Tirukkuruntantakam

Aus Yogawiki

Tirukkuruntantakam (Tamil: திருக்குறுந்தாண்டகம், wissenschaftliche Umschrift: Tirukkuṟuntāṇṭakam, auch Thirukkurundhandakam) ist eine Sammlung von zwanzig tamilischen Hymnen des Tirumangai Alvar an Vishnu. Ihr Titel bedeutet sinngemäß „Das heilige kurze Tandakam“. Das Werk gehört zum Nalayira Divya Prabandham, der großen Hymnensammlung der Alvar und einem Herzstück der tamilischen Bhakti-Tradition. In der hier verwendeten Zählung trägt es die Nummern 2032–2051.[1]

Ein unruhiges Herz sucht Halt. Es findet Worte für seine Not, erinnert sich an göttliche Schönheit und erfährt einen Zuspruch: „Fürchte dich nicht.“ Aus dieser Bewegung lebt das Tirukkuruntantakam. Der Herr erscheint als Schatz, als Honig, als Zuckerrohrsaft und als Licht. Zugleich spricht der Dichter offen von Zerstreuung, versäumter Hinwendung und der Sehnsucht nach Befreiung. Seine Lieder geben der Hingabe eine menschliche Stimme, in der Freude und Verletzlichkeit nebeneinander Platz haben. Wer sie langsam liest, begegnet einem Menschen, der sein ganzes Leben ins Gebet legt. Auch Zweifel und versäumte Möglichkeiten dürfen darin zur Sprache kommen; immer wieder öffnet sich der Blick für Gnade und einen neuen Anfang.

Vishnu auf Ananta. Die Darstellung veranschaulicht die Verehrung des Herrn, der im Werk auch als Ranganatha von Srirangam besungen wird.

Autor, Datierung und Überlieferung

Tirumangai Alvar (திருமங்கையாழ்வார், Tirumaṅkai Āḻvār) gehört zu den zwölf Alvar. Er wird auch Kaliyan und Parakalan genannt. Häufig wird er in das spätere 8. Jahrhundert eingeordnet; die historischen Datierungen reichen teilweise in das 9. Jahrhundert hinein. Ein genaues Entstehungsjahr des Tirukkuruntantakam ist nicht gesichert. Die religiösen Lebensgeschichten des Dichters gehören zur Heiligenüberlieferung und sind von historisch gesicherten Lebensdaten zu unterscheiden.[2]

Zu seinen weiteren Werken zählen Periya Tirumoli, Tirunetuntantakam, Tiruvelukkutrirukkai, Siriya Tirumadal und Periya Tirumadal. Das Tirukkuruntantakam steht im „zweiten Tausend“ des Divya Prabandham zwischen Periya Tirumoli und Tirunetuntantakam. Das „kurze“ und das „lange“ Tandakam sind eigenständige Werke; die Bezeichnung bezieht sich auf ihre dichterische Form.[3]

Form und spirituelle Grundbewegung

Die zwanzig Strophen bestehen aus jeweils vier Verszeilen. Ihre Form wird als aṟucīrk kaḻineṭilaṭi āciriyaviruttam beschrieben: Jede Zeile hat sechs metrische Einheiten, cīr. Die literarische Bestimmung des tāṇṭakam wird unterschiedlich erklärt; die sechs Einheiten sind nicht einfach sechs Silben. In der folgenden Ausgabe erscheinen die Zeilen entsprechend der elektronischen Vorlage in jeweils zwei Halbzeilen.[3]

Der Dichter preist Narayana in seinen Erscheinungsformen und an seinen heiligen Orten. Wiederholt begegnen Srirangam und Kudandai, das heutige Kumbakonam. Die Liebe sucht dabei auch den inneren Ort der Begegnung: das Herz. Der Schluss von Vers 16 macht die gesamte Dichtung als Gabe verständlich – als Girlande aus Worten.

Drei Motive können die Lektüre begleiten:

  • Erinnerung: Göttliche Eigenschaften und Geschichten geben der Aufmerksamkeit eine Richtung.
  • Zuflucht: Der Dichter bringt seine Unruhe und Unvollkommenheit ins Gebet.
  • Darbringung: Wort, Handlung, Erkenntnis und Liebe werden zu Formen der Verehrung.

Vollständiger Text: Tamil, Umschrift und deutsche Übersetzung

Die folgende Ausgabe enthält alle zwanzig Hymnen. Die deutschen Überschriften sind Lesehilfen. Auf den tamilischen Text folgen eine schriftnahe Umschrift, eine fett gesetzte deutsche Übersetzung und eine kursiv gesetzte Erläuterung. Die Erläuterungen unterscheiden Textbilder, traditionelle Bezüge und heutige Anregungen. Die bei Project Madurai fehlende Halbzeile in Hymnus 4 ist nach der Ausgabe von Sunder Kidāmbi ergänzt; weitere Berichtigungen sind unten ausgewiesen.[4]

In der Umschrift stehen ā, ī, ū, ē, ō für lange Vokale. Die Zeichen ḷ, ḻ, ṟ, ṉ unterscheiden besondere tamilische Konsonanten. Die Umschrift dient dem Nachvollziehen des Schrifttextes; für die gesungene Aussprache ist das Hören einer tamilischen Rezitation hilfreich.

Anrufungen vor dem Werk

Die verwendete Textquelle stellt dem Werk eine Zufluchtsformel für den Dichter und eine Verehrung Ramanujas voran. Sie sind liturgischer Rahmen und gehören nicht zu den zwanzig Hymnen.

Tamil

திருமங்கையாழ்வார் திருவடிகளே சரணம்
ஸ்ரீ: – ஸ்ரீமதே ராமானுஜாய நம:

Umschrift

tirumaṅkaiyāḻvār tiruvaṭikaḷē caraṇam
srī: – srīmatē rāmāṉujāya nama:

Übersetzung

Die heiligen Füße Tirumangai Alvars sind meine Zuflucht. Shri! Verehrung dem ehrwürdigen Ramanuja.

Erläuterung: Die zweite Anrufung ist Sanskrit in tamilischer Schrift. Sie gehört zur späteren liturgischen Überlieferung des Textes.

Hymnus 1 – Der Schatz, der ins Herz kommt

Divya-Prabandham-Nummer 2032.

Tamil

நிதியினைப் பவளத் தூணை
நெறிமையால் நினைய வல்லார்,
கதியினைக் கஞ்சன் மாளக்
கண்டுமுன் அண்டம் ஆளும்,
மதியினை மாலை வாழ்த்தி
வணங்கியென் மனத்து வந்த,
விதியினைக் கண்டு கொண்ட
தொண்டனேன் விடுகி லேனே

Umschrift

nitiyiṉaip pavaḷat tūṇai
neṟimaiyāl niṉaiya vallār,
katiyiṉaik kañcaṉ māḷak
kaṇṭumuṉ aṇṭam āḷum,
matiyiṉai mālai vāḻtti
vaṇaṅkiyeṉ maṉattu vanta,
vitiyiṉaik kaṇṭu koṇṭa
toṇṭaṉēṉ viṭuki lēṉē

Übersetzung

Den Schatz, die Säule aus Koralle, das Ziel derer, die seiner auf rechte Weise gedenken; den Weisen, der einst Kamsas Ende herbeiführte und das Weltall regiert: Ihn, Mal, habe ich gepriesen und verehrt. Ihn, der als mein glückliches Geschick in mein Herz kam, habe ich gefunden. Ich, sein Diener, werde ihn nicht mehr loslassen.

Erläuterung: Der Anfang trägt die Freude einer Entdeckung. Vishnu ist ein Schatz, der im Herzen gegenwärtig wird. „Nicht loslassen“ meint hier die Treue der Hingabe. Der tamilische Gottesname Mal (Māl) bezeichnet hier Vishnu, den großen, geliebten Herrn; die Erinnerung an Kamsa ruft seine Gestalt als Krishna auf.

Hymnus 2 – Herz, sprich von ihm

Divya-Prabandham-Nummer 2033.

Tamil

காற்றினைப் புனலைத் தீயைக்
கடிமதி ளிலங்கை செற்ற
ஏற்றினை, இமயம் மேய
எழில்மணித் திரளை, இன்ப
ஆற்றினை அமுதந் தன்னை
அவுணனா ருயிரை யுண்ட
கூற்றினை, குணங்கொண் டுள்ளம்
கூறுநீ கூறு மாறே.

Umschrift

kāṟṟiṉaip puṉalait tīyaik
kaṭimati ḷilaṅkai ceṟṟa
ēṟṟiṉai, imayam mēya
eḻilmaṇit tiraḷai, iṉpa
āṟṟiṉai amutan taṉṉai
avuṇaṉā ruyirai yuṇṭa
kūṟṟiṉai, kuṇaṅkoṇ ṭuḷḷam
kūṟunī kūṟu māṟē.

Übersetzung

Er ist Wind, Wasser und Feuer; der mächtige Stier, der Lanka mit seinen festen Mauern bezwang; die herrliche Fülle von Edelsteinen, die im Himalaya wohnt; der Strom der Freude, der Nektar selbst; der Tod, der dem Dämon sein kostbares Leben nahm. O Herz, halte dir seine Eigenschaften vor Augen und sprich von ihm, so wie du es vermagst!

Erläuterung: Die Naturbilder verbinden sich mit Rama und Narasimha, der Hiranyakashipu überwältigt. Der „Stier“ ist ein dichterisches Bild königlicher Kraft. Die Einladung an das Herz ist zugleich eine Einladung zum Kirtan: Es darf mit der eigenen Stimme antworten, auch wenn sie schlicht und ungeübt ist.

Hymnus 3 – Der Nektar und der schattige Hain

Divya-Prabandham-Nummer 2034.

Tamil

பாயிரும் பரவை தன்னுள்
பருவரை திரித்து, வானோர்க்
காயிருந் தமுதங்க் கொண்ட
அப்பனை எம்பி ரானை,
வேயிருஞ்சோலை சூழ்ந்து
விரிகதி ரிரிய நின்ற,
மாயிருஞ்சோலை மேய
மைந்தனை வணங்கி னேனே.

Umschrift

pāyirum paravai taṉṉuḷ
paruvarai tirittu, vāṉōrk
kāyirun tamutaṅk koṇṭa
appaṉai empi rāṉai,
vēyiruñcōlai cūḻntu
virikati ririya niṉṟa,
māyiruñcōlai mēya
maintaṉai vaṇaṅki ṉēṉē.

Übersetzung

Den Vater, unseren Herrn, der im weiten, wogenden Meer einen mächtigen Berg drehte und für die Himmelsbewohner den Nektar gewann, habe ich verehrt: den kraftvollen Herrn, der in Maliruncholai wohnt, umgeben von dichten Bambushainen, deren Schatten selbst die weit ausgreifenden Sonnenstrahlen weichen lässt.

Erläuterung: Das Quirlen des Milchozeans und der kühle Wald von Tirumaliruncholai stehen nebeneinander. Der kosmische Retter wird an einem konkreten Ort verehrt. So verbindet tamilische Bhakti die Weite der Mythologie mit Landschaft, Schatten, Wasser und dem Weg zum Tempel.

Hymnus 4 – Mit dem ganzen Wesen empfangen

Divya-Prabandham-Nummer 2035.

Tamil

கேட்கயா னுற்ற துண்டு
கேழலா யுலகங்க் கொண்ட,
பூக்கெழு வண்ணனாரைப்
போதரக் கனவில் கண்டு,
வாக்கினால் கருமந் தன்னால்
மனத்தினால் சிரத்தை தன்னால்,
வேட்கை மீதூர வாங்கி
விழுங்கினேற் கினிய வாறே.

Umschrift

kēṭkayā ṉuṟṟa tuṇṭu
kēḻalā yulakaṅk koṇṭa,
pūkkeḻu vaṇṇaṉāraip
pōtarak kaṉavil kaṇṭu,
vākkiṉāl karuman taṉṉāl
maṉattiṉāl cirattai taṉṉāl,
vēṭkai mītūra vāṅki
viḻuṅkiṉēṟ kiṉiya vāṟē.

Übersetzung

Hört, was mir widerfahren ist! Im Traum sah ich ihn zu mir kommen, den von blühender Schönheit, der als Eber die Erde an sich nahm. Mit meinem Wort, meinem Tun, meinem Geist und meinem geneigten Haupt empfing ich ihn; während mein Verlangen überströmte, nahm ich ihn in mich auf, verschlang ihn gleichsam. Wie süß war es mir!

Erläuterung: Der rettende Eber ist Varaha. Das kühne Bild des Verschlingens drückt die Sehnsucht nach innigster Nähe aus. Wort, Handlung, Geist und Verneigung gehören zusammen. Ähnlich lässt Tiruvaymoli die Gottesliebe als ein Verlangen sprechen, das den ganzen Menschen erfasst.

Hymnus 5 – Wie Wasser im glühenden Eisen

Divya-Prabandham-Nummer 2036.

Tamil

இரும்பனன் றுண்ட நீர்போல்
எம்பெரு மானுக்கு, என்றன்
அரும்பெற லன்பு புக்கிட்
டடிமைபூண் டுய்ந்து போனேன்,
வரும்புயல் வண்ண னாரை
மருவியென் மனத்து வைத்து,
கரும்பின் இன் சாறு போலப்
பருகினேற் கினியவாறே

Umschrift

irumpaṉaṉ ṟuṇṭa nīrpōl
emperu māṉukku, eṉṟaṉ
arumpeṟa laṉpu pukkiṭ
ṭaṭimaipūṇ ṭuyntu pōṉēṉ,
varumpuyal vaṇṇa ṉārai
maruviyeṉ maṉattu vaittu,
karumpiṉ iṉ cāṟu pōlap
parukiṉēṟ kiṉiyavāṟē

Übersetzung

Wie Wasser, das glühendes Eisen aufgenommen hat, ging meine schwer zu erlangende Liebe in unseren Herrn ein. Ich nahm seinen Dienst auf mich und wurde gerettet. Ich schmiegte mich an den, dessen Farbe der heranziehenden Regenwolke gleicht, und ließ ihn in meinem Herzen wohnen. Wie süß war es mir, ihn wie den köstlichen Saft des Zuckerrohrs zu trinken!

Erläuterung: Das Eisenbild lässt die Tiefe der Verbundenheit spüren: Die Liebe ist ganz in ihrem Gegenüber angekommen. Der Vers entfaltet dieses Bild als persönliche Beziehung und freudigen Dienst. Die Süße des Zuckerrohrs erinnert an Tirumalai und an Aravamudan, den unerschöpflichen Nektar im Tiruvelukkutrirukkai.

Hymnus 6 – Welche Worte könnten genügen?

Divya-Prabandham-Nummer 2037.

Tamil

மூவரில் முதல்வ நாய
ஒருவனை யுலகங் கொண்ட,
கோவினைக் குடந்தை மேய
குருமணித் திரளை, இன்பப்
பாவினைப் பச்சைத் தேனைப்
பைம்பொன்னை யமரர் சென்னிப்
பூவினை, புகழும் தொண்டர்
எஞ்சொல்லிப் புகழ்வர் தாமே?

Umschrift

mūvaril mutalva nāya
oruvaṉai yulakaṅ koṇṭa,
kōviṉaik kuṭantai mēya
kurumaṇit tiraḷai, iṉpap
pāviṉaip paccait tēṉaip
paimpoṉṉai yamarar ceṉṉip
pūviṉai, pukaḻum toṇṭar
eñcollip pukaḻvar tāmē?

Übersetzung

Den Einen, der unter den Dreien der Erste ist, den König, der die Welt an sich nahm, die Fülle leuchtender Edelsteine, die in Kudandai wohnt; das Lied der Freude, den frischen Honig, das reine Gold, die Blume auf den Häuptern der Himmelsbewohner: Mit welchen Worten könnten seine Diener ihn gebührend preisen?

Erläuterung: Die „Drei“ sind Brahma, Vishnu und Shiva; die Vorrangstellung Vishnus entspricht der Perspektive des Hymnus. Kudandai ist Kumbakonam. Hier berührt sich das Werk unmittelbar mit dem Tiruvelukkutrirukkai. Der letzte Fragesatz lässt Raum für Stille: Auch dankbares Schweigen kann auf erfahrene Schönheit antworten.

Hymnus 7 – Ehrerbietung für die Liebenden

Divya-Prabandham-Nummer 2038.

Tamil

இம்மையை மறுமை தன்னை
எமக்குவீ டாகி நின்ற,
மெய்ம்மையை விரிந்த சோலை
வியந்திரு வரங்கம் மேய,
செம்மையைக் கருமை தன்னைத்
திருமலை ஒருமை யானை,
தன்மையை நினைவா ரென்றன்
தலைமிசை மன்னு வாரே.

Umschrift

immaiyai maṟumai taṉṉai
emakkuvī ṭāki niṉṟa,
meymmaiyai virinta cōlai
viyantiru varaṅkam mēya,
cemmaiyaik karumai taṉṉait
tirumalai orumai yāṉai,
taṉmaiyai niṉaivā reṉṟaṉ
talaimicai maṉṉu vārē.

Übersetzung

Er ist dieses Leben und das kommende, die Wirklichkeit, die für uns zur Befreiung geworden ist; die Vollkommenheit, die im weiten Tiruvarangam mit seinen ausgedehnten Hainen wohnt; der Dunkelfarbige, der Unvergleichliche auf dem heiligen Berg. Wer seines Wesens gedenkt, soll beständig auf meinem Haupt seinen Ehrenplatz haben.

Erläuterung: Arangam bezeichnet Srirangam, der heilige Berg hier Tirumalai beziehungsweise Tirupati. Der Ortsname Tirumalai („heiliger Berg“) lautet in vereinfachter Umschrift wie der Titel des Gedichts Tirumalai („heilige Girlande“); im Tamil sind es verschiedene Wörter. Der Dichter verehrt auch die Menschen, die dem Herrn zugewandt sind. Aus Gottesliebe wächst Achtung vor den Mitpilgernden. Das Bild des Ehrenplatzes auf dem eigenen Haupt drückt diese Demut besonders eindringlich aus.

Hymnus 8 – Die Kostbarkeit des Menschenlebens

Divya-Prabandham-Nummer 2039.

Tamil

வானிடைப் புயலை மாலை
வரையிடைப் பிரசம் ஈன்ற,
தேனிடைக் கரும்பின் சாற்றைத்
திருவினை மருவி வாழார்,
மானிடப் பிறவி யந்தோ.
மதிக்கிலர் கொள்க, தந்தம்
ஊனிடைக் குரம்பை வாழ்க்கைக்
குறுதியே வேண்டி னாரே.

Umschrift

vāṉiṭaip puyalai mālai
varaiyiṭaip piracam īṉṟa,
tēṉiṭaik karumpiṉ cāṟṟait
tiruviṉai maruvi vāḻār,
māṉiṭap piṟavi yantō.
matikkilar koḷka, tantam
ūṉiṭaik kurampai vāḻkkaik
kuṟutiyē vēṇṭi ṉārē.

Übersetzung

Die nicht in Verbundenheit mit Mal leben – mit der Regenwolke am Himmel, mit dem Honig, den Bienen zwischen den Bergen bereiten, mit dem Zuckerrohrsaft im Honig, mit dem göttlichen Reichtum –, ach, sie schätzen die Geburt als Mensch nicht! Erkennt es: Sie wünschen nur festen Bestand für ihr Leben in der Hütte aus Fleisch.

Erläuterung: Der scharfe Ton gehört zum Weckruf des Dichters. Die „Hütte“ bezeichnet den vergänglichen Körper. Eine heutige Betrachtung kann daraus die Frage gewinnen: Wofür möchte ich meine kostbare Lebenszeit öffnen? Vairagya wird fruchtbar, wenn daraus ein wacheres, liebevolleres Leben entsteht.

Hymnus 9 – Die Ameise auf dem brennenden Holz

Divya-Prabandham-Nummer 2040.

Tamil

உள்ளமோ ஒன்றில் நில்லாது
ஓசையி னெரிநின் றுண்ணும்
கொள்ளிமே லெறும்பு போலக்
குழையுமா லென்ற னுள்ளம்,
தெள்ளியீர். தேவர்க் கெல்லாம்
தேவரா யுலகம் கொண்ட
ஒள்ளியீர், உம்மை யல்லால்
எழுமையும் துணையி லோமே.

Umschrift

uḷḷamō oṉṟil nillātu
ōcaiyi ṉeriniṉ ṟuṇṇum
koḷḷimē leṟumpu pōlak
kuḻaiyumā leṉṟa ṉuḷḷam,
teḷḷiyīr. tēvark kellām
tēvarā yulakam koṇṭa
oḷḷiyīr, ummai yallāl
eḻumaiyum tuṇaiyi lōmē.

Übersetzung

Mein Herz findet nirgends Ruhe. Wie eine Ameise auf einem Holzscheit, den das Feuer knisternd verzehrt, windet sich mein Herz in seiner Not. Du von vollkommener Klarheit! Du Strahlender, der als Gott aller Götter die Welt an sich nahm! Außer dir haben wir durch alle sieben Geburten hindurch keinen Beistand.

Erläuterung: Das Bild benennt die Qual innerer Unruhe ohne Beschönigung. Und mitten darin wird aus dem Selbstgespräch ein Gebet. „Sieben Geburten“ gibt der Bitte die Weite vieler Leben. Sharanagati beginnt hier mit dem aufrichtigen Eingeständnis: Ich brauche Halt.

Hymnus 10 – Lehre mich den nächsten Schritt

Divya-Prabandham-Nummer 2041.

Tamil

சித்தமும் செவ்வை நில்லா
தெஞ்செய்கேன் தீவி னையேன்,
பத்திமைக் கன்பு டையேன்
ஆவதே பணியா யந்தாய்,
முத்தொளி மரகதமே.
முழங்கொளி முகில்வண் ணா,என்
அத்த.நின் னடிமை யல்லால்
யாதுமொன் றறிகி லேனே.

Umschrift

cittamum cevvai nillā
teñceykēṉ tīvi ṉaiyēṉ,
pattimaik kaṉpu ṭaiyēṉ
āvatē paṇiyā yantāy,
muttoḷi marakatamē.
muḻaṅkoḷi mukilvaṇ ṇā,eṉ
atta.niṉ ṉaṭimai yallāl
yātumoṉ ṟaṟiki lēṉē.

Übersetzung

Auch mein Geist bleibt nicht in rechter Sammlung. Was soll ich tun, belastet von schlechten Taten? Ich liebe die Hingabe; Vater, weise mir, was ich tun soll! O Smaragd von perlengleichem Glanz! Du von der Farbe einer donnernden, aufleuchtenden Wolke! Mein Vater, außer dem Dienst an dir kenne ich nichts.

Erläuterung: Chitta, der bewegte Geist, wird zum Gegenstand einer vertrauensvollen Bitte. Der Dichter verlangt von sich keine schon vollendete Konzentration. Er bittet um Führung. Das kann eine einfache heutige Übung anregen: vor dem Handeln still werden und fragen, welcher nächste Schritt der Liebe dient.

Hymnus 11 – Höchstes Licht

Divya-Prabandham-Nummer 2042.

Tamil

தொண்டெல்லாம் பரவி நின்னைத்
தொழுதடி பணியு மாறு
கண்டு, தான் கவலை தீர்ப்பான்
ஆவதே பணியா யெந்தாய்,
அண்டமா யெண்டி சைக்கும்
ஆதியாய் நீதி யான,
பண்டமாம் பரம சோதி.
நின்னையே பரவு வேனே.

Umschrift

toṇṭellām paravi niṉṉait
toḻutaṭi paṇiyu māṟu
kaṇṭu, tāṉ kavalai tīrppāṉ
āvatē paṇiyā yentāy,
aṇṭamā yeṇṭi caikkum
ātiyāy nīti yāṉa,
paṇṭamām parama cōti.
niṉṉaiyē paravu vēṉē.

Übersetzung

Vater, zeige mir, was dazu dient, meine Sorge zu lösen: wie ich dich durch jeglichen Dienst preisen, dich verehren und mich zu deinen Füßen neigen kann. Du bist das Weltall, der Ursprung aller acht Richtungen, das Gut, das die rechte Ordnung selbst ist, das höchste Licht. Dich allein werde ich preisen.

Erläuterung: Die acht Richtungen umfassen die Welt in ihrer ganzen Weite. Zugleich bleibt die Anrede persönlich: „Vater“. Im Bhakti Yoga können kosmisches Staunen und inniges Vertrauen zusammengehören. Der Vers sucht eine Form des Handelns, in der das Herz wieder Richtung findet.

Hymnus 12 – Fürchte dich nicht

Divya-Prabandham-Nummer 2043.

Tamil

ஆவியை யரங்க மாலை
அழுக்குடம் பெச்சில் வாயால்,
தூய்மையில் தொண்ட னேன்நான்
சொல்லினேன் தொல்லை நாமம்,
பாவியேன் பிழைத்த வாறென்
றஞ்சினேற் கஞ்ச லென்று
காவிபோல் வண்ணர் வந்தென்
கண்ணுளே தோன்றினாரே

Umschrift

āviyai yaraṅka mālai
aḻukkuṭam peccil vāyāl,
tūymaiyil toṇṭa ṉēṉnāṉ
colliṉēṉ tollai nāmam,
pāviyēṉ piḻaitta vāṟeṉ
ṟañciṉēṟ kañca leṉṟu
kāvipōl vaṇṇar vanteṉ
kaṇṇuḷē tōṉṟiṉārē

Übersetzung

Ihn, der das Leben selbst ist, Mal von Arangam, habe ich mit dem speichelfeuchten Mund dieses unreinen Körpers angerufen: Ich, sein unreiner Diener, sprach seinen uralten Namen. Als ich erschrak: „Wie habe ich mich verfehlt, ich Sünder!“, kam der Herr, dessen Farbe der dunklen Wasserlilie gleicht, erschien vor meinen Augen und sprach: „Fürchte dich nicht!“

Erläuterung: Die Selbstanklage des Sängers mündet in Gnade. Darin liegt der Trost des Verses: Der Herr begegnet dem verängstigten Menschen mit einem Zuspruch. Das Motiv steht Tirumalai nahe, das ebenfalls menschliche Unzulänglichkeit und göttliche Zuwendung zusammenbringt. „Der uralte Name“ wird hier genannt; eine vollständige Mantra-Formel wird im Vers nicht ausgeschrieben.

Hymnus 13 – Was mich band, ist gewichen

Divya-Prabandham-Nummer 2044.

Tamil

இரும்பனன் றுண்ட நீரும்
போதரும் கொள்க, என்றன்
அரும்பிணி பாவ மெல்லாம்
அகன்றன என்னை விட்டு,
சுரும்பமர் சோலை சூழ்ந்த
அரங்கமா கோயில் கொண்ட,
கரும்பினைக் கண்டு கொண்டென்
கண்ணிணை களிக்கு மாறே

Umschrift

irumpaṉaṉ ṟuṇṭa nīrum
pōtarum koḷka, eṉṟaṉ
arumpiṇi pāva mellām
akaṉṟaṉa eṉṉai viṭṭu,
curumpamar cōlai cūḻnta
araṅkamā kōyil koṇṭa,
karumpiṉaik kaṇṭu koṇṭeṉ
kaṇṇiṇai kaḷikku māṟē

Übersetzung

Sogar Wasser, das glühendes Eisen aufgenommen hat, kommt wieder hervor – bedenkt es! All meine schwer heilbare Krankheit, meine Verfehlungen, sind von mir gewichen. Ich habe den Zuckerrohrsüßen gesehen, der den großen Tempel von Arangam bewohnt, umgeben von Hainen voller Bienen. Wie jubeln meine beiden Augen!

Erläuterung: Das Bild aus Vers 5 kehrt in überraschender Wendung wieder: Was untrennbar verbunden schien, kann sich doch lösen. So staunt der Dichter darüber, dass die Verfehlungen, die an ihm hafteten, gewichen sind. „Krankheit“ steht im Zusammenhang mit Karma und Verfehlung. Die jubelnden Augen verbinden diesen Hymnus mit der Schau des Herrn im Amalanatipiran.

Hymnus 14 – Eine versäumte Hinwendung

Divya-Prabandham-Nummer 2045.

Tamil

காவியை வென்ற கண்ணார்
கலவியே கருதி, நாளும்
பாவியே னாக வெண்ணி
அதனுள்ளே பழுத்தொ ழிந்தேன்,
தூவிசேர் அன்னம் மன்னும்
சூழ்புனல் குடந்தை யானை,
பாவியென் பாவி யாது
பாவியே னாயி னேனே.

Umschrift

kāviyai veṉṟa kaṇṇār
kalaviyē karuti, nāḷum
pāviyē ṉāka veṇṇi
ataṉuḷḷē paḻutto ḻintēṉ,
tūvicēr aṉṉam maṉṉum
cūḻpuṉal kuṭantai yāṉai,
pāviyeṉ pāvi yātu
pāviyē ṉāyi ṉēṉē.

Übersetzung

Nur an die Vereinigung mit Frauen dachte ich, deren Augen die dunkle Wasserlilie übertreffen. Tag für Tag richtete ich, der Sünder, mein Denken darauf und ging immer tiefer darin auf. An den Herrn von Kudandai, das von Wasser umgeben ist und wo schön befiederte Schwäne wohnen, dachte ich nicht. Ich, der Sünder, gedachte seiner nicht – so wurde ich wahrhaft zum Sünder!

Erläuterung: Das Wortspiel mit pāvi und pāviyātu verbindet Verfehlung und unterlassenes Gedenken; im Deutschen lässt es sich nur annähern. Der Dichter betrachtet seine eigene Fixierung. Für heutige Leser kann die Strophe eine Einladung zur Selbstreflexion sein: Welche Gewohnheit beansprucht mein Herz so vollständig, dass anderes verkümmert? Die ehrliche Antwort kann einen Neubeginn öffnen. Das Gedenken an den Herrn von Kumbakonam weist dem Dichter eine Richtung für seine erneuerte Hingabe.

Hymnus 15 – Ein Bad aus Liebe und Erkenntnis

Divya-Prabandham-Nummer 2046.

Tamil

முன்பொலா இராவ ணன்றன்
முதுமதி ளிலங்கை வேவித்து,
அன்பினா லனுமன் வந்தாங்
கடியிணை பணிய நின்றார்க்கு,
என்பெலா முருகி யுக்கிட்
டென்னுடை நெஞ்ச மென்னும்,
அன்பினால் ஞான நீர்கொண்
டாட்டுவ னடிய னேனே.

Umschrift

muṉpolā irāva ṇaṉṟaṉ
mutumati ḷilaṅkai vēvittu,
aṉpiṉā laṉumaṉ vantāṅ
kaṭiyiṇai paṇiya niṉṟārkku,
eṉpelā muruki yukkiṭ
ṭeṉṉuṭai neñca meṉṉum,
aṉpiṉāl ñāṉa nīrkoṇ
ṭāṭṭuva ṉaṭiya ṉēṉē.

Übersetzung

Einst setzte Hanuman das alte, ummauerte Lanka des bösen Ravana in Brand und kam dann voller Liebe, um sich zu den beiden Füßen des Herrn zu neigen. Diesen Herrn werde ich, sein Diener, baden: Alle meine Gebeine schmelzen und zerfließen; mit der Liebe meines Herzens werde ich ihm das Wasser der Erkenntnis darbringen.

Erläuterung: Die Erzählung gehört zum Ramayana und findet ihre große tamilische Gestaltung im Kamba Ramayana. Das äußere Bad der Puja wird hier ausdrücklich zu einem inneren Bild: Erkenntnis ist das Wasser, Liebe die Hingabe, mit der es dargebracht wird. Hanuman verkörpert den tätigen, freudigen Dienst.

Hymnus 16 – Meine Worte als Girlande

Divya-Prabandham-Nummer 2047.

Tamil

மாயமான் மாயச் செற்று
மருதிற நடந்து, வையம்
தாயமா பரவை பொங்கத்
தடவரை திரித்து, வானோர்க்
கீயுமால் எம்பி ரானார்க்
கென்னுடைச் சொற்க ளென்னும்,
தூயமா மாலை கொண்டு
சூட்டுவன் தொண்ட னேனே

Umschrift

māyamāṉ māyac ceṟṟu
marutiṟa naṭantu, vaiyam
tāyamā paravai poṅkat
taṭavarai tirittu, vāṉōrk
kīyumāl empi rāṉārk
keṉṉuṭaic coṟka ḷeṉṉum,
tūyamā mālai koṇṭu
cūṭṭuvaṉ toṇṭa ṉēṉē

Übersetzung

Er tötete den trügerischen Hirsch; er schritt zwischen den Maruta-Bäumen hindurch, sodass sie stürzten; er durchmaß die Welt; er drehte den mächtigen Berg, sodass das große Meer aufwogte, und schenkte den Himmelsbewohnern den Nektar. Unserem Herrn Mal werde ich, sein Diener, eine große, reine Girlande umlegen – die Girlande meiner Worte.

Erläuterung: Der Vers verbindet Rama, Krishna, Vamana und das Quirlen des Ozeans. Das Kunstwerk wird zur Gabe. Auch der Titel Tirumalai, „heilige Girlande“, eröffnet dieses Bild. Wer selbst ein kleines Gebet formuliert, kann die eigene Sprache als Blüte darbringen: schlicht, aufmerksam und wahrhaftig.

Hymnus 17 – Ich möchte dich preisen

Divya-Prabandham-Nummer 2048.

Tamil

பேசினார் பிறவி நீத்தார்
பேருளான் பெருமை பேசி,
ஏசினார் உய்ந்து போனார்
என்பதிவ் வுலகின் வண்ணம்,
பேசினேன் ஏச மாட்டேன்
பேதையேன் பிறவி நீத்தற்கு,
ஆசையோ பெரிது கொள்க
அலைகடல் வண்ணர் பாலே

Umschrift

pēciṉār piṟavi nīttār
pēruḷāṉ perumai pēci,
ēciṉār uyntu pōṉār
eṉpativ vulakiṉ vaṇṇam,
pēciṉēṉ ēca māṭṭēṉ
pētaiyēṉ piṟavi nīttaṟku,
ācaiyō peritu koḷka
alaikaṭal vaṇṇar pālē

Übersetzung

Wer den Ruhm des Herrn in Per pries, ließ die Wiedergeburt hinter sich. Selbst jene, die ihn schmähten, wurden gerettet – so erzählt es diese Welt. Ich habe von ihm gesprochen; schmähen kann ich ihn nicht. Erkennt: Groß ist mein Verlangen nach dem Meeresfarbenen, damit ich, der Unwissende, der Wiedergeburt entkomme.

Erläuterung: Per bezeichnet den heiligen Ort Tirupper. Die erstaunliche Aussage über Schmähende erinnert an Erzählungen von Gegnern Krishnas, die durch ihre unablässige Beschäftigung mit ihm Erlösung erlangen. Der Sänger wählt ausdrücklich das Lob. Seine Sehnsucht richtet sich auf Moksha, die Freiheit vom Kreislauf des Samsara.

Hymnus 18 – Das Licht in der Sammlung

Divya-Prabandham-Nummer 2049.

Tamil

இளைப்பினை யியக்கம் நீக்கி
யிருந்துமுன் னிமையைக் கூட்டி,
அளப்பிலைம் புலன டக்கி
அன்பவர் கண்ணே வைத்து,
துளக்கமில் சிந்தை செய்து
தோன்றலும் சுடர்விட்டு, ஆங்கே
விளக்கினை விதியில் காண்பார்
மெய்ம்மையே காண்கிற் பாரே

Umschrift

iḷaippiṉai yiyakkam nīkki
yiruntumuṉ ṉimaiyaik kūṭṭi,
aḷappilaim pulaṉa ṭakki
aṉpavar kaṇṇē vaittu,
tuḷakkamil cintai ceytu
tōṉṟalum cuṭarviṭṭu, āṅkē
viḷakkiṉai vitiyil kāṇpār
meymmaiyē kāṇkiṟ pārē

Übersetzung

Wer Ermüdung und Unruhe ablegt, sich niedersetzt und die Augenlider schließt; wer die fünf Sinne mit ihrem grenzenlosen Umherschweifen zügelt, die Liebe auf ihn richtet und den Geist ohne Schwanken sammelt; wer dann nach der rechten Weise die Leuchte schaut, die dort erscheint und ihren Glanz ausstrahlt – der vermag wahrhaft die Wirklichkeit zu sehen.

Erläuterung: Diese Strophe führt Meditation und Bhakti ausdrücklich zusammen. Sinneszügelung erinnert an Pratyahara, Sammlung an Dharana und Dhyana. Die Zuordnung zu diesen Sanskritbegriffen ist eine vergleichende Erläuterung. Im Hymnus trägt die Liebe zum Herrn die innere Ausrichtung; die Leuchte ist ein Bild seiner offenbar werdenden Gegenwart.

Hymnus 19 – Die Orte seiner Gegenwart

Divya-Prabandham-Nummer 2050.

Tamil

பிண்டியார் மண்டை ஏந்திப்
பிறர்மனை திரிதந் துண்ணும்,
உண்டியான் சாபம் தீர்த்த
ஒருவனூர், உலக மேத்தும்
கண்டியூர் அரங்கம் மெய்யம்
கச்சிபேர் மல்லை என்று
மண்டினார், உய்யல் அல்லால்
மற்றையார்க் குய்ய லாமே?

Umschrift

piṇṭiyār maṇṭai ēntip
piṟarmaṉai tiritan tuṇṇum,
uṇṭiyāṉ cāpam tīrtta
oruvaṉūr, ulaka mēttum
kaṇṭiyūr araṅkam meyyam
kaccipēr mallai eṉṟu
maṇṭiṉār, uyyal allāl
maṟṟaiyārk kuyya lāmē?

Übersetzung

Er ist der Eine, der den Fluch dessen löste, der eine fleischbehaftete Schädelschale trug und von Haus zu Haus zog, um seine Nahrung zu erbetteln. Seine von der Welt gepriesenen Orte heißen Kandiyur, Arangam, Meyyam, Kachchi, Per und Mallai. Außer denen, die sich ihnen zuwenden und Rettung finden – wer sonst könnte gerettet werden?

Erläuterung: Die Anspielung gilt Shiva als schädeltragendem Bettler und seiner Erlösung von einem Fluch durch Vishnu. Der Schluss formuliert den ausschließlichen Zufluchtsanspruch dieser Vaishnava-Dichtung. Er wird hier erhalten und als Stimme ihrer Tradition gelesen. Die Ortsreihe verbindet Pilgerreise und Gottesverehrung; sie ist kein Urteil dieser Ausgabe über Menschen anderer Religionen.

Hymnus 20 – Die Frucht der zwanzig Lieder

Divya-Prabandham-Nummer 2051.

Tamil

வானவர் தங்கள் கோனும்
மலர்மிசை அயனும், நாளும்
தேமலர் தூவி ஏத்தும்
சேவடிச் செங்கண் மாலை,
மானவேல் கலியன் சொன்ன
வண்டமிழ் மாலை நாலைந்தும்,
ஊனம தின்றி வல்லார்
ஒளிவிசும் பாள்வர் தாமே

Umschrift

vāṉavar taṅkaḷ kōṉum
malarmicai ayaṉum, nāḷum
tēmalar tūvi ēttum
cēvaṭic ceṅkaṇ mālai,
māṉavēl kaliyaṉ coṉṉa
vaṇṭamiḻ mālai nālaintum,
ūṉama tiṉṟi vallār
oḷivicum pāḷvar tāmē

Übersetzung

Mal mit den rötlichen Augen und Füßen, den der König der Himmelsbewohner und Ayan auf der Lotusblüte täglich mit nektarreichen Blumen bestreuen und preisen: Von ihm sang Kaliyan mit dem ehrwürdigen Speer diese Girlande aus reichem Tamil, viermal fünf Lieder. Wer diese Lieder ohne Fehler beherrscht, wird im leuchtenden Himmel herrschen.

Erläuterung: Ayan ist Brahma, der König der Himmelsbewohner Indra. Kaliyan ist der Dichter Tirumangai Alvar. Der Schluss ist eine Phalashruti, eine traditionelle Aussage über die Frucht des Rezitierens. „Viermal fünf“ bestätigt die zwanzig Hymnen; der leuchtende Himmel lässt sich im Vaishnava-Verständnis auf Vaikuntha beziehen.

Schlussanrufung

Tamil

திருமங்கைஆழ்வார் திருவடிகளே சரணம்

Umschrift

tirumaṅkaiāḻvār tiruvaṭikaḷē caraṇam

Übersetzung

Die heiligen Füße Tirumangai Alvars sind meine Zuflucht.

Erläuterung: Diese überlieferte Zufluchtsformel schließt die Rezitation ab und zählt nicht als zusätzliche Strophe.

Was dieses Werk im Herzen wecken kann

Mit der Unruhe beten

Vers 9 beschreibt das Herz als Ameise auf brennendem Holz. Vers 10 fragt: Was soll ich tun? Diese Ehrlichkeit kann entlasten. Wer sich zur Meditation setzt und zunächst nur Unruhe bemerkt, begegnet einer Erfahrung, die auch der Dichter kennt. Sein nächster Schritt ist die Anrede: Er sucht Beziehung und bittet um Führung.

Für die eigene Praxis kann ein einziger aufrichtiger Satz genügen: „Hilf mir, heute mit einem klaren und freundlichen Herzen zu handeln.“ Ein solches Gebet gibt der Sehnsucht eine Richtung. Du darfst so beginnen, wie du heute bist. Ein kleiner Augenblick aufrichtiger Sammlung kann bereits eine kostbare Gabe sein.

Ein Wort, das Angst löst

Im zwölften Hymnus fürchtet der Sänger, selbst seine Anrufung könne unangemessen gewesen sein. Darauf antwortet das Erscheinen des Herrn mit „Fürchte dich nicht“. Der Text lässt die Angst vor der eigenen Unwürdigkeit in empfangene Gnade münden.

Dieses Bild kann beim Lesen nachklingen: Ein Mensch ruft – und findet Ermutigung. Vielleicht wird daraus auch die Bereitschaft, anderen mit weniger Härte zu begegnen. Wer selbst Trost erfahren hat, kann ihn weitergeben: durch geduldiges Zuhören, ein ermutigendes Wort und die Bereitschaft, einen Menschen auch in seiner Unsicherheit anzunehmen.

Das Herz als ergänzendes Meditationsbild. Im Tirukkuruntantakam stehen Liebe, innere Sammlung und Vertrauen im Mittelpunkt; eine Lehre des Anahata Chakra wird darin nicht entfaltet.

Erkenntnis als Wasser, Sprache als Blüte

Die Hymnen 15 und 16 stellen zwei Formen innerer Verehrung nebeneinander. Der Dichter badet den Herrn mit dem Wasser der Erkenntnis und schmückt ihn mit der Girlande seiner Worte. Beide Bilder lassen sich langsam betrachten: Was habe ich heute verstanden? Welche Worte möchte ich aus diesem Verständnis heraus sprechen?

So kann Puja im Herzen weiterwirken. Ein verständnisvolles Gespräch, ein gewissenhaft erfüllter Dienst oder ein ausgesprochenes Dankeschön können zu einer heutigen Antwort auf die Dichtung werden. Die Verbindung zum Alltag ist eine Praxisanregung dieser Ausgabe.

Fünf einfache Anregungen

  1. Einen Vers mitnehmen: Lies morgens einen Hymnus samt Übersetzung. Bewahre ein Bild daraus im Gedächtnis, etwa die Leuchte aus Vers 18 oder die Wortgirlande aus Vers 16.
  2. Das Herz sammeln: Setze dich für wenige Minuten bequem hin. Lass den Atem frei fließen und richte deine Aufmerksamkeit sanft auf ein Bild göttlicher Güte. Diese heutige Anregung knüpft an Vers 18 an.
  3. Eine kleine Gabe formulieren: Schreibe drei Sätze des Dankes. Wenn du möchtest, sprich sie als persönliches Gebet.
  4. Liebe tätig werden lassen: Verbinde die Lektüre mit einer konkreten Handlung der Seva: aufmerksam zuhören, helfen, eine übernommene Aufgabe verlässlich erfüllen.
  5. Gemeinsam lesen: In einer Familie oder einem Lesekreis kann eine Person Tamil vorlesen und eine andere die deutsche Übersetzung. Frage anschließend: Welches Bild hat uns heute berührt? So können Sprache, religiöses Erbe und persönliche Erfahrung miteinander ins Gespräch kommen.

Beziehungen zu anderen tamilischen Schriften

Schrift Verbindung zum Tirukkuruntantakam
Periya Tirumoli Werk desselben Dichters; die Hinwendung zu Narayana und die Verehrung an zahlreichen heiligen Orten eröffnen den weiteren Hintergrund.
Tirunetuntantakam Das „lange Tandakam“ steht neben dem „kurzen Tandakam“ im zweiten Tausend des Nalayira Divya Prabandham.
Tiruvelukkutrirukkai Ebenfalls von Tirumangai Alvar; der Herr von Kudandai und die Zuflucht bei ihm verbinden beide Werke.
Tirumalai Die Verehrung Ranganathas, das Bewusstsein eigener Unzulänglichkeit und die Hoffnung auf Gnade laden zum gemeinsamen Lesen ein.
Amalanatipiran Die liebende Schau des Herrn bietet einen Vergleich zu den jubelnden Augen in Hymnus 13.
Tiruvaymoli Sehnsucht, göttliche Süße und die Sprache inniger Nähe bilden verwandte Themen innerhalb der Alvar-Dichtung.
Tiruppavai Andals gemeinschaftliche Hinwendung zu Krishna kann die persönliche Gebetsstimme dieses Werkes ergänzen.
Kamba Ramayana Die tamilische Rama-Dichtung entfaltet die hier knapp aufgerufenen Geschichten um Rama, Hanuman und Lanka ausführlich.
Tevaram und Tiruvasagam Shaivitische Vergleichslektüren zur tamilischen Sprache der Hingabe; sie verehren Shiva und haben einen eigenen theologischen Zusammenhang.

Die thematischen Vergleiche sind Leseanregungen. Aus ähnlichen Bildern allein folgt keine direkte literarische Abhängigkeit.

Radha und Krishna als ergänzendes Bild der Gottesliebe. Radha wird im Tirukkuruntantakam nicht genannt.

Videos: Narayana-Mantra und Bhakti Yoga

Die folgenden Yoga-Vidya-Videos ergänzen die Beschäftigung mit Narayana und Bhakti Yoga. Sie sind keine Rezitationen der zwanzig tamilischen Hymnen.

Om Namo Narayanaya – gemeinsames Mantrasingen

Begleitseite: Om Namo Narayanaya – Bedeutung und Übersetzung. Die Formel Om Namo Narayanaya ist eine passende ergänzende Praxis; ihr vollständiger Wortlaut steht nicht im Grundtext des Tirukkuruntantakam.

Bhakti – Gottesliebe und Erfüllung, mit Sukadev

Begleitseite: Yoga Vidya: Neue Videos.

Abschließende Betrachtung: eine Girlande für das Leben

Am Anfang steht ein Schatz, der ins Herz gekommen ist. Unterwegs begegnen uns brennende Unruhe, die Bitte um Führung und die Freude des Sehens. Schließlich werden die eigenen Worte zur Gabe. Das Tirukkuruntantakam lässt spüren, wie viel ein Mensch in seine Hinwendung zum Göttlichen hineinlegen darf.

Vielleicht bleibt nach der Lektüre vor allem das leise „Fürchte dich nicht“. Es kann Mut machen, wieder zu beginnen: mit einem ehrlichen Wort, einem Augenblick der Sammlung, einer kleinen Tat der Güte. Aus solchen unscheinbaren Gaben kann eine Girlande wachsen, die den eigenen Tag und das Leben anderer verschönert.

Vielleicht wird ein Vers auf diese Weise zum stillen Begleiter: auf dem Weg zur Arbeit, in einer schwierigen Begegnung oder am Ende eines langen Tages. Ein vertrautes Bild aus dem Tirukkuruntantakam kann daran erinnern, dass unser Leben Raum für Schönheit, Vertrauen und tätige Liebe hat.

Möge die Erinnerung an das Göttliche das Herz weiten. Möge Erkenntnis in Mitgefühl reifen. Und möge die Liebe, von der diese alten tamilischen Lieder singen, in unseren Worten und Handlungen eine gegenwärtige Stimme finden.

Diese Schlussbetrachtung ist eine heutige spirituelle Anregung zum Werk.

Textgrundlage und Hinweise zur Ausgabe

Umfang: Alle zwanzig Hymnen, fortlaufende Nummern 2032–2051, jeweils mit Tamil, Umschrift und deutscher Übersetzung. Die acht Halbzeilen je Strophe ergeben vier metrische Zeilen. Eingangs- und Schlussanrufungen stehen außerhalb des Grundtextes. Die Ziffer „(2)“ bei einigen Strophen in Project Madurai ist eine Rezitationsmarkierung; sie ist hier nicht als Wortbestandteil übernommen.

Textgestalt: Grundlage ist Project Madurai, E-Text Nr. 7. Erkennbare Textschäden wurden mit Sunder Kidāmbis tamilischer Ausgabe bei Prapatti.com verglichen und berichtigt. Die folgende Liste dokumentiert die inhaltlich beziehungsweise orthographisch relevanten Eingriffe; Abstände und Interpunktion wurden zusätzlich leicht vereinheitlicht.

Hymnus Lesung bei Project Madurai Hier verwendete Lesung
1 ஆண்ட மாளும் அண்டம் ஆளும்
4 வண்ண நாரைப் வண்ணனாரைப்
4 Halbzeile fehlt வேட்கை மீதூர வாங்கி
5 கரும்பினின் சாறு / கினிய லாறே கரும்பின் இன் சாறு / கினியவாறே
10 மரத கம்மே மரகதமே
12 ஆவியயை / அழுக்குரம் பெச்சில் / பிழத்த ஆவியை / அழுக்குடம் பெச்சில் / பிழைத்த
17 ஏச்னார் ஏசினார்

Umschrift: Schriftnahe wissenschaftliche Transliteration des hier abgedruckten Tamil. Poetische Wortverbindungen werden nicht durchgehend in moderne Einzelwörter zerlegt; die Aussprache kann vom Schriftbild abweichen.

Übersetzung: Eigenständige deutsche Leseübersetzung des historischen tamilischen Textes. Die stark verdichtete Sprache verlangt stellenweise Ergänzungen für einen verständlichen deutschen Satz. In Hymnus 13 wird das Eisenbild als staunender Ausdruck einer scheinbar unmöglichen Lösung von Bindung gelesen; in Hymnus 15 ist Hanuman der Handelnde bei der Verbrennung Lankas und der anschließenden Verneigung. Hymnus 17 bewahrt die überraschende Aussage über die Rettung von Schmähenden. Hymnus 19 erhält den ausschließlichen religiösen Anspruch des Originals. Diese Ausgabe bietet keine historisch-kritische Handschriftenedition.

Quellen und weiterführende Lektüre

Danksagung und Herkunftsvermerk

Der historische Grundtext ist gemeinfrei. Project Madurai und seinen Mitwirkenden gebührt Dank für die elektronische Erschließung. Der Herkunftsvermerk der verwendeten Gesamtausgabe wird hier erhalten; deren pauschale Titelzeile über Tirumangais Werke beschreibt den gemischten Inhalt der Gesamtsammlung nur ungenau.

நாலாயிரத் திவ்வியப் பிரபந்தம், பாகம் 4
திருமங்கையாழ்வார் பாசுரங்கள் (பாடல்கள் 2032-2790)
nAlAyira tivya pirapantam -part 4 (verses 2032-2790)
tirumangkai AzvAr's periya tirumozi
In tamil script, unicode/utf-8 format

Acknowledgement:
Our Sincere thanks go to Dr.K. Kalyanasundaram for his assistance in the preparation of this work.
This webpage presents Etext in Tamil script in Unicode encoding (utf-8 format).

© Project Madurai, 1998-2021.
Project Madurai is an open, voluntary, worldwide initiative devoted to preparation
of electronic texts of tamil literary works and to distribute them free on the Internet.
Details of Project Madurai are available at the website
https://www.projectmadurai.org/
You are welcome to freely distribute this file, provided this header page is kept intact.

Einzelnachweise

  1. ↑ Project Madurai: Nālāyira Tivviyap Pirapantam, Teil 4, Abschnitt Tirukkuruntantakam, 2032–2051.
  2. ↑ Tamil Wiki: திருமங்கையாழ்வார், besonders der Abschnitt zur Lebenszeit.
  3. ↑ 3,0 3,1 Tamil Wiki: திருக்குறுந்தாண்டகம், Abschnitte zu Aufbau und literarischer Einordnung.
  4. ↑ Sunder Kidāmbi: Tirukkuruntantakam, tamilische Ausgabe bei Prapatti.com, Druckseiten 1–7.

Siehe auch

Seminare

Die Angebote zu indischen Schriften und Bhakti Yoga ermöglichen eine Vertiefung von Studium und Praxis. Kundalini, Chakras und Energiearbeit sind ergänzende Themen des Yoga-Vidya-Angebots; sie werden im Tirukkuruntantakam nicht als eigene Übungssysteme gelehrt.

Indische Schriften

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01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta

Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…
Vedamurti Dr Olaf Schönert

Bhakti Yoga

03.11.2026 - 03.11.2026 Mantra-Konzert mit Gruppe Mudita

Herzöffnung pur
21:10 - 22:00 Uhr
Gruppe Mudita
06.11.2026 - 08.11.2026 Harmonium Lernseminar

Lerne, Harmonium zu spielen! Wenn vorhanden, bitte eigenes Harmonium mitbringen. Keine Vorkenntnisse nötig.
Alisa Yakhontova

Kundalini Yoga

06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung

Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…
Arjuna Wingen
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Chakras

20.11.2026 - 22.11.2026 Heilreise durch die Chakren

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Nese Niekrens, Gajendra Sebastian Niekrens
26.12.2026 - 01.01.2027 Kundalini Yoga Intensiv Praxis - Live Online

Intensives Praktizieren der im Mittelstufen-Seminar gelernten Übungen für noch tiefere Erfahrung und Erweiterung des Bewusstseins ohne viel Theorie. L…
Sukadev Bretz, Shaktipriya Vogt, Radharani Birkner

Energiearbeit

04.11.2026 - 04.11.2026 Einführung in die Chakratherapie - Online Workshop

Uhrzeit: 18 - 21 Uhr
Ein Chakra ist ein feinstoffliches Kraftzentrum des Körpers, welches wichtige Körperfunktionen steuert und bestimmten Organen zug…
Beate Menkarski
06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung

Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…
Arjuna Wingen