Iniyavai Narpathu

Aus Yogawiki

Iniyavai Narpathu (Tamil: இனியவை நாற்பது, Iṉiyavai Nāṟpatu) bedeutet „Vierzig erfreuliche Dinge“ oder „Vierzig süße Dinge“. Es ist ein klassisches Lehrgedicht der tamilischen Literatur, verfasst von dem Dichter Pudanchendanar (Bhutan Chendanar), dem Sohn eines Tamillehrers aus Madurai. In vierzig kurzen Versen zählt es auf, was im Leben wahrhaft gut, schön und „süß“ ist: Bildung, gute Gesellschaft, Gewaltlosigkeit, Mut, Liebe zu allen Wesen und die kleinen Freuden des Alltags, etwa die ersten Schritte eines Kindes.

Jeder Vers nennt drei oder vier solcher erfreulichen Dinge und schließt sie mit dem Wort iṉitē, „ist süß“ oder „ist erfreulich“. So entsteht ein Kranz von Lebensfreude und Lebensweisheit. Das Werk gehört zu den „Achtzehn kleineren Werken“ (Patinenkilkanakku), der großen Sammlung ethischer Dichtung, zu der auch das Tirukkural gehört. Sein Gegenstück ist das Inna Narpathu („Vierzig unerfreuliche Dinge“) des Dichters Kapilar.

Für Yoga-Übende ist das Iniyavai Narpathu eine besonders sympathische Schrift. Es lehrt Ethik nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch Freude: Das Gute wird als das eigentlich Schöne und Beglückende gezeigt. Damit steht es der Haltung des positiven Denkens und der Dankbarkeit nahe, die in der Yoga-Praxis gepflegt werden.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Iniyavai Narpathu
Tamil இனியவை நாற்பது
Transliteration Iṉiyavai Nāṟpatu
Bedeutung „Vierzig erfreuliche (süße) Dinge“
Verfasser Pudanchendanar (பூதஞ்சேந்தனார்), Sohn eines Tamillehrers aus Madurai
Entstehungszeit Nachklassische Zeit, etwa zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert n. Chr.
Umfang 40 Verse und ein Gottesanruf
Versmaß Venba
Form Jeder Vers nennt drei oder vier erfreuliche Dinge
Sammlung Patinenkilkanakku („Achtzehn kleinere Werke“)
Gegenstück Inna Narpathu („Vierzig unerfreuliche Dinge“) von Kapilar

Der Verfasser

Die alte Überlieferung nennt den Dichter „Pudanchendanar, Sohn des Tamillehrers von Madurai“. Über sein Leben ist darüber hinaus nichts bekannt. Sein Werk zeigt einen gebildeten, lebensfrohen und ethisch klar denkenden Menschen, der die Kunst der knappen, einprägsamen Aussage beherrschte.

Die erste bekannte gedruckte Ausgabe erschien 1845, herausgegeben von Mugavai Ramanuja Kavirayar. Damit gehört das Werk zu den früh gedruckten Texten der klassischen tamilischen Literatur.

Der Gottesanruf: Brahma, Vishnu und Shiva

Das Werk beginnt mit einem Gottesanruf, der alle drei großen Gottheiten der indischen Tradition ehrt:

கண்மூன்று உடையான்தாள் சேர்தல் கடிதினிதே;
தொல்மாண் துழாய்மாலை யானைத் தொழல் இனிதே;
முந்துறப் பேணி முகநான்கு உடையானைச்
சென்றமர்ந்து ஏத்தல் இனிது.

Kaṇ mūṉṟu uṭaiyāṉ tāḷ cērtal kaṭitiṉitē;
tol māṇ tuḻāy mālaiyāṉait toḻal iṉitē;
muntuṟap pēṇi mukam nāṉku uṭaiyāṉaic
ceṉṟu amarntu ēttal iṉitu.

Zu den Füßen des Dreiäugigen Zuflucht zu nehmen, ist überaus süß;
den zu verehren, der den alten, edlen Tulsi-Kranz trägt, ist süß;
den Vierköpfigen mit Hingabe zu ehren,
hinzugehen und ihn zu preisen, ist süß.

Eigene Übersetzung.[1]

Der „Dreiäugige“ ist Shiva, der mit dem Tulsi-Kranz ist Vishnu, der „Vierköpfige“ ist Brahma. Dass der Dichter alle drei Gottheiten gleichermaßen ehrt, zeigt eine offene, verbindende Frömmigkeit, die über die Grenzen einzelner Richtungen hinausgeht. Schon der Beginn des Werkes folgt seinem Grundmuster: Selbst die Gottesverehrung wird als etwas „Süßes“ beschrieben.

Beispiele

Lernen, auch wenn man betteln muss

பிச்சை புக்கு ஆயினும் கற்றல் மிக இனிதே;
நல் சபையில் கைக்கொடுத்தல் சாலவும் முன் இனிதே;
முத்து ஏர் முறுவலார் சொல் இனிது; ஆங்கு இனிதே,
தெற்றவும் மேலாயார்ச் சேர்வு.

Piccai pukku āyiṉum kaṟṟal mika iṉitē;
nal capaiyil kaikkoṭuttal cālavum muṉ iṉitē;
muttu ēr muṟuvalār col iṉitu; āṅku iṉitē,
teṟṟavum mēlāyārc cērvu.

Zu lernen, und sei es, dass man dafür betteln muss, ist überaus süß;
in einer edlen Versammlung Beistand zu leisten, ist sehr süß;
die Worte derer, deren Lächeln wie Perlen leuchtet, sind süß;
und ebenso süß ist es, sich ganz den Edlen anzuschließen.

Eigene Übersetzung.

Der Vers stellt die Bildung an die erste Stelle: Sie ist so wertvoll, dass man selbst Armut und Betteln dafür in Kauf nehmen sollte. Hier klingt der indische Gedanke an, dass Wissen der größte Reichtum ist.

Kein Fleisch essen

யானையுடைப் படை காண்டல் மிக இனிதே;
ஊனைத் தின்று ஊனைப் பெருக்காமை முன் இனிதே;
கான் யாற்று அடைகரை ஊர் இனிது; ஆங்கு இனிதே,
மானம் உடையார் மதிப்பு.

Yāṉaiyuṭaip paṭai kāṇṭal mika iṉitē;
ūṉait tiṉṟu ūṉaip perukkāmai muṉ iṉitē;
kāṉ yāṟṟu aṭaikarai ūr iṉitu; āṅku iṉitē,
māṉam uṭaiyār matippu.

Ein Heer mit Elefanten zu sehen, ist überaus süß;
nicht Fleisch zu essen, um das eigene Fleisch zu mehren, ist noch süßer;
ein Dorf am Ufer eines Waldflusses ist süß;
und ebenso süß ist die Achtung, die Menschen mit Würde genießen.

Eigene Übersetzung (Vers 4).

Die zweite Zeile ist ein frühes Zeugnis der vegetarischen Ethik im tamilischen Land: Es ist gut, nicht das Fleisch anderer Lebewesen zu essen, um den eigenen Körper zu nähren. Hier berührt das Werk unmittelbar das Prinzip von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, und die vegetarische Ernährung, die auch im Yoga empfohlen wird.

Die ersten Schritte eines Kindes

குழவி தளர்நடை காண்டல் இனிதே;
அவர் மழலை கேட்டல் அமிழ்தின் இனிதே;
வினையுடையான் வந்தடைந்து வெய்துறும் போழ்து
மனன் அஞ்சான் ஆகல் இனிது.

Kuḻavi taḷar naṭai kāṇṭal iṉitē;
avar maḻalai kēṭṭal amiḻtiṉ iṉitē;
viṉaiyuṭaiyāṉ vantu aṭaintu veytuṟum pōḻtu
maṉaṉ añcāṉ ākal iṉitu.

Die wackeligen ersten Schritte eines Kindes zu sehen, ist süß;
sein Plappern zu hören, ist süßer als Nektar;
und wenn die Frucht der eigenen Taten kommt und Leid bringt,
furchtlos im Herzen zu bleiben, ist süß.

Eigene Übersetzung (Vers 13).

Dieser Vers verbindet zarte Alltagsfreude mit tiefer Lebensweisheit: Neben dem Glück, ein kleines Kind zu erleben, steht die Kraft, Schwierigkeiten, die aus dem eigenen Karma kommen, mit Mut und Gleichmut zu tragen.

Liebe zu allen

தங்கண் அமர்புடையார் தாம்வாழ்தல் முன்னினிதே;
அங்கண் விசும்பின் அகல்நிலாக் காண்பினிதே;
பங்கமில் செய்கையர் ஆகிப் பரிந்துயார்க்கும்
அன்புடைய ராதல் இனிது.

Taṅkaṇ amarpuṭaiyār tām vāḻtal muṉ iṉitē;
aṅkaṇ vicumpiṉ akal nilāk kāṇpu iṉitē;
paṅkam il ceykaiyar ākip parintu yārkkum
aṉpuṭaiyar ātal iṉitu.

Dass die, die uns lieben, gut leben, ist süß;
den weiten Mond am schönen Himmel zu sehen, ist süß;
makellos im Handeln zu sein und voll Mitgefühl
allen Menschen in Liebe zugetan zu sein, ist süß.

Eigene Übersetzung.

Hier gipfelt die Ethik des Werkes in einem Satz, der auch das Ziel des Bhakti Yoga beschreibt: allen Wesen mit Liebe und Mitgefühl zu begegnen.

Symbolbild: Die Freude am Guten öffnet das Herz

Iniyavai Narpathu und Inna Narpathu

Das Iniyavai Narpathu hat ein Gegenstück: das Inna Narpathu („Vierzig unerfreuliche Dinge“) des Dichters Kapilar. Dort wird in jedem Vers aufgezählt, was „bitter“ oder „unerfreulich“ ist, etwa Undankbarkeit, schlechte Gesellschaft oder Grausamkeit. Beide Werke gehören zu den „Achtzehn kleineren Werken“ und ergänzen einander: Das eine lehrt, was man meiden soll, das andere, was man suchen und pflegen soll.

Diese Doppelung erinnert an die Lehre des Yoga, dass spirituelles Wachstum zwei Seiten hat: das Loslassen des Hinderlichen und das Kultivieren des Förderlichen. Patanjali nennt dies im Yogasutra Pratipaksha Bhavana: einem negativen Gedanken das positive Gegenteil entgegenzusetzen.

Die Lehre des Iniyavai Narpathu

Das Gute ist das Schöne

Die wichtigste Einsicht des Werkes ist, dass Tugend nicht als Last, sondern als Freude erfahren werden kann. Lernen, Gewaltlosigkeit, Mut, Freundschaft und Liebe sind nicht bloß Pflichten, sondern Quellen echten Glücks.

Bildung und gute Gesellschaft

Bildung wird hoch geschätzt, ebenso der Umgang mit edlen und weisen Menschen. Beides formt den Charakter und bereichert das Leben.

Gewaltlosigkeit und Selbstbeherrschung

Die Verse über das Nicht-Essen von Fleisch und über das Nicht-Begehren der Frau eines anderen zeigen die ethischen Grundsätze des Werkes. Sie entsprechen den Yamas des Yoga, besonders Ahimsa und Brahmacharya.

Freude im Alltag

Das Werk hat einen besonderen Blick für die kleinen Freuden: das Kind, das zu laufen lernt, den Mond am Himmel, ein Dorf am Fluss. Es lädt ein, im Alltag die Schönheit wahrzunehmen.

Mut in der Not

Zugleich weiß das Werk um die Schwierigkeiten des Lebens. Es lehrt, ihnen furchtlos zu begegnen und in der Not den inneren Frieden zu bewahren.

Bedeutung für den Yoga-Übenden

  • Positives Denken und Dankbarkeit: Das Iniyavai Narpathu ist eine alte Schule der Wertschätzung. Es richtet den Blick auf das Gute und Schöne und stärkt so die positive Grundhaltung, die im Yoga gepflegt wird.
  • Ahimsa und vegetarische Ernährung: Der Vers über das Nicht-Essen von Fleisch verbindet die altindische Ethik mit der Praxis vieler Yoga-Übender heute.
  • Svadhyaya: Die Hochschätzung des Lernens ermutigt zum täglichen Studium inspirierender Schriften.
  • Gleichmut: Der Vers über die Furchtlosigkeit in der Not erinnert an die Lehre der Bhagavad Gita, in Freude und Leid gleichmütig zu bleiben.
  • Liebe zu allen Wesen: Das Ziel, allen in Liebe zugetan zu sein, ist das Herz jeder spirituellen Praxis.

Beziehungen zu anderen Werken

Das Inna Narpathu des Kapilar ist das direkte Gegenstück. Das Tirukkural des Tiruvalluvar ist das bekannteste Werk derselben Sammlung. Die Palamoli Nanuru und die Nanmanikkatikai arbeiten ebenfalls mit einer festen Form und einprägsamen Bildern; die Nanmanikkatikai nennt in jedem Vers vier Gedanken, wie das Iniyavai Narpathu in einigen seiner Verse. Das Tolkappiyam beschreibt die Poetik, in deren Tradition diese Werke stehen.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Deine eigenen vierzig süßen Dinge: Schreibe eine Liste der Dinge, die dein Leben süß machen. Beginne mit drei und ergänze jeden Tag eines, bis du vierzig hast.
  • Dankbarkeitsmeditation: Lass in der Meditation drei erfreuliche Dinge des Tages vor deinem inneren Auge erscheinen und verweile bei jedem einen Moment in Dankbarkeit.
  • Das Gute als Freude: Wähle eine ethische Übung, etwa Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit oder bewusstes Essen, und beobachte, welche Freude sie dir schenkt.
  • Kleine Wunder wahrnehmen: Achte heute bewusst auf eine kleine Schönheit: den Mond, ein Kinderlachen, einen Fluss. Auch in deiner Yogapraxis kannst du am Ende einen Moment der Wertschätzung einplanen.

Die Süße des Guten

Das Iniyavai Narpathu ist ein kleines Buch der Lebensfreude. Es erinnert daran, dass ein gutes Leben nicht freudlos sein muss, sondern dass gerade Lernen, Güte, Mut und Liebe das Leben süß machen. Wer das Gute als das Schöne erkennt, dem fällt es leichter, es zu tun.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

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