Sankarpa Nirakaranam

Aus Yogawiki

Sankarpa Nirakaranam (Tamil: சங்கற்ப நிராகரணம், Caṅkaṟpa Nirākaraṇam; Sanskrit: Saṅkalpa-nirākaraṇa; auch Sankalpa Nirakaranam) ist ein philosophisches Lehrwerk des Shaiva Siddhanta, verfasst von Umapati Shivacharya, dem vierten der großen Lehrer (Santana Guru) dieser Tradition. Es ist das letzte der vierzehn Meykanda Shastras, der grundlegenden Lehrschriften des tamilischen Shaiva Siddhanta, und das einzige, das sein eigenes Entstehungsjahr nennt: Saka 1235, also 1313 nach Christus.

Der Titel bedeutet „Darlegung und Widerlegung“ oder „Widerlegung der (gegnerischen) Auffassungen“. Das Werk untersucht neun philosophische Schulen, die dem Shaiva Siddhanta nahestehen, weil sie ebenfalls Shiva verehren und die Agamas anerkennen, sich aber in der Frage unterscheiden, wie Gott, Seele und Welt zueinander stehen. Umapati stellt jede dieser Lehren dar, lässt sie von der nächsten widerlegen und führt so Schritt für Schritt zu der Lehre, die er für die vollkommene hält: dem Shaiva Siddhanta als „Ende der Enden“. Das Werk ist damit eine der wichtigsten Quellen für die Vielfalt des mittelalterlichen Shivaismus in Südindien.

Nataraja von Chidambaram: Umapati Shivacharya war Priester in Chidambaram, dem Heiligtum des tanzenden Shiva.

Sankarpa Nirakaranam auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Sankarpa Nirakaranam; auch Sankalpa Nirakaranam
Tamil சங்கற்ப நிராகரணம் (Caṅkaṟpa Nirākaraṇam)
Bedeutung „Darlegung und Widerlegung“; „Widerlegung der Auffassungen“
Verfasser Umapati Shivacharya, vierter Santana Guru des Shaiva Siddhanta
Entstehung Saka 1235 = 1313 n. Chr., im Werk selbst angegeben
Ort Chidambaram
Umfang 20 Abschnitte, rund 975 Zeilen
Versmaß Akaval (Asiriyappa)
Stellung Das 14. und letzte der vierzehn Meykanda Shastras
Inhalt Darstellung und Widerlegung von neun „inneren“ Schulen des Shivaismus
Englische Übersetzung N. Murugesa Mudaliar, Dharmapuram Adhinam 1976

Name und Bedeutung

Der Titel verbindet zwei Sanskritwörter: Saṅkalpa und Nirākaraṇa. Saṅkalpa bedeutet hier eine Auffassung, Annahme oder Vorstellung, besonders die Lehrmeinung der Gegenseite. Nirākaraṇa bedeutet „Zurückweisung, Widerlegung“. Der Titel lässt sich deshalb als „Widerlegung der (falschen) Auffassungen“ übersetzen. Man kann ihn auch als „Darlegung und Widerlegung“ verstehen, denn das Werk stellt jede Lehre zuerst ausführlich und sachlich dar, bevor es sie kritisiert.

Diese Vorgehensweise entspricht einer alten Tradition der indischen Philosophie: Zuerst wird die Gegenposition dargestellt (Purvapaksha), dann folgt ihre Prüfung und die Darlegung der eigenen Lehre (Siddhanta).

Der Verfasser: Umapati Shivacharya

Umapati Shivacharya lebte im 13. und 14. Jahrhundert in Chidambaram und gehörte zu den Dikshitars, den Priestern des Nataraja-Tempels. Nach der Überlieferung wurde er Schüler von Marai Jnana Sambandar, einem Shiva-Verehrer, der nicht der Priesterschaft angehörte, was ihm den Unmut seiner Standesgenossen eintrug. Er wurde zum vierten der großen menschlichen Lehrer des Shaiva Siddhanta, der Pura Santana Kuravar: Meykandar, Arulnandi Shivacharya, Marai Jnana Sambandar und Umapati Shivacharya.

Umapati verfasste acht der vierzehn Meykanda Shastras, darunter das Sivaprakasam und das Tiruvarutpayan. Das Sankarpa Nirakaranam ist sein philosophisch anspruchsvollstes Werk. Weil es sein Entstehungsjahr nennt, ist es zugleich die wichtigste Grundlage für die Datierung Umapatis und der späten Meykanda Shastras.

Hintergrund: Äußere und innere Schulen

Die Lehrer des Shaiva Siddhanta unterschieden verschiedene Gruppen anderer Lehren:

  • die äußeren Schulen (Purachamayam), die außerhalb des Shivaismus stehen, wie die Materialisten, die buddhistischen Schulen, die Jainas, die Mimamsa, das Sankhya oder den Pancharatra;
  • die inneren Schulen (Akachamayam), die ebenfalls Shiva verehren und die Autorität der Agamas anerkennen, ja sogar die drei Grundbegriffe des Shaiva Siddhanta teilen: Gott (Pati), die Seele (Pasu) und die Fesseln (Pasa), die sich aber in feineren Fragen unterscheiden.

Bereits Arulnandi Shivacharya hatte in seinem Sivajnana Siddhiyar vierzehn äußere Schulen dargestellt und widerlegt. Umapati geht mit dem Sankarpa Nirakaranam einen Schritt weiter: Er wendet sich den inneren Schulen zu, also den Richtungen, die dem Shaiva Siddhanta am nächsten stehen. Gerade deshalb ist seine Unterscheidung besonders fein.

Die neun Schulen

Das Sankarpa Nirakaranam stellt neun Schulen dar und widerlegt sie:

Schule Bedeutung des Namens Grundgedanke (vereinfacht)
Mayavada Lehre von der Maya Die Welt ist Erscheinung (Maya); die Seele ist in Wahrheit mit dem Absoluten identisch. Gemeint ist die Lehre des Advaita Vedanta.
Aikyavada Lehre von der Einheit Die Seele wird in der Befreiung völlig eins mit Shiva und verschmilzt in ihm.
Pashanavada Lehre vom Stein Die befreite Seele verharrt wie ein Stein, ohne Erfahrung der Glückseligkeit.
Bhedavada Lehre vom Unterschied Die Seele bleibt auch in der Befreiung völlig von Shiva getrennt.
Shivasamavada Lehre von der Gleichheit mit Shiva Die befreite Seele wird Shiva gleich, mit denselben Kräften.
Shivasankrantavada Lehre vom Übergang Shivas Shiva tritt in die Seele ein und wirkt an ihrer Stelle.
Ishvara-Avikaravada Lehre von der Unveränderlichkeit Gottes Die Seele erfährt die Glückseligkeit, Gott selbst bleibt dabei völlig unberührt.
Nimittakarana-Parinamavada Lehre von der Verwandlung der Wirkursache Gott selbst verwandelt sich in die Welt.
Shivadvaitavada (Saivavada) Lehre von der Nichtzweiheit Shivas Eine andere Form der Einheitslehre im Shivaismus.

Die längsten Abschnitte des Werkes sind der Widerlegung des Mayavada und der Lehre von der Verwandlung der Wirkursache gewidmet.

Die Methode der Kette

Eine Besonderheit des Werkes ist sein Aufbau als Kette: Umapati lässt die erste Lehre, den Mayavada, vom Standpunkt der zweiten, des Aikyavada, widerlegen. Dann wird der Aikyavada vom Standpunkt des Pashanavada widerlegt, und so fort, bis schließlich die letzte Schule an der Reihe ist und das Shaiva Siddhanta als die Lehre erscheint, die alle berechtigten Anliegen der anderen Schulen aufnimmt und ihre Schwächen überwindet. Die Schulen kritisieren sich also gegenseitig, und der Leser wird Schritt für Schritt zu einer immer feineren Unterscheidung geführt.

Die Lehre des Shaiva Siddhanta im Hintergrund

Um zu verstehen, was Umapati an den anderen Schulen kritisiert, hilft ein Blick auf seine eigene Lehre. Das Shaiva Siddhanta lehrt drei ewige Wirklichkeiten:

  • Pati, den Herrn: Shiva, reines Bewusstsein und Gnade,
  • Pasu, die Seelen, die von Anfang an existieren,
  • Pasa, die Fesseln, die die Seelen binden: vor allem die ursprüngliche Unreinheit (Anava), das Karma und die Maya.

In der Befreiung wird die Seele durch Shivas Gnade von den Fesseln gelöst. Sie wird dann nicht einfach zu Shiva, verliert sich aber auch nicht völlig in ihm und bleibt nicht von ihm getrennt. Das Shaiva Siddhanta beschreibt diese Beziehung als Advaita im besonderen Sinn: nicht „eins“, aber auch nicht „zwei“, eine untrennbare Einheit, in der die Seele an Shivas Glückseligkeit teilhat, wie die Seele im Körper ist, ohne der Körper zu sein. Diese feine Beziehung nennt die Tradition auch Shuddhadvaita, „reine Nichtzweiheit“.

Aus dieser Sicht erscheinen die anderen Schulen jeweils als einseitig: Die einen lösen die Seele ganz in Shiva auf, die anderen trennen sie ganz von ihm, wieder andere machen sie Shiva gleich oder lassen sie ohne Erfahrung verharren.

Der Dialog mit dem Advaita Vedanta

Besonders ausführlich setzt sich Umapati mit dem Mayavada auseinander, also mit dem Advaita Vedanta in der Tradition Shankaras. Er kritisiert unter anderem, dass diese Lehre nicht erklären könne, woher das Nichtwissen (Avidya) kommt, wenn doch nur das reine Brahman wirklich sei. Auch die großen Aussprüche der Upanishaden wie Tat tvam asi, „Das bist du“, und Aham brahmasmi, „Ich bin Brahman“, deutet er nicht als Aussagen völliger Identität, sondern als Ausdruck der innigen, untrennbaren Einheit von Seele und Gott.

Diese Auseinandersetzung ist Teil eines jahrhundertelangen Gesprächs zwischen den großen Schulen der indischen Philosophie. Die Anhänger des Advaita Vedanta haben ihrerseits ihre Antworten auf solche Einwände gegeben. Für die Leser von heute ist das Sankarpa Nirakaranam deshalb auch ein Zeugnis für die Tiefe und Genauigkeit, mit der in der indischen Tradition über das Verhältnis von Gott, Seele und Welt nachgedacht wurde.

Bedeutung

Für die Geschichte der Philosophie

Das Sankarpa Nirakaranam ist eine einzigartige Quelle für die Vielfalt der shivaitischen Lehren im mittelalterlichen Südindien. Viele der dargestellten Schulen sind sonst kaum oder gar nicht überliefert. Zusammen mit dem Sivajnana Siddhiyar von Arulnandi ergibt es ein fast vollständiges Bild der philosophischen Landschaft, mit der sich das Shaiva Siddhanta auseinandersetzte.

Für die Datierung

Da es das einzige Meykanda Shastra mit einer eigenen Jahresangabe ist, ist das Sankarpa Nirakaranam der feste Anker für die Chronologie der ganzen Lehrerlinie von Meykandar bis Umapati. Manche Darstellungen nennen das Jahr 1323; die meisten Gelehrten lesen die Angabe Saka 1235 jedoch als 1313 nach Christus.

Für den Shaiva Siddhanta

Als letztes der vierzehn Lehrwerke schließt das Sankarpa Nirakaranam die klassische Systematik des Shaiva Siddhanta ab. Nach Meykandars Sivajnana Bodham, dem Grundtext, und den Erläuterungen der folgenden Lehrer grenzt es die Lehre nun auch gegenüber ihren nächsten Verwandten ab. Im Shaiva Siddhanta gilt die Lehre deshalb als Siddhanta, als die „feststehende Schlussfolgerung“, zu der alle anderen Schulen hinführen.

Die vierzehn Meykanda Shastras

Das Sankarpa Nirakaranam gehört zu den vierzehn Grundschriften des Shaiva Siddhanta:

  • von Meykandar: Sivajnana Bodham, der Grundtext in zwölf Lehrsätzen;
  • von Arulnandi Shivacharya: Sivajnana Siddhiyar und Irupa Irupathu;
  • von Manavachakam Kadandar: Unmai Vilakkam;
  • von Umapati Shivacharya: acht Werke, darunter Sivaprakasam, Tiruvarutpayan und als letztes das Sankarpa Nirakaranam. Bei einem dieser Werke, dem Unmai Neri Vilakkam, ist die Zuschreibung umstritten; manche nennen Tattuvanathar als Verfasser;
  • sowie zwei ältere Werke, das Tiruvundiyar und das Tirukkalitruppadiyar.

Sankarpa Nirakaranam und Yoga

Unterscheidung als spirituelle Übung

Die sorgfältige Unterscheidung zwischen verschiedenen Lehren ist in der indischen Tradition nicht nur eine intellektuelle Übung, sondern Teil des spirituellen Weges. Im Jnana Yoga heißt die Kraft der Unterscheidung Viveka. Das Sankarpa Nirakaranam lädt dazu ein, genau hinzuschauen: Was meine ich, wenn ich von „Einheit mit Gott“ spreche? Ist es völliges Aufgehen, untrennbare Nähe oder Gleichheit?

Verschiedene Wege, ein Ziel

In der Tradition Swami Sivanandas, auf die sich Yoga Vidya beruft, werden die Unterschiede zwischen den Schulen geachtet, zugleich aber als verschiedene Blickwinkel auf dieselbe Wahrheit verstanden. Swami Sivananda lehrte den Advaita Vedanta als höchste Erkenntnis und schätzte zugleich die Liebe und Hingabe der Bhakti-Traditionen, zu denen auch der Shaiva Siddhanta gehört. Wer mit Hingabe zu Shiva betet, erlebt die Beziehung zu Gott als innige Nähe, wie der Shaiva Siddhanta sie beschreibt; wer in der Meditation in der Stille des Selbst ruht, erfährt die Einheit, von der der Advaita spricht.

Das Gespräch zwischen den Traditionen

Das Werk zeigt auch, wie ernsthaft und genau in der indischen Tradition zwischen verschiedenen Auffassungen gerungen wurde. Diese Streitkultur, bei der die Gegenseite zuerst sorgfältig dargestellt wird, bevor man sie kritisiert, kann ein Vorbild für heutige Gespräche zwischen verschiedenen spirituellen Richtungen sein.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die eigene Gottesbeziehung erforschen: Frage dich in einer stillen Stunde: Wie erlebe ich meine Beziehung zum Göttlichen? Als Einheit, als Nähe, als Gegenüber? Lass alle Antworten zu, ohne sie zu bewerten.
  • Zuerst verstehen, dann urteilen: Wenn du heute einer Meinung begegnest, die dir fremd ist, versuche sie zuerst so gut wie möglich zu verstehen, bevor du sie bewertest, so wie Umapati jede Lehre zuerst sorgfältig darstellt.
  • Meditation mit Om Namah Shivaya: Wiederhole in einer Meditation das Mantra Om Namah Shivaya und spüre die Gegenwart Shivas in deinem Herzen, als innigste Nähe, die dich trägt. So verbinden sich im Yoga Erkenntnis und Hingabe.
Das Licht der Erkenntnis im Herzen.

Häufige Fragen zum Sankarpa Nirakaranam

Was ist das Sankarpa Nirakaranam?
Ein philosophisches Werk des Shaiva Siddhanta von Umapati Shivacharya aus dem Jahr 1313. Es stellt neun shivaitische Schulen dar und widerlegt sie.

Was bedeutet der Titel?
Sankarpa Nirakaranam bedeutet „Darlegung und Widerlegung“ oder „Widerlegung der (gegnerischen) Auffassungen“.

Welche Schulen werden widerlegt?
Mayavada, Aikyavada, Pashanavada, Bhedavada, Shivasamavada, Shivasankrantavada, Ishvara-Avikaravada, Nimittakarana-Parinamavada und Shivadvaitavada.

Warum ist das Werk für die Datierung wichtig?
Es ist das einzige der vierzehn Meykanda Shastras, das sein Entstehungsjahr nennt (Saka 1235, also 1313), und damit der Anker für die Chronologie der Lehrer des Shaiva Siddhanta.

Was ist der Unterschied zwischen Shaiva Siddhanta und Advaita Vedanta?
Der Advaita Vedanta lehrt die völlige Identität von Seele und Brahman. Der Shaiva Siddhanta lehrt, dass die Seele in der Befreiung untrennbar mit Shiva verbunden ist und an seiner Glückseligkeit teilhat, ohne jedoch Shiva zu werden.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

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Siehe auch

Quellen und Literatur

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