Idaikkadar Padalgal
Idaikkadar Padalgal (Tamil: இடைக்காடர் பாடல்கள், Iṭaikkāṭar pāṭalkaḷ, „Lieder Idaikkadars“) ist eine Sammlung tamilischer Weisheitslieder aus der Siddhar-Tradition. Die Lieder fragen, wie der Geist zur Ruhe findet, wie Anhaftung sich löst und wie die Nähe Shivas im eigenen Leben erfahrbar wird. Ihre Kraft liegt in vertrauten Bildern: Der Geist ist ein Rind, das achtsame Führung braucht; der Zorn eine Schlange; Erkenntnis eine Lampe im Herzen. Hirtenrufe, Vogelgesang und Flötenklänge begleiten einen Weg, auf dem Hingabe, innere Klarheit und Befreiung zusammengehören.
Die hier wiedergegebenen Idaikkadar Padalgal umfassen den einleitenden Schutzvers und alle 130 nummerierten Lieder der Ausgabe von Project Madurai. Tamilischer Text, römische Transliteration, eigene deutsche Übersetzung und kurze Erläuterung stehen jeweils beieinander.[1]
Neben Agathiyar Jnanam, Sivavakkiyam und Kudambai Siddhar Padalgal lässt die Sammlung eine eigenständige Stimme tamilischer Spiritualität hören. Mit Unmai Neri Vilakkam lässt sie sich besonders hinsichtlich Gnade, Erkenntnis und Befreiung vergleichen; Form, Überlieferung und philosophische Akzente der beiden Werke sind jedoch verschieden.

Idaikkadar Padalgal: Werk, Name und Überlieferung
Titel und Namensvarianten
Pāṭalkaḷ bedeutet „Lieder“ oder „Gedichte“. Gebräuchliche Schreibweisen sind Idaikkadar Padalgal, Idaikadar Padalgal, Idaikkadar Paadalgal und Idaikattu Siddhar Padalgal. Die Grundausgabe verwendet den ausführlicheren Titel இடைக்காட்டுச் சித்தர் பாடல்கள் (Iṭaikkāṭṭuc cittar pāṭalkaḷ), „Lieder des Idaikkattu-Siddhar“. Die verschiedenen Umschriften erklären sich aus unterschiedlichen Konventionen für tamilische Laute.
Wer war Idaikkadar?
Die Überlieferung stellt Idaikkadar als Hirten und Siddhar dar. Die Einleitung von Project Madurai verbindet ihn mit Konganar und unterscheidet ihn ausdrücklich vom Sangam-Dichter Idaikkadanar. Sie nennt für seine zeitliche Einordnung nur den sehr weiten Rahmen des 10. bis 15. Jahrhunderts. Daraus lässt sich kein gesichertes Lebensdatum ableiten.[1] Auch Geburtsort und Lebensstationen sind nicht verlässlich geklärt. Deshalb werden die Idaikkadar Padalgal hier als ihm zugeschriebene Sammlung behandelt, ohne für jedes einzelne Lied eine historisch nachgewiesene Autorschaft vorauszusetzen.
Erzählungen berichten, er habe einem vorbeikommenden Siddhar Milch angeboten und daraufhin Unterweisung empfangen. Eine andere Legende lässt ihn während einer Hungersnot seine Tiere schützen und durch die Neuordnung der neun Planetengottheiten Regen herbeiführen. Diese Geschichten gehören zur religiösen Erinnerung an Idaikkadar. Sie lassen sich als Bilder der Gastfreundschaft, der Fürsorge und einer dem Leben dienenden Weisheit lesen. Als historische Biografie sind sie nicht gesichert.[2]
Aufbau und dichterische Stimmen
Die Sammlung wechselt zwischen den Sprechern Tandavaraya Konar und Narayana Konar, Anreden an die Seele, Belehrungen des Herzens und Gesprächen mit dem Verstand. Später werden Biene, Kuckuck, Pfau und Schwan angesprochen. Es folgen Flötenlieder, das symbolische Melken und das Ordnen der Herde. Durch diese wechselnden Anreden wird die Unterweisung lebendig: Mal hört die Seele einen liebevollen Ruf, mal stellt der Dichter dem eigenen Denken eine unbequeme Frage. Die Sprecher gehören zur dichterischen Gestaltung; historische Gespräche sind damit nicht belegt.
Die Formen reichen von kurzen Zweizeilern bis zu längeren Strophen mit Refrain. Das tamilische pacu ist besonders bedeutungsvoll: Es heißt „Kuh“, bezeichnet in shaivaitischer Sprache aber auch die gebundene Seele. Wer diesen Doppelsinn hört, erkennt in den Hirtenliedern zugleich eine Unterweisung über den Menschen.
Zentrale Lehren und spirituelle Einordnung
Den Geist führen, das Herz öffnen
Die Idaikkadar Padalgal setzen bei Erfahrungen an, die viele Menschen kennen: Gedanken wandern umher, ein Wunsch wird übermächtig, ein zorniges Wort verletzt. Die Lieder fragen, wie solche Regungen ihre Herrschaft über das Leben verlieren können. Die Antwort besteht aus Selbstbeobachtung, Loslassen, beständiger Übung und liebevoller Hingabe. Erkenntnis und Liebe ergänzen sich: Ein klarer Verstand braucht ein weiches Herz, und Hingabe braucht Wahrhaftigkeit.
Shiva, Shakti und die drei Unreinheiten
Die Sammlung ist deutlich shaivaitisch geprägt. Sie verehrt Shiva, kennt seine Gestalt als Ardhanarishvara und spricht von der inneren Verbindung zwischen Shiva und Shakti. Die drei Unreinheiten – Anava, Karma und Maya – sowie die Bilder von Seele und Bindung verbinden sie mit dem weiteren Lehrumfeld des Shaiva Siddhanta.
Verhältnis zum Shaiva Siddhanta
Die Idaikkadar Padalgal stehen der shaivaitischen Begriffswelt nahe, sind jedoch eine Siddhar-Liedersammlung und kein systematischer Traktat der vierzehn Meykanda-Lehrschriften. Für einen Vergleich bieten sich Sivajnana Bodham, Sivajnana Siddhiyar und Unmai Neri Vilakkam an. Dabei sollten die Unterschiede erhalten bleiben: Die Idaikkadar Padalgal sprechen neben Gnade und Bindung auch von Brahman, innerer Einheit, offener Leere, yogischem Nektar und der Überschreitung des Todes.
Yoga und tantrische Bildsprache
Die sechs Grundlagen, die fünf Hüllen, der Lotus im Haupt, das innere Licht und die Milch des Nektars gehören zur Erfahrungs- und Bildwelt des Yoga. Vergleichbare Themen finden sich im Tirumantiram, in der Hatha Yoga Pradipika und teilweise im Vijnana Bhairava Tantra. Solche Parallelen belegen für sich allein keine unmittelbare Abhängigkeit der Texte.
Die Rede von Unsterblichkeit gehört zum religiösen Verwirklichungsziel dieser Tradition. Wie die Bilder vom inneren Nektar, von Pranayama, Mudra und Kundalini Yoga genau zusammenhängen, erläutern die Lieder nur andeutungsweise. Die Milchverse werden hier deshalb als yogische Dichtung erschlossen; eine vollständige Übungsanleitung oder eine medizinische Zusage körperlicher Unvergänglichkeit enthalten sie nicht.
Idaikkadar Padalgal vollständig: Tamil, Transliteration und deutsche Übersetzung
Zur Textgrundlage
Die folgende Wiedergabe folgt vollständig dem Abschnitt „Idaikkattu Siddhar Padalgal“ in Project Madurai: ein unnummerierter Kāppu und die Lieder 1–130. „Vollständig“ bezeichnet diesen konkreten Textbestand, nicht sämtliche unter Idaikkadars Namen überlieferten Werke. Andere Onlinefassungen weisen abweichende Zählungen, Schreibungen und gelegentlich andere Wörter auf. Der tamilische Wortlaut der Grundausgabe bleibt grundsätzlich erhalten; Leerraum und Zeilenanordnung wurden für die Darstellung vereinheitlicht. Der dort abgekürzte Refrain der Lieder 25–32 ist hier jedes Mal ausgeschrieben.
Wegweiser durch die Lieder
Die Anrufung und ersten Hirtenlieder führen in die Gottesverehrung ein. Ab Lied 33 wird die Seele angesprochen; ab Lied 57 richten sich die Fragen an Herz und Verstand. Die Tierlieder verleihen Erkenntnis und Befreiungsfreude eine singbare Gestalt. Es folgen Flötenlieder, Verse über den inneren Nektar und ab Lied 113 das Bild der geordneten Herde, das zur abschließenden Stille hinführt.
Zur Übersetzung
Die deutsche Fassung ist eine eigene, unmittelbar am tamilischen Text orientierte Arbeitsübersetzung, keine Übernahme einer vorhandenen deutschen oder englischen Übersetzung. Die Erläuterungen unterscheiden den erkennbaren Wortsinn von weiterführenden Deutungen. Beschädigte oder mehrdeutige Stellen bleiben ausdrücklich gekennzeichnet. Diese Ausgabe ist keine kritische Edition auf Grundlage eines Handschriftenvergleichs.
Besonders deutlich sind die Varianten in Lied 96 und im Schlusslied 130: Eine veränderte Wortform kann die Aussage umkehren oder ein anderes Bild erzeugen. Zum Vergleich wurde hier die 130-Lieder-Fassung von Siththarial herangezogen.[3][4]
Zur Transliteration und zu den Anreden
Die Transliteration bildet die tamilische Schrift ab und ist keine phonetische Umschrift. Lange Vokale werden als ā, ī, ū, ē und ō geschrieben; ṭ, ṇ und ḷ bezeichnen retroflexe Laute, ḻ den besonderen tamilischen Laut ழ, ṟ und ṉ die Zeichen ற und ன. Die Aussprache von k, c, t und p verändert sich je nach Lautumgebung. Historische Worttrennungen der Vorlage bleiben weitgehend sichtbar.
Kōṉārē, Kōṉē und Tāṇṭavakkōṉē sind vertraute, teils ehrende Anreden im Hirtenmilieu. Die Übersetzung verwendet je nach Zusammenhang „Konar“, „Hirte“ oder „Tandavakkon“. Bei pacu steht „Seele“, wobei das Bild der Kuh mitzuhören ist. Die kurzen deutschen Versüberschriften dienen der Orientierung und gehören nicht zum Original.
Schutzvers und Hirtenlieder: 1–32
Kāppu – Schutzvers – Anrufung des Anfanglosen
தீது றும்பவம் தீப்படு பஞ்சுபோல்
மோது றும்படி முப்பொறி யொத்துறக்
tītu ṟumpavam tīppaṭu pañcupōl
mōtu ṟumpaṭi muppoṟi yottuṟak
Lasst uns den Ursprung, der weder Anfang noch Ende hat, in Liebe im Herzen bedenken.
Mögen dabei unsere drei Werkzeuge zusammenwirken, damit das leidvolle Werden vergehe wie Baumwolle, die ins Feuer fällt.
Die drei Werkzeuge sind hier Denken, Sprechen und Handeln. Der Schutzvers stimmt die ganze Person auf Shiva aus: Sammlung soll nicht nur eine Idee bleiben.
Tandavaraya Konar spricht
Lied 1 – Alles entsteht aus Shivas Wort
எல்லா பொருள்களும் எண்ணரிய
வல்லாளன் ஆதிபரம சிவனது
ellā poruḷkaḷum eṇṇariya
vallāḷaṉ ātiparama civaṉatu
Alle Welten, alle Lebewesen und alle Dinge entstehen durch das Wort des unermesslich Mächtigen, des ursprünglichen höchsten Shiva, o Konar!
Das eröffnende Lied stellt die Schöpfung unter das göttliche Wort. Konar ist eine Anrede aus dem Hirtenmilieu; sie bezeichnet hier den angesprochenen Gefährten auf dem Weg.
Lied 2 – Die Weite des Brahman
சூனியம் என்றறிந்து ஏத்தாக்கால்
ஊனியல் ஆவிக்கு ஒருகதி இல்லையென்று
cūṉiyam eṉṟaṟintu ēttākkāl
ūṉiyal āvikku orukati illaiyeṉṟu
Erkennt Brahman, das wie die Himmelsweite leuchtet, als die Leere und preist es. Andernfalls, so bedenkt, findet die im Körper lebende Seele keinen Weg, o Konar!
Leere bezeichnet hier eine Wirklichkeit, die sich nicht als Gegenstand festhalten lässt. Das Wort steht im Lied neben Brahman und bedeutet deshalb nicht einfach bedeutungsloses Nichts.
Lied 3 – Die Saat der Befreiung
முத்திக்கு உறுதிகள் செய்யாக்கால்
சித்தியும் பத்தியும் சத்தியும் முத்தியும்
muttikku uṟutikaḷ ceyyākkāl
cittiyum pattiyum cattiyum muttiyum
Verehrt die göttliche Gestalt, die der Same der Befreiung ist, und tut, was die Befreiung trägt.
Andernfalls werden Vollendung, Hingabe, Kraft und Befreiung euch nicht zuteil, o Konar!
Bhakti, Shakti, Siddhi und Mukti werden miteinander verbunden. Der Vers ruft dazu auf, die Sehnsucht nach Freiheit durch ein entsprechendes Leben zu nähren.
Lied 4 – Entschlossene Übung
சோம்பலற்றுத் தவஞ் செய்யாக்கால்
எல்லையில் கடவுள் எய்தும் பலம் உமக்கு
cōmpalaṟṟut tavañ ceyyākkāl
ellaiyil kaṭavuḷ eytum palam umakku
Übt Askese ohne Trägheit, damit die Verstrickung in die uralten Geburten ganz endet. Andernfalls, so bedenkt, fehlt euch die Kraft, den grenzenlosen Gott zu erreichen, o Konar!
Tapas meint hier ausdauernde geistige Übung und asketische Disziplin. Der Vers fordert dazu auf, die Sehnsucht nach Befreiung durch beharrliches Bemühen zu vertiefen.
Lied 5 – Im wahren Wissen verweilen
மானந்தக் கோலத்தைப் பண்புடனே
பூரணமாகவே சிந்தித்து மெய்ஞ்ஞானப்
māṉantak kōlattaip paṇpuṭaṉē
pūraṇamākavē cintittu meyññāṉap
Bedenkt mit Liebe den Ursprung der Veden, mit edlem Sinn die Gestalt höchster Glückseligkeit.
Versenkt euch ganz in ihn und verweilt in wahrer Erkenntnis, o Konar!
Liebe und Erkenntnis erscheinen als zusammengehörige Kräfte. Gemeint ist ein Wissen, das den Menschen innerlich verändert.
Lied 6 – Jenseits der Vorstellung
கற்பனை கடந்த அற்புதத்தை
நூலார் பெரியவர் சொன்னநுண் பொருளை
kaṟpaṉai kaṭanta aṟputattai
nūlār periyavar coṉṉanuṇ poruḷai
Schaut in eurer Betrachtung das Licht, das alle Zeiten überschreitet, das Wunder jenseits der Vorstellung, den feinen Sinn, von dem die schriftkundigen Großen gesprochen haben, o Konar!
Schriften können eine Richtung zeigen. Das Lied führt von der überlieferten Aussage zur eigenen stillen Betrachtung.
Lied 7 – Mit Gestalt und ohne Gestalt
சொல்லினாற் சொல்லாமல் கோனாரே
அல்லும் பகலும் அகத்தில் இருந்திடில்
colliṉāṟ collāmal kōṉārē
allum pakalum akattil iruntiṭil
Versucht nicht, das schwer auszusprechende Eine, das Gestalt besitzt und gestaltlos ist, mit Worten zu erfassen, o Konar!
Wenn ihr Tag und Nacht im Inneren verweilt, kann der Todesgott dann noch herankommen, o Konar?
„Sakala“ und „nishkala“ bezeichnen das Göttliche mit und ohne Gestalt. Die Frage nach dem Tod gehört zur Sprache spiritueller Befreiung.
Lied 8 – Wie Tau im Sonnenlicht
தோற்றம்போல் வெவ்வினை தூள்படவே
நாறி இடப்பாகன்தாள் நெஞ்சிற் போற்றியே
tōṟṟampōl vevviṉai tūḷpaṭavē
nāṟi iṭappākaṉtāḷ neñciṟ pōṟṟiyē
Wie reiner Tau vergeht, wenn ihn das Schwert der Sonne trifft, so möge hartes Karma zu Staub werden.
Verehrt im Herzen die Füße des Herrn, dessen linke Hälfte weiblich ist, und erreicht die gute Stätte, o Konar!
Gemeint ist Ardhanarishvara, Shiva mit Parvati als seiner einen Körperhälfte. Die Verehrung umfasst die Einheit göttlichen Bewusstseins und göttlicher Kraft.
Lied 9 – Erinnerung beim Hüten der Schafe
முப்பாழ் கிடந்ததாம் அப்பாழைச்
செம்மறி யோட்டிய வேலை யமயத்தும்
muppāḻ kiṭantatām appāḻaic
cemmaṟi yōṭṭiya vēlai yamayattum
Damit die drei Unreinheiten weichen, bewahrt jene Leere im Sinn, die den drei Werkzeugen unerreichbar ist und jenseits der drei Leeren liegt – selbst während ihr die Schafe treibt, o Konar!
Selbst beim Hüten der Tiere kann die Erinnerung an das Göttliche lebendig bleiben. „Muppāḻ“, „drei Leeren“, ist ein technischer Ausdruck mit unterschiedlichen Deutungen. Wie sich die genannten Leeren zueinander verhalten, bleibt im Wortlaut offen; „jenseits“ ist eine deutende Wiedergabe.
Lied 10 – Liebe ohne Festhalten
பற்றற்று நின்றதைப் பற்றி அன்பாய்
நெஞ்சத்து இருத்தி இரவு பகலுமே
paṟṟaṟṟu niṉṟataip paṟṟi aṉpāy
neñcattu irutti iravu pakalumē
Damit die fünffache Unruhe verfliegt, haltet euch an das, was ohne Anhaftung steht. Nehmt es liebevoll ins Herz und liebt es Tag und Nacht, o Konar!
Die fünf Sinne können den Geist zerstreuen. Die Antwort des Liedes ist eine tragende Hinwendung, die nicht wiederum besitzergreifend werden soll.
Narayana Konar spricht
Lied 11 – Ein Meer der Glückseligkeit
பாராதி வான்பொருளைப்பஞ்ச உரு ஆனஒன்றைப்
பேரான விண்ணொளியைப் பேரின்ப வாரிதியை
pārāti vāṉporuḷaippañca uru āṉaoṉṟaip
pērāṉa viṇṇoḷiyaip pēriṉpa vāritiyai
Den herrlichen Shiva-Spross, den klaren Nektar, den reinen Honig, die hohe Wirklichkeit von Erde und allem Übrigen, das Eine in fünffacher Gestalt, das große Himmelslicht, das Meer höchster Seligkeit: Ihn will ich allezeit unmittelbar im Herzen bewahren und so leben.
Die Bilder von Honig, Licht und Meer verbinden Vertrautheit mit Unermesslichkeit. Die fünffache Gestalt lässt sich hier auf die fünf Elemente beziehen.
Lied 12 – Das kostbare Licht im Inneren
பெண்ணுருவப் பாதியினைப் பேசரிய முப்பொருளை
விண்ணின் அமுதை விளக்கொளியை வெங்கதிரைத்
peṇṇuruvap pātiyiṉaip pēcariya mupporuḷai
viṇṇiṉ amutai viḷakkoḷiyai veṅkatirait
Die schwarze Perle im Auge, den Wunschbaum, das Gold, den zur Hälfte weiblich Gestalteten, die schwer auszusprechende dreifache Wirklichkeit, den Himmelsnektar, das Lampenlicht, den heißen Sonnenstrahl und die kühlende Güte will ich in mir bewahren und die Gleichgestaltigkeit mit dem Göttlichen erreichen.
„Sārūpya“ ist eine traditionelle Form der Erlösung: Teilhabe an der göttlichen Gestalt. Die „dreifache Wirklichkeit“ lässt an Pati, Pashu und Pasha denken; der Vers selbst zählt sie nicht aus.
Lied 13 – Das Rind des Geistes
வாய்த்ததென்று எண்ணேடா தாண்டவக்கோனே
vāyttateṉṟu eṇṇēṭā tāṇṭavakkōṉē
Wenn das Rind, das Geist heißt, zur Ruhe kommt, o Tandavakkon, dann wisse: Befreiung ist dir zuteilgeworden, o Tandavakkon!
Eines der bekanntesten Bilder der Idaikkadar Padalgal: Ein umherlaufender Geist braucht achtsame Führung. Ruhe bedeutet hier Sammlung, nicht stumpfe Gedankenlosigkeit.
Lied 14 – Die Schlange des Zorns
சித்தியென்றே நினையேடா தாண்டவக்கோனே
cittiyeṉṟē niṉaiyēṭā tāṇṭavakkōṉē
Wenn die Schlange, die Zorn heißt, stirbt, o Tandavakkon, dann denke: Alles ist zur Vollendung gelangt, o Tandavakkon!
Zorn wird als giftige Kraft beschrieben. Die Überspitzung macht deutlich, wie grundlegend seine Überwindung für ein freies und friedliches Leben ist.
Lied 15 – Die Kuh des Verlangens
அண்டமெல்லாம் கண்டறிவாய் தாண்டவக்கோனே
aṇṭamellām kaṇṭaṟivāy tāṇṭavakkōṉē
Wenn die Kuh, die Verlangen heißt, vergeht, o Tandavakkon, wirst du dieses ganze Weltall schauen und erkennen, o Tandavakkon!
Unstillbares Habenwollen verengt den Blick. Das Lied verbindet Loslassen mit einer weiter werdenden Erkenntnis.
Lied 16 – Den Urklang erkennen
ஓங்காரங் கண்டறிநீ தாண்டவக்கோனே
ōṅkāraṅ kaṇṭaṟinī tāṇṭavakkōṉē
Bevor du im Klang verstummst, o Tandavakkon, erkenne das ursprüngliche Om, o Tandavakkon!
Die erste Wendung ist mehrdeutig; sie kann auf das Erlöschen der Lebensäußerung zielen. Entscheidend ist die Aufforderung, Om schon jetzt innerlich zu erforschen.
Lied 17 – An die Wurzel gehen
முளைத்தவேர் பிடுங்கேடா தாண்டவக்கோனே
muḷaittavēr piṭuṅkēṭā tāṇṭavakkōṉē
Damit der ursprüngliche Grund abgeschnitten werde, o Tandavakkon, reiße die Wurzel aus, aus der der Geist hervorgesprossen ist, o Tandavakkon!
Die Wurzelmetapher fordert eine grundlegende Einsicht in die Entstehung von Bindung. „Mūlap pakuti“ kann auch die ursprüngliche Naturgrundlage bezeichnen; die genaue technische Zuordnung bleibt offen.
Lied 18 – Das Gefäß des Körpers
சாலென்றே தேர்ந்தறிநீ தாண்டவக்கோனே
cāleṉṟē tērntaṟinī tāṇṭavakkōṉē
Erkenne gründlich die Beschaffenheit des Körpergefäßes, o Tandavakkon: Es ist ein Gefäß voller Ausscheidungen, o Tandavakkon!
Das drastische Gefäßbild steht in der Tradition asketischer Betrachtungen über den Körper. Es lässt sich als Gegenmittel zum Stolz auf die äußere Erscheinung lesen: Was schön und dauerhaft scheint, ist zugleich verletzlich und vergänglich.
Lied 19 – Die Fessel der Anhaftung
பற்றாது அறுத்துவிடு தாண்டவக்கோனே
paṟṟātu aṟuttuviṭu tāṇṭavakkōṉē
Anhaftung bringt Geburt hervor, o Tandavakkon. Halte nicht an ihr fest, sondern durchtrenne sie, o Tandavakkon!
Samsara wird auf das Festhalten zurückgeführt. Die knappe Form fordert dazu auf, im eigenen Erleben die bindende Kraft des Begehrens zu bemerken.
Lied 20 – Die Sehnsucht bewahren
சலியாமல் வைக்கவேண்டும் தாண்டவக்கோனே
caliyāmal vaikkavēṇṭum tāṇṭavakkōṉē
Bewahre in dir wenigstens einen Hauch der Sehnsucht nach Brahman, o Tandavakkon, und lass darin nicht nach, o Tandavakkon!
Nicht jedes Verlangen wird gleich bewertet. Die Sehnsucht nach Wahrheit kann helfen, sich aus zerstreuenden Wünschen zu lösen.
Lied 21 – Der Same muss lebendig sein
அற்றவர் கதியடையார் தாண்டவக்கோனே
aṟṟavar katiyaṭaiyār tāṇṭavakkōṉē
Ein gekochter Same keimt nicht, o Tandavakkon. Wer ohne Hingabe ist, erreicht das Ziel nicht, o Tandavakkon!
Das Wortspiel „avitta vittu“ bedeutet „gekochter Same“. Hingabe ist hier die Lebenskraft, ohne die religiöses Tun unfruchtbar bleibt.
Lied 22 – Das Wort des Lehrers
செப்பில் வெளியாம் அல்லவோ தாண்டவக்கோனே
ceppil veḷiyām allavō tāṇṭavakkōṉē
Wird die verborgene Lehre, die dein Ohr noch nicht gehört hat, o Tandavakkon, nicht offenbar, wenn der Guru sie ausspricht, o Tandavakkon?
Der Guru erschließt einen Sinn, den bloßes Sammeln von Informationen nicht vermittelt. „Verborgen“ meint hier auch das noch nicht selbst Erkannte.
Lied 23 – Was nicht bleibt
வீடும் மணிகளும் வெண்பொன்னுஞ் செம்பொன்னுஞ் வெண்கலமும்
காடும் கரைகளும் கல்லாம் பணியுங் கரிபரியும்
vīṭum maṇikaḷum veṇpoṉṉuñ cempoṉṉuñ veṇkalamum
kāṭum karaikaḷum kallām paṇiyuṅ karipariyum
Vieh, Anwesen, Kinder, Verwandte und großer Besitz, Häuser, Edelsteine, Silber, Gold und Bronze, Wälder, Uferland, steinerner Schmuck, Elefanten und Pferde, all die gesuchten Güter bleiben nicht.
Erreicht Shivas Zustand!
Die Aufzählung stellt auch einstige Zeichen von Macht unter das Gesetz der Vergänglichkeit. Sie lädt ein, Beziehungen und Besitz ohne die Erwartung ewiger Sicherheit zu leben.
Lied 24 – Wenn Brahman erreicht ist
மோகம்போம் மூர்க்கம்போம் மோசம்போம் - தாகம்போம்
வேதமுதல் ஆகமங்கள் மேலானதென்று பல்கால்
mōkampōm mūrkkampōm mōcampōm - tākampōm
vētamutal ākamaṅkaḷ mēlāṉateṉṟu palkāl
Genuss vergeht, Genossenes vergeht, Nahrung vergeht, Niedrigkeit vergeht; Verblendung vergeht, Wildheit vergeht, Täuschung vergeht, Durst vergeht – wenn Brahman erreicht ist, das Veden und Agamas immer wieder als das Höchste verkünden.
Das wiederholte „vergeht“ zeichnet ein umfassendes Nachlassen des Begehrens. Auch die Nennung der Nahrung lässt sich in diesem Zusammenhang als Bild der Bedürftigkeit lesen. Der Vers beschreibt den Erlösungszustand, ohne daraus eine konkrete Lebensregel abzuleiten.
Tandavaraya Konar: Tanzlieder mit Refrain
Lied 25 – Die Kreise durchschauen
அந்த வட்டத்துள்ளே நின்றதும் கண்டேன்
மாயிரு ஞாலத்து நூற்றெட்டும் பார்த்தேன்
மந்த மனத்துறும் சந்தேகம் தீர்ந்தேன்
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
anta vaṭṭattuḷḷē niṉṟatum kaṇṭēṉ
māyiru ñālattu nūṟṟeṭṭum pārttēṉ
manta maṉattuṟum cantēkam tīrntēṉ
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Ich sah die tausendundacht Kreise; ich sah auch das, was in diesen Kreisen steht. In der großen weiten Welt betrachtete ich die hundertundacht; den Zweifel im trägen Geist löste ich auf.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar! Tīn timittimi tinta, o Konar! O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die Zahlen gehören zur symbolischen Sprache des Liedes; ihre genaue Referenz wird nicht erklärt. Der anschließende Refrain lädt die Gemeinschaft zum freudigen Mitsingen ein. Die ersten Silben des Refrains sind rhythmische Klangsilben und tragen keine eigene übersetzbare Sachbedeutung.
Lied 26 – Das Dickicht der Unwissenheit
அஞ்ஞானம் என்னும் அடர்ந்தவன் காட்டையும்
சந்தத் தவமென்னும் வாளினால் வெட்டினேன்
சாவாது இருந்திடக் கோட்டையுங் கட்டினேன்
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
aññāṉam eṉṉum aṭarntavaṉ kāṭṭaiyum
cantat tavameṉṉum vāḷiṉāl veṭṭiṉēṉ
cāvātu iruntiṭak kōṭṭaiyuṅ kaṭṭiṉēṉ
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Das Tier, das man inneres Werkzeug nennt, und den dichten wilden Wald namens Unwissenheit schlug ich mit dem Schwert beständiger Askese nieder.
Eine Burg baute ich, um unsterblich zu verweilen.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Das innere Werkzeug umfasst die mentalen Funktionen. Schwert und Burg stehen für Entschlossenheit und innere Festigkeit: Der Übende durchdringt die Unwissenheit und findet einen Halt, den wechselnde Eindrücke nicht erschüttern.
Lied 27 – Die fünf Sinnestiere
வீறுஞ் சுவையொளி ஊறோசை யாம்காட்டை
எய்யாமல் ஓட்டினேன் வாட்டினேன் ஆட்டினேன்
ஏக வெளிக்குள்ளே யோக வெளிக்குள்ளே
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
vīṟuñ cuvaiyoḷi ūṟōcai yāmkāṭṭai
eyyāmal ōṭṭiṉēṉ vāṭṭiṉēṉ āṭṭiṉēṉ
ēka veḷikkuḷḷē yōka veḷikkuḷḷē
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Die fünf Tiere namens Haut, Mund, Auge, Nase und Ohr, den wuchernden Wald von Geschmack, Licht, Berührung und Klang: All dies trieb, zähmte und lenkte ich unermüdlich – in die eine Weite, in die Weite des Yoga.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die Liste der Sinnesobjekte ist im überlieferten Wortlaut verkürzt; Geruch wird nicht ausdrücklich genannt. Die Bewegung zielt auf Pratyahara, die Sammlung der Sinne.
Lied 28 – Vom kleinen Glück zum Höchsten
பாலையும் உட்கொண்டேன் மேலையாம் கண்கண்டேன்
சிற்றின்பம் நீக்கினேன் மற்றின்பம் நோக்கினேன்
சிற்பரஞ் சேர்ந்திட்டேன் தற்பரஞ் சார்ந்திட்டேன்
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
pālaiyum uṭkoṇṭēṉ mēlaiyām kaṇkaṇṭēṉ
ciṟṟiṉpam nīkkiṉēṉ maṟṟiṉpam nōkkiṉēṉ
ciṟparañ cērntiṭṭēṉ taṟparañ cārntiṭṭēṉ
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Als die beiden Anhaftungen endeten, gewann ich Reife und Freundschaft.
Ich trank die Milch und sah das höhere Auge.
Ich ließ das kleine Vergnügen los und suchte die andere Freude; ich gelangte zum höchsten Bewusstsein und fand Halt im Höchsten.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die beiden Anhaftungen lassen sich als „Ich“ und „Mein“ lesen. Milch und höheres Auge kündigen die yogische Bildsprache der späteren Lieder an.
Lied 29 – Allein wahre Erkenntnis
அந்தரத் தரத்தை அப்பொழு தேயெண்ணேன்
விண்ணாளும் மொழியை மேவிப்பூசை பண்ணேன்
மெய்ஞ்ஞானம் ஒன்றுஅன்றி வேறேஒன்றை நண்ணேன்
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
antarat tarattai appoḻu tēyeṇṇēṉ
viṇṇāḷum moḻiyai mēvippūcai paṇṇēṉ
meyññāṉam oṉṟuaṉṟi vēṟēoṉṟai naṇṇēṉ
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Ich verschloss nicht den Weg am Gaumen und trank keinen Nektar; damals dachte ich nicht an die Stufen des Luftraums.
Ich verehrte nicht durch das himmelbeherrschende Wort.
Außer wahrer Erkenntnis suchte ich nichts anderes.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die Verben sind hier als Verneinungen gelesen; bei den poetischen Formen bleibt diese Lesart vorläufig. Unter dieser Voraussetzung setzt das Lied einen kritischen Akzent gegenüber esoterischen Verfahren. Die letzte Zeile stellt wahre Erkenntnis ausdrücklich in den Mittelpunkt.
Lied 30 – Die Verwandlungen durchschauen
மாயா விகாரங்கள் யாவையும் விண்டேனே
விண்ணாளி மொழியை மெய்யினுள் கொண்டேனே
மேதினி வாழ்வினை மேலாக வேண்டேனே
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
māyā vikāraṅkaḷ yāvaiyum viṇṭēṉē
viṇṇāḷi moḻiyai meyyiṉuḷ koṇṭēṉē
mētiṉi vāḻviṉai mēlāka vēṇṭēṉē
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Ich erkannte die fünf Elemente, beginnend mit der Erde.
Alle Wandlungen der Maya legte ich ab.
Das Wort der Himmelsmacht nahm ich in meinen Leib auf; das Leben auf Erden begehrte ich nicht als das Höchste.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die Wendung zur „Himmelsmacht“ ist textlich schwer zu bestimmen. Klar bleibt die Unterscheidung zwischen vorübergehenden Erscheinungen und dem höchsten Ziel.
Lied 31 – Handeln und Yoga verstehen
மாயை சம்பந்தங்கள் ஐந்தும் பிரிந்தேனே
நோக்கரு யோகங்கள் ஐந்தும் புரிந்தேனே
நுவலுமற்ற ஐந்தியோக நோக்கம் பரிந்தேனே
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
māyai campantaṅkaḷ aintum pirintēṉē
nōkkaru yōkaṅkaḷ aintum purintēṉē
nuvalumaṟṟa aintiyōka nōkkam parintēṉē
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Die fünf, beginnend mit der Rede, erkannte ich gründlich.
Von den fünf Verbindungen der Maya löste ich mich.
Die fünf schwer zu erfassenden Yogas übte ich; den Sinn der weiteren fünf genannten Yogas erforschte ich.
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die erste Fünfergruppe meint die Handlungsorgane. Die beiden Yoga-Fünfergruppen werden nicht erläutert; ihre Gleichsetzung mit modernen Übungssystemen wäre spekulativ.
Lied 32 – Über die Zentren hinaus
அவர்க்கும் மேலான ஆதியைத் தேடு
கூறான வட்ட ஆனந்தத்திற் கூடு
கோசமைந் துங்கண்டு குன்றேறி ஆடு
தாந் திமித்திமி தந்தக்கோ னாரே
தீந் திமித்திமி திந்தக்கோ னாரே
ஆனந்தக் கோனாரே - அருள்
avarkkum mēlāṉa ātiyait tēṭu
kūṟāṉa vaṭṭa āṉantattiṟ kūṭu
kōcamain tuṅkaṇṭu kuṉṟēṟi āṭu
tān timittimi tantakkō ṉārē
tīn timittimi tintakkō ṉārē
āṉantak kōṉārē - aruḷ
Suche die Gottheiten der sechs Grundlagen; suche den Ursprung, der auch über ihnen steht.
Tritt in die Glückseligkeit des umgrenzten Kreises ein.
Erkenne die fünf Hüllen, besteige den Berg und tanze!
Refrain: Tān timittimi tanta, o Konar!
Tīn timittimi tinta, o Konar!
O Konar der Glückseligkeit, o Konar der Gnadenseligkeit!
Die sechs Grundlagen werden als yogische Zentren verstanden, die fünf „kosha“ hier als Hüllen. Über deren Erkenntnis hinaus weist das Lied auf den Ursprung. Der abschließende Tanz gibt der Befreiungssehnsucht einen freudigen Ausdruck.
Die Seele und die Verehrenden: 33–56
Narayana Konar: An die Seele
Lied 33 – Liebe zum Ursprung
அன்பாய் நினைப்பாயேல்
சோதி பரகதிதான் ......பசுவே!
aṉpāy niṉaippāyēl
cōti parakatitāṉ ......pacuvē!
O Seele, wenn du den ursprünglichen Herrn liebevoll bedenkst, o Seele, wird dann die lichte höchste Stätte nicht dein Eigen?
„Pacu“ bedeutet zugleich Kuh und gebundene Seele. Diese doppelte Bedeutung trägt den ganzen folgenden Liedzyklus.
Lied 34 – Das Allgegenwärtige
எண்ணிப் பணிவாயேல்
தங்கும் பரகதியில் ......பசுவே!
eṇṇip paṇivāyēl
taṅkum parakatiyil ......pacuvē!
O Seele, wenn du die alles erfüllende Wirklichkeit bedenkst und dich vor ihr neigst, o Seele, wirst du beständig in der bleibenden höchsten Stätte wohnen.
Verehrung richtet sich auf ein Göttliches, das nicht auf einen einzelnen Ort beschränkt ist. Die Sammlung des Herzens öffnet den Blick für seine Gegenwart.
Lied 35 – Tag und Nacht suchen
ஆதி பதந்தேடில்
புல்லும் மோட்சநிலை ......பசுவே!
āti patantēṭil
pullum mōṭcanilai ......pacuvē!
O Seele, wenn du Tag und Nacht unablässig die Füße des Ursprünglichen suchst, o Seele, wirst du die Fülle der Befreiung schauen, die dir zuteilwird.
„Füße“ sind ein Bild der Zuflucht und Hingabe. Die Beharrlichkeit des Suchens zählt mehr als gelegentliche Begeisterung.
Lied 36 – Bei dem Einen bleiben
உண்மை வசப்படுமே
நின்ற நிலைதனிலே ......பசுவே!
uṇmai vacappaṭumē
niṉṟa nilaitaṉilē ......pacuvē!
O Seele, nur denen, die das Eine ergreifen, wird die Wahrheit zugänglich. O Seele, erkenne die Aufrichtigkeit in dem Zustand, in dem du festen Stand gefunden hast.
Eine beständige Ausrichtung soll die Zerstreuung überwinden. Die zweite Zeile verbindet inneres Verweilen mit Klarheit und Aufrichtigkeit.
Lied 37 – Die unersetzliche Gnade
ஈசர் அருள் இல்லையேல்
இல்லாத் தன்மையென்றே ......பசுவே!
īcar aruḷ illaiyēl
illāt taṉmaiyeṉṟē ......pacuvē!
O Seele, selbst wenn alles vorhanden ist: Fehlt die Gnade des Herrn, so bedenke, o Seele, dass dir ohne sie alles fehlt, und neige dich.
Gnade wird nicht als Besitz unter anderen Besitztümern verstanden. Sie bezeichnet die Beziehung, die dem übrigen Leben seine geistige Tiefe gibt.
Lied 38 – Leben des Lebens
தேர்ந்திடில் வேறொன்றுமில்லை
ஆவிக்கும் ஆவியதாம் ......பசுவே!
tērntiṭil vēṟoṉṟumillai
āvikkum āviyatām ......pacuvē!
O Seele, prüfe es: Ohne Gottes Beistand besteht nichts. O Seele, die heiligen Füße des Vaters sind das Leben deines Lebens.
Die Gottesbeziehung reicht tiefer als äußere Unterstützung. Das Göttliche wird als tragender Grund des eigenen Lebendigseins angerufen.
Lied 39 – Liebevoller als eine Mutter
சத்திக்குள் ளானவன்தான்?
நேயம் உடையவர்பால் ......பசுவே!
cattikkuḷ ḷāṉavaṉtāṉ?
nēyam uṭaiyavarpāl ......pacuvē!
O Seele, ist der in Shakti Gegenwärtige nicht liebevoller als eine Mutter? O Seele, bei denen, die Liebe haben, bleibt er, ohne sie zu verlassen.
Der Vers verbindet Shiva und Shakti mit einer mütterlich bergenden Nähe. Seine Sprache ermutigt zum Vertrauen.
Lied 40 – Den Ursprung preisen
மூலப் பொருளானோன்
சத்திக்கு உறவானோன் ......பசுவே!
mūlap poruḷāṉōṉ
cattikku uṟavāṉōṉ ......pacuvē!
O Seele, preise ihn, den Samen der Befreiung, die ursprüngliche Wirklichkeit, o Seele, den mit Shakti Verbundenen!
Befreiung erwächst aus dem Ursprung selbst. Die Beziehung von Bewusstsein und Kraft wird erneut ausdrücklich hervorgehoben.
Lied 41 – Wenn die Bindung weicht
அன்புற்று நீபணிந்தால்
வெய்ய வினைகளெல்லாம் ......பசுவே!
aṉpuṟṟu nīpaṇintāl
veyya viṉaikaḷellām ......pacuvē!
O Seele, wenn du dich voller Liebe vor den heiligen Füßen des Herrn neigst, o Seele, sieh: Alle brennenden Folgen deiner Taten werden von dir weichen.
Karma erscheint als bedrängende Hitze. Die Bildsprache richtet Hoffnung auf eine tiefgreifende Wandlung durch Hingabe.
Lied 42 – Vor dem Mondträger
தாழ்ந்து பணிவாயேல்
இந்திரன் மான்முதலோர் ......பசுவே!
tāḻntu paṇivāyēl
intiraṉ māṉmutalōr ......pacuvē!
O Seele, wenn du dich demütig vor den Füßen des Mondbekrönten neigst, o Seele, werden Indra, Mal und die anderen dir dienen.
Der Mondbekrönte ist Chandrashekhara, Shiva. Die Wiedergabe „Mal“ setzt vorsichtig eine Namensform Vishnus für das überlieferte „māṉ“ an; diese Stelle bleibt unsicher. Das Bild dienender Gottheiten hebt die Würde der Hingabe hervor.
Lied 43 – Mit dem inneren Sinn
கர்த்தன் அடியிணையை
உட்புலன் கொண்டேத்திப் ......பசுவே!
karttaṉ aṭiyiṇaiyai
uṭpulaṉ koṇṭēttip ......pacuvē!
O Seele, preise mit dem inneren Sinn das Füßepaar des Schöpfers, das der äußere Blick nicht sehen kann. O Seele, gelange zum Höchsten!
Die Aufforderung lenkt die Aufmerksamkeit nach innen. Eine äußere Darstellung kann anregen, aber nicht die innere Begegnung ersetzen.
Lied 44 – Das nicht Zeigbare
சூனிய மானவத்தை
ஒட்டிப் பிடிப்பாயேல் ......பசுவே!
cūṉiya māṉavattai
oṭṭip piṭippāyēl ......pacuvē!
O Seele, wenn du dich fest mit jener Leere verbindest, die man nicht einmal durch Hinzeigen sichtbar machen kann, o Seele, wer könnte dir dann gleichkommen?
Die tamilische Wendung „cūṉiya māṉavattai“ ist unsicher; sie wird hier auf eine Leere bezogen, die sich nicht als Gegenstand zeigen lässt. In dieser Lesart lädt das Lied dazu ein, über das äußerlich Sichtbare hinauszugehen.
Lied 45 – Ein lebendiges Herz
தானுவைச் சாராதார்
வன்மரம் ஒப்பாகப் ......பசுவே!
tāṉuvaic cārātār
vaṉmaram oppākap ......pacuvē!
O Seele, wer sich im eigenen Geist nicht dem Beständigen zuwendet, o Seele, lebt in dieser Welt wie ein starrer Baum.
„Tāṇu“ ist ein Name Shivas. Das schroffe Baumbild warnt vor innerer Unbeweglichkeit, obwohl man äußerlich lebt und handelt.
Lied 46 – Das Licht hinter dem Wort
சோதியைப் போற்றாக்கால்
இல்லென்று முத்திநிலை ......பசுவே!
cōtiyaip pōṟṟākkāl
illeṉṟu muttinilai ......pacuvē!
O Seele, wenn du das Licht nicht preist, das den kostbaren Sinn des Wortes ausmacht, o Seele, wird jedes Ding dir sagen: Der Zustand der Befreiung ist nicht da.
Das heilige Wort soll seinen leuchtenden Sinn im Leben entfalten. Bloßes Aussprechen ohne Hinwendung bleibt hinter diesem Anspruch zurück.
An die Gemeinschaft
Lied 47 – Das Licht verehren
விண்ணின் மணியை விளக்கொளியைப் போற்றீரே.
viṇṇiṉ maṇiyai viḷakkoḷiyaip pōṟṟīrē.
Verehrt die Perle im Auge, das betrachtete große Licht, das Juwel des Himmels, das Leuchten der Lampe!
Mit diesem Vers öffnet sich die Anrede an viele Menschen. Die Lichtbilder verbinden das Innerste mit der Weite des Himmels.
Lied 48 – Jenseits der drei Werkzeuge
தினகரனை நெஞ்சமதில் சேவித்துப் போற்றீரே.
tiṉakaraṉai neñcamatil cēvittup pōṟṟīrē.
Verehrt und preist im Herzen die Sonne, die den Werkzeugen namens Geist, Rede und Körper unerreichbar ist!
Dass das Göttliche nicht verfügbar ist, verhindert die Hinwendung nicht. Der Vers hält Unbegreiflichkeit und innere Nähe zusammen.
Lied 49 – Ohne Täuschung
சாலமின்றிப் பற்றிச் சலிப்பறவே போற்றீரே.
cālamiṉṟip paṟṟic calippaṟavē pōṟṟīrē.
Ergreift mit dem Herzen das Strahlenlicht jenseits der drei Zeiten; preist es ohne Täuschung und ohne Ermüdung!
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begrenzen jede gewöhnliche Erfahrung. Das Lied richtet sich auf das, was diese Grenzen überschreitet.
Lied 50 – Der verborgene Geschmack
நூலிற் பொருள்போலும் நுண்பொருளைப் போற்றீரே.
nūliṟ poruḷpōlum nuṇporuḷaip pōṟṟīrē.
Wie Geschmack in der Milch, wie Süße in der Frucht, wie Sinn in einer Schrift: Verehrt so die feine Wirklichkeit!
Das Göttliche wird nicht als zusätzlicher Gegenstand vorgestellt. Es ist dem Erleben so nahe wie der Geschmack der Nahrung und der Sinn eines gelesenen Satzes.
Lied 51 – Süße des Ursprungs
தேவர் பொருளைத் தெள்ளமுதைப் போற்றீரே.
tēvar poruḷait teḷḷamutaip pōṟṟīrē.
Verehrt den Ursprung der Drei, die drei süßen Früchte, den Zucker, die Wirklichkeit der Götter, den klaren Nektar!
Der Ursprung der Drei steht über Brahma, Vishnu und Shiva in ihren kosmischen Funktionen. Die Fruchtbilder vermitteln eine Seligkeit, die geschmeckt statt nur erklärt wird.
Lied 52 – Das Meer des Glücks
நேய முடனாளும்நிலை பெறவே போற்றீரே.
nēya muṭaṉāḷumnilai peṟavē pōṟṟīrē.
Verehrt täglich mit Liebe den reinen Sinn der Veden, das Meer des Glücks, den guten Nektar, damit ihr festen Stand gewinnt!
Beständigkeit entsteht hier durch liebevolle Wiederkehr. Die Freude am Göttlichen trägt die Disziplin.
Lied 53 – Der Ursprung aller Wesen
பராபரத்தைப் பற்றப் பலமறவே போற்றீரே.
parāparattaip paṟṟap palamaṟavē pōṟṟīrē.
Verehrt das Höchste, den einzigartigen himmlischen Ursprung, der Bewegliches und Unbewegliches hervorgebracht hat; haltet euch an ihn, damit das Viele weicht!
„Das Viele“ lässt sich als die zerstreuende Vielheit der Bindungen lesen. Die Wendung ist verdichtet und meint nicht zwingend eine Auslöschung der sichtbaren Welt.
Lied 54 – Mit gesammeltem Sinn schauen
கண்ணாரக் காணக் கருத்திசைந்து போற்றீரே.
kaṇṇārak kāṇak karutticaintu pōṟṟīrē.
Verehrt mit gesammeltem Geist die himmlische Wirklichkeit, welche die Elemente, beginnend mit der Erde, geordnet hat, um sie mit erfülltem Blick zu schauen!
Der Vers verbindet kosmische Ordnung und gesammelte Wahrnehmung. Gemeint ist mehr als ein flüchtiger äußerer Eindruck.
Lied 55 – Die wahre Wirklichkeit
மெய்ப்பொருளை நாளும் விருப்புற்றுப் போற்றீரே.
meypporuḷai nāḷum viruppuṟṟup pōṟṟīrē.
Lasst das Falsche los und verehrt täglich mit Verlangen die wahre Wirklichkeit, die den Sinnen nicht erkennbar ist!
Das Gegenüber von falsch und wahr fragt nach verlässlichem Halt. Unterscheidungskraft soll helfen, Vorläufiges nicht mit dem letzten Grund zu verwechseln.
Lied 56 – Wie Öl im Sesam
உள்ளில் துதித்தே உணர்வடைந்து போற்றீரே.
uḷḷil tutittē uṇarvaṭaintu pōṟṟīrē.
Verehrt die Wirklichkeit, die alles erfüllt wie Öl den Sesamsamen. Preist sie im Inneren und gelangt zur Erkenntnis!
Ein unscheinbares Alltagsbild macht das Verborgene anschaulich. Das Gesuchte muss nicht von außen hinzugefügt werden.
Gespräche mit Herz und Verstand: 57–76
An das Herz
Lied 57 – Das steinerne Herz
காமியம்வைத்தால் உனக்குக் கதியுளதோ கல்மனமே!
kāmiyamvaittāl uṉakkuk katiyuḷatō kalmaṉamē!
Wenn du den Wunsch hegst, die ganze Erde unter einem einzigen Schirm zu beherrschen – gibt es dann für dich einen Weg, du steinernes Herz?
Der königliche Schirm steht für Weltherrschaft. Das Gespräch mit dem Herzen beginnt mit einer Frage an den eigenen Machtwillen.
Lied 58 – Wohin geht die Sehnsucht?
விண்ணாசை வைக்க விதியில்லையே கல்மனமே!
viṇṇācai vaikka vitiyillaiyē kalmaṉamē!
Wenn du das Verlangen nach Frauen pflegst und damit umherziehst, bleibt kein Raum für das Verlangen nach dem Himmel, du steinernes Herz!
Die Anrede setzt einen männlichen asketischen Hörer voraus. Kritisiert wird das beherrschende Begehren; Frauen sind nicht als Ursache geistiger Unfreiheit zu verstehen.
Lied 59 – Den Sinnen Grenzen setzen
தேயும்என்றே நல்வழியில் சொல்லுகநீ கல்மனமே!
tēyumeṉṟē nalvaḻiyil collukanī kalmaṉamē!
Sage auf dem guten Weg: Bei denen, die die umherweidenden Sinne nicht die Oberhand gewinnen lassen, wird Karma schwinden, du steinernes Herz!
Das Hirtenbild wird auf die Wahrnehmung übertragen. Selbstbeherrschung soll ein freieres Verhältnis zu Sinneseindrücken ermöglichen.
Lied 60 – Gold oder bleibendes Ziel?
மன்னிச்சை நோக்கம் வாய்க்குமோ கல்மனமே!
maṉṉiccai nōkkam vāykkumō kalmaṉamē!
Wenn du voller Goldgier über die ganze Erde ziehst, wirst du dann das bleibende Ziel deines Verlangens erkennen, du steinernes Herz?
„Maṉṉiccai“ wird hier vorläufig als beständiges oder höheres Streben verstanden; die Übersetzung ergänzt dafür „Ziel“. Sicher erkennbar ist die Frage, ob die Suche nach Gold mit einer tieferen Ausrichtung des Lebens vereinbar ist.
Lied 61 – Wahre Bildung
மெய்யான ஞானக்கல்வியினை விரும்புவாய் கல்மனமே!
meyyāṉa ñāṉakkalviyiṉai virumpuvāy kalmaṉamē!
Lerne nicht falsches Wissen und verliere dich nicht in der Verblendung durch Dinge. Wende dich dem Lernen zu, das wahre Erkenntnis schenkt, du steinernes Herz!
Die Kritik richtet sich gegen ein Wissen, das Verwirrung und Besitzstreben vermehrt. Wahre Bildung soll zur Selbsterkenntnis führen.
Lied 62 – Rastlosigkeit
நாய்நரிகள் போலலைந்தால் நன்மையுண்டோ கல்மனமே!
nāynarikaḷ pōlalaintāl naṉmaiyuṇṭō kalmaṉamē!
Wenn du wie ein besessener Affe Verlangen nach der großen Welt hegst und wie Hunde und Schakale umherirrst – liegt darin etwas Gutes, du steinernes Herz?
Die drastischen Tierbilder zeigen einen Geist, der von einem Reiz zum nächsten springt. Die Frage lädt dazu ein, diese Bewegung zu unterbrechen.
Lied 63 – Der Magnet des Begehrens
விரும்பினதால் அவைநிலையோ? விளம்புவாய் கல்மனமே!
virumpiṉatāl avainilaiyō? viḷampuvāy kalmaṉamē!
Wie ein Magnet Eisen anzieht, so begehrst du viele Dinge. Werden sie dadurch beständig? Sprich, du steinernes Herz!
Ein Wunsch kann sehr stark sein, ohne seinen Gegenstand dauerhaft zu machen. Der Vers unterscheidet Anziehungskraft von Verlässlichkeit.
Lied 64 – Das Geheimnis der Zustände
சொற்பநிலை மற்றநிலை சூட்சங்காண் கல்மனமே!
coṟpanilai maṟṟanilai cūṭcaṅkāṇ kalmaṉamē!
Ist es nicht durch den Zustand des Kalpa, dass man Weltalter überschreitet? Erkenne das Geheimnis des Traumzustandes und des anderen Zustandes, du steinernes Herz!
Die Wörter um „kaṟpa“ und „coṟpa“ sind textlich und begrifflich unsicher. Dies ist eine vorläufige, wortnahe Lesart; eine feste Anleitung zu Lebensverlängerung lässt sich daraus nicht gewinnen.
Lied 65 – Wozu üben?
யோகமட்டுஞ் செய்தால்என்? யோசிப்பாய் கல்மனமே!
yōkamaṭṭuñ ceytāleṉ? yōcippāy kalmaṉamē!
Sollte ich Rezitation und Askese geübt haben, um den Körper zu verlieren? Was hilft es, nur Yoga zu üben? Bedenke es, du steinernes Herz!
Die Siddhar-Dichtung fragt nach einer Verwandlung des ganzen Daseins. Der Vers fragt nach dem Wert einer Übung, deren inneres Ziel unerreicht bleibt.
Lied 66 – Die Bildung der Stille
வாகான மெய்க்கல்வி? வகுத்தறிநீ கல்மனமே!
vākāṉa meykkalvi? vakuttaṟinī kalmaṉamē!
Ist nicht jene Bildung wahr und heilsam, die zum Schweigen führt? Unterscheide und erkenne dies, du steinernes Herz!
Mauna bedeutet mehr als das Unterlassen von Worten. Gemeint ist eine Sammlung, in der zwanghaftes Behaupten zur Ruhe kommen kann.
An den Verstand
Lied 67 – Den Schöpfer erkennen
வல்லாளன் தன்னை வகுத்தறிநீ புல்லறிவே.
vallāḷaṉ taṉṉai vakuttaṟinī pullaṟivē.
Erkenne klar den Mächtigen, der alle Dinge seinem Gedanken gemäß erschaffen hat, du begrenzter Verstand!
Die neue Anrede lautet „pullaṟivē“, etwa „dürftiges Wissen“. Sie fordert die Vernunft auf, sich ihres begrenzten Blicks bewusst zu werden.
Lied 68 – Das innere Wahrnehmen
உட்புலனாய் நின்றஒன்றை உய்த்தறிநீ புல்லறிவே.
uṭpulaṉāy niṉṟaoṉṟai uyttaṟinī pullaṟivē.
Ergründe das Eine, das dem Auge nicht im Geringsten sichtbar ist und doch überall als inneres Wahrnehmen besteht, du begrenzter Verstand!
Das Wahrnehmende selbst lässt sich nicht wie ein äußerer Gegenstand anschauen. Darauf lenkt das Lied die Aufmerksamkeit.
Lied 69 – Wachen und Schlafen
செழித்திலங்கும் ஆன்மாவைத் தேர்ந்தறிநீ புல்லறிவே.
ceḻittilaṅkum āṉmāvait tērntaṟinī pullaṟivē.
Schon während des Wachens tritt rasch Schlaf ein. Erforsche die Seele, die reich und leuchtend besteht, du begrenzter Verstand!
Wachen und Schlaf wechseln, während die Frage nach dem Träger dieser Zustände offenbleibt. Der Vers lädt zur Betrachtung dieser Erfahrung ein.
Lied 70 – Wahrheit in der Wahrheit
பொய்யில்ஒரு பொய்யாகும் புலமறிநீ புல்லறிவே.
poyyiloru poyyākum pulamaṟinī pullaṟivē.
Erkenne jene Wirklichkeit, die Wahrheit in der Wahrheit wird, das Höhere und der Wind ist und im Unwahren als Unwahres erscheint, du begrenzter Verstand!
Die rätselhafte Formulierung lässt sich als Hinweis auf eine Gegenwart in allen Erscheinungen lesen. Die Grundausgabe erläutert „kāl“ als Wind. Der Zusammenhang der einzelnen Bilder bleibt schwer zu bestimmen; die Übersetzung hält diese Offenheit fest.
Lied 71 – Das Spiel der inneren Kräfte
கூத்துபுரிகின்ற கோள் அறிவாய் புல்லறிவே.
kūttupurikiṉṟa kōḷ aṟivāy pullaṟivē.
Erkenne die Absicht, mit der der Gliederdämon, ein Anteil der Seele, zusammen mit dir seinen Tanz aufführt, du begrenzter Verstand!
„Avayavappēy“, „Gliederdämon“, ist ein ungewöhnliches Bild für körperlich-seelische Funktionen. Eine genaue Zuordnung zu einem philosophischen Schema wäre hier unsicher.
Lied 72 – Eine Lampe der Gnade
அருள்துறையில் நிறுத்தி விளக்காகுநீ புல்லறிவே.
aruḷtuṟaiyil niṟutti viḷakkākunī pullaṟivē.
Lass deine Kraft, die wie eine gute Lampe ein dunkles Zimmer erhellt, im Dienst der Gnade stehen. Werde selbst zur Leuchte, du begrenzter Verstand!
Erkenntnis soll nicht nur scharfsinnig, sondern auch gütig werden. Das Lichtbild macht die Verantwortung des Denkens sichtbar.
Lied 73 – Welchen Weg wählst du?
கொல்வழியிற் சென்று குறுகுவதேன் புல்லறிவே.
kolvaḻiyiṟ ceṉṟu kuṟukuvatēṉ pullaṟivē.
Warum gehst du, statt auf gutem Weg unseren Stand zu erreichen, auf einen tödlichen Weg und verengst dich, du begrenzter Verstand?
Das Lied fordert eine Prüfung der Lebensrichtung. Ein Weg lässt sich auch daran erkennen, ob er Weite und Güte oder Verhärtung hervorbringt.
Lied 74 – Die Lampe ist schon da
மெய்விளக்குன் னுள்ளிருக்க வீழ்குவதேன் புல்லறிவே.
meyviḷakkuṉ ṉuḷḷirukka vīḻkuvatēṉ pullaṟivē.
Wie einer, der mit einer Lampe in der Hand ins Meer fällt: Warum stürzt du, obwohl die wahre Lampe in dir ist, du begrenzter Verstand?
Die vorhandene Fähigkeit zur Einsicht muss tatsächlich genutzt werden. Wissen allein schützt nicht vor unbedachtem Handeln.
Lied 75 – Jenseits des Atems
யோசிக்கு மேற்கதிதான் உனக்கரிதோ புல்லறிவே.
yōcikku mēṟkatitāṉ uṉakkaritō pullaṟivē.
Wenn der leuchtende Weg, höher als der Atem, in dir ist, ist dann der höhere Weg für dich so schwer? Bedenke es, du begrenzter Verstand!
„Vāci“ bezeichnet in Siddhar-Texten den Atem beziehungsweise dessen yogische Führung. Das Lied verweist auf ein Ziel, das über Atemtechnik hinausgeht.
Lied 76 – Der Hüter aller Wesen
முன்னவனைக் கண்டு முக்தியடை புல்லறிவே.
muṉṉavaṉaik kaṇṭu muktiyaṭai pullaṟivē.
Schau den Ursprünglichen, der jedes Lebewesen wie eine Mutter liebevoll behütet, und erlange Befreiung, du begrenzter Verstand!
Die Belehrung des Verstandes endet in einem Bild allumfassender Fürsorge. Mitgefühl ist damit kein Nebenthema der Erkenntnis.
Biene, Kuckuck, Pfau und Schwan: 77–95
An das innere Bewusstsein: der Flug der Biene
Lied 77 – Flieg, kleine Biene!
மானந்தம் கண்டோ ம் என்று தும்பீபற!
மெய்ஞ்ஞானம் வாய்த்தென்று தும்பீபற - பர
māṉantam kaṇṭō m eṉṟu tumpīpaṟa!
meyññāṉam vāytteṉṟu tumpīpaṟa - para
Flieg, Biene: Die Unwissenheit ist vergangen!
Flieg, Biene: Wir haben höchste Glückseligkeit geschaut!
Flieg, Biene: Wahre Erkenntnis ist uns zuteilgeworden!
Flieg, Biene: Wir sind zum Höchsten aufgestiegen!
„Tumpi“ kann eine Biene oder ein ähnliches fliegendes Insekt bezeichnen. Der wiederkehrende Ruf macht die innere Befreiung zu einem freudigen Lied.
Lied 78 – Aus dem Netz befreit
ஆணவங்கள் அற்றோம் என்றே தும்பீபற!
தொல்லைவினை நீங்கிற்று என்றே தும்பீபற - பரஞ்
āṇavaṅkaḷ aṟṟōm eṉṟē tumpīpaṟa!
tollaiviṉai nīṅkiṟṟu eṉṟē tumpīpaṟa - parañ
Flieg, Biene: Das Netz des Leidens ist nicht mehr!
Flieg, Biene: Alle Verhärtungen des Ichs sind von uns abgefallen!
Flieg, Biene: Das alte Karma ist gewichen!
Flieg, Biene: Wir haben das höchste Licht geschaut!
Anava bezeichnet eine grundlegende Begrenzung des Bewusstseins. Ihre Überwindung erscheint hier als Befreiung aus einem eng gewordenen Netz.
Lied 79 – Die Sinne kommen zur Ruhe
அறிவே பொருளாம் எனத் தும்பீபற!
செம்பொருள்கள் வாய்த்தனவே தும்பீபற - ஒரு
aṟivē poruḷām eṉat tumpīpaṟa!
cemporuḷkaḷ vāyttaṉavē tumpīpaṟa - oru
Flieg, Biene: Die fünf Sinne sind zur Ruhe gekommen!
Flieg, Biene: Volle Erkenntnis ist die Wirklichkeit!
Flieg, Biene: Wahre Güter sind uns zuteilgeworden!
Flieg, Biene: Wir haben das eine Göttliche geschaut!
Die Freude entsteht aus Sammlung und Einsicht. „Wahre Güter“ sind im Zusammenhang geistige Erfüllung, nicht neuer äußerer Besitz.
Lied 80 – Die Sehnsucht verwandeln
முத்தி நிலை சித்தியென்றே தும்பீபற!
தேவாசை வைத்தோமென்று தும்பீபற - இந்தச்
mutti nilai cittiyeṉṟē tumpīpaṟa!
tēvācai vaittōmeṉṟu tumpīpaṟa - intac
Flieg, Biene: Wir haben die drei Begierden verlassen!
Flieg, Biene: Der höchste Befreiungszustand ist erreicht!
Flieg, Biene: Wir haben unser Verlangen auf Gott gerichtet!
Flieg, Biene: Wir haben diese Welt hinter uns gelassen!
Die drei Begierden werden traditionell auf Land, Gold und erotische Bindung bezogen. Der Vers beschreibt die Verwandlung des Begehrens in Gottesliebe.
Lied 81 – Die offene Weite
பற்றற்றோம் என்றேநீ தும்பீபற!
வாழ்விடம் என்றெய்தோம் தும்பீபற - நிறை
paṟṟaṟṟōm eṉṟēnī tumpīpaṟa!
vāḻviṭam eṉṟeytōm tumpīpaṟa - niṟai
Flieg, Biene, auf die leere Weite blickend!
Flieg, Biene: Die Anhaftung an Maya ist von uns gefallen!
Flieg, Biene: Wir haben den Ort des Lebens erreicht!
Flieg, Biene: Wir haben im vollkommen Freigebigen unseren Halt gefunden!
Leere und Fülle stehen hier unmittelbar zusammen. Die offene Weite ist zugleich Heimat und Erfahrung göttlicher Großzügigkeit.
Lied 82 – Schrift auf Wasser
கெல்லாம் அழியுமென்றே தும்பீபற!
அப்பிலெழுத் துடலென்றே தும்பீபற - என்றும்
kellām aḻiyumeṉṟē tumpīpaṟa!
appileḻut tuṭaleṉṟē tumpīpaṟa - eṉṟum
Flieg, Biene: Alle Dinge sind wie ein Traum!
Flieg, Biene: Die ganze Welt wird vergehen!
Flieg, Biene: Der Körper ist Schrift auf Wasser!
Flieg, Biene: Der Ursprung bleibt immer unvergänglich!
Das eindringliche Wasserbild zeigt die Flüchtigkeit körperlicher Gestalt. Dem wird eine Hoffnung gegenübergestellt, die sich nicht an Vergänglichem festmacht.
An den Kuckuck
Lied 83 – Der Ruf des Kuckucks
காமமுதல் ஓராறும் ஒடுங்கினவே;
சரணங்கள் ஒருநான்கும் கண்டனமென்றே - நிறை
kāmamutal ōrāṟum oṭuṅkiṉavē;
caraṇaṅkaḷ orunāṉkum kaṇṭaṉameṉṟē - niṟai
Die vier inneren Werkzeuge sind still geworden; die sechs Übel, beginnend mit dem Begehren, haben sich gelegt.
Rufe voller Freude, Kuckuck: Wir haben die vier Zufluchten gesehen!
Die vier Werkzeuge sind Geist, Unterscheidungsvermögen, Ichfunktion und Erinnerungsgrund. Die „vier Zufluchten“ werden nicht benannt; eine feste Gleichsetzung mit vier Heilswegen bleibt eine Deutung.
Lied 84 – Die Welt durchschauen
உத்தமனைக் காண்பதரிதென்று ஓதுகுயிலே!
பலமதம் பொய்மையே என்றோதுகுயிலே - எழு
uttamaṉaik kāṇpatariteṉṟu ōtukuyilē!
palamatam poymaiyē eṉṟōtukuyilē - eḻu
Singe, Kuckuck: Die Welt ist voller Überdruss!
Singe, Kuckuck: Unseren Höchsten zu schauen ist schwer!
Singe, Kuckuck: Viele Glaubenslehren sind unwahr!
Singe, Kuckuck: Wir sind den sieben Geburten entkommen!
Das Lied äußert eine scharfe Kritik an der Welt und an religiösen Lehren. Im Zusammenhang der Sammlung lässt sie sich als Vorrang selbst erfahrener Wahrheit verstehen. Die zugespitzte Aussage gehört zur asketischen Stimme des Gedichts; der Kommentar übernimmt sie nicht als allgemeines Urteil über Religionen.
Lied 85 – Mehr als äußerliche Übung
தத்துவங்கள் தேர்ந்தவர்கள் வேவார்குயிலே!
மாதவங்கள் போலும்பலன் வாயாக்குயிலே - மூல
tattuvaṅkaḷ tērntavarkaḷ vēvārkuyilē!
mātavaṅkaḷ pōlumpalaṉ vāyākkuyilē - mūla
Wer Übungen vollzogen hat, wird sterben, Kuckuck; wer alle Prinzipien erforscht hat, wird verbrannt, Kuckuck.
Auch große Askesen tragen, so scheint es, keine Frucht, Kuckuck; die ursprünglichen Mantras entfalten wahrhaft ihre Macht, Kuckuck.
Die dritte Zeile ist syntaktisch gedrängt; die Übersetzung bleibt vorläufig. „Vāyā“ wird in der Grundausgabe als „wird nicht zuteil“ erklärt. Der Vers unterscheidet bloß vollzogene Verfahren von einer tiefgreifenden geistigen Verwirklichung.
Lied 86 – Acht und zwei
ஏகாமல் நிற்கில்கதி எய்துங்குயிலே!
நட்டணையைச் சார்ந்தறிந்து கொள்ளு குயிலே - ஆதி
ēkāmal niṟkilkati eytuṅkuyilē!
naṭṭaṇaiyaic cārntaṟintu koḷḷu kuyilē - āti
Wer acht und zwei erkennt, hat keine Bedrängnis, Kuckuck.
Kommt der Geist zur Ruhe und läuft nicht mehr fort, erreicht er das Ziel, Kuckuck.
Suche das Schauspiel auf und durchschaue es, Kuckuck; singe und bewahre den ursprünglichen Herrn im Gedächtnis, Kuckuck!
„Acht und zwei“ ist eine esoterische Chiffre; sie wird unterschiedlich, etwa auf A und U, bezogen. Die Grundausgabe erklärt „naṭṭaṇai“ als Schauspiel; wie dieses Bild genau anzuwenden ist, bleibt offen.
An den Pfau
Lied 87 – Tanze, Pfau!
ஆதியணி சேடனைக் கண்டாடுமயிலே!
கூடுபோகு முன்னங்கதி கொள்ளுமயிலே - என்றும்
ātiyaṇi cēṭaṉaik kaṇṭāṭumayilē!
kūṭupōku muṉṉaṅkati koḷḷumayilē - eṉṟum
Tanze, Pfau, tanze den Tanz!
Schau unseren ursprünglichen, herrlichen Herrn und tanze, Pfau!
Erreiche das Ziel, bevor das Nest vergeht, Pfau; halte dich stets ohne Nachlassen an den Weg der Stille, Pfau!
Das Nest steht für den Leib. Die Gottesbezeichnung „ātiyaṇi cēṭaṉ“ ist nicht eindeutig; „herrlicher Herr“ gibt ihren ehrenden Sinn vorsichtig wieder.
Lied 88 – Der Weg des Entsagens
இல்லவர்க்கு முத்திசித்தி இல்லைமயிலே!
நல்லறமே துறவறங் காணுமயிலே - சுத்த
illavarkku mutticitti illaimayilē!
nallaṟamē tuṟavaṟaṅ kāṇumayilē - cutta
Tanze, Pfau: Das Hausleben ist Bedrängnis!
Für Menschen ohne Hingabe gibt es keine Vollendung der Befreiung, Pfau.
Erkenne die gute Lebensführung als Entsagung, Pfau; suche die reine offene Weite am Ende des Klanges, Pfau!
Der Vers spricht aus der Perspektive der Entsagung und stellt das Hausleben als Quelle von Bedrängnis dar. Zugleich macht er Hingabe zur Voraussetzung der Befreiung. Nadanta, das „Ende des Klanges“, weist auf eine yogische Erfahrung jenseits des wahrnehmbaren Klanges.
Lied 89 – Frei von innerem Festhalten
காலனையும் தூரத்தில் ஓட்டு மயிலே!
பாற்றூடு உருவவே பாயுமயிலே - அகப்
kālaṉaiyum tūrattil ōṭṭu mayilē!
pāṟṟūṭu uruvavē pāyumayilē - akap
Zeige den Geist als „kāṟṟūṉ“ [Bild unklar], Pfau; treibe den kommenden Todesgott weit fort, Pfau. Springe hindurch, dass du die Weite durchdringst, Pfau; lass keine Spur innerer Anhaftung bestehen, Pfau!
Die Lesarten „kāṟṟūṉai“ und „pāṟṟūṭu“ sind schwierig. Das erste Bild bleibt unübersetzt, die dritte Wendung ist vorläufig; sicher erkennbar sind das Ziel innerer Freiheit und die Überwindung der Todesfurcht.
An den Schwan
Lied 90 – Wenn das Wasser aufgewühlt wird
மறுவாயைத் தான்கலக்கின் மதிமயங்கும் மடவனமே.
maṟuvāyait tāṉkalakkiṉ matimayaṅkum maṭavaṉamē.
Rührt ein kleiner Frosch das Wasser auf, verschwindet das gespiegelte Bild.
Wühlt die verderbliche Maya den Geist auf, wird sein Erkennen getrübt, du sanfter Schwan!
Die Lesart „maṟuvāyai“ wird hier vorsichtig auf „māyai“ bezogen; der Wortlaut ist unsicher. Das Gleichnis selbst zeigt klar, wie Unruhe die Wahrnehmung trübt.
Lied 91 – Der Wind der Einsicht
தூற்றிவிடில் அஞ்ஞானம் தூரப்போம் மடவனமே.
tūṟṟiviṭil aññāṉam tūrappōm maṭavaṉamē.
Wie im Wind ein Baum bricht, so wird Unwissenheit in die Ferne weichen, wenn gute Erkenntnis sie hinwegbläst, du sanfter Schwan!
Der Wind steht für die klärende Kraft der Einsicht. Nicht mehr Argumente allein, sondern eine veränderte Sichtweise löst die Verblendung.
Lied 92 – Das Feuer reifer Erkenntnis
பக்குவநல் அறிவாலே பாவம்போம் மடவனமே.
pakkuvanal aṟivālē pāvampōm maṭavaṉamē.
Wie ein Bündel Baumwolle durch Feuer vergeht, so vergeht Verfehlung durch gute, gereifte Erkenntnis, du sanfter Schwan!
Damit kehrt das Feuerbild des Schutzverses wieder. Reife Erkenntnis zeigt ihre Wirkung darin, dass schädliche Muster ihre Macht verlieren.
Lied 93 – Die Kraft beständiger Ausrichtung
வளமுடைய வன்மனத்தை வசப்படுத்து மடவனமே.
vaḷamuṭaiya vaṉmaṉattai vacappaṭuttu maṭavaṉamē.
Wie eine Wespe eine Larve herbeibringt und im Nest umformt, so bringe den kraftvollen, hartnäckigen Geist unter deine Führung, du sanfter Schwan!
Das traditionelle Wespen-Larven-Gleichnis beschreibt die verwandelnde Kraft dauernder Ausrichtung. Es ist als überliefertes Naturbild, nicht als moderne biologische Erklärung zu lesen.
Lied 94 – Wie Salz im Wasser
ஒப்புறவே பிரமமுடன் ஒன்றிநில்லு மடவனமே.
oppuṟavē piramamuṭaṉ oṉṟinillu maṭavaṉamē.
Wie Salz, mit Wasser verbunden, darin gleichmäßig aufgeht, so verweile in vollkommener Einheit mit Brahman, du sanfter Schwan!
Das Gleichnis spricht ausdrücklich von Einheit. Innerhalb der vielseitigen Siddhar-Dichtung sollte es nicht vorschnell auf ein einziges philosophisches Schulmodell reduziert werden.
Lied 95 – Wie glühendes Eisen
வாய்ந்திலங்கச் செய்து வளம்பெறுநீ மடவனமே.
vāyntilaṅkac ceytu vaḷampeṟunī maṭavaṉamē.
Wie erhitztes Eisen seine Farbe zeigt, so bringe die Seele zum Leuchten und gewinne Erfüllung, du sanfter Schwan!
Das Eisen erhält im Feuer eine neue Erscheinung. Ebenso soll die innere Verwandlung im Leben sichtbar werden.
Flöte und innerer Nektar: 96–112
Die Flöte spielen
Lied 96 – Die Flöte und die Befreiung
இல்லையென்று ஊதுகுழல் - கோனே
illaiyeṉṟu ūtukuḻal - kōṉē
Blase die Flöte: Für die, welche die alte Geburt beseitigt haben [unsichere Lesart], gibt es keine Befreiung – o Hirte, blase die Flöte: Es gibt sie nicht!
So lautet die im Zusammenhang widersprüchliche Lesart der Grundausgabe. Die Vergleichsfassung liest sinngemäß „für die, welche die alte Geburt nicht beseitigt haben“: Wer die Bindung an Wiedergeburt nicht gelöst hat, ist noch nicht befreit. Die Übersetzung bewahrt den Wortlaut der Grundausgabe; die abweichende Lesart bietet eine verständlichere Aussage.[3]
Lied 97 – Auch Himmelsfreuden binden
அந்தமாய் ஊதுகுழல் - கோனே
antamāy ūtukuḻal - kōṉē
Selbst wenn man Indras Freuden erlangt, sind sie Bedrängnis: Blase die Flöte bis zum Ende, o Hirte, blase die Flöte bis zum Ende!
Auch himmlischer Genuss ist in der indischen Erlösungslehre vorläufig. „Antamāy“ wird hier als „bis zum Ende“ verstanden; der musikalische Nebensinn bleibt offen.
Lied 98 – Das Lied der Stille
கானமாய் ஊதுகுழல் - கோனே
kāṉamāy ūtukuḻal - kōṉē
Blase die Flöte als Lied: Im Zustand des Schweigens liegt Befreiung – o Hirte, blase die Flöte als Lied!
Die Flöte verkündet ausgerechnet die Stille. Der poetische Gegensatz verbindet gemeinschaftlichen Gesang mit innerer Sammlung.
Lied 99 – Die ungezähmten Sinne
பேயரென்று ஊதுகுழல் - கோனே
pēyareṉṟu ūtukuḻal - kōṉē
Wer die Sinne wie Hunde in alle Richtungen loslässt, gleicht einem Geistwesen: Blase dies auf der Flöte, o Hirte, blase dies auf der Flöte!
Die drastische Aussage beschreibt ein von Reizen getriebenes Leben. „Geistwesen“ meint hier das ruhelose, gleichsam besessene Umherirren.
Lied 100 – Ein Ruf zum Erwachen
சாடியே ஊதுகுழல் - கோனே
cāṭiyē ūtukuḻal - kōṉē
Damit die rastlos Umherlaufenden zur Einsicht kommen, blase die Flöte aufrüttelnd, o Hirte, blase die Flöte aufrüttelnd!
Geistige Unterweisung darf auch wecken und unterbrechen. Ihr Ziel bleibt das Erwachen des Hörenden, nicht dessen Beschämung.
Lied 101 – Die Herde schützen
ஓட்டியே ஊதுகுழல் - கோனே
ōṭṭiyē ūtukuḻal - kōṉē
Vertreibe die Tiger, die sich den Schafherden nähern, und blase die Flöte, o Hirte; vertreibe sie und blase die Flöte!
Die Handlung aus dem Hirtenleben lässt sich zugleich als Schutz des inneren Lebens verstehen. Welche konkreten Störungen die Tiger vertreten, sagt der Vers nicht.
Lied 102 – Die Täuscher binden
கட்டிவைத்து ஊதுகுழல் - கோனே
kaṭṭivaittu ūtukuḻal - kōṉē
Binde die törichten, täuschenden Maricha-Hunde fest und blase die Flöte, o Hirte; binde sie fest und blase die Flöte!
Der Ausdruck „mārīca“ ist unsicher; er kann an den Täuscher Maricha erinnern. Gemeint sind im Bild Kräfte, auf deren Verlässlichkeit man sich nicht verlassen sollte.
Lied 103 – Ein verlässlicher Wächter
கிட்டாவென்று ஊதுகுழல் - கோனே
kiṭṭāveṉṟu ūtukuḻal - kōṉē
Blase die Flöte: Unangebundene Hunde taugen niemals zur Wache – o Hirte, blase die Flöte: Sie taugen nicht dazu!
Ein ungeführter Sinn kann seine schützende Aufgabe nicht erfüllen. Das Lied unterscheidet bloß vorhandene Kraft von geordneter Aufmerksamkeit.
Lied 104 – Der Geist wird still
ஒட்டியே ஊதுகுழல் - கோனே
oṭṭiyē ūtukuḻal - kōṉē
Blase die Flöte beharrlich, damit der gespenstische Geist sich fügt wie eine Schlange im Kasten – o Hirte, blase die Flöte beharrlich!
Die Schlange wird hier zum Bild der gebändigten inneren Bewegung. Der Schwerpunkt liegt auf Sammlung, nicht auf einer tatsächlichen Handlung an Tieren.
Lied 105 – Ohne Ich und Mein
தனதாக ஊதுகுழல் - கோனே
taṉatāka ūtukuḻal - kōṉē
Damit „mein“ und „ich“ nicht mehr bestehen, blase die Flöte aus dir selbst heraus, o Hirte, blase die Flöte aus dir selbst heraus!
Die paradoxe Wendung fragt nach einem Handeln ohne besitzergreifende Ichbehauptung. Ahamkara und Anhaftung werden gemeinsam angesprochen.
Lied 106 – Das Gelernte verkünden
கற்றதென்று ஊதுகுழல் - கோனே
kaṟṟateṉṟu ūtukuḻal - kōṉē
Der Ort des Losgelöstseins ist einer; was sich mit dem Losgelösten verbunden hat, hast du erkannt: Blase dies auf der Flöte, o Hirte, blase das Erkannte auf der Flöte!
Die Wortfolge mit „aṟṟa“ und „uṟṟa“ ist ein schwer aufzulösendes Klangspiel. Diese Übersetzung ist vorläufig; sie folgt dem Gegensatz von Loslösung und Verbundenheit.
Milch melken
Lied 107 – Die innere Milch
தன்னில் இருந்திடும் பால்கற
வேவாது இருந்திட பால்கற - வெறு
taṉṉil iruntiṭum pālkaṟa
vēvātu iruntiṭa pālkaṟa - veṟu
Melke Milch, um unsterblich zu verweilen; melke die Milch, die im Haupt ist.
Melke Milch, um nicht zu verbrennen; melke sie in der bloßen offenen Weite!
Das Melken eröffnet eine Folge von sechs Liedern über den inneren Nektar. Das vertraute Hirtenbild wird auf den yogischen Leib übertragen: Im Haupt und in der offenen Weite wird eine Kraft gesucht, die vom Tod befreit. Die genaue Praxis bleibt unausgeführt.
Lied 108 – Den Nektar empfangen
தொல்லை வினையறப் பால்கற
வாயால் உமிழ்ந்திடும் பால்கற - வெறும்
tollai viṉaiyaṟap pālkaṟa
vāyāl umiḻntiṭum pālkaṟa - veṟum
Melke die Milch, die unberührt bleibt; melke Milch, damit altes Karma endet.
Melke die Milch, die der Mund hervortreten lässt; melke sie, um dich ganz an ihr zu sättigen!
Das Bild verbindet Reinheit, inneren Geschmack und Befreiung von Karma. Die körpernahe Sprache gehört zur yogischen Symbolik.
Lied 109 – Ein beständiger Strom
நாளும் இருந்திடப் பால்கற
மாறாது ஒழுகிடும் பால்கற - தலை
nāḷum iruntiṭap pālkaṟa
māṟātu oḻukiṭum pālkaṟa - talai
Melke die Milch, die keinen üblen Geruch annimmt; melke Milch, um Tag für Tag zu leben.
Melke die Milch, die unverändert strömt; melke die Milch, die im Schädel heranwächst!
Die Beständigkeit der Milch steht im Gegensatz zur Verderblichkeit gewöhnlicher Stoffe. Der Kopf erscheint als Ort des inneren Nektars.
Lied 110 – Was die Welt verschmäht
ஒக்காளம் ஆகிய பால்கற
கலசத்தினுள் விழப் பால்கற - நிறை
okkāḷam ākiya pālkaṟa
kalacattiṉuḷ viḻap pālkaṟa - niṟai
Melke die Milch, welche die Welt verschmäht; melke die Milch, die starken Widerwillen erregt.
Melke sie, dass sie in den Krug fällt; melke sie, dass sie ganz in die Kehle fällt!
Der Vers arbeitet mit einer befremdlichen Umkehr gewöhnlicher Wertungen. „Okkāḷam“ kann Übelkeit oder Widerwillen bezeichnen; die genaue esoterische Bedeutung bleibt offen.
Lied 111 – Zu Parashiva gelangen
ஏமன் விலக்கவே பால்கற
தீப்பொறி ஓய்ந்திடப் பால்கற - பர
ēmaṉ vilakkavē pālkaṟa
tīppoṟi ōyntiṭap pālkaṟa - para
Melke Milch, ohne aufzustoßen; melke Milch, um den nahenden Yama abzuwehren.
Melke Milch, damit die Feuerfunken erlöschen; melke Milch, um zu Parashiva zu gelangen!
Yama steht für die Macht des Todes, Parashiva für die höchste Wirklichkeit Shivas. Die Bilder formulieren das Befreiungsziel der Siddhar-Tradition.
Lied 112 – Oberhalb des Gaumens
அண்டத்தில் ஊறிடும் பால்கற
விண்ணாட்டில் இல்லாத பால்கற - தொல்லை
aṇṭattil ūṟiṭum pālkaṟa
viṇṇāṭṭil illāta pālkaṟa - tollai
Melke die Milch, die oberhalb des Gaumens kommt; melke die Milch, die im großen Weltenraum einsickert.
Melke die Milch, die es selbst im Himmelsland nicht gibt; melke Milch, damit alte Qual vergeht!
Der Vers verbindet den inneren Leib mit dem Kosmos. Der erwähnte Nektar übertrifft in dieser Dichtung selbst himmlische Freuden.
Die Herde ordnen und in Stille verweilen: 113–130
Die Herde zusammentreiben und anbinden
Lied 113 – Die Herde ordnen
அடங்குமன மாடொன்றை அடக்கிவிடு கோனே.
aṭaṅkumaṉa māṭoṉṟai aṭakkiviṭu kōṉē.
Lass die Rinder der beiden Tatenarten fortziehen, o Hirte; bringe das eine Rind deines sich fügenden Geistes zur Ruhe, o Hirte!
Gutes wie schlechtes Karma kann an Wiedergeburt binden. Die Überwindung dieser Bindung ist nicht mit einer Gleichgültigkeit gegenüber ethischem Handeln zu verwechseln.
Lied 114 – Beständige Hingabe
தவமாகக் கழிப்பவரே சன்னமதில் வருவார்.
tavamākak kaḻippavarē caṉṉamatil varuvār.
Nur die schwer zu beschreibenden, standhaften Übenden gelangen zum Höchsten. Nur die, welche jeden Tag der Askese widmen, werden in die Gegenwart kommen [Deutung unsicher].
„Caṉṉam“ ist unklar und wird hier vorläufig als heilige Gegenwart verstanden. Die erste Aussage über beständige geistige Ausrichtung ist deutlicher als die zweite.
Lied 115 – Die Rinder des Ichs
அவத்தையெனும் மாடதைநீ அடக்கிவிடு கோனே.
avattaiyeṉum māṭatainī aṭakkiviṭu kōṉē.
Entferne die drei Rinder des Ichbewusstseins, o Hirte; halte täglich das Rind, das Bewusstseinszustand heißt, unter Führung, o Hirte!
Die Dreizahl des Ichbewusstseins wird im Vers nicht erklärt. „Avasthā“ verweist auf Zustände des Bewusstseins, die erkannt statt unbemerkt durchlaufen werden sollen.
Lied 116 – Eine und zwei Unreinheiten
உறையுமிரு மலந்தனையும் ஓட்டிக் கட்டுக் கோனே.
uṟaiyumiru malantaṉaiyum ōṭṭik kaṭṭuk kōṉē.
Binde das Rind mit der einen Unreinheit abseits an, o Hirte; treibe auch die zwei in dir wohnenden Unreinheiten zusammen und binde sie an, o Hirte!
Die Bilder erinnern an die shaivaitische Unterscheidung von Seelen mit einer, zwei oder drei Unreinheiten. Der Wortlaut verbindet dieses Schema mit einer unmittelbaren Anrede an den Übenden.
Lied 117 – Die drei Unreinheiten
முக்கால நேர்மையெல்லாம் முன்பறிவாய் கோனே.
mukkāla nērmaiyellām muṉpaṟivāy kōṉē.
Binde das Rind mit den drei Unreinheiten fest, o Hirte; dann wirst du die ganze Wahrheit der drei Zeiten im Voraus erkennen, o Hirte!
Die drei Unreinheiten werden als Anava, Karma und Maya verstanden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden die drei Zeiten. Ihre verheißene Erkenntnis gehört zur religiösen Darstellung der Siddhis.
Lied 118 – Die Sinne sammeln
இல்லை என்றேமரணக்குழல் எடுத்து ஊதுகோனே.
illai eṉṟēmaraṇakkuḻal eṭuttu ūtukōṉē.
Halte die drei Gruppen der Sinneskräfte fest zusammen, o Hirte; erhebe die Todesflöte und blase: Der Tod ist für immer vergangen, o Hirte!
Welche drei Gruppen von „indriya“ genau gemeint sind, wird nicht ausgeführt. Der Flötenruf verkündet im Bild die Überwindung des Todes.
Lied 119 – Die Begrenzungen lösen
குள்ளிருக்கும் கள்ளமெல்லாம் ஓடிப்போம் கோனே.
kuḷḷirukkum kaḷḷamellām ōṭippōm kōṉē.
Treibe die drei Tiere fort, die begrenzende Bedingungen heißen, o Hirte; dann wird alle Falschheit, die in dir wohnt, davonlaufen, o Hirte!
Upadhi bezeichnet eine begrenzende Bedingung, durch die das Selbst als eingeschränkt erscheint. Das Lied verbindet ihre Auflösung mit innerer Wahrhaftigkeit.
Lied 120 – Die drei Körper
மோசமில்லை நாசமில்லை முத்திஉண்டாங் கோனே.
mōcamillai nācamillai muttiuṇṭāṅ kōṉē.
Binde zuerst die Rinder der drei Körper an, o Hirte; dann gibt es keine Täuschung, keinen Untergang – Befreiung ist da, o Hirte!
Die drei Körper lassen sich als grobstofflicher, feinstofflicher und kausaler Leib verstehen. Das Ordnen der Herde wird so zum Bild innerer Führung: Der Mensch soll seine verschiedenen Daseinsebenen erkennen und sich aus ihrer bindenden Macht lösen.
Lied 121 – Die drei Arten von Karma
கன்மத்திர யப்பசுவைக் கடையிற்கட்டுக் கோனே.
kaṉmattira yappacuvaik kaṭaiyiṟkaṭṭuk kōṉē.
Binde die Rinder der karmischen Unreinheit hinten an, o Hirte; binde auch die Kuh der drei Karmaarten am hinteren Ende an, o Hirte!
Die drei Karmaarten werden gewöhnlich als angesammeltes, bereits wirksames und neu entstehendes Karma verstanden: Sanchita, Prarabdha und Agami. Der Vers selbst nennt diese Begriffe nicht.
Lied 122 – Die Ursachen zügeln
கைவசமாய் சாதனங்கள் கடைப்பிடிப்பாய் கோனே.
kaivacamāy cātaṉaṅkaḷ kaṭaippiṭippāy kōṉē.
Binde die Beine der drei Ursachenrinder, o Hirte; halte die guten Übungsmittel sicher in deiner Hand und bleibe bei ihnen, o Hirte!
Die „drei Ursachen“ werden nicht näher bestimmt. Klar ist die Aufforderung, Sadhana zuverlässig zu pflegen, statt sich in wechselnden Vorsätzen zu verlieren.
Lied 123 – Das große Licht
பேசாதிருந்து பெருநிட்டைசார் எங்கள் கோனே.
pēcātiruntu peruniṭṭaicār eṅkaḷ kōṉē.
Schau das große Licht in der Brahmaöffnung, unser Hirte. Verweile, ohne von Befreiung zu reden, und gehe in die große Versenkung ein, unser Hirte!
Die Lesart wird auf Brahmarandhra, die Öffnung am Scheitel, bezogen. Der Vers lenkt vom Reden über das Ziel zum stillen Verweilen.
Lied 124 – Der Lotus im Haupt
சித்திக்குந் தந்திரம் சித்தத்தறியெங்கள் கோனே.
cittikkun tantiram cittattaṟiyeṅkaḷ kōṉē.
Erkenne den Dienst am Lotus im Haupt, unser Hirte; erkenne im Herzen das Verfahren, durch das Erfüllung zuteilwird, unser Hirte!
Der Lotus im Haupt erinnert an Sahasrara. Die Trennung „vāy cittikkum“ ist unsicher; die Übersetzung liest die Wendung im Sinn des Erlangens von Vollendung.
Lied 125 – Im wahren Erkennen gehen
மெய்யே மெய்யில்கொண்டு மெய்யறிவில் செல்லுங்கோனே.
meyyē meyyilkoṇṭu meyyaṟivil celluṅkōṉē.
Suche den Himmelsraum und schau die Wirklichkeit in wahrer Erkenntnis, o Hirte; bewahre stets das Wahre im Wirklichen und gehe in wahrer Erkenntnis, o Hirte!
„Mey“ kann Wahrheit, Wirklichkeit und Leib bedeuten. Das Wortspiel lässt offen, ob die zweite Wendung auch das Bewahren der Wahrheit im eigenen Körper meint.
Lied 126 – Der innere Spiegel
கண்ணன்றிக் கண்ணடிகாண ஒண்ணாதெங்கள் கோனே.
kaṇṇaṉṟik kaṇṇaṭikāṇa oṇṇāteṅkaḷ kōṉē.
Schau in den Spiegel und sieh selbst, o Hirte; ohne das Auge der Erkenntnis lässt sich der Spiegel nicht schauen, unser Hirte!
Der zweite Ausdruck für Spiegel ist in der Grundausgabe orthografisch beschädigt. Das Bild fragt nach dem inneren Sehen, das die eigene Beschaffenheit offenlegt.
Lied 127 – Auf die Leere hinweisen
சூக்குமமேயதைச் சுட்டுமென்று எண்ணங்கொள் கோனே.
cūkkumamēyataic cuṭṭumeṉṟu eṇṇaṅkoḷ kōṉē.
Wo gibt es jemanden, der auf das Leere zeigen kann, o Hirte? Bedenke: Nur die Feinheit der Einsicht kann darauf hinweisen, o Hirte!
Die Leere entzieht sich äußerlichem Zeigen. „Buddhi“ wird dennoch nicht verworfen: Verfeinerte Unterscheidung kann an die Grenze des Sagbaren führen.
Lied 128 – Im Ewigen stehen
நிற்குமென்றே கண்டு நிச்சயங்காணெங்கள் கோனே.
niṟkumeṉṟē kaṇṭu niccayaṅkāṇeṅkaḷ kōṉē.
Wenn dir das Ewige unmittelbar begegnet, bleibe darin, o Hirte. Sieh, dass es immer bestehen wird, und gewinne Gewissheit, unser Hirte!
Der Vers spricht von einem festen Stand, der nicht aus bloßer Behauptung entsteht. Gewissheit soll aus unmittelbarer Erkenntnis erwachsen.
Lied 129 – Shakti und das Höchste
சாதிக்கில் இரண்டுந்தன்னுள்ளே காணலாங் கோனே.
cātikkil iraṇṭuntaṉṉuḷḷē kāṇalāṅ kōṉē.
Shakti und das Höchste sind in dir miteinander verbunden, o Hirte.
Vollendest du die Versenkung, kannst du beide in dir selbst schauen, o Hirte!
Die Idaikkadar Padalgal führen Bewusstsein und Kraft am Ende ausdrücklich zusammen. Ihre Einheit wird als innere Verwirklichung beschrieben.
Lied 130 – In die Stille eintreten
மூலநிலைகண்டு மூட்டுப் பிறப்பறு கோனே.
mūlanilaikaṇṭu mūṭṭup piṟappaṟu kōṉē.
Verweile wie eine Eule und vollende das Schweigen, unser Hirte.
Schau den höchsten Urzustand und durchtrenne die angehäuften Geburten, o Hirte!
Project Madurai liest „kūkai“, „Eule“; eine andere Textfassung hat „mūkai“, „ein stummer Mensch“. Beide Bilder führen zur Stille. Auch das Wort vor „Geburt“ variiert. Das Schlusslied verbindet die Verwirklichung der Stille mit dem Ende weiterer Geburten.[4]
Idaikkadar Padalgal im eigenen Leben betrachten

Ein Vers kann einen Tag begleiten
Ein einzelnes Lied der Idaikkadar Padalgal kann einen ganzen Tag begleiten. Lied 13 fragt nach der Führung des Geistes, Lied 14 nach dem Umgang mit Zorn. Lied 56 lädt dazu ein, die verborgene Gegenwart des Göttlichen zu betrachten. Lied 72 erinnert daran, dass Erkenntnis zur Leuchte werden soll. Wer langsam liest und bei einem Bild verweilt, entdeckt oft einen Bezug zum eigenen Leben.
Eine einfache Form des Lesens besteht darin, einen Vers langsam zu lesen, seine Übersetzung zu bedenken und anschließend einige Minuten still zu bleiben. Welche Regung beschreibt er gerade treffend? Welche kleine Handlung könnte heute aus größerer Klarheit entstehen? Diese Fragen verbinden die Lektüre mit Svadhyaya, dem Studium, das zugleich Selbsterforschung ist. Sie sind eine heutige Anregung, kein im Original vorgeschriebenes Ritual.
Erkenntnis zeigt sich im Umgang mit anderen
Die starken Worte über Entsagung erhalten ihre menschliche Tiefe durch die Bilder der Fürsorge. Das Göttliche behütet die Wesen wie eine Mutter; der Hirte schützt seine Herde; der Verstand soll zur Lampe werden. So lässt sich die Sammlung auch als Einladung lesen, anderen weniger aus Zorn, Angst oder Besitzdenken zu begegnen. Ein besonnenes Wort im Streit, aufmerksames Zuhören oder eine helfende Hand können zeigen, dass ein Vers im Leben angekommen ist. So verbindet sich Erkenntnis mit Mitgefühl und selbstlosem Handeln.
Vom Hirtenruf zur Stille
Die Idaikkadar Padalgal beginnen mit der liebevollen Erinnerung an den Ursprung und münden in die Stille. Dazwischen erklingen Fragen, Mahnungen, Tanz und Gesang. Der Weg führt durch das eigene Leben: durch seine Wünsche und Widerstände, durch seine Freuden und seine Sehnsucht nach etwas Bleibendem.
Die Hirtenbilder ermutigen zu Geduld und Beständigkeit. Der umherwandernde Geist kann Sammlung lernen. Ein verhärtetes Herz kann sich öffnen. Erkenntnis kann zur Güte reifen. Wer heute einen Augenblick bewusster lebt, einem zornigen Impuls nicht folgt oder einem Menschen liebevoll begegnet, gibt dieser Unterweisung Raum.
So bleibt der Ruf der Idaikkadar Padalgal lebendig: Bewahre die Sehnsucht nach dem Höchsten. Nähre die Lampe der Erkenntnis. Lass Liebe dein Handeln prägen. In solcher Hinwendung kann die Stille wachsen, in der Shivas Gegenwart erfahren wird.
Videos zu Idaikkadar und zum Siddha-Weg
Tamilischer Liedvortrag zu „Manam ennum māṭu“
Tamilischer Beitrag zu Idaikkadars Lied vom Rind des Geistes, veröffentlicht von Nimbus Media Works. Der Titel verweist auf das bekannte Motiv von Lied 13. Der Beitrag ergänzt die Lektüre als Hörbeispiel; er ist keine Grundlage der vorliegenden Übersetzung und keine vollständige Rezitation aller 130 Lieder.
Yoga Vidya: Wie wird man ein Siddha?
Sukadev spricht über die Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 1, Verse 56–58. Dieser Vortrag beleuchtet den weiteren Yoga-Kontext des Begriffs Siddha; er kommentiert nicht die Idaikkadar Padalgal.
Weitere Angaben: YVS409 Wie wird man Siddha - HYP 56-58.
Yoga-Vidya-Seminare und weiterführende Praxis
Wer die Themen der Idaikkadar Padalgal vertiefen möchte, findet bei Yoga Vidya Angebote zu indischen Schriften und Meditation. Die folgenden Feeds zeigen thematisch verwandte Veranstaltungen; sie sind keine Ankündigung spezieller Idaikkadar-Kurse. Einen allgemeinen Einstieg bietet die Übersicht zu Yoga.
Indische Schriften
- 26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung
Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…- Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
- 01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta
Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…- Vedamurti Dr Olaf Schönert
Meditation
- 01.11.2026 - 08.11.2026 Meditationskursleiter Ausbildung Teil 1
Erfahre in dieser Ausbildung die Tiefen der Meditation. Meditation ist neben Yoga die wichtigste Übung aller spirituellen Wege. Wer täglich Yoga und M…- Jagadishvari Dörrer
- 01.11.2026 - 13.11.2026 Meditationskursleiter-Ausbildung Kompakt Teil 1+2
Erfahre in dieser Ausbildung die Tiefen der Meditation. Meditation ist neben Yoga die wichtigste Übung aller spirituellen Wege. Wer täglich Yoga und M…- Jagadishvari Dörrer
Siehe auch
Verwandte tamilische Schriften
- Agathiyar Jnanam – Erkenntnislehren im Umfeld der tamilischen Siddhars
- Kaduveli Siddhar – eindringliche Lieder über Lebensführung und Befreiung
- Kudambai Siddhar Padalgal – kurze, zugespitzte Weisheitslieder
- Pambatti Siddhar Padalgal – Siddhar-Dichtung mit dem Bild der tanzenden Schlange
- Pattinathar Padalgal – Vergänglichkeit und Entsagung
- Sivavakkiyam – innere Erkenntnis und Kritik an bloßer Äußerlichkeit
- Tirumantiram – Shiva, Yoga, Mantra und spirituelle Verwirklichung
- Unmai Neri Vilakkam – Erkenntnis und Befreiung im Shaiva Siddhanta
- Sivajnana Bodham und Sivajnana Siddhiyar – systematische shaivaitische Lehren
- Vinayagar Agaval – tamilische Dichtung mit yogischer Innenschau
- Ulladu Narpadu und Upadesa Undiyar – spätere tamilische Texte zur Selbsterkenntnis
- Weitere tamilische Schriften im Yoga-Vidya-Wiki
Personen und Begriffe
- Idaikkadar, Konganar, Agastya, Tirumular
- Siddhar, Siddha, Shiva, Shakti, Ardhanarishvara
- Bhakti, Jnana, Vairagya, Mauna, Mukti
- Pati, Pashu, Pasha, Anava, Karma, Maya
- Vijnana Bhairava Tantra, Hatha Yoga Pradipika, Kularnava Tantra
Quellen und Hinweise zur Ausgabe
- ↑ 1,0 1,1 Project Madurai: Cittar pāṭalkaḷ – 4, E-Text 212, Abschnitt 2: „இடைக்காட்டுச் சித்தர் பாடல்கள்“. Textaufbereitung: Venkat Hariharan; Korrektur: Anbumani Subramanian; HTML/PDF: K. Kalyanasundaram. Angegebener Textstand: 23. August 2004. Grundlage für Wortlaut, Reihenfolge und Zählung dieser Ausgabe. Abgerufen am 26. September 2026.
- ↑ Tamil Wiki: இடைக்காட்டுச் சித்தர், Abschnitte zu Biografie, Überlieferung und literarischem Werk. Die Seite unterscheidet historische Unsicherheit und legendäre Erzählungen. Abgerufen am 26. September 2026.
- ↑ 3,0 3,1 Siththarial: இடைக்காட்டுச் சித்தர் பாடல்கள் 96–100, veröffentlicht am 24. Juli 2015. Lied 96 liest „தொல்லைப்பிறவி தொலைக்கார்க்கு“, abweichend von Project Madurai. Abgerufen am 26. September 2026.
- ↑ 4,0 4,1 Siththarial: இடைக்காட்டுச் சித்தர் பாடல்கள் 126–130. Lied 130 liest „மூகைபோலிருந்து“ statt „கூகைபோல் இருந்து“ in Project Madurai. Abgerufen am 26. September 2026.
Primärtext und Textvergleich
- Project Madurai: Cittar pāṭalkaḷ – 4, Abschnitt 2. Vollständige Grundlage dieser Ausgabe; die Abschnitte über Agappai Siddhar und Konganar sind eigenständige Werke und hier nicht mit aufgenommen.
- Tamil Wikisource: இடைக்காட்டுச் சித்தர். Ergänzend konsultierte Fassung mit abweichender Zählung; nicht Grundlage der hier verwendeten Versnummern.
- Siththarial: Lieder 96–100 und Lieder 126–130. Vergleich der ausdrücklich besprochenen Varianten. Die Webabschriften ersetzen keine Prüfung älterer Drucke oder Handschriften.
Einordnung und Mediennachweise
- Tamil Wiki: Idaikkattu Siddhar. Sekundärquelle zur Überlieferung und zur Unterscheidung der namensähnlichen Dichter.
- Bilddateiseite: Shiva Nataraja im Musée Guimet und Bilddateiseite: Shiva am Ganges. Die Abbildungen dienen der thematischen Veranschaulichung und sind keine Porträts Idaikkadars.
- Nimbus Media Works: tamilischer Beitrag zu Idaikkadars Lied vom Geist. Titel und technische Einbettbarkeit geprüft.
- YVS409 Wie wird man Siddha - HYP 56-58: Nachweis des eingebetteten Yoga-Vidya-Vortrags.
Redaktioneller Stand: 26. September 2026. Sprachlich überarbeitete deutsche Übersetzung und eigene Erläuterungen. Historische Unsicherheiten, schwierige Lesarten und weiterführende Deutungen sind im Text ausgewiesen.