Kudambai Siddhar Padalgal
Kudambai Siddhar Padalgal (Tamil: குதம்பைச் சித்தர் பாடல்கள், Kutampaic Cittar Pāṭalkaḷ) sind die dem tamilischen Siddhar Kudambai zugeschriebenen spirituellen Lieder über Selbsterkenntnis, Shiva, Hingabe und Befreiung. Sie laden dazu ein, das göttliche Licht im eigenen Leben zu suchen, Anhaftungen zu erkennen und die innere Freiheit in aufrichtigem Handeln sichtbar werden zu lassen. Andere Bezeichnungen sind Kudhambai Siddhar Padal, Siddhar Padalgal.

Was trägt, wenn Besitz, Ansehen und gelehrte Worte an ihre Grenzen kommen? Kudambais Antwort führt in das eigene Herz. Ein lauteres Gemüt wird zur Opfergabe; Nichtverletzen und das Lindern von Hunger gehören zur geistigen Reife. Die wiederkehrende Anrede „Kudambai“ lässt die Lieder wie ein persönliches Gespräch klingen: Sie fragen, mahnen, preisen und rütteln wach.
Diese Ausgabe bietet alle 246 nummerierten Verse der bei Chennai Library veröffentlichten Sammlung mit Tamiltext, römischer Transliteration, eigener deutscher Übersetzung und kurzen Erläuterungen.[1] Die Sammlung verbindet Erkenntnis und Bhakti mit asketischer, yogischer und alchemistischer Bildsprache. Ihre Zärtlichkeit und ihre Schärfe wollen aufmerksam gelesen werden. Ein einziger Vers kann die eigene Suche vertiefen; manches rätselhafte Bild darf zunächst offenbleiben.
Kudambai Siddhar Padalgal: Werk, Autor und Überlieferung
Titel und gebräuchliche Schreibweisen
Pāṭalkaḷ bedeutet „Lieder“. Der Titel lässt sich somit als „Lieder des Kudambai Siddhar“ wiedergeben. Gebräuchlich sind auch Kudhambai Siddhar Padalgal, Kuthambai Siddhar Paadalgal und die schriftnahe Form Kutampai Cittar Pāṭalkaḷ. Die Hauptquelle führt den Titel im Singular als Kudhambaisiddhar Paadal. Siddhar ist die tamilische Bezeichnung für einen spirituell Vollendeten; sie entspricht dem Sanskritwort Siddha.
Wer war Kudambai Siddhar?
Die Lieder sind unter Kudambais Namen überliefert. Die Tamil Virtual Academy erklärt den Namen aus der Anrede an eine Frau, die den kutampai genannten Ohrschmuck trägt: „Kudambai!“ bedeutet in dieser literarischen Situation etwa „Du mit dem Ohrschmuck!“. Diese weibliche Anrede bezeichnet die Angesprochene und bestimmt für sich genommen nicht das Geschlecht des Verfassers.[2] Eine gesicherte Datierung und eine historisch belegte Lebensbeschreibung lassen sich aus den hier verwendeten Quellen nicht ableiten. Die Ausgabe konzentriert sich deshalb auf die überlieferten Lieder und deren eigene Stimme.
Warum findet man 32 und 246 Lieder?
Project Madurai veröffentlicht unter dem Titel குதம்பைச் சித்தர் பாடல்கள் eine Folge von 32 Liedern. Sie entspricht in Reihenfolge und Inhalt den Versen 215–246 der hier verwendeten längeren Sammlung. Auch Tamil Wikisource bietet diese kürzere Folge. Einzelne Schreibungen und Lesarten weichen voneinander ab.[3][4]
Die Bezeichnung vollständig bezieht sich auf die 246 Lieder der angegebenen Hauptquelle. Eine kritische Gesamtausgabe aller unter Kudambais Namen überlieferten Fassungen liegt hiermit nicht vor. Die bekannte Folge mit den Anfangsworten „Veṭṭa veḷi“ beginnt bei Vers 215; Vers 215 entspricht dort Lied 1, Vers 246 dem Lied 32.
Literarisches Umfeld
Kudambais Lieder gehören in das Umfeld tamilischer Siddha-Dichtung. Für einen Vergleich bieten sich Agathiyar Jnanam, Sivavakkiyam, Tirumantiram und Bogar Sapta Kandam an. Avvai Kural und Vinayagar Agaval eröffnen weitere tamilische Zugänge zu innerer Sammlung und geistiger Reifung. Systematische Werke wie Sivajnana Bodham, Sivajnana Siddhiyar, Sivaprakasam und Unmai Neri Vilakkam behandeln verwandte Fragen innerhalb des Shaiva Siddhanta. Ihre Lehrbegriffe sollten nicht ungeprüft auf jede Aussage Kudambais übertragen werden.
Zum Hören
Die folgende tamilische Darbietung vermittelt Klang und Anredeform der Kudambai-Lieder. Sie ist ein musikalischer Zugang; Umfang und Textgestalt des Videos sind nicht die Grundlage der vorliegenden 246-Verse-Ausgabe.
Zentrale Lehren und spirituelle Bedeutung
Das Licht im eigenen Leben entdecken
Die Verse 8 und 9 weisen nach innen: Das überall gegenwärtige Licht soll im eigenen Leib geschaut werden. Die Bilder der Fülle, des Nektars und des göttlichen Tanzes verleihen dieser Erfahrung Gestalt. Für die Meditation kann daraus die Einladung erwachsen, still zu werden und die Gegenwart des Göttlichen im eigenen Erleben zu betrachten.
Hingabe und Erkenntnis miteinander verbinden
Die Sammlung preist Shiva, Brahman und den göttlichen Herrn. Ein gutes Herz wird zur Opfergabe (Vers 20), das Innere liebevoller Verehrer zum Tempel (Vers 181). Zugleich greifen andere Verse äußere Tempel, Kultbilder und Riten scharf an. Innige Verehrung und entschiedene Religionskritik stehen nebeneinander. Diese Spannung gehört zum Charakter der Sammlung und lässt sich nicht durch eine einzige versöhnliche Formel auflösen.
Wahrhaftigkeit, Nichtverletzen und Gleichwertigkeit
Vers 120 verbindet das Gelübde, nicht zu töten, mit dem Lindern von Kälte und Hunger. Die Verse 137–145 wenden sich gegen erbliche Kastenhierarchien. So erhält die Suche nach Befreiung eine soziale Seite: Erkenntnis soll sich in Ahimsa, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und der Achtung vor anderen Menschen bewähren.
Übung, Verwirklichung und die Frage „Wozu noch?“
Die Schlussfolge fragt immer wieder: ētukkaṭi? – „Wozu noch?“ Ihre Sätze beginnen meist bei Menschen, die bereits erkannt, sich gesammelt oder Befreiung erfahren haben. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen einem Hilfsmittel auf dem Weg und seinem Stellenwert nach der Erfüllung. Daneben enthält die größere Sammlung auch ausdrückliche Aufforderungen zu Tapas, Wissen, Hingabe und beständiger Übung.
Körper, Alchemie und offene Widersprüche
Der Körper erscheint sowohl als Ort der Gotteserkenntnis als auch als vergängliche, unansehnliche Hülle. Die Verse 158–175 sprechen von Bindu, Nada, Muppu und Körperverwandlung. Später fragt Vers 216, wozu der Erkennende lebensverlängernde Mittel brauche. Unterschiedliche Akzente bleiben deshalb sichtbar. Ob sie verschiedene Erfahrungsebenen, Überlieferungsschichten oder eine bewusst paradoxe Lehre widerspiegeln, lässt sich aus den verwendeten Onlinefassungen allein nicht entscheiden.
Die alchemistischen und medizinischen Verse geben historische Vorstellungen wieder; ihre verschlüsselten Stoffnamen und Heilversprechen bieten keine Grundlage für eine Selbstbehandlung. Einzelne asketische Lieder verwenden frauenabwertende Sprache. Die Übersetzung macht sie sichtbar, während die Erläuterungen ihre historische Perspektive benennen und heutige Betrachtungen davon unterscheiden.
Zur philosophischen Einordnung
Das folgende Yoga-Vidya-Video führt in den Shaiva Siddhanta ein und erleichtert den Vergleich mit dieser tamilisch-shaivitischen Tradition. Kudambais eigenständige Aussagen sind dabei jeweils aus dem Wortlaut der Lieder zu verstehen.
Kudambai Siddhar Padalgal: vollständiger Tamiltext mit deutscher Übersetzung
Hinweise zum Lesen
Jeder Vers steht in derselben Reihenfolge: Tamil-Schrift → römische Transliteration → deutsche Übersetzung in Fettdruck → Erläuterung in Kursivschrift. Die Übersetzung und die Erläuterungen sind eigene Formulierungen dieser Ausgabe. Sie wurden am Tamiltext erarbeitet; die Erläuterungen sind keine Übertragung eines überlieferten Kommentars. Eckige Klammern kennzeichnen Ergänzungen oder Unsicherheit.
Die Umschrift folgt den Buchstaben: Lange Vokale werden durch ā, ī, ū, ē und ō bezeichnet; ṭ, ṇ, ḷ, ḻ, ṟ und ṉ unterscheiden besondere tamilische Konsonanten. Die schriftnahe Form Kutampai kann daher in gebräuchlicher Namensschreibung als Kudambai erscheinen. Die Wortabstände der Hauptquelle bleiben erhalten; die Umschrift ist keine vollständig phonetische Ausspracheanleitung.
Die drei Verszeilen und die wiederholte Schlusswendung werden vollständig wiedergegeben. Im Deutschen erhält der Refrain gelegentlich ein Pronomen oder sein Bezugswort, damit die Wiederholung verständlich bleibt. Die Tamilfassung folgt der Chennai Library, auch an erkennbar problematischen Stellen. Abweichende Übersetzungsentscheidungen und herangezogene Parallelfassungen werden unmittelbar erläutert. Die größeren Gruppenüberschriften dienen der Orientierung; die kleineren fett gedruckten Zwischenüberschriften geben die Gliederung der Hauptquelle wieder.
Verse 1–61: Fülle, Gotteslob und Befreiung
Vers 1
பூரணங் கண்டோர்இப் பூமியிலேவரக்
காரணம் இல்லையடி குதம்பாய்
காரணம் இல்லையடி.
pūraṇaṅ kaṇṭōrip pūmiyilēvarak
kāraṇam illaiyaṭi kutampāy
kāraṇam illaiyaṭi.
Wer die Fülle geschaut hat – für dessen Rückkehr auf diese Erde
gibt es keinen Grund, Kudambai.
Es gibt keinen Grund.
Fülle meint die ganze, ungeteilte Wirklichkeit. Wer darin aufgeht, ist nach dem Lied vom Zwang erneuter Geburt frei: Die Suche findet ihre Erfüllung.
Vers 2
போங்காலம் நீங்கநற் பூரணம் கண்டோர்க்குச்
சாங்காலம் இல்லையடி குதம்பாய்
சாங்காலம் இல்லையடி.
pōṅkālam nīṅkanaṟ pūraṇam kaṇṭōrkkuc
cāṅkālam illaiyaṭi kutampāy
cāṅkālam illaiyaṭi.
Wer die heilsame Fülle schaut und die Zeit des Vergehens überwindet,
für den gibt es keine Todesstunde, Kudambai.
Für den gibt es keine Todesstunde.
Die Todesstunde gehört zur Zeit; die erfahrene Fülle weist über sie hinaus. In diesem Sinn besingt der Vers Unsterblichkeit als geistige Befreiung.
Vers 3
செத்துப் பிறக்கின்ற தேவைத் துதிப்போர்க்கு
முத்திதான் இல்லையடி குதம்பாய்
முத்திதான் இல்லையடி.
cettup piṟakkiṉṟa tēvait tutippōrkku
muttitāṉ illaiyaṭi kutampāy
muttitāṉ illaiyaṭi.
Wer eine Gottheit verehrt, die stirbt und wiedergeboren wird,
für den gibt es keine Befreiung, Kudambai.
Für den gibt es keine Befreiung.
Gesucht wird ein Halt, der selbst dem Werden und Vergehen enthoben ist. Das Lied formuliert diesen Anspruch in der scharfen Sprache religiöser Abgrenzung.
Vers 4
வஸ்து தரிசன மாட்சியாய்க் கண்டோர்க்குக்
கஸ்திசற்று இல்லையடி குதம்பாய்
கஸ்திசற்று இல்லையடி.
vastu taricaṉa māṭciyāyk kaṇṭōrkkuk
kasticaṟṟu illaiyaṭi kutampāy
kasticaṟṟu illaiyaṭi.
Wer die Wirklichkeit in ihrer Herrlichkeit geschaut hat,
für den gibt es nicht das geringste Leid, Kudambai.
Für den gibt es nicht das geringste Leid.
Vastu bezeichnet das Wirkliche. Seine Schau ist hier eine unmittelbare Erfahrung, in der die Ursache des Leidens überwunden wird.
Vers 5
பற்றற்ற வத்துவைப் பற்றறக் கண்டோர்க்குக்
குற்றங்கள் இல்லையடி குதம்பாய்
குற்றங்கள் இல்லையடி.
paṟṟaṟṟa vattuvaip paṟṟaṟak kaṇṭōrkkuk
kuṟṟaṅkaḷ illaiyaṭi kutampāy
kuṟṟaṅkaḷ illaiyaṭi.
Wer die bindungsfreie Wirklichkeit ohne Anhaften geschaut hat,
für den gibt es keine Verfehlungen, Kudambai.
Für den gibt es keine Verfehlungen.
Der doppelte Bezug auf Anhaftung ist entscheidend: Sowohl die erkannte Wirklichkeit als auch das Erkennen selbst sind frei von besitzergreifendem Festhalten. Daraus erwächst die hier besungene Lauterkeit.
Vers 6
காட்சியாம் காட்சி கடந்த பிரமத்தைச்
சூட்சியாய்ப் பார்ப்பாயடி குதம்பாய்
சூட்சியாய்ப் பார்ப்பாயடி.
kāṭciyām kāṭci kaṭanta piramattaic
cūṭciyāyp pārppāyaṭi kutampāy
cūṭciyāyp pārppāyaṭi.
Das Brahman, das jede sichtbare Erscheinung übersteigt,
schaue mit feiner Einsicht, Kudambai.
Schaue es mit feiner Einsicht.
Brahman lässt sich nicht wie ein äußerer Gegenstand betrachten. Die „feine Einsicht“ weist auf ein Erkennen, in dem die gewohnte Trennung zwischen Schauendem und Geschautem fraglich wird.
Vers 7
வெட்டவெளிக்குள் வெறும்பாழாய் நின்றதை
இட்டமாய்ப் பார்ப்பாயடி குதம்பாய்
இட்டமாய்ப் பார்ப்பாயடி.
veṭṭaveḷikkuḷ veṟumpāḻāy niṉṟatai
iṭṭamāyp pārppāyaṭi kutampāy
iṭṭamāyp pārppāyaṭi.
Was in der offenen Weite als reine Leere gegenwärtig ist,
das schaue mit liebender Zuwendung, Kudambai.
Das schaue mit liebender Zuwendung.
Veṭṭaveḷi, offene Weite, und pāḻ, Leere, lassen die Grenzen gewohnter Vorstellungen zurücktreten. Die liebevolle Zuwendung zeigt, dass diese Leere zugleich als erfüllende Gegenwart erfahren werden kann.
Vers 8
எங்கு நிறைந்தே இருக்கின்ற சோதியை
அங்கத்துள் பார்ப்பாயடி குதம்பாய்
அங்கத்துள் பார்ப்பாயடி.
eṅku niṟaintē irukkiṉṟa cōtiyai
aṅkattuḷ pārppāyaṭi kutampāy
aṅkattuḷ pārppāyaṭi.
Das Licht, das überall erfüllend gegenwärtig ist,
schaue in deinem Leib, Kudambai.
Schaue es in deinem Leib.
Der Vers holt die Suche nach dem Göttlichen in das eigene Leben zurück. Derselbe Leib, dessen Vergänglichkeit später betrachtet wird, kann zum Ort der Gotteserkenntnis werden.
Vers 9
அண்டத்துக் கப்பால் அகன்ற சுடரினைப்
பிண்டத்துள் பார்ப்பாயடி குதம்பாய்
பிண்டத்துள் பார்ப்பாயடி.
aṇṭattuk kappāl akaṉṟa cuṭariṉaip
piṇṭattuḷ pārppāyaṭi kutampāy
piṇṭattuḷ pārppāyaṭi.
Den weiten Glanz jenseits des Weltalls,
schaue im eigenen Leib, Kudambai.
Schaue ihn im eigenen Leib.
Aṇṭam und piṇṭam bezeichnen Weltall und Leib. Die Siddha-Dichtung sieht zwischen kosmischer Weite und innerer Erfahrung eine tiefe Entsprechung.
Vers 10
ஆவித் துணையாகும் ஆராவ அமுதத்தைச்
சேவித்துக் கொள்வாயடி குதம்பாய்
சேவித்துக் கொள்வாயடி.
āvit tuṇaiyākum ārāva amutattaic
cēvittuk koḷvāyaṭi kutampāy
cēvittuk koḷvāyaṭi.
Den unerschöpflichen Nektar, der der Seele Beistand ist,
verehre und empfange ihn, Kudambai.
Verehre und empfange ihn.
Nektar steht für die beglückende Nähe des Göttlichen. „Verehren“ und „Empfangen“ gehören zusammen: Hingabe wird zur Nahrung der Seele.
Vers 11
தீண்டா விளக்கினைத் தெய்வக் கொழுந்தினை
மாண்டாலும் போற்றிடுவாய் குதம்பாய்
மாண்டாலும் போற்றிடுவாய்.
tīṇṭā viḷakkiṉait teyvak koḻuntiṉai
māṇṭālum pōṟṟiṭuvāy kutampāy
māṇṭālum pōṟṟiṭuvāy.
Die unberührte Leuchte, die göttliche Flamme,
preise sie selbst im Sterben, Kudambai.
Preise sie selbst im Sterben.
Die Flamme verkörpert eine Gegenwart, die auch an der Grenze des Lebens trägt. Tīṇṭā, „unberührt“, lässt an ein Licht denken, das keiner äußeren Entzündung bedarf; diese Auslegung bleibt bildhaft.
Vers 12
அண்டமும் பிண்டமும் ஆக்கிய தேவனைத்
தெண்டனிட்டு ஏத்தடியே குதம்பாய்
தெண்டனிட்டு ஏத்தடியே.
aṇṭamum piṇṭamum ākkiya tēvaṉait
teṇṭaṉiṭṭu ēttaṭiyē kutampāy
teṇṭaṉiṭṭu ēttaṭiyē.
Den Gott, der Weltall und Leib geschaffen hat,
preise in ehrfürchtiger Verneigung, Kudambai.
Preise ihn in ehrfürchtiger Verneigung.
Die ehrfürchtige Verneigung umfasst Weltall und Leib als Schöpfung desselben Gottes. Bhakti erscheint hier als antwortende Dankbarkeit.
Vers 13
விந்தை பராபர வத்தின் இணையடி
சிந்தையில் கொள்வாயடி குதம்பாய்
சிந்தையில் கொள்வாயடி.
vintai parāpara vattiṉ iṇaiyaṭi
cintaiyil koḷvāyaṭi kutampāy
cintaiyil koḷvāyaṭi.
Die beiden Füße der wunderbaren höchsten Wirklichkeit:
Bewahre sie in deinem Bewusstsein, Kudambai.
Bewahre sie in deinem Bewusstsein.
Die göttlichen Füße stehen für Schutz und Hingabe. Sie im Bewusstsein zu bewahren heißt, die Verbindung zum Höchsten auch mitten im täglichen Denken lebendig zu halten.
Vers 14
விண்ணொளி யாக விளங்கும் பிரமமே
கண்ணொளி ஆகுமடி குதம்பாய்
கண்ணொளி ஆகுமடி.
viṇṇoḷi yāka viḷaṅkum piramamē
kaṇṇoḷi ākumaṭi kutampāy
kaṇṇoḷi ākumaṭi.
Das Brahman, das als Himmelslicht erstrahlt,
wird zum Licht deines Auges, Kudambai.
Es wird zum Licht deines Auges.
Kosmisches Licht und die Fähigkeit zu sehen werden auf denselben Grund bezogen. Das Bild lädt zur Aufmerksamkeit für das Bewusstsein im Wahrnehmen ein.
Vers 15
பத்தி சற்றில்லாத பாமர பாவிக்கு
முத்திசற்று இல்லையடி குதம்பாய்
முத்திசற்று இல்லையடி.
patti caṟṟillāta pāmara pāvikku
mutticaṟṟu illaiyaṭi kutampāy
mutticaṟṟu illaiyaṭi.
Für den unwissenden Sünder ohne die geringste Hingabe
gibt es nicht die geringste Befreiung, Kudambai.
Es gibt nicht die geringste Befreiung.
Die schroffe Mahnung stellt die Bedeutung aufrichtiger Hingabe heraus. Der Gedankengang fragt nach der Öffnung des Herzens, durch die Erkenntnis erst lebendig werden kann.
Vers 16
எல்லாப் பொருளுக்கு மேலான என்தேவைச்
சொல்லாமற் சொல்வாயடி குதம்பாய்
சொல்லாமற் சொல்வாயடி.
ellāp poruḷukku mēlāṉa eṉtēvaic
collāmaṟ colvāyaṭi kutampāy
collāmaṟ colvāyaṭi.
Meinen Gott, der über allen Dingen steht,
verkünde, ohne zu sprechen, Kudambai.
Verkünde ihn, ohne zu sprechen.
Schweigen kann selbst zum Lobpreis werden. Das Paradox lädt dazu ein, für einen Augenblick hinter den Worten die Gegenwart wahrzunehmen, auf die sie verweisen.
Vers 17
எந்த உயிர்க்கும் இரைதரும் ஈசனைச்
சந்ததம் வாழ்த்தடியோ குதம்பாய்
சந்ததம் வாழ்த்தடியோ.
enta uyirkkum iraitarum īcaṉaic
cantatam vāḻttaṭiyō kutampāy
cantatam vāḻttaṭiyō.
Den Herrn, der jedem Lebewesen Nahrung gibt,
preise ihn beständig, Kudambai.
Preise ihn beständig.
Ishvara erscheint als Erhalter aller Wesen. Dankbarkeit für das eigene Leben kann dadurch auch zur Fürsorge für anderes Leben werden.
Vers 18
காணக்கிடையாத கற்பாந்த கல்பத்தை
நாணாமல் ஏத்தடியே குதம்பாய்
நாணமற் ஏத்தடியே.
kāṇakkiṭaiyāta kaṟpānta kalpattai
nāṇāmal ēttaṭiyē kutampāy
nāṇamaṟ ēttaṭiyē.
Den unsichtbaren kaṟpānta kalpam [Ausdruck ungeklärt],
preise ohne Scheu, Kudambai.
Preise ihn ohne Scheu.
Kaṟpānta kalpam ist nicht eindeutig zu erschließen. Der Ausdruck bleibt deshalb unübersetzt; möglicherweise wird das Göttliche als über Weltperioden hinausreichende Erfüllung angerufen.
Vers 19
அணுவாய் பல்அண்டமாய் ஆனசிற்சோதியைத்
துணிவாய்நீ போற்றடியோ குதம்பாய்
துணிவாய்நீ போற்றடியோ.
aṇuvāy palaṇṭamāy āṉaciṟcōtiyait
tuṇivāynī pōṟṟaṭiyō kutampāy
tuṇivāynī pōṟṟaṭiyō.
Das Bewusstseinslicht, das zum Atom und zu vielen Welten geworden ist,
preise es entschlossen, Kudambai.
Preise es entschlossen.
Das Kleinste und das kosmisch Größte gehören zu derselben Wirklichkeit. Ciṟcōti wird im Sinn von Cit-Licht, Licht des Bewusstseins, gelesen.
Vers 20
மாணிக்கக் குன்றிற்கு மாசற்ற சோதிக்குக்
காணிக்கை நன்மனமே குதம்பாய்
காணிக்கை நன்மனமே.
māṇikkak kuṉṟiṟku mācaṟṟa cōtikkuk
kāṇikkai naṉmaṉamē kutampāy
kāṇikkai naṉmaṉamē.
Dem Rubinberg, dem makellosen Licht,
ist ein gutes Herz die Opfergabe, Kudambai.
Ein gutes Herz ist die Opfergabe.
Ein gutes Herz ist eine Gabe, die jeder Mensch darbringen kann. Das Bild des Rubinbergs verbindet göttliche Kostbarkeit mit Leuchten und Festigkeit; die Verehrung erhält ihren Wert durch Aufrichtigkeit.
Über die Macht Gottes
கடவுள் வல்லபங்கூறல்
Vers 21
தேவருஞ் சித்தருந் தேடு முதல்வர்
மூவரும் ஆவாரடி குதம்பாய்
மூவரும் ஆவாரடி.
tēvaruñ cittarun tēṭu mutalvar
mūvarum āvāraṭi kutampāy
mūvarum āvāraṭi.
Der Ursprung, den Götter und Siddhas suchen,
ist auch die Dreiheit, Kudambai.
Er ist auch die Dreiheit.
Die Dreiheit lässt an Brahma, Vishnu und Shiva denken. Die Aussage umfasst verschiedene göttliche Funktionen in einem Ursprung.
Vers 22
சத்தாகிச் சித்தாகித் தாபர சங்கமாய்
வித்தாகும் வத்துவடி குதம்பாய்
வித்தாகும் வத்துவடி.
cattākic cittākit tāpara caṅkamāy
vittākum vattuvaṭi kutampāy
vittākum vattuvaṭi.
Als Sein und Bewusstsein, als Unbewegliches und Bewegliches
ist die Wirklichkeit der schöpferische Same, Kudambai.
Die Wirklichkeit ist der schöpferische Same.
Sat und Chit werden mit allem unbewegten und bewegten Leben verbunden. Der Same ist ein Bild des schöpferischen Grundes.
Vers 23
உருவாகி அருவாகி ஒளியாகி வெளியாகித்
திருவாகி நின்றது காண் குதம்பாய்
திருவாகி நின்றது காண்.
uruvāki aruvāki oḷiyāki veḷiyākit
tiruvāki niṉṟatu kāṇ kutampāy
tiruvāki niṉṟatu kāṇ.
Als Gestalt und Gestaltloses, als Licht und Weite:
Sieh, wie es in heiliger Herrlichkeit gegenwärtig ist, Kudambai.
Sieh, wie es in heiliger Herrlichkeit gegenwärtig ist.
Tiru kann Heiligkeit, Glück und Erhabenheit bedeuten. Der Vers lässt Gestalt und Gestaltlosigkeit, Licht und Weite als Ausdruck derselben heiligen Gegenwart erscheinen.
Vers 24
நீரும் நெருப்பும் நெடுங்காற்று வானமும்
பாருமாய் நின்றதைக் காண் குதம்பாய்
பாருமாய் நின்றதைக் காண்.
nīrum neruppum neṭuṅkāṟṟu vāṉamum
pārumāy niṉṟataik kāṇ kutampāy
pārumāy niṉṟataik kāṇ.
Als Wasser und Feuer, als weite Luft und Himmel
und als Erde ist es gegenwärtig – schau, Kudambai!
Auch als Erde ist es gegenwärtig – schau!
Die fünf Elemente verweisen auf die ganze erfahrbare Welt. Der Vers lädt ein, ihre göttliche Durchdringung zu bedenken.
Vers 25
புவனம் எல்லாங் கணப்போதே அழித்திடச்
சிவனாலே ஆகுமடி குதம்பாய்
சிவனாலே ஆகுமடி.
puvaṉam ellāṅ kaṇappōtē aḻittiṭac
civaṉālē ākumaṭi kutampāy
civaṉālē ākumaṭi.
Alle Welten in einem Augenblick aufzulösen,
das vermag Shiva, Kudambai.
Das vermag Shiva.
Die Auflösung ist im Shaivismus eine göttliche Tätigkeit. Auch das Ende einer Welt bleibt nach dieser Schau im umfassenden Wirken Shivas geborgen.
Vers 26
அவன் அசையாவிடின் அணுஅசை யாதுஎன்றல்
புவனத்தில் உண்மையடி குதம்பாய்
புவனத்தில் உண்மையடி.
avaṉ acaiyāviṭiṉ aṇuacai yātueṉṟal
puvaṉattil uṇmaiyaṭi kutampāy
puvaṉattil uṇmaiyaṭi.
„Ohne seine Bewegung bewegt sich kein Atom“:
Das ist Wahrheit in dieser Welt, Kudambai.
Das ist Wahrheit in dieser Welt.
Selbst die kleinste Bewegung wird auf den göttlichen Grund bezogen. Das Bild bringt ein tiefes Vertrauen in die Verbundenheit allen Geschehens zum Ausdruck.
Vers 27
காரணம் சித்தென்றும் காரியம் சத்தென்றும்
ஆரணஞ் சொல்லுமடி குதம்பாய்
ஆரணஞ் சொல்லுமடி.
kāraṇam citteṉṟum kāriyam catteṉṟum
āraṇañ collumaṭi kutampāy
āraṇañ collumaṭi.
Die Ursache sei Bewusstsein, die Wirkung sei Sein:
So sagt die heilige Überlieferung, Kudambai.
So sagt die heilige Überlieferung.
Āraṇam bezeichnet vedische Überlieferung. Ursache und Wirkung werden mit Bewusstsein und Sein verbunden; der knappe Vers deutet diesen Zusammenhang an, ohne ihn systematisch auszuführen.
Vers 28
காரணம் முன்னென்றும் காரியம் பின்னென்றுந்
தாரணி சொல்லுமடி குதம்பாய்
தாரணி சொல்லுமடி.
kāraṇam muṉṉeṉṟum kāriyam piṉṉeṉṟun
tāraṇi collumaṭi kutampāy
tāraṇi collumaṭi.
Die Ursache gehe voraus, die Wirkung folge:
So spricht die Welt, Kudambai.
So spricht die Welt.
Der Vers nennt die geläufige Ordnung von Ursache und Wirkung. In der Folge wird nach einem Ursprung gefragt, der selbst keinen Anfang hat.
Vers 29
ஆதிசகத்து என்று அநாதி மகத் தென்று
மேதினி கூறுமடி குதம்பாய்
மேதினி கூறுமடி.
āticakattu eṉṟu anāti makat teṉṟu
mētiṉi kūṟumaṭi kutampāy
mētiṉi kūṟumaṭi.
„Ein Anfang der Welt, eine anfangslose Größe“ [Wortlaut unsicher]:
So spricht die Erde, Kudambai.
So spricht die Erde.
Die Worttrennung von āti cakattu und anāti makat ist unsicher. Die vorsichtige Übersetzung gibt den erkennbaren Gegensatz zwischen Anfang und Anfangslosigkeit wieder.
Vers 30
ஐந்து தொழிற்கும் உரியோன் அநாதியை
மந்திரம் போற்றுமடி குதம்பாய்
மந்திரம் போற்றுமடி.
aintu toḻiṟkum uriyōṉ anātiyai
mantiram pōṟṟumaṭi kutampāy
mantiram pōṟṟumaṭi.
Den Anfangslosen, dem die fünf Tätigkeiten zukommen,
preisen die Mantras, Kudambai.
Die Mantras preisen ihn.
Die fünf göttlichen Tätigkeiten werden im Shaivismus als Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gnade erläutert. Der Vers selbst zählt sie nicht einzeln auf.
Vers 31
யானை தலையாய் எறும்பு கடை யாய்ப்பல்
சேனையைத் தந்தானடி குதம்பாய்
சேனையைத் தந்தானடி.
yāṉai talaiyāy eṟumpu kaṭai yāyppal
cēṉaiyait tantāṉaṭi kutampāy
cēṉaiyait tantāṉaṭi.
Vom Elefanten an bis hinunter zur Ameise
hat er die vielfältige Schar hervorgebracht, Kudambai.
Er hat die vielfältige Schar hervorgebracht.
Die Größenordnung reicht vom auffälligen Tier zum leicht übersehenen Lebewesen. Alles gehört zum schöpferischen Wirken des Göttlichen.
Vers 32
மண்ணள விட்டாலும் வத்துப் பெருமைக்கே
எண்ணளவு வில்லையடி குதம்பாய்
எண்ணளவு வில்லையடி.
maṇṇaḷa viṭṭālum vattup perumaikkē
eṇṇaḷavu villaiyaṭi kutampāy
eṇṇaḷavu villaiyaṭi.
Selbst wenn sich die Erde vermessen ließe:
Die Größe der Wirklichkeit ist unermesslich, Kudambai.
Die Größe der Wirklichkeit ist unermesslich.
Das Messbare wird dem nicht zu begrenzenden Ursprung gegenübergestellt. Die Aussage ermutigt zu Demut gegenüber dem Unermesslichen.
Vers 33
ஆதியும் அந்தமும் ஆன ஒருவனே
சோதியாய் நின்றானடி குதம்பாய்
சோதியாய் நின்றானடி.
ātiyum antamum āṉa oruvaṉē
cōtiyāy niṉṟāṉaṭi kutampāy
cōtiyāy niṉṟāṉaṭi.
Der Eine, der Anfang und Ende ist,
ist als Licht gegenwärtig, Kudambai.
Er ist als Licht gegenwärtig.
Anfang und Ende sind vom selben Licht umfasst. Das Gottesbild verbindet Ursprung, gegenwärtiges Erkennen und letztes Ziel.
Vers 34
சீவனும் புத்தியும் சித்தமும் தந்தவன்
தேவன் அவனாமடி குதம்பாய்
தேவன் அவனாமடி.
cīvaṉum puttiyum cittamum tantavaṉ
tēvaṉ avaṉāmaṭi kutampāy
tēvaṉ avaṉāmaṭi.
Wer Leben, unterscheidenden Verstand und inneres Denken gegeben hat,
der ist Gott, Kudambai.
Der ist Gott.
Jiva, Buddhi und Chitta werden als Gaben betrachtet. Selbst die Fähigkeit zur inneren Suche bleibt damit auf ihren Ursprung bezogen.
Vers 35
சத்தம் சுயம்பு சுகுணம் சம்பூரணம்
சத்தியம் உள்ளானடி குதம்பாய்
சத்தியம் உள்ளானடி.
cattam cuyampu cukuṇam campūraṇam
cattiyam uḷḷāṉaṭi kutampāy
cattiyam uḷḷāṉaṭi.
Sein [Lesung unsicher], Selbstentstehung, gute Eigenschaften und ganze Fülle:
Wahrhaftigkeit ist in ihm, Kudambai.
Wahrhaftigkeit ist in ihm.
Cattam wird hier vorsichtig als Sein verstanden. Die Reihe beschreibt göttliche Vollkommenheit; die genaue Wortgestalt des ersten Ausdrucks ist unsicher.
Vers 36
எங்கும் வியாபகம் ஈகை விவேங்கள்
பொங்கமாய் உள்ளானடி குதம்பாய்
பொங்கமாய் உள்ளானடி.
eṅkum viyāpakam īkai vivēṅkaḷ
poṅkamāy uḷḷāṉaṭi kutampāy
poṅkamāy uḷḷāṉaṭi.
Allgegenwart, Freigebigkeit und Unterscheidungskraft:
Sie sind in ihm in Fülle vorhanden, Kudambai.
Sie sind in ihm in Fülle vorhanden.
Die Vorlage bietet vivēṅkaḷ, vermutlich eine beschädigte Form für Unterscheidung oder Einsicht. Die Übersetzung ist an dieser Stelle sinngemäß und unsicher.
Vers 37
தீர்க்க ஆகாயம் தெரியாத தன்மைபோல்
பார்க்கப் படாதானடி குதம்பாய்
பார்க்கப்படா தானடி.
tīrkka ākāyam teriyāta taṉmaipōl
pārkkap paṭātāṉaṭi kutampāy
pārkkappaṭā tāṉaṭi.
Wie die Weite des Himmels nicht ganz sichtbar wird,
so lässt er sich nicht sehen, Kudambai.
Er lässt sich nicht sehen.
Die Weite des Himmels lässt sich sehen, ohne dass ihr Ganzes zum Gegenstand wird. So veranschaulicht das Lied eine Gegenwart, die das gewöhnliche Sehen übersteigt.
Vers 38
ஆத்துமந் தன்னை அரூபமா எண்ணினாய்
கூத்தன் அவ்வாறு அல்லவோ குதம்பாய்
கூத்தன் அவ்வாறு அல்லவோ.
āttuman taṉṉai arūpamā eṇṇiṉāy
kūttaṉ avvāṟu allavō kutampāy
kūttaṉ avvāṟu allavō.
Du hast die Seele als gestaltlos gedacht:
Ist es mit dem Tänzer nicht ebenso, Kudambai?
Ist es mit dem Tänzer nicht ebenso?
Der Tänzer ist Shiva Nataraja. Die rhetorische Frage führt von der angenommenen Formlosigkeit der Seele zur Formlosigkeit des Göttlichen.
Vers 39
அண்டத்தைத் தேவன் அளிக்க எண் ணும்போதே
அண்டம் உண் டாயிற்றடி குதம்பாய்
அண்டம் உண் டாயிற்றடி.
aṇṭattait tēvaṉ aḷikka eṇ ṇumpōtē
aṇṭam uṇ ṭāyiṟṟaṭi kutampāy
aṇṭam uṇ ṭāyiṟṟaṭi.
Sobald Gott daran dachte, das Weltall hervorzubringen,
war das Weltall da, Kudambai.
Das Weltall war da.
Das Weltall entsteht im Bild dieses Liedes durch den göttlichen Entschluss. Schöpfung wird als unmittelbarer Ausdruck schöpferischer Freiheit besungen.
Vers 40
வானம் முற்றாக வளர்ந்திடு சின்னங்கள்
தான் அவர் செய்தாரடி குதம்பாய்
தான் அவர் செய்தாரடி.
vāṉam muṟṟāka vaḷarntiṭu ciṉṉaṅkaḷ
tāṉ avar ceytāraṭi kutampāy
tāṉ avar ceytāraṭi.
Die Zeichen, die den ganzen Himmel erfüllen,
hat er selbst geschaffen, Kudambai.
Er selbst hat sie geschaffen.
„Zeichen“ kann die sichtbaren Himmelserscheinungen meinen. Der Blick in den Himmel wird zum Anlass, über ihren gemeinsamen Ursprung zu staunen.
Vers 41
ஒன்றும் இல்லாவெளிக் குள்ளேபல் லண்டத்தை
நின்றிடச் செய்தானடி குதம்பாய்
நின்றிடச் செய்தானடி.
oṉṟum illāveḷik kuḷḷēpal laṇṭattai
niṉṟiṭac ceytāṉaṭi kutampāy
niṉṟiṭac ceytāṉaṭi.
In der Weite, in der nichts war,
ließ er viele Weltalle bestehen, Kudambai.
Er ließ viele Weltalle bestehen.
Die Vielzahl der Welten erweitert den Blick über die eigene Umgebung hinaus. Die leere Weite wird als Schauplatz göttlicher Schöpfung besungen.
Vers 42
கருவி களில்லாமற் காணும்பல் அண்டங்கள்
உருவுறச் செய்தானடி குதம்பாய்
உருவுறச் செய்தானடி.
karuvi kaḷillāmaṟ kāṇumpal aṇṭaṅkaḷ
uruvuṟac ceytāṉaṭi kutampāy
uruvuṟac ceytāṉaṭi.
Die vielen Weltalle, die du siehst,
hat er ohne Werkzeuge Gestalt annehmen lassen, Kudambai.
Er hat sie ohne Werkzeuge Gestalt annehmen lassen.
Göttliches Schaffen wird vom menschlichen Handwerk unterschieden. Es benötigt nach diesem Bild keine von außen bereitgestellten Mittel.
Vers 43
எல்லா உயிர்களும் எந்த உலகமும்
வல்லானைப் போற்றுமடி குதம்பாய்
வல்லானைப் போற்றுமடி.
ellā uyirkaḷum enta ulakamum
vallāṉaip pōṟṟumaṭi kutampāy
vallāṉaip pōṟṟumaṭi.
Alle Lebewesen und jede Welt
preisen den Mächtigen, Kudambai.
Sie preisen den Mächtigen.
Die ganze Schöpfung erscheint als Lobpreis. Dieses poetische Bild kann zur Achtung vor der Vielfalt des Lebens anregen.
Vers 44
என்றும் அழியாமை எங்கு நிறைவாகி
நின்றது பிரமமடி குதம்பாய்
நின்றது பிரமமடி.
eṉṟum aḻiyāmai eṅku niṟaivāki
niṉṟatu piramamaṭi kutampāy
niṉṟatu piramamaṭi.
Was unvergänglich und überall erfüllend gegenwärtig bleibt,
das ist Brahman, Kudambai.
Das ist Brahman.
Brahman bezeichnet die höchste Wirklichkeit: unvergänglich und überall gegenwärtig. Die Welt der wechselnden Erscheinungen wird auf diesen bleibenden Grund bezogen.
Vers 45
கண்டத்தை ஆள்கின்ற காவலர் போற்சோதி
அண்டத்தை ஆள்கின்றதே குதம்பாய்
அண்டத்தை ஆள்கின்றதே.
kaṇṭattai āḷkiṉṟa kāvalar pōṟcōti
aṇṭattai āḷkiṉṟatē kutampāy
aṇṭattai āḷkiṉṟatē.
Wie ein Hüter sein Land regiert,
so regiert das Licht das Weltall, Kudambai.
So regiert das Licht das Weltall.
Das Bild königlicher Obhut wird auf das göttliche Licht übertragen. Seine Aussage ist Bewahrung und Ordnung.
Vers 46
அண்டம் உண் டாகுமுன் ஆக அநாதியாய்க்
கண்டது பிரமமடி குதம்பாய்
கண்டது பிரமமடி.
aṇṭam uṇ ṭākumuṉ āka anātiyāyk
kaṇṭatu piramamaṭi kutampāy
kaṇṭatu piramamaṭi.
Was schon vor dem Entstehen des Weltalls anfangslos war,
das ist Brahman, Kudambai.
Das ist Brahman.
Das zeitlose Fundament wird von einer einzelnen Welterscheinung unterschieden. „Vorher“ dient dabei als menschliche Ausdrucksweise für Anfangslosigkeit.
Vers 47
எந்த உயிர் கட்கும் எந்த உலகிற்கும்
அந்தமாய் நின்றானடி குதம்பாய்
அந்தமாய் நின்றாடின.
enta uyir kaṭkum enta ulakiṟkum
antamāy niṉṟāṉaṭi kutampāy
antamāy niṉṟāṭiṉa.
Für jedes Lebewesen und jede Welt
ist er Ende und Ziel, Kudambai.
Er ist Ende und Ziel.
Antam kann Ende oder Grenze bedeuten. Die letzte Tamilzeile ist in der Vorlage offenbar beschädigt; die Übersetzung folgt der verständlichen zweiten Zeile.
Vers 48
தணிவான புத்தியால் தாணு அறியாதோர்
அணுவேனும் இல்லையடி குதம்பாய்
அணுவேனும் இல்லையடி.
taṇivāṉa puttiyāl tāṇu aṟiyātōr
aṇuvēṉum illaiyaṭi kutampāy
aṇuvēṉum illaiyaṭi.
Wer könnte den Unerschütterlichen mit ruhigem Verstand nicht erkennen? [Lesung unsicher]
Niemand, nicht ein Einziger, Kudambai.
Niemand, nicht ein Einziger.
Die syntaktische Fassung ist unsicher. Tāṇu ist ein Name Shivas; gelesen wird eine Aussage über die allen offenstehende Möglichkeit innerer Erkenntnis.
Vers 49
மூன்று தொழிலினை மூர்த்திசெய் யாவிடில்
தோன்றாது உலகமடி குதம்பாய்
தோன்றாது உலகமடி.
mūṉṟu toḻiliṉai mūrtticey yāviṭil
tōṉṟātu ulakamaṭi kutampāy
tōṉṟātu ulakamaṭi.
Wenn der göttliche Herr die drei Tätigkeiten nicht vollzöge,
würde die Welt nicht erscheinen, Kudambai.
Die Welt würde nicht erscheinen.
Gemeint sind naheliegend Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. Das Lied nennt hier drei Tätigkeiten, während Vers 30 die Fünfzahl gebraucht.
Vers 50
சீரான தேவன் சிறப்பினைச் சொல்லவே
யாரலே யாகுமடி? குதம்பாய்
யாரலே யாகுமடி?
cīrāṉa tēvaṉ ciṟappiṉaic collavē
yāralē yākumaṭi? kutampāy
yāralē yākumaṭi?
Die Herrlichkeit des erhabenen Gottes auszusprechen,
wer vermöchte das, Kudambai?
Wer vermöchte das?
Der Lobpreis stößt an eine Grenze und wird gerade dort zur Ehrfurcht. Was Worte nicht erschöpfen können, kann dennoch das Herz erfüllen.
Der Weg zum Zustand der Befreiung
முத்திநிலை பெறும் வழி
Vers 51
எல்லார்க்கும் மேலான ஏகனைப் பற்றிய
வல்லார்க்கு முத்தியடி குதம்பாய்
வல்லார்க்கு முத்தியடி.
ellārkkum mēlāṉa ēkaṉaip paṟṟiya
vallārkku muttiyaṭi kutampāy
vallārkku muttiyaṭi.
Wer sich mit ganzer Kraft an den Einen über allen hält,
für den ist Befreiung da, Kudambai.
Für den ist Befreiung da.
Befreiung ist hier die Frucht einer entschlossenen Hinwendung. Das Festhalten am Einen soll die Verstrickung in das Vielerlei lösen.
Vers 52
பற்றற நின்றானைப் பற்றறப் பற்றிடக்
கற்றார்க்கு முத்தியடி குதம்பாய்
கற்றார்க்கு முத்தியடி.
paṟṟaṟa niṉṟāṉaip paṟṟaṟap paṟṟiṭak
kaṟṟārkku muttiyaṭi kutampāy
kaṟṟārkku muttiyaṭi.
Wer gelernt hat, ohne Anhaften den Anhaftungslosen zu ergreifen,
für den ist Befreiung da, Kudambai.
Für den ist Befreiung da.
Das Wortspiel unterscheidet besitzergreifendes Festhalten von einer Hingabe, die gerade das Greifen löst. Diese Spannung gehört zur Eigenart des Verses.
Vers 53
பந்தத்தை விட்டொளிர் பந்தத்தைப் பற்றினால்
சந்தத முத்தியடி குதம்பாய்
சந்தத முத்தியடி.
pantattai viṭṭoḷir pantattaip paṟṟiṉāl
cantata muttiyaṭi kutampāy
cantata muttiyaṭi.
Wenn du die Bindung loslässt und dich an das leuchtende Band hältst,
ist beständige Befreiung da, Kudambai.
Beständige Befreiung ist da.
Pantam wird zweimal gebraucht: als Fessel und als rettende Verbindung. Das „leuchtende Band“ wird hier als göttliche Verbundenheit verstanden.
Vers 54
ஆமைபோல் ஐந்தும் அடக்கித் திரிகின்ற
ஊமைக்கு முத்தியடி குதம்பாய்
ஊமைக்கு முத்தியடி.
āmaipōl aintum aṭakkit tirikiṉṟa
ūmaikku muttiyaṭi kutampāy
ūmaikku muttiyaṭi.
Für den Schweigenden, der wie eine Schildkröte die fünf Sinne einzieht und umhergeht,
ist Befreiung da, Kudambai.
Befreiung ist da.
Wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, sammelt der Übende seine Sinne. Das Bild veranschaulicht Pratyahara; „der Schweigende“ wird hier als innerlich stiller Mensch verstanden.
Vers 55
மந்தி மனத்தை வயப்படுத் திட்டார்க்கு
வந்தெய்தும் முத்தியடி குதம்பாய்
வந்தெய்தும் முத்தியடி.
manti maṉattai vayappaṭut tiṭṭārkku
vanteytum muttiyaṭi kutampāy
vanteytum muttiyaṭi.
Wer den Affengeist unter seine Führung gebracht hat,
zu dem kommt Befreiung, Kudambai.
Zu dem kommt Befreiung.
Der Affe verkörpert die Sprunghaftigkeit des Geistes. Sammlung wächst, wenn seine Bewegungen erkannt und geduldig auf den inneren Weg ausgerichtet werden.
Vers 56
அந்தக் கரணம் அடங்க அடக்கினால்
சொந்தம் பிரமமடி குதம்பாய்
சொந்தம் பிரமமடி.
antak karaṇam aṭaṅka aṭakkiṉāl
contam piramamaṭi kutampāy
contam piramamaṭi.
Wenn du das innere Werkzeug ganz zur Ruhe bringst,
wird Brahman dir zu eigen, Kudambai.
Brahman wird dir zu eigen.
Antahkarana ist das innere Werkzeug des Denkens und Erkennens. Wenn seine Unruhe zur Ruhe kommt, wird das zuvor fern Erscheinende als tief vertraut erfahren.
Vers 57
தாய்குச் சரியான தற்பரம் சார்ந்திடில்
வாய்க்கும் பதவியடி குதம்பாய்
வாய்க்கும் பதவியடி.
tāykuc cariyāṉa taṟparam cārntiṭil
vāykkum pataviyaṭi kutampāy
vāykkum pataviyaṭi.
Wenn du dich dem Höchsten zuwendest, das einer Mutter gleicht,
wird dir der erhabene Zustand zuteil, Kudambai.
Der erhabene Zustand wird dir zuteil.
Das Höchste wird mit einer Mutter verglichen. In der Sprache der Befreiung erhalten damit auch Vertrauen, Geborgenheit und das Sichanvertrauen ihren Platz.
Vers 58
சுத்த பிரமத்தைத் தொந்தமென்று ஓட்டினால்
சித்திக்கும் முத்தியடி குதம்பாய்
சித்திக்கும் முத்தியடி.
cutta piramattait tontameṉṟu ōṭṭiṉāl
cittikkum muttiyaṭi kutampāy
cittikkum muttiyaṭi.
Wenn du das reine Brahman als „Verstrickung“ forttreibst [Vorlage unklar],
wird Befreiung gelingen, Kudambai.
Befreiung wird gelingen.
Die Wörter tontam und ōṭṭiṉāl ergeben im Zusammenhang einen widersprüchlichen Sinn. Möglicherweise ist „als das Eigene annehmen und sich verbinden“ gemeint; ohne gesicherte Lesung wird dies nicht in den Grundtext eingesetzt.
Vers 59
கன்றை விடாதுசெல் கற்றாவைப்போல் வத்தை
ஒன்றினால் முத்தியடி குதம்பாய்
ஒன்றினால் முத்தியடி.
kaṉṟai viṭātucel kaṟṟāvaippōl vattai
oṉṟiṉāl muttiyaṭi kutampāy
oṉṟiṉāl muttiyaṭi.
Wenn du dich an die Wirklichkeit hältst wie eine Milchkuh an ihr Kalb,
ist Befreiung da, Kudambai.
Befreiung ist da.
Die treue Nähe der Kuh zu ihrem Kalb gibt der geistigen Ausrichtung eine warme, lebendige Gestalt. Beständigkeit wächst hier aus Verbundenheit.
Vers 60
கைக்கனி போலவே காசறு பிரமத்தில்
சொக்கினால் முத்தியடி குதம்பாய்
சொக்கினால் முத்தியடி.
kaikkaṉi pōlavē kācaṟu piramattil
cokkiṉāl muttiyaṭi kutampāy
cokkiṉāl muttiyaṭi.
Wenn du dich im makellosen Brahman versenkst, so unmittelbar wie eine Frucht in der Hand,
ist Befreiung da, Kudambai.
Befreiung ist da.
Eine Frucht in der eigenen Hand steht für unmittelbare Gewissheit. Der Vers ermutigt dazu, die Wahrheit so nah werden zu lassen, dass sie das eigene Erleben erfüllt.
Vers 61
நித்திய வத்துவை நீங்காது நாடினால்
முத்திதான் சித்திக்குமே குதம்பாய்
முத்திதான் சித்திகுமே.
nittiya vattuvai nīṅkātu nāṭiṉāl
muttitāṉ cittikkumē kutampāy
muttitāṉ cittikumē.
Wenn du unablässig die ewige Wirklichkeit suchst,
wird Befreiung gelingen, Kudambai.
Befreiung wird gelingen.
Der Abschnitt schließt mit beständiger Ausrichtung. Wiederholung und Geduld gehören zur Reifung der Sadhana.
Verse 62–101: Vergänglichkeit, Ethik und Scheinaskese
Kritik am Leib
தேகத்தைப் பழித்தல்
Vers 62
பேசரு நாற்றம் பெருகும் உடலுக்கு
வாசனை ஏதுக்கடி குதம்பாய்
வாசனை ஏதுக்கடி.
pēcaru nāṟṟam perukum uṭalukku
vācaṉai ētukkaṭi kutampāy
vācaṉai ētukkaṭi.
Für den Leib, dessen unsäglicher Geruch zunimmt,
wozu Wohlgeruch, Kudambai?
Wozu Wohlgeruch?
Mit diesem Vers beginnt eine drastische Betrachtung der körperlichen Vergänglichkeit. Ihr asketischer Zweck ist, die Faszination an Schönheit und Schmuck zu durchschauen.
Vers 63
துற்கந்த மாய்மலம் சோரும் உடலுக்கு
நற்கந்த மேதுக்கடி குதம்பாய்
நற்கந்த மேதுக்கடி.
tuṟkanta māymalam cōrum uṭalukku
naṟkanta mētukkaṭi kutampāy
naṟkanta mētukkaṭi.
Für den Leib, aus dem übelriechender Unrat austritt,
wozu feiner Duft, Kudambai?
Wozu feiner Duft?
Das Lied hält dem geschönten Körperbild die Ausscheidungen entgegen. Seine rhetorische Übertreibung soll die Identifikation mit äußerer Attraktivität lockern.
Vers 64
நீச்சுக் கவுச்சது நீங்கா மெய்க்கு மஞ்சள்
பூச்சுத்தான் ஏதுக்கடி குதம்பாய்
பூச்சுத்தான் ஏதுக்கடி.
nīccuk kavuccatu nīṅkā meykku mañcaḷ
pūccuttāṉ ētukkaṭi kutampāy
pūccuttāṉ ētukkaṭi.
Für den Leib, dessen roher Geruch nicht weicht [Wendung unsicher],
wozu ein Anstrich mit Kurkuma, Kudambai?
Wozu ein Anstrich mit Kurkuma?
Die erste Wendung ist orthographisch unsicher; „roher Geruch“ gibt den vermuteten Sinn wieder. Der gelbe Kurkuma-Auftrag steht hier für die Verschönerung des Körpers.
Vers 65
சேலை மினுக்கதும் செம்பொன் மினுக்கதும்
மேலை மினுக்காமடி குதம்பாய்
மேலை மினுக்காமடி.
cēlai miṉukkatum cempoṉ miṉukkatum
mēlai miṉukkāmaṭi kutampāy
mēlai miṉukkāmaṭi.
Das Schimmern des Gewandes und der Glanz des roten Goldes
sind nur äußerer Glanz, Kudambai.
Es ist nur äußerer Glanz.
Kleidung und Schmuck können den Menschen verschönern, aber keine innere Reife ersetzen. Der Vers unterscheidet Oberfläche und bleibenden Wert.
Vers 66
பீவாச முள்ளவள் பீறலு உடம்புக்குப்
பூவாச மேதுக்கடி குதம்பாய்
பூவாச மேதுக்கடி.
pīvāca muḷḷavaḷ pīṟalu uṭampukkup
pūvāca mētukkaṭi kutampāy
pūvāca mētukkaṭi.
Für ihren aufreißenden Leib, der nach Unrat riecht,
wozu Blumenduft, Kudambai?
Wozu Blumenduft?
Die Vorlage spricht hier in weiblicher Form. Diese körperabwertende Perspektive wird als historischer Wortlaut bewahrt, nicht als Urteil über den Wert einer Frau übernommen.
Vers 67
போராட்டஞ் செய்து புழுத்த வுடம்பிற்கு
நீராட்டம் ஏதுக்கடி குதம்பாய்
நீராட்டம் ஏதுக்கடி.
pōrāṭṭañ ceytu puḻutta vuṭampiṟku
nīrāṭṭam ētukkaṭi kutampāy
nīrāṭṭam ētukkaṭi.
Für den Leib, der sich abgemüht hat und von Würmern zerfressen wird,
wozu ein Bad, Kudambai?
Wozu ein Bad?
Das Bad vermag den künftigen Zerfall nicht aufzuhalten. In dieser Zuspitzung stellt das Lied die Frage, worauf sich dauerhafte Hoffnung gründen lässt.
Vers 68
சீயு நிணமுந் திரண்ட உடம்பினை
ஆயுவ ஏதுக்கடி குதம்பாய்
ஆயுவ ஏதுக்கடி.
cīyu niṇamun tiraṇṭa uṭampiṉai
āyuva ētukkaṭi kutampāy
āyuva ētukkaṭi.
Den Leib, in dem Eiter und Fett zusammenkommen,
wozu ihn untersuchen, Kudambai?
Wozu ihn untersuchen? [Lesung unsicher]
Āyuva ist in der Vorlage unklar und wird hier zu „untersuchen“ gestellt. Ob stattdessen ein Ausdruck für Verschönerung oder Pflege gemeint ist, bleibt offen.
Vers 69
காகம் கழுகு களித்துண்ணும் மேனிக்கு
வாகனம் ஏதுக்கடி குதம்பாய்
வாகனம் ஏதுக்கடி.
kākam kaḻuku kaḷittuṇṇum mēṉikku
vākaṉam ētukkaṭi kutampāy
vākaṉam ētukkaṭi.
Für den Leib, den Krähen und Geier mit Genuss verzehren,
wozu ein Fahrzeug, Kudambai?
Wozu ein Fahrzeug?
Das Bild stellt Komfort und gesellschaftlichen Rang neben die Sterblichkeit des Leibes. In der heutigen Betrachtung kann es helfen, äußerem Ansehen ein angemessenes Maß zu geben.
Vers 70
கோவணத் தோடே கொளுத்தும் உடலுக்குப்
பூவணை ஏதுக்கடி குதம்பாய்
பூவணை ஏதுக்கடி.
kōvaṇat tōṭē koḷuttum uṭalukkup
pūvaṇai ētukkaṭi kutampāy
pūvaṇai ētukkaṭi.
Für den Leib, der mitsamt dem Lendentuch verbrannt wird,
wozu ein Blumenlager, Kudambai?
Wozu ein Blumenlager?
Der Verbrennungsplatz bildet den Gegenpol zum geschmückten Bett. Die Frage richtet sich gegen die Erwartung dauerhaften Glücks aus körperlichem Luxus.
Kritik an Kurtisanen – historische Abschnittsbezeichnung
பரத்தயரைப் பழித்தல்
Vers 71
நெடுவரை போலவே நீண்ட கனதனம்
நடுவாக வந்ததடி குதம்பாய்
நடுவாக வந்ததடி.
neṭuvarai pōlavē nīṇṭa kaṉataṉam
naṭuvāka vantataṭi kutampāy
naṭuvāka vantataṭi.
Die lange gewachsene, schwere Brust, einem hohen Berg gleich,
ist in die Mitte getreten, Kudambai.
Sie ist in die Mitte getreten. [Sinn unsicher]
Naṭuvāka vantatu, „ist in die Mitte getreten“, bleibt im Zusammenhang dunkel. Die Überschrift der Quelle richtet diesen Abschnitt gegen Kurtisanen; seine Perspektive ist eine historische asketische Wertung.
Vers 72
கையால் அழைப்பது போல் உனது கண்
மையால் அழைப்பதென்ன குதம்பாய்
மையால் அழைப்பதென்ன.
kaiyāl aḻaippatu pōl uṉatu kaṇ
maiyāl aḻaippateṉṉa kutampāy
maiyāl aḻaippateṉṉa.
Deine Augen locken mit ihrer schwarzen Schminke, als winktest du mit der Hand:
Warum dieses Locken, Kudambai?
Warum dieses Locken?
Die geschminkten Augen werden mit einer winkenden Hand verglichen. Die Bildsprache macht Anziehung als ein Locken sichtbar, dem der Asket zu widerstehen versucht.
Vers 73
முதிர்ந்த சுடுகாட்டில் முல்லையை ஒத்தபல்
உதிர்ந்து கிடக்குமடி குதம்பாய்
உதிர்ந்து கிடக்குமடி.
mutirnta cuṭukāṭṭil mullaiyai ottapal
utirntu kiṭakkumaṭi kutampāy
utirntu kiṭakkumaṭi.
Die Zähne, die Jasminblüten gleichen, werden auf dem alten Verbrennungsplatz
ausgefallen daliegen, Kudambai.
Sie werden ausgefallen daliegen.
Der Jasmin ist ein Bild strahlender Schönheit. Sein Gegensatz zum Verbrennungsplatz führt die Betrachtung von äußerem Reiz zur Vergänglichkeit.
Vers 74
கழறும் கிளிமொழி காலஞ் சென்றாலது
குளறி அழியுமடி குதம்பாய்
குளறி அழியுமடி.
kaḻaṟum kiḷimoḻi kālañ ceṉṟālatu
kuḷaṟi aḻiyumaṭi kutampāy
kuḷaṟi aḻiyumaṭi.
Die süß plappernde Stimme, einem Papagei gleich, wird mit der Zeit
undeutlich werden und verstummen, Kudambai.
Sie wird undeutlich werden und verstummen.
Die Papageienstimme gehört zur Sprache klassischer Schönheitsvergleiche. Auch eine bezaubernde Stimme verändert sich; die Betrachtung bezieht den Lauf des ganzen Lebens ein.
Vers 75
வளர்ந்து முறுக்காய் வயதில் எழுந்த தனம்
தளர்ந்து விழுந்திடுமே குதம்பாய்
தளர்ந்து விழுந்திடுமே.
vaḷarntu muṟukkāy vayatil eḻunta taṉam
taḷarntu viḻuntiṭumē kutampāy
taḷarntu viḻuntiṭumē.
Die Brust, die in der Jugend kräftig gewachsen ist,
wird erschlaffen und sinken, Kudambai.
Sie wird erschlaffen und sinken.
Jugendliche Fülle und körperliches Altern stehen unvermittelt nebeneinander. Für heutige Leser kann daraus eine gelassenere Haltung zum Wandel des eigenen Körpers erwachsen.
Vers 76
பொருக்கின்றி மேனியில் பூரித்து எழுந்த தோல்
சுருக்கம் விழுந்திடுமே குதம்பாய்
சுருக்கம் விழுந்திடுமே.
porukkiṉṟi mēṉiyil pūrittu eḻunta tōl
curukkam viḻuntiṭumē kutampāy
curukkam viḻuntiṭumē.
Die Haut, die sich glatt und voll über dem Körper spannt,
wird Falten bekommen, Kudambai.
Sie wird Falten bekommen.
Der Vers beschreibt einen alltäglichen und unvermeidlichen Wandel. Geistige Reife kann sich darin zeigen, dem älter werdenden Körper mit Geduld zu begegnen.
Vers 77
கொள்ளை யாகக் கொழுத்தே எழுந்த கண்
நொள்ளைய தாய்விடுமே குதம்பாய்
நொள்ளைய தாய்விடுமே.
koḷḷai yākak koḻuttē eḻunta kaṇ
noḷḷaiya tāyviṭumē kutampāy
noḷḷaiya tāyviṭumē.
Die einst so großen, vollen Augen [Bildsprache unsicher]
werden sehschwach werden, Kudambai.
Sie werden sehschwach werden.
Die genaue Nuance der ersten Zeile bleibt unsicher. Verständlich ist die Gegenüberstellung von einstiger Schönheit und nachlassendem Sehvermögen.
Vers 78
மஞ்சு போலாகி வளர்ந்திடும் கூந்தலும்
பஞ்சுபோல் ஆகிடுமே குதம்பாய்
பஞ்சுபோல் ஆகிடுமே.
mañcu pōlāki vaḷarntiṭum kūntalum
pañcupōl ākiṭumē kutampāy
pañcupōl ākiṭumē.
Auch das Haar, das wie eine dunkle Wolke wächst,
wird wie Baumwolle werden, Kudambai.
Es wird wie Baumwolle werden.
Das Dunkel der Wolke und das Weiß der Baumwolle bilden ein anschauliches Bild des Ergrauens. Vergänglichkeit wird an einer alltäglichen Erfahrung sichtbar.
Vers 79
பொன்னாலே செய்யாடி போன்ற உன்கன்னங்கள்
பின்னாலே ஒட்டிவிடும் குதம்பாய்
பின்னாலே ஒட்டிவிடும்.
poṉṉālē ceyyāṭi pōṉṟa uṉkaṉṉaṅkaḷ
piṉṉālē oṭṭiviṭum kutampāy
piṉṉālē oṭṭiviṭum.
Deine Wangen gleichen einem goldenen Spiegel [Lesung unsicher];
später werden sie einfallen, Kudambai.
Später werden sie einfallen.
Die Worttrennung des Spiegelbildes ist unsicher. Der Vergleich verbindet Glanz und Schönheit mit ihrem unvermeidlichen Wandel.
Vers 80
நல்லாய் உன் அங்கமும் நன்கு நிமர்ந்தாலும்
வில்லாய்ப்பின் கூனிவிடும் குதம்பாய்
வில்லாய்ப்பின் கூனிவிடும்.
nallāy uṉ aṅkamum naṉku nimarntālum
villāyppiṉ kūṉiviṭum kutampāy
villāyppiṉ kūṉiviṭum.
Gute Frau, selbst wenn dein Leib sich jetzt schön aufrichtet,
wird er später wie ein Bogen gekrümmt sein, Kudambai.
Er wird später wie ein Bogen gekrümmt sein.
Der Bogen veranschaulicht die gebeugte Gestalt im Alter. Eine mitfühlende heutige Lektüre nimmt die Verletzlichkeit wahr, die hinter diesem strengen asketischen Bild liegt.
Vers 81
முந்தி நடக்கின்ற மொய்ம்பும்சின் னாளையில்
குந்தி இருக்கச் செய்யும் குதம்பாய்
குந்தி இருக்கச் செய்யும்.
munti naṭakkiṉṟa moympumciṉ ṉāḷaiyil
kunti irukkac ceyyum kutampāy
kunti irukkac ceyyum.
Die Kraft, mit der du jetzt voranschreitest,
wird dich bald nur noch kauern lassen, Kudambai.
Sie wird dich nur noch kauern lassen.
Die frühere Tatkraft vermag sich nicht selbst zu erhalten. Das Lied erinnert an die Begrenztheit körperlicher Stärke und an die Notwendigkeit, rechtzeitig einen tieferen Halt zu suchen.
Vers 82
பிறக்கும்போது உற்ற பெருமையைப் போலவே
இறக்கும்போது எய்துவிடும் குதம்பாய்
இறக்கும்போது எய்துவிடும்.
piṟakkumpōtu uṟṟa perumaiyaip pōlavē
iṟakkumpōtu eytuviṭum kutampāy
iṟakkumpōtu eytuviṭum.
Die „Herrlichkeit“, die dir bei der Geburt zuteilwurde,
wird dir auch beim Sterben zuteilwerden, Kudambai.
Sie wird dir auch beim Sterben zuteilwerden. [Sinn unsicher]
Die Ironie oder genaue Bedeutung von „Herrlichkeit“ ist nicht sicher. Möglicherweise werden Hilflosigkeit und Nacktheit an den beiden Lebensgrenzen einander gegenübergestellt.
Über den guten Lebenswandel
நலம் நிலைமை
Vers 83
கோபம் பொறாமை கொடுஞ்சொல் வன்கோளிவை
பாபத்துக்கு ஏதுவடி குதம்பாய்
பாபத்துக்கு ஏதுவடி.
kōpam poṟāmai koṭuñcol vaṉkōḷivai
pāpattukku ētuvaṭi kutampāy
pāpattukku ētuvaṭi.
Zorn, Neid, grausame Worte und bösartige Verleumdung:
Sie sind Ursachen von Verfehlung, Kudambai.
Sie sind Ursachen von Verfehlung.
Ahimsa betrifft auch Worte und Gedanken. Wer bemerkt, wie Zorn oder Neid das eigene Sprechen verändern, kann schon im nächsten Gespräch bewusster handeln.
Vers 84
கள்ளங்கட் காமம் கொலைகள் கபடங்கள்
பள்ளத்திற் தள்ளுமடி குதம்பாய்
பள்ளத்திற் தள்ளுமடி.
kaḷḷaṅkaṭ kāmam kolaikaḷ kapaṭaṅkaḷ
paḷḷattiṟ taḷḷumaṭi kutampāy
paḷḷattiṟ taḷḷumaṭi.
Diebstahl, Rauschtrank, Begierde, Tötungen und Täuschungen
stoßen in den Abgrund, Kudambai.
Sie stoßen in den Abgrund.
Die zusammengezogene erste Wortfolge wird als Aufzählung gelesen. Das Bild des Abgrunds betont die zerstörerischen Folgen des Handelns.
Vers 85
பொருளாசை யுள்ளஇப் பூமியில் உள்ளோருக்கு
இருளாம் நரகமடி குதம்பாய்
இருளாம் நரகமடி.
poruḷācai yuḷḷaip pūmiyil uḷḷōrukku
iruḷām narakamaṭi kutampāy
iruḷām narakamaṭi.
Für die Menschen dieser Erde, die nach Besitz gieren,
ist die Hölle dunkel, Kudambai.
Für sie ist die Hölle dunkel.
Die Höllenvorstellung gehört zur religiösen Sprache des Textes. Daneben lässt sich in heutiger Selbstbetrachtung fragen, wie Besitzgier das Leben verdunkelt.
Vers 86
கற்புள்ள மாதைக் கலக்க நினைக்கினும்
வற்புள்ள பாவமடி குதம்பாய்
வற்புள்ள பாவமடி.
kaṟpuḷḷa mātaik kalakka niṉaikkiṉum
vaṟpuḷḷa pāvamaṭi kutampāy
vaṟpuḷḷa pāvamaṭi.
Schon daran zu denken, eine treue Frau zu verführen,
ist eine schwere Verfehlung, Kudambai.
Es ist eine schwere Verfehlung.
Der historische Vers spricht aus einer Ordnung ehelicher Treue. Als heutiger ethischer Bezug sind die Achtung vor Bindungen und die Selbstbestimmung anderer wesentlich.
Vers 87
தாழாமல் உத்தமர் தம்மை இகழ்வது
கீழாம் நரகமடி குதம்பாய்
கீழாம் நரகமடி.
tāḻāmal uttamar tammai ikaḻvatu
kīḻām narakamaṭi kutampāy
kīḻām narakamaṭi.
Edle Menschen ohne jede Bescheidenheit zu schmähen,
führt in die tiefste Hölle, Kudambai.
Es führt in die tiefste Hölle.
Demut bewahrt davor, andere aus Überheblichkeit herabzusetzen. Die Höllensprache gibt dieser ethischen Mahnung besonderen Nachdruck.
Vers 88
சுத்த பிரமத்தைத் தோத்திரம் செய்யார்க்கு
நித்தம் நரகமடி குதம்பாய்
நித்தம் நரகமடி.
cutta piramattait tōttiram ceyyārkku
nittam narakamaṭi kutampāy
nittam narakamaṭi.
Wer das reine Brahman nicht lobpreist,
für den herrscht beständig Hölle, Kudambai.
Für den herrscht beständig Hölle.
Der Vers setzt die Hinwendung zum Göttlichen als Maßstab gelingenden Lebens voraus. Seine drohende Sprache gehört zur religiösen Stimme dieser Liedgruppe.
Vers 89
எப்பாரும் போற்றும் இறையை நினையார்க்குத்
தப்பா நரகமடி குதம்பாய்
தப்பா நரகமடி.
eppārum pōṟṟum iṟaiyai niṉaiyārkkut
tappā narakamaṭi kutampāy
tappā narakamaṭi.
Wer des Herrn nicht gedenkt, den alle Welten preisen,
dem entgeht die Hölle nicht, Kudambai.
Dem entgeht die Hölle nicht.
Das Gedenken an den Herrn soll das ganze Leben durchziehen. Die ausschließende Zuspitzung dieses Liedes bleibt in Spannung zur späteren Kritik an religiösen Trennungen.
Vers 90
பாழாகப் பூசைகள் பண்ணும் மடையர்க்கே
ஏழாம் நரகமடி குதம்பாய்
ஏழாம் நரகமடி.
pāḻākap pūcaikaḷ paṇṇum maṭaiyarkkē
ēḻām narakamaṭi kutampāy
ēḻām narakamaṭi.
Für Toren, die ihre Verehrungsrituale vergeblich vollziehen,
ist die siebte Hölle da, Kudambai.
Für sie ist die siebte Hölle da.
Auch religiöses Tun kann nach diesem Lied leer werden. Die Kritik trifft die bloße äußere Verrichtung ohne innere Wahrheit.
Vers 91
காயம் எடுத் தாதி கர்த்தரை எண்ணார்க்குத்
தீயாம் நரகமடி குதம்பாய்
தீயாம் நரகமடி.
kāyam eṭut tāti karttarai eṇṇārkkut
tīyām narakamaṭi kutampāy
tīyām narakamaṭi.
Wer einen Leib empfangen hat und des ursprünglichen Schöpfers nicht gedenkt,
für den ist die Hölle feurig, Kudambai.
Für den ist die Hölle feurig.
Die Verkörperung gilt als Gelegenheit zur Gotteserkenntnis. Der Vers spricht in traditionellen Bildern von Gericht und Versäumnis.
Vers 92
அன்போடு நற்பத்தி ஆதிமேல் வையார்க்குத்
துன்பாம் நரகமடி குதம்பாய்
துன்பாம் நரகமடி?
aṉpōṭu naṟpatti ātimēl vaiyārkkut
tuṉpām narakamaṭi kutampāy
tuṉpām narakamaṭi?
Wer sich dem Ursprung nicht in aufrichtiger, liebevoller Hingabe zuwendet,
für den ist die Hölle leidvoll, Kudambai.
Für den ist die Hölle leidvoll.
Liebe und Hingabe werden miteinander verbunden. Das Schlussfragezeichen der Vorlage ändert den mahnenden Zusammenhang nicht eindeutig.
Kritik an vorgetäuschter Askese
பொய்த்தவ ஒழுக்கத்தைப் பழித்தல்
Vers 93
செங்காவி பூண்டு தெருவில் அலைவோர்க்கு
எங்காகும் நல்வழியே குதம்பாய்
எங்காகும் நல்வழியே.
ceṅkāvi pūṇṭu teruvil alaivōrkku
eṅkākum nalvaḻiyē kutampāy
eṅkākum nalvaḻiyē.
Wer ein rotockerfarbenes Gewand anlegt und durch die Straßen zieht,
wo ist für ihn der gute Weg, Kudambai?
Wo ist für ihn der gute Weg?
Das ockerfarbene Gewand bezeichnet die Lebensform des Sannyasin. Kudambais Frage führt vom sichtbaren Zeichen zur Aufrichtigkeit des Menschen, der es trägt.
Vers 94
மாத்திரைக் கோல்கொண்டு மாரீசஞ் செய்வார்க்குச்
சாத்திரம் ஏதுக்கடி குதம்பாய்
சாத்திரம் ஏதுக்கடி?
māttiraik kōlkoṇṭu mārīcañ ceyvārkkuc
cāttiram ētukkaṭi kutampāy
cāttiram ētukkaṭi?
Wer mit einem Asketenstab Täuschung betreibt,
wozu braucht er Lehrschriften, Kudambai?
Wozu braucht er Lehrschriften?
Māttiraikkōl wird als Asketenstab verstanden; mārīcam bezeichnet hier täuschenden Schein. Äußere Autorität ersetzt keine Wahrhaftigkeit.
Vers 95
வெண்ணீறு பூசியே வீதியில் வந்தோர்க்குப்
பெண்ணாசை ஏதுக்கடி குதம்பாய்
பெண்ணாசை ஏதுக்கடி?
veṇṇīṟu pūciyē vītiyil vantōrkkup
peṇṇācai ētukkaṭi kutampāy
peṇṇācai ētukkaṭi?
Wer mit weißer Asche bestrichen durch die Straße kommt,
wozu noch Begierde nach Frauen, Kudambai?
Wozu noch Begierde nach Frauen?
Vibhuti bezeichnet hier ein öffentliches Zeichen der Entsagung. Der Vers fragt nach der Übereinstimmung zwischen einem übernommenen Gelübde und dem eigenen Verhalten.
Vers 96
ஒப்பிலாத் தேவனை உள்ளத்தில் வைத்தோர்க்குக்
கப்பறை ஏதுக்கடி குதம்பாய்
கப்பறை ஏதுக்கடி?
oppilāt tēvaṉai uḷḷattil vaittōrkkuk
kappaṟai ētukkaṭi kutampāy
kappaṟai ētukkaṭi?
Wer den unvergleichlichen Gott im Herzen trägt,
wozu braucht er eine Bettelschale, Kudambai?
Wozu braucht er eine Bettelschale?
Die Bettelschale ist ein Erkennungszeichen asketischen Lebens. Wer Gott im Herzen trägt, wird hier nach dem inneren Grund seiner Entsagung gefragt.
Vers 97
சான்றோர் எனச் சொல்லித் தத்துவம் தேர்ந்தோர்க்கு
மான்தோல் ஏதுக்கடி குதம்பாய்
மான்தோல் ஏதுக்கடி.
cāṉṟōr eṉac collit tattuvam tērntōrkku
māṉtōl ētukkaṭi kutampāy
māṉtōl ētukkaṭi.
Wer als Weiser gilt und die Prinzipien erkannt hat,
wozu braucht er ein Hirschfell, Kudambai?
Wozu braucht er ein Hirschfell?
Das Hirschfell gehört zu den traditionellen Sitzunterlagen eines Asketen. Die Frage gilt einer Verwirklichung, deren Gewissheit aus der Erkenntnis selbst erwächst.
Vers 98
நாடி மனத்தினை நாதன்பால் வைத்தோர்க்குத்
தாடிசடை ஏனோ குதம்பாய்
தாடிசடை ஏனோ?
nāṭi maṉattiṉai nātaṉpāl vaittōrkkut
tāṭicaṭai ēṉō kutampāy
tāṭicaṭai ēṉō?
Wer suchend seinen Geist zum Herrn hingewandt hat,
wozu Bart und verfilztes Haar, Kudambai?
Wozu Bart und verfilztes Haar?
Bart und verfilztes Haar machen eine asketische Lebensform sichtbar. Der Vers stellt daneben die entscheidende innere Bewegung: den Geist dem Herrn zuzuwenden.
Vers 99
நாதற்கு உறவாகி நற்தவம் சார்ந்தோர்க்குப்
பாதக் குறடுமுண்டோ குதம்பாய்
பாதக் குறடுமுண்டோ?
nātaṟku uṟavāki naṟtavam cārntōrkkup
pātak kuṟaṭumuṇṭō kutampāy
pātak kuṟaṭumuṇṭō?
Wer dem Herrn verbunden ist und aufrichtig Askese übt,
braucht der Holzsandalen, Kudambai?
Braucht der Holzsandalen?
Pātak kuṟaṭu bezeichnet Fußbekleidung, hier wohl asketische Holzsandalen. Gefragt wird nach dem Wert äußerer Kennzeichen.
Vers 100
தபநிலை கண்டாதி தன்வழி பட்டோர்க்குச்
செபமாலை ஏதுக்கடி குதம்பாய்
செபமாலை ஏதுக்கடி?
tapanilai kaṇṭāti taṉvaḻi paṭṭōrkkuc
cepamālai ētukkaṭi kutampāy
cepamālai ētukkaṭi?
Wer den Zustand der Askese erkannt hat und dem Weg des Ursprungs folgt,
wozu braucht er eine Gebetskette, Kudambai?
Wozu braucht er eine Gebetskette?
Eine Gebetskette kann die Sammlung unterstützen. Das Lied fragt, welche Bedeutung sie noch hat, wenn das Bewusstsein bereits beständig auf den Ursprung ausgerichtet ist.
Vers 101
பங்கொடு பங்கில்லாப் பாழ்வெளி கண்டோர்க்கு
லங்கோ டேதுக்கடி குதம்பாய்
லங்கோ டேதுக்கடி?
paṅkoṭu paṅkillāp pāḻveḷi kaṇṭōrkku
laṅkō ṭētukkaṭi kutampāy
laṅkō ṭētukkaṭi?
Wer die leere Weite mit und ohne Teilung geschaut hat,
wozu braucht er ein Lendentuch, Kudambai?
Wozu braucht er ein Lendentuch?
„Mit und ohne Teilung“ bleibt mehrdeutig. Die radikale Frage lässt erkennen, wie weit die Freiheit von äußeren Kennzeichen in dieser asketischen Bildsprache gedacht wird.
Verse 102–145: Loslassen, Erkenntnis und Gleichwertigkeit
Vergänglicher Besitz
நிலையாப்பொருள்
Vers 102
தேடிய செம்பொன்னும் செத்தபோ துன்னோடு
நாடி வருவதுண்டோ? குதம்பாய்
நாடி வருவதுண்டோ?
tēṭiya cempoṉṉum cettapō tuṉṉōṭu
nāṭi varuvatuṇṭō? kutampāy
nāṭi varuvatuṇṭō?
Das reine Gold, das du angehäuft hast:
Wird es dich im Tod aufsuchen und begleiten, Kudambai?
Wird es dich im Tod aufsuchen und begleiten?
Die Frage lenkt den Blick vom Anhäufen zum Abschied. Was wir besitzen, kann genutzt und geteilt werden; im Sterben müssen wir es zurücklassen.
Vers 103
போம்போது தேடும் பொருளில் அணுவேனும்
சாம்போது தான்வருமோ? குதம்பாய்
சாம்போது தான்வருமோ?
pōmpōtu tēṭum poruḷil aṇuvēṉum
cāmpōtu tāṉvarumō? kutampāy
cāmpōtu tāṉvarumō?
Von den Gütern, die du bis zum Abschied suchst,
wird beim Sterben auch nur ein Atom mitkommen, Kudambai?
Wird beim Sterben auch nur ein Atom mitkommen?
Das winzige Atom verschärft den Gedanken vollständigen Loslassens. Der Vers richtet sich gegen grenzenloses Sammeln.
Vers 104
காசினிமுற்றாயுன் கைவச மாயினும்
தூசேனும் பின்வருமோ? குதம்பாய்
தூசேனும் பின்வருமோ?
kāciṉimuṟṟāyuṉ kaivaca māyiṉum
tūcēṉum piṉvarumō? kutampāy
tūcēṉum piṉvarumō?
Selbst wenn die ganze Erde in deiner Hand läge,
würde dir auch nur ein Staubkorn folgen, Kudambai?
Würde dir auch nur ein Staubkorn folgen?
Selbst umfassende Herrschaft ändert nichts an der Sterblichkeit. Das Bild setzt der Vorstellung unbegrenzter Verfügung eine Grenze.
Vers 105
உற்றார் உறவின ஊரார் பிறந்தவர்
பெற்றார்துணை யாவரோ? குதம்பாய்
பெற்றார்துணை யாவரோ?
uṟṟār uṟaviṉa ūrār piṟantavar
peṟṟārtuṇai yāvarō? kutampāy
peṟṟārtuṇai yāvarō?
Nahestehende, Verwandte, Dorfbewohner, Geschwister und Eltern:
können sie dich dabei begleiten, Kudambai?
Können sie dich dabei begleiten?
Nahe Menschen können begleiten, lieben und trösten. Der letzte Übergang bleibt dennoch ein Weg, den niemand einem anderen abnehmen kann.
Vers 106
மெய்ப்பணி கொள்ளாத மேதினி மாந்தர்க்குப்
பொய்ப்பணி ஏதுக்கடி? குதம்பாய்
பொய்ப்பணி ஏதுக்கடி?
meyppaṇi koḷḷāta mētiṉi māntarkkup
poyppaṇi ētukkaṭi? kutampāy
poyppaṇi ētukkaṭi?
Für Menschen auf Erden, die sich keinen wahren Schmuck zulegen,
wozu falscher Schmuck, Kudambai?
Wozu falscher Schmuck?
Paṇi kann Schmuck, aber auch Dienst bedeuten. Die Übersetzung nimmt das Schmuckbild auf; eine zusätzliche Bedeutung als wahrer und falscher Dienst bleibt möglich.
Vers 107
விண்ணாசை தன்னை விரும்பாத மக்கட்கு
மண்ணாசை ஏதுக்கடி? குதம்பாய்
மண்ணாசை ஏதுக்கடி?
viṇṇācai taṉṉai virumpāta makkaṭku
maṇṇācai ētukkaṭi? kutampāy
maṇṇācai ētukkaṭi?
Für Menschen, die kein Verlangen nach dem Himmel haben,
wozu Verlangen nach der Erde, Kudambai?
Wozu Verlangen nach der Erde?
Der Gegensatz von Himmel und Erde prüft, worauf das Verlangen gerichtet ist. Der Vers lässt damit auch die Frage nach einem Leben jenseits bloßen Habenwollens offen.
Vers 108
சேனைகள் பூந்தேர் திரண்ட மனுத்திரள்
யானையும் நில்லாதடி! குதம்பாய்
யானையும் நில்லாதடி!
cēṉaikaḷ pūntēr tiraṇṭa maṉuttiraḷ
yāṉaiyum nillātaṭi! kutampāy
yāṉaiyum nillātaṭi!
Heere, blumengeschmückte Wagen, versammelte Menschenmengen
und selbst Elefanten bleiben nicht, Kudambai.
Selbst Elefanten bleiben nicht.
Die Zeichen königlicher Größe sind ebenfalls vergänglich. Äußere Macht kann keine dauerhafte Sicherheit garantieren.
Vers 109
செங்கோல் செலுத்திய செல்வமும் ஓர்காலம்
தங்காது அழியுமடி! குதம்பாய்
தங்காது அழியுமடி!
ceṅkōl celuttiya celvamum ōrkālam
taṅkātu aḻiyumaṭi! kutampāy
taṅkātu aḻiyumaṭi!
Auch der Reichtum, mit dem du das gerechte Zepter führtest,
wird eines Tages nicht bleiben, sondern vergehen, Kudambai.
Er wird nicht bleiben, sondern vergehen.
Der gerechte Herrscher ist ebenfalls dem Wandel unterworfen. Die Einsicht in Vergänglichkeit kann Macht bescheidener und ihren Gebrauch verantwortlicher machen.
Vers 110
கூடங்கள் மாடங்கள் கோபுர மாபுரம்
கூடவே வாராதடி! கும்பாய்
கூடவே வாராதடி!
kūṭaṅkaḷ māṭaṅkaḷ kōpura māpuram
kūṭavē vārātaṭi! kumpāy
kūṭavē vārātaṭi!
Hallen, Obergeschosse, Tempeltürme und große Städte
werden nicht mit dir kommen, Kudambai.
Sie werden nicht mit dir kommen.
Die Anrede lautet in der Vorlage verkürzt kumpāy; sie wird in der Übersetzung als Kudambai wiedergegeben. Bauwerke überdauern Menschen, begleiten sie aber nicht ins Sterben.
Was den Menschen begleitet
தன்னோடு செல்பவை
Vers 111
நல்வினை தீவினை நாடிப் புரிந்தோர்பால்
செல்வன் நிச்சயமே குதம்பாய்
செல்வன நிச்சயமே.
nalviṉai tīviṉai nāṭip purintōrpāl
celvaṉ niccayamē kutampāy
celvaṉa niccayamē.
Gute und böse Taten
folgen gewiss denen, die sie begangen haben, Kudambai.
Sie folgen gewiss denen, die sie begangen haben.
Die letzte Zeile hat die grammatisch passende Form celvaṉa; die zweite bietet celvaṉ. Die Übersetzung folgt dem Sinnzusammenhang des Karma.
Vers 112
செய்தவம் செய்கொலை செய்தர்மம் தன்னொடும்
எய்த வருவனவே குதம்பாய்
எய்த வருவனவே.
ceytavam ceykolai ceytarmam taṉṉoṭum
eyta varuvaṉavē kutampāy
eyta varuvaṉavē.
Vollzogene Askese, begangene Tötung und geübte Wohltätigkeit:
Sie werden dich begleiten, Kudambai.
Sie werden dich begleiten.
Die Folge einer Tat bleibt mit dem Handelnden verbunden. Askese, Gewalt und freigebiges Handeln werden gerade wegen ihrer unterschiedlichen Wirkung nebeneinandergestellt.
Vers 113
முத்தி அளித்திடு மூர்த்தியைப் போற்றிசெய
பத்தியும் பின்வருமே குதம்பாய்
பத்தியும் பின்வருமே.
mutti aḷittiṭu mūrttiyaip pōṟṟiceya
pattiyum piṉvarumē kutampāy
pattiyum piṉvarumē.
Auch die Hingabe, mit der du den Befreiung schenkenden Herrn gepriesen hast,
wird dir nachfolgen, Kudambai.
Sie wird dir nachfolgen.
Innere Ausrichtung erhält gegenüber Besitz einen bleibenden Rang. Bhakti Yoga erscheint als wirksame Prägung des Lebens.
Das Begehren aufgeben
ஆசையை ஒழித்தல்
Vers 114
இச்சைப் பிறப்பினை எய்விக்கு என்றது
நிச்சய மாகுமடி குதம்பாய்
நிச்சய மாகுமடி.
iccaip piṟappiṉai eyvikku eṉṟatu
niccaya mākumaṭi kutampāy
niccaya mākumaṭi.
Dass Begehren eine neue Geburt herbeiführt,
das ist gewiss, Kudambai.
Das ist gewiss.
Verlangen wird als Motor erneuter Verstrickung verstanden. Die Aussage gehört zur religiösen Lehre von Samsara.
Vers 115
வல்லமை யாகவே வாஞ்சை ஒழித்திட்டால்
நல்ல துறவாமடி குதம்பாய்
நல்ல துறவாமடி.
vallamai yākavē vāñcai oḻittiṭṭāl
nalla tuṟavāmaṭi kutampāy
nalla tuṟavāmaṭi.
Wenn du das Verlangen mit Entschlossenheit aufgibst,
ist das gute Entsagung, Kudambai.
Das ist gute Entsagung.
Vairagya wird an der inneren Freiheit vom Begehren gemessen. Äußere Armut allein genügt dafür nicht.
Vers 116
ஆசை அறுத்தோர்க்கே ஆனந்தம் உண்டென்ற
ஓசையைக் கேட்டிலையோ குதம்பாய்
ஓசையைக் கேட்டிலையோ?
ācai aṟuttōrkkē āṉantam uṇṭeṉṟa
ōcaiyaik kēṭṭilaiyō kutampāy
ōcaiyaik kēṭṭilaiyō?
Dass Seligkeit denen zuteilwird, die das Begehren abgeschnitten haben:
Hast du diese Botschaft nicht gehört, Kudambai?
Hast du diese Botschaft nicht gehört?
Seligkeit ist die positive Verheißung des Loslassens. Der Vers fordert dazu auf, diese Möglichkeit zu hören und im eigenen Leben zu prüfen.
Vers 117
தேக்கிய ஆசையைச் சீயென்று ஒறுத்தோரே
பாக்கிய வான்களடி குதம்பாய்
பாக்கிய வான்களடி.
tēkkiya ācaiyaic cīyeṉṟu oṟuttōrē
pākkiya vāṉkaḷaṭi kutampāy
pākkiya vāṉkaḷaṭi.
Wer das angehäufte Begehren mit einem entschiedenen „Fort damit!“ zurückweist,
der ist wahrhaft beglückt, Kudambai.
Der ist wahrhaft beglückt.
Die kräftige Alltagssprache verleiht der Mahnung Nachdruck. Sie fordert einen klaren Entschluss gegenüber eingeübten Abhängigkeiten.
Vers 118
இன்பங்கள் எய்திட விச்சை உறாதார்க்குத்
துன்பங்கள் உண்டாமடி குதம்பாய்
துன்பங்கள் உண்டாமடி.
iṉpaṅkaḷ eytiṭa viccai uṟātārkkut
tuṉpaṅkaḷ uṇṭāmaṭi kutampāy
tuṉpaṅkaḷ uṇṭāmaṭi.
Für diejenigen, die kein Verlangen nach Genüssen haben,
sollte es Leiden geben, Kudambai?
Sollte es Leiden geben? [fragende Lesung unsicher]
Die Quelle setzt keinen Fragesatz und bietet uṇṭām. Eine rhetorische Frage passt zum Zusammenhang; der Text könnte jedoch beschädigt sein. Die Unsicherheit bleibt ausdrücklich bestehen.
Vers 119
துறவிகள் ஆளாசை துறந்து விடுவரேல்
பிறவிகள் இல்லையடி குதம்பாய்
பிறவிகள் இல்லையடி.
tuṟavikaḷ āḷācai tuṟantu viṭuvarēl
piṟavikaḷ illaiyaṭi kutampāy
piṟavikaḷ illaiyaṭi.
Wenn Entsagende auch den Wunsch, über andere zu herrschen, aufgeben,
gibt es keine weiteren Geburten, Kudambai.
Es gibt keine weiteren Geburten.
Āḷācai kann den Wunsch nach Herrschaft oder nach Menschen bezeichnen. Auch geistliche Machtansprüche können eine Form von Anhaftung sein.
Über den Zustand der Askese
தவநிலை கூறல்
Vers 120
கொல்லா விரதம் குளிர்பசி நீக்குதல்
நல்ல விரதமடி குதம்பாய்
நல்ல விரதமடி.
kollā viratam kuḷirpaci nīkkutal
nalla viratamaṭi kutampāy
nalla viratamaṭi.
Das Gelübde, nicht zu töten, und das Lindern von Kälte und Hunger:
Das ist ein gutes Gelübde, Kudambai.
Das ist ein gutes Gelübde.
Ahimsa wird mit tätigem Mitgefühl verbunden. Wer Hunger und Kälte lindert, gibt seinem Gelübde eine Gestalt, die anderen Menschen unmittelbar zugutekommt.
Vers 121
தவநிலை ஒன்றனைச் சாராத மாந்தர்கள்
அவநிலை யாவாரடி குதம்பாய்
அவநிலை யாவாரடி.
tavanilai oṉṟaṉaic cārāta māntarkaḷ
avanilai yāvāraṭi kutampāy
avanilai yāvāraṭi.
Menschen, die sich keiner geistigen Disziplin zuwenden,
geraten in einen unwürdigen Zustand, Kudambai.
Sie geraten in einen unwürdigen Zustand.
Das Wortspiel tavam/avam stellt geistige Disziplin und Verfehlung einander gegenüber. Die Sammlung fordert eine beständige Ausrichtung, die dem Leben Halt gibt.
Vers 122
தவமதை எந்நாளுஞ் சாதிக்க வல்லார்க்குச்
சிவமது கைவசமே குதம்பாய்
சிவமது கைவசமே.
tavamatai ennāḷuñ cātikka vallārkkuc
civamatu kaivacamē kutampāy
civamatu kaivacamē.
Wer Tag für Tag in seiner Askese beständig bleibt,
dem ist Shiva in die Hand gegeben, Kudambai.
Dem ist Shiva in die Hand gegeben.
„In die Hand gegeben“ ist ein Bild großer Nähe und Vertrautheit. Die tägliche Sadhana lässt die Beziehung zu Shiva im eigenen Leben beständig werden.
Vers 123
காமனை வென்று கடுந்தவஞ் செய்வோர்க்கு
ஏமன் பயப்படுவான் குதம்பாய்
ஏமன் பயப்படுவான்.
kāmaṉai veṉṟu kaṭuntavañ ceyvōrkku
ēmaṉ payappaṭuvāṉ kutampāy
ēmaṉ payappaṭuvāṉ.
Vor denen, die den Liebesgott besiegt haben und strenge Askese üben,
fürchtet sich Yama, Kudambai.
Yama fürchtet sich vor ihnen.
Kama verkörpert Begehren, Yama den Tod. Der Vers beschreibt die Macht geistiger Sammlung in mythologischer Sprache.
Vers 124
யோகந் தான்வேண்டி உறுதிகொள் யோகிக்கு
மோகந்தான் இல்லையடி குதம்பாய்
மோகந்தான் இல்லையடி.
yōkan tāṉvēṇṭi uṟutikoḷ yōkikku
mōkantāṉ illaiyaṭi kutampāy
mōkantāṉ illaiyaṭi.
Für den entschlossenen Yogi, der nach Yoga strebt,
gibt es keine Verblendung, Kudambai.
Es gibt keine Verblendung.
Moha bedeutet Verblendung oder betörende Verhaftung. Der entschlossene Yogi richtet sein Leben so aus, dass deren Macht schrittweise weicht.
Vers 125
காலங்கள் கண்டு கடிந்த துறவோர்க்குக்
கோலங்கள் உண்டாமடி குதம்பாய்
கோலங்கள் உண்டாமடி.
kālaṅkaḷ kaṇṭu kaṭinta tuṟavōrkkuk
kōlaṅkaḷ uṇṭāmaṭi kutampāy
kōlaṅkaḷ uṇṭāmaṭi.
Für Entsagende, die die Zeiten erkannt und überwunden haben,
gibt es noch äußeren Schmuck, Kudambai?
Gibt es noch äußeren Schmuck? [fragende Lesung]
Kōlam kann Schmuck, Erscheinungsform oder Aufmachung heißen. Die Vorlage bietet keinen eindeutigen Fragesatz; die rhetorische Lesung bleibt eine Deutung.
Vers 126
ஐம்புலன் வென்றே அனைத்தும் துறந்தோர்கள்
சம்புவைக் காண்பாரடி குதம்பாய்
சம்புவைக் காண்பாரடி.
aimpulaṉ veṉṟē aṉaittum tuṟantōrkaḷ
campuvaik kāṇpāraṭi kutampāy
campuvaik kāṇpāraṭi.
Wer die fünf Sinne gemeistert und alles losgelassen hat,
wird Shambhu schauen, Kudambai.
Er wird Shambhu schauen.
Shambhu ist der gütige Shiva. Die Beherrschung der Sinne dient einer vertieften Wahrnehmung des Göttlichen.
Vers 127
பொய்மை வெறுத்திட்டு மெய்யை விரும்பினோர்
மெய்யவர் ஆவாரடி குதம்பாய்
மெய்யவர் ஆவாரடி.
poymai veṟuttiṭṭu meyyai virumpiṉōr
meyyavar āvāraṭi kutampāy
meyyavar āvāraṭi.
Wer Falschheit verwirft und Wahrheit liebt,
wird wahrhaftig sein, Kudambai.
Er wird wahrhaftig sein.
Wahrhaftigkeit wächst durch die Liebe zur Wahrheit. Erkenntnis erhält hier eine ethische Gestalt, die sich im Sprechen und Handeln bewährt.
Vers 128
யான் என்ன தென்னும் இருவகைப் பற்றற்றோன்
வானவன் ஆவானடி குதம்பாய்
வானவன் ஆவானடி.
yāṉ eṉṉa teṉṉum iruvakaip paṟṟaṟṟōṉ
vāṉavaṉ āvāṉaṭi kutampāy
vāṉavaṉ āvāṉaṭi.
Wer frei ist von den beiden Bindungen „Ich“ und „Mein“,
wird ein Himmlischer, Kudambai.
Er wird ein Himmlischer.
Die beiden Formen der Selbstbehauptung werden als Fesseln beschrieben. Das himmlische Bild weist auf Freiheit von ihrer Herrschaft.
Vers 129
அகம்புறம் ஆனபற் றற்றமெய்ஞ் ஞானிக்கு
நகுபிறப்பு இல்லையடி குதம்பாய்
நகுபிறப்பு இல்லையடி.
akampuṟam āṉapaṟ ṟaṟṟameyñ ñāṉikku
nakupiṟappu illaiyaṭi kutampāy
nakupiṟappu illaiyaṭi.
Für den wahrhaft Erkennenden, der innere und äußere Bindungen gelöst hat,
gibt es keine beschämende Wiedergeburt mehr, Kudambai.
Es gibt keine beschämende Wiedergeburt mehr. [Wortbedeutung unsicher]
Naku wird hier als abwertende Bestimmung der Geburt gelesen; die Nuance ist unsicher. Klar ist die Verheißung, aus erneuter Verstrickung frei zu werden.
Vers 130
பற்றறில் துன்பமும் பற்றறும் இன்பமும்
முற்றாக எய்துமடி குதம்பாய்
முற்றாக எய்துமடி.
paṟṟaṟil tuṉpamum paṟṟaṟum iṉpamum
muṟṟāka eytumaṭi kutampāy
muṟṟāka eytumaṭi.
Wenn das Anhaften schwindet, schwindet auch das Leiden; Freude
wird dir dann ganz zuteil, Kudambai.
Freude wird dir ganz zuteil.
Die Worttrennung wird dem Zusammenhang entsprechend gelesen: Nicht auch die Freude soll abbrechen, sondern das Leid. Das Loslassen eröffnet Raum für Ananda.
Erläuterung der Erkenntnis
அறிவு விளக்கம்
Vers 131
பொய்ஞ்ஞானம் நீக்கியே பூரணம் சார்தற்கு
மெய்ஞ்ஞானம் வேண்டுமடி குதம்பாய்
மெய்ஞ்ஞானம் வேண்டுமடி.
poyññāṉam nīkkiyē pūraṇam cārtaṟku
meyññāṉam vēṇṭumaṭi kutampāy
meyññāṉam vēṇṭumaṭi.
Um falsches Wissen zu beseitigen und die Fülle zu erreichen,
braucht es wahre Erkenntnis, Kudambai.
Es braucht wahre Erkenntnis.
Jnana wird auf dem Weg zur Fülle ausdrücklich gebraucht. Die spätere Frage in Vers 229 spricht dagegen aus der Perspektive bereits überströmender Seligkeit.
Vers 132
பிறவியை நீக்கிடப் பேரின்பம் நோக்கிய
அறிவு பெரிதாமடி குதம்பாய்
அறிவு பெரிதாமடி.
piṟaviyai nīkkiṭap pēriṉpam nōkkiya
aṟivu peritāmaṭi kutampāy
aṟivu peritāmaṭi.
Erkenntnis, die nach höchster Seligkeit strebt und die Wiedergeburt beenden will,
ist von großer Bedeutung, Kudambai.
Sie ist von großer Bedeutung.
Der Rang des Wissens bemisst sich an seiner befreienden Wirkung. Die Erkenntnis soll das Leben verwandeln und den Kreislauf des Getriebenseins beenden.
Vers 133
தத்துவமாகவே சத்துப்பொருள் கண்டால்
தத்துவ ஞானமடி குதம்பாய்
தத்துவ ஞானமடி.
tattuvamākavē cattupporuḷ kaṇṭāl
tattuva ñāṉamaṭi kutampāy
tattuva ñāṉamaṭi.
Wenn du das wirklich Seiende seinem Wesen nach erkennst,
ist das Erkenntnis der Prinzipien, Kudambai.
Das ist Erkenntnis der Prinzipien.
Tattuva ñāṉam ist die Erkenntnis der Wirklichkeit beziehungsweise ihrer Prinzipien. Das Lied führt vom bloßen Wahrnehmen zum Verstehen dessen, was wirklich ist.
Vers 134
அண்டத்தைக் கண்டதை ஆக்கினோன் உண்டென்று
கண்டது அறிவாமடி குதம்பாய்
கண்டது அறிவாமடி.
aṇṭattaik kaṇṭatai ākkiṉōṉ uṇṭeṉṟu
kaṇṭatu aṟivāmaṭi kutampāy
kaṇṭatu aṟivāmaṭi.
Am gesehenen Weltall zu erkennen, dass es einen gibt, der es geschaffen hat:
Das ist Erkenntnis, Kudambai.
Das ist Erkenntnis.
Vom sichtbaren Weltall führt der Gedanke zu seinem Schöpfer. So formuliert der Vers eine theistische Sicht auf den Zusammenhang von Welt und Erkenntnis.
Vers 135
முக்குற்றம் நீக்கமுயலும் மெய்ஞ் ஞானமே
தக்கமெய்ஞ் ஞானமடி குதம்பாய்
தக்கமெய்ஞ் ஞானமடி.
mukkuṟṟam nīkkamuyalum meyñ ñāṉamē
takkameyñ ñāṉamaṭi kutampāy
takkameyñ ñāṉamaṭi.
Die wahre Erkenntnis, die sich um die Überwindung der drei Fehler bemüht,
ist rechte, wahre Erkenntnis, Kudambai.
Das ist rechte, wahre Erkenntnis.
Die drei Fehler werden hier nicht benannt. Eine Gleichsetzung mit einer bestimmten Dreiergruppe wäre Zusatzdeutung; wesentlich bleibt die Verbindung von Erkenntnis und Reinigung.
Vers 136
போதம் இதென்றுமெய்ப் போதநிலை காணல்
போதமது ஆகுமடி குதம்பாய்
போதமது ஆகுமடி.
pōtam iteṉṟumeyp pōtanilai kāṇal
pōtamatu ākumaṭi kutampāy
pōtamatu ākumaṭi.
„Dies ist Erwachen“: Den Zustand wahren Erwachens zu schauen,
das ist Erwachen, Kudambai.
Das ist Erwachen.
Pōtam verweist auf Erkenntnis und Bewusstheit. Das Wortspiel betont die unmittelbare Erfahrung gegenüber einer bloßen Definition.
Keine Kastenunterschiede
சாதி பேத மின்மை
Vers 137
ஆண்சாதி பெண்சாதி யாகும் இருசாதி
வீண்சாதி மற்றவெல்லாம் குதம்பாய்
வீண்சாதி மற்றவெல்லாம்.
āṇcāti peṇcāti yākum irucāti
vīṇcāti maṟṟavellām kutampāy
vīṇcāti maṟṟavellām.
Männliches Geschlecht und weibliches Geschlecht sind die beiden Arten;
alle anderen Kasten sind nichtig, Kudambai.
Alle anderen Kasten sind nichtig.
Cāti kann „Art“ und „Kaste“ bedeuten. Das Wortspiel verwendet die historische Unterscheidung von Mann und Frau, um die vielen erblichen Rangstufen der Gesellschaft zurückzuweisen.
Vers 138
பார்ப்பார்கள் மேலென்றும் பறையர்கள் கீழென்றும்
தீர்ப்பாகச் சொல்வதென்ன? குதம்பாய்
தீர்ப்பாகச் சொல்வதென்ன?
pārppārkaḷ mēleṉṟum paṟaiyarkaḷ kīḻeṉṟum
tīrppākac colvateṉṉa? kutampāy
tīrppākac colvateṉṉa?
„Brahmanen stehen oben, Paraiyar stehen unten“:
Warum fällt man ein solches Urteil, Kudambai?
Warum fällt man ein solches Urteil?
Der Vers widerspricht ausdrücklich einer sozialen Hierarchie. Brahmanen und Paraiyar werden als konkrete Gruppen der historischen Kastengesellschaft genannt.
Vers 139
பார்ப்பாரைக் கர்த்தர் பறையரைப் போலவே
தீர்ப்பாய்ப் படைத்தாரடி குதம்பாய்
தீர்ப்பாய்ப் படைத்தாரடி.
pārppāraik karttar paṟaiyaraip pōlavē
tīrppāyp paṭaittāraṭi kutampāy
tīrppāyp paṭaittāraṭi.
Gewiss hat der Schöpfer die Brahmanen
ebenso geschaffen wie die Paraiyar, Kudambai.
Ebenso hat er sie geschaffen.
Die gemeinsame Schöpfung begründet die Gleichwertigkeit der genannten Gruppen. Herkunft verleiht nach diesem Lied keinen höheren Rang vor Gott.
Vers 140
பற்பல சாதியாய்ப் பாரிற் பகுத்தது
கற்பனை ஆகுமடி குதம்பாய்
கற்பனை ஆகுமடி.
paṟpala cātiyāyp pāriṟ pakuttatu
kaṟpaṉai ākumaṭi kutampāy
kaṟpaṉai ākumaṭi.
Die Erde in viele verschiedene Kasten einzuteilen,
ist eine menschliche Vorstellung, Kudambai.
Es ist eine menschliche Vorstellung.
Kastenunterschiede erscheinen als gemachte Ordnung. Die Aussage bestreitet ihren Anspruch auf unveränderliche göttliche Geltung.
Vers 141
சுட்டிடுஞ் சாதிப்பேர் கட்டுச்சொல் லல்லாமல்
தொட்டிடும் வத்தல்லவே குதம்பாய்
தொட்டிடும் வத்தல்லவே.
cuṭṭiṭuñ cātippēr kaṭṭuccol lallāmal
toṭṭiṭum vattallavē kutampāy
toṭṭiṭum vattallavē.
Ein Kastenname ist ein gemachtes Wort:
Er ist keine Wirklichkeit, die man berühren könnte, Kudambai.
Er ist keine Wirklichkeit, die man berühren könnte.
Ein gesellschaftlicher Name sagt noch nicht, wer ein Mensch im Innersten ist. Die Kritik an der Verwechslung von Bezeichnung und Wirklichkeit eröffnet Raum für Achtung und Gleichwertigkeit.
Vers 142
ஆதி பரப்பிரமம் ஆக்கு மக்காலையில்
சாதிகள் இல்லையடி குதம்பாய்
சாதிகள் இல்லையடி.
āti parappiramam ākku makkālaiyil
cātikaḷ illaiyaṭi kutampāy
cātikaḷ illaiyaṭi.
Als das ursprüngliche Parabrahman schöpferisch wirkte,
gab es keine Kasten, Kudambai.
Es gab keine Kasten.
Parabrahman bezeichnet den höchsten Ursprung. Die Rückführung auf diesen Ursprung entkräftet die Vorstellung angeborener geistiger Überlegenheit.
Vers 143
சாதிவேறு என்றே தரம்பிரிப் போருக்குச்
சோதிவே றாகுமடி குதம்பாய்
சோதிவே றாகுமடி.
cātivēṟu eṉṟē tarampirip pōrukkuc
cōtivē ṟākumaṭi kutampāy
cōtivē ṟākumaṭi.
Für jene, die Menschen nach verschiedenen Kasten in Ränge teilen,
wird das Licht fern und fremd, Kudambai.
Das Licht wird fern und fremd.
Cōti vēṟākum lässt auch „das Licht wird anders“ zu. Hier wird die Wendung als Entfernung von der göttlichen Erkenntnis verstanden.
Vers 144
நீதிமானென்றே நெறியாய் இருப்பானே
சாதிமா னாவாடி குதம்பாய்
சாதிமா னாவாடி.
nītimāṉeṉṟē neṟiyāy iruppāṉē
cātimā ṉāvāṭi kutampāy
cātimā ṉāvāṭi.
Wer rechtschaffen ist und aufrichtig seinen Weg geht,
der allein ist von edler Art, Kudambai.
Der allein ist von edler Art.
Das Wort cāti wird neu bestimmt: Lebenswandel tritt an die Stelle ererbten Ranges. Die Schlussform der Vorlage ist sprachlich verkürzt.
Vers 145
சாதி ஒன்றில்லை சமயம் ஒன்றில்லை என்று
ஓதி உணர்ந் தறிவாய் குதம்பாய்
ஓதி உணர்ந் தறிவாய்.
cāti oṉṟillai camayam oṉṟillai eṉṟu
ōti uṇarn taṟivāy kutampāy
ōti uṇarn taṟivāy.
„Es gibt keine Kaste, es gibt keine Religion“:
Lerne es, erfahre es und erkenne es, Kudambai.
Lerne es, erfahre es und erkenne es.
Die radikale Formulierung bestreitet im Zusammenhang den letzten Rang gesellschaftlicher und religiöser Einteilungen. Sie steht zugleich in Spannung zu den religiösen Abgrenzungen der folgenden Lieder.
Verse 146–175: Religion, Mantra und Siddha-Alchemie
Über religiöse Lehren
சமயநிலை கூறல்
Vers 146
தன்புத்தி தெய்வமாய்ச் சாற்றிய சார்வாகம்
புன்புத்தி ஆகுமடி குதம்பாய்
புன்புத்தி ஆகுமடி.
taṉputti teyvamāyc cāṟṟiya cārvākam
puṉputti ākumaṭi kutampāy
puṉputti ākumaṭi.
Die Charvaka-Lehre, die den eigenen Verstand zum Gott erklärt,
ist dürftige Einsicht, Kudambai.
Es ist dürftige Einsicht.
Charvaka erscheint hier in der polemischen Darstellung eines religiösen Gegners. Diese Charakterisierung ist von der sachlichen Beschreibung der materialistischen Schule zu unterscheiden.
Vers 147
கல்லினைச் செம்பினைக் கட்டையைக் கும்பிடல்
புல்லறி வாகுமடி குதம்பாய்
புல்லறி வாகுமடி.
kalliṉaic cempiṉaik kaṭṭaiyaik kumpiṭal
pullaṟi vākumaṭi kutampāy
pullaṟi vākumaṭi.
Stein, Kupfer und Holz anzubeten,
ist geringe Einsicht, Kudambai.
Es ist geringe Einsicht.
Das Lied greift die Verehrung materieller Kultbilder unmittelbar an. Es vertritt damit eine eigenständige Position innerhalb der vielfältigen hinduistischen Gottesverehrung.
Vers 148
அண்டத்தைக் கண்டு அநாதியில் என்பவர்
கொண்ட கருத்தவமே குதம்பாய்
கொண்ட கருத்தவமே.
aṇṭattaik kaṇṭu anātiyil eṉpavar
koṇṭa karuttavamē kutampāy
koṇṭa karuttavamē.
Wer beim Anblick des Weltalls sagt, es sei anfangslos [Lesung unsicher],
dessen Auffassung ist vergeblich, Kudambai.
Dessen Auffassung ist vergeblich.
Die Lesung setzt anātiyil als verkürzte Aussage über Anfangslosigkeit an; die Syntax ist unsicher. Das Lied grenzt sich hier von einer Welt ohne schöpferischen Ursprung ab.
Vers 149
பெண்ணின்ப முத்தியாய்ப் பேசும்பா டாண்மதம்
கண்ணின்மை ஆகுமடி குதம்பாய்
கண்ணின்மை ஆகுமடி.
peṇṇiṉpa muttiyāyp pēcumpā ṭāṇmatam
kaṇṇiṉmai ākumaṭi kutampāy
kaṇṇiṉmai ākumaṭi.
Die Pāṭāṇa-Lehre, die Lust mit einer Frau als Befreiung ausgibt [Lehrname unklar],
ist Blindheit, Kudambai.
Es ist Blindheit.
Die genaue Identifikation von pāṭāṇa matam bleibt offen. Der Vers kritisiert eine Gleichsetzung sexuellen Genusses mit Befreiung; eine pauschale Zuordnung zu sämtlichem Tantra wäre unbelegt.
Vers 150
சூரியன் தெய்மாய்ச் சுட்டுஞ் சமயந்தான்
காரியம் அல்லவடி குதம்பாய்
காரியம் அல்லவடி.
cūriyaṉ teymāyc cuṭṭuñ camayantāṉ
kāriyam allavaṭi kutampāy
kāriyam allavaṭi.
Die Religion, die die Sonne als Gott bezeichnet,
ist kein tauglicher Weg, Kudambai.
Es ist kein tauglicher Weg.
Der Vers enthält eine religiöse Abgrenzung gegenüber Sonnenverehrung. Die beschädigte Form tey-māy wird dem Kontext entsprechend als „als Gott“ verstanden.
Vers 151
மனம்தெய்வம் என்று மகிழ்ந்து கொண்டாடிய
இனமதி ஈனமடி குதம்பாய்
இனமதி ஈனமடி.
maṉamteyvam eṉṟu makiḻntu koṇṭāṭiya
iṉamati īṉamaṭi kutampāy
iṉamati īṉamaṭi.
Die Auffassung derer, die froh den Geist als Gott feiern,
ist beschränkt, Kudambai.
Sie ist beschränkt.
Die Frage gilt der Grenze des gewöhnlichen Geistes. Der polemische Vers wehrt sich dagegen, dessen wechselnde Bewegungen ohne Weiteres mit dem Göttlichen gleichzusetzen.
Vers 152
பற்பல மார்க்கம் பகர்ந்திடும் வேதங்கள்
கற்பனை ஆகுமடி குதம்பாய்
கற்பனை ஆகுமடி.
paṟpala mārkkam pakarntiṭum vētaṅkaḷ
kaṟpaṉai ākumaṭi kutampāy
kaṟpaṉai ākumaṭi.
Die Veden, die viele verschiedene Wege verkünden,
sind Vorstellungen, Kudambai.
Sie sind Vorstellungen.
Die scharfe Schriftkritik steht neben positiven Bezügen auf Überlieferung, etwa in Vers 27. Die Sammlung bewahrt damit unterschiedliche Stimmen zum Verhältnis von Lehre und Erkenntnis.
Vers 153
நீண்ட குரங்கை நெடிய பருந்தினை
வேண்டப் பயன்வருமோ? குதம்பாய்
வேண்டப் பயன்வருமோ?
nīṇṭa kuraṅkai neṭiya paruntiṉai
vēṇṭap payaṉvarumō? kutampāy
vēṇṭap payaṉvarumō?
Den großen Affen und den mächtigen Greifvogel anzurufen:
Wird daraus Nutzen entstehen, Kudambai?
Wird daraus Nutzen entstehen?
Möglicherweise werden Hanuman und Garuda angesprochen; die Namen stehen nicht im Vers. Die Bildkritik bleibt eine polemische Aussage dieser Dichtung.
Vers 154
மெய்த்தேவன் ஒன்றென்று வேண்டாத பன்மதம்
பொய்த்தேவைப் போற்றுமடி குதம்பாய்
பொய்த்தேவைப் போற்றுமடி.
meyttēvaṉ oṉṟeṉṟu vēṇṭāta paṉmatam
poyttēvaip pōṟṟumaṭi kutampāy
poyttēvaip pōṟṟumaṭi.
Die vielen Religionen, die nicht den einen wahren Gott suchen,
preisen falsche Gottheiten, Kudambai.
Sie preisen falsche Gottheiten.
Der Dichter beansprucht hier einen einzigen wahren Bezugspunkt aller Verehrung. Diese ausschließende Formulierung gehört ebenso zur Sammlung wie ihre Kritik an religiösen Einteilungen.
Über Mantras
மந்திரநிலை கூறல்

Vers 155
நாற்பத்து முக்கோணம் நாடும் எழுத்தெலாம்
மேற்பற்றிக் கண்டறி நீ குதம்பாய்
மேற்பற்றிக் கண்டறி நீ.
nāṟpattu mukkōṇam nāṭum eḻuttelām
mēṟpaṟṟik kaṇṭaṟi nī kutampāy
mēṟpaṟṟik kaṇṭaṟi nī.
Die dreiundvierzig Dreiecke und alle ihnen zugeordneten Schriftzeichen:
Erfasse sie und erkenne sie, Kudambai.
Erfasse sie und erkenne sie.
Die Zahl 43 lässt an das Sri Yantra denken. Der Vers fordert zur Erkenntnis seiner Zeichen auf; eine vollständige Mantraformel oder Zeichenvorschrift wird dabei nicht mitgeteilt.
Vers 156
சட்கோணத்து உள்ளந்தச் சண்முக அக்கரம்
உட்கோணத்து உள்ளறி நீ குதம்பாய்
உட்கோணத்து உள்ளறி நீ.
caṭkōṇattu uḷḷantac caṇmuka akkaram
uṭkōṇattu uḷḷaṟi nī kutampāy
uṭkōṇattu uḷḷaṟi nī.
Die Shanmukha-Silbe im Sechseck:
Erkenne sie innen, im inneren Winkel, Kudambai.
Erkenne sie innen, im inneren Winkel.
Shanmukha, „der Sechsgesichtige“, ist ein Name Murugans. Der Vers lenkt den Blick von der geometrischen Gestalt nach innen; die angesprochene Silbe bleibt unausgeschrieben.
Vers 157
ஐந்தெழுத்து ஐந்தறைக் கார்ந்திடும் அவ்வாறே
சிந்தையுள் கண்டறி நீ குதம்பாய்
சிந்தையுள் கண்டறி நீ.
ainteḻuttu aintaṟaik kārntiṭum avvāṟē
cintaiyuḷ kaṇṭaṟi nī kutampāy
cintaiyuḷ kaṇṭaṟi nī.
Wie die fünf Silben in den fünf Kammern ruhen,
so erkenne sie in deinem Bewusstsein, Kudambai.
So erkenne sie in deinem Bewusstsein.
Die fünf Silben verweisen im shaivitischen Umfeld auf Namah Shivaya. Ihre genaue Verteilung auf Kammern oder Körperzentren bleibt hier ungesagt.
Über Alchemie
வாதநிலை கூறல்
Vers 158
ஆறாறு காரமும் நூறுமே சேர்ந்திடில்
வீறான முப்பாமடி குதம்பாய்
வீறான முப்பாமடி.
āṟāṟu kāramum nūṟumē cērntiṭil
vīṟāṉa muppāmaṭi kutampāy
vīṟāṉa muppāmaṭi.
Wenn sechs mal sechs Laugen und die Hundert zusammenkommen,
ist das der kraftvolle Muppu, Kudambai.
Das ist der kraftvolle Muppu. [Fachdeutung unsicher]
Die Zahlen und Stoffnamen gehören zur verschlüsselten Siddha-Alchemie. Muppu ist eine traditionelle Zubereitungsbezeichnung; der Vers liefert keine ausreichend bestimmte Herstellungsanweisung.
Vers 159
விந்தொடு நாதம் விளங்கத் துலங்கினால்
வந்தது வாதமடி குதம்பாய்
வந்தது வாதமடி.
vintoṭu nātam viḷaṅkat tulaṅkiṉāl
vantatu vātamaṭi kutampāy
vantatu vātamaṭi.
Wenn Bindu und Nada klar und hell aufleuchten,
hat sich die Alchemie erfüllt, Kudambai.
Die Alchemie hat sich erfüllt.
Bindu und Nada können sowohl yogische als auch stoffliche Bedeutungen tragen. Ihr Zusammenwirken bezeichnet hier einen entscheidenden Moment alchemistischer Vollendung.
Vers 160
அப்பினைக் கொண்டந்த உப்பினைக் கட்டினால்
முப்பூ ஆகுமடி குதம்பாய்
முப்பூ ஆகுமடி.
appiṉaik koṇṭanta uppiṉaik kaṭṭiṉāl
muppū ākumaṭi kutampāy
muppū ākumaṭi.
Wenn mit dem Wasser jenes Salz gebunden wird,
wird es Muppu, Kudambai.
Es wird Muppu.
Wasser und Salz sind als alchemistische Ausdrücke überliefert. Welche konkreten Stoffe damit gemeint sind, geht aus dem knappen Vers nicht hervor.
Vers 161
உள்ளக் கருவியே உண்மை வாதம் அன்றிக்
கொள்ளக் கிடையாதடி குதம்பாய்
கொள்ளக் கிடையாதடி.
uḷḷak karuviyē uṇmai vātam aṉṟik
koḷḷak kiṭaiyātaṭi kutampāy
koḷḷak kiṭaiyātaṭi.
Wahre Alchemie lässt sich allein durch das innere Werkzeug erlangen:
Anders ist sie nicht zu erlangen, Kudambai.
Anders ist sie nicht zu erlangen.
Auch das innere Werkzeug des Erkennens gehört zur Alchemie. Der Vers lässt die Verwandlung des Menschen und die Arbeit mit Stoffen aufeinander bezogen erscheinen; das genaue Verhältnis bleibt offen.
Vers 162
பெண்ணாலே வாதம் பிறப்பதே அல்லாமல்
மண்ணாலே இல்லையடி குதம்பாய்
மண்ணாலே இல்லையடி.
peṇṇālē vātam piṟappatē allāmal
maṇṇālē illaiyaṭi kutampāy
maṇṇālē illaiyaṭi.
Aus dem Weiblichen entsteht die Alchemie;
aus der Erde entsteht sie nicht, Kudambai.
Aus der Erde entsteht sie nicht.
Peṇ kann eine Frau, das weibliche Prinzip oder einen verschlüsselten Stoff bezeichnen. Die Gegenüberstellung mit der Erde bleibt deshalb für mehrere alchemistische Lesarten offen.
Vers 163
ஐந்து சரக்கொடு விந்துநா தம் சேரில்
வெந்திடும் லோகமடி குதம்பாய்
வெந்திடும் லோகமடி.
aintu carakkoṭu vintunā tam cēril
ventiṭum lōkamaṭi kutampāy
ventiṭum lōkamaṭi.
Wenn sich fünf Stoffe mit Bindu und Nada verbinden,
wird das Metall im Feuer verwandelt, Kudambai.
Das Metall wird im Feuer verwandelt.
Lōkam wird hier im Sinn von Metall gelesen. Die Fünfzahl der Stoffe bleibt unaufgeschlüsselt; das Lied beschreibt eine Verwandlung in der Fachsprache der Alchemie.
Über Heilkunde
வயித்தியங் கூறல்
Vers 164
முப்பிணி தன்னை அறியாத மூடர்கள்
எப்பிணி தீர்ப்பாரடி குதம்பாய்
எப்பிணி தீர்ப்பாரடி.
muppiṇi taṉṉai aṟiyāta mūṭarkaḷ
eppiṇi tīrppāraṭi kutampāy
eppiṇi tīrppāraṭi.
Toren, die die drei Krankheitsgrundlagen nicht kennen,
welche Krankheit könnten sie heilen, Kudambai?
Welche Krankheit könnten sie heilen?
Die Dreizahl lässt an die Doshas der traditionellen Heilkunde denken. Mit seiner Frage fordert der Vers Sachkenntnis als Grundlage ärztlichen Handelns.
Vers 165
எட்டெட்டும் கட்டி இருக்குமேற் தீயினிற்
விட்டோடும் நோய்கள் எல்லாம் குதம்பாய்
விட்டோடும் நோய்கள் எல்லாம்.
eṭṭeṭṭum kaṭṭi irukkumēṟ tīyiṉiṟ
viṭṭōṭum nōykaḷ ellām kutampāy
viṭṭōṭum nōykaḷ ellām.
Wenn acht mal acht gebunden und ins Feuer gegeben sind,
werden alle Krankheiten entfliehen, Kudambai.
Alle Krankheiten werden entfliehen. [Sachbezug unklar]
Was die Vierundsechzig bezeichnet, wird nicht erläutert. Das Heilversprechen gehört zum historischen Text und ist keine medizinisch geprüfte Aussage.
Vers 166
நாடி ஒருபது நன்காய் அறிந்திடில்
ஓடிவிடும் பிணியே குதம்பாய்
ஓடுவிடும் பிணியே.
nāṭi orupatu naṉkāy aṟintiṭil
ōṭiviṭum piṇiyē kutampāy
ōṭuviṭum piṇiyē.
Wenn man die zehn Nadis gut kennt,
wird die Krankheit entfliehen, Kudambai.
Die Krankheit wird entfliehen.
Die zehn Nadis gehören zum traditionellen Körperverständnis dieser Überlieferung. Das Heilversprechen wird innerhalb dieses historischen Modells ausgesprochen.
Vers 167
சத்தவகை தாது தன்னை அறிந்தவன்
சுத்த வயித்தியனே குதம்பாய்
சுத்த வயித்தியனே.
cattavakai tātu taṉṉai aṟintavaṉ
cutta vayittiyaṉē kutampāy
cutta vayittiyaṉē.
Wer die sieben Arten von Dhatus kennt,
ist ein kundiger Arzt, Kudambai.
Er ist ein kundiger Arzt.
Dhatus sind hier die sieben Gewebe- beziehungsweise Körpersubstanzklassen der traditionellen Medizin. Ein guter Arzt soll ihren Zusammenhang kennen.
Vers 168
வாயு ஒருபத்தும் வாய்த்த நிலைகண்டோன்
ஆயுள் அறிவானடி குதம்பாய்
ஆயுள் அறிவானடி.
vāyu orupattum vāytta nilaikaṇṭōṉ
āyuḷ aṟivāṉaṭi kutampāy
āyuḷ aṟivāṉaṭi.
Wer die angemessenen Zustände der zehn Lebenswinde erkennt,
kennt die Lebensdauer, Kudambai.
Er kennt die Lebensdauer.
Die zehn Lebenswinde beschreiben unterschiedliche Funktionen des belebten Körpers. Ihnen wird in dieser Überlieferung auch Bedeutung für die Beurteilung der Lebensdauer zugeschrieben.
Vers 169
ஆயுள் வேதப்படி அவிழ்த முடித்திடில்
மாயும் வியாதியடி குதம்பாய்
மாயும் வியாதிபடி.
āyuḷ vētappaṭi aviḻta muṭittiṭil
māyum viyātiyaṭi kutampāy
māyum viyātipaṭi.
Wenn Arznei nach der Lehre vom Leben zubereitet wird,
wird die Krankheit vergehen, Kudambai.
Die Krankheit wird vergehen.
Die erste Zeile verweist auf Ayurveda. Die letzte Tamilzeile ist offenbar verschrieben; die Übersetzung folgt der zweiten. Wiedergegeben wird ein traditionelles Heilversprechen.
Über Lebensverlängerung und Körperverwandlung
கற்பநிலை கூறல்
Vers 170
பொற்பாந்த முப்பூவைப் போதம் பொசித்தவர்
கற்பாந்தம் வாழ்வாரடி குதம்பாய்
கற்பாந்தம் வாழ்வாரடி.
poṟpānta muppūvaip pōtam pocittavar
kaṟpāntam vāḻvāraṭi kutampāy
kaṟpāntam vāḻvāraṭi.
Wer den goldglänzenden Muppu bewusst verzehrt [Wendung unsicher],
wird bis zum Ende des Weltzeitalters leben, Kudambai.
Er wird bis zum Ende des Weltzeitalters leben.
Poṟpānta ist in seiner genauen Bedeutung unsicher. Das Bild des Lebens bis zum Ende eines Weltzeitalters verleiht der alchemistischen Hoffnung auf Dauer einen kosmischen Maßstab.
Vers 171
வேவாத முப்பூவை வேண்டி உண் டார்பாரில்
சாவாமல் வாழ்வாரடி குதம்பாய்
சாவாமல் வாழ்வாரடி.
vēvāta muppūvai vēṇṭi uṇ ṭārpāril
cāvāmal vāḻvāraṭi kutampāy
cāvāmal vāḻvāraṭi.
Wer den nicht erhitzten Muppu begehrt und gegessen hat,
wird auf Erden leben, ohne zu sterben, Kudambai.
Er wird auf Erden leben, ohne zu sterben.
Das Unsterblichkeitsversprechen ist hier ausdrücklich körperlich formuliert. Es zeigt die äußerste Hoffnung der Siddha-Alchemie; eine gesicherte Identifikation des Stoffes bietet der Vers nicht.
Vers 172
விந்து விடார்களே வெடிய சுடலையில்
வெந்து விடார்களடி குதம்பாய்
வெந்து விடார்களடி.
vintu viṭārkaḷē veṭiya cuṭalaiyil
ventu viṭārkaḷaṭi kutampāy
ventu viṭārkaḷaṭi.
Wer den Bindu nicht entweichen lässt,
wird auf dem weiten Verbrennungsplatz nicht verbrennen, Kudambai.
Er wird auf dem Verbrennungsplatz nicht verbrennen.
Bindu meint hier wahrscheinlich Samen beziehungsweise Lebensessenz. Das Bewahren dieser Essenz wird mit der Überwindung von Tod und Verbrennung verbunden.
Vers 173
தொல்லைச் சடம்விட்டுச் சுட்ட சடம்கொண்டோர்
எல்லையில் வாழ்வாரடி குதம்பாய்
எல்லையில் வாழ்வாரடி.
tollaic caṭamviṭṭuc cuṭṭa caṭamkoṇṭōr
ellaiyil vāḻvāraṭi kutampāy
ellaiyil vāḻvāraṭi.
Wer den alten Leib ablegt und einen im Feuer gereiften Leib annimmt,
wird grenzenlos leben, Kudambai.
Er wird grenzenlos leben.
Das Bild eines verwandelten Körpers ist für die Siddha-Suche bedeutsam. Cuṭṭa caṭam wird wörtlich als erhitzter oder gebrannter Leib wiedergegeben; die innere Deutung bleibt offen.
Vers 174
தோற்பையை நீக்கிநற் சோதிப்பை கொண்டவர்
மேற்பைநஞ் சுண்பாரடி குதம்பாய்
மேற்பைநஞ் சுண்பாரடி.
tōṟpaiyai nīkkinaṟ cōtippai koṇṭavar
mēṟpainañ cuṇpāraṭi kutampāy
mēṟpainañ cuṇpāraṭi.
Wer den Hautsack ablegt und einen guten Lichtleib annimmt,
wird das Gift des oberen Gefäßes trinken, Kudambai.
Er wird das Gift des oberen Gefäßes trinken. [unsicher]
Mēṟpai nañcu, „Gift des oberen Gefäßes“, ist nicht sicher entschlüsselt. Der Lichtleib steht dem vergänglichen Hautsack gegenüber; das Schlussbild bleibt bewusst als offene Textstelle kenntlich.
Vers 175
மாற்றினை ஏற்ற வயங்கும்நெடி யோர்களே
கூற்றினை வெல்வாரடி குதம்பாய்
கூற்றினை வெல்வாரடி.
māṟṟiṉai ēṟṟa vayaṅkumneṭi yōrkaḷē
kūṟṟiṉai velvāraṭi kutampāy
kūṟṟiṉai velvāraṭi.
Die erhabenen Großen, die die Verwandlung angenommen haben,
werden den Tod besiegen, Kudambai.
Sie werden den Tod besiegen.
Māṟṟiṉai kann Wandel oder Umwandlung bezeichnen; der Fachsinn ist unsicher. Kūṟṟu personifiziert den Tod und schließt die alchemistische Bildfolge.
Verse 176–214: Innerer Tempel und Kritik an Täuschung
Was heilige Orte sind
தலங்களிவை எனல்
Vers 176
கோயில் பலதேடிக் கும்பிட்ட தால்உனக்கு
ஏயும் பலன் வருமோ? குதம்பாய்
ஏயும் பலன் வருமோ?
kōyil palatēṭik kumpiṭṭa tāluṉakku
ēyum palaṉ varumō? kutampāy
ēyum palaṉ varumō?
Wenn du viele Tempel aufsuchst und dich dort verneigst,
wird dir dadurch der erhoffte Ertrag zuteil, Kudambai?
Wird dir dadurch der erhoffte Ertrag zuteil?
Eine Pilgerreise wird daran gemessen, was sie im Menschen erschließt. Die Frage führt vom besuchten Ort zur inneren Frucht des Weges.
Vers 177
சித்தத் தலம்போலத் தெய்வம் இருக்கின்ற
சுத்தத் தலங்களுண்டோ? குதம்பாய்
சுத்தத் தலங்களுண்டோ?
cittat talampōlat teyvam irukkiṉṟa
cuttat talaṅkaḷuṇṭō? kutampāy
cuttat talaṅkaḷuṇṭō?
Ein reiner heiliger Ort, an dem Gott wohnt:
Gibt es einen, der dem Heiligtum des Bewusstseins gleicht, Kudambai?
Gibt es einen, der dem Heiligtum des Bewusstseins gleicht?
Cittat talam bezeichnet das Heiligtum des Bewusstseins. Der eigene innere Raum erhält die Würde eines Ortes göttlicher Gegenwart.
Vers 178
மெய்த்தலத்து இல்லாத மெய்ப்பொருள் ஆனவர்
பொய்த்தலத் தெய்வத்துண்டோ? குதம்பாய்
பொய்த்தலத் தெய்வத்துண்டோ?
meyttalattu illāta meypporuḷ āṉavar
poyttalat teyvattuṇṭō? kutampāy
poyttalat teyvattuṇṭō?
Wenn die wahre Wirklichkeit am wahren Ort fehlt [Satzbezug unsicher],
wäre sie dann in der Gottheit eines falschen Heiligtums zu finden, Kudambai?
Wäre sie dann in der Gottheit eines falschen Heiligtums zu finden?
Mey und poy bedeuten wahr und falsch. Der „wahre Ort“ lässt sich aus den Nachbarversen als das Innere verstehen; der genaue Satzbezug bleibt jedoch unsicher.
Vers 179
சிற்பர்கள் கட்டுந் திருக்கோயில் உள்ளாகத்
தற்பரம் வாழ்வதுண்டோ? குதம்பாய்
தற்பரம் வாழ்வதுண்டோ?
ciṟparkaḷ kaṭṭun tirukkōyil uḷḷākat
taṟparam vāḻvatuṇṭō? kutampāy
taṟparam vāḻvatuṇṭō?
Im heiligen Tempel, den Bildhauer und Baumeister errichten,
wohnt dort das Höchste, Kudambai?
Wohnt dort das Höchste?
Das Lied stellt die Begrenzung des Unbegrenzten auf ein Bauwerk in Frage. Diese Kritik steht innerhalb einer Kultur reicher Tempelverehrung.
Vers 180
தன்னால் உண்டாம்சிட்டி தன்னாலே சிட்டித்த
புன்கோயில் உள்ளவன்யார்? குதம்பாய்
புன்கோயில் உள்ளவன்யார்?
taṉṉāl uṇṭāmciṭṭi taṉṉālē ciṭṭitta
puṉkōyil uḷḷavaṉyār? kutampāy
puṉkōyil uḷḷavaṉyār?
In der aus ihm entstandenen Schöpfung, in dem kleinen Tempel, den er selbst schuf [Satzbezug unsicher]:
Wer wohnt darin, Kudambai?
Wer wohnt darin?
Der schwer gegliederte Vers verwendet ciṭṭi im Sinn von Schöpfung. Die Übersetzung ist vorsichtig: Entscheidend ist die Frage nach dem Schöpfer in einem geschaffenen Heiligtum.
Vers 181
அன்பான பத்தர் அகக்கோயில் கர்த்தற்கே
இன்பான கோயிலடி குதம்பாய்
இன்பான கோயிலடி.
aṉpāṉa pattar akakkōyil karttaṟkē
iṉpāṉa kōyilaṭi kutampāy
iṉpāṉa kōyilaṭi.
Der innere Tempel liebevoller Verehrer
ist ein Tempel, an dem der Herr Freude hat, Kudambai.
An diesem Tempel hat der Herr Freude.
In diesem Bild treffen Hingabe und innere Erkenntnis zusammen. Ein von Liebe erfülltes Herz wird zur Wohnung des Herrn.
Die göttliche Gegenwart erkennen
தேவநிலை அறிதல்
Vers 182
தன்னுள் விளங்கிய சம்புவைக் காணாது
மன்னும் தலத்தெய்வதென்? குதம்பாய்
மன்னும் தலத்தெய்வதென்?
taṉṉuḷ viḷaṅkiya campuvaik kāṇātu
maṉṉum talatteyvateṉ? kutampāy
maṉṉum talatteyvateṉ?
Ohne Shambhu zu schauen, der im eigenen Inneren leuchtet:
Wozu ein Gott an einem äußeren heiligen Ort, Kudambai?
Wozu ein Gott an einem äußeren heiligen Ort?
Die Frage setzt bei der übersehenen inneren Gegenwart an. Shiva soll im eigenen Leben erkannt werden.
Vers 183
இருந்த இடத்தில் இருந்தே அறியாமல்
வருந்தித் திரிவதென்னோ? குதம்பாய்
வருந்தித் திரிவதென்னோ?
irunta iṭattil iruntē aṟiyāmal
varuntit tirivateṉṉō? kutampāy
varuntit tirivateṉṉō?
Wenn du dort, wo du bist, nicht zur Erkenntnis kommst,
wozu leidvoll umherwandern, Kudambai?
Wozu leidvoll umherwandern?
Auch am gegenwärtigen Ort ist Erkenntnis möglich. Die Frage lädt dazu ein, innezuhalten und die Suche mit gesammelter Aufmerksamkeit zu vertiefen.
Vers 184
காசி ராமேச்சுரம் கால் நோவச் சென்றாலும்
ஈசனைக் காணுவையோ? குதம்பாய்
ஈசனைக் காணுவையோ?
kāci rāmēccuram kāl nōvac ceṉṟālum
īcaṉaik kāṇuvaiyō? kutampāy
īcaṉaik kāṇuvaiyō?
Selbst wenn du mit schmerzenden Füßen nach Kashi und Rameshvaram gehst,
wirst du dadurch den Herrn sehen, Kudambai?
Wirst du dadurch den Herrn sehen?
Kashi und Rameshwaram stehen für bedeutende Pilgerziele. Die müden Füße bringen die Anstrengung ins Bild; gefragt wird nach der Gotteserkenntnis, um derentwillen die Reise geschieht.
Vers 185
பூவதில் நாளும் பொருந்தித் திரியினும்
தேவனைக் காணுவையோ? குதம்பாய்
தேவனைக் காணுவையோ?
pūvatil nāḷum poruntit tiriyiṉum
tēvaṉaik kāṇuvaiyō? kutampāy
tēvaṉaik kāṇuvaiyō?
Selbst wenn du Tag für Tag auf der Erde umherziehst [Wortlaut unsicher],
wirst du dadurch Gott sehen, Kudambai?
Wirst du dadurch Gott sehen?
Die Form pūvatil wird hier als Bezug auf die Erde gelesen; die Wortgestalt ist unsicher. Der Zusammenhang führt die Kritik am bloßen Wandern fort.
Vers 186
உள்ளங்கால் வெள்ளெலும்பாக உலாவினும்
வள்ளலைக் காணுவையோ? குதம்பாய்
வள்ளலைக் காணுவையோ?
uḷḷaṅkāl veḷḷelumpāka ulāviṉum
vaḷḷalaik kāṇuvaiyō? kutampāy
vaḷḷalaik kāṇuvaiyō?
Selbst wenn du wanderst, bis an deinen Fußsohlen die weißen Knochen hervortreten,
wirst du dadurch den Freigebigen sehen, Kudambai?
Wirst du dadurch den Freigebigen sehen?
Das drastische Bild treibt die äußere Anstrengung bis zum Äußersten. Es lässt fragen, welche innere Haltung die Suche trägt und wohin sie tatsächlich führt.
Vers 187
போரினில் ஊசி பொறுக்கத் துணிதல்போல்
ஆரியன் தேடுதலே குதம்பாய்
ஆரியன் தேடுதலே.
pōriṉil ūci poṟukkat tuṇitalpōl
āriyaṉ tēṭutalē kutampāy
āriyaṉ tēṭutalē.
Als wolltest du eine Nadel aus einem Strohhaufen auflesen,
so ist das Suchen nach dem Erhabenen, Kudambai.
So ist das Suchen nach dem Erhabenen.
Pōr wird hier als aufgehäufte Halme gelesen, āriyaṉ als ehrwürdiger Herr. Das Bild betont die Schwierigkeit einer ungerichteten Suche.
Vers 188
சாதனை யாலே தனிப்பதஞ் சேரார்க்கு
வேதனை யாகுமடி குதம்பாய்
வேதனை யாகுமடி.
cātaṉai yālē taṉippatañ cērārkku
vētaṉai yākumaṭi kutampāy
vētaṉai yākumaṭi.
Wer durch Übung den einzigartigen Zustand nicht erreicht,
für den wird es leidvoll, Kudambai.
Für den wird es leidvoll.
Sadhana, beharrliche Übung, hat in diesem Vers einen hohen Stellenwert. Ihr Ziel ist ein Zustand, in dem sich die Suche nach dem Höchsten erfüllt.
Vers 189
வேதனை நீங்கி விடாது தொடர்ந் தோரே
நாதனைக் காணுவர்காண் குதம்பாய்
நாதனைக் காணுவர்காண்.
vētaṉai nīṅki viṭātu toṭarn tōrē
nātaṉaik kāṇuvarkāṇ kutampāy
nātaṉaik kāṇuvarkāṇ.
Wer das Leiden hinter sich lässt und ohne Unterlass weitergeht,
der wird, sieh nur, den Herrn schauen, Kudambai.
Der wird, sieh nur, den Herrn schauen.
Beharrlichkeit wird von zielloser Unruhe unterschieden. Der Vers ermutigt zu einer Sammlung, die auch durch Schwierigkeiten hindurch trägt.
Vers 190
நாடில் வழக்கம் அறிந்து செறிந்தவர்
நீடொளி காணுவரே குதம்பாய்
நீடொளி காணுவரே.
nāṭil vaḻakkam aṟintu ceṟintavar
nīṭoḷi kāṇuvarē kutampāy
nīṭoḷi kāṇuvarē.
Wer suchend den rechten Weg erkennt und sich darin sammelt [Wendung unsicher],
wird das beständige Licht schauen, Kudambai.
Er wird das beständige Licht schauen.
Die erste Wendung nāṭil vaḻakkam ist mehrdeutig. Die Übersetzung versteht sie im Zusammenhang als Kenntnis und Verinnerlichung des Weges.
Die Unwissenheit zurückweisen
அஞ்ஞானங் கடிதல்
Vers 191
மீளா வியாதியில் மேன்மேலும் நொந்தார்க்கு
நாளேது கோளேதடி குதம்பாய்
நாளேது கோளேதடி.
mīḷā viyātiyil mēṉmēlum nontārkku
nāḷētu kōḷētaṭi kutampāy
nāḷētu kōḷētaṭi.
Für den, der unter unheilbarer Krankheit immer mehr leidet,
was bedeuten da günstige Tage und Planeten, Kudambai?
Was bedeuten da günstige Tage und Planeten?
Angesichts schweren Leidens verlieren Glückstage und Planetenkonstellationen ihre behauptete Sicherheit. Der Vers wendet den Blick auf die Wirklichkeit des leidenden Menschen.
Vers 192
தீட்டால் உடம்பு திறங்கொண்டிருக்கையில்
தீட்டென்று சொல்வதென்னை? குதம்பாய்
தீட்டென்று சொல்வதென்னை?
tīṭṭāl uṭampu tiṟaṅkoṇṭirukkaiyil
tīṭṭeṉṟu colvateṉṉai? kutampāy
tīṭṭeṉṟu colvateṉṉai?
Wenn der Körper durch das vermeintlich Unreine Gestalt gewonnen hat,
warum nennt man es dann unrein, Kudambai?
Warum nennt man es dann unrein?
Tīṭṭu bezeichnet rituelle Unreinheit. Der Bezug auf leibliche Entstehung liegt nahe; eine genauere Festlegung auf einen einzelnen Körpervorgang bleibt Deutung.
Vers 193
செத்தபின் சாப்பறை செத்தார்க்குச் சேவித்தால்
சத்தம் அறிவாரடி குதம்பாய்
சத்தம் அறிவாரடி.
cettapiṉ cāppaṟai cettārkkuc cēvittāl
cattam aṟivāraṭi kutampāy
cattam aṟivāraṭi.
Wenn nach dem Tod die Totentrommel für Verstorbene geschlagen wird,
werden sie ihren Klang wahrnehmen, Kudambai?
Werden sie ihren Klang wahrnehmen? [fragende Lesung]
Die Vorlage setzt kein Fragezeichen. Im Zusammenhang der Ritualkritik liegt eine rhetorische Frage nahe; diese Lesung ist ausdrücklich als Deutung markiert.
Vers 194
தந்தைதாய் செய்வினை சந்ததிக்கு ஆமென்பார்
சிந்தை தெளிந்திலரே குதம்பாய்
சிந்தை தெளிந்திலரே.
tantaitāy ceyviṉai cantatikku āmeṉpār
cintai teḷintilarē kutampāy
cintai teḷintilarē.
Wer sagt, die Taten von Vater und Mutter gingen auf die Nachkommen über,
dessen Denken ist nicht klar, Kudambai.
Dessen Denken ist nicht klar.
Karmische Verantwortung wird an die eigene Tat gebunden. Die Handlungen der Eltern und die der Kinder werden in diesem religiösen Sinn voneinander unterschieden.
Vers 195
பிள்ளைகள் செய்தன்மம் பெற்றோர்க்கு உறுமென்றால்
வெள்ளறி வாகுமடி குதம்பாய்
வெள்ளறி வாகுமடி.
piḷḷaikaḷ ceytaṉmam peṟṟōrkku uṟumeṉṟāl
veḷḷaṟi vākumaṭi kutampāy
veḷḷaṟi vākumaṭi.
Zu sagen, die guten Werke der Kinder gingen auf die Eltern über,
ist oberflächliche Einsicht, Kudambai.
Es ist oberflächliche Einsicht.
Der Vers stellt eine automatische Übertragung religiösen Verdienstes in Frage. Er ergänzt die Aussage des vorhergehenden Liedes.
Vers 196
பந்தவினைக்கு ஈடாடிப் பாரிற் பிறந்தோர்க்குச்
சொந்தமது இல்லையடி குதம்பாய்
சொந்தமது இல்லையடி.
pantaviṉaikku īṭāṭip pāriṟ piṟantōrkkuc
contamatu illaiyaṭi kutampāy
contamatu illaiyaṭi.
Für jene, die aufgrund bindender Taten in dieser Welt geboren wurden,
gibt es keine bleibende Zugehörigkeit, Kudambai.
Es gibt keine bleibende Zugehörigkeit. [Sinn unsicher]
Contam kann Zugehörigkeit, Verwandtschaft oder Eigentum bezeichnen. Welche Bedeutung hier überwiegt, bleibt unklar; im Zusammenhang geht es um die Bindung des Einzelnen an seine eigenen Taten.
Vers 197
பார்ப்பார் சடங்கு பலனின்று பாரிலே
தீர்ப்பாக எண்ணிடுவாய் குதம்பாய்
தீர்ப்பாக எண்ணிடுவாய்.
pārppār caṭaṅku palaṉiṉṟu pārilē
tīrppāka eṇṇiṭuvāy kutampāy
tīrppāka eṇṇiṭuvāy.
Die Riten der Brahmanen bringen keinen Ertrag:
Bedenke das auf Erden mit Entschiedenheit, Kudambai.
Bedenke das auf Erden mit Entschiedenheit.
Die Aussage bestreitet die Wirksamkeit priesterlicher Riten. Ihr Nachdruck gehört zu Kudambais radikaler Frage, wodurch ein Mensch tatsächlich frei wird.
Vers 198
அந்தணர்க்கு ஆவை அளித்தோர்கள் ஆவிக்குச்
சொந்தமோ முத்தியடி குதம்பாய்
சொந்தமோ முத்தியடி.
antaṇarkku āvai aḷittōrkaḷ āvikkuc
contamō muttiyaṭi kutampāy
contamō muttiyaṭi.
Wer Brahmanen eine Kuh geschenkt hat,
ist seiner Seele deshalb die Befreiung sicher, Kudambai?
Ist seiner Seele deshalb die Befreiung sicher?
Die Kuhgabe war eine verdienstvolle religiöse Handlung. Der Vers bestreitet ihre automatische befreiende Wirkung.
Vers 199
வேதியர் கட்டிய வீணான வேதத்தைச்
சோதித்துத் தள்ளடியோ குதம்பாய்
சோதித்துத் தள்ளடியோ.
vētiyar kaṭṭiya vīṇāṉa vētattaic
cōtittut taḷḷaṭiyō kutampāy
cōtittut taḷḷaṭiyō.
Die vergebliche Veda-Lehre, die Priester zusammengefügt haben,
prüfe sie und wirf sie beiseite, Kudambai.
Prüfe sie und wirf sie beiseite.
Mit „prüfe“ geht der Zurückweisung ein Akt eigener Unterscheidung voraus. Der Vers vertritt eine besonders scharfe Form der Siddha-Schriftkritik.
Vers 200
தன்பாவம் நீக்காத தன்மயர் மற்றவர்
வன்பாவம் நீக்குவரோ? குதம்பாய்
வன்பாவம் நீக்குவரோ?
taṉpāvam nīkkāta taṉmayar maṟṟavar
vaṉpāvam nīkkuvarō? kutampāy
vaṉpāvam nīkkuvarō?
Wer die eigenen Verfehlungen nicht beseitigt hat,
kann der schwere Verfehlungen anderer beseitigen, Kudambai?
Kann der schwere Verfehlungen anderer beseitigen?
Die Frage richtet sich gegen unbegründete Heilsvollmacht. Glaubwürdigkeit verlangt eine Übereinstimmung von Anspruch und eigenem Leben.
Vers 201
வேள்வியில் ஆட்டினை வேவச்செய்து உண்போர்க்கு
மீள்வழி இல்லையடி குதம்பாய்
மீள்வழி இல்லையடி.
vēḷviyil āṭṭiṉai vēvacceytu uṇpōrkku
mīḷvaḻi illaiyaṭi kutampāy
mīḷvaḻi illaiyaṭi.
Wer im Opfer ein Schaf oder eine Ziege verbrennt und davon isst,
für den gibt es keinen Weg zurück, Kudambai.
Für den gibt es keinen Weg zurück.
Āṭu kann Ziege oder Schaf bezeichnen. Der Vers verbindet Ritualkritik mit der Ablehnung von Tiertötung.
Vers 202
வேதம் புராணம் விளங்கிய சாத்திரம்
போதனை ஆகுமடி குதம்பாய்
போதனை ஆகுமடி.
vētam purāṇam viḷaṅkiya cāttiram
pōtaṉai ākumaṭi kutampāy
pōtaṉai ākumaṭi.
Veda, Purana und die weithin erklärten Lehrschriften
sind Unterweisung, Kudambai.
Sie sind Unterweisung.
Die Aussage ist weniger ablehnend als die benachbarten Verse. Man kann sie als Unterscheidung zwischen Belehrung und eigener Verwirklichung lesen; diese Nuance bleibt eine Deutung.
Vers 203
யாகாதி கன்மங்கள் யாவும் சடங்குகள்
ஆகாத செய்கையடி குதம்பாய்
ஆகாத செய்கையடி.
yākāti kaṉmaṅkaḷ yāvum caṭaṅkukaḷ
ākāta ceykaiyaṭi kutampāy
ākāta ceykaiyaṭi.
Opferhandlungen und alle derartigen Riten
sind untaugliches Tun, Kudambai.
Es ist untaugliches Tun.
Der Text widerspricht der Vorstellung, äußere Vollzüge könnten für sich die höchste Erkenntnis herstellen. Seine Pauschalität bleibt als historischer Wortlaut sichtbar.
Vers 204
சாற்றும் சகுணங்கள் சந்தியா வந்தனம்
போற்றும் அறிவீனமே குதம்பாய்
போற்றும் அறிவீனமே.
cāṟṟum cakuṇaṅkaḷ cantiyā vantaṉam
pōṟṟum aṟivīṉamē kutampāy
pōṟṟum aṟivīṉamē.
Verkündete Vorzeichen und Sandhyavandana
preisen heißt Unwissenheit pflegen, Kudambai.
Sie zu preisen heißt Unwissenheit zu pflegen.
Sandhyavandana bezeichnet die tägliche religiöse Übung an den Tagesübergängen. Das Lied greift ihre unbefragte Verehrung zusammen mit dem Vorzeichenglauben an.
Vers 205
ஆனதோர் நாள் என்றல் ஆகாத நாள் என்றல்
ஞானம்இல் லாமையடி குதம்பாய்
ஞானம்இல் லாமையடி.
āṉatōr nāḷ eṉṟal ākāta nāḷ eṉṟal
ñāṉamil lāmaiyaṭi kutampāy
ñāṉamil lāmaiyaṭi.
„Dies ist ein guter Tag“, „dies ist ein schlechter Tag“ zu sagen,
ist Mangel an Erkenntnis, Kudambai.
Das ist Mangel an Erkenntnis.
Die Kritik betrifft die spirituelle Abhängigkeit von Glücks- und Unglückstagen. Wachheit und Verantwortung sollen nicht an einen Kalender abgegeben werden.
Vers 206
அஞ்சனம் என்றது தறியாமல் ஏய்க்குதல்
வஞ்சனை ஆகுமடி குதம்பாய்
வஞ்சனை ஆகுமடி.
añcaṉam eṉṟatu taṟiyāmal ēykkutal
vañcaṉai ākumaṭi kutampāy
vañcaṉai ākumaṭi.
Mit sogenannter magischer Augensalbe unwissende Menschen irrezuführen,
ist Täuschung, Kudambai.
Es ist Täuschung.
Añcaṉam kann hier eine zur Wahrsagung benutzte Salbe meinen. Der Vers richtet sich gegen betrügerische Behauptungen über verborgene Erkenntnis.
Vers 207
மாய வித்தை பல மாநிலத்தில் செய்கை
தீய தொழி லாமடி குதம்பாய்
தீய தொழி லாமடி.
māya vittai pala mānilattil ceykai
tīya toḻi lāmaṭi kutampāy
tīya toḻi lāmaṭi.
In der Welt allerlei täuschende Zauberkunst zu betreiben,
ist ein schlechtes Gewerbe, Kudambai.
Es ist ein schlechtes Gewerbe.
Māyavittai verbindet Illusionskunst und Zauberei. Im Mittelpunkt der Kritik steht die Irreführung von Menschen durch vorgetäuschte Fähigkeiten.
Vers 208
கருவை அழித்துக் கன் மத்தொழில் செய்குதல்
திருவை அழிக்குமடி குதம்பாய்
திருவை அழிக்குமடி.
karuvai aḻittuk kaṉ mattoḻil ceykutal
tiruvai aḻikkumaṭi kutampāy
tiruvai aḻikkumaṭi.
Einen Embryo zu zerstören und damit magische Handlungen auszuführen,
zerstört das Wohlergehen, Kudambai.
Es zerstört das Wohlergehen.
Karu wird als Embryo und kaṉmattōḻil im Kontext als magisches Tun gelesen. Der Vers ist eine Verurteilung schädigender Praktiken; eine moderne medizinische Fragestellung wird hier nicht behandelt.
Vers 209
மாரணஞ் செய்துபல் மாந்தரைக் கொல்வது
சூரணம் ஆக்குமடி குதம்பாய்
சூரணம் ஆக்குமடி.
māraṇañ ceytupal māntaraik kolvatu
cūraṇam ākkumaṭi kutampāy
cūraṇam ākkumaṭi.
Durch Tötungszauber viele Menschen umzubringen,
wird den Täter zu Staub machen, Kudambai.
Es wird den Täter zu Staub machen.
Marana bezeichnet hier einen schädigenden Zauberritus. Die Warnung verknüpft zerstörerisches Handeln mit dem Untergang des Handelnden.
Vers 210
பொய்யான சோதிடர் பொய்மொழி யாவுமே
வெய்ய மயக்கமடி குதம்பாய்
வெய்ய மயக்கமடி.
poyyāṉa cōtiṭar poymoḻi yāvumē
veyya mayakkamaṭi kutampāy
veyya mayakkamaṭi.
Alle falschen Aussagen verlogener Astrologen
sind eine schlimme Verwirrung, Kudambai.
Sie sind eine schlimme Verwirrung.
Der Vorwurf richtet sich ausdrücklich gegen falsche Vorhersagen. Die Sorge gilt der Täuschung und Verunsicherung von Menschen.
Vers 211
மெய்க்குறி கண்டு விளங்க அறியார்க்குப்
பொய்க்குறி யேதுக்கடி குதம்பாய்
பொய்க்குறி யேதுக்கடி.
meykkuṟi kaṇṭu viḷaṅka aṟiyārkkup
poykkuṟi yētukkaṭi kutampāy
poykkuṟi yētukkaṭi.
Wer die wahren Zeichen nicht klar zu erkennen vermag,
wozu braucht er falsche Zeichen, Kudambai?
Wozu braucht er falsche Zeichen?
Kuṟi bedeutet Zeichen, Merkmal oder Hinweis. Die Frage fordert Unterscheidung zwischen wirklicher Einsicht und vorgetäuschter Deutungskompetenz.
Vers 212
நாயாட்ட மாய் நகைத்துழல் மூடர்க்குப்
பேயாட்ட மேதுக்கடி குதம்பாய்
பேயாட்ட மேதுக்கடி.
nāyāṭṭa māy nakaittuḻal mūṭarkkup
pēyāṭṭa mētukkaṭi kutampāy
pēyāṭṭa mētukkaṭi.
Für Toren, die wie Hunde herumtollen und lachend umherziehen,
wozu noch Geistertanz, Kudambai?
Wozu noch Geistertanz?
Die Sprache ist absichtlich derb. Pēyāṭṭam bezeichnet einen Geister- oder Besessenheitstanz; der Text verspottet äußerliche Ekstase ohne Erkenntnis.
Vers 213
மந்திர மூலம் வகுத்தறி யாதார்க்குத்
தந்திரம் ஏதுக்கடி குதம்பாய்
தந்திரம் ஏதுக்கடி.
mantira mūlam vakuttaṟi yātārkkut
tantiram ētukkaṭi kutampāy
tantiram ētukkaṭi.
Wer den Ursprung des Mantras nicht unterscheidend kennt,
wozu braucht er Tantra, Kudambai?
Wozu braucht er Tantra?
Mantra und Tantra verlangen nach dem Lied ein Verständnis ihres Ursprungs. Es fragt nach Erkenntnis als Grundlage einer wirksamen Praxis.
Vers 214
வாதமென்றே பொய்யை வாயிற் புடைப்போர்க்குச்
சேதம் மிகவருமே குதம்பாய்
வேதம் மிகவருமே.
vātameṉṟē poyyai vāyiṟ puṭaippōrkkuc
cētam mikavarumē kutampāy
vētam mikavarumē.
Wer Lügen im Mund aufbläht und sie als Alchemie ausgibt,
dem wird großer Schaden entstehen, Kudambai.
Dem wird großer Schaden entstehen.
In der letzten Zeile steht vētam statt cētam der zweiten Zeile. Die Übersetzung folgt „Schaden“; die wahrscheinliche Verschreibung bleibt im tamilischen Grundtext erhalten.
Verse 215–246: Die bekannte Folge der 32 Lieder
Die folgenden Verse entsprechen der bei Project Madurai als eigenständige Sammlung gezählten Folge 1–32. Hier wird die durchgehende Nummerierung der 246-Lieder-Fassung beibehalten.[3]
Vers 215
வெட்ட வெளிதன்னை மெய்யென் றிருப்போர்க்கு
பட்டய மேதுக்கடி குதம்பாய்
பட்டய மேதுக்கடி.
veṭṭa veḷitaṉṉai meyyeṉ ṟiruppōrkku
paṭṭaya mētukkaṭi kutampāy
paṭṭaya mētukkaṭi.
Für diejenigen, die die offene Weite als das Wirkliche anerkennen,
wozu eine Besitzurkunde, Kudambai?
Wozu eine Besitzurkunde?
Paṭṭayam ist eine Urkunde, auch ein Besitznachweis. Wer in der offenen Weite Gewissheit gefunden hat, braucht sie nicht durch äußere Bescheinigungen abzusichern.
Vers 216
மெய்ப்பொருள் கண்டு விளங்கும் மெய்ஞ்ஞானிக்கு
கற்பங்க ளேதுக்கடி குதம்பாய்
கற்பங்க ளேதுக்கடி.
meypporuḷ kaṇṭu viḷaṅkum meyññāṉikku
kaṟpaṅka ḷētukkaṭi kutampāy
kaṟpaṅka ḷētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, der die Wirklichkeit erkannt hat und darin erstrahlt,
wozu Mittel zur Lebensverlängerung, Kudambai?
Wozu Mittel zur Lebensverlängerung?
Kaṟpam wird hier als Kaya Kalpa verstanden, wie es die Tamil Virtual Academy erläutert. Der Vers setzt einen anderen Akzent als die alchemistischen Unsterblichkeitsverse 170–175.
Vers 217
காணாமற் கண்டு கருத்தோ டிருப்பார்க்கு
வீணாசை யேதுக்கடி குதம்பாய்
வீணாசை யேதுக்கடி.
kāṇāmaṟ kaṇṭu karuttō ṭiruppārkku
vīṇācai yētukkaṭi kutampāy
vīṇācai yētukkaṭi.
Für jene, die jenseits des gewöhnlichen Sehens geschaut haben und gesammelt verweilen,
wozu vergebliches Begehren, Kudambai?
Wozu vergebliches Begehren?
„Sehen ohne Sehen“ verweist auf eine Einsicht jenseits des gewöhnlichen Gegenstandssehens. Aus ihrer Erfüllung kann eine Freiheit erwachsen, die nicht jedem neuen Begehren folgt.
Vers 218
வஞ்சக மற்று வழிதனைக் கண்டோர்க்கு
சஞ்சல மேதுக்கடி குதம்பாய்
சஞ்சல மேதுக்கடி.
vañcaka maṟṟu vaḻitaṉaik kaṇṭōrkku
cañcala mētukkaṭi kutampāy
cañcala mētukkaṭi.
Für diejenigen, die ohne Täuschung den Weg erkannt haben,
wozu Unruhe, Kudambai?
Wozu Unruhe?
Innere Aufrichtigkeit und Orientierung gehören zusammen. Ruhe erscheint als Frucht eines klarer gewordenen Lebens.
Vers 219
ஆதார மான அடிமுடி கண்டோர்க்கு
வாதாட்ட மேதுக்கடி குதம்பாய்
வாதாட்ட மேதுக்கடி.
ātāra māṉa aṭimuṭi kaṇṭōrkku
vātāṭṭa mētukkaṭi kutampāy
vātāṭṭa mētukkaṭi.
Für jene, die den tragenden Grund von Anfang bis Ende erkannt haben [Wendung mehrdeutig],
wozu Wortstreit, Kudambai?
Wozu Wortstreit?
Aṭimuṭi heißt wörtlich Fuß und Scheitel, auch Anfang und Ende. Ātāram kann Grundlage oder yogisches Zentrum bedeuten; eine bestimmte Chakra-Zuordnung ist nicht gesichert.
Vers 220
நித்திரை கெட்டு நினைவோ டிருப்போர்க்கு
முத்திரை யேதுக்கடி குதம்பாய்
முத்திரை யேதுக்கடி.
nittirai keṭṭu niṉaivō ṭiruppōrkku
muttirai yētukkaṭi kutampāy
muttirai yētukkaṭi.
Für diejenigen, deren Schlaf gewichen ist und die bewusst gegenwärtig bleiben,
wozu Mudras, Kudambai?
Wozu Mudras?
Der gewichene Schlaf kann das Ende geistiger Unbewusstheit bedeuten. Aus dieser erwachten Gegenwart heraus wird nach der weiteren Notwendigkeit von Mudras gefragt.
Vers 221
தந்திர மான தலந்தனில் நிற்போர்க்கு
மந்திர மேதுக்கடி குதம்பாய்
மந்திர மேதுக்கடி.
tantira māṉa talantaṉil niṟpōrkku
mantira mētukkaṭi kutampāy
mantira mētukkaṭi.
Für diejenigen, die in der Stätte des Tantra feststehen [Wendung unsicher],
wozu ein Mantra, Kudambai?
Wozu ein Mantra?
Tantiramāṉa talam kann eine Stätte des Tantra oder eine durch geistige Methode erschlossene Stätte meinen. Der Vers blickt auf einen Menschen, der darin bereits festen Stand gefunden hat.
Vers 222
சத்தியமான தவத்தி லிருப்போர்க்கு
உத்திய மேதுக்கடி குதம்பாய்
உத்திய மேதுக்கடி.
cattiyamāṉa tavatti liruppōrkku
uttiya mētukkaṭi kutampāy
uttiya mētukkaṭi.
Für diejenigen, die in wahrhaftiger Askese verweilen,
wozu weitere Bemühung, Kudambai?
Wozu weitere Bemühung?
Uttiyam wird als Bemühung oder Unternehmung gelesen. Die Frage berührt den Übergang von angestrengtem Suchen zu einer beständigen, wahrhaftigen Ausrichtung.
Vers 223
நாட்டத்தைப் பற்றி நடுவணை சேர்வோர்க்கு
வாட்டங்க ளேதுக்கடி குதம்பாய்
வாட்டங்க ளேதுக்கடி.
nāṭṭattaip paṟṟi naṭuvaṇai cērvōrkku
vāṭṭaṅka ḷētukkaṭi kutampāy
vāṭṭaṅka ḷētukkaṭi.
Für jene, die ihre Aufmerksamkeit sammeln und die Mitte erreichen,
wozu Bedrängnisse, Kudambai?
Wozu Bedrängnisse?
Nāṭṭam bezeichnet Ausrichtung oder konzentrierten Blick; naṭuvaṇai die Mitte. Eine Verbindung zur Sushumna ist als yogische Deutung möglich, aber nicht ausdrücklich genannt.
Vers 224
முத்தமிழ் கற்று முயங்குமெய்ஞ் ஞானிக்கு
சத்தங்க ளேதுக்கடி குதம்பாய்
சத்தங்க ளேதுக்கடி.
muttamiḻ kaṟṟu muyaṅkumeyñ ñāṉikku
cattaṅka ḷētukkaṭi kutampāy
cattaṅka ḷētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, der die drei Formen des Tamil gelernt hat und in Einheit ruht,
wozu laute Töne, Kudambai?
Wozu laute Töne?
Muttamiḻ umfasst Literatur, Musik und Drama. Wer deren Sinn erfasst hat und in Erkenntnis ruht, braucht nach dieser Zuspitzung keinen zusätzlichen Lärm, um sich seiner Einsicht zu versichern.
Vers 225
உச்சிக்கு மேற்சென்று உயர்வெளி கண்டோருக்கு
இச்சிப்பிங் கேதுக்கடி குதம்பாய்
இச்சிப்பிங் கேதுக்கடி.
uccikku mēṟceṉṟu uyarveḷi kaṇṭōrukku
iccippiṅ kētukkaṭi kutampāy
iccippiṅ kētukkaṭi.
Für jene, die über den Scheitel hinausgegangen sind und die hohe Weite geschaut haben,
wozu hier noch Verlangen, Kudambai?
Wozu hier noch Verlangen? [Lesung unsicher]
Die zusammengeschriebene Wendung iccippiṅku wird vorsichtig als weltliches Verlangen gelesen. „Scheitel“ und „Weite“ können eine yogische Erfahrung bezeichnen; eine anatomische Festlegung wäre Zusatzdeutung.
Vers 226
வேகாமல் வெந்து வெளியொளி கண்டோர்க்கு
மோகாந்த மேதுக்கடி குதம்பாய்
மோகாந்த மேதுக்கடி.
vēkāmal ventu veḷiyoḷi kaṇṭōrkku
mōkānta mētukkaṭi kutampāy
mōkānta mētukkaṭi.
Für jene, die gebrannt haben, ohne zu brennen, und das Licht der Weite sahen,
wozu die Blindheit der Verblendung, Kudambai?
Wozu die Blindheit der Verblendung?
„Brennen ohne zu brennen“ bleibt ein bewusstes Paradox und kann als innere Läuterung verstanden werden. Mōkāntam bezeichnet die Blindheit der Verblendung, die im Licht der Einsicht weicht.
Vers 227
சாகாமற் றாண்டி தனிவழி போவார்க்கு
ஏகாந்த மேதுக்கடி குதம்பாய்
ஏகாந்த மேதுக்கடி.
cākāmaṟ ṟāṇṭi taṉivaḻi pōvārkku
ēkānta mētukkaṭi kutampāy
ēkānta mētukkaṭi.
Für diejenigen, die ohne zu sterben hinübergegangen sind und den eigenen Weg gehen,
wozu Abgeschiedenheit, Kudambai?
Wozu Abgeschiedenheit?
Der Gegensatz von innerem Überschreiten und äußerem Rückzug trägt die Frage. Ekanta ist Einsamkeit oder Abgeschiedenheit; sie wird als Mittel, nicht als Selbstzweck betrachtet.
Vers 228
அந்தரந் தன்னி லசைந்தாடு முத்தர்க்குத்
தந்திர மேதுக்கடி குதம்பாய்
தந்திர மேதுக்கடி.
antaran taṉṉi lacaintāṭu muttarkkut
tantira mētukkaṭi kutampāy
tantira mētukkaṭi.
Für die Befreiten, die im inneren Raum frei schwingen und tanzen,
wozu noch Tantra, Kudambai?
Wozu noch Tantra?
Antaram kann Zwischenraum, Luftraum oder inneren Raum bedeuten. Das Tanzbild besingt Freiheit. Vom erreichten Zustand aus fragt das Lied nach dem weiteren Stellenwert tantrischer Mittel.
Vers 229
ஆனந்தம் பொங்கி அறிவோ டிருப்போர்க்கு
ஞானந்தா னேதுக்கடி குதம்பாய்
ஞானந்தா னேதுக்கடி.
āṉantam poṅki aṟivō ṭiruppōrkku
ñāṉantā ṉētukkaṭi kutampāy
ñāṉantā ṉētukkaṭi.
Für jene, in denen Seligkeit überströmt und die bewusst verweilen,
wozu noch Erkenntnis, Kudambai?
Wozu noch Erkenntnis?
Ñāṉam bedeutet Erkenntnis. Das Lied wagt die paradoxe Frage, wozu sie noch gebraucht wird, wenn bewusste Seligkeit bereits überströmt. Die Deutung als bloßes Bücherwissen wäre enger als der Wortlaut.
Vers 230
சித்திரக் கூட்டத்தைத் தினந்தினங் காண்போர்க்குப்
பத்திர மேதுக்கடி குதம்பாய்
பத்திர மேதுக்கடி.
cittirak kūṭṭattait tiṉantiṉaṅ kāṇpōrkkup
pattira mētukkaṭi kutampāy
pattira mētukkaṭi.
Für diejenigen, die Tag für Tag die wunderbare Versammlung schauen,
wozu eine Urkunde, Kudambai?
Wozu eine Urkunde? [Bilddeutung unsicher]
Die Hauptquelle liest cittirak kūṭṭam, „wunderbare Versammlung“. Andere Fassungen haben kūṭam, „Halle“; eine Anspielung auf die innere oder göttliche Halle ist daher möglich, aber nicht sicher.
Vers 231
முக்கோணந் தன்னில் முளைத்தமெய்ஞ் ஞானிக்குச்
சட்கோண மேதுக்கடி குதம்பாய்
சட்கோண மேதுக்கடி.
mukkōṇan taṉṉil muḷaittameyñ ñāṉikkuc
caṭkōṇa mētukkaṭi kutampāy
caṭkōṇa mētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, der im Dreieck zum Leben erwacht ist,
wozu ein Sechseck, Kudambai?
Wozu ein Sechseck?
Dreieck und Sechseck gehören zur Yantra- und Yogasymbolik. Der Vers selbst benennt weder ein bestimmtes Chakra noch ein konkretes Ritualdiagramm.
Vers 232
அட்டதிக் கெல்லால் அசைந்தாடும் நாதர்க்கு
நட்டணை யேதுக்கடி குதம்பாய்
நட்டணை யேதுக்கடி.
aṭṭatik kellāl acaintāṭum nātarkku
naṭṭaṇai yētukkaṭi kutampāy
naṭṭaṇai yētukkaṭi.
Für den Herrn, der in allen acht Richtungen tanzt,
wozu noch gespielter Tanz, Kudambai?
Wozu noch gespielter Tanz?
Die Hauptquelle hat offenbar ellāl statt ellām; Project Madurai bestätigt „alle“. Naṭṭaṇai kann Tanz oder mimisches Spiel bedeuten. Der Gegensatz wird als wirklicher kosmischer Tanz und äußere Darstellung gelesen.
Vers 233
முத்திபெற் றுள்ளம் முயங்குமெய்ஞ் ஞானிக்குப்
பத்திய மேதுக்கடி குதம்பாய்
பத்திய மேதுக்கடி.
muttipeṟ ṟuḷḷam muyaṅkumeyñ ñāṉikkup
pattiya mētukkaṭi kutampāy
pattiya mētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, dessen befreites Herz in Einheit ruht,
wozu besondere Speisevorschriften, Kudambai?
Wozu besondere Speisevorschriften?
Pattiyam bezeichnet geregelte Kost beziehungsweise Speisevorschriften. Der Vers fragt nach deren Stellenwert für den befreiten Weisen; sein Thema ist geistige Freiheit.
Vers 234
அல்லலை நீக்கி அறிவோ டிருப்பார்க்குப்
பல்லாக் கேதுக்கடி குதம்பாய்
பல்லாக் கேதுக்கடி.
allalai nīkki aṟivō ṭiruppārkkup
pallāk kētukkaṭi kutampāy
pallāk kētukkaṭi.
Für diejenigen, die das Leid beseitigt haben und bewusst verweilen,
wozu eine Sänfte, Kudambai?
Wozu eine Sänfte?
Die Sänfte steht für Ehre, Bequemlichkeit und öffentlichen Rang. Geistige Klarheit braucht solche Statuszeichen nicht.
Vers 235
அட்டாங்கயோகம் அறிந்தமெய்ஞ் ஞானிக்கு
முட்டாங்க மேதுக்கடி குதம்பாய்
முட்டாங்க மேதுக்கடி.
aṭṭāṅkayōkam aṟintameyñ ñāṉikku
muṭṭāṅka mētukkaṭi kutampāy
muṭṭāṅka mētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, der den achtgliedrigen Yoga kennt,
wozu noch muṭṭāṅkam, Kudambai?
Wozu noch muṭṭāṅkam? [Bedeutung ungeklärt]
Ashtanga Yoga ist eindeutig genannt; muṭṭāṅkam bleibt lexikalisch ungeklärt. Der Ausdruck wird deshalb in der Übersetzung bewahrt. Eine eindeutige deutsche Entsprechung lässt sich aus den verwendeten Quellen nicht sichern.
Vers 236
வேகம் அடக்கி விளங்குமெய்ஞ் ஞானிக்கு
யோகந்தா னேதுக்கடி குதம்பாய்
யோகந்தா னேதுக்கடி.
vēkam aṭakki viḷaṅkumeyñ ñāṉikku
yōkantā ṉētukkaṭi kutampāy
yōkantā ṉētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, der den inneren Drang beruhigt hat und erstrahlt,
wozu noch Yoga, Kudambai?
Wozu noch Yoga?
Vēkam kann Heftigkeit, Drang oder beschleunigte Bewegung bedeuten. Vom bereits gesammelten Weisen aus wird die Grenze zwischen Yoga als Weg und seiner Erfüllung befragt.
Vers 237
மாத்தானை வென்று மலைமே லிருப்போர்க்குப்
பூத்தான மேதுக்கடி குதம்பாய்
பூத்தான மேதுக்கடி.
māttāṉai veṉṟu malaimē liruppōrkkup
pūttāṉa mētukkaṭi kutampāy
pūttāṉa mētukkaṭi.
Für diejenigen, die „den Großen“ überwunden haben und auf dem Berg verweilen [Bezug unsicher],
wozu Neuartiges, Kudambai?
Wozu Neuartiges?
Māttāṉ bedeutet laut Tamil Lexicon „der Große“; sein Bezug bleibt offen. Pūttāṉam kann Neuartigkeit oder übermäßige Schonung bedeuten. Hier wird die erste Möglichkeit wiedergegeben.
Vers 238
செத்தாமரைப் போலத் திரியுமெய்ஞ் ஞானிக்குக்
கைத்தாள மேதுக்கடி குதம்பாய்
கைத்தாள மேதுக்கடி.
cettāmaraip pōlat tiriyumeyñ ñāṉikkuk
kaittāḷa mētukkaṭi kutampāy
kaittāḷa mētukkaṭi.
Für den wahren Weisen, der wie ein Toter umhergeht [nach der Parallelfassung],
wozu Handzimbeln, Kudambai?
Wozu Handzimbeln?
Chennai Library liest das problematische cettāmarai; Project Madurai und Wikisource haben „wie ein Toter“. Die deutsche Übersetzung folgt ausdrücklich dieser Parallelfassung. Gemeint sein kann ein Jivanmukta, dessen Ichanspruch erloschen ist.
Vers 239
கண்டாரை நோக்கிக் கருத்தோ டிருப்போர்க்குக்
கொண்டாட்ட மேதுக்கடி குதம்பாய்
கொண்டாட்ட மேதுக்கடி.
kaṇṭārai nōkkik karuttō ṭiruppōrkkuk
koṇṭāṭṭa mētukkaṭi kutampāy
koṇṭāṭṭa mētukkaṭi.
Für jene, die auf die Schauenden blicken und gesammelt verweilen [Bezug mehrdeutig],
wozu Festlichkeiten, Kudambai?
Wozu Festlichkeiten?
Kaṇṭārai kann „diejenigen, die gesehen haben“ oder im Kontext begegnete Menschen bezeichnen. Die Übersetzung hält die erste Möglichkeit offen; die Rolle eines Guru wäre eine weitergehende Deutung.
Vers 240
காலனை வென்ற கருத்தறி வாளர்க்குக்
கோலங்க ளேதுக்கடி குதம்பாய்
கோலங்க ளேதுக்கடி.
kālaṉai veṉṟa karuttaṟi vāḷarkkuk
kōlaṅka ḷētukkaṭi kutampāy
kōlaṅka ḷētukkaṭi.
Für die Einsichtigen, die den Todesgott besiegt haben,
wozu äußere Aufmachung, Kudambai?
Wozu äußere Aufmachung?
Kālaṉ personifiziert den Tod. Die Frage lässt die Freiheit eines Menschen aufscheinen, dessen Gewissheit von äußerer Aufmachung unabhängig geworden ist.
Vers 241
வெண்காய முண்டு மிளகுண்டு சுக்குண்டு
உண்காய மேதுக்கடி குதம்பாய்
உண்காய மேதுக்கடி.
veṇkāya muṇṭu miḷakuṇṭu cukkuṇṭu
uṇkāya mētukkaṭi kutampāy
uṇkāya mētukkaṭi.
Zwiebel ist da, Pfeffer ist da, getrockneter Ingwer ist da:
Wozu noch uṇkāyam, Kudambai?
Wozu noch uṇkāyam? [Bedeutung unsicher]
Veṇkāyam kann Zwiebel oder Knoblauch heißen, uṇṭu auch „gegessen“. Kāyam hat Bedeutungen wie Leib und Würze; uṇkāyam lässt sich hier dennoch nicht sicher bestimmen. Das Wortspiel bleibt offen.
Vers 242
மாங்காய்ப்பா லுண்டு மலைமே லிருப்போர்க்குத்
தேங்காய்ப்பா லேதுக்கடி குதம்பாய்
தேங்காய்ப்பா லேதுக்கடி.
māṅkāyppā luṇṭu malaimē liruppōrkkut
tēṅkāyppā lētukkaṭi kutampāy
tēṅkāyppā lētukkaṭi.
Für diejenigen, die Mangomilch getrunken haben und auf dem Berg verweilen,
wozu Kokosmilch, Kudambai?
Wozu Kokosmilch?
Das wörtliche Bild bleibt erhalten. „Mangomilch“ kann in yogischer Deutung für inneren Nektar stehen und der Berg für eine erhöhte Bewusstseinsstätte; der Vers selbst entschlüsselt diese Bilder nicht.
Vers 243
பட்டணஞ் சுற்றிப் பகலே திரிவார்க்கு
முட்டாக் கேதுக்கடி குதம்பாய்
முட்டாக் கேதுக்கடி.
paṭṭaṇañ cuṟṟip pakalē tirivārkku
muṭṭāk kētukkaṭi kutampāy
muṭṭāk kētukkaṭi.
Für diejenigen, die am hellen Tag durch die Stadt ziehen,
wozu ein verhüllendes Tuch, Kudambai?
Wozu ein verhüllendes Tuch?
Muṭṭākku bezeichnet ein verhüllendes Tuch beziehungsweise eine Kopfbedeckung. Das Lied spielt mit dem Gegensatz von offenem Gehen am hellen Tag und dem Wunsch, sich zu verdecken.
Vers 244
தாவார மில்லை தனக்கொரு வீடில்லை
தேவார மேதுக்கடி குதம்பாய்
தேவார மேதுக்கடி.
tāvāra millai taṉakkoru vīṭillai
tēvāra mētukkaṭi kutampāy
tēvāra mētukkaṭi.
Kein Unterstand ist da, kein eigenes Haus:
Wozu der Tevaram-Gesang, Kudambai?
Wozu der Tevaram-Gesang?
Tāvāram wird als Unterstand oder Vorhalle gelesen, Tevaram als shaivitischer Hymnengesang. Die Beziehung zwischen Heimatlosigkeit und Gesang bleibt mehrdeutig; soziale und mystische Lesarten sind möglich.
Vers 245
தன்னை யறிந்து தலைவனைச் சேர்ந்தோர்க்கு
பின்னாசை யேதுக்கடி குதம்பாய்
பின்னாசை யேதுக்கடி.
taṉṉai yaṟintu talaivaṉaic cērntōrkku
piṉṉācai yētukkaṭi kutampāy
piṉṉācai yētukkaṭi.
Für diejenigen, die sich selbst erkannt haben und zum Herrn gelangt sind,
wozu noch weiteres Begehren, Kudambai?
Wozu noch weiteres Begehren?
Selbsterkenntnis und die Nähe zum Herrn finden zusammen. Die Frage lässt etwas von einer Erfüllung anklingen, die keinen neuen Wunsch hervorzubringen braucht.
Vers 246
பத்தாவுந் தானும் பதியோ டிருப்போர்க்கு
உத்தார மேதுக்கடி குதம்பாய்
உத்தார மேதுக்கடி.
pattāvun tāṉum patiyō ṭiruppōrkku
uttāra mētukkaṭi kutampāy
uttāra mētukkaṭi.
Wenn der Gatte und man selbst beim Herrn verweilen [Bezüge unklar],
wozu eine weitere Antwort, Kudambai?
Wozu eine weitere Antwort?
Pattā kann Gatte oder Herr bedeuten, pati ebenfalls Herr. Wer mit diesen Bezeichnungen und mit „selbst“ gemeint ist, bleibt unklar. Uttāram wird als Antwort gelesen; der Schluss lässt eine Verbundenheit erahnen, in der weitere Antworten entbehrlich werden.
Kudambais Lieder in Meditation und Alltag
Die folgenden Anregungen greifen einzelne Textgedanken für eine heutige Praxis auf. Wer sich grundlegend orientieren möchte, findet bei Yoga Vidya Einführungen in Yoga und Meditation. Die hier vorgeschlagenen Betrachtungen lassen sich einzeln auswählen und in Ruhe vertiefen.

1. Einen Vers in die Stille mitnehmen
Lies Vers 8 langsam. Setze dich bequem und aufrecht hin, lasse den Atem natürlich fließen und nimm für einige Minuten wahr, was im Körper und Bewusstsein geschieht. „Das Licht im Leib“ darf eine offene Betrachtung bleiben; du brauchst keine besondere Wahrnehmung hervorzurufen.
2. Die Frage nach dem Genug stellen
Nimm Vers 215 oder Vers 234 als Ausgangspunkt: Welche Bestätigung suche ich gerade? Was würde heute einfacher, wenn ich auf eine unnötige Selbstdarstellung verzichtete? So kann die Frage „Wozu noch?“ zu einer freundlichen Klärung werden.
3. Hingabe als Haltung üben
Betrachte Vers 20: Ein gutes Herz ist die Gabe. Wenn Japa, Puja oder Gebet zu deiner eigenen Praxis gehören, verbinde sie mit Aufrichtigkeit. Kudambais Fragen können helfen, die Bedeutung einer Form neu zu entdecken und bloße Gewohnheit zu bemerken.
4. Nichtverletzen konkret werden lassen
Lies Vers 120 und wähle eine erreichbare Handlung: jemanden mit Essen unterstützen, freundlich sprechen oder in einem Konflikt auf Demütigung verzichten. Ein innerer Weg gewinnt Glaubwürdigkeit dort, wo andere seine Güte erfahren.
5. Menschen jenseits ihrer Etiketten begegnen
Lies Vers 141. Beobachte im Alltag, wie schnell Namen, Herkunft, Beruf und gesellschaftliche Stellung dein Urteil bestimmen. Eine kleine Übung besteht darin, dem Gegenüber aufmerksam zuzuhören, bevor du es einer Schublade zuordnest.
Begleitende Yoga-Vidya-Meditation
Die „Sapta Bindu Energiemeditation“ mit Sukadev ergänzt die Lektüre durch eine geführte Übung aus dem heutigen Yoga-Vidya-Angebot. Sie unterstützt die innere Sammlung; eine historische Verbindung zu Kudambais Liedern wird damit nicht behauptet.
Im Licht der inneren Freiheit
Die Kudambai Siddhar Padalgal führen immer wieder zur eigenen Erfahrung zurück: Was erkenne ich wirklich? Woran halte ich fest? Wie zeigt sich meine Hingabe im Umgang mit anderen? Ihre Fragen können unbequem sein. Gerade darin liegt die Möglichkeit, ehrlicher zu werden und der inneren Freiheit Raum zu geben.
Der Weg darf mit etwas Einfachem beginnen: einem stillen Augenblick, einem wahrhaftigen Wort, einer Gabe, die Hunger lindert. In Kudambais Bildsprache wird ein gutes Herz zur Opfergabe und ein liebendes Inneres zum Tempel. Möge die Lektüre dazu ermutigen, dieses Heiligtum sorgsam zu hüten und seine Güte im täglichen Leben wirksam werden zu lassen.
Siehe auch
Tamilische Schriften und Siddha-Literatur
- Agathiyar Jnanam – tamilische Erkenntnislieder mit yogischer Bildsprache.
- Sivavakkiyam – ein wichtiger Vergleich für eigenständige Siddha-Dichtung und Ritualkritik.
- Tirumantiram – Yoga, Shiva-Verehrung und tamilische spirituelle Lehre.
- Bogar Sapta Kandam – ein Vergleichsumfeld für alchemistische und yogische Vorstellungen.
- Avvai Kural, Jnana Kural und Vinayagar Agaval.
- Sivajnana Bodham, Sivajnana Siddhiyar und Sivaprakasam.
- Tiruvarutpayan, Unmai Vilakkam und Unmai Neri Vilakkam.
Verwandte Tantra- und Agama-Schriften
Diese Schriften eröffnen vergleichende Zugänge zu Meditation, Mantra, Kundalini und Shiva-Verehrung. Die Verweise bezeichnen thematische Beziehungen; unmittelbare literarische Abhängigkeiten sind damit nicht belegt.
- Vijnana Bhairava Tantra
- Shiva Sutra
- Kularnava Tantra
- Kaulajnana Nirnaya
- Matsyendra Samhita
- Khechari Vidya
- Netra Tantra
- Sharada Tilaka Tantra
- Kamika Agama
- Sarvajnanottara Agama
Personen und Grundbegriffe
Kudambai Siddhar, Agathiyar, Tirumular, Bogar, Sivavakkiyar, Shiva, Murugan, Siddha, Siddha Yoga, Jnana Yoga, Bhakti Yoga, Shaiva Siddhanta, Ahimsa, Vairagya, Jivanmukta, Moksha, Bindu, Nada und Kaya Kalpa.
Quellen und Hinweise zur Textfassung
- ↑ Chennai Library: குதம்பைச்சித்தர் பாடல் – Kudhambaisiddhar Paadal. Tamilischer Grundtext mit 246 fortlaufend nummerierten Liedern. Abruf: 26. September 2026.
- ↑ Tamil Virtual Academy: Lehrabschnitt zu den Siddhars, besonders der Absatz „குதம்பைச்சித்தர்“. Erläutert die Namensbildung, nennt 246 Lieder und erklärt kaṟpam als kāyakaṟpam. Abruf: 26. September 2026.
- ↑ 3,0 3,1 Project Madurai, E-Text Nr. 76: சித்தர் பாடல்கள் தொகுப்பு – I / Cittar Pāṭalkaḷ, Teil I, Abschnitt 4, „குதம்பைச் சித்தர் பாடல்கள்“, 32 Lieder. Texterfassung und Korrektur: S. Anbumani; Webseitenbearbeitung: Kumar Mallikarjunan. Online erstmals am 22. Juni 2000. Abruf: 26. September 2026.
- ↑ Tamil Wikisource: குதம்பைச் சித்தர், Fassung mit 32 Liedern, als Vergleich für die Schlussfolge verwendet. Abruf: 26. September 2026.
Verwendete Textgrundlagen
- Hauptquelle: Chennai Library, Kudhambaisiddhar Paadal, Verse 1–246. Die Webseite nennt bei diesem Text keine ausreichend genaue Druckvorlage für einen kritischen Editionsvergleich. Ihre Gliederung und Nummerierung bilden die Grundlage dieser Ausgabe.
- Vergleich der Schlussfolge: Project Madurai, E-Text 76, Abschnitt 4, Verse 1–32, entsprechend hier 215–246. Herangezogen wurden die tamilischen Lesarten, keine moderne deutsche oder englische Gesamtübersetzung.
- Weiterer Textvergleich: Tamil Wikisource, Kudambai Siddhar, kürzere 32-Lieder-Folge. Diese Fassung enthält ebenfalls erkennbare Übertragungs- und Formatierungsfehler.
- Literarische Einordnung: Tamil Virtual Academy, Lehrabschnitt über Siddhar-Literatur, insbesondere zu Name, Umfang und kaṟpam.
Wörterbücher für einzelne schwierige Ausdrücke
- University of Madras Tamil Lexicon, digital wiedergegeben bei Agarathi: māttāṉ und veṇkāyam. Die Einträge wurden für Verse 237 und 241 herangezogen; ihre lexikalischen Angaben lösen den jeweiligen poetischen Zusammenhang nicht vollständig auf.
- University of Madras Tamil Lexicon, digitaler Eintrag pūttāṉam, Seite 2831, ergänzend Tamil–Tamil Agaramuthali bei der Tamil Virtual Academy: Bedeutungen „Neuartigkeit“ und „besondere Schonung/Verhätschelung“, zu Vers 237.
- University of Madras Tamil Lexicon, digitaler Eintrag naṭṭaṇai, Seite 2135: Tanz beziehungsweise mimische Darstellung, zu Vers 232.
Umfang und Grenzen der Ausgabe
Der vollständige Textbestand der Hauptquelle ist wiedergegeben, einschließlich aller Refrains. Dies ist eine kommentierte deutsche Übersetzung einer online überlieferten Textfassung, keine kritische Edition auf Handschriftenbasis. Satzzeichen, Einrückungen und die Position der Versnummern wurden für die Wiki-Darstellung vereinheitlicht; die tamilischen Wortformen und Wortabstände bleiben ansonsten bestehen. Die kleine Gruppenüberschrift zu Vers 71 gibt die abwertende historische Überschrift als solche zu erkennen.
Offen bleiben insbesondere einzelne beschädigte oder mehrdeutige Stellen, darunter Verse 18, 29, 58, 68, 71, 82, 118, 149, 158, 165, 174, 180, 196, 230, 235, 237, 241 und 246. Weitere kleinere Unsicherheiten sind an Ort und Stelle genannt. In Vers 238 folgt die deutsche Übersetzung ausdrücklich der verständlicheren Parallelfassung „wie ein Toter“; der abweichende Tamiltext der Hauptquelle wird nicht stillschweigend ersetzt. Bei Versen 47, 111, 169 und 214 werden problematische Wiederholungszeilen erläutert. So lassen sich Wortlaut, Übersetzungsentscheidung und eigene Auslegung auseinanderhalten.
Bilder, Videos und Seminarverweise
Die Bilddateien sind im Yoga-Vidya-Wiki vorhanden; Angaben zu Urheberschaft und Lizenz stehen auf den jeweiligen Dateiseiten. Die Verfügbarkeit und die Titel der Videos wurden am 26. September 2026 anhand der öffentlichen Videodaten geprüft: tamilische Kudambai-Darbietung beim Kanal „ஔசதம் Owshadham“, Yoga-Vidya-Einführung zum Shaiva Siddhanta und „Sapta Bindu Energiemeditation“. Sie ergänzen die Lektüre und dienen nicht als Beleg für einzelne Übersetzungen. Die Seminarfeeds erschließen thematisch verwandte Angebote von Yoga Vidya.
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