Munram Tiruvantati

Aus Yogawiki

Munram Tiruvantati (Tamil: மூன்றாம் திருவந்தாதி, Mūṉṟām Tiruvantāti), „die dritte heilige Antati“, ist ein Hymnus aus hundert Strophen auf Vishnu in tamilischer Sprache. Er wurde von Pey Alvar gedichtet, dem dritten der drei ersten Alvars, und gehört zum Nalayira Divya Prabandham, der Sammlung der „viertausend göttlichen Hymnen“ des tamilischen Vishnuismus.

Die Munram Tiruvantati ist der Höhepunkt einer berühmten Begebenheit: In einer Regennacht in Tirukkoilur spürten die drei ersten Alvars die unsichtbare Gegenwart Vishnus in ihrer Mitte. Poigai Alvar entzündete eine Lampe, deren Schale die Welt war; Bhutam Alvar eine zweite, deren Schale die Liebe war. Im Licht dieser beiden Lampen schaute Pey Alvar Gott unmittelbar und begann zu singen: „Ich habe Sri gesehen, ich habe die goldene Gestalt gesehen …“

Während die ersten beiden Antatis vom Entzünden des Lichts sprechen, ist die dritte ein Hymnus der Schau. Sie beginnt mit dem Jubel dessen, der Gott gesehen hat, und entfaltet in hundert Strophen die Schönheit, die Taten und die Gnade des Herrn. Pey Alvar, dessen Name „der von Gott Besessene“ oder „der Verrückte“ bedeutet, singt mit der überströmenden Freude eines Menschen, den die Liebe zu Gott ganz ergriffen hat.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Munram Tiruvantati
Tamil மூன்றாம் திருவந்தாதி
Transliteration Mūṉṟām Tiruvantāti
Bedeutung „Die dritte heilige Antati“
Verfasser Pey Alvar (பேயாழ்வார்), der dritte der drei ersten Alvars
Entstehungszeit Nach der Forschung meist um das 6. bis 7. Jahrhundert; die Tradition setzt die ersten Alvars in ein viel früheres Weltzeitalter
Umfang 100 Strophen im Versmaß Venba
Form Antati: das Ende jeder Strophe wird zum Anfang der nächsten
Gottheit Vishnu mit Lakshmi
Sammlung Nalayira Divya Prabandham, viertes Tausend (Iyarpa)

Pey Alvar

Nach der Überlieferung wurde Pey Alvar nicht auf gewöhnliche Weise geboren, sondern erschien in einer roten Seerose in einem Brunnen in Mylapore, dem heutigen Stadtteil von Chennai. Er gehört mit Poigai Alvar und Bhutam Alvar zu den Mudhal Alvargal, den „ersten Alvars“.

Sein Name Pey bedeutet wörtlich „Geist“ oder „besessen“, im übertragenen Sinn „verrückt“. Er erhielt ihn, weil er in seiner Gottesliebe so entrückt war, dass er sich um die Maßstäbe der Welt nicht mehr kümmerte. Er lachte, weinte, sang und tanzte im Gedanken an Gott, und die Menschen hielten ihn für verrückt. In der Bhakti-Tradition ist dieser „heilige Wahnsinn“ ein Zeichen höchster Hingabe: Wer ganz von Gott erfüllt ist, lebt nach anderen Werten als die Welt.

Nach der vishnuitischen Überlieferung wurde Pey Alvar später zum Lehrer eines weiteren großen Alvar, Tirumalisai Alvar, und führte ihn zur Vishnu-Verehrung.

Die Nacht von Tirukkoilur

Die drei ersten Alvars kannten einander nicht, als sie in einer stürmischen Regennacht in Tirukkoilur zusammentrafen. Sie suchten Schutz in einem winzigen Vorraum, der Platz bot für einen zum Liegen, für zwei zum Sitzen und für drei zum Stehen. So standen sie die ganze Nacht dicht beieinander und sprachen über Gott.

Da spürten sie, wie sie noch enger zusammengedrängt wurden, als wäre ein Vierter eingetreten. Niemand war zu sehen, doch sie erkannten: Vishnu selbst war in ihre Mitte getreten. Poigai Alvar entzündete eine Lampe aus der ganzen Welt, Bhutam Alvar eine Lampe aus Liebe. Und im Licht dieser Lampen sah Pey Alvar den Herrn in seiner ganzen Herrlichkeit, zusammen mit der göttlichen Mutter Lakshmi, und sang die hundert Strophen der Munram Tiruvantati.

Die ausführliche Erzählung findet sich im Artikel Mudhal Tiruvantati.

Der erste Vers

திருக்கண்டேன் பொன்மேனி கண்டேன் திகழும்
அருக்கன் அணிநிறமும் கண்டேன் – செருக்கிளரும்
பொன்னாழி கண்டேன் புரிசங்கம் கைக்கண்டேன்
என்னாழி வண்ணன்பால் இன்று.

Tirukkaṇṭēṉ poṉmēṉi kaṇṭēṉ tikaḻum
arukkaṉ aṇiniṟamum kaṇṭēṉ – cerukkiḷarum
poṉṉāḻi kaṇṭēṉ puricaṅkam kaikkaṇṭēṉ
eṉṉāḻi vaṇṇaṉpāl iṉṟu.

Ich habe Sri gesehen, ich habe die goldene Gestalt gesehen,
ich habe die Schönheit gesehen, strahlend wie die leuchtende Sonne;
ich habe den goldenen Diskus gesehen, der im Kampf aufflammt,
ich habe die gewundene Muschel in seiner Hand gesehen –
heute, bei meinem Herrn, dessen Farbe dem Meer gleicht.

Eigene Übersetzung.

Das erste Wort ist Tiru, das tamilische Wort für Sri, die göttliche Mutter Lakshmi. Pey Alvar sieht zuerst die Mutter, dann den Herrn. Die vishnuitische Tradition deutet dies als Zeichen, dass der Weg zu Gott über die Gnade der göttlichen Mutter führt, die als Fürsprecherin für die Menschen gilt.

Das sechsfache „ich habe gesehen“ (kaṇṭēṉ) gibt dem Vers seinen jubelnden Klang. Hier spricht nicht jemand, der über Gott nachdenkt, sondern jemand, der ihn geschaut hat.

Inhalt und Themen

Die Schau der Gestalt Gottes

Viele Strophen der Munram Tiruvantati beschreiben die Gestalt Vishnus: seine dunkle, meerblaue Farbe, seine Lotosaugen, seine Waffen, den Diskus und die Muschel, und Lakshmi, die an seiner Brust wohnt. Diese Beschreibungen laden den Hörer ein, die göttliche Gestalt innerlich zu betrachten.

Die Taten Krishnas

Pey Alvar besingt immer wieder die Taten Krishnas. Er staunt über das Geheimnis, dass der Herr, der auf dem Urozean ruht, als Kind auf die Erde kam, Dämonen besiegte und den großen Krieg des Mahabharata lenkte, und doch vor Angst zitterte, als seine Mutter ihn wegen gestohlener Butter mit dem Butterstößel bedrohte. In diesem Nebeneinander von kosmischer Größe und kindlicher Nähe liegt ein Kern der Bhakti-Frömmigkeit: Der unendliche Gott lässt sich aus Liebe klein machen.

Die heiligen Orte

Pey Alvar besingt zahlreiche Tempel Vishnus, besonders Tirumala (Venkatam), den heiligen Berg bei Tirupati, aber auch Srirangam, Tirukkoilur und die Heiligtümer von Kanchipuram. Diese Orte gehören zu den 108 Divya Desams.

Die zwei Gestalten in einer

Eine bemerkenswerte Strophe beschreibt den Herrn auf dem Berg Tirumala mit Merkmalen, die sowohl Vishnu als auch Shiva zugehören: herabhängende Haarflechten und hohe Krone, Axt und Diskus, umschlingende Schlange und goldene Schnur. Nach Pey Alvar erscheinen die beiden Gestalten dort vereint, „als eine, in Einklang“. Die Strophe wird oft als Zeugnis einer frühen Offenheit gelesen, die das Göttliche über die Grenzen der Verehrungsformen hinweg erkennt; zugleich wird sie in der Tradition unterschiedlich ausgelegt.

Hingabe und Zuflucht

Wie bei den anderen Alvars steht auch bei Pey Alvar die Zuflucht zu Gott im Mittelpunkt. Der Mensch soll seinen Geist ganz auf den Herrn richten, ihm dienen und seinen Namen sprechen. Die Erlösung ist nicht Lohn eigener Leistung, sondern Geschenk der Gnade.

Die drei ersten Antatis als Einheit

Die Mudhal, Irandam und Munram Tiruvantati bilden eine Einheit und werden oft zusammen rezitiert. Ihre Anfangsverse lassen sich als drei Stufen des spirituellen Weges lesen:

Antati Dichter Anfang Deutung
Mudhal Tiruvantati Poigai Alvar „Die Erde als Lampenschale …“ Das äußere Licht: Gott in der ganzen Schöpfung erkennen
Irandam Tiruvantati Bhutam Alvar „Die Liebe als Lampenschale …“ Das innere Licht: die Liebe im Herzen entzünden
Munram Tiruvantati Pey Alvar „Ich habe Sri gesehen …“ Die Schau: im Licht von Erkenntnis und Liebe Gott unmittelbar erfahren
Symbolbild: Das innere Schauen des Göttlichen im Licht des Herzens

Spirituelle Bedeutung

Vom Suchen zum Schauen

Die Munram Tiruvantati steht am Ende eines Weges. Sie zeigt, dass Erkenntnis und Liebe schließlich in unmittelbare Erfahrung münden können. Im Yoga entspricht dies dem Übergang von der Übung zur Erfahrung, von der Konzentration (Dharana) über die Meditation (Dhyana) zur Schau (Samadhi).

Heiliger Wahnsinn

Pey Alvars Beiname erinnert daran, dass tiefe Gottesliebe die gewohnten Maßstäbe verändert. Was der Welt verrückt erscheint, kann Ausdruck höchster Klarheit sein. Viele Heilige, von Chaitanya bis zu Ramakrishna, zeigten ähnliche Zustände ekstatischer Liebe.

Die Mutter als Tor

Dass Pey Alvar zuerst Sri, die göttliche Mutter, sieht, lädt dazu ein, das Göttliche auch in seiner mütterlichen, gnädigen Gestalt zu erfahren. Die Verehrung der göttlichen Mutter hat auch in der Yoga-Tradition einen wichtigen Platz.

Gott ist nahe

Wie in der ganzen Legende von Tirukkoilur ist die Botschaft: Gott ist nicht fern. Er tritt in die Mitte derer, die ihn lieben, selbst in einer engen, dunklen Kammer in einer stürmischen Nacht.

Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten

Die Mudhal Tiruvantati des Poigai Alvar und die Irandam Tiruvantati des Bhutam Alvar bilden mit der Munram Tiruvantati eine Einheit. Tirumalisai Alvar gilt in der Tradition als Schüler Pey Alvars. Die Tirumurai ist das shivaitische Gegenstück zum Nalayira Divya Prabandham. Kambar, der Dichter des Kambaramayanam, stand tief in der Tradition der Alvars. Das Tolkappiyam nennt Mayon, den „Dunklen“, bereits als Gott der Weidelandschaft; Pey Alvars meerfarbener Herr knüpft an diese alte tamilische Vishnu-Gestalt an.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die innere Schau: Setze dich zur Meditation und stelle dir eine Gestalt des Göttlichen vor, die dir nahe ist. Betrachte sie langsam in allen Einzelheiten, wie Pey Alvar es in seinem ersten Vers tut.
  • Das „Ich habe gesehen“: Erinnere dich an einen Moment, in dem du Schönheit, Frieden oder Gnade erfahren hast. Verweile in dieser Erinnerung und lass Dankbarkeit aufsteigen.
  • Die drei Lampen: Gehe in der Meditation die drei Stufen durch: Erkenne das Göttliche in der Welt, entzünde die Liebe im Herzen, und verweile dann still im Schauen.
  • Freude in der Hingabe: Pey Alvar sang, tanzte und jubelte. Erlaube dir beim Kirtan oder in deiner Yogapraxis, Freude und Hingabe auch körperlich auszudrücken.

Ich habe den Herrn gesehen

Die Munram Tiruvantati beginnt mit einem Jubelruf: „Ich habe gesehen!“ Sie ist das Lied eines Menschen, dem sich das Göttliche gezeigt hat, und steht am Ende der Nacht von Tirukkoilur, in der aus Welt und Liebe zwei Lampen wurden. Ihre Botschaft ist eine Verheißung: Wer das Licht der Erkenntnis und das Licht der Liebe entzündet, kann das Göttliche schauen.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

Seminare

Gemeinsames Singen, Studieren und Meditieren kann die Inspiration dieser Hymnen im Alltag lebendig werden lassen.

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