Iraiyanar Akapporul
Iraiyanar Akapporul (Tamil: இறையனார் அகப்பொருள், Iṟaiyaṉār Akapporuḷ), auch Iraiyanar Agapporul, Iraiyanar Kalaviyal oder Kaḷaviyal eṉṟa Iṟaiyaṉār Akapporuḷ, ist ein kurzer, bedeutender Lehrtext über die innere Welt der tamilischen Liebesdichtung. Seine 60 Sutras beschreiben Begegnung und gegenseitige Zuneigung, heimliche Liebe, die Vermittlung durch eine Freundin, Eheschließung, Trennung und Versöhnung. Die Tradition schreibt das Werk Iraiyanar, dem „Herrn“, und damit Shiva als Gott von Madurai zu.

Ein Blick kann Hoffnung wecken. Ein versäumtes Treffen kann eine Nacht endlos werden lassen. Ein verständnisvolles Wort kann zwei Menschen wieder zueinanderführen. Diesen leisen, oft unausgesprochenen Bewegungen des Herzens widmet sich das Iraiyanar Akapporul. Es erschließt eine Dichtung, in der Berge und Meeresküsten, Wege und Wohnhäuser zu Orten menschlicher Sehnsucht werden.
Wer tamilische Liebesgedichte liest, findet hier einen Zugang zu ihrer besonderen Sprache. Wer Yoga und Meditation übt, kann sich von ihrer genauen Wahrnehmung anregen lassen: Wie erkenne ich, was einen anderen bewegt? Wie wächst aus Zuneigung Vertrauen? Und wie kann ein Wort Nähe schaffen? So lädt dieses kleine Werk dazu ein, der Liebe mit größerer Achtsamkeit zu begegnen.
Der folgende Artikel enthält den vollständigen Grundtext mit allen 60 Sutras: jeweils in tamilischer Schrift, wissenschaftlicher Umschrift und deutscher Übersetzung. Kurze Erläuterungen helfen beim Verständnis der poetischen Fachsprache. Der wesentlich umfangreichere Nakkirar-Kommentar wird eingeordnet, ist aber nicht Bestandteil dieser vollständigen Ausgabe des Grundtextes.[1]
Iraiyanar Akapporul: Name, Autor und Überlieferung
Akam bedeutet „innen“, „das Innere“ und bezeichnet in der klassischen tamilischen Poetik vor allem den vertraulichen Bereich der Liebe. Poruḷ heißt unter anderem „Gegenstand“, „Bedeutung“ oder „Inhalt“. Akapporuḷ ist somit die Lehre von den Gegenständen der inneren Liebesdichtung. Kaḷaviyal bezeichnet die Lehre von der heimlichen Liebe, die im ersten Teil des Werkes behandelt wird.
Die einzelnen Lehrverse heißen nūṟpā; wegen ihres verdichteten, regelhaften Charakters werden sie auch als Sutras bezeichnet. Der Titel lässt sich sinngemäß wiedergeben als „Iraiyanars Lehre von der Liebesdichtung“. Das Werk ist ein tamilischer Text der Poetik. Seine Zuschreibung an Shiva verleiht ihm in der Tradition zugleich religiöse Würde.
Shiva in Madurai und die Entstehungslegende
Die dem Kommentar vorangestellte Erzählung berichtet von einer schweren Hungersnot im Land der Pandya-Könige. Die Gelehrten mussten fortziehen. Als wieder Regen fiel und sie zurückgerufen wurden, fehlten Kenner der Lehre vom dichterischen Sinn. Der König erkannte: Die Beherrschung von Buchstaben und Wörtern allein genügt nicht, wenn ihr bedeutungsvoller Gebrauch verloren geht.
Daraufhin soll Shiva als Herr von Alavay, dem Heiligtum von Madurai, die sechzig Sutras auf drei Kupferblätter geschrieben und unter dem Tempelsockel hinterlegt haben. Ein Tempeldiener fand sie. Als die Gelehrten um ihre richtige Auslegung rangen, wurde ein nichtsprechender Knabe namens Uruttiracanman als Richter herangezogen. Seine Tränen und seine körperliche Ergriffenheit bestätigten der Erzählung zufolge die Erklärung Nakkirars. Die Überlieferung erkennt in dem Knaben eine Erscheinungsform Murugans.[2]
In dieser religiösen Überlieferung wird die Bewahrung der tamilischen Dichtung zu einem Geschenk göttlicher Gnade. Besonders berührend ist die Rolle des Kindes: Seine Ergriffenheit bezeugt, dass die Worte ihn erreicht haben. Als heutige Betrachtung lässt sich darin eine Einladung erkennen, Wissen und Empfindsamkeit gemeinsam zu pflegen. Wer einen Text verstehen möchte, darf sorgfältig denken und sich zugleich von ihm berühren lassen.
Datierung und der Kommentar des Nakkirar
Historisch bleibt seine Autorschaft ungesichert. Der Grundtext wird häufig in das 5.–6. Jahrhundert n. Chr. eingeordnet; der berühmte, Nakkirar zugeschriebene Kommentar gehört einer späteren Überlieferungsschicht an, die oft um das 8. Jahrhundert angesetzt wird.[3]
Der traditionell Nakkirar beziehungsweise Nakkīraṉār zugeschriebene Kommentar entfaltet die kurzen Regeln durch Fragen, Antworten und Gedichtbeispiele. Er ist für die tamilische Kommentartradition und für die Entwicklung zusammenhängender Liebesgedichtfolgen von großer Bedeutung. Grundtext und Kommentar müssen bei der Datierung getrennt betrachtet werden; auch die Identität des Kommentators mit anderen unter dem Namen Nakkirar überlieferten Dichtern ist nicht sicher.[3]
In der Kommentareinleitung steht die berühmte Erzählung von den drei tamilischen Dichterakademien, den Caṅkam oder Sangams. Außerdem bewahrt der Kommentar zahlreiche Verse des Pāṇṭikkōvai. Die lange Traditionsgeschichte macht das Iraiyanar Akapporul zu mehr als einem Regelverzeichnis: Es steht an einem wichtigen Übergang zwischen älterer tamilischer Dichtung und ihrer mittelalterlichen Auslegung.[2]
Die Welt der tamilischen Liebesdichtung
Fünf Landschaften des Herzens
Die Akam-Dichtung verknüpft typische Liebessituationen mit fünf Landschaftsformen, den tiṇai. Wer diese Zuordnungen kennt, entdeckt in der beschriebenen Natur zugleich die Gefühlswelt der Liebenden. Die Übersicht erschließt den Hintergrund des ersten Sutras.
| Landschaft | Tamil und Umschrift | Typische Liebessituation |
|---|---|---|
| Bergland | குறிஞ்சி – kuṟiñci | Begegnung und Vereinigung |
| Wald- und Weideland | முல்லை – mullai | Geduldiges Warten und Vertrauen auf die Rückkehr |
| Acker- und Flussland | மருதம் – marutam | Spannungen, Vorwürfe und Liebeszwist |
| Meeresküste | நெய்தல் – neytal | Sehnsucht, Klage und Ungewissheit |
| Trockenes, unwirtliches Land | பாலை – pālai | Trennung, Reise und Gefahren des Weges |
Die äußere Welt gibt dem inneren Erleben eine Gestalt. In einer Meeresküste kann die Unruhe des Wartens mitschwingen, in einem beschwerlichen Weg der Schmerz der Trennung. Besonders anschaulich lässt sich diese Verbindung in den Sammlungen Kuruntokai, Ainkurunuru, Natrinai und Akananuru entdecken. Die Landschaft hilft den Gedichten, Gefühle spürbar zu machen, die sich einer unmittelbaren Erklärung entziehen.
Heimliche und eheliche Liebe
Kaḷavu ist die noch nicht öffentlich anerkannte Liebesverbindung. Das Wort kann außerhalb dieser Fachsprache „Diebstahl“ bedeuten; hier geht es um die verborgene Begegnung der Liebenden. Kaṟpu bezeichnet im Zusammenhang dieses Werkes die anerkannte eheliche Liebesgemeinschaft und ihre Ordnung. Eine ausschließliche Wiedergabe als „Keuschheit“ würde viele Sutras unverständlich machen.
Die Freundin, tōḻi, nimmt eine Schlüsselstellung ein. Sie erkennt die Liebe, prüft Absichten, vermittelt Begegnungen, schützt die Geliebte und begleitet den Übergang zur öffentlichen Verbindung. Auch die Vertrauten und Angehörigen haben eigene Rollen. Wer spricht, wer zuhört und wer nur heimlich mithört, ist für den Sinn eines Gedichts entscheidend.
Die Sutras beschreiben eine historisch geprägte und dichterisch geordnete Welt. Gesellschaftliche Rangstufen, Geschlechterrollen und Fristen werden deshalb in ihrem literarischen Zusammenhang erklärt. Der Reichtum des Werkes liegt besonders in seiner Aufmerksamkeit für Gefühle, Beziehungen und das Ungesagte.
Vollständiger Text: Tamil, Umschrift und deutsche Übersetzung
Die Grundgliederung lautet: Sutras 1–33: heimliche Liebe; Sutras 34–60: eheliche Liebe und abschließende Regeln der Poetik. Die Zwischenüberschriften dieser Ausgabe dienen der Orientierung. Die deutsche Fassung ist eine eigenständige, erklärende Übersetzung des tamilischen Grundtextes. Wo die äußerst knappe Syntax mehrere Lesarten zulässt, benennt die Erläuterung diese Schwierigkeit.
Die Umschrift bildet die tamilischen Buchstaben ab, nicht jede Einzelheit der gesprochenen Aussprache. Ā, ī, ū, ē, ō kennzeichnen lange Vokale; ṭ, ṇ, ḷ, ḻ, ṟ, ṉ unterscheiden für das Tamil wichtige Laute. In der Vorlage eingeklammerte Wortbestandteile sind zur leichteren Lektüre ausgeschrieben. Vier berichtigte Schreibstellen werden im Quellenabschnitt dokumentiert.
Heimliche Liebe: Begegnung und Vermittlung (Sutras 1–15)
Am Anfang stehen zwei Menschen, die einander begegnen und zueinander hingezogen sind. Die ersten Sutras entfalten, wie aus dieser Begegnung weitere Nähe entsteht und welche wichtige Rolle dabei die Freundin spielt.
Sutra 1
அன்பின் ஐந்திணைக் களவெனப் படுவது
அந்தணர் அருமறை மன்றல் எட்டனுள்
கந்தருவ வழக்கம் என்மனார் புலவர்
aṉpiṉ aintiṇaik kaḷaveṉap paṭuvatu
antaṇar arumaṟai maṉṟal eṭṭaṉuḷ
kantaruva vaḻakkam eṉmaṉār pulavar
Was in den fünf Landschaftsformen der Liebe ‚heimliche Liebe‘ genannt wird, entspricht unter den acht Eheformen der kostbaren heiligen Überlieferung der Brahmanen der Gandharva-Verbindung: So erklären es die Dichtergelehrten.
Erläuterung: Kaḷavu bezeichnet hier die noch nicht öffentlich anerkannte Liebesverbindung. Der Vergleich mit der Gandharva-Ehe hebt die gegenseitige Zuneigung hervor. Aintiṇai, die fünf Landschaftsformen, ist ein Grundbegriff tamilischer Poetik.
Sutra 2
அதுவே
தானே அவளே தமியர் காணக்
காமப் புணர்ச்சி இருவயின் ஒத்தல்
atuvē
tāṉē avaḷē tamiyar kāṇak
kāmap puṇarcci iruvayiṉ ottal
Sie besteht darin, dass er und sie einander allein begegnen und im Verlangen nach liebender Vereinigung übereinstimmen.
Erläuterung: Der Vers nennt ausdrücklich das Verlangen beider Menschen. Die Begegnung lebt von einer Zuneigung, die sie miteinander teilen. Kāmam bezeichnet hier die sinnliche und seelische Liebe zwischen den Liebenden.
Sutra 3
ஆங்ஙணம் புணர்ந்த கிழவோன் தன்வயின்
பாங்க னோரின் குறிதலைப்பு எய்தலும்
பாங்கிலன் தமியோள் இடம்தலைப் படலும்என்று
ஆங்குஅவ் இரண்டே தலைப்பெயல் மரபே
āṅṅaṇam puṇarnta kiḻavōṉ taṉvayiṉ
pāṅka ṉōriṉ kuṟitalaippu eytalum
pāṅkilaṉ tamiyōḷ iṭamtalaip paṭalumeṉṟu
āṅkuav iraṇṭē talaippeyal marapē
Hat der Liebende sich auf diese Weise mit ihr vereinigt, gibt es für das erneute Zusammentreffen zwei überlieferte Wege: Mit Hilfe seines Freundes gelangt er zum vereinbarten Treffpunkt; oder er begegnet ihr, ohne einen solchen Vermittler, allein an ihrem Aufenthaltsort.
Erläuterung: Kiḻavōṉ bedeutet in dieser Fachsprache der Liebende beziehungsweise männliche Protagonist; kiḻatti oder kiḻavōḷ bezeichnet die Geliebte. Diese Rollenwörter meinen hier keine alten Menschen.
Sutra 4
அவ்இயல்பு அல்லது கூட்டக் கூடல்
எவ்விடத்து ஆயினும் களவிற்கு இல்லை
aviyalpu allatu kūṭṭak kūṭal
evviṭattu āyiṉum kaḷaviṟku illai
Ein durch Vermittlung herbeigeführtes Zusammensein außerhalb dieser Ordnung gehört, wo immer es geschieht, nicht zur heimlichen Liebe.
Sutra 5
புணர்ந்த பின்றை ஆங்ஙணம் ஒழுகாது
பணிந்த மொழியால் தோழி தேஎத்து
இரந்துகுறை உறுதலும் கிழவோன் மேற்றே
puṇarnta piṉṟai āṅṅaṇam oḻukātu
paṇinta moḻiyāl tōḻi tēettu
irantukuṟai uṟutalum kiḻavōṉ mēṟṟē
Nach der ersten Vereinigung kann der Liebende auch anders vorgehen: Mit demütigen Worten wendet er sich bittend an die Freundin und trägt ihr sein Anliegen vor.
Sutra 6
இரந்துகுறை உறாது கிழவியும் தோழியும்
ஒருங்கு தலைப்புஎய்த செவ்வி நோக்கிப்
பதியும் பெயரும் பிறவும் வினாஅய்ப்
புதுவோன் போலப் பொருந்துபு கிளந்து
மதிஉடம் படுத்தற்கும் உரியன் என்ப
irantukuṟai uṟātu kiḻaviyum tōḻiyum
oruṅku talaippueyta cevvi nōkkip
patiyum peyarum piṟavum viṉāayp
putuvōṉ pōlap poruntupu kiḷantu
matiuṭam paṭuttaṟkum uriyaṉ eṉpa
Ohne seine Bitte unmittelbar auszusprechen, kann er auch einen günstigen Augenblick abwarten, in dem die Geliebte und ihre Freundin beisammen sind. Er fragt nach ihrem Wohnort, ihren Namen und anderem, spricht wie ein Fremder auf passende Weise mit ihnen und gewinnt so das Einverständnis der Freundin.
Sutra 7
முன்உற உணர்தல் குறைஉற உணர்தல்
இருவரும் உள்வழி அவன்வரவு உணர்த்தலென்று
அம்மூன்று என்ப தோழிக்கு உணர்ச்சி
muṉuṟa uṇartal kuṟaiuṟa uṇartal
iruvarum uḷvaḻi avaṉvaravu uṇarttaleṉṟu
ammūṉṟu eṉpa tōḻikku uṇarcci
Die Freundin erkennt die Liebe auf drei Arten: indem sie die frühere Vereinigung erschließt, indem sie sein vorgetragenes Anliegen versteht und indem sie sein Kommen deutet, während beide Frauen beisammen sind.
Erläuterung: Gemeint sind drei Wege, auf denen die Freundin eine bereits bestehende Beziehung erkennt. Die Vorlage hat uṇarttal (erkennen lassen); die Vergleichsüberlieferung bietet uṇartal (erkennen). Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang der drei Erkenntnisweisen.
Sutra 8
ஆங்குணர்ந்து அல்லது கிழவோள் தேஎத்துத்
தான்குறை உறுதல் தோழிக்கு இல்லை
āṅkuṇarntu allatu kiḻavōḷ tēettut
tāṉkuṟai uṟutal tōḻikku illai
Bevor sie auf diese Weise erkannt hat, worum es geht, trägt die Freundin der Geliebten nicht von sich aus sein Anliegen vor.
Sutra 9
முன்உற உணரினும் அவன்குறை உற்ற
பின்னர் அல்லது கிளவி தோன்றாது
muṉuṟa uṇariṉum avaṉkuṟai uṟṟa
piṉṉar allatu kiḷavi tōṉṟātu
Selbst wenn sie die frühere Vereinigung bereits erkannt hat, spricht die Freundin erst, nachdem er seine Bitte vorgetragen hat.
Sutra 10
உள்ளத்து உணர்ச்சி தெள்ளிதின் கரந்து
கிழவோள் தேஎத்துக் குறைஉறூஉம் உளவே
குறிப்பறி உறூவும் காலை ஆன
uḷḷattu uṇarcci teḷḷitiṉ karantu
kiḻavōḷ tēettuk kuṟaiuṟūum uḷavē
kuṟippaṟi uṟūvum kālai āṉa
Es gibt auch Fälle, in denen die Freundin das in ihrem Inneren Erkannte sorgfältig verbirgt und der Geliebten das Anliegen vorträgt, um deren unausgesprochene Absicht zu erfahren.
Sutra 11
தன்னுள் குறிப்பினை அருகும் தோழிக்கு
முன்னுறு புணர்ச்சியின் அருகலும் உண்டே
taṉṉuḷ kuṟippiṉai arukum tōḻikku
muṉṉuṟu puṇarcciyiṉ arukalum uṇṭē
Gegenüber der Freundin, die ihre innere Absicht erkennen lässt, kann auch die frühere Vereinigung zur Sprache kommen.
Erläuterung: Die Aussage knüpft an das behutsame Gespräch zwischen der Geliebten und ihrer Freundin an.
Sutra 12
குறைஉறும் கிழவனை உணர்ந்த தோழி
சிறைஉறக் கிளந்து சேண்பட நிறுத்தலும்
என்னை மறைத்தல் எவனா கியர்என
முன்உறு புணர்ச்சி முறைமுறை செப்பலும்
மாயப் புணர்ச்சி அவனொடு நகாஅ
நீயே சென்று கூறுஎன விடுத்தலும்
அறியாள் போறலும் குறியாள் கூறலும்
படைத்துமொழி கிளவியும் குறிப்புவேறு கொளலும்
அன்ன பிறவும் தலைப்பெயல் வேட்கை
முன்உறு புணர்ச்சிக்கு உரிய என்ப
kuṟaiuṟum kiḻavaṉai uṇarnta tōḻi
ciṟaiuṟak kiḷantu cēṇpaṭa niṟuttalum
eṉṉai maṟaittal evaṉā kiyareṉa
muṉuṟu puṇarcci muṟaimuṟai ceppalum
māyap puṇarcci avaṉoṭu nakāa
nīyē ceṉṟu kūṟueṉa viṭuttalum
aṟiyāḷ pōṟalum kuṟiyāḷ kūṟalum
paṭaittumoḻi kiḷaviyum kuṟippuvēṟu koḷalum
aṉṉa piṟavum talaippeyal vēṭkai
muṉuṟu puṇarccikku uriya eṉpa
Hat die Freundin den bittenden Liebenden erkannt, kann sie ihn mit abweisenden Worten auf Abstand halten; sie kann die frühere Vereinigung immer wieder ansprechen und fragen: ‚Warum solltet ihr sie vor mir verbergen?‘; sie kann mit ihm über die verborgene Vereinigung scherzen und ihn mit den Worten fortschicken: ‚Geh du selbst und sage es ihr!‘; sie kann sich unwissend stellen, ohne offenes Eingehen auf seine Absicht antworten, erfundene Gründe vorbringen oder seine Andeutung anders auffassen. Diese und ähnliche Verhaltensweisen gehören zum Wunsch nach einem Wiedersehen im Anschluss an die erste Vereinigung.
Erläuterung: Die Freundin erhält eine eigene Stimme. Sie hört zu, fragt nach und fordert den Werbenden heraus. Ihr Zögern und Prüfen können als Schutz der Geliebten und als Erprobung seiner Verlässlichkeit verstanden werden. Die einzelnen Redehandlungen sind stark verkürzt bezeichnet; ihre genaue Zuordnung zu Gesprächsszenen verlangt den Kommentar.
Sutra 13
குறைஉறு புணர்ச்சி தோழி தேஎத்துக்
கிழவிக்கு இல்லை தலைப் பெயல் ஆன
kuṟaiuṟu puṇarcci tōḻi tēettuk
kiḻavikku illai talaip peyal āṉa
Wenn es um ein Zusammentreffen geht, kommt es der Geliebten nicht zu, die Freundin selbst um die Vermittlung der Vereinigung zu bitten.
Sutra 14
தோழிக்கு உரியவை கோள்தாய் தேஎத்து
மாறுகோள் இல்லா மொழியுமார் உளவே
tōḻikku uriyavai kōḷtāy tēettu
māṟukōḷ illā moḻiyumār uḷavē
Es gibt auch Äußerungen, die der Freundin gegenüber der betreuenden Mutter zukommen und deren Verständnis keinen Widerspruch aufkommen lässt.
Erläuterung: Kōḷtāy wird hier als betreuende Mutter beziehungsweise Amme verstanden. Der Lehrsatz betrifft das Weitergeben von Wissen über die Beziehung innerhalb der weiblichen Vertrauenspersonen.
Sutra 15
முன்படப் புணராத சொல்இன் மையின்
கற்பெனப் படுவது களவின் வழித்தே
muṉpaṭap puṇarāta coliṉ maiyiṉ
kaṟpeṉap paṭuvatu kaḷaviṉ vaḻittē
Weil hier keine Rede von Liebenden ist, die sich nicht zuvor vereinigt haben, folgt das sogenannte eheliche Liebesleben auf die heimliche Liebe.
Erläuterung: Dies ist eine Regel für die hier entworfene Folge von Liebesszenen. Sie behauptet nicht, jede reale Ehe beginne notwendig mit einer heimlichen Verbindung.
Treffpunkte, Offenbarwerden und Heiratswunsch (Sutras 16–33)
Mit der wachsenden Sehnsucht treten auch Hindernisse hervor: Bewachung, missverstandene Zeichen, die Sorge um den Weg des Geliebten und die Erwartungen der Familie. In diesen Szenen nimmt der Wunsch nach einer anerkannten, verlässlichen Verbindung Gestalt an.
Sutra 16
களவினுள் தவிர்ச்சி காப்புமிகின் உரித்தே
வரைவிடை வைத்த காலை ஆன
kaḷaviṉuḷ tavircci kāppumikiṉ urittē
varaiviṭai vaitta kālai āṉa
In der heimlichen Liebe ist ein Aussetzen der Begegnungen angebracht, wenn die Bewachung streng wird oder wenn für die Hochzeit eine Zwischenfrist vereinbart worden ist.
Sutra 17
அல்லகுறிப் படுதலும் அவ்வயின் உரித்தே
அவன்வரவு அறியும் குறிப்பினன் ஆனா
allakuṟip paṭutalum avvayiṉ urittē
avaṉvaravu aṟiyum kuṟippiṉaṉ āṉā
Auch das Verfehlen oder Verwechseln eines Zeichens gehört hierher, wenn ein Zeichen seine Ankunft erkennen lassen soll.
Erläuterung: Allakuṟi ist ein verfehltes beziehungsweise irrtümlich gedeutetes Zeichen: Etwas kann etwa für das vereinbarte Ankunftssignal gehalten werden, obwohl der Liebende noch nicht gekommen ist.
Sutra 18
குறிஎனப் படுவது இரவினும் பகலினும்
அறியக் கிளந்த இடம் என மொழிப
kuṟieṉap paṭuvatu iraviṉum pakaliṉum
aṟiyak kiḷanta iṭam eṉa moḻipa
Als ‚Treffpunkt‘ bezeichnet man den Ort, den beide für eine Begegnung bei Nacht oder bei Tag ausdrücklich vereinbart haben.
Sutra 19
இரவுக் குறியே இல்வரை இகவாது
iravuk kuṟiyē ilvarai ikavātu
Der nächtliche Treffpunkt überschreitet die Grenze des häuslichen Bereichs nicht.
Erläuterung: Der Text unterscheidet den Bereich des Hauses und seiner unmittelbaren Umgebung vom eigentlichen Wohninneren. So lassen sich Sutra 19 und 21 zusammen lesen.
Sutra 20
பகற்குறி தானே இகப்பினும் வரையார்
pakaṟkuṟi tāṉē ikappiṉum varaiyār
Der Treffpunkt am Tage darf auch jenseits dieser Grenze liegen.
Sutra 21
இரவுமனை இகந்த குறிஇடத்து அல்லது
கிழவோன் சேர்தல் கிழத்திக்கு இல்லை
iravumaṉai ikanta kuṟiiṭattu allatu
kiḻavōṉ cērtal kiḻattikku illai
Bei Nacht gibt es für die Geliebte kein Zusammentreffen mit dem Liebenden außer an einem Treffpunkt außerhalb des Wohnhauses.
Sutra 22
அம்பலும் அலரும் களவு
ampalum alarum kaḷavu
Heimliche Liebe gibt sich in Andeutungen und offenem Gerede kund.
Erläuterung: Ampal ist das zunächst andeutende Bekanntwerden, alar das ausgesprochene Gerede über das Paar. Der kurze Satz meint deshalb mehr als bloß das Vorhandensein eines Geheimnisses.
Sutra 23
வெளிப்பட்ட பின்றையும் உரிய கிளவி
veḷippaṭṭa piṉṟaiyum uriya kiḷavi
Auch nachdem sie offenbar geworden ist, bleiben die entsprechenden Äußerungen möglich.
Sutra 24
களவு வெளிப்படா முன்உறு வரைதல்
களவு வெளிப்பட்ட பின்றை வரைதல் என்று
ஆய்இரண்டு என்ப வரைதல் ஆறே
kaḷavu veḷippaṭā muṉuṟu varaital
kaḷavu veḷippaṭṭa piṉṟai varaital eṉṟu
āyiraṇṭu eṉpa varaital āṟē
Zwei Wege der Eheschließung werden unterschieden: die Heirat, bevor die heimliche Liebe bekannt wird, und die Heirat, nachdem sie bekannt geworden ist.
Sutra 25
பட்ட பின்றை வரையாக் கிழவன்
நெட்டிடைக் கழிந்து பொருள்வயின் பிரிதலும்
பொருள்வயின் பிரியாது ஒருவழி தணத்தலும்
புரைவது என்ப கற்பால் ஆன
paṭṭa piṉṟai varaiyāk kiḻavaṉ
neṭṭiṭaik kaḻintu poruḷvayiṉ piritalum
poruḷvayiṉ piriyātu oruvaḻi taṇattalum
puraivatu eṉpa kaṟpāl āṉa
Ist die Liebe bekannt geworden, kann der noch unverheiratete Liebende sich für längere Zeit zum Erwerb von Besitz entfernen oder, ohne deswegen fortzugehen, sich eine Zeitlang zurückhalten. Dies gilt als angemessen, sofern es auf das eheliche Leben ausgerichtet ist.
Erläuterung: Die Ausrichtung auf kaṟpu, die anerkannte eheliche Verbindung, ist entscheidend. Die vorübergehende Entfernung wird als Vorbereitung dieser Verbindung verstanden, nicht als gedankenloses Verlassen der Geliebten.
Sutra 26
வெளிப்படை தானே விரிக்கும் காலைத்
தந்தை தாயே தன்னையர் என்று ஆங்கு
அன்னவர் அறியப் பண்புஆ கும்மே
veḷippaṭai tāṉē virikkum kālait
tantai tāyē taṉṉaiyar eṉṟu āṅku
aṉṉavar aṟiyap paṇpuā kummē
Wenn man genauer erklärt, was ‚Offenbarwerden‘ bedeutet, so heißt es: Vater, Mutter und Brüder erfahren von der Verbindung.
Sutra 27
அவருள்
தாய்அறி உறுதலின் ஏனோரும் அறிப
avaruḷ
tāyaṟi uṟutaliṉ ēṉōrum aṟipa
Hat die Mutter davon erfahren, erhalten durch sie auch die übrigen Kenntnis.
Sutra 28
தந்தை தன்னயர் ஆய்இரு வீற்றும்
முன்னம் அல்லது கூற்று அவண் இல்லை
tantai taṉṉayar āyiru vīṟṟum
muṉṉam allatu kūṟṟu avaṇ illai
Vor dem Vater und den Brüdern gibt es darüber keine ausdrückliche Rede, sondern nur ein Verstehen aus Andeutungen.
Sutra 29
காப்புக் கைமிக்குக் காமம் பெருகினும்
நொதுமலர் வரையும் பருவம் ஆயினும்
வரைஎதிர் கொள்ளாது தமர்அவண் மறுப்பினும்
அவன்ஊறு அஞ்சும் காலம் ஆயினும்
அந்நால் இடத்தும் மெய்ந்நாண் ஒரீஇ
அறத்தொடு நிற்றல் தோழிக்கும் உரித்தே
kāppuk kaimikkuk kāmam perukiṉum
notumalar varaiyum paruvam āyiṉum
varaietir koḷḷātu tamaravaṇ maṟuppiṉum
avaṉūṟu añcum kālam āyiṉum
annāl iṭattum meynnāṇ orīi
aṟattoṭu niṟṟal tōḻikkum urittē
Wenn die Bewachung übermäßig streng wird und das Liebesverlangen wächst; wenn die Zeit gekommen ist, dass ein fremder Bewerber um sie wirbt; wenn die Angehörigen die vorgeschlagene Heirat ablehnen; oder wenn Anlass besteht, um sein Wohlergehen zu fürchten: In diesen vier Fällen darf auch die Freundin die natürliche Scheu überwinden und für das Rechte einstehen.
Erläuterung: Aṟattoṭu niṟṟal, das Einstehen für das Rechte, ist ein Fachausdruck für das verantwortliche Offenlegen der Liebe, damit eine angemessene Verbindung möglich wird. Aṟam lässt sich hier mit dem rechten Verhalten vergleichen, bleibt aber ein tamilischer Begriff mit eigenem Bedeutungsfeld.
Sutra 30
காமம் மிக்க கழிபடர் கிளவியும்
காப்புச் சிறைமிக்க கையறு கிளவியும்
ஆறுபார்த்து உற்ற அச்சக் கிளவியும்
இரவினும் பகலினும் நீவருக என்றலும்
கிழவோன் தன்னை வாரல் என்றலும்
தன்னுள் கையாறு எய்திடு கிளவியும்
அன்ன மரபின் பிறவும் தொகைஇத்
தன்னை அழிந்த கிளவி எல்லாம்
வரைதல் வேட்கைப் பொருள என்ப
kāmam mikka kaḻipaṭar kiḷaviyum
kāppuc ciṟaimikka kaiyaṟu kiḷaviyum
āṟupārttu uṟṟa accak kiḷaviyum
iraviṉum pakaliṉum nīvaruka eṉṟalum
kiḻavōṉ taṉṉai vāral eṉṟalum
taṉṉuḷ kaiyāṟu eytiṭu kiḷaviyum
aṉṉa marapiṉ piṟavum tokaiit
taṉṉai aḻinta kiḷavi ellām
varaital vēṭkaip poruḷa eṉpa
Worte großer Verzweiflung aus übermächtiger Sehnsucht; hilflose Klagen wegen strenger Bewachung; angstvolle Worte beim Gedanken an seinen Weg; die Bitte: ‚Komm bei Nacht und bei Tag!‘; ebenso die Aufforderung an den Liebenden: ‚Komm nicht!‘; Äußerungen innerer Ratlosigkeit und weitere Worte dieser Art: All diese Reden, in denen die Liebende ihre Fassung verliert, zielen auf den Wunsch nach der Eheschließung.
Sutra 31
ஆறுஇன் னாமையும் ஊறும் அச்சமும்
தன்னை அழிதலும் கிழவோர்க்கு இல்லை
āṟuiṉ ṉāmaiyum ūṟum accamum
taṉṉai aḻitalum kiḻavōrkku illai
Die Beschwerlichkeit des Weges, Gefahr, Furcht und der Verlust der eigenen Fassung kommen dem Liebenden nicht zu.
Erläuterung: Die Dichtung zeichnet hier das Ideal des entschlossenen Liebenden, der sich von Schwierigkeiten nicht entmutigen lässt. Im Zusammenhang des Werkes hebt dies seine Bereitschaft hervor, den Weg zur Geliebten auf sich zu nehmen.
Sutra 32
களவினுள் தவிர்ச்சி வரைவின் நீட்டம்
திங்கள் இரண்டின் அகம்என மொழிப
kaḷaviṉuḷ tavircci varaiviṉ nīṭṭam
tiṅkaḷ iraṇṭiṉ akameṉa moḻipa
Das Aussetzen der heimlichen Begegnungen und der Aufschub der Heirat sollen, so heißt es, innerhalb von zwei Monaten bleiben.
Erläuterung: Die Zweimonatsfrist gehört zur poetischen Regelwelt dieses Werkes. Sie ist keine allgemeine Vorgabe für heutige Partnerschaften.
Sutra 33
களவினுள் தவிர்தல் கிழவோர்கு இல்லை
kaḷaviṉuḷ tavirtal kiḻavōrku illai
Während der heimlichen Liebe kommt es dem Liebenden nicht zu, sich der Verbindung zu entziehen.
Eheliche Liebe, Trennung und Versöhnung (Sutras 34–55)
Auch in der Ehe kennt die Dichtung Entfernung, Verletzung und das Bedürfnis nach Versöhnung. Die folgenden Regeln beschreiben solche Situationen innerhalb ihrer historischen Gesellschaftsordnung. Zu ihren eindrücklichen Gestalten gehören die Menschen, die den Liebenden beistehen und Trost vermitteln.

Sutra 34
கற்பினுள் துறவே கடிவரை இன்றே
kaṟpiṉuḷ tuṟavē kaṭivarai iṉṟē
Im ehelichen Liebesleben ist ein Fortgehen nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Erläuterung: Tuṟavu bedeutet hier Trennung beziehungsweise Fortgehen innerhalb der Ehe. Im Zusammenhang mit Sutra 35 wäre eine ausschließliche Übersetzung als Mönchsentsagung irreführend.
Sutra 35
ஓதல் காவல் பகைதணி வினையே
வேந்தர்க்கு உற்றுழி பொருள்பிணி பரத்தைஎன்று
ஆங்க ஆறே அவ்வயின் பிரிவே
ōtal kāval pakaitaṇi viṉaiyē
vēntarkku uṟṟuḻi poruḷpiṇi parattaieṉṟu
āṅka āṟē avvayiṉ pirivē
Lernen, Schutzaufgaben, das Beilegen von Feindschaft, Hilfe für den König in einer Notlage, der Erwerb von Besitz und die Verbindung mit einer anderen Geliebten: Diese sechs gelten hier als Gründe der Trennung.
Sutra 36
அவற்றுள்
ஓதலும் காவலும் உயர்ந்தோர்க்கு உரிய
avaṟṟuḷ
ōtalum kāvalum uyarntōrkku uriya
Von ihnen kommen das Lernen und die Schutzaufgaben den gesellschaftlich Höhergestellten zu.
Erläuterung: Die gesellschaftlichen Rangbegriffe der folgenden Sutras spiegeln die historische Ordnung des Textes. Sie werden als Bestandteil seiner Poetik wiedergegeben, nicht als Werturteil über Menschen.
Sutra 37
வேந்துவினை இயற்கை பார்ப்பார்க்கும் உரித்தே
vēntuviṉai iyaṟkai pārppārkkum urittē
Auch Brahmanen können Aufgaben im Dienst eines Herrschers übernehmen.
Sutra 38
அரசர் அல்லா ஏனை யோர்க்கும்
புரைவது என்ப ஓரிடத்து ஆன
aracar allā ēṉai yōrkkum
puraivatu eṉpa ōriṭattu āṉa
Unter entsprechenden Umständen, so heißt es, ist dies auch anderen als Königen angemessen.
Sutra 39
வேந்தர்க்கு உற்றுழிப் பொருள்பிணிப் பிரிவென்று
ஆங்கு அவ்இரண்டும் இழிந்தோர்க்கு உரிய
vēntarkku uṟṟuḻip poruḷpiṇip piriveṉṟu
āṅku aviraṇṭum iḻintōrkku uriya
Die Trennung, um einem König in seiner Notlage beizustehen, und die Trennung zum Erwerb von Besitz: Diese beiden kommen den gesellschaftlich niedriger Gestellten zu.
Erläuterung: Iḻintōr heißt wörtlich die niedriger Gestellten. Die Übersetzung benennt die soziale Hierarchie, ohne ihre Wertung zu übernehmen.
Sutra 40
காதல் பரத்தை எல்லார்க்கும் உரித்தே
kātal parattai ellārkkum urittē
Die Verbindung mit einer anderen Geliebten kommt bei Männern aller gesellschaftlichen Gruppen vor.
Erläuterung: Parattai bezeichnet die andere Geliebte beziehungsweise Kurtisane außerhalb der Ehe. Der Lehrsatz ordnet ein Motiv der Liebesdichtung gesellschaftlichen Rollen zu; er ist keine zeitlose Empfehlung ehelicher Untreue.
Sutra 41
பிரிவின் நீட்டம் நிலம்பெயர்ந்து உறைவோர்க்கு
உரியது அன்றே யாண்டுவரை யறுத்தல்
piriviṉ nīṭṭam nilampeyarntu uṟaivōrkku
uriyatu aṉṟē yāṇṭuvarai yaṟuttal
Für Menschen, die fern ihrer Heimat verweilen, ist es nicht angemessen, die Dauer ihrer Trennung in Jahren festzulegen.
Erläuterung: Die Verneinung lässt sich unterschiedlich beziehen. Eine ebenfalls überlieferte Auslegung begrenzt die Trennung auf ein Jahr. Die hier gewählte Lesart lehnt dagegen eine starre Jahresfrist ab.
Sutra 42
பரத்தையின் பிரிவே நிலத்திரிபு இன்றே
parattaiyiṉ pirivē nilattiripu iṉṟē
Die Trennung wegen einer anderen Geliebten ist nicht mit einem Wechsel des Landes verbunden.
Sutra 43
பரத்தையின் பிரிந்த கிழவோன் மனைவி
பூப்பின் புறப்பாடு ஈர்அறு நாளும்
நீத்து அகன்று உறைதல் அறத்தாறு அன்றே
parattaiyiṉ pirinta kiḻavōṉ maṉaivi
pūppiṉ puṟappāṭu īraṟu nāḷum
nīttu akaṉṟu uṟaital aṟattāṟu aṉṟē
Hat sich der Liebende wegen einer anderen Frau entfernt, so ist es nicht der rechte Weg, während der zwölf Tage nach der Menstruation seiner Ehefrau fernzubleiben.
Erläuterung: Die zwölf Tage gehören zur historischen Vorstellung ehelicher und zeugungsbezogener Pflichten. Der Vers wird hier als kulturgeschichtliche Aussage übersetzt.
Sutra 44
கற்பினுள் பிரிந்தோன் பரத்தையின் மறுத்தந்து
அறப்பொருள் படுப்பினும் வரைநிலை இன்றே
kaṟpiṉuḷ pirintōṉ parattaiyiṉ maṟuttantu
aṟapporuḷ paṭuppiṉum varainilai iṉṟē
Wenn der während der Ehe fortgegangene Mann von der anderen Geliebten zurückkehrt und sich wieder dem rechten Verhalten zuwendet, steht dem kein Verbot entgegen.
Erläuterung: Der knappe Schlussausdruck wird hier auf die Zulässigkeit der Rückkehr zum rechten Verhalten bezogen. Eine heutige Betrachtung kann daran die Hoffnung knüpfen, nach einer Verletzung Verantwortung zu übernehmen und wieder aufeinander zuzugehen.
Sutra 45
புகழும் கொடுமையும் கிழவோன் மேன
pukaḻum koṭumaiyum kiḻavōṉ mēṉa
Sowohl rühmliches Verhalten als auch Härte werden dem Liebenden zugeschrieben.
Sutra 46
கொடுமை இல்லை கிழவி மேற்றே
koṭumai illai kiḻavi mēṟṟē
Der Geliebten wird keine solche Härte zugeschrieben.
Erläuterung: Die Gegenüberstellung mit Sutra 45 gehört zur idealisierten Charakterzeichnung der Liebesdichtung. Sie ist keine allgemeine psychologische Aussage über Frauen und Männer.
Sutra 47
கிழவோன் முன்னர்க் கிழத்திதன் புகழ்தல்
புலவிக் காலத்துப் புரைவது அன்றே
kiḻavōṉ muṉṉark kiḻattitaṉ pukaḻtal
pulavik kālattup puraivatu aṉṟē
Auch während eines Liebeszwists ist es für die Geliebte nicht angemessen, sich vor dem Liebenden selbst zu rühmen.
Sutra 48
நாடும் ஊரும் இல்லும் சுட்டித்
தன்வயின் கிளப்பின் புலவிப் பொருட்டே
nāṭum ūrum illum cuṭṭit
taṉvayiṉ kiḷappiṉ pulavip poruṭṭē
Wenn sie mit Bezug auf sich selbst ihr Land, ihren Heimatort und ihr Haus nennt, dient dies dem Ausdruck ihres Liebeszwists.
Sutra 49
அவன்வயின் கிளப்பின் வரைவின் பொருட்டே
avaṉvayiṉ kiḷappiṉ varaiviṉ poruṭṭē
Bezieht sie diese Angaben auf ihn, dienen sie dem Anliegen der Eheschließung.
Erläuterung: Varaivu bezeichnet hier nach der gewählten Lesart die Eheschließung; derselbe Wortstamm kann andernorts eine Grenze oder Beschränkung bezeichnen. Die Wiederaufnahme eines Heiratsmotivs zeigt, dass die Sutras nicht überall eine streng lineare Handlung erzählen.
Sutra 50
உணர்ப்புவயின் வாரா ஊடல் தோன்றின்
புலத்தல் தானே கிழவர்க்கும் வரையார்
uṇarppuvayiṉ vārā ūṭal tōṉṟiṉ
pulattal tāṉē kiḻavarkkum varaiyār
Wenn ein Schmollen entsteht, das sich durch versöhnendes Zureden nicht lösen lässt, wird auch dem Liebenden nicht verwehrt, seinerseits gekränkt zu sein.
Sutra 51
நிலம்பெயர்ந்து உறையும் நிலைஇயல் மருங்கின்
களவுறை கிளவி தோன்றுவது ஆயின்
திணைநிலைப் பெயர்க்கோள் கிழவர்க்கும் வரையார்
nilampeyarntu uṟaiyum nilaiiyal maruṅkiṉ
kaḷavuṟai kiḷavi tōṉṟuvatu āyiṉ
tiṇainilaip peyarkkōḷ kiḻavarkkum varaiyār
Wenn bei einem Aufenthalt fern der Heimat eine Redeweise der heimlichen Liebe auftritt, wird auch dem Liebenden nicht verwehrt, eine zur betreffenden Landschafts- und Lebensform gehörige Bezeichnung anzunehmen.
Erläuterung: Die Stelle verbindet Ortswechsel, eine der heimlichen Liebe zugehörige Rede und tiṇai-gebundene Benennung. Die Übersetzung bleibt nahe an diesen Begriffen; welche konkrete Rollen- oder Situationsverschiebung gemeint ist, wird erst durch eine ausführliche Kommentarauslegung bestimmt.
Sutra 52
நிலம்பெயர்ந்து உறையும் எல்லாப் பிரிவும்
ஒழிந்தார் அறியவும் அறியா மையும்
கழிந்துசேண் படூஉம் இயற்கைய என்ப
nilampeyarntu uṟaiyum ellāp pirivum
oḻintār aṟiyavum aṟiyā maiyum
kaḻintucēṇ paṭūum iyaṟkaiya eṉpa
Alle Trennungen, bei denen jemand sein Land verlässt und anderswo verweilt, können mit oder ohne Wissen der Zurückbleibenden erfolgen und in weite Ferne führen.
Sutra 53
எல்லா வாயிலும் கிழவோன் பிரிவயின்
பல்ஆற் றானும் வன்புறை குறித்தன்று
ellā vāyilum kiḻavōṉ pirivayiṉ
palāṟ ṟāṉum vaṉpuṟai kuṟittaṉṟu
Bei der Trennung vom Liebenden haben alle vermittelnden Personen die Aufgabe, die Geliebte auf vielerlei Weise zu bestärken und zu trösten.
Erläuterung: Vāyil, wörtlich Zugang oder Tor, meint hier Personen, die zwischen den Liebenden vermitteln. Vaṉpuṟai bezeichnet bestärkendes, beruhigendes Zureden. In dieser kleinen Regel erhält menschlicher Beistand einen festen Platz: Die Wartende soll mit ihrem Schmerz nicht allein bleiben.
Sutra 54
வன்புறை குறித்த வாயில் எல்லாம்
அன்புதலைப் பிரிந்த கிளவித் தோன்றின்
சிறைப்புறம் குறித்தன்று என்மனார் புலவர்
vaṉpuṟai kuṟitta vāyil ellām
aṉputalaip pirinta kiḷavit tōṉṟiṉ
ciṟaippuṟam kuṟittaṉṟu eṉmaṉār pulavar
Wenn solche zum Trösten bestimmten Vermittler Worte äußern, die von liebevoller Zuwendung abweichen, sind diese, so erklären die Dichtergelehrten, für den Liebenden bestimmt, der sie aus dem Verborgenen mithört.
Erläuterung: Ciṟaippuṟam bezeichnet hier das verdeckte Mithören. Ein scheinbar an die Freundin gerichteter Vorwurf kann in Wahrheit den Liebenden erreichen sollen.
Sutra 55
சிறைப்புறம் குறியா தோன்றலும் உளவே
அவன்புணர்வு அறியும் குறிப்பின் ஆன
ciṟaippuṟam kuṟiyā tōṉṟalum uḷavē
avaṉpuṇarvu aṟiyum kuṟippiṉ āṉa
Solche Worte können auch auftreten, ohne für einen verborgenen Zuhörer bestimmt zu sein, sofern ihr Sinn erkennen lässt, dass die Vereinigung mit ihm bevorsteht.
Die Kunst des Verstehens und der Vorrang der Liebe (Sutras 56–60)
Zum Schluss wendet sich das Werk dem aufmerksamen Lesen zu. Es fragt nach den Stimmen im Gedicht, nach ihren Gefühlen und nach dem, was zwischen den Worten liegt. Der letzte Sutra führt diese Kunst des Verstehens zur inneren Größe der Liebe zurück.
Sutra 56
திணையே கைகோள் கூற்றே கேட்போர்
இடனே காலம் எச்சம் மெய்ப்பாடு
பயனே கோளென்று ஆங்குஅப் பத்தே
அகன்ஐந் திணையும் உரைத்தல் ஆறே
tiṇaiyē kaikōḷ kūṟṟē kēṭpōr
iṭaṉē kālam eccam meyppāṭu
payaṉē kōḷeṉṟu āṅkuap pattē
akaṉain tiṇaiyum uraittal āṟē
Landschafts- und Liebestyp, Beziehungsphase, Sprecher, Zuhörer, Ort, Zeit, das zu Ergänzende, sichtbarer Gefühlsausdruck, Wirkung und Bedeutungsführung: Diese zehn Gesichtspunkte dienen dazu, die fünf Formen der inneren Liebesdichtung auszulegen.
Erläuterung: Tiṇai ist die Landschafts- und Gefühlsordnung; kaikōḷ die Beziehungsphase, insbesondere kaḷavu oder kaṟpu; kūṟṟu die Rede beziehungsweise Sprecherrolle; kēṭpōr die Zuhörenden; iṭaṉ der Ort; kālam die Zeit; eccam das zu ergänzende Ungesagte; meyppāṭu der sichtbare Gefühlsausdruck; payaṉ die beabsichtigte Wirkung und kōḷ die Erfassung beziehungsweise Führung des Sinnes.
Sutra 57
அவற்றுள்
எச்சமும் கோளும் இன்மையும் உரிய
avaṟṟuḷ
eccamum kōḷum iṉmaiyum uriya
Von diesen können das zu Ergänzende und eine besondere Bedeutungsführung auch fehlen.
Sutra 58
சொல்லே குறிப்பே ஆய்இரண்டு எச்சம்
collē kuṟippē āyiraṇṭu eccam
Das zu Ergänzende ist zweierlei: eine sprachliche Ergänzung und eine aus der Andeutung erschlossene Ergänzung.
Erläuterung: Bei col-eccam ist etwas sprachlich ausgelassen; bei kuṟippu-eccam ergibt sich das Ungesagte aus dem Zusammenhang. So wird verständlich, warum ein kurzes Liebesgedicht viel mehr aussagen kann, als es ausdrücklich nennt.
Sutra 59
முன்படக் கிளந்த பொருள்படைக்கு எல்லாம்
எச்சம் ஆகி வரும்வழி அறிந்து
கிளந்த அல்ல வேறுபல தோன்றினும்
கிளந்துஅவற்று இயலான் உணர்ந்தனர் கொளலே
muṉpaṭak kiḷanta poruḷpaṭaikku ellām
eccam āki varumvaḻi aṟintu
kiḷanta alla vēṟupala tōṉṟiṉum
kiḷantuavaṟṟu iyalāṉ uṇarntaṉar koḷalē
Man erkenne, wie sich das Ergänzende zu allen zuvor erläuterten Gegenständen verhält. Auch wenn viele weitere, hier nicht eigens genannte Fälle auftreten, soll man sie aus der Beschaffenheit der bereits erklärten Fälle verstehen.
Sutra 60
களவு கற்புஎனக் கண்ணிய ஈண்டையோர்
உளம்நிகழ் அன்பின் உயர்ச்சி மேன
kaḷavu kaṟpueṉak kaṇṇiya īṇṭaiyōr
uḷamnikaḻ aṉpiṉ uyarcci mēṉa
Was hier als heimliche Liebe und eheliche Liebe bestimmt wurde, gründet in der Hoheit der Liebe, die sich im Inneren der Menschen ereignet.
Erläuterung: Der Schluss führt die vielen Einzelregeln auf aṉpu, die im Inneren lebendige Liebe, zurück. Von ihr erhalten die Begegnungen, Gespräche und Landschaften ihre Bedeutung. Am Ende steht damit das innere Erleben, dem die ganze Kunst der Dichtung Ausdruck geben möchte.
Schlussvermerk der Textvorlage
இறையனார் களவியல் மூலம் முற்றிற்று
iṟaiyaṉār kaḷaviyal mūlam muṟṟiṟṟu
Hier endet der Grundtext von Iraiyanars Kalaviyal.
Was das Iraiyanar Akapporul erschließt
Das Ungesagte hören
Die Schlussregeln über eccam, das zu Ergänzende, führen mitten in die Kunst des Lesens. Ein Gedicht muss nicht alles ausdrücklich sagen. Wer seinen Zusammenhang versteht, kann aus einer Landschaft, einem Zeitpunkt oder einer kurzen Frage eine ganze Liebessituation erschließen. Das Iraiyanar Akapporul lehrt damit eine Aufmerksamkeit, die über einzelne Wörter hinausreicht.
Für den Alltag lässt sich daraus eine behutsame Anregung gewinnen: Höre einer Bitte so aufmerksam zu, dass auch die darin liegende Sehnsucht Raum bekommt. Ein Mensch, der von einem anstrengenden Tag erzählt, braucht vielleicht zunächst jemanden, der bei ihm bleibt und zuhört. Einfühlsames Verstehen verbindet Mitgefühl mit Demut: Wir dürfen nachfragen und uns überraschen lassen, statt den anderen auf unsere erste Deutung festzulegen.
Liebe braucht Gegenseitigkeit und Verantwortung
Schon Sutra 2 nennt das übereinstimmende Verlangen beider Liebenden. Die weitere Folge der Sutras stellt diese Begegnung in einen Zusammenhang von Verlässlichkeit, Vermittlung und sozialer Anerkennung. So erscheinen Gefühl und Verantwortung als zwei Seiten einer Beziehung.
Besonders die Freundin verkörpert diese Verbindung. Sie ermöglicht Nähe, kann aber auch bremsen, prüfen und die Wahrheit aussprechen. Für heutige Leser kann sie zum Bild hilfreicher Freundschaft werden: Ein guter Freund unterstützt nicht jeden Impuls, sondern hilft, die Folgen des eigenen Handelns zu erkennen.
Der Schlussvers als Schlüssel
Nach den vielen Einzelheiten der Liebesdichtung wirkt der letzte Sutra wie ein stilles Aufatmen. Sein Blick gilt aṉpu, der Liebe im Inneren. Die genau benannten Treffpunkte, die Fragen der Freundin und die Worte des Trostes gehören zu einer gemeinsamen Aufgabe: einer menschlichen Erfahrung gerecht zu werden, die kostbar und verletzlich ist.
Wer die sechzig Sutras gelesen hat, kann deshalb nochmals zu Sutra 60 zurückkehren. Lies ihn langsam. Erinnere dich an einen Augenblick aufrichtiger Zuneigung: an jemanden, der auf dich gewartet hat, an eine verzeihende Geste oder an die Freude eines Wiedersehens. Aus solchen Erfahrungen kann sich ein persönlicher Zugang zur Größe der Liebe öffnen, von der der Schlussvers spricht.

Beziehung zu anderen tamilischen Schriften
Tolkappiyam und die Sangam-Sammlungen
Das Tolkappiyam behandelt im Poruḷatikāram die Gegenstände und Ordnungen der Dichtung. Mit ihm teilt das Iraiyanar Akapporul zentrale Begriffe und zahlreiche Fragestellungen. Während das Tolkappiyam ein viel weiteres Feld umfasst, konzentriert sich das Iraiyanar Akapporul auf die Liebespoetik.[3]
Die Sammlungen des Ettuthokai machen erlebbar, was ein Regeltext nur knapp benennen kann. In Kuruntokai, Ainkurunuru, Natrinai, Akananuru und Kalittokai begegnen Leser Landschaften, Liebende, Freundinnen, Wartende und Vermittler in konkreten poetischen Stimmen. Es lohnt sich, ein einzelnes Gedicht neben Sutra 56 zu legen: Wer spricht? An wen? Zu welcher Zeit? Was bleibt unausgesprochen?
Tirukkural und die Sprache der Liebe
Auch der Liebesteil des Tirukkural behandelt Begegnung, Sehnsucht, Trennung und Liebeszwist. Ein Vergleich zeigt unterschiedliche Aufgaben: Das Iraiyanar Akapporul erläutert die Regeln, nach denen eine Liebesszene gestaltet und verstanden werden kann; der Tirukkural verdichtet die Erfahrung selbst in kurzen Verspaaren. Beide Werke lassen sich mit Gewinn nebeneinander lesen, ohne ihre Formen und Absichten gleichzusetzen.
Tirukkovaiyar und die Bhakti-Dichtung
Besonders fruchtbar ist die Verbindung zum Tirukkovaiyar des Manikkavacakar. Die kōvai-Form reiht Liebesszenen zu einer Folge. Im religiösen Werk kann die Sprache von Begegnung, Sehnsucht und Trennung zugleich die Beziehung zum Göttlichen tragen. Das Iraiyanar Akapporul und sein Kommentar helfen, die literarische Form solcher Szenen zu verstehen.
Auch bei Andal, etwa in Nachiyar Tirumoli, und in der Tiruvaymoli des Nammalvar begegnen wir der Sprache leidenschaftlicher Sehnsucht. Diese religiösen Werke gestalten die vertrauten Ausdrucksformen der Liebesdichtung zu Bhakti: Das Warten auf den Geliebten wird zur Sehnsucht nach Shiva oder Vishnu, die ersehnte Begegnung zur Erfahrung göttlicher Nähe. Im Iraiyanar Akapporul selbst bleiben die Liebenden zunächst menschliche Gestalten. Gerade das Verständnis ihrer Gefühle macht den späteren spirituellen Gebrauch dieser Sprache anschaulich.
Inspiration für Yoga und Meditation
Die folgenden Übungen greifen die Lektüre als heutige Anregung für Yoga und Bhakti Yoga auf. Sie laden ein, Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Hingabe im eigenen Leben zu vertiefen.
- Einen Satz mit ungeteilter Aufmerksamkeit lesen. Wähle etwa Sutra 2, 53 oder 60. Lies die Übersetzung langsam und bleibe anschließend einen Augenblick still. Diese kleine Form von Svadhyaya verbindet Textstudium mit eigener Betrachtung.
- Dem eigenen Herzen freundlich begegnen. Setze dich für einige Minuten still hin und spüre den Atem. Welche Empfindung ist gerade da: Zuneigung, Sehnsucht, Enttäuschung oder Freude? Benenne sie behutsam. Diese kleine Meditation kann dir helfen, dein Erleben anzunehmen und den nächsten Schritt bewusst zu wählen.
- Wie eine gute Freundin zuhören. Erinnere dich an die vermittelnde tōḻi. Frage in einem Gespräch zuerst, was der andere braucht. Manchmal hilft Rat, manchmal ein klares Wort, manchmal stilles Dabeibleiben.
- Verantwortung sichtbar machen. Verbinde eine liebevolle Absicht mit einer konkreten Handlung: eine Zusage halten, aufmerksam antworten, eine Verletzung eingestehen. So erhält Zuneigung eine verlässliche Gestalt.
- Sehnsucht in Hingabe verwandeln. Wenn dir Bhakti vertraut ist, kannst du nach der Lektüre ein Mantra singen oder dich im stillen Gebet deinem Ishta Devata zuwenden. Dies ist eine persönliche spirituelle Weiterführung der Lektüre.
Video: Bhakti als Erfüllung – Sukadev über Naradas Bhakti Sutra 7
In diesem ergänzenden Vortrag erschließt Sukadev die Gottesliebe anhand des siebten Verses von Naradas Bhakti Sutra.
Bedeutung für tamilische Leser in Deutschland
Für tamilische Familien und Kulturinteressierte im deutschsprachigen Raum kann die Verbindung von Originaltext, Umschrift und deutscher Übersetzung eine Brücke zwischen Generationen bilden. Wer Tamil liest, kann die Worte des Originals vortragen. Wer mit der Schrift noch wenig vertraut ist, findet über die Umschrift einen Zugang. Die deutsche Fassung hilft, über die Bedeutung miteinander zu sprechen.
Vielleicht liest ein Elternteil den tamilischen Vers und ein jüngerer Mensch die deutsche Übersetzung. Vielleicht erinnert eine Zeile an eine Geschichte aus der Familie oder an ein vertrautes Lied. In solchen Augenblicken wird literarisches Erbe persönlich: Eine Sprache gibt Erfahrungen weiter, und Menschen teilen miteinander, was sie bewegt.
Ein besonders schöner Einstieg ist die Figur der Freundin. Welche Art von Freundschaft hilft Menschen wirklich? Wann schützt Schweigen, wann braucht es ein offenes Wort? Solche Fragen lassen den alten Text gegenwärtig werden, ohne seine historische Eigenart zu verlieren. Tamilische Literatur erscheint so als lebendiger Erfahrungsraum, in dem Kultur, sprachliche Kunst und menschliche Nähe zusammenfinden.
Abschließende Betrachtung: Die Liebe aufmerksam bewahren
Das Iraiyanar Akapporul schenkt seinen Lesern eine Schule des genauen Hinsehens. Es verweilt bei einem verabredeten Ort, einem zögernden Wort, einer Freundin, die vermittelt. Indem es diesen kleinen Dingen Aufmerksamkeit gibt, lässt es erkennen, wie viel Bedeutung in einer menschlichen Begegnung liegen kann.
Für die eigene spirituelle Praxis lässt sich daraus eine schlichte Einladung mitnehmen: Werde gegenwärtig, wenn dir ein Mensch begegnet. Höre seine Worte. Achte seine Verletzlichkeit. Lass deine Zuneigung in einer verlässlichen Handlung sichtbar werden. Solche Augenblicke können Meditation und Alltag miteinander verbinden.
Die tamilische Dichtung bewahrt Erfahrungen, die auch über große zeitliche Entfernungen verständlich bleiben: die Freude, erwartet zu werden; den Mut, sich anzuvertrauen; die Erleichterung, verstanden zu sein. Wer ihnen im Iraiyanar Akapporul begegnet, kann auch dem eigenen Leben mit wacherem Herzen entgegengehen.
Möge die Lektüre die Freude an der tamilischen Sprache vertiefen. Möge sie das Zuhören verfeinern, Freundschaft stärken und die Bereitschaft nähren, anderen mit Liebe zu begegnen.
Video: Die Liebe zu Gott stärken – Sukadev über Naradas Bhakti Sutra 9
Als ergänzende Betrachtung zu Hingabe und bewusster Ausrichtung:
Textgrundlage und Hinweise zur Ausgabe
Grundlage: Der tamilische Text folgt dem Unicode-E-Text Nr. 301 von Project Madurai. Berücksichtigt sind sämtliche 60 nummerierten Sutras und der abschließende Vermerk zum Ende des Grundtextes. Der auf derselben Quellenseite anschließende Auszug aus dem Nakkirar-Kommentar ist ein eigener Text; er wurde für die Darstellung der Entstehungslegende herangezogen, gehört aber nicht zur hier übersetzten Sutrafolge.
Textgestalt: Die in der Vorlage eingeklammerten Silben wurden ausgeschrieben; überzählige Zwischenräume wurden vereinheitlicht. Die Worttrennung folgt ansonsten weitgehend Project Madurai. Folgende offensichtliche Schreib- beziehungsweise Digitalisierungsfehler wurden anhand der entsprechenden tamilischen Wikisource-Textstellen berichtigt:
| Sutra | Project Madurai | Lesung dieser Ausgabe |
|---|---|---|
| 12 | மு¨றுமுறை | முறைமுறை |
| 19 | இவ்வரை | இல்வரை |
| 52 | நிலம்பொயர்ந்து | நிலம்பெயர்ந்து |
| 56 | வைகோள் | கைகோள் |
Umschrift: Aus dem hier wiedergegebenen tamilischen Text erstellt; lange Vokale, retroflexe Konsonanten, ḻ, ṟ und ṉ sind unterschieden. Sie ist eine schriftnahe wissenschaftliche Transliteration, keine lautgetreue Umschrift einer bestimmten Rezitation.
Übersetzung: Eigenständige deutsche Lesefassung mit getrennten Erläuterungen. Sie gibt die vollständige Sutrafolge wieder, ersetzt aber keine historisch-kritische Edition oder Gesamtübersetzung des Nakkirar-Kommentars. Besonders bei Sutras 11, 12, 41, 44, 47, 49 und 51 ist die gedrängte Fachsprache auslegungsbedürftig. Die Mehrdeutigkeit von Sutra 41 wird unmittelbar beim Vers erläutert. Für die gezielte Prüfung von 11, 41, 44, 47 und 49 wurden die in V. Ramasamys Ausgabe zusammengestellten englischen Lesarten herangezogen; ein vollständiger Vergleich aller Übersetzungen und Handschriften wurde nicht vorgenommen.
Quellen und Literatur
- Project Madurai: Kaḷaviyal / Iṟaiyaṉār Akapporuḷ, E-Text Nr. 301. Tamilischer Grundtext und Auszug aus der Kommentareinleitung; Hauptgrundlage dieser Ausgabe.
- Tamil Wikisource: Kaḷaviyal, Sutras 1–33 und Kaṟpiyal, Sutras 34–60. Zum Vergleich einzelner tamilischer Lesungen.
- V. Ramasamy, Zusammenstellung und Herausgabe: Iraiyanar Akapporul: Text, Transliteration and Translations in English Verse and Prose. Central Institute of Classical Tamil, Chennai 2012. Digitalisat. Für ausgewählte schwierige Stellen konsultiert.
- C. W. Damodaram Pillai, Herausgeber: Iṟaiyaṉārakapporuḷ. The Scottish Press, Chennai 1883. Historische Druckausgabe; verzeichnet beim Central Institute of Classical Tamil.
- S. Bavanandam Pillai, Herausgeber: Iṟaiyaṉārakapporuḷ, Grundtext mit dem Kommentar Nakkirars. Chennai 1916. Weiterführende historische Ausgabe.
- David C. Buck und K. Paramasivam: The Study of Stolen Love: A Translation of Kaḷaviyal eṉṟa Iṟaiyaṉār Akapporuḷ with Commentary by Nakkīraṉār. Scholars Press, 1997. Weiterführende englische Übersetzung des Grundtextes und des Kommentars; nicht Grundlage der deutschen Gesamtübersetzung.
Danksagung und Herkunftsvermerk von Project Madurai
Der historische Grundtext ist gemeinfrei. Für seine elektronische Erschließung gebührt Project Madurai und den Mitwirkenden Dank. Der Herkunfts- und Weitergabevermerk der verwendeten E-Text-Ausgabe wird hier erhalten:
இறையனார் அருளிய "களவியல்"
என்னும் "இறையனார் அகப்பொருள்"
kaLaviyal or akapporul of iRaiyanAr
In tamil script, unicode/utf-8 format
Acknowledgements :
Our sincere thanks to the following persons for their assistance in the preparation of this work.
Etext - Input-Keying, Proof reading, preparation of Web versions in TSCII, Unicode, PDF versions.
N D LogaSundaram & his daughter Ms. Selvanayagi - Chennai
Web Master Dr. K. Kalyanasundaram, Lausanne, Switzerland
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of electronic texts of tamil literary works and to distribute them free on the Internet.
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Einzelnachweise
- ↑ Central Institute of Classical Tamil: Iṟaiyaṉārkaḷaviyal related E-books. Werkbeschreibung, Umfang von 60 Nūṟpās, Gliederung in 33 und 27 Sutras sowie Verzeichnis gedruckter Ausgaben.
- ↑ 2,0 2,1 Project Madurai, E-Text Nr. 301: இறையனார் அருளிய „களவியல்“ என்னும் „இறையனார் அகப்பொருள்“. Vollständiger Grundtext und Auszug aus der Kommentareinleitung; auf der Seite angegebener Revisionsstand: 9. November 2021.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Iraiyanar Akapporul, Überblick zu den voneinander abweichenden Datierungen von Grundtext und Kommentar sowie zur Forschung von Kamil Zvelebil, Takanobu Takahashi und John R. Marr.
Siehe auch
- Tamil
- Tolkappiyam
- Ettuthokai
- Kuruntokai
- Ainkurunuru
- Natrinai
- Akananuru
- Kalittokai
- Tirukkural
- Tirukkovaiyar
- Manikkavacakar
- Andal
- Tiruvaymoli
- Shiva
- Murugan
- Bhakti Yoga
- Liebe
- Meditation
Seminare
Die Beschäftigung mit indischen Schriften kann durch gemeinsame Lektüre, Meditation und Satsang lebendig werden. Die folgenden Angebote von Yoga Vidya eröffnen dafür verschiedene Zugänge und ergänzende Wege der Yogapraxis.
Indische Schriften
- 26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung
Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…- Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
- 01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta
Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…- Vedamurti Dr Olaf Schönert
Bhakti Yoga
- 01.11.2026 - 06.11.2026 Themenwoche: Bhakti Yoga / Mantra Singen mit Shankara
Bhakti-Yoga ist das Yoga der Hingabe und der Liebe. Bhakti bezeichnet dabei die Sehnsucht nach Wahrheit, Erkenntnis, Erfahrung, das Göttliche, wie auch…- Shankara Stefan Maune
- 03.11.2026 - 03.11.2026 Mantra-Konzert mit Gruppe Mudita
Herzöffnung pur
21:10 - 22:00 Uhr- Gruppe Mudita
Kundalini Yoga
- 06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung
Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…- Arjuna Wingen
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- 26.12.2026 - 01.01.2027 Kundalini Yoga Intensiv Praxis - Live Online
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Energiearbeit
- 04.11.2026 - 04.11.2026 Einführung in die Chakratherapie - Online Workshop
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Ein Chakra ist ein feinstoffliches Kraftzentrum des Körpers, welches wichtige Körperfunktionen steuert und bestimmten Organen zug…- Beate Menkarski
- 06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung
Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…- Arjuna Wingen