Nadabindu Upanishad: Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Nadabindu Upanishad''' ([[Sanskrit]]) ist ein Teil der indischen [[Heilig]]en [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Schriften], die [http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veda] genannt werden. Sie gehört zum [[Atharvaveda]] und wird außerdem den [[Yoga Upanishaden]] zugeordnet. Die kurze Nadabindu Upanishad beschäftigt sich mit dem Wissen um die heilige Silbe [[Om]] und inspiriert mit dem Bild des [[Atman]] als [[Vogel]].
Die '''Nadabindu Upanishad''' ([[Sanskrit]] नादबिन्दूपनिषद् nādabindūpaniṣad f.) ist ein Teil der indischen [[Heilig]]en [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Schriften], die [http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veda] genannt werden. Sie gehört zum [[Atharvaveda]] und wird außerdem den [[Yoga Upanishaden]] zugeordnet. Die kurze Nadabindu Upanishad beschäftigt sich mit dem Wissen um die heilige Silbe [[Om]] und inspiriert mit dem Bild des [[Atman]] als [[Vogel]].


== Einleitung ==
[[Datei:Brahma Vishnu Shiva OM.jpg|thumb|Brahma, Vishnu und Shiva im OM - Mahabharata Manuskript auf Seide, 1795]]  
[[Datei:Brahma Vishnu Shiva OM.jpg|thumb|Brahma, Vishnu und Shiva im OM - Mahabharata Manuskript auf Seide, 1795]]  
Die '''Nada Bindu Upanishad''' (Sanskrit: ''Nādabindūpaniṣad'') gehört zu den wichtigsten Quellentexten des [[Nada Yoga]], des Yoga des inneren Klanges. Die hier zugrunde gelegte südindische Langfassung wird dem [[Rigveda]] zugeordnet und umfasst 56 Verse; daneben ist eine deutlich kürzere nordindische Rezension überliefert. ''Nada'' bedeutet Klang oder innere Schwingung, ''Bindu'' Punkt, Keim oder verdichtete Bewusstseinskraft. Der Titel weist auf einen Weg hin, auf dem der Geist durch die Konzentration auf immer feinere innere Klänge gesammelt und schließlich in die lautlose Wirklichkeit geführt wird.
Die Upanishad beginnt mit einer kosmischen Deutung des [[Om]]. A und U bilden die Flügel des [[Hamsa]], M seinen Schwanz und die [[Ardhamatra]] seinen Kopf. Die Welten, die [[Guna]]s und verschiedene Bewusstseinsebenen werden diesem Om-Hamsa zugeordnet. Danach verbindet die Schrift die Erkenntnis des [[Atman]] mit der Frage nach [[Prarabdha Karma]] und dem vedantischen Gleichnis von Seil und Schlange: Wie die vermeintliche Schlange verschwindet, wenn das Seil erkannt wird, so verliert die Welt ihre scheinbar selbstständige Wirklichkeit, wenn [[Brahman]] erkannt wird.
Der praktische Hauptteil beschreibt die Versenkung in den inneren [[Nada]]. Anfangs können mächtige Klänge wie Ozean, Gewitter, Trommel oder Wasserfall wahrgenommen werden, später feinere Klänge wie Glocke, Flöte, [[Vina]] oder Bienensummen. Der Yogi soll nicht nach besonderen Erlebnissen suchen, sondern im jeweils wahrgenommenen Klang das immer Feinere erfassen. Dadurch wird der Geist einpünktig, verliert sein Verlangen nach äußeren Objekten und löst sich schließlich gemeinsam mit dem [[Prana]] im Zustand [[Unmani]] auf.
Die höchste Lehre der Nada Bindu Upanishad liegt jenseits des Klanges. Nada ist eine Brücke zur Stille: Solange Klang wahrgenommen wird, besteht noch eine feine Bewegung des Geistes. Wenn auch der Nada im unvergänglichen [[Akshara]] verstummt, offenbart sich das lautlose höchste Brahman. Für heutige Yogaübende erinnert die Schrift daran, Mantra, Meditation und Selbsterkenntnis miteinander zu verbinden. Außergewöhnliche Klangerfahrungen sind nicht das Ziel; entscheidend sind innere Ruhe, Freiheit von Anhaftung und die unmittelbare Erkenntnis des Selbst.
Schreibweisen: Nadabindu Upanishad, Nada Bindu Upanishad, Nadabindupanishad.
== Nada Bindu Upanishad – Sanskrit Text, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Übersetzung==
''Die Worterklärungen folgen dem Sanskrit möglichst eng. Bei mehrdeutigen Komposita wird die im Zusammenhang wahrscheinlichste Bedeutung angegeben.''
'''Einleitungsvers Nada Bindu Upanishad'''
vairājātmopāsanayā sañjātajñānavahninā |<br>
dagdhvā karmatrayaṃ yogī yatpadaṃ yāti tadbhaje ||<br>
'''Ich verehre jenen höchsten Zustand, zu dem der Yogi gelangt, nachdem er durch das Feuer der Erkenntnis, das aus der Meditation über den kosmischen Atman entsteht, die drei Arten des Karma verbrannt hat.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vairāja-ātma-upāsanayā – durch die Meditation über den kosmischen Atman ([[Upasana]], [[Atman]]); sañjāta-jñāna-vahninā – durch das daraus entstandene Erkenntnisfeuer ([[Jnana]]); dagdhvā – verbrannt habend; karma-trayam – die drei Arten des [[Karma]]; yogī – der Yogi; yat padam yāti – zu welchem Zustand er gelangt; tat bhaje – den verehre ich.
'''Shanti Mantra'''
oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |<br>
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |<br>
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |<br>
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |<br>
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |<br>
avatu māmavatu vaktāram ||<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
'''Om. Möge meine Rede im Geist gegründet sein und mein Geist in der Rede. O Selbstleuchtendes, offenbare dich mir. Mögen mir die Lehren des Veda gegenwärtig sein; möge das Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen, ich werde die Wahrheit sprechen. Möge Brahman mich beschützen; möge es den Lehrer beschützen. Möge es mich und den Lehrer beschützen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vāk me manasi pratiṣṭhitā – möge meine Rede im Geist gegründet sein; manaḥ me vāci pratiṣṭhitam – möge mein Geist in der Rede gegründet sein; āvir āvīḥ ma edhi – werde mir offenbar; vedasya ma āṇīsthaḥ – möge mir der Veda gegenwärtig sein; śrutam me mā prahāsīḥ – möge das Gehörte mich nicht verlassen; ṛtam vadiṣyāmi – ich werde das Rechte sprechen; satyam vadiṣyāmi – ich werde die Wahrheit sprechen; tan mām avatu – möge es mich beschützen; vaktāram avatu – möge es den Lehrer beschützen; śāntiḥ – Frieden ([[Shanti]]).
'''1.'''<br>
oṃ akāro dakṣiṇaḥ pakṣa ukārastūttaraḥ smṛtaḥ |<br>
makāraṃ pucchamityāhurardhamātrā tu mastakam || 1 ||<br>
'''A gilt als der rechte Flügel des Om-Vogels, U als sein linker. M wird sein Schwanz genannt und die halbe Matra sein Kopf.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': akāraḥ – der Laut A; dakṣiṇaḥ pakṣaḥ – rechter Flügel; ukāraḥ – der Laut U; uttaraḥ – der andere, linke; makāram – der Laut M; puccham – Schwanz; ardhamātrā – halbes Lautmaß; mastakam – Kopf.
'''2.'''<br>
pādādikaṃ guṇāstasya śarīraṃ tattvamucyate |<br>
dharmo'sya dakṣiṇaścakṣuradharmo yo'paraḥ smṛtaḥ || 2 ||<br>
'''Die Gunas bilden seine Füße und die weiteren Glieder; als sein Leib wird das Tattva bezeichnet. Dharma ist sein rechtes Auge, Adharma sein anderes.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pāda-ādikam – Füße und weitere Glieder; guṇāḥ – Eigenschaften, die drei [[Guna]]s; śarīram – Leib; tattvam – Prinzip, Wirklichkeit ([[Tattva]]); dharmaḥ – [[Dharma]]; dakṣiṇam cakṣuḥ – rechtes Auge; adharmaḥ – Nicht-Dharma; aparaḥ – das andere.
'''3.'''<br>
bhūrlokaḥ pādayostasya bhuvarlokastu jānuni |<br>
suvarlokaḥ kaṭīdeśe nābhideśe maharjagat || 3 ||<br>
'''Bhurloka befindet sich an seinen Füßen, Bhuvarloka an seinen Knien, Suvarloka an seiner Hüfte und Maharloka in der Nabelgegend.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bhūrlokaḥ – Erdenwelt; pādayoḥ – an den Füßen; bhuvarlokaḥ – Zwischenwelt; jānuni – an den Knien; suvarlokaḥ – Himmelswelt; kaṭī-deśe – im Hüftbereich; nābhi-deśe – in der Nabelgegend; mahar-jagat – Maharloka.
'''4.'''<br>
janolokastu hṛddeśe kaṇṭhe lokastapastataḥ |<br>
bhruvorlalāṭamadhye tu satyaloko vyavasthitaḥ || 4 ||<br>
'''Janaloka liegt in seinem Herzen, Tapoloka in seiner Kehle und Satyaloka in der Stirnmitte zwischen den Augenbrauen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': janolokaḥ – Janaloka; hṛd-deśe – im Herzbereich; tapolokaḥ – Tapoloka; kaṇṭhe – in der Kehle; bhruvoḥ lalāṭa-madhye – in der Stirnmitte zwischen den Brauen; satyalokaḥ – Satyaloka; vyavasthitaḥ – gelegen.
'''5.'''<br>
sahasrārṇamatīvātra mantra eṣa pradarśitaḥ |<br>
evametāṃ samārūḍho haṃsayogavicakṣaṇaḥ || 5 ||<br>
'''Hier wird dieses Mantra als über das Tausendstrahlige hinausreichend dargestellt. Wer als Kenner des Hamsa Yoga in dieser Weise den Om-Hamsa besteigt,'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sahasrārṇam – das Tausendstrahlige; atīva – darüber hinaus; mantraḥ – [[Mantra]]; pradarśitaḥ – dargestellt; evam – so; samārūḍhaḥ – bestiegen habend; haṃsa-yoga-vicakṣaṇaḥ – der Kundige im [[Hamsa Yoga]].
'''6.'''<br>
na bhidyate karmacāraiḥ pāpakoṭiśatairapi |<br>
āgneyī prathamā mātrā vāyavyeṣā tathāparā || 6 ||<br>
'''wird selbst durch zahllose karmische Wirkungen und Sünden nicht verletzt. Die erste Matra gehört dem Feuer an, die zweite dem Wind.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': na bhidyate – wird nicht verletzt; karma-cāraiḥ – durch karmische Wirkungen; pāpa-koṭi-śataiḥ api – selbst durch zahllose Sünden; āgneyī – dem Feuer zugehörig; prathamā mātrā – erste [[Matra]]; vāyavyā – dem Wind zugehörig; aparā – die nächste.
'''7.'''<br>
bhānumaṇḍalasaṃkāśā bhavenmātrā tathottarā |<br>
paramā cārdhamātrā yā vāruṇīṃ tāṃ vidurbudhāḥ || 7 ||<br>
'''Die folgende Matra leuchtet wie die Sonnenscheibe. Die höchste, die Ardhamatra, erkennen die Weisen als dem Wasser beziehungsweise Varuna zugehörig.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': bhānu-maṇḍala-saṃkāśā – der Sonnenscheibe gleich; uttarā mātrā – folgende Matra; paramā ardhamātrā – höchste halbe Matra; vāruṇīm – Varuna bzw. dem Wasser zugehörig; budhāḥ – die Weisen.
'''8.'''<br>
kālatraye'pi yatremā mātrā nūnaṃ pratiṣṭhitāḥ |<br>
eṣa oṅkāra ākhyāto dhāraṇābhirnibodhata || 8 ||<br>
'''In ihnen sind diese Matras wahrlich in allen drei Zeiten gegründet. Dies wird Omkara genannt; erkenne es durch die verschiedenen Konzentrationen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kāla-traye api – in allen drei Zeiten; imāḥ mātrāḥ – diese Matras; pratiṣṭhitāḥ – gegründet; oṃkāraḥ – [[Omkara]]; dhāraṇābhiḥ – durch Konzentrationen ([[Dharana]]); nibodhata – erkennt.
'''9.'''<br>
ghoṣiṇī prathamā mātrā vidyunmātrā tathā'parā |<br>
pataṅginī tṛtīyā syāccaturthī vāyuveginī || 9 ||<br>
'''Die erste Matra heißt Ghoshini, die zweite Vidyunmatra, die dritte Patangini und die vierte Vayuvegini.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ghoṣiṇī – Ghoshini; vidyunmātrā – Vidyunmatra; pataṅginī – Patangini; tṛtīyā – dritte; caturthī – vierte; vāyuveginī – Vayuvegini.
'''10.'''<br>
pañcamī nāmadheyā tu ṣaṣṭhī caindryabhidhīyate |<br>
saptamī vaiṣṇavī nāma aṣṭamī śāṅkarīti ca || 10 ||<br>
'''Die fünfte heißt Namadheya, die sechste Aindri, die siebte Vaishnavi und die achte Shankari.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pañcamī – fünfte; nāmadheyā – Namadheya; ṣaṣṭhī – sechste; aindrī – Aindri; saptamī – siebte; vaiṣṇavī – Vaishnavi; aṣṭamī – achte; śāṅkarī – Shankari.
'''11.'''<br>
navamī mahatī nāma dhṛtistu daśamī matā |<br>
ekādaśī bhavennārī brāhmī tu dvādaśī parā || 11 ||<br>
'''Die neunte heißt Mahati, die zehnte Dhriti, die elfte Nari und die zwölfte, höchste, Brahmi.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': navamī – neunte; mahatī – Mahati; dhṛtiḥ – Dhriti; daśamī – zehnte; ekādaśī – elfte; nārī – Nari; brāhmī – Brahmi; dvādaśī – zwölfte; parā – höchste.
'''12.'''<br>
prathamāyāṃ tu mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |<br>
bharate varṣarājāsau sārvabhaumaḥ prajāyate || 12 ||<br>
'''Wer während der Versenkung in die erste Matra den Körper verlässt, wird in Bharatavarsha als mächtiger, die ganze Erde beherrschender König geboren.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': prathamāyām mātrāyām – in der ersten Matra; prāṇaiḥ viyujyate – von den Lebenshauchen getrennt wird, stirbt; bharate – in Bharata; varṣa-rājā – König des Landes; sārvabhaumaḥ – Weltherrscher; prajāyate – wird geboren.
'''13.'''<br>
dvitīyāyāṃ samutkrānto bhavedyakṣo mahātmavān |<br>
vidyādharastṛtīyāyāṃ gāndharvastu caturthikā || 13 ||<br>
'''Wer in der zweiten Matra hinübergeht, wird ein erhabener Yaksha; in der dritten ein Vidyadhara und in der vierten ein Gandharva.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': dvitīyāyām – in der zweiten; samutkrāntaḥ – hinübergegangen; yakṣaḥ – [[Yaksha]]; mahātmavān – erhaben; vidyādharaḥ – [[Vidyadhara]]; tṛtīyāyām – in der dritten; gāndharvaḥ – [[Gandharva]]; caturthikā – in der vierten.
'''14.'''<br>
pañcamyāmatha mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |<br>
uṣitaḥ saha devatvaṃ somaloke mahīyate || 14 ||<br>
'''Wer während der Versenkung in die fünfte Matra den Körper verlässt, wird in der Welt des Mondes als göttliches Wesen hoch geehrt.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': pañcamyām mātrāyām – in der fünften Matra; prāṇaiḥ viyujyate – den Körper verlässt; uṣitaḥ – dort verweilend; devatvam – Göttlichkeit; somaloke – in der Mondwelt; mahīyate – wird geehrt.
'''15.'''<br>
ṣaṣṭhyāmindrasya sāyujyaṃ saptamyāṃ vaiṣṇavaṃ padam |<br>
aṣṭamyāṃ vrajate rudraṃ paśūnāṃ ca patiṃ tathā || 15 ||<br>
'''In der sechsten erlangt er Einheit mit Indra, in der siebten den Bereich Vishnus und in der achten gelangt er zu Rudra, dem Herrn der Wesen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ṣaṣṭhyām – in der sechsten; indrasya sāyujyam – Einheit mit [[Indra]]; saptamyām – in der siebten; vaiṣṇavam padam – Bereich Vishnus; aṣṭamyām – in der achten; rudram – zu [[Rudra]]; paśūnām patim – zum Herrn der Wesen.
'''16.'''<br>
navamyāṃ tu maharlokaṃ daśamyāṃ tu janaṃ vrajet |<br>
ekādaśyāṃ tapolokaṃ dvādaśyāṃ brahma śāśvatam || 16 ||<br>
'''In der neunten erreicht er Maharloka, in der zehnten Janaloka, in der elften Tapoloka und in der zwölften das ewige Brahman.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': navamyām – in der neunten; maharlokam – Maharloka; daśamyām – in der zehnten; janam – Janaloka; ekādaśyām – in der elften; tapolokam – Tapoloka; dvādaśyām – in der zwölften; brahma śāśvatam – ewiges [[Brahman]].
'''17.'''<br>
tataḥ parataraṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ nirmalaṃ śivam |<br>
sadoditaṃ paraṃ brahma jyotiṣāmudayo yataḥ || 17 ||<br>
'''Jenseits davon liegt das Reine, Alldurchdringende, Makellose und Heilsame: das ewig aufgehende höchste Brahman, aus dem alles Licht hervorgeht.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tataḥ parataram – jenseits davon; śuddham – rein; vyāpakam – alldurchdringend; nirmalam – makellos; śivam – heilsam; sadā-uditam – ewig aufgegangen; param brahma – höchstes Brahman; jyotiṣām udayaḥ – Ursprung der Lichter.
'''18.'''<br>
atīndriyaṃ guṇātītaṃ mano līnaṃ yadā bhavet |<br>
anūpamaṃ śivaṃ śāntaṃ yogayuktaṃ sadā viśet || 18 ||<br>
'''Wenn der Geist jenseits der Sinne und Gunas zur Auflösung kommt, tritt der Yogi in das unvergleichliche, glückverheißende und friedvolle Sein ein und bleibt im Yoga gegründet.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': atīndriyam – jenseits der Sinne; guṇātītam – jenseits der Gunas; manaḥ līnam – der Geist aufgelöst; anūpamam – unvergleichlich; śivam – glückverheißend; śāntam – friedvoll; yoga-yuktam – im Yoga verbunden; viśet – möge eintreten.
'''19.'''<br>
tadyuktastanmayo jantuḥ śanairmuñcetkalevaram |<br>
saṃsthito yogacāreṇa sarvasaṅgavivarjitaḥ || 19 ||<br>
'''Mit ihm verbunden und von ihm erfüllt, möge der Mensch den Körper allmählich ablegen, im yogischen Lebenswandel gegründet und von allen Bindungen frei.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tat-yuktaḥ – damit verbunden; tat-mayaḥ – davon erfüllt; jantuḥ – Mensch, Lebewesen; śanaiḥ muñcet kalevaram – möge allmählich den Körper ablegen; yoga-cāreṇa saṃsthitaḥ – im yogischen Wandel gegründet; sarva-saṅga-vivarjitaḥ – von allen Bindungen frei.
'''20.'''<br>
tato vilīnapāśo'sau vimalaḥ kamalāprabhuḥ |<br>
tenaiva brahmabhāvena paramānandamaśnute || 20 ||<br>
'''Dann sind seine Fesseln aufgelöst. Rein und vom inneren Lotoslicht erfüllt, genießt er kraft dieses Brahman-Bewusstseins höchste Glückseligkeit.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vilīna-pāśaḥ – dessen Fesseln aufgelöst sind; vimalaḥ – rein; kamalā-prabhuḥ – vom Lotoslicht erfüllt bzw. Herr des Lotos; brahma-bhāvena – durch Brahman-Bewusstsein; paramānandam aśnute – genießt höchste Glückseligkeit ([[Ananda]]).
'''21.'''<br>
ātmānaṃ satataṃ jñātvā kālaṃ naya mahāmate |<br>
prārabdhamakhilaṃ bhuñjannodvegaṃ kartumarhasi || 21 ||<br>
'''Erkenne beständig den Atman und verbringe so deine Lebenszeit, o Einsichtsvoller. Während du dein gesamtes Prarabdha erfährst, sollst du dich nicht beunruhigen lassen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ātmānam satatam jñātvā – beständig den [[Atman]] erkennend; kālam naya – verbringe die Zeit; mahāmate – o Einsichtsvoller; prārabdham akhilam bhuñjan – das gesamte [[Prarabdha Karma]] erfahrend; na udvegam – keine Beunruhigung; kartum arhasi – sollst du hervorrufen.
'''22.'''<br>
utpanne tattvavijñāne prārabdhaṃ naiva muñcati |<br>
tattvajñānodayādūrdhvaṃ prārabdhaṃ naiva vidyate || 22 ||<br>
'''Auch wenn die Erkenntnis der Wirklichkeit entstanden ist, lässt das Prarabdha den Körper nicht sogleich los. Doch vom Aufgang der vollkommenen Wahrheitserkenntnis an besteht für den Erkennenden kein Prarabdha mehr.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': utpanne tattva-vijñāne – wenn Wirklichkeitserkenntnis entstanden ist; prārabdham na eva muñcati – Prarabdha lässt nicht sogleich los; tattva-jñāna-udayāt ūrdhvam – nach dem Aufgang der Wahrheitserkenntnis; na eva vidyate – besteht es nicht.
'''23.'''<br>
dehādīnāmasattvāttu yathā svapno vibodhataḥ |<br>
karma janmāntarīyaṃ yatprārabdhamiti kīrtitam || 23 ||<br>
'''Denn Körper und alles Übrige sind unwirklich – wie ein Traum für den Erwachten. Als Prarabdha bezeichnet man jenes Karma, das aus einem früheren Leben zur Wirkung gelangt ist.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': deha-ādīnām asattvāt – wegen der Unwirklichkeit von Körper und anderem; yathā svapnaḥ vibodhataḥ – wie der Traum für den Erwachten; karma janma-antarīyam – Karma aus einem früheren Leben; prārabdham – Prarabdha; kīrtitam – wird genannt.
'''24.'''<br>
tattu janmāntarābhāvātpuṃso naivāsti karhicit |<br>
svapnadeho yathādhyastastathaivāyaṃ hi dehakaḥ || 24 ||<br>
'''Für den Erkennenden besteht es niemals, weil es für ihn kein weiteres Geborenwerden gibt. Wie der Traumkörper nur überlagert ist, so ist auch dieser Körper eine Überlagerung.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': janma-antara-abhāvāt – weil es keine weitere Geburt gibt; puṃsaḥ – für den Menschen; na asti – besteht nicht; svapna-dehaḥ – Traumkörper; adhyastaḥ – überlagert; tathā eva ayam dehakaḥ – ebenso dieser Körper.
'''25.'''<br>
adhyastasya kuto janma janmābhāve kutaḥ sthitiḥ |<br>
upādānaṃ prapañcasya mṛdbhāṇḍasyeva paśyati || 25 ||<br>
'''Wie könnte das Überlagerte wirklich geboren sein, und wie könnte es ohne Geburt bestehen? Wie Ton die materielle Ursache eines Gefäßes ist, so ist die Ursache der Erscheinungswelt zu betrachten.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': adhyastasya – des Überlagerten; kutaḥ janma – woher Geburt; janma-abhāve – ohne Geburt; kutaḥ sthitiḥ – woher Fortbestehen; upādānam – materielle Ursache; prapañcasya – der Erscheinungswelt; mṛd-bhāṇḍasya iva – wie beim Tongefäß; paśyati – erkennt.
'''26.'''<br>
ajñānaṃ ceti vedāntaistasminnaṣṭe kva viśvatā |<br>
yathā rajjuṃ parityajya sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt || 26 ||<br>
'''Vedanta bezeichnet diese Ursache als Unwissenheit. Wenn sie vernichtet ist, wo bleibt dann die Weltlichkeit? Aus Verblendung übersieht jemand das Seil und erfasst vermeintlich eine Schlange.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ajñānam – Unwissenheit ([[Avidya]]); iti vedāntaiḥ – so nach dem [[Vedanta]]; tasmin naṣṭe – wenn sie vernichtet ist; kva viśvatā – wo bleibt die Weltlichkeit; rajjum parityajya – das Seil verkennend; sarpam gṛhṇāti – eine Schlange erfassend; bhramāt – aus Irrtum.
'''27.'''<br>
tadvatsatyamavijñāya jagatpaśyati mūḍhadhīḥ |<br>
rajjukhaṇḍe parijñāte sarparūpaṃ na tiṣṭhati || 27 ||<br>
'''Ebenso sieht der Verblendete die Welt als selbstständig wirklich, weil er die Wahrheit nicht erkennt. Wird das Stück Seil erkannt, bleibt die Schlangengestalt nicht bestehen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': tadvat – ebenso; satyam avijñāya – die Wahrheit nicht erkennend; jagat paśyati – sieht er die Welt; mūḍha-dhīḥ – der Verblendete; rajju-khaṇḍe parijñāte – wenn das Stück Seil erkannt ist; sarpa-rūpam na tiṣṭhati – bleibt die Schlangengestalt nicht.
'''28.'''<br>
adhiṣṭhāne tathā jñāte prapañce śūnyatāṃ gate |<br>
dehasyāpi prapañcatvātprārabdhāvasthitiḥ kutaḥ || 28 ||<br>
'''Wenn ebenso der tragende Grund erkannt und die Erscheinungswelt als eigenständige Wirklichkeit leer geworden ist, wie könnte Prarabdha fortbestehen, da auch der Körper zur Erscheinungswelt gehört?'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': adhiṣṭhāne jñāte – wenn der tragende Grund erkannt ist; prapañce śūnyatām gate – wenn die Welt als eigenständige Wirklichkeit leer geworden ist; dehasya api prapañcatvāt – weil auch der Körper zur Erscheinungswelt gehört; prārabdha-avasthitiḥ kutaḥ – woher ein Fortbestehen des Prarabdha.
'''29.'''<br>
ajñānajanabodhārthaṃ prārabdhamiti cocyate |<br>
tataḥ kālavaśādeva prārabdhe tu kṣayaṃ gate || 29 ||<br>
'''Von Prarabdha wird daher gesprochen, um Menschen in Unwissenheit schrittweise zu unterweisen. Wenn es im Lauf der Zeit zur Erschöpfung gelangt ist,'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ajñāna-jana-bodha-artham – zur Unterweisung unwissender Menschen; prārabdham iti ucyate – wird von Prarabdha gesprochen; kāla-vaśāt – durch den Lauf der Zeit; prārabdhe kṣayam gate – wenn Prarabdha erschöpft ist.
'''30.'''<br>
brahmapraṇavasandhānaṃ nādo jyotirmayaḥ śivaḥ |<br>
svayamāvirbhavedātmā meghāpāye'ṃśumāniva || 30 ||<br>
'''offenbart sich der Atman von selbst wie die Sonne, wenn die Wolken weichen: als lichtvoller, segensreicher Nada in der Verbindung von Brahman und Pranava.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': brahma-praṇava-sandhānam – Verbindung von Brahman und [[Pranava]]; nādaḥ – innerer Klang ([[Nada]]); jyotirmayaḥ – lichtvoll; śivaḥ – heilsam; svayam āvirbhavet ātmā – der Atman offenbart sich von selbst; megha-apāye aṃśumān iva – wie die Sonne beim Weichen der Wolken.
'''31.'''<br>
siddhāsane sthito yogī mudrāṃ sandhāya vaiṣṇavīm |<br>
śṛṇuyāddakṣiṇe karṇe nādamantargataṃ sadā || 31 ||<br>
'''Der Yogi sitze in Siddhasana, übe die Vaishnavi Mudra und höre beständig auf den inneren Nada im rechten Ohr.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': siddhāsane sthitaḥ – in [[Siddhasana]] sitzend; yogī – der Yogi; mudrām sandhāya vaiṣṇavīm – die [[Vaishnavi Mudra]] übend; śṛṇuyāt – möge hören; dakṣiṇe karṇe – im rechten Ohr; nādam antargatam – inneren Nada; sadā – beständig.
'''32.'''<br>
abhyasyamāno nādo'yaṃ bāhyamāvṛṇute dhvanim |<br>
pakṣādvipakṣamakhilaṃ jitvā turyapadaṃ vrajet || 32 ||<br>
'''Durch diese Übung überdeckt der Nada die äußeren Geräusche. Der Text verheißt, dass der Yogi innerhalb eines halben Monats alle Widerstände überwindet und Turiya erreicht.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': abhyasyamānaḥ nādaḥ – der geübte Nada; bāhyam dhvanim āvṛṇute – überdeckt äußeren Klang; pakṣāt – innerhalb eines halben Monats; vipakṣam akhilam jitvā – alle Widerstände überwindend; turya-padam vrajet – möge [[Turiya]] erreichen.
'''33.'''<br>
śrūyate prathamābhyāse nādo nānāvidho mahān |<br>
vardhamānastathābhyāse śrūyate sūkṣmasūkṣmataḥ || 33 ||<br>
'''Zu Beginn der Übung werden verschiedene laute innere Klänge vernommen. Mit fortschreitender Praxis werden sie immer feiner gehört.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': prathama-abhyāse – bei der anfänglichen Übung; nādaḥ nānā-vidhaḥ mahān – vielfältiger lauter Nada; vardhamānaḥ abhyāse – bei wachsender Übung; śrūyate sūkṣma-sūkṣmataḥ – wird immer feiner gehört.
'''34.'''<br>
ādau jaladhijīmūtabherīnirjharasambhavaḥ |<br>
madhye mardalaśabdābho ghaṇṭākāhalajastathā || 34 ||<br>
'''Anfangs gleichen sie dem Ozean, Gewitterwolken, einer großen Trommel oder einem Wasserfall; in der mittleren Stufe einer Mardala-Trommel, einer Glocke oder einem Horn.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ādau – anfangs; jaladhi – Ozean; jīmūta – Gewitterwolke; bherī – große Trommel; nirjhara – Wasserfall; madhye – in der Mitte; mardala-śabda – Klang der Mardala-Trommel; ghaṇṭā – Glocke; kāhala – Horn.
'''35.'''<br>
ante tu kiṅkiṇīvaṃśavīṇābhramaraniḥsvanaḥ |<br>
iti nānāvidhā nādāḥ śrūyante sūkṣmasūkṣmataḥ || 35 ||<br>
'''Am Ende gleichen sie Glöckchen, Flöte, Vina und Bienensummen. So werden die verschiedenen Nada-Klänge immer feiner vernommen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ante – am Ende; kiṅkiṇī – Glöckchen; vaṃśa – Flöte; vīṇā – [[Vina]]; bhramara-niḥsvanaḥ – Summen einer Biene; nānā-vidhāḥ nādāḥ – verschiedene Nada-Klänge; sūkṣma-sūkṣmataḥ – immer feiner.
'''36.'''<br>
mahati śrūyamāṇe tu mahābheryādikadhvanau |<br>
tatra sūkṣmaṃ sūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet || 36 ||<br>
'''Selbst wenn ein mächtiger Klang wie der einer großen Trommel gehört wird, soll der Yogi darin den feineren und immer feineren Nada erfassen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': mahati dhvanau – bei einem mächtigen Klang; mahā-bherī-ādika – wie einer großen Trommel; sūkṣmam sūkṣmataram – den feinen und feineren; nādam eva parāmṛśet – soll er allein den Nada erfassen.
'''37.'''<br>
ghanamutsṛjya vā sūkṣme sūkṣmamutsṛjya vā ghane |<br>
ramamāṇamapi kṣiptaṃ mano nānyatra cālayet || 37 ||<br>
'''Er mag vom dichten Klang zum feinen oder vom feinen zum dichten wechseln. Auch wenn der Geist sich daran erfreut oder zerstreut ist, soll er ihn zu keinem anderen Gegenstand bewegen.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': ghanam utsṛjya sūkṣme – vom dichten zum feinen wechselnd; sūkṣmam utsṛjya ghane – vom feinen zum dichten; ramamāṇam api – auch wenn er sich erfreut; kṣiptam manaḥ – zerstreuter Geist; na anyatra cālayet – nicht anderswohin bewegen.
'''38.'''<br>
yatra kutrāpi vā nāde lagati prathamaṃ manaḥ |<br>
tatra tatra sthirībhūtvā tena sārdhaṃ vilīyate || 38 ||<br>
'''An welchen Nada sich der Geist zu Beginn auch immer heftet: Dort wird er fest und löst sich zusammen mit diesem Klang auf.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': yatra kutra api nāde – bei welchem Nada auch immer; lagati prathamam manaḥ – der Geist zuerst haftet; tatra sthirī-bhūtvā – dort fest werdend; tena sārdham vilīyate – löst er sich mit ihm auf.
'''39.'''<br>
vismṛtya sakalaṃ bāhyaṃ nāde dugdhāmbuvanmanaḥ |<br>
ekībhūyātha sahasā cidākāśe vilīyate || 39 ||<br>
'''Alles Äußere vergessend, wird der Geist mit dem Nada eins wie Milch mit Wasser und löst sich dann rasch im Raum des Bewusstseins auf.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vismṛtya sakalam bāhyam – alles Äußere vergessend; nāde – im Nada; dugdha-ambu-vat – wie Milch und Wasser; manaḥ ekībhūya – der Geist eins geworden; cid-ākāśe – im Raum des Bewusstseins ([[Chidakasha]]); vilīyate – löst sich auf.
'''40.'''<br>
udāsīnastato bhūtvā sadābhyāsena saṃyamī |<br>
unmanīkārakaṃ sadyo nādamevāvadhārayet || 40 ||<br>
'''Gegenüber den Sinnesgegenständen gleichmütig und durch beständige Übung gesammelt, soll der Yogi seine Aufmerksamkeit ganz auf den Nada richten, der den Zustand jenseits des Denkens hervorbringt.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': udāsīnaḥ – gleichmütig; sadā-abhyāsena – durch beständige Übung; saṃyamī – der Selbstbeherrschte; unmanī-kārakam – den Zustand jenseits des Geistes hervorbringend ([[Unmani]]); nādam eva avadhārayet – soll allein den Nada festhalten.
'''41.'''<br>
sarvacintāṃ samutsṛjya sarvaceṣṭāvivarjitaḥ |<br>
nādamevānusaṃdadhyānnāde cittaṃ vilīyate || 41 ||<br>
'''Alle Gedanken aufgebend und von äußerer Geschäftigkeit frei, soll er sich allein in den Nada versenken; im Nada löst sich das Chitta auf.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sarva-cintām samutsṛjya – alle Gedanken aufgebend; sarva-ceṣṭā-vivarjitaḥ – von aller Geschäftigkeit frei; nādam eva anusandadhyāt – soll sich allein in den Nada versenken; nāde cittam vilīyate – im Nada löst sich [[Chitta]] auf.
'''42.'''<br>
makarandaṃ pibanbhṛṅgo gandhānnāpekṣate tathā |<br>
nādāsaktaṃ sadā cittaṃ viṣayaṃ na hi kāṅkṣati || 42 ||<br>
'''Wie eine Biene, die Nektar trinkt, nicht nach anderen Düften verlangt, so begehrt auch das beständig im Nada gesammelte Chitta keine Sinnesgegenstände.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': makarandam piban bhṛṅgaḥ – die Nektar trinkende Biene; gandhān na apekṣate – verlangt nicht nach Düften; nāda-āsaktam cittam – im Nada gesammeltes Chitta; viṣayam na kāṅkṣati – begehrt keinen Sinnesgegenstand.
'''43.'''<br>
baddhaḥ sunādagandhena sadyaḥ saṃtyaktacāpalaḥ |<br>
nādagrahaṇataścittamantaraṅgabhujaṅgamaḥ || 43 ||<br>
'''Vom Duft des reinen Nada gebunden, gibt die innere Schlange des Chitta augenblicklich ihre Unruhe auf und wird durch das Erfassen des Nada still.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': baddhaḥ su-nāda-gandhena – vom Duft des reinen Nada gebunden; saṃtyakta-cāpalaḥ – die Unruhe aufgegeben; nāda-grahaṇataḥ – durch das Erfassen des Nada; cittam – Chitta; antaraṅga-bhujaṅgamaḥ – die innere Schlange.
'''44.'''<br>
vismṛtya viśvamekāgraḥ kutracinna hi dhāvati |<br>
manomattagajendrasya viṣayodyānacāriṇaḥ || 44 ||<br>
'''Die Welt vergessend, wird der Geist einpünktig und läuft nirgendwohin. Für den berauschten Elefanten des Geistes, der im Lustgarten der Sinnesobjekte umherstreift,'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': vismṛtya viśvam – die Welt vergessend; ekāgraḥ – einpünktig ([[Ekagrata]]); na dhāvati – läuft nicht; manaḥ-matta-gajendrasya – für den berauschten Elefanten des Geistes; viṣaya-udyāna-cāriṇaḥ – der im Garten der Sinnesobjekte umherzieht.
'''45.'''<br>
niyāmanasamartho'yaṃ ninādo niśitāṅkuśaḥ |<br>
nādo'ntaraṅgasāraṅgabandhane vāgurāyate || 45 ||<br>
'''ist dieser Klang ein scharfer Treiberhaken, der ihn zu lenken vermag. Der Nada wird zur Schlinge, die das innere Reh des Geistes bindet,'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': niyāmana-samarthaḥ – zur Lenkung fähig; ninādaḥ – Klang; niśita-aṅkuśaḥ – scharfer Elefantenhaken; nādaḥ – Nada; antaraṅga-sāraṅga-bandhane – zum Binden des inneren Rehs; vāgurāyate – wird zur Schlinge.
'''46.'''<br>
antaraṅgasamudrasya rodhe velāyate'pi ca |<br>
brahmapraṇavasaṃlagnanādo jyotirmayātmakaḥ || 46 ||<br>
'''und zum Ufer, das den Ozean seiner inneren Wellen begrenzt. Der mit dem Brahman-Pranava verbundene Nada ist seinem Wesen nach Licht.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': antaraṅga-samudrasya – des inneren Ozeans; rodhe – zur Begrenzung; velāyate – wird zum Ufer; brahma-praṇava-saṃlagna-nādaḥ – mit dem Brahman-Pranava verbundener Nada; jyotirmaya-ātmakaḥ – von lichtvollem Wesen.
'''47.'''<br>
manastatra layaṃ yāti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam |<br>
tāvadākāśasaṅkalpo yāvacchabdaḥ pravartate || 47 ||<br>
'''Der Geist geht darin zur Auflösung ein; dies ist der höchste Bereich Vishnus. Die Vorstellung von Raum besteht nur, solange Klang fortbesteht.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': manaḥ tatra layam yāti – der Geist löst sich darin auf ([[Laya]]); tat viṣṇoḥ paramam padam – dies ist Vishnus höchster Bereich; tāvat ākāśa-saṅkalpaḥ – so lange besteht die Vorstellung von Raum; yāvat śabdaḥ pravartate – wie lange Klang fortbesteht.
'''48.'''<br>
niḥśabdaṃ tatparaṃ brahma paramātmā samīryate |<br>
nādo yāvanmanastāvannādānte'pi manonmanī || 48 ||<br>
'''Jenseits davon liegt das lautlose höchste Brahman, das der höchste Atman genannt wird. Solange Nada besteht, besteht auch der Geist; am Ende des Nada tritt der Zustand Unmani ein.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': niḥśabdam – lautlos; tat param brahma – jenes höchste Brahman; paramātmā – höchster Atman ([[Paramatman]]); nādaḥ yāvat manaḥ tāvat – solange Nada, solange Geist; nāda-ante – am Ende des Nada; manas-unmanī – Geist im Zustand Unmani.
'''49.'''<br>
saśabdaścākṣare kṣīṇe niḥśabdaṃ paramaṃ padam |<br>
sadā nādānusandhānātsaṃkṣīṇā vāsanā bhavet || 49 ||<br>
'''Wenn das Klanghafte im unvergänglichen Akshara erlischt, bleibt der lautlose höchste Zustand. Durch beständige Versenkung in Nada schwinden die Vasanas.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sa-śabdaḥ – das Klanghafte; akṣare kṣīṇe – wenn es im Unvergänglichen erlischt ([[Akshara]]); niḥśabdam paramam padam – lautloser höchster Zustand; sadā nāda-anusandhānāt – durch beständige Versenkung in Nada; saṃkṣīṇā vāsanā – geschwundene [[Vasana]].
'''50.'''<br>
nirañjane vilīyete manovāyū na saṃśayaḥ |<br>
nādakoṭisahasrāṇi bindukoṭiśatāni ca || 50 ||<br>
'''Geist und Lebenshauch lösen sich zweifellos im Makellosen auf. Unzählige Nadas und zahllose Bindus'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': nirañjane – im Makellosen; vilīyete – lösen sich beide auf; manaḥ-vāyū – Geist und Lebenshauch; na saṃśayaḥ – kein Zweifel; nāda-koṭi-sahasrāṇi – unzählige Nadas; bindu-koṭi-śatāni – zahllose [[Bindu]]s.
'''51.'''<br>
sarve tatra layaṃ yānti brahmapraṇavanādake |<br>
sarvāvasthāvinirmuktaḥ sarvacintāvivarjitaḥ || 51 ||<br>
'''gehen alle in dem Klang des Brahman-Pranava zur Auflösung ein. Von allen Bewusstseinszuständen frei und ohne jeden Gedanken'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': sarve tatra layam yānti – alle lösen sich dort auf; brahma-praṇava-nādake – im Klang des Brahman-Pranava; sarva-avasthā-vinirmuktaḥ – von allen Zuständen frei; sarva-cintā-vivarjitaḥ – ohne jeden Gedanken.
'''52.'''<br>
mṛtavattiṣṭhate yogī sa mukto nātra saṃśayaḥ |<br>
śaṅkhadundubhinādaṃ ca na śṛṇoti kadācana || 52 ||<br>
'''verharrt der Yogi wie ein Lebloser; er ist befreit, daran besteht kein Zweifel. Dann hört er selbst den Klang von Muschelhorn und großer Trommel nicht mehr.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': mṛta-vat tiṣṭhate – verharrt wie tot; yogī – der Yogi; saḥ muktaḥ – er ist befreit ([[Mukta]]); śaṅkha-dundubhi-nādam – Klang von Muschelhorn und großer Trommel; na śṛṇoti – hört nicht; kadācana – jemals.
'''53.'''<br>
kāṣṭhavajjñāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam |<br>
na jānāti sa śītoṣṇaṃ na duḥkhaṃ na sukhaṃ tathā || 53 ||<br>
'''Im Zustand des Unmani erscheint der Körper gewiss wie ein Stück Holz. Der Yogi nimmt weder Kälte noch Hitze, weder Schmerz noch Freude wahr.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': kāṣṭha-vat jñāyate dehaḥ – der Körper erscheint wie Holz; unmanī-avasthayā – im Zustand des Unmani; na jānāti – nimmt nicht wahr; śīta-uṣṇam – Kälte und Hitze; duḥkham – Schmerz; sukham – Freude.
'''54.'''<br>
na mānaṃ nāvamānaṃ ca saṃtyaktvā tu samādhinā |<br>
avasthātrayamanveti na cittaṃ yoginaḥ sadā || 54 ||<br>
'''Ehre und Missachtung hinter sich lassend, ruht der Yogi im Samadhi. Sein Chitta tritt nicht mehr in die drei gewöhnlichen Bewusstseinszustände ein.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': mānam – Ehre; avamānam – Missachtung; saṃtyaktvā – aufgegeben habend; samādhinā – durch [[Samadhi]]; avasthā-trayam – die drei Zustände; na anveti cittam – das Chitta tritt nicht ein; yoginaḥ – des Yogi.
'''55.'''<br>
jāgrannidrāvinirmuktaḥ svarūpāvasthatāmiyāt || 55 ||<br>
'''Frei von Wachen und Schlaf gelangt er in das Verweilen in seiner wahren Natur.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': jāgrat-nidrā-vinirmuktaḥ – frei von Wachen und Schlaf; svarūpa-avasthatām – das Verweilen in der eigenen Wesensnatur; iyāt – möge erreichen.
'''56.'''<br>
dṛṣṭiḥ sthirā yasya vinā sadṛśyaṃ<br>
vāyuḥ sthiro yasya vinā prayatnam |<br>
cittaṃ sthiraṃ yasya vināvalambaṃ<br>
sa brahmatārāntaranādarūpaḥ || 56 ||<br>
'''Wessen Blick ohne sichtbaren Gegenstand still ist, wessen Lebenshauch ohne Anstrengung ruht und wessen Chitta ohne Stütze fest ist, der ist von der Natur des inneren Nada des Brahman-Pranava.'''
'''Wort-für-Wort-Übersetzung''': dṛṣṭiḥ sthirā – Blick still; vinā sadṛśyam – ohne sichtbaren Gegenstand; vāyuḥ sthiraḥ – Lebenshauch still; vinā prayatnam – ohne Anstrengung; cittam sthiram – Chitta fest; vinā avalambam – ohne Stütze; brahma-tāra-antara-nāda-rūpaḥ – von der Natur des inneren Nada des rettenden Brahman-Pranava.
'''Abschluss''': iti upaniṣat – So lautet die Upanishad.<br>
== Nada Bindu Upanishad – Hintergrund, Inhalt und Bedeutung ==
=== Name und Stellung unter den Yoga Upanishaden ===
Die '''Nada Bindu Upanishad''' (Sanskrit: ''Nādabindūpaniṣad'', नादबिन्दूपनिषत्) gehört zu den [[Yoga Upanishaden]] und wird in der hier verwendeten südindischen Überlieferung dem [[Rigveda]] zugeordnet. Im [[Muktika Upanishad|Muktika-Kanon]] steht sie an 38. Stelle. Ihr Titel verbindet ''Nāda'', Klang oder innere Schwingung, mit ''Bindu'', Punkt, Keim oder verdichtete Bewusstseinskraft. Der Name weist auf die Sammlung des Geistes im inneren Klang und auf dessen Auflösung in der lautlosen Wirklichkeit hin.<br>
Die Schrift ist besonders wichtig für den [[Nada Yoga]]. Sie beschreibt jedoch nicht nur eine Klangmeditation. Ihre Lehre verbindet die Symbolik des [[Om]], die Kosmologie der Lokas, [[Karma]] und [[Prarabdha Karma]], die Nichtdualität des [[Vedanta]], den inneren [[Nada]], [[Laya]], [[Unmani]] und [[Samadhi]]. Der Klang ist Weg und Hilfsmittel; das Ziel liegt jenseits jedes hörbaren oder innerlich wahrgenommenen Klanges.<br>
=== Textfassungen, Umfang und Überlieferung ===
Von der Nada Bindu Upanishad sind deutlich verschiedene Rezensionen überliefert. Die hier zugrunde gelegte südindische Langfassung besitzt ein Kapitel mit '''56 nummerierten Versen'''. Sie wird dem Rigveda zugeordnet. Eine nordindische, dem [[Atharvaveda]] zugeordnete Rezension ist wesentlich kürzer und umfasst in gedruckten Ausgaben ungefähr 20 Verse. Unterschiede bestehen nicht nur in der Verszahl, sondern auch in einzelnen Namen der zwölf Kalas und in ganzen Lehrabschnitten.<br>
Die kürzere Rezension endet bereits nach dem Abschnitt über die Versenkung in Om und Brahman. Die lange Fassung fügt eine ausführliche Diskussion des Prarabdha, das Seil-Schlange-Gleichnis und vor allem die praktische Lehre vom inneren Nada hinzu. Daher muss bei jeder Inhalts- oder Versangabe genannt werden, auf welche Textfassung sie sich bezieht.<br>
Die genaue Entstehungszeit lässt sich nicht sicher bestimmen. Die Schrift vereint wahrscheinlich Material verschiedener Herkunft und Zeit. Die Om-Spekulation knüpft an ältere upanishadische Traditionen an; die systematische Nada-Meditation gehört zu einer entwickelten Yogaüberlieferung, die später auch in Texten des [[Hatha Yoga]] erscheint. Vorsichtige Forschungseinordnungen reichen von den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bis in das frühe Mittelalter. Eine exakte Jahreszahl wäre angesichts der unterschiedlichen Rezensionen und der unsicheren Handschriftenlage nicht belastbar.<br>
=== Aufbau und Inhalt ===
Die Langfassung lässt sich in vier größere Abschnitte gliedern:<br>
* '''Verse 1–17:''' Om als kosmischer Hamsa, seine vier Matras, zwölf Kalas, Lokas und Meditationsfrüchte.<br>
* '''Verse 18–20:''' Auflösung des Geistes jenseits der Sinne und Gunas sowie Eintritt in Brahman und höchste Glückseligkeit.<br>
* '''Verse 21–30:''' Erkenntnis des Atman, Prarabdha, Unwirklichkeit des Körpers und das klassische Gleichnis von Seil und Schlange.<br>
* '''Verse 31–56:''' Praxis der inneren Nada-Meditation, fortschreitende Verfeinerung der Klänge, Auflösung von Geist und Prana, Unmani und Samadhi.<br>
Diese Abfolge ist spirituell bedeutsam. Die Schrift führt von der Meditation über ein heiliges Symbol zur Erkenntnis der Wirklichkeit und von dort zu einer konkreten Methode, durch welche der ruhelose Geist gesammelt und schließlich überschritten werden soll.<br>
''' Om als kosmischer Hamsa '''
Zu Beginn erscheint [[Omkara]] als ein kosmischer Vogel, als [[Hamsa]]. A ist sein rechter Flügel, U sein linker, M sein Schwanz und die [[Ardhamatra]], das kaum mehr fassbare halbe Lautmaß, sein Kopf. Die drei [[Guna]]s, Dharma und Adharma sowie die verschiedenen Welten werden seinem Leib zugeordnet. Der Yogi meditiert damit nicht nur auf einen Laut, sondern auf Om als Bild des gesamten Kosmos und des ihn durchdringenden Bewusstseins.<br>
Die Verbindung von Om und Hamsa ist vielschichtig. Hamsa bedeutet wörtlich Schwan oder Gans und ist zugleich ein Symbol des reinen Selbst. In der Yogaüberlieferung wird der natürliche Atem mit ''haṃ-sa'' beziehungsweise ''so'ham'' verbunden: „Ich bin Das“. Die Nada Bindu Upanishad entfaltet diesen Gedanken kosmologisch. Der Mensch steigt innerlich auf dem Om-Hamsa über die verschiedenen Ebenen der Erfahrung hinaus.<br>
''' Die vier Matras und zwölf Kalas '''
Die vier Lautdimensionen von Om werden jeweils nochmals dreifach unterschieden, sodass zwölf [[Kala]]s entstehen. Die Langfassung nennt Ghoshini, Vidyunmatra, Patangini, Vayuvegini, Namadheya, Aindri, Vaishnavi, Shankari, Mahati, Dhriti, Nari und Brahmi. Andere Rezensionen lesen an einzelnen Stellen etwa Vidyunmali, Dhruva oder Mauni. Diese Varianten zeigen, dass die Liste in der Überlieferung nicht völlig stabil war.<br>
Den zwölf Kalas werden kosmische Bereiche und mögliche Ziele nach dem Tod zugeordnet: menschliche Königsherrschaft, Daseinsweisen von Yakshas, Vidyadharas und Gandharvas, die Mondwelt, die Bereiche Indras, Vishnus und Rudras sowie Maharloka, Janaloka, Tapoloka und schließlich Brahman. Diese Stufen können als traditionelle Kosmologie gelesen werden. Zugleich veranschaulichen sie eine zunehmende Verfeinerung der Meditation. Die Upanishad bleibt jedoch nicht bei diesen Welten stehen: Jenseits aller Matras liegt das reine, alldurchdringende und lautlose höchste Brahman.<br>
''' Atman-Erkenntnis und Prarabdha '''
Der Mittelteil behandelt eine alte vedantische Frage: Wirkt [[Prarabdha Karma]] nach der Selbsterkenntnis weiter? Der Text gibt zunächst die praktische Antwort, dass der Weise die bereits begonnenen Wirkungen des Karma gelassen erfahren soll. Unmittelbar danach vertritt er die radikale Sicht der höchsten Wahrheit: Da Körper, Geburt und Welt nur durch Unwissenheit als eigenständig wirklich erscheinen, gibt es für den vollkommenen Erkennenden letztlich auch kein Prarabdha.<br>
Zur Erklärung dient das bekannte Seil-Schlange-Gleichnis. In schwachem Licht hält ein Mensch ein Seil irrtümlich für eine Schlange. Sobald das Seil erkannt wird, muss die Schlange nicht vertrieben werden; sie war nie wirklich vorhanden. Ebenso verschwindet durch die Erkenntnis des Atman die Vorstellung einer vom Bewusstsein getrennten Welt. Von Prarabdha wird nach der Upanishad weiterhin gesprochen, um den noch nicht Erwachten die sichtbare Fortdauer des Körpers verständlich zu machen.<br>
Die scheinbar widersprüchlichen Aussagen der Verse 21 und 22 gehören daher zu zwei Betrachtungsebenen. Auf der Ebene des täglichen Lebens besteht der Körper bis zum Ende seiner begonnenen Lebensspanne fort. Aus der Sicht höchster Erkenntnis ist der Atman nie Körper, Handelnder oder Empfänger karmischer Folgen gewesen.<br>
''' Die Praxis der Nada-Meditation '''
Der praktische Hauptteil beginnt mit [[Siddhasana]] und [[Vaishnavi Mudra]]. Der Yogi soll den inneren Klang im rechten Ohr wahrnehmen. Mit fortschreitender Sammlung überdeckt dieser Nada die äußeren Geräusche. Der Text nennt zunächst mächtige Klänge wie Ozean, Gewitterwolken, große Trommel und Wasserfall, dann mittlere Klänge wie Mardala, Glocke und Horn und schließlich feine Klänge wie Glöckchen, Flöte, [[Vina]] und Bienensummen.<br>
Entscheidend ist nicht, eine bestimmte Klangerscheinung hervorzubringen. Der Yogi soll im gehörten Klang stets den feineren Klang erfassen. Wo der Geist sich zuerst an einen Nada heftet, dort soll er stabil werden. Wie Milch sich mit Wasser verbindet, soll der Geist mit dem Nada eins werden und sich im [[Chidakasha]], im inneren Raum des Bewusstseins, auflösen.<br>
Die eindringlichen Bilder des Textes beschreiben die Wirkung dieser Konzentration. Nada ist der scharfe Haken für den berauschten Elefanten des Geistes, die Schlinge für das scheue Reh des Denkens und das Ufer für den Ozean der inneren Wellen. Die Biene, die ganz vom Nektar erfüllt ist, verlangt nicht mehr nach anderen Düften; ebenso verliert ein im Nada gesammeltes Chitta das Verlangen nach Sinnesgegenständen.<br>
''' Vom Klang zur Lautlosigkeit '''
Die Upanishad lehrt keinen endgültigen Kult des Klanges. Solange Nada besteht, besteht auch eine feine Bewegung des Geistes. Am Ende der Versenkung löst sich der Klang im [[Akshara]], im Unvergänglichen, auf. Jenseits davon liegt das lautlose höchste Brahman.<br>
Dies ist eine der wichtigsten Aussagen der Schrift: Der innere Klang ist eine Brücke. Er zieht die Aufmerksamkeit von äußeren Objekten ab, sammelt den Geist auf eine feine Wahrnehmung und führt ihn schließlich über jede Wahrnehmung hinaus. Im Zustand [[Unmani]], wörtlich „jenseits des Geistes“, ruhen Chitta und Prana ohne äußere Stütze. Der Yogi gelangt in [[Samadhi]] und in das Verweilen in seiner wahren Natur.<br>
=== Verhältnis zu anderen Yoga- und Hatha-Texten ===
Verwandte Lehren über Om, Bindu, Nada und die Auflösung des Geistes finden sich in der [[Amritabindu Upanishad]], [[Amritanada Upanishad]], [[Dhyanabindu Upanishad]], [[Tejobindu Upanishad]], [[Hamsa Upanishad]] und [[Yoga Shikha Upanishad]]. Auch die [[Mandukya Upanishad]] deutet A, U, M und das jenseits der Lautteile liegende Vierte, entwickelt aber nicht dieselbe praktische Abfolge innerer Klänge.<br>
Besonders deutliche Parallelen bestehen zur [[Hatha Yoga Pradipika]]. Deren viertes Kapitel beschreibt Nada-Anusandhana ebenfalls als Mittel zur Bindung und Auflösung des Geistes. Mehrere Bilder – der vom Klang gebundene Geist, der Elefant und der Treiberhaken, das Reh und die Schlinge – erscheinen dort in verwandter Form. Auch [[Shiva Samhita]] und andere spätere Yogatexte kennen innere Klänge und Laya. Die Richtung einer direkten literarischen Abhängigkeit lässt sich aus einzelnen Parallelversen allein nicht immer sicher bestimmen; wahrscheinlich wu
===Bedeutung der Nada Bindu Upanishad===
''' Bedeutung für die frühere Yogapraxis '''
Historisch bezeugt die Nada Bindu Upanishad eine Form des Yoga, in der Klang nicht nur als gesungenes Mantra, sondern als innerlich wahrgenommene meditative Erfahrung verstanden wurde. Sie verbindet vedische Om-Spekulation, upanishadische Selbsterkenntnis und eine praktische Methode des [[Laya Yoga]]. Damit steht sie an einer wichtigen Schnittstelle zwischen frühen Meditationen über den Pranava und der späteren Nada-Anusandhana-Lehre des Hatha Yoga.<br>
Die Praxis setzte Sammlung, einen stabilen Meditationssitz, Sinnesbeherrschung und vermutlich persönliche Anleitung voraus. Die traditionellen Zeitangaben und Heilsversprechen sollten nicht als moderne Garantie gelesen werden. Sie drücken die Überzeugung aus, dass intensive und ununterbrochene Meditation den Bewusstseinszustand grundlegend verwandeln kann.<br>
rden solche Lehrstücke über längere Zeit in verschiedenen Yogamilieus überliefert und neu angeordnet.<br>
''' Bedeutung für heutige Yoga-Aspiranten '''
Für moderne Yogaübende ist die Schrift vor allem eine Anleitung zur Verinnerlichung. Yoga beginnt hier nicht mit der Jagd nach besonderen Erlebnissen, sondern mit beständiger Sammlung. Der Nada hilft, die Aufmerksamkeit von wechselnden Sinneseindrücken abzuziehen und feiner werden zu lassen. Das Ziel ist nicht der Klang selbst, sondern die Stille, in der das Bewusstsein ohne äußere Stütze in sich ruht.<br>
Praktisch lassen sich folgende Grundsätze ableiten:<br>
* Beginne mit einer ruhigen, stabilen Sitzhaltung und einer entspannten natürlichen Atmung.<br>
* Richte die Aufmerksamkeit behutsam nach innen, ohne einen Klang erzwingen zu wollen.<br>
* Bleibe bei einer subtilen Wahrnehmung, statt ständig nach neuen Erfahrungen zu suchen.<br>
* Verbinde Nada-Meditation mit [[Mantra]], insbesondere mit [[Om]], und mit der Erkenntnis des Atman.<br>
* Miss Fortschritt nicht an spektakulären Klängen, sondern an wachsender Ruhe, Sammlung, Gelassenheit und Freiheit von zwanghaftem Verlangen.<br>
* Verstehe die beschriebenen Klänge als meditative Erfahrungen innerhalb einer spirituellen Tradition, nicht als medizinische Diagnose.<br>
Wer dauerhafte Ohrgeräusche, einseitiges Sausen, Hörverlust, Schwindel oder belastende akustische Wahrnehmungen erlebt, sollte sie nicht vorschnell als spirituellen Nada deuten, sondern fachärztlich abklären lassen. Meditative Aufmerksamkeit ersetzt keine medizinische Untersuchung. Vaishnavi Mudra und intensives Zurückziehen der Sinne sollten schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden.<br>
''' Bedeutung für Yogalehrer und Yoga-Meister '''
Für [[Yogalehrer]] zeigt die Nada Bindu Upanishad, wie Mantra, Meditation, Pratyahara, Konzentration und Vedanta verbunden werden können. Nada Yoga sollte nicht als exotische Spezialtechnik vermittelt werden. Er gehört in einen ganzheitlichen Weg mit ethischer Grundlage, stabiler Praxis, innerer Ruhe und Selbsterkenntnis.<br>
Ein Yoga-Meister achtet darauf, außergewöhnliche Klangerfahrungen weder vorschnell zu verherrlichen noch pauschal abzuwerten. Er hilft dem Schüler, zwischen körperlichen Ohrgeräuschen, psychischer Projektion, feiner Wahrnehmung und meditativer Sammlung zu unterscheiden. Entscheidend bleibt, ob die Praxis zu Klarheit, Demut, Mitgefühl und Freiheit führt.<br>
Die stärkste Botschaft der Schrift für Lehrende lautet: Das Hilfsmittel darf nicht mit dem Ziel verwechselt werden. Nada bindet zunächst den zerstreuten Geist; danach muss auch die Bindung an Nada losgelassen werden. Der wahre Lehrer führt vom Klang zur Stille, vom Erleben zur Erkenntnis und von der Suche nach besonderen Zuständen zum zeitlosen Atman.<br>
''' Die bleibende Bedeutung der Nada Bindu Upanishad '''
Die Nada Bindu Upanishad ist einer der klarsten Quellentexte des inneren Klang-Yoga. Sie schildert den ganzen Weg: Om wird als kosmische Wirklichkeit erkannt, der Geist wird durch Nada gesammelt, die Sinnesbindung verliert ihre Macht, Klang und Denken werden immer feiner und lösen sich schließlich im lautlosen Brahman auf.<br>
Ihre bleibende Bedeutung liegt in der Verbindung von Methode und Erkenntnis. Ohne Meditation bleibt Vedanta leicht abstrakt; ohne Selbsterkenntnis kann Nada Yoga zu einer Suche nach ungewöhnlichen Wahrnehmungen werden. Die Upanishad führt beides zusammen. Der innere Klang ist nicht das letzte Ziel, sondern ein Tor zu jenem Bewusstsein, in dem alle Klänge erscheinen und wieder verstummen.<br>
== Nada Bindu Upanishad Sanskrit Text - Devanagari und wissenschaftliche Umschrift==
''Vollständige Langfassung mit 56 nummerierten Versen – Devanagari und IAST''
''Die hier verwendete südindische Rezension wird traditionell dem [[Rigveda]] zugeordnet. Daneben ist eine deutlich kürzere nordindische Textfassung überliefert.''
'''Einleitungsvers Nada Bindu Upanishad'''
वैराजात्मोपासनया सञ्जातज्ञानवह्निना ।<br>
दग्ध्वा कर्मत्रयं योगी यत्पदं याति तद्भजे ॥<br>
vairājātmopāsanayā sañjātajñānavahninā |<br>
dagdhvā karmatrayaṃ yogī yatpadaṃ yāti tadbhaje ||<br>
'''Shanti Mantra'''
ॐ वाङ्मे मनसि प्रतिष्ठिता । मनो मे वाचि प्रतिष्ठितम् ।<br>
आविरावीर्म एधि । वेदस्य म आणीस्थः । श्रुतं मे मा प्रहासीः ।<br>
अनेनाधीतेनाहोरात्रान्सन्दधामि ।<br>
ऋतं वदिष्यामि । सत्यं वदिष्यामि ।<br>
तन्मामवतु । तद्वक्तारमवतु ।<br>
अवतु मामवतु वक्तारम् ॥<br>
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥<br>
oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |<br>
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |<br>
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |<br>
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |<br>
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |<br>
avatu māmavatu vaktāram ||<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
'''1.'''<br>
ॐ अकारो दक्षिणः पक्ष उकारस्तूत्तरः स्मृतः ।<br>
मकारं पुच्छमित्याहुरर्धमात्रा तु मस्तकम् ॥ १ ॥<br>
oṃ akāro dakṣiṇaḥ pakṣa ukārastūttaraḥ smṛtaḥ |<br>
makāraṃ pucchamityāhurardhamātrā tu mastakam || 1 ||<br>
'''2.'''<br>
पादादिकं गुणास्तस्य शरीरं तत्त्वमुच्यते ।<br>
धर्मोऽस्य दक्षिणश्चक्षुरधर्मो योऽपरः स्मृतः ॥ २ ॥<br>
pādādikaṃ guṇāstasya śarīraṃ tattvamucyate |<br>
dharmo'sya dakṣiṇaścakṣuradharmo yo'paraḥ smṛtaḥ || 2 ||<br>
'''3.'''<br>
भूर्लोकः पादयोस्तस्य भुवर्लोकस्तु जानुनि ।<br>
सुवर्लोकः कटीदेशे नाभिदेशे महर्जगत् ॥ ३ ॥<br>
bhūrlokaḥ pādayostasya bhuvarlokastu jānuni |<br>
suvarlokaḥ kaṭīdeśe nābhideśe maharjagat || 3 ||<br>
'''4.'''<br>
जनोलोकस्तु हृद्देशे कण्ठे लोकस्तपस्ततः ।<br>
भ्रुवोर्ललाटमध्ये तु सत्यलोको व्यवस्थितः ॥ ४ ॥<br>
janolokastu hṛddeśe kaṇṭhe lokastapastataḥ |<br>
bhruvorlalāṭamadhye tu satyaloko vyavasthitaḥ || 4 ||<br>
'''5.'''<br>
सहस्रार्णमतीवात्र मन्त्र एष प्रदर्शितः ।<br>
एवमेतां समारूढो हंसयोगविचक्षणः ॥ ५ ॥<br>
sahasrārṇamatīvātra mantra eṣa pradarśitaḥ |<br>
evametāṃ samārūḍho haṃsayogavicakṣaṇaḥ || 5 ||<br>
'''6.'''<br>
न भिद्यते कर्मचारैः पापकोटिशतैरपि ।<br>
आग्नेयी प्रथमा मात्रा वायव्येषा तथापरा ॥ ६ ॥<br>
na bhidyate karmacāraiḥ pāpakoṭiśatairapi |<br>
āgneyī prathamā mātrā vāyavyeṣā tathāparā || 6 ||<br>
'''7.'''<br>
भानुमण्डलसंकाशा भवेन्मात्रा तथोत्तरा ।<br>
परमा चार्धमात्रा या वारुणीं तां विदुर्बुधाः ॥ ७ ॥<br>
bhānumaṇḍalasaṃkāśā bhavenmātrā tathottarā |<br>
paramā cārdhamātrā yā vāruṇīṃ tāṃ vidurbudhāḥ || 7 ||<br>
'''8.'''<br>
कालत्रयेऽपि यत्रेमा मात्रा नूनं प्रतिष्ठिताः ।<br>
एष ओङ्कार आख्यातो धारणाभिर्निबोधत ॥ ८ ॥<br>
kālatraye'pi yatremā mātrā nūnaṃ pratiṣṭhitāḥ |<br>
eṣa oṅkāra ākhyāto dhāraṇābhirnibodhata || 8 ||<br>
'''9.'''<br>
घोषिणी प्रथमा मात्रा विद्युन्मात्रा तथाऽपरा ।<br>
पतङ्गिनी तृतीया स्याच्चतुर्थी वायुवेगिनी ॥ ९ ॥<br>
ghoṣiṇī prathamā mātrā vidyunmātrā tathā'parā |<br>
pataṅginī tṛtīyā syāccaturthī vāyuveginī || 9 ||<br>
'''10.'''<br>
पञ्चमी नामधेया तु षष्ठी चैन्द्र्यभिधीयते ।<br>
सप्तमी वैष्णवी नाम अष्टमी शाङ्करीति च ॥ १० ॥<br>
pañcamī nāmadheyā tu ṣaṣṭhī caindryabhidhīyate |<br>
saptamī vaiṣṇavī nāma aṣṭamī śāṅkarīti ca || 10 ||<br>
'''11.'''<br>
नवमी महती नाम धृतिस्तु दशमी मता ।<br>
एकादशी भवेन्नारी ब्राह्मी तु द्वादशी परा ॥ ११ ॥<br>
navamī mahatī nāma dhṛtistu daśamī matā |<br>
ekādaśī bhavennārī brāhmī tu dvādaśī parā || 11 ||<br>
'''12.'''<br>
प्रथमायां तु मात्रायां यदि प्राणैर्वियुज्यते ।<br>
भरते वर्षराजासौ सार्वभौमः प्रजायते ॥ १२ ॥<br>
prathamāyāṃ tu mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |<br>
bharate varṣarājāsau sārvabhaumaḥ prajāyate || 12 ||<br>
'''13.'''<br>
द्वितीयायां समुत्क्रान्तो भवेद्यक्षो महात्मवान् ।<br>
विद्याधरस्तृतीयायां गान्धर्वस्तु चतुर्थिका ॥ १३ ॥<br>
dvitīyāyāṃ samutkrānto bhavedyakṣo mahātmavān |<br>
vidyādharastṛtīyāyāṃ gāndharvastu caturthikā || 13 ||<br>
'''14.'''<br>
पञ्चम्यामथ मात्रायां यदि प्राणैर्वियुज्यते ।<br>
उषितः सह देवत्वं सोमलोके महीयते ॥ १४ ॥<br>
pañcamyāmatha mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |<br>
uṣitaḥ saha devatvaṃ somaloke mahīyate || 14 ||<br>
'''15.'''<br>
षष्ठ्यामिन्द्रस्य सायुज्यं सप्तम्यां वैष्णवं पदम् ।<br>
अष्टम्यां व्रजते रुद्रं पशूनां च पतिं तथा ॥ १५ ॥<br>
ṣaṣṭhyāmindrasya sāyujyaṃ saptamyāṃ vaiṣṇavaṃ padam |<br>
aṣṭamyāṃ vrajate rudraṃ paśūnāṃ ca patiṃ tathā || 15 ||<br>
'''16.'''<br>
नवम्यां तु महर्लोकं दशम्यां तु जनं व्रजेत् ।<br>
एकादश्यां तपोलोकं द्वादश्यां ब्रह्म शाश्वतम् ॥ १६ ॥<br>
navamyāṃ tu maharlokaṃ daśamyāṃ tu janaṃ vrajet |<br>
ekādaśyāṃ tapolokaṃ dvādaśyāṃ brahma śāśvatam || 16 ||<br>
'''17.'''<br>
ततः परतरं शुद्धं व्यापकं निर्मलं शिवम् ।<br>
सदोदितं परं ब्रह्म ज्योतिषामुदयो यतः ॥ १७ ॥<br>
tataḥ parataraṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ nirmalaṃ śivam |<br>
sadoditaṃ paraṃ brahma jyotiṣāmudayo yataḥ || 17 ||<br>
'''18.'''<br>
अतीन्द्रियं गुणातीतं मनो लीनं यदा भवेत् ।<br>
अनूपमं शिवं शान्तं योगयुक्तं सदा विशेत् ॥ १८ ॥<br>
atīndriyaṃ guṇātītaṃ mano līnaṃ yadā bhavet |<br>
anūpamaṃ śivaṃ śāntaṃ yogayuktaṃ sadā viśet || 18 ||<br>
'''19.'''<br>
तद्युक्तस्तन्मयो जन्तुः शनैर्मुञ्चेत्कलेवरम् ।<br>
संस्थितो योगचारेण सर्वसङ्गविवर्जितः ॥ १९ ॥<br>
tadyuktastanmayo jantuḥ śanairmuñcetkalevaram |<br>
saṃsthito yogacāreṇa sarvasaṅgavivarjitaḥ || 19 ||<br>
'''20.'''<br>
ततो विलीनपाशोऽसौ विमलः कमलाप्रभुः ।<br>
तेनैव ब्रह्मभावेन परमानन्दमश्नुते ॥ २० ॥<br>
tato vilīnapāśo'sau vimalaḥ kamalāprabhuḥ |<br>
tenaiva brahmabhāvena paramānandamaśnute || 20 ||<br>
'''21.'''<br>
आत्मानं सततं ज्ञात्वा कालं नय महामते ।<br>
प्रारब्धमखिलं भुञ्जन्नोद्वेगं कर्तुमर्हसि ॥ २१ ॥<br>
ātmānaṃ satataṃ jñātvā kālaṃ naya mahāmate |<br>
prārabdhamakhilaṃ bhuñjannodvegaṃ kartumarhasi || 21 ||<br>
'''22.'''<br>
उत्पन्ने तत्त्वविज्ञाने प्रारब्धं नैव मुञ्चति ।<br>
तत्त्वज्ञानोदयादूर्ध्वं प्रारब्धं नैव विद्यते ॥ २२ ॥<br>
utpanne tattvavijñāne prārabdhaṃ naiva muñcati |<br>
tattvajñānodayādūrdhvaṃ prārabdhaṃ naiva vidyate || 22 ||<br>
'''23.'''<br>
देहादीनामसत्त्वात्तु यथा स्वप्नो विबोधतः ।<br>
कर्म जन्मान्तरीयं यत्प्रारब्धमिति कीर्तितम् ॥ २३ ॥<br>
dehādīnāmasattvāttu yathā svapno vibodhataḥ |<br>
karma janmāntarīyaṃ yatprārabdhamiti kīrtitam || 23 ||<br>
'''24.'''<br>
तत्तु जन्मान्तराभावात्पुंसो नैवास्ति कर्हिचित् ।<br>
स्वप्नदेहो यथाध्यस्तस्तथैवायं हि देहकः ॥ २४ ॥<br>
tattu janmāntarābhāvātpuṃso naivāsti karhicit |<br>
svapnadeho yathādhyastastathaivāyaṃ hi dehakaḥ || 24 ||<br>
'''25.'''<br>
अध्यस्तस्य कुतो जन्म जन्माभावे कुतः स्थितिः ।<br>
उपादानं प्रपञ्चस्य मृद्भाण्डस्येव पश्यति ॥ २५ ॥<br>
adhyastasya kuto janma janmābhāve kutaḥ sthitiḥ |<br>
upādānaṃ prapañcasya mṛdbhāṇḍasyeva paśyati || 25 ||<br>
'''26.'''<br>
अज्ञानं चेति वेदान्तैस्तस्मिन्नष्टे क्व विश्वता ।<br>
यथा रज्जुं परित्यज्य सर्पं गृह्णाति वै भ्रमात् ॥ २६ ॥<br>
ajñānaṃ ceti vedāntaistasminnaṣṭe kva viśvatā |<br>
yathā rajjuṃ parityajya sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt || 26 ||<br>
'''27.'''<br>
तद्वत्सत्यमविज्ञाय जगत्पश्यति मूढधीः ।<br>
रज्जुखण्डे परिज्ञाते सर्परूपं न तिष्ठति ॥ २७ ॥<br>
tadvatsatyamavijñāya jagatpaśyati mūḍhadhīḥ |<br>
rajjukhaṇḍe parijñāte sarparūpaṃ na tiṣṭhati || 27 ||<br>
'''28.'''<br>
अधिष्ठाने तथा ज्ञाते प्रपञ्चे शून्यतां गते ।<br>
देहस्यापि प्रपञ्चत्वात्प्रारब्धावस्थितिः कुतः ॥ २८ ॥<br>
adhiṣṭhāne tathā jñāte prapañce śūnyatāṃ gate |<br>
dehasyāpi prapañcatvātprārabdhāvasthitiḥ kutaḥ || 28 ||<br>
'''29.'''<br>
अज्ञानजनबोधार्थं प्रारब्धमिति चोच्यते ।<br>
ततः कालवशादेव प्रारब्धे तु क्षयं गते ॥ २९ ॥<br>
ajñānajanabodhārthaṃ prārabdhamiti cocyate |<br>
tataḥ kālavaśādeva prārabdhe tu kṣayaṃ gate || 29 ||<br>
'''30.'''<br>
ब्रह्मप्रणवसन्धानं नादो ज्योतिर्मयः शिवः ।<br>
स्वयमाविर्भवेदात्मा मेघापायेऽंशुमानिव ॥ ३० ॥<br>
brahmapraṇavasandhānaṃ nādo jyotirmayaḥ śivaḥ |<br>
svayamāvirbhavedātmā meghāpāye'ṃśumāniva || 30 ||<br>
'''31.'''<br>
सिद्धासने स्थितो योगी मुद्रां सन्धाय वैष्णवीम् ।<br>
शृणुयाद्दक्षिणे कर्णे नादमन्तर्गतं सदा ॥ ३१ ॥<br>
siddhāsane sthito yogī mudrāṃ sandhāya vaiṣṇavīm |<br>
śṛṇuyāddakṣiṇe karṇe nādamantargataṃ sadā || 31 ||<br>
'''32.'''<br>
अभ्यस्यमानो नादोऽयं बाह्यमावृणुते ध्वनिम् ।<br>
पक्षाद्विपक्षमखिलं जित्वा तुर्यपदं व्रजेत् ॥ ३२ ॥<br>
abhyasyamāno nādo'yaṃ bāhyamāvṛṇute dhvanim |<br>
pakṣādvipakṣamakhilaṃ jitvā turyapadaṃ vrajet || 32 ||<br>
'''33.'''<br>
श्रूयते प्रथमाभ्यासे नादो नानाविधो महान् ।<br>
वर्धमानस्तथाभ्यासे श्रूयते सूक्ष्मसूक्ष्मतः ॥ ३३ ॥<br>
śrūyate prathamābhyāse nādo nānāvidho mahān |<br>
vardhamānastathābhyāse śrūyate sūkṣmasūkṣmataḥ || 33 ||<br>
'''34.'''<br>
आदौ जलधिजीमूतभेरीनिर्झरसम्भवः ।<br>
मध्ये मर्दलशब्दाभो घण्टाकाहलजस्तथा ॥ ३४ ॥<br>
ādau jaladhijīmūtabherīnirjharasambhavaḥ |<br>
madhye mardalaśabdābho ghaṇṭākāhalajastathā || 34 ||<br>
'''35.'''<br>
अन्ते तु किङ्किणीवंशवीणाभ्रमरनिःस्वनः ।<br>
इति नानाविधा नादाः श्रूयन्ते सूक्ष्मसूक्ष्मतः ॥ ३५ ॥<br>
ante tu kiṅkiṇīvaṃśavīṇābhramaraniḥsvanaḥ |<br>
iti nānāvidhā nādāḥ śrūyante sūkṣmasūkṣmataḥ || 35 ||<br>
'''36.'''<br>
महति श्रूयमाणे तु महाभेर्यादिकध्वनौ ।<br>
तत्र सूक्ष्मं सूक्ष्मतरं नादमेव परामृशेत् ॥ ३६ ॥<br>
mahati śrūyamāṇe tu mahābheryādikadhvanau |<br>
tatra sūkṣmaṃ sūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet || 36 ||<br>
'''37.'''<br>
घनमुत्सृज्य वा सूक्ष्मे सूक्ष्ममुत्सृज्य वा घने ।<br>
रममाणमपि क्षिप्तं मनो नान्यत्र चालयेत् ॥ ३७ ॥<br>
ghanamutsṛjya vā sūkṣme sūkṣmamutsṛjya vā ghane |<br>
ramamāṇamapi kṣiptaṃ mano nānyatra cālayet || 37 ||<br>
'''38.'''<br>
यत्र कुत्रापि वा नादे लगति प्रथमं मनः ।<br>
तत्र तत्र स्थिरीभूत्वा तेन सार्धं विलीयते ॥ ३८ ॥<br>
yatra kutrāpi vā nāde lagati prathamaṃ manaḥ |<br>
tatra tatra sthirībhūtvā tena sārdhaṃ vilīyate || 38 ||<br>
'''39.'''<br>
विस्मृत्य सकलं बाह्यं नादे दुग्धाम्बुवन्मनः ।<br>
एकीभूयाथ सहसा चिदाकाशे विलीयते ॥ ३९ ॥<br>
vismṛtya sakalaṃ bāhyaṃ nāde dugdhāmbuvanmanaḥ |<br>
ekībhūyātha sahasā cidākāśe vilīyate || 39 ||<br>
'''40.'''<br>
उदासीनस्ततो भूत्वा सदाभ्यासेन संयमी ।<br>
उन्मनीकारकं सद्यो नादमेवावधारयेत् ॥ ४० ॥<br>
udāsīnastato bhūtvā sadābhyāsena saṃyamī |<br>
unmanīkārakaṃ sadyo nādamevāvadhārayet || 40 ||<br>
'''41.'''<br>
सर्वचिन्तां समुत्सृज्य सर्वचेष्टाविवर्जितः ।<br>
नादमेवानुसंदध्यान्नादे चित्तं विलीयते ॥ ४१ ॥<br>
sarvacintāṃ samutsṛjya sarvaceṣṭāvivarjitaḥ |<br>
nādamevānusaṃdadhyānnāde cittaṃ vilīyate || 41 ||<br>
'''42.'''<br>
मकरन्दं पिबन्भृङ्गो गन्धान्नापेक्षते तथा ।<br>
नादासक्तं सदा चित्तं विषयं न हि काङ्क्षति ॥ ४२ ॥<br>
makarandaṃ pibanbhṛṅgo gandhānnāpekṣate tathā |<br>
nādāsaktaṃ sadā cittaṃ viṣayaṃ na hi kāṅkṣati || 42 ||<br>
'''43.'''<br>
बद्धः सुनादगन्धेन सद्यः संत्यक्तचापलः ।<br>
नादग्रहणतश्चित्तमन्तरङ्गभुजङ्गमः ॥ ४३ ॥<br>
baddhaḥ sunādagandhena sadyaḥ saṃtyaktacāpalaḥ |<br>
nādagrahaṇataścittamantaraṅgabhujaṅgamaḥ || 43 ||<br>
'''44.'''<br>
विस्मृत्य विश्वमेकाग्रः कुत्रचिन्न हि धावति ।<br>
मनोमत्तगजेन्द्रस्य विषयोद्यानचारिणः ॥ ४४ ॥<br>
vismṛtya viśvamekāgraḥ kutracinna hi dhāvati |<br>
manomattagajendrasya viṣayodyānacāriṇaḥ || 44 ||<br>
'''45.'''<br>
नियामनसमर्थोऽयं निनादो निशिताङ्कुशः ।<br>
नादोऽन्तरङ्गसारङ्गबन्धने वागुरायते ॥ ४५ ॥<br>
niyāmanasamartho'yaṃ ninādo niśitāṅkuśaḥ |<br>
nādo'ntaraṅgasāraṅgabandhane vāgurāyate || 45 ||<br>
'''46.'''<br>
अन्तरङ्गसमुद्रस्य रोधे वेलायतेऽपि च ।<br>
ब्रह्मप्रणवसंलग्ननादो ज्योतिर्मयात्मकः ॥ ४६ ॥<br>
antaraṅgasamudrasya rodhe velāyate'pi ca |<br>
brahmapraṇavasaṃlagnanādo jyotirmayātmakaḥ || 46 ||<br>
'''47.'''<br>
मनस्तत्र लयं याति तद्विष्णोः परमं पदम् ।<br>
तावदाकाशसङ्कल्पो यावच्छब्दः प्रवर्तते ॥ ४७ ॥<br>
manastatra layaṃ yāti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam |<br>
tāvadākāśasaṅkalpo yāvacchabdaḥ pravartate || 47 ||<br>
'''48.'''<br>
निःशब्दं तत्परं ब्रह्म परमात्मा समीर्यते ।<br>
नादो यावन्मनस्तावन्नादान्तेऽपि मनोन्मनी ॥ ४८ ॥<br>
niḥśabdaṃ tatparaṃ brahma paramātmā samīryate |<br>
nādo yāvanmanastāvannādānte'pi manonmanī || 48 ||<br>
'''49.'''<br>
सशब्दश्चाक्षरे क्षीणे निःशब्दं परमं पदम् ।<br>
सदा नादानुसन्धानात्संक्षीणा वासना भवेत् ॥ ४९ ॥<br>
saśabdaścākṣare kṣīṇe niḥśabdaṃ paramaṃ padam |<br>
sadā nādānusandhānātsaṃkṣīṇā vāsanā bhavet || 49 ||<br>
'''50.'''<br>
निरञ्जने विलीयेते मनोवायू न संशयः ।<br>
नादकोटिसहस्राणि बिन्दुकोटिशतानि च ॥ ५० ॥<br>
nirañjane vilīyete manovāyū na saṃśayaḥ |<br>
nādakoṭisahasrāṇi bindukoṭiśatāni ca || 50 ||<br>
'''51.'''<br>
सर्वे तत्र लयं यान्ति ब्रह्मप्रणवनादके ।<br>
सर्वावस्थाविनिर्मुक्तः सर्वचिन्ताविवर्जितः ॥ ५१ ॥<br>
sarve tatra layaṃ yānti brahmapraṇavanādake |<br>
sarvāvasthāvinirmuktaḥ sarvacintāvivarjitaḥ || 51 ||<br>
'''52.'''<br>
मृतवत्तिष्ठते योगी स मुक्तो नात्र संशयः ।<br>
शङ्खदुन्दुभिनादं च न शृणोति कदाचन ॥ ५२ ॥<br>
mṛtavattiṣṭhate yogī sa mukto nātra saṃśayaḥ |<br>
śaṅkhadundubhinādaṃ ca na śṛṇoti kadācana || 52 ||<br>
'''53.'''<br>
काष्ठवज्ज्ञायते देह उन्मन्यावस्थया ध्रुवम् ।<br>
न जानाति स शीतोष्णं न दुःखं न सुखं तथा ॥ ५३ ॥<br>
kāṣṭhavajjñāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam |<br>
na jānāti sa śītoṣṇaṃ na duḥkhaṃ na sukhaṃ tathā || 53 ||<br>
'''54.'''<br>
न मानं नावमानं च संत्यक्त्वा तु समाधिना ।<br>
अवस्थात्रयमन्वेति न चित्तं योगिनः सदा ॥ ५४ ॥<br>
na mānaṃ nāvamānaṃ ca saṃtyaktvā tu samādhinā |<br>
avasthātrayamanveti na cittaṃ yoginaḥ sadā || 54 ||<br>
'''55.'''<br>
जाग्रन्निद्राविनिर्मुक्तः स्वरूपावस्थतामियात् ॥ ५५ ॥<br>
jāgrannidrāvinirmuktaḥ svarūpāvasthatāmiyāt || 55 ||<br>
'''56.'''<br>
दृष्टिः स्थिरा यस्य विना सदृश्यं<br>
वायुः स्थिरो यस्य विना प्रयत्नम् ।<br>
चित्तं स्थिरं यस्य विनावलम्बं<br>
स ब्रह्मतारान्तरनादरूपः ॥ ५६ ॥<br>
dṛṣṭiḥ sthirā yasya vinā sadṛśyaṃ<br>
vāyuḥ sthiro yasya vinā prayatnam |<br>
cittaṃ sthiraṃ yasya vināvalambaṃ<br>
sa brahmatārāntaranādarūpaḥ || 56 ||<br>
'''Abschluss der Upanishad'''
इत्युपनिषत् ॥<br>
iti upaniṣat ||<br>
'''Shanti Mantra'''
ॐ वाङ्मे मनसि प्रतिष्ठिता । मनो मे वाचि प्रतिष्ठितम् ।<br>
आविरावीर्म एधि । वेदस्य म आणीस्थः । श्रुतं मे मा प्रहासीः ।<br>
अनेनाधीतेनाहोरात्रान्सन्दधामि ।<br>
ऋतं वदिष्यामि । सत्यं वदिष्यामि ।<br>
तन्मामवतु । तद्वक्तारमवतु ।<br>
अवतु मामवतु वक्तारम् ॥<br>
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥<br>
oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |<br>
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |<br>
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |<br>
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |<br>
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |<br>
avatu māmavatu vaktāram ||<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
इति नादबिन्दूपनिषत्समाप्ता ॥<br>
iti nādabindūpaniṣatsamāptā ||<br>
'''Damit ist die Nada Bindu Upanishad beendet.'''


==Nadabindu Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==
==Nadabindu Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==
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Das Chitta des Yogi, das [[Ruhm]] wie auch [[Schande]] aufgegeben hat, weilt oberhalb der drei Zustände in [[Samadhi]]. Von Wach- und Schlafzuständen befreit, erreicht er schließlich seinen wahren Zustand. Wenn das spirituelle Sehen sich etabliert hat, ohne dass mann noch ein Objekt sehen muss. Wenn Vayu (Prana) ohne Anstrengung still wird, und wenn das Chitta ohne Hilfe fest und stark wird, dann wird der Yogi eins mit dem inneren Klang des Brahma-Pranava. So sagen es die [[Upanishad]]en.
Das Chitta des Yogi, das [[Ruhm]] wie auch [[Schande]] aufgegeben hat, weilt oberhalb der drei Zustände in [[Samadhi]]. Von Wach- und Schlafzuständen befreit, erreicht er schließlich seinen wahren Zustand. Wenn das spirituelle Sehen sich etabliert hat, ohne dass mann noch ein Objekt sehen muss. Wenn Vayu (Prana) ohne Anstrengung still wird, und wenn das Chitta ohne Hilfe fest und stark wird, dann wird der Yogi eins mit dem inneren Klang des Brahma-Pranava. So sagen es die [[Upanishad]]en.
== Literatur und Quellen ==
* G. Srinivasa Ayyangar: ''The Yoga Upanishads''. Adyar Library, Madras 1938, S. 172–180: [https://archive.org/details/TheYogaUpanishads Digitalisat].
* K. Narayanasvami Aiyar: ''Thirty Minor Upanishads''. Madras 1914, S. 252–259: [https://www.wisdomlib.org/hinduism/book/thirty-minor-upanishads/d/doc217069.html englische Übersetzung].
* [https://sanskritdocuments.org/doc_upanishhat/nadabindu.html Sanskrit Documents: Nadabindu Upanishad] – Sanskrittext der 56-Vers-Langfassung.
* Paul Deussen: ''Sechzig Upanishad's des Veda'', Leipzig 1897, S. 683–686.
* Guy L. Beck: ''Sonic Theology: Hinduism and Sacred Sound''. University of South Carolina Press, 1993.
* Mikel Burley: ''Hatha-Yoga: Its Context, Theory and Practice''. Motilal Banarsidass, 2000.
* Svātmārāma: ''Hatha Yoga Pradipika'', viertes Kapitel.


==Siehe auch==
==Siehe auch==
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==Seminare==
==Seminare==
===[https://https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/yoga-und-meditation-intensiv-praxis/ Yoga und Meditation Intensiv-Praxis]===
===[https://https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/yoga-und-meditation-intensiv-praxis/ Yoga und Meditation Intensiv-Praxis]===
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===[https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Indische Schriften]===
===[https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Indische Schriften]===
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Aktuelle Version vom 27. August 2026, 16:28 Uhr

Die Nadabindu Upanishad (Sanskrit नादबिन्दूपनिषद् nādabindūpaniṣad f.) ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Sie gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Yoga Upanishaden zugeordnet. Die kurze Nadabindu Upanishad beschäftigt sich mit dem Wissen um die heilige Silbe Om und inspiriert mit dem Bild des Atman als Vogel.

Einleitung

Brahma, Vishnu und Shiva im OM - Mahabharata Manuskript auf Seide, 1795

Die Nada Bindu Upanishad (Sanskrit: Nādabindūpaniṣad) gehört zu den wichtigsten Quellentexten des Nada Yoga, des Yoga des inneren Klanges. Die hier zugrunde gelegte südindische Langfassung wird dem Rigveda zugeordnet und umfasst 56 Verse; daneben ist eine deutlich kürzere nordindische Rezension überliefert. Nada bedeutet Klang oder innere Schwingung, Bindu Punkt, Keim oder verdichtete Bewusstseinskraft. Der Titel weist auf einen Weg hin, auf dem der Geist durch die Konzentration auf immer feinere innere Klänge gesammelt und schließlich in die lautlose Wirklichkeit geführt wird.

Die Upanishad beginnt mit einer kosmischen Deutung des Om. A und U bilden die Flügel des Hamsa, M seinen Schwanz und die Ardhamatra seinen Kopf. Die Welten, die Gunas und verschiedene Bewusstseinsebenen werden diesem Om-Hamsa zugeordnet. Danach verbindet die Schrift die Erkenntnis des Atman mit der Frage nach Prarabdha Karma und dem vedantischen Gleichnis von Seil und Schlange: Wie die vermeintliche Schlange verschwindet, wenn das Seil erkannt wird, so verliert die Welt ihre scheinbar selbstständige Wirklichkeit, wenn Brahman erkannt wird.

Der praktische Hauptteil beschreibt die Versenkung in den inneren Nada. Anfangs können mächtige Klänge wie Ozean, Gewitter, Trommel oder Wasserfall wahrgenommen werden, später feinere Klänge wie Glocke, Flöte, Vina oder Bienensummen. Der Yogi soll nicht nach besonderen Erlebnissen suchen, sondern im jeweils wahrgenommenen Klang das immer Feinere erfassen. Dadurch wird der Geist einpünktig, verliert sein Verlangen nach äußeren Objekten und löst sich schließlich gemeinsam mit dem Prana im Zustand Unmani auf.

Die höchste Lehre der Nada Bindu Upanishad liegt jenseits des Klanges. Nada ist eine Brücke zur Stille: Solange Klang wahrgenommen wird, besteht noch eine feine Bewegung des Geistes. Wenn auch der Nada im unvergänglichen Akshara verstummt, offenbart sich das lautlose höchste Brahman. Für heutige Yogaübende erinnert die Schrift daran, Mantra, Meditation und Selbsterkenntnis miteinander zu verbinden. Außergewöhnliche Klangerfahrungen sind nicht das Ziel; entscheidend sind innere Ruhe, Freiheit von Anhaftung und die unmittelbare Erkenntnis des Selbst.

Schreibweisen: Nadabindu Upanishad, Nada Bindu Upanishad, Nadabindupanishad.

Nada Bindu Upanishad – Sanskrit Text, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Übersetzung

Die Worterklärungen folgen dem Sanskrit möglichst eng. Bei mehrdeutigen Komposita wird die im Zusammenhang wahrscheinlichste Bedeutung angegeben.

Einleitungsvers Nada Bindu Upanishad

vairājātmopāsanayā sañjātajñānavahninā |
dagdhvā karmatrayaṃ yogī yatpadaṃ yāti tadbhaje ||

Ich verehre jenen höchsten Zustand, zu dem der Yogi gelangt, nachdem er durch das Feuer der Erkenntnis, das aus der Meditation über den kosmischen Atman entsteht, die drei Arten des Karma verbrannt hat.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vairāja-ātma-upāsanayā – durch die Meditation über den kosmischen Atman (Upasana, Atman); sañjāta-jñāna-vahninā – durch das daraus entstandene Erkenntnisfeuer (Jnana); dagdhvā – verbrannt habend; karma-trayam – die drei Arten des Karma; yogī – der Yogi; yat padam yāti – zu welchem Zustand er gelangt; tat bhaje – den verehre ich.

Shanti Mantra

oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |
avatu māmavatu vaktāram ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Möge meine Rede im Geist gegründet sein und mein Geist in der Rede. O Selbstleuchtendes, offenbare dich mir. Mögen mir die Lehren des Veda gegenwärtig sein; möge das Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen, ich werde die Wahrheit sprechen. Möge Brahman mich beschützen; möge es den Lehrer beschützen. Möge es mich und den Lehrer beschützen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vāk me manasi pratiṣṭhitā – möge meine Rede im Geist gegründet sein; manaḥ me vāci pratiṣṭhitam – möge mein Geist in der Rede gegründet sein; āvir āvīḥ ma edhi – werde mir offenbar; vedasya ma āṇīsthaḥ – möge mir der Veda gegenwärtig sein; śrutam me mā prahāsīḥ – möge das Gehörte mich nicht verlassen; ṛtam vadiṣyāmi – ich werde das Rechte sprechen; satyam vadiṣyāmi – ich werde die Wahrheit sprechen; tan mām avatu – möge es mich beschützen; vaktāram avatu – möge es den Lehrer beschützen; śāntiḥ – Frieden (Shanti).

1.
oṃ akāro dakṣiṇaḥ pakṣa ukārastūttaraḥ smṛtaḥ |
makāraṃ pucchamityāhurardhamātrā tu mastakam || 1 ||

A gilt als der rechte Flügel des Om-Vogels, U als sein linker. M wird sein Schwanz genannt und die halbe Matra sein Kopf.

Wort-für-Wort-Übersetzung: akāraḥ – der Laut A; dakṣiṇaḥ pakṣaḥ – rechter Flügel; ukāraḥ – der Laut U; uttaraḥ – der andere, linke; makāram – der Laut M; puccham – Schwanz; ardhamātrā – halbes Lautmaß; mastakam – Kopf.

2.
pādādikaṃ guṇāstasya śarīraṃ tattvamucyate |
dharmo'sya dakṣiṇaścakṣuradharmo yo'paraḥ smṛtaḥ || 2 ||

Die Gunas bilden seine Füße und die weiteren Glieder; als sein Leib wird das Tattva bezeichnet. Dharma ist sein rechtes Auge, Adharma sein anderes.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pāda-ādikam – Füße und weitere Glieder; guṇāḥ – Eigenschaften, die drei Gunas; śarīram – Leib; tattvam – Prinzip, Wirklichkeit (Tattva); dharmaḥ – Dharma; dakṣiṇam cakṣuḥ – rechtes Auge; adharmaḥ – Nicht-Dharma; aparaḥ – das andere.

3.
bhūrlokaḥ pādayostasya bhuvarlokastu jānuni |
suvarlokaḥ kaṭīdeśe nābhideśe maharjagat || 3 ||

Bhurloka befindet sich an seinen Füßen, Bhuvarloka an seinen Knien, Suvarloka an seiner Hüfte und Maharloka in der Nabelgegend.

Wort-für-Wort-Übersetzung: bhūrlokaḥ – Erdenwelt; pādayoḥ – an den Füßen; bhuvarlokaḥ – Zwischenwelt; jānuni – an den Knien; suvarlokaḥ – Himmelswelt; kaṭī-deśe – im Hüftbereich; nābhi-deśe – in der Nabelgegend; mahar-jagat – Maharloka.

4.
janolokastu hṛddeśe kaṇṭhe lokastapastataḥ |
bhruvorlalāṭamadhye tu satyaloko vyavasthitaḥ || 4 ||

Janaloka liegt in seinem Herzen, Tapoloka in seiner Kehle und Satyaloka in der Stirnmitte zwischen den Augenbrauen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: janolokaḥ – Janaloka; hṛd-deśe – im Herzbereich; tapolokaḥ – Tapoloka; kaṇṭhe – in der Kehle; bhruvoḥ lalāṭa-madhye – in der Stirnmitte zwischen den Brauen; satyalokaḥ – Satyaloka; vyavasthitaḥ – gelegen.

5.
sahasrārṇamatīvātra mantra eṣa pradarśitaḥ |
evametāṃ samārūḍho haṃsayogavicakṣaṇaḥ || 5 ||

Hier wird dieses Mantra als über das Tausendstrahlige hinausreichend dargestellt. Wer als Kenner des Hamsa Yoga in dieser Weise den Om-Hamsa besteigt,

Wort-für-Wort-Übersetzung: sahasrārṇam – das Tausendstrahlige; atīva – darüber hinaus; mantraḥ – Mantra; pradarśitaḥ – dargestellt; evam – so; samārūḍhaḥ – bestiegen habend; haṃsa-yoga-vicakṣaṇaḥ – der Kundige im Hamsa Yoga.

6.
na bhidyate karmacāraiḥ pāpakoṭiśatairapi |
āgneyī prathamā mātrā vāyavyeṣā tathāparā || 6 ||

wird selbst durch zahllose karmische Wirkungen und Sünden nicht verletzt. Die erste Matra gehört dem Feuer an, die zweite dem Wind.

Wort-für-Wort-Übersetzung: na bhidyate – wird nicht verletzt; karma-cāraiḥ – durch karmische Wirkungen; pāpa-koṭi-śataiḥ api – selbst durch zahllose Sünden; āgneyī – dem Feuer zugehörig; prathamā mātrā – erste Matra; vāyavyā – dem Wind zugehörig; aparā – die nächste.

7.
bhānumaṇḍalasaṃkāśā bhavenmātrā tathottarā |
paramā cārdhamātrā yā vāruṇīṃ tāṃ vidurbudhāḥ || 7 ||

Die folgende Matra leuchtet wie die Sonnenscheibe. Die höchste, die Ardhamatra, erkennen die Weisen als dem Wasser beziehungsweise Varuna zugehörig.

Wort-für-Wort-Übersetzung: bhānu-maṇḍala-saṃkāśā – der Sonnenscheibe gleich; uttarā mātrā – folgende Matra; paramā ardhamātrā – höchste halbe Matra; vāruṇīm – Varuna bzw. dem Wasser zugehörig; budhāḥ – die Weisen.

8.
kālatraye'pi yatremā mātrā nūnaṃ pratiṣṭhitāḥ |
eṣa oṅkāra ākhyāto dhāraṇābhirnibodhata || 8 ||

In ihnen sind diese Matras wahrlich in allen drei Zeiten gegründet. Dies wird Omkara genannt; erkenne es durch die verschiedenen Konzentrationen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kāla-traye api – in allen drei Zeiten; imāḥ mātrāḥ – diese Matras; pratiṣṭhitāḥ – gegründet; oṃkāraḥ – Omkara; dhāraṇābhiḥ – durch Konzentrationen (Dharana); nibodhata – erkennt.

9.
ghoṣiṇī prathamā mātrā vidyunmātrā tathā'parā |
pataṅginī tṛtīyā syāccaturthī vāyuveginī || 9 ||

Die erste Matra heißt Ghoshini, die zweite Vidyunmatra, die dritte Patangini und die vierte Vayuvegini.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ghoṣiṇī – Ghoshini; vidyunmātrā – Vidyunmatra; pataṅginī – Patangini; tṛtīyā – dritte; caturthī – vierte; vāyuveginī – Vayuvegini.

10.
pañcamī nāmadheyā tu ṣaṣṭhī caindryabhidhīyate |
saptamī vaiṣṇavī nāma aṣṭamī śāṅkarīti ca || 10 ||

Die fünfte heißt Namadheya, die sechste Aindri, die siebte Vaishnavi und die achte Shankari.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pañcamī – fünfte; nāmadheyā – Namadheya; ṣaṣṭhī – sechste; aindrī – Aindri; saptamī – siebte; vaiṣṇavī – Vaishnavi; aṣṭamī – achte; śāṅkarī – Shankari.

11.
navamī mahatī nāma dhṛtistu daśamī matā |
ekādaśī bhavennārī brāhmī tu dvādaśī parā || 11 ||

Die neunte heißt Mahati, die zehnte Dhriti, die elfte Nari und die zwölfte, höchste, Brahmi.

Wort-für-Wort-Übersetzung: navamī – neunte; mahatī – Mahati; dhṛtiḥ – Dhriti; daśamī – zehnte; ekādaśī – elfte; nārī – Nari; brāhmī – Brahmi; dvādaśī – zwölfte; parā – höchste.

12.
prathamāyāṃ tu mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |
bharate varṣarājāsau sārvabhaumaḥ prajāyate || 12 ||

Wer während der Versenkung in die erste Matra den Körper verlässt, wird in Bharatavarsha als mächtiger, die ganze Erde beherrschender König geboren.

Wort-für-Wort-Übersetzung: prathamāyām mātrāyām – in der ersten Matra; prāṇaiḥ viyujyate – von den Lebenshauchen getrennt wird, stirbt; bharate – in Bharata; varṣa-rājā – König des Landes; sārvabhaumaḥ – Weltherrscher; prajāyate – wird geboren.

13.
dvitīyāyāṃ samutkrānto bhavedyakṣo mahātmavān |
vidyādharastṛtīyāyāṃ gāndharvastu caturthikā || 13 ||

Wer in der zweiten Matra hinübergeht, wird ein erhabener Yaksha; in der dritten ein Vidyadhara und in der vierten ein Gandharva.

Wort-für-Wort-Übersetzung: dvitīyāyām – in der zweiten; samutkrāntaḥ – hinübergegangen; yakṣaḥ – Yaksha; mahātmavān – erhaben; vidyādharaḥ – Vidyadhara; tṛtīyāyām – in der dritten; gāndharvaḥ – Gandharva; caturthikā – in der vierten.

14.
pañcamyāmatha mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |
uṣitaḥ saha devatvaṃ somaloke mahīyate || 14 ||

Wer während der Versenkung in die fünfte Matra den Körper verlässt, wird in der Welt des Mondes als göttliches Wesen hoch geehrt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: pañcamyām mātrāyām – in der fünften Matra; prāṇaiḥ viyujyate – den Körper verlässt; uṣitaḥ – dort verweilend; devatvam – Göttlichkeit; somaloke – in der Mondwelt; mahīyate – wird geehrt.

15.
ṣaṣṭhyāmindrasya sāyujyaṃ saptamyāṃ vaiṣṇavaṃ padam |
aṣṭamyāṃ vrajate rudraṃ paśūnāṃ ca patiṃ tathā || 15 ||

In der sechsten erlangt er Einheit mit Indra, in der siebten den Bereich Vishnus und in der achten gelangt er zu Rudra, dem Herrn der Wesen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ṣaṣṭhyām – in der sechsten; indrasya sāyujyam – Einheit mit Indra; saptamyām – in der siebten; vaiṣṇavam padam – Bereich Vishnus; aṣṭamyām – in der achten; rudram – zu Rudra; paśūnām patim – zum Herrn der Wesen.

16.
navamyāṃ tu maharlokaṃ daśamyāṃ tu janaṃ vrajet |
ekādaśyāṃ tapolokaṃ dvādaśyāṃ brahma śāśvatam || 16 ||

In der neunten erreicht er Maharloka, in der zehnten Janaloka, in der elften Tapoloka und in der zwölften das ewige Brahman.

Wort-für-Wort-Übersetzung: navamyām – in der neunten; maharlokam – Maharloka; daśamyām – in der zehnten; janam – Janaloka; ekādaśyām – in der elften; tapolokam – Tapoloka; dvādaśyām – in der zwölften; brahma śāśvatam – ewiges Brahman.

17.
tataḥ parataraṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ nirmalaṃ śivam |
sadoditaṃ paraṃ brahma jyotiṣāmudayo yataḥ || 17 ||

Jenseits davon liegt das Reine, Alldurchdringende, Makellose und Heilsame: das ewig aufgehende höchste Brahman, aus dem alles Licht hervorgeht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ parataram – jenseits davon; śuddham – rein; vyāpakam – alldurchdringend; nirmalam – makellos; śivam – heilsam; sadā-uditam – ewig aufgegangen; param brahma – höchstes Brahman; jyotiṣām udayaḥ – Ursprung der Lichter.

18.
atīndriyaṃ guṇātītaṃ mano līnaṃ yadā bhavet |
anūpamaṃ śivaṃ śāntaṃ yogayuktaṃ sadā viśet || 18 ||

Wenn der Geist jenseits der Sinne und Gunas zur Auflösung kommt, tritt der Yogi in das unvergleichliche, glückverheißende und friedvolle Sein ein und bleibt im Yoga gegründet.

Wort-für-Wort-Übersetzung: atīndriyam – jenseits der Sinne; guṇātītam – jenseits der Gunas; manaḥ līnam – der Geist aufgelöst; anūpamam – unvergleichlich; śivam – glückverheißend; śāntam – friedvoll; yoga-yuktam – im Yoga verbunden; viśet – möge eintreten.

19.
tadyuktastanmayo jantuḥ śanairmuñcetkalevaram |
saṃsthito yogacāreṇa sarvasaṅgavivarjitaḥ || 19 ||

Mit ihm verbunden und von ihm erfüllt, möge der Mensch den Körper allmählich ablegen, im yogischen Lebenswandel gegründet und von allen Bindungen frei.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tat-yuktaḥ – damit verbunden; tat-mayaḥ – davon erfüllt; jantuḥ – Mensch, Lebewesen; śanaiḥ muñcet kalevaram – möge allmählich den Körper ablegen; yoga-cāreṇa saṃsthitaḥ – im yogischen Wandel gegründet; sarva-saṅga-vivarjitaḥ – von allen Bindungen frei.

20.
tato vilīnapāśo'sau vimalaḥ kamalāprabhuḥ |
tenaiva brahmabhāvena paramānandamaśnute || 20 ||

Dann sind seine Fesseln aufgelöst. Rein und vom inneren Lotoslicht erfüllt, genießt er kraft dieses Brahman-Bewusstseins höchste Glückseligkeit.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vilīna-pāśaḥ – dessen Fesseln aufgelöst sind; vimalaḥ – rein; kamalā-prabhuḥ – vom Lotoslicht erfüllt bzw. Herr des Lotos; brahma-bhāvena – durch Brahman-Bewusstsein; paramānandam aśnute – genießt höchste Glückseligkeit (Ananda).

21.
ātmānaṃ satataṃ jñātvā kālaṃ naya mahāmate |
prārabdhamakhilaṃ bhuñjannodvegaṃ kartumarhasi || 21 ||

Erkenne beständig den Atman und verbringe so deine Lebenszeit, o Einsichtsvoller. Während du dein gesamtes Prarabdha erfährst, sollst du dich nicht beunruhigen lassen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ātmānam satatam jñātvā – beständig den Atman erkennend; kālam naya – verbringe die Zeit; mahāmate – o Einsichtsvoller; prārabdham akhilam bhuñjan – das gesamte Prarabdha Karma erfahrend; na udvegam – keine Beunruhigung; kartum arhasi – sollst du hervorrufen.

22.
utpanne tattvavijñāne prārabdhaṃ naiva muñcati |
tattvajñānodayādūrdhvaṃ prārabdhaṃ naiva vidyate || 22 ||

Auch wenn die Erkenntnis der Wirklichkeit entstanden ist, lässt das Prarabdha den Körper nicht sogleich los. Doch vom Aufgang der vollkommenen Wahrheitserkenntnis an besteht für den Erkennenden kein Prarabdha mehr.

Wort-für-Wort-Übersetzung: utpanne tattva-vijñāne – wenn Wirklichkeitserkenntnis entstanden ist; prārabdham na eva muñcati – Prarabdha lässt nicht sogleich los; tattva-jñāna-udayāt ūrdhvam – nach dem Aufgang der Wahrheitserkenntnis; na eva vidyate – besteht es nicht.

23.
dehādīnāmasattvāttu yathā svapno vibodhataḥ |
karma janmāntarīyaṃ yatprārabdhamiti kīrtitam || 23 ||

Denn Körper und alles Übrige sind unwirklich – wie ein Traum für den Erwachten. Als Prarabdha bezeichnet man jenes Karma, das aus einem früheren Leben zur Wirkung gelangt ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung: deha-ādīnām asattvāt – wegen der Unwirklichkeit von Körper und anderem; yathā svapnaḥ vibodhataḥ – wie der Traum für den Erwachten; karma janma-antarīyam – Karma aus einem früheren Leben; prārabdham – Prarabdha; kīrtitam – wird genannt.

24.
tattu janmāntarābhāvātpuṃso naivāsti karhicit |
svapnadeho yathādhyastastathaivāyaṃ hi dehakaḥ || 24 ||

Für den Erkennenden besteht es niemals, weil es für ihn kein weiteres Geborenwerden gibt. Wie der Traumkörper nur überlagert ist, so ist auch dieser Körper eine Überlagerung.

Wort-für-Wort-Übersetzung: janma-antara-abhāvāt – weil es keine weitere Geburt gibt; puṃsaḥ – für den Menschen; na asti – besteht nicht; svapna-dehaḥ – Traumkörper; adhyastaḥ – überlagert; tathā eva ayam dehakaḥ – ebenso dieser Körper.

25.
adhyastasya kuto janma janmābhāve kutaḥ sthitiḥ |
upādānaṃ prapañcasya mṛdbhāṇḍasyeva paśyati || 25 ||

Wie könnte das Überlagerte wirklich geboren sein, und wie könnte es ohne Geburt bestehen? Wie Ton die materielle Ursache eines Gefäßes ist, so ist die Ursache der Erscheinungswelt zu betrachten.

Wort-für-Wort-Übersetzung: adhyastasya – des Überlagerten; kutaḥ janma – woher Geburt; janma-abhāve – ohne Geburt; kutaḥ sthitiḥ – woher Fortbestehen; upādānam – materielle Ursache; prapañcasya – der Erscheinungswelt; mṛd-bhāṇḍasya iva – wie beim Tongefäß; paśyati – erkennt.

26.
ajñānaṃ ceti vedāntaistasminnaṣṭe kva viśvatā |
yathā rajjuṃ parityajya sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt || 26 ||

Vedanta bezeichnet diese Ursache als Unwissenheit. Wenn sie vernichtet ist, wo bleibt dann die Weltlichkeit? Aus Verblendung übersieht jemand das Seil und erfasst vermeintlich eine Schlange.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñānam – Unwissenheit (Avidya); iti vedāntaiḥ – so nach dem Vedanta; tasmin naṣṭe – wenn sie vernichtet ist; kva viśvatā – wo bleibt die Weltlichkeit; rajjum parityajya – das Seil verkennend; sarpam gṛhṇāti – eine Schlange erfassend; bhramāt – aus Irrtum.

27.
tadvatsatyamavijñāya jagatpaśyati mūḍhadhīḥ |
rajjukhaṇḍe parijñāte sarparūpaṃ na tiṣṭhati || 27 ||

Ebenso sieht der Verblendete die Welt als selbstständig wirklich, weil er die Wahrheit nicht erkennt. Wird das Stück Seil erkannt, bleibt die Schlangengestalt nicht bestehen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: tadvat – ebenso; satyam avijñāya – die Wahrheit nicht erkennend; jagat paśyati – sieht er die Welt; mūḍha-dhīḥ – der Verblendete; rajju-khaṇḍe parijñāte – wenn das Stück Seil erkannt ist; sarpa-rūpam na tiṣṭhati – bleibt die Schlangengestalt nicht.

28.
adhiṣṭhāne tathā jñāte prapañce śūnyatāṃ gate |
dehasyāpi prapañcatvātprārabdhāvasthitiḥ kutaḥ || 28 ||

Wenn ebenso der tragende Grund erkannt und die Erscheinungswelt als eigenständige Wirklichkeit leer geworden ist, wie könnte Prarabdha fortbestehen, da auch der Körper zur Erscheinungswelt gehört?

Wort-für-Wort-Übersetzung: adhiṣṭhāne jñāte – wenn der tragende Grund erkannt ist; prapañce śūnyatām gate – wenn die Welt als eigenständige Wirklichkeit leer geworden ist; dehasya api prapañcatvāt – weil auch der Körper zur Erscheinungswelt gehört; prārabdha-avasthitiḥ kutaḥ – woher ein Fortbestehen des Prarabdha.

29.
ajñānajanabodhārthaṃ prārabdhamiti cocyate |
tataḥ kālavaśādeva prārabdhe tu kṣayaṃ gate || 29 ||

Von Prarabdha wird daher gesprochen, um Menschen in Unwissenheit schrittweise zu unterweisen. Wenn es im Lauf der Zeit zur Erschöpfung gelangt ist,

Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñāna-jana-bodha-artham – zur Unterweisung unwissender Menschen; prārabdham iti ucyate – wird von Prarabdha gesprochen; kāla-vaśāt – durch den Lauf der Zeit; prārabdhe kṣayam gate – wenn Prarabdha erschöpft ist.

30.
brahmapraṇavasandhānaṃ nādo jyotirmayaḥ śivaḥ |
svayamāvirbhavedātmā meghāpāye'ṃśumāniva || 30 ||

offenbart sich der Atman von selbst wie die Sonne, wenn die Wolken weichen: als lichtvoller, segensreicher Nada in der Verbindung von Brahman und Pranava.

Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-praṇava-sandhānam – Verbindung von Brahman und Pranava; nādaḥ – innerer Klang (Nada); jyotirmayaḥ – lichtvoll; śivaḥ – heilsam; svayam āvirbhavet ātmā – der Atman offenbart sich von selbst; megha-apāye aṃśumān iva – wie die Sonne beim Weichen der Wolken.

31.
siddhāsane sthito yogī mudrāṃ sandhāya vaiṣṇavīm |
śṛṇuyāddakṣiṇe karṇe nādamantargataṃ sadā || 31 ||

Der Yogi sitze in Siddhasana, übe die Vaishnavi Mudra und höre beständig auf den inneren Nada im rechten Ohr.

Wort-für-Wort-Übersetzung: siddhāsane sthitaḥ – in Siddhasana sitzend; yogī – der Yogi; mudrām sandhāya vaiṣṇavīm – die Vaishnavi Mudra übend; śṛṇuyāt – möge hören; dakṣiṇe karṇe – im rechten Ohr; nādam antargatam – inneren Nada; sadā – beständig.

32.
abhyasyamāno nādo'yaṃ bāhyamāvṛṇute dhvanim |
pakṣādvipakṣamakhilaṃ jitvā turyapadaṃ vrajet || 32 ||

Durch diese Übung überdeckt der Nada die äußeren Geräusche. Der Text verheißt, dass der Yogi innerhalb eines halben Monats alle Widerstände überwindet und Turiya erreicht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: abhyasyamānaḥ nādaḥ – der geübte Nada; bāhyam dhvanim āvṛṇute – überdeckt äußeren Klang; pakṣāt – innerhalb eines halben Monats; vipakṣam akhilam jitvā – alle Widerstände überwindend; turya-padam vrajet – möge Turiya erreichen.

33.
śrūyate prathamābhyāse nādo nānāvidho mahān |
vardhamānastathābhyāse śrūyate sūkṣmasūkṣmataḥ || 33 ||

Zu Beginn der Übung werden verschiedene laute innere Klänge vernommen. Mit fortschreitender Praxis werden sie immer feiner gehört.

Wort-für-Wort-Übersetzung: prathama-abhyāse – bei der anfänglichen Übung; nādaḥ nānā-vidhaḥ mahān – vielfältiger lauter Nada; vardhamānaḥ abhyāse – bei wachsender Übung; śrūyate sūkṣma-sūkṣmataḥ – wird immer feiner gehört.

34.
ādau jaladhijīmūtabherīnirjharasambhavaḥ |
madhye mardalaśabdābho ghaṇṭākāhalajastathā || 34 ||

Anfangs gleichen sie dem Ozean, Gewitterwolken, einer großen Trommel oder einem Wasserfall; in der mittleren Stufe einer Mardala-Trommel, einer Glocke oder einem Horn.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ādau – anfangs; jaladhi – Ozean; jīmūta – Gewitterwolke; bherī – große Trommel; nirjhara – Wasserfall; madhye – in der Mitte; mardala-śabda – Klang der Mardala-Trommel; ghaṇṭā – Glocke; kāhala – Horn.

35.
ante tu kiṅkiṇīvaṃśavīṇābhramaraniḥsvanaḥ |
iti nānāvidhā nādāḥ śrūyante sūkṣmasūkṣmataḥ || 35 ||

Am Ende gleichen sie Glöckchen, Flöte, Vina und Bienensummen. So werden die verschiedenen Nada-Klänge immer feiner vernommen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ante – am Ende; kiṅkiṇī – Glöckchen; vaṃśa – Flöte; vīṇā – Vina; bhramara-niḥsvanaḥ – Summen einer Biene; nānā-vidhāḥ nādāḥ – verschiedene Nada-Klänge; sūkṣma-sūkṣmataḥ – immer feiner.

36.
mahati śrūyamāṇe tu mahābheryādikadhvanau |
tatra sūkṣmaṃ sūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet || 36 ||

Selbst wenn ein mächtiger Klang wie der einer großen Trommel gehört wird, soll der Yogi darin den feineren und immer feineren Nada erfassen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: mahati dhvanau – bei einem mächtigen Klang; mahā-bherī-ādika – wie einer großen Trommel; sūkṣmam sūkṣmataram – den feinen und feineren; nādam eva parāmṛśet – soll er allein den Nada erfassen.

37.
ghanamutsṛjya vā sūkṣme sūkṣmamutsṛjya vā ghane |
ramamāṇamapi kṣiptaṃ mano nānyatra cālayet || 37 ||

Er mag vom dichten Klang zum feinen oder vom feinen zum dichten wechseln. Auch wenn der Geist sich daran erfreut oder zerstreut ist, soll er ihn zu keinem anderen Gegenstand bewegen.

Wort-für-Wort-Übersetzung: ghanam utsṛjya sūkṣme – vom dichten zum feinen wechselnd; sūkṣmam utsṛjya ghane – vom feinen zum dichten; ramamāṇam api – auch wenn er sich erfreut; kṣiptam manaḥ – zerstreuter Geist; na anyatra cālayet – nicht anderswohin bewegen.

38.
yatra kutrāpi vā nāde lagati prathamaṃ manaḥ |
tatra tatra sthirībhūtvā tena sārdhaṃ vilīyate || 38 ||

An welchen Nada sich der Geist zu Beginn auch immer heftet: Dort wird er fest und löst sich zusammen mit diesem Klang auf.

Wort-für-Wort-Übersetzung: yatra kutra api nāde – bei welchem Nada auch immer; lagati prathamam manaḥ – der Geist zuerst haftet; tatra sthirī-bhūtvā – dort fest werdend; tena sārdham vilīyate – löst er sich mit ihm auf.

39.
vismṛtya sakalaṃ bāhyaṃ nāde dugdhāmbuvanmanaḥ |
ekībhūyātha sahasā cidākāśe vilīyate || 39 ||

Alles Äußere vergessend, wird der Geist mit dem Nada eins wie Milch mit Wasser und löst sich dann rasch im Raum des Bewusstseins auf.

Wort-für-Wort-Übersetzung: vismṛtya sakalam bāhyam – alles Äußere vergessend; nāde – im Nada; dugdha-ambu-vat – wie Milch und Wasser; manaḥ ekībhūya – der Geist eins geworden; cid-ākāśe – im Raum des Bewusstseins (Chidakasha); vilīyate – löst sich auf.

40.
udāsīnastato bhūtvā sadābhyāsena saṃyamī |
unmanīkārakaṃ sadyo nādamevāvadhārayet || 40 ||

Gegenüber den Sinnesgegenständen gleichmütig und durch beständige Übung gesammelt, soll der Yogi seine Aufmerksamkeit ganz auf den Nada richten, der den Zustand jenseits des Denkens hervorbringt.

Wort-für-Wort-Übersetzung: udāsīnaḥ – gleichmütig; sadā-abhyāsena – durch beständige Übung; saṃyamī – der Selbstbeherrschte; unmanī-kārakam – den Zustand jenseits des Geistes hervorbringend (Unmani); nādam eva avadhārayet – soll allein den Nada festhalten.

41.
sarvacintāṃ samutsṛjya sarvaceṣṭāvivarjitaḥ |
nādamevānusaṃdadhyānnāde cittaṃ vilīyate || 41 ||

Alle Gedanken aufgebend und von äußerer Geschäftigkeit frei, soll er sich allein in den Nada versenken; im Nada löst sich das Chitta auf.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-cintām samutsṛjya – alle Gedanken aufgebend; sarva-ceṣṭā-vivarjitaḥ – von aller Geschäftigkeit frei; nādam eva anusandadhyāt – soll sich allein in den Nada versenken; nāde cittam vilīyate – im Nada löst sich Chitta auf.

42.
makarandaṃ pibanbhṛṅgo gandhānnāpekṣate tathā |
nādāsaktaṃ sadā cittaṃ viṣayaṃ na hi kāṅkṣati || 42 ||

Wie eine Biene, die Nektar trinkt, nicht nach anderen Düften verlangt, so begehrt auch das beständig im Nada gesammelte Chitta keine Sinnesgegenstände.

Wort-für-Wort-Übersetzung: makarandam piban bhṛṅgaḥ – die Nektar trinkende Biene; gandhān na apekṣate – verlangt nicht nach Düften; nāda-āsaktam cittam – im Nada gesammeltes Chitta; viṣayam na kāṅkṣati – begehrt keinen Sinnesgegenstand.

43.
baddhaḥ sunādagandhena sadyaḥ saṃtyaktacāpalaḥ |
nādagrahaṇataścittamantaraṅgabhujaṅgamaḥ || 43 ||

Vom Duft des reinen Nada gebunden, gibt die innere Schlange des Chitta augenblicklich ihre Unruhe auf und wird durch das Erfassen des Nada still.

Wort-für-Wort-Übersetzung: baddhaḥ su-nāda-gandhena – vom Duft des reinen Nada gebunden; saṃtyakta-cāpalaḥ – die Unruhe aufgegeben; nāda-grahaṇataḥ – durch das Erfassen des Nada; cittam – Chitta; antaraṅga-bhujaṅgamaḥ – die innere Schlange.

44.
vismṛtya viśvamekāgraḥ kutracinna hi dhāvati |
manomattagajendrasya viṣayodyānacāriṇaḥ || 44 ||

Die Welt vergessend, wird der Geist einpünktig und läuft nirgendwohin. Für den berauschten Elefanten des Geistes, der im Lustgarten der Sinnesobjekte umherstreift,

Wort-für-Wort-Übersetzung: vismṛtya viśvam – die Welt vergessend; ekāgraḥ – einpünktig (Ekagrata); na dhāvati – läuft nicht; manaḥ-matta-gajendrasya – für den berauschten Elefanten des Geistes; viṣaya-udyāna-cāriṇaḥ – der im Garten der Sinnesobjekte umherzieht.

45.
niyāmanasamartho'yaṃ ninādo niśitāṅkuśaḥ |
nādo'ntaraṅgasāraṅgabandhane vāgurāyate || 45 ||

ist dieser Klang ein scharfer Treiberhaken, der ihn zu lenken vermag. Der Nada wird zur Schlinge, die das innere Reh des Geistes bindet,

Wort-für-Wort-Übersetzung: niyāmana-samarthaḥ – zur Lenkung fähig; ninādaḥ – Klang; niśita-aṅkuśaḥ – scharfer Elefantenhaken; nādaḥ – Nada; antaraṅga-sāraṅga-bandhane – zum Binden des inneren Rehs; vāgurāyate – wird zur Schlinge.

46.
antaraṅgasamudrasya rodhe velāyate'pi ca |
brahmapraṇavasaṃlagnanādo jyotirmayātmakaḥ || 46 ||

und zum Ufer, das den Ozean seiner inneren Wellen begrenzt. Der mit dem Brahman-Pranava verbundene Nada ist seinem Wesen nach Licht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: antaraṅga-samudrasya – des inneren Ozeans; rodhe – zur Begrenzung; velāyate – wird zum Ufer; brahma-praṇava-saṃlagna-nādaḥ – mit dem Brahman-Pranava verbundener Nada; jyotirmaya-ātmakaḥ – von lichtvollem Wesen.

47.
manastatra layaṃ yāti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam |
tāvadākāśasaṅkalpo yāvacchabdaḥ pravartate || 47 ||

Der Geist geht darin zur Auflösung ein; dies ist der höchste Bereich Vishnus. Die Vorstellung von Raum besteht nur, solange Klang fortbesteht.

Wort-für-Wort-Übersetzung: manaḥ tatra layam yāti – der Geist löst sich darin auf (Laya); tat viṣṇoḥ paramam padam – dies ist Vishnus höchster Bereich; tāvat ākāśa-saṅkalpaḥ – so lange besteht die Vorstellung von Raum; yāvat śabdaḥ pravartate – wie lange Klang fortbesteht.

48.
niḥśabdaṃ tatparaṃ brahma paramātmā samīryate |
nādo yāvanmanastāvannādānte'pi manonmanī || 48 ||

Jenseits davon liegt das lautlose höchste Brahman, das der höchste Atman genannt wird. Solange Nada besteht, besteht auch der Geist; am Ende des Nada tritt der Zustand Unmani ein.

Wort-für-Wort-Übersetzung: niḥśabdam – lautlos; tat param brahma – jenes höchste Brahman; paramātmā – höchster Atman (Paramatman); nādaḥ yāvat manaḥ tāvat – solange Nada, solange Geist; nāda-ante – am Ende des Nada; manas-unmanī – Geist im Zustand Unmani.

49.
saśabdaścākṣare kṣīṇe niḥśabdaṃ paramaṃ padam |
sadā nādānusandhānātsaṃkṣīṇā vāsanā bhavet || 49 ||

Wenn das Klanghafte im unvergänglichen Akshara erlischt, bleibt der lautlose höchste Zustand. Durch beständige Versenkung in Nada schwinden die Vasanas.

Wort-für-Wort-Übersetzung: sa-śabdaḥ – das Klanghafte; akṣare kṣīṇe – wenn es im Unvergänglichen erlischt (Akshara); niḥśabdam paramam padam – lautloser höchster Zustand; sadā nāda-anusandhānāt – durch beständige Versenkung in Nada; saṃkṣīṇā vāsanā – geschwundene Vasana.

50.
nirañjane vilīyete manovāyū na saṃśayaḥ |
nādakoṭisahasrāṇi bindukoṭiśatāni ca || 50 ||

Geist und Lebenshauch lösen sich zweifellos im Makellosen auf. Unzählige Nadas und zahllose Bindus

Wort-für-Wort-Übersetzung: nirañjane – im Makellosen; vilīyete – lösen sich beide auf; manaḥ-vāyū – Geist und Lebenshauch; na saṃśayaḥ – kein Zweifel; nāda-koṭi-sahasrāṇi – unzählige Nadas; bindu-koṭi-śatāni – zahllose Bindus.

51.
sarve tatra layaṃ yānti brahmapraṇavanādake |
sarvāvasthāvinirmuktaḥ sarvacintāvivarjitaḥ || 51 ||

gehen alle in dem Klang des Brahman-Pranava zur Auflösung ein. Von allen Bewusstseinszuständen frei und ohne jeden Gedanken

Wort-für-Wort-Übersetzung: sarve tatra layam yānti – alle lösen sich dort auf; brahma-praṇava-nādake – im Klang des Brahman-Pranava; sarva-avasthā-vinirmuktaḥ – von allen Zuständen frei; sarva-cintā-vivarjitaḥ – ohne jeden Gedanken.

52.
mṛtavattiṣṭhate yogī sa mukto nātra saṃśayaḥ |
śaṅkhadundubhinādaṃ ca na śṛṇoti kadācana || 52 ||

verharrt der Yogi wie ein Lebloser; er ist befreit, daran besteht kein Zweifel. Dann hört er selbst den Klang von Muschelhorn und großer Trommel nicht mehr.

Wort-für-Wort-Übersetzung: mṛta-vat tiṣṭhate – verharrt wie tot; yogī – der Yogi; saḥ muktaḥ – er ist befreit (Mukta); śaṅkha-dundubhi-nādam – Klang von Muschelhorn und großer Trommel; na śṛṇoti – hört nicht; kadācana – jemals.

53.
kāṣṭhavajjñāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam |
na jānāti sa śītoṣṇaṃ na duḥkhaṃ na sukhaṃ tathā || 53 ||

Im Zustand des Unmani erscheint der Körper gewiss wie ein Stück Holz. Der Yogi nimmt weder Kälte noch Hitze, weder Schmerz noch Freude wahr.

Wort-für-Wort-Übersetzung: kāṣṭha-vat jñāyate dehaḥ – der Körper erscheint wie Holz; unmanī-avasthayā – im Zustand des Unmani; na jānāti – nimmt nicht wahr; śīta-uṣṇam – Kälte und Hitze; duḥkham – Schmerz; sukham – Freude.

54.
na mānaṃ nāvamānaṃ ca saṃtyaktvā tu samādhinā |
avasthātrayamanveti na cittaṃ yoginaḥ sadā || 54 ||

Ehre und Missachtung hinter sich lassend, ruht der Yogi im Samadhi. Sein Chitta tritt nicht mehr in die drei gewöhnlichen Bewusstseinszustände ein.

Wort-für-Wort-Übersetzung: mānam – Ehre; avamānam – Missachtung; saṃtyaktvā – aufgegeben habend; samādhinā – durch Samadhi; avasthā-trayam – die drei Zustände; na anveti cittam – das Chitta tritt nicht ein; yoginaḥ – des Yogi.

55.
jāgrannidrāvinirmuktaḥ svarūpāvasthatāmiyāt || 55 ||

Frei von Wachen und Schlaf gelangt er in das Verweilen in seiner wahren Natur.

Wort-für-Wort-Übersetzung: jāgrat-nidrā-vinirmuktaḥ – frei von Wachen und Schlaf; svarūpa-avasthatām – das Verweilen in der eigenen Wesensnatur; iyāt – möge erreichen.

56.
dṛṣṭiḥ sthirā yasya vinā sadṛśyaṃ
vāyuḥ sthiro yasya vinā prayatnam |
cittaṃ sthiraṃ yasya vināvalambaṃ
sa brahmatārāntaranādarūpaḥ || 56 ||

Wessen Blick ohne sichtbaren Gegenstand still ist, wessen Lebenshauch ohne Anstrengung ruht und wessen Chitta ohne Stütze fest ist, der ist von der Natur des inneren Nada des Brahman-Pranava.

Wort-für-Wort-Übersetzung: dṛṣṭiḥ sthirā – Blick still; vinā sadṛśyam – ohne sichtbaren Gegenstand; vāyuḥ sthiraḥ – Lebenshauch still; vinā prayatnam – ohne Anstrengung; cittam sthiram – Chitta fest; vinā avalambam – ohne Stütze; brahma-tāra-antara-nāda-rūpaḥ – von der Natur des inneren Nada des rettenden Brahman-Pranava.

Abschluss: iti upaniṣat – So lautet die Upanishad.

Nada Bindu Upanishad – Hintergrund, Inhalt und Bedeutung

Name und Stellung unter den Yoga Upanishaden

Die Nada Bindu Upanishad (Sanskrit: Nādabindūpaniṣad, नादबिन्दूपनिषत्) gehört zu den Yoga Upanishaden und wird in der hier verwendeten südindischen Überlieferung dem Rigveda zugeordnet. Im Muktika-Kanon steht sie an 38. Stelle. Ihr Titel verbindet Nāda, Klang oder innere Schwingung, mit Bindu, Punkt, Keim oder verdichtete Bewusstseinskraft. Der Name weist auf die Sammlung des Geistes im inneren Klang und auf dessen Auflösung in der lautlosen Wirklichkeit hin.

Die Schrift ist besonders wichtig für den Nada Yoga. Sie beschreibt jedoch nicht nur eine Klangmeditation. Ihre Lehre verbindet die Symbolik des Om, die Kosmologie der Lokas, Karma und Prarabdha Karma, die Nichtdualität des Vedanta, den inneren Nada, Laya, Unmani und Samadhi. Der Klang ist Weg und Hilfsmittel; das Ziel liegt jenseits jedes hörbaren oder innerlich wahrgenommenen Klanges.

Textfassungen, Umfang und Überlieferung

Von der Nada Bindu Upanishad sind deutlich verschiedene Rezensionen überliefert. Die hier zugrunde gelegte südindische Langfassung besitzt ein Kapitel mit 56 nummerierten Versen. Sie wird dem Rigveda zugeordnet. Eine nordindische, dem Atharvaveda zugeordnete Rezension ist wesentlich kürzer und umfasst in gedruckten Ausgaben ungefähr 20 Verse. Unterschiede bestehen nicht nur in der Verszahl, sondern auch in einzelnen Namen der zwölf Kalas und in ganzen Lehrabschnitten.

Die kürzere Rezension endet bereits nach dem Abschnitt über die Versenkung in Om und Brahman. Die lange Fassung fügt eine ausführliche Diskussion des Prarabdha, das Seil-Schlange-Gleichnis und vor allem die praktische Lehre vom inneren Nada hinzu. Daher muss bei jeder Inhalts- oder Versangabe genannt werden, auf welche Textfassung sie sich bezieht.

Die genaue Entstehungszeit lässt sich nicht sicher bestimmen. Die Schrift vereint wahrscheinlich Material verschiedener Herkunft und Zeit. Die Om-Spekulation knüpft an ältere upanishadische Traditionen an; die systematische Nada-Meditation gehört zu einer entwickelten Yogaüberlieferung, die später auch in Texten des Hatha Yoga erscheint. Vorsichtige Forschungseinordnungen reichen von den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bis in das frühe Mittelalter. Eine exakte Jahreszahl wäre angesichts der unterschiedlichen Rezensionen und der unsicheren Handschriftenlage nicht belastbar.

Aufbau und Inhalt

Die Langfassung lässt sich in vier größere Abschnitte gliedern:

  • Verse 1–17: Om als kosmischer Hamsa, seine vier Matras, zwölf Kalas, Lokas und Meditationsfrüchte.
  • Verse 18–20: Auflösung des Geistes jenseits der Sinne und Gunas sowie Eintritt in Brahman und höchste Glückseligkeit.
  • Verse 21–30: Erkenntnis des Atman, Prarabdha, Unwirklichkeit des Körpers und das klassische Gleichnis von Seil und Schlange.
  • Verse 31–56: Praxis der inneren Nada-Meditation, fortschreitende Verfeinerung der Klänge, Auflösung von Geist und Prana, Unmani und Samadhi.

Diese Abfolge ist spirituell bedeutsam. Die Schrift führt von der Meditation über ein heiliges Symbol zur Erkenntnis der Wirklichkeit und von dort zu einer konkreten Methode, durch welche der ruhelose Geist gesammelt und schließlich überschritten werden soll.

Om als kosmischer Hamsa

Zu Beginn erscheint Omkara als ein kosmischer Vogel, als Hamsa. A ist sein rechter Flügel, U sein linker, M sein Schwanz und die Ardhamatra, das kaum mehr fassbare halbe Lautmaß, sein Kopf. Die drei Gunas, Dharma und Adharma sowie die verschiedenen Welten werden seinem Leib zugeordnet. Der Yogi meditiert damit nicht nur auf einen Laut, sondern auf Om als Bild des gesamten Kosmos und des ihn durchdringenden Bewusstseins.

Die Verbindung von Om und Hamsa ist vielschichtig. Hamsa bedeutet wörtlich Schwan oder Gans und ist zugleich ein Symbol des reinen Selbst. In der Yogaüberlieferung wird der natürliche Atem mit haṃ-sa beziehungsweise so'ham verbunden: „Ich bin Das“. Die Nada Bindu Upanishad entfaltet diesen Gedanken kosmologisch. Der Mensch steigt innerlich auf dem Om-Hamsa über die verschiedenen Ebenen der Erfahrung hinaus.

Die vier Matras und zwölf Kalas

Die vier Lautdimensionen von Om werden jeweils nochmals dreifach unterschieden, sodass zwölf Kalas entstehen. Die Langfassung nennt Ghoshini, Vidyunmatra, Patangini, Vayuvegini, Namadheya, Aindri, Vaishnavi, Shankari, Mahati, Dhriti, Nari und Brahmi. Andere Rezensionen lesen an einzelnen Stellen etwa Vidyunmali, Dhruva oder Mauni. Diese Varianten zeigen, dass die Liste in der Überlieferung nicht völlig stabil war.

Den zwölf Kalas werden kosmische Bereiche und mögliche Ziele nach dem Tod zugeordnet: menschliche Königsherrschaft, Daseinsweisen von Yakshas, Vidyadharas und Gandharvas, die Mondwelt, die Bereiche Indras, Vishnus und Rudras sowie Maharloka, Janaloka, Tapoloka und schließlich Brahman. Diese Stufen können als traditionelle Kosmologie gelesen werden. Zugleich veranschaulichen sie eine zunehmende Verfeinerung der Meditation. Die Upanishad bleibt jedoch nicht bei diesen Welten stehen: Jenseits aller Matras liegt das reine, alldurchdringende und lautlose höchste Brahman.

Atman-Erkenntnis und Prarabdha

Der Mittelteil behandelt eine alte vedantische Frage: Wirkt Prarabdha Karma nach der Selbsterkenntnis weiter? Der Text gibt zunächst die praktische Antwort, dass der Weise die bereits begonnenen Wirkungen des Karma gelassen erfahren soll. Unmittelbar danach vertritt er die radikale Sicht der höchsten Wahrheit: Da Körper, Geburt und Welt nur durch Unwissenheit als eigenständig wirklich erscheinen, gibt es für den vollkommenen Erkennenden letztlich auch kein Prarabdha.

Zur Erklärung dient das bekannte Seil-Schlange-Gleichnis. In schwachem Licht hält ein Mensch ein Seil irrtümlich für eine Schlange. Sobald das Seil erkannt wird, muss die Schlange nicht vertrieben werden; sie war nie wirklich vorhanden. Ebenso verschwindet durch die Erkenntnis des Atman die Vorstellung einer vom Bewusstsein getrennten Welt. Von Prarabdha wird nach der Upanishad weiterhin gesprochen, um den noch nicht Erwachten die sichtbare Fortdauer des Körpers verständlich zu machen.

Die scheinbar widersprüchlichen Aussagen der Verse 21 und 22 gehören daher zu zwei Betrachtungsebenen. Auf der Ebene des täglichen Lebens besteht der Körper bis zum Ende seiner begonnenen Lebensspanne fort. Aus der Sicht höchster Erkenntnis ist der Atman nie Körper, Handelnder oder Empfänger karmischer Folgen gewesen.

Die Praxis der Nada-Meditation

Der praktische Hauptteil beginnt mit Siddhasana und Vaishnavi Mudra. Der Yogi soll den inneren Klang im rechten Ohr wahrnehmen. Mit fortschreitender Sammlung überdeckt dieser Nada die äußeren Geräusche. Der Text nennt zunächst mächtige Klänge wie Ozean, Gewitterwolken, große Trommel und Wasserfall, dann mittlere Klänge wie Mardala, Glocke und Horn und schließlich feine Klänge wie Glöckchen, Flöte, Vina und Bienensummen.

Entscheidend ist nicht, eine bestimmte Klangerscheinung hervorzubringen. Der Yogi soll im gehörten Klang stets den feineren Klang erfassen. Wo der Geist sich zuerst an einen Nada heftet, dort soll er stabil werden. Wie Milch sich mit Wasser verbindet, soll der Geist mit dem Nada eins werden und sich im Chidakasha, im inneren Raum des Bewusstseins, auflösen.

Die eindringlichen Bilder des Textes beschreiben die Wirkung dieser Konzentration. Nada ist der scharfe Haken für den berauschten Elefanten des Geistes, die Schlinge für das scheue Reh des Denkens und das Ufer für den Ozean der inneren Wellen. Die Biene, die ganz vom Nektar erfüllt ist, verlangt nicht mehr nach anderen Düften; ebenso verliert ein im Nada gesammeltes Chitta das Verlangen nach Sinnesgegenständen.

Vom Klang zur Lautlosigkeit

Die Upanishad lehrt keinen endgültigen Kult des Klanges. Solange Nada besteht, besteht auch eine feine Bewegung des Geistes. Am Ende der Versenkung löst sich der Klang im Akshara, im Unvergänglichen, auf. Jenseits davon liegt das lautlose höchste Brahman.

Dies ist eine der wichtigsten Aussagen der Schrift: Der innere Klang ist eine Brücke. Er zieht die Aufmerksamkeit von äußeren Objekten ab, sammelt den Geist auf eine feine Wahrnehmung und führt ihn schließlich über jede Wahrnehmung hinaus. Im Zustand Unmani, wörtlich „jenseits des Geistes“, ruhen Chitta und Prana ohne äußere Stütze. Der Yogi gelangt in Samadhi und in das Verweilen in seiner wahren Natur.

Verhältnis zu anderen Yoga- und Hatha-Texten

Verwandte Lehren über Om, Bindu, Nada und die Auflösung des Geistes finden sich in der Amritabindu Upanishad, Amritanada Upanishad, Dhyanabindu Upanishad, Tejobindu Upanishad, Hamsa Upanishad und Yoga Shikha Upanishad. Auch die Mandukya Upanishad deutet A, U, M und das jenseits der Lautteile liegende Vierte, entwickelt aber nicht dieselbe praktische Abfolge innerer Klänge.

Besonders deutliche Parallelen bestehen zur Hatha Yoga Pradipika. Deren viertes Kapitel beschreibt Nada-Anusandhana ebenfalls als Mittel zur Bindung und Auflösung des Geistes. Mehrere Bilder – der vom Klang gebundene Geist, der Elefant und der Treiberhaken, das Reh und die Schlinge – erscheinen dort in verwandter Form. Auch Shiva Samhita und andere spätere Yogatexte kennen innere Klänge und Laya. Die Richtung einer direkten literarischen Abhängigkeit lässt sich aus einzelnen Parallelversen allein nicht immer sicher bestimmen; wahrscheinlich wu

Bedeutung der Nada Bindu Upanishad

Bedeutung für die frühere Yogapraxis

Historisch bezeugt die Nada Bindu Upanishad eine Form des Yoga, in der Klang nicht nur als gesungenes Mantra, sondern als innerlich wahrgenommene meditative Erfahrung verstanden wurde. Sie verbindet vedische Om-Spekulation, upanishadische Selbsterkenntnis und eine praktische Methode des Laya Yoga. Damit steht sie an einer wichtigen Schnittstelle zwischen frühen Meditationen über den Pranava und der späteren Nada-Anusandhana-Lehre des Hatha Yoga.

Die Praxis setzte Sammlung, einen stabilen Meditationssitz, Sinnesbeherrschung und vermutlich persönliche Anleitung voraus. Die traditionellen Zeitangaben und Heilsversprechen sollten nicht als moderne Garantie gelesen werden. Sie drücken die Überzeugung aus, dass intensive und ununterbrochene Meditation den Bewusstseinszustand grundlegend verwandeln kann.
rden solche Lehrstücke über längere Zeit in verschiedenen Yogamilieus überliefert und neu angeordnet.

Bedeutung für heutige Yoga-Aspiranten

Für moderne Yogaübende ist die Schrift vor allem eine Anleitung zur Verinnerlichung. Yoga beginnt hier nicht mit der Jagd nach besonderen Erlebnissen, sondern mit beständiger Sammlung. Der Nada hilft, die Aufmerksamkeit von wechselnden Sinneseindrücken abzuziehen und feiner werden zu lassen. Das Ziel ist nicht der Klang selbst, sondern die Stille, in der das Bewusstsein ohne äußere Stütze in sich ruht.

Praktisch lassen sich folgende Grundsätze ableiten:

  • Beginne mit einer ruhigen, stabilen Sitzhaltung und einer entspannten natürlichen Atmung.
  • Richte die Aufmerksamkeit behutsam nach innen, ohne einen Klang erzwingen zu wollen.
  • Bleibe bei einer subtilen Wahrnehmung, statt ständig nach neuen Erfahrungen zu suchen.
  • Verbinde Nada-Meditation mit Mantra, insbesondere mit Om, und mit der Erkenntnis des Atman.
  • Miss Fortschritt nicht an spektakulären Klängen, sondern an wachsender Ruhe, Sammlung, Gelassenheit und Freiheit von zwanghaftem Verlangen.
  • Verstehe die beschriebenen Klänge als meditative Erfahrungen innerhalb einer spirituellen Tradition, nicht als medizinische Diagnose.

Wer dauerhafte Ohrgeräusche, einseitiges Sausen, Hörverlust, Schwindel oder belastende akustische Wahrnehmungen erlebt, sollte sie nicht vorschnell als spirituellen Nada deuten, sondern fachärztlich abklären lassen. Meditative Aufmerksamkeit ersetzt keine medizinische Untersuchung. Vaishnavi Mudra und intensives Zurückziehen der Sinne sollten schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden.

Bedeutung für Yogalehrer und Yoga-Meister

Für Yogalehrer zeigt die Nada Bindu Upanishad, wie Mantra, Meditation, Pratyahara, Konzentration und Vedanta verbunden werden können. Nada Yoga sollte nicht als exotische Spezialtechnik vermittelt werden. Er gehört in einen ganzheitlichen Weg mit ethischer Grundlage, stabiler Praxis, innerer Ruhe und Selbsterkenntnis.

Ein Yoga-Meister achtet darauf, außergewöhnliche Klangerfahrungen weder vorschnell zu verherrlichen noch pauschal abzuwerten. Er hilft dem Schüler, zwischen körperlichen Ohrgeräuschen, psychischer Projektion, feiner Wahrnehmung und meditativer Sammlung zu unterscheiden. Entscheidend bleibt, ob die Praxis zu Klarheit, Demut, Mitgefühl und Freiheit führt.

Die stärkste Botschaft der Schrift für Lehrende lautet: Das Hilfsmittel darf nicht mit dem Ziel verwechselt werden. Nada bindet zunächst den zerstreuten Geist; danach muss auch die Bindung an Nada losgelassen werden. Der wahre Lehrer führt vom Klang zur Stille, vom Erleben zur Erkenntnis und von der Suche nach besonderen Zuständen zum zeitlosen Atman.

Die bleibende Bedeutung der Nada Bindu Upanishad

Die Nada Bindu Upanishad ist einer der klarsten Quellentexte des inneren Klang-Yoga. Sie schildert den ganzen Weg: Om wird als kosmische Wirklichkeit erkannt, der Geist wird durch Nada gesammelt, die Sinnesbindung verliert ihre Macht, Klang und Denken werden immer feiner und lösen sich schließlich im lautlosen Brahman auf.

Ihre bleibende Bedeutung liegt in der Verbindung von Methode und Erkenntnis. Ohne Meditation bleibt Vedanta leicht abstrakt; ohne Selbsterkenntnis kann Nada Yoga zu einer Suche nach ungewöhnlichen Wahrnehmungen werden. Die Upanishad führt beides zusammen. Der innere Klang ist nicht das letzte Ziel, sondern ein Tor zu jenem Bewusstsein, in dem alle Klänge erscheinen und wieder verstummen.

Nada Bindu Upanishad Sanskrit Text - Devanagari und wissenschaftliche Umschrift

Vollständige Langfassung mit 56 nummerierten Versen – Devanagari und IAST

Die hier verwendete südindische Rezension wird traditionell dem Rigveda zugeordnet. Daneben ist eine deutlich kürzere nordindische Textfassung überliefert.

Einleitungsvers Nada Bindu Upanishad

वैराजात्मोपासनया सञ्जातज्ञानवह्निना ।
दग्ध्वा कर्मत्रयं योगी यत्पदं याति तद्भजे ॥

vairājātmopāsanayā sañjātajñānavahninā |
dagdhvā karmatrayaṃ yogī yatpadaṃ yāti tadbhaje ||

Shanti Mantra

ॐ वाङ्मे मनसि प्रतिष्ठिता । मनो मे वाचि प्रतिष्ठितम् ।
आविरावीर्म एधि । वेदस्य म आणीस्थः । श्रुतं मे मा प्रहासीः ।
अनेनाधीतेनाहोरात्रान्सन्दधामि ।
ऋतं वदिष्यामि । सत्यं वदिष्यामि ।
तन्मामवतु । तद्वक्तारमवतु ।
अवतु मामवतु वक्तारम् ॥
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |
avatu māmavatu vaktāram ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

1.
ॐ अकारो दक्षिणः पक्ष उकारस्तूत्तरः स्मृतः ।
मकारं पुच्छमित्याहुरर्धमात्रा तु मस्तकम् ॥ १ ॥

oṃ akāro dakṣiṇaḥ pakṣa ukārastūttaraḥ smṛtaḥ |
makāraṃ pucchamityāhurardhamātrā tu mastakam || 1 ||

2.
पादादिकं गुणास्तस्य शरीरं तत्त्वमुच्यते ।
धर्मोऽस्य दक्षिणश्चक्षुरधर्मो योऽपरः स्मृतः ॥ २ ॥

pādādikaṃ guṇāstasya śarīraṃ tattvamucyate |
dharmo'sya dakṣiṇaścakṣuradharmo yo'paraḥ smṛtaḥ || 2 ||

3.
भूर्लोकः पादयोस्तस्य भुवर्लोकस्तु जानुनि ।
सुवर्लोकः कटीदेशे नाभिदेशे महर्जगत् ॥ ३ ॥

bhūrlokaḥ pādayostasya bhuvarlokastu jānuni |
suvarlokaḥ kaṭīdeśe nābhideśe maharjagat || 3 ||

4.
जनोलोकस्तु हृद्देशे कण्ठे लोकस्तपस्ततः ।
भ्रुवोर्ललाटमध्ये तु सत्यलोको व्यवस्थितः ॥ ४ ॥

janolokastu hṛddeśe kaṇṭhe lokastapastataḥ |
bhruvorlalāṭamadhye tu satyaloko vyavasthitaḥ || 4 ||

5.
सहस्रार्णमतीवात्र मन्त्र एष प्रदर्शितः ।
एवमेतां समारूढो हंसयोगविचक्षणः ॥ ५ ॥

sahasrārṇamatīvātra mantra eṣa pradarśitaḥ |
evametāṃ samārūḍho haṃsayogavicakṣaṇaḥ || 5 ||

6.
न भिद्यते कर्मचारैः पापकोटिशतैरपि ।
आग्नेयी प्रथमा मात्रा वायव्येषा तथापरा ॥ ६ ॥

na bhidyate karmacāraiḥ pāpakoṭiśatairapi |
āgneyī prathamā mātrā vāyavyeṣā tathāparā || 6 ||

7.
भानुमण्डलसंकाशा भवेन्मात्रा तथोत्तरा ।
परमा चार्धमात्रा या वारुणीं तां विदुर्बुधाः ॥ ७ ॥

bhānumaṇḍalasaṃkāśā bhavenmātrā tathottarā |
paramā cārdhamātrā yā vāruṇīṃ tāṃ vidurbudhāḥ || 7 ||

8.
कालत्रयेऽपि यत्रेमा मात्रा नूनं प्रतिष्ठिताः ।
एष ओङ्कार आख्यातो धारणाभिर्निबोधत ॥ ८ ॥

kālatraye'pi yatremā mātrā nūnaṃ pratiṣṭhitāḥ |
eṣa oṅkāra ākhyāto dhāraṇābhirnibodhata || 8 ||

9.
घोषिणी प्रथमा मात्रा विद्युन्मात्रा तथाऽपरा ।
पतङ्गिनी तृतीया स्याच्चतुर्थी वायुवेगिनी ॥ ९ ॥

ghoṣiṇī prathamā mātrā vidyunmātrā tathā'parā |
pataṅginī tṛtīyā syāccaturthī vāyuveginī || 9 ||

10.
पञ्चमी नामधेया तु षष्ठी चैन्द्र्यभिधीयते ।
सप्तमी वैष्णवी नाम अष्टमी शाङ्करीति च ॥ १० ॥

pañcamī nāmadheyā tu ṣaṣṭhī caindryabhidhīyate |
saptamī vaiṣṇavī nāma aṣṭamī śāṅkarīti ca || 10 ||

11.
नवमी महती नाम धृतिस्तु दशमी मता ।
एकादशी भवेन्नारी ब्राह्मी तु द्वादशी परा ॥ ११ ॥

navamī mahatī nāma dhṛtistu daśamī matā |
ekādaśī bhavennārī brāhmī tu dvādaśī parā || 11 ||

12.
प्रथमायां तु मात्रायां यदि प्राणैर्वियुज्यते ।
भरते वर्षराजासौ सार्वभौमः प्रजायते ॥ १२ ॥

prathamāyāṃ tu mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |
bharate varṣarājāsau sārvabhaumaḥ prajāyate || 12 ||

13.
द्वितीयायां समुत्क्रान्तो भवेद्यक्षो महात्मवान् ।
विद्याधरस्तृतीयायां गान्धर्वस्तु चतुर्थिका ॥ १३ ॥

dvitīyāyāṃ samutkrānto bhavedyakṣo mahātmavān |
vidyādharastṛtīyāyāṃ gāndharvastu caturthikā || 13 ||

14.
पञ्चम्यामथ मात्रायां यदि प्राणैर्वियुज्यते ।
उषितः सह देवत्वं सोमलोके महीयते ॥ १४ ॥

pañcamyāmatha mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |
uṣitaḥ saha devatvaṃ somaloke mahīyate || 14 ||

15.
षष्ठ्यामिन्द्रस्य सायुज्यं सप्तम्यां वैष्णवं पदम् ।
अष्टम्यां व्रजते रुद्रं पशूनां च पतिं तथा ॥ १५ ॥

ṣaṣṭhyāmindrasya sāyujyaṃ saptamyāṃ vaiṣṇavaṃ padam |
aṣṭamyāṃ vrajate rudraṃ paśūnāṃ ca patiṃ tathā || 15 ||

16.
नवम्यां तु महर्लोकं दशम्यां तु जनं व्रजेत् ।
एकादश्यां तपोलोकं द्वादश्यां ब्रह्म शाश्वतम् ॥ १६ ॥

navamyāṃ tu maharlokaṃ daśamyāṃ tu janaṃ vrajet |
ekādaśyāṃ tapolokaṃ dvādaśyāṃ brahma śāśvatam || 16 ||

17.
ततः परतरं शुद्धं व्यापकं निर्मलं शिवम् ।
सदोदितं परं ब्रह्म ज्योतिषामुदयो यतः ॥ १७ ॥

tataḥ parataraṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ nirmalaṃ śivam |
sadoditaṃ paraṃ brahma jyotiṣāmudayo yataḥ || 17 ||

18.
अतीन्द्रियं गुणातीतं मनो लीनं यदा भवेत् ।
अनूपमं शिवं शान्तं योगयुक्तं सदा विशेत् ॥ १८ ॥

atīndriyaṃ guṇātītaṃ mano līnaṃ yadā bhavet |
anūpamaṃ śivaṃ śāntaṃ yogayuktaṃ sadā viśet || 18 ||

19.
तद्युक्तस्तन्मयो जन्तुः शनैर्मुञ्चेत्कलेवरम् ।
संस्थितो योगचारेण सर्वसङ्गविवर्जितः ॥ १९ ॥

tadyuktastanmayo jantuḥ śanairmuñcetkalevaram |
saṃsthito yogacāreṇa sarvasaṅgavivarjitaḥ || 19 ||

20.
ततो विलीनपाशोऽसौ विमलः कमलाप्रभुः ।
तेनैव ब्रह्मभावेन परमानन्दमश्नुते ॥ २० ॥

tato vilīnapāśo'sau vimalaḥ kamalāprabhuḥ |
tenaiva brahmabhāvena paramānandamaśnute || 20 ||

21.
आत्मानं सततं ज्ञात्वा कालं नय महामते ।
प्रारब्धमखिलं भुञ्जन्नोद्वेगं कर्तुमर्हसि ॥ २१ ॥

ātmānaṃ satataṃ jñātvā kālaṃ naya mahāmate |
prārabdhamakhilaṃ bhuñjannodvegaṃ kartumarhasi || 21 ||

22.
उत्पन्ने तत्त्वविज्ञाने प्रारब्धं नैव मुञ्चति ।
तत्त्वज्ञानोदयादूर्ध्वं प्रारब्धं नैव विद्यते ॥ २२ ॥

utpanne tattvavijñāne prārabdhaṃ naiva muñcati |
tattvajñānodayādūrdhvaṃ prārabdhaṃ naiva vidyate || 22 ||

23.
देहादीनामसत्त्वात्तु यथा स्वप्नो विबोधतः ।
कर्म जन्मान्तरीयं यत्प्रारब्धमिति कीर्तितम् ॥ २३ ॥

dehādīnāmasattvāttu yathā svapno vibodhataḥ |
karma janmāntarīyaṃ yatprārabdhamiti kīrtitam || 23 ||

24.
तत्तु जन्मान्तराभावात्पुंसो नैवास्ति कर्हिचित् ।
स्वप्नदेहो यथाध्यस्तस्तथैवायं हि देहकः ॥ २४ ॥

tattu janmāntarābhāvātpuṃso naivāsti karhicit |
svapnadeho yathādhyastastathaivāyaṃ hi dehakaḥ || 24 ||

25.
अध्यस्तस्य कुतो जन्म जन्माभावे कुतः स्थितिः ।
उपादानं प्रपञ्चस्य मृद्भाण्डस्येव पश्यति ॥ २५ ॥

adhyastasya kuto janma janmābhāve kutaḥ sthitiḥ |
upādānaṃ prapañcasya mṛdbhāṇḍasyeva paśyati || 25 ||

26.
अज्ञानं चेति वेदान्तैस्तस्मिन्नष्टे क्व विश्वता ।
यथा रज्जुं परित्यज्य सर्पं गृह्णाति वै भ्रमात् ॥ २६ ॥

ajñānaṃ ceti vedāntaistasminnaṣṭe kva viśvatā |
yathā rajjuṃ parityajya sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt || 26 ||

27.
तद्वत्सत्यमविज्ञाय जगत्पश्यति मूढधीः ।
रज्जुखण्डे परिज्ञाते सर्परूपं न तिष्ठति ॥ २७ ॥

tadvatsatyamavijñāya jagatpaśyati mūḍhadhīḥ |
rajjukhaṇḍe parijñāte sarparūpaṃ na tiṣṭhati || 27 ||

28.
अधिष्ठाने तथा ज्ञाते प्रपञ्चे शून्यतां गते ।
देहस्यापि प्रपञ्चत्वात्प्रारब्धावस्थितिः कुतः ॥ २८ ॥

adhiṣṭhāne tathā jñāte prapañce śūnyatāṃ gate |
dehasyāpi prapañcatvātprārabdhāvasthitiḥ kutaḥ || 28 ||

29.
अज्ञानजनबोधार्थं प्रारब्धमिति चोच्यते ।
ततः कालवशादेव प्रारब्धे तु क्षयं गते ॥ २९ ॥

ajñānajanabodhārthaṃ prārabdhamiti cocyate |
tataḥ kālavaśādeva prārabdhe tu kṣayaṃ gate || 29 ||

30.
ब्रह्मप्रणवसन्धानं नादो ज्योतिर्मयः शिवः ।
स्वयमाविर्भवेदात्मा मेघापायेऽंशुमानिव ॥ ३० ॥

brahmapraṇavasandhānaṃ nādo jyotirmayaḥ śivaḥ |
svayamāvirbhavedātmā meghāpāye'ṃśumāniva || 30 ||

31.
सिद्धासने स्थितो योगी मुद्रां सन्धाय वैष्णवीम् ।
शृणुयाद्दक्षिणे कर्णे नादमन्तर्गतं सदा ॥ ३१ ॥

siddhāsane sthito yogī mudrāṃ sandhāya vaiṣṇavīm |
śṛṇuyāddakṣiṇe karṇe nādamantargataṃ sadā || 31 ||

32.
अभ्यस्यमानो नादोऽयं बाह्यमावृणुते ध्वनिम् ।
पक्षाद्विपक्षमखिलं जित्वा तुर्यपदं व्रजेत् ॥ ३२ ॥

abhyasyamāno nādo'yaṃ bāhyamāvṛṇute dhvanim |
pakṣādvipakṣamakhilaṃ jitvā turyapadaṃ vrajet || 32 ||

33.
श्रूयते प्रथमाभ्यासे नादो नानाविधो महान् ।
वर्धमानस्तथाभ्यासे श्रूयते सूक्ष्मसूक्ष्मतः ॥ ३३ ॥

śrūyate prathamābhyāse nādo nānāvidho mahān |
vardhamānastathābhyāse śrūyate sūkṣmasūkṣmataḥ || 33 ||

34.
आदौ जलधिजीमूतभेरीनिर्झरसम्भवः ।
मध्ये मर्दलशब्दाभो घण्टाकाहलजस्तथा ॥ ३४ ॥

ādau jaladhijīmūtabherīnirjharasambhavaḥ |
madhye mardalaśabdābho ghaṇṭākāhalajastathā || 34 ||

35.
अन्ते तु किङ्किणीवंशवीणाभ्रमरनिःस्वनः ।
इति नानाविधा नादाः श्रूयन्ते सूक्ष्मसूक्ष्मतः ॥ ३५ ॥

ante tu kiṅkiṇīvaṃśavīṇābhramaraniḥsvanaḥ |
iti nānāvidhā nādāḥ śrūyante sūkṣmasūkṣmataḥ || 35 ||

36.
महति श्रूयमाणे तु महाभेर्यादिकध्वनौ ।
तत्र सूक्ष्मं सूक्ष्मतरं नादमेव परामृशेत् ॥ ३६ ॥

mahati śrūyamāṇe tu mahābheryādikadhvanau |
tatra sūkṣmaṃ sūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet || 36 ||

37.
घनमुत्सृज्य वा सूक्ष्मे सूक्ष्ममुत्सृज्य वा घने ।
रममाणमपि क्षिप्तं मनो नान्यत्र चालयेत् ॥ ३७ ॥

ghanamutsṛjya vā sūkṣme sūkṣmamutsṛjya vā ghane |
ramamāṇamapi kṣiptaṃ mano nānyatra cālayet || 37 ||

38.
यत्र कुत्रापि वा नादे लगति प्रथमं मनः ।
तत्र तत्र स्थिरीभूत्वा तेन सार्धं विलीयते ॥ ३८ ॥

yatra kutrāpi vā nāde lagati prathamaṃ manaḥ |
tatra tatra sthirībhūtvā tena sārdhaṃ vilīyate || 38 ||

39.
विस्मृत्य सकलं बाह्यं नादे दुग्धाम्बुवन्मनः ।
एकीभूयाथ सहसा चिदाकाशे विलीयते ॥ ३९ ॥

vismṛtya sakalaṃ bāhyaṃ nāde dugdhāmbuvanmanaḥ |
ekībhūyātha sahasā cidākāśe vilīyate || 39 ||

40.
उदासीनस्ततो भूत्वा सदाभ्यासेन संयमी ।
उन्मनीकारकं सद्यो नादमेवावधारयेत् ॥ ४० ॥

udāsīnastato bhūtvā sadābhyāsena saṃyamī |
unmanīkārakaṃ sadyo nādamevāvadhārayet || 40 ||

41.
सर्वचिन्तां समुत्सृज्य सर्वचेष्टाविवर्जितः ।
नादमेवानुसंदध्यान्नादे चित्तं विलीयते ॥ ४१ ॥

sarvacintāṃ samutsṛjya sarvaceṣṭāvivarjitaḥ |
nādamevānusaṃdadhyānnāde cittaṃ vilīyate || 41 ||

42.
मकरन्दं पिबन्भृङ्गो गन्धान्नापेक्षते तथा ।
नादासक्तं सदा चित्तं विषयं न हि काङ्क्षति ॥ ४२ ॥

makarandaṃ pibanbhṛṅgo gandhānnāpekṣate tathā |
nādāsaktaṃ sadā cittaṃ viṣayaṃ na hi kāṅkṣati || 42 ||

43.
बद्धः सुनादगन्धेन सद्यः संत्यक्तचापलः ।
नादग्रहणतश्चित्तमन्तरङ्गभुजङ्गमः ॥ ४३ ॥

baddhaḥ sunādagandhena sadyaḥ saṃtyaktacāpalaḥ |
nādagrahaṇataścittamantaraṅgabhujaṅgamaḥ || 43 ||

44.
विस्मृत्य विश्वमेकाग्रः कुत्रचिन्न हि धावति ।
मनोमत्तगजेन्द्रस्य विषयोद्यानचारिणः ॥ ४४ ॥

vismṛtya viśvamekāgraḥ kutracinna hi dhāvati |
manomattagajendrasya viṣayodyānacāriṇaḥ || 44 ||

45.
नियामनसमर्थोऽयं निनादो निशिताङ्कुशः ।
नादोऽन्तरङ्गसारङ्गबन्धने वागुरायते ॥ ४५ ॥

niyāmanasamartho'yaṃ ninādo niśitāṅkuśaḥ |
nādo'ntaraṅgasāraṅgabandhane vāgurāyate || 45 ||

46.
अन्तरङ्गसमुद्रस्य रोधे वेलायतेऽपि च ।
ब्रह्मप्रणवसंलग्ननादो ज्योतिर्मयात्मकः ॥ ४६ ॥

antaraṅgasamudrasya rodhe velāyate'pi ca |
brahmapraṇavasaṃlagnanādo jyotirmayātmakaḥ || 46 ||

47.
मनस्तत्र लयं याति तद्विष्णोः परमं पदम् ।
तावदाकाशसङ्कल्पो यावच्छब्दः प्रवर्तते ॥ ४७ ॥

manastatra layaṃ yāti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam |
tāvadākāśasaṅkalpo yāvacchabdaḥ pravartate || 47 ||

48.
निःशब्दं तत्परं ब्रह्म परमात्मा समीर्यते ।
नादो यावन्मनस्तावन्नादान्तेऽपि मनोन्मनी ॥ ४८ ॥

niḥśabdaṃ tatparaṃ brahma paramātmā samīryate |
nādo yāvanmanastāvannādānte'pi manonmanī || 48 ||

49.
सशब्दश्चाक्षरे क्षीणे निःशब्दं परमं पदम् ।
सदा नादानुसन्धानात्संक्षीणा वासना भवेत् ॥ ४९ ॥

saśabdaścākṣare kṣīṇe niḥśabdaṃ paramaṃ padam |
sadā nādānusandhānātsaṃkṣīṇā vāsanā bhavet || 49 ||

50.
निरञ्जने विलीयेते मनोवायू न संशयः ।
नादकोटिसहस्राणि बिन्दुकोटिशतानि च ॥ ५० ॥

nirañjane vilīyete manovāyū na saṃśayaḥ |
nādakoṭisahasrāṇi bindukoṭiśatāni ca || 50 ||

51.
सर्वे तत्र लयं यान्ति ब्रह्मप्रणवनादके ।
सर्वावस्थाविनिर्मुक्तः सर्वचिन्ताविवर्जितः ॥ ५१ ॥

sarve tatra layaṃ yānti brahmapraṇavanādake |
sarvāvasthāvinirmuktaḥ sarvacintāvivarjitaḥ || 51 ||

52.
मृतवत्तिष्ठते योगी स मुक्तो नात्र संशयः ।
शङ्खदुन्दुभिनादं च न शृणोति कदाचन ॥ ५२ ॥

mṛtavattiṣṭhate yogī sa mukto nātra saṃśayaḥ |
śaṅkhadundubhinādaṃ ca na śṛṇoti kadācana || 52 ||

53.
काष्ठवज्ज्ञायते देह उन्मन्यावस्थया ध्रुवम् ।
न जानाति स शीतोष्णं न दुःखं न सुखं तथा ॥ ५३ ॥

kāṣṭhavajjñāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam |
na jānāti sa śītoṣṇaṃ na duḥkhaṃ na sukhaṃ tathā || 53 ||

54.
न मानं नावमानं च संत्यक्त्वा तु समाधिना ।
अवस्थात्रयमन्वेति न चित्तं योगिनः सदा ॥ ५४ ॥

na mānaṃ nāvamānaṃ ca saṃtyaktvā tu samādhinā |
avasthātrayamanveti na cittaṃ yoginaḥ sadā || 54 ||

55.
जाग्रन्निद्राविनिर्मुक्तः स्वरूपावस्थतामियात् ॥ ५५ ॥

jāgrannidrāvinirmuktaḥ svarūpāvasthatāmiyāt || 55 ||

56.
दृष्टिः स्थिरा यस्य विना सदृश्यं
वायुः स्थिरो यस्य विना प्रयत्नम् ।
चित्तं स्थिरं यस्य विनावलम्बं
स ब्रह्मतारान्तरनादरूपः ॥ ५६ ॥

dṛṣṭiḥ sthirā yasya vinā sadṛśyaṃ
vāyuḥ sthiro yasya vinā prayatnam |
cittaṃ sthiraṃ yasya vināvalambaṃ
sa brahmatārāntaranādarūpaḥ || 56 ||

Abschluss der Upanishad इत्युपनिषत् ॥
iti upaniṣat ||

Shanti Mantra ॐ वाङ्मे मनसि प्रतिष्ठिता । मनो मे वाचि प्रतिष्ठितम् ।
आविरावीर्म एधि । वेदस्य म आणीस्थः । श्रुतं मे मा प्रहासीः ।
अनेनाधीतेनाहोरात्रान्सन्दधामि ।
ऋतं वदिष्यामि । सत्यं वदिष्यामि ।
तन्मामवतु । तद्वक्तारमवतु ।
अवतु मामवतु वक्तारम् ॥
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |
avatu māmavatu vaktāram ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

इति नादबिन्दूपनिषत्समाप्ता ॥
iti nādabindūpaniṣatsamāptā ||

Damit ist die Nada Bindu Upanishad beendet.

Nadabindu Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen

Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 777 - 781.

Einleitung

Nada der Ton, speziell der summende Nasenlaut, in welchen das Wort Om ausklingt; - Bindu der Punkt, speziell der des Anusvara, welcher die dritte Mora des Lautes Om sowie dessen Nachhall als drei einhalbte Mora bezeichnet; - also Nadabindu Upanishad "der geheime Sinn des Nasalpunktes".

Die philosophische Strenge, mit der die älteren Upanishaden von Brahman alle Bestimmungen der empirischen Realität ausgeschlossen hatten (Neti, Neti), brachte es mit sich, daß man, um den Bedürfnissen der Verehrung zu genügen, zu Symbolen greifen mußte, und es war, wie bereits oben S. 629 bemerkt wurde, im Interesse der philosophischen Wahrheit gar nicht übel, wenn man als Symbol etwas an sich so völlig Sinnloses wie das Wort Om mit seinen drei oder später dreiundeinhalb Moren (A + U + M + Nachhall) wählte, in dessen Meditation, mit Aufgebung der ganzen Sinneserkenntnis durch Indriyas und Manas (v. 18) und mit Vernichtung der Anhänglichkeit an die Sinnenwelt (v. 19), nach unserer Upanishad der wahre Yoga und mit ihm der Weg zum Heil besteht.

Im ersten Teil (v. 1-6a) erscheint der Atman mit Berufung auf Atharvav. 13,3,14 (Gesch. d. Phil.I, 228) als der Vogel (Hamsa), welcher "die Flügel tausend Tagesweiten ausspannt", und der den Yogin emporträgt. Als die Körperteile dieses Vogels werden die 3 1/2 Moren des Wortes Om und die drei Gunas der Samkhya-Lehre bezeichnet, als seine Augen Dharma und Adharma (er schaut Recht und Unrecht der Menschen), und sein Leib erstreckt sich aufwärts durch alle sieben Welten: Bhur, Bhuvah, Svar, Mahar (vgl. Taitt. 1,5), Jana(r)loka, Tapoloka, Satyaloka (vgl. zu Mund. 1,2,3 oben S. 548).

Weiter (v. 6 b-7) wird gelehrt, daß von den 3 1/2 Moren des Wortes Om A dem Agni, U dem Vayu, M der Sonne und der Nachhall dem Varuna geweiht sei.

"Oder auch", so fährt der Text fort (v. 8-11), jede dieser vier Moren hat einen dreifachen Aspekt (ist Kalatrayanana), woraus folgende zwölf Objekte der Meditation entstehen:

Ghoshini, - Vidyun Mali, - Patangi, Vayu Vegini, - Namadheya, - Aindri, Vaisnavi, - Samkari, - Mahati, Dhruva, - Mauni, - Brahmi

Je nachdem einer beim Sterben eine dieser zwölf Formen meditiert, - so entwickelt v. 12-17 in deutlicher Nachbildung von Prasna 5, - erlangt er als Lohn:

König in Indien, - Yaksha, - Vidyadhara zu werden, Gandharva zu werden, - Somaloka, - Indra-Gemeinschaft, Gemeinschaft mit Visnu, - Rudra (Pasupati), - Maharloka, Dhruvam, - Tapoloka, - Brahman;

von wo er dann erst zum höchsten, Sadoditam (= Sakridvibhatam, Chand. 8,4,2) Brahman gelangt, von welchem her der Aufgang der Lichter ist (Kath.5,15, im Keim schon Rigv. 10,121,6).

Die Nadabindu Upanishad

Der Atman als Vogel.

1. Sein rechter Flügel das A ist,

Das U sein linker Flügel ist,
Der M-Laut ist die Schwanzfedern,
Die halbe Mora ist sein Haupt.

2. Die Füße Rajas und Tamas,

Der Leib das Sattvam wird genannt,
Gerechtigkeit ist sein rechtes,
Sein linkes Auge Unrecht ist.

3. An seinen Füßen Bhurloka,

An den Knien Bhuvarloka ist.
Svarloka an der Hüftgegend,
Am Nabel ist die Mahar-Welt.

4. Am Herzen ist Jana(r)loka,

An seinem Hals die Tapas-Welt,
Zwischen Stirn ihm und den Brauen
Befindet Satyaloka sich.

5. "Er breitet tausend Tagweiten",

In diesem Lied (Atharvav. 13,3,14) ist er gemeint,
Das ist der Vogel, auf welchem
Der Yogakenner steigt empor.

6. Nicht fröhnt dem Werk er, nicht binden

Viel Tausende der Sünden ihn.

Die dreiundeinehalbe Moren des Wortes Om.

Dem Agni ist die Erst-Mora Heilig, dem Vayu, die dann folgt;

7. Die Mora, die dann kommt drittens,

Den Glanz der Sonnenscheibe hat.
Die dreieinhalbte und höchste
Nennen Weise nach Varuna.

Die zwölf Teil-Moren des Wortes Om.

8. Jede der Moren hat eigen

Ein dreiteiliges Angesicht;
Das ist des Om-Lauts Auslegung,
Andächtig sinnend hört sie an!

9. Die erste Mora ist lärmreich,

Die zweite dann ist blitzbekränzt,
Als dritte folgt die flugfrohe,
Die windschnelle die vierte ist.

10. Die fünfte ist die namhafte,

Indra-heilig die sechste heißt.
Die siebente nach Gott Visnu,
Nach Shankara (Siva) die achte heißt.

11. Die neunte wird genannt große,

Die zehnte als die feste gilt,
Die elfte ist die schweigsame,
Die zwölfte heißt die brahmische.

Lohn für ihre Meditation beim Sterben.

12. Der ersten Mora nachdenkend,

Wenn einer gibt das Leben auf,
So wird in Bharata Varsha
Als Allherrscher geboren er.

13. Wer in der zweiten hinscheidet,

Zum hochsinnigen Yaksha wird,
Die dritte zum Vidyadhara,
Zum Gandharva die vierte macht.

14. Doch wer, das Laben aufgebend,

Der fünften Mora dachte nach,
Der wohnt bei Göttern, der wandelt
In Somaloka herrlich hin.

15. Mit Indra lebt, wer der sechsten,

Mit Visnu, wer der siebenten,
Mit Rudra, mit Pasupati,
Lebt, wer der achten nachgedacht.

16. Die neunte führt zur Großheitwelt,

Die zehnte zu dem festen Ort,
Die elfte zu Tapoloka,
Zum ew'gen Brahman die zuzwölft,

17. Und dann zum Reinen, Teillosen,

Allgegenwärt'gen, Seligen,
Zum ew'gen Tage des Brahman,
Aus dem der Lichter Ursprung ist.

Der Yoga und seine Frucht.

Die Stellung der Taube

18. Wenn, frei von Sinnen und Gunas,

Das Manas ganz in sich zergeht,
Nicht vergleichend, nicht vorstellend,
Das heißt die rechte Yogakunst.

19. Ihm dienend und ihm anhängend,

Löst er langsam vom Leibe sich,
In Yoga-Übung wohlstehend,
Frei aller Weltanhänglichkeit.

20. Dann lösen sich alle Bande,

Und lauter, unbefleckt und frei,
Zu Brahman werdend, geht dadurch
Er zu der höchsten Wonne ein,
— er zu der höchsten Wonne ein.

Nada Yoga aus der Nadabindu Upanishad

Auszug aus dem Buch „Tantra Yoga, Nada Yoga and Kriya Yoga“ von Swami Sivananda, Buch II - Nada Yoga, 5. Auflage, 2000, Shivanandanagar, S. 126-132. Divine Life Society

Die Silbe A wird als der rechte Flügel von Om betrachtet, U als sein linker, M als sein Schwanz und man sagt, der Ardhamatra (Halbmeter) sei sein Kopf. Die (rajasigen und tamasigen) Qualitäten erstrecken sich von seinen Füßen aufwärts (zu seinen Lenden), Sattva ist sein (Haupt-) Körper, Dharma wird als sein rechtes Auge betrachtet und Adharma als sein linkes.

Der Bhuloka ist in seinen Füßen, der Bhurvarloka in seinen Knien, der Suvarloka in seinen Lenden, und der Maharloka in seinem Nabel. In seinem Herzen liegt der Janaloka, der Tapaloka in seiner Kehle, der Satyaloka im Zentrum seiner Stirn zwischen den Augenbrauen. Dann kommt das Matra (oder Mantra) oberhalb des Sahasrara (als tausendfacher Lichtstrahl).

Ein Yoga Meister, der Hamsa (Vogel) beherrscht (auf Om meditiert), wird daher nicht von karmischen Einflüssen oder von abertausenden Sünden befallen. Das erste Matra hat Agni als Schutzgott (vorherrschende Gottheit); das zweite hat Vayu als seinen Devata; das nächste Matra ist strahlend wie Sonnenglanz und das letzte ist Ardhamatra, der Weise weiß, dass es zu Varuna (der vorherrschenden Gottheit des Wassers) gehört.

Jedes dieser Matras hat in der Tat drei Kalas (Teile). Dies wird Omkara genannt. Erkenne es mittels der Dharanas, nämlich durch Konzentration auf jeden der zwölf Kalas oder durch Variationen der Matras, die durch den Unterschied der Svaras (Intonation) erzeugt werden. Das erste Matra wird "Goshini" genannt, das zweite "Vidyunmali" (oder Vidyunmatra), das dritte "Patangini", das vierte "Vayuvegini", das fünfte "Namadheya", das sechste "Aindri", das siebte "Vaishnavi", das achte "Shankari" das neunte "Mahati", das zehnte "Dhriti", das elfte "Nari" und das zwölfte "Brahmi".

Wenn es geschieht, dass ein Mensch im ersten Matra verstirbt (während er darauf meditiert), wird er als ein großer Herrscher von Bharatavarsha wiedergeboren. Wenn dies im zweiten Matra passiert, so wird dieser Mensch ein berühmter Yaksha; wenn es im dritten Matra geschieht ein Vidyadhara und im vierten ein Gandharva (diese drei stellen die himmlischen Scharen dar). Wenn er im fünften versterben sollte, nämlich im Ardhamatra, so wird er in der Welt des Mondes leben, mit dem Rang eines dort zutiefst verherrlichten Gottes.

Wenn er im sechsten verstirbt, wird er sich mit Indra vereinigen; wenn im siebten, wird er den Wohnsitz von Vishnu erreichen; im achten erreicht er Rudra, den Herrn aller Geschöpfe. In neunten Matra verstorben, wird er in Maharloka eingehen, im zehnten in Janaloka, im elften in Tapoloka und im zwölften verstorben, erlangt er den ewigen Zustand von Brahman.

Was über diese hinaus existiert, nämlich Parabrahman, was über (über die Matras) das Reine, das Alldurchdringende hinausgeht, über die Kalas hinaus, das Immerstrahlende und die Quelle allen Jyotis (Licht), das soll erkannt werden. Wenn der Geist über die Organe und Gupta hinausgeht und versunken ist, weder eine getrennte Existenz besitzt noch mentale Aktion kennt, dann sollte ein Guru sich seiner annehmen und ihn unterweisen, damit er sich weiter entwickelt.

Der Mensch, der immer in Kontemplation ist, sollte allmählich seinen Körper (oder seine Familie) zurücklassen, dem Weg des Yoga folgen und jeglichen Kontakt mit der Gesellschaft meiden. Wenn er von allen karmischen Bindungen und einer Existenz als Jiva befreit und endlich rein ist und den Zustand von Brahman erlangt hat, wird er sich höchster Glückseligkeit erfreuen.

O intelligenter Mensch, lebe dein Leben immer in der Erkenntnis allerhöchster Glückseligkeit, erfreue dich deines ganzen Prarabdha (des Teiles deines vergangenen Karmas, dessen du dich jetzt erfreuen kannst), ohne dich über irgendetwas zu beklagen.

Sogar nachdem Atmajnana (Erkenntnis von Atman oder dem Selbst) erweckt ist (in einem selbst), verlässt (ihn) Prarabdha nicht; er fühlt jedoch Prarabdha nicht, nachdem Tattva Jnana (Erkenntnis von Tattva oder Wahrheit) wie ein Morgen graut, weil der Körper und all die anderen Dinge Asat (unreal) sind, genauso wie die Dinge, die wir im Traum sehen, uns beim Erwachen unwirklich vorkommen.

Dieser Anteil von Karma, welcher aus vorherigen Geburten stammt und Prarabdha genannt wird, hat keinerlei Auswirkung auf die Person (Tattvajnani), da es für sie keine Wiedergeburt gibt. So wie ein Körper, der im Traumzustand existiert, unwahr ist, so ist es auch der Körper. Wie verhält es sich dann mit der Wiedergeburt eines Dinges, welches illusorisch ist? Wie kann etwas irgendeine Existenz haben, wenn es keine Geburt (dafür) gibt?

Man lernt von den Veden: So wie der Ton die materielle Ursache eines Tontopfes ist, so ist Ajnana die materielle Ursache des Universums. Und wenn Ajnana aufhört zu existieren, wo ist dann der Kosmos? So wie jemand, der durch Illusion geblendet ist, ein Seil für eine Schlange hält, so sieht ein Narr, der nicht Satya (die ewigliche Wahrheit) kennt, die Welt (als wahr an). Wenn er erkennt, dass die Schlange ein Stück Seil ist, verschwindet die illusorische Idee der Schlange.

Wenn er also das ewigliche Substrat von allem erkennt und das ganze Universum (deshalb) leer (für ihn) wird, wo ist dann Prarabdha für ihn, wenn der Körper ein Teil der Welt ist? Deshalb wird das Wort Prarabdha allgemein anerkannt, um (nur) den Unwissenden zu erleuchten. Ist dann Prarabdha im Laufe der Zeit aufgebraucht, erstrahlt jener, der durch die Verbindung von Pranava mit Brahman der Klang ist, so wie die Sonne erstrahlt, wenn die Wolken verschwunden sind.

Nimmt der Yogi Siddhasana ein und praktiziert das Vaishnavimudra, so sollte er den inneren Klang immer im rechten Ohr vernehmen. Zu Beginn seiner Übung hört er viele laute Klänge. Diese nehmen nach und nach in Tonhöhe zu und werden allmählich feiner vernommen. Zuerst hören sich die Klänge wie ein Ozean, die Wolken, Pauken und Wasserfälle an; auf der mittleren Stufe dann wie jene Klänge der Mardala (Musikinstrument), Glocken und Hörner.

Auf der letzten Stufe hört er Klänge einer bimmelnden Glocke, einer Flöte einer Vina (Musikinstrument) und den Klang von summenden Bienen. Er hört also viele solcher Klänge auf immer feinere Art und Weise. Es steht dem Yogi frei, seine Konzentration von einem groben auf einen feinen Klang zu lenken oder umgekehrt, er sollte aber seinem Geist verbieten, sich von ihnen auf andere ablenken zu lassen. Hat sich der (denkende) Geist erst einmal auf einen Ton konzentriert, wird er sich fest an ihn heften, sich in ihm vertiefen und in ihm versinken.

Wenn der Geist unempfänglich für äußere Eindrücke geworden ist, wird er eins mit dem Klang, wie Milch mit Wasser eins wird, und er wird dann schnell in Chidakasha (der Akasha, in dem Chit vorherrscht) aufgehen. Zeigt ein Yogi keinerlei Interesse mehr an äußeren Dingen und hat er seine Leidenschaften unter Kontrolle, dann sollte er durch ständige Übung seine Aufmerksamkeit auf den Klang richten, denn der löscht den (denkenden) Geist aus.

Hat er alle Gedanken aufgegeben und sich von jeglicher Tätigkeit befreit, sollte er seine Aufmerksamkeit auf den Klang richten, und (dann) wird sein Chitta (Bewusstsein) in ihm versinken. So wie die Biene, die Honig sammelt und Nektar trinkt, sich nicht um die Farbe der Blume kümmert, so sehnt sich auch das Chitta, das ständig in Klang vertieft ist, nicht nach sinnlichen Dingen, da es von dem süßen Klang eingenommen ist und seine flüchtige Natur hinter sich gelassen hat.

Die Schlange Chitta (Bewusstsein) wird durch das Hören von Nada vollkommen in Anspruch genommen und wird allem anderen gegenüber unbewusst, wenn es sich selbst auf den Klang konzentriert. Wie ein scharfer Treibstock seinen Zweck erfüllt, einen wildgewordenen Elefanten unter Kontrolle zu bringen, so dient der Klang demselben Zweck für das Chitta, welches sich im Lustgarten der sinnlichen Dinge amüsiert.

Er dient dem Zweck einer Falle, um das Reh Chitta zu fangen oder bildet den Strand für die brandenden Meereswellen von Chitta. Der Klang, der von Pranava, was Brahman ist, ausgeht, ist von seiner Natur her glänzende Herrlichkeit; der (denkende) Geist wird in ihm aufgesogen; dies ist der höchste Sitz von Vishnu.

Der Klang existiert, solange es Fassungskraft von Akasha gibt (Akashasankalpa). Darüber hinaus existiert nur noch der (Asabada) klanglose Klang, der unhörbare Ton, Parabrahman, der Paramatman ist. Der (denkende) Geist existiert solange, wie es Klang gibt, mit dem Aufhören des Klangs stellt sich ein Zustand ein, der Unmani von Manas genannt wird (d. h. ein Zustand, der über dem des denkenden Geistes liegt). Der Klang wird in Akshara (unzerstörbar) eingesogen, und der klanglose Zustand ist der allerhöchste Sitz.

Der (denkende) Geist, der seine karmischen Affinitäten zusammen mit Prana (Vayu) durch ständige Konzentration auf Nada ausgelöscht hat, geht vollständig in das makellose Eine auf. Darüber besteht kein Zweifel. Viele abertausende Myriaden von Nadas und viele weitere Bindus - (alle) werden in den Brahma-Pranava Klang eingesogen.

Ist ein Yogi erst einmal von allen Zuständen und von jeglichen Gedanken befreit, so verbleibt er wie ein Toter. Er ist dann ein zweifellos Mukta. Und nach all diesem wird er zu keiner Zeit mehr die Klänge der Konche oder der Dundubhi (große Kesselpauke) hören. Mit Gewissheit ist der Körper im Stadium von Unmani wie ein Stück Holz und fühlt weder Hitze noch Kälte, weder Freude noch Leid.

Das Chitta des Yogi, das Ruhm wie auch Schande aufgegeben hat, weilt oberhalb der drei Zustände in Samadhi. Von Wach- und Schlafzuständen befreit, erreicht er schließlich seinen wahren Zustand. Wenn das spirituelle Sehen sich etabliert hat, ohne dass mann noch ein Objekt sehen muss. Wenn Vayu (Prana) ohne Anstrengung still wird, und wenn das Chitta ohne Hilfe fest und stark wird, dann wird der Yogi eins mit dem inneren Klang des Brahma-Pranava. So sagen es die Upanishaden.

Literatur und Quellen

  • G. Srinivasa Ayyangar: The Yoga Upanishads. Adyar Library, Madras 1938, S. 172–180: Digitalisat.
  • K. Narayanasvami Aiyar: Thirty Minor Upanishads. Madras 1914, S. 252–259: englische Übersetzung.
  • Sanskrit Documents: Nadabindu Upanishad – Sanskrittext der 56-Vers-Langfassung.
  • Paul Deussen: Sechzig Upanishad's des Veda, Leipzig 1897, S. 683–686.
  • Guy L. Beck: Sonic Theology: Hinduism and Sacred Sound. University of South Carolina Press, 1993.
  • Mikel Burley: Hatha-Yoga: Its Context, Theory and Practice. Motilal Banarsidass, 2000.
  • Svātmārāma: Hatha Yoga Pradipika, viertes Kapitel.

Siehe auch

Literatur

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