Tolkappiyam
Tolkappiyam (Tamil: தொல்காப்பியம், Tolkāppiyam) ist das älteste erhaltene Werk der tamilischen Sprache und Literatur. Es ist eine Grammatik, doch weit mehr als ein Regelwerk: Neben Lautlehre und Wortlehre beschreibt es in seinem dritten Buch die Welt der Dichtung, die Landschaften der Liebe und des Handelns, die menschlichen Gefühle und die Stufen des Bewusstseins aller Lebewesen. Die Überlieferung schreibt das Werk dem Weisen Tolkappiyar zu, der als Schüler des Agastya gilt.
Für die tamilische Kultur hat das Tolkappiyam eine ähnliche Bedeutung wie die Grammatik des Panini für das Sanskrit. Es bildet das Fundament, auf dem die klassische Sangam-Dichtung verstanden wird, und prägt bis heute die tamilische Sprachwissenschaft. Wer die großen tamilischen Heiligen und Dichter wie Tiruvalluvar, Tirumular oder Arunagirinathar tiefer verstehen möchte, findet im Tolkappiyam die Wurzeln ihrer Sprache und ihrer poetischen Bilderwelt.
Für den Yoga-Übenden ist das Werk in mehrfacher Hinsicht anregend: Es betrachtet die Sprache als geordneten Klang, beschreibt die Gefühle des Menschen in einer Weise, die an die indische Lehre der Rasas erinnert, und ordnet alle Lebewesen nach der Zahl ihrer Sinne, bis hin zum Menschen, dem der Geist als sechster Sinn gegeben ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Tolkappiyam |
| Tamil | தொல்காப்பியம் |
| Transliteration | Tolkāppiyam |
| Verfasser | Tolkappiyar (தொல்காப்பியர்), der Überlieferung nach Schüler Agastyas |
| Entstehungszeit | Stark umstritten; Datierungen reichen von den letzten Jahrhunderten v. Chr. bis in die ersten Jahrhunderte n. Chr.; der Text ist vermutlich in mehreren Schichten gewachsen |
| Gattung | Grammatik und Poetik in Merksätzen (Nurpa, Sutras) |
| Umfang | Drei Bücher (Atikaram) mit je neun Kapiteln (Iyal), insgesamt rund 1.600 Merksätze |
| Bedeutung | Ältestes erhaltenes Werk der tamilischen Literatur; Grundlage der tamilischen Grammatik und Poetik |
Name und Verfasser
Der Titel bedeutet sinngemäß „das Werk des Tolkappiyar“. Das Wort tol bedeutet „alt, ehrwürdig“; Kappiyam wird unterschiedlich gedeutet, unter anderem als Hinweis auf eine Familie oder Schule, der der Verfasser angehörte.
Über Tolkappiyar selbst ist historisch wenig bekannt. Die tamilische Tradition sieht in ihm einen der zwölf Schüler des Weisen Agathiyar (Agastya), der nach der Legende die tamilische Sprache und Grammatik begründete. Eine spätere Überlieferung nennt ihn Tiranadhumagni und verbindet ihn mit der Familie des Weisen Jamadagni. Diese Verbindungen gehören zur ehrwürdigen Legende und sind nicht historisch gesichert.
Die Vorrede (Cirappuppayiram) des Dichters Panamparanar berichtet, das Werk sei am Hof des Pandya-Königs Nilantaru Tiruvil Pandiyan vorgetragen und von dem gelehrten Atankottu Asan geprüft worden. Dieselbe Vorrede beschreibt das Land, dessen Sprache das Werk behandelt: das tamilische Gebiet zwischen dem Berg Venkatam (Tirupati) im Norden und Kumari (Kanyakumari) im Süden. Sie rühmt Tolkappiyar außerdem als Kenner der „Aindra“-Grammatik, einer alten, Indra zugeschriebenen Grammatiktradition, was auf die Verbindung zur Sanskrit-Gelehrsamkeit hinweist.
Aufbau des Werkes
Das Tolkappiyam gliedert sich in drei Bücher (Atikaram), die jeweils neun Kapitel (Iyal) umfassen. Es ist in knappen, einprägsamen Merksätzen (Nurpa) verfasst, ähnlich den Sutras der Sanskrit-Tradition.
| Buch | Inhalt |
|---|---|
| Eluttatikaram (எழுத்ததிகாரம்) – Buch der Laute und Buchstaben | Lautlehre: die Laute der tamilischen Sprache, ihre Einteilung in Vokale und Konsonanten, ihre Bildung im Mund, ihre Dauer und ihre Verbindungen (Punarcci, entsprechend dem Sandhi im Sanskrit). |
| Collatikaram (சொல்லதிகாரம்) – Buch der Wörter | Wortlehre und Satzlehre: Nomen, Verben, Partikeln, Fälle, Geschlecht und Zahl, die Einteilung der Wesen in „mit Verstand begabte“ und „nicht mit Verstand begabte“ (Uyartinai und Aqrinai). |
| Porulatikaram (பொருளதிகாரம்) – Buch des Inhalts | Poetik: die Themen der Dichtung, die Landschaften der Liebe (Akam) und des äußeren Lebens (Puram), die Gefühle, Gleichnisse, Versmaße und die überlieferten Bezeichnungen der Lebewesen. |
Gerade das dritte Buch macht das Tolkappiyam einzigartig unter den Grammatiken der Welt. Es behandelt nicht nur, wie gesprochen wird, sondern auch, worüber gesprochen und gedichtet wird: über Liebe und Trennung, Tapferkeit und Freigebigkeit, Freude und Schmerz.
Der erste Merksatz
Das Werk beginnt mit der Bestimmung der Buchstaben:
எழுத்தெனப் படுப
அகரம் முதல்
னகர இறுவாய்
முப்பஃது என்ப
Eḻutteṉap paṭupa / akaram mutal / ṉakara iṟuvāy / muppaḥtu eṉpa.
Was man Buchstaben nennt, sind, so sagt man, dreißig: beginnend mit „a“ und endend mit „ṉ“.
Eigene Übersetzung. Wie in vielen indischen Überlieferungen steht der Laut „a“ am Anfang aller Sprache.
Akam und Puram: Die Welt der Dichtung
Das Porulatikaram teilt die Themen der Dichtung in zwei große Bereiche:
- Akam (அகம், „das Innere“): die Liebe in ihren verschiedenen Phasen, die inneren Erfahrungen des Herzens. Die Personen der Akam-Dichtung bleiben meist namenlos, denn es geht um allgemein menschliche Erfahrungen.
- Puram (புறம், „das Äußere“): das öffentliche Leben, Krieg und Tapferkeit, Ruhm, Freigebigkeit, Ethik und die Vergänglichkeit.
Die fünf Landschaften (Tinai)
Besonders bekannt ist die Lehre von den Landschaften (Tinai). Jede Landschaft ist mit einer Phase der Liebe, einer Tageszeit, Pflanzen, Tieren und einer Gottheit verbunden. So wird die äußere Natur zum Spiegel innerer Zustände.
| Landschaft | Naturraum | Phase der Liebe | Gottheit nach dem Tolkappiyam |
|---|---|---|---|
| Kurinji | Berge | Vereinigung der Liebenden | Ceyon, der „Rote“, also Murugan |
| Mullai | Wald und Weideland | Geduldiges Warten | Mayon, der „Dunkle“, also Vishnu bzw. Krishna |
| Marutam | Fruchtbares Flussland | Verstimmung, Eifersucht | Ventan, der König, also Indra |
| Neytal | Meeresküste | Sehnsucht und Klage | Varunan, also Varuna |
| Palai | Ödland, Wüste | Trennung, Aufbruch | Keine eigene Landschaft; entsteht, wenn andere Landschaften verdorren |
Neben diesen fünf „ausgewogenen“ Formen der Liebe kennt das Tolkappiyam zwei weitere: die einseitige Liebe (Kaikkilai) und die unangemessene, maßlose Liebe (Peruntinai).

Die Zuordnung der Gottheiten zeigt, wie früh die Verehrung Murugans und Vishnus im tamilischen Land verwurzelt war. Für die spätere Bhakti-Dichtung wurde die Landschaftssymbolik des Tolkappiyam zu einer reichen Quelle: Die Sehnsucht der Liebenden wurde zum Bild der Sehnsucht der Seele nach Gott.
Die acht Gefühle (Meyppatu)
Im Kapitel Meyppattiyal beschreibt das Tolkappiyam acht grundlegende Gefühlsausdrücke (Meyppatu, wörtlich „das, was sich am Körper zeigt“):
- Lachen (Nakai)
- Weinen, Mitleid (Alukai)
- Geringschätzung (Ilivaral)
- Staunen (Marutkai)
- Furcht (Accam)
- Stolz, Heldenmut (Perumitam)
- Zorn (Vekuli)
- Freude (Uvakai)
Diese Einteilung zeigt eine bemerkenswerte Nähe zu den acht Rasas im Natya Shastra des Bharata, dem klassischen Sanskrit-Werk über Schauspiel und Ästhetik. Beide Werke betrachten Gefühle nicht als zufällige Stimmungen, sondern als geordnete Grundformen menschlichen Erlebens, die sich im Körper ausdrücken und in der Kunst gestaltet werden können.
Die sechs Stufen des Bewusstseins
Einer der bekanntesten Abschnitte des Tolkappiyam steht im Kapitel Marapiyal. Er ordnet alle Lebewesen nach der Zahl ihrer Sinne:
ஒன்று அறிவதுவே உற்று அறிவதுவே
இரண்டு அறிவதுவே அதனொடு நாவே
மூன்று அறிவதுவே அவற்றொடு மூக்கே
நான்கு அறிவதுவே அவற்றொடு கண்ணே
ஐந்து அறிவதுவே அவற்றொடு செவியே
ஆறு அறிவதுவே அவற்றொடு மனனே
நேரிதின் உணர்ந்தோர் நெறிப்படுத் தினரே
Das Wesen mit einem Sinn erkennt durch Berührung.
Das Wesen mit zwei Sinnen hat dazu die Zunge.
Das Wesen mit drei Sinnen hat dazu die Nase.
Das Wesen mit vier Sinnen hat dazu das Auge.
Das Wesen mit fünf Sinnen hat dazu das Ohr.
Das Wesen mit sechs Sinnen hat dazu den Geist.
So haben es die Weisen, die klar erkannten, geordnet.
Eigene, freie Übersetzung nach der verbreiteten Textgestalt.
Das Tolkappiyam nennt auch Beispiele: Gras und Bäume haben nur den Tastsinn; Muscheln und Schnecken zusätzlich den Geschmack; Ameisen den Geruch; Krabben und Bienen das Sehen; Vögel und Säugetiere das Hören. Der Mensch hat als sechsten Sinn den Geist (Manam).
Diese Lehre erinnert an das indische Verständnis des Geistes (Manas) als eines inneren Sinnesorgans, das die Eindrücke der fünf äußeren Sinne (Indriyas) verbindet. Im Yoga wird genau dieses innere Organ zum Gegenstand der Übung: Der Mensch kann seine Sinne nach innen wenden (Pratyahara) und den Geist sammeln. Die Einsicht des alten Grammatikers, dass den Menschen die Fähigkeit zur Reflexion auszeichnet, ist zugleich eine Einladung, diese Fähigkeit bewusst zu nutzen.
Kommentare und Wirkung
Das Tolkappiyam ist in seiner Knappheit oft schwer verständlich. Deshalb entstand im Mittelalter eine reiche Kommentartradition. Die wichtigsten Kommentatoren sind:
- Ilampuranar: Verfasser des ältesten erhaltenen Kommentars zum ganzen Werk, meist ins 11. oder 12. Jahrhundert datiert.
- Senavaraiyar: Kommentar zum Collatikaram.
- Peraciriyar: Kommentar zu Teilen des Porulatikaram.
- Naccinarkkiniyar: umfangreicher Kommentar zu weiten Teilen des Werkes, einer der einflussreichsten Ausleger.
- Teyvaccilaiyar und Kallatanar: weitere Kommentare zum Collatikaram.
Die Kommentare sind selbst bedeutende Werke der tamilischen Gelehrsamkeit, denn sie zitieren zahlreiche Verse der Sangam-Dichtung und bewahren dadurch manches, was sonst verloren wäre.
Spätere tamilische Grammatiken wie das Nannul (13. Jahrhundert) bauen auf dem Tolkappiyam auf. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Werk durch gedruckte Ausgaben neu erschlossen und gilt heute als ein Grundpfeiler der tamilischen Identität und des Klassischen Tamil.
Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten und Werken
Agathiyar (Agastya) gilt als Lehrer Tolkappiyars und als Urvater der tamilischen Grammatik. Die klassische Sangam-Dichtung wird im Licht der Poetik des Tolkappiyam gelesen. Tiruvalluvar mit dem Tirukkural steht in derselben frühen literarischen Welt; seine Dreiteilung in Dharma, Artha und Kama berührt die Themen von Puram und Akam. Die spätere Bhakti-Dichtung der Nayanars und Alvars greift die Landschaftssymbolik auf und überträgt die Sehnsucht der Liebenden auf die Sehnsucht nach Gott. Auch Heilige wie Tirumular, Manikkavacakar, Arunagirinathar und Ramalinga Swamigal schrieben in einer Sprache, deren Ordnung das Tolkappiyam zuerst beschrieben hat.
Anregungen für Yoga und Meditation
Das Tolkappiyam kann auch heute zur inneren Praxis anregen:
- Bewusstsein für Klang und Sprache: Wie der erste Merksatz mit dem Laut „a“ beginnt, beginnen viele Mantras mit dem Urklang Om. Achte in der Meditation einmal darauf, wie Laute im Mund entstehen, und wiederhole ein Mantra langsam und bewusst.
- Die Natur als Spiegel des Inneren: Die Lehre von den fünf Landschaften lädt ein, zu beobachten, wie äußere Umgebung und innere Stimmung zusammenhängen. Ein Spaziergang im Wald, am Wasser oder in den Bergen kann bewusst als Übung der Achtsamkeit erlebt werden.
- Gefühle erkennen: Die acht Gefühlsausdrücke laden dazu ein, eigene Emotionen wahrzunehmen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Welche Grundstimmung zeigt sich heute in dir?
- Den sechsten Sinn nutzen: Wenn der Geist das Besondere des Menschen ist, dann ist es eine schöne Aufgabe, ihn zu schulen: durch Yoga, Meditation, Selbstreflexion und das Studium inspirierender Schriften.

Sprache als Ordnung des Lebens
Das Tolkappiyam zeigt, dass eine Grammatik mehr sein kann als ein Regelwerk. Sie kann eine ganze Weltsicht enthalten: die Ordnung der Laute, die Ordnung der Wörter und die Ordnung des Lebens selbst, mit seinen Landschaften, Gefühlen und Stufen des Bewusstseins. Wer mit Achtsamkeit spricht und liest, kann in der Sprache einen Weg zur Klarheit des Geistes finden.
Siehe auch
- Tamil
- Agathiyar
- Tiruvalluvar
- Tirukkural
- Tirumular
- Arunagirinathar
- Ramalinga Swamigal
- Manikkavacakar
- Murugan
- Rasa
- Natya Shastra
- Panini
- Manas
- Indriya
- Sutra
Quellen und Weblinks
- Project Madurai: Tolkappiyam, tamilischer Volltext.
- Project Madurai: Tolkappiyam, Eluttatikaram mit dem Kommentar des Naccinarkkiniyar (Teil 1).
- Kamil V. Zvelebil: The Smile of Murugan. On Tamil Literature of South India, Leiden 1973.
- Kamil V. Zvelebil: Tamil Literature, Leiden 1975.
- A. K. Ramanujan: The Interior Landscape. Love Poems from a Classical Tamil Anthology, Bloomington 1967 (zur Landschaftssymbolik der Akam-Dichtung).
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