Liebe wird entdeckt, niemals erzeugt

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Liebe wird entdeckt, niemals erzeugt -

Liebe wird entdeckt, niemals erzeugt

Ich bin das, was ich suche

- Abschnitt aus dem Buch: Yoga der Liebe von James Swartz -

Selbst der abscheulichste Mörder ist dazu in der Lage, seiner Frau und seinen Kindern die zärtlichste Liebe zu schenken, weil reine Liebe die Natur aller fühlenden Wesen ist. Wenn du geliebt werden möchtest und nicht verstehst, warum du nicht geliebt wirst, dann deshalb, weil die Liebe, die du bist, durch irgend eine Art von Unreinheit blockiert wird – durch Wut, Verlangen, Selbstsucht, Stolz oder Ähnliches. Du kannst von niemandem verlangen dich zu lieben, du wirst aber dann geliebt werden, wenn deine Vorlieben und Abneigungen durch Selbsterkenntnis neutralisiert worden sind. Ein spirituelles Leben enthüllt die Dinge, es erschafft sie nicht. Auch wenn du ein kraftvolles Erlebnis von nondualer Liebe hast, wird es irgendwann verblassen, es sei denn du verpflichtest dich, deinen Geist zu reinigen.

Narada Bhakti Sutra - Vers 55

tat prāpya tad evāvalokati tad eva śṛṇoti tad eva bhāṣa-yati tad eva cintayati  ॥ 55॥
Vers 55: „Wenn du nonduale Liebe entdeckt hast, siehst du überall nur noch das Selbst. Du hörst es in jedem Wort, sprichst nur noch vom Selbst und denkst nur noch an das Selbst.“

Solange du denkst, dass nonduale Liebe eine bestimmte Substanz oder Energie ist und nur in Form einer einzigartigen Erfahrung zu erreichen ist, wirst du einer falschen Vorstellung anhängen. Du denkst dann, dass die physische, emotionale und intellektuelle Art und Weise, wie du dein Leben erfährst, sich grundlegend ändern wird, wenn du entdeckt hast, wer du bist.

Bedeutet dieser Vers, dass wenn du einen Baum angeschaut hast, bevor du entdeckt hast, wer du bist, du danach nicht mehr den Baum siehst, dass du stattdessen das Selbst „siehst“? Wenn ja, dann könntest du staunend fragen: „Wie genau sieht denn das Selbst aus?“ Bedeutet das, wenn jemand spricht, du nicht die Worte selbst hörst, sondern nur das Selbst? Wenn ja, sagt Nārada damit, dass das Selbst einen einzigartigen Klang hat – den Klang der Unendlichkeit (nāda-brahman) – der nur von Erleuchteten gehört wird?

Liebe ist keine Erfahrung. Unser Hausverstand sagt uns, dass der Geist sich allen Erfahrungen zuwendet. Wenn alles nonduale Liebe ist, dann kann sie keine Erfahrung sein, denn es gibt keine einzelne Erfahrung, die in allen Wesen zu jeder Zeit präsent ist. Sogar Menschen, die das Selbst realisiert haben, haben eine Vielzahl verschiedener Erfahrungen. Aus demselben Grund kann Liebe auch kein Gedanke sein. Wir können diesen Vers nur verstehen, wenn wir verstehen, dass nonduale Liebe die Natur des Selbst ist. Sie ist die Erfahrung von mir, ursprüngliche, grundlose, bleibende Seligkeit.

Die „Bhagavad-gītā“ sagt:

„Jene, deren Geist durch Selbsterforschung diszipliniert ist, nehmen das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst wahr, sie bewerten alle Dinge gleich. Wer mich [das Selbst] überall sieht und wer alles in mir sieht, kann niemals von mir getrennt werden. Ich bin mir ihrer immer gewahr und sie sind sich meiner gewahr.“ [BhG 6.29-30]

In diesem Zusammenhang sind „sehen“ und „wahrnehmen“ keine empirischen Begriffe. Es sind Symbole für das Selbst. Nonduale bhaktas nehmen Objekte, Emotionen und Gedanken auf die gleiche Weise wahr, wie jeder andere und wissen, dass Objekte nicht von alleine existieren, sondern ihre Realität vom Selbst borgen. Sie wissen, dass das Gefühl oder der Gedanke nicht real sind und daher nicht das Selbst bestimmen; so sind sie frei von ihnen.

In Bezug auf empfindende Wesen bin ich als das Bewusstsein dieser Wesen vorhanden. Und wenn ich die Existenz in einem Objekt sehe, dann ist auch Liebe zugegen, weil Existenz und Liebe identisch sind. Wenn ich in jemandem nicht Liebe sehe, dann weiß ich, dass obwohl diese Person ich ist – also Liebe – die Voraussetzungen, dass diese Liebe reflektiert und erfahren werden kann, nicht gegeben sind, weil der Geist eingetrübt (tamas) oder erregt (rajas) ist.

Selbst wenn mich eine Person hasst, weiß ich, dass obwohl ihre Liebe gegenwärtig ist, diese nicht manifest ist, weil sie von ihren Vorlieben und Abneigungen vereinnahmt wurde. Ironischerweise aber schenkt sie mir ihre Liebe, wenn ich ihr das gebe, was sie von mir will. Ich weiß auch, dass die Person ihre Liebe zurückhält, weil sie es so will, was nur ein weiterer Beweis dafür ist, dass ihre Liebe sich selbst gegenüber nondual ist, weil sie ihre Abneigung mir gegenüber überwindet.

Ein nondualer bhakta weiß, dass Jeder und Jedes immer das Selbst ist. Wenn meine Selbsterkenntnis verwirklicht ist, dann ist alles was ich höre oder denke das Selbst. Wenn der Vers sagt, dass Erleuchtete die ganze Zeit an das Selbst denken, dann bedeutet es nicht, dass sie nur den einen Gedanken haben: „Ich bin Existenz/Gewahrsein.“ Würden sie die ganze Zeit auf diese Weise an das Selbst denken, wie sollten sie dann normale Tätigkeiten ausführen, wo doch jede Tätigkeit ihre ganz eigenen Gedanken benötigt? Es bedeutet viel mehr, dass selbst wenn sie normalen Tätigkeiten nachgehen, sie sich des „Liebeslichts“ bewusst sind, welches jede Tätigkeit erhellt und sie wissen: „Ich bin das ewig volle, immer gegenwärtige Licht.“

Die „Bhagavad-gītā“ sagt:

„Eine Person, die nur das Selbst liebt und die mit dem Selbst alleine zufrieden ist, muss nichts tun.“ [BhG 3.17]

Das bedeutet nicht, dass erleuchtete Menschen einfach nur still und regungslos dasitzen, sondern dass sie von Liebe erfüllt sind und nichts tun müssen, um von anderen Liebe zu bekommen. Sie müssen sich nicht selbst beweisen, dass sie liebenswert sind. Jede Handlung ist durchdrungen von einer Liebe, die keine Ansprüche stellt.

Narada Bhakti Sutra - Vers 56

gauṇī tridhā guṇa-bhedād ārtādi-bhedād vā  ॥ 56॥
Vers 56: „Es gibt drei Arten von sekundärer Hingabe, je nachdem, welches der drei guṇas vorherrscht oder auch je nach Beweggrund des bhakta, ob Leiden, Verlangen oder Erkenntnis ihn oder sie zur Hingabe gebracht hat.“

Man kann sagen, dass sekundäre Hingabe mindestens ebenso wichtig ist wie primäre nonduale Hingabe, insofern als du ohne sie nicht entdecken würdest, wer du wirklich bist. Dieser Vers behandelt die sekundäre Hingabe aus dem Blickwinkel der drei Energien, die sie motivieren, sattva, rajas und tamas. Sie entwickeln und involvieren sich in unserem Bewusstsein und verflechten sich miteinander wie die einzelnen Fäden eines Seils und binden uns so an die Welt.

Jeder feinstoffliche Körper besteht aus allen Dreien, neigt aber dazu, in einem der drei verankert zu sein. Die Praxis der Hingabe soll rajas und tamas reinigen und damit den relativen Anteil von sattva – der Kraft, die Erkenntnis möglich macht – erhöhen.

Tamas – die verschleiernde Kraft

Tamas ist eine verschleiernde Energie, eine innewohnende, dunkle Kraft. Psychologisch betrachtet ist es die schläfrige Trägheit nach einer ausgiebigen Mahlzeit, einem anstrengenden Training oder einem Tag im Büro. Weniger schmeichelhafte Begriffe wie „Faulheit“, „Bequemlichkeit“ und „Blödheit“ beschreiben diesen weit verbreiteten Geisteszustand.

Wahrnehmung findet statt, wenn ein wahrgenommenes Objekt und der Geist eines wahrnehmenden Subjekts in Licht getaucht werden. Ein Baum kann zum Beispiel nur gesehen werden, wenn physisches Licht vorhanden ist. Um die Wahrnehmung zu registrieren, ist psychisches Licht – reflektiertes Bewusstsein – notwendig. Wenn der Geist dumpf oder schläfrig ist, kann er nur ungenau erkennen. Wenn der Geist im Bann dieser dunklen Energie steht, setzen unsere wesentlichen Fähigkeiten aus und wir sind uns dessen, was vor sich geht, nicht bewusst und unfähig, Wissen aufzunehmen.

Ein ignoranter, von tamas dominierter Geist, der fest in der Dualität verankert ist, ist zu nondualer Erkenntnis nicht fähig. Bestenfalls ist er mit der Hilfe von rajas, der projizierenden Kraft, in der Lage, sich Gott als allmächtiges männliches Wesen mit menschlichen Eigenschaften vorzustellen, der ängstlich und sklavisch verehrt werden muss, so wie ein Kind seine Eltern verehrt. Ein solcher Geist ist von Natur aus furchtsam, abergläubisch und neigt zu magischem Denken. Er glaubt gerne an Gespenster, böse Geister, Poltergeister, die Sünde und den Teufel.

Die dunkle Energie zwingt dir einen Glauben an Formeln auf, speziell an Ritualen, und eine buchstabengetreue Interpretation von Schriften. Ignoranz liebt das Organisieren und lässt die Anzahl an Kirchen weltweit stetig wachsen. Weil das eigenständige Denken als eigenwillig und ungehorsam angesehen wird, kann der tamasige bhakta von falschen Propheten und machthungrigen Priestern leicht manipuliert werden und fühlt sich zu Persönlichkeitskulten hingezogen.

Jemanden mit einer solch engstirnigen Gläubigkeit infrage zu stellen oder anzugreifen, kann bedeuten, sich einen Feind fürs Leben zu machen. Die Religionsgeschichte ist voll von Exzessen, die dieser Geisteszustand angerichtet hat. Auf der Habenseite steht, dass ein von tamas geprägter Glaube unerschütterlich ist und in der Lage, den Gemeinheiten des Lebens und auch seinen größten Krisen zu trotzen. Die Überzeugung, dass Gott existiert, kommt von Herzen, ist standhaft und wird tief empfunden.

Tamasige Hingabe ist negativ und blind. Individuen, deren Geist von tamas dominiert wird, wollen Glück, aber wenn das Objekt ihrer Wünsche unerreichbar ist, machen sie sich daran, es zu zerstören. Die Welt erlebt gegenwärtig ein feines Beispiel tamasiger Hingabe in Form von ISIS*, der Bewegung zur Errichtung des Kalifats. Es besteht kein Zweifel, dass diese Menschen Gott so ergeben sind, wie sie es für sich sehen. Die meisten Dschihadis haben Schwielen an ihrer Stirn, vom wiederholten Berühren des Bodens während ihrer Gebete. Fanatisch dualistisch wie sie sind wirst du keinen Frieden und keine Liebe von ihnen bekommen. „Wenn du nicht mit uns bist, bist du gegen uns, und wenn du gegen uns bist, liebst du Gott offensichtlich nicht, und wer Gott nicht liebt, muss kontrolliert oder zerstört werden, weil der Sinn des Lebens darin besteht, das Königreich Gottes hier auf Erden zu errichten.“

Rajas – die projizierende Kraft

Rajas ist der Modus der Leidenschaft. Die Energie von rajas ist projizierend, eifernd, begierig, aggressiv. Unter ihrem Einfluss wird der Geist permanent von störenden Gedanken und Emotionen abgelenkt, die das Selbst verdecken und den von innen hervorströmenden Fluss der Liebe abschneiden. Ein extrovertierter Geist, in dem rajas vorherrscht und der sich seiner selbst selten gewahr ist, betrachtet die Welt als die Quelle allen Sinngehalts. Er ist leidenschaftlich auf der Suche nach Objekten, Personen und Situationen, die ihn möglicherweise erfüllen könnten.

Ein Geist unter dem Einfluss von rajas macht den bhakta selbstbezogen. Er hat kein Problem damit, Gott um so irdische Dinge wie Geld, Sex, Macht, Rang etc. zu bitten. Die zu allen Zeiten florierende Vorstellung von Überfluss und Reichtum ist wie gemacht für leidenschaftliche bhaktas, die dazu neigen, status- und imagebewusst zu sein. Sie betrachten Hingabe als Beweis für spirituelle Errungenschaft und benutzen sie oft, um andere zu beeindrucken oder zu demütigen. Kratzt man an ihrer Oberfläche stellt sich schnell heraus, dass sie mehr daran interessiert sind, der Welt ihre hingebungsvolle Fassade zu präsentieren, als Gott ihr hingebungsvolles Herz zu öffnen. Anders als die ständige Abhängigkeit beim tamas-Typen, hat der aktive bhakta keine Schwierigkeiten damit, Glauben, Lehren, Lehrer und Praktiken zu wechseln wie andere ihre Hemden.

Doch sobald er oder sie sich dem karma-yoga und der Selbsterforschung verschrieben haben, werden sie mithilfe dieser leidenschaftlichen Energie schnelle Fortschritte machen. Sein oder ihr professionelles Interesse an Resultaten und die leidenschaftliche Liebe für Ishvara|īśvara üben eine unvergleichliche Anziehung auf īśvara aus. Der ehrgeizige Glaube, dass Selbsterkenntnis möglich ist, gibt dem bhakta die Möglichkeit, rajas in sattva zu verwandeln, die höchste Form der sekundären Hingabe und das Tor zur nondualen Liebe. Sowohl rajas als auch tamas sind materielle, keine spirituellen Energien, weil sie die Aufmerksamkeit des Geistes eher auf die Welt lenken als auf Gott.

Von rajas bestimmte Hingabe ist egoistisch und besitzergreifend, da sie sich, unter Zuhilfenahme von Gott, darum dreht, weltliche Dinge zu erlangen: Beziehungen, Familie, Anerkennung, Macht, Karriere, finanzielle und andere Vorteile. Sie setzt īśvara unter Druck, weil sie von īśvara verlangt, das dharma-Feld zu manipulieren, damit die äußeren Umstände sich an ihre Vorlieben und Abneigungen anpassen. Sie ist die Mutter aller Frustrationen und veranlasst bhaktas, vergeblich spirituellen Erfahrungen hinterherzujagen.

Sattva – die enthüllende Kraft

Der dritte Strang universeller Energie ist sattva, welches das Bewusstsein auf vollkommene Weise reflektiert. Erkenntnis ist ohne Bewusstsein nicht möglich und ein Geist, in dem diese Kraft vorherrscht, erreicht schnell und leicht klares Verständnis und reine Liebe zur Wahrheit. Die zentrale spirituelle Kraft, sattva, verleiht Intelligenz, Frieden, Neugier, Schönheit, Erkenntnis und Gewahrsein. Individuen, die mit sattviger Energie ausgestattet sind, sind der kreative Motor der Welt und versorgen die Gesellschaft mit Inspirationen, Ideen und Idealen. Dieses „Licht“-Element ist die Grundlage für eine starke und noble nonduale Hingabe, weil sie dem Herzen erlaubt zu erkennen und Gottes subtile Ausstrahlung zu erfahren.

Der bhakta, dessen Leben im Licht erstrahlt, genießt das Ego einer erhabenen Seele, eines, das mehr weiß und bedingungslos liebt, eines das sich mit Reinheit und Güte verbunden fühlt; es sind goldene Ketten, die sie oder ihn an das Leben binden. Dennoch ist sattva für die Hingabe wünschenswert, weil der Schleier, der den bhakta von Gott trennt, so dünn ist, dass Selbsterforschung leicht ist.

Wenn dein Geist überwiegend von sattva beherrscht ist, wird er sich ganz natürlich an der Selbsterkenntnis orientieren. Du wirst an deinen Qualifikationen arbeiten, versuchen einen qualifizierten Lehrer zu finden und verstehen, warum Offenbarungen allein dich nicht befreien werden. Das macht īśvara die Arbeit leicht, weil īśvara nur deine Unwissenheit beseitigen muss.

Der nonduale bhakta wird hier nicht besprochen, weil der Vers sich mit sekundärer Hingabe (guṇa-bhakti) auseinandersetzt. Generell wird Hingabe in Bezug auf Individuen erklärt – der leidende, der verlangende, der Erkenntnis suchende und der nonduale Typ; es ist jedoch nicht hilfreich, dich selbst oder andere in Schubladen zu stecken. Am besten denkt man darüber in Bezug der drei im eigenen Geist vorhandenen Neigungen zu Hingabe nach, die durch karma-yoga und Selbsterforschung transformiert werden müssen. Durch tamas verursachte, destruktive Impulse, sollten zu einem von rajas bestimmten Verlangen nach Reinigung sublimiert werden. Sattvige Neigungen zu Vergnügen und Bequemlichkeit sollten in ein brennendes Verlangen nach Selbsterkenntnis verwandelt werden. Da der Text jedoch die Stadien der Hingabe als psychologische Typen darstellt, werden wir diese Tendenzen auf diese Weise erklären.

Narada Bhakti Sutra - Vers 57

uttarasmād uttarasmāt pūrva-pūrvā śreyāya bhavati  ॥ 57॥
Vers 57: „Jeder nachfolgende bhakta-Typ steht über dem vorhergehenden.“ 

Der Opportunist

Der auf der untersten Stufe stehende bhakta ist opportunistisch und wendet sich Gott immer dann zu, wenn er in Schwierigkeiten ist. Weil es ihm an sattva mangelt, ist sein Geist dumpf und er hat kein Interesse an Befreiung oder Selbsterforschung.

Der Geschäftsmann

Obwohl er eigentlich ein saṃsārī ist, ehren wir ihn mit dem Begriff „bhakta“, weil er versteht, dass Erfolg immer auch von Faktoren abhängig ist, die er nicht kontrollieren kann. Daher betreibt er Handel mit Gott und trifft Vereinbarungen mit ihm, die ihm selbst dienen.

Der Gutmensch

Ein etwas weiter entwickelter bhakta ist der helfende Typ; er ist psychologisch orientiert: Lebensberater, transpersonaler Psychologe oder Heiler. Weil er mehr sattva hat kann es sein, dass er an Selbsterforschung interessiert ist, nicht weil er Befreiung möchte, auch wenn ihm das Wort oft über die Lippen kommt, sondern weil er den Reichtum an psychologischem Wissen im vedānta schätzt und seine Techniken in seinem Berufsfeld anwenden möchte.

Der Intelektuelle

Er ist ein Wissen Suchender reinen Herzens, intellektuell neugierig, mit einer spirituellen vāsanā, dessen Interesse aber akademischer Natur ist. Er oder sie denkt, dass Befreiung eine wunderbare Idee ist, ist selbst aber zu engstirnig, um ihr zu folgen. Diesen bhakta-Typ kann man häufig in Abteilungen für Philosophie oder Religiöse Studien an Universitäten antreffen, die dann vielleicht ihre Diplomarbeit über besonders schwierige Texte schreiben, wie zum Beispiel im „Brahma-sūtra“.

Meistens führt dieser bhakta ein komfortables, dharmisches Leben und ist ängstlich darauf bedacht, es nicht zu verlieren, denn die Schriften empfehlen den Verzicht auf Handlungen und ihre Früchte. Er möchte keine Unruhe in sein Leben bringen und glaubt, dass er sich um Befreiung kümmern kann, wenn er in Rente ist. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass er es tun wird, denn wenn sich die Rente ankündigt, haben sich die weltlichen Gewohnheiten so tief in ihm eingegraben, dass kaum genug Enthusiasmus besteht, um diese zu konfrontieren oder zu transformieren.

Der Empiriker

Über dem intellektuellen steht der anti-intellektuelle bhakta, der unbedingt Befreiung möchte, aber glaubt, dass es viele Wege gibt, sie zu erlangen. Nicht alle Wege führen nach Rom. Nur Selbsterkenntnis ist Befreiung, weil der bhakta bereits frei ist. Dieser bhakta könnte zum Beispiel patañjali-yoga praktizieren, mit dem Ziel, einen bestimmten Zustand von samādhi zu erreichen, oder kuṇḍalinī-yoga für mystische Erfahrungen, tantra-yoga, um seine „sexuelle Energie“ zu erforschen, transzendentale Meditation, Neo-advaita oder einen der Pfade der Hingabe, wie zum Beispiel Kṛṣṇa-Bewusstsein.

Er oder sie könnte sogar einem guru des vedānta folgen (zum Beispiel Ramana Maharshi oder Nisargardatta), dabei aber die Aussagen des Lehrers ignorieren, die darauf hinweisen, dass das Selbst nur durch Erkenntnis erlangt werden kann. Er würde dann trotzdem unaufhörlich der „endgültigen“ Offenbarung hinterherjagen! Weil er denkt, dass Befreiung ein Ereignis ist, versucht er sie mit Mitteln wie Pilgerfahrten, Gotteshuldigung, Fasten, Meditation, Lesen von heiligen Schriften und anderen Ritualen herbeizuführen. Neo-advaita sat-saṅgas, bei denen es ausschließlich um die Erfahrung des Selbst geht, ziehen diesen bhakta an. Sein Pfad ist frustrierend. Er würdigt die Selbsterkenntnis nicht, daher ist er vedānta abgeneigt. Wenn er es aber schafft durchzuhalten, wird er irgendwann zwangsweise auf vedānta stoßen.

Der Erkenntnissuchende

Der am höchsten stehende bhakta-Typ ist einer, der ein brennendes Verlangen nach Freiheit hat und sich der Selbsterforschung zutiefst verpflichtet fühlt. Er nimmt eine professionelle Haltung zur Selbsterforschung ein, ist besessen von den Schriften und folgt sorgfältig den Anweisungen des Lehrers. Diese Person kann meist nicht inmitten der Gesellschaft leben und entscheidet sich dazu auszusteigen, weil sie verstanden hat, dass der Pfad der Erforschung äußerste Konzentration verlangt.

Dieser bhakta ist einer, der verzweifelt das Selbst erforscht. Er ist wie eine Person, deren Haare in Flammen stehen. Wenn Wasser in der Nähe ist, egal ob ein eiskalter Bergbach oder eine verschmutzte warme Brühe, springt er sofort hinein, ohne über Temperatur oder Hygiene nachzudenken. Weltliche Situationen interessieren ihn nicht. Buddha zum Beispiel war ein [Hindu-]Prinz, der sein exklusives Leben hinter sich ließ, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden und unterzog sich auf seiner Suche nach Freiheit den härtesten Prüfungen. Solche Menschen haben Glück. Wenn sie gutes karma haben, werden sie sich am Ende in Gesellschaft eines mahātmā befinden und sich der Selbsterforschung widmen (vicāra), sie werden erkennen, wer sie sind und ihre Selbsterkenntnis sorgfältig verwirklichen. Wenn nicht, kehren sie nach viel harter Arbeit in die Welt zurück, um zu heiraten und eine Karriere zu beginnen.

Narada Bhakti Sutra - Vers 58

anyasmāt saulabhyaṃ bhaktau  ॥ 58॥
Vers 58: „Durch informelle Hingabe ist Erfolg leichter zu erzielen als durch irgendein anderes Mittel.“

Verglichen mit allen anderen Pfaden und Praktiken, ist es am leichtesten die Suche mit Hingabe zu beginnen.

Diese Idee wird in der „Bhagavad-gītā“ beschrieben, wo das Selbst die folgenden Worte spricht:

„Selbst eine Person, die den dharma verletzt aber das Selbst verehrt, sollte als Heiliger angesehen werden, weil sie weiß, dass der Sinn des Lebens Befreiung ist. Mit der Zeit und durch ihre Hingabe und Verehrung wird sie eine ehrbare Seele werden und sicher dauerhaften Frieden finden. Der bhakta, der mich verehrt, ist nie verloren.“ [BhG 9.30-31]

Dieser Vers bedeutet nicht, dass informelle Hingabe der leichteste Weg zur Freiheit ist. So möchten es die bhakti-Schulen gerne sehen. Es bedeutet lediglich, dass sie ein guter Ausgangspunkt ist. Sie ist kein Endziel. Informelle Hingabe ist die leichteste, weil man nicht wissen muss, wie die einzelnen Rituale auszuführen sind. Anders verhält es sich mit der formellen Hingabe, die einiges an Wissen über die vedas voraussetzt. Informelle Hingabe ist also leichter als karma-yoga, Meditation und vedānta.

Sie ist am leichtesten, weil das einzige Kapital, das du einbringen musst, Liebe ist und da Liebe die Natur des Selbst ist, hat jeder genug davon. Sogar bevor wir anfangen Gott zu lieben ist Selbstliebe bereits vorhanden, auch wenn sie nur auf Objekte, Menschen und Dinge, gerichtet ist, die mit uns verbunden sind. Sogar Erbsenzähler lieben Geld, die Schwachen lieben Macht und die Unwissenden lieben Wissen. Auch Tiere haben Selbstliebe, was man daran erkennen kann, dass sie davonlaufen, wenn sie bedroht werden. Liebe muss also nicht erst erlangt werden, sie muss nur auf Gott gerichtet werden.

Liebe für Objekte ist emotionale Liebe. Wenn die Emotion auf Gott gerichtet wird, in der Regel auf eine persönliche Gottheit, wird sie in Hingabe verwandelt, welche schrittweise die schmerzvollen Erfahrungen lindert und eine innere Ruhe bewirkt. Wenn der Geist ruhig wird, kommt Selbsterforschung an die Oberfläche und segnet den bhakta. Um mit Hingabe anzufangen und sie zu praktizieren, musst du noch nicht einmal wissen, was du dabei zu denken hast; sie ist dem Analphabeten genauso zugänglich wie dem Gebildeten. Auf welche Weise auch immer ein bhakta das Selbst verehren möchte, das Selbst wird mit seiner Antwort den sich Hingebenden im Glauben stärken. Obwohl einfache Hingabe früher oder später umgewandelt werden muss in den Glauben an das noch ausstehende Resultat der Selbsterforschung, ist blinder Glaube besser als Zweifel und Misstrauen, die spirituelles Wachstum schon im Keim ersticken.

Narada Bhakti Sutra - Vers 59

pramāṇāntarasyānapekṣatvāt svayaṃ pramāṇatvāt  ॥ 59॥
Vers 59: „Hingabe ist deshalb am leichtesten, weil sie von keiner anderen Autorität abhängig ist; sie ist selbstbestätigend.“

Vedānta fördert die dualistische Hingabe als Sprungbrett zur nondualen Hingabe, weist aber auch darauf hin, dass Dualisten die Selbsterforschung vernachlässigen und daher die ultimative Form der Hingabe verpassen. Wenn sich ein bhakta von dem Gefühl, von Gott getrennt zu sein, befreien will, muss er sich der Autorität der Schriften unterwerfen, denn Gott hat die Schriften einzig und allein dafür geschaffen, um das Dualitätsgefühl des bhakta zu beenden. Andererseits, alles was du benötigst, um mit der Hingabe zu beginnen, ist damit zu beginnen.

Narada Bhakti Sutra - Vers 60

śānti-rūpāt paramānanda-rūpāc ca  ॥ 60॥
Vers 60: „Darüber hinaus ist Hingabe die Verkörperung von Frieden und höchstem Glück.“

Du bist glücklich, wenn du dein Selbst anbetest, egal in welcher Form. Dein Selbstwert wächst ohne Ende, weil das Selbst, dein bester Freund, dich mit seiner Liebe segnet. Dualistisch denkende Menschen verstehen das: „Jesus liebt dich“ bedeutet, dass wenn du Gott mit deinen Gebeten anrufst, Gott, der dein Wesenskern ist, dich zurück liebt, was als Frieden, Freude und Zufriedenheit erlebt wird.

Die Liebe zu Objekten hat Bedingungen, die Liebe zu Gott, selbst wenn es anfangs nur Liebe zu Gott in einer bestimmten Form ist, ist bedingungslos, sowohl aus īśvaras Sicht als auch aus Sicht des bhakta. Īśvara interessiert es nicht, ob du eine gute oder eine schlechte Person bist, weil īśvara dich nicht als getrennt sieht. Denke also nicht, du wärest in den Augen Gottes nicht würdig. Und wenn du die Freude der Andacht und Verehrung spürst, wird deine Verehrung und Hingabe bedingungslos werden, denn jedes Menschen wichtigstes Streben ist das Streben nach Glück. Bhaktas sind klug, denn sie richten ihre Liebe nicht an die falsche Stelle. Wenn du ein Objekt liebst, wirst du irgendwann enttäuscht werden, wenn du aber dein Selbst liebst, wirst du niemals enttäuscht werden. Diese Art von Liebe hat nichts Kompliziertes an sich; selbst der einfache Gedanke an Gott in Form eines Symbols – ein Kuscheltier zum Beispiel – ruft Liebe hervor, die dir Frieden bringt, was wiederum zu Selbsterforschung führt.

Narada Bhakti Sutra - Vers 61

loka-hānau cintā na kāryā niveditātma-lokavedatvāt  ॥ 61॥ 
Vers 61: „Sobald alle weltlichen und geistigen Pflichten auf Gott übertragen sind, muss der bhakta sich um Gewinn und Verlust nicht mehr sorgen.“

Wenn du siehst, dass Gott alles ist, was die Essenz von vedānta ist, dann verschwindet dein Empfinden von „Ich“ und „Mein“. „Ich“ und „Mein“ sind der Grund für die Angst vor Verlust, der größten Sorge des Menschen, besonders vor dem Verlust von geliebten Menschen. Je mehr ich meine Identität mit dem Ganzen zu würdigen weiß, desto weniger besitzergreifend und eitel werde ich. Umgekehrt werde ich verständnisvoller, großzügiger und mitfühlender, weil ich eine innige Verwandtschaft mit jedem empfinde. Ich werde ein Mitwirkender, statt einer zu sein, der möglichst viel für sich herausholt. Ich höre auf, Gott um Dinge zu bitten, weil ich verstehe, dass das Leben gut ist; es hat meine Unterstützung. Ich reagiere angemessen gemäß meiner Natur und lasse die Dinge geschehen gemäß dem [Gesetz des karma Gesetz des karma], das nicht getrennt ist von Gott. Wenn ich überhaupt etwas tue, dann bete ich ein Gebet aus dem „Mukunda-mālā-stotram“:

„Was immer von dir entschieden wurde, wird gemäß meiner früheren Handlungen zu mir kommen. Mein einziges Gebet ist, dass ich dir, in jedem Augenblick und mit unerschütterlicher Hingabe, zu deinen Lotosfüßen dienen möchte.“ [Mukunda-mālā-stotram 5]

Narada Bhakti Sutra - Vers 62

na tadasiddhau loka-vyavahāro heyaḥ kintu phala-tyāgas tat-sādhanaṃ ca kāryam eva  ॥ 62॥

Vers 62: „Um nonduale Hingabe zu erlangen, gib nicht deine weltlichen Verpflichtungen auf, sondern übertrage die Resultate aller Handlungen dem Herrn.“

Wenn du die Freiheit möchtest, die durch nonduale Hingabe erlangt wird, dann musst du bleiben wo du bist und im Geiste des karma-yoga dem Leben dienen. Du erwartest keine Gegenleistung, weil der hingebungsvolle Dienst seine eigene Belohnung ist, aber er bringt dich näher an dein Ziel heran, da er den Geist auf die Selbsterforschung vorbereitet.

Narada Bhakti Sutra - Verse 63 + 64

strī-dhana-nāstika-caritraṃ na śravaṇīyam  ॥ 63॥
abhimāna-dambhādikaṃ tyājyam  ॥ 64॥
Vers 63-64: „Jage nicht dem Geld hinterher und zerstreue dich nicht mit Sex. Verrate nicht deine Werte und streite nicht mit anderen.“ – „Gib falschen Stolz, Heuchelei und andere Untugenden auf.“

Eine der wichtigsten Qualifikationen für die innere Erforschung ist die Kontrolle der Sinne, weil die Sinnesorgane die Tore zur Welt sind und die Welt immer bereit ist, den Geist in Beschlag zu nehmen. Sobald du die Welt hereinlässt, wird der Geist verwirrt und verliert seine Urteilskraft. Der Geist muss gegen weltliche Viren geschützt werden; die dramatischsten sind Sex und Geld. Ein bhakta muss seine Sinnesorgane von den Objekten zurückziehen können, so wie eine Schildkröte ihre Gliedmaßen einzieht, wenn sie in Gefahr ist. Wenn er das nicht kann, wird Selbsterkenntnis nicht haften bleiben. Wenn du unfähig bist, deine Sinne von den Objekten zurückzuziehen, hast du ein Problem.

Aber der Vers sagt nicht, dass Sex nur zur Zeugung dienen soll. Sex ist eine wunderschöne Art, einem anderen seine tiefe Liebe zu zeigen, aber Sex als Unterhaltung täuscht nur über einen gelangweilten Geist hinweg. Dein Leben sollte interessant und aufregend sein, denn schließlich befindest du dich auf der großartigsten Reise, die Menschen möglich ist. Wenn es das nicht ist und du fortwährend die Aufregung suchst, dann fehlt es dir an Vorstellungskraft.

Die „Bhagavad-gītā“ bringt dieses Thema zur Sprache:

„Wenn du dich auf Sinnesobjekte konzentrierst, wird deine Fantasie angeregt. Aus der Fantasie wird das Verlangen geboren. Verlangen verursacht Wut und Wut verursacht Verwirrung. Die Verwirrten verlieren ihr Ziel aus den Augen. Wenn du dein Ziel aus den Augen verlierst, kannst du nicht mehr richtig unterscheiden. Ohne Unterscheidungsfähigkeit ist deine Seele verloren.“ [BhG 2.62-63]

Ein bhakta muss das, was er sieht und hört, filtern. Wenn er das nicht tut, wird die Welt jede Menge Gedanken erzeugen, die der Selbsterforschung abträglich sind: Wollust, Wut, Gier und Verwirrung. Da die Medien die Werte der Gesellschaft widerspiegeln und die Gesellschaft ausschließlich an Reichtum und Vergnügen interessiert ist, sollten die Medien nicht als Freund betrachtet werden. Sex verkauft sich immer gut und Angst ist das Zahlungsmittel der Mediensphäre. Auf sie zu verzichten bedeutet nicht, im Zölibat oder in Armut leben zu müssen, sondern lediglich, die sorgsame Überwachung, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke.

Ein Sprichwort besagt:

„Es kommt selten vor, dass ein armer Mann den Wert von Weisheit zu schätzen weiß. Noch seltener aber kommt es vor, dass ein weiser Mann den Wert von materiellen Gütern zu schätzen weiß.“

Wir benötigen Geld, um leben zu können, aber es ist spirituell kontraproduktiv, wenn man ihm zu viel Aufmerksamkeit schenkt.

Siehe auch

Literatur

Seminare

Yogalehrer Ausbildung

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