Irandam Tiruvantati
Irandam Tiruvantati (Tamil: இரண்டாம் திருவந்தாதி, Iraṇṭām Tiruvantāti), „die zweite heilige Antati“, ist ein Hymnus aus hundert Strophen auf Vishnu in tamilischer Sprache. Er wurde von Bhutam Alvar (auch Bhutattalvar) gedichtet, dem zweiten der drei ersten Alvars, und gehört zum Nalayira Divya Prabandham, der Sammlung der „viertausend göttlichen Hymnen“ des tamilischen Vishnuismus.
Die Irandam Tiruvantati entstand in derselben Nacht wie die Mudhal Tiruvantati und die Munram Tiruvantati: In einer stürmischen Regennacht in Tirukkoilur spürten die drei ersten Alvars in einem engen, dunklen Vorraum die unsichtbare Gegenwart Vishnus. Poigai Alvar entzündete eine Lampe, deren Schale die Erde war. Bhutam Alvar entzündete eine zweite Lampe, deren Schale die Liebe war, und sang die hundert Strophen der Irandam Tiruvantati. Im Licht beider Lampen schaute schließlich Pey Alvar den Herrn.
Der erste Vers der Irandam Tiruvantati ist einer der schönsten der tamilischen Bhakti-Dichtung. Er wendet das Bild der kosmischen Lampe nach innen: Die Liebe ist die Schale, die Sehnsucht das Öl, der vor Freude schmelzende Geist der Docht, und die Flamme ist das Licht der Erkenntnis. So verbindet der Hymnus Bhakti und Jnana, Liebe und Weisheit, zu einem einzigen Licht.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Irandam Tiruvantati |
| Tamil | இரண்டாம் திருவந்தாதி |
| Transliteration | Iraṇṭām Tiruvantāti |
| Bedeutung | „Die zweite heilige Antati“ |
| Verfasser | Bhutam Alvar (பூதத்தாழ்வார்), der zweite der drei ersten Alvars |
| Entstehungszeit | Nach der Forschung meist um das 6. bis 7. Jahrhundert; die Tradition setzt die ersten Alvars in ein viel früheres Weltzeitalter |
| Umfang | 100 Strophen im Versmaß Venba |
| Form | Antati: das Ende jeder Strophe wird zum Anfang der nächsten |
| Gottheit | Vishnu (Narayana) |
| Sammlung | Nalayira Divya Prabandham, viertes Tausend (Iyarpa) |
Bhutam Alvar
Nach der Überlieferung wurde Bhutam Alvar nicht auf gewöhnliche Weise geboren, sondern erschien in einer Blüte in einem Garten in Mamallapuram (tamilisch Tirukkadalmallai), dem berühmten Hafen- und Tempelort südlich des heutigen Chennai. Dort steht noch heute ein Vishnu-Tempel, der mit ihm verbunden wird.
Sein Name Bhutam wird unterschiedlich gedeutet. Er kann „der Seiende“ bedeuten, also jemand, der ganz im Sein, im Wesentlichen, verankert ist; die Tradition versteht ihn auch als „der ganz in Gott Aufgegangene“, der nur noch für Gott existiert.
Mit Poigai Alvar und Pey Alvar bildet Bhutam Alvar die Gruppe der Mudhal Alvargal, der „ersten Alvars“. Die drei stammten aus benachbarten Orten an der Küste von Tondaimandalam, dem Land um Kanchipuram, und werden gemeinsam verehrt.
Die Nacht von Tirukkoilur
Die drei ersten Alvars kannten einander nicht, als sie sich in einer Regennacht in Tirukkoilur trafen. Poigai Alvar hatte in einem winzigen Vorraum Schutz gefunden, gerade groß genug, dass sich einer hinlegen konnte. Als Bhutam Alvar anklopfte, sagte Poigai: „Hier ist Platz für einen zum Liegen und für zwei zum Sitzen.“ Als Pey Alvar kam, fanden alle drei Platz zum Stehen.
In der Dunkelheit spürten sie, dass sie enger zusammengedrängt wurden, als wäre ein Vierter eingetreten. Sie erkannten: Vishnu selbst war in ihre Mitte getreten. Um ihn schauen zu können, entzündeten Poigai und Bhutam Alvar ihre Lampen, und Pey Alvar sah im Licht beider den Herrn.
Die ausführliche Erzählung findet sich im Artikel Mudhal Tiruvantati.
Der erste Vers
அன்பே தகளியா ஆர்வமே நெய்யாக
இன்புருகு சிந்தை இடுதிரியா – நன்புருகி
ஞானச் சுடர்விளக்கு ஏற்றினேன் நாரணற்கு
ஞானத் தமிழ்புரிந்த நான்.
Aṉpē takaḷiyā ārvamē neyyāka
iṉpuruku cintai iṭutiriyā – naṉpuruki
ñāṉac cuṭarviḷakku ēṟṟiṉēṉ nāraṇaṟku
ñāṉat tamiḻpurinta nāṉ.
Die Liebe als Lampenschale, die Sehnsucht als Öl,
den vor Wonne schmelzenden Geist als Docht –
so habe ich, ganz dahinschmelzend, für Narayana
die strahlende Lampe der Erkenntnis entzündet,
ich, der ich die Tamil-Sprache der Weisheit liebe.
Eigene Übersetzung.
Dieser Vers antwortet auf den ersten Vers der Mudhal Tiruvantati. Dort war die Erde die Lampenschale, der Ozean das Öl, die Sonne die Flamme: ein äußeres, kosmisches Licht. Hier wird alles nach innen verlegt. Die Lampe ist aus Liebe gemacht, das Öl ist die glühende Sehnsucht nach Gott, und der Docht ist der Geist selbst, der vor Freude schmilzt. Die Flamme, die aus all dem entsteht, ist Jnana, Erkenntnis.
Bemerkenswert ist, dass Bhutam Alvar die Liebe und die Erkenntnis nicht als Gegensätze sieht. Die Erkenntnis Gottes entsteht aus der Liebe. Und die Sprache, in der er dies ausdrückt, nennt er „Tamil der Weisheit“: Die eigene Muttersprache wird zum Gefäß der höchsten Wahrheit.
Die drei Lampen
Die drei ersten Antatis bilden eine Einheit und werden oft zusammen rezitiert. Ihre Anfangsverse lassen sich als drei Stufen des spirituellen Weges lesen:
| Antati | Dichter | Anfang | Deutung |
|---|---|---|---|
| Mudhal Tiruvantati | Poigai Alvar | „Die Erde als Lampenschale, der Ozean als Öl …“ | Das äußere Licht: Gott in der ganzen Schöpfung erkennen |
| Irandam Tiruvantati | Bhutam Alvar | „Die Liebe als Lampenschale, die Sehnsucht als Öl …“ | Das innere Licht: die Liebe im Herzen entzünden, aus der Erkenntnis erwächst |
| Munram Tiruvantati | Pey Alvar | „Ich habe Sri gesehen, ich habe die goldene Gestalt gesehen …“ | Die Schau: im Licht von Erkenntnis und Liebe Gott unmittelbar erfahren |
Die zweite Lampe steht in der Mitte. Sie verbindet die Weite des äußeren Lichts mit der Unmittelbarkeit der Schau. Ohne die innere Lampe der Liebe bliebe die Erkenntnis Gottes in der Welt eine äußere Betrachtung; erst durch sie wird der Weg zur Schau eröffnet.
Inhalt und Themen
Liebe und Erkenntnis
Das Grundthema des ersten Verses durchzieht das ganze Werk: Die Liebe zu Gott schmilzt den Geist und macht ihn fähig, Gott zu erkennen. Bhutam Alvar beschreibt, wie das Herz, von Sehnsucht erfüllt, weich wird und sich öffnet, und wie in diesem geöffneten Herzen das Licht der Erkenntnis aufleuchtet.
Die Taten und Gestalten Vishnus
Wie die anderen Alvars besingt Bhutam Alvar die Herabkünfte (Avatare) Vishnus: den Zwerg Vamana, der als Trivikrama mit drei Schritten die Welten durchmaß; den Eber Varaha, der die Erde aus den Fluten hob; Rama, der Ravana besiegte; und Krishna, der den Berg Govardhana hob und die Hirten schützte. Die Taten Gottes sind für ihn Zeichen seiner Liebe zur Welt.
Die heiligen Orte
Bhutam Alvar besingt verschiedene Tempel Vishnus, darunter seinen Heimatort Mamallapuram, Tirumala (Venkatam), Srirangam, Tirukkoilur und Kanchipuram. Diese Orte gehören zu den 108 Divya Desams, den heiligen Stätten Vishnus.
Der Körper im Dienst Gottes
Ein wiederkehrender Gedanke ist, dass alle Sinne und Glieder dem Dienst Gottes gewidmet sein sollen: Die Zunge soll seinen Namen sprechen, die Hände sollen ihm Blumen darbringen, der Geist soll an ihn denken. So wird das ganze Leben zu einer Form der Verehrung.
Zuflucht und Gnade
Wie bei allen Alvars steht die Zuflucht zu Gott im Mittelpunkt. Der Mensch kann aus eigener Kraft die Fesseln des Karma nicht lösen; die Befreiung kommt aus der Gnade Gottes, der sich seinen Verehrern zuwendet.

Spirituelle Bedeutung
Die innere Lampe
Das Bild der Lampe aus Liebe ist eine Einladung zur inneren Praxis. Viele Meditationswege arbeiten mit der Vorstellung eines Lichts im Herzen. Bhutam Alvar beschreibt, woraus dieses Licht besteht: aus Liebe, Sehnsucht und einem Geist, der bereit ist, sich zu öffnen und zu schmelzen.
Bhakti und Jnana als Einheit
In der Yoga-Tradition werden Bhakti Yoga und Jnana Yoga oft als verschiedene Wege beschrieben. Bhutam Alvar zeigt, dass sie zusammengehören: Die Erkenntnis Gottes wächst aus der Liebe, und die Liebe wird durch Erkenntnis vertieft. Swami Sivananda betonte in seinem integralen Yoga ebenso, dass Herz und Verstand gemeinsam entwickelt werden sollen.
Das schmelzende Herz
Das Bild des „schmelzenden Geistes“ beschreibt einen Zustand, in dem Härte, Stolz und Widerstand sich auflösen. In der Bhakti-Tradition gilt dieses Weichwerden des Herzens als Zeichen wahrer Hingabe. Tränen der Liebe, Rührung und innere Wärme sind Ausdruck davon.
Die Muttersprache als heilige Sprache
Bhutam Alvar nennt Tamil die „Sprache der Weisheit“. Die Alvars zeigten, dass die höchste Wahrheit nicht nur in Sanskrit, sondern in jeder Sprache ausgedrückt werden kann, in der ein Herz zu Gott spricht. Diese Einsicht ermutigt auch heute, in der eigenen Sprache zu beten und zu singen.
Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten
Die Mudhal Tiruvantati des Poigai Alvar und die Munram Tiruvantati des Pey Alvar bilden mit der Irandam Tiruvantati eine Einheit. Das Kanninun Siruttambu des Madhurakavi Alvar und die Perumal Tirumoli des Kulasekhara Alvar gehören zur selben Sammlung. Die Tirumurai ist das shivaitische Gegenstück zum Nalayira Divya Prabandham. Das Kambaramayanam des Kambar steht in der Tradition der Alvar-Frömmigkeit. Später wurde diese Tradition durch Ramanuja philosophisch als Vishishtadvaita entfaltet.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Die Lampe im Herzen: Stelle dir in der Meditation eine kleine Lampe in deinem Herzen vor. Ihre Schale ist deine Liebe, ihr Öl deine Sehnsucht nach dem Wesentlichen, ihr Docht dein offener Geist. Lass die Flamme mit jedem Atemzug heller werden.
- Liebe und Erkenntnis verbinden: Wenn du eine spirituelle Schrift liest, lies sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen. Frage dich: Was berührt mich? Was will in mir wachsen?
- Das Herz schmelzen lassen: Erinnere dich an einen Moment tiefer Rührung. Lass dieses Gefühl noch einmal in dir aufsteigen und verweile darin.
- In der eigenen Sprache beten: Sprich heute ein Gebet oder eine Dankesformel in deinen eigenen Worten. Oder singe beim Kirtan und in deiner Yogapraxis ein Mantra mit ganzer Hingabe.
Die Lampe der Liebe
Die Irandam Tiruvantati ist die mittlere der drei Lampen von Tirukkoilur. Sie verlegt das Licht aus der Weite der Welt in die Tiefe des Herzens. Ihre Botschaft ist einfach und tief: Wer Liebe als Schale nimmt, Sehnsucht als Öl und einen offenen, schmelzenden Geist als Docht, in dem entzündet sich das Licht der Erkenntnis, in dem Gott geschaut werden kann.
Siehe auch
- Mudhal Tiruvantati
- Munram Tiruvantati
- Kanninun Siruttambu
- Perumal Tirumoli
- Alvar
- Vishnu
- Narayana
- Avatar
- Bhakti Yoga
- Jnana Yoga
- Kirtan
- Ramanuja
- Vishishtadvaita
- Tirumurai
- Tamil
Quellen und Weblinks
- Wikipedia (englisch): Irantam Tiruvantati.
- Wikipedia (englisch): Bhoothath Alvar.
- Project Madurai: Werkverzeichnis, mit dem tamilischen Text des Nalayira Divya Prabandham.
- Vasudha Narayanan: The Vernacular Veda. Revelation, Recitation, and Ritual, Columbia 1994.
- Friedhelm Hardy: Viraha-Bhakti. The Early History of Kṛṣṇa Devotion in South India, Delhi 1983.
Seminare
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