Tamilische Hindu-Schriften

Aus Yogawiki

Tamilische Hindu-Schriften gehören zum religiösen Leben vieler tamilischer Familien: Sie erklingen vor dem Hausaltar, begleiten die Verehrung im Tempel, erzählen von den Gottheiten und geben Worte für Dank, Hoffnung und Hingabe. Ihre Bedeutung reicht über das Lesen hinaus. Ein Hymnus kann über Generationen weitergegeben werden; eine heilige Geschichte kann erklären, warum ein Fest gefeiert wird; eine Unterweisung kann helfen, den eigenen Weg im Hindu Dharma zu verstehen.

Murugan mit Valli und Deivayanai. Seine tamilischen Hymnen und Erzählungen verbinden persönliche Hingabe mit einer reichen religiösen Überlieferung.

Dieser Artikel richtet sich an tamilische Hindus in Deutschland und an Menschen, die ihre Religion näher kennenlernen möchten. Er erläutert, welchen Platz verschiedene Schriften in Gottesverehrung, Familienleben und religiöser Bildung einnehmen. Dabei unterscheidet er heilige Schriftensammlungen, verehrte Gebete, religiöse Lehrwerke und ergänzende Weisheitsliteratur. Diese Unterscheidung erleichtert die Orientierung, ohne über die persönliche Bedeutung eines Textes zu urteilen.

Tamilische Hindu-Gemeinschaften besitzen unterschiedliche familiäre und regionale Überlieferungen. Manche Familien sind besonders mit Shiva verbunden, andere mit Vishnu, Murugan, Ganesha oder der Göttlichen Mutter. Mehrere Formen der Verehrung können in einem Haushalt zusammenkommen. Auch die Bindung an einen bestimmten Tempel oder eine Lehrerlinie beeinflusst, welche Texte vertraut sind.

Heilige Texte und gelebter Hindu Dharma

Ein Buch kann aus unterschiedlichen Gründen religiöse Bedeutung haben. Es kann zu einer anerkannten heiligen Sammlung gehören, ein oft rezitiertes Gebet enthalten oder die Lehre eines verehrten Meisters erschließen. Für ein Gespräch über tamilische Hindu-Schriften ist es deshalb hilfreich, jeweils zu fragen: Wer verehrt diesen Text, und wie wird er verwendet?

Art der Schrift Beispiele Ihr Platz im religiösen Leben
Heiliger Kanon Tirumurai; Nalayira Divya Prabandham Anerkannte Schriftensammlungen der jeweiligen shivaitischen beziehungsweise sri-vaishnavischen Tradition; Grundlage religiöser Erinnerung, Auslegung und Rezitation.
Verehrter Gebets- und Hymnentext Abhirami Antati; Vinayagar Agaval; Tiruppugazh; Kanda Sashti Kavacham Persönliche und gemeinschaftliche Gottesverehrung. Solche Texte können für ihre Verehrer heilig sein, auch wenn sie keinem der beiden genannten Kanons angehören.
Religiöse Lehrschrift Sivajnana Bodham; Acharya Hridayam; Upadesa Undiyar Unterweisung über Gott, Seele, Gnade und Befreiung. Ihre Autorität und Auslegung stehen im Zusammenhang mit einer bestimmten Tradition.
Heilige Erzählung Kamba Ramayanam; Kanda Puranam; Arunachala Puranam Vermittlung göttlicher Geschichten, religiöser Vorbilder und der Bedeutung heiliger Orte.
Ethische oder kulturelle Begleitlektüre Aathichoodi; Tirukkural; klassische tamilische Dichtung Bildung, Lebensführung und kulturelles Verständnis. Solche Werke können religiös geschätzt werden, sind aber nicht allein deshalb ein für alle Hindus verbindlicher Kanon.

Die Grenzen können sich überschneiden. Das Tirumantiram ist beispielsweise zugleich kanonische Schrift, Yoga-Unterweisung und philosophisches Werk. Auch der Tirukkural wird in manchen religiösen Überlieferungen ausdrücklich als heilige Weisheit gewürdigt, während andere Leser ihn als überkonfessionellen ethischen Klassiker verstehen.

Heiligkeit bedeutet daher nicht überall dieselbe Form von Verbindlichkeit. Die persönliche Verehrung eines Liedes, seine Zugehörigkeit zu einem Kanon und seine Verwendung in einem bestimmten Ritual sind miteinander verbunden, aber nicht gleichbedeutend.

Tamilische Hymnen, Veden und Agamas

Tamilische Hindu-Schriften stehen in Beziehung zu den Veden, Upanishaden, Agamas und weiteren Überlieferungen des Hindu Dharma. In der Shiva-Tradition haben beispielsweise die Agamas eine wichtige Stellung für Tempelverehrung, religiöse Unterweisung und Yoga. Die tamilischen Hymnen bringen daneben die Gotteserfahrung der Dichterheiligen in einer eigenen Sprache zum Ausdruck.[1]

Wenn das Divya Prabandham als tamilischer Veda bezeichnet wird, drückt dies seinen herausgehobenen religiösen Rang in der Sri Vaishnava-Tradition aus. Es bedeutet nicht, dass seine Hymnen lediglich Übersetzungen der vier Sanskrit-Veden wären.[2]

Für Außenstehende ist diese Vielfalt wichtig: Der Hindu Dharma tamilischer Menschen lässt sich nicht auf ein einziges Buch und auch nicht auf eine einzige Sprache der Verehrung reduzieren.

Welche Texte gehören zur vertrauten Gottesverehrung?

Ein guter Anfang ist oft der Gottesname, der im eigenen Zuhause oder Tempel erklingt. Die folgenden Abschnitte ordnen die wichtigsten im Wiki erschlossenen Werke nach ihrer religiösen Zugehörigkeit. Sie beschreiben Möglichkeiten der Begegnung, keine für sämtliche Familien vorgeschriebene Gebetsordnung.

Shiva: Die Stimmen der Nayanmar und Manikkavacakars

Für die tamilische Shiva-Tradition besitzt der Tirumurai grundlegende Bedeutung. Die zwölf Bücher bewahren Hymnen, yogische Lehre und Heiligenüberlieferung. Innerhalb dieser Sammlung bilden die Lieder von Tirugnanasambandar, Appar und Sundarar das Tevaram. Ihre Beziehung zu bestimmten Shiva-Tempeln verbindet die gesungenen Worte mit konkreten Orten der Verehrung.[3]

Wer ein vertrautes Tevaram-Lied wiederfindet, kann im Werkartikel nach dem Dichter und dem besungenen Ort suchen. So wird aus einem bekannten Klang eine bewusste Verbindung mit der eigenen Überlieferung.

Tiruvasagam von Manikkavacakar bietet eine besonders persönliche Sprache der Shiva-Verehrung. Der Dichter bringt sein ganzes Leben vor den Herrn: Versagen, Sehnsucht, Ergriffenheit und Dank. Das bekannte Sivapuranam ist ein Teil dieser tamilischen Dichtung; es ist vom Sanskrit-Shiva-Purana zu unterscheiden.

Zum gleichen religiösen Zusammenhang gehören Tiruvempavai und Tirukkovaiyar. Tiruvempavai ist ein Zyklus innerhalb des Tiruvasagam. Tirukkovaiyar gestaltet die Hinwendung zu Shiva mit den dichterischen Mitteln der Liebespoetik. Beide Werke haben damit eine eigene Form, obwohl sie derselben heiligen Überlieferung angehören.

Weitere Shiva-Hymnen erschließt Tiruvisaippa. Die drei Werkartikel Arputha Tiruvantati, Tiru Irattai Manimalai und Mutta Tiruppatikam führen zu Karaikkal Ammaiyar. Ihre eindringliche Dichtung auf Shivas Tanz gehört zum elften Tirumurai.

Das Periya Puranam bildet als zwölftes Buch den erzählerischen Abschluss des Kanons. Die Lebensgeschichten der 63 Nayanmar zeigen, wie die Tradition Gottesliebe im Handeln ihrer Heiligen erinnert. Eine Übersicht bietet Thirumurai.

Hörbeispiel: Sivapuranam
Die Aufnahme von Vijay Musical verbindet den tamilischen Vortrag mit eingeblendeten Worten. Sie ermöglicht es, einen zentralen Text der Shiva-Verehrung hörend kennenzulernen.

Vishnu und Krishna: Die Alvar-Hymnen als religiöse Heimat

Vishnu auf Ananta. In den Alvar-Hymnen wird der Herr in seinen verschiedenen Tempelgestalten und Erscheinungsformen angerufen.

Das Nalayira Divya Prabandham ist die große heilige Sammlung der Alvar. Für Sri Vaishnavas gehören die Hymnen zur religiösen Sprache von Hingabe, Zuflucht und Dienst am Göttlichen. Ihre fortdauernde Vermittlung zeigt sich beispielsweise im Divya-Prabandham-Projekt der Tempelverwaltung von Tirumala Tirupati.[4]

Für das gemeinsame Lernen sind zunächst einige kurze Werke besonders überschaubar. Tiruppallandu von Periyalvar spricht dem Herrn liebevoll Segen zu. Amalanatipiran von Tiruppan Alvar betrachtet Ranganathas Gestalt. Tiruppalliyezhuchi von Tondaradippodi Alvar ruft den Herrn am Morgen zum Erwachen; sein Tirumalai vertieft die Hinwendung zu Ranganatha.

Die Werke Tiruppavai und Nachiyar Tirumoli erschließen die Stimme Andals. Tiruppavai ist besonders mit der Andacht im Monat Margazhi verbunden. Nachiyar Tirumoli führt in Andals intensive Sehnsucht nach dem göttlichen Geliebten.

Zur Orientierung innerhalb der weiteren Sammlung helfen die Dichternamen:

Die traditionelle Auslegung dieser Werke ist unter anderem durch KOYIL zugänglich.[5]

Wichtig beim Suchen im Wiki: Perumal Tirumoli und Periya Tirumoli sind verschiedene Werke verschiedener Alvar. Ebenso ist das vishnuitische Tiruppallandu Periyalvars von Centanars shivaitischem Tiruppallandu zu unterscheiden. Die ähnlichen Titel geben noch keine sichere Auskunft über den Inhalt.

Murugan: Gebet, Festüberlieferung und göttliche Unterweisung

Viele tamilische Gläubige begegnen Murugan als Kanda, Subrahmanya oder Arumuga. Seine Schriften erlauben unterschiedliche Formen der Annäherung:

Tiruppugazh und Kandar Alankaram von Arunagirinathar sind Dichtungen des Lobpreises. Tiruppugazh gewinnt durch Rhythmus und Melodie eine besondere musikalische Gestalt. Kandar Alankaram entfaltet Murugans Herrlichkeit in einer Fülle religiöser Bilder.

Kandar Anubhuti desselben Dichters verdichtet Gebet und Erkenntnissuche. Es eignet sich besonders für Menschen, die fragen, wie Gottesverehrung zur inneren Verwandlung führt. Murugan erscheint hier im Zusammenhang mit befreiender Unterweisung.

Kanda Sashti Kavacham von Devaraya Swamigal und Shanmuga Kavacham von Pamban Swamigal sind zwei eigenständige Schutzhymnen. In beiden wird das Vertrauen auf Murugans behütende Gegenwart ausgesprochen. Die gemeinsame Bezeichnung Kavacham, „Rüstung“, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um verschiedene Texte handelt.[6]

Tirumurukarruppatai führt zu Murugan und seinen heiligen Stätten. Das Werk besitzt sowohl einen Platz in der klassischen tamilischen Literatur als auch im elften Tirumurai. Kanda Puranam erzählt dagegen die umfangreiche göttliche Geschichte Murugans. Wer den Hintergrund eines Namens, eines Bildes oder einer Festgeschichte verstehen möchte, findet hier einen erzählerischen Zugang.

Amman und Ganesha: Zuflucht und Führung

Abhirami Antati von Abhirami Bhattar wendet sich an Abhirami, die Göttliche Mutter von Tirukkadaiyur. Für ihre Verehrer ist die Dichtung ein Ausdruck tiefen Vertrauens in die Göttin. Die Verse und die heilige Geschichte ihrer Entstehung werden auch in tamilischen Tempelgemeinschaften außerhalb Indiens weitergegeben.[7]

Das Werk ist eine bedeutende Stimme der Amman-Verehrung, aber keine Sammlung sämtlicher tamilischer Göttinnengebete. Familien und Tempel können daneben eigene, besonders vertraute Lieder pflegen.

Vinayagar Agaval ruft Vinayagar als göttlichen Lehrer an. Der Avvaiyar zugeschriebene Hymnus verbindet die Betrachtung seiner Gestalt mit einer inneren Yoga-Unterweisung. Deshalb spricht er sowohl Gläubige an, die Ganesha verehren, als auch Leser, die den religiösen Hintergrund tamilischer Yogalehren kennenlernen möchten.

Hörbeispiel: Abhirami Antati mit Mahanadhi Shobana
Die Veröffentlichung von Symphony bietet die hundert Hauptverse als gesungene Dichtung an die Göttliche Mutter.

Hausaltar, Festzeit und Tempelbesuch: Einen Text bewusst auswählen

Die Auswahl eines Gebets beginnt oft mit dem, was eine Familie bereits kennt. Ein von den Großeltern überliefertes Lied, die im Tempel gepflegte Rezitation oder die Unterweisung des eigenen Lehrers kann dabei wichtiger sein als die Bekanntheit eines Werkes im Internet.

Die folgende Übersicht verbindet Anlässe mit passenden Textzugängen. Sie ist eine Orientierung zum Lesen und Lernen, keine einheitliche Ritualvorschrift.

Anlass oder Interesse Möglicher Textzugang Was sich gemeinsam erschließen lässt
Das vertraute Shiva-Gebet besser verstehen Tevaram oder Tiruvasagam Der besungene Tempel, die Bitte des Dichters und seine Beziehung zu Shiva.
Margazhi vorbereiten Tiruvempavai oder Tiruppavai, entsprechend der eigenen Überlieferung Die Bedeutung des gemeinschaftlichen Erwachens und der jeweiligen Gottesverehrung.
Eine Murugan-Festzeit vertiefen Kanda Puranam, Tiruppugazh und Kanda Sashti Kavacham Das Verhältnis von göttlicher Erzählung, Lobgesang und persönlichem Gebet.
Eine Andacht an die Göttliche Mutter begleiten Abhirami Antati Die Formen, Namen und Eigenschaften der Göttin, die der Text anruft.
Ganeshas Rolle als Lehrer kennenlernen Vinayagar Agaval Wie Verehrung und innere Erkenntnis im Hymnus zusammenfinden.
Einen Pilgerort gedanklich vorbereiten Arunachala Puranam, Thiruvilaiyadal Puranam oder passende Alvar-Hymnen Die religiöse Bedeutung des Ortes und seiner Überlieferung.
Über Rama und Dharma sprechen Ausgewählte Szenen aus Kamba Ramayanam Treue, Dienst, Verantwortung und die Schwierigkeiten menschlicher Entscheidungen.

Bei einer Tempelrezitation kommt es auch auf die örtlich gepflegte Melodie, Aussprache und Reihenfolge an. Wer mitsingen möchte, kann sich an den Priestern, kundigen Sängern oder Verantwortlichen der eigenen Gemeinde orientieren. Für die persönliche Lektüre lassen sich die gleichen Verse in Ruhe betrachten und mit ihrer deutschen Bedeutung verbinden.

Margazhi als gemeinsame Lernzeit

Der tamilische Monat Margazhi liegt ungefähr zwischen Mitte Dezember und Mitte Januar. Eine Familie kann diese Zeit nutzen, um eine vertraute Strophe nicht nur zu rezitieren, sondern auch ihre Bedeutung miteinander zu besprechen. Andals Tiruppavai ist in der Sri Vaishnava-Tradition besonders mit dieser Zeit verbunden; die shivaitische Überlieferung pflegt unter anderem Tiruvempavai.

Eine alltagstaugliche Form wäre, einen Vers am Vorabend auf Deutsch zu lesen und ihn am nächsten Morgen auf Tamil zu hören. Ein Kind kann ein Bild nennen, das ihm aufgefallen ist; ein älterer Angehöriger kann erzählen, wann er das Lied zum ersten Mal gehört hat. Dadurch verbinden sich religiöser Sinn und persönliche Erinnerung.

Heilige Geschichten weitererzählen

Tamilische Hindu-Schriften vermitteln religiöses Wissen häufig in Geschichten. Dabei werden Gottheiten und Heilige nicht nur beschrieben: Die Erzählung zeigt, wie Vertrauen, Hingabe oder ein Konflikt um Dharma Gestalt annehmen.

Kamba Ramayanam ist Kambans tamilische Dichtung über Rama. Für Rama-Verehrer besitzt sie eine heilige Bedeutung; zugleich ist sie ein großes literarisches Werk. Bei der gemeinsamen Lektüre können unterschiedliche Figuren im Mittelpunkt stehen: Sitas Standhaftigkeit, Hanumans Dienst oder die Verantwortung eines Herrschers. Das Gespräch gewinnt, wenn auch schwierige Fragen Platz haben.

Thiruvilaiyadal Puranam erzählt Shivas heilige Spiele in Madurai. Die bekannte Fassung Paranjoti Munivars umfasst 64 göttliche Taten. Sie erschließt, wie Tempel, Stadt und religiöse Erinnerung miteinander verbunden werden.[8]

Arunachala Puranam führt in die Verehrung des heiligen Berges Arunachala. Die Geschichten erklären seine Bedeutung als Gegenwart Shivas und eröffnen einen Zugang zur Pilgerwelt Tiruvannamalais. Sri Ramanasramam bietet auch eine Rezitation des Werkes an.[9]

Für Kinder ist es hilfreich, kenntlich zu machen: Diese Geschichte erzählt unsere religiöse Überlieferung. So kann die Erzählung mit Ehrfurcht weitergegeben werden, ohne Legende und überprüfbare historische Chronik gleichzusetzen. Anschließend lässt sich fragen, was die Geschichte über Gottesliebe, Großzügigkeit oder Mut vermittelt.

Wenn aus dem Gebet Fragen entstehen: Die Lehre vertiefen

Was meinen wir, wenn wir von Shivas Gnade sprechen? Wie versteht eine Tradition die Seele? Was bedeutet es, Zuflucht bei Narayana zu nehmen? Solche Fragen führen von der Rezitation zu den religiösen Lehrwerken. Diese Texte verlangen oft Erklärung, besitzen aber einen wichtigen Platz im Hindu Dharma: Sie helfen, den eigenen Glauben bewusster zu verstehen.

Shaiva Siddhanta: Shiva, Seele und Befreiung

Der Shaiva Siddhanta unterscheidet den Herrn, die Seelen und ihre Bindung. Die vierzehn Meykanda-Lehrschriften arbeiten diesen Zusammenhang aus. Ihre Bedeutung liegt besonders in der religiösen Unterweisung und philosophischen Klärung; sie haben damit eine andere Aufgabe als ein kurzer Hymnus für die tägliche Andacht.[10]

Im Wiki bieten Sivajnana Bodham und Sivajnana Siddhiyar Zugang zu den Grundlagen und ihrer ausführlichen Darlegung. Tiruvundiyar, Tirukkalitruppadiyar und Unmai Vilakkam erschließen weitere Wege der Unterweisung. Irupa Irupathu zeigt, wie Fragen an den Lehrer zur Erkenntnis beitragen.

Für die Bedeutung göttlicher Gnade sind Tiruvarutpayan und Sivaprakasam besonders wichtige Anlaufstellen. Ergänzend führen Vina Venba, Kodikkavi, Nenju Vidu Thoothu, Unmai Neri Vilakkam und Sankarpa Nirakaranam durch weitere Lehrfragen, dichterische Formen und philosophische Auseinandersetzungen. Das ebenfalls zur Vierzehnergruppe gehörende Potri Pahrodai vervollständigt den traditionellen Kanon, auch wenn es hier nicht als eigener Wiki-Artikel verlinkt ist.

Sri Vaishnava-Tradition: Die Bedeutung des Acharya

Die Beziehung zum Acharya, dem religiösen Lehrer, hat in der Sri Vaishnava-Tradition eine besondere Stellung. Die Lehrdichtungen Jnana Saram und Prameya Saram von Arulala Perumal Emperumanar erschließen die Zugehörigkeit der Seele zu Narayana, Gnade und geistige Führung.

Acharya Hridayam untersucht das religiöse Verständnis Nammalvars und seiner Hymnen. Es ist in Manipravalam, einer gelehrten Verbindung tamilischer und sanskritischer Sprachelemente, verfasst. Für ein vertieftes Studium der Tiruvaymoli eröffnet es den Zugang zur Auslegungstradition.

Ramanuja Nurrantati verehrt Ramanuja in einer Hymnenfolge. Wie Kanninun Siruttambu zeigt das Werk, dass die Dankbarkeit gegenüber dem Lehrer selbst eine religiöse Dichtung hervorbringen kann. Die beiden Texte gelten dabei unterschiedlichen Lehrergestalten und stammen aus unterschiedlichen Zusammenhängen.

Die spätere Sammlung Ashta Prabandham ergänzt die Vishnu-Verehrung durch acht Dichtungen auf Ranganatha, Venkatesha, Alagar und die heiligen Orte der Tradition. Ihre Verehrung ist von der Zugehörigkeit zum älteren Alvar-Kanon zu unterscheiden.

Selbsterkenntnis und die Unterweisung Ramanas

Ramana Maharshi steht für einen tamilischen Erkenntnisweg, der die Untersuchung des Ichgefühls in den Mittelpunkt stellt. Seine Werke Upadesa Undiyar, Ulladu Narpadu und Vichara Sangraham erschließen unterschiedliche Formen dieser Unterweisung. Sie sind bedeutsame spirituelle Lehrtexte; ihre Wertschätzung bedeutet jedoch nicht, dass sie zum älteren Tirumurai oder zum Divya Prabandham gehören.

Kaivalya Navaneetam bietet ein Lehrgespräch im Advaita Vedanta, Ellam Ondre eine kurze Betrachtung der Einheit, Ozhivil Odukkam eine anspruchsvolle Unterweisung über innere Ruhe und Erkenntnis. Bei der Ribhu Gita ist zwischen dem Sanskritursprung und ihrer bedeutenden tamilischen Bearbeitung zu unterscheiden.

Diese Werke können den Glauben und die persönliche Suche vertiefen. Ihre Aussagen über das Selbst sollten aus ihrem jeweiligen Lehrzusammenhang verstanden werden. Die verschiedenen Hindu-Traditionen beschreiben das Verhältnis von Gott und Seele nicht durchgehend auf dieselbe Weise.

Yoga innerhalb des religiösen Weges

Nataraja: In der tamilischen Shiva-Überlieferung begegnen sich äußere Verehrung, innere Sammlung und die Suche nach befreiender Erkenntnis.

Für tamilische Hindu-Schriften kann Yoga weit mehr bezeichnen als Körperstellungen. Atem, geistige Sammlung, Mantra, Lebensführung und die Hinwendung zu Gott stehen in einem gemeinsamen religiösen Horizont.

Das Tirumantiram von Tirumular nimmt hier eine besondere Stellung ein: Als zehntes Tirumurai gehört es zum heiligen shivaitischen Kanon und entfaltet zugleich umfangreiche Yoga- und Tantra-Lehren. Wer sich für Hatha Yoga, Kundalini Yoga oder Tantra interessiert, findet darin einen bedeutenden tamilischen Bezugstext. Seine Lehren stehen im Zusammenhang mit Shiva-Verehrung und dem Ziel der Befreiung.[11]

Der Vinayagar Agaval verbindet den inneren Yogaweg mit Ganeshas Führung. Avvai Kural, auch Jnana Kural genannt, entfaltet yogische Erkenntnis in kurzen Versen. Agathiyar Jnanam und Bogar Sapta Kandam führen zu den Siddha-Überlieferungen. Diese Werke besitzen unterschiedliche Textgeschichten und unterschiedlichen religiösen Rang; sie bilden keinen einheitlichen „tamilischen Yoga-Kanon“.

Auch die Siddha-Lieder gehören zu diesem weiteren religiösen Literaturraum. Sivavakkiyam, Akappey Siddhar Padalgal, Kudambai Siddhar Padalgal, Pambatti Siddhar Padalgal und Idaikkadar Padalgal befragen äußere Gewohnheiten und richten den Blick auf innere Wahrheit. Ananda Kalippu und Pattinathar Padalgal erinnern eindringlich an Vergänglichkeit und Loslösung. Ihre oft scharfe Sprache verdient eine sorgfältige Auslegung im jeweiligen Gedichtzusammenhang.

Tayumanavar Padalgal lässt besonders deutlich werden, wie Gottesliebe in stilles Verweilen übergehen kann. Für Leser, denen Gebet und Meditation gleichermaßen am Herzen liegen, ist diese Dichtung ein anregender Zugang.

Die Lektüre solcher Werke kann zur eigenen Übung ermutigen. Einzelne Aussagen über Atem oder innere Kräfte sollten dabei im Gesamtzusammenhang verstanden werden, statt aus einer Übersetzung unmittelbar eine unbekannte Übung abzuleiten.

Was gehört zur religiösen Bildung, ohne überall als heilige Schrift zu gelten?

Die Weitergabe von Hindu Dharma umfasst auch Charakterbildung, Sprache und kulturelles Wissen. Für diese Aufgaben können Bücher wichtig sein, die keinen allgemein anerkannten Rang als heilige Schrift besitzen.

Aathichoodi, Kondrai Vendhan, Moodurai und Nalvazhi aus der Avvaiyar-Überlieferung vermitteln Lebensregeln, religiöse Orientierung und anschauliche Weisheit. Sie eignen sich für Gespräche über Lernen, Hilfsbereitschaft, Selbstbeherrschung und den Umgang mit anderen Menschen.

Tirukkural stellt ethische Fragen in großer Breite. Hindu-Familien können aus ihm lernen, ohne zu behaupten, dass nur Hindus einen Zugang zu seiner Weisheit hätten. Tiruvalluva Malai dokumentiert die Verehrung Tiruvalluvars und seines Werkes. Iniyavai Narpathu und Palamoli Nanuru erweitern die Beschäftigung mit tamilischer Lebensweisheit.

Die klassische Sammlung Ettuthokai, die Poetik des Tolkappiyam und Iraiyanar Akapporul erklären kulturelle und sprachliche Hintergründe. Sie sind für das Verständnis religiöser Dichtung hilfreich, aber nicht insgesamt als Sammlungen von Hindu-Gebeten einzuordnen. Innerhalb der klassischen Literatur besitzt etwa Paripatal einen besonders erkennbaren Bezug zu frühen Formen der Gottesverehrung.

Tamilische Literatur und Hindu-Literatur sind nicht deckungsgleich. Auch buddhistische und jainistische Überlieferungen gehören zur Geschichte tamilischer Literatur. Sie verdienen ihre eigene Darstellung und sollten nicht allein wegen ihrer Sprache als Hindu-Schriften bezeichnet werden. Die umfassendere Seite Tamilische Schriften erschließt den größeren Literaturbestand.

Ein besonderer Fall: Ayyavazhi

Akilathirattu Ammanai und Arul Nool sind heilige Texte der Ayyavazhi-Tradition um Ayya Vaikundar. Sie stehen in enger Beziehung zu Vorstellungen und Erzählungen des Hindu Dharma, besitzen aber ein eigenes religiöses Selbstverständnis. Ob Ayyavazhi als Strömung innerhalb des Hindu Dharma oder als eigenständige Religion beschrieben wird, hängt auch von der jeweiligen Perspektive ab. Dieser Unterschied sollte bei ihrer Vorstellung sichtbar bleiben.

Ein Sanskritgebet im tamilischen religiösen Alltag

Venkatesha Suprabhatam ist für die Verehrung Venkateshas bedeutsam, wurde aber in Sanskrit verfasst. Seine Verwendung durch tamilische Gläubige macht es zu einem Teil ihres religiösen Lebens, nicht zu einem ursprünglich tamilischsprachigen Werk. Die Unterscheidung erklärt, warum in diesem Artikel nicht jedes von Tamilen rezitierte Gebet unter „tamilische Schrift“ fällt.

Hindu Dharma in Deutschland gemeinsam weitergeben

Eine mehrsprachige Familie muss sich nicht zwischen dem Klang des tamilischen Gebets und dem Verständnis auf Deutsch entscheiden. Beide Zugänge können einander ergänzen. Für manche Angehörige ist Tamil die vertraute Herzenssprache; andere können ihre Fragen auf Deutsch genauer ausdrücken. Religiöses Lernen gewinnt, wenn beides willkommen ist.

Ein gemeinsames Treffen braucht keinen großen Umfang. Eine mögliche Form ist:

  1. Ein Gebet auswählen, das zur eigenen Überlieferung gehört. Ein kurzer, vertrauter Abschnitt genügt.
  2. Den tamilischen Vortrag hören. Wer die Schrift noch nicht lesen kann, folgt einer Umschrift oder hört zunächst aufmerksam zu.
  3. Die Bedeutung erschließen. Welche Gottheit wird angesprochen? Welche Bitte oder welcher Dank kommt zum Ausdruck?
  4. Eine Frage zulassen. Auch Zweifel, unbekannte Begriffe und unterschiedliche Verständnisse dürfen besprochen werden.
  5. Mit einer persönlichen Erinnerung oder einem stillen Moment abschließen. So bleibt Raum für die Beziehung zum Göttlichen.

Dies ist ein Vorschlag für gemeinsames Lernen, keine überlieferte Vorschrift für eine Puja. Die eigene Familien- oder Tempelpraxis behält ihren besonderen Platz.

Für eine Gemeinde kann es hilfreich sein, zu einem oft gesungenen Hymnus eine kurze deutsche Erklärung bereitzuhalten. Sie erleichtert Kindern, Gästen und Angehörigen ohne Tamilkenntnisse die Teilnahme. Dabei muss nicht jede poetische Feinheit sofort erklärt werden. Ein verständlicher Gedanke kann den Zugang öffnen.

Für Menschen, die tamilische Hindu-Religion kennenlernen möchten

Wer eine tamilische Familie oder einen Tempel besucht, begegnet einer lebendigen Gemeinschaft. Ein einzelnes Buch beschreibt deshalb nicht alles, was dort wichtig ist. Aufmerksames Zuhören und Fragen nach der örtlichen Praxis ergänzen die Lektüre.

Hilfreiche Fragen sind: Welcher Text wird gerade gesungen? An wen richtet sich das Gebet? Gehört es zu einer Festzeit? Wer hat es der Familie oder Gemeinde vermittelt? Solche Fragen lassen die Menschen selbst erklären, was ihnen heilig ist.

Bei einer Einladung zum Mitsingen kann eine Umschrift helfen. Eine deutsche Übersetzung erschließt den Inhalt, während kundige Rezitierende die Aussprache vermitteln. Religiöse Teilnahme und bloßes Interesse können dabei verschiedene Formen annehmen; der respektvolle Umgang miteinander ist die gemeinsame Grundlage.

Hörbeispiel: Tiruppugazh mit Sudha Ragunathan
Amutham Music veröffentlicht hier das Lied Muthai Tharu. Die Aufnahme gibt einen Eindruck davon, wie Arunagirinathars Dichtung in musikalischer Darbietung weiterlebt.

Die Wiki-Ausgaben sinnvoll nutzen

Die verlinkten Artikel enthalten je nach Werk Einführungen, tamilische Texte, Umschriften, deutsche Übersetzungen und Erläuterungen. Bei umfangreichen Sammlungen sind diese Bestandteile auf mehrere Seiten verteilt. Der Hauptartikel ist deshalb der beste Ausgangspunkt, um den Umfang und die zugehörigen Teile zu finden.

Gesuchter Zugang Ausgangspunkte im Wiki
Heilige Shiva-Hymnen und ihr Zusammenhang Thirumurai, Tevaram, Tiruvasagam
Alvar-Hymnen in Text und Auslegung Nalayira Divya Prabhandam, Tiruppavai, Tiruvaymoli, Kategorie:Nalayira Divya Prabandham
Murugan-Gebete und Erzählungen Tiruppugazh, Kanda Sashti Kavacham, Shanmuga Kavacha, Kategorie:Kanda Puranam
Tamilischer Yoga mit deutscher Übertragung Thirumandiram, Thirumandiram Übersetzung, Thirumandiram Tamil, Thirumandiram Umschrift
Ramas Geschichte auf Deutsch Kamba Ramayanam, Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 1, Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 2
Weitere tamilische Schriften und Literatur Kategorie:Tamil Schriften, Kategorie:Tamilische Literatur

Eine Übersetzung macht viele Aussagen zugänglich; sie ersetzt nicht sämtliche Kommentare, sprachlichen Feinheiten oder die Unterweisung einer religiösen Lehrerlinie. Für die gemeinsame Lektüre ist sie dennoch eine wichtige Hilfe: Sie ermöglicht ein Gespräch darüber, was die rezitierten Worte bedeuten.

Tamilische Hindu-Schriften werden lebendig, wenn Menschen ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Das kann im Tempel geschehen, am Hausaltar oder in einem Gespräch zwischen Eltern und Kindern. Ihre Weitergabe bewahrt dann mehr als einen Textbestand: Sie hält die Beziehung zu Gott, zu den Heiligen und zur eigenen Überlieferung offen für die nächste Generation.

Siehe auch

Quellen und Textzugänge

Die religiöse Stellung der Schriften wird aus ihren jeweiligen Überlieferungen heraus beschrieben. Wissenschaftliche Textübersichten ergänzen die Darstellungen religiöser Einrichtungen. Nähere Angaben zu Ausgaben, Übersetzungen und Überlieferungsfragen finden sich in den verlinkten Werkartikeln.

  1. ↑ Himalayan Academy: Hindu Scriptures, Darstellung von Veden, Agamas, religiöser Dichtung und Tempeltradition aus shivaitischer Perspektive.
  2. ↑ Srivaishnavam.com: Frequently Asked Questions, Einordnung des Divya Prabandham als Dravida Veda.
  3. ↑ French Institute of Pondicherry: The Paṉṉiru Tirumuṟai, Aufbau des Kanons; Digital Tevaram, Texte und Tempelbezüge.
  4. ↑ Tirumala Tirupati Devasthanams: Alwar Divya Prabandha Project, Vermittlung der Alvar-Werke und ihrer religiösen Bedeutung.
  5. ↑ KOYIL: Divya Prabandham – e-books, nach Werken und Alvar geordnete Texte und Erläuterungen.
  6. ↑ Kaumaram.com: Kandhar Shashti Kavasam; Kaumaram.com: Shanmuga Kavasam by Pamban Swamigal, tamilische Gebetstexte.
  7. ↑ Siva Vishnu Temple of Ottawa: Abirami Ambal, Darstellung des Hymnus in einer Tempelgemeinschaft der Diaspora.
  8. ↑ South Indian Paintings: Tiruvilayadal Puranam, Erzählfolge und bildliche Überlieferung.
  9. ↑ Sri Ramanasramam: Arunachala Puranam, Werkbeschreibung, Texte und Audios.
  10. ↑ Shaivam.org: Meykanda Noolkal / Santhana Noolkal, Verzeichnis und Textzugänge zum grundlegenden Lehrbestand.
  11. ↑ Himalayan Academy: Tirumantiram, religiöse Einordnung und yogische Themen des Werkes.