Thiruvilaiyadal Puranam

Aus Yogawiki

Thiruvilaiyadal Puranam (Tamil: திருவிளையாடற் புராணம், Tiruviḷaiyāṭaṟ Purāṇam, auch Tiruvilaiyadal Puranam) ist eine große tamilische Shiva-Dichtung über die 64 göttlichen Spiele Shivas in Madurai. Ihr Dichter Paranjothi Munivar erzählt von einer göttlichen Gegenwart, die mitten im Leben aufleuchtet: Shiva begegnet Menschen als Lehrer und Musiker, als Händler und Arbeiter, als Helfer in einer Not, die andere übersehen. Gemeinsam mit Meenakshi prägt er eine Erzählwelt, in der Hingabe, Sprache, Kunst und das Leben einer ganzen Stadt zusammengehören.[1]

Eine ältere Frau bietet ihre bescheidene Speise an. Ein Dichter ringt um Anerkennung. Ein Gelehrter muss neu lernen, und eine Mutter sorgt sich um ihr Kind. Solche Begegnungen geben den heiligen Spielen ihre menschliche Nähe. Das Thiruvilaiyadal Puranam kann dazu anregen, im Alltag aufmerksamer zu werden: Wo braucht jemand Hilfe? Wann hindert mich Stolz am Lernen? Wie wird aus Verehrung gelebtes Mitgefühl?

Für tamilische Hindus in Deutschland eröffnet diese Schrift eine Möglichkeit, Sprache, familiäre Erinnerung und spirituelle Praxis miteinander zu verbinden. Für Yoga Vidyaner und andere Yoga-Aspiranten führt sie in die reiche Welt tamilischer Bhakti: in eine Hingabe, die singt, fragt, vertraut und sich verwandeln lässt. Dieser Artikel bietet Hintergrund und Orientierung sowie die vollständige deutsche Übersetzung aller 3.363 Verse der verwendeten Fassung.

Madurai ist das Herz der Erzählung: Hier verbinden sich die Verehrung von Meenakshi und Sundareswarar, tamilische Dichtung und das Leben der Stadt.

Weitere Seiten dieser Ausgabe: Vollständige Umschrift · Tamiltext 1: Verse 1–2321 · Tamiltext 2: Verse 2322–3363

Was bedeutet Thiruvilaiyadal Puranam?

Tiru bezeichnet das Heilige oder Ehrwürdige, viḷaiyāṭal das Spiel. Purana benennt eine religiöse Erzähltradition. Der Titel bedeutet somit „Purana der heiligen Spiele“. Im Mittelpunkt steht Shiva als Sundareswarar, der schöne Herr, auch Chokkanathar genannt. Sein heiliger Ort Madurai trägt im Werk unter anderem die Namen Kudal und Alavay.

Das Wort „Spiel“ öffnet eine besondere religiöse Sicht: Das Göttliche handelt frei und kann vertraute Erwartungen überraschend wenden. Ein scheinbar geringer Mensch wird zum Träger der Gnade; festgefügtes Wissen gerät ins Wanken; eine kleine Gabe erhält großen Wert. Die Geschichten umfassen Freude und Staunen, aber auch Prüfung, Konflikt und Schmerz. Ihre geistige Tiefe erschließt sich oft, wenn man bei einer Begegnung verweilt und nach der Veränderung fragt, die sie in den Beteiligten auslöst.

Als Sthala-Purana, tamilisch Tala-Puranam, verherrlicht das Werk einen bestimmten heiligen Ort. Tempel, Teich, Fluss und Stadt werden zu Schauplätzen göttlicher Beziehung. Wer das Thiruvilaiyadal Puranam liest, lernt damit auch eine religiöse Landschaft kennen: den goldenen Lotusteich, den Vaigai-Fluss und die Silberhalle, in der Shiva tanzt.

Paranjothi Munivar: Geschichte und Überlieferung

Die hier wiedergegebene Fassung stammt von Paranjothi Munivar, wissenschaftlich Parañcōti Muṉivar. Seine Lebenszeit und die genaue Datierung des Werkes werden unterschiedlich angegeben. Als vorsichtige Einordnung bietet sich das späte 16. oder frühe 17. Jahrhundert an; auch das Dokumentationsprojekt South Indian Paintings ordnet seine Fassung in diesen Zeitraum ein.[2]

Die Geschichten sind älter als Paranjothis Dichtung. Eine wichtige frühere Fassung stammt von Perumpatrap Puliyur Nambi; Elaine M. Fisher datiert sie am ehesten ins späte 13. Jahrhundert. Paranjothi gestaltete den Stoff umfangreicher, veränderte die Reihenfolge und ersetzte einzelne Episoden. Es handelt sich somit um verschiedene literarische Fassungen einer gewachsenen Überlieferung.[3]

Die neuzeitliche Wirkung entfaltete sich wesentlich im Umfeld der Tempelstadt Madurai. Fishers Forschung untersucht die heiligen Spiele als einen öffentlich vermittelten religiösen Erzählbestand: Ihre Bedeutung reichte über gelehrte Leser hinaus und wurde im städtischen Raum sichtbar.[4]

Für die Lektüre ist die Unterscheidung von Entstehungszeit und erzählter Zeit hilfreich. Das Werk führt in die Welt der Pandya-Könige, der Dichter und der Heiligen; daraus lässt sich nicht unmittelbar eine Datierung seiner Niederschrift ableiten. Seine Wundererzählungen vermitteln religiöse Erinnerung und Sinn. Einzelne historische Ereignisse bedürfen einer davon unabhängigen Untersuchung.

Bedeutung für tamilische Shiva-Traditionen

Das Thiruvilaiyadal Puranam gehört zur tamilischen shivaitischen Purana-Literatur. Es erschließt Shivas Gnade durch erzählte Begegnungen. Der Dienst an den Verehrern, die heilige Asche, die fünf Silben des Shiva-Mantras, Puja, Guru-Unterweisung und Befreiung kehren in unterschiedlichen Zusammenhängen wieder. In den Versen 3062–3066 etwa verbindet der Text die Reinigung des Herzens mit Hingabe und Erkenntnis; in Vers 3086 wird geistige Sammlung als Pflege eines inneren Ackers geschildert.

Für eine Lektüre im Umfeld des Shaiva Siddhanta sind die Beziehungen zwischen Gott, gebundener Seele und befreiender Gnade besonders anregend. Der Text entfaltet solche Fragen in Lebensgeschichten. Lehrschriften wie Sivajnana Bodham können diese Begegnung um eine systematische Betrachtung ergänzen; das Purana selbst gewinnt seine Kraft aus Dichtung, Handlung und Lobpreis.

Auch innerhalb der tamilischen Shiva-Literatur hat jedes Werk seinen eigenen Schwerpunkt. Das Tevaram und das Tiruvasagam lassen die Stimme persönlicher Hingabe erklingen. Das Periya Puranam erzählt von den Heiligen und ihrem Dienst. Das Thirumandiram behandelt unter anderem Yoga, Erkenntnis und spirituelle Übung. Das Thiruvilaiyadal Puranam stellt besonders das Handeln Shivas in Madurai vor Augen. Diese unterschiedlichen Zugänge können einander beim Studium bereichern.

Die Verehrung von Meenakshi verleiht dem Werk zugleich eine starke göttlich-weibliche Mitte. Die Göttin erscheint als Tadadakai: als Tochter, gebildete Herrscherin und Gemahlin. Ihre Geschichte kann dazu einladen, Stärke, Würde und fürsorgliche Verantwortung gemeinsam zu betrachten. In der Welt dieses Puranas ist die Beziehung von Shiva und Shakti mit der Geschichte einer Stadt und ihrer Menschen verbunden.

Tempelfeste, Bilder und kulturelle Bedeutung

Die heiligen Spiele wurden auch durch Tempelbilder und öffentliche Feiern vermittelt. Zur Festgeschichte Madurais gehört die Verbindung der Hochzeit von Meenakshi und Shiva mit dem Chittirai-Fest und der Prozession Vishnus als Alagar. Fisher beschreibt diese Zusammenführung im Madurai des 17. Jahrhunderts. Sie zeigt, wie shivaitische und vaishnavitische Überlieferungen im Festleben aufeinander bezogen wurden.[3]

Die Erzählungen erhielten außerdem eine sichtbare Gestalt in der Kunst. Das Projekt South Indian Paintings dokumentiert beispielsweise Wandmalereien im Brihadishvara-Tempel von Thanjavur aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Darstellungen von Indras Verehrung, Meenakshis Geburt, der göttlichen Hochzeit und weiteren heiligen Spielen.[2] So konnten Menschen den Geschichten auch beim Betrachten begegnen.

Ihre Bedeutung liegt damit auf mehreren Ebenen: als religiöse Dichtung, als Überlieferung eines heiligen Ortes und als Anregung für bildliche Darstellung und gemeinschaftliche Erinnerung. Wer heute liest, kann auf diese Verbindungen achten. Welche Szene bleibt als inneres Bild? Welche Geschichte möchte ich weitererzählen? Welche Frage nehme ich in mein Gebet oder meine Meditation mit?

Aufbau: drei Bücher und 64 göttliche Spiele

Die verwendete Fassung umfasst 3.363 Versblöcke in drei großen Büchern. Vorreden und Lobpreis bereiten die Erzählung vor. Die 64 göttlichen Spiele werden durch ein abschließendes Kapitel über die Verehrung ergänzt; deshalb führt die Kapitelübersicht 65 nummerierte Kapitel auf.

Buch Versbereich dieser Ausgabe Orientierung
Madurai-kandam 1–1306 Einleitende Lobgesänge, die Heiligkeit Madurais, Meenakshi und Sundareswarar sowie frühe königliche Erzählungen.
Kudal-kandam 1307–2321 Begegnungen, Prüfungen und Hilfeleistungen: unter anderem die Siddha-Gestalt Shivas, Kunst und Musik sowie Fürsorge für Tiere.
Tiruvalavay-kandam 2322–3363 Die literarische Welt Madurais, Dichter und Heilige, Manikkavachakar, Sambandhar und die abschließende Verehrung.

Du kannst das Werk fortlaufend lesen oder mit einer einzelnen Erzählung beginnen. Ein guter Zugang ist, zunächst den Handlungsverlauf zu verstehen und danach bei einem Vers innezuhalten. Die vollständige Kapitelübersicht folgt auf die deutsche Übersetzung. Die separate Umschrift und der Tamiltext erleichtern das gemeinsame Lesen.

Ein lebendiger Zugang für Familien und Yoga-Aspiranten

Für eine tamilisch-deutsche Leserunde genügt am Anfang eine kurze Szene. Jemand liest Tamil, jemand anderes die deutsche Übertragung; dann erzählen die Teilnehmenden, was sie berührt oder verwundert hat. So können Großeltern, Eltern und Kinder einander zuhören, ohne dass alle dieselben Sprachkenntnisse oder Erfahrungen mitbringen müssen. Eine vertraute Geschichte kann dabei neue Bedeutung gewinnen.

Für Yoga Vidyaner bietet sich die Verbindung mit Svadhyaya, dem Studium spiritueller Schriften, an. Lies mit der Bereitschaft, dich selbst besser kennenzulernen. Die Geschichte vom göttlichen Erdträger kann etwa die Würde einfacher Arbeit ins Bewusstsein rufen; die abschließende Versöhnung der beiden Frauen kann zu Mitgefühl und Vergebung anregen. Solche Anwendungen sind heutige Leseimpulse, die aus der Begegnung mit dem Text entstehen.

Die Schrift enthält zugleich religiöse Polemik, soziale Hierarchien und drastische Strafmotive. Eine achtsame Lektüre nimmt auch diese wahr und unterscheidet die Stimme der alten Erzählung von der eigenen Verantwortung heute. Ahimsa, Wahrhaftigkeit und Respekt vor anderen Glaubenswegen helfen, Hingabe mit Gewissensprüfung zu verbinden.

Vielleicht bleibt nach dem Lesen eine einfache Übung: einige Minuten still sitzen, das eigene Herz wahrnehmen und einem Menschen mit mehr Aufmerksamkeit begegnen. Anregungen zur Vertiefung bieten Yoga bei Yoga Vidya und Meditation bei Yoga Vidya.

Shiva-Verehrung kennenlernen: Der folgende Yoga-Vidya-Vortrag erläutert Shivaratri und ergänzt die Begegnung mit den heiligen Spielen.

Shivaratri – Bedeutung dieses wichtigen indischen Festes

Thiruvilaiyadal Puranam: vollständige deutsche Übersetzung

Die folgenden Verse wurden für diese Ausgabe direkt aus dem Tamilischen übertragen. Die KI-erstellte Arbeitsübersetzung ist noch nicht philologisch abschließend geprüft. Mehrdeutige oder beschädigte Stellen sind lokal gekennzeichnet. Die Segensversprechen des Originals werden als religiöse Aussagen wiedergegeben.

Die Übersetzung umfasst alle 3.363 Verse der verwendeten Fassung, fortlaufend 1–3363. Kapitelabschlüsse und Werkende sind mitübersetzt. Die Nummerierung folgt der fortlaufenden Zählung; erkennbare Nummerierungsfehler der Quelle sind im Quellenabschnitt erläutert.

Schutzanrufungen

(1) Schutzanrufung an Vinayaka. Die rötlich goldenen Füße des vollkommenen Elefantengottes mögen uns reine Worte und ihren rechten Sinn schenken, damit wir den Ursprung preisen, der als Shakti und Shiva erscheint und die einzigartige höchste Befreiung ist. (2) Schutzanrufung an Chokkalingamurti. Gepriesen sei die heilige Gnade, die in jedes wahrhaft erkennende Herz eintritt, dessen fünf Sinne bezwungen sind, und dort Nektar hervorquellen lässt. Gepriesen sei die gnadenvolle Gestalt, die auf dem Berg des Stieres erschien und sich schauen ließ. Gepriesen seien die Füße, deren Fußringe wie die Veden erklingen und die in der Halle mit gewechselter Beinstellung tanzen. [Die örtliche Bezeichnung des Berges bleibt in dieser Arbeitsübersetzung unsicher.] (3) Schutzanrufung an die Mutter Angayarkanni. Gepriesen sei dein Haar, geschmückt mit duftenden Blüten, um die Bienen summen; gepriesen seien deine mit Schmuck und Gewand gezierten Schultern. Gepriesen seien die Bogen deiner dunklen Brauen und die einer Schale gleichende Brust, aus der Milch für den aus dem Geschlecht der Kaundinya strömte. Unsere Herrin mit den schönen, fischgleichen Augen, du hast mein eisernes Herz erweicht und mich als deinen Diener angenommen! Gepriesen sei dein knospenhaft junges Lächeln; gepriesen seien deine Füße, an denen die Fußringe der Veden erklingen.

(4) Die Frucht des Werkes. Wer diesen heiligen Spielen unseres mondgeschmückten Herrn von Tiruvalavay liebevoll lauscht, dessen Reichtum wird wie die Schätze Shankha und Padma wachsen. Solche Menschen werden Kinder erhalten, die ihrer Familie Ehre machen, und ihre Feinde überwinden. Sie werden eine glückverheißende Ehe eingehen, von Krankheit verschont bleiben und lange leben. Sie werden die Himmelswelt erreichen, dort als Hervorragende ihre Freuden genießen und schließlich, reich an Verdienst, zu Shivas Füßen gelangen und dort verweilen. (5) Segenswunsch. Mögen die vedischen Opfer gedeihen; möge der Himmel reichlich Regen schenken. Möge überall Wohlstand wachsen, mögen rechtschaffene Taten sich ausbreiten und allen Lebewesen Freude bringen. Möge der auf den vier Veden beruhende Weg Shivas erblühen und die ganze Welt erfüllen. Es lebe die gerechte Herrschaft des Beschützers!

Lobpreis der Gottheiten und Heiligen

(6) Paramashiva. Wie Farbe und Duft einer Blume besitzt er die wahre Gestalt von Erkenntnis und Wonne. In seiner Gegenwart vollziehen die drei Gestalten unter seiner mächtigen Weisung die drei kosmischen Tätigkeiten, während er selbst in Ruhe verweilt. Durch das göttliche Spiel dieses erhabenen Herrn wollen wir die bindende Wirkung unserer Taten überwinden. (7) Parashakti. Selbst jener, der so groß und so klein wird, dass alle Welten zu einem Atom und alle Atome zu Welten werden, und der innerhalb wie außerhalb der Welten schwer zu erfassen bleibt, hat die Gebärerin der Welten zur Gefährtin: So sprechen die Guten, die erkannt haben. (8) Chokkalingamurti. Lasst uns die rötlichen Füße des Herrn preisen, der das innerste Leben der ursprünglichen Götter ist: des Herrn auf der Lotosblüte, des Gemahls der Lotosgöttin und des Herrn des himmlischen Hains. Er ist der Gemahl der großen Göttin Angayarkanni.

(9) Die Mutter Angayarkanni. Sie hat das Wesen des Höchsten, das selbst dem lotosäugigen Vishnu schwer zugänglich ist, als ihre eigene Gestalt. Sie gebiert in dieser weiten Welt die zahllosen beweglichen und unbeweglichen Wesen, und dennoch verliert ihre jugendliche Gestalt nichts von ihrer Fülle. Die blumengeschmückte Jungfrau nahm das Aussehen der Tochter des Pandya-Königs an. Die beiden Lotosfüße dieser Mutter mit den schönen, fischgleichen Augen wollen wir immer im Herzen bewahren. (10) Natesha, der Herr des Tanzes. Er ist Sein, Erkenntnis und Wonne, das Leben eines jeden Lebewesens. Wie Kühle vom Wasser und Hitze vom Feuer ist seine weibliche Gestalt untrennbar von ihm; sie hat alles Bewegliche und Unbewegliche hervorgebracht. Um die Freude dieser glückseligen Gefährtin zu vermehren, tanzt er in der Halle und schenkt seine Gnade, allen nahe. Dieses große Licht wollen wir im Herzen bewahren. (11) Saundarapandya. Er verbarg seine verfilzten Haare und setzte eine strahlende Krone auf; er legte den duftenden Konrai-Kranz ab und schmückte sich mit einem Kranz aus Neem. Er nahm die giftigen Schlangen als Schmuck ab und trug leuchtende Edelsteine. An die Stelle des Stierzeichens setzte er das Fischzeichen, wurde Schwiegersohn des Pandya-Königs, heiratete die Frau mit dem fischgleichen Blick und regierte die ganze Welt. Diesem schönen Herrn wollen wir unsere Verehrung darbringen.

(12) Die erhabene Tadadakai. Als heilige Tochter des Pandya-Herrschers lernte sie die Künste, empfing die Krone und führte das Zepter. Sie eroberte die ganze Welt, nahm ihren Tribut entgegen und bezwang die zum Kampf angetretenen Hüter der Himmelsrichtungen. Ihrem verehrungswürdigen Gemahl legte sie den Hochzeitskranz und ihre Krone an; sie übergab ihm ihr Reich, damit sein Wohlergehen wachse. Die Lotosfüße dieser königlichen Frau wollen wir auf unserem Haupt tragen. (13) Der mit gewechselter Beinstellung tanzte. Damit der Kummer im Herzen eines Pandya-Königs mit mächtigen, kampferprobten Schultern schwinde und aus seinen Augen unablässig Freudentränen strömten, wechselte der Herr die Stellung seiner Füße im Tanz. Die Menschen wechseln ihre Gestalten zwischen Erde und Himmel und schwanken wie eine Schaukel im Meer des Werdens. Damit sie aus dem wechselnden Mutterschoß heraus den befreienden Zustand erreichen, wollen wir den so Tanzenden im Herzen bewahren. (14) Dakshinamurti. Er saß unter dem Kallala-Baum bei den vier Weisen, die in den vier Veden, den sechs Hilfswissenschaften und den weiteren Lehren bewandert waren. Er zeigte ihnen durch sein bloßes Sein das Vollkommene jenseits der Sprache und jenseits der Veden: das, was alles ist und zugleich keines dieser einzelnen Dinge. Er sprach, ohne zu sprechen. Indem wir seiner jenseits des gewöhnlichen Denkens gedenken, wollen wir die Fessel des Werdens überwinden.

(15) Siddhi-Vinayaka. Im Gehege des Herzens stellen wir den Pfosten des entschlossenen Bemühens auf und binden den Elefanten mit der unerschütterlichen Kette der Liebe daran. Als Futter reichen wir ihm die Täuschung der bindenden Taten, die Fesseln und das begrenzte Bewusstsein der Seele. Freudig verzehrt er es, und aus ihm strömt die Flut der Gnade wie der Saft eines mächtigen Elefanten. Indem wir dieses Elefanten der Vollendung gedenken, wollen wir die künftig heranreifenden Tatfolgen auflösen. (16) Subrahmanya. Der dunkle, von Wellen aufgewühlte Ozean und das finstere Heer der Asuras erbebten; der wolkenbedeckte Berg und Suras berggleiche Brust wurden gespalten. Die Opferfeuer der Vedakundigen flammten auf, und in den Leibern der Frauen der Asuras brannte das Feuer des Schmerzes. Wir verehren die rötlichen Füße des jugendlichen Herrn, der den kämpferischen Speer erhob. (17) Saraswati. Wir wollen die Füße der Göttin auf dem breiten weißen Lotos auf unserem Haupt tragen und so leben. Dann können wir die fehlerlosen Blüten der vier Wortarten pflücken, sie mit Hingabe ausbreiten, sodass ihr Duft sich in alle Richtungen verbreitet und ihre Schönheit von dichterischem Geschmack erfüllt wird. Mit dem Faden weit gewordener Liebe fügen wir sie zu einem Kranz und legen ihn verehrend zu den Füßen des Dreiäugigen nieder. Bienen und Honig erfüllen den Lotos der Göttin.

(18) Der heilige Nandi. Wenn die Himmlischen herbeikommen und sich zu Füßen des Herrn neigen, schlägt Nandi mit seinem Stab gegen die Reihen ihrer zahllosen Kronen. Deren Edelsteine fallen herab und werden zu dem Kehricht, den die Diener morgens und abends zusammenfegen. Die strahlenden Blütenfüße unseres Herrn Nandi wollen wir auf unserem Haupt tragen. (19) Tirujnanasambandhar. Wie der Vater mit dem duftenden Konrai-Schmuck im Haar den mit dem Fischbanner durch seinen feurigen Blick verbrannte, so ließ dieser Weise den Fischbannerträger unter seinem Blick erglühen. Als die keusche Herrin, einer Elefantenkuh gleich, ihn darum bat, schenkte er wieder Leben und Schutz. Diesem Weisen von Kazhi mit seinen hohen, kronengeschmückten Häusern wollen wir uns ehrfürchtig zuwenden. [Das Versbild verbindet Shivas Verbrennung Kamas mit Sambandhars Wirken am Pandya-Hof; die genaue Zuordnung der Ausdrücke ist hier noch zu prüfen.] (20) Tirunavukkarasar. Durch die fünf Silben des Herrn, dessen eine Hälfte die große Herrin der Tugend ist, blieb er ohne Furcht. Die Betrüger ließen von ihrer grausamen Tat nicht ab und warfen ihn in das weite, dunkelblaue Meer. Er durchquerte dieses Meer und auch das für alle schwer zu durchquerende Meer der wiederkehrenden Geburt. Die Füße dieses Herrn wollen wir verehren.

(21) Sundaramurti. In den unermesslichen Veden verkündet der Herr, er gewähre Befreiung denen, die das Begehren nach Frauen mit geschwungenen Hüften abgelegt haben. Eben diesen Herrn sandte Sundarar als Boten aus, um Paravais Liebeszorn zu besänftigen, mitten in der Nacht, wenn selbst die Geister schlafen. Die beiden Füße dieses Heiligen wollen wir auf unserem Haupt tragen. (22) Manikkavachakar. Er verehrte unablässig zu den sechs Zeiten des Tages und der Nacht den Herrn, den die ungeschriebenen Veden nicht vollständig erfassen können. Er hob die gefalteten Hände über sein Haupt; seine Augen strömten über, und unter Tränen erreichte er die Füße des Herrn. Den Dienern dieses Liebenden wollen wir dienen. (23) Chandeshvara und die übrigen heiligen Diener. Lasst uns die Füße des jungen Heiligen preisen, der die Beine seines Vaters und damit die Fessel der bedrängenden Wiedergeburt abschlug und die beiden Füße des göttlichen Tänzers erreichte. Lasst uns auch die heiligen Diener verehren, die vom Weg der Veden, vom Weg Shivas und vom Weg der Hingabe nicht abwichen: Sie richteten Wort, Körper und Geist auf Haras Füße, wurden reich an der Erfahrung Shivas und durchschnitten die Fesseln der Bindung.

Hier endet „Lobpreis der Gottheiten und Heiligen“. Möge es glückverheißend sein.

Vorrede und Überlieferung

Die ursprüngliche Schrift

(24) Nandi empfing vom Herrn die klare Erkenntnis. Bei ihm erforschte Sanatkumara mit einem von Liebe erfüllten Herzen die Lehre und gab sie Vyasa weiter. Dieser verdienstvolle Weise lehrte Suta die achtzehn Puranas. Unter ihnen, im Skanda-Purana, in der Isha-Samhita, findet sich die folgende Überlieferung. (25) Anlass zur Abfassung des Werkes. Dort wird die Herrlichkeit Alavays verkündet. Die ehrwürdigen Menschen, die hier wohnen, baten mich: ‚Übertrage dieses vortreffliche Werk der nördlichen Sprache in die Sprache des Südens!‘ Mein Herz fasste Vertrauen in den Gedanken, dadurch schon in dieser Geburt das unvergängliche höchste Gut erlangen zu können. (26) Art der Übertragung. Die drei Verherrlichungen der heiligen Stadt, des heiligen Gewässers und der göttlichen Gestalt, die achtmal acht gnadenreichen Spiele dieser Gottheit und zuletzt ein Abschnitt über ihre Verehrung ergeben, ihrer Reihenfolge nach, achtundsechzig Kapitel. Ich habe unternommen, sie ausführlich in den verschiedenen Formen der Viruttam-Dichtung darzustellen.

Hier endet „Vorrede und Überlieferung“. Möge es glückverheißend sein.

Bescheidene Ansprache an die Versammlung

(27) Die Gelehrtenversammlung, die selbst am Gedicht des Herrn einen Fehler aufwies, wohnte an diesem heiligen Ort. Für seine Bewohner wäre es also keineswegs schwierig, die Mängel in den Worten meines geringen Verstandes zu untersuchen. Dennoch mögen sie die Geschichte Sundaras aufnehmen wie die reine, süße Milch, die der Schwan vom Wasser zu scheiden vermag. (28) Das Fleisch, dessen Geschmack die gespaltenen, auflodernden Zungen des Feuers geprüft haben, wird zum himmlischen Nektar, den die Götter genießen. Ebenso möge die Dichtung meines geringen Selbst in die Versammlung der standhaften Weisen eintreten, dort an Wohlklang gewinnen und schließlich die Ohren des Herrn von Alavay erreichen. (29) Die Wolken trinken das Wasser des weiten Meeres, nehmen ihm das Salz und machen es rein, damit die ganze Welt davon trinken kann. Ebenso werden die gelehrten Hörer, die Wort und Sinn durchdrungen haben, die Fehler aus meinen unzulänglichen Worten entfernen und sie für den Herrn von Alavay angenehm machen.

(30) Selbst die Veden ermüden, wenn sie diesen Sundara mit verneinenden Worten preisen: ‚Du bist nicht dies, nicht dies!‘ Wie könnten meine Worte seinen Spielen eine Grenze setzen? Was soll ich tun? Mein Verlangen, davon zu erzählen, hört nicht auf meinen eigenen Einwand. (31) Wie der erhabene Vishnu den Ozean quirlte und den Nektar zur Darbietung brachte, so besang der Weise Paranjothi in kostbarem Tamil die Herrlichkeit Kudals, wo die sechsfüßigen Bienen singen. Im Heiligtum Chokkeshas mit der erhabenen Krone ließ er sich auf dem sechsfüßigen Sitz nieder und trug das Werk vor der versammelten Schar vor. [Die mehrfachen Wortspiele mit ‚sechsfüßig‘ sind in dieser deutschen Wiedergabe nur teilweise erhalten.]

Hier endet „Bescheidene Ansprache an die Versammlung“. Möge es glückverheißend sein.

Die Herrlichkeit des Pandya-Landes

(32) Nun wollen wir die Schönheit des Pandya-Landes beschreiben. Dort ließ sich der schöne Gott mit dem dunklen Fleck an der Kehle nieder. Als Pandya-Herrscher vertrieb er mit seinem Schwert die Finsternis der Feinde und begründete eine gerechte Herrschaft nach dem Weg der Veden. (33) Die Wolken zogen zunächst hell dahin wie der mit Asche geschmückte Leib des göttlichen Herrn. Sie tranken vom Meer und wurden dunkel wie Umas Gestalt. Donnernd erhoben sie sich und gossen reichlich Wasser aus, als ströme die süße Gnade herab, die das Leid aller Lebewesen lindert. (34) Mit geöffnetem Mund donnerten die Wolken laut. Sie schwangen die blitzenden Schwerter, deren Glanz selbst das helle Tageslicht verblassen ließ, und spannten Indras Bogen. Lange Regenpfeile schossen sie gegen die Sommerhitze. Dicht gedrängt rückten sie an, als sprächen sie: ‚Wir werden diesen gewaltigen, heißen Krieg zu Ende führen!‘

(35) Über dem Gipfel des hohen Berges des Weisen erhoben sich die Wolken und ließen unter Donnern reines Regenwasser niederströmen. Es war, als vollziehe Rama mit dem mächtigen Bogen aus zärtlicher Hingabe das heilige Wasserbad über dem Haupt des stirnäugigen Herrn von Alavay. (36) Die Wolken glichen Indra, der reines Wasser über Sundaras heiliges Haupt gießt. Als sie über dem schönen südlichen Berg ankamen und Regen spendeten, sprangen zahlreiche Edelsteine hervor, als fielen sie aus den lotosgleichen Händen Indras bei seinem Guss auf das Haupt des einzigartigen Ursprungs. (37) Von den Gipfeln des weiten Gebirges stürzten rauschend weiße Wasserfälle herab. Sie glichen der Milch aus den Brüsten der Erdgöttin: Mit dem klaren Meer als Gürtel bekleidet, erbarmt sie sich aller Lebewesen, die aus ihr hervorgegangen sind, und nährt sie.

(38) Die Bergjungfrau Potiyam trug dunkle Wolken als Brustband über ihren Gipfelbrüsten, aus denen die süße Milch der Wasserfälle floss. Weite Quellbecken waren ihr Nabel, unvergleichliche Bambusstämme ihre weichen Arme. Sie gebar eine Tochter: die anschwellende, kühle Porunai. (39) Das Kind aus dunklem Wasser fiel laut weinend herab, kroch rauschend durch den Wald, trank seine süße Milch und wuchs darüber hinaus. Es lauschte dem lieblichen Klang der Trommeln, mit denen die kräftigen Bauern ihre Arbeit begleiteten, ging allmählich in seinen Wasserläufen weiter und spielte auf jedem Feld. (40) Bananenstämme wurden zu ihren zarten Schenkeln, das leuchtende junge Mangolaub zu ihrer Hautfarbe, junge Kokosnüsse zu ihren festen Brüsten und die Vanci-Ranke zu ihrer schmalen Taille. Die Bienen, die sich aus den Blüten lösten, bildeten ihr Haar; der Lotos wurde ihr mondhelles Gesicht. So hielt sie sich in den Hainen der Küstenlandschaft auf, die lange, dicht gewachsene Pandanushecken umgaben.

(41) Mit Kränzen aus vielerlei Blumen geschmückt, in eine milchweiße Schaumdecke gehüllt, mit geriebenem Sandelholz des südlichen Gebirges und Moschuspaste gesalbt und mit goldenen Edelsteinketten behängt, umarmte die Jungfrau Porunai den Leib ihres geliebten Gemahls, des Meeres, und vereinigte sich mit ihm. (42) Rasch wandte sich die Flut den Shiva-Tempeln an ihren beiden Ufern zu. Mit ihren Wellenhänden schöpfte und versprengte sie die fünf Gaben der Kuh aus dem Weideland und Honig, trug duftenden Moschus und Sandel auf und streute wohlriechende Blüten aus. So glich sie Menschen, die sich dem Dienst der Gottesverehrung widmen. (43) Von den Blütenpfeilen des Liebesgottes bedrängt, trägt die Landschaft Goldglanz am Leib und leidet; die Schwäne klagen, die Wasserhände lassen Muscheln fallen, und die Flut überschreitet ihre Grenzen. So erscheint sie wie Brahmanenfrauen, die dem Höchsten Almosen darbringen. [Die ineinander verschränkten Bilder von Landschaft, Liebessehnsucht und Schmuck sind hier sprachlich mehrdeutig.]

(44) Die wogende Porunai-Flut zog das Mädchen der fruchtbaren Uferlandschaft wie eine Amme auf. Sie schmückte es mit Edelsteinen, Gold, Diamanten und Ohrgehängen aus den Bergen, salbte es mit zerriebenem Adlerholz und Sandel und nährte es mit süßem Nektar, sorgsam auf seine Entwicklung achtend. (45) Die Veden und alle Wissenschaften verkünden, dass der Herr mit der edelsteingleichen Kehle das überall gegenwärtige Höchste ist und dass der Weg seiner heiligen Zeichen, darunter die Asche, zur Befreiung führt. Zunächst war die starke Flut trüb wie der Verstand jener, die dies gehört haben und doch nicht klar erkennen. Dann wurde sie rein wie Menschen, die den rechten Weg zur Befreiung erkannt haben. (46) Wie die vierundsechzig Künste, die sich aus dem Weg der Veden verzweigen, teilte sich das kommende Wasser in zahlreiche Kanäle. Es floss durch Haine, kühle Felder, fruchtbare Äcker und Wasserläufe und erfüllte alles wie die Liebe das unerschöpflich weite Herz der Verehrer des Herrn der Tanzhalle.

(47) Auch Güter aus den Händen niedriger Menschen werden rein und verlieren ihren Makel, wenn sie in die Hände von Yogis gelangen, die das Verlangen nach dieser und der jenseitigen Welt aufgegeben haben. Ebenso tranken die Wolken das salzige Meerwasser, nahmen ihm das Salz und spendeten Wasser, das für Erde und Götter zum Nektar wurde. (48) Wie die eine unvergängliche Göttin verschiedene Namen annimmt, um die fünf kosmischen Tätigkeiten zu vollziehen, so nimmt auch das eine Wasser des Meeres verschiedene Namen an: Fluss, Kanal, Teich, Brunnen, Grube und Wassergraben. Unter all diesen Namen nährt es die zahllosen kostbaren Feldfrüchte. (49) Die Bauern spannten ihre schönen Pflüge an und sangen die Weise der fruchtbaren Landschaft. Stiere und Büffel lauschten voll Freude wie Kinder dem reifen Gesang ihrer Mütter. Sie folgten willig den Befehlen wie die unruhigen Sinne jenen, die die Macht des Geistes überwunden haben; so begann die kräftige Arbeit.

(50) Die Bauern spannten verschiedenfarbige Zugtiere an, als reihten sie bunte Edelsteine auf. Mit ihren dunklen, kräftigen Beinen arbeiteten sie, bis die eiserne Pflugschar sich abnutzte. Aus den Furchen, die den Leib der Erdgöttin aufrissen, leuchteten rote Edelsteine hervor wie Blut aus einer Wunde. (51) Die einen pflügten mit den scharfen Geräten, die anderen stauten das Wasser in den Kanälen und bereiteten den Schlamm. Wieder andere verehrten die Gottheit und säten guten roten Reis, zogen Setzlinge heran, verpflanzten sie, jäteten das feindliche Unkraut und schützten und vermehrten so die Ernte. (52) Die Feldarbeiterinnen tranken den duftenden, doch als tadelnswert geltenden Palmwein. Ihre roten Lippen brachten stockende Worte hervor, Schweiß trat auf ihre Gesichter, ein Lächeln erschien, ihre geröteten Augen rollten, und Haar und zartes Gewand lockerten sich. Sie glichen Frauen, die sich in überwältigender Herzensfreude mit dem Geliebten vereint hatten.

(53) Die Arbeiterinnen mit den süßen Stimmen rissen die Wasserblumen aus, als führten sie Krieg: Die Ambal-Blüte war die Rivalin ihres korallenroten Mundes, die duftende blaue Wasserlilie die Rivalin ihrer Augen und der schöne Lotos die Rivalin ihres Gesichts. So jäteten sie die Felder. (54) Auch die Bauern jäteten alles aus. Sie dachten nicht daran, dass Lotosblüten den Gesichtern, Händen und Füßen ihrer Frauen glichen, blaue Lilien ihren speergleichen Augen und Kumuda-Blüten ihrem korallenroten Mund. Wer auf Befehl seines Herrn gegen herangetretene Feinde vorgeht, darf sich da durch Verwandtschaft binden lassen? (55) Der wachsende Halm barg die werdende Ähre in sich wie eine von vollkommen Erkennenden verfasste Schrift ihren Sinn und ihre geordnete Absicht. Dann trat sie hervor und richtete sich hoch auf wie Dichter, deren begrenztes Lernen noch nicht genügt. Schließlich entfaltete sie sich wie der Kommentar jener Schrift und neigte sich wie eine Frau von treuer Zurückhaltung.

(56) Wer liebevolle Hingabe sät und sie mit dem Wasser sehnsüchtigen Eifers begießt, erntet die süße Gnade des Herrn, dessen Wesen Freude ist. Ebenso reifte der duftende, kühle Reis, während die kräftigen Bauern mit den dunklen Beinen täglich den richtigen Zeitpunkt beachteten, das gute Land bestellten und es schützten. (57) Die Bauern erkannten die Beschaffenheit und die passende Behandlung der verschiedenen Böden und verrichteten ihre Arbeit entsprechend. So reiften alle grünen Feldfrüchte reichlich, wie die Liebesfreude für Männer wächst, die Wesen und Vorzüge der vier im Liebeslehrbuch beschriebenen Frauentypen verstehen und sich ihnen angemessen zuwenden. (58) Sie nahmen die gebogenen eisernen Sicheln, die wie schmale Mondsicheln geformt waren. Während die gestreiften Bienen mit gekrümmten Beinen summten, schnitten sie den weißen und den roten Reis getrennt, zusammen mit den Lotos- und Lilienpflanzen, und schichteten auf den großen Dreschplätzen mächtige Haufen wie Reihen goldener Berge auf.

(59) Sie entfernten das Stroh, worfelten das Korn und häuften es auf. Sie gaben der Ortsgottheit und den Bedürftigen, was ihnen jeweils zustand, maßen die Ernte ab und entrichteten dem siegreichen Herrscher den sechsten Teil als Abgabe. Den Rest fuhren sie auf Wagen heim. Die Bewohner des Südlandes teilten ihn mit Verwandten, brachten ihn der Gottheit dar und aßen gemeinsam mit ihren Gästen. [In der Quelle trägt dieser Vers irrtümlich die Nummer 591.] (60) Zuckerrohrsaft wurde zu Zuckerklumpen eingekocht. Sesam, kleine Hirse, Pferdebohnen, andere Hirsearten und Getreide, große reife Bananenstauden, Avarai-Bohnen und zahlreiche weitere Hülsenfrüchte: All diese Erträge des Trockenlandes luden sie auf die von Stieren gezogenen Wagen und fuhren damit so schwer beladen fort, dass die Räder tiefe Spuren in die Erde schnitten. [Einzelne Pflanzenbezeichnungen der Aufzählung sind nicht eindeutig bestimmt.] (61) Sie gaben den Entsagenden und den Dienern von Shivas Schar gute Nahrung gegen den Hunger, heilende Mittel gegen quälende Krankheit, Kleidung gegen die Kälte des Körpers, Unterkunft und anderes, was nötig war. So beseitigten sie Hindernisse für die rechtschaffenen Aufgaben, denen jene jeweils nachgingen, und halfen ihnen auf dem Weg zum schwer erreichbaren Heil.

(62) Begegneten sie auf ihrem Weg einem Verehrer Shivas, brachten sie ihm täglich die unverlierbare Liebe entgegen, die man für die eigenen Kinder empfindet, und die Ehrfurcht, mit der man Königskinder betrachtet. Bescheiden verneigten sie sich vor seinen Füßen, sprachen freundlich, handelten bereitwillig nach seinem Wunsch und dienten ihm, indem sie seine inneren Anliegen erkannten. (63) Sie hielten die Diener des Herrn auf ihrem Weg an und baten sie zu essen: ‚Nehmt reichlich von diesem aufgehäuften, goldfarbenen gekochten Reis, von Milch mit reifen Früchten und Honig und von duftendem Ghee in Fülle! Nehmt auch die anderen Dinge, die ihr benötigt!‘ So bewirteten sie die Gottesdiener, den Herrn der Veden verehrend. (64) Was lässt sich noch darüber sagen? Die große tamilische Landschaft glich einer Jungfrau, deren Glieder ihre Städte waren. Die goldenen Schmuckstücke, mit denen diese Glieder geziert wurden, nahmen die Gestalt von Tempeln, Klöstern, wohltätigen Stiftungen, Wasserstellen und Häusern an, in denen süße Speisen gereicht wurden.

(65) In dieser vom weiten Wasser umschlossenen Landschaft finden sich die vier Lebensräume: Gebirge, Wald und Weideland, kühle Feldflur und Küste. Lassen wir ihre jeweils eigene Gestalt nun beiseite und beschreiben wir, wie sich ihre Eigenschaften nach dichterischer Überlieferung miteinander vermischen. (66) Wo die Hirten ihre Herden auf den Weiden hüten, fallen aus den rasch wachsenden Kuruntu-Bäumen dunkle Blütenbüschel der daran rankenden Pfefferpflanzen. Die kleinen Jägerinnen spielen dort mit ihren Freundinnen: Sie nehmen die Mullai-Blüten als Reis, mischen sie mit Honig und schmücken ihre kleinen Spielhäuser mit Perlen. (67) Büffel und ihre Kälber kauen saftiges Zuckerrohr, an dem freudige Bienen lecken, und schlafen unter Venkai-Bäumen, die goldene Blüten streuen. Elefanten weiden die junge Hirse des Berglandes ab und suchen dann den üppigen Blütenschatten der Marutam-Bäume auf, als stünden ihnen auch diese fruchtbaren Ebenen zu Diensten.

(68) Die Muscheln, welche die klaren Wogen anspülen, dringen in die kleinen Spielhäuser der Jägermädchen ein und zerstören sie. Die Mädchen werden zornig und schleudern die schönen Perlen fort, als seien es Dinge ohne Wert. Die noch jungen Töchter der Fischer sammeln sie auf und reihen sie mit ihren eigenen Perlen zu Schmuck. (69) Die Bienen des Weidelandes fliegen zu den Lotosblüten und lehren dort den Bienen der Ackerlandschaft die Melodie des Mullai-Landes; anschließend lernen sie von ihnen die Marutam-Weise. Valai-Fische springen gegen die Euter der Weidekühe. Diese halten sie liebevoll für ihre Kälber und lassen Milch strömen, in deren Flut die Fische sich tummeln. (70) Die männlichen Bienen trinken den Nektar der jungen Punnai-Bäume mit ihren dunklen und goldenen Zweigen und singen die Sevvali-Weise; dazu streuen die Konrai-Bäume Goldblüten aus. Aus dem großen Meer werden Muscheln aufgenommen und auf die Kayam-Blüten geworfen, als wollten sie dort wie das Muschelhorn in der Hand des diskustragenden Vishnu wohnen.

(71) Reife Kokosnüsse fallen herab und reißen die stachlige Schale der Jackfrüchte auf. Der herausströmende süße Saft fließt in salzige Wasserbecken und nimmt ihnen die Salzigkeit. Fische sehen den Schatten der honigtriefenden Pandanusblüte, halten ihn für einen Reiher und flüchten in die offene Lotosblüte. (72) Als könnten die gebogenen Pandanuspflanzen den Fischgeruch der Flussmündungen nicht ertragen, schwanken sie und lassen ihre reisähnlichen Blütenkörner fallen. Die Ambal-Blüten öffnen den Mund, als wollten sie kühn darüber reden; die blauen Lilien zeigen ihre Augen, und die Mullai-Blüten brechen lächelnd auf, als scharten sie sich zu spöttischem Gerede zusammen. (73) Die Fischerinnen mit den Augen springender Fische tauschen Haifisch und stärkenden Palmwein gegen gebogene Bohnenfrüchte, Hirse, Avarai- und Pferdebohnen. Für Wurzeln, Honig, süßes Zuckerrohr und Sesam messen sie dazwischen auch Perlen als Tauschgabe ab.

(74) Potiyam, die Heimat des kühlen Tamil, gleicht einem Herrscher, der die verderblichen Feinde der Sinne bezwungen hat. Er breitet über alle Wesen den schützenden Schirm der Liebe, führt das wahrhaft gerechte Zepter und erstrahlt im Reichtum höchster Erkenntnis, die von Shiva erfüllt ist. In Askese verweilend, übt er seine Herrschaft aus. (75) Der hohe Malaya-Berg, den der himmlische Strom umspült, ist selbst der dreiäugige Herr der Erkenntnis. Die Wolken, die ihn bedecken, sind die frische Haut des Elefanten; der feuchte Regen ist das Wasser seiner Wunden. Der gekrümmte Regenbogen gleicht dessen blutbeflecktem Stoßzahn. (76) An den weiten Ufern der Bergquellen lagern dunkle Bienenschwärme. Auf die entfalteten roten Kantal-Blüten fallen frische Blüten von den Zweigen der Venkai-Bäume. Es sieht aus, als befänden sich dort klares Wasser in einem Gefäß zum Waschen des Goldes, glänzendes Gold, glühendes Feuer und schwarze Kohlen beieinander.

(77) Über den Lilien der tiefen Wasserbecken stehen die reich verzweigten Bäume. Während die Bienen ihre Rufe erheben, lassen die Blüten ihren frischen Honig herabfließen. Sie gleichen den Opferkundigen, die nach vedischer Vorschrift geröstetes Korn ausstreuen, Kuhghee schöpfen und ausgießen und die Verehrung der drei Feuer vollziehen, damit die Himmlischen ihre Nahrung empfangen. (78) In den kleinen Dörfern der Jäger werden Adlerholz und Sandel dem Feuer übergeben; beim Umgraben fliegen korallenrot glühende und perlenartige Kostbarkeiten hervor. Sie säen den Bergreis aus, errichten Zäune aus den Stoßzähnen großer gefleckter Elefanten und schützen ihre kostbaren Feldfrüchte vor Schaden. [Einzelne Ausdrücke der Aufzählung sind unsicher.] (79) Auf jenem Berg steigt der dichte Rauch aus den Opfergruben derer auf, die den Bewohnern des Himmels süßen Nektar darbringen. Zugleich verbrennen die Jäger mit ihren scharfen Speeren das Holz auf ihren gerodeten Feldern. Der duftende Rauch des verzehrten Adlerholzes mischt sich mit dem Rauch der Opferfeuer, sodass beide eins erscheinen.

(80) Perlen, die aus Muscheln stammen, Kostbarkeiten aus Bambus, die vielen Edelsteine, welche die Wasserfälle ausspeien, und die sonnenhellen roten Steine aus den breiten Hauben der Schlangen: All diese dienen den Bergmädchen als Schleudersteine, mit denen sie Hirsche und Vögel von den Feldern vertreiben. [Die erste Bezeichnung für den Ursprung der Perlen ist textlich nicht ganz sicher.] (81) Die Erde hat die Gestalt Vishnus. Das Südland ist der rote Lotos an seinem Nabel; Potiyam ist der zarte Blütenboden dieses Lotos. Agastya, der dort wohnt, ist der viergesichtige Brahma, und die drei Formen des Tamil sind die Veden. (82) Potiyam ist auch der einzigartige Meru. Die kühle Porunai, an deren Ufern Schlangen spielen, ist der Jambunada-Fluss, der den großen goldenen Meru umgibt. Auch das Land der Freude, das jener Fluss umschließt, gleicht dem Land rings um die Porunai.

(83) Wenn Alavay, wo das vortreffliche, kühle Tamil blüht, Shivas Welt ist, dann gleichen alle ringsum glänzenden Städte den von Tugend erfüllten Welten Indras, Brahmas, des Herrn mit dem mächtigen Diskus und der übrigen Himmlischen. (84) In die klaren Wellen der Porunai mischen sich die Kumkum-Paste und das feine, duftende Sandelholz, die von den vollen Brüsten der Frauen mit den schmalen, geschwungenen Taillen abgewaschen werden. Deshalb verströmen selbst der rote Reis und das Zuckerrohr, die an diesem Fluss wachsen, jenen Duft. (85) Auf Potiyam wächst das Sandelholz; im Fluss Potiyams wachsen die Perlen. In den Städten, die dieser Fluss umgibt, wächst der Dharma. Im Geist ihrer Bewohner wachsen die Veden und die Hingabe an den göttlichen Ursprung.

(86) Auch der Herr mit der vom Gift gezeichneten Kehle wendet sich nach Süden und kommt immer wieder zum Tanz. Tut er dies nicht, damit die zarte, nach Sandel duftende Brise sein heiliges Antlitz umweht und die Müdigkeit des Tanzes lindert und damit seine heiligen Ohren Tamil trinken können? (87) Einst lehrte der auf dem Stier Reitende Panini die Grammatik der nördlichen Sprache. Ebenso unterwies er den großen Weisen des Malaya-Berges mit sicherer Erkenntnis in der südlichen Sprache und stellte sie jener an die Seite. Ist das Pandya-Land nicht die Heimat dieser jungen, schönen Tamil-Sprache? (88) Der große Gott mit dem Auge auf der Stirn saß selbst in der Dichterversammlung und prüfte dieses frische Tamil auf seinen rechten Klang und seine Güte. Darf man es für eine Sprache halten, die sich einfach unter einige andere, grammatisch ungeordnete Sprachen der Welt einreihen ließe?

(89) Die Sprache, mit der ein Verehrer seinen Herrn als Boten aussandte, mit der das vom Krokodil verschlungene Kind zurückgerufen wurde, mit der aus Knochen wieder eine Frau erschien und mit der die Türen der Veden geöffnet wurden: Sagt, waren dies Worte des jungfräulich frischen Tamil oder Worte einer anderen Sprache? (90) Selbst wenn die Hitze die Ernte vernichtet, das Zepter des Königs vom rechten Weg abweicht und Armut die Menschen bedrängt, verliert dieses Land weder seine wahrhaftige Hingabe an Shiva noch den Glanz seiner Rechtschaffenheit. Seine Bewohner erfüllen den Dharma selbst dann, wenn sie dafür sich selbst hingeben müssen. (91) Dieses Land wurde der Reihe nach von drei erhabenen Wesen regiert: von der Gebärerin aller Welten, dem unter den Himmlischen höchsten, strahlenden Herrn und ihrem Sohn. Gibt es außer diesem Land irgendwo auf der meerumgürteten Erde ein solches? Selbst die Himmelswelt vermag ihm darin nicht gleichzukommen.

Hier endet „Die Herrlichkeit des Pandya-Landes“. Möge es glückverheißend sein.

Die Herrlichkeit der heiligen Stadt Madurai

(92) Das glückverheißend geschmückte Pandya-Land gleicht einer Frau. Die Städte seiner Umgebung sind ihre Glieder, die beiden schön gezierten Schultern, die vollen Brüste und die übrigen Körperteile. Nun wollen wir den Reichtum jener Stadt beschreiben, die das prächtige Gesicht dieser Frau ist. (93) Parankunram und Kodunkunram sind ihre Brüste, Tiruchuzhiyal ihr Nabel und Kuttralam ihr Leib. Tiruedakam ist ihre rote Hand, Tiruppuvanam ihr Körper und Ven vanam ihre kräftige Schulter. Ihr heiliges Gesicht aber ist die Stadt Madurai. [Die Zuordnung einzelner Ortsnamen folgt dem Wortlaut; unterschiedliche Schreibweisen sind möglich.] (94) Das Pandya-Land ist die kostbare Kette, die auf der Brust der makellosen Erdgöttin liegt und funkelt. Die Städte seiner Umgebung sind die großen Edelsteine, die an den Seiten der Kette eingefasst sind. Unter ihnen ist die große Stadt Madurai das beherrschende Juwel in ihrer Mitte.

(95) Diese große Stadt ist für Lakshmi eine Lotoshalle und für Saraswati eine Halle aus weißem Lotos. Für die Göttin, die Erkenntnis schenkt, ist sie ein einzigartiger Yogasitz. Auf der Stirn der großen Erdgöttin ist sie das schmückende Tilaka. (96) Die hohen Paläste verschlingen die Finsternis, die Himmelsrichtungen und Himmel umhüllt, und strahlen weißes Licht aus. Ihr Anblick in jener Stadt gleicht dem Sitz der weißen Göttin auf dem Lotos mit den vielen hellen Blütenblättern; ebenso gleicht er dem Wohnsitz der Göttin des Ruhmes. (97) Auf den kühlen Feldern wächst Reis so hoch wie Zuckerrohr, das Zuckerrohr wie hohe Arekapalmen und die edlen Arekapalmen wie dicht belaubte Kokospalmen. Die Kokospalmen mit ihren goldschönen Fruchtbüscheln wiederum stehen da wie Pfosten, die aufgerichtet wurden, um das Wolkendach zu tragen.

(98) Die schattigen Blumenhaine sehen aus wie die himmlischen Wunschbäume, welche die Göttin mit den roten Lippen und den dunklen, fischgleichen Augen im Zorn gegen Indra erbeutete. Sie verbreiten reichen Duft, schenken den Bittenden freudig vielerlei Früchte und ragen prächtig empor. (99) Der rauschende, ährenreiche Reis umgibt die hochgewachsenen Arekapalmen, an denen sich zartblättrige Betelranken emporwinden. Die Palmen gleichen goldenen Fahnenmasten, die beim Fest des Herrn mit der nachtschwarzen Kehle aufgerichtet und mit heiligem Darbha-Gras umwunden werden. (100) Über den Lotosblüten, auf denen die Bienen kühlen Nektar trinken und summen, lassen die Cerunti-Bäume Blüten und Honig fallen. Sie gleichen göttlichen, vedakundigen Priestern, die ihre rötlichen Hände öffnen, mit dem Mund Mantras rezitieren und Gold und Wasser als Gabe darbringen.

(101) Auf dem duftenden Lotoslager vereinigt sich der königliche Schwan mit seiner Gefährtin und feiert seine Hochzeit. Der Lotosteich schwingt mit seinen muschelgeschmückten Wellenhänden das Wasser zur Segnung: Auf den smaragdgrünen Schalen seiner Blätter liegen dicht gedrängte Wasserperlen, als werde ein glückverheißendes Begrüßungsritual vollzogen. (102) Die Arbeiter mit eisenharten Schultern rufen laut und werfen Zuckerrohr in den Rachen der Pressen. Die Maschinen verschlingen es unter donnerndem Getöse und lassen süßen Saft ausströmen, um den sich Bienen sammeln. Sie gleichen mächtigen Elefanten mit zornflammenden Augen. (103) Ein weißer Schwan taucht tief ins Wasser und kommt mit Algen an seinen schönen Flügeln wieder hervor. Seine Gefährtin hält ihn für einen dunklen Schwan und zieht ihr liebendes Herz erschrocken zurück. Da schüttelt er die Flügel, gewinnt ihre Zuneigung zurück, umarmt sie sehnsüchtig und kehrt mit ihr ins Nest zurück.

(104) Die unermüdlichen Pferde, die den einrädrigen Sonnenwagen ziehen, strecken die Zungen aus und fressen die jungen Triebe der hohen Haine. Der Rauch, der aus den Opfern freigebiger Menschen emporsteigt, breitet sich bis ins Land der Wunschbäume aus und lässt dort die Lotosteiche welken, als sei er kalter Reif. (105) Durch die Gnade unseres Herrn haben die sieben Meere in dem strahlenden Alavay die Gestalt eines heiligen Gewässers angenommen. Als hätte der große äußere Ozean dies gesehen und wäre ebenfalls hierhergekommen, liegt der rauschende Wassergraben rings um die Stadtmauer. (106) Springende Valai-Fische schnellen empor; große Schildkröten steigen immer wieder auf und breiten ihre Körper aus. Es ist, als griffen sie nach Schwertern und Schilden. Der mit frischen Blumen besetzte Graben und die Kriegsmaschinen auf der himmelhohen Mauer scheinen sich vereint zum Kampf zu erheben.

(107) Krokodile liegen im Wasser und bewegen sich wie der erbarmungslose Tod. Welcher Mensch auch in diesen Graben fällt: Selbst wenn jemand die dunkle Hölle verlassen könnte, würde er aus diesem Wasser kaum wieder herauskommen. [Die eingeschobene Wendung über Menschen, die dem mondgeschmückten Herrn gleichen, ist im vorliegenden Wortlaut nicht sicher zu deuten.] (108) An einer Seite bildet auch die Vaigai mit ihren nektargleichen weißen Wellen den Wassergraben. Sie kennt das vedische Tamil dessen, der die Milch höchster Erkenntnis trank und wieder aussprach, die aus der knospenden Brust der Göttin strömte; durch ihn wurden vedischer Weg und Shiva-Verehrung gefestigt. [Das Bild spielt auf Sambandhars Empfang der göttlichen Erkenntnismilch an.] (109) Küken, Schwanenweibchen und ihre Gefährten trennen sich in diesem kühlen Wassergraben nicht voneinander. Die Schönheit seiner honigreichen Lotosblüten nimmt Augen und Herzen der Betrachtenden gefangen und lässt sie nicht wieder abwenden. So ist der vogelbelebte Graben; nun wollen wir die Stadtmauer schildern.

(110) Die himmelwärts ragende Schutzmauer ist gewiss die Schlange in der Hand des Herrn von Madurai. Die Wolken, die sie verschlingt und die an ihr dahinziehen, sehen aus wie die einzige Haut dieser grimmigen Schlange, die sich beim Häuten löst und windet. (111) Der goldene Berg, mit dessen Hilfe die drei Festungen überwunden wurden, erscheint hier als Torturm. Als der Herr, der selbst die Höhe der Veden übersteigt, als Pandya-König regierte, schien der Berg vor ihm zu stehen: bereit, ihm wieder zu helfen, wenn er die Brust seiner Feinde bezwingen wollte, und dafür eine Gabe zu empfangen. (112) Die hohen Tortürme dehnen sich weithin aus und versperren selbst der heftigen Sonne und dem Mond den Weg. Diese ziehen durch die geöffneten Tore, als würden gewaltige Giftschlangen ihre Mäuler öffnen, die beiden Himmelskörper verschlingen und wieder ausspeien.

(113) Die Wolken trinken den Graben, als wäre er das von Makara-Tieren bewohnte Meer. Die Mauer ist von Reihen hoher Zinnen umgeben. Nur die anschwellende Vaigai vermag sie mit ihren Wellenhänden zu berühren und anzugreifen. Könnte irgendein fremdes feindliches Heer mit ihr kämpfen? (114) Wenn die Feinde schnell herankommen und diese Mauer umzingeln, die den Wagen an ihrer Grenze den Weg versperrt, braucht es dann noch Krieger, die im erbitterten Kampf siegen? Schon die Maschinen allein können die Feinde bezwingen. Ein wenig wollen wir von der Kampfkraft erzählen, die von dieser Mauer ausgeht. (115) Die Maschinen schleudern Äxte, Schwerter mit vergifteten Spitzen und dreizackige Waffen. Sie werfen Speere und feuersprühende Scheiben, tödliche Schlagbalken, gefährliche Wurfgeräte und lange schwere Eisenspitzen. Andere schleudern Steine, die in die Seile ihrer Wurfschlingen gelegt werden.

(116) Schlangenmaschinen mit scharfen, hohlen, Gift verströmenden Zähnen strecken sich vor und werden geschleudert. Grimmige Riesenschlangen öffnen ihre Höhlenmäuler und verschlingen die Angreifer, bis ihnen der Atem vergeht. Elefantenmaschinen schwingen furchtbare Keulen und zerschmettern die Köpfe der Nahenden; Tigermaschinen packen und töten schneller, als man sie auslösen kann. (117) Pferdemaschinen schlagen die Brust derer ein, die voller Verachtung hinaufklettern, und stoßen sie in den tiefen Graben. Rollende Steine kehren zurück; eiserne Dornen werden ausgestoßen und zerreißen die Körper. Dämonengestalten öffnen ihre feurigen Mäuler und speien Flammen. Andere springen tanzend auf die gestürzten Leiber, klatschen in die Hände und schlagen sich auf die Schultern. (118) Löwenmaschinen werfen klirrende Ketten aus und ziehen die Angreifer heran. Vorrichtungen schneiden die Hände derer ab, die sich an Ketten festhalten, andere drehen den Feinden die Köpfe um und zerquetschen sie. Von den Aufbauten werden lodernde Feuer geschleudert; Steine rollen gegen die Nahenden. Ein gewaltiger Steinhagel und glühender Sand fallen auf die feindlichen Soldaten.

(119) Geschmolzenes Blei regnet herab; flüssiges Eisen und geschmolzenes Kupfer werden in Strömen ausgestoßen. Vorrichtungen fangen die abgeschossenen Waffen auf und schleudern sie vernichtend gegen ihre Absender zurück. Bewegliche Türme rücken vor und kehren zurück; dazu erklingen Trommeln. Fahrbare Wagen schießen einen Regen von Pfeilen ab. (120) Die wilden fünf Sinne mögen sich bezwingen lassen, sogar der schwer zu besiegende Tod mag geschlagen werden; diese furchtbaren, mächtigen Vorrichtungen aber sind kaum zu überwinden. Selbst der geschickte göttliche Baumeister, der durch seine Erkenntnis die Festungen der Götter errichtet, vermöchte sie nur schwer zu schaffen. Solches leisten diese Maschinen. Nun wollen wir die Straßen der goldgeschmückten Stadt beschreiben. (121) Die stets festlichen Straßen tragen Stangen und Girlanden, duftendes Pulver, edelsteinglänzenden Schmuck, Schirme, Weihrauch, Lampen und volle Krüge. Sie gleichen treuen Frauen, deren Herzen vor Liebe überströmen, während sie sehnsüchtig die Ankunft ihrer geliebten Männer erwarten.

(122) Wie die Herzen jener schmelzen, die den Schatten der freudvoll tanzenden roten Füße des Herrn mit der edelsteingleichen, vom Gift erfüllten Kehle erreicht haben, so geben die Paläste aus Mondstein klares, mondweißes Wasser ab, wenn ihnen der aus dem Meer aufsteigende Mond entgegenstrahlt. (123) Auf den Reihen berggleicher Kristallterrassen spiegeln sich zahlreiche bewegliche und unbewegliche Wesen. In ihren Spiegelbildern scheinen sie ineinanderzufließen wie die vielen Seelen, die in den Schatten der Blütenfüße des Herrn eintreten, der in der Silberhalle erstrahlt und tanzt, und dort ohne trennenden Abstand vereint sind. (124) Junge Kälber lassen die Grashaufen stehen, die sie gerade fraßen, sprengen ihre Fesseln und laufen davon. An den kunstvollen Smaragdwänden sehen sie grüne Lichttriebe. Sie strecken die Zungen danach aus, reißen vermeintliche Halme ab und bewegen kauend ihre Mäuler.

(125) Auf den Straßen ziehen Elefanten mit kleinen Augen, windfächelnden Ohren, festgebundenen Beinen und mächtigen Stoßzähnen dahin. In den Gassen bewegen sich auch Frauen, deren volle Brüste sich über schmalen Taillen erheben. Überall sammeln sich Bienen, angezogen von dem dichten Moschusduft. (126) Nicht allein die Reihen der Häuser, Terrassen, Paläste und Tanzhallen tragen die Spuren der kleinen, mit roter Farbe bestrichenen Frauenfüße. Auch auf den Häuptern der Männer, die dem Liebesgott gleichen, auf ihren blumenbekränzten Brüsten und ihren breiten Schultern sind diese Zeichen zu sehen. (127) Ströme von rotem Saft fließen aus den kräftigen, siegreichen Elefanten mit ihren Stoßzähnen und palmstammgleichen Rüsseln. Daneben strömt das Wasser aus den wohltätigen roten Händen derer, die den Gelehrten kostbare Gaben schenken, weil diese den seltenen, wahren Sinn der Veden erforscht haben.

(128) Auf den goldenen Terrassen sind große Edelsteine in Reihen eingelassen; ihr Licht lässt die Finsternis zerfallen. Über den Tanzhallen aus rotem Gold erklingen die Trommeln. Dort bewegen sich die Fahnen, als tanzten sie mit Blitzen und Wolken, die sie in sich aufgenommen haben. (129) Wenn Frauen im Liebesstreit den Fuß gegen die Brust ihrer kräftigen Geliebten heben, ertönt das Klingen ihrer Fußringe. Doch noch bevor dieser Klang hörbar wird, wird er von dem lauten, klagenden Summen übertönt, das die aufgescheuchten Bienen aus den honigreichen Kränzen der Männer erheben. (130) Die mondgleichen Frauengesichter und die Wasserbecken sind von Lilien geschmückt; ihre geschminkten Augen und die Häuser erscheinen tief und dunkel. Ihre Hände und die Haine tragen frische Blüten. In ihrem duftend gesalbten Haar und in den Straßen ertönt Musik. Ihre Lebensführung wie die Wege der Stadt folgen einer langen, geraden Bahn. [Der Vers verbindet die Frauen und die Stadt durch mehrere doppeldeutige Ausdrücke.]

(131) Die Blüten und die mondberührenden Häuser entfalten Duft und Hochzeitsglanz. An den kühlen, blumenreichen Ufern und in den festlichen Räumen wird gebadet und getanzt. Die von Bienen umflogenen Haine und die Frauen verbreiten Blüten und Gerede. Den schönen Teichen fehlen keine Schwäne und den Häusern keine Speisen. [Die deutsche Fassung gibt die Wortspiele annähernd wieder.] (132) Schmuck, den Frauen im Liebesstreit fortwerfen, Zierstücke, die beim Ammanai- und Ballspiel verloren gehen, und Perlenketten, die weinende Mädchen abreißen, weil jemand ihre kleinen Spielhäuser mit dem Fuß zerstört hat: All dies liegt wie Kehricht auf den Straßen. (133) Mein Herr, könnten meine Worte diese Straßen ganz erfassen? Sie übten Askese, um die roten Lotosfüße dessen tragen zu dürfen, der umherging und kostbare Edelsteine, gestreifte Armreifen und Brennholz verkaufte, damit seine Verehrer gerettet würden. Selbst die wahrhaftigen Veden vermögen diese Füße nicht zu tragen und klagen, wenn sie sich zurückziehen.

(134) Die unvergleichliche glückverheißende Jungfrau der Stadt trägt die Reihen der Festbögen als feinen Gürtel, die hohen Wagen als Hüften und die vollen Krüge als Brüste. Sie hängt sich Girlanden und Perlenketten um, salbt sich mit Sandel und Adlerholz und sitzt würdevoll da, während die weiß sprießenden Keimschalen ihrem Lächeln gleichen. (135) Die Reihen strahlend weißer Häuser sehen aus, als sei der Mond zu Pulver zermahlen, mit Wasser vermischt und als Putz aufgetragen worden. Sie gleichen Gottesdienern, die ihren Leib mit heiliger Asche bestrichen haben und dicht gedrängt zum Fest des Herrn gekommen sind; ihre Fenster sind die Augen, mit denen sie zuschauen. (136) Das Rollen der Wagen, das Wiehern der springenden Pferde, das Klingen ihres Geschirrs, der Widerhall der fünf Arten von Instrumenten und das mächtige Trompeten der Elefanten verschmelzen zu einem gewaltigen Klang. In Kudal mit seinen kostbaren hohen Häusern hört man deshalb niemals den Donner der Wolken für sich allein.

(137) Ob niedrig oder hochgestellt, alt oder jung, ausgelassen oder von Krankheit gezeichnet: Wer in das Netz ihrer Blicke gerät und sein Herz verliert, dem nehmen sie sein Vermögen. Sorgfältig messen sie die Lust ab, wie man aus Sesam das Öl gewinnt. Nun wollen wir das Viertel der Frauen beschreiben, die ihre als tadelnswert dargestellte Liebesfreude verkaufen. (138) Die Frauen mit den dunkel geschminkten Augen tun, als seien sie von wahrer Liebe erfüllt. Als wollten sie die Absicht ihrer Liebhaber und die Täuschung ihrer eigenen Freuden für alle sichtbar machen, lassen sie an den Wänden sorgfältige Bilder anbringen, in denen die verborgene Lehre des Liebesgottes deutlich dargestellt ist. (139) Sie machen die mit funkelnden Juwelen geschmückte Brust zum Spielbrett und spielen mit ihren berggleichen Brüsten, über die Perlenketten wie Wasserfälle fließen, um den Einsatz und gewinnen. Sie umarmen die Liebhaber, durchbohren deren Herzen mit den Speeren ihrer scharfen Blicke und gewinnen auch in diesem kunstvollen Spiel, bis sie deren Besitz an sich gebracht haben.

(140) Sie hängen Jasmingirlanden auf, die in kühlem Duftwasser getränkt sind, und führen die Männer zu den Ruhelagern auf den weißen, vom Mondlicht erfüllten Terrassen. Dort singen sie viele Melodien, die selbst im Liebesgott Verlangen wecken würden, und nehmen als Lohn das Leben der jungen Männer entgegen. (141) Sandelpaste fällt von ihren vollen, jungen Brüsten herab; aus ihrem Haar rieselt der Blütenstaub der sich öffnenden Kränze, von dem die Bienen bereits getrunken haben. Unter den Hufen der Pferde wird alles zu Staub. Dieser steigt empor, umgibt Körper und dichtes Haar der himmlischen Frauen und übertrifft deren eigenen Duft. (142) Die Frauen, deren Stimmen den Kuckucken in den Hainen gleichen, sprechen die Namen ‚Herr von Alavay‘ und ‚Angayarkanni‘. Ihre Papageien und Mainas wiederholen sie gemeinsam. Sie gleichen jungen Vedenschülern, die sich im Rhythmus zusammenschließen und immer wieder die Worte nachsprechen, die ihr Lehrer vorträgt.

(143) Die Frauen mit den berauschenden, speergleichen Augen bewegen ihre triebzarten Finger über die schönen Saiten. Der Klang der Saiten und der süße Gesang aus ihren roten Mündern verschmelzen miteinander. Durch die Ohren der jungen Männer fließen sie hinein und lassen dort die heißen grünen Triebe des Begehrens wachsen. (144) Hier wohnen jene schönen Frauen, die ausgereifte Liebesfreude verkaufen, welche alle fünf Sinne beglückt. Nicht nur die Bewohner des Himmels, selbst Befreite könnten sich darin verlieben, sodass ihnen der Nektar bitter erschiene. Wie ehrbare Frauen aus vornehmen Familien knüpfen sie zuerst eine vertraute Beziehung und bieten darin ihre Freuden an. [Die Aussage über Befreite gehört zur dichterischen Übertreibung.] (145) Nun wollen wir die reichen Straßen der Pflugbesitzer beschreiben. Makellose Wahrhaftigkeit zeichnet sie aus, ebenso die Geburt in einem angesehenen Geschlecht, das auf die Ganga zurückgeführt wird. Sie erfüllen gewissenhaft die Aufgaben, welche die drei anderen Stände ihnen übertragen, und beraten als Minister die Könige zu deren Wohl, ohne von ihrer Ordnung abzuweichen.

(146) Man hört, wie sie ankommende Gäste begrüßen und freundlich ansprechen, wie sie sich neben sie setzen, Speisen reichen und mit aufmerksamen Worten bewirten. Man hört ihren freudigen Jubel über das Lob vortrefflicher tamilischer Dichtung und ihre Ankündigung, große Schätze zu verschenken. Dieser Klang übertönt die sieben Meere. (147) Die einen Gäste haben gegessen und ziehen weiter, andere sind angekommen und lassen sich genüsslich bewirten. Dennoch kochen die Gastgeber immer neue köstliche Speisen und erwarten weitere Besucher. Bleiben diese aus, stehen sie bekümmert da wie ein Bauer mit nur einem Pflug, der seine ganze Saat auf dem Feld ausgestreut hat und sehnsüchtig zum Regenhimmel aufblickt. (148) Sie pflegen einen Ruhm, der Himmel und Himmelsrichtungen erfüllt, Erkenntnis, Geduld, unverminderte Dankbarkeit und Entschlossenheit. Wohltätigkeit, Freigebigkeit, Liebe, angemessene Achtung, würdige Freundschaft und Ehre ziehen sie auf wie Kinder, die ihnen durch große Askese geschenkt wurden.

(149) Fragt ein Käufer nach einer Ware, die sie nicht besitzen, so verneinen sie und nennen ihm zugleich verwandte Waren, die vorrätig sind. Ist die gewünschte Ware vorhanden, nennen sie klar ihren Preis und stimmen dem Handel zu. Selbst aus ihrem geschickten Wort gewinnen sie Nutzen. Nun wollen wir die Wohnviertel dieser Händler aus alter Überlieferung beschreiben. (150) Auf Sockeln aus blauem Edelstein erheben sich glänzende Kristallwände. Reihen heller Diamantsäulen strahlen wie Blitze; darüber sind Steine angebracht, die schönes, weißes Mondlicht ausgießen. So stehen in der Marktstraße Reihen weißer Häuser wie eine Girlande. (151) Die Häuser nehmen die Güter auf, welche die Meereswellen hervorbringen, die fruchtbaren, von süßem Wasser umgebenen Ufer spenden, die ausgedehnten Waldböden liefern und die Berge schenken, deren Wurzeln die Erde durchdringen und deren Gipfel den Himmel tragen.

(152) Auf dunklen Wollteppichen sind leuchtende Korallenketten, goldene Schmuckgirlanden, große klare Perlenstränge, die Mondlicht auszustrahlen scheinen, und grüne Smaragdketten ausgebreitet. Ihre vielfarbige Pracht gleicht der Schönheit Indras. [Der letzte Ausdruck der Vorlage lässt auch eine Anspielung auf eine besondere Klang- oder Farbharmonie zu.] (153) Als wären Sterne, der kühle Mond, die Sonne und die übrigen Planeten vom klaren Himmel herabgestiegen und hätten sich hier niedergelassen, verbreiten die ausgestellten Juwelen einen Glanz, der Tageslicht und nächtliches Dunkel gleichermaßen überwindet. Die Läden, in denen die Händler Schmuck anbieten, gleichen der Himmelswelt. (154) Dort gibt es kostbare Seidenstoffe in vielerlei Farben und Baumwollstoffe, die noch teurer sind als diese Seide. Dort finden sich die seltenen Güter aller Länder, die festen Niederlassungen der Händler aus den siebzehn fremden Regionen und jeder schwer zu erlangende Reichtum.

(155) Die kleinen Töchter der Händler spielen mit Mahlsteinen aus Smaragd, Stößeln aus strahlendem Diamant und Mörsern aus Silber. Adlerholz ist ihr Brennholz, Duftwasser das Kochwasser, Perlen ihr Reis und rote Edelsteine das Feuer. Die Kochtöpfe und alle übrigen Geräte ihres Spiels sind aus glänzendem Gold gefertigt. (156) Wenn schon ihre Eingangstore fest aus makellosem rotem Gold gefügt und mit Diamantriegeln versehen sind, wie könnten dann selbst große, zweifelsfreie Gelehrte die Beschaffenheit ihres Reichtums vollständig bestimmen und aussprechen? (157) Rote Rubine wie Funken des Feuers, strahlendes Gold, grüne Smaragde, Perlen, glänzende Diamanten und schwer abzuschätzende Korallen geben sie aus und verstreuen sie. Doch selbst an solchen Tagen gelangen in ihre Hände zweitausendfach neue Güter. [Der genaue Vergleich für die Smaragde ist im E-Text nicht sicher aufzulösen.]

(158) Wie Vögel einen weit ausladenden alten Baum aufsuchen, um seine Früchte zu genießen, kommen Menschen aus den achtzehn Ländern hierher. Die vereinten Laute ihrer Sprachen gleichen nicht mehr dem Klang, der aus der reinen Maya hervorgeht, sondern dem vielfältigen Getöse aller Dinge, die aus Raum und den übrigen Elementen entstehen. (159) Die Marktstraßen gleichen den unvergänglichen Veden. Sie ordnen die unzähligen verschiedenen Güter, die sieben Metalle und die Erzeugnisse der vielen fehlerlos ausgeübten Künste nach ihrer überlieferten Einteilung und bieten jedem Suchenden das an, was seinen Bedürfnissen entspricht. (160) Der dreiäugige Herr hat das in allen Himmelsrichtungen berühmte Madurai zu Shivas Stadt gemacht und regiert hier. Dazu passend gleichen die Märkte rund um die Händlerhäuser dem Reichtum der großen Stadt Alaka, in der sein würdiger Freund Kubera wohnt.

(161) Wie die Sonne mit dem einrädrigen Wagen das Dunkel der Welt vertreibt, so verzehren die siegreichen Könige mit ihrem mächtigen Herrschaftsrad die Finsternis des Kali-Zeitalters und führen das Zepter. Mit der Kraft ihrer breiten Schultern bezwingen sie zornerfüllte Feinde. Nun wollen wir die königlichen Straßen ihrer edlen Geschlechter schildern. (162) In zahlreichen Ställen stehen Pferde, als hätte man die wogenden Meere selbst an den Füßen gefesselt und zusammengeführt. In anderen Hallen stehen Elefanten, die Bäume fällen: Sie gleichen ganzen Bergen mitsamt ihren Wasserfällen und allen Wesen bis hin zu den nur mit einem Sinn begabten Pflanzen, die man aus ihren Plätzen gehoben und angebunden hätte. (163) Viele Hallen beherbergen die Kunst des Kampfes und Gruppen von Waffen: Äxte, Vajras, Bogen, Pfeile, dreispitzige Waffen, Diskusse, Speere, Wurfgeräte, pflugscharartige Waffen, Schlagbalken, Schwerter, Schilde und Stäbe, dazu zahlreiche weitere Kampfmittel.

(164) In den mondhellen Übungshallen schwingen junge siegreiche Männer große Steine wie Berge. Wie Elefanten, die sich im roten Staub wälzen, springen sie aufeinander zu und ringen. Sie üben ihre Kraft, führen Schwert und Schild und erlernen spielend die Kunst des Kampfes. (165) Paläste aus glänzendem blauem Stein, mit roten Edelsteinen auf den Höhen, Paläste aus makellosem Gold und aus Mondstein: Ihre langen Reihen erhellen alles ohne einen dunklen Fleck. Sie gleichen dem vielfarbigen Edelsteinschmuck, den die grün geschmückte Jungfrau Kudal trägt. (166) Überall sieht man Gruppen von Helden, die sich in der weiten Kunst von Schild und glänzendem Schwert üben. Ihre bergbreiten Brüste tragen nur die Spuren der festen jungen Brüste ihrer duftenden Geliebten, keine schmählichen Wunden. Sie leben mit einer Ehre, die herabsetzende Worte ihrer Feinde nicht erträgt.

(167) Männer mit goldgeschmückten, weiten Brüsten lassen Kampfelefanten gegeneinander antreten. Diese schwingen ihre Stoßzähne wie blitzende Schwerter, stoßen sie tief in den Leib des Gegners, öffnen die Mäuler und lassen rotes Blut aus den Wunden strömen, als seien zornige Krieger miteinander in die Schlacht geraten. (168) Sie lenken prächtige Wagen, deren springende Pferde selbst den Wunsch ihrer Antreiber hinter sich zurücklassen. Die Wagen eilen rascher als der einrädrige Sonnenwagen; das Gold an ihren Rädern reibt sich ab, und sie schneiden Furchen in den Rücken der Erdgöttin. In ferne Himmelsrichtungen stürmen sie und kehren wieder zurück. (169) Sie reiten ihre kampferprobten Pferde. Deren Hufe wirbeln roten Staub auf, vermischt mit den Salben, die im Gedränge von den Männern fielen, mit Sandelpaste von den Brüsten der Frauen, mit Blüten aus ihrem Haar und mit versprengtem Sindura-Pulver. Honigduftend steigt der Staub auf, bis er den Raum des Himmels erfüllt.

(170) Getrieben von Stolz und Ehrgefühl, ohne Schonung des eigenen Lebens, stellen sie Kämpfe roter, blutblumengleich gekämmter Hähne und kräftiger junger Widder zusammen. Wie bei einer Schlacht gegen feindliche Heere achten sie auf den erbitterten Angriff und nicht auf die Verletzungen, die die Tiere erleiden. (171) Die kleinen Mädchen, kostbaren Perlen gleich, haben am großen Wasser der Vaigai Spielhäuser aus weißen Perlen gebaut. Als die reichen Jungen ihre kleinen Wagen hindurchrollen lassen und die Häuser zerstören, blicken die Mädchen zornig, vergießen Tränenperlen und werfen ihre leuchtenden Perlenketten hin. Die Jungen lächeln mit perlenhellen Zähnen und rollen weiter. (172) Im Nordosten der königlichen Stadt, deren Mauerfahnen die Wolken berühren, erhebt sich der siebenstöckige Palast. Dort regieren die Pandya-Könige seit Generationen. Auf ihren Häuptern duften Neemkränze; zu ihren Füßen liegen die duftenden Atti- und Palmyrakränze anderer Könige. An seinen Toren verstummt das Donnern der Trommeln niemals.

(173) Nun wollen wir die Wohnsitze der wohlhabenden heiligen Menschen beschreiben, die die drei Opferfeuer unterhalten. Mit geklärtem Herzen haben sie die Beweiskraft der vom vertrauenswürdigen Herrn verkündeten Veden erkannt. Sie bejahen die vier Lebensziele, beginnend mit Dharma; ihre Erkenntnis ist ein Werkzeug, das die Zungen täuschender Gottesleugner zum Schweigen bringt. (174) Alle Häuser gleichen Schulen, in denen die Veden gelernt werden. Die Schüler tragen leuchtende Munja-Gürtel um die Hüften und golden wirkende Lotosblüten im herabhängenden Haar. Ihre Gewänder sind ordentlich eingesteckt; über der Brust liegen die baumwollene heilige Schnur und das Antilopenfell, und in der Hand tragen sie den Palasha-Stab. Schamhaft und gewissenhaft lernen sie die heiligen Schriften. (175) Die Papageien hören immer wieder, wie die Kinder der Brahmanen, die den Feuerdienst verrichten, die göttlichen Veden einüben, und sprechen sie nach. Auch die anderen sprechenden Vögel lernen diese Laute und lehren sie fehlerlos allen Papageien in den frischen Mandara-Hainen der Götterwelt.

(176) Die gelehrten Versammlungen erstrahlen durch Menschen, die die Veden, ihre sechs Hilfswissenschaften, die Smritis und die verschiedenen Puranas kennen. Sie beherrschen die Streitgespräche, in denen andere Lehren geprüft werden, vermögen eine Auffassung aufzugreifen und zu widerlegen und besitzen die Einsicht, ihre eigene Lehre zu begründen. (177) Überall stehen Klöster großer Asketen. Sie tragen Wassergefäße in Netzen bei sich und Gewänder, die in leuchtendem rotem Ocker gefärbt sind. Sie gehen achtsam, damit kein Lebewesen verletzt wird. Ihre mit dem Lendentuch verbundenen Stäbe gleichen einer lodernden Axt, welche die Unwissenheit vernichtet. Gewissheit suchen sie allein im höchsten Sinn der Veden. (178) Rauch aus den Küchen, Adlerholzrauch aus den Häusern und der aufsteigende Rauch der Opferfeuer vereinigen sich und verschlingen das ausgebreitete Sonnenlicht. Es wird Nacht, und die Menschen können ihrer gewohnten Arbeit nicht mehr nachgehen. Es gleicht dem Tag, an dem die Göttin dem Herrn mit dem honigduftenden Konrai-Kranz die Augen zuhielt.

(179) Nun wollen wir die besondere Straße mit den Klöstern der shivaitischen Asketen beschreiben. Mit der göttlichen Asche und den fünf Silben als Schiff überqueren sie die sieben Meere der Wiedergeburt, in denen die Seelen durch die beiden Arten von Karma immer neue leidvolle Körper annehmen. So gelangen sie zum Ufer der Lotosfüße Haras. (180) Überall verehren Menschen Shiva und erlangen das Gute dieser und der jenseitigen Welt. Überall verehren sie seine Liebenden und durchtrennen den Kreislauf der Geburten. Überall lauschen sie den Agamas und halten künftiges Karma zurück. Überall erkennen sie das Wesen des Herrn und beseitigen den dunklen Makel. (181) Viele kennen die hunderttausend Agamas, die der Unvergängliche verkündet hat. Durch die darin ausgezeichneten Gebote und Verbote leiten sie die Diener, Kinder und Übenden, die sich an seine Füße halten. Ihre Unterweisung wäscht die Fesselung ab und eröffnet die Schau, durch welche Befreiung gewährt wird. [Die Bezeichnungen der Übenden gehören zur abgestuften shivaitischen Praxis.]

(182) Viele Gemeinschaften vollkommener Shiva-Yogis haben den Streit darüber beigelegt, ob die Erlösung, von der am Ende gesprochen wird, eine oder zweierlei sei. Sie erkennen die zusammengehörigen Gebote und Verbote, die Shiva geordnet als Veden und Agamas, als allgemeine und besondere Lehre, verkündet hat. (183) Im Tempel des ursprünglichen Herrn verstummen die Flöten, die Gesänge Tumburus und Naradas, die sich drehenden Tänze der rankengleichen Frauen und die Lobgesänge aus den Mündern der drei Heiligen niemals. Die Pracht der Feste, die Vedenrezitation und die Trommeln, deren Klang alle Himmelsrichtungen verschlingt, lassen ihn stets lebendig sein. (184) Der weiße Lichtstrom, der aus der Silberhalle des Herrn auf dem weißen Stier aufsteigt, durchbricht den Himmel und wächst unaufhaltsam weiter. Er gleicht der Erhabenheit des Kailasa des Herrn mit der gekrümmten weißen Mondsichel zu jener Zeit, da die drei Welten in ihm zur Ruhe kommen.

(185) Der blühende Kadamba-Baum steht auf einer Seite Sundaras. Er lässt Honigtropfen und Blüten fallen, während seine Bienen klagend summen. Er gleicht Indra, der Tränen vergießt, viele Blumen darbringt, den Herrn preist und bittend seine Verehrung vollzieht. (186) Der blühende Kadamba gewährt dem Herrn weiten Schatten, der selbst allen Lebewesen den Schatten seiner Füße schenkt und dadurch das verderbliche Karma ihrer ruhelosen Wanderung beseitigt. Seine summenden Bienen bringen Nektar aus den himmlischen Wunschbäumen und nähren damit ihre zarten Gefährtinnen; so stillen sie deren vom Feuer der Liebe und vom Liebesstreit verursachten Schmerz. (187) Der volle Wassergraben lässt sagen: ‚Das ist nicht bloß ein Meer!‘ Die hohe Mauer überragt selbst den ringförmigen Berg, auf dem Wolken dahinziehen. Die Tortürme übertreffen die acht umgebenden Berge. Das leuchtende, vom Himmel herabgekommene Heiligtum wiederum lässt selbst den goldenen Meru hinter sich. [Die kosmischen Vergleiche sind im Wortlaut teilweise elliptisch.]

(188) Der vielfältige Reichtum der Stadt blüht wie die Frucht großer Askese für jene auf, die sich in liebender Verehrung vor den Füßen der höchsten Wirklichkeit niederbeugen. Diese Wirklichkeit steht jenseits des Vedanta und jenseits selbst des Nadanta, in dem die Wahrheit ohne Schwanken offenbar wird. (189) Den Menschen dieser heiligen Stadt ist selbst die Fülle der Freuden, die den fünf Sinnen gereicht werden, nicht mehr begehrenswert. Sie gleichen Befreiten, die sich an die duftenden, frischen Lotosfüße des makellosen Herrn mit der Mondsichel in den geordneten roten Haarflechten geschmiegt haben. (190) Weil der ursprüngliche Herr dort seinen königlichen Sitz hat, brachte die Stadt die lotoswohnende Göttin des Glücks hervor. Diese brachte Reichtum hervor, der alle Arten von Gütern umfasst. Daraus ging der blitzende Glanz vielfältigen Dharmas hervor, und daraus wiederum erwuchs vortrefflicher Ruhm.

(191) Alle preisen diese Stadt als die Welt Rudras mit seinen mächtigen Schultern. Die Götter sehen staunend ihren vielfachen Reichtum, der sogar den Himmel übertrifft. Weil der Neid darüber in ihrem Herzen nicht schwindet, schließen sie bis heute ihre Augen nicht zum Schlaf. (192) War es nicht durch die Kraft dieser Stadt, dass der mit duftenden Girlanden geschmückte Pandya seinen siegreichen Speer schleuderte und das Meer bezwang, Indras Krone zerbrach und dessen Hochmut zerschlug, die Wolken in Fesseln legte und den goldenen Berg besiegte? (193) Nur das große Licht, das überall Mund und überall Auge ist und in allem wohnt, kann den Reichtum dieser einzigartigen Stadt erfassen. Könnte ihn selbst der mit den tausend Zungen vollständig aussprechen? Könnte der mit den tausend Augen ihn vor sich sehen und ganz ermessen?

(194) Man sagt, die Erde sei der Ort, an dem verdienstvolle Taten vollbracht werden, und die Himmelswelt der Ort, an dem man ihre Früchte genießt. Die große Stadt Madurai aber ist zugleich der Ort, an dem täglich Verdienst erworben wird, und der Ort, an dem die daraus erwachsenden Freuden erlebt werden. (195) Unzählige Menschen verbringen ihre Zeit damit, den Saitenklängen und Gesängen von Frauen zu lauschen, deren Worte wie reife Melodien sind. Für die Ohren werden sie zum Genuss, neben dem selbst der Nektar der Götter bitter erschiene. Zugleich lassen sie ihre Augen die prächtigen Tänze jener nektargleichen Frauen betrachten. (196) Unzählige andere suchen nach dem rechten Augenblick, um den Liebesstreit der weinenden Frauen zu lösen, der selbst zur Saat neuer Vereinigung wird, und genießen die Freude ihrer Umarmung. Sie bedenken zugleich die Unbeständigkeit aller bleibend erscheinenden Dinge und verbringen ihre Zeit damit, Gelehrten rechtmäßige wohltätige Gaben zu reichen.

(197) Viele suchen dreimal täglich den Herrn der fischäugigen Göttin auf, verehren ihn und vollziehen Shivas Puja nach der überlieferten Ordnung. Sie hören von den heiligen Spielen dessen, dessen Ende selbst die Veden nicht kennen, denken darüber nach und ehren seine Verehrer. So verbringen sie ihre Tage. (198) Einige lernen, was zu lernen ist, und hören aufmerksam zu. Sie bedenken Wort und Sinn, bis das Gehörte ihr Inneres durchdringt, erklären es den Fragenden und beseitigen deren Zweifel. Dort, wo Sonne, Tag und Nacht nicht mehr trennen, verbringen sie ihre Zeit, in die wunderbare Flut wahrer Erkenntnis und Wonne versunken, ohne darin unterzugehen. (199) Die Früheren sagten, der Held eines großen Gedichts solle niemanden haben, der ihm gleich oder überlegen sei. Für andere ist dies bloß ein Lobeswort; ihm allein kommt es wirklich zu. Denn der, der auf Erden als Pandya-König über diese Stadt herrscht, ist der Herr dieses Gedichts.

(200) Wie sollte ich die vielfältige Größe dieses Herrschers aussprechen? Könnte man ihn wie andere Könige oder Götter einschätzen und dann ausführlich beschreiben? Durch seine Weisung dreht sich doch die ganze Welt. Nun will ich der Reihe nach erzählen, wie die Überlieferung der Spiele dieses ursprünglichen Herrn zu uns gelangte.

Hier endet „Die Herrlichkeit der heiligen Stadt Madurai“. Möge es glückverheißend sein.

Die Beschreibung des Kailasa

(201) Die alten Götter und die Weisen falten über ihren Häuptern die Hände wie Knospen und bitten: ‚Schenke uns deine Gnade und deine Gaben!‘ Der ihnen nach eigenem Willen Erbarmen erweist, übersteigt die Kraft, die Sprache und das ganze Erkennen, ja selbst die höchsten Aussagen der schwer zugänglichen Veden. Sein Wohnsitz ist der heilige Kailasa. (202) Wenn die Wohnstätten Indras und der übrigen Götter, die weite Welt des lotoswohnenden Brahma und selbst die durch Gaben gefestigte Welt des diskustragenden Herrn ihren Bestand verlieren, bleibt dieser Berg ungeschwächt stehen und erhebt sich durch jedes Weltzeitalter hindurch. (203) Der Klang der Tänze himmlischer Frauen, ihre Gesänge, das Spiel der Saiten und der mächtige Widerhall der Trommeln, das unermessliche Trompeten der Elefanten und das Rauschen der Wasserfälle erfüllen unablässig den Himmel und alle Himmelsrichtungen.

(204) Der Kailasa scheint den großen Asketen, die dort wohnen, seine eigene Gestalt geschenkt zu haben: die weiße Helligkeit der heiligen Asche, das unbewegte Verweilen mit dem Makellosen im Inneren und Augen, aus denen Wasser strömt wie aus seinen Wasserfällen. (205) Nicht allein die mächtigen Wasserfälle rauschen dort herab wie ausgebreitete weiße Tücher. Auch die Augen der großen Asketen vergießen Fluten, während sie, in sich gesammelt, auf die innere Gnade schauen, die in der höchsten Aussage der vier Veden verborgen liegt. (206) An einer Seite stehen Scharen großer Asketen. Sie bringen prächtige Blüten von Baumzweigen, Blüten des Erdbodens, Blumen aus tiefem Wasser und Blüten von Rankengewächsen. Dazu bringen sie die große Blüte eines Gesanges, in dem ihr Inneres schmilzt, und legen all dies zu den Füßen unseres höchsten Lichtes nieder.

(207) Elefanten mit ihren Rüsseln, zornige Tiger und Schlangen mit furchtbaren Mäulern und geblähten Hauben nähern sich den großen Asketen, die den dreiäugigen Herrn in den Agamas preisen. Sie bringen ihnen Liebe entgegen. Darum preisen Himmel und Erde diesen Berg.

Hier endet „Die Beschreibung des Kailasa“. Möge es glückverheißend sein.

Die Überlieferung des Puranas

(208) Auf jenem kaum zu ermessenden Berg, vor dem Tempel dessen, der den Makel beseitigt und den Himmel beschützt, liegt das reiche Shiva-Tirtha, das die anderen schwer zu beschreibenden heiligen Gewässer Shivas übertrifft. An seinem Ufer befindet sich die folgende Halle. (209) Der göttliche Baumeister erschuf nach großer Askese eine Halle mit tausend Säulen. Sie besteht aus Mondstein, der kühle Strahlen ausgießt, und ist kunstvoll mit Reihen der neun Edelsteinarten verziert. (210) Durch diese Beschaffenheit gleicht die Halle dem makellosen Mond, der mit den Sternen vom Himmel gekommen ist, um die frischen Lotosfüße des Herrn der Erkenntnis zu verehren, und hier einen Platz zum Verweilen gewählt hat.

(211) In jener Halle saß auf einem Tigerfell der Weise Suta, groß an Askese. Er hatte bei den berühmten Opferhandlungen die achtzehn Puranas verkündet; nun erschien er dort wie die verkörperte große Askese selbst. (212) Zu jener Zeit kamen die Weisen, badeten im Shiva-Tirtha und stiegen in die Halle hinauf. Sie vollendeten ihre Übungen, beginnend mit der Sandhya-Verehrung, gedachten der Füße des unendlichen, mondgeschmückten Herrn und priesen ihn. (213) Unter ihnen waren Shambubhakta, Sadananda, Uttama und Mahodara, der dem Lotosgeborenen glich, ferner Ugravirya, vor dem sich die Götter fürchteten, und der treffliche Asket Prachanda, den die Opfernden ehrten.

(214) Diese und die übrigen großen Asketen wandten sich an Suta, dessen Liebe dem höchsten Licht gehörte, das die liebende Uma als seine eine Hälfte trägt und zugleich alles ist. Sie sprachen Lobpreisungen, legten ehrfürchtig die Hände zusammen und stellten eine Frage. (215) ‚Großer Asket von weiter Erkenntnis! Du hast erkannt, dass der Herr, dessen eine Hälfte die junge Göttin ist, die alle Welten gebar, das Höchste ist: Dies ist die endgültige Aussage der Veden, Agamas, Puranas, Smritis und der übrigen verkündeten Schriften. Wir möchten dir nun etwas vortragen. (216) Du hast uns die unzähligen Wohnstätten des himmlischen Herrn, der auf dem Stier reitet, beschrieben, angefangen bei Meru, Mandara, Kailasa und den heiligen Bergen. Du hast uns ihren Sinn dargelegt und erläutert, wie Menschen dort unendlichen Genuss und Befreiung erlangen können, sodass es unserem Denken zugänglich wurde.

(217) Herr, du hast uns gnädig unterwiesen, damit Zweifel und die übrigen drei Irrtümer schwinden. Doch wir mit unserem geringen Verständnis sind noch nicht klar geworden. Weil unsere Herzen verwirrt sind, schenke uns erneut die Unterweisung, durch die wir ohne Täuschung gerettet werden können!‘ So sprachen sie. (218) ‚Nenne uns einen Ort, der alle anderen heiligen Orte überragt, dessen würdige Gewässer alle übrigen Tirthas übertreffen und dessen göttliche Gestalt den Bittenden das Gute schenkt. Sage uns, wo jenes große Licht wohnt, das jenseits der Bereiche von Nada und Vedanta steht.‘ (219) Als sie so gesprochen hatten, hellte sich Sutas Gesicht auf. Er hatte die Macht des dunklen Makels überwunden und die besonderen Vorzüge der heiligen Orte erforscht. Er sagte: ‚Unter den Wohnstätten dessen, der den goldenen Berg als langen Bogen führte, gibt es einen Ort, von dem schon das Hören Befreiung gewährt.

(220) Unter den achtzehn vollständig verkündeten Puranas besitzt das Skanda-Purana sechs Samhitas. Sie tragen die Namen ihrer Verkünder: des großen Weisen Sanatkumara, Sutas, Shankaras mit den langen Haarflechten, Vishnus, Brahmas und des Sonnengottes. (221) Von diesen sechs lehrte Shankara seiner Gefährtin das Werk, das Shankara-Samhita heißt. Damals saß der Herr mit dem blitzenden Speer auf ihrem Schoß, hörte zu und erkannte den Inhalt klar. (222) Der Speerträger, der den Berg durchbohrte, erklärte die Lehre dem kleinen Weisen, der ihn verehrte. Seit jenem Tag wird sie Agastya-Samhita genannt. Sie schildert einen heiligen Ort, der seinen Hörern die freudvolle Befreiung schenkt, in der sie sich mit dem Schatten der Füße Haras vereinen.

(223) Fragt ihr, welcher Ort so ausgezeichnet ist: Es ist Alavay, dessen bloßes Hören zum Heil führt.‘ Als Suta dies sagte, baten die auf Befreiung gesinnten Weisen: ‚Erzähle uns davon!‘ Darauf begann der Schüler Vyasas, die Überlieferung in ihrer gegebenen Reihenfolge darzulegen. (224) Einst wollte der Gott der alten Veden, der auf dem frischen Lotos sitzt, nach der vorgeschriebenen Ordnung ein Opfer mit rasch laufenden Pferden vollziehen. Zusammen mit seinen Söhnen begab er sich nach Kashi mit seinen kühlen Badeplätzen, das den dort Verstorbenen den Weg zum Heil eröffnet. (225) Mit ihm waren Agastya, Vyasa, Narada, Sanaka und die übrigen drei Weisen, Gautama, Parashara, der die höchste Aussage der Schriften klar erkannt hatte, Vamadeva, Valmiki, Vasishtha, der die Welt übersteigende Shuka und weitere Asketen. Er vollendete zehn große Pferdeopfer und beschenkte die Anwesenden so, dass ihre Herzen Freude empfanden.

(226) Nachdem der Herr des Lotos in die Welt Satya zurückgekehrt war, suchten die heiligen Weisen, die die Feindschaft der Sinne bezwungen hatten, den Herrn von Kashi auf und verneigten sich. Sie saßen hingebungsvoll in der ersten Halle vor der Gestalt, die die vier Lebensziele, beginnend mit Dharma, gnädig lehrt, blickten Narada an und stellten ihm eine Frage. (227) ‚Nenne uns einen heiligen Shiva-Ort, an dem die drei Vorzüge von Ort, Wasser und göttlicher Gestalt vollkommen vereint sind.‘ Narada antwortete: ‚Fragt Vyasa! Er lernte bei Sanatkumara, der alle Wissenschaften kennt.‘ Vyasa verwies sie weiter: ‚Fragt den kleinen Weisen! Er hat beim Herrn mit dem strahlenden Speer die Veden und alle anderen Lehren ohne Schwanken erkannt.‘ (228) Sie gingen zum Asketen des Malaya, falteten die Hände und priesen ihn: ‚Verkörperung des Dharmas, die Vatapi und Ilvala vernichtete! Berg der Askese, der den Vindhya-Berg niederhielt! Großer Ozean der Gnade, der das wogende Meer austrank! Regenwolke des kostbaren Tamil! Beistand, der die südliche Erde ins Gleichgewicht brachte!‘ So lobten sie ihn wie mit tausend Vedengesängen.

(229) Als sie ihn baten, einen Ort mit diesen drei besonderen Vorzügen zu nennen, erhellte sich das Gesicht des allwissenden Weisen, und sein Mitgefühl wuchs. In der Halle der Befreiung verneigte er sich vor den vier Hähnen, die herbeikamen und sich niederließen, vor dem Fünfhändigen, vor dem Beschützer mit dem scharfen Speer und der Hahnenfahne und vor dem stirnäugigen Höchsten, der im Schatten des Banyanbaumes sitzt. [Der Bezug der vier Hähne ist in diesem Abschnitt nicht näher erklärt.] (230) Er setzte Angayarkanni und unseren Vater, den Herrn von Alavay, in den Lotos seines Herzens, verweilte im Samadhi und ging in Verzückung ein. Dann sprach er: ‚Der Held, der aus seiner roten Hand den Speer schleuderte und Tarakas Leib in zwei Teile spaltete, hat mir die Samhita erklärt, die Shankara Parvati gnädig verkündete. (231) In dieser Samhita wird Alavay beschrieben. Was sonst nur durch seltene, große Askese und die Klärung des Inneren schwer zu erlangen ist, wird den Hörern dort leicht zuteil. Der Ort vereint die drei Vorzüge der heiligen Stätte, des Wassers und der göttlichen Gestalt und übertrifft darin alle anderen. Dort nahm der Herr eine Gestalt der Gnade an und vollbrachte seine vierundsechzig Spiele. Weil der Sinn der Veden dort immer offenbar ist, heißt der Ort Shivas Welt auf Erden.

(232) Ich werde euch die drei Vorzüge dieses Ortes und die heiligen Spiele dessen, der allen zahllosen Wesen Erbarmen schenkt, genau so erzählen, wie sie mir der kundige Speerträger erklärte, dessen Waffe die Brust des Berges spaltete.‘ So begann der, der das ganze Meer getrunken hatte, seine Unterweisung, während alle versammelten edlen Weisen zuhörten.

Die Besonderheit des heiligen Ortes

(233) ‚Ihr, die ihr den dreiäugigen Herrn liebt! Der Ort, nach dem ihr voller Verlangen gefragt habt, ist eben jenes Tiruvalavay. Dort befindet sich ein Teich, in dem ein Lotos mit goldenen Blütenblättern hervorgesprossen ist. Dort ist auch ein Shiva-Linga erschienen, als hätte sich die Erkenntnis selbst zu schönem rotem Licht verdichtet. Hört, was ich euch weiter darüber sage. (234) In den drei Welten gibt es keinen Ort, der Tiruvalavay gleicht, kein heiliges Gewässer, das dem göttlich duftenden goldenen Lotos gleichkommt, und keinen, der wie Somasundara, die Gestalt der Erkenntnis an seinem Ufer, das Gute dieser und der jenseitigen Welt sowie unvergängliche Befreiung schenkt. Dies ist die Wahrheit, die ich euch verkünde. (235) Hört zuerst in Kürze von der Größe des Ortes als dem ersten dieser drei Vorzüge. Unter den Orten aller Welten sind die Stätten des Dharmas ausgezeichnet; unter diesen die unzähligen Shiva-Orte. Von ihnen sind achtundsechzig besonders hervorragend, von diesen wiederum sechzehn göttliche Orte. Vier überragen auch diese; hört ihre Namen.

(236) Es sind Puliyur mit seinen schwanenreichen Feldern, die Stadt Kashi, Kalahasti und Alavay. Unter diesen vier reichen Städten ist Tiruvalavay die höchste. Warum? Der Anblick der leuchtenden Tanzhalle, das Wohnen und Sterben in Kashi und die hingebungsvolle Verehrung im großen goldenen Kalahasti verleihen Genuss und Befreiung. (237) Doch Tiruvalavay, wo der Dharma gedeiht, schenkt schon beim bloßen Hören seines Namens Lebensfreude. Es gewährt den Zustand höchster Wonne jenseits von Geburt und Tod. Als der unveränderliche, allgegenwärtige Höchste die heiligen Orte erschaffen wollte, errichtete er zuerst diesen und nahm hier gnädig Wohnung. Darüber hinaus gibt es noch weitere Vorzüge; hört davon. (238) Wer den Namen Tiruvalavay hört, erlangt Dharma. Wer an das an Glück und Reichtum wachsende Tiruvalavay denkt, erlangt Wohlstand. Wer den Gott der Götter in Tiruvalavay sieht, erlangt die Güte der Freude. Wer beständig in Tiruvalavay wohnt, gelangt auf den Weg der Befreiung.

(239) Kashi, das der göttliche Fluss umgibt, und die anderen heiligen Städte gewähren das Heil nach dem Tod. Tiruvalavay, umgeben von der klaren, erhabenen Vaigai, schenkt seinen Bewohnern durch Shiva die Befreiung schon zu Lebzeiten. Das ist seine besondere Größe; danach gewährt es auch das höchste Heil. Warum also noch sagen, die Stadt der Befreiung im Leben sei ausgezeichnet? In allen Welten kann nur sie selbst ihresgleichen sein. (240) Wer diese Stadt verlässt und in einer anderen Stadt Askese übt, gleicht einem Menschen, der den kühlen, mit Honig gesüßten Milchreis, den er wie himmlischen Nektar in der Hand hält, fortwirft und stattdessen den Handrücken leckt. Wer könnte die Größe dieses heiligen Ortes ermessen und angemessen preisen? (241) Der Verdienst, der an anderen Orten durch die Vollendung von Pferdeopfern, Vajapeya, Shodashi, Agnishtoma, dem schwer zu vollziehenden Rajasuya und anderen großen Opfern erlangt wird, ebenso der Verdienst friedvoller Darsha- und Purnamasa-Opfer und weiterer Opferhandlungen:

(242) Auch der Verdienst aus Gaben von Sesam, Ghee, Nahrung, Mädchen zur Vermählung, Pferden, Wagen, Elefanten, Häusern, Silber, Kühen, Goldschmuck, Kleidung, ertragreichen Feldern und Dienern sowie der Verdienst eines Aufenthalts in Kashi und den anderen Städten des freigebigen Herrn: (243) Dazu der Verdienst des Badens in sämtlichen heiligen Flüssen, angefangen bei Ganga, Kalindi, Vani, Kaveri, Krishna-Veni, Tungabhadra, dem lieblichen Pali und der reinen, kühlen Porunai: All dies wird jenen zuteil, die Tag für Tag im glückverheißenden Madurai wohnen. (244) Die Tötung eines Brahmanen, der Diebstahl von Gold, das Trinken berauschenden Alkohols und der Geschlechtsverkehr mit der Frau eines heiligen Lehrers: Solche schweren Vergehen, die an anderen Orten begangen wurden, verlassen diejenigen, die beständig im unvergleichlichen Alavay wohnen.

(245) Was an anderen Orten durch monatliches Chandrayana-Fasten gewonnen wird, erlangt man hier schon dadurch, dass man nur nachts isst. Die Frucht eines ganzen Fastenmonats an einem anderen Ort fällt hier dem zu, der nur einen einzigen Tag auf Nahrung verzichtet. (246) Die Frucht eines viermonatigen Fastengelübdes in einer anderen Stadt gewährt hier das Ashtami-Gelübde. Die Frucht eines sechsmonatigen Fastens anderswo schenkt in dieser großen Stadt bereits das Gelübde des Shiva geweihten Montags. (247) Den Verdienst eines Jahres ohne Nahrung an einem anderen heiligen Ort gewährt hier die Befolgung der Shiva-Nacht. Wer hier die fünf leiblichen Sinne bezwungen hat und ruhig verweilt, ist selbst dann einem großen Asketen gleich, der sich nur von Luft ernährt, wenn er dreimal täglich isst.

(248) Wer in Alavay mit seinen hohen vierseitigen Hallen einem Brahmanen eine Handvoll Nahrung oder einem großen Asketen eine Almosengabe reicht, erlangt den Verdienst der sechzehn großen Gaben, die andernorts vollzogen werden. Ihr von großer Einsicht, warum sollte ich noch vieles einzeln aufzählen? (249) Der beständige Ertrag des Wohnens an allen heiligen Stätten, der Ertrag des Badens in allen heiligen Gewässern, der Ertrag sämtlicher wohltätiger Gaben und der Verdienst aller Arten von Gottesverehrung an den heiligen Orten: (250) Ebenso der Ertrag vollendeter Askese in allen ihren Formen, die Frucht der reinen Mantras, die Einsicht aus dem gründlichen Hören und Erforschen sämtlicher Schriften sowie die Sammlung, die aus der Übung des Yoga und der vielfältigen Erkenntnis erwächst:

(251) All dies erlangen jene, die beständig in dieser alten heiligen Stadt wohnen. Ihr kommt keine andere gleich. Wer außer dem Herrn selbst könnte ihre Größe ganz erkennen? Darum sollen diejenigen, die das Karma überwinden möchten, dorthin gehen und dort wohnen. (252) Einst legte der achtarmige Lotosgott alle heiligen Orte, angefangen beim Kailasa, auf eine Waagschale und diese Stadt auf die andere. Als er beide wog, sah er, dass das erhabene Tiruvalavay weit schwerer war, und erklärte es zum höchsten Ort der Welt. Wer könnte seine Größe vollständig preisen? (253) Die Guten nennen diese große heilige Stadt, jeweils aus einem bestimmten Grund: Shiva-Nagara, Kadamba-Vana, Jivanmukti-Pura für ihre Bewohner, Kanni-Pura, Tiruvalavay und Madurai; ferner Shivas Welt auf Erden, die unvergängliche Erkenntnis schenkt, Samashti-Vidya-Pura, Süd-Kudal und den Hingabe gewährenden Dvadashanta-Ort.

(254) Als der kleine Weise die Besonderheit des Ortes so erklärt hatte, staunten die rechtschaffenen Hörer. Sie sagten: ‚Du hast uns die Größe des Ortes wunderbar und gnädig dargelegt. Durch das Hören haben wir heute alles Gute erlangt, um dessentwillen wir einen Körper annahmen. Erzähle nun von der Herrlichkeit des goldenen Lotos!‘ Da fuhr der einem Berg des Erbarmens gleiche Weise, der den Berg niedergehalten hatte, der Reihe nach fort. (255) ‚Ihr großen Asketen, die ihr Gelübde haltet! Hört, wie der goldene Lotos entstand, dessen Anblick alle schweren Tatfolgen beseitigt und wahrhaft Freude schenkt. Wir wollen seinen Ursprung, seine Größe und seinen Reichtum ausführlich darlegen.‘ So begann der Weise zu sprechen.

Hier endet „Die Besonderheit des heiligen Ortes“. Möge es glückverheißend sein.

Die Besonderheit der heiligen Gewässer

(256) Wer könnte die vortreffliche Größe Alavays mit seinen hohen Häusern und duftenden Hainen ermessen? Nun wollen wir die Erhabenheit des großen Teiches schildern, in dem kühle, duftende Lotosblumen blühen, als spiegelten sie das liebevolle Gesicht Umas mit ihrem weißen, perlenhellen Lächeln. (257) Noch bevor die Königin der Flüsse, die Ganga, Kaveri und die anderen Flüsse, das Meer mit seinen verschiedenen Wassern und die Wolken erschienen, schuf Sundaramurti, dessen Reittier der rotäugige Stier ist, dieses heilige Gewässer für sein eigenes Bad. Hört, auf welche Weise dies geschah. (258) Nachdem er als der Formlose alle Welten in sich zurückgenommen hatte, gedachte er, ohne begrenztes Denken zu denken, ihrer erneuten Entfaltung, die den Wesen wiederum zur Fessel wird. Das schöne, makellose Licht von Erkenntnis und Wonne nahm einst aus eigenem göttlichem Spiel eine sichtbare Gestalt an.

(259) Er erschien dreiäugig, mit Schlangen als Schmuck und heiliger Schnur, mit der jungen weißen Mondsichel in den roten Haarflechten, mit Dreizack und Schädelschale und mit dem rotäugigen Stier. Die Göttin mit den dunkel geschminkten, fischgleichen Augen war seine linke Hälfte. Nandi und die anderen Führer der Scharen umgaben ihn vorne, hinten und an den Seiten. (260) Mit seinem eigenen Glanz erhellte er alle Himmelsrichtungen. Er besuchte die Stadt des siegreichen rotäugigen Schlangenkönigs, die goldglänzende Stadt des Königs der Götter, die Welt Brahmas, die Welt Vishnus und seine eigene höchste heilige Stadt. Nachdem er sich so in seinem Spiel überall bewegt hatte, kehrte er zurück. (261) Brahma, der König der Götter und der Herr des Diskus traten vor ihn, verneigten sich und priesen ihn. Er schenkte ihnen die erbetenen Gaben und erreichte seine eigene Stadt. Als er, seine stets bei ihm verweilenden großen Scharen gnädig anblickend, gerade in das Linga eintreten wollte,

(262) fielen der Stabträger Nandi und die anderen Führer der Scharen vor ihm nieder. Sie priesen ihn: ‚Stirnäugiger! Liebender der Liebenden! Makelloser! Wonne des Tanzes! Einziger Ursprung, den selbst die endgültigen Aussagen der Lehrschriften nicht ganz erfassen!‘ Nach diesen Lobpreisungen verehrten sie ihn und brachten eine Bitte vor. (263) ‚Herr, um diese Linga-Gestalt zu baden und selbst einzutauchen und gerettet zu werden, brauchen wir Wasser. Doch Ganga und die übrigen Flüsse gibt es noch nicht, auch keine reinen Teiche für die Menschen der Welt. Erschaffe hier ein heiliges Gewässer, das den Segen dieser und der jenseitigen Welt schenkt!‘ So baten sie. (264) Südöstlich nahe bei der Linga-Gestalt nahm er seinen dreispitzigen Speer und stieß ihn in die Erde. Die Waffe durchdrang die alte Erde, stieß durch die Unterwelt des Schlangenkönigs mit der ausgebreiteten Haube und durchbrach selbst die Hülle von Brahmas Weltei.

(265) Auf diesem Weg stieg der große Ozean, der das Weltei außen umgibt, wie das Wasser der Weltauflösung empor. Mit seiner Hand beruhigte der Herr die Flut, sprengte das heilige Wasser aus seinem Haar darauf und vermischte beides zu einem großen Tirtha. Dann blickte der Schädeltragende auf Nandi und seine Scharen und sprach. (266) ‚Weil wir dieses große heilige Gewässer hier vor allen anderen Tirthas geschaffen haben, darf es Adi-Tirtha heißen, das ursprüngliche heilige Wasser. Weil es alle heiligen Gewässer überragen wird, die künftig entstehen, darf man ihm auch den Namen Parama-Tirtha geben, das höchste Tirtha. (267) Weil diejenigen, die eintauchen, von Verwirrung frei werden und das Gute erlangen, heißt es das gnadenvolle Shiva-Tirtha. Weil es die schlechten Wege beseitigt, die Finsternis des Inneren auflöst und Erkenntnis verleiht, lautet ein weiterer Name … [Der Vers bricht in der verwendeten elektronischen Fassung hier ab; die weitere Namensangabe fehlt.]

(268) Wer hier eintaucht, Tarpana vollzieht und Gaben spendet, an seinem Ufer die fünf Silben zählt und ausspricht, sich uns in Liebe zuwendet, niederbeugt, uns umwandelt und mit Lobpreis erfreut, der erreicht das höchste Gut, um dessentwillen er diesen Körper angenommen hat. (269) Wer uns mit diesem Wasser badet, empfängt den Nutzen eines Bades mit dem Wasser sämtlicher unermesslicher heiliger Gewässer in den vierzehn Welten. Kommt, taucht hier ein und verehrt unser hier befindliches Zeichen mit überströmender Sehnsucht in euren Herzen!‘ So sprach er. (270) Der göttliche Herr, der als der höchste Vedakundige über den Göttern steht, tauchte selbst in dieses Wasser ein. Auf seine Weisung ließ er die Führer seiner Scharen ebenfalls baden. Dann trat er in das anfangslose, heilige Linga ein und verweilte darin voller Freude.

(271) Mit diesem großen heiligen Wasser badeten Nandi und die anderen nach der vorgeschriebenen Ordnung Somasundaras Haupt. Sie vollzogen makellos die Verehrung und erlangten alles, was ihre Herzen begehrten. So entstand der goldene Lotos. Hört nun auch die Herrlichkeit dieses Tirthas. (272) Wer den Erkenntnisteich mit seinen muschelauswerfenden Wellen betrachtet, dessen Fessel der Schuld wird durchschnitten. Wer eintaucht, empfängt die Erfüllung seiner Wünsche. Bei jedem hingebungsvollen Untertauchen erlangt man die Frucht des Badens in sämtlichen unermesslichen Tirthas der Welt. (273) Wer den Körper mit Erde und den vorgeschriebenen Mitteln reinigt und unter Rezitation des reinen Varuna-Sukta-Mantras eintaucht, empfängt den makellosen Verdienst, als hätte er in allen großen reinen Tirthas gebadet und den Erforschern der vier Veden jede Art von Gabe geschenkt.

(274) Selbst wer dieses göttliche Heilwasser ohne bewusste Absicht berührt, wird von bedrängendem Karma frei und erreicht die schwer zu erlangende Befreiung. Diese Aussage ist wahr: Brennt nicht auch ein heftiges Feuer den, der es ohne Absicht berührt? Würde es ihn deshalb verschonen? (275) Wer auch immer zu irgendeiner Zeit darin badet, erlangt Befreiung schon im Leben. Alle Früchte anderer reinigender Bäder, des Wasserbades, der Reinigung durch Feuer und Asche, der Reinigung durch Mantras und weiterer Erkenntnis gewährender Reinigungen, kommen dem besonderen Segen dieses Bades nicht gleich. (276) Wer in diesem Wasser badet und zugleich den Herrn von Alavay verehrt, erreicht den höchsten Zustand. Unter allen Mitteln der Läuterung, welche die guten Schriften nennen, steht dieses als eine Heiligung von unaussprechlicher Reinheit über allen anderen.

(277) Wer ohne innere Hingabe darin badet, gelangt zum Himmel. Wer mit Hingabe untertaucht und den Göttern und den übrigen Empfängern die vorgeschriebenen Wasserspenden mit Reis und Sesam darbringt, empfängt die Frucht der vollständig vollzogenen Opferhandlungen. (278) Fasten, Gottesdienst, Freigebigkeit, Wohltätigkeit, Feueropfer, Askese, Mantrawiederholung und Meditation an anderen großen heiligen Orten tragen reichen Lohn. Doch wer hierherkommt, im Erkenntniswasser badet und diese Handlungen an seinem Ufer voller Liebe vollzieht, empfängt einen zehnmillionenfach größeren Segen. (279) Wer an seinem Geburtstag in diesem Wasser badet, dessen künftiges Meer leidvoller Wiedergeburten zieht sich zurück. Wer in den Monaten des Widders, des Skorpions und des Wassermanns darin badet und den im Süden weilenden Ahnen Reisklößchen und andere Gaben spendet, hebt auch sie aus dem tiefen Meer der Geburten empor.

(280) Wer am Ufer dieses Teiches die den Verstorbenen geschuldeten Riten erfüllt, damit ihr Geist von Befleckung frei werde, lässt sie im Himmel wohnen: Für jedes dabei verwendete Sesamkorn werden ihnen tausend Jahre gewährt, wie zahlreich diese Körner auch sein mögen. (281) Alle heiligen Gewässer der drei Welten leisten diesem Heilwasser beständig in festgelegter Folge Dienst. Wer täglich darin badet und mit seinem Wasser den Herrn verehrt, erreicht noch in dieser Geburt das Ufer der endgültigen Erlösung. (282) Die Früchte der unabweisbaren täglichen Opfer, der Gelübde, des Vedastudiums, der gebotenen Gaben und der Askese erreichen nicht einmal ein Zehnmillionstel des Verdienstes jener, die an diesem Ufer verweilen und Shiva verehren.

(283) Nur wer schon in früheren Geburten immer wieder heilsame Regeln und gute Lebensführung beachtet, aufrichtig Gelübde, Freigebigkeit und Askese geübt hat, dadurch rein geworden und auf dem rechten Weg geblieben ist, erlangt in diesem Leben das tägliche Bad in diesem Heilwasser, das die Befleckung des Geistes auflöst. (284) Wer an dem Tag, an dem der Mond in der Sonne verschwindet, am Beginn eines Monats, bei einer Sonnenfinsternis, wenn die Schlange mit aufgerissenem Rachen die Sonne verschlingt, oder am Vyatipata-Tag bewusst hier badet und Lobpreis, Wasserspenden, Gaben und Mantrawiederholung vollzieht, dessen Verdienst wächst in dieser Reihenfolge: hundertfach, tausendfach, hunderttausendfach und schließlich unermesslich. (285) Das Bad beim Eintritt der Sonne in Widder oder Waage trägt zehntausendfachen Lohn; beim Eintritt in Steinbock oder Krebs zwanzigtausendfachen. Erkennt man einen Montag, an dem der Mond in der Sonne verschwindet, und badet dann, spricht Mantras und vollzieht die übrigen Riten, wird der Segen unermesslich.

(286) Den Lohn eines dreißigtägigen Bades in Prayaga während des Monats Makara empfängt, wer nur einen Tag in diesem grünlich schimmernden, bewegten Teich badet. Wer ein Jahr lang ohne Unterbrechung Gelübde und gute Lebensführung wahrt, hier badet und Uma sowie den Herrn verehrt, der die Veden verkündet und das Kronjuwel der Götter ist, dem wird selbst bei bisheriger Kinderlosigkeit ein gutes Kind zuteil. (287) Alle großen Heilwasser in Gestalt von Flüssen und Teichen in den acht Himmelsrichtungen reichen nicht an ein Zehnmillionstel dieses goldenen Lotusteiches heran. Ihn zu sehen schenkt Rechtschaffenheit; ihn zu berühren schenkt gutes Gedeihen; Wasser mit der Hand zu schöpfen schenkt Freude; darin unterzutauchen schenkt die höchste Seligkeit. (288) Neben den Namen, deren Gründe der Urherr selbst erläuterte, trägt dieser heilige Teich weitere durch Ereignisse begründete Namen: Weil sich später das Wasser der Ganga, die auf dem Haupt des Herrn mit blitzendem Flechthaar ruht, mit ihm vermischte, heißt er Shiva-Ganga.

(289) Weil er unter den unzähligen Heilwassern als höchstes hervortrat und leuchtet, nennen die Kundigen ihn Tirthottama, das höchste Heilwasser. Weil auf seinem Wasser ein rotgoldener Lotus seine vielen Blütenblätter entfaltete, nennen ihn die Menschen allerorten den Goldenen Lotusteich. (290) Weil er die vier Lebensziele, beginnend mit Dharma, gewährt, heißt er Dharma-Tirtha, das kostbare Artha-Tirtha, das schwer zu erlangende Kama-Tirtha und das Befreiung schenkende Mukti-Tirtha. Dieses Heilwasser ist ein Feuer für das Brennholz der furchterregenden Sünden. (291) ‚So habe ich die sechs großen Vorzüge dieses seltenen heiligen Ortes und die Herrlichkeit des göttlichen Teiches mit dem feurig rotgoldenen Lotus erläutert. Wer dies hört, empfängt ungetrübte Freude und Befreiung‘, sprach jener, der einst das Meer austrank und dem König der Götter Schmach und Bedrängnis nahm [Agastya].

Hier endet „Die Besonderheit der heiligen Gewässer“. Möge es glückverheißend sein.

Die Besonderheit der göttlichen Gestalt

(292) Wer vermag die überragende Herrlichkeit des großen Heilwassers von Alavay zu schildern, in dem der goldene Lotus blüht? Nun wollen wir der Reihe nach die Größe des ursprünglichen Linga verkünden, der Wurzel von Erkenntnis und Seligkeit: die Gestalt des makellosen, dreiäugigen Herrn mit dem dunkelblauen Hals. (293) Noch ehe die Lingas des höchsten Herrn auf dem hohen goldenen Meru, dem Silberberg, dem Mandara, in Kedara und in der von mächtigen Mauern umgebenen Stadt Varanasi sowie an den übrigen kaum aufzählbaren heiligen Orten erschienen, war dieser Shiva-Linga beim Kadamba-Baum hervorgetreten. (294) Die Lingas jener Orte sind Gnadenzeichen, die sich erst später von diesem her verzweigten. Aus diesen beiden Gründen zeichnet sich dieser göttliche Linga als der ursprüngliche Linga aus, einer Verdichtung unvergleichlichen Erkenntnislichtes gleich.

(295) In diesem großen Linga leuchtet unablässig der grenzenlos Schöne, dessen frei gewählte Gestalt die zweiunddreißig glückverheißenden Merkmale trägt; Uma schmückt seine Seite. Als die Himmelsbewohner diese Herrlichkeit sahen, gaben sie ihm den Namen Somasundara. (296) Somasundara, der große Gott der Gerechtigkeit, erfüllt alle Welten und steht über ihnen. Eben darum zeichnete sich später der Schlag, den der Pandya-König mit seinem goldenen Stock auf den Rücken des Herrn führte, als Wundmal in allen drei Welten ab. (297) Wer diesen Somasundara, die allumfassende Gesamtgestalt, schauen durfte, hat damit auch die einzelnen Linga-Gestalten an den übrigen heiligen Orten geschaut. Wie ist das zu verstehen? So wie das an die Wurzel gegossene Wasser alle Zweige eines Baumes gedeihen lässt.

(298) An diesem Ort vollbrachte er seine vierundsechzig göttlichen Spiele. In keiner Welt gibt es hier einen Höchsten, dessen Herrlichkeit der seinen gleichkäme oder sie überträfe. Hört nun, wie sich die überragende Größe dieses wunderbaren Herrn erkennen lässt. (299) Unter den Bergen steht der Meru mit seinem hohen goldenen Gipfel an erster Stelle; unter den Bäumen der kühle, duftende göttliche Wunschbaum; unter den begehrten Opfern das Pferdeopfer; unter den aus Mitgefühl gegebenen Spenden die Gabe von Nahrung. (300) Unter den Menschen gelten die Kenner der ursprünglichen Veden als die Höchsten; unter den Göttern der Herr, dessen Flechthaar den kühlen Mond trägt. Unter den Gelübden, die den Übenden Gnade schenken, steht das Montagsgelübde obenan; unter den heiligen Mantras die Erkenntnis gewährenden fünf Silben.

(301) Unter den glänzenden Edelsteinen steht der wunscherfüllende Chintamani an erster Stelle. Unter den tugendhaften Wegen, die herrlichen Segen verleihen, ragt Shiva-Dharma hervor. Unter den würdigen Empfängern von Gaben gelten jene als die besten, die dem dreiäugigen Herrn in Liebe verbunden sind. (302) Unter den Kühen, die köstliche Milch geben, ist die göttliche Wunschkuh die höchste; unter den vielfältigen großen Heilwassern der Goldene Lotusteich. Unter den reinen Göttern, die an allen heiligen Orten wohnen und die Befleckung durch Täuschung beseitigen, ist Somasundara der Höchste. (303) Das höchste Licht ohne Anfang und Ende, ungeteilt und vollkommen, das allen Bindung und Befreiung zuteilt, leuchtet immer in diesem schönen Linga, von den Veden gepriesen. Denen, die ihn verehren, gewährt es Wohlergehen in dieser Welt, im Jenseits und schließlich Befreiung.

(304) Alle anderen selbstentstandenen Lingas kommen täglich, um diesen Selbstentstandenen zu schauen, und kehren dann zurück. Wer diesen höchsten Linga aus makellosem Licht schaut, schaut Shivas erhabene Flamme, die im Innern aufleuchtet, wenn Rede und begriffliches Erkennen zur Ruhe kommen und der Geist seine Befleckung verliert. (305) Alle Sünden dessen, der diese einzigartige Flamme unmittelbar schaut und sich vor ihr verneigt, vergehen wie Baumwolle, die ein Funke trifft; wie wahre Askese durch aufsteigenden Zorn zerstört wird; wie Krankheit durch ein Heilmittel schwindet; wie alle edlen Eigenschaften durch Habgier zugrunde gehen; (306) wie tiefe Dunkelheit zerreißt, wenn die Sonne über dem rauschenden Meer aufgeht; wie Wolken vom gewaltig brausenden Wind auseinandergetrieben werden; wie ein mächtiger Elefant vor dem Angriff des starken Löwen fällt; wie ein Berg, den der gewaltige Donnerkeil trifft, zu Staub zerbricht;

(307) wie Urteilskraft durch verwirrende Begierde verloren geht; wie Unwissenheit vor dem gnadenreichen Blick der Shiva-Erkenntnis ihre Macht verliert; wie die feuerspeiende Schlange vor dem stolzzerschmetternden Garuda untergeht; wie erworbene Bildung durch Hochmut zunichtewird – so schwinden jene Sünden. (308) Wer am frühen Morgen den Herrn der Stadt der Befreiung im Leben schauen darf, erlangt den Lohn der großen Gabe der ganzen Erde, die von den vier Meeren umschlossen wird. Wer ihn zur strahlenden Mittagsstunde verehrt, empfängt den Lohn der Gabe von tausend braunen Kühen an Gelehrte. (309) Wer den Herrn verehrt, wenn der Sonnengott am Himmel in das westliche Meer eintaucht, empfängt den Lohn der Gabe von zehn Millionen Kühen. Wer ihn um Mitternacht verehrt, wenn die Götter ihn preisen, gewinnt den großen Segen des Opferfestes mit einem prächtigen, feurigen Pferd.

(310) Die reinen Menschen, die diese außergewöhnlichen Früchte kennen, gehen zum Urherrn aller Götter, der in Samashti-Vichchapuram wohnt. Zu den genannten Zeiten verneigen sie sich, beten ihn an, umschreiten sein Heiligtum und dienen ihm in Liebe zu seinen goldenen Füßen. (311) Die Krankheit ihrer aus früheren Leben stammenden Taten löst sich; sie werden rein und rechtschaffen. Ihr Glück und Wohlstand wachsen unaufhörlich, sie genießen ungetrübte Freude, überwinden die Fesseln der dunklen Befleckung und leben im Schatten der Lotusfüße unseres Herrn mit dem schwärzlich blauen Hals. (312) Wer nur den Namen des Herrn von Alavay hört, der die Gestalt des Dharma ist, wird vom Karma aus zehn Geburten frei. Wer an ihn denkt, verliert die Krankheit sündiger Taten aus hundert Geburten. Wer sich mit dem Gedanken ‚Heute wollen wir den Herrn von Kudal verehren‘ erhebt und sein Haus verlässt, dessen schwere Verfehlungen aus tausend leidvollen Geburten schwinden.

(313) Wer den Herrn schaut, der den Elefanten mit dem hohlen Rüssel bezwang, empfängt den reichen Lohn von tausend Pferdeopfern. Wer ihn, den selbst asketische Himmelswesen nur schwer verehren können, mit dem Rudra-Sukta preist, gewinnt in jedem Augenblick den Lohn von tausend Rajasuya-Opfern. Wer diesen Linga, die allumfassende Gestalt, (314) mit einer einzigen Handvoll guten Wassers übergießt und verehrt, hat damit die Linga-Gestalten an unzähligen anderen erhabenen Heiligtümern verehrt: so, als hätte er nach der Vorschrift der Shiva-Agamas alle sechzehn glückverheißenden Ehrendienste vollständig vollzogen, mit Duftwasser aus dicht besetzten Edelsteinkrügen gebadet und einen großen Gottesdienst dargebracht. (315) Wer Sundara auf solche Weise mit den fünf süßen Opfergaben, den fünf Gaben der Kuh, süßem Honig, roten Früchten, Sandelpaste und den weiteren Stoffen bestreicht, seine selbst den Göttern unergründliche wahre Gestalt mit duftendem Wasser erfrischt und nach der Regel große Verehrung darbringt, überwindet das dunkle Karma und lebt im Besitz der vier Lebensziele, beginnend mit Dharma.

(316) Wer unter den sechzehn guten Ehrendiensten das Bad mit geläutertem Duftwasser vollziehen kann, empfängt den Lohn von hunderttausend großen Opfern. Wer wohlriechende Salben, leuchtenden Safran, Sandel und andere Düfte aufträgt, lebt in Freude mit schönen himmlischen Frauen, deren Lächeln Jasminblüten gleicht, und badet in duftenden Mischungen. (317) Eine einzige gute Blüte auf das Haupt des Herrn von Alavay zu legen, trägt den Lohn der Verehrung mit fünfhundert goldenen Blumen an einem anderen Heiligtum. Wer dem Sundara, der reine Freude schenkt, nur einmal Räucherwerk darbringt, dem verzeiht der Herr der Veden tausend Verfehlungen, die er selbst durch Wort, Gedanken und Körper begangen hat. (318) Wer heilige Speise darbringt, verweilt für jedes einzelne Reiskorn ein Weltalter in Shivas Welt und genießt vollkommene Freude. Wer Betel und duftende Mundgaben spendet, wohnt dort hundertmal zehn Millionen göttliche Jahre. Wer eine Kampferlampe darbringt, erhält eine lichte Gestalt und ein Auge auf der Stirn.

(319) Wer dem Herrn von Madurai, dessen juwelengeschmückte Türme mit ihrem Glanz die Nacht vertreiben, Wassergefäße für das duftende heilige Bad, edelsteinbesetzte Krüge, wohlriechende Räucherpfannen, Lampenständer, Glocken und andere Geräte schenkt, macht seine begangenen Sünden zu Staub und taucht in einen mächtigen Strom der Freude, der allen fünf Sinnen ein Fest bereitet. (320) Wer vor dem Herrn Umas mit den fischgleichen Augen viele Instrumente mächtig erschallen lässt und kunstvollen Gesang und Tanz veranstaltet, wird selbst als strahlender König geehrt, dem sich die drei Welten neigen. Während Instrumente wie Donnerwolken erklingen, schaut er anmutigen Frauen zu, die goldenen Ranken gleich auf der Bühne tanzen, und erfreut sich reichen Glückes. (321) Wer sich auch nur einmal vor dem Herrn von Kudal niederwirft, mit acht oder mit fünf Gliedern den Boden berührend, an dem Ort mit seinen blütenreichen Teichen, wo viele weiße Vögel auf roten Beinen waten, wird als König das Zepter führen. Auf Wagen mit windesschnellen Pferden wird er herrschen, und alle werden kommen, ihre Häupter an seine beiden Füße legen und ihn beständig verehren.

(322) Feueropfer, wahre Askese, Mantrawiederholung und Gaben, vor dem Herrn des heiligen Alavay vollzogen, mögen auch nur atomklein sein: Sie wachsen zum Meru an. Wer könnte die ganze Herrlichkeit dieses höchsten Linga ermessen und aussprechen? Ihr Vedenkundigen, wir haben nur das Wenige berichtet, das wir erkennen konnten. Was sollen wir es noch vielfach wiederholen? (323) In den drei Welten – auf Erden, im Himmel und in den oberen Bereichen – gibt es keinen Ort, der diesem Ort gleicht, kein Heilwasser, das dem höchsten Goldenen Lotusteich gleicht, und keinen Linga, der diesem Ursprung wahrer Erkenntnis und Seligkeit gleicht. Hört nun die heiligen Namen dieser göttlichen Gestalt. (324) Es lebe Karpura-Sundara, der Kampfer-Schöne; Kadambavana-Sundara, der Schöne des blühenden Kadamba-Waldes; Kalyana-Sundara, der glückverheißend Schöne, den aufrichtige Diener von Herzen begehren; Abhirama-Sundara, der Entzückende, der auf dem berggleichen Stier reitet, der Verkörperung des Dharma; Shanbaka-Sundara, der Schöne der goldfarbenen, honigträufelnden Champaka-Blüte; und Makuta-Sundara, der gekrönte Schöne!

(325) Er ist Manmatha-Sundara, bezaubernd schön wie der Liebesgott; Pazhiyanchu-Sundara, der vor schwerer ungerechter Beschuldigung bewahrt; Somasundara, an dessen Seite der Honig der Erkenntnis, Uma, verweilt; Alavay-Sundara, dessen Stadt von blühenden, duftenden Hainen umgeben ist, in denen Bienen den Sevvali-Modus auf der Laute zu spielen scheinen; der Herr von Nanmada-Kudal, über dessen Türmen der milchhelle Mond mit den ihn umgebenden Sternen zieht; der König von Madurai. (326) Er ist der Herr von Samashti-Vichchapuram, den selbst der Vierköpfige kaum angemessen preisen kann; der Herr von Jivanmuktipuram; der Gebieter des irdischen Shivaloka; der Herr von Kannipuram; der ursprüngliche Linga, der allen täglich Segen schenkt. Dies sind nur einige unter den unzähligen Namen Haras von Kudal mit seinen hohen Häusern. Zum Heil der Welt ist jener Linga (327) durch die sieben Unterwelten hindurch emporgestiegen. In dieser Linga-Gestalt hat der Herr, Erkenntnis und Seligkeit, seinen beständigen Sitz genommen und vierundsechzig göttliche Spiele vollbracht. ‚Seine Herrlichkeit habe ich nach den Worten unseres Lehrers verkündet‘, sprach der Weise des Malaya-Berges, der die Veden und die übrigen Wissenschaften kannte. Die tugendhaften Zuhörer fragten:

(328) ‚O Meer der Gnade! Du sprachst von vierundsechzig göttlichen Spielen. Zu welcher Zeit und für wen vollbrachte sie der Gott, dessen Wesen Seligkeit ist? Erzähle sie uns der Reihe nach, damit unser Verständnis klar wird und Erkenntnis sich ausbreitet.‘ Sie legten ihre Hände zusammen. Der auf dem südlichen Berg wohnende Weise begann, entsprechend ihrer Frage zunächst zusammenfassend, dann ausführlich alles darzulegen.

Hier endet „Die Besonderheit der göttlichen Gestalt“. Möge es glückverheißend sein.

Zusammenfassender Lobpreis

(329) Das Spiel, in dem er den König der Götter von Schuld befreite; wie er den Fluch des Elefanten aufhob; die große Tat des Pandya-Königs, der den Wald rodete und die Stadt erbaute; die Gnade der fischäugigen Tadadakai, die aus dem Opferfeuer erschien und die Erde regierte; wie der Herr sie heiratete, die Krone annahm und die Welt beschützte; (330) wie er in der Silbernen Halle tanzte, verehrt vom Tigerweisen und vom Schlangenweisen; wie er dem Zwerg Gundodara mit den mächtigen Schultern einen Berg gekochten Reises gab; wie er danach gegen dessen quälenden Hunger eine Grube voller Nahrung entstehen ließ und gegen seinen Durst die wogenden Wasser der Vaigai herbeirief und ihn trinken ließ; wie er für Kanchanamalai die sieben Meere herbeirief; (331) wie er Malayadhvaja, der am Sitz des Götterkönigs wohnte, zurückrief; wie der schöne Prinz Ukkira geboren wurde; wie dieser von seinem Vater den Wurfring, den strahlenden Speer und den Schlagstock erhielt; wie er den Speer schleuderte und den Übermut des Meeres brach; wie der König den Wurfring warf und Indras Krone zerschlug;

(332) wie er den goldenen Berg mit dem Schlagstock traf und seinen Schatz hervorholte; wie der Herr den Heiligen den schwer aussprechbaren Sinn der Veden erklärte; wie er Edelsteine verkaufte; wie er das Meer austrocknete, das der Herr der Wasser gegen die alte Stadt gesandt hatte; und wie jenes einzigartige alte Madurai zur Stadt Nanmada-Kudal wurde; (333) die wundersamen Spiele des Siddha mit dem gewundenen Flechthaar; wie der Herr, der den Khatvanga-Stab hält, einen steinernen Elefanten Zuckerrohr fressen ließ; wie er den Elefanten vernichtete, den die Jainas mit verborgener List gegen ihn entsandten; wie er vor der hingebungsvollen Gauri als alter Mann, junger Mann und Kind erschien; (334) wie er beim Tanz die Stellung seiner roten Füße wechselte; wie er vor ungerechter Beschuldigung bewahrte; wie er die schwere Schuld eines Sohnes tilgte, der in Verblendung mit seiner Mutter geschlafen hatte; wie er im Schwertkampf den Schüler zerstückelte, der ohne Ehrfurcht die Frau seines Lehrers begehrte; wie er die haubentragende Schlange erschoss; wie er die von den trügerischen Jainas ausgesandte Kuh bezwang;

(335) das Spiel, in dem der Herr des Dharma-Stieres auf einem Pferd erschien und die Truppen zur Besichtigung vorführte; wie er dem König mit dem Fischbanner einen unerschöpflichen Geldbeutel schenkte; wie er Armreifen verkaufte und dabei die Herzen der Frauen mit honigduftenden Blumen im Haar gewann; wie er den sechs Frauen mit kämpferisch speergleichen Augen die acht großen Siddhis gewährte; (336) wie er für den Chola die Tore der Befestigung öffnete, wieder schloss und mit dem Stierzeichen versiegelte; wie er für den Pandya eine Wasserstation errichtete, als der Chola in seinem Hochmut Krieg führte; wie er für Ponnanaiyal die Verwandlung der Metalle vollbrachte; wie er den König von Puhar in eine weite Grube fallen ließ und dem südlichen König den Sieg im Kampf verlieh; (337) wie er einem Diener einen unerschöpflichen Kornspeicher gab und seine Sorgen tilgte; wie er aus Mitgefühl als Onkel auftrat, den Rechtsstreit führte und dem Kaufmann sein Vermögen verschaffte; wie er Varaguna mit dem zornig strahlenden Speer Shivas Welt zeigte; wie er Feuerholz auf seinem heiligen Haupt trug, sich zum Diener des Lautenspielers erklärte und dessen Gegner zur Ruhe brachte;

(338) wie er jenem Sänger durch einen heiligen Brief an den Chera großen Reichtum verschaffte; wie der Herr in die Versammlung kam, damit die Frau dieses Sängers ihre musikalische Gegnerin besiegte; wie er, der sich zum Diener des Sängers erklärt hatte, den Schweinchen Milch gab und ihr Leben rettete. [Die vorliegende Textfassung dieses Verses ist kürzer als die umgebenden Verse.] (339) Wie er die kräftigen jungen Schweine zu Ministern machte; wie er den schwarzen Vogel durch die Unterweisung in einer heiligen Formel stärkte; wie er dem Reiher seinen erbarmenden Gnadenblick zuwandte und Befreiung schenkte; wie die Schlange am Arm des Siddha die Stadt Kudal umwand und ihr den Namen Tiruvalavay gab; (340) wie er mit einem scharfen Pfeil, auf dem ‚Sundara‘ geschrieben stand, den Chola im Kampf besiegte; wie er den Meistern des feinen Tamil die Dichterbank gewährte; wie er für Dharumi ein Gedicht verfasste und ihm dadurch Gold verschaffte; wie er den widersprechenden Nakkirar ans rettende Ufer brachte; wie er den Weisen, der den Vindhya niedergehalten hatte, zu Nakkirar sandte, damit dieser Klarheit über die tamilische Grammatik gewann;

(341) wie er durch einen Stummen den Streit der Dichter beendete; wie der mit Konrai-Blüten Bekränzte Idaikkadan folgte und sich in Nord-Alavay niederließ; wie er ein Netz ins Meer warf und die blumenduftende Frau heiratete; wie er den Heiligen von Vadavur unterwies und ihm seine honigsüßen, frisch erblühten Lotusfüße auf das Haupt setzte; (342) wie er Schakale in Pferde und Pferde wieder in Schakale verwandelte; die Gnade des schlangengeschmückten Herrn, der Erde trug und auf seinem kostbaren heiligen Leib einen Schlag hinnahm; wie er das sengende Fieber des Pandya kühlte; wie die Jainas auf Pfähle gesetzt wurden; wie er Vanni-Baum, Brunnen und Linga als Zeugen herbeirief und die Kaufmannstochter schützte; (343) dies sind zusammen die vierundsechzig Spiele. ‚Ihr seid von der endlosen Anhäufung der Taten frei geworden und habt gefragt, zu welcher Zeit und für wen sie geschahen. In der eben aufgestellten Reihenfolge werde ich sie ausführlich erzählen. Wenn ich an die Füße des Herrn von Tiruvalavay denke, bricht die grenzenlose Liebe meines Herzens wie Wasser durch einen Damm hervor und unermessliche Seligkeit wächst.‘ So begann er seinen geordneten Bericht.

Hier endet „Zusammenfassender Lobpreis“. Möge es glückverheißend sein.

1. Indras Schuld wird gelöst

(344) Nun erzählen wir, wie der Gott mit dem blitzenden Donnerkeil, den die schwere Schuld der Tötung Vritras unablässig verfolgte, in den großen Kadamba-Wald kam; wie er den Herrn mit dem Knochenschmuck verehrte und pries; wie dadurch seine Schuld schwand und welcher Segen ihm zuteilwurde. (345) Einst saß der Gemahl der Tochter Pulomans, deren Brüste goldschimmernd gezeichnet sind, im Schatten des Mandara-Baumes, um dessen Blüten Bienen schwärmten. Sein Goldschmuck blitzte und glänzte; auf einem weichen, von Löwen getragenen Thron ließ er sich nieder und betrachtete voller Begierde den Tanz der Frauen mit schwanengleichem Gang. (346) An den göttlichen Frauen blühten die drei Arten von Schönheit auf; wie goldene Blütenranken, in deren Blüten Bienen summen, bewegten sie sich im Tanz. Der Herr des Himmels schaute sie an und hörte ihren nektargleichen Gesang. So versank er in einem Meer berauschender Lust.

(347) Da kam ihr ehrwürdiger Lehrer Brihaspati, dem Herrn gleich, dessen Flechthaar die haubentragende Schlange schmückt. Doch der König der Götter blieb sitzen, ohne dessen heilige Füße zu ehren. Ach, besitzen Menschen, die in der Verblendung durch Frauen gefangen sind, noch Urteilskraft? (348) Der Lehrer ging sogleich fort. Der Glanz und das Glück des Götterkönigs wurden matt und begannen zu schwinden. Indra erkannte: ‚Dieses Unglück ist aus meiner Schuld entstanden, den guten alten Lehrer nicht geehrt zu haben.‘ Bekümmert machte er sich daran, den Meister der Erkenntnis zu suchen. (349) Er betrat dessen Wohnstätte und fand ihn nicht. Er suchte in der Welt der Erhabenen, die ihre Bindungen verbrannt haben, an den Wohnsitzen der hohen Götter und überall in den drei Welten, doch vergeblich. Mit der bangen Frage ‚Wohin ist mein Lehrer gegangen?‘ im Herzen gelangte er zum Sitz des Viergesichtigen.

(350) Auch dort suchte er und fand ihn nicht. Er verneigte sich vor Brahma, pries ihn und schilderte alles, was zuvor geschehen war. Der Lotusgeborene hörte zu, bedachte, dass die aus der Missachtung des Lehrers erwachsene Sünde nun ihre Frucht tragen müsse, und sprach nach reiflicher Überlegung: (351) ‚Bis du deinen früheren Lehrer wiederfindest, nimm Vishvarupa als Lehrer an, den dreiköpfigen Sohn des Tvashta. Obwohl er dem Geschlecht der Asuras entstammt, steht er durch seine Werke und seine Erkenntnis hoch.‘ Diesem Rat stimmte Indra zu. (352) Er verehrte den würdigen Herrn, der auf einem vielblättrigen, rot wie Feuer leuchtenden Lotus wohnt, und kehrte zurück. Mit wachsender, beständiger Zuneigung nahm er Vishvarupa als seinen verehrten Lehrer an, ohne den tieferen Plan des Lotusgeborenen zu durchschauen.

(353) Die List dieses trügerischen Lehrers ahnte er nicht. ‚Ehrwürdiger, vollziehe ein Opfer‘, bat er. Während Vishvarupa die Vermehrung des Wohles der Götter aussprach und das heiße Feuer nährte, dachte er in seinem Innern anders: Er opferte mit dem Wunsch, allen Asuras zum Sieg zu verhelfen, ohne zu bedenken, was ihm selbst daraus erwachsen würde. (354) Indra durchschaute die Handlung des Opferpriesters, dessen Worte und Gedanken auseinanderliefen, mit seinem Blick und seiner Erkenntnis. Er schlug mit dem Donnerkeil zu, trennte dessen drei Köpfe ab und ließ sie einzeln zu Vögeln werden. Das nach Fleisch riechende Blut gab er den Dämonen zum Trank. (355) Sogleich kam die Schuld der Brahmanentötung zornig heran und packte den König der Götter. Um ihn davon zu befreien, baten die Himmlischen die Bäume, die Erde, die goldgeschmückten Frauen und das Wasser, diese Schuld zu übernehmen. Als sie fragten: ‚Wie sollen wir uns davon wieder reinigen?‘, antworteten die Götter:

(356) ‚Im Wasser möge sie als Schaum entweichen, in der Erde als abstoßende Salzkruste, bei den Frauen mit jungen Brüsten wie goldenen Schalen als Monatsblutung, die Berührung ausschließt, und bei den verzweigten Bäumen als austretendes Harz.‘ Darauf fragten sie: ‚Welchen Vorteil erhalten wir dafür, dass wir diese Schuld tragen?‘ (357) Da wurden ihnen bleibende Vorrechte gewährt: ‚Schwangere Frauen mögen bis zur Geburt in geordneter Weise die Umarmung ihrer Gatten genießen. Ausgehobene Gruben der Erde sollen sich wieder schließen und ihre Verletzung verlieren. Wasser soll bei jedem Schöpfen nachquellen und sich mehren. Bäume sollen, auch wenn sie beschnitten und verletzt werden, wieder ausschlagen.‘ (358) Indra strahlte wieder wie ein von Schmutz gereinigter Edelstein, von der auf ihn gekommenen Schuld befreit. Tvashta aber hörte die schmerzliche Nachricht, dass der Herr der Götter seinen Sohn mit dem geschleuderten Donnerkeil getötet hatte. Zornig aufseufzend und nach Vergeltung verlangend, bereitete er eilends ein schreckliches Opfer.

(359) Aus der Opfergrube erhob sich ein furchtbarer, waffenkundiger Krieger. Sein Haar flammte wie die Spitzen des Feuers; sein Atem stieg wie finsterer Rauch bis zum Dach des Weltalls; aus seinen roten Augen sprühten Flammen des Zorns. Er biss seine mondsichelgleichen scharfen Zähne zusammen und lachte so, dass Himmel und Himmelsrichtungen taub wurden. Er erschien wie das schreckliche Gift. (360) Dieser wurde Vritra genannt. Er wuchs täglich weiter, jeweils um die Entfernung, die ein aus starkem Bogen abgeschossener Pfeil zurücklegt; mit seiner Höhe nahm auch seine Breite zu – so, sagt man, wie das Karma derer anwächst, die ohne Rechtschaffenheit leben. (361) Tvashta, dessen Herz vom Unheil erfüllt war und vor dem die Himmelsbewohner bangten, sandte den gewaltig angeschwollenen Vritra aus: ‚Kämpfe und nimm dem König der Götter das Leben!‘

(362) Der mit Zähnen wie Stücken des Mondes kam, kochend vor Zorn wie das unterseeische Feuer, dem Gegner entgegen. Auch der Herr der Wolken trat ihm auf seinem Elefanten entgegen – wie eine dunkle Sonne, die über dem Gipfel des Himalaya aufgeht. (363) Wie Tugend und Sünde, die aufeinanderprallen, stürzten sich beide Seiten unter Geschrei in den Kampf. Der Gott, der einst den Bergen die Flügel abgehauen hatte, hob den Donnerkeil und schleuderte ihn zornig gegen den Feind. Auch jener Frevler (364) schlug zu. Er ergriff eine eiserne Keule, rückte wie ein Berg vor, zuckte vor Wut wie Feuer und traf Indras Schulter, auf der die Brüste seiner Gemahlin Shachi ihre Spuren hinterlassen hatten. Indra verlor das Bewusstsein.

(365) Als der Stier unter den Göttern wieder zu sich kam, bedachte er die Macht und List des Übeltäters. ‚Ich habe nicht die Kraft, diesem Frevler im offenen Kampf standzuhalten‘, sagte er und begab sich in die Welt des Lotusgeborenen. (366) Er verneigte sich und berichtete von seinem Leid. Der auf dem Lotus Wohnende ging mit Indra zu dem Herrn, dessen Brust die große Glücksgöttin liebt. Beide fielen zu Vishnus Füßen und trugen ihr Anliegen vor. Vishnu überlegte, blickte den Himmelskönig an und sprach: (367) ‚Der Donnerkeil in deiner Hand ist allzu alt geworden und besitzt nicht mehr die Kraft, deinen Gegner zu töten. Du brauchst eine andere, neue Waffe. Ich will dir nun sagen, auf welche Weise du sie erlangen kannst. Höre!

(368) O Held mit der bekränzten breiten Brust! Als wir das reine Milchmeer quirlen wollten, sagten wir den Asuras und den Göttern: Kommt nicht mit euren furchtbaren Waffen in der Hand; das würde Unheil stiften. Daher ließen wir sämtliche Waffen bei Dadhichi aufbewahren. (369) Eine lange Zeit verging. Weder die Götter noch die Asuras kamen, um ihre scharfen Waffen zurückzuverlangen. Da verschlang der Weise, der durch den Blick der Erkenntnis die Waffen der Begierde besiegt hatte, all diese Kriegswaffen. (370) Die verschlungenen Waffen vereinigten sich ohne verbleibenden Unterschied zu einer einzigen Masse und verbanden sich mit seinem Rückgrat. Daraus ist ein hell strahlender Donnerkeil geworden. Er, die verkörperte Barmherzigkeit, wird ihn dir schenken, sobald du ihn aufsuchst.‘

(371) Nachdem Madhava so gesprochen hatte, brach der Götterkönig mit den versammelten Himmlischen unverzüglich auf. Er gelangte zur Einsiedelei des großen Asketen, der durch seine Entsagung das Wirken der Maya überwunden hatte. (372) Das Herz des großen Asketen öffnete sich; mit liebevoll aufblühendem Gesicht begrüßte er die Götter freundlich und ehrerbietig. ‚Ihr seid sehr erschöpft hierhergekommen. Was ist geschehen? Sagt es mir offen‘, sprach er. Da antwortete Indra: (373) ‚Ehrwürdiger, ich bin mit diesen gekrönten Himmlischen zu dir geeilt, um etwas zu erbitten, das du nicht verweigern wirst. Es soll dazu dienen, die Asuras mit ihren unheilvollen, gewitterdunklen Leibern zu vernichten und unser ganzes Geschlecht zu schützen.‘

(374) ‚Was ich erbitte, befindet sich in deinem Körper‘, fuhr er fort. Als der große Asket, der alles erkannt hatte, dies hörte, blühte sein Gesicht wie ein Lotus beim Anblick der Sonne auf, und er sprach: (375) ‚Der Hund sagt: Dieser Leib gehört mir; der Schakal sagt: Er gehört mir; Vater und Mutter beanspruchen ihn für sich; der Todesgott erklärt ihn zu seinem Eigentum; Krankheit und Dämonen sagen ebenfalls: Er gehört uns. Wenn der Geist ihn dennoch als ‚unseren‘ betrachtet und für sich beansprucht – wem gehört dieser Körper wirklich? (376) Ist etwa die abgestreifte Haut für die Schlange mit ihren Giftzähnen ihr eigenes Selbst? Oder das Nest für den Vogel, der darin ein- und ausfliegt? Kann man den Körper, in dem die fünf Sinne wohnen und wie Schauspieler ihr Spiel treiben, mit Recht als ‚Ich‘ bezeichnen?

(377) Wenn ich meinen Körper hingebe, damit die erbarmungslosen Feinde niedergerungen werden und alle von Leid und Krankheit frei zu Glück gelangen, und wenn ich dadurch unvergänglichen Ruhm gewinne – welchen höheren Nutzen könnte dieser angenommene Körper haben?‘ (378) So sprach er. Er vereinte seine inneren Kräfte und zog durch gesammeltes Denken sein Bewusstsein nach innen. Auf dem Weg der Brahma-Nadi durchbrach er die Schädelöffnung und ging hinaus. Er bestieg einen Himmelswagen, gelangte in die durch seine Askese errungene Welt und verweilte dort herrlich im Himmel. (379) Der göttliche Kunsthandwerker fertigte aus dem Rückgrat, das der freigebige Weise geschenkt hatte, einen mächtigen Donnerkeil, der die Feinde auf dem Schlachtfeld niederschlagen konnte. Unter Segensworten überreichte er die Waffe. Der Herr der dunklen Wolken nahm sie, erhob sie und stand da wie eine blitzende Gewitterwolke.

(380) Um den finsteren, schwertkundigen Asura zu töten, der ihn zuvor durch trügerischen Kampf besiegt hatte, brach der Götterkönig mit einem Meer von Kriegern auf: hohen Wagen mit schnellen Pferden, gewaltigen Elefanten, deren Schatten die Erde verdunkelten, und Kämpfern. Er, der einst die Berge zerhauen hatte, umzingelte den Asura-Fürsten. (381) Als das Götterheer anstürmte und ihn einschloss, erhob sich der Asura-König voller Stolz und Zorn, als stiege das rote unterseeische Feuer bergeshoch empor. Mit seinem Heer stürzte er vor, wütete und führte einen erbitterten Vernichtungskampf. (382) Die Asura-Helden rückten den Kriegern des Götterheeres entgegen und brüllten wie Donnerschläge. Sie riefen sich Sieg zu, hoben ihre Bogen, ließen die gespannten Sehnen schwirren, legten kräftige Pfeile auf und überschütteten ihre Gegner damit; sie schleuderten Speere und Wurfscheiben.

(383) Die Götterkrieger gingen dicht an die Asuras heran, schlugen mit ihren armreifgeschmückten Händen auf die berggleichen Schultern, sprangen mit wechselnden Kampfbewegungen vor, streckten ihre Schilde aus und stießen zu. Ihr Brüllen schien das Weltall zu spalten; sie schwangen die scharfen Schwerter und hieben auf die Asura-Kämpfer ein. (384) Die Krieger des trügerischen Feindes fielen im tödlichen Kampf. Arme und Beine wurden abgetrennt; sie versanken in Blutfluten. Kampfreihen und Kränze lösten sich auf; breite Brüste wurden gespalten; abgeschlagene Köpfe rollten überallhin. Sie gingen in die Stadt des Todes ein. (385) Mit ihren Füßen verloren sie die Heldenringe, mit ihren Köpfen die Kronen, mit ihren Schultern die Kraft, mit den Tumpai-Kampfblüten ihre Fähigkeit zum Streit, mit den Händen die Schwerter, mit der Brust die Rüstung. Ihre siegreiche Manneskraft war dahin; nur verstümmelte Leiber blieben zurück.

(386) Adler und Geier sammelten sich, zerrten hervorgequollene Därme heraus und schleppten sie fort. Die hochgewachsenen Dämonen mit eingefallenen Mündern schlürften das vergossene Blut, leckten die Lippen und sangen. Im Dämmerlicht begannen kopflose Rümpfe zu tanzen. Leichen bedeckten die Erde, und das Weltall schien auseinanderzubrechen. (387) Nachdem viele in diesem verworrenen Kampf gefallen waren, setzten die Übrigen den erbitterten Streit fort, überschritten jedes Maß und starben ebenfalls. Als der Himmelskönig und der König der Asuras dies erkannten, schleuderten sie göttliche Waffen gegeneinander und kämpften in rasendem Zorn. (388) Der Herr der Himmlischen sandte die Feuerwaffe aus. Der Frevler antwortete mit der Wasserwaffe und löschte ihre Wut. Der Gott sandte die mächtige Windwaffe; der Grausame legte die zornige Schlangenwaffe auf, die den brausenden Wind verschlingt, und wehrte sie ab, sodass die Götter erschraken.

(389) Der Asura schickte mit lautem Geschrei eine große Schlangenwaffe. Der Götterkönig schleuderte die schnelle Waffe Garudas und hielt sie auf. Der Feind setzte die gewaltige Verblendungswaffe ein und trieb sie voran; der andere sandte die Erkenntniswaffe, worauf jener, die verkörperte Täuschung, wie Dunkelheit dastand. (390) Jede göttliche Waffe des mit honigreichen Blüten Bekränzten beantwortete der Listige mit einer Gegenwaffe, wehrte sie ab und sandte noch weitere aus. Bedrängt von dieser unnachgiebigen Grausamkeit und verzehrt vom roten Feuer des Zorns, konnte der Götterherr nicht länger standhalten und tat Folgendes: (391) Wie eine Wolke ihren Blitz schleudert und mächtige Finsternis zurückweicht, ließ er plötzlich den großen Donnerkeil in seiner Hand aufblitzen. Der Frevler, dessen massiger Leib so dunkel wie sein böses Herz war, erschrak und stürzte in das weite Meer. Er glich dem Mainaka-Berg, der sich darin verborgen hatte.

(392) Indra eilte hinterher und tauchte ebenfalls hinab. Doch er fand das Versteck des Gegners nicht, der einem zornigen Donnerkeil glich. Er ging zum heiligen Lotusgeborenen und berichtete das Geschehene. Der Vater aller beweglichen und unbeweglichen Wesen erwog einen Plan, durch den der Frevler sterben könnte. (393) ‚Berichte dies dem, der den Vindhya-Berg niedergehalten hat‘, sandte er ihn fort. Indra gelangte zum duftenden südlichen Berg. Der Weise, der den Berg der Bindung zerbrochen hatte, begrüßte den Himmelskönig und fragte nach dem Grund seines Kommens. Der Gott, der den Bergen die Flügel abgeschlagen hatte, berichtete alles der Reihe nach: (394) ‚Warum sollte ich unserem Vater, der alles weiß, erst die Sache erklären? Unfähig, meinem Kampf standzuhalten, ist der Feind ins Meer geflohen und hat sich dort verborgen. Wir sind zu dir gekommen, Ehrwürdiger, damit sein Leben endet und alle durch ihn verursachte Bedrängnis noch heute vergeht.‘

(395) Um diese Not zu beseitigen, versenkte der Weise, der die fünf streitenden Sinne überwunden hatte, seinen Geist in die Gestalt des Herrn als Feuer der Weltauflösung: des Herrn, der Vishnu zu seinem Stier gemacht hatte, der als Wahrheit, Erkenntnis und Seligkeit alles erfüllt und in der Silbernen Halle wohnt. (396) Er schöpfte das Meer, in dem der Listige verborgen war, in die Hand, mit der er den Berg niedergehalten hatte, machte es klein wie ein Uzhundu-Korn und trank es aus. Ist dies ein Wunder für jemanden, der die Gnade des Herrn mit dem Mond auf dem Haupt empfangen hat? Vermag ein solcher nicht sogar die drei kosmischen Werke an den Welten zu vollbringen? (397) Das tiefe Meer trocknete aus wie der mühsam erworbene Reichtum derer, die den Dharma verlassen. Das unterseeische Feuer wurde sichtbar. Rote Edelsteine und die hoch aufragenden Korallenwälder, gleich langen Flammenzungen dieses Feuers, verschlangen die dichte Dunkelheit.

(398) Unzählige kostbare Steine schimmerten wie ausgebreitete Millionen von Schlangenkronen, als stünden Schatztruhen mit Schmuck und Münzen weit offen. Mit seinen neun Arten von Edelsteinen glich der Meeresgrund dem blutroten Schlachtfeld, auf dem einst der mächtige Asura Vala als Opfergabe Indras gefallen war. (399) Im versiegten Wasser zappelten viele Fische wie geschwungene, blitzende Schwerter. Schlangen wanden sich, Muscheln schimmerten, Perlen lagen dicht beieinander, Schildkröten verkrochen sich. Schiffe waren zerbrochen und hatten ihre vielerlei Ladung verstreut; Wasservögel verschlangen die kleinen Fische. (400) Der rotäugige Asura, der aus dem Kampf geflohen war, hatte sich wie eine dunkle Wolke auf dem Rücken eines schwer zugänglichen Berges niedergelassen. Dort übte er Askese, als hätte die furchtbare Schuld der Himmelsbewohner selbst Gestalt angenommen und täte Buße. Noch immer bedachte er nicht das beschämende Ende, das ihm bevorstand.

(401) Indra, der wie die Frucht der Askese der Götter war, erblickte den Frevler bei seiner trügerischen Buße. Mit dem neuen Donnerkeil hieb er ihm den Kopf ab, wie man einen Blütenstängel abtrennt. Blut ergoss sich und füllte den Meeresgrund. Da packte die Schuld der Brahmanentötung Indra erneut. (402) Sie brummte, schlug sich auf die Brust, fuhr zornig auf und dröhnte. ‚Komm zum Kampf!‘, rief sie, verzog den Mund und biss die scharfen Zähne zusammen. Sie fiel hin, rannte plötzlich fort, kehrte zurück, kochte vor Wut, weinte, lachte und fauchte. Keinen Augenblick wich sie von ihm. Was sollte er tun? Indra erschrak. (403) Eilig floh Indra zu einem Teich in der nordöstlichen Himmelsrichtung und verbarg sich in einer Faser des Lotusstängels. Inzwischen verödete das Land des Wunschbaumes. Zur selben Zeit vollbrachte auf Erden ein Mann namens Nahusha die schwer auszuführenden Pferdeopfer.

(404) Die Himmlischen sahen die Not ihres königlosen Reiches, holten ihn herbei, krönten ihn rasch und nahmen ihn zum König an. Kaum war er Herrscher geworden, befahl er: ‚Bringt Shachi hierher zu mir!‘ Die Umstehenden gingen und überbrachten dies der Frau, die dem Nektar aus dem bewegten Meer glich. Die in Treue Hervorragende (405) ging zum heiligen Lehrer, dessen Erscheinung wie lebendig gewordenes Gold war. Blitzgleich stand sie vor ihm und sprach: ‚Was ist das? Ich bin verloren! Mein Lebensgefährte lebt noch anderswo. Ist es recht, dass ein anderer mich zur Gefährtin seines Lebens machen will, Ehrwürdiger?‘ (406) Der Lehrer sagte: ‚Wenn er auf einer großen, edelsteinbesetzten Sänfte kommt, getragen von den sieben großen Weisen, dann ist er wahrhaft Indra der Himmlischen und kann dein Gemahl sein.‘ Sie verehrte ihn, stimmte zu und sandte die Botschaft: ‚Komm mit dieser erhabenen Würde hierher.‘

(407) Der Mensch, der zum Indra geworden war, achtete die heiligen Weisen, die seine Sänfte trugen, nicht und bedachte auch nicht das Leid, das daraus entstehen würde. Voll Verlangen nach den reifen Freuden der Liebe drängte er zur Eile: ‚Bringt mich rasch zu Indrani! Sarpa!‘, rief er. (408) ‚Dann werde eine Schlange!‘ Mit diesen Worten verfluchte ihn der Weise vom südlichen, windgekühlten Berg, der vorne die Tragstange trug. Sogleich wurde Nahusha zu einer gewaltigen Schlange und stürzte hinab. Brauchen unwissende, niedrige Menschen einen anderen Feind als ihren eigenen Wohlstand? [Das Wort ‚sarpa‘ wird hier als Ruf zur Eile und als Bezeichnung der Schlange ausgespielt.] (409) Darauf verneigten sich die Götter vor den Füßen ihres ehrwürdigen Lehrers und sagten: ‚Herr, die goldene Stadt leidet ohne König!‘ Der Lehrer ging zu jenem Teich und rief liebevoll. Indra mit den hundert Opfern erkannte seine Stimme und kam hervor; der Lehrer kehrte mit ihm zurück.

(410) Der von schwerer Schuld Verfolgte verehrte seinen Lehrer und fragte: ‚Sage mir, wie diese Schuld, die mich verbrennt, vergehen kann.‘ Der Lehrer erkannte den Weg der Befreiung davon: ‚Diese tödliche Schuld vergeht nur auf Erden. Komm dorthin, als begäbest du dich auf die Jagd; dort soll die auf dir lastende Schuld getilgt werden.‘ (411) Eine gegen Gott begangene Verfehlung kann der Lehrer durch seine Einsicht lösen; eine gegen den Lehrer begangene Verfehlung aber kann nur der Lehrer selbst beseitigen. Was wäre darüber weiter zu sagen? So zeigte der Lehrer selbst den Weg, um Indra von der Schuld zu befreien, deren Ursprung seine Verfehlung ihm gegenüber gewesen war. (412) Auf seinem springenden Pferd ritt der mit honigträufelnden Girlanden Geschmückte, liebevoll umgeben von seinem verehrten Lehrer und den Göttern, zur Erde hinab. Er verneigte sich vor dem großen Kailasa-Berg des Herrn, der die Frau mit goldbambusgleichen Schultern als Hälfte seines Leibes trägt, und wandte sich nach Süden.

(413) Er badete in unzähligen heiligen Gewässern, angefangen mit der Ganga, und verehrte viele Heiligtümer, darunter Kashi, Kanchi und das herrliche Kedara. Doch die anwachsende Schuld der Tötung des Asuras ließ ihn nicht los. Bekümmert und glanzlos wie der vom Schlangendämon verschlungene Mond näherte er sich der Grenze des Kadamba-Waldes. (414) Da löste sich die an ihm haftende Schuld, ließ ihn frei und wich zurück. Indra freute sich grenzenlos wie einer, der eine schwere Last abgelegt hat, und berichtete seinem Lehrer. Dieser sagte: ‚Hier muss ein großes Heiligtum und ein heiliges Gewässer des Herrn sein, der die Bindung vernichtet; wir müssen es finden. Geht und erkundet es!‘ Er sandte einige aus und ging von jener Stelle weiter. (415) Ungeschulte Affen badeten im Wasserfall, nahmen die von ihm angeschwemmten Edelsteine auf, legten sie auf einen Felsen, besprengten sie mit Wasser und schmückten sie mit Blüten, die ihre dunklen Finger gepflückt hatten. Sie brachten Früchte dar und verehrten sie. Am selben Ufer schöpften Yalis und Elefanten Wasser und reichten es einander zum Trinken. Hirschkälber tranken Tigermilch, bis ihr quälender Hunger gestillt war.

(416) Wenn eine junge Schlange sich auf offenem Platz unter der Sonne krümmte und vor Hitze litt, breitete der Adler seine sonst rauschenden Flügel über ihr aus und spendete Schatten. Ein Affenweibchen in der Nähe dachte: ‚Ach, der arme Vogel! Ist er krank geworden?‘ Es schöpfte klares Wasser aus dem Wasserfall in ein schalenförmiges Gefäß und goss es mit dunkler Hand über ihn. (417) Haubentragende Schlangen brachten ihre Juwelen hervor und erleuchteten damit die Hochzeitsstätte der Pfauen, deren grüne Beine Nochi-Blättern glichen und die sich mit ihren Weibchen vereinigten. Im großen kühlen Wald rief der Kuckuck mit sanften, dichten Flügeln ‚Om‘. Junge Papageien sprachen die fünf Silben in rechter Folge, und der Maina lauschte mit rundem Auge, erfreut wie beim Hören der Unterweisung seines Lehrers. (418) Als der Herr der goldenen Stadt diese kaum vollbringbaren Handlungen der Tiere und Vögel sah, staunte er. Sein Körper bedeckte sich mit Gänsehaut, sein Herz mit überströmender Freude. Während er weiterging, kehrten die Kundschafter zurück, verneigten sich zu seinen Füßen und sprachen Worte, die seine Freude nochmals steigerten – als gösse man kostbaren Honig in die süße Milch eines Trinkenden.

(419) ‚In diesem Kadamba-Wald haben wir heute Wunder gesehen, die man zu keiner Zeit in irgendeiner Welt erblickt hat, und unvorstellbare göttliche Herrlichkeit. Wir sind voller Freude. Dort, neben einem heiligen Teich, der einem verborgenen Schatz gleicht, ist im Schatten eines Kadamba-Baumes ein Shiva-Linga als unvergleichliches Licht hervorgetreten.‘ So berichteten sie, und er hörte zu. (420) Mit den Dienern, deren Worte wie Nektar in seine Ohren flossen, machte er sich auf den Weg. Über dem Haupt faltete er die Hände; Geist, Leib und Rede, die drei Werkzeuge, waren auf ein einziges Ziel gerichtet. Liebe zog ihn zu dem hervorgetretenen Gnadenzeichen, das seine schwere Schuld verbrannt und seine Erschöpfung gelöst hatte. Er badete im großen, vom Wald umschlossenen Blütenteich und drang in den Kadamba-Wald ein, um aller Sorge ledig zu werden. (421) Mit allen seinen tausend Augen voller Freude sah er den hervorgetretenen Shiva-Spross: formlos und gestaltgeworden, jenseits von Formlosigkeit und Gestalt, Wahrheit, Erkenntnis und Seligkeit; die unzähligen Lebewesen und das Bewusstsein in ihnen; wie der Duft in einer Blüte; der Ursprung, in dem alle beweglichen und unbeweglichen Wesen entstehen und wieder zur Ruhe kommen.

(422) Er schaute, fiel nieder und erhob sich. Tränen strömten aus seinen Augen; er versank im Meer aufsteigender Freude. Seine Worte stockten, sein Körper bebte, und er wurde ganz zu Liebe. Dann sandte der Himmelskönig einige aus, im weiten Himmel alles zur Verehrung des Herrn der Götter Erforderliche zu holen. Als sie gegangen waren, wollte er noch einen weiteren Mangel beheben. (423) Er beauftragte den göttlichen Baumeister, der ihm zu Diensten stand, ein Vimana-Heiligtum zu errichten. Dann ging er zum Teich, um den schönen Herrn sogleich zu verehren. Weil er keine duftenden Blüten fand, wurde er bekümmert. Da sah er durch Haras Gnade goldene Lotusblüten auf dem kühlen, muschelbewegten Teich erblühen – als gingen viele Sonnen zugleich aus einem einzigen Meer auf und verbreiteten ihre Strahlen. (424) Seine Liebe wuchs über alle Grenzen; vor Freude tanzte er. ‚Aus diesem Anlass soll dieser Teich unter dem Namen Goldener Lotus in allen sieben Welten glänzen‘, sprach er. Er badete erneut im leuchtenden Lotusteich, pflückte die goldenen Blüten und kehrte zum ursprünglichen, vollkommenen Heilmittel zurück, das hervorgetreten war, um seine hartnäckige Krankheit der Schuld zu stillen.

(425) Während man den dicht bewachsenen Wald lichtete und den Boden herrichtete, berührte die Sonne sanft das heilige Haupt des Shiva-Sprosses, der wie der Same der Erkenntnis erschienen war. Indras Herz wurde weich. Er dachte daran, ihm mit seinem weißen Schirm mondkühlen Schatten zu spenden. In diesem Augenblick senkte sich ein juwelenbesetztes Vimana wie die Sonnenscheibe herab. (426) Acht Elefanten mit hohlen Rüsseln und mondsichelgleichen Stoßzähnen, hoch wie acht Berge, die die Wolken aufreißen, zweiunddreißig zornige Löwen und vierundsechzig Ganas trugen es. Maya hatte dieses Heiligtum geschaffen, dessen Glanz die acht Himmelsrichtungen erfüllte. Indra stellte es auf und begann, das höchste Licht in seinen acht Gestalten zu verehren, das schwer zu erreichen ist. (427) Die zuvor zum Götterhimmel Gesandten, die alles für die Verehrung Benötigte zusammensuchen sollten, kehrten zurück. Sie brachten vom Wunschbaum geschenkte goldene Gewänder, blitzenden Juwelenschmuck, duftenden Sandel, Wasser der Mandakini zum heiligen Bad, Räucherwerk, Blumengirlanden, Lampen, die fünf Gaben der Kuh, duftende Früchte, süßen Honig und sämtliche heiligen Speisen.

(428) Er badete im Teich mit den göttlichen Lotusblüten, schmückte sich mit heiliger Asche, die das Werden auflöst, und trug die lange shivaitische Perlenkette. Ganz zu Liebe geworden, verehrte er nach den vom Herrn selbst verkündeten Schriften den selbstentstandenen Pashupati, den schlangengeschmückten Herrn, dessen Gnade sich ihm zuneigte. Mit wachsender, aufrichtiger Hingabe versank er in einer Flut der Seligkeit. (429) Der Götterkönig warf sich nach der Regel mit acht beziehungsweise fünf Gliedern bis zur Erde nieder, umschritt den Herrn mit geeintem Geist, Wort und Leib, bebte am ganzen Körper, betete und tanzte. Freudentränen strömten so reichlich, dass die Blütengirlanden auf seiner Brust darin zu schwimmen schienen. Von unersättlicher Liebe erfüllt, legte er die Hände zusammen und pries ihn: (430) ‚Preis dir, Schönäugiger! Preis dir, Wahrheit der Veden! Preis dir, der Schlangen als Armreifen trägt! Preis dir, ursprüngliche Ursache! Preis dir, dessen Stirn das rote Auge trägt! Preis dir, uranfängliche höchste Shiva-Flamme! Preis dir, unser Herr! Preis dir, anfangloser Ursprung!’

(431) ‚Preis dir, der alles erschafft! Preis dir, der alles auflöst! Preis dir, der alles geworden ist! Preis dir, der nichts von alledem ist! Preis dir, der alles weiß! Preis dir, der alles vergessen hat! Preis dir, der mit allem verbunden ist! Preis dir, der von allem getrennt ist!’ (432) ‚Preis dir, Meer der Gnade, das mich aus dieser leidvoll bindenden Schuld herausgezogen und zum Liebenden deiner beiden Füße gemacht hat! Preis dir, Gemahl der jungen Frau mit den fischgleichen Augen! Preis dir, Bewohner des großen Kadamba-Waldes! Preis dir, schöner Vidanga, der du im leuchtenden Vimana wohnst!’ (433) ‚Du bist die Verehrung, die zur Verehrung geeigneten Gaben, der liebende Verehrer und der Herr, der die Verehrung empfängt und nach der Ordnung ihre Frucht gewährt. Du bist sogar jene verbliebene Vorstellung in meinem Bewusstsein, die sagt: Ich habe verehrt. Preis deinen Füßen, du Ursprung der Veden!’

(434) Als er so dastand und pries, ließ der Urherr, der die Wünsche seiner Diener erfüllt, ein zartes Lächeln aufleuchten. Mit gnädigem Blick sprach er: ‚Was begehrst du? Sage es hier.‘ Der Götterkönig verneigte sich eilends, hob die zusammengelegten roten Hände über sein Haupt und bat: (435) ‚Herr, schon als ich mich der Grenze deiner Wohnstätte näherte, schwanden meine grausame, unablässige Schuld und die schweren, aus Verblendung begangenen Taten früherer Tage. Ich wurde würdig, deine Lotusfüße zu preisen und dich zu verehren. Welche höhere Gabe könnte es noch geben?’ (436) ‚Ich möchte deine Lotusfüße für immer auf diese Weise verehren und unter deinen Dienern selbst ein demütiger Diener sein. Nur dies darf ich erbitten.‘ So fiel der König ihm zu Füßen. Der dreiäugige Segenspender ließ Mitgefühl aufblühen und sprach:

(437) ‚Komm in jedem Jahr am Chitra-Vollmond des Monats Chittirai zur Verehrung: dann vereinen sich die vorzüglichste Jahreszeit, der Frühling, der Widder als bester der zwölf Monatsabschnitte, Chitra als vorzüglichster Stern und der Vollmond als bester Mondtag. So empfängst du den Lohn der Verehrung an allen dreihundertfünfundsechzig Tagen eines Jahres.’ (438) ‚Kehre in dein Himmelreich zurück und genieße viele reine Freuden. Wenn deine Unreinheit zur Auflösung herangereift ist und du auch das Verlangen nach den hohen Würden Brahmas, Vishnus und der übrigen großen Götter sowie alle anderen Wünsche vergisst, werden wir dir Befreiung schenken.‘ So gewährte die anfanglose höchste Shiva-Flamme, die am Gipfel der vier Veden aufleuchtet, mit überströmender Gnade ihren Abschied. (439) Eine Decke von Gänsehaut überzog Indras Leib. Die zum Gruß gefalteten Hände trug er wie einen Lotus über dem Haupt. Er fiel nieder, erhob sich, ließ Tränen strömen, pries den Herrn wieder und wieder und tanzte. Vor der Trennung von dessen Füßen bangte ihm; dennoch fügte er sich dem gnädigen Gebot, nahm widerstrebend Abschied und kehrte als Herr der Himmlischen in den Himmel zurück.

(440) Himmlische Frauen bewegten zu seinen Seiten Yakhaarwedel; Mandara- und Kalpaka-Blüten regneten auf ihn. Die Bewohner des Himmels legten ihre gekrönten Häupter zu seinen Füßen. Stolz wie der Vindhya ragten seine kräftigen Schultern und seine breite Brust, die Indranis Brüste berührten. Während sein Leib in der anschwellenden Flut sinnlicher Freude versank, tauchte sein Herz in die Gnadenflut des Herrn Sundara. So regierte der Himmelskönig nach der alten gerechten Ordnung.

Hier endet „1. Indras Schuld wird gelöst“. Möge es glückverheißend sein.

2. Der Fluch des weißen Elefanten wird aufgehoben

(441) So wurde die Fessel der anhaftenden Schuld gelöst. Nun erzählen wir, wie der königliche, brunftsaftträufelnde Elefant den Höchsten verehrte und vom grausamen Fluch befreit wurde, den ein Weiser über ihn verhängt hatte. (442) In Kashi, der Stadt, welche die Neigung zu erneuter Geburt im Mutterschoß beseitigt, errichtete der vedische Weise Durvasa nach der hohen Wahrheit der alten Agamas eine unvergängliche, leuchtende Linga-Gestalt des Herrn, die seinen eigenen Namen tragen sollte. (443) Freudig verehrte und pries er sie. Da ließ der Herr, der durch Liebe leicht erreichbar ist, aus Gnade eine duftende, blitzend goldene Lotusblüte von seinem heiligen Haupt herabfallen. Durvasa öffnete seine lotusgleichen Hände und fing sie auf.

(444) Er nahm sie, berührte damit Augen, Haupt und breite Brust; sein Leib erschauerte und höchste, wahrhaftige Freude erfüllte ihn. Dann ging der Weise, der einem Schatz der Barmherzigkeit glich, fort und begab sich ins Land des Wunschbaumes. Zu dieser Zeit (445) kehrte der Götterkönig in seine Hauptstadt zurück, nachdem er unter dem Dröhnen der Muschelhörner die Asuras auf dem blutroten Schlachtfeld vernichtet hatte. Er trug eine duftende Siegesgirlande. Das Meer der rotäugigen Götterscharen jubelte, während glückverheißende Segensrufe und Vedengesänge erklangen. (446) In allen Richtungen dröhnten Instrumente. Schmucktragende Frauen ließen süße, nektarströmende Lieder hören. Reihen von Yakhaarwedeln bewegten sich über den Häuptern wie die springenden, rollenden Wogen im weiten Meer des Heeres.

(447) Unter dem Schatten des mondgleichen Schirmes ritt er auf seinem gewaltigen Elefanten, aus dessen Schläfen süßer Brunftsaft floss. Er glich einem Steuermann am erhöhten Bug eines Schiffes mit hohem Mast, das jenes schöne Meer durchfährt. So gelangte er in festlichem Zug heran. (448) Die Himmelsbewohner näherten sich, brachten ihm verschiedene Gaben nach dem Wunsch ihres Herzens dar und falteten die Hände. Auch der vortreffliche Weise, der gerade den Höchsten unter den Göttern verehrt hatte, sah ihn. (449) Er sprach Segensworte, denen Unheil nichts anhaben konnte, und streckte ihm die Lotusblüte aus seiner roten Hand entgegen, von der er sich nur schwer trennte. Der Unverständige aber streckte, aufgebläht vom kaum zu tragenden Stolz auf seinen Reichtum, nur eine Hand aus, nahm sie und legte sie auf den erregten Elefanten.

(450) Der große Elefant, dessen geschmückte Stoßzähne wie Stücke einer Mondsichel glänzten und dessen Schläfen von Brunftsaft überflossen, warf die duftende Blüte von seinem Haupt. Er zertrat sie mit seinen langen, mörsergleichen Beinen. (451) Der Weise sah es. Wie das Stirnauge des Herrn, das den Liebesgott verbrannt hatte, sprühte sein weit geöffneter Blick Flammen. Heftiger Zorn ergriff ihn. Die Götter wichen zurück, als stände der Trinker des kochenden Halahala-Giftes selbst zürnend vor ihnen. Er sprach: (452) ‚Was hast du getan, aufgeblasen vom Stolz auf Reichtum, den die wahrhaft Liebenden verachten und von sich weisen? Jene denken allein an die Lotusfüße des Herrn, der das gefleckte Fell als Gewand und die Schlange als Schmuck trägt und auf dem weißen, rotäugigen Stier reitet.’

(453) ‚Die Geschenke der Götter mit ihren strahlenden Kronen hast du hoch geachtet. Doch die mit Pollen gefüllte, aufgeblühte Blume, die auf dem mondgeschmückten Haupt unseres Herrn ruhte, nahmst du ohne Ehrfurcht an und legtest sie auf den Elefanten, damit er sie hinabwürfe und zerträte. Du Tor!’ (454) ‚Hast du nicht erkannt, dass die Herrlichkeit Vishnus, dessen kühler Tulasi-Kranz von Bienen umschwärmt wird, die Herrlichkeit des auf dem Lotus wohnenden Gottes und deine eigene Herrlichkeit, vor der sich die Himmlischen verneigen, Früchte der Verehrung dessen sind, der das Halahala-Gift trank?’ (455) ‚Stolzer Himmelsbewohner! Ein schwertmächtiger Held unter den Pandya-Königen soll dein Haupt mit einem Wurfring zerschlagen! Und dein weißer Elefant mit den vier berggleichen Stoßzähnen soll ein wilder Waldelefant werden!‘ So sprach er den schweren Fluch aus.

(456) Die Götter und ihr König nahmen die Füße des verfluchenden Weisen auf ihre Häupter, falteten die roten Hände und flehten: ‚Herr, der du die Sinne besänftigt hast! Unser König und der ungestüme Elefant, dessen Ohren Wind fächeln, haben in der Tat eine Verfehlung begangen.’ (457) ‚Darum hast du sie verflucht. Doch wir bitten dich, Ehrwürdiger: Lass diesen Fluch nun von ihnen ab!‘ Als sie so mit gefalteten Händen klagten, erbarmte sich der Weise und änderte seine Verfluchung ab. (458) ‚Die Verachtung einer durch Shivas Gnade gewährten heiligen Gabe – Shivas, den Denken und Worte nicht erreichen – lässt sich nicht durch gewöhnliche Sühne tilgen. Doch was das Haupt treffen sollte, möge nur die Krone treffen. Der erregte Elefant soll ein Waldelefant werden; wenn hundert Jahre vergangen sind, soll er seine frühere Gestalt wiedererlangen.’

(459) So änderte er den Fluch. Wie Indras Krone zerbrach, werden wir später erzählen; lassen wir dies jetzt beiseite. Der weiße Elefant verließ den Himmel, verlor sein höheres Bewusstsein und mischte sich, nun einem dunklen Berg gleich, unter die Herden der Waldelefanten. (460) Mit den wilden Tieren umherirrend, zog er durch die rotglühende, gefährliche Einöde, durch wasserreiche Waldweiden mit Mullai-Blüten und durch die Berge, wo die Jäger ihren Gott verehren. Hundert Jahre vergingen. Schließlich betrat er den göttlichen, von Hainen erfüllten großen Kadamba-Wald. (461) Der schwärzlich dunkle Elefant mit den starken, mörserrunden Beinen, der seine unvergleichliche göttliche Natur verloren hatte, trat ein. Die Zeit war gekommen, in der ihm die Gnade des dreiäugigen Herrn begegnen sollte. Da erblickte er den kühlen Teich, auf dem zwischen smaragdgrünem Wachstum offene goldene Lotusblüten schimmerten.

(462) Sobald er ihn sah, kehrte die Erkenntnis zurück; als er darin badete, erschien seine frühere Gestalt wieder. Der Gnadenblick des höchsten Lichtes wurde ihm offenbar, und vor ihm zeigte sich das Zeichen höchster Seligkeit. Er verneigte sich, und Liebe erwachte in ihm, den Herrn der Himmlischen zu verehren. (463) Mit seinem hohlen Rüssel schöpfte er Wasser und badete den Herrn. Er wählte honigträufelnde Girlanden aus und legte sie ihm an. So verehrte er den Höchsten, dessen Flechthaar von Schlangen umwunden ist. Unser Vater, der die Bindung seines Herzens an ihn erkannte, blickte den Elefanten an und sprach: (464) ‚Weshalb bist du gekommen? Welche Gabe wünschst du? Sage es.‘ Der göttliche Elefant, dessen Herz von Liebe erfüllt war, verneigte sich. Er berichtete der Reihe nach, was früher geschehen und wie er hierhergekommen war. Dann sagte er: ‚Kann mir noch irgendetwas fehlen, nachdem ich unseren Vater erreicht habe?’

(465) ‚Vater mit dem Knochenschmuck! Zu diesen acht Elefanten möchte auch ich, dein Diener, als neunter hinzutreten, niemals von deinen Füßen weichen und vor dir dieses Vimana auf meinem Rücken tragen. Dieser eine liebevolle Wunsch ist in meinem Herzen entstanden; nur darum bitte ich.‘ [Dieser Vers trägt in der Vorlage irrtümlich die Nummer 460.] (466) Als der Elefant in ununterbrochener Liebe so sprach, erwiderte der Herr: ‚Der Herr des Himmels liebt uns wahrhaftig. Ihn zu tragen und ihm zu dienen ist die Freude unseres Herzens, die wir von dir wünschen.‘ Der Herr des Stieres gewährte ihm weitere Gaben und entließ ihn gnädig. (467) Der weiße Elefant verneigte sich, nahm Abschied und ging nach Westen. Dort schuf er einen Teich unter seinem Namen und errichtete an dessen Ufer Heiligtümer des Herrn und Ganeshas. Er verehrte sie und verweilte dort mit unablässiger Liebe. Als der Götterkönig davon hörte, rief er seine Diener und sandte sie aus: ‚Bringt unseren Elefanten zurück!‘

(468) Sie kamen rasch und riefen ihn. Er schickte sie voraus: ‚Ich komme nach.‘ Dann brach er auf, erreichte ein Gebiet im Osten, gründete dort einen Ort unter seinem Namen und errichtete unter dem alten ehrwürdigen Namen seines Herrn ein Heiligtum Indreshvaras. Dort verweilte er in reiner Verehrung Haras. Der Gott, der den festen Bergen die Flügel abgeschlagen hatte, sagte: ‚Der Elefant ist noch immer nicht gekommen.‘ (469) Er sandte Boten aus, schneller als der Gedanke. Da stieg der Elefant zum Himmel auf, verehrte seinen Herrn und berichtete, wie der Fluch, der ihn viele Tage in Wäldern und rauen Bergen hatte leiden lassen, beim Anblick des Herrn mit dem wolkendunklen Hals gewichen war. Der göttliche Elefant, hervorragender als die Elefanten der Himmelsrichtungen, nahm wieder freudig seinen angestammten Platz ein. (470) Wer im Westen im großen Airavata-Heilwasser badet, Airavata-Ganesha verehrt und sich vor dem Herrn von Airavateshvara verneigt, wird von der Bindung durch Flüche und Sünden frei. Wer auf dem geraden Weg des Elefanten des Götterkönigs geht, zur Tilgung seiner Not in der Vaigai badet und am Südufer die Füße Indreshvaras verehrt,

(471) erlangt in diesem Leben die Früchte der drei Ziele, beginnend mit Dharma. Im Jenseits genießt er ungetrübte Himmelsfreuden für die Dauer der schwer zu erringenden Amtszeiten von vierzehn Indras. Wenn schließlich Loslösung in ihm erwacht, erreicht er durch die Reinheit seines Herzens die höchste Seligkeit von Shivas befreiendem Zustand.

Hier endet „2. Der Fluch des weißen Elefanten wird aufgehoben“. Möge es glückverheißend sein.

3. Die heilige Stadt wird gegründet

(472) Wir haben erzählt, wie der Fluch des mächtigen, geflecktgesichtigen Elefanten mit dem strömenden Brunftsaft verging. Nun wollen wir, soweit wir es verstehen, schildern, wie der Kadamba-Wald des Herrn, dessen Haupt den jungen Mond und den himmlischen Fluss trägt, zur alten heiligen Stadt wurde. (473) Östlich des großen Kadamba-Waldes, wo Bienen mit schönen Kehlen die sieben Töne wie süße Saitenmusik erklingen lassen, liegt Manavur. Dort regierte Kulasekhara, das Kronjuwel der südlichen Könige und der Herrscher der Welt. (474) Unter den Kaufleuten jener blühenden großen Stadt lebte ein Mann namens Dhananjaya. Wie er nach ansehnlichem Reichtum strebte, so suchte er auch die Verehrung und die vielen anderen regelmäßigen Pflichten des Shiva-Dharma zu erfüllen. Dem Höchsten war er in vorzüglicher, wahrer Liebe verbunden.

(475) Von seiner reichen Stadt war er in ein westliches Land gereist und hatte einträglichen Handel getrieben. Auf dem Heimweg zu seinem wohlhabenden Wohnort betrat er den großen Kadamba-Wald des Herrn, der seinen Dienern das Ufer des alten Meeres der sieben Geburtsweisen zeigt und ihr Leid beseitigt. (476) Da entzog sich die Sonne den Blicken und verbarg sich mit ihrem von sieben Pferden gezogenen Wagen im dunklen, mächtigen Meer. In der langen verwirrenden Finsternis der Nacht war der Liebende des Herrn, dessen Flechthaar Schlange und Wasser trägt, allein und bedrückt. (477) Er erblickte ein Vimana, getragen auf dem Rücken berggleicher Elefanten mit vier gekrümmten Stoßzähnen und strömendem Brunftsaft. Wie die rote Sonne mit tausend Händen nach allen acht Richtungen ausgreift und die lagernde schwarze Nacht vertreibt, schob sein Licht die mächtige Finsternis zurück.

(478) Er näherte sich und sah in diesem strahlenden Heiligtum den Herrn, dessen Hals das Gift enthält. Er verneigte sich, sein Herz füllte sich mit Freude. Er beschloss, dort die Nacht zu verbringen, und setzte sich mit erhobenem Sinn nieder. In dieser Nacht (479) – es war ein Montag – kamen die Götter herbei. Sie verneigten sich vor den lieblichen roten Lotusfüßen des Gemahls der Bergtochter mit ihrem schönen Hüftgürtel. Wie in der heiligen Nacht Shivas vollzogen sie mit Freude in allen vier Nachtwachen die Verehrung. (480) Der tugendhafte Kaufmann, dessen Stirn das heilige Aschezeichen trug und dessen Herz voller Liebe war, sah die Ankunft der Götter und ihren ganzen Gottesdienst. Er sah dies durch das gnädige Auge des Herrn mit dem dunklen Hals, vor dem die Götter sich verneigen und der durch die Liebe seiner Diener leicht zugänglich ist.

(481) Er übergab den Göttern wohlriechende Waschmittel, kühles reines Wasser und die verschiedenen guten Düfte, die zur Verehrung des Herrn benötigt wurden. Dann nahm er bei dem Heiligtum des Herrn mit dem weißen Erkenntnismond im Flechthaar Platz und verehrte selbst seinen Gebieter. (482) Die Nacht und die angesammelten schweren Taten der Götter, die den Freigebigen in wahrer Liebe verehrten, schwanden zugleich. Der aufrichtige Kaufmann sah plötzlich keinen von ihnen mehr. Nur den Einzigartigen, der allein im Vimana von unüberwindlichem Licht wohnte, erblickte er. (483) Tief in Gedanken und voller Staunen fiel er zu den roten Füßen nieder, erhob sich, legte beide Hände über dem Haupt zusammen und umschritt das Heiligtum. Fest entschlossen, in seine Stadt zurückzukehren, nahm er mit lebendiger Liebe Abschied und machte sich auf den Weg.

(484) Er betrat den wolkenberührenden Palast des Königs, dessen Elefanten an drei Stellen Brunftsaft strömen ließen. Vor dem Herrscher, der seinen Feinden ein Löwe war, sprach er: ‚Du, dessen mächtiges Herrschaftsrad alle Himmelsrichtungen durchmisst! Gestern sah ich im großen Kadamba-Wald ein Wunder.’ (485) ‚Als ich nach rasch vollbrachten Handelsgeschäften zurückkehrte, erreichte die heiße Sonne den westlichen Berg. Da erblickte ich ein leuchtendes Vimana, das wie die Sonnenscheibe die Dunkelheit vernichtete, und darin Shivas Zeichen – als sollten mir die Nacht und die Wiedergeburt zugleich ihr Ende zeigen.’ (486) ‚Götter mit juwelenbesetzten Kronen und von Bienen umschwärmten Girlanden kamen und verehrten den Gott der Götter die ganze Nacht hindurch. Dann gingen sie fort. Auch ich nahm von dem Herrn in jenem hohen goldenen Heiligtum Abschied und kehrte zurück.‘ So sprach er.

(487) Während der Mann in entflammter Liebe berichtete, legte der König der wasserumgebenen Erde die Füße unseres dreiäugigen Herrn im Geist und seine gefalteten Hände tatsächlich auf sein Haupt. Sein Herz füllte sich mit wachsender Liebe und Staunen. So verweilte er, bis die Sonne unterging. (488) Der Herr, der, wenn die beiden Arten von Tatfolgen ins Gleichgewicht kommen, die dunkle Befleckung seiner Diener versengt, seine Lotusfüße auf ihre Häupter setzt und seine uralte, die Veden übersteigende Gestalt offenbart, erschien ihm im Traum als Siddha. (489) ‚Du Träger des scharfen Speeres! Räume den dichten Kadamba-Wald geordnet frei und gründe eine schöne Stadt‘, belehrte ihn der Herr und ging fort. Bei Tagesanbruch erwachte der Pandya-König; auch die Sonne erwachte.

(490) Aus dem Traum erwacht, erfüllte er seine täglichen Pflichten und berichtete den Ministern und den vom Zorn befreiten großen Asketen von seiner Traumerscheinung. Sie befragten ihn und prüften, wie das im Wachen Gehörte mit dem im Traum Gesehenen übereinstimmte. Dann erhob er sich und brach nach Westen auf. (491) Mit seinen Ministern betrat er den großen Kadamba-Wald, badete im Goldenen Lotusteich, dessen Blüten wie kunstvoll gearbeitetes Gold geöffnet waren, und verehrte die Zuflucht gewährenden Füße des Herrn, der herrlich im funkelnden goldenen Vimana thronte. Über seinem Haupt schlossen sich die Hände zur Knospe des Grußes. (492) Die Liebe drängte ihn von hinten, während die Gnade ihm entgegenkam und ihn zu sich zog. Bis in die Knochen erweicht, eilte er hin, fiel nieder und schmückte seine goldene, bekränzte Krone mit den beiden Lotusfüßen. Dann erhob er sich, stand vor dem Herrn und sprach seinen Lobpreis in wohlgefügten Worten:

(493) ‚Zuflucht bei dir, Shankara, dessen eine Hälfte die Frau bewohnt! Zuflucht bei dir, einzigem glückverheißendem Ursprung! Zuflucht bei dir, Sadashiva, dessen Gestalt Mantra ist! Zuflucht bei dir, Herr der Himmlischen, Pashupati!’ (494) ‚Vater, deine Gnade ist doch für jene, die das Verlangen nach der meerumgürteten Erde und nach den hohen Ämtern der Götter abgelegt haben. Kann sie auch uns Armseligen zuteilwerden, die über die Erde herrschen, in Bedrängnis versinken und zwischen Himmel und Hölle gebunden umherkreisen?’ (495) ‚Selbst der Gipfel der wahrhaftigen Veden streckt sich immer weiter, um dich zu berühren, doch du bleibst unerreichbar. Obwohl uns Liebe zu dir fehlt, bist du in diesem Wald erschienen. Hast du dir vorgenommen, selbst die Liebe in uns zu entzünden, unser ganzes Geschlecht in deinen Dienst zu nehmen und uns zu eigen zu machen?’

(496) Als flösse die überquellende Liebe durch seine beiden Augen hinaus, vergoss er Tränen. Mit diesem sich ausbreitenden Strom tauchte er in das Meer von Shivas Seligkeit ein. In beständiger wahrer Liebe umschritt er das Heiligtum, kam heraus und setzte sich, von Bedrängnis befreit, mit seinen Ministern an einer Seite nieder. (497) Auf königlichen Befehl entsandten die Minister nun Boten in die verschiedenen Gegenden. Von überall kamen Arbeiter auf den Wegen herbei, brausend wie das wogende Meer, um den weiten Wald zu roden und eine schöne Stadt zu erbauen. (498) Ihre Schultern trugen scharfe Äxte mit weiß glänzenden, gebogenen Schneiden wie Mondsichelstücke. Ihre Hüften waren fest gegürtet, ihre Leiber schimmerten dunkel wie Eisen, und ihre Füße steckten in festen, mit Riemen gebundenen Lederschuhen. So begannen sie den Wald zu fällen.

(499) Es dröhnte das Fällen. Bienen summten klagend, und die Baumkronen zitterten unter den Schlägen. Die Rufe der Holzfäller, das Krachen brechender Stämme und das Donnern ihres Sturzes vereinten sich. Dieser Lärm übertönte sogar das Grollen aus dem Mund der Wolken. (500) Glänzende Pollen, Blüten und rötlicher Honig fielen herab; harte, kernfeste Bäume brachen krachend mit ihren Ästen zusammen. Sie glichen Elefanten auf dem roten Schlachtfeld, die brüllend, unter Strömen von Blut und Fett, mit zerbrochenen Stoßzähnen tot zu Boden stürzen. (501) Die Bienen, die in den Blüten gewohnt hatten, zogen in benachbarte Weiden, Felder und Haine. Die Vögel flogen zum himmlischen Wunschbaum. Wie kleine aufständische Herrschaften, die sich zurückziehen, wenn der König anrückt, suchten die Wildtiere dicht gedrängt die umliegenden Berge und Wälder auf.

(502) Sie fällten den ganzen finsteren Wald und machten das Gelände weit und hell wie das von Klarheit erfüllte Herz der Wahrheitserkenner. Sie rodeten auch die Wurzeln vollständig aus – wie die Wiedergeburt jener mitfühlenden Liebenden erlischt, die allen Wesen Gnade erweisen, jede Anhaftung durchschneiden und den Schatten von Haras Füßen erreichen. (503) Nachdem das Gelände gerodet und der weite Boden geebnet war, sah man die geraden Wege vor sich. Der König mit der pollenstreuenden, honigreichen Girlande an seiner Krone beriet lange und eingehend mit seinen Ministern: Wie sollte man die gute Stadt ringsum anlegen? (504) Da kam der Herr eilends, zur Freude des königlichen Herzens. Seine roten Füße, in denen die Liebe der Wahrhaftigen ruht, berührten die weite Erde. Sein mit reiner weißer Asche geschmückter Leib, der Aschenbeutel – alles war so wie bei der gnädigen Erscheinung im nächtlichen Traum.

(505) Der König mit wahrer Einsicht trat dem entgegen, den selbst die großen Götter kaum im Traum zu sehen vermögen und der nun offen im Wachen erschienen war. Er verneigte sich vor den Füßen, die beständig in seinem Denken weilten, begrüßte ihn ehrerbietig und bot ihm einen Sitz an. (506) Der Siddha, von der Liebe des Pandya eingefangen, legte nach den ergänzenden Schriften, die aus der von ihm selbst ursprünglich verkündeten Lehre hervorgegangen waren, den Plan fest: ‚So sollst du das gute Heiligtum, die Hallen, die Tortürme und die Stadt erbauen.‘ Dann verschwand er augenblicklich. (507) Mit einem Herzen voller Liebe zu den Lotusfüßen dessen, der unsichtbar alles erfüllt, ließ der Pandya die besten Meister der Baukunst kommen. Durch sie begann er, Tempel und prächtige Stadt genau so zu errichten, wie die höchste Shiva-Flamme es bei ihrer Erscheinung angeordnet hatte.

(508) Er ließ die Padma-Halle für die Rezitation der Veden errichten, die Zwischenhalle, die große Halle mit mondberührenden Spitzen und gewölbten Eingängen, durch die Wolken ziehen, das sechsfüßige Podest, die Tanzhalle mit weithin dröhnenden Trommeln, die vielfach juwelengeschmückte Festhalle, die Opferstätte, die Tempelküche und die Heiligtümer der umgebenden Gottheiten. (509) Auf der rechten Seite entstand der goldene Tempel der Tochter des Himalaya; dazu mehrgeschossige Bauten, Mauern, hohe Zinnen mit im Himmel wehenden Fahnen, mondhell strahlende weiße Paläste, rote goldene Tortürme mit sternberührenden Spitzen wie Berge, mächtige Befestigungen, auf denen Wolken ruhen, und breite Gräben – alles innerhalb der alten Regeln der Baukundigen. (510) Er schuf Straßen mit bemalten Ladenreihen und erhöhten Vorplätzen, Feststraßen mit perlenbesetzten Ausschmückungen, die helles Mondlicht auszustreuen schienen, große Straßen mit juwelenglänzenden Fenstern an den Hauswänden, Wegkreuzungen, würdige Plätze, gute öffentliche Hallen, Versammlungsstätten in geordneten Reihen, künstliche Hügel, mit großen Edelsteinen geschmückte Terrassen und Tanzbühnen.

(511) Er ließ Wohnstätten für große Asketen und Brahmanen anlegen, Straßen der Könige und der Kaufleute, Viertel der guten Ackerbauern und großer rechtschaffener Familien sowie der übrigen Bewohner. Auch Elefantenplätze, Wagenhäuser, gute Pferdeställe, Lehr- und Übungsstätten und Wohlfahrtshäuser entstanden, in denen Bedürftigen die vier Arten von Speisen mit den sechs Geschmacksrichtungen gereicht wurden, und vieles andere. (512) Klare Wasserbecken, tiefe Brunnen, blütenreiche Kanäle, gegrabene Teiche, natürliche Weiher, Tempelgärten, dichte Blumenhaine, Nutzgärten und Lustparks schmückten die heilige Stadt. Der König mit dem prächtigen Blütenkranz errichtete seinen eigenen Palast im Nordosten. Als er die Weihe und Befriedung der Stadt beschloss, erkannte der Herr seine Absicht und tat Folgendes: (513) Aus der Mondsichel in seinem goldenen Flechthaar ließ er frischen Nektar tropfen. Dieser durchdrang die ganze Stadt und machte sie seinem eigenen Wesen gleich, so wie der Herr aus reinem Bewusstsein die zu seinen Füßen Zuflucht Suchenden mit Shivas Wesen erfüllt. So wurde die Stadt befriedet und geheiligt. Weil sie von der Süße dieses Nektars erfüllt war, erhielt sie den Namen Madura.

(514) Als Wächter setzte der König im Osten den dunklen Shasta ein, im Süden die göttlichen Mütter mit mondsichelgleichen Stirnen und jungen, gesalbten Brüsten wie Elefantenstoßzähnen, im Westen den Herrn mit dem kühlen, frischen, honigströmenden Tulasi-Kranz auf dem Haupt und im Norden die achtarmige Nili mit hoch aufgerichtetem Haar und langem Palmschmuck. (515) Damit der Herr von Madurai mit dem dunkelblauen Hals im strahlenden Tempel, der wie ein mächtiger Berg auf dem Rücken berggleicher Elefanten ruhte, nach der überlieferten Ordnung verehrt werde, holte der König heilige Adishaiva-Priester aus Kashi. Sie lebten nach dem Weg der wahrhaftigen Veden und Agamas. Er ließ sie am Heiligtum ansässig werden. (516) Er ließ die vier großen überlieferten Stände sowie die drei weiteren Gruppen aus Verbindungen höherer und niedrigerer Stände jeweils nach den von Manu festgelegten, den Veden entsprechenden Ordnungen leben. Vedischer und shivaitischer Weg und Rechtschaffenheit blühten auf. So machte er die Stadt reich und herrlich, als setzte er der von wogendem Wasser umgebenen Erde ein Stirnzeichen auf.

(517) Von jenem Tag an zog der König unter schönen Glückwunschgesängen in die Stadt ein und nahm an einem günstigen Tag seinen glänzenden Palast in Besitz. Er sorgte dafür, dass im Tempel des Herrn, der den Berg als Bogen nahm und die drei Städte beschoss, die Verehrung mit ihren drei Bestandteilen unvermindert und fehlerlos gedeihen konnte. Wie jener, der ein Kalb gegen einen Baum schleuderte und Früchte herabschüttelte, vertrieb er das Unheil des Kali-Zeitalters und regierte. (518) Dieser König, der den Weg der Wiedergeburt überwinden sollte, zeugte Malayadhvaja, der wie eine junge Sonne Strahlen verbreitete. Er übertrug dem Sohn die Last der Welt. Nach vielen Tagen ging er eines Tages in den Tempel des Herrn jenseits der neun Gestalten, verehrte ihn und umschritt ihn dreimal. Er gelangte in den gnädigen Schatten unvergleichlicher Seligkeit und verweilte in der Einheit, in der kein Getrenntsein mehr besteht.

Hier endet „3. Die heilige Stadt wird gegründet“. Möge es glückverheißend sein.

4. Die Erscheinung der königlichen Göttin Tadadakai

(519) Wir haben erzählt, wie der ganze Kadamba-Wald des Herrn, dessen eine Hälfte die Jungfrau ist, zur schönen Stadt wurde. Nun wollen wir schildern, wie die Mutter, die die Welt geboren hat, als Tochter zu dem südlichen König Malayadhvaja kam und die Herrschaft ausübte. (520) Der heilige Malayadhvaja führte die Menschen seines Reiches freudig auf dem von Manu gelehrten Weg des Dharma. Er trug siegreichen Schmuck, war ein Gefäß des Mitgefühls wie reifer Nektar und lieblich anzusehen. Er hatte das Meer der nördlichen Sprache und das Meer des Tamil durchmessen. (521) Er besaß die Schönheit des siegreichen Liebesgottes des Frühlings; zehntausend Frauen, Wohnstätten erwachenden Verlangens, gehörten zu seinem Hof. Er heiratete Kanchanamalai, die Tochter Surasenas, der dem Geschlecht der am Himmel ziehenden Sonne entstammte.

(522) Dreimal täglich pflegte er den Herrn mit dem Stirnauge aufzusuchen und zu verehren. Viele Tage litt er unter dem Mangel eines Kindes. Er vollzog zahlreiche schwer auszuführende Spenden und rechtschaffene Werke und begann, das verdienstreiche Pferdeopfer darzubringen. (523) Nach genauer Beachtung der von den unvergänglichen Veden gelehrten Vorschriften vollbrachte er neunundneunzig Opfer. Da dachte der Götterkönig: ‚Wenn er auch das hundertste vollzieht, wird mein Amt in einem Augenblick auf ihn übergehen.‘ Um dies abzuwenden, trat er dem Vorhaben entgegen und sprach: (524) ‚Du begehrst ein gutes Ziel. Vollziehe dafür das Opfer um Nachkommenschaft, über das die Welt sich freuen wird; dann wirst du ein geliebtes Kind erhalten.‘ Nachdem der Götterkönig dies gesagt hatte, kehrte er in sein Reich zurück. Der König mit der blühenden Neem-Girlande

(525) wünschte nun sehnlich, das große Opfer um ein Kind zu vollbringen. Sogleich ließ er alles Erforderliche bereitstellen, hielt die gebotenen Regeln ein und betrat mit seiner rechtmäßigen Königin die Opferhalle. Dort nahm er Platz und begann das Opfer. (526) Er folgte dem reinen Ritus, den die fehlerlos kundigen vedischen Gelehrten und Lehrer ihm zeigten. Die Mantras sprach er mit den gehörigen hohen, tiefen und verbundenen Tonakzenten. Auf dem Indra zugeordneten Sitz ruhend, nährte er das Feuer. (527) Der lichte Rauch der Opferhalle breitete sich wie ein Tuch aus und verhüllte Himmel, Erde und Himmelsrichtungen. Mit Ghee aus den Gefäßen, geröstetem Korn und Opferhölzern reichte er den Göttern die duftende Darbringung süßen Nektars.

(528) Nach den Worten des fünfgesichtigen, anfanglosen höchsten Selbst goss er Ghee ins Feuer, bis es hoch aufloderte. Da sollte das höchste Licht, das die haubentragende Schlange als Schmuck trägt, für eine Weile allein bleiben, und die Gemahlin Himavans mit den langen, dunkel geschminkten Augen sollte sich beschämt sehen [weil eine andere Frau die Göttin als Tochter empfangen durfte]. (529) Die rechte Schulter des freigebigen Pandya Malayadhvaja zuckte glückverheißend. Bei seiner Gemahlin Kanchanamalai drängten sich die Brüste über der schmalen Taille empor, füllten sich und ließen süße Milch in Strömen fließen; ihr linkes dunkles, speergleiches Auge zuckte. (530) Nicht nur diese Welt, alle sieben Welten freuten sich. Die Wege der Askese, allen voran der shivaitische Weg, erhoben sich; Neid und Unrecht schwanden, die Tugend jubelte. Göttliche Vedengesänge und himmlische Pauken erklangen in allen Richtungen.

(531) Die himmlischen Frauen mit langen, dunkelblütengleichen Augen tanzten. Bei den Bewohnern der großen Stadt Madurai stimmten wahrhaftiges Denken, Sprechen und Handeln vollkommen überein. Eine ihnen bisher unbekannte innere Freude wuchs immer höher. (532) Unter den achtzehn Sprachgebieten der von Menschen bewohnten weiten Erde sollte das heilige Land, in dem süßes Tamil gesprochen wird, besonderen Glanz gewinnen; und unter den Königen, die das geschätzte Tamil-Land schützten und regierten, sollten die Pandyas hervorragende Würde erlangen. (533) Damit auch der Gott des leicht aufflammenden Feuers die Frucht seiner Askese empfange, erschien mitten in der flammenden Opfergrube ein Wunder: Es war, als öffne sich gerade ein vielblättriger Lotus und aus ihm sprösse eine dichte, duftende Ranke mit jungen Trieben hervor.

(534) Das kleine Haarknötchen, vom leuchtenden Kopfschmuck umfangen, glich dem Hasenmal in der runden Mondscheibe. Die darumgebundene strahlende Perlenkette und das Stirnjuwel glichen den ringsum ausströmenden Mondstrahlen. (535) Die Halskette leuchtete wie junger Mondschein, als ströme süßer, niemals schädlicher Nektar über ihre Brust. Daneben glänzte eine Korallenkette, als hätte das wogende Meer die feurigen Strahlen der jungen Sonne verschlungen und ihr Leuchten in seinen Korallen bewahrt. (536) Um das weiche kleine Gewand, das ihre schmale Taille umschloss, klang leise der kleine goldene, juwelenbesetzte Gürtel. Die strahlenden Edelsteinohrringe umgaben die Ohrpflöcke, vertrieben mit ihrem Glanz die Dunkelheit und schwangen so, dass sie ihre kleinen Schultern streiften.

(537) Aus ihrem Mund floss sanftes Lallen wie klarer Nektar, und im jungen Lächeln knospten kleine spitze Zähne. Als dreijähriges Mädchen mit drei Brüsten stand sie da: die Mutter, die alle Welten und die unzählbaren Lebewesen hervorgebracht hat. (538) Die kleinen juwelenbesetzten Fußringe und Glöckchen an ihren zarten, sprossgleichen Füßen klangen. Wie ein duftender junger Trieb schwankend, ging sie mit unsicheren Schritten, lächelte und lallte. Sie setzte sich auf Kanchanamalais Schoß und wurde ihr Kind; dadurch empfing die Königin den höchsten Nutzen ihrer Geburt. O Wunder: die Mutter, die denen auf dem Weg des Dharma weltliche Freude und Befreiung schenkt, war ein Mädchen geworden. (539) Ohne dass ihre roten Lippen bleich oder die Brustspitzen dunkel geworden waren, ohne dass ihre großen fischgleichen Augen ihren dunklen Glanz verloren hatten, ohne das Kind zehn Monate zu tragen und ohne die Mühe einer Geburt nahm Kanchanamalai die erhaltene Tochter auf, umarmte sie und roch liebevoll an ihrem Haupt. Sie küsste ihren reinen Mund und freute sich wie die Pfauengleiche, die sie einst geboren hatte [Mena].

(540) Die eine Urmutter wirkt als Para und die weiteren Shaktis, als Wille, Erkenntnis und Tat. Sie erschafft, erhält, löst alles restlos auf, verhüllt und schenkt Gnade; zugleich bleibt ihr eigenes Wesen von diesen Tätigkeiten verschieden. Sie übersteigt Sprache und Veden. War dieses Opfer des erdbeherrschenden Königs wirklich die angemessene Askese dafür, dass sie als seine heilige Tochter erschien? (541) Ihre Gestalt ist höchste Erkenntnis, eine Flut von Seligkeit jenseits der trügerisch handelnden Sinne und aller inneren Werkzeuge. Dass sie aus Liebe und Gnade nun sichtbar als Kind erschienen war, und welche Frucht der Askese seiner Gemahlin darin lag, begriff der Pandya-König mit seinem tiefseegleichen Heer nicht. So mischte sich Kummer in die Freude seines Herzens. (542) ‚Lange habe ich ohne Kind gelitten und schwere Askese geübt. Ich habe dieses Opfer vollzogen, damit mir ein Sohn zuteilwerde. Doch ach, auch dies hat mir ein Mädchen gegeben! Und die Tochter, deren Gesicht wie ein Mond Licht ausströmt, trägt noch dazu drei knospende Brüste, sodass meine Gegner lachen werden. Was soll das bedeuten?‘ Während er so freudlos litt,

(543) erhob sich durch Haras Gnade eine heilige Stimme aus dem Himmel: ‚König, vollziehe für deine Tochter ohne Abweichung alle von den Veden vorgeschriebenen Riten für einen Sohn. Gib ihr den Namen Tadadakai und kröne sie. Wenn der ihr bestimmte Herr kommt, wird eine Brust verschwinden. Lass deinen Geist nicht verzagen.‘ (544) Diese Worte erfüllten seine Ohren, Liebe und Freude sein Inneres und Tränen aus seinen Augen seine ganze Brust. Mit geeintem Leib, Wort und Geist pries er den Makellosen, vollendete das mit Ghee gespeiste Opfer und erhob sich. Mit seiner Gemahlin verließ der König mit den Heldenringen die Opferhalle und betrat unter dem Dröhnen der mit beiden Händen gespielten Instrumente den bewachten Palast. (545) Trommeln dröhnten, und die Gesichter derer, die ihm mit Glücksgaben entgegenkamen, erblühten in freudigem Lächeln. Er betrat die Audienzhalle, nahm zufrieden Platz und ließ einen Goldregen in die Hände der tief gelehrten Vedakundigen fallen. Allen anderen gab er ebenfalls nach ihrer Ordnung reichlich und stiftete viele besondere Festlichkeiten im Tempel unseres Herrn, dessen Hand die Axt trägt.

(546) ‚Lasst die Gefangenen frei und räumt die Gefängnisse! Erlasst die Abgaben, die das Land in sieben Jahren zu entrichten hätte! Erlasst den Nachbarkönigen ihren Tribut! Hebt die Zölle auf, die reiche Schätze einbringen! Vermehrt die wohltätigen Stiftungen und Tempel!‘ Der König mit dem blitzenden scharfen Speer, der seine widerspenstigen Feinde niederwarf, rief den Herold und ließ es unter Trommelwirbel verkünden. (547) Er löste auch die Fußfesseln gefangener Könige mit prächtigen Juwelenkronen und entließ sie. Nach alter Ordnung gab er ihnen Kriegselefanten, Pferde, hohe Wagen und ihre königlichen Rechte zurück. Er öffnete großzügig seine Schatzkammern: ‚Alle sollen nehmen!‘ Frisches Gold, Gewänder, funkelnder schwerer Juwelenschmuck, Vermögen und vielerlei andere Güter ließ er reichlich verteilen. (548) Den aus angesehener Überlieferung kommenden Dichtern glückverheißender Gesänge schenkte er reichen Besitz, Stoffe, Schmuck, schnelle Pferde, prächtige Elefanten, große bespannte Wagen und vieles andere. Die königlichen Straßen ertranken in Freude; er ließ mit duftendem Puder und Öl Festbäder feiern. Nicht nur die große Stadt Madurai, alle Städte waren von Jubel erfüllt.

(549) Während die Städte so feierten, freute sich auch der König. Nach der Weisung des Herrn vollendete er alle Riten, beginnend mit dem Geburtsritus, und nannte das Kind Tadadakai. Wie Mena, die durch frühere Askese die Göttin erhalten hatte, zog seine Gemahlin sie liebevoll auf und berührte den zarten Leib der Herrin, deren wahre Gestalt selbst die Veden nicht erkennen. Der König freute sich wie Himavan. (550) Mit ihren noch unklar lallenden Spielgefährtinnen ging die Göttin hinaus und kochte aus Sand kleine Mahlzeiten, um Kinder in ihren kleinen Häusern zu bewirten. Sie legte eine Puppe an ihre jungen Brüste, an denen selbst der speertragende Sohn, der die Brust des Berges spaltete, nicht getrunken hatte. Der König erfreute so diejenige, die selbst ganze Welten als kleine Spielhäuser baut, ohne sich zu mühen. (551) Zur Freude der Gefährtinnen spielte sie mit Knöchelchen und Ball und lernte das Ammanai-Spiel. Es war, als wollte sie ihnen das Spiel ihrer zwei geschminkten Augen zeigen. Sie, die Bindungen löst, schaukelte auf einer mit Perlenschnüren befestigten Schaukel – als führte sie vor, wie sie uns, mit dem Seil des Karma gebunden, aufwärts und abwärts bewegt.

(552) So bereitete sie ihren Müttern und Gefährtinnen innere Freude. Um ebenso ihren Vater zu erfreuen, erlernte sie vollkommen die vierundsechzig Künste, angefangen mit den wahrhaftigen, geordneten Veden. O makellose Herrin, die alle wahren Veden und Wissenschaften selbst wie einen Hüftgürtel trägt! (553) Der mächtige König, der dem Alter entgegenging, das die Jugend verschlingt, sah ihre klare Beherrschung der Wissenschaften. Sie verstand, Elefanten mit Stoßzähnen wie zwei seitlich eingesetzten Hälften des Vollmondes, Wagen und Pferde zu lenken, und beherrschte Bogen, feurige Pfeile, Schwert, Donnerkeil und viele andere Waffen. Daher bereitete er die Krönung seiner Tochter vor. (554) Er bestimmte einen glückverheißenden Tag für die Krönung und sandte Briefe in alle Richtungen, um die Könige mit duftenden Girlanden und Juwelenkronen einzuladen. In der ganzen bewachten, fahnengeschmückten Stadt wurden Festvorbereitungen getroffen. Sumati mit den armreifgeschmückten, berggleichen Schultern besorgte umsichtig alles für die Weihe Erforderliche.

(555) Unter dem Klang glückverheißender Instrumente wurden auf den Köpfen großer Elefanten die neun heiligen Wasser, angefangen mit der reinen Ganga, herbeigebracht. Man füllte sie in strahlende Goldkrüge und verehrte diese. Für die Götter entzündete man mit Mantras das Feuer und reichte ihnen Nektar als Opfergabe. Den aus Gold gefertigten, juwelenbesetzten Löwenthron verehrte man liebevoll und rief die Gottheit hinein. (556) Die heilige Krone wurde auf einem mächtigen Elefanten um die Stadt getragen und verehrt. Dann ließ man die pfauengleiche Prinzessin mit dem juwelenhellen Lächeln den Löwenthron besteigen. Über ihr breitete eine aus Gold gefertigte fünfköpfige Schlange mit kostbaren Edelsteinen an den Häuptern ihre großen Hauben als Baldachin aus. Mit dem heiligen Wasser der Krüge wurde sie kühl gebadet. (557) Die Götter ließen Mandara-Blüten regnen, die großen Weisen sprachen Segenswünsche, himmlische Frauen, zart wie Lotusstauden, tanzten, und die Gemahlinnen der Weisen sangen Langlebenslieder. Unter glückverheißender Musik und Vedengesang setzte der König unserer großen Herrin des Mitgefühls die Rubinkrone auf. Er übergab ihr seine Herrschaft, sodass Könige und Minister sich vor ihr verneigten.

(558) Der milchweiße, mondgleiche Schirm beschattete ihr Haupt; schöne juwelenbesetzte Wedel bewegten sich zu beiden Seiten wie ausgebreitete Mondstrahlen. Götterscharen ließen Blumen regnen. Die gekrönte Königin mit dem Neem-Kranz saß auf dem Nacken eines weißen, erregten Elefanten wie die junge Morgensonne auf dem Kailasa. Unter glückverheißender Musik ließ ihr Vater sie im Festzug umherführen. (559) Zur Freude über die gehörte Himmelsstimme trat die immer größere innere Freude am Anblick der Herrlichkeit seiner Tochter. So vergingen einige Tage. Dann übergab der Vater dieses wunderbaren Kindes seiner Tochter das irdische Reich, das er zuvor auf seinen Schultern getragen hatte, während die Göttin des Sieges beim Anblick seiner verwundenden Speere jubelnd tanzte. Er selbst erlangte das Himmelreich. (560) Sie nahm die vorgeschriebene Lebensweise der Trauer und des Gelübdes auf sich und erfüllte für ihren Vater nach der Regel die letzten Pflichten und die weiteren Riten. Dann bestieg sie das weiche, juwelenbesetzte Lager des Thrones und begann, die ganze Welt unter einem einzigen Schirm zu regieren: unsere Herrin, die selbst die wahren Veden, ihr Sinn und deren letztes Ziel ist und vom Höchsten so untrennbar bleibt wie Süße vom Honig und Duft von der Blüte.

(561) Nachdem der Pandya, vor dem sich die Erdenkönige verneigten und der die Welt nach Manus Weg geschützt hatte, den Sitz himmlischer Herrschaft erlangt hatte, führte seine jungfräuliche Tochter das Rad der Regierung. Sie glich dem königlichen Schwan im Herzen des Herrn des Stieres. Nun wollen wir von der Größe ihrer Herrschaft erzählen. (562) Wenn die Musiker sie mit ihren Instrumenten weckten, stand sie fünf Zeitabschnitte vor Sonnenaufgang vom Schlaflager auf, nahm ein duftendes Bad und vollendete alle ihrer königlichen Stellung und Überlieferung entsprechenden Pflichten: große Spenden, liebevolle Gottesverehrung und die übrigen regelmäßigen Handlungen. (563) Umgeben von standhaften Weisen suchte sie Shivas Tempel auf. Nach der vorgeschriebenen Ordnung verehrte sie das dreiäugige Zuckerrohr, das am Fuß des Kadamba hervorgesprossen war, den Honig mit dem gifttragenden Hals, um den die Veden wie Bienen summen. Dann kehrte sie in ihren rotgoldenen, juwelenglänzenden Palast mit den kruggekrönten Spitzen zurück.

(564) Sie betrat die goldene Audienzhalle, den Sitz königlicher Herrschaft, und nahm auf dem weiten Juwelenthron Platz, über den duftende Blumen gestreut waren. Sechs dicht angeordnete Löwen trugen ihn, teils geduckt, teils aufgerichtet. Sie strahlte wie eine aus dem Nektar des wogenden Meeres geschaffene Gestalt. (565) Aninditai und die nektarhaft anmutige Kamalini waren aus reifer Liebe als Frauen auf Erden erschienen; sie trugen den Betelbeutel und das goldene Spuckgefäß. Die beiden lotusthronenden Göttinnen nahmen ebenfalls Frauengestalt an und bewegten zu beiden Seiten die geschmückten weißen Yakhaarwedel. (566) Wie die duftenden Blüten, die der Jägerfürst mit seinem groben Leib auf dem Kopf trug und dem Herrn darbrachte, legten der Hüter der Kaveri, der Chera und die anderen gekrönten Könige die Girlanden ihrer Kronen zu ihren Füßen. Nach dem Befehl der Herrin leisteten sie Dienst.

(567) Die Diener trugen scharfe Schwerter und hielten die Hände ehrerbietig vor der Brust verschränkt. Unverwandt blickten sie: ‚Wann wird unsere Mutter uns ihren gnädigen Blick schenken?‘ Traf ihr Blick sie, falteten sie die roten Hände, hielten den Mund bedeckt und hörten ihren Auftrag an, froh darüber, dadurch Heil zu erlangen. (568) Die in Amtsgewänder gekleideten Hofbediensteten zeigten mit ihren Stäben nach beiden Seiten: ‚Dort ist der König der Marathen; jener ist der König von Karnataka. Hier steht der König von Virata, dort der König von Kuru. Dort ist der Chera, hier der Chola.‘ (569) Um sie waren Kenner des feinen Tamil und der nördlichen Schriften, Meister der vierundsechzig unerschöpflichen Wissensgebiete, beginnend mit den Veden, Vertreter der sechs religiösen Lehren, Entsagende und große shivaitische Asketen; Helden, die durch die Erkenntnis eines gereiften Geistes die Macht der Maya gebrochen hatten.

(570) Vor ihr saßen erfahrene Älteste und gaben freundlichen, klärenden Rat. Kalenderkundige berechneten immer wieder die Zeit anhand ihrer fünf Bestandteile. Dazu kamen der edle Sumati, der in seinen Überlegungen Vergangenheit und Zukunft bedachte, und alle anderen Minister, deren gelehrte Worte wie süßer Nektar waren. (571) Durch die Minister erkundigte sie sich nach dem Unterhalt gelehrter Brahmanen, nach den Mitteln für die ununterbrochene Verehrung an den Heiligtümern, nach dem Wirken wohltätiger Stiftungen und nach den friedlich lebenden Untertanen. Zusätzlich entsandte sie getrennt voneinander Kundschafter, um sich Gewissheit zu verschaffen. Fand sie Mängel, griff sie zurechtweisend ein und beseitigte sie. (572) Sie freute sich an Versammlungen von Disputierenden, die Schriften anhand ihrer einleitenden Themenangabe, ihrer genauen Begriffsbestimmung und ihrer prüfenden Untersuchung darlegten. Sie gaben die Lehren wieder, prüften und widerlegten sie nach den Regeln des richtigen Denkens und begründeten ihre jeweiligen Standpunkte.

(573) Die in heiligen Schriften bewanderten Dichter, deren Lernen jede Unwahrheit verdrängt hatte, schienen mit ihren Zungen den gesamten Nektar zu schöpfen, den Vishnu auf dem Lager der weitmäuligen Schlange und die übrigen Götter durch die Kraft ihrer Arme aus dem Meer gewonnen hatten. Sie ließen ihn als Dichtung hervortreten und reichten ihn ihr; mit ihren heiligen Ohren trank sie sich daran satt. (574) Sie ließ die Kenner der vier alten Veden, die Shivaiten und alle Entsagenden freudig speisen. Meister der Kochkunst bereiteten unzerbrochene Reiskörner, weiß wie Mullai-Knospen, und gute Speisen mit den sechs Geschmacksrichtungen, gegen die selbst himmlischer Nektar bitter erschien. Erst nachdem diese Gäste ihren Gaumen daran erfreut hatten, nahm sie selbst ihre Mahlzeit ein. (575) Wenn die Sonne den Mittag überschritt, hörte sie mit aufblühendem Herzen den Kundigen zu, die die achtzehn von Suta vorgetragenen Puranas darlegten und in den vier Veden und sechs Hilfswissenschaften bewandert waren. Auch die guten Lehren Manus und anderer maßgeblicher Schriften hörte sie mit Freude. So verbrachte sie den hellen Nachmittag.

(576) Ihre gnädige Aufmerksamkeit galt ebenso dem schönen Gesang und Tanz. Frauen, deren Taille so wenig sichtbar war wie die Bildung eines Armen, bewegten sich wie von einem Mechaniker gelenkte Puppen. Mit ihren Bewegungen schienen sie die Lehrsätze der Kunst vor Augen zu entfalten. (577) So lebte sie, bewahrte die von den Vorfahren begründeten Wohltaten in ihrer Ordnung, stellte reichlich Mittel bereit, damit Opfer und vielfältige gute Werke gedeihen konnten, und ließ selbst Opfer vollziehen. Tag für Tag pflegte sie Wohlstand und Bildung, als wären sie ihre beiden Augen. (578) Die Einzige, die weder ihresgleichen noch Anfang und Ende hat, führt durch die drei großen Götter, die ihre Kraft von ihr empfangen, die drei kosmischen Tätigkeiten aus. Wenn selbst diese Aussage ihrem Lob nicht genügt, welche Torheit wäre es dann, sie bloß dafür zu preisen, dass sie als Tochter des Pandya diese Erde nach Manus Ordnung regierte?

(579) Weil die jungfräuliche Herrin Tadadakai mit ihren geschmückten Brüsten, der duftenden Girlande und der Krone das kühle Schirmdach der Herrschaft führte und ihr Zepter nach den von Manu abgegrenzten Regeln lenkte, erhielt dieses Land den Namen Kanni-Nadu, Land der Jungfrau. (580) ‚So nahm Uma Geburt und verweilte dort‘, sagte der Weise des Berges, aus dem die Porunai entspringt und der Gold hervorbringt, damit die Gold Suchenden es gewinnen. Als die Weisen mit glänzendem Flechthaar diese wahrhaftige Erzählung hörten, jubelten ihre Herzen. Sie verneigten sich und stellten eine Frage: (581) ‚Unsere Herrin, die alles hervorgebracht hat und die selbst der Gipfel der vier vollkommenen Veden kaum berühren kann, erschien als Kind Dakshas und des Bergkönigs, weil diese in weiter Liebe lange schwere Askese geübt hatten.’

(582) ‚Was war nun der besondere Grund, weshalb sie hier als Tochter eines menschlichen Pandya erschien?‘ Da sagte der aus dem Krug geborene Weise, der die roten Füße des Tänzers in der Goldenen Halle liebte, voller Gnade: ‚Hört eine süße Geschichte‘, und begann zu erzählen. (583) Ein Vidyadhara namens Vishvavasu hatte eine Tochter namens Vidyavati. Ihre scharfen Augen waren wie Gift, ihre Worte freundlich und einladend. Ihr Herz lebte in Liebe zu Ambika. Sie verneigte sich vor ihrem Vater und sprach: (584) ‚Vater, ich möchte Ambika in Liebe verehren und dadurch das Heil erlangen.‘ Er unterwies seine Tochter im Mantra der Frau, die alle Welten geboren hat. Sie lebte nach diesem Weg und fragte später weiter:

(585) ‚Welches ist die vorzüglichste, makellose Stadt auf Erden, um die Göttin zu verehren?‘ Er antwortete: ‚Es gibt eine reiche Stadt, in der die in den Wissenschaften Hervorragenden wohnen; man nennt sie Dvadashanta. Sie ist Shivas Stadt auf Erden.’ (586) ‚In den drei herrlichen Welten gibt es vierundsechzig hervorragende Shakti-Sitze. Unter ihnen steht Madurai mit seinen hohen Häusern an erster Stelle. Es gewährt Freude, Befreiung und die gewünschten Vollkommenheiten.’ (587) ‚Bei Tag und Nacht stehen die Tore des Himmels offen: Seine Bewohner kommen dorthin und überwinden durch die Gnadenvollkommenheit Umas ihre Taten. Dein Vater und vier weitere Angehörige unserer Gemeinschaft haben in jener Stadt viele gute, ersehnte Gaben empfangen.’

(588) ‚Dort thront die Mutter Angayarkanni, die uns alle und alles hervorgebracht hat. Wer immer sie mit Liebe verehrt, dem schenkt sie ihre reine, süße Gnade, sodass er die Freuden dieses Lebens und die Befreiung nach seinem Verlangen erreicht.’ (589) Sie verneigte sich vor ihrem Vater, empfing seine Erlaubnis und brach auf. Einer duftenden, reich blühenden Ranke gleich zog sie den Weg entlang, ließ Wälder, Berge und Flüsse hinter sich und näherte sich der Stadt, die von der Gnade unserer ursprünglichen höchsten Mutter erfüllt ist, welche in Liebe verweilt. (590) Dort badete sie wie eine junge Elefantenkuh im Goldenen Lotusteich und verehrte die goldene Bergranke, die sich aus Liebe an den Spross der vier Veden geschmiegt hat. Mit dem Monat Makara, in dem die Sonne in das entsprechende Tierkreiszeichen tritt, begann sie ihr Gelübde.

(591) Sie übte die vorgeschriebene Folge der zwölf Monate hindurch: Nahrung am Tag, Nahrung in der Nacht, nur ungebeten erhaltene Speise, Blätter und ähnliche Kost, feines Pulver, Sesam, das Chandrayana-Gelübde, die fünf Gaben der Kuh, Milch, reines Wasser, Tropfen von den Spitzen des Darbha-Grases und schließlich nur Luft; auch schweres vollständiges Fasten ertrug sie. Nachdem sie so abgemagert war, kam erneut der Monat Makara. [Die genaue Zuordnung der einzelnen Fastenformen zu den Monaten bleibt in der Versaufzählung knapp.] (592) Sie trat vor das Heiligtum, verneigte sich und dachte an die Göttin: an die Füße wie junge Mangosprosse, die blitzgleiche, vom Hüftgürtel umgebene Taille, die vollen Brüste, zwischen denen nicht einmal ein Faden Platz findet, die Kantal-Blüten gleichen Hände mit Reihen goldener Armreifen, den glückverheißenden Hals, das vollmondgleiche Gesicht und das dunkle Haar, um das süß singende Bienen schwärmen. (593) Mit gefalteten Händen verehrte sie die Gottheit der schönen Laute. Sie nahm deren goldfarbenen Überzug ab, fein gearbeitet mit vielen kleinen Verbindungen und Nähten und glänzend wie frisches Licht. Sie legte eine duftende Mullai-Girlande darüber, setzte das Instrument mit dem Klangkörper nach hinten an die Schulter, wo ihr blumengeschmücktes Haar lag, drehte die Wirbel, zupfte die Saiten und begann in wohlbekannter Tonart zu singen.

(594) ‚Mutter Angayarkanni, du bringst die Welt durch dein Licht hervor und ziehst alle Lebewesen mit deinem gnädigen Blick auf wie ein Fisch seine Jungen! Jungfräulicher Schwan! Aus Gnade wirst du Himavans heilige Tochter. Wie wundersam, dass du dann Pfauen, Mainas und noch undeutlich lallende Papageien liebevoll wie dein eigenes Leben aufziehst und mit ihnen spielst!’ (595) ‚Wolkendunkelhaarige, du machst ganze Haufen von Weltensphären zu kleinen Mahlzeiten aus weißem Sand und spielst allein damit! Kuckuck, dessen Gestalt kein Bild erfassen kann! Wie schön, dass du mit kleinen lallenden Mädchen und den kühlen Perlen spielst, welche die Wasserfälle des wolkengekrönten Himalaya anschwemmen!’ (596) ‚Königin der Frauen, die du als Gestalt der Seligkeit den Gipfel der Veden erfüllst und dort spielst! Reh mit dem Perlenlächeln, zarter Pfau des Himalaya! Wie wundersam, dass deine Lotusfüße sich röten, wenn du auf die juwelenbehangene Brust und die breiten Schultern der Gemahlin Himavans trittst und mit ihr spielst!’

(597) So sang und pries sie mit ihrer lautengleichen Stimme. Da ließ sich die erbarmende Angayarkanni von dem Netz der tiefen, wahrhaftigen Liebe ihres Herzens einfangen. Als dreijähriges Kind mit zarten Haarlocken unter dem Kopfschmuck, roten Lippen und lallender Rede trat sie im Tempel vor sie, um ihr eine Gabe zu gewähren. (598) Vidyavati verneigte sich mit gefalteten Händen. Unsere Mutter fragte: ‚Was begehrst du?‘ Sie antwortete: ‚Gewähre mir, dass meine vollkommen erfüllte Liebe niemals von deinen Lotusfüßen weicht.‘ Als die Göttin weiter fragte: ‚Was wünschst du noch?‘, verneigte sie sich und bat: ‚Mögest du in dieser Kindergestalt zu mir kommen und bei mir bleiben, deine Gnade über mich ausgießend.’ (599) Die höchste Shakti Shivas stimmte gnädig zu: ‚Ein Mann namens Malayadhvaja wird König der Pandyas werden. Du wirst seine treue Gemahlin sein. Dann werde ich als Frucht deiner Askese zu dir als Kind kommen.‘ So schenkte sie ihre Liebe. ‚Auf diese Weise ist sie gekommen‘, erzählte der unvergleichliche tamilische Weise vom Potiyam den übrigen Weisen; sie erkannten den wahren Zusammenhang.

Hier endet „4. Die Erscheinung der königlichen Göttin Tadadakai“. Möge es glückverheißend sein.

5. Die Hochzeit

(600) Ich habe ein wenig davon berichtet, wie Tadadakai, die herrliche Tochter des von der Erde gepriesenen Pandya, selbst die wasserumgebene Welt beschützte. Nun will ich nach meinem Verständnis erzählen, wie der Herr des Stieres die göttliche, duftend bekränzte Frau heiratete und als König über die Erde herrschte. (601) Die Mutter, die die Welt geboren hatte, war ein junges Kind geworden und regierte allein das ganze weite Weltreich nach Manus Ordnung. Wie der heiße Sonnengott die schwarze Nacht vertreibt, vertrieb sie das Unheil des Kali-Zeitalters; ihr großer weißer Herrschaftsschirm spendete weit ausgebreiteten, mondhellen Schatten. (602) Ihre Taille wurde so schlank, dass sie sich dem Blick entzog; ihre schönen goldgleichen Brüste gewannen Fülle. Das dichte dunkle Haar ließ selbst die Finsternis der Mitternacht blass erscheinen. Für unsere Herrin mit den sanften, süßen Worten wie klingende Lautenmusik und dem lieblichen Lächeln war die rechte Zeit der Hochzeit gekommen.

(603) Ihre Mutter betrachtete das Mädchen, das einer kühlen Mondsichel glich, und sagte bekümmert: ‚Du bist wie ein Zweig, der sich unter seiner vollen Blüte neigt. Deine jungfräuliche Schönheit ist gereift, und dennoch ist dir das Glück der Hochzeit noch nicht zuteilgeworden.‘ Die Tochter hörte ihre Worte. (604) ‚Mutter, was du dir wünschst, wird zur rechten Zeit geschehen. Sorge dich nicht länger. Ich werde aufbrechen, meinen Sieg in den Himmelsrichtungen und in den vom großen Wasser umgebenen Ländern begründen und zurückkehren. Bleibe du hier.‘ So sprach die goldglänzenden Blütenranken Gleiche, erhob sich entschlossen und ging. (605) Könige, Minister und die übrigen Hofleute erkannten den Willen der mit honigreichen Blumen bekränzten Herrin und kamen herbei, um alles entsprechend auszuführen. Auch der Wagenlenker führte die springenden Pferde und brachte den starken Wagen. Sie, deren Schultern die Erde tragen, trat hervor und bestieg ihn unter dem Schall der Muschelhörner.

(606) Tadari- und Peri-Trommeln dröhnten; Murudu und Montai dröhnten; Udukkai und Takkai dröhnten; Padagam und Pambai dröhnten; Muzhavu und Tattai dröhnten. Hörner und lange Trompeten, Kalam und Zimbeln erklangen – in allen Himmelsrichtungen dröhnte es. (607) Ihre hochgewachsenen Gefährtinnen bestiegen mit ihr den starken Wagen. Bänder umschlossen ihre vollen Brüste. Sie hatten Pfeile auf gespannte Bogen gelegt, scharf wie ihre Blicke, trugen runde Lederschilde und Schwerter in den Händen und scharfe Speere in ihren sprossgleichen Fingern. Sie glichen kämpferischen Göttinnen. (608) Die starken goldenen Wagen fuhren in Kampfkreisen. Ihre Räder schienen die Erde bis zur Unterwelt aufzureißen; ihre breiten Plattformen füllten alle acht Himmelsrichtungen. Sie schienen an das Weltenei zu stoßen und es zu sprengen, während ihre Fahnen die Wasser der himmlischen Ganga wegwischten.

(609) Die mächtigen Elefanten mit den großen kräftigen Rüsseln zogen wie Berge dahin, wie der grimmige Tod, der im Kampf seine große Keule trägt. Brunftsaft floss ihnen wie Wasserfälle herab. Mit ihren vom heißen Blut geröteten Stoßzähnen schienen sie die Bäuche der Gewitterwolken aufzureißen und das herabströmende Wasser durstig zu trinken. (610) Die Pferdemassen liefen in geordneten Reihen wie die langen Wellen des rauschenden Meeres. Ihre Geschwindigkeit glich dem Geist der Yogis, die den mächtigen Atem gebändigt haben. Jedes schien jenem einen springenden Pferd zu gleichen, das am Ende des Kali-Zeitalters zur Rettung der wasserumgebenen Erde erscheinen wird. (611) Die Helden mit ihren unvergänglich sieggewohnten Fußringen eilten schneller als der Wind. Selbst wenn der furchtbare Tod sich ihnen feindlich entgegenstellte, würden sie ihn zornig bekämpfen und zurückkehren. Ihre Speere waren giftiger als die Zähne der weit aufgerissenen Schlangenmäuler.

(612) Die zahllosen Massen von Kriegern, Pferden, Wagen und Elefanten verbargen die Erde. Fahnenreihen, weiße Schirme und Pfauenfedern verbargen den Himmel. Feiner Staub verdeckte das Auge des strahlenden Sonnengottes; der gewaltige Lärm übertönte das Meer. (613) Das Rollen der Wagen, das Hufgetrappel der gezäumten, springenden Pferde, das Donnern der Elefanten mit ihren tödlichen weißen Stoßzähnen und das mächtige Gebrüll der Helden vereinten sich. Die rotäugigen Krieger mit bekränztem Haar und langen, klingenden Fußringen schlugen auf ihre starken Schultern. Der Lärm wuchs, als wollte er alle Welten spalten. (614) Unter dem sich weit erhebenden Staub verschwand die Sonne, als wäre sie ins Meer gesunken, und es schien Nacht geworden zu sein. Doch die perlenbesetzten strahlend weißen Schirme, der dichte Schmuck der Könige und ihre diamanthellen Schwerter verbreiteten Licht wie ein Vollmond.

(615) Das Heer zog wie ein Meer dahin: Die Wagenreihen waren sein unterseeisches Feuer, die springenden Pferdereihen seine Wellen, die langen Trommeln sein Brausen, Schwerter und Schmuck seine sich drehenden Fische, die Girlandenreihen und Wälder von Yakhaarwedeln sein Schaum, die Elefanten seine dunklen Wolken. (616) Frauen mit honigduftenden Girlanden schwangen hoch die dicht gereihten Wedel. Auf einer Seite erschollen die Segensworte der Brahmanen, auf einer anderen Seite vereinte sich der klare, nektargleiche Gesang. So fuhr der starke Juwelenwagen unserer Mutter mit den langen, Vallai-Blättern gleichen Ohrringen. (617) Das Fischbanner des Pandya, das Banner mit dem wilden Waldtiger und das rote goldene Bogenbanner zogen neben ihrem Wagen, ebenso dichte Büschel farbiger Pfauenfedern. So fuhr die Herrin mit den dunklen Augen, roten Lippen, weißen lächelnden Zähnen und frischen Schultern, geschmückt mit der honigduftenden Neem-Girlande.

(618) Die Veden preisen dich mit vielen Mündern, geraten ins Stocken und ermüden. Du bist die vollkommene höchste Mutter; als Tochter unseres Königs regierst du die Welt und tilgst ihre Makel. Tilge auch den Fleck auf meinem Gesicht! – So schien der Mond zu bitten, als der mondgleiche Schirm schützend über ihr schwebte. (619) Nahe beim prächtigen Wagen der fischäugigen Herrin fuhr auf einem breiten Wagen Sumati, dessen kluger Rat sogar den strahlenden Brihaspati übertraf. Er achtete auf die Zeichen der Herrin, streckte den Stab in seiner roten Hand aus und lenkte den Vormarsch aller vier großen Heeresteile. (620) Die Herrin mit der hellen, vom Stirnzeichen geschmückten Stirn gab dem unermesslichen bewaffneten Heer eine unbegrenzte Kraft wie die ihre. Es sollte nicht nur die weite Erde mit all ihren tiefen Meeren durchziehen, sondern auch Indras Welt und die übrigen Welten. So zog sie aus, den ganzen Reichtum der Könige zu gewinnen.

(621) Sie besiegte die nördlichen Herrscher, angefangen mit Gajapati, und brach die Stärke ihrer Arme. Als gebührenden Tribut nahm sie Elefanten mit langen Rüsseln, Pferde, prächtige Wagen, Scharen von Frauen mit mondgleichen Stirnen und scharf geschminkten Augen und weitere Gaben entgegen. Dann richtete sie ihren Blick auf die Himmelsrichtungen. (622) Der Wagenlenker trieb den Wagen wie ein Schiff im Meer, das ein starker Wind vorwärtsstößt, bis zum Heer des Himmelskönigs. Noch ehe das Kriegsspiel begann, zerfiel Indras Tumpai-Schlachtgirlande; seine Kraft schwand, sein Hochmut brach, und er floh davon. (623) Sie gewann Scharen von Frauen mit so dicht beieinanderstehenden Brüsten, dass kein Faden dazwischenpasste und ihre Taillen unter der Fülle zu brechen schienen; ihre tödlichen Blicke wanderten bis zu den Ohrringen und zurück. Dazu nahm sie den weißen Elefanten, dessen Brunftsaft wie Regen strömte, die göttliche Kuh, das strahlende Juwel und die göttlichen Wunschbäume mit und kehrte weiterziehend zurück.

(624) Ebenso zog sie gegen die übrigen Hüter der Himmelsrichtungen, brach im Kampf ihre feindliche Stärke und nahm ihren Tribut entgegen. In diesem Siegeszug wandte sie sich dem Kailasa-Berg dessen zu, der den Meru als großen Bogen in die Hand genommen und die drei Festungen vernichtet hatte. (625) Unsere Herrin mit dem von schnellen Pferden gezogenen Wagen näherte sich dem Berg, der durch jedes Weltalter hindurch hoch aufragt. Er nahm das Brausen ihrer vielen Instrumente, Elefanten, göttlichen starken Wagen, Zugpferde und Krieger auf und gab es als Widerhall zurück. (626) Der himmelhohe Kailasa schien zu denken: ‚Meine Tochter, die mich verlassen hat, ist zurückgekommen!‘ Aus seinen Wasserfallaugen strömten Tränen. Mit ihrem unaufhörlichen Rauschen schien er ‚Mutter, komm!‘ zu rufen; mit dem Lächeln seines Glanzes empfing und umarmte er sie. So ging sie auf ihn zu.

(627) Das Heer erreichte den Berg. Brüllende Elefanten stürmten vor, als stießen Berge im Kampf gegen Berge. Die Krieger mit den Köchern auf dem Rücken legten Pfeile auf die Bogen, kreisten, brüllten wie mächtiger Donner und schlossen den Berg ein. (628) Die Wächter des heiligen Berges eilten zu Nandi, dessen Füße selbst die Herrscher der Himmlischen nur schwer verehren können. Sie verneigten sich und berichteten alles. Unser Vater Nandi erkannte den Willen dessen, den auch Vishnu als siegreicher Eber suchend nicht erreichen konnte. (629) Er sandte die siegreichen Ganas aus. Ihre rollenden Augen sprühten Feuer, wie rote Kunri-Samen, die man in die Glut wirft. Sie stürmten gegen das große Heer der Frau mit der süßen Sprache wie rotes Zuckerrohr. Es war, als kämpften Meer und Meer gegeneinander.

(630) Dreizacke, Äxte, Wurfspeere, Scheiben, Keulen, eiserne Stangen, weitere Schlagwaffen, Schwerter, Stäbe, Pflugwaffen und gifttriefende Speere flogen. Der Schlachtenlärm glich dem Brausen des Meeres zur Zeit des Weltuntergangs. (631) Die zahlreichen geworfenen, geschwungenen und abgeschossenen Waffen drangen dicht aufeinander ein. Manche tauchten in rotes Wundblut und wurden herausgerissen; manche verfehlten ihr Ziel; manche trafen andere Waffen und zerbrachen. So glichen sie den verschieden reifenden Früchten der Taten ihrer Handelnden. (632) Die Vogelreittiere einiger Götter, die zur Schau des Herrn gekommen waren, flatterten erschrocken davon. Die tierischen Reittiere und Himmelswagen der übrigen wurden von den Waffen getroffen und beschädigt. Die Blutflut glich einem großen Gefäß, aus dem die Kriegsgöttin trank.

(633) Vidyadharas, die auf dem Himmelsweg gerade zur Verehrung dessen kamen, der Freude und Befreiung schenkt, sahen den Kampf und wählten einen anderen Weg. Mit ihren zartfüßigen Gefährtinnen, die in Liebe dahinschmolzen, fürchteten sie, in die Schlacht zu geraten. (634) Wechselseitig schleuderten sie die Mondwaffe und die Sonnenwaffe, die zornige Feuerwaffe und die Waffe des süßen Wassers, die erhabene Narasimha-Waffe und die große Sharabha-Waffe, die grimmige Sturmwaffe und die furchtbare Schlangenwaffe. (635) In diesem hin und her wogenden Vernichtungskampf stand unsere Herrin, die als geliebte Gnadengestalt des Herrn der Erkenntnis erschienen war. Aus ihrem gewaltigen Bogen ließ sie Ströme von Pfeilen fließen, sodass die Waffen in den Händen von Nandis Gefährten zu Staub zerfielen.

(636) Als ihre Handwaffen zerstört waren, griffen die Helden zur Bergwaffe. Noch ehe sie sie mit dem Wunsch abschießen konnten, ihre Gegner zu treffen, hob die heldenhafte Jungfrau den mit diamantenem Glanz versehenen Speer und schleuderte ihn. Jene Waffe sollte vergehen wie die Askese der Menschen, deren Herzen in Unwahrheit verstrickt sind. (637) Sie zerschmetterte sie in Stücke und schlug die Gana-Helden mit der Keule. Geschlagen und entkräftet zogen sie sich zurück. Lässt sich die Kraft derer begrenzen und beschreiben, die selbst alle Welten und alle beweglichen und unbeweglichen Wesen hervorgebracht hat und überall gegenwärtig ist? (638) Nandi sah sie herankommen: ohne Waffen, ohne ihre zerstörten Himmelswagen, mit zerrissenen Girlanden, ohne die zum Streit aufgestiegene Schulterkraft. Ihr Zorn war erloschen, ihr heldenhaftes Lachen verstummt und ihr stolzer Gang wie der kämpfender Löwen verloren.

(639) Er verneigte sich vor den Füßen seines Herrn und berichtete dies. Der Herr mit der mächtigen Wasserflut im Flechthaar lächelte leicht. Mit dem rotäugigen Stier des Dharma, mit Bogen und göttlichen siegbringenden Waffen erhob er sich und begab sich auf den Schauplatz des Kampfes. (640) Dort sah er die heilige Gestalt und die heldenhaften Taten der Göttin. Sie hatte im Kampf den Gana-Kriegern ihre unerschöpfliche Kraft genommen und stand nun wie eine junge Löwin bereit, jedem weiteren zornig heranstürmenden Gegner seine unverminderte Stärke zu entreißen. (641) Auch Tadadakai sah die rechte Hälfte ihres eigenen Wesens vor sich: den Fuß mit dem einzelnen langen Heldenring, das wilde Tigerfell, mit einer Schlange gegürtet, die Hand mit der siegreichen scharfen Axt, die mit weißer Asche geschmückte Gestalt, die vom heiligen Faden umspannte Brust, das dichte Flechthaar und den gnädigen Blick, der allein auf sie gerichtet war.

(642) Im Augenblick des Sehens verschwand eine ihrer Brüste. Scham, zarte Zurückhaltung und Scheu erfüllten ihr Herz. Wie eine voll erblühte Ranke neigte und schmiegte sie sich; die alte Liebe nahm wieder in ihr Wohnung. Das schwere dunkle Haar sank über ihren Nacken. Ihre fischgleichen, geschminkten Augen blickten auf die eigenen Füße; mit der Zehe scharrte sie im Boden und stand da wie ein Blitz. (643) Sumati, dessen gereifte Weisheit die einst aus dem weiten Himmel gesprochenen Worte Haras bewahrt hatte, verneigte sich vor den kleinen Füßen der zarten Ranke. ‚Mutter, dieser jugendliche Herr mit Konrai-Blüten im Flechthaar ist dein Bräutigam‘, sagte er. Die höchste Shiva-Flamme blickte die von Liebe erfüllte Frau gnädig an und sprach: (644) ‚Seit dem Tag, an dem du aufgebrochen bist, um die Himmelsrichtungen zu besiegen, haben auch wir Madurai verlassen und sind dir ungetrennt gefolgt. An dem kommenden Montag, zur günstigen Stunde nach der alten Vorschrift der vier Veden, werden wir kommen und dich heiraten. Kehre du jetzt in deine Stadt zurück.‘

(645) Liebe und Leben bei dem Herrn zurücklassend, bestieg sie, von ihren Gefährtinnen umgeben, ihren berggleichen Wagen. Die Instrumente brausten wie das Meer. Sie zog an den göttlichen großen Bergen und heiligen Wasserläufen vorbei und erreichte das duftende große Madurai, sie, die wie eine Leuchte im Mondgeschlecht strahlte. (646) Die Herrin der Frauen wurde mit Glückszeichen empfangen und betrat ihren reichen Palast, der wie aus dem Himmel herabgestiegen erschien. Die Minister verfassten die Hochzeitseinladung, sandten Palmblattbriefe in alle Richtungen und bereiteten die glückverheißenden Handlungen vor. In der ganzen großen Stadt ließen sie auf einem Elefanten die Hochzeitstrommel schlagen. (647) Als die Hochzeit der Jungfrau ausgerufen wurde, kannten die Bewohner der prächtigen Stadt in ihrer Freude keine Grenze. Sie verehrten Gott, ihre Körper erschauerten, und sie sangen vielfachen Lobpreis. Wie man eine von Natur aus schöne Frau zusätzlich schmückt, so begannen sie, die ohnehin klangvolle, schöne und reiche Stadt festlich auszustatten.

(648) Man entfernte alte Girlanden und die Reste von Sandelpaste und warf sie fort. Mit kühlem, sanft duftendem Wasser besprengte man den Boden, um den aufgewirbelten Staub zu binden. Frauen und Männer arbeiteten, von der Freude über die Hochzeit der Königstochter so hingerissen, dass sie nicht bemerkten, wenn Ohrringe, Armreifen, Halsketten und Fußringe sich lösten. (649) ‚Wann ist das glückliche Fest?‘, fragten sie. ‚Am kommenden Montag‘, antworteten andere. Rasch umarmten sie einander, überwältigt von kaum tragbarer Freude. Die sechs Tage bis Montag erschienen ihnen wie sechs Weltalter. ‚Haben unsere Schultern deshalb glückverheißend gezuckt – damit wir die wunderbare Hochzeit unserer Herrin sehen dürfen?‘, sagten sie. (650) Sie tünchten die Wände neu, ordneten schöne Bildreihen an und bestrichen die erhöhten Vorplätze mit Safran. Auf den Podesten stellten sie in Reihen Gefäße mit keimender Saat, zartem Grün und goldene, wassergefüllte Krüge auf. Über die Eingänge spannten sie Girlandentore.

(651) Über die langen prächtigen Straßen errichteten sie weite Festdächer. In Reihen stellten sie Arekapalmen mit Blütenscheiden, süßes Zuckerrohr und Bananenstauden mit reifen Fruchtbüscheln auf. Spiegel wurden wie eine Reihe von Gestirnen aufgehängt. Fahnenreihen standen so hoch, als seien sie Peitschen, welche die sieben feurigen Pferde der Sonne antreiben könnten. (652) Sie streuten Blumen und kühles Duftwasser, geröstetes Korn und goldfarbenen Puder. Figurenlampen wurden aufgestellt und frische Girlanden unter den Festdächern befestigt. Überall in den geschmückten Straßen hingen Reihen von Edelsteinen, Smaragdkränze und gefügte Perlenketten, sodass selbst ein reicher Basar darüber staunen würde. (653) Die Kriegselefanten bestrich man mit Zinnober und schmückte ihre Stirnen mit feurig glänzenden Juwelenplatten. Hals- und Fußschmuck der schnellen Pferde wurden zurechtgemacht; man spannte Pferde vor strahlende Wagen und hing Girlanden und Wedel daran. Aus makellosem Gold und neun Edelsteinarten fertigte man glückverheißende Lampen.

(654) Die Frauen verschmähten ihren alten Schmuck und legten neue Kostbarkeiten an. Sie bestrichen ihre vollen Brüste mit in kühlem Wasser angerührtem Safran, ließen die feuchte Salbe trocknen und trugen weitere Duftmischungen auf. Sie betrachteten sich in schönen Spiegeln und versetzten die jungen Männer in Unruhe. (655) Sie zeichneten ihre speergleichen Augen mit Kajal nach und richteten diese Speere auf die Brust der Männer. Sie färbten ihre Füße rot und legten klingende Fußringe an. Die rankengleichen Frauen tranken süßen Palmwein, beugten ihre schmalen Taillen im Tanz, sprachen zärtliche, fruchtig süße Worte und riefen gemeinsam beim Kuravai-Reigentanz. (656) Sänger mit ihren Angehörigen und Tänzerinnen kamen wie Kinnara-Paare herbei. Sie verneigten sich vor der Königin der Jungfrauen und sangen, voll Freude über ihre bevorstehende Hochzeit, zur süßen Laute. Die geschenkten Gewänder breiteten sie aus, nahmen sie entgegen und trugen sie ehrend über dem Haupt. Sie tranken und jubelten ausgelassen.

(657) Die Frauen der Könige und der Brahmanen kamen zu Kanchanamalai, fragten nach dem glücklichen Fest und betrachteten den Schmuck der pfauengleichen Braut. Die Dienerinnen der Jungfrau streuten duftende Mischungen aus Kampfer und weiteren kostbaren Stoffen auf sie, sodass ihre ganzen Körper davon bedeckt wurden. Reich beschenkt gingen sie wieder fort. (658) Wasser der Ganga, Vani, Yamuna, Kaveri und zahlreicher weiterer heiliger Flussstellen wurde herbeigetragen: in goldenen Krügen, mit Stoff verhüllt, von geöffneten Blumengirlanden umgeben und von Frauen mit Wedeln befächelt. Unter glückverheißender Musik kam es auf dem Rücken brunftsaftträufelnder, berggleicher Elefanten an. (659) In jedem Haus herrschte Geschäftigkeit, als stünde dort selbst eine Hochzeit bevor. Man bereitete den ehrwürdigen Vedakundigen köstliche Speisen mit den sechs Geschmacksrichtungen. ‚Diese Gaben sind für euch, Ehrwürdige‘, sprach man und verneigte sich. Shankaras Diener wurden willkommen geheißen und nach der gebotenen Ordnung bewirtet und geehrt.

(660) So schmückte sich die Stadt. Wenn der Bräutigam unvergleichlich ist und die Braut ihm gleicht, was könnten wir dann noch über Schönheit und Reichtum ihrer Hochzeitsstadt sagen? Welche andere prächtig ausgestattete Stadt ließe sich ihr vergleichen? Erzählen wir nun, wie die Angehörigen der Königstochter den geschmückten Hochzeitspavillon errichteten. (661) Man stellte hohe Festwagen auf, deren oberste Plattformen bis zum Himmel reichten. Sie glichen Reihen von Himmelswagen, die die Tochter des Mondgeschlechts im Kampf gegen den Wolkenreiter erbeutet hatte; oder den göttlichen Bergen, die in die Stadt gekommen waren und Ausschau hielten, um die junge Tochter ihres eigenen Königs zu sehen. (662) Der Pavillon hatte goldene Stufen, gearbeitet über sieben hohen Kristallelefanten. Auf den Juwelenterrassen standen Reihen von Löwen aus hell schimmerndem Saphir. In den strahlenden Kristallwänden spiegelten sich die Vorübergehenden wie gemalte Figuren, die sich im freien Raum bewegten; dazwischen lagen Smaragdfenster.

(663) Sie errichteten eine Opfer- und Hochzeitshalle mit tausend in vielerlei Gestalten gearbeiteten Korallensäulen. Ihre Kapitelle bestanden aus Indranila-Saphir, ihre oberen Balken waren kunstvoll gestaltet. Rubine bildeten die Querträger, als hätte man Feuer geschmolzen; die weite Decke bestand aus kühl leuchtendem Mondstein, als spende sie Nektar. (664) In Reihen stellten sie künstliche Arekapalmen auf: die Blütenscheiden aus Perlen, das dichte grüne Laub aus Smaragd, die süßen Früchte in den Büscheln aus Koralle und die kräftigen Stämme aus Silber. Auch Bananenstauden standen dort, mit korallenen Blütenbüscheln, reifen Fruchtständen aus rotem Gold, goldenen Stämmen und langen smaragdgrünen Blättern. (665) Rings um den Pavillon legten sie einen Garten an, mit Pitti, Madhavi, Champaka, Patiri und anderen Blütenpflanzen in Reihen. Bienen öffneten ihre Münder zum Gesang. Der junge Frühlingswind nahm den Duft auf, kroch durch jedes Fenster und versprengte süße Nektartropfen.

(666) Nach der Kenntnis der alten Schriften bauten sie Opferhalle, Altar und Feuergrube mit ihren Einfassungen. Kunstfertig stellten sie die acht strahlenden Glückszeichen her: Spiegel, Stier, hell leuchtende Lampe, Shrivatsa-Zeichen, langstrahlender Yakhaarwedel, rechtsgewundene Muschel, Svastika und gefüllter Krug. (667) Sie mischten duftenden Sandel mit Safran, Moschus und kühlem Duftwasser zu einer Paste und bestrichen damit den heiligen Boden. Figuren hielten in beiden Händen große Schlangenjuwelenlampen empor, vor deren Licht selbst die Sonne sich schämen musste. Darüber spannten sie ein mit neun Edelsteinarten besetztes Tuch wie einen Himmel voller Sternenscharen. (668) Vor dem goldenen Tempel errichteten sie ein himmelhohes Festdach, das alle Himmelsrichtungen zu füllen schien. Goldene Keimgefäße standen dort mit sprießendem, frischem Grün. Für Brahma auf dem Lotus und die übrigen Himmlischen breiteten sie passende goldene Teppiche aus und stellten innen Sitze auf. Auch die großen Weisen mit Tumpai-Blüten im langen Flechthaar erhielten ringsum ihre Plätze. In der Mitte

(669) errichteten sie einen goldenen Sockel, von diamantenhellen Löwen des Wunschbaumes getragen. Darauf standen Säulen aus leuchtender Koralle mit runden und viereckigen Teilen, kristallenen Querbalken und korallenen Schmuckvorsprüngen. Nach den Vorschriften bauten sie ein dreistöckiges Vimana, das von vielen Edelsteinen glänzte. Darin (670) fertigten sie einen goldenen, mit neun Edelsteinarten besetzten Thron. Es war, als hätten die sechs Vedangas die Gestalt seiner Füße angenommen, die ursprüngliche Silbe die goldene Sitzplatte und die vier erhabenen Veden die gefügten Perlenschnüre – alles, damit unser Herr mit unserer großen Herrin darauf Platz nehmen könne. (671) Indras Wunschbaum spendete goldene Stoffe, Schmuck und weitere Gaben. Die göttliche Kuh brachte den schwer erhältlichen Nektar, die fünf Speisearten und Nahrung der sechs Geschmacksrichtungen hervor. Der Chintamani erfüllte jeden gedachten Wunsch und gewährte alles Erbetene. So ordnete man alles an, dass selbst Indras Stadt sich schämen musste.

(672) Die Könige empfingen den heiligen Brief zur Hochzeit der Tochter des Kronjuwels der Pandyas. Sie kamen ehrerbietig entgegen, nahmen ihn mit gefalteter Ehrfurcht an und legten ihn auf ihre Juwelenkronen. Nachdem sie seinen Inhalt gehört hatten, beschenkten sie die Überbringer mit kostbarem Schmuck und Gewändern. Von wachsender Freude gezogen, brachen sie auf, schneller noch als ihre Gedanken. (673) Es kamen die Kongu, Singhalesen, Pallavas, Cheras, Kosalas und Panchalas; die Vangas, Sonakas, Chinesen, Saluvas, Malavas und Kambojas; die Angas, Magadhas, Aryas, Cholas, Avantis und Vidarbhas; die Gangas, Konkanas, Viratas, Marathen, Karnatas und Kurus. (674) Auch die Kalingas, Javakas, Kuvilas, Ottiyas, Kadaras, Gandharas, Kulingas, Kekayas, Videhas, Pauravas, Kollas und Kalyanas kamen; ebenso die Telungas, Gurjaras, Matsyas, Mlecchas, Senchiyas und die Herrscher weiterer Länder. Sie drängten auf allen Wegen heran, bis die Erde unter ihnen verschwand.

(675) Die Könige dieser vielen Länder kamen so dicht gedrängt, dass nicht einmal ein Sesamkorn zwischen ihnen Platz gefunden hätte. Ihre ausgebreiteten Heere glichen dem anschwellenden Meer und schienen den Rücken der Erdgöttin zu brechen. Mit den vielfältigen Schätzen ihrer Länder strömten sie auf vielen Straßen in die alte Hochzeitsstadt, in der die Trommeln für die Tochter des Pandya-Königs dröhnten. (676) Die Diener meldeten die angekommenen Herrscher. Auf die Einladung ‚Sie mögen kommen‘ wurden sie vorgelassen. Auf dem schönen Löwenthron sahen sie die duftende, frisch blühende Ranke, in der Rechtschaffenheit blühte und Gnade reifte. Ihre Augen freuten sich. Sie fielen nieder, sodass die Girlanden ihrer Kronen sich lösten, empfingen ihre Gnade und gingen dann in die ihnen zugewiesenen Unterkünfte. (677) Die Schätze der Berge, der Waldweiden, der kühlen, von Feldern umgebenen Ebenen und die Güter, die Schiffe über das Meer herantragen, häuften sich. Unbeschreiblich erstrahlte das glückverheißende Fest. Nun erzähle ich vom Anblick dessen, der die Grenze der vier Veden überschreitet und zur Hochzeit in diese Stadt kommt.

(678) Nachdem die eine Herrin zurückgekehrt war, verließ der schöne Herr mit dem Schmuck des Schlangenkönigs das Schlachtfeld und begab sich zum Silberberg. Der gnädige Nandi erkannte, dass er als Herr der Freude aller Lebewesen nun die Vermählung zur Gewährung dieser Freude vollziehen wollte. Er dachte daran, den Himmelskönig, Vishnu, Brahma und die Rudras einzuladen. (679) Er entsandte die Gana-Führer, angefangen mit Shankukarna. Sie gingen zu den himmlischen Wohnsitzen der stierreitenden Götter, Vishnus, Brahmas und der übrigen großen Gottheiten und verkündeten das Glück der Hochzeit unseres Herrn. Als diese es hörten, drängte die aufwallende große Liebe sie von hinten, und sie kamen unverzüglich. (680) Es kamen die zehn feurigen Rudras, die fünfzig Millionen Yojanas weit glühen, als hätten sie ihre heilige Stätte verlassen, und die sie begleitenden fünfhundert Rudras, deren Feueraugen die Elemente erschrecken lassen. Sie reichten bis zum Dach der Welten und besaßen eine Befehlsmacht und Stärke, vor der selbst Vishnu, Brahma und die anderen Götter erbebten, mit Heeren streitbarer Zwergkrieger.

(681) Die acht Buddhi-Gottheiten kamen, ferner die über den vierzig Millionen liegenden zwanzig Höllen herrschenden Wächter und die Kushmandas mit ihren Geisterheeren; die hundert Rudras, die das höchste Shiva-Licht durch seine Shakti hervorgebracht hatte, und die von ihnen entsandten hundertmal zehn Millionen Rudras und Gana-Führer. [Die Zusammensetzung der Zahlen und Gruppen ist in dieser dicht gefügten Aufzählung nicht durchgehend sicher.] (682) Es kamen die mit dunklen Schlangen geschmückten Pashupati-Rudras und die acht Gestalten; die strahlenden goldenen Gestalten des Meru, die ihn auf den Schultern tragen; und Nilalohita, der in tiefer Versenkung aus Brahmas Stirn erschien, als dessen Stolz niedergehalten wurde und er in seiner Verwirrung wieder Klarheit finden sollte. (683) Die elf Rudras mit dem roten Feuerauge auf der Stirn kamen; die Kankalas und Kapalis mit siegreichen Dreizacken, die großen Gestalten in tiefdunklen Gewändern und jene in nackter Gestalt; dazu die acht Kshetrapalas, die auf Hunden reiten. [Einzelne Bezeichnungen der Rudra-Gruppen sind in der Vorlage mehrdeutig.]

(684) Der dunkle Vishnu mit den roten Lotusaugen kam, Brahma auf dem edelsteinfarbenen roten Lotus, Indra und die übrigen acht Hüter der Himmelsrichtungen, die acht Vasus, die neunundvierzig Maruts von makellosem Wissen, die beiden himmlischen Ärzte, die zwölf Adityas mit ihrem heißen Licht am Himmel und der eine weiß strahlende Mondherr. (685) Es kamen der ehrwürdige Tigerweise, der Augen an Händen und Füßen erhalten und das Heil erlangt hatte; Patanjali mit dem Schlangenhaubenkopf; der kleine Weise, der das Milchmeer trank und den roten Fuß auf Vishnus Haupt setzte; der kleinwüchsige Agastya; Sanaka und die anderen Shiva-Erkenner; Vamadeva, Shuka, Vyasa und Narada von wahrer Einsicht. (686) Es kamen die sieben Mütter, Siddhas, Vidyadharas, Yakshas, Kinnaras, die den ganzen Umfang der Veden erfassenden Weisen und Yogis, viele Nagas mit juwelengekrönten Häuptern, Rakshasas von makelloser großer Askesekraft, schwertmächtige Asura-Herrscher, Scharen von Bhutas und Vetalas, furchtbare Geister und himmlische Frauen.

(687) Die Jahre, Sonnenhalbjahre, Jahreszeiten, zwölf Monate, beide Monatshälften, die fünf Zeitglieder, Yogas und Karanas, Nacht und Tag sowie die damit verbundenen Stunden und Augenblicke kamen in Gestalt. Auch die brausenden Meere, die großen Berge der Himmelsrichtungen, die Richtungen selbst, Wolken, Blitze und die fünf großen Elemente erschienen. (688) Mantras, Welten, Tattvas, Kalas, Laute, Worte, Veden, Tantras, die Schriften vieler Religionen und ihre ergänzenden Lehren erschienen; die vier Lebensziele, beginnend mit Dharma, und die vier Wege, beginnend mit Charya. Auch die acht Siddhis kamen, die von den Dienern des Herrn mit dem Wasserstrom im Haar nicht begehrt werden. (689) In tausend Heeren, die sich wie tausend Meere ausbreiteten und erhoben, glänzten die Rudras und Himmelsbewohner wie tausend Sonnen. Tausend himmlische Pauken dröhnten zugleich, als zerbrächen tausend Weltensphären. In einem halben Augenblick legten sie tausendmal hundert Millionen Yojanas zurück.

(690) Die Weisenkönige mit geklärtem Geist, die Götter und jene, die Shivas Gestalt trugen, fuhren auf ihren Wagen und sonstigen Reittieren. Ihre Gemahlinnen mit sandelgeschmückten, juwelenbesetzten Brüsten und honigreichen Blüten im Haar begleiteten sie. Durch kühle Räume reisend, näherten sie sich dem schönen Berg des Herrn, dessen Hälfte die Frau ist. (691) Sie stiegen von ihren Reittieren, warfen sich nieder und erhoben sich. Ihre Zungen sprachen die ruhmreichen heiligen Namen des Herrn, ihre Körper erschauerten, ihre gefalteten Hände ruhten über dem Haupt. Grenzenlose Liebe erfüllte sie; Augen und übrige Sinne kosteten den himmlischen Geschmack der Gnade. Wie Bienen drängten sie sich um den heiligen Berg, der Honig der Seligkeit ausströmt. (692) Um das Gedränge der versammelten Himmlischen zu ordnen, schwang unser Herr Nandi mit der Schlange im langen Flechthaar seinen Stab. Er traf ihre juwelengeschmückten Kronen, deren Staub sich ausbreitete und den schönen Kailasa bedeckte. Der Berg glich der Mondscheibe am Tag, an dem sie im hell strahlenden Sonnenkreis verschwindet.

(693) Während die Himmlischen draußen standen, trat der freigebige Nandi ein, verneigte sich vor den Füßen unseres Vaters und sagte: ‚Herr, alle Himmelsbewohner sind versammelt.‘ ‚Führe sie herein‘, lautete die Antwort. Nandi rief sie und wies ihnen mit dem Stab entsprechend ihrem Rang den Weg. Einer nach dem anderen eilte herbei, verneigte sich und trug die roten Lotusfüße auf dem Haupt. (694) Einigen, die sich vor dem heiligen Herrn verneigten und ihn priesen, schenkte er Worte aus seinem heiligen Mund; anderen ein knospendes gnädiges Lächeln; wieder anderen einen Blick und ein Neigen seines hohen Hauptes. So erwies der Herr, dessen Hals die Welt durch das aufgenommene Gift bewahrt hatte, besondere Gnade. Dann erhob er sich und betrat eine Halle, um den Hochzeitsschmuck anzulegen. (695) Der Herr von Alaka erkannte den Herzenswunsch seines Gebieters. Mit Liebe, die aus seiner Hingabe immer höher aufstieg, trat Kubera heran, und die Frucht seiner heiligen wahren Askese reifte. Mit eigenen Händen durfte er den heiligen Leib berühren, den selbst die zahllosen Veden, Brahma, Vishnu und die Weisen kaum erreichen, und ihn festlich schmücken.

(696) Er legte ihm den Lendenschurz und ein feines, in Falten gelegtes Blütengewand an, dessen Ende nach hinten fiel, und befestigte einen doppelten Gürtel. Das Haar schmückte er mit frischen, von Bienen summenden Blumen und einem neuen Kranz vom Wunschbaum. Auf den aschegeschmückten Leib strich er mit seinen großen Händen eine Mischung aus Sandel, Moschus und kühlem Duftwasser. (697) In die beiden Ohren setzte er Juwelenringe, als seien zwei rote Sonnen darin eingetreten. Goldene, gewundene Ohrringe vertrieben die dichte Finsternis und schwangen an den Schultern. Um den dunklen Hals, der der schweren Verblendung jener gleicht, die begrenzte Götter für das Höchste halten, legte er eine Halskette wie aufgereihte Vollmonde. (698) Auf der Brust, über die der dreifache heilige Faden wie ein Wasserfall am Berg herabfiel, legte er eine blattförmige Perlenzier an, als ströme Nektar aus dem weißen Mond auf seinem Haupt. Dazu glänzte eine Halskette mit funkelnden Anhängern, die die Dunkelheit zerschnitt – wie die junge Sonne, die aus dem Milchmeer aufsteigt, aus dem einst das Halahala-Gift kam.

(699) Die vier Arme, die alle Richtungen überragen, schmückte er mit Bändern und strahlenden Armreifen, die selbst die Herzen der Guten, die das Begehren überwunden haben, fesseln und ihr Leben verzehren konnten. Er nahm das bewegte, feuchte Elefantenfell ab und legte ein schönes Obergewand an. Einen durch den erhabenen Mantra geheiligten Ring schob er auf den schönen Finger. (700) Über den Lendenschurz legte er einen goldenen Stoff und befestigte daran einen Schmuck, als hingen vier fünfköpfige Schlangen herab, deren Edelsteinköpfe blitzten. Er legte Girlanden über die Schultern und schmückte die Füße mit klingenden Ringen und Heldenreifen – jene Füße, die jenseits aller Worte sind und dennoch den Liebenden nahekommen. So erlangte Kubera, der Herr der beiden Schätze, die Frucht seiner großen Askese. (701) Der Herr mit dem Stirnauge, dessen Seitenblick Vishnu, Brahma, Indra und allen anderen Glück verheißt, stand da, als hätte er selbst erst einen glückverheißenden Schmuck empfangen. Er setzte den Fuß auf den Rücken des bebenden Gana Bhanukampa, bestieg den ihm entgegengetretenen großen heiligen Stier und brach auf. Die Götter ließen Blumen regnen.

(702) Die Himmlischen ließen die fünf göttlichen Instrumente dröhnen. Die ringsum versammelten Rakshasas, Yakshas und Bhutas spielten glückverheißende Musik. Himmelsfrauen mit blütenreichem dunklem Haar schwangen und neigten sich im Tanz wie blühende Ranken, während kunstfertige Vidyadharas den Takt schlugen. (703) Wie tausend Löwen in tausend finsteren Höhlen tausend hoher Berge die Mäuler öffnen und brüllen, so erklangen die Muschelhörner des Wesens mit tausend Köpfen, starken Schultern und Gliedern. An tausend Mündern blies es die tausend Hörner, die seine tausend großen Hände hielten. (704) Bana hatte Vishnus verwirrendes Wirken und die Bindung der dunklen Unreinheit überwunden. Durch unablässige Verehrung unseres schützenden Herrn hatte er den Gnadenweg erreicht. Nun schlug er mit seinen tausend Händen im richtigen Rhythmus auf die verschiedenen Flächen der Topftrommeln. Ihre unterschiedlichen, dumpf dröhnenden Töne übertönten das weite Meer.

(705) Die Weisen priesen mit gefalteten roten Händen, sprachen Segensworte und trugen reifende Liebe in ihren Herzen. Die Gana-Führer, deren inneres Denken auf ein einziges Ziel gesammelt war, schlugen laut die Hände zusammen, weinten wie Regenwolken, tanzten mit den Füßen und sangen mit ihren Zungen zum Lob des Herrn. (706) Indra ging an einer Seite mit dem juwelenbesetzten Spuckgefäß; Ishana trug an einer anderen den glänzenden goldenen Betelbeutel mit weichen Blättern und Duftstoffen. Der Herr des Windes führte unablässig den großen Fächer; der Feuergott brachte duftendes Räucherwerk dar, und der Wassergott hielt mit lotusgleicher Hand ein goldenes Gewand empor. (707) Nirriti ging mit dem Spiegel voran. Der Herr von Alaka verstreute bei jedem Schritt tausend Schätze aus seinen Vorräten. Tandi und andere führten ihre Dienste aus. Die Nagas mit ihren Hauben, strahlend wie tausend Sonnen, trugen viele Juwelenlampen. Der Herr der Veden folgte, die heiligen Füße auf seinem Haupt tragend.

(708) Die neun Flussjungfrauen, angefangen mit Ganga und Kaveri, schwenkten kühlende Wedel wie die aufsprühenden Kämme ihrer hohen Wellen. Der kleine dickbäuchige Gundodara, mit mondsichelgleichen scharfen Zähnen, dunklem Leib, tief liegenden Augen, feuerrotem Haar und großen Muschelohrringen, trug den kühlen mondgleichen Schirm. (709) Ringsum dienten die hohen Banner: das donnernde, das weiße Schwanenbanner und das Garuda-Banner, vor dessen geöffnetem Schnabel die giftatmenden Schlangen wie vor dem Sturm am Weltende erzittern. Inmitten all dieser Fahnen schwang das Stierbanner als König der Banner. (710) Ein großer Geist mit krugförmigem Bauch trug den schönen Dreizack, dessen drei Spitzen wie der Herr mit dem Stirnauge und die beiden Gottheiten zu seinen Seiten erschienen. Die übrigen achtzehn Waffen begleiteten ihn wie Diener. Er schritt an einer Seite daher wie ein Berg, aus dem die drei Lichter aufsteigen.

(711) Pushpadanta ging voraus und pries den Herrn mit einem Sanskritgesang, der wie die gesammelte Essenz der vier verbundenen Veden war. Sundara, der wie ein Spiegelbild aus der Schattengestalt des Anfang- und Endlosen erschienen war, als dieser dem alles Leben verschlingenden Gift entgegensah, trug die heilige Asche und die Blumengirlande. (712) Brahma mit dem Schwanenwagen ging rechts, Vishnu mit dem Adler, der die Kraft der Schlangen raubt, links. Beide priesen mit gefalteten Lotushänden. Der Herr mit den goldenen, honigduftenden Konrai-Blüten gelangte zum Rand des großen, von Festwagen geschmückten Madurai, als wäre er mitsamt dem Silberberg aufgebrochen. In diesem Augenblick (713) verkündeten die goldenen Hörner: ‚Der Gott der Götter ist gekommen! Der Herr des rotäugigen großen Stieres ist gekommen! Der Erste unter den Dreien ist gekommen! Unser dreiäugiger Herr ist gekommen! Der vollkommene Uralte, den Brahma auf der Blüte und Vishnu nicht sehen konnten, ist gekommen! Der Schöpfer von allem ist gekommen!‘

(714) Am Tor der Königin der Frauen versammelten sich die edlen Minister, die übrigen Erdenkönige, Heerführer und andere. Sie erblickten den den Augen Wohltuenden, gingen ihm entgegen und verneigten sich. So betrat er die Stadt, die selbst die Stadt des Himmelskönigs an Herrlichkeit übertraf. (715) Er durchschritt das erste große Tor der alten Stadt mit den wolkenberührenden Mauern und zog zur glückverheißenden Umrundung durch die Straßen mit den von Adlerholzduft erfüllten Häusern. Die Frauen der schönen Stadt, goldenen Ranken mit blühenden Brüsten gleich, kamen herbei, umgeben von Gefährtinnen mit goldenen, weiten Gewändern um die Taille. (716) Die Frauen der achtzehn Länder, angefangen mit dem Tamil-Land, und die nektargleichen Frauen des Himmels drängten sich zusammen. Sie glichen einem duftend erblühten Garten aus Mullai, Lotus, Kumuda, blauer Lilie, Kumizh, Kongu, Kantal und reich gebüscheltem Ashoka.

(717) Ihre Gewänder und Muschelarmreifen glitten hinab, als klagten sie: ‚Wollt ihr uns verlassen?‘ Die Fußglöckchen erklangen, als hielten sie sie an den Füßen zurück und warnten: ‚Ach, selbst Scham und Zurückhaltung laufen mit eurem leichtfertigen Herzen von euch fort. Wir haben es euch gesagt!‘ Doch sie gingen weiter. (718) Vor dem Meer der Gnade, in dem ein ganzer Wald duftender Lotusblüten erblüht war, legten sie vom Fuß bis zum Haupt die blauen Lilien ihrer offenen Augen nieder. Ihre armreifgeschmückten Hände falteten sie, als krönten sie ihr Haar mit roten Lotusblüten, und sprachen zum Lob die folgenden Worte. (719) ‚Welche Askese mag unsere Herrin geübt haben, um sich an diesem Vollkommenen erfreuen zu dürfen?‘, sagten einige. Andere: ‚Und welche Askese mag der Freigebige geübt haben, um diese Frau zu heiraten?‘ Wieder andere fragten: ‚Welche Askese hat das schöne Madurai vollbracht? Und welche haben wir selbst geübt, damit wir hier ihre Hochzeit sehen dürfen?‘

(720) ‚Der Pandya gewann seine Tochter als Frucht früherer mühevoller Askese, doch die Askese, die Hochzeit seiner Tochter sehen zu dürfen, hat er nicht vollbracht‘, sagten einige. Andere: ‚Dieser junge Held entspricht der Schönheit der Jungfrau.‘ Und wieder andere: ‚Nur er, kein anderer, kann König von Madurai sein.‘ (721) ‚Dass unsere Herrin einen ihrer Schönheit entsprechenden Bräutigam erhielt, verdanken wir dem weisen Rat Sumatis, des Meisters der erhabenen Schriften‘, sagten einige. Andere: ‚Es ist die Frucht ihrer eigenen Askese.‘ Wieder andere: ‚Welche Askese besitzt erst die Mutter, die nicht nur diese Tochter, sondern nun auch ihn zum Schwiegersohn erhält!‘ (722) Ihre feinen Gewänder lockerten sich, sie scharten sich um ihn, ihre vollen Brüste bebten, und die aufgetragene Sandelpaste fiel ab. Sie neigten sich, als überwältige sie Scham. Ihr Haar löste sich; sie strichen es zusammen und banden es wieder. Von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen, erschlafften ihre ganzen mangosprossgleichen Leiber.

(723) ‚Wie können diese schönen, weichen Blumen uns als Pfeile durchbohren, obwohl sie doch von Natur aus kühle Milde besitzen?‘, sagten sie. Verärgert rissen sie die duftenden blauen Blütenkränze aus ihrem dunklen Haar und warfen auch die Mullai-Girlanden mit ihren weißen, lächelnden Knospen fort. (724) Einige blitzgleichen Frauen mit hoch gewölbten Brüsten waren von den mächtigen Pfeilen des bogenführenden Liebesgottes getroffen und verwirrt. Sie hielten selbst ihre langen dunklen Augen und ihre lächelnden Gesichter für seine Pfeile. Darum wagten sie nicht, einander anzusehen, sondern gingen mit gesenkten Köpfen. (725) Die Blässe, die ihren goldfarbenen Leib ergriffen hatte, erkannten sie nicht. Einige sagten: ‚Wir haben das Glück, dass der Herr, der auf dem einen großen Stier sitzt, in unser Herz eingezogen ist. Was ist das für ein Wunder?‘ Andere antworteten: ‚Ihr Törichten, seht: Das ist doch die goldene Farbe der Konrai-Blüten aus seinem langen, dichten Flechthaar!‘

(726) ‚Warum steigt dieses rote Feuer unter dem Namen Mond auf und verbrennt uns?‘, sagten sie. ‚Es liegt doch auch auf dem Haupt des Erhabenen. Spürt er dort diese Hitze nicht?‘ Andere meinten: ‚Um sie zu ertragen, trägt er das Wasser der Ganga. Seht nur hin!‘ (727) Die Frauen mit den todbringenden speergleichen Augen sahen den festlichen Zug des Herrn. Gewand und Scham lösten sich; Gedanken und Gesichtsfarbe veränderten sich. Tränen schmolzen aus ihnen wie Wachs im Ofen. So glichen sie den wahrhaft Liebenden des Herrn, der Wellenwasser und Mond trägt. (728) Ihre runden goldenen und muschelweißen Armreifen und die Gewänder um ihre Hüften verließen sie wie Undankbare, die Freunde in der Not preisgeben. Nur die goldenen Fußringe blieben an ihren Füßen haften wie jene, die aus Dankbarkeit niemals weichen. So standen sie wie Ranken, die ihre Blüten verloren haben.

(729) Eine glänzend geschmückte Frau mit blitzenden Speeraugen sah die Knospe des Lächelns des Herrn auf dem Stier. ‚Haben nicht dieses Lächeln die drei Städte und jener Blick den Leib des Frühlingsgottes verbrannt? Ich bin verloren! Werden sie unseren armen Leib etwa unversehrt lassen?‘, sagte sie. (730) Eine Frau mit rehgleichen Augen sah den jungen Herrn in ihrem inneren Blick so deutlich, als stünde er leibhaftig vor ihr. Sie umarmte ihn, sodass ihre beiden goldgleichen Brüste sich aneinanderpressten. Doch sie fühlte keine wirkliche Berührung. Als sie sah, dass zwischen den Brüsten nur ihr Schmuck lag und er fern blieb, sank ihr Mut dahin, schwach wie ihre schmale Taille. (731) Eine Frau mit großen, bandumschlossenen Brüsten sagte: ‚Meine Herren, der Hals des konraigeschmückten Herrn ist nicht nur deshalb schwarz, weil er damals das finstere Gift trank, damit die Götter leben konnten. Die Schwärze ist ein Zeichen dafür, dass sein Herz schwarzes Eisen ist.‘

(732) ‚Mein Herz ist als Bote zu dem Herrn mit dem goldglänzenden Flechthaar gegangen. Warum bleibt es so lange aus?‘, klagte eine. Eine andere sagte: ‚Ach, auch mein Herz ist verschwunden! Was bedeutet das?‘ Als die blitzgleiche Frau dies hörte, röteten sich ihre Speeraugen; auch sie begann eifersüchtig zu streiten. (733) Eine Frau mit jungen, schalenförmigen Brüsten sagte: ‚Warum richtet ihr euren heiligen Blick auf uns? Wollt ihr uns wie den Liebesgott verbrennen? Wenn ihr uns aber heute das Leben zurückgebt, so wie ihr ihm damals das Leben wiedergegeben habt, erwächst euch wahrer Ruhm. Sonst trifft euch die Schuld am Tod von Frauen.‘ (734) Eine goldene Himmelsranke war betrübt, weil der Herr auf dem schnellen großen Stier ihr keinen Seitenblick schenkte. Sie sah einen geschickten Maler in der Nähe und sagte: ‚Wenn du ihn für mich malst, gebe ich dir alles, was du wünschst.‘ Er antwortete: ‚Wer könnte ihn malen?‘ Da verlor sie alle Kraft.

(735) Eine einzigartige Frau sah nicht Brahma zu seiner Rechten, nicht Vishnu zu seiner Linken, nicht die Scharen der Himmlischen und nicht die Menge der Menschen. Wie die in Erkenntnis Lebenden sah sie alles Wahrgenommene nur als Gestalt des Herrn, dessen rote Hände Axt und Antilope tragen. (736) Eine Frau mit goldgleichen Brüsten lief dem vorausgehenden Stier nach, um den Herrn von vorn zu sehen, von der Fessel ihres Verlangens gezogen. Ihr blitzender Hüftgürtel glitt wie eine abgefallene Blüte von der Ranke zu ihren Füßen und hinderte sie am Gehen. So glich sie einer, die mit Fußfesseln schreitet. (737) Alle Frauen tranken mit den Mündern ihrer Augen das Meer des seligen Honigs, das mit der Mondsichel geschmückt auf dem rotäugigen Stier herankam. Sie bemerkten nicht, wie ihre neuen Gewänder hinabglitten, die gewundenen Armreifen abfielen und ihre besonnene Klugheit sie verließ. Sie versanken in der Flut der Liebe.

(738) Jene, die von den Reihen frisch glänzender Obergeschosse aus zusahen, falteten dort ihre Hände und hefteten dort ihre Augen auf ihn. Auch ihr Herz zog zu ihm hinüber; Sprache und Bewegung erloschen. Sie standen so still, dass sie von den dort zur Zier aufgestellten Tonfiguren nicht mehr zu unterscheiden waren. (739) Sie wussten nicht, dass der Leib dieses Herrn mit dem blitzenden Flechthaar jenes Feuer ist, das die drei Festungen und den Körper des Liebesgottes verbrannte. Schon beim bloßen Anblick glühten ihr goldener Schmuck und ihre Körper. Ach, was würde aus dem Leben dieser Armen, wenn sie ihn erst umarmten? (740) Wie Blüten, die von Ranken abfallen, lagen die Gewänder, Muschelreifen und Armbänder der Frauen auf den Straßen; dazu duftender Puder, die von den Göttern gestreuten Blumen sowie Edelsteine und Girlanden aus den Kronen der Himmlischen, die Nandis Stab getroffen hatte. All dies häufte sich zum Straßenkehricht.

(741) Die Brahmanen sprengten gutes Wasser aus goldenen Krügen, indem sie Bündel von Darbha-Gras und Arasa-Blätter hineintauchten. Ihre Frauen schwenkten nach der Vorschrift juwelenbesetzte Gefäße zur Ehrung mit Licht und Wasser; sie glänzten wie Regenbogen, die zu Kreisen gefügt wären. (742) Frauen wie Lotusstauden brachten die acht Glückszeichen herbei und zeigten sie ihm: Fahne, Trommel, Spiegel, goldener Krug, die Juwelenlampe, deren Flamme im Ghee wie eine duftende Blüte aufging, Elefantenstachel und Wedel. So zog er zum Palast. [Die Versaufzählung fasst einzelne Gegenstände zusammen; die genaue Abgrenzung aller acht Zeichen ist nicht eindeutig.] (743) Die Himmelsfrauen mit Brüsten, die goldene Schalen übertrafen, zeigten ihm das Licht. Unter dreifachem Klang der Instrumente umschritten sie ihn mit Kampferlampen. Der Überwinder der drei Städte, der den von reiner Liebe Erfüllten wahre reine Erkenntnis schenkt, ließ seine Gnade aufblühen.

(744) Als er sich dem Palast näherte, rezitierten die reinen Meister der vier Veden, die den Aufruhr der fünf Sinne gebrochen hatten, glückverheißende Sprüche. Er ergriff Nandis lange kräftige Hand und stieg vom rotäugigen Stier. Dann nahm er auf beiden Seiten die ihm entgegengestreckten Lotushände Vishnus und Brahmas. (745) Die Sandalen, Verkörperungen gereifter Liebe, trugen auf ihren Häuptern seine goldenen Lotusfüße. Die Veden waren ihm suchend entgegengeeilt, hatten ihn nicht gefunden und trugen nun seine Füße, um ihn so zu schauen. Jene Füße ruhen auf den Häuptern der Ergebenden, lösen ihr schweres bindendes Karma, öffnen das Herz und schenken höchste Seligkeit. (746) Auf dem ausgebreiteten Teppich, fein wie die abgestreifte Haut einer Schlange, lag eine Flut frisch gepflückter Blumen, die seine klingenden Füße umspülte. Göttliche Mandara-Blüten regneten auf sein heiliges Haupt. So schritt der Herr hinein, der aus Gnade gekommen war, den Pandyas Heil zu schenken.

(747) Kanchanamalai kam mit glückverheißenden Frauen herbei. Diese reichten Ganga-Wasser aus einem goldenen Gefäß. Sie wusch damit die Lotusfüße des höchsten Shiva-Lichtes, das die schöne Mondsichel als Stirnschmuck trägt, goss das Wasser über ihr Haupt und trank davon. (748) Mit weißer Seide trocknete sie die Feuchtigkeit von seinen frisch erblühten Lotusfüßen, benetzte sie mit kühlem Duftwasser und bestrich sie mit Moschuspaste. Sie legte neue goldene Mandara-Blüten mit geöffneten Pollen darauf, faltete beide Hände über dem Haupt, trat zur Seite und sprach: (749) ‚Heirate die Göttliche, die ich so schwer erlangen durfte. Nimm den Reichtum dieser heiligen Stadt und das jungfräuliche Land an und regiere sie.‘ Er stimmte mit einem inneren Lächeln zu. Unter dem Klang der Instrumente begab sich ihr Schwiegersohn in den Hochzeitspavillon.

(750) Während die vier bedeutungsvollen Veden erklangen, bestieg der göttliche Tänzer den juwelenbesetzten Löwenthron und nahm Platz. Mit seinem heiligen Seitenblick wies er Vishnu, Brahma, den Rudras und den übrigen ringsum stehenden Himmlischen die ihnen jeweils gebührenden Sitze zu. (751) Obwohl sich Himmlische und andere Wesen dicht drängten, trug die Erdgöttin heute die Last ohne die frühere Mühe. Hat der Herr der Götter diesmal den Weisen, der die sieben Meere austrank, im Norden aufgestellt? Oder geschah es durch die Macht seines Gebotes? Wir wissen es nicht. (752) Auf dem großen Juwelenthron sitzend, betrachtete er mit Gnade den lieblichen Tanz der Himmelsfrauen, die goldenen Blütenranken glichen, bis die rechte Stunde für die Vermählung gekommen war. Nun wollen wir erzählen, wie die Königstochter ihren Hochzeitsschmuck anlegte.

(753) Frauen, Ranken mit mondgleichen Gesichtern, setzten die höchste Shakti Shivas auf einen goldenen Sitz. Sie bestrichen sie mit duftenden Mitteln und Safranpaste und badeten sie in wohlriechendem Wasser – sie, die unsere Unreinheit entfernt, uns im Meer der Seligkeit badet und unsere ursprüngliche leuchtende Gestalt offenbart. (754) Unter dem Dröhnen von Trommeln und Muschelhörnern beendete sie das Bad und legte ein feines Gewand an. Entsprechend dem Dharma königlicher Herrschaft gab sie mit ihren duftenden, sprossgleichen Händen den Brahmanen die ihnen gebührenden reichen Spenden, bis ihre Wünsche erfüllt waren. Dann ließ die dem Meeresnektar Gleiche sich zur Hochzeit schmücken. (755) Lakshmi auf der roten Blüte und Saraswati auf der vollen weißen Blüte zeigten heute gleichsam die Frucht der Askese ihrer Lotushände. Sie färbten die Füße der Herrin rot, die so zart waren, dass selbst die Anicham-Blüte sich vor ihnen scheuen musste, und gossen duftende Öle reichlich in ihr dunkles blütenreiches Haar.

(756) Sie rührten Sandel mit kühlem Duftwasser an und trugen ihn auf die Wölbung ihrer Brüste auf. Um ihre rötlichen, strahlenden Füße legten sie klingende Fußketten und kleine Glöckchen, als hätten sich Schwäne auf Lotusblüten niedergelassen und ihre korallenroten Schnäbel zum Rufen geöffnet. (757) Fünf Arten von Hüftschmuck legten sie ihr an: Virishikai mit zweiunddreißig Reihen, Kalapa mit einundzwanzig, Paruma mit vierzehn, die schöne Mekhala mit acht und Kanchi mit zwei Reihen. Sie klangen, als umschwärmten summende Bienen eine heilige Ranke voller Blüten. (758) Wie goldene, juwelenfarbene Bienen auf Kantal-Blüten saßen funkelnde Ringe an ihren zarten Fingern. An die roten Hände kamen passende harte Juwelenarmreife mit Diamantfassungen und weitere Armringe; an den beiden breiten Schultern befestigten sie Schmuckstücke, die mit ihrem Glanz selbst die Sonnenhände des Himmels zum ehrfürchtigen Zusammenlegen zu bringen schienen.

(759) Smaragdketten, goldene Ketten und Korallenketten glänzten nebeneinander wie Regenbogen. Die Perlengirlanden über den erschauernden Brüsten, die mit duftender Salbenpaste bestrichen waren, glichen nicht nur Wasserfällen an einem Berg, sondern auch dem weißen Schaum eines Stromes von Schönheit. (760) Sie legten eine große Halszier an, in der einzelne Perlen Sterne, die sie umgebenden Münzanhänger Planeten und die großen Juwelen dazwischen strahlende Himmelslichter darstellten. Blinkend vertrieb sie die Nacht und hing über den Brüsten wie der Sternenkreis, der sich um den Meru bewegt. (761) An beiden Ohren befestigten sie Makara-Ohrschmuck, dessen Glanz die Sonne verblassen ließ. Es war, als flüsterten die Haie, die unter den bannertragenden Fischen hervorragen, und die Mondsichel ihrer stolzen, elefantengleichen Herrin geheime Worte zu – der Leuchte, die im alten Geschlecht ihres Herrn erschienen war.

(762) Ein mit großen Juwelen besetztes Stirnband lag leuchtend über ihrer Stirn wie ein Regenbogen zwischen Wolke und Mond. Das wolkendichte Haar, mit duftendem Tagara-Öl geglättet, banden sie mit immer neuen Girlanden aus duftenden Blüten, als legten sie einer prächtigen Wolke Fesseln an. (763) Alle diese lieblichen, vom Wunschbaum gewährten Schmuckstücke legten sie ihr in vollkommener Schönheit an, damit dem dreiäugigen Heiligen grenzenlose, staunende Freude erwachse. Als die rechte Stunde nahte, betrachteten die Herrin der Sprachkunst und die auf der Blüte wohnende Göttin sie ehrfürchtig mit gefalteten Händen. (764) Sie wünschten der schönen Ranke Glück und reichten ihr beide ihre mangosprossgleichen Hände. Die mit geöffneten Blütengirlanden Geschmückte ergriff sie mit ihren roten zarten Händen, in denen zuvor die ganze Kriegskraft gewohnt hatte. Unter dem Klang der Veden erhob sie sich.

(765) Instrumente erschallten, Muschelhörner dröhnten, und die langen Blütenregen der Götter füllten den Raum. Yakhaarwedel schwangen; aus den Mündern der geschmückten Frauen floss die reiche Fülle glückverheißender Segenswünsche. (766) Sundari trat mit dem goldenen Betelbeutel heran; Tilottama und andere führten ihre Dienste aus. Vindai nahm den goldenen Stab, ging voran und teilte das dicht umringende Gedränge. [Die Zuordnung der einzelnen Handgriffe in der knappen Namensreihe ist nicht durchgehend eindeutig.] (767) Rambha mit ihrer geöffneten Blütengirlande nahm das Spuckgefäß. Urvashi schwenkte den Fächer aus reinen Edelsteinen. Menaka trug das farbige, mit Juwelen und Goldstücken besetzte prächtige Gewand.

(768) Pfauengleiche Frauen umgaben sie wie Ranken. Sie streuten kühle Blumen und klares Duftwasser, warfen goldfarbenen Puder und trugen in ihren armreifgeschmückten Händen duftendes Räucherwerk und Lampen. (769) Frauen mit blütenreichem Haar sangen glückverheißende Lieder. Auf den Teppich, über den duftendes Wasser, Sandel und zarte geöffnete Blüten gestreut waren, setzte sie langsam ihre weichen, mit Fußringen geschmückten Füße. (770) Sie ging, die Lotushände Lakshmis und Saraswatis haltend. Ihre Juwelenfußringe klangen, als riefen sie: ‚Wer in diesem Leben Bildung und Wohlstand erlangen möchte – jetzt ist die rechte Zeit!‘

(771) Sanft schwankend, mit kleinen Schritten, näherte sie sich dem Herrn, der in überströmender Liebe dasaß. Den Kopf zart zum Hals geneigt, setzte sie sich neben ihn, während ihr eng anliegender Hüftgürtel leise klang. (772) Die Frau, die auf dem glänzenden goldenen Juwelensitz neben dem Heiligen von unvergänglicher Schönheit saß, glich einer lieblichen Blütenranke neben dem Wunschbaum auf dem Gipfel des strahlenden Meru, den die Sonne Tag für Tag rechtsherum umkreist. (773) Wie Melodie und süßer Klang, Wasser und Kühle, Milch und ihre süße Würze, Blüte und Duft, Edelstein und sein herrlicher Glanz wären sie in getrennten Gestalten erschienen: So saßen der Herr und die Mutter, die die Welt geboren hat, beieinander.

(774) Die Bewohner des Himmels, der Himmelsrichtungen, der übrigen Räume, der Unterwelt, der Erde und alle anderen fanden im Hochzeitspavillon Platz. Sie glichen denen, die im Schatten der Füße des Dreiäugigen vereint sind, der wie der Klang in der Melodie unablässig überall ausgebreitet gegenwärtig ist. (775) Da wusch Vishnu, der Herr mit dem Diskus in der Hand, mit Wasser aus einem goldenen Gefäß die tanzenden roten Füße des erhabenen Lichtes. Er bestrich sie mit Sandel, legte reine geöffnete Blüten darauf und brachte Räucherwerk und Licht dar. Liebevoll verehrte er sie und stand, erfüllt von der reichen Gnade des Herrn, vor ihm. (776) Das heilige Fußwasser des ursprünglichen vedischen Herrn der Himmlischen nahmen Brahma auf dem Lotus, Vishnu, die Weisen, Indra und die übrigen Götter, Nandideva, die kämpferischen Ganas und alle anderen Diener entgegen. Sie benetzten sich außen und innen damit und reinigten sich.

(777) Vishnu stand dabei und legte die Hand der Herrin in die rote Hand des Urherrn. Sie glich einer Kantal-Blüte, die auf einem Lotus aufgeblüht war. Während er die heilige Formel sprach, goss er das Wasser aus dem Gefäß wie Regen darüber. Die mit Blütengirlanden geschmückten Götter verneigten sich und ließen Blumen regnen. (778) Die himmlischen Frauen tanzten, die Vidyadharas sangen nektargleiche Lieder. Weise und Götter priesen und riefen laut ‚Hara!‘; eine Decke von Gänsehaut überzog ihre Leiber. Die Ganas falteten die roten Hände über dem Haupt. Alle versanken im Meer der Freude über die Vermählung. (779) Vor den Füßen des Samens der Veden, der sogar den von einem Buddhisten geworfenen Stein wie eine Blume angenommen und getragen hatte, fielen sie nieder. Die Himmlischen und Weisen sprachen mit reinen Zungen Segenswünsche, streuten perlweißen Reis, der mit Safranwasser benetzt war, und tauchten in die Flut der Freude.

(780) ‚Wie Blüte und Duft sind Vater und Mutter niemals getrennt. Doch aus ihrem gnädigen Spiel heraus erschienen sie lange als Einzelne vor Menschen wie uns und haben nun diese gute Hochzeit vollzogen. Dadurch sind alle drei Welten gerettet‘, sagten sie zueinander. (781) Sie füllten schöne goldene Schalen auf starken Füßen mit köstlicher Milch der Wunschkuh, Früchten des Wunschbaums, Ghee, süßem Zuckerrohr, duftendem Honig und anderen begehrten Speisen. Zum Herrn mit dem honigreichen Konrai-Kranz sprachen sie: ‚Berühre dies gnädig mit deiner heiligen Hand.‘ (782) Der Achtgestaltige berührte die Speisen, nahm davon und freute sich im Herzen. Seine roten, duftenden Kumuda-Lippen öffneten sich zu einem hellen Lächeln. Die Götter, Weisen und treuen Frauen begannen mit den beiden auf Blüten wohnenden Göttinnen glückverheißende Lieder zu singen.

(783) Brahma, der auf dem großen duftenden Lotus wohnt, saß mit seinen Söhnen beisammen. Er goss mit dem Opferlöffel Ghee in die Zungen des Feuers. Das göttliche rote Feuer trank sich satt, drehte seine Flammen nach rechts, schwoll an, dröhnte wie aufrülpsend und richtete sich hoch auf. (784) Ringsum erklangen die vier Veden, Instrumente und Muschelhörner. Nach den Vorschriften der Opferlehre, die der gelehrte Viergesichtige darlegte, legte der höchste Yogi der Braut die glückverheißende Hochzeitsschnur an und ergriff ihre rote Hand. Er, der allein den von Anhaftung Freien Befreiung schenkt, vermählte sich mit der Mutter der ganzen Welt. (785) Er selbst war der Gott des lodernden Feuers, er selbst der, der es nährte, und er selbst der Empfänger der Opfergabe. Dieser Eine wurde Mann und Frau und vollendete die Hochzeit, damit die Welt in der Freude der Vereinigung leben könne. Wer vermag die Fügungen seines Wirkens zu ermessen?

(786) Danach nahm der mondgekrönte Herr mit seiner Gemahlin guten Puffreis in die Hand und gab ihn den Zungen des roten Feuers. Den vedischen Weisen, die erkannt hatten, dass alles seine Gestalt ist, schenkte er mit überströmender Herzensfreude die angemessenen Gaben. Dann umschritt er das Feuer nach der vorgeschriebenen Ordnung. (787) Mit seiner Hand ergriff der Erhabene den Lotusfuß seiner Gemahlin, sodass ihr Fußschmuck klang, und setzte ihn unter Mantras auf den glückverheißend geschmückten goldenen Mahlstein. Als gefragt wurde: ‚Wo ist die heilige Gemahlin Vasishthas?‘, trat Arundhati mit gefalteten roten Händen heran, und er schenkte ihr seinen gnädigen Blick. (788) So vollbrachte er alle Opfer- und Hochzeitsriten vollständig, ohne von der Regel abzuweichen, damit die meerumgürtete Welt den rechten Weg erkennen könne. Die vier Veden erklangen, und Frauen mit juwelenhellen Zähnen sprachen Segenswünsche. Der Vollkommene, der den Liebesgott verbrannt hatte, betrat mit der mondstirnigen Frau das Brautgemach.

(789) Auch die Menschen schauten die glückverheißende Schönheit des Herrn an, ohne zu blinzeln, und glichen darin den heiligen Himmelsbewohnern. Doch ist das Lob genug für sie? Wer den reifen Gnadenblick unseres Vaters empfangen hat, ist nicht vielmehr selbst würdig, dass sogar Götter ihn mit kühlen Blumen preisen und verehren? (790) Die Unterscheidung zwischen Menschen und Himmlischen war verschwunden. Frei von Bedrängnis hatten sie die Opferfeier geschaut und standen nun dicht miteinander vermischt. Wenn durch den Gnadenblick des Herrn mit dem Stirnauge, der im Wald tanzt, das Leid der Verkörperung endet, gibt es dann noch Höhere und Niedrigere? (791) Der Herr verließ den Sitz im Brautgemach, kam in die Hochzeitshalle und nahm auf dem mit vielen Edelsteinen geschmückten Thron Platz. Den Göttern, angefangen mit Vishnu mit den langen dunklen Augen und dem Gemahl Saraswatis, sowie den versammelten Ganas schenkte er besondere Festgaben – er, der ihnen beständig unvergänglichen Wohlstand gewährt.

(792) Brahma auf dem vielblättrigen Lotus, Vishnu und die übrigen Götter entließ er freundlich zu ihren jeweiligen Reichen und Wohnstätten. Dann ließ unser Herr im Herzen Gnade aufblühen: Er wollte selbst regieren, um den Königen ein Beispiel zu zeigen, so wie man durch eigenes Vortanzen einen anderen tanzen lehrt. (793) Das mächtige Stierbanner wurde zum schönen Fischbanner, der Schlangenschmuck zu goldenem Schmuck, die geöffneten Konrai-Blüten zu Neem-Blüten, das Tigerfell zum goldenen Gewand und das mondgeschmückte Haupt zu einem Haupt mit Diamant- und Juwelenkrone. So thronte der Gott Somasundara von Madurai als Pandya-König, während die Veden sich suchend nach ihm mühten. (794) Entsprechend der Gestalt, die der göttliche Sundaravidanga mit dem himmlischen Mond angenommen hatte, verwandelten auch die Gana-Götter ihre frühere Erscheinung. Shankukarna und die übrigen mächtigen Gefährten mit bluttriefenden Dreizacken standen nun im Dienst des Königs.

(795) Shiva, der die Gestalt des südlichen Königs angenommen hatte, wollte allen Herrschern Gewissheit über die vedische Aussage geben, dass die Könige, welche die Welt beschützen, Shiva verehren sollen. Deshalb gründete er selbst innerhalb dieser Stadt einen schönen Ort namens Naduvur. (796) Nach den wahren Schriften ließ er dort einen Tempel errichten, stellte das Gnadenzeichen auf und gab ihm den Namen ‚Herr, der schon in diesem Leben Gutes schenkt‘. Er vollzog die Verehrung in rechter Weise und betete außerdem dreimal täglich zu Shiva im Kadamba-Wald. So führte er das Zepter über die ganze Erde. (797) Brahma auf der Blüte, Vishnu, die übrigen Heiligen, die Weisen und alle anderen verehren ihn allein, um das Heil hier und im Jenseits zu erlangen. Wenn dieser dreiäugige Herr, der Höchste unter den Dreien, selbst den unbeweglichen Linga verehrte – wer könnte dessen erhabene Größe ermessen?

(798) Für die Menschen stand er als König da, für die feindlichen Herrscher als Löwe, für die schönen Frauen als der junge Liebesgott mit den fünf süßen Pfeilen und für die Erdgöttin als Vishnu mit dem gebüschelten Tulasi-Kranz. Für jene aber, die Beständiges und Unbeständiges unterschieden, das Verlangen nach dieser und der anderen Welt aufgegeben und innere Klarheit erlangt hatten, war er die eine höchste Wirklichkeit: einzigartige wahre Erkenntnis und Seligkeit.

Hier endet „5. Die Hochzeit“. Möge es glückverheißend sein.

6. Der heilige Tanz in der Silberhalle

(799) So erschien das eine höchste Licht, um die Ordnung der Welt zu festigen: Es heiratete die juwelengleiche Leuchte des Mondgeschlechts, nahm die Königskrone an und regierte strahlend die Erde. Nun wollen wir erzählen, wie es den Tanz grenzenloser Seligkeit vollführte, um zwei Weisen Gewissheit zu schenken. (800) So erschien das eine höchste Licht, um die Ordnung der Welt zu festigen: Es heiratete die juwelengleiche Leuchte des Mondgeschlechts, nahm die Königskrone an und regierte strahlend die Erde. Nun wollen wir erzählen, wie es den Tanz grenzenloser Seligkeit vollführte, um zwei Weisen Gewissheit zu schenken. [Die Vorlage wiederholt hier den vorangehenden Vers.] (801) Nachdem die Gäste im heiligen Wasser mit den goldglänzenden Lotusblüten gebadet und ihre jeweiligen guten täglichen Pflichten vollendet hatten, kamen sie herbei. Der Tigerfüßige und der Schlangenweise verneigten sich und priesen den Herrn: ‚Unser Gelübde ist, erst dann zu essen, wenn wir deinen gnädigen Tanz in der Halle geschaut haben.‘

(802) Darauf sprach der Herr gnädig: ‚Diesen Tanz werden wir hier vollführen. Die goldene Stadt Tillai ist das Herz des kosmischen Menschen, dessen Gestalt alle Welten sind. Dieser Ort ist sein Dvadashanta.‘ Die Weisen fragten: ‚König, welches sind seine übrigen Glieder?‘ Er antwortete: (803) ‚Weil man sieben Welten oberhalb und sieben unterhalb seiner Hüfte nennt, ist der kosmische Mensch aus allen Welten gebildet. Auf dieser Erde besitzt er unzählige göttliche Stätten. Wollte man sie alle nennen, gäbe es kein Ende. Hört darum einige ausgewählte Orte.’ (804) ‚Das herrliche Tiruvarur ist die Wurzel; Tiruvanaikka der verborgene Bereich; Annamalai, umgeben von duftenden Hainen, ist Manipura. Die Tanzhalle, die ihr beide geschaut habt, ist das Herz. Das unvergleichliche Tirukkalatti ist die Kehle und Kashi die Mitte zwischen den Augenbrauen.’

(805) ‚Der Kailasa-Berg, über den der Mond zieht, ist Brahmarandhra. Dieses Madurai ist das von den Veden verkündete Dvadashanta. Warum ist es das höchste? Weil es der Reihenfolge nach zuerst erschien.‘ So sprach er. Dann betrat der Pandya mit jenen makellosen Asketen den Tempel. (806) Unter dem goldglänzenden Vimana entstand eine schöne Silberhalle. War es der leuchtende Kailasa, der den Herrn suchend nachgekommen war, nachdem dieser ihn gnädig verlassen hatte? Oder war der Stier zur beständigen Tanzhalle geworden? Oder war es die Mondscheibe selbst? (807) Darauf erschien ein Rubinsockel, wie die blitzende Sonnengottheit im Milchmeer aufleuchtete. Er war nichts anderes als das Herz der Liebenden oder der Gipfel der Veden. Was sonst ließe sich über ihn sagen?

(808) Über diesem Sitz erschien er als Gestalt des großen Erkenntnislichtes, jenseits von Denken und Sprache, von Seiten, Oben und Unten, Vorher und Nachher. Es war, als gingen zehn Millionen Sonnen zugleich auf und schöpften mit ihren tausend Händen die dichte Dunkelheit fort, um sie zu verschlingen. (809) Die vor ihm versammelten Ganas ließen Montai- und Tannumai-Trommeln dröhnen. Nandi schlug die große Trommel, Narayana spielte die Idakkai. Zwei himmlische Sänger sangen nach den überlieferten Regeln der Gandharva-Kunst, und die fünf himmlischen Instrumente brausten wie das Meer. (810) Brahma mit den vier Gesichtern, die geöffneten weißen Lotusblüten voller Honig glichen, stimmte die Töne der Veden zusammen, spielte die Laute und sang den Sama-Gesang. Wie Sterne, die sich um das Mondantlitz scharen, bedeckten die Blütenregen der Götter überall die silberne Halle der Erkenntnis.

(811) Auf den Zwerg mit meeresdunklem Leib und aufwallendem feuerrotem Haar setzte er den rechten Fuß, bis dessen Rücken sich bog. Die Augen des Zwerges, rot wie das unterseeische Feuer, traten hervor und rollten nach oben; er fauchte vor Zorn wie dieses Feuer. Der Herr stand darüber, herrlich wie die Sonne, die aus dem schwarzen Meer hervortritt. (812) Sichtbar wurden der zum Tanz erhobene Lotusfuß, gebogen wie eine geschlossene rote Lotusblüte; seine zehn Arme, die über die Himmelsrichtungen hinausreichten, mit den mächtigen Waffen; der vom Gift verdunkelte Hals, der die Hochzeitsschnüre der Götterfrauen bewahrt hatte; und die Ohren mit den langen Muschelohrringen. (813) Man sah das abendrote Flechthaar, die strahlend weiße heilige Asche, die drei göttlichen Augen, den Schlangengürtel und die Brust mit den funkelnden spitzen Zähnen als Schmuck. An seiner Seite stand die dunkel-fischäugige Frau, einer sich anschmiegenden Ranke gleich; auf sie waren sein Blick und sein Lächeln gerichtet.

(814) Das Rauschen der Ganga, das Summen der Bienen in den Konrai-Blüten, der glückverheißende Trommelklang, die Mantra- und Vedengesänge, das Knistern des Feuers in der roten Hand und das Klingen der Fußringe erfüllten alle Räume und gossen Nektar in die beiden Ohren der Liebenden. (815) Die makellose Gestalt tanzte. Jene, die sich verpflichtet hatten, die Seligkeit des Tanzes zu schauen, falteten die Hände über dem Haupt, fielen zu seinen Füßen und sangen mit tausend Zungen die Veden. Sie tauchten in das Meer höchster Seligkeit ein; ihre Liebe wuchs immer weiter. (816) Weise, Gandharvas, Götter, Danavas, schweigende Yogis, reine Kimpurushas und die übrigen Gelehrten verneigten sich und versanken in der aus Liebe gereiften Freude. Durch die großen Asketen durften auch die Menschen, die zur Hochzeit gekommen waren, diesen Tanz sehen.

(817) Der Weisenkönig Ananta wurde von unermesslicher Seligkeit erfüllt. Als ströme sie über sein voll gewordenes Herz hinaus, vergoss er Tränen, die die heilige weiße Asche auf seiner Brust auflösten. Von ihnen durchnässt, faltete er beide Hände und sang zum Herrn: (818) ‚Preis dir, Ursprung jenseits des Höchsten! Preis dir, der in Hingabe als Frucht reift! Preis dir, höchster Herr, der alles Bewegliche und Unbewegliche ist und zugleich davon verschieden bleibt! Preis dir, der das Fell des berggleichen Elefanten trägt! Preis dir, makelloser Tänzer höchster Seligkeit, der in der Goldenen Halle tanzt – Preis, Preis!’ (819) ‚Preis dir, der als Einer, als fünf und in fünf Gestalten erscheint! Preis dir, der als Heute, vergangener Tag und kommender Tag hervortritt! Du bist das Gute, das Böse, die Mitte und das Ende. Preis dir, Tänzer höchster Seligkeit, der in der Halle steht und tanzt – Preis, Preis!’

(820) ‚Preis deinem Tanz in der Silberhalle, den du für uns Diener vollführst! Preis deinen breiten, aschegeschmückten Schultern! Preis deiner Krone aus gewundenem Flechthaar! Preis deiner Hälfte mit den Fischaugen und dem weichen Haar voller duftender geöffneter Blüten! Preis dir, erhabener, guter Tänzer höchster Seligkeit – Preis, Preis!’ (821) Nachdem er so gepriesen hatte, blickte der Ursprung der Veden, der in der Silberhalle tanzte, die beiden voller Gnade an. ‚Was wünscht ihr Gutes?‘, fragte er. In dichter wahrer Liebe fielen sie zu den Füßen des Herrn, verneigten sich und sprachen: (822) ‚Vater, mögest du diesen heiligen Tanz immer in diesem Zustand bewahren und deine Gnade allen schenken, damit die furchtbare bindende Fessel weicht.‘ Der Herr, der so dastand, dass die Veden in ihren Worten schwankten, antwortete: ‚Wir gewähren dies, damit das jungfräuliche Land des feinen Tamil die Frucht seiner großen Askese empfange.‘

(823) Der Schlangenweise verneigte sich weiter: ‚Ursprünglicher höchster Herr, dies erbitte ich noch: Alle, die diesen makellosen Tanz höchster Seligkeit unmittelbar schauen, sollen den einzigartigen Zustand erreichen, in dem sie nicht mehr zur Erde zurückkehren.‘ Der Erhabene stimmte zu. (824) Die Ganas jubelten, fassten einander an den Händen und tanzten. Die Götter streuten offene Blüten wie Regen; den Weisen quollen die Tränen, und Gänsehaut überzog ihre Leiber. In Liebe versunken, schauten sie die beiden preisenden Weisen an, als wollten sie sie mit den Augen aufnehmen, und umarmten sie. (825) Er ist die vergänglichen Elemente, die fünf Sinne, ihre Gegenstände und die weiteren Bestandteile; zugleich ist er verschieden von der lockenden Maya, der Verknüpfung der beiden Arten von Taten und der Dunkelheit. Den unvergleichlichen großen heiligen Tanz, der die Herzen losgelöster Yogis erfüllt, zeigte er sichtbar. Dort verweilt er und gewährt denen, die ihn so tanzen schauen, Wohlergehen hier und im Jenseits.

(826) Wer vom Ardra-Tag im Monat des Bogens bis zum nächsten Ardra-Tag im Monat des Steinbocks im heiligen Goldenen Lotusteich badet, jeweils den einzigartigen Tanz in der Halle schaut, dort freudig verweilt und die fünf Silben hundertachtmal zählt, erhält durch seine reifende Liebe alle Gaben, die er im Herzen erstrebt.

Hier endet „6. Der heilige Tanz in der Silberhalle“. Möge es glückverheißend sein.

7. Gundodara wird gespeist

(827) So tanzte der König mit dem blitzenden Flechthaar in der Silbernen Halle, verehrt von Patanjali und dem mächtigen Tigerfüßigen. Nun erzählen wir, wie ein Gana, den brennender Hunger verzehrte, einen großen Berg von Speisen verschwinden ließ. (828) Die großen Asketen, Vedakundigen, die übrigen Gäste und die Könige aller Länder ließ sie ihrer jeweiligen Ordnung entsprechend aus goldenen Gefäßen mit Speisen der sechs Geschmacksrichtungen bewirten. [Der Vers ist in der vorliegenden Textfassung kürzer als die umgebenden Verse.] (829) Nach derselben Ordnung verteilte sie Salben, Gewänder, Schmuck, Arekanüsse, weiche duftende Betelblätter und weitere Gaben. Sie entließ die Könige der Länder und die übrigen Abreisenden. Als die treue, von Shiva geliebte Herrin danach verweilte,

(830) kamen die Meister der Kochkunst, verneigten sich vor ihren beiden Füßen und sagten: ‚Von den Speisen, die wir Diener zubereitet haben, ist nicht einmal ein Tausendstel verzehrt worden. Was sollen wir nun mit dem Übrigen tun?‘ Darauf näherte sich die Herrin ihrem Gemahl. (831) Sie verneigte sich, blieb bescheiden stehen und sagte: ‚Herr, wir hatten erwartet, dass du mit deinen dreihundertdreißig Millionen Ganas hierherkommen würdest. Deshalb haben wir unermessliche Mengen köstlicher Speisen bereitet. Was nach der Mahlzeit übrig geblieben ist, trocknet nun ein. Soll ich seine Menge beschreiben?’ (832) ‚Der Himalaya allein würde ihm nicht gleichkommen; als hätten sich auch alle umliegenden Gipfel dazu versammelt, ragen die aufgeschütteten Mengen des gekochten weißen Reises empor. Ebenso groß sind die Haufen der verschiedenen passend dazu bereiteten Gemüse- und Beigerichte.’

(833) Als sie dies sagte, dachte unser Herr vielleicht aus seiner Liebe zur Göttin an ein neues Spiel. Oder wollte er allen die Kraft des Gana-Führers zeigen, der seinen einzigartigen Schirm trug? Wir wissen es nicht. (834) Er lächelte ein wenig und sprach: ‚Du schwer zu erlangende Tochter des makellosen Pandya, der unter den drei Königen hervorragt! Was könnte für dich schwer zu beschaffen sein? Wenn selbst der himmlische Wunschbaum hier wohnt und dir dient, gehören dir dann nicht auch alle Reichtümer der anderen?’ (835) ‚Es scheint, als hättest du dies veranstaltet, damit wir die Fülle deines grenzenlosen Vermögens erkennen. Doch unter unseren Ganas sehen wir keinen, der so hungrig und erschöpft wäre, dass er dein Gastmahl verzehren könnte. Du mit dem jasminweißen Lächeln, was sollen wir tun?’

(836) Dann dachte er daran, das unterseeische Feuer in den Bauch des neben ihm stehenden Gundodara zu setzen. Es kam und ergriff ihn als brennender Hunger. Sein Leib erschlaffte und schwitzte, als hätte er Gift getrunken; sein Leben schien sich zusammenzuziehen. ‚Herr, ich vergehe vor Hunger‘, sagte er. (837) ‚Gebt diesem kleinen, kurzbeinigen Schirmträger eine Handvoll Reis; sonst bricht er noch zusammen‘, sagte der Herr. Die Herrin, der alles gehört, verneigte sich und ging. Der Kleine folgte ihr mit schwankenden Schritten, eingesunkenen Augen und trockenem Mund. (838) Auf Befehl der Königstochter führten die Bediensteten den vom Hunger Gequälten zu den Speisen. Sie sahen nur, wie er sich davor setzte. Wie er den großen Berg von Nahrung aufnahm und verschlang, sahen sie nicht; auch die Speisen selbst waren sogleich nicht mehr zu sehen.

(839) Einige Dienerinnen mit kleinen, von Fußringen und Glöckchen geschmückten Füßen rangen erstaunt ihre muschelreifenklirrenden Hände. Andere mit klingenden Hüftgürteln erschraken heftig. Wieder andere mit juwelengeschmückten Brüsten bedeckten die Augen und wandten sich ab. (840) Den weißen, von Spreu gereinigten Reis mit ungebrochenen Körnern, Milch, Gebratenes, Knollen, süße Hülsenfrüchte, zerstoßene Würzsaucen und vielerlei Gemüsegerichte verschlang er. Die unermesslichen Mengen süßer Milch, Joghurt, Butter und Honig schüttete er mitsamt den großen Behältern in seinen Mund. (841) Er aß die Haufen verschiedener Früchte, die in vielerlei Formen bereiteten Süßspeisen, Zucker, zarte süße Zuckerrohrstängel und Kokosnüsse. Nicht nur das: Auch ungekochte Lebensmittel und sämtliche Gemüsearten verzehrte er, ohne innezuhalten, und steckte schließlich alle unbegrenzt vorhandenen neuen Vorräte in den Mund.

(842) Obwohl er mit seinen kräftigen kurzen Händen diese ausgebreiteten Vorräte in seinen großen Bauch schaufelte, loderte die Flamme des Hungers höher – wie Feuer, in das mit dem Opferlöffel Gaben gegossen werden. Sie brannte durch alle neun Öffnungen seines Leibes. (843) Die Herrin mit den Girlanden im Haar sah es voller Staunen. Sie ging vor ihren durch ihre Liebe beglückten Herrn, innerlich beschämt, ließ das leuchtende blumengeschmückte Haar auf die Schulter sinken, neigte sich und scharrte mit dem Fuß im Boden. Der König sah ihren Zustand. (844) Als wüsste er von nichts, fragte er die Frau mit dem schön geordneten Haar: ‚Wenn noch etwas übrig ist, nachdem jener Dickbäuchige mit dem feuerroten Haar gegessen hat, schicken wir weitere Ganas und lassen sie essen, damit dein Herz sich freut.‘ Da antwortete die Makellose:

(845) ‚Herr, nicht einmal der Hunger dieses einen Kleinen ist gestillt. Wenn du noch weitere grimmige Gana-Krieger aussendest, werden sie sämtliche Welten aufgreifen und in ihre Bäuche legen. Dann würde sich dein Name Kala-Rudra, der rote Rudra des Weltendes, wahrlich bestätigen.’ (846) ‚Lass den Kleinen mit den langen Muschelohrringen selbst hierherkommen und dir sein Tun berichten; dann wirst du es erfahren.‘ Als die Herrin der Frauen ihren kumudablütenroten Mund vor dem Herrn öffnete und dies sagte, kam jener mit dem höhlengleichen Mund und den mondhellen Zähnen heran, vom Feuer des Hungers verbrannt. (847) ‚Sundara, der du den Tanz vollführtest! Die Speisen, die unsere große Herrin bereitet hatte, lagen wie Schneeberge da. Obwohl ich sie aufnahm und in den Mund steckte, wurde mein brennender Hunger nicht gestillt. Mein Bauch brennt wie der jener, die essen, ohne anderen etwas abzugeben‘, sagte er.

(848) ‚Ist das Feuer, das du in die drei Städte der Frevler gesetzt hast, als Gestalt grausamen Hungers in den Bauch dieses unwürdigen Dieners eingezogen?‘, rief er. Er schlug die Hände zusammen, schrie, als sollten die Welten bersten, seufzte ‚Ach, Herr!‘ und sank mit schwindender Lebenskraft erschöpft zusammen.

Hier endet „7. Gundodara wird gespeist“. Möge es glückverheißend sein.

8. Die Speisegrube und der Fluss Vaigai werden herbeigerufen

(849) So reichte der Herr der Veden dem Führer der Ganas Reis und andere Speisen, ohne dass dieser satt wurde. Nun wollen wir erzählen, wie er ihm, da auch diese Nahrung nicht genügte, eine Grube voller Speise gewährte und ihn aus einem großen wogenden Fluss trinken ließ. (850) Der Herr des schnellen großen Stieres sah die Herrin des hohen, von duftender Südbrise umwehten Berges an und lächelte in sich hinein. Um des von brennendem Hunger Gequälten willen dachte er an die Göttin der Nahrung. Noch ehe sein Gedanke sich vollendet hatte, war sie da. (851) Als stiege das Joghurtmeer in den vier weiten Himmelsrichtungen auf, durchbräche die auf Anantas Haupt ruhende Erde und erschiene in vier großen Gruben, quoll an vier Stellen süßer Joghurt von unübertrefflichem Geschmack, vermischt mit weißem gekochtem Reis, empor.

(852) Der Schwiegersohn des Königs aus dem leuchtenden Mondgeschlecht sprach zum einzigartigen kleinen Schirmträger mit dem großen gefüllten Bauch, den beiden mondsichelgleichen Zähnen, dem feuerroten Haar und dem weiten Mund: ‚Iss und trinke, damit dein Hunger sich legt.‘ Der Gana-Führer (853) steckte seine Arme wie Quirlstäbe beim Quirlen des wogenden Meeres in die Gruben voller Joghurtreis, schöpfte und schob die Speise in den Mund. Während er aß, wich sein Hunger von ihm – wie die alte Karmabindung derer weicht, die den Füßen des Herrn der Veden hingeben und Befreiung erkennen. (854) Indem er immer weiter schöpfte und aß, schwoll er an, als sei sein ganzer Leib nur noch Bauch. Er fiel wie ein Berg nieder, sodass die Erde zu bersten schien. Kaum noch zu einem tiefen Atemzug fähig, wälzte er sich. Dann erhob er sich, von Durst erfüllt, um Wasserstellen zu suchen.

(855) Er setzte den Mund an und trank Teiche, Kanäle, Weiher, tiefe Brunnen und große Wasserflächen restlos aus. Blaue Lilien und duftende Lotusblüten welkten darin wie schöne Frauen, die von dem geliebten Menschen getrennt sind, der ihnen so teuer wie das eigene Leben ist. (856) Doch selbst so konnte er seinen Durst nicht stillen. Leidvoll kam er zu den Füßen des vedischen Herrn, der den Himmelsfluss im Flechthaar trägt, und klagte. Da blickte der Herr die Göttin mit dem frischen blütenreichen Haar an, die auf seinem heiligen Haupt wohnt, und sprach: (857) ‚Herrin, deren Palast die aufgestauten Wellen sind! Komm schnell als hoch anschwellender Strom an die Seite dieses Madurai, das von weiten Wassergräben und Befestigungen umgeben ist.‘ Die fließende göttliche Frau antwortete:

(858) ‚Damals befahlst du mir um Bhagirathas willen: Geh als heiliges Wasser hinab und löse die Befleckung und die Fessel böser Taten derer, die in dir baden. Wenn du mir heute gebietest, wieder als Fluss zu erscheinen,’ (859) ‚so mögen alle, die mich schauen, in mir baden oder mich auch nur mit der roten Hand berühren, von der Verknüpfung der Wiedergeburten frei werden. Mögen sie die feste Hingabe derer erlangen, deren Herz dich mit Freude liebt, und die Befreiung durch wahre Erkenntnis, wie sie jenen zuteilwird, die das Wissen im Bewusstsein entfaltet haben.’ (860) ‚Gebiete gnädig, dass ich ihnen dies schenken darf.‘ So erbat und erhielt die Herrin der weiten Wasser ihre Gabe vom großen Gott Sundara und verneigte sich. Dann erhob sie sich mit unermesslicher Geschwindigkeit und kam als mächtiger Strom herab, als stiege sie von neuem aus dem Himmel.

(861) Auch in Flussgestalt blieb sie die junge Frau auf dem Haupt des Herrn mit dem Bergbogen: Ihre Wellen waren armreifgeschmückte Hände, ihre reichen Edelsteine lächelnde Zähne, ihr Schaum das muschelweiße Gewand, ihre feine Strömung die Rankenhüfte, die duftenden Windungen ihr langes Haar und die Fische ihre Augen. (862) Sie riss duftende Adlerholzstämme, rauhe Hölzer und sonnenstrahlende Edelsteinfelsen mit sich. Alte Äste brachen krachend; Wurzeln wurden eilig ausgegraben. Kleine Siedlungen wurden mitsamt ihren Fundamenten fortgerissen und an die Ufer geschleudert. So kam sie mit der Geschwindigkeit eines gewaltigen Sturms. (863) Sie brachte Hirsche mit ihren Hirschkühen, Elefanten mit ihren Weibchen, ungetrennte Tierpaare, dunkle Affen mit den an ihren Bäuchen klammernden Jungen und ihren Gefährten mit sich. Ganze Reihen von Affenbäumen brachen; auch scharfe Pfeile, Bogen, hohe Wachplattformen und weit schleudernde Wurfschleudern riss sie fort.

(864) Die langen Wellen des Stroms stießen gegen hohe Berge, brachen ihre Füße auf und gruben sie aus. Tiefe Gruben füllten sie mit Hügeln. Wolkenberührende Bäume pflanzten sie umgekehrt in die einstürzenden Ufer. So kam der große Fluss, als spalte er den langen Rücken der alten, meerumgürteten Erde entzwei. (865) Der Strom, Schmuck des mit honigreichen Konrai-Blüten behangenen Flechthaars, glich einem Elefanten: Er brüllte, entwurzelte alte Bäume mit mächtiger Kraft, trieb Edelsteine und harte Waldstämme vor sich her, eilte rasch, führte berauschenden Honig und glänzende Bienen mit und trug Schaum wie einen Schmuck über dem Gesicht. (866) Er glich auch einer mächtigen gewundenen Schlange: Er drang in tiefe Höhlungen ein, hatte auf dem mondgeschmückten Haupt des Makellosen getanzt, trug sonnenstrahlende Edelsteine an seiner Spitze, zog lange gekrümmte Bahnen und eilte in eng aufeinanderfolgenden Reihen, getrieben von mächtiger Luft.

(867) Der lange rasche Strom glich beim Aufwühlen der Erde dem dunklen Eber Vishnus mit dem Muschelschmuck. Indem er sich hoch zum Himmel erhob, glich er dem Herrn, der beim gespendeten Wasser des Asura-Königs in die Höhe wuchs. Weil er köstliche Butter und andere Milchprodukte aufnahm und vermischte, glich er Krishna. (868) Mit den prächtigen Elefanten, Pferden, Wedeln und kostbaren Juwelen, die er herantrug, glich er dem König des Mondgeschlechts, der die westlichen Herrscher unterwarf und mit dem erbeuteten Reichtum in seine grabenumgebene Stadt einzog. Oder er glich einem westlichen König, der ehrenvoll seinen Tribut darbrachte. (869) Er brachte Atti-Blüten, Palmen mit geöffneten Blattscheiden, Neem-Girlanden mit sägezahnartigen Blättern, Tiger, Bogen und Fische zusammen. So glich er den in allen Richtungen berühmten Königen des Tamil-Landes, die sich mit ihrer jeweiligen Würde und vielen Schätzen versammelt hatten und herankamen.

(870) Zuerst war er trüb und verworren wie das Gedicht eines Ungebildeten. Dann gewann er viele gute Ufer wie die vielfältigen Bedeutungswege der Dichtung gelehrter Meister. Auf jedem Weg wurde sein Inhalt tiefer und klarer, und er kam so zur Ruhe, dass alle Menschen des Landes sich ihm zuneigen und Nutzen aus ihm ziehen konnten. (871) Der Herr mit dem Stirnauge, der gnädig das Meeresgift getrunken hatte, sah den Strom aus seinem blütenreichen Flechthaar herabkommen, in dem der Bienengesang nie verstummt. Da schickte er Gundodara, der mit weit geöffnetem Mund vor ihm niedergefallen war und klagte ‚Mein Durst lässt sich nicht stillen‘, an den Fluss. (872) Er ging hin, setzte sich mitten in den Strom, hob seine beiden kurzen Arme und streckte sie mit aller Kraft bis zu den Ufern aus. Wie ein Berg staute er das hoch steigende kühle Wasser, riss den Mund auf und trank. Sein Durst und die Menge seines Trinkens ließen selbst die Wolke, die das Meer austrinkt, beschämt zurück.

(873) Nachdem er das heilige Wasser getrunken hatte, das vom Flechthaar des Heiligen herabkam, wurden ihm Sprache und Freude wieder klar. Er trat vor den jugendlichen Herrn, verneigte sich vor den Füßen, die einst Arjuna verehrt hatte, tanzte und sang. Ganz zur Gestalt überströmender Liebe geworden, pries er ihn mit unermesslichem Gesang. (874) Der Herr, der der Sinn allen Gesanges ist, hörte das Lied des Gana-Helden mit Freude und gewährte ihm die Führung über die Ganas. Dann regierte er weiter die von großen süßen Wassern umgebene Erde, an der Seite der Frau, deren fischgleiche Augen bis über den Wald ihres Haares zu schweifen schienen. (875) Weil der Fluss aus dem mit Konrai geschmückten Flechthaar des Heiligen herabkam, heißt er Shiva-Ganga. Weil er denen, die darin die Gestalt des Herrn erkennen, Erkenntnis schenkt, heißt er Shiva-Jnana-Tirtha. Weil er schneller als der Wind kam, heißt er Vegavati. Auch Kritamala nennt man dieses Heilwasser; dies sind Namen der Vaigai.

Hier endet „8. Die Speisegrube und der Fluss Vaigai werden herbeigerufen“. Möge es glückverheißend sein.

9. Die sieben Meere werden herbeigerufen

(876) So zeigte der Pandya, dessen Königskrone das mondgeschmückte Haupt verbarg, seine erhabene Gnade, indem er für den Kleinen Speisegruben und den Fluss herbeirief. Nun erzählen wir, wie der Überwinder des Löwen alle sieben weiten Meere zugleich herbeiholte, damit Kanchanamalai darin baden konnte. (877) Als die schwer in Worte zu fassende Wirklichkeit die Gestalt eines Pandya angenommen hatte, über alle Welt den kühlen weißen Schirm ausbreitete und das gerechte rote Zepter führte, kamen die Rishis, die das höchste Wesen erkannt hatten, und die heiligen großen Asketen regelmäßig zu Besuch. (878) Eines Tages ging der vedische Weise Gautama nach einer solchen Begegnung auf dem Heimweg in das Haus der treuen Kanchanamalai. Sie hieß ihn willkommen, sprach höfliche Begrüßungsworte, bot ihm einen goldenen Sitz an, faltete die Hände und fragte nach der schwer auszuübenden Askese.

(879) ‚Ehrwürdiger, du hast die trügerisch handelnden Sinne überschritten und erkannt, dass der Sinn am jenseitigen Gipfel der Veden Parashiva ist. Bitte lehre mich die Askese, welche die schwer abzuwehrende Wiedergeburt beseitigt.‘ Das Gesicht des Weisenkönigs blühte auf wie eine Flut des Mitgefühls, und er antwortete: (880) ‚Durch die Kraft deiner Askese bist du Mutter Tadadakais geworden, die alle Welten gebar. Du hast die Würde gewonnen, Shiva selbst deinen Schwiegersohn zu nennen. O treue Gemahlin des mächtigen Malayadhvaja! Wer auf Erden könnte ein altes Gelübde kennen, das du nicht kennst? Dennoch höre meine Erklärung.’ (881) ‚Die makellose Askese wird in drei Arten eingeteilt: geistige, sprachliche und körperliche. Zur geistigen, Freude schenkenden Askese gehören die Gesinnung des Gebens, Mitgefühl, Geduld, Wahrhaftigkeit, die schweigende Meditation über Shiva und die Zügelung der fünf Sinne; hinzu kommen unzählige weitere Formen.’

(882) ‚Zur sprachlichen Askese gehören die Rezitation der fünf Silben, der Mantras, der fünf Friedensrezitationen, des vedischen Shatarudriya, das Sprechen von Lobpreisungen und die reine Verkündigung großer Dharma-Lehren sowie viele weitere Formen. Zur körperlichen Askese gehören Shivas Verehrung, das Umschreiten seines Tempels und die Verneigung vor ihm.’ (883) ‚Dazu gehören der Besuch und die Verehrung vieler Orte, an denen der Tänzer wohnt, die Erfüllung dienender Aufgaben und Pilgerfahrten zur Ganga auf seinem Haupt und zu anderen heiligen Gewässern, in denen man unter körperlicher Mühe badet. Von den drei Arten ist diese angemessene körperliche Askese vorzüglich. Unter ihren verdienstlichen Handlungen’ (884) ‚ist die Pilgerfahrt zu heiligen Gewässern die höchste; unter diesen stehen die heiligen Flüsse, angefangen mit der Ganga, die Shivas Gestalt sind. Da die heiligen Ströme, die zur Reinigung erschienen sind, einzeln ins Meer gehen und es mit ihrer Heiligkeit erfüllen, überragt das wogende Meer sie alle.’

(885) Als Kanchanamalai die Erklärung des Weisen gehört hatte, fasste sie den festen Wunsch, im Meer mit seinen dichten Wogen zu baden, und sagte es ihrer heiligen Tochter. Diese, der Spross der Askese des Pandya, wurde ein wenig besorgt und sprach: ‚Ich werde hingehen und es dem Herrn sagen.‘ (886) Sie ging vor den großen Herrn der Könige, dem sie ganz gehörte, und stand dort wie ein Schwan. ‚Meer der Gnade, du hast damals für den kleinen Helden Speisegruben und einen Fluss herbeigerufen. Heute wünscht unsere Mutter, im Meer zu baden‘, bat sie. (887) Der Herr mit dem Hals von der Farbe einer dunklen Edelsteinblüte, der als Pandya die Erde beschützte, hörte die Worte der Göttin. Er dachte: ‚Warum nur ein Meer? Wir werden alle sieben Meere herbeirufen.‘ Da kamen sie mit ihren sieben verschiedenen Farben in einen Teich im Osten der Stadt.

(888) Die sieben Meere erhoben sich brausend. Sie stießen gewundene Muscheln wie Mondsichelstücke vor sich her, ließen weißen Schaum überfließen und mächtige Haie auf den Wogen kreisen. Ihre Wellenreihen warfen kühle Perlen und Edelsteine hoch und schienen das ferne Dach der Welt zu streifen. (889) Die große Stadt erbebte beim Anblick des kochend aufsteigenden Meeres, als sei es gekommen, am Ende des Zeitalters Brahmas Schöpfung zu zerstören. Doch durch das heilige Gebot des schlangengeschmückten Herrn, das alle Welten übersteigt, legte es sich zur Ruhe – wie jene still werden, die seine Füße erreicht haben. (890) Die eigene Farbe des blütenreichen Teiches mit den duftenden goldenen Lotusmitten mischte sich mit den sieben einzelnen Farben der Meere. So glänzte er in acht Farben, gleich der achtfältigen Gestalt des Königs, der mit herabhängendem blitzendem Flechthaar in der silbernen Juwelenhalle tanzt.

Hier endet „9. Die sieben Meere werden herbeigerufen“. Möge es glückverheißend sein.

10. Malayadhvaja wird herbeigerufen

(891) Wir haben erzählt, wie die sieben Meere herbeigerufen wurden. Nun wollen wir schildern, wie der König des reichen Mondgeschlechts vom Himmel herabstieg, mit seiner makellos treuen Gemahlin im Meer badete und die schöne heilige Gestalt Haras erlangte. (892) Der Herrscher kam mit der lieblichen Tadadakai an das mächtige Meerwasser. In einem Garten, der sein Ufer mit Sandel, Maravam, Mandara, Mango, Vakula und Patala umgab, nahm er auf einem Löwenthron Platz. (893) Junge Diener und goldreifentragende Dienerinnen pflückten Jasmin, Mullai und Champaka mit geöffneten Pollen und reichten sie ihnen. Sie nahmen die Blüten, rochen daran und atmeten ihren Duft ein. Während beide so in wachsender Zuneigung verweilten,

(894) blickte der König seine geliebte Gefährtin an: ‚Um deinetwillen haben wir die sieben Meere in diese Stadt gerufen. Gehe nun und lade deine Mutter ein, hierherzukommen und zu baden.‘ (895) Die junge Herrin brachte ihre Mutter und kam mit ihr zum Teich. Kanchanamalai fragte die Gelehrten von umfassender Kenntnis der Puranas: ‚Sagt mir, welches ist die vorgeschriebene Weise, im Meerwasser zu baden?‘ (896) Sie antworteten: ‚Makellos Treue! Man soll mit der schönen Hand entweder die Hand des Gemahls, die Hand des geliebten Sohnes oder den Schwanz eines Kalbes halten. Eines dieser drei ergreifend im Meer zu baden, ist die überlieferte Ordnung.‘

(897) Kanchanamalai hörte die wahrhaftigen Worte der Brahmanen und sagte: ‚Ich Unglückliche habe früher keine vollkommen ausreichende Askese geübt. Mein Gemahl ist nicht mehr hier, und einen Sohn habe ich nicht. Was bleibt mir nun außer einem Kalb?’ (898) ‚Tochter, soll ich also den Schwanz eines Kalbes halten und baden?‘ Als sie so sprach, ging die Herrin, die Lebensgefährtin dessen, der den Bittenden sogar die Würden Brahmas und Vishnus gewährt, zu ihm. (899) Sie trat vor den Herrn ihres Lebens, verneigte sich und berichtete von der Sorge ihrer Mutter. Da richtete der große König seinen Gedanken auf den Pandya, der gemeinsam mit Indra im Himmel wohnte.

(900) Malayadhvaja erkannte den heiligen Willen dessen, dessen Bogen ein Berg ist. Er verließ den Sitz Indras, der dem dreiköpfigen Gegner die Häupter abgeschlagen hatte, und kam in einem Himmelswagen herab, der einem glänzenden Berg glich. (901) Am Ufer der sieben Meere, die auf die Erde gekommen waren, erblickte er den Nektar unermesslicher Gnade. ‚Dies ist das Glück, das ich durch das Geschenk einer Tochter erlangt habe‘, dachte er. So empfingen seine Augen ihren höchsten Nutzen. (902) Er kam und wollte sich vor den Füßen seines Schwiegersohnes verneigen. Doch bevor er dazu kam, hielt dieser ihn mit der schönen Lotushand zurück, der Stellung eines Schwiegervaters entsprechend. Er ging dem Mann, der ihm seine Tochter gegeben hatte, entgegen und umarmte ihn.

(903) Der vertraute Herr freute sich im heiligen Herzen und blickte ihn gnädig an: ‚Bade mit deiner von Liebe erfüllten Gemahlin in diesem Heilwasser und gehe dann weiter.‘ Darauf wandte sich der König des Landes der kühlen, blumenreichen Porunai seiner Frau zu. (904) Die schwanengleiche Frau, die er durch frühere Askese und Bemühung erlangt hatte, kam ihm entgegen und umarmte ihn. Er erwiderte die Umarmung und empfand unverminderte Freude, dem Bergkönig Himavan gleich. (905) Er hatte im Herzen den Schmerz getragen: ‚Wegen unzureichender Askese durfte ich die Hochzeit der Frau mit der süßen Sprache nicht sehen.‘ Doch nun trank er wie eine Biene den berauschenden Honig dieser Freude und vergaß seinen Kummer.

(906) Die in vollkommener Treue Lebende näherte sich ihm schamhaft und verneigte sich wie eine Frau, die ihren verreisten Mann nach wenigen Tagen wiedersieht. Geschmückt stand sie da wie eine blühende goldene Ranke. (907) Der König mit der rot leuchtenden Krone nahm die Hand der wolkenhaarigen Kanchanamalai, trug den frischgrün schimmernden heiligen Grasring und sprach die fünf Silben von Shivas Namen. So begab er sich zum Bad in die große vereinte See. (908) Nach der alten vedischen Vorschrift der kundigen Brahmanen fasste sie den rituellen Vorsatz, nahm mit ihrer zarten Hand die Hand ihres Gemahls und badete mit überströmender innerer Freude im Meerwasser.

(909) Sie tauchten unter und stiegen ans Ufer. Der mit Konrai-Blüten im Haar blickte sie aus dem Lotusauge seiner Gnade an. Vater und Mutter erlangten, ohne erneut in einen Mutterschoß einzutreten, die Gnadengestalt dessen, dessen eine Hälfte Uma ist. (910) Der Glanz eines dunklen Wolkenhalses, die Schönheit von vier kräftigen Armen und die Stirn mit dem feuertragenden Auge erstrahlten an ihnen. So erschienen sie herrlich, und die Erde schaute voller Staunen. (911) Wie ein Lichtstrahl, der vom Himmel herabgleitet, kam aus der gepriesenen Stadt des barmherzigen Herrn mit dem Stirnauge ein göttliches Vimana herab. Unverzüglich stand es auf der Erde vor ihnen.

(912) Als dieser göttliche Himmelswagen herangekommen war, bestieg ihn der König auf Befehl des Dreiäugigen, der die ursprüngliche Gottheit der drei Götter ist. Mit der schönen Hand hielt er die Hand seiner gottgeschenkten Gemahlin, während alle Gottheiten sie verehrten. (913) Die goldene Himmelswelt ließ duftende Blumen regnen, als fiele ein Honigregen. Die reinen großen Veden und die himmlischen Pauken dröhnten überall wie zustimmende Gewitterwolken: ‚Ja, ja!‘ (914) Das Vimana stieg zum Himmel auf. Überall schwollen die Rufe ‚Hara!‘ so an, als müssten die aufgestiegenen himmlischen Pauken vor Scham wieder herabfallen. Verehrungswürdige Weise und Götter priesen sie. Sie reisten zur königlichen Stadt des Tänzers, dessen Flechthaar die junge Mondsichel schmückt.

(915) Sie sahen noch, wie ihr Schwiegersohn, der zunächst ihre menschliche Königsgestalt angenommen hatte, um das Zepter zu führen, und ihnen danach seine eigene Gestalt verliehen hatte, zurückkehrte. Mit der Göttin Tadadakai, die in wachsender liebevoller Verbundenheit an seiner Seite stand, betrat er den goldgekrönten Palast und ließ sich dort glücklich nieder. (916) ‚Wie Menschen, die durch die Kraft früherer Taten in wechselnde Körper geraten, haben wir unsere alte Gestalt gewechselt. Doch wir durften die Mutter selbst als Tochter gebären, und der Vater wurde unser Schwiegersohn. Welche für alle schwer zu vollbringende Askese haben wir wohl geübt?‘, sagten sie. (917) Wie eine Kuh, die ihr Kalb nicht verlassen mag, wurden sie von ihrer Liebe immer wieder zurückgezogen. Ihr Herz und ihre beiden Augen kehrten unablässig zu den Füßen des Herrn zurück; immer wieder blickten sie um. So reisten sie im berggleichen Vimana, mit gefalteten Händen.

(918) Sie durchquerten Bhuvarloka und dann Svarloka, das den Verdienstvollen unzählige Freuden gewährt. Sie ließen Maharloka und Janaloka hinter sich, überschritten Tapoloka und Satyaloka und gingen auch über die herrliche Welt des Herrn mit dem kühlen Tulasi-Kranz hinaus. Schließlich erreichten sie Shivaloka, die höchste aller Welten. (919) Darauf verneigte sich die Ranke des Dharma vor den Füßen ihres königlichen Gemahls. Die Freude darüber, dass der ursprüngliche Sinn der Veden ihren Eltern seine eigene Gestalt geschenkt hatte, füllte ihr Herz und schien aus ihrem Mund überzuströmen. Als füllte der süße Honig aus ihrer roten Kumuda-Blüte seine beiden heiligen Ohren, pries und verehrte sie ihn wiederholt und sprach: (920) ‚Was könnte dem neugeborenen Kalb der heiligen Himmelskuh fehlen, die unzähligen Göttern und allen anderen Nutzen spendet? Um meinetwillen hast du auf den Wunsch meiner Mutter nicht nur ein Meer, sondern alle sieben hierhergerufen. Damit sie baden konnte, hast du auch ihren im Himmel weilenden Gemahl herbeigerufen, beiden deine Gnadengestalt und deine höchste Welt geschenkt.’

(921) ‚Als die Gefahr nahte, unser Geschlecht könne in die Schande versinken, weil die Linie der Pandyas erloschen sei, hast du offenbar deshalb die goldglänzende Krone angenommen und führst nun das Zepter. Möge auch künftig keine Unterbrechung dieses Zustandes entstehen.‘ Als die Herrin so sprach, verstand der König der Tamilen die innere Absicht seiner Gemahlin und freute sich im Herzen.

Hier endet „10. Malayadhvaja wird herbeigerufen“. Möge es glückverheißend sein.

11. Die Geburt Ukkira Pandyas

(922) So badete der heilige Sohn König Kulasekharas mit seiner Gemahlin im Meer. Nun erzählen wir, wie Ukkira von unvorstellbarer Stärke geboren wurde und damit das Herz der einzigartigen Tochter jenes südlichen Königs erfreute. (923) Sundaraswami, der den kühlen Mond als Krone trägt, regierte ungezählte Tage die Erde. Wie der Schatten seiner beiden Füße schützte der klare, mondhelle Königsschirm alle. Er führte das Zepter der Gnade und lebte als das innerste Leben aller Wesen in gerechter Herrschaft. (924) Er ist für den dunklen Vishnu, den lotusgeborenen Brahma und die Wissenschaften, angefangen mit den Veden, schwer erkennbar, den Liebenden aber stets leicht zugänglich. Um diese Größe offenbar zu machen, hatte er Uma dem Pandya mit seinem liebenden Herzen und dessen treuer Gemahlin als geliebte Tochter gegeben.

(925) Dementsprechend war er selbst ihr Schwiegersohn geworden und regierte die ganze Erde unter einem weißen Schirm. So hatte das Mondgeschlecht unter den drei Königshäusern offenbar besondere Größe erlangt. Um nun noch den verbliebenen Mangel zu beheben, beschloss er ein weiteres Wirken. (926) Er vermag etwas zu tun, es ungetan zu lassen oder anders zu tun. Der höchste Yogi ohne Anfang und Ende hat die Maya überwunden, die Gutes und Böses, Verachtung und Begehren, Freundschaft und Feindschaft hervorbringt. Wer könnte die Entfaltungen der Maya ermessen, mit denen er selbst spielt? (927) Wie ein Meister ein Zauberkunststück vorführt, beschloss er, den herrlichen Sohn, den sein rotes Feuerauge hervorgebracht hatte, nun durch Sundaravalli erscheinen zu lassen. Sie ist die Mutter, die ohne Empfängnis alle Lebewesen und die ganze Welt geboren hat.

(928) Entsprechend seiner bevorstehenden Ankunft verneigten sich die Gefährtinnen und die übrigen Frauen: ‚Herrin, wir wünschen sehnlich, an deiner Gestalt die Schönheit und Würde einer Schwangerschaft zu sehen und Monat für Monat die dazugehörigen festlichen Riten zu erleben.‘ Die Heilige nahm eben diese Erscheinung an. (929) Ihre heiligen Brüste, zuvor wie schwere goldene Berge mit schwarzen Juwelengipfeln, glichen nun zwei mit Nektar gefüllten Schalen. Die unter ihrer Last fast verschwundene Taille wurde wieder sichtbar. In der Gnadenreichen erwachte Verlangen nach köstlichen Geschmäcken. (930) Selbst leicht erhältliche Speisen begehrte sie, als seien sie seltene Kostbarkeiten. Die Ganas brachten diese und die schwer zu erlangenden Speisen der Genusswelten, den Nektar der Schlangenwelt, den köstlichen Nektar des Mondes und den Nektar der goldenen Götterstadt, bis ihr Verlangen erfüllt war.

(931) Heilige Weise und vedische Gelehrte kamen und vollzogen in den festgesetzten Monaten die für das Königshaus bestimmten Riten. Die alte Stadt versank in einer Flut festlicher Freude. So reifte für dieses jungfräuliche Land die Frucht seiner rechtschaffenen Werke heran. (932) Der Himmel wurde makellos wie das Herz vollkommen Entsagender. Der Montag und der Ardra-Sterntag, die dem Herrn gehören, empfingen die Frucht ihrer Verehrung. Der feurig goldene Planet Jupiter stand strahlend in einem Winkelhaus, und eine besonders günstige Geburtsstunde trat ein. (933) Die vier ursprünglichen Veden erklangen von selbst; Mandara-Blüten regneten herab. In allen Richtungen tanzten Himmelsfrauen wie Blitze, die mit frischen Blumen erblüht waren. Die fünf himmlischen Instrumente dröhnten; Durga, Lakshmi und die weiße Saraswati strahlten in besonderer Herrlichkeit.

(934) Die Brahmanen jubelten. Das rote Opferfeuer, das sie mit Mantras nährten, drehte sich nach rechts und erhob sich rauschend wie im Tanz. Die acht Elefanten der Himmelsrichtungen und Shesha wurden von der Müdigkeit ihrer Last befreit. Bei Indra, dem Gott des Meru und dem Wasserherrn zuckten die linken Schultern als Vorzeichen. (935) Der Gestalt entsprechend, die der Herr, der Gift zu Nektar macht, und seine Göttin angenommen hatten, erschien der Sohn bei der herrlichen Tochter des Pandya mit den regenfeuchten Neem-Girlanden. Er glich der jungen Morgensonne und zugleich einem gerade erst geborenen Kind. (936) Unsere Herrin hob ihren Sohn auf, roch liebevoll an seinem Kopf, umarmte ihn und gab ihn ihrem Gemahl in die Hand. Dann nahm sie ihn zurück, ließ die Milch aus ihren vollen Brüsten strömen und legte ihn an. Es war, als ergösse sich weißer Mondschein in eine Kumuda-Blüte, als sie seinen Mund anlegte und ihn stillte.

(937) Vishnu auf dem Wasserlager, Indra unter dem schattenspendenden Wunschbaum, Brahma auf dem Lotus und die übrigen Götter kamen. Mit den heiligen, in den Veden tief gelehrten Weisen und anderen Ehrwürdigen betraten sie, von den Frauen ihrer Geschlechter begleitet, den Palast des Königs. (938) Der Herrscher des Westens, der Chola aus Kozhi im kühlen Kaveri-Land, die nördlichen Könige und die mächtigen Fürsten der kleineren Länder, darunter der mit kühler Tondai-Girlande Geschmückte, kamen mit ihren Gefolgen. Sie brausten heran wie vier Meere, die rings um die Erde anschwellen. (939) Sie priesen und segneten König und Königin nach gebührender Ordnung und bekundeten ihre Freude. Vom Angesicht des Herrn der Pandyas, der Axt und Antilope abgelegt hatte, und von seiner Göttin empfingen sie Gnade. Sie verneigten sich vor den goldenen Füßen und sprachen bei ihrer Heimkehr:

(940) ‚Skanda selbst ist zum Herrn der Pandyas gekommen‘, sagten einige. Andere: ‚Dies ist das Glück der makellos treuen Königin.‘ Wieder andere: ‚Seine Schönheit lässt selbst den Liebesgott wünschen, eine Frau zu sein. Das Gebot seines Zepters wird die siebenmeerumgebene Erde und alle sieben Welten beschützen.‘ (941) ‚Ist die Geburt dieses geliebten Sohnes die Frucht der hohen Askese der Menschheit, der Menschen des Südens, der reinen Götter, der opfernden Brahmanen oder der gelehrten Weisen? Oder ist sie die im Herzen des Anfang- und Endlosen gereifte Gnade?‘, fragten sie. (942) ‚Ist dieses heilige Kind die Frucht der großen Askese des Dharma, des mühsam errungenen Wohlstands, des begehrenswerten Glückes oder der schwer erreichbaren Befreiung?‘ So befragten sie einander und zogen mit wachsender Freude fort.

(943) Jedes Haus trug Glücksschmuck, und fröhliche Festklänge erfüllten die ganze Stadt. Man feierte mit Ghee und Öl. Die Wasserflut, die bei den großen heiligen Schenkungen an die gelehrten Brahmanen ausgegossen wurde, erreichte das wogende Meer. (944) Sie spülte in der ganzen weiten Stadt den duftenden Puder, Puffreis, reinen weißen Reis, das gestreute Darbha-Gras, kühles Duftwasser aus Spritzgefäßen, Sandelpaste, Öl und duftende Salben restlos fort. (945) Frauen, deren zarte Brüste sich unter schweren Halsketten wölbten, und junge Männer bespritzten einander mit goldenen Spritzen, Röhren und runden Spritzgefäßen sowie silbernen Schalen. Bei diesem wechselnden Spiel ließ auch der Liebesgott seine fünf Blütenpfeile abwechselnd spielen.

(946) Während die alte Stadt so jubelte, wurden für den Sohn des Pandya, der am glückverheißenden Montag unter Ardra und bei günstigem Aszendenten mit Jupiter im Winkelhaus geboren war, alle Geburtsriten und die weiteren Handlungen in voller Würde nach der vedischen Überlieferung für Könige vollzogen. (947) Weil er bestimmt war, dem reichen Herrn des dunklen Meeres mit weißen Wogen, dem siegreichen Indra, der die Bergflügel zerhauen hatte, und dem göttlichen Bergkönig, der die Welt trägt, Mut und Stolz zu nehmen und Furcht einzuflößen, nannte man ihn Ukkiravarman, den Furchtbaren. (948) Im vierten Monat vollzog man den ersten Ausgang, im sechsten die glückverheißende erste Reisfütterung. Nach Vollendung eines Jahres geschah die erste Haarschur. Im fünften Lebensjahr erhielt er nach genauer Kenntnis der Schriftvorschrift die Weihe des heiligen Fadens. Danach

(949) lehrte Brihaspati ihn die Veden mit ihren Wortfolgen und Zweigen und die zugehörigen Wissenschaften. Dazu kamen die Kunst des mächtigen siegbringenden Bogens, der Schwertkampf, das Lenken brunftsaftströmender Elefanten, von Wagen und springenden Pferden und die verschiedenen weiteren Fertigkeiten. (950) Um den Grundsatz zu ehren, dass Wissen aus dem Mund eines Lehrers empfangen werden soll, hörte er einmal zu und erfasste sogleich alle zweiunddreißig Künste. Die Pashupata-Waffe aber ließ er sich vom höchsten Hara selbst erklären, da niemand sonst sie angemessen lehren konnte. (951) Mit acht Jahren hatte er sämtliche unermesslichen Wissenschaften vollendet und besaß uralte Weisheit. Er verstand, seine Lehrer zu verehren und zu preisen, und ließ ihre Freude wie ein Feuer wachsen. Mit siegreichen jungen Helden übte er seine herrlichen Spiele.

(952) Er ließ mächtige gefleckte Elefanten gegeneinander kämpfen, führte stolze Widderkämpfe vor und siegte. Er gewann auch bei Kämpfen der Hähne mit blutroten Kämmen und beim Spiel mit den vier goldenen Figurenarten auf dem glänzenden Juwelenbrett. (953) Auf einem Pferd, schneller als der Wind, ritt er viele Wegstrecken und kehrte zurück. Er lenkte Elefanten, deren Zorn grausamer als der Tod war, genoss die Gärten und Wasserbecken an der Vaigai und rang siegreich mit speergewandten jungen Männern. (954) Er ging zum duftenden Berg und jagte. Die dort lebenden Brahmanen sprachen Segensworte; er erkundigte sich nach ihren Aufgaben und nahm freudig die duftenden weichen Früchte an, mit denen sie ihn bewirteten. So vergingen fünfzehn Jahre; im folgenden Jahr

(955) umgaben ihn Frauen mit bandumschlossenen Brüsten und scharfen Blicken. Es war, als hielten sein dunkler Pfau und sein Speer ihn unablässig bewacht, weil sie in ihm ihren Herrn erkannten, der einst Suras Wurzel ausgerottet hatte. Als der scharfspeerige Prinz so herangewachsen war, betrachtete ihn sein Vater. (956) Die lotusrote Schönheit seiner Füße und ihr Glanz erfreuten Augen und Herz. Seine Glieder waren nach den Regeln wohlgerundet und lang, seine Knöchel und vollen Knie kreisförmig, seine kräftigen Schenkel wie die Rüssel hoher Elefanten mit feuchten Wangen. (957) Sein Bauch war schlank, der Nabel tief; seine breite, berggleiche Brust glich einem makellosen Spiegel. Seine Arme hingen lang und wohlgefügt herab wie der Hals einer klangvollen Vina. Die Schultern, auf denen duftende Girlanden lagen, glichen zwei Meru-Bergen.

(958) Sein Hals war schön wie eine rechtsgewundene Muschel, sein Gesicht wie der goldene Lotus, den Lakshmi bewohnt. Der Meister der Lehre glückverheißender Merkmale betrachtete eingehend die ganze Gestalt dieses Sohnes, der wie die Frucht der Askese der Erde erschien, und prüfte sie. (959) Sechs Merkmale sollen hoch, fünf lang, fünf fein, vier kurz, zwei breit, sieben rot und drei tief sein. So zusammengefasst und einzeln entfaltet nennt man die zweiunddreißig glückverheißenden Körpermerkmale. (960) Sind Bauch, Schultern, Stirn, Nase, Brust und Hände beziehungsweise Füße entsprechend erhoben, verkünden sie hohen Reichtum. Lange, leuchtende Augen, Wangen, freigebige rote Hände, eine duftempfindende Nase und eine breite, schöne Brust gelten als günstige Merkmale. [Die Gliederzählung ist in der vorliegenden Lesart nicht durchgehend eindeutig.]

(961) Feines duftendes Haar, feine Haut, Fingergelenke, Nägel und Zähne verheißen langes Leben. Sind das Geschlechtsglied, die Knöchel, die Zunge und der Rücken kurz, gilt dies als Zeichen guten Geschicks. Sind Kopf und Stirn breit, wird auch dies von den Kennern als günstig beurteilt. [Einzelne anatomische Ausdrücke sind unsicher.] (962) Die sieben roten Merkmale sind Fußsohlen, Handflächen, Augenwinkel, Lippen, Gaumen, Zunge und Nägel. Ihre gute Beschaffenheit verheißt vollkommenes Glück. Sind Stimme, Kraft und Nabel tief, gilt der Betreffende als ein besonders würdiger, überragender Mensch. (963) Der grenzenlose Herr betrachtete die Vollkommenheit der Merkmale und die guten Eigenschaften seines Sohnes. ‚Er besitzt die Kraft, die Welt ungeteilt zu beschützen, und die Lebensspanne, sie künftig auszuüben‘, dachte er. Der Herr mit dem nachtdunklen Hals erwog weiter in seinem Herzen:

(964) ‚Seiner edlen Natur entsprechen Ruhm, Gerechtigkeit, Klugheit, ein gutes Herz, wahre Tatkraft und Hingabe an Gott. Er besitzt die Gabe, der ganzen Welt Freude zu machen, einen friedvollen Geist, Liebe zu allen Lebewesen, gute Freigebigkeit und Bildung.’ (965) ‚Er wird schwer überwindliche Gegner bezwingen, auch Länder erreichen, die selbst den Göttern kaum zugänglich sind, und ihren Tribut empfangen. Er wird die schwer zu umfassende Welt wie eine Girlande auf seinen Schultern tragen und seine unaussprechliche Heldenkraft überall zur Geltung bringen.’ (966) ‚Mit diesen und den weiteren angeborenen Tugenden wird er allen Gutes tun und als alleiniger Herrscher dastehen. Wir wollen ihn krönen; zuvor aber soll seine Hochzeit stattfinden.‘ So beschloss er und beriet sich mit den Weisen.

Hier endet „11. Die Geburt Ukkira Pandyas“. Möge es glückverheißend sein.

12. Ukkira Pandya erhält Speer, Wurfring und Streitkolben

(967) Dies war die Geburt des unwiderstehlich mächtigen Prinzen Ukkira. Nun erzählen wir, wie der Herr der Pandyas, der den Himmelsmond und den Fluss in seinem Flechthaar verbarg, für ihn eine prächtige Hochzeit ausrichtete, ihm den roten Speer, den Wurfring und den Schlagstock schenkte und ihm mit der stolzen Krone die Königsherrschaft übertrug. (968) Die Minister erkannten den Wunsch des Herrn der Vaigai, seinen kostbaren Sohn zu verheiraten, und versammelten sich mit den Gelehrten. Sie erwogen, welches Königshaus hinsichtlich dauerhaften Reichtums, reiner Herkunft, Überlieferung und Ruhm unserem Prinzen angemessen sei. (969) Sie beschlossen, um Kantimati zu werben, die wie Lakshmi als Tochter des gelehrten Somasekhara erschienen war. Er gehörte dem strahlenden Sonnengeschlecht an und regierte die heilige Stadt Manavur im von süßem kühlem Wasser umgebenen Norden. In der tiefen Finsternis jener Nacht

(970) erschien im Traum des freigebigen Nachkommen der Sonne der Herr mit der jungen, weiß strahlenden Mondsichel, der im hochgekrönten Heiligtum auf dem Rücken weißer Elefanten wohnt. Er zeigte seinen heiligen Leib, der selbst vor den wachen Augen der Götter verborgen bleibt, und sprach: (971) ‚König, wir sind Shiva von Madurai mit seinen schwanenbewohnten Feldern. Bringe deine goldgleiche Tochter nach Madurai und gib sie dem Sohn des Pandya Sundara, dessen Heldenringe von den Juwelen der sich neigenden Feindeskronen stumpf werden.‘ So lautete sein Wort. (972) Der Lotus seines Herzens und der Lotus seines Gesichtes öffneten sich zugleich; seine beiden großen Lotusaugen erwachten, und die Lotushände schlossen sich ehrfürchtig. Er erhob sich und dachte daran, wie leicht zugänglich ihm die Gnade des höchsten Freigebigen geworden war. In ihrer Flut versunken, wartete er, bis die Sonne am Meeresrand aufging.

(973) Nach Vollendung seiner täglichen Pflichten brach der König mit den Ministern und den vier bewaffneten Heeresteilen unter vielerlei Musik auf. Seine heilige Tochter mit der kaum sichtbaren schlanken Taille setzte er mit goldgleichen Begleiterinnen auf einen Wagen. Mit den reichen Hochzeitsgaben nahm er den Weg nach Madurai. (974) Die Minister des Königs aus dem Mondgeschlecht waren entsprechend ihrem am Vortag gefassten Plan mit dessen Verwandten nach Manavur unterwegs, um die Vermählung zu besprechen. Sie begegneten dem König und sagten: ‚Gib deine glückverheißende Tochter dem Sohn unseres südlichen Herrn, der dem speertragenden Kumara gleicht.‘ (975) Er berichtete von Geschlecht und Herkunft und davon, wie der Herr mit den Konrai-Blüten im Traum gnädig gesprochen hatte, und stimmte der Hochzeit freudig zu. Die weisen Ältesten schickten verlässliche Diener voraus, um dem Herrn der Porunai alles zu melden. Dann zogen sie mit dem scharfspeerigen König in das alte Madurai ein.

(976) Als der Nachkomme der Sonne sich vor dem Nachkommen des Mondes verneigte, umarmte dieser ihn, sprach freundliche Begrüßungsworte und ließ ihn zu seiner Unterkunft geleiten. Die Minister des Pandya versandten darauf Einladungsbriefe an alle Könige, bestimmten den Hochzeitstag und ließen durch Trommelschlag verkünden, dass die Stadt geschmückt werden solle. (977) Die Häuser wurden erneuert; lange Reihen von Arekapalmen und Bananenstauden füllten die Straßen. Keimgefäße und volle goldene Krüge wurden geordnet aufgestellt, wehende Fahnen und Girlandentore angebracht. So fügte man der Schönheit der dicht bebauten Stadt immer neue festliche Schönheit hinzu. (978) Als der Herr der Götter die Tochter des südlichen Königs heiratete, hatte keine andere Stadt Madurai an Hochzeitspracht erreicht oder übertroffen: Nur sich selbst war es damals gleich. Jetzt schmückte man es so, dass es sogar seine eigene frühere Pracht übertraf.

(979) Die Könige der Nachbarländer und die großen Asketen sahen den heiligen Brief des gekrönten, bekränzten Sundara-Pandya, verneigten sich vor ihm und nahmen seine Worte zu Herzen. Alle machten sich auf den Weg. (980) Der Nachkomme der Sonne, der Chola, kam mit vereinten Fluten von Pferden, Kriegselefanten, windesschnellen Fußkriegern und Wagen mit rollenden Rädern herbei. (981) Der Chera erschien mit seinen Kriegern, deren große Ohrringe bis auf die Brust schwangen. Mit gebogenen Bogen und langen blitzenden Schwertern glichen sie Gewitterwolken, die mit Regenbogen und Blitzen zum Kampf aufgezogen waren.

(982) Der König Ashvapati erschien wie eine Sonne im Meer seiner Pferde. Diese sprangen heran, als hätten Meer, Gedanke und Wind in vielerlei Farben leibliche Gestalt angenommen. (983) Gajapati von unermesslicher Kraft kam mit zahllosen Elefantenheeren, deren goldene Stirnplatten glänzten, als gingen an unzähligen Horizonten unzählige Sonnen auf. (984) Narapati mit dem leuchtenden Speer kam unter lautem Instrumentenklang. Der von den Füßen seiner dichten Kriegerscharen erhobene Staub verschlang alle Richtungen und schien selbst im wogenden Meer Sandbänke aufzuhäufen.

(985) Die Fürsten kleinerer Länder kamen mit ihren dunklen Aratta-Truppen, die auf Pferden ritten, lange gebogene Bogen führten und in listigem, grausamem Kampf geübt waren. Ihre Speere verkündeten kriegerische Würde. (986) Chinesische, Sonaka-, singhalesische und Konkana-Könige versammelten sich; ebenso die speermächtigen Malavas und Saluvas, die Javakas mit ihren Reihen großer Elefanten und die Herrscher der übrigen Länder. (987) Es kamen die Schüler mit dem heiligen Faden und dem bewegten Hirschfell, mit zusammengebundenen Gewandenden, schönem Munja-Grasgürtel und Kinshuka-Stab. Die vier Veden lebten auf ihren Zungen.

(988) Andere kamen mit ihren Gemahlinnen, mit runden Wassergefäßen in den Händen, langen Ohrringen an den Schultern und Stäben, die das Opferfeuer berührt hatten. Auf ihren Stirnen trugen sie die Asche aus dem Opfer. (989) Es kamen jene, die das Wahre erkannt und das Unwahre verbrannt hatten: mit Aschelinien auf der Stirn, weißem Lächeln, Wassergefäß in der Hand, Stab mit befestigtem Lendenschurz und ockerfarbenem Gewand am Leib. (990) Die großen Asketen mit gereifter Kenntnis des höchsten Vedensinnes erschienen. Ihre heilige Asche und ihr rotes Flechthaar ließen sie aussehen, als käme das süße kühle Milchmeer mitsamt einem Wald roter Korallen heran.

(991) Die fünf Gruppen der Shivaiten, angefangen mit den Adishaivas, und die Gemeinschaften der innerlich makellosen Shivaiten kamen eilends. Heilige Asche schmückte ihre Leiber; die verdienstvollen fünf Silben klangen auf ihren Zungen. (992) Indra auf dem weißen Elefanten, Vishnu, dessen Brust die Göttin des duftenden Lotus erfreut, und Brahma kamen voller Freude. Mit den Himmlischen versammelten sich alle achtzehn Götter- und Geisterscharen. (993) Sie erreichten den Palast und sahen den jenseits der Eigenschaften Stehenden auf dem Löwenthron, vereint mit der zarten Göttin. Sie priesen ihn, verneigten sich und sprachen der gebührenden Ordnung gemäß Segenswünsche.

(994) Sundara-Pandya mit der duftenden Girlande an der Krone empfing Götter, Asketen und Könige nach altem Brauch und gewährte ihnen ihre jeweiligen Ehren. Nun wollen wir erzählen, wie sein heiliges Kind vermählt wurde. (995) Der Prinz betrachtete freudig die ganze Schönheit der pfauengleichen Tochter Somasekharas. Als der goldfarbene Meister der Lehre dies sah, begann er nach den Regeln der Schrift allen die Merkmale der honigduftend bekränzten Braut zu erklären. (996) ‚Ist das Haar weder allzu lang noch allzu kurz, an den Spitzen ungespalten, reich gewachsen, dunkel wie ein Schwarm schwarzer Bienen, an den Enden gelockt, natürlich duftend, dicht, weich und glänzend, sodass es Auge und Geist erfreut, so bringt eine solche Frau ihrem Gemahl großen, erfreulichen Wohlstand.’

(997) ‚Ein hoch gerundetes Haupt wie die Stirn eines starken Elefanten verheißt dem geliebten Gemahl langes Leben und die Herrschaft über die ganze Welt. Eine Stirn wie der Mond des achten Tages, frei von Haaren und sichtbaren Adern, sanft gebogen und drei Finger breit, bringt ihm Glück und dauerhafte Gesundheit.’ (998) ‚Die Augen sollen an den Winkeln rot, im Weißen milchhell und in der Pupille tiefschwarz sein, von sanfter vollkommener Schönheit und mit schwarzen Wimpern. Die schönen dunklen Brauen gleichen gebogenen Bogen. Die beiden Nasenöffnungen sind gleichmäßig und rund; die Nase gleicht einer Sesamblüte, die auf einem Lotus erblüht ist.’ (999) ‚Die beiden langen herabhängenden Ohren sollen Vallai-Blättern gleichen; ihre Muscheln und Windungen sind wohlgestaltet, ihr vorderer Ansatz reizvoll. Solche Merkmale lassen Gutes gedeihen. Runde, volle, erhabene Wangen wie klare Spiegel sind ebenfalls angenehm und günstig‘, erklärte der Herr dieser Lehre.

(1000) ‚Runde, rote Lippen wie die Kovvai-Frucht, an beiden Seiten geschlossen und von geraden Linien gezeichnet, machen die geschmückte Frau zum beständigen Glück ihres Geliebten. Die zweiunddreißig festen, hellen Zähne sollen ohne Zwischenräume in zwei geraden Reihen stehen, oben und unten passend, weiß wie Kuhmilch: So lehren die Schriftkundigen.’ (1001) ‚Eine Frau mit feiner, roter, zarter Zunge erlangt rasch die Genüsse, die sie wünscht. Ein volles, rundes, schönes Kinn von zwei Fingerbreiten gilt als gut. Das Gesicht soll wie ein schöner Lotus erblühen und wie der leuchtende Mond die Dunkelheit vertreiben.’ (1002) ‚Ist der Hals voll und rund wie eine Meeresmuschel, vier Finger lang und von drei Linien gezeichnet, wird der Gemahl König der Welt. Eine volle, achtzehn Finger breite Brust, ohne sichtbare Haare und Adern und sanft erhöht, ist vorzüglich. Die bambusgleichen Arme sollen makellos fleischig und zart sein, ohne sichtbares Haar und hervortretende Knochen.’

(1003) ‚Lange, runde, rote Hände mit wohlgeordneten, allmählich schmaler werdenden Fingergliedern verheißen Reichtum und Freude. Rote, gerundete, glatte Nägel erfreuen Auge und Herz. Weiche rote Handflächen ohne Lücken, in der Mitte erhöht und mit wenigen glückverheißenden Linien versehen, besitzen gute Merkmale.’ (1004) ‚Die perlengeschmückten Brüste sollen fest, voll, rund und knospend sein, zwei gleich großen Gefäßen ähnlich, so dicht beieinander, dass kein Faden dazwischenpasst. Ein sanfter, schmaler Bauch mit feiner Haarlinie, sonst ohne Haare und sichtbare Adern, verheißt gewünschte Nahrung. Ein tiefer, nach rechts gewundener Nabel lässt unvergänglichen Wohlstand wachsen.’ (1005) ‚Die Taille soll ohne Haare und sichtbare Adern, vierundzwanzig Finger im Umfang, rund, schmal und zart sein. Ein Becken von gleichmäßiger Form wie der Rücken einer Schildkröte gilt als gut. Die beiden Schenkel sollen ohne sichtbare Haare und Knochen sein und einem Elefantenrüssel, einer kräftigen Handwurzel und einem Bananenstamm gleichen.’

(1006) ‚Die Knie sollen rund und voll sein, mit verborgenen Gelenken. Die Unterschenkel sollen ohne Haare und hervortretende Adern gleichmäßig gerundet nach unten schmaler werden. Sind die Fußrücken fleischig, ohne hervortretende Sehnen und Knochen und schön gewölbt wie ein Schildkrötenrücken, ist eine solche Frau zur Gemahlin eines Königs bestimmt.’ (1007) ‚Die Zehen der Lotusfüße sollen erhöht, rein und schön sein, wohlgerundet und geordnet wie weiche rote Seerosenblätter. Die hellen Nägel gleichen weißen Mondsichelstücken, sind zart und makellos eingebettet. Die Sohlen besitzen in vollkommener Weise Fülle, Weichheit und Ebenmäßigkeit.’ (1008) ‚Ist der Leib rötlich wie ein schöner Mangospross und wie feuriges Gold, stets frei von Schweiß und angenehm warm, verheißt dies Reichtum. Sein Duft gleicht Patala, blauer Lilie, kühlem Lotus, Jasmin und duftendem Champaka. Eine melodische Sprache wie Kuckuck, Papagei und Laute verkündet gutes Geschick.’

(1009) Vom dichten dunklen Haar bis zu den roten Blütenfüßen prüfte der Meister der Rede die ganze Gestalt der Jungfrau mit seiner Schriftkenntnis. Er erklärte: ‚Die glückverheißenden Merkmale dieser lieblich singenden Kuckucksgleichen, die Erde und Himmel preisen, sind außerordentlich selten.‘ (1010) Alle Zuhörer freuten sich von Herzen. Der Prinz Ukkira mit dem duftenden, honigreichen Blütenkranz im Haar kam unter prächtigen Glückszeichen auf einem Elefanten herbei. Er badete am muschelreichen Ufer der Vaigai und bereitete sich darauf vor, den angemessenen Hochzeitsschmuck anzulegen. (1011) Er setzte einen Kranz geöffneter Blüten auf, bestrich sich mit Sandel und Moschus und legte vollkommenen Perlenschmuck an. Wie der weißstrahlende Mond mit all seinen voll entfalteten Teilen kam er herbei und setzte sich unter dem Klang der Muschelhörner auf den blumengeschmückten Sitz.

(1012) Die Jungfrau wurde nach dem Hochzeitsbad, von kostbaren Schmuckstücken umhüllt, herbeigeführt und schön an seine rechte Seite gesetzt. Somasekhara erhob sich mit seiner Gemahlin. In dem Paar den höchsten Herrn und Uma an seiner Seite erkennend, nahm er das Wassergefäß. (1013) Er wusch mit glückverheißendem Wasser die Lotusfüße des Bräutigams, legte ihm eine duftende Blütengirlande an und reichte die kühle Honiggabe. Dann ergriff er die Hand seiner Tochter, legte sie in die Hand des Prinzen und goss vor den versammelten Erhabenen reines Wasser aus, während er die Formel sprach: (1014) ‚Ich heiße Somasekhara und stamme von der Sonne ab. Heute gebe ich meine mit Kurava-Blüten bekränzte Tochter Ukkiravarman, dem Sohn Sundara-Pandyas, der das Mondgeschlecht erleuchtet und die von mächtigem Wasser umgebene Erde trägt.‘ Mit diesen Worten goss er das Wasser aus.

(1015) Zu den Gaben gehörten fünf diamantgeschmückte Schaukeln mit Juwelenschnüren und kräftigen Löwenfüßen samt weichen Baumwollpolstern; zehn feine Lager mit Schwanenfedern; ferner acht Figurenlampen mit goldenen Leibern, korallenroten Lippen und Saphiraugen. (1016) Hinzu kamen hundert goldene Küchengefäße, sieben aus Gold gefertigte juwelenbesetzte Spuckgefäße, acht goldene Wedel und hundert glänzende Juwelengefäße, darunter goldene Schüsseln in Reihen mit einem zentralen goldenen Gefäß. (1017) Tausend kostbare Sandelholztruhen, dreihundert weitere Truhen mit feinsten Stoffen und kostbarer Seide, nach Arten getrennt, und siebenhundertfünf Dienerinnen mit schönem Juwelenschmuck gehörten dazu. Diese glichen gemalten Figuren, als seien sie aus geformtem Nektar geschaffen.

(1018) Drei alte Städte samt ihren Erträgen und zwanzig Millionen Maße blitzenden Goldes gab König Somasekhara seiner schwer erlangten Tochter als reiche Ausstattung. Seine honigvollen Girlanden wurden von brausenden Bienen umschwärmt. (1019) Alle Instrumente erschallten; die Götter streuten Mandara-Blüten. Das rote Opferfeuer sprang empor und wand sich nach rechts. Auf den Zungen der Frauen erblühten Segenswünsche. Die Augen aller Hochzeitsgäste erlangten den Nutzen, um dessentwillen sie geschaffen waren. (1020) Der junge Held mit der kühlen, geöffneten Kadamba-Girlande auf den Schultern legte Kantimati die glückverheißende Hochzeitsschnur an, während die Ältesten das Feuer hüteten und liebliche Instrumente erklangen. Er ergriff ihre rote, reifengeschmückte Hand und vollendete auch alle übrigen Hochzeitsriten nach der Vorschrift.

(1021) Mit der jungen Elefantengleichen aus dem Sonnengeschlecht und ihren unermesslichen Gütern vollendete er die Hochzeit nach der von melodischen Veden getragenen Ordnung. Dann begann er die glückverheißende Umfahrt durch die Straßen mit den himmelhohen Juwelenhäusern, an denen der kühle weiße Mond und die Sternenscharen vorüberzogen. (1022) Frauen mit blitzenden Goldreifen, weichen rotgefärbten Füßen, goldgeschmückten Brüsten, klingenden Juwelengürteln und Girlanden im schönen Haar gingen heran. Augen und Herzen ihrer knospenden Gestalten eilten ihm wie Boten voraus. (1023) Als wolle er aus Mitgefühl die Last an den Hüften der Frauen mit schlanken Taillen erleichtern, ließ sein Anblick ihre Gewänder herabgleiten; als nehme er ihren Schultern Last ab, ließ er die Armreifen fallen. Und als wolle er die drängende Last ihres Innern lösen, raubte er ihnen die Selbstbeherrschung. So zog er seines Weges.

(1024) Er war der Sohn des Pandya, dessen Krone das mondtragende Haupt verbarg. Auf dem Nacken des Elefanten erschien er wie ein junger kämpfender Löwe, ringsum von den Heeren fremder Könige begleitet. Womit wäre dieser Festzug zu vergleichen? Nur mit dem prachtvollen Zug Kumaras, als dieser Devasena heiratete. (1025) Er verehrte den Herrn, der schon in diesem Leben Gutes schenkt, den Makellosen, der Indra von schwerer quälender Schuld befreit hatte, und die Mutter mit den schönen Fischaugen. Dann kehrte der einzigartige Prinz in den Palast zurück und legte sein Haupt nach gebührender Ordnung zu den Lotusfüßen seiner Eltern. (1026) Der König des Mondgeschlechts ließ die Gäste reichlich mit Speisen der sechs Geschmacksrichtungen bewirten, gab ihnen vielfältige Geschenke nach ihrem Rang und entließ sie. Auch den Himmelsbewohnern gewährte er Abschied. Als er danach so weiterregierte, sprach er zu seinem mit honigreichen Blumen bekränzten Sohn und tat Folgendes:

(1027) ‚Sohn, höre! Indra und das Meer werden deine großen Feinde sein; auch der schöne Meru wird sich überheben. Schleudere diesen Wurfring, damit die Krone des Königs der hundert Opfer zerbricht. Wirf diesen Speer ins Meer. Mit diesem Schlagstock schlage den Meru.‘ So nahm er die drei Waffen und übergab sie ihm. (1028) Der Sohn, einem kämpfenden Löwen gleich, verehrte die drei Waffen und nahm sie entgegen. Der Vater krönte ihn unter dem Klang der ursprünglichen Veden und dröhnender Instrumente zum Ukkira-Pandya und übergab ihm seine Befehlsgewalt, die Königswürde und das einzigartige gerechte Zepter. (1029) Er blickte Sumati an, der in kluger Staatsführung dem goldenen Brihaspati glich, und die Kenner der alten Schriften: ‚Kommt, schützt ihn wie das Augenlid das Auge und wie Bildung die Einsicht schützt. Das ist eure Pflicht. Die Herrschaft über dieses Land gehört nun ihm.‘ So vertraute er ihnen den jungen Löwen an.

(1030) Dann wandte er sich eigens an den Sohn mit dem furchtbaren Speer: ‚Lieber, lange haben wir diese Erde getragen und beschützt. Auch du sollst nach den wahrhaftigen Worten dieser Männer mit makellosem Geist leben, das gerechte Zepter führen, regieren und in Glück erstrahlen.‘ (1031) Die unzähligen Ganas nahmen ihre frühere Gestalt wieder an. Mit Tadadakai, die ihm als Gefährtin der Gnade gefolgt war, betrat der Herr den hohen goldenen Tempel und erstrahlte dort: die Gestalt grenzenloser Seligkeit, die aus freiem Willen eine liebliche Gnadenform annimmt. (1032) Danach trug der südliche Königssohn namens Ukkira die Erde durch seine Herrschaft, sodass der in den vier göttlichen Veden gegründete gute Dharma gedeihen konnte.

Hier endet „12. Ukkira Pandya erhält Speer, Wurfring und Streitkolben“. Möge es glückverheißend sein.

13. Der Speer lässt das Meer zurückweichen

(1033) So hatte der König mit dem von Bienen geliebten Neem-Kranz seinem Sohn Wurfring, Schlagstock und Speer geschenkt. Nun erzählen wir, wie der Sohn des mit geöffneten Blumen Bekränzten wie der junge Kumara seinen Speer gegen das Meer schleuderte. (1034) Unter dem mondgleichen weißen Schirm Ukkira-Pandyas lag die ganze Welt im Schatten. Während er so regierte, vollbrachte er ohne Zweifel die großen rechtschaffenen Opfer, von ehrwürdigen Weisen umgeben und gepriesen. (1035) Als er sechsundneunzig schwer auszuführende Pferdeopfer vollendet hatte, geriet Indra, der mächtige Herr der Götterscharen, vor Neid in Zorn gegen den kämpferischen König, dessen kühler Neem-Kranz von summenden Bienen umschwärmt wurde.

(1036) Alle Länder seines Reiches brachten reichen Ertrag hervor und glänzten wie die goldene Himmelswelt. ‚Warum vollzieht dieser Träger des blitzenden Speeres noch Opfer?‘, dachte Indra und ersann eine List. (1037) Er rief den König des brausenden Meeres: ‚Geh zornig hin, wie die Flut am Weltende, welche die sieben meerumgürteten Länder zugleich vernichtet. Umschließe das kostbare Madurai und zerstöre es!‘ (1038) Ohne die Folgen zu erkennen, beschloss der Meereskönig, das feldreiche Madurai einzuschließen und im Nu zu vernichten. In der weiten, blinden Finsternis der Nacht, wenn selbst Geister schlafen, brach er auf.

(1039) Die kochenden Wellenarme schlugen dröhnend bis in die Kuppel des Weltalls. Wie die brausende Flut am Ende eines Weltalters kam das Meer heran, einem aufsteigenden schwarzen Berg gleich, der bis zur Mondregion stieß. Erde und Himmel erschraken. (1040) Die Flut des schiffstragenden Meeres kam gegen das turmreiche Madurai wie eine schwarzleibige, giftmäulige Schlange, die sich in der Nacht auf den Mond stürzt, um ihn zu verschlingen. Oder glich sie einer dunklen Wolke, die sein Antlitz verhüllen will? Welchen Vergleich könnten wir sonst finden? (1041) Die runden Schildkröten waren Schilde, die springenden Valai-Fische Schwerter, die mächtigen Haie königliche Elefanten und die anstürmenden Wellen Pferdescharen. Boote bildeten die Wagen. Mit diesem gemischten Heer schien das Meer zum verderblichen Krieg gegen den Pandya aufgestanden zu sein.

(1042) Als das so aufgestiegene Meer um Mitternacht von Osten der schönen Stadt mit ihren wolkenbeschatteten Mauern nahekam, erschien dem König im Traum der Herr der Silberhalle als Siddha. Vor ihm stehend, ließ er ein knospendes Lächeln erkennen und sprach: (1043) ‚Pandya, das Meer kommt, um deine Stadt zu zerstören. Steh rasch auf, geh hinaus, schleudere den siegreichen Speer und erringe den Sieg!‘ Mit gefalteten roten Händen und preisender Zunge erwachte der Herrscher mitten in der Nacht, da selbst die Geister schliefen. (1044) Er verließ sein schönes Lager, durchschritt die vielen Tore und eilte mit seinen klugen, vertrauten Ministern hinaus. Dort sah er die Wellenflut herandonnern, als sei das Ende der Erde gekommen, und stand in grenzenlosem Staunen.

(1045) Der im Traum erschienene Siddha kam nun im Wachen. Er erkannte die Gedanken des Königs und sagte: ‚Mein Sohn, warum stehst du da und lässt Zeit verstreichen? Schleudere den scharfen Speer, brich die stolze Kraft dieses Feindes, der wie ein zorniges Meer herankommt, und wende das Ende der Welt ab!‘ (1046) Der König hob den Speer, drehte ihn nach rechts und warf ihn. Als seine Spitze das Meer traf, trocknete es zischend aus; sein Stolz und seine Kraft zerbrachen. Das Wasser reichte dem Speerhelden nur noch bis zu den Knöcheln – wie besiegte Feinde, die ohne Siegeskranz zu seinen Füßen liegen. (1047) Auf den Befehl des Götterkönigs war das Meer gekommen, der nicht nur die schönen vedischen Opfer verhindern, sondern durch eine weitere List die ganze Welt vernichten wollte. So verlor es seine Kraft. Ist es nicht immer so, dass jemand, der Trügern hilft, dabei selbst seine Kraft einbüßt?

(1048) Vor dem König, der mit dem durchbohrenden Speer das Meer besiegt hatte, verschwand der auf Erden stehende Siddha in den Himmel. Er nahm aus Gnade die Gestalt an, die das Auge der Erkenntnis erfüllt, und erschien mit der Göttin auf dem Stier im Himmelsraum. (1049) Der Pandya erkannte die drei Augen, die vier Arme, das abendrote Flechthaar mit der jungen Mondsichel und den dunklen Hals. Er verneigte sich nahebei, erhob sich und folgte auf der Erde mit weiter, tiefer Liebe, ehrfürchtig gefalteten Händen und Lobgesang. (1050) Die fünf Himmelsinstrumente dröhnten, die Ganas umgaben und verehrten ihn, und vedische und tantrische Gesänge erfüllten die acht Richtungen. Von den Himmlischen gepriesen, zog der Freigebige, der jenseits von Kommen und Gehen ist, durch den weiten Himmel und trat in seinen Tempel ein.

(1051) Der König war ihm mit gefalteten Händen verehrend gefolgt. Er erreichte den ummauerten Tempel, verneigte sich, nahm Abschied und ging. Frauen mit baumwollweichen Füßen trugen die acht Glückszeichen vor ihm her; so kehrte er in seinen Palast mit den wolkenberührenden Spitzen zurück. (1052) Alle ertragreichen Felder und Orte zwischen dem mauerumgebenen alten Madurai und dem wogenden Meer übereignete er dem Herrn mit dem geöffneten Konrai-Kranz im Flechthaar, der in der Silbernen Halle tanzt. Danach regierte er weiter als Zuflucht und Schutz der ganzen Welt.

Hier endet „13. Der Speer lässt das Meer zurückweichen“. Möge es glückverheißend sein.

14. Der Wurfring trifft Indras Krone

(1053) Wir haben erzählt, wie der König den ruhmreichen Sieg errang und den goldglänzenden Siegeskranz trug. Nun wollen wir schildern, wie er seinen Wurfring schleuderte, die goldene Krone des Herrschers der herrlichen Himmelsstadt zerschmetterte und auch diesen besiegte. (1054) Während seiner Herrschaft geriet die Stellung der Planeten aus der Ordnung. Die Wolken versagten ihren reichen Regen; die grünen Saaten verdorrten, und selbst die Grasspitzen verbrannten. Als die drei schönen Tamilreiche in Not gerieten, suchten ihre Könige einen Ausweg und begaben sich zum Wohnsitz des tamilischen Weisen Agastya. (1055) Die drei Könige traten vor den Weisen und berichteten, wie ihre Länder ohne den kühlenden Regen ausgetrocknet waren. Der Liebende dessen, der den Meru zum Bogen krümmte, prüfte die Planetenstellungen und sprach: ‚Vorerst wird kein Regen kommen. Hört, weshalb dies so ist.

(1056) Die heißstrahlende Sonne und Mars ziehen voran, während der strahlenfüßige Venusplanet hinter ihnen einhergeht. Die Schriften erklären, dass bei einer solchen Stellung zwölf Jahre lang der Regen ausbleibt auf der Welt, deren Gewand das Meer ist. Geht deshalb zu dem, der den Regen fallen lässt, und bittet ihn darum.‘ (1057) ‚Wie können wir dorthin gelangen?‘, fragten sie. Der Weise, der die fünf Sinne bezwungen hatte, antwortete: ‚Haltet das Montagsgelübde ein. Erlangt die Gnade des Herrn der Silbernen Halle und reist dann auf dem Himmelsweg.‘ Darauf erläuterte der Bewohner des Berges die Vorschriften dieses Gelübdes für den Herrn mit dem Berg als Bogen. (1058) ‚Unter den erhabenen Göttern ist Ishvara der Höchste, unter den erhabenen Shaktis Rudrani die Höchste und unter den erhabenen Gelübden das Montagsfasten das Höchste. So verkünden es die ausgezeichneten Veden und die übrigen Schriften. Von diesem Somavara-Gelübde will ich sprechen.

(1059) Wer dieses gute Gelübde in Madurai hält, gewinnt zehnmillionenfach die Frucht, die sein Vollzug an heiligen Orten wie Mandara und Kashi gewährt. Warum ist seine Kraft hier besonders groß? Weil der Montag der eigene heilige Tag Somasundaras ist. (1060) Noch größer ist dort der Segen, wenn der Montag mit dem Neumond zusammentrifft, an dem sich der Mond mit der Sonne vereinigt. Wer das Gelübde dann nach Vorschrift vollzieht und dafür rechtmäßig erworbenes Vermögen verwendet, dessen heilsame Frucht wächst aus dem Einen ins Unermessliche. (1061) Nun nennen wir den Beginn dieses segensreichen Gelübdes. Man meide die Monate unter den Zeichen Skorpion und Schütze sowie einen eingeschobenen Monat mit zwei Neumonden. In einem anderen Monat beginne man während der zunehmenden Mondhälfte: Am vorausgehenden Sonntag verzichte man auf die Abendmahlzeit und schlafe auf dem Boden. [Die letzte Schlafvorschrift ist im überlieferten Wortlaut nicht ganz eindeutig.]

(1062) Bei Tagesanbruch stehe man auf, denke an den Gemahl der Fischäugigen und erfülle die täglichen Pflichten. Begierde und ähnliche Regungen lasse man aus dem Herzen weichen. Am Teich der goldenen Lotosblüten lege man den Pavitra-Ring an die Hand und spreche den feierlichen Entschluss, während Rede, Körper und Denken zu einer Einheit werden. (1063) Man denke an die dreiäugige, dem Zuckerrohr vergleichbare Süße, die unter dem Kadamba-Baum hervorgetreten ist, und bete: ‚Gewähre mir hier sicher die Frucht des Badens in allen heiligen Gewässern der Erde.‘ Dann tauche man in den bewegten Teich, bestreiche den Körper mit weißer heiliger Asche und lege nach Vorschrift die geeignete Gebetskette an. (1064) Man sammle weiße Blüten: Mandara, Mullai, Mallikai, weit geöffnete Jati und honigspendende Mayilai. Zuerst verehre man den elefantengesichtigen Sohn, bete und spreche den Entschluss aus. Dann trete man ein und richte die Meditation auf den Raum zwölf Fingerbreiten oberhalb des Scheitels.

(1065) Dort vergegenwärtige man sich das Prinzip von Wahrheit, Erkenntnis und Glückseligkeit und nehme innerlich dessen Gestalt an. Das Linga, das die heiligen Wirklichkeitswege von der Erde bis Shiva umfasst, verehre man mit Sitz, göttlicher Gestalt und grundlegender Vidya nach den Vorschriften der vier Lehrtexte. [Die verdichtete ritualtechnische Aufzählung ist in ihrer Gliederung unsicher.] (1066) Man bade es mit den fünf Nektaren, den fünf Gaben der Kuh, fünf duftenden Früchten, rotem Honig, Sandelwasser, kühlem Blütenwasser und Juwelenwasser. Dann lege man ihm schönen weißen Seidenstoff an, trage Kampfer, heilige Asche und Sandelpaste auf und schmücke es mit Kränzen weißer Blüten, beginnend mit duftendem Jasmin. (1067) Man lege glänzenden Goldschmuck an und verehre die einzelnen Glieder, angefangen bei den mit klingenden Fußreifen geschmückten Füßen. Ebenso verehre man die fischäugige, vollkommene höchste Shakti, indem man die fünf Silben des Herrn in der entsprechenden weiblichen Form ausspricht. Dazu bereite man köstliche Speise mit der reinen süßen Milch der Kuh.

(1068) Die verschiedenen zubereiteten Speisen und Getränke bringe man als Opfergabe dar, danach duftenden Betel. Man zeige dem Heiligen Räucherwerk, Licht, Spiegel und die übrigen Ehrenzeichen in der vorgeschriebenen Folge. Anschließend vollziehe man die Verehrung mit Bilva-Blättern. (1069) Der Bilva-Baum ist als Wille, Erkenntnis und Wirkkraft des Vernichters der Burgen erschienen. Wer sich unter ihn begibt und drei Tage ohne Nahrung und Schlaf ‚Hara, Hara!‘ ruft, wird von den fünf großen Vergehen und von vorsätzlich begangenen Tötungen frei. Deshalb besitzt Bilva diese besondere Würde. (1070) Selbst wenn Bilva-Blätter geknickt, eingerollt, welk oder trocken sind, wenn Haar und Verfilzungen, Spinnweben oder Wurmfraß an ihnen haften, gelten diese Mängel nicht als Makel: Bilva bleibt die vorzügliche Gabe. Man nehme die Blätter in die Hände und lege sie dar, während man die tausend Namen des Herrn ausspricht.

(1071) Man bete: ‚Die Fehler, die ich, dein Diener, täglich begehe, sind unendlich. Du hast das schreckliche Gift als Nektar angenommen. Nimm auch meine Fehler als Tugenden an und beschütze mich, du, dessen eine Hälfte die Frau von unnachahmlicher Schönheit ist!‘ Dann falle man mit dem Haupt zu seinen Füßen nieder, umschreite ihn dreimal nach rechts und preise ihn. (1072) Das harte Herz möge dahinschmelzen, wenn man vor ihm steht und um die gewünschten Gaben bittet. Eine glückliche Ehe, Kinder, Beredsamkeit, Bildung, Gold, Freuden nach dem Herzen, die Flucht der Feinde und Königsherrschaft in diesem Leben: All das kann man so erlangen, wie man es sich ersehnt. (1073) Vedische Brahmanen und andere, die nicht berechtigt sind, dieses ursprüngliche Linga zu berühren, sollen das Gelübde erfüllen, indem sie nach diesen Vorschriften ein aufgestelltes Linga verehren. Angehörige von Gemeinschaften, denen die unmittelbare rituelle Verehrung nicht gestattet ist, sollen die Mittel bereitstellen und die Puja von Adishaiva-Priestern vollziehen lassen.

(1074) Dieses unvergleichliche Gelübde kennt fünf Formen: nur mittags essen, nur nachts essen, auf beide Mahlzeiten verzichten, ohne Schlaf wachen und in allen vier Nachtwachen die Verehrung vollziehen. Jede folgende Form gilt als höher als die vorherige. Man hält es ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, zwölf Jahre oder ein ganzes Leben lang. (1075) Wer das Gelübde hält, berücksichtige die Kraft seines Körpers und vollziehe den feierlichen Abschluss, Udyapana, entsprechend der übernommenen Verpflichtung. Für den Abschluss der festgelegten Jahreszahl gilt diese Ordnung: Man errichte einen mit Blütenkränzen geschmückten Pavillon, Feuergrube und Mandala und lasse aus dreißig Kazhanchu glänzenden Silbers ein Bild des großen Herrn herstellen. (1076) Am Morgen erfülle man unter Anleitung des Lehrers die täglichen Pflichten. Von Mittag bis zum Abend höre man die Purana-Schriften. Vom Abend an verehre man während aller vier Nachtwachen den Herrn, dessen Hälfte die Fischäugige ist. Am Ende jeder Puja bringe man mit dem Grundmantra jeweils hundertacht Feueropfergaben dar.

(1077) In jeder der vier Nachtwachen lege man tausend Bilva-Blätter unter Nennung der tausend Namen dar. Mit dem heiligen fünfsilbigen Mantra biete man Arghya dem Herrn an, dessen Gestalt diese fünf Silben bilden. Mit dem unermesslichen Grundmantra und den weiteren Mantras nähre man das strahlende Feuer und vollende durch die vollständige Schlussgabe das Opfer für den Endlosen. (1078) Nach Tagesanbruch erfülle man die täglichen Pflichten. Auf dreizehn üppig grünen Bananenblättern breite man reinen weißen Reis und wohlschmeckende, duftende Gemüsegerichte aus. Auf den Reis stelle man dreizehn Gefäße voll weißer Milch. Man lade gottverbundene Brahmanen ein, die zur Shiva-Verehrung berechtigt und in Liebe mit seinen Füßen vereint sind. (1079) Man schenke ihnen schönen Ohr- und Handschmuck, verehre sie mit wachsender Herzlichkeit und überreiche eine würdige Dakshina. Dazu gebe man Sandalen zum Schutz ihrer Lotosfüße, Fächer, kühlende Schirme, feine Gewänder und weitere Gaben. Danach wende man sich dem Lehrer und seiner treuen, blitzschlank gewachsenen Gemahlin zu.

(1080) Man lasse beide auf Ehrenplätzen sitzen, schmücke sie mit kostbaren Gewändern sowie Ohr- und Handschmuck und verehre sie mit duftenden Blüten. Das angefertigte und verehrte Bild des Gemahls der Bergestochter schenke man dem Lehrer, dazu schönes Gold, Land, weitere Güter und eine Kuh, die mit Stoffen, Blütenkränzen und Hornschmuck geziert ist. [Ein Ausdruck der Aufzählung weiterer Gaben bleibt unsicher.] (1081) Nach diesem Abschluss esse man auf Geheiß des Lehrers zusammen mit Shivas Liebenden, den Kindern und der Verwandtschaft. Schon Vishnu, der Lotosgeborene Brahma, Indra, die übrigen Himmelsbewohner und die achtzehn Scharen hielten dieses Gelübde. Auch Menschen haben es vollzogen und dadurch schwer erreichbare Freuden und Befreiung erlangt. (1082) Wer es hält, wird von heftiger Feindschaft und seelischem Leid frei. Das verderbliche Karma aus tausend Geburten schwindet, und noch in diesem Körper erreicht er Shivas Zustand. Wer von diesem Gelübde erzählt oder davon hört, lebt glücklich mit Frau, Kindern und Verwandten und verweilt danach freudvoll im Himmel für die Dauer von vierzehn Indras.‘ So sprach der Gerechte.

(1083) Die Könige mit strahlendem Juwelenschmuck verabschiedeten sich vom Weisen, um nach seiner Unterweisung das Gelübde Somasundaras einzuhalten. Sie badeten im Teich der herrlichen goldenen Lotosblüten, verehrten den Herrn, dessen Hälfte die schöne Fischäugige umfängt, priesen ihn und übten das Gelübde. (1084) Nachdem sie Sundara durch ihre Verehrung gedient und seinen Segen empfangen hatten, brachen sie auf dem Weg durch den Himmel auf. Der Götterkönig erfuhr von ihrem Kommen und befahl, drei gesonderte Löwenthrone für sie bereitzustellen. Man stellte sie niedriger als seinen eigenen Thron auf. (1085) Die drei Könige erreichten auf dem Himmelsweg das goldene Land und traten vor den Herrn der Götter mit dem fleischdurchdringenden Vajra. Der Chera mit dem honigträufelnden Palmenblütenkranz und der Chola mit dem Atti-Kranz nahmen auf den Sitzen Platz, die der himmlische Herr ihnen anwies.

(1086) Doch der Pandya, dessen siegreicher Speer das dunkle Meer zum Versiegen gebracht hatte, stieg mit rotglänzendem Kronjuwel auf den Thron des Götterkönigs und setzte sich ihm gleichberechtigt zur Seite. Indra wurde von Neid erfüllt und wandte sein Gesicht den beiden anderen Königen zu. (1087) Er begrüßte sie freundlich und fragte: ‚Sagt, weshalb seid ihr gekommen?‘ Sie antworteten: ‚Herr der Opfer, in unseren Ländern bleibt der Regen aus; deshalb suchten wir dich auf.‘ Mit freundlicher Miene gewährte er ihren Ländern reichen Regen, schenkte ihnen funkelnden Juwelenschmuck, Gold und Gewänder und entließ sie. (1088) Nachdem sie gegangen waren, betrachtete der Götterkönig, wie der Herr des südlichen Landes stolz mit ihm auf gleicher Höhe thronte und auch weiterhin nicht um Regen bat. Um seinen Unmut über dieses selbstbewusste Verhalten zu verbergen, ersann er eine List.

(1089) Als wolle er ihm eine besondere Ehre erweisen, schenkte er ihm eine Halskette, deren Gewicht selbst die berggleichen Schultern zahlloser Träger ermüden ließ. Der Sohn Shivas und der treuen Uma nahm sie entgegen und legte sie sich sogleich um den Hals, als wäre sie nur ein honigduftender Blütenkranz. (1090) Der Herr der Götter sah dies und war im Herzen außerordentlich erstaunt. ‚Du, dessen Brust ein frischer Neemkranz umgibt, in dem die Bienen summen! Von heute an soll dich die Welt als Aram Tangum Pandya, den Pandya, der die Halskette trägt, ehren‘, sprach der König des Himmelslandes. (1091) Der Südkönig maß diesen Worten keine Bedeutung bei, verließ den Himmel und kehrte in seine Stadt zurück. Auf Indras Befehl fiel inzwischen in den Ländern der beiden anderen Könige überreichlicher Regen. Das Land des Pandya jedoch blieb in seinem früheren Zustand.

(1092) Eines Tages ging der Herrscher auf die Jagd. Er gelangte an die sandelbewachsenen Hänge des himmelhohen Potiyam-Berges. Dort jagte und tötete er gefährliche Tiere: Löwen, Wildschweine, Tiger, Bären und Antilopen. (1093) Am goldreichen Berg sah er die vier blitztragenden Wolken, beginnend mit Pushkalavarta, herabsinken und weiden. Der siegreiche König mit den hohen, festen, berggleichen Schultern ergriff sie und legte ihnen starke Fesseln an, wie man wilde Elefanten festbindet. (1094) Wie rotäugige Elefanten, die bei der Jagd gefangen worden waren, führte er sie fort und sperrte sie ein. Der Herr der Himmelswelt, dessen Körper mit Augen bedeckt ist und der einst die Flügel der Berge abschlug, hörte davon. Wie Feuer im Holz flammte sein Zorn auf; er beschloss einen erbitterten Krieg.

(1095) ‚Er hat seinen Speer geworfen und das wogende Meer ausgetrocknet. Er hat sich gerühmt, die schwere Halskette zu tragen. Nun besitzt er die Dreistigkeit, meine Wolken zu fesseln. Wie kann ein menschlicher Leib solche Kraft haben?‘ Von gekränktem Stolz getrieben, umzingelte Indra Madurai, die Stadt des Königs mit dem Fischbanner. (1096) Späher liefen zum Pandya, beugten die Häupter unter seine glänzenden Füße und berichteten: ‚Die Heere der Götter haben die Außenbezirke der Stadt bedeckt!‘ Zorn und Ehrgefühl wuchsen in ihm; er erhob sich von seinem Thron und brach auf. (1097) ‚Macht Wagen, Pferde und Elefanten bereit! Die Krieger sollen unverzüglich vorrücken!‘, befahl er. Ohne zu fragen, wer seine Gegner seien, bestieg er den Nacken eines Elefanten, der einem Berg im Brunstrausch glich. Noch ehe er die Befestigung der weiten, wohlbewachten Stadt verlassen hatte, begann der Angriff.

(1098) Die Himmlischen rückten heran, stießen Kriegsgeschrei aus, hoben zahlreiche Waffen und schleuderten sie. Sie legten Pfeile an ihre Bogen und ließen sie wie den Regen am Weltende auf das Heer des Helden aus dem Mondgeschlecht niedergehen. (1099) Die Krieger des Herrn des Malaya-Berges brüllten zurück. Sie spähten nach ihren Gegnern und überschütteten sie mit vielerlei Waffen. An ihre gekrümmten Bogen legten sie Pfeile und bedeckten die Körper der Götter so dicht damit, dass diese darin begraben schienen. (1100) Beine und Köpfe wurden abgetrennt, Schultern und Hände zerschmettert und abgerissen; sie stürzten in ein Meer von Blut. Geisterscharen, Raubvögel und Leichendämonen drängten sich herbei. Das Heer des Herrn der Himmelsbewohner brach auseinander.

(1101) Kopflose Rümpfe tanzten über das von Toten erfüllte Schlachtfeld. Die Geister sangen, und die Dämonen verehrten die Füße der Göttin Vindhya. Blut tropfte herab; Leichenberge bedeckten die Erde und schienen bis ans Himmelsgewölbe zu reichen. (1102) Der grimmige Bezwinger Valas sah sein tapferes Heer untergehen. Seine Augen sprühten Feuer; er bebte wie eine Flamme vor Baumwolle. Nun sann er darauf, mit seinen göttlichen, vernichtenden Waffen den Kampf aufzunehmen. (1103) Der Himmlische stieß einen Schrei aus und sandte die Waffe der brennenden Sonne. Der Erdenkönig schleuderte ihr die kühlstrahlende Mondwaffe entgegen und löschte sie aus. Dann entließ der Götterkönig die schreckliche Löwenwaffe. Der Bezwinger des Meeres hielt sie mit der Waffe des erhabenen Sharabha nieder.

(1104) Der Feind der Dämonen legte den Pfeil der Verblendung an und schoss ihn ab. Der König mit dem Fischbanner vernichtete ihn durch den Pfeil der Erkenntnis. Danach gingen beide zum unmittelbaren Zweikampf über. Dabei schleuderte der Himmelsbewohner seinen Vajra gegen den Erdenkönig und brüllte auf. (1105) Der König, einem zornigen Löwen gleich, schwang seinen Wurfring und schleuderte ihn mit aller Kraft. Der Ring schlug den Vajra nieder und traf die leuchtende Krone auf dem Haupt dessen, der ihn geworfen hatte; er riss sie herunter und zerschmetterte sie. Voll Scham und Furcht floh der Held, der einst die Bergflügel abgeschnitten hatte. (1106) Der starke Held glich jenem jungen Gott mit den scharfen, zwei Mondsicheln vergleichbaren Zähnen, der die Brust des dunklen Berges spaltete. Sein gezielt geschleuderter Ring trennte Indras Kopf nicht ab, sondern zerstörte lediglich die goldene Juwelenkrone. Dass es dabei blieb, war die Frucht von Indras Verehrung des Herrn Somasundara. [Der Vergleich mit dem bergspaltenden Gott ist sprachlich verdichtet.]

(1107) Der Träger des scharfen Speers und der Siegesgirlande, der Vollbringer der hundert Opfer, konnte dem Kampf nicht standhalten und war in seine goldene Stadt geflohen. Später sandte er dem Pandya einen Palmblattbrief: ‚Ich werde allen Orten deines Landes Regen schenken. Lass die Feindschaft enden und gib mir die Wolken zurück.‘ (1108) Der Bote brachte den Brief, trat ehrerbietig zu den Füßen des gekrönten Königs und reichte ihn dar. Ein Diener nahm ihn und las ihn dem löwengleichen Herrscher vor. Der König mit dem giftgleich tödlichen Speer hörte zu, doch er schenkte dem Wort des Götterkönigs keinen Glauben. (1109) Er blieb entschlossen, die Wolken nicht aus ihrem festen Gefängnis freizulassen. Da verneigte sich ein Vellala-Bauer, der seit langem mit Indra befreundet war, und erklärte: ‚Ich übernehme die Bürgschaft für ihn.‘ Der König, dessen Brust die honigträufelnde Neemgirlande schmückte, erwog dieses Wort.

(1110) Dieser Mann aus dem vierten Stand hielt an der Wahrheit fest und lebte ohne Makel, selbst wenn Bedrängnis sein Leben bedrohte. Der König achtete sein Wort wie die vom Wahrhaftigen verkündeten Veden und löste die Fesseln im Gefängnis. Wie freigelassene Elefanten kehrten alle Wolken zurück. (1111) Auf Befehl des Götterkönigs regnete es nun dreimal im Monat. Teiche und Becken, Flüsse und tiefe Wasserstellen, liliengesäumte Felder, rote Reisfluren, Zuckerrohrdickichte, blütenreiche Haine und Wälder erblühten. So gewann das südliche Land wieder seine Pracht.

Hier endet „14. Der Wurfring trifft Indras Krone“. Möge es glückverheißend sein.

15. Der Berg Meru wird mit dem Streitkolben geschlagen

(1112) So haben wir erzählt, wie der König der Könige seinen Wurfring schleuderte, die bienenumsummte Krone des Götterkönigs zerschmetterte und den Gegner, vor dessen Kämpfen die Himmlischen erzitterten, zur Flucht zwang. Nun schildern wir, wie dieser Herr des südlichen Landes den Meru mit seinem Schlagstock traf und einen Schatz gewann. (1113) Seit der König der Weisen vom Malaya-Berg ihn unterwiesen hatte, hielt der Herrscher das Montagsgelübde unablässig ein. Wie die sichtbare Frucht dieser guten Übung erschien ihm ein Sohn: Im Schoß seiner Gemahlin Kantimati wurde ein Kind geboren, dessen künftige Siege kaum zu ermessen waren. (1114) Als sie den Knaben gebar, war es, als wäre Jayanta selbst geboren worden. Der Beschützer des Landes ließ die Instrumente erklingen, und die ganze Stadt freute sich. Sein Herz empfand jene jubelnde Wonne, die Indra erfüllt hatte, als ihm der siegreiche Jayanta geboren wurde.

(1115) Der Löwe unter den Südkönigen vollzog die Geburtsriten und gab dem Kind den Namen Vira Pandya. Der geliebte Sohn lernte die mündlich überlieferten heiligen Künste und weitere Wissensgebiete, den Umgang mit Elefanten, Wagen, Pferden und Waffen. Sein heranwachsender Glanz erfüllte den Vater mit Freude. (1116) Doch wieder änderten die Planeten ihren gewohnten Lauf. Der Regen versiegte, das Wasser der Flüsse sank, die Jahreszeiten verkehrten sich, und Nahrung fehlte. Alle Lebewesen litten Hunger und wurden schwach. Das ganze Land geriet in Not und konnte dem König die Erträge nicht mehr entrichten. (1117) ‚Weshalb bleibt der Regen aus?‘, fragte der Pandya. Die Gelehrten, die die Schriften durchforscht hatten und die Zeiträume bis zum unvergänglichen Brahma-Kalpa kannten, antworteten: ‚Die Planeten stehen der Sonne zugewandt. Deshalb wird ein Jahr lang kein lebenspendender Regen fallen.‘

(1118) Wie eine Mutter, die angesichts der Krankheit ihres Kindes leidet, ging der König zum höchsten Licht, das die Mondsichel trägt, und verneigte sich. ‚Herr, die Welt verschmachtet in großer Hungersnot!‘ Mit überströmender Anteilnahme flehte er, während seine Augen von Tränen überquollen. (1119) Der Herr, dessen Kehle das Gift des wogenden Meeres birgt, wartete auf die rechte Zeit und blieb still, als empfände er kein Mitleid. Der König mit der duftenden Girlande auf der Brust versank in einem Meer des Leides, dessen Ufer unerreichbar schien, und kehrte in seinen Palast zurück. Die Sonne durchschwamm den Himmelsraum und sank ins Wassermeer. (1120) Das ganze Leid der hungernden Wesen, die unter seinem schützenden Schirm lebten, hatte das Herz des Freigebigen eingenommen. Die freundliche Frische seines Gesichts schwand. Von niederdrückendem Kummer überwältigt, schlief er auf dem Boden. Da erschien ihm der Herr der Silbernen Halle im Traum in der Gestalt eines Siddha.

(1121) ‚Du mit dem strahlenden, siegreichen Speer! Regen ist jetzt schwer zu erlangen; quäle dich nicht damit, ihn zu erbitten. Beim gewaltigen, feurig goldenen Meru, dem König der Berge, liegt in einer großen, abgelegenen Höhle ein unermesslicher, unvergänglicher Schatz sicher verwahrt. (1122) Geh dorthin! Schlage den Meru mit deinem Schlagstock, sodass sein Stolz gebrochen wird, und zwinge ihn unter deinen Befehl. Entferne den Fels, der die Goldkammer verschließt, nimm so viel heraus, wie du brauchst, verschließe sie wieder und versiegle sie mit deinem Zeichen. Dann kehre zurück, mein Lieber!‘ So sprach der Herr. (1123) Der König erwachte und vollendete alle morgendlichen Pflichten, bevor der Lenker des Sonnenwagens mit seinen sieben Pferden aufging. Er umschritt den Gemahl der Fischäugigen nach rechts. Umgeben von seinen Heeren, die dem anbrandenden Meer glichen, verließ er das wolkendurchstoßende Stadttor und zog zunächst ostwärts.

(1124) Trommeln und Muschelhörner dröhnten; die Instrumente schallten, als zerbräche das Himmelsgewölbe. Weiße Wedel hüpften im Wind. Die in den vier Veden gereiften Brahmanen sprachen Segensworte, und redegewandte Dichter priesen ihn. Sein Wagenlenker trieb den festen Wagen voran, dessen Räder die Erde tief aufrissen. (1125) Ihn umgaben Wedel mit Korallenstielen, juwelenbesetzte Schirme mit goldenen Stangen und Wälder weißer, perlengeschmückter Banner. Elefantenberge, die große Futterballen verschlangen, ließen Brunstwasser wie mächtige Wasserfälle strömen. Dazu kamen ein Meer springender Pferde, Fußsoldaten und Wagen: Unter ihrer Last erbebte der Leib der Erdgöttin. (1126) Neben dem Fischbanner erhoben sich das einzige große Tigerbanner mit dem gekrümmten Krallen tragenden, fleischriechenden Raubtier und das Banner des gebogenen Bogens. Das Fischbanner schien aus der Erde aufzutauchen, über die sieben hohen Berge emporzuwachsen und den weiten Himmelsraum aufzureißen.

(1127) Als zöge das südliche Meer nach Norden, durchquerte das Heeresmeer des Südkönigs das kühle Tamilreich. Er zog über schwierige Wege und nahm die ehrerbietige Begrüßung des Chola-Königs entgegen. Dann durchmaß er dessen wasserreiches Land. (1128) Er ließ das Dandaka-Land hinter sich, durchquerte das Telugu-Land und überschritt Karnataka, dessen Grenzen stachelige, schräg wurzelnde Schraubenpalmen säumten. Er verließ Wälder, Berge mit dröhnenden Tondaka-Trommeln und Flüsse und erreichte Malava, das von Blütenhainen voller honigsuchender Bienen umgeben war. (1129) Von dort zog er weiter über glühend heiße, schwer begehbare Wildnispfade und gelangte nach Virata mit seinen hohen, goldglänzenden Hallen. Er ließ duftverströmende Wälder und Berge zurück und erreichte das mittlere Land, wo springende Valai-Fische die Kokospalmen erschüttern, sodass junge Nüsse ihr Wasser vergießen.

(1130) Von dort zog er weiter über glühend heiße, schwer begehbare Wildnispfade und gelangte nach Virata mit seinen hohen, goldglänzenden Hallen. Er ließ duftverströmende Wälder und Berge zurück und erreichte das mittlere Land, wo springende Valai-Fische die Kokospalmen erschüttern, sodass junge Nüsse ihr Wasser vergießen. [Dieser Vers wiederholt in der verwendeten Quelle Vers 1129. Die Wiederholung bleibt erhalten.] (1131) Er durchquerte menschenleere Gegenden, in denen Löwen, gewaltige Elefanten und Yalis umherzogen. So überschritt er das tausend Yojana weite Kumari-Gebiet mit seinen Wildnissen und ließ Bharata-Varsha hinter sich, das außer diesem noch acht ähnlich ausgedehnte Gebiete umfasst. (1132) Er überquerte den goldenen Himalaya, der jene Tochter hervorbrachte, die selbst alles geboren hat. Jenseits davon erreichte er das von Freuden überströmende Kimpurusha-Gebiet. Auch dieses verließ er, überschritt den Hemakuta-Berg und gelangte nach Hari-Varsha, dessen Landschaft wie ein Gemälde erschien.

(1133) Er zog weiter, überschritt den Nishadha-Berg und den Fluss, den der Saft der Früchte des goldspendenden Jambu-Baumes bildet. In Ilavrita angekommen, sah der Herr des Malaya-Berges den Meru: jenen Berg, der sich beim gleichzeitigen Untergang der drei Burgen zum schrecklichen Siegesbogen gekrümmt hatte. (1134) Er ließ die Flut seiner bewaffneten Krieger zurück und ging zur Südseite. Dort sah er nahe den beiden goldführenden Flussarmen, in denen der Saft der Jambu-Früchte reichlich strömt, Felder und Wälder ganz aus Gold. Er umrundete sie und trat von Süden her an den Berg. [Die Zahl der Flussarme ist im Wortlaut unsicher.] (1135) Er rief dem König der Berge zu: ‚Herrscher aller Berge! Bogen in der Hand unseres Vaters! Stütze der Erde! Göttlicher Berg, den die himmelwandernden Lichter, Planeten und Gestirne umkreisen! Wohnstätte der erhabenen Götter!‘

(1136) So rief der König mit dem blitzenden Rubinschmuck. Doch der Bergkönig zögerte und ließ auf sich warten. Der Bezwinger Indras empfand dies als Schmach. Um seinem Zorn Genüge zu tun und den Stolz des glänzenden Meru zu brechen, schlug er mit dem Schlagstock auf dessen himmelhohen Gipfel. (1137) Unter dem Schlag erbebte der sonst unbewegliche Meru und hüpfte wie ein goldener Ball. Seine Gipfelreihen und die Reihen der göttlichen Paläste barsten. Zahllose Edelsteine fielen herab, als wäre die Scheibe der jungen Sonne zersprungen und hätte ihre Splitter über die Erde verstreut. (1138) Die acht umliegenden Bergketten, die vier goldenen Stützberge, die vier großen Wasserbecken, die vier blühenden Haine und die vier heiligen Bäume gerieten ins Wanken. Wie sollten die Angehörigen Freude empfinden, wenn ihren Herrn ein Unglück trifft?

(1139) Nach diesem Schlag erhob sich die Gottheit des Meru in leiblicher Gestalt: mit acht Schultern wie den acht umgebenden Bergen, vier Häuptern und einem einzigen, weißstrahlenden Schirm über sich. Beschämt trat sie heran. Der barmherzige König ließ seinen auflodernden Zorn sinken und sah sie an. (1140) ‚Weshalb hast du so lange auf dich warten lassen?‘, fragte er. Die Berggottheit erwiderte: ‚Höre, kunstfertiger Herr! Ich habe das Gelübde übernommen, täglich in dieser Gestalt hinzugehen und den Höchsten zu verehren, der die Schlange mit aufgerichteter Haube trägt und mit der großäugigen Göttin vereint ist. (1141) Doch höre, was heute geschah, Herr: Wegen einer schmucktragenden Frau geriet ich in den Strudel der Verblendung im großen Meer der Begierde. Ich vergaß, die goldenen Füße dessen zu verehren, der in der Silbernen Halle tanzt, und blieb zurück. Wegen dieses Vergehens traf mich nun auch dein Schlag.

(1142) Du hast das Übel getilgt, das daraus entstand, dass ich seine heiligen Füße versäumte. Könnte der Herr mir etwas Heilsameres gewähren? Und vermag ich dir dafür eine angemessene Gegengabe zu leisten? Doch lassen wir das: Du mit der duftenden, berggleichen Brust, weshalb bist du gekommen? Sprich!‘ (1143) ‚Ich bin gekommen, um einen Schatz zu erhalten‘, antwortete der König. Der Berg aus reinem Gold erwiderte: ‚Herr, dort unter dem goldglänzenden süßen Mangobaum liegt Gold verborgen, dessen Feinheit selbst für die Himmelsbewohner angemessen ist.‘ Mit seiner schönen Hand zeigte er auf den Ort. (1144) Der König mit dem blitzenden Speer, vor dem sich selbst das Meer gebeugt hatte, ging zur Goldkammer und entfernte den verschließenden Fels. Er nahm so viel Gold heraus, wie er benötigte, und verschloss die Kammer wieder. Mit seinem Namen und Siegel kennzeichnete er sie, damit auch der verbleibende Schatz ihm zugehörig sei.

(1145) Der König mit dem blitzenden Juwelenschmuck auf der Brust kehrte zu seinem Heer zurück. Auf dem breiten, von Pferden gezogenen Wagen, den sein Lenker führte, zog er südwärts. Goldene Berge, Länder himmlischer Freuden und andere Gegenden ließ er hinter sich und näherte sich wieder den Wohnstätten der Menschen. (1146) Die Herrscher des mittleren Landes, von Virata, Malava und Telugu sowie die übrigen Könige erwarteten in ihren Städten seine Rückkehr. Mit ihren prächtigen Wagenheeren kamen sie ihm entgegen und begrüßten ihn. So gelangte der Herr mit der Girlande auf der schönen Brust wieder in das kühle südliche Tamilreich. (1147) Als er sich der herrlichen goldenen Stadt mit ihren unbezwinglichen Mauern näherte und das hohe, goldgeschmückte Tempeltor sah, stieg er zur Verehrung vom Wagen. Er verneigte sich nach der achtgliedrigen und der fünfgliedrigen Weise und erhob sich. So erreichte der König Madurai, die Stadt des Herrn mit dem feuerroten Stirnauge.

(1148) Brahmanen auf dem Weg der Rechtschaffenheit, Entsagende, mit heiliger Asche geschmückte Shaivas, die sich von fremden Wegen abgewandt und Shivas Füße ergriffen hatten, und die Diener im Heiligtum des Reinen versammelten sich zu seinem Empfang. Er überschritt die perlenhelle Vaigai und trat durch das Tor der hohen Stadtmauer ein. (1149) Er zog durch die festlichen Straßen, in denen Frauen mit duftenden Blütenkränzen Kumkum wie einen feinen Regen ausstreuten. Er erreichte den von Vedengesang erfüllten Tempel, umschritt ihren Herrn, verneigte sich, erhob sich und pries ihn. Dann kehrte er in seinen reichen Juwelenpalast zurück, dessen Türme der Mond umkreiste. (1150) Den segensreichen Schatz, den ihm die Gottheit des goldenen Berges gegeben hatte, häufte er gleich einem weiteren solchen Berg auf. Er verteilte ihn und schützte damit die vielen Familien seines Landes. Der Herr des Südberges erfüllte seine Pflichten gegenüber Göttern, Ahnen, Verwandten, eigenem Haus und Gästen und lebte in königlicher Würde.

(1151) Nach dem Befehl Ishvaras, der die fünf göttlichen Tätigkeiten ausübt, änderten die Planeten ihre störende Stellung. Überall im Land des Südkönigs fiel wieder Regen und schenkte reichen Wohlstand. Alle Lebewesen fanden neue Lebensmöglichkeiten und gediehen. (1152) Nachdem der Pandya, der die schwere Halskette getragen hatte, die Erde auf diese Weise geschützt hatte, setzte er seinem edlen Sohn die Krone auf. Vor den sieben Welten übertrug er ihm unter dem Namen Vira Pandya die Herrschaft. Er selbst ging ungetrennt in den Schatten der Füße Shivas von Madurai ein, der ihm den Gnadenblick stets neuer, unvergleichlicher, vollkommener Glückseligkeit und Erkenntnis schenkte, und verweilte erfüllt von seinem ursprünglichen Glanz. [In der tamilischen Vorlage trägt dieser Vers irrtümlich die Nummer 1140.]

Hier endet „15. Der Berg Meru wird mit dem Streitkolben geschlagen“. Möge es glückverheißend sein.

16. Der Sinn der Veden wird offenbart

(1153) Wir haben erzählt, wie Ugra Pandya mit seinen mächtigen Schultern den hohen Meru mit dem goldenen Schlagstock traf, den Schatz entnahm, zurückkehrte und die Gnade erlangte. Nun schildern wir, wie unser Herr von Madurai während der Herrschaft Vira Pandyas den gelehrten Weisen den Sinn der vier Veden erschloss. (1154) Eine furchtbare Weltauflösung kam. Die fünf großen Elemente veränderten ihren Zustand; die vierzehn übereinanderliegenden Welten sowie die himmlischen Bereiche Brahmas, Vishnus und der Götter gingen dorthin zurück, woraus sie entstanden waren. Auch die Veden mit ihrem wahren Sinn wurden eingezogen. Später erblühte vor Shiva wieder das ganze All wie eine duftende Lotosblüte vor der strahlenden Sonne. (1155) Das höchste, alles übersteigende Licht beschloss, die drei Tätigkeiten erneut wie zuvor wirken zu lassen, und brachte Vishnu mit dem siegreichen Diskus hervor. Im Nabel-Lotos dieses Herrn erschien Brahma wie eine Biene und schuf die drei Welten in ihrer Ordnung. Aus dem heiligen Mund des Götterherrn, der Gift getrunken und so die verehrenden Himmlischen am Leben erhalten hatte, entstand das Urwort.

(1156) Das Pranava erhob sich, und aus ihm wurden die Veden geboren. In Naimisharanya beschäftigten sich die gnadenvollen Weisen Kanva, Garga und andere mit ihnen. Doch ihren Sinn vermochten sie nicht zu erkennen; Herz und Gesicht wurden matt. Da kam ein Brahmane namens Arapatta, der durch Erkenntnis die Macht der dunklen Unreinheit überwunden hatte. (1157) Die dort versammelten Brahmanen gingen ihm entgegen, begrüßten ihn ehrerbietig und boten ihm einen besonderen Sitz. Er blickte die Weisen an und sprach: ‚Ihr seid doch von solcher Wesensart, dass ihr die Leiden der Bindung und die Regungen von Zuneigung und Abneigung überwunden habt. Weshalb ist euer Geist verstört, weshalb sind eure Gesichter so bleich?‘ (1158) Sie antworteten: ‚Wir studieren die Veden, die der von täuschender Maya Freie verkündet hat; doch ohne einen Lehrer, der ihren Sinn erläutert, bleiben unsere Herzen im Dunkeln. Herr, welcher Ausweg ist möglich?‘ Der Klarsehende sprach: ‚Das höchste Licht Shiva, das die Veden aussprach, muss eine Gnadengestalt annehmen und auch ihren Sinn enthüllen. Welchen anderen Weg könnte es geben?‘

(1159) Nichts Wertvolles lässt sich ohne vollbrachte Askese erlangen. Doch selbst Askese trägt ihre Frucht erst an einem verdienstvollen heiligen Ort. Wird sie an einem besonders würdigen Shiva-Ort geübt, schenkt sie höheren Ertrag; unter diesen Orten gibt es wiederum einen herausragenden, an dem große Askese leicht ihre Frucht hervorbringt. (1160) Welcher Ort ist das? Es ist Madurai, das zwölf Fingerbreiten über dem Scheitel des wunderwirkenden Herrn leuchtet, dessen Körper das gesamte Universum ist. Die Schriften der Rechtschaffenheit erklären: Dort wohnen zahllose Götter und Weise als bereits im Leben Befreite; sie haben durch ihre Bemühung die Frucht großer Askese erlangt und ihr Denken von Makeln gereinigt. (1161) Südlich neben dem kostbaren Heiligtum, das aus dem klaren Himmel herabkam, weilt der Ursprung aller Dinge stets im Schatten des alten, mächtigen Banyan-Baumes. Den Gerechten, die ihn verehren, schenkt er Freude; sein gnadenvolles Gesicht erblüht, und er erhellt ihnen alle unermesslichen Künste. Diese leuchtende Gestalt wird euch den Sinn der Veden offenbaren.

(1162) ‚Geht dorthin und übt vor ihm das Gelübde schwerer Askese!‘ So sprach der große Asket, der wie die Gnade des Höchsten selbst erschienen war. Die heiligen Weisen folgten ihm nach Madurai, zum Herrn mit der Göttin als einer Hälfte. Sie betraten den goldenen Juwelentempel und badeten im Goldlotos-Teich, dessen Muscheln an die Hand Vishnus mit Diskus und Muschel erinnerten. (1163) Sie stiegen ans Ufer; grenzenlose Liebe drängte sie eilends voran. Sie sahen das Heiligtum, einem Meru gleich, getragen auf den Nacken von acht silbernen Bergen, den Elefanten. Als sähen sie den Sinn der heiligen Aussagen mit eigenen Augen, erblickten sie den Herrn der Götter unmittelbar. Sie sanken ins uferlose Meer höchster Wonne und zugleich auf den Erdboden nieder und erhoben sich wieder. (1164) Über dem Kopf falteten sie die Hände. Arme und Beine bebten; sie versanken in der Flut ihrer Tränen, und ihre Stimmen stockten. ‚Du mit der dunklen Kehle, den Brahma und Vishnu noch immer nicht ganz erkennen! Tänzer in der Silbernen Halle! Herr der Götter! Höchster, der Gift trank und Nektar gewährte, damit die Himmlischen leben: Dir sei Preis!‘

(1165) ‚Weil wir den Sinn der Veden nicht sahen, litten unsere Herzen in Verwirrung. Nun stehst du selbst als ihr vollkommener Sinn vor uns. Was könnte ihre Bedeutung außer dir sein?‘ So priesen sie den Herrn und ebenso die schöne fischäugige Göttin an seiner Seite. Sie umschritten beide nach der Ordnung und traten vor die Gestalt im Schatten des Banyan-Baumes. (1166) Sie verneigten sich vor dem einzigartigen Lehrer und priesen ihn. Sein Körper war wie kühler Kristall; seine Füße, sein blütenroter Mund, die drei Augen und vier lotosroten Hände glänzten, als wären sie in einen Kristallberg eingelassen. Er trug das Vedenbuch, den Nektarkrug, die Rudraksha-Kette und das Zeichen wahrer Erkenntnis. [Ein weiterer Ausdruck seiner Darstellung ist im Ausgangstext unsicher.] (1167) Von Varapatta lernten sie zuverlässig das zweiundzwanzigsilbige Medha-Mantra des Vedenursprungs unter dem Banyan-Baum. Vom Vollmond des Monats unter dem Skorpion bis zum folgenden Vollmond hielten sie das Gelübde: dreimal täglich Darbringung von Wasser, Feueropfer und Speisung der Brahmanen, verbunden mit Rezitation. Vor diesen großen Asketen sollte sich nun der verborgene Veden-Sinn enthüllen. [Der Name des Lehrers erscheint gegenüber Vers 1156 in abweichender Form.]

(1168) Zum Staunen der ehrwürdigen Weisen nahm der ursprüngliche Lehrer, der unter dem Banyan-Baum als Gestalt des Schweigens saß, die Erscheinung eines sechzehnjährigen Brahmanenjünglings an. Alle zweiunddreißig vollkommenen Körpermerkmale zeichneten ihn aus. (1169) Die drei breiten Streifen heiliger Asche bedeckten das feurige Stirnauge. Schöne Rudraksha-Perlen schmückten ihn. An seinen langen Ohren hingen goldene Ohrringe und zahlreiche glänzende Scheibchen; sie sandten junge, weithin wandernde Lichtstrahlen aus wie das Lächeln seiner Gnade. (1170) Sein weißes Obergewand war zur rechten Seite zurückgelegt. Neben der perlweißen heiligen Schnur trug er Rudraksha-Ketten mit eingereihten Perlen. Das aus diesen Ketten hervorbrechende Licht zerstreute die Dunkelheit der unreinen Bindung, die seine Verehrer verhüllte.

(1171) Rudraksha-Schmuck umgab beide Hände und Arme. Die aus den Oberarmketten strömende Helligkeit schien die glänzende Giftschlange zu verdrängen. Über dem breiten weißen Lendentuch wand sich um seine Hüfte ein kostbarer Gürtel und verbreitete reichen Glanz. (1172) An seinen Lotosfüßen erklangen die Fußringe, als summten Bienen ihre wechselnden Lieder. Die sieghaften Fußspangen ertönten an diesen Lotosblüten, die die dunkle Unreinheit aus den Herzen der Dienenden schneiden und ihnen als Kronenschmuck auf das Haupt gesetzt werden. (1173) An seiner rechten Hand funkelte der makellose Pavitra-Ring; in der linken glänzte das Buch der aufgezeichneten Erkenntnis. Die Veden, die rufen und suchen, ohne ihn durch bloßes Rezitieren ganz zu erkennen, waren zu Sandalen geworden und umfingen seine beiden Lotosfüße.

(1174) Zunge und Gaumen bewegten sich, und der aufsteigende Vedenklang summte wie sechsfüßige Bienen in Lotosblüten. Durch die Ohren seiner Diener floss er wie durch Bewässerungskanäle auf das Feld ihrer Herzen und ließ dort die glänzende Ernte der Freude wachsen. (1175) Ein leises Lächeln ließ die kühlen Perlen seiner Zähne im heiligen Mund aufblühen. Vor den Augen der großen Asketen trat er sichtbar hervor und stand im offenen Raum: der uranfänglich Vollkommene, der am Ende des Nada ist, das Erkennen übersteigt und als Erkenntnisgestalt des Vedanta alles erfüllt. (1176) Wie das niemals alternde Meer beim Anblick des runden, hellen Mondes aufbraust, so jubelten die reifen Weisen, als sie den jungen Lehrer sahen. Eine ununterbrochene Flut der Freude überströmte sie. Sie verneigten sich und nahmen seine Lotosfüße, die den zornigen Tod bezwungen hatten, als schmückende Blüten auf ihre Häupter.

(1177) ‚Zuflucht zu dir, heiliger Brahmane, Wohnstätte aller unermesslichen Künste und verwirklichter Sinn der Veden!‘, riefen sie mit hingegebenem Herzen. Der freigebige Lehrer sah sie an und fragte: ‚Ihr von makelloser Askese, was begehrt ihr?‘ Sie verneigten sich und antworteten. (1178) ‚Gewähre uns die Frucht der Veden von unvergleichlicher Herrlichkeit, damit wir, deine Diener, gerettet werden und die ganze Welt Heil empfängt!‘ Der Lehrer, der ihre schreckliche große Bindung lösen wollte, ging mit den Weisen vor das unendliche Linga und begann, den Veden-Sinn zu erklären. (1179) ‚Hört, Brahmanen! Alle Bedeutungen der schwer zugänglichen Veden sind verborgenes Wissen. Gerade die Erkenntnis dieses verborgenen Sinnes ist das Mittel sowohl zu unvergänglichen Freuden als auch zur Befreiung, die die quälende Fessel der Gebundenheit abschneidet.

(1180) Dieses schöne, aus sich selbst hervorgetretene Linga ist selbst unter den erhabensten selbstmanifestierten Lingas das Höchste. Es ist die höchste Wirklichkeit, ewig und der grundlegende Sinn aller Veden. Es ist wahres, reines Nichtzweisein und aus sich selbst leuchtendes Bewusstsein. (1181) Es ist jenes höchste Brahman, das die Schriften als vollkommene, alles übersteigende Erkenntnis und als frei von jedem Leiden verkünden. Der eine Veda bildet seine Gestalt. Die Kenner der Schriften erklären: Der Sinn dieses Veda ist allein das Shiva-Linga, das hier in dieser schönen Form gegenwärtig ist. (1182) Darum sind die Veden in ihrem Ursprung eins, und auch ihr Sinn ist eins. In zahllosen Zweigen haben sie sich entfaltet, und all diese Zweige preisen ihn mit Freude. Der Eine, der die Welt ihren jeweiligen Trägern übergab, erscheint kraft seines Willens in den drei göttlichen Gestalten.

(1183) Als Lotosgeborener erschafft er die drei Welten, als Vishnu erhält er sie ohne Erschütterung und als dreiäugiger Urherr löst er sie auf. Zugleich ist er der Herr dieser drei, dessen Körper der höchste Raum ist: anfangs- und endloses, unvergängliches Licht in diesem schönen Linga. (1184) Im unteren Teil erscheint Brahmas Anteil als Atma-Tattva; in der Mitte Vishnus Anteil als Vidya-Tattva; oben Rudras Anteil als Shiva-Tattva. Aus diesen drei unterschiedlichen Bereichen entstehen die zahllosen weiteren Wirklichkeitsprinzipien in ihrer jeweiligen Ordnung. [Die Lesart der Bezeichnung des unteren Tattva ist im Quelltext beschädigt.] (1185) Aus ihnen gehen A, U und M hervor, die schwer zu ergründenden Laute. Daraus entsteht das Pranava mit Bindu und Nada. Aus dem wunderbaren rettenden Laut entspringt die Gayatri mit ihren drei Abschnitten. Sie besitzt zwei Formen: Samashti, die zusammengefasste, und Vyashti, die entfaltete; beide sind Ursachen des jeweils Ersehnten.

(1186) Diese beiden brachten durch die Kraft seiner Gnade die vier Veden hervor. Durch seine Gnade entfalteten diese sich wiederum ins Unzählige. Ebenso erschienen das Pranava und die übrigen Mantras sowie die mit Ta beginnenden Buchstaben des rettenden Mantras. Aus diesen Lauten gingen aus Ishvaras mittlerem Gesicht die Shiva-Agama-Schriften hervor. (1187) Aus dem östlichen Gesicht entsprang der Rigveda mit einundzwanzig Zweigen. Aus dem südlichen erhob sich der zweite Veda in hundert Formen. Aus dem nördlichen Gesicht wuchs der Samaveda in tausend Gestalten empor. Aus dem westlichen erschien der vierte Veda mit neun Formen. (1188) Entsprechend den vier Veden gibt es vier gesellschaftliche Stände und vier Lebensordnungen. Auch die Pflichten und Handlungen gingen aus den Veden hervor. Die vedische Lehre gliedert sich in das Wissen vom Handeln und das Wissen der Erkenntnis. Die erste lehrt die Handlungen seiner Verehrung; die zweite erschließt seine formlose Gestalt.

(1189) Wie Wasser, das die Wurzel aufnimmt, Zweige und Blätter nährt, so kommen die guten Opfergaben an diesen Ursprung auch den anderen Göttern zugute, die seine Gestalten sind. Dieser Schatz Shivas ist die Grundlage der drei Arten von Pflichthandlungen, beginnend mit den täglichen, und der Shiva-Verehrung, durch die die Weltbewohner die ersehnte Freude und Befreiung erlangen. [Einzelne rituelle Verknüpfungen dieses verdichteten Verses bleiben unsicher.] (1190) Die vielgestaltigen Veden suchen ihn zu erkennen, ermüden daran und geraten ins Staunen. Dieses Zeichen ist das ungeteilte, vollkommene höchste Brahman. Es erschließt sich durch Verehrung, die vom rechten Weg des Handelns nicht abweicht, und durch Erkenntnis, in der der gnädig offenbarte Sinn ohne Trennung erfahren wird. Der Veden-Sinn, den wir euch verkündet haben, ist anderen schwer zugänglich. (1191) Aus dem Handeln erwächst Erkenntnis; rechtschaffenes Handeln schenkt Reinheit des Geistes, und diese gereinigte Gesinnung stärkt den Dharma. Aus dem kostbaren Dharma entsteht innerer Friede. Aus diesem erhabenen, gefestigten Frieden geht der achtgliedrige Yoga hervor. [Die mittleren Aussagen zu Handlung, Dharma und geistiger Reinheit sind im überlieferten Wortlaut syntaktisch unsicher.]

(1192) Durch tätige Übung und Erkenntnis erschließen sich die leuchtende Hingabe an Shiva, die Puja, das Schauen seiner Gestalt, das Aufstellen eines Shiva-Linga, die Verehrung seiner wahrhaft Liebenden, das Tragen der Rudra-Zeichen und die Hingabe an den schwer zu findenden Lehrer: So werden all diese Wege verstanden. (1193) Für alle Religionen, die dem Vedenweg folgen, gelten die Veden als Erkenntnismaßstab; die nachfolgenden Smriti-Texte müssen mit ihnen übereinstimmen. So wird die Smarta-Ordnung bezeichnet. Die ihr entsprechenden Wege gelten als vedisch; der hier gelehrte Weg ist der reine Pfad. [Die Abgrenzung im letzten Satz ist im Quellwortlaut nicht eindeutig.] (1194) Wir haben den ganz von Shiva erfüllten Sinn der Veden erläutert, der Freude und Befreiung bewirkt, damit eure Dunkelheit schwindet. Nichts steht über diesem Sinn. Möge er euch vollständig klar werden und eure Verwirrung tilgen!‘ Mit seiner gnädigen Hand strich der Lehrer, der wie ausgereifte Gnade erschien, den gewissenhaft übenden Asketen über den Rücken. Dann ging er in das Linga ein.

Hier endet „16. Der Sinn der Veden wird offenbart“. Möge es glückverheißend sein.

17. Der Verkauf der Edelsteine

(1195) So hat unser Herr von Madurai mit seinen weiten, duftenden Hainen den Weisen Kanva und den übrigen großen Liebenden, die seine beiden Füße freudig verehren, den verborgenen Sinn der Veden erläutert. Nun erzählen wir, wie er Edelsteine zum Kauf anbot. (1196) Damals hatte Vira Pandya von seinen blitzschönen, göttinnengleichen Nebenfrauen, die fruchtbaren Feldern seiner Freuden glichen, mehrere Söhne. Sie wuchsen prächtig heran wie der Gott mit den fünf Blumenpfeilen, doch waren sie Unkraut, das neben der edlen Saat aufschoss. (1197) Da der König einen rechtmäßigen, schwer zu erlangenden Thronfolger ersehnte, verehrte er mit seiner Hauptgemahlin den Gemahl der Fischäugigen. Sie hielten die Gelübde des achten und vierzehnten Mondtages sowie des Montags ein und lebten nach dieser Ordnung. Durch die Gnade des Herrn wurde ihr Wunsch erfüllt.

(1198) Nach einiger Zeit wurde aus dem Schoß der makellosen Gemahlin, deren Treue dem nördlichen Stern Arundhati glich und deren Reinheit die Ganga übertraf, ein Sohn geboren. Wie aus einem winzigen Banyan-Samen ein großer Spross wächst, erschien er, um die wasserumgebene Erde unter dem Schatten seines königlichen Schirmes zu beschützen. (1199) Voller Herzensfreude vollzog der Vater für den kleinen Sohn die in den verlässlichen Schriften vorgeschriebenen Geburtsriten und weiteren Zeremonien. Während das Kind heranwuchs und an Glanz gewann, kam der vom früheren Karma bestimmte Tag des Königs. Er zog auf die Jagd und fiel einem Tiger zum Opfer. (1200) Als der König mit dem Fischbanner vom Tiger getötet und zum Gast des Himmels geworden war, schlugen die Frauen mit ihren langen Armen auf die Brust. Die Sandelpaste auf ihren geschmückten Brüsten verwischte sich, Tränenperlen strömten aus ihren großen Augen. Sie klagten, und alle Bewohner der goldenen Stadt trauerten mit ihnen.

(1201) Die Söhne der Nebenfrauen sahen ihre Gelegenheit gekommen. ‚Jetzt ist der Augenblick!‘, dachten sie. Sie raubten Elefanten, Pferde, zahlreiche weitere Güter, Geldschätze, kostbaren Schmuck und auch die Siegeskrone. Mit der Beute flohen sie und verbargen sich. (1202) Die alten Minister, die nach den Befehlen des Königs gelebt hatten, nahmen sich des jungen Prinzen an. Durch ihn ließen sie die letzten Pflichten für den in den Himmel eingegangenen Südkönig erfüllen. Danach bereiteten sie die Krönung des geliebten Sohnes vor. (1203) Sie öffneten die Schatzkammer und suchten nach der mit neun Edelsteinarten besetzten Krone, fanden sie jedoch nicht. Auch andere Schätze fehlten. Bestürzt und bekümmert erkannten sie: ‚Die Gegner haben sich zusammengeschlossen, alles geraubt und sind geflohen.‘ Nun überlegten sie, was zu tun sei.

(1204) ‚Wir könnten eine neue große Krone anfertigen lassen; aber die kostbaren Edelsteine dafür fehlen. Bleibt der Thron unbesetzt, gerät die meerumgebene Welt in Unruhe. Was können wir tun? Lasst uns die Gnade dessen suchen, in dessen Haar der Fluss wohnt!‘ So beschlossen die Minister. (1205) Mit von grenzenloser Sorge erfüllten Herzen verließen sie den wohlbewachten Palast, dessen Trommeln niemals schwiegen. Sie führten den kostbaren jungen Spross des Königshauses zum Tor des Tempels, das einem goldenen Berg glich. Noch bevor sie dort ankamen, trat ihnen jemand entgegen. (1206) Er trug ein festgebundenes Lendentuch. Auf seinem Rücken hing über der Schulter ein Bündel vielfach strahlender Edelsteine. An seinen breiten, berggleichen Armen blitzten Armreifen von unermesslichem Wert bei jeder Bewegung wie Sonnen.

(1207) Die heilige, mit Mantras geweihte Schnur lag rechtswärts über seinem Körper. Auf seiner Brust leuchtete eine Halskette wie Indras Regenbogen. Schöne Ohrgehänge schwangen an seinen Schultern, und seine von den Veden besungenen Füße berührten die Erde. (1208) Vor das goldglänzende Tempeltor kam jener Herr, der einst die Furcht der ehrwürdigen Weisen vertrieben hatte und die große Schutzgottheit des südlichen Königsgeschlechts ist. Nun erschien er in der Gestalt eines Edelsteinhändlers. (1209) Er fragte die Herankommenden: ‚Weshalb kommt ihr mit Herzen voll Kummer?‘ Sie erzählten ihm der Reihe nach alles, was geschehen war. Darauf sprach der Händler, der unser Vater selbst war, zu ihnen.

(1210) ‚Weshalb quält ihr euch? Ich besitze alle neun Arten von Edelsteinen. Ihr Wert beläuft sich auf zehntausend Koti Goldstücke.‘ Freundlich begann er, ihnen die Steine in ihrer Ordnung zu zeigen. (1211) Er setzte sich mit dem Gesicht nach Osten und breitete ein schwarzes Tuch aus. In dessen Mitte legte er einen roten Rubin, in die acht Richtungen, die Indra und die übrigen Welthüter bewachen, die acht anderen Steine, beginnend mit der großen, kühlen Perle. (1212) ‚Diese Edelsteine sind Teile vom Körper Valas‘, erklärte jener, der den Hirsch seiner Hand verborgen hielt. Die Minister mit ihrem durch Schriftenstudium geschärften Verstand fragten: ‚Wer war dieser Edle? Wie wurde sein Körper zu Edelsteinen? Erzähle es uns!‘

(1213) ‚Einst lebte ein mächtiger Asura namens Vala. Durch asketische Verehrung der roten Füße der dreiäugigen Gestalt, die unter den drei Göttern hervorragt, gewann er ihre Gunst. Der Herr sprach zu ihm: „Bitte um die Gabe, die du begehrst!“ (1214) Vala verneigte sich und sagte: „Gewähre mir, dass niemand mich im Kampf zerstückeln und töten kann. Sollte ich dennoch durch die Macht früherer Taten sterben, so möge mein Körper zu den neun Edelsteinarten werden, die selbst entsagte Menschen begehren.“ (1215) Ishvara gewährte ihm die erbetene Gabe. Noch an jenem Tag zog Vala zum Kampf gegen den Götterkönig. Als er ihn angriff, konnte der Herr der Himmlischen nicht standhalten und wich zurück.

(1216) Der besiegte Himmelskönig kehrte heim und überlegte: „Selbst mit einem neuen Heer ist er schwer zu bezwingen, denn er hat die Gabe erhalten, im Kampf unzerstörbar zu sein. Ich muss ihn durch eine List in die Stadt des Todes schicken.“ (1217) Ohne seine giftgleich tödlichen Waffen, doch begleitet von allen Himmlischen, trat er vor den Löwen der Asuras. „Sei gegrüßt!“, sagte er und redete mit verstellter Freundlichkeit, während in ihm die Kraft seines himmlischen Elefanten verborgen lag. (1218) „Siegreicher! Die Kraft deiner Schultern und die Größe deines Triumphes sind in allen Richtungen bekannt. Angesichts dieses Ruhmes empfinde ich unerschöpfliche Zuneigung und Freude. Ich will dir eine Gabe schenken. Bitte um das, was dir angemessen erscheint!“

(1219) Als die listigen Worte des Wächters des von Wunschbäumen erfüllten Landes in seine Ohren drangen, schlug der Asura seine langen Hände zusammen und richtete sich auf. Donnergleich lachte er und sprach verächtlich zu Indra. (1220) „Gut gesprochen! Jeder wird darüber lachen. Dein Sieg über mich, der Ruhm, den du dadurch gewonnen hast, und deine heldenhafte Größe: All das haben wir heute im Kampf gesehen. Dein Ruf verbreitet sich bereits überall. Gewiss wird deine Freigebigkeit ebenso berühmt werden! (1221) Da ich die vortreffliche Gabe des Endlosen besitze, was könnte ich von dir noch empfangen? Sage lieber, was du von mir begehrst. Wenn ich es dir nicht augenblicklich gebe, möge ich dieselbe schmachvolle Berühmtheit erlangen wie du durch deine Niederlage auf dem von Geiern aufgesuchten Schlachtfeld.“

(1222) Indra hörte die Worte des mächtigen Asuras und freute sich. „Ich werde zum Silberberg dessen gehen, der den Meru zum Bogen spannte und die grausamen Burgen zu Staub machte. Dort werde ich ein Opfer vollziehen. Komm du dann rasch als Opferrind, damit ich die Götter bewirten kann.“ (1223) Vala erwiderte: „Einst schenkte ein Asket seine Knochen, aus denen ein einziger Vajra entstand, und gewann dadurch einen unvergänglichen Ruhmesleib. Ich aber werde zweifachen Ruhm erhalten: durch meinen Sieg und durch die Hingabe meines Lebens, bei der mein ganzer Körper zu Edelsteinen wird! (1224) Du bist nicht mein Feind, sondern mein Freund. Du hast mich gebeten, ein Rind zu werden, damit alle Götter essen können und Verdienst wie Ruhm mir zufallen. Genau das will ich tun.“ Geben ist doch Größe; um eine Gabe bitten gilt dagegen als Erniedrigung.

(1225) Der Asura-König stimmte zu und schickte den Götterkönig voraus. Er übertrug die Herrschaft seinem kräftigen Sohn mit den blutroten Augen. Dann nahm er die von der vedischen Überlieferung verlangte Gestalt eines Rindes an, kam zum Opferplatz beim Kailasa und stellte sich vor die Opferhalle. (1226) „Wer ist so freigebig wie du, der du durch Wahrhaftigkeit ausgezeichnet bist?“, staunte der Götterkönig. Stolz richtete Vala sich auf wie der Berg Mandara, der mit dem Meru wetteifert, und sprach: „Bindet mich, das Opfer bestimmte Rind, noch heute an den Opferpfahl!“ (1227) Sie banden ihn mit einem Seil aus Darbha-Gras. Er stand da wie ein junger Löwe, der lediglich mit Wolle gefesselt ist. Sie verschlossen ihm das Maul, unterdrückten seinen Atem und töteten ihn. Der freigebige Vala bestieg, während Mandara-Blüten herabregneten, einen Himmelswagen und gelangte in die durch seine frühere Bestimmung bereitete Welt.

(1228) Nahe dem Juwelengipfel des Berges entnahm jener, der die Berge mit seinem Vajra bezwungen hatte, dem gefesselten und getöteten edlen Rind das von den Veden vorgeschriebene Netzfett. Er brachte es dem tanzenden Feuer zuerst zur Verkostung dar, bewirtete die Himmlischen und vollzog ein makelloses Opfer. (1229) Das Blut dieses Rindes wurde zu Rubin, seine Zähne zu Perlen, sein Haar zu Katzenauge und seine Knochen zu Diamant. Seine Galle wurde Smaragd, sein weißes Fett Hessonit, sein Fleisch Koralle, seine großen Augen Saphir und der verbleibende weiche Körperstoff Pushparaga. So entstanden die neun Edelsteinarten. [Die letzte Körperzuordnung ist im Wortlaut unsicher.] (1230) In diesen Formen erschienen die neun Edelsteine, deren Glanz das Antlitz der Dunkelheit aufreißt. Hört nun nach der überlieferten Ordnung von ihren Fundorten, Farben, Klassen, zugeordneten Gottheiten, ihrem Leuchten und ihren Fehlern; hört von der Prüfung und den Früchten, die Menschen durch das Tragen echter, strahlender Steine gewinnen.

(1231) Der strahlende Rubin wird in den vier Weltzeitaltern, beginnend mit Krita, nacheinander in diesen vier Ländern gefunden: Makka, Kalapura, Tumbura und Sinhala. Der Padmaraga besitzt neun Farbtöne: Lotos, Granatapfelblüte, Feuer, rote Wasserblüte, leuchtendes Ashoka, Naranta-Frucht, Lampe und Indragopa-Insekt. [Die Pflanzenwörter dieser Aufzählung sind teils unsicher; die angekündigten neun Farben lassen sich im überlieferten Wortlaut nicht zweifelsfrei trennen.] (1232) Rubine dieser allgemeinen Farben werden entsprechend den vier Ständen, beginnend mit den Brahmanen, nach ihrer Eigenart in vier hervorragende Klassen geteilt: Sataranga, Kuruvinda, Saugandhika und Kovanga. In dieser Reihenfolge besitzen sie zehn, acht, sechs und vier Arten von Glanz. Hört auch diese! (1233) Die zehn Farben des Sataranga entsprechen Lotos, dunkler Wasserlilie, Sonnenlicht, Feuer, Ashoka, Granatapfelblüte, Granatapfelkern, Wolke, Lampe und Indragopa. Die acht Farben des edlen Kuruvinda gleichen dem roten Kunri-Samen, Hasenblut, einer roten Blüte, Palasha-Blüte, Tilaka, rotem Hibiskus, flammendem Feuer und Gold. [Ein Blütenname in der Kuruvinda-Reihe ist unsicher.]

(1234) Die sechs Farben des erfreuenden Saugandhika gleichen Ilavam-Blüte, Kuckucksauge, jungem Ashoka-Trieb, glänzendem Gold, roter Baumwolle und einer weiteren roten Pflanzenfarbe. Die vier Glanzarten des Kovanga gleichen Kurava-Blüte, Saflor, Ziegel und reifer Kovvai-Frucht. Will man den leuchtenden Padmaraga allgemein prüfen, gilt Folgendes. [Die sechste Farbe der ersten Reihe ist textlich unklar.] (1235) Ist der Stein fest und strahlt er nach oben, unten und zu allen Seiten, wird er entsprechend seiner Güte als hervorragend, mittel oder geringer eingestuft. Wer Sataranga trägt, gewinnt die Frucht heilsamer Gaben von Wissen, einer ehrenvollen Brautgabe und Speisen aller sechs Geschmacksrichtungen sowie den Verdienst von Pferdeopfern und anderen großen Opfern. (1236) Wer Kuruvinda trägt, herrscht über die ganze Erde, die sich unter seinem einzigen Schirm erfrischt, und lebt mit königlichem Glück. Wer Saugandhika trägt, erlangt Wohlstand und Ruhm. Im Haus dessen, der Kovanga trägt, wachsen Milch, Reis und andere Vorräte zu gewaltigen Mengen an, und sein Reichtum nimmt zu.

(1237) Wer diesen roten Padmaraga trägt, der alle tadelnswerten Fehler abgelegt hat, voller guter Eigenschaften leuchtet und die Dunkelheit vertreibt, zu dem kommen auch klare Perlen und zahlreiche weitere Edelsteine. Mit Lakshmi wächst sein herrlicher Wohlstand, und er glänzt wie Vishnu im weiten Milchmeer. (1238) Ein König, der einen vortrefflichen Edelstein ohne die fünf genannten Fehler trägt – fremde Farbmischung, innere Einschlüsse, vogelspurartige Zeichnungen, deutliche Risse und Trübungen –, bleibt von den Schwerthieben seiner Feinde verschont und wird zum Geliebten der Siegesgöttin. [Die Benennungen einzelner Steinfehler sind fachsprachlich unsicher.] (1239) Selbst wenn er zunächst nur ein kleiner Landesherr ist, wird die ganze meerumgebene Welt unter seinem großen Schirm leben. Schlangen, wilde Tiere, Gespenster, Geister und kleine Gottheiten, Armut, Krankheit, Feuer und der Zorn des verderbenbringenden Todes werden ihn nicht erschüttern.

(1240) Die Gelehrten ordnen Diamant und Meeresperle dem Brahmanenstand zu, Koralle und Rubin den Königen, den blitzenden Pushparaga, Katzenauge und strahlenden Hessonit den Kaufleuten. Saphir und Smaragd gelten als der vierten Klasse zugehörig. (1241) Die Kenner erklären die von Königen geschätzte Perle, den Kristall und den Smaragd für sattvisch. Koralle, Rubin, Hessonit, strahlender Pushparaga, Katzenauge und Diamant gelten als rajasisch; der Saphir als tamasisch. (1242) Die Gelehrten bestimmen für Untersuchung und Bewertung der Steine die sieben Wochentage, beginnend mit dem Tag des Herrn des goldenen Sonnenwagens mit sieben Pferden. Der Reihe nach gelten sie für Rubin, strahlende Perle, Koralle, Smaragd, Pushparaga, glänzenden Diamant und Saphir.

(1243) Der Sonntag gilt zusätzlich für Hessonit, der makellose Montag auch für Katzenauge. Wer diese neun Steinarten ohne Irrtum prüfen will, soll innerlich und äußerlich rein und rechtschaffen sein und die Prüfung an den jeweils genannten Tagen vornehmen. (1244) Dabei schmücke er sein Haupt in der genannten Reihenfolge mit Blüten: schönem Lotos, Jati, rotmündiger Wasserlilie, Kotal, rankendem Mauval, hundertblättrigem Lotos, Kaleyam, zartblättriger roter Wasserlilie und weit geöffneter weißer Mandara. Bienen mögen diese Blüten umschwärmen. [Einige traditionelle Blumennamen werden unverändert wiedergegeben.] (1245) Man reinige den Platz, stelle einen Sitz auf und breite ein reines, gutes Tuch aus. In die Mitte lege man den göttlichen Rubin, ringsum nach rechts, beginnend im Osten, die acht anderen edlen Steine, angefangen mit der Perle. So bilde man den Sonnenkreis.

(1246) Man vergegenwärtige in den neun geliebten Edelsteinen, beginnend mit dem Padmaraga, die neun Planetenmächte, beginnend mit der Sonne. Man lege ihnen die zuvor genannten neun Blüten dar und vollziehe mit freudiger Andacht die Verehrung, ohne von ihrer Ordnung abzuweichen. (1247) Die edlen Perlen sind zweierlei: auf dem Land entstandene und im Wasser entstandene. Dreizehn Orte ihres Entstehens werden genannt: Muschel, dunkle Wolke, Bambus, Schlangenkopf, Eberhauer, weißer Reis, Perlmuschel, Fischkopf und Zuckerrohr – hinzu kommen die im nächsten Vers genannten. (1248) Ferner Elefantenstoßzahn, ein bestimmter Fruchtansatz, der Hals einer treuen Frau und der Hals eines zweiflügeligen Kranichs. Die letzten drei sind selten. Die Farben und Gottheiten der ersten zehn entsprechen jeweils ihrer Herkunft; hört, wie sie überliefert werden. [Der Ausdruck für den elften Entstehungsort ist unsicher.]

(1249) Die Perle aus der weit geöffneten Muschel ist weiß und rund wie das Ei einer weißen Haustaube. Die Wolkenperle trägt die Farbe der großen roten Sonne. Die Bambusperle gleicht in ihrer Farbe einem Hagelkorn; die große Schlangenperle ist blau. (1250) Die Eberperle hat die Farbe von Blut. Die Perle des wohlschmeckenden Reises ist grün. Die Fischperle ähnelt der Patiri-Blüte. Die Perlen aus den beiden mit Vezham bezeichneten Quellen, Zuckerrohr und Elefant, strahlen wie Gold. Hört nun ihre göttlichen Zuordnungen. (1251) Die milchweiße Perle gehört Varuna, die sonnenfarbene dem Sonnengott; die blaue wird Vishnu zugeordnet, die makellos blutrote einer weiteren Gottheit. Die grüne gehört dem Todesherrn, die goldfarbene dem König der Götter. Nun sprechen wir von ihren Eigenschaften und Früchten. [Die Zuordnungsreihe ist im Ausgangstext verkürzt und teilweise unklar; insbesondere die Gottheit der roten Perle lässt sich nicht sicher bestimmen.]

(1252) Sechs Eigenschaften zeichnen sie aus: sternengleicher Glanz, Rundheit, Makellosigkeit, Festigkeit in der Hand, ein dem Blick angenehmes Aussehen und Reinheit. Wer eine solche Perle trägt, wird von Armut und ihrer alten Unheilsgöttin verlassen. Lakshmi kommt zu ihm; Reichtum und Lebensdauer wachsen. (1253) In Kosala und anderen Ländern, wohin die Knochen des makellosen Asketen und die Knochen des Asuras Vala gefallen waren, entstanden Diamanten. Ein hervorragender Diamant besitzt edlen Glanz, ist leicht und klar; wird er richtig bewertet, erreicht sein Preis außerordentliche Höhe. (1254) Selbst ein kleiner Landesherr, der ihn trägt, gewinnt unverminderten Reichtum, besiegt mächtige Feinde und schützt die ganze Welt unter seinem Zepter. Armut, Krankheit und wilde Tiere nahen ihm nicht. Zorniger Tod vor der bestimmten Zeit, Geisterscharen und Unheilsmächte können ihm nichts anhaben.

(1255) Die Schriftkundigen erklären den Diamanten zur vornehmsten Klasse unter allen großen Edelsteinen. Was macht seinen Vorrang aus? Mit ihm bohrt man die übrigen schönen Steine; dieses reine Juwel selbst aber lässt sich nur durch einen Diamanten bohren. (1256) Hört nun, wie der Smaragd entstand. Vögel ergriffen Valas Galle als Nahrung und flogen mit ihr fort. Was sie über dem feuchten, kühlen Land Tilli verstreuten, fiel nieder und wurde dort zu Smaragd. Es gibt noch weitere Überlieferungen seines Ursprungs; hört auch sie. (1257) Vinata, deren scharfe Augen Speerspitzen gleichen, hatte ein Ei gelegt, aus dem Aruna hervorgegangen war. Garuda befestigte dessen glänzende Schale an seiner Hüfte. Als sie sich löste und in ein meerumgebenes Land fiel, entstanden dort Smaragde. Doch noch eine weitere Herkunft wird erzählt.

(1258) Als Vishnu mit seinen Lotosaugen in der Gestalt der schönen Mohini davonlief, folgte ihr der Träger der Mondsichel bis zum Mandara-Berg, gleich einem jungen, springenden Löwen. In einem seiner göttlichen Spiele entströmte ihm dort der schwer zu beschreibende Samen. (1259) Aus dem Samen des Makellosen erschien Hariharas Sohn, begleitet von den Gottheiten des Waldlandes. Garuda nahm etwas davon in seinen Schnabel und verstreute es ins Meer und über das Turukka-Land. Daraus entstand der Garuda-Smaragd. (1260) Beim Garuda-Smaragd unterscheidet man drei Beschaffenheiten: Kadam, Suppiram und Kalam. Kadam besitzt die Farbe unversehrter Arugu-Grashalme und wird in zwei Klassen geteilt, Sagunam und Sadosham. Sagunam besitzt sechs Arten: Kadam, Ullasitam, Pesalam, Pittakam, Muttam und Pitukam. [Die alten mineralogischen Namen sind in vereinfachter Umschrift wiedergegeben.]

(1261) Von diesen sechs ist Kadam grasfarben; Ullasitam hat einen zarten Glanz; Pesalam gleicht den hellen Körnern roten Reises. Das Dunkel vertreibende Pittakam hat die Flügelfarbe eines grünen Papageis; Muttam gleicht der Kullai-Pflanze und Pitukam einem Lotosblatt. Die fehlerhafte Klasse Sadosham hat fünf Arten. (1262) Diese fünf fehlerhaften Arten werden mit Namen wie Todaleshanchitam, Dushtam, Doshamurchitam, Todalesham und Mandadosham bezeichnet. Ihre Farben werden mit einem bestimmten Blatt, Oleanderlaub, bläulichem Gras und Lotos verglichen. [Die überlieferte Namens- und Farbenreihe ist beschädigt; eine sichere vollständige Zuordnung ist hier nicht möglich. Die unklare Passage wird nicht durch erfundene Fachbegriffe ergänzt.] (1263) Mandadosham gleicht der Farbe einer Pfauenfeder. Wer einen Stein trägt, der die aufgezählten Fehler abgelegt hat und die guten Eigenschaften besitzt, gewinnt ein Heer mit vier Waffengattungen und lange Lebensdauer. Aus den Augen des mächtigen Vala entstand der blaue Stein. Daneben gibt es zwei besondere Arten: Indranila, der wie Shivas Kehle leuchtet, und Mahanila.

(1264) Der zuerst genannte Indranila entstand, als Indra nach der Tötung Vishvarupas ein Pferdeopfer vollzog, um die anwachsende Blutschuld zu tilgen. Dessen duftender Rauch drang in seine niemals blinzelnden Augen. Die austretende, schleimige Tränenflüssigkeit fiel in Flussläufe; dort bildete sich der blaue Stein, der die Farbe des Regenbogens trägt. (1265) Samjna, die Frau des Sonnengottes, konnte seinen feurigen Leib nicht mehr umarmen und fürchtete sich. Sie ließ ihren Schatten in ihrer eigenen Gestalt zurück, ging in den Wald und übte Askese. Durch seine Erkenntniskraft fand die Sonne sie und folgte ihr. Als sie die Gestalt einer Stute annahm, wurde auch er zum Hengst; von Leidenschaft überwältigt, vergoss er seinen Samen. (1266) Wo dieser sich über das Land verstreute, entstand Mahanila. Wer solche Steine trägt, wird unter Göttern und Menschen makellosen Ruhm gewinnen. Beim blauen Stein unterscheidet man vier Klassen: je nachdem, ob Weiß, Rot, Goldfarbe oder reines dunkles Blau vorherrscht, wird er den vier Ständen zugeordnet, beginnend mit den Zweimalgeborenen. [Die Farbabstufung ist im Wortlaut nicht vollständig eindeutig.]

(1267) Wer diesen hellstrahlenden blauen Stein am Körper trägt, lebt unter glückverheißenden Umständen. Der dunkle Indranila ist auf der meerumgebenen Erde selten und kann zehntausendmal wertvoller sein als andere glänzende blaue Steine. In ein Gefäß Milch gelegt, erscheint sein Licht hundertfach gesteigert. [Die Maßangabe des Preisvergleichs ist unsicher.] (1268) Rubin, Perle, strahlender Diamant, Smaragd und lichtspendender Saphir sind die fünf vorrangigen Steine. Die übrigen vier, von Hessonit bis Koralle, glänzen ebenfalls, erfüllen jedoch geringere Wünsche. Hessonit entsteht dort, wo das Fett des furchtlosen Vala mit den korallenroten Haaren verstreut wurde. (1269) Hessonit gleicht einem Tropfen geschmolzenen, duftenden Ghees, einem Honigtropfen oder dem heiligen Wasser der guten Kuh; er kann auch eine goldene, rötlich vermischte Farbe tragen. Er ist zart im Glanz, rein und fest. Wer ihn trägt, dessen dunkle Verfehlungen schwinden und der erlangt Reinigung. Wo der Schleim des siegesstolzen Vala niederfiel, entstand leuchtender Pushparaga.

(1270) Auch als der furchtlose Eber in die Unterwelt hinabstieg und dem goldäugigen Asura das Leben nahm, entstand dieser Stein. Er öffnete sein höhlengroßes Maul, lachte so laut, dass die Richtungen ertaubten, und spie goldfarbenen Schleim aus. Wo er niederfiel, bildete sich Pushparaga: oben gerundet, zart, ringsum goldstrahlend, feuerklar und herzerfreuend. (1271) Dieser Edelstein leuchtet als Gipfel des Pariyatra-Berges und als Gürtel rings um den großen göttlichen Mandara. Aus ihm errichtete Maya die Stadt, den Thronsitz und die Hallen des Himmelskönigs. Wer diesen schönen Stein trägt, vermag seine Feinde in die Flucht zu schlagen und den Siegeskranz zu gewinnen. (1272) Katzenauge entstand aus Valas Haar im Gebiet Ilavrita. Man findet es in den weithin gerühmten Ländern Gorakka, Magadha, Sinhala, Malaya und Persien, beim leuchtenden Trikuta und auf weiteren Inseln. Auch im Meer entsteht es, wenn die letzten Regenwolken donnern. Welche Farbe besitzt es?

(1273) Es gleicht Bambusblättern, dem Hals eines dunklen Pfauen und dem Auge einer Katze. Es ist schwer, begehrenswert klar, fest und von sanftem Glanz. Nach der Richtung, in der es vorzüglich leuchtet – rechts, links, oben oder unten –, ordnet man es den vier Ständen zu. Edle Menschen sollen es täglich verehren und tragen. (1274) Koralle entsteht dort, wo das Fleisch des mächtigen Asuras niederfiel. Weitere Ursprünge werden mit Brahma und seiner Sandhya-Gestalt, mit einem unreinen Land, mit dem Blut der von Vishnu erschlagenen Madhu und Kaitabha sowie mit dem Blut der Berge verbunden, deren Flügel Indra abschnitt. [Die erste dieser zusätzlichen Ursprungserzählungen ist im verdichteten Quellwortlaut nicht zuverlässig aufzulösen.] (1275) Die dort entstehende Koralle gleicht der Blüte des Korallenbaums, dem Schnabel eines grünen Papageis, offenem rotem Hibiskus oder der Kovvai-Frucht. Als Fehler gelten Verkrümmung, Verbiegung, starker Wurmfraß und Bruch an der Oberfläche. Vor allem Frauen mit klingenden Armreifen tragen diesen Schmuck; er soll Kindersegen und weitere Gaben verleihen.

(1276) Auch der Stein, der im Sonnenlicht Feuer aussendet, und der Stein, der im Mondlicht reichlich Wasser verströmt, sind in einer der neun genannten Gruppen enthalten. Nachdem der Götterherr in Kaufmannsgestalt so die neun Arten erläutert hatte, wandte er sich nach Norden, setzte sich betend nieder, vollzog die Verehrung, nahm die Steine in die Hand und blickte zum Herrn von Madurai. (1277) Mit gefalteten Händen und nach innen gerichtetem Blick segnete er den Prinzen: „Mögen Lebensdauer und Reichtum dieses Jünglings unermesslich wachsen!“ Der Königssohn blickte zum vom Himmel herabgekommenen Heiligtum, verneigte sich vor den roten Füßen des Herrn und empfing die Steine in seinen geöffneten Lotushänden. Der Herr des Reichtums sah ihn und die umstehenden Minister freundlich an. (1278) „Fertigt mit diesen Steinen eine neue Krone, krönt diesen jungen Löwen und nennt den tapferen Prinzen Abhisheka Pandya“, sprach er. Die Minister wogen Gold ab und wollten dem Händler, der seinen Hirsch verborgen hielt, den Kaufpreis überreichen. Doch der Mann, der den Jungen mit seinem Gnadenblick erfüllt und leise gelächelt hatte, war vor ihren Augen verschwunden.

(1279) Der Händlerherr, der eben in einer einzigen menschlichen Gestalt sichtbar gewesen war, erschien nun mit Uma auf dem Stier. Er zeigte ihnen seine drei Augen, vier Arme und die wolkendunkle Kehle, in der er das Gift bewahrte, damit die Götter furchtlos leben konnten. Dann zog er in seinen Tempel ein. „Es war der Herr des Schmuckes selbst, der heute Menschengestalt angenommen hat!“, riefen sie und folgten ihm. (1280) Vor dem Herrn mit den langen, von honigreichen Konrai-Blüten geschmückten Haarflechten warf der Prinz sich nieder, erhob sich und faltete die roten Hände. „Welche Gegengabe könnte ich dir, unserem Herrn, leisten? Ich selbst, dieser Leib aus Fleisch, mein Besitz und mein Leben: Wenn ich sie mein nenne, gehören sie doch alle dir. Können die Erdenbewohner dem Himmel seine Wohltat vergelten?“ (1281) So betete der junge Spross des heldenhaften Pandya-Geschlechts. Die versammelten Edlen segneten ihn: „Der Herr von Madurai, die über Denken und Sprache hinausgehende Fülle, hat ihm Steine für seine goldene Juwelenkrone geschenkt. Deshalb ist dieser König mit dem siegreichen Speer würdig, viele Länder lange Zeit gerecht zu regieren.“

(1282) Er pries den achtgestaltigen Herrn, umschritt ihn und erhielt die Erlaubnis zum Abschied. Die Weisen sprachen segensreiche Worte; dann kehrte der König in seinen goldenen Palast zurück. Die Minister und die in Edelsteinkunde bewanderten Gelehrten betrachteten die Steine, staunten und fragten sich, wie sie entstanden seien. [Die Beschreibung der Elefantenträger des Heiligtums ist hier gegenüber anderen Versen verkürzt und zahlenmäßig unklar.] (1283) „Wenn der Herr, der so schön wie der Liebesgott erschien, Sundara Vitanka selbst war: Hat er die Tage und Planeten ergriffen und in neun Edelsteine verwandelt? Oder schenkte er die strahlenden Juwelen, welche die langen Schlangen an seinen Füßen, Armen und seiner Brust hervorgebracht haben? Wie könnten wir das ermessen?“ (1284) „Selbst im Reich Indras sind solche Steine selten“, sagten die alten Minister. Sie übergaben sie Goldschmieden, deren erlernte Kunst sogar die Mayas übertraf, und beschenkten diese überreich nach deren Wunsch. So ließen sie für den König mit der glückverheißenden Brust eine heilige Juwelenkrone herstellen.

(1285) Nach glückverheißender Ordnung setzten sie ihm die mit Girlanden geschmückte Krone auf. Die erhabenen Vedenkundigen verkündeten dabei den Namen, den der Herr mit dem rotäugigen Stierbanner bestimmt hatte. Der König zog feierlich durch die Straßen, verehrte die Lotosfüße des Heiligen und kehrte in seinen juwelenreichen Palast zurück. (1286) Abhisheka Pandya, dessen Schultern der Kriegsgöttin als Wohnstätte dienten, ließ die Kronen feindlicher Könige, die mit Wagen und den übrigen Heeresabteilungen kämpften, vor seinen lotosgleichen Füßen niederfallen. Wie eine Regenwolke die grüne Saat schützt, regierte er nach Manus Ordnung, ließ Barmherzigkeit regnen und bewahrte die Welt. (1287) Da wurden ihm die älteren Söhne seines Vaters von dessen Nebenfrauen ausgeliefert. Sie hatten damals die königliche Schatzkammer aufgebrochen, die Krone und andere Güter geraubt und sich mit angstvollen Herzen in fremden Ländern verborgen. Der Nachkomme des kühlstrahlenden Mondes nahm den gesamten geraubten Schatz wieder in Besitz.

Hier endet „17. Der Verkauf der Edelsteine“. Möge es glückverheißend sein.

18. Das von Varuna gesandte Meer wird ausgetrocknet

(1288) Dies war das Wunder, wie der Herr mit der dunkel gefärbten Kehle dem Pandya strahlende Edelsteine für seine Krone schenkte. Nun besingen wir das Spiel des Stierreiters: Er sandte die dunklen Wolken aus seinem Haar und ließ das tiefe Meer austrocknen, das Varuna gegen Madurai geschickt hatte. (1289) Am Chitra-Sterntag des Monats Chittirai begann der Südkönig für den Herrn der Silbernen Halle mit der dunklen Kehle eine große Puja. Mit aufrichtiger Hingabe stellte er zahlreiche ausgezeichnete Opfergaben bereit für diese Verehrung, die irdischen Genuss und Befreiung schenkt. (1290) Er badete den Herrn mit duftendem Ghee und weiteren Gaben bis hin zu wohlriechender Sandelpaste, danach mit kräftig duftendem Kampferwasser. Eine Flut des Staunens stieg in ihm auf. Er schaute und pries den Herrn: ‚Gebieter am Ufer der wellenbewegten Vaigai, bist du mein Karpura Sundara, mein kampferduftender Schöner?‘

(1291) Während er diese Verehrung vollzog, kam auch Indra, der Herr der goldenen Stadt, zu seiner jährlichen Puja. Er wartete, bis die Verehrung des Königs mit dem makellosen Herzen beendet war. Dann vollzog er selbst eine glänzende, festliche Puja und kehrte in sein Reich zurück. (1292) An diesem Tag kam der Wassergott in die Versammlung des Herrn der Opfer. Er hoffte auf eine Gelegenheit zur Heilung seines Leidens. Als er das Gesicht des Siegers sah, der den Bergen die starken Flügel abgeschnitten hatte, fragte er: ‚Weshalb sitzt du heute etwas ermattet da?‘ (1293) Der Herr, der auf der donnernden Wolke reitet, antwortete: ‚Heute verspätete sich meine liebevolle Verehrung unseres Herrn von Madurai, der sich im Netz jener Liebe fangen lässt, die das Dunkel vertreibt. Deshalb geriet mein Herz ein wenig in Unruhe und Bekümmernis.‘

(1294) ‚Ist sein Linga denn ein so bedeutendes Linga?‘, fragte der Herr der Meere. Indra erwiderte: ‚Hat es nicht einst meine schwer tilgbare Schuld und den Fluch meines Elefanten beseitigt? Weißt du das nicht?‘ Da sprach der Wassergott weiter. (1295) ‚Wenn es so ist: Könnte es auch meine schreckliche Bauchkrankheit heilen, die mich quält und die selbst die göttlichen Ärzte nicht beseitigen können?‘ Der Bezwinger Valas lächelte innerlich und antwortete: ‚Weshalb fragst du so voller Zweifel? (1296) Er kann die Krankheit der Wiedergeburt abschneiden, die selbst Vishnu und Brahma nicht heilen. Sollte es ihm schwerfallen, eine große Krankheit dieses Körpers oder andere Leiden zu beseitigen? Prüfe selbst sogleich das göttliche Spiel unseres Herrn!‘ Darauf antwortete der Gebieter des klaren Meeres.

(1297) ‚Du, der den Bergen die Flügel abgeschnitten hat! Als ich hierherkam, sah ich gerade, wie man das Kalb von Surabhi trennte, der Kuh, die den Bittenden unbegrenzt ihre Wünsche erfüllt, während süße Milch aus ihrem Euter floss. Aufgrund dieses guten Vorzeichens durfte ich nun auch diese gute Nachricht hören.‘ (1298) Varuna ging fort. Um das göttliche Spiel des Herrn der Silbernen Halle zu sehen und seine Bauchkrankheit loszuwerden, rief er unverzüglich das tosende Meer herbei und befahl ihm: ‚Zerstöre vollständig die alte Stadt Madurai, in der die Trommeln dröhnen!‘ (1299) Das Meer kochte auf. Es riss Bäume büschelweise heraus und schleuderte sie mit Getöse in alle Richtungen. Es grub Berge aus und warf ihre Trümmer bis über die Weltgegenden hinaus; es hob ganze Häuserreihen aus ihren Grundfesten. Mit hohen Wogen rückte es vor, als wäre die Flut der Weltauflösung angebrochen.

(1300) ‚Wenn selbst diese reiche Stadt, die auch am Ende von Brahmas Weltenzeit nicht vergeht, ein Unglück trifft, dann droht es nun auch unseren Wohnstätten!‘ Die Götter, die Varunas Handeln nicht durchschauten, kamen und verneigten sich vor Sundara; ihre Herzen waren erschüttert. (1301) ‚Ist dies ein göttliches Spiel Chokkas, der Dreizack und Feuer trägt? Ist es die Frucht unserer bösen Taten? Ist es wie das vernichtende Gift? Oder ist die große Weltauflösung gekommen, in der alles untergeht?‘ So geriet die wohlbewachte Stadt in Verwirrung und zitterte vor Furcht. (1302) Die Flut kam wie verwirrendes Dunkel: Sie begrub die Erde und die Himmelsrichtungen und stieg vor der weiten Stadt mit ihren himmelhohen Palästen so auf, dass sie selbst die Sonne verdeckte. Der König sah es und bebte. ‚Zuflucht sind allein die Füße des Herrn, dessen eine Hälfte die Frau birgt!‘, rief er.

(1303) Wie Vishnu angesichts des Giftes, das sich erhob und die Götter bedrohte, und wie der Knabe Markandeya, als der Tod nach seinem Leben griff, war er von Furcht erfüllt. Er fiel zu den roten Füßen Pashupatis nieder und rief laut um Hilfe. So flehte der Schützer der Welt um Schutz. (1304) Sundara, dessen gefleckte Kehle die Himmelswelt gerettet hatte, lächelte den bittenden Pandya an. ‚Fürchte dich nicht!‘, sprach er. Aus seinem heiligen, mondgeschmückten Haar ließ er vier Regenwolken hervortreten und befahl: ‚Geht und trinkt das heranstürmende Meer aus, bis es versiegt!‘ (1305) Die vier Wolken stiegen mächtig auf, öffneten ihre Münder und saugten das salzige Meer auf. Sogleich trocknete es restlos aus – wie das große Meer der siebenfachen Wiedergeburt für jene versiegt, die klar erkannt haben, dass der große Gott Shiva der Gott aller ist.

(1306) Die Stadtbewohner, die Götter und der Herr der Südkönige sahen dieses göttliche Spiel unseres Vaters. Unbeschreibliche Freude wallte in ihnen auf; immer wieder priesen und besangen sie ihn. Ihr Kummer schwand, und sie versanken in endloser Glückseligkeit.

Hier endet „18. Das von Varuna gesandte Meer wird ausgetrocknet“. Möge es glückverheißend sein.

Hier endet das erste Buch, das Madurai-Kandam.

19. Madurai wird zum vierfach geschützten Kudal

(1307) ‚Er ist nicht die Elemente, nicht die Sinnesorgane, nicht die Sinnesgegenstände, nicht die wechselnden Zustände des inneren Denkens; doch auch nichts, das getrennt von ihnen besteht.‘ So suchen die großen Veden und geraten ins Schwanken vor diesem schwer fassbaren Raum. Eben dieser Herr ist es, der in den Straßen Kudals mit schmerzenden Füßen umhergeht und fragt, wer Armreifen, Brennholz und andere Waren kaufen möchte. (1308) Lakshmi ist ihr rechtes Auge, die schön geschmückte Göttin der Rede ihr linkes und der große Herr der Erkenntnis ihr Stirnauge. Sie schenkt himmlischen Reichtum, Bildung und die schwer zu erlangende Befreiung. Doch als sie ihren Lebensgefährten erblickte, verschwand eine ihrer Brüste; beschämt stand sie da wie ein zart gebogener Blütenzweig. (1309) So spielte der Herr mit dem Stirnauge und dem leuchtenden Mond im geflochtenen Haar, als er das von Varuna gesandte tosende Meer austrocknen ließ. Nun erzählen wir, wie er den sieben mächtigen Regenwolken Varunas seine vier früheren Wolken entgegensandte und Madurai zu Nanmada Kudal machte.

(1310) Der Herr des klaren, brandenden Meeres schämte sich, weil sein Vorhaben misslungen war. Seine Augen wurden rot; die aufflammende Glut seines Zornes erhitzte seinen Körper so sehr, dass Meer und Flüsse zu verdampfen schienen. Unvermindert in Stolz und Kraft stand er grimmig da. (1311) Er begriff das Spiel des Herrn der alten, wasserreichen Stadt Madurai noch immer nicht. Er rief die sieben mächtigen Regenwolken und befahl: ‚Trinkt das kühle Meer leer, steigt auf, donnert und regnet! Vernichtet augenblicklich das ganze strahlende Madurai!‘ (1312) Die sieben Wolken stürzten herbei und tranken das Meer vollständig aus, bis sein Grund sichtbar wurde. Ihre Körper schwärzten sich, und Blitze zuckten. Ihr Donner betäubte die Himmelsrichtungen und das Firmament; Unterwelt und Erde drohten zu bersten, die acht Berge brachen auf, und der Meru neigte sich.

(1313) Ihr Brüllen glich dem Krachen des Welteneis, wenn es am Tag der Auflösung zerspringt. Gewaltige Donnerschläge fielen herab. Die Juwelen aus den ausgebreiteten Schlangenhauben wurden verstreut; der Leib der Schlange, die die meerumgebene Erde trägt, wand sich. Die mächtigen Elefanten der Himmelsrichtungen verloren ihren festen Stand und bebten. (1314) Weiße Hagelkörner fielen herab wie große, hell bereifte Kürbisse. Glänzende Regenströme stürzten wie feste Kristallsäulen nieder. Zusammen mit den Sternenscharen schienen auch die Fische, die in den aufspringenden Meereswellen gespielt hatten, zappelnd herabzufallen. (1315) Die sieben brüllenden Wolken umhüllten alles Bewegliche und Unbewegliche. Wie die Gestalt des Heiligen, der einst die Welt verschlang, breiteten sie sich aus und ergossen Finsternis. Himmel, Erde und Richtungen verschwanden; kein Auge konnte das Dunkel durchdringen.

(1316) Grünstrahlende Smaragde, dunkelglänzende Saphire, sternhelle Perlen, Goldmengen, rote Rubine und Korallen wurden verstreut. Es sah aus, als hätten die Frauen der Vidyadharas im Liebesstreit mit ihren Männern ihren Schmuck zornig von sich geworfen. (1317) Vom heftigen Wind getrieben, umschloss der rasende Regen die von hohen Palästen und langen Bannern gebildete Stadtgrenze und verhüllte sie. Der König, der mit seinem einen Zepter die Erde schützte, und die vielen Stadtbewohner gerieten in Bestürzung: ‚Heute ist der Tag, an dem die Welt untergeht!‘ (1318) Doch der König hatte schon zuvor das Spiel des Herrn erlebt und seine Hilfe erfahren. ‚Auch jetzt wird uns der Stirnäugige beschützen!‘, sagte er. Mit den Bewohnern der heiligen Stadt eilte er zum Tempel und fiel zu Füßen des Stierreiters im vom Himmel herabgekommenen Heiligtum nieder.

(1319) ‚Du mit dem Stier! Du mit der Kehle, die das Gift getrunken hat! Du mit dem Haar, das die Ganga trägt, mit den Füßen, die den Tod besiegt haben, und mit dem Meru als Bogen! Du, dessen Wesen es ist, das Leid deiner Diener zu nehmen und sie anzunehmen: Beschütze unser kostbares Leben!‘ (1320) Als er so flehte, wandte sich der Urherr, der immer die Not des Pandya behebt, wie zuvor an die vier Wolken. ‚Umgebt die vier Grenzen dieser alten Stadt. Werdet zu vier schützenden Hallen und haltet die sieben grausamen Regenwolken ab!‘ Mit diesem Auftrag sandte er sie aus. (1321) Die Wolken, die der Herr mit dem Mond im langen Haar ausgesandt hatte, kamen und umschlossen die Stadt in allen vier Richtungen. Sie verbanden sich lückenlos zu einem einzigen Schutzdach. Reihen von Palästen und berggleichen Tempeltürmen schienen als Pfeiler diese vier großen Wolkenhallen zu tragen.

(1322) Darunter wohnten die Bürger, die Minister, der König und sein viergliedriges Heer sowie alle übrigen beweglichen und unbeweglichen Wesen geschützt und voller Demut. Sie genossen größere Freude als zuvor und glichen denen, die bei der Weltauflösung unter den Füßen des Herrn mit der goldenen Göttin als einer Hälfte Zuflucht gefunden haben. (1323) Wie Regenwolken, die sich über einem bambusbewachsenen Berggipfel entleeren, schütteten die Angreifer weiter. Doch ihre Tropfen zerplatzten und sprangen vom schützenden Wolkendach über den Juwelenpalästen ab. Nachdem sie das Meer ausgetrunken und nun auch ihre eigenen Körper leer geregnet hatten, standen die Wolken beschämt da. Auch Varuna schämte sich. (1324) Er zitterte. Übermäßige Furcht und Scham erfüllten ihn; sein Stolz sank dahin. Zugleich erwachte tief in seinem Herzen eine Freude. Noch bevor er das Ufer des Goldlotos-Teiches erreichte, verschwand seine alte Krankheit. Dann badete er, seine Bindung löste sich, und mit unbändiger Liebe begann er, den freigebigen Herrn zu verehren.

(1325) Er nahm das heilige Bad und legte die Rudraksha-Kette an. Die Göttinnen der Ganga und der übrigen Flüsse reichten ihm duftendes Wasser in goldenen Krügen. Der Wunschbaum brachte kühle Blüten, Sandelpaste, Duftstoffe, Schmuck, goldene Gewänder und weitere Gaben hervor und bot sie dar. (1326) Die Götter überreichten fünf Früchte, die fünf Nektare, die fünf Gaben der Kuh, Räucherwerk und hellstrahlende Lampen. Damit verehrte er den Gemahl der Fischäugigen, sprach die tausend Namen, legte glänzende Perlen dar und stand mit gefalteten Händen vor dessen Füßen. (1327) Der reine Urherr nahm seine Verehrung freudig an und fragte: ‚Sage, was du begehrst!‘ Der Wasserkönig verneigte sich rasch. ‚Vater, meine schwere Bauchkrankheit, die durch nichts zu beseitigen war, ist schon verschwunden, bevor ich in deinem wellenbewegten Teich badete!

(1328) Du Licht, das weder die Veden und anderen Künste noch Wahrnehmung und weitere Erkenntnismittel, weder Brahma noch andere Götter durch ihre Prüfung erfassen! Ach, ich wagte es, dich auf die Probe zu stellen. Welche gute Eigenschaft fandest du an mir Toren, dass du meine Krankheit heiltest? Was gewannst du dadurch? Du ohne Begierde und Makel: Ist es deine Art, selbst Fehler als Tugenden anzunehmen? (1329) Indra kam verspätet zu deiner Verehrung und kehrte ermattet heim. Ich fragte nach dem Grund; er antwortete, ich fragte weiter und stellte dich schließlich nach seinem Wort auf die Probe. Urherr, diese ganze Folge hat sich durch deine Gnade am Ende als Heilmittel gegen meine Krankheit erwiesen! (1330) Meer der Gnade, das Fluss und Mond im Haar trägt! Nicht nur meine Bauchkrankheit verschwand: Auch die beiden entgegengesetzten Arten von Karma und die Härte meines Herzens wurden getilgt; ich gewann den Weg zur Befreiung. Wozu brauche ich nun andere Mantras, Edelsteine oder Arzneien? Für jene, die wahrhaft vertrauen, beseitigt doch dieses heilige Wasser alle Leiden!

(1331) Vergib gnädig die beiden Verfehlungen, die ich, dein Diener, zuvor begangen habe, und lass sie vergehen!‘ So pries er ihn vielfach und warf sich nieder. Von unablässiger Freude erfüllt, erbat er noch einige Gaben. Dann kehrte der königliche Hüter des Westens in seine bewachte Stadt zurück. (1332) Die vier Wolken, die aus Ishvaras blitzendem Haar gekommen waren, um den vom mächtigen Varuna gesandten Regen abzuwehren, hatten sich berggleich erhoben und zu vier Hallen vereinigt. Deshalb erhielt die alte Stadt Madurai damals den Namen Nanmada Kudal, die Vereinigung der vier Hallen.

Hier endet „19. Madurai wird zum vierfach geschützten Kudal“. Möge es glückverheißend sein.

20. Shiva erscheint als allvermögender Siddha

(1333) Wir haben erzählt, wie die Wolken im hohen Haar dessen, der den Sinn der vier Veden bildet, zu vier Hallen wurden und den von Varuna gegen Madurai gesandten Regen abwehrten. Nun berichten wir ein wenig von seinen Spielen in der Gestalt eines erhabenen Siddha. (1334) Damit der König mit der seltenen, strahlenden Juwelenkrone und die Bewohner des Pandya-Landes zuerst Wohlstand und danach die gute Befreiung erlangten, kam der Herr von Kudal, der Eigenschaften und Kennzeichen übersteigt, in der wahrhaftigen Erscheinung eines Siddha zu ihnen. (1335) Sein langes, geflochtenes Haar war rund aufgebunden; die heilige Schnur lag über seiner Brust. Auf der Stirn trug er heilige Asche und ein Mal, an den Ohren schwingende Ringe und weiße Mudra-Zeichen. Ein Fellgürtel umgab ihn; über der Schulter hing ein Beutel voll gebrannter weißer Asche.

(1336) Eine lange Kette aus klaren weißen Kristallperlen rieb die reine Asche von seiner Haut und hinterließ auf dem geröteten Körper ihre Spuren. In der roten Hand hielt er einen Khatvanga-Stab. Sein festgebundenes Bauchband zog die Herzen der Betrachter liebevoll an sich, damit sie Heil fänden. (1337) Aus der frisch abgezogenen Haut eines getöteten Tigers hatte er ein Lendentuch zugeschnitten; darüber trug er ein eng anliegendes Tigerfell. Ein Yogagurt lag auf seiner linken Schulter. In der Hand hielt er einen klingenden Bambusstab, der in Abständen mit Gold eingefasst war. (1338) Die Veden klangen wie Glöckchen und Fußringe um seine Füße. Aus den schwer zu beschreibenden Fußlotussen floss der Nektar der Gnade. Sein blütenhaftes Gesicht strahlte, als koste er den Honig seliger Erkenntnis. Die Upanishaden waren zu Sandalen seiner Lotosfüße geworden.

(1339) Ein leichtes Lächeln und Schweißperlen traten auf seinem heiligen Gesicht hervor. Er ging zu den Marktstraßen, bemalten Hallen, Kreuzungen und Gassen, zu Türmchen, Obergeschossen, Palasttoren und den dicht aneinandergereihten erhöhten Plätzen am Straßenrand. (1340) Eben schien er im Süden zu sitzen, da war er schon im Norden eingetreten. Eben war er im Osten, da lachte er im Westen. Wenn alle ihn suchten, entzog er sich ihrer Erkenntnis und verschwand wie ein Zauberbild. (1341) Er brachte ferne Berge nahe heran und versetzte nahe Berge in die Ferne. Menschen in hohem Alter verwandelte er in Jugendliche; aus kleinen Kindern mit noch lallender Sprache machte er Greise.

(1342) Er gab Männern die Gestalt von Frauen und ließ Frauen als herrliche Männer erscheinen. Kinderlose Frauen ließ er gebären. Vor aller Augen heilte er verkrümmte Glieder, Buckel, Taubheit, Stummheit, Blindheit und Lähmung. Die vier Metalle verwandelte er in Gold. (1343) Er ließ den gesamten Besitz reicher Häuser in die Wohnungen der Ärmsten gelangen. Freunde, zwischen denen keine Feindschaft bestand, ließ er miteinander ringen und heftig kämpfen. Am giftigen Kanchira-Baum ließ er wohlschmeckende süße Früchte reifen und zeigte die fünf Arten wunderbarer Kunst. (1344) Zur unpassenden Jahreszeit ließ er das Wasser der Vaigai über die Ufer strömen und dann wieder versiegen. Quellen und Teiche mit unvergleichlich süßem Wasser machte er salzig; dem Meerwasser verlieh er süßen Geschmack.

(1345) Er schleuderte seinen Maßstab empor und ließ ihn frei am Himmel stehen. Darauf stellte er eine Nadel und setzte seine große Zehe auf deren Spitze. Makellos tanzte und drehte er sich darauf; die roten Fußlotusse blühten im Himmel auf. [Die genaue Richtungsangabe bei der Drehung ist im Wortlaut unsicher.] (1346) Wie Garuda, der grimmige Feind der Schlangen, flog er durch den Himmel. Er ergriff eine Wolke und presste das von ihr getrunkene Wasser mitsamt dem Donner heraus, sodass die Zuschauer staunten. Dann ließ er sie wieder sichtbar ihren früheren Platz am Himmel einnehmen. (1347) Durch seinen Blick ließ er die Dinge des Tages nachts hervortreten und die Dinge der Nacht am Tag erscheinen. Er nahm dem starken Feuer, dem Wasser und dem Wind ihre Kraft. Zu Zeiten, in denen keine Blüten und Früchte wachsen, ließ er Blüten, unreife und reife Früchte entstehen.

(1348) Er strich alten Männern mit verklebten Augen mit seinem Stab über den Körper und machte sie zu kräftigen Jünglingen. Ihren treuen, betagten Frauen mit keuchendem Atem gab er durch dieselbe Berührung und durch heilige Asche die Jugend zurück, sodass sie wieder zu ihren Männern passten und Kinder empfangen konnten. (1349) Er zeigte die dreifachen, mit A beginnenden Künste der Herbeiziehung, die makellose unsichtbar machende Salbe, die dreifachen, mit Va beginnenden Künste der Beeinflussung, die alchemische Verwandlung und das unvergleichliche Aufhalten des Alters. [Die dreifachen Unterteilungen der genannten Zauberkünste sind im Ausgangstext nicht näher erläutert.] (1350) Auf die Zungen derer, die die Veden nicht verstanden, streute er Asche, sodass alle Künste in ihnen klar hervortraten. Im frisch duftenden Blütenhain, in dem der Pandya mit seinen geliebten Frauen wandelte, verwandelte er eine überaus hohe, fruchttragende Kokospalme in eine dunkle Palmyrapalme.

(1351) Durch seinen vielfältig wirkenden Blick verwandelte er andere hohe Baumarten, Vögel und viele Tiere, angefangen mit dem zweistoßzähnigen Elefanten, ineinander. Den Jugendlichen, die es begehrten, verlieh er weibliche Schönheit, sodass sie staunend ausriefen: ‚Sind wir nicht zu Frauen mit Gazellenaugen geworden?‘ [Die Verneinungsform dieses Ausrufs ist mehrdeutig.] (1352) Dinge aus der Schlangenwelt und aus der goldenen Himmelswelt ließ er in dieser Stadt erscheinen. Auf solche Weise vollbrachte der Herr des Himmels, der Gemahl der Bergestochter und einzige Gebieter Madurais unzählige wunderbare Spiele. (1353) Die Bewohner der alten Stadt, angefangen mit den ehrwürdigen, reifen Brahmanen, konnten ihre Augen und Gedanken nicht von diesen Spielen des Siddha-Yogis lösen. Voll Staunen saßen sie da und vergaßen ihre täglichen Aufgaben und Geschäfte.

(1354) Durch seine Diener erfuhr der König von diesen Geschehnissen. ‚Bringt diesen Siddha hierher!‘, sagte er und sandte seine Leute aus. Doch als sie den Siddha erreichten, blieben auch sie staunend bei den Spielen dessen sitzen, der das Karma überwunden hatte. (1355) Nun schickte der König seine Minister. Sie verneigten sich vor den Füßen des Siddha und baten: ‚Komm vor den König!‘ Der Asket wies es zurück: ‚Welchen Nutzen haben wir von einem König?‘ Da verneigten sich die Diener des erdentragenden Herrschers und kehrten zurück. (1356) Als die Minister dem König die ablehnende Antwort mitteilten, sprach der gerechte Herrscher: ‚Yogis, die die Gnade des Urherrn empfangen und dieses wie das künftige Leben hinter sich gelassen haben, achten nicht nur irdische Könige gering. Würden sie selbst Indra, Brahma, Vishnu und die übrigen für etwas halten?‘ So bedachte er es.

Hier endet „20. Shiva erscheint als allvermögender Siddha“. Möge es glückverheißend sein.

21. Der steinerne Elefant erhält Zuckerrohr

(1357) Wer könnte alle Spiele des allvermögenden Siddha von Madurai mit seinen wolkenberührten Hainen erzählen? Nun berichten wir auch, wie dieser einzigartige Siddha-Herr zum Staunen aller einen steinernen Elefanten Zuckerrohr fressen ließ. (1358) Der König dachte: ‚Wie konnte ich einen so Großen missachten, ihn für gering halten und so anmaßend nach ihm schicken? Im Nachhinein wächst meine Scheu. Was fehlt ihm, das ich ihm geben könnte? Ich selbst sollte hingehen, um den Unvergleichlichen zu sehen.‘ (1359) Erfüllt von Liebe beschloss der König mit dem Fischbanner, den seligen Siddha aufzusuchen. Der Shiva-Yogi, der im Schweigen ruhte, erkannte seine Absicht, ging ihm zuvor und setzte sich nordwestlich seines eigenen goldenen Heiligtums nieder.

(1360) An jenem Tag, dem Beginn des Monats Tai, kam der König von unerschöpflichem Reichtum und verehrte den Herrn von Madurai. Mit einem vor Hingabe schmelzenden Herzen umschritt er das innere Heiligtum. Vor ihm gingen seine streng dreinblickenden, gepanzerten Wächter. (1361) Sie sahen den Mann auf einem Lager aus zerteiltem Tigerfell sitzen: den Asketen, der die fünf Sinne bezwungen hatte, mit Yogagurt und der auf den Khatvanga gestützten Hand. Weil er so selbstbewusst sitzen blieb, traten sie heran und befahlen: ‚Weiche zur Seite! Steh auf und geh!‘ (1362) Der nachkommende Südkönig sah den Großen und fragte: ‚Aus welchem Land und welchem Ort stammt Ihr? Was benötigt Ihr, was wünscht Ihr? Wie heißt Ihr? Sagt es mir!‘ Er antwortete: ‚Lieber, wir wandern durch alle guten Länder und Städte dieser Erde.

(1363) Doch gegenwärtig ist unser Aufenthaltsort Kashi im schönen Land Kashmira. Wir sind ohne weltlichen Herrn. Unsere Gefährten sind jene, die das große Leben unablässigen Bettelns führen. Wir sind Siddhas, die Tag für Tag wandernd ihre wunderbaren Künste ausüben. [Die ungewöhnliche geographische Verbindung von Kashi und Kashmira steht so in der Vorlage.] (1364) Wir kamen, um die vielen Shiva-Heiligtümer zu verehren, beginnend mit dem Wald der Seligkeit. Diese erkenntnisspendende Stadt schenkt schon hier die Befreiung zu Lebzeiten und danach die höchste Befreiung voll Glückseligkeit. (1365) Den Bewohnern zeigen wir unsere Spiele und verleihen ihnen die verschiedenen Siddhis, die sie wünschen. Wir beherrschen die Veden und alle vierundsechzig hervorragenden Künste. Mehr noch: Wir sind Siddhas, denen alle Dinge bis hinauf zum Himmel möglich sind.

(1366) Südkönig, es gibt nichts, das wir von dir zu empfangen wünschen.‘ Dabei lächelte der Siddha-Yogi leise. Der König dachte: ‚Ich will erproben, wie weit seine Selbstgewissheit, sein Stolz und seine behauptete Größe reichen.‘ (1367) Während er über eine Probe nachdachte, kam ein Bauer und verneigte sich mit einem kräftigen Zuckerrohr, so dick wie eine stattliche Arekapalme. Der König nahm es in seine von Erde und Himmelsrichtungen gerühmte rote Lotushand und sprach zu dem, der Fluss und Mondsichel verborgen hielt. (1368) ‚Ihr erklärt Euch zum Fähigsten unter allen Könnern. Wenn Ihr diesen steinernen Elefanten dieses Zuckerrohr fressen lasst, seid Ihr wahrlich allvermögend; dann seid Ihr selbst der große Herr von Madurai. Wer sonst könnte das? Ich werde Euch gewähren, was Euer Herz wünscht.‘

(1369) So sprach der Nachkomme dessen, der die Wolken gefesselt hatte. Der Siddha lächelte: ‚Komm näher, Südkönig! Was könnte uns von dir zukommen? Sind nicht vielmehr wir es, die dir geben, was deine Wünsche stillt? (1370) Wer selbst in ferne, schwer erreichbare Welten geht und eine einzige besondere Kunst erlernt, wird von vielen geachtet und gewinnt einen Nutzen. Wir aber wissen alles und begehren nichts. Sieh nun, wie der steinerne Elefant das Zuckerrohr verzehrt!‘ (1371) Er warf ihm nur einen kleinen Seitenblick zu. Der steinerne Elefant vor ihnen öffnete seine Augen; aus seinen drei Stellen floss Brunstwasser. Er riss den Rachen auf, als wollte er den Himmel verschließen, brüllte, streckte den Rüssel aus und entriss dem berggleichen König den süßen Stängel.

(1372) Er zerbiss, zerkaute und verschlang ihn. Aus den Mundwinkeln floss Saft, auf den sich Bienen zum Trinken stürzten. Mit schwingendem Rüssel, erhobenem Kopf und stolzem Schnauben stand er da. Da warf ihm der Meister der Wunder noch einmal einen Seitenblick zu. (1373) Der Elefant griff nach der Perlenkette am Hals des Königs mit der honigduftenden Girlande und riss sie ihm ab. Die streitbaren Wächter wurden zornig, stürmten heran und hoben ihre Stöcke, um das Tier zu schlagen. Der Asket sah den Elefanten mit geröteten Augen streng an. (1374) Der Elefant verschlang die Halskette. Die Augen des Königs röteten sich, und Zorn gegen den Shiva-Yogi stieg in ihm auf. Unter seinen Gefolgsleuten stürmten die Unerschrockensten grimmig heran, um den zu schlagen, der seine bienenumsummten Konrai-Blüten verborgen hatte.

(1375) Da ließ der Siddha-Herr ein junges Lächeln erblühen, hob seine Lotushand und sagte zu den Zornigen: ‚Bleibt stehen!‘ Die elefantengleichen Männer konnten keinen Fuß mehr versetzen. Sie standen in ihrer Haltung fest wie ein unvergleichliches unbewegtes Gemälde. (1376) Die Zornesglut des elefantenreitenden Königs erlosch. Liebe schloss sein Herz ein, und Staunen quoll daraus hervor. Er fiel nieder, sodass seine große Krone die Füße des Siddha-Herrn berührte, und bat: ‚Verzeiht den Fehler dieses einsamen Menschen, der in Bindungen gefangen ist!‘ (1377) Der Herr, das Meer des Mitgefühls, das sich der Liebe erbarmt, sprach freudig: ‚Bitte um die Gabe, die du wünschst!‘ Der König verneigte sich: ‚Schenke mir einen guten Sohn!‘ Er gewährte es, legte seine rote Hand auf den mächtigen Elefanten und schenkte ihm seinen Gnadenblick.

(1378) Der Elefant streckte den Rüssel aus und gab die lange, kühlstrahlende Perlenkette zurück. Der edle König, der vom Recht nicht abwich, streckte seine freigebige Hand aus und nahm sie entgegen. (1379) Noch ehe er die Perlenkette ganz empfangen hatte, war die heilige Gestalt des Siddha vor ihm verschwunden. Auch der wilde Elefant war wieder wie die übrigen steinernen Figuren. Der mächtige König stand voll ehrfürchtiger Scheu da. (1380) ‚Dieses Spiel war ein Gnadenspiel des Endlosen, der das Leben unseres Lebens ist!‘, erkannte er. Noch einmal trat er vor den ursprünglichen Herrn der Veden und verehrte ihn.

(1381) ‚Allwissender Urherr! Ohne dein Spiel zu verstehen, habe ich Tor versucht, es zu ermessen.‘ Weinend verneigte er sich, bekannte sein Vergehen und begann, mit gefalteten Händen vor dem Herrn zu beten. (1382) ‚Du bist der Vedengelehrte, der reife Sinn der Veden und die von ihnen gelehrte Ordnung. Du bist das weite Licht jenseits aller Ordnungen, Anfang, Ende und Mitte und das Leuchten jenseits von ihnen. Wie könnte dein Wesen Gegenstand meiner Prüfung sein? (1383) Selbst die Veden, die du gesprochen hast, verehren deine Füße, bringen ihnen lange Zeit Opfer dar, tragen sie auf dem Haupt und rezitieren deine Namen. Wenn sie dennoch sagen: „Ich erkenne dich nicht“, wie könnte dein Wesen durch mich, deinen Diener, geprüft werden?

(1384) Du bist größer als das Größte, kleiner als das Kleinste, unzugänglicher als das Unzugänglichste und leichter erreichbar als das Leichteste. Du bist das schwer Erfassbare, der Sehende, das Sehen und der vierte Zustand jenseits von beidem. Wie könnte dein Wesen Gegenstand meiner Prüfung sein?‘ (1385) Nachdem er ihn wiederholt so gepriesen hatte, kehrte Abhisheka Pandya heim. Ihm wurde Vikrama geboren. Viele Jahre übte er gerechte Herrschaft aus, dann legte er die Last der Erde auf Vikramas Schultern. Durch den Gnadenblick des Siddha-Herrn überwand er seine Bindung und ging wie eine Biene, die sich in duftenden Honig versenkt, in die höchste Glückseligkeit ein.

Hier endet „21. Der steinerne Elefant erhält Zuckerrohr“. Möge es glückverheißend sein.

22. Der Elefant wird mit einem Pfeil bezwungen

(1386) So ließ der Herr mit den sich öffnenden Konrai-Blüten den steinernen Elefanten Zuckerrohr fressen. Nun erzählen wir, wie er den wütenden Elefanten, den die Jainas gegen den Pandya sandten, mit seinem Pfeil niederstreckte und tötete – er, der einst die feindlichen Burgen verbrannte. (1387) Vikrama Pandya führte sein schwer zu bezwingendes gerechtes Zepter. Die Länder aller Richtungen entrichteten Tribut, sein Reichtum nahm zu. Ungerechtes, grausames Kali und mächtige Feinde wichen zurück; sein Herrschaftsrad rollte, er beseitigte Not und übte Recht. (1388) Der Reine riss nach Darstellung des Dichters Buddhisten, Jainas und andere äußere Lehren wie Unkraut aus und ließ die Saat des ewigen Veden- und Agama-Weges wachsen. Er regierte nach Manus Ordnung, damit alle die Frucht wahrer Vorschrift und Hingabe genießen konnten. [Die abwertende Darstellung anderer Religionen gehört zur konfessionellen Polemik des Ausgangstextes.]

(1389) Nördlich neben dem vom Himmel herabgekommenen Heiligtum des duftend bekränzten Herrn ließ er einen Tempel errichten. Dort verehrte er die heilige Gestalt des Siddha, der sowohl Form als auch Formlosigkeit übersteigt, und diente ihm beständig. (1390) Damals lebte ein Chola aus dem Geschlecht der roten Sonne im siegreichen Kanchipuram. Er war, so nennt ihn der Erzähler, verschlagen und folgte dem äußeren Weg der als trügerisch bezeichneten Jaina-Lehrer. Mit verdunkeltem Verstand stellte er sich gegen den Pandya. (1391) Er vermochte dem löwengleichen Südkönig nicht im offenen Kampf entgegenzutreten, denn dessen Herz hatte die roten Füße des stierreitenden Herrn mit der Mondsichel im roten Haar ganz in sich aufgenommen. Deshalb beschloss er, ihn durch eine große List zu töten.

(1392) Er schrieb gesonderte Palmblattbriefe an die angesehenen Jaina-Lehrer auf den acht wolkenberührten Bergen: Anjana, Krauncha, Govardhana, Trikuta, Kanchikunjara, Sahya, Hemakuta und Vindhya. (1393) Achttausend dieser Lehrer lasen die aufgerollten Briefe des gekrönten Königs mit dem Atti-Blütenkranz. Der Dichter beschreibt ihre Herzen wie ihre Körper als von unreinem Dunkel bedeckt. Gleich donnernden Wolken stiegen sie von ihren Bergen herab und zogen fort. (1394) Alle versammelten sich und erreichten gemeinsam das stark befestigte Kanchipuram, als wandelten sie auf einem Weg der Finsternis. Sie kamen an das äußere Tor des Palastes des blütenbekränzten Königs. Seine Diener ließen sie hinein, und sie betraten den Thronsaal.

(1395) Sie legten ihre Pfauenfederwedel auf seine Krone und sprachen Segensworte. Er sagte: ‚Ihr beherrscht die sechs Zauberkünste, beginnend mit der Beeinflussung. Wenn ihr den Südkönig durch einen schädigenden Zauber tötet, gebe ich euch die Hälfte meines Landes. Geht und vollbringt es!‘ (1396) Die Asketen, die nach Darstellung des Erzählers Unheil statt Heil übten, stimmten zu. Am weiten Ufer des rotwogenden Pali legten sie über eine Strecke von drei Kadam eine große Opferanlage an. Sie gruben eine Yojana breite, achteckige Feuergrube für das verderbliche Opfer. (1397) Sie warfen giftiges Holz hinein, gossen Neemöl dazu und füllten die Feuergrube mit Fett und Fleisch giftiger Tiere, Gewürzpulver und scharfem Öl. So vollzogen ausgerechnet jene, die das Gelübde des Nichttötens übernommen hatten, ein Opfer voller grausamer Schuld.

(1398) Das Feuer sprang so hoch, dass die umliegenden Gehölze, Blumengärten, Haine und Wälder versengten und verbrannten. Fischreiche Bäche, Wassergräben, Becken und Teiche trockneten aus; sogar die hochstehenden Wolken wurden angesengt von den Flammen der Opfergrube. (1399) Daraus erhob sich ein furchtloser Elefant, wie der leibhaftige Tod, wie ein Berg aus schwarzer Augenschminke. Seine Ohren erzeugten Sturm; Stoßzähne ragten aus dem großen Maul. Unaufhörlich quoll Brunstwasser, sein einzelner Rüssel schwang, und er schnaubte wie emporsteigendes Gift. (1400) Sein aus drei Stellen strömendes Brunstwasser löschte sogar das große Opferfeuer. Die Jaina-Asketen mit den schmutzbedeckten Körpern, die der Dichter als Dämonen bezeichnet, schickten ihn voraus nach Süden: ‚Geh und vernichte den Pandya samt Madurai vollständig!‘

(1401) Die als erbarmungslos geschilderten Jainas und der König, den der Text als fern von Veden, rechtem Handeln und dem wahren Sinn dieses und des künftigen Lebens darstellt, drängten mit seinem Heer hinterher. Vor ihnen stürmte der Elefant angstlos voran; sein Brüllen krachte wie Donner. (1402) Seine Füße reichten bis in die weite Unterwelt, sein Scheitel bis ans Weltengewölbe. Sein Donner war wie sieben Wolken. Der Sturm seiner Ohren glich dem Wind der Weltauflösung; sein Brunstregen den sieben Meeren am Weltende. Das Feuer seiner Augen entsprach dem uralten Untermeerfeuer. (1403) Vor diesem Elefanten hätte selbst der Tod Angst empfunden. Sein Brüllen drang in die Ohrhöhlen der Weltenelefanten; der Sturm seiner schlagenden Ohren traf sie, das Augenfeuer sengte sie, und der Geruch des aus aufgebrochenen Schläfen strömenden Brunstwassers überwältigte sie. So zitterten und litten die Elefanten der Himmelsrichtungen.

(1404) Er riss den Bauch donnernder Wolken auf und schüttelte ihre Blitzschläge herab. Sein krachendes Trompeten verschlang die Richtungen und machte sie taub. Mit seinem zuckenden Rüssel umfasste er himmelhohe Berge und wirbelte sie umher wie einen gewaltigen Quirl, der das Meer durchrührt. (1405) Mit donnernder Stimme, sturmwerfenden Ohren, zwei gekrümmten Mondsichel-Stoßzähnen, flammenden Augen, dunklem Körper, drei Meeren von Brunstwasser und mörsergleichen Füßen glich dieser Elefant dem wütenden Untermeerfeuer, als wäre es auf die Erde herausgetreten. (1406) Augenzeugen berichteten dem König mit dem duftenden Neemkranz, wie dieser Elefant zusammen mit dem Feind gleich einem grausamen Tod herankam und mit seinem Brüllen die Ohren der Weltenelefanten versengte. Das Herz des Königs wirbelte wie Wasser in einem Strudel; er dachte darüber nach und litt.

(1407) Er eilte vor das juwelengeschmückte Heiligtum, dessen Last mächtige Elefanten tragen, und fiel zu den Füßen dessen nieder, der einst den Elefanten häutete. ‚Vernichte auch diesen Elefanten und beschütze mich!‘, flehte er. Da erhob sich aus dem weiten Himmel eine heilige Stimme. (1408) ‚Wir werden als Bogenschütze erscheinen, die Kraft derer brechen, die ihn ausgesandt haben, und dem grausamen feindlichen Elefanten das Leben nehmen. Errichte zuerst östlich vor deiner wohlbewachten, von honigreichen Hainen umgebenen Stadt einen erhöhten Schützenpavillon!‘ Der König hörte dies und erhob sich. (1409) Von Freude erfüllt, ließ der weltberühmte König einen sechzehnsäuligen Pavillon erbauen, der wie ein goldener Berg emporragte. Nun erzählen wir, wie der Bogenschütze erschien, der dem furchtlosen, laut brüllenden Elefanten entgegentreten sollte.

(1410) An seinen Ohren trug er lange, weiße Muschelringe, wie zwei Monde, die ihre dunklen Flecken abgelegt hätten. Sein ausgebreitetes Flechtenhaar verbarg er in einem duftenden Haarknoten; darin steckte ein Pfauenfederbusch. Eine weiße Blüte leuchtete wie ein Schwan darin. (1411) Sein blutroter Gürtel war fest umgebunden und glich der roten Sonne, die aus dem dunklen Meer aufsteigt. Dazu trug er ein Schwert mit blutigem Maul. An den erdberührenden Füßen, nach denen die vier Veden sich sehnen, lagen Kriegerfußreifen; auf dem Rücken saß der Köcher. (1412) Auf der breiten, kräftigen Schulter ruhte der lange Bogen. Seine dunkle Körperfarbe schien, als hätte er die neben ihm wohnende Himalaya-Tochter nicht nur zur Hälfte, sondern vollständig in sich aufgenommen. Oder als hätte sich die Farbe Vishnus, den er auf einer Seite trägt, über den ganzen Leib ausgebreitet.

(1413) Er erschien in jugendlicher Kraft und so schön, dass selbst Kama ihn begehrt und zugleich gefürchtet hätte: der einzigartige siegreiche Bogenschütze, dessen Macht die Welt durchmisst. Er bestieg den Pavillon, der wie der Scheitel der großen Veden ragte, und blickte nach dem Elefanten aus, um die Not des Pandya zu beheben. (1414) Als der Elefant des ungerechten Gegners noch fünf Rufweiten entfernt war, trat er mit seinem starken Fuß auf den mächtigen Bogen, bog ihn und befestigte die lange Sehne. Er schlug mit dem heiligen Finger dagegen. Ihr Klang war ein Löwengebrüll, das selbst die acht Weltenelefanten erschreckte. (1415) In der linken Hand hob er den schönen langen Bogen und legte den schrecklichen Narasimha-Pfeil an. Er drehte den Körper, setzte den linken Fuß vor und zog mit zwei Fingern die Sehne bis zum Ohr. Er ließ los: Der Schädel des wolkengleich brüllenden Elefanten wurde gespalten.

(1416) Mit einem wolkenartigen Schrei brach der grausame Elefant zusammen. Die Elefanten der Himmelsrichtungen, zuvor so stolz und kraftvoll, flohen erschrocken: Es war, als hätten sein Körpergewicht Erde und Sheshas Haupt zerschmettert und das Weltenei gespalten. (1417) Der wilde Elefant glich dem Tod, der einst vom Fußtritt des heiligen Herrn im Elefantenfell niedergeworfen wurde. Der König des hellen Mondgeschlechts glich dem jungen Markandeya aus dem verehrenden Geschlecht. Die zitternden Jainas gerieten wie die Boten des Todes in Bedrängnis. (1418) Auf dem Elefantenkörper, der wie niedergesunkene Finsternis aussah, leuchtete das aufgetragene rote Pulver wie die letzten Sonnenstrahlen im Antlitz der Abenddunkelheit. Aus der Wunde des Pfeils dessen mit der dunklen Kehle floss Blut wie die aufgehende Sonnenscheibe, die alles Dunkel verschlingt.

(1419) Das grausame Kali selbst schien als dunkler Elefant gekommen zu sein, die Willkürherrschaft des Königs als weißen Stoßzahn tragend – jenes Königs, der dem vom Dichter verworfenen Weg der unaufrichtigen Lehrer folgte. Das gerechte Zepter des Südkönigs wurde zum Löwenpfeil des Herrn und zerschmetterte es. (1420) Aus dem vom Pfeil aufgerissenen riesigen Loch und dem Maul ergossen sich Blutwasserfälle, gewaltiger als von einem blitzgetroffenen Berg. Geier, Dämonen und Geister drängten sich wie dunkle Wolken heran. Der Südkönig erblühte vor Freude; seine juwelengeschmückten Schultern schienen anzuschwellen. (1421) Der Pandya sah die Jainas hinter dem Heer herankommen; der Text vergleicht ihre dunklen Gestalten mit Geistern, die das Wundblut des Elefanten trinken wollen. Er wurde zornig. Seine ehrbewussten, grimmigen Speerkrieger erkannten seinen Wink und stürmten auf sie zu.

(1422) Sie hoben Stöcke und schlugen zu, liefen herum und versperrten die Fluchtwege. Sie zertrümmerten die Wassergefäße, schlugen die Pfauenfederwedel entzwei, zerrissen die getragenen Matten und trieben die Männer in die Gräben. Manche ließen sie ziehen, nachdem sie sie ihrer Würde beraubt hatten. (1423) Geschlagen, ihres Zaubers beraubt und mit dem Heer in die Flucht geworfen, versanken die Asketen mit den ausgezupften Haaren in Furcht, Schuld und Niedergeschlagenheit. Unter Schmähungen schlichen sie davon, sich mit ihren Matten und den in Tragnetzen hängenden Wassergefäßen verbergend. (1424) Der Pandya ergriff mit beiden Händen die Füße des Helden, der nach dem Sieg über den Elefanten im erhöhten Pavillon saß. Er flehte: ‚Du jenseits aller Erkenntniszustände, bleibe hier für immer sichtbar gegenwärtig!‘ Der göttliche Lehrer, der den Sinn der Veden erklärt hatte, gewährte es.

(1425) Der König empfing weitere Gaben und verehrte fortan den aus reinem Bewusstsein bestehenden Herrn von Nanmada Kudal. Ihm wurde ein Sohn namens Rajashekhara geboren, schön wie Kama und mit frischen Blütenkränzen geschmückt. Der Herrscher mit den glänzenden Wagenrädern beschützte weiterhin die Erde. (1426) Der Elefant, den die verräterischen Gegner herbeigeführt hatten, lag als Berg da. In ihm blieb der vom göttlichen Schützen ausgesandte Pfeil als rotglänzender, schrecklicher Narasimha gegenwärtig, wie einst der Mächtige aus der Säule hervorgetreten war. [Die Anspielung auf die Sharabha-Gestalt des Schützen ist im versdichten Wortlaut nicht vollständig aufzulösen.] (1427) Dieser Löwenherr hatte einen Teil der heldenhaften Kraft Rudras empfangen, der alle Welten auflöst und erneut hervorbringt, und damit den scheinbar unsterblichen Asura zerrissen. Der Weise Romasha kam zu ihm, übte unermessliche Askese und schuf ein heiliges Gewässer, das seinen Namen bekannt machte. Auch Prahlada übte dort Askese und erlangte eine grenzenlose große Gabe.

Hier endet „22. Der Elefant wird mit einem Pfeil bezwungen“. Möge es glückverheißend sein.

23. Shiva erscheint als alter Mann, junger Mann und Kind

(1428) Wir haben berichtet, wie der Schöne auf dem Stier als Krieger den Elefanten bezwang, den die Träger der Federwedel ausgesandt hatten. Nun erzählen wir, wie er als Greis, dann als Jüngling und schließlich als rotmündiges kleines Kind sein Spiel vollbrachte. (1429) Als die Erdgöttin sicher auf den Schultern des Südkönigs Vikrama ruhte, lebte in Madurai ein Brahmane namens Virupaksha. Seine blitzschöne Hausfrau hieß Subhavrata; ihre Treue glich der des nördlichen Sterns Arundhati. (1430) Da ihnen das ersehnte Kind fehlte, übten sie zahllose heilige Werke und hielten die gute Lebensordnung ein. Sie verehrten die sieben Mütter mit ihrem blumengeschmückten Haar und vollzogen liebevolle große Askese. So wurde ihnen eine Tochter geboren.

(1431) Sie nannten sie Gauri. Als sie fünf Jahre alt war, suchte ihr Geist bereits nach einem sicheren Heilmittel gegen die Krankheit der Wiedergeburt. Sie verneigte sich vor ihrem Vater und fragte: ‚Welches göttliche Mantra schneidet die Geburt ab?‘ (1432) Der Brahmane staunte und lehrte die seltene Tochter voller Herzensfreude das Mantra der Göttin. Sie verstand es durch seine Unterweisung und übte es, bis ihre Zunge Spuren davon trug. Sie war gekommen, um die noch unvollendete Askese früherer Leben zu vollenden. (1433) Der Vater dachte: ‚Wann wird ein Mann aus würdigem Geschlecht kommen, ein Same vedischer Gelehrsamkeit im ersten Lebensstand, ein großer Shiva-Asket, der zu diesem Spross meiner Askese passt?‘ So suchte er innerlich nach einem geeigneten Gatten.

(1434) Als sie acht Jahre alt war und nach damaliger Auffassung das Heiratsalter nahte, kam eines Tages ein Brahmacharin aus einem anderen Land. Er trug die Zeichen eines Vaishnava und ernährte sich von Almosen, die er von Tür zu Tür erbat. Auch hier bat er um Nahrung. (1435) Der vedengelehrte Vater, der seine Tochter erst nach mühevoller Askese empfangen hatte, verspürte plötzlich den Wunsch, sie dem Bittenden zu geben. Ohne seine Frau oder Verwandten zu befragen, nahm er Wasser und goss es ohne Zögern in dessen Hand zum Zeichen der Zusage. (1436) Das Schicksal des Mädchens mit den klingenden Fußringen und das gute frühere Karma des Bettelnden trieben ihn dazu, unter Mantragesang Wasser aus dem Gefäß auszugießen. Als die Mutter und die Verwandten davon hörten, erschraken sie und verloren den Mut.

(1437) ‚Er hat weder Familie noch Gotra geprüft, weder Herkunft und guten Ruf noch Lebensführung, Bildung oder Wohnort. Dennoch hat er die Jungfrau bereits zugesagt!‘, klagten sie. ‚Selbst der Verstand eines Menschen, der alles geprüft hat, folgt am Ende dem Schicksal.‘ (1438) Dann untersuchten sie Familie, Gotra, vedische Schulzugehörigkeit und die übrigen Verhältnisse des jungen Mannes. ‚Er entspricht unserer Überlieferung. Nur dies beanstanden wir: Er ist dem von Vishnu gelehrten Vaishnava-Weg verbunden. Warum sollten wir nun noch ablehnen? Wir wollen sie ihm geben‘, beschlossen sie. (1439) Nachdem Mutter und Verwandte zugestimmt hatten, vollzog der Vater die erste der acht in den Veden behandelten Eheformen, die rechtmäßige Brahma-Ehe. Er schmückte die schlanke Jungfrau reich mit Gold und übergab sie dem jungen Mann vor dem lodernden heiligen Feuer.

(1440) Er richtete die göttlichen, glückverheißenden Hochzeitsgaben aus und entließ seine Tochter mit dem jasmingeschmückten Haar zusammen mit ihrem Bräutigam aus der wohlbewachten, von tönendem Wasser umgebenen Stadt. So handelte der segensreiche shaivische Brahmanen-Asket. (1441) Der Sohn, der bisher von Haus zu Haus gegangen war und um Nahrung gebettelt hatte, kam nun als Bräutigam heim, als hätte er die Reichtumsgöttin selbst geheiratet. Es war, als fiele einem Besitzlosen ein Schatz zu. Doch seine Eltern, die der Erzähler als hartgesinnte Vaishnavas zeichnet, konnten dies nicht ertragen. (1442) Sie sahen die auf Shiva gerichtete Gesinnung und die shaivischen Zeichen der Braut; ihre Herzen brannten wie von Feuer erfasste Körper. Sie sonderten sie ab, wiesen sie zurück und beschimpften sie. Eines Tages gingen sie zu einer Hochzeit von Angehörigen in einem anderen Ort und ließen sie allein zurück, das Haus verschlossen.

(1443) Obwohl die Upanishaden lehren, dass heilige Asche die innere Unreinheit abwäscht, bestrichen jene ihren Körper mit Erde, so polemisiert der Dichter. Nach ihrem Weggang dachte die Frau: ‚Heute kann ich keinen Shiva-Diener sehen, dessen Anblick meinen Makel tilgen würde. Werden dadurch nicht meine Augen unrein?‘ Ihre erste, tiefe Liebe ließ sie vor Sehnsucht bekümmert sein. (1444) ‚Ein Herz ohne Liebe zu Shivas Dienern ist Eisen; ein Körper, der ihnen nicht täglich dient, ist Holz. Eine Gestalt, die Ohren, Augen und die übrigen Sinne nicht auf sie richtet, ist nur eine Puppe. Ein Weg außerhalb der von den Veden gepriesenen shaivischen Askese führt weiter zur Wiedergeburt.‘ So litt sie in ihrer Einsamkeit. (1445) ‚Das Wohl aller Wesen heißt Glück hier und jenseits. Wer es schenkt, ist Hara, der alles ist und das Leben aller Leben. Ihn erkennt man durch wahre Hingabe mit Körper, Rede und Geist. Ist nicht die Gestalt seiner Diener gerade jene Erscheinung, die er annimmt, um die karmische Not der Hingebungsvollen zu lösen?‘

(1446) Während sie so sann und sich quälte, erkannte der Herr, der als Südkönig regiert hatte, ihre Gedanken und suchte den Augenblick seiner Gnade. Er legte Rudraksha-Schmuck an Ohren, Brust, Hände, Haupt, Schultern und Hals und nahm ein großes, seit vielen Tagen benutztes Buch zur Hand. (1447) Er erschien mit einer schmalen, altersgebeugten Mitte, runzligen Wangen, keuchender Brust und verrutschtem Lendentuch. Sein Kopf zitterte; über der Schulter lag das Obergewand. Auf der aschegeschmückten Brust schwankte die heilige Schnur. Einen breiten Schirm tragend und auf einen Stab gestützt, kam er mit gebeugtem, wankendem Körper. (1448) Wie ein einsamer Mensch, der seit Tagen nichts gegessen hat, war er abgemagert und vom Hunger erschöpft. Als Gauri diesen alten Brahmanen eintreten sah, stand sie voller Liebe auf, bot ihm einen Sitz und faltete die Hände: ‚Welche große Askese habe ich wohl geübt, dass ich hier Shiva selbst sehen darf?‘ Der Weise sagte: ‚Hunger hat uns hergeführt.‘

(1449) ‚Meine Angehörigen sind fort und haben das Haus verschlossen‘, sagte Gauri. Der Brahmane, der einst den Meru als Bogen spannte und die Burgen zerstörte, antwortete: ‚Berühre das Schloss nur mit deiner Hand; es wird aufspringen. Öffne und bereite rasch Speise!‘ Die junge Frau tat es, ging in die Küche und kochte. (1450) Der junge Spross großer Askese kam heraus, trug Wasser in den zarten Händen und bat: ‚Herr, erhebe dich gnädig zum Essen!‘ Sie wusch seine roten Lotosfüße und sprengte das Wasser auf ihr Haupt, wodurch die dunkle Unreinheit ihrer Bindung gereinigt wurde. Dann führte sie ihn hinein und ließ ihn auf einem Sitz Platz nehmen. (1451) Sie verehrte ihn mit geöffneten Blüten und richtete ein gutes Speiseblatt her. Milchreis, weiß wie duftende Jasminknospen, häufte sie wie einen Silberberg auf; Linsen darauf glichen einem goldenen Gipfel. Die verschiedenen Beilagen lagen ringsum wie kleinere Berge, das Ghee floss wie ein Wasserfall. Dazu gab sie vielerlei kleine Gerichte.

(1452) Zwischendurch nährte ihr roter Mund seine Ohren mit dem süßen Nektar freundlicher Worte, während ihre armreifengeschmückte Hand ihm Speisen aller sechs Geschmacksrichtungen reichte. Als der erschöpfte Herr gegessen hatte, schwand sein Alter, als hätte er Unsterblichkeitsnektar getrunken. Vor den Augen des Mädchens saß er plötzlich als Jüngling da, schön wie der Gott mit den Blumenpfeilen. (1453) Die weiße Asche war zu duftender Salbe geworden, die Rudraksha-Perlen zu Goldschmuck, goldenen Ohrringen und Armreifen. Als die Frau mit ihrer makellos blühenden Treue den strahlenden Jüngling sah, erbebte sie, rang die beringten Hände, staunte und geriet in Schweiß. Beschämt zog sie sich an eine Seite zurück. (1454) Gerade da kehrten die Angehörigen von der Hochzeit im Nachbarort zurück, jene, die der Erzähler als nur scheinbar hingebungsvolle Verehrer des Herrn mit der honigduftenden Tulasi-Girlande schildert. Als sie eintraten, nahm der sechzehnjährige Herr mit der kostbar dunklen Kehle die Gestalt eines Säuglings mit einem Schutzmal auf der Stirn an.

(1455) Der Vater, der alle Wesen erschafft, erhält und auflöst, lag auf einem Tuch. Er saugte an der großen Zehe seines verehrungswürdigen Lotosfußes, der in den Herzen seiner Liebenden erblüht und Shivas Seligkeit als Honig verströmt. Die Veden klangen als Fußringe um ihn; aus den dunkel umrandeten Augen flossen Tränen, und er weinte laut. (1456) Brahma sucht ihn und weint, als suche er hilflos ein von der Mutter verlassenes Kind; auch die Veden klagen suchend. Nun lag er, von der Liebe seiner Verehrerin gebunden, wirklich als weinendes Kind da. Die Schwiegermutter, die der Dichter als bitterfrüchtige Ranke ihres Glaubens bezeichnet, sah es und fragte Gauri: ‚Was ist das für ein Kind?‘ (1457) Die Liebende des Herrn, der selbst dem Brahma auf der Lotosblüte schwer zugänglich ist, antwortete: ‚Devadatta kam mit seiner Frau und sagte: „Liebe, behüte diesen kleinen Sohn einen Augenblick!“ Dann ließ er ihn hier und ging.‘ Noch ehe sie ausgeredet hatte, wurden Herz und Augen der Schwiegermutter unruhig; sie geriet in Zorn gegen die Braut.

(1458) ‚Du liebst das Kind eines Menschen, der unablässig Rudra liebt, jenen Knochenträger, der sich auf dem Verbrennungsplatz mit Asche bestreicht. Auch du gehörst nicht zu uns!‘ Mit diesen Worten trieben sie die leidende Frau zusammen mit dem Kind aus dem Haus. Der Erzähler beklagt ihre Hartherzigkeit, die Geduld, Mitgefühl und Würde verdrängt habe. (1459) Auf der Straße blickte Gauri erschöpft in das Gesicht des mutterlosen Kindes. Innerlich sah sie den Herrn von Kudal, der ihr Herz zum Tempel genommen hatte. Als die Frau mit den bambusgleichen Schultern das heilige Mantra der Göttin Gauri sprach, sah sie das eben noch weinende Kind oben im Himmelsraum erscheinen. (1460) Er legte die Kindergestalt ab und erschien auf dem mächtigen Stier. Die Brahmanentochter, die das Mantra seiner Göttin geübt hatte, verwandelte er in Parvatis Gestalt und ließ sie vor aller Augen an seiner Seite aufsitzen. Während die Menschen sich verneigten und die Götter Blüten regnen ließen, zog der Schöne durch den Himmel. Die Erdenbewohner staunten und jubelten.

Hier endet „23. Shiva erscheint als alter Mann, junger Mann und Kind“. Möge es glückverheißend sein.

24. Der Tanz mit gewechselter Beinstellung

(1461) So haben wir erzählt, wie der heilige, als Siddha in Madurai wohnende Herr als Greis, Jüngling und Kind erschien und schließlich als der Eine auf dem mächtigen Stier sein Spiel vollendete. Nun schildern wir ein wenig, wie der Tänzer der Halle beim Tanz die Stellung seiner Füße vertauschte. (1462) König Vikrama mit dem Fischbanner nahm die Last der Erde von seinen Schultern und legte sie auf die seines Sohnes Rajashekhara. Er selbst gelangte zur Stadt des einzigen heiligen Ursprungs, der Indra, den lotosgeborenen Brahma und Vishnu wie aufgetragene, leuchtende Asche an seinem Leib betrachtet. (1463) Rajashekhara regierte die weite Erde mit ungeteilter gerechter Herrschaft unter seinem schönen weißen Schirm. Aus Liebe zum heiligen Tanz des seligen Herrn in der einzigartigen Halle hatte er die Tanzkunst zunächst ausgespart und die übrigen dreiundsechzig Künste erlernt.

(1464) Zur selben Zeit herrschte Karikala Peruvallattan. Sein Herz war dem Herrn von Tiruanaikka am kühlen, wellenbewegten Ponni verbunden, den der rotäugige große Elefant unter dem von einer Spinne gewebten Baldachin verehrt hatte. Er hatte alle vierundsechzig Künste gelernt und lebte mit freudigem Herzen. (1465) Ein Dichter vom Hof des Königs des Ponni-Landes kam zum Pandya mit dem blühenden Neemkranz. Er pries ihn und sagte: ‚Unser König Karikala mit den klingenden Kriegerfußreifen beherrscht alle vierundsechzig Künste. Dir fehlt eine, Löwe der Südkönige: Du hast die Lehre Bharatas, die Tanzkunst, nicht erlernt.‘ (1466) Die Worte des Gelehrten aus dem fremden Land entfachten Ehrgeiz und gekränktes Ehrgefühl im Pandya. Sein Herz war beunruhigt. ‚Soll nun auch ich den Tanz des dreiäugigen Herrn in der Halle auf dem Scheitel der alten Veden tanzen? Vielleicht ist auch dies die Bestimmung unseres Herrn‘, dachte er und beschloss zu lernen.

(1467) Er suchte Meister, die die gesamte Tanzlehre durchdrungen hatten und sie praktisch ausübten, Kenner der dramatischen Bewegung. Ihnen schenkte er mit überströmender Wertschätzung Gewänder, Schmuck und Reichtum bis zur Sättigung. Dann begann der bienenumsummt bekränzte König, Bharatas Lehre ohne Fehler zu studieren. (1468) Er lernte die Ordnung von Bhava, Raga und Tala und damit Bharata: Anga, Upanga und Pratyanga, die Ausdrucksweisen des Gesichts, die Handbewegungen, die Tätigkeiten von Kopf und Händen, die Handstellungen, Hand-Karanas, Standpositionen und reinen Charis. [Die alten tamilischen Fachbezeichnungen sind teilweise normalisiert; einzelne Glieder der Liste bleiben unsicher.] (1469) Weiter lernte er Deshi-Charis, Nyaya, Vritti, Pravichara, Bewegungsfolgen auf dem Boden und im Luftraum, reine Karanas, Utpulita-Karanas, Angaharas und Rechakas. Nachdem er diese zwanzig Gruppen fehlerfrei eingeübt hatte, vertiefte er ihre Unterteilungen.

(1470) Unter den acht Tanzarten, beginnend mit Manobhava, lernte er die Chari-Bewegungen, den Tandava und den inneren Weg sowie die drei Formen Deshi, Vadugu und Singhala. Dazu kamen sechs Grundstellungen, sechs Fußstellungen und sechzehn Körperglieder beziehungsweise Bewegungsmerkmale, beginnend mit Rekha. (1471) Er lernte vier Arten von Karana und die zwei von den Meistern bestimmten Handgruppen, sechzehn Fußbewegungen, beginnend mit Purikai, zwei weitere Stellungsarten, achtundzwanzig Beugungen, sechzehn reine Boden-Charis und ebenso viele Luft-Charis. [Einzelne Bezeichnungen sind nur lautnah aus der tamilischen Vorlage wiedergegeben.] (1472) Hinzu kamen zwei Gruppen von insgesamt zweiunddreißig Deshi-Charis, beginnend mit Dikkranta, fünfunddreißig Luftbewegungen, beginnend mit dem schneller als Wind eilenden Wagenrad, und neunzehn Charis, beginnend mit Vidvatbhranta. All dies lernte er gründlich, mitsamt den Merkmalen weiterer Tanzfolgen wie Pushpakata.

(1473) Er lernte ferner die Begleitung durch Instrumente, fünfundzwanzig benannte Bewegungs- oder Vortragsvarianten, beginnend mit Kalasa, neunzehn Pataka-Arten und achtundzwanzig makellose weitere Varianten, beginnend mit Alaka. Dazu kamen fünf Untergruppen ab Varttika und die Zeitmaße der Rhythmen, beginnend mit Chachchatputa. [Die Zuordnung mehrerer Fachwörter zu Bewegung, Vortrag oder Schlag bleibt unsicher.] (1474) Er lernte die Gangarten dieser Zeitmaße, die gesprochenen Silben, Gesang, Text und Schriftzeichen, achtundzwanzig musikalische Regeln, beginnend mit Manibandha, fünfunddreißig Regeln ab Sarala und schließlich die drei Mischformen, beginnend mit Pa. So durchmaß er den ganzen Weg der Tanzkunst. (1475) Beim Erlernen all dieser Tänze erlitt sein Körper heftige Ermüdung und Schmerzen. Da dachte er: ‚Muss nicht auch der Tänzer in der Silbernen Halle diese Mühe erfahren, er, der Erkenntnis selbst und der selbst den vier Veden unergründliche Sinn ist?‘

(1476) ‚Ach, dieser eine Fuß, den selbst der dunkle, lotosäugige Vishnu und der viergesichtige Brahma kaum sehen können, muss schmerzen, weil er unablässig das Gewicht trägt! Nun habe ich selbst gelernt und die Mühe erfahren. Wäre es recht, davon zu wissen und untätig zu bleiben?‘ So litt sein Herz. (1477) ‚Sein Tanz schenkt allen, die zu ihm kommen, Freude und Befreiung, wenn der Tag herannaht, an dem sie das Ufer des mangelhaften Geburtenmeeres erreichen. Wie könnte ich hingehen und diesen Tanz unterbrechen? Es wäre ungehörig. Und doch muss sein Fuß schmerzen!‘ So rang er mit sich. (1478) Schließlich fasste er einen Entschluss. In Shivas Nacht ging er zum juwelengeschmückten Tempel, den mächtige Elefanten tragen. Während aller vier Nachtwachen vollzog er für den Herrn im Elefantenfell eine außergewöhnlich große Verehrung nach den vorgeschriebenen Regeln.

(1479) Er pries die Lotosfüße und schaute freudig den Tanz des leuchtenden wahren Wissens in der Silbernen Halle, der die Herzen der Diener aufblühen lässt. Er verneigte sich, Tränen erfüllten seine Augen, und über dem Kopf faltete er die roten Lotushände. Dann trug er seine Bitte vor. (1480) ‚Hebe den Fuß, auf dem du stehst, und setze den erhobenen auf den Boden. Lass mich heute sehen, wie du mit vertauschten Füßen tanzt, und tilge so meinen ganzen Kummer. Wenn nicht, werde ich sterben!‘ Der berggleich Liebende beschloss, sich kopfüber auf sein aufgerichtetes Schwert zu stürzen. (1481) Er stellte es auf und machte sich zum Sprung bereit. Doch noch ehe er sprang, setzte der Makellose den linken Fuß auf und schwang den rechten empor. Er zeigte den Tanz mit vertauschter Stellung, löste den Kummer und die drei Bindungen des Südkönigs und ließ ihn in das Meer höchster Glückseligkeit eingehen.

(1482) Wie eine Biene in reifen Honig fällt, versank er in der unermesslichen Flut der Seligkeit wahrer Erkenntnis. Danach erhob er sich; Herz, Rede und Körper waren ganz Eigentum des Herrn geworden. Als reine Gestalt makelloser Liebe begann er ihn zu preisen. (1483) ‚Du Großer, Zuflucht! Du Kleiner, Zuflucht! Du schönäugiger Zeuge, Zuflucht! Schwer zu erreichen und leicht erreichbar! Du, der mit vertauschten Füßen tanzt, Zuflucht! Heiliger, Zuflucht! (1484) Du mit den roten Haarflechten, in denen der Fluss spielt! Du mit dem lächelnd weißen Mond! Du wohnst nicht im Denken derer, die dich missachten. Du Lobgesang der achtzehn Scharen, Zuflucht! Strahlendes Licht, Zuflucht!

(1485) Du Alter und Neuer, Zuflucht! Du mit den Muschelohrringen, Zuflucht! Du mit der scharfen weißen Axt und dem Hirsch, Zuflucht! Du, der sich denen nicht zuneigt, deren Herz nicht schmilzt, Zuflucht! Wunderbarer, Zuflucht! (1486) Du Dunkelheit und offener Raum, Zuflucht! Du hast sogar mich für wert befunden, mir den Tanz zu offenbaren, den Indra und Vishnu nicht klar erkennen. Gnade, die mich annimmt, Zuflucht! Schöner, Zuflucht! (1487) Urgrund, der Vishnu auf dem bewegten Schlangenlager hervorbrachte, jenen, der Vater Brahmas genannt wird! Herr der vierfachen heiligen Lehre und Askese, Gott der Götter! Gemahl der Fischäugigen, Zuflucht! [Die mittlere Anrede ist im verdichteten Wortlaut unsicher.]

(1488) Du mit der Haut des zornigen Elefanten, Zuflucht! Ursprung ohne Anfang und Ende, Zuflucht!‘ So verneigte sich der König vor den Lotosfüßen, an denen Kriegerreifen und Fußglöckchen wie Bienen summten. (1489) ‚Makelloser Herr der Silbernen Halle! Bleibe gnädig immer in dieser Tanzstellung, damit alle sie sehen können. Dies ist die Gabe, die ich, dein Diener, erbitte.‘ So fiel er nieder. Von jenem Tag bis heute steht unser Herr in dieser Haltung seines Tanzes.

Hier endet „24. Der Tanz mit gewechselter Beinstellung“. Möge es glückverheißend sein.

25. Die Furcht vor ungerechter Beschuldigung wird gelöst

(1490) Wie könnten meine begrenzten Worte den Tanz umfassen, mit dem der Endlose sich der Liebe des Pandya zugänglich machte? Nun erzählen wir ein weiteres Gnadenspiel des Herrn mit der Ganga im Haar: Aus Sorge um eine schwere ungerechte Beschuldigung klärte er den zweifelnden Geist des Südkönigs. (1491) Nach einiger Zeit übergab Rajashekhara seinem geliebten Sohn Kulottunga den Thron. Er überwand alles Karma und vereinigte sich mit dem Schatten der klingenden Füße des Herrn, der in der Silbernen Halle der Erkenntnis tanzt. So erlangte er höchste Glückseligkeit. (1492) Kulottunga Pandya übernahm das gerechte Zepter seines Vaters. Er hielt das Gelübde beständiger Hingabe ein und verehrte täglich mit preisender Liebe den ursprünglichen Herrn von Kudal, dessen Körper rotäugige Schlangen schmücken. Zehntausend schöne Frauen mit Haaren dunkler als die Nacht gehörten zu seinem Hof.

(1493) Jede dieser zehntausend Frauen gebar ihm sechs Söhne, insgesamt sechzigtausend unvergleichliche Prinzen. Der Erstgeborene hieß Anantaguna: ein kostbarer Schatz, einem jungen Löwen gleich, dessen männliche Tapferkeit kaum zu beschreiben war. (1494) Die Söhne lernten die Künste, den Umgang mit Pferden, langen Wagen und Elefanten sowie verschiedene Schwert- und Bogentechniken. Der König freute sich über ihre Kraft. Er ließ die Erdgöttin, deren Gewand das wellenreiche Meer ist, kühl und glücklich auf seinen mächtigen, berggleichen Schultern ruhen. (1495) Ein in den Veden bewanderter Brahmane brach aus dem feldreichen Tirupputtur auf. Mit seiner Frau und dem milchmündigen Kind auf dem Arm zog er durch die Wildnis nach Madurai mit seinen dunklen Hainen, um den Bruder seiner Mutter zu besuchen.

(1496) Unterwegs bekam seine Frau Durst. Er ließ sie mit dem kleinen Kind im Schatten eines gewaltigen Banyan-Baumes zurück, der den hohen Himmel berührte, und ging Wasser suchen. Noch bevor er mit dem Wasser zu ihnen zurückkehren konnte, geschah das Unglück. (1497) In dem belaubten Baum steckte ein tödlicher scharfer Pfeil, der vor längerer Zeit hinaufgeschossen worden war. Der Wind schüttelte die Zweige; der Pfeil fiel herab und durchbohrte den Bauch der dort sitzenden Frau mit dem Blick einer gefangenen Gazelle. So lief die Frucht ihrer früheren Tat ab, sagt der Text. (1498) Die göttinnengleiche Frau verlor ihr Leben. Gerade zu dieser Zeit kam ein Jäger mit dem Bogen und aufgelegtem scharfem Pfeil, einem wilden Löwen gleich. Er suchte Schutz vor der Sonne, erreichte den Schatten desselben Banyan-Baumes und blieb seitlich davon stehen, um auszuruhen.

(1499) Der Brahmane, der Wasser für jene geholt hatte, die sein eigenes Leben war, kehrte mit Trinkwasser in der Hand zurück. Bei dem Kind sah er seine Frau mit der süß klingenden Stimme in einer Flut von Wundblut liegen; ihr Leben war entwichen. (1500) Er trat zu ihr, die wie eine getroffene Pfauenhenne lag, vom speergleichen Pfeil durchbohrt, während Blut aus der Wunde floss. ‚Du, die du mein Leben bist, was ist dir geschehen?‘, rief er. Wie kalter Joghurt unter dem wirbelnden Quirl geriet er in Verwirrung; seine Einsicht versank, sein Herz brach zusammen. (1501) ‚Wer hat die Schuld an dieser Tötung einer Frau auf sich geladen?‘, suchte er. Da erblickte er neben dem Baum einen kräftigen Jäger, der einen gespannten Bogen und einen Pfeil mit feuergleicher Spitze hielt und aufmerksam vor sich hin blickte.

(1502) ‚Er trägt Schutzringe an den Füßen, ein scharfes Schwert im Gürtel und einen Bogen mit tödlichem Pfeil. Mit allem ausgerüstet, was ein Mörder braucht, steht er hier. Er muss meine Brahmanenfrau getötet, ihr süßes Leben verschlungen und diese Schuld auf sich genommen haben!‘ (1503) So schloss er und schrie: ‚He, Jäger! Du hast meine arme Frau getötet!‘ Wie der Tod mit flammenden Augen und blitzenden Zähnen brüllte er ihn an. Unter Berufung auf den Befehl des Königs legte er ihn in Fesseln und führte ihn gewaltsam mit sich. (1504) Die Tote trug er auf dem Rücken, das Kind hielt er an der Seite fest. Jedes Mal, wenn er den Kleinen um die Mutterbrust weinen sah, schluchzte er, und Tränen strömten. So eilte der Unglückliche nach Kudal, der Stadt des tapferen Pandya.

(1505) Er erreichte das Tor des Königs mit dem honigduftenden Kranz, stellte den innerlich schuldlosen Jäger vor sich und legte den Leib seiner lebensgleichen Frau hin. Mit erhobenen Händen und fließenden Tränen rief er so laut um Recht, dass die königlichen Diener es hörten. (1506) ‚Ist das Recht, Löwe unter den siegreichen Königen, der von königlicher Ordnung nicht abweicht? Ist das Recht, du mit der kühlen, geschützten Brust, auf der Lakshmi wohnt? Ist das Recht, Spross des großen Mondgottes? Ist das Recht, du aus dem Geschlecht dessen, der seine eigene rote Hand abhieb, als hätte er selbst ein Vergehen begangen?‘ (1507) ‚Man sagt, selbst wenn der König mit dem strahlenden Zepter schläft, bewahre sein gnädiger Befehl überall auf der Welt die Rechtschaffenheit. Wo ist dieser Schutz, wenn er nicht einmal den Mord dieses erbarmungslosen Mannes verhindert?‘ So klagte er.

(1508) Die Torwächter traten vor den König: ‚Herr, neben unserem Palast steht ein einsamer Brahmane. Er hat seine tote Frau hergebracht, sie niedergelegt und einen Jäger vorgeführt, von dem er sagt, er habe sie getötet. Er ist ganz von Leid überwältigt.‘ (1509) Der König erschrak und tadelte sich bitter: ‚Wahrlich vortrefflich sind mein Schirm und mein Schutz! Vortrefflich mein gerechtes Zepter und meine Herrschaft, die die fünf Gefahren beseitigen soll! Vortrefflich meine Tragkraft, mit der ich die Erde davor bewahren will, im Kali zu versinken!‘ Dann trat er hinaus. (1510) Er sah den Zustand des Brahmanen und wurde selbst bekümmert. ‚Du aus angesehenem Stand, welches Unglück ist dir widerfahren? Weshalb leidest du? Sprich!‘ Der Brahmane blickte den Beschützer an und begann: ‚Du von gerühmter Gerechtigkeit, höre, was geschehen ist.

(1511) Heute ließ ich sie unter einem Banyan-Baum zurück und ging Wasser holen. Ehe ich zurückkam, hatte dieser Jäger mit dem Bogen sie getötet und stand noch daneben!‘ Seine Worte drangen in die Ohren des starken Pandya wie ein mörderischer Speer, der Qual zufügt. (1512) Der Herr des Sandelberges nahm die Aussage auf und blickte mit prüfender Gerechtigkeit den Jäger an. Dieser verneigte sich: ‚Mein Vater und Herr! Ich, dein geringer Diener, kam nur dorthin, um meine Müdigkeit abzulegen, und stellte mich an eine Seite des Baumes. (1513) Herr, ich habe sie nicht getötet. Ich habe auch keinen anderen Täter gesehen.‘ Die Umstehenden fragten: ‚Wie kam dann der Pfeil in ihren Körper?‘ Er antwortete: ‚Wahrhaftig, Herr, ich weiß nicht, wie dieses Unglück geschah.‘

(1514) ‚Würde ein Mörder nicht immer behaupten, er sei es nicht gewesen? Ist dieser wilde Jäger so beschaffen, dass wir seinen Worten glauben könnten? Ohne strenge Bestrafung wird er die Wahrheit nicht sagen‘, erklärten die Minister und die übrigen Anwesenden übereinstimmend. (1515) ‚Tut dies‘, sagte auch der König. Die Wächter quälten ihn mit grausamen Strafen und befragten ihn. Doch der Schuldlose änderte seine frühere Aussage nicht. Was konnte er tun? Er bat nur: ‚Untersucht es richtig, damit mein Leiden endet!‘ (1516) Der König überlegte: ‚Selbst vor harter Misshandlung weicht er nicht zurück; seine Aussage bleibt gleich. Sein Gesicht zeigt keine Spur eines Mordentschlusses. War die Frau seine Feindin, ein Jagdtier oder ein Vogel? Was hätte er gewinnen können, wenn er diese vorbeiziehende Frau mit ihren schönen Armreifen tötete?

(1517) War es wirklich dieser Jäger, war es ein anderer? Wer hat sie getötet? Vielleicht traf die Frau mit den dunklen Augen ein Pfeil, der bei der Jagd sein tierisches Ziel verfehlte. Ich weiß es nicht.‘ (1518) Er sagte: ‚Man muss den Fall noch anhand der alten Rechtsschriften prüfen.‘ Seine sachkundigen Berater untersuchten sie und antworteten: ‚Herr, durch die Schriften lässt sich dies nicht entscheiden. Nur durch göttliche Hilfe kann hier Klarheit entstehen.‘ (1519) Der Löwe der Könige wandte sich an den Brahmanen: ‚Ich werde die Sache gründlich untersuchen und deine Herzensqual beseitigen. Fürchte dich nicht. Erfülle zunächst die Bestattungspflichten für diese schöne Frau und kehre dann zurück.‘ Den Jäger mit dem duftenden Venkai-Blütenkranz ließ er ins Gefängnis bringen.

(1520) Als der Brahmane nach den letzten Pflichten für die blitzschöne Frau zurückkam, ließ der König ihn am äußeren Palasttor warten. Er selbst ging zum Herrn, der als besondere Schutzgottheit seines Geschlechts gegenwärtig war, verneigte sich vor dessen Füßen und sprach. (1521) ‚Juwel, das in der Halle tanzt! Hat dieser Jäger die Brahmanenfrau getötet? Oder geschah es durch einen anderen auf andere Weise? Keine Rechtsschrift kann diesen Fall ergründen. Schenke durch deine Gnade Klarheit und tilge mein Versagen!‘ So flehte er. (1522) Eine Stimme zerriss die Weite des Himmels: ‚Außerhalb dieser heiligen Stadt findet in einem Haus der Kaufmannsstraße eine Hochzeit statt. Geh gemeinsam mit dem Brahmanen dorthin. Wir werden alles klären, was dein Herz jetzt nicht begreifen kann.‘

(1523) Der Pandya hörte das göttliche Wort und traf am äußeren Tor den Brahmanen. Als der Tag vergangen war und die verwirrende Abenddunkelheit in Nacht überging, nahm er eine unkenntliche Gestalt an. Mit ihm ging er zum Hochzeitshaus; beide setzten sich unauffällig an eine Seite. (1524) An diesem Tag war die dem Bräutigam bestimmte Lebenszeit abgelaufen. Yama schickte zwei zornige Boten mit grausamen Schlingen, die wie zwei Berge aus Dunkelheit erschienen. Durch die Gnade des Herrn konnten der König und der Brahmane hören, wie einer der beiden sprach. (1525) ‚Unser Herr, der auf dem großen büffelgleichen Berg reitet, hat befohlen: „Bringt mir heute noch sein Leben.“ Aber wie sollen wir ihn nehmen? Er hat keine einzige Krankheit. Ohne einen Anlass dürfen wir doch kein Leben forttragen. Was tun wir?‘ Der andere antwortete.

(1526) ‚Wie wir jene Brahmanenfrau nahmen, indem wir durch den Wind den Pfeil aus dem Banyan-Baum auf sie fallen ließen, so machen wir es auch hier. Im Lärm dieses Festes lassen wir die frisch gekalbte Kuh draußen erschrecken und ihren Strick zerreißen. Durch sie holen wir sein Leben.‘ (1527) ‚Hast du diese Worte gehört, ehrwürdiger Brahmane?‘, fragte der König. Jener antwortete: ‚Wenn dieser Mann auf die genannte Weise stirbt, geschah auch der Tod meiner Frau entsprechend. Ich will es sehen, damit mein quälender Zweifel endet.‘ Gemeinsam blieben sie sitzen. (1528) Die vielen Verwandten drängten sich zusammen; laut begannen die Glückwünsche, zahlreiche Instrumente erklangen. Vom vereinten Lärm erschrocken, zerriss eine junge Kuh, die eben gekalbt hatte, ihren Strick, stürmte davon und stieß den Bräutigam nieder. Sein Leben endete.

(1529) Der Bräutigam wurde zum Toten, die Hochzeitstrommel zur Totentrommel; der Jubel der geschmückten Frauen verwandelte sich in Klage. Die Einsichtigen gewinnen den wahren Nutzen dieses Körpers, der in einem Augenblick entsteht und vergeht. Wer nichts erkennt, gewinnt daraus nichts. (1530) Der Brahmane sah es. ‚Was habe ich getan!‘, dachte er und empfand über seine falsche Beschuldigung noch größeres Leid als über den Tod seiner Frau mit dem bienenumsummten Haar. Der König mit dem kühlen Neemkranz kehrte mit ihm in den Palast zurück und berichtete den Ministern und den übrigen alles. (1531) Dem Brahmanen gab er reichen Besitz und sagte: ‚Gehe und schließe noch einmal eine Ehe.‘ Dann ließ er den im Gefängnis leidenden Jäger mit dem struppigen Haar, der donnernden Stimme und dem dunklen Körper herbeiholen und seine Fußfesseln lösen.

(1532) ‚Verzeihe die grausame Strafe, die wir dir ohne Klarheit auferlegt haben!‘, bat der König mit unerschöpflichem Mitgefühl. Er schenkte ihm reichlich, was er benötigte, und ließ ihn heimkehren. Danach ging er hin, um den göttlichen Pandya zu verehren, der einst den wilden Elefanten niedergeschossen hatte. (1533) ‚Unser Herr, um meinetwillen, eines Schuldigen, bist du zum Herrn geworden, der die schwere ungerechte Beschuldigung scheut und abwendet. Gibt es etwas, womit ich dir vergelten könnte?‘ So pries Kulottunga ihn vielfach mit wachsender Liebe und ließ grenzenlos große Pujas feiern. Vom Makel befreit, lebte er als Leben der Welt.

Hier endet „25. Die Furcht vor ungerechter Beschuldigung wird gelöst“. Möge es glückverheißend sein.

26. Eine schwere Schuld wird getilgt

(1534) Dies war die Wohltat, durch die der Herr der Veden als der Herr bekannt wurde, der die schwere ungerechte Beschuldigung abwendet. Nun besingen wir, wie er die große Schuld eines Sohnes tilgte, der seinen eigenen Vater ermordet hatte. (1535) Während Kulottunga Pandya mit der duftenden Girlande allein mit gerechtem Zepter über die meerumgebene Erde herrschte, lebte in der großen Stadt Avanti ein Brahmane. (1536) Dieser Vedengelehrte hatte den furchterregenden Zorn überwunden. Seine geliebte Frau, im Text Manai genannt, war von unvergleichlicher Schönheit: Selbst Lakshmi, Kamas schöne Gemahlin Rati und die Erdgöttin hätten ihre Gestalt begehrt.

(1537) Dieser Frau, die einem unnachahmlichen gemalten Bild glich, wurde ein Sohn geboren. Er wuchs zu einem grausamen Menschen heran, gleich einem Gefäß für schwere Sünden, angefangen mit dem Mord. (1538) Hatten Millionen und Abermillionen Liebesgötter ihre tödlichen Bogen gespannt, zahllose grausame Pfeile aufgelegt, unzählige Erregungen zusammengetragen und auf ihn geschossen? (1539) Als sein Körper jugendliche Reife gewann, zogen ihn übermächtige Begierde und schweres Karma mit ihren Fesseln fort und sprengten seine Selbstbeherrschung. Er begehrte die Frau, die ihn in ihrem Schoß hatte wachsen lassen und geboren hatte.

(1540) Auch die unwürdige Frau, die seine Mutter hieß, verlor die vier Wächterinnen ihres Herzens, beginnend mit Scham und Zurückhaltung, die wie Gefährtinnen ihres Lebens in ihr gewohnt hatten. So stimmte auch sie der körperlichen Verbindung zu. (1541) Damit alle an seinem Beispiel erkennen könnten, dass solches Vergnügen gering, das daraus entstehende Leid aber ein uferloses Meer ist, sollte er durch diese grausame Tat schwere Qual erfahren. (1542) Die Verblendung verschlang seinen Verstand, und der Verfehlte lebte in dieser Verbindung mit seiner Mutter. Der Vater bemerkte es an den Anzeichen, behielt es jedoch in seinem Herzen, sodass kein Außenstehender davon erfuhr.

(1543) An einem anderen Tag sah er es offen mit eigenen Augen. Doch seine Zunge, die das Rechte verkündete, sagte nichts anderes dazu. Der Sohn erhob sich zornig: ‚Ich werde ihn töten!‘ Die Mutter versuchte, ihn aufzuhalten. (1544) ‚Du hast die Lust mit deiner Mutter genossen. Was gewinnst du, wenn du nun deinen Vater angreifst?‘ Er antwortete: ‚Für einen von Begierde Besessenen gibt es weder Mutter noch Vater. Welchen Nutzen haben sie? Was bedeuten ihm Mitgefühl oder Dharma?‘ (1545) Er nahm ein Erdgrabewerkzeug in die harte Hand und dachte nicht daran, dass vor ihm sein Vater und Lehrer stand. Vom berauschenden Genuss mit seiner Mutter besinnungslos geworden, hieb er ihn in Stücke.

(1546) In der dunklen Nacht bereitete er dem erschlagenen Vater ein Feuerlager. Dann brach er mit seiner Mutter und allem tragbaren Besitz auf einen steinigen Weg auf. Dort umringten sie räuberische Jäger. (1547) Mit Bogen und aufgelegten Pfeilen und donnernden Stimmen riefen sie: ‚Bleib stehen! Geh nicht weiter!‘ Sie nahmen ihnen alles ab, was sie bei sich hatten, und führten auch die Frau fort. (1548) Er hatte gedacht: ‚In weiter Ferne können wir ohne Schwierigkeiten leben.‘ Doch sein Vorhaben war eines, sein tatsächliches Schicksal ein anderes. An ihm erfüllte sich das Wort: ‚Wir denken eines, die Gottheit hat ein anderes beschlossen.‘

(1549) Wer sollte nun den Sohn begleiten? Die schöne Mutter war in die Hände der Räuber geraten. Da kam die Schuld des Vatermordes in leibhaftiger Gestalt und packte ihn, als wollte sie sagen: ‚Jetzt bin ich deine Gefährtin.‘ (1550) Sie jammerte: ‚Ach!‘, weinte und rief: ‚Shiva! Sünde, Sünde! Ist dies nicht Schmach, Herr der Welt?‘ Sie rang und warf die Hände empor. Wie sein Schattenbild folgte sie ihm und ließ ihn nicht los. (1551) Sie ließ ihn weder gute heilige Gewässer noch Shiva-Heiligtümer oder heilige Menschen aufsuchen. Sie hinderte Shivas Ruhm und Namen daran, in seine Ohren und sein Herz zu gelangen, ließ seine Zunge sie nicht aussprechen und seine Augen keinen Schlaf finden.

(1552) Die große Schuld umgab ihn von allen Seiten, griff nach seinem Gewandzipfel und zerrte an ihm. Gepeinigt fragte er: ‚Was soll ich tun? Wie kann ich es ertragen?‘ In Furcht wanderte er leidend durch die ganze Welt. (1553) Lange Zeit litt der schwer Schuldige und zog rastlos umher. Dann begann durch Shivas Gnadenwirken die Macht seiner Schuld zu schrumpfen. Als sich der Tag ihrer Tilgung näherte, näherte auch er sich Kudal. (1554) Noch bevor der Elende ankam, nahm die Fischäugige die Gestalt einer makellosen Jägerin an. Elfenbeinringe schmückten beide Ohren, eine Kette aus Raubtierzähnen ihren Hals; der lange, seit vielen Tagen geflochtene Zopf schlug über ihren kräftigen Nacken.

(1555) Unser Herr von Kudal, der einst die schwere Mordbeschuldigung abgewendet hatte, erschien als Jäger. Sein Konrai-geschmücktes Haar trug einen Kranz zarter Venkai-Blüten; sein Schnurrbart bog sich wie die Hörner eines Hirsches bis zu den Ohren. In seiner breiten Hand lag ein mächtiger Bogen. (1556) Er kam neben das wolkenhohe Tempeltor. Bellende Hunde mit scharfen Zähnen bewachten den Platz; bogentragende Jäger mit wundenschlagenden Pfeilen hielten ringsum Wache. Dort spielte er mit der Frau, deren Stirn den Mond an Schönheit übertraf, ein Würfelspiel. (1557) Er sah den Schuldigen herankommen, leer und verarmt wie eine vom Elefanten ausgehöhlte Holzapfelfrucht, voller Kummer. Zu seiner Gefährtin sagte er: ‚Sieh diesen Menschen kommen, dessen grausame Verfehlung sich kaum jemand auch nur im Herzen vorstellen kann.

(1558) Menschen, deren Leben von Kama ausgezehrt wird, laufen dem nach, wohin ihr von Begierde gequältes Herz sie treibt. Sie achten weder auf den Verlust von Tugend, Herkunft und Lebensführung noch auf Mord, Schande und Sünde. Sie bedenken nicht, dass gerade dort auch ihr geliebtes Leben enden kann. (1559) Rauschtrank und Begierde zerstören beide den Verstand. Doch die verächtliche Begierde wirkt schon, wenn man an sie denkt, sie sieht oder von ihr hört – wie Gift nach einem Biss unmittelbar in den Kopf steigt. Alkohol dagegen vernichtet die Einsicht erst, wenn man ihn tatsächlich trinkt. (1560) Begierde ist die Ursache aller Tötungen. Rücksichtslose Begierde ist die Ursache aller Diebstähle. Begierde, vor der selbst der Tod erschrickt, ist die Ursache des Rauschtrinkens. Darum ist es Begierde, die einem das Höllenland als Erbteil schenkt.‘

(1561) Er sah den von Mordschuld Verfolgten näher kommen und fragte: ‚He, Brahmane, weshalb bist du von umhertreibendem Leid erschöpft und so zugrunde gerichtet?‘ Als ihn der Gnadenblick des Jägers mit dem Mond im Haar traf, ließ die Schuld ein wenig nach, und ein Rest seiner Einsicht erwachte. (1562) Er erzählte, wie er infolge ausgereifter früherer Schuld geboren und zum Nebenbuhler seines Vaters geworden war, wie er den Vater getötet hatte und wie die Tat ihn danach überall verfolgt hatte. Nirgends hatte er Befreiung gefunden; schließlich war er in diese Stadt gelangt. So stand er reumütig da. (1563) Die Gestalt des großen Mitgefühls, die äußerlich als Krieger erschien und innerlich Gnade verströmte, sah den Elenden an. ‚Diese Art Schuld wird durch bloßes Wandern von dort nach hier nicht getilgt‘, sprach er und sann auf einen sicheren Weg, sie zu lösen.

(1564) ‚Komm! Wer könnte die Schuld tilgen, die du begangen hast und die selbst jene samt ihrer Sippe in die Hölle zu ziehen droht, die deinen Namen nennen? Doch weil unser Blick dich getroffen hat, nennen wir einen Weg, auf dem sie leicht schwindet. Empfange Almosen in deine Hände, iss nur einmal am Tag und diene den standhaften Asketen Shivas. (1565) Stehe auf, bevor die rotstrahlende Sonne den Himmel berührt. Schneide frisches, kühles, grünes Arugu-Gras und füttere damit die Kühe. Bade mit überströmender Liebe dreimal täglich im heiligen Becken außerhalb des Tempels und umschreite Shankara hundertachtmal mit dem ganzen Körper.‘ (1566) ‚Wenn du auf diesem Weg der Askese bleibst, wird auch diese Schuld vergehen.‘ So sprach der Konrai-Träger in seiner liebevollen Jägergestalt. Die Muttergöttin, die als Jägerin bei ihm saß, hörte es und fragte den Krieger, der die Haut des wilden Elefanten trägt.

(1567) ‚Herr, selbst wenn dieser grausame Mensch unermessliche Zeit in achtundzwanzig Koti schrecklichen Höllen läge, gäbe es für seine Tat keinen Ausweg. Weshalb schenkst du gerade diesem Schuldigen die Gewissheit eines Weges zur Rettung?‘ Der Herr auf dem großen rotäugigen Stier antwortete. (1568) ‚Selbst Niedrige, die vor tödlicher Schuld nicht zurückschrecken, würden bei dem Gedanken an seine Tat erschrecken. Er ist in dieser Schuld gefangen, kann nirgends loskommen, besitzt keine andere Zuflucht und müsste zugrunde gehen. Besteht Schutz nicht gerade darin, einen solchen Menschen zu retten?‘ So sprach die Gestalt des Mitgefühls. (1569) Die schön Geschmückte mit den dunklen Wasserlilienaugen erwiderte: ‚Du kannst alles tun, ungetan lassen oder auf andere Weise geschehen lassen, wahrhaft freigebiger Herr des Mitgefühls. Wenn du willst, kann jeder, wie seine Taten auch beschaffen sind, rettungswürdig werden. Ist solches Wirken nicht dein Gnadenspiel?‘

(1570) So sprach sie mit überströmender Herzensfreude. Der junge Jäger des Berglandes verschwand und erfüllte wieder die Silberne Halle. Seine glänzend geschmückte Gefährtin folgte ungetrennt, wie der Blitz verschwindet, wenn die Wolke sich verbirgt. (1571) Der Gewalttäter sah dies und wurde von unermesslichem Staunen erfüllt. Er hielt sich an die gute Gelübdeordnung, die der Herr von Kudal ihm gelehrt hatte, und übte die große Askese. Nach drei Monaten schwand seine schwere Schuld; er gewann die Gestalt eines göttlichen Brahmanen. (1572) Mit Hingabe flocht er viele Sanskrit-Wortgirlanden und legte sie den Füßen unseres Vaters Sundara dar, der die Grenzen der Sprache übersteigt. Dann ging der geheiligte Brahmane zu den goldenen Füßen des Lichtes ein, dessen einzigartige Gestalt Erkenntnis und höchste Glückseligkeit ist.

(1573) Wenn dieses heilige Wasser sogar die Schuld dessen tilgte und Befreiung schenkte, der sich mit seiner Mutter verbunden und seinen brahmanischen Vater und Lehrer getötet hatte, wäre es da genug, seine Größe nur damit zu preisen, dass es Harnkrankheiten, Hautleiden, Bauchwassersucht, Atemnot, Fieber und andere Krankheiten heilt? (1574) Der König, die Minister, die Bürger, die übrigen Erdenbewohner und die Himmlischen hörten, wie die große Schuld dieses gefallenen Brahmanen getilgt wurde. Staunend fragten sie, weshalb der Herr eine über gute Worte und Gedanken hinausgehende Gnade auf diesen Verfehlten gerichtet habe. Tränen flossen; sie priesen den Herrn von Nanmada Kudal und badeten in Freude.

Hier endet „26. Eine schwere Schuld wird getilgt“. Möge es glückverheißend sein.

27. Die Glieder des schuldigen Schülers werden abgeschlagen

(1575) Wir haben erzählt, wie der dreiäugige göttliche Lehrer die schwere Schuld des Brahmanen löste. Nun schildern wir die Strafe, mit der er im Kampf einen Schüler züchtigte, der zuerst in Gedanken und dann durch seine Tat die Frau des Lehrers bedrängte, von dem er seine Kunst gelernt hatte. (1576) Unter Kulottunga Pandyas Herrschaft kam ein alter Mann aus einem anderen Land in das große, von festen Mauern umgebene Kudal. Er ließ sich dort nieder und verdiente seinen Lebensunterhalt, indem er den Kampf mit dem scharfen Schwert unterrichtete. (1577) Dieser Schwertlehrer besaß reife Weisheit. Täglich ging er mit tätigem Bemühen und Liebe zu Sundara Vitanka, der durch die Kraft seiner Arme den von den Jainas gesandten Elefanten getötet hatte. Er fiel vor ihm nieder und überwand so die anwachsende Kraft seines Karmas.

(1578) Unter den löwengleichen jungen Männern, die sich vor dem Hüter der Schwertkunst verneigten und bei ihm lernten, Feinde zu besiegen, war ein Schüler namens Chittan. Er kannte den Weg zum Heil nicht. Nachdem er die Kunst vollständig erlernt hatte, trieb ihn die Macht seines Karmas weiter. (1579) Seine Schwertfertigkeit ließ seinen Stolz wachsen; er hielt sich für besonders achtenswert. Gegen seinen Lehrer gründete er eine eigene Schule, unterrichtete viele im Schwertkampf und nahm noch mehr Lohn ein als der Meister der fleischzerteilenden Waffe. (1580) Er wollte allein den Ertrag beider Schulen gewinnen und den Alten aus der Stadt verdrängen. Deshalb verführte er dessen junge Schüler dazu, zu ihm zu wechseln, und schadete dem Lehrer täglich. Er glich einem Verwandten jenes Mannes, der seine eigene Mutter begehrt hatte.

(1581) Wenn der Lehrer, der geduldig wie die Erde war, nicht zu Hause war, ging er zu dessen Frau. Furchtlos fragte er wieder und wieder: ‚Ist Gelegenheit? Ist Gelegenheit?‘ Dann ging er fort. Die Frau, deren Gang dem einer kunstvollen Puppe glich, blieb still. (1582) Eines Tages ergriff er ihre schöne Hand und zog an ihr. Sie stieß ihn kraftvoll zurück, schloss die feste Tür, schob den Riegel vor und schützte so ihre Würde. Mit ungeteilter Treue bewachte sie ihr Herz. Der Böse, der seine Grenze überschritten hatte, ging von Kamas Feuer gequält fort. (1583) Den unwürdigen Übergriff dessen, der vor ihrer Tür gestanden hatte, erzählte die rechtschaffene Frau nicht einmal ihrem Mann. Die von Bosheit freie Treue bewahrte sie in ihrem Herzen. Leidvoll dachte sie an den Makellosen von Nanmada Kudal, der alle Wesen erfüllt.

(1584) Der Herr von Kudal mit den honigreichen Konrai-Blüten im Haar, der selbst außerhalb seiner Stadt begangene Schuld abschneidet, ist der Lehrer aller Wesen. Er erkannte im Innern, welches Unrecht dieser Niedrige verübt hatte, und beschloss, ihn zu bestrafen. (1585) In der Gestalt seines entschlossenen Lehrers trat er zu Chittan: ‚Du bist jung, Chittan, und wir sind sehr alt. Lasst uns im Schwertkampf unsere Kräfte messen. Komm morgen an einen Platz außerhalb der Stadt; auch wir werden kommen.‘ (1586) Chittan, der Täter eines der großen Vergehen, hörte die Worte des göttlichen Lehrers und stimmte freudig zu: ‚Gut!‘ Als der Waffenmeister zurückkehrte, sank die Sonne in das Weltmeer; zugleich versank die Erde in einer Flut der Dunkelheit.

(1587) Die Nacht war dicht von Finsternis wie die Schuld dessen, der seinem guten Lehrer Leid zugefügt hatte. Um ihre Macht zu brechen, stieg die Sonne am östlichen Berg empor wie das zornig geschärfte Schwert, mit dem der unvergleichliche Meister den festen Körper des Verräters zerschneiden wollte. (1588) Der Undankbare verehrte und pries die löwenreitende Göttin, die dem Befehl des höchsten Herrn untersteht. Er ehrte sein Siegesschwert, band den Gürtel fest, nahm Schwert und Schild und begab sich zu dem vom Schwertmeister bestimmten Kampfplatz. (1589) Auch der gebeugte alte Lehrer, einem wilden alten Tiger gleich, erschien, der ihn am Vortag zum kräftigen Schwertkampf gefordert hatte. Er trug klingende Fußreifen, einen festen Gürtel und weiße Asche. Mit strahlendem Schwert und Schild trat er dem Verfehlten entgegen.

(1590) Wie ein großer Löwe und ein grünäugiger Löwe aufeinander losgehen, so kämpften sie. Der siegreiche Herr der Schwertkunst verbarg die gekrümmte Mondsichel, seine drei Augen, vier Arme und die gifttragende Kehle und trat dem Gegner als Mensch entgegen. (1591) Sie stürmten aufeinander zu und wichen zurück, sprangen vor und brüllten wie himmlischer Donner. Sie duckten sich hinter den Schild und schnellten wieder hervor, schüttelten die Schwerter, bewegten sich in kunstvollen Schritten, hieben zu, parierten und zogen sich zurück. Sie glühten vor Kampfeslust, lachten, rühmten ihre Tapferkeit und griffen erneut an. (1592) Sie taten, als flöhen sie, schwenkten herum, forderten einander heraus und kehrten zurück. Sie hielten die Brust dem tödlichen Schwert entgegen und entzogen sich im nächsten Augenblick dem Ziel. Zwanzig Nazhigai kämpften sie so. Dann sprach der Herr, sodass alle Zuschauer es hören konnten.

(1593) ‚Verteidige dein Herz, das an die Frau deines Lehrers dachte, deine Zunge, die sie ansprach, deine Hand, die sie berührte, und deine Augen, die sie begehrlich ansahen!‘ Zu jedem Vergehen sprach er dies und vollzog die entsprechende Strafe. Schließlich schlug er ihm den Kopf ab, tötete ihn und verbarg seine heilige Gestalt. (1594) Unter den Zuschauern waren viele in Waffenlehre erfahrene Schüler. Als sie den Mann mit den langen Fußreifen nicht mehr sahen, suchten sie ihn zu Hause. ‚Wo ist der Lehrer?‘, fragten sie seine würdig treue Frau mit den speerscharfen Augen. ‚Er ist zum Tempel gegangen‘, antwortete sie. (1595) Gerade da kehrte der wirkliche Lehrer vom Tempel zurück. Die Suchenden sagten: ‚Du hast Chittan auf dem Kampfplatz in heftigem Gefecht besiegt. Danach suchten wir dich überall dort, fanden dich aber nicht. Deshalb sind wir hierhergekommen.‘

(1596) Der Mann mit dem duftenden Kranz antwortete: ‚Ich habe seine Glieder nicht abgeschlagen. Was sagt ihr? Wer hat in meiner Gestalt Chittan bekämpft, getötet und seine breiten Schultern der Kriegsgöttin dargebracht? Freunde, könnte dies das gnädige Wirken unseres Vaters von Kudal an der wellenreichen Vaigai sein?‘ (1597) Nun erzählte seine Frau, wie Chittan sie wiederholt bedrängt hatte, wie er gestern gekommen war, ihre Hand ergriffen und an ihr gezogen hatte. Sie berichtete auch, wie sie ihn mit schmerzendem Herzen zurückgestoßen, die Tür geschlossen und verriegelt hatte. (1598) Die jungen Männer, die den Kampf gesehen hatten, erklärten: ‚Genau diese Handlungen nannte der Schwertheld, bevor er Chittan tötete. So ist es wahrhaftig geschehen.‘ Der Lehrer hörte dies und sagte: ‚Es ist ein göttliches Spiel des Herrn von Kudal, dem wir gehören.‘

(1599) Mit seiner schlanken Frau und den jungen Schwertkämpfern ging er zum Stirnäugigen von Nanmada Kudal und fiel zu seinen Füßen nieder. ‚Dein Gnadenspiel ist ein Weg, den selbst Vishnu und Brahma nicht ergründen. Wie könnte ich, dein geringer, armer Diener, ihn ermessen?‘ (1600) Auch der König aus dem Geschlecht des kühlen Mondes und die Bürger erkannten das Spiel des Stierreiters mit der halben Mondscheibe im Haar. Ihre Augen versanken in Tränen; sie verneigten sich vor den klingenden Füßen, sangen melodische Lieder, tanzten und priesen ihn. (1601) ‚Er ist seinen Dienern leicht zugänglich, der Beschützer der Fremden!‘, rief Kulottunga und warf sich nieder. Er ließ den alten Meister mit den armreifengeschmückten Schultern und seine Frau Manikkamalai auf einen Elefanten steigen und in einer Ehrenrunde durch die Stadt führen. Danach krönte er Anantaguna Pandya und übergab ihm seine gesamte Herrschaft.

(1602) Der König der Tamilen unterschied Bleibendes und Vergängliches, ließ die Anhaftung los und richtete seine inneren Kräfte auf den einen Weg. Er verließ die Sinneswege und folgte der Gnade. Als die Unreinheit wich, die seine eigene Erkenntniskraft verhüllt hatte, leuchtete er wie der Mond, den die Schlange freigibt. Er erlangte die höchste Seligkeit, niemals vom Schatten der Füße des Herrn mit dem vertauschten Tanz getrennt.

Hier endet „27. Die Glieder des schuldigen Schülers werden abgeschlagen“. Möge es glückverheißend sein.

28. Die Schlange wird mit einem Pfeil bezwungen

(1603) Wir haben erzählt, wie der schöne Herr auf dem großen rotäugigen Stier im Kampf das Schwert erhob und die schuldigen Glieder abschlug. Nun berichten wir, wie die furchtbare Giftschlange zerteilt und getötet wurde, die aus dem grausamen Opfer der Jainas gegen den tamilischen Pandya hervorging. (1604) Der edle Anantaguna Pandya von makellosen Eigenschaften erkannte als wahren Schatz die fünf Silben, die die Gestalt des Urherrn bilden, sowie Rudraksha und weiße heilige Asche. Mit solcher Hingabe übertraf er selbst seinen Vater und die früheren Könige. (1605) Weil er diesen Zeichen Shivas so liebevoll verbunden lebte, zerstreuten der Klang der heiligen fünf Silben und der Glanz der Asche die innere wie die äußere Finsternis. Das ganze herrliche Pandya-Land wurde gleichsam zur wunderbaren heiligen Gestalt des Höchsten.

(1606) Die Jaina-Asketen erfuhren davon und wurden zornig. Der polemische Erzähler nennt sie geringer als Hunde und ihre Herzen dunkle Festungen der Unreinheit. Wie Eisen im Ofen brannte sie die Glut ihres gekränkten Stolzes; sie beschlossen, ein trügerisches Opfer zur Vernichtung des Tamilkönigs zu vollziehen. (1607) Sie maßen einen Kadam weiten Platz aus, errichteten eine Opferhalle, gruben die Feuergrube und entzündeten mächtige Flammen. Rauch erfasste alle acht Richtungen; die Sterne schienen wie geröstete Körner zu zerplatzen. Das Feuer sprang empor und berührte den Himmel. (1608) Aus dieser glühenden Grube stieg ein Dämon wie aus einer weiten Unterweltshöhle. Sein Maul barg dichte Finsternis; zu beiden Seiten ragten harte, halbmondgleiche Zähne, aus denen Gift floss. Seine Augen waren Feuer der Weltauflösung. Er kam wie ein Berg, der sich in Bewegung gesetzt hätte.

(1609) Der rotäugige Dämon erhob sich zornig und kochte wie das Untermeerfeuer. ‚Mein Hunger und Durst sind schrecklich. Welche Aufgabe bestimmt ihr mir?‘, fragte er die Grausamen. ‚Greife den Pandya an und verschlinge ihn mitsamt Madurai!‘, befahlen sie. Sofort brach er auf. (1610) Von den Mattenträgern ausgesandt, nahm der Nachtwanderer Schlangengestalt an. Sein Leib verband Erde und Weltengewölbe; aus den hohlen Zähnen rann Gift. Seine Augen waren glühendes Untermeerfeuer, sein aufgerissenes Maul eine Höhle im dunklen Berg. Wie ein von Wolken durchzogener Berg zog er auf dem Weg dahin. (1611) Die Erde brach unter seinem berggleichen Leib auf, sodass die Höhle des Schlangenkönigs sichtbar wurde. Sein Augenfeuer loderte; der Sturm seines Atems nahm selbst dem Wind die Kraft. Grüne Saaten rauchten vor seinem zornigen Blick, Lotosblüten versengten, Haine verkohlten, und Vögel fielen mit eingerollten Flügeln aus alten Ästen.

(1612) Die weite Erde erschrak, ebenso die Schlange, die sie trägt, Sonne und Mond und sogar die Schlangen, die beide verschlingen. Die gefleckten Berg-Elefanten der Himmelsrichtungen zitterten. So kam der rotäugige Dämon mit den mondgleichen Zähnen von Westen auf die palastreiche Stadt zu. (1613) Augenzeugen liefen in die Stadt, verehrten die Füße des Pandya und berichteten: ‚Herr, westlich von Kudal mit den wolkenhohen Mauern kommt eine gewaltige Giftschlange! Sie sperrt den Rachen auf, als wollte sie Erde und Himmel mit einem Bissen verschlingen.‘ Der tapfere König des Mondgeschlechts blieb furchtlos. (1614) ‚Auch dies haben wohl jene geschickt, die einst den wilden Elefanten sandten. Doch unser Herr ist da, der Stierreiter mit den Giftschlangen im Haar; er kann auch dieses Wesen vernichten.‘ So dachte er und ging vor den Gott im steinernen Heiligtum, das wie ein vom Himmel herabgekommenes Licht stand, und verehrte seine klingenden Füße.

(1615) ‚Seit Generationen dienen wir dir. Ich vergesse dich keinen Augenblick, verehre dich und regiere nach deinem Wort. Nun haben die Jaina-Lehrer eine Schlange geschickt, um diese ganze alte Stadt zu zerstören. Ich will mit deiner Gnade ihrem Leben ein Ende setzen. Schenke deinem Diener Mitgefühl und Beistand!‘ (1616) Er erhielt die Erlaubnis, verneigte sich und bewahrte die Füße des Herrn im Herzen. Mit Bogen und Pfeilen zog der Tamilkönig aus dem kühlen Mondgeschlecht hinaus. Noch ehe er das westliche, bannerreiche Tor der mondhohen Mauer erreichte, sah er die zornig flammenden Augen der berggleichen Schlange vor sich. (1617) Der Schlangendämon breitete seine vielfach gezeichnete Haube aus, verdeckte in allen acht Richtungen die Sonnenstrahlen und verbreitete dichte Finsternis. Seine mondsichelgleichen Giftzähne knirschten; er atmete gewaltig, riss den weiten Rachen auf und drohte, die ganze Stadt auf einmal zu packen und zu verschlingen.

(1618) Der königliche Löwe trat heran und brüllte so, dass selbst der Donner erschrak. Er hob den Bogen, spannte ihn mit langer Sehne und schoss scharfe, feuerspitzige Pfeile. Doch die Schlange zerbiss jeden davon zu Staub und spie sie aus. Da dachte der ungeduldige Pandya an die roten Lotosfüße des Burgenvernichters. (1619) Er sandte einen schrecklichen halbmondspitzigen Pfeil und zerschnitt den gewundenen Leib der Schlange. Sie brüllte wie Donner; feuerrotes Blut stürzte als Wasserfall herab, der lange Körper wälzte sich. Im Sterben spie sie eine Flut dunkel-schwarzen Giftes aus, gleich dem furchtbaren uralten Halahala. (1620) Das wütende Gift verbreitete sich wie dichte Finsternis durch die ganze heilige Stadt: durch Haine, Brunnen, Teiche, Plätze, Versammlungshallen, Märkte, Gräben und Mauern, Paläste, Obergeschosse, Terrassen, Tempeltürme und Bühnen. Die Bewohner sanken verwirrt nieder, als wären sie eingeschlafen.

(1621) Ihre Körper verloren den Halt, wurden starr und schweißbedeckt. Sinne, Sinnesorgane und innere Kräfte gerieten durcheinander. Ihre Worte verwirrten sich, die Zungen trockneten aus, Schleim stieg auf, das Bewusstsein erlosch, der Atem stockte. Das Leben schwankte in ihnen; so lagen alle Bewohner der alten Stadt da. (1622) Wie Vishnu beim Anblick des Giftes erschrak der Südkönig. Er eilte zum Tempel und fiel nieder: ‚Vater, Erster, ursprünglicher Ursprung! Ohne Samen Hervorgegangener, endloser Weiser, mein Herr! Den Liebenden leicht zugänglich, Herr aller, ewiger König dieser Stadt, anfangsloser Herr der Veden, dreiäugiger Gott: Bei dir suche ich Zuflucht! (1623) Du hast das heranstürmende Meer vertrieben, den gewaltigen Regen der sieben meertrinkenden Wolken abgewehrt und den Elefanten mit den weißen Mondstoßzähnen und dem himmeltastenden Rüssel getötet. So hast du die Stadt beschützt. Nimm ihr nun auch die Qual des Giftes, das sie erfasst und betäubt!‘

(1624) Der Urherr, einem Meer der Gnade gleich, ließ einen kleinen kühlen Nektartropfen von der jungen Mondsichel in seinem strahlenden Haar fallen. Sogleich durchdrang er alles lückenlos, wie Sauerteig die Milch durchdringt. Dieser winzige Tropfen reinigte Madurai und gab der Stadt ihre frühere Pracht zurück. (1625) Wie Dunkelheit vor der Sonne und die Macht der inneren Unreinheit vor göttlicher Gnade schwand das Gift vor dem überall verbreiteten Nektar. Die Betäubung endete, alle lebten wieder voller freudiger Wonne. Der große Pandya-König wurde ganz zur Gestalt der Liebe zu dem schlangengeschmückten Herrn und behütete die Erde.

Hier endet „28. Die Schlange wird mit einem Pfeil bezwungen“. Möge es glückverheißend sein.

29. Die Trugkuh wird bezwungen

(1626) So zerteilte der Pandya mit der Gnade des selbst den Veden schwer erfassbaren Höchsten die Schlange, welche die Gegner des Vedenwegs geschickt hatten. Nun erzählen wir, wie der Stierreiter auch die riesige Kuh vernichtete, die dieselben betrügerisch dargestellten Gegner danach sandten. (1627) Als der edle Anantaguna die Schlange mit der weiten Haube und dem aufgerissenen Rachen zerschnitt, zerstreuten sich die dicht hinter ihr folgenden Jaina-Scharen. Verwirrt flohen sie wie mächtige Wolken, die vom Wind auseinandergetrieben werden. (1628) Die Geflohenen sammelten sich an einem Ort wie Finsternis und berieten: ‚Wie den großen Elefanten, den wir früher schickten, haben sie jetzt auch die Schlange vernichtet. Welche List können wir als Nächstes ersinnen?‘

(1629) ‚Eine Kuh werden sie nicht verletzen; sie fürchten die Schuld. Darauf soll unsere List beruhen!‘ Darin wurden sie sich einig. Erneut nährten sie das schuldvolle Opferfeuer. Daraus erhob sich ein Dämon in der Gestalt eines unversehrten Rindes. (1630) Die aus der Feuergrube hervorgegangene grausame Kuh sandten sie wie zuvor gegen das schöne Kudal. Der Dichter nennt sie höhnisch Anhänger dessen unter dem Pindi-Baum, dessen Lehre mit Aussagen von Sein und Nichtsein verwirre. [Diese Bezeichnung der Jaina-Lehre ist die Polemik des Erzählers.] (1631) Wie die Banner auf hohen Palästen stachen ihre Hörner in die Wolken und spießten sie auf. Mit ihren Schritten ließ sie Sheshas Haupt und die strahlenden Berge zu Staub werden. Ihr Atem erschreckte selbst den Untergang.

(1632) Vor ihrem ausgestoßenen Atem wurden alle beweglichen und unbeweglichen Wesen wie leichte Pflanzenflocken auseinandergetrieben. In ihre Zornesglut schien die ganze Welt wie Wasser in den Schlund des Feuergottes geschüttet zu werden. (1633) Vögel aus ihren Nestern und wilde Tiere flohen schreiend. Mit den Hörnern riss sie dicht bewaldete Berge aus und schleuderte sie fort, als wären sie kleine Marutam-Bäume. Sie verfolgte zahllose Wesen, zerschmetterte ihre Körper, nahm ihnen das Leben und brüllte wie Donner. (1634) Wie der Tod selbst zog diese mörderische Kuh ihren Weg und näherte sich machtvoll dem südlichen Madurai, wo Lakshmi wohnt, der Stadt des Pandya vom weiten Porunai-Fluss. Der König mit dem Fischbanner erfuhr von ihrem Kommen.

(1635) Mit den angesehenen Bürgern ging der Pandya zum Tempel. ‚Wir wollen den Dreiäugigen preisen, den König des großen Madurai, der einst mit seinem Diskus einen Dämon niederwarf, und ihm berichten, was geschehen ist‘, sagten sie. (1636) ‚Herr, ist das Recht? Du mit den Füßen, die in der Halle den Tanz vertauschen, ist das Recht? Du Erkenntnis, die alle Wesen erkennen lässt! Heiliger, vollkommener Uralter, Veda selbst: Ist das Recht?‘ So riefen und klagten sie vor ihm. (1637) Der Ewige sah die Bittenden mit Gnade an und ließ sein Mitgefühl reichlich strömen. Er rief den Stier Nandi: ‚Geh, besiege die verderbliche Kuh, welche die Jainas herbeigeschickt haben, und kehre zurück!‘ So sandte er ihn aus.

(1638) Der mächtige Stier erhob sich, sodass selbst der stabtragende Tod erschrocken wäre. Seine roten Augen kochten wie Feuergruben. Die Zunge fuhr um die Schnauze, Schaum floss aus den Mundwinkeln, und sein Haupt schien das Weltengewölbe abzutasten. (1639) Sein Stirnschmuck ragte empor. Um die aufwärts gebogenen Hörner wand sich rubinbesetzter Schmuck, als läge eine haubentragende Schlange um die Mondsichel. Ein breiter Schmuckgurt glänzte an seinen Seiten wie ein Bündel der Strahlen der hellen Sonnenscheibe. (1640) Wedel und Kränze an seinem Kopf glichen den kühlen weißen Strahlen der mondsichelgleichen Hörner. Eine perlenbesetzte Gesichtsdecke glänzte von der Stirn herab. Hinten angebrachte Reihen von Schellen erklangen laut.

(1641) An seinem Hals bewegte sich die Zunge der Heldenglocke wie eine Schlangenzunge. Fußringe aus glänzenden Perlen, Schnüre mit kleinen Glöckchen, Pipala-förmiger Schmuck und hängende Ketten klangen; an allen vier Füßen ertönten die Reifen. (1642) Er scharrte den Boden und hüllte Himmel und acht Richtungen in Staub. Er schnaubte, stieß mit den Kampfhörnern vor und spießte Wolken auf. Wie ein aufspringendes Gewitter zog er dahin; aus beiden Augen sprühten Feuerfunken. (1643) Mit seinen milchweißen Mondhörnern riss er den schwangeren Bauch der Wolken auf. Wie ein Silberberg, dem Beine gewachsen wären, sprang er zornig voran. Der Kuh nachwitternd, stieß er heftigen Atem aus und näherte sich ihr.

(1644) Er schien im Westen und war plötzlich im Osten, im Osten und plötzlich im Westen, im Norden und plötzlich im Süden, im Süden und plötzlich im Norden. Mit drängenden Hörnern hob er Berge aus, warf sie kopfüber nieder und schleuderte sie wie vom Wind getriebene Dinge über die Richtungen hinaus. (1645) Er warf sie gegen Gipfel, sodass deren unzählige Juwelenspitzen zerbrachen, und in dichte Baumhaine, deren himmelhohe Äste barsten. Er schleuderte sie ins Meer, wo sie wie die gefallene Tugendkuh vom Himmel niederstürzten. So zeigte der göttliche Nandi mit den kräftigen Mondhörnern sein Spiel. (1646) Doch er kämpfte nicht gegen die Kuh und nahm ihr nicht gewaltsam das Leben, wie die Niedrigen es beabsichtigt hatten. Der edle Stier zeigte nur seine vollkommene Schönheit. Von Verlangen ergriffen und von den duftenden Blumenpfeilen getroffen, verlor die Kuh ihre Kraft und ihr Leben, stürzte nieder und wurde zu einem Berg.

(1647) Unaufhörliche Freude erfüllte die große Stadt mit ihren geschwungenen Mauern und Palästen. Die kräftigen Schultern des Königs mit dem geöffneten Neemblütenkranz schwollen vor Freude. Die versammelten Jainas zogen beschämt ab, wie dichte Finsternis beim Aufgang der Sonne zerreißt. (1648) Als weithin sichtbares Zeugnis ließ Nandi seine große Gestalt als Stierberg bestehen. In feiner Gestalt kehrte er zum Herrn von Kudal zurück und verneigte sich. Ishvara schenkte ihm kühle Gnade: ‚Nimm wieder deine frühere leuchtende Gestalt an und bleibe hier.‘ (1649) Der König und die Bürger kamen freudig zu Nandi vor dem Heiligtum, verehrten seine Füße und gingen wieder. Der Herr mit dem blitzenden Haar betrachtete Nandis siegreiche Tapferkeit und freute sich mit seiner Gemahlin, die süßem Nektar gleicht.

(1650) Später kam Rama mit dem feindebezwingenden Bogen auf dem Weg zum meerumtosten Lanka an diesen Stierberg. Das Affenheer umgab ihn; mit seinem dunkelberggleichen Bruder, Maruti und Sugriva, diesen mächtigen Helden, schlug er dort sein Lager auf. (1651) Der Weise, der den Vindhya bezwungen hatte, erfuhr davon und kam herbei. Er segnete den König und trug ihm die Schrift vor, welche die unbeschreibliche Herrlichkeit Kudals, der Stadt des Stierbannerträgers, verkündet. Rama hörte von der Größe des Urherrn und faltete die Hände über dem Haupt. (1652) Mit dem Weisen ging er hin, badete im Goldlotos-Teich und verneigte sich so tief, dass sein geflochtenes Haar die Füße des einzigen ursprünglichen Herrn berührte. Nach vedischen Mantras und Shiva-Agama verehrte und pries er ihn. In reife Liebe versunken, hob er die gefalteten Hände über den Kopf.

(1653) ‚Höchster, Herr der Stadt, die Befreiung zu Lebzeiten schenkt! Heiliger Shankara, ursächliche Gestalt aller Freuden und Segnungen! Unzählige deiner göttlichen Heiligtümer liegen auf dem Kreis dieser weiten Erde. (1654) Unter ihnen ist dieses große Madurai ein Wunderort. Weshalb besitzt es solche Herrlichkeit? Damit alle Welten in festem Vertrauen zu dir gerettet werden, stehen die Zeugen deiner Taten als Berge ringsum sichtbar da. (1655) Schon beim Anblick dieses Linga werden Leiden genommen und unermessliche Güter gewährt, weil du hier in besonderem Mitgefühl wohnst. Du mit der kühlen Mondgirlande, Bewohner des Alls: Könnte ein anderes Linga diesem gleichen?

(1656) Dieses große heilige Wasser tilgt beim Eintauchen die Schichten uralten Karmas und schenkt deine glückverheißende Wonne. Wenn man seine Natur ergründet, könnte ein anderes heiliges Gewässer ihm gleichkommen? (1657) An anderen Orten ist jeweils eine Besonderheit ausgezeichnet. An diesem wahrhaftigen Ort aber strahlen alle drei aus: heiliger Ort, Linga und Gewässer. Vater, deshalb schenkt er jedem, der hierherkommt, Reinheit des Geistes und vielfältige Vollkommenheiten. (1658) Auch mein beabsichtigtes Werk wird gewiss vollendet werden, doch der Sieg ist überaus schwierig. Wie kann er gelingen? Gewähre mir rasch deine entsprechende Gnade!‘ So betete er. Der Höchste antwortete mit Worten, die wie himmlischer Nektar waren.

(1659) ‚Höre, Rama aus dem Sonnengeschlecht! Ziehe von hier nach Südosten, errichte eine Brücke über das weite Meer und schlage dem Dieb mit dem betrügerischen Herzen seine zehn strahlenden Häupter ab. Befreie die Frau mit der schlangengleich geschwungenen Hüfte aus der Not ihrer schweren Gefangenschaft. (1660) Kehre dann nach Ayodhya zurück und regiere viele Tage glücklich über die meerumgebene Welt. Später wirst du Vaikuntha erreichen. Sei hier ohne Sorge!‘ Rama hörte die körperlose Stimme, freute sich, verneigte sich und nahm Abschied vom göttlichen Tänzer. (1661) Wie der Lehrer des Veden-Sinnes verkündet hatte, erreichte er Lanka, nahm dem Schuldigen, der den Dharma verschlungen hatte, das Leben und übergab dessen reichen Besitz dem jüngeren Bruder. Er errichtete das heilige Rameshvara, verehrte den Herrn mit der dunklen Kehle und empfing seine Gnade.

(1662) So entkam er der anhaftenden Schuld. Noch einmal kam er zum siegreichen Stierreiter, der einst Indras Schuld getilgt hatte, und pries ihn. Danach erreichte Rama mit dem geflochtenen Haar zusammen mit der Königin der Treue, deren Haar dichter Finsternis glich, seine alte Stadt. (1663) Anantaguna Pandya beschützte weiterhin das Land mit gerechtem Zepter. Ihm wurde Kulabhushana mit der honigduftenden Blütengirlande geboren. Er legte die Last der meerumtosten Erde auf dessen Schultern und ging durch die Gnade unseres Herrn in die große Stadt Shivas ein.

Hier endet „29. Die Trugkuh wird bezwungen“. Möge es glückverheißend sein.

30. Shiva erscheint mit einem Heer

(1664) Wir erzählten, wie der Stierbannerträger seinen Hüter Nandi aussandte und die mörderische Kuh vernichtete, die aus dem schuldvollen Feuer der Jainas, diesen vom Dichter so genannten Verkörperungen der Sünde, entstanden war. Nun schildern wir, wie der göttliche Krieger bei einer Heerschau sein Spiel vollbrachte. (1665) Der siegreiche Kulabhushana mit den wilden Kriegselefanten empfing von Anantaguna, der die neidischen Anschläge der Jainas überwunden hatte, das gerechte Zepter. Er ließ sein Herrschaftsrad in alle Richtungen rollen, vertrieb das grausame Kali und beschützte die Erde. (1666) Ein Heerführer namens Saundara Samanta lebte nach der Pflicht, die Diener des Herrn mit den roten Haarflechten als Shiva selbst zu achten und zu verehren. Freudig stand er dem König als Helfer für dieses Leben und das Jenseits zur Seite.

(1667) Ein Bogenschütze namens Chediraya herrschte über mächtige Jäger. Im Vertrauen auf seine große Kraft erklärte er entschlossen: ‚Ich werde mit einem Heer gegen den Pandya mit seinen vielen Pferden und Wagen ziehen!‘ Der Südkönig erfuhr davon. (1668) Er sagte zu Samanta, der im Schatten seiner Füße diente: ‚Öffne unsere Schatzkammer, entnimm Geld und bezahle damit weitere neu anzuwerbende Truppen.‘ Was tat der Liebende der Füße Ishvaras, nachdem er dies gehört hatte? (1669) Seine Liebe schob den königlichen Auftrag zurück; Haras Gnade zog ihn zuerst zu sich. Er öffnete rasch die Schatzkammer und nahm aus dem rechtschaffen erworbenen Gold so viel, wie dem Wunsch seines Herzens entsprach.

(1670) In grenzenloser Freude ging er zum Tempel, badete im augenerfüllend schönen Goldlotos-Teich und verehrte den Sinn der melodischen Veden, der als Lichtgestalt der wahren Liebe in seinem Herzen hervorgetreten war. Er bat den Herrn. (1671) ‚Höchster, der die vier Veden mit ihren Melodien entfaltet hat, unser König! Vollende das beabsichtigte Werk. Mögen diese Güter dir und den wahren Dienern zu deinen Füßen zukommen!‘ So betete er und verwendete den ganzen segensreichen Schatz entsprechend. (1672) Er ließ einen das Weltengewölbe berührenden Tempelturm und eine tausendsäulige Halle errichten, dazu Halsketten, diamantbesetzte Schmuckstücke, Ohrringe, Reihen kühler Perlenschirme und Banner anfertigen. Durch die Gnade des Herrn hatte er bereits das Ufer der siebenfachen Geburt erreicht.

(1673) Er förderte zahllose heilsame Werke: Opfergaben für die Himmelsbewohner, Schnurverleihungen, Hochzeiten und viele weitere kleine Opfer, reichliche Speisungen der Vedenkundigen mit allen sechs Geschmacksrichtungen sowie Nahrung und Almosen für die Entsagenden. (1674) Bei jedem, an dem er die Zeichen Rudras sah, verneigte er sich: ‚Dieser ist Hara, der Gestalt angenommen hat, um unsere Wiedergeburt abzuschneiden.‘ Mit ungeteilter, überströmender Liebe verehrte er ihn, speiste ihn mit den sechs Geschmacksrichtungen und kostete danach die süßen Reste. (1675) Heute tausend, morgen das Doppelte, an jedem folgenden Tag wieder das Doppelte: So gab er den königlichen Besitz dem Herrn mit den Konrai-Blüten im roten Haar und dessen Dienern. Der Südkönig hörte davon. Da handelte der Heerführer folgendermaßen.

(1676) Er erschien im Rat des Königs und setzte sich mit den Schreibern zusammen. Er tat, als schicke er den Kriegern fremder Länder Geld und Einberufungsbriefe, um sie zum Heeresdienst anzumelden. Tatsächlich ließ er täuschende Briefe verfassen und absenden. (1677) ‚Schreibt an die Telugus! Schreibt an die Kalingas! Schreibt an die Leute von Virata, an die Marathas, die Kongus, die Bengalen und die Turukkas!‘ So ließ er die vorgeblichen Anwerbebriefe aussenden. (1678) Nachdem er überall solche Briefe verschickt hatte, vergingen sechs Monate, ohne dass die angeworbenen Krieger erschienen. Der König mit dem kühlen, strahlenden Speer rief den Heerführer und befahl: ‚Versammle morgen vor Sonnenuntergang sämtliche Truppen!‘

(1679) Samanta sagte zu und fiel dann zu Füßen des Herrn der Silbernen Halle nieder. ‚Freigebiger! Du hast den ganzen berggleichen Schatz des Königs angenommen und mich in deinen Dienst genommen. Wie soll ich nun ein mächtiges Heer zusammenbringen?‘ So stand er flehend da. (1680) Der Herr des bannerreichen Kudal hat gelobt, die Not seiner Diener zu beheben und sie gnädig anzunehmen. Durch die Gnade dieses uralten, aschegeschmückten Heiligen, der Kama verbrannte, erhob sich eine göttliche Stimme, die den donnernden Himmel durchdrang. (1681) ‚Morgen werden wir mit einem ringsum aufmarschierenden Heer erscheinen. Geh du zum königlichen Hof und bleibe dort!‘ Der Heerführer hörte die himmeldurchdringenden Worte und versank in einer Flut der Freude. Zugleich versank die strahlende Sonne in der Flut des Meeres.

(1682) Damit der Pandya es sehe, verwandelte der Herr mit dem Meru-Bogen seine Gefährten in furchtlose Speerkrieger und sich selbst in einen Reiter auf springendem Pferd. Für dieses Schauspiel bereitete er seine Erscheinung vor. Die überall kommende Nacht war wie der dunkle Vorhang, den man vor einer Aufführung aufspannt. (1683) Samanta ging in sein gesegnetes Haus und dachte unablässig: ‚Wann wird es hell?‘ Er schlief nicht, stand immer wieder auf, betrachtete die Sterne am Himmel und berechnete die Stunden. So maß er die ganze Nacht, um das Erscheinen des Stirnäugigen zu erleben. (1684) Die Sonne stieg rein empor, als hätte sie im Meer gebadet und den Schmutz der Dunkelheit abgewaschen, um den Aufbruch des Gnadenheeres zu sehen. Denn Shiva, das höchste Licht, das selbst die Veden nicht ergründen, nahm um eines Liebenden willen Gestalt an und kam zu Pferd.

(1685) Der löwengleiche Heerführer ging zum Herrn des Mitgefühls von Nanmada Kudal, verneigte sich, betete und pries ihn. Dann zog er unter dem juwelenbesetzten, weißmondgleichen Schirm zum Palast des Königs aus dem Mondgeschlecht. Während er sich näherte, erschien das Heer. (1686) Die siegreichen Pramatha-Scharen, darunter Shankukarna mit seinen mondgleichen Zähnen, und die berggleichen, kurzbeinigen Bhuta-Krieger um den Dickbäuchigen sammelten sich. Sie nahmen die Gestalt entschlossener Helden an, an deren kräftigen Beinen klingende Kriegerreifen saßen. (1687) Ihre roten Hände trugen die achtzehn furchtbaren Waffenarten: lange blattförmige Schwerter, Speere, Wurfkeulen, Diskusse, blutbefleckte Äxte, Bogen, Lanzen und andere. Mit festgebundenen Fußreifen, schneller als der Wind, sicherten sie die Flanken.

(1688) Nandi, Mahakala, Bhringi, der siegesbekränzte Nikumbha, Kumbhodara und die übrigen Anführer legten Kampfrüstungen an, zeichneten heilige Stirnzeichen und ergriffen scharfe Schwerter. Als berittene Krieger umgaben sie den Herrn. (1689) Überall drängten sich Wedel, Fächer, Schirme und Wälder von Blütenbannern. Alle Instrumente erklangen so laut, dass selbst Gewitterdonner sich schämen musste. Der Herr, der einst den Tanz vertauscht hatte, machte seinen siegreichen Kampfstier zum Pferd mit wehender Mähne und erschien als einzelner Reiter. (1690) Instrumentenlärm, das Wiehern und Stampfen springender Pferde und das Geschrei der Krieger, das jedes gesprochene Wort verschlang, vereinigten sich zu einem gewaltigen Getöse. Das heranrückende Heer glich dem Meer, das einst zornig gegen die große Stadt des starken Königs geströmt war.

(1691) Der Heerführer sah die Truppen kommen, trat vor den König und berichtete im Schatten seiner Füße. Der Pandya erblühte vor Freude, ging zum juwelenglänzenden Tor hinaus und setzte sich dort in einem Pavillon auf den goldenen Löwenthron. (1692) Mit Freude über die Macht, die seine Feinde besiegen konnte, betrachtete er den Reichtum des Heeres und fragte: ‚Aus welchen Ländern kommen diese Männer?‘ Samanta stand vor ihm, streckte den goldenen Stab aus, ordnete die geschmückten Abteilungen und erklärte. (1693) ‚Herr, dies sind die Männer aus Kongu, dies jene aus Kuru, dies die Gangas und dies die aus Karnataka. Hier sind die Angas, hier die Aryas, hier die Bengalen und hier die Malavas.

(1694) Hier sind die Kulingas und die Konkana-Leute, hier die Telugus und die Singhalesen. Dies sind die Kalingas und die Gaudas; diese Männer mit keulengleichen Schultern sind die Odiyas. (1695) Hier sind die Kollar, hier die Gurjaras, hier die Pallavas und hier die Barbaras. Dies sind die Villavar und die Videhas; jene mit laut klingenden Fußreifen sind die Kadara-Leute. (1696) Dies sind die Kekayas, jene mit leuchtendem Juwelenschmuck die Magadhas, dies die Marathas und die Bewohner Kanchis. Und diese hier stammen aus unserem eigenen Land.‘ So stellte er sie bei der Heerschau vor.

(1697) ‚Wenn du gnädig fragst, wie diese Männer aus so fernen Ländern hierhergebracht wurden: Herr, ich habe deinen kostbaren Schatz ohne Begrenzung ausgesandt. Deshalb sind sie gekommen‘, erklärte er. (1698) Der König sah den einzelnen Herrn zu Pferd, der weiter hinten inmitten des großen Heeres stand. ‚Wer ist jener?‘, fragte er. Samanta verneigte sich: ‚Herr, wie könnte ich in dieser Heeresflut jeden einzelnen kennen?‘ (1699) ‚Rufe ihn her!‘, befahl der König. Der Gepanzerte kam, als folgte er dem königlichen Befehl. Freudig schenkte ihm der König Gold, Schmuck aus neun Edelsteinen und goldene Gewänder. Um des Mannes mit der unfehlbaren Herzensliebe willen nahm der Herr sie an, legte sie an und gab davon auch seinen Gefährten.

(1700) Er trieb sein geprüftes, feuriges Pferd an, zeigte dessen fünf Gangarten und kehrte in sein Heeresmeer zurück. Genau da kam ein Späher und berichtete dem König: ‚Chediraya ist bei der Jagd von einem Tiger getötet worden.‘ (1701) Der König sah sein trommeldröhnendes Heer an und lächelte voller Freude. Er verlieh seinem Heerführer höchste Ehren und überreiche Gaben. ‚Entlasse die Truppen, die zur Heerschau gekommen sind und uns begrüßt haben, wieder in ihre jeweiligen Heimatorte!‘, befahl er. (1702) Der Heerführer mit den klingenden Fußreifen stellte sich hin, als wolle er die Truppen in ihre fernen Länder zurückschicken. Da verschwand der allgegenwärtige Tänzer von Nanmada Kudal von diesem Platz, zusammen mit den Kriegern, die menschliche Gestalt angenommen hatten.

(1703) Der Herr des Porunai-Landes sah es, staunte und wurde nachdenklich. Er erwog es genau und erkannte: ‚Dies ist ein Spiel des Herrn der Götter, der in unserem Kudal wohnt.‘ Tränen brachen aus seinen Augen; seine Haut erschauerte, und er wurde ganz zur Gestalt wahrer Liebe. (1704) Er sagte zu Samanta, seinem lebensgleichen Gefährten: ‚Wenn selbst der Herr von Kudal sich dir so leicht zugänglich macht, dann bist du für mich dieser Herr.‘ Er beschenkte ihn mit allem und lebte fortan ohne Herzenssorge, der edle Nachkomme des Mondes.

Hier endet „30. Shiva erscheint mit einem Heer“. Möge es glückverheißend sein.

31. Der unerschöpfliche Geldbeutel wird gewährt

(1705) Wir erzählten, wie der Stierbannerträger um seines Dieners willen als Reiter mit Kriegern erschien und sich dem Pandya bei der Heerschau zeigte. Nun berichten wir nach unserem Verständnis, wie der Herr mit den duftenden Konrai-Blüten diesem Südkönig einen unerschöpflichen Geldbeutel schenkte. (1706) Der freigebige Kulabhushana hielt das Montagsgelübde und alle anderen Shiva-Pflichten gewissenhaft ein. Doch im Stolz auf diese Kraft missachtete er die untadeligen Vedenkundigen seines Landes. Darauf blieb der Regen aus, die Wasser sanken, der Wohlstand schwand und die Ernte ging im ganzen Land zurück. (1707) Die Rechtschaffenen verarmten. Außer der Schnur auf ihrem Körper blieb ihnen nichts von ihrer vedischen Lebensordnung; sie mussten auf die Opfer für Weise, Götter und Ahnen verzichten. Sie übten geringere Tätigkeiten und konnten sich dennoch nicht erhalten. Um zu überleben, gingen sie in fremde Länder. Auch die übrigen Familien litten unter Hunger.

(1708) ‚In welches Land sollen wir ziehen?‘, klagten die Menschen. Der König des Mondgeschlechts erbarmte sich. An einem Montag badete er im Goldlotos-Teich, verehrte den elefantengesichtigen Geber der Vollkommenheit und mit inniger Liebe den Gemahl der Fischäugigen. Er fiel vor ihm nieder, faltete die Hände, pries ihn und sprach. (1709) ‚Bist du nicht das Leben im Leben aller Wesen dieser Welt? Weshalb trifft mich das Leid, das ihren hungernden Leib erschöpft? Den Schatz, den ich angesammelt hatte, habe ich für rechtschaffene Werke ausgegeben. Herr, öffne dein Herz und schenke mir deinen Gnadenblick, damit mein bedrängendes Unglück schwindet!‘ (1710) Der Herr von Kudal mit der mächtigen Schlange um die Hüfte bedachte den kleinen Fehler seines dienenden Königs und blieb still, als hörte er dessen Flehen nicht. Der König kehrte heim, sehnte sich nach der Gunst der makellosen Füße und schlief auf dem Boden ein.

(1711) Der Herr, der in der schönen Silbernen Halle tanzt, erschien ihm im Traum als Siddha: mit Muschelohrringen, weißer Asche, schlichtem Lendentuch und einem auf der Brust schwingenden Löwenhorn. Vor dem Südkönig mit den wilden Elefanten stehend, sprach er. (1712) ‚Du mit der berggleichen, blütenbekränzten Brust! Du besitzt unvergänglichen Reichtum an Gelübden, liebst uns beständig und regierst gerecht, indem du Unrecht aus der Welt entfernst. Doch einen Mangel hast du: In deinem einst unerschöpflich reichen Land ist der Reichtum der vedischen Opfer geschwunden. (1713) Die großen Veden sind unser Sitz, die Veden unsere Sandalen, die Veden unser Fahrzeug und unsere Fußringe. Die Veden sind unser Lendentuch, die Veden unsere Augen, die Veden unsere Sprache und die Veden unsere Gestalt.

(1714) Die Veden selbst sind die Shakti unseres Befehls. Als Gebot und Verbot entzünden und festigen sie Erkenntnis, schenken Freude, lösen die Fesseln, die die vielen Wesen trennen, und gewähren die Befreiung, in der sie uns nicht verlassen. König mit der bienenumsummten Girlande, sie sind unser gerechtes Zepter. (1715) Die Stütze dieser Veden sind die Brahmanen, die nach ihnen das Opferfeuer nähren, um die Krankheit des Kali zu vertreiben, und ihre Gedanken auf uns richten. Ihre Opfer sind die Ursache des Regens. Sohn, du hast diese Vedenkundigen verachtet und verlassen; deshalb blieb der Regen aus. (1716) Achte jene, die die drei Feuer unterhalten, damit die drei Welten Heil finden, wie uns selbst. Mehre täglich die vielfältigen guten Werke, führe das gerechte Dharma-Zepter und lasse dein Herrschaftsrad rollen!‘ Der Herr, der sich wie die Frucht früheren Verdienstes leicht zugänglich machte, schenkte ihm einen unerschöpflichen Beutel.

(1717) ‚Wie viel Gold du auch aus diesem Beutel nimmst und verteilst, die von uns gegebene Menge wird sich nicht vermindern. Beseitige damit die eingetretene Not ohne Zögern!‘ Er überreichte ihn, bestrich den König zur Tilgung seiner Sorge mit heiliger Asche und ließ seine Gestalt verschwinden. (1718) Als der König erwachte, war der Traum Wirklichkeit geworden. Er verneigte sich, erhob sich und setzte den goldenen Beutel auf sein Haupt, als wären es die Füße des Götterherrn. Eine Muhurta lang tanzte er in überströmender Freude; dann zeigte er die Gabe den Ministern und Heerführern und berichtete ihnen alles. (1719) Er legte sie auf einen göttlichen, juwelengeschmückten Sitz, den rotäugige Löwen trugen. Muschelhörner und Veden erklangen. Er bestrich den Beutel mit Sandelpaste, schmückte ihn mit honigträufelnden Girlanden und umkreiste ihn mit Zehnstoff-Räucherwerk und Gheelampen. So verehrte er ihn als den Gott, der die Ganga trägt.

(1720) Dann verneigte er sich, umschritt den Beutel, öffnete ihn und nahm Gold heraus. Unbegrenzt verteilte er es täglich an die Hüter der drei Feuer, für Opfer und an alle Bedürftigen. Je mehr er gab, desto weniger erschöpfte sich die Gabe des Herrn – wie die Glückseligkeit der Befreiung, die sich durch ihr Geschenk an die Diener nicht vermindert. (1721) Aus dem Gold des Beutels ließ der König, der die Grenzen der Veden kannte, Platten fertigen. Er überzog das vom Himmel herabgekommene Heiligtum innen und außen damit, ebenso den sechsstützigen Sockel, der wie ein Spross der Erkenntnis erscheint, die großen himmelhohen, bannerreichen Tore und weitere Bauteile, sodass alles Schönheit ausstrahlte. (1722) Wie eine Wolke schöpfte Kulabhushana täglich aus dem unverminderten Meer des Schatzes und ließ die göttliche Saat rechtschaffener Werke wachsen. Auch die Wolken tranken aus dem wellenreichen Meer und regneten. Alle Güter mehrten sich; das südliche Land blühte an Reichtum wie Alaka.

(1723) Grammatiker, Logiker, Vedenkundige, Ausleger des Vedanta, Kenner der wahrhaftigen Smritis, unfehlbare Gelübdehalter, Bewahrer der Opferfeuer, Verkünder der Lehre des schlangengeschmückten Herrn und Menschen, die der Welt entsagt hatten, lebten dort ohne Not. So glänzte das Südland wie die Stadt Alaka.

Hier endet „31. Der unerschöpfliche Geldbeutel wird gewährt“. Möge es glückverheißend sein.

32. Der Verkauf der Armreifen

(1724) So schenkte der im himmlischen Heiligtum wohnende Herr des Vedengesangs dem Pandya den unerschöpflichen Beutel und erklärte die Veden zu seiner eigenen Gestalt. Nun erzählen wir, wie diese über Erkenntnis hinausgehende Wirklichkeit durch die juwelenreichen Kaufmannsstraßen ging und Armreifen verkaufte. (1725) Während Kulabhushana so regierte, erfüllte sich ein früheres Geschehen. Einst wollte der gerechte Herr, der Vishnus Sohn Kama zu Asche gemacht hatte, die Standhaftigkeit der Frauen der göttlichen Weisen im bienenumsummten Daruvana prüfen. Als Kapalin, als Schädelträger, kam er dort um Almosen betteln. (1726) Er trug ein Lendentuch, in dem die Veden erklangen, Asche auf dem Körper, einen fruchtgleichen singenden Mund und ein verborgenes Lächeln. Seine Lotosfüße waren von Glöckchen umgeben und trugen Sandalen; in der Hand hielt er die Bettelschale. Er erschien, als hätte Ratis Gatte Kama selbst Asketengestalt angenommen.

(1727) Der Klang der Fußringe um seine roten Lotosfüße, der aus der Kehle aufsteigende Gesang und der Schlag seiner Handtrommel drangen durch die Ohren, öffneten die Herzen und zogen ihre Selbstbeherrschung fort. Noch ehe er nahe war, kamen die Frauen mit Almosen aus den Häusern, wie Wasser zur Tiefe fließt. (1728) Sie legten nicht nur Almosen in seine Schale, sondern ließen auch ihre goldenen Armreifen hineinfallen. Nicht nur die innere Scham verloren sie, sondern auch die goldenen Hüftketten mit ihren Münzen. Außer Kamas Bogenpfeilen trafen die kühlen Blumenpfeile seiner Augen ihre Brüste, und sie wurden schwach. (1729) ‚Gib uns unsere Armreifen zurück!‘, baten die pfauengleichen Frauen. Er antwortete: ‚Sie sind an euren Hälsen‘ – mit einem Wortspiel zwischen Muschelreif und muschelgleichem Hals. ‚Gib uns unsere Kalai zurück!‘, baten sie um die Gewänder. Der Mondsichelträger sagte: ‚Sie sind in eurem Mondgesicht‘, denn Kalai bezeichnet auch einen Mondteil.

(1730) ‚Erkenne die rechte Gelegenheit und vereinige dich mit uns!‘, baten die Jungen. Er spielte mit dem Wort für Gelegenheit und Mitte: ‚Ihr Nektargleichen, eure Mitte ist jetzt nicht mehr zu sehen.‘ Sie baten: ‚Gib uns dann unsere frühere Gestalt zurück und erlaube uns heimzugehen.‘ Auf das mehrdeutige Wort Vidai antwortete er: ‚Es ruht im Meer.‘ [Das letzte Wortspiel ist nicht vollständig ins Deutsche auflösbar.] (1731) ‚Dieser Kapalin kennt wohl keine Mitte, kein rechtes Maß‘, sagten sie. ‚Die fehlende Mitte ist doch gerade euch eigen‘, antwortete er und spielte auf ihre schmalen Taillen an. ‚Herr, dein Herz ist hart wie Stein!‘ – ‚Hart wie Stein sind eure Brüste‘, erwiderte der Konrai-Träger. (1732) ‚Weshalb trägst du das Wasser der Ganga? Sage es uns!‘, fragten die Frauen mit den speergleichen Augen. ‚Um bei euch Almosen zu empfangen‘, antwortete er, das Wort zugleich auf seine Schale beziehend. ‚Wie war das Gefäß, von dem du sprachst, Herr?‘ – ‚Ihr makellos Nektargleichen, es war wie eure Brüste.‘

(1733) ‚Warum ist dein Hals dunkel, Herr?‘ – ‚Damit es regnet‘, antwortete er, das Wort für Hals als Wolke deutend. ‚Du hast gesagt, du würdest uns antworten. Was ist die Antwort?‘ – ‚Wenn ihr von Süden hinschaut, werdet ihr es erkennen‘, sprach er, denn Uttaram bedeutet Antwort und Norden. (1734) Sie sahen ihre eigenen Spiegelbilder in den Augen des Rothaarigen und baten: ‚Lass auch uns wie diese Frauen in deinen Augen wohnen!‘ Er sah sich in ihren Augen gespiegelt und lachte: ‚In euren Augen ist schon einer, der größer ist als wir. Öffnet sie und seht ihn!‘ (1735) Sie falteten ihre Blütenhände und fielen mit dem Ruf ‚Zuflucht!‘ zu seinen Füßen. Jedes Mal, wenn sie ihre zarten Hände ausstreckten, um ihn zu umarmen, entzog er sich. Ohne aufzuhören priesen sie ihn und versperrten ihm den Weg; listig wich er aus. War er für die verblendeten Frauen etwa leicht zu erreichen?

(1736) ‚Wenn du uns nicht umarmen willst, lege uns wenigstens die schönen Gewänder wieder an, die du gelöst hast. Bevor unsere Angehörigen uns liebeskrank nach dir suchen sehen und zornig werden, schiebe uns auch die abgenommenen Armreifen wieder über die Hände!‘ Er sagte: ‚Morgen werde ich sie euch anlegen‘, und ging fort. (1737) Sie konnten weder ihre Scham noch ihre Herzen zurückgewinnen, die der Herr mit der jungen weißen Mondsichel fortgetragen hatte. Gewänder und Armreifen glitten herab, Kamas Pfeile durchbohrten sie, und leidvolle Blässe überzog ihre Körper. In diesem Zustand sahen ihre Gatten sie. (1738) Durch die Kraft ihrer Askese konnten die Weisen die drei Zeiten erkennen. Sie erkannten: ‚Der Listige, der in scheinbarer Asketengestalt kam und die Treue und Scham unserer goldgleichen Frauen an der Wurzel ausriss, ist der Gott des palastreichen Kudal.‘

(1739) Sie blickten die in ihrer Treue schwankend gewordenen Frauen an und verfluchten sie: ‚Ihr seid im Herzen abgewichen. Geht und werdet, ohne eure Schönheit zu verlieren, als Kaufmannstöchter in Kudal geboren, dessen Mauern wie Berge und Meere ragen!‘ Die Frauen fragten: ‚Wann wird dieser Fluch von uns weichen?‘ (1740) Die Weisen sagten: ‚Wenn Sundara, der göttliche König des palastreichen Madurai, kommt und euch mit seiner Hand berührt, endet der Fluch.‘ So wurden die bekümmerten Frauen in der alten Südstadt als geliebte Töchter von Kaufleuten mit duftenden Jasmingirlanden geboren. (1741) Sie wuchsen heran und ließen die Kindheit hinter sich. Ihre Hüften wurden voller, die Gürtel umgaben die schmalen Taillen, und ihre Brüste entwickelten sich. Als sie die entsprechende Reife erreicht hatten, kam der Herr auf dem weltumspannenden Stier, um ihnen Armreifen zu verkaufen. Davon wollen wir erzählen.

(1742) Er verbarg die Ganga, die juwelengleiche dunkle Kehle, das Stirnauge, die Frauengestalt seiner einen Hälfte, den Hirsch und die Axt. Als Armreifenhändler erschien der schöne Stierreiter. Seine beiden roten Lotosfüße, die Vishnu als Eber nicht hatte ermessen können, durfte nun die meerumgebene Erdgöttin tragen. (1743) Die Armreifen, die er einst den Frauen der Weisen abgenommen hatte, schien er auf Seidenschnüre gereiht zu haben, mit dem Entschluss, sie denselben Frauen wieder anzulegen. Wie Blütengirlanden aus den gefalteten Händen seiner Diener trug er sie über der Schulter und ging mit seinem Verkaufsruf in die Kaufmannsstraße. (1744) Er öffnete den kostbaren Mund, der einst den Sinn der ewigen Veden erläutert hatte: ‚Kauft Armreifen!‘ Wie schöne Pfauen beim süßen Donner der Regenwolke kamen die reinen Kaufmannstöchter aus den blitzenden Juwelenhäusern auf die Straße; ihre kostbaren Hüftketten klangen.

(1745) Er kam scheinbar, um Armreifen anzulegen, tatsächlich aber, um ihre Herzen an sich zu binden. Mit vollen Brüsten und schwankend wie Blitze näherten sie sich. In ihrem dunklen Haar floss Blütenhonig, und Bienen sangen wie süße, durchlöcherte Flöten. (1746) Seine Schönheit ließ sie schwach werden; übergroße Liebe zog sie auf den Weg des Verlangens. Von der anderen Seite hielten ihre vier Tugenden, beginnend mit Scham, dagegen. Ihre Herzen schwankten in diesem Widerstreit. So umgaben die nektargleichen Frauen ihn, passend zum Spiel des Götterherrn. (1747) Mag eine Frau mit knospenden Brüsten neben den klingenden Hüftketten und Fußringen noch so viele geliebte Ohrringe, Armspangen und glänzende Halsketten tragen: Besitzt sie ohne Armreifen an den Händen vollkommene Schönheit?

(1748) ‚Wohlhabender guter Händler, wähle schöne Reifen, die zu unseren roten Händen passen!‘, baten die jungen Frauen. Vor dem Herrn streckten sie ihre zarten, Kantal-Blüten gleichenden Hände aus, über denen edelsteinbesetzte Armspangen blitzten. (1749) Die große Hand, die sonst die kühle zarte Hand der melodisch sprechenden, fischäugigen Göttin hält, ergriff die Lotushände dieser Frauen. Er schob die vielfach gestreiften, bienengleichen Reifen darüber – und steigerte zugleich ihre Liebessehnsucht. (1750) Sie zerbrachen die Reifen, die der Höchste angelegt hatte, und kamen zurück: ‚Uns habt Ihr noch keine angelegt; tut es auch für uns!‘ Den Hals unter dem honigduftenden Haar geneigt, streckten sie die schönen Hände aus und dehnten dabei ihr Verlangen immer weiter aus.

(1751) ‚Mir, mir lege sie an!‘, drängten sie hinter ihm her. Die Frauen mit den breiten, bambusgleichen Schultern fanden gegen Kamas durchbohrende Blumenpfeile keinen Schutz mehr und ließen die Wächterinnen ihrer Würde, beginnend mit der Scham, fahren. (1752) Als die zuerst angelegten Reifen herabrutschten, umringten sie ihn: ‚Diese sind zu groß. Gib uns andere!‘ Auch die neu angelegten glitten ab. Wieder kamen sie und hielten die Hände hin: ‚Noch kleinere, bitte!‘ (1753) Auch die später angelegten Reifen rutschten. Verwirrt traten die Frauen mit den langen speergleichen Augen wieder vor ihn, schwankend wie Blitze: ‚Nicht nur die dicht angelegten Reifen, auch unsere Gewänder gleiten herab!‘

(1754) ‚Solche Armreifen haben wir noch nie gesehen. Wahrer Händler, woher stammen diese seltenen hellen Reifen? Heute sind sie uns so lieb geworden, dass uns beim Anlegen die Härchen am ganzen Körper aufsteigen.‘ (1755) ‚Kommt auch morgen hierher und legt uns Reifen an!‘, baten manche. Andere sagten: ‚Nehmt jetzt den Preis für die gekauften Reifen!‘ Der Löwengleiche antwortete: ‚Ihr mit den strahlenden Augen, wir werden ihn an einem späteren Tag entgegennehmen‘, und ging spielerisch fort. (1756) Während die Frauen wie Blitze neben dem fortgehenden Händler herliefen und viele Menschen zusahen, erschien er plötzlich in seiner leuchtenden heiligen Gestalt im Heiligtum, das einst vom Himmel herabgekommen war.

(1757) ‚Der Händler, der den Frauen mit den honigreichen Kränzen Armreifen verkaufte, ist der Herr, dessen Hälfte die seidengegürtete Göttin ist!‘, staunte die ganze Stadt. Aus der inneren Freudenflut stiegen wie Blasen die Härchen auf; alle badeten in Tränen und Glückseligkeit. (1758) Weil die heilige Hand des makellosen Einen, der Kama zu Asche gemacht hatte und mit seiner Gefährtin zwei in einem ist, sie beim Anlegen der Reifen berührt hatte, empfingen die Frauen. Sie gebaren unübertreffliche Söhne, mächtig wie der blitzspeerschwingende junge Herr, der aus den göttlichen Müttern hervorgegangen war. (1759) Die geborenen Söhne lebten in unermesslicher Größe, mit edlem Stolz, hervorragendem Heldentum, Stärke und Mut. Nach einiger Zeit ließen die Kaufmannsfrauen mit den langen speergleichen Augen das irdische Leben zurück, erlangten seine Gnade und verweilten bei seinen beiden Füßen.

Hier endet „32. Der Verkauf der Armreifen“. Möge es glückverheißend sein.

33. Die Unterweisung in den acht großen Siddhis

(1760) Wir haben zuerst berichtet, wie der Urherr von Kudal mit den glänzenden Konrai-Blüten in die langen goldenen Palaststraßen kam und Armreifen verkaufte. Nun erzählen wir nach unserem Wissen, wie er auf die Bitte der Yakshini-Frauen die acht großen Siddhis verlieh. (1761) Während der Südkönig aus dem siegreichen Speergeschlecht sein Befehlsrad in alle Richtungen rollen ließ, erfüllte sich ein früheres Geschehen. Einst saß der Ursprung der Veden auf dem mächtigen Berg, der sich in jedem Weltzeitalter erhebt, im kühlen Schatten eines alten Banyan-Baumes. (1762) Zu seiner Linken saß die makellos treue Tochter des goldenen Berges, wie ein Smaragd neben einem reinen Silberberg. Sie faltete weiße Betelblätter und reichte ihm die Röllchen. So ruhte er als Lehrer des liebevoll durchdrungenen Genusses.

(1763) Bhringi, Nandi und die übrigen großen Scharenführer sowie die vier Asketen Sanaka und seine Gefährten saßen neben ihm und verneigten sich. Er öffnete gnädig den Mund, damit sie das Zuckerrohr der Shiva-Erzählung genössen, dessen Nektar beim Kosten immer weiter hervorquillt. (1764) Da erschienen die sechs Yakshini-Frauen, die dem jungen Bezwinger des meerversteckten Surapadma die Brust gegeben hatten. Von feindlichem Karma gereinigt, trugen sie überall göttliche Asche, rote Haarflechten, Rudraksha-Ketten und die heilige Gestalt shaivischer Askese. (1765) Sie verehrten seine Lotosfüße, um die Mantra-Fußringe erklangen, und baten mit zarten Händen: ‚Vater, wir wünschen die acht Siddhis.‘ Der Herr zeigte mit seiner Hand auf die Göttin, der er einen Platz auf seinem Schoß gegeben hatte, und sprach.

(1766) ‚Diese blühende goldene Ranke ist die überall entfaltete vollkommene Parashakti, Maheshi. Die acht weithin gepriesenen Siddhis, beginnend mit Anima, umgeben sie als dienende Frauen, verneigen sich und erfüllen ihre kleinen Aufträge. (1767) Meditiert über sie. Dann wird sie euer früher angesammeltes Karma beseitigen und die acht unvergänglichen Vollkommenheiten gewähren.‘ Voll Mitgefühl erklärte das höchste Licht Shiva die acht Siddhis. Doch durch die Macht tief verwurzelter früherer Taten vergaßen die Frauen diese Unterweisung. (1768) Der Gott mit der hellen Mondsichel sah ihren Fehler und zürnte den Mondgesichtigen: ‚Liegt als erkenntnislose Felsen unter dem alten Baum von Pattamangai!‘ Erschrocken verneigten sie sich: ‚Wann wird dieser Fluch enden?‘

(1769) ‚Tausend Jahre werdet ihr so als dunkle Steine liegen. Danach werden wir aus Madurai kommen, euch anblicken, euren Fluch lösen und euch die ursprünglichen Gestalten zurückgeben. Wir werden euch die Siddhis so deutlich zeigen wie eine Frucht auf der Hand. Geht!‘ (1770) Die sechs rankengleichen Frauen erhoben sich in den weiten Himmel und wurden unter dem wolkenberührten Banyan von Pattamangai zu Felsblöcken. (1771) Ihre steinernen Körper lagen ganz unter herabgefallenen Früchten verborgen, wie in Gefäße geschüttetes Korn. So ruhten die Frauen mit den großen, anmutigen Augen.

(1772) Tausend Jahre vergingen. Da wandte unser Lehrer im palastreichen Madurai, der Herr der acht Eigenschaften, sein heiliges Denken ihnen zu. (1773) Aus eigenem Willen nahm er die Gestalt eines Lehrers süßer Gnade an und erschien vor den Frauen, die zu großen Steinen geworden waren. [Die Quelle druckt hier irrtümlich die Nummer 773.] (1774) Damit das verwirrende Karma der dunkelhaarigen Frauen schwände, blickte er sie mit Augen voller Gnade an und ließ klare Erkenntnis in ihnen aufströmen.

(1775) Unter dem Blick des Herrn schienen die Felsen mit Lotos, duftenden Wasserlilien, Kantal, grünrankendem Jasmin und Kumuda zu erblühen: Die Frauen gewannen ihre Gestalt zurück. (1776) Wie Eisen durch die Berührung des verwandelnden Steins zu Gold wird, so löste sich die fest anhaftende, angeschwollene Dunkelheit ihrer Unreinheit vollständig. (1777) Der Fluss ihrer überströmenden Liebe überschritt die Ufer der Fassung und ergoss sich in die Mündung des Gnadenmeeres ihres Herrn.

(1778) Die sechs Frauen, zarten Sprossen der Askese gleich, erhoben sich und fielen mit tief versenkter Liebe zu seinen Füßen nieder. (1779) Auf die Häupter dieser Uma-gleichen Frauen, deren junge Brüste Kumara genährt hatten, legte das makellose Licht die Lotosblüte seiner schönen Hand. (1780) Damit die acht Siddhis klar in ihrem Geist aufleuchteten, erklärte er sie so deutlich wie eine Perle, die man auf die Handfläche legt.

(1781) ‚Die acht heißen Anima, Mahima, Laghima, die seltene Garima, Prapti, das den von Unreinheit Gebundenen schwer erreichbare Prakamya, Ishitva und Vashitva, das den wahrhaft entschlossenen großen Yogis leichtfällt. Sie sind Spielarten derer, die den Makel des inneren Auges getilgt haben. Wir erläutern ihre Natur. (1782) Anima ist die Fähigkeit, als äußerstes Atom selbst in die kleinsten Lebewesen einzugehen. Mahima nennen die vollkommenen Schriften die Größe, die alle sechsunddreißig Prinzipien von der meerumgebenen Erde bis Shiva innen und außen lückenlos erfüllt. (1783) Ist ein Yogi so schwer wie der Meru und wird beim Hochheben dennoch leicht wie ein winziges Atom, heißt dies Laghima. Erscheint er dagegen klein und leicht wie ein Atom, wiegt beim Hochheben aber so viel wie der Meru, ist dies Garima.

(1784) Aus der Unterwelt in Brahmas Welt zu gelangen und wieder in die Unterwelt zurückzukehren, ist die mächtige Prapti. In einen fremden Körper einzutreten, sich im Himmel zu bewegen und alle gewünschten Freuden am eigenen Aufenthaltsort hervortreten zu lassen: Dies heißt Prakamya, ihr Ranken der Askese. (1785) Wie die Sonne am Himmel durch die Strahlen ihres Körpers alles erhellt, so erkennt der Yogi, ohne dass es an seinem Körper sichtbar wird, die vielen Dinge der Erde, alle drei Zeiten und die Dinge des Himmels. Auch dies nennt ein Teil der heiligen Überlieferung Prakamya. (1786) Wie Ishvara die drei Tätigkeiten nach eigenem Willen auszuüben und Sonne und übrige Planeten dem eigenen Befehl folgen zu lassen, heißt Ishitva. Streitbare Asuras, Vögel, Tiere, Geister, Menschen, die Welten und die acht Welthüter, beginnend mit Indra, unter den eigenen Einfluss zu bringen, heißt Vashitva.

(1787) Yogis, die uns erkannt haben, begehren diese Kräfte nicht. Dennoch folgen sie ihnen wie ein Schatten und machen der Welt ihre Größe sichtbar.‘ So entzündete der Herr der acht Eigenschaften in den sechs Frauen die klare Erkenntnis der acht Siddhis. (1788) Durch die Kraft ihrer Meditation über die Tochter des Berges übten die sechs blumengeschmückten Frauen die Siddhis, die der Gott der Götter ihnen gelehrt hatte, gründlich ein. Dann nahmen sie den Himmelsweg und erreichten den großen Kailasa, wo der Beschützer, der die drei Burgen vernichtete, gerne wohnt.

Hier endet „33. Die Unterweisung in den acht großen Siddhis“. Möge es glückverheißend sein.

34. Das Siegel des Stieres wird angebracht

(1789) Wir berichteten, wie der Herr des sandelduftenden Malaya den asketisch übenden Yakshinis die acht Siddhis schenkte. Nun erzählen wir, wie der Mondträger für einen herbeikommenden Chola das Nordtor öffnete, ihn zur Verehrung einließ und danach sein Stierzeichen als Siegel anbrachte. (1790) Im befestigten, von bienenumsummten Hainen umgebenen Kanchi lebte ein Chola namens Kaduvetti, Waldrodender. Er hieß so, weil er den dichten grünen Wald bei der großen Stadt gerodet hatte, in der der Herr wohnt, dessen Körper die Spuren der Umarmung der schwertäugigen, süßstimmigen Göttin trägt. (1791) Er war einer der hervorragendsten Shiva-Verehrer. Kostbare Düfte und Schmuck galten ihm als vergänglich; stattdessen trug er weiße Asche und Rudraksha als Zierde. Durch gründliches Hören wusste er: Der vom ewigen Veda und den Puranas verkündete höchste Wirklichkeitsgrund ist der Vater mit dem Stirnauge.

(1792) Er kannte die vier Veden und die sechs Hilfswissenschaften und erforschte ihren wahren Sinn. Täglich öffnete er die Ohren wie einen Mund und trank den süßen, überströmenden Nektar der shaivischen Puranas, die Haras Ruhm besingen. Seine liebevollen Gedanken ließ er an den beiden Füßen unseres Herrn ruhen. (1793) Die Geschichten des Dreiäugigen, des Vernichters der drei Burgen, des Herrn mit der Frau als einer Hälfte, des von großen Himmlischen gepriesenen, schlangengeschmückten Chokka genoss er, als wäre sein ganzer Körper ein Ohr. Sie waren ihm wie Milch, die mit Honig vermischt ist. (1794) Seine Sehnsucht, die Füße des Gemahls der Fischäugigen zu verehren, wuchs immer höher. ‚Wann werde ich mich vor den goldglänzenden Lotosfüßen des Herrn von Madurai verneigen?‘, dachte er voller Verlangen. Mit diesem Gedanken schlief er nachts ein.

(1795) Der Herr der gnädigen Silbernen Halle erschien dem Chola im Traum als Siddha: ‚König, fürchte in deinem Herzen nichts. Komm allein und unerkannt in veränderter Gestalt, verehre uns und kehre zurück.‘ So sprach er und verschwand. (1796) Der König erwachte voller Staunen. Ohne Heer, Minister oder andere Begleiter brach er auf. Den Namen des Dreiäugigen nahm er als Schwert, dessen gute Gnade als Wegführer und Begleiter; auf dem Pferd namens Liebe zog er durch die Nacht. (1797) Er durchquerte steinige Gegenden, glühend heiße Wildnisse, viele wilde Wasser und große Flüsse, die zum tönenden Ostmeer fließen. Hinter sich ließ er Felder mit himmelhohem Zuckerrohr und dichtem rotem Reis. Schließlich erreichte er die schöne Furt der Vaigai, an der sich Frauenscharen versammeln.

(1798) Noch ehe er näher kam, brauste die Vaigai auf. Ihre Flut stieß gegen die breiten Ufer, riss Wurzeln und starke Äste aus und trieb himmelhohe grüne Bäume mit sich. Der König stand am Ufer und litt: ‚Ausgerechnet jetzt wird dies zum Hindernis meiner Verehrung!‘ (1799) ‚Wie jemand, der einem die mit Ghee bereitete köstliche Speise im goldenen Gefäß vorenthält, sodass Tränen fließen, versperrt mir dieser Fluss den Weg. Wenn die Sonne aufgeht, entsteht neue Gefahr. Nicht nur der kriegerische Pandya, auch die Vaigai ist mir zum Feind geworden!‘ So klagte er. (1800) Der Herr, der sich einem täuschenden Blick nicht erschließt, sah die Erschöpfung des Chola vor der Flut. Rasch erschien er ihm nun auch im Wachen wie zuvor im Traum, als Siddha, als Gnadengestalt für aufrichtig Schauende. Er blickte auf das zur Tiefe strömende Wasser, und es versiegte.

(1801) Er führte den Chola durch den trockengewordenen Fluss, öffnete das Nordtor, passierte die dichte Bewachung und durchquerte die Straßen. Er ließ ihn im göttlichen Wasser des reinen Goldlotos-Teiches baden und führte ihn in seinen Tempel, der Herr mit der dunklen Kehle und unfehlbarem Dharma. (1802) Der Siddha ließ ihn sich selbst verehren, gegenwärtig im sonnenstrahlenden goldenen Heiligtum, und ebenso die fischäugige Mutter, die alle zahllosen beweglichen und unbeweglichen Wesen geboren hat. So tauchte er ihn in die Flut der Wonne, die das Herz läutert. (1803) ‚Preis dir, Gemahl der milchweich sprechenden Göttin, den selbst die melodischen Veden nicht erkennen! Preis dir, Wirklichkeit, die den Heiligen den Veden-Sinn erklärt! Preis dir, Sundara Vitanka, der im vom Himmel herabgekommenen Heiligtum wohnt!‘

(1804) ‚In all den unzähligen früheren Geburten nahm ich Körper an. Dienten sie nicht nur der Sünde und dem Unrecht? Du, der die Leiber der Feinde zerschmettert hat: Ist nicht dieser eine Leib, der deinen roten Füßen dient, der erste, der für mich wirklich zum sinnvollen Leib geworden ist?‘ (1805) Der Siddha-Herr sagte zum speertragenden König mit dem Atti-Kranz: ‚Wenn der Pandya erfährt, wie du gekommen bist, könnte er dir schaden.‘ Darauf führte er ihn auf dem nördlichen Weg hinaus. (1806) Am Nordufer der erdennährenden Vaigai trug er dem Chola schützende heilige Asche als Stirnzeichen auf. ‚Geh! Entsprechend deinem inneren Entschluss wird dir sichere Hilfe zur Seite stehen‘, sagte er, entließ den Herrn des Ponni-Landes und kehrte zurück.

(1807) Der Siddha mit den feuchten Haarflechten versah die geschlossene und gesicherte Tür mit dem Stierzeichen. Dann ging er in seinen goldenen Tempel zurück, er, dessen mächtige Hand einst den nördlichen Meru zum Bogen spannte. (1808) Als die Sonne ihre roten Hände ausstreckte und aufging, entdeckten die Toröffner das Zeichen, das unser Herr angebracht hatte. Sie gerieten in Zweifel. (1809) Sie prüften genau. Am Vortag hatten sie unfehlbar das siegreiche Fischzeichen aufgedrückt. ‚Wie konnte dies geschehen?‘, fragten sie und gingen vor den König.

(1810) ‚Heil dir, König! Am Nordtor wurde unser goldenes Fischzeichen verändert und ein Stiersiegel angebracht. Mächtiger Herr, wir wissen nicht, wer es getan hat.‘ (1811) ‚Wer könnte ein solches wunderbares Geschehen bewirken?‘ Der König konnte es nicht ergründen. Zweifel erfüllte ihn, und er begab sich in seinen weiten Palast. (1812) Er wandte sich von den gewohnten Freuden ab und legte sich auf den Boden. Dort schlief er schließlich ein. Zur Stunde süßer Gnade erschien ihm der Dunkelkehlige im Traum und sprach.

(1813) ‚Der König mit der honigträufelnden Atti-Girlande, der in fest ummauertem Kanchi die Wälder gerodet hat, hat durch überströmende innere Liebe Hingabe an uns ausgesät. (1814) Er wollte kommen und uns verehren. Wir öffneten dieses Tor, führten ihn hinein, schenkten ihm süße Gnade und ließen ihn wieder ziehen. Danach prägten wir selbst unser großes Stierzeichen darauf.‘ (1815) Nachdem der Herr dies gnädig erklärt, den Zweifel behoben hatte und verschwunden war, erwachte Kulabhushana mit geöffneten Blütenaugen. Seine Verwirrung wich; er erbebte, schwitzte, schluchzte und pries den Herrn in vielfacher Weise.

(1816) Immer wieder bedachte er, wie der Freigebige sich der Liebe zugänglich gemacht hatte. Eine Flut des Staunens und eine Flut höchster Seligkeit bemächtigten sich seiner. So verließ er den Palast. (1817) Er machte allen das Spiel des leicht zugänglichen Herrn deutlich bekannt. Dadurch ließ er auch sie wie sich selbst in die Flut unvergänglicher Freude eintauchen. (1818) Später übergab der Herrscher das unbestechliche Zepter, den weißen Schirm und die Königskrone dem blütenbekränzten Rajendra. Er nahm die Lotosfüße des Konrai-Trägers auf sein Haupt und gewann das Recht, in der himmlischen Welt zu herrschen.

Hier endet „34. Das Siegel des Stieres wird angebracht“. Möge es glückverheißend sein.

35. Eine Trinkwasserstelle wird eingerichtet

(1819) Wir erzählten, wie Shambhu von Madurai den Nachkommen der heißen Sonne, der nachts allein zur Verehrung gekommen war, entließ, das goldene Tor wieder verriegelte und sein Stierzeichen darauf setzte. Nun schildern wir, wie er das kämpfende Heer des Pandya durch einen Pavillon mit blütenduftendem Trinkwasser beschützte. (1820) Als der Südkönig Rajapurandara regierte, wollte Kaduvetti künftig immer wieder offen kommen und die goldenen Lotosfüße des Herrn von Madurai verehren. Deshalb sandte er dem Herrscher des südlichen Porunai-Landes ehrende Geschenke, um dessen Freundschaft zu gewinnen. (1821) Der Pandya nahm Goldschmuck, Gewänder und die übrigen Gaben des Ponni-Königs entgegen. Um die freundschaftliche Verbindung zu festigen, sandte er seinerseits besondere Geschenke zurück. Erfreut erklärte der Chola sich bereit, ihm seine geliebte Tochter zur Frau zu geben.

(1822) Als der jüngere Bruder des Pandya, ein vor Schande nicht zurückschreckender Mann namens Rajasimha, von der vereinbarten Verbindung hörte, beschloss er, die überaus geliebte Chola-Prinzessin selbst zu gewinnen. In betrügerischer Absicht zog er nach Kanchi mit seinen bewässerten Feldern. (1823) Der Chola kam dem jungen Prinzen mit seinem Heeresmeer entgegen, führte ihn in die Stadt und vermählte ihm die schlanke Tochter, die zuvor für den älteren Bruder bestimmt gewesen war. Dann wollte Kaduvetti seinem Schwiegersohn die Königsherrschaft verschaffen und beschloss, Rajapurandara gefangen zu nehmen. (1824) Der Chola als Schwiegervater brach gemeinsam mit seinem Schwiegersohn auf. Kampfbereite Heere und Elefanten drängten sich um ihn. Mit Kriegstrommeln und Instrumenten, deren Lärm den Donner übertraf, zog er gegen den edlen König des Mondgeschlechts.

(1825) Noch ehe das aufmarschierte Chola-Heer zwei Yojana vor seiner Stadt lagerte, erfuhr der Pandya durch Späher davon. Er beschloss, bei den Füßen Shivas im hohen, palastreichen Kudal Schutz zu suchen, trat hin und verneigte sich. (1826) ‚Jener Chola kam einst mitten in der Nacht allein, verehrte deine Füße und kehrte heim. Er galt als dein Liebender. Auch jetzt schickte er mir passende Gaben und suchte Freundschaft, doch in seinem Herzen erwog er etwas anderes. (1827) Damals standest du auf der Seite des Dharma. Wirst du heute seiner Gewalttat beistehen? Heiliger, der die Burgen derer zerstörte, die außerhalb des Dharma standen!‘ So betete er mit schmelzendem Herzen. Da geschah durch die Gnade des Himmelsgebiets Folgendes.

(1828) Eine körperlose, wahrhaftige Stimme erklang aus dem Himmel: ‚Herrscher, auch wenn dein Heer klein ist, ziehe morgen auf das große Schlachtfeld. Tritt den herangekommenen Feinden zornig entgegen und kämpfe. Wir werden den Sieg zu deinem machen.‘ (1829) Als die Himmelsstimme in seine Ohren drang, fiel der König in ein Meer von Liebe und Freude zu den Füßen des Herrn. Er verneigte sich, kehrte in seinen Palast zurück und wartete auf das Ende der langen Nacht. (1830) Noch ehe der Himmel nach der Nacht die Augen öffnete, erwachte er. Er erfüllte die Morgenpflichten, vollzog eine reine Puja für den Herrn, in dessen Haar die himmlischen Wasser wirbeln, und zog mit dem laut aufbrechenden Heer zum Schlachtfeld.

(1831) Wie ein Fluss in das hochwogende Meer eintritt, so stieß das kleine, bogentüchtige Heer des weisen Südkönigs gegen die Heeresflut des Herrn vom hervorragenden Neri-Berg und hielt ihr stand. (1832) Die Krieger beider Heere hatten Donnerstimmen, bewegten sich wie Wind, glühten vor furchtbarem Feuerzorn und lachten mit berstender Heldenkraft. Kriegerehre war ihr Schmuck; die Lippen fest zusammengepresst, trafen sie im Nahkampf aufeinander. (1833) Den Männern des duftend bekränzten Neri-Herrschers erschien jeder einzelne Angehörige des viergliedrigen Pandya-Heeres als unzählige zornig heranstürmende Krieger. So wirkte die Gnade des Stierreiters mit dem blitzenden roten Haar.

(1834) Wagenlärm, das Wiehern der Pferde, das Brüllen brunstwasserströmender Elefanten, mächtige Trommeln, Kriegsgeschrei und das Schlagen der Helden auf ihre Schultern vermischten sich. Das Getöse des Meeres schien darin völlig aufzugehen. (1835) Bogenerfahrene Krieger trafen auf Bogenerfahrene, geübte Schwertkämpfer auf Schwertkämpfer, im Töten geübte Speerträger auf Speerträger und ringkampferfahrene Männer auf Ringer. (1836) Elefantenlenker kämpften gegen Elefantenlenker, Reiter gegen Reiter und Wagenlenker gegen Wagenlenker. Wie Feuer und ihm entgegenstürmender Wind vermischten sich ihre Reihen im Kampf.

(1837) Die Chola-Krieger wichen heranfliegenden Pfeilen aus, schossen scharfe Geschosse und zertrennten die nächsten Pfeile mitsamt den Bogen. Wenn Pfeile ihre Brust durchbohrten, rissen sie diese heraus und schossen mit ihnen die heranstürmenden Gegner nieder. (1838) Die Krieger des Königs mit dem Fischbanner wichen dem regengleichen Pfeilhagel der springenden Chola-Kämpfer aus. Aus gedeckter Stellung legten sie feurige Pfeile an, zerschossen deren gekrümmte Bogen und stießen Siegesrufe aus. (1839) Abgetrennte Beine, zerschlagene Köpfe, berggleich über die Erde rollende Schultern, umgestürzte Wagen, zerbrochene Waffen und Elefantenrüssel lagen in donnernd strömendem rotem Blut. Geier, Geister und tobende Dämonen drängten sich darum.

(1840) So kämpften die Heere der lang bekränzten Könige ohne Unterbrechung weiter, bis die meerweit strahlende Sonne den Himmelszenit erreichte und die Körperschatten sich unter die Füße zurückzogen. (1841) Die Hitze kam wie das Feuer aus Haras Stirn, das am letzten Tag alles vernichtet. Sämtliche Flüsse trockneten aus; nicht nur die Erde, auch der Himmel verbrannte, und sogar der himmlische Fluss schien zu versiegen. (1842) Die Erde riss bis zur Unterwelt auf, Berge spalteten sich wie Höllenmäuler, Haine verloren ihre Blätter. Die langen heißen Hände der Sonne durchdrangen den Himmel und sengten alle mit aufgerissenen Augen an. Überall flimmerte die Luft vor Hitze.

(1843) Außer den Wasserbildern der Luftspiegelung und dem Schweiß der Menschen war kein Wasser mehr vorhanden. Selbst der Wind, der dieses verbrannte Land berührte, und das Licht des hochstehenden Mondes wurden heiß. Werden nicht selbst Gute böse, wenn sie sich mit Bösen verbinden? (1844) Die Brunstquellen der Elefanten versiegten, ihr Zorn und Stolz erloschen. Mit schleppendem Gang sanken sie erschöpft dahin. Die Pferde, die sonst mit dem Wind der Weltauflösung liefen, ermüdeten; ihr schwacher Gang glich nur noch einem sanften Lüftchen. (1845) Der Sommer als König bestieg den Wagen der Luftspiegelung, den der Sturm als Wagenlenker antrieb, und schleuderte zornig seine Hitzewaffen. Die Heere beider Erdenhüter brachen auseinander; brennender Durst ließ sie erschöpft niedersinken.

(1846) Manche suchten Schatten unter Euphorbien, die selbst Hitze ausstrahlten, wie Bittende bei grausamen, erbarmungslosen Reichen. Andere flohen unter blattlose, versengte Bäume, wie verarmte Menschen, die bei noch Ärmeren Hilfe suchen. (1847) Manche duckten sich in den kleinen Schatten von Kriegselefanten, Pferden oder Wagen, andere unter die runden dunklen Lederschilde oder weißen Schirme. Wer keinen anderen Platz fand, suchte sogar den Schatten von Gedenksteinen für die in den Heldenhimmel Eingegangenen. So erging es den Kämpfern. (1848) Da errichtete der Herr von Kudal, die Mutter zahlloser Lebewesen, der allen gegenüber ausgeglichen ist wie eine Waage, mitten im Pandya-Heer einen großen Trinkwasserpavillon auf den vier Veden als Stützen. Er selbst trat in dessen Mitte.

(1849) Er trug heilige Stirnstreifen, eine Blüte hinter dem Ohr, ein einziges klingendes Glöckchen am Lotosfuß und ein mit Gürtel befestigtes Fellgewand. Sein Lächeln raubte den Betrachtern Herz und Augen; darin wurde das Mitgefühl seines Innern sichtbar. (1850) Wie einer, der im Innern der schwer zugänglichen Veden steht, erschien er als großer Asket. Er trug einen heiligen Krug voll Wasser aus dem Fluss seiner Haarflechten. Für einen Menschen war er einer, für hunderttausend hunderttausend. Durch die nahe Ausgusstülle schenkte er Wasser und löschte ihren Durst. (1851) Die Pandya-Krieger betraten den von Sundara errichteten Pavillon mit klarem, blütenduftendem Wasser. Sie tranken, ihre Erschöpfung wich, und die Kraft kehrte zurück. Dann stürmten sie gegen den Chola, zerstreuten sein grenzenloses Heer und kämpften mit Tumbai-Kriegsblüten geschmückt.

(1852) Das Chola-Heer brach wie ein aufgerissenes Meer auseinander. Mit dem Siegeskranz geschmückt ergriffen die starken, furchtlosen Pandya-Krieger den Chola und seinen Schwiegersohn und führten beide vor den mächtigen Südkönig. (1853) Der große Pandya nahm den herbeigebrachten Chola und seinen schuldig gewordenen Bruder mit vor den Herrn mit der Giftkehle im hohen Kudal. Dort stellte er sie hin und fragte unparteiisch: ‚Vater, was ist dein Wille?‘ Der Herr antwortete. (1854) ‚Bist du nicht ein Gerechter? Handle so, wie es deinem Herzen entspricht.‘ Als der Herr der Vaigai diese Himmelsworte hörte, folgte er dem Dharma. Er schenkte dem Chola einige große Elefanten, tapfere Pferde, Schmuck und andere Gaben und ließ ihn ziehen.

(1855) Seinem Bruder Rajasimha nahm der Freigebige einen Teil des Besitzes und wies ihm einen begrenzten Platz zu, sodass dessen unbändiger Stolz auf Kraft und Männlichkeit gebrochen wurde. Als Mutter aller Wesen beschützte er die weite wasserreiche Erde und ließ vielfältigen Wohlstand reifen.

Hier endet „35. Eine Trinkwasserstelle wird eingerichtet“. Möge es glückverheißend sein.

36. Die alchemistische Verwandlung

(1856) Wir haben erzählt, wie der Gnadenspender im Pandya-Heer als Hüter eines Wasserpavillons erschien und die Durstigen trinken ließ. Nun besingen wir sein Spiel, bei dem er für eine Tänzerin, die Bharatas Lehre beherrschte, eine alchemische Verwandlung vollbrachte. (1857) Im grünen Tamilreich des bergschultrigen Pandya liegt Puvanam, die Wohnstätte des Überwinders der Burgen. Die kühle Vaigai verehrt ihn dort mit ihren tönenden Wellenhänden, indem sie die vielen Blüten der Gärten an ihren Ufern vor ihm ausstreut. (1858) Sterne und Planeten weichen diesem Ort aus, weil sie alle seine beweglichen und unbeweglichen Wesen als Lingas achten. Der Gott mit den Augen am Körper, die Sonne und zahlreiche andere Götter haben hier verehrt und ihre ersehnten guten Gaben empfangen.

(1859) Wie die Frucht der Askese aller Tempelbewohner lebte dort eine göttinnengleiche Frau. Bienen umschwärmten die duftenden Kränze ihres Haares. Sie glich dem Nektar des Meeres und konnte selbst die Himmelsbewohner in Freude und Verzauberung versetzen. (1860) Im Gesang der sieben Töne zur Yazh, im vollendeten Tanz nach der Tanzlehre, in weiblicher Anmut und den übrigen Künsten glich sie den himmlischen Tänzerinnen. Durch ihre standhafte rechtschaffene Lebensführung aber übertraf sie diese. (1861) Sie hieß Ponnanaiyal, die Goldgleiche. Mit ihren geliebten Gefährtinnen stand sie auf, bevor die Nacht wich, badete in reinem Wasser und erfüllte die regelmäßige Verehrung der Füße des Herrn mit der strahlenden Mondgirlande, der ihr eigenes Leben war.

(1862) Sie besuchte den heiligen Herrn von Puvanam und tanzte den reinen Tanz. Heimgekehrt betrachtete sie seine Diener als ihren wahren Schatz, verehrte sie und speiste sie freudig mit köstlicher Nahrung. Erst danach aß sie die Reste. Das war ihre feste Lebensordnung. (1863) Als sie so lebte, wollte der Herr von Puvanam ihre Liebe der Welt deutlich machen. Er schenkte ihr den starken Herzenswunsch, ein heiliges Bild des geliebten Gemahls der goldenen Bergestochter anzufertigen. (1864) Ganz zur Gestalt dieser großen, vom Herrn geschenkten Liebe geworden, fertigte die dunkeläugige Frau eine Gussform für das Bild des Axt- und Hirschträgers. Doch alles, was sie täglich einnahm, verwendete sie mit aufrichtiger Liebe für die Verehrung seiner Diener.

(1865) Da nach deren Speisung nichts übrig blieb, dachte sie: ‚Wie soll ich das Bild des Herrn vollenden?‘ Sie sann auf den Freigebigen, der dem unermüdlichen Pandya den unerschöpflichen Goldbeutel geschenkt hatte, und saß bekümmert da. Der Herr erkannte es. (1866) Er kam als Siddha: mit reinem Ascheschmuck auf dem Körper, dem Khatvanga in der Hand, einem Yogagurt um die Mitte, einem Aschebeutel, einem Gewand über dem Lendentuch und korallenroten Haarflechten. (1867) Er erreichte Ponnanaiyals Juwelenhaus und kam mit den zahllosen Gästen, die dort aßen. Doch er hatte eine besondere Absicht, nahm die heilige Mahlzeit nicht ein und setzte sich seitlich am äußeren Eingang des hohen Hauses nieder.

(1868) Als alle bewirteten Asketen gegangen waren, verneigten sich die Dienerinnen vor dem noch wartenden Nektarmeer. ‚Herr, komm herein und iss!‘, baten sie. Er sagte: ‚Ruft eure nektargleiche Herrin hierher.‘ Sie gingen zu ihr. (1869) ‚Du mit dem perlengleichen Lächeln! Alle Diener des Dreiäugigen haben gegessen und sind fort. Nur ein Herr in Siddha-Gestalt sitzt hier auf dem Boden, mit einem leichten Lächeln, als wäre er niemand von dieser Erde.‘ (1870) Sie kam wie eine blühende Ranke, an der Schmuck aus neun Edelsteinen aufgeblüht war. Mit korallenrotem, fruchtsüßem Mund hieß sie den Unvergleichlichen willkommen, bot ihm Arghya und einen Sitz und neigte ihr Haupt zu den Blütenfüßen, die Wiedergeburt beseitigen.

(1871) ‚Welche Askese habe ich vollbracht, dass du hierherkommst?‘ Sie betrachtete Körper, Schönheit und strahlende Würde des Siddha, lächelte mit perlweißen Zähnen und faltete die Hände. Der Vater blickte sie mit seinen Gnadenaugen an; sie geriet in das Netz seiner Gnade. (1872) ‚Herr, komm herein. Ich, deine Dienerin, kann den Dienst erfüllen, den du für mein Heil bestimmen willst, ganz nach deinem heiligen Wunsch.‘ Als sie so mit gefalteten Händen sprach, lächelte der Gemahl der Fischäugigen und blickte sie an. (1873) ‚Du mit den scharfen Augen, weshalb hast du deine große Schönheit geschwächt und bist an deiner rankengleichen Mitte so abgemagert?‘ Die zarte, halskettengeschmückte Frau verneigte sich zu Füßen des Konrai-Trägers: ‚Herr, ich habe kein anderes Leiden als dieses.

(1874) Aus dem tiefen Wunsch, das heilige Bild unseres Herrn zu sehen, habe ich eine Gussform angefertigt. Doch alles, was täglich in meine Hände kommt, geht für eure Verehrung auf; nichts bleibt übrig, um das Werk zu vollenden.‘ (1875) Der Herr hörte ihre mitleiderregenden Worte, die durch ihre Liebe süß waren wie klarer Honig. ‚Du mit den weißen, federkielgleichen Zähnen! Du hast erkannt, dass Reichtum, Körper und Jugend keinen Bestand haben, so wenig wie eine Wasserblase. (1876) Du weißt, dass allein gute Rechtschaffenheit bleibt. Unter ihren Formen ist das Shiva-Verdienst höher, darunter die Shiva-Verehrung und innerhalb dieser die Verehrung seiner Diener. In dieser Erkenntnis ehrst du die Liebenden.

(1877) Du hast Heil für beide Welten gewonnen. Deinem Namen entsprechend sollst du das heilige Bild des Endlosen in Gold sehen. Bringe alle Messing-, Blei- und anderen Metallgefäße herbei, die in deinem Haus vorhanden sind.‘ (1878) Die Frau mit der schmalen Mitte brachte unter lautem Klirren die verschiedenen Metalle: Blei, Kupfer, Eisen, Silber und die durch Mischung entstandenen Legierungen Messing, Bronze und Tara sowie weitere Arten. Sie stellte alles vor den Siddha. (1879) Der Siddha-Herr, der Axt und Hirsch verborgen hielt, sah die verschiedenen Metalle an und streute heilige Asche darüber. ‚Lege sie heute Nacht ins Feuer und nimm sie wieder heraus; sie werden Gold sein. Daraus fertige das heilige Bild deines Herrn‘, sagte er.

(1880) Die Frau bat den Herrn mit der Göttin als einer Hälfte: ‚Bleibe hier, iss heute Abend und vollende dieses Werk. Dann gehe, bevor das dichte Dunkel der Nacht sich lichtet.‘ Doch der, der sich von der Fischäugigen nicht trennt, stimmte nicht zu. (1881) ‚Wir sind der Siddha aus dem großen, palastreichen Madurai‘, sagte er und verschwand. Erst danach erkannte sie: Der Siddha war der Tänzer, der in der Silbernen Halle den rechten Fuß emporhebt und dort als vollkommenes großes Licht wohnt. (1882) Ein wenig Trauer erfüllte sie, weil er verschwunden war, zugleich aber große Freude, weil er ihre tiefste Herzenssorge genommen hatte. Wie der Siddha gesagt hatte, legte sie sämtliche Metalle ins Feuer.

(1883) Im Feuer legten sie ihre schwer abzustreifenden Verunreinigungen ab und wurden zu Gold – wie jene, deren dunkle Unreinheit schwindet und die den Schatten von Haras Füßen erreichen. Daraus ließ die Frau mit der reifen, sanften Sprache die Gestalt des Formlosen entstehen. (1884) Als sie die Schönheit des Stierreiters sah, rief sie: ‚Ach, welch schöner Herr!‘ Liebevoll berührte sie seine Wange und küsste ihn. Mit unablässiger Zuneigung ließ sie das Bild weihen und Feste sowie Wagenprozessionen feiern. Nach einiger Zeit erlangte sie Befreiung. (1885) Das Nagelzeichen, das die Frau mit der zarten Mitte an seiner Wange hinterlassen hatte, und der daraus entstandene Ehrenname blieben erhalten. Seine feurig goldstrahlende Gestalt nahm eine andere, für die Menschen des vierten, unwahrhaftigen Weltzeitalters angemessene Erscheinung an und blieb gegenwärtig.

Hier endet „36. Die alchemistische Verwandlung“. Möge es glückverheißend sein.

37. Der Chola-König wird in den Teich gestürzt

(1886) Im Feuer legten sie ihre schwer abzustreifenden Verunreinigungen ab und wurden zu Gold – wie jene, deren dunkle Unreinheit schwindet und die den Schatten von Haras Füßen erreichen. Daraus ließ die Frau mit der reifen, sanften Sprache die Gestalt des Formlosen entstehen. [Die verwendete Quelle wiederholt hier Vers 1883; die Wiederholung wird beibehalten.] (1887) Rajapurandara mit den langen goldenen Wagen ging, von Indra und den übrigen großen Göttern gepriesen, in die Welt des Höchsten ein. Sein edler Sohn hieß Rajesha, dessen Sohn Rajagambhira. (1888) Rajagambhiras Sohn war Pandivamshadipa. Dessen goldgeschmückter, breitschultriger Sohn hieß Purandarajit, dessen siegreicher Sohn Pandivamshapataka. Sein Sohn war der tapfere Sundaresha Padashekhara.

(1889) Der weithin gepriesene Südkönig Sundaresha Padashekhara liebte den Herrn des wasserumgebenen Kudal. Mit seinem tödlichen Speer entfernte er das Unkraut grausamer kleiner Gewaltherrschaften und ließ die edle Saat der weiten Welt gedeihen. (1890) Er unterhielt nur zehn große Pferdewagen, hundert Elefanten mit palmyragleichen Rüsseln, tausend springende Pferde und zehntausend Krieger. Er gab ihnen den entsprechenden Unterhalt; den gesamten übrigen Besitz widmete er Shiva von Kudal, der Gestalt reinen Bewusstseins. (1891) Er ließ Halsketten, Kronen und weitere Schmuckstücke anfertigen. Die Tempeltürme und Hallen, deren Gipfel die Mondbahn berührten, besetzte er mit feurig strahlenden Juwelen, die die Dunkelheit aller acht Richtungen vertrieben. Auch viele andere heilige Bauarbeiten führte der mächtige König aus.

(1892) Ein Chola mit unermüdlichen, kampfstarken Schultern sah, wie klein die Streitmacht dieses breitschultrigen Königs war. Er nannte sich ‚Ein Krieger für tausend windschnelle Pferde‘. Im Gedanken, ihn mühelos zu besiegen, schmückte er sich mit dem Vanchi-Kranz und zog los. (1893) Mit einem Heer voller verschiedener Waffen rückte er wie ein zorniges Meer gegen das süße wasserreiche Südland vor. Der Pandya erfuhr vom Kommen des bergschultrigen Gegners, erhob sich, ging vor den Herrn mit dem Meru-Bogen und verneigte sich. (1894) ‚Heiliger mit goldgleichen Haarflechten! Ich lasse das Rad meiner Erdherrschaft durch deine Kraft rollen. Der Gegner sieht diese Stärke nicht, sondern nur mein kleines Heer und seine eigene Macht. Offenbar will er mein Land erobern.

(1895) Der Herr des Kaveri-Landes ist mit seinem Heeresmeer herangekommen wie ein darin aufflammendes Feuer.‘ So flehte der Pandya. Aus dem Himmel vernahm er die Worte des Herrn, die keine Zunge gesprochen hatte: ‚Wir werden kämpfen, damit du den blütenreichen Siegeskranz trägst.‘ (1896) Sein Gesicht öffnete sich wie ein Lotos im Sonnenlicht. Die roten Lotosfüße des Herrn im Herzen umarmend, zog er hinaus. Unter dem Klang vieler Instrumente ritt er inmitten seines Heeres dem Heeresmeer des Herrn vom Kolli-Berg entgegen. (1897) Das Heer des frisch bekränzten Pandya zog zunächst wie ein Fluss gegen das unzählbare Chola-Heeresmeer. Doch durch die Gnade des Stirnäugigen erschien es den Männern des Ponni-Herrschers selbst als ein gewaltiges Meer.

(1898) Vor dem Pandya-Heer erschien auf einem meergewaltigen Pferd der Herr von Kudal als Jäger. Er hatte einst den Meru zum Bogen gespannt, die lange Schlangensehne befestigt und Vishnu mit der geöffneten Tulasi-Girlande zum Pfeil gemacht, um Feuer in die Burgen zu senden. (1899) Seine Elfenbein-Ohrringe glänzten wie Monde in der Nacht, die Perlenketten wie nachts aufsteigende Sterne. Im dunklen Haar lag ein von Vetchi-Blüten umgebener Pfauenfederbusch wie ein Regenbogen im Dunkel. Elfenbeinarmreifen zerschnitten mit ihrem Glanz die Finsternis. (1900) Sein Körper war schwarz, als hätte sich das Dunkel seiner Kehle, die einst den Göttern ihre Todesfurcht nahm, überall ausgebreitet. Mit tödlichem Speer stand er wie der Tod für seine Gegner, wie ein wildes Feuer. Der Chola sah ihn.

(1901) Zornig rief der Chola: ‚Ich bin gekommen, der eine Krieger für tausend Pferde!‘ Der Herr des Silberberges erwiderte: ‚Du bist also nur ein Krieger für tausend unvergleichliche Pferde? Ich bin der eine Krieger für unendlich viele!‘ (1902) Die Worte drangen wie ein Donnerschlag in beide Ohren des Königs. Wie eine Wolke mit vorgestrecktem Blitz rückte der Herr auf ihn zu, drehte den Speer nach rechts und brüllte zornig. Da erschrak der starke Krieger für tausend Pferde. (1903) ‚Es ist gewiss: Wir werden an diesem Speer sterben!‘, dachte er und floh mit seinem Pferd. Der Jäger, der Kama verbrannt hatte, verschwand. Der König aus dem Geschlecht des Nachtlichtes sah die Flucht des Chola und setzte ihm nach.

(1904) Der fliehende Chola blickte zurück und sah den Jäger nicht mehr, der seine dunkeläugige Gefährtin verborgen hatte. Seine Furcht schwand. Er wandte sich gegen den Nachkommen des Indra-Bezwingers, trieb ihn zurück und verfolgte ihn bis nach Madurai. (1905) Wie eine Flamme, die ein Windstoß vorantreibt, floh der König mit dem Fischbanner vor dem speertragenden Neri-Herrscher auf seine blühende Stadt zu. Dabei stürzte er wie ein mächtiger Elefant in einen tiefen Graben voller honigreicher Blüten. (1906) Als der Pandya westlich des alten Madurai in den Graben fiel, stürzte auch der Chola mit seinem stolzen, wilden Pferd hinein. Durch die Gnade des Herrn von Kudal erhob sich der Südkönig wie der Elefant, der beim Quirlen des Meeres durch die Götter erschien. Der Chola aber versank.

(1907) Der edle Pandya gewann die Gewänder, Schmuckkästen, Waffen, Pferde, Wagen und Elefanten des Gegners, der in dem unterwelttiefen Blütengraben gestorben war. Er schenkte seinem Herrn passende reine Gewänder und Schmuck. Seine Liebe zum großen Gnadenmeer wuchs wie ein anschwellender Fluss, während er weiter herrschte.

Hier endet „37. Der Chola-König wird in den Teich gestürzt“. Möge es glückverheißend sein.

38. Der unerschöpfliche Getreidevorrat wird gewährt

(1908) So ließ der Herr mit Blitz und kühlem Mond im Haar den Chola, der den Pandya bedrängte, im kalten Lotosgraben umkommen. Nun erzählen wir, wie er einem großen Liebenden einen unerschöpflichen Getreidevorrat schenkte. (1909) In Kudal, der berühmten Stadt des aschegeschmückten Heiligen mit dem Stierbanner, die dem Scheitel der Veden gleicht, lebte unter den Bauern ein guter Mann: Adiyarkkunallan, der Gute zu den Dienern. Er war gut in rechtschaffenem Tun und von gutem Ruf. (1910) Seine treue Frau hieß Dharmashila. Wie Gnade zur Rechtschaffenheit gehörte sie zu ihm. Sie wich nicht von der guten Überlieferung ab und wurde von allen geachtet. Ihrem Gatten war sie eine einzigartige Stütze auf dem Weg zum Heil.

(1911) Mit vielen Pflügen betrieb er Ackerbau und gewann seine Erträge. Nachdem er die Abgabe des bogentragenden Königs entrichtet hatte, bereitete seine gute Hausfrau aus allem Übrigen reiche Speisen. Damit ernährte er die Diener des Herrn mit der nachtschwarzen Kehle. (1912) Die zahlreichen Diener aßen sich an den vier Arten von Speisen mit allen sechs Geschmacksrichtungen satt und konnten schließlich nichts mehr annehmen. Je mehr der in freudiger Liebe Hervorragende schenkte, desto mehr wuchs sein von Feindschaft freier Wohlstand, wie Wasser in einem Sandbrunnen nachströmt. (1913) Um anderen zu zeigen, dass er selbst bei schwindendem Besitz niemals Mangel vorschützen und seine gute Art verlassen würde, ließ der Herr von Madurai mit dem blitzenden Wasser im Haar die Ernte seiner bewässerten Felder versiegen und Not eintreten.

(1914) Zunächst nahm er immer neue Darlehen auf, um den Dienst an den Liebenden unvermindert fortzuführen. Schließlich erhielt er auch keinen Kredit mehr. Ohne irgendein Mittel zur Erfüllung seines Gelübdes begann er, seinen eigenen Körper durch Fasten zu züchtigen. (1915) Wenn der Geber selbst sowohl Ernte als auch Kredit zurückhält, wer kann dieses Hindernis beseitigen? Der Mann, der die Not der Hilfesuchenden linderte, litt nun, weil sein Gelübde, die Diener mit guter Nahrung zu speisen, unterbrochen war. (1916) Er aß niemals, ohne zuvor die Gefährten des Stierreiters mit dem Himmelsfluss im Haar gespeist zu haben. Zusammen mit seiner treuen, melodisch sprechenden Lebensgefährtin hungerte er. Das Herz wurde wund, und der Körper litt im Feuer des Hungers.

(1917) ‚Welchen Gewinn bringt mir nun noch dieser sterbliche Körper?‘, dachte der einem Berg der Rechtschaffenheit Gleichende. Mit seiner Frau wollte er dem Herrn des goldenen Bogens alles berichten und dann sein Leben aufgeben. Mit diesem Entschluss ging er hin. (1918) Er fiel vor den Füßen des Herrn nieder: ‚Einziger, der Gift als Nektar trank, damit die Götter leben! Meine Felder und Äcker bringen keine Ernte mehr. Dadurch ist die Verehrung deiner wahren Liebenden verhindert. (1919) Herr mit dem giftgleich tödlichen Dreizack, ich finde niemanden mehr, der mir leiht. Zeige mir einen Kreditgeber! Wenn du keinen zeigst, werde ich die Last dieses verwirrenden Körpers ablegen.‘ So baten er und seine treue Frau gemeinsam.

(1920) Da erklang die Stimme des Höchsten, der den Sinn der Veden erklärt hatte: ‚Fürchte dich nicht, Haupt der Bauern! Heute haben wir in deinem Haus einen Vorratsbehälter mit reichem, weißem Reis der roten Sorte aufgestellt. Wie oft du daraus nimmst, er wird niemals leer werden. (1921) Verehre ihn täglich, nimm daraus, was du brauchst, und speise beständig die vielen Liebenden. Vollziehe auch für alle anderen Nahrungsspenden und vielfältige gute Werke. Später werden wir dir Befreiung schenken.‘ So sprach die Stimme aus dem Himmel. (1922) Er hörte es, freute sich und staunte. Nach der Verehrung dessen, der die Frucht des Vedengesangs ist, ging er heim. Dort sah er den Behälter wie die Frucht früherer Askese: eine unerschöpfliche Gabe unseres Vaters, gleich dem Heil, das er seinen Dienern bereitet.

(1923) Täglich verehrte er den vom Träger des Himmelsflusses gegebenen Reisvorrat mit Blüten, duftender Sandelpaste, Rauch und hellem Licht. Er entnahm ihm sowohl den Reis für die reichen Mahlzeiten als auch Reis zum Verkauf, um die verschiedenen weiteren Zutaten zu bezahlen. (1924) Wie eine Wolke schenkte er unbegrenzt an die Diener des Herrn mit dem blitzenden Haar, an Gelehrte und Vedenkundige, für Ahnen und Götter, an Gäste, Verwandte, enge Freunde und alle anderen. Ohne Not lebte er fortan wie der Herr von Alaka. (1925) Nachdem dieser den Dienern liebe Mensch seine Lebenszeit erfüllt hatte, gelangte er mit seiner Frau, Nachbarn, Verwandten und Freunden in die große Stadt Shivas. Dort verweilte er in einer seligen Gestalt, ungetrennt vom Herrn der Himalaya-Tochter.

Hier endet „38. Der unerschöpfliche Getreidevorrat wird gewährt“. Möge es glückverheißend sein.

39. Shiva tritt als Onkel in einem Rechtsstreit auf

(1926) So schenkte der Konrai-bekränzte Herr seinem verarmten Liebenden den unerschöpflichen Reisbehälter. Nun erzählen wir, wie er für einen jungen Kaufmann in der Gestalt von dessen mütterlichem Onkel erschien und einen Rechtsstreit führte. (1927) In der wohlbewachten Stadt Nanmada Kudal lebte unter den Kaufleuten einer namens Dhanapati, reich wie Kubera. Seine treue Frau Sushila glich der segensreichen Lakshmi auf der goldenen Lotosblüte. (1928) Da ihnen der ersehnte Sohn fehlte und sie darüber trauerten, nahm Dhanapati den Sohn seiner Schwester rechtmäßig als eigenes Kind an. Voller Herzensfreude übergab er ihn seiner Frau. Sie empfing ihn ehrerbietig, schmückte ihn und zog ihn liebevoll und in Pracht auf.

(1929) Obwohl Dhanapati kinderlos gewesen war, ließ die übermäßige Zuneigung zu seiner Frau ihn unaufhörlich Streit mit seiner Schwester beginnen, die ihm ihren mühsam geborenen Sohn als Kind gegeben hatte. Eines Tages wurde auch die Jüngere zornig und sagte. (1930) ‚Weshalb bist du so hochmütig? Du armer Kinderloser, nur durch meinen kostbaren guten Sohn erlangst du doch das Wohl beider Welten!‘ Tief beschämt dachte er: ‚Dann will ich wenigstens für ein künftiges Leben Askese üben, die mir einen Sohn schenkt.‘ (1931) Er überschrieb seinen gesamten Besitz dem Neffen und ging mit seiner geliebten Frau auf den Weg strenger Askese. Als seine Rückkehr lange ausblieb, erhoben die Verwandten gewaltsam falsche Ansprüche und eigneten sich alles an, was der Junge erhalten hatte.

(1932) Ackerland, Diener, Goldschmuck, Geld, gute Kühe und die übrigen Güter nahmen die Gegner an sich. Mutter und Sohn waren erschöpft wie Vögel ohne kräftige Flügel. ‚Zuflucht ist allein der Gott von Kudal, der für Schutzlose wie uns ein Beistand ist‘, sagten sie. (1933) Sie kamen zu Sundara in den Tempel mit dem juwelenbesetzten, himmeldurchstoßenden Dach und verehrten seine beiden Füße. ‚Herr, du bist Vater und Mutter aller. Du allein bist auch unser Vater und unsere Mutter!‘, klagte die Frau und sprach weiter. (1934) ‚Mein älterer Bruder hatte keinen Sohn. Vor aller Augen nahm er meinen Sohn rechtmäßig als sein eigenes Kind an und schenkte ihm noch damals Land, Gold, Haus und weitere Güter. Dann ging er fort. Nun haben die Verwandten uns alles mit Gewalt genommen.

(1935) Ich bin allein; mir bleibt nur dieser eine Sohn. Auch er ist noch klein und kann die Sache nicht durchschauen. Eine andere Stütze sehe ich nicht. Herr, großes Gnadenmeer, das die sehnsüchtigen Gerechten erkennen! Du bist überall: Weißt du es etwa nicht?‘ Sie fiel zu Boden. (1936) Durch die Gnade dessen, der widerstreitende Rechtsansprüche lösen kann, sank die Frau mit den scharfen Augen in kurzen Schlaf. Im Traum erschien ihr der Herr mit der Ganga im Haar als vedischer Gelehrter und sprach so deutlich, als nähmen ihre fünf Sinne es körperlich wahr. (1937) ‚Führe morgen die Verwandten im Namen des königlichen Befehls vor das Gericht und halte sie dort fest. Wir werden kommen und den betrügerischen Rechtsstreit so entscheiden, dass alle erfahrenen, welterfahrenen Richter zustimmen. Geh!‘

(1938) Sie erwachte mit geöffneten Wasserlilienaugen und staunte. ‚Nun weiß ich: Für Menschen ohne Beistand ist die Gottheit die Stütze!‘ Sie verehrte und pries den Gemahl der dunkeläugigen Göttin und kehrte mit ihrem jungen Sohn nach Hause zurück. (1939) Als die Nacht vorüber war, stand sie auf, kam zum Tempeltor des Herrn der Silbernen Halle und verneigte sich. Nach seiner Weisung ging sie dann zu den Männern, die sie durch den grausamen Rechtsstreit besiegt hatten, und sprach vor vielen Zeugen. (1940) ‚Entzündet noch kein Küchenfeuer, geht keinen Schritt fort! Ich lasse euch nicht mit einem betrügerisch errungenen Sieg davonkommen. Vor allen rufe ich den königlichen Befehl an. Tretet vor den Rechtssitz, hört das Urteil der Kundigen und gebt uns unser Eigentum zurück!‘

(1941) Als sie ihnen so entgegentrat, beschimpften die Gewalttätigen sie mit ehrverletzenden Worten, stießen und schlugen sie. Mit ihrem Sohn ging sie vor die Richter und rief um Recht. Sie berichtete alles; die Kenner des Rechts hörten und verstanden. (1942) Mit den vom Gericht entsandten Männern ging sie zurück, ließ die Gegner aufhalten und führte sie in die Versammlung. Genau da kam der Herr der Silbernen Halle, dessen Hälfte die Ranke der Rechtschaffenheit ist, in der vollständigen Gestalt Dhanapatis heran. (1943) Kostbare Ohrringe warfen ihre Lichtreihen bis auf seinen Nacken. Strahlende Armspangen blitzten auf den berggleichen Schultern. Auf der Brust lag eine große Juwelenkette, deren Verschluss nach hinten führte.

(1944) Seine ringgeschmückten Hände schwang er wie sich leicht öffnende rote Lotosblüten, deren äußere Blätter Bienen umschwärmen. Mit würdevoll stolzem Gang schritt er heran wie ein furchtloser Löwe. (1945) Gegenüber den Widersachern war sein Gesicht verschlossen wie ein verwelkter Lotos, dem Jungen zugewandt aber erblühte es. Kühle Zuneigung und liebevolle innere Absicht lagen darin, als er die Versammlung erreichte. (1946) ‚Gibt es hier keinen König? Keine rechtskundigen Männer? Ist das Zepter des Königs mit den klingenden Fußreifen ungerecht geworden? Gibt es auch die Gottheit nicht, von der die makellosen Schriften sprechen? Wo hat sich der verlässliche Dharma verborgen?‘ So trat er vor den Rechtssitz.

(1947) Die betrügerischen Verwandten sahen Dhanapati kommen. Ihre Herzen gerieten in Unruhe und Staunen; ihre selbstsichere Hoffnung auf Sieg sank. Sie erinnerten sich an den früher durch falsche Klage errungenen Besitz, und Furcht und Scham verschlangen sie. (1948) Der als mütterlicher Onkel Gekommene umarmte den Neffen und seine jüngere Schwester mit der noch frischen Blütengirlande. Laut weinte er: ‚Ach, ihr seid hilflos geworden!‘ Sein Rufen klang, als erklänge aus seiner Kehle der unablässige Samaveda. (1949) Die Frau mit den großen Augen und der Junge fielen zu den Füßen des Kaufmanns; ihre Tränen badeten sie. Der Löwengleiche hob beide mit seinen breiten Händen auf und umarmte sie. Auch er tauchte sie in das Meer seiner Tränen und blickte leidvoll auf das Kind.

(1950) ‚Ich sehe den Fünfwaffen-Schmuck nicht auf deiner Brust, keine kleinen Fußringe, keinen Anhänger zwischen den Schultern, kein schwingendes Stirnjuwel und keine blitzenden Ohrringe. Nur den ungeschmückten Körper sehe ich, mein Kind! Was wollten sie gewinnen, dass sie sogar den Kinderschmuck raubten?‘ (1951) Er weinte so laut, dass alle Mitleid empfanden. Dann trocknete er Schwester und Sohn die Tränen, strich ihnen mit der breiten Hand über den Rücken und sagte: ‚Sorgt euch nicht. Denkt in meiner Gegenwart an nichts anderes. Ihr werdet sehen, wie die gewaltsame Klage dieser gedankenlosen Betrüger zusammenbricht.‘ (1952) ‚Ist unser Besitz etwa wie der mancher Leute erworben: durch Verrat an Freunden, Entwendung des Anvertrauten, falsche Eide, völlige Verweigerung von Almosen und überhöhte Zinsen? Unser rechtmäßig erworbener Besitz wird doch nicht auf solche Weise untergehen!‘

(1953) Er wandte sich zum Herrn des palastreichen Madurai und faltete die roten Hände über dem Haupt: ‚Löwe unseres Kaufmannsgeschlechts, der Rubine geprüft und verkauft hat! Entscheide unseren Rechtsstreit durch diese ehrwürdigen Richter!‘ So klagte und rief er. (1954) Dann blickte er die betrügerischen Diebe zornig an und sagte zum Gericht: ‚Lasst eure Zunge zur Zunge der Waage werden, hängt beide Ansprüche in die durch Königszepter und Rechtsschriften gehaltenen Waagschalen des Dharma: unseren und den dieser Feinde, die als Verwandte kamen. Prüft sie genau!‘ (1955) Die Richter hörten den weißhaarigen, einem alten Tiger gleichen Mann und wurden ehrfürchtig. Sie nahmen beide Aussagen auf, wiederholten und prüften sie. Dann erklärten sie, die Klage der Verwandten halte der Prüfung nicht stand. Erschrocken versuchten diese einen anderen Einwand.

(1956) ‚Dieser Mann ist gar nicht der unvergleichlich angesehene Kaufmann Dhanapati!‘, behaupteten sie vor der Versammlung. Der göttliche Kaufmann, der einst die Elefantenhaut angelegt hatte, schlug beide Hände zusammen und lachte. Dann nannte er für jeden von ihnen Familienname, Rang, Landbesitz und alle weiteren Umstände. (1957) Er zählte Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Erbberechtigte und deren Eltern auf, Söhne, Geschwister, Ehefrauen und andere Verwandte. Dazu nannte der Urherr unzählige Eigenschaften, Taten und Erkennungszeichen, alles genau und ohne von den früheren Verhältnissen abzuweichen. (1958) Alle Richter hörten es und erklärten: ‚Dieser ist Dhanapati selbst.‘ Die hartgesinnten Verwandten dachten: ‚Unsere Klage ist gescheitert. Wenn der König mit dem honigträufelnden Neemkranz davon erfährt, wird er uns bestrafen.‘

(1959) ‚Ich gehe kurz nach Hause und komme wieder‘, sagte einer. ‚Ich gehe zum Teich und bin gleich zurück‘, ein anderer. Jeder erfand einen Vorwand. Wie Gewitterwolken vor starkem Wind zerstreuten sich die Männer mit den keulengleichen Schultern und verschwanden heimlich. (1960) Nach ihrer Flucht hielten die Richter fest, dass der gesamte von Dhanapati geschenkte Besitz dem angenommenen Sohn gehörte. Sie ließen eine Urkunde darüber schreiben, nahmen sie entgegen und übergaben sie ihm. In diesem Augenblick verschwand der Herr jenseits von Denken und Sprache und ging in seinen Tempel ein. (1961) Alle sahen ihn plötzlich verschwinden und erkannten darin den edlen Herrn des großen, kühlen Kudal. Der König staunte und beschenkte den Kaufmannsjungen überreich, sodass dessen Freude wuchs. Den Tempel des göttlichen Kaufmanns mit dem Hirsch in der Hand ließ er mit Gold erneuern.

(1962) Sundaresha Padashekhara legte die Last der wellenreichen Erde auf die Schultern Varaguna Pandyas. Er selbst erreichte den leuchtenden Schatten der roten Lotosfüße des Herrn der Bhutas, des vollkommenen schönen Gottes und Gebieters der Himmlischen.

Hier endet „39. Shiva tritt als Onkel in einem Rechtsstreit auf“. Möge es glückverheißend sein.

40. Varaguna erhält eine Schau der Welt Shivas

(1963) So erschien der Höchste, dessen Anfang, Mitte und Ende selbst die melodischen Veden nicht ergründen, als Onkel eines Kaufmanns und besiegte die Verwandten, die dessen Land und Besitz geraubt hatten. Nun erzählen wir, wie er Varaguna von seiner Schuld reinigte und die hohe Shiva-Welt nach Madurai brachte, damit der König sie mit eigenen Augen schaue. (1964) Varaguna verehrte Sundara mit Liebe in Denken, Rede und Körper, ihn, der als Opfernder, Mond, Sonne, Feuer, Raum, Erde, Wasser und bewegter Wind acht Gestalten besitzt. Der König übertraf Kama an Schönheit, glich dem hundertfach opfernden Indra an unendlichen Siegen und überstrahlte mit seinem Leib selbst die Sonne auf ihrem Wagen mit sieben grünen Pferden. (1965) Durch die fehlerfreie Bewahrung der Veden und vieler Künste sowie der Opfer und anderer Pflichten glich er Brahma auf dem Lotos. Durch seine Herrschaft, die irdische und himmlische Freuden ermöglichte, glich er Vishnu, dem Geliebten Lakshmis mit Diskus und Muschel. Durch die rechte Bezwingung von Sinnen und inneren Kräften, Wahrhaftigkeit und umfassende Erkenntnis glich er Hara, der alle Wesen erfüllt.

(1966) Eines Tages zog er aus Freude an der Jagd in den Wald. Er suchte überall nach Tieren und tötete mit den Pfeilen seines gekrümmten Bogens feueräugige Tiger, langrüsslige Elefanten, Wildschweine und andere. Erst als der Sonnenwagen den Berg erreichte und die Abenddunkelheit kam, kehrte er in seine große Stadt zurück. (1967) Auf dem Weg ritt er rasch auf seinem windgleichen Pferd. Ein Brahmane lag dort erschöpft, mit Schweißperlen im Gesicht, im Schlaf. Das Pferd trat auf ihn, und er starb. Ohne es zu wissen, ritt der Pandya weiter und betrat seinen Palast. (1968) Die Verwandten des Brahmanen hoben den Leib auf, dessen Sinne und innere Kräfte durch den Huftritt erloschen waren, brachten ihn zum Palasttor und berichteten den Vorgang. Der Tamilkönig erschrak. Er gab den Brahmanen reichlich Gold und ließ den Verstorbenen mit den gebührenden Feuer- und Bestattungsriten ehren. Dennoch ergriff ihn die Schuld und wich nicht mehr von ihm.

(1969) Nach dem Rat der alten Vedenkundigen suchte er Sühne. Am Flussufer schenkte er reifen Schriftgelehrten die fünf Arten von Nahrung, umschritt den heiligen Baum, der die drei Götter verkörpert, schnitt Durva-Gras und gab es den Kühen zu fressen. (1970) Er vollzog Feueropfer mit dem Aghamarshana-Mantra, nahm die fünf Gaben der Kuh und trank kühles Wasser, das ihre glänzenden Hörner berührt hatte. Viele weitere Gaben verteilte er. Doch die Schuld blieb mächtig und trat immer deutlicher hervor, wie ein rauchendes Feuer, in das Ghee gegossen wird. (1971) Sie seufzte, stieß tiefe Atemzüge aus und warf die Hände empor. Sie wuchs berggroß und schrumpfte, schrie, folgte vor ihm, hinter ihm und zu beiden Seiten, lachte und bewegte ihr weites Maul. Sie wich zurück, kam näher und packte ihn unmittelbar als leibhaftige Schuld.

(1972) Wie ein beflecktes göttliches Juwel und wie der kühle, strahlende Mond im Maul der Schlange verlor er seinen Glanz. Sein Geist wurde leer wie eine vom Elefanten ausgehöhlte Holzapfelfrucht, trotz aller kostbaren Juwelen, die er trug. (1973) Die Brahmanen sahen, dass die Schuld ihn weiter bedrängte, und sagten: ‚Herr, umschreite täglich tausendachtmal den gerechten vedischen Herrn von Kudal, der Brahmas Haupt abschlug. So kann diese Schuld getilgt werden. Höre noch weiter. (1974) Halte das Gelübde unablässig zehn Tage lang ein und umschreite den Himmelsgebieter nach dieser Ordnung. Dann wird er dir den Weg zur Befreiung von der Schuld zeigen.‘ Der König hörte die ehrwürdigen Lehrer und ging in den heiligen Tempel.

(1975) ‚Du hast die Schuld des Tausendäugigen getilgt und die scheinbar unvergängliche große Sünde des Brahmanen beseitigt. Herr, dessen Haar die tönenden Wirbel der Ganga bewegen: Nimm gnädig auch die Schuld, die mich ergriffen hat und quält!‘ So fiel er betend nieder. (1976) Er umschritt den Herrn in der bestimmten Zahl und Ordnung und pries ihn. Da sprach der Herr aus dem Himmel: ‚König, jeder deiner Schritte schenkt die Frucht eines Pferdeopfers. Deine Umkreisungen erfreuen uns. Fürchte die Schuld nicht! (1977) Der Herr des Ponni-Landes, dessen Furten Gold und Perlen auswerfen, wird aufbrechen, um mit dir zu kämpfen. Tritt ihm entgegen. Er wird dir den Rücken kehren und fliehen. Verfolge ihn, als wolltest du ihn einholen und ergreifen.

(1978) Dabei wirst du den Ort erreichen, an dem wir uns selbst verehren und wohnen. Dort werden wir die unruhige, grausame Schuld beseitigen.‘ Der König, dessen Schultern der Weltschlange ihre Last abnahmen, pries die Gnade des Gemahls der Fischäugigen, verneigte sich und kehrte heim. (1979) Nach einigen Tagen ließ der Chola mit dem Atti-Kranz sein kampfkräftiges Tigerbanner-Heer die Erde bedecken. Unter dem Dröhnen großer Instrumente, einem aufbrechenden Meer gleich, drang er in das südliche Land des speertragenden Pandya ein. (1980) Der König mit dem Fischbanner stürmte gegen das dichte Heeresmeer des Neri-Herrschers und kämpfte. Das Chola-Heer geriet durcheinander wie das Meer unter dem Quirlberg und zerbrach. Beschämt kehrte der Chola den Rücken und floh.

(1981) Der Pandya mit dem Fischbanner setzte ihm nach und erreichte den Ponni. Der Fluss trug duftenden Waldjasmin und Lotosblüten und wusch an seinen kühlen Ufern den Geruch der Garnelen fort, die sich in den wasserlilienreichen, honigduftenden Mündungslandschaften sammelten. (1982) Er badete an der Pusam-Furt und ging südlich des Ponni zum duftenden Tiruvidaimarudur, um dort zu verehren. Als der Herr des Vaigai-Landes das östliche Tor durchschritt, blieben die Fesseln der Bindung und die Mordschuld draußen stehen. (1983) Während die Veden als Bienen ringsum summten, öffnete er die Augen wie einen Mund und trank den großen Honig des göttlichen Maruda-Heiligtums. Er fiel nieder und schmolz wie eine Butterfigur im Feuer. Ohne Handlung und ohne Worte stand er als reines Gewahrsein da.

(1984) ‚Leidfreier Tänzer höchster Seligkeit! Höchster jenseits des Höchsten von Nanmada Kudal! Gott mit den drei niemals blinzelnden Augen, Gemahl Parvatis, Uralter, Herr des Alls, Heiliger von Marudur, Schlangengeschmückter!‘ So pries er ihn unaufhörlich mit zahllosen Lobpreisungen. (1985) Das Licht jenseits der Sprache sprach zum sich verneigenden König: ‚Du mit den kampfstarken Schultern, am Osttor steht die Brahmanenmord-Schuld. Geh nicht auf diesem Weg hinaus. Verlasse den Tempel durch das große westliche Tor, dessen Höhe den Mond berührt, und ziehe nach unserem Madurai.‘ (1986) Varaguna hörte es, umschritt den Herrn von Marudur und konnte sich kaum lösen. An jedem Tor fiel er wieder und wieder nieder. Schließlich ging er durch das westliche Tor, das wie ein durchbohrter Berg war. Dessen kostbaren Turm ließ er unter seinem eigenen Namen errichten und blieb noch einige Tage.

(1987) Er führte viele weitere Tempelarbeiten aus und zog dann südwärts. Unterwegs verehrte er jedes Heiligtum des Herrn mit den duftgeschmückten Haarflechten, der den Träger des Zuckerrohrbogens mit der Bienensehne verbrannt hatte. Schließlich erreichte er das goldene Kudal mit seinen berggleichen Palästen. (1988) Täglich verehrte er die duftenden Fußlotusse Sundaras, der seine anhaftende Schuld gelöst und ihn angenommen hatte. Während er mit makellosem Zepter die ganze Welt regierte, hörte Varaguna aus dem Mund der Gerechten Haras Ruhm, süß wie eigens bereiteter Nektar. (1989) Er nahm die Lehre in sein Herz auf, die Veden, Agamas, Puranas, Smritis und weitere Schriften verkünden: Rudras Welt sei höher als alle Welten. Er wollte diese goldene Stadt sehen. Von dieser Sehnsucht geführt, ging er nachts in Ishvaras Tempel.

(1990) Er verehrte den Gemahl der Frau mit dem jungen Gazellenblick und sprach: ‚Vater, in mir Armen ist ein Wunsch entstanden: Ich möchte dich in Shivapura thronen sehen, umgeben von denen, die die sieben leidvollen Geburten überwunden und den Schatten deiner Füße erreicht haben.‘ (1991) Der Herr der Silbernen Halle machte sich der Liebe des Königs zugänglich. In seinem heiligen Herzen beschloss er: ‚Wir wollen jene Welt in diese Welt bringen und sie ihm zeigen.‘ Rudras Welt erkannte diesen einen Entschluss. (1992) Als wären zehn Millionen große Monde an einem Ort aufgegangen und verbreiteten ihr vielfarbiges Licht, sank Shivapura vom Himmel herab. Sonne und Mond verloren daneben ihren Glanz wie Glühwürmchen. So erschien die Wohnstätte dessen, der selbst den Suchenden schwer zugänglich ist.

(1993) Der Herr rief Nandi: ‚Varaguna Pandya, unser in Liebe gereifter Verehrer, möchte unsere Welt sehen. Zeige sie ihm!‘ Der Träger des Bambusstabes nahm diesen gnädigen Auftrag an, verneigte sich und ging zum König. (1994) ‚Komm!‘, sagte er und nahm den sich ehrerbietig erhebenden Varaguna mit. ‚Sieh, dies ist Shivapura, beherrscht von der aus sich selbst leuchtenden Sonne, deren Anfang und Ende selbst die Veden nicht ermessen, dem Gott der tausend Namen.‘ (1995) Überall umgaben Flüsse und Teiche die Stadt. Darin standen Lotosblüten mit hunderttausend weißen Blättern. Sanfte grüne Brisen schüttelten die duftenden Knospen auf; ihr Wohlgeruch verbreitete sich zehntausend Yojana weit.

(1996) Überall erklang süße Musik: zahllose Frauen öffneten ihre lieblichen Münder und vergossen Honig, die Yazh sang ihre sieben Saitentöne, Bienen summten an lachenden Blütenbäumen, Narada und Tumburu musizierten. Diese Klänge hätten Eisen zu schmelzendem Wachs gemacht. (1997) Es gab Nektarbecken, Teiche mit goldenen Lotosblüten, hohe grüne Smaragdhaine, in denen kumudamündige Himmelsfrauen wie Kuckucksscharen wandelten, und Wohnstätten der Götter, deren dunkle Unreinheit restlos abgewaschen war. (1998) Außen lag ein Graben mit Nektarwasser wie ein bewegtes Milchmeer. Goldene Zinnen umgaben die Mauern, goldene Tortürme ragten empor. Blütenreiche Straßen, Reihen strahlender, mit neun Edelsteinarten besetzter Paläste und viele hohe Dachaufbauten erfüllten die Stadt.

(1999) Die fünf Sinne fanden dort täglich ein Fest: die vier köstlichen Speisearten, Vina-Musik, Sandelduft, rote Goldketten, reiche Tanzkunst und göttliche Frauen mit goldenen Hüftketten, schön wie gemalte Figuren. (2000) Nandi zeigte die weiten Palastanlagen, in denen Rudras mit ausgebreiteten langen Haarflechten gemeinsam mit schmucktragenden Rudra-Frauen wohnten. Er zeigte den Reichtum jenseits allen aus Streit geborenen Leides und die Freuden ohne Sorge. (2001) ‚Dies ist der Wohnsitz des Lotosgeborenen, dies die Stadt des kühl mit Tulasi Geschmückten, der die drei Welten durchmaß. Hier sind die herrlichen Städte der Rudras, die die Gestalt des einzigen Urherrn tragen. Sieh, dort wohnen die Hüter der acht Richtungen.

(2002) Sieh jene: Vor Tagesanbruch badeten sie, schmückten sich mit Asche, reinigten den leuchtenden Tempel unseres Heiligen und erfüllten seinen Dienst. Sie pflückten und wählten Blüten, flochten sie zu Kränzen und hörten Haras Ruhm. Nun wohnen sie als Bürger dieser Welt und genießen ihre Wonne. (2003) Diese wurden rein, vollzogen die fünf Reinigungen und verehrten den Herrn innerlich und äußerlich in Liebe. Mit den sechzehn vorgeschriebenen Ehrendiensten brachten sie Körper, Rede und Geist zur Einheit. Sieh, sie haben den Zustand seiner unmittelbaren Nähe erreicht. (2004) Diese richteten durch den erwachten Atem das innere Feuer auf und führten es empor. Durch den mittleren Weg zwischen Ida und Pingala kosteten sie den süßen Nektar des Mondes. In ihrem Herzen hielten sie die Gestalt unseres Stierreiters fest und erlangten seine Gestalt.

(2005) Hier sind die versammelten Brahmanen, die ihre Opfer allein für den dreiäugigen Herrn vollendeten. Dort sind jene, die große gute Werke wie Trinkwasserstellen einrichteten, frei vom trügerischen Wunsch nach Ruhm, Lohn oder eigener Hochschätzung. (2006) Diese folgten dem Vedenweg und der tantrischen Überlieferung. Ihr Körper war vollständig mit Asche geschmückt, ihre Zungen sprachen die fünf Silben, in denen der Leidfreie wohnt. Als Hingebungsvolle hörten sie nach rechter Ordnung Haras Lob und brachen dadurch die Kraft ihres Karmas. (2007) Diese rezitierten das vedische Shatarudriya. Wer Rudraksha und Asche trug, den erkannten sie liebend als Shiva, ohne äußere Kennzeichen, Eigenschaften oder Herkunft zu prüfen. Durch diese Liebe schnitten sie die Wurzel der Wiedergeburt ab.

(2008) Diese badeten das höchste Licht mit den fünf Gaben der Kuh, schenkten Shiva-Erkenntnis, vollzogen Wasserspenden und errichteten und weihten Tempel für den Herrn, der den Samaveda singt. Sieh die Erhabenen, die die mangelbehaftete Geburt überwunden haben und hier leben. (2009) Diese halfen den Menschen, die Shiva verehrten, und erfüllten ihre Bedürfnisse. Sie erkannten seine Diener als ihn selbst, ehrten sie und speisten sie mit süßer Nahrung aller sechs Geschmacksrichtungen. Den Dienst an ihnen hielten sie für ihre Askese; dadurch erreichten sie diese Höhe. (2010) Und sieh diese makellosen Könige aus deinem Geschlecht: Sie erbauten Tempel für den ursprünglichen Sundara, erfüllten gerecht seine Verehrung und die übrigen Dienste und schützten das Land auf dem Weg der heiligen Asche. So sind sie hierhergelangt.‘

(2011) Mit seinem Stab auf die einzelnen Gruppen zeigend, erläuterte unser Herr Nandi die Scharen der Diener des Konrai-Geschmückten. Varaguna fiel immer wieder nieder und faltete die Hände. Dann führte Nandi ihn auf dem rechten Weg vor den Herrn der Götter. (2012) Veden und Agamas hatten Gestalt angenommen und priesen ihn zu beiden Seiten. Tumburu und Narada sangen zur duftenden Yazh; himmlische Tänzerinnen bewegten sich wie Blütenranken voller summender Bienen. Götter mit ihren Bitten warteten ehrerbietig, ohne einen freien Platz zu finden. (2013) Der Sohn mit dem brunstwasserströmenden Elefantengesicht, Kanda mit dem Speer, der Suras Zorn gebrochen hatte, und der Schwertheld, der das Opfer des Gegners zerstört hatte, fielen vor ihm nieder. Aus ihren glänzenden Kronengirlanden floss Honig; sie standen bereit, seine Befehle zu erfüllen.

(2014) Vishnu und Brahma legten ihre weiten Gewänder zurück, bedeckten ehrerbietig den Mund mit den Händen und trugen seitlich stehend ihre Anliegen vor. Indra mit dem Himmelsbogen und die übrigen Welthüter berichteten von den Aufgaben, für die sie zuständig waren. (2015) An jedem Eingang wachten die Anführer der Bhuta-Scharen mit Keulen und Stäben, knirschenden Zähnen und bewegten Kiefern. Andere hielten dreispitzige Waffen, vor denen selbst zehn Millionen Todesmächte erschrocken zurückgewichen und zitternd in Not versunken wären. (2016) Siddhas, Götter, Asuras, Charanas, Gandharvas mit der Yazh an der kräftigen Schulter, Kinnaras, große Asketen, Yakshas, Bhutas, Garuda-Wesen, Unterweltbewohner, reine Yogis und alle übrigen Scharen priesen ihn.

(2017) ‚Schneide unsere künftige Wiedergeburt ab und beschütze uns!‘ Die Weisen tranken mit ihren großen, tränenfeuchten Augen den Gnadennektar, in dem ihre reifende Liebe aufging. Ihre Körper erschauerten; in geordneter Folge riefen sie: ‚Shankara! Shiva, Shiva!‘ (2018) Der König sah den Herrn auf dem weichen Löwenthron sitzen, der tausend Strahlen aussandte. Jedem gewährte er nach rechter Ordnung unfehlbare Gaben. Die Bergestochter mit den weißen Zähnen ließ ihr zartes Lächeln erblühen. Varaguna verneigte sich vor dieser königlichen Gegenwart. (2019) Seine Worte stockten, die Körperhärchen richteten sich auf. Die Welle seiner Liebe zog ihn in das uferlose Meer süßer Gnade. Darin schwimmend trank er den weiten Nektar der Seligkeit, die jede Grenze der Beschreibung übersteigt.

(2020) Sundara machte die Sinne und inneren Kräfte des Königs ganz zu seinen eigenen und ließ ihn einen Leib der Liebe gewinnen. Dann wurde vor ihm die gnädig gezeigte Shiva-Welt wieder zum vertrauten Madurai. Der Herr und seine Gemahlin waren wieder so gegenwärtig wie zuvor. (2021) Varaguna, Zierde der Könige, verehrte die roten Füße des Herrn im vom Himmel herabgekommenen Tempel. So weit er die Größe der Gnade zu fassen vermochte, nahm er sie in sein Herz auf. Von Wonne und Liebe durchdrungen, mit überströmenden Tränen und stockender Zunge pries er ihn. (2022) ‚Du nahmst die Schuld, vor der ich geringer Mensch zitterte, und nahmst mich an wie eine Mutter. Zuflucht zu deinen Füßen! Mir, deinem Kind, zeigtest du Shivas Welt und bliebst danach wieder im Tempel gegenwärtig. Berg der Gnade, Zuflucht zu deinen Füßen!

(2023) Du schenktest mir Liebe, damit ich nicht dem Tun aus Verblendung folge und in die harte Hölle versinke. Zuflucht zu deinen Füßen! Du nahmst mich in deinen Dienst, damit die sieben Geburtsarten und vier Weisen des Entstehens für mich fruchtlos werden. Zuflucht zu deinen Füßen! (2024) Mich von grausamer Schuld Belasteten hast du verwandelt und den Makel des Mondgeschlechts getilgt. Zuflucht zu deinen Füßen! Heute hast du uns sichtbar bestätigt, dass es für die Liebenden das herrliche Shivapura gibt. Zuflucht zu deinen Füßen!‘ (2025) So pries Varaguna ihn. Aus unendlicher Liebe zu seinem süßen Gnadenantlitz ließ er danach noch viele weitere Pujas vollziehen. So lebte dieser Löwe der Könige, ein Löwe für seine Feinde, der heldenspeertragende Herr unter den Südkönigen.

(2026) Die Rishis fragten den Weisen des Südberges: ‚Hat der Herr nicht einst Indras Schuld, den Fluch des Elefanten und die schwere Tat dessen, der einen Brahmanen tötete und sich mit seiner Mutter verband, sowie viele andere Sünden in Madurai getilgt? (2027) Weshalb gewährte dann Pashupati, der höchste Herr der acht Eigenschaften, Varaguna die Gabe, dass seine schwere Brahmanenmord-Schuld erst in Tiruvidaimarudur von ihm wich? Freigebiger, erkläre uns dies zuverlässig!‘ Der König der Weisen antwortete. (2028) ‚Sundara, der Herr der Bhutas, ist die Verkörperung des Verdienstes. Damit die Diener, die an diesem heiligen Ort wohnen, aus Ehrfurcht keine schweren Sünden begehen, ließ er diese verderbliche Schuld in Tiruvidaimarudur tilgen.‘

(2029) Als Agastya so die Antwort gab, neigten die guten Asketen zustimmend ihre Häupter. Wahre Erkenntnis und Seligkeit erfüllten sie; zu den roten Füßen des schönen Lichtes badeten sie im Meer staunender Freude. (2030) Seit jenem Tag bis heute strahlt das einzigartige alte Madurai als Kronjuwel unter den ihm vergleichbaren heiligen Orten. Es übertrifft die goldene Himmelsstadt an Reichtum und wird in den vierzehn Welten als Shivapura auf Erden gerühmt.

Hier endet „40. Varaguna erhält eine Schau der Welt Shivas“. Möge es glückverheißend sein.

41. Der Verkauf des Brennholzes

(2031) So zeigte der Herr, der sich unermesslich ausdehnte, als Vishnu und Brahma ihn suchten, dem Südkönig die höchste Shiva-Welt. Nun erzählen wir von seiner Gnade, als er auf der Erde ging und sang, zum Brennholzträger eines Sängers wurde, sich dessen Diener nannte und dadurch seinen Diener gewann. (2032) Während Varaguna mit der duftenden Girlande auf der Brust gerecht regierte und wie Indra als Schützer der Erde glänzte, kam ein hervorragender Yazh-Sänger namens Emanatha aus dem Norden. Mit seinen Siegesauszeichnungen erreichte er das kunstvolle Madurai. (2033) Er betrat den königlichen Palast und die Versammlung, verneigte sich vor dem Herrn der großen Elefanten und pries ihn vielfach. Dann nahm er die siebenstimmige, lieblich klingende Vina an seine linke Seite, stimmte sie und goss dem König den süßen Honig seines Gesangs in die kostbaren Ohren.

(2034) Der König nickte mit dem blütenbekränzten Haupt, schenkte ihm Gewänder und sonnenhelle Juwelen, stellte reichlich Lebensmittel bereit und wies ihm ein eigenes großes Haus zu. Mit unvergleichlicher Freude nahm der Gesangskundige diese Ehren an und zog dort ein. (2035) Die Auszeichnungen des Pandya und seine früheren Siege ließen seinen Stolz wachsen. Er behauptete, hier gebe es keinen anderen Yazh-Meister, der ihm im süßen Gesang gleichkäme. Der König hörte davon, rief seine Diener und befahl: ‚Bringt Pattiran her!‘ (2036) Pattiran kam auf den Ruf der Diener, verehrte die Füße des Nachkommen des Meeresbezwingers und blieb nahe stehen. Der Pandya fragte: ‚Kannst du mit diesem rhythmusgeübten Musikmeister um die Wette singen?‘ Der Sänger mit der lieblich klingenden Yazh an der linken Schulter verneigte sich und antwortete.

(2037) ‚Großer Südkönig, mit der Kraft deines Wohlwollens und mit der Anstrengung, zu der mich die Gnade des Urherrn von Kudal befähigt, werde ich singen, ihm seine Siegesauszeichnung nehmen und seinen Hochmut brechen.‘ Der König bestimmte: ‚Gehe; morgen sollst du singen.‘ (2038) Während Emanatha in seinem Haus weilte, zogen seine lernenden Sängerschüler über die großen Märkte, Kreuzungen, Versammlungsplätze und Straßen mit goldberggleichen Palästen. Überall sangen sie mit fehlerfreien Worten und zeigten ihre Kunst stolz. (2039) Pattiran hörte sie und staunte: ‚Wie vortrefflich! Wenn schon die Schüler dieses Meisters so singen, wie wird erst sein eigener Gesang sein? Ach, wie soll ich ihn morgen durch vollkommenen Gesang besiegen?‘ So dachte der Träger der stimmbaren Yazh.

(2040) Er verehrte den Herrn von Madurai mit der dunklen Kehle: ‚Herr, heute muss deine Gnade mir, deinem Diener, beistehen! Wahrhaftiger!‘ So pries und bat er ihn. Mit aufrichtigem, von Liebe durchdrungenem Herzen kehrte er heim und blieb dort. (2041) Um den musikalischen Gegner dessen zu überwinden, der leidvoll gekommen war und gefleht hatte, nahm der Herr aus eigenem Willen die Gestalt eines alten Brennholzträgers an – der Eine im himmlischen Heiligtum, der Heilige wahrer Erkenntnis und Seligkeit. (2042) Er legte schmutzige Lumpen an und steckte eine stumpfe Sichel mit hell glänzender Schneide rechts in den Gürtel, als hätte er die nektarträufelnde Mondsichel aus seinem strahlenden Haar genommen. Die Füße, die selbst die seltenen Veden übersteigen, setzte er in ausgetretene, abgenutzte Sandalen.

(2043) Eine alte Yazh mit mangelhaft geflicktem Resonanzkörper trug der Meister über der Schulter. An den Ohren hingen kleine Fruchtgehänge, die beim Kopfschütteln schaukelten. Sein langes Haar fiel herab, während er das Polster für die Kopflast auflegte. (2044) Sein Kopf sah aus, als wären durch das tägliche Tragen gespaltenen Holzes die Haare ausgerissen und die Kopfhaut wund gedrückt. Ganga und die Göttin seiner einen Hälfte blieben unsichtbar, als er die Last gespaltenen Brennholzes auf sein heiliges Haupt hob. (2045) Sein Körper war so mager, dass nur Knochen und kaum Fleisch zu sehen waren; sein Anblick ließ die Herzen der Menschen in Mitgefühl schmelzen. Seine Lotosfüße, die selbst starkes Denken und mächtige Sprache übersteigen, trug nun die Erdgöttin auf dem Haupt als Frucht ihrer früheren Askese.

(2046) Schweißperlen traten auf sein heiliges Gesicht. Mit gespitztem Mund rief er laut. Er setzte die Last auf einem steinernen Tragegestell ab, trank Teichwasser, hob sie wieder auf und nahm sie wegen der brennenden Hitze immer wieder mit beiden Händen vom Kopf. So trat er in die Stadt ein. (2047) Er ging umher und verlangte von Kaufwilligen einen ungewöhnlich hohen Preis. Durch dicht bebaute Straßen, Kreuzungen und enge Gassen zog er weiter, während Veden, Brahmas und Vishnus Erkenntnissuche und schließlich auch der Tag hinter ihm zurückblieben. So gelangte er an die Tür des Musikmeisters. (2048) Die Wasserlilien öffneten ihre Münder, als wollten sie die Nacht willkommen heißen; der weiße Mond stieg lächelnd auf und verbreitete Abenddunkel. Die Lotosreihen schlossen sich tränenfeucht wie Frauen beim Abschied ihres Lebensgefährten, während die Sonne ins westliche Meer eintauchte.

(2049) Die Vögel schlossen ihre Schnäbel und zogen sich in die Nester dichter Haine zurück; mit den Flügeln umfingen sie die Weibchen und die nahen Jungen. Bienen leckten den Honig, den ihre Weibchen gekostet hatten, und legten sich in die tragenden Lotosbetten der Teiche zum Schlafen. (2050) Affenscharen zogen in die dichten Gehölze und schliefen. Hirtenjungen trieben die Kühe heim; an ihre Kälber denkend eilten die Herden den einzelnen Häusern voraus. Der Klang der Lektionen, die die kleinen Schüler mit noch geringem Wissen übten, verstummte. (2051) Dichte dunkle Nacht legte sich sanft über alles, als schliefe die geschmückte Erdgöttin, den schwarzen Stoff des Meeres über den ganzen Leib gezogen. In die Herzen der von Trennung schmerzenden Liebenden schoss Kama seine feurigen Pfeile.

(2052) Der Abend kam wie die Tochter des Berges, die ihren Gemahl sucht: Der helle Mond war ihre Stirn, sein Hasenfleck ihr Tilaka, die rote Wolke ihr Gewand, die dunkle Finsternis ihr Haar und die schimmernden Sterne ihre prächtige Halskette. (2053) Er legte das getragene Brennholz beiseite, stützte sich auf und ruhte auf der festen Hausbank. Dann ließ er ein wenig süße Musik erklingen. Der Musikmeister lauschte aufmerksam und fragte: Wer singt da? (2054) Er trat vor den Herrn mit der bienenumsummten Konrai-Girlande und fragte: Wer bist du? Der Herr, der Brahma auf der Lotosblüte, Vishnu, Indra und alle übrigen Götter zu seinen Dienern hat, antwortete: Ich bin ein Diener Bana Pattirans, der auf der Vina Melodien hervorbringt.

(2055) Viele lernen bei diesem Meister reifer Musik. Auch ich wollte die Kunst beherrschen und wurde sein Schüler. Doch der unvergleichliche Meister sah mich an und sagte: Du bist alt geworden, dein Kopf sinkt ein; zum Musizieren taugst du nicht mehr! So schickte er mich fort. (2056) Deshalb, Herr, habe ich dieses Handwerk angenommen: Ich schlage trockenes Holz, binde es zusammen und biete es zum Kauf an, um meinen Bauch zu ernähren. Emanatha, der die Naivalam-Melodie kannte, sagte: Holzträger, sing jene Weise noch einmal! Da sang der Herr. (2057) Er nahm die schöne, langhalsige Yazh an seine linke Seite; ihr kleiner Resonanzkörper glich einer Frucht an langer Ranke, deren Wasser eingetrocknet ist. Er zupfte und schlug die Saiten an, drehte die goldglänzenden Wirbel, stimmte die Befestigungen und vereinte die weichen Töne, als öffne sich eine Blüte und lasse Honig fließen. [Einzelne Instrumentenbezeichnungen sind unsicher.]

(2058) In jeder Tonlage gingen seine Finger kraftvoll auf und ab. Aus den sieben Grundtönen entstanden die vielfachen süßen Wendungen des Sadari-Panns: ihre Verzierungen, melodischen Wege, raschen Bewegungen und Aragam-Formen. Saitenklang und Stimme erklangen in einer Einheit, die alle begehrten. (2059) Den Bauch krampfhaft einziehen, ein weinendes Gesicht zeigen, die sonst makellosen Brauen hochziehen, den Kopf schütteln, die Augen rollen, den Hals anschwellen lassen, den Mund übermäßig aufsperren und die Zähne zeigen: Das nennt man Fehler der Körperhaltung beim Gesang. (2060) Auch die Fehler der Tongebung fehlten: dünner Klang, Kakuli, zu tiefer Ton, brechende und näselnde Stimme, stoßendes Verdoppeln, Überschreiten der Grenzen, überlanges Fortführen, unsauberes Verbinden, hörbar langes Atemholen und hüpfende Unruhe. Von diesen und allen weiteren Fehlern des Singens war sein Vortrag frei. [Einige technische Ausdrücke bleiben annähernd übertragen.]

(2061) Er blieb still wie ein gemaltes Bild. Sein Klang besaß die Fülle eines rauschenden Wasserfalls, einer Trommel, eines metallenen Klangkörpers, einer rechtsgewundenen Muschel und summender Bienen. Seine musikalischen Bewegungen glichen dem sanften Fallen eines Bambusblattes und dem jähen Sturz eines Fischvogels auf einen Fisch. [Die letzte Bildfolge ist nicht ganz sicher.] (2062) Er führte die passenden tiefen, mittleren und hohen Register zusammen, gestaltete belebte, ruhende und leise Bewegungen vollkommen und bewahrte sowohl den Wortklang der heilsamen Dichtung als auch ihren musikalischen Klang. So sang der Herr der Veda-Lieder, allen Ohren ein Festmahl. (2063) Der Wunderbare, den Brahma auf der duftenden Blüte nicht erkennt, hat als König in Madurai Wohnung genommen: welch ein Wunder! Er, der als König in Madurai wohnt, ist auch in mein schuldbeladenes Herz eingegangen: welch ein Wunder!

(2064) Der Höchste, den selbst die gesungenen Veden nicht klar erfassen, hat Kudal zu seinem Tempel gemacht: welch ein Wunder! Wie Kudal hat er auch mein schlechtes Herz zur Halle seines Tanzes erwählt: welch ein Wunder! [Ein Wort der elektronischen Vorlage ist beschädigt.] (2065) Der Makellose, den der blaugestaltige Vishnu nicht ergründen kann, wohnt in Alavay: welch ein Wunder! Der Herr von Alavay ist in mein Herz eingegangen wie der Duft in eine Blüte: welch ein Wunder! (2066) Um den Herrn der Sänger zu schützen, sang er; die Yazh-Saiten folgten der Stimme wie der Schatten einem fliegenden Falken. Der Honig dieser süßen Musik strömte durch die Ohren der Himmelsbewohner, füllte jede Haarwurzel und verwandelte ihre ambrosischen Körper ganz in Musik.

(2067) Die Bäume regten sich nicht, das Meer mit seinen drei Wassern rauschte nicht; weder Wasserfälle von hohen Bergen noch Flüsse sprangen und wälzten sich weiter. Sie tranken den musikalischen Nektar, den das Meer der Gnade hervorbrachte, und glichen einem Bild, das ein wissender Künstler ohne Unklarheit gemalt hatte. (2068) Einigen Vidyadharas glitt die Vina kraftlos aus der Hand. Andere schwitzten, weil der von ihren Fingern erzeugte Saitenton und ihr Kehlton auseinandergerieten. Scham und Freude drängten sie zugleich; ihre Zungen bebten, und manche sanken verwirrt auf ihre reichgeschmückten Frauen. (2069) Brahma auf der Blüte verweilte nun in der Blüte der Füße des Höchsten. Vishnu auf dem Meer lag nun im Meer höchster Seligkeit. Indra, dessen tausend Augen staubtragenden Lotosblüten gleichen, hörte den Gesang und klagte: Warum besteht mein ganzer Körper aus Augen und nicht aus Ohren?

(2070) Die Weisen, Asketen, ursprünglich Befreiten und großen Siddhas hörten das Lied des schönen Herrn, der die bedrängende Not seines Verehrers stillte. Aus ihren Augen strömten kühle Tränen; wie der Fluss der Liebe ins Meer reifender Gnade einmündet, versanken sie in Seligkeit. (2071) Menschen, die nach einem Liebesstreit getrennt im salzigen Meer des Leidens gebadet hatten, vereinigten sich wieder und versanken im kühlen Meer ungetrübter Freude. Andere, deren Geliebte in ferne Länder gezogen waren, richteten ihren Geist auf sie; ihre Körper welkten, und von Kama gequält litten sie an sehnsüchtiger Verwirrung. (2072) Die Giftschlangen mit gespreizter Haube, die buntgezeichneten Pfauen, die Elefanten mit hängendem Rüssel und Brunstsaft, Löwen, Hirsche und Tiger staunten. Sie vergaßen ihre gegenseitige Feindschaft und sanken friedlich aneinander. So wurden Tiere und Vögel im Netz der Musik gefangen.

(2073) Selbst die Bäume, die nur einen Sinn besitzen, deren Wurzeln die harte Erde spalten und deren hohe Äste verdorrt waren, erhielten gleichsam Gehör. Sie trieben zarte Blätter, öffneten Blüten und vergossen Tränen; wie verständige Menschen zeigten sie lächelnd aufgeblühte Gesichter. (2074) Götter, Menschen, Vögel, Tiere und alle anderen Wesen der Welt ruhten mit völlig still gewordenen inneren Fähigkeiten. Sie waren ganz zu den sieben Tönen des Herrn geworden: wie die Herzen der Erkennenden, die am Ende eines Weltalters in die Füße des Einen eingehen und dort zur Ruhe kommen. (2075) Aus der Kehle des Herrn mit dem Stirnauge, der den Sama-Veda trägt, stieg der göttliche Mullai-Gesang auf. Er verschlang bewegliche und unbewegliche Wesen, Erde, Himmel und alle acht Richtungen und verwandelte alles in sich selbst; Seele und Leib des Musikmeisters schmolzen darin.

(2076) Emanatha saß da, als seien seine fünf in den Geist mündenden Sinne alle zu Ohren und ihre fünf Gegenstände einzig zu Klang geworden. Der Herr, auf dessen Zunge die vier verbundenen Veden wohnen, hatte als Pattirans Diener gesungen; nun verschwand er mit seiner Holzlast. (2077) Das ist nicht der Sadari, den ich kenne! Unter den Menschen hat keiner je behauptet, eine solche Musik zu kennen. Das ist göttlicher Gesang. Wer außer einem Gott könnte ihn ihm gelehrt haben? Vermögen andere Menschen das? Welch ein Wunder!, dachte Emanatha. (2078) Wenn schon dieser hinausgeworfene Alte so singt, wie muss dann der fehlerlose Pattiran singen? Bei diesem Gedanken erschrak der Musikmeister, stand niedergeschlagen auf und machte sich durch die Dunkelheit davon. Auch seine Schüler gerieten völlig aus der Fassung.

(2079) Die Truhen mit gefalteten Gewändern, die Behälter mit Schmuck und anderen Dingen sowie die Yazh und ihre Stäbe blieben hier und dort liegen. Scham und Furcht zogen ihn vorwärts; er richtete sich nach Norden und floh. (2080) Die Sänfte ging auf einem Weg, die Sängerinnen auf einem anderen, der Schirm auf einem dritten, die Schüler eilten anderswohin; die mit gefalteten Händen dienstbereiten Diener liefen wieder anders. Er selbst zog fort, als könnte die Flucht auch die quälende Scham seines Herzens verscheuchen. (2081) In jener Nacht erschien der schöne Herr des mächtigen Stieres Pattiran im Traum: Heute, Pattira, gingen wir als Holzträger zu dem Musikmeister, nannten uns deinen Diener, sangen und siegten. Wir haben dich beschützt und deine Bitte erfüllt.

(2082) Als er diese im Herzen kaum fassbaren Worte des Herrn hörte, dessen Haar frische Konrai-Blüten trägt, erschrak Pattiran: Habe ich denn heute den, den selbst die Veden anflehen, um eine solche Tat gebeten? Mit diesem Gedanken erwachte er. (2083) Pattiran öffnete die Augen und erhob sich. Grenzenlose Freude und aufblühende Liebe trieben ihn an. Noch ehe die glühende Sonne am Himmel aufging, eilte er zum vom Himmel herabgekommenen Tempel und verneigte sich vor den Füßen dessen, der der Sinn der vier klangvollen Veden ist. (2084) Musste ich dich in den rauen Wald schicken, dir das gebundene Brennholz aufs Haupt laden und deine Lotosfüße schmerzen lassen? Musstest du meinetwegen ungebührliche Worte sprechen? Dass ich arglistiger, schlechter Mensch um die Behebung meiner Not bat, hat dieses Unrecht verursacht!

(2085) Deine Lotosfüße übersteigen die Herzen Vishnus und der übrigen Götter sowie die vielen Gipfel der Veden. Doch für mich Unreinen haben sie den Boden dieser weiten Erde berührt. Herr, ist deine unermessliche Größe mir, deinem Diener, so leicht zugänglich geworden? (2086) Deine Gestalt nennt man wahre Erkenntnis und seliges Bewusstsein, jenseits selbst des Endes des Urklanges. Ist sie heute ein Mensch auf Erden geworden, der unter der brennenden Sonne geschlagenes Holz trägt? Hat sie sich, Großer, nach dem Maß meiner törichten Liebe begrenzt? (2087) Als der auf den klaren Wellen Ruhende und der aus seinem Nabel Geborene dich suchten, reichte dein schwer erkennbares Haupt über ihre Grenzen, über den weiten Himmel und die dichten Welten hinaus. Hat dieses Haupt meines Herrn für mich Geringen gespaltenes Brennholz getragen?

(2088) So huldigte und pries er den Einen, der die blitzgleiche Göttin mit den schönen Fischaugen als seine Hälfte trägt, umschritt ihn und kehrte zurück. Dann ging der Meister der Saiten zu Varaguna Deva, dem Herrn der Könige, und verneigte sich vor dessen Füßen. (2089) Als der König die Ankunft des Meisters der sieben Töne bemerkte, befahl er seinen Dienern: Ruft den anderen Musikmeister! Sie gingen zur Unterkunft des Wettstreiters mit der Yazh, suchten ihn und fanden ihn nicht. Bestürzt konnten sie nicht verstehen, wohin er gegangen war. (2090) Während sie fragten und suchten, erzählten einige Nachbarn, was sie wussten: Gestern war er hier. Ein alter Mann kam mit Brennholz zu ihm und sagte, er sei ein Diener Pattirans, dessen sieben Töne so reich erklingen.

(2091) Er sang; was danach geschah, wissen wir nicht. Um Mitternacht ist Emanatha davongelaufen. Die Kundschafter hörten dies, kehrten zur Versammlung des sieggekrönten Königs zurück und berichteten genau diese Worte. Der König staunte und begann den Zusammenhang zu ahnen. (2092) Er blickte den vor ihm stehenden Meister der Saiten an: Wie kam es, dass jener fortging? Und was hast du getan, nachdem du von hier weggegangen warst? Der Musiker verneigte sich vor den Füßen des Pandya-Königs und erzählte, was ihm widerfahren war. (2093) Gestern verließ ich den Schatten deiner Füße und verehrte die Füße unseres Herrn mit der langen, verschlungenen Flechtenkrone. Ich klagte ihm meine Not, kehrte heim und blieb dort. Da erschien mir im Traum der Herr, dessen Hälfte die Göttin mit zuckerrohrsüßen Worten ist.

(2094) Er sprach: Für dich sind wir umhergeeilt, haben Holz getragen und uns abgemüht; vor dem Haus deines Gegners sangen wir Sadari, besiegten und vertrieben ihn. Darauf erwachte ich. Dies ist geschehen, berichtete Pattiran. (2095) Was die ausgesandten Diener erkundet und berichtet hatten, stimmte mit dem Traumerlebnis des Vina-Meisters überein. Darum erkannte der König mit der duftenden Blumengirlande: Dies ist ein heiliges Spiel des Herrn der Götter in unserer goldenen Stadt Kudal. (2096) Er bewunderte Pattirans ununterbrochene Liebe zu den roten Füßen, die den frechen Todesgott traten, und die Gnade dessen, der zum Schutz der Götter das aus dem aufgewühlten Meer stammende Gift trank. Lobpreisend ging er zum Heiligen von Madurai und verehrte ihn.

(2097) Er setzte den frommen Yazh-Meister auf den Nacken eines Elefanten mit palmenstarkem Rüssel und ließ ihn die lange, von hohen Häusern gesäumte Stadt umziehen. Er erwies ihm Ehren, in denen sein von Freude erfülltes Herz schwamm; dann kehrte der König mit seinem von springenden Pferden gezogenen Wagen zum Palast zurück. (2098) Der, dem alle Götter, asketischen Weisen und noch über den Göttern Stehenden dienen, ist gekommen und hat mit schmerzenden Füßen dir gedient und deine Not behoben. Wenn er dir so dient, sind dann nicht alle anderen ebenfalls deine Diener? (2099) Darum bist du mein Herr und ich dein Diener; zwischen dir und mir gilt kein anderer Umgang mehr. Nur eine Bitte habe ich: Von heute an soll es deine einzige Pflicht sein, den Herrn der Veden zu besingen. Mit diesen Worten entließ ihn der König.

(2100) Die vom König geschenkten Reichtümer, Schmuckstücke, Gewänder und anderen Gaben verteilte der Musikmeister angemessen unter den ihn preisenden Dichtern und sämtlichen Schülern. Dann kehrte er mit seiner musikalischen Gefolgschaft nach Hause zurück und lebte in grenzenloser Freude.

Hier endet „41. Der Verkauf des Brennholzes“. Möge es glückverheißend sein.

42. Ein königliches Empfehlungsschreiben wird übergeben

(2101) Wir haben erzählt, wie der uranfängliche Herr der alten Stadt Madurai den Musikmeister durch süßen Gesang besiegte. Nun erzählen wir, wie dieser Herr des Südens einen heiligen Brief an den Chera gab und dadurch dem König der Sänger rotes Gold zukommen ließ. (2102) Dies ist nun der rechte Weg für uns, dachte der Yazh-Meister. Seit jenem Tag stellte er seinen musikalischen Dienst am Hof des Nachkommen des kühlen Mondes ein. Er verpflichtete sich, dreimal täglich den Tempel des Herrn mit der gebogenen Mondsichel aufzusuchen und dort mit gereiftem Verständnis und Liebe zu singen. (2103) Da Pattiran keinen anderen Erwerb hatte, geriet er in Armut. Konnte unser Herr, der Siddha im wasserreichen Kudal, das dulden? Er entnahm dem Goldschatz des Königs Reichtümer und legte sie so hin, dass der Sänger, der die Yazh auf der linken Schulter trug, sie finden konnte.

(2104) An manchen Tagen schenkte er Goldmünzen, an anderen Edelsteinschmuck, dann goldene Gewänder, goldene Griffe von Wedeln, Goldplatten vom strahlenden Löwenthron oder Gruppen kostbarer Edelsteine. Pattiran nahm die Gaben und ging damit heim. (2105) Außer ihm und dem Dieb, der sie ihm schenkte, sollte niemand die Herkunft erkennen. Darum schmolz er manches im Feuer ein und zerlegte anderes. Unablässig half er damit seinen Angehörigen, Bittenden und Menschen, die von fremden Gaben lebten, und nahm ihnen ihre Herzenssorgen. (2106) Später stellte der tägliche Geber seine Gaben ein. Pattiran ging wieder und wieder hin, faltete die Hände und kehrte mit leeren Händen zurück. Er versank in Armut; ohne einen anderen Ausweg zu sehen, litt er mit seinen Angehörigen. Er schlief ein, unfähig, diese Hilflosigkeit zu ertragen; da kam ein Traum.

(2107) Unser Herr, der Siddha, erschien und sprach: Lieber Sohn, bisher nahmen wir aus dem Schatz des Königs mit der Nimba-Girlande und gaben dir davon, wie ein Elefant eine Frucht aushöhlt. Wenn der König, der uns liebt, davon erfährt, wird sein Herz Zweifel fassen und unruhig werden. [Der Fruchtvergleich spielt auf äußerlich unversehrte, innerlich entleerte Früchte an.] (2108) Er wird sagen: Trotz innerer Bewachung, so streng wie die Keuschheit klarer Frauen oder die Entsagung wachsamer Yogis, trotz trommelnder Außenwachen und Fischsiegel wurde dieser Schatz geraubt! Ist dieser wunderbare Dieb etwa der Eine, der verborgen in jedem Lebewesen steht? Ich weiß es nicht. (2109) Erfährt der König diese Sache, werden die Schatzwächter bestraft. Darum wollen wir dir jetzt einen Brief an Cheraman mit der honigduftenden Palmengirlande schreiben, der uns wie du liebevoll im Herzen trägt. Geh zu ihm!

(2110) Mit dem Mund, der die Veden erklärt hat, sprach und schrieb der mondbekränzte Herr das berühmte, vortreffliche Gedicht, das mit ‚Mati mali purisai‘ beginnt. Er gab es ihm und verschwand. Der große Sänger erwachte, tanzte und sang und versank im gewaltigen Meer der Freude. (2111) Pattiran hüllte den empfangenen heiligen Brief in kostbare Seide, verehrte die Füße des Herrn, umschritt den hohen Tempel und brach rasch auf. Er nahm den Weg nach Westen in das Bergland. (2112) Er durchquerte Waldweiden, Berggebiete und steinige Wildnis mit glühend heißen Kieseln. Langsam erreichte er das fruchtbare Bergland, wo seine Füße an Jackfrüchte mit stacheliger Schale und vielen Fruchtkammern stießen.

(2113) Das Land glich einer Frau, deren weites Gewand das wogende Meer bildete. Die himmelhohen Berge glänzten wie ihre geschmückten Brüste; Tiruvanjaikkalam war das Tilaka-Zeichen auf ihrem Gesicht. (2114) In dieser Stadt gediehen die Güter der Göttin des Dharma, der rötlichen Göttin auf dem Lotos, der Göttin gerechten Heldenkampfes und der Göttin der Gelehrsamkeit in Sanskrit und Tamil. In all diesen Reichtümern ragte sie hervor. (2115) In einer Straße dieser auf Erden berühmten Stadt fand er Unterkunft bei einer Halle, in der kühles Wasser ausgeschenkt wurde. In derselben Nacht erschien der Herr mit dem Stirnauge dem König, dessen Gerechtigkeit sogar der Himmel pries, im Traum.

(2116) Wir sind der Siddha, der in Madurai beim Pandya wohnt, und sind zu dir gekommen. Unser Sänger Bana Pattiran mit der süßen Musik ist hier eingetroffen. Er trägt unseren Brief und möchte dich sehen, um gute Reichtümer zu erbitten. (2117) König, gib ihm kostbare Güter und sende ihn rasch zurück! So sprach der Siddha und verschwand. Der König unter dem einen weißen Schirm, dessen kühle Güte überströmte, erwachte. (2118) Der König mit der Palmengirlande erzählte seinen Vertrauten den nächtlichen Traum und überlegte: Wo mag Pattiran sein, der den heiligen Brief des Herrn mit der fischäugigen Göttin als Hälfte gebracht hat? Er beschloss, ihn suchen zu lassen.

(2119) Er sandte sie aus: Geht und kommt nicht ohne ihn zurück! Seine Diener eilten fort und suchten überall in der strahlenden, edelsteingleichen Stadt: in hohen Häusern, auf erhöhten Plätzen, auf Märkten und in Versammlungshallen. (2120) Sie fanden den Meister der Saitenmusik in der wohltätigen Wasserhalle und meldeten es schnell dem begnadeten König. Der große Herr erhob sich mit seinem Gefolge und begab sich zum Herrn der Sänger. (2121) Als der König der Könige ihn sah, erhob er seine wie Lotosknospen gefalteten Hände über den Kopf, sang und tanzte. Er fiel gerade wie ein Stab zu Boden und freute sich wie eine Biene an kühlem Blütenhonig.

(2122) Er empfing den heiligen Brief, drückte ihn an seine Lotosaugen und trug ihn wie eine Girlande auf dem Haupt. Der König der Könige schwankte vor Freude; aus seinen großen Augen tropften Tränen, und am ganzen Körper sträubten sich die Haare. (2123) ‚Wir, Shiva, der in Kudal mit seinen blitzenden goldenen und juwelenbesetzten Häusern wohnt, senden diese schriftliche Botschaft. Der Chera-Herrscher, der Dichter wie eine gute Regenwolke beschenkt, möge sie lesen. Pattiran mit der süßklingenden Yazh, der uns ebenso liebt wie du, ist zu dir gekommen. Gib ihm großen Reichtum und sende ihn zurück.‘ Als der Chera die Botschaft des Herrn des Südens las, kannte seine Freude keine Grenze. (2124) Er legte den Brief auf eine goldene Schale und ließ diese auf dem Haupt eines brünstigen Elefanten mit hohlem Rüssel tragen. Den dauerhaft berühmten Yazh-Dichter setzte er vor sich, sich selbst dahinter, und schwenkte zwei glänzende Wedel. Unter dem Jubel vieler Instrumente zog der König mit der bienensummenden Girlande durch die große heilige Stadt.

(2125) Frauen mit Füßen zart wie Baumwolle kamen mit mancherlei Glückszeichen entgegen. Er führte den Verehrer des Herrn mit dem giftblauen Hals in seinen wolkenhohen Palast, ließ ihn in reinem Wasser baden und brachte ihn in eine kostbare Halle, die mit fünf Farben ausgemalt war. (2126) Er bereitete ihm einen goldenen Sitz, verehrte ihn und bewirtete ihn mit Speisen aller sechs Geschmacksrichtungen. Der Reihe nach reichte er duftende Sandelpaste, Blumen und Wohlgerüche, in goldenen Schalen Betelblätter, süße reife Arekanüsse und weiteres. Dann sagte er: Weil der Brief des Himmelsgebieters uns aufträgt, dich zu versorgen, wollen wir es tun. (2127) Er öffnete die Goldkammer, führte ihn hinein und zeigte ihm den Schatz: Verehrer des Herrn der Götter, all dieser Reichtum gehört dir. Nimm ihn! Der Musikmeister verneigte sich vor dem König mit dem weißen, die Erde beschattenden Schirm und erwiderte: Du bist der Gnade unseres Herrn würdig. Was du mir gibst, genügt mir.

(2128) Der König bot immer neue Gaben nach seinem Ermessen an; der Sänger, dessen Not behoben war, lehnte wiederholt ab. Schließlich nahm er selbst so viel, wie ihm angemessen erschien: glänzenden Goldschmuck, große Geldschätze, eine goldene Sänfte, Elefanten, Pferde, goldgewirkte Seidenkleider und andere Dinge. (2129) Der girlandengeschmückte König ging sieben Schritte hinter ihm her und verabschiedete seinen unvergleichlichen Gast mit großen Ehren. Der musikalische Diener des blitzhaarigen Herrn von Tamil-Madurai kehrte zurück und zog wie Kubera mit seiner sonnenstrahlenden goldenen Krone in Madurai ein. (2130) Er verehrte den Herrn von Madurai und verteilte die mitgebrachten Schätze öffentlich, sodass alle Bewohner der Stadt des Mondnachkommen davon wussten: an alle Bedürftigen, an die Meister der alten Veden und an Gelehrte, jeweils angemessen. So lebte der Sänger mit der wohlgestimmten Yazh wie eine Verkörperung des Dharma.

Hier endet „42. Ein königliches Empfehlungsschreiben wird übergeben“. Möge es glückverheißend sein.

43. Eine Sitzplanke wird gewährt

(2131) So schenkte der Herr, der den dunklen, Tulasi tragenden Vishnu als eine Hälfte annimmt, Pattiran einen Brief an den Chera mit der schönen Girlande und verschaffte ihm Reichtum. Nun erzählen wir, wie er dem bedrängt singenden Yazh-Spieler in einer regenreichen Mitternacht ein Brett gab: Steh darauf und singe! (2132) Der Meister der beglückenden sieben Töne suchte seinen angestammten Herrn schon dreimal täglich auf und verehrte ihn. Nach dem Geschenk des großen Reichtums wuchs seine Liebe. Er erhielt die Gnade, auch um Mitternacht zu kommen, sich zu verneigen und hinter dem mächtigen Stier die sieben Töne zu singen. (2133) Wenn der einzigartige Gott, dessen Tanz Mondsichel und Ganga in den Haaren schwanken lässt, unter der Verehrung hingebungsvoller Diener und Götterscharen auf der perlenreichen Sänfte zum Schlafgemach der Göttin getragen wurde, verehrte und pries er ihn. So geschah es auch in einer Nacht.

(2134) Damit die Welt erkenne, dass der große Sänger mit der süßen Yazh trotz jedes Hindernisses seiner übernommenen Ordnung treu blieb, erhoben sich durch das heilige Spiel des uralten Herrn mit goldener Flechtenkrone in allen Richtungen brüllende dunkle Wolken. (2135) Blitzreihen breiteten sich ringsum aus, alle Richtungen verschwammen, und giftmäulige Schlangen zitterten, rollten sich zusammen und krochen in ihre Höhlen. Donner verdeckte das Sternenheer; Finsternis quoll hervor. Es war, als umringten die sieben Wolken die Stadt, die einst der Meeresgott zu ihrer Vernichtung gesandt hatte. (2136) Als hätte der Himmel das schwarze Meer emporgehoben und ausgegossen, fielen dichte weiße Regenströme. In der Dunkelheit wirkten sie wie Reihen schwarzer Eisenstäbe. Wie im Herzen eines Menschen ohne innere Erkenntnis war nichts mehr zu unterscheiden: innen und außen, seitwärts, unten und oben versanken in verwirrender Finsternis.

(2137) Er kam, vom gewaltigen Regen durchnässt, und empfand ihn als Blumenregen. Er betrat den Tempel, verehrte den Feind Kamas, badete im Regen der Gnade und spielte auf der klar klingenden Yazh, als schütte er einen Regen von Honig aus. (2138) Hinter dem göttlichen Stier stehend legte er die Vina an die linke Schulter, schlug und zupfte die Saiten und ließ seine Stimme strömen. Er öffnete die Schleuse des Nektars wohlgefügter tamilischer Musik, damit dieser durch die Ohren des Konrai-bekränzten Gottes fließe und die grüne Saat seiner Gnade sprieße. (2139) Die nassen Saiten verloren ihren Klang; sein durchnässter Körper fror. Die Finger, die sonst sicher durch die Tonräume gingen, wurden steif und schwach; die Haare sträubten sich. Seine Füße sanken in den Schlamm. Doch er sang nektarsüße Musik, die selbst die Knochen schmelzen lässt, als treibe seine vollkommene Liebe als Gesang neue Knospen.

(2140) Freundin mit dem schönen Lächeln! Der Herr von Madurai kam zu unserer Haustür, um Nahrung zu erbetteln. Auf seinem Gesicht knospte Liebe; so raubte er mein Herz. Als auch mein Gesicht vor Liebe aufblühte, wollte ich mich mit ihm vereinen und meine Hilflosigkeit beenden. Doch eine Hälfte seiner Gestalt war eine Frau! Beschämt erwachte ich und rettete mein Leben. (2141) Freundin mit der lichten Stirn! Mit einer weißen Schädelschale kam der Stirnäugige von Kudal in unser Haus, um Speise zu erbetteln. Er sang und beherrschte mein Inneres; so raubte er mein Herz. Als ich die Anmut seines Gesangs und seiner Gesten sah, wollte ich ihn umarmen. Doch zur Hälfte war er eine Frau! Beschämt erwachte ich und gewann mein Leben zurück. (2142) Freundin mit den schön geschminkten Augen! Der Herr von Tiruvalavay kam betteln, lächelte berauschend und legte seine rote Hand auf meine jungen Brüste. Über dieses verführerische Lächeln und die Berührung sank ich verwirrt dahin. Da sah ich die Frau an seiner linken Seite, erwachte zitternd und hielt mein Leben fest.

(2143) Der Herr mit dem Muschelschmuck am Ohr, den er einst zwei Sängern als Belohnung gegeben hatte, nahm diesen Dienst wahr, der seine Ohren nährte. Er, den Menschen in tiefer Liebe suchen, sprach aus dem Himmel: Dieses Brett ist für dich; stelle dich darauf und singe! Und er legte ein strahlendes, mit Edelsteinen besetztes Brett hin. (2144) Ehrfürchtig vor dem gnädigen Befehl stieg Pattiran auf das goldene Brett und sang honigsüße Lieder. Die klingenden Füße, welche die vier Veden als Krone tragen, bewahrte er im Herzen. Er nahm das Brett in seine schöne Hand und machte sich, als Yazh-Meister auf dem Weg der Veden, nach Hause auf. (2145) Die blitzenden Wolken verzogen sich, der Himmel klärte sich, und ein sanfter Wind wehte. Die Sterne traten hervor wie Gold, Edelsteine und Perlen auf dem Meeresboden an dem Tag, als der große Asket vom Malaya-Berg das Meer trank. So gelangte Pattiran nach Hause.

(2146) Als die Sonne den weiten Mantel der Nacht zerriss, ihr Auge öffnete und tausend rote Hände ausstreckte, während sie aus dem wogenden Meer aufstieg, erfuhr Varaguna, der die weite dunkle Erde schützte, von der gnädigen Gabe, mit der ihr Herr den nächtlichen Gesang belohnt hatte. (2147) Der König der Könige setzte den Herrscher der süßen Musik auf das geschenkte Brett und dachte: Dieser ist selbst unser Herr von Madurai! Er gab ihm funkelnden Edelsteinschmuck, zahlreiche fruchtbare Felder und Reichtümer im Überfluss und behandelte ihn fortan mit hohen Ehren. (2148) Pattiran, durch göttliche Gnade ausgezeichnet, verehrte den Herrn mit dem Stierbanner nun regelmäßig viermal täglich. König Varaguna huldigte weiterhin dem Urgrund der Veden und pries ihn. Nach einiger Zeit erhielt er die heilige Gestalt des vollkommenen großen Lichtes und gelangte auf dem rechten Weg nach Shivapura.

Hier endet „43. Eine Sitzplanke wird gewährt“. Möge es glückverheißend sein.

44. Der musikalische Wettstreit wird gewonnen

(2149) Wir haben besungen, wie der Herr von Kudal, der den goldenen Meru zum Bogen bog, seinem Verehrer ein goldenes Brett als Lohn des Gesangs schenkte. Nun erzählen wir, wie dessen Frau von unvergleichlicher, unerschütterlicher Treue, gestützt auf die Gnade des Höchsten, zur Yazh mit ihren festen Wirbeln sang und eine Sängerin im Wettstreit besiegte. (2150) Nachdem Varaguna die höchste Stätte erreicht hatte, trug Rajaraja die schöne goldene Krone. Er umarmte gleichsam die Erdgöttin als Gemahlin und regierte wohltätig. Dem Pandya, der die ihn preisenden Menschen beschützte, gehörten viele rechtmäßig vermählte Frauen mit geschminkten Augen und viele andere bezaubernde Gefährtinnen an. (2151) Unter diesen Frauen war eine blitzgleiche Schönheit, die dem König Nektar und Lebensatem bedeutete und sich auf süßen Gesang verstand. Zwischen ihr und Pattirans unvergleichlich treuer Frau, die den schlangengeschmückten Herrn besang, entstand wegen ihrer Musik ein Wettstreit. Die Geliebte des Königs ertrug deren Überlegenheit nicht.

(2152) Ich lasse eine andere Sängerin gegen sie antreten und breche ihren Stolz, dachte sie und erklärte es ihrem königlichen Geliebten. Der König der Könige, der den Worten dieser Frau folgte, deren kämpfende Fischaugen bis zu den Ohrgehängen reichten, ließ eine geeignete Künstlerin sogar aus dem Land Ilam herbeiholen. (2153) Die Sängerin kam mit der hinten anliegenden Yazh, begleitet von Gesang und Rhythmus zu beiden Seiten. Sie verehrte den König und ließ wie eine Kinnara-Frau die schönen sieben Töne erklingen. Der Herrscher des Südens blickte sie an, dachte aber an seine blitzschlanke Geliebte; ohne die drohende Schande zu beachten, sagte er: (2154) Fordere Pattirans Frau auf, vor uns zu singen. Wenn sie sich weigert und widerspricht, ja selbst wenn ich scheinbar für sie Partei ergreife und dich zurückweise, lass nicht nach! Beschäme sie mit einer bindenden Herausforderung; halte sie fest mit den Worten: Geh nicht fort, bleib! Dann schickte er die schlanke Frau in ihre Unterkunft und befahl ihr, am nächsten Tag zu kommen.

(2155) Danach ließ er die edle Frau des süßsingenden Pattiran rufen. Im Innern dachte er anders, als er nach außen sprach: Eine Musikmeisterin ist hierhergekommen und fragt sich, ob es hier jemanden gibt, der mit ihr singen kann. (2156) Frau mit den breiten, wie bewegter Bambus geformten Schultern, kannst du mit ihr singen? Sage es! Die Sängerin antwortete: König, ich habe unverletzliche eheliche Treue und die niemals versagende Gnade unseres Herrn von Kudal. (2157) Darum werde ich singen und siegen; ich werde nicht unter Schande welken! Nachdem sie dies erklärt hatte, entließ der König der kühlen Ufer des weitwogenden Porunai auch sie, deren Haar honigreiche Blumen trug, in ihre Wohnung.

(2158) Am folgenden Tag rief der siegreiche Pandya von Madurai beide in seine Versammlung und stellte sie einander gegenüber. Noch ehe man die erlernten sieben Töne hörte, beschimpfte die über das Meer gekommene Frau mit langen, siegreichen Speeraugen ihre Gegnerin. (2159) Wie viele Fehler und wie viele Vorzüge hat die Yazh? Welche Gottheit gehört zu ihrem Stab? Welche Laute gelten als Vokal, Konsonant und Verbindung beider, und welches Maß haben sie? Beantworte das und singe dann mit mir; sonst trifft dich Schande! (2160) Die Frau, deren Treue Glück in beiden Welten brachte, antwortete: Musst du nicht den Mund öffnen, damit die königliche Versammlung von deiner über das Meer gebrachten seltenen Gelehrsamkeit, deinem Eifer zum Wettstreit und deinem Stolz auf die von vielen begehrte Weiblichkeit erfährt?

(2161) Frau mit geöltem, blumengeschmücktem Haar, ich bin bereit, dir im Wettstreit der Musik zu begegnen. Doch auf ein Schimpfgefecht mit bösem Mund lasse ich mich nicht ein. Dazu passen Frauen, die wie du ihre Ehre verkaufen, um zu leben! So sprach sie. [Die persönliche Herabsetzung gehört zur Polemik der Erzählung.] (2162) Der siegreiche König mit dem Fischbanner tat, als wolle er den Streit schlichten: Frauen mit dicht girlandengeschmücktem Haar, singt! Die Verliererin soll der Siegerin als Dienerin gehören; dies sei die Wette. So entfachte er ihren Ehrgeiz. Die Frau aus Ilam begann. (2163) Sie nahm die Yazh links an sich und ließ ihre knospenzarten Finger der Stimme folgen. In ihrem Innern blühte ein stolzes Lächeln. Ihre schönen sieben Töne strömten wie ein Nektarregen in die aufmerksam geneigten Ohren des Königs, der ihr bereits zugeneigt war.

(2164) Dann nahm die Frau des Sängerkönigs die Vina, drehte die Wirbel und schlug die straff gespannten hellen Saiten an. Die Yakshas lauschten beschämt über ihre eigene geringere Kunst. Dem Gang ihrer zarten Finger folgend füllte der Nektar ihrer Zunge die Ohren aller. (2165) Die Versammelten kannten die verborgene Absicht des Königs nicht und bewunderten den Gesang der duftend gelockten Frau Pattirans. Doch der Pandya mit seinen Herden gezäumter Elefanten lobte die aus Lanka gekommene Frau, deren berggleichen Brüste mit Kumkuma bemalt waren. (2166) Nun erkannten die Anwesenden die Absicht des Königs und lobten jene genau so, wie er sie gelobt hatte. Ist es nicht Brauch, dass selbst Menschen, die die Gnade des Ursprünglichen empfangen und die drei Bindungen abgelegt haben, dem Wort des Königs nachsprechen? So spottet hier der Erzähler über die Gefügigkeit des Hofes.

(2167) Der Herr des Pandya-Landes hatte den frischen Rausch der Liebe zu seiner goldsprossgleichen Geliebten getrunken und unterschied nicht mehr zwischen Gut und Böse. Er blickte die Versammlung an: Kann man dies an einem einzigen Tag entscheiden? Dann entließ er die beiden Frauen mit ihren siegenden Speeraugen. (2168) Von ihrem Gefolge gelobt, kehrte die fremde Sängerin heim. Dass der Herrscher ihren Gesang gepriesen hatte, genügte ihr als Triumph. Voll Stolz und großer Freude ruhte sie müde, aber zufrieden auf dem schönen Blumenbett ihres Lagers. (2169) Die treue, schlankhüftige Frau Pattirans ging hingegen zu den klingenden Füßen des Lichtes, das Eigenschaften und Kennzeichen übersteigt, zu dem Herrn, dessen Herz die Göttin bewohnt und dessen Hälfte die schöne Fischäugige ist. Bekümmert stand sie abseits, vergoss Tränen und sprach:

(2170) Herr, du bist selbst als Pandya-König erschienen und hast die Welt mit gerechtem Zepter geschützt. Nun richtet der Pandya nach seiner Parteilichkeit; die Versammelten folgen seinem Willen. Wer wird da noch unparteiisch abwägen und sprechen, mein Herr? (2171) Möge deine Gnade mir beistehen und dieses bedrängende Leid abwischen! Da hörte sie durch die Gnade des Unendlichen eine Stimme aus dem Himmel: Blitzgleiche Frau, wir werden bewirken, dass du morgen siegst. Fürchte dich nicht! Darauf kehrte die Frau von unerschütterlicher Treue heim. (2172) Am nächsten Tag ließ der König sie wieder rufen. Er hörte ihren Gesang, doch der Pandya mit den berggleichen Schultern äußerte sich wie zuvor, und alle in der Versammlung wiederholten seine Worte. Da wandte sich die Sängerin an den Pandya-König und sprach:

(2173) Löwe unter den südlichen Königen, Löwe unter den Herrschern, die nach Manus Ordnung das gerechte Zepter über die Welt führen! Weil du parteiisch urteilst, wagt die Versammlung nur, dir nachzusprechen. Gehen wir vor den schlangengeschmückten Herrn, der unparteiisch wie der Zeiger einer Waage ist, und singen dort. (2174) Wenn dort jemand beide Gesänge hört und in seiner Gegenwart entschieden sagt: Diese hat gewonnen!, soll das genügen. Der Pandya antwortete: Tut es so, tut es! Die duftend gelockten Frauen gingen nach Hause. Am folgenden Tag geschah dies: (2175) Der Herr des Landes der südlichen Brise, seine reichen Minister und die in den vier Wissenszweigen Gelehrten, die Gut und Böse unterscheiden konnten, gingen gemeinsam zur großen Halle des Herrn der strahlenden Silbernen Tanzhalle.

(2176) Der König befahl: Bringt die beiden Frauen hierher! Seine Diener liefen rasch hin, riefen sie ohne Verzögerung, und die Frauen mit den dunkel geschminkten Augen kamen mit ihnen. (2177) Heute wird mir die Sängerin, die so streng ihre religiösen Gelübde hält, ganz gewiss als Sklavin gehören! Mit diesem Gedanken, grausamem Hochmut und einem verkehrten Herzen kam die über das Meer angereiste Frau heftig daher. (2178) Langsam dagegen kam Pattirans goldgleiche Frau. Ihre unvergleichliche Treue und die Liebe, die ihr Herz auf die roten Füße des höchsten Bewusstseinslichtes gerichtet hielt, erhoben sie immer höher.

(2179) Auch der Herr von Madurai mit seinen strahlenden hohen Häusern erschien wie ein kenntnisreicher Dichter. Er trug glänzende Halsketten, Armreifen und vielerlei Schmuck und nahm unter den Gelehrten Platz. (2180) Vor der königlichen Versammlung sang zuerst die über das Meer gekommene Musikantin mit breiten Bambusschultern kunstvolle Melodien. Die ehrwürdigen Anwesenden äußerten jedoch nichts, was eine besondere Freude ihres Herzens erkennen ließ. (2181) Dann setzte sich die Frau des Sängerkönigs wie Sarasvati auf der weißen Blüte, mit der Vina an der linken Schulter. Sie schlug die Yazh-Saiten an, prüfte die süßen Töne und begann zu singen.

(2182) Höchster von Madurai, wer dir nur eine Handvoll Wasser und ein grünes Blatt darbringt, dem schenkst du den himmlischen Elefanten und das blühende Lager der Schlange mit gespreizter Haube. Wenn andere dich verspotten: Du selbst aber trägst einen Totenschädel in der Hand und bettelst von Ort zu Ort! – was soll ich ihnen antworten? (2183) Unser höchster Herr von Madurai, du selbst hast den Sinn der vielfältigen Veden erklärt: Befreiung ist für jene, die nicht den Blicken honigsüß sprechender Frauen folgen. Wenn andere dich tadeln: Du, der dies lehrt, hast selbst zur Hälfte eine Frauengestalt angenommen! – welche Antwort soll ich, deine Dienerin, geben? (2184) Einziger Ursprung von Madurai, als Gnadenspender bezwingst du für alle Wesen die Macht der sich entfaltenden Maya und schenkst die wahre Seligkeit der Befreiung. Wenn andere sagen: Du selbst übst Gelübde und Yoga wie jemand, der erst Befreiung erlangen muss! – was soll ich ihnen erwidern?

(2185) So sang sie innig zum Stirnäugigen von Madurai in der gewählten Weise. Sie verwirklichte die acht in den Musikschriften gelehrten Grundverrichtungen, beginnend mit Pannal, Parivattanai und Araytal, sowie die acht Spielweisen, beginnend mit Vartal, Vatittal und Untal. Nicht nur menschliche, selbst göttliche Ohren nährte sie mit reifem Nektar. [Die technischen Bezeichnungen sind lautnah belassen.] (2186) Sie überschritt die Bewegungen von Ida und Pingala, setzte am Muladhara an und führte den Atem durch die Mitte zum Brahmarandhra, sodass ihr Inneres in der Musik aufging. Ihr Hals schwoll nicht, ihre Augen blinzelten nicht, ihre Zähne wurden nicht sichtbar, die Brauen hoben sich nicht, die Wangen zuckten nicht. Alle, die diesen Gesang hörten, wurden von Freude erfüllt. (2187) Obwohl der Pandya Musik verstand, war er zunächst im Begriff, wieder wie zuvor zu urteilen, als wolle er seinen Ruf als Täuscher bestätigen. Doch durch die Gnade des Ursprünglichen verging die widerspenstige Parteilichkeit seines Herzens. Er sah nun gerecht hin und erklärte: Diese hat gesiegt! Alle anderen sagten dasselbe.

(2188) Der König, der zuvor falsch gesprochen hatte, befahl, die gelockte Siegerin auf den Nacken der betrügerischen Sängerin aus Lanka zu setzen. Als dies geschah, rief der seltene Dichter, der Uma an seiner Seite verborgen hatte: Welch ein Wunder, welch ein Wunder! Vor aller Augen verschwand er wie ein ausstrahlender Blitz. Alle staunten, der König erschrak. (2189) Alle erkannten: Dies ist das Spiel des schönen Herrn auf dem rotäugigen Stier! Sie priesen ihn und bedachten seine Gnade und die Liebe seiner Verehrer. Aus ihren Augen stürzten Tränen, und sie versanken im einzigartigen großen Meer der Seligkeit. Dann wandte sich der König der geschmückten Sängerin zu, die auf dem Nacken der Fremden saß. (2190) Er ließ sie herabsteigen und schenkte ihr zuerst Perlenketten, funkelnden Edelsteinschmuck und Gewänder als Ehrenzeichen. Auch der anderen gab er einige Gaben, damit ihr Herz sich freue. Dann begaben sie sich gemeinsam in den vom Himmel herabgekommenen Tempel; dem großen Dichter, dessen linke Hälfte die rankenschlanke Göttin des Dharma ist, brachte er kostbaren Schmuck und anderes dar.

(2191) Die Macht aller Könige hält der Macht der Götter nicht stand; doch auch die Macht jener großen Götter besteht nicht vor dem Urherrn, der die drei Festungen zerstörte. Was viele so aussprechen, haben wir heute an dieser Sängerin gesehen!, dachte er voller Staunen. (2192) Er nahm Abschied vom Herrn mit den blitzenden Flechten, umschritt ihn und kehrte unter dem Klang süßer Instrumente feierlich in seinen Palast zurück. Rajaraja erhielt einen Sohn namens Suguna Pandya; als hätte er einen alten Schatz wiedergefunden, lebte er fortan in immer größerer Freude.

Hier endet „44. Der musikalische Wettstreit wird gewonnen“. Möge es glückverheißend sein.

45. Die Ferkel werden gesäugt

(2193) Wir haben erzählt, wie der Herr, der die Dunkelheit in seiner Kehle bewahrt, seiner stets liebevoll ergebenen Verehrerin Klarheit und Gnade schenkte, sodass sie die widerstrebende Sängerin besiegte. Nun erzählen wir, wie er als Mutter Schweinejungen säugte und ihnen das Leben erhielt. (2194) Als die Götter um Schutz baten, nahm der Herr das entstandene Gift auf: Bleibe heute als Zeuge hier!, sprach er und verwahrte es im Hals. Südlich der Vaigai, die seiner Stadt Madurai Perlenketten als Tribut entgegenwirft, liegt die alte, reiche Stadt mit kostbaren hohen Häusern, genannt die Furt, an der Guru verweilte. (2195) Dort hatte der Lehrer Indras und der übrigen Götter Askese geübt. Deshalb heißt der auf dem Stier kommende Herr Gurunatha; er gewährt makellose Gaben und wohnt dort, gepriesen von Vishnu, dem Lenker des prächtigen Wagens, und Brahma, dem Herrn des Lotos.

(2196) In jener vortrefflichen Stadt lebte ein Bauer namens Sugalan. Seine Frau Sugalai von unangreifbarer Treue gebar zwölf Söhne. Im unbeschreiblichen Stolz ihres Reichtums ermahnten die Eltern die Kinder nicht, sondern zogen sie in grenzenloser Freude und übermäßiger Zuneigung auf. (2197) Als Vater und Mutter gestorben waren, wurden die Söhne ungestüm. Sie schlossen sich Jägern an und trieben im wilden Wald ihr grausames Jagdhandwerk. Dort sahen sie unter einem sonnenundurchlässigen Gebüsch den Guru sitzen, der seine fünf Sinne bezähmt hatte und Askese übte. (2198) Sie klatschten und lachten, nahmen Steine und harte Erdschollen und warfen sie gegen den Körper des wahrhaft Asketischen. Der Edle, der das Karma besiegt, dachte: Diese stören meine Askese. Im Herzen verletzt blickte er die arglistigen Übeltäter zornig an.

(2199) Ihr habt die Pflicht der Verehrung vergessen und streift als Jäger umher. Da eure eigentliche Arbeit das Pflügen der Erde ist, sollt ihr in den Leib einer Sau eingehen und als Ferkel mit pflugscharähnlichen Rüsseln geboren werden. Verliert Vater und Mutter und leidet hilflos! Diesen harten Fluch sprach er aus. (2200) Die zwölf Söhne, Verkörperungen der Sünde, erschraken und nahmen den Fluch an: Wann wird dieser Fluch enden? Der Lehrer der Götter gedachte der gnädigen Füße Shivas, der Not beseitigt, wies seinen aufgestiegenen Zorn zurück und antwortete. (2201) Der einzige Herr von Kudal, der mich zu eigen hat, wird selbst eure Mutter werden, euch säugen und das Leben bewahren. Danach wird er euch zu Ministern machen und schließlich die selige Befreiung schenken. So sprach der Verehrer dessen, der die Frau als Hälfte trägt, zu den zwölf Söhnen.

(2202) Außerhalb jener altehrwürdigen Guru-Furt lebte im Wald ein unvergleichlicher Eber als König der vielen dortigen Schweine. Die zwölf gingen in den Leib seiner Gefährtin ein und wurden der festgesetzten Ordnung gemäß als kräftige Ferkel geboren. (2203) Eines Tages verließ der Pandya, König der Könige, Madurai, um im westlichen Wald eine große Jagd abzuhalten. Er trieb seinen brünstigen Elefanten vorwärts, während eine unermüdliche Streitmacht dicht um ihn zog. (2204) Kundschafter mit lederbeschuhten starken Füßen, die die Aufenthaltsorte der Tiere kannten, folgten den breiten Spuren. Sie erkundeten, wo Tiger mit Feueraugen und nach Fleisch stinkenden Mäulern, Wildschweine, Antilopen mit gedrehten Hörnern und Hirsche lebten, und eilten zurück, um es zu melden.

(2205) Die kriegerischen Jäger liefen rasch hin, schlugen Hindernisse nieder und spannten lange Netze. Außen stellten sie Hunde auf. Bewaffnete Männer umringten das Wild und trieben es zusammen; der König, dessen Zepter vom Weg des Dharma nicht abwich, blieb auf seinem Elefanten stehen. (2206) Kleine Trommeln, Handtrommeln und Hörner dröhnten überall ohrenbetäubend. Man zeigte verschiedene Locktiere und ließ eingeübte Lockrufe erklingen. Tiger, Antilopen und andere Hirscharten erschraken. Die Helden spannten die Bogen bis zum Äußersten und überschütteten sie mit scharfen Pfeilen. (2207) Die zusammengedrängten Tiere hatten gebrochene Beine und zerschmetterte Köpfe. Blut strömte, weißes Fett wurde herausgerissen; hohe Elefanten mit schwingenden Rüsseln stürzten um. Bären und Tiger starben; mit entweichendem Leben und aufgerissenen Mäulern fielen sie nieder.

(2208) Tiere, die vom Geruch ausgelegten Grases und der Knollen angelockt in Schlingen gerieten, solche, die aufgestellte Locktiere aufsuchten, und solche, die den Netzen entkamen, aber von Hunden gepackt wurden: Unzählige starben durch die Speere der sie bedrängenden Jäger. (2209) Einige wilde Tiere, die das Sterben überlebt hatten, stießen gegen den umschließenden Netzring, sprangen hinaus und griffen die draußen stehenden Töter an. Sie kehrten zum Kampf zurück; selbst die kämpferischen Tigergruppen schienen ihren Widerstand gegen die ringsum treibenden Jäger zu loben. [Der Schlussvergleich ist sprachlich unsicher.] (2210) Die Pfeile der Jäger durchbohrten Tiger, drangen weiter durch Hirsche, durch Bären auf rauen Felsen und durch siegreiche Eber mit klaffendem Maul. Schneller, als man dies erzählen kann, fuhren sie dahin; zahllos waren die Tiere, die sie zerrissen.

(2211) Hunde jagten und packten jene Tiere, die den geschossenen Pfeilen entkommen waren und sich durch die Netze gedrängt hatten. Sie glichen Frauen, die plötzlich Verlangen entfachen und Menschen zurückhalten, welche sich aus den uralten Fesseln des Karma befreien wollen. [Dies ist der asketische Vergleich des Originals.] (2212) Die hohen Stoßzähne der wilden Elefanten glichen zwei Hälften des Mondes. Speere mit langen Spitzen wie Knospen blauer Wasserlilien drangen in sie. Das reife rote Blut, das aus den tiefen Wunden fiel, sah aus wie Feuer, das einen alten bewaldeten Berg umschließt. (2213) Die Rufe der Jäger, der Klang der Trommeln, das Geschrei der von Pfeilen niedergeworfenen Tiere und das Bellen der Hunde, die auf fliehende Hirsche sprangen, erfüllten den Wald. Zusammen glichen sie dem zornigen Donner, der im Innern des Himmels rollt.

(2214) Nachdem der Pandya, Löwe unter den Königen mit dem glänzenden Speer, viele solche Tiere bekämpft hatte, zog er weiter nach Westen. Da lief ein Schwein voraus in den Wald, wo der Eberkönig wohnte, stellte sich vor ihn und berichtete. (2215) Unser König, höre! Der König aus dem Mondgeschlecht tötet alle Tiere hier und rückt heran. Als der Eberkönig dies hörte, packte ihn heftiger Kampfesmut. Er erhob sich, bereit zur Schlacht, und blickte seine Gefährtin an, die ihm sein Leben bedeutete. (2216) Heute werde ich dem Pandya entgegentreten und eine schwere Schlacht kämpfen. Entweder kehre ich mit dem Siegeskranz gewaltiger Stärke zurück oder ich sterbe. Bleibe du wohlbehütet hier und schütze deine Kinder! Darauf antwortete die edle Gefährtin:

(2217) Wenn mein Lebensatem dorthin geht, kann dieser Körper hierbleiben? Das göttliche Walten, das damals diese Jungen entstehen ließ, wird für sie sorgen. Kehrst du nach siegreichem Kampf zurück, komme ich mit dir; stirbst du, sterbe auch ich dort. Hat ein Schatten etwa einen anderen Weg als sein Träger? (2218) Lasst uns aufbrechen!, sagte der Eber und erhob sich rasch. Die dunkle Sau, blauem Blütenstaub gleich, schob die verwirrten Jungen zurück, die sich an ihre Seite drängten, und folgte ihm dicht. Der König mit den tödlichen Hauern schritt dahin wie der Wind. (2219) Die Scharen aller Schweinearten gingen vor ihm her wie tapfere Krieger eines siegreichen Heeres. Der Eberheld brüllte wie Donner; aus seinen roten Augen sprühte Feuer. Er zog aus, gleichsam auf dem mächtig springenden Ross seines Ehrgefühls.

(2220) Die starke Schweinearmee mit ihren stämmigen Beinen stürmte als Vorhut gegen die entgegenkommenden Krieger des Königs mit breiten Bergschultern und festen Füßen. Die Männer wichen zurück und ließen einen Regen von Pfeilen niedergehen. (2221) Blutfluten ergossen sich, Körper stürzten nieder, Eingeweide quollen hervor, Knochen brachen, Fett und Gehirn wurden zerrissen. Adler und Krähen breiteten sich aus. Bei vielen Eberkriegern mit mondsichelgleichen Hauern trennten sich Leib und Leben. (2222) Die Überlebenden bebten, stürmten feurig gegen das Heer des Pandya und zerrissen manche Gegner. Andere stießen sie um und traten sie, bis Blut aus ihren Mündern rann. Wieder anderen bohrten sie ihre Hauer in die bebende Brust, töteten oder spalteten sie mitten entzwei.

(2223) Unter den königlichen Soldaten wurden manchen die Beine, manchen die Köpfe, manchen die Schultern und manchen die Schenkel zerschmettert. Bei einigen zerbrachen die Schwerter; bei anderen endeten die Lebenstage, die Brahma auf der Blüte ihnen zugeschrieben hatte. (2224) Die Minister des Hüters des Pandya-Landes sahen dies und gerieten in Zorn. Brüllend schleuderten sie Keulen und Räder wie der Todesgott. Die Eberkrieger wurden zersprengt und starben. Da blickte die neben dem Eberkönig mit den wundenreißenden Hauern stehende Sau ihn an. (2225) Das ganze Heer, das wir ausgesandt haben, ist tot. Was können wir noch tun? Warum sollten auch wir hier nutzlos sterben? Flucht ist jetzt das Richtige! Der einzigartige, todesfurchtlose Eberkönig sah seine so sprechende Gefährtin an und erwiderte:

(2226) Auch wenn Frauen scharfen Verstand besitzen und Schriften studieren, bleibt ihr Wissen doch töricht. Du hast gesagt, was deinem Verstand entspricht. Aber wäre dies nicht Schande für alle, die mit Einsicht ihre Ehre bedenken? [Die frauenabwertende Aussage ist eine Rede der Erzählfigur, keine Empfehlung dieser Ausgabe.] (2227) An eine Wasserstelle, wo zwei Löwen mit dunklen Rachen wohnen, kommt ein Eber mit zwei großen Hauern, trinkt und kehrt zurück. Doch selbst zwei tapfere Löwen fürchten sich, an einer Wasserstelle zu trinken, an der ein einziger schwarz wie dichte Finsternis gestalteter Eber wohnt. (2228) Aus einem solchen Geschlecht bin ich geboren. Darum werde ich die Tapferkeit des Königs mit der Girlande zunichtemachen und meinen Ruhm in allen Richtungen und im Himmel verbreiten. Sollte ich aber sterben, vergeht nur dieser trügerische Körper. Kann der Leib des Ruhmes zugrunde gehen?

(2229) Bleib hier!, sagte er zu seiner Gefährtin, hielt sie zurück und ging fort. Zornig trat er dem König entgegen, als rufe er ihm zu: Die dunklen Tiere dieses Waldes sind meine Untertanen! Du hast ihr Leben verschlungen. Jetzt entkommst du nicht, König von Kudal! (2230) Er wühlte den Boden auf, sodass tiefe Löcher erschienen, und der aufsteigende Staub verdeckte den Himmel. Der König von Korkai an der Porunai-Furt sah den einzelnen Eber kommen, bewunderte und pries seine Stärke, spannte dann den Bogen und überschüttete ihn mit Pfeilen. (2231) Von den gezielt geschossenen Pfeilen des Pandya fing der Eberkönig einige auf und zerkaute sie wie grünes Gras. Andere zertrat und zerbrach er mit seinen Füßen; wieder andere schlug er mit dem Schwanz entzwei und stand fest.

(2232) Der König aus dem Mondgeschlecht ertrug diese Kränkung seiner Ehre nicht. Er bestieg seinen gefleckten Elefanten, dessen Brunstsaft unablässig aus den Schläfen rann, gab ihm eine unversehrte schwere Keule in den Rüssel und trieb ihn vor. Der Eber duldete dies nicht, brüllte und erhob sich wie ein Donnerschlag. (2233) Mit wachsendem Zorn stürmte er los, um den Elefantenberg zu zerreißen. Er zerfetzte den schwingenden Rüssel wie einen saftigen Bananenstamm und schlug mit seinen mondsichelförmigen, scharfen Hauern zu, bis das Tier fiel. Der König mit der mächtigen Girlande sprang vorher auf seinen schnellen Wagen. (2234) Vom festen Wagen aus schleuderte er ein gewaltiges Kriegsrad. Der Eberkönig sah es, wich aus, sprang wie ein Sturmwind vor und zertrümmerte den Wagen. Der König mit der bienenbesuchten Girlande sprang auf ein Pferd und schwang seinen giftgleichen Speer.

(2235) Noch ehe er den Speer werfen konnte, lief der furchtlose Eber hinter das Pferd mit seiner in Reihen strahlenden Edelsteinkette. Er rammte es heftig mit seinen Hauern, sodass Eingeweide und rotes Blut hervorströmten, und tötete es. Der König von Kudal ertrug dies nicht länger. (2236) Er sprang auf die Erde, maß die Kraft des Eberkönigs ab und schlug ihn mit der eisernen Keule auf den Kopf. Aus der Wunde strömte ein Blutfluss über den Boden. Der Eber stieg auf einem Himmelswagen auf, durchdrang die Sonnenstrahlen und ging in den Himmel ein. (2237) Er leuchtete wie der Liebesgott. Staunende Götter überschütteten ihn mit honigreichen Blumen. Seine Ohren tranken den Nektar himmlischen Gesangs; im Heldenhimmel genoss er Ambrosia und vereinte sich mit den Brüsten der Himmelsfrauen.

(2238) Die Sau, seine treue Gefährtin, dachte: Ist es Treue, am Leben zu bleiben, nachdem mein Gefährte gestorben ist? Auch wenn ich nicht siegen kann, werde ich den Himmel erreichen! Zornig stellte sie sich dem kämpfenden König entgegen. (2239) Ein tapferes Weibchen zu töten, entspricht nicht dem Dharma eines Königs, sagte er. Da trat Saruccaran, der heldenhafte Anführer der tätigen Jäger, vor und umkreiste sie zum Kampf. (2240) Lange kämpfte er mit der vor Zorn giftgleichen Sau. Sie warf den grimmigen Jäger zu Boden und schwächte seine Kraft so sehr, dass er dem Tod nahekam. [Die Verszahl ist in der Quelle doppelt gesetzt.]

(2241) Noch hob er rasch seine eiserne Keule, traf den Kopf der kämpfenden Sau und starb. Beide wurden zu Gästen des Himmels: Auf einem Himmelswagen gelangten sie gemeinsam in die Welt gewaltiger Heldenkraft. (2242) Der mächtige König der Könige zog in seine goldglänzende Hauptstadt zurück. Der gefallene Eber aber wurde zu einem Berg, der als hoher Schweineberg bestehen blieb. (2243) Seit jenem Tag trägt er diesen Namen; noch heute ist er auf Erden gebräuchlich. Auf diesem Berg üben unzählige große Asketen, Vidyadharas und Menschen, die ihren Zorn bezwungen haben, Askese, um Befreiung zu erreichen.

(2244) Die versammelten großen Asketen blickten den Herrn des kostbaren Tamil an, der dies erzählt hatte: Warum üben alle dort auf dem Berg in der Gestalt eines unverständigen Schweines makellose Askese? Darauf erklärte der kleine Weise Agastya: (2245) Ein Yazh-Spieler namens Vichchadharan, schön wie Kama, hatte mit seiner Musik Pulastyas Askese gestört. Der Weise verfluchte ihn deshalb, ein Schwein zu werden. Wann werde ich daraus erlöst?, fragte der Verwandelte; der Weise antwortete: (2246) Der Pandya, König der Könige, wird in deinen Wald kommen, viele Tierarten töten und auch dich erschlagen. Danach wirst du deine jetzige Gestalt wiedererlangen. So wurde es angeordnet; der himmlische Musiker kam als Eber zur Welt, starb auf jene Weise und erhielt seine frühere Gestalt zurück.

(2247) Weil jener Berg der Körper dieses verdienstvollen Vidyadharas gewesen war und dadurch heilige Beschaffenheit besaß, nahmen entsagte, umfassend gelehrte Menschen dort Wohnung. Auch Maturesha, der Herr aller Lebewesen, wohnt dort mit Freude. (2248) So gab Agastya Antwort. Nachdem Eber und Sau ihre Jungen auf dem grünen Waldboden zurückgelassen hatten und gestorben waren, gerieten die zwölf Ferkel völlig in Verwirrung. Wer könnte das Maß ihrer damaligen Not beschreiben? (2249) Sie liefen umher, taumelten verwirrt und suchten Schatten. Nach der süßen Milch der Mutter verlangend, welkten sie dahin. Heftiger Hunger quälte sie, ihre Kräfte schwanden; unter der brennenden Sonne litten sie glühende Qual.

(2250) Während sie so litten, befand sich der Gott der Götter, der zum speermächtigen Pandya geworden war, mit seiner blitzgleichen, fischäugigen Göttin auf einem strahlenden Himmelswagen. Aus freiem Willen spielte er in jenem Wald sein göttliches Spiel. (2251) Er empfand Mitleid mit der schweren Not der Schweinejungen. Um ihr Leid durch frei gewährte Liebe zu beenden, nahm er die Gestalt ihrer liebevollen Mutter an und kam unmittelbar zu den entkräfteten Waldferkeln, sodass ihre verwirrende Angst verging. (2252) Die Ferkel liefen ihrer herankommenden Mutter entgegen. Sie stießen sie an, beschnupperten sie und sprangen auf ihren Rücken. Sie reckten sich, strampelten mit den Beinen, scharrten die Erde auf, hüpften, rannten fort und kamen wieder zurück.

(2253) Der Herr, den selbst Vishnu als Eber noch immer schwerlich erkennen kann, hatte die Gestalt einer Sau angenommen. Mit vor Liebe gesträubtem Haar umarmte und beschnupperte er sie, ließ sie an seinen weichen Zitzen trinken und schenkte ihnen große Kraft, mächtige Fähigkeiten, Erkenntnis, Würde und gute Eigenschaften. (2254) Nur ihre hohen Köpfe behielten die Schweinegestalt; alle anderen Glieder verwandelte er in menschliche Körper. Dann verschwand die ganz aus Erbarmen bestehende Gestalt des Herrn der Ganga, des Herrn der Götter und des Gemahls der fischäugigen Göttin. (2255) In diesem Leben wurde er ihre Mutter und ordnete auch ihre kommenden Leben zum Guten; selbst das Unverständige machte er verständig. Wer außer ihm könnte uns und alle unzähligen Lebewesen in jeder Geburt als Mutter und Vater beschützen?

Hier endet „45. Die Ferkel werden gesäugt“. Möge es glückverheißend sein.

46. Die Ferkel werden zu Ministern

(2256) So kam der Herr als Mutter zu den Ferkeln, die nach dem Verlust ihrer Eltern verzweifelt waren, und schenkte ihnen seine Milch. Nun erzählen wir, wie diese zwölf Söhne Minister wurden und schließlich nach Shivapura, der Stadt unseres Vaters, eingingen. (2257) Nachdem die heilige Gestalt des uranfänglichen Herrn verschwunden war, saßen die zwölf makellosen Prinzen mit ihren Eberköpfen gemeinsam auf jenem Berg. Sie strahlten wie zwölf Morgensonnen und waren Gelehrte, die viele Künste studiert und gründlich erforscht hatten. (2258) Während sie so lebten, fragte die Göttin mit milchsüßen Worten ihren Gemahl, damit alle erkennen sollten, dass die Gnade des heiligen Herrn von Kudal mit seinen rauschenden Wassern allen Wesen gemeinsam zugutekommt.

(2259) Diese Schweine gelten als unverständige Tiere, wilder als andere wilde Tiere. Warum erbarmtest du dich ihrer Jungen, als wären es deine eigenen, nahmst Tiergestalt an und gabst ihnen gnädig Milch, um ihre tierische Unwissenheit zu beseitigen? Darauf antwortete der Herr: (2260) Alle Veden und die verschiedenen Agamas nennen uns den, der allen Wesen voller Erbarmen ist. Bewusstes und Unbewusstes sind, recht gesprochen, für uns keine getrennten Bereiche; beides ist uns gleichermaßen zugehörig. Darum geschah es. (2261) Die zarten Schweinejungen hatten ihre Mutter verloren. Das Feuer schrecklichen Hungers verbrannte sie innen, die glühende Sonne außen; so lagen sie im Wald und verschmachteten. Über ihre Verwirrung empfanden wir Erbarmen, wurden ihre Mutter, säugten sie und erhielten ihr Leben.

(2262) Dadurch erlangten sie unermessliche Stärke, Fähigkeiten, seltene Bildung und Erkenntnis. Jetzt werden sie dem Pandya als Minister eines ungebogenen Zepters dienen, vielerlei Wohlstand mehren, die schwer lösbaren Fesseln abwerfen und schließlich unserer großen Schar angehören. (2263) Nachdem der Herr seiner Göttin diese Antwort gegeben hatte, erschien er in derselben Nacht dem Pandya im Traum: Höre, König! Auf dem Schweineberg wohnen zwölf siegreiche, überaus kluge Prinzen mit mächtigen Ebergesichtern. (2264) Nimm sie als deine Minister an! So gewährte das höchste Licht Shivas seinen Befehl. Der Pandya-König erwachte in ungetrübter Freude, während die Sonne das dunkle Meer mit seinen langen rollenden Wellen überquerte.

(2265) Er unterrichtete seine gelehrten Minister und sagte: Holt jene Eberhelden vom Berg! Die Minister des erbarmungsvollen Königs gingen hin, sahen sie und baten sie zu kommen. Die Helden erschienen darauf vor dem Pandya. (2266) Der König sah die großen Eberprinzen, die sich vor ihm verneigten, und empfand grenzenlose Freude. Er übertrug ihnen die Befugnisse des Ministeramtes und verlieh ihnen viele angemessene Ehren. Danach ordnete der Herrscher mit seinen wilden, gegen die Pfähle stürmenden Elefanten weiteres an. (2267) Nach der vorgeschriebenen Ordnung vermählte er sie in festlichen, glückverheißenden Hochzeiten mit den bildschönen Töchtern der bisherigen Minister. Er sorgte gut für sie; sie wiederum dienten dem König mit den Heldenfußringen wie sein Panzer und seine Augen.

(2268) Sie waren einig wie eine einzige Seele in zwölf Körpern. Festen Herzens übernahmen sie Aufgaben so willig wie eine Schlange die angebotene Beute verschlingt. Dem Pandya brachten sie Freude, gleich den guten Früchten, die umfassende Bildung gewährt. (2269) Ihre Worte waren wie duftender Honig in guter Kuhmilch. In vielen Schriften bewandert und von feinem Verstand sprachen sie ohne Fehl so, dass selbst die Herzen der Gegner aufjubelten. Aus den Worten vieler anderer konnten sie den Sinn prüfen und das Wesentliche aufnehmen. (2270) Sie wurden nicht überheblich: Wir sind alte Vertraute und gehören zum innersten Kreis! Vielmehr hielten sie sich bescheiden wie junge Diener. Was der König begehrte, begehrten sie selbst nicht, sondern mieden es wie Gift. Wie beim Feuer kamen sie weder zu nahe noch entfernten sie sich zu weit; sie waren ihm wie ein Schatten.

(2271) Sie vermieden widerrechtliches Handeln. Weder nahmen sie Geld, indem sie die Bevölkerung bedrängten, noch eigneten sie sich Güter an, indem sie gehorsame Gegner weiter verfolgten. Der Reichtum, den sie ihrem Herrn zuführten, bestand allein aus den ordnungsgemäßen Abgaben wohlhabender, ertragreicher Untertanen. (2272) Die Absicht des speertragenden Königs spiegelte sich in ihrem Herzen wie ein Bild in einem blanken Spiegel. Entsprach sie dem Dharma, führten sie sie aus. Tat sie es nicht, erwogen sie die Tat nicht einmal im Geist, selbst wenn ihnen dadurch Besitz und Leben verloren gingen. (2273) So mehrten diese zwölf täglich Freigebigkeit, Dharma und Ruhm des Pandya und verschafften ihm Siege in allen Richtungen. Dann gelangten sie nach Shivapura zum schlangengeschmückten Herrn und nahmen dauerhaft ihren Platz unter den Führern seiner Scharen ein. Auch der König der Könige erreichte die himmlische Stätte und weilte dort.

Hier endet „46. Die Ferkel werden zu Ministern“. Möge es glückverheißend sein.

47. Der schwarze Vogel erhält Unterweisung

(2274) Wir haben erzählt, wie der Herr mit dem dunklen Edelsteinhals, der von Pattirans Gesang gerührt ein Brett gab, die tapferen Schweinejungen zu Ministern des die Erde tragenden Königs machte. Nun berichten wir, wie ein schwarzer Vogel von Pashupati die Unterweisung des Gurus hörte und Gnade erlangte. (2275) Nachdem König Rajaraja zum König unter Himmelsbewohnern geworden war, regierte sein Sohn Suguna Pandya, stark wie ein gewaltiger Löwe und im Kampf ein Bezwinger der Feinde. Mit gerechtem Zepter beseitigte er das Leid der wasserumgebenen Erde und beschattete sie mit seinem milden Schirm. (2276) Ein mächtiger Mann hatte in einem früheren Leben viel Gutes, aber auch eine geringe Sünde getan. Durch deren unvermeidliche Wirkung wurde er als kleiner, unverständiger schwarzer Vogel geboren. Krähen und andere Vögel quälten ihn wie Todesboten, sodass sein Kopf von Blut tropfte.

(2277) Allen Vögeln unterlegen und voller Furcht vor Verletzung, konnte er in der Stadt nicht ruhig leben. Ängstlich floh er in den weiten Wald und setzte sich neben einem Weg auf einen Baum mit hängenden, honigtriefenden Blütenbüscheln. Von Scham überwältigt saß er erschöpft da und seufzte heiß. (2278) Ein Verehrer des Stierreiters kam in den Schatten dieses duftenden Baumes. Sein Körper war mit heiliger Asche bestrichen, er trug Rudraksha-Ketten, war innen und außen rein und hielt einen Schirm in der Hand. Sein Lebensweg war die verdienstvolle Pilgerfahrt zu heiligen Gewässern. (2279) Er setzte sich und sprach zu einigen Menschen: Weise erklären, dass unter den heiligen Orten, Gewässern und Gottesgestalten, die allen Segen schenken, das geliebte Tamil-Madurai, sein Goldlotos-Teich und der große Sundareshvara die vortrefflichsten sind.

(2280) Nirgendwo sonst auf Erden sind diese drei Vorzüge an einem Ort vereint. Andere Stätten besitzen jeweils eine besondere Herrlichkeit; die reiche Stadt Kudal aber ist in allen dreien berühmt. Welche andere Stadt könnte ihr gleichkommen? (2281) Dieser Maturesha ist denen leicht zugänglich, die ihm dienen und ihn preisen. Er legt ihnen alle ersehnten Gaben unmittelbar in diesem Leben in die Hand, klar wie eine Nelli-Frucht auf der Handfläche. Gottheiten anderer Stätten gewähren sie erst im kommenden Leben; darum ist er überlegen. (2282) Der schwarze Vogel auf dem Ast hörte dies und gewann Erkenntnis. Er verstand seine Geburt als Vogel und die übrigen Zusammenhänge. Was dieser rechtschaffene Mann gesagt hat, ist der sichere Weg, diese Geburt zu beenden!, entschied er und flog auf.

(2283) Er verließ den blütenreichen Wald und flog nach Kudal mit seinen goldenen Häusern. Er badete im heiligen Wasser des blühenden Goldlotos-Teiches, umkreiste den Gemahl der Göttin mit blumenrotem Mund und geschminkten Fischaugen und verehrte seine blütengleichen Füße mit einem liebegetränkten Herzen. (2284) Nachdem drei Tage so vergangen waren, verneigte sich unsere Herrin vor ihrem geliebten Gemahl und fragte: Herr, was tut dieser schwarze Vogel hier, und wie kam er her? Der Ursprüngliche erklärte der Reihe nach seine Geschichte und seine Ankunft. (2285) Der dreiäugige, nie blinzelnde Ursprung der Veden richtete seinen erbarmenden Blick auf den Vogel, der diese hingebungsvolle Ordnung befolgte. Er lehrte ihn den wahrheitsmächtigen Mrityunjaya-Mantra, mit dem er einst einem Knaben dauerndes Leben geschenkt und den herannahenden grimmigen Tod bezwungen hatte.

(2286) Sobald der Vogel den vom Unvergleichlichen gesprochenen Mantra hörte, wich sein beschränktes Verständnis. Die Knechtschaft weiterer Geburten löste sich; er legte seine Sorge ab und pries Haras Füße. (2287) Lob dir, Herr der unzähligen Wesen! Lob dir, dessen Flechten den kühlen Himmelsmond tragen! Lob dir, Frucht meines Verdienstes! Herr der schönen Fischäugigen, Lob deiner Gnade! (2288) Willst du sogar mich zu eigen nehmen, der an dem ohne Klarheit begangenen Bösen zugrunde geht? Immer wieder zu suchen: Wo sind die Schwachen?, und ihnen Erbarmen zu erweisen – so ist die Art deiner Gnade.

(2289) Weil ich früher Gutes getan habe, lehrst du mich in diesem Leben diesen Mantra. Weil er zum guten Weg des künftigen Lebens führt, besitze ich nun die Kraft des Wohls in allen drei Zeiten. (2290) Dennoch, Herr, bleibt mir eine Not. Alle bösen Vögel verletzen und quälen mich; meine Würde ist dahin. So schwach bin ich geworden, dass die Menschen, die mich sehen, mich verächtlich bemitleiden. (2291) Als der Vogel dies sagte, sprach unser Herr: Sei stärker als alle jene Vögel! Der Vogel verneigte sich erneut: Gewähre mir Törichtem bitte noch eine Gabe.

(2292) Dass du mich stark nennst, möge für mein ganzes Geschlecht gelten. Erbarme dich, damit wir alle immer wieder deinen klangvollen Mantra rezitieren und damit unsere Not besiegen können! (2293) So geschehe es!, sagte der Herr der Götter. Er erklärte ihm den in drei Silben vollendeten Mantra, seine Gottheit, seinen Seher, sein Versmaß und seine drei unablässig gewahrten Tonhöhen. [Die Formel selbst wird hier nicht ausgeschrieben.] (2294) Der Vogel mit dem spitzen Schnabel übte die Guru-Unterweisung. Durch die vom Urherrn der seltenen Veden geschenkte Kraft erhielt er samt seinem Geschlecht auf Erden den Namen Valiyan, der Starke, überlegen gegenüber anderen Vögeln. Er selbst erreichte die klingenden goldenen Füße des Herrn mit dem dunklen Edelsteinhals.

(2295) Die Gabe, die der schwarze Vogel durch seine eigene Askese gewonnen hatte, kam auch seinen Verwandten mühelos zugute. So machte er das alte Sprichwort der Weisen sichtbar: Wenn ein würdiger Mensch zu Wohlstand gelangt, gedeiht mit ihm seine ganze Sippe. (2296) Niemand ist so schwach wie jene, die die Füße Shivas nicht lieben; niemand so stark wie jene, die sie lieben. Dieser schwarze Vogel war ohne solche Liebe schwach umhergeirrt. Durch seine Liebe zu Shivas Füßen wurde er stärker als andere Lebewesen.

Hier endet „47. Der schwarze Vogel erhält Unterweisung“. Möge es glückverheißend sein.

48. Der Reiher erhält Befreiung

(2297) So schenkte der schöne Herr im von Elefanten getragenen Vimana dem hingebungsvollen Vogel die Vollendung des Mantras. Nun erzählen wir von der Gnade, mit der er einem Reiher Befreiung gewährte. (2298) Im Süden des Landes der wasserreichen Vaigai lag eine wohlhabende Siedlung mit hohen Häusern. Dort befand sich ein Lotosteich, dessen Blüten den Bienen, die wie eine gespannte Yazh summten, reichlich Honig darboten. (2299) An diesem tiefen Teich lebte ein schlichter Reiher mit roten Beinen. Er verschlang die dortigen Fische und verweilte an der Furt, wo ringsum Muscheln Perlen hervorbrachten.

(2300) Eine Zeitlang fiel kein Regen. Der weite Teich mit seinen duftenden, rotblättrigen Lotosblüten trocknete aus – als trockne damit zugleich das Meer beider Arten von Karma des Reihers aus, der an seinem Ufer wohnte. (2301) Der Reiher mit kräftigen, wie dichter Schaum weißen Flügeln verließ den Teich auf der Suche nach Nahrung und flog rasch in einen Wald. Dieses Gehölz war die Wohnstätte makelloser Menschen. (2302) Dort lebte der große Weise Sattiyatapa mit einer Schar befreiter Asketen. Im Meer reiner Seligkeit badend hatte er die Befleckung seines Geistes abgewaschen und war ganz in Shiva aufgegangen.

(2303) Dort lag ein quadratisch angelegter Teich, dessen Seiten etwa eine Rufweite maßen. Ringsum führten geordnete Stufen ins Wasser; eine kühle Halle für die Dämmerungsandacht stand schützend an ihm. (2304) Außen wuchsen viele duftende Bäume: Champaka, Patiri, Vengai, honigreiche Vanji, Ilanji, Kura, Mara, Reihen von Kinshuka und hohe Maruta-Bäume sowie weitere Arten. (2305) Die Welt nennt diesen Teich Accho-Tirtha. Der Reiher, der von Nahrungssuche angetrieben hergeflogen war, ließ sich an seinem Ufer nieder.

(2306) Immer wenn die einsichtigen großen Asketen in diesem heiligen Teich badeten und wieder auftauchten, sah er Fische in ihren langen, über die Schultern fallenden Haarflechten springen und sich wälzen. (2307) Welche Askese müssen diese Fische geübt haben, dass sie die heiligen Körper solcher Asketen berühren dürfen? Diese Fische sind keine Nahrung für uns!, dachte der hungrige Reiher. Er wies sein Verlangen zurück und blieb dort. (2308) Die gleichermaßen asketischen Weisen stiegen nach dem Bad heraus, vollendeten ihre täglichen Pflichten und setzten sich in die Andachtshalle. Dort rezitierten sie das Kudal-Purana des Herrn mit goldenen Flechten, der eine strahlende Krone getragen und als König die Welt beschützt hatte.

(2309) Sie erläuterten die gnädigen Spiele unseres Herrn, die Herrlichkeit des uranfänglichen Gottes, der alten Stadt Kudal und ihrer unermesslich heiligen Gewässer; auch erklärten sie, wie leicht der Herr für jene erreichbar ist, die sich ihm zuwenden. Der dort lebende Reiher hörte zu. (2310) Sein törichtes Verständnis wich, er warf die Fesseln mächtigen Karmas ab und gewann feste Erkenntnis. Die Liebe zu den Füßen Shivas, des höchsten Lichtes, zog ihn empor und rief gleichsam: Komm! Er erhob sich und erreichte die einzigartige Stadt Kudal mit ihren breiten hohen Häusern. (2311) Er badete im von kreisenden Wellen umgebenen Goldlotos-Teich, verneigte sich vor dem Herrn im von himmlischen Elefanten getragenen Vimana und umkreiste ihn. Er schaute dessen von Gnade erfüllten Blick, verweilte vor ihm und meditierte im Innern über seine Gestalt grenzenlosen Erbarmens.

(2312) Fünfzehn Tage befolgte er diese Ordnung. Am nächsten Tag kam der Reiher wieder zum Baden an den Goldlotos-Teich innerhalb der festen Mauern. Von Hunger verzehrt dachte er: Ich will die Fische fangen und essen, die dort wie blitzende Speere springen. (2313) Nur kurz dachte er dies; durch die Kraft der Gnade des Herrn erwachte seine Einsicht erneut. Ach, selbst hier in diesem großen heiligen Gewässer steigt in mir die Lust auf, springende Fische zu fressen! Wann wird diese Geburt endlich enden? Von tiefer Bekümmernis ergriffen wandte er sich wieder dem Herrn zu. (2314) Er versenkte seinen Geist voller Liebe in die beiden Lotosfüße des schönen Herrn. Da erschien ihm der, den selbst die Huldigungen der Götter und Veden schwer erreichen, in genau der Gestalt seiner Meditation: Uns lieber Freund, welche Gabe wünschst du? Sprich!

(2315) Der schlichte Reiher mit den roten Beinen trat heran und verneigte sich: Herr, durchschneide diese Geburt! Lass mich gerettet werden und in Shivaloka wohnen, wo deine wahrhaft Ergebenen leben. Noch eine weitere Bitte habe ich. (2316) Sein törichtes Verständnis wich, er warf die Fesseln mächtigen Karmas ab und gewann feste Erkenntnis. Die Liebe zu den Füßen Shivas, des höchsten Lichtes, zog ihn empor und rief gleichsam: Komm! Er erhob sich und erreichte die einzigartige Stadt Kudal mit ihren breiten hohen Häusern. [Die elektronische Quelle wiederholt hier Vers 2310; die erwartete Fortsetzung seiner Bitte fehlt an dieser Stelle.] (2317) Gewähre die gute Gabe, dass in diesem Teich keine Fische mehr leben!, bat er. Der Herr der großen Silbernen Halle gewährte den Wunsch und verschwand. Der Reiher ging nach Shivaloka ein.

(2318) Während die fünf Arten von Instrumenten erklangen, stieg er auf einem Himmelswagen empor, schön mit vier Armen und drei Augen. In einen gewaltigen himmlischen Blumenregen getaucht erreichte er die mächtige Schar Nandis und blieb dort. (2319) Seit jenem Tag bis heute leben im schönen Blütenteich, den man Goldlotos nennt, weder springende und umherschwimmende Fische noch andere Wassertiere. [Der Satz der Vorlage ist verkürzt; der Sinn ergibt sich aus dem gewährten Wunsch.] (2320) Der Reiher wünschte, dass nicht nur seine eigene Sippe, sondern auch andere Vögel wie er die gute höchste Stätte erreichten. Was ist erstaunlicher: seine Liebe oder Shivas Gnade? Gewiss, der Herr, der für seine Verehrer selbst die Gestalt der Seligkeit ist, ist ihnen leicht zugänglich.

(2321) Auch Suguna jätete das Unkraut gewalttätiger Übeltäter aus und ließ auf Erden die große Saat des Dharma wachsen. Er gewährte ihre Früchte reichlich, genoss sie und gelangte schließlich in den erhabenen Himmel, wo er blieb.

Hier endet „48. Der Reiher erhält Befreiung“. Möge es glückverheißend sein.

49. Die Stadt erhält den Namen Tiruvalavay

(2322) Wenn wir den Ruhm des Herrn von Alavay besingen dürfen, wünschen wir diese menschliche Geburt: Er hat den Sohn, der einen Hymnus sang, um den Pandya-Körper nach dem schändlichen Feuer der Mattengewandeten zu kühlen; seine Ohren gewähren Zuflucht und Erholung, die unermesslichen acht Richtungen sind sein Gewand, goldene Konrai-Blüten seine Girlande und giftige Schlangen sein Schmuck. [Die Mattengewandeten bezeichnet hier polemisch die Jainas.] (2323) Die Besitzlosen nennen die Lotosfüße der Herrin ein Floß über das Meer der sieben Geburten. Vor Brahma, Vishnu, Göttern, Menschen, gelübdetreuen Yogis und großen Asketen lächelte sie leicht, als der Herr von Kudal bei der Hochzeit ihren Fuß mit seinen beiden heiligen Händen auf den Mahlstein setzte. (2324) So gewährte der Eine, den selbst die laut rezitierten Veden nicht ergründen, dem nach Fischen umherziehenden Reiher seine eigene Welt. Nun erzählen wir, wie der Herr mit dem blauedelsteinfarbenen Hals durch seine Gnade das hohe, vierfach überdachte Kudal zu Alavay machte.

(2325) Nach Suguna, dessen kräftige Schultern den prächtigen Meru übertrafen, folgten Chitravirata, Chitrabhushana, Chitradhvaja mit starken Wagen, der siegreiche Chitravarman, Chitrasena mit mächtigen Schultern und der ruhmreiche Chitravikrama. (2326) Dann kamen Rajamartanda mit juwelenreichen Wagen, Rajachudamani mit geschmückter Krone, Rajashardula Pandya, der einem wunscherfüllenden Edelstein gleiche Dvijarajakulottama und der unaufhaltsam siegreiche Ayodhanapravina mit edelsteinbesetztem Goldschmuck. (2327) Es folgten Rajakunjara von unaussprechlicher Stärke, Paravirajabhayankara, Ugrasena mit duftender grüner Girlande, Shatrunjaya, der die Erde auf siegreichen Schultern trug, und Bhimaparakrama Pandya, der mächtige König mit gewaltigen Wagen.

(2328) Dann kamen Pratapamartanda, mit der armreifengeschmückten Siegesgöttin vereint und im Bogenschießen ein Bezwinger der Feinde; Vikramakanchuka mit seinem Wagen; Samarakolahala, der mit siegreichem Speer feindliche Schlachten gewann; und Atulavikrama, dessen Geist den Neid getilgt hatte. (2329) Zuletzt kam der schön geschmückte Atulakirti. Diese zweiundzwanzig Könige folgten einander als Söhne und schützten die Welt. Dem untadeligen Atulakirti Pandya wurde Kirti Bhushana geboren und brachte ihm überströmende Freude. Während dieser regierte, geschah Folgendes. (2330) Die sieben dunklen Meere überschritten ihre schützenden Ufer, brüllten, schwollen gemeinsam an und stürmten zornig hervor. Die große Auflösung erfasste Himmel und Erde, die acht kämpferischen Richtungselefanten, die acht goldenen hohen Berge und den mächtigen umschließenden Weltenberg.

(2331) In jener gewaltigen Meeresflut gingen die sonst dauerhaft bestehenden großen Landschaften und die sieben Inselkontinente unter. Alle auf ihnen lebenden beweglichen und unbeweglichen Wesen sowie die verschiedenartigen Berge mit ihren hohen Gipfeln fanden ihr Ende. (2332) Unzerstört blieben jedoch der Tempel der Göttin mit honigsüßen Worten und langen Fischaugen, das vom Himmel herabgekommene Vimana, der Goldlotos-Teich sowie die aus den göttlichen Spielen hervorgegangenen Berge: der bewaldete Stierberg, Elefantenberg, Schlangenberg, Kuhberg und Schweineberg. (2333) Als das Flutwasser zurückging, ließ der uranfängliche Vedische die Welt wieder so entstehen wie zuvor. Er schuf Götter und Menschen, Vögel und Tiere und auch wieder die tamilischen Könige aus den unerschütterlichen Geschlechtern der drei leuchtenden Gottheiten Sonne, Mond und Feuer.

(2334) Im Meer des Mondgeschlechts erschien König Vangiya Shekhara Pandya wie der Mond, dessen Licht mit allen vierundsechzig Künsten voll aufstrahlt. (2335) Der König mit geschmückten Fußringen errichtete um den mauerumgebenen Tempel ihres Herrn eine kleine, glänzende, gut geschützte Stadt. Wie ein Löwe unter Menschen beschützte er die Erde. (2336) Weil er nach Manus Ordnung gerecht regierte, floh der Feind Kali mit seiner Falschheit. Sein Land brachte vielerlei Reichtum hervor, und die wahrhaft lebende Bevölkerung wuchs von Tag zu Tag.

(2337) Bald reichte der Raum nicht mehr aus, um die immer größere Menschenmenge zusammen unterzubringen. Da ging der König mit seiner honigtriefenden Girlande zum reichen Tempel des Herrn mit der Mondsichel. (2338) Er verneigte sich vor dem Herrn mit dem gefleckten Hals, faltete die Hände und sprach: Gebieter, durch die Kraft deiner Gnade trage ich die Last dieser Erde. Doch jetzt ist mir hier ein Mangel entstanden. (2339) Ich möchte eine Stadt errichten, in der alle diese Menschen wohnen können. Aber ich finde die Grenzen nicht, die dieser Stadt am Anfang gesetzt wurden. Zeige sie mir heute so, dass ich sie ohne Zweifel erkenne!

(2340) Der Herr, feiner als selbst der feinste Gegenstand, erhob sich aus dem vom Himmel gekommenen Vimana. Der festen Liebe des Pandya leicht zugänglich, trat er als Siddha hervor, ein Meer heiliger Gnade. (2341) Schlangen bildeten seinen Hüftgürtel und sein Lendentuch; grün glänzende Schlangen dienten als heilige Schnur und gekreuzter Brustschmuck. Giftige, weitmäulige Schlangen waren seine Ohrgehänge, seine Fußglöckchen und deren Schnüre; Schlangenarmbänder schmückten seine Hände. So kam er. (2342) Der Yogi blieb bei der großen Halle stehen und blickte die giftmäulige Schlange an, die seine schöne Hand umschlang: Miss diesem König die Grenzen dieser großen Stadt aus und zeige sie ihm! Die glänzende Schlange verneigte sich vor seinen Füßen und bat:

(2343) Erbarme dich, dass diese große Stadt durch den Namen deines Dieners bekannt werde! Das schöne Meer des Erbarmens stimmte freudig zu: So soll es sein! Langsam glitt die furchterregende, zornige Schlange dahin. (2344) Sie bewegte sich nach Osten, streckte ihren glänzenden Schwanz aus und legte ihren Körper rechtsläufig um die große Stadt. Dann nahm sie den Schwanz ins Maul und zeigte dem siegreichen Speerkönig den Grenzring. Anschließend kehrte sie als Armband an Haras Hand zurück. (2345) Der Siddha begab sich wieder in seinen Tempel. Der Pandya errichtete eine Mauer entlang des von der Schlange mit der ausgebreiteten Haube bezeichneten Verlaufes. Die wolkenumhüllte Mauer glich dem gewaltigen Chakravala-Berg, als hätte man ihn ausgegraben und hierher versetzt.

(2346) Als Bezugspunkte der vier großen Tore bestimmte er im Süden Parankunram, im Norden den Stierberg, im Westen die Stadt Edakam und im Osten Puvanam mit seinen Hainen, die den goldenen Himmel zu durchstoßen scheinen. (2347) Diese lange Mauer nennt man die Alavay-Mauer. Auch die Stadt mit den feuchten, weiten Gärten erhielt den Namen Alavay. Der König mit klingenden Fußringen sah die goldene Stadt nun wieder in ihrer früheren Gestalt vor sich. (2348) Er erneuerte Fahnen, lange Mauern, Hallen, Tortürme, Straßen und duftende Blumengärten. Er ließ aus strahlenden Edelsteinen ein hohes Gewand und eine Krone sowie vielerlei anderen Schmuck anfertigen, den der Herr tragen sollte.

(2349) Er siedelte zahlreiche Familien verschiedener Gemeinschaften an und ließ die mächtige Stadt so reich gedeihen, dass sie selbst Indras himmlische Hauptstadt übertraf. So wirkte dieser Nachfolger des alten Kulasekhara. Hier endet das Kapitel über die Entstehung Tiruvalavays. Möge es glückverheißend sein.

50. Der Pfeil mit Sundaras Namen

(2350) So nahm der schöne Herr Schlangenschmuck und eine gnädige Gestalt an und ließ mit seiner giftigen Armschlange zur Freude des Königs die geschützte Stadt abstecken. Nun berichten wir vom Sieg, den der muschelohrgeschmückte Herr mit scharfen Pfeilen errang, auf die er seinen vom Pandya verehrten Namen schrieb. (2351) Unter dem weißen Schirm Vangiya Shekharas mit seinem langen, wilden Fischbanner fand die von klaren, schiffbefahrenen Meeren umgebene Erde Schutz. Die makellose Göttin im roten Lotos und die Göttin auf dem festen weißen Lotos lebten dort unablässig in glückverheißender Fülle. (2352) Vikrama Chola, von einem tapferen Elefantenheer umgeben, hatte seine Gegner ihrer Kraft beraubt und zu seinen Füßen niedergeworfen. Mit Sieges- und Blumengirlanden geschmückt, schwor er, den Herrn des Mondgeschlechts zu bekämpfen. Mit einem Heer, dem unerschöpflich tiefen Meer vergleichbar, erhob er sich zur Schlacht.

(2353) Die nordischen Könige Gajapati, der grimmige Narapati, der Herr springender Pferde und andere Herrscher mit mächtigen Schultern brachten starke Heere mit. Unter dem Donner ihrer Instrumente bestieg der Chola seinen Wagen und zog von seiner Stadt an der fruchtbaren Kaveri los. (2354) Die wilden Soldaten des brüllend heranziehenden Chola drangen in das Land des Mondgeschlechts ein, raubten schöne Rinderherden und trieben Verwüstung. Sie zerstörten volle Bewässerungsteiche, fingen die zur Stadt gebrachten Waren auf den Straßen ab und verbreiteten Angst. So eröffneten sie den Krieg. (2355) Der Pandya erfuhr es und dachte: Was sollen wir nun tun? Das mächtige Heer des Chola ist unermesslich; ihm entgegenzutreten und zu kämpfen ist für mich schwer. Ich will vor den Füßen unseres Vaters, des vollkommen schönen Herrn mit Mondsichel und Ganga, diese Not vortragen und seine Gnade erbitten. Er ging zum Tempel.

(2356) Er trat ein und verneigte sich: Gnädiger Herr, Vikrama ist mit einer Schar fremder Könige gekommen, um mich zu bekämpfen, und hat ein Lager aufgeschlagen. Ich besitze kein gleichwertiges Heer. Wenn die herandrängenden Streitkräfte übermächtig sind, gibt es für mich eine andere Zuflucht als dich? (2357) Was soll ich jetzt tun?, bat der Pandya. Der Ursprüngliche sprach gnädig als körperlose Stimme aus dem Himmel: Ziehe zuerst selbst gegen ihn in den Kampf. Danach kommen auch wir, stehen dir bei und kämpfen, damit der Sieg dir gehört. Fürchte dich nicht! (2358) Voll Freude, mit Tränen in beiden Augen und gefalteten roten Händen verehrte der König den heiligen Herrn mit dem Abendmond in den Flechten. Noch bevor er hinausging, kam ein Kundschafter und meldete: Vikramas grimmiges Heer ist bis zum Stierberg herangerückt. [Die Ortsform der Vorlage ist beschädigt.]

(2359) Viele Instrumente des Königs erschallten, rechtsgewundene Muscheln dröhnten. Er bestieg seinen von Pferden mit schwingenden Mähnen gezogenen Wagen; der Lenker trieb ihn schneller als Gedanken vorwärts. Ringsum bewegten sich gezäumte Elefanten wie Meereswogen, Pferde, himmelhohe Wagen und Heldenscharen mit duftenden Girlanden. (2360) Außerhalb der vermessenen Ringmauer von Tiruvalavay hatte sich das lange Chola-Heer wie ein Meer ausgebreitet. Dagegen rückte das tosende Heer des Pandya mit Vanji-Blüten heran. Die beiden Heere trafen aufeinander, schworen Siegesgelübde, ordneten ihre Reihen und kämpften, bis das Feld von Schlacht erfüllt war. (2361) Wagenkämpfer auf berggleichen Wagen trafen auf ihresgleichen; Krieger auf dunklen, rasenden Elefanten auf gleiche Gegner; Reiter auf Pferden mit gestutzten Mähnen auf andere Reiter. Sie schleuderten feurige Waffen aus den Händen und kämpften wie blitzende Gewitterwolken.

(2362) Bogenschützen mit stark gekrümmten Bogen kämpften gegen Bogenschützen, Speerträger mit giftigen Spitzen gegen Speerträger, Männer mit Schild in der linken und Schwert in der rechten Hand gegen gleich Bewaffnete. Sie rangen miteinander wie Löwen mit Löwen. (2363) Der Pandya trug wie die Weltschlange die Last des Erdlotos. Auf seinem Wagen mit kräftigen Pferden fuhr er dem Chola entgegen; Kriegstrommeln dröhnten, und beide kämpften dicht aufeinander in harter Schlacht. Es glich dem Mond, der auszog, um mit der Sonne zu streiten. (2364) Das Getöse springender Pferde, der Elefanten mit strömendem Brunstsaft, der angetriebenen Wagen, der aufeinanderprallenden Waffen, der schreienden Krieger und ihrer klingenden Fußringe schwoll an. Die einzelnen Klänge waren nicht mehr zu unterscheiden; alles wurde ein einziges gewaltiges Dröhnen.

(2365) Die grimmigen Elefanten schwangen ihre Rüssel wie zuckende scharfe Schlangen. Wie wasserschwere Wolken aufeinanderstürzen, krachten sie zornig zusammen. Eiserne Keulen wurden wie Donnerkeile gehoben und geschleudert; die getroffenen Tiere stürzten nieder, während Blut und Leben aus ihnen strömten. (2366) Manche wehrten Pfeile ab; traf ein weiterer ihre Brust oder Schulter, lächelten sie über den Mut des Schützen und bewunderten seinen Erfolg. Andere erkannten die Flugbahn heranrasender scharfer Speere und zerschnitten sie mit geworfenen Schwertern in mehrere Stücke. (2367) Lange wichen beide Heere nicht zurück und kämpften gleich stark. Dann vereinte der Chola seine große Armee mit den Heeren der verbündeten Nordkönige und griff an wie das vom Sturm angefachte Feuer am Weltende. Da zerbrach das Heer des Pandya.

(2368) Krieger verloren ihre blitzenden Schwerter und Bogen, Lenker ihre geschmückten Wagen, Elefanten und Pferde. Der Pandya hat seine Kampfkraft verloren; der Sieg gehört mir!, dachte der Chola hochmütig, hob seine Muschel und ließ sie ertönen. (2369) Da erschien wieder jener Jäger, der einst den Schatten einer kühlen Wasserhalle gewährt und die Feinde in eine Grube gestürzt hatte. Als ehrenvoller Jägerkönig wurde er nun der Hüter des Heeres des Pandya, dessen Kraft schwand und dessen Geist in Sorge versank. (2370) Der Jäger, dessen Bogen ein Berg ist, spannte seine Waffe. Auf scharfe Pfeile schrieb er seinen Namen Sundareshan und schoss sie zielsicher in das Heer dessen, der siegessicher mit Kranz und dröhnender weißer Muschel dastand.

(2371) Jeder dieser scharfspitzigen Pfeile tötete hundert und hundert kampferprobte Feinde. Der Chola mit seinem grimmigen Speer sah es und staunte: Woher hat ein einziger solcher Pfeil diese gewaltige Kraft? Ein Verdacht stieg in ihm auf. (2372) Bringt mir einen dieser scharfen Pfeile!, befahl er und las die Schrift: Darauf steht Sundareshan. Das ist die Hilfe, die der Herr von Alavay dem Pandya gewährt! Voll Furcht wollte der Herr des Kaveri-Landes umkehren und abziehen. (2373) Doch die verbündeten Männer des Nordens, Türken, Ottiyar und andere, umringten ihn: Bleib! Zornig tadelten sie ihn: Du brichst den Kampf ab und fliehst? Wenn das deine Absicht ist, wer besitzt dann noch Mannhaftigkeit? Was wird aus deiner Ehre? [Die ethnischen Bezeichnungen folgen der Quelle.]

(2374) Geh nicht fort, komm mit!, riefen sie und erhoben sich wütend mit Donnergeschrei. Sie rückten gegen das Heer des bergschultrigen Pandya, spannten ihre Bogen bis zum Äußersten und schossen aus verschiedenen Stellungen Pfeile, schneller als Worte, in dichten Schwärmen. (2375) Der dreiäugige Herr mit der giftgefärbten Kehle stand als Krieger mit alten Wundnarben auf der Brust da. An seinen großen Bogen, dem einst geführten Bergbogen vergleichbar, legte er einen Pfeil. Dieser vernichtete die brennenden Geschosse der Gegner; dann tat er weiteres. (2376) Mit zehn Pfeilen brachte er tausend Pferdewagen zu Fall; mit zehn Pfeilen tötete er tausend wilde Elefanten; mit zehn Pfeilen erschlug er tausend springende Pferde; mit zehn Pfeilen bezwang er tausend Männer.

(2377) Mit hundert Pfeilen traf er zehntausend wilde Pferde; mit hundert Pfeilen überschüttete er zehntausend wilde Elefanten; mit hundert Pfeilen zerstörte er zehntausend Wagen; mit hundert Pfeilen tötete er zehntausend Krieger. (2378) Mit tausend Pfeilen tötete er hunderttausend Pferde; mit tausend Pfeilen bezwang er hunderttausend Elefanten; mit tausend Pfeilen stürzte er hunderttausend Wagen; mit tausend Pfeilen vernichtete er hunderttausend Männer. (2379) Schultern und Beine wurden abgetrennt, Köpfe zerschmettert; die Körper der Toten fielen zur Erde. Tumbai-Girlanden wurden zerrissen, rasende Elefanten starben, springende Pferde verendeten, Wagen mit ihren verzierten Vorderteilen brachen. Das übrige Heer wich zurück.

(2380) Viele abgeschlagene Köpfe sprangen, als wollten sie den schon vorangegangenen Seelen durch die Sonnenscheibe folgen. Von Pfeilen und Schwertern getroffen fielen sie schreiend nieder; kopflose Rümpfe tanzten. Halb tote Körper standen noch und klatschten dazu scheinbar den Takt. (2381) Selbst nachdem ihre Köpfe zur Erde gefallen waren, stießen kopflose Körper mit den Speeren in ihren Händen noch nach den Tötenden. Die geworfenen Köpfe bewegten den Mund wie beim Kuravai-Gesang, bissen die Zähne zusammen und fielen. Kopflose Rümpfe standen da und schlugen sich auf die dunklen Brüste. (2382) Zwei Köpfe, die nebeneinander fielen, schienen Freundschaft zu schließen. Mit hell blinkenden Zähnen lächelten sie einander an: Auch du bist gekommen, ohne dich von mir zu trennen! Sie schienen zärtlich miteinander zu sprechen, einander zu beschnuppern, zu singen und zu tanzen.

(2383) Adler vom Himmelsweg, Krähen wie Haufen dichter Finsternis und starke Geier flatterten über den Körpern der auf dem grausamen Schlachtfeld Gefallenen. Es war, als stünden Diener neben ihnen und schwenkten große Fächer, um ihre Hitze zu lindern. (2384) Wagen trieben in der Blutflut; wilde Dämonenkinder tauchten darunter und kippten sie um. Sie glichen Schiffen, die auf dem klaren Meer zerbrechen, und Haien, die gegen sie springen und sie zum Kentern bringen. (2385) Schakale zogen heulend an einer Seite der Leichen, dunkle Raubvögel pickten und zerrten an einer anderen. Reihen dickbäuchiger, feueräugiger Dämonen rissen von einer Seite, Gespenster von der anderen. So schienen die Körper wie von einem fünfteiligen Fanggerät gezogen. [Der letzte Vergleich bleibt unsicher.]

(2386) Das Elefantenschlachtfeld glich der Küche der Siegesgöttin: Die breiten Ohren waren Worfelkörbe, die sternengleichen Perlen aus den Stoßzähnen Reiskörner, die Füße Mörser, die starken Stoßzähne Stößel, die Körper Kochgefäße, das Blut Wasser und die mächtigen Köpfe Herdstellen. (2387) Ein Dämon schob Leichen zusammen und ließ den Strom aus Wundblut anschwellen. Er stieß die fressenden Gespenster fort, brach eine Uferbegrenzung auf, fing die mit Fett daherströmende Flut mit beiden Händen und trank sie mit vollem Mund – wie einst der Dämon, der die Vaigai austrank. (2388) Die fremden Könige mit ihren selbst Eisenfeilen spaltenden Speeren, die dem Chola zur Hilfe gekommen waren, starben an den beschrifteten Pfeilen des Heiligen von Kudal, der höchsten Stadt. Sie glichen Sandelbäumen, die neben einem Giftbaum stehen und mit ihm vom rasenden Feuer verzehrt werden.

(2389) Wie Bienenschwärme umringten wilde Gespenster die von den Pfeilen des Herrn mit makelloser Einsicht Getöteten. Zornige Adler, Krähen und Geier packten und zerrten; laut schreiend begannen sie, gegeneinander zu kämpfen. (2390) Der Chola sah sein prahlerisches Heer im Pfeilstrom des grimmigen Jägerherrn versinken und zugrunde gehen. Bestürzt floh er mit den Resten seiner Truppen, begleitet vom Spott der Feinde und vom Erlöschen seines kriegerischen Ruhms. (2391) Der Jägerkönig mit dem mächtigen Bogen, einer Wolke mit Regenbogen gleich, blickte in das aufblühende Gesicht des kampferprobten Pandya. Ein kleines gnädiges Lächeln erschien wie der Mond in der Nacht. Dann verschwand seine angenommene Gestalt wie der Streit eines vorüberziehenden Gewitters.

(2392) Der Pandya mit der grünen Girlande, deren Honig singende Bienen trinken, setzte die Siegesmuschel an den Mund und blies sie. Er bestieg den Rücken eines Elefanten und zog in die lange ummauerte, von Wasser umgebene Stadt ein. Frauen mit bis zu den Ohrgehängen reichenden Augen trugen ihm reichlich Glückszeichen entgegen. (2393) Vangiya Shekhara stiftete dauernde, vortreffliche Verehrung für den göttlichen Krieger, der durch seine Bogenkunst Sieg und Wohlstand geschenkt hatte. Er legte ihm edelsteinbesetzten Goldschmuck an und ließ aus strahlenden Juwelen einen Bogen wie den Meru sowie scharfe Pfeile mit wiederholter Namensinschrift herstellen. Über die vom tiefen Meer umgebene Welt führte er fortan sein weithin reichendes, den Dharma mehrendes Zepter. Hier endet das Kapitel vom Pfeil mit dem Namen Sundara. Möge es glückverheißend sein.

51. Die Planke der Dichterversammlung wird gewährt

(2394) Wir besangen, wie der Herr mit dem Meru-Bogen als Jäger erschien, Pfeile mit seinem Namen schoss und die kämpfenden Feinde des Pandya vertrieb. Nun erzählen wir, wie er den Sangam-Dichtern ein Brett schenkte, sich ihnen als ihresgleichen anschloss und den Reichtum des dreifachen Tamil offenbarte. (2395) Während Vangiya Shekharas Zepter herrschte, vollzog Brahma auf seinem vielblättrigen Lotos in Kashi, der jungfräulich geschützten Stadt an den schönen Ganga-Furten, zehn Pferdeopfer nach vedischer Ordnung. Die Erhabenen freuten sich darüber. (2396) Am Tag nach ihrer Vollendung wollte er im reinen Wasser baden. Er ging zur weithin rauschenden Ganga mit Vani, deren lange Vina Saitenmusik hervorbringt, mit Savitri und mit Gayatri, der Verkörperung der erhabenen vedischen Mantra-Melodie.

(2397) Unter diesen drei duftend gelockten Frauen blieb die Herrin der Rede zurück. Ihr Herz folgte dem Gesang einer Vidyadhara-Frau, die durch den Himmel zog. Der auf dem Lotos geborene Weise ging unterdessen weiter und erreichte das Flussufer. (2398) Weil die Göttin der Sprache sich verspätete, badete der Herr des Lotos mit den beiden anderen Frauen und stieg ans breite Ufer. Da kam die Göttin der Dichtung und zürnte: Wie konntest du ohne mich baden? Der Herr auf der Blüte antwortete: (2399) Der Fehler liegt bei dir; warum zürnst du uns? Diese Verfehlung soll dich in unzählige menschliche Geburten führen! So sprach er den Fluch aus. Die Frau mit goldenen Armreifen erschrak, klagte und wurde von Schmerz erfüllt.

(2400) Du, der körperliche Leiden überstiegen hat, ich bin doch die Gefährtin deines kostbaren Lebens! Soll ich in menschlichen Geburten verwirrt umherirren? Der viergesichtige Herr blickte die Göttin des weißen Lotos an, in dessen Honig versunkene Bienen wie Veden rezitieren, und sprach, um ihr Leid zu lindern: (2401) Von den einundfünfzig ursprünglichen Lauten, die deinen Leib bilden, Frau mit knospenden Brüsten, sollen die achtundvierzig berühmten Laute von langem A bis Ha als achtundvierzig Dichter in der vom tiefen Meer umgebenen Welt geboren werden. [Die Zählung folgt der im Text vorausgesetzten Lautordnung.] (2402) Über all diesen Lauten steht das kurze A, das ihre wirkliche Beschaffenheit trägt und ihre verschiedenen Bewegungen ermöglicht. Unser Herr von Alavay, dem Ort des dreifachen Tamil, ist der Urgrund dieses A. Entsprechend wird auch er handeln.

(2403) Er wird selbst die heilige Gestalt eines Dichters annehmen, den großen kostbaren Sangam-Sitz besteigen und als neunundvierzigster unter ihnen wohnen. In jedem wird er innerlich Erkenntnis aufleuchten lassen und ihre Gelehrsamkeit freudig beschützen. So sprach der Lotosgott. (2404) Die achtundvierzig Laute wurden auf diese Weise einzeln als Menschen geboren. Sie erforschten die vielen Arten der Künste, das umfassende Sanskrit und die übrigen achtzehn Sprachen und gelangten durch feines Verständnis der südlichen Tamil-Kunst zu höchster dichterischer Meisterschaft. (2405) Neben vielerlei Schmuck mit reinen Edelsteinen und Diamanten trugen sie prächtige Rudraksha-Ketten; ihre Körper waren mit mondheller Asche bestrichen. Shiva verehrten sie nicht nur mit fehlerlos erkannten Girlanden edler Worte, sondern auch mit sorgfältig gewählten frischen Blumengirlanden.

(2406) Sie zogen von Land zu Land und siegten durch ihre Gelehrsamkeit. Schließlich gelangten sie in das fruchtbare Land der kühlen, breiten Porunai und näherten sich Madurai, wo das gerechte Zepter des reichen, von der Erdgöttin begünstigten Pandya Wohlergehen schenkte. (2407) Da kam unser Vater, der wunderbare Herr von Alavay, der als Frucht aller in vielen Künsten bewanderten Schriften besteht. Er nahm die Gestalt eines gelehrten, durch Studium und Hören reichen Mannes an; seine Füße, jenseits von Wort und Bedeutung, berührten die weite Erde. (2408) Er blickte die Ankommenden an: Wer seid ihr, und woher kommt ihr? Sie antworteten: Herr, stark wie ein wilder Stier, wir sind Gelehrte und kommen aus dem Porunai-Land, das die Sünden derer nimmt, die es aufsuchen.

(2409) Ihr unvergleichlichen Dichter, ihr solltet die klingenden Füße unseres großen Gnadenherrn im schönen Tamil-Alavay verehren. Kommt jetzt mit!, sagte er. Sie erwiderten: Ihr selbst seid für uns der schöne Gott, der unzählige Millionen quälender Tatenfolgen beseitigt. (2410) Wie die vielfältigen Künste den Veden folgen, folgten ihm die in den Wissenswegen erfahrenen Weisen. Er kehrte mit ihnen nach Kudal zurück, ließ sie den Herrn mit der gefleckten Kehle verehren und verschwand. So handelte der Herr mit der einzelnen Mondsichel in der Krone, der als Gelehrter gekommen war. (2411) Staunend priesen die Gelehrten den Erhabenen im vom Himmel gekommenen Vimana mit jeweils eigenen Gedichten. Sie verehrten die Füße des Herrn im Elefantenfell, verneigten sich und gingen dann zum Pandya mit rotem Speer und frisch gepflücktem Siegeskranz.

(2412) Der König mit machtvollem Rad und gerechtem Zepter prüfte ihr dharmareiches Wissen, ihre Würdigkeit für die Versammlung und ihr tüchtiges Verhalten. Dies sind vortreffliche Männer!, dachte er. Sein Herz blühte in voller Freude auf, und er tat Folgendes. (2413) Nordwestlich des glückvermehrenden Tempels des Herrn mit roten Flechten und Mondsichel ließ er eine Sangam-Halle errichten. Er erwies den Gelehrten gebührende Ehren und setzte sie dort ein: Wohnt hier! (2414) Als die bisherigen Dichter sahen, welche Ehren der König den Meistern des reichen Tamil erwies, brannte ihr Herz vor Neid. Sie drängten in die neue Versammlung, stritten wieder und wieder, scheiterten aber. Selbst ihre frühere Gelehrsamkeit schien verloren; bekümmert und erschöpft zogen sie ab.

(2415) Ebenso kamen immer wieder gelehrte Männer aus anderen Ländern, stellten hochmütig Fragen und führten Debatten. Die Sangam-Dichter besiegten sie, bis deren geistige Kraft erlahmte. Dann suchten sie mit einer Bitte den Dichter auf, der sich niemals von seiner geschmückten weiblichen Hälfte trennt. (2416) Ordnungsgemäß verehrten sie den, der die ursprünglichen Schriften gesprochen hatte: Immer wieder kommen Menschen, um mit uns zu streiten. Schenke uns ein Sangam-Brett, das unsere grenzenlose Gelehrsamkeit in der richtigen Rangfolge abwägt und misst! So verneigten sie sich. (2417) Er hatte einst dem singenden Barden von sich aus ein Brett hingestellt. Würde er es den Dichtern verweigern, wenn sie darum baten? Er nahm die Gestalt eines Dichters an und erschien vor ihnen mit einem Brett.

(2418) Dieses quadratische Brett misst zwei Spannen. Es ist weißer als der Mond und besitzt Mantra-Kraft. Für jeden gereiften Gelehrten wie euch wächst es um eine Elle und bietet einen Sitz. So wird es euch als Maßstab dienen. Mit diesen Worten schenkte er es ihnen. (2419) Es war, als schenke der Bezwinger Kamas den Dichtern, die aus Sarasvatis Gestalt entstanden waren, deren weißen Lotossitz als Brett. Sie empfingen es, umschritten den von Elefanten getragenen kostbaren Tempel und gingen in ihre Akademie. (2420) Sie hängten duftende Blumengirlanden auf und vollzogen die Verehrung mit kühler, wohlriechender Sandelpaste, weißen Blumen, weißem Stoff, reichlichem Räucherwerk, Lichtern und weiteren Gaben. Nach der Verneigung bestieg zuerst Nakkirar das Brett; Kapilar und Paranar folgten.

(2421) So bestiegen alle Meister großer Künste nacheinander das Brett und saßen glücklich zusammen. Das eine kleine Brett des Herrn gab jedem passenden Raum. Es glich einer Schrift, die selbst knapp bleibt, aber jedem, der sie auslegt, ihre ganze Weite zeigt. (2422) Die ausgezeichneten Gelehrten erläuterten einander den Sinn der Schriften durch Begründungen, Beispiele und die sieben Arten von Lehrpositionen. Sogar Papageien und Mainas verstanden dies; wenn draußen jemand zur Debatte kam, konnten schon diese Vögel ihn widerlegen und den richtigen Standpunkt begründen. (2423) Diese achtundvierzig Dichter begannen, aus ihrem weiten, prüfend gewonnenen Wissen reine Gedichte zu schaffen, damit ihre hohe Bildung fruchtbar werde. So lebten sie dort und dichteten.

(2424) Doch die von den verschiedenen Dichtern geschaffenen Werke stimmten in der Fülle ihrer edlen Gedanken, im Reichtum der Worte und in den dichterischen Absichten so vollkommen überein, dass sie durcheinandergerieten. (2425) Sie konnten die Unterschiede nicht mehr erkennen und staunten. Dieses ist dein Gedicht! Nein, dieses erkenne ich als mein fehlerloses Gedicht! So gerieten die Sangam-Dichter unmittelbar miteinander in Streit. (2426) Maturesha, der zugleich Wort und Bedeutung ist, kann Verwirrung aufkommen lassen und wieder entfernen, sodass die höchste Wirklichkeit klar wird. Dieser göttliche Dieb erschien nun gnädig als Dichter vor ihnen.

(2427) Der gekommene Dichter sprach zu den ihn verehrenden Dichtern: Bringt die wohlgefügten Verse, deren Verwechslung eure Herzen beunruhigt! Vater, hier sind sie!, sagten sie und legten die Gedichte vor ihn. (2428) Der Meister reiner Worte und zusammenhängender Bedeutungen erkannte die Eigenart der gereiften Gedichte jedes Einzelnen. Er nahm sie auf und gab jedem genau die zu ihm gehörenden Werke zurück. (2429) Die Sangam-Dichter empfingen sie mit frohem Herzen: Bleibt hier als einer von uns und lebt in Größe mit uns! Rasch setzten sie ihn auf den roten Goldsitz, der sie alle trug.

(2430) Auf dem goldenen Sitz, der einer goldenen Halskette glich, bildeten die versammelten Dichter die umgebenden Edelsteine. Maturesha saß würdevoll in ihrer Mitte wie das große zentrale Juwel. (2431) Nun hießen die Dichter zusammen mit dem ganga-tragenden Herrn die Neunundvierzig. Sie lebten dort und fügten immer neue Werke des alten erhabenen Tamil in geordneter Folge zusammen, sodass ihre Einsicht strahlte. (2432) Vangiya Shekhara setzte Vangiya Chudamani die weithin leuchtende Krone auf und übergab ihm die Erde. Dann ließ er die Feinde, die Fesseln des Karma, vergehen und erreichte die innige Verbindung mit den Füßen des Herrn mit den langen Muschelohrgehängen. Hier endet das Kapitel von der Gabe des Sangam-Brettes. Möge es glückverheißend sein.

52. Dharumi erhält den Goldbeutel

(2433) Wir haben erzählt, wie der Herr mit der giftgefüllten Kehle den Dichtern, die die Wortschätze prüfen, ihren gemeinsamen Sitz schenkte. Nun berichten wir, wie er Dharumi, der sprach: Wenn du mir Vermögen gibst, kann ich leben!, einen Goldschatz zukommen ließ. (2434) Vangiya Chudamani Pandya, König der Könige, übernahm den Dienst, einen Blumengarten anzulegen. Seine vielen Blüten sollten das Haupt des Urherrn von Süd-Kudal schmücken, der als Pandya sein Herrschaftsrad dreht und dessen Krone Brahma als Schwan nicht finden konnte. (2435) Er pflanzte Madhavi, Patiri, Tataki, Bilva, Mandara, pollenstreuenden Jasmin, Mullai, Ilanji, breite Kongu-Bäume, blütenreiche Konrai, Karantai, üppigen Oleander, kühl aufblühende Nandi-Blumen, Serunti, Kuruntam und Punnaga.

(2436) Dazu kamen Lotos, zart duftende blaue Wasserlilien und viele weitere Pflanzen, die dreimal täglich in alle acht Richtungen dufteten. Überall sollten singende Bienen landen und Honig trinken. Außerdem legte er einen eigenen Champaka-Garten voller Bienensummen an. (2437) Die dichtstehenden Champaka-Bäume öffneten ihre Knospen wie schlankhüftige, glückverheißende Frauen ihren Goldschmuck zeigen. Ihr Duft verschlang alle anderen Gartendüfte und breitete sich aus. Der König mit dem Pferdewagen sah ihre volle Blüte und freute sich. (2438) Er pflückte sorgfältig ausgewählte Blüten, die berauschte Bienen noch nicht berührt hatten, und flocht daraus Kopfschmuck, gereihte Ketten, herabhängende Girlanden, lange Kränze und duftende Stirnbänder. Damit schmückte er die heilige Gestalt des Stirnäugigen, der die Städte der Unbeugsamen verbrannt hatte.

(2439) Der König mit Nimba-Girlande auf der Krone verehrte den großen Maturesha dieses weiten Gartens und staunte über dessen neue Erscheinung mit goldglänzender Champaka-Kette: Er ist wahrhaft Champaka Sundara! So verneigte er sich vor ihm. (2440) Seither trägt der Urherr des kostbaren Kudal diesen Namen. Auch Vangiya Chudamani, der ihm solche Girlanden aufs Haupt legte, wurde dauerhaft unter dem Namen Champaka Maran berühmt. (2441) Während Champaka Maran seinem Champaka Sundara in unverminderter Freundschaft treu diente, kam der frühe Sommer. Kama entfachte bei den Frauen mit melodischer Sprache den heftigen Liebeskampf; alle acht Richtungen wurden heiß.

(2442) Es war eine Zeit, in der selbst die milde Frühlingsbrise, die menschliche Sommerhitze lindert, eine weitere kühlende Brise begehrte; die Gärten verlangten nach Gärten, die heiligen Teiche nach frischen Blütenteichen und selbst der kühlende Mond nach einem anderen milchweißen Mond. (2443) Die süßen Mangobäume trieben rötliche, kühle junge Blätter und ragten zum Himmel, als wollten sie zornig die himmlischen Bäume herausfordern. Alle Serunti-Bäume blühten, von Bienen bewohnt, wie Frauen mit eingelegten Goldmünzen in ihrem Ohrschmuck. (2444) Die vollen Palasha-Blüten öffneten sich wie der Leib der rotstrahlenden Sonne. Die Kanchi-Bäume blühten wie der Herr der Gewitterwolken; die blütenreichen Mara-Zweige wie der erhabene Mond. Die Kaya-Blüten entfalteten sich wie Vishnu, der die strahlende Wurfscheibe in seiner roten Hand trägt.

(2445) An den breiten Sandufern der erddurchbrechenden Vaigai blühten die Njalal-Bäume und streuten Pollen wie ein Gürtel um ihre Hüften. Die jungen Punnai-Bäume trieben smaragdgrüne Blätter, weiße Perlenknospen und goldene Blüten; ihre rötlichen Zweige glichen Korallenwäldern des wogenden Meeres. (2446) Alle Bäume standen dicht beieinander: Sie glühten und verloren Blätter wie Liebende im Streit; sie trieben überall neue Blätter wie Wiedervereinte. Sie ließen Wasser wie Tränen fallen und wurden bleich wie Getrennte; ihre Blütenfülle glich dem laut werdenden Gerede über lang anhaltende Verliebtheit. (2447) Die grünen Ranken umarmten die Bäume wie makellos treue Frauen ihre geliebten Männer. Wenn die Bäume unter der regenlosen Sommerhitze welkten, welkten auch sie; wenn jene frisch ausschlugen, schlugen sie mit ihnen aus.

(2448) Von der südlichen Brise bewegt, neigten sich blühende Zweige und streuten klaren Honig; Bienen summten langgezogene Töne. Sie glichen Tänzerinnen, die ein Tanzmeister führt, während Schweiß aus ihren lächelnden Gesichtern tropft und sie zum Gesang tanzen. (2449) Die einst aufgeblühten Sevanti- und Vakula-Blumen waren gereift, verwelkt und vertrocknet, doch Bienen sammelten sich noch immer, um ihren Honig zu lecken. Geben nicht edle Menschen aus gutem Geschlecht selbst bei schwindendem Vermögen den Notleidenden etwas, und müssten sie dafür ihr Leben einsetzen? (2450) Die zarten männlichen Kuckucke pickten an duftenden jungen Mangoblättern und riefen, sodass ihre liebeserfüllten Gefährtinnen dahinschmolzen. Alle Pfauen zogen sich zurück wie ein König, der sein Land verlassen muss, sobald ein mächtiger Herrscher mit gerechtem Zepter erscheint.

(2451) Die Brise drang ins Gehölz, tauchte in den Teich, streifte die Lotosblüten und sprang durch duftende Lauben von Mayilai, Mullai und Jasmin. Sie trank gemischte Blütendüfte und zog kühl und sanft von Ort zu Ort wie ein Gelehrter, der verschiedene Künste prüft. (2452) Im kühlen Blumengarten saß der gekrönte König Sommer: Lotosblüten hielten Opfergefäße, Kuckucke ließen Trommeln ertönen, Papageien auf großen Maruta-Bäumen sprachen Segensworte, Bienen sangen die Kamaram-Melodie und scharfblättrige Schraubenpalmen zogen Schwerter. (2453) Die jungen Männer fanden keinen Ort, an dem die Hitze endete, außer in Hallen aus mondgekühltem Stein, auf künstlichen Hügeln, neben bemalten Häusern, unter dichtem Laub, an Lotosteichen und an den von kühlen Perlenketten geschmückten Brüsten ihrer Gefährtinnen.

(2454) Die breitschultrigen Männer von Madurai, dessen schattige Edelsteinhäuser vom Wohlstand der Erde erfüllt waren, zogen mit ihren Frauen aus. Mit ihnen genossen sie Freuden, um die selbst der Himmel sie beneidete, und suchten Blumengärten auf, prächtig wie die reichen Goldbäume der Götterwelt. (2455) Einige saßen wie Löwen auf den Nacken mächtiger, brünstiger Elefanten. Andere ritten auf blumengeschmückten schnellen Pferden wie auf gefleckten Elefanten. Manche fuhren auf Pferdewagen, die den Zuschauern wie die Sonne erschienen; andere gingen zu Fuß mit klingenden Fußringen und bienensummenden Girlanden. (2456) Einige Frauen ritten auf dunklen Elefantenkühen, selbst anmutig wie diese. Andere saßen auf perlenumhängten Sänften wie Sarasvati auf dem weißen Lotos. Wieder andere ritten auf geschmückten Pferden wie Rati, die Gefährtin des Zuckerrohrbogenschützen, oder gingen an der schönen breiten Hand ihres Gatten.

(2457) Die Männer mit honigduftenden Kränzen und grünen Fußringen und die Frauen, die Kamas Waffen glichen, betraten voller Verlangen die Gärten an den Sandbänken. Dort siebt die wogende Vaigai weiße Perlen aus und häuft sie wie Berge auf. (2458) Die auf Elefantenkühen und Pferden sitzenden Frauen ließen sich von den breiten Schultern ihrer Männer stützen und stiegen, sie umarmend, wie Siegesgöttinnen herab. Ihre aufgetragene Sandelpaste verstreute sich wie Pollen von blühenden goldenen Ranken. Sie gingen in den Garten und wirkten wie Waldgöttinnen. (2459) Die Frauen mit weichen, Meru-gleichen Brüsten bewegten sich wie lebendige Gemälde. Einige suchten blühende Madhavi-Lauben, andere Punnai-, Mango- oder Serunti-Schatten; wieder andere standen unter Schraubenpalmen, die wie Kamas Waffenkammern aussahen.

(2460) Pfauen hielten das dunkle Haar der Frauen mit sichelheller Stirn für Regenwolken und tanzten; sahen sie aber deren Augen, flohen sie erschrocken vor vermeintlichen Pfeilen. Kuckucke wollten an ihren mangosprossgleichen Körpern picken, hörten jedoch ihre melodischen Stimmen und zogen sich beschämt zurück. (2461) Nicht nur im tiefen, von Wellen rauschenden Wasser schienen rote Wasserlilien, grünstielige Kumuda-Blüten und Lotos zu blühen. Auch die Gärten leuchteten davon, denn überall erschienen die ohrgeschmückten Gesichter der Frauen mit rankenschlanken Hüften. (2462) Die Männer folgten den wie Elefantenkühe schreitenden Frauen in die von kühlen Ranken verflochtenen Lauben. Wie dienstbare Yakshas besprengten sie sie mit duftendem Wasser, um die Hitze zu lindern, und massierten ihre schmerzenden Füße. So halfen sie den Dienerinnen.

(2463) Die Frauen mit den großen geschminkten Augen bogen Zweige, pflückten Blüten und rochen an Knospen. Sie steckten Blumen in Ohrgehänge, Ohren und Haar und freuten sich. Um die dauernde Liebessehnsucht noch zu steigern, warfen sie Blüten auf die Brust ihrer Männer, als schickten sie treffende Pfeile ab. (2464) Als die perlenlächelnden Frauen die blühenden Zweige bogen, flogen deren göttergleichen Bienen mit ihren Gefährtinnen klagend in das Haar der Frauen. Dort summten sie ‚tette‘ und tranken süßen Honig, wie Barden, die mit ihren Frauen in den sieben Tönen singen und Palmwein trinken. (2465) Die Worte jener, die Frauen als göttliche Wesen bezeichnen, welche schon auf Erden Erlösung schenken, schienen wahr: Von ihren armreifengeschmückten Händen gebogen, senkten sich selbst Zweige, zitterten, streuten Blumen zu ihren Füßen und weinten Tau aus Blütengesichtern. Muss man da noch vom Verhalten der Menschen sprechen?

(2466) Eine Frau mit dunklen Augen versuchte immer wieder, einen unerreichbar hohen Zweig herabzubiegen. Da er ihrer Hand entwich, stand sie wie eine welkende Duftblumenranke da. Ein Mann, schön wie der blumenpfeiltragende Kama, trat zu ihr: Warum quälst du dich? Steig auf meine Schultern und pflücke! So hob er sie empor. (2467) Eine andere streckte ihre sprosszarte Hand nach einem zu hohen Blütenzweig, bis ihre feine Taille schmerzte. Ihr Gatte ertrug ihr Mühen nicht: Ist auch dieser Zweig etwa wie eine Frau, die mit mir schmollt? Pflücke!, sagte er und bog ihn herab. Sie stand mit Perlentränen in den Augen da. (2468) Ein Mann, mächtig wie ein Richtungselefant, steckte eine gepflückte Serunti-Blüte in den runden goldenen Ohrschmuck seiner dunkelhaarigen Frau. Dieser Ohrschmuck ist schön!, sagte er. Gib ihn doch unserer jüngeren Schwester!, erwiderte sie eifersüchtig, warf Blüte samt Ohrschmuck fort und betrübte ihren Geliebten.

(2469) Eine Frau, einer jungen Pfauenhenne gleich, sah eine Kuckuckhenne, die zum Nest im Mangobaum flog und nach ihrem geliebten Männchen rief. Sie warf ihrem Mann, einem jungen Elefanten gleich, einen Seitenblick zu und ging zu einer Madhavi-Laube im jungen, bienen- und honigreichen Garten. (2470) Eine geschmückte Frau litt unter ihrem Liebesstreit. Vor ihrem girlandentragenden Mann ließ sie den Duft ihres Aloeholzes im Wind wehen, das Klingen ihres Schmuckgürtels an sein Ohr gelangen und ihr Gewand die Formen der Vereinigung andeuten, bald anliegend, bald verhüllend. So stand sie da, als sende sie Boten zu ihm. (2471) Als ein Mann frische Blumen für seine Frau pflückte, fiel honigreicher Blütenstaub auf seinen Körper wie Sandelpaste und Moschus. Wessen Sandel hast du berührt?, fragte sie. Es ist der Staub der Champaka-Blüten, die ich gepflückt habe, während ich dich im Herzen trug, antwortete er. Doch sie stand wie ein Feuer da, in das man Ghee gießt.

(2472) Der Gatte einer blumenbekränzten jungen Frau fiel ihr zu Füßen, um ihren Streit zu beenden. Im Edelstein seines Hauptschmucks sah sie ihr eigenes Spiegelbild. Du gleichst ja dem Gemahl der Ganga! Warum verehrst du noch uns?, sagte sie lachend und machte aus ihrer Kränkung eine neue Kränkung. (2473) Ein mutiger junger Mann betrachtete eine Frau und sagte: Deine Füße sind Lotos, deine Hände Kantal-Blüten, deine Brüste Kongu-Blüten, deine Augen frische blaue Lilien und dein Mund eine Ambal-Blüte. Zeige mir durch Öffnen deines Mundes auch die Blüten, die deinem Lächeln gleichen; dann darfst du gehen! So stellte er sich ihr in den Weg. (2474) Ein junger Mann, einem einzigartigen Stier gleich, trat vor eine Frau mit Speeraugen: Mein verlorenes Herz hat sich bei dir versteckt. Liegt es in deiner breiten Hüftregion oder zwischen deinen Brüsten? Öffne dein Blumengewand und zeige es, ehe du gehst! Mit diesen Worten hielt er sie auf.

(2475) Die Bienen auf den von sprossfüßigen Frauen herabgebogenen Zweigen ließen frische Blüten zurück und flogen auf die verwelkten Kränze in ihrem Haar. Sie glichen Toren, die ihre treuen, reichgeschmückten Frauen verlassen und sich Frauen zuwenden, die schon viele andere genossen haben. [Der Vergleich gibt die Wertung des Originals wieder.] (2476) Die rankengleichen Frauen pflückten die frischen Blüten so vollständig, wie Verführerinnen die Güter der Männer an sich nehmen, die sie umarmen. Ohne ihre Blüten standen die Gärten schließlich wie Menschen da, denen nichts mehr in der Hand geblieben ist. (2477) Nachdem die geschminkten Frauen mit ihren Männern die reiche Freude des Blumenpflückens genossen hatten, gingen sie zum Baden in die Teiche. Das Wasser sollte Augen und Körper so verändern, dass ihre Gatten sie kaum wiedererkannten.

(2478) In den Becken, in denen sie spielten, schienen nun außer schönen blauen Lilien, Lotos und Kumuda auch Mullai, Champaka und goldene Kongu-Blüten zu blühen – so vielfältig waren die Blumenvergleiche ihrer Körper. (2479) Noch bevor die blumengelockten Frauen zum Teich kamen, flohen Fische, Wasserschlangen, Schildkröten, Krebse, Schwäne und große Varal-Fische. Bleiben Schwache etwa stehen, wenn übermächtige Gegner heranrücken? (2480) Bei jedem Wasserschöpfen der melodisch sprechenden Frauen trieben Blüten herab; jede kühle Welle ließ sie in Reihen aneinanderstoßen. Es sah aus, als kämpften Augen und blaue Lilien, Gesichter und Lotosblüten, Münder und farbige Ambal-Blüten miteinander.

(2481) Während die goldschönen, dunkeläugigen Frauen fröhlich badeten, breitete sich ihr Haar wie Wasserpflanzen aus. Ihre Brüste und Gesichter glichen Gruppen roter Lotosknospen und Blüten, die nebeneinander in tiefem Wellenwasser schwankten. (2482) Ein Mann sah seine Gefährtin aus dem reinen Wasser steigen. Da Mund und Augen nun anders gefärbt waren, neckte er sie: Wo ist jene, die meinem kostbaren Leben gleicht? Die Frau mit den glühenden Speeraugen badete darauf ihre Brüste in Tränen. (2483) Eine schöne Frau wollte an der Hand ihres Geliebten baden gehen. Als er eine andere lotosäugige Frau betrachtete, die gerade aus dem Wasser stieg, blieb sie am Ufer stehen: Pfui! In dem von unserer jüngeren Schwester benutzten Wasser bade ich nicht!

(2484) Auf der beim Baden benetzten Brust eines Mannes mit schönen Fußringen drückten die vom Wasser herangetriebenen Lotosknospen rote Kumkuma-Spuren ein. Welche Frau hat mit ihren geschmückten Brüsten diese Male hinterlassen?, klagte seine Gefährtin weinend und brannte vor Eifersucht wie Feuer unter hineingegossenem Ghee. (2485) Eine Frau, deren Herz vom Fehlverhalten ihres Geliebten wie von einem Speer durchbohrt war, ertrug den Liebesstreit nicht. Vor seinen Augen tat sie, als sinke sie erschöpft ins tiefe Wasser. Zu einem nahen Schwan blickend flehte sie: Gib mir deine Hand! (2486) Das Gesicht einer zuckerrohrsüß sprechenden Frau erschien unter den bienenumflogenen Lotosblüten wie ein weiterer Lotos. Ihr liebender Mann wurde unsicher und verzagte. Erst als sich ihr mullai-knospenhaftes Lächeln zeigte, schwand sein Zweifel; er ging hin und umarmte sie.

(2487) Eine törichte Frau sah, wie ihr fröhlicher Geliebter Wasser verspritzte und dem Spiegelbild darin zulächelte. Sie hielt ihr eigenes Bild für eine Nebenbuhlerin, streckte zornig die zarte Hand aus und tastete danach. Versteckst du dich im Wasser?, rief sie und trat hinein. (2488) Sie spielten und warfen einander duftendes Puder, weiche Salben und Wohlgerüche wie Regen zu. Noch bevor diese die girlandengeschmückten Brüste erreichten, fingen Bienen sie in der Luft ab und tranken daran, gleich Räubern, die Reisenden unterwegs die Güter entreißen. (2489) Sie pflückten blaue Lilien und Lotos und warfen sie wie Kamas Pfeile. Die Beworfenen schlugen die Blüten mit der Hand zurück; trafen diese das Gesicht des Werfenden, lächelten sie leise mit glänzenden Zähnen und versanken in Freude.

(2490) Sie schöpften duftendes, kühles Wasser und Puder und warfen damit wie Elefanten mit ihren jungen Gefährtinnen. Münzbesetzte Armreifen blitzten, während sie mit beiden Händen Wasser schöpften und verspritzten, bis die aufgetragenen Sandelsalben abgewaschen waren. (2491) Unter den im großen Wasserbecken spielenden Frauen nahm eine unvergleichliche Schönheit reines Wasser in ihren korallenroten Mund und spritzte es ihrem Geliebten ins Gesicht. Er trank es, als wäre es Honig einer Ambal-Blüte. (2492) Dort ist es tief; geh nicht weiter, bleib!, sagte ein elefantengleicher Mann scheinbar warnend zu einer Frau mit Speeraugen. Er umschlang sie mit seinen Armen, hob sie hoch und drückte sie an seine bienenumflogene Girlandenbrust. So glich er Kama, der Ratis Schultern umarmt.

(2493) Die Frauen überließen dem Teich ihre reinen Wohlgerüche, getragenen Girlanden, aufgestrichenen Sandelsalben und Schmuckketten. Mit ihren begehrten Männern stiegen sie ans breite Ufer; auf den duftenden Körpern vermischte sich nun auch Lotosduft. (2494) Einige schämten sich, aus dem Wasser zu steigen, weil unter den nassen feinen Gewändern ihr ganzer Körper sichtbar wurde. Sie riefen ihren Geliebten: Herr, gib mir das goldene Tuch! So glichen sie den jungen Hirtinnen, die den rotäugigen Krishna um ihre Gewänder baten. (2495) Roter Fußlack, der beim Niederfallen vor den Frauen auf die Köpfe der starken Männer gelangt war, und Kumkuma lösten sich im Wasser. Die rot gefärbten Blütenteiche glichen den Schalen einer um die Badenden geführten Wasserverehrung; die duftenden Gärten ringsum glichen den dabei Stehenden.

(2496) Seide, vielfarbige Stoffe, vielfacher Edelsteinschmuck, Sandelpaste, Duftstoffe, Kumkuma und gebundene Kränze nahmen die ganze feste Schönheit der Frauen in sich auf. Die Frauen mit honigreichen Blumengirlanden wiederum nahmen die Herzen aller Männer gefangen. (2497) Sie betrachteten in Spiegeln ihre Gesichter, in denen blaue Lilien, Lotos und honigtriefende Ambal-Blüten wie im Teich aufblühten. Diese blühenden goldenen Ranken, die Kama durch zwei pfeilgleiche Augen befehligten, gingen nun frischen Palmwein genießen. (2498) Blitzgleiche Dienerinnen gossen klaren Wein wie glänzende Schwertklingen in schöne, kunstvoll gefertigte Gefäße aus Gold, Silber und Kristall. Die Frauen spritzten mit dem Finger kleine Tropfen fort, vertrieben die herabfallenden berauschten Bienen und setzten die Becher an ihre fruchtgleichen Münder.

(2499) Der Wein floss aus dem Krug wie eine scharfe Klinge in den Becher. Es schien, als zürne der Krug: Dieser Becher kommt, um meinen reichen Honigwein zu rauben!, und stoße ihm ein Schwert in die Brust. Die um den Wein kämpfenden männlichen Bienen schienen dabei als Zuschauer zuzusehen. (2500) Eine Frau, deren Geist vom getrunkenen Wein nachließ, sah, wie eine blumenbekränzte Gefährtin ihr klaren Wein einschenkte. Sie hielt den Strahl für ein Schwert und lachte: Törichte, willst du den Becher mit dieser hellen Klinge zerschneiden? (2501) Bienen, die sonst von Blüte zu Blüte kleine Honigmengen leckten, flogen trotz der abwehrenden Hände der Frauen nicht fort, sondern umschwärmten die großen Weingefäße. Würden Arme, die immer wieder bei vielen Menschen betteln müssen, einen gefundenen Schatz leicht verlassen?

(2502) Eine Trinkende sah ihr Gesicht und ihre Augen im Wein spiegeln: Hier sind Lotosblüten mitten im Meer entstanden! Ihr törichten Bienen, statt den ganzen Wein auszutrinken, drängt ihr euch nur um die feinen Honigtropfen dieser Blüten! So scherzte sie, klatschte und lachte. (2503) Eine Frau sah den Mond im übrig gebliebenen Wein: Während der Trennung hast du mich wie Feuer verbrannt! Nun bist du hier gefangen; ich lasse dich nicht mehr frei. Bleib liegen! Sie deckte das Gefäß mit einem anderen Becher zu und trank nicht weiter. (2504) Eine glänzend geschmückte Frau hatte starken Wein getrunken. Im Spiegel in ihrer Hand sah sie ihre dunkel-fischgleichen Augen gerötet und ihren kovvai-fruchtroten Mund erbleicht. Wer ist dieser neidische Mensch, der meine Schönheit genossen und mitgenommen hat?, fragte sie verwirrt, während die anderen sie auslachten.

(2505) Eine Trinkende sah ihr Spiegelbild im Wein: Sieh, eine Frau ist gekommen, um mit mir zu trinken! Ihre ebenfalls berauschte Freundin schaute hinein und sah nun auch ihr eigenes Bild. Törichte, nicht eine, sondern zwei!, sagte sie. Schon von anderen getrunken!, lachte die erste und goss den Wein aus. (2506) Eine Frau betrachtete nach dem Trinken ihre veränderte Gestalt im Spiegel: Bin ich das oder nicht? Hat jemand anderes mich mitgenommen und ist davongelaufen? Wenn mein lebenslieber Gatte hierherkommt und mich sucht, was soll ich tun? Dienerin, suche mich und bring mich zurück! (2507) Eine Berauschte stand vor dem Spiegel; hinter ihr erschien ihr Gatte, sodass seine Gestalt mit ihrem Bild zusammentraf. Sie sah zornig hin, ihre Augen tränten: Du hast dich mit einer fremden Frau vereint und in Freude gebadet! Willst du so stehen bleiben? Wütend trat sie gegen den Spiegel.

(2508) Sie aßen reichlich mit ihren Gästen wohlschmeckenden Reis, vermischt mit jungem, leicht säuerlichem Joghurt. Zu den Tönen der Frühlings-Vina bewegten sie die Finger und sangen. Kama drang in ihre Herzen und bedrängte sie; wie Puppen aus Butter schmolzen sie und sanken kraftlos dahin. (2509) In dieser frühen Sommerzeit saß Champaka Maran, der Herr mit gerechtem Zepter und Herrschaftsrad, eines Tages allein mit seiner lebenslieben Gefährtin auf einem künstlichen, strahlenden Mondstein-Hügel, den ein geschickter Künstler angefertigt hatte, um die drückende Hitze zu vertreiben. (2510) Die Brise bewegte sich durch junge Mangoblätter, bienenumflogene Kongu-Knospen und honigreiche Kantal-, rote Lotos-, Ambal-, Champaka- und Wasserlilienblüten. Als der König mit seiner sanft geneigten, rankengleichen Gefährtin allein saß, trug sie ihm einen besonderen Duft zu.

(2511) Der König mit dem scharfen Speer roch ihn und dachte: Dies ist ein anderer, göttlicher Duft. Er ist nicht bloß aus dem Garten von der Brise aufgenommen; der Wind selbst hat keinen Geruch. Was für ein Duft mag dies sein? (2512) Er wandte sich seiner Königin zu und erkannte, dass der Duft aus ihrem in fünf Partien geordneten dunklen Haar kam. Nicht einmal Bienen kennen einen solchen Wohlgeruch!, staunte er. Dann entstand die Frage: Ist dieser Duft dem Haar eigen oder künstlich hinzugefügt? (2513) Wer auch immer den Gedanken in meinem Herzen erkennt und dazu ein Gedicht schafft, erhält diese tausend Goldstücke! Mit dieser Botschaft nahmen die Diener den vom speertragenden König gegebenen Goldbeutel und hängten ihn vor den wahrhaft erkennenden Dichtern auf.

(2514) Die Sangam-Dichter besaßen vielfältiges Wissen, wie ein Handelsschiff verschiedenartige Waren führt. Jeder prüfte für sich, suchte nach dem Gedanken im Herzen des Pandya mit der hohen Nimba-Girlande und scheiterte. Erschöpft und bekümmert blieben sie zurück. (2515) Zu jener Zeit lebte ein junger Adishaiva namens Dharumi. Er übte den ersten Lebensstand des Brahmacharya, hatte weder Vater noch Mutter und wünschte zu heiraten. (2516) Er suchte den Einen, den selbst der viergesichtige Brahma und Vishnu mit Lakshmi auf seiner Brust schwer erreichen, den Gott, der Gestalt und Gestaltlosigkeit ist. Damit seine Armut erschrocken weiche, fiel er vor ihm nieder und bat.

(2517) Vater, ich habe weder Vater noch Mutter und bin ein alleinstehender junger Mann. Ich wünsche eine Hochzeit. Jetzt ist die passende Gelegenheit, die Not zu beenden, die mein Herz krank macht! So pries er ihn. (2518) Auch wenn ich die weiten Veden und die vollständigen Agamas gründlich lerne und in ihrer Ordnung lebe: Kann ich ohne ein richtig begründetes Hausleben für die Verehrung deiner Füße geeignet sein? (2519) Herr, du weißt doch alles! Erkenne den Gedanken des Königs des Vaigai-Landes und schenke mir ein Gedicht, damit ich gerettet werde. So bat und flehte er.

(2520) Der Herr, die Familiengottheit des Pandya, sprach und schenkte ihm das schöne tamilische Gedicht, das mit ‚Kongu ter valkkai‘ beginnt, reich an trefflichen Worten. Von seiner Not erleichtert verneigte sich Dharumi und empfing es. [Das Gedicht wird an dieser Stelle nur durch seinen Anfang bezeichnet.] (2521) Er nahm das vom Weltenherrn mit den einzigartigen goldenen Flechten gesprochene Lied entgegen. Wie einer, der einen alten Schatz gefunden und gehoben hat, ging er voller Zuversicht zur Versammlung der hochgelehrten Dichter. (2522) Er reichte es den Gelehrten. Alle nahmen es rasch, lasen es und wogen Wortreichtum und Sinn ab. Vortrefflich, vortrefflich!, sagten sie erfreut.

(2523) Die Männer mit unermesslichem Wissen gingen vor den König, trugen das Gedicht vor und erläuterten es. Weil es genau dem verborgenen Gedanken entsprach, bewegte der Pandya zustimmend den Kopf und schwelgte in Freude. (2524) Geht rasch mit diesem vedischen Mann, der das schöne Tamil-Gedicht gebracht hat! Er soll noch heute die bereitgelegten tausend Goldstücke erhalten. So gewährte es der König mit duftender Girlande freudig den verständigen Gelehrten. (2525) Auf den königlichen Befehl kehrte der junge Brahmane mit den Gelehrten zurück. Als er den vor der Halle aufgehängten Goldbeutel abschneiden wollte, trat Nakkirar zu ihm: Halt! So hinderte er ihn.

(2526) Dieses Gedicht enthält einen Fehler!, sagte er. Der darin ungelehrte, doch rechtschaffene junge Mann sank zusammen wie einer, der nach langem, schrecklichem Hunger endlich essen will und dessen Hand gerade an der Schüssel festgehalten wird. (2527) Derselbe junge Mann, der das herrliche Gedicht so frohen Herzens zur Gelehrtenstätte gebracht hatte, zog sich nun mit vertrocknetem Herzen zurück und suchte die heilbringenden Füße des Herrn auf. (2528) Er legte das Gedicht vor die heilige Gegenwart und sprach voller Herzensqual: Herr mit der dunklen Kehle, warum hast du mir Zufluchtlosem dieses fehlerhafte Lied in die Hand gegeben?

(2529) Dass ich, seit langem von Armut geplagt und dir dienend, die von dir erhoffte Gabe verloren habe – was bedeutet das schon? Aber wenn kurzlebige Dichter mit beschränktem Wissen deinem Gedicht einen Fehler zuschreiben, du über allen Stehender mit dunklem Hals, wer wird dich dann noch achten? (2530) Vater, diese Schande trifft dich, nicht mich; was hätte ich davon?, klagte der junge Shaiva in Herzensnot. Da erschien Sundara Vidanga, der für alle zugleich Bindung und Befreiung, Veda-Schrift und deren Frucht ist, in der Gestalt eines Dichters. (2531) Ketten, Brustschmuck, Ringe, eine strahlende Krone und diamantbesetzte Ohrringe schmückten ihn und schienen alle innere Schönheit an sich zu ziehen. Das dreifache Aschezeichen blühte auf seiner Stirn, als bezeichne es ihn als Meister des dreifachen Tamil; es zerriss die Dunkelheit des Irrtums.

(2532) Sein Körper war in ein weithin strahlendes Gewand gehüllt. Junge Männer mit festen, edelsteinbereiften Armen trugen an seinen Seiten Betelbeutel, kostbare Spuckgefäße und goldene Behälter. Unter einem mondgleichen Perlenschirm schwangen goldgestielte Wedel hin und her. (2533) Seine Füße, die jede Wortgrenze übersteigen, trugen die Veden gleichsam als Sandalen. Fähige Sänger folgten ihm, seine Worte lernend und singend, wie Manus Gesetz und die übrigen Künste dem Weg der Veden folgen. So erreichte er die geordnete Versammlung der Schriftgelehrten. (2534) Er trat vor die volle Versammlung und fragte die Sitzenden: Wer hat unserem Gedicht einen Fehler zugeschrieben? Nakkirar antwortete furchtlos: Ich habe es gesagt. Der ruhmreiche Dichter fragte: Welcher Fehler? Nakkirar, der ihn nicht erkannte, erwiderte:

(2535) Kein Wortfehler, sondern ein Fehler des Inhalts. Der Herr mit reinen goldenen Flechten fragte: Welcher Inhaltsfehler? Ohne die Schuld zu erkennen, die ihm daraus erwachsen würde, sagte Nakkirar: Dunkles Haar besitzt keinen eigenen Duft; es duftet nur durch die daran befestigten Blumen. (2536) Und das Haar einer Padmini-Frau mit Lotosgesicht und weichen Brüsten?, fragte der Herr. Auch dafür gilt dasselbe, antwortete er. Und das Haar himmlischer Frauen? Auch dessen Duft ist künstlich; er entsteht durch Berührung mit duftenden Mandara-Blüten, sagte Nakkirar. (2537) Und das nachtblau glänzende Haar der blumenbekränzten Göttin der Erkenntnis, die an der Seite des schlangen- und ganga-tragenden höchsten Lichtes von Tirukkalatti wohnt, das du selbst lobst und verehrst? Auch dafür gilt es!, behauptete er ohne Furcht, hartnäckig und ohne die Folgen zu bedenken.

(2538) Der Herr mit den langen Flechten zeigte ein wenig sein Stirnauge. Noch immer fürchtete sich der an seiner Behauptung Festhaltende nicht: Selbst wenn euer ganzer Körper wie der des Himmelskönigs aus Augen bestünde – der Fehler eures Gedichts bleibt ein Fehler! So sprach er, ohne seine eigene Verfehlung zu erkennen. (2539) Aus dem Stirnauge des Herrn mit der schmalen Mondsichel schoss rotes Feuer. Der gelehrte Dichter konnte dessen Hitze nicht ertragen, lief zum Goldlotos-Teich, stürzte hinein und versank. Der Dichter, der ihn versengt hatte, verbarg sofort seine Gestalt. [Die folgende Kapitelabschlussformel nennt in der Vorlage nochmals das Sangam-Brett; diese offenbar versehentliche Wiederholung bleibt hier kenntlich.] Hier endet laut Vorlage das Kapitel von der Gabe des Sangam-Brettes. Möge es glückverheißend sein.

53. Nakkirar wird ans Ufer gerettet

(2540) Wir erzählten, wie der Herr, der Kama zu Asche machte, dem jungen Brahmanen den Beutel guten Goldes schenkte. Nun berichten wir, wie er Nakkirar aus dem Blütenteich mit seinen schönen Schwanenscharen ans Ufer hob. (2541) Vom Feuerauge auf der Stirn des Herrn mit herabfallenden Flechten versengt, stürzte der Dichter in den Goldlotos-Teich und zugleich in ein Meer schwerer Not. Die umstehenden Dichter sahen seine Qual, konnten sie nicht ertragen und bebten. (2542) Die versammelte Sangam-Gemeinschaft ohne den würdigen Nakkirar war wie ein Volk ohne seinen schützenden König, wie eine Halskette ohne ihr blitzendes Hauptjuwel oder wie Gelehrsamkeit ohne die zu ihr gehörende Bescheidenheit.

(2543) Ach, wie groß ist die Verfehlung, mit dem Herrn von Alavay, dessen Hals dunkel und dessen Gestalt Wort und Sinn selbst ist, gestritten zu haben! Wie lässt sie sich tilgen? Nur seine Füße können Rettung sein, dachten alle. (2544) Als einst Ravana den Silberberg hob und dabei niedergedrückt wurde, spielte er mit seiner verletzten Hand die Vina und sang süß. Der Heilige wurde gerührt, verzieh nicht nur seine Übeltat, sondern schenkte ihm auch einen festen Wagen und ein mächtiges Schwert. (2545) Niemand sonst kann diese Schuld fortnehmen. Nur wenn der Gott aller Götter sein heiliges Herz wieder zuwendet, wird sie schwinden. Dies ist gewiss! So sprachen die Dichter, gingen zum Schatten seiner Füße, verneigten sich und priesen ihn.

(2546) Reiner Herr, Zuflucht, Zuflucht! Tänzer auf dem Gipfel der Veden, Zuflucht, Zuflucht! Sinn der vollständigen Veda-Schriften, Zuflucht, Zuflucht! Einziger von Tiruvalavay, Zuflucht, Zuflucht! Dir wenden wir uns zu. (2547) Du kommst auf dem großen springenden Stier und bist Mutter und Vater aller Lebewesen. Deine kühle Güte verhält sich nicht einfach wie die Sonne zum Lotos: Denen, die Böses tun, lässt sie sowohl sorgfältig bemessenes Leid als auch Freude zukommen. (2548) Vater, durch Stolz auf sein Wissen verlor Nakkirar die Einsicht und bestritt hartnäckig dein kunstvolles Gedicht. Du öffnetest dein Stirnauge, versengtest ihn und triebest ihn in den Teich der erblühten, goldenen Lotosblüten.

(2549) Herr mit der dunkel erfüllten Kehle, erbarme dich jetzt und vergib diese Verfehlung! Kapilar, Paranar und alle anderen Dichter fielen nieder, suchten seine Füße und flehten: Sei unsere Zuflucht! (2550) Unser freigebiger Gnadenherr, der das Gift des tosenden Meeres getrunken hatte, erhob sich mit seiner Herrin, deren kindlich süße Worte Papageienlaut gleichen. Er kam zu dem goldenen Blütenteich, in dem Nakkirar lag, und stand inmitten der mild und süß sprechenden Dichter. (2551) Nach dem Blick seines Feuerauges schenkte er nun den Blick der Gnade. Nakkirar, der lebend im Wasser lag, gab alle Sinne, Sinnesgegenstände und inneren Fähigkeiten dem Feueräugigen hin. Er versank im großen Meer des Erbarmens; sein karmageborener Körper wurde zu einer Gestalt reiner, ungeteilter Liebe.

(2552) Wer außer ihm könnte die Schuld dieser bösen Zunge verzeihen, die schlecht über das Haar der Heiligen gesprochen hat, welche die blühenden Welten gebar, der blumenbekränzten höchsten Erkenntnis? So gedachte Nakkirar des ohrgeschmückten Herrn von Tirukkalatti und begann mit den Namen Kalatti und Kailasa zu singen. (2553) In abwechselnd aufeinanderfolgenden Worten fügte er ein Antati aus geraden Venpa-Strophen. Der Herr hörte mit beiden Ohren zu, kam nahe, ergriff seine Hand und hob ihn ans breite Ufer – er, der seine Füße schenkt und Menschen auch ans jenseitige Ufer des Meeres der sieben Geburten bringt. (2554) Nakkirar verneigte sich vor dem schönen Gnadenmeer, das ihn an der Hand gerettet hatte, und verehrte die Göttin mit geschminkten Fischaugen. Nach der Gnade des Herrn verlangend sang er ein Gedicht darüber, wie dieser den Übeltätern Strenge und den Guttuenden Liebe erweist.

(2555) Lob deiner großen Heldenkraft, die das Opfer des Dharma-Losen zerstörte! Lob deiner erhabenen Gnade für den schuldlosen Chandesha! Lob den klingenden Lotosfüßen, die den zornig heranstürzenden Tod niedertraten! Lob der Gnade, mit der du dem Knaben unvergängliche Lebenszeit schenktest! (2556) Lob dir, dessen Radwaffe Jalandharas Körper spaltete! Lob dir, der du diese siegverleihende Waffe dem verehrenden Vishnu schenktest! Lob dir, der du Brahmas mittleren Kopf abschlugst! Lob deinem gnädigen Reichtum, der eine Spinne krönte und ihr Königsherrschaft verlieh! (2557) Lob der Heldenmacht deines Lächelns, das die drei Städte verbrannte! Lob der hohen Stellung, die du den drei Verehrern gewährtest! Lob dem Auge, das Kamas Leib im Feuer verzehrte! Lob dem Erbarmen, das auf Ratis Bitte dem Sohn des Dunklen das Leben zurückgab!

(2558) Lob deiner festen Kraft, mit der du lachende, angreifende Köpfe abdrehtest und auf deine Flechtenkrone setztest! Zuflucht und Lob dir, Herr der Götter, der einer Maus, welche die erlöschende Tempellampe heller werden ließ, die drei Welten zur Herrschaft gab! [Die erste mythologische Anspielung bleibt unbestimmt.] (2559) Lob dir, der du Kopf und Schultern des Berghebers niedertratst! Lob dir, der du ihm aus Mitleid ein Schwert gabst, als er vedisch sang! Lob dir, der du zur Flammensäule wurdest, als die beiden stolz nach dir suchten! Lob dir, der du ihnen offen erschienst, als sie den Stolz ablegten und dich verehrten! (2560) Lob dir, der du die feindliche Macht des großrüsseligen Elefanten, des Ebers, springenden Tigers, Löwen, Fisches, mächtigen Zwerges und der Schildkröte überwunden hast! Lob dem Erbarmen, das auf die Liebe von Affe, Schlange, Ameise, Reiher, Hahn, Krabbe, Frosch, schwarzem Vogel und Adler antwortete!

(2561) Lob deiner Gestalt, die auch mich für das große von mir begangene Unrecht bestrafte! Lob dir, Gemahl der Bergtochter, der du meine armselige Wortgirlande hörtest und mich schlechten, grausamen Menschen zu eigen nahmst! Lob dir, Herr von Alavay! Mutter, Lob deinen Füßen! (2562) Ich vergehe vor Verlangen; erbarme dich deines Dieners! So pries er mit einer Gedichtgirlande über Zorn und Gnade abwechselnd den Höchsten und die fischäugige Göttin an seiner Seite: Lob euch! (2563) Danach brachte er dem Gott der Götter die große Deva-Pani-Dichtung und das fehlerlose, in sieben Tönen gefasste Elukurrirukkai dar. Er fiel nieder, sodass die blühenden roten Füße auf seinem Haupt aufblühten, und erhob sich wieder. Auch die übrigen Dichter priesen und verehrten ihn einzeln.

(2564) Der Herr, aus dessen Zunge die Veden hervorgegangen sind, schenkte dem preisenden Nakkirar süße Gnade: Wohne wieder wie zuvor unter den angesehenen Dichtern! Dann verbarg er seine Gestalt und kehrte mit der glänzend geschmückten Göttin in den vom Sohn Brahmas errichteten Tempel zurück. (2565) Nakkirar und die Gelehrten gingen in die Sangam-Halle, schnitten den aufgehängten Goldbeutel ab und übergaben ihn dem Brahmanen. Sie veranlassten, dass der siegreiche König weitere Ehren erwies. So lebten sie als an Wissen reiche Männer, deren Mangel beseitigt war. (2566) Champaka Maran, der Herr der Tamilen, kam zu dem Stirnäugigen von Kudal und zur Göttin mit den schönen Fischaugen. Vor ihren duftenden roten Lotosfüßen verneigte er sich und verrichtete mit vertrauensvoller, herzfüllender Liebe viele Dienste. Hier endet das Kapitel, wie Nakkirar ans Ufer gebracht wurde. Möge es glückverheißend sein.

54. Nakkirar erhält Unterweisung in der Grammatik

(2567) Wir haben erzählt, wie unser Konrai-bekränzter Herr von Kudal den verehrenden Dichter aus dem duftenden Goldlotos-Teich ans breite Ufer hob. Nun berichten wir, wie er ihm klares Verständnis des südlichen Tamil vermittelte. (2568) Auf den Befehl des Urgrundes von vierfach überdachtem Kudal kehrte Nakkirar glücklich in die Gelehrtengemeinschaft zurück. Seine starre Verkehrtheit war gewichen; sein Herz liebte die Füße unseres Herrn von Madurai. Nachdenklich tat er Folgendes. (2569) Den jungen Kama, den das Auge des Konrai-bekränzten Herrn verbrannt hatte, konnten weder Brahma auf der honigoffenen Blüte noch Vishnu retten. Als aber das Feuer seines Stirnauges uns versengte, nahm dieser Goldlotos-Teich die Hitze fort und bewahrte uns.

(2570) Dieser große Teich wird uns in jedem Leben schützen!, dachte er ohne jeden Zweifel. Dreimal täglich badete er darin und übernahm die feste tägliche Ordnung, den Vater, unseren Herrn von Alavay, den sicheren Schatz seiner Verehrer, zu verehren. (2571) Der Herr von Madurai, das höchste Licht mit einer Schlange als Halskette, sah die beständige Verehrung des nun makellosen Herzens. Er trat ihm innerlich nahe, freute sich und wollte ihm eine weitere gute Gnade erweisen. Dies erwog er in seinem heiligen Herzen. (2572) Die Grammatik ist ihm noch nicht ganz klar. Darum unterscheidet er treffliche, geprüfte Rede nicht sicher von fehlerhafter. Welcher gelehrte Kenner soll ihn darin unterweisen? So dachte der dreiäugige König, der den Berg zum Bogen gebogen hatte.

(2573) Die Göttin mit milchsüßer Stimme faltete ihre roten Lotushände: Schöner Herr, Erhabener, der alles so klar sieht wie eine Nelli-Frucht auf der Hand! Wer könnte deine Frage beantworten? Dennoch will ich sagen, was in meinem Herzen aufsteigt. (2574) Einst versammelten sich bei dir auf dem kühlen Silberberg Indra mit dem wundenreißenden Donnerkeil, Brahma, Vishnu, die Götter, Sanaka und andere große Asketen. Die Erde konnte diese Ansammlung nicht tragen. (2575) Der Nordosten sank ab, der Südwesten hob sich. Die Götter sahen dies, verneigten sich und priesen dich: Herr mit den gewundenen Schlangen, sende jemanden, der dir gleicht, dorthin zum Wohnen; dann wird die Erde wieder im Gleichgewicht stehen!

(2576) Du sagtest: Der, der das schäumende Meer austrank, ist uns ebenbürtig. Seine würdige Gemahlin Lopamudra gleicht der rankenschlanken Tochter des Himalaya mit knospenden Brüsten. Dann wandtest du dich diesem heiligen Weisen zu und sandtest ihn dorthin. (2577) Vor seinem Abschied bat er um eines: Das Land, in das ich gehe, nennt man das Land wohlgefügten Tamil. Man sagt, alle dort lebenden Menschen seien im schönen Tamil bewandert. Wenn sie mich fragen, muss ich ihnen antworten können. (2578) Vater, lehre mich die Grammatik des edlen Tamil, damit mein Geist von Unklarheit frei werde! Du gabst ihm die ursprüngliche Schrift so, dass er sie verstand. Auch nachdem er sie begriffen hatte, fragte er: Ewiger, wann werde ich, dein Diener, deine Füße wiedersehen?

(2579) Du verabschiedetest ihn mit den Worten: Im großen Kadamba-Wald wirst du uns sehen und verehren. Empfange dort von uns alles, was dein Herz fest begehrt; dann gehe zum Malaya-Berg und wohne dort in Beständigkeit. Der aus dem Krug geborene Weise ging hin und lebt dort noch mit seiner rankengleichen Gemahlin. (2580) Wenn dies deinem heiligen Willen entspricht, rufe jenen großen Asketen und lass ihn diesem Dichter sein Wissen vermitteln! So sprach sie ehrfürchtig. Du hast dich heute ohne Vergessen an all dies erinnert; so wollen wir es tun, sagte der Herr und dachte an den Weisen. [Ein Teil seiner einleitenden Wendung ist sprachlich unsicher.] (2581) Der Weise des guten Tamil erkannte den Willen seines Herrn. Er erhob die gefalteten Hände über sein Haupt, bestieg mit seiner Gemahlin den durch große Askese gewonnenen Himmelswagen und kam durch den weiten Himmel heran.

(2582) Mit seiner Frau stieg er vom beweglichen Wagen seiner Askese herab, betrat den Tempel des Schlangenherrn und verehrte den roten Korallenberg mit vier seitlich ausgebreiteten Armen sowie den hohen Indraneelam-Berg, der an dessen Seite leuchtete – Shiva und die Göttin. (2583) Überströmende Liebe erfüllte sein Herz und Seligkeit seinen Körper; er setzte sich in ihre Nähe. Da kam auch Nakkirar rasch herbei, nachdem er im duftenden Goldlotos-Teich gebadet hatte, um wie bisher den Herrn mit schmelzender Liebe zu verehren. (2584) Der Herr blickte den großen Asketen an: Diesem Seelenreichen ist die Tamil-Grammatik noch nicht fest eingeprägt. Du hast sie von uns gelernt; unterweise ihn, bis alle Schwierigkeit weicht. So öffnete der Erhabene, der Krankheit und Heilmittel zugleich ist, seinen roten Mund.

(2585) Der Weise, der alle sieben Meerestiefen getrunken hatte, nahm den Auftrag des gnädigen Herrn mit der weißen Mondsichel in den Flechten auf Haupt und Herz. Dem sich verneigenden Nakkirar erläuterte er Vyakarana, damit sein Geist ganz rein werde. (2586) Er lehrte die ursprüngliche Schrift mit ihren zwei Arten von Einleitung, sieben Lehrpositionen und vier Zielen; er erklärte das Vermeiden der zehn Fehler, die zehn unverzichtbaren Schönheiten und die zweiunddreißig Methoden. Dabei folgte er der Ordnung von Zusammenfassung, Gliederung und ausführlicher Darlegung. (2587) Mit kurzen Kommentaren, beginnend bei Grundgedanke und Worterklärung, und mit ausführlichen Erläuterungen machte er die schwierigen Bedeutungen der Schrift zweifelsfrei verständlich. Der ursprüngliche Lehrer, dessen Gestalt selbst der Sinn der Schrift ist, sah seine Art der Unterweisung.

(2588) Stolze Freude und Erbarmen erblühten in ihm. Der Herr von Alavay berührte den großen Asketen mit seinen heiligen Händen, sodass dieser in Freude badete, schenkte ihm alle ersehnten hohen Gaben und entließ ihn zu seiner Wohnstätte. (2589) Nachdem der kleine Weise mit seiner goldgleichen Gemahlin Abschied genommen hatte, blickte die dem Herrn lebensliebe Göttin ihn an: Warum hast du Nakkirar nicht selbst unterwiesen, sondern durch diesen asketischen Herrn des Potiyil-Berges? Der Herr von Madurai antwortete: (2590) Den würdigen Menschen, die ihren Lehrer täglich verehren, reichliche Gaben bringen, rein von Neid sind, seinen Worten nicht zuwiderhandeln und ein makelloses Herz haben, soll man die Schrift lehren: So lautet der Dharma.

(2591) Weil Nakkirar Neid und Widerstreben in sich genährt hatte, lehrten wir ihn nicht unmittelbar, sondern ließen jenen Asketen ihn unterweisen. Als die Göttin dies hörte, verließ sie ihre Sorge. Die rankengleiche Frau, auf der strahlender Neunedelsteinschmuck blühte, saß nun in Herzensfreude da. (2592) Nakkirar prüfte nach seiner Unterweisung sämtliche früher von ihm geschaffenen Gedichte. Er erkannte ihre Wortfehler und ihre richtigen Formen und Abschlüsse. Ohne Wissen habe ich dem Lied dessen, der alles vollständig erkennt, einen Inhaltsfehler zugeschrieben!, dachte er. (2593) Ich habe gegen das vollkommene höchste Licht, den leidlosen Tänzer, gefehlt, dessen von den Veda-Enden unerreichte Füße die Erde berührten. Das alte Wort der Weisen: Menschen mit geringem Wissen sind besonders stolz, trifft ganz auf mich zu!

(2594) Weil ich als Diener gegen die Füße des Achtgestaltigen gefehlt habe, verbrannte mich sein Stirnaugenfeuer. Doch nun verbrennt meine Schuld auch mein Herz! So dachte er immer wieder und versank im innerlich überströmenden salzigen Meer schmerzlicher Reue. (2595) Wie eine Mutter ihrem Kind bittere Arznei in den Mund gibt und dadurch die feindliche Krankheit vertreibt, hat er mich streng behandelt und zur Einsicht geführt. Was kann ich Armer ihm dafür Angemessenes tun? Mit diesem Gedanken versank er schließlich in grenzenloser Freude. (2596) Das Werk, das der große Asket ihn durch die Gnade des Herrn von Alavay gelehrt hatte, vermittelte Nakkirar liebevoll auch den übrigen Dichtern. So lebte er in Hingabe, versunken in die Lotosfüße des Makellosen. Hier endet das Kapitel über die Unterweisung Nakkirars in der Grammatik. Möge es glückverheißend sein.

55. Der Streit der Dichterversammlung wird gelöst

(2597) So gewährte der Stirnäugige, der Kama zu Asche sah, dem guten Dichter Nakkirar die südliche Grammatik. Nun erzählen wir, wie der Herr mit der goldenen Konrai-Girlande durch einen stummen Knaben die Güte der Gedichte offenbarte und die Verwirrung der Sangam-Dichter klärte. (2598) Die achtundvierzig Männer von grenzenlosem Wissen verfassten jeweils edle tamilische Gedichte. Stolz priesen sie deren Größe, gerieten miteinander in Widerstreit und suchten den Lehrer auf, der die ursprüngliche Schrift gesprochen hatte und den Rang jedes Einzelnen beurteilen konnte. (2599) Sie verehrten ihn: Herr, prüfe in diesen von uns verfassten Liedern das Gute und das Fehlerhafte. Zeige ihre Unterschiede, entferne die Irrtümer und entscheide, damit unser Zweifel endet! Der dreiäugige Ursprung der Veden, der alles zugleich erkennt, hörte ihre Bitte.

(2600) Wie einst aus der langen Feuersäule, deren Ende Brahma und Vishnu suchten, eine erkennbare Gestalt erschien, trat er nun aus dem ursprünglichen Linga hervor, das als Keim aller Welten besteht. Als selten zu schauender Dichter erschien er und sprach gnädig: (2601) In dieser großen Stadt lebt ein Kaufmann namens Dhanapati, ein Herr reicher Schätze; seine Frau heißt Gunashalini. Um ihrer großen Askese willen wurde ihnen ein Gottessohn geboren, wie eine reine Tugendtat, frei von der Unwahrheit, die Menschen oberflächlicher Einsicht anhängt. (2602) Er gleicht dem unermüdlich mächtigen Kama und ist ein stummer Knabe. Geht zu ihm und tragt ihm alle eure Gedichte vor. Was seinem Geist gefällt, ist das gute Tamil, das alle schätzen sollten. So sprach er.

(2603) Herr auf dem jungen Stier mit festen Beinen, wenn dieser Edelsteinhändlersohn stumm ist, wie kann er nach dem Hören das Gute und Schlechte unserer Dichtung sorgfältig prüfen und ihre Beschaffenheit unverkürzt erklären? Darauf antwortete der Tänzer der Halle: (2604) Wenn der breitschultrige Kaufmannssohn in einem Gedicht die ihm entsprechende Tiefe der Worte und Gedanken erkennt, nickt er; die Haare an seinen festen Schultern sträuben sich und sein Herz jubelt. Dadurch wird all euer Streit verschwinden. Dann ging er in seinen Tempel. (2605) Die Dichter luden das Juwel des großen Kaufmannsgeschlechts liebevoll ein und ließen ihn in ihrer Versammlung sitzen. Sie verehrten ihn freudig mit schönen Blumen und duftender Sandelpaste, setzten sich vor ihn und trugen ihre seltenen, süßen tamilischen Werke vor. Er hörte zu.

(2606) An manchen erfreute ihn die Wortbeherrschung, an anderen der Sinn. Bei manchen missfiel ihm die Wortstellung, bei anderen der Inhalt. Bei einigen pries er zugleich Wort- und Gedankenschönheit; bei anderen erkannte er die Festigkeit beider und ließ sein Urteil sichtbar werden. (2607) So prüfte der junge Kaufmann mit dem Geist die tamilischen Werke aller Meister. Doch wann immer er die drei Dichtungen des klaren Nakkirar, des im dreifachen Tamil bewanderten Kapilar und des Paranar verstand, geschah noch mehr. (2608) Er drang in jeden Gedanken und jedes Wort ein und genoss ihren feinen, süßen Geschmack. Sein Körper blühte auf, er löste sich von den fünf Sinnen, nickte, schwitzte, schmolz und badete im Meer seiner Tränen. Er gab sich ganz hin, offenbarte die Frucht der Askese seiner Eltern und badete in Freude.

(2609) Wie ein Kaufmann vielerlei Edelsteine, Meereskorallen und strahlende Perlen abwiegt, maß der Kaufmannssohn Worttiefe und Bedeutungstiefe unparteiisch wie der Zeiger einer Waage. Die Dichter, die den guten Weg erkannten, wurden Freunde und ließen ihren Streit fahren. (2610) Die drei edlen tamilischen Dichtungen verbreiteten sich in der Welt und wurden zum Stirnschmuck der Poesie. Die würdigen göttlichen Dichter waren von der Schmach ihres Streites befreit, erforschten makellose Werke und glänzten in ihrer gelehrten Versammlung. Hier endet das Kapitel von der Beendigung des Streites der Gelehrten. Möge es glückverheißend sein.

56. Der Konflikt um Idaikkadan wird beigelegt

(2611) So beendete der Herr mit der Ganga in den Flechten, der dem Schirmträger eine Grube voller Reis gegen den Hunger und Wasser gegen den Durst gegeben hatte, den Dichterstreit. Nun erzählen wir, wie er dem ihn verehrenden Idaikkadan folgte, nachdem er dem Pandya wegen dessen Geringschätzung des Dichters gezürnt hatte, und schließlich die Zwietracht beendete. (2612) Der Pandya Champaka Maran liebte Sundaras goldene Füße, die Indras Schuld getilgt, ihm sein Reich und später Befreiungsglück geschenkt hatten. Er flocht duftende Champaka-Ketten, legte sie dem Herrn an und verehrte ihn. Entsprechend diesem heiligen Dienst erlangte er den vollkommenen Reichtum Shivapuras, des Kronjuwels der Himmelswelten. (2613) Nach ihm kamen der mächtige Pratapa Surya, Vangisattuva, der kaum angemessen zu rühmende Ripumardana, Chola-Vangishantaka, der unüberwindlich ruhmreiche Chera-Vangishantaka, Pandya-Vangikesha, Vangishiromani mit eindrucksvollem Pferdewagen und Pandishvara.

(2614) Es folgten der entschlossene Kuladhvaja, Vangishabhushana Pandya, Somachudamani, Kulachudamani, Rajachudamani, Bhupachudamani, vor dem sich die Gegner lobend beugten, und Kulesha Pandya. Diese fünfzehn wurden nacheinander geboren und übernahmen den Schutz der Erde. (2615) Unter diesen Pandyas trug König Kulesha die Erde auf seinen Schultern. Er hatte die Grenzen von Grammatik und Literatur sowie aller großen Schriften durchdrungen. Darum gewährte der Sangam der Meister des dreifachen Tamil dem König mit kostbar geschmückten, trommelgleichen Schultern einen Sitz. (2616) Idaikkadan, der in tiefer Freundschaft mit dem allkundigen Kapilar verbunden war, hörte von der umfassenden Gelehrsamkeit des Königs. Wir wollen ihm ein tamilisches Gedicht vortragen und ihn sehen!, dachte er. Mit seinem verfassten Werk ging er zu dem König mit der honigtriefenden Girlande und las es vor.

(2617) Obwohl der König fehlerlosen Wort- und Gedankengenuss unterscheiden konnte, hinderte ihn sein Neid daran, zustimmend zu nicken oder auch nur eine Spur Freude im Gesicht zu zeigen. Der breitschultrige Mann sagte nichts und blieb stumm sitzen. In seiner Ehre getroffen ging Kapilars Freund in den Tempel. (2618) Vor der heiligen Gegenwart fiel er nieder, erhob sich und sprach: Herr, der Tamil versteht, guter Schatz derer, die dich aufsuchen, Gebieter von Tiruvalavay! Man sagte mir, der König mit blühender Nimba-Girlande besitze wie Gold auch unermessliches Wissen. Ich schuf ein wortreiches Gedicht; er aber missachtete es und nickte nicht einmal. (2619) Vater, er saß da wie das weit offene Meer, ein langes Salzwasser, ein tödliches Waldtier, ein Vogel, ein rauhrindiger Baum, ein himmelhoher Berg oder eine glühende Wüste: All diese freuen sich ebenfalls nicht und schenken denen nichts, die sie liebevoll in Worte fassen und beschreiben.

(2620) Hat er wirklich mich verachtet? Er hat die Himalaya-Tochter verachtet, die als Wortgestalt ungetrennt an deiner Seite wohnt, und dich, der du der Sinn der Worte bist. Was betrifft es mich? So sprach Idaikkadan, und ungestillter Zorn zog ihn fort. Diese Worte trafen die heiligen Ohren der Gnadengestalt schmerzlich. (2621) Um Idaikkadan und Kapilar im Herzen zu erfreuen, verbarg der Herr der Götter seine erkenntnisreine Linga-Gestalt. Mit Uma ging er hinaus, gerade nördlich von seinem Tempel, und fand südlich der Vaigai einen Banyanbaum. Dort nahm er freudig Wohnung. (2622) Die göttlichen Sangam-Dichter erhoben sich ebenfalls und folgten dem Herrn der Bergkönigstochter; sie blieben bei ihm. Am nächsten Morgen kamen die Verehrer zur Stunde des heiligen Erwachens. Doch im Tempel sahen sie seine Linga-Gestalt nicht.

(2623) Was für ein Wunder ist dies?, fragten sie bestürzt und klagten. Wir müssen es dem König sofort melden! Als sie hinausgingen, sahen sie auch die Stadt ihres Glanzes beraubt: wie eine Frau, getrennt von ihrem lebenslieben Mann, wie ein goldener Lotos, den Lakshmi verlassen hat. (2624) Mit bebendem Herzen und trockener Zunge traten sie vor den König: Herr, wir fürchten uns, es auszusprechen. Zur Stunde des Erwachens wollten wir die roten Lotosfüße eures Herrn verehren. Doch heute fanden wir seine Gestalt dort nicht; auch die Stadt ist tief betrübt. Diese Worte drangen ihm wie ein Feuerspeer ins Ohr. (2625) Der Pandya fiel vom Löwenthron zur Erde wie ein alter Baum, dessen Wurzel durchtrennt wird. Sein Körper lag gebrochen, Leben und Bewusstsein zogen sich zurück; wie eine Tonfigur blieb er eine Weile liegen. Dann kehrte etwas Bewusstsein zurück. Er erhob sich, faltete die Hände und versank in Tränen: Herr, Herr, was habe ich, dein Diener, verbrochen?

(2626) Du bogst den Meru zum Bogen und machtest die Städte mörderischer Asuras in einem Augenblick zu Staub! Bist du ins alte Shivapura gegangen, auf den Silberberg mit seinen edelsteinwerfenden Wasserfällen, in die Herzen derer, die sich selbst vergessen und deiner gedenken, oder auf den Gipfel der dich preisenden Veden? Wo bist du, wo bist du? So verzagte er. (2627) Da kamen einige und sagten: König, wir haben ein Wunder gesehen, wie es seit Brahmas Weltschöpfung nie geschah. Südlich der Vaigai wohnt der Herr von Alavay selbst, zusammen mit den gelehrten Dichtern und der rankengleichen Tochter des goldenen Berges. (2628) Diese Nachricht drang ihm ins Ohr und zog ihn empor. Von Furcht erfüllt ging der König mit den Fußringen, die feindliche Kronen niederstoßen, zu Fuß zur wasserreichen Vaigai. Deren lange, rauschende Wellenhände streuten ihm duftende Blumen. Am Südufer sah er das göttliche Juwel mit der Göttin, deren Lächeln jungen Jasminknospen gleicht.

(2629) Er trat näher, verneigte sich, vergoss Liebestränen und versank im Meer der Seligkeit. Nach dem Niederfallen erhob er sich und sprach stammelnd: Herr, Herr, warum bist du mit der Frau, die die Welten gebar, hierhergekommen, sodass deine von den Veden unerreichten Füße rot werden und die Stadt trauert? Habe ich gefehlt? (2630) Oder haben meine Diener, meine Feinde, Räuber oder Tiere aus den tiefen Wäldern dem schönen Tamil-Land Schaden zugefügt? Haben die Kenner der alten Veden ihre Lebensordnung vernachlässigt? Sind Askese und Dharma geschwunden? Sind Hausleben und Entsagung vom rechten Weg abgewichen? Vater, Vater, ich weiß es nicht! (2631) Lob dir mit honigreichen Konrai-Blüten in den duftenden Flechten! Lob deinem großen Erbarmen! Lob dir, Stierreiter mit dem hohen weißen Stierbanner! Lob dir, wunderbarer Gnadenspender! Lob dir, Reiner, den Vishnu mit dem Vogelbanner und Brahma damals nicht erkannten! Lob dir, Gemahl der Fischäugigen mit der jungen sichelgleichen Stirn!

(2632) Lob deinen beiden Lotosfüßen! Lob dir, der den Zwölfarmigen hervorgebracht hat! Lob dir, Frucht der Seligkeit in höchster Erkenntnis jenseits der Veda-Enden! Lob dir, vollkommene, unbewegte höchste Wirklichkeit, die den vier Weisen als Erkenntnisgestalt erschien! Lob dir, aschegeschmückter König, Gemahl der Fischäugigen! (2633) Lob dir, Uralter, der über Verehrung und Askese der Heuchler lacht! Lob dir, furchtbares Feuer, dessen Brauenrunzeln Dakshas Opfer zu Staub machte! Lob dir, reicher Gnadenspender, der Vishnu die Wurfscheibe gab, als dieser sein rotes Lotosauge opferte! Lob dir mit dem dunkelwasserlilienfarbenen Edelsteinhals, Gemahl der Fischäugigen! (2634) So pries der Pandya. Der König des goldenen Kudal hörte ihn und sprach als Himmelsstimme: Herr des Vaigai-Landes, wir haben deine Huldigung gehört und uns gefreut; sie war uns süß. Höre nun noch etwas Weiteres!

(2635) Unter den unbeschreiblich vielen heiligen Stätten ragt Alavay hervor. Hier gibt es unzählige selbstentstandene Lingas und unzählige Zeichen unserer Gegenwart, die Daityas, Yakshas, Siddhas, mächtige Rakshasas, Götter, Weise und Menschen nach der vorgeschriebenen Ordnung errichtet haben. (2636) Unter diesen Zeichen sind vierundsechzig besonders erhaben, unter ihnen wiederum acht, die von den Göttern der acht Richtungen verehrt wurden. Von diesen ist jenes, in dem wir jetzt wohnen, das von unserem Freund Kubera verehrte Linga. (2637) Die genannten anderen Heiligtümer vergingen einst in einer Weltauflösung; dieses von unserem Freund errichtete Linga blieb. Darum wohnen wir hier. Weil wir hier Wohnung genommen haben, soll diese heilige Stätte von heute an als Uttara-Alavay, nördliches Alavay, hervorragen.

(2638) Wisse: Wir verlassen den Kadamba-Wald mit seinen hohen kühlen Feldern nicht einmal für einen Augenblick. Auch hast du sonst kein Unrecht begangen. Doch weil du Kadans Gedicht missachtet hast, kamen wir aus der Gnade, die wir ihm gewähren, hierher. (2639) Der Pandya hörte die Himmelsworte des großen höchsten Yogis, dessen Hälfte die Frau ist. Er verehrte und pries ihn: Heiliger der Götter, ist es nicht die Größe wahrhaft großer Menschen, die Fehler der Kleinen zu verzeihen? (2640) Der Freigebige, der im nördlichen Tiruvalavay gesessen hatte, schenkte dem sich verneigenden König Gnade und schickte ihn in seinen von blitzenden Fahnen geschmückten Palast. Mit der rankengleichen Göttin und den Dichtern kehrte er rasch in seinen Tempel zurück.

(2641) Der König folgte dem Herrn mit Mond und Blitzflechten, nahm Abschied und ging dann mit dem Dichter, der ihn besungen hatte, und den würdigen Sangam-Mitgliedern in seinen ummauerten Palast, den Lakshmi stets als ihr Eigentum bewohnt. (2642) Nach festlicher Ordnung schmückte er eine duftende Edelsteinhalle mit Bananen- und Arekapalmen, Wedeln, weißen Baldachinen, Lampen, frischen Girlanden, vollen Wasserkrügen und Fahnen. Dort ließ er den verständigen Kadan, glückverheißend geschmückt und von Gelehrten umgeben, einen goldenen Sitz besteigen. (2643) Idaikkadan saß auf dem von Löwen getragenen Goldsitz, trug weiße, pollenoffene Girlanden, weiße Gewänder und kühle Edelsteinketten. Glückstrommeln erklangen, Brahmanen sprachen Segensworte, Frauen sangen langes Wohlergehen, und man hörte sein Werk mit den guten Worten.

(2644) Der König beschenkte den weisen Kadan und die selten meisterhaften Dichter in angemessener Ordnung reichlich mit Ketten, Gewändern, jungen rankengleichen Frauen, Schätzen, Elefanten, schnellen Pferden und fruchtbaren Feldern. Dann ging er sieben Schritte hinter ihnen her und bat: (2645) Verdienstvolle Dichter, verzeiht alle Verfehlungen, die ich heute gegen Idaikkadan begangen habe! Lobend verneigte er sich. Die fein gelehrten Männer antworteten: König, der kühle Nektar deiner eben gesprochenen Worte hat unser Zornesfeuer gelöscht. (2646) Möge dir durch den gnädigen Blick unseres Herrn von Alavay weiterhin Glück zuteilwerden, dessen unbeschreiblicher Ruhm niemals schwindet! Mit diesem guten Segen gingen sie. Danach schien die Askese des Pandya Kulesha selbst Gestalt anzunehmen.

(2647) Durch die Gnade des Herrn, der Feuer, Wind, Erde und die übrigen acht Gestalten ist, der Indras schwere Schuld tilgte und die leuchtende Mondsichel trägt, wurde ihm Arimardana Pandya geboren, ein Sohn wie ein Löwenjunges. [Die dichtgefügte Aufzählung der acht Gestalten ist in der Vorlage verkürzt.] (2648) Kulesha, der Dichter freigebig belohnte, lebte noch viele Tage. Dann übergab er die Erde seinem durch Gnade empfangenen Sohn Arimardana, berühmt wie der, der selbst auf Shivas mondgeschmücktes Haupt das Zeichen seiner gebogenen Bogenwaffe setzte. Schließlich erreichte Kulesha Haras Füße. [Die Anspielung im Vergleich bleibt hier unerläutert.] Hier endet das Kapitel von der Beilegung der Kränkung Idaikkadans. Möge es glückverheißend sein.

57. Shiva wirft das Fischernetz aus

(2649) Wir haben erzählt, wie der vedische Herr mit blitzgeflochtenem Haar Idaikkadan folgte, zurückkehrte und dessen Kränkung beendete. Nun berichten wir, wie er im Meer ein Wurfnetz auswarf, die Frau mit duftenden Njalal-Blüten im Haar heiratete und zurückkehrte. (2650) Der unendlich Schöne, der blaukehlige Sundara von Alavay in Kudal, saß an einem abgeschiedenen Ort mit der jungfräulichen, fischäugigen Göttin, die die Welt gebar. Dieser rankengleichen Frau mit aufblühenden Haargirlanden erklärte er den geheimen Sinn der Veden. (2651) Aus welchem Grund auch immer nahm unsere Herrin den ganzen vom Herrn gnädig gelehrten Sinn der vier Veden nicht recht auf. Sie hörte zwar scheinbar aufmerksam, doch mit etwas Zerstreutheit und ohne volle Hingabe zu. Das makellose Licht erkannte dies.

(2652) Er blickte die Göttin mit schlangenhaubengleicher Hüfte an: Wie andere unwissende Frauen, deren Herzen der Nacht gleichen, hast du dich innerlich von uns abgewandt und den Veda-Sinn ohne Sammlung gehört. Frau mit der Girlande offener Kura-Knospen, wegen dieser Verfehlung sollst du Folgendes erfahren. (2653) Werde zur Tochter der Fischer, die ohne Gelübde und Dharma Fische töten und deshalb als niedrig gelten! Als er dies befahl, erschrak die Frau, deren Edelsteinkette über die schönen weichen Brüste fiel. Sie verneigte sich: Gnadenspender, kann ich denn getrennt von dir leben? [Die soziale Abwertung folgt der Stimme des Originals.] (2654) Der Herr mit den rauschenden Wassern in den Flechten sah den Kummer der scheidenden Zarten: Lebe als Tochter des Fischeroberhauptes an der wogenden Küste. Wenn du dort herangewachsen bist, kommen wir und vollziehen die seltene Hochzeit. So entließ er die nektargleiche Göttin.

(2655) Der elefantengesichtige Gott mit den fünf Händen erfuhr es und trat vor seinen Vater: Durch diese Bücher ist all dies entstanden! Mit seinem langen Rüssel raffte er die dort liegenden Schriften wie feuchte Speiseballen zusammen und warf sie ins Meer. (2656) Auch der Sohn mit dem scharfen Speer, der einen Berg gespalten hatte, riss seinem Vater rasch das berühmte Buch der Erkenntnis aus der Hand und schleuderte es in die Wellen. Da blickte der Herr von vierfach überdachtem Kudal, der Besitzer des weißen Stieres, Nandi zornig an. (2657) Du kanntest die besondere Stunde unseres Zusammenseins nicht und hast diese beiden durch den Eingang hereingelassen. So ist Schaden entstanden. Damit du die damit verbundene Schuld abträgst, werde jetzt ein Hai, gehe in das dunkle Meer, das die Welt umkleidet, und streife darin umher!

(2658) Den furchterregend mächtigen Elefantengesichtigen verfluchte er nicht, denn die Kraft eines solchen Fluches würde zu ihm selbst zurückkehren. Murugan aber, der mit scharfblättrigem Speer den harten Berg durchbohrt hatte, befahl er: Werde ein stummer Knabe unter Kaufleuten! (2659) Nun erzählen wir der Reihe nach, wie die Göttin auf des Herrn Befehl zur Fischertochter wurde, Nandi als tödlicher Hai das Meer bewohnte und der freigebige Gnadenherr den Fisch fing, die Göttin heiratete, mit ihr fortging und ihr die Lehre vermittelte. (2660) Im Land der schönen Vaigai-Furten, wo lange Wellen kreisen, lag an der östlichen Meeresküste eine kühle Fischersiedlung. Tiefe, lange, dunkle Salzkanäle umgaben sie wie ein Graben; alte Schraubenpalmen, deren Spitzen die Wolken streiften, bildeten ihre Mauer.

(2661) Die dicht gegenüberstehenden Schraubenpalmen verbargen sich hinter gekrümmten, stacheligen Blättern. Vom Wind bewegt schwankten sie mit ihren Blüten wie Kämpfer, die sich hinter runden schwarzen Schilden ducken und mit glänzenden Schwertern unter Geschrei kämpfen. (2662) Der Lärm beim Trocknen stinkender Fische, beim Vertreiben der Vögel, beim Ausrufen der Preise, beim Fangen der Fische sowie beim Werfen und Einholen der Netze übertönte sogar den Mund des wogenwerfenden Meeres. (2663) Neben den Sandpuppen, für die schlankhüftige Fischerinnen Spielreis zubereiteten, öffneten Schraubenpalmen ihre Blüten und streuten perlenartige Körner dazu. Die Meereswellen und die umgebenden Njalal-Bäume brachten duftende Blumen als Schmuck heran.

(2664) Als kennten sie den Dharma, öffneten die Schraubenpalmen ihre wie Reispäckchen gefalteten Blüten für Reisende auf dem langen Küstenweg. Blühende Punnai-Bäume sammelten scheinbar Perlen, grünes Gold und Korallen und schenkten sie freigebig nach außen. (2665) Korallen aus den Wellen schienen auf jede Hütte der Fischer zu springen, die Fische töten und verkaufen. Vor den Häusern duftend gelockter Fischerinnen, wo der Fang trocknete, wurden Haufen ganzer Edelsteine fortgefegt, die das Meer ans Land geworfen hatte. (2666) Die Fischerinnen mit todesmächtigen Augen öffneten ihre Kumuda-Münder und handelten im Wechselgespräch mit Fischen. Ihre beiden Augen übertrafen die angebotenen Kayal-Fische an Schönheit; die duftenden Schraubenpalmenblüten in ihrem Haar vertrieben deren Fischgeruch.

(2667) Bienen umschwärmten nicht nur die honigüberströmenden Kumuda-Blüten, deren Knospen an den dunklen Salzkanälen unter weißen Wellen aufbrachen, sondern auch die kumudagleichen Münder, die Palmwein tranken, gewonnen aus den dunklen Palmen an der Küste. (2668) In jener Küstenstadt lebte ein Mann, der durch frühere Askese reiner als die reinen Himmelsbewohner war. Wegen einer kleinen bösen Tat war er jedoch in der Gemeinschaft der Männer mit starken Booten geboren worden und ragte unter ihnen hervor. (2669) Die dunkelkörperigen Fischer führten feste Boote hinaus und füllten seinen bewachten Hof mit dem Tribut der im tiefen Meer gefangenen Fische. Er war ihrer aller Schutzherr und besaß die Tugend wahrer Liebe zu den Füßen des Gottes mit dem Stierbanner.

(2670) Weil er keine Kinder hatte, litt er schwer: Für dieses und das nächste Leben fehlt mir ein Halt. Eines Tages ging er mit seiner großen, würdigen Verwandtschaft zum Fischfang an das weite, rauschende Meer. Dort, auf einer Seite des Ufers, geschah Folgendes. (2671) Die Herrin war einst durch Askese als Tochter des würdigen Bergkönigs und später als ersehntes Kind aus dem Opfer des besonders verdienstvollen Pandya hervorgegangen. Nun trieben der Befehl ihres Gemahls und die Frucht früherer Askese sie zu dem Fischer, der stinkenden Fang verkaufte. (2672) Als wolle sie sich frei seiner Liebe erbarmen, nahm sie die Gestalt eines göttlichen Kindes an. Mit geöffnetem scharlachrotem Mund weinte sie und lag im guten Schatten eines Punnai-Baumes mit glänzend grünen Blättern. Der dunkle Fischerfürst mit seinem harten Gewerbe sah sie.

(2673) Ist sie die Göttin des dunklen Meeres? Eine wasserverborgene Jungfrau mit geschmückten Brüsten? Eine Waldgöttin mit blumenbekränztem Haar? Doch ihre großen Augen blinzeln! Wer hat hier als Kind Gestalt angenommen?, fragte er sich. (2674) Dies ist das Kind, das unser freigebiger Herr von Tamil-Kudal mir aus Erbarmen über meine Kinderlosigkeit geschenkt hat! Seine rechte Schulter zuckte glückverheißend. Er hob das Kind voll Liebe an seine Schulter, umarmte es und legte es in die Hände seiner unerschütterlich treuen Frau. (2675) Sie empfing es wie ein Blindgeborener, der klare Augen erhält, oder wie ein völlig Armer, der einen großen Schatz findet. Die Fischer jubelten wie das Meer, in das sie Netze werfen. Die Fischerinnen mit hellem Lächeln klatschten, riefen und tanzten Kuravai.

(2676) Die makellos treue Frau hatte dieses Kind unerwartet erhalten. Sie umarmte es, sodass ihre breiten Brüste und ihre Augen sich kühlten, küsste es und roch an seinem Scheitel. Ihr Herz floss von Liebe über; sie zog es auf wie eine schöne Edelsteinlampe. (2677) Mit dem Gold aus dem Fischverkauf ließ sie vielfachen Schmuck anfertigen. Sie schmückte die grenzenlose Schönheit des Kindes nach dem Brauch ihres Geschlechts mit glänzenden Ketten, Perlenbändern, Schnüren mit eingesetzten Münzen und Muscheln. (2678) Mit den rotlippigen Fischermädchen ging die Tochter ans Ufer. Sie spielte im Sand, sammelte große Perlen, pflückte duftende Blumen in den von Kantal und Njalal umgebenen Küstengärten und badete im rauschenden Meer, wobei ihr wolkendunkles Haar den Rücken hinabfiel.

(2679) Ihre Taille wurde schlank wie eine weiche Ranke, und die von ihrem lebenslieben Herrn bestimmte Frist nahm ab. Ihre Sehnsucht nach ihm wuchs; zugleich reiften ihre schönen Brüste. So wuchs in wenigen Tagen jene heran, die täglich alle Lebewesen großzieht. (2680) Wie der Herr von Alavay befohlen hatte, nahm Nandi, der sonst vier Arme und eine Flechtenkrone mit junger Mondsichel und Girlanden besitzt, die Gestalt eines Hais an und lebte im Meer der weißen Wellen. (2681) Alle heiligen Schriften, die der bergspaltende Speerjüngling und der Elefantengesichtige ins Meer geworfen hatten, bewahrte er auf seinem Kopf. Im Herzen bewahrte er die Füße, die selbst Vishnu schwer erkennt. So wühlte er das Meer auf wie ein hineingestellter steinerner Quirl.

(2682) Er schoss gegen nahende Boote und Kähne und zerriss sie, stieß große Schiffe samt Ladung um, vertrieb zornig andere herankommende Haie und schleuderte die übrigen Fische, die er mit seinem Horn aufspießte, weit fort. (2683) Weil er das Wellenmeer aufwühlte und die Schriften nach oben brachte, um Gelehrten daraus Nektar zu geben, glich dieser Fisch dem Mandara-Berg. Auf Befehl des Herrn, der die drei feindlichen Städte zu Staub gemacht hatte, verbarg er seine vier Arme im Wasser. (2684) Die von ihm verdrängten Wellen liefen bis zu den Fischersiedlungen und warfen sie um. Er sprang empor, dass wassersaugende Wolken ihre Last verloren. Dieser Fisch mit spitzem Horn streifte so umher, dass die zahlreichen Schiffe den klaren Hafen nicht mehr befahren konnten.

(2685) Was ist dies?, fragte der Küstenherr. Wie können wir ihn fangen? Mit seinen Verwandten ergriff er die Seile des großen Netzes, fuhr ein Boot aufs Meer hinaus und warf es. Doch der Hai umkreiste das Boot, biss es entzwei und sprang zähnefletschend fort. (2686) Als das Boot zerbrach, sprang er auf einen Kahn. Als auch dieser zerschellte, gelangte er rasch auf ein größeres Schiff und warf wieder sein langes Netz. So wanderte der Fischer von Fahrzeug zu Fahrzeug wie die Seele von Körper zu Körper. (2687) Warf er das Netz nach vorn, tauchte der Hai hinten auf; warf er es mühsam nach hinten, erschien er vorn. Zielte er rechts, kam er zornig links hervor; warf er links, erhob er sich rechts.

(2688) Schien er ins Netz geraten, freute sich das Herz des Fischers beim Einholen. Doch zu dessen Enttäuschung glitt er wieder heraus und entzog sich: wie die wechselnde Gesinnung geldgieriger Frauen mit blumigem Haar oder wie die höchste Wirklichkeit, die selbst suchende Erkenntnis schwer erfasst. (2689) Mit seinen Helfern versuchte der Fischer jede geeignete Fangmethode, doch der Fisch wurde nicht gefangen. Wer könnte ihn bezwingen? Der Herr der weiten Küste und die Fischer versanken in verwirrter Sorge. (2690) Der Herr der kühlen, muschelrauschenden Ufer fasste einen festen Entschluss: Wer hierherkommt und diesen Hai fängt, der das Meer wie der hohe Mandara aufwühlt, dem gebe ich meine Tochter in glückverheißender Ehe.

(2691) Während Nandi so im Meer und die fischäugige Göttin mit mondheller Stirn so an Land lebten, beschloss der Herr mit den bewegten Wassern in den Flechten, im goldenen, von acht Elefanten getragenen Vimana, ihre Hochzeit zu vollziehen. (2692) Die Fischer halten aus stolzem Herzen selbst höhere Gemeinschaften für geringer als die eigene. Wie könnten wir um ihre Tochter werben? Ehe sie uns abweisen, wollen wir eine ihnen entsprechende Gestalt als Netzfischer annehmen und hingehen, dachte er. (2693) Er trug einen Lendenschurz wie verdichtete Finsternis, ein daran befestigtes Messer, ein Tuch über der Schulter und im Haar einen Kranz duftender Küstenblumen. Während die beiden uralten Götter und die Veden ihn vergeblich suchten, wurde er zu einem Fischer.

(2694) Welch eine Tat, die fischäugige Mutter aller Welten scheinbar erbarmungslos zur Frau eines gering geachteten Fischergewerbes zu verfluchen! Und nun kommt er selbst als Fischer, ohne dass ihn ein solcher Fluch getroffen hätte. Schön ist es, gut, wahrhaft gut, das Handeln unseres Herrn von Alavay! So spricht der Erzähler staunend und ironisch. (2695) Einer seiner großen Scharführer nahm ebenfalls die Gestalt eines Seemannes an. Er trug das Wurfnetz über der Schulter und einen Fischkorb an einer Stange, die gegen seinen Rücken drückte. Mit ihm hinter sich zog der Herr in die große Hafensiedlung ein. (2696) Er durchquerte Mangrovenwälder an Salzkanälen, schöne Schraubenpalmenhaine und küstenblumenreiche Wassergräben. Wo raschelnde Palmen über dem Weg ihren Wein ausgossen und offene Ambal-Blüten ihn gleichsam tranken, erreichte er die Fischersiedlung mit ihren gebogenen Netzen.

(2697) Der Fischerfürst, dessen große Askese ihm die nektargleiche Tochter unerwartet geschenkt hatte, sah den anmutig herankommenden jungen Fischer. Staunen stieg in ihm auf: Du schöner junger Herr, wer bist du? Sage es mir! (2698) Der Fischfänger, dessen einzigartige Gestalt selbst die vier melodischen Veden nicht ergründen, antwortete: In Madurai lebt ein unvergleichlicher Netzfischer, der für alle Fischer wie ein Vater ist. Ich bin sein guter Sohn und vermag zu erschaffen, zu bewahren und aufzulösen. (2699) Außerdem kann ich mein Netz so werfen, dass selbst alle Himmelsfische, die Sterne, hineingeraten. Da dachte der andere: Ist er wirklich ein Fischerjunge? Seine erste Behauptung war das eine, diese ist etwas anderes. Wir wollen beides auf die Probe stellen.

(2700) Der Küstenherr, dessen Herz dem Dienst ergeben war, sagte: Wenn es so ist, Herr, hier in dieser kühlen Bucht lauert ein mächtiger Fisch, verborgen wie Feuer und voller Zorn. Wenn du ihn fängst, gebe ich dir meine Tochter mit der bienenbesuchten Girlande zur Frau. (2701) Der Löwengleiche sprang auf ein windflinkes Boot und durchschnitt das weite Meer, während muschelwerfende Wellen ihm entgegenschlugen. Er nahm das mit dichtgereihten Gewichten versehene Netz von der berggleichen Schulter seines jungen Dieners. (2702) Er blickte genau hin, drehte den Körper und warf. Die Randgewichte blitzten, und das Netz sprang mit lautem Sausen hinaus. Der gefährliche Hai geriet hinein wie ein Fisch ins geöffnete Maul einer atmenden Schlange mit gespreizter Haube.

(2703) Der König der Fischer, der sich selbst im Netz reiner Freundesliebe fangen lässt, zog das über den Fisch geworfene Netz zusammen und holte es ein. Er legte den Fang ans Ufer des edelsteinwerfenden Meeres. Die Fischer strömten jubelnd zusammen wie Bienen an honigreichen Blüten. (2704) Unser Herr und alle Verwandten haben tagelang als Netzwerfer ihre ganze Schulterkraft und Kunst aufgeboten, ohne diesen Fisch zu fangen. Dieser einzige junge Mann aber warf nur einmal und gab ihn uns! Er muss ein göttlicher Sohn unserer einfachen Gemeinschaft sein!, sagten sie. (2705) Der Herr der schraubenpalmenumgebenen Küste freute sich über alle Maßen. Pambai-Trommeln dröhnten, schlankhüftige Fischerinnen mit weinsüßen Mündern tanzten Kuravai. Er vollzog die heilige Hochzeit seiner blumengeschmückten Tochter mit dem Fischer in seinem weit gebundenen grünen Blätterschurz.

(2706) Da erschienen der hochzeitlich geschmückte Schwiegersohn und die Frau mit blitzenden Speeraugen am Himmel auf dem Stier in ihren eigenen göttlichen Gestalten. Auch der Fisch am breiten Ufer nahm seine gute ursprüngliche Gestalt an und stand als Nandi vor ihnen. (2707) Durch den gnädigen Blick dessen, der auf dem siegreichen weißen Stier erschien, verging die beschränkte Erkenntnis des Küstenherrn, die aus der karmisch gebundenen Geburt stammte. Gute Erkenntnis entstand; er fiel unter die blumengleichen Füße des Helden, dessen goldener Bogen der Meru ist. (2708) Lob deiner heiligen Gestalt, die heute wie ich erschien, um mich Armen zu schützen, der in einem erbarmungslosen, geringgeachteten Körper umherirrt! Lob deinem Erbarmen, das die Göttin mit lack- und korallenrotem Mund heiratete und nun auf dem weißen Stier steht, um meine Fesseln aufzulösen!

(2709) Der grenzenlose Herr blickte den ihn preisenden Verehrer an: Wir sahen dein langes Leid über die Kinderlosigkeit, gaben dir Uma als Tochter und heirateten sie aus Gnade. Genieße auf dieser Erde wie Kubera unermessliche Freuden; danach wirst du unsere Welt erreichen. (2710) So schenkte er dem Küstenherrn, der ihm die Tochter zur Ehe gegeben hatte, kühle Gnade. Vom Himmel auf dem großen Dharma-Stier aus brach er mit Nandi, dem Träger des Stabes, und den von innerer Liebe erfüllten Verehrern nach Uttarakosamangai auf. (2711) Dort saß die anfangslose Gestalt. Die Göttin an seiner Seite verehrte seine klingenden, duftlotosroten Füße, die die vier ursprünglichen Veden preisen, und hörte zu. Er sammelte den ganzen Veda-Sinn, kochte ihn gleichsam zum aufschäumenden Meeresnektar ein und gab ihn ihren Ohren reichlich zu trinken.

(2712) Damals gewährte er diese Lehre auch vierundsechzigtausend liebenden Verehrern, führte sie über das harte Meer der Fesseln und schenkte ihnen unvergängliche höchste Seligkeit. Dann kehrte die Gestalt, die als gekrönter Pandya die meerumgebene Erde beschützt, mit der fischäugigen Göttin nach Madurai zurück. Hier endet das Kapitel vom Auswerfen des Netzes. Möge es glückverheißend sein.

58. Vadavarar, Manikkavachakar, erhält Unterweisung

(2713) So ging der Herr mit der strahlenden Mondsichel in den Flechten zum Küstenfürsten, warf ein Netz aus und entfernte dessen Bindungsnetz. Nun erzählen wir nach unserem Verständnis, wie er zu Vadavurar aus dem wasserreichen Ort kam, die feste Macht seiner Unwissenheit auflöste und ihn in seinen Dienst nahm. (2714) Vadavur liegt am Ufer der Vaigai. Wie ein Geber, der Not und Nutzen sorgfältig abwägt, füllt der Fluss die angrenzenden Felder und Teiche und mehrt den Dharma. Er mündet nicht in das die Erde umkleidende Meer, weil dessen salziges Wasser niemandem hilft, sagt das Bild des Dichters. (2715) In dieser Stadt endeten die Feste nie, in den Häusern nie die Gastmähler, bei den Spielen nie die Freude der Kinder, in den Schulen nie die Veda-Rezitation, auf den Bühnen nie der Trommelklang, über den Gärten nie die Wolken und auf den Feldern nie die Pflugarbeit – wie das Leben, das den Körper nicht verlässt.

(2716) In diesem reichen Ort wurde durch Shivas Gnade ein Mensch im Ministergeschlecht geboren, damit der reine Weg der heiligen Veden und Shaiva-Agamas hell werde. Wie eine junge rote Sonne sollte er die Dunkelheit buddhistischer Lehren vertreiben, die der Erzähler Vishnus Täuschung zuschreibt. [Diese Wertung gehört zur konfessionellen Polemik des Originals.] (2717) Er erhielt den Namen Vadavurar. Alle Zeremonien seines Geschlechts wurden nach den zu den erhabenen Veden gehörenden Schriften vollzogen. Wie der junge Mond wuchs er zur Fülle; bis zu seinem sechzehnten Jahr erlernte er die Veden und sämtliche vierundsechzig Künste der Erde. (2718) Kundige Menschen berichteten dem Pandya Arimardana von diesem außergewöhnlichen Mann. Der König ließ ihn kommen, ehrte ihn freudig in angemessener Weise und erhob ihn in seinem Palast zum Amt eines klugen, tüchtigen Ministers.

(2719) Er hatte sowohl die Lehre mächtiger Kriegswaffen als auch das große alte Gesetzbuch Manus klar und sicher studiert. Darum ragte er selbst unter den allkundigen Ministern, die dem König wie Augen dienten, als erster Minister hervor. (2720) Was soll man noch davon reden, dass er den Widerstand der Feinde brach und ihre Güter gewann? Selbst gerechte Herrscher auf vielen unerreichbaren Inseln sandten ihm die seltenen Schätze ihrer Länder und suchten mit Wohlwollen Freundschaft und gegenseitige Hilfe. (2721) Der tatkräftige Minister Vadavurar erfüllte für Arimardana seine Aufgaben wie Auge und schützender Panzer. Mit milder Güte ließ er die ganze Erde wie seine eigene Verwandtschaft Ruhe finden, beschattete sie mit dem schönen mondgleichen Schirm und sorgte für Gerechtigkeit.

(2722) In seinem Geist erwuchs die Unterscheidung zwischen der wahren Wirklichkeit und den davon verschiedenen trügerischen Dingen. Er ließ Verlangen nach diesem und nach dem kommenden Leben hinter sich und suchte mit aufrichtigem Herzen die höchste Stätte. (2723) Die äußeren Lehrwege der Buddhisten und anderer sowie die inneren Lehrwege, die sich auf die untrüglichen ewigen Veden stützen, beseitigen nach seiner Überlegung nicht von selbst die Befleckung des Geistes und erschließen nicht Haras Gnade. Ohne diese lösen sich die täuschenden Anava-Fesseln nicht, und Befreiung ist nicht möglich. (2724) Die Veden erklären, dass Befreiung schwer zu erreichen ist außer für Verehrer, die durch Hingabe Haras Gnade empfangen. Die allgemein lehrenden Veden lassen ihre Wahrheit noch verhüllt; die Agamas erschließen ihre volle Klarheit jenen, auf die die göttliche Kraft herabkommt. So sagen die Wahrheitserkennenden.

(2725) Wann kommt der höchste Guru, die Erkenntnis selbst, der die Frucht auf dem Gipfel von Veden und Agamas offenbart, den Streit über Einheit und Verschiedenheit beendet, die dunkle Fesselkrankheit löst und mir sowohl den Herrn als auch mein eigenes Wesen erschließt? (2726) Ohne die Gnade des erbarmenden Gurus, der sich großer, unverstellter Liebe leicht schenkt, durch makelloses Buchwissen allein diese grausamen Fesseln überwinden zu wollen, gleicht dem Versuch, ohne Floß nur mit den Händen das mächtige Meer zu durchschwimmen. (2727) So wurde der Brahmane von Vadavur vom starken Wunsch nach seliger Befreiung ergriffen. Wann immer Kenner von Veden und Agamas kamen oder er selbst erkennenden Menschen begegnete, führte er eingehende Gespräche und prüfte ihre Lehren.

(2728) Was er bei unzähligen Menschen erfragte und abwog, nahm er innerlich auf, doch wie einer, der gegen den Durst Salzwasser trinkt, fand er keine Ruhe. Dennoch gab er sein Ministeramt nicht auf und blieb dem König Lebensatem und Auge. (2729) Wie eine Frau, deren innere Liebe einem heimlichen Geliebten gehört, während sie nach außen ihre häuslichen Pflichten erfüllt, richtete er seine Herzensliebe auf den Herrn, der zum Schutz der Götter das Meeresgift getrunken hatte, und versah zugleich den äußeren Dienst beim König. (2730) Eines Tages ging er in dieser Lebensweise zur Versammlung des Pandya und stand vor ihm. Da kamen die Verwalter der kämpferischen Pferdeherden, verneigten sich, traten an eine Seite und berichteten.

(2731) Herr mit dem nie versagenden Kriegerspeer, viele unserer mächtigen Pferde sind gestorben. Die übrigen sind sämtlich krank oder sehr alt. Wenn man genau prüft, ist kein einziges vortreffliches Pferd mehr vorhanden. (2732) Der König mit duftender Nimba-Girlande blickte den freigebigen Vadavurar an: Öffnet heute unsere Schatzkammer, nehmt großen Reichtum, zieht zum Seehafen und prüft die dort ankommenden Pferde. Kauft siegfähige, schnelle Tiere und bringt sie her! So sandte er ihn aus. (2733) Der Edle, dessen Herz sich schon anderswohin gewandt hatte, während er noch das Ministeramt versah, öffnete die Schatzkammer. Er nahm alles Geld, das für den Kauf seltener guter Pferde nötig war, verschloss die Tür und nahm Abschied vom König aus dem hellen Mondgeschlecht.

(2734) Er ließ die Goldlasten auf Kamele laden und vorausbringen. Dann ging er in den Tempel des Herrn mit dem himmelhohen Stierhöcker, badete im Teich offener goldener Lotosblüten und verehrte am Ufer den fünfarmigen Siddhi-Ganesha. (2735) Er verneigte sich vor den kleinen roten Füßen unserer fischäugigen Herrin, der Königin des Erbarmens, schön wie frische rote Lotosblüten. Danach trat er vor den Herrn mit junger Mondsichel in den Flechten, der Varunas schwere Bauchkrankheit beseitigt und ihn angenommen hatte. (2736) Freigebiger Herr, der auf Bitte hin in der Silbernen Halle tanzte, eines wünsche ich: Lass all dieses Vermögen dir und deinen Verehrern zukommen, die die fünf Sinne besiegt haben. Dies ist meine Bitte. Während er so flehend pries, geschah etwas wie eine Antwort der Gnade.

(2737) Ein Adishaiva-Priester trat unmittelbar zu ihm und gab ihm heilige Asche. Kein Zeichen könnte uns günstiger sein! Dies weist auf einen guten Weg, dachte er. Er empfing die Asche mit beiden Händen, legte sie an, verehrte den Herrn der Veden und nahm Abschied. (2738) Süße Instrumente erschallten, Fußsoldaten brachen auf, dicht geschwungene Wedel hüpften; goldene, mondgleiche Schirme mit herabhängenden Stoffen spendeten Schatten. Er bestieg eine blitzende, goldverzierte Edelsteinsänfte und zog los. (2739) Noch ehe er aufgebrochen war, hatte der Herr des siegreichen Stieres, der mit gewechseltem Fuß tanzt, die Ausgeglichenheit seiner guten und bösen Taten sowie die Reife seiner dunklen Befleckung erkannt. Er beschloss, ihn als Diener anzunehmen und ihn gnädig in seinen Dienst zu ziehen.

(2740) Aus Gnade nahm der von den melodischen Veden schwer erreichbare Herr die Gestalt eines brahmanischen Gurus an. Mit vielen Jüngern, die seine Füße nie verließen, kam er nach Perunturai und setzte sich unter einen Kuruntu-Baum mit dichten Blütenbüscheln. (2741) Vadavurar zog mit einem meeresgroßen Gefolge durch zahllose weite Wildnisse. Um das dunkle Meer der sieben Geburten zu überqueren, erreichte er Perunturai, wo nun das große Meer der Gnadenflut voll gegenwärtig war. (2742) Je näher er kam, desto höher stieg in ihm die Flut der Freude. Seine gefalteten Lotushände erhoben sich über den Kopf, aus seinen Augen tropften Tränen, und in dem bisher auf tätige Pflichterfüllung gerichteten Herzen erblühte Gnade. So schritt er weiter.

(2743) Andere lachten: Das ist Wahnsinn! Doch die vierte, intensivste Herabkunft der göttlichen Kraft ergriff ihn. Er scheute die Befleckung, die seine wirkliche Erkenntnis verhüllt hatte, und glich einem schwer Beladenen oder einem, der unter bedrückender Fesselung leidet und nach Befreiung verlangt. (2744) Mein Herz schmilzt wie Butter im Feuer. Daraus erkenne ich: Hier wohnt die Gnadenflut, die mich zu eigen nehmen und die Macht der mich verhüllenden Befleckung vernichten wird! Freudig dachte er dies und betrat den Ort. (2745) Er erreichte den Tempel des Herrn mit dem scharfen Dreizack, badete im kühlen heiligen Wasser, trat ans Tor und fiel mit dem ganzen Körper zur Erde. Wahrhaftig pries er den Herrn, dessen Hälfte die Frau mit bambusgleichen Schultern ist.

(2746) Als er den Tempel rechtsläufig umschritt, sah er vor sich den Kuruntu-Baum, unter dem jene schöne Gestalt saß, die den tugendhaften Weisen durch Schweigen den Sinn erschließt, den die ursprünglichen Veden mit Worten nicht vollenden können. (2747) An einer Seite erklangen laut die Veda-Schriften, an einer anderen die Shaiva-Erkenntniswerke des wahren Weges, anderswo die in den Puranas enthaltenen Gesänge und wiederum anderswo die Lehren der verzweigten religiösen Schulen. (2748) Große Schülergemeinschaften erörterten in Frage und Antwort die vier von der Shruti gelehrten Lebensziele sowie die vier in den Agamas gezeigten Wege, beginnend mit Charya, die zu der von den alten Schriften schwer zu erschließenden höchsten Stätte führen.

(2749) Unzählige wahre Diener, kundig im Weg des Dienens, gute Söhne, die Shambhu liebe Rituale vollzogen, vertraute Übende des leuchtenden Shiva-Yoga und erkenntnisreiche Meister, die das Wesen des Gurus verwirklichten, strahlten dort. (2750) Viele hatten die äußeren Gelübde hinter sich gelassen: Sie tanzten, sangen, weinten und lachten; die Welt tadelte ihr Verhalten. Mit vom Band befreitem innerem Auge schauten sie Haras Gestalt und gingen wie Helden umher, deren offene äußere Augen für die Welt blind geworden waren. (2751) Im Himmelsraum ihres unverstellten Herzens strahlte das makellose höchste Bewusstseinslicht ohne Aufgang und Ende. Darum nahmen viele Wissende Tag und Nacht nicht mehr getrennt wahr und lebten jenseits der daran gebundenen täglichen Gelübde und Übungen.

(2752) Ihr Gewand war ein Lendentuch, ihre Nahrung die in die Hand empfangene Gabe, ihre Verwandten waren Haras Verehrer, ihr Schmuck Rudraksha. Obwohl ihr Schlafplatz die Erde war, ruhten sie an der Stätte ohne Tag, Nacht, Anfang, Mitte und Ende. So lebten sie. (2753) Inmitten dieser vielen Dienerscharen sah Vadavurar unter dem grünen Kuruntu, der dem heiligen Banyan glich, das Erbarmen selbst sitzen: in Yoga-Haltung, das Buch wahrer Shiva-Erkenntnis, Shivajnana-Bodha, in der Hand. (2754) Die Seligkeitsgestalt, die in der Halle tanzt, und jene Gestalt unter dem Banyan, die den vier Weisen regungslos Erkenntnis gab, ist heute mir Hundegleichem in dieser leicht zugänglichen Form erschienen! So ließ der Herr ihn seinen Willen im Herzen erkennen.

(2755) Er trat vor ihn und verneigte sich, erhob die gefalteten Hände über den Kopf und schmolz, als lösten sich seine Knochen. Der Diener, der gekommen war, das qualvolle Netz der Geburten zu zerreißen, geriet ins Gnadennetz dessen, der sich selbst im Netz der Liebe fangen lässt. (2756) Der Guru achtete weder auf Zeiten, Traumbilder noch Vorzeichen, sondern prüfte die Reife des tugendhaften Schülers. Er, der das ursprüngliche Agama gesprochen hatte, schmückte sich mit Sandel und einer Girlande aufgeblühter roter Wasserlilien und legte feste Fußringe an seine Füße. (2757) Er erkannte Lebensführung und Liebe des edlen Brahmanen. Mit der Wasserübergabe nahm er dessen Körper, innewohnende Seele und Besitz an sich, wusch die Befleckung seines inneren Auges ab, setzte ihm seine Lotosfüße aufs Haupt und legte die schöne rote Blütenhand auf dessen Scheitel.

(2758) Durch die feinen fünf heiligen Silben löste er die umschlingende Fesselung, führte ihn auf das fruchtbare Feld wahrer Seligkeit und machte ihn zur vollkommenen Gestalt ohne Gehen und Wiederkehren, ohne Innen und Außen. So wirkte der Herr, der wie eine einzige Lampe erscheint. (2759) Der Heilige nahm ihn mit seinem Blick ganz in sich auf wie glühendes Eisen einen Wassertropfen. Vadavurar vergaß die Art dieses Geschehens, die Worte des Gurus, die ihn umhüllenden Fesseln und sich selbst. Zur Gestalt wahrer Erkenntnis geworden, wusste er nichts anderes mehr. (2760) Süß wie Honig, Milch, Zuckerrohrsaft und Nektar schmolz die Erfahrung Leib und Herz. Das innere Licht erkannte sich, und die Seligkeit füllte ihn, als müsse sie nach außen überfließen. Die unvergängliche Göttin der Erkenntnisrede nahm auf der Zunge des Verehrers Wohnung.

(2761) Mit verehrend gefalteten Händen, sich neigendem Haupt, überströmend weinenden Augen, gesträubten Körperhaaren und vor Liebe stockender Zunge vergaß er sich selbst. Sein Leib wurde weich wie Butter im Feuer; so verneigte er sich und begann zu preisen. (2762) Er reihte fehlerlose Wortjuwelen auf eine Schnur, die ganz aus Liebe bestand, und legte weinend diese Girlande dar. Der Herr freute sich über den wahrhaft Liebenden und gab ihm den makellosen Namen Manikkavachakar – der mit juwelengleicher Rede. (2763) Er badete die Füße des höchsten Gurus, der Freude am Gesang hat, mit seinen Tränen, schmückte sie mit Wortblumen und brachte den süßen Nektar seines eigenen Bewusstseins dar. Er entfachte das Opferfeuer höchster Erkenntnis und widmete sich eifrig Shambhus Verehrung.

(2764) Frei von Verlangen und den Eindrücken leidvoller Geburten hörte Manikkavachakar alle Bedeutungen der Agamas und Upanishaden, welche die Schüler des Meisters rezitierten. Er blieb dort voller Liebe. Der göttliche Tänzer sah dies und fasste einen Plan. (2765) Noch einige Tage wollte er die süßen Juwelenworte mit seinen heiligen Ohren genießen, durch große Hingabe das ganze mitgebrachte Gold an sich ziehen und den gewünschten Dienst vollziehen lassen. Er wollte den Pandya die Größe dieses Mannes erkennen lassen, ihn zur Befreiung führen und den Streit mit den Buddhisten beenden. Darum sagte er seinem Diener: Hier ist noch eine kleine Aufgabe; bleibe! Dann verbarg er sich mit seinen Verehrern. (2766) Wie eine Traumvision erschien und verschwand die Gnadengestalt. Der Verehrer versank in Verwirrung: War es Wachen oder Traum? Wie man einem Hund einen Thron gibt, zeigte mir der Herr seine unvorstellbare Gestalt, nahm mich an und verließ mich wieder! Dann fasste er sich: Vater, bist du mit deinen vereinten Dienern gegangen, ohne mich mitzunehmen, und hast mich mit meinem Karma hiergelassen?

(2767) Diesen Körper, ein Gefäß trügerischer Taten, werfe ich nicht ins Feuer; ich werde mich nicht von einem Berg stürzen und mich auch nicht mit einem giftgleichen Schwert verletzen. Herr, ich fürchte mich davor, denn auch er ist dein Eigentum. Von selbst vergeht mein Leben nicht; von dir getrennt zu sein ertrage ich nicht. Was soll ich tun, Vater, Vater? So klagte er, wälzte sich weinend und sprach weiter. (2768) Wie ein kostbarer Edelstein in der Hand eines blindgeborenen Armen oder ein goldener Juwelenbecher bei einem kleinen, noch nicht sprechenden Kind war deine schwer erkennbare Gnade bei mir. Den Wert dessen, dass du dich mir Geringem leicht schenktest, verstand ich nicht. Du gingst mit den untrennbaren Verehrern fort und ließest mich im Leidensmeer. Die Schuld liegt bei mir ungelehrtem Toren; was könnte sie bei meinem Herrn sein? (2769) Mein Geist suchte verwirrt in den sechsunddreißig Tattvas, von der Erde an, wurde wund und fand mein Selbst nicht. Mit deinem erkenntnisvollen Gnadenblick ließest du sie alle zerfließen und gabst mir mich selbst, ohne das Denken ‚Ich, ich‘. Wo bist du nun, meine Mutter?

(2770) Die fünf Elemente vom Raum an, die fünf Sinnesgegenstände vom Klang an und die vier inneren Fähigkeiten vom Geist an versperrten den Weg. Du gabst mir den klaren, überströmenden Nektar zu trinken, der die sechs Geschmacksarten samt Honigsüße übersteigt. Wo bist du nun, meine Mutter? (2771) Die verhüllende Macht der Befleckung und ich waren nicht getrennt; ich war zu den wechselnden unreinen Zuständen selbst geworden. Du verliehst mir wirklichen Wert und nahmst mich in die unaussprechliche Seligkeitsgestalt auf. Herr, warum ließest du mich hier zurück? Wo bist du, meine Mutter? (2772) So rief und klagte er mit geöffnetem Mund. Sein Herz schmolz wie das einer Kuh, von der ihr neugeborenes Kalb getrennt wurde. Er ging durch das Tempeltor hinaus und sah dort die versammelten Diener des Königs.

(2773) Der Verehrer des schönen Herrn von Perunturai sprach zu ihnen: Die ganze Schar schneller Pferde wird im Monat Adi über das hohe Meer ankommen. Geht voraus und meldet dies dem großen Pandya. Dann entließ er sie. (2774) Die Krieger mit gezäumten Elefanten, mächtigen Pferden und Wagen gingen fort und verneigten sich vor dem König mit der von summenden Bienen umgebenen Girlandenkrone. Sie berichteten das Gesagte. Er hörte zu, erwiderte nichts und wartete auf die Ankunft der geordneten, geschmückten Pferdeherde. (2775) Vadavurar verwendete nun das gesamte Geld, das der König zum Pferdekauf gegeben hatte, aus wachsender Liebe für den vedischen Herrn von Perunturai. Dieser hatte ihn unter dem Kuruntu angenommen und trug die junge helle Mondsichel in der Flechtenkrone. So erfüllte sich Vadavurars frühere Bitte.

(2776) Er stattete besondere Verehrungen, Tempelfeste und die Arbeiten am reichen Heiligtum vollständig damit aus und gab auch den großen Verehrern, die vom Dharma nicht abwichen. Er blieb an diesem Ort und verbrachte seine Tage in solcher unermüdlichen Askese und Hingabe. (2777) Als der genannte Monat herannahte, schrieb der König mit seinen mächtigen Elefanten: Noch immer sind die kräftigen Pferde nicht angekommen. Was bedeutet das? Den Brief ließ er dem Minister Vadavurar überbringen. (2778) Der Weise, der im Gnadenmeer des anfang- und endlosen Urherrn versunken war, empfing den königlichen Brief mit gebührender Achtung und las seine Worte. Was kann ich jetzt noch tun?, fragte er sich und stand ratlos da.

(2779) Er ging zum Tempel seines Guru-Landmanns: Dieser hatte im Feld seines Geistes alle Bindungswurzeln ausgejätet, Gnadenwasser hineingeleitet, die Shiva-Saat aufwachsen lassen und ihm den Genuss der Seligkeit ohne Anfang und Ende geschenkt. (2780) Mein Herr, Löwe der Himmelsbewohner, König mit dem hohen Stierbanner, Herr des Südens, unser Juwel von Perunturai! Du gabst mir den Weg, das ganze Geld des Pandya deinem Tempel und deinen Verehrern zukommen zu lassen. Womit soll ich ihm jetzt Pferde liefern? (2781) So fiel er nieder, erhob sich, pries und bat. Der Herr von Perunturai mit der Mondsichel auf blitzenden Flechten sprach mit himmelfüllender heiliger Stimme: Schreibe dem König, dass sämtliche Pferde kommen werden. Vadavurar hörte dies, und vor Freude überströmend schrieb und sandte er den Brief.

(2782) Als der König die Botschaft des Briefes vorlesen hörte, blieb er in ungeteilter Freude. Die uralte Sonne verschwand mit ihrem Pferdewagen; um die von ihr in der Welt erzeugte Hitze zu kühlen, erschien der Mond. [Die Vorlage nennt am Schluss nochmals den Strahlenden; der Zusammenhang spricht hier für den Mond.] (2783) In jener Nacht erschien der Herr der strahlenden Silbernen Halle dem schlafenden Vadavurar im Traum. Er zeigte seine Gestalt unter dem Kuruntu: Wir kommen mit siegreichen Pferden, die das Herz des siegreichen Königs gewinnen werden. Gehe heute schon voraus! Bei diesem gnädigen Wort erwachte er. (2784) Die Gnadengestalt, die selbst Götter im Traum schwer sehen können, ist uns im Wachen wie im Traum leicht zugänglich!, dachte er. Als steige das selige Licht des Tänzers auf und verschlinge die innere Finsternis, ging die Sonne auf; die Nacht wich.

(2785) Er erhob sich, verehrte die beiden Füße des Herrn von Perunturai und brach auf – nun sollte er nicht mehr in dieser Geburt versinken. Er durchmaß die Wege und erreichte Süd-Kudal, die Stadt des Stierreiters mit strahlender Mondsichel. Dann gelangte er in den goldenen Palast des Königs mit bienenumflogener Girlande und erhielt Audienz. (2786) Der edle Brahmane erwies dem König nach der vorgeschriebenen Ordnung seine Huldigung und stand vor ihm. Der Pandya blickte ihn an: Wie viel rotes Gold habt ihr mitgenommen, und wie viele gute Pferde habt ihr dafür gekauft? Der Kenner der vier Veden antwortete: (2787) Unermesslich war das Gold, und ebenso groß ist die Zahl der gekauften Pferde. Wenn sie nachkommen, wirst du sie sehen, mein Herr. Durch sie wirst du den Namen Turangapati, Herr der Pferde, erhalten. Darauf erwies der Pandya seinem Minister reiche besondere Ehren und entließ ihn.

(2788) Er badete im Goldlotos-Teich, verehrte die Lotosfüße des elefantengesichtigen Gottes und schöpfte den Honig Shivas, der selbstentstanden neben der blitzgleichen fischäugigen Ranke leuchtet. Sein Denken, seine Rede und sein Körper wurden alle drei zu Liebe. (2789) König, Juwel, das mich zu eigen nahm, Mutter, die in der Silbernen Halle tanzt! Wie ich es erbat, nahmst du das gesamte Geld des Königs an dich und ließest mich dienen. Wie werden nun Pferde kommen, damit der König nicht zürnt, sondern sich sehr freut? So bat er stehend. (2790) Du wahrhaft Liebender, fürchte dich nicht! Deinem Wunsch gemäß bringen wir mächtige Pferde, gleich den Rossen, die den Sonnenwagen am Himmel tragen. Diese heilige Stimme des Herrn erhob sich im weiten Himmel. Der von falscher Liebe Freie hörte sie, pries Shivas Erbarmen und ging nach Hause.

(2791) Als Vadavurar sein gut behütetes Haus erreichte, kamen tatkräftige Verwandte, Freunde, liebevolle Diener, Fremde und andere zusammen. Wie donnernde Regenwolken ließen sie ihre mahnenden Worte ertönen. (2792) Herr, das Ministeramt zu übernehmen und Königsgeschäfte zu führen, ist nicht die eigentliche Dharma-Pflicht eines Brahmanen. Wer aber im Dharma des Ministeramtes steht, muss tun, was dem mächtigen König entspricht. Lehren dies nicht die Kenner der Staatskunst? (2793) Was können wir euch sagen, der ihr Politik und Ministerpflichten gründlich kennt? Doch was ihr jetzt tut, wird nichts Gutes bringen. Ihr habt dem König mit der duftenden Girlande die Ankunft kräftiger Pferde zugesagt. Was werdet ihr morgen erklären können?

(2794) Ihr scheint nicht mehr daran zu denken, eure Angehörigen, Freunde, Abhängigen und die würdige Gemeinschaft zu schützen. Nach eurem Verhalten scheint nur noch euch selbst euer Tun vortrefflich zu sein! So tadelten sie ihn. Der Herr hörte zu und antwortete: (2795) An dem Tag, da der Herr mit langen Flechten seine Gestalt zeigte und uns zu eigen nahm, ließen wir Verwandtschaft und Bindung, Leid und Freude hinter uns. Wir gaben den Stolz auf den bloßen Körper auf, verwarfen die Liebe zum Reichtum, verbrannten Feindschaft und Hochmut und wurden von beiden Arten bindender Taten frei. (2796) An dem Tag, da unser Vater seine Gnade zeigte und uns annahm, erkannten wir: Shankara ist Vater, Mutter, Ältester und Lehrer; Wunschlosigkeit ist unsere Gemahlin; alle Lebewesen sind unsere Kinder, und die makellosen Verehrer Shivas sind unsere Verwandten. Die endlose Folge der sieben Geburten ist unser tödlicher Feind.

(2797) Seit der Tänzer mit der ganzen Wasserfülle in seinen Flechten uns angenommen hat, ist der in allen Orten gekochte Almosenreis unser Essen, die ganze meerumgebene Erde unser Lager, ein zusammengenähtes Lendentuch unsere Kleidung, göttliche Asche unsere vortrefflichste Salbe und Rudraksha unser Schmuck. (2798) Mögen wir heute sterben oder immer leben; möge der König uns bestrafen oder mit Freude überschütten; mögen wir im Himmel herrlich sein oder in die grausame Feuerhölle gelangen – Shiva werden wir nicht vergessen. Wenn das alte Karma seine Frucht trägt, wer könnte es abwenden? So wies er ihre Einwände zurück. Hier endet das Kapitel über die Unterweisung Vadavurars. Möge es glückverheißend sein.

59. Schakale werden zu Pferden

(2799) So berührte der Herr, der mit dem löwenmächtigen Pfeil den Elefanten tötete, als Guru den gelehrten ersten Minister des Pandya, krönte ihn mit seinen geschmückten Füßen und nahm ihn an. Nun erzählen wir, wie der Herr Schakale zu Pferden machte und sie herbeiführte. (2800) Am folgenden Tag ließ der König den von Verwandtschaftsfesseln und Befleckung freien Mann rufen: Noch immer sind die siegfähigen Pferde offenbar nicht gekommen. Der Verehrer des Herrn mit kleiner Mondsichel antwortete: Herr, von heute an gerechnet werden sie binnen drei Tagen eintreffen. (2801) Lasst für die kostbaren Pferde eigene, weiträumige Stallungen anlegen, außerdem neue große Wasserbecken zum Tränken. Schmückt die ganze lange Stadt und alle mondhohen Häuser! So wies er den König an.

(2802) Die königlichen Arbeiter bauten die Pferdeställe und verschönerten unermüdlich die ganze Stadt. Die Männer mit Grabwerkzeugen gruben innerhalb dreier Tage Teiche und Becken, wie einst Sagaras Söhne die sieben klaren Meere geschaffen hatten. (2803) Als die festgesetzten drei Tage vergangen waren, sagte der König mit der bienenumflogenen kühlen Nimba-Girlande: Noch immer sehen wir diese unermessliche Pferdeherde nicht! Er ließ den Meister der wohlgefügten Rede kommen und fuhr ihn strafend an. (2804) Was für Pferde hat dieser gekauft, und wann sollen sie kommen? Dann blickte er einige grausame, hinterlistige Männer vor sich an: Führt diesen nutzlosen Dieb fort, bestraft ihn und holt unser ganzes Gold zurück! Geht!

(2805) Den Zorn des felsenschultrigen Königs fürchtend, wagten sie keinen Widerspruch. Wie umschlingende Fesseln umgaben sie den Minister und führten ihn weg. Wie gedenkst du nun das Gold zu ersetzen?, schrien sie ihn zornig an und luden dem im Herzen Feindlosen schwere Steine auf. (2806) Er stand da und gedachte der von Worten gepriesenen langen Füße des Helden, der den goldenen Berg zum Bogen bog und die Städte zertrümmerte. Der Erhabene selbst trug die ihm aufgebürdete Last. Ist er nicht der, der alle großen Lasten seiner vertrauensvollen Verehrer trägt? (2807) Sie sahen, dass die Steinlast ihn nicht zu bedrücken schien und er im Schatten von Shivas Füßen stand. Das muss Zauberei sein!, dachten die mordunerschrockenen Hinterlistigen. In gesteigertem Zorn banden sie dem Kenner der Veda-Enden Hände und Füße fest.

(2808) Auch diese Grausamkeit fürchtete er nicht, sondern gedachte Haras. Die Sonne schien zu denken: Diese grausamen Männer werden ihn noch schlimmer quälen; mein Herz erträgt diesen Anblick nicht. Ihr großes Lichtauge erlosch, und sie versank im weiten Meer. (2809) Der Abendhimmel erschien, als käme Sundara Vidanga selbst, um das bedrängende Leid seines Verehrers zu beseitigen. Die Mondsichel glich dem weißen Eberzahn auf seiner Brust; alle Sterne am Himmel glichen seiner Kette aus Brahma-Schädeln. (2810) Die Nacht breitete sich überall aus wie der befleckte Ruhm des Pandya. Ohne zu erkennen, wen er gefangen setzte, hatte er den Verehrer des Stirnäugigen eingekerkert – eben den, der auch ihn selbst aus dem tiefen, wirbelnden Meer leidvoller Geburten retten konnte.

(2811) Mit Einbruch der Nacht brachten die zornigen Wächter, deren Blicke rote Funken sprühten, den Diener des wolkendunkelkehligen Herrn in eine harte Gefängniszelle und legten ihm Ketten und Fesseln an. Es war, als hätten sie die Askese selbst eingesperrt und gequält. (2812) Mitten in der Flut der grausamen Gefangenschaft ergriff er als Floß die lächelnden goldenen Fußblüten dessen, der sich nach unten und oben unendlich erstreckte, als Vishnu und Brahma ihn suchten. So überquerte er das Leidensmeer. Die Nacht ging zu Ende. (2813) Er hörte mit vollen Ohren das Rufen der versammelten Verehrer, die den unendlich Schönen und die fischäugige Göttin vom schönen Lager wecken wollten, den Klang glückverheißender Muscheln und die gemeinsame Rezitation der vier Veden.

(2814) Als sehne er sich danach, das selige Erkenntnislicht für seinen reinen Diener auf dem Veda-Ross durch die Straßen kommen zu sehen, von Reitern auf Schakalpferden umgeben und vom Urklang der Trommeln begleitet, stieg der Sonnengott auf seinem Wagen empor. (2815) Er blickte zum hohen Tempelturm des Gnadenmeeres Somasundara, der mit der langäugigen Göttin vom duftenden Blumenlager erwacht war. Er faltete die roten Lotushände; aus seinen Lotosaugen floss Wasser. Dann begann er den Herrn zu besingen. (2816) Mein Vater, der du alle Welten gebarst und allen Göttern Vater bist, Träger der reichen Wasserliliengirlande, der du nach Perunturai kamst: Du wunscherfüllender Edelstein im heiligen Alavay von Madurai, erbarmst du dich nicht meiner Geringheit?

(2817) Unalternder Ursprung, uralte Veda-Gestalt und zugleich strahlende, einzigartige Erkenntnisfülle, die selbst jene Veden nicht erreichen! Gott der Götter, Herr mit dem Stierbanner in Tiruvalavay, erbarmst du dich nicht deines Dieners? (2818) Du älteste Wirklichkeit vor allem Alten, du großes Licht, das noch nach allem künftig Neuen sein wird! Herr des Südens, mein Gebieter im heiligen Alavay von Madurai, erbarmst du dich nicht meiner Schwäche? (2819) Du bist Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum und die beiden Himmelslichter und zugleich von all dem verschieden. Du bist Melodie, Musik und Dichtung, du bist überall das sehende Auge. Warum erscheinst du nicht meinem Auge?

(2820) Hier droht ein Leid, das selbst der wilde Tod, einem zornigen Löwen gleich, nicht verursachen würde. Du weißt, wie ich darin versinke und vergehe, und kommst doch nicht mit dem Wort: Fürchte dich nicht! Du, der überall Ohren hat, hörst du meine Rede nicht? (2821) Du bandest mich mit dem Band deiner Gnade, prägtest deine beiden Füße in meinen Leib, vereintest mich mit deinen Dienern und nahmst mich zu eigen. War das die Kostbarkeit, die du mir zeigen wolltest? Heute hast du mich verlassen. Wer wird mich annehmen, wenn grausame Menschen mich herumzerren und bestrafen? (2822) Bedenkst du nicht, dass die Leute über dich lachen werden? Wie wirst du künftig noch nach Dienern suchen? Du kennst mein Ermatten und kommst doch nicht. Sieh die harte Qual, die die Männer des Königs mir zufügen! Ist dies dein Wesen, Höchster?

(2823) Sein klagender Ruf drang dem Herrn ins Ohr wie das Weinen eines kleinen Kindes ins Ohr seiner Mutter. Der Gebieter von Kudal, der den gewaltigen Bergbogen spannte, hörte ihn und beschloss, noch an diesem Tag die harte Gefangenschaft zu lösen. (2824) Er rief Nandi und die übrigen großen Scharführer. Als alle kamen und sich verneigten, sprach er: Heute ist der Mula-Tag im Monat Avani gekommen. Bevor der König noch mehr Zorn ausgießt, müssen wir ihm sämtliche Pferde liefern. (2825) Sammelt alle kleinen Schakale, die im Wald umherlaufen, macht sie zu springenden Pferden und werdet selbst ihre Reiter. Geht voraus; wir kommen in passender Gestalt hinterher. So befahl er.

(2826) Die Scharen nahmen den Auftrag des einzigen Herrn an und sammelten alle Schakale zum Staunen der Himmelsbewohner. Sie machten sie zu schnell springenden Pferden und wurden deren Lenker. Nun beschreiben wir, wie sie herankamen. (2827) Sie trugen hochgebundene rote Seide, Dolche, fest geschnürte Lederschuhe und eiserne Körperpanzer. Ihre Blicke verbreiteten Schrecken, Aschestreifen zeichneten die Stirn, glänzende Fußringe klangen beim Auftreten; sie erschienen von aufflammender Kampfeswut erfüllt. (2828) Einige trugen runde Schilde, die am Rücken schwankten, und scharf geschliffene Schwerter in der Hand. Andere schwangen lange Speere; wieder andere hatten Pfeilköcher längs des Rückens festgebunden und Bogen auf die Schultern gehängt.

(2829) Einige trugen rote Stoffdecken, andere mit grünem Gewebe umbundene Brustpanzer; manche schützten ihre breiten Oberkörper mit dunklen, wolkengleichen Harnischen, andere mit glänzenden Gewändern in der Farbe hellen Goldes. (2830) Viele der kräftigen Männer führten schöne Federschirme, andere kühle Schirme mit milchweiß leuchtenden Yakhaaren, andere große Schirme mit rings herabhängenden Fransen und wieder andere weiße, dicht mit mondhellen Perlen besetzte Schirme. (2831) Das Ross des Herrn hatte die vier Lebensziele vom Dharma an als Beine, Erkenntnis- und Ritualteil der Veden als Ohren und die jenseits äußerer Wahrnehmung liegende Erkenntnis des Höheren und Niederen als Augen. Gebote bildeten sein Gesicht, Verbote seinen Schwanz.

(2832) Die Tantras waren sein äußerer Schmuck; die weit entfalteten Mantras bildeten Glöckchenketten, Halsketten und klingende Fußreifen. An beiden Seiten hingen Steigbügel als Sonne und Mond, um die schönen auftretenden Füße des Herrn zu tragen. (2833) Es trug das erhabene erlösende Brahman als Zaum im geöffneten Maul und stürmte so, dass die gegnerischen Heere äußerer Lehrsysteme zerbrachen. Brahmas vier Gesichter bildeten seine Polsterung. [Einzelheiten dieses verdichteten Ausstattungsbildes bleiben unsicher.] (2834) Alle Millionen Welten waren darin zu einer einzigen Masse zusammengefasst. Auf seinem Rücken lag der Sattel der Upanishaden. Dieses reine vedische Ross bestieg das Licht, das kam, um die harten Bindungsketten seines Dieners zu lösen.

(2835) Nicht nur um des Ministers willen, sondern auch um die Geburten des siegreichen Pandya zu beenden, legte der Himmelsgebieter klingende Fußringe an. Das Erkenntnisschwert, das er aus der Veda-Scheide zog, leckte auch die äußere Finsternis hinweg und streute Glanz. (2836) Sein geneigter Haarknoten, der heilige Kopfschmuck, diamantbesetzte Ketten, Armreifen und Ohrgehänge, die karmaverbrennenden Aschestreifen auf der Stirn, das weiße Gewand und der Schutzpanzer strahlten in einer Schönheit, die die Herzen einsichtiger Verehrer nicht mehr verließ. (2837) Die Pferdeglöckchen schienen zu verkünden: Ihr, die ihr weitere Geburt begehrt, nähert euch hier nicht einmal versehentlich! Ihr aber, die ihr Geburt hinter euch lassen wollt, kommt rasch! Unter dem Vorwand, die königliche Peinigung seines Dieners zu beenden, ist der Eine gekommen, alle Geburt abzuschneiden.

(2838) Die flatternden Mähnen und Wedel glichen den Flüssen Kaveri, Tungabhadra und anderen, die ihn ringsum umströmten und baten: Du hast Ganga in deiner Flechtenkrone verborgen; verbirg auch uns wie sie bei dir! (2839) Sarasvati, die auf Brahmas Zunge wohnt, schien zu erkennen, dass Umas Herr die vier Veden als Pferd bestiegen hatte. Als weißer Schirm spannte sie sich über seine Krone und ließ milchhellen Mondschein ausströmen. (2840) Die achtzehn Instrumente dröhnten, als sprächen die achtzehn geordneten Puranas laut: Dieser ist der Herr, von dem wir reden. Er erschafft, bewahrt und vernichtet. Er ist die höchste Wirklichkeit, die alle Veden anrufen!

(2841) Mitten unter den dicht gedrängten wunderbaren Pferden bewegte sich das Ross der vier Veden, auf dem der Herr ritt. Der aufsteigende Staub erfüllte Weltall und Richtungen; die Sonne geriet in Verwirrung: Wo ist mein Weg? [Die Richtungsangabe des ersten Halbverses ist nicht eindeutig.] (2842) Diese Pferde mit verwandelter Gestalt machten Erhöhungen zu Vertiefungen und Vertiefungen zu Hügeln. Mit dem Schaum ihrer Mäuler schienen sie die ganze Erde zu überfluten; mit ihrem Staub ließen sie Wasserfluten wieder austrocknen. (2843) Der Staub der Pferde mit gestutzten Mähnen machte die himmlische Ganga scheinbar zur erdigen Vaigai. Die sieben grünen Sonnenrosse sahen nun rot aus; die Gesichter der Richtungselefanten schienen mit rotem Pulver bestreut, und der helle Mittag glich dem Abend.

(2844) Der von den Hufen der wilden Pferdeschar Shivas aufgewühlte Staub glich nichts anderem als dem Rauch eines Opfers, das Menschen nach der Guru-Ordnung vollziehen, um die reiche Welt Indras, des Abschneiders der Bergflügel, zu erreichen. (2845) Erde, Richtungen und Himmel verschwanden im Staub. Die Menschen am Weg konnten mit den Augen nichts erkennen; nur die Ohren nahmen die Ketten- und Halsglöckchen der umlaufenden Pferde sowie ihr wolkengleiches Wiehern wahr. (2846) Das sind von Wellen geworfene Perlen, kein Maulschaum! Das ist Brandungsdonner, kein Wiehern geschmückter Pferde! Dies sind keine Rosse, sondern ein Meer, das der Götterkönig wieder geschickt hat, um die Stadt zu vernichten!, sagten manche.

(2847) Gab es auf Erden jemals solche kraftvollen, springenden Pferde? Ist dies das Ross des Himmelskönigs? Doch das ist nur eines. Sind es die heißen Rosse der Sonne? Aber jene sind sieben und grün. Was sind diese springenden Pferde?, fragten andere. (2848) Erheben sie sich zornig, um gegen die grimmigen Weltschlangen zu kämpfen? Sie reißen den Rücken der alten, von grünem Wasser umgebenen Erde auf. Oder wollen sie die Himmelswelt angreifen? Ihre Hufe scheinen bis zum Himmelsgewölbe zu schlagen und es niederzudrücken. (2849) Wie Pferde aus dem Norden nach Süden, aus dem Süden nach Norden und aus dem Westen nach Osten gelangten, ließ sich nicht erkennen: Es war das Spiel des Siddhas, das ihre Wege verbarg.

(2850) Diese Pferde sind das im Veda-Brauch entstehende Opferfeuer. Sie verbrennen das Herz des Herrn der Kaveri und das des Herrschers mit dunkler Palmengirlande. Nun werden sie auch das Herz des Pandya verbrennen, der seinen Minister bestraft!, sagten manche. (2851) Einst kam der Herr um eines Ministers willen mit einem grenzenlosen Heer auf einem seltenen Ross vor den König. Sind die Krieger auf diesen Pferden nun gekommen, um die Not dieses vedischen Ministers zu beenden?, fragten andere. (2852) Ist dieser Mann Kama? Oder der Sechsgesichtige mit der duftenden Kadamba-Girlande? Ist es der Onkel dessen, der Taraka besiegte, also Vishnu? Oder der furchtbare Indra, der die mächtigen Flügel der Berge abschnitt? So rätselten die Frauen.

(2853) Sie drängten sich näher und tranken die ganze Schönheit des Herrn mit ihren Augen. Als Preis für seine Girlande boten sie ihre Armreifen an: Gib uns deine Girlande! Wenn nicht, nimm unsere Reifen und lege sie wieder in unsere Hände! (2854) Sie hoben Blumen auf, die aus dem Kranz seiner Krone gefallen waren, und steckten sie ins Haar wie Siegesblumen Kamas. Herabgefallene Sandelpaste strichen sie auf ihre Brüste; sie empfanden grenzenlose Freude, als hätten sie den Herrn selbst umarmt. (2855) Das Kleid auf der Brust dieses stirngezeichneten Schönen heißt mit Recht Panzer, denn es hält unser Leben auf!, sagten sie. Und seine Girlande heißt mit Recht Kanni, Fangschlinge, denn sie hat unser Leben gefangen! So spielten sie mit den Worten.

(2856) Der, der nach eigenem Wunsch Gestalt annimmt, ging als Reiterheld weiter. Wie ein Zauberer seine Kunst zeigt, versetzte er die Welt in verzückte Verwirrung und bezauberte die nach ihm verlangenden Frauen stärker als Kama. (2857) Die springenden Pferde glichen den Sinneskräften, die starken Scharführer, die sie ritten, den Gedanken. Das seltene Veda-Ross in ihrer Mitte glich dem Lebensgrund, der in jedem Geist ununterbrochen gegenwärtig ist und ihn bewegt. (2858) Das Dröhnen der vielen Instrumente, die Pferdelaute und das Rufen der Krieger betäubten die Richtungen. Der Lenker des Veda-Rosses gelangte bis auf eine halbe Wegstrecke vor die wohlgeschützte Stadt mit ihren unberührten großen Mauern. [Die Entfernungsangabe folgt der traditionellen Einheit Katam.]

(2859) Menschen, die ihn gesehen hatten, liefen rasch zur befestigten Stadt. Bei einem wolkenhohen Edelsteingebäude näherten sie sich dem Gefangenen, der selbst einer regenreichen Wolke glich. Mit aufblühenden Lotosgesichtern und knospendem Lächeln berichteten sie. (2860) Löwe unter den Ministern, der du den König nicht vom rechten Weg abweichen lässt! Pferde kommen dicht gedrängt heran, als näherten sich die sieben verschiedenfarbigen Meere. Schon jetzt ziehen sie durch das kostbare Tor der goldenen Mauer! (2861) Meldet dies rasch dem König!, sagte der edle Brahmane, der die Gnade des Meru-Bogenschützen empfangen hatte. Sie gingen zu dem Herrscher, der ihn so hart hatte fesseln lassen: König mit den kampfstarken Schultern, die Pferde kommen!

(2862) Als der König von der wie Wind herankommenden Meeresfülle hörte, schwoll sein Körper vor Freude, dass die kostbaren Armreifen beinahe auseinanderbrachen. In großer Freude ließ er dem Minister teure Edelsteinketten und begehrte Gewänder geben und erfreute ihn. (2863) Er verließ seinen Löwenthron, ging zum bemalten Haupttor und nahm im strahlenden Gebäude daneben wieder auf einem Löwensitz Platz. Frauen mit Kantal-blütengleichen Fingern schwenkten Wedel; erfahrene Ratgeber standen um ihn. So erwartete er die Pferde. (2864) Doch die durch das Gnadenspiel des Höchsten erscheinende Pferdeflut verzögerte sich noch eine kurze Zeit. Der König des Mondgeschlechts schämte sich innerlich: Das ist eine Lüge! Mit feurigen Augen gab er seinen nahen Dienern ein Zeichen.

(2865) Die starken grausamen Männer erkannten seinen Willen, traten zum ersten Minister und führten ihn wieder fort. Ohne vor der Ungeheuerlichkeit ihres Tuns zurückzuschrecken, quälten sie den Standhaften. Er gedachte seines göttlichen Pandya-Herrn und pries dessen rote Füße. (2866) Du gabst mir einen Weg, den selbst der Lotosgott nicht kennt, und nahmst meine tamilischen Gedichtgirlanden als Dienst an. Gott, König der Götter, wirst du bei meinem Leid nicht ‚Ach!‘ sagen, nicht ‚Fürchte dich nicht!‘? Ist das der Dharma? (2867) Du sagtest: Herz, Rede und Tat gehören alle dir, o Herr. War dies Täuschung? Wenn nicht, kommst du heute nicht? Du mit der baumwollzartfüßigen Göttin als Hälfte, Höchster von Kudal, sagst du nicht: Fürchte dich nicht? Ist dies, Herr, die Schönheit deiner Gnade?

(2868) Du mit wasserlilienblauer Kehle hast mich Sünder, geringer als ein Hund, als etwas Wertvolles angenommen und meinen Dienst empfangen. Sind nicht Seele und dieser Körper dein Eigentum? Wenn du dich heute untätig zurückhältst, wer ist dann noch mein Herr? (2869) Während der Verehrer so flehte und klagte, drangen die vereinten Klänge von Hörnern, Trompeten und Kakalam in seine Ohren wie das tiefe Muhen einer guten Kuh in die Ohren ihres jammernden Kalbes. Er sah den roten Staub der siegreichen Pferde alle Richtungen verschlingen. (2870) Auch der Pandya bemerkte es, rief Vadavurar und ließ ihn an seine Seite führen. Liebevoll sprach er zu dem verehrungswürdigen Minister: Wer außer euch könnte unsere Geschäfte so fehlerlos betreuen? In wachsender Freude unterhielt er sich mit ihm.

(2871) Alle wunderbaren, springenden Pferde kamen heran; ihre Mäuler schäumten wie ein Meer. Die prächtigen Reiter auf ihnen glichen jungen roten Sonnen, die den weiten Mantel der Dunkelheit zerreißen und viele Strahlen aussenden. (2872) Der König mit bienenumflogener Girlande sah die schnellen Pferde, wie selbst frühere Könige seines Geschlechts sie nie gesehen hatten. Auch mit tausend Augen wie Indra könnte ich mich daran nicht sattsehen!, dachte er, und seine Freude blühte auf. (2873) Er war so überwältigt, dass er kaum zwischen sich selbst und seiner Freude unterschied. Staunend fragte er den Minister nach den Männern auf den stolzen Pferden: Wer ist unter ihnen der Höchste? Herr, das weiß ich nicht, antwortete der, der alles erkennen konnte.

(2874) Das einzigartige Seligkeitslicht trägt als Grund alle Welten; nun ließ es sich vom Veda-Ross tragen, das selbst die Welten trägt. Seine niemals bewegten Lotosfüße bewegten sich. Mit der geschmückten Hand, die Bindungen löst, ergriff es den Pferdezügel, trat vor den König und sprach: König, sieh dir ein wenig unsere Reitkunst an! (2875) Der, der selbst unbewegt alle Welten bewegt, führte das Ross in den fünf gelehrten Gangarten, den fünf Bewegungsformen und ihren achtzehn wunderbaren Abwandlungen. Nicht nur König und Hof, sondern Menschen aller Richtungen und selbst die Götter staunten. (2876) Auch die mächtigen Scharführer führten nach seinem Vorbild ihre sehenswerten Pferde vor. Der Pandya betrachtete sie und fragte: Wer von euch hat das Amt des Anführers? Dieser hier!, antworteten die Reiter.

(2877) Als das durch keinen Hinweis fassbare Licht auf dem springenden Veda-Ross vor den König mit honigoffener Girlande trat, berührte ihn sein Gnadenblick. Er vergaß sich, erhob sich und faltete seine breiten roten Lotushände über dem Haupt. (2878) Dann kehrte durch des Herrn Willen die gewöhnliche Erkenntnis des Königs von Kudal zurück, die zuvor verhüllt gewesen war. Warum bin ich heute vor einem bloßen Reiter aufgestanden und habe die Hände gefaltet?, dachte er. Beschämt, sich wieder hinzusetzen, blieb er stehen. (2879) Der Held auf dem Veda-Ross blickte in sein Gesicht: König mit goldberggleichen Schultern, dein Minister, der dein Wort nicht verkürzt, brachte dein ganzes Vermögen zu uns. Er verteilte es reichlich an uns und unsere bergstarken Begleiter, die uns nie verlassen. Darum sind wir gekommen.

(2880) Diese Pferde sind eigentlich Göttern, nicht Menschen angemessen; ihr Wert übersteigt jedes von Kennern festgesetzte Maß. Sie besitzen die Merkmale der Pferdeschriften. Du bist ein guter Käufer; höre nun die Bedingungen für den Verkauf dieser makellosen Rosse. (2881) Wenn du heute von mir die Zügel übernimmst und diese Pferde zu deinen machst, dann gilt: Was immer morgen aus diesen Pferden geworden sein mag, zwischen dir und mir besteht deswegen kein weiterer Anspruch. König, so lautet die Regel dieses Pferdekaufs. (2882) Der König stimmte freudig zu und sagte nachdrücklich: Unter unseren wahrhaft ruhmreichen Ministern ist Vadavurar der Beste. Zu seinen unvergleichlichen Fähigkeiten besitzt er nun auch durch diese Freundschaft großen Einfluss.

(2883) Der Herr auf dem hohen Veda-Ross hielt seinen Schlangenschmuck verborgen. Während er dem König mit der smaragdgrünen Nimba-Girlande auf der Brust die Pferde durch Übergabe der Zügel überließ, begann er, die allgemeinen Pferdemerkmale zu erklären. (2884) König mit glühendem Speer, ein kräftiges Ross überspringt im nötigen Augenblick selbst Festungszinnen. Es dringt durch Öffnungen, in die nicht einmal der Blick gelangt, und nimmt jeden gesehenen Freiraum als Weg. Bei großer Hungersnot frisst es selbst, was es sonst nicht fressen würde. (2885) Wenn ein einziges Pferd mit unvergleichlich vortrefflichen Merkmalen bei einem Menschen wohnt, gesellt sich Lakshmi rasch zu ihm. Sein reicher Wohlstand wächst, und vielfach breitet sich sein Ruhm aus.

(2886) Die Patala-Pferde haben eine Zunge von der Farbe glänzender Mangosprosse, hohe feste Hufe und lange, gleichmäßige, gerade Zähne. Ihre Brust und ihr Hals gleichen der ausgebreiteten Haube einer Schlange. (2887) Kodaka-Pferde von großer Kraft haben breite Stirnen und eine unvergleichlich gestutzte Mähne wie wohlgeordnetes Haar. Ihr Fell ist einfarbig; ihr makelloses, schön geformtes Gesicht zeigt drei Winkel. (2888) Ivuli nennt man Pferde, die selbst dann im Kampf weiter angreifen, wenn das Gesicht vom Schwert getroffen wird. Ihre Gangarten gleichen denen von Affe, Tiger, Elefant, Fuchs, Löwe, Sharabha und springendem Hasen. [Die Tierliste enthält in der Vorlage eine sprachlich unsichere Stelle.]

(2889) Vanni heißt ein hochgewachsenes, langes Pferd, das weißen Schaum wie Muschel und Zucker hervorbringt. Es besitzt eine besondere, gemischte Färbung mit dunklen Anteilen. [Die genaue Farbbeschreibung ist unsicher.] (2890) Ein Kudhirai besitzt an seinem kräftigen Hals den ausgezeichneten ‚Gottesjuwel‘-Wirbel, die acht Glückszeichen und die fünf glückverheißenden weißen Stellen. Es trägt sich in schöner Biegung. (2891) Ein Pari duftet wie Kumkuma, Kampfer, dichtes dunkles Aloeholz und vermischter Moschus. Seine Stimme klingt wie Muschel, Gewitterwolke, Sharabha und grimmiger Löwe.

(2892) Ein Kanduka hat vier Beine, als seien sie gedrechselt und fest eingesetzt. Wenn es sich im Kreis bewegt, gleicht es einem kreisenden Feuerstab; es fügt sich ganz zwischen die Beine seines Reiters. (2893) Es kann Festungen, schwer zugängliche Orte und Flüsse überspringen und besitzt kämpferische Kraft. Herr mit dem Kriegsspeer, die hierhergekommenen Pferde erfüllen alle diese Merkmale vollständig und sind acht Jahre alt. (2894) König, diese Pferde, die die Kraft der Feinde zerschmelzen, sind würdig, von dir geritten zu werden. So sprach der einzigartige Krieger auf dem Gipfel der Veden, wandte sich um und blickte seine Gefährten an.

(2895) Die versammelten Helden trieben alle Pferde so an, dass sie die höchste Vollendung aller Pferdelehren zeigten und die Wahrnehmung der Zuschauer hinter ihnen zurückblieb. Der König mit der Nimba-Girlande auf den Schultern staunte. (2896) Er blickte seine vertrauten Minister an, nickte mit dem sonst unbewegten Haupt und ließ langsam ein helles Lächeln aufblühen; Freude floss über. Auch der Heilige führte nun sein göttliches Ross vor. (2897) In den beiden Richtungen der Kreisbewegung führte er es ohne Unterbrechung so rasch herum, dass es wie ein geschwungener Feuerbrand wirkte: In einem Augenblick schien die ganze Straße aus einem einzigen stillstehenden Pferdering zu bestehen.

(2898) Seine Gestalt auf dem so kreisenden Ross glich jener früheren Tat, als er auf die Bitte eines Königs mit blitzendem Speer die Armschlange freiließ und durch sie die Gestalt der großen Stadt anzeigen ließ. (2899) Die vielfarbigen Pferde verflochten sich auf der Straße in kreisförmigen Bahnen. Sie glichen den dicht mit bunten Edelsteinen besetzten Armreifen, welche die unvergleichliche Stadtgöttin Madurai an den Händen trägt. (2900) Auf den Straßen, auf denen Frauen mit mondgleicher Stirn goldenes Duftpulver verstreut hatten, zogen die starken Pferdereihen. Ihr aufsteigender Staub glich goldenem Staub, den Pferde auf einem Goldland aufwühlen.

(2901) Zur Freude der Götter, Menschen und aller Bewohner des schönen Kudal führte das große Meer des Erbarmens die Pferde vor. Dann trat es vor den Erdherrscher und erklärte geordnet ihre verschiedenen Herkunftsarten. (2902) Dieses Pferd stammt aus dem reichen Kamboja, dieses aus Mandara, dieses aus dem berühmten Gandhara; dieses mit der Mähne ist aus Valmika, dieses Kanduka aus Sindhu. Dieses ist aus dem unerschütterlichen Panchala, dieses schwere Ross aus Tuluva, dieses aus dem makellosen Himalaya, dieses aus Parvata und dieses aus Kalinga. (2903) Dieses Patala kommt aus Arya, dieses Ashva aus Gurjara, dieses vortreffliche Ross aus Kekaya, dieses kräftige mit gestutzter Mähne aus Yavana. Dieses stammt aus dem duftenden, fruchtbaren Makka, dieses aus dem weit bewaldeten Vanayuja, dieses kriegerische Ivuli aus Pallava und dieses lang springende Ross trägt goldenen Halsschmuck.

(2904) Dieses ist aus dem von Gelehrten gepriesenen Sauvira, dieses Vanni aus Maratta; dieses Kodaka aus dem bei Königen beliebten Vasantika, dieses aus Kataka. Dieses schnelle Ross stammt aus Kashmir, dieses aus Vayanta, dieses vortreffliche aus Kona, dieses siegreiche aus Malava, dieses aus Kandhara und dieses tapfere aus Saurashtra. [Mehrere alte Länder- und Pferdenamen sind nur lautnah bestimmbar.] (2905) Dieses kommt aus dem gartenreichen Sali, dieses aus dem bambusreichen Killi, dieses von einer anderen Insel, dieses aus dem wolkenumgebenen Kurukshetra. Pferde aus all diesen vielen Ländern brachten diese Männer zusammen, angelockt von dem Geld, das dein Minister ihnen gab. König, höre nun von ihren Merkmalen! (2906) Weiß, Rot, Gold und Schwarz: Diese vier Farben können rein erscheinen oder sich miteinander mischen und besondere Fellzeichnungen bilden. Wir erklären dir die hervorragenden Kennzeichen dieser geordneten Arten. So entfaltete der schöne Herr auf dem Veda-Ross seine Lehre für den Herrn kämpferischer Elefanten.

(2907) Weiße Pferde gleichen Silber, Perlen, Milch, Mond, Muschel oder weißem Reif. Rote Pferde gleichen Granatapfelblüten oder klarem rotem Lacksaft. Dunkle Pferde gleichen Kuckucksflügeln, Bienen und schwarzen Wolken; goldene Pferde gleichen Feuerflammen und gelbem Gorochana. (2908) Eine Mischung dieser vier beschriebenen Farben nennt man Mischfarbe. Weiß an Gesicht, Brust, Scheitel, Schwanz und den vier Beinen heißt Ashtamangala, achtfach glückverheißend. Weiß an fünf Gliedern, wenn Kopf, Schwanz und breite Brust ausgenommen sind, heißt Panchakalyani. (2909) Ein rechtsdrehender Wirbel am schönen Hals heißt bei Kennern Gottesjuwel. Je zwei geordnete Wirbel an Gesicht, Kopf, Nase und Brust sowie je einer in der Stirnmitte, hinten und an den Seiten gelten als richtige Merkmale; fehlen solche Wirbel, ist dies ein Fehler. [Die genaue anatomische Zuordnung ist unsicher.]

(2910) Fünf getrennte Wirbel auf der Brust tragen den Namen Shrivatsa. Zwei oder drei Wirbel auf der Stirn sind gut; auch vier beständige rechtsdrehende Wirbel gelten als gut. Ebenso bezeichnet man zwei Wirbel an den Ansätzen der Vorderbeine als günstig. (2911) Ein Doppelwirbel in der Halsmitte droht seinem Besitzer Unheil wie einen Donnerschlag, unermessliches Leid und Tod an. Befinden sich solche Wirbel an den Unterschenkeln, bedeuten sie Furcht, Leid und Fesselung. Wirbel an Oberlippe, Vorderfuß, Wange oder Knie sollen dem Herrn Schaden bringen. [Dies sind überlieferte Omenvorstellungen der Pferdekunde.] (2912) Ein Pferd mit solchen Wirbeln gilt selbst angebunden im Stall als unheilvoll. Lassen wir dies beiseite. Als Lebensspanne des Pferdes bestimmt man zweiunddreißig Jahre, aufgeteilt in zehn Stufen; jede zählt drei Jahre, zwei Monate und zwölf Tage. Höre nun weitere Merkmale.

(2913) Welche Fellfarbe auch überwiegt, eine Beimischung von Weiß gilt als gut. Hat ein schwarzes Pferd Rot am Bauch oder an der breiten Brust, verheißt es Sieg. Sind diese Stellen weiß, heißt das dunkle Pferd Varuna und schenkt im Kampf gegen Feinde Sieg. (2914) Weiß am Nacken verheißt Kinder, Weiß an der Brust Freude, Weiß innen am Hals mit seinem Edelsteinschmuck Wohlstand, Weiß im Gesicht Sieg, Weiß an der Rückseite Wohlergehen. Weiß links lässt Nachkommenschaft gedeihen; Weiß rechts mehrt Reichtum, Geld und vielerlei Getreide. (2915) Ein Pferd mit Weiß an Rücken, Schwanz und Gesicht bringt Sieg. Ist es vom Nabel nach vorn sonnenrot und hinten mondweiß, schenkt es Sieg am Tag. Ist es vorn mondweiß und hinten sonnenrot, vermehrt es den Sieg bei Nacht.

(2916) Beide Arten sind hier angekommen. Beim Auftreten sind gute Pferde wie aufspringende Bälle, im Stehen wie Berge, im Rufen wie Elefanten oder grimmige Löwen, an Schnelligkeit wie Wind, beim tänzelnden Schritt wie ein geschulter Tänzer und beim Gehen wie Löwe oder Elefant. (2917) Sie senken das Gesicht wie eine Frau aus gutem Hause, haben Augen wie dunkle Wasserlilien, schönes wolkengleiches Fell und den Duft schwarzer Küstenblüten. Wenn man sie mit Blumen, Aloeholz, Sandel und strahlendem Edelsteinschmuck schmückt, freuen sie sich unablässig. Solche nennt man nach vollkommener Pferdekunde die besten Rosse. (2918) Ein erstklassiges Pferd misst hundert Fingerbreiten Höhe, ein mittleres vierundachtzig und ein geringeres einundsechzig. König von endlosem Ruhm, verehre nun diese kämpferischen, aus Schakalen entstandenen Pferde und übernimm ihre Zügel. Darauf legte der Pandya ihnen Edelsteinketten, Schellen und klingende Fußreifen an. [Die Herkunft als Schakale benennt hier der Erzähler.]

(2919) Er brachte blühende Girlanden, duftende Sandelpaste, reichliches Räucherwerk und Lichter dar und verehrte die Pferde voller Hingabe. Dann stand er mit über dem Haupt gefalteten Händen vor dem Höchsten von Alavay. Der Dreiäugige, der als die drei Götter die drei Welttätigkeiten vollzieht und ihnen doch unbekannt bleibt, sagte: Lebe wohl!, und übergab ihm die Pferde durch Zügeltausch. (2920) Mit Ausnahme des einen Veda-Rosses mit Upanishaden-Sattel gab er sämtliche wunderbaren Pferde ab. Die Diener des wie eine mächtige Sonne strahlenden Pandya nahmen sie entgegen und führten sie wie Wind und Meer zu den Stallreihen des großen Palastes. (2921) Der Pandya schenkte dem Pferdehändler als Ehrengabe ein weißes Tuch. Würde sich der Herr, der einst einem Sänger diente, dafür schämen? Zum Schutz seines unverstellt liebenden Dieners stieg er vom Pferd, nahm es an und legte es wie eine zweite Ganga auf seine Krone.

(2922) Warum steigt er ab, nimmt von diesem König ein solches Tuch und setzt es aufs Haupt? Könnte der König ihm etwa sonst sein Elefantenfell, sein Richtungsgewand und seinen feurigen Schlangenschmuck wegnehmen? So fragten sich die einzigartigen Scharhelden untereinander und sprachen zornig. (2923) Der König mit dharmaspendendem Zepter schenkte jedem Reiter einzeln farbige Gewänder. Sie nahmen sie entgegen. Der aus übergroßer Liebe als Gnadengestalt Gekommene verschwand mit seinem reichen Veda-Ross; ebenso verschwanden die Reiter der wunderbaren Pferde. (2924) Der König mit seinen mächtigen brünstigen Elefanten erwies dem Brahmanen, der ihm in beiden Welten zur Stütze geworden war, seltene, angemessene Ehren und ließ ihn nach Hause bringen. Als die Sonne den höchsten Punkt des Himmels erreichte, erhob er sich und ging in seinen langen goldenen Palast.

(2925) Die übrigen Minister kehrten in ihre Häuser zurück, ebenso alle Stadtbewohner, die die Pferde betrachtet hatten. Auch der göttliche Reiter erreichte seinen Tempel und erzählte der Göttin mit den langen Fischaugen alle Einzelheiten seines Spiels. So saß er bei ihr. Hier endet das Kapitel von der Verwandlung der Schakale in Pferde. Möge es glückverheißend sein.

60. Pferde werden zu Schakalen und die Vaigai wird herbeigerufen

(2926) Wir haben erzählt, wie durch das Wirken des Erkenntnisherrn Schakale zur Pferdeflut wurden. Nun berichten wir, wie die Pferde wieder als Schakale fortliefen, der König darüber dem Minister zürnte und die Vaigai wie der Himmelsstrom anschwoll. (2927) Unter dichtem Instrumentenklang und begleitet vom Heer kam der Verehrer des vedischen Städtezerstörers mit den vom speertragenden König verliehenen Ehren heim. Frauen mit kaum sichtbarer Taille empfingen ihn mit Glückszeichen; so betrat er sein heiliges Haus. (2928) Verwandte, Gelehrtenkreis und verbundene Freunde erkundigten sich voller Nähe nach ihm. Vadavurar schenkte jedem passende, wahrhaftige Worte, freundlichen Empfang und Freude und entließ sie. Dann setzte er sich an einen abgeschiedenen Ort.

(2929) Wie wir damals baten, hat der Stirnäugige von Alavay mit Karantai-Schmuck alles mitgebrachte Vermögen zusammen mit seinen vielen Verehrern angenommen. Er nahm auch uns in Dienst und beseitigte unsere Not; mehr noch: (2930) Er brachte gute schnelle Pferde, wie der König sie wünschte, und machte uns frei von Sorge. Eines bleibt: Er möge uns eine Askese auferlegen, durch die wir die Welt überwinden und uns mit der Seligkeit vereinen, die seine Gnade hervorbringt. (2931) Dieser Wunsch erhob sich in ihm. Ohne jedes Verlangen nach dieser oder jener Welt versenkte er seinen Geist in die roten Füße, die in der Halle tanzen: in das schöne Licht, die ganze Fülle, die als inneres Bewusstsein aller Erkenntnis besteht.

(2932) Morgen wird der Herr von Alavay aus Gnade Erde tragen, um seinen Verehrer zu führen. Als wolle die Sonne auch dies sehen und zuvor ihren vom Staub der Schakalpferde bedeckten Leib reinigen, badete sie im Meer, um wiederzukehren. (2933) Der weiße Mond stieg aus dem edelsteinwerfenden Meer auf, als wolle er das Weltall, das vom roten Staub der Pferde aus Shivas Spiel befleckt war, mit dem weißen Tuch seines Lichtes sauber wischen. (2934) Der kühle Mond erschien aus dem weiten Meer, als wolle er das Himmelsblatt, auf dem die fernen Sterne als Schriftzeichen stehen, mit schwarzer Nachtfarbe bestreichen und dann mit dem weißen Tuch reinen Mondlichtes abwischen.

(2935) Als tiefe Mitternacht kam, nahmen die wunderbaren Pferde im bewachten Palast des Pandya durch das Spiel des Herrn mit der jungen Mondsichel wieder ihre wirkliche Gestalt an. Die Schakale begannen miteinander zu sprechen. (2936) Wo werden wir wieder Muschelklang, Leichentrommeln, das Wehklagen von Frauen mit gelöstem Wolkenhaar und das Schlagen ihrer Hände auf die von Ketten behangenen, rot werdenden Brüste hören? Diese Töne trinken unsere Ohren kühl wie süßen Nektar. (2937) Zu springenden Pferden geworden mussten wir Menschen tragen, wurden mit Stricken und Ketten gebunden und von Peitschen geschlagen. Den ganzen Tag litten wir. Jetzt aber haben wir durch die günstige Macht unseres Geschicks unsere eigene Gestalt wiedererlangt.

(2938) Seit wir im Wald leben, kannten wir niemals eine solche bedrängende Qual. Noch sind die Abdrücke der harten Fesseln und die Peitschennarben nicht verschwunden. Bevor der Morgen anbricht, müssen wir von hier fort! (2939) Hier gibt es keine gebückt kriechenden Schnecken, keine jungen Muscheln und keine wohlschmeckenden Waldkrebse, die sich heimlich in Löchern verstecken, damit wir uns sattessen könnten. Kichererbsen, Pferdebohnen, grüne Hülsenfrüchte und Gras zu fressen, passt nicht zu uns. (2940) Wenn die königlichen Diener und Stadtbewohner uns entdecken, werden sie uns schlagen und quälen. Es ist klug, vor Tagesanbruch die Ketten zu lösen und davonzulaufen! So berieten sich die kurzleibigen Schakale mit ihren heulenden Mäulern entschlossen miteinander.

(2941) Sie verschmähten die Pferdebohnen und Kichererbsen; ihre nach fettem Fleisch verlangenden Zungen leckten die Mäuler. Sie zerbrachen Ketten, rissen die Pfähle mit den an den Beinen befestigten Stricken heraus und erhoben sich heulend, um einen Fluchtweg zu suchen. (2942) Sie sprangen auf die dicht in langen Stallreihen stehenden Pferde, bissen sie mit scharfen Zähnen entzwei, kauten Fleisch und tranken Blut. Mit den noch angebundenen Pfählen liefen sie gemeinsam los und richteten gewaltigen Schaden an. (2943) Die starken Stallwächter hörten das Heulen, erwachten sofort und sprangen auf. Sie sahen, dass die gestern löwengleich herangekommenen Pferde alle Schakale geworden waren und den übrigen schönen Pferden die Eingeweide herausrissen und fraßen.

(2944) Als man sie entdeckte, übersprangen einige besonders starke Schakale die feste Innenmauer. Andere zwängten sich durch Fensteröffnungen, wieder andere drängten durch unterirdische Gänge oder schlüpften durch schmale Durchlässe hinaus. (2945) Schakale mit verkrümmten Beinen, durch Alter geschwächte Tiere, blinde Schakale und solche, die an Krankheit litten und verwirrt waren, fanden keinen Weg hinaus. Sie lagen jammernd in den Ställen. (2946) Einige bissen und stießen die heraneilenden Verfolger, sodass diese fielen, und flohen. Andere schlüpften unter den Füßen derer durch, die ihnen den Weg versperrten. Manche nahmen ihre heulenden, klagenden Jungen an sich und sprangen über die Mauer.

(2947) Nachdem sie den Palast des kriegsspeertragenden Pandya verlassen hatten, erfüllten die Schakale die ganze Stadt: Teiche, Gärten, lange wohltätige Häuser, Straßen, Kreuzungen und die Viertel mit ihren hohen Gebäuden. (2948) Sie drangen in Versammlungsplätze, bemalte Hallen, hohe Häuser, künstliche Edelsteinberge, Terrassen, Höfe und in die hohen Haine, um welche Sterne und Planeten zu kreisen scheinen. Überall streiften sie mit ihren vereinten Sippen heulend umher. (2949) Die kostbare Stadt, sonst erfüllt von Elefantenrufen, vielen Instrumenten, Wagenpferden, schönem Tamil und dem Saitenspiel der Barden, bestand nun ganz aus Schakalgeheul. Die Stadt erwachte.

(2950) Die Hunde erwachten, die Pfauen erwachten; erschrocken erwachten die Hühner, die Bienen, die Schwäne und die Kranichscharen. Rasch erwachten die Elefanten und die dunklen Vogelschwärme. (2951) Schakale drangen in Küchen ein. Von brennendem Hunger nach Fleisch getrieben rollten sie die gestapelten dunklen Töpfe um, verschlangen gekochten Reis und vielerlei Speisen, gaben auch ihren versammelten Jungen davon und stießen laute Rufe aus. (2952) Sie fraßen Tauben, Mainas, grüne Papageien, Hähne mit blütenroten Kämmen und andere Tiere. Schlafende Kinder trugen sie fort, leckten jedoch nur ihre honigduftenden, kumudagleichen Münder, bis sie lächelten, und spielten wie Verwandte mit ihnen; ihnen taten sie nichts zuleide.

(2953) Sie rissen die grünen Hofranken mit den Wurzeln heraus und bissen in alle jungen Früchte. Sie brachen Zuckerrohr, sodass süßer Saft floss, kauten daran, schüttelten die ans Maul drängenden Bienen ab und liefen heulend und springend in großer Zahl umher. (2954) Tausende gefleckte, kampfstarke Widder mit gedrehten Hörnern, tausende Schweine mit Körpern wie dunkler Blütenstaub und tausende Hühner mit korallenbaumroten Kämmen samt ihren kleinen Jungen verloren durch sie ihr kostbares Leben. (2955) Wenn Hunde sie bellend verfolgten, drehten sie sich um, griffen ihrerseits an und töteten sie. Wenn zornige Männer mit breiten starken Schultern sie gewaltsam bedrängten, hielten sie nicht still, sondern stürzten heran und bissen, bis rotes Blut floss.

(2956) Das Klagen der Schweine, das Geschrei der bunten scharfschnäbligen Hähne, das Blöken der Schafe, Hundegebell und Männergeschrei vereinten sich. An manchen Orten konnten diese Laute mit dem Heulen der Schakale wetteifern. (2957) Die Stadt blieb bis zum Ende der Nacht wach. Als man die großen wolkenhohen Tore öffnete, liefen alle überall versammelten Schakale augenblicklich hinaus. Wie Stücke dicker dunkler Finsternis verschwanden sie im Wald. (2958) Als die makellosen roten Sonnenstrahlen aufblühten, verloren die Sterne ihre Herrlichkeit und ihr Licht wurde schwach – wie kleinere Gottheiten für einen Erkennenden verblassen, wenn die Sonne des endlosen höchsten Shiva-Lichtes aufstrahlt.

(2959) Der vedische Sinn, den Götter schwer erreichen, wollte nun für seinen weinenden Diener leicht zugänglich Erde tragen. Als wolle die Sonne diese Mühe sehen und seine gnädigen Füße mit tausend Händen massieren, stieg sie aus dem östlichen Meer auf. (2960) Die roten Lotosblüten öffneten sich wie das Herz dessen, der nach der Lieferung der schnellen Pferde seine Sorge abgelegt und Shiva im Innern erkannt hatte. Die grünen Kumuda-Blüten schlossen sich wie der schweigende Mund jener, die die unvergleichliche höchste Wirklichkeit erkannt und die Rede überschritten haben. (2961) Die Stallwächter fragten sich voller Furcht: Was sollen wir sagen? Rasch gingen sie zum königlichen Sitz des Herrschers mit seinen brunstsaftströmenden Elefanten, verneigten sich und berichteten mit zitternden Körpern, was geschehen war.

(2962) Die gestern angekommenen Pferde, schneller als Wind und den Augen lieblich, wurden allesamt zu Schakalen und zum Tod der schon vorhandenen Pferde. Sie versammelten sich überall in der Stadt, richteten Schaden an und liefen dann in den Wald. (2963) Diese unvorstellbaren Worte drangen wie ein heftiger Wind durch den Blasebalg seiner Ohren und entfachten das Feuer seines Zorns. Seine Augen röteten sich und schienen Funken zu sprühen. Als die Minister seine Wut sahen, wichen auch sie ängstlich zurück. (2964) Wie einer, der nach Nektar Gift trinkt, versank der Herrscher, dessen Befehl selbst Götter fürchteten, in schwerer Not. Gestern hatte er in Freude über die kämpferischen Pferde gebadet; nun hörte er, dieselben seien als wilde dunkle Schakale fortgelaufen.

(2965) Er blickte seine alten Minister an: Dieser Vadavurar, ein Dieb mit finsterem Herzen, hat unser gesamtes Vermögen genommen. Alle Waldschakale, die Blut, Fett und herausgerissene Eingeweide fressen, hat er zu Pferden gemacht und hergeschickt. Ihr Kenner kluger Schriften, seht ihr seine Täuschung? (2966) Was sollen wir mit diesem Zauberer tun? Die erfahrenen Ratgeber dachten: Er hat uns allen schwere Sünde und Schande eingebracht und Wohltat mit Bösem vergolten. Was könnten wir jetzt noch zu seinen Gunsten sagen? Schweigend senkten sie die Köpfe und widersprachen nicht. (2967) Unterdessen dachte Vadavurar: Wir haben dem König erfreuliche Pferde geliefert, sein Geschäft gut erledigt und die gewaltige Herzenssorge abgelegt. In wachsender Freude gedachte er des Gottes, der das dunkle Meeresgift trank, und versank im wahren Meer erkenntnisvoller Seligkeit. Ohne vom Geschehenen zu wissen, kam er zum König.

(2968) Der grausame König blickte ihn finster an; aus roten Augen schienen Funken zu sprühen: Du nahmst unermessliche Güter mit und brachtest uns auf diese schöne Weise gute Pferde! Wo in irgendeiner Welt gibt es jemanden wie dich, der Königsgeschäfte vollendet und Ruhm begründet? So zürnte er spöttisch. Shivas Diener hörte zu. (2969) Welchen Fehler haben die Pferde?, fragte er. Der König antwortete: Überhaupt keinen! Nur wurden sie um Mitternacht zu Schakalen, töteten alle neben ihnen stehenden Pferde, ließen Blut fließen und Fett auseinanderfallen, rissen Eingeweide heraus und fraßen sie. Wer ihnen begegnete, wurde verletzt; die Stadt geriet in Aufruhr, und sie flohen in den Wald. (2970) Hast du uns nur deshalb wie Auge und Panzer gedient, um den richtigen Augenblick abzuwarten und unsere unermesslichen Schätze zu rauben? Vortrefflich ist deine Ministerkunst! Du rühmtest dich, in einem heiligen Brahmanengeschlecht geboren zu sein. Was du getan hast, ist verfehlt; andere werden dich dafür bestrafen!

(2971) Vollstrecker, führt ihn fort und holt unser ganzes Geld zurück! Haltet ihn fest, zerrt ihn und wendet Gewalt an, wenn er sich widersetzt!, befahl der König zornig. Die Männer, stark genug, selbst gegen den Tod zu kämpfen, packten den Rechtschaffenen und führten ihn hinaus, als ergriffe Dunkelheit die Sonne, um ihn grausam zu behandeln. (2972) In der heißen Mittagsstunde, da schon ein Blick in die Strahlen Feuer zu entfachen scheint, stellten sie ihn der Sonne gegenüber auf und luden Steine auf seine Hände und Stirn. Unter den glutsprühenden Blicken seiner Peiniger brach er zusammen. Weinend rief und pries Vadavurar das einzigartige Licht, dessen Augen Sonne, Feuer und Mond sind. (2973) O Herr! Du, dessen tanzende Füße das Ende des Urklanges übersteigen! Vedischer, der du mich Schuldigen in Dienst nahmst! Einzigartige Erkenntnis, Frucht am Gipfel der Veden! Fülle jenseits jedes Erkenntnisweges!

(2974) O Gebieter, mein Geliebter, der den Liebenden wahrhaftig ist! Du mit der Hand, die du auf mein unwahrhaftiges, karmabeladenes Haupt legtest! Du mit den roten, fußringgeschmückten Füßen! Roter Herr, der den Tod versengte! Held, der das Veda-Ross besteigt! (2975) O Vater! Göttlich Entrückter, der mich ungelehrten Geringen annahm! Siddha, der die trügerische Welt als wirklich erscheinen lässt! Befreiter, der meinen Geist klärte und mir mich selbst gab! Gestalt, die ganz Schweigen ist! (2976) Als der klagende Lobpreis des berühmten Brahmanen seine Ohren erreichte, dachte Sundara auf dem Stier daran, dessen Größe öffentlich zu zeigen, den Fluss aus seiner Krone auf die Erde steigen zu lassen und die alte Frau an diesem Tag auf einem Himmelswagen emporzuheben.

(2977) Der Berg der Gnade blickte Vaigai an, die eine Gestalt des Ganga-Wassers war: Muscheln waren ihre Armreifen, gewellte Sandbänke ihre blumengeschmückten Haare. Schwelle an wie das schifftragende Meer bei der großen Weltauflösung, sodass hier alle staunen! So befahl er. (2978) Auf ein einziges Wort des Herrn mit Tumbai-Blüten in der Flechtenkrone kam die Vaigai schneller und wilder als einst der Kampa-Fluss. Dieser war zornig herangestürmt, um die Askese der rankengleichen Göttin zu stören, die dem Linga beim Umarmen Spuren ihrer Brüste und Armreifen einprägte. (2979) Die Flut riss Fruchtbüschel von Reihen kühler Arekapalmen, zerbrach die Ufer, zerstreute Früchte und warf eingefriedete Anlagen um. Sie prallte gegen Bananendickichte, schnitt reifen Reis ab, sprang weiter und riss viele Bäume samt Wurzeln mit sich.

(2980) Weil sie viele tausend rote Lotosblüten mitbrachte, glich sie dem schönen tausendäugigen Indra. Weil sie kühle Lotos, Nymphenblüten, duftenden Mullai-Jasmin und Zuckerrohr führte, glich sie auch dem tapferen Kama, der mit tausend Bogen kämpft. (2981) Sie zerstreute Edelstein- und Blumengirlanden, warf an beiden Seiten glänzende Muscheln und geschmückte Gürtel fort und neigte ihre mit Tränen gefüllten Lotosgesichter. Sie glich großäugigen Frauen, die in ungestilltem Zorn mit ihren Geliebten streiten. (2982) Bergab getriebenen Honig mischte die Vaigai mit Milch und Ghee der Weidelandschaft, dann mit dem Saft abgebrochener Zuckerrohrstücke aus dem Ackerland und mit Salzwasserläufen. So glich sie den Meeren, die einst lärmend in diese Stadt gekommen waren, nun aber selbst ihren Weg zu ihr nahmen. [Das Landschaftsbild ist verdichtet.]

(2983) Die laut donnernde Flut erreichte die Außenseite der mächtigen Stadtmauer, stürzte große Häuser und kleine Hütten um und trug sie fort wie Schiffe, Lastkähne und Boote auf dem Meer. Sie drückte gegen die Mauer, warf sie nieder und drang hinein. (2984) Durch Straßen, Warenmärkte, Edelsteinstraßen und Versammlungsplätze, durch die Gassen der kleinenäugigen brünstigen Elefanten sprang das klare, mächtige Wasser mit wachsendem Zorn. Die Bewohner der fahnenreichen Stadt sahen es nahen und erschraken. (2985) Einige hoben ihre Kinder auf, andere fanden sie nicht und irrten weinend umher. Manche ergriffen die zarten Hände ihrer edlen Frauen und führten sie in Sicherheit. Andere fragten verwirrt, wohin sie noch gehen könnten, und taumelten ratlos.

(2986) Manche sicherten Gold, Schmuck und Besitz; andere vergaßen selbst wichtige Dinge mitzunehmen. Einige stiegen auf die hohen, von blitzenden Fahnen geschmückten Paläste. Andere fragten: Was ist die Ursache, dass diese gute Stadt in Leid versinkt? (2987) Schon gestern wurden die Pferde zu Schakalen und richteten überall in der großen Stadt Schaden an!, sagten einige. Andere verzagten: Noch nie gab es eine solche Flut dieses Flusses. Wieder andere fragten: Ist dies erneut das Werk des zornigen Meereskönigs wie einst? (2988) Hat unser König sein gerechtes Zepter verfehlt?, fragten manche. Ist es ein Spiel des Herrn mit der armreifengeschmückten Göttin als Hälfte?, sagten andere. Wer könnte dies stillen? Wer außer dem gnädigen Sundara, der das aufwallende Gift trank?, antworteten sie.

(2989) Selbst wenn tausend Gundodaras kämen, sich dagegen setzten und ihre weiten Münder öffneten, würden sie dies nicht austrinken!, meinten einige. Andere sagten: Nur wenn dieser Strom wie die tausendmündige Ganga in die Flechten des Herrn erhoben wird, kann seine grausame Wut sich legen. (2990) Die Flut stieg unaufhörlich wie der mit tausend Mündungen vom Himmel fallende Götterfluss. Die grausamen Männer, die den ganz zu Liebe gewordenen Shiva-Verehrer quälten, sahen dies und liefen fort, um ihren eigenen Hausbesitz zu retten. (2991) Als die Diener des Pandya ihn verlassen hatten, ging Vadavurar zum Herrn von Madurai. Weinend und singend verehrte er die Füße, die sich in solchem Dienst fangen lassen. Im großen Meer des Glücks, das als Erkenntnis hervorquillt, versunken, blieb er still wie ein gemaltes Bild. Hier endet das Kapitel von der Verwandlung der Pferde in Schakale und dem Herbeirufen der Vaigai. Möge es glückverheißend sein.

61. Shiva trägt Erde

(2992) So ließ der von melodischen Veden gesuchte Herr die Vaigai wie den himmlischen Götterstrom anschwellen, nachdem die zur Linderung des Leids seines fußgekrönten Dieners gebrachten Pferde als Schakale in den Wald gelaufen waren. Nun erzählen wir, wie der Stierreiter Erde trug und die Spur eines Schlages auf seinem heiligen Leib empfing. (2993) Die Stadt taumelte in der himmelhohen Wasserflut wie ein Schiff im schwarzen Wogenmeer; die Herzen waren bestürzt. Der König mit dem Speer rief alle Minister zusammen: Errichtet gemeinsam einen Damm und bezwingt die Wut dieser anstürmenden Flut! Sie verneigten sich und gingen. (2994) Die Minister des Herrschers mit brünstigen Elefanten verzeichneten die verschiedenen Haushalte, bestimmten Grenzen, legten Messstangen an und markierten die Abschnitte. Durch Trommelschlag ließen sie überall Arbeiter aufrufen, versammelten sie und wiesen jedem zu: Baut nach dem euch zugemessenen Anteil!

(2995) Menschen mit Grabwerkzeugen und Körben, Männer mit Baumstämmen, Träger himmelhoher Bambusstangen und ausgebreiteter grüner Zweige sowie zahllose weitere Gruppen drängten lärmend ans Ufer. Sie glichen großen Wolken, die herbeikommen, um Wasser zu trinken. (2996) Sie kamen nahe, stellten Stützen auf, rollten Seilbündel aus, legten Grundlagen, häuften Material und füllten Laub ein. Sie riefen, trommelten, gruben Sand, trugen ihn fort, trieben einander an, schütteten ihn rasch mit dumpfem Laut aus, verbreiterten den Damm, freuten sich und riefen beim Kuravai-Tanz. (2997) Sie bauten das Ufer, erschraken über die rasch einbrechende Flut und beteten: Mutter, warum dieser grenzenlose Zorn? Beruhige dich nun! Sie schütteten Sand; schloss sich eine Bresche, jubelten und tanzten sie, ließen ihre Stimmen bis in die acht Richtungen dringen und schlugen Trommeln.

(2998) So standen für alle Stadtbewohner Lohnarbeiter bereit, die an den zuvor vermessenen Abschnitten eifrig arbeiteten. Im Südosten der Stadt aber lebte eine einzelne, seit unzähligen Jahren ergraute alte Frau namens Vanti. (2999) Sie genoss die Frucht großer Askese, stärker noch als Verehrer, die den höchsten Veda-Sinn verstehen und dem Herrn Opfergaben im roten Feuer darbringen. Menschen ohne Mutter war sie selbst wie eine Mutter. Allein lebend verdiente sie ihren Unterhalt mit dem Verkauf schmackhaften Pittu, gedämpften Reismehls. (3000) Jeden Tag schaute sie im Herzen unseren Herrn von Alavay: den dreiäugigen Zuckerrohrsüßen mit vier ausgebreiteten Armen, dessen strahlendes Gesicht ein knospendes Lächeln zeigte, den klaren Nektar. Ihm gab sie liebevoll zuerst ihr frisch gedämpftes Pittu zu essen, bevor sie es verkaufte.

(3001) Für die alte Asketin mit dem gebeugten Körper fand sich kein Lohnarbeiter, der ihren zugewiesenen Dammabschnitt schließen wollte. Völlig erschöpft und ratlos dachte sie: Was soll ich tun, wenn der König mich bestraft? Dann gedachte sie des Herrn von Kudal. (3002) Ich törichte Frau lebe davon, Pittu zu verkaufen und davon zu essen. Bis heute konnte ich durch deine Gnade hier sein, ohne auch nur ein sesamkorngroßes Leid zu kennen, unbekümmert darum, wo die Sonne aufgeht. Doch nun ist durch den Befehl des Pandya ein Hindernis über mich gekommen, Herr. (3003) Ohne Gefährten, ohne Kinder, ohne Angehörige und ohne stützende Verwandtschaft, ohne jemanden, der mich annimmt, und ohne Floß, an dem ich mich halten könnte, versinke ich sündige Frau einsam im Leid. Vater, ist es recht, dass mich nun diese unvergleichliche Not trifft?

(3004) Gott, den selbst die Götter schwer erreichen, Shiva, der allen Liebenden leicht zugänglich ist! Ehe der Zorn der Beamten des königlichen Schutzbefehls hereinbricht, finde ich niemanden, der mir als Lohnarbeiter dient. Was soll ich Arme noch tun? (3005) Wird ein Lohnarbeiter kommen?, klagte sie, während ihre Tränen wie Hagelkörner auf die Brust fielen. Um ihre Not zu beseitigen und das Pittu, das sie ihm bisher innerlich gereicht hatte, vor den Augen der meerumgebenen Welt zu essen, verbarg der Herr seine milchsüß sprechende weibliche Hälfte und nahm eine gnädige Gestalt an. (3006) Es war, als verkleide sich die Erkenntnisgestalt, täusche die Göttin mit langen kämpferischen Fischaugen und breche heimlich auf, um aus Liebe die sandhaarige Ganga wiederzusehen, die Gundodara Wasser gegeben hatte und nun als Vaigai auf Erden lebte.

(3007) Er band ein altes schmutziges Tuch um die Hüften und setzte einen umgekehrten Korb auf einen Tragring, der dem Kopfschmuck ähnelt, den seine Dienerschar verehrt. Auf der heiligen Schulter, die mächtige Pfeiler, alle Richtungen und jeden Vergleich übersteigt, trug er ein festes Grabwerkzeug mit abgenutzter, blanker Schneide. (3008) Obwohl er den Nektar der heiligen Opfer treuer Rechtschaffener und die von der an seiner Seite wohnenden Göttin gereichte Speise genossen hatte, kam er wie einer mit unstillbarem Hunger. Er glich einem Kind, dessen großes Verlangen nach der Milch seiner Mutter nicht zur Ruhe kommt. (3009) Die Erde trug die Lotosfüße dessen, dessen Haupt der Gipfel der Veden ist. Gibt es jemanden, der mich gegen Lohn arbeiten lässt?, rief er immer wieder, und seine Worte klangen wie die laut rufenden heiligen Veden. So näherte er sich der Straße der Frau, die im Meer ihrer Tränen erschöpft lag.

(3010) Vanti hörte den Ruf aus dem blütenhaften Mund des jungen, allein kommenden Arbeiters, der weder Vater noch Mutter noch andere Verwandte hatte. Die Unruhe ihres Herzens wich. Mit einer Freude, wie sie Arme bei der Geburt eines geliebten Kindes empfinden, trat sie hinaus. (3011) Sie rief den jungen Mann, der ihr wie einer Mutter Gnade entgegenbrachte: Wirst du mir den zugemessenen Uferabschnitt schließen? Ich werde ihn schließen, Mutter, antwortete er. Doch welchen Lohn gibst du mir dafür? Die hochbetagte Frau erwiderte: (3012) Ich gebe dir Pittu. Er stimmte zu: Der große Hunger brennt in mir, und ich bin sehr schwach. Gib mir zunächst alle Krümel, die von deinem schmackhaften Pittu abgefallen sind. Wenn ich davon gegessen und mich erholt habe, baue ich deinen Damm. So sprach der Grenzenlose.

(3013) Sie öffnete das fest verschnürte Bündel ihrer sorgfältig gedämpften Speise, schöpfte sie heraus und sagte: Iss, mein Sohn! Er löste das fleckige Tuch von seiner Hüfte, breitete dessen Ende aus und hielt es hin. Vortrefflich!, sagte er und aß die Speise zusammen mit der Liebe, die sie hineingegeben hatte. (3014) Dies schmeckt köstlicher als die süße Milch einer Mutter. Es gebührt allein dem Herrn von Tiruvalavay, dem König, der als Pandya die Welt regierte! Immer wieder sagte er dies, nahm Bissen in den Mund und nickte genießend. So aß der, der selbst feuriges Gift als Nektar getrunken hatte. (3015) Ich kam als einsamer Lohnarbeiter ohne Vater und Mutter. Du bist mir Mutter geworden, hast mir Gnade geschenkt und meine hartnäckige Erschöpfung genommen. Jetzt gehe ich zur Arbeitsstelle und werde so arbeiten, dass dein Herz sich freut! Mit diesen Worten stand er auf.

(3016) Am breiten Ufer der Vaigai, die selbst Elefantenstoßzähne mit sich führt, ließ er sich ins Verzeichnis eintragen: Ich bin Vantis Mann. Der Herr mit dem Abendmond in den Flechten, durch Denken, Sprache und Schriftbedeutung nicht auszumessen, begann den Damm zu bauen. (3017) Er grub Erde, lud sie aufs Haupt, erklärte sie für zu schwer, schüttete etwas ab und trug die verringerte Last fort. Wenn der Tragring verrutschte, setzte er die Last ab, nahm ihn auf, band ihn wieder passend um den Kopf und trug die Erde weiter, um sie aufs Ufer zu schütten. (3018) Nachdem er so ein- oder zweimal Erde getragen hatte, tat er erschöpft. Seine schönen Blütenhände schmerzten, die Last drückte eine Spur auf die strahlende Krone, und aus den Lotosfüßen, die Vishnu nicht erkennen konnte, quoll rotes Blut. Er ging zu einem üppigen Baum.

(3019) Ohne Wissen der Bergtochter und der Wassertochter ließ er die Erdgöttin seinen ganzen heiligen Leib berühren und Freude genießen. Sein leuchtendes mondbekröntes Haupt legte er auf den Korb als Kissen. Der dem Meru Gleiche schlief, in seinem eigenen Wesen bewusst ruhend. (3020) Jener Baum schien zum großen heiligen Banyan zu werden; die Menschen, die das heranwogende Wasser eindämmten, glichen Sanaka und den anderen vollkommen erkennenden Asketen. Zu ihrer Augenfreude lag er da, als offenbare er die reine, schweigende Gestalt wahrer Erkenntnis. Dann erwachte er aus diesem Schlaf. (3021) Er tanzte, sang nektarsüß wie der Sama-Veda und lachte. Er lenkte die Arbeitenden ab, grub und häufte Sand, sprang mit staubaufwirbelnden Füßen, lief davon und kehrte gleich wieder zurück. So verhielt er sich wie ein Entrückter.

(3022) Als sei er von der Arbeit völlig erschöpft, ließ er Schweiß über seinen Körper laufen, atmete schwer und rief mit dem Mund nach kühlendem Wind. Wie von großem Hunger geschwächt und voller Verlangen nach dem Pittu seiner Dienerin ging er wieder zu ihr. (3023) Die gebeugte alte Frau hatte die Leidensflut überquert und war ins Wasser der Freude getaucht. Vor sie trat er: Überall werden die nach Maßstab zugeteilten Uferabschnitte geschlossen. Doch ich habe immer noch großen Hunger. Mutter, gib mir rasch Pittu! (3024) Sie gab ihm die gerade frisch gedämpfte Speise. Der Herr nahm sie und steckte sie so heiß in den Mund, dass Hände und Zunge brannten. Er drückte beide Wangen zusammen, ließ sie so mundgerecht werden und aß. Dann kehrte er wie zuvor zum langen Ufer zurück, um weiterzubauen.

(3025) Er aß Pittu mit vollem Mund, grub wie ein überaus starker Mann und trug die Erde fort, schüttete sie aber in den Abschnitt eines anderen. Sah er eine Bresche sich schließen, jubelte er, schlug auf seine starken Schultern und umarmte voller Freude die Nebenstehenden. (3026) Mit dem Korb gegrabener Erde tat er, als stolpere er, und fiel in den Fluss. Er schwamm rasch davon, schob den Korb vor sich her, hob ihn wieder auf und stieg ans breite Ufer. Er klopfte das Wasser ab, löste seine gebundenen Kleider, band sie neu und begann erneut zu graben. (3027) Er trug Erde zum Ausschütten und ließ den Korb in die Bresche fallen. Als wolle er ihn holen, sprang er hinterher, ließ sich von den Wellen treiben, hielt sich an einem Baumstamm fest und schwamm. Er versuchte ans feste Ufer zu gelangen, versank im Strudel, tauchte weit entfernt wieder auf und kehrte zurück.

(3028) Er betrachtete das locker gewordene Werkzeug, setzte es zusammen, schob einen Keil zwischen Stiel und Eisen und schlug ihn fest. Schwer atmend ruhte er, aß Pittu aus seinem Hüfttuch und verteilte es auch an andere, sodass deren Arbeit stockte. Wenn sie einander zum Weiterarbeiten antrieben, klatschte und lachte er. (3029) Das Licht, das selbst Yogis nur mit dem Auge der Erkenntnis suchen können, nachdem sie Wünsche nach Himmel, Erde, Frauen, Söhnen und Besitz sowie ihr eigenes Ich abgelegt haben, spielte nun unmittelbar mit den Menschen, sodass selbst ihre fleischlichen Augen es sehen konnten. (3030) Der mondbekrönte Herr erschafft, bewahrt und löst durch Gnade alle Welten in seinem großen Spiel auf. Während er hier dieses eine Spiel spielte, gingen die mit Treibstöcken bewaffneten Aufseher, die die Arbeit leiteten, zur Prüfung des Dammes.

(3031) Sie betrachteten und verglichen alle Abschnitte, die so berggleich hoch aufgeschüttet waren, dass die langen Wellen zurückwichen. Geradeaus weitergehend sahen sie, dass der Anteil der Frau, die schon tausend Monde verehrt hatte, unverschlossen war. Zorn stieg in ihnen auf. (3032) Wer ist als Lohnarbeiter für Vanti gekommen?, riefen sie und liefen hin. Vor dem jungen Mann, der wie Kandarpa dastand, sagten sie: He, alle anderen Abschnitte sind geschlossen! Warum hast du diesen noch nicht geschlossen, junger Mann, sondern stehst untätig herum? (3033) Der Unendliche erwiderte nichts und blieb in der erhabenen Selbstgewissheit derer, die ihr eigenes Wesen erkannt haben. Unterdessen strömte der Fluss herein und unterspülte auch die benachbarten Dämme. Die Männer mit harten Stöcken waren verwirrt und fürchteten sich, ihm entgegenzutreten und ihn zu schlagen.

(3034) Ist er verrückt?, fragten sie. Oder ein von einem Geist besessener Rasender? Ist er ein Betrüger, gekommen, um Vanti zu quälen? Ein Siddha, der Zauberei zeigt? Wir können nicht erkennen, wer er ist! (3035) Ist er ein himmlischer Sänger? Oder ein Tänzer, der sich passend zu Melodie und Takt bewegt? Ist er ein Mann, der nach seltenem großem Reichtum verarmt ist? Wessen Sohn unter den einst ruhmreich lebenden, nun verarmten girlandentragenden Herren mag er sein? (3036) Seine Schönheit könnte selbst Kama begehren lassen!, sagten sie. Warum verrichtet ein so außergewöhnlicher Mann Lohnarbeit? Ist er ein Waise ohne Eltern? Er ist jedenfalls niemand, der solche Arbeit gewohnt ist; das zeigt sein Körper.

(3037) Er hat den Lohn genommen und selbst verlangt, ins Verzeichnis eingetragen zu werden. Doch er arbeitet nicht und hört auch freundliche Worte nicht. Er steht abgewandt da wie ein Pflock, den man in Stein schlagen will. Wir müssen dies dem König melden! So gingen sie fort. (3038) Vor dem Herrscher verneigten sie sich: Gebieter mit siegreichem Speer, alle Stadtbewohner haben die ihnen zugemessenen Uferanteile fester als Berge aufgeschüttet. Nur der Abschnitt der gebeugten, grauhaarigen Verkäuferin gedämpfter Speise wurde nicht geschlossen. (3039) Ein Mann, der selbst Kama an Schönheit übertrifft, kam und ließ sich als Vantis Arbeiter eintragen. Er freut sich wie ein reicher Königssohn, singt, tanzt und vertreibt die Zeit; an irgendeine Arbeit denkt er nicht einmal im Herzen.

(3040) Als wir seine edle Schönheit sahen, wagten wir nicht, ihn zu schlagen. Deshalb kamen wir ängstlich hierher. Der Pandya erhob sich sofort mit seinen Ministern: Gehen wir hin und sehen alle aufgeschütteten Abschnitte! So kam er zum schönen Ufer der wogenwerfenden Vaigai. (3041) Voller innerer Freude betrachtete der König die festen, aufgerichteten Dämme. Dann sah er, dass bei Vantis Anteil niemand den Abschluss vollendet hatte und die aufsteigende Flut auch das angrenzende starke Ufer untergrub und zerstörte. Zornig fragte er: Wo ist der Mann, der diesen Damm bauen soll? (3042) Die Aufseher mit den Treibstöcken sahen seinen Zorn und erschraken. Nun selbst von unerbittlicher Wut erfüllt, packten sie die breite Hand des göttlichen Diebes, der innen und außen, unten und oben verborgen in allen Leben wohnt, zerrten ihn herbei und zeigten ihn: Dieser ist Vantis Mann!

(3043) Der König sah ihn, entbrannte im Zorn, nahm die goldene Rute in die Hand und schlug den auf den Rücken, dessen Leib das Weltall und die unzähligen Lebewesen sind. Der Herr schüttete den Korb Erde in die Bresche und verschwand als das alles erfüllende Licht. (3044) Das Schlagmal auf dem Herrn, der allen Wesen Erkenntnis ist, traf den Rücken des Pandya, die Körper seiner Königinnen, die edlen Minister, die jungen Prinzen, die versammelten Krieger mit Fußringen, die Pferde und die wilden Elefanten mit schwerem Geschirr. (3045) Das Schlagmal des Herrn von Madurai traf Sonne und Mond, die Mondknotenschlangen, die fünf Planeten und die vielfarbigen Sterne; Erde, Wasser, Wind, Feuer und Raum, die fünf Elemente, sowie die Wolken. Es traf die Veden, die himmlischen Gottheiten der sechs Religionen, die Götter, Weisen und Scharen dienender Asketen.

(3046) Es traf Himmelsbewohner, Menschen, Höllenwesen, Vögel, Tiere, große Schlangen, Termiten, Ameisen und alle beweglichen Wesen; Berge, Bäume, Ranken, Gras und alles Unbewegliche. Auch die ungeborenen Leibesfrüchte trugen das Mal und kamen damit zur Welt; selbst leblose Bilder zeigten es. Es war das Mal dessen, der das Leben aller beweglichen und unbeweglichen Körper ist. (3047) Vishnu schrak auf, der strahlende Lotosgott staunte: Was ist das? Indra fürchtete sich, die übrigen Götter zitterten. Yakshas mit schönen Yazhs, Siddhas und Charanas zeigten einander verwirrt die Wunde an ihren sonst unverletzten Körpern; keiner wusste, wie sie entstanden war. (3048) Um zu zeigen, dass der einzige Herr selbst alle Lebewesen ist und der Liebe leicht zugänglich wird, ließ er sich schlagen. Mit einem einzigen Korb Erde schloss er die Bresche, erhöhte den Damm und bezwang die schnelle Flut. Dann ließ er die Arbeit zurück und verschwand. Die Aufseher sahen dies und gingen zur alten Frau.

(3049) Während die hartherzigen Männer Gewalt ausübten, klagte die Frau mit knochenweißem Haar zum Herrn von Kudal: Muss ich noch solch königliche Bedrängnis erleben? Was hat der Arbeiter, der vorhin fortging, getan? Wie wird dies enden? Der Herr, der ihre kleine Speise mit ihrer honigsüßen Liebe gegessen hatte, schenkte ihr Gnade. (3050) Nandis Scharen vom Stirnäugigen ließen einen strahlenden göttlichen Wagen vom Himmel zur Erde herab. Mutter, komm!, riefen sie, setzten sie rasch hinein und führten sie nach Shivapura, wo die von Shivas Gnade Erfüllten wohnen. Himmlische Blumen regneten; melodische Lieder, Veda-Rezitation und die fünf Instrumentenarten stiegen im Himmel auf. (3051) Der König sah, dass der Herr der Tanzhalle nach einem einzigen Korb Erde verschwunden und der Damm zu einem langen Berg angewachsen war. Auch das Schlagmal auf sich selbst bemerkte er. Die Minister riefen: Mich hat es getroffen, auch mich! Er betrachtete, was ihnen und den übrigen Wesen widerfahren war.

(3052) Zweifel und Fragen erfüllten sein Herz. Da erschien der, der Erde in die Bresche geschüttet und sich als göttlicher Dieb verborgen hatte, im Himmel. Vor dem Meer des Heeres und allen anderen rief er den Pandya an und begann mit körperloser Himmelsstimme zu sprechen, sodass eine Flut von Freude den König erfüllte. (3053) Die Himmelsstimme sprach: »Pandya, dessen gerechtes Zepter die Wege der Gewalt überwunden hat! Dein Vermögen war auf rechtschaffene Weise erworben und deshalb rein. Der untadelige Mann aus Vatavur hat es in inniger Liebe uns und denen zugewandt, die uns angehören. (3054) Du aber hast ihn bedrängt. Wir sammelten die Waldschakale, deren hungrige Mäuler nach verwesendem Fleisch verlangen, machten sie zu schnellen Pferden und übergaben sie dir. In der tiefen Dunkelheit der Nacht gingen sie fort. Wieder überließest du ihn den Strafknechten und verursachtest ihm Leid; das konnten wir nicht ertragen.

(3055) Wir ließen die heranströmenden Wasser anschwellen. Aus Vantis Hand nahmen wir Pittu entgegen und aßen es; als ihr Arbeiter kamen wir und verhielten uns widerspenstig. Dann schütteten wir Erde aus und erhöhten den Damm, gegen den die Flut anbrandete. Das große Leid jener mütterlichen Frau beendeten wir und ließen sie unsere erhabene Welt erreichen. (3056) All dies geschah um seinetwillen. Du hast das Wesen dieses Vedakundigen nicht erkannt. Seine Liebe gilt uns; für dich hat dieser Edle Wohlergehen in dieser und der jenseitigen Welt erwirkt. Alle äußeren Bindungen, selbst an Schmuckgirlanden und Sandelpaste, hat er abgelegt. (3057) Lass diesen Vollendeten seinen eigenen Wunsch erfüllen. Bleibe selbst auf dem bewährten Weg der Veden und der Gerechtigkeit. Genieße, ohne Verkürzung der einem König bestimmten Lebenszeit, das Meer deines großen Reichtums!« Diese Worte des vollkommenen Herrn erfüllten beide Ohren des südlichen Königs.

(3058) Furcht ergriff ihn, Freude zog ihn fort, und er versank in einer Flut des Staunens. Er suchte: »Wo ist der aufrichtige Gottesfreund geblieben?« Schließlich gelangte er zum Tempel des Herrn von Kudal, der eine giftige Schlange trägt. Dort sah er den Heiligen, der nach seinem eigenen Wunsch verweilte, trat zu ihm und warf sich verehrend nieder. (3059) »Herr, ich habe so gehandelt, wie es meinem beschränkten Verstand entspricht: Diese alte, meerumgebene Welt zu beherrschen vermag ich, ebenso aber in die Hölle brennenden Leides zu sinken. Ihr hingegen seid als Frucht meiner unermesslichen früheren Askese gekommen. Ihr habt mir das Gute hier und jenseits erschlossen und seid die seltene Arznei gegen die schreckliche Krankheit leidvoller Wiedergeburt geworden. (3060) Verzeiht das Unrecht, das ich im Zorn beging, ohne euch zu erkennen! Übernehmt wie zuvor den Schutz eures ganzen Landes; beseitigt seine Übel und regiert es!« So bat der König. Der Heilige, der jedes Verlangen nach irdischer Herrschaft abgelegt hatte, blickte ihn mit einem leisen Lächeln an und antwortete.

(3061) »Regiert ihr diese ganze Welt, die vom wogenden Meer umschlossen ist, in königlicher Würde wie der tausendäugige Indra! Erfüllt bereitwillig das, was euer Herr euch aufgetragen hat. Sind nicht jene, die sich in eurer Nähe rechtschaffen bewähren können, reine Menschen? (3062) Durch meine Verbindung mit euch lernte ich sowohl die Ordnung der Welt als auch die vedische Gerechtigkeit deutlich verstehen. Aus dieser Klarheit erwuchs die wahre Reinigung des Herzens. Dadurch überwand meine Hingabe die vergänglichen Himmelsgötter und wandte sich Shiva zu. [Anmerkung: Einzelne Wörter der Vorlage sind hier technisch beschädigt.] (3063) Durch diese Hingabe, Pandya, verbrannte das Leid, das aus dem gebundenen Leben als Entfaltung der Maya hervorgeht. Sie wurde zur Gnade, schenkte die Freude wahrer Erkenntnis, setzte seine Füße auf mein Haupt und ließ mich ganz von ihm erfüllt sein.

(3064) Der einzigartige höchste Shiva ist Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Aus seinem eigenen Willen brachte er jene mächtigen Gottheiten hervor, die das All erschaffen, erhalten und auflösen. Er ist der Höchste, der allen, die aus Furcht vor dem Leiden der Geburt bei ihm Zuflucht suchen, die unerschöpfliche Freude der Befreiung gewährt. (3065) In Mandara, Kailasa, Meru, Paruppatam und Varanasi, an diesen heiligen Orten, schenkt er allen die Freuden dieser und der jenseitigen Welt. Damit der Geist von Menschen wie uns nicht nach außen schweift, richtet er ihr Denken aus und bleibt bei ihnen in heiliger Erkenntnisgestalt. (3066) Dieses höchste Licht, dem niemand gleichkommt und das niemand übertrifft, das einzig ist und überall wohnt, ist der Glanz von Alavay. Einst erläuterte er Kanva und den anderen Weisen die Veden, deren wahre Bedeutung verborgen blieb, bis sie so deutlich vor ihnen lag wie eine Frucht in der Hand.

(3067) Aus seiner Gnade gebot er mir, in die goldene Stadt Tillai zu gehen, deren Gold die Erkenntnis ist. Auch ihr möget dazu eure Zustimmung geben!« Dann pries der Heilige den Herrn von Alavay mit schwer zu schildernden Lobgesängen, verneigte sich, nahm Abschied und brach auf. (3068) Von allen Fesseln durch seinen Herrn gelöst und nun an dessen Füße gebunden, ging er dahin. Der König folgte ihm. »Bleibt zurück, bleibt zurück!«, sagte der große Asket. Der König ging dennoch mit gefalteten Händen bis zur Stadtgrenze mit, verneigte sich zu seinen Füßen, nahm Abschied und kehrte um. (3069) Nachdem der Entsagende fortgezogen war, kehrte der südliche König in seine alte Stadt zurück und suchte den Herrn auf, dessen eine Hälfte die Spenderin des Dharma ist. Er hatte die Rute gegen ihn erhoben, doch dessen schützende Gnade strömte immer weiter. Tief gebeugt stand er vor ihm; was sein Herz erfüllte, drängte über seine Lippen, und er begann zu lobpreisen.

(3070) »Herr der ganzen Welt! Dein kostbarer heiliger Leib trug schon die Narbe des harten Bogenschlags eines Mannes und die Steine, die ein Verehrer wie eine Blumengirlande nach dir warf. Hat er ebenso den Schlag meiner Rute ertragen, den ich Elender dir im Zorn versetzte? (3071) Bist du selbst Brahma, der Sohn der duftenden Blume, Vishnu und die anderen Götter, die sieben Welten und ihre unzähligen Lebewesen? Du trugst Erde auf deinem Haupt. Als dein Rücken die Schlagspur empfing, traf sie auch mich. Bin auch ich dein heiliger Leib? (3072) Wie man eine bittere Arznei unter süßem Geschmack verbirgt, kam dieser Heilige, um mein unerträgliches Leid zu beseitigen: Mit Sünde und Täuschung beladen beherrschte ich die Erde und war auf dem Weg zur elenden Hölle. Ich erkannte nicht, dass er das Heilmittel war, das mich stattdessen zu deinen beiden Füßen führen sollte, und bestrafte ihn.

(3073) Höchster Herr, dessen halbe Gestalt Uma ist! Deine Gnade selbst erschien als dieser vedische Minister, der durch seine Gerechtigkeit mein Wohlergehen in diesem Leben und das höchste Ziel fest begründen sollte. Ohne ihn zu erkennen, begegnete ich ihm mit Abneigung und bestrafte ihn. (3074) In den Entfaltungen der Maya war ich verblendet und strafte den großen Asketen, ohne sein Wesen zu prüfen. Damit ich nicht in der schrecklichen Hölle versinke und zugrunde gehe, hast du mir heute seine Wahrheit enthüllt. Du wurdest mir zur Mutter. Wie könnte ich Einsamer deine kühle, wohltuende Gnade vergelten? (3075) Schmeckte das Pittu dieser Frau süßer als der köstliche Nektar, den jene, die dich erkannt haben, dir in vedischen Opfern darbringen? Herr aller Wesen, du öffnetest deine korallenroten Lippen und aßest davon. Ist sie dir, der du keine Mutter hast, als Mutter erschienen?

(3076) Wie du einst das Kinderfleisch aßest, das Siruttondar darbrachte, und das Wildfleisch, das der Jäger vorher gekaut und gekostet hatte, so genossest du liebevoll das Pittu der grauhaarigen Alten. Unsere Mutter, immer machst du dich deinen Verehrern zugänglich! [Anmerkung: Der Vers verweist auf überlieferte Heiligenlegenden.] (3077) Du verwandeltest alle Schakale in Pferde und führtest sie her. Obwohl sonst der Himmel dein Gewand ist, trugst du den Stoff, den ich dir gab, auf deinem heiligen Haupt. Du, den selbst die Veden schwer erkennen! Ich begriff nicht, dass deine Gestalt gekommen war, meine Fesseln zu lösen; voller Pferdebegehren blieb ich stolz und selbstzufrieden. (3078) Die Himmelsgötter, die als Vogel und als Tier suchend umherzogen und sich trotz ihrer gewaltigen Bemühung nur im Herzen verwundeten, kamen damals nicht als erdtragende Arbeiter! Wären sie jetzt gekommen, hätten sie Haupt und Füße des Herrn sehen können, dessen Gefährtin eine Stimme voller Melodie besitzt. [Anmerkung: Gemeint sind Brahmas und Vishnus vergebliche Suche nach Shivas Anfang und Ende.]

(3079) So pries er ihn auf vielerlei Weise und erkannte freudig: »Er liebt die Menschen, die bei ihm Zuflucht suchen. Wer ihm vertraut, kann die höchste Freude und Befreiung leicht erlangen.« Der König vermehrte den Tempeldienst, die Verehrung und die übrigen frommen Werke. Liebe zu den Füßen des Herrn der schönen Silberhalle und Liebe zu allen Lebewesen strömten in ihm über; so lebte er fort. (3080) Als ob das einst rechtschaffen erworbene Vermögen, das an den Herrn von Perunturai und seine Diener gegangen war, nun vielfache Frucht trüge, wuchs sein Reichtum von Tag zu Tag: wie das Meer, das beim Anblick des kühlen Vollmondes anschwillt. Er freute sich daran und erhielt einen Sohn namens Saganathan; so versank er in Freude über Freude. (3081) Der mächtige südliche König Arimarttanan krönte diesen Sohn und machte ihn zum Herrscher. Durch die Verbindung mit dem Minister aus Vatavur wurde ihm der wahre Weg klar. Als gute und schlechte Taten für ihn ins Gleichgewicht kamen, traf ihn Haras gnädiger Blick. Er überwand die Fessel der drei Unreinheiten, tauchte in das Meer der Shiva-Glückseligkeit und gelangte in den Schatten der roten Lotusfüße des Dreiäugigen.

(3082) Der Weise aus Vatavur, vom Pandya entlassen, verehrte unterwegs viele heilige Orte des Herrn, der seine makellosen Lieder annimmt. Schließlich erreichte er das schöne alte Tillai. Dort stieg der Opferrauch der gelehrten Brahmanen bis an die Kuppel des Alls und erschien wie der nördliche Berg, der sich am Weltenende erhebt. (3083) Straße um Straße warf er sich verehrend nieder und gelangte zum Tempel. Er badete im Shivaganga-Becken, der leuchtenden Gestalt reinen Seins, Erkennens und Glücks. Er sah die Halle, die Gnade des Urherrn selbst: Dort vollführt dieser vor seiner Gefährtin, die seine halbe Gestalt teilt, den einzigartigen Tanz höchster Freude. Wie Eisen zum Magneten wurde er hingezogen. (3084) Der große, einzigartige Tänzer zeigte sich ihm in derselben Gestalt, in der er ihn einst unter dem Kuruntu-Baum angenommen hatte. In der Halle gnädiger Glückseligkeit lächelte sein kostbarer Mund, als spräche er: »Komm!« Der Heilige sah ihn, faltete die Hände und fiel zu Boden. Er überschritt die schwer zu überwindenden Wege der Sinne und inneren Werkzeuge und wurde selbst zur Gestalt wahrer Liebe.

(3085) Wie eine Biene trank der Verehrer den Honig der Shiva-Glückseligkeit aus der Lotusblüte. Er sang seine heiligen Worte, tanzte und schmolz wie Butter im Feuer. Auf das Wort des Herrn, dessen Hallendach in den Himmel ragt, ging er voller Liebe nach Osten in einen Wald der Askese, wo große Entsagende lebten. (3086) Er schwang das scharfe Werkzeug der fünf Silben, der Gestalt des einzigartigen Tänzers jenseits aller Kennzeichen und Eigenschaften. Er rodete den Wald der Sinne und inneren Organe, bereitete und reinigte den Acker des Geistes, säte das vollkommene Shiva-Sein und jätete das begrenzte Bewusstsein der gebundenen Seele. Vom Wasser der Gnade bewässert, reifte die Ernte als reine Erkenntnis. Er genoss den Nektar einzigartiger höchster Freude, ohne gewöhnliches Genießen. (3087) In jenem Wald kamen Hirsche und gestreifte Tiger friedlich zusammen und schmiegten sich aneinander. Kühe beschnupperten und leckten ihn voller Zuneigung wie ihr Kalb; die Waldvögel tranken seine Tränen gnädiger Glückseligkeit. Es war, als säße dort das weite Meer des Mitgefühls selbst. So übte der Verehrer, mit milchweißer heiliger Asche geschmückt, unbeweglich Shiva-Yoga.

(3088) Einige Buddhisten kamen aus Lanka und vereinbarten mit den dreitausend gelehrten vedischen Brahmanen eine siebentägige Debatte. »Innerhalb dieser sieben Tage werden wir sie besiegen«, dachten sie. Da erschien der Gott der Götter den vedischen Gelehrten im Traum. (3089) »Lasst den Mann aus Vatavur für euch disputieren«, gebot er. Die Brahmanen erwachten, gingen in den Wald und riefen den Weisen. Doch dieser hielt sich an den früheren Auftrag des Herrn der Veden, der in der Halle tanzt, und lehnte ab. Die Brahmanen, deren Opferfeuer das Übel des Kali-Zeitalters verzehrten, kehrten voller Sorge zurück. (3090) Wieder erschien ihnen im Traum der Herr, der seinen Tanz in der Halle niemals verlässt: »Damals, als wir ihn in Perunturai unter dem Kuruntu-Baum annahmen, gaben wir ihm wegen seiner süßen, wie Edelsteine klingenden tamilischen Lieder den bleibenden Namen Manikkavachakar. Ruft ihn mit diesem Namen; dann wird er kommen.«

(3091) Die rechtschaffenen Brahmanen erwachten, gingen zu ihm und riefen ihn bei diesem Namen. Er erkannte die Fügung: »Ist dies die heilige Gnade des Herrn?« Er stand auf und ging mit ihnen in die Stadt. Der Heilige, der Erde und Himmel hinter sich gelassen hatte, verehrte die beiden Lotusfüße des Hallentänzers und betrat dann eine goldene Versammlungshalle. Wissende drängten sich rings um ihn. (3092) Manikkavachakar, der im Weg wahrer Askese bewandert war, ließ die in Mönchsgewänder gehüllten Buddhisten, die über das wogende Meer gekommen waren, gesondert Platz nehmen. Er fragte: »Nennt euren Herrn, eure heilige Schrift und das Ziel, das diejenigen erreichen, die ihrem Weg folgen.« (3093) Die Gegner, denen der Erzähler vorwirft, nicht einmal im Traum die heilige Asche anzusehen, erläuterten die drei erfragten Gegenstände anhand von Wahrnehmung und Schlussfolgerung. Der vedengleiche Manikkavachakar hörte zu und wiederholte ihre Aussagen genau, um sie zur Grundlage der Widerlegung zu nehmen.

(3094) »Wozu hier noch Schlussfolgerungen und weitere Mittel anführen?«, erwog er und widerlegte sie zunächst anhand der Wahrnehmung, sodass sie selbst zustimmen mussten. Dann erklärte er: »Da es ohne Wahrnehmung keine Grundlage gibt, lassen sich auch durch das Erkenntnismittel des Schlusses die drei von euch behaupteten Dinge – euer Herr und die übrigen – nicht so begründen.« [Anmerkung: Die knappe erkenntnistheoretische Argumentation ist in der Vorlage schwer aufzulösen.] (3095) Diejenigen, die nach Darstellung des Erzählers das Erlöschen für Befreiung halten, sagten zu dem großen Brahmanen: »Wenn ihr erklärt, uns heute allein mit Wahrnehmung besiegt zu haben, dann zeigt uns doch euren Gott mit diesem Erkenntnismittel und gewinnt so den Sieg!« Der Bezwinger der fünf Sinne lächelte. (3096) »Kann man einem von Geburt an Blinden den großen Glanz der Sonne zeigen? Unser Herr ist das Licht, das durch Veden, Erkenntnismittel, Götter, Denken und Sprache nur schwer zu erkennen ist. Er lässt sich allein auf dem bezeichneten Weg des Dienstes mit seiner heiligen Asche schauen; auf andere Weise ist er nicht zu sehen«, antwortete er.

(3097) Sie fragten: »Wie ist der Zusammenhang zwischen eurem ungewordenen Shiva und der heiligen Asche zu beweisen? Gebt uns dafür ein Beispiel!« Der Reine erwiderte: »Wir werden es euch jetzt ohne Unklarheit zeigen. Sagt aber zuvor: Welche Strafe soll euch treffen, wenn ihr unterliegt?« [Anmerkung: Die Begriffe für Erscheinung und Beweisbeispiel sind hier mehrdeutig.] (3098) »Man soll uns in eine Ölpresse stecken und darin zerquetschen«, antworteten sie und stimmten selbst dieser Strafe zu. Der Verehrer des Herrn, der die feuermäulige Schlange und die Kranichfeder trägt, holte getrockneten Kuhdung, legte ihn ins rote Feuer, erhitzte ihn bis zum Glühen und nahm ihn wieder heraus. (3099) »So ist die farbige Gestalt unseres Herrn, und dies ist die weiße heilige Asche, die auf seinem roten Leib erblüht«, sagte der vedakundige Weise, der die Wahrheit erkannt hatte, und zeigte es vor der Versammlung. Die Gegner, vom Erzähler als unwissend bezeichnet, verloren ihren Mut und ihr Leben. [Anmerkung: So schildert die konfessionell polemische Erzählung ihren Ausgang.]

(3100) Als der König, der eine duftende Atti-Blütengirlande trug, von dieser Niederlage hörte, kam er in die mächtige Stadt Tillai. Er hing noch der Lehre an, die nach Darstellung des Textes im Erlöschen das glückselige Befreiungsziel sieht. Mit sich führte er seine Tochter, die wie ein stummes Kuckucksweibchen nicht sprechen konnte. (3101) Er erklärte: »Wer auch immer heute hier die Stummheit meines Kindes heilt, soll als Sieger gelten.« Die Vertreter jener Lehre bemühten sich voller Ehrgeiz: Sie versenkten sich in die drei Kostbarkeiten und verehrten sie als ihre höchsten Heiligtümer. Doch die Stummheit wich nicht. [Anmerkung: Die Vorlage bezeichnet das Kind hier abweichend als Sohn; die umgebenden Verse sprechen von einer Tochter.] (3102) Da trat der König vor den großen Brahmanen, stellte seine Tochter vor ihn und bat: »Ihr selbst müsst dieses Leiden heilen!« Der Heilige dachte an die beiden Füße des schönen Herrn in der Tanzhalle und richtete seinen gnädigen Blick auf die reich geschmückte junge Frau.

(3103) Er besang den Ruhm des Herrn in einer Folge von Fragen und Antworten. Vor den zahllosen Verehrern schenkte er ihr die entsprechenden Worte; die Stummheit der königlichen Jungfrau verschwand. Als der Chola-König es sah, gewann er Gewissheit: »Shiva ist der Gott aller Götter!« (3104) Dann verneigte sich der König zu den Füßen des liebevoll singenden Heiligen, durch den die Gnade des schlangengeschmückten Herrn aufblühte, und vor den dreitausend Weisen. Er ließ die Gegner nach ihrer eigenen früheren Festsetzung töten, sah und pries den beglückenden Tanz in der Halle und wurde zum Shaiva. [Anmerkung: Die Gewaltschilderung gehört zur polemischen Heiligenlegende und ist keine heutige Handlungsempfehlung.] (3105) Noch lange verehrte Manikkavachakar den Herrn mit Girlanden aus Worten, rein wie makellose Edelsteine. Schließlich erreichte er die Füße des Gottes, der in der heiligen Halle tanzt, und ging in das unendliche Licht von Erkenntnis und Glückseligkeit ein. So erfüllte sich sein Kommen, das Shivas Gnade offenbaren sollte. Hier endet das Kapitel vom Tragen der Erde. Möge es glückverheißend sein.

62. Das Fieber des Pandya-Königs wird geheilt

(3106) So trug der Herr von Madurai, auf dessen Haupt der nektarreiche Himmelsmond ruht, Erde und führte den Mann mit den honigsüßen heiligen Worten zur Befreiung. Nun erzählen wir, wie er den jungen Kauniyan mit milchbenetztem kostbarem Mund aussandte, das Fieber des buckligen Pandya heilte und ihn annahm, während die Täuschung der Jainas offenbar wurde. (3107) Der armstarke König Saganatha-Pandya hatte einen Sohn Viravahu; dessen Sohn war Vikramavahu, dessen Sohn Parakramavahu. Ihm folgte sein Sohn Surabhi-Maran; dessen heiliger Sohn war der mächtige Kumkuma-Pandya, der Gewalt unterband und die Erde regierte. (3108) Sein Sohn war Karuppura-Pandya, dessen Sohn Karuniya-Pandya. Dessen Sohn hieß Purushottama; auf ihn folgte der siegreiche Satru-Sadana-Pandya mit strahlender Krone. Sein Sohn war Kun-Pandya, der bucklige Pandya, berühmt durch die Kraft seiner Schultern.

(3109) Mit dieser Kraft besiegte er den Chera, Herrscher des Westlandes, und den Chola aus dem Sonnengeschlecht, dessen breite Schultern Blumengirlanden trugen. Er schützte die drei Länder unter einem einzigen Schirm und regierte mit dem Zepter. So herrschte der Pandya, dessen berühmter Speer die jungfräuliche Siegesgöttin trug und vom Blut der Wunden benetzt war. (3110) Der Chera mit der honigreichen Palmblütengirlande brachte Elefanten mit suchend schwingenden Rüsseln, Schätze und Edelsteinhaufen, dazu eine Schar schöner Frauen mit blumengeschmücktem Haar. Er trat vor den König von Kudal, fiel zu dessen Füßen und erhielt sein eigenes Land zurück, um wie früher darüber zu herrschen. (3111) Auch der Chola-König gab dem Pandya seine Tochter vor dem heiligen Feuer zur Frau: Mangaiyarkkarasiyar, die Königin unter den Frauen, schön wie eine junge Elefantenkuh, das strahlende Juwelenlicht des Shaivismus, dessen makelloser Ruhm die Welt erleuchtet. So erhielt auch er sein fruchtbares Land zurück.

(3112) Der Chola gab seiner keuschen Tochter Mangaiyarkkarasiyar unermessliche Schätze, rotes Gold, Gewänder, Edelsteine, eine große Schar Dienerinnen gleich fruchtbaren Gärten der Freude und weitere Gaben. Alles überreichte er nach königlichem Brauch so, dass sich das Herz des Pandya freute. (3113) Dann entsandte er einen Mann namens Kulacchirai, ausgezeichnet durch makellose Eigenschaften und umfassende Bildung. Der südliche König kehrte mit seiner geliebten Frau nach Madurai zurück, wie Vishnu, der göttliche Beschützer, mit der Göttin heimkehrt, deren Tempel der rote Lotus ist. (3114) Mit dieser göttlichen Königstochter aus dem Land der Kaveri war Kulacchirai gekommen. Der Pandya prüfte dessen Tugend, hervorragende Gelehrsamkeit und großen Verstand, machte ihn zu seinem vortrefflichen Minister und schützte mit ihm das Land in seinen vier Landschaftsformen.

(3115) Wie sein Körper nach Darstellung des Textes durch die Kraft früherer Taten einen schweren Buckel bekommen hatte, so geriet nun sein Geist in das Wortnetz nackter Asketen. Der Erzähler wirft ihnen vor, zwar das Töten zu meiden, aber täuschend umherzuziehen und die siegreiche Überwindung der Fesseln nicht zu kennen. Ohne Unterstützung guter Taten verließ der König den Lebensweg der vier Veden. (3116) Weil der blumengeschmückte König deren Lehre annahm, versank nach den Worten des Erzählers auch das Pandya-Land in der Dunkelheit des Jainismus. Der Shaivismus mit seiner heiligen Asche und der große asketische Weg zum Schatz der Befreiung wurden geschwächt; die vedische Ordnung trat in den Hintergrund. (3117) Überall, so beschreibt es der polemische Erzähler, breiteten sich Jainas aus: mit ausgerauftem Haar, Mattenkleidung, belegten Zähnen, im Tragnetz befestigten Gefäßen und Zungen, die »Es ist, es ist nicht« sprachen; andere gingen unbekleidet. Er vergleicht sie abwertend mit unheilvollen Geistergestalten, deren Scham ebenso verloren sei wie ihre Einsicht.

(3118) Mangaiyarkkarasiyar von großer ehelicher Treue und der edle Minister, die für das Heil des tamilischen Pandya-Königs wie die beste Arznei sorgten, blieben bei Shivas Füßen. Die beglückende heilige Asche konnten sie nur noch mit Wasser vermischt und unauffällig auftragen, nicht weithin sichtbar. (3119) »Wer wird das Unkraut dieser Jainalehre mit ihren falschen Reden entfernen und die weite Saat der wahrhaftigen vedischen Ordnung wieder gedeihen lassen?«, dachten sie voller Sorge. Von Kummer verzehrt gingen sie, den Herrn von Kudal zu verehren. (3120) »Du selbst bist der Sinn der Veden, die du einst den verwirrten Weisen erläutertest! Gewinne den Geist unseres Königs zurück, der in dieses harte Netz geraten ist und seine Einsicht verloren hat. Nimm ihn jetzt als Diener zu deinen Füßen an!« Während sie so beteten und sich niederwarfen, geschah Folgendes.

(3121) Ein Brahmane aus der Lotusstadt kam, um den Urherrn von Kudal zu verehren. Er trug Rudraksha-Perlen und heilige Asche auf seinem Leib. Mangaiyarkkarasiyar und der gerechte, hervorragende Minister begegneten ihm und blickten ihn an. (3122) »Brahmane, woher seid ihr gekommen?«, fragten sie. Der gelehrte Mann antwortete: »Aus dem Chola-Land der Kaveri.« Sie baten: »Erzählt uns, welche Neuigkeiten es dort gibt.« Der von Liebe zu Shankara erfüllte Mann sagte: »Es gibt etwas Besonderes«, und begann. (3123) »In Kazi lebt ein Mann namens Shivapada-Hridayar, bewandert in den Veden und den sieben Tönen. Er richtete seinen Geist auf die Füße des Einen, der das Weltenende überdauert, und übte Askese: ›Schenke mir ein Kind, das wie die Sonne über dem Meer die finstere Nacht des Jainismus vertreibt!‹

(3124) Durch Shivas Gnade wurde diesem großen Asketen ein Kind geboren, einem jungen Sonnenstrahl gleich, zum Heil der Welt. Nachdem zwei Lebensjahre vergangen waren, erschien im dritten Jahr der Herr des Bootes, das über dem aufgewühlten Urmeer schwamm, mit seiner Gemahlin auf dem Stier. (3125) Die Göttin mischte Erkenntnis mit der Milch ihrer heiligen Brust, reichte sie in einem glänzenden goldenen, edelsteinbesetzten Becher, und der Knabe nahm sie und trank. Ohne Unterricht verstand er nun die unzähligen Veden und Agamas sowie alle weiteren Wissenschaften, die sich auf diese stützen. Die Erkenntnis war in ihm aufgegangen. (3126) Der Herr der Erkenntnis, der unsere Fesseln durchtrennt, verband ihn mit dem Wissen; so wurde er Jnanasambandhar, ›der mit Erkenntnis Verbundene‹. Die Göttin wahrer Erkenntnis nahm auf seiner Zunge Wohnung. Er gab den Gehalt der zusammenhängenden Veden in kostbarem Tamil wieder.

(3127) Wie man den unbrauchbaren Rest des Zuckerrohrs entfernt und den Saft zu festem Zucker einkocht, so klärte er den erhabenen Sinn der grenzenlosen Veden. Er ging von Heiligtum zu Heiligtum des Herrn mit der bienenumschwärmten Konrai-Girlande im Haar und schmückte ihn mit geliebten tamilischen Wortgirlanden, die Shivas Duft verbreiteten. (3128) Durch die Gnade des Herrn, dessen Hälfte die Göttin ist, erhielt er goldene Zimbeln, eine heilige Perlenpalanquin, Trompeten und einen Baldachin aus klaren Perlen, als wären sie eigens für ihn erschaffen. Er verwandelte eine dürre Landschaft in eine wasserreiche und empfing in Tiruvizhimizhalai, umgeben vom perlenführenden Fluss, täglich eine Goldmünze auf der Tempelstufe. (3129) Er sang, damit sich die Türen des Tempels schlossen, in dem die Veden verehrt hatten. Überall besucht er die Orte des Höchsten, verehrt ihn und singt immer weiter. Auch in euer Land wird er kommen, um hier anzubeten.« So berichtete der heilige Asket mit der heiligen Schnur.

(3130) Die Königin, einer Blütenranke der Treue gleich, und der Minister, der dem südlichen König wie sein Auge diente, wurden von Freude erfüllt: Es war, als sei der vom Erzähler dämonisierte Jainismus schon vertrieben, als sähen sie bereits die schöne Asche auf dem Leib ihres Königs und hätten selbst das höchste Befreiungsziel dieses heiligen Weges erlangt. (3131) Sie schrieben ihre Namen unter eine Palmblattbitte an den erhabenen Herrn von Sanbai und übergaben sie dem Brahmanen. Mangaiyarkkarasiyar und der Minister, der für den König wie eine Arznei war, verneigten sich vor dem Gemahl der fischäugigen Göttin und kehrten in ihre Häuser zurück. (3132) Der vedakundige Brahmane eilte zum Herrn von Sanbai, dessen Stadt von Feldern umgeben ist. Er übergab ihm das ehrwürdige Palmblatt jener beiden, die der nach Ansicht des Erzählers falschen Lehre der haarraufenden Asketen widerstanden hatten, und las die Nachricht vor.

(3133) »Ich, euer Diener Kulacchirai, verneige mich vor euren Füßen und trage diese Bitte vor: Kommt hierher, vertreibt die Dunkelheit des Jainismus, gebt unserem König die heilige Asche und führt das südliche Tamil-Land mit seinen reichen Feldern auf ihren heiligen Weg zurück. Schützt uns!« Als der Herr aus dem Kauniya-Geschlecht diese Worte hörte, erhob er sich zur Reise. (3134) Tirunavukkarasar sagte: »Das solltet ihr nicht tun! Ihr seid noch jung; jene schrecken vor schwerem Unrecht nicht zurück. Ich lebte lange unter ihnen. Wie könnte ich das Leiden ausmessen, das sie mir zufügten? Gebt die Reise auf! Zudem sind Tage und Gestirne euch jetzt nicht günstig.« Da antwortete der Herr von Pukali. (3135) »Warum sprecht ihr so, als hätten wir nicht die Gnade unseres Vaters und Herrn? Sie hat euch doch aus den brennenden Qualen gerettet, die jene bereiteten. Tage, Planeten, Tiere, Vögel, Dämonen, Geister und die zahllosen übrigen Mächte handeln nach dem Gebot von Mutter und Vater. Wenn diese unser Herz zum Tempel nehmen und darin herrschen, können jene uns kein Leid zufügen.« Mit diesen Worten brach er auf.

(3136) Große Trommeln erklangen, Muscheln und Trompeten tönten, kühle Wedel wurden bewegt. Unter einem Perlenbaldachin nahm er in der schönen, heiligen Perlenpalanquin Platz. Wie das Licht, das die vom Erzähler beklagte Dunkelheit vertreibt, zog er dahin, besuchte die heiligen Orte Shivas und sang. (3137) Er durchquerte das Chola-Land und erreichte das Reich des Pandya. Er zog durch heiße Wildnis, waldreiche Weidelandschaften und Berge, an denen Elefanten ihre Rüssel ausstreckten, als wollten sie den Regenbogen herabziehen. Schließlich näherte er sich Kudal, der Stadt Shivas, dessen Sohn mit dem Elefantenrüssel dort verehrt wird. [Anmerkung: Der letzte Gottesbezug ist sprachlich gedrängt.] (3138) Inmitten der Schar von Verehrern mit heiliger Asche erschien der Herr von Pukali auf seiner Palanquin unter dem glänzenden Perlenbaldachin wie der volle weiße Mond, der aus dem süßen Milchmeer aufgestiegen ist und nun frei am Himmel leuchtet.

(3139) Vor dem Herrn von Shirapuram mit kumudablütenrotem, honigsüßem Mund zog sein Gefolge. Die Träger der langen goldenen Trompeten riefen laut: »Der Löwe gegenüber den anderen Lehren ist gekommen, die Sonne, die die Dunkelheit des Jainismus zerreißt!« Diese Rufe hörten die Gegner. (3140) Die Asketen, die ihre Nahrung im Stehen aßen, traten ihnen entgegen und versperrten den Weg: »Wenn ihr gekommen seid, euren Gott zu verehren, der tötet und dennoch den Dharma lehrt, warum dann diese Siegestrompeten und dieser Stolz? Wen habt ihr besiegt?« So stellten sie sich der großen Schar der Verehrer entgegen. (3141) Lässt sich ein mächtiger, brünstiger Elefant, dessen Schläfen stark fließen, mit einem Lotusfaden aufhalten? Der Sohn des Herrn, der Kama verbrannte, überwand das Hindernis der Gegner, erreichte die alte Stadt mit ihren edelsteingeschmückten Häusern und betrat Haras Tempel.

(3142) Er verneigte sich vor dem Meer des Erbarmens, das einst den Fluch des Elefanten löste, und umschritt den Herrn dreimal. Er verehrte ihn mit der Göttin, die ihm aus einem kostbaren Becher Erkenntnis zusammen mit ihrer Brustmilch geschenkt hatte. In dieser Flut der Wirklichkeit versunken stand der vedische Jüngling da. (3143) Er sang einen Hymnus und bat: »Du, der du den Todesgott mit einem Tritt niederwarfst! Gewähre, dass ich mit diesen Jainas, die dich nicht auf dem vedischen Weg verehren und so das Heil finden, disputiere und ihre verschiedenen Lehren widerlege.« So gibt der Text seine gegen die Rivalen gerichtete Bitte wieder. (3144) Er empfing die erbetene Gnade und ging hinaus. Da bat ihn ein Asket, der seine fünf mächtigen Sinne bezwungen hatte und Vakkisha Muni genannt wurde, in dessen Kloster einzukehren. Der Herr von Pukali nahm die Einladung voller Zuneigung an und ging dorthin.

(3145) Dort verweilte er und nahm am Tag seine Mahlzeit ein. Die Sonne versank im reichen westlichen Meer, als fürchte sie, die unvorstellbare nächtliche Tat der Jainas und den Kummer der Königin aus ihrem eigenen glückverheißenden Geschlecht mit ansehen zu müssen. (3146) Die Nacht breitete sich aus, als wolle sie den feindlichen Jainas für ihre Täuschung Raum geben und ihnen untrennbare Freundschaft halten. Die zahllosen Sterne am Himmel verglich der Dichter mit den wunden Bläschen, die auf den Köpfen dieser Asketen nach dem Ausraufen der Haare entstehen. (3147) Als sie erfuhren, dass der junge Löwe des vedischen Weges angekommen war, versammelten sich die achttausend Gegner aus ihren Bergorten. Gemeinsam heckten sie einen Anschlag auf den Meister der drei Formen des Tamil aus.

(3148) Die Männer, denen der Erzähler Unaufrichtigkeit vorwirft, riefen den Feuergott an: »Geh, verzehre die Unterkunft unseres Feindes und kehre zurück!« Doch würde derjenige, der beim Opfer des untergeordneten Schöpfers seine Hand verloren hatte, sich dorthin wagen? Er zitterte vor Furcht. [Anmerkung: Anspielung auf die Zerstörung des Daksha-Opfers.] (3149) Darauf nahmen die Gegner gewöhnliches, lebloses Feuer, gingen zum Kloster des Kindes, das Erkenntnisnahrung empfangen hatte, und legten es dort an. Die Verehrer sahen den zunehmenden Brand und Rauch und meldeten es sofort dem Sohn des Himmelsherrn. (3150) Der Heilige sah das Feuer. Von seinem Platz aus sang er einen vedengleichen Hymnus an den achtgestaltigen Herrn von Kudal im südlichen Tamil-Land und sandte den Brand fort: »Ergreife den König, der die falschen Worte der Übeltäter angenommen und den alten rechten Weg verlassen hat!«

(3151) Sogleich ergriff es den König als glühendes Fieber. Die angelegten Schmuckstücke zerfielen, mit kühlem Wasser vermischte Sandelpasten und Salben sowie seine Girlanden versengten. Auch sein Lager trocknete zu dürrem Laub aus. Der Herrscher wand sich in Qual. (3152) Die Königstochter aus dem Chola-Land und der hervorragende Minister verzagten und riefen die Kenner guter Heilkunde herbei. Diese verabreichten verschiedenste Arzneien und behandelten ihn auch durch ihre Blicke und Beschwörungen; doch das Fieber nahm nur zu und ließ nicht nach. (3153) Dann ließen sie die Asketen holen, deren fruchtlose Übungen nach dem Urteil des Erzählers weder dieser noch der jenseitigen Welt nützten. Alle untersuchten den König, doch weder ihre Askesekraft noch ihre Mittel milderten die Hitze. Ratlos und bekümmert saßen sie da, bis die Nacht endete.

(3154) Die Sonne mit dem einrädrigen Wagen stieg aus dem tiefen Meer auf, als habe sie von der Krankheit des geliebten Schwiegersohns ihres Nachkommen gehört und wolle nun den schwarzen Vorhang der Finsternis anheben, ihn mit ihren strahlenden Händen berühren und untersuchen. (3155) Die beiden, Königin und Minister, bildeten gleichsam den schützenden Zaun um die reine, erhabene Saat des Shaivismus. Sie sagten zum König: »Diese Krankheit, die selbst die Todesschlinge verbrennen könnte, kann niemand außer dem jungen vedakundigen Heiligen aus Kazi heilen.« (3156) Noch hielt der König an den anderen Lehrern fest und fragte: »Ist es angemessen, dass der Shaiva, von dem ihr sprecht, mir Asche aufträgt und mich behandelt?« Sie antworteten: »Herr, auf welchem Weg auch immer: Du musst von dieser Krankheit genesen und leben. Es gibt jetzt kein wichtigeres Gut.«

(3157) »Ruft ihn hierher«, stimmte der König zu. Der Minister, dessen Liebe freudig wuchs, ließ die ganze Stadt wie zu einem Fest mit glückverheißenden Zeichen schmücken. Dann begab er sich in das Kloster des jungen Meisters des süßen Tamil. (3158) Den Nektar der Erkenntnis, den er früher nur mit den Ohren gekostet hatte, trank er nun mit den Augen und empfing so den Segen des Sehens. Er trat hinzu und verneigte sich. »Steht auf, ihr, dessen Geist die bösen Anschläge überwunden hat«, sagte der Herr von Puntaray. (3159) Er fragte: »Geht es euch gut?« Auch nach der treuen Gemahlin des siegreichen Pandya mit seiner großen Blumengirlande erkundigte er sich. Der Minister antwortete in inniger Liebe: »Was könnte denen fehlen, die jederzeit eure Gnade besitzen?« Dann trug er sein Anliegen vor.

(3160) »Damit die Gegner unterliegen und das Pandya-Land durch die heilige Asche gerettet wird, ist heute durch eure Gnade dieses brennende Fieber über den Herrn des wasserreichen Vaigai-Landes gekommen. Meister, ihr müsst ihn davon befreien!« So bat er und fiel dem Heiligen zu Füßen. (3161) Voller Gnade antwortete der Heilige dem bittenden Verehrer: »So soll es geschehen.« Er bestieg die breite, perlengeschmückte Sänfte, als ziehe der kühle Mond selbst aus, um das Fieber seines Nachkommen zu lindern. Der Beschützer der wahren Veden begab sich zum Palast des Pandya. (3162) An allen Toren standen Weihrauch, glückverheißende Lampen, wassergefüllte Krüge und Fahnen; duftendes Pulver war ausgestreut. Der laute Trompetenklang drang angenehm an das Ohr des Königs. So betrat der Heilige, den der Erzähler einem Löwen gegenüber den Jainas vergleicht, den Palast.

(3163) Er nahm auf einem strahlenden, edelsteingeschmückten Sitz neben dem Herrscher Platz. Der Pandya blickte ihn an und wurde klar im Geist; sein Gesicht erblühte wie ein üppiger Lotus im Teich. »Lindert die Krankheit dieses Sünders und nehmt mich in euren Dienst«, bat er. (3164) Als die Gegner es hörten, quälten sie sich innerlich. Sie sagten: »König, der du das weite Meer der Wissenschaften durchschwommen hast! Beauftrage ihn, die Krankheit deiner rechten Körperhälfte zu beseitigen, und uns, die andere Hälfte zu heilen.« Darauf antwortete der Herrscher. (3165) Noch bevor er seine Zustimmung voll ausgesprochen hatte, gedachten die Jainas ihres Herrn unter dem Ashoka-Baum, strichen mit Pfauenfedern über den Körper und sprengten Wasser aus ihren Handgefäßen. Doch sie sahen, dass die Hitze zornig zunahm wie Feuer, in das man Ghee gießt; eine Heilung sahen sie nicht.

(3166) Beschämt und ihres Stolzes beraubt saßen die Gegner da. Der umfassend gelehrte Heilige griff in seinen Beutel mit heiliger Asche, um die brennende Krankheit zu heilen. Doch jene, deren eigene Täuschung scheiterte, hielten ihn zurück: »Das ist Zauberasche!« (3167) Der vedakundige Kauniyan sagte: »Holt Asche aus der Tempelküche des Herrn des Alls!« Die Diener des Königs gingen und brachten sie. Der Heilige, der den blumengeschmückten Pandya heilen wollte, nahm sie entgegen. (3168) Er sang einen Hymnus mit Worten süß wie Nektar: »Die heilige Asche des Herrn von Alavay ist jede Arznei und jedes Mantra; sie ist das, was die Veden verkünden, sie schenkt die beglückende Befreiung, Genuss und Wohlergehen.« So verherrlichte er sie in seinem Lied.

(3169) Er trug sie auf den Körper auf und strich darüber. Das heftige Fieber wich, wie der Zorn eines Menschen mit reinem Herzen sich legt. Die rechte Seite des Königs wurde so kühl, als hätte man sie mit duftendem kaltem Wasser und Sandelpaste bestrichen. (3170) Auf der einen Seite litt der Pandya mit seiner honigtriefenden Girlande unter dem Fieber, das durch die Berührung der Gegner noch heftiger geworden war; auf der anderen empfand er die Freude, dass es durch die Hand des Kauniyan gewichen war. Leid und Freude hielten sich in ihm die Waage wie die beiden Arten karmischer Früchte. (3171) »Herr, dieses Fieber ist unerträglich, unerträglich!«, rief der König des Vaigai-Landes. »Wenn ich von der harten Bindung an die Jainalehre frei werden und gerettet sein soll, dann müsst ihr auch dieses übrige Leiden beseitigen.« So flehte er den Herrn von Shirapuram an.

(3172) Der heilige Knabe berührte nun auch die linke Seite mit der weißen Asche des Herrn und strich mit seiner schönen Hand darüber. Schon verschwanden das Fieber und der seit langem bestehende Buckel. Der freigebige König mit dem Fischbanner strahlte wie ein von jedem Makel gereinigter himmlischer Edelstein. (3173) Deshalb erhielt der König den Namen Saundarya-Pandya, ›der schöne Pandya‹. Durch den heiligen Blick, die Berührung und die klärenden Worte des Herrn aus dem Kauniya-Geschlecht verneigte er sich zu dessen goldenen Füßen und empfing die Einweihung in die fünf Silben. Er verließ den vom Text als trügerisch dargestellten Jainapfad, kehrte zum alten vedischen Weg zurück und wurde rein. Hier endet das Kapitel von der Heilung des Pandya-Fiebers. Möge es glückverheißend sein.

63. Die Pfählung der Jainas

(3174) Wir haben erzählt, wie der Knabe, dessen Mund noch von Milch benetzt war, die Krankheit des Pandya heilte und ihm die Asche des Herrn mit dem giftgeschmückten Hals gab. Nun berichten wir kurz, wie die Gegner furchtlos erneut disputierten, vollständig unterlagen und auf Pfähle gesetzt wurden. (3175) Die Gemahlin des südlichen Königs und sein Minister, ein Löwe unter den Ratgebern, fielen dem Brahmanen aus Kazi zu Füßen. »Ihr habt das Fieber, den Buckel und die geistigen Fesseln unseres Königs beseitigt. Erfüllt nun auch, was euren Dienern noch am Herzen liegt«, baten sie. (3176) »Über das ganze Pandya-Land hat sich dieser finstere Wald der Jainalehre dicht ausgebreitet. Er muss jetzt beseitigt werden.« Der Heilige antwortete: »Ich will den Willen des Herrn von Alavay erfahren.« Mit darauf gerichtetem Geist ging er rasch in den Tempel.

(3177) Die beiden begleiteten ihn. Sie badeten im göttlichen Teich, in dem der goldene Lotus blüht, und verneigten sich vor dem Herrn, dessen Hälfte die langäugige Göttin ist und dessen rote Lotushand das Reh hält. Der Heilige, der das brennende Fieber des Königs geheilt hatte, betete und fragte. (3178) »Gewähre, dass jene bestraft werden, die täglich ihren Leib quälen, dabei aber nach dieser Darstellung nur ihre Täuschung vergrößern, die weder hier noch jenseits das Ziel erreichen und das von dir gelehrte vedische Opfer schmähen.« So lautet die gegen die Rivalen gerichtete Bitte des Heiligen im Text. (3179) Der Herr auf dem Stier, der einst den wilden Elefanten vernichtete, sprach vom Himmel her: »Ihr gehört zu uns; was euch angemessen erscheint, ist auch uns erwünscht. Wenn dies euer Entschluss ist, sollt ihr den Sieg erringen und die Anhänger jener Lehre unterliegen.

(3180) Vertraut unserem Wort, geht in die Versammlung des Königs und disputiert mit den Unaufrichtigen. Sie werden unterliegen, auf die scharf zugespitzten Pfähle steigen und vergehen.« Der Sohn des Herrn mit dem dunklen Hals hörte es, verneigte sich und kehrte in sein Kloster zurück. (3181) Auch Königin und Minister kehrten in ihre Unterkünfte zurück. Nachdem der Tag vergangen war, begaben sich die große Pandya-Königin und der kluge Minister am nächsten Morgen in das Kloster des heiligen Knaben. Sie berieten, auf welche Weise die Jainas zu besiegen seien. (3182) Mit dem gnadenreichen Heiligen aus Kazi gingen sie in die prächtige Versammlung ihres Königs und sagten: »Herr mit dem gerechten Zepter! Überall ist der dunkle Wald der Jainalehre dicht gewachsen. Wird er mit der Wurzel entfernt, kann die Saat des Shaivismus aufgehen.«

(3183) »So soll es geschehen«, gab der König seine Zustimmung. Der Heilige kannte auch die Erlaubnis des rotleibigen, mit weißer Asche geschmückten Herrn. Er freute sich: »Dies ist der Weg zur Rettung des Landes.« So saß er da, der den Ruhm des Gottes mit der lang aufgerichteten Schlangenhaube überall verbreiten konnte. (3184) Zu dieser Zeit blickten die Frauen der Jainagemeinschaft mit ihren speerscharfen Augen sowie ihre Söhne und Kinder voller Zorn auf die Asketen. Mit vorwurfsvollen Worten sagten sie Folgendes. (3185) »Ihr hattet nicht die Kraft, das Feuerleiden des Pandya-Königs zu beseitigen. Einem kleinen, noch nicht einmal unterrichteten Kind mit lallendem Mund seid ihr unterlegen und habt allen Anhängern des Erhabenen schwere Schande gebracht!

(3186) Der König mit der Neemgirlande ist zur Religion übergegangen, die sich mit Asche bestreicht. Er erklärt nun den Träger der schrecklichen Schlange zum höchsten Herrn. Eure Gelübde und eure Lebensordnung hat er verachtet und verlassen, sodass sie ihre Geltung verloren haben. (3187) Welche Stellung bleibt euch jetzt noch?« Als sie dies hörten, wandten sich die Gegner von den Frauen ab und erhoben sich, erneut zu disputieren. »Wir gehen«, sagten sie. Doch die Frauen hielten sie zurück. (3188) »Geht nicht! Dies ist kein günstiger Augenblick für euch. In dieser Nacht hatten wir Träume, die uns in großes Leid und drohenden Kummer stürzen. Wir wollen sie erzählen; hört uns heute an!« Dann berichteten sie.

(3189) »Wir sahen, wie in all unseren Klöstern und Wohnstätten unablässig Menschen mit verfilztem Haar, Grasgürteln und Asche umhergingen. Sie trugen Dreizacke und große Tigerfelle, deren aufgerissene Mäuler und feurige Augen noch wild erschienen. (3190) Wir sahen einen Elefanten mit weißen, kleinen Mondsicheln ähnlichen Stoßzähnen alle drei Arten unserer Frauenklöster zerstören: die Häuser der schon als Jungfrauen entsagenden Frauen, der nach dem Eheleben entsagenden Ariyanganai und der weiteren Gemeinschaft der Kusai. [Anmerkung: Die historischen Bezeichnungen der drei Frauengruppen sind hier nicht sicher zu bestimmen.] (3191) Wir sahen Menschen mit geschorenen Köpfen, Wasserkrügen in gedrehten Tragnetzen und Stäben über der Schulter, an denen ihre Lendentücher befestigt waren. Überall bewegten sie sich und ließen den Namen des Gottes mit dem verfilzten Haar auf ihren Zungen erklingen.

(3192) Ein junger Elefant von brennendem, heftigem Zorn kam heran, trieb die Scharen unserer Lehrer auseinander und stürmte auf unseren Ashoka-Baum los. Seine hohen Blütenzweige schwankten, die Bienen flohen summend, und er riss ihn mit der Wurzel aus. (3193) Wir sahen euch auf Reihen von Pfählen steigen, deren Spitzen noch schärfer waren als der dreizackige Speer. Unsere Herzen erbebten; wir schlugen mit unseren zarten Händen die sandelgeschmückten Brüste rot, unser duftendes Haar löste sich, und wir weinten. (3194) Wo sind eure angeblich unbezwinglichen Zauberkünste, wo eure erlernten geheimen Kenntnisse? Warum helfen sie jetzt nicht? Hat ein Dieb sie geraubt, sind sie im Traum verbrannt, vom Wasser fortgetragen worden oder liegen sie irgendwo sicher verwahrt? Sagt es uns!

(3195) Habt ihr vergessen, was unseren früheren Anhängern widerfuhr, als sie im lodernden Feuer einen Elefanten hervorbrachten und eine Schlange und eine Kuh gegen den Gott sandten? Die Krankheit des Königs habt ihr nicht geheilt. Was soll eure nächste Unternehmung bewirken? Bedenkt auch das!« (3196) »Geht wenigstens heute nicht«, baten sie. Als die Männer, die der Erzähler Feinde des Dharma nennt, dennoch aufbrachen, fassten die Frauen ihre Hände und zogen sie zurück. »Auf Frauenworte zu hören ist verkehrt«, sagten jene und entwanden sich; so gingen sie auf dem Weg ihrer verhängnisvollen Taten weiter. (3197) Mit gelöstem, duftendem Haar riefen die Frauen ihnen nach: »Ihr geht, ohne unser Wort anzunehmen. Mögen Schmach und Unheil über euch kommen!« Auch vor diesem Fluch fürchteten sie sich nicht. Sie gingen fort, dem Tag ihres Untergangs entgegen.

(3198) Vögel und vielerlei zufällig gehörte Worte warnten sie: »Geht nicht!« Doch sie überschritten auch diese Zeichen. Außerhalb der befestigten Stadt, deren Gräben von honigreichen Blüten und springenden großen Fischen erfüllt waren, kamen sie alle mit bangem Herzen an einem Ort zusammen. (3199) Sie überlegten: »Welche Vorgehensweise wählen wir? Wir wollen den König aufsuchen, unser Anliegen vortragen, seine feste Erlaubnis gewinnen und diesen Gegner durch eine Debatte besiegen.« Nachdem sie sich so geeinigt hatten, betraten sie die Stadt und gingen zur königlichen Versammlung. (3200) Am frühen Morgen hatte der Kauniyan die roten Füße des Herrn von Alavay verehrt und war auf dem Rückweg zu seinem Kloster. Da stellten sich die Gegner ihm in den Weg, als umschlösse die Nacht die leuchtende Sonne seiner großen Askese.

(3201) Die Männer folgten ihm, während er voranging und die königliche Versammlung erreichte. Der Herr von Kocchai bestieg den für ihn bestimmten Löwenthron und saß darauf wie die junge rote Sonne. Die Gegner mit ihren vom Haarausraufen wund gewordenen Köpfen konnten es nicht ertragen und sprachen. (3202) »Kind, dessen lallende Sprache noch nicht einmal deutlich ist! Wie eine Frucht zufällig fällt, wenn ein einäugiger schwarzer Vogel sich niederlässt, so ist auch deine Wirkung eingetreten, nicht durch deine eigene Kunst. Darfst du deshalb stolz behaupten, das Feuer am König gelöscht zu haben? (3203) Manchmal ergeben die zufälligen Spuren von Schnecken, kleinen Tieren oder Käfern etwas, das wie Schrift aussieht. Ebenso wirkten die aus deiner Hand gestreute Asche und deine wenigen Worte zufällig wie Arznei und Mantra, sodass das Fieber des Herrn der sandelbewachsenen Berge nachließ. Begreife das!

(3204) Schreibt euer Mantra auf ein Palmblatt; auf ein anderes schreiben wir unseres. Beide legen wir ins Feuer. Das Blatt, das verbrennt, gilt als unterlegen; was das Feuer nicht verschlingt, gilt als Sieger.« So legten sie die Wette fest. (3205) »An den heiligen Orten des rotgelockten Shiva ist die gebotene Askese vernachlässigt worden, und alles steht auf eurer Seite. Um unsere eigene Askese ungehindert auszuüben, wollen wir deshalb an einen anderen Ort gehen«, erklärten sie. [Anmerkung: Die Begründung des Ortswechsels ist in der Vorlage sprachlich schwierig.] (3206) »Die großen Siegestrommeln sollen schweigen. Wir gehen vor die weite Stadt und legen vor dem König mit seiner duftenden Neemgirlande die Blätter ins lodernde Feuer. Eines wird erhalten bleiben, eines verbrennen. Daran werden eure und unsere Leute heute Sieg und Niederlage erkennen.« So erhoben sie sich.

(3207) Die Männer gingen aus der Stadt und gruben im Osten eine Feuergrube. Sie sägten hohe, himmelragende Äste ab, füllten die Grube damit und entzündeten ein hoch loderndes Feuer. Zugleich entzündeten sie damit, sagt der Dichter, das Feuer der Angst im Inneren ihrer Frauen. (3208) Die Gegner saßen am Feuer und verspotteten immer wieder den Weisen, der die Erkenntnismilch getrunken hatte. Mit sechzehntausend Verehrern kam der Herr von Sanbai herbei. Auch der König, die schöne Königin und der Minister nahmen dort Platz. (3209) Wie eine Kuh ihrem Kalb folgt, das die Milch ihres vor Zuneigung überströmenden Euters getrunken hat und nun springend davonläuft, so folgte der vedensingende Herr der Silberhalle seinem geliebten Kind. Mit seiner Gemahlin kam auch er dorthin.

(3210) Die achttausend Jainas schrieben jeweils die Mantras, in denen sie sich geübt hatten, auf frische Palmblätter. Alle traten gemeinsam heran und füllten damit das Maul des Feuers, das zischend zum Himmel aufstieg. (3211) Sämtliche hineingelegten Blätter verbrannten im selben Augenblick wie trockene Zuckerrohrhüllen, wurden zu Asche und zerfielen. Die Gegner erschraken tief und gerieten in Aufruhr. Die Zuschauer aus allen Himmelsrichtungen sahen es und lachten. (3212) Der Meister, auf dessen Zunge die Veden lebten, nahm das Buch, in dem er ihren wahren Sinn entfaltet hatte, und öffnete es mithilfe der Schnur. Er wählte das Blatt mit dem Lied an die Göttin, die ihm den Nektar der Erkenntnis zu trinken gegeben hatte, und legte es ins nahe Feuer. [Anmerkung: Der Vers spielt auf den Hymnus mit dem Anfang »Pogam artta« an.]

(3213) Das Palmblatt, auf dem die vedische Wahrheit niedergeschrieben war, blieb grün und frisch, als hätte es lange im Wasser gelegen. König, Minister, Königin und alle Anwesenden priesen den großen Brahmanen und versanken in einer unermesslichen Flut der Freude. (3214) Der öffentliche Ort, den die innerlich brennenden Jainas eigens für einen Sieg ausgesucht hatten, verlor von jenem Tag an seinen gewöhnlichen Namen. Seit dort der Brahmane in der Auseinandersetzung gesiegt hatte, hieß er nach Jnanasambandhar; diesen ehrwürdigen Namen trägt er, sagt der Dichter, noch heute. (3215) Der große Brahmane fügte das Blatt wieder an seiner Stelle ein und band das Buch zusammen. Er blickte den König an. Die in Matten gehüllten Gegner hatten ihre Wette selbst festgelegt, verloren aber nun Wahrhaftigkeit und Scham. Weil sie das Lachen der Pandya-Versammlung nicht ertrugen, schrien sie auf.

(3216) »He, unsere achttausend frischen Palmblätter sind verbrannt. Wie konnte das eine Blatt, das du beschrieben und hineingelegt hast, unversehrt bleiben, als läge es im Wasser? Du hast durch deine Zauberkunst das Feuer gebunden! (3217) Legt nun euer Blatt und unser Blatt in den Vaigai, dessen Wasser hoch anschwillt und rasch dahinströmt. Das Blatt, das gegen den Strom schwimmt, soll gewinnen; das Blatt, das zum weiten Meer fortgetragen wird, soll verlieren. (3218) Die Unterlegenen sollen den siegreichen Gewinnern für immer als Diener gehorchen.« So erklärten es die Gegner, die der Dichter Bergen der Täuschung vergleicht. Da öffnete der Sohn des Herrn, der in der unendlichen Halle tanzt, seinen Mund und antwortete.

(3219) »Wir haben bereits sechzehntausend Diener. Ihr, die ihr Shiva geschmäht habt, solltet dies als angemessene Strafe ansehen? Wenn wir euch durch die Gnade des Herrn mit Konrai-Blüten und Mond im Haar besiegen, werden wir euch auf die aufgereihten, dreizackförmig zugespitzten Pfähle setzen. Das sei die Vereinbarung.« (3220) Durch die Macht ihres Geschicks stimmten die Jainas zu. Kulacchirai ließ daraufhin viele Zimmerleute zusammenrufen. Aus langen, harten Baumstämmen fertigten sie dreizackförmige Pfähle und richteten sie in Reihen vor dem breitschultrigen König auf. (3221) Der Edle aus Kazi blickte die Uneinsichtigen an und sagte mit aufrichtigem Wohlwollen: »Kommt noch jetzt! Tragt heilige Asche und Rudraksha-Perlen, sprecht die fünf Silben des Tänzers, bis sie euch ganz durchdringen, legt eure Fesseln ab und findet das Heil.« Doch als die Gegner das hörten, antworteten sie siedend wie Feuer.

(3222) »Du denkst: ›Im Feuer habe ich gewonnen; wer weiß, wie es im Wasser ausgeht?‹ Darum willst du uns mit freundlichen Worten gewinnen und dich zurückziehen. Du hast also keinen Mut zu einer weiteren Probe. Geh, du armseliger Anhänger dessen, der Fleisch und Knochen als Schmuck trägt!« So wiesen sie ihn zurück. (3223) Der Vaigai riss Bäume aus, warf die Ufer um, streifte die Arekapalmen, legte Wurzeln bloß, brach Erdmassen los und breitete sie ringsum aus; hoch aufschäumend strömte er rasch heran. Die Gegner dämpften durch Mantras seine Geschwindigkeit, beschrieben ihre Blätter und ließen sie hinein, ohne sich ihrer früheren Niederlage zu schämen. (3224) Damit alle Gewissheit erlangten, schrieb der Herr aus dem wasserumgebenen Venupuram seinen Hymnus nieder: »Wenn die Veden wahrhaftig sprechen und ihr eindeutig bestimmter Sinn ganz der Herr mit der Mondsichel im Haar ist, dann soll dieses Blatt gegen die große Flut ziehen!« So übergab er es dem brausenden Wasser.

(3225) Das Blatt des im ganzen Land gefeierten Kauniyan stieg gegen den Strom auf, als werde es an der Gnadenschnur des Herrn von Madurai gezogen. Die achttausend Blätter der Gegner aber folgten der Strömung, wie der Geist den Sinnen folgt, die ihn ins Verderben führen. (3226) Als die Götter sahen, wie die Schrift des löwengleichen Heiligen gegen den Fluss zog, ließen sie duftende Blüten regnen. Die Rechtschaffenen warfen ihre Gewänder in die Luft und jubelten. Shivas Verehrer versanken in einem Meer von Freudentränen; die Gegner zitterten und waren von Angstschweiß überströmt. (3227) »Ohne zu wissen, dass unsere Blätter verbrennen würden, schworen wir: Wir werden gewinnen! Dann sahen wir sie im Feuer vergehen. Noch immer sagten wir: Im Fluss werden sie gegen die Strömung ziehen; diesmal gewinnen wir! Aber auch diese Blätter gingen ins Meer.« So standen die Jainas beschämt da, von ihren eigenen Gedanken verbrannt.

(3228) Der Heilige, der den Berg zum Bogen machte und die drei Städte zerstörte, ist der höchste Gott, der allen Göttern die ersehnte Freude und Befreiung schenkt. Damit der Pandya, Nachkomme jenes Königs, der Indras Krone zerbrach, dies erkenne, belehrten ihn nicht nur das Feuer, sondern anschließend auch die Wasser des Vegavati wie die Worte eines Gurus. (3229) Diese Zeichen unterrichteten nach dem Verständnis des Dichters nicht nur Jainas und Buddhisten außerhalb der Veden. Sie belehrten ebenso jene, die zwar viele wahrhaftige vedische Schriften studiert haben, aber Shiva nicht als das Höchste erkennen: Menschen, die wie mit einer Lampe in der Hand in eine Grube fallen und deren Geist von Zweifel verwirrt ist. (3230) Der König von Kudal, die tugendhafte Chola-Tochter mit blumen- und bienengeschmücktem Haar, der Minister und die dienenden Verehrer sahen es. Sie verneigten sich vor dem Herrn von Kazi, priesen ihn und versanken staunend in einer Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt.

(3231) Die Gegner verloren ihren letzten Stolz und ihre Scham. Vor dem berggleichen Herrn von Tonipuram gestanden sie: »Auch wir sind euch heute unterlegen. Ihr selbst habt uns hier besiegt.« Da suchte der Kauniyan nach einem Weg, sie zu retten. (3232) »Noch einmal nenne ich euch den Weg des Dharma. Warum wollt ihr nutzlos sterben? Werdet Diener unseres Herrn, der wie eine Mutter ist, und lebt!« Doch die Stolzen antworteten: »He, du kleiner Junge! Wie kannst du uns solche unpassenden Worte sagen?« Dann begannen sie, auf die Pfähle zu steigen. (3233) Diejenigen, deren religiöser Stolz besonders stark war, bestiegen sie selbst und wanden sich darauf. Die übrigen Asketen mit ausgerauftem Haar wurden von Menschen in shaivitischer Tracht ergriffen, misshandelt und auf die dreispitzigen Pfähle gesetzt. [Anmerkung: Dies ist die Gewaltdarstellung der konfessionellen Legende; sie wird hier als Textinhalt wiedergegeben.]

(3234) Die nachfolgenden Schüler fürchteten den Tod und waren im Herzen erschüttert. Einige trugen heilige Asche auf. Wer keine bekommen konnte, bestrich sich mit Kuhdung; wer auch diesen nicht erhielt, nahm ein Kalb auf die Schulter und rettete so sein Leben. (3235) Wer keines dieser drei Zeichen bekommen konnte, drückte seine Stirn an die Stirn eines Menschen, der bereits Asche oder reinen Kuhdung trug. Auf diese Weise übernahm er das Zeichen. Der Text deutet diesen Wechsel als Abkehr von den bisherigen Fesseln und als Überwindung weiterer Geburt. (3236) Diesen Menschen tat man nichts mehr an. Die Getöteten dagegen lagen da, während Raubvögel, Krähen, Schakale und Hunde sie umringten, an ihnen zerrten und fraßen. Der siegreiche König mit seinen mächtigen Elefanten verneigte sich vor dem Herrn von Kazi und sprach.

(3237) »Das Blatt, das ihr heute ins Wasser gelegt habt, zog vor unser aller Augen davon. Wo ist es jetzt?« Der Sieger antwortete: »Durch die Gnade des Herrn der goldenen Halle von Kudal werden wir es sogleich zurückbringen.« Dann ging er am Fluss entlang nach Westen. (3238) Vor den Augen der Begleiter zog das Blatt noch eine Wegstrecke weiter und verschwand dann plötzlich. Staunend kamen alle an jenem Ort zusammen. Einige Hirten hüteten dort ihre Kühe. Sie wurden gefragt: »Gibt es hier etwas Besonderes? Erzählt uns, was ihr an diesem Platz gesehen habt.« (3239) Die jungen Hirten antworteten: »Wir wissen nichts.« Der vedische Sänger dachte: »Auf irgendeine Weise muss sich die Besonderheit dieses Ortes zeigen.« Er besang den Herrn mit dem mächtigen Stierbanner, dessen gnädiger Wille die Auseinandersetzung mit den Gegnern ermöglicht hatte.

(3240) Der Herr, der sein Lied gnädig annahm, war als selbstentstandenes Linga in einem Hain mächtiger Bilva-Bäume gegenwärtig. Der Heilige aus Sanbai sah ihn, fiel nieder, erhob sich, umschritt und pries ihn und stand freudig vor ihm. Als der König mit der Neemgirlande davon hörte, kam auch er mit seinem Heer dorthin. (3241) Aus diesem großen Linga erschien Shiva als ehrwürdiger Brahmane, der tausend Monde gesehen hatte. »Du gleichst meinem jüngeren Sohn. Sei willkommen!«, sprach er zum Meister der drei Formen des Tamil, trug ihm heilige Asche auf und stand vor ihm, erfüllt von Liebe und überströmender Gnade. (3242) Der Heilige erkannte in diesem Brahmanen den Herrn, der ihm einst reine Erkenntnis geschenkt hatte, und verneigte sich. »Herr, das Blatt, das ich ins Wasser gelegt habe, ist hierhergekommen; ihr selbst habt es genommen. Es ist doch für euer Kind bestimmt. Gebt es mir wieder!«, bat er, der dem sechsangesichtigen Murugan glich.

(3243) »Besinge uns noch viele Tage an unseren heiligen Orten. Besiege die übrigen, die auf verfehlten Wegen gehen. Danach wirst du unsere reine Befreiung erlangen«, sprach der Brahmane. Er gab das Blatt zurück, segnete ihn und verschwand wie ein Blitz. (3244) Der Heilige, der die Erkenntnismilch der Göttin getrunken hatte, nahm das Blatt entgegen, das sein göttlicher Vater an sich genommen und wiedergegeben hatte. Er zeigte es dem König mit dem girlandengeschmückten Speer: »Der Herr mit dem gewundenen Haar hatte es genommen; auf meine Bitte gab er es zurück.« Da sprach der Herrscher von Korkai. (3245) »Ihr habt die Erkenntnis getrunken, die als Same aus dem Meer der Gnade des schlangengegürteten Herrn hervorgeht. Ich erkannte die Frucht eurer Kraft nicht und maß euch mit meiner eigenen törichten Stärke. Vergebt mir diesen geringen, unwürdigen Fehler und nehmt mich an!« So verneigte sich der König mit der Neemgirlande.

(3246) Für den Herrn, dessen goldener Bogen der große Meru ist, ließ der König einen Tempel mit hohen goldenen Spitzen und Hallen errichten: mit Torbauten, die die Wolken durchstoßen und den leuchtenden Mond zu tragen scheinen, hohen steinernen Mauern, über die Wolken ziehen, und Straßen. Er betrachtete alles voller Freude. (3247) Seit jenem Tag erhielt der Ort den Namen Edakam, nach dem Palmblatt. Der Pandya verehrte den dort wohnenden Herrn, bis nach Darstellung des Textes die Schuld seiner Verbindung mit den Jainas vollständig schwand; zugleich wurden seine geistigen Fesseln gelöst. (3248) In den drei früheren Weltzeitaltern hatten Vishnu mit der duftenden Tulasi-Girlande, Garuda und der König der Schlangen nacheinander dieses makellose Linga verehrt und die Gnade unendlicher Freude empfangen. Im letzten Weltzeitalter verehrte nun der Pandya-König dasselbe Linga.

(3249) Er betrachtete die schöne große Stadt und blieb dort ein Jahr zusammen mit dem Edlen aus Kazi. Danach kehrte der Pandya nach dem glückverheißenden Madurai zurück. Der wissensreiche Heilige verweilte noch einige Tage, während die Herrlichkeit der heiligen Asche überall sichtbar wurde. (3250) Dann sagte er: »Wir müssen auch die Heiligtümer Shivas im Norden aufsuchen, verehren und besingen.« Er verneigte sich vor dem stirnäugigen Herrn von Kudal und der fischäugigen Göttin an seiner linken Seite, empfing viele Segnungen und nahm Abschied. Auf seinem Rückweg verehrte er die heiligen Orte im ganzen Tamil-Land. (3251) Die treue Königin, der Minister und der König konnten die Trennung von den Füßen des Herrn aus dem kühlen Kazi nicht ertragen und folgten ihm. Die Freude ihrer seit dem ersten Tag unverminderten liebevollen Verbundenheit war nun zum Trennungsschmerz geworden und zog sie ihm nach.

(3252) Auch der Herr von Sanbai empfand ihren Schmerz. Er wandte sich an die liebevollen Begleiter und sagte: »Bewahrt die beständige Liebe zu uns, schützt den Weg der heiligen Asche und lebt so, dass Shivas Ruhm sich auf der Erde verbreitet. Widersprecht diesem Wunsch nicht; bleibt nun zurück!« (3253) Sie wagten nicht, dem gnädigen Wort des Herrn von Pukali zu widersprechen. Sie verneigten sich so tief, dass ihre Häupter seine roten Lotusfüße berührten, und kehrten um. Der südliche König mit seinem schwertbewaffneten Heer ging nach Madurai zurück; der löwengleiche Heilige zog in das Land des Chola. (3254) Der Dichter vergleicht Jnanasambandhar mit einem großen, würdevollen Elefanten, dessen Schläfen die Erkenntnis ausströmen: Er kam in den Kadamba-Wald, brach dort die Bäume des Jainismus nieder, die der Erzähler als schädlich bezeichnet, und streute den großen Staub der weißen heiligen Asche über die ganze Erde.

(3255) Weil der strahlende Brahmane aus dem meerumgebenen Kazi mit der Asche aus der Küche des Urtempels das Fieber des Pandya heilte und dessen fest gewordenen Buckel aufrichtete, gilt diese Küchenasche hier als vorzüglicher als alle sonstigen Arten heiliger Asche, einschließlich der nach den vorgeschriebenen Verfahren bereiteten. Hier endet das Kapitel von der Pfählung der Jainas. Möge es glückverheißend sein.

64. Vanni-Baum, Brunnen und Linga werden als Zeugen herbeigerufen

(3256) Wir haben erzählt, wie Sambandhar durch die Gnade Shivas mit dem weißen Mond im Haar die hartnäckigen Jainas auf Pfähle bringen ließ. Nun berichten wir, wie durch die Gnade des stirnäugigen Herrn ein Vanni-Baum, ein Brunnen und ein Linga herbeikamen, um vor der Nebenfrau die Hochzeit einer Kaufmannstochter zu bezeugen. (3257) In einer Hafenstadt am Meer, umgeben von golden blühenden Schraubenpalmen, lebte ein Kaufmann aus gutem Geschlecht. Er trug glänzende Edelsteine und kostbaren Schmuck und besaß vielerlei Reichtümer. Weil er kinderlos war, vollbrachte er mit seiner geliebten, schönen Gattin zahlreiche gute Werke. Schließlich wurde ihnen eine Tochter geboren, zart wie eine Ranke und strahlend wie der Mond. (3258) Dieser reiche Kaufmann hatte einen nahen Verwandten, einen bereits verheirateten Neffen, der in Madurai, der Stadt der drei Formen des Tamil, lebte. »Ihm werde ich das pfauengleiche Mädchen geben, das ich durch meine frommen Übungen empfangen habe«, erklärte der Kaufmann vor allen Verwandten seines Geschlechts. Einige Zeit verging.

(3259) Durch die Macht seines Geschicks starb er. Seine keusche Gattin, die ihm verbunden war wie der Körper dem Leben, entschloss sich ebenfalls zu sterben. Die große Verwandtschaft erfüllte für beide die gebotenen Totenpflichten und sandte dem Neffen in Madurai ein Palmblatt mit der Nachricht. Er nahm es entgegen. (3260) Er las: »Dein liebevoller Onkel ist gestorben, und seine Frau starb mit ihm. Er hinterlässt unermessliches Vermögen. Lange war er kinderlos, bis er eine Tochter bekam, die er dir zur Ehe versprach. Komm, heirate das Mädchen und nimm es mit dir.« Dies war der Inhalt des Briefes. (3261) Er fiel zu Boden, wälzte sich, seufzte schwer und versank in einer Flut von Tränen. Schluchzend rief er immer wieder: »Ach!« Verwandte und Freunde kamen und umarmten ihn; er klammerte sich weinend an sie. Als sie ihn trösteten, wurde er ruhiger, überwand den heftigen Schmerz und beschloss, in die alte Stadt seines Onkels zu reisen.

(3262) Mit einigen Verwandten verließ er das wohlgeschützte Madurai und erreichte die Hafenstadt an den großen Wasserflächen. Die dortige Familie hatte von seiner Ankunft gehört und kam ihm entgegen. Er umarmte die Menschen, sprach mit ihnen und ging dann, mit einer duftenden Jasmingirlande geschmückt, in das Haus seines Onkels. (3263) Nach einigen Tagen sagte der angesehene Kaufmann: »Ich werde diese Jungfrau mit ihren schwerthellen Augen nach Madurai bringen und dort vor meinen Verwandten heiraten.« Er nahm das große, vom Onkel erworbene Vermögen und die übrigen Güter an sich und brach auf. (3264) Diejenigen, die ihn zum Abschied begleiteten, ließ er zurück. Seine nach Madurai heimkehrenden Verwandten sandte er voraus: »Geht schon voran!« Er selbst reiste mit dem Mädchen und dem dienenden Gefolge langsamer und legte täglich eineinhalb Kavatam zurück. [Anmerkung: Kavatam ist ein historisches Wegmaß.]

(3265) Noch bevor die heiße Sonne das westliche Meer erreichte, beschlossen sie: »Hier wollen wir bleiben.« Sie kamen in das alte Purambayam und suchten den Tempel des Herrn auf. Sie badeten im Brunnen, kochten neben dem dortigen Vanni-Baum, aßen und blieben bis zum Abend. (3266) Neben dem Tempel des Herrn, der den Berg zum Bogen machte, legte der Kaufmann den Kopf auf eine Stufe und schlief. Da kam, seinem Geschick folgend, eine tödliche Giftschlange und biss ihn. Das Gift stieg heftig auf, und der Mann mit dem kostbaren Schmuck starb. (3267) Die Diener umringten ihn laut klagend. Die schmalhüftigen Begleiterinnen schlugen sich an die Brust und weinten. Die Jungfrau, einer Lotusblütenranke gleich, berührte den Körper des löwengleichen Mannes nicht; sie blieb wie eine reglose Bildgestalt abseits stehen.

(3268) Sie sah den starken Mann von der Schlange gebissen und tot daliegen. Sie sah die Frauen verzweifelt die Hände ringen, weinen und zu Boden fallen, sah die Angehörigen erschöpft und verzagt. Da stürzte die junge Frau selbst wie ein von einem Pfeil getroffener Pfau nieder und verlor das Bewusstsein. (3269) Ihre Augen verdrehten sich, ihr Atem wurde schwach. Ihr Körper sank zusammen wie eine Blumengirlande im Feuer, ihre Hände erschlafften, ihre zarten Füße versagten. Einer jungen Schwanendame gleich lag sie da, als wäre sie vom Blitz getroffen. Was konnte sie tun? (3270) Die sanften Dienerinnen, die sich wie geneigte Blütenzweige um den Toten drängten und weinten, wandten sich ihr zu: »Ist auch das Leben unserer jungen Herrin mit ihrem Geliebten fortgegangen?« Sie nahmen sie auf den Schoß, hielten sie in den Armen, bedeckten sie mit einem reinen Tuch und fächelten ihr Kühlung zu, bis wieder ein wenig Leben sichtbar wurde.

(3271) Als kehrte die Seele, die den Körper verlassen hatte, langsam wieder hinein, bewegten sich ihre Hände und Füße. Ihre Augen öffneten sich ein wenig wie blaue Wasserblüten im Teich. Als ihr Bewusstsein zurückkehrte, umgaben sie die vier weiblichen Tugenden wieder wie schützende Zäune. [Anmerkung: Gemeint ist das traditionelle Ideal von Schamhaftigkeit, Zurückhaltung, Scheu und sittlicher Besonnenheit.] (3272) Sie rang die Hände, ihr Haar löste sich. Tränen fielen auf ihre Brust wie Tropfen geschmolzenen Ghees von einem Docht; ihr Herz zerbrach. Leise öffnete sie den Mund, blickte umher und wurde von der langen Fessel der Scham zurückgehalten. Sie bebte wie von einem Geist berührt, schluchzte und verlor ihren Glanz. (3273) Seit ihrer Geburt hatte sie in behütetem Wohlstand gelebt und nicht einmal im Traum solches Unheil gesehen. Nun stand sie da, als habe die Liebe zu ihrem Geliebten selbst Gestalt angenommen und die Grenzen ihrer Zurückhaltung gesprengt. Wie eine göttliche Frau, die laut weint, begann sie zu klagen.

(3274) »Mein Herr! Kostbarer Stern meiner beiden Augen! Einziger Neffe, der meinem Vater wie sein eigenes Leben war! Schöner wie Murugan, mein jasmingeschmückter König, Juwel des Kaufmannsgeschlechts! Bist du in den Rachen einer Giftschlange geraten? Wie kannst du dich verbergen und mich zurücklassen, die ich der Schatten deines Körpers bin? (3275) Willst du die Frauen der goldenen Himmelswelt umarmen? Willst du die Frauen im guten Land des Herrn von Alaka heiraten? Oder die Frauen im Reich des Schlangenkönigs, dessen Schlange dich gebissen hat? Herr meines Lebens, warum hast du mich in diesem Land zurückgelassen, getäuscht und bist fortgegangen? (3276) Bist du in die südliche Welt der Toten eingetreten? Hast du deinen Onkel und seine Gemahlin verehrt? Hat er dich mit seinen beiden Armen fest umschlossen? Wäre ich mitgekommen, könnte ich dann nicht auch meine ehrwürdigen Eltern wiedersehen? Du hast mich hier gelassen und auch dein treues Gefolge verlassen. Was hast du gewonnen, indem du allein gingst, Herr?

(3277) Der würdige Schwiegersohn ist durch eine Schlange gestorben, und ich bleibe hier mit zerrissenem Herzen in Qual zurück. Ist das die schöne Frucht der frommen Übungen meiner Eltern? Ach, sie sind rechtzeitig gestorben und mussten meine großen, tränengetrübten Augen nicht sehen! Welch seltenen Gewinn haben sie doch erreicht! Wer hat solches Glück wie sie? (3278) Schon am Tag meiner Geburt versprach mich dein geliebter Onkel dir vor allen Verwandten. Später verlor er mit seiner geliebten Gattin das Leben. Soll nach diesem Vorbild mein leerer Körper weiterleben, wenn mein geliebtes Leben von mir geht? Ich werde mit dir sterben!« So fiel die Einsame nieder und weinte wie ein Anril-Vogel, der seinen Gefährten verloren hat. (3279) Die gute Stadt erwachte und wurde von Bestürzung ergriffen. Der erkenntnisreiche Heilige aus Kazi war auf seiner Reise, auf der er die heiligen Orte Shivas besang, ebenfalls in diese Stadt gekommen und hielt sich in einem schönen Kloster auf. Er hörte den Lärm, sandte jemanden, um nach der Ursache zu fragen, und ging dann zum Tempel.

(3280) »Jungfrau, wer bist du, und was ist dir widerfahren?«, fragte er. Sie verneigte sich und erzählte von ihrer Herkunft und ihren Eltern, von dem Eheversprechen an den Neffen und vom Tod der Eltern. Sie berichtete, wie sie mit dem Mann, der ihr wie das eigene Leben war, hierhergekommen war und was sich an diesem Ort ereignet hatte. (3281) Der Heilige, der ihr wie Vater und Mutter war, wollte das Leben der einsam klagenden, mit grünen Armreifen geschmückten jungen Frau bewahren. Er trat zu dem Schlangenopfer, sammelte seinen Geist und richtete seinen Gnadenblick darauf, sodass der ganze Körper zur Gestalt heilender Kraft wurde. Da sprang das brennende Gift aus ihm heraus. (3282) Der Tote erhob sich wie ein Mensch, der aus dem Schlaf erwacht. Alle sahen es, verneigten sich vor dem verehrungswürdigen Herrn der Erkenntnis, priesen ihn und versanken in Liebe. Die schwanengleiche Jungfrau stand etwas abseits wie ein Zweig mit aufgeblühten Lotusblüten, aus dem der süße Honig der Freude strömte.

(3283) Der Heilige, der die Erkenntnismilch der Bergtochter getrunken hatte, sah staunend ihre Haltung, Liebe und Treue: Obwohl sie die Tochter seines geliebten Onkels war, hatte sie ihn weder im Tod noch nach seiner Rückkehr ins Leben berührt. Er wandte sich an den Kaufmann und sprach. (3284) »Komm, du Juwel deines ganzen Geschlechts! Diese lakshmigleiche Tochter deines Onkels hat einen Tag der Freude und einen Tag überströmenden Leides erlebt. Wenn nicht dann, wann soll sie das Recht erhalten, deinen Körper zu berühren? Vollzieht eure Hochzeit hier und zieht danach weiter.« (3285) Der stiergleiche junge Mann nahm das heilige Wort seines Meisters ehrfürchtig an, verneigte sich und sagte: »Ihr schützt die vier von Brahma geschaffenen gesellschaftlichen Gruppen. Doch wie sollen wir hier die Hochzeit vollziehen, ohne Kaufleute unseres Geschlechts und ohne Zeugen?

(3286) »Die Verwandten wissen, dass dein geliebter Onkel schon bei ihrer Geburt beschloss, sie dir zu geben. Darüber hinaus sind dieser Vanni-Baum, der Brunnen und dieses Linga eure Zeugen, mein Sohn. Heirate hier und widersprich unserem Wort nicht«, antwortete er. (3287) Der Mann reinen Herzens verneigte sich vor dem Freigebigen aus Kazi: »Ihr selbst seid unser Lehrer, unsere Eltern, unsere Freunde, Gottheit und Verwandtschaft.« Wie ihm aufgetragen war, vollzog er die Hochzeit nach dem Opferbrauch. Mit seiner geschmückten Frau warf er sich nieder, nahm Abschied, pries den Heiligen und zog weiter. (3288) Die Dienerinnen und Diener schlossen sich zusammen, und sie erreichten das geschützte alte Madurai. Die Verwandten kamen von allen Seiten herbei und hörten, wie er die Tochter seines geliebten Onkels geheiratet hatte. Alle freuten sich, und der junge Kaufmann lebte glücklich mit ihnen.

(3289) Er vereinigte sein eigenes großes Vermögen mit dem vom Onkel erworbenen Besitz und vermehrte seinen Handel wie Kubera, der Herr beständiger Schätze. Seine beiden geliebten Frauen gebaren ihm Kinder, seinen kostbarsten Besitz, die ihm Freude bereiteten. So lebte er in Wohlergehen. (3290) Die Söhne der älteren Frau waren sehr ungestüm. Die jüngere, zart wie ein frischer Mangospross, hatte einen Sohn. Er und jene wilden Jungen gingen miteinander zum Spielen in die langen Marktstraßen, in denen der Reichtum, der auch Kummer bringen kann, üppig gedieh. (3291) Eines Tages wurden die Söhne der ersten Frau zornig und schlugen den Sohn der jüngeren. Seine Mutter litt darunter und schalt die Kinder der Mitfrau. Darauf geriet deren Mutter ebenfalls in Zorn und beschimpfte die jüngere Frau.

(3292) »Aus welchem Ort kommst du, aus welcher Gemeinschaft, wessen Tochter bist du? Vor welchen Zeugen hat unser Herr dich beim heiligen Feuer geheiratet? Du Blumengeschmückte bist doch nur aus Verlangen nach meinem Mann hergekommen! Woher nimmt eine bloße Geliebte solch ein großes Mundwerk und solchen Stolz? (3293) Wenn es einen Zeugen dafür gibt, dass dieser Mann dich vor dem Feuer geheiratet hat, dann nenne und zeige ihn!« So fuhr sie sie an. Die Geschmückte stand beschämt da wie ein blühender Zweig, der im Feuer versengt und erschlafft ist, und antwortete. (3294) Die unvergleichlich treue Frau sagte: »An dem Tag, als ihn die Schlange gebissen hatte, gab ihm der Herr der Erkenntnis sein Leben zurück. Durch dessen Gnade heiratete mich unser Mann vor dem Herrn von Purambayam, dem Vanni-Baum und dem Brunnen. Diese drei Zeugen gibt es.«

(3295) Die Mitfrau lachte: »Wahrhaftig, du hast sehr passende Zeugen für dein Hochzeitsopfer genannt! Wenn diese drei hier vor uns erscheinen, dann soll deine Behauptung als wahr gelten.« Als die junge, pfauenzarte Frau diese Worte hörte, wurde ihr Schmerz noch größer. (3296) Schwer seufzend ging sie ins Haus. Sie rang ihre schlanken Finger, presste die Hände gegen den Leib, fiel nieder und versank in einem Meer von Tränen. Ihre korallenroten Lippen zitterten; Scham und Scheu überwältigten sie. »Du allein musst mein Gott sein! Was soll ich Hilflose tun?«, klagte sie. (3297) »Seit Vater und Mutter starben, bin ich allein und kam schutzlos hierher. Wen habe ich noch, Herr? Du wurdest einst einem bedrängten Kaufmann zum Onkel, beendestest den Streit seiner Verwandten und gabst ihm sein rechtmäßiges Gut zurück. Schütze mich jetzt vor dem spöttischen Mund dieser feindseligen Frau!«

(3298) In jener Nacht aß sie nicht, schlief nicht und blieb in Kummer versunken. Am nächsten Tag badete sie im heiligen Wasser des Teiches mit den goldenen Lotusblüten. Dann trat sie vor den Schönen im Tempel mit dem vom Himmel herabgekommenen Vimana, fiel zu seinen beiden Füßen und trug ihre Bitte vor. (3299) »Der grüne Baum, du selbst und der Brunnen standen damals als Zeugen an dem Ort, wo mein Mann mich heiratete. Kommt heute ebenso hierher und schützt mich, indem ihr den Spott der anderen Frau beendet. Wenn ihr es nicht tut, werde ich sterben.« So sprach sie, die gekommen war, den Ruhm ehelicher Treue zu bekräftigen. (3300) Der Herr des schönen, kühlen Kudal, die Gestalt grenzenloser Barmherzigkeit, sah ihren Kummer. Durch seine Gnade kamen die drei von ihr genannten Zeugen in genau ihrer früheren Erscheinung unverzüglich herbei und nahmen vor aller Augen im nordöstlichen Teil des Tempels ihren Platz ein.

(3301) Nun führte die jüngere Frau die ältere hin, verneigte sich vor unserem Urherrn von Alavay und zeigte ihr die Zeugen: »Dies ist der Vanni-Baum, dessen Krone die Wolken berührt; dies das Linga, dies der Brunnen. Sie waren bei meiner Hochzeit gegenwärtig.« Die andere sah es und stand beschämt mit gesenktem Haupt. (3302) Welch Wunder, dass der Baum und das Wasser von jenem Ort heute hier ebenso als Zeugen erschienen! Selbst die Gottheit, die niemand leicht erkennen kann, machte sich zugänglich und kam der lakshmigleichen Frau so nahe wie eine Frucht in der Hand. Was könnte, ruft der Dichter aus, solcher Treue noch unmöglich sein? (3303) Alle Bewohner der glückverheißenden Stadt staunten über die eheliche Treue der Frau, über ihre Liebe zu Shiva und über die Gnade, die der Herr ihr erwiesen hatte. Sie versanken in Freude. Nur die ältere Frau des jasmingeschmückten Kaufmanns versank in Kummer.

(3304) Die angesehenen Kaufleute verurteilten die ältere Frau: »Sie hat schweres Unrecht getan.« Auch ihr Mann wies sie zurück: »Mit falschen Worten hast du diese Frau makelloser Tugend und ihre Herkunft beschimpft. Du sollst nicht länger meine Geliebte sein.« (3305) Da fiel die Jüngere ihrem Mann zu Füßen und bat: »Herr, sie hat heute meine Treue öffentlich bestätigt. Sie ist keine Feindin; mir, die keine Mutter hat, ist sie zur Mutter geworden. Lasst uns beide mit dir leben wie Leib und Leben.« Sie umarmte die Ältere, und beide verbanden sich in Freundschaft. (3306) Nur ihre Körper waren zwei; ihr Leben und Empfinden waren nicht mehr getrennt. Unwissender Neid verschwand aus ihren Herzen, und ebenso wurden ihre Kinder miteinander einig. Wie die Beute, die eine giftige Schlange mit dunklem Rachen verschlungen hat, waren ihre früheren Gegensätze verschwunden; beide lebten in großer Liebe und Freude. [Anmerkung: Der Bezug des Schlangenbildes ist in der Vorlage unsicher; die Verbindung mit den überwundenen Gegensätzen ist eine Deutung.]

(3307) Die Frau, die Arundhati glich, saß würdevoll wie Lakshmi auf dem Lotus. Durch sie mehrten sich für ihren Mann Lebensdauer, unvergänglicher Wohlstand, große Vermögensfülle, Ansehen, gute Lebensführung, Würde, der seltene Weg der Askese, unverminderter Dharma und Ruhm. (3308) Wer könnte die Grenzen aller göttlichen Spiele unseres Urherrn von Alavay erkennen und aussprechen, dessen Stadt der goldene Lotusteich umgibt? Noch unzählige weitere gibt es, heißt es. Ich habe euch die vierundsechzig Geschichten so erzählt, wie mein verehrter Guru und Herr sie mir überliefert hat. (3309) So sprach der große Asket auf dem südlichen Berg. Er nahm seinen gnädigen höchsten Lehrer und dessen einst gesprochenes heiliges Wort tief in sein Inneres auf. In überströmender Gnade stellte er sich das einzigartige Alavay des südlichen Tamil-Landes zwölf Fingerbreit über seinem Scheitel vor und meditierte unverwandt über den Einen, der mit der schönen fischäugigen Göttin dort wohnt.

(3310) Er geriet in Verzückung. Die räuberischen Sinne, die den Wanderer überfallen und ausplündern, zogen sich zurück. Jenseits von Dunkel und Licht folgte er dem Weg heiliger Gnade. Das eine Vollkommene erfüllte makellos alle unzähligen beweglichen und unbeweglichen Wesen; Sehen und Sehender gingen darin unter. Er erkannte ohne gewöhnliches Erkennen die wahre Glückseligkeit jenseits von Wort und Denken. Hier endet das Kapitel von der Herbeirufung des Vanni-Baums, des Brunnens und des Lingas. Möge es glückverheißend sein.

65. Die Verehrung: abschließendes Kapitel

(3311) So kamen der göttliche Shiva-Linga, der Vanni-Baum mit seinen dunklen verzweigten Ästen und der wasserreiche Brunnen als Zeugen der Hochzeit des Mädchens herbei. Nun erzählen wir, wie die großen Asketen den Weisen verehrten, der den Herrn von Madurai über seinem Scheitel vergegenwärtigt hatte, mit ihm dorthin gingen und den Herrn von Alavay mit vielerlei Blumen priesen. (3312) Vasishtha und die übrigen großen Weisen empfingen gemeinsam mit Lopamudra den wolkengleichen Asketen, der das einzigartige Meer der Erkenntnisfreude trank. Mit Blumen, Sandel, Moschus, Lampen, Weihrauch und weiteren Opfergaben verehrten sie ihn in großer Feierlichkeit. Dann trugen sie eine weitere Frage vor. (3313) »Indem wir die Spiele des Herrn von Kudal hörten, der den gewaltigen Bogen spannte, haben unsere Ohren ihre Erfüllung gefunden. Nun möchten wir ihn so, wie wir von ihm gehört haben, mit eigenen Augen sehen, duftende Blumen streuen und uns vor ihm verneigen.« So sprachen die wahrhaftigen Asketen.

(3314) Vor diesen Rechtschaffenen erhellte sich das Gesicht des kleinen Weisen, der den Berg bezwungen hatte. »Gut, ihr Weisen! Ihr habt genau das ausgesprochen, was auch ich in meinem Herzen dachte«, sagte Agastya. Dann sprach er weiter in freudigem Staunen. (3315) »Ihr einzigartigen großen Asketen, die ihr die sechsunddreißig Tattvas von der Erde an überschritten habt! Kann jemand die Freude der Befreiung schauen, wenn er Parashiva nicht mit dem inneren Auge erkennt? Selbst der Gipfel der gesungenen Veden erfasst ihn nicht ganz; wie sollten die zahllosen übrigen Wissenschaften ihn vollständig enthüllen? (3316) Kommt! Wie wir es mit tief aufnehmenden Ohren gehört haben, wollen wir den fünfgesichtigen, höchsten Lichtgott von Alavay aufsuchen und verehren. Mit schmelzendem Herzen wollen wir ihn schauen, seiner jenseits gewöhnlichen Denkens gedenken und die Wurzel täuschender Taten ausreißen.«

(3317) An einem glückverheißenden Tag und zu günstiger Stunde badeten sie in der vom Himmel herabgekommenen Ganga und verehrten den Herrn der Welt mit gefalteten Händen. Vor den Ehrwürdigen fassten sie ihren heiligen Entschluss, empfingen die Erlaubnis zur Reise und hörten freudig deren Segensworte. (3318) Sie sammelten ihre fünf Sinne bei den Füßen des Herrn von Kudal. Die fünf Silben, seine heilige Gestalt, bewegten sich auf ihren Zungen; ihre Hände waren gefaltet. Die guten Asketen bestiegen den göttlichen Wagen ihrer reinen shaivitischen Askese und begannen die Reise durch den Himmel. (3319) Mit rötlich verfilztem Haar, mit heiliger Asche bestäubten Körpern, durch Askese schlanken Gliedern und nach außen strahlender Gnade zogen sie dahin. Rein waren sie, mit Rudraksha-Ketten geschmückt und mit Fellen um die Hüften bekleidet: ehrwürdige Männer wie Schmuckstücke der Askese selbst.

(3320) Der große Weise vom Malaya zeigte ihnen die heiligen Orte, an denen Verdienst gedeiht, die Wälder der Sinnesbezwinger, die heiligen Flüsse und die verschiedenen Übungen der Asketen. Immer wieder betrachteten sie dies mit freudigen Augen, falteten die Hände und verneigten sich auf ihrer Reise. (3321) »Seht, dort ist der Ort, an dem Rama den flussgeschmückten, ungleichäugigen Shiva verehrte und seine Gnade empfing, um den zornigen König von Lanka zu vernichten. Und seht diesen Berg: Wer von seinem Gipfel hinabstürzt und stirbt, erhält nach der Überlieferung die zuvor gewünschte neue Geburt.« [Anmerkung: Der Vers berichtet eine traditionelle Ortsverheißung; sie ist keine Aufforderung zum Nachvollzug.] (3322) »Dort ist der Ort des Herrn, der in Surabhis langem Ohr als leuchtendes Linga erschien und dessen heiliger Wagen nachts durch die Straßen zieht. Seht auch die Stadt am westlichen Meer, wo der Gott mit Ganga und Schlangen im Haar im Monat des Skorpions, am hohen Karttikai-Fest, auf seinem Wagen ausfährt und sein Opfer gefeiert wird.« [Anmerkung: Die Verbindung der Orts- und Festangaben ist in der Vorlage nicht ganz eindeutig.]

(3323) »Dies ist der herrliche Berg des Herrn, der das Fleisch annahm und kostete, das der bogentragende Jäger zuvor gekaut hatte. Hier streckte der Wundertäter beim Tanz sein Bein so hoch, dass es das All zu durchstoßen schien, und besiegte Kali. Seht diese Höhlung, wo die eine keusche Göttin im Schatten des Mangobaums Askese übte! (3324) Hier verehrte der Herr mit Lakshmi auf der Brust Hara, stand mit gefalteten Händen vor ihm und empfing die Aufgabe, die Welt zu erhalten. Seht auch den Ort, an dem der Dreiäugige, dessen Wesen die Grenzen der vedischen Worte übersteigt, den rechtschaffenen Brahmanen die heiligen Veden in ihrem geregelten Vortrag lehrte. (3325) Hier stand das Feuer, das das All durchbrach, so hoch, dass weder das Tier sein unteres noch der Vogel sein oberes Ende ausmessen konnte. Dort ist der Berg, auf dem zwei Wesen in der Gestalt scharfschnäbliger Geier Askese üben. Und seht diesen Berg, der vor und nach den vielen wechselnden Weltzeitaltern bestehen bleibt!

(3326) Dies ist die Stadt des heiligen Herrn, der den tückischen Dämon Andhaka vernichtete und die drei Welten von ihrer Sorge befreite. Seht die Wohnstatt dessen, der die drei schwer zu bezwingenden Städte mit seinem feurigen Stirnauge verbrannte und sich doch von der Liebe der drei von Bindung befreiten Verehrer gewinnen ließ. (3327) Dies ist die Gnadenhalle ewiger höchster Glückseligkeit, in der das Wesen von Wahrheit, Erkenntnis und Freude tanzt und doch unbewegt bleibt. Dort ist die Stadt, in der Geborene die Befreiung erlangen. Und seht diesen Ort, an dem die vier ursprünglichen Veden ihn voller Hingabe verehrten und priesen! (3328) Dies ist die Stadt mit den zwölf Namen, in der der Höchste Brahma, Vishnu und die anderen Götter beim Weltenuntergang in ein Boot aufnimmt, damit sie nicht vergehen. Hier ist die heilende Wohnstatt, wo er Jatayu und Sampati, die ihn innig verehrten, Segen gab und die Krankheit der Finsternis beseitigte.

(3329) Hier verehrte ihn die Tochter des Himalaya mit mondgleicher Stirn in Pfauengestalt; dies ist der Ort des Bades in der Kaveri im Monat Tula. Dort ist die alte Stadt, zu der dreißig Millionen erkenntnisreiche Weise wie wir zur Verehrung kamen. Seht auch diesen Ort, an dem der Gott des Dharma die Puja vollzog! (3330) Dies ist der Ort, an dem der vierstoßzähnige Elefant durch Askese die Stoßzähne zurückerhielt, die ein Dämon abgeschlagen hatte. Hier wohnt unser Herr, der sich neigte, um die Würde Tatakais zu schützen, als sie ihm eine Girlande umlegte, und der sich aus Liebe zum edlen Kalaya wieder aufrichtete, als dieser ihn mit einer Schlinge zog. (3331) Dies ist Shivas Stadt, wo der elefantenköpfige Herr nach dem Sieg über den elefantengesichtigen Dämon verehrte. Hier betete der rote Speerträger nach seinem Kampf mit Taraka Hara an. Und dies ist die reiche Stadt des Knaben, der ein Sand-Linga unter einem Baum mit Milch badete und darauf die Girlande vom Haupt des Höchsten empfing.

(3332) Dort liegt die alte, von rauschendem Wasser und Feldern umgebene Stadt des tapferen Herrn, der seinen roten Lotusfuß auf die Brust des zornig heranstürzenden Todesgottes setzte und dem Knaben langes Leben schenkte. Seht hier den Tempel des Siegers, der die abgestreifte Haut des gewaltigen Elefanten als Gewand trug! (3333) Hier ist der Ort dessen, der den vom lotusgeborenen Brahma stammenden Schädel als Bettelschale annahm. Dies ist die Wohnstatt des rotäugigen Herrn, der Kama verzehrte, als dieser seinen Bogen spannte. Und seht den Ort des göttlichen Schwiegersohns, der seinem Schwiegervater einen Ziegenkopf gab! (3334) Dort wohnt der Herr, der aus der Bewegung seiner großen Zehe ein Rad entstehen ließ und ihm den starken Dämon als Speise gab. Seht hier den Ort, an dem Brunnen, Shiva-Linga und Vanni-Baum als Zeugen einer Hochzeit standen, damit alle acht Himmelsrichtungen davon erfahren konnten!

(3335) Dies ist die Stadt, in der die Schuld des Brahmanentötens vom Pandya-König wich, als er den dunkelhälsigen Herrn verehrte. Seht die Stadt des heiligen Wassers, zu der die Ganga bei jedem großen Magha-Fest kommt und badet, um die schwere Last abzuwaschen, die die in ihr Badenden zurückgelassen haben! (3336) Dies ist der Berg unseres Gurus, der seinem eigenen Vater das höchste Lehrwort gab. Dort ist die Stadt, in der unser Herr Vishnu mit der dunklen Wolkenfarbe das siegreiche Rad verlieh, als dieser sein Auge ausriss und zu Shivas Füßen legte. Erkennt und seht hier den Ort, an dem Nandi Askese übte, um die heilige Gestalt unseres Vaters zu erlangen! (3337) Dies ist die Stadt der Askese, in der eine Spinne mit gekrümmten Beinen, ein Elefant, die Bergtochter und der lotusäugige, meerfarbene Vishnu verehrten. Dort ist der Berg mit dem Namen des dreiköpfigen, löwengleichen Wesens. Und seht die Kaveri: Sie verschlingt alle Sünden derer, die in ihr untertauchen!

(3338) Dies ist das Land des Chola-Königs, in dem dieser Fluss wie eine glänzende weiße Perlenkette liegt. Jener große Fluss aber ist der Vaigai, der Tamil versteht. Seht, wie das Pandya-Land in der Ferne erscheint, als sei der Himmel selbst auf die Erde herabgeglitten!« So sprach der Weise. (3339) Aus ihrer Höhe sahen die Reisenden die Haine wie kleine Büsche, die mächtigen Flüsse wie schmale Rinnen, die duftenden Teiche wie kleine Vertiefungen, die weiten Felder wie zarte Saatbeete, die Schraubenpalmen wie niedriges Gras und die Bananenhaine mit ihren grünen Fruchtständen wie Kurkumabeete. (3340) Die Reihen vielfarbiger Häuser, hoher Terrassen und künstlicher Hügel sahen aus wie geordnet sitzende Schwäne, weiße Reiher, rötliche Vögel, Hühner, grüne Papageien und Pfauen. Die glänzenden, blumengeschmückten Fahnen flatterten daran wie ihre Flügel.

(3341) So betrachteten die Weisen den Reichtum von Land und Stadt und ließen ihre Augen sich daran sättigen. Auf dem weiten Himmelsweg weiterziehend umkreisten und verehrten sie das himmelragende Kodunkunram, Tirupputtur und die reiche Stadt Adanai, wo in den ausgedehnten Hainen Bienen singen und Pfauen tanzen. (3342) Sie verehrten Punavayil, das die wahren Veden preisen, und die schöne Stadt, in der Shiva als asketischer Siddha Alchemie wirkte und seine Gestalt sichtbar machte; ferner Kanapper, wo Hara als Segensspender wohnt, und die weite Stadt Chuliyal, wo er, im erhabenen Yoga stehend, die Bergtochter heiratete. (3343) Sie besuchten die schöne Stadt, in der Rama, von der Schuld wegen der Tötung des kriegerischen Königs von Lanka erschüttert, den Herrn verehrte, der das gerechte Rad verliehen hatte, und Befreiung von dieser Last fand. Ebenso die alte Stadt am Porunai, dessen Flussbett leuchtende Perlen, Berylle und Gold hervorbringt: Dort erschien der ungeborene Gott im Inneren eines Bambus.

(3344) Sie sahen die alte Stadt, in der der tulasigeschmückte Gott zur Gestalt des konraibekränzten Shiva wurde; den Berg, auf dem der junge Gott mit dem Hahnenbanner zuerst mit Deivanai, der rehblickenden Tochter des Elefantengottes Indra, vermählt verweilte; und die reiche Stadt des Herrn, dessen Haupt die Narbe des Bogenschlags des kriegerischen Vijaya trägt. (3345) Sie verehrten auch Tiruvappanur, auf das sich die Wolken senken. Vor der göttlichen Vaigai mit ihren kühlen Wellenarmen und bienenumschwärmten Lotusgesichtern verneigten sie sich. Dann sahen sie den hohen Tempelturm, der die acht Richtungen und das All zu umfassen schien wie Vishnu beim Verschlingen der Welten, und betraten ehrfürchtig die Stadt. (3346) In jeder Straße warfen sie sich nieder, erhoben sich und gingen verehrend weiter, bis sie den goldenen Tempel erreichten. Nach der vorgeschriebenen Ordnung badeten sie im goldenen Lotusteich, erfüllten die notwendigen Handlungen, wiederholten gesammelt die fünf Silben und verehrten die Füße Ganeshas: des kleinenäugigen, vierarmigen Herrn mit dem fünften Glied, dem Rüssel, aus dessen Schläfen die Kraft strömt.

(3347) Sie legten ihre Häupter zu den Füßen der schönen fischäugigen Mutter, die die drei Welten und die vier Veden in ihrer Ordnung hervorgebracht hat. Sie gaben ihre Liebe und empfingen ihre süße Gnade. Dann verneigten sie sich vor dem einzigartigen Licht im goldenen, edelsteinbesetzten Vimana; seine roten Lotusfüße erblühten über ihren verfilzten Häuptern, während sie ihn priesen. (3348) An jenem Tag verzichteten sie auf beide Mahlzeiten. Vor dem Sonnenaufgang, der wie ein Feuerschwert die Nacht zerteilt, badeten sie und verrichteten ihre täglichen Pflichten. Die fünf Sinne bezwungen und von Liebe durchströmt, sahen sie den Ursprung aller Dinge im Vimana thronen, das auf Erden wie gebündelter Blitz erstrahlte. (3349) Sie brachten duftendes Badewasser, Honig, Zuckerrohrsaft, frische Früchte, die fünf reinen Kuhprodukte, den fünffachen Nektar, Sandel vom südlichen Berg, wohlriechendes kühles Wasser, Kampfer und Moschus, duftende weiche Blüten, Gewänder, kostbaren Schmuck und wohlschmeckende Speisen herbei.

(3350) Unter der Rezitation des Shatarudriya badeten sie ihn, salbten, bekleideten und schmückten ihn. Sie reichten mit dem passenden Mantra gekochten Milchreis, dann fünf Arten duftender Würzstoffe, Betelnuss und Betelblätter. Mit Freude brachten sie Weihrauch, Lampen und zahlreiche weitere ehrende Gaben dar. (3351) Auch das heilige shaivitische Feuer mit seinen fünf Gesichtern nährten sie reichlich mit Ghee aus dem Opferlöffel und vollendeten die Verehrung. Mit den wahren, in den vier Veden gelehrten Mantras brachten sie hundertzehn Darbietungen aus dreiblättrigem Bilva und blauen Wasserblüten dar, die sie in ihren blumengleichen Händen hielten, und erfreuten so den Gott. [Anmerkung: Die Vorlage nennt hier hundertzehn; die Zahl wird nicht an geläufigere Ritualzahlen angeglichen.] (3352) Mit duftendem Wasser und mantrageweihten Blumen in den Händen legten sie die Frucht ihrer gesamten Verehrung in die Hand des dreiäugigen Heiligen. Liebe durchtränkte ihre Herzen, Tränen füllten ihre Augen und strömten herab. Alle verneigten sich vor Shiva, falteten die Hände und priesen ihn.

(3353) »Zuflucht bei dir, Herr, der du Indras Dienst annahmst, sodass Schuld und Bindung schwanden! Zuflucht bei dir, Tänzer in der kostbaren Silberhalle, der die Lage seiner Verehrer erkennt! Zuflucht bei dir, Licht, das die Beinstellung im Tanz wechselte, damit der Pandya nicht sterbe, und ihm Klarheit schenkte! Zuflucht bei dir, Urherr, der die sieben Meere herbeirief und Schwiegermutter und Schwiegervater darin baden ließ! (3354) Zuflucht bei dir, mächtiger Jäger, der den Narasimha-Pfeil abschoss und dem wilden Elefanten das Leben nahm! Zuflucht bei dir, Erkenntnis selbst, die den Weisen den verborgenen Sinn der ursprünglichen Veden erläuterte! Zuflucht bei dir, Bräutigam der Fischerin, der das Boot bestieg und den großen Makara im Meer fing! Zuflucht bei dir, dunkelhälsiger Herr, der die Armreifschlange ausstreckte und die Stadtgrenze bestimmte! (3355) Zuflucht bei dir, Ewiger, der durch seinen Sohn den Stolz des Meeres, des Meru und Indras brechen ließ! Zuflucht bei dir, Held, der mit dem Pfeil, der den Namen Sundara trug, das Heer des Chola besiegte! Zuflucht bei dir, Siddha, der vor dem mächtigen Pandya den steinernen Elefanten Zuckerrohr essen ließ! Zuflucht bei dir, Yogi, der die einst zu Stein gewordenen Frauen die acht Siddhis erlangen ließ!

(3356) Zuflucht bei dir, Herr unvergänglichen Reichtums, der Edelsteine verkaufte, damit der Königssohn gekrönt werden konnte! Zuflucht bei dir, Kraftvoller, der als Onkel erschien und vor Gericht für seinen Neffen sprach! Zuflucht bei dir, unser Vater, der dem Reiher und dem kleinen Vogel die Lehre gab und Befreiung beziehungsweise Schutz ihres Geschlechts gewährte! Zuflucht bei dir, Herr von Madurai, der aus Scheu vor ungerechter Beschuldigung dem Jäger Erbarmen erwies! (3357) Zuflucht bei dir, Herr, der in den gnädigen Gestalten eines Greises, eines Jünglings und eines Kindes spielt! Zuflucht bei dir, siegreicher Speerträger, der den Sünder tötete, der die Frau seines Lehrers begehrte, und sich im Blut badend den Sieg errang! Zuflucht bei dir, Sänger der Veden, der als Diener des geliebten Musikers sang und dessen Gegner verdrängte! Zuflucht bei dir, Vertrauter, der Schakale zu Pferden und wieder zu Schakalen machte, sodass die Stadt in Aufruhr geriet! (3358) Zuflucht bei dir, Mutter, die einst zwölf kleinen Ferkeln die Brust gab! Zuflucht bei dir, Vollkommener, der die schöne Trugkuh durch seinen kämpfenden Stier besiegte und vernichtete! Zuflucht bei dir, Achtgestaltiger, dessen Rutenschlag alle zahllosen Welten erreichte! Zuflucht bei dir, Freigebiger, der drei Zeugen herbeibrachte, um die Hochzeit einer treuen Frau zu bezeugen!«

Abschlussverse über Gnade und Verehrung

(3359) Du Verborgener, den weder die Mittel der Erkenntnis noch die Veden und die anderen Schriften, weder Brahma noch Vishnu ermessen können! Du hast keinen Namen, keine Eigenschaft, kein Kennzeichen, keine Herkunft, keinen festgelegten Zustand und keine Tätigkeit. Hast du nach der Erschaffung der Welt eine leicht zugängliche Gestalt der Gnade angenommen und diese vierundsechzig Spiele vollbracht, damit wir dir dennoch solche Merkmale zuschreiben, dich erkennen und preisen können? (3360) Als Vasishtha und die anderen Rishis zusammen mit dem kleinen Weisen ihn so gepriesen hatten, erschien Shiva, der im honigduftenden Kadamba-Wald wohnt, als sichtbare Gestalt aus dem Linga. Er blickte sie an und sprach: ‚Ihr habt den Zorn überwunden und euer Inneres geklärt. Eure Verehrung und euer Lob haben uns Freude bereitet, uns, der alle heiligen Stätten und sämtliche Lebewesen erfüllt.‘ [Das tamilische Wort für das geklärte Innere ist in der elektronischen Quelle durch einen Zeichenfehler beschädigt; die Wiedergabe folgt dem erkennbaren Zusammenhang.] (3361) In überströmender Gnade rief er den kleinen Weisen zu sich, legte ihm die Hand auf den Kopf, strich ihm über den Rücken und sagte: ‚Du bist uns gleich. Deine treue Gemahlin, schön wie eine goldene Ranke, gleicht Uma, in der die Tugend gedeiht. Wer könnte euch beiden in der Welt gleichkommen? Du hast wahrhaft vollendete Askese geübt und ihre beständige Frucht erlangt.‘

(3362) ‚Welche seltene Gabe könnten wir dir nun noch schenken? Wir sehen nichts, das für dich unerreichbar wäre.‘ Nachdem er so seine Gnade erwiesen hatte, kehrte er aus eigenem Willen in das Linga zurück. Der Weise errichtete ein Shiva-Linga unter seinem eigenen Namen, das ihm die kostbare Gabe gewährt. Auch Vasishtha und die übrigen gleichgesinnten Weisen errichteten Lingas unter ihren Namen. (3363) Sie priesen und verehrten den Herrn der acht Gestalten, den Gemahl der Göttin mit den schönen, fischgleichen Augen: dem bloßen Denken schwer zugänglich, der Liebe leicht erreichbar. Dreimal täglich gingen sie hin, neigten ihr Haupt und ließen ihr Herz in Freude erblühen. Wie kleine Bienen, die sich an Honig sammeln, schufen Vasishtha und die anderen Weisen an diesem großen heiligen Ort einen Hain der Askese und wohnten dort. Glückverheißender Abschluss des Kapitels über die Verehrung. Das Thiruvilaiyadal Puranam ist vollendet.

Nataraja, Shiva als Herr des Tanzes. Das Werk verbindet kosmische Bilder mit persönlichen Begegnungen.

Drei Bücher und 64 göttliche Spiele

Die Fassung gliedert sich in Madurai-kandam, Kudal-kandam und Tiruvalavay-kandam. Die Bezeichnungen verweisen auf Madurai und seine heiligen Namen. Vor den eigentlichen Spielen stehen Schutzanrufungen, Lobpreisungen und Beschreibungen von Land, Stadt, heiligen Gewässern und göttlicher Gegenwart. Nach dem 64. Spiel folgt als Kapitel 65 ein Abschluss über die Verehrung. Daher sind die Zahl der göttlichen Spiele und die Zahl der Kapitelüberschriften nicht gleichzusetzen.

Buch Versbereich Inhalt
Madurai-kandam 1–1306 Einleitende Teile; Spiele 1–18; Meenakshis Erscheinen und Hochzeit; Königtum, Tempel und Stadt
Kudal-kandam 1307–2321 Spiele 19–48; Hilfe, Unterweisung, Kunst, Gnade und überraschende Erscheinungsformen Shivas
Tiruvalavay-kandam 2322–3363 Spiele 49–64; Dichter, Manikkavachakar, religiöse Konflikte; abschließendes Kapitel über Verehrung

Die folgende Übersicht übersetzt die Kapitelthemen knapp. Sie dient der Orientierung und ist keine Übersetzung der Kapitel selbst. Die Versbereiche bezeichnen die fortlaufenden Positionen; vier abweichende Nummern der elektronischen Quelle sind im Quellenhinweis erläutert.

Kapitel Thema Verse
1 Indras Schuld wird gelöst 344–440
2 Der Fluch des weißen Elefanten wird aufgehoben 441–471
3 Die heilige Stadt wird gegründet 472–518
4 Die Erscheinung der königlichen Göttin Tadadakai 519–599
5 Die Hochzeit 600–798
6 Der heilige Tanz in der Silberhalle 799–826
7 Gundodara wird gespeist 827–848
8 Die Speisegrube und der Fluss Vaigai werden herbeigerufen 849–875
9 Die sieben Meere werden herbeigerufen 876–890
10 Malayadhvaja wird herbeigerufen 891–921
11 Die Geburt Ukkira Pandyas 922–966
12 Ukkira Pandya erhält Speer, Wurfring und Streitkolben 967–1032
13 Der Speer lässt das Meer zurückweichen 1033–1052
14 Der Wurfring trifft Indras Krone 1053–1111
15 Der Berg Meru wird mit dem Streitkolben geschlagen 1112–1152
16 Der Sinn der Veden wird offenbart 1153–1194
17 Der Verkauf der Edelsteine 1195–1287
18 Das von Varuna gesandte Meer wird ausgetrocknet 1288–1306
19 Madurai wird zum vierfach geschützten Kudal 1307–1332
20 Shiva erscheint als allvermögender Siddha 1333–1356
21 Der steinerne Elefant erhält Zuckerrohr 1357–1385
22 Der Elefant wird mit einem Pfeil bezwungen 1386–1427
23 Shiva erscheint als alter Mann, junger Mann und Kind 1428–1460
24 Der Tanz mit gewechselter Beinstellung 1461–1489
25 Die Furcht vor ungerechter Beschuldigung wird gelöst 1490–1533
26 Eine schwere Schuld wird getilgt 1534–1574
27 Die Glieder des schuldigen Schülers werden abgeschlagen 1575–1602
28 Die Schlange wird mit einem Pfeil bezwungen 1603–1625
29 Die Trugkuh wird bezwungen 1626–1663
30 Shiva erscheint mit einem Heer 1664–1704
31 Der unerschöpfliche Geldbeutel wird gewährt 1705–1723
32 Der Verkauf der Armreifen 1724–1759
33 Die Unterweisung in den acht großen Siddhis 1760–1788
34 Das Siegel des Stieres wird angebracht 1789–1818
35 Eine Trinkwasserstelle wird eingerichtet 1819–1855
36 Die alchemistische Verwandlung 1856–1885
37 Der Chola-König wird in den Teich gestürzt 1886–1907
38 Der unerschöpfliche Getreidevorrat wird gewährt 1908–1925
39 Shiva tritt als Onkel in einem Rechtsstreit auf 1926–1962
40 Varaguna erhält eine Schau der Welt Shivas 1963–2030
41 Der Verkauf des Brennholzes 2031–2100
42 Ein königliches Empfehlungsschreiben wird übergeben 2101–2130
43 Eine Sitzplanke wird gewährt 2131–2148
44 Der musikalische Wettstreit wird gewonnen 2149–2192
45 Die Ferkel werden gesäugt 2193–2255
46 Die Ferkel werden zu Ministern 2256–2273
47 Der schwarze Vogel erhält Unterweisung 2274–2296
48 Der Reiher erhält Befreiung 2297–2321
49 Die Stadt erhält den Namen Tiruvalavay 2322–2349
50 Der Pfeil mit Sundaras Namen 2350–2393
51 Die Planke der Dichterversammlung wird gewährt 2394–2432
52 Dharumi erhält den Goldbeutel 2433–2539
53 Nakkirar wird ans Ufer gerettet 2540–2566
54 Nakkirar erhält Unterweisung in der Grammatik 2567–2596
55 Der Streit der Dichterversammlung wird gelöst 2597–2610
56 Der Konflikt um Idaikkadan wird beigelegt 2611–2648
57 Shiva wirft das Fischernetz aus 2649–2712
58 Vadavarar, Manikkavachakar, erhält Unterweisung 2713–2798
59 Schakale werden zu Pferden 2799–2925
60 Pferde werden zu Schakalen und die Vaigai wird herbeigerufen 2926–2991
61 Shiva trägt Erde 2992–3105
62 Das Fieber des Pandya-Königs wird geheilt 3106–3173
63 Die Pfählung der Jainas 3174–3255
64 Vanni-Baum, Brunnen und Linga werden als Zeugen herbeigerufen 3256–3310
65 Die Verehrung: abschließendes Kapitel 3311–3363

Gnade, Lernen und die Grenzen des eigenen Wissens

Ein Leitgedanke des Werkes lässt sich aus seinem Schluss gewinnen: Das Göttliche entzieht sich der vollständigen begrifflichen Erfassung und wird dennoch in Beziehungen zugänglich. Vers 3359 spricht von dem, der keinen festlegenden Namen und keine begrenzende Eigenschaft besitzt, aber eine Gestalt der Gnade annimmt. Vers 3363 verbindet diese Spannung mit der Liebe.

Die Erzählungen von Dichtern und Musikern machen diese Frage konkret. Wissen und Kunst haben hohen Wert, können aber auch mit Stolz und Konkurrenz verbunden sein. Die Kapitel über Nakkirar, die Dichterversammlung und den musikalischen Wettstreit laden zum Nachdenken darüber ein, wie Begabung und Lernbereitschaft zusammenfinden. Wer bereits viel kann, darf trotzdem weiter fragen und zuhören.

Für Yoga Vidyaner kann daraus eine fruchtbare Haltung im Satsang erwachsen: aufmerksam studieren, Fragen zulassen und die eigene Einsicht nicht zum Maßstab für alle machen. In einer tamilisch-deutschen Leserunde ergänzen sich Sprachkenntnis, religiöse Erfahrung und die unbefangenen Fragen von Menschen, die den Text erstmals kennenlernen.

Fürsorge reicht über den Menschen hinaus

Die Kapitel über die gesäugten Ferkel, die Unterweisung eines kleinen Vogels und die Befreiung eines Reihers weiten die Aufmerksamkeit auf Tiere. Das Purana erzählt göttliche Fürsorge in Gestalten, die leicht übersehen werden. Dadurch erhält die Frage nach Gnade eine anschauliche, bisweilen überraschende Form.

Eine heutige Praxisanregung kann sein, die Lektüre mit Ahimsa, Rücksicht und einer konkreten guten Tat zu verbinden. Wer einen Vers liest, kann anschließend fragen: Welches Lebewesen braucht heute meine Aufmerksamkeit? Ein freundlicher Umgang, geteiltes Essen oder praktische Hilfe können dem Lesen eine Antwort im Alltag geben. Solche Anregungen sind heutige Anwendungen und keine wörtlichen Handlungsanweisungen des Puranas.

Tamilische Hindus in Deutschland: gemeinsam lesen und erinnern

Nicht alle Mitglieder einer Familie lesen Tamil gleich sicher. Die einen kennen die Geschichten aus Erzählungen oder Tempelfesten; andere begegnen ihnen zuerst auf Deutsch. Beides kann ein Anfang sein. Auch wer die Schrift noch lernt, kann mit der Umschrift mitlesen und eigene Fragen einbringen.

Eine kleine Leserunde kann mit wenigen Zeilen beginnen. Eine kundige Person liest aus dem Tamiltext, andere folgen den lateinischen Buchstaben. Danach werden die Namen und Bilder gemeinsam besprochen. Erinnerungen an eine Großmutter, einen Tempelbesuch oder eine vertraute Rezitation dürfen ihren Platz haben, ebenso neue Fragen von Kindern und Jugendlichen.

Dabei bleibt Raum für Unterschiede: Tamilische Familien haben verschiedene regionale, religiöse und persönliche Erfahrungen. Eine gemeinsame Lektüre braucht keine einheitliche Lebensgeschichte. Sie kann gerade dadurch verbinden, dass jede Person etwas Eigenes einbringt und dem Erleben der anderen zuhört.

Gemeinsames Singen und Zuhören bei Yoga Vidya. Das Bild zeigt eine allgemeine Satsang-Praxis, keine Aufführung des Thiruvilaiyadal Puranam.

Anregungen für Yoga Vidyaner: vom Lesen zum Handeln

Die folgenden fünf Anregungen sind eine heutige Annäherung aus der Yogapraxis. Sie möchten zur Begegnung mit dem Werk ermutigen und seine tamilische Überlieferung achten.

  • Mit Aufmerksamkeit beginnen: Lies wenige Verse langsam. Halte bei einem Bild inne, das dich anspricht. Notiere auch, was du noch nicht verstehst.
  • Klang und Bedeutung verbinden: Höre einer tamilkundigen Person zu und folge dem Text in Umschrift. Frage nach der Aussprache; sie lässt sich nicht allein aus deutschen Lesegewohnheiten erschließen.
  • Hingabe vertiefen: Wer bereits Japa praktiziert, kann seine vertraute Übung nach der Lektüre fortsetzen. Das verbreitete Om Namah Shivaya kann eine allgemeine Shiva-Praxis begleiten; hier wird damit keine besondere Rezitationsvorschrift dieses Werkes behauptet.
  • Eine gute Tat wählen: Nimm den Gedanken der Fürsorge in Seva oder Karma Yoga mit. Hilf einer konkreten Person, höre ohne Eile zu oder teile etwas, das anderen nützt.
  • Still werden: Lass einige Minuten Meditation folgen. Du musst nicht jedes Bild sofort erklären. Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft dürfen neben offenen Fragen bestehen.

Yoga und Meditation im Alltag vertiefen

Wer die Lektüre mit einer eigenen Übung verbinden möchte, findet auf Yoga bei Yoga Vidya eine Einführung in die Vielfalt des Yogaweges. Der Bereich Meditation bei Yoga Vidya bietet Orientierung für die stille Praxis.

Eine einfache Anregung für zu Hause: Lies einige Zeilen, lass ihre Bedeutung nachklingen und sitze anschließend einige Minuten ruhig. Frage dich danach, wie du heute mit mehr Aufmerksamkeit, Gewaltlosigkeit und Hilfsbereitschaft handeln kannst. Das ist eine heutige Praxisanregung im Geist des Yoga; die tamilische Überlieferung des Werkes behält ihre eigenen Formen.

Schwierige Erzählungen achtsam lesen

Das Werk enthält auch harte Strafmotive, überlieferte soziale Hierarchien und religiöse Polemik. Besonders das Kapitel über die Pfählung der Jainas verlangt eine sorgfältige Einordnung. Eine hagiographische Erzählung ist nicht schon ein unabhängiger historischer Nachweis; ihr religiöser Siegerton begründet keine Abwertung heute lebender Menschen oder anderer Glaubensgemeinschaften.

Eine respektvolle Lektüre darf die Hingabe des Werkes würdigen und zugleich vor problematischen Motiven nicht ausweichen. Für eine heutige spirituelle Begegnung bieten Ahimsa, Gewissensprüfung und Achtung vor anderen Religionen einen tragfähigen Rahmen. Das ist die Haltung dieser Einführung, nicht eine nachträgliche Änderung des alten Wortlauts.

Video: Hingabe im Bhakti Yoga

Dieser allgemeine Yoga-Vidya-Vortrag vertieft die Praxis der Hingabe und ergänzt den Shivaratri-Beitrag weiter oben. Beide Beiträge dienen als Hintergrund zur Lektüre.

Die neun Bhakti-Praktiken: Wie man Hingabe entwickelt

Weitere tamilische Schriften im Wiki

Das Thirumandiram vertieft Yoga und shivaitische Erkenntnis. Tiruvasagam eröffnet die hingebungsvolle Dichtung Manikkavachakars; Tirumurai erschließt den größeren Zusammenhang tamilischer Shiva-Hymnen. Das Periya Puranam erzählt von den Heiligen der Shiva-Verehrung. Zusammen mit dem Thiruvilaiyadal Puranam zeigen diese Werke unterschiedliche Ausdrucksformen von Glauben, Erkenntnis und Liebe.

Auch andere tamilische Traditionen bereichern die Lektüre: Sivavakkiyam stellt eindringliche Fragen nach innerer Wahrheit; Tirukkural behandelt ethische Lebensführung. Tiruvaymoli, Tiruppavai, Nalayira Divya Prabandham und Acharya Hridayam führen in die sri-vaishnavitische Überlieferung. Die Akilathirattu Ammanai gehört zur Ayyavazhi-Tradition. Diese Texte haben jeweils ihre eigene religiöse und literarische Gestalt.

Textgrundlage und Stand der Übersetzung

Der Tamiltext wurde aus allen fünf unten genannten Project-Madurai-Dateien zusammengeführt. Die verwendete Ausgabe enthält 3.363 Versblöcke. Die Erfassung umfasst außerdem die Werküberschriften und Schlussformeln. Im Tamiltext und in der Umschrift bleiben die Nummern der Quelle erhalten: An den fortlaufenden Positionen 59, 465, 1152 und 1773 stehen dort versehentlich 591, 460, 1140 und 773. Es fehlen an diesen Positionen keine Versblöcke.

Die Umschrift wurde regelbasiert aus diesem Tamiltext abgeleitet. Sie ist eine schriftnahe Lesehilfe mit Diakritika und keine phonetische Aufnahme einer bestimmten Rezitation. Vorhandene Schreib- und Zeichenfehler der elektronischen Quelle wurden nicht durch eine neue kritische Edition beseitigt. Insbesondere einzelne beschädigte Zeichenfolgen bleiben sichtbar.

Die vollständige deutsche Arbeitsübersetzung umfasst alle 3.363 Verse sowie die Kapitelabschlüsse und das Werkende. Sie wurde für diese Ausgabe mit KI direkt aus dem Tamilischen erstellt und nicht aus einer vorhandenen deutschen Internetübersetzung übernommen. Unsichere Lesungen und Deutungen sind lokal gekennzeichnet. Eine abschließende sprachlich-philologische Fachprüfung steht noch aus.

Schluss: Die Liebe kann einen Zugang öffnen

Am Ende des Werkes wird Shiva als dem Denken schwer zugänglich und der Liebe leicht erreichbar gepriesen. Dieser Gedanke kann nach der Lektüre weiterwirken. Er lädt dazu ein, Wissen mit Herzensbildung zu verbinden und im eigenen Alltag genauer hinzusehen.

Für tamilische Hindus in Deutschland kann das gemeinsame Lesen Sprache, familiäre Erinnerung und gelebten Glauben verbinden. Für Yoga-Aspiranten erschließt es eine eigenständige Form von Bhakti Yoga. Lass die Lektüre in einer stillen Minute nachklingen und wähle eine kleine Handlung der Fürsorge. Was im Herzen berührt, darf im Leben Frucht tragen.

Weitere Seiten dieser Ausgabe: Vollständige Umschrift · Tamiltext 1: Verse 1–2321 · Tamiltext 2: Verse 2322–3363

Quellen und weiterführende Literatur

E-Text nach den Angaben von Project Madurai: Kalaivani Ganesan, Singapur, für Saivam.org; elektronische Vorlage bereitgestellt durch S. Ganesan; HTML- und PDF-Bearbeitung durch K. Kalyanasundaram, Lausanne. Project Madurai 1998–2014 beziehungsweise 1998–2015. Abruf: 30. September 2026.

Weiterführend: Divine Plays of Lord Siva, Ramakrishna Math, Chennai; englische Bearbeitung von T. N. Ramachandran, Illustrationen von S. Rajam. Der Verlag beschreibt sie ausdrücklich als gekürzte englische Fassung mit ausgewählten übersetzten Gedichten. Sie wurde hier nicht als vollständige Versübersetzung verwendet: Verlagsbeschreibung.

  1. ↑ Paranjothi Munivar: Thiruvilaiyadal Puranam, Tamiltext bei Project Madurai, elektronische Ausgaben 463, 474 und 497. Die fünf Quelldateien sind im Quellenabschnitt einzeln aufgeführt. Inhaltsangaben und Versverweise dieses Artikels beziehen sich auf diese Fassung.
  2. ↑ 2,0 2,1 South Indian Paintings: Tiruvilayadal Puranam, historischer Überblick und Dokumentation von Wandmalereien zum Erzählzyklus. Abgerufen am 30. September 2026.
  3. ↑ 3,0 3,1 Elaine M. Fisher: Hindu Pluralism: Religion and the Public Sphere in Early Modern South India. University of California Press, Oakland 2017, Kapitel 4, insbesondere S. 146 und 178–179. DOI und Buchzugang.
  4. ↑ Elaine Fisher: Public Space, Public Canon: Situating religion at the dawn of modernity in South India. In: Modern Asian Studies 52/5, 2018, S. 1486–1541. DOI und Zusammenfassung.

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