nicht die leiblichen Söhne König Chandrashekharas. Ihr seid Shankaras Söhne, von Taravati geboren.
51.46 Ihr wurdet unmittelbar und mit großer Kraft geboren und werdet als Vetala und Bhairava anerkannt. Ursprünglich hießt ihr Bhringi und Mahakala und kamt durch einen Fluch auf die Erde.
51.47 Deshalb will er euch keinen ihm lieben Erbanteil geben. Sucht Zuflucht bei eurem Vater Shankara, dem Gott mit dem Stierbanner.
51.48 Maheshvara selbst wird alles für euch tun. Wozu überaus strenge Askese, deren Frucht erst nach langer Zeit reift?
51.49 Mit diesen Worten erklärte der vorzügliche Weise Kapota, im höchsten Selbst verankert und Kenner aller Zeiten, ihnen alles.
51.50 Er erzählte, wie Bhringi und Mahakala verflucht worden und auf die Erde gekommen waren und wie auch Hara und Gauri auf Erden erschienen waren, König,
51.51 wie er selbst früher Taravati verflucht hatte und wie die beiden in Taravatis Schoß entstanden waren,
51.52 und wie Narada die Zweifel des Königs beseitigt hatte. All dies berichtete er den Söhnen des Herrn des Berges.
51.53 Als die untadeligen, hochherzigen Vetala und Bhairava dies hörten, wurden sie von höchster Freude erfüllt.
51.54 Vor Freude überströmend, wie mit Nektar begossen, fragten Vetala und Bhairava Kapota erneut.
51.55 Du hast wahrhaftig gesagt, dass Mahadeva unser Vater ist. Wie sollen wir ihn verehren, bester Weiser, um Vollendung zu erlangen?
51.56 Wie und wo sollen wir Hara verehren, damit er uns bald gnädig wird? Sage es uns, großer Verständiger.
51.57 Wir sind glücklich und begnadet, bester Weiser, weil du uns all dies offenbart und den Dorn aus unserem Herzen gezogen hast.
51.58 Habe nochmals Erbarmen mit uns, mitfühlender Herr der Weisen. Sage uns, wie wir Bharga bald erreichen können.
51.59 Der Weise sprach: Hört! Ich werde euch sagen, wo ihr Hara verehren könnt, sodass er euch bald unmittelbar erscheint.
51.60 Ich werde euch den geheimen Ort offenbaren, an dem Mahadeva stets wohnt und Gnade schenkt.
51.61 Am schönen Ufer der Ganga liegt die Stadt Varanasi, bogenförmig zwischen den Flüssen Arana und Asi. Die Vorlage nennt den ersten Fluss Arana.
51.62 Dort wohnt der Stierbannerträger selbst beständig. Als Yogin erfreut er die Yogins und verweilt in der Betrachtung seines Selbst.
51.63 Diese Stadt wird durch Bhargas Yogakraft stets im Luftraum getragen. Wer dort stirbt, dem schenkt Mahadeva göttliche Erkenntnis,
51.64 um die Knoten des Daseinskreislaufs zu lösen. Wer dort stirbt, wird in einem weiteren Dasein zu einem höchsten Yogin
51.65 und erlangt mit Haras Zustimmung leicht die Befreiung. Mahadeva ist stets dem Yoga hingegeben und mit Parvati verbunden.
51.66 Hara ist dort für Götter, Gandharvas, Yakshas und Menschen erkennbar und offenbar; auch die heilige Stätte ist weithin bekannt.
51.67 Dort erfüllt der Gott jedoch nicht rasch weltliche Wünsche und wird nicht schnell gnädig. Nach langer liebevoller Verehrung schenkt er Gnade zur Befreiung.
51.68 Diese Stadt ist ohne Gauri; Shankaras Gefährtin geht niemals zu diesem großen heiligen Ort des Yoga. Diese Aussage steht in Spannung zur Erwähnung Parvatis in Vers 65 und bleibt hier unverändert erhalten.
51.69 Die eben beschriebene Stätte Varanasi liegt euch nahe, nicht allzu weit entfernt, beste Männer.
51.70 Nun werde ich einen anderen, geheimen und stets verehrten Sitz beschreiben, an dem Hara und Gauri vereint sind und der in höchstem Maß Recht, Wohlergehen und Wunscherfüllung schenkt.
51.71 Durch sehr strenge Askese gewährt er nach langer Zeit auch Befreiung. Eine heilige Stätte, die Wünsche rasch erfüllt, wird Pitha, heiliger Sitz, genannt.
51.72 Wo der Gott Wünsche erst nach langer Zeit erfüllt, Erkenntnis aber rasch schenkt, spricht man nach den früheren Lehrern von einem Kshetra, einem heiligen Feld.
51.73 Kamarupa ist ein großer heiliger Sitz, das höchste Geheimnis unter den Geheimnissen. Dort ist Shankara stets gemeinsam mit Parvati gegenwärtig.
51.74 Wird der Gott an diesem Sitz verehrt, so wird er bald gnädig. Auch Parvati begnadet dort den Verehrer Bhargas.
51.75 Der höchste Herr erfüllt seinem Verehrer rasch den Wunsch. Diesen heiligen Sitz werde ich euch jetzt beschreiben; hört beide zu.
51.76 Er reicht östlich des Flusses Karatoya bis zu Dikkaravasini, ist dreißig Yojanas breit und hundert Yojanas lang.
51.77 Er ist dreieckig, dunkel und voller großer Berge und hunderter Flüsse. Dieses Gebiet wird Kamarupa genannt.
51.78 Kama war vom Feuer aus Shambhus Auge verbrannt worden und erhielt dort durch Shambhus Gnade seine Gestalt zurück. Deshalb heißt der Ort Kamarupa, „Kamas Gestalt“.
51.79 Im Nordwesten, Südwesten, im mittleren Bereich, im Nordosten, Südosten sowie im Zentrum und seitlich dieses Sitzes hat Shankara seine Stätten. Die Richtungsaufzählung ist in der Vorlage nicht eindeutig gegliedert.
51.80 An sechs schönen Orten hat er seine Einsiedeleien eingerichtet und wohnt dort beständig im freudigen Spiel mit Parvati.
51.81 In der Mitte liegt das Haus der Göttin; dort ist Shankara ihr zugeordnet. Auf dem vorzüglichen Berg namens Nila weilt Parvati.
51.82 Im Nordosten, auf dem Berg Nataka, befindet sich Shankaras große Einsiedelei. Dort wohnt der Herr stets, und Parvati ist ihm zugeordnet.
51.83 Es gibt weitere ewige Einsiedeleien Haras und Gauris. Doch keine andere Wohnstätte Shankaras kommt diesen beiden gleich.
51.84 Dort sollt ihr Mahadeva verehren, beste Männer. Nehmt diesen Ort in euren Geist auf und gewinnt die Gnade des Stierbannerträgers.
51.85 Vetala und Bhairava sprachen: Wir werden nach Kamarupa zum verborgenen Berg Nataka gehen, wo Gauri und Hara stets gegenwärtig sind, Weiser.
51.86 Wir müssen den Herrn der Wesen verehren. Erkläre uns genau, wie wir dies tun sollen, bester Brahmane.
51.87 Sage uns auch den Mantra, durch den der Gott bald erfreut wird, Hochherziger, wenn du uns gnädig sein willst.
51.88 Der Weise sprach: Geht zum herrlichen Berg Nataka, beste Männer. Dort vergnügt sich Mahadeva stets mit Aparna.
51.89 Auf dem Berg Sandhya verehrt der Weise Vasishtha, Brahmas Sohn, Shankara. Sucht ihn auf.
51.90 Wenn ihr ihn fragt, wird er euch, Vetala und Bhairava, den Mantra und das Verfahren zur Verehrung Haras lehren.
51.91 Ich will zur Askese gehen und darf jetzt keine weitere Zeit verstreichen lassen. Lasst mich deshalb ziehen, beste Helden.
51.92 Mit diesen Worten ging Kapota in den Wald. Die beiden verneigten sich vor dem Weisen und kehrten in ihr Haus zurück.
51.93 Sie trafen ihre Vereinbarung, weihten sich der Askese, verabschiedeten sich mit Erlaubnis ihrer Eltern, Brüder und übrigen Angehörigen und brachen nach Kamarupa auf.
51.94 Als Shankara und Uma wussten, dass sie aufgebrochen waren, sprach er zu allen Göttern samt Indra, gleichsam beruhigend.
51.95 Der Herr sprach: Meine beiden Söhne sind nun zur Askese aufgebrochen, beste Götter. Ihr Geist ist auf meine Verehrung gerichtet. Seid ihnen gewogen, Götterherren.
51.96 Nachdem meine Söhne Vetala und Bhairava durch Askese geläutert sind, werde ich sie zu Herren der Scharen einsetzen. Unterstützt ihre Läuterung, Unsterbliche.
51.97 Mit eben diesen Körpern werden sie die Herrschaft über die Scharen erlangen. Durch die Askese sollen ihre Körper den menschlichen Zustand verlassen
51.98 und göttlichen Zustand gewinnen; dafür werde ich sorgen. Mit diesen Worten folgte Shiva als Vamadeva gemeinsam mit Parvati den beiden Söhnen aus Liebe durch den Luftraum.
51.99 Indra und sämtliche anderen Götter sowie die Hüter der Himmelsrichtungen
51.100 folgten Hara, der seinen Söhnen nachging. Die beiden erreichten, mit schwarzen Antilopenfellen bekleidet,
51.101 den der Ganga gleichen Fluss Drishadvati. Sie hatten die Lebensweise von Asketen angenommen und wurden vom Gott Tryambaka beschützt.
51.102 So gelangten sie, von den Göttern begleitet, nach Kamarupa. Dort vollzogen sie im Wasser des Flusses Karatoya
51.103 die rituelle Berührung des Wassers und gingen dann zum Nandikunda, bester König. Sie badeten dort, reinigten sich und begaben sich zum Fluss Jatodbhava.
51.104 Dort reinigten sie sich erneut, ehrten den in Askese verweilenden Nandi und den Gott Jalpisha und zogen weiter zum Berg Nataka.
51.105 Als sie Nataka erreicht hatten, verneigten sie sich vor dem Stierbannerträger. Sie erinnerten sich an Kapotas Worte und suchten Unterweisung in der Verehrung.
51.106 Deshalb gingen sie nach Süden, wo der Berg Sandhya liegt. Dort fließt der von Vasishtha herabgeführte Fluss Kanta.
51.107 An seinem Ufer erhebt sich ein großer Berg mit dicht beschattenden Bäumen und Ranken. Weil Vasishtha, der Sohn des Schöpfers, dort seine Sandhya-Andacht verrichtete,
51.108 nennen die Götter ihn Sandhyachala. Dort fanden sie Vasishtha, der wie verkörpertes Feuer erschien.
51.109 Er verehrte den Herrn des Berges, sein Geist in Meditation gesammelt, und strahlte durch den Glanz seiner Askese wie eine zweite Sonne.
51.110 Vetala und Bhairava verneigten sich vor ihm und blieben mit gefalteten Händen und demütig gesenktem Haupt vor ihm stehen, König.
51.111 Während sie sich vor Brahmas Sohn verneigten, sagten sie: Wir sind von Taravati geboren, im ehelichen Bereich König Chandrashekharas.
51.112 Wisse, dass wir Bhargas Söhne in menschlicher Gestalt sind. Wir möchten Hara verehren, damit unser Wunsch erfüllt wird,
51.113 wenn du uns dabei unterstützen willst, du Gelübdetreue. Als der vorzügliche Weise Vasishtha ihre Worte hörte,
51.114 antwortete er: Ich weiß, dass ihr wahrhaft Haras Söhne seid. Ihr sollt Hara verehren, beste Männer.
51.115 Sagt, was ich dabei für euch tun kann, Untadelige. Was ihr zur Verehrung des Stierbannerträgers benötigt, könnt ihr als erfüllt betrachten.
51.116 Vetala und Bhairava sprachen: Lehre uns den Mantra, durch den Hara, recht verehrt, auf Erden bald gnädig wird, großer Weiser.
51.117 Erkläre uns vollständig das Verfahren, nach dem wir ihn verehren sollen, und die Reihenfolge der Handlungen, bester Weiser.
51.118 Unterweise uns so, dass wir durch deine Lehre bald Hara erreichen. Wir verneigen uns vor dir, bester Weiser.
51.119 Vasishtha sprach: Der Stierbannerträger und Uma sind euch bereits gewogen. Bald wird er hier selbst seine Gnade offenbaren.
51.120 Mit seiner Gattin und allen Götterscharen ist er durch den Luftraum gekommen und hat euch seit eurem Aufbruch von zu Hause behütet.
51.121 Doch zuerst wird er eure menschlichen Körper durch asketische Gelübde läutern. Dann wird er euch zu Herren der Scharen einsetzen und selbst zum Kailasa führen.
51.122 Auch ich werde euch lehren, wie ihr Bharga rasch erreicht, Söhne Parvatis. Hört konzentriert zu.
51.123 Durch Meditation allein wird er erst nach längerer Zeit erfreut, durch Meditation und rituelle Verehrung aber rasch. Deshalb erkläre ich euch nun beides genau.
51.124 Mahadeva besteht aus Licht, ist stets rein, vom Nektar der Erkenntnis erfüllt, allumfassend, Bewusstsein und Seligkeit. Er trägt die Gestalten Vishnus und Brahmas.
51.125 Er ist von großer Gestalt und stets mit höchstem Yoga verbunden. Die Welten sind seine Gestalten; wer könnte sie alle aufzählen?
51.126 Doch von den Gestalten, in denen Shankara hier wirkt, werde ich euch die bevorzugte beschreiben, soweit sie meiner Erkenntnis zugänglich ist.
51.127 Hört zuerst den Mantra, dann das Bild für die Meditation und anschließend die Reihenfolge der Verehrung, beste Männer.
51.128 Von den Vokalen werden die langen, verbleibenden Formen genommen, ohne die vokalischen R- und L-Laute, versehen mit Punkt und Halbmond und mit dem vorletzten Laut verbunden. Die verschlüsselte Lautanweisung wird hier nach dem Wortlaut wiedergegeben; eine eindeutige ausgeschriebene Mantraform ist daraus in dieser Vorlage nicht sicher zu gewinnen.
51.129 Aus diesen fünf Silben wird der Mantra des Fünfgesichtigen gelehrt. Ihre Namen lauten der Reihe nach Sammada, Sandoha, Nada und Gaurava.
51.130 Der letzte heißt Prasada. So werden fünf Mantras genannt. Mit jedem einzelnen soll jeweils eines der Gesichter des Gottes verehrt werden.
51.131 Man kann sie zu einer Einheit verbinden und mit allen fünf gemeinsam verehren oder den fünfgesichtigen Gott allein mit Prasada verehren.
51.132 Unter den Mantras Sammada und den übrigen wird Prasada besonders gerühmt. Denn dieser Mantra ist aus Shambhus Gnadenerweisung hervorgegangen.
51.133 Darum nennen die besten Weisen ihn Prasada. Von allen Mantras erfreut Prasada ihn in höchstem Maß.
51.134 Der Mantra, der Shambhu Freude bereitet, heißt Sammada. Weil ein anderer den Geist ganz erfüllt, wird er Sandoha genannt.
51.135 Nada zieht an; Gaurava heißt so wegen seines Gewichts und seiner Würde. Damit ist Shambhus Mantra in seinen einzelnen Teilen und als Ganzes beschrieben.
51.136 Mit diesem fünfsilbigen Mantra, der für den Fünfgesichtigen gelehrt wurde, sollt ihr den Herrn verehren.
51.137 Nun beschreibe ich die Meditation. Hört aufmerksam, Vetala und Bhairava: Betrachtet den Gott mit fünf Gesichtern und gewaltigem Körper, geschmückt mit einem Knoten verfilzter Haare,
51.138 mit einer schönen Mondsichel und reichlichem Haar auf dem Haupt, mit zehn Armen und einem Tigerfell als Gewand,
51.139 mit dem Kalakuta-Gift in seiner Kehle und einer Schlangenkette als Schmuck. Schlangen bilden seinen Kopfschmuck und seine Armzier.
51.140 Er trägt sie an allen Gliedern und erstrahlt wie im Mondlicht. Sein ganzer Körper ist mit Asche bestrichen. An jedem seiner Gesichter befinden sich drei Augen.
51.141 So glänzt er mit fünfzehn leuchtenden Augen. Er sitzt auf einem Stier und trägt eine Elefantenhaut als Umhüllung.
51.142 Seine fünf Gesichter heißen Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana.
51.143 Sadyojata ist weiß wie reiner Kristall. Vamadeva ist gelb, mild und bezaubernd.
51.144 Aghora ist dunkelblau und steigert mit seinen Fangzähnen das Erschrecken. Tatpurusha ist rot, von himmlischer, schöner Gestalt.
51.145 Ishana ist dunkel und stets von heilvollem Wesen. Das erste Gesicht soll im Westen betrachtet werden, das zweite im Norden.
51.146 Aghora befindet sich im Süden, Tatpurusha im Osten; Ishana ist in der Mitte zu erkennen. So soll man sie voller Hingabe betrachten.
51.147 In den rechten Händen trägt Shiva Lanze, Dreizack und Schädelstab; die beiden weiteren rechten Hände zeigen die Geste des Gabengebens und der Furchtlosigkeit.
51.148 In den linken Händen hält er Gebetskette, Zitronatzitrone, Schlange, Trommel und Lotus. Mit den acht göttlichen Fähigkeiten ausgestattet, soll Shiva im Herzen meditiert werden.
51.149 So soll Mahadeva, der Herr der Welt, in der Meditation betrachtet werden. Dann soll man die Torhüter, Ganesha und die anderen, geistig vergegenwärtigen und verehren.
51.150 Anschließend soll man die Reinigung der fünf Elemente wiederholt betrachten und danach die acht Gestalten mit ihren acht Namen verehren.
51.151 Auch alle seine Sitze sollen verehrt werden. Die acht inneren Blüten, beginnend mit der rechten Gesinnung, sollen im Herzen dargebracht werden.
51.152 Das rituelle Abwehren wird mit der Naracha-Handgeste beschrieben. Zur Verabschiedung soll nach Vorschrift die Dhenu-Handgeste gezeigt werden.
51.153 Beim Annehmen der verbliebenen Opfergaben soll stets Chandeshvara im Geist gegenwärtig sein. Mit den fünf Mantras soll man die Körperglieder jeweils reinigen.
51.154 Dies geschieht mit den zuvor genannten Mantras, Sammada und den übrigen, beste Männer. Dann sollen Bala, Jyeshtha, Raudri und Kali,
51.155 die Göttin Kalavikarini, Balapramathini, die Bezwingerin aller Wesen und Manonmathini verehrt werden.
51.156 Diese acht Göttinnen soll man der Reihe nach verehren, um Shambhu zu erfreuen. Nachdem Shiva so verehrt wurde, soll der Geist ganz in Meditation gesammelt sein.
51.157 Man nehme die Gebetskette, betrachte den Mantra und den Guru und wiederhole entweder den einen fünfsilbigen Mantra oder allein Prasada.
51.158 Wenn ihr ihn mit ganz darauf gerichtetem Geist wiederholt, werdet ihr rasch Vollendung erlangen. Damit habe ich euch den Mantra, die Meditation und die Reihenfolge der Verehrung erklärt. Geht zum Berg Nataka und verehrt dort Hara.
51.159 Vetala und Bhairava sprachen: Nach deiner Unterweisung haben wir diesen fünfsilbigen Mantra aufgenommen, Weiser. Mit ihm werden wir den Gott Hara freudig verehren.
51.160 Mit diesen Worten verneigten sich Vetala und Bhairava vor Vasishtha und begaben sich mit seiner Erlaubnis zum Berg Nataka, König.
51.161 Dort liegt ein schöner, reich gefüllter, bezaubernder See, dessen Wasser stets klar ist und in dem Lotus- und Wasserlilienblüten stehen.
51.162 An seinem Ufer befindet sich Haras weite, überaus schöne Einsiedelei. Sie wird stets von Danavas, Göttern, Kinnaras und Pramathas
51.163 behütet, die sich Tanz und Musik widmen, bester König. Weil der Herr dort stets voller Freude tanzt,
51.164 wird dieser Bergkönig Nataka genannt. Der Berg hat die Gestalt eines Schirms, ist schön und Shankara lieb.
51.165 Als die beiden ihn erreicht hatten und zum See gegangen waren, konnten sie Haras erhabene Einsiedelei nicht sehen.
51.166 Sie vermochten auch nicht, an den Ort der Einsiedelei zu gelangen, König. Daher verneigten sie sich vor Hara und errichteten am Ufer dieses Sees
51.167 einen schönen Opferplatz. Nach der von Vasishtha gelehrten Ordnung begannen Vetala und Bhairava, Hara zu verehren.
51.168 Als Hara sah, wie seine beiden Söhne den Herrn der Wesen verehrten, ließ er sich mit Aparna und den Götterscharen in seiner Einsiedelei auf dem Hochland dieses Berges nieder.
51.169 Shankara blieb dort mit den Göttern und sah seine Söhne, die unten am Seeufer Askese übten.
51.170 Die beiden hörten beständig den Klang von Haras Tanz und der Trommeln, konnten aber nicht dorthin gehen und ihn sehen.
51.171 Der Berg, auf dem Hara mit allen Götterscharen weilte, erstrahlte wie Indras Halle Sudharma, König.
51.172 Während die beiden dort meditierten, wurde der erhabene Stierbannerträger bald zu einem festen, unbeweglichen Bild auf ihrem inneren Meditationsweg.
51.173 Ob sie verehrten, gingen oder stillstanden: Niemals ließen sie Chandrashekhara aus ihrem Geist, König.
51.174 Indem sie den Stierbannerträger mit dem fünfsilbigen Mantra verehrten, verbrachten sie tausend Jahre.
51.175 Fastend oder mit streng geregelter Nahrung, den Geist ganz Hara zugewandt, verbrachten sie diese tausend Jahre der Askese wie ein einziges Jahr.
51.176 Als tausend Jahre vergangen waren, wurde der Stierbannerträger ihnen gnädig und erschien selbst sichtbar vor ihnen.
51.177 Vetala und Bhairava sahen den Stierbannerträger unmittelbar vor sich, den sie bisher in der Meditation erreicht hatten, und priesen ihn.
51.178 Seine lichtvolle Gestalt entsprach genau dem Bild Haras, das sie nach Vasishthas Unterweisung in ihrem Herzen betrachtet hatten.
51.179 Vetala und Bhairava sprachen: Wir verneigen uns vor dem Stierbannerträger mit fünf Gesichtern und mächtigem Körper, dem Höchsten, der ganz Erkenntnis ist und aus dem Meer des Daseinskreislaufs rettet.
51.180 Du bist das Höchste, das höchste Selbst, der höchste Herr und der höchste Purusha. Du bist unwandelbar, weltdurchdringend, das Urprinzip und der höchste Gott.
51.181 Du bist das Selbst aller Gestalten, das große Prinzip, die Stätte der Wahrheitserkenntnis, der Herr. Du bist die Grundlage von Samkhya und Yoga, rein und Kenner der Unterscheidung der drei Eigenschaften.
51.182 Du bist das Ewige und das Vergängliche, Schöpfer und Auflösung der Welt. Du bist eins und von vielerlei Gestalt, von ruhigem Wirken und das ganze All.
51.183 Du bist unveränderlich, ohne äußere Stütze, ewige Seligkeit und immerwährend. Du bist Vishnu, Mahendra und Brahma, du bist der Herr der Welten.
51.184 Du bist Gestalt und Herr der Gestalten, mit Juwelen geschmückt, Ursprung des Werdens und ungehindert. Du bist Herr des Yoga, Ziel der Erkenntnis und dennoch unzugänglich. Die mittleren Wortgruppen der Strophe sind stark beschädigt.
51.185 Du trägst das Wesen des Erkennbaren, erhaben wie ein Berg, von mächtigen Schlangen umwunden und Herr unsterblicher Freude. Du bist das feine, unvergängliche Prinzip, Kenner der Wahrheit, Gott der Götter und Zuflucht der Götter. Einzelne Komposita sind unsicher.
51.186 Deine Gestalt ist frei von begrifflicher Unterscheidung und Begrenzung. In deinem reinen inneren Licht ruht die eine Erkenntnis. Du bist der Wachsende, der Gewaltige, Purusha und höchstes Selbst, die unterscheidende Vernunft hinter den Sinnen.
51.187 Du bist der Herr der Herren, Ursprung der anderen, Ziel der Weisen und für höchste Yogins erreichbar. Du trägst die Erde, empfängst den Opferanteil und bist unendlich. Du bist das Selbst des Alls; vielfältig sind deine Entfaltungen.
51.188 Du bist der Vollmond, der den Nektar der Erkenntnis ausströmt, und das höchste Licht gegen die Finsternis der Verblendung. Du bist der höchste Vater deiner Verehrer und Söhne und nimmst nach deinem Wunsch fünfgesichtige Gestalt an.
51.189 Du bist die erste Sonne aller Lehrschriften und das Feuer; du entfaltest die Fülle der Eigenschaften. In Brahmas Gestalt vollbringst du die Schöpfung und in Vishnus Gestalten beständig die Erhaltung.
51.190 In Rudras Gestalt bewirkst du das Ende. Nichts in dieser Welt ist etwas anderes als du. Du bist der Herr der Nacht und der Herr des Tages, Feuer, Wasser, Wind und Erde.
51.191 Du bist der Raum und der Opferpriester im Opfergeschehen. Du hast acht Gestalten, und nichts ist von dir verschieden. Obwohl deine Gestalten unendlich sind, spricht man nach den vorherrschenden Formen von acht oder drei Gestalten.
51.192 Wie könnte es sonst eine feste Zahl deiner Formen geben, du Unendlichgestaltiger? Du bist Tryambaka und der Zerstörer der drei Städte, Shambhu, der Herr, der Bezwinger und der Schöpfer.
51.193 Du hast tausend Arme und goldene Arme, tausend Gestalten und hier fünf Gesichter, unzählige Augen und drei Augen, unzählige Arme und als Herr zehn Arme.
51.194 Du genießt in Fülle und beschränkst zugleich deinen Genuss. Du folgst dem jeweils zu Erfahrenden und bist doch ungebunden.
51.195 Verehrung dir, dessen Wesen Ewiges und Vergängliches umfasst, der ewiges Licht und höchste Wahrheit verkörpert und dessen Selbst Shiva ist.
51.196 Weder Vishnu noch Brahma erreichten das Ende deines Linga. Welche Worte des Lobes könnten wir beide da für dich finden, Stierbannerträger?
51.197 Weder Götter noch Danavas kennen dein wahres Wesen. Wie könnten wir beiden Unerfahrenen dich preisen, höchster Herr?
51.198 Allein aus Hingabe verneigen wir uns vor dir, Gott der Götter, Stierbannerträger und Herr Gauris. Wieder und wieder gilt dir unsere Verehrung.
51.199 Aurva sprach: So vom hochherzigen Vetala und von Bhairava gepriesen, wurde Mahadeva erfreut und sprach zu ihnen, König.
51.200 Der Erhabene sprach: Ich bin mit euch zufrieden, meine Söhne. Wählt die Gabe, die ihr wünscht. Eure asketischen Gelübde haben mich erfreut; ich werde euren Wunsch erfüllen.
51.201 Durch eure Lobgesänge, Selbstbeherrschung und ungeteilte Betrachtung bin ich immer wieder höchst erfreut. Ich werde euch das Gewünschte schenken, Söhne.
51.202 Vetala und Bhairava sprachen: Wenn du wahrhaft mit uns zufrieden bist und wir wahrhaft deine Söhne sind, Stierbannerträger, dann gewähre uns diese gewünschte Gabe.
51.203 Lass uns dich, den Herrn der Welten, stets als unseren Vater erkennen, so wie Söhne ihren Vater erkennen.
51.204 Wir begehren weder Königsherrschaft noch Reichtum noch etwas anderes. Wir möchten dir in Hingabe dienen, Stierbannerträger.
51.205 Wenn du uns gnädig bist, mögen unsere Augen stets wie Bienen an deinen beiden Lotusfüßen verweilen.
51.206 Darüber hinaus mögen tausende von Millionen Weltzeitaltern mit Gedanken an dich, Meditation über dich und deiner Verehrung für uns vergehen.
51.207 Aurva sprach: Als Mahadeva ihre Worte hörte, lächelte er und verlieh ihnen gemeinsam mit allen Götterscharen göttlichen Zustand.
51.208 Mit Indras Zustimmung ließ Shankara Nektar aus dem Himmel bringen und gab ihn Vetala und Bhairava zu trinken.
51.209 Nachdem die beiden vorzüglichen Männer den Nektar getrunken hatten, verließen sie durch Shivas Kraft die Sterblichkeit und erlangten Unsterblichkeit. Die Wortstellung der Vorlage ist hier gestört.
51.210 In diesem Zustand schlafend, wurden die beiden Feindebezwinger mit göttlicher Erkenntnis und Kraft sowie mit göttlicher Gestalt ausgestattet.
51.211 Ohne ihre bisherigen Körper aufzugeben, waren sie zu Göttern geworden. Zu den beiden überglücklichen Söhnen sprach Shambhu.
51.212 Der Erhabene sprach: Ich bin mit euch zufrieden. Wenn ihr die von mir gewährte Erfüllung erlangen wollt, verehrt meine geliebte Parvati, die höchste Herrin.
51.213 Ohne sie vermag ich euch die ewige Erfüllung eures Wunsches nicht zu geben. Sucht Zuflucht bei Shiva, der Segensreichen, damit ihr beständig dienen könnt, meine Söhne.
51.214 Verehrt die Göttin in der Weise, durch die sie bald erfreut wird, hier oder an einem anderen dafür geeigneten Ort.
Kapitel 52
52.1 Aurva sprach: Als der Herr der Wesen so gesprochen hatte, antworteten Vetala und Bhairava dem Gott mit dem Luftraum als Haar, die Augen vor Freude weit geöffnet.
52.2 Vetala und Bhairava sprachen: Wir kennen weder Parvatis Meditationsbild noch ihren Mantra oder das Verfahren ihrer Verehrung. Wie sollen wir sie verehren? Erkläre es uns genau, Erhabener.
52.3 Der Erhabene sprach: Meine Söhne, ich werde euch das Verfahren, den Mantra und die Ritualordnung Mahamayas wahrheitsgemäß lehren. Dadurch wird alles gelingen.
52.4 Aurva sprach: Mit diesen Worten erklärte der Herr des Berges den beiden eingehend das Meditationsbild, den Mantra und die Verehrungsweise Mahamayas, bester König.
52.5 Später hielt Bhairava diese Ritualordnung samt ihren genauen Bestimmungen in achtzehn Abschnitten des Werkes Shivamrita fest.
52.6 Sagara sprach: Welchen Mantra lehrte Shambhu damals den beiden, durch dessen Anwendung sie Mahamaya verehrten und die Herrschaft über die Scharen erlangten?
52.7 Ich möchte ihn mit der Ritualordnung, seinen Geheimnissen und allen Bestandteilen hören, wie Bhairava ihn in achtzehn Abschnitten niederlegte.
52.8 Aurva sprach: Wegen seines großen Umfangs könnte man dies nur in langer Zeit vollständig darlegen. Deshalb werde ich jetzt aus Mahadevas Worten das Wesentliche herausheben und es kurz erklären. Höre, bester König.
52.9 Als Vetala und Bhairava nach Parvatis Mantra fragten, sagte Mahadeva zu ihnen: Hört den Mantra und seine Ritualordnung.
52.10 Der Erhabene sprach: Ich werde den höchsten, geheimsten Mantra erklären: den achtsilbigen Mantra Vaishnavis, die große Feier Mahamayas.
52.11 Der Seher dieses ehrwürdigen Vaishnavi-Mantras ist Narada, seine Gottheit Shambhu und sein Versmaß Anushtubh. Er wird zur Verwirklichung aller Anliegen eingesetzt.
52.12 Die acht Laute werden verschlüsselt durch Endlaute bei Ha, Ra, Na und dem rückgebogenen Na sowie durch weitere Buchstaben- und Zahlenpositionen bezeichnet, mit Vishnu vorangestellt. Die überlieferte Lautformel ist beschädigt; eine verlässliche vollständige Auflösung ist hier nicht möglich.
52.13 Dieser aus acht Silben bestehende Mantra leuchtet wie ein rotes Blatt. Alle Übenden sollen ihn mit vorangestelltem Om wiederholen.
52.14 Dieser große, geheime Mantra heißt Vaishnavi-Mantra. Weil der Mantra im Körper gegenwärtig ist, wird er auch als dessen Glied bezeichnet.
52.15 Mahadevas nach oben gerichtetes Gesicht wird als sein Keim bezeichnet; auch die Silbe Om ist sein Keim. Der Laut Ya wird seine Kraft genannt.
52.16 Damit ist der Mantra samt seinem Keim erklärt. Höre nun die Ritualordnung, Bhairava: Zuerst soll man an einer heiligen Badestelle, in einem Fluss, einem heiligen Becken, einer Vertiefung, einer Quelle oder Ähnlichem
52.17 baden, in Wasser, das nicht fremdes Eigentum ist. Nach dem rituellen Mundspülen und der Reinigung soll man seinen Sitz einnehmen.
52.18 Nach Norden gewandt, soll man den Opferplatz mit der Hand reinigen und dabei die Formel „Yum, Sah, der Erde“ sprechen. Der Wortlaut der Formel ist unsicher.
52.19 Mit dem Mantra „Om Hrim Sa“ und dem Mantra zur Erfüllung der Himmelsrichtungen soll man den Platz mit Wasser besprengen, um störende Wesen zu entfernen.
52.20 Dann soll der Gereinigte mit der linken Hand den Opferplatz berühren und den Mantra mit einem goldenen Gerät oder einem für Opfer geeigneten Kusha-Halm darauf schreiben.
52.21 Oder er schreibe den königlichen Mantra „Om, Verehrung der Vaishnavi“. Anschließend zeichne er damit drei Mandala-Umgrenzungen mit gleichmäßiger Linie.
52.22 Bei der täglichen Verehrung soll das Mandala nicht mit Farbpulvern gezeichnet werden. Bei vorbereitenden Mantraübungen und besonderen Wunschritualen soll man diese verwenden.
52.23 Zuerst wird die Linie im Norden gezogen, dann im Westen, danach im Süden und zuletzt im Osten.
52.24 Die gleiche Reihenfolge gilt für die Farben beziehungsweise Schriftzeichen und für die Tore. Danach wird das Mandala mit dem Mantra „Om Hrim Shrim Sa“ verehrt.
52.25 Nachdem das Mandala mit der Hand angelegt wurde, folgt der Schutzverschluss der Himmelsrichtungen, der Reihe nach mit dem zuvor genannten Richtungsmantra.
52.26 Dabei soll die Formel mit „Phat“ enden und die Abgrenzung mit der Hand vollzogen werden. Acht Gerstenkörner ergeben eine Fingerbreite.
52.27 Vierundzwanzig Fingerbreiten bilden eine Elle, gemessen ohne übermäßiges Strecken. Nach diesem Maß soll das Mandala eine Elle groß sein.
52.28 Der Lotus soll eine Spanne messen, sein Mittelteil die Hälfte davon. Die Blütenblätter sollen länglich sein und aneinander anschließen.
52.29 Ihre Teile sollen weder zu klein noch zu groß und von einer äußeren Umgrenzung umfasst sein. Das Tor wird genau in der Mitte angebracht. Das so klar abgegrenzte Mandala soll rot vorgestellt werden.
52.30 Wer ein von diesen Merkmalen abweichendes, mangelhaft gegliedertes Mandala der gewaltigen Göttin anfertigt, erlangt nach der Aussage des Textes weder die Frucht noch den gewünschten Erfolg. Deshalb soll das Mandala in der beschriebenen Weise gezeichnet werden.
Kapitel 53
53.1 Der Erhabene sprach: Dann soll mit dem Mantra „Lam“ ein viereckiges Mandala für das Gefäß der Ehrengabe angelegt werden, ohne Tore und ohne Lotus.
53.2 Mit dem Mantra „Om Hrim Shrim“ soll das Gefäß zuerst in das Mandala gestellt und dort verehrt werden. Der abschließende Ausdruck der Vorlage ist unklar.
53.3 Mit dem Mantra „Om Hri Hraum“ sollen Duftstoff, Blumen und Wasser in das Gefäß gegeben werden. Dann soll darin das Mandala vergegenwärtigt werden.
53.4 Nachdem das Mandala wie zuvor angelegt ist, soll das Gefäß der Ehrengabe zu drei Vierteln mit Wasser gefüllt und eine Blume hineingelegt werden.
53.5 Dann soll der eigene Sitz mit dem Mantra „Hrim“ verehrt werden. Anschließend soll der Kundige mit „Kshaum“ sich selbst verehren.
53.6 Er bringe Duftstoffe und Blumen am eigenen Haupt dar. Dann nehme er eine Blume auf die Handfläche und spreche den Mantra „Om Hrim Sa“.
53.7 Der Kundige soll sie mit der linken Hand reinigen, daran riechen und sie mit derselben Hand unter dem genannten Mantra nach Nordosten werfen.
53.8 Dann nehme er eine rote Blume, bilde mit beiden Händen die Schildkröten-Handgeste und vollziehe danach die innere Verbrennung, Überflutung und die weiteren Reinigungsvorgänge.
53.9 Dabei wird der kleine Finger der rechten Hand an den Zeigefinger der linken gelegt und der linke Daumen an den rechten Zeigefinger.
53.10 Der rechte Daumen bleibt erhoben. Mittelfinger und die folgenden Finger der linken Hand werden auf den Rücken der rechten Hand gelegt.
53.11 Mittel- und Ringfinger der rechten Hand werden nach unten gewandt an die als Ahnenfurt bezeichnete Stelle der linken Hand gelegt.
53.12 Der Rücken der rechten Hand soll einem Schildkrötenrücken gleichen. Die so gebildete Schildkröten-Handgeste verleiht nach der Lehre des Textes alle Vollendungen.
53.13 Der Kundige halte diese Geste nahe am Herzen, schließe beide Augen und richte Körper, Kopf und Hals gerade aus. Sein Geist bleibe fest.
53.14 Er beginne die Meditation der Göttin mit der inneren Verbrennung und Überflutung: Das Feuer werde in den Wind aufgelöst, der Wind in das Wasser und das Wasser ins Herz.
53.15 Das Herz werde in das Unbewegliche versenkt, der Klang in den Raum. Mit dem Mantra „Om Hum Phat“ stelle man sich vor, die Öffnung am Scheitel zu durchbrechen.
53.16 Dann werde das individuelle Lebensprinzip zusammen mit dem Klang in den Raum versetzt. Mit den Keimsilben des Windes, des Feuers, Yamas, Indras und Varunas,
53.17 jeweils mit Halbmond und Punkt versehen und auf ihre höheren Bereiche bezogen, sollen Austrocknung, Verbrennung, Beseitigung und schließlich das Besprengen mit Nektar
53.18 der Reihe nach allein in der Vorstellung zur Reinigung vollzogen werden. Dann soll mit der Keimsilbe der Göttin ein winziges goldgestaltiges Teilchen vergegenwärtigt werden.
53.19 Dieses soll dort mit den Mantras „Um Hrim Shrim“ in zwei Teile geteilt werden. Aus seinem oberen Teil werden die Herzenswelt, der Himmel und der Raum gebildet.
53.20 Aus dem verbleibenden Teil entstehen Erde, Unterwelt und Wasser. Darin soll man alle Bereiche und die Erde mit ihren sieben Kontinenten betrachten.
53.21 In ihnen soll man die Ozeane und eine goldene Insel vorstellen. In deren Mitte liegt ein Edelsteinlager in einem Pavillon aus Juwelen.
53.22 Es wird stets von den Wassern der himmlischen Ganga umspült und ist glückverheißend. Auf diesem Lager soll ein roter Lotus erscheinen, offen und stets heilvoll.
53.23 Seine Glieder sind golden, sein Stängel reicht durch die sieben Unterwelten, und er erstreckt sich bis zur Welt Brahmas. Sein Mittelteil ist der goldene Berg. Einzelne Wörter sind beschädigt.
53.24 Auf diesem Lotus soll mit ungeteilter Aufmerksamkeit Mahamaya meditiert werden, einer roten Lotusblüte gleich, mit offen herabhängendem Haar.
53.25 Sie strahlt mit beweglichem Goldschmuck und glänzenden Ohrringen und trägt eine Krone aus Gold und Edelsteinen. Der erste Halbvers ist nicht vollständig sicher zu lesen.
53.26 Sie ist mit drei schönen Augen geschmückt, die Weiß, Schwarz und Rot zeigen. Ihre Wangen leuchten wie der Mond in der Dämmerung, und ihre Augen sind lebhaft.
53.27 Ihre Zähne gleichen reifen Granatapfelkernen; schöne Brauen lassen ihr Gesicht erstrahlen. Ihre Lippen sind wie Bandhuka-Blüten, ihre Nase glänzt wie eine Shirisha-Blüte.
53.28 Ihr Hals gleicht einer Muschel, ihre Augen sind groß, und sie leuchtet wie zehn Millionen Sonnen. Sie hat vier Arme, ist unbekleidet und besitzt volle, erhobene Brüste.
53.29 In der oberen rechten Hand trägt sie ein Schwert, in der anderen rechten eine Gebetskette der Vollendung. Mit den beiden linken Händen gewährt sie Furchtlosigkeit und Gaben.
53.30 Ihr Nabel ist tief, ihre Gestalt lang und anmutig, ihre Taille schmal und bezaubernd. Ihre Schenkel sind schön gerundet, ihre Knöchel verborgen und ihre Fersen wohlgeformt. Der Schenkelvergleich der Vorlage ist unsicher.
53.31 Sie sitzt mit verschränkten Beinen in einer eindrucksvollen Sitzhaltung und lehnt ihren Körper an eine Säule aus Edelsteinen. Die genaue Bezeichnung der Sitzhaltung ist beschädigt.
53.32 Immer wieder spricht sie: „Was wünschst du?“ Dabei blickt sie auf den vor ihr stehenden Löwen, ihr schönes Reittier. Das Wort „Fünfgesichtiger“ kann hier auch den Löwen bezeichnen.
53.33 Mit Perlenketten, Halsketten aus Gold und Edelsteinen, Armreifen und allem übrigen Schmuck strahlt sie und zeigt ein lächelndes Gesicht.
53.34 Sie leuchtet wie zehn Millionen Sonnen, besitzt alle glückverheißenden Merkmale, steht in frischer Jugend und ist an allen Gliedern schön.
53.35 Nachdem Ambika so meditiert wurde, soll man zuerst mit „Verehrung, Phat“ die Blume auf das eigene Haupt legen und betrachten: „Sie bin ich selbst.“
53.36 Dann folgen der Reihe nach die Einsetzung der Mantralaute in die Körperglieder und in die Hände. Die dafür genannten Lautfolgen samt Vokalen sind in der Vorlage beschädigt.
53.37 Unter anderem werden „Om“ und „Kshaum“ genannt, mit dem Urlaut vorangestellt. Die Mantralaute werden rot und schön vorgestellt und vom Daumen bis zum kleinen Finger eingesetzt, jeweils mit „Phat“ abgeschlossen.
53.38 Zuerst erfolgt die Einsetzung in beide Handflächen, danach der Reihe nach in Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer und Augen.
53.39 Anschließend sollen die Silben des Grundmantras der Reihe nach in Gesicht, Rücken, Bauch, Arme, Schambereich, Füße, Unterschenkel und Hüften eingesetzt werden.
53.40 Dabei werden die acht Silben unter Erinnerung an Om eingesetzt. Nach der Lehre des Textes befähigt diese gründliche innere Reinigung zur Verehrung; sie reinigt den Körper, sammelt den Geist und ordnet die Elemente.
Kapitel 54
54.1 Der Erhabene sprach: Dann soll der Mantra achtmal über dem Gefäß der Ehrengabe wiederholt werden. Mit dessen Wasser reinige man Wasser, Blumen, sich selbst, Mandala und Sitz.
54.2 Danach reinige man ebenso sämtliche Gegenstände der Verehrung mit dem Mantra „Om Aim Hrim Hraum“, ohne lautes Aussprechen. Die genaue Bestimmung der Sprechweise ist beschädigt.
54.3 Dann verehre man die Torhüter und Sitze der Göttin. Nandi, Bhringi, Mahakala und Ganesha sind die Torhüter; sie werden von Norden aus der Reihe nach verehrt, die Sitze in der Mitte.
54.4 Beginnend mit der tragenden Grundkraft sollen die in allen Tantras und Ritualordnungen bekannten Grundlagen verehrt werden, Bhairava. Die abschließende Angabe zur Mantraform ist unklar.
54.5 Zusammen mit den zehn Hütern der Himmelsrichtungen sollen Dharma, Adharma und die weiteren Prinzipien in den Ecken des Mandalas, beginnend im Südosten, sowie an seinen Seiten verehrt werden.
54.6 Es folgen die Bereiche von Sonne, Feuer, Mond und Wind, der Lotus, Rajas, Tamas und Sattva, der Yogasitz und der Platz des Guru.
54.7 Alle Sitze vom ersten genannten bis zum glückverheißenden Sitz sollen mit ihren Haupt- und Nebengliedern verehrt werden; ebenso das Weltei, das goldene Ei, Brahma, Vishnu und Maheshvara,
54.8 die sieben Kontinente samt den Ozeanen, die goldene Insel mit dem Pavillon, der Edelsteinlotus mit seinem Lager und die Säule aus Edelsteinen.
54.9 In der Mitte des Mandalas soll unbedingt der Löwe verehrt werden. Dann bilde man mit dem Mantra „Rim“ aus beiden Händen die Schildkrötenrücken-Geste.
54.10 Auf dem vorzüglichen Sitz soll die Göttin wie zuvor meditiert werden. In der Mitte des Herzens stelle man sich die goldene Insel mit dem Lager vor.
54.11 Mit ungeteilter Aufmerksamkeit erinnere man sich der Göttin, als sähe man sie unmittelbar. Im Herzen sichtbar gegenwärtig, wird sie mit geistigen Darbringungen verehrt.
54.12 Mit den sechzehn Arten des Dienstes soll die im Herzen wohnende Segensreiche verehrt werden. Dann lasse man sie mit der Keimsilbe des Windes durch die rechte
54.13 Nasenöffnung hervortreten und setze sie mit dem Mantra „Krim“ in die Mitte des Lotus, Bhairava. Dabei soll die Hand den Kontakt nicht lösen.
54.14 Wenn die Hand von der Blume getrennt wird, so verehren nach dieser Rituallehre die Gandharvas die Göttin, während der ausführende Verehrer keine Frucht erlangt, Bhairava.
54.15 Dann soll die Herbeirufung mit der Gayatri samt ihrem abschließenden Teil erfolgen: „Wir erkennen die große Maya; wir meditieren über dich, die Chandika genannt wird.“
54.16 Danach folgt: „Möge sie unsere Einsicht anregen.“ Anschließend: „Dieses Badewasser ist für dich, Göttin. Om Hrim Shrim, Verehrung.“ Die Vorlage verwendet im Gayatri-Schluss eine grammatisch unregelmäßige Form.
54.17 Dann soll der Göttin das nach seinen Merkmalen geeignete Badewasser gegeben werden. Mit dem Grundmantra folgen Duftstoffe, Blumen, Licht
54.18 und Räucherwerk, ferner Süßgebäck, Milchreis, weißer Zucker, Rohzucker, Dickmilch, Milch, geklärte Butter und vielerlei Früchte.
54.19 Rote Blumen, Blumengirlanden, Gold, Silber und anderes sollen dargebracht werden, ebenso vorzügliche Speisegaben, die als Langala bezeichnete Gabe, Süßgebäck und Zucker.
54.20 Dazu kommen die Früchte der als Shandilya und Karatamra bezeichneten Pflanzen, Kürbis, Haritaki, Orange und Kamelaka. Einige Pflanzennamen sind in dieser Schreibweise nicht eindeutig bestimmbar.
54.21 Auch Dinge, die Kindern angenehm sind, wie Kaseruka-Knollen und Lotuswurzeln, sowie Kokoswasser sollen der Göttin sorgfältig dargebracht werden.
54.22 Man soll ihr ein rotes Seidengewand geben, niemals ein blaues. Unter den Blumen sind ihr Bakula und Keshara lieb,
54.23 ferner Madhya, Kahlara und Vajra, Karavira und Kuruntaka, Arka-Blüten, Shalmali und ganz zarte Durva-Sprossen. Mehrere Pflanzennamen sind unsicher überliefert.
54.24 Dazu kommen die Blütenstände von Kusha und Darbha, Bandhuka und Lotus, Blätter und Blüten des Malura sowie Trisandhya und rotblättrige Pflanzen.
54.25 Diese Blumen sind Ambika lieb, Bhairava. Bandhuka, Bakula, Madhya, Bilva-Blätter und Sandhyaka
54.26 gelten unter den Blumen als vorzüglich, unter den Speisen Milchreis und Süßgebäck. Wer der Segensreichen eine Girlande aus tausend Bandhuka-, Bakula-,
54.27 Karavira- oder Madhya-Blüten darbringt, erlangt nach der Verheißung seine gewünschten Ziele und erfreut sich danach in meiner Welt.
54.28 Kühlende Sandelpaste, mit Kaliyaka vermischt, soll der Göttin sorgfältig als vorzügliche Salbung gegeben werden.
54.29 Unter den Duftstoffen erfreuen Kampfer, Safran, Kurcha, Moschus und duftendes Kaliyaka die Göttin besonders.
54.30 Als erfreuliche Räucherstoffe gelten Yakshadhupa, Prativaha, geformte Räucherkuchen und -kugeln, Aloeholz und Sindhuvara.
54.31 Unter den Körperfarben ist Zinnober der Göttin besonders lieb. Duftender gekochter Reis mit Honig und Fleisch,
54.32 Kuchen, Milchreis, Milch und gekochte Speise werden als Gaben für sie gerühmt. Für ihr Bad werden mit Edelsteinen behandeltes Wasser, Kampfer, Pinditaka und Kumaraka,
54.33 Rochana und Blüten genannt. Unter den Lichtern wird besonders die Lampe mit geklärter Butter gepriesen.
54.34 Mit dem Grundmantra sollen drei schöne Handvoll Blumen dargebracht werden. Nachdem sämtliche Dienste erwiesen sind, sollen in der Mitte folgende Göttinnen verehrt werden:
54.35 Kameshvari, Guptadurga, die Bewohnerin der Vindhya-Höhlen, Koteshvari, Dirghika, Prakati und Bhuvaneshvari,
54.36 Akashaganga, Kamakhya, Dikkaravasini, Matangi, Lalita, Durga, Bhairavi und Siddhida,
54.37 Balapramathini, Chandi, Chandogra, Chandanayika, Ugra, Bhima, Shiva, Shanta, Jayanti und Kalika,
54.38 Mangala, Bhadrakali, Shiva, Dhatri, Kapalini, Svaha, Svadha, Aparna und Panchapushkarini,
54.39 die Berauscherin aller Wesen, die den Geist anregende Göttin, die Bezwingerin aller Wesen sowie die vierundsechzig Yoginis.
54.40 Nachdem diese in der Mitte verehrt wurden, sollen mit dem Mantra die Glieder verehrt werden: Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Augen, Arme und Füße.
54.41 Für das erste Glied werden die ersten drei Silben des Grundmantras genommen. Für die weiteren Glieder wird jeweils eine Silbe hinzugefügt.
54.42 Die Gebetskette der Vollendung und das Schwert sollen mit dem Schwertmantra verehrt werden. Dann verehre man auf den acht Blütenblättern die acht Yoginis.
54.43 Shailaputri, Chandaghanta, Skandamata und Kalaratri sollen der Reihe nach in den vier Hauptrichtungen, beginnend im Osten, verehrt werden.
54.44 Chandika, Kushmandi, die schöne Katyayani und Mahagauri werden in den Zwischenrichtungen, beginnend im Südosten und dann im Südwesten, verehrt.
54.45 Mit der Bitte „Große Maya, verzeihe!“ und dem Grundmantra soll sie achtfach in der Mitte des Lotus verehrt werden. Danach folgt die Darbringung der Opfergabe.
54.46 Wenn die wunscherfüllende Göttin so nach den Regeln der Ritualordnung verehrt wird, Bhairava, kommt sie selbst in das Mandala, nimmt die Gabe an und erfüllt den Wunsch vollständig.
Begleitender Vortrag zur spirituellen Praxis:
Kapitel 55
55.1 Der Erhabene sprach: Danach soll die Opfergabe dargebracht werden, die die Göttin erfreut. Den Elefantengesichtigen erfreut man mit Süßgebäck, die Sonne mit Opferbutter und anderen Opfergaben.
55.2 Shankara erfreut man mit Tanz, Gesang und Musik, Hari mit Gelübden; Chandika soll der Übende stets durch Opfergaben erfreuen.
55.3 Als Opfergaben nennt der Text Vögel, Schildkröten, Krokodile, Ziegen, Eber, Büffel, Warane und weitere Tiere sowie neun Arten von Wild.
55.4 Dazu zählen Yak, Schwarzbock, Hase und Löwe, ferner Fische und Blut aus dem eigenen Körper. Die hier angegebene Einteilung in acht Gruppen lässt sich mit der beschädigten Aufzählung nicht eindeutig verbinden.
55.5 Wenn diese fehlen, werden in bestimmten Fällen auch Pferd und Elefant, Ziegen, Sharabha-Tiere und der Mensch der Reihe nach genannt.
55.6 Die Gaben werden als Opfer und großes Opfer bezeichnet. Das Opfertier soll dort gebadet und mit Blumen, Sandelholz und Räucherwerk geehrt werden.
55.7 Der Ausführende soll die Göttin mit den Opfermantras wiederholt verehren. Er selbst ist nach Norden gewandt, die Opfergabe nach Osten.
55.8 Dann betrachtet er sie und spricht den Mantra: „Du bist durch mein Glück in der Gestalt einer Opfergabe hier erschienen.
55.9 Darum verehre ich dich, der alle Gestalten und nun die Opfergestalt trägt. Indem du Chandika Freude schenkst, beseitigst du das Unglück des Gebers.
55.10 Verehrung dir, Opfergabe, die du die Opfergestalt Vaishnavis annimmst! Der Selbstgeborene selbst hat die Tiere für das Opfer geschaffen.
55.11 Darum töte ich dich heute; nach dieser Opferauffassung gilt das Töten im Opfer nicht als Töten.“ Mit dem Mantra „Om Aim Hrim Shrim“ wird die Opfergabe als wunschgestaltig betrachtet.
55.12 Dabei legt man eine Blume auf ihr Haupt, Bhairava. Dann wird sie mit Bezug auf die Göttin und auf den eigenen Wunsch
55.13 rituell besprengt. Anschließend wird das Schwert verehrt: „Du bist Chandikas Zunge und eröffnest den Weg zur Götterwelt.“
55.14 Mit dem Mantra „Im Hrim Shrim“ wird das Schwert meditiert und verehrt, als dunkle Gestalt mit dem Pinaka-Bogen und als Verkörperung der Nacht der Zeit.
55.15 Diese Gestalt ist gewaltig, mit rotem Mund und roten Augen, roten Girlanden und roter Salbung, in rote Gewänder gehüllt, mit einer Schlinge in der Hand und mit Gefolge.
55.16 Sie trinkt Blut und verzehrt rohes Fleisch. Der Lobpreis des Schwertes lautet: „Schneide, Vernichter, Schwert, Scharfschneidiger, Unbezwinglicher,
55.17 Sitz des Glanzes, Sieger und Hüter des Rechts, Verehrung dir!“ Nach dieser Verehrung des Schwertes mit „Om Am Hrim Phat“
55.18 wird in der beschriebenen Opferhandlung das makellose Schwert genommen und die Opfergabe enthauptet. Dann wird das Blut mit Wasser, Steinsalz und guten Früchten,
55.19 mit Honig, Duftstoffen und Blumen sorgfältig versehen. Dabei wird gesprochen: „Om Aim Hrim Shrim, Kaushiki, dieses Blut lasse ich dir darbringen.“
55.20 Das Blut und der Kopf mit einer Lampe werden an ihren vorgesehenen Platz gestellt. Nach der Aussage des Textes erlangt der Ausführende durch eine so vollständige Darbringung die Frucht.
55.21 Ein mangelhaftes Opfer führt nach dieser Rituallehre zu Mangel, ein verkehrt ausgeführtes bleibt fruchtlos. Diese Ordnung gilt für Durgas Opfergaben auch an anderen Orten.
55.22 Die dafür Zuständigen sollen sie so anwenden, Vetala und Bhairava. Danach beginne man die Mantrawiederholung, während man die zuvor beschriebene Meditation aufnimmt.
55.23 Man nehme die Gebetskette in die Hand und betrachte die Segensreiche im Geist. Auf dem Haupt stelle man sich den Guru mit seiner jeweiligen Farbe und Gestalt vor.
55.24 Den Mantra meditiere man in der Kehle, weiß und goldglänzend, Mahamaya im Herzen und sich selbst zu Füßen des Guru.
55.25 Dann betrachte man die Einheit von Guru, Mantra, eigenem Selbst und Göttin und führe sie auf dem Weg der Sushumna
55.26 als eine einzige Wesenswirklichkeit zum sechsfachen Zentrum. Dort meditiere man Mahamaya für einen Augenblick mit Sorgfalt.
55.27 Mit dem Grundmantra allein führe man sie zum ursprünglichen sechzehnteiligen Zentrum, wo sie verweilt und dem Übenden Freude schenkt.
55.28 Während der Übende die Göttin dort betrachtet, beginne er die Mantrawiederholung. Oberhalb der Augenbrauen wird der Endpunkt der drei feinen Leitbahnen beschrieben.
55.29 Dieser Ort der drei Wege ist sechseckig, vier Fingerbreiten groß und rot. Die Kenner des Yoga nennen ihn Ajna-Chakra.
55.30 In der Kehle des Menschen liegt eine Verschlingung der drei Leitbahnen Sushumna, Ida und Pingala. Sie ist sechseckig und sechs Fingerbreiten groß.
55.31 Sie wird das sechsfache Zentrum genannt, ist weiß und liegt in der Mitte der Kehle. Im Herzen vereinigen sich die drei Leitbahnen.
55.32 Dieser Ort hat sechzehn Speichen und misst sieben Fingerbreiten. Deshalb wird er von den Yogakundigen als ursprüngliches sechzehnteiliges Zentrum bezeichnet.
55.33 Weil das Herz der Ausgangspunkt für Meditation, Mantra, Betrachtung und Wiederholung ist, wird dieses Zentrum „das ursprüngliche“ genannt.
55.34 Vor Beginn der Wiederholung soll die Gebetskette sorgfältig mit Wasser besprengt und verehrt werden, im Mandala liegend oder in der linken Hand gehalten.
55.35 „Om, Gebetskette, Gebetskette, große Maya, Verkörperung aller Kräfte! Die vier Lebensziele sind in dir enthalten. Darum schenke mir Vollendung.“
55.36 Nach der Verehrung nehme man die Kette in die rechte Hand und lege sie auf das mittlere Glied des Mittelfingers, ohne den Zeigefinger zu verwenden.
55.37 Der Mittelfinger wird dabei mit Ringfinger und kleinem Finger zusammengebogen. Auf ihm ruht die Kette; mit der Daumenspitze wird jeweils
55.38 eine Perle erfasst und bei jeder Wiederholung weitergeführt, Bhairava. Man spricht jedes Mal den Mantra und bewegt dabei die Lippen nur leicht. Eine nähere Zeitangabe ist unklar.
55.39 Die Perlen sollen während der Wiederholung nicht zugleich vom Daumen berührt werden. Der Daumen, der die vorige Wiederholung gezählt hat, soll nicht vorzeitig die nächste Perle erfassen, Bhairava.
55.40 Wer während der Wiederholung an der vorherigen Perle bereits die nächste mit dem Daumen berührt, dessen Wiederholung gilt nach der Ritualregel als fruchtlos.
55.41 Man halte die Kette mit der rechten Hand nahe am Herzen, meditiere die Göttin und wiederhole den Mantra. Die linke Hand soll sie dabei nicht berühren.
55.42 Die Kette soll aus Kristall, Indraksha-, Rudraksha- oder Putranjiva-Samen, goldenen Perlen, Edelsteinen, Korallen oder Lotussamen gefertigt sein.
55.43 Eine solche Gebetskette erfreut die Göttin besonders. Die Wiederholung soll stets leise erfolgen; auch mit Knoten aus Kusha-Gras oder mit der Hand kann gezählt werden.
55.44 Unter allen Kettenperlen ist Rudraksha meiner Geliebten lieb. Weil Rudraksha Rudra erfreut, gefällt es auch ihr.
55.45 Eine Korallenkette soll achtundzwanzig oder fünfundfünfzig Perlen besitzen, weder weniger noch mehr.
55.46 Wenn eine Kette aus Rudraksha, Indraksha oder Kristall zum Wiederholen verwendet wird, sollen keine anderen Perlen, etwa Putranjiva, dazwischengefügt werden.
55.47 Wird bei der Mantrawiederholung eine solche Mischung verwendet, so gewährt die erfreuende Göttin nach der Aussage des Textes weder Wunscherfüllung noch Befreiung.
55.48 Der Text verbindet dies mit einer abwertenden Wiedergeburtsdrohung: Selbst ein Kenner von Veda und Vedangas werde dadurch in einer als niedrig bewerteten Gemeinschaft geboren, die er mit den Chandalas gleichsetzt. Die Satzverbindung ist gestört.
55.49 Eine Meru-Perle soll größer als alle anderen eingefügt werden. Die erste Perle ist groß, die folgenden werden jeweils kleiner.
55.50 Sie sollen der Reihe nach angeordnet werden, sodass die Kette einer Schlange gleicht. Zwischen den Perlen kann jeweils ein Brahma-Knoten angebracht werden.
55.51 Oder man fertigt sie ohne Knoten mit einer festen Schnur. Für den Brahma-Knoten wird die Schnur in der Mitte zweimal und am Ende mit einer halben Windung geführt.
55.52 Der rechtsläufige Knoten heißt Brahma-Knoten. Die Kette soll mit einem Mantra zusammengefügt werden, niemals ohne Mantra.
55.53 Die Schnur soll fest sein, damit sie während der Wiederholung nicht reißt. Man halte die Kette so, dass sie nicht aus der Hand fällt.
55.54 Das Herabfallen gilt dem Text als Zeichen eines Hindernisses, das Reißen als Todeszeichen. Wer die Kette und die Wiederholung in dieser Weise richtig ausführt,
55.55 erlangt nach der Verheißung sein gewünschtes Ziel; bei Mängeln tritt das Gegenteil ein. Auch bei der Wiederholung für andere Gottheiten soll eine passende, die Gottheit erfreuende Kette verwendet werden.
55.56 Ein solcher Übender soll diese Ordnung befolgen und nicht davon abweichen. Er wiederhole nach seinen Kräften und zähle dabei sorgfältig.
55.57 Eine ungezählte Wiederholung gilt als fruchtlos. Nach dem Wiederholen lege man die Kette auf das Haupt oder an einen erhöhten Ort.
55.58 Dann trage man den Lobpreis vor und bringe seinen Wunsch vor. Auch dieser Lobpreis ist ein großer Mantra, der alle Vorhaben verwirklicht.
55.59 Ich werde ihn euch erklären, Hochherzige; er gewährt alle Vollendungen: „Du Segensreichste unter allem Segensreichen, Shiva, die du alle Ziele erfüllst,
55.60 du Zuflucht, Dreiäugige, Gauri, Narayani: Verehrung dir!“ Diesen Lobpreis soll der Übende siebenmal wiederholen.
55.61 Dann vollziehe er fünf Verneigungen mit den Mantras „Aim Hrim Shrim“, auch vor den anderen verehrten Gestalten; nach Wunsch kann er weitere hinzufügen.
55.62 Danach zeige er die Yoni-Handgeste und verabschiede die Göttin. Dazu werden beide Hände ausgestreckt und zu einer nach oben geöffneten Schale verbunden.
55.63 Die beiden Daumenspitzen werden an die Spitzen der kleinen Finger gelegt. Der linke kleine Finger wird vor den linken Ringfinger gelegt.
55.64 Ebenso wird der rechte kleine Finger an den rechten Ringfinger gelegt. Die beiden Mittelfinger werden auf die Rückseiten der Ringfinger gelegt.
55.65 Die beiden Zeigefingerspitzen werden an die Spitzen der kleinen Finger geführt. Dies heißt Yoni-Handgeste und gilt als der Göttin erfreulich. Die Handanordnung ist aus dem Wortlaut nicht vollständig eindeutig rekonstruierbar.
55.66 Der Übende soll diese Geste dreimal mit dem Grundmantra zeigen. Dann lege er sie auf sein Haupt und zeichne ein weiteres Mandala
55.67 im Nordosten mit der Handspitze, ohne Tor und ohne Lotus. Dort verehre er Raktachanda mit dem Mantra „Hrim Shrim“.
55.68 Mit „Verehrung der Raktachanda“ lege er die verbliebenen Opfergaben dort nieder. Danach sollen die Reste ins Wasser oder an die Wurzel eines Baumes gegeben werden.
55.69 Wer die segensreiche Göttin nach dieser Ordnung verehrt, erlangt nach der Verheißung bald alle Wünsche seines Herzens.
55.70 Zuerst soll der Übende fünfzigtausend Mantrawiederholungen vollziehen und die vorbereitende Praxis insbesondere mit vielfältigen Speisegaben ausführen.
55.71 Er errichte eine Feuergrube entsprechend dem Mandala und faste am achten Tag. Am neunten Tag der hellen Monatshälfte zeichne er mit fünf Farbpulvern
55.72 das Mandala wie zuvor und verehre Chandika nach derselben Ordnung in Gegenwart des Guru und der Eltern.
55.73 Mit Sesam zusammen mit Bilva-Blättern soll er dreihundertacht Feuerdarbringungen vollziehen und dabei dreitausend Mantrawiederholungen ausführen.
55.74 Er bringe Speisen, Duftstoffe, Blumen und ein ihr liebes Gewand dar, ferner die zuvor genannten Gaben und Milchreis.
55.77a Am Ende der Verehrung sollen drei Opfergaben der entsprechenden Art dargebracht werden, dazu Zinnober, Gold, Edelsteine und weiterer Frauenschmuck. Die Vorlage trägt hier 77 statt 75.
55.76 Nach seinen Kräften bringe er reichlich Blumen und Girlanden, ein reiches Gericht aus geröstetem Mehl, gekochten Reis und Beigaben aus Kuhmilchprodukten dar.
55.77b Am neunten Tag soll der Göttin eine vollständige Opfergabe mit geklärter Butter und den weiteren Zutaten gegeben werden. Dem Guru gebe man als Ehrengabe Gold, eine Kuh und Sesam.
55.78 Für die Mantraunterweisung schließt der Text einen verfluchten, kinderlosen, tadelnswerten, spielsüchtigen oder pflichtvergessenen Lehrer aus, ebenso einen, der die Ritualordnung nicht kennt, kleinwüchsig ist oder seinen Guru schmäht.
55.79 Auch ein beständig missgünstiger Guru soll gemieden werden. Der Guru ist die Wurzel des Mantras; ist die Wurzel rein, so wird das aus ihr Hervorgehende
55.80 fruchtbar. Deshalb soll die Übermittlung des Mantras sorgfältig geprüft werden. Wer ihn durch Täuschung, Zorn, Verblendung oder unlautere Absicht aus dem Mund des Guru aufnimmt,
55.81 oder ihn in Ritualbüchern sieht und sich heimlich aneignet, fällt nach der Drohung des Textes wegen Mantradiebstahls in die Finsternishölle Tamisra.
55.82 Dort bleibt er drei Manvantaras und wird danach in unheilvollen Lebensformen geboren. Einem Hinterlistigen, Grausamen, Unverständigen, Täuscher oder Menschen ohne Hingabe
55.83 soll kein Mantra gegeben werden, ebenso wenig einem Verdorbenen, wie man gutes Saatgut nicht in ungeeignetes Wildland legt. Nach der vorbereitenden Praxis soll der Wunsch durch hunderttausend Wiederholungen verwirklicht werden.
55.84 Denn durch diese Vorbereitung schwinden nach dem Text die Verfehlungen. Durch zweihunderttausend Wiederholungen des Mantras, beste Männer,
55.85 täglich zu den drei Übergangszeiten und zusammen mit den Keimsilben, wird der Übende nach der Verheißung zum Dichter, Redner, Gelehrten und berühmten Menschen.
55.86 Höre nun vom Ort der Verehrung, vorzüglicher Übender. Wo immer ein Mensch an einem einsamen Ort die Verehrung vollzieht,
55.87 nimmt die Göttin selbst Blatt, Blume, Frucht und Wasser an. Ein Stein oder ein einsamer, vorbereiteter Bodenplatz gilt als geeignet.
55.88 Die leise Mantrawiederholung wird als die vorzüglichste bezeichnet. Im Zustand ritueller Unreinheit soll Mahamaya niemals äußerlich verehrt werden.
55.89 Ein Mensch voller Hingabe soll den Mantra dennoch im Geist erinnern. Bei Zahnfleischbluten untersagt der Text jedoch selbst diese Erinnerung.
55.90 Er verbindet das Erinnern an irgendeinen Mantra in diesem Zustand mit einer Höllendrohung. Bei einer blutenden Wunde oberhalb des Knies sollen die täglichen Riten unterbleiben.
55.91 Bei Blutfluss darunter sollen die anlassbezogenen Riten unterbleiben. Auch bei ritueller Unreinheit durch Geburt, nach Rasur oder Geschlechtsverkehr,
55.92 bei Rauchaufstoßen oder Erbrechen sollen die täglichen Riten ausgesetzt werden. Ebenso nennt der Text unverdaute Nahrung und das Essen vor der Handlung.
55.93 Die täglichen Riten sollen bei Unreinheit nach Geburt oder Tod nicht vollzogen werden. Ferner nennt der Text Blätter, Blüten, Betel und als Heilmittel verwendete Stoffe,
55.94 Früchte und Gewürze bis hin zu langem Pfeffer. Die Bestimmung über deren Einnahme und über Wasser enthält eine unklare Ausnahme für medizinische Verwendung.
55.95 Unter den genannten Umständen sollen tägliche und anlassbezogene Riten unterbleiben. Wer Blutegel, Schlangen, Würmer oder Regenwürmer
55.96 absichtlich mit der Hand berührt hat, soll die täglichen Riten aussetzen. Besonders die Verehrung der Segensreichen soll ein Mensch, dessen Vater gestorben ist,
55.97 bis zum Ablauf eines Jahres nach dieser Vorschrift nicht einmal im Geist vollziehen. Beim Tod eines großen Lehrers oder maßgeblichen Älteren soll keine wunschbezogene Handlung vorgenommen werden.
55.98 Genannt werden dabei die Tätigkeit als Opferpriester, das Brahma-Opfer, das Ahnenopfer und das Götteropfer. Wer einen Guru oder Brahmanen geschmäht oder mit der Hand geschlagen hat,
55.99 soll die täglichen Riten nicht vollziehen, ebenso nach einem Samenerguss, Bhairava. Sitz und Gefäß der Ehrengabe dürfen nicht beschädigt sein.
55.100 Auf salzig-unfruchtbarem oder von Würmern besetztem Boden soll nicht verehrt werden, selbst wenn er gereinigt ist. Auf einem niedrigen Sitz, körperlich rein und mit gesammeltem Geist,
55.101 soll man die Göttin Chandika oder eine andere Gottheit verehren, Bhairava. Unter den Himmelsrichtungen ist die Richtung Kuberas, der Norden, heilvoll und spendet günstige Früchte.
55.102 Darum soll man Chandika stets nach Norden gewandt verehren. Blumen mit Ungeziefer, zerfallene, zerbrochene oder zertretene Blumen,
55.103 solche mit Haaren, von Mäusen beschädigte, erbettelte, fremdes Eigentum bildende, abgestandene, von einer nach der Ritualordnung ausgeschlossenen Person oder mit dem Fuß berührte Blumen soll man sorgfältig meiden. Eine Personenbezeichnung der Vorlage ist beschädigt.
55.104 Dies ist die höchste, erfreuliche Ordnung der Verehrung Shivas, der Göttin. Wer sie danach verehrt, erlangt nach der Verheißung sein gewünschtes Ziel und gelangt bald in Chandikas Wohnstätte, Bhairava.
Kapitel 56
56.1 Der Erhabene sprach: Höre nun das Schutzgebet dieses Mantras, Vetala und Bhairava, das zum Vaishnavi-Tantra und besonders zu Vaishnavi gehört.
56.2 Die erste Silbe des Mantras trägt Vasudevas Gestalt, die zweite ist Brahma selbst, die dritte Chandrashekhara.
56.3 Die vierte ist der Elefantengesichtige, die fünfte die Sonne. Der Laut Pa ist die Kraft selbst, die große Maya, die das All verkörpert.
56.4 Der Laut Ya ist Mahalakshmi, der letzte Laut Sarasvati. Die Yogini der ersten Silbe wird Shailaputri genannt.
56.5 Die Yogini der zweiten Silbe ist Chandika, die der dritten Chandraghanta und die der folgenden Kushmandi.
56.6 Dem Laut Ta gehört Skandamata zu, dem Pa Katyayani selbst, dem siebten Kalaratri. Als letzte wird hier die große Göttin genannt.
56.7 Zuerst kommt der Schutz durch die Silben, dann der Schutz durch die Yoginis, danach durch die Götterscharen und durch die Göttinnen der Himmelsrichtungen.
56.8 Darauf folgen der Schutz der Seiten, der Schutz der zweiten Lautform und anschließend der Schutz durch den sechssilbigen Mantra.
56.9 Als weiterer wird der undurchdringliche Schutz genannt, der gänzlich der Bewahrung dient. Wer diese acht Schutzgebete kennt, ist ein vorzüglicher Mensch.
56.10 Er ist ich selbst, Mahadeva, kraftvoll und auch von der Gestalt der Göttin. Der Seher dieses Schutzgebets des Vaishnavi-Tantras ist Narada, das Versmaß Anushtubh.
56.11 Die Gottheit ist Katyayani; die Anwendung dient der Verwirklichung aller Wünsche und Anliegen. Der Laut A möge mich im Osten schützen, Ka stets im Südosten.
56.12 Cha möge in Yamas Richtung, dem Süden, schützen, Da immer im Südwesten; Ta möge mich im Westen schützen und die Kraft im Nordwesten.
56.13 Ya möge mich im Norden schützen und der letzte Laut im Nordosten. Sa möge mein Haupt behüten, Ka meinen rechten Arm. Die Bezeichnung des Lauts für den Nordosten ist beschädigt.
56.14 Cha möge meinen linken Arm schützen, der rückgebogene Ta stets mein Herz; Ta möge meine Kehle schützen und die Kraft meine Hüften.
56.15 Ya möge meinen rechten Fuß schützen, der letzte Zischlaut meinen linken Fuß. Shailaputri möge mich im Osten schützen, Chandika im Südosten.
56.16 Chandraghanta möge mich im Süden schützen und die Furcht vor Yama überwinden. Im Südwesten möge Kushmandi, die Mutter der Welten, mich behüten. Das Wort zur Furcht vor Yama ist beschädigt.
56.17 Skandamata möge mich stets im Westen beschützen, Katyayani, die Herrin der Welt, immer im Nordwesten.
56.18 Kalaratri möge mich selbst beständig in Kuberas Richtung, dem Norden, bewahren; die reinigende Mahagauri stets im Nordosten.
56.19 Der ewige Vasudeva möge meine Augen schützen. Brahma, lotusgeboren und ohne gewöhnlichen Mutterschoß, möge mein Gesicht bewahren.
56.20 Chandrashekhara möge stets meine Nase schützen. Haras elefantengesichtiger Sohn möge meine beiden Brüste bewahren.
56.21 Die Sonne möge stets meine linke und rechte Hand beschützen. Die höchste Herrin Mahamaya selbst möge meinen Nabel behüten.
56.22 Mahalakshmi möge meinen Schambereich schützen und Sarasvati meine Knie. Die heilvolle Mahamaya möge mich stets von Osten her bewahren.
56.23 Agnijvala, die schön Sitzende, möge mich immer im Südosten behüten; Rudrani im Süden und Chandanayika im Südwesten.
56.24 Ugrachanda, die große Herrin, möge mich stets im Westen schützen, Prachanda im Nordwesten und die Furchtgestaltige im Norden.
56.25 Die ewige Ishvari möge mich stets im Nordosten behüten. Mahamaya möge mich von oben schützen, die höchste Herrin von unten.
56.26 Ugra möge mich von vorn schützen, Vaishnavi von hinten. Die schöne Brahmani möge stets meine rechte Seite bewahren.
56.27 Maheshvari mit dem Stierbanner möge stets meine linke Seite schützen. Kaumari möge mich auf dem Berg, Varahi im Wasser behüten.
56.28 Narasimhi möge mich bei Gefahr durch Tiere mit Fangzähnen und in den Wäldern schützen. Aindri möge mich im Luftraum sowie in jedem Wasser und auf jedem Land bewahren.
56.29 Die Brückensilbe möge alle meine Finger schützen, der Anfang des Gottesmantras meine Ohren, sein Ende mein Kinn und die fünfte Kraftsilbe meine Seiten. Die Lautbezeichnungen bleiben hier verschlüsselt.
56.30 Ha möge meine Schenkel schützen, Maya meine Unterschenkel. Ya möge sämtliche Sinne und stets die Haarporen behüten.
56.31 Er möge meine Haut bewahren; Shambhu möge mich stets schützen. Ram möge Nägel, Zähne, Hände, Lippen und die übrigen Glieder behüten.
56.32 Der Anfang des Gottesmantras möge meinen Unterleib schützen, sein Ende Brust und Achseln. Die am Anfang stehende Brückensilbe möge mich außerhalb meines Körpers behüten.
56.33 Im Ajna-Chakra, in der Sushumna, im sechsfachen Zentrum, im Herzen, in den Gelenken, im ursprünglichen sechzehnteiligen Zentrum und im Raum der Stirn
56.34 möge der Mantra des Vaishnavi-Tantras stets schützend gegenwärtig sein. In allen feinen Leitbahnen, an Seiten, Achseln und Haarspitze – die Nummer 34 ist im Schlusszeichen der Vorlage wiederholt –
56.35 in Blut, Sehnen, Mark, Gehirn und Gelenken möge der zweite achtsilbige Mantra als Schutz überall wirken.
56.36 Im Samen, im Lebenswind, in der Nabelöffnung und in allen Verbindungen des Rückens möge dieser dritte, sechssilbige Mantra mich stets behüten.
56.37 Mahamaya möge die Nasenöffnungen schützen, Vaishnavi die Öffnung der Kehle. Durga, die Not und Bedrängnis beseitigt, möge mich in allen Gelenken bewahren.
56.38 Mit „Hum Phat“ möge Kalika stets meine Ohren schützen. Die drei Augen-Keimsilben mögen in den Augen zu ihrem Schutz gegenwärtig bleiben.
56.39 Mit „Om Aim Hrim Hrau“ möge Chandika meine Nase schützen. Mit „Om Hrim Hum“ möge Tara stets an meiner Zungenwurzel weilen.
56.40 Die Brückensilbe möge in meinem Herzen bleiben, um die höchste Erkenntnis zu schützen. Mit „Om Kshaum Phat“ möge Mahamaya mich immer von allen Seiten behüten.
56.41 Mit „Om Yum Sah“ möge Kaushiki, die Beschützerin, meine Lebenskräfte bewahren. Mit „Om Hrim Hum Saum“ möge Bhargas Geliebte mich in den Hohlräumen des Körpers schützen.
56.42 Mit „Om Amah“ möge Shailaputri stets alle Krankheiten hinwegwischen. „Om Hrim Sah Sphem Kshah Phat, der Waffe“ möge vor Löwen, Tigern und Kampfgefahr schützen.
56.43 Shivaduti möge mich stets bewahren; Hrim möge in allen Waffen gegenwärtig sein. Mit „Om Ham Him Sah“ möge Chandaghanta die Öffnungen meiner Ohren schützen.
56.44 Mit „Om Krim Sah“ möge Kameshvari über meine Wünsche wachen und sie schützen. Mit „Om Am Hum Phat“ möge Ugrachanda Feinde und Hindernisse niederwerfen.
56.45a Mit „Om Pam“ möge Narasimhi mich vor Fleischfressern und Waffen schützen. Mit „Om Shrim Hrim Hram Hram“ möge Kalaratri mich stets vor dem Schwert bewahren.
56.45b Mit „Om Am“ möge Vaishnavi, die Herrin der Welt, mich stets vor dem Dreizack schützen; mit „Om Kam“ Brahmani vor dem Diskus und mit „Om Cham“ Rudrani vor der Lanze. Die Vorlage wiederholt die Versnummer 45.
56.46 Mit „Om Tam“, mit rückgebogenem T gesprochen, möge Kaumari mich vor dem Donnerkeil schützen; mit „Om Tam“ Varahi vor dem Pfeil. Mit „Om Pam“ möge Narasimhi mich vor Fleischfressern und Waffen bewahren.
56.47 Vor sämtlichen Hand- und Wurfwaffen, Vorrichtungen und schädlichen Mantras möge Chandika mich stets schützen: „Ya Sam, der Göttin wiederholte Verehrung!“ Aindri möge mich vor Verrätern und meinen Geist vor Schaden bewahren. Die letzte Verbindung ist unsicher.
56.48 „Om, Verehrung der großen Maya! Om, der Vaishnavi wiederholte Verehrung! Beschütze mich überall vor allen Wesen, höchste Herrin!“
56.49 Der achtsilbige Mantra möge durch die gabenspendende Göttin in der Grundlage, im Weg des Lebenswinds, im Herzlotus, im mondgleich lächelnden Sonnenbereich, im Unterleib und im lodernden Feuer gegenwärtig werden. Brahma trägt ihn auf dem Haupt, Hari behütet ihn in der Kehle und der Mondgekrönte im Herzen. Dieses höchste, allumfassende, dem Innern eines Lotus gleiche Keimprinzip möge mich schützen. Einzelne Ortsangaben sind unsicher.
56.50 Die ersten und letzten Laute, verbunden mit Vokalen, den bezeichneten Keimen, Nasalpunkt und Hauchlaut, bilden die von Hari und Hara gekannten tausendacht Mantras. Ihre verbindende Brücke wohnt stets im Mantra des Vaishnavi-Tantras. Dieses reine, höchste und ungeborene Prinzip möge mich auf Erden und im Raum schützen. Die verschlüsselte Lautbeschreibung ist beschädigt.
56.51 Acht Glieder, acht Vasus, die achtgestaltige Gottheit, acht Blütenblätter und acht Vollendungen werden genannt, ferner achtfache und achtmal achtfache Gruppen von Liebeskünsten und Yoga-Verbindungen. Die acht Silben mögen in mir nicht ihre Kraft verlieren. Die ausgedehnte Zahlen- und Lautstrophe ist teilweise stark verderbt und erlaubt keine sichere vollständige Deutung.
56.52 Damit ist dir das Schutzgebet gelehrt, das Recht, Wünsche und Wohlergehen verwirklicht. Es ist das höchste Geheimnis und dient allen Anliegen.
56.53 Wer dieses von mir gelehrte Schutzgebet auch nur einmal hört, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche und nach dem Tod Shivas Gestalt.
56.54 Wer es nur einmal rezitiert, erhält nach derselben Verheißung die Frucht sämtlicher Opfer; daran bestehe kein Zweifel.
56.55 Im Kampf besiegt er seine Feinde wie ein Löwe die Elefanten. Wie Feuer Gras verbrennt, so überwindet er stets die Feinde.
56.56 Weder Hand- noch Wurfwaffen dringen nach dem Schutzversprechen in seinen Körper ein; Krankheit und Leid entstehen ihm nicht.
56.57 Auch die besonderen Fähigkeiten durch Zauberpillen, Augensalben, Zugang zur Unterwelt, Fußsalben und alchemistische Mittel sowie Vertreibung und weitere Wirkungen sollen ihm zuteilwerden.
56.58 Seine Bewegung wird dem Wind gleich und von anderen nicht aufzuhalten. Er erlangt nach der Verheißung langes Leben, Liebesfreuden und Reichtum.
56.59 Wer am achten Tag Enthaltsamkeit wahrt und am neunten die Segensreiche nach Vorschrift verehrt und sie im Geist betrachtet,
56.60 und dann das Schutzgebet in seinen Körper einsetzt, erhält folgende verheißene Frucht: Er überwindet Krankheit, lebt hundert Jahre und besitzt Schönheit und gute Eigenschaften.
56.61 Er ist mit Reichtum, Edelsteinen und Wissen erfüllt. Nach dem Schutzversprechen verbrennt Feuer seinen Körper nicht, und Wasser durchnässt ihn nicht.
56.62 Wind trocknet ihn nicht aus, ein Fleischfresser verletzt ihn nicht, Waffen zerschneiden ihn nicht, und die Sonne versengt ihn nicht.
56.63 Ihm entsteht kein Hindernis und kein Fieber. Vetalas, Pishachas, Rakshasas und Herren der Scharen
56.64 sowie die vier Gruppen von Wesen gelangen unter seine Gewalt. Wer das von Hari geschaffene Schutzgebet stets mit Hingabe rezitiert,
56.65 ist nach dieser Gleichsetzung ich selbst, Mahadeva, und die Mutter Mahamaya. Recht, Wohlergehen, Wunscherfüllung und Befreiung liegen stets in seiner Hand.
56.66 Als Gelehrter kann er anderen mit seinen Mitteln Gaben gewähren. Dichterkraft und Wahrhaftigkeit entstehen beständig in ihm.
56.67 Er kann tausende Strophen vortragen und das Gehörte behalten. In wessen Haus dieses Schutzgebet aufgeschrieben liegt, Bhairava,
56.68 dem entsteht nach der Verheißung kein Unheil und keine Befleckung. Alle Planetengottheiten werden ihm gewogen, und Könige folgen seinem Einfluss. Im zweiten Satzteil ist die Verneinung der Vorlage verkürzt.
56.69 In einem Reich, in dem ein Kenner des Schutzgebets lebt, treten nach dem Text keine Landplagen auf. Nun folgen verschlüsselte Bezeichnungen für einen weiteren Mantra: Brückensilbe, Gottesformel, Kraftkeim, fünfter Laut und Grußformel.
56.70 Die Verbindung mit Wind und Kraft bildet den zweiten achtsilbigen Mantra. Brückensilbe, Gottesformel und „der Vaishnavi“ bilden den als sechssilbig bezeichneten Mantra. Die erste Lautanweisung ist beschädigt.
56.71 Wessen Zungenspitze diese beiden stets trägt, in dessen Körper wohnt die Göttin Mahamaya immer.
56.72 Om ist die Brücke der Mantras; der Urlaut wird deshalb Brücke genannt. Fehlt Om am Anfang, verrinnt ihre Kraft; fehlt es am Ende, zerfällt sie.
56.73 Die Götter nennen den großen Grußmantra „Gott“. Er ist der Mantra für die Zweimalgeborenen und bei sämtlichen Handlungen auch für die Shudras.
56.74 Prajapati entnahm einst den Laut A, den Laut U und den Laut M den drei Veden und bildete daraus den Urlaut Om.
56.75 Für Brahmanen wird er nach dieser Einteilung mit erhobenem Ton, für Könige mit nicht erhobenem Ton und für die aus den Schenkeln hervorgegangenen Vaishyas mit gleichmäßigem Ton gebraucht; auch im Geist soll er so erinnert werden.
56.76 Der vierzehnte und letzte Vokal, Au genannt, zusammen mit Nasalpunkt und Halbmond, wird als Brückensilbe der Shudras bezeichnet.
56.77 Wie Wasser ohne Damm in einem Augenblick nach unten abfließt, so verrinnt nach der Lehre des Textes die Kraft eines Mantras ohne seine Brückensilbe.
56.78 Deshalb sollen die Angehörigen der vier Stände bei der Mantrawiederholung die entsprechende Brückensilbe an den Seiten des Mantras anbringen. Die Verbindung der Standesbegriffe ist in der Vorlage widersprüchlich.
56.79 Für Shudras wird wahlweise eine Brückensilbe am Anfang oder an beiden Enden genannt. Für Zweimalgeborene werden stets zwei, eine an jedem Ende, vorgeschrieben.
56.80 Aurva sprach: Damit habe ich dir das ganze von Tryambaka gelehrte Schutzgebet erzählt: den undurchdringlichen Schutz, die vorzüglichen acht Schutzformen.
56.81 Diese Ritualordnung des Mahamaya-Mantras mit ihrem Schutzgebet, ihren Mantras und dem sechssilbigen Mantra ist in den drei Welten schwer zu erlangen.
56.82 Wenn du sie stets mit Hingabe liest und Vaishnavis Mantra wiederholst, bester König, wirst du nach dieser Verheißung alle Vollendungen erlangen.
Kapitel 57
57.1 Markandeya sprach: Nachdem König Sagara dieses Gespräch Bhargas mit Bhairava und Vetala gehört hatte, fragte er Aurva erneut.
57.2 Sagara sprach: Du hast erklärt, dass der im Körper gegenwärtige Mantra die Glieder bildet, Brahmane. Lehre mich nun die Gliedermantras der Göttin, bester Brahmane.
57.3 Erkläre auch sämtliche weiteren Mantras, alle Orte der Verehrung, die ergänzenden Mantras und die einzelnen Schutzgebete.
57.4 Erzähle von Kamakhyas Größe mit ihren Geheimnissen und Mantras, so wie der erhabene Mahadeva, Umas Gatte,
57.5 dies Vetala und Bhairava ausführlich darlegte. Wenn ich diese große, wunderbare Lehre höre, werde ich nicht satt.
57.6 Was du erzählst, erweckt in mir höchste Wissbegier. Aurva sprach: Höre, vorzüglicher König, was Umas Gatte seinen beiden Söhnen
57.7 als große Lehre mitteilte. Ich werde es jetzt erzählen. Dies ist das höchste Geheimnis, reinigend und verfehlungstilgend.
57.8 Es gilt als höchstes Segensritual für Menschen, als Mittel zur Förderung eines männlichen Kindes im Mutterleib, als heilvoll, glückverheißend und als Spender der vier Lebensziele.
57.9 Einem Hinterlistigen, Unbeständigen, Gottesleugner oder Unbeherrschten, ebenso einem, der Götter, Brahmanen oder Lehrer mit falschen Vorwürfen bedrängt,
57.10 soll es nach den Zugangsbeschränkungen des Textes nicht mitgeteilt werden; ebenso wenig einem als sündig oder verflucht Geltenden, einem Menschen mit Lahmheit, Einäugigkeit oder anderen Krankheiten oder einem Menschen ohne Vertrauen.
57.11 Nachdem Umas Gatte Vetala und Bhairava die Ritualordnung des Mahamaya-Mantras gelehrt hatte, sprach er weiter.
57.12 Der Erhabene sprach: Ich habe das vorzügliche Verfahren erklärt und werde nun die Gliedermantras lehren. Versteht zuerst diese Ordnung, die bei allen Verehrungen dazugehört.
57.13 Nach dem Bad und dem rituellen Mundspülen, gereinigt für die Götterverehrung, bleibe man zunächst vier Ellen außerhalb des Opferplatzes.
57.14 Oder man stehe am Eingang des Hauses, verneige sich mit dem Haupt vor dem Guru und grüße im Geist die eigene erwählte Gottheit und die Hüter der Himmelsrichtungen.
57.15 Man erinnere sich der Verfehlungen, die man an diesem oder einem früheren Tag begangen hat und die noch nicht durch Sühne getilgt sind.
57.16 Um diese zu entfernen, spreche man zwei Mantras: „Göttin, mein gewöhnlicher Geist ist von Verfehlung umfangen.
57.17 Entferne diese Verfehlung aus meinem Geist! Hum Phat, Verehrung dir! Sonne, Mond, Yama, Zeit und die fünf großen Elemente,
57.18 diese neun sind hier Zeugen guter und schlechter Taten.“ Dann betrachte man mit „Hum Phat“ die Seiten, oben und unten
57.19 und sich selbst mit strengem Blick und werde innerlich heiter. Wenn zuerst so die Entfernung der Verfehlungen vollzogen wurde,
57.20 bleibt eine fest verwurzelte Verfehlung nach dieser Vorstellung in der Ferne und kehrt nach Ende der Verehrung an ihren Platz zurück.
57.21 Eine geringere Verfehlung wird dagegen vernichtet. Mit dem Mantra „Om Ah Phat“ betrete man dann den Opferplatz.
57.22 Wer bei der Verehrung seine Verfehlungen abgelegt hat, erlangt nach dem Text rasch den gewünschten Erfolg. Mit der Naracha-Handgeste und gleichmäßigem Blick betrachte man
57.23 Blumen, Speisegaben, Duftstoffe und anderes unter den Mantras „Hrim Hum Phat“. Etwaige unbemerkte Verunreinigungen der Blumen und übrigen Gaben,
57.24 etwa durch nach der Ritualordnung unerlaubte Berührung, unrechtmäßigen Erwerb, Vermischung mit Opferresten oder Insekten,
57.25 werden nach dieser Lehre durch das rituelle Betrachten der Gaben beseitigt. Dann berühre man mit dem Mantra „Ram“ die Flamme der Lampe.
57.26 Durch diese Berührung wird die Lampe glückverheißend. Wenn darin Falter, Insekten, Haare oder Ähnliches verbrannt wurden, gilt das Feuer als mit Fleischverbrennung verbunden.
57.27 Auch eine unbemerkte Verunreinigung durch Fett, Mark oder Knochen, die es für das Opfer ungeeignet machte, wird nach dieser Vorstellung durch die Berührung beseitigt.
57.28 Mit dem Narasimha-Mantra soll der Opfernde das Trinkwasser im Gefäß ansehen, besprengen und mit der als Götterfurt bezeichneten Stelle der Hand berühren.
57.29 Das links stehende Gefäß halte er mit der linken Hand und weihe es mit dem Mantra der Grundlage. Dabei berühre er das Wasser.
57.30 Eine für Opfer und Gabe ungeeignete Beimischung oder eine andere unerkannte Verunreinigung des Gefäßes oder des Wassers,
57.31 etwa durch Berührung einer Leiche im Wasserbecken oder durch Baden, wird nach dem Text für die Götterverehrung dadurch beseitigt.
57.32 Der Narasimha-Mantra wird aus verschlüsselten Lautbezeichnungen gebildet: dem Sohn Prajapatis, dem Endlaut bei Ha, einem Vokal sowie Halbmond und Punkt. Die genaue Lautfolge ist aus dieser Lesart nicht sicher aufzulösen.
57.33 Die erste Silbe des eigenen Namens, mit Punkt und Halbmond versehen, soll der Übende als Mantra der Grundlage zur Erfüllung des Vorhabens kennen.
57.34 Dann nehme er mit diesem Mantra seinen Sitz in beide Hände, stelle ihn hin und berühre ihn erneut mit der Hand.
57.35 Mit dem eigenen Mantra setze er sich auf diesen vorzüglichen Sitz. Ein Mangel des Sitzes, etwa durch einen ungeeigneten Hersteller,
57.36 wird, soweit er unbekannt ist, nach dieser Lehre durch das Hinsetzen mit Mantra beseitigt. Zuerst wird die eigene Namenssilbe mit dem halben Mond verbunden
57.37 und mit dem Punkt versehen; dies ist der eigene Mantra des Übenden. Danach soll der Kundige die Buchstabenmütter mit Klang und Punkt
57.38 unter ihren Mantras in den eigenen Körper einsetzen. Unbemerkte Fehler im Ritual oder bei der Aussprache der Mantras,
57.39 etwa fehlerhafte Berührung oder verlorene Lautlänge, werden durch die eingesetzten Buchstabenmütter beseitigt.
57.40 Alle Konsonanten und die mit Vishnu und anderen Namen bezeichneten Vokale, geschmückt mit Mond und Punkt, sind die Mantras der Buchstabenmütter.
57.41 Wenn alle der Reihe nach eingesetzt sind, vervollständigen die Buchstabenmütter selbst das Fehlende im Mantra und in der Ritualordnung. Eine nähere Ortsangabe ist beschädigt.
57.42 Ein kurzer Laut hat eine Zeiteinheit, ein langer zwei; ein überlanger Laut wird mit drei Zeiteinheiten bestimmt. So sind die Laute geordnet.
57.43 Die Göttinnen der Zeiteinheiten sämtlicher Laute sind die Buchstabenmütter, Shivaduti und die anderen. Durch ihre Einsetzung wohnen sie im Körper.
57.44 Sie ergänzen die fehlenden Bestandteile, schenken bald die vier Lebensziele und gewähren bei der Götterverehrung stets Schutz.
57.45 Diese Einsetzung der Buchstabenmütter verleiht die vier Lebensziele, erfüllt alle Wünsche und schenkt stets Zufriedenheit und Gedeihen.
57.46 Wer sie vollzieht, auch ohne anschließende Götterverehrung, vor dem fürchten sich nach der Verheißung die vier Gruppen von Wesen.
57.47 Selbst die Götter verlangen danach, diesen Machtvollen zu sehen. Er bringt alles unter seinen Einfluss und erleidet keine Niederlage.
57.48 Zur Reinigung der Hände nehme der Übende mit dem Vishnu-Mantra eine Blume mit den Fingerspitzen auf, um sie zu zerreiben.
57.49 Der Vaishnava-Mantra wird verschlüsselt aus dem vorletzten Laut, Halbmond, Leere und einem über dem Endlaut Rudras stehenden Zeichen beschrieben. Eine sichere Auflösung ist nicht möglich.
57.50 Mit dem Prasada-Mantra nehme er die Blume an den Fingerspitzen und zerreibe sie dann zwischen beiden Händen.
57.51 Mit dem Kama-Keim zerreibe er sie weiter, rieche mit dem Brahma-Mantra daran und werfe sie mit Prasada nach Nordosten.
57.52 Dadurch werden die Hände nach der Rituallehre besonders gründlich gereinigt, auch nach Berührung von Blutegeln, Schlangen und Ähnlichem.
57.53 Alle unbemerkte Verunreinigung der Hände durch übelriechende Dinge oder Speisereste wird nach dieser Vorschrift beseitigt.
57.54 Durch das Aufnehmen der Blume werden die Fingerspitzen gereinigt, durch das Zerreiben die beiden Handflächen.
57.55 Durch weiteres Reiben werden die Handrücken gereinigt, durch das Riechen die Nasenspitze. Die heiligen Wasserstellen werden dabei an Nase und Hand gegenwärtig.
57.56 Darum sollen diese Handlungen sorgfältig ausgeführt werden, Bhairava. Für Prasada werden der erste Laut der Endgruppe und der mit Vasudeva bezeichnete Laut verbunden,
57.57 mit Shambhus Mondsichel und dem Punkt versehen. So wird Prasada genannt. Der Kama-Keim wird durch Vasudeva, Mond und Punkt bezeichnet.
57.58 Für den Brahma-Keim werden Konsonanten, die erste und letzte dentale Lautgruppe und zwei erste Dentale nach dem Urlaut genannt. Die verschlüsselte Folge ist in der Vorlage beschädigt.
57.59 Dies heißt Brahma-Keim, der alle Verfehlungen tilgt. Zuerst werde Om lang ausgesprochen, um den Mund zu reinigen.
57.60 Mit Vasudevas Keimsilbe soll die Atemregelung vollzogen werden. Dabei betrachte man die Gestalt der zu verehrenden Gottheit mit ihrem Schmuck und Reittier.
57.61 Bei der Einatmung und den übrigen Phasen bleibe diese Gestalt gegenwärtig. Der im Vaishnavi-Tantra-Mantra voranstehende Kehllaut
57.62 ist Vasudevas Keim und stets wie der Vollmond zu betrachten. Dann soll zunächst mit dem Keim für Gangas Herabkunft und der Dhenu-Handgeste
57.63 das Wasser im Gefäß der Ehrengabe in Nektar verwandelt werden. Der Mantra besteht aus einem Kehllaut mit Mondsichel sowie dem bezeichneten fünften Laut und Kraftkeim.
57.64 Dies ist der Mantra von Gangas Herabkunft, der alle Verfehlungen tilgt. Vishnu mit zwei Zeiteinheiten wird als Kraftkeim bezeichnet.
57.65 Nach dieser Nektarverwandlung wird das dargebrachte Wasser nach der Ritualvorstellung zu Nektar und erfreut die Gottheit.
57.66 Auch Ganga selbst kommt in das Wasser des Verehrungsgefäßes. Die Nektarverwandlung dient der Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen.
57.67 Als geeignete Sitzhaltungen bei der Verehrung der erwählten Gottheit gelten Svastika, Gomukha, Padma, Halb-Svastika und Paryanka.
57.68 Diese Anordnung der Füße wird als besonders geeignet für die Mantras beschrieben. Der Kundige soll sie zuerst mit Varahas Keimsilbe einnehmen.
57.69 Varahas Keim wird durch den Anfang von Maya, den vierten zum Feuerkeim gehörenden Laut und den darüberstehenden sechsten Vokal bezeichnet. Die Lautanweisung ist nicht sicher aufzulösen.
57.70 Sind die beiden Füße durch Varahas Keim rituell gereinigt und angeordnet, entsteht beim Schauen der erwählten Gottheit kein Mangel durch den Anblick der Füße.
57.71 Andernfalls gilt das Anschauen der Füße bei der Götterverehrung als unangemessen. Da man durch den Mantra die gewünschten Ziele erlangt, soll man dem Mantra hingegeben sein.
57.72 Mit dem Kurma-Mantra soll der Übende die Schildkröten-Handgeste bilden. Mit der darin geweihten Blume verehre er seinen eigenen Körper.
57.73 Durch die Verehrung mit dieser Blume wird der eigene Körper nach der Ritualvorstellung göttlich. Der zweite Laut des Vaishnavi-Tantra-Mantras, mit Punkt und Mond
57.74 und dem sechsten Vokal versehen, heißt Kurma-Keim. Vor der inneren Verbrennung und Überflutung soll der Übende die zehnte Öffnung
57.75 mit dem Urlaut-Mantra in der Vorstellung durchbrechen. Mit Vasudevas Keim soll er das Lebensprinzip in den Raum versetzen,
57.76 zusammen mit der Lebenskraft, wie zuvor erklärt. Bei sorgfältig Übenden können beim Reinigen des Mandala-Platzes unbemerkte
57.77 Verunreinigungen von Gegenständen oder durch Berührungen auftreten. Die Erde erhielt ihre Festigkeit aus den Fettmassen Madhus und Kaitabhas.
57.78 Die Erde wird hier als bei der Götterverehrung stets rein bezeichnet. Dennoch wird hinzugefügt, dass die Götter bis heute die Erde nicht mit den Füßen berühren.
57.79 Auch lassen sie ihren eigenen Körperschatten nicht auf die Erde fallen. Um den damit bezeichneten Mangel zu beseitigen, soll der königliche Mantra auf den Boden geschrieben werden.
57.80 Durch Besprengen oder rituelles Betrachten wird die Erde gereinigt. Der Opferplatz soll mit dem Dharma-Keim betrachtet werden.
57.81 Der Endlaut der Dentalgruppe, verbunden mit Kraft, Mondsichel und Punkt, heißt Dharma-Keim und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen.
57.82 Aufnehmen, Halten, Aufstellen und Verehren, Füllen mit Wasser sowie Einlegen von Duftstoffen und Blumen,
57.83 Einsetzen des Mandalas, erneutes Einlegen einer Blume und Verwandeln in Nektar: Dies sind die Handlungen am Gefäß.
57.84 Mit dem Aniruddha-Mantra wird es aufgenommen, mit dem Waffenmantra gehalten. Das Mandala wird mit dem vorangestellten Sprachkeim in das Gefäß eingesetzt.
57.85 Der erste Laut mit zwei nachfolgenden Punkten heißt Aniruddha-Keim. Aniruddha mit abschließendem „Phat“ wird Waffenmantra genannt.
57.86 Für die folgenden Keime werden Shambhu, ursprüngliche Kraft, Endlaut und vollständige Lautform jeweils in bestimmter Reihenfolge und mit Punkt verbunden. Die genaue verschlüsselte Folge ist beschädigt.
57.87 Der dritte Vagbhava-Keim wird als vollständig und zugleich ungeteilt bezeichnet. Der vierte Vokal wird in vollständiger Form mit Punkt und Mond verbunden.
57.88 Der erste Laut der ersten Konsonantengruppe bildet den zweiten Vagbhava-Keim. Dieser heißt Kamaraja und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen.
57.89 Der Keim des aus dem Geist geborenen Liebesgottes, verbunden mit der Kundalini-Kraft und Vasudeva, wird der erste Vagbhava-Keim genannt.
57.90 Dieser erste Vagbhava heißt Sarasvata. Die einzelnen Keime, mit Kama beginnend, bilden zu dritt Tripuras Glanz.
57.91 Der erste und der dritte Laut, mit Halbmond und Punkt geschmückt, bilden den Mantra Madanas, der die Frucht der Liebesfreude gewährt.
57.92 Ich werde das sonnenhelle Yantra beschreiben, dessen Gestalt entsprechend angeordnet ist. Es wird wegen seiner Wesenseinheit auch Kundalini-Kraft genannt. Der Beginn des Verses ist beschädigt.
57.93 Mit diesem Mantra soll der Opfernde störende Wesen entfernen. Dadurch ziehen die am Ort befindlichen Wesen bei der Götterverehrung fort.
57.94 Bleiben sie dort, so rauben sie nach dieser Vorstellung gierig die Speisegaben und das Mandala, und die Götter nehmen die Gaben nicht an.
57.95 Darum sollen die Wesen sorgfältig entfernt werden. Zusammen mit dem Waffenmantra wird dafür folgende Formel gesprochen.
57.96 „Mögen die Wesen fortgehen, die als Hüter dieses Bodens hier weilen. Ohne Feindschaft gegen die Wesen vollziehe ich die Verehrung.“
57.97 Nachdem der Übende sie mit dieser Formel vom Opferplatz entfernt hat, schließe er die Himmelsrichtungen rituell ab und entferne sie auch von dort.
57.98 Vishnus Keim mit abschließendem „Phat“ dient zum Verschließen der Richtungen. Eine umkreisende Handbewegung, eingeleitet durch Fingerschnippen, bildet diesen Schutzabschluss.
57.99 Durch die Verehrung seiner selbst erlangt man die Befähigung, die Handlung zu beginnen. Der verehrte Sitz wird dem Yogasitz gleich.
57.100 Der aus den fünf Elementen bestehende Körper ist seinem Wesen nach rein, zugleich aber mit Schmutz und Verweslichem, Schleim, Kot und Urin verbunden.
57.101 Samen, Auswurf und Speichel treten aus ihm aus und machen ihn äußerlich unrein. Seine Grundbestandteile sind die fünf großen Elemente.
57.102 Zur Reinigung dieser im Körper verbundenen Elemente – Wind, Feuer, Erde, Wasser und Raum – sollen der Reihe nach
57.103 Austrocknung, Verbrennung, Beseitigung der Asche, Nektarregen und Überflutung allein in der Vorstellung vollzogen werden.
57.104 Durch das Vorstellen des Welteis, seine Teilung und die Betrachtung der Gottheit in seinem Innern wird die eigene erwählte Gottheit als das Selbst aller Dinge betrachtet.
57.105 Durch das beständige Betrachten „Er bin ich“ entsteht im eigenen Selbst die göttliche Gestalt. Die Darbringung der Blume vollendet diese Weihe.
57.106 „Ich bin die Gottheit“: Auch Speisegaben, Blumen, Duftstoffe und alles für die Verehrung Bestimmte werden als göttlich erkannt.
57.107 „Ich bin die Gottheit und ihr Träger; Göttliches wird der Gottheit dargebracht.“ Durch die Vergegenwärtigung der Göttlichkeit aller Bestandteile entsteht Reinheit.
57.108 Durch die Atemregelung werden Geist und individuelles Selbst gereinigt. Auch die im Innern befindliche Unreinheit wird dadurch nach der Ritualvorstellung beseitigt.
57.109 Wird die Gottheit im Haus verehrt, soll das Haus mit dem Sonnenkeim der Reihe nach in allen vier Richtungen betrachtet werden.
57.110 Der Sonnenkeim wird verschlüsselt aus dem Endlaut bei Ha, dem Abschlusslaut, dem Feuerkeim, dem vorletzten Laut und dem vierten Vokal in vollständiger Form beschrieben.
57.111 Dieser als Aditya-Keim bezeichnete Mantra gilt als Vernichter aller Krankheiten, Ursache der vier Lebensziele und Spender der Zufriedenheit.
57.112 Verunreinigungen des Hauses durch unreine Vögel, Vogelkot, Berührung von Mäusen oder den Kontakt mit Würmern und Insekten
57.113 werden nach der Rituallehre durch dieses Betrachten beseitigt. Anschließend beginne man die Meditation des Yogasitzes.
57.114 Allein durch die Meditation tritt der Yogasitz in das Mandala ein. Wird er vergegenwärtigt, wird alles gleichermaßen von seinem Wesen erfüllt.
57.115 Es gibt keinen höheren Sitz als den Yogasitz. Seine Meditation umfasst die ganze Welt mit beweglichen, unbeweglichen und menschlichen Wesen.
57.116 Wer könnte die Größe dieser Betrachtung vollständig aussprechen? Sieh, wie allein die geistige Vergegenwärtigung menschlichen Kummer vernichtet.
57.117 Durch die Konzentration auf den Yogasitz werden die vier Lebensziele gewährt. Er gleicht reinem Kristall, ist viereckig und vierfach eingefasst.
57.118 Von der tragenden Grundkraft gestützt, leuchtet sein Aufbau wie die Sonne. In den vier Ecken, beginnend im Südosten, befinden sich der Reihe nach
57.119 Dharma, Erkenntnis, Herrschaftskraft und Loslösung. In den Hauptrichtungen, beginnend im Osten, stehen entsprechend
57.120 Unrecht, Nichtwissen, Machtlosigkeit und fehlende Loslösung als weitere Bestandteile der tragenden Ordnung.
57.121 Darüber befindet sich eine Wassermasse, darin das Weltei. Im Weltei liegt Wasser, und darüber ruht die Schildkröte.
57.122 Auf der Schildkröte liegt Ananta, darüber die Erde. Mit Anantas Körper verbunden ist der Lotusstängel, der in die Unterwelt reicht.
57.123 In der Mitte der Erde steht der Lotus; die Himmelsrichtungen sind seine Blütenblätter und die Berge seine Staubfäden. In seinen acht Richtungen stehen die Welthüter, in der Mitte liegt der Himmel.
57.124 Im Mittelteil befindet sich Brahmas Welt, darunter Maharloka und die weiteren Welten. Im Himmel sind die Gestirne und Götter, dazwischen die vier Veden.
57.125 Sattva, Rajas und Tamas, die aus der Urnatur hervorgehenden Eigenschaften, sind stets in der Mitte des Lotus gegenwärtig, ebenso das höchste Prinzip.
57.126 Dort befindet sich das Selbstprinzip, mit einer oberen und einer unteren Bedeckung. Eine weitere Lage wird an den Spitzen der Staubfäden genannt; die räumliche Zuordnung ist unsicher.
57.127 Dann folgen der Reihe nach die Bereiche von Sonne, Feuer, Mond und Wind. Auf dem Yogasitz liegen der Leichensitz und darüber der angenehme Sitz,
57.128 darüber der Verehrungssitz und danach der reine Sitz. In ihrer Mitte soll die gesamte Welt mit allem Beweglichen und Unbeweglichen betrachtet werden.
57.129 Brahma, Vishnu und Shiva sind drei Bereichen zugeordnet. Dort stelle man sich auch selbst vor, zur Verehrung bereit.
57.130 Das Mandala werde als Yogasitz und der Lotus als kosmischer Lotus betrachtet; ebenso die vier Sitze, beginnend mit dem Leichensitz.
57.131 Zuerst meditiere man den Yogasitz gesondert, dann seine Einheit mit dem Mandala. Danach soll der Sitz verehrt werden.
57.132 Durch die Meditation des Yogasitzes gelangen das dargebrachte Wasser, Speisegaben, Blumen, Räucherwerk und die übrigen Gaben selbst zu ihrem Ziel.
57.133 Bei der Verehrung des Yogasitzes sind sämtliche Götter, Gandharvas, Guhyakas und alle beweglichen und unbeweglichen Wesen mitgedacht und verehrt.
57.134 Schon seine Betrachtung, auch ohne besondere Verehrung der erwählten Gottheit, verleiht nach der Verheißung die vier Lebensziele, Zufriedenheit und Gedeihen.
57.135 Unmittelbar nach der Herbeirufung lasse man die Gottheit mit beiden Händen herabsteigen. Zuerst werden die Handflächen nach oben gewandt und mit Abstand erhoben.
57.136 Dann werden sie ohne Zwischenraum abwärts geführt und gesenkt. Dabei spricht der Verehrende Herambas Keimsilbe und wiederholt: „Steige herab!“
57.137 Dies dient der Herabkunft der erwählten Gottheit. Nachdem sie mit dem Atem aus der Nase ausgetreten ist, befindet sie sich zunächst im Raum.
57.138 Durch diese Handlung wird sie im Mandala gegenwärtig. Herambas Keim wird aus dem eigenen bezeichneten Endlaut mit reinem Mondzeichen und Punkt gebildet. Die Lautangabe ist unklar.
57.139 Er vernichtet die Keime der Hindernisse und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. Bei Duftstoffen, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speisegaben
57.140 sowie Gewändern, Schmuck und allem sonst Dargebrachten soll jeweils die zugehörige Gottheit genannt werden. Dann folgen Besprengen und Verehren.
57.141 Mit dem Grundmantra werde die Gabe überlassen und unter ihrem jeweiligen Namen dargebracht. Das Besprengen erfolgt mit Varunas Keimsilbe.
57.142 Überlassen und Darbringen geschehen mit dem Grundmantra der erwählten Gottheit. Der auf La folgende Laut mit Mond und Punkt wird Varuna-Keim genannt.
57.143 Betrachten, Verehren und Darbringen sind drei gesonderte Handlungen; entsprechend wird auch mit der Gebetskette bei der Mantrawiederholung verfahren.
57.144 Die Gebetskette wird mit dem Mantra der erwählten Gottheit besprengt. Zuerst wird Ganeshas Keimsilbe gesprochen, danach
57.145 „Gebetskette, mache die Übung hindernisfrei“, und mit dieser Formel wird sie aufgenommen. Am Ende der Wiederholung wird die Kette auf das Haupt gelegt.
57.146 Man nehme sie mit beiden Händen und verehre sie mit dem Shri-Keim. Dieser wird durch den letzten Dental, bestimmte Vokalzeichen und den dritten Laut der ersten Gruppe beschrieben,
57.147 jeweils in der genannten Folge, mit Punkt und Mond. Danach wird die Kette wieder vom Haupt abgenommen.
57.148 Dabei nehme man sie mit beiden Händen unter dem Sarasvata-Mantra. Der jeweils erste bezeichnete Laut der Shri-Keime wird mit Punkt und Halbmond verbunden.
57.149 Diese vierteilige Keimform heißt Sarasvata. Mit puranischen und vedischen Formeln sowie dem Grundmantra sollen
57.150 Rechtsumwandlung und Verneigung vollzogen werden, die Recht und Wohlergehen fördern. Zuvor betrachte und besprenge man den Boden mit dem Erdkeim.
57.151 Dann berühre man die Erde mit dem Haupt und verneige sich vor der erwählten Gottheit. Varahas Keim ohne seinen Abschlusslaut, mit Punkt und Mond,
57.152 ist als Erdkeim zu kennen, der die vier Lebensziele gewährt. Spiegel, Fächer, Glocke und Yakschweifwedel sollen erneut besprengt werden
57.153 mit dem zuvor gelehrten Mantra zum Betrachten der Speisegaben, Bhairava. Die Anfangssilben ihrer Namen werden jeweils mit Punkt und Mond verbunden.
57.154 Mit abschließendem „Verehrung ihm“ bilden sie die Mantras zum Aufnehmen dieser Gegenstände. Ihre Darbringung erfolgt mit dem Mantra der erwählten Gottheit.
57.155 Mit dem zweiten Vagbhava, dem Kama-Keim, soll die Handgeste gebildet werden, Bhairava; gezeigt wird sie mit dem Grundmantra.
57.156 Das Auflösen der Geste erfolgt mit Taras Keimsilbe. Der erste Laut der Endgruppe, mit Punkt, Mond und dem sechsten Vokal verbunden,
57.157 heißt Tara-Keim und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen. Weil die Geste Freude schenkt, wird sie Mudra genannt.
57.158 Mit dem Zeigen der Mudra endet die Verehrung. Die Gottheit, selbst von Freude erfüllt, schenkt dem Übenden
57.159 rasch Wunscherfüllung, Befreiung, Recht und Wohlergehen und ist bereit fortzugehen. Nach der Mudra sollen diese sechs großen Mantras gesprochen werden.
57.160 „Was allein aus Hingabe gegeben wurde – Blatt, Blume, Frucht, Wasser und die dargebrachte Speise –, nimm es aus Mitgefühl an.
57.161 Ich weiß nicht recht herbeizurufen und nicht recht zu verabschieden. Ich kenne die rechte Weise der Verehrung nicht. Du bist meine Zuflucht, höchste Herrin.
57.162 In Tat, Geist und Rede habe ich keine andere Zuflucht als dich. Du wirkst im Innern der Wesen und bist meine Zuflucht, höchste Herrin.
57.163 Mutter, in welchen von tausenden Geburten ich auch erscheinen mag: In jeder möge meine Hingabe an dich, die Unvergängliche, unerschütterlich bleiben.
57.164 Die Göttin ist die Gebende und die Empfangende; die Göttin ist diese ganze Welt. Überall siegt die Göttin. Was die Göttin ist, das bin ich selbst.
57.165 Alle falsch gesprochenen Silben und fehlenden Lautlängen verzeihe, Göttin. Wessen Geist wäre niemals fehlgegangen?“
57.166 Wenn diese Mantras gesprochen sind, wird die Göttin von selbst erfreut und gewährt bald die vier Lebensziele, Bhairava.
57.167 Im Nordosten werde zur Verabschiedung ein Mandala ohne Tor und Lotus angelegt, um die Trägerin der Opferreste zu verehren.
57.168 Nachdem sie meditiert und mit Wasser für die Füße und den übrigen Gaben verehrt wurde, lege man die Opferreste dort nieder und verabschiede mit dem Mantra.
57.169 „Gehe, gehe zum höchsten Ort, zu deiner eigenen Stätte, höchste Herrin, zu jenem höchsten Zustand, den selbst Brahma und die anderen Götter nicht kennen.“
57.170 Nach der Verabschiedung mit dieser Formel verneige man sich und lasse sie durch den einströmenden Atem wieder im Herzen gegenwärtig werden, während man diesen Mantra betrachtet.
57.171 „Verweile, Göttin, am höchsten Ort, in deiner eigenen Stätte, höchste Herrin, dort, wo Brahma und alle übrigen Götter in meinem Herzen wohnen.“
57.172 Dann erinnere man sich mit den Keimen Ekajatas im Geist an die erwählte Göttin und nehme die geheiligten Opferreste auf das Haupt; dies fördert Recht, Wünsche und Wohlergehen.
57.173 Danach werde das Mandala zum Heil aufgelöst. Mit den Spitzen sämtlicher Finger verwische man den achtblättrigen Lotus
57.174 und mit dem Erdkeim auch das Mandala, Bhairava. Dann berühre man mit dem Grundmantra oder dem alles anziehenden Mantra
57.175 mit der Ringfingerspitze die Stirn. Für Ekajatas Keim werden der Endlaut samt Abschluss und danach Taras Keim genannt,
57.176 anschließend der Liebeskeim mit Hauchlaut, jeweils in der bezeichneten Folge. Dies heißt Ekajata-Keim und verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen.
57.177 Dann bringe man der Sonne mit dem eigenen Mantra, verbunden mit ihrem Keim, eine Ehrengabe dar, damit die Handlung ohne Lücke sei.
57.178 „Verehrung dem Vivasvat, dem Brahman, dem Strahlenden mit Vishnus Glanz, dem Erzeuger der Welt, dem Reinen, Savitri, der das Wirken verleiht.“
57.179 Mit gefalteten Händen spreche man den genannten Mantra und bekräftige mit gesammeltem Geist die Vollständigkeit der Handlung.
57.180 „Welche Lücke auch im Opfer, in der Askese oder in meiner Verehrung geblieben ist: All dies möge durch Bhaskaras Gnade lückenlos werden.“
57.181 Danach betrachte man Blumen, Speisegaben, Wassergefäße und alles Übrige erneut mit dem Keim der Göttin.
57.182 Wo zuvor durch Hand oder Blick ein Mantra eingesetzt wurde, wird er dadurch wieder entlassen.
57.183 Durgas Keim wird verschlüsselt aus einem fünften Laut der Endgruppe, dem Feuerkeim mit sechstem Vokal, dem vorletzten Laut und dem ersten Vagbhava bezeichnet. Die Auflösung bleibt in dieser Lesart unsicher.
57.184 Auf einem vorbereiteten Bodenplatz, in loderndem Feuer, im Wasser, in Sonnenstrahlen, an reinen Götterbildern und Shalagrama-Steinen,
57.185 am Shiva-Linga oder an einem Stein kann die Verehrung zum Wohlergehen vollzogen werden. Überall soll mit gesammeltem Geist das Mandala eingesetzt werden.
57.186 Mit dem Keim des Yogasitzes soll der Übende dies am Bodenplatz und den übrigen Orten tun, bei der Verehrung Vasudevas, Rudras, Brahmas oder der Sonne.
57.187a Diese Ordnung soll der Kundige bei allen Verehrungen anwenden. Wer Vishnu mit diesen begleitenden Handlungen verehrt,
57.187b dem gewährt Hari bald die vier Lebensziele. Ebenso werden Shiva, die Sonne und die anderen, etwa der dickbäuchige Ganesha, erfreut. Die Vorlage wiederholt die Versnummer 187 statt 188.
57.189 Alle Götter werden durch diese Weise der Verehrung gnädig. Besonders die große Göttin Mahamaya, die das All verkörpert,
57.190 wünscht diese Ordnung stets bei ihrer Verehrung. Wer die Verehrung so vollständig vollzieht, empfängt ihre Frucht.
57.191 Einer Verehrung, der diese Teile fehlen, wird nur eine geringere Frucht zugeschrieben. Der Text vergleicht dies mit einem Menschen, dem Glieder fehlen und den er deshalb für den Opferdienst als ungeeignet bewertet.
57.192 Ebenso erlangt eine Verehrung mit fehlenden Gliedern nicht die volle Frucht. Dies ist das höchste Geheimnis und das höchste Segensmittel, aus Mantra und Veda bestehend, rein und verfehlungstilgend.
57.193 Wer dies vor Brahmanen bei Ahnenriten, Opfern oder Götterverehrungen vortragen lässt, erlangt nach der Verheißung die volle Frucht jener Handlung; auch ohne selbst die Verehrung auszuführen, empfängt er unendlichen Ertrag.
Kapitel 58
58.1 Der Erhabene sprach: Hört nun beide das besondere Verfahren für die Göttin. Wenn sie danach verehrt wird, schenkt sie bald ihre Gaben.
58.2 Die frühere und die ergänzende Ritualordnung habe ich euch bereits gelehrt, sowohl allgemein als auch in ihren Besonderheiten.
58.3 Jetzt werde ich die übrigen Mantras erklären, die speziell bei der hingebungsvollen Verehrung der Göttin verwendet werden.
58.4 Wer Mahamaya mit ungeteiltem Geist verehrt, soll diese heilvolle Ordnung zusammen mit dem Hauptmantra und den Gliedermantras ausführen.
58.5 Früchte, Blumen, Betel, Speisen, Getränke und anderes sollen niemals genossen werden, ohne sie zuvor der großen Göttin dargebracht zu haben.
58.6 Ob unterwegs, auf einem Berggipfel oder in einer Versammlung: Der Übende soll zuerst auf die jeweils mögliche Weise darbringen und erst dann für sich selbst verwenden.
58.7 Beim Anblick eines Weingefäßes, rot gekleideter oder rotfarbener Frauen, eines Löwen, eines Leichnams, eines roten Lotus oder einer Begegnung zwischen Tiger und Elefant,
58.8 auch beim Anblick eines Guru oder Königs, verneige man sich vor Mahamaya. Die Vereinigung mit der treuen Gattin zur fruchtbaren Zeit
58.9 soll zum Wohlergehen unter Betrachtung Chandikas geschehen. Bei friedensstiftenden oder gedeihensfördernden Riten sowie Opfer- und gemeinnützigen Werken
58.10 soll man sich vor der Göttin verneigen und sich zu ihrer Verehrung begeben. Wenn man Tanz, Gesang und Musik oder auch nur Gesang erlebt,
58.11 soll man dies zuerst der Göttin darbringen und erst danach selbst genießen. Schmuck, Kleidung oder Sandelholzpaste,
58.12 die man am eigenen Körper verwendet, sollen im Geist mit dem Mantra versehen werden. Bei körperlicher Übung, bei Verrichtungen, in Versammlungen, im Wasser oder auf dem Land,
58.13 wohin man auch geht, soll man stets der Göttin gedenken. Jeder Teil der Verehrung wird mit dem dafür bestimmten Mantra ausgeführt.
58.14 Eine zur Verehrung gehörende Handlung ohne Mantra gilt als fruchtlos. Für eine Handlung, für die bei der Verehrung kein eigener Mantra angegeben ist, Bhairava,
58.15 soll der Mantra zum Betrachten der Speisegabe verwendet werden. Das Einsetzen des Mandalas der Göttin erfolgt mit ihrem erwählten Mantra.
58.16 Nach der Verehrung wird das Mandala verwischt; mit seinem Material wird ein Stirnzeichen angebracht, unter dem alles anziehenden Mantra, der Recht, Wünsche und Wohlergehen verleiht.
58.17 Nach der Tötung der Opfergabe soll nach dieser historischen Ritualvorschrift mit dem am Schwert haftenden Opferblut ein Stirnzeichen angebracht werden, ebenfalls unter dem alles anziehenden Mantra.
58.18 Dadurch soll die Welt unter den Einfluss des Ausführenden gelangen. Der Mantra beginnt mit einer verschlüsselten Lautanweisung: dem vierten Laut der Ka-Gruppe, verbunden mit Feuer, sechstem Vokal, Mondsichel und Punkt.
58.19 Es folgen Angaben zum vorletzten Laut, zu einem abschließenden K-Laut, zum folgenden Laut und zur zweimaligen Silbenfolge „Mohi“. Die weitere Bestimmung mit zwei Vokalen ist beschädigt.
58.20 Genannt werden sodann der Endlaut der dritten Konsonantengruppe, der dritte Vokal, ein abschließender Fülllaut und der vierte Laut der ersten Gruppe. Die Folge ist nicht sicher rekonstruierbar.
58.21 Darauf folgen der zweite Vokal, das Wort für Erschütterung und die Lautfolge „Pura“. Anschließend werden Freund, Feind und Rakshasa angesprochen.
58.22 Auch Yakshas, Untertanen, König und sämtliche Waffen oder Lehrschriften werden genannt; das letzte Wort ist mehrdeutig. Wer selbst ohne vollständige Verehrung im Verborgenen das Stirnzeichen anbringt,
58.23 und dabei diesen Mantra verwendet, bringt nach der Verheißung alles unter seinen Einfluss: König, Königssohn, Frauen, Yakshas und Rakshasas.
58.24 Alle vier Gruppen von Wesen sollen ihm folgen. In der Fremde, unterwegs, an einem schwer zugänglichen Ort, ohne geeigneten Platz oder im Wasser,
58.25 im Gefängnis gebunden oder im Königshaus befindlich, soll der Kundige Mahamaya im Geist verehren.
58.26 Bei innerer Furcht, in einer von Löwen und Tigern erfüllten Gegend oder beim Einfall eines feindlichen Heeres soll geistige Verehrung vollzogen werden.
58.27 Man stelle sich im Innern des Herzens den Yogasitz vor und vollziehe dort, auf der darin vergegenwärtigten Erde, die Verehrung.
58.28 Körperentleerung, Reinigung, Bad, Zähneputzen und alle übrigen Vorbereitungen werden im Geist ausgeführt; danach folgt die Verehrung.
58.29 Wie die äußere Verehrung mit Blumen und anderen Gaben vorgeschrieben ist, so sollen auch im Herzen sämtliche begleitenden Handlungen vollzogen werden.
58.30 Der Verehrer der Göttin soll am achten Tag stets ein Gelübde halten. Am neunten wird hier auch die Verehrung mit eigenem Blut vorgeschrieben.
58.31 Die Göttin kann im Linga, im Buch, auf dem vorbereiteten Bodenplatz, in Fußsymbolen oder in Bildern verehrt werden.
58.32 Ebenso kann sie in einem Gemälde, einem Dreizack, einem Schwert oder im Wasser verehrt werden. Für das Schwert werden fünfzig Fingerbreiten genannt; der Dreizack hat drei Spitzen.
58.33 Auch an einem Stein, auf einem Berggipfel oder in einer Berghöhle soll die Göttin stets voller Hingabe und Vertrauen verehrt werden.
58.34 Die Verehrung in Varanasi gewährt die volle Frucht; in der Nähe Purushottamas wird die doppelte Frucht gelehrt.
58.35 In Dvaravati gilt die Frucht wiederum als doppelt so groß. An allen heiligen Feldern und Badeplätzen wird sie der in Dvaravati gleichgesetzt.
58.36 Im Vindhya-Gebirge wird hundertfache Frucht genannt, ebenso an der Ganga. In Aryavarta, im Mittelland und in Brahmavarta,
58.37 auch in Prayaga und Pushkara, bringt die Verehrung die gleiche Frucht wie im Vindhya. Im Wasser der Karatoya wird das Vierfache davon gelehrt.
58.38 Im Nandikunda ist die Frucht nochmals vierfach, Bhairava; in der Nähe von Jalpishvara wiederum vierfach. Der Gottesname ist in der Vorlage mit einer unsicheren Lesart versehen.
58.39 Am dortigen Yoni-Sitz Siddheshvaris gilt sie als nochmals doppelt, im Wasser des Lohitya-Stromes als vierfach davon.
58.40 Dieselbe Frucht gilt überall in Kamarupa, im Wasser und auf dem Land. Wie Vishnu als vorzüglichster und Lakshmi als höchste gelten,
58.41 so wird die Göttinnenverehrung in Kamarupa, der Wohnstätte der Götter, gepriesen. Kamarupa ist das Feld der Göttin, dem andernorts keines gleichkommt. Die Verneinung ist in der Vorlage ausgefallen.
58.42 Andernorts ist die Göttin selten gegenwärtig, in Kamarupa aber in jedem Haus. Auf dem Gipfel des Nilakuta wird nochmals hundertfache Frucht genannt.
58.43 Am Shiva-Linga Heruka gilt sie als doppelt so groß und an den Yoni-Sitzen Shailaputris und der übrigen Göttinnen wiederum als doppelt.
58.44 Im Yoni-Mandala Kamakhyas wird das Hundertfache davon gelehrt. Wer Mahamaya auch nur einmal in Kamakhya verehrt hat,
58.45 erlangt nach der Verheißung hier seine Wünsche und jenseits Shivas Gestalt. Niemand gleicht ihm, und für ihn bleibt nichts mehr zu vollbringen.
58.46 Er erhält hier das Gewünschte und lebt lange. Seine Bewegung wird dem Wind gleich und von anderen nicht aufzuhalten.
58.47 Im Kampf oder in der gelehrten Auseinandersetzung ist er schwer zu besiegen. Eine einzige Verehrung im Yoni-Mandala Kamakhyas mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras gewährt hundertfache Frucht.
58.48 Die ursprüngliche Gestalt ist Mahamaya, der Yogaschlaf, die das All verkörpert. Ihr Mantra des Vaishnavi-Tantras wurde zuvor erklärt.
58.49 Die übrigen beschriebenen Gestalten, Shailaputri und die anderen, sind ihre eigenen Teilerscheinungen, aus ihrem Körper hervorgegangen.
58.50 Wie die Strahlen stets aus der Sonnenscheibe hervorgehen, so treten Ugrachanda und die anderen Göttinnen aus Mahamayas Körper hervor.
58.51 Ihre einzelnen Gliedgestalten werde ich dir erklären. Mahamaya ist nur eine, nimmt aber zur Erfüllung ihrer Aufgaben verschiedene Formen an.
58.52 Kamakhya wird als Mahamayas ursprüngliche Gestalt gepriesen. An den verschiedenen heiligen Sitzen trägt dieselbe Mahamaya unterschiedliche Namen.
58.53 Wie der eine Vishnu wegen seiner Ewigkeit Sanatana und wegen seiner Überwindung der Wesen oder Feinde Janardana genannt wird,
58.54 so wird Mahamaya, weil sie auf dem Berg zur Liebe zusammenkam, von Göttern und Menschen stets Kamakhya genannt.
58.55 Wie ein Mensch durch das Tragen eines Schirms Schirmträger und beim Baden Badender heißt, so erhält auch Kamakhya ihren Namen nach ihrem Wirken.
58.56 Mahamayas Körper erscheint zur Liebe bereit, durch dafür verwendete rote Farben und Safran gelblich gefärbt.
58.57 In der Zeit der Liebe legt sie das Schwert ab und nimmt selbst eine Girlande. Wenn sie vom Liebesverlangen frei ist, trägt sie wieder das Schwert.
58.58 Zur Liebeszeit erfreut sie sich auf einem roten Lotus, der auf Shiva in Leichengestalt liegt. Ohne Liebesverlangen steht sie auf dem weißen Leichnam.
58.59 Wenn sie sich hierhin und dorthin bewegt, sitzt sie auf dem Löwen und erfüllt Wünsche. Bisweilen ist sie auf dem weißen Leichnam, bisweilen auf dem roten Lotus.
58.60 Manchmal vergnügt sich die wunschgestaltige Göttin auf dem Rücken des Löwen. Wenn sie auf dem roten Lotus sitzt, bewegt sich der Löwe vor ihr.
58.61 Wenn die Göttin auf dem Leichnam steht, blickt sie auf die andere Trägergestalt vor sich. Wenn sie als Mahamaya Gaben gewährt,
58.62 wird sie bei der Verehrung auf Leichnam, Lotus und Löwe zugleich vorgestellt. Wird sie auf dem roten Lotus meditiert, soll der Löwe vor ihr betrachtet werden.
58.63 Wird sie auf dem Löwen meditiert, sollen die beiden anderen vor ihr vorgestellt werden. Werden alle drei zugleich betrachtet, stehen sie der Reihe nach als Leichnam, Lotus und Löwe bereit.
58.64 Auf diesen soll die wunscherfüllende Göttin meditiert werden. Auch auf jedem einzelnen kann die Segensreiche in der entsprechenden Weise betrachtet werden.
58.65 Weil sie die eine gesamte Urnatur der Welten ist und das All verkörpert, wird sie von den Göttern Vishnu, Brahma und Shiva getragen.
58.66 Der weiße Leichnam ist Mahadeva, der rote Lotus Brahma, und der Löwe ist Hari. Dies sind die Träger der überaus Machtvollen.
58.67 Da es nicht angemessen wäre, dass sie in ihren eigenen Gestalten als Reittiere dienen, haben die drei andere Gestalten angenommen, um sie zu tragen.
58.68 Je nachdem, welche Gestalt Mahamaya, die Segensreiche, erfreut, wurden die drei in dieser Gestalt zu ihren Sitzen.
58.69 Auf dem Löwen befindet sich der rote Lotus, darauf Shiva und über ihm Mahamaya, die Gaben und Furchtlosigkeit gewährt.
58.70 Wer die Segensreiche stets in dieser Gestalt meditiert und verehrt, hat damit zweifellos auch Brahma, Vishnu und Shiva verehrt.
58.71 So sind Mahamaya und Kamakhya stets von einem Wesen, unterscheiden sich aber im Meditationsbild und in der Erscheinung. Darum soll sie dort entsprechend verehrt werden.
58.72 Damit habe ich euch die besonderen Verfahren Durgas erklärt. Hört nun ihre Gliedermantras, beste Männer.
Kapitel 59
59.1 Der Erhabene sprach: Ich werde nun besonders Chandikas Gliedermantras lehren. Wird die Göttin damit verehrt, gewährt sie die vier Lebensziele.
59.2 Der letzte palatale Laut wird mit dem sechsten Vokal, Punkt, Mond und Feuer verbunden; hinzu kommen der vorletzte Laut, die genannten Vokale und die äußere Vagbhava-Form. Die verschlüsselte Lautfolge ist nicht eindeutig aufzulösen.
59.3 Diese drei werden als Chandikas Augenkeime bezeichnet. Sie werden der Reihe nach dem linken Auge, dem Stirnauge und dem rechten Auge zugeordnet.
59.4 Dieser höchst geheime Mantra, stets eine vorzügliche Ursache der vier Lebensziele, heißt Durga-Keim.
59.5 Als die Göttin einst in der Einsiedelei des Weisen Katyayana aus dem Glanz der Himmelsbewohner einen Körper annahm und von den Götterscharen gepriesen wurde,
59.6 trat aus ihren drei Augen die ursprüngliche Gestalt hervor, lichtvoll, die Welt tragend und Mahishasura vernichtend.
59.7 Aus dem Glanz aller Götter nahm sie einen herrlichen Körper an und empfing die vielen Waffen, die die Götter ihr einzeln schenkten.
59.8 Von Brahma und den anderen gepriesen, erschlug die Göttin Mahishasura samt seinem Gefolge, seinen Anhängern, Ratgebern, Streitkräften und Reittieren.
59.9 Nachdem Mahisha getötet war, verehrten die Götter sie mit eben diesem Mantra. Dadurch wurde sie in der Welt bekannt.
59.10 Seitdem wird diese Gestalt überall von allen verehrt. Die ursprüngliche Gestalt blieb verborgen, während sie durch diese Erscheinung berühmt wurde.
59.11 Höre nun, Bhairava, von jener Gestalt, die durch ihre Gaben an die Götter und durch Brahmas und der anderen Wirken von allen verehrt wird.
59.12 Sie trägt einen Knoten verfilzter Haare und eine Mondsichel als Kopfschmuck. Sie hat drei Augen und ein Gesicht wie der Vollmond.
59.13 Ihre Farbe gleicht glühendem Gold. Sie steht fest, hat schöne Augen, ist jugendlich und mit allem Schmuck versehen.
59.14 Sie hat schöne Zähne, ist kraftvoll und besitzt volle, erhobene Brüste. In dreifach gebogener Haltung steht sie als Bezwingerin Mahishasuras.
59.15 Ihre zehn Arme sind lang und weich wie Lotusstängel. In den rechten Händen sind von oben nach unten Dreizack, Schwert, Diskus,
59.16 ein scharfer Pfeil und eine Lanze angeordnet. In den linken Händen befinden sich Schild, gespannter Bogen, Schlinge und Elefantenhaken,
59.17 dazu Glocke oder Axt in der unteren Hand. Unter ihr soll der Büffel mit abgetrenntem Kopf dargestellt werden.
59.18 Aus der Halsöffnung tritt der schwerttragende Danava hervor, dessen Herz vom Dreizack durchbohrt ist und dessen Eingeweide hervortreten.
59.19 Sein Körper ist blutbedeckt, seine Augen sind blutrot und zucken. Er ist von einer Schlangenschlinge umwunden; sein Gesicht ist durch zusammengezogene Brauen verzerrt.
59.20 Durga hält sein Haar mit der linken Hand, die auch die Schlinge trägt. Der Löwe der Göttin soll mit bluttriefendem Maul dargestellt werden.
59.21 Der rechte Fuß der Göttin steht sicher auf dem Löwen, der linke ist etwas angehoben und berührt mit der großen Zehe den Büffel.
59.22 Ugrachanda, Prachanda, Chandogra, Chandanayika, Chanda, Chandavati, Chamunda und Chandika
59.23 umgeben sie stets als acht Kräfte. So soll die Göttin betrachtet werden, die Recht, Wünsche, Wohlergehen und Befreiung gewährt.
59.24 Ihr Gliedermantra wird als Durga-Tantra bezeichnet. Höre ihn mit gesammeltem Geist; er verwirklicht Recht, Wünsche und Wohlergehen.
59.25 Die Gattin des Feuers, der sechste Vokal, der Endlaut bei Ha, der Schlusslaut, Feuer und der Anfang Durgas werden mit vorangestelltem Om verbunden. So wird der Durga-Mantra verschlüsselt beschrieben.
59.26 Am fünften Tag der hellen Monatshälfte, wenn die Sonne im Zeichen Steinbock steht, soll die Segensreiche mit diesem Mantra nach Vorschrift verehrt werden.
59.27 Am achten Tag der hellen Hälfte werde sie erneut nach Vorschrift verehrt; am neunten sollen zahlreiche Opfergaben dargebracht werden.
59.28 In der Abenddämmerung wird hier eine mit eigenem Blut besprengte Opfergabe vorgeschrieben. Wer dies vollzieht, soll nach der Verheißung stets in Segen und Freude leben.
59.29 Er ist von Kindern und Enkeln umgeben und reich an Geld und Getreide. Kummer und Bedrängnis entstehen ihm nicht; er lebt lange und glücklich in dieser Welt. Eine Zusatzzeile ist in der Vorlage unvollständig geklammert und teilweise beschädigt.
59.30 Wer am achten Tag der hellen Hälfte des Monats Chaitra die Göttin mit diesem Mantra und den Blumen der Jahreszeit, besonders Ashoka-Blüten, verehrt,
59.31 dem entstehen nach der Verheißung weder Kummer noch Krankheit oder Unglück. Im Monat Jyeshtha soll man am achten Tag der hellen Hälfte fasten.
59.32 Am neunten Tag verehre man sie mit Sesamreis, Gerstenspeise, Süßgebäck, Milch, geklärter Butter, Honig, Zucker und Kuchen,
59.33 ferner nach dieser Opferordnung mit Blut und Fleisch verschiedener Tiere. Am zehnten Tag der hellen Hälfte sollen dann mit Sesam vermischtes Wasser
59.34 und der Durga-Tantra-Mantra für drei Handvoll Darbringungen verwendet werden. Was in zehn Geburten an Verfehlung begangen wurde,
59.35 wird nach der Verheißung durch diese Handlung am zehnten Tag getilgt; auch langes Leben wird gewährt. Am achten Tag der hellen Hälfte von Ashadha oder Shravana
59.36 soll die Darbringung der heiligen Schnüre vollzogen werden, die die Göttin besonders erfreut, mit dem Durga-Tantra-Mantra und dem Durga-Keim, Bhairava.
59.37 Auch mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras soll die Darbringung der heiligen Schnüre geschehen; besonders im Monat Shravana soll sie für die Göttin vorgenommen werden. Die Vorlage wiederholt hier einen Teil der Mantraangabe.
59.38 Für sämtliche Götter soll die Darbringung der heiligen Schnüre in Ashadha oder Shravana vollzogen werden; sie gewährt die Frucht eines ganzen Jahres.
59.39 Für den Herrn des Reichtums ist der erste Mondtag dafür bestimmt; für die Göttin Shri gilt der zweite als vorzüglich.
59.40 Der dritte gehört Bhavas Gefährtin, der vierte ihrem Sohn, der fünfte dem Mondkönig und der sechste Guha.
59.41 Der siebte gehört der Sonne, der achte Durga, der neunte den göttlichen Müttern und der zehnte Vasuki.
59.42 Der elfte gehört den Weisen, der zwölfte dem Diskusträger, der dreizehnte dem körperlosen Liebesgott und der vierzehnte mir.
59.43 Der Vollmondtag ist für Brahma und die Hüter der Himmelsrichtungen bestimmt. Wer die Darbringung der heiligen Schnüre für die Götter nicht vollzieht,
59.44 dem nimmt Keshava nach der Aussage des Textes die Frucht der Jahresverehrung. Deshalb soll dieses vorzügliche Ritual sorgfältig ausgeführt werden.
59.45 Wird es vollzogen, entsteht große Frucht, und die Verehrung wird wirksam. Höre nun, aus welcher Schnur und auf welche Weise das Pavitra hergestellt werden soll,
59.46 und welche Maße gelten, Bhairava. Zuerst wird Darbha-Faser genannt, danach Lotusfaser.
59.47 Dann folgen die besonders heilige Leinenfaser, Baumwolle und Seidenfaden. Aus anderen Materialien sollen die heiligen Schnüre nicht gefertigt werden.
59.48 Sie sollen sorgfältig und kunstvoll hergestellt und nach Vorschrift mit wohlriechenden Duftstoffen und Girlanden versehen werden.
59.49 Eine unverheiratete junge Frau, eine gattentreue Frau oder eine Witwe von guter Lebensführung soll den Faden spinnen; eine Frau von schlechter Lebensführung soll dies nach der Vorschrift nicht tun.
59.50 Mit einer Nadel beschädigte, verbrannte oder von Asche und Rauch überzogene Fäden sollen sorgfältig ausgeschlossen werden.
59.51 Ebenso gebrauchte, von Mäusen angenagte, durch Wein oder Blut verunreinigte, schmutzige oder blau gefärbte Fäden.
59.52 Die heilige Schnur wird in kleiner, mittlerer und vorzüglicher Ausführung hergestellt. Die kleine besteht aus siebenundzwanzig Fäden.
59.53 Sie mehrt nach der Verheißung Ruhm, Ansehen, Glück und Wohlergehen in der Menschenwelt. Die mittlere besteht aus vierundfünfzig Fäden.
59.54 Sie verleiht himmlische Freuden, Verdienst, Himmel und Befreiung. Die vorzügliche besteht aus hundertacht Fäden.
59.55 Wer diese der großen Göttin darbringt, soll Vereinigung mit Shiva erlangen. Wer Vasudeva eine solche vorzügliche Schnur gibt,
59.56 gelangt nach der Verheißung zweifellos in Haris Welt. Eine Schnur aus tausendacht Fäden heißt Ratnamala, „Juwelenkette“.
59.57 Diese heilige Schnur der großen Göttin gewährt Genuss und Befreiung. Wer ihr eine Ratnamala als Pavitra darbringt,
59.58 verweilt nach dem Text tausende von Millionen Weltzeitaltern im Himmel und wird dann Shiva gleich. Für Shankara heißt diese Schnur Nagahara, „Schlangenkette“.
59.59 Wer mir eine solche schöne Schnur aus tausendacht Fäden gibt, erfreut sich in meiner Welt ebenso viele
59.60 tausend Weltzeitalter, wie Fäden vorhanden sind. Für Hari heißt die Schnur aus tausendacht Fäden Vanamala, „Waldgirlande“.
59.61 Durch ihre Darbringung erlangt man Vereinigung mit Vishnu. Das kleine Pavitra soll bis zum Nabel reichen.
59.62 Es erhält zwölf Knoten und wird nach dem Maß der betreffenden Gestalt angefertigt. Das mittlere reicht bis zu den Schenkeln und erhält
59.63 vierundzwanzig Knoten, wiederum nach dem Maß der Gestalt. Das vorzügliche Pavitra reicht bis zu den Knien, Bhairava.
59.64 Es erhält sechsunddreißig Fadenknoten. Für die besonders große Ausführung sollen nach Vorschrift hundertacht Knoten angefertigt werden.
59.65 Dies gilt für die Nagahara genannte Form und entsprechend für die übrigen. Die Knoten sollen aus einem Faden gefertigt werden,
59.66 dessen Farbe von der Grundschnur abweicht, und die vorgeschriebenen Merkmale besitzen. Bei der kleinen Ausführung hat jeder Knoten sieben Windungen.
59.67 Bei der mittleren sind es doppelt so viele, bei der vorzüglichen dreimal so viele. Am Vortag werden die Schnüre rituell vorbereitet.
59.68 Am folgenden Tag wird der Mantra in das Pavitra eingesetzt. Der Brahmane vollzieht diese Einsetzung mit dem Durga-Keim.
59.69 Andere verwenden den Mantra des Vaishnavi-Tantras, Bhairava. Der Kundige soll den Mantra selbst in jeden einzelnen Knoten einsetzen.
59.70 Wie bei der Gebetskette wird dabei mit der Daumenspitze gezählt, Bhairava. So viele Knoten vorhanden sind, so oft sollen
59.71 die Mantras eingesetzt werden. Dadurch werden die göttlichen Glieder in die Schnur eingefügt. Die Einsetzung der Wesensprinzipien erfolgt mit dem Durga-Tantra-Mantra.
59.72 Dazu wird das ganze Pavitra zusammen in ein Opfergefäß gelegt und mit Duftstoffen und schönen Blumen versehen.
59.73 Mit der Fingerspitze werden dann die Wesensprinzipien eingesetzt, Bhairava. Bei Vishnu geschieht dies mit seinem Grundmantra.
59.74 Für den Brahmanen wird die vedische Formel „Dies hat Vishnu …“ zur Mantraeinsetzung genannt; für Shudras der zwölfsilbige Mantra.
59.75 Bei mir erfolgt die Einsetzung der Wesensprinzipien mit dem Prasada-Mantra. Mit demselben sollen auch die Mantraeinsetzung und die Darbringung geschehen.
59.76 Die heiligen Schnüre werden mit Safran, Vetiver, Kampfer, Sandelholz und weiteren Salben bestrichen; dann folgt die Einsetzung der Wesensprinzipien.
59.77 Der gesammelte Verehrer verehre die Göttin im Mandala nach Vorschrift mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras oder des Durga-Tantras, Bhairava.
59.78 Mit dem Durga-Keim lege er das Pavitra auf ihr Haupt. Für jede andere Gottheit wird das Mandala mit dem jeweils für sie bestimmten Mantra behandelt.
59.79 Mit dem zugehörigen Mantra und der entsprechenden Meditation soll jede Gottheit sorgfältig verehrt werden.
59.80 Dann wird mit ihrem eigenen Keim und Mantra die heilige Schnur auf ihr Haupt gelegt. Wer mir und den übrigen Göttern Pavitra-Schnüre darbringt,
59.81 vollendet damit die Verehrung aller Götter, Bhairava. Agni, Brahma, Bhavani, der Elefantengesichtige, die große Schlange,
59.82 Skanda, die Sonne, die Mütterschar, die Hüter der Himmelsrichtungen und die neun Planetengottheiten sollen jeweils in Gefäßen nach Vorschrift verehrt werden.
59.83 Jedem werde gesammelt eine heilige Schnur auf das Haupt gelegt. Dann bereite man eine Opferspeise mit den fünf Kuhprodukten zu und gebe der Göttin drei Feuerdarbringungen.
59.84 Mit derselben Gabe folgen nach Vorschrift Darbringungen für Vishnu und Shambhu. Mit geklärter Butter werden hundertacht Opfergaben vollzogen, ebenso mit Sesam und geklärter Butter.
59.85 Der Übende bringe der großen Göttin hundertacht solcher Gaben dar. In gleicher Weise soll er auch für Vishnu und die anderen
59.86 die Darbringung der heiligen Schnüre zur Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen vollziehen. Mit verschiedenen Speisen, Getränken, Krapfen, Kuchen und Süßgebäck,
59.87 mit Kürbissen, Kokosnüssen, Datteln, Jackfrüchten, Mangos, Granatäpfeln, Gurken, Trauben und vielerlei weiteren Früchten,
59.88 mit allen Arten fester und gekochter Speisen, Fisch, Fleisch und Reis, mit Duftstoffen, Blumen, Räucherwerk und schönen Lichtern,
59.89 mit Kleidern und Schmuck soll der Verehrer Bhavani verehren. Mit Schauspielern, Tänzern und Kurtisanen, Bhairava,
59.90 soll er freudig eine Nachtwache mit Tanz und Gesang veranstalten. Auch Brahmanen und Angehörige soll er gemeinsam mit den Zweimalgeborenen bewirten.
59.91 Nach der Darbringung der heiligen Schnüre gebe er eine Ehrengabe: Gold, eine Kuh, Sesam, geklärte Butter, ein Gewand oder auch Gemüse.
59.92 Danach spreche der Übende diesen Mantra: „Mit Ketten aus Edelsteinen und Korallen, mit Mandara-Blüten und den übrigen Gaben
59.93 sei dir diese jährliche Verehrung dargebracht, höchste Herrin.“ Anschließend verabschiede er die Göttin mit den entsprechenden Verehrungs- und Begleithandlungen.
59.94 Wenn der Göttin die heiligen Schnüre so nach Vorschrift gegeben wurden, wird nach dem Text die Verehrung des ganzen Jahres vollständig.
59.95 Der Mensch verweilt nach der Verheißung hundert Millionen Weltzeitalter im Haus der Göttin. Auch dort besitzt er unvergleichliche Fülle an Glück und Wohlergehen.

Kapitel 60
60.1 Der Erhabene sprach: Mit dem Mantra des Durga-Tantras soll das große Durga-Fest gefeiert werden. Am großen neunten Tag im Herbst sollen Könige und andere Opfergaben darbringen.
60.2 Der achte Tag der hellen Monatshälfte von Ashvina heißt Mahashtami und erfreut die Göttin besonders.
60.3 Der darauffolgende neunte Tag heißt Mahanavami. Dieser Tag ist von allen Welten zu ehren und der Segensreichen lieb.
60.4 Höre die Besonderheiten der Verehrung an diesen beiden Tagen, mein Sohn Bhairava. Ein Mensch soll gesammelt die Göttin im Mandala nach Vorschrift verehren.
60.5 Mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras oder des Durga-Tantras empfängt sie die Verehrung in unterschiedlichen Gestalten zum Wohlergehen. Höre, wie dies geschieht.
60.6 Wenn die Sonne im Zeichen Jungfrau steht, beginne man am ersten glückverheißenden Tag der hellen Hälfte. Man esse ungebetene Gaben, nachts oder nur einmal täglich oder faste; der letzte Ausdruck der Vorlage ist beschädigt.
60.7 Man bade am Morgen, überwinde die Gegensatzpaare, verehre die Segensreiche dreimal täglich, übe Mantrawiederholung und Feueropfer und bewirte junge Mädchen.
60.8 Am sechsten Tag soll die Göttin in Bilva-Zweigen und den ihr zugeordneten Früchten geweckt werden. Am siebten hole man diesen Zweig herbei und verehre ihn.
60.9 Am achten Tag vollziehe man eine besondere Verehrung und halte selbst Nachtwache. In tiefer Nacht werde die Opfergabe dargebracht.
60.10 Am neunten Tag bringe man zahlreiche Opfergaben nach Vorschrift dar. Man meditiere die zehnarmige Göttin und verehre sie mit dem Durga-Tantra-Mantra.
60.11 Am zehnten Tag soll der vorzügliche Übende die Verabschiedung vollziehen. Danach nehme er an diesem Tag die Mahlzeit erst nachts ein.
60.12 Wenn Mahamaya in ihrer sechzehnarmigen Gestalt mit dem Durga-Tantra-Mantra verehrt wird, höre folgende Besonderheiten.
60.13 Bei der Sonne in Jungfrau faste man am elften Tag der dunklen Hälfte, esse am zwölften einmal und am folgenden Tag erst nachts.
60.14 Am vierzehnten Tag werde Mahamaya nach Vorschrift mit lautem Gesang und Musik sowie vielfältigen Speisegaben geweckt.
60.15 Der Kundige lebe an diesem Tag von ungebetenen Gaben und faste am nächsten. Diese Gelübdeordnung führe er bis zum neunten Tag fort.
60.16 Unter Jyeshtha werde sie verehrt, unter Mula erneut, unter Uttara wiederum; am Ende von Shravana werde sie verabschiedet. Die Bezeichnungen beziehen sich hier auf Mondstationen.
60.17 Wenn die achtzehnarmige Mahamaya mit dem Durga-Tantra-Mantra verehrt wird, höre auch dafür die Besonderheiten, Bhairava.
60.18 Bei der Sonne in Jungfrau werde sie am neunten Tag der dunklen Hälfte tagsüber unter Ardra verehrt und mit Gesang und Musik geweckt.
60.19 Am vierten Tag der hellen Hälfte wird das Haar der Göttin gelöst; am fünften soll sie frühmorgens mit glückverheißendem Wasser gebadet werden.
60.20 Am siebten wird die Blattgestalt verehrt. Am achten folgen Fasten, Verehrung und Nachtwache; am neunten die vorgeschriebene Opfergabe.
60.21 Am zehnten wird sie mit Spielen, Festfreude und Segenshandlungen verabschiedet. An diesem Tag folgt auch die große Lichtzeremonie, die die Kraft mehren soll.
60.22 Wenn Mahamaya, die das All verkörpert, als Vaishnavi verehrt wird, höre hierfür die Besonderheiten, Bhairava.
60.23 Wenn die Sonne in Jungfrau steht, soll sie in der Nacht des achten Tages der hellen Hälfte mit großer Pracht verehrt werden.
60.24 Am neunten Tag werden die Opfergaben nach Vorschrift dargebracht. Auch Mantrawiederholung und Feueropfer sollen zum Wohlergehen ausgeführt werden.
60.25 Die große Göttin soll mit den acht Blütengaben verehrt werden. Um Rama Gnade zu erweisen und Ravana zu töten,
60.26 wurde die große Göttin einst nachts von Brahma geweckt. Sie verließ ihren Schlaf am Nanda-Tag der hellen Hälfte von Ashvina,
60.27 und begab sich nach Lanka, wo Raghava damals weilte. Dort angekommen, veranlasste die große Göttin Rama und Ravana
60.28 zum Kampf, während Ambika selbst unsichtbar blieb. Sie verzehrte Fleisch und Blut der Rakshasas und Affen.
60.29 Sie ließ Rama und Ravana sieben Tage gegeneinander kämpfen. Als die siebte Nacht vergangen war, ließ sie am neunten Tag Ravana
60.30 von Rama töten, Mahamaya, die das All verkörpert. Solange die Göttin selbst das Kampfgeschehen der beiden beobachtete,
60.31 wurde sie sieben Nächte lang von den Göttern verehrt. Als der tapfere Ravana am neunten Tag gefallen war, vollzog der Großvater der Welt mit sämtlichen Göttern
60.32 eine besondere Verehrung Durgas. Am zehnten Tag wurde die Göttin mit nächtlichen Festlichkeiten verabschiedet.
60.33 Auch Indra vollzog für das Götterheer die Lichtzeremonie, um Frieden für die himmlischen Truppen und das Gedeihen der Götterherrschaft zu sichern.
60.34 Nachdem das Heer den furchterregenden Pfeilkampf Ramas und Ravanas gesehen hatte, befand es sich am dritten Tag nordöstlich von Lanka.
60.35 An diesem mit der Mondstation Svati verbundenen Tag beruhigte der Götterkönig auf Haris Wort hin das große, erschreckte Götterheer.
60.36 Dann verabschiedete Indra am zehnten Tag unter Shravana die heilvolle Chandika und vollzog zur Befriedung die Lichtzeremonie für das Heer. Die Darstellung greift hier auf einen früheren Festtag zurück.
60.37 Nachdem Indra sein Heer so gesegnet hatte, begegnete Shachis Gatte dem Raghava Rama und kehrte mit den Göttern in den Himmel zurück.
60.38 Dies geschah in einem früheren Weltzeitalter, während des Manvantara Svayambhuvas. Die zehnarmige Göttin war zum Wohl der Götter erschienen,
60.39 zu Beginn des menschlichen Treta-Zeitalters, um den Welten Heil zu bringen. Wie es in jenem früheren Weltzeitalter geschah, so handelt sie in jedem weiteren.
60.40 Die Göttin selbst tritt hervor, um die Daityas zu vernichten. In jedem Weltzeitalter erscheinen Rama und der Rakshasa Ravana.
60.41 Ebenso entstehen der Kampf und die Versammlung der Götter. So hat es tausende Ramas und tausende Ravanas gegeben,
60.42 und weitere werden erscheinen; entsprechend wirkt die Göttin. Alle Götter verehren sie und vollziehen die Lichtzeremonie für ihr Heer.
60.43 Ebenso sollen die Menschen die Verehrung nach Vorschrift ausführen. Der König vollziehe die Lichtzeremonie zur Stärkung seiner Streitkräfte.
60.44 Das Fest soll mit prächtig geschmückten Frauen und berauschendem Getränk, mit Tanz, Gesang, Spielen, Freude und Segenshandlungen gefeiert werden. Die Verbindung der ersten Angaben ist mehrdeutig.
60.45 Mit Süßgebäck, Kuchen, Getränken, vielen festen und gekochten Speisen, Kürbissen, Kokosnüssen, Datteln und Jackfrüchten,
60.46 Trauben, Amalaka, Bilva und weiteren Früchten, Kaseruka-Knollen, Betelnüssen, Wurzeln, Jambu- und Tinduka-Früchten,
60.47 mit Milchprodukten, Rohzucker, Fleisch, Wein, Honig und Kindern angenehmen Speisegaben, geröstetem und ungebrochenem Reis sowie Früchten,
60.48 mit Zuckerrohrstangen, weißem Zucker, Lavali und Orangen, mit Ziegen, Büffeln, Schafen und eigenem Blut,
60.49 mit Vögeln und anderen Opfertieren sowie verschiedenen Wildtieren wird die Weltenträgerin nach dieser historischen Opferordnung verehrt, auch mit vermischtem Fleisch und Blut.
60.50 Nachts soll ein Teigbild Skandas und Vishakhas angefertigt und zur Vernichtung der Feinde und zur Freude Durgas verehrt werden.
60.51 Das Feueropfer erfolgt mit Sesam und geklärter Butter, nach der beschriebenen Ordnung auch mit Fleisch. Ugrachanda und die anderen acht glückverheißenden Yoginis sollen verehrt werden.
60.52 Ebenso die vierundsechzig Yoginis, die unzähligen Yoginis und die neun Durgas, die der Göttin nahe sind.
60.53 Jayanti und die weiteren werden mit Duftstoffen und Blumen verehrt, denn sie sind Gestalten der Göttin. Auch die Göttinnen, sämtliche Waffen und Schmuckstücke,
60.54 ihre Haupt- und Nebenglieder sowie der Löwe als Reittier der Bezwingerin Mahishasuras sollen stets zum Wohlergehen verehrt werden.
60.55 In einem früheren Weltzeitalter, im Manvantara Svayambhuvas, zu Beginn des menschlichen Krita-Zeitalters, wurde die große Göttin von allen Göttern gepriesen.
60.56 Um Mahishasura zu vernichten und den Welten Heil zu bringen, erschien Yogaschlaf, Mahamaya, die Weltenträgerin und Verkörperung des Alls,
60.57 mit sechzehn Armen, bekannt als Bhadrakali, am Nordufer des Milchozeans in gewaltiger Gestalt.
60.58 Ihre Farbe glich der Atasi-Blüte, ihre goldenen Ohrringe flammten. Sie trug verfilztes Haar, die Mondsichel und dreifachen Kronenschmuck.
60.59 Sie war mit einer Schlangenkette und einer goldenen Halskette geschmückt. Dreizack, Diskus, Schwert, Muschel und Pfeil,
60.60 Lanze, Donnerkeil und Stab trug die Göttin stets in ihren rechten Händen. Ihre sichtbaren Zähne ließen sie hell erstrahlen.
60.61 In den linken Händen trug sie Schild, Fell, Bogen, Schlinge, Elefantenhaken, Glocke, Axt und Keule.
60.62 Sie stand auf dem Löwen, strahlend mit drei roten Augen. Die höchste Herrin hatte Mahisha mit dem Dreizack durchbohrt.
60.63 Mit dem linken Fuß trat die das All verkörpernde Göttin auf ihn. Als die Götter die höchste Herrin so sahen, verneigten sie sich.
60.64 Sie sagten nichts, denn sie sahen Mahishasura bereits getötet. Darauf sprach die höchste Herrin zu Brahma und den übrigen Göttern,
60.65 ihr Gesicht vom Lächeln erhellt: Geht, ihr Götterscharen, in das Innere Jambudvipas,
60.66 zur herrlichen Einsiedelei Katyayanas nahe dem Himalaya. Dort wird euer Anliegen zweifellos erfüllt werden.
60.67 Mit diesen Worten verschwand die große Göttin an Ort und Stelle. Die Götter gingen zur Wohnstätte des Weisen Katyayana.
60.68 Auf dem Weg zu seiner Einsiedelei waren ihre Herzen voller Staunen: Die Göttin hat Mahisha getötet, wir haben es gesehen. Dafür
60.69 hatten wir die große Göttin, die Weltenträgerin und Verkörperung des Alls, gepriesen. Warum hat sie uns nun aufgetragen, zu Katyayanas Einsiedelei zu gehen?
60.70 Welches weitere Anliegen soll dort für uns erfüllt werden? So sprachen sie miteinander, während sie gingen.
60.71 Sie erreichten die Einsiedelei des Weisen Katyayana nahe dem Himalaya. Indra, die Welthüter, Brahma, Vishnu und Shiva
60.72 ließen sich dort lange und freudig nieder, begierig, Durga zu sehen. Da kamen sämtliche Rudra-Scharen und berichteten
60.73 von Mahishasuras Taten und der Niederlage der Götterwelt. Brahma, Vishnu, Shiva und die anderen wurden sehr zornig.
60.74 Welcher andere Mahisha ist das? Jener Danava wurde doch von der Göttin getötet. Wer richtet nun erneut solche Verwüstung in der Welt an?
60.75 Während sie so zürnten, traten aus ihren Körpern jeweils Lichtkräfte hervor und nahmen Gestalt als göttliche Mächte an.
60.76 Aus diesen Lichtkräften bildete sich der Körper der Göttin. Katyayana stärkte und verehrte sie; deshalb wird sie Katyayani genannt.
60.77 Danach tötete die Weltenträgerin, die das All verkörpert, Mahisha in der zehnarmigen Gestalt und unter demselben Mantra. Die Zuordnung von Mantra und Gestalt ist in der Vorlage syntaktisch unsicher.
60.78 Am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte von Ashvina war die große Göttin gepriesen und geweckt worden und als Verkörperung des Alls erschienen.
60.79 Am siebten Tag der schönen hellen Hälfte bildete sie ihre Gestalt aus den Lichtkräften der Götter; am achten wurde sie von ihnen geschmückt.
60.80 Am neunten wurde sie mit Gaben verehrt und tötete Mahishasura. Am zehnten wurde die Segensreiche verabschiedet und verschwand.
60.81 Markandeya sprach: Nachdem König Sagara diese herrliche Erzählung von der Göttin gehört hatte, zweifelte er an der zeitlichen Abfolge ihrer Gestalten und fragte Aurva erneut.
60.82 Sagara sprach: Wenn die große Göttin Mahishasura erst später tötete, wie konnte sie sich zuvor als Bhadrakali mit dem besiegten Mahishasura zeigen?
60.83 Alle Götter sahen ihn doch unter ihrem Fuß, mit dem Dreizack im Herzen durchbohrt. Löse mir jetzt diesen Zweifel, bester Weiser.
60.84 Aurva sprach: Höre, vorzüglicher König, wie Mahamaya früher als Bhadrakali zusammen mit Mahisha erschien.
60.85 Der Held Mahishasura schlief eines Nachts auf einem Berg und sah einen schrecklichen, furchterregenden Traum.
60.86 Er sah: Mahamaya Bhadrakali schlägt mir mit dem Schwert den Kopf ab und trinkt mein Blut, mit weit geöffnetem Mund, überaus schrecklich.
60.87 Am Morgen wurde der Daitya Mahishasura von Furcht erfüllt und verehrte die Göttin lange zusammen mit seinen Anhängern.
60.88 Von Mahishasura verehrt, erschien die Göttin als Bhadrakali mit sechzehn Armen.
60.89 Mahisha verneigte sich vor Mahamaya, die das All verkörpert, und sprach mit demütiger Haltung und Hingabe.
60.90 Mahisha sprach: Göttin, ich habe im Traum deutlich gesehen, wie du mir mit dem Schwert den Kopf abschlägst und mein Blut freisetzt.
60.91 Ich weiß gewiss, dass du dies tun und mein Blut trinken wirst. Gewähre mir dabei eine Gabe.
60.92 Du wirst mich töten; daran besteht kein Zweifel, höchste Herrin. Auch empfinde ich darüber keinen Kummer. Wer könnte die Bestimmung überschreiten?
60.93 Mein Vater hat früher Shambhu zusammen mit dir verehrt, um mich zu erhalten. Danach wurde ich geboren.
60.94 Auch ich habe Shambhu verehrt und entsprechende Wunschgaben empfangen. Drei Manvantaras lang habe ich die herrliche Herrschaft der Asuras
60.95 ohne Hindernisse genossen; ich habe nichts zu bereuen. Der Weise Katyayana hat mich jedoch wegen eines seiner Schüler verflucht.
60.96 „Eine Frau wird dich vernichten, daran besteht kein Zweifel.“ Einst übte der vorzügliche Weise Raudrashva,
60.97a ein Schüler Katyayanas, nahe dem Himalaya Askese. Zum Spaß nahm ich eine unvergleichlich schöne himmlische Frauengestalt an.
60.97b Dadurch verwirrte ich den Brahmanen, und er gab seine Askese sofort auf. Katyayanas Sohn, der Weise, befand sich nicht weit entfernt. Die Vorlage wiederholt 97 statt 98; auch die Namensverbindung ist gestört.
60.99 Er erkannte meine Täuschung und verfluchte mich zum Schutz seines Schülers, im Feuer seines Zorns: „Weil du meinen Schüler verwirrt und ihn von der Askese abgebracht hast,
60.100 indem du Frauengestalt annahmst, wird eine Frau dich töten.“ So hat der Weise Katyayana mich damals selbst verflucht.
60.101 Nun ist die Zeit der Erfüllung dieses Fluches gekommen. Ich habe die Stellung des Götterkönigs erlangt und die drei Welten gleichermaßen genossen.
60.102 Es gibt nichts Unerfülltes, um das ich trauern müsste. Deshalb nehme ich Zuflucht zu dir. Was mir noch zu erbitten bleibt, das gewähre mir, Göttin Durga. Wieder und wieder Verehrung dir!
60.103 Die Göttin sprach: Wähle die Gabe, die du dir wünschst, großer Asura. Ich werde sie dir gewähren; daran besteht kein Zweifel.
60.104 Mahisha sprach: Durch deine Gnade möchte ich einen Opferanteil empfangen. Sorge dafür, dass ich bei allen Opfern verehrt werde.
60.105 Solange die Sonne ihren Lauf nimmt, will ich den Dienst an deinen Füßen nicht aufgeben. Gewähre mir diese beiden Gaben, wenn du mir eine Gabe schenken willst.
60.106 Die Göttin sprach: Die Opferanteile sind den Göttern bereits einzeln zugeteilt. Es gibt keinen freien Anteil, den ich dir jetzt geben könnte.
60.107 Doch nachdem ich dich im Kampf getötet habe, Mahishasura, wirst du meine Füße niemals verlassen. Daran besteht kein Zweifel.
60.108 Wo immer meine Verehrung vollzogen wird, dort soll auch diese deine Gestalt mitgedacht und verehrt werden, Danava.
60.109 Mahishasura hörte ihre Worte am frühen Morgen und freute sich über die empfangene Gabe. Mit heiterem Gesicht sagte er.
60.110 Ugrachanda, Bhadrakali, Göttin Durga, Verehrung dir! Deine Erscheinungsformen sind zahlreich und umfassen alles, Göttin.
60.111 Mit welchen deiner Gestalten soll ich beim Opfer verehrt werden, höchste Herrin? Erkläre es mir, wenn du mir hier deine Gnade erwiesen hast.
60.112 Die Göttin sprach: Unter den Namen, die du eben ausgesprochen hast, Mahishasura, werde ich in jenen Gestalten mit dir verbunden sein, und du wirst in der Welt verehrt werden.
60.113 Die eine Gestalt heißt Ugrachanda, eine andere bin ich als Bhadrakali. Die Gestalt, in der ich dich jetzt töten werde, wird Durga genannt.
60.114 In diesen Gestalten wirst du stets an meinen Füßen weilen und von Menschen, von Göttern im Himmel und auch von Rakshasas verehrt werden.
60.115 Bei der ersten Schöpfung wurdest du einst von meiner Gestalt Ugrachanda getötet. Bei der zweiten Schöpfung habe ich dich als Bhadrakali getötet.
60.116 Jetzt werde ich dich als Durga samt deinem Gefolge töten. Doch früher habe ich dich noch nicht unter meinen Füßen festgehalten.
60.117 Da du diese Gabe nun erbeten hast, bist du auch in den beiden früheren Gestalten aufgenommen und wirst künftig dort bleiben, um am Opferanteil teilzuhaben.
60.118 Aurva sprach: Mit diesen Worten zeigte Mahamaya dem Asura Mahisha ihre Ugrachanda genannte Gestalt.
60.119 Sie glich der als Bhadrakali bekannten sechzehnarmigen Gestalt, trug aber zwei zusätzliche Arme.
60.120 In der unteren rechten Hand hielt sie eine Keule, in der linken ein mit Wein gefülltes Trinkgefäß. An ihrem Haupt trug sie eine Kette abgetrennter Köpfe.
60.121 Sie war dunkel wie eine Masse zerriebener Augenschwärze, gewaltig und auf einem Löwen reitend, mit roten Augen, riesigem Körper und achtzehn Armen.
60.122 Als Mahisha die beiden Gestalten der Göttin, Ugrachanda und Bhadrakali, sah, staunte er und verneigte sich rasch.
60.123 Die beiden Göttinnengestalten nahmen ihn unter ihre Füße, genau so, wie Mahishasura niedergetreten und getötet worden war.
60.124 Er sah seine frühere Büffelgestalt, kopflos und mit dem Dreizack im Herzen durchbohrt, von der Göttin am Haar erfasst und mit hervortretenden Eingeweiden,
60.125 Blut erbrechend und von gewaltigem Körper. Als der Asura seine frühere Gestalt so sah, geriet er in Furcht, klagte und verlor die Fassung.
60.126 Nach einem Augenblick fasste er sich wieder, verneigte sich vor der Göttin und sagte mit stockender Stimme.
60.127 Mahisha sprach: Wenn du mir gnädig bist, Göttin, und mir Opferanteile gewährt hast, dann lass eine solche Vernichtung nicht noch einmal geschehen.
60.128 Sorge dafür, dass ich keine so gewaltige Feindschaft mehr gegen die Götter aufnehme und nicht erneut geboren werde, Göttin.
60.129 Die Göttin sprach: Du hast mich verehrt, und ich habe dir eine Gabe gewährt. Dennoch wirst du hier von mir getötet werden; daran ist nicht zu zweifeln.
60.130 Deine Bitte, keine dauernde Feindschaft mehr gegen sämtliche Götterscharen zu hegen, wird ebenfalls erfüllt werden.
60.131 Durch die Berührung meiner Fußsohlen wird dein Körper nicht zerfallen, Danava, sodass du den Opferanteil empfangen kannst.
60.132 Dein individuelles Selbst und alle Lebenskräfte werden durch die Verbindung mit Haras Füßen lange in ihrem eigenen Zustand verbleiben, großer Asura. Die grammatische Fassung ist unsicher.
60.133 Dreißigtausend Millionen Weltzeitalter und weitere achthundert wirst du nicht wieder geboren werden, Mahishasura. Die außerordentlich große Zeitangabe wird nach dem Wortlaut belassen.
60.134 Nachdem die Göttin dem Asura Mahisha diese Gabe gewährt hatte und er sich mit dem Haupt vor ihr verneigt hatte, verschwand sie dort.
60.135 Mahisha kehrte an seinen eigenen Ort zurück. Wieder von Maya verblendet, nahm er wie zuvor die Gesinnung eines Asuras an, König.
60.136 Sagara sprach: Viele Daityas wurden von Maya zum Wohl der Welt getötet. Ihnen wurden keine solchen Gaben verliehen, und sie wurden nicht wieder in ihre Nähe aufgenommen. Warum geschah dies bei Mahisha? Erkläre mir genau den Grund, bester Brahmane.
60.137 Aurva sprach: Der Götterfeind Rambha verehrte Mahadeva. Nach langer Zeit wurde Shankara durch seine Askese sehr erfreut.
60.138 Mahadeva erschien vor Rambha und sagte: Ich bin mit dir zufrieden, Rambha. Wähle die Gabe, die du wünschst.
60.139 Rambha antwortete dem Mondgekrönten: Ich bin kinderlos, Mahadeva. Wenn du mir gewogen bist,
60.140 dann werde du selbst in drei Geburten mein Sohn, Shankara, für alle Wesen unbesiegbar und ein Bezwinger der Himmelsbewohner.
60.141 Er möge lange leben, berühmt und reich sein, Shankara. Auf diese Worte des Daitya antwortete der Stierbannerträger.
60.142 Dein Wunsch soll erfüllt werden. Ich werde dein Sohn sein. Mit diesen Worten verschwand Mahadeva an Ort und Stelle.
60.143 Rambha kehrte mit vor Freude geöffneten Augen nach Hause zurück. Unterwegs sah er eine schöne Büffelkuh.
60.144 Sie war dreijährig, bunt gefärbt, schön und paarungsbereit. Als Rambha sie sah, wurde er von Begehren überwältigt.
60.145 Er ergriff sie mit beiden Armen und vereinigte sich mit ihr. Durch seine Zeugungskraft wurde sie schwanger.
60.146 Aus dieser Schwangerschaft entstand Mahishasura. Der Herr des Berges hatte mit einem Teil seiner selbst die Sohnschaft Rambhas in ihr angenommen.
60.147 Rambhas Sohn wuchs heran wie der Mond in der hellen Monatshälfte. Später verfluchte der Weise Katyayana diesen Mahishasura,
60.148 weil er dessen Fehlverhalten gegenüber seinem Schüler sah und dem Schüler helfen wollte. Als der Herr erfuhr, dass Katyayana Mahishasura verflucht hatte, sprach er.
60.149 Der Herr sprach: Göttin, Verkörperung des Alls, Katyayana hat Mahishasura verflucht: Eine Frau wird seine Vernichtung bewirken.
60.150 Das Wort des Weisen wird zweifellos wahr werden. Diese meine Büffelgestalt sollst du mit dir verbinden, Göttin.
60.151 Sie soll von dir getötet werden und dennoch stets mit dir verbunden bleiben, früher wie künftig. Hari in Löwengestalt kann dich jetzt nicht allein tragen.
60.152 Diese meine Büffelgestalt soll dein Träger werden. So hatte Mahadeva die Göttin bereits früher gebeten.
60.153 Deshalb nahm die Göttin Mahadeva in der Gestalt Mahishasuras an. In drei Geburten wurde der erhabene Hara Rambhas Sohn.
60.154 In den drei Schöpfungen wurde auch Rambha jeweils wieder als Rambha geboren und übte dieselbe überaus strenge Askese eines Asuras.
60.155 Ebenso wurde Shambhu verehrt und gewährte die Gabe eines Sohnes. Ebenso verband sich Rambha zuerst mit einer Büffelkuh.
60.156 Aus ihr entstand der heldenhafte Danava Mahishasura, und ebenso verfluchte ihn der erhabene Weise Katyayana.
60.157 Nachdem dies in früheren und späteren Geburten so geschehen war, verehrte Mahisha die Göttin und bat um eine Gabe.
60.158 In der dritten Geburt erhielt er die Gabe und bat darum, für unzählige Weltzeitalter nicht wieder hier geboren zu werden.
60.159 Darum weilt dieser Asura jetzt unter den Füßen der Göttin. Bis zum Ende der Weltauflösung wird ihm keine neue Geburt zuteil, König.
60.160 So erlangte der große Asura, der aus einem Teil Mahadevas hervorgegangen war, durch die Gnade der Göttin eine dauernde, höchste Stellung.
60.161 Damit habe ich dir erzählt, König, wie Mahishasura an die Füße der Göttin gelangte und sich bis heute dort erfreut. Höre nun die Fortsetzung, bester König.
60.162 Markandeya sprach: So habe ich euch erzählt, wie König Sagara mit Aurva über die Verbindung der Göttin mit Mahisha sprach.
60.163 Hört nun, beste Weise, was Aurva dem hochherzigen Sagara weiter sagte: die höchste Lehre, geheimer als das Geheime.
Kapitel 61
61.1 Aurva sprach: Höre nun die Fortsetzung, bester König, so wie der erhabene Gott sie dem hochherzigen Bhairava und Vetala mitteilte.
61.2 Der Erhabene sprach: Die achtzehnarmige Gestalt Ugrachanda erschien einst am neunten Tag der dunklen Monatshälfte, als die Sonne in Jungfrau stand.
61.3 Mahamaya trat mit Millionen Yoginis hervor. Am Vollmondtag des Monats Ashadha hatte Daksha begonnen, ein zwölfjähriges Opfer abzuhalten.
61.4 Alle Himmelsbewohner waren dazu eingeladen. Mich aber hatte der hochangesehene Daksha nicht eingeladen.
61.5 Er nannte mich einen Schädelträger; auch Sati lud er nicht ein, weil sie meine Gattin war. Darüber zornig, gab Sati ihr Leben auf.
61.6 Nachdem Sati ihren Körper verlassen hatte, nahm sie eine gewaltige Gestalt an. Während jenes zwölfjährige Opfer weiterging,
61.7 erschien Yogaschlaf Mahamaya am neunten Tag der dunklen Hälfte bei der Sonne in Jungfrau in furchtbarer Gestalt, mit Millionen Yoginis.
61.8 Sie hatte Satis Erscheinung abgelegt und zerstörte das Opfer, gemeinsam mit Shankara und allen seinen Scharen.
61.9 Die Göttin selbst zerbrach das große Opfer dieses Hochangesehenen. Als ihr gewaltiger Zorn vorüber war, verehrten die Himmelsbewohner
61.10 die unvergleichliche Göttin nach dem zuvor gelehrten Verfahren.
61.11 Durch diese Verehrung erlangten sie höchste Ruhe und das Ende ihres Leidens. Ebenso sollen auch andere die Göttin stets verehren,
61.12 um unvergleichliches Wohlergehen und die vier Lebensziele zu gewinnen. Wer beim großen Fest Durga aus Verblendung, Trägheit,
61.13 Überheblichkeit oder Hass nicht verehrt, Bhairava, dessen erwünschte Ziele zerstört nach der Drohung des Textes die zornige Erhabene.
61.14 In einem späteren Dasein werde er selbst zur Opfergabe Mahamayas. Am achten Tag werden Blut, als großes Fleisch bezeichnete Opfergaben und wohlriechende Stoffe vorgeschrieben,
61.15 ferner vielerlei Opfergaben und Speisen, Zinnober, Seidengewänder und verschiedene Salben zur Verehrung der Segensreichen.
61.16 Hinzu kommen Blumen und Früchte vieler Arten. Wer Söhne hat, soll am großen achten Tag nach dieser Vorschrift nicht fasten.
61.17 Dennoch soll er gereinigt und gelübdetreu die Göttin verehren. Nach der Verehrung am großen achten Tag und den Opfergaben am neunten
61.18 soll sie am zehnten unter Shravana mit dem Fest nach Art der Shabaras verabschiedet werden. Fällt das letzte Viertel von Shravana in den Tag,
61.19 soll der Kundige an diesem zehnten Tag die Göttin verabschieden: mit verheirateten Frauen, unverheirateten Mädchen, Kurtisanen und Tänzern,
61.20 mit dem Klang von Muscheln, Instrumenten, Trommeln und Pauken, mit Fahnen, verschiedenen Stoffen sowie ausgestreutem geröstetem Reis und Blumen,
61.21 mit dem Werfen von Staub und Schlamm, Spielen, Festfreude und Segenshandlungen, auch mit Benennungen und Liedern über weibliche und männliche Geschlechtsorgane.
61.22 Die Menschen sollen ausgelassen mit solchen Worten spielen. Wer weder von anderen verspottet wird noch selbst andere verspottet,
61.23 dem droht der Text einen schweren Fluch der erzürnten Göttin an. Fällt das erste Viertel von Shravana in die Nacht,
61.24a soll das Aufbrechen der Göttin am neunten Tag nachts und nicht tagsüber erfolgen. Fällt das letzte Viertel von Shravana in die Nacht,
61.24b soll sie am neunten Tag während des Tages aufbrechen. Die Verabschiedung erfolgt mit dem folgenden Mantra, mein Sohn Bhairava. Die Vorlage wiederholt die Nummer 24 statt 25.
61.26 Die Göttin wird zum Wohlergehen ins Wasser gestellt und verabschiedet: „Erhebe dich, Göttin, Herrin der Chanda-Kräfte, nachdem du die heilvolle Verehrung empfangen hast.
61.27 Gewähre mir mit deinen acht Kräften Wohlergehen. Gehe, gehe zum höchsten Ort, zu deiner eigenen Stätte, Göttin Chandika.
61.28 Was ich dir an Verehrung dargebracht habe, möge vollständig sein. Gehe in das fließende Wasser und bleibe zugleich zum Wohl im Haus.“
61.29 Nach dem Eintauchen wird die Gestalt im Wasser zurückgelassen; die Bestimmung zur Blattgestalt ist sprachlich unklar. Es folgt: „Zur Mehrung von Kindern, Lebensdauer und Reichtum habe ich dich ins Wasser gestellt.“
61.30 Mit diesem Mantra soll die Göttin ins Wasser gesetzt werden, zum Heil aller Welten und zum Wohlergehen aller Wesen.
61.31 Beim großen Fest sollen Bhadrakali und Ugrachanda, beide Gestalten Mahamayas, mit dem Durga-Tantra-Mantra verehrt werden.
61.32 Die Augenkeime werden für die Verehrung aller dieser Gestalten, sämtlicher Yoginis und der ursprünglichen Gestalt gelehrt.
61.33 Höre nun gesondert Ugrachandas Mantra, Bhairava. Die beiden ersten Augenkeime werden mit dem vorletzten Mantralaut in ihrer Mitte verbunden.
61.34 Mit Feuer, dem inneren Vokal, Mond und Punkt ergibt dies das Ugra-Verfahren. Der zweite Augenkeim wird zweimal wiederholt
61.35 und bildet Bhadrakalis Mantra zur Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen. Wird Mahamaya, die das All verkörpert, als Vaishnavi verehrt,
61.36 so gehören dazu die im Tantra genannten acht Yoginis, Shailaputri und die anderen, die bereits in der früheren Ritualordnung erklärt wurden, Bhairava.
61.37 Ugrachanda und die anderen acht gehören zum Durga-Tantra. Bhadrakali soll mit ihrem eigenen Mantra verehrt werden.
61.38 Zum Gedeihen werden bei ihr die entsprechenden Yoginis verehrt: Jayanti, Mangala, Kali, Bhadrakali und Kapalini,
61.39 Durga, Shiva, Kshama und Dhatri auf den acht Blütenblättern. Die Vorlage nennt hier neun Namen für acht Plätze. Wird die Göttin mit dem Ugrachanda-Verfahren verehrt,
61.40 so sollen acht andere Yoginis verehrt werden, Bhairava: Kaushiki, Shivaduti, Uma, Haimavati und Ishvari,
61.41 Shakambhari, Durga als siebte und Mahodari. Höre nun das Verfahren für Umas milde Gestalt, Bhairava.
61.42 Der Anfangslaut der Pa-Gruppe, mit Abschlusslaut und „Phat“ oder mit abschließendem Na verbunden, wird als ein- oder dreisilbiger Uma-Mantra bezeichnet. Die verschlüsselte Lesart ist unsicher.
61.43 Gauri soll goldfarben und zweiarmig betrachtet werden. In der linken Hand trägt sie einen blauen Lotus.
61.44 In der rechten hält sie einen weißen Yakschweifwedel; zugleich ist die rechte Hand an Bhargas Körper gelegt. So wird die stehende Göttin betrachtet. Die Handzuordnung ist im Wortlaut nicht ganz eindeutig.
61.45 Der Verehrer kann Rudrani auch ohne Shambhu meditieren: zweiarmig, goldhell und mit Lotus und Wedel in den Händen.
61.46 Sie sitzt im Lotussitz auf einem Lotus, der auf einem Tigerfell liegt. Bei ihrer Verehrung werden acht
61.47 Yoginis oder Anführerinnen gesondert angeordnet, Vetala und Bhairava: Jaya, Vijaya, Matangi und Lalita,
61.48 Narayani, Savitri, Svadha und als achte Svaha. Einst lebten die beiden Danava-Brüder Shumbha und Nishumbha.
61.49 Sie waren gewaltig, von riesigem Körper und großer Kraft. Als Söhne Andhakas waren sie ungestüm wie zwei wilde Elefanten.
61.50 Nachdem ich den mächtigen Andhaka getötet hatte, suchten die beiden mit Heeren und Reittieren Zuflucht in der Unterwelt.
61.51 Dann übten die großen Asuras strenge Askese und erfreuten Brahma vollständig. Er wurde sehr gnädig und gab ihnen eine Wunschgabe.
61.52 Durch Brahmas Gabe übermütig geworden, bemächtigten sie sich der drei Welten. Shumbha übernahm Indras Stellung, Nishumbha die des Mondes.
61.53 Sie nahmen selbst die Opferanteile sämtlicher Götter an sich und übernahmen auch die Ämter der Welthüter.
61.54 Darauf gingen alle Götterscharen samt Indra zum Himalaya und priesen Mahamaya nahe Gangavatara.
61.55 Als die Göttin von sämtlichen Göttern auf vielfältige Weise gepriesen wurde, nahm sie die Gestalt einer Matanga-Frau an und fragte sie.
61.56 Welche Schöne preist ihr Götter hier? Warum seid ihr zu Matangas Einsiedelei gekommen?
61.57 Während Matangi so sprach, trat aus der Hülle ihres Körpers eine Göttin hervor und sagte: Mich preisen die Götter.
61.58 Die Asuras Shumbha und Nishumbha bedrängen sämtliche Götter. Deshalb preisen sie mich alle, damit ich die beiden töte.
61.59 Als die Göttin aus Matangis Körperhülle hervorgetreten war, wurde Gauri in einem Augenblick dunkel wie zerriebene Augenschwärze.
61.60 Sie erhielt den Namen Kalika und nahm ihren Aufenthalt im Himalaya. Die verständigen Weisen nennen sie Ugratara.
61.61 Denn Ambika rettet ihre Verehrer stets selbst aus gewaltigster Furcht. Ihre ersten drei Keimsilben wurden bereits genannt.
61.62 Sie heißt auch Ekajata, weil sie eine einzige Haarflechte trägt. Hört ihr Meditationsbild genau, Vetala und Bhairava.
61.63 Wer die große Göttin so meditiert, erlangt nach der Verheißung das Ersehnte: Sie ist vierarmig, dunkel und mit einer Kette abgetrennter Köpfe geschmückt.
61.64 In den rechten Händen hält sie oben ein Schwert und unten einen Wedel; in den linken der Reihe nach ein Schneidemesser und eine Schädelschale.
61.65 Auf dem Haupt trägt sie eine einzige Haarflechte, die bis an den Himmel reicht, sowie eine Kopfkette; auch um den Hals trägt sie stets eine solche Kette.
61.66 Über der Brust liegt eine Schlangenkette. Ihre Augen sind rot, sie trägt schwarze Gewänder und an den Hüften ein Tigerfell.
61.67 Der linke Fuß steht auf dem Herzen eines Leichnams, der rechte auf dem Rücken eines Löwen. Mit herausgestreckter Zunge leckt sie den Leichnam.
61.68 Sie lacht laut, ist überaus furchtbar und mit schrecklichem Gebrüll erfüllt. So soll Ugratara stets von hingebungsvollen Menschen betrachtet werden, die Heil wünschen.
61.69 Nun werde ich ihre acht Yoginis nennen: Mahakali, Rudrani, Ugra, Bhima,
61.70 Ghora, Bhramari, als siebte Maharatri und als achte Bhairavi. Diese Yoginis sollen verehrt werden.
61.71 Die Göttin, die aus Kalikas Körperhülle hervortrat, Bhairava, ist als Kaushiki bekannt, von schöner, bezaubernder Gestalt.
61.72 Chandika trat aus dem Herzen der Göttin über ihre Zungenspitze hervor. Keine andere Gestalt gleicht ihr an Schönheit.
61.73 In den drei Welten gibt es keine, die ihrem Glanz gleichkäme, und keine wird ihr künftig gleichen. Yogaschlaf Mahamaya gilt als ursprüngliche Natur.
61.74 Die Kaushiki genannte Göttin ist deren Lebenswesen. Als ihre Keimsilben werden ebenfalls die Augenkeime genannt.
61.75 Ich werde ihren Mantra und ihre Gestalt beschreiben, Bhairava. Für den Mantra werden Abschlusslaut, letzter Dental, Anfang der sechsten Gruppe und Punkt genannt,
61.76 verbunden mit dem sechsten Vokal und mit einem Punkt geschmückt. Dies ist die verschlüsselte Mantraordnung Kaushikis, die alle Wünsche und Anliegen gewährt.
61.77 Nun werde ich ihre Gestalt erklären, Bhairava. Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit das Bild, das die Welt erfreut.
61.78 Ihr Haar ist in einem Knoten geordnet. Am Haaransatz oberhalb des Stirnzeichens trägt sie eine nach unten gewendete Mondsichel und ist überaus schön.
61.79 Edelsteinohrringe berühren ihre Wangen, eine Krone schmückt sie, und leuchtender Ohrschmuck füllt ihre Ohren.
61.80 Sie strahlt mit Gold, Edelsteinen, Rubinen und einer Schlangenkette. Die überaus Schöne trägt stets eine Girlande aus duftenden, unverwelkten Lotusblüten
61.81 um den Hals und Oberarmspangen aus Edelsteinen. Ihre schönen, weichen Arme sind rund und lang wie Lotusstängel.
61.82 Ihre vollen, erhobenen Brüste sind von einem Obergewand bedeckt. Sie hat eine schmale Taille, trägt gelbe Gewänder und zeigt drei anmutige Bauchfalten.
61.83 In ihren rechten Händen trägt die Göttin Dreizack, Donnerkeil, Pfeil, Schwert und Lanze.
61.84 In den linken Händen hält sie von oben nach unten Keule, Glocke, Bogen, Schild und Muschel.
61.85 Kaushiki steht auf einem Löwen, trägt Tigerfell und besitzt eine unvergleichliche Gestalt, die Götter und Asuras bezaubert.
61.86 Höre nun ihre acht zu verehrenden Yoginis, mein Sohn. Wenn sie verehrt werden, gewähren sie den Menschen stets die vier Lebensziele.
61.87 Als erste wird Brahmani genannt, danach Maheshvari, Kaumari, Varahi und als fünfte Vaishnavi,
61.88 ferner Narasimhi, Aindri und als achte Shivaduti. Diese hochbegnadeten, wunscherfüllenden Yoginis sollen verehrt werden.
61.89 Von der Göttin, die aus ihrer Stirn hervortrat und als Kali bekannt ist, werde ich den wunscherfüllenden Mantra erklären. Höre, Bhairava.
61.90 Ein Dental mit Abschlusslaut, davor der Schlusslaut, verbunden mit sechstem Vokal, Feuer, Punkt und Mond und mit dem Anfang versehen: So lautet die verschlüsselte Anweisung.
61.91 Dies wird Kali-Mantra genannt, der Recht, Wünsche und Wohlergehen verleiht. Ich werde ihre Gestalt erklären; höre gesammelt, mein Sohn.
61.92 Sie ist dunkel wie ein Blatt des blauen Lotus und hat vier Arme. In den rechten Händen trägt sie Schädelstab und das Schwert Chandrahasa.
61.93 In den linken hält sie von oben nach unten Schild und Schlinge. Sie trägt eine Kette abgetrennter Köpfe und ein Tigerfell.
61.94 Ihr Körper ist mager, ihre Fangzähne sind lang, und ihre Gestalt ist überaus hoch und furchtbar. Ihre Zunge bewegt sich, ihre roten Augen liegen tief, und ihr Laut ist schrecklich.
61.95 Sie sitzt auf einem kopflosen Rumpf als Reittier und hat große Ohren und einen weiten Mund. Diese Göttin wird Tara und auch Chamunda genannt.
61.96 Wenn sie meditiert und verehrt wird, sollen ihre acht Yoginis verehrt werden: Tripura, Bhishana, Chandi, Kartri, Hartri, Vidhayini,
61.97 Karala und Shulini. Diese acht werden genannt. Die Göttin erfüllt Wünsche in höchstem Maß und beseitigt stets geistige Trägheit.
61.98 Keine andere erfüllt Wünsche in gleicher Weise. Aus Kaushikis Herzen trat eine Göttin hervor, während Hara meditierte.
61.99 Sie ist als Shivaduti bekannt und von hunderten Gottheiten umgeben. Ich werde ihren Mantra erklären, der Recht, Wünsche und Wohlergehen gewährt.
61.100 Durch sein Hören gelangt der Übende nach der Verheißung in Shivas schwer erreichbare Wohnstätte. Wer die große Göttin Shivaduti, die von Shivas Wesen ist, verehrt,
61.101 erlangt bald seine Wünsche und wird überall siegreich. Der Mantra wird aus einem Endlaut mit Abschluss, Punkt und Mond sowie einer zehnten Lautposition beschrieben.
61.102 Es folgen Vokal, vorletzter Dental und Endlaut; derselbe wird mit zwei Punkten, dem vorangehenden vorletzten Laut und Feuer verbunden.
61.103 Mit sechstem Vokal, Mondsichel und Leere versehen, steht er an erster Stelle. Dies ist Shivadutis siegverleihender Mantra. Die verschlüsselte Lautfolge ist teilweise beschädigt.
61.104 Ich werde ihre Gestalt beschreiben; höre gesammelt, mein Sohn. Sie ist vierarmig, von gewaltigem Körper und leuchtet wie Zinnober.
61.105 Ihre Zähne sind rot; sie trägt eine Kopfkette, einen Knoten verfilzter Haare und die Mondsichel. Schlangenohrringe und Schlangenkette schmücken sie, ihre Nägel glänzen.
61.106 Sie trägt ein Tigerfell. In den rechten Händen hält sie Dreizack und Schwert, in den linken von oben nach unten Schlinge und Schild.
61.107 Ihr Gesicht ist breit, ihre Lippen sind voll, ihre Gestalt hoch und erschreckend. Der rechte Fuß steht auf einem Leichnam,
61.108 der linke auf dem Rücken eines Schakals. Hunderte Schakale umgeben sie. So soll Shivadutis Gestalt zum Wohlergehen meditiert werden.
61.109 Schon ihre Meditation verleiht nach der Lehre Heil. Durch Verehrung gewährt die Göttin bald alle Wünsche.
61.110 Wenn ein Übender den Ruf eines Schakals hört und sich hingebungsvoll vor der heilspendenden Shivaduti verneigt, liegen nach der Verheißung seine Wünsche in seiner Hand.
61.111 Als die große Göttin Mahamaya zum Heil der Welten Raktabija tötete, trat diese Gestalt aus ihrem Körper hervor.
61.112 Ambika sandte Shiva als Boten zu Shumbha. Deshalb wird sie von allen Göttern Shivaduti genannt, „die Shiva als Boten hat“.
61.113 Kshemakari, Shanta, Vedamata, Mahodari, Karala, die Göttin Kamada, Bhagasya und Bhagamalini,
61.114 Bhagodari, Bhagaroha, Bhagajihva und Bhaga werden als ihre zwölf Yoginis bei der Verehrung genannt.
61.115 Diese zwölf Yoginis gehören stets zu Shivaduti. Wohin die Göttin selbst wandert, dorthin gehen auch sie.
61.116 Wie bei den anderen Göttinnen sind die Yoginis ihre Gefährtinnen. Auch Chandikas Yoginis werden hier als Freundinnen bezeichnet.
61.117 Damit habe ich euch die Gliedermantras in Kürze erklärt. Nun werde ich euch Kamakhyas Größe und ihre Ritualordnung darlegen.
Kapitel 62
Die Vorlage wiederholt die Blöcke 49–60 und 89–101. Buchstabenzusätze unterscheiden die Vorkommen; die Originalnummer 217 bleibt erhalten.
62.1 Der Erhabene sprach: Weil die Göttin mit mir zur Liebe auf den großen Berg kam und sich auf dem Nilakuta ins Verborgene zurückzog, wird sie Kamakhya genannt.
62.2 Sie erfüllt Wünsche, liebt, ist Begehren und Geliebte, verleiht dem Liebesgott seinen Körper und vernichtet ihn auch. Deshalb heißt sie Kamakhya.
62.3 Hört besonders von Kamakhyas Größe. Als Urnatur setzt sie die ganze Welt in Bewegung.
62.4 Als Vishnu zur Vernichtung Madhus und Kaitabhas kämpfte, war er von Mahamaya beeinflusst. Sie selbst hatte Hari in diesen Zustand versetzt.
62.5 Bei einer täglichen Weltauflösung schlief der Gott mit dem Garuda-Banner. Die Asuras Madhu und Kaitabha entstanden aus seinem Ohrenschmutz.
62.6 Die Göttin Erde lag auf dem Rücken der Schildkröte und war durch das Wasser gleichsam aufgelöst. Yogaschlaf Mahamaya sah sie in diesem Zustand.
62.7 Um die Erde fester zu machen, dachte die Herrin über ein Mittel nach: Wie kann die Erde Festigkeit gewinnen?
62.8 Jetzt ist sie durch das Wasser weich geworden wie geklärte Butter. Wie wird sie bei der Schöpfung die Wesen tragen können?
62.9 So dachte Maya, die die Schöpfung der Welt verkörpert, und trat zu Vishnu, der tief schlief.
62.10 Sie näherte sich dem schlafenden Herrn und Schutzherrn der Welt und führte die Spitze ihres linken kleinen Fingers in sein Ohr.
62.11 Mit der Nagelspitze holte die Göttin Yogaschlaf, die Mutter der Welt, den Ohrenschmutz heraus und zerrieb ihn.
62.12 Aus den zerriebenen Teilchen entstand der Asura Madhu. Dann führte sie die Spitze des kleinen Fingers der rechten Hand in das rechte
62.13 Ohr, holte auch dort Schmutz heraus und zerrieb ihn zwischen zwei Fingern.
62.14 Daraus entstand der große, mächtige Asura Kaitabha. Weil der erste nach seiner Entstehung Honig zum Trinken suchte,
62.15 gab die große Göttin ihm den Namen Madhu. Weil der andere bei seiner Entstehung auf Mahamayas Hand wie ein Insekt erschien,
62.16 nannte sie ihn Kaitabha. Mahamaya sagte zu beiden: Kämpft mit Hari!
62.17 Er wird euch nicht nach bloßem Belieben töten. Erst wenn ihr selbst sagt: „Vishnu, töte uns beide!“,
62.18 wird er euch töten, sonst nicht. Von Mahamaya verblendet, gelangten die beiden an Vishnus Körper.
62.19 Dort bewegten sie sich umher und sahen den aus dem Nabellotus entstandenen Schöpfer. Sie sagten zu ihm: Wir werden dich jetzt töten.
62.20 Wecke Vaikuntha, wenn du leben willst! Da suchte Brahma aus Furcht die Gunst Mahamayas, des Yogaschlafs und der Mutter der Welt,
62.21 mit vielen Lobpreisungen. Lange von Brahma, dem Weltenselbst, gepriesen, wurde die Göttin
62.22 gnädig und sagte rasch zu dem Beunruhigten: Warum hast du mich gepriesen? Was soll ich für dich tun?
62.23 Sage es, Hochbegnadeter; ich werde es jetzt für dich ausführen. Der hochherzige Schöpfer antwortete Mahamaya.
62.24 Wecke den Herrn der Welt, bevor die beiden mich töten, und verwirre die schwer bezwingbaren Asuras Madhu und Kaitabha.
62.25 So von Brahma, dem Weltenselbst, gebeten, weckte die Göttin Vaikuntha und verblendete die beiden.
62.26 Krishna erwachte und sah den furchterfüllten Brahma sowie die beiden schrecklichen Asuras Madhu und Kaitabha.
62.27 Janardana kämpfte mit ihnen, konnte die heldenhaften Asuras Madhu und Kaitabha aber nicht überwältigen.
62.28 Selbst Ananta vermochte die gewaltigen Kämpfer Vaikuntha, Madhu und Kaitabha nicht auf der Spitze seiner Schlangenhauben zu tragen.
62.29 Da ließ Brahma die erhaltende Kraft als Steinplatte erscheinen, eine halbe Yojana breit und eine halbe Yojana lang.
62.30 Auf diesem Stein kämpfte Govinda mit den beiden, bester König. Doch die Steinplatte sank unter das Wasser.
62.31 Nachdem diese Kraftgestalt versunken war, kämpfte Hari fünftausend Jahre ununterbrochen im Wasser mit den Armen gegen sie.
62.32 Als Vishnu, der Herr der Welten, die beiden nicht töten konnte, geriet er in tiefe Sorge, und auch der Schöpfer wurde von Furcht erfasst.
62.33 Da sprachen die beiden, stolz auf ihre Kraft und wiederholt von der Weltmutter Mahamaya verblendet, zu Vishnu.
62.34 Wir sind mit deinem Ringkampf zufrieden, Madhava. Wähle eine Gabe! Wir werden dir geben, was du wünschst; das sagen wir wahrhaftig.
62.35 Madhava, der Herr der Welten, hörte ihre Worte und antwortete: Ihr beiden Mächtigen sollt durch mich getötet werden können.
62.36 Gewährt mir diese Gabe, wenn ihr etwas geben wollt. Sie sagten: Unser Tod durch dich wäre jetzt ehrenvoll.
62.37 Töte uns dort, wo sich kein Wasser befindet. Als Madhava, der Herr der Welten, dies hörte,
62.38 gab er Brahma und mir rasch ein Zeichen: Hebt sogleich den Stein von Brahmas Kraft empor und haltet ihn fest.
62.39 Darauf stehend werde ich die beiden schrecklichen Mächtigen töten. Da hoben Brahma und ich die Steinplatte empor.
62.40 In ihrem mittleren östlichen Bereich nahm ich Berggestalt an, stand aufgerichtet, durchdrang die Platte und reichte bis in die Unterwelt.
62.41 Im Nordosten wurde die Schildkröte zum Berg und hielt den Stein. Im Nordwesten tat Ananta dasselbe, im Südwesten die Herrin der Götter,
62.42 Mahamaya, die Weltenträgerin, ebenfalls in Berggestalt. Im Südosten stand Vishnu in einer seiner Gestalten
62.43 und hielt den Stein von Brahmas Kraft, der erhabene höchste Herr. In der Mitte standen Brahma, ich und außerdem Varaha.
62.44 Dann stellte sich der Herr der Welten an das hintere Ende von Varahas Rücken und stützte sich auf die darunterliegende Steinplatte von Brahmas Kraft.
62.45 Er legte die Köpfe der beiden sorgfältig auf seinen linken Schenkel. Als Träger der Welt wandte er seine ganze Anstrengung auf,
62.46 bezwang sie mit aller Kraft und trennte ihre Hälse nacheinander durch, ohne dass sie auf der Erde lagen.
62.47 Unter seinem gewaltigen Druck sank Brahmas Kraftplatte weiter hinab, obwohl die Götterscharen sie immer wieder mit großer Mühe hielten.
62.48 Als die beiden tot waren, hob der Herr der Welten die Steinplatte wieder und legte ihre Körper sorgfältig darauf.
62.49a Nachdem die Erde emporgehoben war, bestrich er sie mit dem Fett der beiden und machte die von Wassermassen aufgeweichte Erde fest.
62.50a Weil sie mit Fett bestrichen wurde, wird die Göttin Erde bis heute von Göttern, Rakshasas und Menschen Medini genannt.
62.51a Nach langer Zeit, als die Lebewesen geschaffen waren, nahm ich Dakshas Tochter als vorzügliche Gattin an.
62.52a Sie wurde meine geliebte Frau, nachdem sie ihrem Vater eine Bedingung genannt hatte: „Wenn du mir Kränkendes antust, werde ich mein Leben aufgeben.“
62.53a Dann lud er zu seinem Opfer alle beweglichen und unbeweglichen Wesen ein, mich und Sati aber nicht. Wegen dieser Kränkung starb sie.
62.54a Von Verwirrung ergriffen, nahm ich ihren toten Körper auf und wanderte hierhin und dorthin, bis ich jenen vorzüglichen heiligen Sitz erreichte.
62.55a Wo immer ihre Körperteile der Reihe nach niederfielen, wurde der Ort durch die Macht der Göttin Yogaschlaf überaus heilig.
62.56a An diesem Kubjika-Sitz fiel Satis Yoni-Bereich nieder. Dort ging die Göttin Mahamaya in die Stätte ein.
62.57a Als Yogaschlaf in mich in Berggestalt einging und der Yoni-Bereich herabfiel, wurde der Berg dunkelblau.
62.58a Der sehr hohe Berg drang tief in die Unterwelt ein. Unter dem Druck der Göttin hielt Brahma ihn von innen.
62.59a Der Viergesichtige hatte schon früher Berggestalt angenommen, um die Steinplatte von Brahmas Kraft zu tragen. In dieser Berggestalt stützte er mich.
62.60a Doch Brahma als Berg sank zusammen mit mir in Berggestalt tiefer hinab, vom Gewicht der Maya stark bedrängt.
62.49b Nachdem die Erde emporgehoben war, bestrich er sie mit dem Fett der beiden und machte die von Wassermassen aufgeweichte Erde fest.
62.50b Weil sie mit Fett bestrichen wurde, wird die Göttin Erde bis heute von Göttern, Rakshasas und Menschen Medini genannt.
62.51b Nach langer Zeit, als die Lebewesen geschaffen waren, nahm ich Dakshas Tochter als vorzügliche Gattin an.
62.52b Sie wurde meine geliebte Frau, nachdem sie ihrem Vater eine Bedingung genannt hatte: „Wenn du mir Kränkendes antust, werde ich mein Leben aufgeben.“
62.53b Dann lud er zu seinem Opfer alle beweglichen und unbeweglichen Wesen ein, mich und Sati aber nicht. Wegen dieser Kränkung starb sie.
62.54b Von Verwirrung ergriffen, nahm ich ihren toten Körper auf und wanderte hierhin und dorthin, bis ich jenen vorzüglichen heiligen Sitz erreichte.
62.55b Wo immer ihre Körperteile der Reihe nach niederfielen, wurde der Ort durch die Macht der Göttin Yogaschlaf überaus heilig.
62.56b An diesem Kubjika-Sitz fiel Satis Yoni-Bereich nieder. Dort ging die Göttin Mahamaya in die Stätte ein.
62.57b Als Yogaschlaf in mich in Berggestalt einging und der Yoni-Bereich herabfiel, wurde der Berg dunkelblau.
62.58b Der sehr hohe Berg drang tief in die Unterwelt ein. Unter dem Druck der Göttin hielt Brahma ihn von innen.
62.59b Der Viergesichtige hatte schon früher Berggestalt angenommen, um die Steinplatte von Brahmas Kraft zu tragen. In dieser Berggestalt stützte er mich.
62.60b Doch Brahma als Berg sank zusammen mit mir in Berggestalt tiefer hinab, vom Gewicht der Maya stark bedrängt.
62.61 Darauf verband sich Madhava als Varaha mit mir. In Berggestalt begann er, mich als Berg zu stützen.
62.62 Auch er sank mit mir hinab. Die Göttin in Berggestalt drückte auf die Erde und blieb tief in ihr verankert.
62.63 Jeder der drei Berge war hundert Yojanas hoch gewesen. Unter dem Druck der großen Göttin sank diese ganze Höhe in die Tiefe.
62.64 Nur eine Krosha Höhe blieb von den dreien übrig. Weil sie die eine gesamte Urnatur der Welten ist,
62.65 wird die Weltmutter von den Göttern Brahma, Vishnu und Shiva getragen. Der östliche Brahma-Berg wird von den Göttern Shveta, „der Weiße“, genannt.
62.66 Der Berg, der meine Gestalt trägt, heißt Nila, „der Dunkelblaue“. Er liegt in der Mitte; sein heiliger Sitz ist dreieckig und einem Mörser ähnlich.
62.67 Er erstrahlt stets zwischen Brahma und Varaha. Varaha in Berggestalt heißt Chitra, „der Bunte“.
62.68 Er liegt hinter den anderen und ist länger als sie. Die leuchtende Schildkröte, die im Nordosten Berggestalt annahm,
62.69 ist als Manikarna bekannt und wird von den Götterscharen verehrt. Der Ananta verkörpernde Berg im Nordwesten
62.70 heißt Maniparvata und ist Madhava lieb. Der Mahamaya-Berg im Südwesten
62.71 heißt Gandhamadana und ist Shankara stets lieb. Weil Hari die beiden großen Asuras am hinteren Ende von Varahas Rücken enthauptete,
62.72 weilt er dort unter dem Namen Pandunatha. Der Berg, den ich im mittleren östlichen Teil der Steinplatte von Brahmas Kraft bildete,
62.73 heißt Bhasmachala. An diesem überaus heiligen Ort namens Kubjika-Pitha
62.74 weilt die Göttin mit mir im Verborgenen auf dem Nilakuta. Satis abgetrennter Yoni-Bereich fiel dort nieder
62.75 und wurde auf dem Berg zu Stein. Dort ist Kamakhya gegenwärtig. Wer diesen Stein berührt, erlangt nach der Verheißung Unsterblichkeit.
62.76 Ein Unsterblicher gelangt dadurch in Brahmas Wohnstätte, und wer dort bereits weilt, erreicht Befreiung. So groß ist die Macht des Steines, in dem Kameshvari gegenwärtig ist.
62.77 Wunderbar ist er: Eisen, das in seine geheime Vertiefung gelangt, werde zu Asche. Dort nimmt die Göttin täglich fünf Gestalten an,
62.78 um die Welten zu bezaubern und auch mich zu erfreuen. Ich selbst bin mit meinen fünf Gesichtern in fünf Bereichen gegenwärtig.
62.79 Ishana befindet sich vor allem im Osten Kameshvaris, Tatpurusha im Nordosten und Aghora in dessen Nähe.
62.80 Sadyojata steht im Nordwesten, und auch Vamadeva ist zugeordnet. Höre nun die fünf Gestalten der Göttin, bester Mann Bhairava,
62.81 und auch du, Vetala, die selbst für Götter geheim sind: Kamakhya, Tripura und die heilvolle Kameshvari,
62.82 ferner Sharada und Mahaloka, ausgestattet mit den Eigenschaften Kamarupas. Als ich Linga-Gestalt und sie im Stein die Yoni-Gestalt annahm,
62.83 wurden auch alle unsterblichen Götter zu Steinen und Bergen. Wie ich in meiner eigenen Gestalt mit der Liebesgöttin spielte,
62.84 so waren auch sämtliche Gottheiten durch Steingestalten verhüllt und auf den jeweiligen Bergen gegenwärtig.
62.85 Im Verborgenen vergnügen sie sich stets in ihren eigenen Gestalten. Brahma, Vishnu, Hara und alle Hüter der Himmelsrichtungen
62.86 sowie weitere Götter wohnen hier, mir stets wohlgesinnt, um Kamakhya, die wunschgestaltige Göttin, zu verehren.
62.87 Der Nila-Berg ist dreieckig, in der Mitte vertieft und stets heilvoll. In seiner Mitte liegt ein schönes Mandala mit dreißig Kräften.
62.88 Dort liegt die von Manobhava geschaffene Höhle Manobhava. In diesem Stein befindet sich die schöne steinerne Yoni, eine Spanne breit und einundzwanzig Fingerbreiten lang.
62.89a Sie wird allmählich schmaler, neigt sich abwärts und ist zum Bhasma-Berg gerichtet. Mahamaya, die Weltenträgerin, ist die ewige ursprüngliche Grundlage.
62.90a Mit Zinnober und Safran gerötet, erfüllt sie alle Wünsche. In dieser Yoni spielt die Liebende beständig in fünf Gestalten.
62.91a Die zuvor genannten acht ewigen, ursprünglichen Yoginis, Shailaputri und die anderen, stehen rings um die Göttin.
62.92a Höre ihre Namen an diesem heiligen Sitz zusammen, Bhairava: Guptakama, Shrikama und Vindhyavasini,
62.93a Kotishvari, die Waldbewohnerin, Padadurga, Dirgheshvari und die offenbare Bhuvaneshvari. Die Trennung der letzten Namen ist mehrdeutig.
62.94a Diese acht Gottheiten, ihre Yoginis, sind unter ihren Namen an den heiligen Sitzen bekannt. Alle heiligen Badeplätze sind hier in Wassergestalt vereint, Bhairava.
62.95a Sie befinden sich im Saubhagya-See, der selbst in seiner geringen Größe Verdienst schenkt. An seinem Ufer weilt Vishnu unter dem Namen Kamala.
62.96a Der jugendliche Wächter namens Kamuka befindet sich nahe Kamakhya. Die Göttinnen Lakshmi und Sarasvati stehen der Göttin zur Seite.
62.97a Lakshmi heißt dort Lalita, Sarasvati Matangi. Der Herr der Scharen befindet sich im östlichen Bereich des Berges.
62.98a Er ist unter dem Namen Siddha bekannt und steht als geliebter Sohn am Tor der Göttin. Der Wunschbaum und die Wunschranke haben die Gestalten des Tamarindenbaums und der Aparajita-Ranke angenommen.
62.99a Auf diesem großen Berg stehen sie, von der Göttin als ihre Lieben angenommen. Varaha trägt dort den Namen Pandunatha, weil Hari hier
62.100a die Köpfe Madhus und Kaitabhas auf seinen Schenkel legte und sie tötete. In der Nähe liegt das Brahmakunda, das Brahma einst schuf.
62.101a Wo Shiva als Ishana weilt, heißt der steinerne heilige Ort Siddheshvara. Er befindet sich inmitten des Siddhakunda; wisse dies, Bhairava.
62.89b Sie wird allmählich schmaler, neigt sich abwärts und ist zum Bhasma-Berg gerichtet. Mahamaya, die Weltenträgerin, ist die ewige ursprüngliche Grundlage.
62.90b Mit Zinnober und Safran gerötet, erfüllt sie alle Wünsche. In dieser Yoni spielt die Liebende beständig in fünf Gestalten.
62.91b Die zuvor genannten acht ewigen, ursprünglichen Yoginis, Shailaputri und die anderen, stehen rings um die Göttin.
62.92b Höre ihre Namen an diesem heiligen Sitz zusammen, Bhairava: Guptakama, Shrikama und Vindhyavasini,
62.93b Kotishvari, die Waldbewohnerin, Padadurga, Dirgheshvari und die offenbare Bhuvaneshvari. Die Trennung der letzten Namen ist mehrdeutig.
62.94b Diese acht Gottheiten, ihre Yoginis, sind unter ihren Namen an den heiligen Sitzen bekannt. Alle heiligen Badeplätze sind hier in Wassergestalt vereint, Bhairava.
62.95b Sie befinden sich im Saubhagya-See, der selbst in seiner geringen Größe Verdienst schenkt. An seinem Ufer weilt Vishnu unter dem Namen Kamala.
62.96b Der jugendliche Wächter namens Kamuka befindet sich nahe Kamakhya. Die Göttinnen Lakshmi und Sarasvati stehen der Göttin zur Seite.
62.97b Lakshmi heißt dort Lalita, Sarasvati Matangi. Der Herr der Scharen befindet sich im östlichen Bereich des Berges.
62.98b Er ist unter dem Namen Siddha bekannt und steht als geliebter Sohn am Tor der Göttin. Der Wunschbaum und die Wunschranke haben die Gestalten des Tamarindenbaums und der Aparajita-Ranke angenommen.
62.99b Auf diesem großen Berg stehen sie, von der Göttin als ihre Lieben angenommen. Varaha trägt dort den Namen Pandunatha, weil Hari hier
62.100b die Köpfe Madhus und Kaitabhas auf seinen Schenkel legte und sie tötete. In der Nähe liegt das Brahmakunda, das Brahma einst schuf.
62.101b Wo Shiva als Ishana weilt, heißt der steinerne heilige Ort Siddheshvara. Er befindet sich inmitten des Siddhakunda; wisse dies, Bhairava.
62.102 In der Nähe befinden sich die heiligen Orte Gaya und Varanasi, als Becken von der Gestalt eines Yoni-Mandalas.
62.103 Dort liegt auch das Amritakunda, voll von Nektar. Indra und die anderen Unsterblichen haben es zu meiner Freude angelegt.
62.104 Mein Vamadeva genanntes Haupt heißt hier Shrikameshvara. In seiner Nähe liegt das überaus heilige Kamakunda.
62.105 Zwischen Siddha und Kama befindet sich das heilige Feld Kedara, vierzehn Klafter lang und Chayachhatra genannt.
62.106 Nahebei weilt Shailaputri unter dem Namen Guptakama in der Mitte des Guptakunda, verbunden mit Kameshvaras Stein.
62.107 Stets an Kameshvaras Stein angeschlossen, heißt sie Kamakhya. Sie berührt den östlichen Bereich der Yoni an deren oberem Zugang. Die räumliche Beschreibung ist nicht völlig eindeutig.
62.108 Zwischen Kama und Kamakhya steht Kalaratri. Am heiligen Sitz heißt sie Dirgheshvari; am Grenzbereich weilt Prachandika. Die Vorlage verwendet eine abweichende Geschlechtsendung beim Sitznamen.
62.109 Am Rand von Kamakhyas Stein weilt die Yogini Kushmandi. Am heiligen Sitz steht sie als Yoni unter dem Namen Kotishvari.
62.110 Mein Aghora genanntes Haupt befindet sich südlich der Liebesgöttin. Die nach dem Höchsten Strebenden nennen es an diesem Sitz Bhairava.
62.111 Chamunda weilt unter dem Namen Bhairavi nahe Bhairava. Sie ist die Anführerin, die ihren Verehrern Wünsche erfüllt und Chanda und Munda vernichtet.
62.112 Zwischen Kama und Bhairava fließt die göttliche Ganga selbst, stets zum Wohl aller Welten und zur Freude der Göttin.
62.113 Mein Sadyojata genanntes Haupt heißt an diesem Sitz Amratakeshvara. Es liegt in der Bhairava genannten Höhle und wird von Göttern und Weisen verehrt.
62.114 Dort befindet sich auch die Anführerin Durga in Yoni-Gestalt. Unter den Göttern ist sie stets als Siddhakameshvari bekannt.
62.115 Dort steht ein schöner, schattenspendender Baum mit unverwelkenden Blättern: der Amrataka-Wunschbaum, mit der Wunschranke verbunden.
62.116 Nahe dem Amrataka tritt Ganga selbst unter dem Namen Siddhaganga hervor, um meine Freude zu mehren.
62.217 Dieses heilige Feld heißt Pushkara, am Sitz jedoch Amrataka. Im Nordosten steht mein Tatpurusha genanntes Haupt. Die Vorlage nummeriert diesen Vers 217 statt 117.
62.118 Es ist dort als Bhuvaneshvara bekannt, Bhairava. Seine Höhle trägt den Namen Bhuvanananda.
62.119 In der Nähe steht Surabhi in Steingestalt. Sie ist dort als Kamadhenu, die Wünsche gewährende Kuh, bekannt.
62.120 Der gewaltige mittlere Teil meiner Sharabha-Gestalt, der Mahabhairava hieß, wird hier Kotilinga genannt.
62.121 In fünf Gestalten bin ich in den fünf Bereichen gegenwärtig; dahinter wohne ich aus großer Liebe auf dem Berg unter dem Namen Bhairava. Der örtliche Ausdruck ist beschädigt.
62.122 Die Yogini Mahagauri, die Vollendung verkörpert, weilt oben auf dem Brahma-Berg in Steingestalt.
62.123 Sie ist überaus schön und heißt Bhuvaneshvari. Dort, wo Brahma sich mit mir in Berggestalt verbindet,
62.124 steht die Wunschranke namens Aparajita. Kamadhenu ist nicht weit entfernt; im östlichen Bereich befindet sich Maheshvari.
62.125 Shrikamakhya in Yoni-Gestalt ist die Yogini Chandika. Wisse, dass die heilvolle, alle Wünsche gewährende Göttin im Südosten steht.
62.126 Die Yogini Chandaghanta heißt an diesem Sitz Vindhyavasini, Skandamata dort Vanavasini.
62.127 Katyayani wird am heiligen Sitz Padadurga genannt. Die Segensreiche steht am südwestlichen Rand des Nila-Berges.
62.128 Nandi, der meine eigene Körpergestalt ist, steht als Stein am westlichen Tor. An diesem Sitz heißt er Hanuman.
62.129 Aurva sprach: Als Bhairava und Vetala diese Worte des unermesslich strahlenden Shambhu hörten, fragten sie voller Wissbegier.
62.130 Vetala und Bhairava sprachen: Wir haben die Anordnung des heiligen Sitzes und die Reihenfolge der Göttinnenverehrung gehört, Vater. Nun möchten wir auch von den fünf Gestalten hören, Shankara.
62.131 Beschreibe ihre fünf Erscheinungen und sämtliche zugehörigen Mantras und Verfahren, Stierbannerträger.
62.132 Der Herr sprach: Höre, Vetala! Ich werde die Mantras und Verfahren der fünf Kamakhya-Gestalten einzeln erklären, ebenso ihre Erscheinungen und Ritualordnungen, Bhairava.
62.133 Im Kama-Keim stehend, inmitten des Kama-Keims und vom Liebesgott-Keim umschlossen, soll der Wünschende durch Kama das Gewünschte erstreben und das Begehren in Kama einsetzen. Der Vers arbeitet absichtlich mit mehrfacher Bedeutung desselben Wortes.
62.134 Der älteste Konsonant wird zuerst gesetzt; der folgende wird als friedvoll bezeichnet. Der Reihe nach soll er mit der nektarartigen Lautform verbunden werden. Die verschlüsselte Anweisung ist unsicher.
62.135 Prajapati und Indras Keim werden mit den bezeichneten Anfangs- und Abschlusslauten sowie dem Halbmond verbunden. Dies wird Kamakhyas Keim genannt.
62.136 Er verleiht Recht, Wünsche, Befreiung und Wohlergehen. Dies ist das höchste Geheimnis, das andernorts schwer zu erlangen ist.
62.137 Wer es aufmerksam mit dem Ohr aus dem Mund des Guru hört, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche und wird in Shivas Welt geehrt.
62.138 Diese Lehre enthält den gesammelten Kern der Offenbarung und schmückt die Kehlen der Götter wie eine Halskette. Sie tilgt alle Befleckung und erfreut Shridhara. Ihr heilvoller Sinn weist auf die Vernichtung der Hindernisse. Die kunstvolle Strophe ist teilweise beschädigt.
62.139 Höre von der Gestalt der Liebesgöttin, die Augen und Händen förderlich und den Meditierenden hilfreich ist, in liebevoller rechter Führung und göttlicher Wahrhaftigkeit ruht, zum höchsten Zustand führt und Unglück auflöst. Mehrere Komposita sind unsicher überliefert.
62.140 Schon ihr Name, der den Raum des Hörens erfüllt, wirkt zu großem Wohlergehen und ist eine Stätte rechter Ordnung. Ihre Kraft ist Kundalini unter den Götterscharen. Diese höchste Gestalt soll auch von Menschen ohne Hoffnung betrachtet werden. Einzelne Verbindungen bleiben unsicher.
62.141 Ihre Ohren tragen Sonne und Mond; ihre Farbe ist durch Safran gelblich. Edelsteine und Gold schmücken sie, ihr Ohrschmuck bewegt sich, und sie hat drei Augen. Ihre Hände gewähren Furchtlosigkeit und Gaben; eine Gebetskette zeichnet sie aus. Götter und Menschenkönige verneigen sich vor ihr: Sie ist Siddhakameshvari.
62.142 Sie sitzt auf einem rötlichen Lotus, auf einem roten Lotussitz am Herzen eines Leichnams. Ihr Körper ist jugendlich, ihr Haar offen, ihre Halskette schön. Sie ist anmutig, mit vollen, hohen Brüsten und einem Gewand wie die junge Sonne: Sie ist die Herrin aller Wünsche.
62.143 Sie spendet große Fülle, lächelt und hat schönes Haar, glänzende Nägel und Zähne und eine geneigte Mondsichel. Auf dem Liebesstein gegenwärtig, erstrahlt sie mit der Yoni-Handgeste. Die Schlusswörter über Bewegung und Stätte sind beschädigt.
62.144 So soll sie, leuchtend wie Blitz und Feuer, von Übenden meditiert werden, die Recht und die übrigen Ziele wünschen. Vetala und Bhairava, richtet die drei Ehrengaben beziehungsweise Gefäße ordnungsgemäß als Stätte des Segens her. Die Anweisung ist teilweise unklar.
62.145 Danach soll das Mandala mit Sandelholz und Blumen angelegt werden. Die zuvor im Göttinnenverfahren genannte Reihenfolge des Zeichnens ist auch hier zuerst einzuhalten.
Kapitel 63
63.1 Der Herr sprach: Die Anordnung des Mandalas und seine begleitenden Handlungen, die ich zuvor für den Mantra des Vaishnavi-Tantras gelehrt habe,
63.2 sollen zuerst mit Blumen und Sandelholz auf dem Stein ausgeführt werden. Auch das Aufstellen der Gefäße und der übrigen Gegenstände erfolgt hier ebenso.
63.3 Sämtliche für den Vaishnavi-Tantra-Mantra genannten Begleithandlungen werden auch hier angewandt, einschließlich der Verehrung des Sitzes und der weiteren Grundlagen.
63.4 Was hier davon abweicht, werde ich erklären. Höre, Bhairava: Zuerst werde der Sonne eine Ehrengabe mit weißem Senf dargebracht,
63.5 mit Blumen und Sandelholz versehen, ihr als hochherziger Gottheit samt ihrem Gefolge. Nach der Verehrung des Sitzes sollen alle am heiligen Ort genannten Gottheiten
63.6 unter ihren dortigen Namen in der Mitte des Mandalas zugeordnet werden. Das Meditationsbild unterscheidet sich hier von dem Vaishnavis, Bhairava.
63.7 Alles andere für die Liebesgöttin wurde bereits bei Mahamaya erklärt. Die vierundsechzig Yoginis sollen einzeln verehrt werden.
63.8 Ebenso die Höhle Manobhava und die Gefährtin Mahotsaha. Danach werden die Hüter der Himmelsrichtungen und die neun Planetengottheiten verehrt.
63.9 Jede wird in ihrer eigenen Gestalt vergegenwärtigt, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Am Osttor soll zuerst Ganapati verehrt werden.
63.10 Am Westtor werden Nandi und Hanuman verehrt, Bhringi im Norden und Mahakala im Süden.
63.11 Diese meine Torhüter sollen auch an den Toren der Göttin verehrt werden. Bei der Nektarverwandlung im Gefäß wird die Kama-Handgeste verwendet.
63.12 Zuerst sollen störende Wesen durch dreimaliges Klatschen entfernt werden. Dazu schlägt die rechte Hand auf die linke.
63.13 Mit dem Mantra „Hum Hum Phat“ werden Vetalas und andere Wesen fortgewiesen. Der Übende vollziehe sämtliche im ergänzenden Tantra genannten Handlungen.
63.14 Mit der hier beschriebenen Gestalt als Meditationsbild erfolgt auch die Atemregelung. Zuerst bade der Verehrer die Göttin mit dem Grundmantra.
63.15 Dafür werden Honig, Milch, geklärte Butter, Dickmilch, Kuhurin und Kuhdung genannt, ferner Edelsteinwasser, Zucker sowie mit Rohzucker, Edelsteinen oder Kusha-Gras bereitetes Wasser.
63.16 Weißer Senf, Mungbohnen, Sesam, Milch, Gerste, rotes Sandelholz, Blumen und Durva-Gras, mit Rochana versehen,
63.17 bilden die neun Bestandteile der Ehrengabe, die auf dem Stein nahe der Yoni dargebracht wird. Dann folgen Sitz, Fußwasser, Ehrengabe und Wasser zum Mundspülen,
63.18 Honigtrank, Badewasser, Gewand, Sandelholz und Schmuck, Blumen, Räucherwerk, Licht und Augenschminke,
63.19 Speisegabe, erneutes Mundspülwasser, Rechtsumwandlung und Verneigung. Diese werden hier als die sechzehn Dienste am heiligen Sitz bezeichnet; die Einzelglieder sind in der Aufzählung teils zusammengefasst.
63.20 Die große Göttin werde mit der auf Kama bezogenen Gayatri herbeigerufen. Erkenne sie als die geheime Gottheit Bhairavas, Vetala.
63.21 „Kamakhya, komm hierher, in gebührender Weise in meine Nähe. Werde bei meiner Verehrung hier gegenwärtig, Liebende.“
63.22 „Wir erkennen Kamakhya; wir meditieren über Kameshvari. Möge die große Göttin uns anregen.“
63.23 Dies ist die Kama-Gayatri; mit ihr soll die Heilvolle verehrt werden. Am Ende der Verehrung werden ihr zur Freude Opfergaben dargebracht.
63.24 Die Mantrawiederholung soll mit einer Rudraksha-Kette erfolgen. Mit den drei Silben des Grundmantras, jeweils dreifach angewandt,
63.25 werden nach der Herbeirufung Kamakhyas sechs Glieder verehrt. Die für die Einsetzung in Hände und Körper beim Vaishnavi-Tantra-Mantra genannten
63.26 Vokale, mit Halbmond und Punkt versehen, werden mit den Anfangssilben des Grundmantras verbunden.
63.27 Beginnend beim kleinen Finger erfolgt die Einsetzung der Glieder. Nachdem die Einsetzung in Körper und Hände vollzogen ist, soll der Übende
63.28 Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Augen, Mund, Bauch, Rücken, Arme, Hände, Unterschenkel und Füße mit den Mantras versehen.
63.29 Verehrt werden die Furchtlosigkeit und Gaben gewährenden Hände, die Gebetskette und ihre Schnur, Mond und Sonne sowie die Mondsichel auf dem Haupt.
63.30 Ebenso der rote Lotus, der Leichnam, der Strom Lauhitya, Brahmas Sohn, und der Stein Manobhava, in dem die Kraft inmitten des Leichnams gegenwärtig ist.
63.31 Der Verehrer ehre auch das seitlich befindliche Schwert und die Gottheiten des heiligen Sitzes, darunter die heilvolle Kameshvari.
63.32 Tripura werde in der Mitte als besondere Gottheit des Sitzes verehrt, ebenso Sharada und Mahotsaha.
63.33 Die große Göttin Chandeshvari ist die Trägerin der Opferreste. Bei Kamakhyas Verabschiedung wird die Yoni-Handgeste gelehrt.
63.34 Zinnober, Sandelholz, Aloeholz und Safran gehören zu den hier besonders genannten Gaben. Dies sind die von mir erklärten Besonderheiten der Verehrung.
63.35 Mit diesen Besonderheiten und der gesamten Ritualordnung des Vaishnavi-Tantras soll Kamakhya verehrt werden.
63.36 Wer Kamakhya nach dieser Ordnung im Innern der Höhle Manobhava verehrt, gelangt nach der Verheißung zum höchsten Ziel.
63.37 Brahmani, Chandika, Raudri, Gauri, Indrani, Kaumari, Vaishnavi, Durga, Narasimhi und Kalika,
63.38 Chamunda, Shivaduti, Varahi, Kaushiki, Maheshvari, Shankari, Jayanti und Sarvamangala,
63.39 Kali, Kapalini, Medha, Shiva, Shakambhari, Bhima, Shanta, Bhramari, Rudrani und Ambika,
63.40 Kshama, Dhatri, Svaha, Svadha, Aparna, Mahodari, Ghorarupa, Mahakali, Bhadrakali und Bhayankari,
63.41 Kshemakari, Ugrachanda, Chandogra, Chandanayika, Chanda, Chandavati, Chandi, Mahamoha und Priyankari,
63.42 die Göttin Kalavikarini, Balapramathini, Madanonmathini und die Bezwingerin aller Wesen,
63.43 Uma, Tara, Mahanidra, Vijaya und Jaya sowie die zuvor genannten acht Yoginis, Shailaputri und die übrigen,
63.44 sollen gemeinsam als vierundsechzig Yoginis im Mandala verehrt werden, zur Erfüllung aller Wünsche und Anliegen. Die Namenszählung der Vorlage ist nicht vollständig eindeutig.
63.45 Verschiedenste Speisegaben, Getränke, Milchreis, Süßgebäck, Kuchen und Mehlspeisen sollen der Göttin angemessen dargebracht werden.
63.46 Wer Kamakhya, die Gabenspenderin, so voller Hingabe verehrt, erlangt nach der Verheißung alles Ersehnte.
63.47 Die Göttin Mahotsaha ist Mahamaya selbst. Sie soll im Yoni-Mandala mit dem Mantra des Vaishnavi-Tantras verehrt werden.
63.48 Ihr Mandala und die Einsetzung der Körperglieder sind dieselben; ebenso die Abfolge der Verehrung, das Meditationsbild und die Gottheit.
63.49 Das Verfahren ist also das bereits erklärte, ohne etwas anderes hinzuzufügen. Was beim großen Mahamaya-Fest über das Auflösen des Mandalas und die übrigen Handlungen gelehrt wurde,
63.50 gilt auch für Mahotsaha. Nach einem vorbereitenden Bad mit Honig, geklärter Butter und weiteren Flüssigkeiten soll sie im Mandala verehrt werden.
63.51 Hört nun die Verehrung Kamakhyas in Tripura-Gestalt. Ihr Grundmantra wurde zuvor im ergänzenden Tantra
63.52 euch beiden geliebten Söhnen der Reihe nach erklärt: Vagbhava, Kama-Keim und Damara, diese drei.
63.53 Mit der Kundalini-Kraft verbunden verwirklichen sie Recht, Wohlergehen, Wünsche und die übrigen Ziele. Diese drei werden vorangestellt, während Durga als große Herrin meditiert wird.
63.54 Darum wird die wunschgestaltige Kamakhya auch Tripura genannt. Ihr Bad erfolgt so, wie es für Kamakhya beschrieben wurde.
63.55 Mit dem Grundmantra soll der Verehrer dieses Bad vollziehen. Ihr Mandala ist dreieckig, umfasst drei Bereiche und hat drei Linien.
63.56 Der Mantra ist als dreisilbig zu verstehen; ebenso gibt es drei Gestalten. Die Kundalini-Kraft ist dreifach zur Hervorbringung der drei Götter.
63.57 Weil alles dreifach ist, heißt sie Tripura. Im Mandala werden die Linien von Norden bis Osten der Reihe nach angelegt.
63.58 Je drei Linien sollen mit Blumen und Sandelholz gezogen werden. Unter dem Mantra wird zunächst vom Nordosten zum Südwesten gezeichnet,
63.59 dann vom Südwesten zum Nordwesten und von dort zurück zum Nordosten. So entsteht im Innern des Mandalas ein Dreieck.
63.60 Die vom Nordosten ausgehende Linie wird Kraft genannt. Die vom Südwesten zum Nordwesten und dann zum Nordosten führende Linie
63.61 heißt Shambhu. Mit der Kraft wird Shambhu durchdrungen; die so verbundene Gestalt des Herrn der Wesen wird mit einem Lotus umgeben.
63.62 Dieser hat acht Blätter. Man meditiere die dreifarbige Göttin und verehre sie zuerst. Kraft und Shambhu werden jeweils mit drei Linien umschlossen.
63.63 Das Besprengen, Reinigen und Zeichnen des Platzes, die Anwendung des Waffenmantras und das Entfernen störender Wesen
63.64 sollen zunächst so ausgeführt werden, wie es allgemein im Vaishnavi-Tantra und im ergänzenden Tantra gelehrt wurde.
63.65 Daran schließen die Besonderheiten von Tripuras Verehrung an. Dieses Dreieck gilt als Stätte der drei Götter.
63.66 Im Nordosten befindet sich Ishana, im Südwesten der Viergesichtige und im Nordwesten Brahma; so werden sie bei den sechs Ecken genannt. Die Vorlage nennt Brahma hier doppelt und lässt Vishnu ungenannt.
63.67 Die Blütenblätter bilden einen Bereich, die Staubfäden einen zweiten und das Dreieck den verbleibenden dritten. Deshalb heißt es dreieckiges Mandala.
63.68 An Blütenblättern, Staubfäden und Dreieck werden jeweils dreifache Linien sorgfältig und wiederholt angebracht.
63.69a Das Nordtor hat Bogenform, das Osttor ist sechseckig und das Südtor viereckig.
63.70 Das Westtor hat die Form eines Torbogens, wie in anderen Mandalas. Im Nordosten zeichne man die fünf Pfeile, im Südosten ihren Bogen,
63.71 im Südwesten ein Buch und im Nordwesten eine Gebetskette. Nach dem Zeichnen berühre man das Mandala mit der linken Hand.
63.72 Mit „Verehrung der Wohnstätte der Sprache“ soll das Mandala verehrt werden. Danach folgt die Entfernung der Wesen mit drei entsprechenden Handlungen; die Bezeichnung ist beschädigt.
63.73 Mit dem Grundmantra und den zuvor genannten Mantras wird dreimal umkreist, begleitet von neunmaligem Fingerschnippen.
63.74 Danach folgen Besprengen und Vertreiben der Wesen sowie die neun Handlungen am Gefäß der Ehrengabe.
63.75 Der Übende vollziehe wie zuvor die innere Verbrennung und Überflutung. Zuerst werde mit der Dhenu-Handgeste die Verwandlung in Nektar vollzogen.
63.76 Danach bilde man die Yoni-Handgeste und berühre das Gefäßwasser dreimal. Martanda-Bhairava wird eine Ehrengabe mit Durva-Gras und weißem Senf,
63.77 roten Blumen und Sandelholz samt seinem Gefolge dargebracht. Dann bilde man die Schildkröten-Handgeste und meditiere mit der Yoni-Handgeste.
63.78 Dies geschieht der Reihe nach am Anfang und in der Mitte, Vetala und Bhairava. Zum Aufstellen des Gefäßes werde unter dem Waffenmantra ein Mandala
63.79 mit sechs Ecken gezeichnet, ebenso bei der Einsetzung des Mantras. Mit „Aim Am Klim“ wird dreimal Wasser in das Gefäß gegeben.
63.80 Dreimal folgen Duftstoff und Blume, dreimal Durva-Gras und ungebrochener Reis. „Ram Hrim Hrum Hraim Hraum“ werden vom Daumen an der Reihe nach eingesetzt.
63.81 Mit dem Waffenmantra „Om Hra“ werden Handrücken und Handflächen versehen. Danach folgt die Einsetzung vom Herzen an, jeweils dreifach.
63.82 Die entsprechenden Finger beider Hände werden vom Daumen an paarweise verbunden. Dreimal wird jede Einsetzung vollzogen, dann folgen die übrigen Glieder.
63.83 Die Ohröffnungen, das Brahma-Tor am Scheitel, der Haaransatz, beide Nasenöffnungen, Knie und Füße
63.84 werden jeweils dreimal mit diesen sechs Mantras versehen. Danach folgt die Atemregelung mit Einatmen, Anhalten
63.85 und Ausatmen, während die Göttin Tripura meditiert wird. Nach innerer Verbrennung und Überflutung wird ihre erste Gestalt betrachtet.
63.86 Höre diese Gestalt, Bhairava, die dreifach im Herzen gegenwärtig gemacht wird: Sie leuchtet wie eine Masse Zinnober, hat drei Augen und vier Arme.
63.87 In der oberen linken Hand hält sie einen Blumenbogen, unten ein Buch; in der oberen rechten fünf Pfeile und unten eine Gebetskette.
63.88 Auf den Rücken von vier Leichnamen liegt ein weiterer Leichnam. Auf dessen Rücken steht sie mit beiden Füßen gleichmäßig.
63.89 Ihr Haupt ist mit einem Knoten verfilzter Haare und der Mondsichel geschmückt. Sie ist unbekleidet, ihre schöne Taille zeigt drei Bauchfalten, und sie ist bezaubernd.
63.90 Mit sämtlichem Schmuck versehen, an allen Gliedern schön und heilvoll, lässt sie eine Fülle von Reichtum ausströmen und besitzt alle Glücksmerkmale.
63.91 Zuerst wird sie so meditiert. Dann betrachte man sich selbst in dreifacher Weise als von ihrer Gestalt und nehme mit dem Vagbhava-Mantra eine Blume.
63.92 Diese lege man auf das eigene Haupt und vollziehe erneut die Einsetzung in die Glieder. Der Übende wiederhole die beiden Mantras, mit Vagbhava beginnend, je dreimal
63.93 über dem Wasser der Ehrengabe und besprenge damit sein Haupt sowie dreimal sämtliche Gegenstände der Verehrung.
63.94 Dann meditiere er den Liebessitz und verehre der Reihe nach Ganesha, Ganadhyaksha, Gananatha
63.95 und Ganakrida an den Toren, beginnend im Osten. Ihr Mantra ist Herambas Keimsilbe.
63.69b Die Torhüter heißen Vidya, Shanti, Nivritti und Pratishtha, jeweils mit der Bezeichnung Kala. Sie werden vom Osten an der Reihe nach verehrt. Die Vorlage trägt hier 69 statt 96.
63.97 Siddhaputra, Jnanaputra, Sahajaputra und als letzter Samayaputra sind die jugendlichen Wächter, die verehrt werden sollen.
63.98 Jeweils bei diesen Wächtern wird die Göttin Shri mit dem Mantra „Shrim“ verehrt, der Reihe nach vom Osten an.
63.99 Die Jungfrauengestalten von Siddha, Sahaja, Jnana und Samaya werden in den Ecken des Mandalas verehrt, beginnend im Nordosten.
63.100 Yorata, Damara, Lohajangha und Bhutanatha werden als Feldhüter vom Nordosten an verehrt. Der erste Name ist unsicher überliefert.
63.101 In der Mitte des Mandalas sollen die fünf Pfeile verehrt werden: der Erweichende, der Austrocknende, der Bindende, der Verblendende
63.102 und der Anziehende, mit dem mittleren Mantra. Dann verehre man drei Yoginis in den drei Ecken.
63.103 Bhaga, Bhagajihva und Bhagasya werden vom Norden an der Reihe nach verehrt. Drei weitere befinden sich im inneren Dreieck.
63.104 In der ersten Stelle Bhagamalini, in der zweiten Bhagodari und in der dritten die wunschgestaltige Yogini Bhagaroha.
63.105 Die Göttinnen Anangakusuma, Anangamekhala, Anangamadana und Anangamadanatura,
63.106 Anangavesha, Anangamalini, Madanatura und als achte Madanangakusha werden im Bereich von Blütenblättern und Staubfäden verehrt.
63.107 Die acht Yoginis Shailaputri und die anderen erscheinen bei Tripuras Verehrung unter diesen Namen als Yoginis der Liebe.
63.108 Mit Vagbhava und dem letzten Augenkeim Durgas erfolgt die Einsetzung in die Glieder. Mit den sechs Einsetzungsmantras und den weiteren zugeordneten Formeln werden acht
63.109 Feldhüter zwischen Staubfäden und Blütenblättern verehrt: Hetuka, Vipuraghna, Agnijihva,
63.110 Agnivetala, Kala, Karala, Ekapada und Bhimanatha, der Reihe nach vom Norden an.
63.111 Mit den entsprechenden acht Mantras, verbunden mit Kamaraja, sollen die neun Anführer Asitanga und die übrigen der Reihe nach verehrt werden.
63.112 Je zwei stehen in den vier Himmelsrichtungen, beginnend im Osten, zwischen Lotus und Mandala. Der verbleibende einzelne wird ebenfalls dort verehrt.
63.113 Die neun heißen Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, Unmatta, Bhayankara, Kapali, Bhishana und Samhara.
63.114 Vom Nordosten an verehre man jeweils zwei Anführerinnen zwischen Lotus und Mandala; zwei weitere stehen im Südosten.
63.115 Es sind Brahmani, Bhairavi, Maheshvari, Kaumari, Vaishnavi, Narasimhi,
63.116 Varahi, Indrani, Chamunda und Chandika. In der Mitte des Mandalas sollen auch die tragende Grundkraft und alle weiteren
63.117 im Vaishnavi-Tantra genannten Prinzipien verehrt werden, Bhairava. Shivas fünf zuvor beschriebene Gestalten, Sadyojata und die anderen,
63.118 sind in der Mitte des Lotus zu den fünf Leichnamen geworden. Diese fünf sollen dort verehrt werden, ebenso roter Lotus und Leichnam.
63.119 Auch der als Weltengrundlage bezeichnete Löwe wird dort verehrt; ferner Jayanti, Mangala, Kali, Bhadrakali und Kapalini,
63.120 Durga, Kshama, Shiva, Dhatri, Svadha und Svaha. Dazu Ugrachanda, Prachanda, Chandogra und Chandanayika,
63.121 Chanda, Chandavati, Chandarupa und Atichandika. Diese sollen besonders in der Mitte des Mandalas verehrt werden.
63.122 Alle Planetengottheiten, die Sonne voran, werden einzeln mit ihren Gestalten und Waffen vergegenwärtigt und der Reihe nach an den Seiten verehrt.
63.123 Ebenso werden sämtliche Welthüter mit ihren Richtungsmantras und ihre Waffen mit den Waffenmantras verehrt, Bhairava.
63.124 Dort meditiere man den Herrn Kameshvara mit einem Gesicht und vier Armen, ascheweiß, in der Mitte seines Herzens mit roten Blumen und Safran geschmückt.
63.125 In den beiden linken Händen befinden sich Dreizack und Pinaka-Bogen, in den beiden rechten Lotus und Zitronatzitrone.
63.126 Auf einem weißen Lotus sitzend wird er in der Mitte meditiert und verehrt. Dann wird Kamakhya in ihrer Gestalt meditiert und ebenfalls verehrt.
63.127 Auch die Göttin Kameshvari, die höchste Herrin, soll dort in der noch zu beschreibenden Gestalt verehrt werden, Vetala und Bhairava.
63.128 Der Feldhüter Karala trägt Schneidemesser und Schädelschale. Der gewaltige Herr ist furchterregend; seine Fangzähne treten durch die Lippen.
63.129 Verehrt werden ferner der schattige, mit Edelsteinen geschmückte Tamarinden-Wunschbaum und der dreigipflige, dunkle, hell erstrahlende Nila-Berg.
63.130 Die glückverheißende Höhle Manobhava ist fünf Klafter lang, mit Edelsteinen versehen, rot und schön gerundet.
63.131 Die Aparajita-Ranke breitet sich drei Klafter weit aus, ist rötlich und stets mit Blüten geschmückt.
63.132 Der jugendliche Wächter Kambala ist goldhell, sitzt auf einem Elefanten und hat zwei Arme. Rechts hält er einen Stab, links eine Schädelschale.
63.133 Er soll vor der Göttin verehrt werden, um Hindernisse zu beseitigen. Bhairava Pandunatha ist rötlich hell und vierarmig.
63.134 Er trägt Keule, Lotus, Lanze und Diskus in den Händen. Als Gestalt Vishnus soll er vor der Göttin verehrt werden.
63.135 Der zur Verbrennungsstätte gehörende Heruka ist rot und furchterregend. Er trägt Schwert und Schild, ist wild und verzehrt Menschenfleisch.
63.136 Drei bluttriefende Kopfketten schmücken ihn. Er steht auf einem verbrannten Leichnam, dessen Zähne sich lösen.
63.137 Seine Waffen, sein Reittier und sein Schmuck werden allein durch geistige Betrachtung verehrt. Die Yogini Mahotsaha, die Mahamaya verkörpert,
63.138 wird nach ihrem Meditationsbild und ihrer Gestalt vor der Göttin verehrt. Ebenso die Stadt Chandravati der Göttin, östlich des Nila-Berges,
63.139 zwei Yojanas breit und eine halbe Yojana lang, geschmückt mit vielen hohen Palästen, großen Häusern und Wohngebäuden.
63.140 Ihre Paläste bestehen aus Edelsteinen, Juwelen und Gold. Sie besitzt schöne Lustseen, die mit geöffneten Blüten bedeckt sind. Das letzte Pflanzenwort ist beschädigt.
63.141 Diese Stadt soll mit ihrem Mantra vor der Göttin verehrt werden. Lauhitya wird rötlich hell und mit blauen Gewändern geschmückt dargestellt.
63.142 Er trägt eine Edelsteinkette und hat vier Arme. In den rechten Händen hält er ein Buch und einen weißen Lotus,
63.143 in den linken Lanze und Banner. Er sitzt heilvoll auf einem Wassertier. Diese Herren des heiligen Sitzes sollen in der Mitte mit den zugehörigen Mantras verehrt werden.
63.144 Den Gott Kameshvara verehre man mit Prasada, die heilvolle Kameshvari mit ihrem eigenen Mantra.
63.145 Zwei vorletzte Laute werden mit Kraft und dem Ende des Liebeskeims sowie Klang und Punkt verbunden. So wird die zugehörige Lautformel verschlüsselt beschrieben; die genaue Zuordnung ist beschädigt.
63.146 Die letzte Silbe von Chandikas Augenkeim ist der Mantra des Tamarinden-Wunschbaums.
63.147 Der mittlere Keim Ugras ist der Mantra des Nila-Berges. Der Keim Manobhavas wird mit Mahadeva verbunden,
63.148 mit vorangestelltem Mond, Punkt und einem abschließenden V-Laut versehen. Dies wird als Mantra der Höhle Manobhava gelehrt.
63.149 Der letzte Keim des Vaishnavi-Tantra-Mantras ohne seinen Vokal wird unten mit dem Endlaut der V-Gruppe und dem vierten Vokal verbunden,
63.150 mit Mond und Punkt versehen. Dies ist Aparajitas Mantra. Der vorzügliche Keim Vishnus in Hayagriva-Gestalt
63.151 wird als Mantra zur Verehrung Kambalas verwendet. Die folgende Lautanweisung nennt einen einzelnen Anfangslaut samt Erweiterung und sechstem Vokal;
63.152 mit Mond und Punkt versehen ist dies Hayagrivas Keim. Bhairava Pandunatha, der die Gestalt des Waldgirlandenträgers besitzt,
63.153 wird nach Vorschrift mit dem Varaha-Keim verehrt. Zwei bezeichnete Laute werden mit Nasalpunkt und Hauchlaut verbunden.
63.154 Mit dem Mahabhairava-Mantra und abschließendem Bhairava-Namen erfolgt die entsprechende Verehrung. Mahotsaha Mahamaya wird mit dem zweiten achtsilbigen Mantra
63.155 des Göttinnenverfahrens verehrt, um Wohlergehen zu mehren. Die Anfangssilbe ihres eigenen Namens, mit Halbmond und Punkt geschmückt,
63.156 ist der Verehrungsmantra Chandravatis. Der König der Flüsse Lauhitya, Brahmas Sohn, wird mit allen Glücksmerkmalen und allem Schmuck betrachtet.
63.157 Sein heilvoller Mantra ist der Brahma-Keim; als Abschluss wird die Gattin des Feuers, also Svaha, genannt.
63.158 Die zweite und ebenso die dritte Gestalt Tripuras soll zur Herbeirufung der Göttin mit der Yoni-Handgeste meditiert werden.
63.159 Die zweite gleicht einer Bandhuka-Blüte, trägt verfilztes Haar und die Mondsichel, besitzt alle Glücksmerkmale und ist mit allem Schmuck versehen.
63.160 Sie leuchtet wie die aufgehende Sonne, sitzt auf einem Lotuslager, trägt Perlen- und Edelsteinketten und hat volle, erhobene Brüste.
63.161 Anmutige Bauchfalten schmücken sie. Sie erfreut sich am Duft berauschenden Getränks, erfreut die Augen, strahlt rein und versetzt die Welten in Bewegung. Ein Wort der Vorlage ist beschädigt.
63.162 Sie hat drei Augen, zeigt die Yoni-Handgeste und lächelt leicht. Sie steht in frischer Jugend und hat vier Arme wie Lotusstängel.
63.163 Links trägt sie ein Buch, rechts eine Gebetskette. Mit der weiteren linken Hand gewährt sie Furchtlosigkeit, mit der weiteren rechten Gaben.
63.164 Sie trägt eine bis zu den Füßen reichende Kopfkette, deren strömendes Blut wie Sonnenlicht leuchtet, und steht beim Wunschbaum.
63.165 In einem Kadamba-Hain gegenwärtig, schenkt sie heilvolle Liebesfreude. So soll die zweite, bezaubernde Tripura meditiert werden.
63.166 Hört die dritte Gestalt Tripuras, Vetala und Bhairava: Sie gleicht einer Hibiskusblüte, hat offenes Haar und ein schönes Gesicht.
63.167 Den lächelnden Sadashiva hat sie wie einen Leichnam niedergelegt. Auf seinem Herzen sitzt sie im halben Lotussitz.
63.168 Um den Hals trägt sie eine mit roten Lotusblüten durchflochtene Kopfkette, die bis zu den Füßen reicht. Ihre Brüste sind voll und erhoben.
63.169 Sie ist vierarmig und unbekleidet. Oben rechts trägt sie eine Gebetskette, darunter gewährt sie Gaben; links zeigt die Weltmaya oben Furchtlosigkeit.
63.170 Unten links hält sie ein Buch. Sie hat drei Augen und ein lächelndes Gesicht, verlangt nach dem Genuss strömenden Blutes und ist an allen Gliedern schön.
63.171 So soll der Verehrende die dritte Gestalt meditieren. Die erste ist die Vagbhava-Gestalt, die zweite gehört Kamaraja an.
63.172 Die dritte heißt Damara und die Bezaubernde. Wer seine Ziele verfolgt, soll zuerst jede der drei Gestalten einzeln betrachten.
63.173 Mit jeweils einem der drei Mantras verehre man sie im Herzen durch die sechzehn Dienste, genauso wie bei der äußeren Verehrung.
63.174 Danach werden die drei Mantras zu einer Einheit verbunden, ebenso die geistigen Gestalten, und in der mittleren Gestalt zusammengeführt.
63.175 Man lasse sie durch die rechte Nasenöffnung hervortreten, führe sie mit beiden Händen herab und rufe die Göttin dreifach herbei.
63.176 Nach dem Sprechen der drei Gayatris werde sie zuerst gebadet. Bei der Herbeirufung sollen die Übenden diesen Mantra sprechen.
63.177 „Komm, Göttin des glücklichen Wirkens, zu diesem meinem Opfer in meine Nähe. Verleihe meiner Kehle ununterbrochene, reine Rede.
63.178 Komm, komm, erhabene Mutter Tripura, Spenderin der Wünsche! Nimm diesen Opferanteil an und werde hier gegenwärtig.“
63.179 „Wir erkennen Narayani; wir meditieren über die aus Sprache Bestehende. Möge die Göttin uns anregen.“ Der zweite Gottesname ist in der Vorlage beschädigt.
63.180 „Wir erkennen dich als Narayani; wir meditieren über Chandika. Möge Kubjika uns anregen.“
63.181 „Wir erkennen die große Maya; wir meditieren über dich, die Bezaubernde. Möge Chandi uns anregen.“
63.182 Dies sind die Gayatris der Göttin Tripura. Mit den drei Formeln soll jede der drei Gestalten einzeln gebadet werden.
63.183 Zuerst werde die Segensreiche mit Vagbhava verehrt, danach mit Kamaraja und dann mit Damara.
63.184 Anschließend verehre man sie mit allen drei Mantras gemeinsam. Darauf werden mit dem Mantra die sechzehn Dienste dargebracht,
63.185 wie sie im Kamakhya-Verfahren gelehrt wurden. Dann werden die Gliedsilben verehrt und die Körperglieder der Göttin mit den Mantras der Gliedereinsetzung.
63.186 Die verbleibende Verehrung der acht Glieder geschieht mit dem Grundmantra. Nach jedem einzelnen Schritt folgt „Verehrung der Tripura“.
63.187 So wird die wunschgestaltige Tripura neunfach verehrt. Auf den vier Lotusblättern, beginnend im Norden, verehre man
63.188 Brahma, Madhava, Shambhu und Bhaskara. In den Zwischenrichtungen, beginnend im Nordosten, werden die Göttinnen der Reihe nach verehrt:
63.189 zuerst Jayanti, dann im Nordwesten Aparajita, im Südwesten Vijaya und im Südosten Jaya.
63.190 Im Dreieck an den Spitzen der Staubfäden werden Kama, Priti und Rati verehrt, ebenso die fünf Pfeile, Blumen, Bogen und Buch,
63.191 die Gebetskette, die fünf Liebespfeile, das Edelsteinlager, der Leichnam, der Lotus und Shiva.
63.192 Die Kristall-Gebetskette soll wie zuvor verehrt, aufgenommen und sorgfältig mit einem Obergewand bedeckt werden, Bhairava.
63.193 Dann wiederhole der Übende den zuvor gelehrten Tripura-Mantra. Nach der Wiederholung lese er den Lobpreis und verneige sich wiederholt.
63.194 Tripura werden, soweit verfügbar, Opfergaben dreier Arten dargebracht. Das Blut wird mit Schaum, Wasser, Zucker, Honig und Steinsalz
63.195 besprengt beziehungsweise vermischt und mit Kamaraja dargebracht, Bhairava. Für die Tötung nennt die historische Opferordnung Vagbhava, für das Darbringen des Kopfes Damara.
63.196 Wo immer der Übende bei einer Götterverehrung eine Opfergabe darbringt, soll er sie nach der im Vaishnavi-Tantra beschriebenen Ordnung vorbereiten.
63.197 Danach werden der Göttin die nach den Ständen geordneten Gaben gegeben: Ein Brahmane gebe Kuhmilch, ein Angehöriger des Königsstandes geklärte Butter aus Kuhmilch.
63.198 Ein Vaishya gebe Honig, ein Shudra Blumengärtrank und Ähnliches. Nachdem der Kundige an einer Blume gerochen hat, lege er die Opferreste im Nordosten nieder.
63.199 Die Trägerin der Opferreste ist hier die Göttin Tripurachandika. Bei der Verabschiedung zeige man zuerst die Yoni-Handgeste, ebenso die Lotus-Handgeste,
63.200 die halbe Geste und die dreifache Geste, jeweils gesondert. Dann nehme man die geheiligten Opferreste mit dem Kamaraja-Mantra an.
63.201 Wer die wunschgestaltige Göttin Tripura so verehrt, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche und erreicht die Welt der Göttin.
Kapitel 64
64.1 Markandeya sprach: Höre, Bhairava, ich werde die Kameshvari-Gestalt der Göttin beschreiben. Schon durch ihre Betrachtung erlangt der Übende nach der Verheißung das Ersehnte. Die Sprecherangabe der Vorlage wechselt hier unvermittelt.
64.2 Zuerst erkläre ich ihr Verfahren, dann ihr Meditationsbild und danach die Reihenfolge der Verehrung, Vetala und Bhairava.
64.3 Prajapati, danach Feuer und Indras Keim, verbunden mit Mondsichel und dem vierten Vokal,
64.4 bilden den als Kameshvara bezeichneten Keimmantra, der alle Ziele verwirklicht. Besprengen des Platzes, Zeichnen des Yantras, Aufstellen der Gefäße
64.5 und Entfernen störender Wesen soll der vorzügliche Übende so ausführen, wie es im Vaishnavi-Verfahren und im ergänzenden Tantra gelehrt wurde.
64.6 Er vollziehe die dreifache Atemregelung sowie die innere Verbrennung und Überflutung. Hört nun von ihrem besonderen Mandala, Vetala und Bhairava.
64.7 Das Mandala wird sechseckig angelegt und rot vorgestellt. Der Kundige lasse wie im Tripura-Verfahren die Kraft Shambhu durchdringen.
64.11 Danach lasse er umgekehrt Shambhu die Kraft durchdringen. Eine Linie wird vom Nordosten zum Südwesten gezogen; die anschließende Anweisung nennt Süden und Kamarupa im Osten, ist aber verstümmelt. Die Nummern 8–10 fehlen in der Vorlage.
64.12 Die zwölf geheimen Zeichen der Göttin, die ihren zwölf Händen entsprechen, werden in den Ecken des Mandalas gezeichnet, jeweils drei in jeder Richtung.
64.13 Das Mandala wird mit jeweils sechs Linien aufgebaut. Die übrige Ordnung folgt dem ergänzenden Tantra und dem Vaishnavi-Verfahren.
64.14 So ist die gesamte Anordnung des Mandalas zu verstehen, Vetala und Bhairava. Mit „Om Klim, Verehrung dem Wesen des Mandalas“ soll es
64.15 zuerst verehrt werden, nachdem es als Yogasitz meditiert wurde. Am heiligen Sitz wird auf dem Stein das Yoni-Mandala gezeichnet.
64.16 Danach zeichne man ein Dreieck und umgebe es mit einem Lotus. Nun betrachte man die bezaubernde Gestalt der Göttin Kameshvari.
64.17 Sie ist dunkel wie zerriebene Augenschwärze, mit glänzendem dunklem Haar, sechs Gesichtern, zwölf Armen und achtzehn Augen.
64.18 Auf jedem der sechs Häupter trägt sie die Mondsichel als Schmuck. Ketten aus Edelsteinen, Rubinen, Perlen und anderen Juwelen liegen auf ihrer Brust
64.19 und um ihren Hals; stets ist sie mit allem Schmuck geziert. In ihren rechten Händen trägt sie Buch, Vollendungsschnur und die fünf Pfeile,
64.20 Schwert, Lanze und Dreizack. In den linken Händen hält sie Gebetskette, großen Lotus, Bogen und die Geste der Furchtlosigkeit,
64.21 danach Schild und Pinaka. Weiß, Rot, Gelb, Grün, Schwarz
64.22 und Bunt sind der Reihe nach die Farben ihrer Häupter im Nordosten, Osten, Süden, Westen, Norden
64.23 und in der Mitte, Hochbegnadeter. Das weiße Gesicht gehört Maheshvari, das rote Kamakhya.
64.24 Tripura ist gelb, Sharada grün, Kameshvaris Gesicht schwarz und Chandas Gesicht bunt.
64.25 Das Haar jedes Hauptes ist in einem Knoten geordnet. Auf dem Löwen liegt ein weißer Leichnam, darauf ein roter Lotus.
64.26 Dort weilt Kameshvari mit leicht lächelndem Gesicht, in bunte Gewänder und ein Tigerfell gehüllt.
64.27 So soll Kameshvari zur Verwirklichung von Recht, Wünschen und Wohlergehen meditiert werden. Nun folgt die Reihenfolge ihrer Verehrung am heiligen Sitz oder andernorts.
64.28 Die Besonderheiten des heiligen Sitzes werden eigens erklärt; sonst gilt die allgemeine Ordnung. Vom Daumen an werden jeweils die entsprechenden Finger beider Hände verbunden.
64.29 Mit der Silbe des Grundmantras und den ersten sechs langen Vokalformen wird zunächst die Einsetzung in die Finger vollzogen.
64.30 Dann werden mit der rechten Hand und den sechs Mantras der Reihe nach Herz, Kopf, Haarspitze, Schutzpanzer, Augen und Waffe eingesetzt.
64.31 Ebenso folgen Gesicht, beide Arme, Bauch, Schambereich, beide Knie und beide Füße, der Reihe nach mit den sechs Mantras.
64.32 Der Grundmantra wird achtmal über dem Wasser der Ehrengabe wiederholt. Damit werden die darzubringenden Gegenstände besprengt; dann beginnt die Verehrungsfolge.
64.33 Am heiligen Sitz soll ein ortskundiger Lehrer die Göttin verehren, kein Ortsfremder ohne Anleitung. Nur durch seine Handberührung wird die Segensreiche nach der Ritualvorstellung nicht beunruhigt.
64.34 Kommt jemand aus einem anderen Land an einen fremden heiligen Sitz, soll er die Verehrung nach Unterweisung eines dortigen Lehrers beginnen.
64.35 Wer von außerhalb Kamarupas kommt, soll nach der Unterweisung eines Einheimischen verehren und so die Frucht erlangen.
64.36 Welcher heilige Sitz auch in Odra, Panchala oder einer anderen Gegend liegt: Seine Gottheit soll von den Menschen nach örtlicher Unterweisung verehrt werden.
64.37 Andernfalls erlangt die Verehrung nicht die volle Frucht, selbst wenn sie mit großem Aufwand ausgeführt wird, Bhairava.
64.38 Eine hier nicht eigens genannte Handlung soll nach der Beschreibung im Vaishnavi-Verfahren oder im ergänzenden Tantra übernommen werden.
64.39 Am Osttor verehre man zuerst das Prinzip des Begehrens, im Süden das Prinzip der Zuneigung und im Westen das Prinzip der Liebesfreude.
64.40 Im Norden folgt das Prinzip der Bezauberung. Im Nordosten werde der Gott Ganesha als Torhüter verehrt.
64.41 Im Südosten Agnivetala, im Südwesten Kala und im Nordwesten Nandi: Diese werden der Reihe nach verehrt.
64.42 Wer die Vierer-, Fünfer- und Sechsergruppen, die weitere Vierergruppe, Fünfergruppe, Vierergruppe und Sechserordnung kennt, ist zur Verehrung des heiligen Sitzes geeignet.
64.43 Der erste Sitz heißt Odra, der zweite Jalashaila, der dritte Purna-Pitha und der vierte Kamarupa.
64.44 Im Westen werden Odra-Pitha, die heilvolle Odreshvari, Katyayani sowie Jagannatha als Odresha verehrt.
64.45 Im Norden werden der vorzügliche Sitz Jalashaila, Mahadeva als Jaleshvara und Chandi als Jaleshvari verehrt.
64.46 Auch Dirghika und Ugrachanda werden dort verehrt. Im Süden folgen Purnashaila und die segensreiche Purneshvari,
64.47 Purnanatha, Mahanatha, Saroja, Chandika sowie die Göttinnen Damani, Shanta und Shiva.
64.48 Der große Sitz Kamarupa, die heilvolle Kameshvari, der vorzügliche Nila-Berg und der Herr Kameshvara
64.49 werden der Reihe nach am Osttor verehrt, Bhairava. Auch die Feldhüter und Lehrer der heiligen Sitze Odra und der übrigen
64.50 sowie deren Torhüter werden an ihren jeweiligen Orten verehrt. Bei Kameshvaris besonderer Verehrung in Kamarupa
64.51 höre die Gottheiten, die auf dem Nila-Berg gegenwärtig sind, Vetala und Bhairava: der Herr Kameshvara, die Göttin Kameshvari,
64.52 der Feldhüter Karala, der Tamarindenbaum, der dreigipflige Nila-Berg und die Höhle Manobhava,
64.53 der jugendliche Wächter Kambala, die Aparajita-Ranke, Bhairava Pandunatha und die Verbrennungsstätte Heruka,
64.54 die Yogini Mahotsaha, die Stadt Chandravati, der Flusskönig Lauhitya und Dikkaravasini am Rand.
64.55 Im Nordwesten steht Jalpisha, im Südwesten Kedara. Diese sollen an den Toren und im Mandala der Göttin verehrt werden.
64.56 Wie Torhüter, Yogini und jugendliche Wächter am vorzüglichen Sitz Kamarupa zugeordnet sind, so gilt dies entsprechend auch in Odra und den anderen Sitzen.
64.57 In der Mitte des Mandalas werden die fünf Pfeile des Liebesgottes verehrt: der Erweichende, der Austrocknende, der Bindende, der Verblendende
64.58 und der Anziehende. An den sechs Eckspitzen, beginnend im Norden, folgt die Sechsergruppe mit Bhaga an erster Stelle.
64.59 Der Kundige verehre sie nach dem Tripura-Verfahren. Ebenso Ganakrida und die weiteren Torhüter sowie Vidyakala und die übrigen Kräfte,
64.60 die jugendlichen Wächter Siddhaputra und die anderen sowie die Jungfrauengestalten Siddha und die übrigen. Diese vier Vierergruppen werden als eine Viererordnung bezeichnet.
64.61 Kama, Rati und Priti, die Gruppe mit Anangamekhala, die sieben mit Tripuraghna und die neun mit Asitanga,
64.62 ferner die zehn Göttinnen Maheshvari und die übrigen bilden fünf Gruppen. Diese zweite Fünferordnung gewährt am heiligen Sitz Liebeswünsche. Die überlieferte Gruppen- und Mitgliederzählung ist nicht überall konsistent.
64.63 Die tragende Grundkraft und die weiteren dort stets gegenwärtigen Prinzipien, die acht mit Dharma beginnenden sowie die Eigenschaften Sattva und die übrigen,
64.64 zusammen mit Planeten und Welthütern bilden eine weitere Viererordnung. Die Göttinnen Ugrachanda und die übrigen Anführerinnen werden ebenfalls verehrt.
64.65 Mit Hingabe und ihren Mantras werden sie an den zuvor genannten Orten verehrt, Vetala und Bhairava. Herbeirufung und Darbringung der sechzehn Dienste,
64.66 Mantrawiederholung und Opfergabe, Verehrung der Glieder und Waffen sowie Handgeste mit anschließender Verabschiedung werden als Sechserordnung bezeichnet.
64.67 Ein verständiger Verehrer, der diese sieben Ordnungen kennt, ist befähigt, die heiligen Sitze Odra und die anderen zu verehren.
64.68 Wer die Verehrung eines heiligen Sitzes ausführt, ohne sie genau zu kennen, erhält nach dem Text nicht die volle Frucht und muss eine Verkürzung seines Lebens befürchten.
64.69 Nach der Verehrung dieser Gruppen an den im Tripura-Verfahren genannten Orten, Bhairava, soll die höchste Herrin verehrt werden.
64.70 „Kameshvari, komm hierher, wende dich mir zu, Herrin!“ Nachdem sie im Geist betrachtet und im Herzen mit geistigen
64.71 Duftstoffen, Blumen und weiteren Gaben verehrt wurde, lasse man den Atem durch das rechte Nasenloch ausströmen und übertrage sie auf die Blume im Mandala.
64.72 Dann werde die große Göttin, die höchste Herrin aller Wünsche, herbeigerufen: „Kameshvari, komm hierher, werde gegenwärtig und wende dich mir zu.
64.73 Wir erkennen dich, Kameshvari; wir meditieren über Kamakhya. Möge Kubjika, die große Maya, uns anregen.
64.74 Komm, komm, erhabene Mutter, die du den Welten Gnade erweist. Herrin der Liebe, Wunschgestaltige, Geliebte des Liebesgottes, sei mir gnädig!“
64.75 Danach gebe der Verehrer zuerst Badewasser und bringe mit dem Grundmantra die sechzehn Dienste dar.
64.76 Sie wird in der Mitte verehrt; danach werden ihre sechs Glieder geehrt. Die zuvor für die Einsetzung in die Glieder genannten Mantras
64.77 dienen auch der Verehrung der Glieder der Göttin. Auf den acht Blütenblättern, beginnend im Osten, sollen die Yoginis verehrt werden,
64.78 der Reihe nach zur Erfüllung der Wünsche: Guptakama, Shrikama und Vindhyavasini,
64.79 Koteshvari, die Waldbewohnerin, die Yogini Padachandika, Dirgheshvari und die offenbare Bhuvaneshi. Die letzte Namensgruppe ist nicht eindeutig getrennt.
64.80 Die acht Silben des Vaishnavi-Tantra-Mantras, mit Punkt und Mond versehen, gelten als die dafür einzusetzenden Mantras.
64.81 In den sechs Ecken sollen vom Nordosten an sechs Göttinnengestalten verehrt werden: Kamakhya, Tripura,
64.82 Sharada, Mahotsaha, die offenbare Bhuvaneshvari und Siddhakameshvari, Bhairava.
64.83 Dann wird die Göttin erneut achtfach mit den acht Blütengaben verehrt. Nach Mantrawiederholung, Lobpreis, Opfergabe, Verneigung und Zeigen der Handgeste
64.84 werden die Opferreste der Göttin Siddhachandi übergeben. Die Göttin wird aus dem Mandala verabschiedet und im Yoni-Mandala gegenwärtig gemacht.
64.85 Damit ist euch das Kameshvari-Verfahren erklärt, meine Söhne. Höre nun das große Verfahren Sharadas samt ihrem Mantra, Bhairava.
Kapitel 65
65.1 Der erhabene Herr sprach: Weil die Götter sie einst im Herbst am neunten Mondtag erweckten, heißt sie am heiligen Sitz und in der Welt Sharada, o Mensch.
65.2 Für sie wurde zuvor der als Augen-Keimsilbe bezeichnete Mantra gelehrt; auch der Durga-Tantra-Mantra und sein Gliedermantra wurden bereits genannt.
65.3 Mit diesen beiden Mantras verehre man die Göttin, welche die ganze Welt erfüllt. Als dritter folgt Sharadas unübertrefflicher Mantra des heiligen Sitzes.
65.4 Hört ihn mit gesammeltem Geist; er verleiht die vier Lebensziele. Der vorletzte Laut wird mit dem vierten Vokal und dem Feuerlaut verbunden.
65.5 Dazu kommen der Kamaraja-Laut und der mit „na“ bezeichnete Abschluss, verbunden mit dem vorletzten Vokal, vom Feuerlaut belebt und mit den bezeichneten Punkten versehen. [Die überlieferte Lautverschlüsselung ist an dieser Stelle beschädigt.]
65.6 Der mit „ha“ beginnende Laut samt Abschluss bildet die vierte Keimsilbe. Aus diesen vier Bestandteilen wird der als sechssilbig bezeichnete Mantra gebildet.
65.7 Dies wird als Sharadas dritter Mantra gelehrt. Wer sie damit am heiligen Sitz verehrt, erlangt nach der Verheißung alle Vollkommenheiten.
65.8 Ihre auf dem Löwen sitzende, zehnarmige Gestalt wurde bereits beschrieben. Hört nun genau die Reihenfolge ihrer Verehrung, meine beiden Söhne.
65.9 Man errichte dort ein Mandala mit vier Toren, um ihre Macht zu entfalten. Das Mandala Mahamayas dient auch als Mandala Sharadas.
65.10 Nach Reinigung des Ortes und den übrigen Vorbereitungen mit den im Vaishnavi-Tantra gelehrten Mantras zeichne man mit der Augen-Keimsilbe das Mandala auf den Stein.
65.11 Im Yoni-Feld zeichne man einen achtblättrigen Lotus und setze in seine Mitte ein Dreieck. Dies ist der hier genannte Unterschied gegenüber dem Vaishnavi-Mandala.
65.12 Das Zeichnen des Mandalas, das Entfernen störender Wesen, das Bereitstellen des Gefäßes und seine Verwandlung in Nektar,
65.13 das Hinzufügen von Duft, Blumen und Wasser, die Verehrung seiner selbst und des Sitzes, die dreifache Atemregelung und die Reinigung der Elemente,
65.14 das innere Verbrennen und Überfluten, die Schildkrötenhaltung der Hände sowie die Meditation über den Yoga-Sitz erfolgen nach der Lehre des Vaishnavi-Tantra.
65.15 Ebenso vollziehe man die im Uttara-Tantra beschriebene Verehrung der Göttin. Mit der Kuh-Mudra verwandle man das Wasser sinnbildlich in Nektar.
65.16 Man vergegenwärtige sich die zuvor beschriebene zehnarmige Gestalt. Die Einsetzung der Mantras in Körper und Hände geschehe mit dem Durga-Tantra-Mantra, Bhairava.
65.17 Mit seinem neun Silben umfassenden Wortlaut beginne man an den Daumen und gehe der Reihe nach vor; danach folge die Einsetzung vom Herzen an und, wie zuvor, am Gesicht und den weiteren Stellen.
65.18 Der Verständige spreche denselben Mantra achtmal über dem Arghya-Gefäß und besprenge mit dessen Wasser seinen Kopf sowie Blumen, Duftstoffe und die übrigen Gaben.
65.19 So vollziehe man die Verehrung im Mandala der Göttin. Auf der östlichen Steinfläche stelle man sich den Sonnengott in der Gestalt Chandikas vor.
65.20 Ihm bringe man ein Arghya aus Senfkörnern, ungebrochenem Reis und Blumen dar. Mit dem Mantra „klīṁ“ verehre der Übende die tragende Kraft und die weiteren Mächte.
65.21 Zuerst verehre er in der Mitte Dharma und die übrigen zuvor genannten Wesenheiten; ebenso die mit Sattva beginnende Reihe bis zu den Füßen des Lehrers, wie im früheren Tantra gelehrt.
65.22 Im mittleren Lotus verehre er auch den Sumeru in dessen Mitte. Im östlichen Teil des Mandalas verehre er die Kräfte der Göttin.
65.23 Im Norden des Mandalas verehre er sämtliche Gottheiten des heiligen Sitzes, insbesondere die Reihe vom Herrn Kameshvara bis zum Lauhitya.
65.24 Manikarna, Chitraratha, Bhasmakuta, Shveta, Nila, Chitra, Varaha und Gandhamadana,
65.25 Manikuta und Nandana verehre er im Westen. Jalpisha, Kedara und die Göttin Dikkaravasini,
65.26 Dhatri, Svadha, Svaha, Manastoka und Aparajita sowie die vierundsechzig Yoginis verehre er im Süden.
65.27 Die Planeten, die zehn Hüter der Himmelsrichtungen in der vom Osten ausgehenden Ordnung und auch Bhairavi verehre der Verständige wie zuvor, Bhairava.
65.28 Dann forme der Verehrer erneut die Schildkröten-Mudra und meditiere wie zuvor im Geist über die Göttin, die in seinem Herzen wohnt.
65.29 Nachdem er die im Herzen Weilende mit innerlich vorgestellten Düften, Blumen und anderen Gaben verehrt hat, lasse er sie durch das rechte Nasenloch hervortreten und im Mandala gegenwärtig werden.
65.30 Er lege eine Blume nieder und rufe Kamakhya als Sharada wiederholt an: „Komm, komm, höchste Herrin! Sei hier gegenwärtig!
65.31 Nimm diesen dir zukommenden Anteil der Verehrung an und schütze das Opfer; Verehrung sei dir! Durga, Durga, komm hierher mit deinem ganzen Gefolge!
65.32 Nimm diesen Anteil der Verehrung an und schütze das Opfer; Verehrung sei dir!“ Dann folgt: „Wir erkennen dich als Narayani; über Chandika meditieren wir.“
65.33 Der abschließende Teil dieser Gayatri lautet: „Möge Chandi uns anregen!“ Nachdem man mit ihr das rituelle Bad dargebracht hat, verwende man wiederum den Durga-Tantra-Mantra.
65.34 Auch mit der Augen-Keimsilbe und dem Mantra des heiligen Sitzes, schließlich mit dem viersilbigen Wortlaut, vollziehe man die Verehrung mit den drei Mantras. [Die Zuordnung der genannten Formeln ist im Wortlaut nicht eindeutig.]
65.35 Mit dem viersilbigen Mantra bringe man die zuvor genannten sechzehn Ehrendienste dar, beginnend mit dem Wasser für die Füße, Bhairava.
65.36 Mit dem Durga-Tantra-Mantra verehre man die Glieder der Göttin: mit „durge“ das Herz und nochmals mit „durge“ den Kopf.
65.37a Mit den verbleibenden fünf, bei „va“ beginnenden Silben verehre der Verständige nacheinander Scheitel, Schutzpanzer, Augen, Füße und die weiteren bezeichneten Stellen. [Die Aufzählung ist in der Vorlage unklar.]
65.37b Auf den acht, vom Osten aus gezählten Lotusblättern verehre man sie der Reihe nach: Jayanti auf dem östlichen Blatt, Mangala im Südosten,
65.38 dann Kali, Bhadrakali, Kapalini, Durga, Shiva und Kshama, jede unter ihrem eigenen Namen.
65.40 Im inneren Bereich der Lotusfäden befinden sich die acht Führerinnen. Man verehre sie mit dem Mantra der Augen-Keimsilbe und den bezeichneten Keimsilben. [Die Vorlage nennt hier auch „sechs“; Vers 39 fehlt.]
65.41 Für sie werden sechs eingefügte Laute und die Lautformen „hrāṁ hrāṁ śrīṁ“ genannt; ferner der vorletzte und der letzte Laut mit dem ersten Vokal. [Die verschlüsselte Bildung ist nicht sicher rekonstruierbar.]
65.42 Diese Göttinnen sind Ugrachanda, Prachanda, Chandogra, Chandanayika, Chanda, Chandavati, Chandarupa und Chandika.
65.43 Im Dreieck innerhalb der Lotusfäden verehre man Kama, Priti und Rati sowie die fünf Pfeile und den Blumenbogen mit den Mantras Kamas.
65.44 Danach verehre man die höchste Herrin mit den acht Blumen. Auch die von ihren Händen gehaltenen Waffen und Geschosse sowie ihr Reittier gehören zur Verehrung.
65.45 Den Löwen, den Mähnenträger, verehre man vor der Göttin; Sharada als Göttin des heiligen Sitzes und Kamakhya als dessen übergeordnete Gottheit.
65.46 Die große Göttin Tripura verehre man als die zugeordnete Gottheit des Sitzes; Kameshvari und Mahotsaha verehre man in der Mitte.
65.47 Mit dem viersilbigen Mantra bringe man drei Hände voll Blumen dar. Nach Mantrawiederholung, Lobpreis, Opfergabe und Verneigung vollziehe man die verhüllende Geste.
65.48 Dann zeige man die Yoni-Mudra und lege die verbliebenen Opferblumen im Nordosten nieder, mit den Worten „caṇḍeśvaryai namaḥ“ – „Verehrung der Chandeshvari“. Darauf vollziehe man die rituelle Verabschiedung.
65.49 Anschließend bringe man dem Sonnengott das Arghya dar und achte auf die Ergänzung etwaiger Lücken im Ritus. Man vergegenwärtige die Göttin im Herzen und im Yoni-Mandala.
65.50 So verehre man nach dieser yogischen Ordnung die große Göttin Kamakhya, die Weltgestaltige mit dem Yoni-Zeichen, welche Sharada heißt.
65.51 Nach der Verheißung erlangt der Verehrer alle Wünsche und Shivas Welt. Wenn er die Göttin, die jede gewünschte Gestalt annimmt, außerhalb des heiligen Sitzes verehrt,
65.52 gilt auf dem Nilakuta dennoch die gesamte hier beschriebene Ordnung. Verehrt man die Göttin anderswo, im Wasser oder auf einem hergerichteten Bodenplatz,
65.53 auf einem Stein, im Feuer oder an einem anderen Göttersitz, so kann man die zusätzlichen Sitzgottheiten nach eigenem Ermessen einbeziehen oder weglassen; am eigentlichen heiligen Sitz aber muss man sie verehren.
65.54 Wer die heilvolle Göttin in ihren fünf Gestalten mit den fünf Mantras oder mit einem einzelnen von ihnen verehrt, dem wird sie selbst zur Spenderin von Gaben.
65.55 Der Text verheißt ihm Freiheit von Hindernissen, seelischem Leid und Krankheit; niemand gleiche ihm an Reichtum und Vorräten.
65.56 Die Frucht, die Menschen durch das Verschenken von zehn Millionen Kühen erlangen, erhalte auch derjenige, der Kamakhya verehrt.
65.57 Schon durch einmalige Verehrung befreie er zehn frühere und zehn spätere Generationen von Verfehlung und gelange in meine Welt.
65.58 Wer die große Göttin Kamakhya zweimal im Yoni-Mandala verehrt, erhebe hundert Generationen und erlange die Welt der Göttin.
65.59 Der Mensch, der den blauen Berg besteigt und Kamakhya im Yoni-Mandala dreimal nach dieser Ordnung verehrt,
65.60 befreie tausend Generationen aus der Anhäufung ihrer Verfehlungen und erlange in dieser Welt Glück, Herrlichkeit und langes Leben.
65.61 Nach dem Ende seines Körpers gelange er in mein Haus und werde ein Herr der Scharen. An irgendeinem achten oder neunten Mondtag möge der Übende
65.62 die gabenspendende Kamakhya in ihren fünf Gestalten mit den fünf Mantras und den zugehörigen Ritualordnungen in jeweils eigenen Mandalas verehren.
65.63 Wer die fünf Gestalten meditiert und die fünf Mantras wiederholt, weile viele tausendmal zehn Millionen Weltzeitalter in meiner Welt.
65.64 Danach erlange er durch die Gnade der Göttin die höchste Befreiung; zuvor erhalte er hier die ersehnten Güter, Glück und Ruhm.
65.65 Als rechtschaffener Mensch besiege er seine Feinde wie ein Löwe die Elefanten und genieße langes Leben, Söhne, Enkel und Wohlstand.
65.66 Nachdem er wie ein Unsterblicher in liebevoller Gemeinschaft mit jungen Frauen gelebt hat, werde er zum dauerhaften Führer der Yakshas, Rakshasas und Pishachas. Alle Wünsche erfüllten sich ihm, und er gleiche dem Mond, dem König der Zweimalgeborenen.
Kapitel 66
66.1 Aurva sprach: Nachdem Vetala und Bhairava diese gesamte Rituallehre gehört hatten, wandten sie sich mit vor Freude weit geöffneten Augen fragend an den Dreiäugigen.
66.2 Vetala und Bhairava sprachen: Durch deine Gnade haben wir Kamakhyas Rituallehre samt ihren Gliedern gehört. Nun erläutere uns auch die Verneigungen, die Mudras und die Darbringung der Opfergaben,
66.3 ferner die Einsetzung der Buchstabenkräfte und die weiteren Abläufe der Verehrung. Erkläre dies alles ausführlich, Herr der Welt! Denn beim Hören dieser freudvollen Gegenstände werden wir nicht satt.
66.4 Der erhabene Herr sprach: Ich werde erklären, wonach ihr mich gefragt habt, ihr vortrefflichen Söhne. Hört jetzt mit gesammeltem Geist, ihr Tiger unter den Menschen!
66.5 Die Verneigung wird in sieben Formen unterschieden: Dreieck, Sechseck, Halbmond, Rechtsumkreisung, Stab, achtgliedrige und gewaltige Verneigung.
66.6 Bei Kamakhyas Verehrung gilt die nordöstliche oder nördliche Richtung als günstig; auf einem hergerichteten Bodenplatz und bei der allgestaltigen Gottheit ist sie von jeder Seite möglich.
66.7 Die Anordnung der dreieckigen und übrigen Bewegungen richtet sich danach: Verehrt man nach Osten gewandt, beginnt die Orientierung im Westen und führt zum Nordosten.
66.8 Vollzieht der Übende die Götterverehrung nach Norden gewandt, bestimme er die Stellung vom Süden und vom Nordwesten aus.
66.9 Man gehe vom Süden zum Nordwesten, von dort zum Nordosten und wiederum zum Süden; so entsteht die dreieckige Verneigung.
66.10 Diese Dreiecksverneigung erfreut Tripura. Für die nächste Form gehe man vom Süden zum Nordwesten und von dort zum Nordosten,
66.11 weiter zum Süden, verlasse diesen und gehe zum Südosten, von dort zum Südwesten und danach zum Norden.
66.12a werden durch Umkehrung zu linken Formen; auch diese weiteren Mudras schenken Freude. So habe ich euch die Gesten erklärt, die bei der Verehrung die verehrten Gottheiten erfreuen. Hört nun, Vetala und Bhairava, die Ordnung der Opfergaben. [Die Vorlage zählt den Schlussvers als 12 statt 121.]
66.13 Geht man vom Süden zum Nordwesten und von dort auf demselben Bogen zum Süden zurück, so heißt diese Verneigung Halbmond.
66.14 Beschreibt der Übende einmal einen Kreis im Uhrzeigersinn, nennen die Zweimalgeborenen diese Verneigung Rechtsumkreisung.
66.15 Man verlasse den eigenen Sitz und verneige sich vor Durga, indem man ohne Umkreisung wie ein Stab zu Boden fällt.
66.16 Die Götter nennen dies die Stabverneigung, welche sämtliche Götterscharen erfreut. Fällt man ebenso ausgestreckt auf den Boden und berührt ihn mit der Brust,
66.17 dann nacheinander mit Kinn, Gesicht, Nase, Kiefer, Scheitelöffnung und beiden Ohren,
66.18 so nennen die Weisen dies die achtgliedrige Verneigung. Der Übende vollziehe ferner drei kreisförmige Rechtsumkreisungen.
66.19 Wenn bei der anschließenden Verneigung der Scheitel die Erde berührt, nennen die Götterscharen sie „gewaltig“; sie erfreut Vishnu.
66.20 Wie das Meer unter den Flüssen, nach der Rangordnung des Textes der Brahmane unter den Zweibeinigen, die Ganga unter den Strömen und der Diskusträger unter den Göttern,
66.21 so wird unter allen Verneigungen die gewaltige besonders gepriesen. Schon durch hingebungsvoll ausgeführte Dreiecksverneigungen und die übrigen Formen
66.22 erlangt der gläubige Übende nach dieser Lehre bald die vier Lebensziele. Die Verneigung ist ein großes Opfer und bereitet stets umfassende Freude,
66.23 allen Göttern und auch anderen Verehrungswürdigen, Bhairava. Die gewaltige Verneigung, die Hari stets erfreut,
66.24 erfreut auch Mahamaya und gilt als die vorzüglichste. Damit sind die Verneigungen erklärt. Hört nun beide weiter
66.25 die Aufzählung und die jeweilige Gestalt der Mudras: Kuh, Hohlgefäß, gefaltete Hände, Bilva-Frucht und Lotus,
66.26 Pfeil, Kopf und Stab, Yoni und halbe Yoni, Verehrungsgeste, große Mudra und große Yoni,
66.27 Bhaga, kleine Schale, Köcher beziehungsweise Nihsanga, Halbmond, Glied, Doppelgesicht, Muschel und Faust,
66.28 Donnerkeil, Öffnung, sechsfache Yoni, reine Geste, Topf, Gipfel, Höhe, Stirnzeichen und halbes Stirnzeichen,
66.29 Zusammenführung, Becken, Rad, Dreizack, Löwengesicht, Kuhgesicht, Erhebung und Aufrichtung,
66.30 Scheibe, Pashupata, Reinheit, Loslassen, Fortführen, Ausbreiten, gewaltige Geste und Kundali-Anordnung,
66.31 Dreigesicht, Schwert-Ranke, Yoga, Trennung, Bezauberung, Pfeil, Bogen und Köcher: Dies sind die vortrefflichen Mudras.
66.32 Von den hundertacht durch Brahma verkündeten Mudras werden diese fünfundfünfzig bei der Verehrung verwendet.
66.33 Die übrigen dreiundfünfzig dienen bei vereinbarten Zeichen, beim Herbeibringen von Gegenständen, beim Tanz und ähnlichen Verrichtungen.
66.34 Die ersten fünfundfünfzig werden für das Vergegenwärtigen der Götter, Yoga, Meditation, Mantrawiederholung und rituelle Verabschiedung gelehrt, Bhairava.
66.35 Ohne Mudra bleiben nach dieser Rituallehre Mantrawiederholung, Atemregelung, Götterverehrung, Yoga, Meditation und Sitzhaltung ohne Frucht, Bhairava.
66.36 Hört nun die einzelnen Kennzeichen, meine beiden Söhne. Mit der Spitze des rechten Mittelfingers verbinde man den Zeigefinger der linken Hand,
66.37 den linken Mittelfinger mit dem rechten Zeigefinger; ebenso den rechten Ringfinger mit dem kleinen Finger der linken Hand
66.38 und den linken Ringfinger mit dem rechten kleinen Finger. Der Hingebungsvolle verbinde sie sorgfältig unter einer Rechtswendung.
66.39 Dies heißt Kuh-Mudra und erfreut alle Gottheiten. Fügt man die beiden Handflächen und sämtliche Fingerspitzen zusammen
66.40 und legt die Daumen seitlich aneinander, nennen die Götter dies Sampuṭa, die geschlossene Schale. Sie erfreut sämtliche Gottheiten.
66.41 Bei Meditation, innerer Betrachtung und Yoga wird diese Schalenform stets gelobt. Hält man beide Hände etwas gewölbt und fügt sie nur teilweise aneinander,
66.42 sodass in der Mitte ein schalenartiger Hohlraum bleibt, heißt dies Pranjali. Schließt man die Hände zu Fäusten, wobei die Daumen innen liegen,
66.43 und fügt sie wie eine Bilva-Frucht zusammen, heißt dies Bilva-Mudra. Verbindet man beide Hände vom Handgelenk bis zum Handballen,
66.44 ebenso beide Daumen und beide kleinen Finger, während die jeweils drei übrigen Finger auseinandergespreizt sind,
66.45 so heißt dies Lotus-Mudra; den Menschen verheißt sie die vier Lebensziele. Man verbinde ferner Daumen- und Zeigefingerspitze in aufwärts gerichteter Linie,
66.46 beuge die übrigen Finger und strecke die beiden verbundenen aus: Dies ist die Pfeil-Mudra. Diese liebenswerte Geste erfreut mich und die Göttin Shiva.
66.47 Stets dient die Pfeil-Mudra unserer Freude, Vetala und Bhairava. Ferner balle man die linke Hand zur Faust, den Daumen nach innen gelegt,
66.48 beuge sorgfältig den Mittelfinger der rechten Hand und setze die Daumenspitze an Mittel- und Zeigefinger. [Die genaue Fingerzuordnung ist in der Vorlage unklar.]
66.49 Der Übende lege die rechte Hand an die linke Faust und zeige die Geste rechts. Dies gilt als Kopf-Mudra.
66.50 Diese vorzügliche Mudra erfreut den Herrn der Scharen; bei allen Verrichtungen bereitet sie auch sämtlichen anderen Göttern Freude.
66.51 Beugt man an der rechten Hand Daumen, Mittelfinger und die übrigen Finger und streckt den Zeigefinger aus, heißt dies Stab-Mudra.
66.52 Man verbinde sämtliche Finger beider Hände und verschränke sie wie ein Seil; auch die kleinen Finger beider Hände werden einbezogen.
66.53 Die Spitze des rechten kleinen Fingers setze man an die Wurzel des linken Ringfingers, die des linken an die Wurzel des rechten Mittelfingers.
66.54 Nach dieser Verbindung drehe man die Finger so, dass die Mitte die Gestalt einer Yoni annimmt. Dies heißt Yoni-Mudra.
66.55 Diese Yoni-Mudra erfreut Kamakhya in ihren fünf Gestalten und auch Durga, Bhairava; sie ist mir und Kama lieb.
66.56 Man strecke die aneinanderliegenden Finger aus und verbinde das Daumenglied beziehungsweise seine Spitze mit der Spitze des kleinen Fingers.
66.57 An der rechten Hand gebildet, heißt dies halbe Yoni. Die große Yoni ist im vortrefflichen Vaishnavi-Tantra beschrieben.
66.58 Zeigt man die geschlossene Schale oder die gefalteten Hände über dem Kopf, so heißt dies Vandanī, die Verehrungsgeste; sie erfreut Vishnu.
66.59 Wird dieselbe Geste am Ohr gehalten, heißt sie große Mudra; an der rechten Körperseite wird sie Vaishnavi genannt.
66.60 Die große Yoni gehört zur Lehre des Vaishnavi-Tantra. Für die nächste Geste setze man die Daumenspitzen an die Wurzeln beider kleinen Finger,
66.61 breite die Hände aus und füge sie wieder zusammen. Dies heißt Bhaga-Mudra; sie ist Lakshmi, Sarasvati und Shiva lieb.
66.62 Wenn sämtliche Fingerspitzen der rechten Hand an einer Stelle zusammenkommen und nach vorn weisen, heißt dies Puṭaka, kleine Schale.
66.63a Der Verständige bringe die Spitzen von kleinem Finger, Ringfinger und Daumen zusammen und strecke Mittel- und Zeigefinger aus.
66.64a Er wölbe beide Hände und zeige sie getrennt nach vorn. Diese Nihsanga genannte Mudra gehört Narasimha und Varaha.
66.65a Man beuge kleinen Finger, Ring- und Mittelfinger der rechten Hand, während man Zeigefinger und Daumen ausstreckt.
66.66a Diese Halbmond-Mudra erfreut die Planeten. Bei der folgenden Geste richte man den Daumen der rechten Hand auf,
66.67a umschließe ihn mit der linken Faust und richte deren Daumen ebenfalls nach oben. Dies heißt Anga-Mudra.
66.68a Aus dieser Mudra entstehen durch das Lösen des kleinen Fingers und der weiteren Finger acht Formen. Hört ihre einzelnen Namen:
66.69a Doppelgesicht, Faust, Donnerkeil, Gebundenes, Reines, Topf, Höhe und Stirnzeichen.
66.70a Zusammen mit der Ausgangsgeste werden diese neun Mudras den neun Gestalten Vishnus und entsprechend den Führerinnen zugeordnet.
66.71a Man füge die Handrücken zusammen, wende sie gleichmäßig und strecke die beiden aneinanderliegenden Zeigefinger aus.
66.72a Auch die Daumen werden angelegt: Dies heißt Muschel-Mudra. Bei der nächsten Geste bilde man nach oben geöffnete gefaltete Hände und setze beide Daumen
66.73a an die Wurzeln der kleinen Finger; man füge die Hände zusammen und zeige sie. Diese als Yoni bekannte Mudra erfreut die Götterscharen.
66.74a Eine rechte Faust mit aufgerichtetem Daumen heißt Gipfel-Mudra; sie ist Brahmi und der Sonne lieb.
66.75a Man verbinde Ringfinger und kleine Finger und verschränke Mittel- und Zeigefinger wie bei der Kuh-Mudra. [Der Ausdruck für die erste Verbindung ist nicht eindeutig.]
66.76a Diese Form heißt halbe Kuh und steigert die Freude des Mondes. Für die nächste Geste kommen sämtliche Fingerspitzen beider Hände zusammen.
66.63b [Die Vorlage beginnt hier den wiederholten Block 63–76; unmittelbar davor steht nochmals der Anfang von 77: „Man füge beide Handflächen auch unten aneinander.“] Der Verständige bringe die Spitzen von kleinem Finger, Ringfinger und Daumen zusammen und strecke Mittel- und Zeigefinger aus.
66.64b Er wölbe beide Hände und zeige sie getrennt nach vorn. Diese Nihsanga genannte Mudra gehört Narasimha und Varaha.
66.65b Man beuge kleinen Finger, Ring- und Mittelfinger der rechten Hand, während man Zeigefinger und Daumen ausstreckt.
66.66b Diese Halbmond-Mudra erfreut die Planeten. Bei der folgenden Geste richte man den Daumen der rechten Hand auf,
66.67b umschließe ihn mit der linken Faust und richte deren Daumen ebenfalls nach oben. Dies heißt Anga-Mudra.
66.68b Aus dieser Mudra entstehen durch das Lösen des kleinen Fingers und der weiteren Finger acht Formen. Hört ihre einzelnen Namen:
66.69b Doppelgesicht, Faust, Donnerkeil, Gebundenes, Reines, Topf, Höhe und Stirnzeichen.
66.70b Zusammen mit der Ausgangsgeste werden diese neun Mudras den neun Gestalten Vishnus und entsprechend den Führerinnen zugeordnet.
66.71b Man füge die Handrücken zusammen, wende sie gleichmäßig und strecke die beiden aneinanderliegenden Zeigefinger aus.
66.72b Auch die Daumen werden angelegt: Dies heißt Muschel-Mudra. Bei der nächsten Geste bilde man nach oben geöffnete gefaltete Hände und setze beide Daumen
66.73b an die Wurzeln der kleinen Finger; man füge die Hände zusammen und zeige sie. Diese als Yoni bekannte Mudra erfreut die Götterscharen.
66.74b Eine rechte Faust mit aufgerichtetem Daumen heißt Gipfel-Mudra; sie ist Brahmi und der Sonne lieb.
66.75b Man verbinde Ringfinger und kleine Finger und verschränke Mittel- und Zeigefinger wie bei der Kuh-Mudra. [Der Ausdruck für die erste Verbindung ist nicht eindeutig.]
66.76b Diese Form heißt halbe Kuh und steigert die Freude des Mondes. Für die nächste Geste kommen sämtliche Fingerspitzen beider Hände zusammen.
66.77 Man füge beide Handflächen auch unten aneinander und verbinde die Spitzen miteinander. Dies ist die Mudra der Zusammenführung.
66.78 Sie erhöht die Freude des Mars, der Erde, der Weisen und Ishanas. Für die nächste Form verbinde man sämtliche Finger der rechten Hand,
66.79 beuge sie ein wenig und forme die Handfläche wie ein Becken. Dies heißt Becken-Mudra; sie ist Merkur, Sarasvati und Shiva lieb.
66.80 Man lege die Finger der linken Hand in die Zwischenräume der anderen Finger, strecke beide Daumen aus und verbinde ihre Spitzen, Bhairava.
66.81 Dann halte man die Daumen einander gegenüber und breite die Form aus. Dies heißt Rad-Mudra; sie ist Jupiter, Vishnu und Shiva lieb.
66.82 Man beuge Daumen und Mittelfinger der rechten Hand und füge die übrigen drei Finger nach vorn zusammen.
66.83 Dies heißt Dreizack-Mudra und ist mir sowie dem Planeten Venus lieb. Man wölbe ferner beide Hände und setze die Spitzen der linken Finger
66.84 in die Mitte der rechten Handfläche, während die linke Hand nach unten gerichtet ist. Dies heißt Löwengesicht-Mudra.
66.85 Sie erfreut Durga, den Sohn der Sonne und den Diskusträger. Die am Ohransatz gezeigte Bhaga-Mudra heißt Kuhgesicht.
66.86 Sie erfreut stets mich, Vishnu und Rahu. Für die folgende Reihe halte man beide Fäuste mit den Handflächen nach oben seitlich aneinander.
66.87 Man strecke nacheinander die Finger der rechten Hand vom kleinen Finger an aus und danach ebenso die Finger der linken Hand, jeweils einzeln.
66.88 So werden acht Mudras bezeichnet; hört ihre Namen in der Reihenfolge: Entfaltung, Aufrichtung, Scheibe und Pashupata,
66.89 Reinheit, Loslassen, Fortführen und Ausbreiten. Beugt man die Finger der rechten Hand wieder,
66.90 heißt dies gewaltige Mudra; durch die entsprechende Umkehrung der linken Hand entsteht die weitere Form. Diese zehn Mudras werden den Welthütern von Indra an zugeordnet.
66.91 Sie steigern die höchste Freude aller Götter. Für die nächste Geste verbinde man die Daumenspitze mit dem vorderen Teil des Zeigefingers
66.92 und beuge die übrigen Finger der rechten Hand, vom Mittelfinger an. Man zeige die ringförmige Gestalt: Sie erfreut die Kundali-Shakti.
66.93 Sie bereitet auch allen anderen Göttern große Freude. Für die nächste Geste verbinde man die Spitzen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger,
66.94 während man die verbleibenden Finger der rechten Hand beugt. Diese Dreigesicht-Mudra ist den Vishvedevas stets lieb. [Die Vorlage nennt widersprüchlich nochmals den Mittelfinger als gebeugt.]
66.95 Sie ist auch Ketu stets lieb und erfreut die Mütter. Bei der folgenden Geste verbinde man die Spitzen von Zeigefinger und Daumen
66.96 und beuge die drei übrigen Finger. Dies heißt Schwert-Ranke. Den Ahnen, Sadhyas, Rudras und Vishvakarman
66.97 bereitet die Schwert-Ranke genannte Mudra stets Freude. Für die nächste Haltung lege man die Fußsohlen aneinander und führe die beiden großen Zehen
66.98 aufwärts zur Nabelgegend; darüber halte man die gefalteten Hände. Dies heißt Yoga-Mudra; sie vermittelt den Yogis Erkenntnis des Wirklichen.
66.99 Bei Verehrung und innerer Betrachtung sämtlicher Götter gilt die Yoga-Mudra stets als Quelle von Zufriedenheit und Freude.
66.100 Man führe die Pranjali genannte Geste nach oben und unten aus, trenne dann die Hände und zeige sie aufwärts und abwärts ausgestreckt.
66.101 Dies heißt Trennungs-Mudra; sie ist mir, Vishnu und Brahma lieb. Bei der nächsten Geste lege man die beiden Daumen in die Hände
66.102 und verbinde danach die Spitzen der beiden kleinen Finger. Auch die übrigen Finger beider Hände, vom Zeigefinger an, werden verbunden,
66.103 jeweils Spitze an Spitze; die kleinen Finger zeige man gesondert. Diese Mudra heißt Bezauberung; sie ist Kama, Durga und Lakshmi lieb.
66.104 Die bezaubernde Geste gilt als erfreulich für sämtliche Götter. Für die folgende Form beuge man Mittel- und Ringfinger der rechten Hand
66.105 und lege die Daumenspitze fest auf deren Rückseite. Danach verbinde man die Spitzen von kleinem Finger und Zeigefinger.
66.106 Dies heißt Pfeil-Mudra und erfreut alle Götter. Bei der nächsten Geste beuge man die Finger und strecke Daumen und Zeigefinger
66.107 beider Hände aus; dann verbinde man Daumenspitze mit Daumenspitze und Zeigefingerspitze mit Zeigefingerspitze.
66.108 Man spanne sie so weit wie möglich. [Die Vorlage nennt diese Geste „Kuh“, im Zusammenhang der Reihe ist wohl „Bogen“ gemeint.] Für die folgende Form lege man sämtliche Fingerspitzen an die Brahma-Stelle der Hand.
66.109 Man lege die Daumenspitze auf die Rückseite des Ringfingers und lasse innen einen köcherartigen Hohlraum entstehen, Bhairava.
66.110 Dies heißt Köcher-Mudra und steigert die Freude aller. In den Mudras sind Verehrung und innere Betrachtung verankert,
66.111 auch die Yogaübungen ruhen in den Mudras; darum schenken Mudras Freude. Wann immer bei Verehrung, innerer Betrachtung und Meditation,
66.112 beim Opfer oder Lobpreis keine andere Verrichtung der Hände ansteht, halte man beide Hände in einer Mudra, auch bei Opfer- und Wohltätigkeitswerken.
66.113 Sind die Hände bei einer Opferhandlung imstande, zugleich eine Mudra zu bilden, so vollziehe man die betreffende Handlung mit dieser Geste.
66.114 Wird ein göttlicher Ritus mit Händen ohne Mudra ausgeführt, bleibt er nach dieser Lehre fruchtlos; darum soll man die Mudras einbeziehen.
66.115 Die Mudra, die einer Gottheit eigens für ihre rituelle Verabschiedung zugewiesen ist, verwende man für sie nicht zu Beginn der Verehrung.
66.116 Mit Ausnahme der ausdrücklich zur Verabschiedung bestimmten Geste vollziehe der Kundige die gesamte Verehrung mit Mudras, damit das Ritual gedeihe.
66.117 Darum gilt die Mudra als etwas Höchstes; sie schenkt Verdienst und bereitet den Göttern Freude. Deshalb führe man sie sorgfältig aus.
66.118 Halbe Yoni, große Yoni, Yoni, Brahmi und Vaishnavi werden bei der Verabschiedung von Shiva beziehungsweise der Göttin und Tripura genannt.
66.119 Diese Mudras gelten auch für alle Gestalten Durgas. Yoni, geschlossene Schale und große Yoni
66.120 sind von der folgenden Umkehrung ausgenommen; die übrigen kann man in umgekehrter Form auch außerhalb der genannten Anwendungen verwenden. Die anderen dreiundfünfzig Mudras
66.12b werden durch Umkehrung zu linken Formen; auch diese weiteren Mudras schenken Freude. So habe ich euch die Gesten erklärt, die bei der Verehrung die verehrten Gottheiten erfreuen. Hört nun, Vetala und Bhairava, die Ordnung der Opfergaben. [Die Vorlage zählt den Schlussvers als 12 statt 121.]
Kapitel 67
67.1 Der erhabene Herr sprach: Meine beiden Söhne, ich werde euch die Reihenfolge der Opfergaben und ihre Beschaffenheit, beginnend mit dem Blut, erklären, wie sie nach dieser Lehre Wohlgefallen bewirken.
67.2 Die im Vaishnavi-Tantra gelehrte Ordnung der Opfergaben sollen die Übenden überall und jederzeit bei sämtlichen Gottheiten zugrunde legen.
67.3 Vögel, Schildkröten, Krokodile, Fische, neun Arten von Wild, Büffel, Warane, Rinder, Ziegen, Ruru-Hirsche und Schweine,
67.4 Nashörner, Schwarzantilopen, nochmals Warane, Sharabhas, Löwen, Tiger, Menschen und Blut aus dem eigenen Körper
67.5 werden hier als Opfergaben für Chandika, Bhairava und weitere Gottheiten genannt. Der Text behauptet, durch solche Gaben würden Befreiung und Himmel erlangt.
67.6 Durch Opfergaben, heißt es weiter, könne ein König feindliche Könige besiegen. Durch das Blut von Fischen und Schildkröten werde die Göttin Shiva
67.7 einen Monat lang befriedigt, durch Krokodile drei Monate. Durch das Blut von Wild und auch, wie hier ausdrücklich steht, von Menschen
67.8 erlange die heilspendende Göttin acht Monate Befriedigung, durch Waranblut ein Jahr.
67.9 Durch das Blut von Schwarzantilopen und Schweinen erlange die Göttin jeweils zwölf Jahre Befriedigung,
67.10 durch das Blut von Ziegen und Schafen fünfundzwanzig Jahre, durch das von Büffeln und Nashörnern hundert Jahre.
67.11 Auch Tigerblut bereite ihr höchste Befriedigung. Durch das Blut von Löwen und Sharabhas sowie durch Blut aus dem eigenen Körper
67.12 werde die Göttin tausend Jahre befriedigt. Für Fleisch wird jeweils dieselbe Dauer des Wohlgefallens angegeben wie für das entsprechende Blut.
67.13 Für Schwarzantilope, Wild, Nashorn, Rohita-Fisch und die beiden als Vardhrinasa bezeichneten Tiere werden jedoch besondere Früchte genannt.
67.14 Durch das Fleisch der Schwarzantilope und des Nashorns werde Chandika jeweils hundert Jahre befriedigt.
67.15 Durch das Fleisch des Rohita-Fisches und des Vardhrinasa werde meine Geliebte dreihundert Jahre befriedigt.
67.16 Ein alter weißer Ziegenbock mit geschwächten Sinnen wird Vardhrinasa genannt und bei Götter- und Ahnenopfern geschätzt. [Der Anfang der Zeile ist beschädigt.]
67.17 Auch ein Vogel mit blauem Hals, rotem Kopf, schwarzen Füßen und weißen Flügeln heißt Vardhrinasa; er ist mir und Vishnu lieb.
67.18 Durch ein nach der vorgeschriebenen Ordnung dargebrachtes Menschenopfer werde die Göttin tausend Jahre befriedigt, durch drei Menschen hunderttausend Jahre.
67.19 Durch Menschenfleisch erlange Kamakhya, die Bhairavi in meiner Gestalt, dreitausend Jahre Befriedigung.
67.20 Durch Mantras gereinigtes Blut werde, so die rituelle Vorstellung, zu Nektar. Die Göttin Shiva verzehre auch den Kopf und das Fleisch.
67.21 Darum weist der Text der Verehrung Kopf und Blut des Opfers zu; das Fleisch solle der Kundige bei Speisung und Feueropfer verwenden.
67.22 Bei der eigentlichen Verehrung solle der Übende kein Fleisch darbringen, sondern Blut und Kopf; diese würden dabei zu Nektar.
67.23 Kürbis, der als Bhikshudanda bezeichnete Gegenstand sowie Wein und gegorener Trank gelten als gleichwertige Opfergaben; ihre befriedigende Wirkung wird der einer Ziege gleichgesetzt.
67.24 Als vorzüglich gilt hier die Abtrennung mit dem Chandrahāsa-Schwert oder einer Schneideklinge; Sichel, Messer, Säge und Beil werden als mittlere Geräte eingestuft.
67.25 Rasiermesser, halbmondförmige Klingen und Lanzenspitzen gelten als geringere Mittel. Andere Waffen wie Speere und Pfeile schließt die Vorschrift aus.
67.26 Ein solches unzulässiges Opfer nehme die Göttin nicht an; dem Geber drohe der Tod. Wer ein rituell besprengtes Tier mit bloßen Händen zerreiße,
67.27 oder es auf die im beschädigten Wortlaut bezeichnete Weise töte, lade die schwere Schuld eines Brahmanenmordes auf sich. Der Kundige dürfe das Opfer nicht ohne vorherige Anrufung des Schwertes vollziehen.
67.28 Alle früher bei Mahamayas Opfer gelehrten Mantras zur Anrufung des Schwertes seien auch hier von den Kundigen anzuwenden.
67.29 Mit ihnen zusammen sollen bei Sharadas und insbesondere Kamakhyas Verehrung die folgenden Formeln zur Anrufung des Schwertes und der übrigen Geräte verbunden werden.
67.30 Zuerst stehe zweimal „Kali“, dann die Anrede „Vajreshvari“, danach „der Trägerin des Eisenstabes“ und zum Schluss „Verehrung“.
67.31 Nach dieser Verehrung nehme man das Schwert in die Hand und spreche darüber den Mantra Kalaratris.
67.32 Der mittlere Teil der Augen-Keimsilbe werde zweimal wiederholt; dann folgen „Kali, Kali“ und „du mit den furchtbaren Lippen“.
67.33 Anschließend folgen zwei durch den dritten und elften Vokal sowie Klangzeichen und Punkt gebildete Lautgruppen. [Die verschlüsselte Konsonantenangabe ist unklar.]
67.34 Dann stehen die Anrede „Phetkarini“ und die Worte: „Verzehre, zerschneide alle Bösen; töte, töte den Büffel!
67.35 Zerschneide, zerschneide mit dem Schwert!“ Es folgen die Lautfolgen „kilikili“ und „cikiciki“, dann „Trinke, trinke
67.36 das Blut! sphaiṁ sphaiṁ kiri kiri. Verehrung der Kalika!“ Dies wird als Mantra Kalaratris bezeichnet.
67.37 Wenn das Schwert mit diesem Mantra besprochen worden sei, werde Kalaratri selbst darin zur Vernichtung der Feinde gegenwärtig und gnädig.
67.38 Die früher genannten Opfermantras sollen die Übenden geheim halten. Die folgende Formel werde ausgesprochen, um nach der Vorstellung des Textes die Schuld der Tötung aufzuheben:
67.39 „Der Selbstentstandene selbst erschuf die Tiere für das Opfer. Darum werde ich dich töten; beim Opfer gilt die Tötung daher als Nichttötung.“
67.40 Danach nennt die Vorschrift die Gottheit und den eigenen Wunsch; das nach Osten gerichtete Opfer werde mit jenem Schwert getötet.
67.41 Oder das Opfer werde nach Norden, der Vollziehende selbst nach Osten ausgerichtet. Die zuvor genannten Stoffe, darunter Steinsalz, seien dem Mund beizugeben.
67.42 Als Gefäß für die Blutgabe nennt der Text Gold, Silber, Kupfer, Messing, eine Blattschale,
67.43 Ton, Bronze oder Holz eines Opferbaumes, je nach Vermögen. Eisen, Rinde, Rohrgeflecht, Zinn und Blei werden ausgeschlossen.
67.44 Das Blut der Opfer solle auch nicht auf den Boden oder in die Opferlöffel gelangen; Krug, bloße Erde und zu kleines Gefäß werden ebenfalls abgelehnt.
67.45 Der nach Gedeihen Strebende solle das Blut entsprechend darbringen. Menschenblut werde stets in einem irdenen oder metallenen Gefäß vorgesehen.
67.46 Der König dürfe es nicht in Blätter oder Ähnliches geben. Ein Pferd solle niemals außerhalb des Pferdeopfers geopfert werden.
67.47 Ebenso werde ein Elefant dem König nur beim Opfer für die Hüter der Himmelsrichtungen zugewiesen. Pferde und Elefanten dürfe er der Göttin sonst nicht darbringen.
67.48 Beim als Hayakarsha bezeichneten Ritus werde dem König ein Yak als Opfer zugewiesen. Löwe, Tiger, Mensch und Blut aus dem eigenen Körper
67.49 sowie alkoholischer Trank seien einem Brahmanen als Gabe an die große Göttin untersagt. Bringe er Löwe, Tiger oder Mensch dar, gelange er nach dem Text in die Hölle.
67.50 Schon hier sei sein Leben verkürzt und ohne Glück und Wohlergehen. Die Darbringung eigenen Blutes rechne der Text ihm als Selbsttötung an.
67.51 Durch Darbringung von Alkohol verliere ein Brahmane seinen Brahmanenstand. Ein Kshatriya oder Angehöriger der weiteren Stände solle keine Schwarzantilope opfern.
67.52 Ihre Darbringung gelte ihm als Brahmanenmord. Wo die Tötung eines Löwen, Tigers oder Menschen vorgeschrieben werde,
67.53 gilt für den Brahmanen folgende Ersatzordnung, Bhairava: Er fertige die Gestalt eines Tigers, Menschen oder Löwen aus geklärter Butter
67.54 oder aus Opferkuchen beziehungsweise Gerstenmehl und teile diese nach der rituellen Weihe mit dem Chandrahāsa-Schwert.
67.55 Bei einer großen Zahl von Opfergaben stelle der Übende zwei oder drei an die Spitze und verehre durch sie mit dem Mantra alle gemeinsam.
67.56 Die allgemeine Verehrung der Opfergaben habe ich bereits erklärt. Hört nun von mir die jeweiligen Besonderheiten, Bhairava.
67.57 Werde ein Büffel der Göttin, Bhairavi oder Bhairava dargebracht, so werde er mit der folgenden Formel verehrt:
67.58 „Wie du das Reittier hasst und Chandika trägst, so vernichte meine Feinde und bringe mir Heil, Büffel!“ [Die erste Aussage ist im Wortlaut unklar.]
67.59 „Du bist Yamas Reittier, unvergänglich und von erlesener Gestalt. Gib Lebensdauer, Besitz und Ruhm! Verehrung dem Büffel!“
67.60 Bei der Darbringung eines Nashorns werde es unter Besprengen mit Wasser durch die mit „Höhlengeborener“ beginnende Formel angesprochen.
67.61 „Bei Götter- und Ahnenriten bist du glückverheißend, Nashorn, dem Schwert vergleichbar. Zerschneide die Hindernisse, Hochbegnadeter! Verehrung dir, Höhlengeborener!“
67.62 Für die Schwarzantilope wird diese Formel genannt: „Schwarzantilope, Gestalt Brahmas, du Mehrerin des brahmanischen Glanzes,
67.63 du Verkörperung der vier Veden, du Weise, gib Einsicht und großen Ruhm!“ Für die Verehrung des Sharabha wird folgende Formel gelehrt:
67.64 „Du Achtfüßiger, hervorgegangen aus dem herabgefallenen Mondteil, du Achtgestaltiger, Starkarmiger, Bhairava Genannter, Verehrung dir!
67.65 Wie du in Bhairavas Gestalt den Eber getötet hast, so vernichte in Sharabha-Gestalt Feinde und Hindernisse!“
67.66 „Du Löwe, der in Haras Gestalt Chandika trägt, bringe mir ebenso immerdar Heil und vernichte die vielen Hindernisse!
67.67 Du bist Hari in Löwengestalt; durch die Wahrheit, dass du Hiranyakashipu, das Hindernis der Welt, getötet hast, wirke auch hier!“ [Der Satz ist in der Vorlage nicht vollständig ausgeführt.]
67.68 So habe ich die Ordnung der Löwenverehrung erklärt, Schuldloser. Höre nun die Bestimmungen über Menschen und eigenes Blut, Bhairava.
67.69 Wenn am heiligen Sitz ein Menschenopfer dargebracht werde, ordnet der Text es dem Verbrennungsplatz zu, dem bereits genannten Heruka-Stätte.
67.70 Dies gelte auf dem Berg von Kamakhyas Wohnsitz und an Oda und den weiteren Sitzen. Jener Verbrennungsplatz sei meine Gestalt und werde auch Bhairava genannt.
67.71 Er habe bei der Vollendung der Askese drei Teilbereiche. Der östliche, Bhairava genannte Bereich werde für die rituelle Übergabe des Menschen bestimmt,
67.72 der südliche für die Darbringung des Kopfes an die schädelbekränzte Bhairavi, der westliche, Heruka genannte, für das Blut.
67.73 Nach Verehrung, Übergabe und Verabschiedung solle der Vollziehende auf dem Weg seines Kommens zurückkehren und an diesen Verbrennungsplätzen nicht mehr nach der Opferlampe sehen.
67.74 Auch anderswo, wo ein solches großes Opfer stattfinde, unterscheide die Vorschrift den Ort der Übergabe vom Ort der Abtrennung und von dem, an dem der Kopf als „Nektar“ niedergelegt werde.
67.75 Nach der Übergabe solle der Übende nicht zurückblicken. Der betreffende Mensch werde gebadet, geschmückt und auf eine geregelte Vormittagsmahlzeit beschränkt,
67.76 halte sich von Fleisch und geschlechtlichem Genuss fern und werde mit Kranz und Sandel versehen. Nach Norden gerichtet, werde sein Körper mit den Gliedergottheiten in Beziehung gesetzt.
67.77 Der Mensch werde unter seinem Namen und mit der Gottheit verehrt: Brahma an der Scheitelöffnung, die Erde an der Nase,
67.78 der Raum an den Ohren, der nach allen Seiten gewandte Feuergott an der Zunge, die Gestirne an den Augen und Vishnu am Mund.
67.79 An der Stirn werde der Mond verehrt, an der rechten Wange Indra, an der linken das Feuer und am Hals Yama, der Unparteiische.
67.80 An den Haarspitzen werde Nirriti, zwischen den Brauen Varuna, am Nasenansatz der Wind und an der Schulter der Herr des Reichtums verehrt.
67.81 Nach der Verehrung des Schlangenkönigs am Herzen folge diese Anrede: „Bester der Menschen, Hochbegnadeter, erhaben und alle Götter in dir tragend,
67.82 schütze mich, der ich Zuflucht suche, samt Kindern, Vieh und Verwandten, meinem Reich, meinen Ministern und dem viergliedrigen Heer!
67.83 Schütze mich durch die Hingabe deines Lebens, da der Tod ohnehin gewiss ist. Was durch große Askese, Erkenntnis und Opfer als Unsterblichkeit erlangt wird,
67.84 das gib mir, Hochbegnadeter, und erlange selbst Herrlichkeit! Rakshasas, Pishachas, Vetalas und andere Wesen, Kriechtiere,
67.85 Könige, Feinde und andere sollen mich durch deine Wirkung nicht töten. Durch das aus deinem Hals fließende Blut und die Glieder
67.86 werde Sättigung bewirkt, da du, deiner selbst mächtig, stirbst und der Tod gewiss ist.“ Nach dieser Verehrung folgen die zuvor gelehrten Riten. [Die Aufforderung im ersten Halbvers ist sprachlich unsicher.]
67.87 Der so Verehrte gelte als meine Gestalt, von den Welthütern bewohnt und ebenso von sämtlichen übrigen Göttern, Brahma voran.
67.88 Selbst wenn der Mensch Verfehlungen begangen habe, werde er nach dieser Vorstellung frei davon; sein von Makel gereinigtes Blut werde sogleich zu Nektar.
67.89 Es erfreue die große Göttin, Mutter und Gestalt der Welt. Nachdem auch er seinen menschlichen Körper verlassen habe und gestorben sei,
67.90 werde er bald zum Herrn der Scharen und von mir hoch geehrt. Andernfalls gelte das Opfer als mit Schuld, Ausscheidungen und Körperfett verunreinigt,
67.91 und weder Kamakhya noch eine andere Göttin nehme es an. Auch bei den anderen Opfern, Büffeln und weiteren Tieren, bewirke die Verehrung,
67.92 dass der Körper als opferrein gelte und die Göttin Shiva das Blut annehme. Was immer anderen Gottheiten gegeben werde,
67.93 solle nach eigener ritueller Ehrung der ebenfalls verehrten Gottheit dargebracht werden. Die folgende Ausschlussliste nennt Einäugige, Gehbehinderte, sehr Alte, Kranke und Menschen mit nässenden Wunden,
67.94 ferner Impotente, Menschen mit fehlenden Gliedern, vergrößertem Geschlechtsteil, als ungünstig bewerteten Körperzeichen, weißen Hautflecken, sehr kleiner Gestalt sowie schwere Übeltäter,
67.95 Kinder unter zwölf Jahren, von Geburtsunreinheit Betroffene und solche, die noch im vorgeschriebenen Trauerzeitraum nach dem Tod eines besonders nahen Älteren stehen. [Die Zeitangabe der Vorlage ist widersprüchlich.]
67.96 Diese schließt die historische Vorschrift vom Opfer aus, selbst wenn sie bereits rituell verehrt wurden. Bei Tieren, Vögeln und besonders bei Menschen
67.97 werde kein weibliches Wesen als Einzelopfer dargebracht; andernfalls drohe Hölle. Bei Sammelopfern werden weibliche Tiere und Vögel dagegen zugelassen,
67.98 während Frauen auch dort ausgeschlossen bleiben. Ein Tier unter drei Monaten werde nicht als Opfer für die Göttin Shiva zugelassen,
67.99 ein Vogel unter drei Halbmonaten ebenfalls nicht. Einäugige oder körperlich versehrte Tiere und Vögel werden ausgeschlossen.
67.100 Entsprechend gelten die Bestimmungen für Menschen, Tiere und Vögel. Wesen mit abgeschnittenem Schwanz oder Ohr und mit zerbrochenen Zähnen,
67.101 mit abgebrochenen Hörnern und ähnlichen Verletzungen werden nicht zugelassen. Brahmanen und auch Chandalas schließt der Text ausdrücklich aus, o König,
67.102 ebenso bereits den Zweimalgeborenen oder Göttern Übergebene und den Sohn des eigenen Herrschers. Dagegen nennt er den im Krieg gefangenen Sohn eines feindlichen Königs.
67.103 Der eigene Sohn, Bruder, ein nicht feindlich gesinnter Vater, der hier genannte Hausherr sowie Schwestersohn und Mutterbruder werden ausgeschlossen.
67.104 Nicht genannte oder unbekannte Wild- und Vogelarten sollen nicht verwendet werden. Fehlen die genannten Tiere, nennt der Text Esel und Kamel als Ersatz.
67.105 Sind andere vorhanden, sollen Tiger, Kamel und Esel nicht verwendet werden. Nach ordnungsgemäßer Verehrung eines Menschen, Tieres oder Vogels
67.106 und der mit Mantra begleiteten Tötung werde auch die Darbringung mit Mantra vollzogen. Menschenkopf und Menschenblut sollen der Göttin in der bezeichneten Weise übergeben werden. [Die Richtungsangabe ist beschädigt.]
67.107 Das Ziegenopfer ordnet die Vorschrift links, das Büffelopfer vorn an, Vögel links und eigenes Blut vorn.
67.108 Kopf und Blut fleischfressender Tiere und Vögel sowie der Wasserwesen werden der linken Seite zugeordnet.
67.109 Schwarzantilope, Schildkröte, Nashorn, Hase, Krokodil und Fisch werden jedoch ausdrücklich vor der Göttin angeordnet.
67.110 Der Löwe werde rechts dargebracht, ebenso das Nashorn. Kopf oder Blut eines Opfers sollen nicht hinter der Göttin stehen. [Die Angaben zum Nashorn widersprechen einander.]
67.111 Speisegaben gehören rechts, links oder vor die Gottheit, nicht dahinter. Die Lampe soll rechts oder vorn stehen, nicht links.
67.112 Räucherwerk soll links oder vorn stehen, nicht rechts. Duft, Blumen und Schmuck werden vor der Gottheit dargebracht.
67.113 Im Mandala gilt dies entsprechend von der Mitte aus. Alkoholischer Trank wird hinten, anderes Getränk links angeordnet.
67.114 Wo Alkohol ausdrücklich vorgesehen ist, soll ein Zweimalgeborener stattdessen Kokoswasser in einem Bronzegefäß oder Honig in einem Kupfergefäß darbringen.
67.115 Auch in einer Notlage solle ein Zweimalgeborener keinen Alkohol übergeben; als Ausnahmen nennt die Vorlage den zuvor erwähnten Blütenauszug und besonders einen Grinjana genannten Stoff.
67.116 Königssöhne, Minister, Ratgeber, Heerführer und andere königliche Amtsträger werden im Text als Darbringende von Menschenopfern für Wohlstand und Macht genannt.
67.117 Ohne Zustimmung des Königs gelte eine solche Darbringung als Sünde. Für Aufruhr und Krieg behauptet die Vorschrift dagegen eine freie Entscheidungsmacht
67.118 eines königlichen Amtsträgers, niemals eines anderen. Am Tag vor der vorgesehenen Darbringung beginne die rituelle Vorbereitung des Menschen.
67.119 Dabei nennt der Text die mit „mā nastoke“ beginnende Formel, das Devi-Sukta und „gandhadvāre“ sowie die symbolische Auflage des Schwertes auf dem Kopf.
67.120 Dem Schwert werden Duftstoffe dargebracht und damit die vorbereitende Weihe vollzogen; die darauf liegenden Duftstoffe werden am Hals des Menschen angebracht.
67.121 Dazu treten „ambe ambike“ und der wilde Mantra Bhairavas. Nach dieser Weihe, behauptet der Text, beschütze die Göttin das ihr bestimmte Opfer.
67.122 Krankheiten, Verletzungen und die genannten Verunreinigungen sowie Geburt oder Tod in der Verwandtschaft sollen seinen rituellen Status dann nicht beeinträchtigen.
67.123 Höre nun, welches gute oder schlechte Vorzeichen der Text aus der Fallrichtung eines abgetrennten Menschenkopfes und ebenso der Köpfe von Tieren ableitet.
67.124 Bei einem Menschenkopf werden Nordosten und Südwesten als Zeichen für Verlust des Reiches und Vernichtung gedeutet.
67.125 Die übrigen Richtungen, vom Osten über Südosten, Süden, Westen und Nordwesten bis Norden, werden mit Glück, Gedeihen, Furcht, Gewinn, Nachkommenschaft und Reichtum verbunden.
67.126 So lautet die Reihenfolge für den Menschenkopf, Bhairava. Für den Büffelkopf beginnt die Zählung dagegen im Norden
67.127 und endet im Nordwesten. Höre die Zeichen dieser acht Richtungen: Glück, Verlust, Herrschaft, Vermögen, Sieg über Feinde, Furcht,
67.128 Gewinn eines Reiches und Wohlstand, jeweils in dieser Reihenfolge, Bhairava. Für alle übrigen Tiere, beginnend mit Ziegen,
67.129 gelte dieselbe Deutung, ausgenommen Wasserwesen und Vögel. Bei diesen gelten Süden und Südwesten als Furcht verheißend,
67.130 alle anderen Fallrichtungen des abgetrennten Kopfes dagegen als glückverheißend. Ein klapperndes Geräusch der Zähne im abgetrennten Kopf
67.131 von Menschen, Tieren, Vögeln oder Krokodilen wird als Krankheitszeichen gedeutet. Wenn aus den Augen eines Menschenkopfes Tränen fließen,
67.132 kündige dies Verlust des Reiches an. Wenn dagegen aus den Augen des abgetrennten Büffelkopfes Tränen fließen,
67.133 werde dies nach der Darbringung als Tod eines feindlichen Königs gedeutet. Bei den Köpfen der übrigen Opfertiere
67.134 kündigten Tränen große Furcht und Krankheit an. Wenn der abgetrennte Menschenkopf lache, bedeute dies den Untergang der Feinde,
67.135 Zunahme von Wohlstand und Lebensdauer des Gebers. Was immer ein solcher Kopf sage, werde nach dieser Vorzeichenlehre bald eintreten.
67.136 Ein „uṁ“-Laut bedeute Verlust des Reiches, Schleimaustritt den Tod. Wenn der abgetrennte Kopf Götternamen ausspreche,
67.137 sei innerhalb von sechs Monaten unvergleichliche Macht zu erwarten. Wenn beim Auffangen des Blutes Kot oder Urin austrete,
67.138 oder der Körper sich auf die hier unklar bezeichnete Weise aufwärts oder abwärts bewege, werde der Tod des Gebers vorausgesagt; ein Zucken des linken Fußes bedeute schwere Krankheit.
67.139 Andere Zuckungen und Bewegungen würden als günstig gedeutet. Von Büffel- oder Menschenblut nehme der Übende nach dieser Vorschrift
67.140 mit Daumen und Ringfinger eine geringe Menge und gebe sie mit dem Mahakaushika-Mantra als besondere Opfergabe auf die Erde,
67.141 für die Mächte wie Putana, zuerst in südwestlicher Richtung. Als Alter nennt der Text für den Büffel fünf Jahre,
67.142 für einen Menschen fünfundzwanzig Jahre. Dessen Blut wird mit dem Wunsch nach Gedeihen verbunden. Nun folgt die verschlüsselte Mantrabildung aus drei Augen-Keimsilben, Kama-Keim, Endlaut und Prajapati-Laut,
67.143 ferner Feuer-Keim und zwei genannten Vokalen; weitere Glieder verbinden die bezeichneten Laute mit dem Ende der ersten Konsonantengruppe.
67.144 Hinzu kommen der sechste Vokal, Flammenzeichen, Punkt und Mondzeichen sowie die als Virmasika bezeichnete Keimsilbe; dann folgt die Anrede „Kaushiki“. [Die Lautbeschreibung ist beschädigt.]
67.145 Mit „Dies ist die Opfergabe, svāhā“ schließt der Kaushiki genannte Mantra. Der König solle nach vorheriger Anrufung des Schwertes ein stellvertretendes Feindopfer darbringen.
67.146 Ein Büffel oder eine Ziege werde dabei mit dem Namen des Feindes angesprochen und nach der dreifachen Mantraanwendung mit einer Schnur am Maul gebunden.
67.147 Nach Abtrennung des Kopfes werde dieser der Göttin übergeben. Immer wenn die Macht des Feindes zunehme, werde eine solche besondere Opfergabe vorgesehen,
67.148 verbunden mit dem Ziel seines Untergangs. Zuvor solle nach der magischen Vorstellung des Textes die Lebenskraft des Feindes in das Tier eingesetzt werden.
67.149 Beim Tod des Tieres, behauptet der Text, vergehe auch die Lebenskraft des Feindes durch Unheil. Die Formel beginne mit „Du von feindlicher Gestalt, Chandika“;
67.150 dann werde der betreffende Feind genannt und zweimal „Geh zu ihm“ gesprochen, gefolgt von „svāhā“. Dies wird als Schwertmantra bezeichnet.
67.151 „Dieser, der mich hasst, ist selbst der Feind in Tiergestalt. Vernichte ihn, Mahamari! spheṁ spheṁ, verzehre, verzehre!“
67.152 Mit dieser Formel werde eine Blume auf seinen Kopf gelegt; das Blut werde danach mit den beiden Keimsilben dargebracht.
67.153 Wenn im Herbst an der großen Navami eine solche Opfergabe stattfinde, werde ein Feueropfer mit Fleisch aus acht Körperbereichen vorgeschrieben,
67.154 unter dem Durga-Tantra-Mantra in einem rituell reinen Feuer. Der Text verheißt dem Menschen dadurch die Vernichtung seiner Feinde.
67.155 Bei Gaben eigenen Blutes schließt die Vorschrift die Körperbereiche unterhalb des Nabels und den Rücken ausdrücklich aus.
67.156 Auch Lippen, Kinn und Sinnesorgane werden ausgeschlossen; genannt wird stattdessen der Bereich unterhalb des Halses und oberhalb des Nabels sowie die Arme, ausgenommen die Hände.
67.157 Der Text mahnt, die Verletzung nicht übermäßig auszuführen. Er nennt außerdem Blut von Wangen, Stirn und der Stelle zwischen den Brauen,
67.158 von Ohrspitzen, Armen, Hals- und Bauchgegend sowie wiederum von der Brustregion zwischen Hals und Nabel.
67.159 Auch die Körperseiten werden in dieser historischen Vorschrift als Herkunft der Durga zugedachten Gabe genannt; Knöchel, Schlüsselbeingegend und Mund werden ausgeschlossen.
67.160 Ebenso ausgeschlossen werden krankhafte Wunden und Verletzungen, die jemand anderes zugefügt hat, Bhairava. Die dafür eigens vorgenommene Handlung wird mit Glauben und unerschüttertem Geist verbunden.
67.161 Das ausgetretene Blut werde nach der Vorschrift auf einem Lotusblatt oder in einem goldenen, silbernen oder bronzenen Gefäß gesammelt; die Lesart zu Eisen und Klinge ist nicht eindeutig.
67.162 Von dort werde es mit Mantra der Göttin dargebracht. Als Geräte nennt die Vorlage Grabwerkzeug, kleines Messer, Schwert, Beil und ähnliche Schneiden.
67.163 Einer Verletzung durch ein größeres Gerät schreibt der Text eine größere rituelle Frucht zu. Als Maß wird die Blutmenge angeführt, die ein Lotusblatt aufnimmt.
67.164 Die Gabe dürfe dieses Maß nicht um mehr als ein Viertel überschreiten; eine Abtrennung von Körpergliedern wird ausdrücklich untersagt.
67.165 Wer, so die folgende Verheißung, der Göttin hingebungsvoll ein kleines Stück Fleisch aus der Brustgegend darbringe, im Maß einer schwarzen Bohne, eines Sesamkorns oder einer Mungbohne,
67.166 erlange innerhalb von sechs Monaten den ersehnten Wunsch. Wer an Armen oder Schultern einen Lampendocht darbringe,
67.167 oder an der Brust ohne gesondertes Ölgefäß, dem wird für einen einzigen Augenblick dieser schmerzhaften Lampengabe folgende Frucht zugesprochen:
67.168 Er genieße nach Belieben große Freuden im Haus der Göttin, verweile dort drei Weltzeitalter und werde danach ein Weltherrscher.
67.169 Wer einen abgetrennten Büffelkopf mit Lampe in beiden Händen vor der Göttin halte und so einen ganzen Tag und eine Nacht verharre,
67.170 erlange langes Leben und einen gereinigten Körper, genieße hier angenehme Freuden und gelange danach in mein Haus als Herr der Scharen.
67.171 Wer dagegen nachts wachend einen Menschenkopf in der rechten Hand und ein Blutgefäß in der linken halte
67.172 und so die ganze Nacht verharre, werde nach dieser Verheißung auf Erden König und gelange nach dem Tod als Herr der Scharen in mein Haus.
67.173 Wer auch nur einen Augenblick Kopf und Blut eines Opfers in beiden Händen halte, dabei die Göttin innerlich betrachte und vor ihr stehe,
67.174 erlange hier seine Wünsche und werde in der Welt der Göttin geehrt. Es folgt die Anrede: „Mahamaya, Herrin der Welt, Spenderin aller Wünsche,
67.175 ich gebe Blut meines Körpers; sei gnädig und schenke deine Gaben!“ Nach diesen Worten und einer Verneigung wird der Grundmantra genannt,
67.176 mit dem der als einem Vollendeten gleich bezeichnete Mensch eigenes Blut darbringe. Die nächste Formel lautet: „Weil ich wahrhaftig mein eigenes Fleisch für Gedeihen gebe, Herrin,
67.177 gewähre mir durch diese Wahrheit Befreiung! haṁ haṁ, Verehrung, Verehrung!“ Diese Worte ordnet der Text der Gabe eigenen Fleisches zu.
67.178 „Glück, von Wohlergehen erfüllt, höchste Leuchte und Glanz: Dieses Fleisch möge als Lampe leuchten. hnauṁ hnauṁ, Verehrung, Verehrung!“ [Der Satzbau dieser Formel ist beschädigt.]
67.179 Diese Formel wird der Lampengabe zugeordnet. In der Nacht der großen Navami im Herbst folgt ein Ritus für Skanda und Vishakha.
67.180 Der Feind werde als Figur aus Gerstenmehl oder Ton dargestellt; nach der Mantraanwendung werde ihr Kopf als symbolische Opfergabe abgetrennt.
67.181 Zuvor werde das Schwert mit der folgenden Formel angesprochen, deren Anfang „Blut, kilikili, Schrecklicher, Vernichter des schrecklichen Trägers“ lautet. [Die Wortverbindungen sind unsicher.]
67.182 Es folgen „Schüler Brahmas, Schüler Ambikas“ und der Name des betreffenden Feindes; danach werden ein Endlaut mit Visarga und ein weiterer mit Punkt verschlüsselt angegeben.
67.183 Die Vorlage wiederholt hier die Abtrennung des Kopfes der Figur sowie die Anwendung desselben, mit Punkt versehenen Mantras.
67.184 Brahma-Laut, Feuer-Laut, Yoga-Mond und Punkt sowie der Abschluss „phaṭ“ bilden nach der verschlüsselten Angabe den Schwertmantra bei Opfergaben für Skanda und Vishakha.
67.185 Die künstliche Feindfigur werde mit roten Stoffen gefärbt und mit einem Zeichen aus rotem Sandel auf der Stirn versehen.
67.186 Sie erhalte roten Kranz und rote Kleidung, rote Schnüre am Hals und einen künstlichen Dorn beziehungsweise ein Geschoss am Nabel.
67.187 Der Kopf werde nach Norden ausgerichtet; nach seiner symbolischen Abtrennung werde er unter dem Skanda-Mantra dargebracht.
67.188 Der folgende Grundmantra wird aus dem vierzehnten Vokal, Feuer-Laut, den bezeichneten vorderen und hinteren Lauten sowie Mondzeichen und Punkt beschrieben. [Die Reihenfolge ist im Wortlaut nicht sicher auflösbar.]
67.189 Dies sei Skandas Grundmantra, mit dem seine Gabe übergeben werde. Der dritte entsprechende Laut, wiederum mit vierzehntem Vokal und Feuer-Laut verbunden,
67.190 werde als Vishakhas Mantra bezeichnet und bei dessen Gabe verwendet. Beide werden mit schrägen Augen, schwarzbrauner Farbe und roten Körperzeichen geschildert.
67.191 In den rechten Händen tragen sie Dreizack und Schwert, in den linken einen Menschenschädel und eine Schneideklinge.
67.192 Sie sind dreiäugig, tragen eine Menschenkopfgirlande auf der Brust und erscheinen mit gewaltigen Zähnen furchtbar; diese beiden Herren der Scharen dienen als Torhüter.
67.193 So sollen sie in der Meditation stets vor der Göttin stehend vergegenwärtigt werden. Besonders am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte des Monats Chaitra
67.194 werde ich in Bhairava-Gestalt mit Büffel- und Ziegenopfern, berauschenden beziehungsweise süßen Getränken und Fleisch verehrt; dadurch werde ich erfreut, meine Söhne.
67.195 Bei Chandikas Opfergabe werde der Opferkopf mit Wasser besprengt und mit dem Grundmantra dargebracht.
67.196 An der noch geringfügig belebten, sich bewegenden und vorher verehrten Gabe wolle der Übende Zeichen körperlichen Gedeihens und der Vollendung erkennen.
67.197 „Der weiße Tote ist ihr Wagen, dem Yoga-Sitz vergleichbar. Auf ihm meditiere ich, Mahamaya; offenbare die Vollendung! Verehrung!“ [Die Formulierung ist in der Vorlage unsicher.]
67.198 Wenn der so angesprochene Kopf sich bald bewege, werde das als Gelingen des Vorhabens gedeutet, andernfalls als Misslingen.
67.199 Der „Held“, der nach dieser Vorschrift Opfergaben darbringe, erlange, so die abschließende Verheißung, dadurch die vier Lebensziele.
67.200 Damit wurden Reihenfolge und Gestalt der Opfergaben in diesem Blutkapitel erklärt. Höre nun von mir die weiteren Ehrendienste.
Kapitel 68
68.1 Der erhabene Herr sprach: Ich werde die sechzehn Ehrendienste erklären; höre, Bhairava. Durch sie wird die Gottheit, ebenso jede andere Gottheit, bei hingebungsvoller Ausführung erfreut.
68.2 Zuerst bringe man einen Sitz dar, aus Blumen oder Holz, aus Stoff, Fell oder Kusha-Gras, und stelle ihn nördlich des Mandalas auf.
68.3 Was auf dem Lotus dargebracht wird, gebe man in das Mandala. Mit gesprochenen Worten, Blumen und Wasser werde es übergeben; Gegenstände, die außer Blumen den Lotus verdecken würden,
68.4 lege man außerhalb, etwa an einem Tor, nieder. Ehrenwasser, Fußwasser, Mundspülwasser, Badewasser und Augenschminke,
68.5 Honigmischung, Duftstoffe und Blumen bringe man auf dem Lotus dar. Bei Bildgestalten gebe man auf den Körper, was sich zur unmittelbaren Anwendung eignet;
68.6 Speisen und andere Essensgaben stelle man davor. Ist ein vorgeschriebener Blumensitz klein genug für das Innere,
68.7 lege man ihn auf den Lotus; einen großen stelle man an ein Tor. Ein Blumensitz wird aus zahlreichen Blumen, verbunden durch Kusha-Fasern oder andere Fäden, gefertigt.
68.8 Er erfreut die Göttin besonders, auch mich und andere Gottheiten, Bhairava. Ein Sitz aus dem Holz eines Opferbaumes sei glatt und schön,
68.9 nicht zu hoch und nicht übermäßig breit. Auch aus anderem Holz kann ein vortrefflicher Sitz dargebracht werden,
68.10 doch ausgeschlossen werden dorniges oder milchsaftführendes Holz, kernloses Holz, Holz von Heiligtümern und Verbrennungsplätzen sowie Vibhitaka-Holz.
68.11 Rindenstoff, Seide und Hanf gelten als drei Stoffarten; mit der aus Haar beziehungsweise Wolle gefertigten Decke sind es vier.
68.12 Aus ihnen bereite man einen Sitz für das ersehnte Gedeihen. Die folgende Aufzählung nennt Felle von Löwe, Tiger, Hyäne, Ziege und Büffel,
68.13 von Elefant, Pferd, Schwarzantilope, Srimara, Rama und den neun Arten von Wild.
68.14 Sitze aus solchen Fellen gelten in dieser Überlieferung als erfreulich für alle Götter. Unter den Stoffen wird die Wolldecke als Göttersitz empfohlen.
68.15 Unter den Fellen gilt Rankava als vorzüglich, unter Holzsitzen Sandelholz. Ein Sitz aus Kusha-Gras aber wird als unübertrefflich bezeichnet.
68.16 Für sämtliche Götter und selbstbeherrschten Seher wird dieser Sitz einem Yoga-Sitz gleichgestellt.
68.17 Durch die Gabe eines Sitzes erlange man Glück und Befreiung. Die neun Wildarten werden genannt als Shambara, Rohita, Rama, Nyanku, Ranku, Hase, Ruru,
68.18 Ena und Harina. Unter Harina werden wiederum fünf Arten unterschieden, Bhairava:
68.19 Rishya, Nashorn, Ruru, Prishata und die als Mriga bezeichnete Art. Diese werden bei Opfergaben und Fellgaben angeführt.
68.20 Auch Sitze aus Metallen gelten als vorzüglich, mit Ausnahme von Eisen, Bronze und Blei.
68.21 Ebenso werden Sitze aus Stein, Edelstein und kostbarem Schmuckstein anerkannt; man bringe sie den Gottheiten für weltlichen Genuss und Befreiung dar.
68.22 Höre nun auch von den Sitzen der Übenden, Bhairava, auf denen sie bei der Verehrung nach dieser Lehre sämtliche Vollkommenheiten erlangen können.
68.23 Vier Arten werden für die Übenden genannt: aus Holz, aus Fell, aus Stoff und aus Metall.
68.24 Diese gelten als geeignete Sitze beim Verehrungsritus. Der Übende soll dabei nicht beliebig auf irgendeinem Sitz Platz nehmen.
68.25 Der Kundige wähle für einen Holzsitz und dergleichen stets eine helle beziehungsweise weiße Ausführung. Für einen Holzsitz werden vierundzwanzig Fingerbreiten Länge angegeben,
68.26 sechzehn Fingerbreiten Breite und vier oder sechs Fingerbreiten Höhe; höher solle er nicht sein.
68.27 Die zuvor ausgeschlossenen Materialien bleiben auch für den Sitz bei der Verehrung ausgeschlossen. Ein Stofftuch sei nicht länger als zwei Ellen und nicht breiter als anderthalb Ellen.
68.28 Bei der Verehrung solle es nicht höher als drei Fingerbreiten aufliegen. Einen der zuvor genannten, Vollendung verheißenden Fellsitze könne man nach Bedarf gestalten,
68.29 jedoch niemals höher als sechs Fingerbreiten. Sitze aus Wolldecke, Fell und Stein werden für Mahamayas Verehrung
68.30 und ebenso für Kamakhya empfohlen; für Tripura und Vishnu wird stets der Kusha-Sitz hervorgehoben.
68.31 Ein sehr langes, hohes oder breites Holzstück gilt bei den Riten wie der Erdboden; für einen Stein gilt Entsprechendes.
68.32 Man richte darum einen gesonderten Sitz ein, auch außerhalb am Tor. Einen Sitz aus Blättern soll man bei der Verehrung nicht verwenden.
68.33 Aus Körperteilen von Tieren gefertigte Knochensitze werden ausgeschlossen, mit Ausnahme von Elefantenmaterial; ein Sitz aus Elfenbein wird für Riten zur Erfüllung besonderer Wünsche genannt.
68.34 Die bereits erwähnten Felle sind zugelassen, ebenso das des Moschustieres. Wenn die Verehrung der Gottheiten im Wasser stattfindet,
68.35 soll sie auch dort nach Möglichkeit sitzend geschehen, nicht stehend. Als Sitz im Wasser eignen sich Stein oder Kusha,
68.36 auch Holz oder Metall, keine anderen der genannten Arten. Fehlt ein Ort, an dem man einen Sitz aufstellen kann,
68.37 stelle der Verehrer sich den Sitz im Geist vor und verehre so im Wasser. Ist mitten im Wasser überhaupt keine Möglichkeit zum Sitzen vorhanden,
68.38 oder gilt dasselbe an einem anderen Ort, darf die Götterverehrung stehend geschehen. Damit ist der Sitz für Verehrte und Verehrer erklärt, mein Sohn.
68.39 Hört nun über das Fußwasser, Vetala und Bhairava. Padya ist das für die Füße bestimmte Wasser, schlichtes Wasser allein.
68.40 Man reiche es in einem Metallgefäß oder einer Muschel. Das Fußwasser gilt als Grundlage für Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lebensfreude und Befreiung.
68.41 Es wird nach dem Sitz mit dem Grundmantra dargebracht. Das Ehrenwasser bereite man mit Kusha, Blumen, ungebrochenem Reis, Senfkörnern und Sandel,
68.42 Wasser und verfügbaren Duftstoffen und bringe es für die Vollendung dar. Durch Arghya erlange man Wünsche und Reichtum,
68.43 Nachkommenschaft, Lebensdauer, Glück und Befreiung. Dem Sonnengott soll der Kundige kein Arghya mit Wasser aus einer Muschel geben.
68.44 Ebenso soll er Vishnu das Arghya nicht in einer Perlmutterschale darbringen. Mundspülwasser reiche man als reines, wohlriechendes Wasser,
68.45 mit Kampfer beduftet, mit schwarzem Adlerholz beräuchert oder auf andere Weise wohlriechend gemacht, stets ohne Schaum.
68.46 Man reiche es in einem Metallgefäß oder einer Muschel. Klares, schaumfreies Wasser, das den Göttern
68.47 zum Spülen des Mundes gereicht wird, heißt Achamana. Man kann dafür auch schlichtes, unvermischtes Wasser geben.
68.48 Sind Duftstoffe verfügbar, bedufte man es damit. Durch die Gabe des Mundspülwassers erlange der Übende nach der Verheißung Lebensdauer, Kraft und zunehmenden Ruhm
68.49 sowie die jeweils ersehnten Wünsche. Dickmilch, geklärte Butter, Wasser, Honig und Zucker bilden die fünf Bestandteile
68.50 der Honigmischung Madhuparka, die alle Götterscharen erfreut. Wasser nehme man am wenigsten; Zucker, Dickmilch und Butter zu gleichen Teilen,
68.51 Honig dagegen mehr als jeden anderen Bestandteil. Man reiche die Mischung in Bronze, Gold oder Silber.
68.52 Beim Jyotishtoma, Pferdeopfer und anderen Opfern, bei Wohltätigkeitswerken und bei der Verehrung ist diese alle Götterscharen erfreuende Honigmischung vorgesehen.
68.53 Sie gilt als Mittel für die vier Lebensziele und als Spenderin von Glück, Genuss, Zufriedenheit und Gedeihen.
68.54 Mehlpaste, Moschus, gelber Rinderfarbstoff, Safran, Rohzucker, Honig, die fünf Kuhprodukte und die Gesamtheit der Heilkräuter,
68.55 Zucker, Reinigungsmittel, Öl, fettige Salben, Sesam und abschließend Wasser werden von den Ritualkundigen als Mittel des rituellen Bades genannt.
68.56 Auch Wasser, in dem Gold und Edelsteine liegen oder das mit Kampfer und anderen Düften versetzt ist, werde in Metall- oder Bronzegefäßen beziehungsweise Muscheln dargebracht.
68.57 Im Mandala gebe man es an die Lotusfäden; ebenso wird es an Sonnenbildern, am Shiva-Linga, am bezeichneten Bhoga, am heiligen Sitz und am Körper der Gottheit verwendet.
68.58 Bei empfindlichen Bildgestalten aus frischer Masse, Ton, Butter, Zinnober oder Sandelpaste beschränke man sich auf das Bestreichen beziehungsweise eine schonende Anwendung. [Der Beginn ist beschädigt.]
68.59 Stellvertretend kann ein auf einem Svastika aufgestelltes Schwert oder ein Spiegel gebadet werden. So bringe man insbesondere der großen Göttin das Bad dar,
68.60 oder Sonne, Vishnu und Shiva, wo immer die Verehrung stattfindet. Durch die Darbringung des Bades werde der Verehrer langlebig.
68.61 Ein ordnungsgemäßes Bad verheiße ihm bis zum Ende eines Weltzeitalters Anteil am Himmel. Fußwasser, Duftstoffe, Blumen
68.62 und sämtliche anderen Ehrengaben sollen vor der Übergabe mit dem Wasser aus dem Arghya-Gefäß besprengt werden, das durch Nektarverwandlung und die übrigen Riten geweiht ist.
68.63 Dann bringe man sie der erwählten Gottheit dar; so nehme sie selbst die Gaben an. Eine Darbringung ohne dieses Wasser aus dem Arghya-Gefäß
68.64 bleibe nach dieser Lehre ohne Frucht. Wenn durch Unbeherrschtheit, Habgier oder Unachtsamkeit das zu Nektar geweihte Wasser
68.65 aus dem Gefäß verschüttet werde, müsse die Weihe erneut vollzogen werden. Bleibt jedoch eine kleine Menge des geweihten Wassers im Gefäß zurück,
68.66 kann weiteres Wasser hinzugegossen werden; dieses gelte durch die Verbindung ebenfalls als Nektar. Auch zahlreiche Blumen oder große Kränze
68.67 sollen vor der Darbringung mit dem Wasser aus dem Arghya-Gefäß besprengt werden. Was stattdessen mit anderem Wasser übergeben werde,
68.68 nehme die erwählte Gottheit selbst bei hundert weiteren Riten nicht an. In dem durch neun vorbereitende Handlungen geweihten Arghya-Gefäß
68.69 seien alle heiligen Badeorte und alle Nektarkräfte gegenwärtig. Deshalb sollen die Ehrengaben mit seinem Wasser besprengt und dann übergeben werden.
68.70 Man lege aber keine ungeeigneten Gegenstände in das Arghya-Gefäß, um sie darzubringen. So sind dir, Bhairava, die sechs Dienste vom Sitz an erklärt. Die zehn weiteren, beginnend mit Kleidung, werde ich nun zu deiner wachsenden Erkenntnis erläutern.
Kapitel 69
69.1 Der erhabene Herr sprach: Baumwolle, Wolldecke, Rindenstoff und Seide gelten als geeignete Kleidung. Nach ihrer vorherigen Verehrung bringe man sie mit Mantras der Gottheit dar.
69.2 Ausgeschlossen werden Stoffe ohne ordentlichen Saum, schmutzige, abgetragene, zerrissene, bereits am Körper getragene, fremdes Eigentum, von Mäusen angenagte, durchstochene und lange liegengebliebene Stücke,
69.3 ferner die hier unklar als „mit Resten“ bezeichneten, bereits gewaschenen und durch Schleim, Urin oder Ähnliches verunreinigten Stoffe. Dies gilt für Gaben an Götter sowie für Götter- und Ahnenriten,
69.4 auch für die eigene Verwendung bei Opfern. Obergewand, Schultertuch, Umhüllung, Modachelaka
69.5 und Untergewand, diese fünf, sollen ungenäht verwendet werden. Hanfgewand, Nachtgewand, Sonnenschutz,
69.6 Chandataka und Drishya werden als fünf zulässige genähte Formen genannt. Auch für Banner, Fahnenstangen und dergleichen ist genähter Stoff vorgesehen.
69.7 Ebenso gilt dies für andere Abdeckungen, damit sie nicht zerfallen. Rote Seidenkleidung wird für die große Göttin empfohlen.
69.8 Gelbe Seide bringe man Vasudeva dar, eine rote Wolldecke dagegen Shiva, dem höchsten Selbst.
69.9 Buntes feines Gewebe kann allen Göttern und Göttinnen dargebracht werden; Baumwolle gilt als allgemein günstig und für alle geeignet.
69.10 Vasudeva solle kein ausschließlich rotes Gewand erhalten, Shiva kein ausschließlich blaues.
69.11 Mit Indigo gefärbter Stoff wird allgemein ausgeschlossen; der Kundige soll ihn bei Götter- und Ahnenriten nicht verwenden.
69.12 Wer Vishnu aus Unachtsamkeit ein indigogefärbtes Gewand darbringt, dessen Verehrung bleibt nach dieser Vorschrift fruchtlos, Bhairava.
69.13 Ein buntes Gewand mit indigogefärbten Anteilen darf jedoch der großen Göttin dargebracht werden, keiner anderen Gottheit.
69.14 Wie nach der Rangordnung des Textes der Brahmane unter den Zweibeinigen und Indra unter den Göttern, so gilt Kleidung unter den Schmuckgaben als vorzüglich.
69.15 Kleidung beseitigt Beschämung und mindert Übel; durch sie werde umfassendes Gelingen möglich. Sie verheißt die vier Lebensziele.
69.16 Damit wurde dir die stets erfreuende Kleidung als nützlicher und vorzüglicher Schmuck erklärt, mein Sohn. Höre nun über die Schmuckstücke.
69.17 Krone, Kopfschmuckstein, Ohrring, Stirnschmuck, palmblattförmiger Ohrschmuck, Halskette, Halsband und Ring,
69.18 Hängekette, Edelsteinschnur, hoher Schmuck, die in der Vorlage unklar bezeichnete Kette, Seitenschmuck, Nagelschmuck und Fingerhülle,
69.19 Haarknoten- und Lockenschmuck, Manavaka, Scheitelstern, Khalantika, Armreif, Oberarmring, Haarbüschelschmuck und Ingika,
69.20 Rangdandabandha, leuchtender Schmuck, Nabelfüllung, Kettchen, siebenreihiger Schmuck, Gliederkette, zahnförmiges Schmuckblatt und Ohrgehänge,
69.21 Schenkelschnur, Hüftband, Handgelenkband, Streuschmuck, Fußreif, Hamsaka, Fußschelle und kleines Glöckchen,
69.22 sowie Sukha-Patta werden als schöne Zierstücke genannt. Diese vierzig Schmuckarten gelten in weltlicher und vedischer Überlieferung als freudebringend. [Einige Namen sind textlich unsicher.]
69.23 Die Darbringung von Schmuck wird als Mittel zu den vier Lebenszielen gepriesen. Nach seiner Verehrung bringe man ihn für das ersehnte Gelingen dar.
69.24 Der Kundige verehre ihn unter Nennung seiner Gottheit. Schmuck für den Kopf soll stets aus Gold bestehen,
69.25 etwa der Schmuckstein am Haarknoten und ähnliche Zierden, Bhairava. Vom Halsband bis zum Hamsaka dürfen die Stücke aus Gold oder Silber sein.
69.26 Solchen Schmuck bringe man den Göttern dar, nicht Schmuck aus anderen Metallen. Gefäße und Geräte dagegen dürfen aus Messing, Zinn und anderen genannten Stoffen bestehen,
69.27 unter Ausschluss von Eisen; für eigentlichen Schmuck gilt diese Erlaubnis nicht. Glocke, Yakschweifwedel, Krug und weitere Gefäße und Geräte
69.28 werden als ergänzende Ausstattung neben dem Schmuck dargebracht. Alles, auch Schmuck, darf ferner aus Kupfer bestehen.
69.29 Kupfer gilt überall dem Gold gleich, für das Arghya-Gefäß sogar als überlegen. Gefäße zur Verehrung, für Ehrenwasser, Speisen und Getränke
69.30 aus Udumbara-Holz erfreuen Vishnu stets. Im Kupfer erfreuen sich die Götter, im Kupfer sind sie beständig gegenwärtig.
69.31 Kupfer erfreut alle; darum soll man es verwenden. Sowohl bei eigenem Schmuck als auch bei Götterschmuck, Bhairava,
69.32 soll jedoch oberhalb des Halses kein Silber verwendet werden. Mantel, Trinkgefäß, Gandaka, Haus,
69.33 Ruhebett und weitere Gegenstände zählen zur ergänzenden Ausstattung. Schmuck aus anderen Stoffen, außer Eisen und Bronze,
69.34 kann bei Fehlen von Gold und Silber am unteren Körper angebracht werden. Von diesen Schmuck- und Ausstattungsstücken gebe man, was man vermag;
69.35 wenn die Mittel vorhanden sind, bringe man alles dar. So gilt Schmuck als Spender der vier Lebensziele und sämtlicher Freuden.
69.36 Nach Vermögen bringe man ihn zum erwählten Ziel dar, als Quelle von Zufriedenheit, Gedeihen und Wohlgefallen. Damit ist euch der alle Götter erfreuende Schmuck erklärt.
69.37 Hört nun genau über Duftstoffe, meine Söhne Vetala und Bhairava: Sie werden zu Pulver zerstoßen, verrieben, durch Hitze gewonnen,
69.38 ausgepresst oder aus einem tierischen Körperteil erhalten. Diese fünf Arten von Duftstoffen erfreuen nach der Lehre die Götter.
69.39 Duftpulver, zerriebene Duftblätter, Blütenpulver und Pulver aus Blättern mit angenehmem Geruch
69.40 tragen den Duft; dies ist die erste Art. Verriebenes Sandelholz aus dem Malaya, mit pulverisiertem Meru-Stoff verbunden,
69.41 und Adlerholz sowie andere Stoffe, deren Paste dargebracht wird, bilden die zweite, durch Reiben gewonnene Art. [Ein Ausdruck ist beschädigt.]
69.42 Aus Zeder, Adlerholz, Lotusduftholz, Sandel und weiteren duftenden Hölzern wird durch Erhitzen ein Saft beziehungsweise Auszug gewonnen.
69.43 Dieser durch Hitze entzogene Duft heißt die dritte Art. Aus duftendem Karavi, Bilvagandhi, Tilaka
69.44 und weiteren Pflanzen durch Pressen gewonnener Saft heißt dagegen Pressduft.
69.45 Der aus der Moschusdrüse beziehungsweise ihrem Beutel gewonnene Duft heißt tierischer Duft; er erfreut nach dem Text die Himmelsbewohner.
69.46 Kampfer, Sandelessenz und ähnliche Stoffe kommen als Pulver und als Verreibung vor; Chandrabhaga und verwandte Stoffe als Saft und Paste.
69.47 Sandelessenz und die verschiedenen Säfte werden in Duftmischungen verwendet; Moschus kann durch Verbindung mit anderen Stoffen als Verreibung oder Pulver erscheinen.
69.48 So lassen sich alle Duftstoffe den fünf Arten zuordnen und durch Reiben und andere Verarbeitung miteinander verbinden, um besonderes Wohlgefallen zu bewirken.
69.49 Die vielen weiteren Duftarten, etwa Kaliyaka, fallen sämtlich unter diese fünf Hauptgruppen.
69.50 Sandel aus dem Malaya wird bei Götter- und Ahnenriten geschätzt. Seine Paste, sein Auszug und sein Pulver erfreuen Vishnu.
69.51 Unter allen Duftstoffen wird Malaya-Sandel besonders gelobt; darum soll man sich bemühen, ihn stets darzubringen.
69.52 Schwarzes Adlerholz mit Kampfer und Malaya-Sandel erfreut Vaishnavi und Kamakhya, Bhairava.
69.53 Eine Mischung gleicher Teile Safran, Adlerholz, Moschus und Chandrabhaga erfreut Tripura und wird auch für Chandi empfohlen.
69.54 Der Übende verehre den Duftstoff unter Nennung der Gottheit und bringe ihn seiner erwählten Gottheit dar; dies verheißt sämtliche Vollkommenheiten.
69.55 Durch Duft erlange man Wünsche; Duft verleihe Rechtschaffenheit, fördere Wohlstand, und in ihm sei auch Befreiung begründet.
69.56 Damit ist euch der Duft erklärt, meine Söhne Vetala und Bhairava. Hört nun die Blumen, die der Göttin Vaishnavi lieb sind.
69.57 Mit Bakula, Mandara, Kunda, Kuruntaka, Oleander, Arka, Shalmali und Aparajita,
69.58 Damana, Sindhuvara, Surabhi und Kuruvaka, mit Ranken des Brahma-Baumes und zarten Durva-Sprossen,
69.59 mit Blütenständen des Kusha-Grases und schönen Bilva-Blättern verehre man Vaishnavi, Kamakhya und Tripura.
69.60 Hört auch die weiteren Blumenarten, die der Göttin Shiva Freude bereiten, Vetala und Bhairava:
69.61 Malati, Mallika, Jati, Yuthika, Madhavi, Patala, Oleander, Hibiskus und Tarkarika,
69.62 Kubjaka, Tagara, Karnikara, Rochana, Champaka, Amrataka, Bana, Barbara und nochmals Mallika,
69.63 Ashoka, Lodhra, Tilaka, Atarusha, Shirisha, Shami-Blüten, Drona, Lotus, Wasserlilie, Baka und Aruna,
69.64 weiße und rote Trisandhya, Palasha, Khadira, Vanamala, Sevanti, Kumuda und Kadamba,
69.65 Chakra, roter Lotus, Tandila, Girikarnika, Nagakeshara, Punnaga, Ketaki und Anjalika,
69.66 Dohada, Zitronatzitrone, Nameru, Shala, Trapushi, Chandabilva und die fünf Arten von Jhinti.
69.67 Mit diesen und ähnlichen Blumen verehre man die gabenspendende Göttin. Bei den Blättern beginnt die folgende Rangfolge mit Apamarga, danach kommt Bhringara,
69.68 dann Gandhin, danach Valahaka, darauf Khadira und die Blütenbüschel des Vanjula,
69.69 ferner Mango, Baka-Büschel, Jambu-Blatt, Zitronatzitronenblatt und Kusha-Blatt,
69.70 dann Durva-Spross, Shami-Blatt, Amalaka-Blatt und schließlich das als Amala bezeichnete Blatt.
69.71 Vor allen gilt das Bilva-Blatt als der Göttin besonders erfreulich. Unter den Blumen werden roter Lotus, Lotus, Hibiskus und Bandhuka hervorgehoben.
69.72 Das Bilva-Blatt erfreut Vaishnavi mehr als andere Blätter; unter sämtlichen Blumen wird hier der rote Lotus als vorzüglich bezeichnet.
69.73 Höre die verdienstvolle Frucht dessen, der der großen Göttin hingebungsvoll einen Kranz aus tausend roten Lotusblüten darbringt:
69.74 Er verweile herrlich viele tausend und viele hundert Zehnmillionen von Weltzeitaltern in meiner Stadt und werde danach König auf Erden.
69.75 Unter den Blättern gilt Bilva als besonders erfreulich für die Göttin. Ein Kranz aus tausend Bilva-Blättern verheißt dieselbe Frucht.
69.76 Doch wozu viele Worte? Allgemein gilt: Mit den genannten und ungenannten Blumen, aus Wasser und Land,
69.77 mit verfügbaren Blättern, mit allen Kräuterarten und mit Blumen und Blättern des Waldes verehre man die Göttin Shiva.
69.78 Fehlen Blumen, verehre man die höchste Herrin mit Blättern; fehlen auch diese, mit Gräsern, Sträuchern, Kräutern und Ähnlichem.
69.79 Fehlen die Kräuter, verehre man sie mit ihren Früchten, mit ungebrochenem Reis oder Wasser; fehlen diese, mit Senfkörnern,
69.80 und zwar weißen. Sind auch sie nicht zu bekommen, übe man Hingabe im Geist. Auch die Blätter und Blüten des Ajidantaka werden genannt.
69.81 Mit Tulasi-Blüten und -Blättern verehre man sie zur Mehrung des Wohlergehens. Bei vorbereitenden Mantraübungen verwende man Sesam mit Bilva-Blättern,
69.82 ungebrochenem Reis und geklärter Butter und bringe dies, der Göttin Shiva gewidmet, in ein gut entfachtes, geweihtes Feuer dar, damit die ersehnten Ziele gedeihen.
69.83 Wenn eine gelobte Zahl von Mantrawiederholungen für ein bestimmtes Ziel vollendet ist und danach die vorgeschriebene Verehrung durch die Zweimalgeborenen stattfindet,
69.84 nennen die vorzüglichen Zweimalgeborenen dies Purashcharana. Dabei verehre man nach den in diesem Purana zuvor ausführlich beschriebenen
69.85 Ordnungen Kamakhya und Vaishnavi. Der Übende bringe nach Möglichkeit die sechzehn
69.86 genannten Ehrendienste dar und übergehe die vorgeschriebenen Handlungen nicht. Nach vollständiger Verehrung wiederhole er den im Ritual gelehrten Mantra hundertmal.
69.87 Nach der Wiederholung folge das Feueropfer, danach drei Opfergaben aus drei Arten; anschließend folgen Gesang, Instrumentalmusik und Tanz.
69.88 Die Gattin, er selbst, ein Bruder oder der Lehrer, auch der eigene Sohn oder ein Schüler, können die Speisegaben und übrigen Gaben bereitstellen.
69.89 Am Ende des Opfers gebe man dem Lehrer eine angemessene Ehrengabe: Gold, Sesam oder eine Kuh; reichen die Mittel nicht, ein Gewand.
69.90 Am achten Tag der hellen Monatshälfte, am neunten oder vierzehnten, vollziehe man die vorbereitende Verehrung der großen Göttin, keusch und mit beherrschten Sinnen.
69.91 An diesen Tagen empfange man den Mantra aus dem Mund des Lehrers nach der ausführlichen Ordnung und der im Ritual vorgeschriebenen Verehrung, Bhairava.
69.92 Ohne die vollständige Verehrung soll man den ersehnten Mantra nicht empfangen und auch kein Purashcharana beginnen; andernfalls drohe Misslingen.
69.93 Die tägliche Verehrung soll ebenfalls vollständig sein, wenn man dazu imstande ist; dann führe man die Ritualordnung unermüdlich aus.
69.94 Kann man die ausführliche Verehrung der Göttin oder einer anderen Gottheit jedoch nicht leisten, Bhairava, gilt die folgende vereinfachte Ordnung.
69.95 Nach Reinigung und Vorbereitung zeichne man das Mandala auf einen hergerichteten Bodenplatz, bereite das Gefäß und vollziehe die innere Verbrennung und Überflutung.
69.96 Dann meditiere man über sich selbst, nachdem die Körpergestalt rituell geweiht wurde; zur Reinigung der zwölf Stellen vollziehe man die Einsetzungen vom Daumen bis zum Waffenmantra.
69.97 Nach achtmaliger Wiederholung über dem Arghya-Gefäß besprenge man die Ehrengaben. Mit den Grundlauten beginne man bei der tragenden Kraft und den weiteren Mächten.
69.98 Man meditiere über die Gottheit im Herzen, lasse sie mit dem Atem hervortreten und vergegenwärtige sie im Mandala; dann bringe man die Ehrendienste nach der Ordnung dar.
69.99 Nach Verehrung der sechs Glieder und der acht Gottheiten der Lotusblätter folgen drei Hände voll Blumen, Mantrawiederholung, Lobpreis und Verneigung.
69.100 Dann zeige man die Mudra vor der Gottheit und vollziehe die Verabschiedung. Diese Ordnung gilt für alle Gottheiten.
69.101 Wenn weder die vollständige vorgeschriebene Verehrung noch sämtliche Ehrengaben möglich sind, bringe man diese fünf dar:
69.102 Duft, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speise. Fehlen diese, genügen Blumen und Wasser; fehlen auch sie, geschieht die Verehrung durch Hingabe.
69.103 Damit ist die verkürzte Verehrung sowie die Gabe von Kleidung und Weiterem beim Purashcharana erklärt. Höre nun über die Lampe, Bhairava.
69.104 Durch Licht gewinne man die Welten; die Lampe gilt als Verkörperung des Glanzes und als Spenderin der vier Lebensziele. Darum verehre man die Herrlichkeit mit Lichtern.
69.105 Wer die Gottheit stets mit Blumen und Lampen verehrt, dem werden allein dadurch die vier Lebensziele verheißen.
69.106 Durch Blumen werden die Götter gnädig, in Blumen sind sie gegenwärtig. Alles Bewegliche und Unbewegliche gilt als vom Saft der Blüten getragen.
69.107 Wozu darüber noch viele Worte? Dies ist der höchste Lobpreis der Blume: Das höchste Licht wohnt in ihr und wird durch sie erfreut.
69.108 Die Blume fördert die drei weltlichen Lebensziele und schenkt Zufriedenheit, Wohlstand, Gedeihen und Befreiung. An ihrem Grund wohnt Brahma, in ihrer Mitte Keshava,
69.109 an ihrer Spitze Mahadeva und in den Blütenblättern alle Götter. Deshalb soll der Mensch die Götter täglich hingebungsvoll mit Blumen verehren.
69.110 Schon das Aussprechen ihres Namens bringe umfassendes Gedeihen. Unter den Lampen steht die mit geklärter Butter an erster Stelle, danach die mit Sesamöl.
69.111 Es folgen Lampen mit Senföl, Fruchtauszug, Rajika-Öl, aus Dickmilch gewonnenem Fett und aus Getreide gewonnenem Brennstoff: sieben Arten werden genannt.
69.112 Dochte aus Lotusfasern, inneren Darbha-Fasern, Hanf, Baumwolle beziehungsweise dem als Badari bezeichneten Stoff und Fasern einer Fruchtkapsel
69.113 gelten als die fünf Dochtarten für Lampen. Lampengefäße aus Metall, Holz, Eisen, Ton und Kokosnussschale
69.114 oder aus dem Stamm der als Trinadhvaja bezeichneten Palme werden empfohlen. Lampenständer sollen ebenfalls aus Metall und den anderen geeigneten Stoffen gefertigt werden, Bhairava.
69.115 Lampen gehören auf Ständer, niemals unmittelbar auf die Erde. Die alles tragende Erde ertrage diese beiden Dinge nicht:
69.116 unnötige Fußtritte und die Hitze einer Lampe. Deshalb stelle man das Licht so auf, dass die Erde nicht erhitzt wird.
69.117 So bringe man der großen Göttin und den anderen Gottheiten das Licht dar, Bhairava. Wer eine Lampe aufstellt, die die Erde erhitzt,
69.118 gelange nach der Strafandrohung des Textes hundert Jahre in die Hölle der Kupferhitze. Der Docht sei gut gedreht, der Brennstoff gut, im Gefäß aufgenommen und schön anzusehen.
69.119 Die Lampe soll sorgfältig auf einem angemessen hohen Ständer stehen. Ein Licht, dessen Hitze noch jenseits von vier Fingerbreiten spürbar ist,
69.120 gelte nicht mehr als Lampe, sondern als heftiges Feuer. Die Flamme soll die Augen erfreuen, schön leuchten und keine weitreichende Hitze ausstrahlen,
69.121 eine gute Spitze haben, geräuschlos und rauchfrei sein und nicht zu klein brennen. Ein rechtsherum gedrehter Docht gilt als förderlich für das Wohlergehen.
69.122 In einem Gefäß auf einem Lampenständer, mit reinem Brennstoff gefüllt und einem rechtsgedrehten Docht, soll die Lampe schön leuchten.
69.123 Dies heißt die vorzüglichste, alle erfreuende Form, mein Sohn. Eine Lampe ohne Ständer wird als mittlere Form bezeichnet,
69.124 eine ohne Gefäß und Öl als geringste. Für Dochte soll der Übende kein altes, schmutziges oder schon benutztes Hanf-, Rinden- oder Stoffmaterial nehmen,
69.125 sondern stets neues verwenden, um das Wohlergehen zu fördern.
69.126 Seiden- und Wollstoffe sollen nicht als Docht dienen. Auch sollen Öl, geklärte Butter und andere Brennstoffe in einer Lampe nicht vermischt werden.
69.127 Wer die Brennfette vermische, dem droht der Text die Finsternishölle an. Tierisches Körperfett, Mark und Knochenauszüge
69.128 schließt er als Lampenbrennstoff aus und verbindet ihre Verwendung mit einem Versinken im Höllenschlamm; auch ein Knochengefäß wird mit einer stinkenden Knochenhölle verbunden.
69.129 Eine solche Lampe sollen die Kundigen nicht zur Mehrung des Wohlergehens geben. Eine ordnungsgemäß bereitete Lampe sollen sie auch nicht mutwillig auslöschen.
69.130 Ein den Göttern zugedachtes, den Merkmalen entsprechendes Licht soll niemand wissentlich aus Habgier oder ähnlichen Gründen wegnehmen.
69.131 Dem Wegnehmer wird Blindheit, dem Auslöscher Verlust eines Auges angedroht. Fehlt eine Lampe, darf ein hell brennendes Holzstück,
69.132 insbesondere aus Bilva-Holz, als Ersatz dienen. Ein bloßes Glutstück solle jedoch nicht als eigentliche Lampengabe übergeben werden.
69.133 Es könne außerhalb der gezählten Ehrendienste zum Wohlgefallen dargebracht werden. Damit ist euch die Lampe erklärt; hört nun über Räucherwerk, meine Söhne.
69.134 Rauch aus brennendem, sorgfältig ausgewähltem Holz oder anderem Material, der Nase und Augen angenehm ist, wohlriechend und anziehend,
69.135 auch Rauch aus einem Pulver, sofern er ohne belastende Hitze aufsteigt, heißt Räucherwerk und erfreut die Götter.
69.136 Man soll die Stoffe nicht zu einem großen Haufen zusammenballen und verräuchern; auch mit einem Kreis aus brennenden Hülsen werde die vorgesehene Frucht nicht erlangt.
69.137 Sandel, Sarala-Kiefer, Shala, schwarzes Adlerholz, Udaya, Suratha-Skanda und Raktavidruma,
69.138 Pitashala, Parimala, Virmadi, Kashala, Nameru, Zeder, Bilva-Kernholz und Khadira,
69.139 Santana, Parijata, Harichandana und Vallabha werden unter den Hölzern als Räucherstoffe genannt, die alle erfreuen.
69.140 Arala samt den genannten Fasern, Shrivasa, Pattavasaka, Kampfer, Shrikara, Paraga, Shrihara und Amala,
69.141 die Gesamtheit der Kräuter, die textlich unsicher bezeichneten weiteren Stoffe, Varaha-Pulver, Utkala, Muskatkapselpulver, Duftstoffe und Moschus
69.142 werden als Pulver oder geformtes Räucherwerk genannt. Yaksha-Räucherharz, Baumharz, Shripishta, Adlerholz, Jharjhara,
69.143 Patrivaha, Pinda-Räucherwerk, Sugola und Kantha werden als Harze beziehungsweise miteinander verbundene Räuchermischungen bezeichnet.
69.144 Mit ihnen verräuchere man Gaben vor den Göttern im Feuer: Es sollen Stoffe sein, deren Rauchgeruch Lebewesen Freude bereitet.
69.145 Harz, Pulver, Holz, Duftstoff und künstlich bereitete Mischung sind die fünf besonders erfreulichen Arten des Räucherwerks.
69.146 Yaksha-Räucherharz soll Madhava nicht erhalten; mir sollen Raktavidruma, Suratha und der als Kadrala überlieferte Stoff nicht gegeben werden.
69.147 Yaksha-Harz, Putrivaha, Pinda-Räucherwerk, Sugola und schwarzes Adlerholz mit Kampfer gelten dagegen als Mahamaya lieb.
69.148 Auch mit Baumharz kann man Mahamaya verehren. Räucherwerk, das mit Körperfett oder Mark vermischt ist, wird ausgeschlossen.
69.149 Ebenso ausgeschlossen sind fremdes Eigentum, bereits beschnupperte und durch unzulässige Behandlung beeinträchtigte Gaben. Blumen, Räucherwerk, Duft und andere Ehrengaben
69.150 sollen nicht erst selbst gerochen und dann den Göttern dargebracht werden; daran knüpft der Text eine Höllenandrohung. Räucherwerk gehört weder unmittelbar auf die Erde noch auf den Sitz oder in einen Krug.
69.151 Man gebe es auf eine geeignete Unterlage und bringe es so dar. Raktavidruma, Shala, Suratha und Surala,
69.152 Santana und Nameru, verbunden mit schwarzem Adlerholz, Muskatkapsel und Aksha, ergeben ein Kameshvari liebes Räucherwerk.
69.153 Es ist auch Tripura, den Müttern, allen Gottheiten der heiligen Sitze und Rudra samt den weiteren Göttern lieb, meine Söhne.
69.154 Damit ist euch das Räucherwerk erklärt. Hört nun über die Augenschminke, die Kamakhya, Tripura und Vaishnavi erfreut.
69.155 Sauvira, Yamuna, Tuttha, Mayuragrivaka, Darvika und Meghanila sind die sechs genannten Arten von Augenschminke.
69.156 Sauvira wird einem ausfließenden Baumstoff, Yamuna einem Stein, Mayuragrivaka einem Edelstein und Meghanila einem metallischen Stoff zugeordnet. [Die erste Zuordnung ist textlich unsicher.]
69.157 Diese Stoffe werden auf Stein oder Metall verrieben und allen Göttern und Göttinnen dargebracht, mein Sohn.
69.158 Der auf Kupfer und ähnlichen Flächen durch eine mit Butter oder Öl brennende Lampe entstehende Ruß heißt Darvika.
69.159 Fehlen die anderen Stoffe, bringe man den Göttinnen diese durch Brennen gewonnene Schminke dar. Mahamaya, die Trägerin der Welt, Kamakhya und Tripura
69.160 erlangen nach der Lehre durch diese sechs Arten großes Wohlgefallen. Die historische Vorschrift schließt Witwen von der Herstellung der Augenschminke für Mahamaya aus.
69.161 Sie behauptet, die Göttin Vaishnavi nehme von einer Witwe bereitete Schminke nicht an. Ferner soll die Augenschminke nicht in einem Tongefäß bereitgestellt werden.
69.162 Mit in Ton bereiteter Schminke werde die Frucht der Verehrung nicht erlangt. Räucherwerk verheiße die vier Lebensziele, Augenschminke die Erfüllung von Wünschen.
69.163 Darum bringe der Mensch beides den Göttern hingebungsvoll dar. So wurden Räucherwerk und Augenschminke erklärt. Höre nun mit gesammeltem Geist über die Speisegaben der großen Göttin.
Kapitel 70
70.1 Der erhabene Herr sprach: Geeignete, reine Stoffe, die als Nahrung dargebracht werden, heißen Naivedya. Sie werden in fünf Arten eingeteilt.
70.2 Es sind zu kauende feste Speisen, weich zu essende Speisen, zu leckende, zu trinkende und zu saugende Nahrung. Diese Speisegaben bringe man bei der Verehrung der erwählten Gottheit dar.
70.3 Ich werde nennen, was der Göttin besonders lieb ist; hört beide zu. Durch die Darbringung dieser fünf Nahrungsarten wird sie erfreut.
70.4 Fehlen sie, nimmt sie nach dieser Lehre auch andere ordnungsgemäße Gaben nicht an. Genannt werden Nagara, Kapittha, Weintrauben und Arekanüsse,
70.5 Karaka, Varada, Jujube, Kürbis, Jackfrucht, Bakula, Madhuka, Mango, Amrataka und Keshara,
70.6 Walnuss, Pressdattel, Karuna, Bilva-Frucht, Udumbara-Feige, Punnaga, Madhava und Gurke,
70.7 Jambu, nochmals Pressdattel, Zitronatzitrone und Jambu, Haritaki, Amalaka und sechs Arten von Zitrusfrüchten,
70.8 Devaka, Madhuka, Shita, Patola, Früchte milchsaftführender Bäume, Patala, Shala-Frucht, Vrinta, Agnija und Banane,
70.9 Tinduka, Kusuma, Pita, Karavinda, Karushaka, Garbhavarta samt Blüte, milchsaftführende Früchte und Anangaja.
70.10 Mit den verschiedenen Früchten von Wasserlilien und Lotus sowie allen geeigneten Früchten und Blüten des Waldes verehre man die Göttin.
70.11 Ausgenommen werden für Vaishnavi Shleshmataka und die als Bimba-Shailaka überlieferten Früchte. Unter den besonders geliebten Früchten der Göttin
70.12 werden Langala, Zitronatzitrone, Karamarda und Mango genannt. Solche Früchte bringe man Kamakhya dar, Bhairava,
70.13 ebenso Tripura und den Göttinnen der heiligen Sitze. Wassernuss, Kasheru, Lotusknolle und Lotusstängel,
70.14 Ingwer, Kanchana, große Knollen, Bakulaka und ähnliche Knollen werden als Gaben für die Göttin genannt.
70.15 Milchreis, Mehlkuchen, Gerstenspeise, Reis mit Hülsenfrüchten, Modaka-Süßigkeit, Reisflocken und andere im Ofen gebackene Speisen sollen dargebracht werden.
70.16 Vorzüglicher gekochter Opferreis mit geklärter Butter und Zucker sowie sämtliche geeigneten Beilagen werden der großen Göttin gereicht.
70.17 Milch und Milchprodukte von Kühen und Büffeln, ebenso von Ziegen, Schafen und Wildtieren, werden in dieser Aufzählung zugelassen.
70.18 Auch Honig und andere Süßstoffe, Rohzuckerzubereitungen, Zucker, Speisen, Getränke und Fleisch werden genannt.
70.19 Jede angenehme, wohlriechende Zubereitung aus Gemüse, Fleisch und weiteren Zutaten wird der großen Göttin als Speisegabe zugewiesen.
70.20 Wer Fleisch, Milchreis, Dickmilch und geklärte Butter mit Zucker der großen Göttin darbringt, erlange nach der Verheißung die Frucht eines Pferdeopfers.
70.21 Wer mit Zucker und Honig gemischten berauschenden Trank darbringt, verweile lange in der Welt der Göttin und werde danach König auf Erden.
70.22 Wer Langala, Arekanuss, Ruchaka und Karamarda darbringt, erlange unvergleichliches Glück und werde in der Welt der Göttin geehrt.
70.23 Schwarze Bohnen, Mungbohnen, Linsen, Sesam, Hanf und sämtliche geeigneten Getreidearten, etwa Gerste, soll man passend zubereitet darbringen.
70.24 Je nach Essbarkeit und Art des Stoffes werde er mit Fleischpaste oder anderen geeigneten Zubereitungen verarbeitet und der großen Göttin gereicht.
70.25 Ob großer Held, Weiser, Brahmane oder ein anderer: Was immer der Betreffende sich selbst als Nahrung zubereiten dürfte,
70.26 das bringe er auch der großen Göttin hingebungsvoll dar, nachdem alles, was Zubereitung verlangt, entsprechend verarbeitet worden ist.
70.27 Die jeweilige Gabe werde nach ihrer erforderlichen Zubereitungsart hergerichtet. Übelriechende, verbrannte oder als Nahrung ausgeschlossene Speisen
70.28 dürfen auch dann nicht der großen Göttin gegeben werden, wenn ihre Grundstoffe vorher genannt wurden. Betel, mit Duftstoffen und Kampfer versehen,
70.29 werde mit Pulver aus Schalen von Wasserwesen zubereitet und dargebracht. Das Fleisch der bei den Opfergaben zugelassenen Wildtiere und Vögel
70.30 sowie Fischfleisch wird hier ebenfalls als Speisegabe genannt. Eine Zubereitung aus Nashorn-, Vardhrinasa- und Ziegenfleisch,
70.31 wohlschmeckend, duftend und angenehm angerichtet, verheiße bei einmaliger Darbringung an die große Göttin die Stellung eines Weltherrschers.
70.32 Eine duftende Speise aus Rettich und Antilopenfleisch, in einem Eisengefäß gut zubereitet, verheiße die Welt der Göttin.
70.33 Wer Vaishnavi Datteln, Pressdatteln und Gerstenmehl mit geklärter Butter darbringt, erlange die Frucht eines königlichen Rajasuya-Opfers.
70.34 Eine Gabe von Reis mit Hülsenfrüchten verheiße unvergleichliches Glück; Kokoswasser die Frucht des Agnishtoma-Opfers.
70.35 Wer Jambu, Lavali, Amalaka und Bilva-Früchte darbringt, erlange die Frucht des Agnishtoma und gelange in die Welt der Göttin.
70.36 Wer der großen Göttin Weintrauben mit Zucker und Zitrusfrüchten darbringt, werde wohlhabend und schön.
70.37 Getreide und Reisflocken für die Göttin verheißen Wohlstand. Zuckerrohr, Mungbohnenbrühe und frische Butter
70.38 verheißen höchstes Glück und Ehre in der Welt der Göttin. Wer Sesam mit frischer Butter darbringt,
70.39 erlange hier seine Wünsche und nach dem Tod Befreiung. Alle zulässigen Speisen, mit Beilagen versehen,
70.40 stelle man wie eine Mahlzeit zusammen und bringe sie der großen Göttin dar. Kokoswasser, mit Edelsteinwasser verbunden,
70.41 mit Milch, geklärter Butter, Honig, Zucker und Dickmilch gemischt, werde ihr als Getränk in einem Metallgefäß gereicht.
70.42 Höre die verdienstvolle Frucht dessen, der dies mit hingebungsvollem Herzen tut: Viele tausend und viele hundert Zehnmillionen von Weltzeitaltern
70.43 verweile der Standhafte in der Stadt der Göttin, werde danach Weltherrscher auf Erden und erlange schließlich nach seinem Wunsch die vollkommene Befreiung.
70.44 Wer gekochte Erbsen mit Wildreis und Dickmilch der großen Göttin darbringt, erlange den ersehnten Wunsch.
70.45 Schwarzer Pfeffer, Langpfeffer, Jujube, Kreuzkümmel und Tantubha werden sowohl als Würzzutaten wie als gesonderte Gaben genannt.
70.46 Wer Tamarinde mit Zuckerstücken hingebungsvoll darbringt, erlange die Frucht des Jyotishtoma-Opfers und die Welt der Göttin.
70.47 Rajamasha-Bohnen, Linsen, Spinat, Potika, dunkles Blattgemüse, Erbsen, Brahmi und Rettich,
70.48 Vastuka, Kalambi, Kanchuka, Hilamochika, Chakra, Vidruma-Blätter und Punarnava
70.49 werden als Gemüse für die große Göttin genannt. Wer sie hingebungsvoll darbringt, erlange unvergleichlichen Wohlstand und werde in meiner Welt geehrt.
70.50 Je größer Vertrauen, sorgfältige Verehrung, Zubereitung, Hingabe, Aufwand für die Gaben und liebevolle Zuwendung sind, desto größer werde die Frucht; bei geringerem Einsatz falle sie geringer aus.
70.51 Speisegaben, die dem Mantra oder der vorgeschriebenen Zeit widersprechen oder vom Lehrer nicht zugelassen wurden, soll man den Göttern nicht darbringen.
70.52 Auf Silber, Gold, Kupfer, Stein oder einem Lotusblatt bringe man die Speisegabe dar, die meiner Geliebten lieb ist.
70.53 Unter den Metallgefäßen werden Gold und Kupfer sowohl für Speisung als auch für das Arghya-Gefäß empfohlen.
70.54 Ein Gefäß aus dem Holz eines Opferbaumes gilt als mittlere Wahl. Fehlt alles andere, kann ein eigenhändig geformtes Tongefäß dienen.
70.55 Damit sind euch, meine Söhne, die Vaishnavi lieben Speisegaben erklärt, ebenso diejenigen für Kamakhya und besonders Tripura. Hört nun beide über Umkreisung und Verneigung.
Kapitel 71
71.1 Der erhabene Herr sprach: Mit ausgestreckter rechter Hand und geneigtem Kopf, der Gottheit die rechte Seite zuwendend und auch innerlich aufrichtig,
71.2 umschreite man sie einmal oder dreimal; das erfreut die Göttin. Dies heißt Rechtsumkreisung und erfreut alle Götterscharen.
71.3 Wer die Göttin hundertachtmal umkreist, erlange nach der Verheißung sämtliche Wünsche und danach Befreiung.
71.4 Wer ihr auch nur im Geist hingebungsvoll eine Umkreisung darbringt, werde die Höllen in Yamas Haus nicht sehen.
71.5 Die Verneigung wird als körperliche, sprachliche und geistige in drei Arten eingeteilt; die Kundigen unterscheiden bei jeder eine vorzügliche, mittlere und geringere Form.
71.6 Man strecke Füße und Hände aus, lege sich wie ein Stab auf die Erde, bringe die Knie zum Boden und berühre die Erde mit dem Kopf.
71.7 Eine so ausgeführte Verneigung heißt die vorzügliche körperliche Form. Berührt man die Erde mit den Knien, aber nicht mit dem Kopf,
71.8 gilt dies als mittlere körperliche Verneigung. Hält man die Hände gefaltet am Kopf, ohne mit Knien und Kopf die Erde zu berühren, heißt dies die geringere Form.
71.9 Eine hingebungsvoll mit selbst verfasster Prosa oder Dichtung vollzogene Huldigung gilt als die vorzügliche sprachliche Verneigung.
71.10 Eine Huldigung mit puranischen oder vedischen Texten beziehungsweise Mantras gilt als mittlere sprachliche Verneigung.
71.11 Eine mit gewöhnlichen menschlichen Worten ausgesprochene Verneigung gilt innerhalb dieser Einteilung als die geringere sprachliche Form, meine Söhne.
71.12 Die geistige Verneigung wird je nachdem, ob der Geist liebevoll, gleichgültig oder widerwillig gestimmt ist, ebenfalls als vorzüglich, mittel oder gering eingestuft.
71.13 Von den drei Hauptarten wird die körperliche besonders hervorgehoben; durch körperliche Verneigungen werden die Götter stets erfreut.
71.14 Die bereits unter Namen wie Stabverneigung beschriebenen Formen heißen auch Pranama; sie wurden zuvor erläutert.
71.15 Durch Speisegaben werde alles erlangt, durch sie auch Unsterblichkeit. Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lebensfreude und Befreiung seien in ihnen begründet.
71.16 Die Speisegabe verkörpere sämtliche Opfer, erfreue alle, schenke Erkenntnis und Wunscherfüllung, sei verdienstvoll und enthalte alle Genüsse.
71.17 Wer der großen Göttin hingebungsvoll auch nur im Geist eine Speisegabe darbringen möchte, werde langlebig und glücklich.
71.18 Wer von dem Gedanken erfüllt ist: „Ich werde die Göttin Mahamaya stets hingebungsvoll mit vielfältigen Speisegaben verehren“, erlange alle Wünsche und werde in meiner Welt geehrt.
71.19 Wer der Göttin auch nur im Geist hingebungsvoll eine Rechtsumkreisung darbringt, werde die Höllen in Yamas südlichem Reich nicht sehen.
71.20 Götter, Menschen, Gandharvas, Yakshas, Rakshasas, Schlangenwesen und alle Hochgesinnten werden durch ehrerbietige Verneigung erfreut.
71.21 Durch Verneigung erlange der Verständige die vier Lebensziele. Überall wird sie als Mittel zu umfassender Vollendung gepriesen.
71.22 Durch Verneigung gewinne man die Welten und verlängere sein Leben; sie verheiße langes Leben und eine ununterbrochene Nachkommenschaft.
71.23 Wer wiederholt sagt: „Verneige dich vor der großen Göttin, umkreise sie und bringe ihr reichlich Speisen dar“, erlange ebenfalls hier seine Wünsche und freue sich in meiner Welt.
71.24 Auch der hingebungsvolle Mensch, der eine Speisegabe für die große Göttin zur Darbringung vorbereitet, gelange in die Welt der Göttin.
71.25 Damit sind euch die sechzehn Ehrendienste genau erklärt. Wonach ihr sonst noch zu fragen wünscht, werde ich euch auf eure Fragen erläutern.
Kapitel 72
72.1 Der erhabene Herr sprach: Hört nun Kamakhyas Größe, die ich euch mit ihren Einzelheiten und Geheimnissen verkünden werde, Vetala und Bhairava.
72.2 Einst flog Vishnu auf Garuda dahin und gelangte zur Göttin Kamakhya auf dem blauen Berg, ihr beiden Vishnu Zugewandten.
72.3 Als Keshava jenen vorzüglichen Berg erreichte, missachtete er ihn und trieb Garuda an: „Weiter, weiter!“
72.4 Da hielt die Göttin Mahamaya, Kamakhya, die Mutter der Welten, Krishna samt Garuda zwischen Himmel und Erde fest.
72.5 Durch Mahamayas Macht verwirrt, konnte er weder weiterfliegen noch zurückkehren und blieb wie gefesselt stehen.
72.6 Als der Gott mit Garuda im Banner sah, dass Garuda nicht vorankam, geriet er in Zorn und wollte den gewaltigen Berg beiseiteschieben.
72.7 Der Herr der Welt umfasste den Berg mit beiden Händen; doch Keshava vermochte ihn nicht einmal ein wenig zu bewegen.
72.8 Als er den Berg bewegen wollte, wurde Kamakhya zornig und band Vaikuntha samt Garuda mit ihrer Vollendungsschnur.
72.9 Nachdem sie ihn damit gefesselt hatte, schleuderte die Göttin ihn mühelos in das salzige Meer, vor die Krokodile; rasch sank er auf dessen Grund.
72.10 Dort hielt sie ihn wiederum durch ihre eigene Zaubermacht gebannt und fest umschlossen am Meeresboden.
72.11 Trotz großer Anstrengung konnte er nicht auftauchen. So sehr Hari sich um das Wiederauftauchen bemühte,
72.12 Kamakhya verhinderte seine Bewegung und Entfaltung; auch das Aufsteigen seiner Erkenntnis hemmte die Göttin.
72.13 Ohne Einsicht und ohne Bewegungsmöglichkeit lag er lange Zeit erschöpft mit Garuda unter dem Wasser.
72.14 Der Schöpfer suchte ihn und fand Hari im Meer liegen, kraftlos wie ein gewöhnliches Wesen.
72.15 Der Schöpfer, Großvater der Welt, ergriff ihn samt Garuda mit beiden Händen und wollte ihn emporheben.
72.16 Doch er vermochte es nicht; auch er selbst wurde durch die Macht der Göttin gebunden und blieb staunend dort.
72.17 Alle Götter unter Indras Führung suchten die beiden und fanden sie nach langer Zeit im Wasser.
72.18 Als die Götter sie erreicht hatten, bemühten sie sich, sie emporzuheben, doch auch sie waren dazu nicht imstande.
72.19 Alle wurden heftig durch die Maya verwirrt und blieben dort wie Brahma und Vishnu gefangen.
72.20 Als der Götterlehrer Brihaspati seinerseits alle Götter suchte, gelangte er zu Mahadeva, der auf einem Berghang des Himalaya weilte.
72.21 Der von den Göttern Verehrte pries und verneigte sich ordnungsgemäß vor ihm und fragte ehrerbietig nach dem Verbleib der Götter.
72.22 Der Lehrer sprach: Mahadeva, Wohnstatt der Welt und Ursache ihres Zur-Ruhe-Kommens! Auf der Suche nach Indra und den anderen Göttern bin ich zu dir gekommen.
72.23 Brahma und Vishnu befinden sich weder in Brahmas Wohnstatt noch im Himmel; anders als sonst kann ich sie auch an keinem anderen Ort erkennen.
72.24 Beseitige diesen Zweifel, Gott der Götter! Wo halten sie sich auf, weshalb und in welchem Zustand?
72.25 Nach deiner Weisung werde ich zu ihnen allen gehen, Herr. Sage mir, wo sie sind, wenn du Erbarmen mit mir hast.
72.26 Als ich seine Worte gehört hatte, berichtete ich ihm, wo sie sich befanden, was geschehen war und wie sie durch Maya gefesselt wurden.
72.27 Vishnu hatte die große Göttin, die weltgestaltige Mahamaya, missachtet. Deshalb lag er durch ihre Maya gebunden im Meer.
72.28 Brahma und die übrigen Götter, die ihn gesucht hatten, waren ebenfalls durch ihre Maya gefesselt und lagen völlig bewegungslos neben ihm.
72.29 Wenn du ohne mich dorthin gehst, um sie zu suchen, wirst auch du so gebunden werden und nicht zurückkehren können.
72.30 Darum gehe ich selbst zu dem Ort, an dem der Gott mit Garuda im Banner weilt, und werde ihn, Brahma, Indra und die anderen der Reihe nach befreien.
72.31 Nach diesen Worten begab sich der stierbekränzte Maheshvara gemeinsam mit dem Lehrer dorthin, wo die Götterscharen lagen.
72.32 Dort sprach Mahadeva Vishnu, Brahma und alle anderen an und fragte: Weshalb seid ihr hier?
72.33 Warum könnt ihr weder kommen noch gehen und seid ohne Erkenntnis wie unbeseelte Wesen? Sagt es mir jetzt, ihr Götter.
72.34 Auf Mahadevas Worte antwortete Keshava langsam dem Strahlenden, vor Brahma und den übrigen Göttern.
72.35 Der erhabene Herr Vishnu sprach: Als ich auf Garuda durch den Luftraum über den Gipfel des Nilakuta flog, wurde unsere Bewegung gehemmt. Da ergriff ich den großen blauen Berg
72.36 mit der Hand, um ihn wegzuheben. Dort packte mich Mahamaya, Kamakhya, die jede gewünschte Gestalt annimmt,
72.37 die Yogaschlaf-Göttin selbst, und warf mich in die Wasserfläche des Meeres. So gelangte ich mit meinem Reittier auf den Grund der Wassermassen.
72.38 Hier liege ich nun schon lange, Vernichter Andhakas; lange verweile ich in diesem Meerwasser.
72.39 Bis heute hat Mahamaya mich nicht freigegeben, Maheshvara. Brahma, Indra und die anderen Götter kamen meinetwegen hierher,
72.40 doch auch sie wurden gewaltsam von der großen Göttin mit ihrer Maya-Schlinge gebunden. Darum erbarme dich unser und führe uns nun zur Wohnstatt der Heilvollen.
72.41 Wir wollen sie gnädig stimmen, damit die Fessel vollständig gelöst werde. Als ich Haris Worte hörte, wurde ich von Mitgefühl erfüllt
72.42 und sprach liebevoll zu Brahma und Vishnu: Legt den wunderschönen Schutzpanzer der Herrin Kameshvari an.
72.43 Vergegenwärtigt ihn an eurem Körper, steigt dann aus dem Wasser und geht zu ihr. Weil ich diesen Schutzpanzer trage,
72.44 bin ich hier nicht durch ihre Maya gebunden; durch die Verbindung mit mir gilt das auch für Brihaspati. Hört darum den Schutzpanzer aus meinem Mund,
72.45 durch den wir mühelos auftauchen und die höchste Herrin sehen werden. Om. Als Seher von Kamakhyas Schutzgebet gilt Brihaspati.
72.46 Seine Gottheit ist Kameshvari, sein Versmaß Anushtubh. Seine Anwendung gilt sämtlichen Vollkommenheiten. Hört ihn, ihr Götter:
72.47 Die Göttin Kameshvari schütze meinen Kopf, Kamakhya meine Augen, Sharada beide Ohren und Tripura mein Gesicht.
72.48 Mahamaya schütze meinen Hals, Kameshvari mein Herz, Kamakhya meinen Bauch und Sharada meine Nabelgegend.
72.49 Tripura schütze beide Seiten, Mahamaya das Geschlechtsorgan, Kameshvari den After und Kamakhya meine beiden Schenkel.
72.50 Sharada schütze die Knie, Tripura die Unterschenkel; die wunscherfüllende Mahamaya behüte stets beide Füße.
72.51 Koteshvari schütze das Haar, Dirghika die Nase, Bhairavi die Zahnreihen und Matangi die bezeichneten Körperglieder.
72.52 Lalita schütze meine Arme, Vanavasini die Hände, Vindhyavasini die Finger und Shrikama die Nagelspitzen.
72.53 Guptakama behüte stets alle Haarporen; Bhuvaneshvari schütze meine Zehen und Fersen.
72.54 Die Brückensilbe schütze meine Zunge, „ka“ das Innere des Halses, „la“ das Innere der Brust und „ha“ das Innere des Bauches.
72.55 Die als Halbmond bezeichnete Lautmacht schütze die Blasengegend; Punkt und die weiteren Zeichen das Innere. „a“ schütze meine Haut, „ra“ stets meine Knochen. [Die erste Zeile ist beschädigt.]
72.56 „la“ schütze alle Leitbahnen, „ī“ alle Gelenke, das Mondzeichen die Sehnen und der Punkt unablässig das Mark.
72.57 Im Osten, Südosten, Süden, Südwesten, Westen, Nordwesten, Norden und Nordosten
72.58 sollen die acht Mantralaute Vaishnavis, beginnend mit „a“, beständig zum Schutz gegenwärtig sein und Entstehen und Wachstum fördern.
72.59 Oben und unten sollen mich stets die beiden Brückensilben behüten. Die neun Silben im Bereich des Sharada-Mantras
72.60 sollen mit ihren neun Lautkräften Nase und die weiteren Stellen allseits schützen. Vor Störungen von Wind, Galle und Schleim schütze mich Tripuras dreisilbiger Mantra,
72.61 ebenso vor Bhutas und Pishachas. Seine beiden Brückensilben sollen mich stets vor fleischfressenden Wesen abschirmen.
72.62 Verehrung der Göttin Kameshvari, der weltgestaltigen Mahamaya, die als Urnatur beständig den Ursprung der Welt entfaltet!
72.63 Zur Vollendung verehre ich Kamakhya: Sie trägt Gebetskette, Schutz- und Gnadengeste sowie die Vollendungsschnur, steht auf einem weißen Leichnam, ist mit Edelsteinen und Gold geschmückt und von safrangelber Farbe. Sie gründet in Erkenntnis und Meditation, ist von höchster Sanftmut, wird von Brahma und Indra verehrt, liebt den mit Feuerlaut und Punkt bezeichneten Mantra und weilt in der Freude der Liebe.
72.64 Möge Kameshvari uns stets schützen: In der innersten Mitte gegenwärtig, voller anmutiger Regungen, entfaltet sie spielerisch die Welt; alle Eigenschaften wohnen in ihr, sie erscheint in mannigfaltiger Gestalt. Sie bringt Wissen und Nichtwissen zur Ruhe, bezähmt den Todesherrn, schafft Wohlergehen und hat ein schönes Antlitz; der heilige Urlaut ist mit ihrer Gnadengeste verbunden. [Mehrere Wortverbindungen dieses Verses sind unsicher.]
72.65 Dieser am Körper vergegenwärtigte Schutzpanzer Haras besänftigt sogar den Todesherrn. Nimm ihn hier an und bemühe dich um Befreiung, zusammen mit Brahma und den Unsterblichen.
72.66 Wenn ein Kundiger diesen Schutzpanzer Kamakhyas auch nur einmal rezitiert, begleitet ihn nach der Verheißung die große Göttin beständig.
72.67 Er brauche weder seelisches Leid und Krankheit noch fleischfressende Wesen zu fürchten, weder Feuer noch Wasser, Feinde oder königliche Gewalt.
72.68 Er werde langlebig, reich an Freuden, mit Kindern und Enkeln gesegnet; nach hundert Wiederholungen erfreue er sich im höchsten Haus der Göttin.
72.69 Wie immer ein Kundiger gefesselt sei, im Kampf oder anderswo: Schon die Erinnerung an diesen Schutzpanzer werde ihn augenblicklich befreien.
72.70 Ishvara sprach: Nachdem Hari, Brahma, Indra und die übrigen Götter das Schutzgebet gehört hatten, setzten sie es jeder für sich rituell in den eigenen Körper ein.
72.71 Mit diesem vergegenwärtigten Schutzpanzer stiegen sie durch Mahamayas Macht aus dem Meerwasser auf und erreichten rasch die Erde.
72.72 Nachdem Brahma, Vishnu und alle anderen Götter das Land erreicht hatten, begaben sie sich zum Nilakuta, um Kamakhya zu sehen.
72.73 Als Keshava die weltgestaltige Göttin Kameshvari sah und nun ihre dort gegenwärtige Macht erkannte, sprach er:
72.74 Du allein bist die Urnatur, Göttin; du bist Erde und Wasser. Du allein bist die Mutter der Welten und die Gestalt der ganzen Welt.
72.75 Du bist die Schöpferin aller Welten und die befreiende Erkenntnis; du bist das Höchste und das Niedere, das Grobe und das Feine, Göttin.
72.76 Sei gnädig, große Göttin! Wenn du, die Heilvolle, gnädig bist, werden alle Götter gnädig, du Schuldlose, Spenderin der vier Lebensziele.
72.77 Kamakhya erschien dem hochgesinnten Keshava unmittelbar sichtbar. Die Vorlage wiederholt diese Aussage; dann sprach sie zu Hari.
72.78 Die Göttin sprach: Keshava, bade und trinke jetzt zusammen mit Brahma, allen Göttern und ihren Scharen im Wasser meiner Yoni.
72.79 Danach wirst du frei von Hochmut und mit höchster Kraft erfüllt sein. Besteige Garuda und kehre mit Brahma in den Himmel zurück.
72.80 So von der großen Göttin angewiesen, badete Keshava gemeinsam mit Brahma in den Wassern des Yoni-Mandalas und trank davon.
72.81 Nachdem die Götter und Keshava gebadet hatten, machten sie sich mit Zustimmung der Göttin freudig auf den Weg zum Himmel.
72.82 Während die Götterscharen mit Keshava und Brahma dahinzogen, sahen sie Kamakhya im Himmelsraum gegenwärtig.
72.83 Sie erblickten tausende Nilakuta-Berge mit den darin befindlichen Yoni-Heiligtümern, oberhalb und unterhalb angeordnet.
72.84 Die Götter bestiegen sie nacheinander, tranken und badeten dort wie zuvor und empfanden unvergleichliche Freude.
72.85 Frei von Beschwerden zogen sie weiter, ihr Geist von Staunen erfüllt, und priesen immer wieder Kamakhyas Yoni-Mandala.
72.86 Dann verneigten sie sich vor dem Götterlehrer und priesen mich; von mir verabschiedet, kehrten sie mit vor Freude weit geöffneten Augen in den Himmel zurück.
72.87 So groß ist Kamakhyas Herrlichkeit, Bhairava, und so beschaffen der gelehrte Schutzpanzer. Erfasse seine Wahrheit, mein Sohn,
72.88 wende ihn entsprechend deinem Ziel an und sei glücklich. Was könnte ich dir noch über Kamakhyas Größe sagen, wenn nach der Überlieferung schon die Berührung ihres Yoni-Steines Eisen und andere Stoffe in Gold verwandelt?
72.89 Wer einmal im Yoni-Mandala badet und sein Wasser trinkt, werde nach dieser Verheißung hier nicht wiedergeboren, sondern erlange die höchste Befreiung.
Kapitel 73
73.1 Der erhabene Herr sprach: Hört nun die Einsetzung der Buchstabenmütter, Vetala und Bhairava. Durch ihre ordnungsgemäße Ausführung erlange selbst ein Mensch göttliche Beschaffenheit.
73.2 Die Göttinnen, beginnend mit der Sprache und Brahmani, heißen Matrikas, Buchstabenmütter. Ihre Mantras sind sämtliche Konsonanten und Vokale,
73.3 verbunden mit Mondzeichen und Punkt; sie gelten als Spender aller Wünsche. Als Seher der Mutter-Mantras wird Brahma selbst genannt.
73.4 Ihr Versmaß ist Gayatri, ihre Gottheit Sarasvati. Die Anwendung gilt vor allem der Reinigung des Körpers, der Erfüllung aller Wünsche
73.5 und der Ergänzung fehlender Mantrabestandteile. Die erste, mit „ka“ beginnende Konsonantengruppe wird mit „a“ verbunden.
73.6 Ihre Buchstaben erhalten Mondzeichen und Punkt, am Ende steht „ā“ und „Verehrung den beiden Daumen“. So setze man den ersten Matrika-Mantra in beide Daumen ein.
73.7 Auch alle weiteren Konsonantengruppen und Vokale, die bei der Einsetzung vorkommen, sollen durchgehend mit Mondzeichen und Punkt versehen sein.
73.8 Die mit „ca“ beginnende Gruppe wird mit kurzem „i“ am Anfang und langem „ī“ am Ende verbunden.
73.9 Mit dem Abschluss „svāhā“ setze man sie wie zuvor in beide Zeigefinger ein. Die mit „ṭa“ beginnende Gruppe erhält kurzes „u“ am Anfang und langes „ū“ am Ende.
73.10 Mit dem Abschluss „vaṣaṭ“ wird sie in beide Mittelfinger eingesetzt. Die mit „ta“ beginnende Gruppe erhält „e“ am Anfang, „ai“ am Ende und den Abschluss „huṁ“.
73.11 Sie wird in beide Ringfinger eingesetzt, Bhairava. Die mit „pa“ beginnende Gruppe erhält „o“ am Anfang und „au“ am Ende.
73.12 Mit dem Abschluss „vauṣaṭ“ wird sie zur Vollendung des Vorhabens in beide kleinen Finger eingesetzt. Dann folgt „aṁ“ mit der bei „ya“ beginnenden Reihe bis „kṣa“.
73.13 Mit dem im Text als „a“ überlieferten Endlaut wird diese Reihe in Handflächen und Handrücken eingesetzt; für den Abschluss der Gliedereinsetzung nennt die Vorlage „vaṣaṭ“. [Die Endlautangabe ist unvollständig.]
73.14 In die sechs Glieder vom Herzen an setze man der Reihe nach dieselben sechs Gruppen ein, die zuvor den Daumen und den anderen Handstellen zugeordnet wurden.
73.15 Ebenso setze man die Mantras mit denselben Buchstaben der Reihe nach in Füße, Knie, Schenkel, Schambereich, beide Seiten und Blasengegend ein.
73.16 Mit den sechs Gruppen geschehe die Einsetzung auch an Armen, Händen, Hüfte, Nabel, Bauch und beiden Brüsten.
73.17 Ebenso vollziehe man sie mit den sechs Gruppen an Mund, Kinn, Wangen, Ohren, Stirn, Schultern und Achseln.
73.18 Auch an Haarporen, Scheitelöffnung, After, beiden Unterschenkeln, Nägeln und Fersen geschehe sie wie zuvor.
73.19 Der vorzügliche Mensch, der diese Matrika-Einsetzung vollzieht, werde dadurch gereinigt und zur Teilnahme an allen Opfern und Verehrungen geeignet.
73.20 Nirgendwo gebe es einen höheren Mantra als diesen verdienstvollen, alle Wünsche und die vier Lebensziele verleihenden.
73.21 Man meditiere im Herzen über die Göttin der Sprache und alle Buchstaben als ihre Gestalt und trinke dreimal Wasser mit den Matrika-Mantras in ihrer Reihenfolge.
73.22 Dies verheißt Beredsamkeit, Gelehrsamkeit, Einsicht und hervorragende Dichtkunst. Zuerst rezitiere der Kundige die Vokale mit Mondzeichen und Punkt,
73.23 danach die Konsonanten für sich. Die Reihe von „a“ bis „kṣa“ wird dabei mit der Einatmung verbunden.
73.24 Man nehme Wasser in die Handfläche, rezitiere die Buchstabenreihe darüber und trinke das so besprochene Wasser beim ersten Mal mit der Einatmung.
73.25 Das zweite Mal wird mit dem Anhalten des Atems, das dritte mit der Ausatmung verbunden. Wer auf diese Weise einen dreifachen Wasserritus vollzieht,
73.26 werde kräftig, gelehrt und mit Kindern und Enkeln gesegnet. Wer an den drei Tagesübergängen solches mit Matrika-Mantras besprochene
73.27 Wasser trinke, erlange Dichtkunst und alle Wünsche. Wer diesen Wasserritus beständig
73.28 mit Einatmung, Atemhalten und Ausatmung ausführe, Hochbegnadeter, erlange alle Wünsche und Reichtum an Kindern und Enkeln.
73.29 Er werde ein großer Dichter in der Welt, kraftvoll, zuverlässig in seiner Tatkraft und überall beliebt; am Ende erlange er Befreiung.
73.30 Dem Trinken des mit Matrika-Mantras besprochenen Wassers schreibt der Text außerdem die Macht zu, einen König, Königssohn oder die Gattin rasch für sich einzunehmen.
73.31 Bei der Einsetzung gilt die Reihenfolge der Konsonantengruppen; beim Wasserritus dagegen soll die fortlaufende Reihenfolge der Buchstaben verwendet werden.
73.32 Alle Mantras von Gottheiten, Sehern und Rakshasas sind nach dieser Lehre beständig in den Matrika-Mantras begründet.
73.33 Dieser Matrika-Mantra umfasst alle Mantras und alle Veden und verleiht die vier Lebensziele.
73.34 Damit ist dir, mein Sohn, die wunderbare Einsetzung der Buchstabenmütter erklärt. Hört nun über die Einteilung der Mudras, Vetala und Bhairava.
Kapitel 74
74.1 Der erhabene Herr sprach: Die bei der früheren Einteilung beschriebene Yoni-Mudra ist die erste von acht Formen dieser Geste.
74.2 Die zweite ist Kamakhyas Khechari-Mudra, Bhairava. Erkenne dieses wunderbare Geheimnis, durch das Chandika erfreut wird.
74.3 Man lege den rechten Ringfinger an den linken Zeigefinger und den linken Ringfinger an den rechten Zeigefinger.
74.4 Die beiden Zeigefinger umschließen die Ringfinger an ihren Enden; die beiden Mittelfinger werden oberhalb der Ringfinger angeordnet.
74.5 Ihre Spitzen werden verbunden, ebenso die Spitzen der kleinen Finger; an deren Wurzeln legt man die Daumen.
74.6 Dies ist die Khechari-Yoni, die wunscherfüllende Yoni-Mudra. Werden bei derselben Anordnung die beiden kleinen Finger nach unten gelegt,
74.7 heißt sie geheime Yoni und erfreut Kameshvari. Für die nächste Form verschränke man wie zuvor die kleinen Finger und Ringfinger beider Hände,
74.8 ordne sie unten und die Mittelfinger oben an und verbinde die jeweiligen Fingerspitzen miteinander.
74.9 Die Daumen werden in die Mitte gesetzt und an den Spitzen verbunden. Diese Yoni heißt Trishankari und erfreut Tripura stets. [Einzelheiten der Fingerstellung sind im Wortlaut unklar.]
74.10 Man verschränke ferner die beiden Mittelfinger und wie zuvor die Ringfinger, lege sie vor die kleinen Finger und die Daumen an deren Wurzeln.
74.11 Diese Geste heißt Sharadi und erfreut Sharada. Die Grund-Yoni wurde im Zusammenhang des Vaishnavi-Tantra beschrieben.
74.12 Man verbinde die Zeige-, Ring-, Mittel- und kleinen Finger beider Hände der Reihe nach und setze an die Wurzeln der kleinen Finger
74.13 die Daumenspitzen: Dies heißt große Yoni. Für die nächste Form verschränke man die Daumen und verbinde die Finger
74.14 an ihren Spitzen so, dass zwischen den Händen ein Hohlraum bleibt. Dies ist die Yogini-Yoni, welche die Yoginis erfreut.
74.15 Diese acht Yoni-Gesten sind Kameshvari lieb; entsprechend den verschiedenen Gestalten erfreuen sie auch andere Gottheiten.
74.16 Wer auf Reisen, im Krieg, beim Wortstreit oder in einer Auseinandersetzung der acht Yoni-Gesten gedenkt, dem wird beständiger Sieg verheißen.
74.17 Bei Verabschiedung, Verehrung und innerer Erinnerung werden diese Gesten je nach Handlung verwendet, auch in Chandikas Verehrung.
74.18 Damit sind die Yoni-Gesten für die einzelnen Schritte und die Verabschiedung erklärt. Höre nun über das Geheimnis, den linken und rechten Weg sowie die Reinigung der Mantras.
74.19 Was mit einem Mantra als höchste Mantrakraft am Körper vollzogen wird, nennen die Mantrakundigen das Geheimnis der Mantras.
74.20 Für Kamakhya zeichne man im Innern der Lotusblätter des Mandalas ein Sechseck und schreibe den Grundmantra dreimal an seine drei oberen Verbindungsstellen.
74.21 An die drei unteren Stellen schreibe man Brahma, Indra und Hara, jeweils mit Madana verbunden, dreifach auf Birkenrinde.
74.22 Man nehme den Faden in die rechte Hand und auch die Gebetskette und wiederhole, nach Norden gewandt, den Mantra tausendmal. [Die Zuordnung von Faden und Zahl ist sprachlich unsicher.]
74.23 Nach der Wiederholung sollen die vorzüglichen Übenden das beschriebene Yantra am rechten Arm tragen; dies verheiße Sieg über alles.
74.24 Es verheiße langes Leben, Einfluss auf andere, Reichtum und Vorräte; nach dem Tod gelange der durch das Yantra ausgerichtete Kundige ins Haus der Göttin.
74.25 Bei einer weiteren Form zeichne man auf Birkenrinde mit aufgelöstem rotem Farbstoff um das Sechseck herum acht Blätter.
74.26 Darauf schreibe man vom Norden aus die acht Laute des Vaishnavi-Tantra; in die Mitte wie zuvor den Kamaraja-Laut.
74.27 Die drei Laute der Augen-Keimsilbe schreibe man an die Spitzen des Dreiecks. Dieses dreifach gegliederte Yantra halte man in der linken Hand.
74.28 Mit der Gebetskette in der rechten wiederhole man den Mantra dreitausendmal; danach meditiere man unermüdlich über Vaishnavis Gestalt.
74.29 Nach tausend Atemregelungen trage man das beschriebene Yantra am Hals. Dadurch werde man nach der Verheißung überall siegreich.
74.30 Ein Königssohn werde König, ein anderer Minister; ein Brahmane werde zum Ersten der Zweimalgeborenen, gelehrt, dichterisch begabt und beredt.
74.31 Durch Rakshasas, Pishachas, Bhutas oder andere Wesen erleide er niemals eine Niederlage.
74.32 Er werde langlebig, stark und verständig und erlange nach dem Tod Befreiung. Für die nächste Form zeichne man ein vollständiges Mandala mit acht Blättern
74.33 auf Birkenrinde mit dem Saft der Bilva-Frucht; in seine Mitte ein Sechseck. An dessen drei nach vorn weisende Spitzen
74.34 schreibe man Tripuras Laute, nach unten die Augen-Keimsilbe. Auf die acht Blätter kommen wiederum die zum Vaishnavi-Tantra gehörenden
74.35 acht Laute, ebenso an die vier Tore und in die Ecken des Sechsecks, vom Norden ausgehend, mit gesammeltem Geist.
74.36 Man halte es in der rechten Hand und wiederhole den Vaishnavi-Tantra-Mantra mit beherrschtem Geist innerhalb von drei Tagen zehntausendmal.
74.37 Nach dreitausend Atemregelungen trage der Kundige es freudig am Abend des neunten Mondtages auf dem Kopf.
74.38 Dies verheiße hundertjährige Lebensdauer, Herrschaft über andere, Einsicht, höchste Gelehrsamkeit, Kraft, Tatmacht, Reichtum und königliche Stellung.
74.39 Der Einsichtige sehe Mahamaya, Kamakhya, Tripura, Mahotsaha und Sharada fortwährend unmittelbar vor sich.
74.40 Löwen, Tiger, Schlangen und andere Wesen, die ihm schaden wollen, würden kraftlos, sobald sie seinen Körper erreichen.
74.41 Für Sieg im Kampf oder im gelehrten Streit gebe es in den drei Welten kein anderes gleiches Mittel; darum empfiehlt der Text dieses Yantra.
74.42 Am Ende gelange man ins Haus der Göttin und danach zur Befreiung. Nun werden die Mantragruppen Mahamayas, Sharadas, Kamakhyas, Tripuras
74.43 und Mahotsahas in einem achtblättrigen Mandala angeordnet und in dessen Mitte eingeschrieben.
74.44 Die zuvor genannte Mantragruppe werde wie vorher geschrieben; die beiden anderen kommen an die Torbereiche und deren Ränder, Buchstabe für Buchstabe.
74.45 Dies geschehe auf weißer Seide mit dem Saft der als Vahnishikha bezeichneten Pflanze. Man trage den Stoff als Obergewand und beginne die Mantrawiederholung.
74.46 Nach Fasten, Reinigung und Einsetzung der Buchstabenmütter wiederhole man jede der fünf Mantragruppen fünftausendmal.
74.47 Die Wiederholung werde innerhalb von fünf Tagen vollzogen; anschließend geschehen fünftausend Atemregelungen in fünf Tagen.
74.48 Am Ende setze man Katyayanis Schutzgebet in den Körper ein. Danach trinke man unter den Matrika-Mantras, verbunden mit Atemhalten,
74.49 dreimal Milch einer braunen Kuh und wache in der folgenden Nacht. Wer so das Yantra auf weißem Stoff am Körper trägt,
74.50 erlange nach der Verheißung hier Vollendung und die Welt der Göttin. Höre auch die Wirkung dessen, der das mit Mantras geweihte Obergewand
74.51 beständig trägt, Hochbegnadeter: Keine Waffe dringe in seinen Körper ein.
74.52 Feuer verbrenne ihn nicht, Wasser durchweiche ihn nicht. Rakshasas, Pishachas, Bhutas und andere schädigende Wesen
74.53 wichen beim Anblick dieses Hochbegnadeten furchtsam zurück. Der vorzügliche Übende könne sich überall ungehindert bewegen.
74.54 Er gewinne Einfluss auf Götter, Könige, andere Menschen und Frauen; wenn er sich darum bemühe, werde er einsichtig, beredt und König.
74.55 Er werde langlebig, hochbegnadet, reich an Geld und Vorräten, ein verständiger Dichter und für Feinde unbezwingbar.
74.56 In der Stadt, in der er wohne, schlage kein Blitz ein; Gift und selbst von kräftiger Hand geschleuderte Waffen
74.57 schadeten ihm nicht. Überall sei ihm Sieg beschieden, Bhairava; alle Angriffe verfehlten ihn.
74.58 Seelische und körperliche Leiden träfen ihn nicht. Als verständiger Sohn der Göttin erlange er nach dem Tod Befreiung.
74.59 Eine ihrem Gatten treue Frau, die das von ihm geweihte Yantra trägt, erlange nach dem Text Söhne, Wohlstand und langes Leben.
74.60 Durch einzelne Anwendung, Zusammenfassung und die jeweils zunehmenden Verbindungen habe ich hier der Reihe nach zwanzig Yantras beschrieben.
74.61 Wer jedes davon versteht und stets im Herzen vergegenwärtigt oder alle aufzeichnet und am Hals trägt,
74.62 gleiche durch seine Macht auf Erden dem Götterkönig. Er erlange sogleich sämtliche zuvor genannten Früchte und könne, selbst verborgen, stets alle drei Welten sehen.
74.63 Wer die zuvor genannte Tausenderzahl mit den acht Gruppen und sämtlichen Yantragruppen auf weißen Stoff schreibt und beständig am Körper trägt, erlange alles Genannte. [Die Zahlenverbindung ist im Vers unklar.]
74.64 Für den Kampf solle der Krieger am Herzen im Bereich des Schutzpanzers und an weiteren äußeren Körperstellen die acht grundlegenden Mantralaute der Göttin anordnen. [Der Anfang des Verses ist beschädigt.]
74.65 Am Hals schreibe er Hari, an der Brust Brahma, an beiden Brüsten Maheshvara mit seinen Söhnen, an den Gelenken der Arme Hara und Vaishnavi, an den Armen Lakshmi und Sarasvati.
74.66 Nachdem er so die achtfache Kampfordnung am gepanzerten Körper angebracht hat, meditiere er über die Göttin Shiva. Zwischen die Stirnzeichen schreibe er das vorzügliche Yantra mit sämtlichen Mantrabuchstaben.
74.67 Dann lege er die Hand an die acht Stellen und wiederhole den Vaishnavi-Tantra-Mantra achtmal; danach betrete er das Schlachtfeld.
74.68 Dieser Held werde im Kampf mir gleich. Die Waffen der Gegner würden an seinem feurigen Wesen wie Grashalme vergehen.
74.69 Die Feinde wichen vor ihm; der Vergleich mit Bittstellern und einem Reichen ist in der Vorlage beschädigt. Er werde löwengleich, ein Tiger unter den Menschen, voll Tatkraft und Stärke.
74.70 Damit ist Kamakhyas Geheimnis im Hauptzusammenhang des Vaishnavi-Tantra erklärt, Bhairava. Höre nun dasjenige Tripuras.
74.71 Ihre Mantras werden auf zwanzigtausend und dreizehn gezählt. Unter den hervorgehobenen heißt der erste Vagbhava.
74.72 Der zweite heißt Kamaraja, der dritte Mohana; als vierter wird die verdoppelte Vagbhava-Form genannt.
74.73 Der zweite Bestandteil der Augen-Keimsilbe und der zweimal gesprochene Vagbhava-Laut bilden mit dem bezeichneten Anfang die als viersilbig beschriebene fünfte Form. [Die Anordnung bleibt unsicher.]
74.74 Für die nächste Form steht zuerst der zweite Bestandteil der Augen-Keimsilbe, danach die Kama-Keimsilbe und an dritter Stelle Vagbhava.
74.75 Der aus diesen dreien gebildete Mantra heißt der sechste. Der zweite Augen-Keim mit Vagbhava bildet den siebten.
74.76 Dieselbe Verbindung mit Vagbhava am Anfang heißt der achte. Vagbhava, Kama-Keim und die beiden Augenbestandteile bilden den neunten.
74.77 Mit Kama-Keim am Anfang folgt der zehnte, der bezaubernde. Als elfter wird die hier bezeichnete weitere Form genannt; Vagbhava mit Damara am Anfang
74.78 heißt der zwölfte. Zuletzt folgt die große Tripura-Form. Höre diesen machtvollen Tripura-Mantra mit gesammeltem Geist.
74.79 Der Anfang des letzten Lautbereichs, dessen Anfang, Feuer-Laut und die Verbindung mit Vagbhava werden als erste Keimsilbe Tripurabhairavis beschrieben.
74.80 Der vorletzte Laut, dessen Anfang, Feuer-Laut und Endvokal, verbunden mit viertem Vokal, Punkt und Mondzeichen, bilden die zweite.
74.81 Der vorletzte Laut, dessen Anfang, Feuer-Laut, Endvokal und Abschluss mit Punkt bilden die dritte. [Diese drei Verse verschlüsseln die Lautbildung; der genaue Wortlaut lässt sich aus der beschädigten Vorlage nicht sicher gewinnen.]
74.82 Wer diese Wahrheit kennt, ein Juwel unter den Menschen auf Erden, werde den Siddhas und Vidyadharas gleich oder überrage sie.
74.83 Diese dreizehn werden als besonders strahlende Mantras und als den zwanzigtausend übrigen überlegen bezeichnet.
74.84 Nun wird der erste unter den zwanzigtausend genannt, der Mantra der jungen Tripura. Höre ihn, Bhairava.
74.85 Vagbhava, Kamaraja und die mit dem vorletzten Laut beginnende, mit Punkt, Endvokal und Abschluss verbundene Form werden als dieser Mantra angegeben.
74.86 Dies ist Tripura Bala, die Junge. Die mittlere Gestalt wurde zuvor erklärt; die letzte, strahlende Gestalt heißt Tripurabhairavi.
74.87 Die Verehrung der mittleren wurde erläutert. Höre nun die Verehrung Balas und Tripurabhairavis, die alle Vollkommenheiten verheißen soll.
74.88 Man lasse die Shakti-Gestalt die Shambhu-Gestalt durchdringen und umgekehrt; in der Verbindung zeichne man das sechseckige Buchstabenfeld und die Lotusfäden. [Gemeint ist die Verbindung der Dreiecksformen.]
74.89 Die Tor- und Mandalaanordnung entspricht derjenigen der mittleren Tripura; ebenso die Einschriften an den Ecken.
74.90 Das Entfernen von Verfehlungen und die Reinigung des Bodens und der weiteren Bestandteile erfolgen nach dem zuvor im Uttara-Tantra für Tripuras Sitz Gelehrten.
74.91 Alles bei Kamakhyas Verehrung Genannte soll der Übende vollziehen, auch inneres Verbrennen und Überfluten sowie das Bereiten des Gefäßes.
74.92 Alles wird wie bei Kamakhya ausgeführt. Danach folgt die Einsetzung der Mantrabuchstaben in den Körper,
74.93 mit sämtlichen Vokalen und den Konsonanten von „ka“ an. Dann meditiere man ihre Gestalt: vierarmig, rot, mit roter Kleidung geschmückt,
74.94 in der oberen rechten Hand eine Gebetskette, in der unteren ein vorzügliches Buch, mit den beiden linken Händen Schutz und Gnade verheißend,
74.95 leuchtend wie tausend Sonnen, dreiäugig, die Welt durchwaltend, mit hohen vollen Brüsten und auf einem weißen Leichnam sitzend,
74.96 mit lächelndem, heiterem Gesicht und sämtlichem Schmuck versehen. Drei Girlanden aus Köpfen schmücken Kopf, Brust und Hüfte,
74.97 jeweils dreifach gelegt; sie verkörpert die drei Eigenschaften. Ihre Augen rollen vom Wein, beide Lippen sind rot.
74.98 So meditiere man die gabenspendende Tripurabhairavi. Die Gestalt der jungen Tripura wurde bereits im früheren Verehrungsabschnitt beschrieben.
74.99 Auch die Ordnung am heiligen Sitz wurde genannt; höre nun die Rituallehre, Bhairava. Sie trägt Blumenpfeile, Schlinge und Blumenbogen
74.100 sowie die nochmals genannte Schlinge und sitzt auf einem Leichnam: So wird Bala Tripura vorgestellt. Die Gayatri beginnt mit der Erkenntnisformel und den Anreden „Manmatha, Tripura“.
74.101 „Wir meditieren über dich, Kameshvari; mögest du Feuchte, uns anregen!“ Dies ist Tripuras Gayatri, besonders zur Anrufung. [Die Anrede „Klinne“ bleibt wörtlich wiedergegeben.]
74.102 Mit Bad und den weiteren Diensten verehre man Bala und die andere Gestalt Bhairavi. Die Besonderheiten ihrer Ordnung bei der Einsetzung und den folgenden Handlungen
74.103 hört nun samt den Mantras, Vetala und Bhairava. Man erhebe sich in der Brahma-Stunde vor Sonnenaufgang und meditiere über den höchsten Lehrer,
74.104 dann über den eigenen reinen Lehrer und danach über Tripurabhairavi: vierarmig und weiß, Gnade und Schutz verheißend, ein Buch
74.105 und eine Gebetskette in den linken und rechten Händen tragend, auf einem vorzüglichen, mit Gold und Edelsteinen besetzten Sitz.
74.106 Sie trägt ein goldenes Obergewand und goldene Ohrringe. Entsprechend vergegenwärtige man auch den eigenen Lehrer in Farbe und Meditationsgestalt.
74.107 Nach der Meditation über Bhairavi stehe man auf und vollziehe Ausscheidung, Mundspülung und Zahnreinigung.
74.108 Dann nehme man das Morgenbad unter Anwendung von Tripuras Ordnung. Bei allen Mantras der Göttin, auch den vedischen,
74.109 und ebenso bei Göttermantras vergegenwärtige man stets Tripurabhairavi. Mit den drei Tripura-Keimsilben vollziehe man dreimaliges Untertauchen.
74.110 Bei sämtlichen Göttern füge man stets die Bezeichnung „Bhairava“ hinzu; ihre Namen sollen in dieser Ordnung nicht ohne diesen Zusatz ausgesprochen werden.
74.111 Bei „Mögen die Wasser die Erde reinigen“ füge der Brahmane „Tripurabhairavi“ ein und vollziehe die Mundspülung; ebenso verfahre er mit dem Drupada-Spruch.
74.112 Beim Aufnehmen von Erde spreche er die mit „Dies hat Vishnu durchschritten“ beginnende Formel stets mit dem Zusatz „Bhairava“ zu Vishnu.
74.113 Die Gayatri rufe er als Tripurabhairavi, die Heilvolle, an; das Ehrenwasser für die Sonne bringe er mit „für Martandabhairava“ dar.
74.114 An die Formel „Die Strahlen tragen den allwissenden Gott empor, die Sonne, damit die ganze Welt sie sehe“ füge er am Ende „Bhairava“ an.
74.115 Bei der Sättigungsgabe spreche er: „Möge Brahmabhairava gesättigt sein.“ Bei der Anrufung der Ahnen bezeichne er sie selbst als Bhairavas.
74.116 „Mutter Bhairavi, sei gesättigt! Vater Bhairava, sei gesättigt!“ Auch bei der Sättigungsgabe soll die Bezeichnung Tripura vorangestellt werden.
74.117 Wen immer man beim Jyotishtoma, Pferdeopfer oder anderen Opfern verehrt, vergegenwärtige man als Bhairava, eine Göttin als Bhairavi.
74.118 Beim Anblick eines Weingefäßes, einer rot gekleideten Frau oder eines Menschenkopfes soll der Zweimalgeborene an Bhairavi denken.
74.119 Sieht er an einem Ort schöne junge Frauen, so bringe er ihnen zur Freude Tripurabhairavis ehrerbietige Gesten dar,
74.120 hingebungsvoll im Geist und mit innerer Betrachtung Bhairavis. „Ich empfange Bhairavi; ich bin Bhairava, der Empfangende“:
74.121 So soll der verständige Tripura-Verehrer bei der Eheschließung die Braut betrachten. „Dem Bhairava gebe ich heute die Göttin Tripurabhairavi“:
74.122 So spreche derjenige, der die Braut übergibt, und vergegenwärtige Tripura. Ihre Verehrungsgeräte und Gefäße sollen nicht für andere Verehrungen verwendet werden.
74.123 Auch den ihr bestimmten gegorenen Trank und ähnliche Gaben verwende man nicht anderweitig. Ein zweifachgeborener Übender lasse einmalig durch andere Wein darbringen.
74.124 Shudras und die weiteren hier genannten Gruppen dürfen dagegen nach dieser Ordnung stets vorzüglichen gegorenen Trank geben. So werde Tripurabhairavi auf dem linken Weg verehrt.
74.125 Bala dagegen kann sowohl auf dem linken wie auf dem rechten Weg verehrt werden. Die Göttinnen Shmashanabhairavi, Ugratara,
74.126 Ucchishtabhairavi, Chandi und Tripurabhairavi werden ausschließlich dem linken Weg zugeordnet, nicht dem rechten.
74.127 Man verehre Seher, Götter, Ahnen, Menschen und die Scharen der Wesen durch die fünf Opfer und trage damit seine Verpflichtungen ab.
74.128 Die ordnungsgemäße Verehrung mit Bad und Gaben, einschließlich ihrer geheimen Bestandteile, heißt hier der rechte Weg.
74.129 Weil man dabei gegenüber Ahnen, Göttern und anderen rechtschaffen handelt und auch die Göttin wohlgesinnt ist, heißt er „rechts“.
74.130 Die Göttin dagegen, die noch vor Göttern und den übrigen Empfängern selbst deren Opferanteil annimmt, wird „links“ genannt.
74.131 Ihr Verehrer wird entsprechend ebenfalls als links bezeichnet, mein Sohn. Ob er bei der Verehrung des linken Weges die fünf Opfer vollzieht oder nicht:
74.132 Weil die Göttin den Verehrungsanteil der anderen annimmt, gilt die auf linke Weise vollzogene Verehrung nicht als Abtragung der Verpflichtungen
74.133 gegenüber Ahnen, Göttern, Menschen und den übrigen Wesen. Doch wenn er Tripuras Yoga übt und mit diesem Yoga verbunden
74.134 zu tiefer Einsicht gelangt, erlangt er Befreiung. Diese komme erst nach langer Zeit; zuvor werde er wiederholt hier geboren,
74.135 belastet durch die Verfehlungen aus den nicht abgetragenen Verpflichtungen, Bhairava. In dieser Welt sei er dennoch glücklich, mächtig und überall beliebt,
74.136 mit einem strahlenden, dem Liebesgott gleichen Körper. Er bringe den König samt seinem Reich unter seinen Einfluss,
74.137 bezaubere Frauen und versetze sie in Erregung; Löwen, Tiger, Hyänen, Bhutas, Pretas und Pishachas
74.138 bändige er und ziehe schnell wie der Wind umher. Wer die Göttin Tripura als Bala, als mittlere Gestalt oder als Bhairavi
74.139 mit höchster Hingabe verehrt, werde von der im Text mit Bana verglichenen Gestalt. Kameshvari und Kamakhya kann man nach eigener Wahl
74.140 auf rechtem oder linkem Weg verehren; in beiden Fällen wird Vollendung verheißen. Mahamaya, Sharada und die Bergestochter
74.141 sollen dagegen in jeder Ausführungsform auf dem rechten Weg verehrt werden. Wer Mahamaya ohne diese rechte Gesinnung verehrt,
74.142 falle nach der Strafandrohung des Textes aus den Himmelswelten und werde krank. Die übrigen zuvor genannten Göttinnen, Shivaduti und die weiteren,
74.143 sollen ebenfalls auf dem rechten Weg verehrt werden und euch schützen. Wer ausschließlich dem linken Weg folgt, bleibt von der Verehrung der anderen ausgeschlossen.
74.144 Der Verehrer des rechten Weges kann dagegen alle verehren; darum wird dieser hier als vorzüglich eingestuft. Höre nun Tripurabhairavis Mantraeinsetzung, Bhairava.
74.145 Schon durch diese Einsetzung werde ein Mensch göttergleich. Der Seher des Bhairavi-Tantra-Mantras heißt Dakshina.
74.146 Sein Versmaß ist Pankti, seine Göttin Tripurabhairavi; die Anwendung gilt der Erfüllung von Wünschen und dem Erwerb von Gütern.
74.147 „ha“ werde am Nabel eingesetzt, „sa“ an der Blasengegend, „va“ am Geschlechtsorgan und „e“ am After.
74.148 Dann komme der erste Laut an die Schenkel, der zweite an die Knie, der dritte an die Unterschenkel und der vierte an die Füße.
74.149 So setze man die göttliche Kraft dreifach vom Nabel bis zu den Füßen ein. Den ersten Laut der zweiten Keimsilbe setze man an die bezeichnete erste Stelle. [Das Körperwort ist beschädigt.]
74.150 Den zweiten setze man an die linke Brust, den dritten an die rechte, den vierten an den Bauch und den fünften an die Seiten.
74.151 Den sechsten setze man an den Nabel, jeweils in dreifacher Wiederholung. Den ersten Laut der dritten Keimsilbe setze man auf den Scheitel,
74.152 den zweiten an den Haaransatz, den dritten an den Mund und den vierten an das Herz, ebenfalls jeweils dreifach.
74.153 Den ersten Laut der ersten Gruppe setze man an den rechten Daumen, den zweiten an den Zeigefinger, den dritten an den Mittelfinger und den vierten an den Ringfinger.
74.154 Den ersten Laut der zweiten Gruppe setze man an den kleinen Finger, den zweiten an den linken Daumen, den dritten an den linken Zeigefinger und den vierten an den linken Mittelfinger.
74.155 Der fünfte kommt an den Ringfinger, der sechste an den verbleibenden kleinen Finger. So wird die zweite Keimsilbe dreifach eingesetzt.
74.156 Dann fasse man die entsprechenden Finger beider Hände paarweise zusammen, beginnend mit den Daumen, und setze die Laute der dritten Keimsilbe der Reihe nach ein.
74.157 Die vereinigte Gesamtheit der Keimsilben setze man an beide kleinen Finger, die erste an die Handflächen und die zweite an die Handrücken.
74.158 Nach dreimaligem Klatschen vollziehe man mit der dritten die schützende Umhüllung. An Ohren, Kinn, Wangen, Mund, Augen und Nase,
74.159 Schultern, Ellbogen, Bauch, Geschlechtsorgan, Scheitel, Füßen, Seiten, Herz und beiden Brüsten
74.160 sowie am Hals werden die Mantrabuchstaben erneut der Reihe nach eingesetzt. Am Geschlechtsorgan setze man mit Vagbhava am Anfang „Verehrung der Rati“ ein.
74.161 Dann setze man „oṃ klīṃ prītyai namaḥ“ – „Om, klim, Verehrung der Priti“ – an das Herz; zwischen die Brauen komme die dritte Formel mit „für Manobhava“.
74.162 Dort werde die Tripura-Keimsilbe eingesetzt, um unmittelbar göttliche Beschaffenheit zu erlangen. Es folgt „oṃ īṃ“, „in Ishanas Gestalt“ und „für Manobhava“.
74.163 Mit „Verehrung“ schließt die Formel, durch die Ishana auf den Scheitel eingesetzt wird. Tatpurusha und Makaradhvaja werden mit der entsprechenden Keimsilbe am Mund vergegenwärtigt.
74.164 Am Herzen setze man Aghora und Kandarpa mit der ersten Keimsilbe ein, am Geschlechtsorgan Vamadeva und Manmatha.
74.165 Sadyojata und Kamadeva kommen an beide Füße. „o“, „ha“ und „r“ werden für die folgenden Formeln miteinander verbunden.
74.166 Hinzu kommen der letzte Vokal, Vagbhava als Anfang und die fünf kurzen Vokale. Mit diesen fünf Mantras werden Ishana und die weiteren Gestalten eingesetzt. [Die verschlüsselte Lautfolge bleibt unklar.]
74.167 Die zuvor genannten Gesichter vergegenwärtige man über dem eigenen Gesicht, vorn, rechts, links und hinten.
74.168 Die sechs Glieder vom Herzen an werden mit den langen Anfangsvokalen eingesetzt; danach folgen die fünf Pfeile an den Stellen vom Scheitel an.
74.169 Am Scheitel lautet die Formel „oṃ hrīṃ klīṃ sauṃ drāvaṇāya“ – „für den zum Schmelzen Bringenden“; an den Füßen „oṃ hrīṃ kṣobhaṇabāṇāya … namaḥ“ – „Verehrung dem erregenden Pfeil“.
74.170 Die folgenden Formeln verwenden „oṃ klīṃ klīṃ hrīṃ“ mit den angegebenen Abschlüssen und Halbmondzeichen. Der bezwingende Pfeil wird am Mund, der bezaubernde am Geschlechtsorgan eingesetzt.
74.171 Der anziehende Pfeil wird mit dem entsprechenden Mantra am Herzen eingesetzt. Vagbhava am Anfang, der bezeichnete Endlaut und „vaṣaṭ“ werden als Bestandteile genannt.
74.172 Dreimal folgt der Endvokal mit Halbmond und Punkt. Mit diesen fünf Mantras werden anschließend die acht Shaktis, deren Lautreihe bei „krā“ beginnt,
74.173 an acht Stellen eingesetzt. Es sind Subhaga, die Göttin Bhaga und als dritte Bhagarupini,
74.174 als vierte Bhagamala, danach Anangakusuma, Anangamekhala und Anangamadana,
74.175 als achte die Göttin Madavibhramamanthara, die sich in berauschtem Anmutsspiel bewegt. Ihre Gestalt meditiere man entsprechend Tripurabhairavi.
74.176 Die acht Shaktis werden an Stirn, Brauenmitte, Mund- beziehungsweise Ohrenbereich, Hals, Herz, Nabel und Geschlechtsorgan vergegenwärtigt. [Die Aufzählung der acht Stellen ist nicht eindeutig gegliedert.]
74.177 An Kopf, Stirn, beiden Brauen, Ohren, Augen, Wangen, Nase, Zahnreihe und Mund
74.178 werden die vierzehn Vokale an vierzehn Stellen eingesetzt. Danach folgen Kinn, Nacken, Halsbereich, beide Seiten,
74.179 Brüste, Achseln, Ellbogen, Hände, Handrücken, Nabel, Geschlechtsorgan und beide Schenkel,
74.180 Knie, Unterschenkel, Gesäß, Fußansätze und große Zehen; dort werden die Konsonanten von „ka“ an eingesetzt.
74.181 An Gürtel, Halsschmuck, Armschmuck, Halskette, Girlande, Ohrringen, Haarbindung
74.182 und Scheiteljuwel werden die Laute von „ya“ an vergegenwärtigt. Dann verbindet man die drei Mantrasilben miteinander.
74.183 In umgekehrter Reihenfolge werden sie je dreimal auf dem Scheitel eingesetzt, dazu Amrita, Yogini und Vishvayogini entsprechend der Buchstabenfolge.
74.184 Nachdem die drei Keimsilben an Scheitel, Armen und Herz eingesetzt sind, beginne der verständige Mantrakundige die Verehrung wie zuvor.
74.185 Er verehre die Göttin nach der früheren Ordnung, hier jedoch ohne die zusätzlichen Sitzgottheiten. Besonders vergegenwärtige er die acht Shaktis, Subhaga und die weiteren,
74.186 in den acht Richtungen des Mandalas, vom Osten an. An den Dreiecksspitzen verehre er Amrita und die beiden weiteren Yoni-Gestalten.
74.187 In der Mitte verehre er die acht Schmuckstücke, danach meine Gesichter, Ishana und die weiteren, Bhairava,
74.188 und ebenso die mit Manobhava beginnende Reihe. Im Übrigen gilt die zuvor beschriebene Reihenfolge der Verehrung.
74.189 Diese ist auch bei Tripuras vollständiger Verehrung beizubehalten. Höre nun von der Göttin, welche die verbliebenen Opfergaben trägt: Sie heißt hier Bhairavi.
74.190 Nach Niederlegen der verbliebenen Gaben im Norden vollziehe man die Verabschiedung. Tripurabhairavi soll in ihrer dreifachen Gestalt verehrt werden.
74.191 Die Mantrawiederholung soll niemals weniger als dreißig betragen. Blumen und weitere Gaben reiche man mit Daumen, Mittel- und Ringfinger; die Girlande werde dreifach angeordnet.
74.192 Man nehme auf einem Fellsitz Platz und lege beide Füße nach hinten.
74.193 An einem einsamen Ort verehre der Übende sie mit ungeteiltem Geist. Blumen, Speisen und andere Gaben soll er nach dieser Ordnung vorzugsweise mit der linken Hand bereitstellen.
74.194 Tripura wird als diejenige bezeichnet, die bei unvollständiger Verehrung drei Schäden hervorruft.
74.195 Als erster wird eine verachtete Körperkrankheit angedroht, als zweiter Ungehorsam von Kindern, Gattin, Dienern und weiteren Angehörigen.
74.196 Als dritter werden Verwundung durch eine Waffe und Lebensverlust genannt. So beschreibt der Text die drei Schäden einer falsch vollzogenen Verehrung.
74.197 Darum beachtet stets genau diese Ordnung, Vetala und Bhairava. Diese Tripura und alle anderen zuvor beschriebenen Göttinnen
74.198 sind Erscheinungsformen der Maya Bhairavis, der Yogaschlaf-Göttin und Mutter der Welt. Sie allein spielt in ihren vielen entfalteten Gestalten.
74.199 Mahamaya ist die Grundgestalt, daraus geht Sharada hervor, dann Uma, die Bergestochter; aus meiner Geliebten entstehen diese weiteren Formen:
74.200 Ugrachanda, Prachanda und die anderen, ebenso Tripura und ihre Reihe. Ihnen allen stehe ich stets in Mahabhairavas Gestalt
74.201 als Herr gegenüber. Der Kundige möge fortwährend in ihrer Gegenwart leben. Den Mantra meiner Bhairava-Gestalt habe ich bereits gelehrt,
74.202 ebenso ihre Gestalt; für die Verehrung gilt Tripuras Ordnung. „Wir erkennen Mahabhairava; über Kalarudra meditieren wir.
74.203 Möge der begehrende, erweichende Bhairava uns stets anregen!“ Dies ist die für meine Bhairava-Gestalt festgelegte Gayatri.
74.204 Diese Mahabhairava-Gestalt habe ich angenommen, um nach Belieben Fleisch, Wein und andere Genüsse sowie die geschlechtliche Vereinigung mit Frauen zu erfahren.
74.205 Sie wird stets auf dem linken Weg mit Wein und den übrigen Gaben verehrt. Auch Brahma besitzt eine linke Gestalt für Fleisch, Wein und solche Genüsse,
74.206 die Mahamoha heißt und als Begründer der Charvaka-Lehre und verwandter Anschauungen gilt. Vishnus linke Gestalt wird Narasimha genannt.
74.207 Diese soll von Kundigen sowohl auf dem rechten wie auf dem linken Weg verehrt werden; ebenso die Gestalt des neugeborenen, noch von der Eihaut umgebenen Bala-Gopala.
74.208 Der Text beschreibt die linke Gestalt als Wein und Fleisch genießend, sinnlich und den Frauen zugewandt. Von Chandika werden viele linke Gestalten genannt.
74.209 Lakshmis linke Gestalt heißt Dahanabhairavi. Als unverehrte Mahalakshmi verursache sie Brände in Städten, Dörfern und Häusern; darum werde sie an der Türschwelle verehrt.
74.210 Sarasvatis linke Gestalt heißt Vagbhairavi.
74.211 Ihr Mantra wurde zuvor genannt; ihre Farbe gilt als weiß. Gestalt und Meditation entsprechen hier der mittleren Tripura.
74.212 Auch die Verehrungsordnung ist überall dieselbe, Bhairava. Die entsprechende Gestalt der Sonne heißt Martandabhairava.
74.213 Ganeshas linke Gestalt wird Agnivetala genannt. Diese Formen sollen besonders auf dem linken Weg verehrt werden.
74.214 Nun folgt eine verschlüsselte Mantrareihe mit dreifachem Anfang sowie den Lauten „na“, „ma“, „ya“, „ra“, „la“, „va“ und doppeltem „r“ in den bezeichneten Verbindungen. [Der genaue Aufbau ist beschädigt.]
74.215 Anfang und Ende erhalten Anusvara und Visarga; in der Mitte stehen die Laute teils allein, zuvor aber mit den genannten Nasal- und Hauchzeichen.
74.216 Danach werden einzelne Laute in Zweier- und Dreierfolge, getrennt und zusammen, mit der bei „da“ beginnenden Reihe verbunden.
74.217 Die Verbindungen entsprechen den Mantras der ersten Tripura und den Buchstabenfolgen Tripurabhairavis.
74.218 Dreimal vierzehn Verbindungen werden gebildet und die drei bei „ḍa“ beginnenden Laute erweitert; der zweite wird verdoppelt und am Anfang und Ende eingefügt.
74.219 So nennt der Text zwanzigtausend und zusätzlich dreizehn Formen; die Reihenfolge des ersten und des mit Vagbhava beginnenden dritten wird nochmals bezeichnet.
74.220 Auf diese Weise wird auch eine weitere Vierergruppe von Mantras beschrieben. Wer dies kennt, erlange sämtliche Wünsche.
74.221 Nach dem Tod gelange er der Reihe nach in die Stadt der Göttin, Bhairava. Wer diese gesamte Mantrasammlung einmal wiederholt,
74.222 zuvor nach Wunsch die Einsetzung vollzieht und innerhalb von drei Tagen gesammelt Tripurabhairavi im Geist betrachtet,
74.223 erlange alle Wünsche und eine dem Liebesgott gleiche Gestalt. Er werde ein rechtschaffener König, als Brahmane ein Herr der Zweimalgeborenen.
74.224 Sein Körper werde nicht von Pishachas und ähnlichen Wesen bedrängt; er werde gesund, langlebig und stark. [Der erste Halbvers ist beschädigt; die Verneinung ergibt sich aus dem Zusammenhang.]
74.225 Damit habe ich diese Ordnung Tripurabhairavis erklärt. Von der großen Göttin Vaishnavi werden sechzehntausend Mantras genannt.
74.226 Höre sie mit gesammeltem, heilvollem Geist, Bhairava. Die Vorlage nennt zunächst eine Tausendergruppe mit acht, dazu vierundsechzig und drei. [Die Zahlenkonstruktion ist unklar.]
74.227 Diese Mantras werden nach den Gestalten der großen Göttin unterschieden; durch Anusvara und Visarga werden die entsprechenden Formen verdoppelt.
74.228 Durch Verbindung mit den Konsonanten von „ka“ an, oben und unten sowie getrennt, soll der Mantrakundige weitere Zweier- und Dreiergruppen gewinnen.
74.229 Dann werden jeweils acht verbunden, zusammen und einzeln, ohne Vokale oder mit Vokalen, mit Anusvara und Visarga,
74.230 auch allein oder in getrennten Zweierfolgen mit Zwischengliedern, bis die genannte Hundertachtzahl der Verbindungen erreicht ist.
74.231 So werden die Mantras der Göttin auf sechstausend und weitere zehntausend gezählt, Vetala und Bhairava.
74.232 Wer die von mir gelehrten verbundenen und getrennten Formen Vaishnavis kennt, gelange zu meiner Wohnstatt.
74.233 Wer am achten und neunten Mondtag die sechzehntausend Mantra-Keime einmal wiederholt, Bhairava,
74.234 und dabei mit völlig gesammeltem Geist Vaishnavis Gestalt meditiert, werde auf Erden König, gelehrt und froh, langlebig, voller angenehmer Genüsse und reich an Streitkräften und Reittieren.
74.235 Wer dieselbe Sammlung achtmal wiederholt, werde Weltherrscher; nach dem Tod werde er Herr der Scharen und erlange danach Befreiung.
74.236 So wird der vorzügliche Mantra als voller guter Kräfte, frei von Mängeln, Verunreinigung tilgend und Wohlergehen mehrend gepriesen. Wer diese beiden Mantrasysteme vollständig kennt, werde Sieger über Feinde und frei von Krankheit und Kummer.
Kapitel 75
75.1 Der erhabene Herr sprach: Zur Erfüllung seines Wunsches vollziehe der Übende die vorbereitende Praxis mit zwölfhunderttausend Wiederholungen des Mantras ohne zusätzliche Anfügungen.
75.2 Jati-Blüten, Bakula, Malati, Nandyavarta, Patala und weißer Lotus,
75.3 geklärte Butter, gekochte Speise, Milchreis, Dickmilch, Milch, Honig, Puffreis und Kampfer: Dies sind die vierzehn Stoffe,
75.4 die bei Tripuras Purashcharana genannt werden. Nach Vollendung der zwölfhunderttausend Wiederholungen soll der Übende
75.5 diese sämtlichen Stoffe in das helle Feuer opfern. Wer die vorbereitende Praxis nach dreihunderttausend Wiederholungen vollzieht,
75.6 verwende vier Stoffe mit Butter und Kampfer; nach neunhunderttausend Wiederholungen verwende der Mantrakundige zehn Stoffe,
75.7 nach sechshunderttausend acht. Möglich bleibt auch überall die vollständige Gabe. Die Feuergrube sei sechseckig und eine Elle plus drei Fingerbreiten groß.
75.8 Dieses Maß gilt für die mittlere Tripura, für Bala und für Tripurabhairavi.
75.9 Für Vaishnavis vorbereitende Praxis wird eine viereckige Feuergrube von zwei Ellen und acht Fingerbreiten angegeben.
75.10 Kamakhyas Feuergrube sei dreieckig und eine Elle groß. Entsprechend sind die jeweiligen Entfaltungen dieser Göttinnen zu behandeln.
75.11 Bei Vaishnavis Ritus weihe man das gut entfachte Feuer ordnungsgemäß; ebenso bei Kamakhya und den mit Jyotishtoma beginnenden Opfern, mein Sohn.
75.12 Für Tripurabhairavi bringe man zuerst vierzehn Güsse beziehungsweise Gaben aus den vierzehn genannten Stoffen in das entfachte Feuer dar.
75.13 Danach folgen mit dem Grundmantra dreimal hundertacht Feueropfer oder, entsprechend der Mantrawiederholung, neunhundert. [Die Verbindung der Zahlen ist nicht ganz eindeutig.]
75.14 Am Ende der Wiederholung bringe man eine Opfergabe nach Vaishnavis Ordnung dar. Edelsteine, Kampfer und Gold werden als Ehrengabe für den Lehrer genannt.
75.15 Fehlen die übrigen Stoffe, genügen Dickmilch, Blumen, Butter und Puffreis für die vorbereitende Praxis; sind sie verfügbar, verwende man alle vierzehn.
75.16 Hört nun ihr geheimes Yantra, Vetala und Bhairava; seine Ausführung verheiße dem vorzüglichen Menschen sämtliche Wünsche.
75.17 Man zeichne ein sechseckiges Mandala und schreibe an drei Ecken die drei Laute von Tripurabhairavis Mantra, darunter
75.18 die drei Keimsilben der ersten Tripura. Die drei Keime der mittleren Gestalt schreibe man in die Mitte des Sitz-Yantras.
75.19 Dann umgebe man es dreifach mit sämtlichen Matrika-Buchstaben. Die Zeichnung wird mit rotem Lacksaft ausgeführt und in die drei Metalle eingefasst.
75.20 Sie soll stets auf dem Kopf getragen werden und verheiße Sieg, Schönheit, Kraft, Beredsamkeit sowie Reichtum an Geld und Edelsteinen.
75.21 Auch langes Leben, erfüllte Genüsse und gute Nachkommenschaft werden verheißen. Bei weiteren Formen schreibe man eine Keimsilbe in die Mitte, eine darüber und eine darunter.
75.22 So verfahre man mit den Keimsilben der ersten Tripura und ebenso Bhairavis; daraus entstehen die sechs Mantraanordnungen, Vetala und Bhairava.
75.23 Jede werde wie zuvor aufgezeichnet und mit den drei Metallen umschlossen; getragen werden sie am linken Arm, am rechten Arm, am Herzen, am Hals, an der Hand
75.24 und auf dem Kopf, in dieser Reihenfolge. Ihre zugeordneten Früchte sind Wohlstand, Glück, Stillstellung, Einflussnahme, Bezauberung
75.25 und Dichtkunst. So werden Tripuras Yantras, Mantras und Rituallehren beschrieben, Bhairava.
75.26 Die Vorlage nennt sechstausend und fünf Formen durch verdreifachte Mantragruppen. Wer dies als verständiger Verehrer kennt, erleide weder hier noch jenseits Untergang. [Die Zahlenangabe ist unsicher.]
75.27 Die höchste Tripura-Macht, durch Mantragruppen und Ritualmantras begründet, verleiht einen unerschütterlichen, furchtlosen Stand und Dichtkunst. Sie ist mit den drei Lebenszielen und drei Gestalten verbunden; die drei Götter und der Himmel sind in ihr enthalten. Durch die Fülle der Erkenntnis erschlossen, schenkt diese Tripura genannte Herrlichkeit alle glücklichen Früchte. [Ein Ausdruck zur Weitergabe an Brahmanen und andere ist beschädigt.]
75.28 Höre nun Tripuras Schutzpanzer, Vetala und Bhairava. Wer ihn als Mantrakundiger versteht, erlangt die rechte Frucht der Verehrung.
75.29 Die früher genannten Ehrendienste gelten auch hier; ebenso die für die tägliche Verehrung gelehrten Vorbereitungen.
75.30 Weder ich noch Brahma, Keshava oder selbst der vielzüngige Ananta können die Größe dieses Schutzpanzers vollständig aussprechen.
75.31 Schon seine Erinnerung verheiße Schutz vor fleischfressenden Wesen und Überschwemmung sowie alles Heil.
75.32 Om. Der Seher dieses Tripura-Schutzgebets heißt Dakshina, sein Versmaß Chitra und seine Gottheit Tripurabhairavi.
75.33 Seine Anwendung gilt der Verwirklichung von Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lebensfreude und Befreiung. Wie ich die Keimsilben der ersten Tripura der Reihe nach
75.34 unter den Namen Vagbhava und den weiteren bezeichnet habe, mein Sohn, so heißen auch die Keimsilben Tripurabhairavis:
75.35 Vagbhava, Kamaraja und Trailokyamohana, der Bezauberer der drei Welten.
75.36 Vagbhava schütze meinen ganzen Kopf und die machtvolle Rede; Kamaraja behüte die Erfüllung aller Wünsche. Ishvara schütze stets sämtliche Sinnes- und Handlungskräfte, mehre den Glanz des Körpers und begründe Einsicht.
75.37 Dieses durch fünf Lautgruppen bezeichnete Yantra und der folgende Mantra seien mein beständiger machtvoller Glanz. Möge die lichtvolle Ritualkraft, dem Höchsten zugewandt, sich im Herzen entfalten und gute Einsicht schenken. [Der Satzbau ist beschädigt.]
75.38 Vagbhava schütze den Grundbereich, Kamaraja das Herz.
75.39 Zwischen den Brauen und am Kopf schütze Trailokyamohana.
75.40 Die begehrenswerte Bhairavi, kundig in den vielfältigen Kula-Künsten, die als Verbrennerin der drei Städte und Mutter aller Welten bezeichnet wird, schenke mir stets im Nabellotus und im Bauch Gesundheit und Glück; als Gemahlin des Herrn der Scharen schütze sie mich.
75.41 Sie, die durch ihre Yogakräfte fortwährend die Welten bezaubert und als Geliebte Tripurabhairavas wacht, behüte stets meine fünf Sinnesbereiche: Nase, Augen, Ohren, Zunge und Haut.
75.42 Die erste Tripura, die mittlere wunscherfüllende Gestalt
75.43 und die Göttin Tripurabhairavi sollen mich beständig in ihrer Dreifachheit behüten.
75.44 Im Osten schütze mich stets die Mutter Bala; im Süden bereite mir die mittlere Gestalt starkes Heil. Im Bereich von Westen und Nordwesten behüte mich die schöne Bhairavi mit umfassendem Schutz.
75.45 Mahamaya, große Yoni und Ursprung der Welt, Tripura, Sundari und Bhairavi, möge mich stets behüten.
75.46 An der Stirn und im Osten sei die Göttin Subhaga, die wunscherfüllende Tripurasundari, stets schützend gegenwärtig.
75.47 Zwischen den Brauen und im Südosten schütze mich Tripurabhairavi als Tripura, die die Fülle des Glücks mehrt.
75.48 Am Gesicht und im Süden behüte mich Tripura als Bhagasarpini und halte Yamas Boten und die anderen Schreckensmächte fern.
75.49 An den Ohren und im Westen schütze mich Bhagamalini, die ungeborene Weltmutter Bala Tripura. [Die Vorlage nennt hier Westen und im folgenden Vers nochmals Westen.]
75.50 Am Hals und im Westen schütze mich stets Anangakusuma, die schöne Mutter Tripurabhairavi, die große Herrin.
75.51 Am Herzen und im Nordwesten schütze Anangamekhala; am Nabel und im Norden die höchste Tripura als Matangi,
75.52 die Göttin Anangamadana und Tripurabhairavi. Im Nordosten und am Geschlechtsorgan schütze Madavibhramamanthara,
75.53 die Herrin der Rede, stets als Tripurabhairavi. Zwischen After und Geschlechtsorgan schütze Rati als Tripurabhairavi.
75.54 Im Innern des Herzens schütze Priti als Tripurabhairavi; zwischen Brauen und Nase schütze stets Manobhava.
75.55 Die zum Schmelzen bringende Pfeilkraft schütze mich vor bedrängenden Mächten und am schwer zugänglichen Gipfel; die erregende Kraft schütze mich vor Fleischfressern und der Furcht vor Unheil. [Der erste Halbvers ist beschädigt.]
75.56 Die bezwingende Pfeilkraft schütze mich vor Feuer und königlicher Gewalt; die anziehende Pfeilkraft vor Waffenhieben.
75.57 Der große bezaubernde Pfeil schütze mich stets vor Bhutas, Pishachas und Wasser und entfalte den höchsten Wunsch.
75.58 Die Gebetskette schütze mich beim Verständnis der Lehrschriften und im gelehrten Streit; das Buch schütze meinen Geist und stärke meine Entschlossenheit.
75.59 Die Gnadengeste schütze stets meine Wohnstatt und mehre ihren Glanz; die Schutzgeste schenke Furchtlosigkeit vor allem und fördere das Gedeihen.
75.60 Die mit roter Strahlung und machtvollen Kreisen umgebene, wie das Weltbrandfeuer leuchtende und von allen Göttern verehrte schädelbekränzte Erkenntniskraft schütze mich oben und unten. Sie stärke die Sammlung in Erkenntnis und Meditation, gründe im Wirklichen und behüte den vor allen Gefahren und Genüssen Bangenden. [Mehrere Wortverbindungen sind unsicher.]
75.61 „aḥ“ schütze mich stets am Herzen, „saḥ“ am Kopf, „raḥ“ im verborgenen Bereich und „sauḥ“ an Hals und Seiten.
75.62 Der Laut „ra“ schütze meine Leitbahnen, „sauḥ“ stets den Kopf. Indra schütze im Luftraum, Brahma von allen Seiten.
75.63 Die Erkenntnis und Nichtwissen hervorbringende, jede gewünschte Gestalt annehmende, grobe und feine Ur-Maya, von Brahma und Indra verehrt und Gedeihen schenkend, möge mich als Bhairavi allseits schützen.
75.64 Die erste, mittlere und werdende Gestalt, mit rechter Ordnung verbunden, höchste Gestalt von wahrer Erkenntnis und Erkennbarem, die rettende Göttin am Anfang, in der Mitte und am Ende, möge mich als Tripurabhairavi behüten.
75.65 Keshava, Brahma und Rudra kennen die Wahrheit ihrer Mantraanteile, Rituallehren und Yantras, kein anderer. Ihnen sei Verehrung!
75.66 Du bist Brahmani, Bhavani, Lakshmi des Weltschöpfers, Rati und Yogini. Du bist beredte Subhaga, der ungeteilte Mantrabuchstabe in unzähligen Verbindungen; alle Laute sind dein Körper. Du begehrenswerte, wunscherfüllende Göttin Tripura, schenke reine Dichtkunst und hohes Glück! [Eine Körperbeschreibung ist textlich beschädigt.]
75.67 Wer diesen Schutzpanzer der Göttin kennt, ist ein Mantrakundiger. Ihm werden Freiheit von seelischem und körperlichem Leid und von Furcht verheißen.
75.68 So habe ich dir den höchsten, tief geheimen Schutzpanzer erklärt. Pflege ihn, Hochbegnadeter; dann wirst du Vollendung erlangen.
75.69 Dieses höchste, reinigende, verdienstvolle und den Ruhm mehrende Schutzgebet der dreigestaltigen Tripura habe ich verkündet.
75.70 Wer es morgens nach dem Aufstehen rezitiert, erlange seinen Herzenswunsch. Wer es als Mantrakundiger aufgeschrieben am Hals trägt,
75.71 dessen Körper werde im Kampf nicht von Waffen verletzt, Bhairava; ihm werde Sieg im Kampf und im gelehrten Streit zuteil.
75.72 Wer dagegen Tripuras Mantra rezitiert, ohne diesen Schutzpanzer zu kennen, dem droht der Text Waffenverletzung an; dies gilt auch für Bhairavi und Sundari.
75.73 Die Keimsilbe soll gesammelt und ohne Sprachfehler ausgesprochen werden; ihre Verbindung soll erkennbar bleiben, während die einzelnen Bestandteile für das Ohr unterscheidbar sind.
75.74 So soll die Aussprache richtig und frei von den für Opfer und andere Riten genannten Fehlern sein. Wenn bei der Aussprache die Verbindung das Verständnis beeinträchtigt
75.75 oder nur getrennte Einzelteile wahrgenommen werden, droht der Text eine schwere Hautkrankheit an. Mit größerer Zahl der Einsetzungen werde auch die Frucht größer.
75.76 Die vorgeschriebene Einsetzung soll nicht ausgelassen werden; zusätzliche können erfolgen. Wer die von mir gelehrte Einsetzung nicht kennt oder sie aus Nachlässigkeit unterlässt
75.77 und dennoch die Göttin verehrt, dem wird großes Unheil angedroht. Die Einsetzung der Mantrabuchstaben gilt grundsätzlich für alle Mantras.
75.78 Ob es sich um einen Vaishnava- oder Rudra-Mantra handelt, Hochbegnadeter: Der Mantra soll im Körper gegenwärtig sein. Bei Mahamayas Verehrung
75.79 und der Anwendung anderer Mantras beschreibt die Vorlage die Einsetzung nochmals, doch ist die Verneinung im Satz widersprüchlich. Als Körperfarbe wird Zinnober, als Getränk Wein genannt.
75.80 Rote Seidenkleidung gilt Tripura als erfreulich. Drei, fünf oder sieben Lampen sollen dargebracht werden, Bhairava,
75.81 nicht weniger als drei. Mallika, Malati, Kunda, Baka, Drona und weißer Lotus,
75.82 diese weißen Blumen erfreuen Tripura, Bhairava. Roter Lotus, roter Hibiskus und zarter roter Oleander
75.83 erfreuen Tripurabhairavi, zusammen mit den genannten Fett- und Goldgaben. Damit habe ich dir dies in Kürze erklärt, mein Sohn Bhairava.
75.84 Wenn du höchste Vollendung erlangt hast, wirst du es selbst ausführlicher entfalten. Nachdem du Mahamaya verehrt und die Herrschaft über die Scharen erreicht hast,
75.85 wirst du die Ritual- und Mantragruppen weiter ausbreiten. Die weißen Gestalten dieser Tripurabhairavi
75.86 werden als Sarasvati-Gestalten bezeichnet, mit den entsprechenden Mantras. Sarasvati ist die Göttin mit Laute und Buch,
75.87 mit Gebetskette und Wassergefäß in den rechten Händen, von weißer Erscheinung, auf dem Rücken des großen Berges und auf einem weißen Lotus sitzend. [Die Sitzbeschreibung ist ungewöhnlich, aber so überliefert.]
75.88 Sie ist weiß, weiß gekleidet und mit weißem Schmuck versehen. Für sie wird Vagbhava mit dem zweiten Augen-Keim verbunden,
75.89 dieser wird am Ende eingesetzt; der Mantra wurde zuvor gelehrt. Eine weitere Gestalt hält Schutz- und Gnadengeste, Gebetskette und Buch,
75.90 sitzt auf einem weißen Lotus und heißt die höchste Rede, Sarasvati. Der Anfangslaut von Balas Keimsilbe wird verdoppelt und mit Halbmond verbunden.
75.91 Ihr Mantra wurde zuvor genannt, die Ritualordnung ist die gemeinsame. Die rote, mit einer Kopf-Girlande geschmückte Gestalt
75.92 heißt die alte Sarasvati; auch ihr Mantra wurde zuvor gelehrt. In der Erklärung der dreizehn Mantras ist er der sechste.
75.93 Sie wird als Spenderin von Glück und Erfolg in Dichtkunst, den Lehrschriften und der Entscheidung philosophischer Streitfragen gepriesen, Bhairava.
75.94 Durch getrennte und verbundene Formen sowie Unterschiede wie Weiß und Rot entstehen vierundsechzig Gestalten; die Sprachkraft entfaltet sich aus Tripura. [Der Schluss ist sprachlich verkürzt.]
75.95 Mahamaya, Yogaschlaf und Urgrund, ist die Mutter, Hervorbringerin und Trägerin der Welt; sie umfasst Wissen, Nichtwissen und das Höchste.
75.96 Tripura und die anderen beschriebenen Gestalten sind ihre Machtentfaltungen, Hochbegnadeter; sie selbst ist in ihnen gegenwärtig.
75.97 So habe ich dir, mein Sohn, das anziehende Geheimnis der großen Göttin und den linken wie rechten Weg erklärt. Höre nun über die Vollendung der Mantras.
Kapitel 76
76.1 Der erhabene Herr sprach: Erst nachdem man die Eignung eines Mantras geprüft hat, soll man den vorzüglichen Mantra empfangen.
76.2 Vier Arten werden unterschieden: vollendet, besonders vollendet, noch zu verwirklichen und feindlich. Erkenne sie anhand der Buchstaben.
76.3 Die beständige Reihenfolge der Buchstaben habe ich bereits gelehrt, Bhairava. Verstehe sie zuerst und höre dann die Anordnung des Buchstabenrades.
76.4 Die dem großen Vaishnavi-Tantra-Mantra zugehörigen Laute bilden die Grundlage; aus ihnen werden die weiteren erweitert.
76.5 „a“, „ka“, „ca“, „ṭa“, „ta“, „pa“ und „ya“ werden als Anfänge der Lautgruppen genannt.
76.6 „ā“, „i“, „ī“, „u“, „ū“, „ṛ“, „ṝ“, „ḷ“, „ḹ“ bilden die kurzen und langen Vokale; hinzu kommen „ai“, „o“, „au“, Visarga, Punkt und der bezeichnete Opferlaut. [Die Vokalreihe ist in der Vorlage lückenhaft.]
76.7 Diese aus dem Innern des Lautes hervorgehenden Kräfte werden Vokale genannt. „kha“, „ga“, „gha“ und „ṅa“ gehören zur ersten Konsonantengruppe.
76.8 Die nächste Gruppe umfasst die bei „ca“ beginnenden Laute, darunter „cha“ und „ja“; dann folgt die bei „ṭa“ beginnende Reihe mit „ṭha“, „ḍa“ und dem hier durch ein beschädigtes Wort bezeichneten weiteren Laut.
76.9 Die mit „ṇa“ endende dritte Gruppe wird so beschrieben. Danach folgen „tha“, „da“ und der Anfang von „dharma“, also „dha“.
76.10 Mit dem Anfang von „nava“, also „na“, endet die vierte Gruppe. Die fünfte enthält den Anfang von „phala“, also „pha“, und von „bahu“, also „ba“.
76.11 Dazu kommen „bha“ und der Anfang von „manas“, also „ma“: Dies heißt die fünfte Gruppe. „ya“, „ra“, „la“ und „va“
76.12 bilden die sechste Gruppe, Bhairava. „śa“, „ṣa“, „sa“, „ha“ und die Lautverbindung „kṣa“
76.13 bilden die siebte und letzte Gruppe. Durch Verbindung, Zusammenfügung, vorwärts und rückwärts gerichtete Folge werden diese Laute, mein Sohn,
76.14 zu Anfängen von Mantras und Namen sowie zur gewöhnlichen Sprache, Bhairava. Ihnen wird die Kraft zugeschrieben, die vier Lebensziele, Glück und Leid zu bewirken.
76.15 Sie werden auch mit Krankheit, Glanz, Verehrtem und Verehrer verbunden. Ich, Vishnu, Brahma, Gayatri und die Brahma-Mütter
76.16 stehen mit diesen Lauten des niederen Brahman in Verbindung, das zum Glück des höchsten Brahman führt. Wer im niederen Brahman kundig ist, erreicht das höchste.
76.17 Als Ishvara die Welten erschaffen wollte, brachte er aus freiem Willen die Laute hervor und legte sie in meinen Mund und in Brahmas Mund.
76.18 Ich setzte sämtliche Laute ein und entfaltete damit die Bhairava-Rituallehre, mein Sohn, um den Erkenntnisweg zu mehren.
76.19 Nachdem ich so die Buchstaben bestimmt habe, höre nun das Buchstabenrad zur Prüfung der Mantraeignung.
76.20 Zuerst ziehe man zwei Linien als Gestalten von Shakti und Shambhu; dazwischen weitere Linien auf der Ebene Vishnus und Lakshmis.
76.21 Zwischen diese beiden Linien setze man zwei weitere gleichmäßig. Für die Speichen des Rades werden zusätzliche Linien gezählt.
76.22 Vier seien im Bereich der Vokale anzubringen, Bhairava; durch die Unterteilung entstehen acht Verbindungsstellen für die Laute.
76.23 Vier Randabschnitte liegen zwischen den Verbindungen. So entsteht ein Rad mit acht Speichen und vier Randteilen,
76.24 umgeben von einer äußeren Einfassung: das Buchstabenrad. Es wird auch mit dem Auf- und Untergang der Tierkreiszeichen vom Widder an verbunden.
76.25 Dieses Rad soll Erkenntnis und Wohlergehen mehren. Man zeichne es auf ebenem Boden, nach Norden gewandt
76.26 oder nach Osten, rein und nach Verehrung der erwählten Gottheit und des Lehrers. Die Buchstaben werden darin im Uhrzeigersinn der Reihe nach eingeschrieben.
76.27 Am vorderen Rand werden „a“ und „ra“ genannt; langes „ā“ und „ī“ sollen aus der Vokalreihe ausgelassen werden. [Die erste Lautangabe ist beschädigt.]
76.28 Man schreibe die Reihe von „a“ bis „kṣa“ im Uhrzeigersinn, unter Auslassung von „jha“, „ṭa“, „ña“ und „ṇa“.
76.29 Vom Anfangsbuchstaben des eigenen Namens aus zähle man bis zum Anfangsbuchstaben des Mantras und ordne das Ergebnis den vier Klassen zu.
76.30 Die Stellen eins, fünf und neun gelten als „vollendet“, zwei, sechs und zehn als „zu verwirklichen“, drei, sieben und elf als „besonders vollendet“.
76.31 Vier, acht und zwölf gelten als „feindlich“. Der vollendete Mantra bringe rasch Erfolg, der zu verwirklichende erst nach längerer Zeit.
76.32 Der feindliche führe allmählich zum Untergang, der besonders vollendete rasch zur Vollendung. Dies war die Buchstabenfolge für Mantras des rechten Weges.
76.33 Höre nun die Reihenfolge für die Verehrung des linken Weges, Bhairava. Ausgelassen werden die genannten „ṛ“- und „ḷ“-Formen sowie „ṅa“, „ña“, „ṇa“ und „na“.
76.34 Der Mantrakundige schreibe die Buchstaben gegen den Uhrzeigersinn. Bei Narasimha, Sonne und Varaha, beim Prasada-Mantra und beim Urlaut
76.35 sowie bei ein- und zweisilbigen Mantras findet die Prüfung auf „vollendet“ und die übrigen Klassen nicht statt. Auch bei allen Keimsilben und Einweihungsmantras, Bhairava,
76.36 ist diese Prüfung nicht vorgeschrieben. Die besonders vollendete, wunscherfüllende Form ist anzunehmen; bei den vollendeten und zu verwirklichenden erfolgt die entsprechende Prüfung. [Eine Mengenangabe der ersten Zeile ist unklar.]
76.37 Den feindlichen Mantra soll der Besonnene nicht annehmen, denn damit werde Unheil verbunden. Der einsilbige Mantra einer Gottheit wird mit deren Namen bezeichnet.
76.38 Mit Mondzeichen und Punkt versehen heißt er ihre Keimsilbe. So steht Indra für den Laut „sa“; mit Halbmond und Punkt
76.39 wird daraus Indras Keimsilbe. Entsprechend verfahre man anderswo. Bei der Ableitung von Mantras werden vorangehende und folgende Bestandteile nach den genannten Stellungsregeln verbunden.
76.40 Auch ein zuvor genannter Laut kann nachgestellt werden; fehlt eine Angabe, gilt die vorangehende Position. Wenn die sechzehntausend Mantras Vaishnavis
76.41 am Rad geprüft werden, erhält es sechzehn Speichen. Wenn die zwanzigtausend Mantras Tripuras geprüft werden,
76.42 zeichnen die Kundigen ein Rad mit zweiunddreißig Speichen. Dasselbe große Rad kann für sechzehn und weitere Speichenzahlen
76.43 durch zusätzliche Linien erweitert werden, um andere Mantras zu prüfen, mein Sohn. Damit ist dir die erwünschte Mantravollendung erklärt.
76.44 Wer diese Lehre richtig kennt, werde siegreich und erlange seinen Wunsch. Nun will ich dir das höchste Geheimnis nach seinen Anwendungen und Arten
76.45 in Kürze erläutern, Vetala und Bhairava. Der Zahn eines als Pakshavidala bezeichneten Tieres werde mit dessen Haut umhüllt.
76.46 Dann werde er mit den verbliebenen Opfergaben Vaishnavis dreifach umwickelt, gegebenenfalls mit links gedrehtem Faden, und mit ihrem Mantra besprochen.
76.47 Am achten Mondtag halte man ihn mit beherrschten Sinnen in der rechten Hand und wiederhole die Mantras Vaishnavis hundertmal.
76.48 Dieses Amulett wird zum Tragen am rechten Arm bestimmt. Der Text verheißt zwölf Vollkommenheiten; eine zusätzliche Bedingung am Versende ist beschädigt.
76.49 Genannt werden Sieg im Kampf und Streit, Gesundheit des Körpers sowie fortwährender Einfluss auf Könige und Königssohne.
76.50 Bhutas, Pretas und Pishachas träten nicht in sein Blickfeld; schon durch einmalige Vorstellung gewinne er Einfluss auf erregte Frauen.
76.51 Ferner werden Stillstellung von Blut, Schleim und Körperbestandteilen, Hemmung fremder Strahlkraft und Stärkung des Augenlichts behauptet.
76.52 Wer die Hand auf den Kopf eines Pakshavidala legt, dreihundertmal den Vaishnavi-Tantra-Mantra spricht und das Tier im Haus hält,
76.53 dessen Hausbewohnerin, die das Tier während ihrer Menstruation sieht, werde nach dieser Verheißung nicht kinderlos bleiben, mein Sohn Bhairava.
76.54 Wo ein so geweihtes Tier wohnt, bekomme auch eine Frau, deren Kinder zuvor starben, ein lebendes Kind.
76.55 Wo ein Kuckuck, Bhringaraja-Vogel, Chakora oder Papagei wohnt, der mit dem Vaishnavi-Tantra-Mantra besprochen wurde,
76.56 gebe es keine Hindernisse im Haus, sondern gute Nachkommenschaft. Schlangen kämen nicht dorthin oder bissen niemanden; auch werde keine Frau des Hauses zur Ehebrecherin.
76.57 Die verbliebenen Opfergaben der fünf Gestalten Chandikas werden als nächste Anwendung genannt. [Der kurze Vers ist unvollständig.]
76.58 Sie werden drei Tage lang mit dem Fleisch ihrer Opfertiere in einem Topf zubereitet und am achten Tag nochmals der Göttin dargebracht.
76.59 Nach Besprengen mit mantra geweihtem Wasser werden sie unter innerer Betrachtung der Göttin gegessen. Dies verheiße langes Leben ohne Alter und Kummer,
76.60 Glanz, Sieg über Feinde, Dichtkunst und Beredsamkeit. Für die nächste Anwendung werden Stirn, Scheitel, Hals, beide Arme, beide Hände und Herz genannt.
76.61 An diese acht Stellen schreibe der Mantrakundige die acht Buchstaben des Vaishnavi-Tantra-Mantras,
76.62 mit Safran, Milch, Sandelpaste und rotem Farbstoff. Am achten Tag übe er Selbstbeherrschung; zu Beginn des neunten
76.63 lege er die Hand jeweils an die eingesetzten Stellen und wiederhole den Mantra achtmal. Danach verehre er die Göttin Shiva.
76.64 An diesem Tag bringe er ihr drei Opfergaben verschiedener Art dar und beginne tausend gezählte Mantrawiederholungen.
76.65 Danach esse er Opferspeise und verbringe die Nacht beherrscht. Wer dies einmal vollzogen habe, mein Sohn, dem werde im Kampf
76.66 und im gelehrten Streit keine Niederlage zuteil. Nach einmaliger Durchführung könne der Kshatriya zu Kampfzeiten
76.67 die Zeichen erneut zum Sieg auftragen. Dies wird als ein weiteres geheimes achtgliedriges Kampfritual bezeichnet.
76.68 Durch dieses Geheimnis wirst du siegreich sein. Damit habe ich euch alles Heilvolle erklärt, das noch geheimer ist als das Geheime:
76.69 die Glück und Wohlstand verheißenden Mantras samt Yantras und Rituallehren, den Nektar, den alle Götter stets zu hören wünschen.
76.70 Dies habe ich euch verkündet, meine Söhne Vetala und Bhairava. Wer all dies wahrhaft versteht, mein Sohn Bhairava,
76.71 erlange sämtliche Wünsche und schließlich bleibende Befreiung. Wer dies auch nur einmal hört, von vorzüglichen Zweimalgeborenen vorgetragen,
76.72 erfahre keine Hindernisse und bleibe nicht kinderlos. Er werde langlebig, stark, stets froh und erfolgreich, erlange das Ersehnte und das Haus der Göttin.
76.73 Geht zum heiligen Sitz im Innern Kamarupas, der Nilachala heißt,
76.74 zu Kamakhyas geheimem Wohnsitz, auch Kubjika-Pitha genannt. Dort fließt die Himmelsganga; badet in ihrem Wasser
76.75 und verehrt dort die weltgestaltige Mahamaya, meine Söhne. Bald wird die Göttin euch gnädig sein und Gaben schenken.
76.76 Aurva sprach: Nach diesen Worten bestieg der Herr den Stier, ließ seine beiden Söhne Vetala und Bhairava dort zurück und verschwand.
76.77 Die beiden Asketen verließen darauf den Nataka-Berg und begaben sich zum hochgesinnten Vasishtha, Brahmas Sohn.
76.78 Der Weise, der auf dem Sandhyachala weilte, sah Haras Söhne kommen und empfing sie wie Schüler.
76.79 Nach der Unterweisung des hochgesinnten Vasishtha gingen sie zum großen blauen Berg, an dem Kamakhya gegenwärtig war.
76.80 Dort nahmen die beiden Hochgesinnten die Verehrung der weltgestaltigen Mahamaya nach der Lehre des Vaishnavi-Tantra auf.
76.81 Sie hielten sich nahe dem Bhairava genannten Linga Shivas auf, badeten in der Himmelsganga und zeichneten ein vorzügliches Mandala auf dem hergerichteten Boden.
76.82 Die beiden Tiger unter den Menschen wiederholten den höchsten Mantra ordnungsgemäß, den aus acht Silben bestehenden vollendeten Mantra.
76.83 Für Vetala wird die zu verwirklichende Form mit achthunderttausend Wiederholungen genannt; ferner vierhunderttausend innerhalb von drei Jahren. [Die Zahlenzuordnung zu den beiden Brüdern ist verkürzt.]
76.84 Dreifach vollzogen sie hingebungsvoll die vorbereitende Praxis. Alles, was Uttara-Tantra und Ritualordnung für die Verehrung vorschrieben,
76.85 führten sie innerhalb dieser drei Jahre aus, auch die Verehrung Kamakhyas, Tripuras und der anderen Göttinnen.
76.86 Sie unternahmen einmal die ordnungsgemäße Pilgerreise zu den heiligen Sitzen. So trugen Haras Söhne den Schutzpanzer und hatten die Mantras eingesetzt.
76.87 Mahamaya wurde ihnen sehr gewogen und schenkte ihnen Gnade. Während sie meditierten, Mantras wiederholten und verehrten,
76.88 trat die Weltgestaltige sichtbar hervor, indem sie das Shiva-Linga durchbrach. Bei ihrem Hervortreten teilte sich das Linga in drei Teile:
76.89 Bhairava, Bhairavi und Heruka. Vetala und Bhairava sahen nun die Göttin
76.90 außerhalb ihrer selbst genauso, wie sie sie in der Meditation gesehen hatten: in allen Gliedern schön, mit hohen vollen Brüsten,
76.91 mit Schutz- und Gnadengeste, Vollendungsschnur und Schwert, leuchtend wie ein roter Lotus und auf einem weißen Leichnam sitzend.
76.92 Vetala und Bhairava schlossen beide Augen und riefen wiederholt: „Schütze uns, schütze uns, Mahamaya!“
76.93 Die große Göttin stärkte sie mit ihrem Glanz; als Vaishnavi berührte sie sie mit den Fingerspitzen ihrer Gnadenhand.
76.94 Durch diese Stärkung und Berührung legten sie ihre Menschlichkeit ab und erlangten göttliche Beschaffenheit.
76.95 Nun göttlich geworden, priesen sie Mahamaya, die weltgestaltige Heilvolle, mit Lobgesängen und Verneigungen.
76.96 Vetala und Bhairava sprachen: Sieg, Sieg dir, Göttin, deren Lotusfüße die Götterscharen verehren! Du bringst das Gedeihen der Welt hervor, spielst mit dem Mondbekränzten und bist die Bergestochter. Deine drei Augen überstrahlen Sonne, Mond und Feuer; dein lotusgleiches Wesen ist rein. Die Bewegung deiner Brauen beim mittleren Auge erfüllt die Herzen der dir zugewandten Verehrer. [Der Schluss des kunstvollen Verses ist stark beschädigt.]
76.97 Du ruhst im Innern des Ajna-Chakras; dein friedlicher Mondglanz gleicht dem Leuchten unzähliger Schalen. In den Wellen von Maya, Körpererfahrung und Yoga bewegst du dich im Lotus der inneren Kräfte. [Mehrere Wortgruppen sind nicht sicher lesbar.]
76.98 Du gründest in der heilvollen Sushumna, der mittleren der drei Leitbahnen. Von den Juwelen der Götter erfreut, trägst du als weltgestaltige Lichtmacht die sechs Chakras. [Die übrigen Bildverbindungen sind beschädigt.]
76.99 Dein schöner Körper berührt die ursprünglichen sechzehn Kreise; deine hohen Brüste gleichen Bergen, und dein Leib verbindet Erde und die inneren Schlangenkräfte. Deine vier Hände tragen Vollendungsschnur, Gnade, Schutz und Schwert und tilgen Verfehlung. Du spielst mit dem Wesenskern von Erkenntnis, Mantra, Tantra und dem Yoga der Yogis; in der Erkenntnis des Selbst und den befreienden Worten offenbarst du Unterscheidung und ruhst auf dem weißen Leichnam. [Dieser lange Vers ist mehrfach verderbt; einzelne Verbindungen bleiben unsicher.]
76.100 Du vereinst den Kern der Juwelen, Klang und Farbe und schaffst durch Mantra die besondere Stätte des Friedens für die Yogis. Yoginis tanzen vor dir und dienen dir; Ketten, Armreifen und weiterer Schmuck umgeben dich. Dein lautes Lachen erfreut den Götterherrn mit gelöstem Haar. Gib uns, Göttin, Befreiung von Kummer und Fessel, tilge Verfehlung und schenke reine Einsicht! [Die Bildfolge ist teilweise beschädigt.]
76.101 Ich verneige mich vor Mahamaya, der geheimen, heilvollen Verkörperung aller Erkenntnisse, der Gestalt von Mantra und Yantra, die in Welt und Veda gepriesen wird.
76.102 Ich verneige mich vor dir, der Ewigen, die Höchstes und Niederes umfasst, im einzigen Grund alles zu Verwirklichenden ruht, Liebesfreude schenkt, lieblich ist und die Welt erfüllt.
76.103 Du lässt die eine Welt wachsen, bist jenseits ihrer Entfaltung das Unoffenbare; durch deine Macht ist dein Leib halb rot gefärbt. Göttin, Verehrung sei dir!
76.104 Kamakhya, als ewige Gestalt gepriesen, Mahamaya, Sarasvati und Lakshmi auf Vishnus Brust: Vor dieser unerschütterlichen Heilvollen verneigen wir uns.
76.105 Ihre Mantras und Ritualformen zählen sechzehntausend. Dir, der Verkörperung von Mantra und Yantra, gilt meine Verehrung, Parvati!
76.106 Aurva sprach: So von den beiden gepriesen, sprach Mahamaya, die Mutter der Welt, erfreut: Wählt euch beide eine Gabe!
76.107a Haras Söhne sahen Mahamaya unmittelbar vor sich, wie zuvor in der Meditation, und antworteten mit diesen vortrefflichen Worten.
76.108a Vetala und Bhairava sprachen: Göttin, wir erbitten, mit diesem Körper dir und Shankara ewig dienen zu dürfen, solange Sonne und Mond bestehen.
76.109a Keine andere Gabe wünschen wir von dir, weltgestaltige Maya. Andernfalls wollen wir allein in Hingabe an dich in einer Berghöhle bleiben.
76.110a Aurva sprach: Auf diese Worte antwortete die weltgestaltige Mahamaya wiederholt: So sei es! So wird es geschehen!
76.111a Nachdem die Trägerin der Welt die Vollendung zugesagt hatte, drückte die Heilvolle ihre beiden Brustwarzen, sodass zwei Milchströme hervortraten.
76.112a Die austretende Milch ließ sie Bhairava und Vetala trinken, großer König; die beiden tranken sie.
76.113a Nachdem sie die Milch getrunken hatten, erlangten sie dauerhafte Göttlichkeit und wurden alterslos, unsterblich, überaus strahlend und heilvoll.
76.114a Ihre Milch war Nektar; durch das Trinken wurden die beiden von großer Kraft erfüllt. Danach sprach Vaishnavi zu ihnen:
76.115a Ihr beide sollt Herren der Scharen des Gottes der Götter sein; als Torhüter bleibt stets in seiner Nähe, wie Nandi, meine Söhne.
76.116a Nach diesen Worten verschwand Mahamaya, die Weltgestaltige, mit Haras Zustimmung und begleitet von den Yoginis an eben diesem Ort.
76.117a Als sie verschwunden war, waren Vetala und Bhairava froh, von höchster Freude erfüllt und am Ziel ihres Tuns.
76.118a Dann kam Hara mit den Götterscharen und seinen Pramathas, um seine Söhne Vetala und Bhairava hoch zu ehren.
76.119a Mahadeva trat auf dem blauen Berg zu ihnen und zeigte ihnen den gesamten heiligen Sitz mit seinen verschiedenen Stätten.
76.107b [Hier beginnt die Wiederholung der Verse 107–119 in der Vorlage.] Haras Söhne sahen Mahamaya unmittelbar vor sich, wie zuvor in der Meditation, und antworteten mit diesen vortrefflichen Worten.
76.108b Vetala und Bhairava sprachen: Göttin, wir erbitten, mit diesem Körper dir und Shankara ewig dienen zu dürfen, solange Sonne und Mond bestehen.
76.109b Keine andere Gabe wünschen wir von dir, weltgestaltige Maya. Andernfalls wollen wir allein in Hingabe an dich in einer Berghöhle bleiben.
76.110b Aurva sprach: Auf diese Worte antwortete die weltgestaltige Mahamaya wiederholt: So sei es! So wird es geschehen!
76.111b Nachdem die Trägerin der Welt die Vollendung zugesagt hatte, drückte die Heilvolle ihre beiden Brustwarzen, sodass zwei Milchströme hervortraten.
76.112b Die austretende Milch ließ sie Bhairava und Vetala trinken, großer König; die beiden tranken sie.
76.113b Nachdem sie die Milch getrunken hatten, erlangten sie dauerhafte Göttlichkeit und wurden alterslos, unsterblich, überaus strahlend und heilvoll.
76.114b Ihre Milch war Nektar; durch das Trinken wurden die beiden von großer Kraft erfüllt. Danach sprach Vaishnavi zu ihnen:
76.115b Ihr beide sollt Herren der Scharen des Gottes der Götter sein; als Torhüter bleibt stets in seiner Nähe, wie Nandi, meine Söhne.
76.116b Nach diesen Worten verschwand Mahamaya, die Weltgestaltige, mit Haras Zustimmung und begleitet von den Yoginis an eben diesem Ort.
76.117b Als sie verschwunden war, waren Vetala und Bhairava froh, von höchster Freude erfüllt und am Ziel ihres Tuns.
76.118b Dann kam Hara mit den Götterscharen und seinen Pramathas, um seine Söhne Vetala und Bhairava hoch zu ehren.
76.119b Mahadeva trat auf dem blauen Berg zu ihnen und zeigte ihnen den gesamten heiligen Sitz mit seinen verschiedenen Stätten.
76.120 Er zeigte ihnen Kamakhyas begehrenswerte Höhle, dann seine eigene Kama-Höhle, den schattenspendenden Schirm und seine Wohnstatt.
76.121 Auch die Stätten seiner fünf Gestalten und den ganzen von Göttern erfüllten heiligen Bereich Kamarupas zeigte er ihnen.
76.122 Der Vernichter der drei Städte führte ihnen alles der Reihe nach einzeln vor Augen: zuerst den Karatoya genannten Fluss, die wahre Ganga, immer heilvoll, rein und mit heiligem Wasser erfüllt, die zum südlichen Meer fließt. [Der letzte Halbvers steht in der Vorlage nach der Versnummer.]
Kapitel 77
77.1 Aurva sprach: Dann zeigte der Vernichter der drei Städte im Nordwesten Kamarupas sein unvergleichliches Linga namens Jalpisha.
77.2 Dort hatte Nandi Mahadeva, den Herrn der Welt, verehrt und mit unverändertem Körper die Herrschaft über die Scharen erlangt.
77.3 Dort liegt auch das große Wasserbecken Nandikunda, in dem Nandi einst nach Empfang seiner Gabe badete und das vorzügliche Wasser trank.
77.4 Wer dort badet und trinkt, gelange, am Ziel seines Tuns, in Haras Wohnstatt und zu Nandis großer Herrlichkeit.
77.5 Nahe dabei, nicht weit entfernt, wohnt die große Göttin Siddheshvari in Yoni-Gestalt, die weltgestaltige Mahamaya.
77.6 Der Dreiäugige zeigte sie dem hochgesinnten Bhairava. Dort hatte Nandi auf Weisung des Mondträgers Mahamaya
77.7 mit Lobgesängen und Verneigungen verehrt und die Herrschaft über die Scharen erlangt. Dort fließt auch der schöne, vorzügliche Fluss Suvarnamanasa.
77.8 Um Nandi zu begünstigen, war das Manasa genannte Gewässer auf Shambhus Weisung schon während seiner Askese dorthin gekommen.
77.9 Dort fließt ferner die heilvolle, im Himalaya entspringende Jatodbhava. Ein Bad in ihr verheißt dasselbe Verdienst wie ein Bad in der Ganga.
77.10 Bei Gauris Hochzeit hatten die Mütterscharen Bharga mit Wasser übergossen, das sich in seinen verfilzten Haaren sammelte.
77.11 Aus diesem Wasser entstand der Fluss Jatoda. Wer darin am achten Tag der hellen Hälfte des Monats Chaitra badet,
77.12 erlange volle Lebensdauer und Shivas Wohnstatt, bester Mensch. Die Ganga des Dvapara-Zeitalters ist der vorzügliche Fluss namens Trisrota,
77.13 im Himalaya entsprungen und aus der reinen Mondscheibe hervorgegangen. Wer an der großen Magha-Vollmondfeier darin badet, werde nicht wieder in einem Mutterschoß geboren.
77.14 Ein Bad bei Mond- oder Sonnenfinsternis verheiße vollkommene Befreiung. Der Fluss namens Sitaprabha wurde von Mahadeva herabgeführt.
77.15 Auch er entspringt im Himalaya und fließt hell zum südlichen Meer. Wer an Dashahara, dem zehnten Tag der hellen Monatshälfte,
77.16 darin badet, gelange von Verfehlung befreit in Vishnus Haus. Östlich davon liegt seit alters der Fluss Navatoya.
77.17 Weil er fortwährend erneuert und reinigt, heißt er „Neuwasser“, Navatoya; auch er entspringt im Himalaya.
77.18 Ein Bad an der großen Magha-Vollmondfeier verheiße göttlichen Zustand; tägliches Baden während des ganzen Monats Magha Vishnus Wohnstatt.
77.19 Der Herr dieser Flüsse heißt Agada. Er liegt östlich des heiligen Sitzes, ist heilig und aus Brahmas Fuß entstanden.
77.20 Auch er entspringt im Himalaya und wird von Göttern und Gandharvas aufgesucht. Wer darin badet und davon trinkt, gelange in Brahmas Haus.
77.21 Höre die verdienstvolle Frucht dessen, der den ganzen Monat Kartika im großen Fluss Agada badet:
77.22 Er genieße hier Gesundheit und höchstes Glück, gelange danach in Brahmas Haus und schließlich zur Befreiung.
77.23 Nach einem Bad im Nandikunda nehme man erst nachts Nahrung zu sich; am folgenden Tag gehe man zum Heiligtum Jalpishas.
77.24 Dort bade man im großen Fluss und verehre Jalpisha; nachts esse man Opferspeise und verbringe die Nacht in Selbstbeherrschung.
77.25 Am folgenden Tag gehe man zur heilvollen Siddheshvari, verehre sie und faste am achten Mondtag.
77.26 Die Göttin ist vierarmig, mit hohen vollen Brüsten, leuchtet wie eine Masse Zinnober und trägt Schneideklinge und Schädelschale.
77.27 Mit den übrigen Händen gewährt sie Furchtlosigkeit und Gnade; ihr Kopf ist mit verfilzten Haaren geschmückt, sie steht auf einem roten Lotus.
77.28 Ihr Mantra wird als fünfsilbig beschrieben, mit der hier verschlüsselt angegebenen Anfangs- und Endbildung. Für ihre Verehrung gilt die Ritualordnung Kamakhyas.
77.29 Wer dies standhaft vollzieht, werde nicht wieder in einem Mutterschoß geboren. Einst fürchteten Kshatriyas den Sohn Jamadagnis,
77.30 nahmen die äußere Erscheinung von Mlecchas an und suchten bei Jalpisha Zuflucht. Sie sprechen sowohl die als fremd bezeichnete Sprache als auch die Sprache der Aryas.
77.31 Sie dienen Jalpisha und bewachen diesen Hara. Diese Menschen bilden seine lieblichen Scharen, großer König.
77.32 Nachdem man sie alle erfreut hat, verehre man Jalpisha: zweiarmig, mit Gnaden- und Schutzgeste und weiß wie eine Kunda-Blüte.
77.33 Mit dem Tatpurusha-Mantra verehre man den höchsten Gott. So verdienstvoll ist der heilige Sitz des hochgesinnten Jalpisha; wer ihn so versteht, gelange zu Shankaras höchster Wohnstatt.
Kapitel 78
78.1 Markandeya sprach: Nachdem König Sagara dieses vortreffliche Gespräch zwischen Shankara und dem hochgesinnten Bhairava samt Vetala gehört hatte,
78.2 fragte er den weisen Aurva erneut, von Freude erfüllt, mit freundlichen und vortrefflichen Worten.
78.3 Sagara sprach: Wunderbar hast du, erhabener bester Weiser, die Lage und Gliederung des heiligen Bereichs Kamarupa beschrieben.
78.4 Ich möchte noch ausführlicher hören, Hochverständiger, wie sein nordwestlicher, mittlerer und östlicher Teil beschaffen sind.
78.5 Wo und in welcher Gestalt Mahadeva und Ambika jeweils gegenwärtig sind, das alles erzähle mir, Tiger unter den Weisen; ich wünsche es zu hören.
78.6 Aurva sprach: Den nordwestlichen Teil habe ich beschrieben, bester König. Höre jetzt die Bestimmung der südwestlichen, nördlichen und mittleren Bergbereiche.
78.7 Rechts vom Karatoya liegt der Fluss namens Bahurokta, der nach Norden fließt; östlich davon erstreckt sich Kamarupa.
78.8 Dort liegt ein Berg namens Surasa. Aus ihm entspringt die Bahuroka, die Rechtschaffenheit beziehungsweise den Segen des Stieres spendet.
78.9 Nahe Surasa befindet sich das Shiva-Linga Mahavrisha; dort wohnt auch die Göttin Maheshvari in der Gestalt eines Yoni-Mandalas.
78.10 Wer in der Bahuroka badet, den Surasa-Berg besteigt und Mahavrisha sowie die große Göttin Maheshvari verehrt,
78.11 werde von Verfehlung gereinigt, überwinde die Gegensätze und werde nicht wiedergeboren. Mahavrisha ist vierarmig, auf einem Stier sitzend, mit Gnaden- und Schutzgeste und Dreizack,
78.12 hell wie reiner Kristall und mit verfilzten Haaren. Seine Verehrung wird mit dem Aghora-Mantra vollzogen.
78.13 Maheshvaris Gestalt entspricht Kameshvari; ebenso ihre Verehrung und die dadurch verheißene Frucht.
78.14 Dort liegt das vom Weisen Vasishtha aufgesuchte Vasishtha-Becken. Als Naraka ihm den Weg versperrte,
78.15 konnte Vasishtha den blauen Berg nicht erreichen und verfluchte ihn. Für sein eigenes Bad schuf er dort das von Götterscharen verehrte Becken.
78.16 Ein Bad darin verheiße den Aufstieg in den Himmel nach Wunsch. Östlich von Surasa liegt der Berg namens Krittivasa.
78.17 Dort wohnte einst Krittivasas selbst mit Sati. Dort fließt die Chandrika, deren Bad den Himmel verheißt.
78.18 Wer am vierten Tag der hellen Hälfte des Monats Bhadra in der Chandrika badet und Krittivasas verehrt, werde makellos.
78.19 Wer den ganzen Monat Bhadrapada darin badet und Krittivasas schaut, gelange zum Herrn der Wesen.
78.20 Der vorzügliche Fluss Chandrika fließt stets nach Norden. Nicht weit östlich davon liegt der Fluss Phenila,
78.21 den Shatananda herabführte. Er gilt als Brahmas Tochter, als eine im Gebirge entsprungene Ganga.
78.22 Wer im Monat Phalguna am Tag von Brahmas Erwachen in der Phenila badet, überwinde die Hölle und gelange in den Himmel.
78.23 Weiter östlich liegt der nach Norden fließende Fluss Sita. Ein Bad an der großen Chaitra-Vollmondfeier verheißt die Frucht eines Ganga-Bades.
78.24 Zwei Yojanas weiter östlich fließt die Sumadana. König Janaka verehrte den Stierbannerträger
78.25 und führte sie zum Wohl Bhairavas vom Sutikshna-Berg herab. Wer den Sutikshna besteigt, im Wasser der Sumadana badet
78.26 und am vierten Tag der hellen Hälfte des Monats Magha Maheshvara verehrt, erlange alle Wünsche und Shivas Welt.
78.27 Diese Flüsse fließen im südwestlichen Kamarupa nach Norden, östlich des dortigen heiligen Sitzes, an dem Tripura verehrt wird.
78.28 Damit ist dir, König, der höchst verdienstvolle Südwesten Kamarupas beschrieben, wo Shambhu und Ambika stets gegenwärtig sind.
78.29 Höre nun der Reihe nach die im Himalaya entspringenden Flüsse, die nach Süden fließen, großer König.
78.30 Oberhalb des Agada liegt der große Fluss Bhadra. Ein Bad darin am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte des Monats Bhadra verheißt den Himmel.
78.31 Östlich davon liegt der hochheilige Fluss Subhadra; ein Bad am dritten Tag des Monats Vaishakha verheißt ebenfalls den Himmel.
78.32 Danach folgt die als besonders heilig geltende Manasa, die Trinabindu aus dem Manasa-See herabführte.
78.33 Wer den ganzen Monat Vaishakha darin badet, erlange zuerst Vishnus Welt und danach Befreiung.
78.34a Nahe dem Himalaya liegt der strahlende Berg Vibhrata. Auf ihm wohnt der Herr der Wesen stets in Bhairavas Gestalt.
78.34b Aus ihm entspringt östlich der Manasa die heilvolle Bhairavi mit heiligem Wasser; sie spendet Früchte wie die Ganga. [Die Vorlage wiederholt die Nummer 34 statt 35.]
78.36 Wer im Frühling darin badet, gelange in den Himmel; wer dort Kamakhya verehrt, erlange die ersehnte Erkenntnis.
78.37 Die Verehrung Mahamayas verheiße die doppelte Frucht. Oberhalb davon liegt der vorzügliche Götterfluss namens Varnasa,
78.38 im Himalaya entsprungen und stets fruchtspendend wie die Manasa. Die genannten Flüsse von Subhadra bis Varnasa
78.39 entspringen alle im Himalaya und werden hier als nach Norden fließend bezeichnet. [Dies widerspricht der Einleitung dieser Reihe.] Östlich der Madana und westlich des Brahma-Feldes
78.40 liegt das Sonnenfeld, in dem Aditya stets gegenwärtig ist. Zum Wohl Bhairavas weilen dort alle göttlichen Herren,
78.41 Brahma, Indra, Varuna und die übrigen, im großen heiligen Bereich Kamarupa. Auf dem Tattva genannten Berg befindet sich auch die erhabene Sonne.
78.42 Östlich davon liegt der Fluss Trisrota, westlich die beiden Wasserbecken Kapota und Karana.
78.43 Nach ordnungsgemäßem Bad im Kapota- und Karana-Becken besteige man den Tattva-Berg und verehre den Tagesmacher.
78.44 Schon einmaliges Vollziehen verheiße dem Menschen das Haus der Sonne. Die Badeformel lautet: „Aus den Sonnenstrahlen entstandener Nektar von Kapota und Karana,
78.45 als heiliges Wasser gepriesen, Kapota, nimm meine Verfehlung hinweg!“ Mit dieser Formel bade man im Kapota-Becken.
78.46 Danach berühre man das Wasser des Karana und verehre die Sonne auf dem Tattva-Berg. Der dreifache Brahma-Keim wird mit dem Wort „tausend“ am Ende
78.47 und „dem Strahlenden“ in der Dativform sowie der Feuer-Gattin als Abschluss verbunden. Dies heißt Adityas Gliedermantra und gilt als höchst wunscherfüllend.
78.48 Bhaskara sitzt auf einem Lotus, hält Lotusse und leuchtet wie das Innere einer Lotusblüte; er besitzt sieben Pferde und sieben Zügel und ist zweiarmig.
78.49 Sein Mandala ist rund und hat acht Lotusblätter. Die Einsetzungen an Daumen und übrigen Fingern sowie an den sechs Stellen vom Herzen an
78.50 geschehen mit dem Gliedermantra und der mit Feuer-Laut verbundenen vorletzten Keimsilbe. Dieser für alle Einsetzungen vorgesehene Mantra verheißt sämtliche Früchte.
78.51 Am Herzen, Kopf, Scheitel, Schutzpanzer, Augen, Mund, Bauch, Rücken, Armen, Händen, Unterschenkeln und Füßen
78.52 sowie an den Hüften werden sämtliche Mantrabuchstaben der Reihe nach eingesetzt. Die Verehrungsfolge wird vom hier als Rama bezeichneten Ausgangspunkt aus weitergeführt. [Die Richtungsangabe ist unklar.]
78.53 Die Verabschiedung erfolgt im Nordosten. Vidya und die weiteren Kräfte gehören zu den Blättern, Tattvachanda empfängt die verbliebenen Opfergaben; Mathara und die übrigen Begleiter stehen seitlich.
78.54 Die Keimsilbe des Uttara-Tantra wurde zuvor gelehrt. Wer auf dem Tattva-Berg nach dieser Ordnung verehrt,
78.55 erlange sämtliche Wünsche und freue sich in dieser Welt; am Ende gelange er glücklich in Bhaskaras Wohnstatt.
78.56 Nicht weit südlich der Sonne liegt der Shubha genannte Berg; auf seinem oberen Hang steht ein vorzügliches Shiva-Linga.
78.57 Große Affen umgeben es beständig, ziehen ringsum und bleiben dort, um Shankara zu dienen.
78.58 Wer in der Trisrota badet und Mahadeva auf dem Shubha-Berg schaut, erlange den ersehnten Wunsch.
78.59 Östlich davon fließen die heiligen Flüsse Sukumamalini und Kshiroda, beide nach Süden.
78.60 Auch ihre Wasser sind heilig und nektargleich, großer König. Wer darin badet, gelange in Shankaras Wohnstatt.
78.61 Noch weiter östlich liegt der göttliche Fluss Lila; ein Bad in diesem großen Fluss verheißt Shivas Welt.
78.62 Östlich davon entspringt die heilvolle Chandi, der große Fluss Chandika, aus dem schönen Dhavala-Berg.
78.63 Dort stehen zwei Shiva-Lingas, Goloka und Shringa, nicht weit voneinander entfernt, im Abstand eines Krosha.
78.64 Nach dem Bad in der Chandika besteige man Dhavaleshvara, blicke zum südlichen Meer und berühre das Goloka genannte Heiligtum.
78.65 Dann steige man wieder hinab und verehre Maheshvara als Shringin auf dem Bodensitz nach Shivas Verehrungsordnung.
78.66 Dadurch erlange man die Frucht eines Pferdeopfers, hier alle Wünsche und nach dem Tod den Zustand Shivas.
78.67 Alle zuletzt genannten Flüsse fließen nach Süden. Nordöstlich davon liegt der Berg Gandhamadana.
78.68 Dort befindet sich Shivas großes Linga namens Bhringa. Dieser vorzügliche Berg erstreckt sich bis an den Westen des heiligen Bereichs.
78.69 Er trägt den Brahma-Stein und die göttliche, mit Savitri verbundene Stätte. Am Ende des Gandhamadana liegen die beiden Fußspuren Bhringeshas. [Die erste Zeile ist beschädigt.]
78.70 Dort fließt Ganga-Wasser in das Antaralaka-Becken. Wer darin badet und sein Wasser trinkt,
78.71 danach die beiden im Stein sichtbaren Fußspuren Bhringeshas schaut und Mahabhringa verehrt, erlange die Herrschaft über die Scharen.
78.72 Die Formel lautet: „Aus Shambhus Füßen hervorgegangen, Offenbarung des Zwischenraums, verbinde mich mit den Füßen des Stierbannerträgers, großer Stier!“
78.73 Mit dieser Formel bade man im Antarala-Wasser und schaue danach den Gott Bhringa, der am Rand des Kubja-Sitzes wohnt.
78.74 Zwischen Manikuta und Gandhamadana fließt der Lauhitya, der aus Brahmas Feuer entstanden ist.
78.75 Südlich der Varnasa liegt der meeresgleiche Lauhitya; östlich befindet sich Manikuta, wo Hari als Hayagriva weilt.
78.76 Dort nahm Vishnu die Pferdehalsgestalt an, tötete den Dämon Jvara und den hier ebenfalls genannten Hayagriva und ließ sich zum göttlichen Spiel nieder. [Die Namensverknüpfung ist nicht eindeutig.]
78.77 Nachdem Vishnu Jvara getötet hatte, bezog er dort Wohnstatt zum Wohl von Menschen, Göttern, Asuras und den übrigen Wesen.
78.78 Da sein Körper vom Fieber bedrängt worden war, nahm er nach der Tötung des großen Fieberdämons zum Wohl aller Welten ein heilendes Bad.
78.79 Aus diesem Heilbad entstand ein großer See; Hayagriva selbst gab ihm den Namen Apunarbhava, „Keine Wiedergeburt“.
78.80 Weil ein Mensch nach einem Bad darin nicht wiedergeboren werde, wird der See Apunarbhava genannt.
78.81 Auf dem Manikuta-Berg ist Vishnu in Hayagrivas Gestalt gegenwärtig; der Ort wird mit einer Ausdehnung von hundert Armspannen beschrieben.
78.82 Östlich davon liegt der dreieckige Berg Bhadrakama; dort steht das Shiva-Linga namens Kalahaya.
78.83 Nahebei im Süden liegt das Apunarbhava-Becken. An dessen Ufer, auf dem Berg Bhadrakamada,
78.84 befindet sich ein Brahma verkörpernder Stein namens Haravithi. Dort weilt Mahadeva als Yogi, des Yoga kundig und in Meditation vertieft.
78.85 Wer ihn als Yogapraktizierender schaut, erlange nach dem Tod Befreiung. Auf demselben Stein befindet sich Shankara namens Gokarna,
78.86 der einst Gokarna, einen Freund Andhakas, tötete. Nordöstlich von Gokarna liegt Shambhu als Kedara.
78.87 Danach wird die Andhaka entsprechende, mit Kamala verbundene Gestalt genannt. Der Berg, auf dem Shambhu als Kedara wohnt, heißt Madana. [Der erste Halbvers ist beschädigt.]
78.88 Dort wird auch Kamala genannt, der die Wohnstatt des Höchsten verleiht. Nach dem Bad im Apunarbhava-Wasser schaue man Gokarna und den Yogi,
78.89 dann Kedara und Kamala; der Anblick Madhavas verheißt Befreiung. Nach dem Gott Madhava schaue man Kama.
78.90 Nachdem man Kama geschaut hat, blicke man von dort zum Apunarbhava. Wer diese Pilgerreise in der genannten Reihenfolge vollzieht,
78.91 erhebe sieben frühere und sieben spätere Generationen sowie sich selbst, insgesamt fünfzehn, und führe sie als vorzüglicher Mensch in den Himmel.
78.92 Die Badeformel lautet: „Aus Vishnus Stätte hervorgegangen, Herr, der Wiedergeburt aufhebt, nimm meine Verfehlung hinweg und führe zum Himmel, du großes Meer, das Bindung überwunden hat!“
78.93 Mit dieser Formel bade der Held im Apunarbhava. Hayagrivas Rituallehre wurde schon zuvor erläutert.
78.94 Höre nun, großer König, welche Gestalt man meditieren soll: weiß wie Kampfer und Kunda-Blüte, auf einem weißen Lotus sitzend,
78.95 vierarmig und mit Ohrringen und vielfältigem Schmuck versehen. Mit den beiden linken Händen zeigt er Gnade und Schutz,
78.96 in den anderen beiden hält er Buch und weißen Lotus. Seine Brust trägt Shrivatsa und Kaustubha; gelegentlich sitzt er auf Garuda.
78.97 Bei der Verehrung gilt die gesamte Ordnung des Uttara-Tantra. Vishvaksena empfängt bei der Verabschiedung Hayagrivas verbliebene Opfergaben.
78.98 Der Gott mit Garuda im Banner bleibt in einer Steinform verhüllt, spielt mit den Gandharvas und weilt zum Wohl der Welt dort.
78.99 Hayagrivas Mantra werde durch zweihunderttausend Wiederholungen vollendet; die vorbereitende Praxis umfasst Feueropfer mit Gerstenspeise, Milchreis und Butter.
78.100 Schon durch einmaliges Vollziehen dieser Vorbereitung erlange man hier das ersehnte Gelingen und danach Vishnus Welt, König der Könige.
78.101 Mit den Mantras der fünf Gesichter verehre der Zweimalgeborene stets die fünf Gestalten, Kama und die weiteren, entsprechend Tatpurusha und der zuvor genannten Reihe.
78.102 Kama entspricht Tatpurusha, der Yogi Ishana, Gokarna Aghora und Kedara Vamadeva.
78.103 Kamala entspricht Sadyojata; jede Gestalt wird mit ihrem Mantra verehrt. Der Berg heißt Kedara, die Shiva-Ganga Kalika.
78.104 Östlich von Hayagriva und westlich von Kedara liegen die Stätte Chayabhoga und die Stadt Bhogavati.
78.105 Wer aus Interesse vom Manikuta zum Apunarbhava geht, erlange die Frucht sämtlicher Pilgerreisen.
78.106 Wer im Monat Jyeshtha am achten oder fünfzehnten Tag der hellen Hälfte im Apunarbhava badet und Hari ordnungsgemäß schaut, erhebe seine ganze Familie und erlange Vereinigung mit Vishnu.
78.107 Wer den ganzen Monat Jyeshtha täglich Hari schaut, gehe gemeinsam mit sämtlichen Familienlinien in Hari ein.
78.108 Damit ist dir der höchste, heilige Manikuta beschrieben, den der Text über Varanasi stellt und den Siddhas und Vidyadharas verehren.
78.109 Ein Brahmane, der diese Beschreibung Manikutas liest oder hört, erlange die Frucht des gesamten Veda, so die abschließende Verheißung.
Kapitel 79
79.1 Aurva sprach: Weiter östlich liegt der Berg Darpana, großer König; dort wohnt Kubera stets mit den Hütern des Reichtums.
79.2 In seiner Mitte befindet sich der rotgestaltige Rohita. Eisen und andere Stoffe, die ihn berühren, werden nach der Überlieferung augenblicklich zu Gold.
79.3 Nicht weit davon fließt der ebenfalls Darpana genannte Fluss, im Himalaya entsprungen und in seinen Früchten dem Lauhitya gleich.
79.4 Als der Sohn Lauhitya geboren war, badete Hari ihn gemeinsam mit allen Götterscharen mit Wasser aus sämtlichen heiligen Badeorten.
79.5 Aus diesem Bad entstand der Fluss, der den Hochmut der Verfehlung zerbricht; deshalb gaben die Götter ihm einst den Namen Darpana.
79.6 Wer im vorzüglichen Fluss badet und am ersten Tag der hellen Hälfte des Monats Kartika Kubera auf dem Darpana-Berg verehrt,
79.7 erlange hier hundertfachen Wohlstand und danach Brahmas Wohnstatt. Östlich von Darpana liegt der Berg Agnimala.
79.8 Er ist schlangenförmig, siebenhundert Armspannen lang und halb so breit. Auf seinem oberen Bereich wohnt Agni im Feuerkreis.
79.9 Auf der schönen, zinnoberrot leuchtenden Steinfläche brennt noch heute beständig Feuer ohne Brennstoff.
79.10 Zum Wohl Bhairavas bei der Verehrung Kamakhyas hatte sich das Feuer selbst mit seinen Scharen schon früher dort niedergelassen.
79.11 Wer im Lauhitya badet, den Agnimala-Berg besteigt und Agni verehrt, freue sich in Vishnus Haus.
79.12 Vor Agnimala liegt das Varuna-Becken; an seinem Ufer steht der vorzügliche Berg namens Kamsakara.
79.13 Dort wohnt stets Varuna, der Herr des Wassers. Wer Prachetas dort ordnungsgemäß verehrt
79.14 und im Varuna-Becken badet, erlange Varunas Welt. Der erste Konsonant mit dem fünften Vokal,
79.15 verbunden mit Shambhus Mondschmuck und dem Punkt, heißt Kuberas Keimsilbe. Der siebte Laut nach „pa“, mit Punkt und Halbmond,
79.16 heißt Feuer-Keimsilbe; mit ihr verehre man Agni. Der fünfte Laut nach „ma“ mit Mond und Punkt wird als Varunas Keim bezeichnet.
79.17 Mit diesen Mantras verehre man die jeweiligen Götter beständig. Östlich von Varunas Berg liegt Vayukuta.
79.18 Er hat zwei Teile und trägt das Mandala mit der Wind-Keimsilbe. Dort befindet sich der zur Windwelt gehörende Mondkreis, aus dem der Wind hervortritt,
79.19 sich nach oben und unten ausbreitet und beständig weht, König. Wer dort den Windgott verehrt, erlange dessen Welt.
79.20 Östlich vom Windberg liegt Chandrakuta, dreieckig und mondgleich leuchtend, mit dem Mondkreis auf seiner Höhe.
79.21 Der erste Laut der zweiten Konsonantengruppe, mit Punkt geschmückt, heißt Mond-Keimsilbe; mit ihr verehre man den Mond.
79.22 Noch heute umkreist der Herr der Nacht bei jedem Neumond diesen Berg, begleitet von den zehn genannten Himmelswesen.
79.23 Östlich davon liegt der See Somakunda. Wer darin badet und davon trinkt, erlange vollkommene Befreiung.
79.24 Als der Mond aus dem Himmel herabstieg, um Kamakhya zu dienen, strömten aus seiner Strahlenfülle Wassermassen hervor.
79.25 Aus ihnen schuf Indra selbst zwischen den Stätten Indras und des Mondes, an einem hochheiligen Ort über dem Brahma-Stein, ein Becken.
79.26 Die Badeformel lautet: „Aus den Mondstrahlen entstandenes großes Wasser des Mondbeckens, welche innere Haltung ich auch mitbringe, nimm meine Unreinheit hinweg, Mond!
79.27 Du lässt Nektar strömen und schenkst Freude; nimm meine Unreinheit hinweg!“ Wer mit dieser Formel im Mondwasser badet,
79.28 Chandrakuta besteigt und den Mond verehrt, erlange eine ununterbrochene, schöne Nachkommenschaft.
79.29 Im Jenseits durchschreite er die Mondwelt und erreiche die höchste Stätte. Am Rand Chandrakutas liegt der Berg Nandana.
79.30 Dort wohnt Indra, Kamakhyas Dienst hingegeben. Der Herr aller Götter nimmt die fünf Gestalten an und bleibt dort, um der Herrin der Götter zu dienen. [Der Vers verwendet dafür auch den Namen Hari.]
79.30a Südlich des Chandrakuta liegt der Berg Janardana, und unterhalb davon im Süden der See Ashvakranta. [Die vier folgenden Abschnitte sind in der Vorlage mit a–d statt mit Zahlen bezeichnet.]
79.30b Im ganzen Weltall gebe es keinen gleichwertigen heiligen Badeort. Wer hier im Wasser oder auf dem Land stirbt, gelange zum ewigen Brahman.
79.30c Auf dem Janardana-Berg ist Vishnu in Schildkrötengestalt durch den Stein hervorgetreten und weilt dort, von Göttern und Gandharvas verehrt.
79.30d Wer im Ashvakranta-Wasser badet und Janardana verehrt, erhebe zehn Millionen Angehörige seiner Linie und werde selbst zum höchsten Menschen.
79.31 Bei jedem Neumond umkreist der Mond Chandrakuta und Nandana dreimal.
79.32 Nach dem Bad im Wasser Chandrakutas besteige man Nandana.
79.33 Wer dort Indra, den Herrn der Welt, verehrt, erlange große Frucht. Östlich von Nandana liegt der große Berg Bhasmakuta.
79.34 Er ist selbst Bhargas Gestalt, beständig friedvoll und erhaben. Südlich davon wohnt die Göttin, die den Nektar trägt,
79.35 bekannt als Urvashi, die Indra stets erfreut. Den Nektar, den die Götter früher als Nahrung
79.36 für Kamakhya dort niedergelegt hatten, bewahrt Urvashi selbst. Hara in Steinform umschließt ihre Stätte.
79.37 Von dieser Nektarmenge bringt sie täglich nach und nach etwas in Kamakhyas Yoni-Mandala.
79.38 Sie wohnt zwischen den Nektarsteinen im Urvashi-Becken. Zwischen Urvashi und Bhasmakuta liegt dieses stets umschlossene Becken,
79.39 zweiunddreißig Bogenmaße breit und fünfzig lang. Wer darin badet und davon trinkt, erlange Befreiung.
79.40 Von Kamakhyas Yoni aus begibt sich die Yogini stets nach Nordosten, tritt in Bhasmakuta und in Urvashis Stätte ein.
79.41 Durch Nektar gestärkt, erfreut sich die Göttin beständig; voller Freude genießt die große Göttin das Begehren.
79.42 Nordöstlich von Bhasmakuta liegt der große Berg Manikuta. Dort steht Haras Linga namens Manikarna.
79.43 Manikarna ist die Gestalt Sadyojatas; dieser Sadashiva wird mit dem Sadyojata-Mantra verehrt.
79.44 Nach dem Bad im Mondheiligtum schaue man den Mond mit Indra, dann Manikarneshvara; beim Gang zum Ascheberg wird Befreiung verheißen.
79.45 Der Mond wird weiß, weiß gekleidet, mit zehn Pferden und Goldschmuck dargestellt, zweiarmig, mit Keule und Gnadengeste.
79.46 Indra ist tausendäugig, hellfarbig und zweiarmig; er trägt Donnerkeil, Keule und Stachelhaken in den angegebenen Händen. [Die Zahl der Gegenstände übersteigt die genannte Handzahl.]
79.47 Er sitzt auf dem Elefanten Airavata, trägt einen Köcher mit Pfeilen und den Bogen an der Seite und dient Maheshvari.
79.48 Der auf „va“ folgende Laut mit Mondzeichen und Punkt heißt Indras Keimsilbe; mit ihr verehre man ihn.
79.49 Östlich von Manikuta fließt stets der schöne Fluss Sumangala, der aus dem Schneegebirge hervortritt.
79.50 Wer Manikuta besteigt und diesen Fluss schaut, erlange das Verdienst eines Ganga-Bades und danach den Himmel.
79.51 Östlich von Manikuta liegt der Hauptberg Matsyadhvaja. Dort hatte der durch Haras Augenfeuer verbrannte Liebesgott
79.52 durch Askese und Verehrung des Stierbannerträgers seinen Körper wiedergewonnen. Dort ist Kamadeva in Fischgestalt gegenwärtig,
79.53 auf der Bergfläche, ringsum auf die Erde blickend. Dort fließt der Fluss Shashvati nach Süden.
79.54 Auf dem Berg liegt auch der See Kamasaras. Wer ordnungsgemäß in der Shashvati badet und Wasser des Kamasaras trinkt,
79.55 werde rein und von Verfehlung befreit in Shivas Welt geehrt. Östlich von Gandhamadana liegt der Berg Sukranta.
79.56 An seinem Rand befindet sich das Vasava-Becken, die Nektarstätte Indras. Dort im Süden hatte einst Indra, Shachis Gemahl,
79.57 mit ermüdetem Körper innerhalb Kamarupas Nektar getrunken. Wer im Vasava-Becken badet und Sukanta besteigt,
79.58 werde Indra lieb und erlange dessen Welt. Östlich von Sukanta liegt der Berg Rakshahkuta.
79.59 Dort wohnt beständig Nirriti, der Herr der Rakshasas: großleibig, mit Schwert und in der linken Hand einem Schild,
79.60 mit hochgebundenem verfilztem Haar, groß wie ein schwarzer Berg, zweiarmig, schwarz gekleidet und auf einem Esel sitzend.
79.61 Letzter und vorletzter Laut, mit Punkt und Mondzeichen sowie dem bezeichneten Anfang verbunden, bilden Nirritis Keimsilbe; mit ihr werde er verehrt.
79.62 Wer Rakshahkuta besteigt und Nirriti sowie Chandika als Herrin der Rakshasas nach der Ordnung verehrt,
79.63 habe niemals Furcht vor Rakshasas, König. Rakshasas, Pishachas, Vetalas und Herren der Scharen
79.64 fürchteten sich beim Anblick dieses Menschen. Östlich von Rakshahkuta befindet sich Madhava, hier auch Bhairava genannt,
79.65 bekannt als Pandunatha und in Steinform gegenwärtig. Ihn verehre man beständig mit dem aus acht Silben bestehenden Mantra
79.66 und seiner zugehörigen Ordnung. Pandunatha-Hari ist rötlich hell und trägt Keule und Lotus,
79.67 in den rechten Händen Diskus und Speer. Er ist vierarmig, steht auf einem roten Lotus und trägt eine leuchtende Krone,
79.68 reine Ohrringe und das Shrivatsa-Zeichen auf der Brust. Mit „namo nārāyaṇāya“ oder Haris Grundkeimsilbe
79.69 verehre man ihn zur Verwirklichung der vier Lebensziele. Nördlich von Pandunatha liegt der See Brahmakuta.
79.70 Brahma schuf ihn einst zum Bad der Himmelsbewohner; er ist hundert Armspannen lang und halb so breit,
79.71 alle Verfehlung tilgend, heilig und aus der Götterwelt gekommen. Die Formel lautet: „Aus dem Wassergefäß entstanden, nektarströmendes Brahma-Becken,
79.72 nimm alle meine Verfehlungen hinweg und schenke Verdienst und Himmel!“ Wer mit dieser Formel im See badet
79.73 und Pandunatha verehrt, erlange Vereinigung mit Vishnu. Wer im Brahma-Becken badet und Umas Gemahl verehrt,
79.74 dann Vayukuta besteigt, erlange Befreiung. Östlich von Pandunatha liegt der Berg Chitrahara als Haris Stätte,
79.75 wo Vishnu stets in Ebergestalt spielt. Danach folgt Nilakuta, Kamakhyas höchster Wohnsitz.
79.76 In dessen östlichem Teil wohnt Brahma auf dem Brahma-Berg. Östlich davon befindet sich auf dem Bodensitz
79.77 Kamakhyas Nabelkreis, eine schöne Vertiefung mit heilvollem Wirbel. Dort spielt die höchste Herrin in Ugrataras Gestalt.
79.78 In dieser Gestalt soll die Heilvolle dort verehrt werden. Ihre Keimsilbe wurde zuvor im Uttara-Tantra gelehrt.
79.79 Höre ihre stets zu meditierende Gestalt, bester Mensch: schwarz, mit herabhängendem Bauch, hochgewachsen, mit auseinanderstehenden roten Zähnen,
79.80 vierarmig und schlankgliedrig. Rechts hält sie Schneideklinge und Schädelschale, links Schwert und blauen Lotus; auf dem Kopf trägt sie einen einzigen Haarknoten.
79.81 Den linken Fuß setzt sie auf die Schenkel eines Leichnams, den rechten auf dessen Herz und lacht laut auf.
79.82 Schlangenketten und eine Kopf-Girlande schmücken die höchste Wunscherfüllerin. Ihr Mandala ist dreieckig, mit „huṁ“ als mittlerer Keimsilbe.
79.83 Die Namen ihrer Torherren und Yoginis sind aus ihrer Rituallehre zu entnehmen, wie sie im Zusammenhang des linken Weges genannt wurde, Tiger unter den Menschen.
79.84 Wer ordnungsgemäß in Urvashis Wasser badet, den Pandu-Stein berührt und Nilakuta besteigt, werde nicht wiedergeboren.
79.85 Die Badeformel lautet: „Aus Indras Stadt gekommen, in deiner Frucht größer als Varanasi, Urvashi, nimm durch deine nektarvermischten Wasser meine Verfehlung hinweg!
79.86 Nektarströmende Göttin, von Nektarfluten erfüllt, gib mir heute durch Nektar Unsterblichkeit, meine Urvashi!
79.87 Indra liebe Göttin, stets Varanasi übertreffend, mit dem Lauhitya-See verbunden, nimm meine Verfehlung hinweg, Urvashi!“
79.88 Wer mit diesen Lobformeln in Urvashis heiligem Wasser badet, werde von allen Verfehlungen befreit und bewege sich in Vishnus Welt.
79.89 Urvashi wird zweiarmig beschrieben, mit goldenen Armringen und einem goldenen Gefäß, aus dem sie Nektar ausgießt,
79.90 weiß gekleidet, hellfarbig, mit hohen vollen Brüsten, in allen Gliedern schön, rein und mit sämtlichem Schmuck versehen.
79.91 Der Anfangslaut ihres Namens gilt als ihr Mantra; auch die Rituallehre Umas enthält den für sie gelehrten Mantra.
79.92 Am östlichen Tor von Kamakhyas Berg steht Ganesha; am selben Tor befindet sich auch der anziehende Agnivetala.
79.93 Ihre Gestalten und Mantras werde ich dir so erzählen, wie Shambhu sie einst lehrte. Höre zu, großer König.
79.94 „oṃ nama ulkāmukhāya“ – „Om, Verehrung dem Flammenmund“ –, mit der Grundkeimsilbe und den weiteren Bestandteilen verbunden, gilt als Mantra des am Tor stehenden Siddhaganesha.
79.95 Seine Gestalt beschreibe ich nun: elefantengesichtig, dreiäugig, mit großem Bauch und vier Armen, eine Schlange als heilige Schnur tragend,
79.96 mit Ohren wie Worfelkörbe, großen Wangen, einem Stoßzahn und breitem Leib. In den rechten Händen trägt er Stab und Lotus,
79.97 links eine süße Kugel und eine Axt. Seine Größe scheint den Himmel zu füllen; Schultern, Füße und Hände sind kräftig.
79.98 Er ist von Buddhi und Kubuddhi begleitet, unter ihm befindet sich eine Maus. Für seine Verehrung gilt dieselbe Rituallehre
79.99 wie bei dem Fünfgesichtigen, mit denselben Vorschriften und Verboten. Agnivetala dagegen ist zweiarmig, breitgesichtig, rotäugig und furchtbar.
79.100 Rechts hält er ein Messer, links ein Blutgefäß. Sein Gesicht ist durch Hauer schrecklich, sein Körper mager und von Adern durchzogen.
79.101 Er trägt langes verfilztes Haar und stößt schreckliche Rufe aus. Der vierte Laut der „pa“-Gruppe, mit Feuerlaut und sechstem Vokal verbunden,
79.102 ist Agnivetalas Keimsilbe, die überall Furcht vernichten soll. Agnivetala werde als Abwehr aller Furcht verehrt.
79.103 Wer ihn verehrt, habe keine Furcht vor Bhutas und ähnlichen Wesen. Nun folgen die Mantras der acht Yoginis, König.
79.104 Ihre Mantras, beginnend mit Shailaputri, entsprechen den zuvor genannten acht Silben des Vaishnavi-Tantra.
79.105 Auch Shailaputris Gliedermantra wurde zuvor gelehrt, ebenso die besonderen Gestalten der Yoginis, Tiger unter den Menschen.
79.106 Diese Yoginis werden mit der jeweiligen einzelnen Keimsilbe, mit dem Durga-Tantra-Mantra oder der Augen-Keimsilbe verehrt, bester König.
79.107 Katyayani als Pada-Durga verehre man mit dem Durga-Tantra-Mantra; ihre Gestalt und Verehrung wurden bereits erläutert.
79.108 Kalaratri werde mit ihrem eigenen Mantra verehrt; ihre Gestalt und ihr Mantra wurden zuvor beschrieben.
79.109 Bhuvaneshvari verehre man mit den Mantras von Mahamayas Rituallehre. Alle diese Yoginis verleihen nach dem Text Früchte wie Kamakhya.
79.110 Wo keine besondere Gestalt, Rituallehre oder Verehrungsform angegeben wurde, soll der Durga-Tantra-Mantra verwendet werden.
79.111 Wer jede Yogini einzeln verehrt, erlange die Frucht sämtlicher Opfer, bester Mensch.
79.112 Die Gestalt des blauen Berges wurde zuvor beschrieben. Östlich vom Nabelkreis und südlich von Bhasmakuta,
79.113 im östlichen Bereich, liegt der Berg Karpata, der Yamas Gestalt trägt. Dort befindet sich ein schwarzer Yama-Stein, leuchtend wie dunkle Augenschminke,
79.114 auf der Bergfläche, fünf Armspannen breit, König. Dort verehre man den Todesherrn, der stets den Stab in der Hand hält,
79.115 das Werkzeug zur Bestrafung der Lebewesen. Er ist schwarz, zweiarmig und trägt eine leuchtende Krone.
79.116 In der linken Hand hält er ein kurzes Schwert; er trägt schwarze Kleidung, hat kräftige Füße und hervorstehende Zähne.
79.117 Auf einem Büffel reitend, schenkt er Menschen Furcht und Furchtlosigkeit. Der Übende verehre ihn mit höchster Hingabe und Yamas Keimsilbe.
79.118 Der Anfangslaut der vorletzten Gruppe, mit Punkt und Mondzeichen verbunden, heißt Yamas Keimsilbe und erfreut ihn.
79.119 Wer mit diesem Mantra den Todesherrn auf dem vorzüglichen Karpata-Berg verehrt, erleide keinen vorzeitigen Tod.
79.120 Östlich vom Karpata liegt der Chitra genannte Berg, am östlichen Rand im südöstlichen Bereich.
79.121 Sein heiliger Sitz ist der Brahma-Stein, der zuvor als Berg bezeichnet wurde. Auf ihm wohnen beständig die neun Planetenmächte nach ihrem Willen.
79.122 Wer sie dort verehrt, erfahre nirgends Unheil. Sonne und Mond samt ihren Gestalten und Mantras wurden bereits erklärt.
79.123 Höre die Mantras und Gestalten der übrigen sieben. Mars ist rot gekleidet, trägt Dreizack, Speer und Keule,
79.124 ist vierarmig, fährt auf einem Widder und zeigt die Gnadengeste. Merkur trägt gelbe Kleidung, gelbe Kränze und Salbe; auch ein Dreizack wird ihm zugeordnet.
79.125 Mit Schwert, Schild, Keule und Gnadengeste sitzt Merkur auf einem Löwen. Jupiter ist goldhell, gelb gekleidet und sitzt auf einem goldenen Ruhebett.
79.126 Er trägt Gebetskette, Wassergefäß und Stab und zeigt links die Gnadengeste. Vierarmig und allwissend soll man den Götterlehrer meditieren,
79.127 lieblich und stets von allen Götterscharen verehrt. Der Lehrer der Daityas ist weiß gekleidet, weißfarbig und sitzt auf dem Elefanten Shankha.
79.128 Er ist vierarmig und trägt in den rechts und links angeordneten Händen Schlinge, Gebetskette, Buch sowie Gnaden- und Schutzgeste. [Die Aufzählung ist mit der Handzahl nicht eindeutig vereinbar.]
79.129 Der Sohn der Sonne, Saturn, wird saphirblau, mit Dreizack, Gnadengeste, Schlinge und Bogen, auf einem Geier reitend meditiert.
79.130 Kamadevas Keimsilbe wird als Mantra des Mars gelehrt. Der mittlere günstige Bestandteil von Durgas Augen-Keimsilbe
79.131 ist der alle Wünsche erfüllende Mantra des Mondsohnes Merkur. Für Jupiter werden „aṁ“ und der Anfang der fünften Gruppe, mit viertem und sechstem Vokal verbunden,
79.132 und Ganeshas Keim als Abschluss genannt; die beiden vorangehenden Laute erhalten Punkt und Mondzeichen.
79.133 Für die nächste Formel werden „ma“ mit dem siebten Vokal und der Anfangslaut der letzten Gruppe mit Punkt und Mondzeichen verbunden.
79.134 Dies bildet Venus’ Keimsilbe, welche die Erfüllung aller Wünsche verheißt. Der Anfangslaut der letzten Gruppe mit Mondzeichen und Punkt,
79.135 versehen mit dem Vokal des ersten Mantras und den genannten weiteren Bestandteilen, bildet Saturns alle Mängel tilgenden Mantra. [Die Lautanordnung ist verkürzt.]
79.136 Oder der Anfangslaut des jeweiligen Namens, mit Punkt und Mondzeichen verbunden, gilt als Gliedermantra jeder Planetenmacht.
79.137 Bei befriedenden und stärkenden Riten verehre der besonnene, verständige und nach Gedeihen strebende Mensch diese Planetenmächte mit ihren Mantras.
79.138 Rahu wird schwarz, auf einem Löwenthron sitzend, mit Schutz- und Gnadengeste sowie Schwert und Schild beschrieben.
79.139 Ketu ist rauchfarben, großäugig, schweifförmig und vierarmig; er hält Schwert, Schild, Keule und Pfeil und sitzt auf einem Leichnam.
79.140 Der Anfang der vorletzten Gruppe mit dem zwölften Vokal und der vorletzte Laut mit dem fünften Vokal, beide mit Mondzeichen und Punkt,
79.141 bilden vorwärts gelesen Rahus Mantra, rückwärts Ketus. Oder man verwende wie zuvor den mit den Mantrazeichen versehenen Anfangslaut ihres Namens.
79.142 Wer so auf dem vorzüglichen Chitra-Berg die neun Planetenmächte verehrt, erlange seine Wünsche und höchsten Frieden.
79.143 Östlich vom Chitrakuta liegt der vorzügliche Kajjala-Berg. Auf ihm wohnen Vidyadharas und alle weiteren Arten göttlicher Wesen.
79.144 Wer ihn besteigt und sich vor sämtlichen Göttern verneigt, erlange hier unvergleichlichen Wohlstand und danach den Himmel, bester Mensch.
79.145 Östlich von Kajjala liegt der Shubha-Berg, auf dem Indra, der Götterherr, einst mit Shachi spielte.
79.146 Östlich davon fließt die große göttliche Kapilagangika. Ein Bad in ihr verheißt die Frucht eines Ganga-Bades.
79.147 Östlich von Kamakhyas Wohnsitz, im südlichen Bereich, liegt ein gewaltiger Erdwirbel, die große Brahma-Höhlung,
79.148 von fünfundzwanzig Yojanas Ausmaß, Herr der Menschen. Aus ihr tritt der schöne Fluss mit klarem, weißem Wasser hervor.
79.149 Die Götter nennen Brahma „Ka“; weil der Fluss aus seiner Höhlung, „bila“, strömt und Früchte wie die Ganga verleiht, heißt er Kapilagangika.
79.150 Wer in der Kapilaganga badet, verweile über alle Manu-Zeitalter im Himmel und gelange danach in Brahmas Welt.
79.151 Jenseits dieses Flusses, weiter östlich, liegt die Damanika mit sehr dunklem Wasser, die Verfehlung bändigt.
79.152 Noch weiter östlich liegt der vorzügliche Fluss Vriddha, der Früchte wie die Ganga verleiht.
79.153 Wer den ganzen Monat Magha darin badet, erlange Befreiung; ebenso verheiße die Damanika höchste Erlösung.
79.154 Östlich davon fließt der große göttliche Fluss Divyayamuna, der Früchte wie die Yamuna verleiht.
79.155 Er entspringt im südlichen Gebirge und fließt zum südlichen Meer. Ein Bad während des Monats Kartika verheißt Befreiung,
79.156 und hier vorzügliche, dem eigenen Glück entsprechende Genüsse. Inmitten dieses Bereichs befindet sich der Gott Bhairava, aus Bhargas Vereinigung hervorgegangen,
79.157 im Tal des vorzüglichen Durjaya-Berges. Er ist der überaus furchtbare mittlere Teil der Sharabha-Gestalt.
79.158 Derselbe heißt hier Bhairava. Wer ihn verständig mit den Mantras des Fünfgesichtigen verehrt, erlange Shivas Welt.
79.159 Für die Verehrung auf dem vorzüglichen Durjaya-Berg gilt die bei der Beschreibung Nilas gelehrte Verehrung Kameshvaras.
79.160 Dort liegen die Bhairava-Ganga und der Bhairava-See. Wer in beiden badet, gelange in Shivas ewige Welt.
79.161 Östlich von Durjaya liegt der vorzügliche Sitz namens Pura; südlich davon der große Berg Kshobhaka.
79.162 Auf dessen Steinfläche wohnt die rote Göttin namens Panchapushkarini, die fünf Yoni-Gestalten besitzt.
79.163 Mit diesen fünf Durga-Yonis verehrt sie den Fünfgesichtigen; die Himalaya-Tochter weilt dort stets, um mit ihm zu spielen.
79.164 Östlich dieses Berges fließt die große Kanta, zunächst nach Norden, schließlich zum südlichen Meer.
79.165 Im Tal liegt das große göttliche Wasserbecken. Nach dem Bad darin verehre man die Göttin.
79.166 Wer im göttlichen Becken badet und die heilvolle Panchapushkarini verehrt, werde nicht wieder in einem Mutterschoß geboren.
79.167 Weil fünf Yoni-Becken dort beieinanderliegen, gilt sie als fünfgestaltig und heißt Panchapushkarini.
79.168 Wie die hier genannten Bakula-Blüten erscheinen diese fünf Yonis; die fünf mächtigen Göttinnen der Becken verleihen alle Wünsche. [Der Pflanzenvergleich ist textlich unsicher.]
79.169 Die vorzüglichen Übenden verehren sie nach Tripuras Rituallehre oder mit Kameshvaris Ritualmantras.
79.170 Als ihr Mantra wird derjenige der jungen Tripura oder Kameshvaris Mantra für die Verehrung angegeben.
79.171 Ihre fünf Yoginis heißen Ugrachanda, Prachanda, Chandogra, Chandanayika und Chanda.
79.172 Dort befindet sich auf einem Stein auch das Shiva-Linga namens Heruka. Südöstlich von der Göttin verehre man ihn als ihren Herrn.
79.173 Seine Verehrung mit Bhairavas Mantra verheiße den Himmel. Die Empfängerin der verbliebenen Opfergaben heißt Chandagauri.
79.174 So hat Bharga es früher für diese Göttin erklärt, Tiger unter den Menschen. Wer im Frühling im Wasser der Kanta badet,
79.175 werde schön und tugendhaft und gelange in Shivas Welt. Nordöstlich des großen Kshobhaka liegt der vorzügliche Berg
79.176 namens Tunga-Sandhyachala, wo Vasishtha einst verfluchte. Durch den Fluch des königlichen Sehers Nimi wurde Brahmas Sohn
79.177 Vasishtha körperlos, und durch seinen Gegenfluch ebenso Nimi. Auf Brahmas Weisung übte Vasishtha dann im einsamen Kamarupa
79.178 auf dem Sandhyachala Askese. Vishnu erschien ihm unmittelbar; durch dessen Gabe konnte der große Weise
79.179 Nektar herabführen und am Berghang ein Becken schaffen. Nachdem er darin gebadet und davon getrunken hatte, erhielt er einen vollständigen Körper zurück.
79.180 Aus diesem Nektarbecken entspringt der vorzügliche Fluss Sandhya. Ein Bad darin verheißt langes Leben und Gesundheit.
79.181 Östlich davon fließt die schöne Lalita, die Mahadeva einst aus dem südlichen Meer herabgeführt hatte.
79.182 Wer am dritten Tag der hellen Hälfte des Monats Vaishakha in der Lalita badet, gelange in Shambhus Haus.
79.183 Am östlichen Ufer der Lalita liegt der Berg Bhagavan. Dort ist der erhabene Hari, Vishnu selbst, in Linga-Gestalt gegenwärtig.
79.184 Wer am zwölften Tag der hellen Monatshälfte in der Lalita badet, Bhagavan besteigt und den höchsten Herrn verehrt,
79.185 gelange mit strahlendem Körper in Vishnus Haus. Alle zuvor genannten Flüsse fließen zunächst nach Norden
79.186 und wenden sich schließlich, der Ganga gleich, zum südlichen Meer. Wer zuerst Kamakhya schaut, in Urvashis Wasser badet und dann die Bäder in diesen Flüssen vollzieht, erlange Befreiung.
Kapitel 80
80.1 Aurva sprach: Östlich der bereits erwähnten Shashvati am Matsyadhvaja-Berg liegt der Fluss Dipavati.
80.2 Auch er entspringt im Himalaya und zerschneidet die Dunkelheit wie eine Lampe; darum heißt er bei Göttern und Menschen Dipavati, „die Leuchtende“.
80.3 Östlich der Dipavati liegt der Berg Shringata, auf dem ein Linga des Gottes Bharga gegründet ist.
80.4 An Shringatakas Fuß fließt beständig die vollkommene Trisrota zum südlichen Meer.
80.5a Sie erfreut Bharga. Wer in ihrem Wasser badet, bester Mensch,
80.6 Shringataka besteigt und Shankara im Linga verehrt, erlange einen strahlenden Körper, Reinheit und unvergleichliche Wünsche.
80.7 Am Ende gelange er in Bhargas Haus und danach zur Befreiung. Hara ist dort zweiarmig, auf einem Stier reitend,
80.8 und spielt mit Uma. Mit Vamadevas Mantras und Ritualordnung verehre man den Gott, mit Umas Mantra Chandika.
80.9 Östlich davon liegt der Fluss Vriddhavedika; ein Bad in ihm verleihe die Frucht eines Bades in der Vedika.
80.10 Danach folgt der große Fluss Bhattarika, im Schneegebirge entsprungen und stets freudig von Götterscharen aufgesucht.
80.11 Wer an den vier als Beginn eines Zeitalters geltenden Tagen darin badet, erlange die höchste Stätte, Vishnus höchsten Aufenthaltsort.
80.12 Auf dem Nataka-Berg liegt ein dem Manasa gleicher See, in dem Hara beständig mit der Bergestochter Wasserspiele treibt,
80.13 geschmückt mit goldenen Lotusblüten, Tiger unter den Menschen. Aus seinem westlichen, mittleren und östlichen Bereich treten drei Flüsse hervor,
80.14 die zum südlichen Meer fließen. Der westliche heißt Dikkarika.
80.15 Weil er aus einer von den Richtungselefanten geschlagenen Öffnung entstand, heißt er Dikkarika. Den aus der Mitte kommenden führte Shankara herab.
80.16 Er heißt Vriddhaganga und verleiht Früchte wie die Ganga. Der aus dem östlichen Bereich des vorzüglichen Berges kommende Fluss
80.17 heißt Suvarnashri, „Goldene Herrlichkeit“, und gleicht der Ganga in seiner Frucht. Von Parvatis Körper lösten sich beim Bad im See
80.18 Goldteilchen, die seine Wasser mit sich führen. Shambhu hatte sie beim Spiel auf ihrem Körper verteilt.
80.19 Auch die an ihr haftenden Sandelpunkte lösen sich von Umas Körper und fließen mit dem Wasser fort.
80.20 Darum heißt der alles übertreffende Fluss auch Svarnavaha, „Goldträger“. Wer im Monat Chaitra in diesen Flüssen badet,
80.21 besonders am vierzehnten Tag der dunklen Hälfte zu den drei Tageszeiten, verweile lange im Haus der Göttin und gelange danach in Brahmas Haus.
80.22 Kehrt er später zur Erde zurück, werde er Weltherrscher. Im Bereich der Vriddhaganga, am Ufer des Brahmasohnes,
80.23 befinden sich der Gott Vishvanatha als Shiva-Linga und die große Göttin Vishvadevi in Yoni-Mandala-Gestalt.
80.24 Dort kämpfte der Herr der Welt mit Hayagriva; nachdem er ihn getötet hatte, begab er sich einst nach Manikuta.
80.25 Wer dort Durga als Sharada mit ihren Ritualmantras verehrt, den Garuda-Bannerträger mit Hayagrivas Mantra und Ritualordnung,
80.26 und Shankara mit Kameshvaras Ritual und Mantra, in höchster Hingabe und nach Fasten am zwölften Tag,
80.27 am achten und vierzehnten Tag, dem wird folgende Frucht verheißen: Er verweile dreißig Millionen Weltzeitalter in Shivas Haus,
80.28 ebenso lange in Haris Haus und im Haus der Göttin; danach werde er auf Erden ein vedakundiger Brahmane.
80.29 Östlich der Svarnashri liegt der heilvolle Fluss Kama, östlich der Kama die Omashana.
80.30 Östlich der Omashana liegt der Fluss Vrishodaka. Weiter östlich befindet sich der heilige Sitz Kamarupas, wo die Mutter der Welten
80.31 als weltgestaltige Mahamaya, die Göttin Dikkaravasini, wohnt. Alle zuletzt genannten Flüsse fließen nach Süden.
80.32 Wer darin badet und davon trinkt, erlange die Himmelswelt. Am Rand von Dikkaravasinis Bereich fließt stets ein himmlischer Fluss,
80.33 in der Welt Sitaganga genannt, der unmittelbar die Frucht der Ganga verleiht. Die Göttin Dikkaravasini ist dort im Bodensitz gegenwärtig;
80.34 vom Wasser umspült, erscheint sie den Göttern sichtbar. Wer im Sitaganga-Wasser badet, Shambhu, Hari und Brahma schaut
80.35 und die Lalitakanta genannte Göttin verehrt, werde nicht wiedergeboren. Shambhu selbst ist dort in Linga-Gestalt gegenwärtig,
80.36 Vishnu in Steinform und Brahma ebenfalls in Linga-Gestalt. Die Göttin Shiva spielt an Dikkaravasinis Sitz in zwei Formen.
80.37 Die eine heißt Tikshnakanta und wird als Ugratara bezeichnet; die andere heißt Lalitakanta und ist die erhabene Mangalachandika.
80.38 Tikshnakantas Gestalt ist stets die schwarze, großbäuchige Heilvolle mit dem einen Haarknoten, König.
80.39 In dieser Gestalt soll die Göttin verehrt werden; ihr Gliedermantra und ihre Erscheinung wurden zuvor beschrieben.
80.40 Ihr Mandala wird mit Mantra dreieckig angelegt. Die Formel beginnt mit „rekhe“, danach folgt „surekhe“
80.41 und anschließend die im Text als „adhigamya“ und „tiṣṭhantivati“ überlieferte Wortfolge. Dies heißt der Mandala-Mantra Tikshnas. [Der Wortlaut ist beschädigt.]
80.42 Als Torhüter werden Nara, Tripura, Deva, Yama, Vetala, Durdhara und die textlich unsicher überlieferten Schlussnamen genannt.
80.43 Sie werden in den acht Richtungen des Mandalas verehrt. Auf die jeweilige Anrede folgt „vajrapuṣpa“, die Diamantblume,
80.44 und danach die Feuer-Gattin als Abschluss. Dies ist ihr Mantra. Für Gefäße, Geräte, Ort und die übrigen Vorbereitungen
80.45 gilt bei beiden Gestalten die gesamte im Uttara-Tantra beschriebene Ordnung. Chamunda, Karala, Subhaga, Bhishana, Bhaga
80.46 und Vikata sind ihre sechs Yoginis. Die Gayatri beginnt: „Erhabene Ekajata, wir erkennen dich“;
80.47 dann: „Über dich mit den gewaltigen Hauern meditieren wir; mögest du, Tara, uns anregen!“ Dies ist die Tikshna-Gayatri der Sitzgöttin.
80.48 Ihre Empfängerin der verbliebenen Gaben ist Vikatachandika. Als Gebetskette werden Tonperlen oder Rudraksha-Samen genannt.
80.49 Dies sind die Besonderheiten ihrer Verehrung. Ehrendienste, Opfergaben, Mantrawiederholung und weitere Verrichtungen
80.50 entsprechen der zuvor beschriebenen Kamakhya-Verehrung. Unter Getränken wird Wein, unter den historischen Opfergaben ein Mensch hervorgehoben, König.
80.51 Süße Kugeln, Kokosnuss, Fleischzubereitungen und Zuckerrohrprodukte werden als Tikshna liebe Speisegaben genannt.
80.52 Die Lalitakanta genannte Göttin Mangalachandika dagegen ist zweiarmig, hellfarbig und zeigt Gnaden- und Schutzgeste.
80.53 Sie sitzt auf einem roten Lotus, trägt eine leuchtende Krone und rote Seide; ihr schönes Gesicht lächelt.
80.54 Sie ist jugendlich, von schönen Gliedern und anmutigem Glanz. Der früher für Uma gelehrte einsilbige Mantra
80.55 gilt auch für sie; mit ihm verehre man die Göttin. Ihre Gayatri beginnt: „Wir erkennen dich als Narayani; über Chandika meditieren wir“;
80.56 dann folgt: „Möge Lalitakanta uns anregen!“ Dies ist die Lalita-Gayatri für die Verehrung der Göttin.
80.57 Ihr liebster Wochentag ist der Tag des Mars, ihre bevorzugte Jahreszeit der Frühling und ihr Ton der fünfte.
80.58 Am achten und neunten Mondtag soll sie zur Entfaltung ihres Segens verehrt werden. Die Empfängerin ihrer verbliebenen Gaben heißt Lalitachandika.
80.59 Ungebrochener Reis mit Durva-Sprossen erfreut sie besonders. Dies wird als Besonderheit ihrer Verehrung genannt.
80.60 Die Verehrungsordnung des Vaishnavi-Tantra ist anzuwenden; Ehrendienste und Opfergaben folgen der zuvor für die große Göttin Mahamaya
80.61 beschriebenen Reihenfolge. Auch eigenes Blut wird in dieser historischen Vorschrift als zum eigenen Wohl bestimmte Gabe genannt.
80.62 Wer die heilvolle Mangalachandika auf einem Bildtuch, als Bildgestalt oder in einem Gefäß dienstags mit schönen Durva-Sprossen verehrt,
80.63 erlange bei beständiger Übung den ersehnten Wunsch. Damit ist Dikkaravasinis Verehrungsordnung erklärt.
80.64 Wer sie aufmerksam hört, erfahre kein Unheil. Dikkara wird als Bezeichnung Arunas und auch Shambhus erklärt.
80.65 Weil die Göttin in ihm wohnt, heißt sie Dikkaravasini. In den drei Welten gibt es keine andere Schöne, die ihr gleichkäme.
80.66 Darum heißt die anmutige Göttin Lalitakantika. Für Shankara gilt die zuvor gelehrte Verehrungsordnung.
80.67 Höre nun aufmerksam Brahmas Verehrungsordnung, König. Seine Keimsilbe wurde zuvor genannt; sie wird überall als Mantra verwendet.
80.68 Wer ihn damit verehrt, erlange höchste Befreiung. Höre auch seinen Gliedermantra und seine Gestalt,
80.69 wie Bharga sie Vetala und Bhairava erklärte, König: Der dritte der bezeichneten Laute wird mit Feuerlaut und Endvokal verbunden,
80.70 dazu Mondzeichen und Punkt; dies heißt Brahmas Mantra. Wer Brahma damit verehrt,
80.71 erlange seinen Wunsch und erfreue sich in Brahmas Welten. Brahma trägt ein Wassergefäß, besitzt vier Gesichter und vier Arme.
80.72 Er sitzt bisweilen auf einem roten Lotus, bisweilen auf einem Schwan; sein Körper ist rötlich hell, groß und hochgewachsen.
80.73 Links oben hält er das Wassergefäß, rechts oben den großen Opferlöffel, rechts unten die Gebetskette und links unten den kleinen Opferlöffel.
80.74 Zu seiner Linken steht die Butterschale, vor ihm alle Götter; Savitri steht links, Sarasvati rechts.
80.5b Alle Seher stehen vor ihm: So soll man ihn meditieren. Sein Mandala ist viereckig, mit vier Toren und acht Lotusblättern. [Die Vorlage zählt diesen Vers als 5 statt 75.]
80.76 An den vier Ecken stehen Gebetskette, Wassergefäß sowie die beiden Opferlöffel. Reinigung und alle weiteren Vorbereitungen
80.77 entsprechen dem Uttara-Tantra; am Yoga-Sitz werden die tragende Kraft und sämtliche weiteren dort genannten Wesenheiten verehrt.
80.78 Auf den acht Lotusblättern verehre man die Richtungshüter. Die Gayatri lautet: „Wir erkennen den Lotussitzenden; über den Schwanenreiter meditieren wir“;
80.79 dann folgt: „Mögest du, Brahma, uns anregen!“ Mit dieser Brahma-Gayatri verehre man den Schöpfer.
80.80 Sanatkumara empfängt seine verbliebenen Opfergaben. Die Ehrendienste entsprechen der früheren Ordnung, unter Ausschluss der Augenschminke.
80.81 Rote Seide erfreut Brahma besonders; als Nahrung werden gekochter Reis, Milchreis, Butter und sesamhaltige Speisen genannt.
80.82 Als Duftgabe gilt weißer und roter Sandel zusammen. An seinen Seiten verehre man Shankara und Vishnu.
80.83 Seine in den Händen gehaltenen Opferlöffel und weiteren Gegenstände verehre man im Mandala, ebenso Sarasvati, Savitri, Schwan und Lotus.
80.84 Dies sind die Besonderheiten. Die Verneigung vor ihm erfolgt ausgestreckt wie ein Stab; zur Mantrawiederholung wird eine Kette aus Lotussamen genannt.
80.85 Vollmond und Neumond gelten als bevorzugte Tage der Verehrung. Das Ehrenwasser für Brahma soll stets Milch enthalten, König.
80.86 So habe ich dir die Ordnung erklärt, wie Bharga sie lehrte, als er seinen beiden Söhnen das heilvolle Kamarupa zeigte.
80.87 Überall kann der Übende Brahma verehren; durch die ordnungsgemäße Verehrung am heiligen Sitz wird höchste Befreiung verheißen.
80.88 Brahmas Verehrung ist erklärt. Höre nun Vishnus Verehrung. Vasudevas Keimsilbe wurde bereits zuvor gelehrt.
80.89 Sein Gliedermantra heißt der zwölfsilbige, König: Auf den Anfang folgen „namo bhagavate“ und danach „vāsudevāya“.
80.90 Dies ist Vasudevas Gliedermantra. Die zugehörige besondere Gestalt wird Dadhivamana genannt.
80.91 Höre seinen von Shambhu gelehrten Mantra, bester Mensch. Er beginnt mit „oṃ namo viṣṇave“.
80.92 Danach folgen „surapataye“ und die auf den Mächtigen bezogene Dativform; der Abschluss ist „svāhā“. Dies gilt als herzennaher ergänzender Vishnu-Mantra.
80.93 Wer die drei Mantraformen, Grundkeim, Gliedermantra und ergänzenden Mantra, kennt, besitze einen göttlichen Körper und werde nicht wiedergeboren.
80.94 Für die Verehrung gilt die gesamte Ordnung des Uttara-Tantra. Höre nun die Besonderheiten der drei Mantras, König.
80.95 Zuerst höre die Gestalt des Keimsilben-Mantras: weiß wie der Vollmond und auf dem König der Vögel sitzend,
80.96 vierarmig, den Körper in drei gelbe Gewänder gehüllt. Rechts oben hält er eine Keule, darunter einen aufgeblühten Lotus,
80.97 links oben den mächtigen Diskus und darunter die Muschel. Die Brust trägt Shrivatsa und den strahlenden Kaustubha-Stein.
80.98 Links unter dem Arm hängt ein pfeilgefüllter Köcher, rechts das Schwert Nandaka in seiner Scheide und der Bogen.
80.99 Auf dem Kopf trägt er eine leuchtende Krone, an den Ohren zwei Ringe und am Hals einen bunten Waldblumenkranz, der bis an die Knie reicht.
80.100 Zu seiner Rechten befindet sich die Göttin Shri, zu seiner Linken Sarasvati. So meditiere man den gabenspendenden Hari.
80.101 Damit ist die Gestalt des Keimsilben-Mantras beschrieben, König. Höre nun die Gestalt des zwölfsilbigen Mantras.
80.102 Sie ist dunkel wie ein blaues Lotusblatt und ebenfalls vierarmig; rechts oben hält sie den Lotus, darunter die Keule,
80.103 links unten den unvergleichlichen Diskus, darüber die Muschel. So meditiere man den gabenspendenden Gott; alles andere entspricht der vorherigen Gestalt.
80.104 Höre nun aufmerksam die Meditation des achtzehnsilbigen ergänzenden Mantras, die Armut und Furcht vertreiben soll.
80.105 Man stelle ihn sich weiß und vollmondgleich strahlend vor; links hält er einen mit Nektar gefüllten Krug,
80.106 rechts eine goldene Schale mit Dickmilch, Reis und Zuckerstücken. Er sitzt auf einem Lotus inmitten der Mondscheibe.
80.107 Er trägt weiße Kleidung, ist von zwergenhafter Größe und lächelt leicht: der Herr der drei Welten und Dreischrittige.
80.108 So meditiere man den gabenspendenden Gott, der alle Wünsche erfüllt. Bei innerem Verbrennen, Überfluten und den übrigen Vorbereitungen gelten
80.109 die im früheren und im Uttara-Tantra gelehrten Mantras. Höre nun die von Bharga beschriebene Anordnung seines Mandalas.
80.110 Bei der täglichen Verehrung genügen gezeichnete Linien; bei besonderen Anlässen werden fünf Farbpulver verwendet, mit den jeweils genannten Unterschieden.
80.111 Das Mandala sei eine Elle groß, mit vier Toren, lotusgleich, viereckig und an den vier Ecken mit vier Muscheln geschmückt.
80.112 Die Tore werden durch Waffen und Zeichen der Richtungshüter gesichert; diese stehen in den acht Richtungen, umgeben vom äußeren Lotuskranz.
80.113 Höre, wie es mit Farbpulvern ausgeführt wird, König: Weiß, Gelb, Rot, Dunkelblau und Grün werden der Reihe nach verwendet.
80.114 Mit diesen Pulvern soll das Mandala gefertigt werden. Als Größen werden vier, drei, zwei oder eine Elle genannt.
80.115 Man fertige es jeweils in der angegebenen oder einer zulässigen größeren Größe; beim Rajasuya, Pferdeopfer und ähnlichen Riten gilt ein Maß über vier Ellen.
80.116 Dabei darf die jeweilige Ritualordnung nicht überschritten werden, König. Die Waffen der Richtungshüter und die Lotusse werden wie zuvor angeordnet.
80.117 In der Mitte zeichne man mit weißem Pulver einen schön gerundeten Lotus, mit gelbem Fruchtboden und rötlichen Spitzen der Staubfäden.
80.118 Die Fläche außerhalb des Lotus fülle man ringsum mit Rot und Gelb. Donnerkeil, Speer, Eisenstab, Schwert, Schlinge, Stachelhaken, Keule
80.119 und Dreizack sind der Reihe nach die Waffen der acht Richtungshüter. Shambhu, Gauri, Brahma, Rama und Krishna
80.120 sind die fünf dort beständig zu verehrenden Gottheiten. Auch ein Unkundiger soll Shambhu und Gauri niemals voneinander trennen.
80.121 Eine getrennte Verehrung bleibe fruchtlos. Der folgende Ausdruck über eine am Kopf getrennte Gestalt ist beschädigt und nicht sicher übersetzbar.
80.122 Bei der Anlage dieses Mandalas vermeide man Fehler der Farbpulver. Überall bei Vasudevas Verehrung soll das Mandala so ausgeführt werden,
80.123 bester König; andernfalls sei es ohne Frucht. Balabhadra, Kama, dessen Sohn Aniruddha,
80.124 Narayana, Brahma, als sechster Vishnu, Narasimha und Varaha sind die acht genannten Yogis beziehungsweise Begleitgestalten.
80.125 Auf den acht Lotusblättern, vom Osten aus, werden sie nach ihrer jeweiligen Gestalt und ihrem Mantra verehrt; in der Mitte des Fruchtbodens Vasudeva als Herr.
80.126 Vasudevas zugehörige Herrin heißt Vimala. Höre nun die Yoginis der mit Balabhadra beginnenden Reihe, König.
80.127 Zuerst Utkarshini, dann Jnana, Kriya, Yoga, Prahvi, Ishani und Anugrahi als achte. [Die überlieferte Liste enthält neben Vimala sieben weitere Namen.]
80.128 Die Yogis werden vierarmig, mit Muschel, Diskus und Keule beschrieben, ausgenommen Balabhadra, Kama und Brahma.
80.129 Brahmas Gestalt wurde zuvor genannt. Bala trägt Pflug, Stößel, Schwert und Diskus; eine Keule steht stets an seiner Seite.
80.130 Kama trägt links den Blumenbogen, in den übrigen Händen Keule, Diskus und Blume.
80.131 Ein Lotus befindet sich an seiner Seite; alles andere entspricht der früheren Beschreibung. Bei Varaha werden Diskus und Muschel rechts angeordnet.
80.132 Bei Narasimha befinden sich Diskus und Muschel rechts beziehungsweise links; bei Vishnu liegen Muschel und Lotus in den beiden rechten Händen.
80.133 Narayana trägt links Muschel und Keule. Aniruddha hält die Keule rechts unten, bester Mensch.
80.134 Als Farben werden Weiß, Rot, Gelb, das Dunkel zerbrochener Augenschminke, das Dunkel eines blauen Lotusblattes und der Glanz einer roten Wolke genannt,
80.135 ferner Bienen-Schwarz, Braun und Goldhell. So beschreibt die Vorlage die Farben von Vasudeva und den Yogis, König. [Die Aufzählung umfasst neun Farbangaben.]
80.136 Welche Farbe und Meditationsgestalt der jeweilige Yogi besitzt, in entsprechender Gestalt meditiere man die neben ihm stehende Yogini.
80.137 Die tragende Kraft und sämtliche weiteren Sitzgottheiten, alle Planetenmächte und Richtungshüter
80.138 werden an den vorgesehenen Stellen des Mandalas nach ihrer Meditation und ihren Mantras verehrt, König. Auch alles am Körper des Gottes Vergegenwärtigte, etwa der Lotus,
80.139 seine Waffen, Donnerkeil, Speer und die übrigen Gegenstände sowie Garuda werden verehrt. Aus der von Shambhu gelehrten Buchstabenreihe werden der Reihenfolge nach
80.140 die Mantras der Keule und der anderen Gegenstände gewonnen. Es gelten dabei auch die im Pancharatra-Abschnitt von Narada gelehrten
80.141 Mantras für Diskus, Keule und die übrigen Zeichen. Garuda leuchtet wie die Sonne, die Keule ist aus schwarzem Eisen.
80.142 Sarasvati ist weiß, Lakshmi stets goldglänzend; der Diskus gleicht der Mittagssonne.
80.143 Die Muschel gleicht dem Vollmond, Kaustubha ist rötlich und Shrivatsa von rötlichem Glanz.
80.144 Nochmals wird Kaustubha als rot, die Girlande als bunt beschrieben. Alle Pfeile leuchten wie Blitze, der Bogen wie Indras Regenbogen.
80.145 Sein Gewand glänzt wie Goldstaub; die beiden Ohrringe gleichen der jungen Sonne.
80.146 Die Krone auf dem Kopf gleicht der Sonne. Höre nun die Einsetzungen, König, durch welche der Übende Vishnus Gestalt annimmt.
80.147 Sie verheißen Himmel und Befreiung. Zuerst vollziehe der Mantrakundige die Einsetzung mit den zwölf Silben.
80.148 Danach folgen Vasudevas Keimsilbe und die Keimsilben der Yogis; darauf die großen Mantras und der achtzehnsilbige Wortlaut.
80.149 Dann werden die sechs Mantras vom Herzen an nochmals in zweifacher Weise eingesetzt. So wird eine Verehrung mit vier Einsetzungsarten vollzogen.
80.150 Zuerst setze der Kundige den ersten Laut des zwölfsilbigen Mantras an den rechten Daumen, die übrigen Laute der Reihe nach
80.151 an die folgenden Finger bis zum linken Daumen; die letzten beiden werden in die beiden Handflächen eingesetzt. [Die Richtung innerhalb der linken Hand ist im Text verkürzt.]
80.152 Dann folgen Herz, Kopf, Scheitel, Schultern, Augen, Bauch, Rücken, Arme, Hände, Unterschenkel und Füße der Reihe nach.
80.153 Dort setze man die Silben des zwölfsilbigen Mantras ein. An beiden Daumen beginne man danach mit Vasudevas Wesenskeim.
80.154 An den übrigen Fingern beider Hände werden die acht Keime der Yogis eingesetzt; dann an Kopf, Augen, Mund, Hals, Brust, Nabel, Schambereich, Knien
80.155 und Füßen Vasudevas und der Yogis Keimsilben. Die zuvor genannten Mantras für Herz und die weiteren Glieder
80.156 werden paarweise an Daumenwurzel und Fingerstellen beider Hände eingesetzt, der letzte in die Handflächen.
80.157 Danach folgt ihre Einsetzung vom Herzen bis zur Waffenformel. Die ersten neun Buchstaben des achtzehnsilbigen Mantras setze der Kundige
80.158 an die zuvor genannten neun Stellen von Kopf und Augen an; die übrigen Laute kommen an die zusammengefassten Seiten, Blasengegend und Geschlechtsorgan,
80.159 Hüfte, Schenkel, Unterschenkel und Zehen. Wo die jeweilige Rituallehre die Verehrung eines bestimmten Mantras vorsieht,
80.160 vollziehe man auch die dazugehörige Einsetzung; oder der Kundige führe alle Einsetzungen gemeinsam aus.
80.161 Durch diese vierfache Einsetzung gereinigt und von Verfehlung befreit, werde der Mantrakundige unmittelbar zu Vishnu und erlange die volle Frucht der Verehrung.
80.162 Wer selbst ohne weitere Verehrung die vierfache Einsetzung vollzieht, erlange als Standhafter die höchste Stätte, Vereinigung mit Vishnu.
80.163 Danach meditiere man den Yoga-Sitz und ordne Garuda, Diskus, Muschel, Keule, Lakshmi und Lotus der Reihe nach an.
80.164 Die Stellen liegen im Osten, Süden, Norden, Westen und den genannten Ecken; rechts und links ordne sie der verständige Mantrakundige entsprechend zu.
80.165 Waldblumengirlande, Shrivatsa und Kaustubha werden in der Lotusmitte vergegenwärtigt; rechts davon der Bogen Sharnga.
80.166 Zwei Köcher kommen nach links, das Schwert nach rechts, der Schild nach links; dort wird auch Sarasvati eingesetzt.
80.167 Nach ihrer Verehrung zeige man die Mudras, beginnend mit den zuvor genannten Schalenformen, sowie diejenigen Vishnus und der Yogis.
80.168 Auch die Mudras der Planetenmächte und Richtungshüter werden gesondert gezeigt. Die abschließenden Mantras zur Sicherung der Vollständigkeit wurden früher gelehrt.
80.169 Nach ihrer Rezitation bringe man der Sonne das Ehrenwasser dar. Vishnus Empfänger der verbliebenen Opfergaben ist der vierarmige Vishvaksena,
80.170 mit Muschel, Diskus und Keule, langem Bart und verfilztem Haar, rötlich braun und auf einem weißen Lotus stehend.
80.171 Der mit dem dritten Vokal sowie Punkt und Mondzeichen verbundene bezeichnete Laut bildet seinen Mantra; damit werde er verehrt. [Der Konsonant ist nicht eindeutig überliefert.]
80.172 Vishnus Verabschiedung wird im Nordosten vollzogen; die anderen, Bala und die weiteren, verabschiede man im Geist.
80.173 Wer so Vishnu, Shambhu oder Brahma am heiligen Sitz Dikkaravasinis verehrt, gelange zur höchsten Stätte.
80.174 Wo immer Vishnu verehrt wird, bester König, sollen kundige Vaishnavas diese Ritualordnung zugrunde legen.
80.175 Dadhivamana kann dort in verkürzter Form verehrt werden; die Gliederverehrung vom Herzen an wird bei ihm nicht ausgeführt.
80.176 Vasudeva kann verkürzt oder ausführlich verehrt werden. Rote Seide, gelbe und weiße Gewänder
80.177 gelten als ihm erfreulich. Unter den Lichtern wird die Butterlampe, unter Düften Malaya-Sandel empfohlen.
80.178 Für Trink-, Ehrenwasser- und Speisegefäße gilt Kupfer als erfreulich. Krone, Ohrringe und Halskette sind Schmuckgaben, die Vishnu erfreuen.
80.179 Unter den Badegefäßen wird die Muschel, unter Räucherstoffen Adlerholz als Vasudeva stets erfreulich hervorgehoben.
80.180 Kadamba, Kubjaka, Jati, Mallika, Malati und Lotus sind ihm liebe Blumen.
80.181 Als Orte gelten ein einsamer hergerichteter Bodenplatz, ein heiliger Badeort oder Wasser; als Formel wird „tad viṣṇoḥ“, als Lobpreis das Purusha-Sukta genannt.
80.182 Eine Kette aus Putranjiva-Samen wird bei Vishnus Verehrung empfohlen; der bevorzugte Mondtag ist der zwölfte, die vorzüglichste Jahreszeit der Frühling.
80.183 Unter Speisen gelten gekochter Reis, Opferspeise, Gerstenspeise, Milchreis, Butter und Reis mit Hülsenfrüchten als geeignet, unter Getränken Milch.
80.184 Unter Blättern sind Tulasi, Bilva und Amalaka Hari besonders erfreulich, bester König.
80.185 Alles, was fremdes Eigentum ist, soll als unbefugte Gabe ausgeschlossen bleiben. Wer Vishnu beständig so verehrt,
80.186 erhebe zehn Millionen Angehörige seiner Linie und werde selbst Janardana gleich. Damit habe ich dir Vasudevas Mantraordnung erklärt, König,
80.187 und in Kürze die Gliederung des heiligen Bereichs Kamarupa. So zeigte Shambhu seinen beiden Söhnen den gesamten heiligen Bereich.
80.188 Danach begab er sich mit ihnen zum Berg Kailasa und wies seinen Söhnen dort die ihnen angemessenen Stätten zu.
80.189 Shambhu, die Bergestochter, Vetala und Bhairava waren damit von ihrem Fluch befreit und wieder unsterbliche Götter, bester König.
80.190 Wer diese große Erzählung mit gesammeltem Geist hört, brauche keinen Fluch zu fürchten; ihm werden Freiheit von Krankheit und seelischem Leid verheißen.
80.191 Mit Kindern, Enkeln, Reichtum und Macht gesegnet, überall beliebt und von allem Heil begleitet, lebe er lange.
80.192 Wer den großen heiligen Bereich Kamarupa kennt, werde mit göttlicher Erkenntnis erfüllt und erlange höchste Befreiung.
80.193 Wer die Pilgerreise durch ganz Kamarupa vollzieht, sämtliche heiligen Sitze aufsucht und alle Gottheiten verehrt,
80.194 führe zehn frühere und zehn spätere Generationen samt sich selbst, insgesamt einundzwanzig, rasch zur göttlichen Erkenntnis und gelange mit ihnen allen zur Befreiung.
Kapitel 81
81.1 Aurva sprach: Einst gelangten zahlreiche Menschen in den Himmel, nachdem sie im großen heiligen Bereich Kamarupa gebadet, dessen Wasser getrunken und die Gottheiten verehrt hatten.
81.2 Einige erlangten Befreiung, andere Shivas Zustand. Yama vermochte sie weder aufzuhalten noch in sein eigenes Haus zu führen,
81.3 denn er fürchtete die Göttin, Tiger unter den Menschen. Shankaras Scharen hinderten jeden Yama-Boten, der dorthin kam.
81.4 Aus Furcht vor ihnen gingen die Boten auch auf Befehl nicht mehr dorthin. Als der Todesherr sah, dass er seine Aufgabe nicht ausüben konnte,
81.5 begab er sich zum Schöpfer und sprach: Schöpfer, ein Mensch, der in Kamarupa badet und trinkt,
81.6 wird zum Mitglied von Kamakhyas Gefolge oder zum Herrn von Shambhus Scharen. Dort besitze ich keine Gewalt und kann diese Menschen nicht zurückhalten.
81.7 Ordne dort eine angemessene Regelung an, sofern dies möglich ist. Als Brahma, der Großvater der Welt, diese Worte hörte,
81.8 begab er sich gemeinsam mit Yama zu Vishnus Haus und berichtete ihm Yamas Anliegen.
81.9 Der Herr aller Welten nahm die Worte an. Vishnu ging mit Brahma und Yama zu Shambhu; von ihm geehrt und nach dem Grund gefragt, trug er Yamas Worte vor.
81.10 Der erhabene Herr Vishnu sprach: Kamarupa ist von allen Göttern, heiligen Badeorten und heiligen Feldern erfüllt; es gibt nichts Höheres als diesen Ort.
81.11 Menschen, die diesen heiligen Sitz erreichen, erlangen Göttlichkeit, Unsterblichkeit und Zugehörigkeit zu den Scharen. Yama vermag dort nichts.
81.12 Handle so, Mahadeva, dass Yama dort seine Aufgabe erfüllen kann. Wo Yama ausgeschlossen ist, wird keine Grenze mehr gewahrt.
81.13 Aurva sprach: Nachdem Shambhu die Worte Vishnus gehört hatte, der mit Brahma gekommen war, nahm er sie sich zu Herzen und beschloss, das Anliegen zu erfüllen.
81.14 Er verabschiedete Brahma, Vishnu und Yama, nahm alle seine Scharen mit und begab sich auf seinem Stier nach Kamarupa.
81.15 Dort sprach Shankara zur Göttin Ugratara und zu seinem Gefolge: Vertreibt rasch alle diese Menschen, ihr Scharen!
81.16 Auch du, große Göttin Ugratara, vertreibe sie rasch! Darauf vertrieben die Scharen und die unbesiegbare Göttin
81.17 die Menschen aus Kamarupa, um den heiligen Sitz Hara allein zu überlassen. Als die Angehörigen der vier Stände und die Zweimalgeborenen vertrieben wurden,
81.18 geriet der auf dem Sandhyachala weilende Brahmane Vasishtha in Zorn. Auch ihn hatte die mächtige Göttin Ugratara
81.19 mit den Scharen ergriffen, um ihn fortzuschaffen. Da sprach er diesen furchtbaren Fluch: Weil du mich, den Weisen, zum Vertreiben ergriffen hast, du Linke,
81.20 sollst du mit deinen Mantras auf dem linken Weg verehrt werden! Weil diese törichten Scharen sich wie Mlecchas aufführen,
81.21 sollen sie in Kamarupa zu Mlecchas werden! Weil auch Mahadeva mich vertreiben wollte,
81.22 mich, den askesereichen, beherrschten und vedakundigen Weisen, wie einen Fremden, soll Shankara den Mlecchas zugetan sein und Knochen und Asche tragen!
81.23 Dieser Kamarupa genannte Ort soll durch meinen Fluch von Mlecchas bewacht werden, bis Vishnu selbst wieder hierherkommt.
81.24 Die Überlieferungen, die diesen Ort erklären, sollen selten werden. Nur der Kundige, der die seltene Überlieferung Kamarupas kennt,
81.25 soll auch zur entsprechenden späteren Zeit die vollständige Frucht erlangen. Nach diesen Worten verschwand Vasishtha an eben diesem Ort.
81.26 Die Scharen wurden zu Mlecchas in Kamarupa, der Götterwohnstatt; Ugratara wurde dem linken Weg zugeordnet, und Shambhu wurde den Mlecchas zugetan.
81.27 Die diesen Bereich erklärenden Überlieferungen wurden selten. Kamarupa war augenblicklich ohne vedische Mantras und ohne die Ordnung der vier Stände,
81.28 sodass Yamas Herrschaft dort gelten konnte. Auch nachdem Hari gekommen und der fruchtspendende heilige Sitz vom Fluch befreit worden war,
81.29 schuf Brahma ein Mittel, die Wasserbecken zu verbergen, damit Götter und Menschen nicht ungehindert vollständig an diesem Sitz verweilten.
81.30 Dies betraf Apunarbhava und Somakunda, Brahma- und Urvashi-Becken sowie zahlreiche Flüsse.
81.31 Um die zuvor genannten und die ungenannten Flüsse zu verbergen, sorgte Brahma dafür, dass allgemein nur eine gemeinsame Frucht bekannt blieb.
81.32 Er zeugte in Amogha, Shantanus Gattin, einen eigenen Sohn in Wassergestalt und ließ ihn durch den verständigen Sohn Jamadagnis
81.33 herabführen, sodass er Kamarupa überflutete. Dieser mächtige Brahmasohn überschwemmte die vielen Becken,
81.34 bedeckte alle heiligen Badeorte und verbarg sie auf Erden. Die Menschen, die dort allein den Lauhitya kennen,
81.35 erhalten entsprechend die Frucht des Lauhitya-Bades; sie kennen weder die einzelnen Becken noch die anderen heiligen Badeorte.
81.36 Diese Verbergung der Heiligtümer ging aus Vasishthas Fluch hervor. Wer ihre jeweilige Besonderheit dennoch kennt,
81.37 erlange genau die entsprechende Badefrucht, bester Mensch. Der Lauhitya, Brahmas Sohn, überflutet ringsum Flüsse und heilige Badeorte und zieht zum südlichen Meer.
81.38 So habe ich dir Kamarupas Herrlichkeit erzählt, König. Frage, was du sonst noch hören möchtest; ich werde es dir erklären.
Kapitel 82
82.1 Markandeya sprach: Nachdem Sagara Aurvas Worte gehört hatte, fragte er den Weisen erneut, sein Herz von Freude erfüllt, ihr besten Zweimalgeborenen.
82.2 Sagara sprach: Wie wurde der Lauhitya als Brahmas Sohn in Amogha geboren? Wie wandte sich der Lotusgeborene Shantanus Gattin begehrend zu?
82.3 Wie konnte der Großvater in der Frau eines anderen einen Sohn zeugen? Dies alles möchte ich hören; erzähle es mir, bester Zweimalgeborener.
82.4 Aurva sprach: Höre, Tiger unter den Königen; ich erzähle die bedeutende Geschichte des hochgesinnten Lauhitya, des Brahmasohnes.
82.5 Im großen Land Harivarsha lebte ein Weiser namens Shantanu, hochbegnadet, erkenntnisreich und der Askese hingegeben.
82.6 Seine hochbegnadete Gattin hieß Amogha; sie war eine sehr tugendhafte Tochter des Weisen Hiranyagarbha, geboren in Trinabindus Einsiedelei.
82.7 Mit ihr wohnte er am Grenzgebirge Kailasa, beim Gandhamadana, am Ufer des Lohita genannten Sees.
82.8 Einst ging der askesefeste Weise in den Wald, um Blumen und viele Früchte für seinen Gebrauch zu sammeln.
82.9 Zu dieser Zeit kam Brahma, der Großvater aller Welten, an den Ort, an dem Shantanus geliebte Amogha weilte.
82.10 Als er die überaus schöne junge Frau in der heiligen Hütte sah, wurde er plötzlich vom Liebesgott verwirrt, und seine Sinne gerieten außer Ordnung.
82.11 Von Begehren erregt, wollte Brahma die tugendhafte Frau ergreifen und lief auf sie zu.
82.12 Als Amogha den Schöpfer auf sich zulaufen sah, rief sie: „Nicht so, nicht so!“ und flüchtete in die Laubhütte.
82.13 Sie verschloss augenblicklich die Tür und sprach zornig zum Schöpfer:
82.14 Als Gattin eines Weisen werde ich keine verwerfliche Tat begehen. Wenn du mich gewaltsam überwältigst, werde ich dich verfluchen!
82.15 Als Amogha so gesprochen hatte, vergoss der Schöpfer an eben diesem Ort in Shantanus Einsiedelei seinen Samen, König.
82.16 Danach bestieg Brahma seinen Schwanenwagen und kehrte von Scham überwältigt rasch in seine eigene Wohnstatt zurück.
82.17 Als Brahma fort war, kehrte Shantanu heim. Er sah die von den Schwänen hinterlassenen Spuren auf dem Boden
82.18 und die dort liegende, feuerähnliche Zeugungskraft des Schöpfers. Er fragte Amogha, die in der Laubhütte saß:
82.19 Was ist hier geschehen, Glückliche? Was bedeuten diese Vogelspuren, und was ist dies für ein leuchtender Stoff?
82.20 Auf seine Frage antwortete sie dem vorzüglichen Weisen, noch immer empört, aufgewühlt und mit verstörtem Gesicht:
82.21 Ein Viergesichtiger mit Wassergefäß kam auf einem von Schwänen gezogenen Wagen hierher und verlangte heftig nach Vereinigung mit mir.
82.22 Ich flüchtete in die Hütte und drohte ihm. Da vergoss er seine Zeugungskraft und ging aus Furcht vor meinem Fluch fort.
82.23 Schaffe Abhilfe, wenn du kannst, Shantanu! Kein lebendes Wesen kann einen solchen Übergriff ertragen.
82.24 Als er ihre Worte hörte, erkannte er, dass Brahma selbst gekommen war, und versenkte sich in Meditation.
82.25 Durch göttliche Erkenntnis sah der Weise, dass eine Aufgabe der Götter und das Herabkommen eines heiligen Gewässers zum Wohl der Welten bevorstanden.
82.26 Nachdem er den künftigen Ausgang bedacht hatte, sprach er zu seiner Frau: Nimm auf meine Weisung diese unfehlbare Zeugungskraft Brahmas in dich auf.
82.27 Zum Wohl aller Welten und zur Erfüllung einer göttlichen Aufgabe ist Brahma selbst zu dir gekommen.
82.28 Da er dich nicht erreichte, überließ er uns beiden diese große Aufgabe und kehrte heim. Du solltest sie erfüllen.
82.29 Als Amogha Shantanus Worte hörte, wurde sie sehr verlegen; die Tugendhafte verneigte sich vor ihrem Gatten und antwortete beschwichtigend:
82.30 Ich werde die Zeugungskraft eines anderen nicht tragen, will aber auch dich nicht betrüben. Wenn es unbedingt geschehen muss, trinke du sie und übertrage sie dann auf mich.
82.31 Shantanu erkannte ihre Worte als angemessen und wahr, trank die Zeugungskraft selbst und übertrug sie auf seine Gattin.
82.32 Durch die von Shantanu übertragene Zeugungskraft Brahmas empfing die tugendhafte Amogha zum Wohl der Welten eine Schwangerschaft.
82.33 Als die Zeit gekommen war, trat aus ihrer Nase eine Wassermenge hervor; in ihrer Mitte erschien ein Sohn, blau gekleidet und mit Krone,
82.34 mit einer Edelsteinkette geschmückt, rötlich hell wie Brahma und vierarmig, Lotus, Buch, Banner und Speer tragend.
82.35 Er stand auf dem Kopf eines Wassertieres, und sein Körper entsprach der Größe der Wassermasse. Den so geborenen Sohn brachte Shantanu, der die Welt befriedet,
82.36 in die Mitte von vier Bergen: Im Norden lag Kailasa, im Süden Gandhamadana,
82.37 im Westen Jarudhi und im Osten Samvartaka. Zwischen diesen Bergen schuf Brahmas Sohn sich selbst ein Becken
82.38 und wuchs darin beständig wie der Mond im Herbst. Brahma kam zu seinem im Wasser befindlichen Sohn
82.39 und vollzog der Reihe nach die reinigenden Lebensriten. Nach langer Zeit
82.40 war der Brahmasohn in Gestalt einer Wassermasse auf fünf Yojanas angewachsen. Die Götter tranken und badeten darin wie in einem zweiten Meer,
82.41 in seinem klaren, reinen, angenehmen Wasser, zusammen mit göttlichen Apsaras-Scharen. Zu dieser Zeit beging der mächtige Rama, Jamadagnis Sohn,
82.42 auf Befehl seines Vaters die schreckliche, unrechtmäßige Tötung seiner Mutter. Um von dieser Verfehlung befreit zu werden, ging er nach der Weisung seines Vaters
82.43 zum großen Brahma-Becken, um zu baden. Durch Bad und Trinken tilgte er die Schuld des Muttermordes; dann schlug er mit seiner Axt einen Weg und führte das Wasser zur Erde herab.
82.44 Sagara sprach: Warum tötete Rama, Jamadagnis Sohn, seine eigene Mutter? Wie hieß sie, und wessen Tochter war sie?
82.45 Wie wurde der Sohn eines Weisen so grausam und gewaltig, ein kampfkundiger Held, der die Könige zerschlug?
82.46 Dies möchte ich wahrheitsgemäß hören, bester Weiser. Erzähle es mir, Hochbegnadeter, auch wenn es ein Geheimnis ist.
82.47 Aurva sprach: Höre aufmerksam, König, die Geschichte von Jamadagnis Sohn: wie er seine Mutter tötete und weshalb er so grausam war.
82.48 Brahmas Sohn hieß Bhrigu, dessen Sohn Richika. Auf der Suche nach einer Gattin wanderte Richika einst über die Erde und gelangte nach Kanyakubja.
82.49 Im Wald sah er Gadhi, Kushikas Sohn aus Jahnus Geschlecht, der dort Askese übte, bester König.
82.50 Diesem König, der mit seiner Frau im Wald lebte und einen Sohn wünschte, wurde eine Tochter geboren, den Göttermädchen an Vorzügen gleich.
82.51 Bhrigus Sohn Richika bat um sie als Gattin. Gadhi sagte: Meine Tochter ist jetzt bereit zur Vermählung; so mag es geschehen, großer Weiser.
82.52 Doch bei der Brautgabe besteht ein Brauch unseres Hauses: Nur dem wird die Tochter gegeben, der tausend mondhelle Pferde mit je einem schwarzen Ohr bringt. [Das Wort für „Ohr“ ist in der Vorlage verkürzt.]
82.53 Richika sprach: Ich werde dir tausend solcher Pferde geben, König. Warte eine kleine Weile, bis ich sie hergebracht habe.
82.54 „So sei es“, antwortete Gadhi Bhrigus Sohn. Dieser ging zum Ganga-Ufer bei Kanyakubja, um die Pferde zu erlangen.
82.55 Dort verehrte Bhrigus Sohn Varuna, den Herrn der Wasserwesen, und erhielt von ihm tausend Pferde.
82.56 Der Ort, an dem er sie empfing, bester König, wurde als Ashvatirtha bekannt, ein höchst fruchtspendender heiliger Badeort.
82.57 Die von Varuna gegebenen Pferde stiegen aus dem Ganga-Wasser hervor; der Weise nahm die tausend Tiere und ging zu Gadhi.
82.58 Gadhi nahm die Pferde an und gab Richika seine Tochter Satyavati, wie das Meer Lakshmi dem Keshava gab.
82.59 Nachdem Richika Gadhis untadelige Tochter zur Gattin erhalten hatte, lebte er glücklich mit ihr nach seinem Wunsch in seiner Einsiedelei.
82.60 Als Bhrigu von der Heirat seines Sohnes hörte, kam er, um Sohn und Schwiegertochter zu sehen, und freute sich über sie.
82.61 Das Paar verehrte den von Götterscharen geehrten Bhrigu ordnungsgemäß und blieb mit gefalteten Händen vor ihm stehen.
82.62 Da sprach Bhrigu erfreut zu seiner Schwiegertochter: Wähle eine Gabe! Ich werde dir das Ersehnte gewähren, du Schöne,
82.63 auch wenn es schwer zu geben oder schwer zu vollbringen ist. Satyavati wünschte sich einen Sohn, der Askese und heilige Überlieferung vollkommen beherrsche,
82.64 und für ihre Mutter einen unvergleichlich heldenhaften Sohn. Bhrigu sagte: „So sei es“, und versenkte sich in Meditation.
82.65 Er umfasste die Welt im Geist und stieß gesammelt den Atem aus. Aus seinem Atemwind entstanden zwei Opferspeisen.
82.66 Er gab ihr beide und sprach: Nimm diese beiden Speisen selbst entgegen, meine Schwiegertochter Satyavati.
82.67 Nach dem Bad zur fruchtbaren Zeit sollen du und deine Mutter Folgendes tun: Deine Mutter soll zur Empfängnis eines Sohnes einen Ashvattha-Baum umarmen
82.68 und diese rötliche Speise essen. Du sollst einen Udumbara-Baum umarmen und die andersfarbige Speise essen,
82.69 dann wird dir ein Sohn von beständiger heiliger Kraft geboren werden. Nach diesen Worten ging Bhrigu, wohin er wollte. Die junge Frau freute sich
82.70 mit Mutter, Gatten und Vater. Doch am Tag des Bades umarmte Satyavati den Ashvattha und aß die rötliche Speise,
82.71 während ihre Mutter den Feigenbaum umarmte und die weiße Speise aß. Bhrigu erkannte den Tausch durch göttliche Erkenntnis. [Die erste Farbangabe in Vers 68 ist abweichend überliefert.]
82.72 Er kam zu seiner Schwiegertochter und sprach: Gute Frau, du hast das Umarmen der Bäume
82.73 und das Essen der Opferspeisen vertauscht. Darum wird dein Sohn ein Brahmane mit dem Verhalten eines Kriegers werden,
82.74 der Sohn deiner Mutter dagegen ein Kshatriya mit dem Verhalten eines Brahmanen. Als Bhrigu dies sagte, flehte die tugendhafte Satyavati ihn erneut an:
82.75 Möge stattdessen mein Enkel so sein! Bhrigu sagte: „So sei es“, und verschwand dort.
82.76 Zur rechten Zeit gebar Gadhis Tochter den strahlenden Jamadagni, ihre Mutter dagegen Vishvamitra, den Schatz der Askese.
82.77 Jamadagni erlernte bald die vier Veden; die Wissenschaft des Bogenschießens offenbarte sich dem Hochgesinnten von selbst.
82.78 Auch Vishvamitra erlernte bald sämtliche Veden und die gesamte Waffenkunde; durch die Macht seiner Askese wurde er Brahmane.
82.79 Der strahlende Jamadagni, von großer Askesekraft, leuchtete durch Veden und Entsagung unter den Weisen wie die Sonne hervor.
Kapitel 83
83.1 Aurva sprach: Nach einiger Zeit nahm der askesereiche Jamadagni die Tochter des Königs von Vidarbha, die er durch eigene Bemühung gewonnen hatte,
83.2 die mit günstigen Zeichen versehene Renuka, zur Gattin. Sie gebar ihm vier Söhne, den Veden vergleichbar:
83.3 Rushanvant, Sushena, Vasu und Vishvavasu. Danach wurde der erhabene Madhusudana selbst in ihr geboren.
83.4 Von Indra und allen Göttern um die Tötung Kartaviryas gebeten, erschien er als fünfter Sohn und erhielt den Namen Rama.
83.5 Er wurde mit einer Axt geboren, um die Last der Erde zu mindern; diese angeborene Axt verließ ihn niemals.
83.6 Weil seine Großmutter die Opferspeisen vertauscht hatte, war Rama ein Brahmane mit dem Verhalten eines Kriegers und vollbrachte grausame Taten.
83.7 Er erlernte sämtliche Veden und die gesamte Wissenschaft des Bogenschießens und war in vedischem Wissen stets vollkommen kundig.
83.8 Eines Tages ging seine Mutter Renuka zum Baden in die Ganga und sah dort den König Chitraratha.
83.9 Der schöne junge König spielte mit ebenbürtigen Gattinnen im Wasser, mit prächtigen Kränzen und Gewändern geschmückt.
83.10 Als Renuka den König so sah, wurde sie stark vom Begehren erfasst und sehnte sich nach dem strahlenden Herrscher.
83.11 Durch dieses Verlangen entstand körperliche Erregung; verwirrt, vom Wasser durchnässt und erschrocken kehrte sie in die Einsiedelei zurück.
83.12 Jamadagni erkannte ihre Veränderung und schalt sie heftig: „Schande, Schande über dich, die du dich dem Begehren hingibst!“
83.13 Dann befahl der Weise seinen vier älteren Söhnen, Rushanvant und den anderen, rasch nacheinander:
83.14 Tötet diese sündhafte, untreue Renuka! Doch sie führten seinen Befehl nicht aus und blieben stumm wie erstarrt.
83.15 Da verfluchte der zornige Jamadagni die erschütterten Söhne. [Die Vorlage fügt hier unpassend eine aus dem früheren Gadhi-Gespräch stammende Zeile ein: „Gadhi, den Tiger unter den Königen; und der König sprach zum Weisen.“]
83.16 Ihr sollt bald stumpfsinnig werden, mit der Einsicht von Rindern! Danach kam der jüngste, überaus kraftvolle Sohn Jamadagnis.
83.17 Auch zu Rama sprach der Vater: Töte die sündhafte Mutter! Rama sah seine Brüder in diesem Zustand, ohne Erkenntnis,
83.18 vom Vater verflucht, und tötete seine Mutter mit der Axt. Als Jamadagni sah, dass Rama Renuka getötet hatte, verging sein Zorn.
83.19 Er wurde zufrieden und sprach: Ich bin erfreut, mein Sohn; Heil sei dir, weil du meinen Befehl ausgeführt hast.
83.20 Wähle dir nun die Gaben, die du wünschst. Rama wählte zuerst die Wiederauferstehung seiner Mutter,
83.21 dass sie sich nicht an die Tötung erinnere, die Befreiung seiner Brüder vom Fluch, die Tilgung seiner Muttermordschuld und Sieg in jedem Kampf,
83.22 ferner Leben bis zum Ende des Weltzeitalters, bester König. Der askesereiche Jamadagni gewährte ihm die Gaben.
83.23 Renuka erhob sich wie aus dem Schlaf, erinnerte sich nicht an ihre Tötung und kehrte in ihren natürlichen Zustand zurück.
83.24 Rama erhielt damals Sieg im Kampf und langes Leben. Zur Tilgung des Muttermordes aber sprach sein Vater:
83.25 Mein Sohn, die Schuld des Muttermordes verschwindet nicht durch eine bloße Gnadengabe. Gehe darum zum Brahma-Becken und bade in seinem Wasser.
83.26 Nach dem Bad wirst du bald von Verfehlung befreit zurückkehren. Gehe rasch zum Brahma-Becken, auch zum Wohl der Welt, mein Sohn.
83.27 Als der axttragende Rama diese Worte hörte, ging er nach der Weisung seines Vaters zum Brahma-Becken mit seinem heiligen Wasser.
83.28 Er vollzog dort das vorgeschriebene Bad und wusch seine Axt. Da sah er deutlich, wie die Gestalt seiner Muttermordschuld aus seinem Körper hervortrat.
83.29 Von der Wirkung dieses vorzüglichen Badeortes überzeugt, schlug er mit seiner Axt einen Durchgang und führte den Brahmasohn herab.
83.30 Aus dem Brahma-Becken floss Brahmas Sohn in den Lohita genannten See im Tal des Kailasa.
83.31 Dann erhob sich der Gewaltige am Ufer dieses Sees und leitete Brahmas Sohn mit der Axt nach Osten.
83.32 Weiterhin durchbrach er den Berg Hemashringa; so führte Hari in dieser Gestalt das Wasser in den heiligen Bereich Kamarupa hinein.
83.33 Brahma selbst gab ihm den Namen Lohitaganga. Weil der Fluss aus dem Lohita-See hervorkam, wurde er Lohita genannt.
83.34 Er überflutet mit seinem Wasser den ganzen heiligen Bereich Kamarupa, verbirgt alle heiligen Badeorte und fließt zum südlichen Meer.
83.35 Nachdem der Brahmasohn zuvor die Divyayamuna verlassen hat, fließt er zwölf Yojanas weit und fällt erneut in den Lauhitya. [Die Flussverbindung ist im Wortlaut nicht eindeutig.]
83.36 Wer im Monat Chaitra am achten Tag der hellen Hälfte oder während des ganzen Monats mit beherrschten Sinnen, rein und gesammelt
83.37 im Lauhitya-Wasser badet, gelange zu Brahmas Stätte. Ein Bad darin wird als Weg zur vollkommenen Befreiung gepriesen.
83.38 Damit habe ich dir erklärt, König, weshalb der heldenhafte Sohn Jamadagnis einst seine Mutter tötete und warum er grausame Taten vollbrachte.
83.39 Wer diese große Erzählung täglich hört, werde langlebig, froh und kräftig.
83.40 So habe ich dir erzählt, König, wie die Bergestochter Shambhus halben Körper gewann und wie Vetala und Bhairava ihre Namen erhielten,
83.41 wessen Söhne sie wurden und wie sie die Herrschaft über die Scharen erlangten. Was soll ich dir noch erzählen? Sage es, bester König.
83.42 Markandeya sprach: Damit ist Aurvas Gespräch mit dem hochgesinnten Sagara über die Aneignung von Shambhus halbem Körper durch Girija
83.43 heute vollständig erzählt, ihr Brahmanen, ebenso das weitere Erfragte: die Vollendung Bhairavas und die Bestimmung der heiligen Sitze.
83.44 Auch die Entstehung Bhringins und Mahakalas wurde euch erklärt. Was möchtet ihr sonst noch fragen, ihr besten Zweimalgeborenen?
83.45 Wer diese vollständige, durch Ritual und Mantra geläuterte, vielfältige Früchte verleihende Lehre liest, die dem Verständigen Ruhe bietet, soll ihren geheimen Erkenntnisgehalt erfassen und sich beständig dem Weg der Erkenntnis widmen. [Der Schluss des Verses ist sprachlich beschädigt.]
Kapitel 84
84.1 Die Seher sprachen: Du hast die Schöpfung erläutert und unsere Zweifel beseitigt. Durch deine Gnade sind wir am Ziel, hochbegnadeter Lehrer.
84.2 Doch wir möchten noch Folgendes hören, bester Zweimalgeborener: Wer sind die anderen Bhringi und Mahakala, nachdem jene als Vetala und Bhairava geboren wurden?
84.3 Wir hören von Vetala, Mahakala, Bhairava und Bhringi. Wie kommt diese Vierzahl zustande, Tiger unter den Zweimalgeborenen?
84.4 Markandeya sprach: Als Mahakala zur Erde gegangen und Bhringi Mensch geworden war und sie die Namen Vetala und Bhairava erhalten hatten,
84.5 als Vetala die Gnadengabe erlangte und Bhairava mit ihm verbunden war, machte Hara den askeseübenden Andhaka zum Bhringi.
84.6 Andhaka hatte Hara zuerst bekämpft und war ins Unglück geraten; später verehrte der Asura Hara und wurde dessen Sohn.
84.7 Aus Liebe zu Bhringi gab Hara ihm dessen Namen. Aus Liebe zu Mahakala machte er Bana, Balis Sohn, dem Vishnu die Arme abgetrennt hatte, zum Mahakala.
84.8 So erklärt sich ihre Vierzahl, beste Weise: Vetala und Bhairava sowie Bhringi und Mahakala.
84.9 Die Seher sprachen: Sagara fragte den verständigen Aurva auch nach der Ordnung, durch die man Gattin, Sohn und sich selbst leiten soll, Lehrer.
84.10 Welche besonderen Regeln zur Königspolitik, zum Verhalten guter Menschen und zum rechten Lebenswandel der hochgesinnte Aurva dabei erklärte,
84.11 das möchten wir genau hören, bester Zweimalgeborener, reich an Askese. Erzähle es uns, hochbegnadeter Lehrer der Welt.
84.12 Markandeya sprach: Alle von Aurva genannten Besonderheiten werde ich euch erklären. Hört zu, beste Weise.
84.13 Nachdem König Sagara die Mantras und Ritualordnungen gehört hatte, fragte er den großen Weisen erneut nach den besonderen Regeln der Lebensführung und Politik.
84.14 Sagara sprach: Nach welcher Ordnung sollen Sohn, eigenes Selbst und Gattin geleitet werden? Erkläre mir den rechten Lebenswandel mit seinen Besonderheiten.
84.15 Aurva sprach: Höre der Reihe nach, König der Könige, die besonderen Regeln, durch die man sich selbst, den Sohn und die Gattin führen soll.
84.16 Zuerst diene man Brahmanen, die an Erkenntnis, Gelehrsamkeit, Askese und Jahren gereift sind, freundlich und frei von Missgunst.
84.17 Von ihnen höre man beständig die begründete Lehre der Veden und Schriften. Was sie lehren, setze der König verständig in die Tat um.
84.18 Die fünf Sinne sind fünf Pferde, der Körper ist der Wagen, das Selbst der Wagenherr, Erkenntnis die Peitsche und der Geist der Wagenlenker.
84.19 Man zähme die Pferde gut und bringe den Lenker unter die eigene Herrschaft; die Peitsche bleibe fest, der Körper beständig.
84.20 Wie ein Wagenfahrer, der ungezähmte Pferde besteigt, ihrem Willen folgt und auf Abwege gerät,
84.21 so kann ein unbeherrschter Lenker, der die Pferde nach eigener Laune antreibt, selbst einen Helden im Wagen völlig abhängig machen.
84.22 Darum soll der König bei der Begegnung mit Sinnesgegenständen seine Sinne beherrschen und Geist und Erkenntnis festigen.
84.23 Ist die Erkenntnis wie eine feste Peitsche, bester König, kann der beherrschte Lenker die gezähmten Pferde richtig führen.
84.24 Der König bringe darum Sinne und Geist unter seine Herrschaft und verfolge auf dem Erkenntnisweg sein wahres Wohl.
84.25 Er genieße bewusst, ohne Gier nach berauschendem Trank. Er sehe, was zu sehen angemessen ist, und folge dabei nicht bloß seiner Laune.
84.26 Er höre, was hörenswert ist, ohne sich übermäßig dem Hören hinzugeben. Außer beim Erfassen der Lehrwahrheit soll der Standhafte nicht vom Gehörten beherrscht werden.
84.27 Ebenso beherrsche er Geruch und Berührung; er genieße nicht willkürlich und verliere sich nicht zügellos in den Sinnesgegenständen.
84.28 Ein König, der so lebt, gilt als Herr seiner Sinne. Die Grundlage dafür ist der Umgang mit in den Schriften erfahrenen Älteren.
84.29 Wer den Älteren nicht dient und die Schriften nicht kennt, gerät als König in Feindesgewalt. Darum gründe er sich auf die Lehre und beherrsche seine Sinne.
84.30 Standfestigkeit, Zuversicht, Tatkraft, Beredsamkeit, Unterscheidungsvermögen, Geschick, Ausdauer, Freigebigkeit, Freundschaft und Dankbarkeit,
84.31 klare Führung, Wahrhaftigkeit, Reinheit, entschlossene Einsicht, Verständnis fremder Absichten, guter Charakter und Mut im Unglück,
84.32 Fähigkeit zum Ertragen von Mühen, Verehrung von Lehrern, Göttern und Brahmanen, Freiheit von Neid und Unbeherrschtheit: Diese Eigenschaften soll der König üben.
84.33 Er erkenne stets den Unterschied zwischen Angemessenem und Unangemessenem sowie zwischen Rechtschaffenheit, Wohlstand und Lebensfreude und handle jeweils zur rechten Zeit.
84.34 Er kenne die vier politischen Mittel: Verständigung, Gabe, Spaltung und Zwang; jedes wende er zur passenden Zeit an.
84.35 Wo Verständigung genügt, gilt Spaltung nur als mittlere Wahl. Wo eine Gabe angebracht wäre, kann auch Verständigung angemessen sein.
84.36 Zwang anstelle einer angemessenen Gabe gilt als schlechte Wahl, ebenso eine Gabe, wo Zwang erforderlich wäre.
84.37 Wo Verständigung möglich ist, gilt Zwang als die schlechteste Wahl. Auch bei Spaltung und Strafe soll der Herrscher Anstand wahren,
84.38 ebenso bei Verständigung und Gaben. Begehren, Zorn, Habgier, überschäumende Freude, Stolz und Übermut
84.39 soll der König in ihrer Übersteigerung wie Feinde bekämpfen. Maßvoll und zur passenden Zeit kann er die entsprechenden Regungen zulassen; Habgier und Hochmut aber soll er meiden.
84.40 Die Strahlkraft der Könige ist scharf wie die Sonne; den mit Krankheit verglichenen Hochmut soll der Mensch dabei ablegen.
84.41 Sieben Laster soll er meiden: Jagdsucht, Würfelspiel, übermäßigen Umgang mit Frauen, Trunksucht, Verschwendung sowie Härte in Rede und Strafe.
84.42 Von fremden Frauen und von Frauen, die ihn nicht begehren, halte er sich entschieden fern; seinen eigenen treuen Gattinnen wende er sich angemessen zu.
84.43 Die Ehe wird hier mit Liebesfreude und Nachkommenschaft begründet; sie soll nicht völlig aufgegeben werden. Für diese Ziele sei eheliche Gemeinschaft angemessen, übermäßige Anhaftung aber zu meiden.
84.44 Die Jagd als ständige Quelle von Unachtsamkeit soll er meiden, ebenso das Würfelspiel, das die Hinwendung zu guten Aufgaben zerstört.
84.45 Allenfalls gelegentlich beobachte er es bei anderen, statt es selbst auszuüben. Den Trank, der zu ungehörigen Taten und Vernachlässigung der Pflichten führt,
84.46 zu unzeitiger Entzweiung von Freunden, Streit und Verlust der Achtung und der Reinheit, soll er stets meiden.
84.47 Ebenso lasse er ab von dem, was Vermögen vernichtet und ihn selbst herabsetzt. Gegen überführte Verbrecher, Diebe, Mörder und gewalttätige Angreifer
84.48 sieht die historische Staatslehre strenge Strafen vor; gegen andere soll der vorzügliche König keine Strafhärte anwenden.
84.49 Grobe Rede soll er überhaupt vermeiden. Die Wahrheit muss stets bewahrt werden; sie allein sei seine letzte Richtschnur.
84.50 Nach Lage der Dinge übe er Nachsicht oder Entschiedenheit. Er lerne die sechs Mittel der Außenpolitik: Ausmarsch, Abwarten, Zuflucht, Doppelpolitik, Vertrag und Krieg,
84.51 und ihre jeweils angemessene Anwendung. Wer Stillstand, Wachstum und Rückgang nicht richtig bemisst
84.52 bei Schatz, Landbevölkerung und Streitmacht, kann sich nicht im Königtum halten. Bei jedem dieser drei Bereiche berücksichtige er die drei Zustände
84.53 entsprechend der Lage und schütze nicht nur einen davon. Gegenüber Freund, Feind und Neutralem mache er seine Kraft wirksam.
84.54 Tatkraft sollen Könige bei berechtigtem Siegesstreben, religiösen Pflichten, den acht Verwaltungsbereichen und der Erhaltung des eigenen Lebens zeigen.
84.55 Die aus Beratung gewonnene Einsicht wende er überall an: bei Ministern, Feinden, Reich, Söhnen und im inneren Palast.
84.56 Landwirtschaft, Festungsbau, Handel, die Bereitstellung von Waffen beziehungsweise Abgaben, Einziehung von Heer und Steuern, Beschaffung von Elefanten und Pferden,
84.57 Besiedlung leerer Häuser und Orte sowie als achter Bereich der Bau wichtiger Verkehrsübergänge und Dämme werden genannt. [Einige Verwaltungsbegriffe sind beschädigt.]
84.58 In diesen acht Bereichen setze er zuverlässige Beobachter ein, um das pflichtgemäße und pflichtwidrige Verhalten der Verantwortlichen zu unterscheiden.
84.59 Acht Beobachter seien den acht Bereichen zugeordnet, zehn weitere den noch unbesetzten Aufgaben. Höre diese der Reihe nach.
84.60 Herrscher, Minister, Land, Verbündeter, Schatz, Streitmacht und als siebtes Festung sind die vom Lehrer genannten Glieder des Reiches.
84.61 Die Festung gehört schon zu den acht Bereichen, und gegen sich selbst setzt der König keinen Beobachter ein; somit bleiben fünf weitere Beobachtungsfelder.
84.62 Dazu kommen innerer Palast, Söhne, Schlafbereich und Küche sowie die Feststellung von Stärke und Schwäche des Feindes und des Neutralen.
84.63 In diesen insgesamt achtzehn Bereichen soll der König Beobachter einsetzen. Was er nicht offen erkennen kann, lasse er durch sie ermitteln.
84.64 Nach der Prüfung behebe er erkannte Schwachstellen. Wenn jemand von seiner zugewiesenen Aufgabe abweicht,
84.65 soll der König dies durch die Beobachter erfahren und ihn bestrafen oder ablösen. Mit dem Minister befrage er die Beobachter vertraulich
84.66 am Abend und handle nach den Ergebnissen. Die bei Söhnen, innerem Palast und Küche eingesetzten Beobachter
84.67 sowie den Beobachter seines eigenen Ministers befrage er dagegen um Mitternacht persönlich und ohne den Minister.
84.68 Die anderen Berichte prüfe er mit dem Minister und bestimme die Folgen. Ein Beobachter soll nicht nur eine Verkleidung beherrschen, nicht allein und nicht ohne Tatkraft sein,
84.69 nicht überall bekannt, nicht auffallend groß oder klein, nicht ausschließlich tagsüber tätig, nicht krank und nicht unverständig.
84.70 Auch soll er nach dieser Auswahlregel nicht mittellos oder ohne Gattin und Kinder sein. So werde er zur Ermittlung verborgener Tatsachen eingesetzt.
84.71 Geeignet sei jemand, der viele Erscheinungsformen annehmen kann, Familie besitzt, die Sprachen verschiedener Länder kennt und fremde Absichten versteht,
84.72 treu ergeben, leistungsfähig und furchtlos ist. Die Landwirtschaft beaufsichtige der König selbst oder durch ihm gleichgesinnte Männer.
84.73 Für Handelswege und Festungen setze er geeignete Fachleute ein; für den inneren Palast besonnene ältere Männer, dem eigenen Vater vergleichbar.
84.74 Auch Eunuchen und verständige ältere Frauen werden für diese Aufgaben genannt; am Tor des inneren Palastes sollen erfahrene ältere Frauen stehen.
84.75 Der König soll niemals allein schlafen oder essen, nicht allein zur allein befindlichen Königin gehen und auch bei der Verrichtung der Notdurft nicht ohne Begleitung sein.
84.76 Minister, Gattinnen und Söhne sollen durch Vertrauensprüfungen als zuverlässig erkannt werden; der König verhalte sich dabei grundsätzlich wohlwollend.
84.77 Weil man sich unter einem Vorwand nähert und die Person hinsichtlich Rechtschaffenheit, Besitz, Begehren oder Befreiung prüft, heißt dies Upadha, verdeckte Prüfung.
84.78 Gattinnen und Söhne prüfe man anhand von Besitz und Begehren, Brahmanen anhand religiöser Pflichten, Minister anhand aller Bereiche.
84.79 Als vorgetäuschte religiöse Verlockung wird vorgeschlagen: „Durch diese Opfer und Gaben wirst du schon hier König. Wenn du Herrschaft wünschst, vollziehe diesen Ritus!
84.80 Durch diesen Schadenszauber oder diese Opfer wird der jetzige König sein Leben verlieren; dann wirst du gewiss König.
84.81 Dies ist die königliche Pflicht, zu der Pferdeopfer und andere Riten gehören; der jetzige König erfüllt sie nicht. Darum tue du es, Bester!“
84.82 Mit solchen Worten werde der Betreffende durch einen vom König eingesetzten Brahmanen geprüft; dadurch solle seine verborgene Gesinnung erkannt werden.
84.83 Wenn ein Minister aus Herrschaftsgier Unrecht begehe und einen gegen den König gerichteten Ritus veranlasse, solle er herabgesetzt werden.
84.84 Wer schweren Schadenszauber betreibe, werde nach dieser historischen Vorschrift getötet; ein Brahmane, der solchen Zauber ausführt, werde verbannt.
84.85 Dies heißt Prüfung durch religiöse Verlockung; damit erkenne man redliche Minister. Auch andere entsprechende Prüfungen seien möglich.
84.86 Der König spreche den Schatzmeister ab und lasse durch ihn Minister, Söhne und andere auf ihre Zuverlässigkeit bei Geheimnissen prüfen.
84.87 Die Versuchung lautet: „Dieser große Schatz steht unter meiner Verfügung, bester Mann. Mit deiner Zustimmung bringe ich ihn dir, wenn du bereit bist.
84.88 Wenn dein Vermögen wächst, wird auch unser Lebensunterhalt gesichert sein. Was könntest du mit solchen reichen Schätzen nicht alles tun?“
84.89 Mit dieser und anderen auf den Schatz bezogenen Versuchungen prüfe der König Söhne, Minister und die übrigen beständig.
84.90 Nach der strengen Vorschrift werden diejenigen, die den Schatz tatsächlich schädigen, getötet; diejenigen, die es beabsichtigen, verbannt. Schwankende Gesinnung werde missbilligt, der Schatz geschützt.
84.91 Dienerinnen, Handwerkerinnen und ältere, kluge, standhafte Frauen, die im Palast ein- und ausgehen und den Ministern bekannt sind,
84.92 lasse der König heimlich, von den Gattinnen unbemerkt, zu sich kommen, unterweise sie und sende sie zu den Ministern.
84.93 Die verständigen Frauen sollen deren Gesinnung erkunden und sagen: „Die schöne Hauptkönigin begehrt dich.
84.94 Ich werde dich mit ihr zusammenbringen, wenn du es wünschst.“ Der Frau sagen sie umgekehrt: „Der Minister begehrt dich; er ist deiner würdig, Schöne.
84.95 Ich kann euch zusammenführen, wenn du es möchtest.“ Durch solche und andere vorbereitete Versuchungen
84.96 sollen Gattinnen, Töchter, Schwiegertöchter und weitere angeheiratete Frauen ebenso wie Minister, Söhne, Enkel und Diener geprüft werden.
84.97 Wer diese Prüfung des Begehrens nicht besteht, wird in der historischen Strafordnung mit Tötung bedroht; für Frauen wird eine andere Strafe, für Brahmanen Verbannung vorgesehen.
84.98 Einen Minister, der ausschließlich dem Befreiungsweg folgt, Gewalt und Anschwärzung meidet und ganz in Nachsicht aufgeht, soll der König nach dieser Staatslehre nicht verwenden.
84.99 Denn ein solcher, durch den Befreiungsweg leidenschaftslos Gewordener, würde selbst Strafwürdige nicht bestrafen und alle gleich behandeln; darum gelte er für dieses Amt als ungeeignet.
84.100 Dies ist nur der Grundriss der Vertrauensprüfungen. Ushanas hat sie vielfach unterschieden; Einzelheiten sind seiner Lehrschrift zu entnehmen.
84.101 Ein König soll nicht beständig Krieg mit anderen führen. Krieg komme nur infrage, wenn ein Gewinn an Land, Vermögen oder Verbündeten gesichert erscheint.
84.102 Die vorzüglichen Könige sollen allen sieben Reichsgliedern Fürsorge zukommen lassen und stets den Schatz mehren und schützen.
84.103 Als Berater wähle der König nach dieser Lehre gelehrte Brahmanen, die Disziplin kennen, aus angesehenen Familien stammen, in Recht und Wohlstand kundig und aufrichtig sind.
84.104 Er berate sich mit ihnen, aber nicht mit zu vielen zugleich. Zuerst soll er jeden einzeln zur Entscheidung befragen,
84.105 danach alle gemeinsam, gegebenenfalls unter verdeckter Darstellung eines anderen Falles. Die Beratung geschehe in einem gut geschützten Beratungsraum oder an einem erhöhten Ort.
84.106 Auch ein unbewohnter Wald wird genannt, niemals aber ein offener Versammlungsort. Kinder, Affen, Eunuchen, Papageien und Beos
84.107 sowie die hier als auffällig oder beeinträchtigt bezeichneten Menschen werden vom Beratungsraum ausgeschlossen. Der Schaden aus dem Verrat eines Staatsgeheimnisses
84.108 könne selbst durch hundert geschickte Könige nicht behoben werden. Strafwürdige sollen angemessen bestraft, Nichtstrafwürdige nicht bestraft werden.
84.109 Unterlässt der König die Strafe Schuldiger oder bestraft Unschuldige, zieht er Tadel und die Schuld eines Diebes auf sich.
84.110 Die Befestigungen soll er planmäßig mit Mauern, Türmen und Toranlagen versehen; auch außerhalb der geschmückten Stadt schaffe er sichere Rückzugsorte.
84.111 Die Festung ist die Stärke der Könige und wird stets gelobt. Ein Bogenschütze in einer Festung kann hundert Gegner bekämpfen,
84.112 hundert können zehntausend standhalten; darum wird die Festung gepriesen. Wasserfestung, Erdfestung, Baumfestung,
84.113 Waldfestung, die textlich unsicher bezeichnete weitere Form, Bergfestung und Grabenfestung werden genannt. Der König wähle nach den Gegebenheiten seines Landes.
84.114 Beim Festungsbau lege er die Stadt dreieckig, bogenförmig, rund oder viereckig an, nicht in beliebiger anderer Gestalt.
84.115 Eine trommelförmige Festung wird als Untergang der Dynastie gedeutet; als Beispiel nennt der Text die alte Festung Lanka des Rakshasa-Reiches.
84.116 Balis Stadt Shonita war durch machtvolle Befestigungen gesichert; weil sie fächerförmig war, wird dies mit dem Verlust seiner Stellung verbunden. [Der Schluss ist beschädigt.]
84.117 Die Stadt Saubha des Königs Shalva ist fünfeckig; auch dieses im Himmel bestehende Reich werde zugrunde gehen.
84.118 Ayodhya dagegen, die Stadt der Ikshvaku-Könige, ist bogenförmig und wurde daher als siegbringend angesehen, König.
84.119 Auf dem Festungsgrund verehre man Durga und an den Toren die Richtungshüter. Ordnungsgemäße Verehrung verheiße dem König Sieg.
84.120 Darum soll er zur Mehrung des Sieges Festungen schaffen. Brahmanen soll er nach dieser Standesordnung nicht verächtlich behandeln oder verachten lassen.
84.121 Wer sie verachtet, werde hier und jenseits Leid erfahren. Er soll keinen Streit mit ihnen beginnen und ihr Eigentum nicht an sich nehmen.
84.122 Bei wichtigen Handlungen soll er sie ehren, sie nicht verleumden und ihnen nicht missgünstig sein.
84.123 Ein verständiger König, der die Zusammenhänge seines Herrschaftsbereichs kennt, aufmerksam ist, durch Beobachter sieht, Tugenden besitzt und freundlich spricht,
84.124 erlange hier und jenseits großes Gelingen und erfreuliche Genüsse. Dieselben Eigenschaften, die er selbst erworben hat, soll er seinen Söhnen vermitteln.
84.125 Ungezügelte Unabhängigkeit eines Königs gefährde seinen Besitz; ein völlig ungebundener Königssohn gerate nach dieser Erziehungslehre auf Abwege.
84.126 Darum sollen stets ältere Aufseher eingesetzt werden. Bei Essen, Schlafen, Reisen und Begegnungen mit Männern
84.127 sowie bei Liebesangelegenheiten verlangt die historische Palastordnung auch die Beaufsichtigung der Gattinnen; sie spricht Frauen ausdrücklich selbstständige Verfügung ab.
84.128 Der Text begründet dies mit einer behaupteten Gefahr durch unabhängige Frauen. Darum sollen Prinz und Hauptkönigin durch die beschriebenen verdeckten Prüfungen
84.129 geprüft und erst danach mit Thronfolge und innerem Palast betraut werden. Freier Zugang zum inneren Palast
84.130 für den Königssohn und unbeschränktes Verlassen durch die Gattin werden untersagt. Dies ist die in Kürze erklärte besondere Königspflicht.
84.131 Sie betrifft auch die Ausbildung der Eigenschaften von Söhnen und Gattinnen, König. Ushanas und Brihaspati verfassten Lehrwerke der Königspolitik;
84.132 weitere Einzelheiten sind ihren Schriften zu entnehmen. Ein König, der diese Besonderheiten der Staatsführung beachtet, Hochbegnadeter, gehe nicht zugrunde, sondern erlange großen Wohlstand.
Kapitel 85
85.1 Aurva sprach: Höre nun die besonderen Regeln des rechten Lebenswandels, König der Könige, die ein Herrscher unbedingt beachten soll.
85.2 Gute Menschen haben ihre Fehler vermindert; das Wort „sat“ bezeichnet das Gute. Ihr Verhalten heißt deshalb Sadachara, rechter Lebenswandel.
85.3 Die in Agamas, Puranas und Samhitas gelehrten Lebensregeln soll der König wie ein Hausvater annehmen.
85.4 Er ehre die Seher durch Vedenrezitation, die Götter durch Feueropfer, die Ahnen durch Totengedenkriten und die Wesen durch Opfergaben.
85.5 Ausscheidung, Körperpflege, Bad, Zahnreinigung, Augenschminke und die Lebensriten von der Zeugung an vollziehe er nach den Regeln eines Hausvaters.
85.6 Der König soll nach dieser Standesordnung Brahmanen zu ihren sechs Aufgaben und Kshatriyas sowie die übrigen zu ihren jeweils eigenen Pflichten anhalten.
85.7 Wer die eigene Pflicht aufgibt und die eines anderen Standes übernimmt, soll nach der historischen Vorschrift mit hundert Geldeinheiten bestraft und zur eigenen Aufgabe zurückgeführt werden.
85.8 Unter den jährlich wiederkehrenden Handlungen muss der König insbesondere die folgenden vollziehen; höre ihre Besonderheiten.
85.9 Im Herbst verehre er Durga an der großen Ashtami; am zehnten Tag vollziehe er die schützende Lustration Nirajana zur Stärkung seiner Streitkräfte.
85.10 Im Monat Pausha vollziehe er am dritten Tag die Pushya-Weihe. Nach Verehrung der Göttin Shri bringe er am fünften Tag
85.11 das Shri-Opfer zur Mehrung von Geld und Vorräten dar, bester König. Im Monat Jyeshtha, an Dashahara, folge Vishnus Opfer.
85.12 Wenn die Sonne im Löwen steht, verehre er am zwölften Mondtag Indra. Diese Opfer soll der Herrscher besonders großzügig ausführen.
85.13 Durch ihre Ausführung wüchsen Streitmacht, Reich und Schatz; bei ihrer Unterlassung drohten Hungersnot und Tod
85.14 sowie die übrigen Plagen. Darum hebe man sie besonders hervor. Die Ordnung für Durgas Verehrung an der großen Ashtami im Herbst
85.15 wurde schon früher gelehrt; nach ihr ist zu verfahren. Höre nun die Ordnung der Lustration, bester König.
85.16 Sie soll das Gedeihen von Pferden und Elefanten bewirken. Am dritten Tag der hellen Hälfte des Monats Ashvina, bei Verbindung mit Svati,
85.17 wähle man einen geeigneten Ort nordöstlich der eigenen Stadt. Am achten Tag danach vollziehe man die Lustration.
85.18 Die Zeit habe ich dir bereits genannt; höre jetzt nur die Ausführung, durch die dein Vorhaben erfüllt werden soll.
85.19 Ein besonders kräftiges und schönes Pferd werde sieben Tage lang mit Duft, Blumen, Gewändern und weiteren Gaben geehrt.
85.20 Nach Beginn der Verehrung am dritten Mondtag führe man es zum Opferplatz. Seine Bewegungen werden als gute oder schlechte Vorzeichen gedeutet.
85.21 Läuft das Pferd davon, deute man dies als Überwältigung eines fremden Reiches; vergießt es Tränen, als Tod eines Königssohnes.
85.22 Geht es trotz Führung nicht weiter, werde dies als Tod der Hauptkönigin gedeutet. Gibt es Laute durch Mund und Nase oder die genannten Gesichtsbewegungen von sich,
85.23 so verheiße dies Sieg über Feinde in der Richtung, der es sich zuwendet. Hebt es den rechten Vorderfuß und schreitet voran,
85.24 werde der König alle Feinde besiegen. Am Morgen des zehnten Mondtages soll die Lustration stattfinden, bester König.
85.25 Ist dies nicht möglich, geschehe sie am zwölften Tag; andernfalls am fünfzehnten Tag des Monats Kartika.
85.26 Nordöstlich der Stadt errichte man einen Torbogen, sechzehn Ellen hoch und zehn Ellen breit.
85.27 Der Opferplatz sei zweiunddreißig Ellen lang und sechzehn Ellen breit; in der Mitte werde ein Altar angelegt.
85.28 Nördlich dieses Altars richte man einen besonderen Pferdealtar ein, auf dem die Priester das Pferd aufstellen und verehren.
85.29 Den Torbogen schmücke man mit Zweigen von Sarja, Udumbara oder Arjuna, mit Rädern, die Fische und Muscheln zeigen, und mit Bannern,
85.30 mit Gold, Edelsteinen und verschiedenen Früchten. Bhallataka, Reis und Kushtha werden als förderliche Stoffe für das Pferd genannt,
85.31 die zum Gedeihen und zur Befriedung an seinem Hals befestigt werden. Man zeichne ein Vishnu-Mandala und verehre die Richtungshüter, die neun Planetenmächte
85.32 und die Vishvedevas, Vishnu voran, mit ihren Mantras. Der Hauspriester mische Butter, Sesam und Blumen
85.33 und vollziehe sieben Tage Feueropfer für Sonne, Varuna, Prajapati, Indra und Vishnu.
85.34 Für jede Gottheit bringe er täglich tausend oder hundertacht Gaben dar, zur Verwirklichung der vier Lebensziele.
85.35 Als Opferhölzer werden Palasha, Khadira, Udumbara, Kashmarya und Ashvattha vom Priester verwendet.
85.36 Acht Gefäße aus Gold, Silber oder Ton werden nach den verfügbaren Mitteln bereitgestellt und mit Früchten, Mangozweigen und Tüchern versehen.
85.37 In sie gebe man Samanga, gelbes Harital, Sandel, Kushtha, Priyangu und Manahshila,
85.38 Augenschminke, Gelbwurz, weißen Danti, Bhallataka, Purnakosha, Sahadevi und Shatavari,
85.39 Kalmus, Nagakeshara-Blüten, Somaraji, Suguptika, Tuttha, Oleander und Tulasi-Blätter.
85.40 Diese Stoffe lege der Priester in die Krüge. Die beiden Opferlöffel sollen aus Gold oder den genannten Opferhölzern gefertigt werden,
85.41 wenn der König die befriedende Lustration wünscht. So werden sieben Tage lang mit Verehrung und Feueropfern
85.42 die zuvor genannten Gottheiten geehrt. Bis zum Abschluss der Lustration soll der König in seinem eigenen Haus wohnen,
85.43 nicht nachts auf dem Opferplatz, wenn er Frieden wünscht. Das dafür bestimmte Pferd oder den Elefanten soll er währenddessen nicht besteigen,
85.44 sondern die sieben Tage über ein anderes Fahrzeug benutzen. Verschiedene Speisen, Honig, Milchreis, Gerstenspeisen,
85.45 Süßkugeln und Reisgerichte mit Beilagen werden den genannten Göttern während dieser sieben Tage dargebracht.
85.46 Am siebten Tag verehre man unter dem Torbogen Revanta, den starkarmigen Sohn der Sonne: zweiarmig und in leuchtender Rüstung,
85.47 strahlend, weiß gekleidet, mit hochgebundenem Haar. Links hält er eine Reitgerte, die rechte Hand
85.48 mit dem Schwert ruht auf der linken Seite; er sitzt auf einem weißen Pferd. In dieser Gestalt werde Revanta als Bild oder in einem Gefäß
85.49 unter dem Torbogen nach der Sonnenverehrungsordnung verehrt. Danach werden Elefant und Pferd geehrt.
85.50 Mit ungetragenen Gewändern, Kränzen, Sandel, goldgeschmückter Bewaffnung und bunter Rüstung versehen,
85.51 führen ihre jeweiligen Hüter sie zum zuvor nordöstlich der Feuergrube angelegten Tieraltar.
85.52 Während Elefant und Pferd hingeführt werden, soll der König sorgfältig die genannten Vorzeichen beobachten und ihre Bedeutung feststellen.
85.53 Nördlich der Feuergrube sitzt er auf einem Tigerfell, begleitet von einem Vedenkundigen und einem Pferdekenner, und betrachtet das Pferd.
85.54 Dem herangeführten Pferd reiche der Priester einen wohlriechenden Futterballen, über den er befriedende Mantras gesprochen hat.
85.55 Wenn das Pferd ihn beschnuppert oder frisst, gelte dies als rundum günstig; andernfalls als gegenteiliges Zeichen.
85.56 Udumbara- und Mangozweige mit Kusha-Gras werden wiederholt in das Wasser der Krüge getaucht; damit berühre man Pferde, Elefanten, König, Soldaten
85.57 und Wagen unter befriedenden und stärkenden Mantras. Mit den anderen Brahmanen besprenge der Hauspriester das viergliedrige Heer.
85.58 Nach vielfacher Besprengung mit Mantras der Richtungshüter, Planetenmächte und Vishnus lasse der Opferpriester einen goldenen Spiegel sehen:
85.59 zuerst den König, dann den Minister, Königssohn, die Amtsträger und die weiteren Soldaten.
85.60 Er bewege den Spiegel und zeige ihn allen. Nachdem so die Befriedung und Stärkung des Heeres und des Königs vollzogen ist,
85.61 wird im historischen Ritus eine Feindfigur aus Ton unter Schadenszauber-Mantras mit einem Speer am Herzen durchstoßen und ihr Kopf mit einem Schwert abgetrennt.
85.62 Danach bespricht der Lehrer das Zaumzeug mit Mantras Indras und der Sonne und legt es dem Pferd selbst ins Maul.
85.63 Der König besteige es mit der folgenden Formel und ziehe mit allen Streitkräften nach Nordosten.
85.64 Opferpriester, Hauspriester und Lehrer sollen ihm folgen, um weitere Vorzeichen zu beobachten.
85.65 Unter lautem Instrumentenspiel und von Sonnenschirmen umgeben ziehe der König bei der Lustration dahin, als spalte er die Erde.
85.66 Mit Edelsteinen, Korallen, Perlen, Gold und Juwelen geschmückt, lege er einen Krosha zurück und kehre durch das Osttor
85.67 mit den Brahmanen in seine Stadt zurück. Der Hauspriester gehe zum Opferplatz; dort werde die Ehrengabe aus Gold, Kuh und Sesam übergeben.
85.68 Danach mache der König den Brahmanen nach Vermögen weitere Geschenke. Durch diese Lustration des Heeres
85.69 erlange er hier und jenseits beständigen Wohlstand. Die Aufstiegsformel lautet: „Pferd, aus dem Nektar entstanden, aus dem Meer geborenes edles Ross,
85.70 durch die Wahrheit, dass du Indra trägst, trage auch mich! Durch die Wahrheit, dass du Revanta und die Sonne trägst,
85.71 trage mich zum Sieg!“ Mit diesen beiden Versen soll der König das Pferd besteigen.
85.72 Nach der Rückkehr gehe er im inneren Palast zur Hauptkönigin und nehme auf dem Ruhebett Platz.
85.73 Die Königin verehre ihn gemeinsam mit den Frauen mit Durva, ungebrochenem Reis und weißen Senfkörnern. Wenn nach der Festlegung des Platzes am dritten Tag
85.74 eine Geburt oder ein Todesfall rituelle Unreinheit hervorruft, betrifft dies nur den gewöhnlichen Bereich. Auch ein davon betroffener König
85.75 soll die Lustration der Streitkräfte vollziehen; diese Ausnahme gilt ausdrücklich dafür. Bei der Prüfung von Rechtsgeschäften wird dem König sofortige rituelle Reinheit zugesprochen,
85.76 ebenso bei vorbereitender Opferweihe, Opfer und Feldzug gegen ein fremdes Reich. Damit habe ich die Lustrationsordnung erklärt, König. Höre nun die Ordnung des Pushya-Bades.
Kapitel 86
Aurva sprach:
86.1 Höre, König! Ich werde die Abfolge des Pushya-Bades erklären. Schon durch die Kenntnis davon werden Hindernisse immer wieder beseitigt.
86.2 Im Monat Pausha, wenn der Mond im Sternbild Pushya steht, soll der König das Pushya-Bad vollziehen. Es bringt Glück und Wohlergehen und wehrt Hungersnot und Tod ab.
86.3 Wenn dabei ungünstige Karana-Zeitabschnitte wie Vishti, die Konstellationen Vyatipata und Vaidhriti oder Yoga-Verbindungen wie Vajra, Shula und Harshana vorliegen,
86.4 wenn Pushya mit dem dritten Mondtag zusammentrifft und dieser auf einen Sonntag, Samstag oder Dienstag fällt, beseitigt dieses Bad sämtliche damit verbundenen Mängel.
86.5 Treten im Königreich ungünstige Planeteneinflüsse und Unheilszeichen auf, soll man es beim Sternbild Pushya auch in einem anderen Monat vollziehen. [Ein Wort der Vorlage ist hier gestört.]
86.6 Einst lehrte Brahma, der Herr der Welt, dem Götterlehrer diese Befriedungszeremonie, um Indra und allen übrigen Göttern Frieden zu bringen.
86.7 Man wähle einen Ort ohne Spreu, Haare, Knochen, Ameisenhügel und Insektenansammlungen, ohne Kies, Würmer und Kushmanda-Gewächse und ohne übermäßige Bodenbearbeitung;
86.8 einen Ort ohne Krähen, Eulen, Reiher, Kakalas, Geier und Hunde, ohne Dornengestrüpp und Vibhitaka-Bäume,
86.9 ohne Shigru- und Shleshmataka-Bäume und ohne Blutegel; einen unversehrten Platz, geschmückt mit Champaka, Ashoka, Bakula und ähnlichen Bäumen,
86.10 oder das reine Ufer eines Sees voller Schwäne und Karandava-Wasservögel. Einen solchen vortrefflichen Ort soll der König für das Pushya-Bad auswählen.
86.11 Am Vorabend sollen der König und sein Hauspriester in der Abenddämmerung unter dem Klang verschiedener Instrumente zu diesem Ort gehen.
86.12 Der Hauspriester stelle sich an dessen Nordseite und verwende duftendes Sandelholz, mit Kampfer und anderen Stoffen aromatisierte Getränke,
86.13 Gorochana, weißen Senf, ungebrochene Reiskörner, Früchte und weitere Gaben, die durch die Mantras, beginnend mit „gandhadvārā“, besprengt und geweiht sind.
86.14 Nachdem er den Platz so vorbereitet hat, verehre er dort die Gottheiten: Ganesha, Keshava, Indra, Brahma und Shankara,
86.15 den Gott zusammen mit Uma, sämtliche Götterscharen und die Muttergottheiten. Der König soll sie gemeinsam mit seinem Hauspriester verehren.
86.16 Man bereite glückverheißende Gefäße und vielerlei Speisegaben und bringe Milchreis, süße Früchte, Modaka-Süßigkeiten und Yavaka-Speise dar.
86.17 Nachdem der Ort mit Durva-Gras, weißem Senf und ungebrochenem Reis geweiht ist, soll man die dortigen Geistwesen unter folgendem Mantra zum Zurückweichen bewegen:
86.18 „Zurückweichen mögen jene Wesen, die diesen Boden bewachen! Ohne die Herbeigerufenen zu behindern, vollziehe ich die Badehandlung.“
86.19 Dann lege der König die Hände zusammen und rufe mit diesem Mantra die beim Pushya-Abhisheka zu verehrenden Götter herbei:
86.20 „Alle Götter, die hier Verehrung wünschen, sollen kommen, alle Hüter der Himmelsrichtungen und alle anderen, denen ein Anteil gebührt!“
86.21 Darauf bringe er eine Handvoll Blumen dar und spreche erneut dieses Mantra: „Heute mögen die Götter an meinem Platz verweilen,
86.22 ihre Verehrung empfangen und als Beschützer dem König Frieden schenken!“ Anschließend verbringe der König die Nacht zusammen mit dem Hauspriester dort.
86.23 König und Hauspriester sollen aus dem Traum das Günstige und Ungünstige erkennen. Nach der nächtlichen Götterverehrung schlafe der König an diesem Ort.
86.24 Die günstige oder ungünstige Bedeutung eines Traumes soll nach dem Urteil der Sachkundigen erkannt werden. Hat er einen schlechten Traum, soll man beim Pushya-Abhisheka
86.25 das Feueropfer vervierfachen und hundert Kühe schenken. Das Besteigen eines Rindes, Pferdes oder Elefanten, eines Palastes, Berges oder Baumes
86.26 ist glückverheißend und mehrt die Herrlichkeit des Reiches. Das Erblicken von Dickmilch, einer Gottheit, Gold oder eines Brahmanen,
86.27 einer Vina, von Durva, ungebrochenem Reis, Früchten, Blumen, eines Schirmes oder einer Salbe, des Mondes, eines Rades, einer Muschel, eines Lotus oder eines Freundes
86.28 und deren Erlangung bewirken den Untergang des Feindes. Das Sehen des Meeres, eines Berges und einer Verfinsterung, das Gefesseltwerden mit einer Kette,
86.29 das Essen von Fleisch, das Umwenden eines Berges, das Hervorwachsen eines Baumes aus dem Nabel und das Weinen um einen Toten,
86.30 der Verkehr mit einer verbotenen Partnerin, das Hinabsteigen in einen Brunnen oder eine Schlammgrube sowie das Überschreiten eines Berges, Flusses oder Wasserlaufes,
86.31 der Tod des eigenen Sohnes, das Trinken von Blut und Wein, das Essen von Milchreis und das Besteigen eines Menschen –
86.32 diese Träume bringen dem König Wohlergehen, Glück, günstiges Geschick, Königsherrschaft und die Vernichtung seiner Feinde, bester König.
86.33 Das Reiten auf Esel, Kamel oder Büffel dagegen vernichtet die Herrschaft. Tanzen, Singen, Lachen und Rezitieren im Traum bringen ebenfalls Unglück.
86.34 Wer rote Gewänder, rote Kränze und rote Salben trägt und eine rote oder schwarze Frau begehrt, erleidet den Tod.
86.35 Das Eintreten in einen Brunnen, das Gehen nach Süden, das Versinken im Schlamm und ein Bad bedeuten den Verlust von Frau und Sohn.
86.36 [Der erste Halbvers ist beschädigt; er erwähnt einen Gewinn im Traum und das Auftreten eines Geschwürs beim König.] Wenn ein Khanjana-Vogel die Nabelschnur ergreift und damit fortfliegt,
86.37 erlangt der König ein anderes Reich und großes Wohlergehen. Man errichte einen zwanzig Hasta langen und sechzehn Hasta breiten
86.38 vortrefflichen Opferplatz, der alle vorgeschriebenen Merkmale besitzt. Am folgenden Vormittag vollziehe man die Verehrung der Muttergottheiten,
86.39 die an der Wand angebrachte Vasordhara-Gussspende und das Vriddhi-Shraddha zur Mehrung des Gedeihens. Mit Sandelholz, Agaru, Moschus, Räucherwerk und Kampferpulver
86.40 verehre man den Mandala-Platz. Der Kundige schreibe dort die beiden Mantras „hrauṃ śambhave namaḥ“ und „astrāya huṃ phaṭ“ nieder.
86.41 Wer Mantras und Mandalas kennt, zeichne zuerst mit Woll- oder Seidenfäden das Svastika genannte Mandala.
86.42 Das Mandala messe vier Hasta. Für seinen Lotus ist ein Hasta angegeben.
86.43 Die Tore messen anderthalb Hasta; der Lotus erstrahle mit Fruchtboden und Staubfäden. Weiß, Rot, Gelb, Schwarz und Grün
86.44 erzeuge der König durch Reispulver, Saflor, Kurkuma, grünes Pflanzenpulver und Augenschminke, um das Mandala auszugestalten.
86.45 Vom Rand des Lotus ausgehend messe man eine Tala-Länge nach Westen und zeichne in die Mitte des Westtores einen hundertblättrigen Lotus. [Die Maßangabe ist im Wortlaut unsicher.]
86.46 Der Kenner der Mandala-Einteilung zeichne außerdem in die Mitte jedes Tores mit den jeweiligen Pulvern einen achtblättrigen Lotus.
86.47 Ist das Mandala aus Pulver fertiggestellt, entferne man die Fäden. Nach ihrer Entfernung soll zunächst das Mandala verehrt werden.
86.48 Mit „havanāya namaḥ“ löse man die Hand wieder. Die linke Hand halte das Gefäß mit dem Farbpulver.
86.49 Mit Mittelfinger, Ringfinger und Daumen lasse der Kundige das Pulver von oben herabrieseln; die Finger sind dabei nach unten gerichtet.
86.50 Die Linie soll gleichmäßig, kunstvoll und mit Blumen geschmückt sein. Durch geschickte Führung des Daumengliedes halte der Kundige sie ebenmäßig.
86.51 Niemals zeichne man ineinanderlaufende, ungleichmäßige, allzu dicke, unterbrochene, breiartig unförmige, am Rand aufgehäufte oder zu kurze Linien.
86.52 Ineinanderlaufende Linien bedeuten Streit, aufwärts abweichende Linien Kampf; übermäßig dicke Linien bringen Krankheit, vermischte beständiges Leiden.
86.53 Einzelne Flecken bringen gewiss Furcht vor der feindlichen Partei; eine zu dünne Linie bedeutet Vermögensverlust, eine unterbrochene sicheren Tod
86.54 oder Trennung von einem geliebten Gegenstand oder einem Sohn. Wer ohne Verständnis nach Belieben ein Mandala zeichnet,
86.55 zieht alle zuvor genannten Fehlerfolgen auf sich. Der Kundige lege die Linien mit weißem Senf und Durva-Gras an.
86.56 Vimala, Vijaya, Bhadra, Vimana, Shubhada, Shiva, Vardhamana, Deva, Shataksha, Kamadayaka,
86.57 Ruchika und Svastika: Dies sind die zwölf Mandalas. Die Sachkundigen sollen sie je nach Ort und Opfer passend verwenden.
86.58 Als die Götterscharen das Meer um des Unsterblichkeitstrankes willen quirlten, fertigte Vishvakarman Gefäße an, um diesen Trank aufzunehmen.
86.59 Weil bei ihrer Herstellung jeweils ein Anteil, eine kala, der Götter zusammengetragen wurde, heißen sie Kalasha. [Der Text bietet hier eine traditionelle Namenserklärung.]
86.60 Neun Kalashas werden genannt. Höre ihre Namen: Gohya, Upagohya, Maruta, ferner Mayukha,
86.61 Manoha, Acharyabhadra, Vijaya, Tanudushaka, Indriyaghna und als neunter wiederum Vijaya. [Die überlieferte Namensreihe und die Zahl neun stimmen nicht eindeutig überein.]
86.62 Höre nun, König, ihre anderen neun Namen in der Reihenfolge; sie verleihen stets Frieden:
86.63 Der erste heißt Kshitindra, der zweite Jalasambhava; darauf folgen Pavana und Agni, dann Yajamana.
86.64 Der sechste wird Koshasambhava genannt, der siebte Soma und der achte Aditya.
86.65 Das neunte Gefäß heißt Vijaya. Es besitzt fünf Mündungen und trägt die Gestalt Mahadevas.
86.66 An den fünf Mündungen des Gefäßes ist der Fünfgesichtige selbst gegenwärtig, entsprechend den Himmelsrichtungen unter Namen wie Vamadeva.
86.67 Das fünfgesichtige Gefäß stelle man im Lotusbereich des Mandalas auf, Kshitindra im Osten und Jalasambhava im Westen,
86.68 das Windgefäß im Nordwesten, das Feuergefäß im Südosten, Yajamana im Südwesten und Koshasambhava im Nordosten.
86.69 Soma ordne man dem Norden zu und das Sonnengefäß dem Süden. Nach dieser Aufstellung vergegenwärtige man sich Folgendes in ihnen:
86.70 An der Mündung der Gefäße ist Brahma, am Hals Shankara, am Grund Vishnu und in der Mitte sind die Scharen der Muttergottheiten.
86.71 Die Richtungshüter und sämtliche Gottheiten umgeben die zehn Richtungen. Im Bauch des Gefäßes befinden sich die sieben Meere und die sieben Weltinseln,
86.72 alle Mondhäuser und Planeten, die großen Gebirgsketten, alle Flüsse, angefangen mit der Ganga, und die vier Veden.
86.73 Sie alle sind im Gefäß gegenwärtig; man betrachte sie darin. Edelsteine, sämtliche Samen, Blumen und Früchte
86.74 lege man hinein: Diamant, Perle, Vaidurya, Mahapadma, Indra-Stein und Bergkristall; ferner die als alle Kräfte enthaltend beschriebene Bilva-Frucht, Nagara und Udumbara,
86.75 Zitronatzitrone, Jambira-Zitrone, Kashmira, Amrata und Granatapfel, Gerste, Reis, Wildreis, Weizen und weißen Senf,
86.76 Safran, Agaru, Kampfer, Madana und Gorochana, Sandelholz, Narde, Kardamom und Kushtha,
86.77 Moschus und Blattpulver, Jala, Harz und Ambuda, Shaileya, Jujube sowie Blätter und Blüten des Jasmins,
86.78 Kalashaka, Prikka, Deviparnaka, Kalmus, Dhatri, Manjishtha und Turushka, die acht glückverheißenden Stoffe,
86.79 Durva, Mohanika, Bhadra, Shatamuli, Shatavari, Sarala, Kshudra, Sahadevi und Gajahvaya,
86.80 Purnakosha, Sita, Pitha, Gunja, Shirasika und Anala, Vyamaka, Elefantenzahn, Shatapushpa und Punarnava,
86.81 Brahmi, Devi, Shiva, Rudra und Sarvasandhanika. Diese glückverheißenden Dinge trage man zusammen und lege sie in die Gefäße. [Mehrere Pflanzen- und Stoffnamen in 73–81 sind verderbt oder nicht sicher bestimmbar; sie bleiben daher als Namen stehen.]
86.82 Nachdem man Brahma, Shambhu und Gadadhara an ihren jeweiligen Stellen im Gefäß der Reihe nach verehrt hat, verehre man vor allem Shambhu.
86.83 Zuerst verehre man Shambhu in der Mitte mit dem Prasada-Mantra nach tantrischer Ordnung und mit vielerlei Speisegaben.
86.84 In den Gefäßen der Richtungshüter verehre man die Richtungshüter und in den zuvor außen aufgestellten Planetengefäßen
86.85 die neun Planeten, in den Muttergefäßen die Muttergottheiten. Alle Götter sind in Gefäßen zu verehren, jeder in einem eigenen.
86.86 Die zuvor genannten neun gelten dabei als die hauptsächlichen, König. Mit festen Speisen, gekochten Gerichten, Getränken, Blumen, vielerlei Früchten,
86.87 Yavaka-Speisen und Milchreis, je nach Verfügbarkeit zusammengestellt, soll der König für das Pushya-Bad sämtliche Götter verehren.
86.88 Südlich des Mandalas errichte man eine Feuergrube. Mit Milchreis, Brennhölzern, Reis, weißem Senf, Ghee, Durva und ungebrochenen Reiskörnern
86.89 sowie auch mit reinem Ghee soll der König zusammen mit Opferpriestern und Hauspriester die verehrten Götter durch das Feueropfer erfreuen, damit Gedeihen entsteht.
86.90 Nach dem Feueropfer stelle man auf dem Altar nördlich des Mandalas einen Sitz und den gesamten als Rochana bezeichneten Schmuck bereit.
86.91 Die Maße sollen sich Fingerbreite um Fingerbreite bis zu sechsundzwanzig Angula steigern. Die Formen sind rund, viereckig, lotusförmig oder dreieckig.
86.92 In der Mitte des Lotus bringe man die Edelsteinherren an, zusammen mit Gomushtika und Vinayaka, ferner Shri, den Shri-Baum und die herrlich gestaltete, glückverheißende Göttin Uma. [Die Aufzählung ist im Wortlaut unsicher.]
86.93 Der mit Edelsteinen und sämtlichen Verzierungen ausgestattete Sitz soll zwei Hasta messen und ein Hasta breit sein; als Höhe werden neun Hasta und zehn Angula genannt. [Diese auffällige Maßangabe ist so überliefert.]
86.94 Für das Bad sei ein geeigneter runder Sitz von anderthalb Hasta vorgesehen, dazu ein vierfach langes Ruhebett und ein Sockel im Dhanus-Maß.
86.95 Der Löwenthron sei mit Elefanten und Löwen prachtvoll gestaltet und mit Gold und Edelsteinen geschmückt; seine Breite betrage anderthalb Maßeinheiten. Auch ein Danda-Sitz ist vorgesehen.
86.96 Kissen lasse man mit Tiger- oder Leopardenfellbezügen oder anderen Häuten anfertigen und mit weicher Baumwolle füllen.
86.97 Das wohlgestaltete Bett sei vier Hasta lang und halb so breit. Nach der überlieferten Lehrregel wünscht man für den König eine zusätzliche Spanne.
86.98 Den Sitz fertige man halbmondförmig oder viereckig; die Kissen des Bettes ordne man entsprechend den Ecken und den übrigen Grundstellen an.
86.99 Sechzehn solcher Kissen mit bunten Mustern sind anzufertigen. Fahrzeug, Löwenthron, Sitzplatte, Bett und weiteres Zubehör
86.100 sollen neu und für den König geeignet sein; man stelle sie nördlich des Altars auf. Westlich davon befinde sich ein vortreffliches, mit Gold und vielen Edelsteinen besetztes
86.101 Ruhebett aus Opferhölzern, mit großer Decke, oberem Baldachin und vier übereinandergelegten Häuten:
86.102 vom Stier, einem Wolltier, vom Löwen und vom Tiger. Der König setze seine Füße auf einen edelsteinbesetzten Fußschemel.
86.103 Auf diesem mit vier Häuten bedeckten Bett sitze der König, reich geschmückt mit verschiedenen Zierstücken und Edelsteinen.
86.104 Den bequem sitzenden König soll man gemeinsam mit den Brahmanen baden. Er sei in eine schwarze Decke gehüllt und mit zahlreichen Gewändern ausgestattet.
86.105 Man vollziehe die Begießung mit den Gefäßen, begleitet von Opfergaben, Blumen und Reispulver. Als Anzahl der Gefäße werden acht, sechzehn, achtundzwanzig, hundert oder noch mehr
86.106 genannt; mit steigender Zahl wächst der Vorzug. Man verwende Sieg und Wohlergehen schenkende, glückverheißende Mantras Shivas,
86.107 Vishnus, der Richtungshüter, der Planeten und der Muttergottheiten: „Ghee gilt als Leuchtkraft; Ghee ist das höchste Mittel zur Beseitigung von Schuld.
86.108 Ghee ist die Nahrung der Götter; im Ghee sind die Welten gegründet. Was an Befleckung aus dem irdischen Bereich, dem Luftraum oder dem Himmel zu dir gelangt ist,
86.109 möge durch die Berührung mit Ghee vollständig vergehen!“ Danach entferne man Decke und Gewand vom Körper
86.110 und bade den König mit den Gefäßen, die mit dem blumenduftenden Badewasser gefüllt sind, unter folgenden Mantras, bester Mensch, die das Wesen des Leibes zur Erfüllung führen:
86.111 „Die Götter und die uralten Vollendeten mögen dich weihen: Brahma, Vishnu, die Rudras, die Sadhyas und die Scharen der Maruts,
86.112 die Adityas, die Vasus, die Rudras, die beiden Ashvins, die besten Ärzte, Aditi, die Göttermutter, Svaha, Lakshmi und Sarasvati,
86.113 Kirti, Lakshmi, Dhriti und Shri, Sinivali und Kuhu, Diti und Surasa, Vinata und Kadru,
86.114 alle genannten Göttergemahlinnen und Göttermütter – sie alle mögen dich weihen, ebenso die Vollendeten und die Scharen der Apsaras.
86.115 Die Mondhäuser, Muhurtas, Halbmonate, Übergänge von Tag und Nacht, Jahre, Augenblicke, Kalas, Kashthas, Kshanas und Lavas,
86.116 alle Glieder der Zeit mögen dich weihen, ebenso die in Himmelswagen fahrenden Götterscharen, die Manus zusammen mit den Meeren,
86.117 die Flüsse, die großen Nagas und die übrigen Nagas, die Kimpurushas, die hochgesegneten Vaikhanasa-Asketen und die im Luftraum weilenden Zweimalgeborenen,
86.118a die sieben Rishis mit ihren Frauen und die festen Sternorte, Marichi, Atri, Pulaha, Pulastya, Kratu, Angiras,
86.119 Bhrigu, Sanatkumara, Sanaka, Sanandana, Sanatana, Daksha, Jaigishavya, Abhinandana,
86.120 Ekata, Dvita und Trita, Jabali und Kashyapa, Durvasas und Durvinita, Kanva und Katyayana,
86.121 Markandeya, Dirghatamas, Shunahshepha, Viduratha, Aurva und Samvartaka, Chyavana, Atri und Parashara,
86.122 Dvaipayana, Yavakrita, Devarata mit seinem Sohn sowie viele weitere, die den Veden und heiligen Gelübden ergeben sind.
86.123 Diese an Askese reichen Weisen mögen dich mit ihren Schülern und Frauen weihen, ebenso die Berge, Bäume, Flüsse und heiligen Stätten,
86.124 Prajapati und die Erde, die Kühe als Mütter des Alls, die göttlichen Fahrzeuge und alle Welten mit ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen,
86.125 die Feuer, die Ahnen, die Sterne, Wolken, der Luftraum, die Himmelsrichtungen und das Wasser: Diese und viele andere glückverheißende Wesen, deren Nennung heiligt,
86.126 mögen dich mit Wasser weihen, das sämtliche Unheilszeichen abwehrt!“ Mit diesen segensreichen göttlichen Mantras und weiteren
86.127 Sonnen-, Narayana- und Rudra-Mantras sowie solchen Brahmas und Indras, mit „āpo hi ṣṭhā“, „hiraṇya“, „sambhava“ und „sura“,
86.118b mit dem Mantra „mā nas toke“, mit „gandhadvārā“, „sarvamaṅgalamāṅgalye“ und „śrīś ca te“ sowie den mit den Planeten verbundenen Mantras vollziehe man das Bad. [Die Vorlage wiederholt hier die Nummer 118 anstelle der erwarteten 128; die Mantras sind überwiegend nur durch ihre Anfangswörter bezeichnet.]
86.129 Nach diesem Bad hülle man den Leib in Decken und lege unter dem Sarvamangala-Mantra ein Baumwollgewand an.
86.130 Nach dem rituellen Schluck Wasser verehre man die Götter, den Guru und die Brahmanen, ferner Banner, Schirm, Yakschweifwedel, Glocke, Pferde und Elefanten.
86.131 Nach Mantrarezitation nehme man die Insignien auf und gehe zum Opferfeuer. Dort betrachte der König die leuchtende Erscheinung des Feuers
86.132 und beachte anhand seiner Funken günstige und ungünstige Zeichen, umgeben von Astrologen, Kämmerern, Ministern, Lobrednern und Stadtbewohnern,
86.133 unter lautem Instrumentenklang und glückverheißendem Gesang, Tanz und Musik. Zum Abschluss vollziehe er nochmals die Befriedung und lasse die Brahmanen Segensworte sprechen.
86.134 Er bringe vorschriftsgemäß die vollständige, mit Gold verbundene Opfervergütung dar, schenke Getreide und Gewänder und vollziehe die Entlassung der angerufenen Gottheiten.
86.135 Mit dem übrigen Wasser besprenge der Hauspriester alle Minister und übrigen Anwesenden, das viergliedrige Heer und das ganze Reich.
86.136 Danach übe der König drei Nächte lang Selbstbeherrschung, enthalte sich Fleisch und Geschlechtsverkehr und widme sich glückverheißenden Handlungen.
86.137 Fällt der dritte Mondtag mit dem Sternbild Pushya zusammen, soll man an ihm die Göttin Chandika gemeinsam mit Shankara verehren.
86.138 Mit Puppenspielen und ähnlichen Vergnügungen, mit Freuden für die Kinder und nach dem Ritus einer Hochzeit erfreue man Chandika, die glückverheißende Göttin.
86.139 Sämtliche Kreuzungen und die Heiligtümer der Götter und Göttinnen schmücke man mit Fahnen. Wer so handelt, geht nicht zugrunde.
86.140 Vollzieht der König auf diese Weise das Friedensopfer und die Pushya-Weihe, so wird er mitsamt seinem viergliedrigen Heer, seinen Frauen und seinen Leuten,
86.141 zusammen mit dem gesamten Herrschaftsgebiet, weder hier noch jenseits ins Unglück fallen. Es gibt kein höheres Opfer und kein höheres Fest,
86.142 keine höhere Befriedung und kein größeres Heil. Nach derselben Ordnung soll die Weihe des Königs
86.143 und die Einsetzung des Thronfolgers durch den königlichen Hauspriester geschehen. Vollzieht man bereits die erste Königsweihe
86.144 nach diesem Verfahren, wird die Herrschaft des Königs gefestigt. Einst wurde dieses Opfer von Brahma für Indra bestimmt. Vollzieht ein König dieses Opfer, geht er weder hier noch im Jenseits zugrunde.
Damit endet das sechsundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana.
Kapitel 87
Aurva sprach:
87.1 Höre nun, König der Könige, vom Aufrichten des Indra-Banners, dem Fahnenfest. Ein König, der es vollzieht, erleidet niemals eine Niederlage.
87.2 Wenn die Sonne im Löwen steht, soll der König am zwölften Mondtag unter dem Sternbild Shravana Indra recht verehren, damit alle Hindernisse zur Ruhe kommen.
87.3 Einst führte der König namens Uparichara, der auch Vasu genannt wird, dieses unvergleichliche Opfer ein.
87.4 In der Regenzeit, im Monat Nabhas, am zwölften Tag der hellen Mondhälfte, soll der Hauspriester, begleitet von vielerlei Instrumenten und Festmusik,
87.5 zunächst den Baum für Indras Banner ansprechen und fällen lassen; Astrologe und Zimmermann sollen dabei die glückverheißenden Vorbereitungen vollzogen haben.
87.6 Bäume, die in einem Garten, bei einem Göttertempel, auf einem Verbrennungsplatz oder mitten auf einem Weg gewachsen sind, meide man für Indras Banner.
87.7 Ebenso meide man einen Baum mit vielen Schlingpflanzen, einen vertrockneten, stark dornigen, krummen, von Schmarotzerpflanzen befallenen oder von Ranken überwucherten Baum.
87.8 Sorgfältig meide man einen Baum mit zahlreichen Vogelnestern oder vielen Höhlungen und einen durch Wind oder Feuer beschädigten.
87.9 Bäume mit weiblicher Bezeichnung sowie sehr kleine oder sehr dünne Bäume soll der Besonnene bei der Verehrung Indras stets meiden.
87.10 Arjuna, Ashvakarna, Vata, Priyaka und Udumbara gelten als die fünf besten Bäume für das Banner. [Der vierte Name ist in der Vorlage entstellt.]
87.11 Auch andere als günstig geltende Bäume wie Devadaru und Shala sind zu wählen, niemals jedoch ungünstige.
87.12 In der Nacht fasse und berühre man den ausgewählten Baum und spreche dieses Mantra: „Den Wesen, die in den Bäumen wohnen, sei Heil! Euch sei Verehrung!
87.13 Nehmt diese Gabe an; möge das Banner Indras daraus entstehen! Der König erwählt dich. Heil sei dir, bester Baum!
87.14 Für das Banner des Götterkönigs nimm diese Verehrung an!“ Am folgenden Tag fälle man ihn und schneide am unteren Ende acht Angula ab,
87.15 am oberen Ende vier Angula; diese Stücke werfe man ins Wasser. Dann bringe man den Stamm zum Stadttor und fertige dort das Banner an.
87.16 Am achten Tag der hellen Hälfte des Bhadrapada bringe man das Banner zum Altar. Das kleinste Banner misst zweiundzwanzig Hasta,
87.17 das nächstgrößere zweiunddreißig, ein noch größeres zweiundvierzig; das vortrefflichste wird mit zweiundfünfzig angegeben.
87.18 Fünf Jungfrauengestalten Indras sind anzufertigen, bester König, sämtlich aus Shala-Holz, außerdem die Muttergestalten Indras.
87.19 Die Jungfrauengestalten sollen ein Viertel des Banners messen, die Muttergestalten die Hälfte; die Haltevorrichtung messe zwei Hasta.
87.20 Nach der Herstellung der Jungfrauen, Mütter und des Banners soll man am elften Tag der hellen Mondhälfte den Stab weihen.
87.21 Nach seiner Weihung mit Mantras wie „gandhadvārā“ errichte man am zwölften Tag ein Mandala für den weithin mächtigen Indra.
87.22 Zuerst verehre man Achyuta und danach Indra. Man fertige ein Bild Indras aus Gold oder Holz an,
87.23 oder aus einem anderen Metall; ist nichts davon vorhanden, aus Lehm. Dieses verehre man besonders in der Mitte des Mandalas.
87.24 Zu einer günstigen Stunde lasse der König dann das Banner aufrichten: „Donnerkeilträger, Vernichter der Götterfeinde, Vieläugiger, Städtezerstörer! Zum Wohlergehen aller Welten nimm diese Verehrung an!
87.25 Komm, komm, von allen Göttern und Vollendeten Gepriesener, Donnerkeilträger, Herr der Unsterblichen! Im ersten Viertel des Shravana-Sternbildes bist du aufgerichtet. Nimm die Verehrung an, Erhabener! Dir sei Verehrung!“
87.26 Mit den im Uttara-Tantra genannten Verfahren des Verbrennens und Überflutens und den übrigen vorbereitenden Handlungen, mit Mantra und tantrischem Ritus sowie verschiedenen Speisegaben,
87.27 mit Kuchen, Milchreis, Getränken, Rohzucker, geröstetem Getreide und allerlei festen und gekochten Speisen verehre man ihn zur Mehrung des Gedeihens.
87.28 In Gefäßen verehre man die zehn Richtungshüter und die Planeten, die Sadhyas und alle übrigen Götter sowie sämtliche Muttergottheiten der Reihe nach.
87.29 Dann gehe der König zur glückverheißenden Stunde gemeinsam mit kundigen Zimmerleuten zum Aufrichtungsplatz westlich des Opferaltars,
87.30 begleitet von Brahmanen und Hauspriestern und günstigen Zeichen. Das Banner sei mit fünf Seilen befestigt und mit der Hebevorrichtung verbunden, ausgestattet mit den Muttergestalten,
87.31 den Jungfrauen und den Tafeln der Richtungshüter; diese seien groß, sehr schön und mit verschiedenen Dingen reich ausgestattet,
87.32 jeweils in ihrer Farbe an der entsprechenden Stelle angebracht und mit Stoff umhüllt. Das Banner versehe man mit Netzen kleiner Glöckchen, vielen großen Glocken und Yakschweifwedeln,
87.33 mit Spiegeln, hochhängenden Kränzen verschiedener Art, zahlreichen duftenden Blumen und einer Edelsteinkette,
87.34 mit bunten Girlanden und Gewändern und vier Torbögen. Dieses große Banner lasse man durch königliche Bedienstete ganz allmählich aufrichten.
87.35 Nach der Aufrichtung bringe man das zuvor im Mandala verehrte Bild an den Fuß des Banners und vergegenwärtige sich darin Indra.
87.36 Dort verehre man ihn wie zuvor, ebenso Shachi, Matali, seinen Sohn Jayanta, den Donnerkeil und Airavata,
87.37 die Planeten, die Richtungshüter und alle Götterscharen, mit Kuchen und anderen Gaben, mit Speiseopfern wie Milchreis.
87.38 Für die verehrten Gottheiten vollziehe man fortlaufend das Feueropfer und bringe an dessen Ende dem erhabenen Indra eine Bali-Gabe dar.
87.39 Sesam, Ghee, ungebrochenen Reis, Blumen und Durva opfere man den Gottheiten mit ihren jeweiligen Mantras, bester Mensch.
87.40 Nach dem Feueropfer speise man die Brahmanen. So verehre man ihn sieben Nächte lang, Tag für Tag,
87.41 der König gemeinsam mit Brahmanen, die die Veden und ihre Hilfswissenschaften vollständig kennen. Für alle Indra-Verehrungen und Opfer ist
87.42 das mit „trātāram“ beginnende Mantra angegeben, das Indra besonders liebt. Nachdem man das Banner zunächst am Tage auf diese Weise aufgerichtet hat,
87.43 am zwölften Mondtag unter Shravana, soll man Indra nachts im letzten Viertel des Bharani-Sternbildes entlassen,
87.44 wenn alle Menschen schlafen, sodass der König es nicht sieht. Sieht der König die Entlassung, so stirbt er innerhalb von sechs Monaten.
87.45 Darum soll der König die Entlassung Indras nicht ansehen, Tiger unter den Königen. Die Kenner der alten Überlieferung nennen dafür dieses Mantra:
87.46 „Purandara, Vollbringer von hundert Opfern! Zusammen mit den Scharen der Götter und Asuras nimm diese Gabe an. Großes Indra-Banner, ziehe nun fort!“
87.47 Bei eingetretener Geburts- oder Todesunreinheit, an einem Dienstag oder Samstag und bei Unheilszeichen wie einem Erdbeben soll man Indra nicht entlassen.
87.48 Bei einem Unheilszeichen oder einer Störung warte man sieben Nächte ab. Samstag und Dienstag soll man meiden; dann darf man die Entlassung auch unter einem anderen Sternbild vollziehen.
87.49 Tritt eine rituelle Unreinheit ein, warte man ihr Ende ab und vollziehe die Entlassung danach an dem betreffenden Tag.
87.50 Bis zur Entlassung soll der König das Banner so bewachen lassen, dass sich keine Vögel darauf niederlassen, Tiger unter den Königen.
87.51 Ganz langsam senke man es, so wie man es zu Beginn aufgerichtet hat. Zerbricht das Banner, bedeutet dies den Tod.
87.52 Das entlassene Indra-Banner werfe man nachts mitsamt seinem Schmuck unter diesem Mantra in tiefes Wasser, König:
87.53 „Gesegnetes Banner, verweile ein Jahr im Wasser! Du beseitigst Hindernisse; diene dem Wohlergehen aller Welten!“
87.54 Vor aller Öffentlichkeit soll man es unter Instrumentenklang aufrichten; heimlich soll man es entlassen. Dies ist die besondere Ordnung dieser Verehrung.
87.55 Wer den erhabenen Indra auf diese Weise verehrt, wird lange die Erde beherrschen und danach Indras Welt erlangen.
87.56 In seinem Reich werden weder Hungersnot noch seelische Bedrängnisse oder Krankheiten Bestand haben; die Menschen dort sterben nicht zur Unzeit.
87.57 Niemand ist Indra so lieb wie er, König. Seine Verehrung ist die Verehrung aller, denn Keshava und die anderen Götter sind darin gegenwärtig.
87.58 Alljährlich im Herbst verehre man das Indra-Banner mit zahlreichen Gaben zur Mehrung des Gedeihens. Diese Verehrung beseitigt alle Befleckung, vernichtet Krankheit und Hungersnot, umfasst alles Dasein und bringt umfassendes Glück. [Die Wendung über die zum Haus des Götterherrn gehörenden Gaben ist sprachlich unsicher.]
Damit endet das siebenundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana.
Kapitel 88
Lesehinweis: Die folgenden Regeln spiegeln historische Königs-, Kasten- und Ritualordnungen wider. Auch die Aussagen über Ernährung, Zeugungskraft und Gefäßmaterialien werden als Textüberlieferung wiedergegeben, nicht als heutige Gesundheitsanleitung; insbesondere eignet sich Blei nicht für Trinkgefäße.
Aurva sprach:
88.1 Höre, König, vom Vishnu-Opfer am Dashahara-Tag im Monat Jyeshtha und von der Ordnung, nach der ein König dieses Opfer für Vishnu vollziehen soll.
88.2 Alljährlich lasse der König ein Bild Haris aus Gold anfertigen, oder aus einem anderen Metall, aus Holz oder Stein.
88.3 Nachdem Künstler es nach den vorgeschriebenen Maßen und Proportionen hergestellt und aufgestellt haben, lasse er die ordnungsgemäße Weihe durch Brahmanen und Hauspriester vollziehen.
88.4 Er stelle es in einem Göttertempel oder in einem eigens sorgfältig errichteten Heiligtum auf und verehre mit Vasudevas Bija nach der zuvor erläuterten Ordnung
88.5 Vasudeva hingebungsvoll mit allen Verehrungsgaben. Nach der Verehrung soll der Brahmane am ordnungsgemäß bereiteten Feuer in der Opfergrube
88.6 tausend Ghee-Spenden darbringen, die Hari lieb sind. Nachdem er Vasudeva verehrt und das Feueropfer vollzogen hat,
88.7 bringe er mit Zustimmung des Königs das Bild zum Mandala. Er berühre seine beiden Wangen mit der rechten Hand
88.8 und vollziehe darin die Einsetzung der Lebenskräfte des Gottes Hari. Wenn diese Einsetzung der Lebenskräfte geschehen ist, bester König,
88.9 treten Vishnus Lebenskräfte selbst gewiss in dieses Bild ein. Sind die Lebenskräfte eingetreten, besitzt es wahrhaft göttliche Gegenwart.
88.10 Ist die Einsetzung der Lebenskräfte in den Bildern nicht vollzogen, behalten Gold und die übrigen Stoffe ihren früheren Zustand; sie besitzen nicht Vishnus Wesen.
88.11 Auch bei den Bildern anderer Gottheiten, König, soll die Prana-Pratishtha vollzogen werden, damit ihre göttliche Gegenwart verwirklicht wird.
88.12 Ohne die Einsetzung der Lebenskräfte bleibt Gold Gold, Stein Stein, Holz Holz und jeder andere Stoff in seiner eigenen gewöhnlichen Beschaffenheit.
88.13 Mit Vasudevas Bija, mit „tad viṣṇoḥ“ sowie mit den Mantras der Glieder und der Hauptgottheit vollziehe man Haris Einsetzung.
88.14 Ebenso lege der Mantrakundige den Daumen auf das Herz. Nach der Einsetzung mit diesen Mantras vollziehe er sie auch im Herzen.
88.15 Dabei spreche er die Yajus-Formel: „In diesem Bild mögen die Lebenskräfte festen Sitz nehmen; ihm mögen die Lebenskräfte zufließen. Möge es den Stand der Gottheit erlangen. Svaha!“ [Der überlieferte Wortlaut der Formel ist grammatisch unregelmäßig.]
88.16 Mit den Gliedermantras, dem Hauptmantra, vedischen Mantras und dieser Formel soll man überall in den Bildern die Einsetzung der Lebenskräfte vollziehen.
88.17 Bei der Bildverehrung vollziehe der Mantrakundige zuerst auch in sich selbst die Prana-Pratishtha, um seinen Anteil an der Verehrung zu reinigen.
88.18 Außerhalb der Bildverehrung soll kein Kundiger diese Einsetzung an sich vollziehen; wer es dennoch tut, zieht den Tod auf sich.
88.19 Der beste König vollziehe dieses Vishnu-Opfer am zehnten Mondtag. Nach dessen Vollendung soll er das Bild aufstellen. [Der Bezug von pūrṇāyām ist nicht völlig eindeutig.]
88.20a Vollzieht der König am Dashahara-Tag so das Opfer für Hari, erlangt er alle Wünsche und wird frei von Hindernissen.
88.21 Am Shri-Panchami-Tag verehre man die Göttin Shri mit Kunda-Blüten und ebenso Indra auf dem königlichen Elefanten mit vortrefflichen Gaben.
88.22 Das zuvor erklärte Ritual und große Mantra Lakshmis sowie dasjenige Indras sind auch hier für die Verehrung anzuwenden, einschließlich des Mandalas und der übrigen Schritte in ihrer Reihenfolge.
88.23 Wird diese Verehrung besonders an Shri-Panchami vollzogen, wird der König von Glück und Herrlichkeit erfüllt und erleidet keinen Verlust seines Gedeihens.
88.24 Diese besonderen Regeln rechten Verhaltens habe ich dir erklärt, König. Höre nun die besonderen Verbote, durch deren Beachtung Gedeihen erlangt wird.
88.25 Niemals soll der König essen, ohne Vishnu, Shiva, Agni und Indra verehrt und eine Gabe geschenkt zu haben.
88.26 Täglich lasse er durch seine Hauspriester das Agnihotra vollziehen. Wer isst, ohne das Agnihotra vollzogen zu haben, gelangt in die Hölle.
88.20b Der König soll weder in einem unbewachten Haus ohne Edelsteinleuchte schlafen noch dort mit einer Frau das Lager teilen. [Die Vorlage wiederholt hier 20 anstelle der erwarteten 27.]
88.28 Nach einer Mahlzeit soll der König weder Shriphala noch Dhatri-Früchte essen. Masha-Bohnen, gegorene Getränke und Erde werden als die Verstandeskraft mindernd bezeichnet.
88.29 Nimba, Atarusha und Chuta gelten als die Verstandeskraft stärkend. Was sie mindert, soll der König beim Essen stets meiden.
88.30 Täglich esse der beste König, was die Einsicht stärkt. Er soll keinen Sitz ohne ordnungsgemäßen Zugang besteigen.
88.31 Er besteige kein Fahrzeug, keinen Elefanten und kein Pferd ohne Sitzvorrichtung und gehe niemals allein an einen menschenleeren Ort.
88.32 Bei der Mahlzeit nehme er nichts Berauschendes zu sich. Am achten Mondtag enthalte er sich stets Fleisch und Geschlechtsverkehr.
88.33 Solange sein Vater lebt, soll der König weder Neumond-Shraddha noch Gaya-Shraddha noch Wasserspenden mit Sesam vollziehen; tut er es, lädt er Schuld auf sich.
88.34 Ist ein leiblicher Sohn vorhanden, soll der König keinen Kshetraja-Sohn oder Angehörigen einer anderen Sohnkategorie zum Herrscher weihen, um die reine Fortführung der Ahnenlinie zu wahren.
88.35 Der leibliche Sohn, der im Auftrag gezeugte Kshetraja-Sohn, der geschenkte Adoptivsohn, der durch Vereinbarung angenommene Sohn, der heimlich Geborene und der ausgesetzte und aufgenommene Sohn: Diese Söhne sind erbberechtigt.
88.36 Der Sohn einer unverheirateten Tochter, der bei der Eheschließung bereits empfangene Sohn, der gekaufte Sohn, der Sohn einer wiederverheirateten Frau, der sich selbst anbietende Sohn und der Sohn einer Sklavin: Diese sechs gelten als nachgeordnete Sohnkategorien.
88.37 Fehlt jeweils der frühere, soll man den nachfolgenden weihen. Den Sohn einer wiederverheirateten Frau, den sich selbst anbietenden und den Sohn einer Sklavin setze man jedoch nicht als Herrscher ein.
88.38 Adoptivsöhne und die übrigen, die bereits im eigenen ursprünglichen Gotra ihre Sakramente empfangen haben und aus dem Samen eines anderen stammen, erlangen nicht die volle Sohnschaft im neuen Geschlecht.
88.39 Ein Sohn, der bis einschließlich der ersten Haarschur im Gotra seines Vaters die Sakramente empfangen hat, bleibt dessen Sohn und erlangt nicht die Sohnschaft eines anderen, Herr der Erde.
88.40 Werden dagegen die Sakramente von der Haarschur an im eigenen Gotra des annehmenden Vaters vollzogen, können die angenommenen Söhne als solche gelten; andernfalls wird der Betreffende als Diener bezeichnet.
88.41 Bei der Annahme eines Sohnes betrifft die Regel das fünfte Lebensjahr. Hat man einen fünfjährigen Sohn angenommen, soll man zuerst ein Putreshti-Opfer vollziehen, König. [Ob die erste Satzhälfte Annahme nach dem fünften Jahr erlaubt oder begrenzt, bleibt im überlieferten Wortlaut unklar.]
88.42 Den Sohn einer wiederverheirateten Frau bringe man unmittelbar nach seiner Geburt herbei und vollziehe für den Neugeborenen den Paunarbhava-Stoma.
88.43 Danach vollziehe man alle Sakramente, beginnend mit dem Geburtsritus. Nach dem Paunarbhava-Stoma gilt er als Paunarbhava-Sohn.
88.44 Er darf für den Vater das einzeln gewidmete Ekoddishta-Shraddha vollziehen, nicht jedoch die Parvana- und anderen Shraddhas. Eine gegen einen Kaufpreis erworbene Frau wird als Sklavin bezeichnet.
88.45 Ihr Sohn gilt als Sklavensohn. Er soll nicht die Königsherrschaft erben und bei Brahmanen nicht als Vollzieher des Shraddha eingesetzt werden.
88.46 Er gilt als der niedrigste unter allen Sohnkategorien; deshalb soll man ihn hierfür ausschließen. Die Puranas, die Dharma-Schriften und die von den Weisen verkündeten Samhitas
88.47 soll der König nicht nach Belieben von Shudras lehren lassen. In wessen Reich Shudras fortwährend Purana und Samhita
88.48 rezitieren, dessen Lebensdauer wird nach dieser Vorschrift verkürzt, mitsamt Reich und Geschlecht. Ein Shudra, der aus Verblendung oder eigenem Wunsch Purana, Samhita und Smriti
88.49 rezitiert, gelangt als Übeltäter gemeinsam mit seinen Ahnen in die Hölle. Was aber für Shudras vorgeschrieben ist und welche Mantras für sie angegeben sind,
88.50 beides sollen sie stets aus dem Mund eines Brahmanen empfangen. Der König setze keinen Shudra zur Entscheidung von Rechtsstreitigkeiten ein.
88.51 Setzt er ihn dafür ein, wird der König zusammen mit ihm in der Tamisra-Hölle gepeinigt; auch das Volk, der König und seine Angehörigen werden kurzlebig.
88.52 Einen Einäugigen, körperlich beeinträchtigten oder sohnlosen Menschen, einen Unkundigen oder einen Menschen ohne Sinnesbeherrschung, einen Kleinwüchsigen oder Kranken soll der König nicht zum Hauspriester machen. [Das erste Wort ist beschädigt; „einäugig“ folgt dem erkennbaren Wortansatz.]
88.53 Der König soll niemals das Vermögen eines Bedürftigen an sich nehmen und es auch nicht an Brahmanen verschenken, selbst wenn es beträchtlich ist.
88.54 Niemals besteige der König einen durch Paarungstrieb rasenden Elefanten. Besteigt er ihn aus Begierde, gerät er hier und im Jenseits ins Unglück.
88.55 Der König soll niemals eine Handlung begehen, die das Leben verkürzt, sondern mit allen verfügbaren Mitteln beständig nach Verlängerung des Lebens streben.
88.56 An einem unter einem rauen Planeteneinfluss stehenden Wochentag sowie am achten und sechsten Mondtag soll der beste König weder Augenschminke noch Ölsalbung anwenden und auch keinen Betel kauen.
88.57 Er soll weder eine ganz geringe noch eine vollständige Mond- oder Sonnenfinsternis selbst betrachten, ebenso wenig die rote Sonne.
88.58 Ein himmlisches, irdisches oder atmosphärisches Unheilszeichen soll er sorgfältig zu sehen vermeiden. Hat er es gesehen, soll er drei Tage lang nicht essen.
88.59 Stets trage er einen glückverheißenden Edelstein zusammen mit Durva. Den unbekleideten Körper zeige er Brahmanen nicht.
88.60 Er betrachte sein Gesicht nicht im Wasser und esse an heiligen Übergangstagen kein Fleisch. Er besteige weder Esel noch Kamel und verkehre nicht mit einer schwangeren Frau.
88.61 So soll der König, in kluger Lebensführung gegründet, sein viergliedriges Heer mehren, sich selbst fortwährend schützen und seine Kraft beständig stärken.
88.62 Er meide stets Speisen und Getränke, die den Samen schwächen, namentlich stark alkalische Gemüse, übermäßig Saures und übermäßig Bitteres.
88.63 Wasser aus Bronze- oder Silbergefäßen sowie angeschwollenes Flusswasser soll er meiden; der Text bezeichnet es als die Harnausscheidung fördernd und die Zeugungskraft mindernd.
88.64 Wasser aus Gefäßen aus Kupfer, Eisen, Gold oder Blei sowie aus Fruchtschalen und Lederbehältern bezeichnet der Text dagegen als samenmehrend und fordert seinen sorgfältigen Gebrauch.
88.65 Wer bei allen grundlegenden Pflichten in rechtem Verhalten feststeht, genießt hier vielerlei Freuden und gelangt danach zur höchsten Stätte Indras.
Markandeya sprach:
88.66 So unterwies Aurva, der hervorragendste Weise, Sagara. Alle Lehrschriften, die Regeln rechten Verhaltens und die häuslichen Riten
88.67 erklärte er dem edlen Sagara ausführlich. Es gab nichts, was Aurva ihm damals nicht dargelegt hätte:
88.68 die Staatskunst, die Lebensordnung der Guten und alles andere aus den Lehrschriften, was in Samhitas, Puranas und den Sammlungen der Agamas enthalten ist.
88.69 Alles hörte Sagara aus dem Mund des weisen Aurva. Davon habe ich euch einen ausgewählten Teil mitgeteilt, beste Zweimalgeborene.
88.70 Früher habe ich im Vishnudharmottara die mit Veden und Vedangas übereinstimmende Staatskunst und rechte Lebensführung im vertraulichen Zusammenhang erklärt.
88.71 Betrachtet beständig dieses Geheimnis Vishnus, beste Zweimalgeborene! Was andernorts nicht ausgesprochen oder nur zweifelhaft dargelegt wurde,
88.72 habe ich euch zur Beseitigung dieser Zweifel erklärt, Brahmanen. Ein Brahmane, der dieses Kalika genannte Purana beständig studiert, das Ungesagtes darlegt und Zweifel löst, erlangt die Frucht der Veden.
Damit endet das achtundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana.
Kapitel 89
Die Rishis sprachen:
89.1 Aus deinem Mund haben wir in Kürze die besonderen Regeln rechten Verhaltens und der Staatskunst gehört, wie Aurva sie Sagara erklärte.
89.2 Ausführlicher ist die rechte Lebensordnung im Lehrwerk Vishnudharmottara zu betrachten; dank deiner Gnade werden wir sie dort kennenlernen.
89.3 Doch ein weiterer Zweifel ist uns geblieben, den du zuvor nicht behandelt hast. Löse ihn, bester Brahmane! Wir fragen dich, denn unsere Wissbegier ist groß.
89.4 In Veda und Welt heißt es, dass ein Sohnloser keinen glücklichen Weg nach dem Tod hat. Vetala und Bhairava gingen einst zur Askese ins Gebirge.
89.5 Zuvor waren sie unverheiratet; von ihren Söhnen haben wir nichts gehört. Wurden ihnen keine geboren, oder doch? Falls es mehrere waren, bester Zweimalgeborener, möchten wir von ihnen und ihrem erhabenen Stand genau erfahren.
Markandeya sprach:
89.6 Dass der Sohnlose keinen solchen Weg hat, gilt als feststehend, ihr Guten. Durch eigene Söhne oder die Söhne ihrer Brüder gelten Menschen als mit Söhnen versehen und gelangen zum Himmel.
89.7 Auch die beiden standhaften Vetala und Bhairava hatten Nachkommen, Brahmanen. Ich werde ihre Geschlechter schildern; hört zu, große Rishis!
89.8 Als Vetala und Bhairava die Vollendung vollständig erlangt hatten und hocherfreut zum Kailasa, Haras Wohnstätte, gekommen waren,
89.9 sprach Nandin auf Haras Geheiß im Verborgenen diese wahrheitsgemäßen Worte zu ihnen, Brahmanen, um sie freundlich zu belehren:
Nandin sprach:
89.10 Ihr beiden Söhne Shankaras seid ohne Söhne. Bemüht euch um die Zeugung eines Sohnes! Wer einen Sohn hat, findet überall leicht einen guten Weg.
89.11 Der Sohnlose erblickt die Hölle namens Put. Weder durch Askese noch durch verdienstvolles Handeln vermag er sich daraus zu befreien.
89.12 Allein durch die Geburt eines Sohnes entsteht Befreiung daraus. Zeugt daher Söhne mit Frauen göttlicher Herkunft.
89.13 Durch das Trinken von Katyayanis Milch seid ihr unsterblich geworden; darum sollen eure Söhne euch gleichen und ebenfalls unsterblich sein.
89.14 Zeugt also auf geeignete Weise Söhne in göttlichen Geschlechtern und kehrt bald in die Wohnstatt Shivas und Shivas Gemahlin zurück, denen ihr lieb seid!
Markandeya sprach:
89.15 Als sie Nandins Worte hörten, freuten sie sich und antworteten ihm: „Genau so werden wir handeln.“
89.16 Sie bewahrten Nandins Worte stets im Herzen, wanderten hierhin und dorthin und bemühten sich darum, Söhne zu erhalten.
89.17 Eines Tages sah Bhairava auf einer Hochfläche des Himalaya die überaus bezaubernde Urvashi, die beste der Apsaras.
89.18 Von Verlangen ergriffen, bat er sie um Liebesvereinigung. Da sie eine frei verfügbare himmlische Liebesgefährtin war, stimmte sie erfreut seinem Wunsch zu.
89.19 Darauf vereinigte sich Bhairava mit der erfreuten göttlichen Urvashi und empfand große Freude an ihren Liebesspielen.
89.20 Aus Bhairavas Zeugungskraft wurde der beglückten Urvashi sogleich ein Sohn geboren, strahlend wie die junge Sonne.
89.21 Urvashi ließ den Sohn zurück und ging an ihren eigenen Ort. Bhairava nahm den Knaben auf und kehrte in seine Wohnstätte zurück.
89.22 Freudig vollzog Bhairava die Sakramente für seinen Sohn und gab ihm zusammen mit dem Herrn der Ganas den Namen Uvesha.
89.23 Als Uvesha herangewachsen war und wie Indra und die Sonne erstrahlte, weihte er ihn zum Herrscher über die Vidyadharas.
89.24 Dieser Herr der Vidyadharas heiratete die wunderschöne Tochter des Gandharva-Königs namens Dhritarashtra.
89.25 Mit ihr erhielt er einen schönen Sohn namens Ruru. Rurus Sohn Bahu wurde von Mainaki geboren.
89.26 Bahu hatte mit Charvati vier Söhne: Tapana, Angada, Ishvara und als jüngsten den schönen Kumuda.
89.27 Kumudas Sohn war der überaus starke Devasena. Dieser schöne Devasena stieg zur Erde hinab
89.28 und warb wiederholt um Keshini, die zartgliedrige, einer Apsaras gleiche Tochter Mandhatris, des Sohnes Yuvanashvas.
89.29 Mandhatri, Yuvanashvas Sohn, gab ihm auf Indras Wort hin bereitwillig seine Tochter Keshini.
89.30 Nach der Heirat verehrte Devasena gemeinsam mit Keshini Hara, den glückverheißenden Gott, in Varanasi, Shambhus Stadt.
89.31 Durch diese Verehrung erfreut, gewährte Hara ihm die gewünschte Gunst. Devasena erbat drei ersehnte Gaben:
89.32 „Solange die Sonne besteht, möge meine Nachkommenschaft fortdauern. In eben dieser Stadt mögen die Angehörigen meines Geschlechtes die Königsherrschaft ausüben.
89.33 Du mögest meinem Geschlecht stets gnädig sein!“ Nachdem der verdienstvolle Devasena diese Gaben empfangen hatte,
89.34 herrschte er durch Shankaras Gnade lange über diese Stadt. Mit Keshini zeugte Devasena Söhne.
89.35 Hört ihre sieben Namen: Sumanas, Vasudana, Ritudhrig, Yavana, Kriti,
89.36 Nila und Vivekin. Sie alle waren in sämtlichen Lehrschriften bewandert, vortreffliche Söhne Devasenas und Fortsetzer seines Geschlechtes.
89.37 Als die Zeit gekommen war, übergab Devasena seinen Söhnen das Reich und zog mit seiner Frau in die Welt der Vidyadharas.
89.38 Seine Söhne, Vasudana und die übrigen, machten Sumanas zum König und genossen herrliches Gedeihen.
89.39 Sumanas erhielt drei heldenhafte, sehr starke Söhne: Sumati, Virupa und Satya, die den Sinn der Lehrschriften gründlich kannten.
89.40 Sumati hatte eine Tochter, Satya einen Sohn namens Dindima. Virupas Sohn war Gadhi und Gadhis Sohn Mitra.
89.41 In diesem Geschlecht wurde Kalpa König, und aus Kalpa ging Vijaya hervor. Dieser besiegte die ganze Erde und die überaus mächtigen Könige
89.42 und schuf mit Indras Zustimmung den hundert Yojana großen Khandava-Wald, den später der mächtige Pandu-Sohn Savyasachin verbrannte und dadurch dem erhabenen Feuergott größte Freude bereitete.
Die Rishis sprachen:
89.43 Wie schuf Vijaya den hundert Yojana großen Khandava-Wald? Das möchten wir hören. Erzähle es, du an Askese Reicher!
Markandeya sprach:
89.44 Im Mondgeschlecht lebte ein König von großer Kraft und Tapferkeit namens Sudarshana, standhaft, schön gestaltet und mächtig.
89.45 Nicht weit vom Himalaya zerstörte er einen großen Wald, vertrieb Löwen und Tiger und an manchen Stellen auch die Asketen.
89.46 Dort gründete er eine prächtige Stadt namens Khandavi, dreißig Yojana breit und hundert Yojana lang,
89.47 mit hohen Mauern, Türmen und bis an die Wolken ragenden Toren, umgeben von tiefen, überaus langen Gräben.
89.48 Andere Krieger konnten sie nicht bezwingen. Sie war voller verschiedenartiger Menschen, mit Teichen, zahlreichen Hainen und Scharen himmlischer Frauen,
89.49 mit Gärten und vortrefflichen Menschen reich ausgestattet. Ihre Bewohner feierten beständig Feste und wetteiferten mit den Göttern im Himmel,
89.50a erfüllt von Freude und den erlesensten Genüssen. König Sudarshana grub Kanäle und durchbrach das Erdreich,
89.51 sodass er die Göttin Ganga von Kanakhala nach Khandavi leitete. Sie durchströmte die Mitte Khandavis auf den von ihm gegrabenen Wegen
89.52 und floss in vielen Windungen zum Fluss Sita. Nachdem er sämtliche Könige besiegt und große Reichtümer zusammengetragen hatte,
89.53 brachte er in Khandavi mithilfe vieler Edelsteine alles unter seine Herrschaft. Aus anderen Städten ließ König Sudarshana Menschen herbeibringen
89.54 und nötigenfalls gewaltsam in Khandavi ansiedeln. Immer wieder besiegte er Götter, Danavas und Gandharvas im Kampf,
89.50b und brachte göttliche Bäume, göttliche Edelsteine und göttliche Heilpflanzen nach Khandavi. [Die Vorlage wiederholt 50 anstelle der erwarteten 55.]
89.56 Vishnu aber, unzufrieden mit König Sudarshana, der Göttern und Menschen vielfach Unrecht zugefügt hatte,
89.57 veranlasste den siegreichen Helden Vijaya, den Herrn von Varanasi, zur Feindschaft gegen ihn und stand ihm im Krieg als Beistand zur Seite.
89.58 Der kraftvolle, tapfere Vijaya nutzte eine günstige Gelegenheit und unternahm einen Überfall auf König Sudarshana.
89.59 Sudarshana duldete diesen Angriff Vijayas nicht und zog ihm sogleich mit seinem viergliedrigen Heer zum Kampf entgegen.
89.60 Vijaya bestieg seinen Wagen, stellte sein viergliedriges Heer auf und wandte sich unverzüglich zum Kampf gegen Sudarshana.
89.61 Da entstand zwischen dem edlen Vijaya und König Sudarshana eine gewaltige Schlacht wie zwischen Vritra und Indra.
89.62 Der mächtige Heerführer Sudarshanas hieß Rumanvat. Er bestieg einen goldenen Wagen und zog Vijaya entgegen.
89.63 Sieben Akshauhinis umgaben ihn von allen Seiten. Mit erhobener Waffe zerstreute er die gesamte feindliche Streitmacht vor sich.
89.64 Vijayas Heerführer, der Feindbezwinger Sanjaya, griff Rumanvat und dessen Truppen mit einem Elefantenheer an.
89.65 Zwischen diesen beiden heldenhaften Heerführern entbrannte ein gewaltiger Kampf. Rumanvat überschüttete Sanjaya mit einem Pfeilregen
89.66 und stieß ein mächtiges Gebrüll aus wie ein Löwe beim Anblick eines Elefanten. Er verwundete Sanjaya mit zwanzig Pfeilen
89.67 und zerschnitt dessen Bogen mit einem rasiermesserscharfen Pfeil. Darauf ergriff Sanjaya einen anderen Bogen und traf ihn mit drei
89.68 Pfeilen; mit einem breitspitzigen Pfeil durchtrennte er sogleich seinen Bogen. Achthundert Elefanten, fünf- oder sechstausend
89.69 Fußsoldaten und dreitausend Pferde ringsum erschlug Sanjaya rasch mit schrecklichen Pfeilschauern.
89.70 Da nahm der heftig erzürnte Rumanvat einen anderen Bogen und trennte mit einem breitspitzigen Pfeil den Kopf von Sanjayas Wagenlenker ab.
89.71 Mit vier Pfeilen sandte er dessen vier Pferde in Yamas Reich und traf Sanjaya selbst mit fünf Pfeilen.
89.72 Sanjaya ergriff augenblicklich mit großer Schnelligkeit eine Keule, sprang vom Wagen und stürmte auf Rumanvat los.
89.73 Rumanvat schoss mit flinker Hand einen Pfeilregen auf den heraneilenden Sanjaya und suchte ihn aufzuhalten.
89.74 Doch dieser wehrte den Pfeilregen durch Kreisen seiner Keule ab und näherte sich Rumanvat wie ein Löwe einem großen Elefanten.
89.75 Als er ihn erreicht hatte, schwang Sanjaya seine schwere Keule mit aller Kraft und zerschmetterte ihn samt seinem Wagen mit einem einzigen Schlag.
89.76 Von der Keule getroffen stürzte der große Held zu Boden wie ein blühender Shala-Baum mitten im Wald, den der Blitz gefällt hat.
89.77 Als König Sudarshana Rumanvat gefallen sah, wurde er von Trauer und Zorn erfüllt, wie ein von Rauch umhülltes Feuer.
89.78 Sein ganzer Leib bebte, und er loderte in heftigem Zorn auf. Er bestieg einen von schnellen Pferden gezogenen, mit Tigerfell bedeckten
89.79 und golden verzierten Wagen, geschmückt mit einem Löwenbanner. Gerüstet ergriff er seinen Bogen und ließ die Sehne immer wieder schwirren.
89.80 Mit seinem Heer stürmte der König rasch gegen Sanjaya. Mit scharfen Waffen erschlug er die weit vorausgerückten Truppen seines Gegners
89.81 vollständig, wie der Löwe die Tiere. Eine ganze vorausmarschierende Akshauhini überaus kraftvoller Krieger
89.82 vernichtete er über eine Strecke von zwei Krosha wie die Sonne die Finsternis. Nach der Vernichtung dieser Akshauhini erreichte er Sanjaya
89.83 und verwundete ihn mit sechzig Pfeilen; mit einem weiteren durchschnitt er sein Banner. Sanjaya traf seinerseits Sudarshana mit zwanzig Pfeilen in die Brust
89.84 und mit einem einzelnen Pfeil kunstfertig in die Stirn. Mit einer rasiermesserscharfen Spitze durchtrennte er den Bogen des Königs,
89.85 und mit zehn Pfeilen verwundete der tapfere Sanjaya dessen Wagenlenker. König Sudarshana nahm darauf einen anderen Bogen
89.86 und überschüttete Sanjaya mit einem heftigen Pfeilregen. Zwischen ihnen entbrannte eine gewaltige Schlacht, die selbst die Weisen staunen ließ,
89.87 mit überaus scharfen Hand- und Wurfwaffen, wie zwischen Bali und Indra. Dann zerschnitt König Sudarshana mit einem breitspitzigen Pfeil Sanjayas festen Bogen
89.88 und erschlug dessen Wagenlenker mit scharfen Pfeilen. Sanjaya, der Bezwinger feindlicher Helden, lenkte seine Pferde nun selbst,
89.89 ergriff einen anderen Bogen, bedrängte Sudarshana, traf ihn mit zehn Pfeilen und zerschnitt auch dessen starken Bogen.
89.90 König Sudarshana nahm einen weiteren Bogen und sandte Sanjayas vier Zugtiere mit Pfeilen in Yamas Reich.
89.91 Er zerschnitt den Bogen an Sanjayas Handgriff und traf ihn selbst mit fünf Pfeilen. Seines Wagens und seiner Pferde beraubt, nahm Sanjaya Schwert und Schild
89.92 und stürmte heftig erzürnt gegen den König. Sudarshana zerschnitt darauf mit einem rasiermesserscharfen Pfeil sein Schwert
89.93 in zwei Teile und mit einem breitspitzigen Pfeil auch den Schild. Sanjaya eilte dennoch an den prächtigen Wagen heran
89.94 und riss Sudarshanas Wagenlenker mit beiden Händen zu Boden. Als Sanjaya dicht an den Wagen gekommen war,
89.95 schlug Sudarshana ihm mit dem Schwert den Kopf ab, und er stürzte zu Boden. Der mächtige Krieger fiel neben dem Wagen
89.96 wie ein blühender Shala-Baum im Wald, den eine Axt gefällt hat. Als Vijaya Sanjaya gefallen sah, war er außer sich vor Zorn.
89.97 Er ließ den Himmel von einem gewaltigen Muschelruf widerhallen und fuhr auf einem golden verzierten, mit Tigerfell geschmückten Wagen,
89.98 dessen Stierbanner ein halbes Yojana hoch emporragte. Umgeben von zahlreichen Wagen ließ er alle Himmelsrichtungen erschallen,
89.99 entsandte Pfeilschauer und näherte sich Sudarshana. Als König Vijaya, der Bezwinger feindlicher Helden, ihn erreicht hatte,
89.100 traf er ihn mit drei Pfeilen in die Brust und rief: „Steh, steh!“ Sudarshana traf den wie ein Elefant brüllenden Vijaya
89.101 mit zehn scharfen Pfeilen und zerschnitt dessen Bogen. Den seines Bogens Beraubten durchbohrte er dann mit drei Pfeilen in der Gegend des Schlüsselbeins
89.102 und stieß ein mächtiges Siegesgebrüll aus. Vijaya ergriff einen anderen Bogen und traf Sudarshana mit drei reiherbefiederten Pfeilen
89.103 ins Herz. Dann richtete der Held eine große, hellglänzende Lanze gegen diesen König,
89.104 unvergleichlich wie eine zornige, züngelnde Schlangenfrau, mit goldenem Schaft, sehr scharfer Spitze, mit Öl gereinigt und makellos blank.
89.105 Vijaya hob sie hoch und schleuderte sie gegen den Feind. Die Lanze drang in Sudarshanas Brust ein.
89.106 Benommen sank er mit gesenktem Gesicht auf den Wagenboden. Während König Sudarshana bewusstlos dalag,
89.107 erschlug Vijaya in einem einzigen Augenblick sämtliche Soldaten, die vor ihm und an seinen Seiten standen, beste Zweimalgeborene:
89.108 zehntausend Wagen und ebenso viele Elefanten, fünfundzwanzigtausend schnelle Pferde
89.109 und zweihunderttausend Fußsoldaten vernichtete er augenblicklich. Sudarshana kam wieder zu Bewusstsein, ergriff einen starken Bogen
89.110 und überschüttete Vijaya mit einem Pfeilregen. Nachdem er Vijaya durch diesen Pfeilschauer zurückgedrängt hatte,
89.111 zerschnitt er sogleich dessen gespannten Bogen mit einer breiten Pfeilspitze. Mit einem weiteren solchen Pfeil trennte er dem Wagenlenker den Kopf vom Leib
89.112 und sandte die vier Pferde in den Tod. Den so seines Wagens beraubten König traf er mit zehn reiherbefiederten Pfeilen
89.113 erneut in die Brust und brüllte laut. Vijaya, dessen Bogen zerbrochen und dessen Wagen verloren war, griff rasch zur Keule
89.114 und stürmte siegesbegierig gegen Sudarshana. Dieser überschüttete den heraneilenden großen Helden mit Pfeilschauern,
89.115 wie eine Wolke in der Regenzeit einen Berg begießt. Vijaya deckte diesen Pfeilregen mit eigenen Pfeilen ab
89.116 und erreichte sofort mit der Keule den auf dem Wagen stehenden Gegner. Als er den mächtigen Sudarshana erreicht hatte,
89.117 traf er ihn mit der Keule am Kopf und warf ihn zu Boden. Wie ein hoher Berggipfel, vom Donnerkeil gespalten,
89.118 stürzte König Sudarshana, von der Keule zerschmettert. Als der Held gefallen war, flohen seine Soldaten samt ihren Abteilungen
89.119 voller Furcht in alle Richtungen. Nachdem sein Heer zerstreut war, betrat Vijaya die Stadt Khandavi
89.120 und sah dort viele Ansammlungen von Gold und Edelsteinen, zu Haufen aufgetürmt wie Berge.
89.121 Er sah Teiche mit voll erblühten Lotussen, ringsum erfüllt vom Rufen der Schwäne und Karandava-Wasservögel,
89.122 Gold- und Edelsteinhaufen, ausgedehnt wie Berge, sowie blühende göttliche Bäume, umschwirrt von Bienen,
89.123 große weiße Paläste, Elefanten gleich dem Kailasa und vor jedem Haus voll erblühte, duftreiche Gewächse. [Die Zuordnung der letzten Satzglieder ist in der Vorlage nicht eindeutig.]
89.124 Mit weit geöffneten Augen betrachtete König Vijaya, der Bezwinger feindlicher Helden, die Stadt und meinte, Amaravati selbst sei auf die Erde herabgekommen.
89.125 Während der König die Stadt betrachtete, trat der Götterherr zu Vijaya und sprach freundlich und beschwichtigend zu ihm:
Indra sprach:
89.126 König, hier war einst ein großer Wald, belebt von Götterscharen, ein reizvoller Aufenthaltsort der Gandharvas, Yakshas und Weisen.
89.127 Sudarshana vertrieb die Götter und alle anderen; darauf aus, mir zu missfallen, zerstörte er diesen verborgenen Wald und vertrieb die Asketen.
89.128 Gewaltsam errichtete er die Stadt Khandavi. Mache du nun diesen Ort wieder zum Wald, bester Mensch!
89.129 Dort will ich mit Takshaka ungestört umherwandern. Durch deine Gunst wird er wieder ein unvergleichlicher Askeseort für die Weisen und eine Wohnstatt für Yakshas und Kinnaras sein, König.
Markandeya sprach:
89.130 Als Vijaya diese Worte Indras hörte, verwandelte er aus Achtung vor ihm ganz Khandavi wieder in einen Wald.
89.131 „Alle Bewohner sollen nach eigenem Wunsch an ihre jeweiligen Orte ziehen! Wer aber in mein Reich kommen möchte,
89.132 der gehe nach Varanasi, das von mir selbst beschützt wird!“ Als die Menschen seine Worte hörten, kehrten einige in ihre Heimat zurück,
89.133 andere gingen nach Varanasi, das Vijaya behütete. Darauf ließ Vijaya die Ansammlungen von Vermögen und Edelsteinen, jede gesondert,
89.134 ferner Juwelen, Gold und andere Wertstoffe mit verschiedenen Beförderungsmitteln nach Varanasi bringen.
89.135 Was zuvor den Gandharvas und Göttern gewaltsam geraubt worden war, Edelsteine, Bäume und anderes, erhielten diese nach freundlicher Verständigung mit Vijaya zurück
89.136 und brachten es hocherfreut aus Khandavi an ihre eigenen Orte. Die dreißig Yojana breite und hundert Yojana lange
89.137 Stadt verwandelte Vijaya binnen kurzer Zeit in einen Wald. Dort wohnte mit Indras Zustimmung Takshaka mit seinen Gefolgsleuten
89.138 sehr lange; der Wald war nun menschenleer. Die Götter, Gandharvas und Apsarasscharen vergnügten sich dort
89.139 und wünschten Vijaya beständig Sieg in den Schlachten. Als im achtundzwanzigsten Weltalter das Dvapara-Yuga zu Ende ging,
89.140 bat der Feuergott in Brahmanengestalt Jishnu um eine Gabe. Nachdem Pandus Sohn zugesagt hatte, die erbetene Gabe zu gewähren,
89.141 nahm der Feuergott seine eigene Gestalt an und sprach zu Jishnu: „Ich bin Agni, Sohn Pandus. Durch übermäßigen Genuss von Opferanteilen
89.142 bin ich erkrankt. Beseitige nun meine Krankheit! Wenn du mir den Wald namens Khandava mitsamt seinen Vögeln, Tieren und Rakshasas
89.143 zur Speise geben kannst, du Held mit weißen Pferden, wird diese Krankheit binnen kurzer Zeit von mir weichen.
89.144 Weil König Vijaya einst jene Stadt Khandavi zerstörte und zum Wald machte, heißt dieser Wald Khandava.
89.145 Von den Göttern ist der Wald zu meinem Nutzen bestimmt, du Held mit weißen Pferden. Doch wegen Indras Widerstand vermag ich ihn nicht selbst zu verzehren.
89.146 Darum hilf mir, Hochgesegneter, und führe mich in diesen Wald, damit ich ihn durch deine Gunst ganz verzehren kann!“
89.147 Als der mächtige Savyasachin seine Worte hörte, ließ er den gesamten Wald mitsamt den Lebewesen verbrennen.
89.148 Von Vasudeva, Devakis Sohn, beschützt und auf das Wohl des Feuergottes bedacht, ließ er Khandava in Flammen aufgehen.
89.149 Hocherfreut gab Agni dem edlen Arjuna darauf den von Göttern gefertigten, zu Varuna gehörenden Bogen Gandiva,
89.150 zwei göttliche unerschöpfliche Köcher, vier herrliche Pferde und das große Affenbanner, in dem Hanuman gegenwärtig war,
89.151 sowie ein scharfes dreispitziges Schwert. Durch Jishnus Hilfe wurde Agni frei von Krankheit.
89.152 Mit diesen Pfeilen, diesem Bogen, diesem Schwert und Banner sowie jenem Pferdegespann und Wagen besiegte Phalguna seine Feinde.
89.153 So schuf König Vijaya, der im Geschlecht Bhairavas geboren und von großen Verdiensten war, den Khandava genannten Wald.
89.154 Vijaya hatte dreizehn sehr starke Söhne: Dyutimat, Saumyadarshin, Bhuri, Pradyumna,
89.155 Kratu, Tunda, Virupaksha, Vikranta, Dhananjaya, Praharsha, Prabala, Ketu und schließlich Uparichara.
89.156 Von ihnen wurde der zuletzt genannte Held Uparichara König. Er vollzog einst in Varanasi hunderttausend Opfer.
89.157 Kein anderer hochgesegneter König auf Erden hat wie Uparichara hunderttausend Opfer vollzogen; auch künftig wird es keinen solchen geben.
89.158 Die Kinder und Kindeskinder dieser Männer erfüllten die ganze Welt. Welcher Mensch auf Erden könnte sie selbst in langer Zeit aufzählen?
89.159 Nach und nach wurde diese Dreiwelt vom Geschlecht Bhairavas erfüllt. Damit habe ich euch Bhairavas Nachkommenschaft geschildert, Brahmanen.
89.160 Wer auch nur die Erzählung von ihnen hört, bleibt nicht ohne Sohn. Wer dieses heilige Leben Vijayas verkündet,
89.161 erlangt beständig Sieg und niemals Niederlage. Wer diese vortreffliche Geschichte mit gesammeltem Geist hört, dessen Geschlecht wird niemals abbrechen.
Damit endet das neunundachtzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana.
Kapitel 90
Markandeya sprach:
90.1 Hört nun von Vetalās Nachkommenschaft, beste Weise! Wer davon hört, wird sogleich von allen Verfehlungen befreit.
90.2 Daksha hatte eine Tochter namens Surabhi, die hochgesegnete Mutter der Kühe, die allen Welten Wohltat erweist.
90.3 Ihr wurde von Prajapati Kashyapa eine Tochter geboren, die reine Rohini, die den Menschen alle Wünsche erfüllt.
90.44 Rohini gebar dem überaus askesereichen Weisen Shunahshepha die als Kamadhenu bekannte, mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattete Tochter. [Die Vorlage hat hier 44 anstelle der erwarteten 4.]
90.5 Sie glich einer weißen Wolke; ihre vier Füße waren die vier Veden. Durch ihre vier Zitzen ließ sie Dharma, Wohlstand und Wunscherfüllung hervorströmen.
90.6 Diese goldleibige Kamadhenu erreichte nach langer Zeit die makellose, reizvolle Jugend.
90.7 Als Vetala sie, schön gestaltet und mit edlen Merkmalen versehen, auf dem Rücken des Meru umherwandern sah, wurde er von Verlangen ergriffen.
90.8 Kamadhenu erkannte Vetalās Verlangen und wandte sich nach der Natur der Tiere von selbst diesem Sohn des Mondträgers Shiva zu.
90.9 Shankaras Sohn empfand mit ihr höchste Freude, und auch sie fand, überaus beglückt, höchste Freude an ihm.
90.10 Aus ihrer Vereinigung empfing sie ein Junges. Als die Zeit gekommen war, gebar Kamadhenu einen großen Stier.
90.11 Binnen kurzer Zeit wurde er zu einem gewaltigen Stier mit großem Buckel und schönen Hörnern.
90.12 Er hob und bewegte beide Ohren und besaß einen langen Schweif. Mit seinem Buckel, seinen Hörnern und Ohren glich er einer weißen Wolke.
90.13 Die Götter sahen ihn sich bewegen wie einen weißen Berg mit seinen Gipfeln. Vetala gab ihm den Namen Shringa, Brahmanen.
90.14 Dieser erkenntnisreiche Shringa verehrte Ishvara. Zufrieden gewährte ihm der Herr Hara die gewünschte Gunst.
90.15 Er verlieh dem Stier einen göttlichen Leib und machte ihn zu seinem Reittier: überaus langlebig, stark und fähig, die Erde zu tragen.
90.16 Der strahlende Shringa wurde auch zum Bannerzeichen des Herrn. Weil er als Shringa dem erhabenen Shankara lieb geworden war,
90.17 verkündete Maheshvara seinen Ruhm unter diesem Namen. Wenn Mahadeva in Meditation versunken war, ging dieser gehörnte Stier bisweilen
90.18 zu Varunas Haus und vereinigte sich dort nach Herzenslust mit Surabhis Töchtern, die Schönheit und Jugend besaßen.
90.19 In Varunas Haus wohnen stets Kühe mit allen glückverheißenden Merkmalen, Brahmanen. Mit ihnen zeugte er wiederum Söhne
90.20 und zahlreiche Töchter. Ihre Kinder und Kindeskinder erfüllten die gesamte Welt; durch sie wird das Opfer ermöglicht.
90.21 Ghee erfreut die Götter, und die Opfer sind im Ghee gegründet. Die ganze Welt mit ihren unbeweglichen und beweglichen Wesen hängt vom Opfer ab.
90.22 Dieses Ghee aber hängt von den Kühen ab; darum ist alles in der Kuh gegründet. So hängt dieses ganze Weltall von den Kühen ab, beste Zweimalgeborene.
90.23 Diese Kühe stammen aus Vetalās Geschlecht und sind stets allen lieb. Wer beständig diese Erzählung von der Entstehung der Geschlechter des erhabenen Vetala hört,
90.24 wird glücklich und stark, beste Brahmanen. Seine Kühe und seine Reichtümer werden niemals zugrunde gehen.
90.25 Bhutas, Pishachas und ähnliche Wesen werden ihn niemals heimsuchen; Vetala selbst beschützt ihn beständig.
90.26 Damit habe ich euch erklärt, Brahmanen, wie Vetala und Bhairava Nachkommen zeugten, und eure Zweifel sind gelöst;
90.27 ebenso, wie die Göttin Kalika Shankara bezauberte, wie sie sich verkörperte und wie sie zur Hälfte von Shambhus Leib wurde.
90.28 Wer selbst spricht: „Kalika, dir sei Verehrung!“, hält die Befreiung in seiner Hand; auch die drei Lebensziele Dharma, Wohlstand und Wunscherfüllung stehen ihm zu Gebote.
90.29 So habe ich euch das heilige, Kalika genannte Purana verkündet: erfüllt von Mantras und Yantras, rein, Erkenntnis schenkend, Wünsche erfüllend und erhaben.
90.30 Es ist das tiefste Geheimnis in der Welt und ebenso in den Veden, Brahmanen; Götter, Gandharvas, Siddhas und andere sehnen sich stets danach.
90.31 Der edle Vasishtha hörte von mir dieses vortreffliche, nektargleiche Kalika-Purana und studierte es.
90.32 Er bewahrte es vollständig im Götterland Kamarupa im Verborgenen. Nun habe ich es euch erklärt und offenbar gemacht, große Rishis.
90.33 Auch ihr sollt es nicht wahllos weitergeben, sondern in der Welt stets als Geheimnis hüten. Einem Hinterlistigen, Wankelmütigen, Gottesleugner oder Menschen ohne Selbstbeherrschung,
90.34a dem Hingabe und Vertrauen fehlen, soll es niemals gegeben werden. Wer aber dieses Kalika genannte Purana auch nur einmal liest,
90.34b erlangt alle Wünsche und schließlich Unsterblichkeit. In wessen Haus dieses vortreffliche Purana schriftlich niedergelegt ist
90.36 und beständig bewahrt wird, dem entsteht kein Hindernis, Brahmanen. Wer dieses geheime, höchste Tantra Tag für Tag studiert,
90.37 hat damit hier sämtliche Veden studiert, beste Zweimalgeborene. Kein anderer übertrifft ihn; er ist verständig und hat seine Aufgabe erfüllt.
90.38 Er wird glücklich, stark und langlebig in der Welt.
90.39 Verehrung jenem Herrn, der die Welt beständig trägt, sie behütet und am Ende ihr Ende herbeiführt! Ob dieses Ganze Täuschung oder Nichttäuschung ist: Es ist seine Gestalt. [Das auf „seine Gestalt“ bezogene Wort ist in der Vorlage beschädigt.]
90.40 Er, dessen Entfaltung Urnatur und Geist sind, der im Herzen der Yogis gegenwärtig ist, Vishnu, der Herr des Purana – dieser Glückverheißende sei euch gnädig!
90.41 Den Ursprung, den Gewaltigen, den uralten Purusha, den anfangslosen, ewigen höchsten Herrn, den Schöpfer der Puranas, der durch Veda und Purana erkannt wird: Ihn preise ich, ihm neige ich mich am Ende dieses Purana.
90.42 Möge Maya euch Fülle und Segen schenken: Sie trägt die gesamte Welt, bezaubert in der Gestalt Ramas den Bezwinger Madhus und erfreut in der Gestalt Shivas Gemahlin Hara!
Damit endet das neunzigste Kapitel des ehrwürdigen Kalika Purana.
Damit ist das ehrwürdige Kalika Purana abgeschlossen.
Spirituelle Bedeutung des Kalika Purana
Die Kraft, die bindet, kann zur Erkenntnis führen
Die ersten Kapitel zeigen das Begehren mit erstaunlicher Offenheit. Die Geschichte lässt weder die Schöpfergottheit noch die Weisen außerhalb seiner Reichweite stehen. Spirituelle Reife beginnt hier nicht mit der Behauptung eigener Unberührbarkeit, sondern mit Aufmerksamkeit für die tatsächlichen Bewegungen des Geistes.
Die Hymnen weiten diese Beobachtung zu einer Lehre von Maya. Die Welt bindet nicht allein deshalb, weil sie vielfältig ist. Bindung entsteht auch dadurch, dass das Bewusstsein sich in einzelnen Erscheinungen verliert und deren Ursprung vergisst. Die Verehrung der Göttin kann den Blick zurückführen: von einzelnen Wünschen zur Kraft des Wünschens, von einzelnen Erkenntnissen zum Licht des Erkennens.
Verehrung als Verwandlung der Beziehung
Wer die Göttin als Geduld, Mitgefühl und Freundlichkeit anruft, betrachtet diese Eigenschaften nicht mehr als nebensächliche Tugenden. Sie werden zu Orten der Begegnung mit dem Heiligen. Eine solche Verehrung bewährt sich darin, dass der Umgang mit anderen Menschen weiter, klarer und liebevoller wird.
Das Ritual kann diese Haltung sammeln und ausdrücken. Eine Gabe, ein Mantra oder ein bewusst gewähltes Bild ordnet die Aufmerksamkeit. Die innere Verehrung erinnert zugleich daran, dass die Beziehung zur Devi nicht auf einen äußeren Gegenstand begrenzt ist. Das Herz ist nicht nur Empfänger einer Erfahrung, sondern auch der Ort ihrer bewussten Vertiefung.
Einheit ohne Verlust der Vielfalt
Die Einheit von Brahma, Vishnu und Shiva hebt ihre unterschiedlichen Aufgaben in der Erzählung nicht auf. Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bleiben unterscheidbar. Die Erkenntnis betrifft ihren gemeinsamen Grund. Darin liegt eine spirituelle Möglichkeit auch für den Alltag: Unterschiede ernst nehmen und dennoch nicht jede Verschiedenheit zur Trennung werden lassen.
Die entsprechende Betrachtung im Pratyabhijnahridaya oder in den Shiva Sutra gehört jeweils in einen anderen Lehrzusammenhang. Sie kann als vergleichender Zugang dienen, ohne das Kalika Purana nachträglich zu einem Lehrbuch einer anderen philosophischen Schule zu machen.

Bedeutung für heutige Aspiranten
Ein guter Einstieg ist eine kurze, regelmäßige Lektüre. Die Strophen 5.17, 5.22 und 5.25 eröffnen drei sich ergänzende Betrachtungen: Was bedeutet Bewusstsein? Wie zeigt sich göttliche Kraft als Mitgefühl? Und worin unterscheiden sich Erkenntnis und Verhaftung in der eigenen Erfahrung?
Lies zunächst den Vers, ohne ihn vorschnell auf eine vertraute Lehre zu reduzieren. Bedenke seinen Sinn und lass danach einige Minuten Stille folgen. Eine kleine, konkrete Handlung kann die Betrachtung abschließen: jemandem aufmerksam zuhören, eine Pflicht verlässlich erfüllen oder eine vorschnelle Reaktion durch Geduld ersetzen.
Die umfassende Verehrung der Göttin erfordert nicht, jede historische Vorschrift unbesehen zu übernehmen. Unterscheidungsvermögen hilft, Überlieferung, eigene Lebenssituation und verantwortliches Handeln miteinander zu verbinden. Für weiterführende Sadhana sind erfahrene Begleitung und die eigene spirituelle Tradition wesentlich.
Begleitende heutige Meditationsanleitung:
Siehe auch
- Agni Purana
- Bhagavata Purana
- Bhavishya Purana
- Brahma Purana
- Brahma Vaivarta Purana
- Brahmanda Purana
- Brihaddharma Purana
- Devanga Purana
- Devi Bhagavata Purana
- Ganesha Purana
- Garga Samhita
- Purana
- Kalki Purana
- Kapila Purana
- Lakshmi Purana
- Linga Purana
- Markandeya Purana
- Naradiya Purana
- Narasimha Purana
- Periya Purana
- Samba Purana
- Saura Purana
- Shiva Rahasya Purana
- Skanda Purana
- Upapurana
- Vamana Purana
- Varaha Purana
- Vayu Purana
- Vishnudharmottara Purana
- Yuga Purana
Weblinks
- Sivananda: "Sadhana in den Smritis, Epen und Puranas" aus Sadhana.Ein Lehrbuch mit Techniken zur spirituellen Vollkommenheit
- Sukadev Bretz: Indische Schriften und Philosophiesysteme
- Sivananda: Götter und Göttinnen im Hinduismus
Literatur
- Dowson, John: A Classical Dictionary of Hindu Mythology and Religion – Geography, History and Religion; D.K.Printworld Ltd., New Delhi, India, 2005.
- Hunzermeyer, Wilfried: Das Yoga-Lexikon ISBN 978-3-931172-28-2, Edition Sawitri
- Mittwede, Martin: Spirituelles Wörterbuch Sanskrit-Deutsch, ISBN 978-3-932957-02-4, Sathya Sai Vereinigung e.V.
Seminare
Indische Schriften
- 26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung
Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…- Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
- 01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta
Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…- Vedamurti Dr Olaf Schönert
Jnana Yoga, Philosophie Jnana Yoga, Philosophie
- 15.11.2026 - 20.11.2026 Aus der Tiefe des Herzens antworten
In diesem Praxisseminar beschreiten wir den Weg fundamentalen Gewahrseins durch intuitive Antworten aus dem Herzen. Antworten, die sich aus unserem wah…- Michael Büchel, Roswitha Breitkopf
- 29.11.2026 - 06.12.2026 Spirituelle Sterbebegleiter Ausbildung
Immer mehr Menschen wollen sich aktiv und offen mit Sterben und Tod beschäftigen und dabei zu einem neuen spirituellen Verständnis von Vergänglichkei…- Sukhavati Kusch
Multimedia
Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas
Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Grundlage sind die IAST- und Devanagari-Fassungen des Kālikāpurāṇam im Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M04002, Revision vom 27. April 2017. Als Druckvorlage ist die von Pañcānana Tarkavāgīśa herausgegebene Ausgabe, Kalkutta 1909, genannt. Die digitale Erfassung erfolgte unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Der E-Text ist mit CC BY-NC 4.0 gekennzeichnet. Deutsche Übersetzung, Erläuterungen und Gliederung sind Ergänzungen gegenüber dieser Textgrundlage.
Die beiden Schriftfassungen haben dieselbe Zeilenstruktur und dieselben Zahlenfolgen. Sie sind deshalb nicht als voneinander unabhängige Bestätigung schwieriger Lesarten zu behandeln. Die Sanskritartikel bewahren auch auffällige Schreibungen und originale Nummerierungsstörungen. Diese Ausgabe beansprucht keine neue kritische Rekonstruktion des Sanskrittextes.
In der deutschen Übersetzung bezeichnet eine ausdrücklich genannte Lesungsunsicherheit eine Schwierigkeit des Wortlauts; eine Deutung wird nicht als sicherer Text ausgegeben. Bei 3.33a und 3.33b werden zwei Vorkommen derselben Nummer unterschieden. 3.33a steht zwischen 3.22 und 3.24. In Kapitel 2 fehlt die Nummer 18. In 5.30 wird die gestörte Form takṣmīḥ als lakṣmīḥ verstanden. An anderen Stellen werden fehlende Wörter oder Verse nicht stillschweigend erfunden.
Die Wiederholung in Kapitel 6 ist auch im deutschen Text bewahrt; Buchstabenzusätze unterscheiden gleiche Originalnummern. Ein unnummerierter Abschnitt in Kapitel 13 wird als 13.20u gekennzeichnet. Für den weiteren Text sind insbesondere die Nummerierungsstörungen in Kapitel 42 und 62 und doppelte Versnummern bis Kapitel 90 zu beachten. Eine fehlende Nummer bedeutet nicht notwendig, dass an dieser Stelle auch Text fehlt. Die vollständigen Sanskritfassungen erlauben das unmittelbare Nachlesen.
Die fortlaufende deutsche Übersetzung umfasst Kapitel 1–90. Beschädigte oder nicht sicher deutbare Stellen sind lokal gekennzeichnet; der Anspruch vollständiger Textabdeckung bedeutet keine abschließende philologische Klärung jeder Lesart. In den Schlusskapiteln bleiben die wiederholten Nummern 86.118, 88.20, 89.50 und 90.34 mit Buchstabenzusätzen unterscheidbar; die auffällige Nummer 90.44 an der Stelle des vierten Verses ist beibehalten. Der Praxisartikel bietet ergänzend ausgewählte Verse und Erläuterungen.
