Tanumanasa

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Tanumanasa (Sanskrit: तनुमानसा tanumānasā f.) wörtlich: Ausdünnen des Geistes; die dritte der Bhumikas (Stadien zur Vollkommenheit).

Der niedere Geist ist transformiert worden. Der Yogi erreicht in der Meditation regelmäßig höhere Bewusstseinsebenen (Dharana - vollkommene Konzentration und Absorbtion). Der Yogi erfährt in der Meditation tiefe Wonne, so dass er von irdischen Freuden nicht in die Irre geführt wird. Der Yogi will, was gut für ihn ist (braucht nicht mehr mit dem niederen Geist kämpfen).

Die innere Intuition ist erwacht und hilft einem, das Richtige zu tun. Der Yogi erkennt und erfühlt die Einheit. Der Yogi spürt eine natürliche Liebe zu Gott, den Menschen und zur ganzen Natur. Gefahr: Spirituelles Ego, Stolz auf das Erreichte. Viele Yogaschüler erreichen schon recht schnell nach intensiver Praxis für eine kurze Weile Tanumanasa und müssen es sich dann anschließend wieder systematisch durch viele Jahre regelmäßiger Übung erarbeiten. Wer ganz in Tanumanasa verankert ist, wird Stithaprajna, beständiger Weiser, genannt, bleibt aber weiter Sadhaka.


Sukadev über Tanumanasa

Niederschrift eines Vortragsvideos (2014) von Sukadev über Tanumanasa

Tanumanasa ist ein Sanskrit-Wort, welches wörtlich heißt, Ausdünnen des Geistes, durchlässig werden des Geistes. Tanumanasa ist die Bezeichnung der dritten Bhumika, also der dritten der sieben Stufen der spirituellen Evolution. Tanumanasa soll heißen, der Geist wird durchlässig, transparent. Tanu klingt ja auch ähnlich wie dünn. Tunu heißt Ausdünnen, Tanu heißt auch transparent werden.

Letztlich kann man sagen, das Selbst ist wie eine Kerzenflamme; es leuchtet. Wenn du jetzt vor die Kerzenflamme einen Schirm stellst oder eine Hand davor geben würdest, dann ist das Licht nicht sichtbar. Wenn du aber diesen Schirm saubermachen würdest, dann wird er immer durchlässiger, immer transparenter, und dann kannst du die Flamme hindurchleuchten sehen. So ähnlich ist das mit dir. Du hast in dir das höchste Selbst, Atman, das ist Satchidananda, Sein, Wissen und Glückseligkeit. Das ist die Kerzenflamme. Die Hand oder Schirrm ist der Geist.

Solange drum herum die Upadhis, die begrenzenden Attribute sehr grobstofflich sind, nimmst du nur selten die Freude des Selbst wahr, erkennst du nur selten die Einheit hinter allem, spürst du nur selten Verbundenheit mit allen Wesen, mit der Natur und mit allem. Wenn du aber systematisch praktizierst, und darum geht es in der zweiten der Bhumikas, in Vicharana, dann führt das langsam zum Ausdünnen: Ausdünnen des Egos, Ausdünnen der selbstsüchtigen Wünsche, es führt auch dazu, dass Tamas, das Dunkle, das Grobstoffliche, vermindert wird, das Sattva erhöht wird.

Indem Sattva erhöht wird, Ego reduziert wird, auch die verschiedenen Koshas, die Körper, gereinigt werden, wirst du insgesamt durchlässig. Tanumanasa, du wirst insgesamt rein, durchlässig, transparent. So erfährst du in dir selbst Freude, du erfährst in dir selbst Tiefe der Meditation, du willst das, was gut ist, und du willst anderen Gutes tun. In diesem Sinn, wenn du dauerhaft in Tanumanasa verankert bist, bist du schon ein Meister, eine Meisterin.


Schon die dritte der sieben Bhumikas ist eine fortgeschrittene Stufe. Es kann aber geschehen, dass du vorübergehend auf Tanumanasa kommst, das sind dann die so genannten spirituellen Flitterwochen. Was das alles ist, das kannst du auf den Yoga Vidya Internetseiten noch mehr lesen. Schaue nach unter "Tanumanasa". Gehe auf www.yoga-vidya.de und suche nach "Tanumanasa" und dort siehst du noch viel mehr, worum es geht auf dieser Stufe der spirituellen Evolution und wie du überhaupt zu Tanumanasa hinkommst, denn vor Tanumanasa gibt es Shubheccha und Vicharana. Und nach Tanumanasa gibt es noch Sattvapatti, Asamsakti, Padarthabhavani und Turiya. Also, Tanumanasa – die dritte der sieben Bhumikas. Tanumanasa – transparent werden des Geistes, durchlässig werden, so dass du die höchste Wahrheit, die Freude und die Einheit, die Liebe erfahren kannst und ausdrücken kannst.

Tanumanasa, der ausgedünnte Geist

Artikel von Sukadev Bretz im Yoga Vidya Journal Nr. 27, Herbst 2013

Tanu heißt dünn und manas ist der Geist im Sinne von Gemüt, Psyche, Emotionen und meint in diesem Fall besonders unsere automatischen Reiz-Reaktionsketten, Prägungen, vorgefassten Meinungen, Identifikationen – das ganze Gedankenkarussell, dass sich normalerweise den ganzen Tag in unserem Geist abspielt. Tanumanasa ist ein „Schlank-machen des Geistes“ in dem Sinn, dass diese instinktiven, oft irrationalen Gedanken- und Verhaltensmuster mehr und mehr reflektiert, beherrscht und gelenkt werden. Und das führt natürlich zu einer tiefen inneren Ruhe, einem großen Gleichmut (nicht Gleichgültigkeit!) gegenüber den sich ständig verändernden äußeren Umständen und Situationen.

„Ausgedünnt“ heißt nun nicht, dass man etwas beschränkt oder geistig behindert ist – im Gegenteil, man kann hoch intelligent sein und seine Fähigkeiten stark weiter entwickelt haben -, sondern es bedeutet, der Geist ist durchlässig geworden, wir haben Zugang zu unserem inneren Selbst. Bei Tanumanasa wird der spirituelle Weg nicht nur spannend und erfüllt wie auf Vicharana, nicht nur ein aufregendes Abenteuer, mit Siegen und Niederlagen, sondern in Tanumanasa wird der Weg besonders schön.

Charakteristisch für diese Phase ist, dass man in jeder Meditation regelmäßig den Dhyana-Zustand erreicht, also die vollständige Absorption, ohne konkrete Gedankeninhalte.

Die meisten Menschen bewegen sich in der Meditation zwischen Asana, Pranayama, Pratyahara und Dharana: Manche arbeiten noch an der Sitzhaltung, manche mehr am Atem, manche versuchen immer wieder, den Geist zurückzubringen wenn er denkt, der Raum ist zu kalt, zu warm, die Leute sind zu laut oder zu leise oder was muss ich nachher noch erledigen usw. Und immer wieder bemüht man sich um Konzentration, Dharana.

Dhyana ist, wenn wir in die Meditation hinein fallen und es schön ist. Also man sitzt konzentriert ohne Anstrengung. Ganz leicht. Es sind Glückserfahrungen da, vielleicht sieht man innerlich wunderschöne Lichter, vielleicht hört man subtile Klänge, oder spürt einfach nur ein Gefühl von Energie, Liebe und Geborgenheit.

Auch auf der vorhergehenden Stufe, Vicharana, kann man das ab und zu mal spüren, aber auf Tanumanasa geschieht es regelmäßig.

Ananda und PremaWonne und Liebe als Charakteristika von Tanumanasa

Auf Tanumanasa wird man auch stark erfüllt von Ananda, Wonne, und Prema, Liebe. Nicht vollständig und nicht dauernd, aber doch sehr stark zwischendurch. Man hat in der Meditation Zugang zu dieser inneren Liebe oder der Verbindung zum Göttlichen und das erstreckt sich dann auch in den Alltag. Wenn man hingegen nur in der Meditation schöne Erfahrungen hat, sich aber über alles Mögliche ärgert und aus dem Gleichgewicht kommt, sobald man die Augen aufmacht oder die Wohnung verlässt, dann war die Meditation zwar schön, aber auf Tanumanasa ist man noch nicht erleuchtet.

In der Tanumanasa-Phase wird die Intuition stark und zum wichtigsten Entscheidungsmittel. Natürlich hat jeder Mensch Intuition, und eine ganze Menge Entscheidungen werden intuitiv getroffen, nicht nur von spirituellen Aspiranten sondern auch von Menschen, die auf den Begriff Spiritualität allergisch reagieren. Der Unterschied ist: Auf den vorherigen Bewusstseinsstufen kann die Intuition uns in die richtige Richtung führen, sie kann uns aber auch in die falsche Richtung führen.

Die Intuition kann zum Beispiel gefärbt sein durch eigene unbewusste Inhalte, durch Wunschdenken, Projektionen usw., so dass sie durch Hinterfragen geprüft und ergänzt werden muss: War es wirklich meine Intuition oder vielleicht nur ein Wunsch, den ich hatte oder hat ein Gespräch mit jemandem mich unbewusst dahingehend beeinflusst? Oder es ist eine uralte Sehnsucht, die eigentlich schon überholt ist, die aber jetzt, weil sich die darüberliegenden Spannungen gelöst haben, nochmals an die Oberfläche kommt?

Aber in Tanumanasa übernimmt die Intuition die Hauptfunktion. Man hat durch die Praxis und achtsames Leben über einen langen Zeitraum sein Gemüt weitgehend gereinigt, so dass der Geist wie ein reiner Kristall das spiegeln kann, was tatsächlich ist, ohne subjektive Färbungen. Aus vielen Geschichten von großen Meistern weiß man, dass sie spontan und unvorhersehbar aus dieser höheren Intuition heraus handeln.

Das Gute mögen – ganz natürlich auf Tanumanasa

Tanumanasa ist auch ein Gemütszustand, indem man das mag, was einem gut tut, auch wenn es nicht immer angenehm ist. Manchmal wissen wir, was gut für uns ist, z.B. die Menge an Zucker und Fett, Nikotin oder Kaffee zu reduzieren. Aber wir halten gleichzeitig das, was uns nicht gut tut, trotzdem für angenehm. Oder wir stehen vor der Wahl, ein bisschen die Wahrheit zu verdrehen und uns damit einen deutlichen Vorteil zu verschaffen, oder bei der Ethik zu bleiben und unter Umständen auf einen materiellen Vorteil zu verzichten. Dann kommt es darauf an, wie wir uns entscheiden: Geben wir dem Drang wider besseres Wissen nach, oder gelingt es uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben.

Ist man auf der Tanumanasa-Ebene fest verankert, hat man keine Wahl mehr. Gegen die Ethik zu verstoßen, würde gegen jegliches Gefühl, auch gegen jedes subjektive Mögen, gehen. Das Raga, das Mögen, richtet sich auf das Gute, und zwar nicht nur auf das Gute für mich persönlich, sondern auf das Gute in einem umfassenden, universellen Sinn. Man ist in Einklang mit den Naturgesetzen, den universellen Gesetzen des Kosmos, und kann gar nicht mehr dagegen handeln.

Hochmut kommt vor dem Fall – Prüfungen in Tanumanasa

Tanumanasa ist schon ein recht hohes spirituelles Stadium. Wer dauerhaft darin verankert ist, ist ein spiritueller Meister, eine Meisterin.

Dabei gibt es zwei Hauptgefahren: Zum einen, dass man sich mit diesem erhabenen Zustand identifiziert und sich etwas darauf einbildet. Man fühlt sich besser als andere – alles geht so leicht, und man hat das Gefühl, die anderen sind noch nicht so weit, und fühlt sich dann als der Größte.

Die zweite Gefahr ist, dass man meint, man hätte das höchste Ziel schon erreicht und aufhört, weiter zu praktizieren. In der Meditation hat man Visionen, man fühlt sich in der Nähe Gottes. Aber damit ist es nicht getan. Der Weg geht weiter, wir sind noch längst nicht am Ziel. Das ist manchmal das Problem, wenn jemand ohne tiefere Kenntnis in einen vorübergehenden Tanumanasa-Zustand kommt und dann nicht versteht, dass das noch nicht die höchste Verwirklichung ist.

Auf dieser Ebene ist es also wichtig, bescheiden zu bleiben, liebevoll, verständnisvoll und tolerant mit anderen umzugehen, um Führung zu beten und intensiv weiter zu praktizieren. Sich bewusst zu machen: Alle sind das unsterbliche Selbst, nicht nur ich. Momentan mag ich das besonders erfahren, als einen Segen und eine Gnade, aber ich weiß nicht, ob es weiterhin so bleiben wird. Derjenige, auf den ich jetzt hochmütig herabschaue, kann seine Schwierigkeiten vielleicht bald überwunden haben und dann die nächsten Schritte um so schneller machen.

Siehe auch

Literatur

Seminare

Indische Schriften

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