Nitya Anitya Viveka

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Schlüssel zur Ewigkeit Quelle

Nitya Anitya Viveka ist die Unterscheidung (Viveka) zwischen dem Ewigen (Nitya und dem Vergänglichen (Anitya). Im Vedanta und im Yogasutra gehört die Nitya Anitya Viveka zu den wichtigsten spirituellen Praktiken im Alltag.

Nitya Anitya Viveka – ein Vortrag von Sukadev Bretz 2019

Übe Unterscheidung und erfahre eine höhere Wirklichkeit

Hier spreche über eine wichtige Viveka (Unterscheidung), nämlich die Unterscheidung zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen. Weiterhin will ich dich zu einer Abheda Bodha Vakya Meditation anleiten, einer Meditation mit der du dich von Worten und Bildern lösen und Wirklichkeit erfahren kannst, ohne die Strukturierung durch unseren Denkprozess.

Viveka ist einer der Grundbegriffe im Vedanta und steht für die Unterscheidungskraft. Eines der wichtigsten Werke über Vedanta heißt „Viveka Chudamani“ (Das Kronjuwel der Unterscheidung). Unterscheidung ist ein Schlüsselbegriff im Vedanta. Es geht darum, sich von den erworbenen Reiz-Reaktions-Mechanismen zu lösen, automatisierte Überzeugungen zu überwinden und wirklich bewusst zu leben. Viveka ist ein intellektueller Prozess, aber auch einer, der in den Alltag hinein geht.

Das Viveka, über welches ich heute spreche, ist oberflächlich gesehen relativ banal und sofort einsichtig, aber in seinen Konsequenzen für den Alltag ist es sehr wichtig, von allen Vivekas vielleicht das Praktikabelste und Allerwichtigste.

Es gibt vier Hauptunterscheidungen. Patanjali erwähnt sie im Yoga Sutra im 4. Kapitel, Viveka spielt also sogar im Raja Yoga eine wichtige Rolle. Natürlich erwähnt es auch Shankaracharya in vielen seiner Werke.

Nitya – Das Ewige, Anitya – Das Vergängliche, Viveka – Die Unterscheidungskraft

Was ist ewig, was ist vergänglich?

Der Körper vergeht, die Liebe bleibt

Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende – dies ist eine ganz banale Geschichte. Beispielsweise hat dieser Vortrag einen Anfang und ein Ende, er ist nicht ewig, er ist nicht dauerhaft. Ich, der ich vor dir spreche, bin als Körper vergänglich. Der Körper wurde irgendwann geboren, er ist irgendwann größer geworden, jetzt hat er ein gewisses Alter, verliert schon einige Haare und hat schon etwas an Sehkraft verloren, hat schon mehr Falten usw., und irgendwann wird dieser Körper zu Ende sein, tot sein.

Auch die Kamera, mit der dies alles hier aufgenommen wird: Sie ist vor ein paar Jahren entworfen und produziert worden, sie wird seit 1 – 2 Jahren benutzt, sie wird vermutlich (und hoffentlich) noch ein paar Jahre halten, und dann wird sie entweder kaputt sein, oder aber es gibt so viel bessere Kameras, dass sie irgendwo verstaubt und dann irgendwann entsorgt wird. Die Bearbeitung diesen Videos: Sie wird irgendwann beginnen. Noch hat sie nicht begonnen, es läuft ja noch die Aufnahme, und irgendwann wird sie abgeschlossen sein und dann ins Internet gestellt.

Alles hat also einen Anfang, und alles hat ein Ende:

  • Der Körper hat einen Anfang und hat ein Ende.
  • Emotionen fangen irgendwann an, werden stark und hören dann plötzlich auf. Wer vollständig in einer Emotion drin ist, denkt dass die Welt unmöglich so weitergehen kann. Er ist dermaßen in der Emotion drin, dass er das Gefühl hat, er müsste platzen. Man kann sich aber bewusst machen: Irgendwann hat die Emotion begonnen, jetzt ist sie gerade da, und irgendwann wird sie aufhören und nachher kannst du darüber lachen.
  • Schmerzen fangen irgendwann an, sie sind irgendwann intensiv und hören irgendwann auf. Selbst chronischer Schmerz ist nicht immer gleichmäßig da, sondern taucht immer wieder auf und vergeht.
  • Die Menschen, mit denen du zusammen bist, haben einen Anfang und sie haben ein Ende, zumindest physisch gesehen.
  • Das gesamte Universum hat einen Anfang. Die modernen Astronomen und Physiker sagen, vor etwa 20 Milliarden Jahren ist das Universum entstanden. Vielleicht wird diese Schätzung in ein paar Jahren korrigiert – die Wissenschaft ändert ja ständig ihre Aussagen. Im alten Indien gibt es eine Schrift „Surya Sedantha“, die sagt dass ein Schöpfungszyklus 311 Trillionen Jahre dauert – aber selbst diese Zahl bedeutet: Irgendwann hat das Universum begonnen, es geht weiter, und irgendwann hört es auf. So kann man sich bewusst machen: Alles in diesem Universum hat einen Anfang und hat ein Ende.

Was ist ewig? Was ist ewig hinter dem gesamten Universum?

Jetzt gibt es aber die Aussage Nitya Anitya Viveka. Wenn man unterscheiden kann zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, dann muss es logischerweise auch etwas Ewiges geben, ansonsten wäre es unsinnig, unterscheiden zu wollen zwischen etwas, was es nicht gibt, und etwas was es gibt.

Die Yogis sagen „Es gibt etwas Ewiges“. Das Ewige wird Brahman genannt, das Absolute. Vor dem Hintergrund des sich verändernden Universums, dass sich auf die verschiedensten Weisen manifestiert, gibt es eine höchste Wirklichkeit. Diese höchste Wirklichkeit existiert dauernd, und sie ist – wie wir es im [1] nennen – Satchidananda.

Sat

Sat heißt Sein, d.h. es gibt ein Seiendes, das Sein an sich. In diesem, was an sich ist, entsteht alles was kommt und was geht. Es muss grundsätzlich ein Prinzip des Seins geben, damit überhaupt etwas entstehen und vergehen kann. Wenn es kein solches Prinzip, wenn es kein Seiendes an sich gäbe, könnte sich auch nichts vorübergehend manifestieren. Es muss also erst einmal ein Sein an sich geben.

Ich will dies jetzt nicht zu weit ausbauen. Es gibt Vedantatexte, die dieses Prinzip sehr viel genauer erläutern, aber damit etwas existiert und dann wieder nicht existiert muss es die Möglichkeit des Seins geben. Sat – absolutes Sein, es existiert einfach. Aber das, was existiert, existiert nicht einfach nur als Existenz, sonders es existiert als Chid.

Chid

Chid heißt hier Bewusstsein. Es gibt nicht einfach nur etwas, es gibt nicht einfach nur ein Prinzip des Seins, sondern es gibt auch ein Prinzip des Bewusstseins.

Auch hier könnte man fragen: Warum eigentlich? Was ist Bewusstsein? Woher kommt Bewusstsein? Die große Aussage ist: Bewusstsein war immer schon da. Vor dem Hintergrund des unendlichen Bewusstseins ist es möglich, dass ein individuelles Bewusstsein entsteht.

Man könnte dies auch auf einer relativen Ebene sehen, vom Prinzip des Individuums aus: So viel hast du schon erlebt. Wenn du dir Fotos von dir als frisch geborenes Baby anschaust, als 6-jähriges Kind oder 14-jähriger Teenager, als Schulabgänger oder beim Abschluss der Lehre …

Wenn du jetzt erst 13 Jahre bist wirst du dich natürlich nicht auf deiner Abiturfeier sehen können, aber du kannst schauen was in den letzten Jahren war, und du kannst dir auch überlegen: Ja, mein Körper hat sich offensichtlich verändert, aber das Bewusstsein „Das bin ich“ ist gleich geblieben. Die Psyche hat sich verändert, irgendwann war das Buchstabieren schwierig, irgendwann hast du dich aufgeregt, wenn du deinen Spielzeug-Elefanten nicht haben konntest. Heute regst du dich über anderes auf, anderes ist wichtig, aber Bewusstsein an sich ist gleich geblieben. Also gilt auf einer individuellen Ebene: Bewusstsein an sich ist gleich – alles andere ändert sich.

Und auch im Universum als Ganzes gibt es ein absolutes Prinzip: Bewusstsein an sich. Es gibt nicht nur ein Seiendes (Sat), sondern es gibt auch ein Bewusstsein, welches hinter allem ist.

Ananda

Freude in der Natur

Dieses dritte Prinzip ist schwerer logisch zu beweisen. Was ewig ist, ist auch die Freude. Da könnte man fragen: Stimmt das? Im Leben gibt es schönere und weniger schöne Zeiten. Ich hoffe, momentan geht es dir gut, aber manchmal, wenn man sich mit philosophischen Fragen beschäftigt, geht es einem deshalb vielleicht nicht ganz so gut. Aber es gibt Verzweiflung und Freude, Enthusiasmus und Niedergeschlagenheit. Freude – ist das wirklich das, was dauerhaft ist?

Die Yogis sagen: Wenn du loslässt von allem, was vorübergeht, wenn du das in dir erfährst, was dauerhaft ist, dann ist dort Freude. Wenn du dich von den Gedanken, Emotionen und Identifikationen löst, dann ist Freude. Auch das Ur-Seiende ist nicht einfach nur ein abstrakt Seiendes, es ist kein kaltes Bewusstheitsprinzip, sondern in diesem Ur-Sein ist Ananda enthalten – Ananda ist Freude und letztlich auch Liebe.

So kann man sagen: Satchidananda, das ist ewig (Nitya), und alles andere ist Anitya.

Nitya Anidya Viveka - wichtig im Alltag

Ich könnte jetzt hier Schluss machen und sagen, dass es das Ewige und das Vergängliche gibt, dass es ein Seiendes gibt welches Bewusstsein und transzendentale Freude ist, meditiere ausreichend und dann erfährst du das, und alles andere ist Anitya, vergänglich.

Aber dies ist auch etwas Wichtiges auch für den Alltag. Der Mensch ist verwirrt, und Viveka will ja unsere Verwirrungen aufheben. Die großen Schriften sagen, dass der Mensch in einem Zustand der Verwirrung ist, einer Verwechslung.

Patanjali sagt: Das ganze Leid beruht darauf, dass der Mensch das Ewige für das Vergängliche hält, das Vergängliche für das Ewige. Man hält das Selbst für das Nicht-Selbst und das Nicht-Selbst für das Selbst. Man hält die wahre Freude für die Nicht-Freude und Nicht-Freude für die wahre Freude. Man hält das Unwirkliche für wirklich und das Wirkliche für unwirklich. So kommen lauter Probleme.

Eines der vielen Probleme im Alltag ist: Der Mensch weiß tief im Inneren: „Eigentlich bin ich ewig, und das Wichtige im Universum ist auch ewig.“ Jetzt identifiziert sich der Mensch mit etwas Vergänglichem, und dann will er dass das Vergängliche ewig ist.

Er nimmt alles mögliche im Universum wahr, was vergänglich ist, aber alles, was ihm wichtig ist, will er ewig haben. Manchmal hat er auch Angst davor, dass manches ewig ist, was er nicht ewig haben will.

Ich hatte vorher den Körper als Beispiel genommen. Ich habe hier einen Körper. Menschen wollen natürlich, dass der Körper, wenn er gesund ist, ewig gesund ist. Wenn sie zufrieden mit ihrem Äußeren sind, wollen sie dass es ewig so ist. Da kommen jetzt alle möglichen Probleme, denn der Körper ist vergänglich, er ändert sich. Die glatte Haut der Jugend wird irgendwann faltig, die Haarpracht, die man vielleicht als junger Mann oder Frau hatte, wird irgendwann schütter. Die gute Sicht, die man hatte – irgendwann vergeht sie.

Swami Vishnu Devananda bei seiner Asana Praxis

Irgendwann wird auch der Körper mehr der Krankheit unterworfen. Ich kenne viele 30- bis 40-jährige, die durch intensive Yogapraxis mehrere Jahre großer Gesundheit bekommen hatten, die sagen: Wenn man alles richtig gemacht hat, wird man nie krank werden. Ich habe aber noch keinen Menschen über 50 oder 60 getroffen, der Yoga übt und dies noch behaupten würde. Yoga lässt einen 30- oder 40-jährigen sich höchstwahrscheinlich 5 bis 10 Jahre jünger fühlen als wenn man kein Yoga üben würde, aber irgendwann fängt der Körper an, Krankheiten zu erzeugen. Zu hoffen, dass Gesundheit dauerhaft ist, führt zu Problemen. Gesundheit ist Anitya. Glücklicherweise ist auch Krankheit Anitya, vergänglich. Es gibt Menschen, die – wenn sie eine Erkältung haben – denken, dass alles schlimm ist, katastrophal. Erkältung kommt, Erkältung geht. Rückenschmerzen kommen, Rückenschmerzen gehen. Man kann ohne Zweifel auch etwas tun, dass sie schneller gehen, zum Beispiel indem man Yoga oder Rückenyoga übt, man kann vieles machen. Körperliche Zustände sind Anitya - du brauchst dir nicht so viele Gedanken zu machen, wenn Krankheiten kommen. Auch chronische Erkrankungen sind nicht immer gleichmäßig da – du leidest mal mehr und mal weniger darunter, du musst dich nicht dauerhaft damit beschäftigen.

Irgendwann ist der Körper als Ganzes sowieso zu Ende. Solange man den Körper hat muss man ihn sorgsam behandeln. Der Körper ist so, wie er ist und wie wir ihn behandeln. Manches können wir tun, manches können wir nicht tun. Nach Ansicht der Yogis ist der Körper Karana, er ist ein Instrument. Du bist nicht der Körper, dieser kommt und vergeht, er gibt uns schönere und weniger schöne Erfahrungen, sei nicht so sehr daran verhaftet.

Ein ganz banales Beispiel ist natürlich auch das Wetter. Mal ist schönes Wetter, mal weniger schönes Wetter. Momentan, im Oktober 2016, ist hier in Bad Meinberg gerade Herbst, und man sieht es dem Wetter auch an: grau, Nieselregen. Aber heute nachmittag soll die Sonne rauskommen. Wenn wir jetzt sagen, es muss immer schön sein, dann wird es das nicht sein. Selbst in der Wüste scheint nicht immer die Sonne, sie geht auch mal unter.

Dann hoffen wir natürlich, dass unser Beruf immer so ist, wie wir es gerne hätten. Viele Menschen ergreifen einen Beruf, weil sie denken dass er wirklich gut ist. Vielleicht ist er tatsächlich eine Weile gut, aber dann wechselt der Chef oder der Chef wechselt seine Meinung, seine Stimmung usw. Es kommt und geht ...

Auch in Beziehungen ist es so. Man verliebt sich in jemanden und denkt, die ewige Liebe gefunden zu haben. Vielleicht hat man ja sogar Glück und die Beziehung entwickelt sich gut und dauerhaft, vielleicht heiratet man sogar, und vielleicht hält die Beziehung auch bis zu Tod. Aber bleibt die Beziehung gleich? Natürlich nicht! Die Verliebtheitsphase hört irgendwann auf, irgendwann sieht man den Menschen anders und man merkt, dass er seine Eigenarten hat. Diese hat man vielleicht sogar einmal gemocht, weil sie irgendwie anders waren - jetzt mag man sie nicht mehr. Dann macht der Mensch plötzlich etwas anderes. Vielleicht bist du in einer Beziehung und bist vor kurzem oder vor ein paar Jahren zum Yoga gekommen. Dein Partner hat dich nicht mehr verstanden, plötzlich hast du dich verändert oder dein Partner oder deine Partnerin hat sich verändert. Vielleicht kommen Kinder ins Spiel – alles ändert sich.

Wie heißt es so schön: panta rhei – alles ändert sich. Dies anzunehmen und nicht am Vergänglichen zu haften, sondern zu erkennen: Es hat begonnen – es war schön – es geht zu Ende – es ist zu Ende gegangen. Im Alten Testament im Buch Hiob gibt es den berühmten Ausspruch: Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, gepriesen sei Gott.

Diese Akzeptanz des Vergänglichen und das Bewusstsein, es gibt etwas ewiges dahinter, zeichnet die Grundeinstellung eines Vedantin aus, eines Yoga-Übenden, für den Jnana Yoga wichtig ist. Das Nicht-Anhaften (Vairagya) gehört auch dazu. Die Menschen regen sich so viel auf, weil etwas anders ist als wie sie es erwartet haben. Sie regen sich auf, weil das, was ihnen wichtig war, vorbei geht, oder weil der Partner sich anders entwickelt als sie es gedacht hatten. Sie regen sich auf, weil die Menschen, auf die man vorher gebaut hat, aus dem Leben heraustreten. Es kann auch sein, dass eine Partnerschaft zu Ende ist.

Es kann sein, dass das eigene Kind stirbt bevor man selbst stirbt. Das Kind wird auf jeden Fall sterben und ich kenne eine Reihe von Eltern deren Kind gestorben ist, bei einem Unfall oder an einer schweren Krankheit oder auch durch Suizid. Das ist gar nicht so selten, früher war es noch sehr viel häufiger. In früheren Zeiten hat eine Frau alle ein bis zwei Jahre ein Kind geboren, aber durchschnittlich wurden davon nur drei Kinder erwachsen. Wenn die Frau nicht selbst vorzeitig gestorben ist, hat sie durchschnittlich ein halbes Dutzend ihrer Kinder sterben gesehen. Das ist das „Normale“, wie Menschsein vor sich geht.

Segensspruch in einer Zen Geschichte

Ich will jetzt nicht das Leid runterreden. Es gibt eine berühmte Zen-Geschichte: Ein Zen-Meister wurde zu einer Hochzeit eingeladen, er möge das Paar segnen. Er ging zur Feier und wurde gebeten, einen Segensspruch zu sprechen. Dann sagte er: „Großvater tot, Vater tot, Kind tot.“ Alle waren entsetzt – wie kann der Meister so etwas sagen? Warum will er alle verfluchen? „Meister, warum sagst du solch einen Fluch? Könntest du uns nicht einen Segen sagen?“ Der Meister lächelte und sagte noch einmal: „Großvater tot, Vater tot, Sohn tot. Das ist der größte Segen, den ich geben kann – dass die Generationen in dieser Reihenfolge sterben und nicht in einer anderen.“

Alles hat einen Anfang, alles hat ein Ende, und auch das, was du schaffst, wird irgendwann zu Ende sein. Du wirst einiges tun, und du wirst einiges vielleicht von Dauer schaffen wollen, aber vom Standpunkt der Ewigkeit aus gesehen: „Was ist von Dauer?“ Das Haus, was du baust, wird irgendwann zusammenbrechen. Der Baum, den du pflanzt, wird irgendwann morsch sein. Die Werke, die du in die Welt setzt, werden irgendwann zu Ende sein. Der Mensch will etwas für die Ewigkeit tun, aber auf der physischen Ebene gibt es keine Ewigkeit. Alles kommt, alles geht.

Manu Smriti - 3 Aspekte des Menschseins

Es gibt eine berühmte Smriti, die sogenannte Manu-Smriti, welche die 3 Aspekte des Mensch-Seins beschreibt:

  • Auf der einen Ebene kommen wir ohne etwas, wir machen eine ganze Menge, und wir gehen ohne etwas.
  • Auf der zweiten Ebene kommen wir mit etwas, es verändert sich einiges, und wir gehen mit etwas anderem.
  • Auf der dritten Ebene kommen wir mit etwas, es bleibt gleich und wir gehen damit wieder.

Die erste Ebene ist die physische Ebene. Wir kommen nackt ohne irgendetwas auf die Welt, wir machen eine ganze Menge auf der physischen Ebene, wir bauen etwas auf und erschaffen und tun einiges, und wir nehmen nichts mit.

Auf einer zweiten Ebene kommen wir mit etwas. Die Yogis glauben ja an Reinkarnation, und wir kommen also:

Wir kommen also nicht als Tabula Rasa auf die Welt, so wie manche es sich vorstellen. Jeder, der Kinder oder Geschwister hat oder hatte, weiß, dass Geschwister ganz unterschiedlich sein können. Gleiche Familie, aber ganz unterschiedlich in Charakter und Persönlichkeit und mit unterschiedlichen wichtigen Anliegen.

Durch die Erfahrungen, die wir machen, und durch die Art, wie wir mit unserem Schicksal umgehen, mit unseren Lernaufgaben und wie wir an uns arbeiten verändert sich einiges. Wir gehen als etwas anderes. Man könnte sagen, dass es auf dieser Ebene bedeutsam ist, was wir auf der Welt machen. Was wir physisch tun ist nicht so bedeutsam – alles wird verschwinden. Bedeutsam ist, wie wir uns selbst entwickeln und vielleicht auch, wie wir andere berühren. Bedeutsam ist natürlich auch hier relativ, denn auch das ändert sich im Laufe der Zeit.

Auf der höchsten Ebene kommen wir als reines Selbst, als Satchidananda, als Sein Wissen Glückseligkeit schon auf die Welt. Wir sind letztlich nichts, was auch immer passiert, und wir gehen als Satchidananda.

Relatives kommt – alles geht

Bhagavad Gita - Lehrgespräch zwischen Krishna und Arjuna

Daran können wir uns immer wieder erinnern: Relatives kommt – alles geht. Krishna sagt in der Bhagavad Gita: Die Welt der Sinne ist vergänglich, alles kommt und geht. Trage diese Veränderungen tapfer, oh Arjuna, oh Suchender, oh Aspirant.

Nimm dies als Lektion für die nächste Woche:

  • Betrachte das Kommen und Gehen.
  • Hafte nicht an dem, was sowieso gehen wird, hafte auch nicht an deinen Vorstellungen, auch nicht an deinen Vorstellungen wie andere Menschen zu sein haben.
  • Sei dir bewusst: Dinge, Menschen und Vorstellungen ändern sich, alles ändert sich. Aber etwas bleibt gleich. Wenn Menschen sich verändern, sich anders dir gegenüber verhalten – tief im Inneren eines jeden Menschen ist das Selbst, und das Selbst ist Sat, es ist Sein und als solches mit dir verbunden. Dort ist reines Bewusstsein, und es ist auch Ananda (Freude).
  • Auf einer Ebene des Herzens kannst du dich mit Menschen verbunden fühlen, egal wie sie sich dir gegenüber verhalten. Und selbst wenn sie physisch nicht mehr da sind – auf der Ebene des Seins sind sie weiter da. Wenn jemand stirbt oder dich verlässt, betrifft das den Körper und vielleicht auch die Psyche. Sie kann sich von dir trennen, und es ist gut, dies zu akzeptieren. Aber auf der tiefsten Ebene, dem Selbst, dem Satchidananda bleibt diese Verbindung.
  • So kannst du inmitten all dieser Veränderungen immer wieder einen Moment innehalten. Inmitten der Veränderungen des Wetters, inmitten der Veränderungen der freudvollen und mal weniger freudvollen Beziehungen, inmitten der Veränderungen deines eigenen Gemütszustandes und dem deiner Mitmenschen, inmitten der Veränderungen deiner Lebensumstände – du kannst dich darauf beziehen, was ewig ist, du kannst dein Bewusstsein lösen vom Vergänglichen, es ausdehnen und Unendlichkeit erfahren. Und du kannst einen Moment in die Stille gehen und in dieser Stille Gott erfahren.

Tipps

Noch ein paar Tipps, wie du diese Lektionen umsetzen kannst: Sei dir bewusst – alles was einen Anfang hat, hat ein Ende. „Die Berührungen der Sinne mit den Sinnesobjekten sind vergänglich, erzeugen Vergnügen und Schmerz – ertrage sie tapfer, oh Arjuna.“ So lautet ein Vers der Bhagavad Gita.

In diesem Sinne sei dir bewusst, dass alles kommt und alles geht. Oder, wie es in der griechischen Philosophie heißt: Panta Rhei – alles fließt, alles ändert sich. Nimm das an, und werde dir zwischendurch auch bewusst: Wenn du leidest, dann kommt das deshalb, weil du dem, was vergänglich ist, irrtümlicherweise Dauerhaftigkeit zuschreibst. Sei es, dass du erhofft hast, das etwas was du gut findest, dauerhaft bleibt und es bleibt eben nicht oder es wird bedroht, sei es, dass du etwas nicht gut findest und wo du denkst, dass es dauerhaft ist.

Beobachte das Vergängliche, und entwickle so eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Kommen und Gehen im Alltag.

Video - Nitya Anitya Viveka - von Sukadev Bretz 2018

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Seminare

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