Kanninun Siruttambu
Kanninun Siruttambu (Tamil: கண்ணிநுண் சிறுத்தாம்பு, Kaṇṇinuṇ Ciṟuttāmpu), „das dünne, kurze Seil mit Knoten“, ist ein kurzer Hymnus aus elf Strophen in tamilischer Sprache. Er wurde von Madhurakavi Alvar gedichtet, einem der zwölf Alvars, und gehört zum Nalayira Divya Prabandham, der Sammlung der „viertausend göttlichen Hymnen“ des tamilischen Vishnuismus.
Das Besondere dieses Werkes: Während alle anderen Alvars Gott besingen, preist Madhurakavi Alvar in fast allen Strophen seinen Guru, den großen Heiligen Nammalvar. Nur in der ersten Zeile erwähnt er Gott selbst, als Krishna, der sich von seiner Mutter mit einem dünnen Seil binden ließ. Danach wendet er sich ganz seinem Lehrer zu und bekennt: Den Namen seines Gurus auszusprechen, ist ihm süßer als Nektar. Deshalb gilt das Kanninun Siruttambu als das klassische Werk der Guru-Hingabe (Acharya Bhakti) in der tamilischen Tradition.
Obwohl es das kürzeste Werk der Sammlung ist, spielt es eine Schlüsselrolle in ihrer Geschichte. Nach der Überlieferung waren die Hymnen der Alvars fast vergessen, als der Gelehrte Nathamuni die elf Strophen des Kanninun Siruttambu zwölftausendmal unter dem Tamarindenbaum rezitierte, unter dem Nammalvar einst meditiert hatte. Daraufhin erschien ihm Nammalvar und schenkte ihm alle viertausend Hymnen. So wurde der kleine Hymnus zum Schlüssel, der den großen Schatz wieder öffnete.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Kanninun Siruttambu |
| Tamil | கண்ணிநுண் சிறுத்தாம்பு |
| Transliteration | Kaṇṇinuṇ Ciṟuttāmpu |
| Bedeutung | „Das dünne, kurze Seil mit Knoten“ (nach den Anfangsworten) |
| Verfasser | Madhurakavi Alvar (மதுரகவி ஆழ்வார்) |
| Gepriesen wird | Nammalvar, der Guru des Dichters |
| Entstehungszeit | Nach der Forschung meist um das 8. bis 9. Jahrhundert |
| Umfang | 11 Strophen in Antati-Form |
| Sammlung | Nalayira Divya Prabandham, erstes Tausend |
| Bedeutung | Klassisches Werk der Guru-Hingabe; Schlüssel zur Wiederentdeckung der Alvar-Hymnen |
Madhurakavi Alvar und Nammalvar
Das Licht im Süden
Madhurakavi Alvar stammte aus Tirukkolur im Süden Tamil Nadus. Er war ein gelehrter Brahmane und ein begabter Dichter; sein Name bedeutet „der Dichter süßer Verse“. Nach der Überlieferung pilgerte er zu den heiligen Stätten Nordindiens. Als er in Ayodhya weilte, sah er eines Nachts ein helles Licht am südlichen Himmel. Er folgte diesem Licht über viele Tage und Wochen und gelangte schließlich nach Tirukkurugur, dem heutigen Alvar Tirunagari.
Der schweigende Knabe unter dem Tamarindenbaum
Dort fand er die Quelle des Lichts: einen jungen Mann, der in der Höhlung eines alten Tamarindenbaums saß, in tiefer Versenkung. Es war Nammalvar, der seit seiner Geburt geschwiegen und nie Nahrung verlangt hatte. Seine Eltern hatten ihn als Kind in den Tempel gebracht, wo er sich in den Baum zurückzog und dort viele Jahre in Meditation verweilte.
Madhurakavi wollte prüfen, ob der Schweigende sprechen konnte, und stellte ihm eine Rätselfrage: „Wenn das Kleine im Leib des Toten geboren wird, was wird es essen, und wo wird es liegen?“ Gemeint war: Wenn die Seele, die feine, bewusste Wesenheit, im Körper, der unbewussten Materie, geboren wird, wovon lebt sie, und wo findet sie Ruhe?
Da brach Nammalvar sein Schweigen und antwortete: „Das wird es essen, und dort wird es liegen.“ Nach der Deutung der Tradition bedeutet dies: Wenn die Seele sich mit dem Körper identifiziert, lebt sie von den Freuden und Leiden des Körpers und bleibt an ihn gebunden; wendet sie sich aber Gott zu, so findet sie ihre Nahrung und ihre Ruhe in ihm.
Madhurakavi erkannte, dass er vor einem großen Heiligen stand. Obwohl er älter und gelehrt war, wurde er Nammalvars Schüler und diente ihm fortan. Er zeichnete die Hymnen auf, die Nammalvar nun zu singen begann, darunter das große Werk Tiruvaymoli mit über tausend Strophen, und verbreitete sie.
Der erste Vers
கண்ணிநுண் சிறுத்தாம்பினால் கட்டுண்ணப்
பண்ணிய பெருமாயன் என் அப்பனில்
நண்ணித் தென்குருகூர் நம்பி என்றக்கால்
அண்ணிக்கும் அமுதூறும் என் நாவுக்கே.
Kaṇṇinuṇ ciṟuttāmpiṉāl kaṭṭuṇṇap
paṇṇiya perumāyaṉ eṉ appaṉil
naṇṇit teṉkurukūr nampi eṉṟakkāl
aṇṇikkum amutūṟum eṉ nāvukkē.
Mehr noch als der große Wunderwirker, mein Vater,
der sich mit einem dünnen, kurzen, geknoteten Seil binden ließ –
wenn ich ihn nahe und „Nambi von Tenkurugur“ sage,
wird es süß und Nektar quillt auf meiner Zunge.
Eigene Übersetzung nach der verbreiteten Textgestalt.
Der Vers spielt auf eine bekannte Episode aus dem Leben Krishnas an: Als Kind stahl Krishna Butter, und seine Mutter Yashoda wollte ihn zur Strafe an einen Mörser binden. Doch jedes Seil war zu kurz, bis Krishna, gerührt von der Liebe und Mühe seiner Mutter, sich schließlich binden ließ. Deshalb heißt er Damodara, „der mit einem Seil um den Bauch“. Der allmächtige Gott ließ sich aus Liebe von einem kleinen Seil fesseln.
Madhurakavi sagt nun, dass ihm der Name seines Gurus noch süßer ist als der Name dieses Gottes. Das ist keine Geringschätzung Gottes, sondern Ausdruck der Einsicht, dass Gott durch den Guru zu den Menschen kommt.
Die Botschaft der Guru-Hingabe
In den folgenden zehn Strophen singt Madhurakavi fast nur noch von Nammalvar. Er nennt ihn immer wieder „Nambi von Kurugur“ und bekennt, dass er keinen anderen Gott kenne als seinen Lehrer. Er erzählt, wie sein Guru ihn, der in Irrtum und Unwissenheit lebte, aufgenommen und verwandelt hat, und wie er ihm lebenslang dienen will. Die letzte Strophe verheißt allen, die diese Verse mit Glauben sprechen, die Aufnahme in Vaikuntha, die Welt Vishnus.
Die vishnuitische Tradition sieht im Kanninun Siruttambu die Grundlage einer besonderen Lehre: Neben den Wegen der Erkenntnis (Jnana Yoga), des Handelns (Karma Yoga), der Liebe (Bhakti Yoga) und der vollkommenen Hingabe an Gott (Sharanagati) gibt es als „fünften Weg“ die ganze Hingabe an den eigenen Lehrer (Acharya Nishtha). Wer seinem Guru in Liebe und Vertrauen folgt, wird durch ihn zu Gott geführt.
Diese Sicht entspricht einem Grundgedanken vieler indischer Traditionen: Der Guru ist nicht ein Mensch neben Gott, sondern ein Tor, durch das Gottes Gnade wirkt. Die Sanskrit-Tradition fasst dies in dem bekannten Vers zusammen, der den Guru mit Brahma, Vishnu und Shiva gleichsetzt.
Der Schlüssel zu den viertausend Hymnen
Nach Madhurakavi und Nammalvar gerieten die Hymnen der Alvars über Jahrhunderte weitgehend in Vergessenheit. Im 9. oder 10. Jahrhundert hörte der Gelehrte Nathamuni in seinem Heimattempel einige Pilger eine Strophengruppe aus Nammalvars Tiruvaymoli singen. Die letzte Strophe erwähnte, dass sie zu einem Werk von tausend Strophen gehörte. Nathamuni wollte das ganze Werk finden, doch niemand kannte es.
Er reiste nach Tirukkurugur, der Heimat Nammalvars. Dort kannte man die tausend Strophen nicht mehr, wohl aber die elf Strophen des Kanninun Siruttambu. Man riet ihm, diese Verse zwölftausendmal unter dem Tamarindenbaum zu rezitieren, unter dem Nammalvar gesessen hatte. Nathamuni tat es mit großer Hingabe. Da erschien ihm Nammalvar in einer Vision und schenkte ihm nicht nur die tausend Strophen, sondern alle viertausend Hymnen der zwölf Alvars.
Nathamuni ordnete sie, gab ihnen ihre Melodien und begründete damit die Tradition ihrer Rezitation. So wurde der kürzeste Hymnus der Sammlung zum Tor, durch das die ganze Sammlung wieder zugänglich wurde.
Bis heute wird das Kanninun Siruttambu in den Vishnu-Tempeln und in den Häusern der Verehrer rezitiert, oft als Einleitung zur Rezitation von Nammalvars Hymnen.

Spirituelle Bedeutung
Guru-Bhakti
Das Kanninun Siruttambu ist ein Lied der Dankbarkeit an den Lehrer. Es erinnert daran, dass spirituelles Wachstum selten allein geschieht: Meist ist es ein Mensch, der uns den Weg zeigt, uns ermutigt und uns in schwierigen Zeiten trägt. In der Yoga-Tradition, auch in der Linie von Swami Sivananda und Swami Vishnudevananda, hat die Verehrung des Guru einen zentralen Platz. Das Guru Gita und die Feier von Guru Purnima sind Ausdruck dieser Haltung.
Der ältere Gelehrte und der junge Heilige
Madhurakavi war älter und gelehrter als Nammalvar, und doch wurde er sein Schüler. Die Geschichte zeigt eine tiefe Demut: Wahre Weisheit erkennt man nicht an Alter, Stand oder Bildung, sondern an innerer Verwirklichung.
Die Frage nach der Seele
Die Rätselfrage, die Madhurakavi stellte, ist eine Grundfrage jeder spirituellen Suche: Wovon lebt die Seele, und wo findet sie Ruhe? Solange sie sich mit dem Körper identifiziert, bleibt sie an seine Freuden und Leiden gebunden; wendet sie sich dem Göttlichen zu, findet sie ihre wahre Nahrung und ihren Frieden. Diese Einsicht verbindet die tamilische Bhakti mit dem Vedanta.
Gott lässt sich binden
Das Bild vom kleinen Seil, mit dem sich Krishna binden ließ, zeigt, dass Gott sich durch Liebe binden lässt. Keine Macht kann ihn zwingen, aber die Liebe eines hingebungsvollen Herzens zieht ihn an. So wird das kleine Seil zu einem Sinnbild der Bhakti selbst.
Die Kraft der Wiederholung
Nathamunis zwölftausendfache Rezitation erinnert an die Praxis des Japa: Die hingebungsvolle Wiederholung heiliger Worte kann den Geist sammeln und Tore öffnen, die dem Denken allein verschlossen bleiben.
Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten
Nammalvars Tiruvaymoli, das Madhurakavi aufzeichnete, ist das bedeutendste Werk der Alvar-Dichtung. Die Mudhal Tiruvantati und die Munram Tiruvantati der ersten Alvars gehören zur selben Sammlung. Kambar, der Dichter des Kambaramayanam, verfasste das Sadagopar Andhadi, ein Loblied auf Nammalvar, und steht damit in der Nachfolge Madhurakavis. Nathamuni, der die Sammlung wiederentdeckte, ist ein früher Lehrer der Tradition, die später durch Ramanuja ihre philosophische Gestalt als Vishishtadvaita erhielt. Auf shivaitischer Seite entspricht die Tirumurai dem Nalayira Divya Prabandham; auch sie wurde der Überlieferung nach auf wunderbare Weise wiederaufgefunden.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Dankbarkeit für den Lehrer: Denke in der Meditation an einen Menschen, der dich auf deinem Weg geführt hat. Lass Dankbarkeit in deinem Herzen aufsteigen und sende ihm gute Wünsche.
- Die Rätselfrage: Frage dich still: Wovon nährt sich meine Seele? Wo finde ich wahre Ruhe? Lass die Frage wirken, ohne eine schnelle Antwort zu suchen.
- Das kleine Seil: Gott lässt sich durch Liebe binden. Welche kleine Geste der Liebe kannst du heute dem Göttlichen oder einem Menschen darbringen?
- Wiederholung mit Hingabe: Wähle ein kurzes Gebet oder ein Mantra und wiederhole es heute bewusst eine Zeitlang mit Hingabe, etwa mit einer Mala, auch in deiner Yogapraxis.
Das kleine Seil und der große Schatz
Das Kanninun Siruttambu ist klein, nur elf Strophen, und doch öffnete es den Weg zu viertausend Hymnen. Es ist ein Lied der Liebe eines Schülers zu seinem Lehrer und erinnert daran, dass Gott oft durch Menschen zu uns kommt. Wer den Guru ehrt, ehrt die Gnade, die durch ihn wirkt.
Siehe auch
- Alvar
- Guru
- Guru Gita
- Guru Purnima
- Krishna
- Vishnu
- Japa
- Sharanagati
- Ramanuja
- Vishishtadvaita
- Mudhal Tiruvantati
- Munram Tiruvantati
- Kambaramayanam
- Tirumurai
- Tamil
Quellen und Weblinks
- Wikipedia (englisch): Kanninun Cirutampu.
- Wikipedia (englisch): Madhurakavi Alvar.
- Wikipedia (englisch): Naalayira Divya Prabandham.
- Project Madurai: Werkverzeichnis, mit dem tamilischen Text des Nalayira Divya Prabandham.
- John Carman, Vasudha Narayanan: The Tamil Veda. Pillan's Interpretation of the Tiruvaymoli, Chicago 1989.
Seminare
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