Margazhi
Margazhi (Tamil: மார்கழி, Mārkaḻi) ist der neunte Monat des tamilischen Sonnenkalenders. Er beginnt, wenn die Sonne in das Tierkreiszeichen Schütze (Sanskrit Dhanus) eintritt, und dauert etwa vom 16. Dezember bis zum 14. Januar. In Südindien gilt Margazhi als der heiligste Monat des Jahres: ein Monat, der ganz der Gottesverehrung gewidmet ist, mit frühem Aufstehen, Singen vor Sonnenaufgang, Tempelbesuchen und kunstvollen Kolam-Mustern vor den Häusern.
In der Bhagavad Gita sagt Krishna: „Unter den Monaten bin ich Margashirsha“ (10.35). Margazhi ist die tamilische Entsprechung dieses Monats. Die Tradition erklärt seine Heiligkeit so: Ein Menschenjahr entspricht einem Tag der Götter. Die sechs Monate, in denen die Sonne nach Norden zieht (Uttarayana), sind der Tag der Götter, die sechs Monate des Südlaufs ihre Nacht. Margazhi, der Monat unmittelbar vor dem Beginn des Uttarayana, ist demnach die Morgendämmerung der Götter, ihre Brahma Muhurta, die heilige Stunde vor Sonnenaufgang, die besonders für Gebet und Meditation geeignet ist.
In diesem Monat werden zwei der schönsten Werke der tamilischen Andachtsliteratur gesungen: die Tiruppavai der Dichterheiligen Andal und die Tiruvempavai des Shiva-Heiligen Manikkavacakar. Margazhi ist auch die Zeit großer Feste wie Vaikuntha Ekadashi und Arudra Darshanam und der berühmten Musiksaison von Chennai. Für Yoga-Übende ist Margazhi eine Einladung, die Kraft der frühen Morgenstunden für die eigene spirituelle Praxis zu entdecken.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Name | Margazhi |
| Tamil | மார்கழி |
| Sanskrit-Entsprechung | Margashirsha (Mārgaśīrṣa); im Sonnenkalender Dhanur Masa |
| Zeit | Etwa 16. Dezember bis 14. Januar |
| Sonnenstand | Sonne im Schützen (Dhanus) |
| Bedeutung | Heiligster Monat des tamilischen Jahres; „Morgendämmerung der Götter“ |
| Heilige Lieder | Tiruppavai (Andal), Tiruvempavai und Tiruppalliyezhuchi (Manikkavacakar) |
| Feste | Vaikuntha Ekadashi, Arudra Darshanam, Hanuman Jayanti (in Tamil Nadu), Bhogi |
| Bräuche | Frühes Aufstehen, Kolam-Muster, Bhajans im Morgengrauen, Pavai-Gelübde, keine Hochzeiten |
| Kultur | Musik- und Tanzsaison in Chennai |
| Folgt | Monat Thai mit dem Erntefest Pongal |
Der Monat, der Krishna ist
In der Bhagavad Gita beschreibt Krishna im 10. Kapitel, wie sich das Göttliche im Besten jeder Gattung zeigt. Dort heißt es:
- बृहत्साम तथा साम्नां गायत्री छन्दसामहम्।
- मासानां मार्गशीर्षोऽहमृतूनां कुसुमाकरः॥
- bṛhat-sāma tathā sāmnāṃ gāyatrī chandasām aham
- māsānāṃ mārga-śīrṣo 'ham ṛtūnāṃ kusumākaraḥ
Unter den Hymnen bin ich das Brihat-Sama, unter den Versmaßen die Gayatri,
unter den Monaten bin ich Margashirsha, unter den Jahreszeiten der blütenreiche Frühling.
Bhagavad Gita 10.35; eigene Übersetzung.
Diese Aussage hat Margazhi in ganz Südindien zum Monat besonderer Gottesnähe gemacht.
Die Morgendämmerung der Götter
Nach der indischen Zeitrechnung entspricht ein Jahr der Menschen einem Tag der Götter. Der Tag der Götter ist das Uttarayana, die Zeit, in der die Sonne nach Norden wandert; er beginnt mit dem Eintritt der Sonne in den Steinbock (Makara Sankranti), der in Tamil Nadu als Pongal gefeiert wird. Die Nacht der Götter ist das Dakshinayana.
Margazhi, der Monat vor Makara Sankranti, entspricht demnach den frühen Morgenstunden der Götter, der Brahma Muhurta. So wie die Stunden vor Sonnenaufgang für den Menschen die beste Zeit für Meditation und Gebet sind, gilt Margazhi als der beste Monat des Jahres für spirituelle Übung. Darum steht er ganz im Zeichen des Gottesdienstes; weltliche Feiern wie Hochzeiten werden in diesem Monat traditionell nicht gefeiert.
Margazhi fällt zudem in die Zeit der Wintersonnenwende, wenn die Nächte am längsten sind und das Licht wieder zu wachsen beginnt. Auch das gibt dem Monat seine Stimmung: Er ist eine Zeit der Erwartung des Lichts.
Die heiligen Lieder des Monats
Tiruppavai
Die Tiruppavai ist ein Werk von 30 Versen der Dichterheiligen Andal, der einzigen Frau unter den zwölf Alvars. Andal lebte im 8. Jahrhundert in Srivilliputtur. In der Tiruppavai stellt sie sich als eines der Hirtenmädchen von Vrindavan vor, das in den kalten Morgenstunden des Margazhi seine Freundinnen weckt, um gemeinsam im Fluss zu baden und zu Krishna zu gehen. Jeder Vers entspricht einem Tag des Monats.
Das Werk beginnt mit den Worten:
- மார்கழித் திங்கள் மதிநிறைந்த நன்னாளால்
- நீராடப் போதுவீர் போதுமினோ நேரிழையீர்
- Mārkaḻit tiṅkaḷ matiniṟainta naṉṉāḷāl
- nīrāṭap pōtuvīr pōtumiṉō nēriḻaiyīr
Im Monat Margazhi, an diesem guten Tag des vollen Mondes,
ihr schön geschmückten Mädchen, die ihr baden gehen wollt, kommt, kommt!
Eigene Übersetzung des Anfangs.
Die Tiruppavai wird im Monat Margazhi in allen Vishnu-Tempeln Südindiens und in unzähligen Häusern gesungen. Im Tempel von Tirumala wird sie in diesem Monat sogar anstelle des sonst üblichen Morgenliedes gesungen. Sie gilt als Essenz der Vishnu-Verehrung.
Tiruvempavai und Tiruppalliyezhuchi
Auch die Shiva-Verehrer haben ihre Margazhi-Lieder: die Tiruvempavai (20 Verse) und die Tiruppalliyezhuchi (10 Verse) des großen Shiva-Heiligen Manikkavacakar, Teil seines Tiruvasagam. In der Tiruvempavai wecken junge Mädchen einander in der Morgendämmerung, um gemeinsam zu baden und Shiva zu preisen. Das Werk beginnt mit dem Lob Shivas als des „Lichtes ohne Anfang und Ende“:
- ஆதியும் அந்தமும் இல்லா அரும்பெருஞ்
- சோதியை யாம்பாடக் கேட்டேயும் …
- Ātiyum antamum illā arumperuñ
- cōtiyai yām pāṭak kēṭṭēyum …
Obwohl du hörtest, wie wir das seltene, große Licht besangen,
das weder Anfang noch Ende hat …
Eigene Übersetzung des Anfangs.
Die Tiruppalliyezhuchi ist ein Weckgesang, mit dem Shiva am Morgen geweckt wird. Beide Werke werden in den Shiva-Tempeln Tamil Nadus im Monat Margazhi gesungen.
Das Pavai-Gelübde
Beide Werke nehmen einen alten Brauch auf: das Pavai Nonbu, ein Gelübde junger Mädchen im Monat Margazhi. Sie standen vor Sonnenaufgang auf, badeten gemeinsam im Fluss, formten eine Figur der Göttin (Pavai) aus Sand und beteten um Segen. Andal und Manikkavacakar haben diesen Brauch zu einem Bild der Seele gemacht, die in der Morgendämmerung erwacht und Gott sucht.
Feste im Monat Margazhi
| Fest | Bedeutung |
|---|---|
| Vaikuntha Ekadashi | Der elfte Mondtag der hellen Monatshälfte. Die „Pforte zum Himmel“ (Paramapada Vasal oder Sorga Vasal) wird in den Vishnu-Tempeln geöffnet, besonders feierlich in Srirangam. Viele fasten und wachen die Nacht hindurch. |
| Arudra Darshanam (Tiruvathirai) | Fest des tanzenden Shiva, Nataraja, am Tag des Sterns Ardra, besonders in Chidambaram. Man feiert den kosmischen Tanz Shivas. |
| Hanuman Jayanti | In Tamil Nadu wird der Geburtstag Hanumans im Monat Margazhi gefeiert. |
| Bhogi | Der letzte Tag des Monats. Altes wird verbrannt oder weggegeben, um Platz für das Neue zu schaffen; am nächsten Tag beginnt mit Pongal der Monat Thai. |
Bräuche
Frühes Aufstehen
Im Monat Margazhi stehen viele Familien in Südindien vor Sonnenaufgang auf, baden und beten. Die Tempel öffnen besonders früh. Gruppen ziehen in der Morgendämmerung singend durch die Straßen (Margazhi Bhajans) und wecken die Nachbarschaft mit Gottesnamen.
Kolam
Vor jedem Haus zeichnen die Frauen im Morgengrauen kunstvolle Muster aus Reismehl auf den Boden, die Kolams. Im Monat Margazhi werden sie besonders groß und prächtig gestaltet und oft mit Blüten, etwa Kürbisblüten, geschmückt. Das Reismehl dient zugleich als Nahrung für Ameisen und kleine Tiere, ein Ausdruck der Fürsorge für alle Wesen.
Keine Hochzeiten
Weil Margazhi ganz Gott gewidmet ist, werden in diesem Monat traditionell keine Hochzeiten und andere große weltliche Feiern abgehalten.
Die Musiksaison von Chennai
Margazhi ist auch die Zeit der berühmten Musik- und Tanzsaison in Chennai, die oft als „Margazhi Music Festival“ oder „December Season“ bezeichnet wird. Seit dem frühen 20. Jahrhundert, besonders seit der Gründung der Madras Music Academy, finden in dieser Zeit Hunderte von Konzerten karnatischer Musik und Aufführungen des klassischen Tanzes Bharatanatyam statt. Die Werke der großen Komponisten, etwa Muthuswami Dikshitar, Tyagaraja und Syama Sastri, erklingen in zahllosen Sälen. Musiker und Zuhörer aus aller Welt kommen nach Chennai. So verbindet Margazhi Spiritualität und Kunst.

Margazhi und Yoga
Die Kraft der frühen Morgenstunden
Der wichtigste Impuls von Margazhi für Yoga-Übende ist die Wertschätzung der Brahma Muhurta, der Zeit vor Sonnenaufgang. Die Yoga-Tradition, auch Swami Sivananda, empfiehlt diese Stunden besonders für Meditation, Pranayama und Gebet: Der Geist ist ruhig, die Umgebung still, und die Atmosphäre ist, wie es heißt, voller Sattva, Reinheit und Klarheit. In vielen Ashrams beginnt der Tag deshalb mit einer Meditation vor Sonnenaufgang.
Ein Monat der Sadhana
Margazhi lädt ein, für einen Monat die spirituelle Praxis bewusst zu vertiefen: früher aufzustehen, regelmäßig zu meditieren, zu singen und zu beten. Ein solcher Monat der intensiven Übung kann eine Kraft entfalten, die das ganze Jahr trägt.
Singen als Weg
Die Lieder von Andal und Manikkavacakar zeigen, wie das gemeinsame Singen in der Morgendämmerung das Herz öffnet. Das entspricht dem Kirtan und dem Bhakti Yoga.
Das Licht in der dunklen Zeit
Margazhi fällt in die dunkelste Zeit des Jahres, zugleich wächst das Licht wieder. Wer in dieser Zeit übt, kann erfahren, wie das innere Licht gerade in der Dunkelheit leuchtet. Für Menschen in Mitteleuropa, wo diese Zeit mit Advent, Weihnachten und dem Jahreswechsel zusammenfällt, kann Margazhi eine schöne Brücke zwischen den Traditionen sein.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Eine Margazhi-Praxis: Nimm dir vor, in der Zeit vom 16. Dezember bis 14. Januar jeden Morgen etwas früher aufzustehen und vor Sonnenaufgang zu meditieren, auch wenn es nur zehn Minuten sind.
- Ein Vers am Tag: Lies jeden Tag einen der 30 Verse der Tiruppavai oder einen der Verse der Tiruvempavai in Übersetzung und nimm einen Gedanken daraus mit in den Tag.
- Ein inneres Kolam: Stelle dir in der Meditation ein leuchtendes Muster vor, das du jeden Morgen im Herzen zeichnest, als Willkommen für das Göttliche.
- Singen in der Dämmerung: Singe am frühen Morgen einen Kirtan oder ein Mantra, um dich selbst und, im übertragenen Sinn, deine Umgebung zu wecken.
- Bhogi im Inneren: Überlege am Ende des Monats, was du loslassen möchtest, um Raum für Neues zu schaffen, auch in deiner Yogapraxis.

Die Morgendämmerung des Jahres
Margazhi ist ein Monat, in dem ganz Südindien früh aufsteht, um Gott zu begrüßen. Die Lieder der Andal und des Manikkavacakar, die Kolams vor den Häusern, die Gesänge in den Straßen und die Feste in den Tempeln machen ihn zu einer Zeit der Hingabe und der Freude. Er erinnert daran, dass jeder Morgen eine Einladung ist, im Licht des Göttlichen zu erwachen.
Siehe auch
- Tiruppavai
- Andal
- Tiruvempavai
- Manikkavacakar
- Alvar
- Brahma Muhurta
- Uttarayana
- Bhagavad Gita
- Krishna
- Nataraja
- Chidambaram
- Muthuswami Dikshitar
- Kirtan
- Bhakti Yoga
- Tamil
Quellen und Weblinks
- Bhagavad Gita 10.35.
- Project Madurai, tamilische Volltexte, darunter die Tiruppavai und das Tiruvasagam mit der Tiruvempavai.
- Vidya Dehejia: Antal and Her Path of Love. Poems of a Woman Saint from South India. Albany 1990.
- Glenn E. Yocum: Hymns to the Dancing Siva. A Study of Manikkavacakar's Tiruvacakam. New Delhi 1982.
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