Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 2
Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 2 enthält den fortlaufenden Text der Kapitel 5.3 bis 6.39 des Kamba Ramayanam. Die deutsche Lesefassung lädt dazu ein, der Geschichte von Rama, Sita und ihren Gefährten in zusammenhängenden Absätzen zu folgen. Jeweils mehrere Verse bilden einen Absatz; kleine Nummern am Versanfang bewahren die Orientierung innerhalb des Kapitels.

Dieser Teil führt durch Sundara Kandam, Yuddha Kandam. Hanumans Weg nach Lanka verbindet Mut mit sorgfältiger Wahrnehmung. Seine Begegnung mit Sita lässt Hoffnung wachsen. Die folgenden Szenen zeigen unterschiedliche Seiten eines Dienstes, der vom Herzen ausgeht.
Zu den übrigen Fassungen führen die Artikelverweise am Ende dieser Seite. Vorheriger Artikel: Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 1.
Sundara Kandam – Das Buch der Schönheit
5.3 – Die Suche in der Stadt
(1) Waren die Paläste aus Gold gefertigt, mit Edelsteinen bedeckt, aus Blitzen gefügt oder aus Sonnenstrahlen erbaut? Ihr Stoff blieb unerkennbar. Über die mächtigen Wolken hinaus ragten sie bis zum Mond. (2) Ihre Höhe ließ die Wohnstätten der Götter und deren ganze Welt kaum bis an ihre Seiten reichen. Der große Wind, der den Meru erschüttert und den Himmel erschreckt, stand bei ihnen nur wie eine zarte Brise. (3) Frauen mit zuckersüßer Rede falteten Blitzranken aus den Wolken zu Besen, fegten damit duftenden Staub von den Terrassen und schöpften mit den Händen Wasser aus der Himmelsganga, um ihre Häuser zu besprengen. (4) Rote Korallen an den klingenden, mit Farbe bestrichenen Lotusfüßen verstreuten kräftiges Licht. Es verdeckte das dunkle Wolkenschwarz und ließ die Wolken dem kunstvoll geordneten Haar der Dämoninnen gleichen.
(5) Die Himmelsganga füllte auf jeder Dachterrasse Becken. Darin schliefen Bienen in duftenden roten Wasserlilien, nachdem sie des duftreichen Honigs frischer Wunschbaumblüten überdrüssig geworden waren. (6) Frauen lehrten Papageien zarte, kindliche Worte, deren Klang Flöten, Vinas und Harfen beschämte. In den großen, hohen Edelsteinwänden um sie herum erschienen Spiegelbilder, die sich von ihnen selbst kaum unterscheiden ließen. (7) Wollte man diese Paläste mit dem für Indra errichteten Haus vergleichen, wäre auch das ein fehlerhafter Satz. Dann müsste sich ja der Reichtum der Dämonen messen lassen und auch ihre Freude ein bestimmtes Maß besitzen! (8) Wie groß die Edelsteine auch waren, übertrafen sie wohl kaum das Juwel an Vishnus heiliger Brust. Doch der göttliche Baumeister hatte sich kühn ans Werk gemacht und die prächtigen Häuser der dicht bebauten Stadt mit seiner Kunst verschönert.
(9) Alle Bäume waren Wunschbäume, alle Häuser golden. Himmlische Frauen dienten den Dämoninnen; die Götter hatten ihre Stärke gebeugt und gingen als Diener umher. Dies war keine gewöhnliche Rangordnung: Es war die gewaltige Frucht gewaltiger Askese. (10) Welche Götter verrichteten nicht den Dienst für den Herrn dieser heiligen Stadt? Selbst einer der drei höchsten Götter bemühte sich dort als Diener. Könnte etwas anderes als unermüdliche große Askese solche Macht hervorbringen? (11) Die Weltelefanten standen noch in ihren Richtungen, weil man sie als besiegte Kriegsgegner verachtete. Sonst fehlten unter den hier versammelten Tieren und Wagen nur Indras einzigartiger göttlicher Elefant und der einrädrige Sonnenwagen. (12) Die Stadt glich dem heiligen Bauch des Herrn der Weltzeitalter, in dem alle Lebewesen gemeinsam wohnen. Von sämtlichen Pferden innerhalb des Weltalls waren nur die sieben des strahlenden Sonnenwagens nicht hier versammelt.
(13) Das Dröhnen der Trommeln und das Trompeten der großen Elefanten vermischten sich mit dem Meeresrauschen. Doch überall wurden sie vom Klang der Fußringe und der Gürtelglöckchen der langhaarigen, süß plaudernden Frauen übertönt. (14) Die prächtigen Pferdewagen aus Smaragden und anderen Edelsteinen strahlten so ununterbrochen, dass viele Koti Sonnen sich schämten. Wenn dem so war, glich selbst der schöne hohe Himmel neben dieser Stadt der Hölle. (15) Der dichte Glanz dieser schönheitstrunkenen Stadt nahm selbst den grimmigen Dämonen ihre dunkle Farbe und dem vorbeiziehenden Mond seinen Fleck. Das weltumgebende Salzmeer sah aus wie schmelzendes reines Gold. (16) Die himmelhohen Häuser vertrieben die Finsternis, die ganze Weltalle verschlingen könnte. Den Sonnenstrahlen konnte man solche Kraft kaum zuschreiben; verglichen damit hätten sie nicht einmal wie kleine, aufglimmende Leuchtkäfer gewirkt.
(17) Honig, Sandel, dichter duftender Moschus, frische himmlische Wunschbaumblüten und der Schläfensaft mächtiger Elefanten mischten sich ins Wasser. Daher dufteten das Meer und sogar seine Fische berauschend. (18) Sollten wir den göttlichen Baumeister preisen, über die ernsthafte Askese des rotäugigen schwerttragenden Dämons staunen oder Brahmas unfehlbare Gabe bewundern? Ratlos sind unsere Gedanken. Wen sollten wir mit welchen Worten rühmen? (19) Könnten Himmel und Erde noch etwas Größeres erlangen? Obwohl diese Wälder und Haine aus rotem Gold und anderen Edelsteinen gefertigt waren, hatte man sie so gestaltet, dass sie Honig, Blumen und Früchte hervorbrachten. (20) Wasser, Erde, Feuer, der hohe Wind und der wolkenreiche Himmel konnten ihre Ausdehnung dort nicht frei entfalten. Sähe der Meru die Höhe der Stadttürme und begriffe sie, wie sehr müsste sein ganzer Leib vor Scham erbleichen!
(21) Alle hatten früher gesagt: »Aus Furcht vor Ravanas Zorn zieht die Sonne nicht über die goldene Stadt.« Sie verstanden nicht, dass sie täglich auswich, um ihre Augen vor dem blendenden Glanz der jungfräulich unversehrten Mauer zu schützen. (22) »Die Götter tun Böses; ich werde eine Grenze schaffen, durch die sie keinen Zugang finden«, hatte der einstige Heber des Kailasa gedacht. Deshalb errichtete er eine feste Mauer, die selbst den unermesslichen Raum überstieg. (23) Wirbelnder Wind drang nicht ein, Sonnenlicht nicht, auch nicht die tödliche Kraft des Todesgottes. Dass Götter keinen Zutritt hatten, brauchte man kaum zu sagen. Selbst Dharma, der bei der Auflösung aller Dinge bestehen bleibt, gelangte nicht ins Innere dieser geschmückten Festung. (24) Mitten im brausenden Meer mit hohen Wellen leuchteten ihre zahllosen Gipfel bis zum Himmel. Die ganze geschmückte Stadt glich dem Weltall, das einst aus dem Nabel des auf der Schlange ruhenden Herrn hervorging.
(25) Viele sangen, noch weit mehr tanzten. Noch zahlreicher schlugen Musiker unter den Versammelten wohlklingende Instrumente. Götter, die ungehinderten himmlischen Genuss kannten, schauten den herrlichen Tänzen zu. (26) Vidyadhara-Frauen wetteiferten mit den Himmelsfrauen; Yakshi-Frauen tanzten gegen sie an. Die Dämoninnen mit dem regenschweren Haar folgten ihnen. Dann betrachteten die übrigen Schlangenfrauen aufmerksam ihre seltene Tanzkunst. (27) Die Schatzkräfte standen wie Diener bereit und brachten Schmuck, Gewänder, Girlanden und Sandel. Musste hier überhaupt jemand einen Genuss begehren? Einen Wunsch auszusprechen wäre ihnen zu viel gewesen; selbst den Gedanken daran empfanden sie als Mangel der Fülle. (28) Die Stadt glich einem hohen Goldberg, über den Edelsteine ausgeschüttet waren. Brahma hatte ihre Gestaltung sorgsam bedacht und Schritt für Schritt beschrieben; der himmlische Baumeister schuf sie nach vielen Tagen mühevoller Arbeit und staunte selbst über sein Werk.
(29) Der tiefe Gesang der Makara-Vina übertönte das Brausen von Sagaras Meer. In den hohen Palästen, deren Spitzen alle Himmelsrichtungen erreichten, verbrannten Frauen Adlerholz; sämtliche Wolken versanken in diesem Rauch. (30) Auf jeder Kristallterrasse, an jedem Ort und in den kühlen, duftenden Wunschbaumhainen, die frischen Honig tropfen ließen, trank man den dargebotenen klaren Trank, tanzte, sang und freute sich. Niemanden sah ich dort bekümmert. (31) Die Dämonen, ihren Frauen lieb wie das Leben, tranken Wein, honigsüße Musik, Nektar aus roten Mündern und zärtliche Worte. Sie genossen Liebesstreit, verneigten sich vor ihren Geliebten und genossen danach das Nachlassen ihres Zorns. (32) Die Safranzeichnungen von jungen Brüsten zeichneten sich auf den dunklen Männerkörpern ab. Im Haar der Dämonen fehlten auch nicht die roten Spuren der Blütenfüße jener Frauen, die sich im Liebesstreit zornig abgewandt hatten.
(33) Durch das Haar der melodisch sprechenden Frauen glich Lanka einem Korallenriff im Meer; durch ihre langen, waffengleichen Augen einem Wasserlilienbecken. Ihre kühlen Gesichter machten die vom brausenden Wasser umgebene Stadt zu einem Lotuswald. (34) Mehr als dies lässt sich kaum sagen: Obwohl diese Wesen sich hier erhoben und umhergingen, war das Weltall bis heute nicht zerrissen. Wozu weitere mühevolle Beschreibung? Alle übrigen Wesen, von Brahma an, reichten nicht einmal als Hüllen für die Dämonen aus. (35) Ihre Körper waren riesig, ihre Tapferkeit unermesslich; ihre Scharen könnten die Welt ausgraben. Ihre Segensgaben kannten keine Grenze, ihre Zauberkünste waren unergründlich. Wer könnte ihnen irgendwo eine Grenze setzen? Fremde wären unverständig, in ihrem eigenen Land gegen sie zu kämpfen. (36) Kein Mann war ohne Heldenringe an den Füßen, tödliche Speere in den Händen und Feuer in den Augen. Und keine Frau mit harfengleicher Rede und rotem Mund war ohne rote Fußfarbe, die sich im bienenumsummten Haar ihrer Männer abgerieben hatte.
(37) Die geschmückten Elefanten glichen trunkenen Dämonen mit duftendem Haar. Von liebenden Vögeln begleitet, mit stark riechenden Körpern, weißen Stoßzähnen, roten Stirnen und dunklen Leibern schritten sie rasch dahin, innerlich berauscht und hoch wie Berge. (38) Die himmlischen Tänzerinnen mit schmalen Rankentaillen und großen Augen, deren taktfehlerloser Tanz selbst Götter verwirrt, lächelten mit weißen Zähnen und schämten sich, als sie den ausgelassenen Rundtanz der weintrunkenen Dämoninnen sahen. (39) Von Bezwingung ganz zu schweigen: Könnte ein anderes großes Heer überhaupt hier lagern? Wer könnte sich hier frei bewegen? Sämtliche Straßen waren schon durch den Schmuck verstopft, den dunkle Dämonen und Dämoninnen in ausgelassener Freude fortgeworfen hatten. (40) Ketten, Ohrringe, Schmuckstücke, Girlanden, Sandel, Elefantenschläfensaft und Pferdeschaum füllten ungezählte Plätze und strömten in die Flüsse. Dass das Meer all das aufnehmen konnte: War seine Tiefe etwa geringer als unermesslich?
(41) »Soll ich unserem Herrn berichten, das Bogenheer sei gewaltig, das Speerheer zahlreich, die Ringertruppe stark oder das Schwertheer mächtig? Oder soll ich die Menge der schrecklichen Beil-, Keulen- und Schleuderwaffen preisen?«, dachte Hanuman. (42) So betrachtete er Lanka und erwog vieles. »Dämonen könnten mir entgegentreten«, dachte er, verkleinerte seinen Körper zu seiner gewöhnlichen Gestalt und setzte sich an den saralabewachsenen Berghang. Die Sonne begann, im westlichen Meer zu baden. (43) Überall verdichtete sich Dunkelheit wie das böse Wirken eines unwahrhaftigen Menschen, der durch früheres Karma reich geworden ist, nicht nachdenkt, auf keinen Weisen hört und sein Ende nicht bedenkt. (44) Es war, als hätte Brahma für die ganze Welt eine Hülle aus jener riesigen Elefantenhaut gefertigt, die der himmlische Axtträger, Zerstörer der drei Städte, dem von verkehrten Brahmanen hervorgebrachten Elefanten abgezogen hatte.
(45) Oder als stiege das Gift empor, das der furchtbare Schlangenkönig in zahllosen Jahren aus jeder seiner Hauben ausgeatmet hatte: Es verschlang die ganze Welt und erhob sich mit passendem Feuer und Rauch. (46) Oder als breitete sich Ravanas verdunkelter Ruf aus: Der unnachgiebig Starke hatte die keusche Frau aus einem stets großmütigen Geschlecht, deren Weiblichkeit unversehrt blieb, in Gefangenschaft gebracht. (47) In dieser sich ausbreitenden Finsternis kamen Dämonen von allen Seiten. Sie bewegten sich durch die feindlichen Himmelsrichtungen und wählten bewusst die dunklen Wege für ihre Unternehmungen. (48) Einige gingen zu Indras reicher Stadt, andere zur schönen Mondwelt; wieder andere näherten sich zornig der Wohnstatt des Todesgottes. Sie alle vollzogen die Befehle des scharfbewaffneten, grausamen Dämonenkönigs.
(49) Frauen der goldenen Götterstadt, Vidyadharis, Schlangenfrauen und Yakshis beendeten ihre jeweilige Dienstschicht und eilten fort. Als sie durch den Himmel zogen, glichen sie dicht versammelten Blitzen. (50) Götter, Asuras, rotäugige Schlangenwesen, mächtige Yakshas und Vidyadhara-Fürsten kamen hingegen in großer Zahl heran und vertrieben die Himmelsfinsternis. Sie übernahmen ihren schwer zu erfüllenden Dienst. (51) Durch die reich geschmückten Hallen eilten die Götter: »Wir haben uns so lange verspätet; er wird zürnen!« Ihre Perlenketten, Kronen, Girlanden und oberen Gewänder verrutschten im Laufen. (52) Dharma war von schwerem bösem Wirken versengt, abgestorben und ausgetrocknet. Nun kam der Regen des edlen Maruti und belebte ihn; der aufgehende Mond glich seinem neu austreibenden Spross.
(53) »Ramas Bote ist gekommen! Mein Vater Indra ist gerettet!« So schien die grenzenlose östliche Himmelsrichtung sich zu freuen. Der Mond erschien wie das leuchtende Gesicht dieser schönen Frau mit den Locken und der glänzenden Stirn. (54) Die weißen Meereswellen bewegten sich ringsum wie weiße Yakschweifwedel. Der kühle weiße Mond erschien wie Indras siegreicher Sonnenschirm, den er mit dem Gedanken erhob: »Mein Feind ist vernichtet!« (55) Kühles Mondlicht verbreitete sich mit den funkelnden Sternen oben und unten. Es war, als hätte man mit dem weißen Krug des Mondes aus dem hochwogenden Milchmeer geschöpft und dessen Inhalt über den weiten Himmel gegossen. (56) Das Mondlicht glich der Milch der heiligen Surabhi: Der abendliche Osthimmel war ihr großes Euter, der weiße Mond seine Zitze, und die sanften grünen Strahlen waren die milde, unerschöpfliche Milch.
(57) Die Sterne glichen Blumen, die als Regen auf den verständigen Hanuman niedergegangen waren. Aus Furcht vor dem schwerttragenden Dämon wagten sie weder zur Erde zu fallen noch zurückzukehren und blieben als leuchtende Büschel am Himmel hängen. (58) Die dunklen Bienen in jeder Jasminblüte schienen gegen die weißen, vom Mondlicht entfalteten Blütenblätter zu kämpfen. Wie alte Feinde wirkten sie, als verteidigten sie den letzten Rest der nachts gewachsenen Finsternis. (59) Das weiße Mondlicht mit seinen sanften Strahlenbündeln drang überall ein und vermischte sich mit den Dingen. Es sah aus, als hätte man die edelsteingeschmückte, fest ummauerte Stadt Lanka in ein feines Gewand gehüllt. (60) Oder als dränge Ramas Ruhm mit Hanuman ein, der so rasch wie ein Pfeil des unsträflich edlen Herrn kam: Er überschritt den Graben, betrat die Festung und verbreitete sich glänzend in ganz Lanka.
(61) Hanuman überlegte sorgfältig, auf welchem Weg er sich nähern könne. Er trat von der offenen Bahn beiseite und ging, von den Göttern gepriesen, zur Stadt der grausamen Dämonen. (62) Er erreichte die Mauer, deren Graben das Meer war. Aus unvergleichlichem Gold errichtet, ragte sie über die sieben Götterwelten bis in den höchsten Raum. Selbst in der aufsteigenden Flut der Weltauflösung wäre sie nicht zerfallen. (63) »Die ungetrübten Sonnenstrahlen ziehen nicht deshalb fern, weil sie den girlandengeschmückten Betrüger mit dem Speer fürchten«, staunte er. »Sie weichen rasch aus, weil diese Mauer Lankas so schwer zu übersteigen ist!« (64) »Kein Feind kann eindringen; so weit erstreckt sich die Befestigung durch das Weltall. Sie reicht bis zur äußersten Grenze des Raumes!« Er dachte an den mächtigen, grausamen Dämon und staunte über ihn.
(65) Sein einsamer Gang beschämte männliche Löwen und brünstige Elefanten. In der alten Stadt erblickte er ein Tor, das dem Eingang zur furchtbaren südlichen Richtung glich, über die der Tod mit seinem unbezwinglichen Heer und Speer herrscht. (66) »Hat man den Meru aufgestellt und einen Durchgang hineingeschlagen? Ist dies die große Treppe zur Götterstadt, eine Mittelsäule zum unerschütterlichen Halt der sieben Welten oder das Tor, durch das die Wasser ins Meer einströmen?«, dachte er. (67) »Wenn sämtliche Wesen der sieben Welten gemeinsam kämen, könnten sie hier alle zugleich eintreten, ohne ihre Reihenfolge abzuwarten. Würde man diesen Zugang für die Bewohner des Lebens freigeben, wären die sieben Meere kein Maß für die Menge möglicher Feinde!« (68) Dreihundert Vellam dicht gedrängter Krieger standen geordnet Wache: hinterlistige, grausam starke Dämonen, an deren Händen scharfe Zähne und Schwerter blitzten. Der Edle trat dieser nicht zu verachtenden Bewachung gegenüber.
(69) Sie trugen Dreizacke, Äxte, Schwerter, Speere, Tomaras, Keulen, tödliche Bogen, Pfeile, Kappanam- und Mushundi-Waffen, Wurfgeschosse, Disken, Vajras, Dolche, Lanzen und vielerlei weitere Waffen in den Händen. (70) Andere hielten Elefantenhaken, lange Schleudern und furchtbare Schlingen mit straffen Seilen, die den Körper fesseln. Ihre dichten Haare waren blutrot; die Zornigen glichen einem im Monat Panguni leuchtend blühenden Palasha-Wald. (71) Ungezählte Lampen standen ringsum, verschlangen die Finsternis und strahlten Licht aus. Hanuman sah die unbeweglich meeresgleiche Streitmacht am Edelsteintor, vor der selbst dem grausamen Todesgott das Herz erbeben würde. (72) »Welche Götter, welche Asuras oder welche anderen Wesen könnten die Schwelle dieses lärmenden alten Tores überschreiten? Solche Feinde und solche Sicherungen! Wie wird es ausgehen, wenn unser Held und wir den schweren Krieg beginnen?«, dachte er.
(73) »Das dunkle Meer zu überqueren ist nicht schwer; schwer ist es, dieses Meer der Stadtbewachung zu durchdringen. Weicht mein Entschluss auch nur wenig ab, wird die große Pflicht unerfüllbar. Beginnt hier ein Kampf, werden sie mich lange mit heftigen Angriffen bedrängen.« (74) »Durch das Tor zu gehen ist schwierig. Außerdem ziemt es einem Starken nicht, nur den vom Feind vorgesehenen Weg zu nehmen. Ich werde die Mauer überspringen, über die selbst die Sonne nicht zieht, und so die Stadt betreten.« Er wandte sich zur Seite. (75) Da stellte sich ihm die Göttin Lankas entgegen, die täglich die alte Stadt bewachte und deren Lebensdauer verkörperte. Mit Feueraugen kam sie vor den säulenschultrigen Helden, wie die augenhörende Schlange, die die Sonne verschlingen will. (76) Sie hatte acht Arme und vier Gesichter, wirbelnde Augen und eine leuchtende Farbe, die die sieben Welten berührte. Im Kampf könnte sie alle drei Welten an den Wurzeln fassen; sie besaß die zornige Kraft des Todes und kannte keine Nachsicht.
(77) Sie blickte in alle acht Richtungen, ob noch weitere Eindringlinge kämen, und brüllte wie schwerer Gewitterregen. Die Fußringe an ihren Füßen erregten Schrecken; sie schwitzte, und ihr glänzender Schmuck blitzte. (78) Ihre Hände trugen Speer, Schwert, Dreizack, furchtbare Keule, Schlinge, leuchtende Muschel, Stab und Bogen. Sie glich dem nördlichen Berg, hatte mondsichelgleiche Hauer und stieß Rauch aus dem Mund. Ihr Zorn hätte selbst den Tod erschreckt. (79) Sie trug ein fünffarbiges Gewand und ein schönes goldenes Schultertuch. Erbarmungslos war sie schneller als Garuda, den sämtliche Schlangen fürchten. Perlenketten aus scharfrandigen Muscheln des wogenden Meeres schmückten sie. (80) Rote Sandelpaste und Blütenschmuck zierten sie; ihre Stimme klang wie die hohe Saite einer kunstgerecht gestimmten Harfe. Auf ihrer Krone bewegte sich eine Mandara-Girlande, in der Bienen freudig Gandhara-Melodien summten.
(81) Die Herrin der alten, furchtbaren Meeresstadt blickte so drohend wie deren Bewohner. »Steh! Steh!«, rief sie und eilte vorwärts, ehe ein Gedanke Zeit hatte. Hanuman sah sie: »Komm nur!« (82) »Das darfst du nicht tun! Hast du keine Furcht, du Tor? Was soll mein Zorn gegen einen, der von Früchten und Wurzeln lebt? Überspringe nicht feindselig diese feste goldene Mauer. Geh fort!«, sagte die Göttin mit den rauchend feurigen Augen. (83) Im Herzen des freudig gestimmten Helden regte sich Zorn, doch er bedachte das rechte Vorgehen. »Ich komme nur aus Neigung, um diese Stadt anzusehen. Welchen Verlust hättest du, wenn ein geringer Mann wie ich eintritt?« (84) »Ich befahl dir zu gehen, und statt zu gehorchen widersprichst du? Wer bist du denn? Selbst der Zerstörer der alten drei Städte und seinesgleichen fürchten sich, hierherzukommen. Ist dies eine Stadt, die du aus bloßer Neugier betreten darfst?« Sie lachte höhnisch.
(85) Als er ihr Lachen sah, lächelte auch er innerlich. »Du lachst? Wer bist du, auf wessen Wort kommst du? Was wird, wenn dein Leben vergeht? Willst du nicht fliehen?«, fragte sie. Der Ruhmreiche antwortete: »Ohne diese Stadt betreten zu haben, gehe ich nicht fort.« (86) »Er täuscht mich; er ist kein gewöhnlicher Affe. Selbst der kommende Tod würde bei meinem Anblick sterben. Er aber lächelt wie der Stirnäugige, der das Gift des wogenden Meeres trank.« So dachte sie und stand hart wie Stein. (87) »Ich muss ihn töten, sonst wird die Stadt überwältigt!«, beschloss sie. Feuer quoll aus jedem Auge und jedem furchtbaren Mund. »Wenn du siegen kannst, wehre dies ab!«, rief sie und schleuderte den dreizackigen Speer himmelwärts gegen ihn. (88) Hanuman packte den wie ein Blitz heranfahrenden feurigen Speer mit den Zähnen, gleich Garuda, der eine Schlange am Himmel zerbricht. Er zerbrach ihn mit der Hand zur Freude der Götter; der lange herrschenden Wächterin erschauerte das Herz.
(89) Als ihr Dreizack zerbrach und zu Staub wurde, griff die Feuerähnliche mit anderen göttlichen Waffen an. Der Held, der Unrecht bedachte, erfasste mit seinen Händen ausnahmslos jede Waffe und schleuderte sie in den Himmel. (90) Nun ohne ihre vielen göttlichen Waffen, brüllte sie zornig wie eine Gewitterwolke am hohen Himmel. Mit Händen, die Berge wie Spielbälle und Spielsteine bewegen konnten, schlug die Hemmungslose nach ihm, sodass rote Feuerfunken stoben. (91) Noch vor dem Schlag fasste er alle ihre Hände mit einer Hand. »Sie ist eine Frau; sie zu töten wäre falsch«, dachte er. Er versetzte ihr einen einzigen Schlag auf die feste Brust. Lebend stürzte sie zur Erde wie ein großer, vom Donner getroffener Berg. (92) Sie fiel, litt und versank in einer Flut heißen roten Blutes. Dann erinnerte sie sich an Brahmas gnädiges Wort, erhob sich und trat vor den Boten des Helden, dessen Füße alle Wesen in allen Welten verehren. Sie sprach.
(93) »Herr, höre! Durch die gnädige Anordnung Brahmas, des Weltschöpfers, kam ich als Wächterin dieser alten Stadt. Ich heiße Lankadevi. In der Verblendung meines Amtes beging ich diese geringe Tat. Gewährst du mir Schonung, will ich dir die Wahrheit sagen.« (94) »Ich fragte den Reinen: ›Wie lange soll ich diese alte Stadt bewachen?‹ Er antwortete: ›Wenn ein kampfstarker Affe dich mit seiner Hand berührt, endet dein Dienst. An jenem Tag wirst du mich wiedersehen. Danach wird diese prächtige Stadt gewiss zerstört.‹« (95) »Das ist nun geschehen, Herr. Muss man noch sagen, dass Dharma siegt und Sünde unterliegt? Alles, was du beabsichtigst, wird vollendet werden. Könnte dir überhaupt etwas misslingen? Betritt die goldene Stadt!« Sie pries ihn, verneigte sich und ging fort. (96 [Quelle: 5.3. 96]) Der Held blickte ihr wohlwollend nach: »Wahrlich, so wird es geschehen!« Im Herzen verehrte er die Lotusfüße seines edlen Herrn und übersprang die goldene Mauer der Dämonenstadt. Er glich einem Tropfen saurer Milch, der ins herrliche Milchmeer fällt.
(97) Unzählige makellose, edelsteinerne Palastspitzen berührten den Himmel, zerschnitten die tiefe Dunkelheit und machten sie zum Tag. Selbst der Weise erschrak: »Ist der Herr des einrädrigen Himmelswagens schon auf dem östlichen Gipfel erschienen?« (98) Dann erkannte er, dass die edelsteinreiche Stadt selbst alle Dunkelheit vertrieb, und schämte sich seines Irrtums. Er wich weiter aus. Würde die sengende Sonne mitten nach Lanka kommen, erschiene sie daneben nicht bloß wie ein Leuchtkäfer? (99) »Auf einem reingoldenen Berg, innerhalb goldener Mauern, blühen hier Paläste aus makellos strahlenden Edelsteinen. Gibt es deshalb keine tiefe Nacht, und heißen die Dämonen dieser großen Stadt gerade darum ›Nachtwandler‹?«, dachte er. (100) Er hielt es für unklug, offen auf den Straßen zu gehen, verkleinerte seine Gestalt und schlich dicht an den Palästen entlang. Seine mächtigen Schultern glichen dem Berg, der den Göttern Nektar gewann, und dem weit verbreiteten Ruhm des Königs von Ayodhya.
(101) Der Held, dessen Füße das dunkle Meer überwunden hatten, suchte Kuhställe, Elefantenhallen, große Häuser, Pferdeställe und geschützte Haine auf. Er bewegte sich wie eine gefleckte Biene, die von Blüte zu Blüte fliegt. (102) Die verschiedenfarbigen Strahlen der edelsteinernen Wandreihen umspielten den Windsohn und ließen ihn bald schwarz, bald weiß, bald rot erscheinen. Er glich dem schönen Herrn in seinem Herzen, der schwer zu sehen ist und sich doch leicht zugänglich macht. (103) Wer sehen kann, sehe: Das Schicksal zeigt, dass solcher Reichtum allein durch angesammelte Askese erreichbar ist, nicht durch andere Mittel. Himmelsfrauen besprengten Dämoninnen beim Bad, deren unwirklich schmale Taillen die schweren gegürteten Brüste kaum trugen. (104) Hanuman sah Dämoninnen, schön wie Waldpfauen und fröhliche Schwäne, deren Lotusgesichter strahlten. Himmlische Frauen badeten sie mit klarem Wasser des Götterflusses in honigreichen Sarala-Hainen.
(105) Andere schlugen auf regelgerecht gestimmten Harfen die sieben Saiten an, bis die rot gefärbten zarten Hände schmerzten. Weil Donner den sorgfältig gefügten Gesang störte, verschlossen junge Dienerinnen mit ihren Blütenhänden den Mund der Wolken über den Palästen. (106) Auf goldenen Bühnen unter duftenden Blumenbaldachinen, bei göttlichen Edelsteinlampen, die jeden Gedanken erfüllten, saßen Dämonen auf passenden Lagern. Sie sahen die Schauspiele der Gandharva-Frauen, die genau nach den vorgegebenen Regeln tanzten. (107) Auf polierten Kristallplätzen tranken Frauen kostbaren Wein. Ihre dunklen, speergleichen Augen zeigten gerötet die innere Erregung. Der Trank bewässerte ihre grenzenlos gewachsene Sehnsucht nach den Geliebten wie Wasser ein dürstendes Feld. (108) Die makellosen Wasserlilienaugen der Frauen nahmen die rote Farbe der Männeraugen an; ihre sonst röter als Tutuḷam-Früchte leuchtenden Münder wurden blass. Frauen und Männer berauschten sich aneinander, als tränken sie den Wein ihrer gegenseitigen Liebe.
(109) Andere bestrichen die korallenhellen Füße mit roter Farbe, salbten ihre schönen Körper mit duftenden Mischungen und zeichneten Kajal an die wunderbaren Augenpfeile. Sie nahmen Schmuck vom goldenen Wunschbaum entgegen, wählten ihn aus und legten ihn an. (110) Frauen mit speerscharfen Augen quälten ihre tigerstarken Geliebten wegen neuer Verfehlungen und hauchten Gift aus nektarsüßen Mündern. Ihre schmalen Taillen zuckten wie Blitze. Bei jedem Tritt mit klingenden Fußringen sträubten sich den Männern vor Entzücken die Härchen. (111) Vom inneren Rausch wurden Augen rot und Münder blass; Brauen verzogen sich, Schweiß trat hervor. Die Frauen mit den schwankenden schmalen Taillen sahen ihr Mondgesicht im Wein, hielten das Spiegelbild für eine andere Frau und zürnten ihren Männern. (112) Andere Männer waren berauscht vom süßen Nektar an den Zähnen der speeräugigen Frauen mit roten Kumuda-Mündern: einem Honig, den man weder aus Zuckerpressen, Bergen, Reiskeimen, nektarreichen Hainen, fremden Häusern noch aus dem reinen Meer gewinnen kann.
(113) Von ihren guten Ehemännern getrennte Frauen seufzten lange, sodass die Salben auf den schwellenden Brüsten zu verbrennen schienen. Sie stützten ihre Gesichter in die armreifgeschmückten Hände, wie eine rote Lotusblüte auf einer zweiten Blüte, und ermatteten mit schwankendem Atem. (114) Aus Sehnsucht nach den fortgegangenen Geliebten lagen andere wie leblose Körper auf blütenstaubbestreuten Betten. Ihr großer Liebesschmerz richtete die Augen auf den Weg. Beim Lächeln der zurückkehrenden Botinnen kam das Leben wieder und ließ sie erbeben. (115) Zu Muscheln, Fußringen, Glöckchen und vielen dröhnenden Trommeln verehrte man die Hausgottheiten. Rotlippige Himmelsfrauen mit duftendem Haar klatschten den Takt und sangen Segenslieder, während Blumenopfer geordnet wurden. (116) Bei festlichen Zügen blitzten Schmuck, Brauenbogen und Augenschwerter gegen die Dunkelheit. Lange Augenpfeile reichten bis zu den Ohrringen und durchbohrten die Herzen der jungen Männer. Zu donnernden Muscheln und Trommeln kamen Frauen wie Pfauen im schweren Regen.
(117) Auf ihren Lagern beendeten Frauen den Liebesstreit und rüsteten sich entschlossen für den ersehnten Kampf der Vereinigung. Langsam legten sie Schmuck ab und zogen die mit Kajal geschärften, heimtückisch glänzenden Augenschwerter aus ihren Scheiden. (118) Andere Frauen, schön wie Gemälde, schmollten. Verstand, Herz und alle inneren Kräfte blieben bei ihren Männern zurück; nur mit ihrem bloßen Leben gingen sie davon. Ihre Blitztaillen schwankten wie bei schön gefiederten Vögeln, als sie eintraten und die schweren Türen schlossen. (119) Kinnara-Paare sangen, während Frauen auf weißen, perlenbesetzten Flugwagen wie Blitze aus durchbrochenen Wolken hervortraten. Von Schlangenfrauen umgeben, die ihnen langes Leben wünschten, zogen sie durch die Straßen der goldenen Stadt und betraten neue Häuser. (120) Bei neuen Hochzeiten glänzten Ketten und Ohrringe, Trommeln donnerten wie Wolken. Götter sprachen Segen, Weise glückverheißende Worte; Frauenscharen umgaben die Paare, während himmlische Sängerinnen ihnen im Lied ein langes Leben wünschten.
(121) Maruti durchsuchte ohne Verwirrung die Scharen der Yakshis, Dämoninnen, Schlangenfrauen und süß redenden Vidyadharis mit fleckenlosen Mondgesichtern. Schließlich erblickte er Kumbhakarna, der wie ein Berg in ungestörtem Schlaf lag. (122) Dessen Schlafhalle war sieben Yojanas breit und ragte hoch empor. Ihr Glanz beschämte die Halle, in der Indra gekrönt worden war, und vertrieb die Finsternis aus allen acht Richtungen. (123) In ihrer Mitte lag er auf einem Lager wie der Schlangenkönig, wie das Meer, wie an einem Ort zusammengeballte Dunkelheit oder wie die Gestalt unvorstellbar bösen Wirkens. (124) Eine liebliche junge Brise hatte im brausenden Meer gebadet, seine drei natürlichen Bewegungsarten durchlaufen und in einem großen, blütenstaubreichen Wunschbaumwald geruht. Nun glitt sie sanft heran.
(125) Himmlische Frauen massierten seine Füße. In der Halle, die das Gesicht des großen Mondes empfing, gaben Mondsteine unter dessen Strahlen schöne, reine Wassertropfen ab; duftend sprühten sie auf sein Gesicht. (126) Der Sturm seines Atems erfasste den am Eingang stehenden Hanuman und zog ihn mit Gewalt bis an die Nase heran. Als der Held das bemerkte, erschrak er, sprang zurück und schüttelte seine Hände. (127) Der Atem des unvergleichlich grausamen Dämons schleuderte Staubmassen bis zum Himmel. Er glich dem Wind, der auf das Ende des Weltzeitalters wartet, um die dauerhaften Welten restlos hinwegzufegen. (128) Seine Hauer ragten aus dem freudlosen großen Gesicht. Mit rauchendem, donnerndem Atem schien er den Mond als Feind in Stücke zu teilen und in seinen riesigen Rachen zu stecken, um ihn zu verschlingen.
(129) Sein schwer zu störender Schlaf glich dem einer durch einen bannenden Zauberspruch gebändigten Schlange. Er glich auch dem großen Meer, das still an seinem Ort bleibt und den Zeitpunkt des letzten Weltuntergangs abwartet. (130) Hanuman hielt diesen Dämon für den tugendlosen König der Dämonen. Funken und Feuer sprühten aus seinen wachsam schützenden Augen. »Wer ist dieser Mann? Er hat die Macht eines der drei höchsten Götter gewonnen!« (131) Er betrachtete ihn näher: »Doch er hat nicht die zehn Köpfe und zwanzig bergfesten Arme des anderen.« Den aufgeflammten Zorn, ein glühendes unterseeisches Feuer, löschte er mit dem großen Meerwasser der Erkenntnis. (132) »Wer immer er sei!«, dachte er beruhigt, hob die Hand und bedeutete ihm innerlich: »Lieg noch einige Tage so da!« Dann verließ der Herr der Affen, der Ramas honigsüßen Ruhm mehren sollte, seine Wohnstatt.
(133) Der Edle, selbst wie Ramas Ruhm, durchsuchte Säulenhallen, Palastreihen, Tanzbühnen der Frauen, öffentliche Hallen, Göttertempel, Gesangspodien, Versammlungshäuser und viele weitere Orte. (134) Durch Edelsteintore, Fenster, Blüten und feinste Röhren drang er wie Wind und Rauch. Er verkleinerte und vergrößerte sich; wer könnte seinen Zustand beschreiben? Wie der Diskusträger im Atom und im Meru bewegte sich der Weise überall. (135) So gelangte der Held in alle Bereiche und betrachtete sämtliche Frauen mit kantalweichen Fingern. Dann betrat er den weiten Palast des Tugendhaften, den Könige, Brahmanen, Hohe und Niedrige gleichermaßen liebten. (136) Unter einem honigtropfenden Wunschbaumdach, in einer Korallenhalle auf Kristallgrund, fand er Vibhishana. Er glich Dharma selbst, der unter Dunkelgestaltigen nicht offen wohnen kann und deshalb ihre Gestalt angenommen hat, um verborgen zu leben.
(137) Hanuman stand bei ihm und erkannte mit seinem eigenen Geist dessen Gesinnung: »Dieser Mann besitzt einen makellosen Charakter.« Ohne Feindseligkeit wandte er sich weiter und durchsuchte in einem Augenblick Koti goldener Paläste. (138) Er prüfte viele himmlische Frauen mit Vollmondgesichtern und zinnoberroten Mündern, durchquerte zahlreiche Häuser und eilte schneller als sein Gedanke. So erreichte er das Tor, hinter dem Indra einst gefangen gesessen hatte. (139 [Quelle: 5.3. 139]) Tausendmal tausend mächtige Dämonen hielten dort Wache. Waffen in den großen Händen und mondsichelgleiche Zähne glänzend, erzählten sie alte Geschichten und Rätsel, berauscht von ihrem tödlichen Zorn. Er schlüpfte an ihnen vorbei. (140) Er, der eindringen konnte, wo nicht einmal Rauch hindurchkam, sah einen Helden zwischen Frauen mit übereinstimmend schönen Blicken schlafen. Er glich dem Sohn des Dreiäugigen, als hätte dieser mehrere seiner sechs Gesichter und der in alle Richtungen ragenden Arme verborgen.
(141) »Ist er ein Dämon mit gebogenen scharfen Hauern oder der Sohn des Axtträgers? Wer ist dieser Löwe in seiner Höhle? Ich weiß es nicht. Unser junger Held Lakshmana wird mit ihm einen langen, bedrängenden Kampf zu bestehen haben«, erkannte Hanuman. (142) »Dass der große Ravana mit einem solchen Helfer die drei Welten besiegt hat, ist kaum der Rede wert. Wäre es verständig, irgendjemanden außer Shiva, Brahma und Vishnu als seinesgleichen zu bezeichnen?« (143) Er schlug die Hände zusammen: »Ich darf nicht hier stehen bleiben und Zeit verlieren. Weiter!« Er verließ Indrajit und durchsuchte sorgfältig dicht stehende Palastreihen, die sich nicht in Tausenden von Tausenden zählen ließen. (144) Wie ein Pfeil Ramas durchzog er Akshas Palast, die weitläufige Wohnstatt Atikayas, die Häuser der jüngeren Brüder und die großen Residenzen der bewährten Ratgeber. Überall trat er ein, suchte und ging weiter.
(145) Tausend Koti goldener Häuser solcher mächtigen Heerführer betrat er. Auf der Suche nach dem verborgenen Aufenthaltsort in dieser unversehrten großen Stadt gelangte er zum mittleren der drei genannten Befestigungsgräben. (146) Allein wie ein brünstiger Elefant sah der einstige Verfolger der Sonne, die er für eine Frucht gehalten hatte, den Graben. »Um die Schmach des bereits übersprungenen Meeresgottes zu tilgen, liegen hier nun sieben Meere. Das wird schwer zu überqueren sein!« (147) »Nennt man dies bloß einen tiefen, breiten Graben? Selbst wenn man viele große Weltzeitalter lang die Erde aushöhlte, wäre er nicht fertigzustellen. Vielleicht haben sich alle sieben tiefen Meere aus Furcht vor dem grenzenlosen Zorn des Dämons um diese Stadt gelegt!« (148) Er erreichte diesen wasserweiten Graben und dachte: »Selbst mit dem doppelten Schwung meines Meeressprungs wäre er schwer zu überwinden.« Doch er durchmaß alles, wohin auch der Ruhm seines Herrn in der großen Welt gelangte.
(149) Wie sollte man diesen Graben mit Worten beschreiben? Er schien die Wasser aller vier Wolkenarten zu enthalten, die man vom Himmel herabgegossen hatte, und war so gewaltig wie das Heer des Leidverursachers. (150) Er duftete nach den drei Arten von Elefantenschläfensaft, Pferdeschaum, Safranwasser schöner Frauen, duftendem Rauch aus ihrem Haar, Honig, Sandel und anderen geriebenen Wohlgerüchen. (151) Vielerlei Wasservögel riefen dort: Reiher und Anril-Vögel, große Stelzvögel, Schwäne, Wasserhühner, Enten, Seevögel, Kinnara-Vögel, Kraniche, Eisvögel, Krähen und Kunala-Vögel erfüllten ihn mit Klang. (152) Im Wasser mischten sich Honigduft, Adlerholz, Zibet und rote Fußfarbe schöner Frauen. Wenn stattliche Elefanten darin badeten, trugen sie solche Düfte an sich, dass sogar ihre jungen, sanft schreitenden Kühe in eifersüchtigen Streit gerieten.
(153) An allen Badestellen schlossen sich die frischen, honigduftenden Lotusblüten zur Knospe. Sollten jene, die dem Gesicht der gefangenen Herrin verwandt sind, sich nicht ebenfalls in Trauer zusammenziehen? (154) Die aus Kristall gefügten, weithin glänzenden Ufer ließen sich vom Wasser nicht unterscheiden. Kann man denn selbst Menschen mit klarem Geist leicht erkennen, wenn sie sich eng mit Geringen vermischen? (155) Saphire, andere schöne Edelsteine und Perlen warfen oben und unten verschiedenfarbiges Licht. Es sah aus, als hätten das Milchmeer und die übrigen Meere ihre Wasser hier miteinander vermischt. (156) Er überquerte diesen meeresgleichen Graben wie zuvor das brausende Meer, ließ auch die Mauer hinter sich und betrat die schwer zugängliche, streng bewachte Innenstadt. Nun wollen wir erzählen, was ihm dort widerfuhr.
(157) In einer halben Zeitmessschale durchsuchte er allein dreihunderttausend Straßen von jeweils zwölf Yojanas in der grausamen Dämonenstadt, vor der selbst der Todesgott entsetzt davonlaufen würde. (158) Trommeln verstummten, die meeresgleichen Rufe wurden still, auch der Gesang endete. Die Handwerker legten ihre Arbeit nieder; die drei Arten von Musikinstrumenten schwiegen. Der Schlaf begann. (159) Die verschiedenfarbigen Pferde ruhten. Überall erklangen nur noch die kleinen Trommeln der Mauerwachen. Frauen mit duftendem Haar, die nicht von ihren Geliebten getrennt waren, schliefen; die Liebesstreitenden blieben wach. (160) Die Männer mit den kettenumwundenen breiten Armen hatten den Liebeskampf bestanden und waren ermattet. Benommen lagen sie zwischen den vollen Brusthügeln ihrer pfauengleichen Frauen; die Müdigkeit der Vereinigung breitete sich aus.
(161) Wer vom lieblichen Wein genossen hatte, verlor das Bewusstsein; wer den Wein der Liebe getrunken hatte, war erfüllt von Freude. Andere gingen in ihre schönen, blumenduftenden, bienenumsummten Betten und schliefen, ohne den besonderen Genuss der Liebe gekostet zu haben. (162) Die Melodien schlossen viele Augen; auch der Gesang der Musiker verstummte. Der Himmel schloss seine Lider, Finsternis entstand. Vinas und Trommeln schwiegen, die Augen der Musizierenden schlossen sich, und die Türen wurden verriegelt. (163) Der Südwind strich über weiche, geöffnete Blüten, darunter die Narantam-Blume, und wanderte weiter, während er die Sinne betäubte. Dunkle Augen vergossen Tränenfluten; die einsam zurückgebliebenen Herzen der Getrennten wurden zerdrückt. (164) Die Brise brachte ungezählte Lampen zum Flackern, deren Dochte und Öl zur Neige gingen, wie überlegene Gegner die Schwächeren erschüttern. Unvermindert strahlten dagegen die Edelsteine als ewige Lampen in die meeresweit unermesslichen Richtungen.
(165) Die Edlen im hohen Himmel beendeten ihre täglichen Pflichten und schliefen. Yogis schliefen, wilde brünstige Elefanten schliefen; sogar die sonst schlaflosen Wahnsinnigen schliefen. Was wäre da noch von anderen zu sagen? (166) Inzwischen hatte Hanuman Koti königlicher Wohnstraßen innerhalb der Mauer durchsucht. Der Sieger über das feindliche Karma überschritt nun den Graben und die Mauer unmittelbar bei der Wohnstatt des Bösen. (167) Er erreichte die Häuser der Frauen, die um den goldenen Palast des kriegerischen Ravana lagen. Dieser glich dem in voller Pracht erstrahlenden Mond, ihre Wohnstätten den dicht versammelten Sternen. (168) Er betrat die schöne Palaststraße, in der sich Yakshi-Frauen sammelten, nektargleich und mit strahlenden Gesichtern, die selbst den von seinem dunklen Hasenfleck befreiten Vollmond verwirrten.
(169) Der Vernichter der Wurzeln bösen Wirkens drang durch jeden edelsteinglänzenden Zugang. Feiner als ein gesponnener Faden und sanfter als junge Luft schlüpfte er hinein und betrachtete alles genau. (170) Einige saßen wie Gemälde da. Ihre Gedanken waren bei dem elefantenstarken Dämon; sie atmeten kaum, und ihre pfeilgleichen Augen bewegten sich nicht. (171) Andere hatten die Augen geschlossen und schliefen ohne inneres Bewusstsein. Fürchteten sie die heftigen Pfeile des Liebesgottes? Begehrten sie den Genuss eines süßen Traumes? Welches Geheimnis darin lag, wissen wir nicht. (172) Bei manchen hatten die unfehlbaren Pfeile Manmathas die Brüste wiederholt durchpflügt; ihr Atem ging unstet. »Was hilft Weinen? Können wir den mächtigen Dämon vielleicht malen und so zu uns holen?«, überlegten sie.
(173 [Quelle: 5.3. 173]) Andere klagten mit feuchten Augen ihren Mainas: »Erweise mir irgendeine Gunst! Du rufst mein Leben nicht zurück; du gehst nicht hin und richtest meine Botschaft aus!« Es war, als sprächen lebendig gewordene Puppen. (174) Die feuchte Brise ließ einige ermatten. Sie betrachteten ihre schweren Brüste, dachten an die Fülle der heldenhaften Schultern des Sünders und erbebten, während ihnen immer mehr Lebenskraft entwich. (175) Auf Betten, deren Seiten von den langen Strahlen funkelnder Rubine erfüllt waren, lagen Frauen, seit vielen Tagen von gleicher Sehnsucht verzehrt. Sie glichen dem blassen Mond im roten Abendhimmel. (176) Andere, leuchtend wie Ranken des Wunschbaums, schlummerten auf schaukelnden Lagern an den Schultern ihrer Dienerinnen. Der Ton der Vina drang in ihre Ohren wie ein Skorpionstich und schreckte sie auf.
(177) Manche freuten sich an der Sandelpaste auf ihren großen Brüsten. Sie hatten sie von den hohen Schultern des Mannes angenommen, der einst den Berg des Herrn hob, der den Meru zum Bogen krümmte und den feurigen Pfeil abschoss. (178) Andere sangen den Ruhm dessen, der mit seinen Fingern die Saiten prüfte und die vier großen Tonarten so lieblich sang, dass er Shiva erfreute: jenen Tänzer, der die vier hohen Meere miteinander verbinden kann. (179) Hanuman durchsuchte tausendmal tausend Eingänge solcher Yakshi-Häuser. Dann wandte sich der Rechtschaffene bedacht den Wohnungen der schön armreifgeschmückten Frauen aus Ravanas eigenem Geschlecht zu. (180) In Palästen, deren rote Edelsteinstrahlen die Dunkelheit ohne Lampen verschlangen, hatten sich einige Dämoninnen von den anderen Frauen getrennt. Allein mit ihrer Sehnsucht saßen sie abseits und stritten mit dem eigenen Herzen, das zum Geliebten fortgegangen war.
(181) Ihre Haare sahen aus wie zusammengebundene Flammenbündel, mit Zibet getränkt; Bienen umschwirrten sie wie Rauch. Sie mieden das üppige frische Blumenbett wie einen Feind und brannten auf kühlen Kristalllagern unter schweren Seufzern vor Liebessehnsucht. (182) Andere glichen dem Abendhimmel: der strahlende Himmel ihr Körper, die Sterne ihre Kette, der Blitz ihre Taille, das rote Abendlicht ihr Haar, die Regenwolken ihre Augen und der leuchtende Mond ihre Stirn. (183) Mit farbveränderten Wasserlilienaugen und gelösten Locken, in denen Bienen wie dunkler Regen schwärmten, gingen manche auf die mondhellen Terrassen der hohen Häuser. Sie schöpften Sterne mit den Händen und spielten damit wie mit kostbaren Spielsteinen. (184) Andere schalten ihre himmlischen Dienerinnen: Das aus der weit sich erstreckenden Himmelsganga gebrachte Wasser sei nicht kühl genug. Sie stiegen taumelnd auf die hohen geschmückten Paläste, pressten Wolken aus und badeten in deren herabfließendem Wasser.
(185) Manche legten die roten Haubenjuwelen der Schlangenkönige vor sich, die ihr geliebter Gemahl gewaltsam erbeutet und ihnen geschenkt hatte. Schlaflos spielten sie auf goldenen Brettern und setzten Kronen, Schmuck und Girlanden besiegter Vidyadhara-Könige ein. (186) Siddha-Frauen sangen süß zu Krug-Instrumenten; lieblich sprechende Schlangenfrauen hielten auf straff bespannten Trommeln den Takt. Unter goldglänzenden Perlenbaldachinen in Wunschbaumhainen sahen manche den lächelnden, goldschultrigen Himmelsfrauen beim Tanz zu. (187) Anderen brannte die fest verankerte Liebe im Herzen; Tränen strömten aus ihren Augen, Schlaf lag fern. Ratlos sangen sie, während Vina, Flöte und eigene Stimme ineinander übergingen. Ihr Takt schwankte, doch der Gesang strömte wie Nektar. (188) Bei manchen glitten Blumengewänder und Perlengürtel von den breiten Hüften zwischen bananenstammgleichen Schenkeln. Ihre Augen waren vom starken Wein benommen. Die schwingenden Ohrringe warfen Regenbogenlicht, während sie im Rundtanz undeutlich sangen.
(189 [Quelle: 5.3. 189]) Frauen mit giftgleichen Augen leckten Wein und Blut, redeten wie Besessene und zerrissen die schönen Hüftgewänder. In dichten Gruppen ließen sie die Kucchari-Melodie erklingen, klatschten den Saccari-Takt und verloren jede Beherrschung. (190) Andere tranken dickmilchweißen Wein, der Herz und Verstand verdrängte. »Seht, eine Gottheit ist über mich gekommen!«, riefen sie mit tiefem Atem. Sie streckten beide Hände über den Kopf; Haare sträubten sich, Körper schauderten, Münder öffneten sich, und sie sanken zusammen. (191) Hanuman durchsuchte die ausgedehnten Häuserreihen, in denen vier Koti solcher Dämoninnen wohnten. Auch die Straßen mit den Palästen der Siddha-Frauen ließ er hinter sich und gelangte geordnet zu den Vidyadhari-Wohnungen im Norden. (192) Weil der Dämon mit der hohen Makara-Krone nicht zu ihnen kam, litten diese liebeserfüllten Frauen. Ihre Herzen schwankten stärker als ihre Taillen, ihr Leben geriet aus dem Gleichgewicht. Die von Händen und Augen geleitete Musik ihrer großen Instrumente drang wie glühende Schlangen in ihre Ohren und quälte sie.
(193) Selbst rechtlebende Weise und Gelehrte wagten nicht, offen zu tadeln. Der kühle Mond aber schien zornig zu denken: »Diese Frauen lieben beständig den grausamen, kampfwütigen Ravana!« Feindselig sandte er heiße Strahlen auf ihre Brüste, und sie zitterten wie Ranken. (194) Kurze Augenblicke wurden ihnen zu Weltzeitaltern; ihre Gedanken irrten unter der Qual heftiger Liebe auseinander. Sie betrachteten mit roten, verwirrten Augen die feste Sandelpaste und die Liebeszeichen auf ihren Brüsten. Die Erinnerung an die Umarmung riss an ihrem kostbaren Leben; benommen seufzten sie. (195) Hanuman durchsuchte die langen Straßen mit zwölf Koti reinen Palästen der Vidyadhari-Frauen. Als er sich der großen Residenz des Herrschers über die drei Welten näherte, sah er den Edelsteinpalast von Mayas einzigartiger Tochter Mandodari, deren strahlendes Gesicht den kühlen Mond verblassen ließ. (196) Er prüfte ihn mit Augen und Gedanken: »Hier muss eine besondere Ursache wirken. Ist dies der Ort, an dem der Entführer die Frau bewahrt, die unserem Herrn lieber als sein Leben ist? Unter allen edlen Häusern gleicht dieses dem Juwel auf Vishnus breiter Brust!«
(197) Rambha, Menaka, Tilottama, Urvashi und andere berührten mit ihren Händen ihre zarten Füße, schön wie die Köcher des Liebesgottes. Yakschweifwedel schwenkten; Frauen, deren Worte selbst Zuckerrohr bitter erscheinen ließen, spielten süße Vina-Musik in der Kamaram-Melodie. Wunschbaumduft erfüllte ihre Nase. (198) Selbst große Wesen ohne eigenes Begehren sind bedrängt, wenn Niedrige zürnen: Wird daraus Schaden oder Gutes entstehen? So bewegte sich der mächtige Südwind wie eine Schaukel herein und hinaus, sobald die Diener ihn riefen. Weise bedenken den Nutzen; handeln sie ungehörig, nur weil sie alte Vertraute sind? (199) Die Schlafende strahlte mit eigenem sanftem Licht, das selbst schöne Edelsteinlampen verblassen ließ. Hanuman vermutete unbedacht, sie sei Janaki. Heftiges inneres Feuer schien seinen Körper samt Leben zu verbrennen; schmerzlich sprach er. (200) »Sie hätte den Wert ihrer hohen menschlichen Geburt verloren! Wenn diese Frau mit den schweren Ohrringen das Band der Liebe, ihre edle Herkunft und ihre seltene göttliche Keuschheit aufgegeben hat, dann sollen heute Ramas Ruhm und Schönheit, ich selbst, Lanka und alle Dämonen zugrunde gehen!«
(201) Dann besann er sich: »Jene besitzt eine hohe menschliche Gestalt; diese ist anders. Sie könnte eine Yakshi oder eine Danava-Frau sein. Würde der Liebesgott die Frau, deren Liebe allein Rama mit der Waldgirlande gilt, zu einem anderen lenken? Mein Gedanke war verfehlt.« (202) »Einige der Merkmale sind zwar vorhanden. Doch ihr Körper kündigt vielmehr an, dass bald unermessliches Leid über sie kommen wird. Ihr blumengeschmücktes dunkles Haar fällt auseinander; erschrocken spricht sie im Schlaf. Ihr Mann wird hier sterben, und diese weite Stadt wird zerstört werden.« (203) So gewann er Gewissheit: »Lassen wir dies!« Er wandte sich innerlich ab und verließ das Haus. Seine Schultern waren so mächtig wie ein Berg, den selbst Ravana schwer heben könnte. Er betrat nun den siegreichen Edelsteinpalast, dessen Höhe den großen Meru klein erscheinen ließ. (204) Die Erde bebte, hohe Berge bebten; bei den vornehmen Dämonenfrauen zuckten Augen, Brauen und goldene Schultern rechts, wie sonst ihre geschmückten Taillen schwankten. Die Himmelsrichtungen zitterten, Donner rollte ohne Blitz, und volle glückverheißende Krüge zerbarsten.
(205) Hanuman trat ein und sah aufmerksam hin. Sein unvergleichlich edles Herz wurde weich: »Ach, der Glanz dieser großen Stadt wird vergehen!« Er erkannte: Aus welchem Geschlecht jemand auch stammt, gutes und schlechtes Wirken gelten für alle gleich. Nichts ist stärker als die Ordnung des Schicksals. (206) Der im weiten Meer der Schriften kundige Hanuman erblickte den Schlafenden im großen, offenen Palast, den ein Meer kriegerischer Speere umgab. Er lag prächtig da, wie ein dunkles Meer auf der vielköpfigen, edelsteinbesetzten Schlange im großen Milchmeer. (207) Seine hohen Edelsteinkronen glichen jungen Sonnen über Bergen; mit seinem Schmuck verbreiteten sie Licht und vernichteten die Nacht. Mit vielen ausgebreiteten Köpfen und mächtigen Armen glich er dem Löwen, der Hiranya zerrissen hatte und nun auf dem höhlenreichen Gipfel des Meru ruhte. (208) Tausend schön geschmückte Himmelsfrauen standen auf dem goldenen Boden und bewegten reine goldene Yakschweifwedel. Jeder vom wirbelnden Wind herabgetragene Tropfen Wunschbaumhonig verbrannte seinen großen Körper. Bei jedem Gedanken an Sita mit den schönen Armreifen seufzte er, und sein Leben schwand.
(209) Zahlreiche scharfe Pfeile des körperlosen Liebesgottes drangen in die mächtigen Schultern, die den Berg des Mondsichelträgers erschüttert hatten. Zwischen den alten Narben, wo im Kampf die Stoßzähne der Weltelefanten abgebrochen waren, nässten frische Wunden. (210) Die kühle tamilische Brise strich über die Sandelmischung auf seinem Körper und fachte das heiße Liebesfeuer an. Sein Atem ging wie ein doppelter Blasebalg; Geist und alle inneren Kräfte eilten zu Janaki mit den kantalweichen Fingern. Sein Herz blieb leer wie eine Höhle, die die Schlange verlassen hat. (211) Seine weißen Hauer ragten hervor wie der Ruhm der Götter, den er einst mit seinen mächtigen Schultern in Kämpfen in allen Richtungen gierig verschlungen hatte und der ihm nun, übervoll geworden, aus den Winkeln seiner großen Münder herausströmte. (212) Sein Atem verbrannte das silberweiße Lager und ließ Funken aufsteigen. Auf dem glühenden Körper quoll kochender Schweiß wie weiße Bläschen hervor; honigreiche Girlanden verkohlten samt Bienen, und auch die glänzenden Halsketten schienen zu verbrennen.
(213) Wie der göttliche Diskusträger lag er auf einem blumenweichen Bett in bloß scheinbarem Schlaf, denn seine Gedanken waren bei der wahren Glücksgöttin. Mit seiner Liebe zur dunkeläugigen Frau als Wasser zerrieb er das eigene Leben auf dem Mahlstein seiner Atemzüge. (214) Wenn die heftig gedachte Gestalt vor seinem inneren Auge erschien, lächelten seine Gesichter, und sein Herz bebte vor Liebe. »Die Frau mit den honigströmenden Worten ist doch schon einmal in mein Innerstes eingetreten!« Bei diesem Gedanken sträubten sich seine Körperhaare. (215) Wie ein zarter Pfau trotz heftigen Verlangens nur schwer von einem großen Berg zum nächsten gelangen könnte, so konnten selbst die Frauen, die seine siegreichen goldenen Schultern umarmten, kaum von einem seiner gewaltigen Arme zum anderen wechseln. (216) Seine blitzende Halskette glich der Sonne, die strahlend über dem östlichen Berg aus dem umgebenden dunklen Meer steigt. Seine Brust hatte die Wirksamkeit von Axt, Diskus und Vajra jener höchsten Götter zunichtegemacht, die über die drei Welten wachen.
(217) Bienen aus seinen Girlanden und vom Schläfensaft der Weltelefanten umschwirrten ihn; duftende Salben mischten sich mit Elefantenrot. Wie seine von Stoßzähnen durchfurchte Brust trugen auch die Füße Narben: Die Kronen feindlicher Könige hatten sie beim furchtsamen Niederfallen vor seinem siegreichen Speer gezeichnet. (218) Hanuman sah ihn. Sogleich schlug das rote Feuer des Weltendes aus seinen Augen; sie schienen oben und unten aufzureißen. Kleiner noch als die Zwerggestalt Vishnus stand er da und prüfte die zehn festen Köpfe und zwanzig Arme. (219) »Wozu dient meine Armkraft, wozu mein bleibender Ruhm, wenn ich nicht heute meine Dienertreue beweise? Ich muss die Edelsteinkronen des Mannes, der die schwertäugige Frau betrog, mit meinen Füßen zerschlagen und alle zehn Köpfe zertrümmern. Sonst ende ich nicht als wahrer Diener!« (220) »Ist Dienerschaft nur eine Rolle, die man spielt? Soll der Dämon, der die Frau mit der schönen Stirn gefangen hält, überleben, nachdem ich ihn gesehen habe? Ich werde alle hohen Arme brechen, die zehn Köpfe niedertreten und rollen lassen, ihn und diese Stadt vernichten. Was danach geschehen mag, soll geschehen!«
(221) So entflammte er, biss die Zähne zusammen, rang die Hände und erhob sich. Dann besann er sich: »Das ist nicht der Auftrag des Diskusträgers. Eine Aufgabe zu übernehmen und eine andere auszuführen, ziemt Verständigen nicht. Überlege ich die Folgen, bringt dies schweres Unrecht.« Er wich zurück. (222) Auch wer die Kraft des Gifttrinkers besitzt, handelt nicht unbedacht, wenn er auf guten Charakter achtet. Hanuman glich dem Meer: Es könnte die Welt vernichten, wartet jedoch den rechten Zeitpunkt ab und überschreitet nicht einmal geringfügig die vom Herrn gesetzte Grenze. (223) »Dieser große Kampfzorn soll bei mir selbst enden. Hieße es, ein Affe habe den Peiniger, der die Frau mit den reichen Blumenlocken gefangen hält, vollständig besiegt, wäre dies eine Schmälerung für die siegreiche Bogenkunst meines Helden.« So mäßigte er sich. (224) Dann dachte er: »Keine der schön geschmückten Frauen liegt bei diesem Mann. Er selbst vergeht unter niedrigem Begehren. Das gibt mir einen guten Hinweis: Unsere Herrin bewahrt ihren reinen Zustand!«
(225) Mit diesem Gedanken hielt er weiteres Verweilen für nutzlos und ließ den königlichen Palast des Bergschultrigen hinter sich. Er blieb nachdenklich stehen und klagte: »Ach, die Frau mit dem goldenen Edelsteinschmuck ist nicht in dieser großen Stadt!« (226) »Hat der Grausame die keusche Frau aus edlem Geschlecht getötet oder gefressen? Wo hat der Niedrige sie verborgen? Nichts verstehe ich. Was sollte ich nach meiner Rückkehr sagen? Solange ich nicht sterbe, wird diese furchtbare Qual nicht weichen.« (227) »Rama wartet: ›Er wird sie finden und wiederkommen.‹ Der Affenkönig wartet: ›Er wird sie mitbringen.‹ Das also habe ich erreicht! Kann ich noch vor den Lotusäugigen treten? Soll ich untätig sterben, ohne wenigstens die Feinde mit in den Tod zu nehmen?« (228) »Die anderen sagten: ›Die Frist ist vorbei, wir haben die Frau mit den schweren Ohrringen nicht gefunden; wir wollen zum Himmel gehen.‹ Ich hielt sie zurück und eilte fort. Nun kann ich mein Vorhaben nicht erfüllen. Wie sollte ich weiterleben? Was Tugend heißt, hat mich verlassen.«
(229) »In diesem von Mauern umgebenen Lanka von siebenhundert Yojanas gibt es kein großes Lebewesen, das ich nicht gesehen hätte. Nur die erhabene Gemahlin des Ewigen finde ich nicht! Habe ich das Meer übersprungen, um nun im Meer des Leids zu versinken?« (230) »Sollte ich den starken Dämon nicht packen und mit meinen steinzerreibenden Händen schlagen, bis Blut aus seinen Mündern fließt: ›Zeige sie!‹? Sollte ich Ravana mit dem sonnenglänzenden Speer und diese Stadt nicht in Feuer hüllen, bis sie wie weiches Wachs zerfließen?« (231) »Befragte ich die Götter und die anderen, hätten sie doch nicht den Mut zu antworten, solange dieser eine mächtige Dämon lebt. Wie sollten dann Geringere sprechen? Wie soll ich Gewissheit gewinnen? Verstandlos trage ich ein Leben, das selbst beim Verfall des Fleisches nicht weicht.« (232) »Sampati, der Herr der Geier, sagte: ›Ich habe die Herrin in Lanka gesehen.‹ Auch sein Wort ist nun erschüttert. Soll ich noch leibhaftig umherirren, statt diese große Stadt mit ihren trügerischen Plänen im Meer aufzulösen?«
(233) »Himmel und Erde wissen gewiss: Dieser gewaltige Dämon hat die Frau mit dem langen schönen Blumenhaar geraubt. Es wäre recht, das meerumgebene Lanka ins tiefe Meer zu werfen und ihn heute zu vernichten, bevor ich selbst mein Leben beende.« (234) So durchstreifte er jeden Ort, ohne ein sesamgroßes Stück auszulassen, wie der Eine in seinem Herzen überall gegenwärtig ist. Er betrachtete noch die Vogelhäuser und wandte sich nach außen. Da erblickte er seitlich einen weiteren honigreichen Blumenhain.
5.4 – Sitas Anblick
(1) »Ich werde diesen edelsteinblühenden Hain dort betreten und durchsuchen. Finde ich sie, endet mein Elend. Finde ich sie auch darin nicht, bleibt nichts mehr zu tun: Ich werde sterben, nachdem ich Lanka auf diesem Berg vernichtet habe.« (2) Mit diesem Entschluss betrat Ramas Bote den Hain. Die versammelten Götter freuten sich und ließen Blumen regnen. Nun wollen wir den Zustand der Frau mit dem dichten dunklen Haar schildern, die der schwerttragende Dämon dort gefangen hielt. (3) Dort saß sie, bedrängt von breitleibigen, schwertbewaffneten Dämoninnen. Wie eine gute Heilpflanze, die aus felsigem Grund wächst und nie einen Tropfen Wasser erhält, war ihre Schönheit verdorrt. Alle Glieder waren so schmal geworden wie ihre ohnehin zarte Taille. (4) Sie hatte Schlaf, Blinzeln und Augenschließen aufgegeben; ihr Körper war glanzlos wie eine Lampe im Sonnenlicht. Die Pfauengleiche mit der zarten Kuckucksstimme glich einer jungen Hirschkuh, die unter wilde Tiger mit scharfen Zähnen geraten ist.
(5) Sie konnte nichts anderes mehr tun als fallen, schluchzen, am ganzen Leib brennen, sich fürchten, aufstehen, sich sehnen, klagen, an Rama denken, ihn verehren, ermüden, zittern, leidvoll seufzen und weinen. (6) Unablässig strömten Tränen aus ihren langen Augen, als wären sie durchbohrt, und fielen wie Wasserfälle über die breiten goldenen Brüste hinab. Die Frau mit der fadenschmalen Taille bewies damit, dass ›Regenaugen‹ eine Bezeichnung mit wahrem Grund ist. (7) Sah sie dunkle Wolken, Kajal oder irgendetwas tief Schwarzes, vergoss sie Tränen, die ins Meer hätten strömen können. Sie glich dem verkörperten Leid, das entsteht, wenn innig Liebende auf Erden voneinander getrennt werden. (8) Dachte sie an ihn, der einer tauigen Wolke mit Händen und Füßen aus Koralle glich, wurde ihr dünnes Gewand vom Augenwasser durchnässt. Dann trocknete es wieder durch die Hitze ihres Körpers und ihrer qualvollen Seufzer. So fand es niemals einen beständigen Zustand.
(9) »Fürchtet er, der Macht des Schicksals nicht entkommen zu können? Doch der Herr der Veden wird kommen, er wird kommen; er bedenkt den Ruf des Sonnengeschlechts und die Schande.« In dieser festen Hoffnung maßen ihre Augen alle Himmelsrichtungen aus. (10) Das Haar der Geduldigen war zu einer einzigen verfilzten Flechte zusammengedrängt. Es umfasste seitlich ihr heiliges Gesicht und ihre Wangen und lag schwer auf dem Boden, wie eine scharfzahnige Schlange, die den reinen Mond in den Mund nimmt und wieder ausstößt. (11) Sie kannte kein anderes Kleid als das eine feine Gewand und badete ihren schwanenzarten Körper nicht mehr im weichen Wasser. Ihre Gestalt glich einem Bild, das der Liebesgott aus göttlichem Meeresnektar geschaffen hatte und das nun vom Rauch verdunkelt war. (12) »Hat auch der jüngere Bruder ihn nicht gefunden? Wissen sie nicht, dass Lanka mitten im brausenden Meer liegt? Wissen sie nicht, dass der Peiniger aller Welten mich entführt hat?« So wurde sie verzagt und glühte, als dränge Feuer in eine offene Wunde.
(13) »Der Geierkönig ist gestorben. Niemand ist da, der ihnen von meinem Zustand erzählen kann. In dieser Geburt werde ich sie wohl kaum wiedersehen!« Immer wieder schluchzte und erbebte sie, als dränge stets neues Feuer in sie ein. (14) »Hat mein Herr die Worte gehört, die ich Sündige seinem jüngeren Bruder sagte, und mich als töricht aufgegeben? Ist mein früheres Karma nun zur Reife gekommen?« Wiederholt sprach sie es aus; ihr Mund trocknete, ihr Bewusstsein verblasste, ihr kostbares Leben bebte. (15) »Wer reicht ihm die zarten Blätter als Speise?«, klagte sie. »Was wird er tun, wenn ein Gast kommt? Gibt es ein Heilmittel für meine Krankheit?« Verwirrt blieb sie sitzen; selbst wenn Termiten die Erde unter ihr aushöhlten und aufwarfen, erhob sie sich nicht. (16) »Denkt er: ›Die grausamen, tückischen Dämonen lassen sie nicht so lange leben; sie haben sie gefressen. Was bleibt mir noch zu tun?‹? Oder hat er aus der Geduld seines Geschlechts auch selbst geduldig verzichtet? Was soll ich denken?« Tag und Nacht waren ihr eins.
(17) »Sind seine Mütter und sein Bruder wiedergekommen und haben ihn in die siegreiche Hauptstadt zurückgebracht? Nein, bevor die versprochenen Jahre vergangen sind, wird er die Stadt nicht betreten. Etwas muss geschehen sein.« So erlitt sie in ihren Gedanken Leiden, die noch gar nicht eingetreten waren. (18) »Ist ein Kampf entstanden mit mächtigen Gegnern, die grenzenlose Segensgaben, Zauberei und Hinterlist besitzen, wie jene, die früher gegen ihn stritten?« Beklommen rang sie die Hände und sorgte sich, als sähe sie es vor sich. (19) Sie dachte an den mächtigen Löwen, dessen Gesicht dreifach erstrahlte, als die Kekaya-Prinzessin sagte: »Die weite Erde, auf der alle Feinde bezwungen sind, soll deinem jüngeren Bruder gehören.« Bei dieser Erinnerung brannte ihr Herz. (20) Sie erinnerte sich an sein Gesicht, das einer gemalten roten Lotusblüte glich und unverändert blieb, sowohl als man sagte: »Besteige den rechtmäßigen Thron!«, als auch: »Verzichte auf dieses Glück und geh fort!«
(21) Sie dachte an seine mächtigen Schultern: Der lange, gewaltige Bogen des rotäugigen Herrn, in dessen Haar die Ganga ruht und der den nördlichen Berg zum Bogen krümmte, war unter ihnen schon beim Anspannen in zwei Stücke zerbrochen. So schwand sie vor Sehnsucht. (22) Sie pries die Kraft seines gebogenen Bogens, der in drei kurzen Zeitmaßen vierzehntausend gut ausgerüstete Krieger niedermähte, die den Himmelskönig gequält hatten. Dabei sehnte sie sich und brannte vor Schmerz. (23) Sie dachte an seine gesegnete Freundschaft mit dem armen Jäger, der das Boot über die tiefe Ganga lenkte: »Mein Bruder ist dein Bruder; du bist mein Freund, und diese Frau ist deine Schwägerin!« Die Erinnerung überwältigte sie. (24) Sie erinnerte sich an die Opferhandlung: Sein wahrhaftiger Vater hatte liebevoll die Hände ausgestreckt, doch Rama legte die Gabe nicht hinein, sondern stellte sie nach der heiligen Vorschrift auf das Darbha-Gras des Altars.
(25) Sie dachte daran, wie er erschüttert gewesen war, weil sein Bruder statt der ihm zustehenden goldenen Krone auf dem duftenden Haupt vertrocknete rötliche Haarflechten gebunden trug. Über seine damalige Trauer trauerte sie nun selbst. (26) Als er seinen großen Besitz aufgab und fortging, hatte er einem bittenden Brahmanen eine Rinderherde geschenkt. Beim Anblick dessen grenzenloser Begierde hatte der Herr ein wenig gelächelt. Sie erinnerte sich daran und weinte. (27) Sie dachte an seine erhabene Kraft, als er den mächtigen Bogen und die Askesekraft dessen übernahm, der einundzwanzigmal Könige mit der Axt vernichtet und im blutigen Wasser ihrer Wunden gebadet hatte. Ihr Leben ermattete. (28) Sie hielt sich ehrfürchtig seinen schnellen Sieg vor Augen: Einst hatte er einen einzigen Pfeil auf Indras geliebten Sohn gerichtet und dessen Auge zerstört. Seit jenem Tag haben alle Krähen nur ein voll wirksames Auge.
(29) Sie dachte an Rama, der Viradhas schweres böses Karma beseitigt und den kaum aufhebbaren Fluch aufgehoben hatte. Ihr kostbares Leben fand keinen geraden Halt; ihr Bewusstsein schwand, ihr Körper verfiel. (30) So saß sie da. Als die tiefe Nacht kam, verfielen die mächtigen, übel handelnden Dämoninnen dem Weinrausch des Schlafes. Nur Trijata mit den guten, sanften Worten blieb wach. (31) Sita wandte sich Trijata zu, die ihr durch ihre Liebe lieber und gütiger als eine Mutter war. »Reine, höre mich! Sei meine Gefährtin!«, sagte sie und begann zu sprechen. (32) »Kündigt dieses Zucken Gutes an? Oder wird mein böses Karma mir noch weitere Bedrängnis bringen? Du mit der schönen schmalen Taille, weder Braue noch Auge noch Stirn zucken rechts. Ich weiß nicht, was kommt.«
(33) »Als unser Herr damals mit dem Weisen nach Mithila kam, zuckten meine Braue, meine Schulter und mein Auge angenehm. Jetzt zucken sie wieder ganz wie damals. Wenn es so ist, gib mir eine gute Deutung!« (34) »Ich habe noch etwas vergessen; höre auch dies! An dem Tag, als mein dharmagesinnter Lebensherr die gesamte Erde seinem Bruder überließ und in den Wald ging, zuckte meine rechte Seite.« (35) »Auch an dem Tag, an dem der Giftgleiche im Wald seine List ausführte, zuckte es rechts. Nun aber zuckt es unablässig links. Habe Mitleid, sage mir: ›Fürchte dich nicht!‹ Was wird eintreten?« (36) Trijata antwortete freudig: »Ein gutes Omen! Das ist gut, wahrhaft gut! Du wirst gewiss mit deinem schützenden Gemahl zusammenkommen. Doch höre auch noch etwas anderes!«
(37) »Eine goldfarbene Biene kam und summte dir sanft ins Ohr, du mit der blitzschmalen Taille. Ihr lieblicher Honigklang schien freundschaftlich deine Blässe vertreiben und dein Leben wieder aufatmen lassen zu wollen.« (38) »Richtig gedeutet heißt das: Ein Bote, den dein Lebensherr entsandt hat, wird dir begegnen. Die Bösen werden gewiss Böses erfahren. Höre meine weiteren Worte!« (39) »Du schläfst nicht, deshalb erscheinen dir keine Träume. Mutter mit den speergleichen Augen, ich aber habe deutlich geschaut. Was mir wiederholt begegnete, war nicht falsch; die Bilder ergriffen mich und sind wahrer als das Sonnenlicht. Höre sie!« (40) »Makellos Keusche! Ich sah den mächtigen Speerträger Ravana, Öl von jedem seiner Köpfe herabfließend, in blutrotem Gewand auf einem Wagen nach Süden fahren. Starke große Esel und Geister zogen ihn.«
(41) »Seine Kinder, seine Verwandten und die anderen gingen ebenfalls dorthin; niemand kehrte zurück. Ich sah es ganz eindeutig. Höre noch weitere schlimme Zeichen!« (42) »Das von Ravana unterhaltene Opferfeuer brannte nicht mehr; rote Termitenschwärme traten hervor. Sein alter Palast, in dem kostbare Lampen leuchten, wurde von einem himmlischen Donnerschlag getroffen und aufgerissen.« (43) »Elefantenkühe entwickelten Brunstsaft. Große Trommeln donnerten, ohne geschlagen zu werden. Ohne blitztragende Wolken erbebte der feste Himmel mit krachendem Lärm, und alle Sterne fielen herab.« (44) »Ohne Sonnenlicht schien die Nacht aufzureißen und wie am Tag zu leuchten. Die Wunschbaumgirlanden, die Männer mit gewaltigen Schultern trugen, verströmten den Geruch von Fleisch.«
(45) »Lanka und seine Mauern drehten sich; alle Himmelsrichtungen brannten. Überall erschienen trügerische Gandharva-Städte. Glückverheißende Krüge zerbarsten und verschütteten ihren Inhalt; die Finsternis verschlang die Lampen.« (46) »Festliche Torbögen schwankten und brachen. Die weißen rechten Stoßzähne der geschmückten Elefanten zerbrachen. In den vollen heiligen Krügen, die Kenner vedischer Mantras aufgestellt hatten, gärte das Wasser und schäumte wie Wein.« (47) »Sterne stiegen auf und spalteten den Mond am Himmel. Regen fiel wie Blut aus einer Wunde. Keulen, Disken, Schwerter, Bogen und andere Waffen bekämpften einander in einer wilden Schlacht.« (48) »Die glückverheißenden Ehebänder der Frauen fielen von ihren Brüsten, ohne dass jemand sie mit der Hand gelöst hätte. Nach der Bedeutung dieser Zeichen höre noch etwas Erstaunlicheres!«
(49) »Das lange Haar der Königin, Mayas schöner Tochter, löste sich und fiel auseinander. Schwer erträgliches Feuer ergriff es und ließ es versengt aufflammen. Das ist ein sicheres Zeichen kommenden Leids.« (50) Dann fuhr sie fort: »Höre noch einen Traum, der mir gerade erschien. Zwei mächtige Löwen kamen mit einer Schar schöner Tiger von einem unvergleichlichen Berg herab.« (51) »Sie umzingelten den Wald, in dem unzählige brünstige Elefanten wohnten, griffen an und töteten sie, bis zerfetzte Leiber dalagen. Ein Pfau, der dort gewesen war, zog fort, um in eine unvergleichliche Stadt einzutreten.« (52) »Die rote Glücksgöttin trug eine strahlende Lampe, als wären tausend heilige Lampen in ihr vereint. Sanftredende, sie verließ die besondere Residenz des Königs und ging zum Haus Vibhishanas.«
(53) »Gerade als sie in das goldene Haus eintrat, wecktest du mich; der Traum war noch nicht zu Ende.« Da faltete die schön Geschmückte beide Hände: »Mutter, sieh auch den Rest! Bitte schlafe noch einmal!« (54) Unterdessen war auch der von Rama entsandte kriegerische Bote, stark wie ein wilder Stier, dorthin gelangt. Nach aufmerksamem, mühevollem Suchen erblickte er den Sitz der Frau mit der schmerzhaft schmalen Taille. (55) Die Dämoninnen erwachten: »Ach, dieser ungehörige Schlaf hat uns überwältigt!« Von allen Seiten erhoben sie sich drohend, in den furchtbaren Händen scharfe Speere, Äxte, Keulen und Dreizacke. (56) Manche hatten Münder am Bauch, andere Augen in der gebogenen Stirn; ihre Blicke waren grausam. Zwischen den Zähnen lagen Rachenhöhlen, in denen Elefanten, Yalis und Geister hätten schlafen können.
(57) Einige besaßen zehn Hände und einen Kopf, andere zwanzig Köpfe und zwei Hände. Ihre Erscheinungen waren erschreckend, ihre Gestalten grotesk; zahlreiche berggroße Brüste hingen an ihnen herab. (58) Ihre Hände waren geübt im Gebrauch von Dreizack, Schwert, Diskus, Elefantenhaken, Tomara, tödlichem Speer und Kappanam. Ihre Körper glichen verkörpertem Gift; selbst der schädeltragende Gott hätte vor ihnen erschrecken können. (59) Sie hatten Gesichter wie Elefanten, Pferde, Tiger, Bären, Yalis, Geister, Löwen, Schakale und Hunde. Manche trugen das Gesicht auf dem Rücken, andere drei Augen. Sie übten Grausamkeit, und Rauch drang aus ihren Mündern. (60) Ihre Menge war nicht zu zählen, ihr Anblick mit den Augen nicht zu erfassen. Nur dem Namen nach gingen sie als Frauen umher. Plötzlich aus dem Schlaf erwacht, erhoben sie sich und umringten Sita.
(61) Die Gemahlin des schönen Herrn verstummte; beim Anblick der feurigen Gesichter verfiel sie wieder in Trauer. Der unermüdliche Bote ihres Herrn näherte sich rasch und blieb oben auf einem Ast des hohen Baumes. (62) »Die Dämoninnen sitzen dicht gedrängt mit Speeren und anderen Waffen in den Händen und sind wieder wach. Was bedeutet diese Bewachung?« Er blickte unvermittelt und genau zwischen ihre Reihen. (63) Wie einen Blitz, der eine ausgedehnte Wolkenmasse durchbricht, sah er sie unter den dunklen Dämoninnen: den Magnetstein, der zum stahlfarbenen Körper des ewigen, einzigartig wolkenblauen Herrn gehörte. (64) »Die schwer zu durchdringende Bewachung durch Dämoninnen umgibt sie. Ist diese zarte Ranke Sita? Sie gleicht einem Schwan, der in dem großen Teich sitzt, den die Tränen ihrer meeresweiten langen Augen gebildet haben.«
(65) »Die herrlichen Merkmale ihrer unvergleichlichen Gestalt widersprechen in nichts den Worten des Edlen. So also hat der tückische Schwertdämon das Leben verborgen, das im Innersten unseres Lotusäugigen wohnt!« (66) »Damit hat der Sünder, der die drei Welten ihrer Ordnung beraubte, selbst die Tat vollbracht, die ihm das Leben nehmen wird. Was sonst? Rama ist der Gott, der sein Schlangenlager verlassen hat; sie ist die Glücksgöttin auf dem Lotus!« (67) »Dharma ist nicht untergegangen, und auch ich werde nicht sterben! Ich habe gesucht und die Herrin gefunden!« Er tanzte, sang, sprang hierhin und dorthin, lief umher und trank den Honig der Freude. (68) »Sie ist wie ein befleckter Edelstein, abgemagert wie der Mond, dessen Glanz die sengende Sonne verschlingt. Doch Keuschheit und Liebe der Frau mit dem geschmückten Haar haben keinen Makel empfangen. Könnte Dharma je enden?«
(69) »Was soll ich rühmen: Ramas goldene Schultern mit den Heldenringen, die Größe des Herzens dieser Zierde aller Frauen oder Janakas Geschlecht, dessen Großmut den aller fußringgeschmückten Könige übertrifft?« (70) »Die Götter sind nicht gescheitert, auch nicht die heiligen Brahmanen. Dharma hat kein Ende! Was könnte unserem Herrn jetzt noch schwerfallen? Auch meine Dienerschaft bleibt ohne Fehl.« (71) »Ich dachte: Wäre ihre unvergleichliche Reinheit auch nur gering verletzt, würde der Zorn des Diskusträgers wie ein Meer aufsteigen und das Ende des Weltzeitalters bringen. Nun möge die Welt für grenzenlose Tage bestehen!« (72) »Wo stehen dagegen jene, die in Feuer eintauchen, ihre Sinne fesseln und Nahrung und Trank aufgeben? Könnte man die innere Askese edler Frauen, die die Würde des Hauses bewahren, überhaupt angemessen beschreiben?«
(73) »Die Geburt in ehelicher Gemeinschaft hat durch ihr Erscheinen den Lohn ihrer Askese erhalten; ebenso Weiblichkeit und Schamhaftigkeit. Nur er hat wohl nicht genug verdienstvoll geübt, um mit seinen Lotusaugen zu sehen, wie großartig sie hier ausharrt.« (74) »Die zornigen Dämoninnen haben jedes rechte Maß verlassen. Sie aber hat niemanden außer sich selbst. So sehen Einsamkeit, Weiblichkeit und Askese aus! Die ganze Würde des guten Dharma gehöre diesen Frauen.« (75) »Hat Dharma sie beschützt, Janakas gutes Wirken oder die Wache ihrer eigenen Keuschheit? Wunderbar, wahrhaft wunderbar! Wer könnte dies ertragen? Können Menschen wie wir solche unverbrüchliche Einheit überhaupt beschreiben?« (76) »Jener Reichtum und diese Bosheit gehören denselben Wesen! Tag und Nacht dienen ihnen die Götter. Kann einer das begreifen? Welches Leid wäre noch möglich? Könnte böse Tat in Wahrheit den Dharma besiegen?«
(77) Mit solchen Gedanken verbarg er sich im dichten Laub eines hohen, goldglänzenden Baumes und blieb dort. Währenddessen geschah dies: Der Dämonenkönig erschien am Eingang des blütenreichen Hains. (78) Seine gewaltigen Schultern glichen sämtlichen gipfelreichen Bergen, die sich an einem Ort versammelt hatten; diamantene Makara-Ohrringe bewegten sich daneben. Auf jedem Kopf erstrahlte eine Krone wie eine Sonne über Sagaras Meer. So verwandelte sein Kommen die Nacht in Tag. (79) Urvashi folgte mit seinem Schwert, Menaka reichte Betel, Tilottama trug seine Sandalen; Himmelsfrauen umringten ihn. Kampfer, Sandel, Salben und Blumen verbreiteten gemeinsam Duft bis in die gestreiften Rüssel der berggleichen Weltelefanten. (80) Acht Koti Frauen hielten Lampen mit duftendem Öl. Die Strahlen seines hoch sitzenden Edelsteinschmucks verschlangen jede Dunkelheit. Fußringe klangen, Gürtelglöckchen jubelten; die zahlreichen Frauen schritten wie Scharen milchweißer Schwäne dahin.
(81) Indra und die übrigen unblinzelnden Götter hielten den Atem an: »Hat er eine Störung bemerkt und ist zornig erwacht? Geht er zu dem kühlen Hain, wo die mondgesichtige Arundhati-Gleiche sitzt? Was ist geschehen, gegen wen zieht er?« So bangten ihre Herzen. (82) Sein milchweißes Seidenschultertuch fiel wie ein langer weißer Wasserfall von einem dunklen Berg herab. Zwischen goldenen Ketten und dunklen Edelsteinen glänzte es wie junge Sonnenstrahlen; die heilige Schnur auf seiner Brust blitzte wie ein Blitz in schwerer Regenwolke. (83) Diamantene Makara-Armbänder und mächtiger Armschmuck verspotteten mit ihrem Licht die täglichen Sterne und Planeten. Der Glanz der klingenden goldenen Fußringe strich über die weite Erde; sein weißes Lächeln erhellte die blütengleichen Gesichter mitten in der Nacht. (84) Das goldene Gewand an seiner Hüfte leuchtete im Gegensatz zu seiner dunklen Haut wie frische Sonne an einem schwarzen Berghang. Die Edelsteinstrahlen seiner blitzenden goldenen Fingerringe verschönerten den ganzen weit beschatteten Wunschbaumwald.
(85) Die weißen Perlen seiner gekreuzten Brustketten glichen Sternen und Planeten, die sich beim Weltuntergang am einsamen Goldberg sammeln. Die zehn blitzenden Kronen strahlten, als wären von den zwölf Sonnengöttern zehn zugleich über dem östlichen Berg aufgegangen. (86) Die Weltelefanten, deren Stoßzähne er zerbrochen und die er gedemütigt hatte, fürchteten seine kailasagleichen Schultern. Sie glichen einem großen Elefanten, der mit dem Rüssel die Spur des scharfzahnigen Löwen ertastet, der einst Hiranyas hohe Segensmacht durchbrach. (87) Yakshis mit dunklen Fischaugen, unermüdliche Himmelsfrauen, Vidyadharis, Schlangenfrauen, Siddhis und Dämoninnen umgaben ihn. Mit safrangesalbten vollen Brüsten, fruchtgleichen Mündern und Stimmen, die Kuckucke beschämten, wirkten sie wie Pfauenscharen um einen großen Berg. (88) Die Flöten hielten ihre tiefen Töne ununterbrochen; junge Stimmen folgten, Kinnara-Musik entfaltete sich in geordneten Tonarten. Mit Zimbeln und Trommeln vereinte sich der Gesang so lieblich, dass selbst Höhlenschlangen Nektar aus dem Mund fließen ließen. Er erfüllte Himmel und Erde.
(89) Frauen mit dunklen Seitenblicken, Blitztaillen, roten Mündern, vollen Brüsten, bambusgleichen Schultern und wagenbreiten Hüften trugen geordnet Blumeninsignien, Yakschweifwedel und Fächer aus unermesslich kostbarem Gold und Edelsteinen. Sie schritten wie tanzende Pfauen, erfreut über die schöne Regenwolke. (90) Himmlische Tänzerinnen mit zuckersüßem Gesang kamen näher. Zu kunstgerecht gespielten Instrumenten, Taktstöcken, Trommelschlägen und feinen Zimbeln sangen sie, ohne die Regeln der tiefen Melodie oder das vorgeschriebene Zeitmaß zu verlassen. (91) Der Liebesgott hatte ihn seit dem Abend mit brennenden Blumenpfeilen verwundet. Nun drangen die kühlen weißen Mondstrahlen wie Speere in diese Wunden. Der sanfte Wind sammelte Honig aus jeder Blüte und sprühte ihn als feinen Regen, der auf ihn wie geschmolzenes Kupfer traf. (92) Frauen, deren fadenschmale Taillen zu brechen schienen, verhüllten ihre festen schönen Brüste mit oberen Tüchern wie mit glänzenden Dosen. Ihre Lotusaugen reichten bis an die Ohrringe; rote Seitenblicke fielen zwischen zartem Lächeln aus Kumuda-Mündern auf seine Brust und Schultern.
(93) Wunschbäume und Schatzkräfte folgten mit Girlanden, Sandel, Salben, Schmuck, feinen Gewändern und Münzen. Die weißen Wedel flatterten wie Wellen des Milchmeeres über einem dunklen Berg; darüber leuchtete der weiße Schirm wie ein fleckenloser Mond, der aus dem Meer steigt. (94) Bei jedem Schritt sank das bergige Lanka mit seinem meeresgroßen Graben tiefer. Wellen wälzten sich empor in alle Richtungen; Ananta mit giftigen Zähnen und weitem Rachen verlor den Halt seiner Köpfe. Die Erdgöttin im Wassergewand stöhnte, als werde ihr Rücken verrenkt. (95) Dämoninnen, doppelt so stark wie Tataka, trugen sämtliche Waffen: Schilde, Äxte, Keulen, Dreizacke, Elefantenhaken, Wurfwaffen, glänzende Schwerter, Speere, Bogen und Vajras. Ihre armreifgeschmückten Hände könnten große Berge tragen; sie waren zornige, tödliche Kriegerinnen. (96) Sein feuriger Atem eilte voraus und schwärzte den edelstein- und goldgeschaffenen Hain mit Trieben, Knospen, Blüten, Zweigen, Blättern, Stämmen, Wurzeln und Früchten. Obwohl er Sitas Aufenthaltsort kannte, irrte er verwirrt umher wie eine vielköpfige Schlange, die ihren verlorenen Edelstein sucht.
(97) Anjanas Sohn sah den mächtigen Dämonenherrscher so herankommen und beobachtete ihn gesammelt. »Hier werden seine Absicht, sein Handeln und die kommenden Folgen offenbar werden«, dachte er. Er sprach Ramas großen Namen und blieb in der Nähe verborgen. (98) Der Dämon ließ die Himmelsfrauen und die übrige Begleitung zurück und näherte sich der Leuchte der Weiblichkeit. Sie erschrak und zitterte wie entseelt, einer jungen Hirschkuh gleich, der ein mächtiger gestreifter Tiger mit rauchenden Augen zornig naht, um sie zu fressen. (99) Hanuman sah mit seinen makellosen Augen beide Zustände: sie, deren Leben vor Abscheu erbebte, und ihn, dessen Leben im Begehren seine Würde verlor. Nun schwankte sein Herz nicht mehr im Zweifel. (100) »Heil Janaki! Heil Rama! Heil den vier Veden! Heil den Brahmanen! Heil dem guten Dharma!« So segnete der Held sie, dessen Ruhm mit jedem Weltzeitalter wächst.
(101) Ravana trat näher: »Kuckuck mit der schmerzhaft schmalen Taille, wann wirst du mir deine süße Gunst gewähren? Sage es!« So begehrte er tödliches Gift, als sei es Nektar. (102) Sein Herz hätte selbst vor dem höchsten Herrn nicht die geringste Würde aufgegeben. Nun aber bedrängten Begehren und Scham ihn zugleich. Wiederholt stockend sprach er diese Worte. (103) »Heute vergeht, morgen vergeht; so behandelst du mich. Willst du dich erst mit mir vereinigen, nachdem du mich getötet hast? Du mit den roten, kampfbereiten Augen, die bis an die Ohrringe reichen!« (104) »Zierde aller Frauen! Ich behüte die drei Welten zugleich und herrsche über unermesslichen Reichtum. Siehst du irgendeine Schwäche an mir außer dieser Unruhe, die der Liebesgott deinetwegen hervorruft?«
(105) »Goldener Spross mit kühlem Blumenhaar! Du verachtest ruhmreichen Wohlstand. Dein geliebter Mann ist nicht tot; er kann den Wald verlassen und anderswo leben. Ist das nicht die Art des Menschenlebens?« (106) »Frau mit berggleichen Brüsten, betrachte den Lohn der Asketen und derer, die feinste Wahrheiten ergründen: Sie genießen das Zusammenleben mit Wesen, die meinen Befehl ehrerbietig auf dem Haupt tragen.« (107) »Dein zartes Sprechen verwirrt jeden Sinn, Harfenklang, Melodie und den Gesang der Mainas. Hat der verständige Brahma in deinem Herzen Erbarmen ebenso schwer auffindbar gemacht wie deine blitzschmale Taille?« (108) »Tage und Jugend schwinden immer weiter und nehmen andere Gestalt an. Wenn die Zeit, in der man begehren kann, ungenutzt vergeht, wann wirst du dann leben? Willst du in Kummer versinken?«
(109) »Mag mein Verlust das eigene Leben sein, so sei es! Doch wenn sich dein Herz, Schöne mit den Ohrringen, abwendet: Wer wird dann noch der Liebe und Schönheit gerecht, die sich in inniger Vertrautheit entfalten sollten?« (110) »Tochter Janakas mit rotem Mund! Weiblichkeit, Schönheit, unverrückbare Herzensfestigkeit und selbst dunkle Augenschminke sind bei dir vollkommen vereint. Was ist das für eine Größe, die dennoch kein Mitgefühl kennt?« (111) »Papageiengleiche, willst du bleiben, um meinen letzten Todesschrei zu hören und zu sehen? Ist es recht, die Früchte großen, lange geübten Dharma zurückzuweisen, gerade wenn sie zur Kost dargeboten werden?« (112) »Wenn mein Leben endet, wird der angehäufte, nie verfallende Wohlstand vernichtet. Willst du den Ruhm, durch deinen Eintritt alles erhöht zu haben, aufgeben und stattdessen die schwere Schande tragen, alles zum Einsturz gebracht zu haben?«
(113) »Die alleinige Herrschaft über die unerschütterlichen drei Welten kommt zu dir; Götter und Göttinnen würden deine roten Füße verehren. Du weist sie zurück. Wer wäre törichter als du, Glänzendgeschmückte?« (114) »Alle drei Welten dienen meinem Sieg. Nimm du mich zum Diener und erweise mir Gnade!« Er faltete die Hände hoch über den Kronen und fiel zu Boden, ohne an Schande zu denken. (115) Seine Worte trafen sie wie glühende Eisenstäbe; schon bevor sie ganz bei ihr ankamen, waren ihre Ohren versengt. Ihr Herz bäumte sich auf, ihre Augen schienen rotes Blut zu vergießen. Ohne Rücksicht auf ihr Leben sprach sie harte Worte, die der Würde ihrer Weiblichkeit entsprachen. (116) Damit sich die Gesinnung des listigen, starkschultrigen Mannes änderte, richtete sie sich zornig an einen Grashalm: »Hat ein steinhartes Herz je die Macht der Keuschheit erkannt? Solche grausamen Worte ziemen sich nicht gegenüber einer verheirateten Frau. Höre und begreife!«
(117) »Ob er den Meru durchbohren, den Himmel spalten oder alle vierzehn Welten beenden soll: Der Pfeil meines Edlen vermag es. Du weißt es und bist dennoch ohne Verstand! Willst du durch unwürdige Worte deine zehn Köpfe verlieren?« (118) »Weil du Angst hattest, wartetest du auf die Abwesenheit des Helden, sandtest einen trügerischen Hirsch und verbargst mich durch List. Wenn du überleben willst, lass mich frei! Können deine Augen standhalten, wenn dir das Gift für dein ganzes Geschlecht gegenübertritt?« (119) »Deine zehn Köpfe und vielen Arme sind nur schöne Zielscheiben für das göttliche Spiel des kunstvollen Bogenschützen. Sollen sie etwa wirkliche Kampfkraft bedeuten? Einst warfst du dich schon vor Jatayu zu Boden!« (120) »Du unterlagst dem Vogel. Nur mit dem Schwert des Herrn, der die springende Wasserflut auf dem Haupt trägt, gewannst du. Heute aber wirst du sterben. Deine Askese, Lebensdauer und Segensgaben schützen dich vielleicht vor dem Tod; sind sie auch gegen den Pfeil dieses Helden bestimmt?«
(121) »Dein geschenktes Schwert, deine Lebenszeit, deine angeborene Stärke und alles Weitere, was Brahma und die anderen durch ihr Wort gewährten, werden unwirksam und zerbrechen, sobald Rama den Pfeil auflegt und abschießt. Kann Dunkelheit vor einer Lampe bestehen?« (122) »Als du den Berg hobst, bezwang dich sein Herr mit der zarten Spitze seines roten Fußes. Dessen merugleicher Bogen, mit dem er den Pfeil zur Verbrennung der drei Städte sandte, zerbrach unter der Kraft meines Gemahls. Hast du den gewaltigen Schall damals nicht gehört?« (123) »Du prahlst, einen Berg gehoben und die Elefanten der acht Himmelsrichtungen erschüttert zu haben. Doch als der jüngere Bruder mit erhobenem Bogen dastand, kamst du nicht. Willst du jetzt noch hochmütig Frauen bedrängen?« (124) »Tor! An dem Tag, an dem unser Herr den Ort deines Verstecks erfährt, werden Meer und Lanka ohne Verzug vergehen. Selbst das Weltzeitalter kann sich wandeln. Wird es bei deinem Leben allein bleiben?«
(125) »Wird sein Zorn nur die grausamen Dämonen vernichten und dann enden? Weil du deinen Betrug begingst, fürchte ich vielmehr, dass die grenzenlosen Welten durch den Zorn des Edlen vergehen, ganz vergehen. Dharma selbst ist Zeuge dafür!« (126) »Grausamer, vor dem die weite Erde und der Himmel zittern! Du willst deine niedrige Tat nicht lassen. Hältst du unseren Herrn etwa bloß für den rotäugigen Vishnu, den Viergesichtigen oder Shiva? Wie töricht bist du!« (127) »Wenn du sie als bloße Menschen verachtest: Auch Kartavirya, groß wie ein waldbestandener Berg, war ein Mensch. Hältst du sie nur für Asketen, so bedenke die Macht Shivas mit seiner honigreichen Konrai-Girlande!« (128) »Wenn du sie verachtest, weil sie nur zwei sind: Ein Einziger zerstört am Ende des Zeitalters die Welt. Wenn der Kampf kommt, wirst du ihre Größe erkennen. Dann verlierst du deinen unvergleichlichen Wohlstand und dein Leben.«
(129) »Hiranya, sein Bruder und andere kriegerische Asuras, deren Schultern die Bogensehne rieb, lebten einst ebenfalls mächtig. Doch als sie, vom Guten abgewandt, den rechten Dharma verließen, blieb keiner bestehen. Sie starben und verschwanden.« (130) »Von Brahma an: Sind es Götter oder Asuras, die ohne Sinnesverirrung feststehen und sich vom Karma befreien? Wer erlangte die Herrschaft über die drei Welten? Prüfe, Tor: War es die Sünde oder der Dharma, den du früher übtest?« (131) »Selbst der Herr, der dir diesen großen Reichtum gab, steht in großer Askese, um seinen eigenen erhabenen Zustand zu bewahren. Du aber verlässt Dharma, als wolltest du deinen unvergleichlichen Glanz verlieren und mit allen Angehörigen vergehen. Warum begehrst du nicht das Rechte?« (132) »Auch unbesiegbar tapfere und starke Menschen sind gestorben, wenn sie Dharma und Mitgefühl mit anderen verließen. Wer entkam der Krankheit der Verstrickung in Geburt und Tod außer jenen, die entsagten und die drei schweren inneren Feinde tilgten? Sage es!«
(133) »Die makellosen Weisen, allen voran der Verkünder des südlichen Tamil, sagten: ›Wir ertragen die bösen Dämonen nicht mehr und können keine Askese üben. König, töte sie gnädig, sobald du ihnen begegnest! Durch dich wird ihr Ende gewiss kommen.‹ Ich selbst hörte es. Du hast nun getan, was dies erfüllt.« (134) »Die Weisen berichteten ihm von dir, deiner Stärke, deiner Lebensdauer und der Größe dieses Dämonenheeres. Danach ließ er die Nase deiner Schwester und die Arme und Beine deiner Brüder in Stücke schneiden. Denkst du nicht darüber nach?« (135) »Der tausendarmige Held ergriff deine zwanzig Arme, schlug dich, bis Blut aus deinem Mund floss, und nahm dich gefangen. Derjenige, der diesem Reinen die diamantenen Schultern abschlug, wurde wiederum von Rama besiegt. Weißt du das nicht, du Niedriger ohne Verständnis für das Recht?« (136) »Selbst eine bissige Giftschlange hört auf einen Bannspruch. Doch dich Übermütigen weist niemand mit vernünftigen Gründen zurecht: ›Dies ziemt sich, jenes nicht!‹ Die Vorhandenen denken nur, was du denkst, und führen dich dadurch ins Verderben. Welches Ende außer Untergang kann daraus entstehen?«
(137) Bei diesen Worten des Dharma glichen seine zwanzig Augen aufbrechenden Blitzen. Seine hitzestrahlenden Rachen brüllten, als sollten Berge zerbersten. Was braucht es mehr? Sein Zorn überstieg sogar die Süße seines Begehrens. (138 [Quelle: 5.4. 138]) Er stand auf hohen Beinen, seine breiten Arme verdeckten sämtliche Richtungen, Feuer floss aus seinen Augen. »Ich werde sie zerreißen und fressen!«, tobte er. Doch er setzte keinen Fuß vorwärts: Entflammter Zorn und Liebe hielten einander entgegen. (139) Hanuman beschloss: »Bevor dieser Niedrige vor meinen Augen die Gemahlin meines Herrn berührt, die keusch wie Arundhati ist, werde ich ihn zerschmettern und niedertreten. Danach tue ich, was noch bleibt.« (140) »Ich werde ihn allein angreifen, seine zehn Köpfe rasch herabschlagen, Lanka ins kühle Meer stoßen und die heilige, askesereiche Göttin wohlbehalten davontragen.« Mit diesem Gedanken rang er die Hände.
(141) Doch im Innern des schwerttragenden Dämons wurde der Zorn, der wie das Feuer der Weltauflösung aufgeflammt war, von der weiten Flut des Begehrens gelöscht. Er hielt inne und begann erneut zu sprechen. (142) »Ich zürnte und sagte: ›Ich töte dich!‹ Doch ich werde dich nicht töten. Was du vorgebracht hast, sind bloße Worte. Soll ich die Gründe erklären? Gibt es in der Welt etwas, das ich kann, und etwas, das ich nicht kann? Frühere Siege und Niederlagen waren bloß Spiel.« (143) »Höre dies: Hätte ich den getötet, der dir lieb wie dein Leben ist, hättest du womöglich dein Leben aufgegeben. Dann wäre auch mein kostbares Leben vergangen. Weil ich dies bedachte, griff ich zur List. Wer wäre mir im Kampf ebenbürtig?« (144) »Sie liefen fort, weil sie einen Hirsch sahen. Wenn diese Menschen erkennen, dass ich es bin, werden sie nicht wiederkommen. Bedenke ihre Schwäche, du mit den honigsüßen Worten! Welche Götter kennen mich als ihren Herrn und widersetzen sich mir noch, außer zu ihrem eigenen Schaden?«
(145) »Mögen jene vorhanden sein, die mich einst besiegten, und jene, die sich für unvergänglich und über alle erhaben halten: Dennoch dient Indra mir, und ich allein herrsche über die drei Welten. Sanftschultrige, braucht es dafür noch eine weitere Erklärung?« (146) »Schöne, mein Sieg hat die drei höchsten Götter und alle Himmlischen ihrer Gegenkraft beraubt. Um deinetwillen will ich mir keine Schande dadurch erwerben, dass ich diese fruchtlos asketischen Menschen töte. Ich werde sie herbeirufen und zu Diensten zwingen; du wirst es sehen!« (147) »Gegen diese kleinmütigen Menschen mit ihrer geringen Kraft und ihren kleinen Taten regt sich eigentlich kein vollwertiger Heldenzorn in mir. Dennoch könnte ich heute beide mühelos mit einer Hand packen und herbringen. Du wirst es sehen, Makellose!« (148) »Grünarmreifgeschmückte, mögen sie auch geringe Menschen sein: Bedenke ich ihre Hilfe, durch die sie dich mir verschafften, verdienen sie den Tod nicht. Ohne nachzudenken betreibst du ihr Verderben. Wenn gerade das dir Freude macht, werde ich es tun. Du wirst es noch sehen!«
(149) »Ich werde ins wasserreiche Ayodhya gehen und Bharata samt allen anderen das Leben aussaugen. Wie das Feuer der Weltauflösung werde ich die Menschen des wasserreichen Mithila ausrotten, mühelos zurückkehren und auch dein Leben nehmen. Du kennst mich nicht, Frau mit gezählten Tagen!« (150) So drohte er zornig, blickte auf sein flammenstrahlendes Schwert und sagte: »Die Frist bis zum Unheil für dein Leben ist auf zwei Monate geschrumpft. Entscheide nun selbst, was du daraus machst!« Mit dem Bild der blütenäugigen Frau im Herzen schalt er sie und ging. (151) Den grimmigen Dämoninnen mit freudlosen Gesichtern und riesigen Mündern befahl er einzeln: »Bringt die rankenschöne Frau dazu, sich mir zuzuwenden, sei es durch Einschüchterung oder durch überzeugenden Trost. Sonst werde ich für euch zum Gift!« Dann entfernte er sich. (152) Nach seinem Weggang umringten die bösen starken Dämoninnen die Pfauengleiche. Sie glich dem reinen weißen Mond, den eine zornige Schlange verschlungen und wieder ausgespien hatte. Heftig beschimpften sie sie und äußerten alles, was ihnen in den Sinn kam.
(153) Einige stürmten vor, Feuer in den Augen, hoben blitzende Dreizacke und Schwerter und schrien: »Tötet sie, tötet sie! Zerschneidet sie und esst, bis eure Bäuche voll sind! Fresst sie!« (154) Andere sagten: »Unser Herr ist der Urenkel des viergesichtigen Weltschöpfers, beherrscht tausend vedische Lehren und besitzt Weisheit. Welche niedrige Tat hat der Sieger über das Karma begangen, außer dass er dir wahre Liebe schenkt?« (155) Andere riefen: »Schlechteste aller Frauen, du hast das Verderben bereitet, durch das mit dir alle bösen Menschen auf Erden samt ihren Familien untergehen werden. Du sprichst, als bohrtest du einen Stab in eine Wunde. Betrachte die Sache unvoreingenommen, dann erkennst du die Wahrheit!« (156) »Unverständige! Du bist dazu gekommen, zugleich über deine Herkunftsfamilie und die Familie deines Gemahls rauchendes Feuer zu säen. In diesem Augenblick bist du verloren; auch deine ganze Sippe wird nicht weiterleben. Das haben wir dir klar gesagt!«, schrien andere.
(157) Die Edle erwog ihre mörderische Haltung, die Worte »Unser makelloser Herr wird siegen; kommt, esst sie!« und die Befehle des grausamen Herrschers. Mit Tränen in den Augen lächelte die Frau mit dem guten Mund bitter. (158) Da trat Trijata dazwischen: »Ich habe euch schon das Ergebnis meines Traumes erklärt. Wenn ihr jetzt noch sinnlos wütet, ist das ein Fehler!« Sita sagte: »Mutter, gut gesprochen!« Die anderen wurden still. (159) Als die verständige Trijata dies sagte, ließen die Dämoninnen ihren Zorn fahren. Aus Furcht vor dem König entfernten sie sich nicht, sondern blieben dicht beieinander, ohne weiter ans Töten zu denken. Auch das Leben der Frau mit den schweren Locken fand wieder Halt.
5.5 – Hanuman zeigt sich
(1) „Jetzt wäre die rechte Zeit, mich ihr zu zeigen. Doch diese grausamen Wächterinnen schlafen nicht; freiwillig werden sie es auch nicht tun.“ Hanuman wirkte einen Zauber. Da versanken sie in einen Schlaf, als wären sie tot. (2) Sie sah selbst die sonst Schlaflosen schlafen. Den Schmerz nicht länger ertragend, fand ihr Herz keinen Ausweg. Furcht und die Qual so vieler Tage überwältigten sie; aus unverminderter Liebe sprach sie klagend: (3) „Wird der dunklen Wolke, dem tiefen Meer und dem Hain Gleichende mir Einsamer mein kostbares Leben zurückgeben? Wird das Donnern seiner furchtbaren Bogensehne erklingen? Antworte mir, übermächtiges Schicksal! (4) Unverständiger Mond! Scharf strahlendes Mondlicht! Nacht, die nicht vergeht! Finsternis, die nicht abnimmt! Ihr alle zürnt nur mir. Habt ihr denn niemals daran gedacht, den Bogenträger herbeizurufen?
(5) Ihr vereinigt euch mit dem umherziehenden Nordwind, der Feuer versprüht, und verbrennt mich. Kennt ihr mein Leben nicht? Ihr begleitet doch seit langem meinen Herrn wie sein Schatten. Grausame, könnt ihr nicht mit ihm sprechen? (6) Allein die feste Hoffnung, er werde gewiss kommen, lässt mich unzählige Qualen erleiden. Die Pein auch nur eines Tages endet nicht. O Held! Narayana! Einziger Herr! (7) Als du in den baumreichen Wald ziehen wolltest, sagtest du: ‚Bleibe hier! Nach wenigen Tagen kehre ich zurück; wohne in der großen Stadt.‘ Ist dies deine süße Gnade? Willst du mein einziges, einsames Leben verzehren? (8) Bewusstsein, das sich an mich klammert! Leben! Schamlos haltet ihr schon so lange aus. Wollt ihr mich nicht verlassen, bevor ich meinen einzigen Herrn wiedersehe? Wollt ihr euch mit der Schande verbinden, die ich trage?
(9) Der ungekrönte König starb; alle sieben Welten versanken in tiefer Trauer. Doch der Unerbittliche folgte mir, ohne zu sterben, in den Wald. Darf ich mich in der Hoffnung wiegen, dass er nun kommt?“ (10) Immer wieder so klagend, saß die strahlend Geschmückte mit der blitzschmalen Taille da; ihr Leben bebte. „Solange mein Leben besteht, besteht auch dieses Leid. Erst wenn ich sterbe, werde ich Ehre gewinnen“, dachte sie. (11) „Geduldig habe ich ausgehalten und mein Leben bewahrt, weil ich den mit den klingenden Heldenringen wiedersehen wollte. Aber wird der Reine mich noch berühren, nachdem ich so viele Tage in der großen Dämonenstadt gefangen war? (12) Ich wusste, dass ein Fremder mich begehrte, und blieb dennoch am Leben. Seine immer wieder gesprochenen Worte drangen mir ins Ohr; lange bewahrte ich trotzdem mein Leben. Wo gibt es eine schlimmere Dämonin als mich?
(13) Ich trage eine Schande, die nie verstummen wird, und lebe müßig weiter. Schön stehen mir edle Herkunft und Schamgefühl! Welche der tugendhaften Frauen, von denen die Geschichten erzählen, überlebte fern vom eigenen Hause wie ich? (14) Mein Lebensherr hat wohl entschieden: Eine Frau, die in das Haus eines anderen geriet, zu bewahren, sei unrecht. Ich verlängere die Zeit, ziehe ihm öffentliche Schmähung zu und handle gegen das Recht. Womit könnte ich mich noch trösten? (15) Als diese große Schmach über mich kam, hätte ich sogleich mein Leben aufgeben müssen. Nun spricht die Welt von meiner unvergleichlichen Schande. Werde ich etwa den Himmel erreichen, indem ich kraftlos am Leben bleibe? (16) Mögen Männer, deren Herzen die Liebe verloren haben, schwere Schande tragen. Ich aber wurde in einem Geschlecht geboren, dessen erhabener Ruhm das Leid vertreibt. Wer außer mir kann meine Schmach abwaschen?
(17) Ich schickte den König hinter dem trügerischen Hirsch her, schalt seinen jungen Bruder und befahl ihm zu folgen. So geriet ich in das Haus des Giftgleichen. Wird die Welt billigen, dass eine solche Frau noch lebt? (18) Mögen die kraftvollen Krieger siegen und den Makel ihres Geschlechts tilgen, oder im Kampf sterben. Nachdem ich die Pflicht des Ehelebens verletzt und weitergelebt habe, wird die mir nachgesagte Schande nicht auch sie umfangen? (19) Soll ich vor den großen, askesereichen Frauen stehen, deren Ehre empfindlich ist wie die des edlen Hirsches, und mich verspotten lassen: ‚Das ist jene, die getrennt von ihrem dunklen Wolkenherrn in der Stadt der Räuber lebte!‘? (20) Wenn der Wunderbare mit seinem Bogen das Dämonengeschlecht vernichtet und mich aus dieser schweren Gefangenschaft befreit, dann aber sagt: ‚Du bist nicht würdig, mein Haus zu betreten‘ – wie werde ich ihm meine Treue beweisen?
(21) Darum führt der Weg des Rechts allein durch den Tod. Selbst diejenigen, die meinen Tod verhindern würden, sind dank der Frucht meiner Askese eingeschlafen. Einen besseren Ort gibt es nicht.“ So ging sie in eine blütenreiche Laube aus Madhavi-Ranken. (22) Dort dachte sie noch einmal alle ihre verzweifelten Gedanken und entschied: „Hier gibt es keine Rettung.“ Sie befestigte eine Ranke an einem jungen Zweig und wollte ihren Kopf in die Schlinge legen. Doch die Kraft ihrer Askese wirkte. (23) Hanuman sah es, erkannte ihre Absicht und erschrak. Aus Scheu, ihren Körper zu berühren, trat er mit gefalteten Händen vor die Pfauengleiche mit den roten Lippen: „Ich bin der Bote der Gnade des Herrn der Himmlischen!“ (24) „Als dein Diener bin ich auf Ramas Befehl gekommen. Unzählige durchsuchen die ganze Welt nach dir. Edle Frau, durch die Frucht meiner guten Werke durfte ich hierher gelangen und deine rötlichen Füße sehen.
(25) Der große Held, der selbst in Kummer lebt, weiß nicht, dass du hier bist. Brauchst du dafür einen Beweis? Das Dämonengeschlecht ist noch nicht mit der Wurzel vernichtet: Kann es einen anderen Grund dafür geben? (26) Zweifle nicht! Ich habe ein Erkennungszeichen und Worte, die der Edle mir persönlich anvertraute. Du wirst alles so deutlich erkennen wie eine Nelli-Frucht auf deiner Hand. Du gleichst einer ölgenährten Lampe: Denke nichts anderes!“ (27) Als er sich verneigte, betrachtete sie ihn, zwischen Mitgefühl und Argwohn schwankend. „Er ist kein Dämon. Er steht auf dem rechten Weg und hat die fünf Sinne besiegt. Sonst muss er ein Himmlischer sein. Seine Einsicht und seine Rede sind rein; er scheint ohne Falsch.“ (28) „Sei er ein Dämon, irgendein Gott oder einer aus dem Affenvolk; komme er aus Grausamkeit oder aus Mitleid: Er hat hier den Namen meines Herrn ausgesprochen, mein Herz schmelzen lassen und mir das Leben wiedergegeben. Gibt es eine größere Hilfe?“
(29) So dachte sie und sah ihn genauer an. „Mein Herz wird weich. Dies sind keine Worte eines Betrügers mit heimlicher Bosheit. Er spricht bedachtsam und klagt, während Tränen zur Erde fallen. Ihn darf ich befragen.“ Sie sagte: „Held, wer bist du?“ (30) Er nahm ihre Worte ehrerbietig auf und hob die schönen Hände über den Kopf. „Mutter, als der Reine dich verloren hatte und dich mit seinem Bruder suchte, begegnete er Sugriva, dem untadeligen Sohn des altverehrten Sonnengottes und Herrn aller Affengeschlechter. (31) Dessen älterer Bruder war Vali. Er band Ravana mit seinem Schwanz, brach dessen Macht und sprang siegreich durch die acht Himmelsrichtungen. Auf Bitten der Götter hatte er das Meer gequirlt, bis Nektar aufstieg und die um den Quirlberg gewundene Schlange wundgerieben war. (32) Dein Herr nahm jenem mit einem einzigen Pfeil das Leben, gab dem jüngeren Bruder das Königtum und gewann ihn zum Verbündeten. Ich Unwürdiger bin Minister unseres Königs, ein Sohn des großen Windes, der durch den Himmel zieht; mein Name ist Hanuman.
(33) Siebzig gewaltige Heeresmassen von Affen stehen bereit. Sie könnten die ganze Welt umfassen und emporheben; jeder Einzelne kann das Meer überspringen. Himmelshoch, in Scharen versammelt, verstehen sie den Wunsch deines Herrn und führen ihn fehlerlos aus. (34) Sie sind aufgebrochen, die sieben Meere, die sieben umschlossenen Welten, das tiefe Schlangenreich und alles vom Himmel bis hierher zu durchsuchen. Finden sie dich innerhalb dieses Weltalls nicht, sollen sie selbst jenseits seiner Grenzen weitersuchen. (35) Als der niederträchtige Dämon dich entführte, warfst du, in ein Tuch gebunden, deinen Schmuck neben uns auf den Berg. Dieses Zeichen bewog den Siegreichen, mich allein zu sich zu nehmen und mir zu sagen: ‚Gehe nach Süden!‘ Kann seine gnädige Absicht scheitern? (36) Als wir dem König damals den Schmuck zeigten und übergaben – lässt sich beschreiben, was mit ihm geschah? Was sonst hätte ihn bis heute am Leben erhalten? Mutter, der gute Schmuck, den du damals abgeworfen hast, bewahrte wahrlich deinen Gatten.
(37) So steht es um ihn. Valis Sohn Angada führte auf seinen Befehl zwei große Heeresmassen nach Süden. Dieser entschlossene Held schickte mich in die alte Stadt Lanka, die brandende Wogen umgeben“, sagte der von jedem Makel Freie. (38) Als sie seine Erzählung hörte, stieg mächtige Freude in ihr auf. Ihr vom Leid zusammengesunkener Körper richtete sich empor, als wachse er zum Himmel. Tränen strömten aus ihren Augen. „Ist die Rettung gekommen? Herr, sage mir: Wie sieht er aus? Beschreibe ihn!“ (39) „Seine Gestalt lässt sich nicht einfach mit Worten nachbilden. Sie ist das höchste Ziel aller schönen Vergleiche; jede Regel der Beschreibung bleibt hinter ihr zurück. Du mit der trommelschmalen Taille, folge nur der Reihe der Erkennungszeichen.“ Hanuman begann bei den Füßen und beschrieb ihn bis zum Scheitel. (40) „Die Himmlischen nennen seine heiligen Füße rotblättrige Lotusse. Doch nichts lässt sich leicht mit ihnen vergleichen. Will man die Füße des Herrn wirklich betrachten, wirkt selbst die Koralle im Wogenmeer daneben dunkel wie eine blaue Wasserlilie.
(41) Lassen wir die zarten Knospen des Wunschbaums und die jungen Korallenzweige im kühlen Wasser beiseite: Was sind sie schon? Edle Frau, allenfalls die jungen Strahlen der aufgehenden Sonne könnten seinen leuchtenden Zehen gleichen. (42) Es gibt keine zehn makellosen Monde verschiedener Größe. Strahlende Diamanten wiederum besitzen nicht die rechte Rundung. Ich weiß nicht, womit ich seine Zehennägel vergleichen soll. (43) Zu sagen, diese Füße hätten auf der Erde gestanden und beim Gang durch den Wald gelitten, widerspräche der heiligen Überlieferung. Sie umfassen doch alle Welten zugleich. Kann man ihre Größe überhaupt aussprechen? (44) Er gleicht einer Wolke über dem mächtigen Schlangenlager im Wasser, das Muscheln trägt. Mutter, könnte ein Köcher voller Kriegspfeile auch nur annähernd als Vergleich für seine schönen Unterschenkel dienen?
(45) Seine prächtigen Schenkel ruhen auf dem herrlichen Nacken des rechtschaffenen Vogelkönigs. Selbst der Rüssel eines kampfstarken, brünstigen Elefanten schämt sich vor ihnen. Findet sich in dieser Welt ein passender Vergleich? (46) Den goldschönen, rechtsherum drehenden Wirbel des Ganges zu nennen, wäre zu gering. Sein edler Nabel bringt den Lotus und die Welt hervor. Er gleicht einem tiefen Wasserbecken – doch wo gäbe es ein wirklich entsprechendes Bild? (47) Seine weitgespannte, hohe Brust lässt selbst einen unvergleichlich glänzenden Smaragdberg erschrecken. Wenn Lakshmi durch Askese erlangte, niemals von ihr getrennt zu sein, wer wäre dann glückseliger als diese Göttin des Glücks? (48) Ein wenig mag der kräftig greifende Rüssel des Elefanten der östlichen Himmelsrichtung seinen langen Armen gleichen. Doch seine Hände ziehen Bienenschwärme an, als wären sie Blüten. Welcher andere Vergleich würde ihnen gerecht?
(49) Die Nägel an seinen Händen sind wie Knospen eines grünblättrigen Lotus, der die Sonne sieht. Falls du daran zweifelst, dass sie Hiranyas diamantfesten Körper zerrissen haben: Ihr Anblick wird diesen Zweifel vertreiben. (50) Berge sind weder so kraftvoll gerundet noch so leuchtend oder glückverheißend. Die starke Sehne des Meru-Bogens hat sich nicht über sie gespannt; ihnen fehlt solcher Ruhm. Auch gibt es keine zwei vollkommen gleichen Berge. Wie könnten sie seine Schultern beschreiben? (51) Könnten wir uns den schlichten Menschen anschließen, die eine gewöhnliche Meeresmuschel oder einen jungen Arekastamm mit seinem Hals vergleichen? Trägt der auf der Schlange Ruhende nicht selbst in seiner linken Hand die einzig würdige Muschel? (52) Nenne ich das heilige Antlitz des Herrn einen Lotus: Womit soll ich dann seine Augen vergleichen? Darf ich es den kühlen Mond nennen? Der helle Mond wird doch nach seinem Erstrahlen wieder schmal und schwindet.
(53) Die roten Lippen des Reinen, dessen breite Schultern Sandel und Adlerholz duften lassen, als wasserfrischen roten Lotus zu bezeichnen, beschämt mich. Selbst wenn wir die liebevollen, nektarströmenden Worte nicht berücksichtigen: Kann eine Koralle sein, was ein weißes Lächeln erblühen lässt? (54) Sind seine Zähne Perlen? Stückchen vollen Mondlichts? Eine Reihe weißer Tropfen aus einer Traube von Nektar? Sprossen aus den Samen des vollkommenen Rechts? Oder etwas ganz anderes, Knospen der Wahrheit? Welches Bild könnte ich für sie nennen? (55) Sein Körper hat den ungeteilten Glanz eines Smaragdsprosses auf dunkelblauem Saphirgrund; selbst der Smaragd muss sich nach solcher Schönheit sehnen. Ein Papagei, der eine rote Beere ergreifen will, reicht als Vergleich seiner edlen Nase nicht aus. Woher soll ich einen besseren nehmen? (56) Kharas kopflose Heerscharen auf dem steinigen Ödland, die vielen Geister, sein einziger Bogen, die Götter, die Scharen der Weisen, das Recht selbst und die vier Veden jubelten: ‚Nun zerbricht die Macht des Dämonengeschlechts!‘ Damals krümmte er seine Brauen. Finde du selbst den Vergleich dafür!
(57) Wenn der Mond des achten Tages seinen künftig auftretenden Fleck, Zu- und Abnehmen, die Verfinsterung durch die Schlange, Tod und Wiedergeburt verlöre und lange unter dem Schatten dichter Finsternis stünde, könnte er die Schönheit seiner Stirn erreichen. (58) Lang, gewellt, geschmeidig, dunkel, dicht und tiefblau fallen seine Locken; ihre Enden rollen sich ein. Weihrauch und Duftblumen benötigen sie nicht: Göttlicher Wohlgeruch entströmt ihnen selbst. Nun sind sie zu Asketenflechten geworden. Wäre es nicht herabsetzend, sie bloß eine Regenwolke zu nennen? (59) Sein Gang blieb unverändert: als Lakshmi ihn umarmte und ihm die Herrschaft über alle sieben Welten bevorstand, ebenso wie im leidvollen Wald nach dem Verlust dieses Glücks. Nennt man ihn den Gang eines kräftigen Stiers, muss dann nicht der stolze Elefant gekränkt sein?“ (60) Bei diesen Worten schmolz sie wie Wachs im Feuer und vergaß sich selbst. Der Wissende verneigte sich bis zur Erde: „Der Herr gab mir vertrauliche Zeichen und Worte mit. Du mit dem Schwanengang, höre mich mit meinen gefalteten Händen an.“
(61) „‚Der Weg ist beschwerlich. Es sind nur wenige Tage. Bleibe hier und diene den Müttern‘, sagte ich. Erinnere sie daran, wie sie erschrak und im Gewand, das sie gerade trug, mit einem wie entseelten Körper und aufsteigendem Zorn neben mir stand. (62) Erinnere sie an den Tag, als ich den Befehl des gekrönten Königs annahm, den mir bestimmten Reichtum verließ und mich auf den Weg machte. Noch bevor wir die Mauern und das Tor der Stadt hinter uns hatten, fragte sie: ‚Wo ist der Wald?‘ (63) Als der ehrwürdige Wagenlenker Sumantra sagte: ‚Sprich auch du eine Botschaft aus‘, vergaß sie ihren Kummer. Sie sagte kindlich: ‚Bitte sie, meinen Papagei und meine Mainavögel zu versorgen.‘ Berichte ihr auch von diesen Worten.“ (64) „Weitere Worte sind nicht nötig. Er gab mir diesen unvergleichlich gearbeiteten Ring, der seinen wahren Namen trägt, und sagte: ‚Reiche ihn ihr.‘“ Mit seiner langen Hand zeigte Hanuman den Ring. Die Frau mit der hellen Stirn sah ihn.
(65) Soll ich sagen, ein Toter sei zu neuem Leben gelangt? Einer, der sein Gedächtnis verlor, habe es wiedergefunden? Das entflohene Leben sei zurückgekehrt und habe sich wieder mit dem Körper verbunden? Wie lässt sich beschreiben, was mit der Schönstirnigen geschah? (66) Sie glich einer Schlange, die ihren verlorenen Edelstein wiederfindet; einem Menschen, der seinen alten verlorenen Reichtum zurückerhält; einer kinderlosen Frau, die ein Kind gebiert; einem durch Leiden erschöpften Blinden, der endlich sehen kann. (67) Sie nahm den Ring, drückte ihn an die Brust, setzte ihn auf den Kopf und berührte ihre Blütenaugen damit. Ihre breiten Schultern schwollen auf; sie wurde schwach, fühlte Kühlung und zugleich glühende Sehnsucht, atmete tief. Wer kann sagen, was das war? (68) Sie roch an ihm, presste ihn an die Brust und umarmte ihn. Sie wischte die klaren Tränen fort, doch ihre Augen füllten sich wieder. Lange betrachtete sie ihn. Sie wollte sprechen, brachte aber kein Wort hervor; Schluchzen stieg auf, und sie versuchte es hinunterzuschlucken.
(69) Die langäugige Geschmückte gewann ihre ganze blitzende Farbe zurück; ihr Körper leuchtete wie strahlendes Gold. War der Ring des Helden etwa ein göttlicher Stein, der alles, was er berührt, durch wunderbare Wandlung veredelt? (70) Er wurde zum Nektar für Menschen, die unter langem Hunger leiden; zum willkommenen Gast bei Rechtschaffenen; zum Heilmittel, das entweichendes Leben zurückruft. Heil diesem kostbaren Ring! (71) So gewann ihr Leben Sicherheit. Tränen fielen aus ihren Augen über die Brust, und ihre sanfte, kindliche Stimme stockte. Die Frau mit dem Perlenglanz des Lächelns sprach: „Edler, du hast mir das Leben geschenkt!“ (72) „Du bist der Bote dessen, der selbst dem Schöpfer der drei Welten vorausgeht; rechtschaffen hast du mir das Leben zurückgegeben. Welche Gegenleistung wäre mir möglich? Du wurdest mir Mutter und Vater, verehrter Freund, lebendige Gnade! Du gabst mir dieses und das kommende Leben samt unversehrtem Ruhm.“
(73) „Held mit den mächtigen Schultern, edler Helfer, der meinen Kummer ohne Beistand beendete: Lebe! Wenn mein Herz ohne Makel ist, sollst du so bleiben wie heute, durch alle Jahre, deren Tag ein Weltzeitalter ist, auch wenn sämtliche sieben Welten und ihre Bereiche vergehen.“ (74) Dann fragte sie weiter: „Du von vortrefflichem Wesen, wo ist der Held mit seinem jüngeren Bruder? Wie kam er zu dir? Wer sagte dem Edlen, was mir geschehen war?“ Der Mann mit den säulengleichen Schultern begann zu erzählen. (75) „Der wolkendunkle Zauberdämon Maricha nahm die trügerische Gestalt eines Hirsches an und lockte euch. Als der Herr mit der geschmückten breiten Brust ihn traf und er zur Erde sank, stieß er den lauten Ruf aus, der dich täuschte: Es war die Stimme des Dämons. (76) Der Herr sprach einen machtvollen Wunsch: ‚Möge mein jüngerer Bruder diesen Ruf nicht hören!‘ Doch das grausame Schicksal wirkte anders. ‚Diese falsche Stimme wird schlimme Folgen haben‘, dachte der Träger des tönenden Bogens. Da sah er seinen Bruder kommen.
(77) Der Lotusäugige las im Gesicht des jüngeren Helden, was geschehen war, und hörte dessen Bericht. Er eilte zur Hütte, die Bienen umschwärmten, doch deine heilige Gestalt fehlte. Er blieb am Leben – offenbar nur, um weiteres Leid zu ertragen. (78) Ich habe dich gesucht und tatsächlich gefunden: Heil dir! Unser Herr lebt. Du bist das wahre Leben seines Körpers; sein bloß scheinbares Leben war bereits entwichen. Aus seinem Herzen bist du nie gewichen: Wie könnte er sterben? Wenn du hier bist, welches Leben könnte Rama dort aufgeben? (79) Mutter, so suchte der Herr dich in unzugänglichen Wäldern, Flüssen und Bergen. Ohne dich, sein Leben, glich er einer selbsttätig wandernden Puppe. Schließlich kam er zu Jatayu, der sein Leben für unvergängliche Ehre hingegeben hatte. (80) Als er dessen Körper sah, erfüllte ihn himmelhoher Schmerz. ‚Vater, sage, was dir widerfuhr!‘ Während Jatayu erzählte, wie der Herr von Lanka dich, Schöne, durch List geraubt hatte, loderte Ramas Zorn auf, als verbrennten die Welten.
(81) ‚Mit meinen zornigen Pfeilen werde ich die drei Welten zerschmettern und verbrennen!‘ Er blickte auf den Bogen in seiner Hand. Doch der Vater beruhigte ihn: ‚Willst du der ganzen Welt zürnen, weil ein einzelner Niedriger dir Leid zufügte? Besänftige dein Herz.‘ Da legte sich sein Zorn. (82) ‚Welchen Weg nahm er? Wo hält er sich auf? Wo wohnt er? Edler, sage es!‘ Als der Geierkönig antworten wollte, raffte ihn das grausame Schicksal dahin. Beide Brüder mit den gebogenen Bogen in ihren roten Händen versanken in Trauer. (83) Nur mühsam kamen sie wieder zu sich. Sie vollzogen für den väterlichen Helden alle gebührenden Totenriten, sodass selbst die Götter staunten. ‚Wir werden den niederträchtigen Dämon suchen und finden!‘ Damit eilten sie durch Wälder und über Berge, deren Gipfel die Wolken berühren. (84) Weil er dich nirgends sah, erlag er immer wieder dem Schmerz und erholte sich nur schwer. Die Tränen seiner roten Augen verwandelten den langen Weg in Schlamm. Sein Körper schmolz wie weiches Wachs in heftigem Feuer; außer sich vor Kummer klagte er so:
(85) Wer auf der Welt vermag dem Wirken früherer Taten zu entgehen? Der Held mit den goldgeschmückten Schultern verlor die Fassung; seine Sinne wurden verwirrt. Wie der Herr, der Datura und Schlangen auf dem Haupt trägt, schien er wahnsinnig und wusste nichts mehr von sich. (86) ‚Ist es eine Lüge, dass sie zu jeder gebührenden Stunde in deinem kühlen Wasser badete? Godavari, suche Sita, die einer Korallenranke gleicht, und gib sie mir zurück! Tust du es nicht, sollst du Feuer werden!‘ So zürnte der Wolkengleiche dem Fluss. (87) ‚Berg, eile und zeige mir meine Königin, die einem zarten Zweig gleicht! Zeigst du sie nicht, genügt dieser eine Pfeil: Noch heute werde ich dein ganzes Geschlecht spalten, in Brand setzen und zu Kohle machen!‘ (88) Er sah die schönen Hirsche an: ‚Hat nicht ein Trug in Gestalt eines goldenen Hirsches bewirkt, dass meine Hirschgleiche mich verließ? Heute werde ich mit den tödlichen Pfeilen meines Bogens sogar euren Namen auslöschen!‘ So stand er zornig da.
(89) Während der im Herzen Verstörte so sprach und litt, redete sein jüngerer Bruder zu ihm, der ihm selbst so kostbar wie das Leben war. Dessen klare Worte wirkten als untadeliges Heilmittel: Er gewann Halt, kam zu sich und fand ein wenig zu seinem Wesen zurück. (90) Mit dem Bruder kam er zum großen Sandelberg, wo unser Geschlechtsherr wohnt, ein Sohn der nie verlöschenden Sonne auf ihrem hohen Himmelswagen. Sugriva und der Lotusäugige wurden innige Freunde, damit die Götter Rettung fänden. (91) Er erzählte alles, was geschehen war; sein Herz schmerzte wie eine Wunde, und er schluchzte. Da zeigten wir ihm den kostbaren Schmuck, den du in deiner Not abgeworfen hattest. Er sah ihn – er, den höchste Erkenntnis und die Veden selbst nicht ganz erfassen. (92) Was damals geschah, lässt sich durch die beschwichtigende Folge unserer Worte nicht ausdrücken. Als der entschlossene Held deinen reinen Schmuck erblickte, ergriff ihn ein Leiden, das selbst versprengter Nektar nicht stillen könnte. Ein solches Leiden hatte ihn schon zuvor erfasst; es wich nicht mehr.
(93) Aus seiner Ohnmacht kam er nur mühsam zu sich und erreichte einen hohen goldenen Berg jenseits jenes Berges. Dort lebte der berggleiche Vali, der einst Ravana leidend an seinem Schwanz hängen ließ und so über gewaltige Berge und Meere sprang. (94) Mit einem einzigen Pfeil nahm Rama Vali das Leben und gab dem liebevoll ergebenen Sugriva dessen Reich. ‚Sammle die umliegenden Heere und kehre zurück‘, sagte er. Bis zu ihrer Ankunft blieb er dort: Vier Monate vergingen. (95) Danach verteilte er das versammelte Heer über die großen Himmelsrichtungen, um dich zu finden, Göttin mit den bogengleichen Brauen. Mich schickte er eilends nach Süden.“ So berichtete der Kenner der drei Zeiten die früheren Ereignisse. (96) Als der Liebevolle dies erklärte, dachte sie an den Schmerz des Edlen mit dem standhaften Herzen. Sie schmolz bis in die Knochen, klagte und seufzte. Ihr Herz trug Leid und Freude zugleich.
(97) Ihr Sinn war bekümmert, ihr Körper schien sich im heißen Strudel der Tränen zusammenzuziehen. „Herr, wie hast du das unermessliche Meer durchschwommen und mich erreicht? Sage es mir“, fragte sie. (98) „Schlanktaillige, wer die reinen Füße deines einzigen Gatten fest im Bewusstsein trägt, überquert das unendliche Meer der Täuschung. Ebenso überschritt ich durch die Kraft seines Namens das dunkle Meer mit meinen Füßen“, antwortete er. (99) „Mit einem so kleinen, unscheinbaren Körper bist du über das Meer gesprungen? War es die Kraft der Askese oder eine übernatürliche Fähigkeit? Sage es!“ Ihr Lächeln übertraf Perlen und Mondlicht. (100) Er zeigte es ihr: Mit gefalteten Händen richtete er sich auf, seine Schultern wuchsen empor bis an die unerreichbare Himmelskuppel. Weil er bei weiterem Wachsen anstoßen würde, krümmte er seinen riesigen Körper.
(101) Wo lag nun das wahre Maß dessen, was man Größe nennt? Bei den fünf verschiedenartigen Elementen? Wenn nicht dort, dann bei Hanuman? Seine gewaltige Gestalt ließ diese Frage aufkommen. (102) Er ragte wie der hohe goldene Himmelsberg auf. Rings um seine Körperhaare drängten sich vorn und hinten die Sterne, als wären es Schwärme von Leuchtkäfern an jedem Baum dieses Berges. (103) Seine beiden Ohrringe strahlten an den Seiten des Himmelsraums, dessen Ausdehnung Auge und Verstand überstieg. Sie wetteiferten mit den beiden großen Himmelsleuchten, Sonne und Mond. (104) Wer könnte diesen festen Stützpfeiler Hanuman für einen gewöhnlichen Affen halten? Selbst der Herr, der alle Welten ausmaß, würde bei seinem Anblick beschämt denken: ‚Himmelragende Größe besitzt mehr als eine Gestalt.‘
(105) In allen acht Richtungen und sämtlichen Welten blickten die zahllosen Wesen auf ihn. Er selbst sah mit seinen Lotusaugen alle Götter, die innerhalb des Weltalls wohnen. (106) Seine beiden Füße drückten beim Emporwachsen so schwer auf den Boden, dass Lanka ins tiefe Meer sank. Weiße Wogen breiteten sich über das Land aus; die Fische wurden überallhin geworfen. (107) Die rankenschlanke Frau von makelloser Treue konnte nicht einmal seine lotusgleichen, mit Heldenringen geschmückten Füße ganz überblicken. Sie freute sich zwar in der Gewissheit, die Dämonen seien bereits verloren, sagte aber: „Ich fürchte mich! Verkleinere diese Gestalt!“ (108) „Die ganze Welt müsste sich vereinigen, um diese Gestalt vollständig zu sehen. Werde jetzt wieder klein!“ Ihr Herz erblühte, als hätte sie bereits Ramas Schultern umarmt, die schöner sind als mächtige Türbalken.
(109) „Wie du gnädig befiehlst“, erwiderte Hanuman. Der über den Himmel Hinausgewachsene nahm wieder eine Gestalt an, die sich überblicken ließ. Da sprach die Frau, einer Lampe gleich, deren Flamme keiner Pflege bedarf: (110) „Du bist gewaltig wie der Wind. Selbst zu sagen, du hättest die Erde mitsamt den Bergen aufgehoben, den Himmel zertrümmert und die weltenstützende Schlange mit einer Hand herausgerissen, wäre gering. Dass du einfach dazwischen hindurchgingst, würde dir schon wenig Ehre machen. Was bedeutet da ein Meeressprung? (111) Du allein vermagst die Gnade und den Ruhm des großen Herrn mit dem Diskus in seiner langen Hand durch viele Weltalter unvergänglich zu erhalten. Held mit den mächtigen Schultern, ist es deiner Größe nicht unwürdig, dass das feindliche Lanka nicht jenseits aller sieben Meere liegt? (112) Wenn solche Erkenntnis, solche Gestalt und Kraft, solche Beherrschung der fünf Sinne, solche Tat, Klarheit, rechte Einsicht, Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit dir gehören – erscheinen dann nicht selbst Brahma und die anderen höchsten Wesen neben deinen Eigenschaften wie Unverständige?
(113) Ich sah die Menge der starken Dämonen mit blitzenden Zähnen und dachte daran, dass der Held außer seinem jüngeren Bruder keinen Beistand habe. Das brach mir das Herz. Jetzt sind meine Zweifel fort; mein Leben lebt wieder. Was wird aus den Dämonen, wenn du unserem Herrn zur Seite stehst? (114) Selbst wenn ich nun sterbe, ist nichts verloren. Schon heute bin ich aus der trügerischen Gefangenschaft befreit; meine Peiniger samt ihren Geschlechtern sind entwurzelt. Ich habe die goldgeschmückten Füße unseres Herrn erreicht. Nur Ruhm, keine Schande wird mich berühren!“ So freute sich die Göttliche mit dem glückverheißenden Antlitz. (115) Der große Held verneigte sich vor ihren Füßen und erklärte: „Arundhati-Gleiche, Ramas zahllose Affenheerführer sind zahlreicher als die Sandkörner des glänzenden Meeres. Ich kam als einer aus ihrem Gefolge und verrichte lediglich die Dienste, die man mir aufträgt. (116) Das Heer des Helden umfasst siebzig gewaltige Heeresmassen. Würde dieses Meer überhaupt genügen, wenn jeder davon nur eine Handvoll Wasser tränke? Dass die sichere Stadt der betrügerischen Dämonen noch besteht, liegt allein daran, dass wir sie nicht gefunden hatten. Wird sie nach ihrer Entdeckung noch fortbestehen?
(117) Valis jüngerer Bruder, Valis Sohn, Vasanta, Duminda, der starke Kumuda, Nila, Idaba, Kumudaksha, Panasa, Sharabha, der große Jambavan, der todesgottgleiche Dunmaruta, Kanaka, Gavaya, Gavayaksha, der weltbekannte Nala, Shankha, Vinda, Dvivida und Madana; (118) ferner Dambha, der unvergleichliche Dhumra, Dadhimukha und Shatabali: Solche Heerführer können diese und alle anderen Welten aufheben und helfen Rama wie die Pfeile seiner Hand. Edle Frau, ihnen gegenüber würden diese Dämonen nicht einmal als winziger Zusatz ausreichen. Wer könnte ihre Zahl begrenzen?“
5.6 – Das Stirnjuwel
(1) Hanuman dachte: „Wie leicht sagt man in dieser Welt, jemand habe einen Helfer! Diese Lotusgleiche leidet dennoch. Meine Aufgabe ist, sie fortzubringen, sie, die dem höchsten Herrn des Weltalls so kostbar ist wie sein Leben.“ (2) „Höre die Worte deines Dieners und zürne mir nicht, Mutter! Später wird er den Feind vernichten; ihn zu besiegen ist keine Schwierigkeit. Wozu noch länger warten? Ich werde dich Rama vor Augen stellen und mich zu seinen Füßen verneigen. Jetzt ist die rechte Zeit! (3) Goldene Ranke, setze dich bequem auf meine dicht und weich behaarte Schulter. Lass den Kummer fahren und schlafe ruhig. In einem Augenblick springe ich mit dir zu dem Berg, auf dem der Herr verweilt; unterwegs halte ich nicht an. (4) Sollten die Dämonen es bemerken und uns verfolgen, werde ich sie zerbrechen und zerschmettern und damit meinen Zorn stillen. Lockenreiche, nachdem ich deinen Zustand gesehen habe, kehre ich nicht mit leeren Händen zum Erhabenen zurück. Niemand kann mich töten.
(5) Selbst wenn du befiehlst: ‚Nimm Lanka mit!‘, werde ich es ausheben, auf meine rechte Hand setzen, jeden Widerstand zerschlagen und mich vor den goldgeschmückten Füßen der beiden furchtbaren Bogenträger niederwerfen. Mutter, das wäre keine große Sache. (6) Arundhati-Gleiche, sage: Was wäre mein Dienst wert, wenn ich zu dem Schönen ginge und berichtete: ‚Deine heilmittelgleiche Königin sitzt bei den großen Betrügern gefangen und leidet, ohne Befreiung zu finden‘? (7) Soll ich mit unversehrten Schultern zurückkehren, Stärke und Wohlstand der Feinde schildern und sagen: ‚Ich konnte sie nicht bringen; ich sorgte nur für mein eigenes Leben‘? Wäre das nicht, als hätte ich dich gar nicht gesehen? (8) Oder befiehl: ‚Schmelze das mauerumgebene Lanka in einem Augenblick im Feuer, zerschmettere den feindlichen Dämon und vernichte sein Geschlecht; vollende die Tat und bringe mich rasch fort.‘ Auch das werde ich heute tun.
(9) Mondstirnige, besser wäre es, der Kriegsheld käme später mit dir hierher, sein heißer Kummer schon gestillt, und vernichtete in klarem Sinn das zahllose Dämonengeschlecht, um der unvergänglichen Erde ihr Leid zu nehmen. (10) Mehr habe ich nicht zu sagen. Gewähre mir die Gnade, dieses Glück zu erlangen, wie es das Schicksal fügte. Dann endet das Leid. Junge Ranke mit den schönen Worten, steige schnell auf die Schulter deines Dieners!“ Er faltete die Hände und verneigte sich vor ihren Füßen. (11) Er hatte gesprochen wie ein Kalb, das seine Mutter sucht. Sie erkannte: „Was er vorschlägt, wäre für ihn nicht schwer.“ Mit reinen, sanften Worten antwortete sie ihm. (12) „Für deine Kraft ist dies nicht schwierig; es entspricht ihr durchaus. Du hast klar überlegt und würdest es auch vollbringen. Doch mir scheint etwas daran nicht recht zu sein – vielleicht wegen meines großen Unverstands und meines beschränkten weiblichen Urteils.
(13) Wenn die Grausamen mitten über dem Meer kämen und ihre scharfen Pfeile auf dich richteten, müsstest du allein zwischen mir und den giftgleichen Feinden entscheiden. Beides zugleich zu bewältigen würde dich sehr bedrängen. (14) Außerdem gibt es einen weiteren Grund: Der Ruhm des siegreichen Bogens meines edlen Herrn würde befleckt. Könnte man dies noch eine gute Tat nennen? Willst auch du die heimliche List jenes betrügerischen Hundes anwenden? (15) Erst wenn im offenen Kampf alle Götter die Bogentat unseres Königs sehen und Krähen die Augen des schwerttragenden Dämons fressen, der meinen Leib begehrlich ansah – erst dann kann ich wirklich wieder leben. (16) Erst wenn die Bogentat der ehrbewussten Helden vollendet ist und die schamlosen Dämoninnen ihre Nasen und die Zeichen ihres Ehestandes verloren haben, wird die mir zustehende Ehre wiederhergestellt sein.
(17) Wenn dieses goldberghafte Lanka nicht zu einem mächtigen Berg aus den Knochen unserer Feinde wird, wie soll ich anderen meine edle Herkunft, meinen rechten Wandel und meine makellose Treue beweisen? (18) Nicht nur Lanka mit seinen grausamen Bewohnern: Alle grenzenlosen Welten könnte ich durch ein einziges Wort verbrennen. Ich unterlasse es, weil dies der Kraft des Bogens meines reinen Herrn Abbruch täte. (19) Höre noch einen wahren Grund. Außer dem Leib des löwengleichen Helden darf mich kein anderer berühren. Auch dich erkennen die fünf Sinne als männlich. Wie könnte ich also diese deine Gestalt berühren? (20) Hätte jener mich berührt, wäre mein Leben dann so viele Tage im Körper geblieben? Der Niedrige wusste, dass ich noch vor einem Augenblick sterben würde. Darum riss er mit seinen starken Händen den Erdboden aus und trug mich damit fort.
(21) Der uralte Lotusgeborene hat ihn verflucht: ‚Berührst du den Leib einer Frau, deren Herz dich nicht begehrt, sollen deine prächtigen Köpfe zerspringen!‘ Dieser Fluch bewahrte mein kostbares Leben. (22) Dass dieser Fluch besteht, berichtete mir die barmherzige Tochter des wahrhaftigen, heldenhaften Vibhishana mit der strahlenden Krone, um meine Furcht zu vertreiben. (23) Nur weil das wahr ist, lebe ich; andernfalls wäre ich längst gestorben. In der Gewissheit, dass das Recht nicht versagt, im Vertrauen auf die Macht meines Herrn und um meine schamhafte Reinheit zu beweisen, habe ich so lange ausgeharrt. (24) Sieh mit deinen wahrheitserkennenden Augen, Herr: Hier steht noch die lange Hütte, die der jüngere Bruder errichtete, zusammen mit der Erde, die der Dämon dort ausgrub und hier absetzte.
(25) Ich verlasse diesen Ort keinen Tag. Nur um mein schwankendes Leben zu bewahren, suche ich den wasserreichen Teich mit seinen frischen duftenden Blüten auf: Er erinnert mich an den Leib meines Bogenträgerhelden. (26) Darum ist dein Vorschlag nicht der richtige Weg. Deine Aufgabe ist jetzt, zu dem leidenden Herrn der Veden zurückzukehren.“ So sprach die Vogelstimmige. Der Makellose erwiderte: (27) „Gut, wahrhaft gut ist das asketische Wirken der großen Königin, der Gefährtin des Herrn dieser Welt!“ Er pries sie mit frohem Herzen; Zweifel und Bekümmernis wichen von ihm. (28) „Raghava wird diese verdunkelte Welt wieder erhellen. Ertrage nur noch wenige Tage das Leid. Welche Worte soll ich dem vom Schmerz verwirrten König überbringen? Gewähre mir deine Botschaft!“ Er verneigte sich zu ihren Füßen.
(29) „Noch einen Monat werde ich hier bleiben. Rechtschaffener, das sage ich dir ausdrücklich. Danach kann ich mein Leben nicht mehr festhalten. Bei jenem König schwöre ich es: Bewahre dies in deinem Herzen! (30) Bitte ihn: ‚Selbst wenn ich keine würdige Gattin für deine mit Halsketten geschmückte heilige Brust bin, selbst wenn dein Herz keine milde Barmherzigkeit mehr für mich empfindet – bewahre wenigstens deinen Heldenruhm!‘ (31) Dem ruhmreich siegreichen jüngeren Bruder sage dieses eine Wort: ‚Du hast mich auf Geheiß des Königs beschützt. Deshalb liegt es gerade dir ob, mich aus der furchtbaren Gefangenschaft zu befreien, in die ich inzwischen geriet.‘ (32) Sage meinem Herrn: ‚Wenn er innerhalb eines Monats nicht hierherkommt, weil die Frucht meiner Askese erschöpft ist, möge er mir mit seiner eigenen roten Hand die Totenpflichten am Ufer des wasserreichen Ganges erweisen.‘
(33) Meinen drei verehrungswürdigen Schwiegermüttern sage: ‚Sita stirbt dort und verneigt sich vor euch.‘ Selbst wenn der Herr des Rechts diese Botschaft aus mangelndem Erbarmen vergisst: Du, Herr, vergiss sie nicht! (34) Erinnere sein heiliges Ohr an das gute Versprechen, das er mir an dem Tag gab, als er meine Hand ergriff: ‚In diesem Leben werde ich eine zweite Frau nicht einmal in Gedanken berühren.‘ (35) Sage ihm: ‚Sie verneigt sich und bittet um die sündentilgende Gnade, selbst wenn ihr kostbares Leben hier endet, wiedergeboren zu werden und deinen Leib berühren zu dürfen.‘ (36) Mir ist es nicht beschieden, ihn auf dem Königsthron regieren oder auf einem Elefanten mit kostbarem Brustschmuck durch die Straßen ziehen zu sehen. Was helfen Worte? Ich denke nur an das Schicksal meiner früheren Taten.
(37) Die Welt sehnt sich erschöpft nach ihm; seine Mutter leidet, und Bharata erträgt dort große Qual. Muss er nicht dorthin gehen? Wie könnte er stattdessen hierherkommen, um nach mir zu sehen? (38) Übermittle meinem Vater, meiner Mutter und allen Verwandten meine Verehrung. Dem Affenkönig sage: ‚Begleite und beschütze den Mann mit den schönen Schultern und mache ihn zum König seiner unermesslich reichen Stadt.‘“ (39) Als sie so sprach, erwiderte er: „Frau, deine Verzweiflung ist noch immer nicht gewichen!“ Mit passenden Gründen und freundlichen Worten machte er ihr die Lage klar. (40) „Du wirst also hier sterben – gewiss! Er aber wird sich beruhigen, sein liebes Leben bewahren, in jene Stadt zurückkehren und sich dort die Krone aufsetzen! Das ist doch wohl wahr?
(41) Und derjenige, der dich, die Treue, in dieser verhassten Gefangenschaft hält, wird ebenfalls weiterleben! Die Bogenträger werden als Lügner davonziehen! Was könnte diesem herrlichen Ausgang wohl gleichen? (42) Edle, sollen wir, ohne deine Peiniger zu töten, bloß unser Leben retten und alle heimziehen? Müsste unser Herr dann nicht auch seinen Bogen mitnehmen – zu welchem Zweck eigentlich? (43) Er gab uns einen großen, unverminderten Reichtum. Wenn wir es unterließen, dein unabsehbares Leid zu überwinden und dich ihm zurückzugeben: Wer könnte uns an Vortrefflichkeit übertreffen? (44) Er sagte: ‚Erst wenn ich diejenigen getötet habe, die gute Menschen verschlingen, und Geister ihre Eingeweide fressen, werde ich mein Reich annehmen.‘ Würde es zu einem solchen Herrn passen, jetzt untätig zu bleiben?
(45) Sollten wir zurückkehren und erklären, wir könnten dich aus der Gefangenschaft unwürdiger Feinde nicht befreien? Würden die Menschen des Landes, die Guten und die Kenner der heiligen Bücher eine solche Rede anhören? (46) ‚Die wahrhaftige, treue Frau starb, bevor die unwürdigen Betrüger sie berühren konnten.‘ Wenn wir uns mit dieser Nachricht trösteten und zurückkehrten – würde darin unser Heldenmut etwa strahlen? (47) Wenn du elend vor Kummer stirbst, ließe sich der Schaden doch nicht mehr beheben, selbst wenn er mit seinen schrecklichen Pfeilen die Feinde und alle sieben Welten verbrennte! (48) Goldene, schon zuvor wollte der zornige Bogenträger die drei Welten vernichten. Wenn er von einem solchen Ende erführe, würde er dann noch Maß und Gerechtigkeit bewahren?
(49) Wenn sein entbrannter Zorn erst mit dem Leben der Schuldigen gesättigt wäre und dennoch nicht zurückwiche, was bliebe sonst? Würden nicht Erde und Himmel zugrunde gehen? (50) Würden die Pfeile des Herrn mit dem Diskus dann nicht alle siebenmal sieben Welten mitsamt den tiefen kühlen Meeren verschlingen wie das Feuer am Ende eines Weltzeitalters? (51) Willst du nicht den Ruhm erleben: ‚Er vernichtete die Feinde der Götter, verhinderte böse Taten, erhob die Würdigen und schenkte dauerhaft die Frucht guter Werke‘? (52) Wäre es nicht gut, wenn durch dich das Recht Bestand hätte und wir alle glückliche Tage sähen, nachdem du das Leid noch diese wenigen schmerzlichen Tage getragen hast?
(53) Willst du nicht die gute Wendung sehen: Geister baden in dem widerlichen Wundblut der Übeltäter, und mit jedem Untertauchen jubeln die bisher versteckten Götter von Herzen? (54) Du wirst sehen, wie flammende Pfeile gleich dem Donner am Weltende Wunden reißen. Das daraus strömende dunkle Blut wird die sieben wogenden Meere zu einem einzigen brausenden Meer vereinigen. (55) Du wirst sehen, wie die tränenäugigen Frauen sich auf ihre großen schwangeren Bäuche schlagen und erschöpft niedersinken. Ihre abgeschnittenen Eheketten werden einen himmelhohen Berg bilden, den selbst Vali schwer überspringen könnte. (56) Du wirst sehen, wie himmelhohe Geister und unzählige Scharen kräftig beflügelter Aasvögel in das Meer des Wundbluts tauchen und sich anschließend in den Tränenflüssen der Frauen baden.
(57) Auf den Bühnen, wo himmlische Tänzerinnen zu Trommelschlägen und melodischen Saitenklängen tanzten, wirst du dann heldenhafte Affen nacheinander ihre Tänze aufführen sehen. (58) Die Blutströme aus den Wunden der verbrecherischen Dämonen werden Wellen schlagen und berghohe Leichenmassen mitreißen. Du wirst sehen, wie diese sich häufen und das große Meer an seinen Ufern verstopfen. (59) Du, Janaki, bist das Feuer in der Mitte; die bösen Dämonen werden darin zu glühender Kohle. Die Pfeile aus der Hand des Makellosen wirken wie unermesslicher Blasebalgwind. Du wirst das goldreiche Lanka darin schmelzen sehen. (60) Krähen werden auf die Köpfe des kriegslustigen Ravana springen. Mit spitzen Schnäbeln reißen sie die Augen heraus, die deinen glückverheißenden, makellosen Leib angesehen haben, und fressen sie vor deinen Augen.
(61) Die großen Elefanten der Himmelsrichtungen, einst von Ravana besiegt und beschämt abgewandt, werden sehen, wie Pfeile seine Köpfe abschlagen und schmetternd vor ihre Füße werfen. (62) Die goldenen Fahnen Lankas flattern wie Tücher, mit denen man den Schweiß des dunklen Himmels abwischt, wenn Wolken Regen ergießen. Du wirst dort Geister mit Staub umhüllt aufbrüllen und lärmend tanzen sehen. (63) Das Blut der dunklen Dämonen wird das Meer überfüllen und dessen Wasser in die Flüsse zurückdrängen. Du wirst sogar den Todesgott, der selbst am Weltende seines Werkes nicht überdrüssig wird, voller Abscheu das Leben aushauchen sehen. (64) In den duftenden Wunschbaumgärten und Teichen, wo Dämonen mit jungen himmlischen Frauen spielten, werden Scharen von Geistern baden, geschmückt mit Girlanden aus verschlungenen Gedärmen.
(65) Wozu noch mehr sagen? Die göttlichen Pfeile werden die Dämonen hier zermalmen, weiterfliegen, die drei Welten durchsuchen und auch die Dämonen jenseits dieser Welt vernichten. Das wirst du sehen. (66) Du brauchst hier nicht einmal noch einen Monat im Leid zu bleiben. Es fehlt nur, dass ich den Helden schnell erreiche. Wird danach noch Zeit vergehen? Könnte der Edle auch nur einen Augenblick länger ausharren? (67) Von ihm lässt sich nur noch sagen, dass Leben vorhanden ist. Im ganzen großen Wald gibt es keine Blüte, kein Blatt, keinen Spross, keinen Hain und keine Ranke, die bei Berührung mit dem Leib deines geliebten Helden nicht versengt und verbrannt wäre. (68) Kummer setzt doch voraus, dass noch klares Bewusstsein besteht. Selbst wenn Wolken donnern, ein Blitz niederfällt oder eine fünfköpfige Schlange Brust und Schultern bedrängt: Würde er überhaupt etwas wahrnehmen?
(69) Sein Leben schwankt hin und her wie Joghurt unter dem Quirl; seine Sinne geraten ins Taumeln. Wie viele Arten von Verwirrung und Schmerz hat die Trennung von dir hervorgebracht! Könnte man sie zählen? (70) Glaubst du, dass jemand in diesem Zustand noch warten kann? Wenn du meine aufrichtigen Worte erkannt hast und mir Abschied gewährst, werde ich dir alles Gesagte so deutlich vor Augen stellen wie eine Nelli-Frucht in deiner Hand. (71) Mutter, noch bevor der Reine und der Affenkönig sich deiner Botschaft ganz erfreut haben, wirst du schon froh das Brüllen der großen Affen hören, die das Meer überbrückt und Lanka umringt haben. (72) Wenn morgen das unzählbare Heer diese Stadt erreicht, wirst du in seiner Mitte den dunklen Herrn auf meinem breiten Rücken sehen, wie Vishnu im Himmel auf Garuda erstrahlt.
(73) Auf Angadas Schulter wird der jüngere Bruder leuchten wie die junge Sonne über einem Berg. Das Kriegsheer kommt und lagert hier. Dein Leid, deine Verwirrung, deine Zweifel und deine Einsamkeit werden verschwinden. (74) Du mit den blumenduftenden Locken: Sollte er dich innerhalb der von dir gesetzten Frist nicht aus dieser unerreichbaren Gefangenschaft befreien, müsste dann nicht Rama statt Ravana die grenzenlose Schmach und Schuld tragen?“ (75) Diese untadeligen Worte brachten ihr Klarheit. Ihr Herz jubelte; sie fühlte sich gerettet und erkannte, dass es gut sei, ihn nun gehen zu lassen. Die Pfauengleiche sprach noch einige Worte. (76) „Herr, gehe schnell; du wirst alles Böse überwinden. Mehr will ich nicht sagen. Edler, ich gebe dir nur noch einige Erinnerungszeichen aus früherer Zeit; der König wird sie erkennen“, sagte die sanft Sprechende.
(77) „Berichte ihm behutsam von jenem Tag auf dem schönen, wolkenberührten Berg: Eine Krähe kam an meinen Leib und verletzte mich mit scharfen Krallen. Zornig nahm er einen Grashalm vom steinigen Boden und entsandte ihn als glühend furchtbare Waffe gegen sie. (78) Als ich fragte: ‚König, welchen Namen soll ich meinem zarten Papagei geben, der mir wie das eigene Leben lieb ist?‘, antwortete er liebevoll: ‚Nenne ihn nach meiner Mutter, der untadeligen Tochter des Kekaya-Königs.‘ Wahrhaftiger, richte ihm diese wahren Worte aus.“ (79) Dann erkannte sie, dass kein anderes großes Erkennungszeichen diesem gleichen könnte: dem Schmuckstück, das in ihrem heiligen Gewand eingewickelt lag. Sein Glanz übertraf die Lichter oberhalb und unterhalb der Erde. (80) Sie nahm es in ihre blütenzarte Hand und seufzte beim Gedanken an den König. Hanuman staunte: „Was ist das?“ Freude erfüllte ihn. Ringsum wich die schwere schwarze Dunkelheit, die alle sieben Welten verschlungen hatte.
(81) Die grimmig blickenden Dämonen fragten verwundert: „Ist selbst die Sonne furchtlos in diese große Stadt gekommen?“ Die ruhelosen Chakravaka-Vögel freuten sich, die gesenkten Lotusse öffneten sich, und die Sonnensteine glühten auf. (82) Es glich dem Herrscher der Gestirne, der über der dunklen Regenwolke ihres weichen Haares aufgeht; es gehörte zu ihrem heiligen Leib und leuchtete wie die rötlichen Füße des grenzenlosen Helden. Sie zeigte es, und Maruti sah es. (83) „Dies ist mein Kopfschmuck, kostbar wie mein Augenstern; lange blieb er in meinem Gewand verborgen. Er ist ein großes Erkennungszeichen. Edler, du hast mich gesucht und mir mein Leben zurückgegeben. Nimm ihn!“ So übergab ihn die Frau von wahrem Ruhm. (84) Hanuman nahm ihn ehrfürchtig an, wickelte ihn sicher in sein Tuch und band ihn so fest, dass ihm nichts geschehen konnte. Weinend verneigte er sich, umschritt sie dreimal und grüßte sie nochmals. Die einer gemalten Schönheit Gleichende segnete ihn liebevoll. Dann ging er fort.
5.7 – Die Zerstörung des Hains
(1) Mit dem Gedanken an den Rückweg nach Norden richtete Hanuman sich auf und ging rasch durch den blütenreichen Garten. Doch er erkannte: „Nur diese kleine Aufgabe zu erfüllen und dann fortzugehen wäre nicht genug.“ Er überlegte, welche weitere Tat zu vollbringen sei. (2) „Ich habe weder die niederen Feinde zerschlagen noch ihre alte befestigte Stadt ins Meer der Fische geworfen und die Hirschäugige zu den blütengleichen Füßen des Helden gebracht. Wie darf ich mich unter solchen Umständen seinen Diener nennen? (3) Ich habe den betrügerischen Dämon nicht überwältigt, seine zehn Köpfe mit meinem langen Schwanz an die Schultern gebunden und ihn gefangen gesetzt. Ich habe ihn nicht besiegt. Ist die Behauptung, einer könne dem anderen Zuflucht sein, dann gerechtfertigt? (4) Ich könnte dieses Dämonenmeer mit meiner Kraft aufwühlen, während der mächtige Dämon selbst hilflos zusehen müsste. Was fehlte noch, wenn ich seine Gemahlin mit dem schönen Leib bei den blumengeschmückten Haaren packte und gefangen nähme?
(5) Es gibt jetzt nichts anderes mehr zu überlegen. Ich muss diese Dämonen in die Flucht schlagen, ihre Macht erschüttern und unsere volle Stärke zeigen. Doch wodurch bringe ich sie dazu, einen erbitterten Kampf zu beginnen?“ (6) „Ich werde diesen Garten schnell vernichten. Wenn sie den gewaltigen Lärm hören, kommen die Dämonen in glühendem Zorn gegen mich. Dann werde ich ihre Kraft zerbrechen und ihnen das Leben nehmen. Das ist der richtige Plan. (7) Wenn von allen, die kommen, keiner zurückkehrt, weil jeder fällt, wird der schwer zu bezwingende Dämon selbst vorrücken. Dann zerschmettere ich seine gekrönten Köpfe, stille den heißen Schmerz meines Herzens und kehre zufrieden zurück.“ (8) So dachte er und nahm seine große Gestalt an: Seine beiden Schultern glichen Bergen, um die Sonne und Mond ziehen. Wie der Eber, der einst die Erde auf den Hauern trug, zertrat er den dicht bewachsenen, duftenden Garten.
(9) Bäume endeten, spalteten, brachen und zerquetschten sich; sie knickten, zerfielen, kippten und splitterten. Sie stürzten, zerschellten, brannten und verkohlten; sie zerbrachen, zerbarsten, verloren ihre Blätter und zerstreuten sich. (10) Manche wurden entwurzelt, manche verbrannten; manche verfingen sich oben in den Wolken. Andere rissen beim Sturz sogar den Meeresgrund auf; einige stießen mitsamt den Bienen gegen die Himmelsstadt. Wieder andere zerfielen oder platzten auseinander. (11) Die umhergeschleuderten Bäume wurden den großen Elefanten der Himmelsrichtungen zu frischem Futter. Diejenigen, die er an den Wurzeln ergriff und emporwarf, flogen durch den Himmel und zerstörten sogar den Nandana-Garten der Götter. (12) Sie wühlten die Meereswogen auf, stürzten auf die weiten Paläste der Dämonen und zertrümmerten sie. Sie prallten gegen die großen Weltberge und zerfielen zu Staub; ihre weißen Blüten fielen zusammen mit den erschütterten Sternen herab.
(13) Die mit gekrümmten langen Wurzeln herausgerissenen und über die ganze Welt geschleuderten Bäume glichen Zweigen, die die Elefanten der Himmelsrichtungen mit erhobenem Rüssel für ihre Weibchen pflücken und zwischen den Stoßzähnen tragen. (14) In der Welt der Vidyadharas, auf dem Berg der Yakshas und in der himmlischen Stadt der schlaflosen Götter drängten sich rankenschlanke Frauen mit watteweichen Füßen und pflückten die duftenden Blüten aus dem Garten des Giftgleichen. (15) Die schweren goldenen und edelsteingeschmückten Bäume flogen wie Blitze oder Sonnenstrahlen durch die Richtungen. Wenn sie zusammenstießen und zerbrachen, glichen sie den Sternen, die am Weltende aus ihren Bahnen stürzen. (16) Fische im weiten Meer verschlangen Vögel, Bienen, Blüten, Honig, Knospen, junge Blätter und süße Früchte und sprangen vor Freude. Doch die herabfallenden Bäume zerquetschten sie, und sie zuckten im Tod.
(17) Mit den verstreuten Blüten beladen, dufteten die wogenden Meere nun überall nach Blumen und nicht mehr nach Fleisch. Sie glichen Badeteichen, in denen die hohen Götter mit ihren Gemahlinnen vergnügt spielen. (18) Die herausgerissenen Edelsteinterrassen und die zerstörten Gärten, die er unablässig ins Meer schleuderte, füllten dessen Wege auf. Von einer Überfahrt konnte keine Rede mehr sein: Man hätte mit beiden Füßen über das schöne Wasser gehen können. (19) Unter den mächtigen Bäumen, die er in den von sommerlichem Sonnenlicht erfüllten Himmel warf, zerbrachen die Paläste der Dämonen zu Staub wie große Berge unter einem Blitzschlag. (20) Unzählige Millionen emporgeworfener Bäume drängten sich wie kühle Regenwolken zusammen. Hanuman schien aus spöttischer Absicht zu bestimmen: „Heute soll der mächtige Ravana auch im Himmel einen Garten besitzen.“
(21) Honig tropfte herab, Vögel schrien, und die blütenreichen kostbaren Bäume stiegen auf, drängten die Sterne zurück und versprühten Lichtbogen und Strahlen. Sie glichen hohen Palästen, die durch den Himmel fliegen. (22) Die riesigen, reichverzweigten Bäume, die der unvergleichlich elefantenstarke Held emporwarf, fielen ins große Meer wie mächtige Wolken, die vom Himmel herabsinken, um Wasser zu schöpfen. (23) Die Haine freigebiger Wunschbäume kehrten in ihre frühere goldene Himmelsstadt zurück: wie Wesen, die zur leidvollen Geburt auf Erden gelangten, dann volle Erkenntnis gewinnen und die Befreiung erreichen. (24) Er zermalmte die Edelsteinböden, zerstückelte die Hallen, schüttete die benachbarten Teiche zu, zerstreute die festen glänzenden Mauern und legte selbst künstlich angelegte hohe Hügel nieder. Er vollbrachte schwer Vollbringbares.
(25) Er schlug die Vengai-Bäume um, riss die Mara-Bäume mit den Wurzeln heraus, brach die hohen Wunschbäume mitsamt ihren Blüten, entwurzelte die Reihen von Champaka-Bäumen und zerschlug die fruchttragenden Mangoäste. (26) Sandelbäume zerbrachen unter seinen Füßen und brannten wie gewöhnliches Brennholz, Feuer versprühend. Liebesgott und Frühling verloren ihre Schönheit; die Lustgärten erzitterten und gerieten in Aufruhr. (27) Die Bienen, die berauscht ihre Liebeslieder summten, wurden verwirrt. Große Bäume stürzten mitsamt der Erde; Bühnen zerbarsten und zerfielen, und die Blütenbäume verbrannten und verkohlten. (28) Blätter, Zweige und Ranken, die kühlen Lauben mit jungen Trieben, die Kuckucke lieben, Nischen aus weichen Blüten, duftende Gehölze, goldener Honigregen, Bienen und Pfauen gingen zugrunde.
(29) Die geschleuderten korallenroten Ranken wandten sich wie Blitze in vielen Wolken. Die goldenen Äste der großen Bäume glänzten an den umliegenden Bergen wie der Stirnschmuck gefütterter Elefanten. (30) Das aufgeregte Schreien der Vögel, der donnernde Lärm der zerbrechenden Bäume und das Brüllen des Rechtschaffenen überstiegen selbst die äußeren Grenzen des Weltalls. (31) Patala-Bäume und ausgebreitete Kongu-Bäume stürzten mit den vielfach singenden kühlen Bienen ins hochbrandende Meer. Die Vogelscharen mit ihren Jungen schrien im Getöse. (32) Die Mara-Bäume der schönen, bienenumsummten Ufer fielen in die schlammführenden Flüsse. Lange Stämme stürzten herab, sodass das klare Wasser auseinanderbrach und überschäumend seine Ufer verließ.
(33) Die großen Lotusteiche sahen aus, als hätte man roten Sandel in ihnen verrieben. Durch sein Wüten entstanden mit singenden Bienen und Honig ein Meer aus Gartenbäumen und ein Meer aus Blüten. (34) Sindhuvara-Sträucher flogen in alle Richtungen und gerieten in die langen, brandenden Meereswogen. Tore stürzten mit Flügeln und Riegeln; die zugehörigen Bauten sanken zertrümmert in den Staub. (35) Die frischen Gartenblüten verbreiteten ihren Duft am weiten Himmel. Als sie sich dort verstreuten und herabfielen, glänzte das Wogenmeer wie mit roten Edelsteinen besät; seine weißen Muscheln wurden umhergetrieben. (36) Die Bäume mit goldenen Ästen und verschiedenfarbigen Edelsteinblüten, die er zum Himmel schleuderte, glichen Indras leuchtend aufgespanntem Bogen – als wollte dieser damit noch im selben Augenblick töten.
(37) Als der Herr die Gartenbäume umherschleuderte, zerbrachen Elefantenställe, Tanzhallen, Trinkhäuser, Pferdeställe und die übrigen Gebäude mitsamt den girlandengeschmückten Wagen. (38) Die reinen goldenen Ranken, die er stromartig in alle Richtungen warf, sahen aus wie Bündel von Sonnenstrahlen, die abreißen, herabfallen und in das dunkle Meer tauchen. (39) Er schleuderte große Bäume und gewaltige Hügel weit auseinander. Die blitzenden hohen Goldmauern zerdrückten sich; in den Palästen stiegen Feuer und Asche auf. Ganz Lanka geriet in panische Flucht. (40) Der Mond verbarg sich, als fürchte er Ravanas Zorn: „Du hast mich mit der Sehnsucht nach Sita mit den roten Fruchtlippen verbrannt; nun stehst du da und siehst zu, wie vor den Augen der feindlichen Götter mein großer Garten zerstört wird!“
(41) Der Liebesgarten bestand aus makellosen Bäumen, kunstvoll aus reinsten Edelsteinen, Gold und strahlenden Steinen geschaffen. Der Held griff sie mit beiden Händen und warf sie in jede Richtung. Ihr Licht ließ sämtliche Welten hell werden. (42) Tiere schrien erschrocken und verloren die Fassung. Vögel wurden an den Augen verletzt; manche stürzten ins Meer, andere flatterten, bebten, flogen in den Himmel, fielen zur Erde, schlugen mit den Flügeln, zogen sie wieder ein und starben. (43) Die Vögel, die an den dicht belaubten göttlichen Bäumen nisteten, gelangten mitsamt ihren Nestern in den Himmel – schon durch die zornige Berührung des Helden mit den berggleichen Schultern und der breiten, sonnengleichen Brust. Welchen Zustand würde dann erst seine Gnade schenken? (44) Nur der Baum, unter dem die schwanengleiche Frau mit dem bekümmerten Herzen saß, blieb in dem jungen, vogelreichen, von falschen Dämonen bewachten Garten stehen: wie der Banyan, auf dem der Herr beim Untergang aller drei Welten ruht.
(45) „Ach, sie gab den König ihrer strahlenden Haarjuwelen als Erkennungszeichen für den Geliebten fort und ist nun ohne Schmuck!“ Als wolle das brandende Meer für Sita mit den dichten Locken einen neuen Kopfschmuck hervorholen und schenken, ließ es die Sonne aufsteigen. (46) Nachdem er alle ausgedehnten Gärten zerstört hatte, stand Hanuman allein da: wie der, der die vierzehn Welten ausmaß; wie der König der gewaltigen Berge mitten im Meer; wie Rudra am Ende eines Weltzeitalters. (47) Da erwachten die Dämoninnen und blickten auf den Reinen, der wie ein goldener Berg dastand. Zorn wich der Angst. „Mutter, was ist das für eine Gestalt? Wer ist er?“ Sie fragten die Schönstirnige: „Frau, kennst du ihn?“ (48) Sie antwortete: „Böse kennen die bösen Taten anderer Böser. Wie sollten die Reinen sie verstehen? Eure Listen sind vielfältig. Als jener Hirsch erschien, sagte sogar der jüngere Bruder meines Herrn, es sei Dämonenzauber; dennoch hielt ich ihn töricht für echt.“
(49) Die Dämoninnen schlugen sich auf den Bauch und liefen davon, sodass Berge, Erde, Himmel und Meere zu schwanken schienen. Hanuman, seinem Vater gleich, sah ein noch stehendes Heiligtum. „Auch dieses werde ich beseitigen“, dachte er und ergriff es mit seinen breiten Händen. (50) Es war kaum zu überblicken; Wolken konnten kaum darüberziehen. Seine festen Säulen waren kaum zu zählen, und selbst nachts konnte keine Dunkelheit darin wohnen. Es ragte so hoch, dass Meru beschämt und bekümmert wurde; die Erde schien seine Last kaum zu tragen. (51) Brahma selbst hatte es auf Befehl des Zwanzigarmigen aus reinem Gold geschaffen. Seine Schönheit verschlang jede Finsternis, selbst die, welche am Mond zehrt, dessen lange gesammeltes Licht wie frisch ausgegossene Milch fließt. (52) Die Säulen bestanden aus strahlenden Juwelen, ringsum glänzten Perlen und Gold; kostbare Edelsteinwände strahlten von allen Seiten. Es hätte der weithin leuchtenden Sonne selbst als Schmuck dienen können. Seine wunderbare Art übersteigt das Lob von Menschen wie uns.
(53) Hanuman hatte gehört, jener grausame Dämon habe einst den Silberberg mitsamt seinen Wurzeln aufgehoben. Um diese Tat gering erscheinen zu lassen, riss er das Heiligtum mit seinen scharfkralligen Händen aus der Erde, als hebe er den goldenen Meru selbst empor. (54) Er schleuderte es auf Lanka. Himmelragende Paläste wurden getroffen und zerfielen zu Staub; die benachbarten Bauten spalteten sich. Funken fielen und entzündeten Feuer. Die Dämonen bebten, Krieger starben. Können Menschen, die Verderben betreiben, ihm entgehen? (55) Die göttlichen Hüter der Jahreszeiten, denen der ausgedehnte Garten anvertraut war, liefen herbei. Ihre Kleider waren nass, Angst setzte ihre Herzen in Brand, ihre Körper zitterten und ihre Füße stolperten ineinander. Aus weit geöffneten Mündern schrien sie über den Lärm der Stadt hinweg. (56) Sie fielen vor dem furchtbar Zornigen nieder: „Herrscher, dessen Macht über die von Elefanten getragenen Richtungen reicht! Wir können den Garten nicht schützen. Ein Affe mit berggleichen mächtigen Schultern reißt ihn auseinander; er zerfällt leichter als ein zerknittertes Tuch.“
(57) „Was geschah, ist schwer zu beschreiben. Mit Händen und Füßen zermahlte er den Garten, sodass kein Grashalm übrigblieb. Dann riss er das goldglänzende Heiligtum samt dem Fundament heraus und schleuderte es fort. Bis auf wenige Stellen ist selbst das göttliche Lanka zerstört.“ (58) „Ein einziger Affe hat also den Goldbaumgarten zertrümmert, das von Dämonen bewachte einzigartige Heiligtum ausgerissen und Lanka zerstört! Schön ist unsere Dämonenherrlichkeit! Nicht einmal Toren würden so etwas erzählen.“ Der König lächelte spöttisch. (59) Die Hüter erwiderten: „König, zu preisen ist vielmehr die Festigkeit der Erde, die seine Gestalt trägt. Ihn einen der drei höchsten, von Weisen verehrten Götter zu nennen, wäre noch unzureichend. Herr, sieh diesen Affen jetzt selbst an!“ (60) Hanuman brüllte. Durch Risse in der Erdscheibe drängte das Meer in Höhlen; die Elefanten der acht Richtungen und die Götter flohen. Schwangere Dämoninnen verloren ihre Leibesfrucht, und das Weltall schien auseinanderzubrechen.
5.8 – Die Tötung der Kinkaras
(1) Sein Ruf drang durch alle zwanzig Ohren Ravanas und ließ die mit kostbaren Kronen geschmückten Köpfe schwanken: wie Donner in einer Berghöhle, wie das furchtbare Brausen des Meeres, wie das Krachen von Shivas zerbrechendem Bogen. (2) Mit einem flüchtigen Lächeln und aufsteigendem Unmut entsandte Ravana zahllose Männer von grenzenloser Kraft: „Versperrt ihm schnell die Wege, auch durch den Himmel, damit er nicht entkommt. Tötet ihn nicht; fangt den Affen mit Leichtigkeit und bringt ihn her!“ (3) Sie trugen Dreizacke, Schwerter, Keulen, scharfe Speere, Wurfspieße, Stäbe und Schleuderwaffen. Ihre Leiber glichen Gift; sie eilten voran wie das mächtig aufsteigende Meer zur Zeit der Weltvernichtung. (4) Die Nachricht „Auf Erden gibt es einen Kampf“ berauschte ihre Herzen mehr als Honigwein. Ihre Ausdehnung übertraf Wälder, ihr Lärm das Meer, ihr Ruhm den Himmel und ihr Leib die Berge.
(5) Mit verbissenem Zorn hatten sie die zwei feindlichen Mächte, Götter und Danavas, niedergeworfen und Ruhm gewonnen. Nun schämten sie sich lange bei dem Gedanken, dass ihr Kriegsgegner nur ein kleiner, von Blüten lebender Affe sei. (6) Sie trugen gebundene Schwerter, angelegte Panzer und Heldenringe. Ihre Schultern stießen an die Himmelsrichtungen, ihre Hände streiften Wolken, ihre Kronen reichten zum Himmel. Mit den Füßen traten sie Berge um; ihre Stimmen dröhnten wie dicht geschlagene Trommeln und Donnerwolken. (7) Ihre Schultern zeigten Narben göttlicher Waffen und die Wundmale der Geschosse der Danavas. In ihre riesigen Mäuler stopften sie Elefanten samt Weibchen. Ihre Hauer glichen jungen gekrümmten Mondsicheln; ihre Augen glühten. (8) Diskusse, Stampfkeulen, Stäbe, scharfe Klingen, Schwerter, Eisenriegel, Muscheln, Hämmer, Keulen, Schleuderwaffen, Speere, Dreizacke, Dornstöcke, goldene Schlagwaffen, Donnerkeile, Schlingen, glänzende Äxte, schwere Stangen, goldene Lanzen, Bogen, dunkle Pfeile, Wurfspeere und eiserne Spieße blitzten.
(9) Goldene göttliche Schmuckstücke glänzten an ihren berggleichen Schultern; Waffen, Augen und Leiber strahlten grell. Auf „Was ist?“ antworteten andere ebenfalls „Was? Was?“, ohne zu wissen, was geschehen war. Die Hinteren drängten die Vorderen so heftig, dass deren Rücken zu brennen schienen. (10) Ihre heißen Waffen blitzten; sie spannten Bogen, schleuderten die Beine vorwärts, ragten in den dunklen Himmel und pressten die Lippen zusammen. Sie glichen den gewaltigen Regenwolken, die am Weltende aufsteigen, um alles zu überfluten. (11) „Ein einzelner Affe hat offenbar den kühlen Garten verwüstet und das Heiligtum ausgerissen! Schön ist unser Stolz! Gibt es eine größere Schande?“ So schrien sie zornig und drängten springend nach vorn. (12) Trommelschläge, das Getöse gespannter Bogensehnen, klirrende Heldenringe, Muschelrufe und dröhnende Drohungen vereinigten sich zu einem Lärm, der selbst den großen Wogenmeeren und Regenwolken des Weltendes die Stimme nahm.
(13) Weil in den Straßen kein Platz war, gingen manche durch die Luft. Andere krümmten Brauen und Bogen und stießen Rauch aus. Sie überholten einander, missachteten jede Ordnung und schrien: „Lanka ist nicht weit genug!“, weil sie keinen Weg fanden. (14) Manche schüttelten ihre Schwertscheiden, andere bissen sich auf die Lippen. Sie schlugen sich auf die Schultern und zertraten Felsen zu Staub. Ohne Raum für einen Schritt drängten sie stolz vorwärts, knirschten mit den gekrümmten Hauern und glühten wie Feuer. (15) Alle standen wie Berge da, alle beherrschten zahllose Waffen, alle waren im Kampf ausgezeichnet und ließen beim Marschieren die weite Erde schwanken. Alle besaßen Gnadengaben, trugen blitzende Schmuckstücke, hatten Götter besiegt und Asuras das Leben genommen. (16) Als im schweren Kampf die gepanzerten Nivatakavachas und die schlangenstarken, mit Heldenringen geschmückten Krieger flohen, hatten diese gelächelt. Sie zerstörten Alaka und Kuberas großen Ruhm. Weil ihnen kein Gegner gewachsen war, zogen sie mit kampfjuckenden Schultern durch die Welt.
(17) „Tretet die Berge um! Trinkt das Meer! Werft die Sonne herunter! Presst die sieben Regenwolken aus! Zermahlt den Schlangenkönig mitsamt der Erde! Hebt die Erde auf!“ – Jeden dieser Befehle hätte ein Einziger von ihnen ausführen können. (18) Die aufsteigende Staubwolke ließ die Götter ihre Augen schließen. Furchtlos kamen sie mit Pfeilgeschwindigkeit, wie Scharen wilder Löwen, Rudel schnellfüßiger Tiger, himmelragende Yalis, das Gift des Wogenmeeres oder heranwandernde dunkle Berge. (19) Ihre Augen sprühten Funken, ihr Atem Rauch; ihre Waffenspitzen blitzten, ihre Stimmen donnerten. Sie eilten in alle Richtungen und umringten den entstellten Garten, der dem Himmel glich, aus dem der Sturm am Weltende Wolken und Sterne vertrieben hat. (20) Hanuman hörte Hörner, Muscheln, dunkles Wolkendonnern, Trommeln und den Kriegsruf, der die Wesen der Erde erschütterte. Er stand wie der himmelragende Kailasa, vor dem selbst die strahlende Sonne erschrocken wich, und sah die Herankommenden.
(21) Schon zuvor hatte er erkannt, dass sein Plan diesen guten Erfolg bringen würde. Gibt es einen besseren Nutzen klarer Einsicht, wenn sie zur rechten Handlung führt? Der über alle Erhabene freute sich, dass die Verwüstung eines einzigen Gartens ihm den gewünschten schweren Kampf verschaffte. (22) „Der ist es! Der! Der!“ riefen sie und rückten gegen ihn vor. Schneller als der Wind liefen sie heran und verdunkelten den Tag mit ihrer Masse. Erde, Berge, Himmel und die unvergleichliche Stadt erbebten vom Kriegslärm; sie schleuderten giftgleich leuchtende Waffen. (23) Sie schlugen Trommeln, die Wolken und Meer verstummen ließen, öffneten höhlengleiche Mäuler und stießen zornig dichten Rauch aus. Ihre Schritte schienen bis auf den Nacken der welttragenden Schlange zu drücken. Die waffenwerfende Menge glich einem brennenden Bambuswald. (24 [Quellennummer: 5.8. 24]) Der Rechtschaffene sah es und nahm einen schönen hohen Baum mit langer Blütenfülle in eine Hand. Er freute sich über ihn wie über einen hilfreichen Gefährten und ragte mitten unter ihnen auf wie der Berg, mit dem das volle Meer gequirlt wurde.
(25) Aus ihren mächtigen berggleichen Schultern strömte Blut zur Erde wie lange Wasserfälle von schneekühlen Bergen. Einer stürzte dem anderen nach; ihre großen Köpfe zerbrachen, und sie rollten umher. Hanumans Schläge beschämten selbst Blitze, die harte Berge zerschmettern. (26) Trommelrunde Augen sprangen heraus; sie lagen lang ausgestreckt am Boden. Mondsichelgleiche Hauer gingen verloren, Köpfe und Nacken spalteten sich. Halb lebend wurden sie zerquetscht; Gedärme und Blut vermischten sich. Noch schleuderten sie Waffen, dann brachen die stinkenden Körper zusammen. (27) In den ringsum versprühten heißen Funken rauchte ihr Haar. Schenkel und Rücken wurden zertrennt; Blut floss in Wirbeln. Waffen zerbrachen, lange Arme wurden ausgerissen, Bäuche geöffnet. Sie stürzten wie Berge, während andere zum Kampf vorwärtsdrängten. (28) Sie drängten sich dicht wie Finsternis, rollten lange im Staub und fielen, ihr Leben versprengend. Stimme und Augen verloren sie. Mit Keulen kämpften sie, mit Bogen regneten sie Pfeile; Fußtritte zerdrückten ihre Brust, und zitternd spien sie Blut.
(29) Er schlug sie gegen die umliegenden Berge; manche gelangten bis ins feindliche Alaka. Ihre Körper bedeckten das weite Land, häuften sich bis zur Oberwelt oder stürzten ins wolkenberührte Meer. Verstümmelt flogen sie überallhin; hoch emporgeschleudert verließen sie die Welt mitsamt dem Leib. (30) Feste Köpfe sprangen davon, strahlende Panzer barsten. Goldene Heldenringe, Fußreifen und Halsketten flogen auseinander. Edelsteine zerstreuten sich, große Funken sprühten; Ohrringe und Augäpfel stoben umher. (31) Schwerter zerbrachen und gestreifte Bogen, diamantfeste Schultern und glänzende Äxte samt Dreizacken. Lebensfristen endeten; Reihen weißer Hauer brachen. Füße wurden abgeschlagen und die breiten, waffentragenden Hände. (32) Feste Köpfe sprangen davon, strahlende Panzer barsten. Goldene Heldenringe, Fußreifen und Halsketten flogen auseinander. Edelsteine zerstreuten sich, große Funken sprühten; Ohrringe und Augäpfel stoben umher.
(33) Zahnhaufen zerfielen, Haut und Knochen lösten sich. Hämmer und Keulen zersplitterten, Diskusse zerbrachen. Aus geöffneten Körpern entfloh das Leben; Wurfwaffen und hohe Juwelenkronen fielen auseinander. (34) Viele starben durch seine Füße, viele durch seine breiten Hände, viele durch den Stoß seiner Schultern oder seinen glühenden Blick; andere durch seine Griffe und Faustschläge, durch ihre eigenen Schwerter oder durch Bäume. (35) Einige wurden fortgeschleift und getötet, andere erschlagen; einige herausgerissen, andere zerdrückt. Manche starben durch sein Brüllen, manche durch seine Schläge, manche durch seinen Blick, manche allein vor Angst. (36) Er lief und tötete einige, rang Leib an Leib mit anderen, schlug weitere mit dem langen Baum samt seinen Ranken nieder. Wieder andere suchte er zwischen den Leichen und tötete sie. Er wirbelte umher wie ein Kreisel.
(37) Wer ihn rammte, wurde tödlich gerammt; wer heranstürmte, dem stürmte er entgegen. Wer ihn berggleich umklammerte, wurde von ihm umklammert und vernichtet; wer mit Händen auf seinen Körper schlug, fiel unter seinen Schlägen. Selbst einem Berg gleich stand er da. (38) Ob sie sich duckten, aufrichteten, durch den weiten Himmel flogen oder über den Boden krochen: Er tötete sie. Aus den Augen der dunklen Dämonen mit Heldenringen und glänzenden Waffen sprühten Funken; mit seiner breiten Hand zerbrach er ihre Geschosse. (39) Schlamm, Bodensatz, Hirn und Fett verdichteten sich; die staubigen langen Straßen füllten sich mit Fluten. Die Blutströme sahen aus, als speie das von Hanuman erschütterte Lanka selbst aus unzähligen Mündern. (40) Maruti, den Veden gleich, band sie mit Füßen, Händen und Schwanz und presste sie gegen den Baum. Die Dämonen wurden zerquetscht wie Zuckerrohr in einer Mühle; ihr Blut rann wie Saft in die Mulde des brausenden Meeres.
(41) Jedes Mal, wenn er Dämonen aufhob und schleuderte, rissen ihre Körper feste, beflaggte Paläste und Hallen nieder. Große Elefanten kippten um, Tortürme zerbrachen, Scharen von Elefantenkühen und mächtigen Pferden starben. (42) Von Marutis breiten Händen geschleudert, zerstörten einige mit dem eigenen Leib ihre eigenen Paläste. Manche erschlugen ihre Frauen mit den Füßen; andere töteten ihre Kinder mit den eigenen Waffen. (43 [Quellennummer: 5.8. 43]) Der mächtige Elefantengleiche schien sich der Dämoninnen zu erbarmen: Einige Männer schickte er „nach Hause“, andere gab er den Geliebten zurück wie deren eigenes Leben; selbst zu Frauen, die im Liebesstreit getrennt lebten, beförderte er ihre Männer. (44) Überall lagen verstreute Körper: in allen Bäumen, auf allen Wegen und Plätzen, im Meer, im Inneren der Stadt, im Luftraum, in sämtlichen Dämonenstraßen und in allen Landstrichen.
(45) Der Todesgott, der allem Fleisch das Leben entreißt, erschöpfte sich und brach zusammen. Maruti aber hörte nicht auf zuzuschlagen. Um Sterne, Wolken und immer höhere Himmel drängten sich die entwichenen Seelen; auch alles übrige war von ihnen erfüllt. (46) So verlief der Kampf. Wie von Verblendung ergriffen, entbrannten die Dämonen immer wieder in Zorn und umschlossen Himmel und Himmelsrichtungen. Sie glichen Wolken; Maruti glich der Sonne. (47) Mit ihrem Brüllen und Wogen, ihrer gewaltigen Ausdehnung, dunklen Farbe und ihrem Glanz, mit den fischgleich funkelnden scharfen Waffen glichen die starken Dämonen einem aufgewühlten Meer. Maruti glich dem Quirlberg Mandara. (48) Von Händen, Füßen und Schwanz ergriffen, starben sie mit zerdrückten juwelengeschmückten Köpfen. Wenn sie klagend auffuhren und selbst Götter erschreckten, glichen sie verfolgten Schlangen; Hanuman war ihnen Garuda.
(49) Die stolzen, zornigen Feinde umringten ihn. Obwohl er die Dämonen im fischreichen Meer und auf der ganzen überfüllten Erde niedertrat, schien ihre Zahl nicht zu enden. Sie glichen Elefanten, Hanuman dem Löwen. (50) Geschosse trafen, Schläge prallten, Waffen wurden geworfen, gezogen, gestoßen, hineingebohrt, durchgetrieben und tief eingesenkt. Sie schnitten, umwanden, packten und durchwühlten seinen Leib. Unzählbar waren die glänzenden Wunden auf den großen Ringerschultern des Herrn. (51) Das Kampfgetöse der weißzahnigen Dämonen ließ selbst dunkle Meere und Regenwolken schwitzen. Doch noch höher erhob sich an diesem Tag der Jubel der Himmlischen, die den Helden priesen. (52) Wie viele Millionen Waffen die glühend zornigen Dämonen auch gegen ihn schleuderten: Auf Marutis Schultern konnte man die Wunden nicht mehr von den Blüten unterscheiden, die Götter, Göttinnen und Weise über ihn streuten.
(53) Er wechselte kreiselnd nach allen Richtungen, stieg hoch in den Himmel und kehrte auf die Erde zurück. Die Dämonen wurden müde, fielen und starben. Der gute Held des Rechts aber schwitzte nicht und atmete nicht einmal schwer. (54) Die genaue Zahl derer, die auf Ravanas Befehl gegen Hanuman zogen, kennen wir nicht. Als hätten sie Gift getrunken, starben sie alle. Keiner floh aus Angst oder gab seinen Mut auf. Wer unter den Dämonen wäre heldenhafter gewesen? (55) Die gekommenen Kinkaras waren in einem Augenblick gefallen. Die Gartenhüter flohen zitternd; Hände und Füße versagten. Von gewaltiger Angst im Nacken getrieben, stürzten sie über tausend Leichenhaufen. (56) Schnell erreichten sie den König, doch vor Schluchzen konnten sie nichts sagen. Mit Handzeichen berichteten sie das Geschehen. Sie konnten nicht ruhig stehen, blickten in alle Richtungen und bebten. Schon ihre Not ließ den König verstehen.
(57) „Sind sie gestorben? Oder haben sie heute meinen Befehl verachtet und mich verlassen? Haben sie, im schweren Kampf unterlegen, ihre Pflicht vergessen und sich entfernt? Was ist geschehen?“ Sein Gesicht schwoll vor Zorn; aus jedem Mund stieß er Feuer. (58) „Diese entschlossenen Männer ermüdeten nicht und fürchteten sich nicht auf dem Schlachtfeld. Doch der Affe vernichtete sie vollständig – wie die Geschlechter elender Menschen vergehen, die wissentlich falsches Zeugnis über Landbesitz ablegen.“ (59) Mit beschämtem Herzen blickte Ravana auf die Götter der acht Richtungen, die auf seinen Befehl bei ihm standen. „Ihr scheint nicht zu wissen, was ihr sagt!“ sprach er, als wolle er alle drei Welten verschlingen. (60) Sie konnten nicht weiterreden und schluchzten vor Angst. Der König mit der blumenbekränzten Krone fragte: „Diese furchtbare Nachricht, er habe die Dämonen getötet – habt ihr sie gehört oder selbst gesehen? Sprecht!“
(61) „Wir standen seitlich und sahen es mit eigenen Augen. Er wirbelte durch das Heer, das ihn wie ein kühles Wogenmeer umschloss, und nahm ihm mit einem einzigen Baum das Leben. Dieser Affe wird nicht aufhören!“
5.9 – Die Tötung Jambumalis
(1) Ravana sah Jambumali, der mit gefalteten Händen dastand, mutig, mit berggleichen mächtigen Schultern, an denen Schlangen prangten. „Umschließe ihn mit deinem Heer schneller Pferde, brich seinen Mut, binde ihn mit Stricken und bringe ihn her. Stille den Zorn meines Herzens!“ (2) Jambumali verneigte sich: „Herr, vor unzähligen Dämonen hast du mich bedacht und bestimmt: ‚Du sollst dies vollbringen.‘ Wer könnte höher stehen als ich, nachdem ich solches erlangt habe?“ Er zog aus wie Ravanas Kriegserbitterung in eigener Gestalt. (3) Mit seinem eigenen Heer, den auf Befehl des Zehnköpfigen bereitgestellten königlichen Truppen, dem schwertglänzenden Heeresmeer seines Vaters und den weiteren Abteilungen, die andere ihm ehrend sandten, brach er auf, eines großen Kampfes gewiss. (4) Elefanten mit roten Augen, weißen Hauern und Stirnschmuck donnerten und ragten wie riesige Berge. Breite Wagen mit Rädern, Stofffahnen und hängenden Perlengirlanden umgaben ihn; ihre Schönheit schien Brahmas gesamte Schöpferkunst zu erschöpfen.
(5) Edle Pferde drängten sich, als hätte man Wind eingefangen, ihm Beine und Leben gegeben und den Tod daraufgesetzt. Das Fußvolk glich Scharen unterschiedlicher Tiger mit rollenden grünen Augen, aus den Dickichten der Berge aufgescheucht und dort versammelt. (6) Wurfspieße, Stampfkeulen, scharfe Schwerter, leuchtende Äxte, Donnerkeile, Elefantenhaken, frisch geschliffene Speere, flammende Diskusse, Bogen, schöne Stäbe, schwere Stangen, glühende Wurfwaffen, Todesschlingen, große hölzerne Schlagringe und furchtbare Knüppel glänzten. (7) Hochgehaltene Klingen, Speere, Lanzen und Stangen stachen beim Marschieren empor, als durchbohrten sie die darübergedrängten dunklen Wolken und ließen reines Wasser ausfließen. Ringsum zogen dicht geschart bemalte Fahnen dahin. (8) Vielerlei Instrumente erklangen, große Muscheln dröhnten, die Räder goldener Wagen donnerten und die Pferde wieherten. Goldene Ketten und Bogen tönten, Elefanten brüllten. Der himmelragende Lärm machte selbst die Worte der Götter unverständlich.
(9) Als sein Heer durch die goldene Stadt Lanka zog, stieg donnernd Staub aus dem erschütterten Boden. Er überzog alles so golden, dass sämtliche blitzenden Berge wie Meru und alle anderen alten Städte wie das Paradies erschienen. (10) Zehntausend große Wagen mit schönen Rädern, doppelt so viele Elefanten, doppelt so viele schnelle Pferde wie Elefanten und nochmals doppelt so viel Fußvolk wie Pferde: Dieses Heer zog so dicht um den breiten Wagen des Bösen, dass kein Zwischenraum blieb. (11) Die Wagenkrieger waren Meister der Bogenkunde und vieler Künste, durch Gnadengaben mächtig, mit wildem Blick und grenzenlos starken, diamantfesten Schultern. Sie stammten aus alten Kriegergeschlechtern, trugen Köcher auf dem Rücken und glänzende rotgoldene Panzer über ihrer steinharten Brust. (12) Die Lenker der brunftenden Elefanten glichen in ihrer Pracht Indra auf dem Elefanten der Himmelsrichtung. Geschickt mit gebogenen Waffen und Elefantenhaken, aus Dämonengeschlecht geboren, sprühten ihre Augen Feuer und ihre Körper glänzten wie die Sonne.
(13) Die Reiter beherrschten die Richtungen, die achtzehn Bewegungsarten und den Gebrauch der Kriegswaffen. Ihre girlandengeschmückten Pferde sprangen ihrem Willen folgend voran, als könnten sie über die Köpfe der Wagenkämpfer und Elefantenkrieger hinwegsetzen. (14) Von diesem großen Heer umgeben fuhr der Held mit den strahlenden Hauern auf einem langen goldenen Wagen. Furcht umringte die Götter. Seine Augen glühten wie Feuer in einem Berg; der große Brustpanzer blitzte und warf Sonnenstrahlen zurück. (15) Der Bote des Herrn stand im Garten und dachte: „Noch kommen keine Dämonen.“ Er blickte nach dem Weg und bestieg einen Torbogen, der Indras Regenbogen glich und so hoch reichte, dass Mond und Sterne ihn berührten. (16) Auf dem Torbogen, dessen dunkle Juwelen und Gold mit geordneten Strahlen die Himmelsdunkelheit zerrissen, erschien der Erhabene wie die Sonne, die mitten aus dem Meer aufsteigt und ihren Glanz nach allen Seiten verbreitet.
(17) Der Held brüllte wie der dröhnende Bogen des Helden Rama. Donnerwolken zerstreuten sich, das Meeresbrausen verstummte, Schlangen in Felshöhlen spien Gift und Leben aus. Angst zog in die Herzen der mörderischen Dämonen ein, und die Himmlischen erbebten. (18) Er schlug auf seine Schultern. Die Elefanten der Richtungen verloren ihren stolzen Rausch; selbst Yama im Süden erschrak. Die scheinbar unvergänglichen Sterne fielen wie Blumen vom Himmel, Erde und Berge spalteten sich, das Meer wankte. (19) Die Dämonen brüllten wie das weite Wogenmeer, konnten aber nicht geradeaus vorrücken. Berge von Leichen versperrten den Weg, und heiße Blutfluten stauten sich ringsum. „Welchen Weg sollen wir nehmen?“ fragten sie und stolperten über die Körper ihrer Gefährten. (20) Jambumali ordnete das Heer in verschiedene Formationen und ließ es von beiden Seiten und von vorn nacheinander angreifen; auch seinen eigenen festen Wagen trieb er vor. Dem Helden auf dem Torbogen schwollen die siegreichen Schultern: Endlich kam der ersehnte Gegner.
(21) Hanuman stellte sich zum Kampf bereit. Das Zeichen des Diskusträgers leuchtete auf seiner Stirn wie eine ölgefüllte Lampe. Sein dichtes Haar wirkte wie ein anschwellendes Heer, seine Hände waren mit scharfen Krallenschwertern bewehrt, sein mächtiger Schwanz vollendete die Kampfgestalt. (22) Hörner und weiße Muscheln dröhnten, Bogen klirrten, Kriegsrufe und mächtige Instrumente erschollen. Die schwerttragenden Dämonen entbrannten in Zorn und schleuderten ihre Waffen rasch auf den Helden; deren Glanz ergoss sich wie Sonnenlicht. (23) Mit der Hand schlug er die Waffen des dunklen Dämonenmeers ins große Meer, zerbrach und zerquetschte sie. Funken sprühten auseinander. Feuerzornig griff er nach einer schweren Eisenstange, die dort lag. (24) Ob er saß, aufstand, niedersprang, emporstieg, sich drehte oder angriff, konnten sie nicht unterscheiden. Ob sie sich ausbreiteten, zusammendrängten, auswichen, sich vereinigten oder dicht heranrückten: Seine Schläge streckten sie auf dem Schlachtfeld nieder.
(25) Die geworfenen und geschossenen Waffen, die wie Donner und Blitz auf ihn eindrangen, zerstörte er mit der linken Hand. Mit der rechten kämpfte er: Wilde Elefanten zerbrachen, breite Wagen wurden vernichtet, Pferdescharen stürzten um. (26) Die Elefanten mit den mächtigen Schläfen verloren ihre langen Fahnen, ihre großen Stoßzähne, ihre langen Rüssel und breiten Füße; sie verloren ihr donnerndes Brüllen, ihren Brunftsaft und ihren gewaltigen Zorn. (27) Die breiten Wagenwände wurden zerquetscht, die großen Achsaufbauten, die Jochenden und die Räder; die Griffaufsätze, breiten Geschirre und wilden Zugpferde wurden zermalmt. Die langen Wagen zerfielen. (28) Pferde brachen, rollten, starben und kämpften verzweifelt. Sie stürzten, brannten, wurden zerquetscht und bäumten sich auf. Sie sanken, kippten, zerbrachen, fielen wie Berge, verendeten und blieben liegen.
(29) Die Fußsoldaten erschraken, staunten, fielen und sprangen wieder auf. Sie wurden verwirrt, benommen, umgeworfen und getötet. Sie rollten, flohen, mühten sich, entkamen, krümmten und wälzten sich; manche gingen unter, andere kämpften weiter. (30) Mit Elefanten erschlug er Elefanten; mit Pferden streckte er Pferde zu Boden. Bogentragende Helden vernichtete er mit anderen Helden. Reihen juwelengeschmückter Wagen zerdrückte er mit Wagen. (31) Hirn und Blut wurden zu einer brausenden, tiefen Brühe, in die Elefanten stürzten und versanken. Die berggleichen Dämonen zertrat er mitsamt ihren Schultern und Schwertern, sodass Füße und Köpfe auseinanderflogen. (32) Die Krieger mit den ringkampfgeübten Bergschultern zertrat er mitsamt den Hauern ihrer gekrümmten Münder, den langrüsseligen Elefanten, breiten Füßen, Bogen, Speeren, ihrer Kraft, ihren Kampfrufen, ihrem Leben und der Erde unter ihnen.
(33) In jede rauch- und funkengefüllte Richtung drang er; er sprang auf jeden goldgeschmückten, hoch glänzenden Wagen, bewegte sich über jeden mächtigen Elefanten und jedes Pferd und schritt über alle blitzenden Waffen und Köpfe. (34) Wie ein Blitz am Weltende sprang er auf die Rücken siegreicher Kriegspferde, auf die duftend bekränzten Brüste der Feinde, von einem kostbaren Wagen zum anderen und auf die hohen elefantengleichen Berge, an denen Brunftsaft wie Regen rann. (35) Er drehte sich wie ein unzerbrechlicher großer Stab, wie das ungebundene Erkennen derer, die beide Arten von Karma überwunden haben, wie der Sinn von Frauen, die ihre Zuneigung jedem nach dem gezahlten Preis schenken, und wie ein Kreisel. (36) Als wollte er fehlerlos die Wahrheit zeigen, dass die Diener Haris dessen Eigenschaften erlangen, war er zugleich auf der Erde, im Himmel, überall ringsum und einzeln in Augen und Gedanken jedes Gegners gegenwärtig.
(37) Mit einer breiten Hand schlug er die Pferdescharen samt beflaggten Wagen nieder und zerrieb sie am Boden. Mit der anderen ergriff er die donnernd zornigen, mit Hauern bewehrten Elefantenberge und presste ihnen das Leben aus. (38) Die dunklen, zornig aufstehenden Dämonen mit Hauern, Schlingen, feuerblickenden Augen und mächtigen Spießen dröhnten, als wären sie viele widerstreitende Todesgötter. Hanuman trat jeden nieder wie der strafende Rudra. (39) Diskusse, Wurfspieße, Stampfkeulen, Stäbe, Speere und Schwerter, zertrümmerte Wagen, Pferde, Schirme und Fahnen wurden zusammen mit langrüsseligen Elefanten von großen Blutwogen fortgerollt und ins Meer getragen. (40) Abgeschlagene Köpfe stiegen bis zum Himmel, stießen gegen Berge, füllten die Richtungen und prallten gegeneinander. Sie schlugen und hüpften aneinander vorbei, als spielten Köpfe mit Köpfen ein wildes Ballspiel.
(41) Jambumali blieb allein zurück wie ein mächtiger brunftender Elefant, nachdem ein zorniger Löwe alle anderen Elefanten seines Waldreviers in den Himmel geschickt hat. Seine honigfarbenen Augen spien Feuer; er schwoll vor Zorn, dem Todesgott gleich. (42) Die schneller als der Wind laufenden Zugpferde, die Dämonen und ihre Reihen waren auf dem Feld gefallen. Die Wagenräder sanken in den großen Morast aus Blut und Fett; auch anderswo gab es keinen freien Weg. Dennoch drängte der Unglückliche vorwärts. (43) Hanuman, dessen Wunden ihn wie einen blühenden Baum erscheinen ließen, sagte: „Nur eine Waffe und dieser Wagen bleiben dir. Schwache zu töten wäre nicht recht. Du konntest deine Begleiter nicht schützen. Willst du sterben? Was sonst kannst du allein noch tun? Gehe!“ (44) „Schön, schön ist dein Erbarmen!“ lachte Jambumali feurig. „Du hältst mich offenbar für einen von denen, die sterben.“ Mit seinem festen, diamantstarken Bogen entsandte er scharfe leuchtende Pfeile: einen, zehn, hundert, hunderttausend.
(45) „Nur zu, nur zu! Ist es schwer, mit einem Bogen in der Hand einen Waffenlosen leicht zu besiegen?“ Hanuman lächelte. Mit der Eisenstange zerstreute er sämtliche Pfeile, wie der Wind Wolken nach hier und dort zerreißt. (46) Der Dämon geriet in äußersten Zorn. Er sah, wie seine Pfeile vorn und hinten zerbrachen, ohne zu treffen, lenkte den langen Wagen im Kreis und suchte vergebens eine Öffnung. Schließlich schoss er einen axtförmigen Pfeil und zerschlug Hanumans siegreiche Eisenstange. (47) Der Herr wurde ungeduldig. Mit der Hand schlug er die Pfeile weg und sprang unter dem Jubel der Götter in den Wagen. Er entriss dem Dämon den gespannten Bogen, legte ihn um dessen Hals und zog ihn zusammen. Der berggleiche Kopf fiel mit zusammengepresstem Mund zur Erde. (48) Er sprang und zertrat Wagen, Lenker und Pferde zu Brei; dann bestieg er wieder den hohen Torbogen. Die göttlichen Hüter sahen den Untergang der so Mächtigen, fürchteten sich auf dem Schlachtfeld und liefen davon, ihre Körper wie ausgedörrte Haut.
(49) Vor den Augen der klagenden Frauen ergriff der breite Blutstrom die Leichen ihrer Männer und warf sie in die Häuser. Lanka geriet in Aufruhr, Weinen erhob sich. Das Recht selbst begann zu sprießen: „Heute ist durch ihn die Macht der Dämonen gesunken.“ (50) Die Hüter betraten den unvergleichlichen Palast des goldbekränzten Dämons. Sie standen schluchzend da, konnten vor Angst nicht reden. Ravana lachte: „Zittert nicht!“ Da sagten sie: „Herr, alle Unsrigen sind gefallen. Jambumali ist tot. Es ist nur ein Affe!“ (51) Beim Hören schwoll Ravana auf und erhob sich in brennendem Zorn; je länger er daran dachte, desto mehr Blutblasen drangen aus seinen Augen. „Ich werde den besagten Affen selbst verfolgen und schnell fangen!“ Da traten die fünf Heerführer hervor, die jede Lage zu beurteilen wussten.
5.10 – Die fünf Heerführer
(1) „Mächtiger, wenn du gegen einen Affen ausziehst, der Früchte frisst, werden die Elefanten der Himmelsrichtungen wieder Brunftsaft vergießen. Im Kampf mit dir war dieser unter dem Feuer deines Blicks versiegt wie ein ausgetrockneter Bergwasserfall; nun könnte er wieder aufblühen! (2) Wenn du dich gegen einen Affen wendest, wäre das wie der glühend zornige, starkgeflügelte Garuda gegen eine Mücke. Der schöne Silberberg, der Tag und Nacht beim Gedanken an deine bekränzten Schultern zittert, würde von seiner schweren Angst befreit. (3) Was soll daraus werden? Wer seine Würde verliert, gewinnt nichts, das man sehen oder hören könnte. Welche Erniedrigung wäre dieser gleich? Zögest du gegen einen Affen aus, würden selbst die drei höchsten Götter lächeln. (4) Außerdem sähe es aus, als hättest du keine Diener, König. Du hast schwache Männer ohne Siegeskraft geschickt. Wenn du heute einen guten Ausgang sehen willst, gestatte uns zu gehen.“ Sie verneigten sich mit gefalteten Händen; Ravana stimmte zu.
(5) Die fünf, hoch angesehen wie Oberhäupter aller drei Welten, beugten ihre Stirnzeichen bis zur Erde und verließen den Palast. Sie befahlen: „Das unerschöpfliche Kriegsheer mit unzähligen Wagen, Pferden, Elefanten und Soldaten soll unverzüglich kommen!“ (6) Auf Elefanten schlug man die Trommeln, und die Ausrufer verkündeten den Befehl. Wie das schäumende Meer breitete sich das Heer aus. Kriegstrommeln donnerten wie schwere Regenwolken; Waffen drängten sich wie Regenbogen am sternreichen Himmel. (7) Die großen weißen Heeresfahnen an wolkendurchstoßenden Masten wogten im Wind wie der Ruhm der Feinde, die unter Marutis unbezwingbarem Zorn gestorben waren. Grenzenlos breiteten sie sich aus wie weiße Wellen des Himmelsganges. (8) Die Dämonen banden goldene Heldenringe an, befestigten mit Pfeilen gefüllte Köcher glänzend auf dem Rücken und legten Rüstungen an. Mächtige Pferde wurden gesattelt und gezäumt, Wagen angespannt und große Elefanten ausgerüstet.
(9) Der Brunftsaft der Elefanten bildete Flüsse; Wagenräder verwandelten sie in Schlamm. Die Pferdehufe machten den Schlamm zu Staub; der Schaum an den Pferdegebissen beseitigte wiederum diesen Staub. (10) Das Donnern der rollenden Wagen, das Wiehern der Pferde, das Brüllen der wilden Elefanten, das Klirren dichter Heldenringe und der Lärm vieler Instrumente wuchsen rasch zum Dreifachen des Meeresgetöses am Weltende. (11) Fünfzigtausend Räderwagen zählte das Heer und ebenso viele stirngeschmückte Elefanten. Doppelt so zahlreich waren die Pferde, schnell wie der Weltendwind; wiederum doppelt so viele waren die mächtig geschulterten Fußsoldaten mit langen Waffen. (12) Mit jedem Ruf strömten weitere wilde Heeresabteilungen herbei, bis kein Platz mehr zum Bewegen blieb. Ihre heißen, strahlenden Waffen rieben aneinander und schlugen Funken, die selbst die Wolken zu verbrennen schienen.
(13) An allen Seiten der Elefanten hingen klangvolle Glocken und tönten wie Donner in Wolken. Ihre Augensteine glühten wie Feuer; die kühlen Edelsteine am Kopfschmuck strahlten wie Licht aus einer Regenwolke. (14) Lockige Frauen, Kinder mit Armreifen, Mütter und alle übrigen Angehörigen versuchten die Krieger verzweifelt aufzuhalten. Weinend klagten sie: „Gehen wir gemeinsam, um dem Affen unser Leben hinzugeben! Keiner von denen, die hingingen, ist zurückgekehrt.“ (15) Die fünf fuhren auf ihren kunstvoll gebauten Wagen wie Sonnen mitten im ausgedehnten Heeresmeer. Ihre wirkliche Erscheinung übertraf jedes passende Gleichnis. Zusammen glichen sie den fünf großen Elementen. (16) Während vor ihnen viele Instrumente dröhnten, ließen sie ihre mit Pfeilen versehenen Bogen donnernd schnalzen und Funken versprühen. Den Weisen und Göttern waren sie so mächtige Feinde wie die fünf Sinne.
(17) Indras starker Donnerkeil, Varunas feste Schlinge, Yamas feurig gespitzte Keule und Shivas unvergleichlicher Dreizack konnten auf ihren langen Schultern nicht einmal eine nadelspitze Narbe hinterlassen. (18) Federn, die sie dem Pfau des Suravernichters entrissen hatten, verflochten sie mit mächtigen Federn aus den Flügeln von Brahmas Schwan. Daraus machten sie fest gebundene Heldenzierden neben ihren Stirnornamenten. (19) Sie trugen schöne Ohrringe, geschnitten aus den Hauern, welche die Elefanten der Richtungen einst beim Kampf gegen Ravanas goldgeschmückte Brust verloren hatten. Die blitzenden Stirnplatten dieser mächtigen Elefanten dienten ihnen als Heldenstirnbänder. (20) Als sie einst Kubera bedrängten, seine große Stadt und seinen gewaltigen Reichtum raubten und ihn schicksalsgleich in die Flucht trieben, nahmen sie Bündel goldener Schmuckstücke an sich. Diese trugen sie nun.
(21) Als Indra ruhmlos entfliehen wollte und seinen Kriegselefanten antrieb, packten sie dessen mächtigen hinteren Fuß: „Treibe ihn jetzt weiter, wenn du kannst!“ So groß war ihre Kraft. (22) Als die Welt berichtete: „Der gerechte Hüter des Todes fügt sich nicht deiner Herrschaft“, wollten sie den Zorn des dunklen Ravana stillen. Darum banden sie den Todesgott an Händen und Füßen. (23) Ihre breiten Brüste spotteten der Berge, ihre langen Schultern der Meereswogen. Ihr Töten übertraf das des Todesgottes; das Feuer ihrer Augen beschämte selbst die angeblasenen Öfen der Schmiede. (24) Selbst wenn an den äußersten Himmelsrichtungen das weltumfassende Feuer brüllend aufstiege, der Sturm sich erhöbe oder zum Ende der Zeit das große Meer anschwölle, hätten sie die Kraft, sich ungehindert darin zu bewegen.
(25) So kamen sie alle mit dem aufgebotenen Heer und umringten den reich verzierten Torbogen. Hand an Hand schlossen sie ihre Reihen. Der Herr betrachtete aufmerksam ihre Aufstellung. (26) Indra und die übrigen Götter sahen die Kraft der Dämonen, den Stolz des unzählbaren Heeres und Marutis Einsamkeit. Plötzlich ergriffen sie Mitgefühl, Trauer und Zittern. (27) Der gelehrte und einsichtige Maruti aber freute sich: „Noch heute gehen diese Dämonen zugrunde.“ Er betrachtete das endlose Heer, das ihn vollständig umschloss, und blickte dann auf seine eigenen Schultern. (28) Die zahllosen Dämonen staunten: „Dieser Affe mit dem unscheinbaren Kopf soll die Kämpfe gewonnen haben? Er hat die starken Dämonen zerquetscht, die den Ruhm der Himmlischen mit der Wurzel verschlangen!“
(29) Da wuchs Hanuman auf dem großartig strahlenden Torbogen, den man einst vom Tor der Stadt des Götterkönigs hierhergebracht hatte. Seine Gestalt überragte selbst den höchsten weiten Himmel. (30) Die bösen Dämonen betrachteten den anschwellenden Helden erstaunt, dann steigerte sich ihr Zorn. Sie spannten die Bogen und entsandten Waffen. Muschelscharen heulten, große Trommeln donnerten. (31) Unzählige funkensprühende Waffen warfen und schossen die zornigen Dämonen. Sie blieben in seinem dichten Fell stecken. Der Herr verweilte ruhig, als dachte er: „Sie kratzen mich, um mein Jucken zu stillen.“ (32) Die Dämonen stürmten erbittert und hochmütig heran, umdrängten ihn und griffen an. Hanuman hob eine Eisenstange auf: „Ich werde sie rasch zerschlagen, damit die übrigen nachkommen.“
(33) Er stieß zu, sodass geschleuderte Waffen, wütende Krieger, angreifende Pferde, versperrende Wagen und vorrückende Elefanten mit hohen Fahnen, Wolkenreihen gleich, durcheinanderrollten. (34) Er riss den brunftenden Elefanten die Hauer aus und zerschlug damit große Wagen. Mit deren Rädern warf er Krieger um; mit den Schwertern dieser Krieger zerhieb er die geschirrten Pferde. (35) In beiden Händen hob er je einen Wagen auf und schlug damit zwei große Elefanten nieder. Dann nahm er in jede Hand einen Elefanten und traf die Pferde, die von beiden Seiten heranstürmten. (36) Er hob einen mächtigen dunklen Berg auf, warf ihn zu Boden und zermalmte damit tausend Wagen. Mit einem Baum erschlug er tausend Elefanten und vollendete ihre Vernichtung in einem einzigen Augenblick.
(37) Er trat wilde Elefanten, zertrat Wagen, stampfte starke Pferde nieder und zerrieb Krieger. Mit der festen Eisenstange zermalmte er sie am Boden; er sprang auf harte Köpfe, biss und schlug mit den Fäusten. (38) Mit gewaltiger Geschwindigkeit schleuderte er Pferde, Wagen und Elefanten, bis sie die weiten Richtungen und den Himmel erfüllten. Mit den großen Händen zerquetschte er Dämonen samt ihren gezäumten springenden Pferden und siegreichen Speeren. (39) Die rothäutigen Augen der wilden Elefanten sprühten Feuerfunken. Jedes Mal, wenn der Held sie mit seiner breiten Hand hochwarf, sanken sie mit ihren großen Fahnen ins Meer wie lange Segelschiffe beim Untergang. (40) Die Pferdewagen, die der einsame Held mit Geschirr und Rädern ins Meer schleuderte, glichen dem Wagen des strahlenden Sonnengottes, der aus dem Wasser aufsteigt.
(41) Die unermüdlichen Pferde stießen oben gegen den Himmel, fielen sterbend herab und versanken im großen Wogenmeer. Blut rann aus ihren Mündern; sie glichen dem unterseeischen Stutenfeuer mit seinem flammenden Rachen. (42) Die Dämonen, die er mit dem Schwanz fest umwickelte und weit ins Meer schleuderte, drehten sich dort. Sie glichen dem mächtigen Mandara, der vom eng gewundenen Schlangenseil herumgequirlt wird. (43) Noch schneller als die Elefanten, Wagen und Pferde, die der Held mit seinen starken breiten Händen warf, gelangten andere ins wilde Meer: Die heißen Blutströme der Stadt rissen sie mit sich fort. (44) Die gefallenen Körper mit Mondsichelhauern, höhlengleichen Mäulern, blut- und funkenspeienden Augen und Waffen in den Gliedern türmten sich himmelhoch und verdeckten den Makara-Torbogen.
(45) Berge waren vorhanden, Bäume waren vorhanden, nicht nur eine, sondern viele mächtige Eisenstangen. Der Lebensräuber war da, zahlreiche Feinde waren da, und die Hände des Herrn waren da. Konnten sie anders als durch den Tod aus diesem Feld entkommen? (46) Mit der einzigartigen diamantfesten Eisenstange, die wie die Axt in der Hand des stirnäugigen Urherrn, Murugans Vater, strahlte, vernichtete er die versammelten, goldberingten Dämonen wie Elefanten und räumte sie fort. (47) Das Heer war untergegangen; die Himmlischen freuten sich. Das meerumgebene Lanka geriet in Elend, und sein Weinen vermischte sich mit dem Meeresrauschen. Nun kamen die fünf mit den siegbringenden Schultern selbst heran. (48) Ihre Wagenräder versanken und rutschten im aufgeschwemmten roten Blut. Sie rückten vor, brüllten und überschütteten Hanuman mit Tausenden und Abertausenden Pfeilen. Anjanas Sohn stand fest.
(49) Mit den Händen zerbrach er alle schrecklichen Pfeile, ehe sie trafen, und fegte sie leicht fort. Dann ergriff er eine große Platte und zerschmetterte damit das feste Gefüge eines langen Wagens. (50) Noch bevor sein Wagen zerbrach, sprang dessen Krieger empor und griff Hanuman zornig aus der Luft an. Der Held hob eine lange, goldglänzende Eisenstange und schlug zu; der Dämon fing den Schlag mit seinem Bogen ab. (51) Der mächtige Bogen brach. Der Dämon warf das Bruchstück und hob dann einen Berg auf. Der einsichtige Hanuman schlug mit derselben Eisenstange nach dem Werfenden und nahm ihm das kostbare Leben. (52) Die vier Übrigen wirbelten heiß wie die lodernden Flammen des Weltendfeuers umher. Sie ließen Pfeile regnen, ihre Augen rauchten; Blut floss von den schönen Schultern des Helden.
(53) Da entbrannte auch Hanumans Herz. Er erkannte die Stärke der zauberkundigen Dämonen und schleuderte einen Felsen, der oben Funken schlug. Die Bösen zerschossen den Felsen zu Staub. (54) Immer neue Pfeile flogen; sie drangen in seine breite Brust und durchbohrten sie. Der kraftvolle Held hob einen Gegner mitsamt seinem fahrenden Wagen mühelos auf und warf ihn in den Himmel. (55) Der Wagen durchquerte den ganzen weiten Himmel, flog weiter und stieg noch höher. Als sein Schwung nachließ, sprang der Krieger vor dem Absturz zur Erde. Sofort sprang Maruti auf ihn. (56) Wie ein zorniger Löwe auf einen brunftenden Elefanten springt, setzte der Held unter den erbitterten Helden mit voller Gewalt auf ihn und zertrat seinen berggleichen Körper zu Brei.
(57) Die drei Verbliebenen entbrannten, trieben ihre Wagen vor und schossen Pfeile. Sie wollten den ersehnten furchtbaren Kampf noch einmal anders wenden. „Jetzt endet dein Weg hier!“ riefen sie und kamen entgegen. (58) Anjanas Löwe mit den gerundeten hohen Schultern ließ selbst die Himmelsbewohner erschrocken erzittern. Von den drei feindlichen Wagen ergriff er zwei mit seinen beiden Händen und hob sie empor. (59) Die schnellen Pferde hingen frei in der Luft; die Wagenlenker verloren die Fassung. Die breitgeschulterten Krieger sprangen zum Himmel. Bevor sie sich entfernen konnten, erreichte der hochspringende Maruti sie. (60) Mit der Hand brach er ihre hochgespannten wilden Bogen, zerstörte ihre Köcher und Schwerter. Da ihnen keine andere Waffe blieb, kämpften sie im Himmel aufrecht mit ihm im Ringkampf.
(61) Mit weißen Hauern, dunklen hohen Körpern und weit aufgerissenen Höhlenmäulern glichen sie den wütenden Schlangenplaneten, die sich zum Verschlingen nähern. Der strahlende Kriegsheld glich der Sonne. (62) Er umwand die Schutzlosen mit seinem Schwanz wie mit einem Seil und brach ihre beiden Schultern samt den großen Beinen. Sterbend glitten sie wie Schlangen ab und fielen. Er stand da wie der uralte Feind der Wasserlilie, die Sonne. (63) Der letzte Gegner stand noch. Hanuman sah ihn und sprang wie ein Löwe auf einen Berg auf seinen blitzgeschmückten festen Kopf. Der Dämon starb und sank mitsamt dem Wagen in die Erde. (64) Die fünf zornigen Dämonen, die List und Raub begehrten, unrechte Wege gingen, giftiger als Gift und zum Unheil geneigt waren, glichen den fünf Sinnen, die ein Einzelner besiegt. Hanuman glich der klaren Erkenntnis.
(65) Keiner der Dämonen mit geölten Speeren, die sich diesem Kampf gestellt hatten, kehrte lebend zurück. Die übrigen eilten mit Händen auf dem Kopf und lautem Wehgeschrei herbei. Alle sahen deutlich, wie selbst jene fünf, die der Tod fürchtete, untergegangen waren. (66) „Der Affe wird uns heute vernichten!“ klagten und seufzten die Frauen. Ravana schalt sie drohend und blickte wie das Weltendfeuer, das alle sieben Welten versengt. Ihm berichtete man nun Worte, die seine Ohren verbrannten. (67) „Das Heer ist vernichtet; die fünf Heerführer sind gefallen. Nur wir sind zurückgekehrt, weil wir nicht kämpften. Der Affe hat die Himmelsbezwinger schnell zerschmettert; da keine Gegner mehr da sind, sitzt er jetzt müßig.“
5.11 – Die Tötung Akshakumaras
(1) Beim Hören loderte Ravanas Zornfeuer auf; die blütenreichen Kränze auf seiner berggleichen Brust versengten samt den Bienen. Seine Augen waren rot wie mit Lack gefüllt, und er war zum Aufbruch entschlossen. Da verneigte sich sein Sohn vor seinen Füßen, hielt ihn zurück und bat um Erlaubnis. (2) „Es ist weder das Reittier des Dreiäugigen noch der Vogel dessen, der die drei Welten mit seinen Füßen ausmaß, weder seine Schlafschlange noch ein Elefant der Himmelsrichtungen. Du willst offenbar gegen einen Affen gehen! Übertrage diese Pflicht deinem Diener und bleibe hier in Ruhe, Vater. (3) Als du meinen älteren Bruder beauftragtest, den König der Götter gefangen herzubringen, obwohl ich bereitstand, nagte Kummer an meinem Herzen. Er wird heute enden. Auch wenn es nur ein kraftloser Affe ist: Du, der die acht Richtungen besiegt hat, sollst mich entsenden.“ (4) „Selbst wenn der unblinzelnde dreiäugige Shiva hierhergekommen wäre, in der Gestalt eines Affen, der junge Blätter pflückt, um dir durch List eine kleine Schmach zuzufügen: Ich werde ihn leicht besiegen und dir augenblicklich gefangen bringen.
(5) Auch der aus einer gespaltenen Säule erschienene Menschenlöwe oder der hochragende Eber mit den strahlend weißen, erdtragenden Hauern könnte nicht gegen mich bestehen. Sollte er über das Weltall hinaus entfliehen und ich ihn dir nicht bringen, dann bestrafe mich.“ (6) So sprach der junge Held mit den kunstvollen Fußringen und diamantfesten Schultern und verneigte sich: „Gewähre mir Abschied.“ Ravana sah ihn erfreut an: „Besteige den Wagen mit den schnellen Pferden und gehe.“ Der Juwelenbekränzte legte seine Kriegsrüstung an und brach auf. (7) Er bestieg den mächtigen Wagen, den Indra einst im Kampf zurückgelassen hatte, bespannt mit zweihundert ungestümen starken Pferden. Die Dämonen sprachen Segenswünsche; Trommelwolken donnerten. Das starke Heer strömte hervor wie das Meer am Weltende. (8) Wer die Makara-Tiere des Kampfmeeres zählen könnte, könnte seine Elefanten zählen; wer die umherschwimmenden Fische zählte, die rotgoldenen Wagen. Wer den Sand zählte, könnte die Soldaten zählen; wer die immer neuen Wellen zählte, die springenden Pferde.
(9) Zwölftausend junge Königssöhne, seine unzertrennlichen Freunde aus den siegreichen Dämonengeschlechtern, umgaben ihn auf Wagen. Sie glichen den dicht aufschießenden Flammenspitzen des zornigen Feuers, das am Ende alles verzehrt. (10) Söhne erfahrener Ratgeber, kluger Minister und Heerführer, dazu die Kinder, die sein Vater mit himmlischen Tänzerinnen gezeugt hatte, und weitere Helden umringten ihn auf kunstvollen Wagen: vierhunderttausend Krieger. (11) Wurfspieße, Stampfkeulen, Dreizacke, Flammenwaffen, Äxte, Donnerkeile, Elefantenhaken, pfeilbewehrte Bogen, Speere, Stäbe, Lanzen, Schwerter, Eisenstangen, Wurfgeschosse, Baumstämme, Schlingen, Hörner, Muscheln, diamantfeste Keulen, schwere Knüppel, Spieße, Schleuderwaffen und Todesdiskusse; (12) solche prächtigen Waffen häuften sich wie versammelte Blitze und strahlten Sonnen- und Mondlicht aus. Dichter Staub stieg auf und erfüllte alles; die Erde glich der unvergänglichen goldenen Himmelswelt.
(13) Krähen, Geier, Geister, der Tod und das Unheil seiner in unzähligen Zeiten begangenen schlechten Taten folgten ihm. Auch die Herzen der Frauen mit sirupsüßer Rede, roten Lippen, waffenartigen Augen und bambusgleichen Schultern sowie Bienenschwärme begleiteten ihn. (14) Das klagende Rufen der hirschäugigen Witwen der Gefallenen vermischte sich mit dem Meeresbrausen und dem anschwellenden Heereslärm. Viele Instrumente übertönten einander; Worte mussten wie Donnerschläge über dem Wolkengetöse gerufen werden. (15) Die aus den Juwelen strömenden Strahlen verschlangen das Sonnenlicht; den Juwelenglanz wiederum verschlang das grelle Leuchten der Waffenspitzen, und dieses wich dem Glanz der jungen mondsichelartigen Hauer. So wusste man weder von Nacht noch von Tag zu sprechen. (16) Die mächtigen Mähnenpferde vor dem hohen breiten Wagen wurden schwach und brachen ein. Seine linke Schulter und sein linkes Auge zuckten. Überall ließen anschwellende Wolken Blutstropfen fallen; Krähen schrien klagend, und im finsteren Himmel donnerte es.
(17) Vom flutenden wilden Heer umgeben kam der honigbekränzte Prinz. Die Himmlischen zitterten, klagten und litten im Herzen; selbst der Tod sann auf das Bevorstehende. Geister mit rollenden Augen sprangen, schlugen auf ihre Schultern und brüllten. Der Windsohn sah seine Ankunft. (18) „Ist das Indrajit oder Ravana selbst?“ Freude erfüllte den zornigen Löwen unter den Affen. „Er ist gekommen; nun erfüllt sich mein Herzenswunsch!“ Er blickte auf seine schönen Schultern, verehrte Rama und sprach: (19) „Wenn er einer von den beiden ist und die Frucht meiner guten Werke sich mit der Askese unseres Herrn vereinigt hat: Er ist gekommen, ich stehe bereit, und auch der Tod ist nahe. Noch heute werde ich die geplante Aufgabe schnell vollenden. (20) Seine Gestalt ist untadelig; dennoch ist er nicht der vielköpfige Dämon, auch nicht der frühere Bezwinger Indras, den ich bereits gesehen habe. Er scheint sogar größer als jene, und doch ist er nicht der kriegskundige Murugan. Wer ist dieser unvergänglich strahlende Jüngling, einem dunklen Berg gleich?“
(21) Während der gerechte Kriegsheld erfreut oben auf dem himmelragenden, regenbogengleichen Torbogen saß, sah ihn der grausame Prinz an und lachte mit blitzenden Hauern: „Dieser Affe hat also unsere Dämonenscharen getötet!“ (22) Der Wagenlenker hörte es und sagte: „Herr, höre! Kann man die Art der Welt so sicher bestimmen? Verachte ihn nicht. War Vali, der unserem König entgegentrat, nicht auch ein Affe? Was braucht es mehr? Nimm diese Worte fest zu Herzen und handle.“ (23) Der wie verdichtetes Gift Erscheinende hörte ihn und erwiderte: „Mein Zorn wird sich nicht an diesem erschöpfen, der eindrang und solches tat. Ich werde alle drei Welten ohne Ausnahme durchsuchen und danach selbst den Keim dessen vernichten, was Affe heißt.“ (24) Brüllend erhob sich das Dämonenheer und umhüllte Anjanas berggleichen Sohn; es ließ Waffen regnen wie eine jahreszeitliche Regenwolke. Die Hüter der Richtungen schwitzten, Himmel und Erde schwankten. Der bekränzte Held griff sie an, allein mit seiner Einsamkeit.
(25) Alle Waffen, welche die Dämonen heftig warfen und schossen, zerbrachen beim Aufprall auf seinen Körper. Laut brüllende Elefanten kippten um, Wagen und edle Pferdescharen wurden vernichtet, zahllose Leiber zerquetscht. Lanka wurde aus seiner festen Lage gerückt. (26) Wie heißes Feuer in einen Wald dürren Grases drang der edle Windsohn ein. Grenzenlos war die Zahl der Dämonen, die er in einem Augenblick tötete. Gewiss verloren die Gefallenen ihr Leben und gingen ins südliche Totenreich. Hat Yama etwa tausendmal zehn Millionen Boten? (27) Immer neue Gegner kamen heran. Als sie den grenzenlosen schweren Kampf begannen, wuchs die Kraft des Helden auf das Dreifache; er wurde zur Sonne am Ende eines Weltzeitalters. Die starkgeschulterten Dämonen glichen wehrlosen Wesen ohne Knochen. (28) Stirngeschmückte Elefanten, schimmernde Goldwagen und Pferde wurden ausnahmslos zerspalten. Strömendes Blut wurde zum Fluss, die Erde zum Morast. Der Meister der fünf Sinne tötete, bis die mauerumgebene Stadt einem aufgewühlten Makara-Meer und alles Leben einer Beute für den Tod glich.
(29) „Die Wagen sind vernichtet!“ sagten einige. „Die mächtigen rotgesichtigen Krieger mit diamantfesten Schultern sind gefallen!“ sagten andere. Wieder andere nannten Pferde oder wolkengleiche, stirngeschmückte Elefanten. Während die unmittelbar Getroffenen starben, standen die übrigen seitlich allein, ihr Leben kaum noch festhaltend. (30) Die großen Dämonenkrieger mit ihren mächtigen Waffen glichen Joghurt in dem weitmündigen Gefäß einer Hirtin; Maruti war der einzige Quirl. Die sieben Welten und ihre Wesen schienen im Heer der jungen Speerträger versammelt: Sie waren die Weltendflut, er ihr Feuer und Sturm. (31) Er vernichtete das Gefolge; zahllose Leiber wurden verstümmelt und zerbrachen, andere wichen zurück. Ringsum schwollen große Blutflüsse an; niemand hielt stand. Der Prinz blieb mit seinem Räderwagen allein und fuhr auf Hanuman zu, scharfe starke Pfeile auswählend, die Augen in Flammen. (32) Indrajits jüngerer Bruder näherte sich; der, der an einem Tag so viele Leben zu nehmen verstand, wandte ihm das Gesicht zu. Die Götter sahen es voller Anteilnahme: „Wie steht es um Maruti? Haben wir unsere unblinzelnden Augen nur erhalten, um dies zu sehen?“ Unablässig beobachteten sie beide.
(33) Der Prinz schoss vierzehn feuerspeiende Pfeile. Hanuman schlug sie mit einer prächtigen Eisenstange zu Boden. Dann schoss jener viele weitere scharfe heiße Pfeile, bis die Stange zu Staub zerfiel. Ohne andere Waffe nahm der Held seine unüberwindlichen Hände und sprang auf den Wagen. (34) Dort tötete er den Lenker mit der Peitsche; der feste Kriegswagen brach zu Boden, die Pferde starben. Einige Pfeile des Prinzen drangen in Hanumans Brust, andere verschwanden in seinen goldenen Schultern. Der Rechtschaffene trat ihm unmittelbar gegenüber und ergriff seinen diamantfesten Bogen. (35) Er hielt den Bogen mit einer Hand fest. Noch bevor der starke Prinz ihn mit beiden Händen zurückziehen konnte, brach er. Der Goldgeschulterte zog einen Dolch und stach nach ihm. Der Bote entriss ihn mit seiner kriegserfahrenen Hand und zerbrach ihn funkensprühend. (36) Der Prinz kämpfte mit dem Schwert; noch ehe dessen Bruchstücke den Boden erreichten, stürzte er mit diamantfesten Schultern zum Ringen vor und umklammerte Hanumans Taille. Dessen Haare stachen wie lange Speere in seinen Leib; der mächtige Schwanz umwand ihn unentrinnbar. Hanuman packte ihn und gewann die Oberhand.
(37) Er schlug ihn mit der hoch erhobenen Hand, sodass die schwertglänzenden Zähne zerbrachen. Ohrringe und andere Schmuckstücke stürzten wie Blitze aus einer Wolke. Mit diamantfester Faust traf er die mächtigen Schultern; Gedärme hingen wie Schlangen aus einer Höhle. Dann sprang er zur Seite. (38) Blut strömte als Fluss, das Schlachtfeld wurde zum steinernen Mahlgrund, Fleischstücke zerstreuten sich. Hanuman hielt den noch entweichenden Lebensrest zurück, packte den Prinzen mit seinen strahlenden diamantfesten Händen und zerrieb ihn vor Himmel und Erde. Selbst wenn die sieben Welten vergehen, vergeht sein Ruhm nicht. (39) Einige retteten sich in die Flut des Wundbluts; andere legten sich unter die Leichen, den Vorrat der Kampfgeister. Von Angst getrieben taumelten sie richtungslos; manche starben, manche konnten nicht mehr gehen. Die übrigen liefen in irgendeine Richtung und ließen ihre Waffen fallen. (40) Manche wurden zu Fischen und suchten das Meer, andere zu Kühen und grasten am Weg. Einige nahmen Vogelgestalt oder die Gestalt vedischer Brahmanen an; andere wurden zu jungen hirschäugigen Frauen und scheitelten ihr Haar. Manche riefen: „Herr, deine Zuflucht!“ Andere nannten ihn Hari.
(41) Wenn Frauen und Angehörige sie umarmen wollten, sagten einige: „Wir sind nicht eure Verwandten; wir sind Götter, die hierherkamen“, und liefen weiter. Andere gaben sich als Menschen aus, wurden Bienen im blühenden Mandara-Garten oder verloren den Verstand. Manche brachen ihre mondweißen Hauer ab und färbten ihr feuerrotes Haar dunkel. (42) Die Frauen mit ohrringgeschmückten Gesichtern und kumkumgefärbten Brüsten ließen die von Bienen umschwärmten Haarmassen im Wind wehen. Ihre lackroten, duftenden Wasserlilienmünder öffneten sich zum Klagen. Das gewaltige Weinen der Stadt erfüllte das Weltall. (43) Die jungen Frauen liefen ihren Männern mit den sonnengleich strahlenden roten Gesichtern entgegen, fielen zu ihren Füßen und weinten erschöpft. Ihr prächtig bekränztes Haar breitete sich so dicht aus, dass in jener Stadt selbst das fließende Blut nicht mehr zu erkennen war. (44) Wenn die gemäldegleichen Schönen auf dem schweren Schlachtfeld über ihre gefallenen Männer sanken, schienen manche Toten wieder zu atmen und ihre pfeilgleichen Augen zu bewegen. Geschah das, weil beide ein einziges Leben in zwei Gestalten waren?
(45) Sie liefen wie Körper, die ihre Seele suchen; aus inniger Verbundenheit starben sie. Die sanften Frauen durchsuchten die Leichenhaufen, fanden ihre untadeligen Geliebten und vereinigten sich mit ihnen. Nun gerieten die himmlischen Frauen in Liebesstreit um die Angekommenen. (46) Eine lakshmigleiche Frau mit schwertscharfen Augen hielt einen noch zuckenden kopflosen Rumpf fest. Weinend faltete sie die Hände: „Zeige mir meinen Herrn, deinen liebsten Lebensgefährten!“ (47) Eine andere, schöner als eine gemalte Ranke, hob den Kopf ihres Gatten auf. Seinen hohen kopflosen Leib, der noch tanzend dastand, umarmte sie mit blütenzarten Händen: „König, du bist erschöpft. Höre auf zu tanzen!“ (48) Sie suchten immer weiter, die knospenden Ranken gleichen Frauen, welkten und starben, an die Brust ihrer Männer gedrückt. Die erschrockenen himmlischen Hüter liefen zum König, traten vor ihn und berichteten.
(49) Tränen strömten aus den fischschönen Blütenaugen von Mayas Tochter Mandodari. Ihre kunstvollen wolkengleichen Locken vermischten sich mit Staub. Sie fiel vor die Füße des Urenkels Brahmas, schlug sich auf den Bauch, weinte und brach zusammen. (50) Von den Frauen der reichen Stadt bis zu allen übrigen fielen sämtliche Anwesenden klagend und seufzend nieder. Auch die großen göttlichen Hüter fielen dem König zu Füßen und weinten – obwohl ihre Herzen sich freuten.
5.12 – Die Fessel
(1) Als Indrajit die Nachricht hörte, schwoll sein Zorn, und Feuer schien überall einzudringen. Sein siegreicher Ruhm hatte durch die Niederwerfung Indras alle Welten erschüttert. (2) Die Kunde vom Tod seines jüngeren Bruders mit dem geschliffenen glänzenden Speer verbrannte seine Brust. Feuer atmend erhob er sich wie der höchste Strahlende, der den Bergbogen spannte, um die drei Städte zu verbrennen. (3) Er bestieg einen Räderwagen, der die Grenze des Himmels zu bestimmen schien und vor den zwölfhundert Geister gespannt waren. Seine wiederholten, scharf gefügten Worte zerrissen die weiten Himmelsrichtungen und spalteten das Weltall. (4) Fußringe, Halsketten und Trommeln dröhnten, sodass der Donner erschrak. Indra schwitzte, sein Leben bebte, sein Körper glühte. „Ein gewaltiger Kampf steht bevor“, sagten selbst die höchsten Götter und unterbrachen ihre yogische Versenkung.
(5) Bei jedem Gedanken an seinen Bruder füllten sich seine Augen mit Tränen. Er blickte auf den pfeilkundigen Bogen, presste den Mund zusammen und lachte zornig: „Ist durch einen Affen, der auf Zweigen lebt, nur mein Bruder gefallen? Nicht vielmehr der Ruhm meines Vaters?“ (6) Die Speermassen, die dicht gedrängten Bogen und die Scharen mit Schwertern, die selbst Berge spalten könnten, vermögen wir nicht zu zählen. Zwölftausend kleinäugige Elefanten, deren Brunftsaft die Wege beiderseits verschlammte, zogen mit ebenso vielen Wagen heran. (7) Das große Heer kam zusammen; heldenhafte, furchtbar bewaffnete Dämonenkönige schlossen sich an. In einem Augenblick fuhr Indrajit zum herrlichen Tor von Ravanas Palast und trat ein, aus seinen harten Augen strömten Wasserfälle. (8) Er fiel vor die beiden Füße seines Vaters und klagte um den Bruder. Der Mutige hob ihn an den Schultern auf, umarmte ihn und weinte erschöpft. Während die schwertäugigen Frauen sich auf den Bauch schlugen und schrien, löste sich der Löwenstarke und begann zu sprechen.
(9) „Du erkennst nicht, was dir Sicherheit bringt; du sitzt nur hier und leidest. Obwohl du die Kraft dieses starken Affen Schritt für Schritt erfahren hast, schicktest du immer neue Gruppen: ‚Geht und kämpft!‘ Hast nicht du selbst dadurch die Dämonenscharen getötet? (10) Von den Kinkaras, Jambumali, den fünf Unbezwinglichen mit goldenen Heldenringen und den mit ihnen gezogenen Heeren ist kein Einziger zurückgekehrt. Vater, muss dieser Affe dann nicht von der Art Shankaras, Brahmas oder Vishnus sein? (11) Du besiegtest die Elefanten der Richtungen, den Kailasa des Dreiäugigen, der einst die drei Städte verbrannte, und alle drei Welten. Nun siehst du die Kraft des Affen, der Aksha getötet hat. Zu sagen: ‚Wir gehen jetzt hinein und besiegen ihn‘ – wäre das Einsicht oder bloße Verzweiflung?“ (12) „Dennoch, Herr: Ich selbst werde diesen gewaltigen Affen in einem Augenblick leicht fangen und dir bringen. Du sollst kein weiteres Leid mehr tragen. Bleibe lange in Ruhe.“ Er brach auf, als zöge Ravanas Kriegszorn selbst hinaus.
(13) Das dunkle Dämonenheer ließ der weiten Erde keinen freien Platz. Es glich besiegter Finsternis, die durch Askese viele Gestalten gewonnen und sich mit Lichtstrahlen geschmückt hatte: Körperzierden blitzten, siegreiche Schwerter leuchteten, noch mit dem Fleisch wilder Feinde bedeckt. (14) Räderwagen, Pferde, Dämonen und prachtvolle Elefanten mit schmelzend roten Augen drängten sich wie das wilde Meer am Weltende um ihn. In ihrer Mitte stand er allein wie der mächtige Meru; allen anderen nahm er den Anspruch auf Heldentum. (15) Er zog weiter. Obwohl er die Richtungen und Welten besiegt hatte, erkannte der wahrhaft im Heldentum stehende Held beim Anblick des Schlachtfelds freudig: „Gut ist Hanumans Kampfkraft!“ Alle anderen zitterten. (16) Der blattförmig Geschmückte dachte: „Dieses weite Schlachtfeld gleicht einer anderen Welt. In der blutfeuchten Masse großer Leichen liegen zahllose wilde Waffen, unermesslich ausgedehnt: Hier gibt es Berge, Meere, Flüsse und Wälder.“
(17) Sein sonst unerschütterliches Herz empfand einen Augenblick Beklemmung. „Alle diese Männer von meeresgleicher Größe und unvergleichlicher Kraft sind gefallen – und es ist nur ein Affe. Mit welchem Heer sollen wir siegen, wenn Rama selbst zum Kampf erscheint?“ (18) Er sah die Toten auf der Erde, kostbar wie seine Augen und sein Leben, mit Waffen stets zu seinem Schutz bereit, Männer von unermesslichem Wert. Er presste die Lippen zusammen und atmete schwer. Scham quälte ihn wie ein Stab, den man in eine ungeheilte Wunde stößt. (19) „Die Verstümmelung meiner Tante im Wald, Kharas Untergang, der schmerzliche Tod meines Bruders und all das andere geschahen durch zwei Menschen und einen Affen. Schön steht es um mein Heldentum!“ sagte er. (20) Er schritt über schwer zu bewegende Leichenberge, denen das Leben fehlte und deren Farbe verbrannt wirkte. Da sah er den zermalmten Leib seines Bruders. Sein Herz verdunkelte sich, seine roten Augen glänzten wie im Feuer erhitztes Kupfer.
(21) Im Blut, dem Blut Tarakas gleich, lag der Bruder wie Hiranyas Leib, den die scharfen Krallen des unvergleichlichen Menschenlöwen zerrissen hatten. Indrajits Wagen und Heldenbogen entglitten ihm; aus den harten roten Augen strömten Tränen und Blut. Er stand da und atmete Feuer. (22) „Held, aus Furcht vor deinem Vater mit dem scharfen heißen Speer wagt selbst der Tod nicht, dich zu rauben. Bewohner dieser und jener Welt hätten Angst, dich zu verbergen. Mein Lieber, in welche Welt bist du so leicht gegangen und hast uns verlassen?“ (23) Als er kraftlos vor Liebe den Verstand verlor und im Schmerz versank, erhob sich allein sein Zorn. Er trieb den entstandenen Kummer tief zurück – wie ein fest eingeschlagener Nagel durch einen anderen Nagel herausgetrieben wird. (24) Während dies geschah, betrachtete der edle Hanuman mit den kunstvollen Heldenringen den Prinzen auf seinem sonnenwagengleichen Gefährt: Er erschien wie Shiva, der zornig vorstürmt, um die drei Städte zu verbrennen.
(25) „Die Tatsache, dass ich zuvor einige Helden besiegt habe, hat ihn also rasch hierhergerufen. Nun geht es wirklich um Sieg oder Niederlage. Für heute genügt dieser Gegner: Man nennt ihn Indrajit. (26) Wenn dieser stiergleiche Jüngling mit dem duftenden, honigtriefenden Kranz mir in die Hände fällt, trifft der Schlag Ravana selbst. Im Gedanken ‚Wir sind verloren‘ wird er die Frau von unzerstörbarer Treue freigeben. Auch die Dämonen werden ihre Grausamkeit verlieren. (27) Der Nutzen wäre nicht nur einer. Töte ich diesen glänzenden Helden, wird auch Indra von seinem Leid befreit. Die alte Dämonenstadt Lanka verliert sogleich ihren Schutz; Ravana selbst wäre mit der Wurzel besiegt.“ (28) Da drängten Dämonen, Elefanten, Wagen und Pferde vor den Bezwinger der drei Welten und ließen das Kampfgetöse anschwellen. Der überragende Hanuman ergriff zornig einen Mara-Baum und stürzte sich hinein.
(29) Elefanten wurden getreten, Elefanten rollten; Elefanten wurden zertrampelt und stürzten. Elefanten wurden unter immer neuen begraben, Elefanten wälzten sich; Elefanten wurden im Kampf getötet und kippten auf die Erde. (30) Wagenscharen wurden vernichtet, Wagenscharen zerbrachen. Kraftlos stürzten sie ein; ihre Teile lösten sich, ihre Achsen brachen. Sie zersplitterten, zerfielen, sanken gespalten nieder und wurden aus dem Boden gerissen. (31) Pferdeschädel wurden zerdrückt, Augäpfel zerstört, feste Beine zerbrochen und Rücken geknickt. Geschirrgeschmückte Brüste wurden zerquetscht; Blut wurde ausgespien, goldverzierte Hufe zermalmt und gekrümmte Hälse gebrochen. (32) Dämonen wurden gepackt und gespalten; ihre großen Schultern brachen, ihre Köpfe zerbarsten. Sie wurden gebissen, verloren die Hälse, wurden mit dem Baum geschlagen oder von Angst überwältigt.
(33) Die Pfeile aus den rundgespannten wilden Bogen und die mächtigen Waffen der Krieger trafen den Helden. Wie etwas, das eine glühende Eisenplatte nicht weiter erhitzen kann, zerfielen sie beim Aufprall und verstreuten sich als Staub in alle Richtungen. (34) Indrajits flammende Pfeile verbrannten an dem übermächtig zornigen Hanuman, rauchten und verkohlten. Lachen erhob sich; die bisherige Beklemmung im Blick der Himmlischen verschwand. (35) Wagen, Elefanten, Pferde und Dämonen lagen verstreut am Boden. Allein blieb der breitgeschulterte Held unter den Helden. Lächeln und Zorn zugleich schwollen in ihm auf; er fuhr auf Hanuman zu, der ihn rief: „Komm! Komm!“ (36) Der Dämon ließ die Sehne seines furchtbaren Bogens schnalzen. Indras Kopf zuckte; die vielen Donner in den Wolken des Himmels verstummten und bebten. Die Köpfe der langen Schlange, die unablässig die ganze Erde trägt, schwankten.
(37) Der Bote des herrschenden Herrn schlug auf seine großen Schultern und brüllte. Brahmas Weltall schien zu zerreißen, Berge zu zerfallen, die Erde aufzubrechen und die weiten Richtungen zu bersten; selbst die Sehne des langen gegnerischen Bogens zerriss. (38) „Gut, gut! Auf dieser Welt gibt es keinen so Vortrefflichen wie dich. In mächtiger Stärke kannst du dich mit jedem messen. Doch heute ist die Grenze, die Grenze deiner zugeteilten Lebenszeit!“ sagte Indrajit. (39) Hanuman antwortete: „Grausame, gekommen ist die Grenze eurer Lebenstage, eurer dämonischen Herrschaft, die die Welt bedrängt, eurer bösen Taten und eurer Schwertmacht. Ich bin mit einem festen Auftrag gekommen; der Kraft meiner Schultern ist keine Grenze gesetzt.“ (40) „Diesen Kopf werde ich vernichten!“ sagte Indras Feind und schoss diamantene Pfeile, härter als der Donnerkeil, in Hanumans Kopf und Brust. Frisches Blut floss, und die Götter zitterten.
(41) Hanuman wurde nicht kleiner, als sei der Himmel zu niedrig, sondern entbrannte in gewaltigem Zorn. Er wuchs wie der Ruhm seines Herrn, der die meerumgürtete Welt hergab, das heilige Wort seiner jüngeren Mutter auf dem Haupt trug und unbeirrbar auf dem rechten Weg blieb. (42) Indrajit konnte nur noch einen Teil von Hanuman sehen. Meghnada, der einst die starken Schultern Indras, des Herrn der zehn Richtungen und weiten Welten, gebunden und ihn fortgeschleift hatte, staunte wie ein Verwirrter. (43) Der hochgewachsene Held streckte seine langen breiten Hände aus und schlug alle dicht heranfliegenden Pfeile zurück, ehe sie ihn trafen. Dann zerschlug er den mächtigen Wagen mitsamt den vorgespannten Geistern und dem Lenker zu Boden. (44) Man brachte einen Pferdewagen, schnell wie der Wind am Weltende. Der Starkgeschulterte sprang darauf und verhüllte den kampfstarken Maruti mit unzählbaren Pfeilen, von denen jeder einer mächtigen göttlichen Waffe glich.
(45) Der siegreiche Maruti schüttelte die Pfeile aus seiner Brust und sprang auf den Wagen des Gegners. Mit starker Hand entriss er ihm den mächtigen furchtbaren Bogen, der oft die ganze Welt erobert hatte, und zerbrach ihn. (46) Noch ehe das Krachen des zerbrochenen Bogens verklungen war, ergriff Indrajit, um den Kampf fortzusetzen, den Himmelsbogen, den Indra zurückgelassen hatte – jener Indra, der zornig mit seiner Diamantwaffe die großen Flügel der Berge abgeschnitten hatte. (47) Hundert mal hundert Kriegspfeile legte der feindselig zornige Sohn Ravanas zugleich auf und spannte mühelos den Bogen. Von vielen Wunden am langen Leib getroffen, beugte sich der Bote des stiergleichen Helden und verharrte einen kurzen Augenblick. (48) Die eben noch jubelnden Götter verloren beim Anblick dieser Not die Fassung. Maruti sah es, ergriff einen Baum, wirbelte ihn immer wieder, zerschlug den Pfeilregen und traf den Kopf unter der hohen goldenen Juwelenkrone.
(49) Als der schwere Baum den gekrönten Kopf traf, stoben lange Lichtbündel ringsum. Dickes Blut floss wie ein Wasserfall von einem sandelbewachsenen Berg. Der Bezwinger der Götter schwankte auf der Stelle. (50) Wieder zu Bewusstsein gekommen, knirschte er mit seinen vollen Mondsichelhauern. Er legte tausend Pfeile wie einen einzigen auf und schoss, sodass Götter, Asuras und Weise erschraken und selbst der berggroße Leib Marutis erbebte. (51) Die furchtbaren Pfeile verschwanden in Brust und Armen. Marutis Herz verbitterte sich; sein Zorn wuchs noch weiter. Schneller als die Geschosse des kunstvollen Bogens hob er den Gegner mitsamt dem großen Wagen auf, schleuderte ihn fort und brüllte. (52) Noch ehe sich ein Augenlid schließen konnte, fiel der an Kraft alles Maß übersteigende Gegner mit dem himmelhoch geworfenen Wagen zur Erde. Aus seinen Wunden spritzte frisches, fleischdurchsetztes Blut.
(53) Bevor er beim Sturz die Erde erreichte, sprang der blitzende Krieger auf und gelangte in den weiten Himmel. Inzwischen zertrat Maruti sämtliche prächtigen, kühl funkelnden Juwelenwagen seines Heeres, schneller als sich ein Senfkorn bewegen könnte. (54) Ohne Wagen und ohne Kraft, ihm unmittelbar standzuhalten, schwebte Indrajit im Luftraum und steigerte seinen feurigen Zorn. Da ihm keine andere Handlung blieb, beschloss er, Brahmas unvergleichliche große Waffe einzusetzen. (55) Mit fehlerloser innerer Sammlung brachte er Blumen, blütenfarbene Speise, Lampen und Räucherwerk dar und vollzog die Verehrung. Dann nahm er die Waffe des Viergesichtigen, des göttlichen Herrn, der Götter, Welten und alle Dinge geordnet hatte, in seine breite Hand. (56) Er verband sie mit der langen Sehne seines siegreichen Bogens, zielte auf die Schultern des ungestümen Maruti und schoss. Erde, Himmelsrichtungen, mondberührter Himmel und Meru erbebten.
(57) Die schwer zu besänftigende große Waffe nahm die Gestalt des Königs der feuerspeienden Schlangen an. Selbst Garuda, der sie gewöhnlich zerreißt, erschrak. Sie wand sich um die mächtigen Schultern Marutis und band sie fest. (58) Als die Waffe des Viergesichtigen seinen festen Körper umschlang, sank der Herr Maruti zusammen mit dem hohen Torbogen nieder. Das Recht, das ihm gefolgt war, weinte. Er glich dem großen kühlen Mond, der am letzten Tag zusammen mit dem verschlingenden Schlangenplaneten fällt. (59) Der gefallene Maruti erkannte die Waffe Brahmas. „Es wäre nicht angemessen, ihre Autorität zu missachten und mich zu befreien“, dachte er und blieb mit geschlossenen Augen liegen. „Seine Kraft ist erschöpft“, meinte der Dämon und trat heran. (60) Da kamen die scharfzahnigen Dämonen, die ihr Leben gerettet, sich in alle Richtungen zurückgezogen und auf eine Schwäche gewartet hatten. Viele ergriffen die hohlzahnige Schlange um seinen Leib, zogen daran, brüllten und lärmten.
(61) „Die große Kraft des Affen ist gebrochen!“ Unter Jubel und Händeklatschen brauste die Stadt wie das aufgewühlte Meer. Die sich überall windende Riesenschlange glich Vasuki; die Dämonen glichen den Göttern beim Quirlen, Hanuman dem Mandara. (62) Die dunkle Riesenschlange umfasste seinen goldenen großen Leib. Hanuman, der einzige Beistand des Rechts, glich auch dem Meru, den Vasuki umschlang, als er einst mit dem gewaltigen Wind kämpfte. (63) Männer und Frauen strömten lärmend herbei und jubelten wie Wolken im Luftraum, im Himmel und in allen Richtungen. Ihre plötzlich aufgestiegene Freude kannte keine Grenze. Lanka glich dem Tag, an dem Indra gefangen worden war.
5.13 – Die Lösung der Fessel
(1) „Schießt! Zersägt ihn! Schleudert ihn fort! Spaltet und zerhackt ihn! Schneidet seine Eingeweide in Stücke, reibt ihn am Boden auf und fresst ihn! Bleibt er am Leben, bleibt uns kein Leben!“ So liefen sie schreiend herbei. (2) Frauen mit dunkel geschminkten großen Augen und Männer glühten wie Schlangen mit geblähten Hauben. „Warum lassen wir diesen Frechen noch so lange bestehen?“ Manche drängten sich heran und versuchten ihn zu töten. (3) „Können vergiftete Waffen diesen Diamantkörper verletzen? Taucht ihn ins Wogenmeer und drückt zornig seinen Kopf hinunter! Oder werft ihn ins Feuer!“ So riefen andere. (4) Viele stellten sich ihm entgegen: „Gib meinen Vater, meinen jüngeren Bruder und meine älteren Angehörigen zurück, dann magst du gehen!“ Andere drängten darauf, ihm das Leben zu nehmen: „Er kam auf Befehl der himmlischen Götter!“
(5) Viele Frauen weinten: „Von unseren bergstarken Geliebten, unserem eigenen Leben, wollten wir niemals getrennt sein; heute sind wir es. Lasst uns nicht länger klagen. Wenn wir seinen Kopf zerschmettern, gewinnen wir unser Glück zurück!“ (6) Die siegreiche große Stadt empfing den Gefangenen mit einem Jubel, der das Weltall erfüllte. Den ohrringgeschmückten Frauen, die um ihre unersetzlichen Männer geklagt hatten, wuchs dabei die Freude. (7) Hanuman sah unterwegs die Häuser, die unter den von ihm geschleuderten Kriegern, feurigen Waffen, großen Elefanten, beflaggten Wagen und Pferden zerbrochen waren. Wie vom Blitz zerschmetterte Berge lagen sie überall in Staub. (8) Seine mächtigen Schultern sahen unter den sich bewegenden Fesseln wie ein alter Baum voller wimmelnder Ameisen aus. Manche Dämonen ertrugen den Anblick nicht: Mit zitternden Lippen über den Hauern schlugen sie sich auf den Bauch und flohen verwirrt.
(9) Viele fürchteten sich schon vor einem möglichen Brüllen und verstummten. Andere erzählten seine Taten im Kampf. Wieder andere bebten umso mehr, je länger sie hinsahen, und liefen über die Stadtgrenzen hinaus. (10) Einige sagten: „Sein strahlendes Gesicht sieht aus, als wäre die Fessel aus glühend bezahnten Schlangen nur ein angelegtes Blumenbüschel. Überlegt sorgfältig, was nützlich ist. Ihn zum König zu bringen könnte Unheil bringen.“ (11) „Er hat nicht aus Schwäche vor der leuchtenden Schlange nachgegeben; hinter dieser scheinbaren Erniedrigung steckt eine andere Absicht.“ So dachten manche und verneigten sich: „Sieh uns freundlich an und zürne uns nicht!“ (12) Fünfzigtausend Kinkaras ergriffen auf einer Seite die Schlange, die Hanuman mit den goldenen Heldenringen band. Grenzenlos war ihre Kraft; in mächtiger Stärke übertrafen sie Garuda um das Dreifache.
(13) Viele sagten: „Ist das der Tod selbst? Hat er seine unermessliche wahre Gestalt verborgen, Affengestalt angenommen und den großen Kampf begonnen, um den Stolz der mächtigen Dämonen zu zerbrechen?“ (14) Auf jeder Terrasse, auf allen Stockwerken der schönen Goldpaläste, an jedem Fenster und an jedem Tor mit seinen Trommeln drängten sich lärmend Dämonenmänner und Frauen mit Reihen von Armreifen. (15) Einige meinten: „Der einzigartige Axtträger vom Kailasa ist als scharfzahniger Affe gekommen, durch die Macht der Treue der pfauengleichen Sita, um diese mauerumgebene reiche Stadt zu zerstören.“ (16) Himmlische Tänzerinnen, lockige Schönheiten aus der Vidyadhara-Welt, Schlangenfrauen mit Stimmen süßer als Saitenklang, zuckerrohrgleiche Siddha-Frauen und Yaksha-Jungfrauen drängten sich in grenzenlosem Getöse zusammen.
(17) Viele sagten: „Der große Diskusträger, der auf dem Wasser schläft, und der Vater der Welt auf der einzigartigen Lotusblüte haben ihre Gestalten verändert, einen gemeinsamen Leib angenommen und sind feindlich auf die Erde gekommen.“ (18) Alle außer den Dämonen und Dämoninnen konnten die Tränen ihrer großen regenfeuchten Augen nicht verbergen. Dachten sie an Sitas Verfall? War es Mitleid? Oder schmerzte sie die Erniedrigung des Rechts? (19) Der heldenhafte Hanuman ging mit ihnen. Er befreite sich nicht und begehrte keinen neuen Sieg. „Es ist gut, diesen Weg fortzusetzen und dadurch den König von Lanka zu sehen“, dachte er. (20) „Durch die Gnade meines Vaters, die Kraft der Besinnung auf Ramas rote Füße und die Segnungen Sitas und der Götter könnte ich auch diese furchtbare Fessel sprengen. Dafür bedarf es nur eines entschlossenen Gedankens.
(21) Wenn ich den Dämon mit den gekrümmten Hauern erreiche und ihm vor seinen erfahrenen Ratgebern die sicheren Folgen seines Handelns darlege, wird er vielleicht nachgeben und mir die Frau aus Mithila überlassen. (22) Zugleich lassen sich Zahl und Grenzen seiner Verbündeten erkennen. Ihre Gedanken, die Stellung und die Gesinnung des Mächtigen werden deutlich werden: Das Gesicht verkündet als Bote, was die Worte verbergen. (23) Valis Ende, das Geschick der Bäume, die Unzählbarkeit unseres gewaltigen Heeres und die Stärke des geliebten Sohnes des hohen Königs werden als Wahrheiten im Herzen des dunklen Ravana haften. (24) Darum will ich den Dämon aufsuchen, ihm unsere Kraft und das Recht fest einprägen, mehr als die Hälfte seiner noch verbliebenen Macht zertrümmern und dann ruhig fortgehen. Das ist die Aufgabe.“ So zog Hanuman weiter.
(25) Der Prinz, der den Götterkönig besiegt hatte, führte den Helden, einem gefesselten Stier gleich, zum Palast des Königs unter dem Herrschaftsschirm. Ringsum erhob sich das Meer des begleitenden großen Heeres. (26) Boten liefen voraus, verneigten sich vor dem alten Bezwinger der Richtungen und sagten: „König, dein geliebter Sohn hat den feindlichen Affen mit der Waffe des lotusgeborenen Gottes gefesselt!“ (27) Als er dies hörte, hob Freude sein Herz. Er nahm von seiner Brust, dunkel wie ein Himmel ohne Leuchten, die große Halskette, die einst den Hauern der Elefanten widerstanden hatte, und reichte sie den Boten. (28) Seine Schultern schwollen vor grenzenloser Freude, seine Augen öffneten sich wie Wasserlilien. „Lauft schnell zurück und sagt ihm auf meinen Befehl: Töte ihn nicht; bringe ihn her!“
(29) Die Boten überbrachten diese Worte dem Prinzen, der den Widerspruch seiner Feinde zum Verstummen gebracht hatte. Während dies geschah, wollen wir von Sitas Zustand erzählen, deren Mund niemals harte Worte sprach. (30) Sie hatte sich gefreut zu hören: „Er hat den duftenden Garten zerstört und unzählige Feinde niedergeschlagen.“ Nun berichtete die niemals feindselige Trijata bekümmert vom Geschick des Helden. Da wurde Sita ihres Lebens überdrüssig und sank erschöpft zusammen. (31) Ihr leuchtender, blütenweicher Leib wurde matt wie ein von Rauch verdunkeltes Gemälde. Sie glich einer Schwanenmutter, deren Junges in die Hand eines bösen Jägers geraten ist, und klagte: (32) „Du hast den ganzen Himmel durchdrungen und alle Künste vollständig erlernt und in dich aufgenommen. Nun hat ein betrügerischer Dämon dich gefangen! Ist das die Art des Rechts?
(33) Du überschrittest das Meer und drangst hier ein; du überwandest die Leiber der Übeltäter, doch nicht dein Schicksal. Herr mit den mächtigen, kampferprobten Schultern, du bist gekommen und hast meinem Leid noch neues Leid hinzugefügt! (34) Du zeigtest mir den Ring und damit mein kostbares Leben wieder. Ich sagte dir zu, du würdest Weltalter erleben. Wird mein Segenswort sich nun bewahrheiten? Du zeigtest die Macht deiner Bergschultern und hast nun eine schreckliche Erniedrigung sichtbar gemacht. (35) Nachdem du mich gesehen hättest, solltest du zurückkehren und den langen Weg weisen; der König würde den Dämon im großen Kampf töten und mich mitnehmen. Diese Hoffnung hast du zerstört – du, der mir das Leben zurückgab!“ (36) Solche Worte sprach sie. Wie eine Mutter, deren Kalb gefangen ist und deren eigenes Leben vor Schmerz dahinschwindet, wurde sie kraftlos und ohnmächtig: sie, deren Feuer der Treue sogar Feuer verbrennt.
(37) Der kampfstarke Prinz, der den hochgesinnten Helden gebunden hatte, erreichte den großen Palast, in dem der Herr saß, der durch die Frucht schwerer Askese die drei Welten regierte. (38) Der kühle Schatten des geschmückten weißen Schirms verbreitete Licht, als wäre den drei Welten ein weiterer Mond aufgegangen. Der König mit den siegreichen Schultern strahlte darunter wie der von ihm einst zum Himmel gehobene Silberberg, voller Gold und kostbarer Juwelen. (39) An seinen Schultern glänzten die Narben von Vishnus Diskus, Indras Donnerkeil und der Axt des Dreiäugigen. Dazwischen lagen tiefe Spuren der scharfen, schwerthellen Nägel an den knospenzarten Fingern von Frauen mit honigduftendem Haar. (40) Dichte rote Haarbüschel strahlten wie lange Flammen in die Richtungen; geordnete Lichtbündel stiegen auf. Sein zorniger Atem stieß mächtigen Rauch aus, als hätte man selbst im Süden ein unterseeisches Weltbrandfeuer errichtet.
(41) Smaragdstrahlen und lange Rubinlichter leckten selbst die unbeirrbare Finsternis der Höllenwelt fort. Mit seinen nach allen Richtungen gewendeten Köpfen glich er dem Schlangenkönig, der behaglich auf seinem Herrscherthron sitzt. (42) Gehäufte Juwelenmassen funkelten mit seinen Gewändern und den strahlenden Schmuckstücken der goldenen Schultern. Er glich dem riesigen dunklen Meer, das den weit über die Erde ragenden Meru als goldene Krone aufgesetzt hat. (43) Ein enges zinnoberrotes Gewand und ein Gürtel umschlossen ihn; Schmuck aus weißen Perlen verbreitete Vollmondlicht. Unter dem mondgleichen weißen Schirm saß er wie die Nacht, in Abendrot gekleidet und mit Sternenscharen geschmückt. (44) Seine vollen Gesichter waren Wohnstätten von Freigebigkeit, heiligem Vedenwissen und himmelhoher Festigkeit. Wohin sie ihre Augen wandten, verbreiteten sie große Furcht bei den acht Richtungswächtern samt ihren Elefanten und den beiden weiteren Hütern.
(45) Seit er die Königin des einzigen Herrn gesehen hatte, erschienen ihm alle pfauengleichen Frauen vom Schlangenreich bis zum weiten Himmel Brahmas nur noch wie Männer. Solche Frauen standen rings um ihn. (46) Abgesehen von den Affen, den beiden von ihm als niedrig handelnde Menschen verachteten Helden und einigen Weisen waren alle anderen bei ihm versammelt, zusammen mit den Dämonenscharen, deren Speere nach Fleisch verlangten. (47) Saiteninstrumente, wohlklingende Becken, kleine Rhythmusplatten und weitere Instrumente ertönten. Die Lieder der himmlischen Tänzerinnen glichen ausgegossenem Nektar; ihre grenzenlos süße Musik floss in jedes seiner Ohren. (48) Menaka tanzte lächelnd im Einklang mit Rhythmus und Trommeln; kleine geschmückte Füße, Augen, Geist und Hände folgten einander. Wer diesen Tanz sah, selbst ein großer Asket, konnte dadurch die bereits erreichte Befreiung wieder verlieren.
(49) Ein Gesicht kostete den Honig der Gesichter schmollender Frauen, eines trank den freudigen Wein der mit ihm Vereinigten; ein anderes genoss den kostbaren Nektar der Sängerinnen, eines den schönen Nektar der Tänzerinnen. (50) Ein Gesicht führte mit den Göttern Regierungsgeschäfte, eines beriet sich mit den drei Höchsten über große Angelegenheiten. Ein Gesicht des Sünders befasste sich mit sündigen Plänen; eines verweilte bei der Gestalt der vogelstimmigen Janaki. (51) Ein Gesicht dachte: „Wie überquere ich das Meer der Treue Janakis mit den zarten Kantal-Fingern?“ Ein anderes betrachtete seine Schönheit in den Spiegeln, die ihn umgebende Frauen mit sandelbestrichenen schönen Brüsten hochhielten. (52) Weil sein Sinn nach Janaki verlangte wie eine berauschte Biene nach dem Honig einer Laube, litten die anderen Frauen. Ihre Herzen verbrannten, Tränen überfluteten ihre Brüste; die Speere ihrer tränenvollen Blicke trafen jede seiner Schultern.
(53) Der Südwind hatte verschiedenen Blütenhonig gekostet und die feinen duftenden Tröpfchen aus dem Sandelbrei an den schönen knospenden Brüsten der Frauen aufgenommen. Nun drang er in Ravanas Leib wie brennendes Gift. (54) Für die großen rotgeäderten Lotusaugen der mondstirnigen Frauen war er die Sonne, die sie öffnete. Für die geschlossen bleibenden, flehend gefalteten Lotushände der grimmigen Götter und Danavas war er der Mond. (55) Maruti trat dem sitzenden Herrn der acht Richtungen gegenüber. Er entbrannte wie Garuda beim Anblick einer starken schwarzen Schlange. „Ich werde die Fessel um meine Schultern zerreißen und auf diesen tödlich Giftigen springen“, dachte er zornig. (56) „Ich verschonte ihn, weil es unrecht wäre, einen Schlafenden zu töten. Nun habe ich ihn auf seinem glänzenden goldenen Juwelenthron vor mir. Warum weiter überlegen? Ich will seine Köpfe zerstreuen, die rechtschaffene Ranke befreien und mit ihr fortgehen.“
(57) „Götter, Danavas und andere sitzen hier und haben die Gefangenschaft der Königin meines Helden gesehen. Wenn ich dem Sünder nicht vor ihren Augen die gekrönten Köpfe abreiße, welche tatkräftige Aufgabe bliebe mir dann noch?“ (58) „Während seine Frauen verwirrt auseinanderfliehen, rollt er die gekrönten Köpfe in alle Richtungen, tanzt und brüllt – furchtbar ist dieser Affe, der suchend herkam!“ Wäre ein solcher Ausspruch etwa gering? (59) „Wenn ich mein Leben nur bewahrte, um den Dämon mit den langen scharfen Hauern zu sehen, einige Worte zu ihm sagte und dann umkehrte, bliebe Anlass zu Spott. Selbst wenn ich nicht siegte und dabei stürbe: Würde daraus nicht ausschließlich Ruhm entstehen?“ (60) Er erwog, die fest um seine Schultern gezogene Fessel zu sprengen und wie ein Löwe auf einen Berg zu Ravana zu springen. Doch er hielt inne und erkannte nach gerechter Prüfung: Dies wäre nicht die rechte Handlung.
(61) „Seine Gnadengaben lassen ihn nicht leicht töten, seine Siegeskraft nicht leicht bezwingen. Die Macht dessen, dessen Farbe versammelter Nacht gleicht, kann Rama überwinden. Könnte ein anderer das? (62) Auch ihm wäre es schwer, mich zu besiegen; mir wiederum wäre es schwer, ihn zu besiegen. Kämpften wir, würden lange Zeiten so vergehen. Wäre es recht, einen solchen kaum zu entscheidenden Kampf zu beginnen? (63) Außerdem hat der ewige Herr erklärt: ‚Damit alle sieben großen Welten Freude finden, ist es mein Gelübde, die mächtigen Schultern und vielen Köpfe des Dämons im Staub rollen zu lassen.‘ (64) Und die Frau hat beim Befehl ihres schönäugigen Herrn geschworen: ‚Nur noch einen Monat werde ich hier bleiben.‘ Wenn ich die Zeit in einem wütenden Kampf vergeude, wird sie wahrhaftig ihr kostbares Leben aufgeben.“
(65) „Darum ist ein Kampf nicht angemessen; rein ist jetzt allein die Aufgabe des treuen Boten.“ So dachte der unvergleichliche Gefährte des Herrn der Veden und trat vor den Sitz des siegreichen feindlichen Schwertdämons. (66) Indrajit, der die mit Meeresnektar genährten Götter in die Flucht geschlagen hatte, zeigte Hanuman dem König. Dieser saß inmitten seiner Göttinnen mit Augen, scharf wie frisch geschliffene Schwerter. (67) Vor dem Bezwinger aller Welten faltete der Sohn beide Hände: „Dies ist der Edle in Affengestalt, dessen Taten an Shiva und an den Rotäugigen Vishnu denken lassen.“ (68) Ravanas Blick schleuderte heftige Feuerfunken, sodass Hanumans Körperhaare versengten. Mit dem Atem kroch heißer Rauch hervor und legte sich um seinen Leib wie eine weitere Schlange neben der bindenden Fessel.
(69) Sein Zorn versetzte die versammelten Götter und anderen einstigen Gegner in Furcht. Todesgleich fragte er nach Hanumans Wesen: „Warum bist du hierhergekommen? Wer bist du?“ (70) „Bist du der Diskusträger, der Donnerkeilträger, der Herr der langen Axt oder der Lotusgeborene? Bist du der mutige vielköpfige Träger der Erde? Hast du Namen und Gestalt verborgen, um hier kämpfend alles zu vernichten? (71) Bist du die dunkle Zeit, die unerbittlich Leben verschlingt? Oder der Sieger, der seinen Speer in den Berg schleuderte? Bist du der Herr des Südens? Welcher von jenen, die als Hüter der Richtungen gelten, bist du? (72) Bist du ein mächtiger grausamer Geist, den Brahmanen im Opfer erschufen und auf Befehl entsandten? Oder eine furchtbare Gottheit, die der einst auf der Blüte Geborene eigens schuf: ‚Zerstöre Lanka vollständig‘?
(73) Wer bist du? Aus welchem Grund kamst du hierher zu mir? Wer hat dich geschickt? Sprich ohne Furcht, damit ich es weiß; dies ist mein Befehl!“ So sprach der, der den Ruhm der Götter mit der Wurzel verschlungen hatte. (74) „Ich bin keiner der Genannten und trage auch keinen Auftrag jener von dir genannten geringeren Mächte. Ich bin der Bote eines Bogenträgers, dessen rote Augen schönen Lotusblüten gleichen. So kam ich nach Lanka. (75) Wenn du wissen willst, wer er ist: Er steht bereit, eine schwer vollbringbare Tat zu vollenden, die selbst Weise, Götter, die drei höchsten Gottheiten und alle anderen Wesen und Dinge kaum im Gedanken erfassen können. (76) Deine angesammelte Kraft, die Askese früherer Tage, dein gewaltiges Heer, die guten Gnadengaben der Götter, deine Macht, geschärfte Einsicht und alles andere, das du erworben hast – er steht bereit, dies mit einem einzigen langen Pfeil mitsamt der Wurzel zu beseitigen.
(77) Er ist keiner der Götter und auch kein anderes solches Wesen, kein Richtungselefant, kein Richtungswächter, nicht Shivas schöner Kailasa; keiner der Drei und keiner der übrigen Weisen. Er erscheint als Sohn des Herrschers, der die ganze Erdscheibe regierte. (78) Erkenntnis, der reine Nutzen gehörten Wissens, unerschöpfliche Gnadengaben aus wahrer großer Askese und alles übrige tragen nur die Frucht, die er bestimmt. Brauchst du einen Beweis? Veden und Dharma nennen diesen Bogenträger die wahre Verkörperung des Rechts. (79) Fragst du nach dem Urgrund: Er ist das Erkennen hinter dem Erkennen, das selbst die endlosen Veden nicht vollständig zeigen können. Er kam, um den Elefanten zu retten, den das kämpferische Krokodil packte und der ohne weitere Bestimmung ‚Urgrund!‘ rief. Er kam, die Götter zu schützen. (80) Er ist die Ursache ohne Anfang, Mitte und Ende, jenseits der dreifachen Zeit. Mit einem Bogen in der Hand kam er nach Ayodhya; Dreizack, Diskus, Muschel und Wassergefäß ließ er zurück, ebenso den uralten Banyan, die Lotusblüte und den Silberberg.
(81) Er wurde hier geboren, um das Recht aufzurichten, die Welt den gnädig verkündeten Veden entsprechend auf den geraden Weg zu führen, die Bösen zu vernichten und das Leid der Würdigen zu tilgen. Wer seine goldenen Füße preist, dessen Wiedergeburten schneidet er ab. (82) Ihm diene ich; mein Name ist Hanuman. Unter den Königen, die in alle vier großen Richtungen aufbrachen, die Schönstirnige zu suchen, führt Valis Sohn das nach Süden gekommene Heer. Als dessen Bote bin ich allein hierhergekommen.“ (83) Der König von Lanka lachte; zwischen seinen schönen Hauern schienen Blitze zu tanzen. „Bote, den Valis Sohn sandte: Ist der mächtige Vali noch stark? Geht es seinem Königtum gut?“ Da lächelte der Bote des Herrn. (84) „Fürchte dich nicht, Dämon. Der wildzornige Vali hat die Erde verlassen und den Himmel erreicht; er kehrt nicht wieder. Auch sein Schwanz ist verschwunden. Ein einziger tödlicher Pfeil des Dunkelfarbigen ließ ihn sterben. Unser König ist nun der Sohn der Sonne.“
(85) „Aus welchem Anlass nahm er Vali mit dem mächtigen Pfeil das Leben? Wo ist dieser Rama jetzt? Erkläre, weshalb Angada seine Königin sucht.“ Darauf antwortete der Sohn des Windes: (86) „Unser König verband sich mit dem Rotäugigen, der seine Königin suchte, in Freundschaft wie eine einzige Seele. Als er bat: ‚Tilge meinen schweren Kummer‘, versprach ihm der von keinem Maler darstellbare Held Ruma und die Königsherrschaft und tötete Vali. (87) Vier Monate blieb der Held dort bei ihm. Danach saß er, vom versammelten starken Heer umgeben, in königlicher Würde und befahl: ‚Geht nun und sucht.‘ So brachen wir auf; dies ist der Anlass meines Hierseins.“ Ravana erwiderte: (88) „Ihr dient also dem, der euren unvergleichlich erhabenen Geschlechtsherrn mit einem grausamen Pfeil tötete! Wo endet euer Ruhm? Wenn die wolkenumhüllte Welt solches mit euch duldet, besitzt sie wahrhaft eine weibische Nachgiebigkeit.
(89) Welchen Auftrag bringt euer König, der seinen älteren Bruder töten ließ und dem Mörder Liebe entgegenbringt? Wenn du als Bote zu uns kamst, warum führtest du Krieg? Wir werden dich nicht schmerzlich töten. Fürchte dich nicht; sprich!“ (90) Der Mann von unergründlich edlem Wesen wog die Worte des blütenbekränzten Königs gegeneinander ab. „Wenn ich ihm das allgemeingültige Recht darlege, könnte es wirken“, dachte er und sprach weiter. (91) „Ich kam als Bote. Wenn du die begründeten, gerechten Worte des Sonnensohnes als gut anerkennen kannst, werde ich dir seine angemessene und makellose Botschaft ausrichten. (92) Du hast dein Leben sinnlos zu Fall gebracht, das bleibende Recht nicht im Geringsten beachtet und Böses gefördert. Dein Ende ist nahe. Dennoch höre noch einen heilsamen Rat und bewahre dein Leben lange!
(93) Du bist verloren. Die große, kaum zu erlangende Askesekraft, die du durch Beherrschung deiner Sinne gewonnen und bewahrt hast, vergeht, weil du einer Frau Leid zufügtest, deren unzerstörbare Treue selbst Feuer an Reinheit übertrifft. (94) Sie vergeht heute oder morgen, nach einer kleinen Frist; könnte sie darüber hinaus bestehen? Schon etwas Wesentliches ist zerstört: Dein Übermut, genährt durch den Sieg über die erkenntnisreichen Götter, hat alles überwuchert. (95) Du hast die Zuversicht widerlegt, Böses könne erworbenes Gutes nicht aufheben. Die Reinheit, die große Askese dir brachte, tilgst du durch die krankhafte Begierde nach der Reinen. Erkenne es! (96) Wer im maßlosen Rausch verkehrter Begierde die Besinnung verliert und seine eigene Einsicht verwirrt, stirbt immer wieder, sinkt ab und steigt erneut auf. Wer, der vom Recht abwich, hat bleibenden Bestand gewonnen?
(97) Die mit bienenumschwärmten Kränzen geschmückten Herrscher der tiefmeerumgebenen Welt, die wegen ihrer Begierde nach jungen Frauen starben und im Scheiterhaufen verschwanden – ließen sie sich überhaupt zählen? (98) Die Edlen halten nichts anderes als ungezügelten Besitzdrang und Begierde für Finsternis. Und sie erkennen kein anderes Licht als Geben, Erbarmen und das Freiwerden von begehrlicher Bindung. (99) Ist das etwa ehrenvolle Männlichkeit: täglich schamlos nach der Frau eines anderen zu verlangen, zum Gespött zu werden und mit welkender Körperfrische Schande zu ernten? (100) Welcher Herrscher der meerumflossenen Erde besaß so viel Einsicht in das Recht wie du? Auch die Früheren gingen dahin. Willst du aus Begierde die Grenzen des Rechts überschreiten, obwohl du die Ordnung der Veden kennst?
(101) Wenn eine Frau dich verabscheut und zurückweist, wäre es schöner, sich die mitten im Gesicht ragende Nase abschneiden zu lassen, als nach solcher Zurückweisung weiter in Begierde zu leben. (102) Magst du viele goldene Schultern besitzen, die die Erde zermahlen, und sogar tausend Köpfe: Können diese Schutz bieten? Auch fünfhundert Städte bewahren kein dünnes Tuch, das mitten in heftiges Feuer gelegt wird. (103) Die Gnadengabe dessen, der die drei Städte in unausweichlichem Feuer verbrannte und sich durch dein Saitenspiel und deinen Gesang erweichen ließ, kann versagen. Ist es aber vernünftig zu glauben, der Pfeil dessen, der die Veden niemals verletzt, werde fehlgehen? (104) Willst du alle Scham verlieren, deinen unerschöpflichen guten Reichtum zerstören und dich kraftlos ins Verderben begeben? Du, dessen Gestalt so viele Einsichtige begehren – warum wählst du eine Tat, die nur Spott hervorbringt?
(105) Weder die Geborenen noch die zur erhabenen Stätte ohne Wiedergeburt Gelangten, weder die höchsten Götter über den Göttern noch irgendein anderes Wesen bestehen wahrhaftig, wenn sie Rama vergessen. (106) Darum gib Sita zurück, damit du deinen schwer erlangten Reichtum, deine zahlreichen ruhmreichen Angehörigen und dein Leben behältst.‘ Dies befahl mir der Sohn der Sonne, dir auszurichten.“ (107) Ravana, der bisher nichts als Sieg gekannt hatte, brach in großes Gelächter aus: „Ein Affe, der auf einem Berg wohnt, lässt mir diese Worte sagen! Das ist gut, wahrhaft gut!“ (108) „Lassen wir die Affenworte und die Siegeskraft der Menschen beiseite. Du dort: Weshalb hast du Dämonen getötet, nachdem du als Bote in unsere große Stadt gekommen bist? Erkläre das!“
(109) „Weil mich niemand zu dir führen wollte, verwüstete ich den duftenden Garten. Ich tötete diejenigen, die kamen, um mich zu töten. Und schließlich kam ich bereitwillig zu dir, weil ich dich sehen wollte.“ (110) Kaum hatte er dies gesagt, schwoll Ravanas Zorn auf; Feuer stieg empor, seine scharfen Hauer blitzten. „Tötet ihn!“ befahl er. Als die Henker nähertraten, rief der gerechte Vibhishana: „Haltet ein!“ (111) Der Langarmige erhob sich und verneigte sich vor dem Dämonenherrn. „Gerechter Herr, dieser entbrannte Zorn entspricht nicht der Ordnung.“ Behutsam sprach er die notwendigen wahren Worte. (112) „Würdiger, du kennst den Weg der Askese, den Brahma liebt, der einst durch die Kraft des Rechts die drei Welten schuf. Du übst selbst Indras Herrschaft aus. Kenner der Veden, willst du ihn töten, nachdem er ausdrücklich gesagt hat: ‚Ich kam als Bote‘?
(113) Auf der weiten Erde, innerhalb und außerhalb der Weltenkugel, überall, wo die wahrhaftigen Veden gelten, mögen Könige sogar Frauen getötet haben. Doch welcher der guten Herrscher früherer Zeiten hat einen angekommenen Boten erschlagen? (114) Ein Bote betritt Feindesland, richtet die Worte seines Auftraggebers aus, zügelt den Übermut der Gegner und verpflichtet sich, die Wahrheit zu sagen. Könnte etwas alle Würdigen mehr zum Spott veranlassen, als einen solchen Amtsträger zu töten? Unser Geschlecht würde befleckt. (115) Der Dreizackträger, der Vernichter Muras, Brahma und die übrigen Götter, die uns nicht ertragen, würden darüber lachen. König, der du die Welt tatsächlich beherrschst: Es ist Unrecht, einen zu töten, der im Auftrag eines anderen hierherkam. (116) Die beiden wahrheitserkennenden Helden töteten unsere jüngere Schwester nicht; sie schnitten ihr Ohren und Nase ab und ließen sie gehen: ‚Berichte die Folgen.‘ Nimmst du diesem das Leben, verhinderst du, dass er meldet, was er hier mit eigenen Augen sah.“
(117) „Du hast gut gesprochen, Bruder. Obwohl er Unheil anrichtete, wäre seine Tötung verkehrt.“ Dann befahl Ravana: „Verbrennt seinen langen Schwanz bis zur Wurzel, führt ihn um die Stadt und lasst ihn jenseits der Grenze frei!“ Die Umstehenden erhoben sich lärmend. (118) Indrajit sagte: „Solange Brahmas Waffe an ihm wirkt, darf man kein Feuer anlegen. Bringt viele gewöhnliche Stricke und bindet seine Schultern.“ Er löste die göttliche Waffe; augenblicklich traten andere heran, fesselten Hanuman mit dicken Seilen und zerrten ihn fort. (119) Wer könnte die Stricke aufzählen, die man in Land und Stadt zusammentrug? Den Schaukeln in den Häusern fehlten ihre langen Seile, den Wagen ihre Bindungen. Die Pferde verloren ihre Halfter, die Kriegselefanten ihre festen Bauch- und Halsgurte. (120) Sie banden ihn mit jedem starken Seil, das sie fanden: mit irdischen, mit gewaltsam von Göttern geraubten und mit solchen, die sie unzähligen durch Gnadengaben mächtigen Gegnern abgenommen hatten. Nur die Schnüre an den Ehezeichen ihrer Frauen blieben verschont.
(121) Der Makellose freute sich vollkommen: „Die Feinde selbst haben mich freigegeben, ohne dass ich die göttliche Waffe oder das Gebot des Rechts missachten musste. Damit habe ich ihren Sieg überwunden. Dass sie mich anzünden, ist nichts anderes als die Aufforderung: ‚Verbrenne diese Stadt!‘“ (122) Von schwachen Stricken umgeben, beugte er den Leib wie ein Kraftloser und ließ sich von den wilden Dämonen schieben. Er wusste um seine Befreiung und eilte nicht. Er glich einem Yogi, der trotz Erkenntnis Unwissenheit spielt und die Täuschung wie Wahrheit erscheinen lässt. (123) Sie führten ihn schnell durch das Palasttor ins Freie; ungeduldige Krieger umringten ihn schreiend. Sie wickelten Stofffetzen um seinen langen Schwanz, tränkten alles mit Fett und Öl und entzündeten heftiges Feuer. Ihr Jubel erschütterte das Weltall. (124) Hunderttausend Männer hielten die unzähligen festen Fesseln zu beiden Seiten. Bewaffnete Begleiter und Wächter waren zahlreich wie das Meer; die Mitziehenden füllten die Richtungen. Die Menge der seitlich Zuschauenden ließ sich nicht überblicken.
(125) An allen Straßen und Toren verkündeten sie: „Kommt und seht, was dem Affen widerfahren ist, der die Stadt und den Garten verwüstete, Aksha und andere zerschmetterte, mit Sita sprach und die Macht der Menschen rühmte!“ (126) Sie brüllten, als wollten sie es selbst jenseits des Weltalls bekannt machen, zerrten ihn hin und her, schlugen Trommeln, tobten und lärmten. Manche liefen zu Janaki und berichteten es. Ihr Leben bebte; sie schwitzte, brach zusammen, schluchzte, fiel, weinte und seufzte heiß. (127) „Feuer, wirst du nicht Erbarmen zeigen, wenn du siehst, wie diese hundegleichen, völlig unwürdigen Dämonen meinen mütterlich barmherzigen Helfer quälen? Du allein bist der Welt Zeuge; du kennst die Wahrheit. Wenn ich durch meine Treue rein bin, flehe ich dich an: Verbrenne ihn nicht!“ (128) Als die sanft Lächelnde dies sprach, erschrak der verborgene Feuergott im Herzen. Die Haare richteten sich erfrischt auf; Hanumans Schwanz wurde so kühl, dass die Kälte bis in die Knochen drang.
(129 [Quellennummer: 129]) Was braucht es mehr zu sagen? Das unterseeische Feuer, die Flammenbündel der Erde, das Feuer des Luftraums, die drei von Weisen bewahrten Opferfeuer und selbst die Flamme im Stirnauge des Herrn, der die drei Städte verbrannte, wurden kühl. (130) Auch das Feuer in der schönen Hand des über das Weltall Hinausragenden kühlte ab, ebenso die Opfergruben und sämtliche Blitze in den Wolken. Die unfehlbare Sonne mit ihren heftigen Strahlen, die die Finsternis verschlingt, wurde kühl; selbst die Hölle ohne Wiederkehr kühlte aus. (131) Hanuman, dessen Herz niemals den Faden der Liebe verliert, betrachtete verwundert, wie das heiße Feuer seinen berggleichen Leib umfasste, ohne ihn zu verbrennen. „Dies wirkt die Treue von Janakas Tochter“, erkannte er und empfand große Freude. (132) In der vergangenen Nacht hatte er trotz seiner Einsicht nicht alles vollständig erfassen können. Nun zeigten ihm die unwissenden Dämonen selbst jeden Teil der Stadt, ohne etwas auszulassen. Er glich dem verborgenen Erkennen, dem die äußeren Sinne vorangehen.
(133) Er sah alles genau und gelangte bis an die Stadtgrenze. „Jetzt ist die Zeit, zu entkommen“, dachte er und sprang zum Himmel. Die zweihunderttausend breiten Arme der fest zupackenden Wächter hingen noch an den Stricken; dann fiel alles herab. (134) Die hunderttausend schwerttragenden Dämonen verloren ihre Arme und starben. Hanuman erschien im Himmel, noch mit Seilen um Schultern und Leib, wie Garuda, den ringsum Schlangen umschlingen. (135) „Ich werde den König Rama preisen und dann diese Wohnstatt der Sünder so in Feuer setzen, dass selbst der uralte Verbrenner der feindlichen Städte und sein berühmtes Werk sich schämen müssen.“ So ließ er seinen Kriegsschwanz über die goldene Stadt fahren. (136) Der lange, flammende Siegesschwanz des Boten des dunklen Herrn glich einer rotgeflammten Kriegsaxt, die ihrem Träger folgt: „Ich habe gehört, welche Not die Grausamen meinem Herrn bereiteten. Jetzt will ich sie beenden und ihre prächtige Stadt zerstören!“
(137) Weil er das herrliche große Lanka bis an das Wassermeer in jeder Richtung in einem einzigen Augenblick verbrannte, glich dieser mächtige Kriegsschwanz dem Pfeil, den der korallenfarbene Herr aus dem unter seinen Schultern gebogenen Meru-Bogen auf die drei Städte schoss. (138) Als übte er schon die Tat, am Ende eines Weltalters aus einem einzigen Auge loderndes Feuer zu werfen und alle Welten auszutrocknen, streckte der unvergleichliche, unaufhaltsam starke Held seinen Kriegsschwanz hoch aus, um die weite Stadt der übermütig Bösen zu vernichten. (139) Von Haus zu Haus sprang er, durch die unerschütterlichen Bauten aus Silber, Gold und vielen glänzenden Juwelen, die der kundige göttliche Baumeister mit großer Mühe geschaffen hatte. Mit dem hellen Feuer glich er einem Weltendblitz, der auf Berge niederfällt. (140) Weil die dunklen Dämonen überall die fettgespeisten Opfer verhindert hatten, war der Feuergott von großem Hunger gequält. Liebevoll hielt er sich an Marutis Schwanz und verschlang rasch die Stadt – wie die Zeit, die auf Geheiß des Gifttrinkers am Ende alle Welten verzehrt.
5.14 – Der Brand von Lanka
(1) Das wilde Feuer ergriff die Fahnen, entzündete die Baldachine, umarmte die hohen Säulen, umschloss die langen Mauern bis zu den Spitzen und vernichtete alles in der geschützten großen Stadt. (2) Von den Toren aus drang das Feuer in die duftenden Paläste, umschloss sie und zerstörte sie vollständig. Die Menschen liefen verzweifelt hin und her wie schwingende Schaukeln; überall außerhalb erhob sich panisches Geschrei. (3) Die kostbaren Juwelenpaläste warfen so viele rote Lichtbündel zurück, dass die Frauen mit den schönen Armreifen nicht unterscheiden konnten, welche Häuser vom dichten Feuer erfasst waren und welche noch nicht. Verwirrt irrten sie umher. (4) Langer Rauch verdeckte den Himmel. Die Frauen klagten, weil sie die eingeschlagene Richtung nicht mehr erkannten; manche streuten die honigreichen Blüten ihres Schmucks aus und glichen Pfauen in einem verwüsteten Wald.
(5) Männer und Frauen riefen und gossen reichlich Wasser über kurzes Haar und lange Locken. Die täuschenden Lichtreflexe ließen sie nicht erkennen, wo wirklich Feuer brannte und wo nicht. (6) Die verschiedenen Feuer in den Häusern schienen ihre einzelnen Bezeichnungen abzulegen und ihre ursprüngliche Gestalt wieder anzunehmen: wie Lernende, die nach Auflösung der Täuschung durch Erkenntnis ihr eigenes wahres Wesen erreichen. (7) Der heiße Rauch stieg auf und breitete sich aus wie der dunkle Leib dessen, der zuerst Zwerggestalt annahm und dann emporwuchs, um mit seinen Schritten die Welten auszumessen und in Besitz zu nehmen. (8) Die dunkelblauen Elefanten, die dem wilden Elefanten des unteren Weltraums glichen, wurden vom herabfallenden Feuer ganz verschlungen. Ihre gesamte Haut löste sich ab und fiel herunter.
(9) Als heißer Rauch sie wie dichter Reif und zugleich helles glückverheißendes Feuer umgab, suchten die Frauen Schutz am Wasser, wie sanfte Schwäne, die vor dunklen, wolkengleichen Büffeln ausweichen. (10) Große aufspringende Funken flogen davon und schlugen überall wie Scharen von Blitzen ein. Das Meer erhitzte sich; die Fische zuckten, verbrannten, trockneten aus und verloren ihr Leben. (11) Das verzehrende Feuer griff tief in die Bauten. Lange goldene Ströme schmolzen heraus, flossen ins benachbarte Meer und erstarrten dort zu großen, gewundenen Goldbarren. (12) Es war das Feuer, das schneller als ein Wort die Welt verschlingt. Konnten Reihen berggleicher Juwelenpaläste und ausgedehnte Haine ihm widerstehen? Selbst der Boden verbrannte, weil auch er aus Gold bestand.
(13) Rauchbündel, dichter als Stein, brachten selbst dem Götterland Nacht. Schlingpflanzenartige Formen reckten sich empor; die kostbaren Räder und Wagen im Himmel gerieten eng aneinander und stockten. (14) In den Trinkhallen trank das große Feuer den Wein, den die trügerischen Dämonen genossen hatten. Selbst wer als rein gilt, wird schlecht und begeht Böses, wenn er sich am Wohnort der Bösen aufhält. (15) Während das lärmende Feuer Lanka umfasste und durchlief, brodelten die stets vollen Meere wie ein Kochgefäß. Aufsteigende Flammenbündel erreichten die wasserreichen Wolken und brachten sie zum Sieden. (16) Mit Feuer am Körper flohen Frauen durch die Luft. „Dort im Wald fließt Wasser!“ glaubten sie zu sehen. Verwirrt stürzten sie in die flimmernden Luftspiegelungen der Sommerhitze.
(17) Als die honigreichen Gärten brannten, folgten Bienen den verwehten Blüten. Die weiterwandernden Flammen hielten sie für ausgedehnte Lotusteiche; sie flogen hinein und verkohlten. (18) Einige Frauen mit schöner, den Bogen übertreffender Stirn sagten: „Dies ist unsere rechte Pflicht. Der Affe hat unseren Lebensherrn getötet; wir haben kein Leben mehr. Wir verlassen unser Haus nicht mehr.“ So starben sie. (19) Blüten verkohlten, junge Blätter wurden zu Funken, Blattzungen verbrannten. Duftende Zweige wurden Asche, Wipfel und lange Äste versengten bis zu den Wurzeln. Die Haine wurden zu schwarzer Kohle. (20) Die Flammen stiegen durch die ganzen Wolken und erhitzten die Himmelsstädte, bis sie schmolzen. Weil der Strom nach unten nicht abriss, sah es aus, als ließe der gesamte Himmel goldene Wurzeln herabhängen.
(21) Das dicht empordrängende Feuer erreichte den stolzen weißstrahlenden Mond und schmolz ihn. Aus seinem Leib floss Nektar; dadurch gewannen sogar einige Dämonen ihr Leben zurück. (22) Die kräftigen Flammen griffen die Sonne und ragten empor. Die verbrannten dunklen Regenwolken umgaben sie wie Holzkohle; die strahlende Sonne glich darin einer Masse schmelzenden Goldes. (23) Das springende Feuer entzündete die Fesseln, die Pflöcke und das juwelenbesetzte Geschirr der Pferde, dann die dicht um ihre Gesichter fallenden Mähnen. Die edelsteinfarbigen Pferde mit gekrümmten Hufen starben verzweifelt. (24) Dämonen, die selbst den Tod verschlingen könnten, erhoben sich zum goldenen Himmel. Doch lange Rauchflammen umschlossen sie; atemlos, wie untergetaucht, verloren sie die Kraft, fielen ins tiefe Feuer und kamen um.
(25) Das dichte Feuer erfasste die seidenen Gewänder und die feinen Schultertücher, umschlang sie und griff nach dem duftenden schwarzen Haar. Die Frauen mit kostbarem Schmuck und breiten Hüften gerieten außer sich. (26) Als Feuer ihre mondhellen Gewänder verzehrte, stürzten die Dämonen ins Meer. Sie kannten das Ende der Liebesstreitigkeiten mit den jungen Frauen, deren rote Lippen ein perlenbesetztes Lächeln umschlossen; die Grenze nektargleicher Vereinigung hatten sie aber nie erreicht. (27) Als ihre grünen Papageien in den Käfigen brennend flatterten, strömten Tränen aus den geschminkten Augen der Frauen über ihre Brüste. Sie umarmten fieberhaft ihre elefantengleichen Männer und verschwanden im Rauch wie Blitze in Wolken. (28) Als Feuer in die berggleichen Paläste drang, stiegen Frauen mit strahlendem reinem Goldschmuck in die Luft. Sie verschwanden im endlosen feinen Rauch wie gemalte Figuren hinter einem Tuchvorhang.
(29) Adlerholz, duftender Sandel und viele andere makellose Bäume verbreiteten ihren Wohlgeruch über alle Welten. Die Lustgärten verbrannten wie das Makara-Meer, das nach der Überlieferung am Weltende vom grausamen Zeitfeuer getrunken wird. (30) Die heftigen Flammen breiteten sich aus, als wollten sie alle Welten verschlingen, und erfüllten unvorstellbar weite Richtungen. In den Wunschbaumhainen konnte man nicht unterscheiden, welche reichverzweigten Bäume noch unberührt standen und welche schon brannten. (31) Der aufsteigende heiße Rauch verschlang das umgebende Wasser, als wollte das Meer vergehen. Über hohen Berggipfeln wirbelte er wie verwehte Baumwollflocken. Fische im Meer und dahinziehende Wolken waren nicht mehr voneinander zu erkennen. (32) Der mächtige Rauch verschluckte alles. Der Silberberg glich nun anderen dunklen Bergen, Schwäne glichen Krähen; das Milchmeer sah wie die übrigen Meere aus. Selbst die weißen Richtungselefanten waren von gewöhnlichen Elefanten nicht mehr zu unterscheiden.
(33) Vom grausamen Feuer verfolgt, mit verbrannter, abgelöster Haut, liefen Männer und Frauen zum Wasser und verbargen sich darin. Ihre ausgebreiteten langen und kurzen Haare bedeckten das Wogenmeer so dicht, dass auch dieses verbrannt und verkohlt erschien. (34) Ein Kind auf der Hüfte, ein anderes fest an der Hand, ein drittes schreiend hinter sich: So flohen die Dämoninnen, dicht zusammengedrängt, während ihre nassen Locken versengten, und stürzten klagend in das schwarze Meer. (35) Bogen, Speere und wilde Lanzen wurden Brennstoff; alles glänzende Eisen schmolz im hellen Feuer und sammelte sich in den Waffenhallen zu runden Klumpen. Die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand glich dem Wirken höchster Erkenntnis. (36) Elefanten zerrissen ihre schweren Riemen und Halsgurte, rissen mühelos die festen Pflöcke aus und liefen davon, als Feuer in ihre Körper drang. Sie stellten die breiten Ohren auf, krümmten den Schwanz über dem Rücken, hoben die Rüssel und schrien.
(37) Aus Furcht vor dem schrecklichen Rauch wagten die Vögel nicht höher zu fliegen. Sie fielen ins dunkle wilde Meer und kamen nicht wieder empor; ungerührte Fische verschlangen sie. So ergeht es denen, die bei erbarmungslosen Betrügern Zuflucht suchen. (38) Das hohe Feuer hatte die Stadt verheert und drang nun in Ravanas Haus. Es glich dem Weltendbrand, der das Wasser austrinkt, die weite Erde durchstreift, Bäume verbrennt, Berge zu Glut macht und schließlich den einzigartigen Meru erfasst. (39) Himmlische Frauen und die übrigen Frauen flohen verwirrt, ohne ihre Richtung noch zu kennen. Auch alle anderen stoben überallhin auseinander, so erschüttert wie an dem Tag, als der König von Lanka die Stadt der Götter eroberte. (40) Zibet, duftende Mischungen, Wunschbaumblüten, Sandel und Adlerholz rauchten. Wie große Wolken göttlichen Honigregens verbreitete sich der Duft in alle Richtungen; selbst das Haar der fliehenden Schönen wurde davon wohlriechend.
(41) Das ringsum nachsetzende Feuer erfasste Ravanas Palast, den sonst niemand zu erreichen wagte, solange der meereszornige Held darin wohnte. Seine sieben hohen Stockwerke verbrannten wie die sieben Welten im wilden Feuer am Zeitenende. (42) Weil Ravanas makelloser, berggleich hoher und breiter Palast aus Gold gebaut war, schmolz er unter dem verzehrenden Feuer zusammen. Die Masse sah aus, als gäbe es nun auch im Süden einen Meru. (43) Da bestiegen Ravana und seine Frauenschar das glänzend mit Juwelen geschmückte Pushpaka-Fluggefährt. So schnell wie ein Gedanke entfernten sich alle. Weil kein unbetroffener Bereich mehr blieb, verbrannte Lanka auf seinem Berg. (44) Der Herr des Räderwagens blickte die Dämonen feurig an: „Ist die Zeit gekommen, da die siebenfach aufeinandergetürmten Welten verbrennen? Oder gibt es einen anderen Grund? Weshalb ist meine Stadt diesem mächtigen Feuer zum Opfer gefallen?“
(45) Die starken Dämonen, ihres Glücks beraubt und voller Klage, falteten die Hände: „Herr, mit dem Feuer an seinem langen Schwanz hat der Affe die Stadt verbrannt.“ Ravana geriet beim Hören in glühenden Zorn. (46) „Durch die Kraft eines niedrig handelnden Affen verbrennt Lanka heute; große Aschenwolken steigen auf. Das Feuer frisst und rülpst. Die Götter werden lachen: Schön, schön ist die Macht des Kriegers Ravana!“ So lachte er bitter. (47) Der Bezwinger der Götter befahl: „Sucht das Feuer, das alles verschlungen hat, tretet ihm entgegen, fangt es und bringt es her!“ (48) Der Allwissende befahl weiter: „Fangt den Affen, der dies angerichtet hat, bevor er entkommt!“
(49) Die nahestehenden Krieger eilten vor. „Wir stellen uns ihm!“ sagten sie, bestiegen Wagen und fuhren aus. (50) Unermesslich viele zornige Bogenträger zogen hinaus; alte, in vielen Ämtern bewährte Befehlshaber brachen auf. (51) Sieben Helden erhoben sich, mächtig wie das wasserreiche Meer. Sie ordneten das girlandengeschmückte Heer und legten ihre Kriegskränze an. (52) Ohne im Himmel lange Umschau zu halten, umringten sie rasch die Erde. Sie eilten zum Herrn und sahen ihn vor sich, von allen anderen unterschieden.
(53) „Packt ihn, packt ihn!“ riefen sie. „Schlagt ihn, schlagt ihn! Umzingelt ihn, umzingelt ihn!“ Voller Zorn schlossen sie den Ring. (54) Die Betrüger stellten sich ihm mit lautem Kampfgeschrei entgegen; Füße und Hände bewegend, ließen sie Speere wie eine Wolke regnen. Er wiederum umschloss sie mit seinem heiß brennenden Schwanz. (55) Er brach einen Baum ab, umspannte die Richtungen mit seinem Schwanz und schlug zu. Die zornigen Angreifer verloren unter seinen Schlägen ihre Waffen und ihre Lebenstage. (56) Als Maruti sie zerschmetterte, strömte aus ihren verletzten Körpern Blut. Es bildete schlammige Flüsse, die durch die Stadt liefen und deren rotes Feuer abkühlten.
(57) Die entgegentretenden Kampfhelden wurden besiegt oder starben. Der Windsohn, Kenner aller Künste, tötete dreimal so viele wie der Todesgott. (58) Die wolkenfarbigen Helden mit den starken mächtigen Schultern gingen zugrunde. Nur fünfzigtausend blieben übrig und flohen in das frische Wassermeer. (59) Hanuman tauchte seinen Schwanz hinein. Das Meer erhitzte sich, und die Hineingeflohenen konnten nicht entkommen; sie starben. Nun traten ihm die sieben Helden unmittelbar entgegen. (60) Auf ihren Wagen umringten sie ihn und zeigten ihre unbesiegbare Kunst des Bogens. Maruti schlug zu; unter seinen Schlägen brachen die sieben anstürmenden Helden zusammen.
(61) Die hochfliegenden Vidyadharas berichteten: „Das wilde Feuer hat nicht einmal den äußeren Rand des vogelreichen Gartens verbrannt, in dem die Göttliche mit den gerundeten Brüsten weilt.“ (62) Als sie dies meldeten, freute sich der furchtbar starke Held und staunte. „Ich bin gerettet!“ jubelte er und verneigte sich vor den Füßen der Frau mit den goldenen Armreifen. (63) Janaki sah ihn; bei seinem Anblick kühlte sich ihr schweißbedeckter, glühender Leib ab. „Was soll ich sagen? Du bist wiedergekommen!“ Nach dieser Begegnung zog der kriegstüchtige Maruti weiter. (64) Auch der strahlende Feuergott verbarg sich: „Der klare Maruti ist gegangen. Wenn die betrügerischen Dämonen mich sehen, werden sie mich nicht bloß verspotten, sondern festnehmen.“
5.15 – Die Verehrung der heiligen Füße
(1) „Ich will schnell fort“, dachte der Herr und erreichte sonnengleich einen nahen Gipfelberg. Er wuchs so gewaltig, als wolle er alle Welten verschlingen, verehrte und pries die blütengeschmückten Füße des Helden Rama und flog rasch durch den Himmel. (2) Der Elefantenstarke erreichte unterwegs gebührend den Berg Mainaka und berichtete ihm, was geschehen war. Einen Augenblick später sprang er auf den honigduftenden, mit Naga-Bäumen bewachsenen Berg, wo die schlangenmutigen Helden seine Rückkehr erwarteten. (3) Seine stolze Erscheinung verkündete: Der Auftrag, für den er ausgezogen war, war erfüllt. Die siegreichen Affenhelden, die sehnsüchtig Ausschau gehalten hatten, saßen dort, wohin sein langer Sprung führte. Sie blühten vor Freude auf wie Vogeljunge beim Anblick der heimkehrenden Mutter. (4) Einige weinten, andere stellten sich vor ihn und jubelten. Manche näherten sich ehrfürchtig mit gefalteten Händen, manche tanzten und sprangen. Einige umdrängten ihn, als wollten sie ihn ganz in sich aufnehmen; andere umarmten ihn oder hoben ihn auf und trugen ihn.
(5) „Mühsam haben wir duftenden Honig, Wurzeln und Früchte gesucht und für dich aufgehoben. Herr, iss und vertreibe deine Erschöpfung! Dein stolzes strahlendes Gesicht hat uns die Nachricht schon gesagt.“ Einer nach dem anderen reichte ihm von seiner Nahrung. (6) An Füßen, Brust, Schultern, Kopf und breiten Händen trug er von Schwertern, Speeren und Pfeilregen gerissene Wunden, so zahlreich wie die vergangenen Tage der Welt. Immer wieder betrachteten sie den Edlen und seufzten erschüttert, als entweiche ihr eigenes Leben. (7) Zuerst verneigte er sich vor Valis geliebtem Sohn, dann zu den Füßen des Bärenkönigs. Allen anderen erwies er die nach Rang gebührende Ehre und setzte sich. Zu sämtlichen Versammelten sagte er: „Die Königin des Weltenherrn lässt euch Gutes wünschen.“ (8) Da erhoben sie sich mit gefalteten Händen, verneigten sich tief und standen mit vor Freude schwellenden Herzen da. „Mächtiger Held, erzähle alles von deinem Aufbruch bis zu deiner Rückkehr!“ Der Windsohn begann.
(9) Er schilderte ausführlich die große innere Askese der Königin und berichtete, wie er ihr bedeutendes Erkennungszeichen erhalten hatte. Von seinem Kampf mit den schwerttragenden Dämonen und seiner Rückkehr nach dem Brand erzählte er nichts: Er schämte sich, die eigenen Siege zu rühmen. (10) Doch seine Wunden erzählten vom Kampf, seine Rückkehr vom Sieg, die hochsteigende Rauchmasse vom Brand der Stadt. Dass die Königin nicht mitgekommen war, zeigte ihnen die Größe der feindlichen Macht. So verstanden sie alles und fragten: „Was sollen wir jetzt tun?“ (11) „Wir dürfen keinen Augenblick über etwas anderes nachdenken. Wir müssen schnell melden, dass wir die Königin des Helden gesehen haben, und den schweren Kummer seines Herzens lindern. Aufbrechen ist jetzt das Richtige.“ Sofort erhoben sie sich und zogen los. (12) Freudig sprangen sie in den Himmel und flogen wie Pfeile vom Bogen des Erhabenen. Als der heißstrahlende Sonnengott den höchsten Punkt am Himmel erreichte, gelangten die Helden nach Madhuvana und lagerten dort.
(13) „Weil die gesetzte Frist so weit überschritten war, quälte uns die Sorge; wir aßen kaum und litten. Held, du hast uns Elende vor dem Tod bewahrt. Gewähre uns nun auch Nahrung!“ Darauf hieß es: „Gehen wir gemeinsam zu Valis Sohn.“ Sie erhoben sich. (14) Hanuman näherte sich Angada, faltete beide Hände und sagte: „Du mit dem duftenden Kranz auf der Brust, dein Affenheer ist nach aller Anstrengung erschöpft und durstig. Gewähre ihm hier den Honig, den die Bienen hervorbringen.“ (15) Angada stimmte zu. Sie jubelten, sodass selbst das Meer erzitterte, und stürmten in den üppigen Wald mit seinen hängenden Honigwaben. Sie sprangen einander voraus, brachen die weichen Waben ab, aßen immer weiter und drängten sich freudig wie honigtrinkende Bienen. (16) Einer trank den Honig, den ein anderer schon zum Mund führte, und lief davon. Ein anderer entriss einem Gefährten die Wabe aus der Hand. Sie umarmten sich, fielen hin, rannten, kletterten aufeinander und riefen freudig: „Jubel!“
(17) Da erhoben sich die Affenwächter des großen Hains zornig mit feurigen Augen. „Was denkt ihr euch? Was tut ihr, indem ihr den Befehl des großen Sonnensohnes missachtet? Das bedeutet euer Lebensende!“ (18) „Unser König wird uns zürnen“, sagten die Wächter und gingen fort. Sie berichteten Dadhimukha: „Das zahlreich herangekommene Affenheer hat heute den fruchtreichen Honigwald so verwüstet, dass selbst Feinde sich schämen müssten. Wir können nichts mehr tun.“ (19) Dadhimukha sprang auf: „Wer hat es gewagt, Madhuvana zu schädigen? Zeigt sie mir!“ Sie antworteten: „Valis Sohn und die gelehrten Führer kamen mit ihrer Schar. Auf Angadas Befehl hat das Affenheer die honigreichen Baumgruppen zerstört. (20) Im Vertrauen auf den Befehl des starken Königs wollten wir die Affen zurückhalten. Doch sie schalten uns grausam und schlugen uns mit den Händen, sodass wir leiden, Herr!“ Dadhimukha sagte: „Der Sohn scheint nicht zu wissen, was seinem hochrangigen Vater widerfuhr.“
(21) Feuerzornig erhob er sich mit lautem Ruf. Zwei Millionen Affenkrieger mit klingenden Heldenringen schlossen sich donnernd an, und er betrat den schönen Honigwald. Die honigtrinkende Schar pries den Makellosen, lief zu Angada und fiel ihm zu Füßen. (22) „Du hast mein Gebot missachtet, das selbst die Himmlischen kaum anzusehen wagen, und den süßen Honigwald angetastet, den Indra Vali schenkte. Kennst du nicht die Kraft des Sonnensohnes? Du mit den Mandara-Schultern, heute endet dein Leben!“ (23) „Du hast eben Madhuvana zerstören lassen!“ Mit diesen Worten schleuderte Dadhimukha einen schwarzen Felsblock auf Valis Sohn. Angada wehrte ihn mit dem Handrücken ab, packte zornig Dadhimukha und schlug ihn mit seiner breiten Hand. (24) Er traf ihn mit der prächtigen Hand so heftig, dass Blut aus dem Mund floss und er taumelte. „Geh und berichte es dem Sonnensohn!“ Damit schickte er ihn fort. Dann befahl er glühend zornig: „Bindet auch sein Heer und schlagt es mit euren feurigen Händen!“
(25) Sie packten die Wächter, banden sie mit Ranken und schlugen vorn und hinten mit Händen zu, deren Kraft selbst den Blitz erschreckte. Die Körper zuckten und erschlafften. „Geht auch ihr und berichtet!“ befahl Valis Sohn. Furchtsam zogen sie ab. (26) Wie Elefanten im Wellenwasser badeten und spielten die Affen im Honig. Sie brachten ihren Führern süßen Honig, Früchte und anderes, vertrieben ihre Erschöpfung und blieben im Hain, bis die sengende Hitze der Sonne auf ihrem wandernden Wagen nachließ. (27) Wir haben alles erzählt, was dort geschah, bis zur Rückkehr des klugen Boten, der eine selbst für den Dreizackträger schwer vollbringbare Aufgabe vollendete. Nun nehmen wir auf, was inzwischen beim Diskusträger Rama geschah. (28) Der edle Affenkönig hatte den großen Windsohn und die übrigen Heere in alle vier Richtungen entsandt: „Sucht die Göttliche, einer jungen Lotusblüte aus dem Schlamm gleich.“ Nun saß er beim Herrn und tröstete ihn.
(29) Auf dem dunklen Berg suchte der Sonnensohn ihn mit trefflichen Worten zu beruhigen. Der Rotäugige kam nach jedem Zusammenbruch wieder zu Atem und Bewusstsein, als besäße er tausend kostbare Leben. (30) Die aus den drei weiten Richtungen zurückgekehrten Suchtrupps meldeten: „Wir haben die Frau nicht gefunden.“ Diese Worte quälten ihn, als straften sie sein noch verbliebenes Leben. Dennoch hielt er aus, weil sein Herz an den starkmächtigen Hanuman dachte. (31) Der Edle versank im Meer schwerer Trauer. Er blickte den Sonnensohn an: „Unser Vorgehen war nicht gut. Es scheint in gewaltiger, unauslöschlicher Schande geendet zu haben. (32) Die gesetzten Tage sind vergangen. Diejenigen, die südlich des Berges nach der Frau mit den duftenden dunklen Locken suchen wollten, sind nicht zurückgekehrt. Sind sie gestorben? Edler, was anderes könnte ihnen widerfahren sein?
(33) Ist sie gestorben, und dachten sie: ‚Besser selbst sterben, als zurückzukehren und ihnen ihren Tod zu melden‘? Sind sie vor solchem Kummer zugrunde gegangen? Oder ziehen sie noch immer suchend umher? (34) Haben sie Dämonen entdeckt, in übergroßem Zorn einen erbitterten Kampf begonnen und sind durch die Zauberei der Betrüger in den Himmel gelangt? Oder wurden sie in eine schwere, unentrinnbare Gefangenschaft gebunden? (35) Denken sie: ‚Die angegebene Frist ist vorbei; wir fürchten uns zurückzugehen‘? Haben sie Freude und Leid hinter sich gelassen und sich harter Askese hingegeben? Was ist ihnen sonst geschehen? Sage es mir!“ (36) Während er so sprach und sich im Leid verzehrte, kam der starke Dadhimukha vor den Herrn der Affen. Blut strömte von seinem Kopf; mit gefalteten Händen sank er wie ein Berg zur Verneigung nieder.
(37) Er erhob sich: „Herr, höre! Madhuvana ist heute vollständig zerstört worden.“ Sugriva sah sein blutüberströmtes Gesicht und fragte: „Sage, wer hat das dort getan?“ (38) „Nila, Kumuda, der hoch wie ein großer Berg ragende Jambavan und das wie ein Meer anschwellende Heer kamen eilends an und verwüsten den ehrwürdigen Honigwald. (39) Valis Sohn schlug das Heer, das sie aufhalten wollte, zurück und sprach sogar verächtlich über dich. Weil ich seine selbstgefälligen Worte nicht ertragen konnte, entbrannte ich und löste einen Felsblock. (40) Ich schleuderte ihn in einem Augenblick: ‚Zerschmettere den schönen Körper von Valis Sohn!‘ Doch er wehrte ihn mit dem Handrücken ab, loderte wie Bambusfeuer, packte und misshandelte mich, sodass mein Leben bebte: ‚Geh und melde es!‘“
(41) Der Sonnensohn erhob sich voller Zuversicht, verneigte sich vor dem reinen Herrn des Schlangenlagers und sagte: „Dieser Übermut verkündet uns die Wahrheit, dass die Frau mit den goldenen Armreifen in ihrer erhabenen Treue unversehrt ist. (42) Sie haben die Frau mit der melodischen Stimme sicher gefunden. Aus solcher Freude zerstören sie den bienenreichen Honigwald und trinken. Herr des Weltalls, lass jetzt deine Trauer enden!“ (43) „Die nach Süden Gesprungenen sind zurückgekehrt.“ Bei diesem Gedanken blieb unser Herr dennoch bekümmert: „Was werden sie wohl sagen?“ Während er so dasaß, wandte sich der Sonnensohn wieder dem verletzten Dadhimukha zu. (44) „Wer ist dort angekommen? Sage es.“ – „Maruti, Valis Sohn, Mainda, Jambavan und die übrigen siebzehn unermüdlichen Führer sind da, mit einem Heer, dessen Jubel selbst das Meeresbrausen beschämt.“
(45) Als er dies hörte, sah der Sonnensohn den starken Dadhimukha an: „Eines muss ich dir erklären. Valis Sohn ist niemand, der sich zu niedrigem Handeln versteht. (46) Sie nahmen den Auftrag des Königs auf sich, durchsuchten alle von kühlen Wogen umgebenen Richtungen, bedrängten die Feinde, die die Pfauengleiche gefangen halten, und sind hierhergekommen. Was könnten wir ihnen vorwerfen? (47) Außerdem gehört dieses Reich Valis Sohn; ihm entgegenzutreten ist nicht recht. Streitsinniger, du hast nichts verstanden. Wenn du dein Wohl suchst, gehe jetzt und suche bei ihm Zuflucht.“ (48) Mit gesenktem Kopf, bedecktem Mund, bekümmertem Herzen und zusammengesunkenem Leib zog der duftend Bekränzte mit seinem Gefolge zurück und erreichte wieder den Wald.
(49) Valis Sohn sah ihn und dachte in aufsteigendem Zorn: „Wenn dieser Widersacher wieder gegen uns antritt, werde ich ihm das Leben nehmen.“ Doch Dadhimukha erschien mit ehrerbietig gefalteten Händen: „Ich bin dein Diener.“ (50) „Verzeihe das Unrecht, das ich eben tat“, sagte er und fiel zu seinen Füßen. Angada beugte sich nieder, ergriff seine Hand, umarmte ihn und erwies ihm Ehre: „Verzeihe auch du, was ich dir angetan habe.“ (51) Die Affen verneigten sich vor Hanuman: „Wie du unsere Qual über die überschrittene Frist beendet und uns Sicherheit geschenkt hast, so gehe nun voraus und vertreibe den Kummer des Lotusäugigen.“ Hanuman brach vor ihnen auf. (52) „Der mächtige Prinz hat seinen Zorn abgelegt, und auch die siegreiche Sonne hat ihre Hitze gemildert. Es ist gut, jetzt aufzubrechen.“ So erhoben sich alle und zogen, von ihrer Not befreit, weiter.
(53) Unterdessen blickte Rama den Sonnensohn an und fragte: „Wird das zurückgekehrte Heer sagen: ‚Wir haben sie gewiss gesehen‘? Oder wird es das unerträgliche Gegenteil berichten? Sage es mir.“ (54) Da erschien Hanuman, als stünde die Sonne im Süden. Der unvergleichliche Held mit den goldspendenden breiten Händen betrachtete ihn aufmerksam, sein Herz voller Liebe. (55) Hanuman kam heran, verneigte sich aber zunächst nicht vor den mächtigen Heldenfüßen seines Herrn. Kopf und Hände wandte er in die Richtung der Frau, die ihren Lotus verlassen hatte, berührte mit dem Körper die Erde und verehrte sie tief mit einem Segensgruß. (56) Rama betrachtete die Handlung des Kraftvollen genau. Da er Zeichen zu deuten verstand, erkannte er: „Die Frau mit dem bienenumschwärmten Haar ist am Leben und stark. Er hat sie tatsächlich gesehen. Auch ihre Treue ist unversehrt.“
(57) Er nahm Hanumans Handlung als sicheren Beweis und erfasste mit hohem Verständnis das Geschehene. Seine Schultern richteten sich auf, seine Blütenaugen füllten sich mit Tränen; der schwere Kummer wich, seine Liebe wuchs. (58) „Ich habe mit eigenen Augen den Schmuck der Treue gesehen, in der südlichen Stadt Lanka im Meer der klaren, wogenden Wellen. Herr des Weltalls, lass nun Zweifel und den bisherigen Schmerz enden!“ So begann Hanuman zu berichten. (59) „Sie ist in höchstem Maß würdig, deine große Königin zu heißen, wahrhaft die erhabene Schwiegertochter des Königs, der dich zeugte, und die große Tochter des Herrschers von Mithila. Sie ist meine höchste Gottheit. Herr, höre weiter! (60) Wie nur Gold dem Gold gleicht, steht sie in Geduld ohne ihresgleichen: Nur sie selbst ist ihr ebenbürtig. Sie ist dir angemessen, dem wiederum nur du selbst gleichst. Auch mir schenkte sie dadurch einen Rang, für den es außer mir kein Gleichnis gibt.
(61) Sie bestätigte dein Geschlecht in seinem eigenen Ruhm und erhob ihr eigenes zu einzigartiger Ehre. Das grausame Geschlecht dessen, der sie einsam machte, übergab sie dem Tod; das Göttergeschlecht ließ sie aufleben. Auch meinem Geschlecht gab sie seinen Wert zurück. Was könnten wir noch tun, Herr? (62) Held mit den großen bogenstarken Schultern! Auf dem meerumbrandeten Berg Lanka sah ich nicht bloß eine Frau von hoher Askese. Ich sah edle Herkunft, unermessliche Geduld und das, was Treue heißt, gemeinsam einen Freudentanz aufführen. (63) Du bist in ihren Augen, in ihren Gedanken und in der unablässigen Zählung deines Namens auf ihren Lippen. Du bist auch in der unheilbaren Wunde zwischen ihren Brüsten, die der wilde Liebesgott mit Blütenpfeilen schlug. Kann man wirklich sagen, sie sei von dir getrennt? (64) An einer Seite der weiten Stadt Lanka im Meer liegt ein himmelhoher goldener Wunschbaumhain, in dem weder Morgen noch Abend zu erkennen sind. Dort saß sie in der reinen Hütte, die dein Bruder aus Gras gebaut hatte. Herr, sie ist selbst die Askese, die Askese geübt hat.
(65) Er nahm sie mitsamt der Erde fort, weil er sich fürchtete, den heiligen Leib der Frau von himmelhoher Treue zu berühren. Man erzählt vom Wort des Herrn auf dem großen Lotus, aus dem die Welt entstand: ‚Willst du eine Unwillige berühren, wirst du in unzählige Stücke zerfallen.‘ (66) Erkenne, dass er sie nicht berührt hat, an der Wahrheit dieser Zeichen: Brahmas Weltenei ist nicht aufgesprungen, Anantas Haupt nicht gespalten; die Meere sind nicht über ihre Grenzen gestiegen, die Himmelsleuchten nicht gefallen und das Wirken der Veden nicht vernichtet. (67) Durch die Treue dieser leidenden Frau haben selbst die verehrungswürdigen Göttinnen im Himmel höhere Würde gewonnen. Diejenige, die sonst Shivas halben Leib bewohnt, steht nun auf seiner Krone; Lakshmi sitzt nicht mehr an Vishnus Brust, sondern über seinen tausend Häuptern. (68) Ich durchsuchte ganz Lanka, erreichte Ravanas Wohnstatt und betrachtete dort alle Frauen mit goldenen Ohrringen. Danach trat ich in den schönen kühlen Hain. Dort fand ich die Göttliche in einem Meer von Tränen, das wie von weißen Wogen aufgewühlt war.
(69) Unzählige Dämoninnen, vor denen selbst Geisterscharen Angst hätten, bedrängten und bewachten sie. Nur ihre Liebe zu dir nahm ihr die Furcht. Einsam saß sie da, als hätte das Erbarmen selbst die Gestalt einer geschmückten Frau angenommen und wäre in diese stolze Gefangenschaft geraten. (70) Die Liebe dieser hellstirnigen Frau von unvergleichlicher Treue zu dir ragt über den Himmel hinaus und strömt unablässig aus ihren Augen. Weil du dies erfahren darfst, hast du allein in der weiten Welt das ganze Glück männlicher Geburt erlangt. (71) Herr, selbst wer sie zuvor nicht kannte, hätte bei ihrem Anblick keinen Zweifel an ihr. In der befestigten alten Stadt Lanka gibt es pfauengleiche Frauen, würdig selbst für Indra, und Männer; doch alle leben dort Tag für Tag mit schwankendem Atem und unsicherem Leben.“ (72) „Herr, während ich auf eine passende Gelegenheit wartete, mich vor ihr zu verneigen, kam der König von Lanka mit seinem geschmückten Speer. Er bat, flehte und verbeugte sich. Die Frau blieb sitzen und antwortete scharf; da wurde er zornig und wollte sie töten.
(73) Doch ihre Treue, deine Gnade und das reine, gute Recht vereinigten sich zu ihrem Schutz. Er ging fort und befahl den Dämoninnen, ihr gemeinsam zuzureden. Durch meinen Zauber versanken sie alle in tiefen Schlaf. (74) Da beschloss die Frau, ihr kostbares Leben aufzugeben. Sie nahm eine Ranke, band sie fest an einen Zweig und wollte sie um ihren schönen Hals legen. Ich Unwürdiger hielt sie auf, verehrte ihre goldenen Füße und sprach deinen Namen. (75) Obwohl sie dachte: ‚Dies ist vielleicht eine List der betrügerischen Dämonen‘, sagte sie erfreut: ‚Du hast den Namen des Dunkelfarbigen ausgesprochen und mir im Augenblick des Todes Erbarmen gebracht. Verlass mich nicht!‘ Tränen regneten aus ihren Augen über die schöne Brust. (76) Sie prüfte aufmerksam alle vertraulichen Erkennungszeichen, die du mir genau erklärt hattest, und erkannte ohne Zweifel, dass in meinem Herzen keine Falschheit war. Als ich den schönen Ring zeigte, sah sie ihn. Herr, er glich einem Heilmittel, das einem Sterbenden das Leben zurückgibt.
(77) Zwei Dinge sah ich in einem Augenblick: Sie legte den strahlenden Juwelenring auf ihre heilige Brust. Die glühende Hitze ihrer Trennung von dir schien ihn zu schmelzen; zugleich kühlte er ab und wurde wieder fest, als innere Erquickung sie durchströmte. (78) Als müsste der Ring gereinigt werden, weil er die Stadt der Betrüger betreten hatte, badete sie ihn mit tausend Krügen aus den Tränen ihrer großen Augen. Sie saß seufzend und sprach nicht. Ihr erschöpfter Leib richtete sich auf; staunend vergaß sie Blinzeln und Atmen. (79) Ich, dein Diener, erzählte ihr der Reihe nach alles, was seit eurer Trennung geschehen war. ‚Pfauengleiche, nur weil wir deinen Aufenthaltsort nicht kannten, dauerte es so lange.‘ König, auch von deinem Leiden berichtete ich; da gewann sie wieder Atem. (80) Sie hörte alles über die hiesige Lage in seinem Zusammenhang und erklärte mir ihrerseits vollständig die dortigen Verhältnisse. ‚Noch einen Monat bleibe ich. Sollte sein heiliges Herz sich danach von mir abwenden, werde ich mein Leben verlieren.‘ Dabei setzte sie deine Blütenfüße in Gedanken auf ihr Haupt.
(81) Dann nahm sie den König der großen Juwelen aus ihrem Gewand und legte ihn mir in die Hand. Weiser Herr, betrachte ihn, bis deine Lotusaugen erfüllt sind.“ So übergab ihn Hanuman, dessen Ruhm so lange bestehen wird wie die gute vedische Überlieferung. (82) Die langsam gewachsene Liebe reifte in Rama, erhob sich und strömte über. Er verließ den Zustand körperlicher Qual und innerer Schwäche. Das Juwel in seiner Hand war ihm wie die Hand der Frau, die er einst vor dem heiligen Feuer ergriffen hatte. (83) Seine Haare richteten sich auf; Tränen strömten hervor. Brust und Schultern bebten, Schweißtropfen erschienen, sein schöner Mund presste sich zusammen. Sein Leben schien zu kommen und zu gehen; der Körper schwoll vor Empfindung. Wer könnte diesen Zustand ergründen? (84) Inzwischen kamen Angada und die anderen mit den Affenscharen. Sie verneigten sich vor dem Helden und dem Affenkönig. Der Stolz auf die erfüllte Aufgabe ließ ihre Gesichter wie große helle Monde strahlen.
(85) Der Sonnensohn sprach: „Herr, nun können wir die Frau sicher erreichen.“ Rama erwiderte: „Und dennoch scheinst du hier bleiben und die Zeit verstreichen lassen zu wollen!“ Sofort erhob sich der König mit den säulengleichen Schultern und befahl: (86) „Unsere Heere sollen aufbrechen!“ Augenblicklich schlug man überall die großen Trommeln; der siegeskundige Ausrufer trieb zur Eile. Wie ein brandendes Meer, das sich weithin ergießt, schwoll das unfehlbare gewaltige Heer nach Süden an. (87) Der Diskusträger blickte Nila an: „Gehe gewissenhaft voraus und suche den geeigneten Weg, damit Feinde unser nachrückendes Heer nicht bedrängen. Mächtige, elefantengleiche Krieger sollen die Rückseite und beide Flanken sichern.“ (88) Als Rama sich erhob, faltete Maruti die Hände: „Halte mich nicht für einen geringwertigen Affen; besteige meine Schultern!“ Er senkte den Kopf zur Erde, und der Herr setzte seinen Fuß auf ihn. Auch Valis starker Sohn verneigte sich vor dem jüngeren Bruder und sprach.
(89) „Reiner, steige du jetzt auf meine Schultern.“ Mit ehrerbietig bedecktem Mund stand Angada da. Der jüngere Fürst antwortete: „Gut“, und sprang auf seine Schultern. Das unaufhaltsame Heer setzte sich auf dem weiten Weg in Bewegung. (90) Auf den Schultern des gnadenreichen Windsohnes und auf Angadas bekränzten Schultern zogen die bedeutungsvollen Helden dahin, wie Vishnu auf Garuda und Shiva auf dem Stier. Die erkenntnisreichen Himmlischen priesen sie und streuten göttliche goldene Blumen aus dem leuchtenden Himmel. (91) Raghava bedachte, dass die Menschen der Erde durch den Zug des mächtigen Heeres verwirrt würden. Auf seinen freundlichen Befehl nahm die unaufhaltsame Streitmacht die großen schönen Berge als Weg, wo sich reichlich Früchte, Wurzeln und Honig finden ließen. (92) Die Helden zogen rasch dahin. Hanuman mit den langen Heldenringen berichtete von der unermüdlichen Bewachung, Größe und Befestigung des berggelegenen Lanka und von seinen zahllosen siegreichen, wolkendunklen Dämonen. So bewältigten sie den langen Weg mit Leichtigkeit.
(93) Die rechtschaffenen Prinzen zogen mit dem Affenkönig auf diesem langen Weg; das freudig verbündete Heer begleitete sie. Nach Aufenthalten auf ausgedehnten, dicht bewaldeten Bergen erreichten sie am zwölften Tag das südliche Meer.
Yuddha Kandam – Das Buch des Krieges
Am Meer und vor Lanka verdichten sich die Konflikte des Epos. Vibhishanas Zuflucht, der Kampf um Sitas Befreiung und die spätere Heimkehr stellen Fragen nach Schutz, Verantwortung, Dharma und Versöhnung.
6.0 – Anrufung
(1 [Unnummerierte Anrufung; globale Quellennummer 6186]) Nennt man es Eines, ist es Eines; nennt man es Vieles, ist es Vieles. Sagt man Nein, ist es Nein; sagt man Ja, ist es Ja. Sagt man, es sei nicht, ist es nicht; sagt man, es sei, ist es. Gut ist das Hauswesen unseres Herrn! Was könnte uns hier fehlen?
6.1 – Der Anblick des Meeres
(1) Selbst die hohen Berge, die beim Wechsel der Weltalter nicht wanken, das unversiegbare Wogenmeer und die Erde schienen im Norden zum Himmel gedrängt. Im Süden sanken Berge und Land unter dem weit ausgebreiteten Heer von siebzig großen Heeresmassen, das am Makara-Meer lagerte. (2) Das anschwellende große Heer umgab ihn innen und außen. Seit der Trennung von der Frau mit den muschelgeschmückten Händen fanden seine Augen keinen Schlaf, auch nachts nicht, wenn selbst ihre Verwandten, die duftenden Lotusse, ihre Blätter schließen. Nun blickte Rama auf das Meer. (3) „Nach langer Trennung und weiter Wanderung ist der Wunderbare zu seinem Lager zurückgekehrt; nun wird er wieder ruhen.“ So schien die heranwehende Brise zu denken. Sie verstreute blütenreinen Schaum und Perlen, rollte die Wellen zusammen und schüttelte damit gleichsam sein Bett auf. (4) Die kleine Gischt, die der Südwind aus den langen Meereswogen trieb, brannte auf seinen goldenen Schultern wie Funken aus der hellen Esse eines Schmieds. Schon hielten ihn die Schande über die tränenversunkene Geliebte und die Blütenpfeile des Liebesgottes gefangen.
(5) Die junge Brise kroch über die verflochtenen Wellen des einsam klagenden Meeres. Ohne Mitleid mit dem täglich schwächer werdenden Helden bestrich sie ihn immer wieder mit dem duftenden Pollen der kleinen honigreichen Punnai-Blüten. (6) Vor dem dahinschwindenden Erhabenen, dessen bogentragenden Schultern selbst Berge nur unvollkommen gleichen, erschien eine Korallenranke wie der kostbare Mund der treuen Frau, die alle sieben Welten verehren. War sie der Tod, der mordend sein kostbares Leben trinken wollte? (7) „Der Aufenthaltsort der Pfauengleichen ist nicht fern“, dachte der heldenhafte Bogenträger und wurde unter der Last verletzter Ehre täglich schwächer. „Perle, welche Verbindung hast du mit den erbarmungslosen Dämonen? Willst du mir das Leben nehmen, indem du das weiße Lächeln der Armen nachbildest?“ (8) Das Meer schien zu klagen: „Die mondstirnige Frau leidet unaufhörlich. Ist es recht, dass die askesereiche Tochter, die ich einst schenkte, so einsam ist?“ Duftende Perlentränen ergießend, erhoben sich seine Wellen und fielen vor die Blütenfüße des Freigebigen.
(9) Das schöne Meer schien die Erde über dem Schlangenlager als Reibstein zu nehmen, kühle duftende Wassertropfen daraufzusprengen und mit seinem Wasserquirl silbernen Schaumbrei zu verreiben. Mit Wellenhänden wollte es die kühlende Mischung auf den glühenden heiligen Leib des Herrn streichen. (10) Es sah den Herrn des heiligen Gangeslandes mit Bogen und Köcher, der in unnachlassendem Zorn gekommen war, den Kummer der Kuckucksstimmigen zu tilgen und die Not der Götter zu beenden. Herzlich erfreut schien das Meer seine schönen Wellenhände zu heben, herbeizueilen und zu jubeln. (11) Rama erreichte dieses dunkle Meer. Seine verletzte Ehre, seine Trauer und seine Liebe wuchsen auf das Siebenfache seiner Größe. „Wie wird es weitergehen?“ dachte er und blieb dort. Nun erzählen wir, was inzwischen im feindlichen Lanka geschah.
6.2 – Ravanas Beratung
(1) Ravana trat zu Brahma: „Lass die goldene Stadt so errichten, dass sie die Schönheit aller drei Welten vollendet.“ Auf dessen Geheiß schuf der göttliche Baumeister sie, so heißt es, in einem Augenblick neu; selbst die Götter staunten. (2) Der König mit den mächtigen Heldenringen betrachtete die herrliche Stadt aus Gold und Juwelen: „Sie ist schöner als zuvor.“ Er freute sich, und sein Zorn ließ nach. (3) Der uralte, einzigartige Urheber der Welt hatte die gewünschte Schönheit vorgegeben und sie schaffen lassen. Was wäre schwer für den, der alle makellosen Welten wieder und wieder zerstört und neu hervorbringt? (4) Nachdem Ravana die ganze prächtige Stadt sorgfältig betrachtet hatte, verehrte er Brahma nach der vorgeschriebenen Ordnung. „Du magst nun deines Weges gehen“, sagte er. Auch dem Baumeister gab der Gebieter kostbare Geschenke.
(5) Dann setzte er sich behaglich auf einen besonderen, von Löwen getragenen Thron in der makellosen Halle, deren Millionen Säulen aus strahlend roten Juwelen bestanden. (6) Unzählige Angehörige, erfahrene Älteste der Staatsberatung und hochrangige Führer des weiten Heeresmeers umgaben ihn. Sein Kranz bewegte sich im Wind der Yakschweifwedel, welche himmlische Frauen schwenkten. (7) „Weise, Götter und alle übrigen Anwesenden sollen sich entfernen“, befahl er. Auch die Frauen mit kunstvollem Haar und die jungen Leute schickte er fort, denn er wollte eine ernsthafte Angelegenheit beraten. (8) „Gelehrte, Alte, erfahrene Würdenträger und bewährte Ratgeber sollen bleiben.“ Mit ihnen saß der siegreiche Gebieter zusammen. Selbst Bienen und Wind ließ er nicht mehr eindringen.
(9) Auch gebildete, kriegstüchtige und befreundete Männer schickte er hinaus, sofern sie nicht zu seinen engsten Angehörigen, seinen Söhnen und Brüdern, gehörten. (10) In jeder Richtung stellte er Krieger auf, die selbst eine vereinigte Welt zermalmen könnten. Was wäre noch zu sagen? Sogar die gemalten Vögel, Tiere und anderen Wesen schienen sich vor jeder Bewegung zu fürchten. (11) Er blickte die erfahrenen Ratgeber an: „Welche Erniedrigung könnte dies noch übertreffen? Musste unsere Herrlichkeit durch einen einzigen Affen vernichtet werden? Schön stehen meine Herrschaft, meine Verwaltung und mein Königtum da!“ (12) „Ein Affe hat uns verbrannt; Feuer plünderte die prächtige Stadt. Angehörige und Freunde starben, Schmach verbreitete sich überall. Dieser Löwenthron steht noch da; darauf sitzt nur noch mein Körper.
(13) In den Brunnen quillt Blut; die Flammen der schönen Stadt sind noch nicht abgekühlt. Das Haar der Frauen, sonst nach Adlerholz und Zibet duftend, riecht versengt. Wir alle sitzen hier und atmen diesen Geruch ein. (14) Wenn schon alles andere verloren ist, erhielten wir nicht einmal die Nachricht: ‚Der Affe, der uns angriff, ist vernichtet.‘ Welches Heil bleibt uns, außer niemals geboren worden zu sein? Wir sind in Schande versunken.“ (15) Da erhob sich der Heerführer mit den dunklen, kampferprobten Heldenringen und verneigte sich. „Eines will ich dir erklären; höre aufmerksam.“ Er stand da und sprach ohne Umschweife. (16) „Ich sagte dir: Die Menschen zu täuschen und die hellstirnige, pfauengleiche Frau mit den watteweichen Füßen zu rauben, ist das Werk eines Furchtsamen. Doch du, der Einsicht besitzt, hast diesen Rat nicht als Schutz erkannt.
(17) Du hast die Räuber, die Khara und die übrigen Helden töteten, die deiner lockigen Schwester die Nase abschnitten und dir Schande bereiteten, nicht vernichtet. Nun scheinst du zu klagen, deine Herrschaft sei zerstört. (18) Würde ein Weltenherrscher jemanden dulden, der offenkundig Strafe verdient? Du mit dem bienenumschwärmten Kranz: Leben die, welche die starke Macht ihrer Feinde brechen, etwa unterwürfig? (19) Du zerschlugst Sieg, Heldentum und Kraft der feindlich aufstehenden Götter und Danavas und wurdest Herr aller drei Welten. Geschah das durch siegreichen Angriff oder durch Duldsamkeit? Das muss klar gesagt werden. (20) Wenn wir, statt Widersacher zu töten, bequem in Lanka sitzen und Freude genießen, bleibt es dann bei einem Affen? Edler König, dann wird selbst eine Mücke nicht davor zurückschrecken, uns anzugreifen.
(21) Wir müssen dem entflohenen Affen folgen, denen, die ihn sandten, das Leben nehmen und unseren Kummer beenden. Wenn wir nur mit Worten und Gedanken Abscheu äußern und weiterleben, schwindet unsere Kraft.“ (22) Danach blickte Mahodara mit steinernen breiten Schultern und brennenden Augen in die Runde. „König, auch meine Schlussfolgerung ist diese. Höre!“ Er sprach: (23) „Die Götter haben sich unterworfen, die Yakshas wurden zerstreut, die mächtigen Danavas ihres Stolzes beraubt. Selbst die drei Höchsten, vor denen sich alle als vor Herren verneigen, wichen dir, Mächtiger. (24) Welche höhere Macht wäre noch möglich? Selbst der ruhmreiche Tod, stark genug, allen das kostbare Leben zu nehmen, fürchtet dich als seinen eigenen Tod und trägt deinen Befehl auf seinem Haupt.
(25) Du hobst den schönen Silberberg mitsamt dem Stierreiter auf, bis er den Himmel berührte, und brülltest dabei. Nun scheinst du deine Schultern und uns alle wegen der Schulterkraft eines auf dürrem Geäst lebenden Affen zu verachten. (26) Wer auf Erden, im Himmel oder irgendwo sonst ist deinem Blick entkommen? Wer, den du sahst, besaß unzugängliche Stärke? Herr, die Getöteten sind zahllos; könnte man sie zählen? (27) Mehr Worte sind unnötig. Wenn du mich jetzt entsendest, werde ich das Affenvolk entwurzeln, die schwer zu bezwingenden Menschen ihres Lebens berauben und deine Feindschaft endgültig beenden.“ (28) Kaum hatte dieser gesprochen, meldete sich Vajradanta, der Diamantzahnige. Seine Sorge hatte keinen rechten Gegenstand; dennoch strömte frisches Blut aus seinen sonnengleichen Augen.
(29) „Du solltest uns lediglich befehlen: ‚Geht, reibt die Menschen und Affen mit euren Händen auf der Erde auf und fresst sie!‘ Warum noch beraten? Zweifelst du etwa an uns? (30) Ich habe in jeder Welt die Feinde vernichtet, die deinen Befehl nicht hören wollten, und dir gedient. Habe ich jemals einen Auftrag versäumt, dass du mir diese Aufgabe nicht überträgst?“ (31) „Halt, halt!“ unterbrach ihn Durmukha. „Willst du solche Worte auch vor mir sprechen, als wären die anderen gering?“ Dann sah er den König an, verneigte sich und sprach kraftvoll. (32) „Die Elefanten der Richtungen sind also kraftlos, die Götter schwach, der Kailasa des Dreiäugigen ohne Widerstand. Nur Menschen und Affen wären stark? Wunderbar wäre dann Ravanas bewährte Macht!
(33) Allgemeine Vorsicht zu erwägen ist die Pflicht schwacher Leute von geringer Tatkraft. Selbst wenn unsere Vernichter stark wären: Sollen wir aus Liebe zu unserem Leben vor ihnen weichen, einzigartiger Herr mit klingenden Heldenringen? (34) König, Gegenstand dieser Ratsversammlung sind Menschen und Affen, die uns als Nahrung bestimmt sind. Wenn wir schon vor unserem Essen zurückschrecken, wer unter den festen Dämonen verdient noch den Namen mutig? (35) Ein Affe kommt, setzt Feuer, kämpft gegen jeden Gegner, tötet und geht wieder fort, weit über unsere Wohnstadt hinaus. Sollte es Dämonen etwa schwerfallen, das Meer zu durchschwimmen? (36) Wer konnte je hierherkommen, unsere Residenz, Befestigung, Stärke, die Ausdehnung des wilden Heeres und dessen Mut erkunden und danach mit seinem Leben auf dieser Welt verbleiben?
(37) Ob wir das Mögliche bedenken, Sicherheit suchen, Sieg wünschen oder eine List planen: Wir müssen dorthin gehen. Zu ihnen vorzudringen und sie restlos zu töten ist die Aufgabe.“ (38) Vor den Augen des Königs gebot Mahaparshva ihm mit der Hand Einhalt. „Was bleibt uns noch? Gehören Zorn und Stärke allein einem Affen?“ sagte der Mächtige. (39) „Einige schwache Leute gingen voraus und fanden im Kampf ihr Ende. Ist uns damit schon dasselbe widerfahren? Sind mit Lanka auch die Kraft und der grimmige Mut der Dämonen im Feuer eines einzelnen Affen verbrannt? (40) Menschen erteilen Befehle, ein Affe kommt und verbrennt diese Stadt, und die Dämonenheere sitzen darüber bekümmert da! Muss man da noch aussprechen, was als Nächstes geschehen wird?
(41) Ich vermag nicht länger hierzustehen und solche Worte zu hören. Kann es einen anderen vernünftigen Gedanken geben, als Menschen und Affen vollständig zu töten und zu fressen?“ Seine Augen brannten vor Kampflust. (42) Der Nachtwandler Pishacha mit den angelegten Heldenringen, Feuer in Menschengestalt, sagte: „Gehen wir in alle Richtungen davon! Der König berät über sein Handeln und fürchtet sich. Beenden wir dieses Leben!“ (43) Suryashatru, der Feind der Sonne, sprach: „Wenn unser erhabener Herr sich so verhält und dies tatsächlich Beratung erfordert, dann sind offenbar die Menschen die Großen und wir die Kleinen.“ (44) Der Feind der Opfer sagte beschämt: „Könnte man Tatkraft und Dämonenstärke noch tiefer herabsetzen? Durch Menschen ist eine Lage entstanden, über die wir beraten müssen!“
(45) Der Rauchäugige entbrannte: „Was reden wir über Menschen mit Affenscharen? Selbst wenn es gegen den flammenfarbigen Dreizackträger ginge, würde ich nicht in solcher Weise abwägen. Angreifen ist das Richtige!“ (46) Auch die übrigen Heerführer stimmten zu. Die Worte kamen aus ihren Herzen wie zischende Schlangen aus dunklen Höhlen. (47) Kumbhakarna brachte die törichten Redner zum Schweigen und wandte sich an den König: „Bruder, wenn du es zulässt, möchte ich dir sagen, was dir zum Guten dient. (48) Du bist ein Herrscher aus Brahmas Geschlecht und kennst den tiefen Sinn der tausendfachen Vedalehre. Warum hast du dennoch diese böse, ungehörige Tat begangen?
(49) Du beklagst, dass deine Stadt verbrannte. War es denn recht, die Frau eines anderen gefangen zu halten? Gibt es eine schlimmere Verfehlung? (50) Du schämst dich über die Verwüstung der Stadt. Doch deine eigenen liebevollen Frauen müssen zusehen, wie du dich vor einer fremden Frau erniedrigst, die dich zurückweist. Ist das keine Schande? (51) An dem Tag, als du erbarmungslos die keusche Frau aus einem fremden Heim entführtest, endete die Ehre unseres Geschlechts. Kann aus unrechtem Handeln Ruhm entstehen? (52) Unschuldige Ehefrauen anderer halten wir gefangen und wünschen uns makellosen Ruhm! Wir sprechen von Heldentum und nähren Begierde; wir fürchten Menschen und beanspruchen den Sieg. Welch herrliche Haltung!
(53) Deine Tat war unweise und brachte unserem Geschlecht Schande. Sie jetzt freizulassen könnte als Schwäche gelten. Im Kampf besiegt zu werden wäre immerhin ein ehrenvolles Ende. (54) Ein einziger Bogenschütze vernichtete Khara und sein Heer, als jäte er Unkraut. Damit wird es nicht enden: Als Nächstes wird er unsere Macht brechen. (55) Wenn wir die Menschen nicht unverzüglich angreifen und vernichten, werden sich die Götter mit ihnen verbinden. Dann stehen sämtliche sieben Welten gegen uns. (56) Wir sollten noch heute das Meer überqueren, bevor ihr Heer herankommt, und sie mit allen ihren Verbündeten an der Wurzel ausrotten.“
(57) Ravana billigte diesen Rat: „Gut gesprochen! Lasst unser Heer aufbrechen. Noch heute soll der Angriff beginnen!“ (58) Indrajit lachte: „Welch Heldentum wäre es, wenn der König selbst gegen diese unbedeutenden Menschen zöge? (59) Hier stehen viele Krieger bereit, die Shivas und Brahmas Waffen und gewaltige Schlingen tragen. Und auch ich stehe hier, als wäre ich nur zum Spott da! (60) Selbst wenn alle drei Welten als Feinde gegen uns anträten: Brächte ich dir keinen Sieg, wäre ich nicht dein Sohn und nicht rechtmäßig aus meiner Mutter geboren.
(61) Ich werde die Affen auf dem Schlachtfeld töten und die beiden Menschen enthaupten. Ihre Köpfe bringe ich her, damit Sita um sie klagt. (62) Warum Worte verschwenden? Wenn meine donnergleichen Pfeile Felsen zersplittern, werden die Affen vor Angst die Zähne blecken und fliehen. (63) Sie besitzen weder Elefanten noch Streitwagen noch Pferde. Zwei Menschen in Asketentracht, begleitet von kleinen krummrückigen Affen, wollen uns besiegen! Wie niedrig schätzen wir unsere eigene Manneskraft ein! (64) An einem einzigen Tag könnte ich Wasser, Erde, Wind und Himmel umwälzen. Erst wenn ich die Feinde restlos vernichtet habe, werde ich zurückkehren.“
(65) Indrajit verneigte sich und bat um Erlaubnis zum Aufbruch. Da biss Vibhishana, dessen gute Einsicht das Böse überwand, vor Zorn die Zähne zusammen. (66) „Gebildete Menschen bedenken die Folgen einer Handlung. Du aber bist noch ein Kind: Wie solltest du erkennen, was daraus entstehen wird? (67) Deine Rede gleicht dem Versuch eines blinden Toren, mit seiner Hand ein Bild zu malen. Du vermagst den Rat würdiger, erfahrener Männer nicht zu beurteilen. (68) Lassen wir die lauteren Ältesten beiseite: Selbst Asuras konnten durch rechtschaffenes Handeln den Rang von Göttern erlangen. Geschah das durch Zauberei, Täuschung oder bloße Kraft?
(69) Wenn Ungerechte mit ihrer Gewalt die Götter besiegten, verdankten sie das ihrer Askese und den Gaben jener Asketen, die keinem Wesen Leid zufügen. (70) Sie unterwarfen die drei Götter und die drei Welten, wurden übermütig und gingen zugrunde. Wer von ihnen hat seinen Sieg für immer bewahrt? (71) Unzählige Weise haben die Bindung des Handelns überwunden und Befreiung erreicht. Könnten selbst Götter allein durch Gewalt ein vergleichbares Ende des Leidens bewirken?“ (72) Nachdem er den jungen Mann so zurechtgewiesen hatte, sprach er zum König: „Wenn du meine Worte nicht verachtest, will ich dir die Sache erklären.
(73) Du bist mir Vater, älterer Bruder, Gott und der ganze Ertrag meiner Askese. Es schmerzt mich, dass du deinen hohen, selbst Indra überragenden Rang verlieren könntest. (74) Du besitzt Wissen und königliche Größe; dennoch fehlt es hier an richtigem Urteil und gutem Rat. Höre mich bis zum Ende an, bevor du zornig wirst. (75 [Quellennummer: 75]) Nicht ein Affe verbrannte Lanka, die Stadt deiner Siege. Die Keuschheit Janakis, der Mutter der Welt, hat sie verbrannt. (76) Wer durch seine Macht bis zum Himmel aufsteigt, stürzt gewöhnlich durch eines von zweien: durch die Begierde nach Frauen oder nach Land.
(77) Es wurde vorhergesagt, dass die durch Askese errungene Herrschaft des Königs von Lanka durch eine menschliche Frau enden werde. Sollte dieses Wort nun etwa falsch sein? (78) Als du Brahma durch Askese erfreutest, erbittest du Schutz gegen viele Wesen, aber nicht gegen Menschen. Wie kannst du sicher sein, sie zu besiegen? (79) Du bezwangst die sieben Welten. Und doch wurdest du von Kartavirya mit seinen tausend Armen besiegt. (80) Als du Shivas Berg emporhobst, verfluchte dich der vierarmige Nandi: Ein Affe werde dein Verderben bringen. Schon Vali zeigte dir die Kraft dieses Fluches.
(81) Vedavati ging ins Feuer und sprach: ‚Ich werde dein Untergang sein.‘ Sie ist als Sita wiedergekehrt, schön wie der aus dem Meer geborene Nektar. (82) Dasharatha tötete Shambara, rettete die Himmelswelt und gab Indra sein Reich zurück. Die Erde stand unter der Herrschaft seines siegreichen Rades. (83) Aus seinem Geschlecht stammte Kakutstha, der auf Indra in Stiergestalt reitend Asuras erschlug; ebenso Prithu, der die Schätze der Erde erschloss, Sagara, dem das Meer seinen Namen verdankt, und Bhagiratha, der die Ganga herabführte. (84) Dasharatha vernichtete die treulosen Feinde, reinigte und ölte seine Lanze und legte sie zur Ruhe. Um sein Kaikeyi gegebenes Wort zu halten, gab der gerechte König sein Leben hin und erreichte die selbst Göttern schwer zugängliche Befreiung.
(85) Seine Söhne sind deine Gegner. Halte sie nicht für gewöhnliche Menschen. Selbst die drei Götter und allwissende Weise vermögen ihr Wesen kaum zu ergründen; um eines Werkes willen tragen sie Menschengestalt. (86) Kaushika, der wie Brahma eine Welt erschaffen könnte, gab ihnen göttliche Waffen, darunter die Shivas, die in einem Augenblick die Welt vernichten können. (87) Agastya übergab ihnen den Bogen Vishnus, dessen Reittier Garuda ist, und den Pfeil, der die drei Städte verbrannte. (88) Ihre Pfeile gleichen Schlangen, die alle acht Richtungen durchmessen. Ihre Giftzähne leuchten wie die Sonne; der Köcher ist ihr Erdhügel. Sie nähren sich allein von den Bösen, welche die Guten vernichten wollen.
(89) Den Bogen vermag kein anderer zu bewegen; Holz und Sehne widerstehen jeder Gewalt. Er ist kein gewöhnliches Stück Holz oder Bambus, sondern gleicht dem Meru und allen Bergen zusammen. (90) Valis Brust, die Bäume, Kharas und Viradhas Schädel wurden von diesen Waffen durchbohrt. Alle, die der Erde als feindliche Last aufliegen, werden durch sie fallen. (91) Die weisen Asketen wissen, dass die Brüder die Götter überragen und das Dämonengeschlecht bis an die Wurzel vernichten können. Darum haben sie sich ihnen angeschlossen. (92) Die Unseren schlafen nicht mehr und sagen, dass selbst du dich fürchtest. Die Götter dagegen fürchten dich nicht länger. Janaki ist für uns zum Gift und zum Tor der Hölle geworden.
(93) Die Gesichter der Asketen waren zuvor so blass wie der Mond am Morgen. Nun strahlen sie wieder wie der volle Mond in der Nacht. (94) Die Götter, die sich in entlegenen Welten verborgen hatten, wissen nun: Mit der mondgesichtigen Sita wohnt der Tod in unserem Haus. Freudig kehren Götter und Rishis offen in ihre Himmelsstätten zurück. (95) Unheilvolle Zeichen erscheinen. Selbst die Pferde und Elefanten, die uns im Kampf treu dienten, betreten die Ställe mit dem rechten Fuß auf eine Weise, die Verderben ankündigt. (96) Den Dämonen trocknen Mund und Zähne aus; gewaltige Geister und Schakale zeigen sich. In Palast und Stadt wurden die Haare unserer Frauen und unsere eigenen versengt. Überall kündigt sich Unheil an.
(97) Du kennst das Ende Kharas, Trishiras', Marichas in Hirschgestalt und Valis. Wer könnte diesen Brüdern gleichkommen? Selbst Shiva und Vishnu muss man zum Vergleich heranziehen. (98 [Quellennummer: 98]) Die Anführer der Affen sind unsere alten Feinde, die unsterblichen Götter. Ein Krieg gegen sie bringt Unheil und keine Sicherheit. (99) Gib Sita frei! So bewahrst du deinen Ruhm, deinen Reichtum, dein Geschlecht, deine Angehörigen und dein Leben.“ (100) Ravana lachte, schlug die Hände zusammen und schüttelte Brust und Schultern. Das mondhelle Licht seiner Zähne fiel auf den Schmuck seiner Brust.
(101) „Du behauptest, mir Gutes zu wünschen, und sprichst solche widerwärtigen Worte! Dass winzige Menschen mich besiegen könnten, ist das Gerede eines Verrückten. Sprichst du aus Furcht oder aus Liebe zu ihnen? (102) Du sagst, ich hätte keinen Schutz gegen Menschen erbeten. Habe ich denn um eine Gabe gebeten, um die Richtungselefanten zu bezwingen oder Shivas Kailasa emporzuheben? (103) Deine Worte sind unsinnig, und ebenso dein Denken. Was konnten die Waffen der Götter gegen mich ausrichten? Du bist aus demselben Mutterleib geboren wie ich und fürchtest Menschen! (104) Verstehst du denn keine Worte? Wer viele Siege erringt, kann einmal unterliegen. Folgt daraus, dass irgendeiner mich töten und mein bis zum Himmel reichendes Geschlecht ausrotten kann?
(105) Wenn meine Stärke nur auf den Gaben der Götter beruht, wie konnte ich dann die Gabenspender selbst, Shiva und Vishnu, besiegen? (106) Wie viele Flüche haben Götter und sinnesbeherrschte Asketen schon gegen mich ausgesprochen! Was ist mir dadurch geschehen? (107) Vali hatte von Shiva die Gabe erhalten, dass die Hälfte der Stärke seines Gegners auf ihn übergeht. Das wusste ich nicht; deshalb unterlag ich. Kann mich deshalb jeder beliebige Affe besiegen? (108) Selbst wenn Shiva und Vishnu Vali gegenüberträten, ginge ihre Kraft auf ihn über. Eben wegen dieser Gabe erschoss Rama ihn aus einem Versteck.
(109) Rama zerbrach einen schadhaften Bogen und durchschoss hohle Bäume. Durch die List einer Buckligen verlor er sein Reich, zog in den Wald und verlor dort seine Frau an mich. Dennoch lebt er weiter! Nur du bewunderst die Stärke dieses Menschen. (110) Du Unwissender!“ Ravana wollte den Aufbruch befehlen. Vibhishana trat erneut zu ihm und bat: „Höre noch ein einziges heilsames Wort! (111) Der Höchste, dem nichts vorausgeht, hat Menschengestalt angenommen. Die Götter haben dies zu unserem Untergang erwirkt. Willst du dennoch gegen ihn ziehen?“ (112) Ravana erwiderte: „Wenn jener Vishnu ist, warum erlitt er so viele Niederlagen? Während ich tat, was mir gefiel, hatte dieser Gott wohl keinen Atem mehr?
(113) Als ich Indra gefangen nahm, die Stoßzähne seines Elefanten zerbrach, Vishnu in die Flucht schlug und den Himmel eroberte: War der Höchste damals noch zu klein? (114) Alle drei Götter unterwarfen sich mir, und ich beherrschte die Welt. Warum? War der Höchste abwesend, oder war er zu schwach? (115) Eine Gestalt mit tausend Armen und Häuptern und einem Fuß, der die Welt bedeckt, genügte ihm wohl nicht! Darum trägt er nun diese zerbrechliche Menschengestalt, die uns als Nahrung dient? (116 [Quellennummer: 116]) Shiva und Vishnu erschrecken schon vor meinem Namen. Meine Pfeile stecken in den Rücken ihres Stiers und ihres Garuda wie Blitze in Bergen.
(117) Du brauchst nicht mitzukämpfen. Die Stadt ist groß genug; bleibe darin in Sicherheit! Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht!“ Er blickte auf die anderen und lachte wie rollender Donner. (118) Vibhishana sagte: „Mächtigere als du gingen durch seinen Zorn zugrunde. Höre, was Hiranya widerfuhr.“
6.3 – Die Tötung Hiranyas
(1) „Brahma lehrte Hiranya die Veden und ihren gesamten Sinn. Mit Wissen und Gnadengaben ausgerüstet, beherrschte er die fünf Elemente. Selbst die drei Götter erkannten die Grenze seiner Macht nicht. (2) Nicht nur in der einen Welt, welche die drei Götter erschaffen, erhalten und vernichten, sondern auch in zahllosen anderen Welten wurde allein sein Name genannt. (3) Mit seinen beiden Händen konnte er zwei Elefanten der Weltrichtungen gegeneinander schlagen. Die sieben Meere überschritt er mit zwei Schritten. (4) Flüsse enthielten ihm zu wenig Wasser, Wolken kühlten ihn nicht, und das Meer war ihm zu salzig. Darum ging er zum Baden über die Grenzen des Weltalls hinaus.
(5) Er schritt durch die Mondwelt, bestimmte die Fahrt des Sonnenwagens und ersetzte die acht Hüter der Richtungen. Auf dem Gipfel des Meru nahm er seinen Sitz. (6) Er setzte die Herren von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum ab und übernahm ihre Aufgaben. Auch die Verrichtungen des Windgottes und Varunas führte er selbst aus. (7) Die Namen Shivas und Vishnus verstummten; allein sein eigener Name wurde gesprochen. Alle Opfergaben, die den Göttern bestimmt waren, nahm er entgegen. (8) Die drei Götter konnten ihre Aufgaben nicht mehr ausüben und verloren ihre Stellung. Die Himmelsbewohner mussten sich vor seinen Füßen verneigen.
(9) Morgens badete er im äußeren Meer, trank den Nektar der Frauen aus der Schlangenwelt, weilte tagsüber in Indras Reich und hielt nachts in Brahmas Welt Hof. (10) Er dachte daran, den Mandara, den Quirlberg des Milchozeans, als Keule zu führen. Doch er fand ihn zu schwach und warf ihn fort. (11) Die Berge des Ostens und Westens, an denen die Sonne auf- und untergeht, verwendete er als Schmuck für seine Ohren. (12) Die Lehrer der Götter studierten und priesen ihn. Selbst die verborgene Lehre der Veden musste nun lauten: ‚Verehrung dem göttlichen Hiranya!‘
(13) Unter seinem Fuß erbebte die Erde, und Ananta mit seinen tausend Häuptern ermüdete von der Last. Seine Höhe reichte bis an die Decke des Weltalls; die fünf Elemente gehorchten seinem Schritt. (14) Er hatte die Gabe erlangt, weder durch Frau, Mann noch geschlechtsloses Wesen zu sterben; weder durch Lebendes noch Unbelebtes, durch Sichtbares oder nur Denkbares, auf der Erde oder im Himmel. (15) Götter, Yakshas, Vishnu, Brahma und Shiva sollten ihn nicht töten können. Solche Macht über sein Leben war ihm zugesprochen worden. (16) Weder Wasser noch Feuer, Wind oder Erde sollten seinen Tod bewirken. Selbst die Flüche unsterblicher Asketen sollten wirkungslos bleiben.
(17) Weder drinnen noch draußen, weder bei Nacht noch bei Tag sollte er sterben. Keine Götterwaffe und auch Yama sollten ihn töten können. (18) Nichts, was den fünf Elementen und der Wahrnehmung angehört, nichts, was die vier Veden beschreiben, und auch Brahma, sein eigener Ahnherr, sollten ihn überwältigen. So herrschte er über alle Welten. (19) Sein Sohn Prahlada aber war der Weiseste unter den Weisen, reiner noch als die reinen Veden. Dieser unvergleichliche Wissende lebte im Dharma und liebte alle Wesen mehr als eine Mutter ihre Kinder. (20) Voller Freude rief der Vater ihn zu sich: ‚Lerne die Veden! Dein Leben soll Weltzeitalter überdauern, und die ganze Welt soll sich vor dir verneigen.‘
(21) Hiranya beauftragte einen gelehrten Brahmanen: ‚Unterrichte ihn gründlich in der heiligen Lehre!‘ Der Lehrer führte den Knaben beiseite und begann mit den vier Veden. (22) Als er sagte: ‚Sprich den Namen deines Vaters!‘, hielt sich Prahlada beide Ohren zu. ‚Ehrwürdiger, das ist keine heilige Übung!‘ Dann sprach er den Namen jener Wirklichkeit, welche die Krone der Veden verkündet. (23) ‚Om namo Narayanaya!‘ Sein Herz schmolz dahin; die Hände hob er über den Kopf. Tränen strömten aus seinen blütengleichen Augen, seine Härchen richteten sich auf. Der Lehrer zitterte. (24) ‚Du hast dich und mich zugrunde gerichtet, du Unseliger! Alle Götter sprechen nur den einen vorgeschriebenen Namen. Wie kommst du darauf, einen anderen zu nennen? Was hast du getan?‘
(25) Prahlada antwortete: ‚Ich habe mich und meinen Vater gerettet. Auch dich und die Welt will ich retten. Darum sprach ich den ursprünglichen Namen der alten Veden. Sage mir: Was ist daran falsch?‘ (26) Der Lehrer sagte: ‚Dein Vater steht über den ältesten Göttern und ihren Herren. Sein heiliger Name allein darf gesprochen werden. Ich bin ein Brahmane; weißt du mehr als ich? Richte mich mit diesem anderen Namen nicht zugrunde!‘ (27) Der reine Knabe erwiderte: ‚Ich kenne keinen anderen Namen als den des ursprünglichen Herrn. Weiteres Lernen ist nicht nötig; meinem Bewusstsein fehlt nichts, was man ihm erst beibringen müsste. (28) Derjenige, der den letzten Sinn aller vier alten Veden kennt, ist in mein Herz eingezogen. Es gibt keinen höheren Zustand. Wenn du dennoch etwas Wahres weißt, das ich nicht kenne, dann lehre es mich!
(29) Von wem sprechen die heiligen Veden der Brahmanen? Was empfehlen die Wissenden zu erforschen? Welchen endgültigen Sinn lehren die Upanishaden? Gibt es etwas anderes als den Namen dessen, den Götter und Weise preisen? (30) Ich habe den höchsten Zustand erreicht, den Suchende durch Veden, Opfer und wahre Erkenntnis erlangen. Gegenstand allen Lehrens und Hörens ist die höchste Wirklichkeit. Gibt es darüber hinaus noch etwas? (31) Menschen suchen Wälder und Berge auf, tragen Tierfelle, scheren das Haar oder lassen es wachsen und erlangen Befreiung. Ich habe den Reichtum gefunden, den sie selbst noch höher einschätzen. Wofür sollte ich mich weiter abmühen? (32) Wer zum Diener der Diener jenes Herrn wird, der die Erde mit seinem Fuß umfasste, erkennt auch ohne vielfältiges Studium den inneren und äußeren Sinn der vier Veden, wird zum Dichter und schaut die Wahrheit.
(33) Der unvergleichliche Herr, dessen Wesen ich, Brahma und selbst der Höchste unter den anderen kaum erkennen können, ist in mein Herz gekommen. Damit ist alles gekommen. Auch für dich, Vedengelehrter, gibt es nichts Besseres.‘ (34) Der Brahmane wusste nichts zu entgegnen. Verstört dachte er: ‚Wie soll ich bestehen? Mein Ende ist gekommen!‘ Er lief zu Hiranya und berichtete bebend wie einer, der einen erschreckenden Traum gesehen hat. (35) Er verneigte sich: ‚Herr, dein Sohn spricht Dinge, die ich weder für dieses noch für ein künftiges Leben auch nur denken darf. Er behauptet, schon alles erkannt zu haben, und lernt die Veden nicht.‘ (36) Hiranya fragte: ‚Welche Worte sprach er, die einem Brahmanen nicht ziemen und keiner bisherigen Lehre entsprechen? Was für eine neue Erkenntnis hat er aus seinem eigenen Inneren geschöpft? Sage es!‘
(37) Der Lehrer legte erschrocken die Hände auf den Kopf: ‚Diese Worte drangen wie Schlangen in meine Ohren. Wiederholte ich sie vor dir, fiele ich in die Hölle; meine Zunge würde verbrennen!‘ (38) Der grausame, uneinsichtige König befahl: ‚Bringt meinen Sohn sofort!‘ Diener liefen und führten ihn herbei. Der Knabe, dessen Beistand der einzig Unvergleichliche war, verneigte sich vor seinem Vater. (39) Hiranya umarmte ihn liebevoll, sodass der Puder seiner edelsteingeschmückten Brust auf den Knaben überging, setzte ihn neben sich und fragte: ‚Welches falsche Wort hast du gesprochen, dass dein Lehrer es nicht hören mag?‘ (40) Prahlada antwortete: ‚Ich sprach den heiligen Namen des einen Herrn aller Wesen, den die Offenbarung von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende verkündet. Ihn zu erkennen, zu bedenken, zu hören und auszusprechen führt über das Meer des Leidens. Nichts ist besser.‘
(41) Der böse König erwiderte dem göttlich gesinnten Sohn: ‚Der untadelige Lehrer wird wohl recht gesprochen haben. Sei es so; andernfalls werden wir es prüfen. Welche Worte waren es? Sprich, sprich!‘ (42) ‚Dieser Name gewährt alle Wünsche und führt, wenn man sie überschritten hat, zur sicheren Befreiung. Er schenkt auch die Früchte der Opfer im roten Feuer. Höre ihn: Namo Narayanaya! (43) Von der Erde bis zur Welt des lotusgeborenen Brahma leben unzählige bewegliche und unbewegliche Wesen. Das Bewusstsein, das in ihnen und ihren inneren Fähigkeiten wohnt, richtet sich letztlich auf diese acht Silben und auf nichts anderes. (44) Vom dreiäugigen Shiva und viergesichtigen Brahma bis zu den Menschen: Wer dieses Mantra vergisst, hat das Wesentliche vergessen. Seine Wahrheit lässt sich nicht einfach vorzeigen; nur wer alles mit gleichem Blick betrachtet, erkennt sie.
(45) Es ist das kostbare Schiff, das aus dem Strudel des uralten Karmameeres der Geburten emporhebt; ein allen wohltuendes Segenswort, die sichere Wahrheit der Weisen am Ende der Veden. Nichts Höheres ist bekannt. (46) Ich erkannte darin den sicheren Halt für dein Leben, mein Leben und alle Wesen dieser Welt. Darum sprach ich diesen Namen.‘ So erklärte der reine Weise. Hiranyas Augen loderten wie seine blitzende Lanze. (47) ‚Seit jeher und solange ich lebe, verbrennt mein einziger Befehl jeden Mund, der diesen Namen spricht, und jedes Herz, das ihn denkt! Wer lehrte ihn dich? Bei wem hast du ihn gelernt? Antworte sofort!‘ (48) ‚Weise, Götter und sämtliche Bewohner der drei Welten denken allein an meine beiden Füße und sprechen meinen Namen. Keiner von ihnen hätte gewagt, dich dies zu lehren. Sohn, von wem weißt du es?
(49) Jener kam oft, um gegen mich zu kämpfen, und entkam nur dank Garudas heftigen Flügelschlägen. Dann verbarg er sich im weiten Meer und schläft dort noch immer. Wer sagte dir, sein Name könne Sicherheit geben? (50) Mehr Ahnen unseres Geschlechts, als das Meer Sandkörner zählt, hat er getötet. Was gewinnt eine Maus, wenn sie den Namen einer Schlange wiederholt? Antworte, du Tor! (51) Er wurde zum Eber, durchbohrte mit seinem Hauer meinen Bruder und nahm ihm das Leben – jenem, der ganze Welten in seinem Leib bergen konnte. Habe ich dich gezeugt, damit du den Namen dieses Mörders übst? (52) Du Glückloser behauptest, ein Einziger sei Ursprung aller Wesen und Welten, erschaffe, erhalte und vernichte alles und bestehe aus sich als Ursache, unabhängig vom Handeln. Aus welcher Vedalehre hast du das gewonnen?
(53) Die Welt hat keinen anderen Anfang und kein anderes Ende als das Handeln. Nach den Vorschriften der Veden steigen die auf, die Gutes tun; wer absichtlich Böses tut, sinkt hinab. Das ist die Wahrheit. (54) Durch große Askese erreichten Hari, Brahma und Shiva ihre Ämter. Sie verloren sie, als ich durch meine Askese die wirkliche Oberherrschaft gewann. Unter meiner Herrschaft wagt niemand mehr zu büßen, weil es aussichtslos geworden ist. (55) Opfer, verdienstvolle Werke, Askese und das Hören heiliger Lehren habe ich unterbunden, weil sie Feinde stärken könnten. Welche Macht bleibt den Göttern noch? Woher könnten sie neue Kraft gewinnen? (56) Du bist ein unwissendes Kind; ich verzeihe deinen Fehler. Wiederhole diese fremden Worte nicht! Halte für heilsam, was dein Lehrer dir sagt, und lerne es. Geh!‘
(57) Der Sohn antwortete: ‚Herr mit der duftenden Girlande, ich habe dir etwas zu erklären, wenn du es aufnehmen willst: das Ziel vedischer Opfer, den wachsenden Lichtschein alles Wissens. (58) Ohne Samen wächst nichts, König. Wenn du ohne Verblendung zuhören willst, werde ich dir Beweise geben. Du wirst die Sache so klar erkennen wie eine Amalaka-Frucht auf deiner Hand. (59) Er bringt alle Welten in sich hervor; sie bestehen in ihm, und er wohnt in ihnen. Er hat weder Vorher noch Nachher und verändert sich nicht. Wer könnte seinen uranfänglichen Zustand ermessen? (60) Er ist das Bewusstsein, das die höchste Lehre der Veden als Wirklichkeit erkennt. Die Weisen erfahren es durch Selbsterkenntnis. Andere unterscheiden töricht zwischen vielem und gelangen nicht zur Befreiung.
(61) Kein Maß kann ihn messen. Die Upanishaden verkünden, dass er jenseits des gewöhnlichen Wissens besteht. Worte und Gegenstände können ihn nicht darstellen. Wie sollten Menschen, die die Wahrheit nicht gesehen haben, sein verborgenes Wesen erkennen? (62) Er ist die dreifache Welt, die drei Eigenschaften und jedes Wesen. In unzähligen Verschiedenheiten bleibt er unaufhörlich der Eine. Können Götter und Weise sein Wirken erschöpfend erfassen? (63) Sankhya und Yoga unterscheiden die vielfältigen Erscheinungen und ihre Grundlagen. Wer ihre Wahrheit nicht erkannt hat, wie sollte der den noch höheren Zustand des Herrn begreifen? (64) Er ist die Handlung, ihre Frucht, der ursprüngliche Herr, der diese Frucht gewährt, und das eigene Selbst. Wer seine einzigartige Größe erkennt, steigt aus dem Meer der Zweiheit heraus.
(65) Als unvergängliche Gottheit gewährt er die ordnungsgemäßen Früchte von Mantra und großer Askese. Er ist auch die Opfergabe in den unzähligen Opfern der vier Veden. (66) Er steht am Anfang und gewährt die Früchte früherer Taten; er folgt nach und gewährt spätere Früchte. Eine Tat kann ihre Wirkung nicht aus eigener Macht austeilen. Durch seine wunderbare Maya erkennen andere dies nicht. (67) Eine einzelne Handlung müsste sonst nur eine einzige festgelegte Frucht erzeugen. Gutes und böses Tun sind begrenzte Werke; dass vielfältige ersehnte Ergebnisse entstehen, geschieht durch die Gnade des Höchsten. Braucht es noch einen Beweis? (68) Wenn die Opfernden zuletzt eine Gabe dem Reinen auf dem Schlangenlager darbringen, erreicht sie damit alles Bewegliche und Unbewegliche. Das lehren die schwer zu preisenden Veden; so umfassend ist ihre Frucht.
(69) In der ursprünglichen Natur liegt die Möglichkeit ihrer Entfaltungen. Deren mannigfaltige Wirkungen unterstehen jedoch dem Höchsten. Wer Geburt und Vergänglichkeit nicht durchschaut, kann dieses Verhältnis nicht erkennen. (70) Im duftenden, vielblättrigen Lotus, dessen Stängel mit dem heiligen Laut verbunden ist, liegt die unzählbare Gesamtheit der Wesen, angefangen beim viergesichtigen Brahma, wie in einer winzigen Höhlung verborgen. (71) Er verbirgt sich selbst im Auge und ermöglicht doch alles Sehen. Als inneres Bewusstsein ist er wirklich gegenwärtig. Erde, Himmel, die übrigen Elemente und jeden Gedanken überragt er: der Eine, der keiner Zählung unterliegt. (72) Er ist in Gedanken, Taten und Worten, in jedem Sinnesvermögen. Bedenkt man es, ist er der ursprüngliche eine Laut, der sich in dreifacher Verbindung und in Worten entfaltet.
(73) Sein Wirken beendet Begierde, Zorn und die übrigen Übel und Gewalttaten. Wer könnte seinen Namen und den großen Schutz beschreiben, durch den er seine Verehrer vor fremdem Leid bewahrt? (74) Er ist Zeit, Werkzeug und Ort, das abschließende Ergebnis und derjenige, der es erfährt. Er ist Tugend und der daraus erwachsende Segen. Wie der Banyanbaum im Samen enthält er alles in sich. (75) Wie der klar erklingende Ton einer Laute inneres Empfinden hörbar macht, ist er innen und außen gegenwärtig. Dennoch haftet er an nichts. Selbst die unbestreitbaren Veden staunen ratlos vor seinem Wesen. (76) Er ist das innere Leben der Silbe Om und das Wissen des Wissens. Weil er die drei Welten umfasst und durchdringt, gehören sie zu ihm wie Rauch zum Feuer.
(77) Die Lehren der Religionsschulen gleichen verschiedenen duftenden Blumen einer Girlande. Nur ihre streitlustigen Verfechter verdrehen den Sinn. Wer richtig spricht, erkennt zwischen ihm und der Welt keinen anderen Unterschied als zwischen Meer und Welle. (78) So ist sein Wesen. Ich fürchtete, dass du durch seine Verachtung deinen großen Reichtum, deine lange Lebenszeit und dein Leben verlierst. Darum habe ich seinen Namen gepriesen.‘ (79) Als der Sohn dies vor ihm sagte, entbrannte Hiranyas Zorn wie das Gift des Urmeeres. Sonne und Himmel schienen zu wirbeln, die Erde bebte; seine Augen vergossen Blut, Rauch und Feuer. (80) ‚Wozu brauche ich noch einen äußeren Feind? Durch mein Schicksal ist er aus mir selbst entstanden! Er nennt sich einen liebevollen Diener meines größten Gegners. Tötet ihn!‘ Männer, grausamer als der Tod, ergriffen den Knaben.
(81) Sie schleppten ihn vor das berggleiche Tor und schwangen tausend Äxte und scharfe Schwerter. ‚Wir fressen dich lebendig!‘, brüllten sie wie Donner, wild wie Löwen um ein Elefantenkalb. (82) In einem Augenblick ließen die Erbarmungslosen ihre Waffen auf den niedergehen, der alle Wesen mehr als eine Mutter liebte. Doch gegen den Schützling des Reinen waren ihre Äxte und Schwerter so wirkungslos wie bloße Drohworte. (83) Alle geschleuderten, abgeschossenen, stechenden und schneidenden Waffen zerbrachen und wurden zu Staub. Nicht einmal einen Kratzer hinterließen sie. Der friedvolle Knabe blieb unbeirrt bei den Füßen und beim Namen seines Herrn. (84) ‚Alle unsere großen Waffen sind zerbrochen; deinem Sohn geschah kein Leid. Was sollen wir tun?‘ Hiranya sagte: ‚Der Betrüger hat die Waffen durch Zauber gebunden. Entzündet Feuer und werft ihn hinein!‘
(85) Sie türmten Brennholz in einer Grube auf, gossen Öl und Ghee darüber und entfachten himmelhohe Flammen. Während die Zuschauer weinten, warfen sie ihn hinein. Er verehrte Haris Füße – und das Feuer wurde kühl. (86) So kühlte sich sein edelsteingleicher Leib bis in die Knochen, wie Hanumans Schwanz trotz der von unseren Dämonen aufgehäuften ölgetränkten Tücher durch das tugendhafte Wort der keuschen Sita vor dem Feuer bewahrt blieb. (87) ‚Selbst mitten im lodernden Feuer verbrannte dein Sohn nicht!‘, meldeten die Krieger. Hiranya befahl: ‚Bindet auch den Feuergott und sperrt ihn ein! Lasst die acht großen Schlangen los, damit sie diesen Betrüger verschlingen!‘ (88) Auf seinen bloßen Gedanken erschienen Ananta und die anderen Schlangenherrscher. Mit feuerspeienden Mäulern pressten sie ihre glänzenden Zähne in den schönen Leib des Knaben. Der den heiligen Namen nicht vergaß, zuckte nicht einmal.
(89) Sie spritzten Gift wie Wolken Regen; selbst Garuda hätte vor solcher Wut gezittert. Doch ihre Zähne, wie Mondsicheln in einer Abendwolke, verloren die Kraft und zerbrachen. Aus ihren Zahnhöhlen floss Nektar. (90) ‚Sie umschlangen ihn ringsum, vermochten ihn aber nicht mit den Zähnen zu zerreißen‘, berichteten die Diener. ‚Werft ihn einem rasenden Elefanten der Weltrichtungen vor!‘, befahl Hiranya. (91) Die erbarmungslosen Boten eilten davon. Sobald Indra hörte, dass es der Befehl des Herrschers sei, schickte er seinen gewaltigen, zornigen Elefanten. (92) Mit göttlichen Schlingen banden sie Hände, Füße, Brust und Hals des Knaben und legten ihn vor das rasende Tier. Der Wahrhaftige sprach zu ihm:
(93) ‚Einst rief einer deines Geschlechts: „Vater, Urgrund, rette mich vor dem Krokodil!“ Der Herr eilte herbei. Eben dieser Retter wohnt in meinem Herzen.‘ (94) Noch ehe er ausgesprochen hatte, senkte der Elefant seine goldgeschmückte Stirn zu Boden, verneigte sich vor dem Knaben und wich ehrfürchtig zurück. Die Feinde meldeten es dem König. (95) Hiranyas Herz kochte: ‚Dieses Tier verehrt den Schläfer auf der Schlange und verhöhnt meine Tapferkeit! Geht und tötet diesen Elefanten!‘ (96) Als seine Henker herankamen, wandte sich der Elefant wieder gegen den Knaben, dessen Glanz und wahrer Ruhm das Gold übertrafen. Mit Stoßzähnen, heller als Blitz und Sonnenschein, griff er ihn an.
(97) Er stieß die weißen Hauer mit aller Kraft gegen dessen Brust. Doch sie brachen wie die saftigen Stängel einer Bananenstaude unter ihren kühlenden Blattscheiden. (98) Die Stoßzähne zerbrachen; sofort eilten die Feinde zur Meldung. Hiranya, dessen Blick wie die heiße Sommersonne brannte, geriet in unermesslichen Zorn. (99) ‚Bindet ihn fest an einen gewaltigen, unbeweglichen Felsen und werft den Betrüger in das Meer, dessen anderes Ufer man nicht sieht!‘ (100) ‚Er will ihn tatsächlich töten; er gibt nicht nach‘, dachten die Diener. Eilig banden sie den Knaben an den Stein und warfen ihn, schnell wie der Wind, mitten ins Meer.
(101) Weil er den Namen des unvergleichlichen, unparteiischen Herrn nicht losließ, wurde das Meer für ihn zu einem kleinen Teich und der Berg zu einem schwimmenden Gefäß, leichter noch als ein Schiff. (102) Er versank nicht in den zusammenprallenden Wogen, sondern lag oben auf dem Felsen. Er, der die letzte Wahrheit der Veden kannte, sprach die tausend Namen des ursprünglichen Gottes. (103) Mit über dem Kopf gefalteten Händen blieb er unbeweglich in der inneren Betrachtung. Auf dem Felsen im kühlen Wasser leuchtete er wie das göttliche Kind auf dem Banyanblatt. (104) ‚Habe ich eigene unzerbrechliche Kraft? Mein einziges Verlangen ist, Diener deiner Diener zu sein. Du Hoher und Kleiner, du jenseits aller Eigenschaften! Siehst du die Lage deines Dieners?
(105) Den Täuschenden begegnest du mit Täuschung. Gibt es ein Herz, das du nicht durchschaust? Süßer Nektar, den das Meer schenkte: Muss ich dennoch diese Prüfung der unsteten Sinne erleiden? (106) Brahma und die übrigen Götter folgen dem Weg der vier Veden und erkennen dich selbst nach langer Zeit nicht ganz. Wie sollte ich Unwissender dich an einem einzigen Tag erfassen? (107) Welche bösen Taten hätte ich nicht begangen? Ihre Folgen treffen unfehlbar ein. Doch das Leben zu beenden oder zu bewahren liegt bei dir. Herr, hast du mich jemals vergessen? (108) Unzählige Herren halten ihre eigene Einsicht für den einzig rechten Weg. Dass du darüber hinaus bestehst, bedenken sie nicht; sie geraten in das Netz deiner Maya und bleiben verwirrt.
(109) Alte Weise, die alle Dinge für vergänglich erklärten, wurden zu eigenmächtigen Herren und sagten: „Wir sind das Höchste.“ Kann ihnen das zukommen? Wer könnte außer dir wirklich der Höchste sein? (110) Unzählige Schriften behaupten oder bestreiten einen ursprünglichen höchsten Grund und widersprechen einander. Du aber löst ihren Streit nicht auf. Wesen der Veden, ist dies dein Spiel? (111) Brahma und Shiva erkennen dich nicht völlig; was könnte das Denken von Menschen wie uns leisten? Zweige, Blätter, Blüten, reife und unreife Früchte sind verschieden – und dennoch ist die Aussage „ein Baum“ nicht falsch. (112) Die Welt scheint sich von dir zu unterscheiden, während du unverändert bleibst. Ist sie darum wirklich etwas anderes als du? Goldschmuck ist nichts anderes als Gold.
(113) Du hast mir jene gegeben, die ich Mutter und Vater nenne. Ich trage dich im Herzen. Du, der diese Not zuließ, nenne auch das Heilmittel!‘ So betete er und verneigte sich. (114) Als Hiranya davon erfuhr, ließ er ihn vor sich bringen. Zornig sagte er: ‚Wir werden sehen, ob wir seinen Wahnsinn nicht austreiben können – mit bitterem, tödlichem Gift!‘ (115) Sie gaben ihm starkes Gift. Der in seiner Betrachtung gefestigte Knabe nahm es und trank, ohne Schaden zu leiden. Darauf ließ der Grausame schwere Peitschen bringen, und die Henker schlugen auf ihn ein. (116) Als die unerbittlichen Männer zuschlugen und alle dachten: ‚Jetzt muss er sterben!‘, bedachte er den Herrn aller Welten: ‚Der in mir wohnt, besitzt nicht nur tausend Hände, sondern unzählige.‘
(117) Hiranya entbrannte: ‚Durch einen besonderen Zauber versteht er es, Leib und Leben ungetrennt zu halten. Ich selbst werde sein Leben verzehren!‘ Er näherte sich, und die sieben Welten bebten. (118) Der Sohn verneigte sich: ‚Vater, wenn du mein Leben nehmen willst, hier ist es; das wäre nicht schwer. Doch es bleibt in der Hand dessen, der alle Welten gab, und kann nur von ihm genommen werden.‘ (119) Hiranya hielt trotz seines Zorns inne, um den behaupteten Beweis zu sehen: ‚Wer hat die Welt gegeben? Die drei Götter, die meinen Namen preisen? Weise, andere Götter oder jemand sonst? Sage es deutlich!‘ (120) ‚Hari gab die Welt und ihre vielfältigen Lebewesen. Er wohnt unvergänglich in jedem einzelnen. Wie Duft in einer Blume und Öl im Sesam durchdringt er alle zahllosen Dinge, Vater.
(121) Sieh mit meinen Augen: Er ist überall! Doch wenn ich liebevoll zu dir spreche, nimmst du kein heilsames Wort an. Könntest du ihn so mit deinen eigenen Augen erkennen – den Lotusäugigen, der deinem goldäugigen Bruder das Leben nahm? (122) Sein sind die drei Eigenschaften, drei Tätigkeiten und drei Gestalten; sein die drei Augen, die drei Lichter und die drei Welten. Für Anfang, Bestand und Ende aller Dinge ist er der Zeuge. Das ist der endgültige, wahre Sinn der Veden.‘ (123) Der Asurakönig lachte, seine Zähne blitzten: ‚Du sagst, der Eine wohne in allen verschiedenartigen Dingen. Gut; erst wollen wir das sehen und danach richtig handeln. Wenn der Betrüger in dieser Säule steckt, beweise es!‘ (124) ‚Er ist im kleinsten Stückchen, im hundertsten Teil eines Atoms, im großen Meru, in dieser Säule und auch in dem Wort, das du gesprochen hast. Du wirst es sogleich sehen.‘ Hiranya sagte: ‚Gut!‘
(125) ‚Zeige mir in dieser Säule den, der nach deiner und der Götter Behauptung überall ist! Gelingt es dir nicht, töte ich dich wie ein Löwe den Elefanten, trinke dein kupferrotes Blut und fresse deinen Leib.‘ (126) Der Wissende antwortete: ‚Mein Leben ist nicht leicht von dir zu nehmen. Erscheint der Herr nicht an jedem Ort, den du berührst, werde ich selbst mein Leben aufgeben. Wollte ich dann noch weiterleben, wäre ich nicht sein Diener.‘ (127) Hiranya lachte voller Verlangen: ‚Gut, gut!‘ Mit seiner sieggewohnten Hand schlug er wie ein niederfahrender Blitz gegen eine Säule. Da lachte der rotäugige Löwe, und sein Lachen riss Richtungen und Weltall auf. (128) Als der selbst Brahmas unablässigem Suchen unzugängliche Herr lachte, tanzte Prahlada, der versprochen hatte, ihn zu zeigen. Er weinte, sang, rief, hob die Hände über den Kopf, betete und sprang, als durchliefe er alle Welten.
(129) ‚Wer lacht da? Bist du der genannte Hari? Genügt das Wasser, in dem du dich vor Angst verstecktest, nicht mehr, sodass du eine Säule suchst? Wenn du kämpfen willst, komm heraus!‘ Hiranyas Schritte erschütterten die Welt. (130) Die Säule spaltete sich; der Löwe erschien und wuchs in alle acht Richtungen. Er durchmaß das Weltall und darüber hinaus – wer könnte dieses Wirken schildern? Oben und unten zerriss die Schale des Kosmos. (131) Wie weit der mit duftender Tulasi geschmückte Menschlöwe in den Himmel ragte, ließ sich nicht erkennen. Als seine roten Füße die Erde berührten, erschien Brahma am höchsten Weltrand gerade auf der Höhe seines Nabels. (132) Wer wäre kundig genug, die Reichweite seiner Hände zu zählen? Jede einzelne ergriff und vernichtete ein Meer jener Asuraheere, deren Abteilungen nach tausendfachen Milliardenfluten zählten.
(133) Jedem der unzähligen scharfzahnigen Asuras stand ein göttliches Gesicht mit zwei goldenen Schultern gegenüber. Jedes Haupt trug drei feuerrote Augen; seine Münder umfassten die sieben Meere, die Berge und alles Übrige. (134) Seine lange, gewellte Mähne hätte das Weltuntergangsfeuer ausgelöscht; der Atem dieses Todeslöwen hätte selbst den Sturm am Zeitenende verdrängt. In seinem weit geöffneten Mund und Leib lag die ganze Schöpfung. (135) Wie ein noch nicht ausgebrütetes Küken im Ei befand sich das Weltall in seinem gewaltigen, nektarspendenden Rachen. Die damals und heute lebenden Wesen fanden ihren Platz in seinem Leib. (136) Kann denen, die sich dem Guten anschließen, Verderben drohen? Der Löwe barg wie eine Mutter alle Wesen, von Brahma an, in seinem Inneren; ausgenommen blieben die bösen Asuras, die Wahrheit und Dharma verlassen hatten.
(137) Er zerquetschte mächtige Asuras zwischen seinen sichelförmigen Zähnen, rieb sie am Boden, schlug sie gegen den Weltrand und den Meru, zerdrückte sie zwischen den Fingern, erstickte sie im Meer und hielt sie ins Feuer. (138) Er riss sie auseinander, spaltete ihre Münder, streifte die festen Häute ab, durchbohrte die feurigen Augen und zog die Eingeweide heraus. Wer sich in den Zwischenräumen seiner Nägel verbarg, wurde von eben diesen Nägeln zerdrückt. (139) Elefanten, Wagen, Pferde und alle übrigen verschlang er mitsamt ihrem Fleisch. Er trank die sieben Meere mit ihren Fischen und verschluckte Wolken samt Donner. Selbst Dharma erbebte: ‚Er wird nicht innehalten!‘ (140) Manche schlug er gegen den Ringberg, andere rieb er an der finsteren Weltwand. Wieder andere zerschmetterte er an den sieben festen Bergen oder schleuderte sie in die dichte Dunkelheit der acht Richtungen.
(141) Mit den Spitzen seiner Krallen riss er Köpfe ab, die wie Berge herabrollten. Er packte und zerquetschte die Feinde, bis Feuer aufsprühte, tötete sie auf vielerlei Weise und füllte mit ihren Leibern das Meer wie mit einem Wald. (142) Er ergriff die Asuras in allen drei Welten, ließ keinen entkommen und vernichtete selbst ihre ungeborene Nachkommenschaft. Als in diesem Weltall keiner mehr blieb, tasteten einige seiner Hände bereits andere Welten ab. (143) Schneller als ein Gedanke vernichtete der weitäugige Löwe alle Asuras außer Hiranya und dessen makellosem Sohn, dem Zufluchtsort der Götter. Hiranya sah ihn näherkommen. (144) Er zog sein diamantenes Schwert und ergriff einen makellosen Rundschild, der den Himmel verdeckte. Sein Brüllen erschreckte Götter, sieben Meere und Berge. Mit zusammengepressten Lippen stand er da wie ein lebender Meru.
(145) Prahlada, den alle Welten priesen, sagte: ‚Auch jetzt, da du dies gesehen hast, begreifst du offenbar nichts. Verneige dich vor dem Herrn des mächtigen Diskus! Dann wird er dir deine bösen Taten verzeihen.‘ (146) ‚Höre! Vor deinen Augen werde ich diesem Löwen Arme und Beine abschlagen, danach dich zerhauen und nur mein Schwert verehren. Habe ich mich je gebeugt, selbst vor einer schmollenden Frau?‘ Sein Lachen ließ die Welten beben. (147) Lachend stürmte er heran; Mund, Augen, Schwert und Füße schienen Rauch und Feuer auszusenden. Der Herr, der jede Gewalttat zu überbieten weiß, umschloss ihn mit seinen unzähligen Armen und Beinen. (148) Im Ringen erhoben sich beide über sämtliche Welten hinaus, bis kein Auge sie sehen konnte. Der furchtlose Asura glich dabei dem Meru; der Herr glich allen anderen Bergen zusammen.
(149) Mit donnerndem Gebrüll und seinen gewaltigen krallenbewehrten Händen erschien der wunderbare Herr wie der aufschäumende Milchozean, der bis über Brahmas Welt emporstieg. Hiranya war der darin aufragende Meru. (150) Mit einer einzigen Hand packte er beide Füße des Gegners und wirbelte ihn herum. Schwert, Arme und Krone streiften die hohe Schale des von Brahma geordneten Kosmos; sein Juwelenschmuck blitzte wie ein kreisendes Rad mit Sternen. (151) Dabei lösten sich Hiranyas Ohrringe und flogen nach Osten und Westen. Dort liegen sie noch heute als Berge des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs; morgens und abends verbreiten ihre Edelsteine einen Strom von Licht. (152) Lässt sich von dem Einzigen sagen: ‚So war sein Kampf, so seine Tat‘? Als der himmlischen Segen spendende Herr seine weißen, scharfen Krallen in die diamantene Brust senkte, überflutete Blut die ganze Welt.
(153) In der Abenddämmerung, auf der Schwelle von Hiranyas goldenem Palast, legte er ihn auf seinen herrlichen Schoß. Mit diamantenscharfen Krallen riss er die glänzende Brust auf; Blut schoss himmelwärts. So beendete er die Bedrängnis der Götter. (154) Shiva mit drei Augen, Brahma mit acht und Indra mit tausend Lotusaugen, die Richtungswächter, Weisen und alle anderen kamen aus ihren unbekannten Verstecken zusammen. Beklommen fragten sie: ‚Mit welchen Augen können wir diese Gestalt unseres Herrn anschauen?‘ (155) Wohin sie blickten, sahen sie seine Gesichter, Hände, Leiber und Füße: Überall war er allein. Vor dem erhabenen Löwen, den Wort, Geist und Verstand nicht ermessen konnten, standen sie erschrocken. (156) Zwischen seinen Zähnen lagen Strecken von tausend Wegmaßen; Milliarden Gesichter leuchteten über Milliarden weiteren. Brahma auf dem schönen Lotus sah die grenzenlose Gestalt und begann ihren Ruhm zu preisen.
(157) ‚Schon deine spätere Schöpfung zeigt, dass du aus dir selbst bestehst. Du von unergründlicher Größe! Wenn du selbst dein Ursprung bist, ist es dann überhaupt ein angemessenes Lob zu sagen, du habest mich zum Schöpfer der Wesen gemacht? (158) Milliarden Weltalle erscheinen in dir wie flüchtige Blasen im kühlen Meer. Alle Gestalten bist du. Wollten wir nur diese eine Gestalt bestimmen, müssten wir nicht auch sie als grenzenlos erkennen? (159) Du bist die eine Wirklichkeit, die unter vielen Namen gezählt wird. Du bist allein; einen anderen gibt es nicht. Wen erschaffst, wen bewahrst, wen vernichtest du dann? Herr, wir verstehen es nicht. (160) Du hast mich in dir hervorgebracht; durch deine Gnade brachte ich alle Dinge und Wesen in mir hervor. Vor oder hinter dir stehe ich nicht, Vater. Ich bin wie ein goldener Schmuckgegenstand, der aus Gold entsteht.‘
(161) So sprach Brahma mit seinen acht unblinzelnden Augen. Er, Shiva mit der mächtigen Axt und alle anderen verneigten sich und standen zu beiden Seiten. Der Herr des Diskus zog seinen unbezwinglichen Zorn nach innen zurück. (162) Die großen Götter zitterten noch: ‚Jetzt wird die ganze Welt vergehen!‘ Er blickte sie gnädig an und sagte: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Seine Hand, schöner als eine Lotusblüte, zeigte die Gebärde des Schutzes. (163) Die Götter baten Lakshmi, zu ihm zu gehen: die Lotusgöttin, den Schmuck der Schönheit, den Reichtum aller, die befreiende Freude, seine Lebensgefährtin, die Schwester des Nektars und ihre eigene Mutter. (164) Der Unvergleichliche blickte auf sie: das unerlöschliche Licht auf dem roten Lotus, den zarten Spross mit duftenden Füßen, diejenige, die seit Urzeiten Welt und Leben immer wieder hervorbringt.
(165) Liebevoll sah er die Göttin an, die eine leidfreie Welt gebiert. Die Scharen der Weisen sangen sein Lob. Dann wandte das höchste Licht sich seinem Verehrer zu, dessen Liebe keine Verletzung kannte. (166) ‚Ich habe vor deinen Augen deinen Vater getötet und seinen Leib zerrissen. Dennoch schwankte dein Herz nicht, du wichst nicht vom Dharma und bewahrtest unendliche Liebe zu mir. Mein Lieber, wie könnte ich dir das vergelten? (167) In einem winzigen Bruchteil eines Augenblicks durchwühlte ich zornig den Leib deines Vaters, als suchte ich sein Leben darin. Du sahst es und hegtest dennoch keinen Groll. Was kann ich für dich tun? (168) Künftig werde ich keinen aus deinem Geschlecht töten, selbst wenn er maßlose Verfehlungen begeht. Ich bin dir wohlgesinnt. Sage ohne Scheu, was ich sogleich für dich tun soll!‘
(169) Prahlada antwortete: ‚Schon der empfangene Segen ist grenzenlos. Könnte es noch einen weiteren geben? Wenn ja, dann gewähre deinem Diener Liebe zu dir, selbst wenn er in einer niedrigen Geburt als knochenloses Wesen wiederkehrt.‘ (170) Der große Herr sah ihn voller Gnade an, erfreut über seine Hingabe: ‚Auch wenn die ursprünglichen Elemente alle vergehen, soll deine Lebenszeit nicht enden. Du wirst bestehen wie ich. (171) Du strahlst wie gebündelte Blitze! Schon für deinen früheren Dienst gebühren dir die drei Welten. Alle Welt soll dich verehren und preisen und dadurch denselben Segen erlangen wie durch meine Verehrung. (172) Ist eine solche Gabe für andere leicht zu erbitten? Alle, die mich lieben, werden auch dich lieben. Du bist nicht bloß König der Danavas; auch über die Götter bist du Herr, du Kenner der alten Veden.
(173) Dharma, Wahrheit, die vier Veden, Gnade, grenzenloses Wissen, alles Unvergängliche und auch ich mit den acht ewigen Eigenschaften sollen deinem Wort dienen. Wachse beständig in deiner schönen, leuchtenden Gestalt!‘ (174) Als er diese Gaben verlieh, falteten alle Welten die Hände. Die Krönungstrommeln erklangen im Vorhof. Er gebot den versammelten Göttern: ‚Erweist ihm gemeinsam die Würde und die Rechte seiner Herrschaft!‘ (175) Lakshmi vollzog die königlichen Ehren, Brahma das Feueropfer, und der Herr setzte ihm die Krone auf. So gewann der die drei Welten, der die Veden ohne Unterricht vollständig verstanden hatte. (176) Dies geschah einst, mein Herr. Wenn du meine Worte ohne jede Prüfung verachtest, wird daraus gewiss Unheil entstehen.‘ So schloss Vibhishana, dessen Einsicht selbst die der großen Gelehrten überragte.
6.4 – Vibhishanas Zuflucht
(1) Ravana hörte zu, doch sein durch die Frau verkehrtes Denken nahm keinen heilsamen Rat an. Wie angefachtes Feuer loderte er auf; seine hellen Augen wurden rot wie gefärbter Lack. (2) „Du behauptest, Hiranya sei mächtiger gewesen als wir, und der, der ihn erschlug, biete sicheren Schutz. Darum liebst du ihn – du großer Held, der angeblich selbst den Tod abwenden kann! (3) Jener Sohn freute sich, als Vishnu die Brust des Vaters zerriss, der ihn aufgezogen hatte. Du, der du unserem Feind freundschaftlich zugetan bist, gleichst ihm vollkommen. Wer sonst könnte euch gleichen? (4) Willst du wie Hiranyas Sohn leben, mein armer Tor? Hoffst du, dass dein Plan gelingt, ich unterliege und du anschließend meinen großen Reichtum erbst? Glaubst du, dazu werde es kommen?
(5) Schon längst bist du ihnen freundschaftlich verbunden. Die feindlichen Menschen liebst du; du schmilzt bis in die Knochen, weinst und preist sie. Sie sind deine Zuflucht. Was braucht es noch zu sagen? (6) Du hast dich mit den Menschen verbündet, ihnen deine Freundschaft geschenkt und ein Unternehmen gegen mich geplant. Deine Gier nach der Herrschaft sitzt fest. Dein Handeln ist eindeutig; braucht es noch andere Feinde? (7) Als jener Affe unseren Hain verwüstete und ich befahl, ihn zu töten und zu fressen, hieltest du mich mit dem Vorwand zurück, einen Boten zu töten sei kein Sieg. Du dachtest schon an den späteren Nutzen und wolltest ihn zum Verbündeten machen. (8) Du fürchtest dich und bist für den Kampf untauglich. Bei den Menschen suchst du Schutz. Dein Herz ist voller Verrat; du verleugnest deine Herkunft. Wäre es gut, mit Gift unter einem Dach zu leben?
(9) Nur wegen der Schande, die es mir brächte, töte ich dich nicht. Spare dir weitere Worte und verschwinde sofort! Bleibst du vor meinen Augen, stirbst du!“ So sprach der dem Untergang Geweihte, den die Einsicht verlassen hatte. (10) Der jüngere Bruder erhob sich mit seinen Gefährten in die Luft. Dort blieb er nachdenklich stehen und sprach nochmals viele gerechte, heilsame Worte. (11) „Mögest du leben! Höre mich an. Du bedenkst dein Leben nicht, das noch Weltzeitalter überdauern könnte. Willst du durch den Rat niedriger Menschen zugrunde gehen? Kann Wohlergehen dem bleiben, der den Dharma verletzt? (12) Willst du mitansehen, wie Ramas grausame Pfeile deine Söhne, Lehrer, treuen Angehörigen, Freunde und Schutzsuchenden, die Schwachen wie die Starken, auf mannigfache Weise vernichten?
(13) Auf jede mögliche Weise habe ich dir das Heilsame erklärt. Du vermagst es nicht zu verstehen. Herr, verzeihe mir meine Fehler!“ Mit diesen Worten verließ der Edle die Stadt. (14) Seine vier tüchtigen Berater Anala, Anila, Hara und Sampati folgten ihm eilig. Mit klingenden Heldenringen an den Füßen und klugem Rat standen sie Vibhishana zur Seite. (15) Als der Rakshasa und seine vier Minister erfuhren, dass die Menschen mit dem Affenheer am anderen Ufer des weiten Meeres lagerten, beschlossen sie, unverzüglich dorthin aufzubrechen. (16) Der einsichtige Fürst überquerte das Meer. Vor ihm lag das strahlende Heer wie eine gewaltige Lotusblüte, die sich im weißen Milchozean geöffnet hätte.
(17) Zu seinen Gefährten mit den glänzenden Waffen sagte er: „Stellte man alle anderen verkörperten Lebewesen auf die eine Seite und zählte sie, so wären die Affen hier noch zahlreicher.“ Sein Denken war frei von Makel. (18) „Weil ich die Gerechten liebe und kein Leben ohne guten Ruhm wünsche, hat er mich verstoßen. Meinen heilsamen Rat wollte er nicht annehmen. Sagt mir nun: Was ist zu tun?“ (19) Die gelehrten und erfahrenen Berater antworteten bestimmt: „Es gibt keinen würdigeren Weg, als jetzt die Verkörperung des Dharma aufzusuchen, die unvergänglichen Segen gewährt.“ (20) „Ihr habt gut gesprochen. Täten wir jetzt etwas anderes, wären wir wahrhaft Dämonen. Lasst uns Ramas beide Füße umfassen, die Zuflucht unendlicher Tugenden, und dadurch diese Geburt überwinden!
(21) Ich habe ihn nie gesehen und früher nichts von ihm gehört. Warum ich ihn liebe, weiß ich nicht. Doch meine Knochen werden kühl und mein Herz schmilzt. Er muss der Feind der leidvollen Wiedergeburt sein.“ (22) „Als ich einst Askese für den Lotusgeborenen übte, erbat und erhielt ich Liebe zum ursprünglichen Höchsten, unverbrüchliche Treue zum Dharma, Zuneigung zu allen Wesen und das Wohlwollen der Brahmanen. (23) Nun trägt diese Gabe ihre Frucht; ein reiner Gedanke ist entstanden. Lasst uns die blütengleichen Füße des ewigen Herrn aller aufsuchen und erfüllen, was unser Herz ersehnt.“ So entschied er freudig. (24) Die einsichtigen Gefährten hielten es für unangebracht, im Dunkeln einzutreffen. Sie verbargen sich für die Nacht an einem geschützten Ort. Dann erhob sich die Sonne mit ihrem rollenden Wagen.
(25) Rama kam an das weite Meeresufer, um über die Überquerung des Wellenmeeres nachzudenken. Dabei erinnerte er sich an Sitas Wasserlilienaugen und ihren korallenroten Mund und wurde von Sehnsucht erschöpft. (26) Er betrachtete die Uferhaine, Salzbuchten, Sandflächen, Mangroven, Wasserlilien und ausladenden Punnai-Bäume, die Schwäne mit ihren Gefährtinnen und die blütenreichen Gärten, die sein Verlangen verstärkten. (27) Er sah Perlen, Korallen und Edelsteinhaufen, welche die Wellen ans Ufer getragen hatten, den goldenen Strand, schattige Haine, Sandhügel und die langen rollenden Wogen. (28) In den Punnai-Hainen sah er die Kreise, welche lächelnde Fischerfrauen zur Liebesweissagung in den Sand gezogen hatten. Ihre zarten Finger waren davon wund geworden; Tränen verwischten die sorgfältig gezogenen Linien.
(29) An gebogenen weißen Schraubenpalmen schlugen schaumige Wellen empor; feiner kühler Sprühnebel hing daran. Rama sah einen Schwan schlafen, der seine Gefährtin unter einen halben Flügel schloss, und seufzte tief. (30) Ein weißer Reiher wartete mit zarter Stimme auf einem großen Zweig und blickte in die Richtung, aus der sein Gefährte mit köstlichen Fischen zurückkehren sollte. Rama blieb voll Mitgefühl stehen. (31) Zwei kräftige Vögel begehrten dieselbe Gefährtin. Keiner wich; mit grimmigem Zorn kämpften sie gegeneinander. Rama sah es und zog die Brauen zusammen. (32) Ein Schwan, der im Liebesstreit unterlegen war, gewann nun bei der Versöhnung. Als Rama dies sah, biss er mit seinen weißen Perlenzähnen auf die korallenfarbene Lippe und seufzte.
(33) Die klugen Worte der herankommenden Gefährten linderten seine Schwermut. Wie ein Verwirrter, dessen Bewusstsein zurückkehrt, fand Rama etwas zu sich und ging fort. (34) Er kehrte ins Lager zurück und saß bei seinen gelehrten Beratern. Währenddessen erreichte Vibhishana mit klingenden Heldenringen und unbeirrtem Herzen den Rand des geordneten Heeres. (35) „Rakshasas sind in unser Heer gekommen!“ Bei diesem Ruf liefen die Affen zusammen. „Schlagt sie, packt sie, werft sie nieder!“, donnerten sie und umringten die Ankömmlinge. (36) Manche dachten: „Dharma selbst hat ihn hergebracht; seine bösen Taten tragen nun Frucht. Das muss der König von Lanka sein! Unser Vorhaben ist bereits gelungen.“
(37) „Man spricht von zwanzig Armen und zehn Köpfen. Sind sie diesem Elenden abhandengekommen?“, riefen sie. „Kämpfe mit uns, wenn du kämpfen willst!“ Einer drängte vor dem anderen drohend heran. (38) „Wir nehmen ihn gefangen und melden es dem Herrn der Erde“, sagten einige. Andere drängten: „Warum sollten wir beim Anblick dieses Feindes auch nur einen Augenblick warten, statt zuzuschlagen?“ (39) „Wenn sie im nächsten Augenblick zum Himmel fliehen, was können wir dann noch tun? Es sind doch Rakshasas! Was wäre angemessener, als sie zu töten? Wir sollten sie sofort vernichten!“ (40) Während sie derartige Worte durcheinanderriefen, kamen auf Hanumans Befehl die beiden würdigen, urteilsfähigen Wächter Mainda und Dvivida herbei.
(41) Sie hielten die Krieger zurück. In Veden, Rechtslehre und Sprachkunde erfahren, erkannten sie bei den Ankömmlingen keine Zeichen von Hinterlist und näherten sich prüfend nach den Regeln gerechten Verhaltens. (42) „Wer seid ihr, und welches Anliegen führt euch her? Wollt ihr kämpfen, oder habt ihr einen anderen Plan? Ihr steht hier so gefasst; erklärt uns wahrheitsgemäß eure Lage.“ (43) Anala antwortete: „Er kommt, um an den Füßen des Weltherrn aus dem Sonnengeschlecht Schutz und Rettung zu finden. Sein Herz ist voller Güte und Gerechtigkeit. Dieser Wahrhaftige ist ein Urenkel Brahmas. (44) Durch lange Askese erlangte er vom Lotusgeborenen unerschütterliche Treue zum Dharma, vollkommene Liebe zum ursprünglichen Herrn, Wahrhaftigkeit und Zuneigung zu den Brahmanen.
(45) Er riet Ravana: ‚Du Tor, der glühendes Feuer in Stoff einschlägt! Du hältst die Gemahlin des Herrn gefangen. Lässt du sie frei, wirst du leben; behältst du sie aus Begierde, wirst du sterben.‘ Vieles Heilsame sagte er ihm. (46) Doch der gewalttätige König verlor alle Einsicht: ‚Nur weil du mein jüngerer Bruder bist, entkommst du. Verschwinde! Bleibst du, bist du tot.‘ Darauf verließ Vibhishana ihn.“ So berichtete Anala ausführlich. (47) Mainda nahm die Worte auf: „Ich werde dem Herrn euer Anliegen vortragen.“ Er wies seinen Bruder und das standhafte Heer an, aufmerksam Wache zu halten, und ging. (48) Er näherte sich Rama auf dem Weg der Gnade und verneigte sich vor seinen Füßen. Rama saß wie in einem Tempel des Erbarmens, dessen Umwallung Dharma, Wissen und Askese und dessen Tore Größe und Geduld waren.
(49) „Ewiger Herr, ich habe etwas zu berichten.“ Der Lotusäugige nickte mit seinem von geflochtenem Haar gekrönten Haupt. Darauf schilderte Mainda wahrheitsgemäß alles Gesehene und Gehörte. (50) „Wir wissen noch nicht, was daraus entsteht. Vibhishana, der berggestaltige jüngere Bruder des hinterlistigen Königs von Lanka, ist mit vier Begleitern mitten in unserem Heer eingetroffen. (51) Unsere Krieger drängten auf ihn ein und riefen: ‚Tötet ihn! Packt ihn!‘ Wir hielten sie zurück und fragten: ‚Wer seid ihr? Erklärt eure Lage!‘ Einer seiner Begleiter antwortete. (52) Er sagte zunächst: ‚Der ältere Bruder vollbrachte eine feindselige, böse Tat und umgibt sich nur mit entsprechendem Rat. Weil Vibhishana keinen anderen Schutz sieht, sucht er Zuflucht beim Meer des Erbarmens.
(53) Er ist rein; Dharma, Hinwendung zum ursprünglichen Herrn und Wahrhaftigkeit erlangte er durch lange Askese als Gabe Brahmas, des Herrn der Vedengelehrten.‘ (54) Auch dies berichtete er: ‚Vibhishana warnte Ravana: Lässt du die keusche Herrin nicht frei, wird Lanka zu einem Knochenberg, und deine prächtig gekrönten Köpfe werden rollen.‘ (55) ‚Ravana antwortete: Für diese freundlichen Worte verdienst du den Tod, wenn du in meiner Nähe bleibst. Verschwinde in einem Augenblick! Darum kam er fort.‘ Das ist die Ursache seiner Ankunft.“ (56) Rama fragte seine nahen Freunde: „Ihr habt die Sache gehört. Prüft sie gemeinsam mit eurer Einsicht: Sollen wir ihn aufnehmen oder zurückweisen?“
(57) Sugriva mit der hohen, leuchtenden Edelsteinkrone faltete vor dem Lotusäugigen die Hände. Der pflichtbewusste König bedachte Ort und Zeit und begann zu sprechen. (58) „Du kennst den letzten Sinn der vier ursprünglichen Veden und aller Rechtsbücher, von Manu an. Du stehst über dem Schicksal. Warum fragst du Menschen wie uns nach solchen Dingen? (59) Doch weil du es befiehlst, Meer der Gnade, werde ich sprechen. Ob du meine Worte für vernünftig und rein oder für nicht überzeugend hältst: Höre sie an und prüfe die Folgen. (60) Es ist noch keine Schlacht entbrannt, und sein Bruder hat ihn nicht aus einem anderen Anlass zu töten versucht. Ist es da gerecht, den älteren Bruder zu verlassen? Wer unter den unredlichen Rakshasas wäre wirklich gut?
(61) Einen ehrwürdigen älteren Bruder, Mutter, Vater, Lehrer oder König beim Herannahen eines Feindes zu verlassen, verdient Spott. Wie könnte man eine solche Haltung schätzen? (62) Solange es ihm nützte, sprach er angenehme Worte. Nun fürchtet er den Krieg und kommt zu uns, statt gemeinsam mit den Seinen im Kampf zu sterben. Soll ein solches Heldentum der Welt als Maßstab dienen? (63) Wenn er allein den Dharma begehrte, könnte er ihr Land verlassen und anderswo Zuflucht suchen. Aber gerade zum Feind überzugehen, Herr – wie sollte das frei von Schande sein? (64) Solange sein Bruder glücklich herrschte, teilte er dessen Wohlstand. Als die Feinde zornig zum Krieg anrückten, ging er fort, statt ihm beizustehen. Wem wird ein solcher Mensch treu sein, Meer der Gnade?
(65) Wir haben gesehen, wie selbst der gelehrte Asket Maricha, der zum goldenen Hirsch wurde, Askese und Wissen preisgab, als sein Neffe eine böse Tat verlangte. Wollen wir dennoch wieder auf einen Rakshasa vertrauen? (66) Selbst wenn die ganze Welt gemeinsam mit Yama gegen uns anträte, könnten wir sie besiegen. Soll nun der Bruder unseres Feindes bei uns erscheinen und unser Verbündeter werden? (67) Wir kamen mit dem Ruhm, die Rakshasas zu vernichten und den guten Dharma zu schützen. Nehmen wir jetzt gerade diese Erbarmungslosen zu Helfern, wird es heißen, unsere eigene Stärke reiche nicht aus. (68) Menschen zeigen eine Haltung in der Trennung, eine andere beim unmittelbaren Gegenüber, wieder eine andere, wenn sie einen Vorteil erhalten, und nochmals eine andere, wenn sie gemeinsam essen. Ihre Verbundenheit ist wandelbar.
(69) Er kam, um uns zu täuschen, nicht um wirklich Schutz zu suchen. Willst du einen willkommen heißen, der schlimmer als Gift ist, du Dunkelfarbiger?“ So erklärte Sugriva seinen Standpunkt. (70) Danach fragte Rama Jambavan, den wegen seiner grenzenlosen Gelehrsamkeit Unvergleichlichen: „Was ist deine Meinung?“ Der im geordneten Reden Erfahrene antwortete. (71) „Auch Weise gehen sicher zugrunde, wenn sie sich mit gefährlichen Feinden verbinden. Wer ihre Lebensweise betrachtet, wird der Welt glauben machen können, dass Rakshasas einen festen moralischen Grundsatz besitzen? (72) Sie mögen Siege verschaffen, geplante Unternehmungen fördern und Hindernisse beseitigen. Dennoch sind sie unsere langjährigen Feinde. Und ist die Verbindung mit einem niedrigen Geschlecht überhaupt heilsam?
(73) Diese Übeltäter verwirren Veden und Opfer, bringen Brahmanen Leid und Göttern Bedrängnis. Wenn sie zu uns kommen, werden sie plötzlich ohne Bosheit sein und uns lieben? (74) Gewähren wir ihm Aufnahme und Schutz, entsteht ein weiteres Problem: Selbst wenn er uns später betrügt, würden wir beim Töten oder Verstoßen weithin Schande ernten, und Dharma selbst würde gegen uns aufstehen. (75) Muss ich die späteren Folgen noch ausführen? Seine Ankunft gleicht der jenes Rakshasa, der damals als Hirsch zu dir kam, als du mit der Herrin im Wald lebtest.“ (76) Dann sagte Rama zu Nila, dem Heerführer mit gründlicher Kenntnis der maßgeblichen Schriften: „Sprich auch du deine Meinung aus.“ Nila begann.
(77) „Es gibt Fälle, in denen man Feinde als Verbündete aufnehmen darf. Du grenzenlos Gelehrter, ich werde sie zusammenfassen. Höre wohlwollend zu und lache nicht über die Worte eines Affen. (78) Dazu gehören Menschen, deren Verwandte der eigene Herr im Zorn getötet hat und die deshalb zu dessen Gegner kommen; solche, die wegen einer Frau Feindschaft hegen, und solche, denen großer Besitz genommen wurde. (79) Auch schwer in ihrer Ehre Verletzte, aus der Schlacht Geflohene, nahe Verwandte mit Anspruch auf die Herrschaft und Menschen, deren wichtige Angehörige vom Gegner getötet wurden, kommen in Betracht. (80) Ebenso Freunde von Herrschern benachbarter Länder, die durch königliche Gewalt gestürzt wurden, oder solche, die mit dem Gegner um dieselbe Frau streiten. Kommen sie zu uns, können sie geeignete Verbündete sein.
(81) Wer sich nicht aus eigener Not unterordnet, sondern uns gegenüber stark bleibt, kann sich bei Schwierigkeiten wieder lösen. Unter welchen dieser Fälle sollen wir seine Ankunft einordnen? (82) Ob wir den Zeitpunkt oder die Grundlagen der erlernten Schriften betrachten: Können wir allein aus dem vermeintlichen Charakter eines Mannes, der im Zorn fortging, sichere Gewissheit gewinnen?“ (83) Auch die übrigen erfahrenen Ratgeber, wahrhaftig, gelehrt und Rama liebevoll ergeben, kamen nach sorgfältiger Prüfung zu demselben Schluss: „Ihn aufzunehmen wäre ein Fehler.“ (84) Rama, der alles Wissen überragt, wandte sich an Hanuman, den unvergleichlichen Kenner des rechten Weges: „Alle haben übereinstimmend gesprochen. Du gründlich Gelehrter, sage mir deine Meinung.“
(85) Hanuman verneigte sich, bedeckte ehrerbietig den Mund und sagte: „Selbst wenn die Verbündeten wenig wüssten, ist es die Pflicht eines Herrn wie dir, ihre Gedanken zu berücksichtigen.“ Dann sprach der feinsinnig Gelehrte weiter. (86) „Alle, die zu einer gründlichen Prüfung befähigt sind, haben diese Sache abgelehnt und ihre Gründe dargelegt. Was sollte ich jetzt noch sagen, du Weiser? (87) Das Urteil dieser lauteren Männer ist achtbar. Dennoch möchte ich eines aussprechen: Ich habe keinen Verdacht, dass dieser Mann böse ist. Einige passende Gründe dafür will ich nennen. (88) Herr mit der von Bienen umschwärmten Girlande! Ein Blick auf das Gesicht eines Betrügers verrät viel. Könnte vorhandene Hinterlist vollkommen verborgen bleiben? Würde ein entschiedener Feind sich so hingeben und unsere Zuflucht wünschen?
(89) Noch bevor der Mund spricht, verrät das Gesicht leise, was im Herzen liegt. Die Früchte der Täuschung gedeihen im dunklen Versteck verworrener Absicht; könnten sie im hellen Licht ebenso bestehen? (90) Er erkannte die Macht deines Bogens, deinen Sieg und deine edle Haltung: Du sandtest Vali zum Himmel und gabst dem jüngeren Bruder das Reich. Darum kam er zu dir, in der klaren Hoffnung, selbst künftig die Herrschaft zu erlangen. (91) Er weiß, dass die Rakshasaherrschaft nicht dem Weg der Edlen entspricht und ohne ihn keinen Bestand haben kann. Er achtet deine Wahrhaftigkeit und jene untrennbare Barmherzigkeit, durch die du deinem Bruder die meerumgürtete Erde überließest. (92) Zu sagen, er komme zur falschen Zeit, ist unzutreffend. Ein übermächtiger Gegner ist herangerückt; damit droht seinem Geschlecht das Ende. Gerade deshalb hat er sich vollständig von seinen bisherigen Angehörigen getrennt.
(93) Er kennt die trügerischen Kampfmittel der bösen Rakshasas. Dass einer aus ihrem eigenen Kreis sich von ihnen abwendet und zu uns kommt, verschafft uns leicht wertvolle Sicherheit. (94) ‚Ihre verborgene Bosheit ist schwer zu erkennen; sie könnten uns vernichten‘ – solche Gedanken ziemen wahrhaft Großen kaum. Sollen wir sie gegenüber einem viel Schwächeren hegen? (95) Als Ravana befahl, mich zu töten, widersprach Vibhishana: ‚Einen Boten zu erschlagen ist niedrig und schändlich. Später können wir im Krieg siegen.‘ (96) Er führte treffende Gründe an: ‚Frauen zu töten, Wehrlose zu töten und selbst einen Boten zu töten, der Schaden angerichtet hat, ist nicht recht.‘
(97) Als ich nachts zu seinem geräumigen Haus kam und darin umherging, zeigten sich zahlreiche gute Vorzeichen. Und noch etwas habe ich selbst erkannt, Herr. (98) Ich sah dort weder verwerflichen Rauschtrank noch unrechtmäßig gewonnenes Fleisch. Wohltätigkeit, Gastfreundschaft, gerechte Ordnung und andere Tugenden erfüllten das Haus. Es leuchtete wie die Wohnung eines Brahmanen. (99) Seine einzige Tochter tröstete unsere Herrin: ‚Brahma hat einen Fluch ausgesprochen. Schöne Frau, wenn der Tor dich gegen deinen Willen berührt, trifft ihn sogleich der Tod.‘ (100) Er kam eilig, weil er erkannte, dass die großen Gnadengaben und die angeborene List der Rakshasas von deinen Pfeilen verbrannt werden. Betrachtet man seine eigenen Gaben, sein Erbarmen und seine Einsicht, wer wäre ihm an Askesekraft überlegen?
(101) Wir sind angetreten, ein Werk zu vollenden, das Göttern, Danavas und selbst den drei höchsten Göttern schwerfällt. Einen Mann, der in Not um Schutz bittet, misstrauisch fortzuschicken – wäre das nicht, als fürchtete das Meer das wenige Wasser eines Brunnens? (102) Wiesen wir ihn bloß wegen seiner Herkunft aus dem feindlichen Lager zurück, müssten die Weisen lachen. Sind nicht gerade Väter, ältere und jüngere Brüder die engsten Verwandten mit gemeinsamen Erbansprüchen – und werden dennoch Feinde, sobald sie dasselbe Gut begehren? (103) Darum halte ich, dein Diener, seine Ankunft für glückverheißend. Doch die Absicht deines heiligen Herzens, das den Veden gleicht, kenne ich nicht.“ So schloss Hanuman, Schüler der Sonne, Überwinder des Meeres und Retter der Welt. (104) Rama hörte Hanumans kluge Worte wie Nektar. „Großer Wissender, gut, sehr gut!“ Zu den anderen sagte er: „Diese Erwägung ist vortrefflich. Prüft nun auch meine weiteren Worte.“ Alle hörten zu.
(105) „Bei gründlicher Betrachtung ist der Zeitpunkt seiner Ankunft gut. Sein Wunsch gilt der Herrschaft, und seine Einsicht ist groß. Dass er sich uns anschließt, bestätigt: Dieser Mann von hoher Askese ist nicht auf Abwege geraten. (106) Was bleibt noch zu sagen? Hanumans sorgfältige Darlegung trifft zu. Doch selbst wenn es anders wäre: Ob Sieg oder Niederlage, Tod oder Weiterleben daraus folgt – können wir einen zurückweisen, der uns seine Zuflucht nennt? (107) Macht es einen Unterschied, ob er erst heute kam oder zuvor sogar meinen Vater und meine Mutter getötet hätte? Er bittet um Schutz. Damit ist er wie ein langjähriger, liebevoller Gefährte. Selbst wenn er sich später abwendet, bleibt uns nur Ruhm. (108) Hat jemals jemand die Größe Shibis vergessen, der für einen Schutzsuchenden auf die Waage stieg? Verglichen mit dem Tag, an dem ich einen auf mich Vertrauenden verstieße, wäre ein Tod durch seine List der Tag, der mir bleibendes Leben schenkte.
(109) Habt ihr nicht gesehen, wie Shiva das Gift trank, um jene zu schützen, die beim Quirlen des Meeres in Not gerieten? Wer Bedrängten nicht hilft, seinen Besitz nicht teilt und Zufluchtsuchenden keine Gnade gewährt – was bedeuten für ihn Dharma und Tapferkeit? (110) Ein Jäger fing die Gefährtin einer Taube und kam dann, um auch den Täuber zu fangen. Dieser half ihm, entzündete ein Feuer und gab dem Hungernden den eigenen Leib als Nahrung. Ist die Geschichte seiner Befreiung nicht von höchstem heiligem Wert? (111) Als ein Elefant im Kampf mit einem Krokodil rief: ‚Ursprünglicher Höchster, ich suche deinen Schutz!‘, erschien die Wahrheit, deren Ende selbst die Veden nicht finden, und beendete sein Leid. Wie könnten die Einsichtigen dies vergessen? (112) Der wunderbare Herr erschafft und ernährt alle Wesen; alle Welten und jeder Dharma sind er selbst. Dennoch schützt er eigens die, die zu ihm kommen, und schenkt ihnen schließlich Befreiung. Brauchen wir einen weiteren Beleg?
(113) Shiva, der das Gift im Hals trägt und die glänzende Axt führt, hatte einst dem Vater des Brahmanen dessen kurze Lebenszeit zugesprochen. Als der Sohn aus Todesangst Zuflucht suchte, wies er den grimmigen Yama zurück. Welche Größe übertrifft dies? (114) Als Janaki weinend fragte: ‚Wer schützt mich?‘, kam mein väterlicher Jatayu voll Erbarmen: ‚Ich werde dein Schutz sein, fürchte dich nicht!‘ Im Kampf mit dem grausamen Räuber fand er einen göttlichen Tod. Ist sein Vorbild für mich nicht verbindlich? (115) Wer das Leben eines Schutzsuchenden nicht wie sein eigenes bewahrt, wer empfangene Hilfe vergisst oder aus verkehrtem Denken die von den großen Veden bezeugte Wahrheit zur Lüge erklärt, fällt in eine Hölle ohne Rückkehr. (116 [Quellenschreibweise: 6.4. 116]) Noch vor der Suche nach Sita gelobte ich den Brahmanen, die um Schutz baten, den Übeltäter zu töten, der die Götter quält. Könnte ich jene ausführlich gegebene Zusage nun überschreiten?
(117) Mag daraus Nutzen entstehen oder nicht: Gibt es für einen mitfühlenden Menschen etwas Höheres? Unzählige Könige opferten ihr kostbares Leben, um Menschen zu schützen, die bei ihnen Zuflucht suchten, selbst wenn diese niedrig waren. (118) Darum ist es Pflicht, Schutz zu gewähren, sobald einer darum bittet. Ihr habt aus Liebe zu mir gesprochen. Was bleibt noch zu überlegen? Sohn der Sonne, führe du selbst den Makellosen zu mir!“ (119) Diese Begründung beseitigte jeden Zweifel. Sugriva verstand das Herz des göttlichen Herrn und erkannte die Aufnahme als richtig. „Ich bringe ihn sofort“, sagte er und eilte zu Vibhishana, der Wohnstatt der Wahrheit. (120) Maindas jüngerer Bruder zeigte den herankommenden Affenkönig: „Der Herr lässt dich bringen. Der Sohn der Sonne mit den berggleichen Schultern kommt dir entgegen.“ Vibhishanas unruhiges Herz blühte auf, und er ging ihm entgegen.
(121) Unreine Herzen verbinden sich selbst nach langer Bekanntschaft nicht; reine Menschen finden schon bei der ersten Begegnung zusammen. Mit übereinstimmendem Empfinden umarmten sich die beiden Helden wie Tag und Nacht, die einen einzigen Tag bilden. (122) Sugriva sagte während der Umarmung: „Der Lotusäugige hat dir freudig und entsprechend der alten Würde seines Geschlechts unverbrüchlichen Schutz zugesprochen. Komm rasch und verehre seine goldenen Füße!“ (123) Kaum hatte Vibhishana die Worte des Löwengleichen gehört, strömten Tränen aus seinen Augen. Sein nachtfarbiger Leib wurde kühl wie sein Herz; die Härchen richteten sich auf, als dränge die überströmende Freude nach außen. (124) „Dem jüngeren Bruder des Betrügers, der die zartfüßige Herrin entführte, sagt er gnädig: ‚Komm!‘ Er nimmt mich als Schutzsuchenden an! Durch seine Gnade werde selbst ich Niedriger kostbar wie das Gift, das Shiva trank.
(125) Mein verblendeter Bruder verwarf meine Worte. Nun kann selbst die Sonne wieder frei über Lanka fahren! Wenn solche Klarheit und solche Gnade hier walten, wie sollten die Rakshasas noch ihrem Ende entgehen? (126) Selbst wenn man ihnen schwerstes Leid zufügt, weichen Menschen mit reinem Herzen und großem Erbarmen nicht von ihrem Wesen ab. Auch das Meer schenkte den Göttern Nektar, obwohl sie einen Berg hineinstellten und es schmerzhaft aufwühlten. (127) Der Freund der reinen Entsagenden hat mich liebevoll als Verwandten angenommen und mir unwiderruflichen Schutz geschenkt. Damit habe ich die unwissende, tugendlose Rakshasageburt überwunden und bin auch künftig der Hölle entronnen.“ (128) Der einsichtige Sonnensohn sagte: „Er schützt alle, die seine Füße erreichen, wie sein eigenes Leben, ob sie Gutes oder Böses getan haben. Der Reine wünscht dich zu sehen. Gehe ohne Zögern, du Weiser!“
(129) Von vielen berggleichen Helden umgeben, gingen beide zu Rama, dessen Pfeil die sieben mächtigen Bäume durchbohrt hatte. Sie wirkten wie ein dunkler Berg und der Meru, begleitet von anderen Gipfeln. (130) Vibhishana sah den Sohn des Weltherrschers, von Affen umgeben und von Lakshmana bewacht. Wie ein dunkles Meer voller Lotusblüten strahlte Rama; das Heer glich dem Milchozean und der bogentragende Bruder dem nördlichen Berg daneben. (131) Inmitten des Affenheeres, das die Erde hätte emporwerfen können, erschien Rama wie Vishnu, der einst auf Bitten der Götter sein Lager im klaren, weißen Milchozean verlassen und sich aufgerichtet hatte. (132) Am perlenschimmernden Strand, dessen gebogene Wellen Sitas Brauen glichen, hob sich seine dunkle Gestalt vom unermesslichen Weiß ab wie die schwarze Pupille im Auge der leuchtendstirnigen Sita.
(133) Seine ungeschmückte Brust glich einem Regenhimmel ohne Indras Bogen; seine schönen Arme ohne leuchtende Armreifen glichen dem Quirlberg, nachdem die zum Seil verwendete Schlange entfernt worden war. (134) Sein vollkommenes Mondgesicht verströmte statt weißen Lichts den Nektar des Erbarmens. Die vom Vater bestimmte Krone hatte er dem Bruder überlassen; nun trug er das von der Stiefmutter veranlasste Diadem aus verfilztem Haar. (135) Vibhishana sah den Helden, erschauerte, weinte und schmolz im Herzen: „Ein dunkler Berg mit roten Augen! Oder eine Regenwolke, aus der Lotusblüten wachsen! Ist dies Vishnu? Hat der gnadenreiche Dharma selbst eine dunkle Farbe angenommen?“ (136) Freudig dachte er: „Durch meinen Bruder darf ich mich nun vor dem älteren Bruder Bharatas und Vater des Lotusgeborenen verneigen! Bharata legte die Juwelenkrone ab und setzte diese Füße auf sein Haupt, um vergängliche Geburt an der Wurzel auszureißen.“
(137) „Er selbst, das Heilmittel gegen die Wiedergeburt, die sogar große Asketen schwer überwinden, sitzt hier und wird die Rakshasas mit seinen scharfen Pfeilen töten. Was soll man dazu sagen? Auch sie müssen unermessliche Askese erworben haben!“ (138) Mit über der Edelsteinkrone gefalteten Händen näherte er sich. Seine Liebe hätte Steine und Bäume schmelzen lassen. Unter jedem erbarmenden Blick Ramas warf er sich zur Erde und erreichte schließlich dessen beide Füße, ein Meer von Gnadengaben. (139) Sein Gesicht verkündete: „Die Wiedergeburt ist beendet!“ Unter strömenden Tränen lag er mit der Brust am Boden. Ramas gnädiger Blick war wie eine Umarmung. „Steh auf und setze dich bequem“, sagte er und wies ihm mit der blütengleichen Hand einen Sitz. (140) Freudig und voller Gnade sprach Rama: „Solange die zweimal sieben Welten und mein Name bestehen, gehört dir der Reichtum des meerumgebenen Lanka, der Heimat der scharfzahnigen Rakshasas. Ich habe es dir gegeben.“
(141) War es wegen der Gnade des Heiligen oder wegen des großen Dharma des Beschenkten? Sobald diese Worte erklangen, jubelten sämtliche beweglichen und unbeweglichen Wesen: „Wir sind gerettet!“ (142) „Dein Diener ist gerettet!“, sagte der Dunkelfarbige und verneigte sich immer wieder. Rama blickte ihn gnädig an und befahl Lakshmana: „Du mit den schlaflosen Augen, kröne diesen untadeligen Freund, der bei uns Schutz fand!“ (143) Vibhishana, der den Wert der Dinge kannte, bat: „Herr, du hast mir unvergänglichen, unermesslichen Reichtum gegeben. Um den Makel meiner Geburt als Bruder des Betrügers zu tilgen, setze mir dieselbe Krone auf wie deinem jüngeren Bruder.“ (144) Rama sagte: „Mit Guha wurden wir einst fünf Brüder, mit dem Sohn der Sonne sechs. Du bist aus Liebe zu uns gekommen; mit dir sind wir nun sieben. Indem unser Vater uns in den schwer zugänglichen Wald schickte, gewann er noch mehr Söhne.“
(145) „Was könnte ich jetzt noch sagen? Du zählst mich Niedrigen zu deinen leiblichen Brüdern. Als Diener bin ich reich gesegnet!“ Frei von Zweifel und Furcht empfing Vibhishana Ramas Füße als goldene Krone auf seinem Haupt. (146) Mit den heiligen Füßen auf dem Kopf stand der Rakshasakönig wie ein Berg, dessen Gipfel die rote Sonne berührt. Die beiden Brüder freuten sich, alle anderen waren beglückt, und die Götter ließen lobpreisend Blumen regnen. (147) Die sieben Meere brausten; Erde und Götterwelt hallten von glückverheißenden Trommeln und Muschelhörnern. Goldregen fiel, duftender Puder wurde gestreut, und der Jubel erfüllte den Himmel. (148) Brahma verlor seine Sorge: „Mein Geschlecht, das durch das Unrecht an der Frau mit nektargleichen Worten erniedrigt wurde, ist heute wieder erhoben.“ Auch Dharma jubelte: „Ravanas böser Reichtum ist vernichtet!“
(149) Rama sagte zu Lakshmana: „Damit alle sehen, dass Vibhishana den großen Reichtum des Königs von Lanka erhalten hat, führt ihn mit Sugriva und zahlreichen Kriegern feierlich durch das Lager.“ (150) Die bergschultrigen Helden setzten ihn mit den heiligen Füßen als Krone in eine Sandelholzsänfte, die Affenführer trugen. Beim Umzug priesen sie: „Er hat einen Segen erlangt, den selbst Indra schwer gewinnt!“ (151) Brahma suchte und fand einst jene roten Füße, nach denen alle Suchenden streben, und wusch sie. Wer in diesem Wasser badet, verliert die fünf großen Sünden und wird göttlich. Wer könnte dann die Würde dessen beschreiben, der diese Füße auf dem Haupt trägt? (152) Bis heute staunen Rishis, Götter, vollendete Wissende, Liebende, Opferkundige und große Asketen: „Wer hat je empfangen, was der scharfzahnige König von Lanka empfing?“

Begleitender Vortrag von Yoga Vidya über Hanuman und den Geist der Hingabe:
6.5 – Die Beratung über Lanka
(1) Dem neuen Rakshasakönig, der seine Füße verehrte, wies Rama eine geräumige Unterkunft zu und entließ ihn. Die Sonne zog sich zurück, als dächte sie, ihre ausgesandten Strahlen seien zu heiß gewesen. (2) Rama vollzog seine Abendandacht und seufzte mit schmerzendem Herzen. Der Liebesgott kam und streute Blütenpfeile; die feuerrote Dämmerung sank herab, und das Weltall verdunkelte sich. (3) Dichte Finsternis erfüllte die weiten Richtungen, als hätte sie die Schwärze des Meeres geraubt. Die Sterne erschienen darin wie frisch geöffnete Blüten auf einem wasserreichen Teich. (4) Auch die Jasminhaine glichen dem Sternenhimmel: Bei Einbruch der Nacht öffneten sich zahllose Blüten und erhitzten das Herz des Bogenschützen, der voll Sehnsucht an die zarte Herrin dachte.
(5) Mit dunklem Fleck im Inneren und gezogenem Lichtschwert ging der Mond auf, als sagte er: „Ihr Gesicht hat mich stets besiegt. Heute werde ich dafür ihren Gemahl besiegen!“ (6) Als wollte er sagen: „Auch wenn sie sich meinem Blick entzieht, fange ich jedes weibliche Wesen“, warf er das Netz seines weißen Mondlichts über die ganze meerumgürtete Erde. (7) Das Meer hob seine Wellenarme und tobte, als riefe es: „Er, der meine dunkle Farbe an sich nahm, ist nun mit einem Affenheer gekommen, um mich zu bändigen. Jetzt habe ich ihn!“ (8) Das Mondlicht breitete sich über den Sand am uralten, schlangenreichen Meer aus wie abgestreifte Haut über einem durch Weltzeitalter gealterten Leib oder wie weithin vergossene Milch.
(9) Der Südwind kam wie ein Tiger aus der Höhle des Berges: Jasminblüten waren seine Zähne, Bienenschwärme seine dunklen Streifen und duftende Blüten seine Augen. Mit seinem Atem quälte er Rama. (10) In die Brust dessen, der Valis meerquirlende Kraft, Khara und die hohen Bäume durchbohrt hatte, drangen nun die Pfeile des Liebesgottes zusammen mit den schwertgleichen Strahlen des Mondes. (11) Er betrachtete seinen Leib, sein kostbares Leben und sein inneres Leid, sonst nichts. Dann blickte er auf das Meer, auf die Insel des Räubers und auf seinen Bogen. (12) Sein Herz war von der Liebe zur schön geschmückten Sita bis zum Wahnsinn verwundet. Wie hätte er ihren rubinroten Mund mit den knospenden Perlenzähnen vergessen können?
(13) Da sagte Sugriva: „Warum verzehrst du dich? Richte deinen Geist auf die Vollendung unseres Vorhabens. Berate mit dem Neuangekommenen, was jetzt heilsam zu tun ist.“ (14) Rama kam zu sich, und seine Erschöpfung wich. „Hole den Kenner des rechten Weges“, sagte er. Gerufen, erschien Vibhishana, der den schlimmen Pfad verlassen und den guten gewählt hatte. (15) Rama, der wie ein von duftenden Lotusblüten erfüllter Teich erschien, ließ den Fürsten nach dessen Verneigung vor seinen prächtigen Lotusfüßen aufstehen und sich setzen. (16) „Du von edler Art, beschreibe mir die Befestigungen des meerumgebenen Lanka, Ravanas Stärke sowie Zahl und Beschaffenheit seines Heeres.“
(17) Als der allkundige Vibhishana zum Antworten aufstand, sagte Rama: „Bleibe sitzen.“ Mit ehrerbietig gefalteten Händen erklärte er ausführlich, wonach der Lotusäugige gefragt hatte. (18) „Hanumans Vater erschütterte einst den festen nördlichen Berg, riss drei goldene Gipfel aus seiner Krone und warf sie in das hohe Wogenmeer. Darauf entstand Lanka. (19) Die gewaltige Mauer umgibt einen Raum von siebenhundert Yojanas und reicht hundert Yojanas in die Tiefe. Wie der Ringberg die Welt umschließt, umschließt sie die Stadt; ihre Höhe überragt die Himmelslichter. (20) Eine Aufzählung ihrer Seitenwerke, Maschinen, dichten Befestigungen und sonstigen Anlagen würde ihre Größe nur verkleinern. Was soll ich vieles sagen? Das schwarze Meer ringsum ist ihr Graben; ihr seht es selbst.
(21) Am leuchtenden Nordtor stehen sechzehn Koti unablässiger Wächter. Gegen sie wäre selbst Yama am Weltende gering; in ihrer Wildheit könnten sie Shiva auf seinem Stier herausfordern. (22) Die Wächter des Westtores sind noch stärker und zählen zwei Koti mehr. Käme der Tod in die Reichweite ihrer feurigen Blicke, würden sie sein Leben samt strömendem Blut verzehren. (23) Am Südtor stehen sechzehn Koti grausamer, berggroßer Krieger. Was soll ich ihre Härte beschreiben? Sie könnten selbst dem starken Yama seine Herrschaft entreißen. (24) Auch am Osttor stehen sechzehn Koti. Sie könnten die berggleichen Elefanten der Weltrichtungen an den Beinen packen und auf die breite Erde schleudern.
(25) Im Himmel wachen zweiunddreißig Koti schrecklicher Krieger. Unzählige weitere halten sich unsichtbar unter der Erde auf, damit keine Götter von dort eindringen. (26) Vor und hinter den hohen Mauern patrouillieren schlaflose Wächter. Sie nähren sich von Luft und drehen sich unermüdlich wie Kreisel. Ihre Zahl wird mit tausend Koti angegeben. (27) Drei solcher Mauern gibt es. Muss ich ihre unvergleichliche Größe weiter beschreiben? Die mächtigen Krieger, die innerhalb dieser Anlagen die eigentliche Stadt bewachen, zählen neunzig Koti. (28) Sechzehnhundert Koti Krieger haben durch Ravanas besondere Gunst Reichtum erlangt. Sie sind erbitterte Feinde des Dharma, grenzenlos stark und stehen ihm zuverlässig bei, wenn ein großer Gegner kommt.
(29) Vierundsechzig Koti Wächter bewegen sich rechts und links am berggleichen Palasttor. Ihre zornigen Augen sind eher Gift als Augen; selbst Blinzeln halten sie für eine Pflichtverletzung. (30) Im edelsteingeschmückten Hof seines weiten Palastes stehen Koti über Koti Krieger, stärker als Berge. Gemeinsam könnten sie die ganze Welt emporheben. (31) Die Streitwagen zählen zehntausend Padma. Doppelt so viele sind die rotgesichtigen, wolkenberggleichen Elefanten; wiederum doppelt so viele die schnellen Reitpferde und nochmals doppelt so viele die Kamele. (32) Warum sollte ich wie ein Besessener immer weitere Zahlen hersagen? Das gewaltige Heer, das er über die Erde verteilt hat, umfasst tausend Vellam. Selbst eine fortgesetzte Vernichtung würde viele Tage beanspruchen, Herr.
(33) Dies sind Lankas Befestigungen und die Heereszahlen. Die Gefährten des girlandengeschmückten Königs, der sein Schwert aus Shivas Hand empfing, besitzen grenzenlose, durch Askese erworbene Kräfte und Gaben. (34) Kumbha befehligt zehn Koti prächtiger Truppen mit Elefanten, Wagen und Pferden. Er nahm die Siddhas der goldenen Himmelswelt gefangen und ist grausamer als die Sonne am Weltende. (35) Akampana gewann durch viele Zeitalter der Askese große Gnadengaben. Sein einziges Vergnügen ist der Kampf. Mit seinem Heer gleicht er einem Narasimha ohne Krallen und Zähne; selbst das Meer könnte er austrinken. (36) Der gewaltige Nikumbha führt neun Koti Bogenschützen samt Wagen, Elefanten und bergstürmenden Pferden. Einst besiegte er den Feuergott, der zornig im Himmel gegen ihn herangefahren war.
(37) Mahodara besitzt zehn Koti Wagen, bespannt mit Geistern, Yalis, Elefanten und Eseln. Dieser zauberkundige Krieger würde selbst gegenüber seiner Mutter auf bedrückende Täuschung nicht verzichten. (38) Der grausame Feind der Opfer herrscht über zwanzig Koti Bergbewohner. Er frisst Menschen, sodass heute Lebende morgen verschwunden sind. Schon oft hat er die Götter im Krieg besiegt. (39) Der Feind der Sonne besitzt acht Koti glänzend bewaffnete Krieger. Würde man ihm Erd- und Himmelsbewohner als Nahrung zuteilen, verzehrte er sie an einem Tag. Vor dem Blick seiner Augen fürchtet sich selbst das Feuer. (40) Mahaparshva ist stärker als ein Berg und führt sechzehn Koti unermüdliche Krieger. Selbst Götter, Weise und die drei höchsten Herren blicken vorsichtig zur Seite, wenn sie mit ihm sprechen, damit er nicht zornig wird.
(41) Vajradamshtra, der Diamantzahn, hat ein Gesicht wie die brennende Mittagssonne und gebietet über acht Koti giftiger Krieger. Selbst dem Dreizackträger wäre er schwer zu besiegen. Er ist ein Nebenbuhler des Todes. (42) Pishacha führt zehn Koti unerschütterlicher Kämpfer. Niemand außer ihm selbst vermag ihn zu beherrschen. Dieser Rasende zerrieb einst die Yakshas samt ihrem ganzen Geschlecht im heftigen Kampf. (43) Durmukha, der den Dharma verlassen hat, ist Herr über vierzehn Koti Bogenschützen mit großen Wagen, Elefanten und Pferden. Er wühlt die weite Erde auf; schon seine Worte brennen wie Feuer. (44) Virupaksha herrscht über zehn Koti glänzender Lanzenträger auf Inseln des Wogenmeeres. Mit seinem siegreichen Schwert verdunkelte er den Ruhm der Vidyadharas. Seine ungewöhnlichen Augen strahlen Hitze aus.
(45) Dhumraksha, der Rauchäugige, vertrieb die Götter und führt ein Padma bannertragender Krieger. Tag für Tag steckt er die gefallenen Leiber zwischen seine Zähne, statt sie der Verbrennung zu überlassen. (46) Yuddhamatta und Mahamatta besitzen meeresgleiche Heere und wirbeln ihre Gegner wie Quirlstöcke auf. Niemand gleicht ihrer Kraft. Durch sie könnten sämtliche Welten aus ihren Fugen geraten, großer Herr. (47) Wie viele Tausende solcher mächtigen Gefährten für den Krieg bereitstehen, vermag ich nicht aufzuzählen. Dazu kommt Prahasta, der Rasende: Sein Heer ist doppelt so groß wie die Streitkräfte all der Genannten zusammen. (48) Er ist der oberste Heerführer. Wiederholt sandte er glühende Pfeilregen aus, sodass Indras rotstirniger Elefant taumelnd über die sieben Meere floh und die übrigen Götter ihre Sitze verließen.
(49) Ravanas Bruder Kumbhakarna riss einst mit beiden Händen die vier mondhellen Stoßzähne des gewaltigen Elefanten heraus. Er schritt umher wie ein goldener Berg in rasender Brunst und bedrängte die Götter. (50) Sein zorniger Sohn Indrajit sperrte Sonne und Mond in ein hartes Gefängnis. Seit er Indra fesselte, trägt dieser noch immer zahlreiche Narben an Beinen und Schultern. (51) Dessen jüngerer Bruder heißt Atikaya. Er beugt sein Herz keinem, selbst wenn es ihn das Leben kostet, und besitzt einen mächtigen, von Brahma erhaltenen Bogen. Nur weil kein zweiter Indra mehr zu besiegen war, trägt er nicht ebenfalls den Namen Indrajit. (52) Drei weitere schwer errungene Söhne Ravanas heißen Devantaka, Narantaka und Trishiras. Sie würden selbst einzeln kämpfen, bis die höchsten Herren fliehen und ihre Würde verlieren.
(53) So steht es um seine Helfer. Nun schildere ich Ravanas eigene Macht, soweit ich sie kenne. Er stammt vom Sohn des erhabenen Brahmasohnes ab und wurde durch Askese und die Gaben Brahmas und des Dreiäugigen groß. (54) Er hob den silbernen Berg aus der Wurzel, auf dem Shiva, der Herr der fünf Elemente im gefleckten Hirschfell, mit Uma wohnt. Bis zum Himmel hob er ihn, und alle Welten erbebten. (55) Die Hauer der Elefanten, welche die acht Richtungen tragen, zerbrachen an seinen gewaltigen Schultern. Schon bei der Nachricht, er erscheine, fliehen die dreiunddreißig Koti Götter erschrocken. (56) Mit seinem glänzenden Schwert vernichtete er die Kalakeyas samt ihren Geschlechtern und Juwelenkronen. Seitdem zittern die ungeborenen Kinder ihrer Frauen beim Namen ‚König von Lanka‘ wie Schlangen beim Donnerschlag.
(57) Kubera verlor seinen Reichtum, seine Schätze, seine Luftwagen, Lanka und seine Ehre. Wie ein Hirsch vor einem Tiger floh er und lebt nun verborgen in Alaka, an dessen Gewässern Vögel spielen. (58) Yama floh mit Wunden auf dem Rücken und verlor sein Amt. Nun zählt er selbst seine verbleibenden Tage, weil er fürchtet, dass der zehnköpfige Tod eines Tages auch sein Leben verschlingen werde. (59) Nicht einmal die Sonne und ihr Wagenlenker Aruna wagten Lanka frei anzusehen. Als Ravana dem Wassergott im Kampf seine große Schlinge entriss, rettete sich Varuna voller Angst in die von Makaras bewohnten Fluten. (60) Wann könnte ich Ravanas Siege vollständig aufzählen? Seine Schultern bleiben fest, selbst wenn Berge vergehen. Ob er heute, morgen oder erst nach Tagen fällt: Niemand außer dir kann ihm jemals ein Ende bereiten.
(61) Unzählige wurden von Hanumans Torbalken getroffen; mehr als der Meeressand starben. Die alte Stadt verbrannte. Unter Hanuman erging es den Rakshasas wie Ziegen, die ein Tiger jagt. (62) Achtzigtausend unseres Geschlechts, die berggleichen Kinkaras, erhoben sich gegen ihn. Seine Hände, Füße und sein Schwanz zerschlugen sie, wie Shiva die Bewohner der drei Städte vernichtete. (63) Jambumali griff zornig mit einem gewaltigen Heer an und bohrte Millionen Pfeile in Hanumans Schultern. Doch dieser schnürte ihn mit seinem eigenen Bogen zusammen und sandte ihn zu Yama. (64) Fünf Heerführer, die einst den Göttern Himmelsherrschaft und Ehre entrissen hatten, rückten mit ihren dunklen Heeresmeeren heran. Mitsamt Gefolgsleuten erloschen sie rasch wie Ameisen unter einem Elefantenfuß.
(65) Die zerrissenen Häute der Rakshasas liegen noch in Haufen. Den feurigen Aksha ergriff Hanuman samt seinem berggleichen Bogen und zermalmte ihn. Dieser blutige Brei ist auf Lankas Straßen noch nicht getrocknet. (66) Wer könnte die im weiten, stark befestigten Lanka Zerschmetterten zählen? Welche Helden bleiben dort noch? Das Blut jener Erschlagenen allein löschte damals die von ihm entzündete große Stadt. (67) Muss ich noch erzählen, wie selbst der Trikuta brannte? Der König von Lanka blieb sieben Tage im Himmel, in denselben Kleidern, mit denselben Girlanden, Salben und Schmuckstücken, die er am Brandtag getragen hatte. (68) Ich habe dir Lanka, seine Befestigungen und seine frühere Größe beschrieben; dies war das Unheil, das es traf. Auf Ravanas Befehl stellte der Lotusgeborene die Stadt wieder so her wie zuvor.
(69) Nicht bloß die Kunde von Kharas, der übrigen Helden und Valis Tod durch deine Pfeile führte mich her. Ich sah, wie Lanka verbrannte und wie Hanuman nach der Vernichtung der Rakshasas zurückkehrte. Deshalb kam ich zu dir, Ruhmreicher!“ (70) Rama hörte alles aufmerksam. Seine Schultern, durch die lange Trennung von der scharfäugigen, pfauengleichen Sita erschlafft, schwollen vor Freude. Er sah seinen Boten an und sagte: (71) „Du hast mehr als die Hälfte der versammelten Truppen getötet und die ganze Stadt in Brand gesetzt. Was bleibt dort noch? Hast du Sita mit ihrer Papageienstimme nur deshalb nicht zurückgebracht, damit auch mein Bogen noch etwas zu tun bekommt? (72) Wir ziehen gegen ein Lanka, das die Kraft deiner Arme bereits erfüllt hat. Welchen besonderen Ruhm könnten unsere späteren Taten noch gewinnen? Wir sind mit einem großen Heer gekommen – aber womit werden wir uns einen Namen machen?
(73) Du verkörperter Segen, du hast meine Kraft und Ravanas Stärke in deiner eigenen vereint! Ich verleihe dir das Amt, das nach dem jetzigen Schöpfer der drei Welten neu besetzt wird. Es soll dir gehören.“ (74) Hanuman stand auf und verneigte sich bis zur Erde. Vor Scham über das Lob sagte der Starke kein Wort. Der Affenkönig und die Heerführer staunten über seine Siege, als hätten sie selbst die Befreiung erlangt.
6.6 – Die Bitte an Varuna
(1) Rama sagte zu Vibhishana: „Die drei Welten mit den Armen zu unterwerfen oder zu vernichten wäre keine große Sache. Du Kenner der Beratungsschriften, überlege nun, wie unser mächtiges Heer dieses weite, gefährliche Meer überschreiten kann.“ (2) Vibhishana antwortete: „Das Meer wird deine verborgene wahre Natur erkennen. Deine großen Vorfahren haben es erweitert; aus Liebe wird es dir einen Wunsch gewähren. Bitte es um einen besonderen Weg für das Heer.“ (3) „Der Rat des Königs von Lanka ist gut“, sagte Rama erfreut. Mit seinen großen Gefährten ging er ans Meer. Am Himmel sprangen gerade die Pferde der Sonne vom roten Berg empor. (4) Als die dem Sonnenlicht feindliche Finsternis von der meerumgebenen Erde wich, war es, als ließe eine zornige, schwarz gestreifte Schlange den vollständig leuchtenden, kühlen Mond wieder frei.
(5) Mit der Bitte, einen Weg zur Rettung seiner jungen Gemahlin zu öffnen, legte sich das Meer des Erbarmens auf vorschriftsmäßig geschichtetes heiliges Gras. Dem dunklen Meer zugewandt, verehrte er Varuna und wiederholte dessen Mantra. (6) Staub bedeckte seine heilige Gestalt, die heiße Sonne streifte sein schönes Gesicht. Jeder Tag verging wie ein Weltzeitalter. Sieben Tage verstrichen, doch der Herr des Wogenmeeres erschien nicht. (7) „Von diesem mächtigen Meeresgott erhalten wir nicht einmal ein Ja oder Nein“, dachte Rama. Seine roten Lotusaugen glühten vor Zorn, als entstünde Feuer mitten im Wasser. (8) „Ich leide unter dem Verlust meiner edlen Frau, verneige mich und bitte um einen Weg – und er verbirgt sich!“ Sein Herz brannte; seine kräftigen Brauen spannten sich wie besehnte Bogen über seinem feurigen Atem.
(9) „Selbst wer eigentlich nichts benötigt, erniedrigt sich, sobald er einen anderen um etwas bittet. Heute verweigert mir das Meer den erbetenen Weg. Gut, sehr gut!“ Er lachte zornig, als stiege Rauch dabei auf. (10) „Es hält mich für einen Menschen ohne Heldentum: Mein Bogen sei kraftlos, weil Ravana meine Frau rauben konnte. In seiner Verachtung hat das Wassermeer jede Milde verloren. (11) Durch Schutzgewährung etwas zu gewinnen, es ehrenvoll zu erhalten oder es im Kampf zu erringen – das sind alte Wege. Wenn beim Bitten jede natürliche Güte und Gerechtigkeit verschwindet, ist gewaltsames Nehmen besser. Wozu noch Worte? (12) Es sieht in mir nur einen leibtragenden Asketen, der im Wald von Früchten lebt und alles erduldet. Die Götter sollen nun die Größe dieses fischreichen Meeres und die angebliche Geringheit des Menschen mit dem Bogen sehen!
(13) Aus Sorge vor Unheil bat ich; das Meer hielt mich darum für schwach. Die sieben Meere sollen zu Staub verbrennen, die fünf Elemente zitternd die Hände falten. Dann werden meine Krieger ohne Furcht um ihre Füße geradewegs hinübergehen. (14) Selbst wahrhaft Wissende, die das Jenseits kennen, werden in der Welt missachtet, wenn man ihre Armut sieht. Wer etwas für klein hält, fürchtet nicht einmal Feuer. Erst wenn Größe sichtbar wird, weicht die Verachtung.“ (15) Seine Geduld war erschöpft; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne beim Weltuntergang. Mehrmals verlangte er den Bogen. Auch Lakshmanas Augen glühten blutig vor Zorn, als er ihn überreichte. (16) Rama nahm den mächtigen Bogen und band den Köcher an seine berggleichen Schultern. Mit geschützten Fingern ließ er die Sehne erklingen. Ihr Dröhnen beendete selbst Umas Liebesstreit mit Shiva, weil sie erschrocken seine Nähe suchte.
(17) Er wählte Pfeile, vortrefflicher als alles Vortreffliche, und schoss sie in grenzenloser Zahl, dichter als Regentropfen. Sie brannten wie Sonnenstrahlen, die am Weltende alles Wasser der Erde austrinken. (18) Den Bogen, stärker als die sieben großen Berge, krümmte er wie eine wachsende Mondsichel. Seine glühenden Pfeile waren dreimal furchtbarer als das Feuer, das am Ende Bewegliches und Unbewegliches vernichtet. (19) Fische, Schlangen und himmelhohe Berge wurden zum Brennholz, das Wasser zum Opferghee und die Pfeile zum Feuer. So glich die Meerestiefe einer gewaltigen Opfergrube. (20) Die Pfeile aus dem mächtigen Bogen erfüllten die sieben Meere mit Feuer und Rauch. Wie Funken des Weltuntergangs jagten sie weiter und verbrannten selbst die Dunkelheit jenseits des Ringbergs.
(21) Die im Inneren verbrannten Makaras wanden sich und stießen Wasser aus. Durch die gewaltigen Pfeile emporgeschleuderte Tropfen erreichten feurig wie Blitze den Himmel und versengten dort selbst die Wunschbäume. (22) Glühende Funken entzündeten die fliehenden Wolken, die zerfielen. Dichte Rauchmassen stiegen über den Meeresrand hinaus und ließen das schwarze Haar der himmlischen Tänzerinnen grau erscheinen. (23) Die roten Pfeile trafen unzählige Makaras, die Blut spien und starben. Timiṅgilas und noch größere Meeresungeheuer wurden durchbohrt, zerhackt und in Stücke geschleudert. (24) Asche stieg auf, Feuer erhob sich und Berge brannten, während unzählige Pfeile eindrangen. Selbst der tiefe Meeresboden, in dem die Flüsse versanken, wurde versengt; die Häupter der Weltschlange glühten.
(25) Die Fischgeschlechter wurden vernichtet wie die Familie eines angesehenen Mannes, der lügt. Große Fische schwammen mit den steckenden Pfeilen umher wie Schiffe mit hohen Masten. (26) Strömendes Blut vermischte sich mit dem Feuer; das unermessliche Meer glich dem Abendhimmel. In Reihen flogen die langen Pfeile, und Fische verbrannten, verkohlten und platzten. (27) Die Pfeile des Weltherrn tranken das Wasser aus. Wo nur ein Rest blieb und ringsum Feuer loderte, glich das schwarze Meer einer Pfanne und die Fische darin Speisen, die in heißem Fett braten. (28) Die zahllosen Pfeile tranken Blut und Wasser bis zum Grund. Freigelegte Edelsteinhaufen glühten, als hätte das verbrannte Meer selbst unauslöschliche Flammen ausgestoßen.
(29) Als der Meeresgrund überall freilag, lagen fettreiche Fische und Muscheln dicht beieinander im Schlamm, wie Fleisch und Wurzeln geschichtet. Ihre Leiber waren verbrannt, das überschäumende Wasser völlig verdunstet. (30) Die dröhnenden Pfeile schlugen gegeneinander und entfachten Feuer; Fischschwärme brannten wie Bambuswälder. Unzählige Wesen wurden zerschnitten, und an einer Seite kämpften Blutströme mit den Meereswellen. (31) Wo die Pfeile das Meer aufrissen, spritzte heißes Wasser auf. Mit Feuer vermischt entzündete es fest verwurzelte Bäume und ganze Bergzüge, als wären sie mit Öl getränkt. (32) Die sicheren Pfeile des göttlichen Herrn jagten schneller als Gedanken, unwiderruflich wie Brahmas Fluch. Überall sprangen Flammen auf; das Meer glich einem duftenden Teich voller blühender Lotusse.
(33) Kann selbst der Zorn eines Großen nicht zum Segen werden? Das Meer zeigte es: Es verlor den schlechten Ruf, nur ungenießbares Salzwasser zu enthalten, und wurde von anderen Wasserströmen erfüllt. War es dadurch wirklich erniedrigt? (34) War dies eine große Anstrengung für den, der einst alle sternenreichen Welten verschlang und bewahrte? Er bestätigte nur die Ordnung: Wasser verschlingt die Erde, Feuer verschlingt das Wasser. (35) Die heiligen Asketen, die Tag und Nacht im Meer wohnten, dachten an seine Füße. Ihre Leiber verbrannten nicht; sie gingen durch das lodernde Feuer wie durch Wasser. (36) Dichter Rauch hüllte Süden, Westen und sämtliche Richtungen ein. Die Pferde der Sonne verdunkelten sich, hielten an und fanden ihren geordneten Weg nicht mehr.
(37) Die Chakravaka-Vögel kennen den Schmerz der Trennung. Dennoch suchten sie wie Unwissende im Feuer nach ihren Gefährtinnen, stürzten hinein und verbrannten. (38) Als das schwarze Meer wie ein Bambuswald brannte, was braucht es da weitere Worte? Der schwere Rauch umgab selbst die Götter: Die sonst Unblinzelnden blinzelten und begannen zu schwitzen. (39) Die Schwäne, deren Gang dem der schönen Herrin nicht gleichkam, fanden keine Richtung, die vom Feuer frei geblieben wäre. Sie konnten nicht entfliehen und erloschen wie der Ruhm des Wassergottes. (40) Alle Meeresvögel versuchten in den Himmel zu entkommen, verbrannten jedoch und fielen zurück. Auch die Wolken konnten nicht weiterziehen; mit brennenden Leibern stürzten sie herab.
(41) Die Vögel, die noch nicht getötet waren, irrten vom Feuer umschlossen umher. Sie vergaßen ihre Nester und sammelten weiße Perlen auf, weil sie diese für ihre Eier hielten. (42) Die Wasseräffchen sprangen mit gebleckten silberweißen Zähnen himmelwärts und flohen verwirrt, als klagten sie: „Wir Unseligen hielten den gnädigen Herrn für einen bloßen Menschen und verachteten ihn!“ (43) Die Asuras mit blutbefleckten Lanzen, die sich wegen ihrer großen Übeltaten im Meer verborgen hielten, starben. Ihre aufgedunsenen Leiber trieben wie mächtige Berge an der Oberfläche. (44) Goldene Luftwagen schmolzen und flossen wie Metall aus Schmelztiegeln. Die Himmelsflüsse trockneten vollständig aus; selbst die Sterne am Firmament verbrannten.
(45) Die scharfen Pfeile waren rotglühend, nährten das Feuer und folgten einem geordneten Weg. Wie der kleine Weise Agastya, vervielfacht und von gewaltiger Askese und Zorn erfüllt, tranken sie das Meer aus. (46) Das Feuer, das das brausende Meer vernichtete, verbrannte auch Erde und Haine. Als Lankas goldene Mauern heiß wurden, erschrak die Stadt: „Der Bote ist zurückgekehrt!“ (47) Die goldenen Berge schmolzen wie glühendes Metall. Blut färbte sie rot wie Korallenbäume. Die Korallenwälder selbst verbrannten und glichen zuletzt schwarzen Kohlehaufen. (48) Selbst die berggroßen Fische fanden keinen Ort, an dem sie ihr Leben retten konnten. „Feuer ist besser als dieses Wasser“, schienen sie zu denken und sprangen mit zuckenden Leibern an Land.
(49) Die Pfeile verzehrten die rollenden Wogen; bald blieb kein Wasser mehr für das Feuer. Dann drangen sie in die Schlangenwelt vor und vertrieben dort wie Sonnen die Finsternis. (50) Sie durchzogen die Welt samt ihren dunklen Meeren wie glühendes Eisen, stießen tiefer hinab, durchbohrten die schwer zugängliche Welthülle und verfolgten das Wasser bis in das große äußere Meer. (51) Die aus aufgerissenen Erhebungen herausströmenden Edelsteine glichen Blut aus dem geöffneten Leib der Erde. Überall lag das Meer trocken; die großen Schlangen darin erschienen wie seine freigelegten Eingeweide. (52) Ohne Wasser glänzte das Meer wie eine mit Edelsteinen gefüllte Truhe. Weiße Muscheln, deren Höhlungen von Pfeilen durchstoßen waren, glichen Löffeln mit langen Stielen.
(53) Hunderttausende Pfeile zerteilten die Berge in zahllose Stücke. Kann etwas unversehrt bleiben, wenn die Großen zürnen? Jede einzelne Meeresperle zerbarst in hundert Teile. (54) Die Lebewesen, denen der Herr selbst durch diese Glut das Leben nahm, erlangten Befreiung. Wie Feuer in einem dichten Bambuswald breitete sich der Brand durch das gesamte Meer aus. (55) Weil die furchtbaren Pfeile das Meer ringsum in Feuer hüllten, erschien die Erdgöttin, als hätte sie ihr dunkelblaues Gewand abgelegt und ein prächtig leuchtendes Blütengewand angezogen. (56) Selbst das unterseeische Feuer floh aus dem Meer, das die Waffen des unergründlichen Herrn austranken. Um sein Leben zu retten, suchte es ein anderes Meer.
(57) Eine gewaltige, weithin leuchtende Feuersäule umgab die Welt und reichte bis zum Himmel. Das Meer glich nun dem Diskus, der sich am Zeitenende erhebt, um alles zu verschlingen. (58) Was soll ich das Schicksal anderer Wesen schildern? Selbst die Götter wurden von den aufsteigenden Flammen bedrängt und flohen höher hinauf in Brahmas Welt. (59) „Warum noch über Schwierigkeiten nachdenken? Jetzt werde ich Varuna bezwingen!“ In unwiderstehlichem Zorn legte Rama Brahmas Waffe an. Die Götter erschraken. (60) Die Wolken schrien; Varuna rief mit trockenem Mund. Alle Flüsse und weiten Richtungen bebten vor der großen Furcht: „Wer wird jetzt noch überleben?“
(61) Sogar das äußere Meer jenseits der Welthülle kochte. Was soll man da von den sieben inneren Meeren sagen? Die Ganga auf Shivas Haupt erschauerte, und das Wasser in Brahmas Krug brodelte. (62) Die Wissenden gerieten in Not: „Varuna kennt den Herrn, der aus Gnade alle Welten hervorbringt und wieder einzieht. Dennoch kommt er selbst angesichts dieses Zorns nicht! Sogar die offen feindlichen Rakshasas sind besser als er.“ (63) Die übrigen Elemente schmähten Varuna: „Wenn der Eine zürnt, der alle Welten aus sich selbst hervorbringt, wie können wir bestehen? Durch ihn trifft das Verderben auch uns Unschuldige!“ (64) Zwischen Feuerwänden und dichtem Rauch konnte Varuna keinen Weg mehr erkennen. Mit tränenden Augen, vor Liebe schmelzendem Herzen und ängstlich gefalteten Händen erschien er endlich, den Herrn preisend.
(65) „Ich war am äußersten Ende des großen Meeres und wusste nicht, dass du mich riefst“, erklärte er, um Ramas Zweifel zu beseitigen. Durch die brennenden schwarzen Wogen kam er, als ginge er mitten durch Feuer. (66) So erschien der Meeresgott: mit stockender Rede, versengtem Haupt, verwirrtem Herzen und einem vor Hitze hinschmelzenden Leib. Von Rauch umgeben, war er erschöpft, voller Angst und Leid. (67) Immer wieder rief er: „Herr aller makellosen Welten! Wenn du selbst zürnst, welcher Schutz bleibt außer deinen Füßen? Ist dies für dich schwer? Habe ich irgendeine eigene Kraft? Schutz, deinen Schutz!“ (68) „Du bist das Meer und das Feuer und alles andere. Du bist das Weltzeitalter, die Welt und das Leben in ihr. Wie könnte dein Diener dich vergessen? Das leuchtende Feuer hat mich verwirrt. Beschütze mich, Verkörperung der Offenbarung!
(69) Du bringst die Welten hervor, erhältst sie und gibst sie am Ende dem Feuer hin; du selbst verschlingst sie. Was wäre dir unmöglich? Mit einem einzigen Pfeil könntest du alles verbrennen. Ist so viel Kraft gegen mich Niedrigen nötig? (70) Du bist das Licht in der Sonnenscheibe, deren Strahlenschwerter den Wald der Finsternis niederhauen; du bist das Leben der Veden. Urältester, der du von Brahma an in den Herzlotussen aller Wesen wohnst: Sei gepriesen! (71) Du Gnädiger, der du in verborgener Gestalt die Welten gewinnst, Ursprung auch des von den Veden verkündeten Urgrunds! Du erschienst auf Garuda, als der Elefant um Rettung rief. Urältester, sei gepriesen! (72) Du bist Mutter, Vater und alles andere, Vorher und Nachher, Gewinn und Verlust. Wie kannst du sagen, ich hätte dich verachtet? Du selbst ergründest deine Herrlichkeit nicht – wie sollte ich Niedriger dich ganz erkennen?“
(73) Mit seinen großen Händen legte er eine Girlande nieder, deren Glanz die Sonne beschämte. „Wenn Kleine Böses tun, ist Verzeihen die Art der Großen. Herr der tausend Namen, ich suche Zuflucht!“ Er fiel ihm zu Füßen. (74) Varunas Gestalt leuchtete noch wie ein brennender Berg, als er flehte: „Ich stehe unter deinem Schutz!“ Da beruhigte sich Ramas aufwallender Zorn wie überkochende heiße Milch, der man Wasser zugießt. (75) „Ich bin besänftigt. Fürchte dich nicht; du hast meinen Schutz. Doch erkläre mir: Warum kamst du nicht, als ich dich liebevoll und lange verehrte, sondern erst, als du meinen Zorn sahst?“ Varuna verneigte sich und antwortete. (76) „Von dem Leid deiner keuschen Frau, geduldiger als die Erde, hörte ich nur durch Berichte. Ich war nicht bei den Göttern. Bei deinem Befehl, Heiliger: Ich war im siebten Meer, um einen Streit der Fische zu schlichten. Unwissend blieb ich fern; nun bin ich gekommen.“
(77) Rama empfand Mitleid. „Lassen wir das. Welches Ziel soll dieser unfehlbare Pfeil nun treffen?“ Varuna dachte: „Ich und die Welt sind gerettet!“ Dann sagte er: „Herr mit den berggleichen Schultern, ich werde es nennen. (78) Auf der Insel Marukantara leben mehr als hundert Koti Asuras. Durch ihr Fressen sind ganze Welten verwüstet worden; auch mir sind sie feindlich. Sende deinen blitzenden Pfeil gegen diese Grausamen!“ (79) Der selbst höchstem Forschen Überlegene befahl dem Pfeil: „Vernichte diese hundert Koti böser Asuras mitsamt ihren Geschlechtern!“ Noch vor einem Lidschlag hatte die göttliche Waffe ihre Lager zerschmettert und war zurückgekehrt. (80) Kann Menschen, die sorgfältig urteilen und den Dharma nicht verlassen, letztlich etwas anderes als Gutes begegnen? Der vernichtende Zorn gegen Varuna brachte schließlich allein den Übeltätern Unheil.
(81) Wie der Fluch eines erleuchteten vedischen Weisen flog der Pfeil über weite Entfernungen und verbrannte die Sünder, bis Rauch aufstieg. Wahrlich, Dharma ist das Stärkste! (82) Rama sagte zu Varuna: „Weil du um Schutz batest, habe ich meinen Zorn aufgegeben. Die Übeltäter vertrauen auf diese Meeresgrube und handeln übermütig zu meiner Schande. Gib uns einen Weg, damit wir ihren Übermut beenden!“ (83) „Herr, selbst ich kann Tiefe und Breite dieses Meeres kaum messen; es reicht bis zu den sieben übereinanderliegenden Welten. Zöge ich mich trocken zurück, würde unermessliche Zeit vergehen, und dein Heer verlöre den Mut. (84) Würde ich hart wie Stein, müssten unzählige Lebewesen sofort sterben. Aber alles, was ihr hineinlegt, werde ich unbegrenzt tragen, ohne es versinken zu lassen. Errichte auf meinem Haupt eine Brücke und ziehe hinüber!“
(85) „Gut, so wollen wir es tun. Vernichteten wir heute die Größe des Meeres, würden alle Elemente geschwächt.“ Rama befahl, Berge aufzuschichten und eine Brücke zu bauen, und kehrte ins Lager zurück. Varuna zog unter seiner Gnade davon.
6.7 – Der Brückenbau
(1) Sugriva beriet mit den großen Sachkundigen und Ravanas jüngerem Bruder. Um das Werk nach allen Regeln zu vollenden, ließ er Nala rufen. (2) Der Baumeister der Affen kam: „König, was ist dein Wunsch?“ Sugriva antwortete: „Unser Auftrag ist, das Wogenmeer zu überbrücken.“ Der Untadelige erklärte sich dazu bereit. (3) „Wir müssen das Meer durch einen festen Damm verbinden. Was braucht es viele Worte, Sonnensohn? Ich werde Meruberge und kleinste Steine ohne Lücken zusammenfügen. Lasst das Material herbringen!“ (4) Jambavan rief dem großen Heer zu: „Alle außer Rama, seinem Bruder, dem König von Lanka und unserem eigenen König sollen kommen, um das dunkle Meer zu überbrücken!“
(5) Die Affen brachten unermesslich große dunkle Berge in Händen, auf Schultern und Köpfen. Es sah aus, als kämen alle übrigen Meere herbei, um dieses eine Meer zuzuschütten. (6) Einige rissen Berge aus, andere zogen die gelockerten fort oder trugen sie auf dem Kopf. Einige schütteten sie ins Meer, andere jubelten bei jedem Wurf; wieder andere tanzten und sangen. (7) Manche rollten einen Berg mit den Füßen, trugen zwei weitere in den Händen und zogen einen vierten mit dem Schwanz hinterher, der bis in die regenbeladenen Wolken ragte. (8) „Her damit!“, trieb Nala sie an. Selbst Berge, die drei Koti Affen gemeinsam brachten, nahm er mit einer Hand auf und schichtete sie. Seine fehlerlose Kraft ließ das Meer erzittern.
(9) Die großen Affen schleuderten wolkenberührende Berge heran. Nala fing sie kunstfertig auf, wie der großzügige Sadaiyan von Vennai Menschen aufnimmt, die bei ihm Schutz suchen. (10) Als die siegreichen Affenführer mit den Füßen gegen mondberührende Berge stießen, flohen die Wolken schreiend. Auch Yakshas und ihre Frauen suchten das Weite. (11) Die ausgerissenen Berge fielen im Meer aufeinander. Funken schossen aus dem Wasser. Varuna erschrak: „Wessen Feuer ist das nun wieder?“ (12) Ein Affe namens Anakannan schleuderte einen bewaldeten Berg hinein. Reine Perlen aus dem dunklen Meer flogen mit den Wassertropfen empor und wetteiferten mit den Sternen.
(13) Als ein zinnoberroter Berg ins Wasser fiel, sprangen Perlen auf und hefteten sich an die hohen Wolken. Der weite Sonnenhimmel glich einem mit Tüchern und Perlen geschmückten Festzelt. (14) Ein bambusbewachsener Berg wurde hineingeworfen. Der Sprühregen erreichte die Himmelsfrauen und durchnässte ihre roten Gewänder, sodass sie eng an den geschmückten Hüften lagen. Die Frauen schämten sich. (15) Honigreiche Berge häuften sich im schwarzen Meer und drängten das Wasser empor. Die Tropfen stiegen hoch und fielen zurück; selbst im Götterland regnete es. (16) Mit dunklen Bergen ins Meer gestürzte Elefanten wurden von schrecklichen Makaras gepackt. Ihre ängstlichen Rufe erinnerten an den Elefanten, der einst im Teich von einem Krokodil ergriffen den Urältesten um Hilfe anrief.
(17) Honig, Blüten, Sandel- und Adlerholz erfüllten die Luft mit göttlichem Duft. Das sonst nach rohem Fleisch riechende Meer duftete nun wie kühles Wasser, das man in Krügen parfümiert. (18) Die himmelhohen Berge mit ihren Mangobäumen spendeten den Fischen Früchte, unreife Nahrung, Honig, Fleisch und köstliche Blüten. Hören Großzügige etwa auf zu geben, selbst wenn sie mit allem Ihrigen zugrunde gehen? (19) Andere Berge sanken mitsamt Blüten, Früchten und Knospen tief in den Schlamm, während die Fische wie Arme hinterherdrängten. Diese Berge glichen Geizigen, die ihren inneren Reichtum verbergen, statt ihn auszuteilen. (20) Selbst als die windschnellen Affen Berge ins Meer warfen, schliefen die großen Pythons darin mit offenen Mäulern weiter; sie hatten kampflustige Elefanten verschlungen. Werden Unwissende selbst im Verderben wach?
(21) Auf den Vorflächen der Bambusberge kämpften Meeresungeheuer und brünstige Elefanten, ihre blitzenden Zähne und gewaltigen Rüssel ineinander verschlungen. Ihr Gebrüll glich Gewitterwolken voll Donner. (22) Als die Berge feurig aufeinanderprallten, flogen Gipfelstücke bis in die Götterwelt. Doch sie konnten dort nicht bleiben und fielen zurück – wie Menschen, deren geringer Verdienst nur einen kurzen Himmelsaufenthalt ermöglicht. (23) Scharfzahnige Haie töteten die Löwen, wilden Tiger und Yalis im Wasser. Selbst Mächtige unterliegen anderen, wenn sie ihren eigenen festen Standort verlassen. (24) Auch ohne bewusste Absicht hilft der Reichtum Großzügiger den Wesen. Die Fische tranken den Honig aus den Waben der herabgestürzten Berge, berauschten sich und sprangen wie Affen.
(25) Unter dem heftigen Sturz sprühten Berge Feuer und kühles Wasser. Die aus ihrem Bambus fallenden Perlen wurden von den Perlen der geöffneten Austern und rechtsgewundenen Muscheln wie Gäste empfangen. (26) Die Helden warfen himmelhohe Berge mit den Wurzeln ins Meer. So wurde das Meer zu festem Land, während das verdrängte Wasser die Erde in ein Meer verwandelte. (27) Wenn der Herr es will, wird eines zum anderen. Weil sich Berge mit wilden Löwen, Yalis und Tigern häuften, nahm die Meereslandschaft die Gestalt eines Berglandes an. (28) Der Tod lässt keine Nahrung aus, indem er sagt: „Das esse ich nicht.“ Ebenso gab es unter den Tieren, die ins Meer fielen, keines, das dessen Fische nicht fraßen – selbst Hirsche wurden ihre Beute.
(29) Verlassen aufrichtige Herzen jene, die sie ernährt haben? Alle Bergtiere folgten ins Meer, als sagten sie: „Auch jetzt geben wir diesen Berg nicht auf.“ (30) Die Weisen liebten die kühlen Berge, die ihnen täglich Früchte und andere Nahrung gaben und mühelose Askese ermöglichten. Dennoch zürnten sie nicht, denn sie erkannten das Ziel des Werkes. (31) Die auf den Bergen lebenden Rakshasas legten verzweifelt die Hände auf den Kopf: „Wir haben keine Berge mehr und keinen anderen Lebensort!“ Sie drängten nach Lanka. (32) Löwen und Yalis, die nicht vollständig untertauchten, näherten sich gruppenweise dem Damm. Auf beiden Seiten bildeten sie Reihen, die wie geordnete Girlanden wirkten.
(33) Viele Affen sahen die schon versenkten Kristallberge nicht, weil diese das Wasser durchscheinen ließen. „Hier ist noch eine Lücke; wir brauchen weitere Berge!“, sagten sie und brachten neue. (34) Die mächtigen Affen rissen Berge aus und hinterließen große Wunden im Rücken der Erde. Schlangen glitten aus den tiefen Höhlen und hingen bis zum Boden herab wie die Wurzeln der Berge. (35) Rote Rubinberge lagen neben dunklen Bergen. Sie glichen einer bunten Edelsteinkette, welche die Wolke des Erbarmens Varuna geschenkt hätte, um seinen schmucklosen Hals zu zieren. (36) Die Schlangen der bisherigen Meeresberge krochen in die Höhlen der neu angekommenen Berge. Sie glichen Wissenden, die nach dem Verlassen eines Körpers einen passenden neuen Wohnort suchen.
(37) Warum nach einem besonderen Vergleich für die Größe der Brücke suchen? Schon der Sprühregen eines von Hanuman geworfenen Berges trug Fische bis in die höchste Welt. (38) Nilas langer Berg stieß bis an den Grund der Erde. Das Wasser türmte sich so hoch, dass dem Meer sein Bett zu eng wurde; brausend lief es über die ganze Welt. (39) Maindas Berg berührte beim Wurf den Himmel und fiel dann nieder. Das Wasser stieg bis an die Grenzen der Richtungen. Die Richtungselefanten wichen von ihren Plätzen und trompeteten. (40) Der Sohn dessen, der einst das Meer um des Nektars willen mit einem unerschütterlichen Berg gequirlt hatte, wühlte es erneut auf. Seine Berge wären selbst durch Lakshmanas Pfeile nicht aufzuhalten gewesen.
(41) Der alte Führer des Bärenheeres warf einen Berg, mächtig wie Hanumans Schultern. Die Kraft seines Wurfs sandte das heilige Spritzwasser bis auf die Häupter der Götter. (42) Als Kumudas Berg fiel, sprang das Wellenmeer im Takt wie ein Tänzer. Die Götter hüpften freudig, weil die Tropfen ihre Stadt erreichten und sie hofften, erneut werde Nektar entstehen. (43) Die dunklen, donnergleichen Berge, die Panasa hineinschleuderte, konnte selbst Ananta kaum tragen. Verzweifelt über die Last schien die Weltschlange das Leben aufzugeben und zu fasten. (44) Die Berge, welche die zahllosen Bären brachten, stießen beim Versinken aneinander, zerbrachen zu feinem Staub und verschwanden – wie Bemühungen ohne stützenden Verdienst.
(45) Ein Timiṅgila, der tausend Yojanas Tiefe ausfüllte, zuckte unter der Last der auf ihn fallenden Berge. Als sein gewaltiger Leib sich bewegte, gerieten Berge und Meer ins Wanken. (46) Nala prüfte sorgfältig die Ausrichtung, brach Felsen passend zu, fügte sie dicht zusammen, schichtete die Berge gleichmäßig und füllte mit Sand auf. Mit seiner großen Hand strich er die Oberfläche eben. (47) Berge, welche gewaltige Affenscharen gemeinsam trugen, nahm er mit seinen langen Armen entgegen. Wenn dabei Stücke abbrachen und hinabglitten, fing er sie mit den Füßen auf. (48) Die bergtragenden Affen standen so dicht, dass sie keinen Platz zum Weitergehen fanden. Es sah aus, als hätten sie neben der Brücke im Meer noch eine zweite Brücke auf ihren Köpfen errichtet.
(49 [Quellennummer: 49]) Manche konnten wegen der Reihen anderer Bergträger keinen Boden mehr erreichen. Sie hoben die dunklen Berge aus ihren Händen auf den Kopf und schwammen damit weiter. (50) Einige waren vom langen Tragen erschöpft und hungrig. Sie setzten ihre Berge ab, tranken immer wieder den Honig daraus, vergaßen ihre Aufgabe und schliefen ein. (51) Aus allen Richtungen kamen und gingen Affenhelden. „Wie weit reicht die Brücke schon?“, fragten einige. „Bis zur Hälfte!“, antworteten andere. (52) Safran, Höhlenhonig und zahllose Blüten verteilten sich überall, wo die Berge ins Wasser sanken. Das furchterregende Meer glich nun einem Meer aus duftendem Blütennektar.
(53) Obwohl zahllose hohe Berge hineingedrängt wurden, wich das Meer nicht von seiner Aufgabe. Es glich einem Menschen edler Herkunft, der seine Familie auch unter noch so großer Last trägt. (54) Die hinabgestoßenen Felsen zerbrachen die Korallenranken. Edelsteine lösten sich und fielen daneben; ihr aufsteigendes Licht bildete überall Regenbogen. (55) Als fruchttragende Bäume ausgerissen wurden, klammerten sich die Vögel daran. Sie glichen weinenden Angehörigen, deren einziger Ernährer gefallen ist und die keinen anderen Zufluchtsort besitzen. (56) Die Bäume, die den Bienen durch ihre Blüten Nahrung versprochen hatten, stürzten ins Meer. Die Bienen irrten umher wie Bettler, deren freigebige Wohltäter gestorben sind.
(57) Die Fische wurden in Scharen mit den unaufhaltsam emporschießenden Wasserströmen fortgetragen. Es sah aus, als wollten sie das zugeschüttete dunkle Meer verlassen und in ein anderes übersiedeln. (58) Die Bienen waren den Elefanten wegen ihres dreifach fließenden Brunstsaftes liebevoll gefolgt. Als diese mit den Bergen im Meer versanken, kehrten sie um wie käufliche Liebhaberinnen beim Verlust des Reichtums. (59) Obwohl die Bäume samt ihren erdverflochtenen Wurzeln ausgerissen wurden und schwer litten, ließen die Schlingpflanzen sie nicht los – wie makellose Ehefrauen ihre Männer nicht verlassen. (60) Der weit versprühte salzige Meeresschaum veränderte selbst den Geschmack der äußeren Meere. Donnerwolken in allen Richtungen wurden gekühlt, und ihr Regen schmeckte nach Salz.
(61) Als die alten Berge fortwährend in das brausende Meer fielen, stieg das Wasser unaufhörlich empor. Selbst die brennenden Strahlen der Sonne wurden dadurch kühl wie Mondlicht. (62) Beim Zerbrechen der duftenden Berge flogen Goldadern, von Wasserstaub umhüllt, durch die Luft. Zusammen mit den glänzenden Korallenstücken ließen sie den ganzen Himmel wie von Blitzen besprengt erscheinen. (63) Schneller als Läufer eilten die Affen einander voraus und brachten Wälder, Land, Bäume und Steine ins kühle Meer. Auf der Erde schien kein einziges Gewächs mehr unbehelligt stehen zu bleiben. (64) Bergflächen und Waldflächen bedeckten die salzige Wasserfläche. Überall lagen mächtige Berge und glänzende Affenscharen; Küste und Meer wurden zu einer einzigen zusammenhängenden Fläche.
(65 [Quellennummer: 65]) In drei Tagen erreichte die Brücke das hohe Lanka vollständig. Der Jubel darüber spaltete den Himmel. War der Himmel, der danach noch zu sehen war, vielleicht ein neuer? (66) Welchen anderen Vergleich braucht es? Die Brücke glänzte wie Ananta, der sich erhoben hätte und dem Herrn zur Rettung der schönen Sita anbot: „Gehe über meinen Rücken!“ (67) Sie glich auch dem ausgestreckten Arm der zarten Stadtgöttin Lankas: Die treue Stadt konnte die Bosheit des Lügners nicht länger ertragen und begrüßte Ramas herannahendes Heer voller Liebe. (68) Oder war der Himmelsfluss zur Erde gekommen? „Wer außer mir könnte den Weg bilden, auf dem der Herr der Erkenntnis sein Heer über das dunkle Meer führt?“, schien er zu sagen.
(69) Weil Edelsteine zwischen den Felsen leuchteten, erschien die von den Affen errichtete Brücke wie Indras Regenbogen mitten in einer Dunkelheit, die das Tageslicht überwältigt hatte. (70) So vollendeten sie die große Brücke mit Liebe. Sugriva, der Herr der Waldaffen, Vibhishana, der König des meerumgebenen Lanka, und die übrigen Führer gingen zu Rama. (71) Sie verneigten sich vor den Füßen des Weltherrn und meldeten: „Die Brücke ist fertig: hundert Yojanas lang und zehn Yojanas breit.“
6.8 – Die Befragung der Spione
(1) Rama erhob sich liebevoll, umarmte sie mit seinen langen Armen und sagte: „Lasst uns aufbrechen!“ Sein Verlangen wuchs, das ganze vollendete Werk selbst zu betrachten. (2 [Quellenschreibweise: 6.8. 2]) Wie eine Wolke inmitten des Heeresmeeres näherte er sich der Brücke vor seiner einstigen Wohnstatt, dem Ozean. Der Herr des Weltalls freute sich, als hätte er seine geliebte Frau, sein eigenes Leben, bereits gesehen. (3) Er blieb staunend stehen: „Dieses weite Meer mit Bergen zu füllen und eine solche Brücke zu bauen – selbst wenn man sagte, Brahma, der ursprüngliche Schöpfer, habe es getan, wäre das leicht zu glauben?“ (4) Der Herr seit Anbeginn der Zeiten war voller Bewunderung. „Die Tiefe konnte sie nicht hindern. Läge Lanka noch weiter in jener Richtung, würden sie ebenso rasch alle sieben Meere überbrücken!“
(5) Vibhishana ging voraus, der schriftkundige Hanuman bildete die Nachhut, und Lakshmana folgte seinem Bruder. Rama mit den goldglänzenden Schultern schritt wie ein siegreicher schwarzer Elefant über die Brücke. (6) Das dicht gedrängte Affenheer zog dahin wie die anschwellende Kaveri zwischen hohen Ufern ins dunkle Meer. Die Wellen zu beiden Seiten glichen kühlen Hainen, durch die das Heer seine Edelsteinketten streifte. (7) Auch deshalb glich es der Kaveri: Aus Bergland und anderen Landschaften hatte es alle köstlichen Nahrungsmittel gesammelt, ohne etwas zurückzulassen, und trug sie nun dem Meer entgegen. (8) Einige fanden im Gedränge keinen Platz mehr für den nächsten Schritt und wichen auf die Wellen aus. Von Welle zu Welle sprangen sie wie Schlachtrosse, die durch den Himmel stürmen.
(9) Andere wurden durch die eng gedrängten Körper seitwärts ins Wasser gestoßen. Hilfsbereite Gefährten reichten ihnen die Hände und halfen ihnen geordnet weiter; unzählige gelangten so wieder auf den Weg. (10) Damit die heißen Sonnenstrahlen Ramas wolkenfarbenen Leib nicht berührten, trugen zahlreiche Affen belaubte Sandel- und andere Schattenbäume neben ihm her. (11) Die Heerführer verbanden passende blühende Zweige und fächelten damit wie mit Wedeln. So schützten sie die beiden Königssöhne, die Verkörperung der von Opferkundigen bewahrten Vedenwahrheit, vor Erschöpfung. (12) Rama dachte an Sita, die vor Kummer ihre Armreifen abgelegt hatte und unter der Last ihrer Brüste erschlaffte. Mit seinem mächtigen, ausgedehnten Heer überschritt er das Wogenmeer und erreichte das Ufer.
(13) Mit Lakshmana, der ihm wie ein Heilmittel war, und den starken Gefährten lagerte er auf einem Berg außerhalb der Stadt. Dort befand sich die sanft sprechende Sita, die selbst Arundhati verehrte. (14) Rama wandte sich freundlich an Nila: „Errichte rasch ein Lager für unser ganzes Heer.“ Nila verneigte sich und übergab den Auftrag sogleich Nala, der die Brücke nach den Regeln seiner Kunst gebaut hatte. (15) Nala nahm sich die Schönheit von Brahmas goldenen und edelsteinernen Bauten zum Vorbild und errichtete ein geordnetes Lager mit vierseitigen Anlagen. Für Rama und alle anderen schuf er rasch eine schöne Stadt. Selbst sein Vater schämte sich vor solcher Kunst. (16) Für Rama fügte er mächtige Steine eben zusammen, stellte Bambuspfosten auf, verband sie mit Darbha-Gras und deckte die Unterkunft mit duftenden Blüten.
(17) Alle priesen Rama mit Worten und im Herzen, verneigten sich vor dem, der alle Wesen mehr als eine Mutter liebt, und gingen in die ihnen zugewiesenen Unterkünfte. Rama betrat seine Blätterhütte. (18) Der salzige Sprühregen vom Brückenbau hatte die reinen Strahlen der Sonne getrübt. Als wollte sie jenseits des Meeres in süßem Wasser baden und ihren Glanz erneuern, ging sie im Westen unter. (19) Am westlichen Himmel erschien die milchweiße Mondsichel. Sie glich dem rasch gespannten Bogen des Liebesgottes, der zornig neue Pfeile auf den lotusäugigen Herrn richten wollte. (20) Der kühle weiße Mond brannte heißer als der Südwind, der sich von feinem Lotuspollen nährte und Tau trug; heißer als das Feuer des Abends und die tödlichen Pfeile des Liebesgottes.
(21) Rama, getrennt von der selbst im Zorn schönen Frau, hatte den Geschmack des Schlafes vergessen. Das Mondlicht auf seinen Schultern glich einer weißen, feueratmenden Schlange, die über einen Smaragdberg ohne seine Pfauen glitt. (22) Je näher er der großen Stadt kam, desto mehr glühte und litt der heldenhafte Herr. Wenn die korallenlippige Frau mit den großen dunklen Augen ihn schon aus weiter Ferne verbrannte, wie sollte ihre Nähe dieses Feuer kühlen? (23) In dieser Zeit kamen auf Ravanas Befehl Spione, die als Affen verkleidet die Stärke des Heeres erkundeten. Vibhishana, der nun die Früchte seiner langen Askese empfing, entdeckte und ergriff sie. (24) Im gewaltigen, bewegten Meer des Affenheeres erkannte er die Kundschafter mit prüfendem Geist. Er glich einem Schwan, der selbst einen kleinen Wassertropfen aus einem ganzen Milchozean unterscheiden kann.
(25) Er glich auch einem Yogi, der zwei verborgene Wesen zugleich durchschaut: Die Spione hatten durch weitreichende Zauberkunst ihre eigene Größe, Kleinheit und Gestalt vollständig verhüllt. (26) Die Affen hatten sie mit geballten Fäusten geschlagen und mit festen Ranken gefesselt, damit sie nichts Weiteres unternähmen. Blut floss aus ihren Mündern. Vibhishana führte sie als Betrüger vor das Meer des Erbarmens. (27) Rama erkannte sie zunächst nicht als Feinde. Mitleidig fragte er: „Haben diese Affen viele verletzt? Selbst wenn sie Unrecht taten, dürfen wir denen schaden, die bei uns Schutz suchen? Quält sie nicht; lasst sie frei!“ (28 [Quellenschreibweise: 6.8. 28]) Vibhishana weinte vor Rührung über Ramas Güte. „Sie gehören nicht zu unseren waldbewohnenden Gefährten. Ravana mit seinem unedlen Herzen sandte sie als Spione. Dieser heißt Shuka, der andere Sarana.“
(29) Die finsteren Rakshasas widersprachen: „Held mit dem starken Bogen! Er erkennt, dass diese Affenmacht nicht zu besiegen ist, und will uns deshalb durch List töten lassen. Wir sind wirklich Affen! Wenn du willst, töte uns.“ (30 [Quellenschreibweise: 6.8. 6.8.30]) „Du wirst sehen, dass sie Betrüger sind“, sagte Vibhishana und dachte an ein Mantra. Ihr Zauber löste sich; ihre wahre Gestalt trat hervor, wie Kupfer nach dem Verlust einer silbrig schimmernden Quecksilberschicht. (31) Mit blitzenden Zähnen standen die grausamen Berggestalten nun erschrocken da. Der Beschützer aller Bedrängten lächelte freundlich: „Warum seid ihr gekommen? Sagt alles offen und fürchtet euch nicht.“ (32) Sie verneigten sich und gestanden: „Held, auf Befehl dessen, der die heilige Mutter der Welt geraubt hat, ohne sein eigenes Verderben zu erkennen, kamen wir heimlich, um eure Pläne und Stärke auszukundschaften.“
(33) Rama sagte: „Berichtet, dass ich den grenzenlosen Reichtum Lankas dem jüngeren Bruder zugesprochen habe. Erzählt, wie die Affenhelden das Meer mit Steinen überbrückten. Sagt auch: Die Bogenträger sind angekommen; die Zeit des Wartens endet. (34) Nur weil ich nicht wusste, auf welcher Insel im weiten Wogenmeer sein befestigtes Lanka liegt, blieb der Vielköpfige mit seinem Leben und seinen Angehörigen bisher verschont. Auch dies sollt ihr ihm sagen. (35) Selbst wenn Shiva auf seinem schnellen Stier, Vishnu auf Garuda und alle alten Himmelsgötter ihn schützen, werde ich den Ungerechten in Stücke zerlegen. Das meldet ihm. (36) Wie der Held mit der scharfen Axt das Geschlecht des Mörders seines Vaters vernichtete, werde ich Ravanas ganze Sippe töten. Für meinen väterlichen Jatayu werde ich ihre Leben den Himmlischen als wahrhaftiges Opfer darbringen.
(37) Er hält eine Frau von unverminderter Heiligkeit einsam gefangen. Für diese törichte List werde ich ihn und seine Angehörigen in das unausweichliche Gefängnis der brennenden Hölle sperren; sein Bruder soll seinen gesamten Reichtum erhalten. (38) Ihr habt das Heer überall betrachtet. Wenn nichts mehr zu tun bleibt, gilt mein Wort: Fürchtet euch nicht!“ Den Affen befahl er, die beiden ohne Verletzung durch Wort, Gedanken oder Hand fortzulassen. „Wir sind gerettet!“, sagten sie und gingen. (39) Ravana bedachte die Furcht des Meeres, die Kraft des Brückenbaus und die Ankunft des Heeres. Zur nächtlichen Beratung zog er sich an einen besonderen Ort zurück. (40) Frauen, Söhne und alle anderen mussten gehen. Nur die Ratgeber begleiteten ihn in den großen Beratungssaal, dem selbst ein zarter Wind sich nur auf ausdrückliche Einladung näherte.
(41) Stumme, des Sinnes der Beratung unkundige Diener, Bucklige und Zwerge umgaben sie mit hell brennenden Lampen. Sie konnten das Besprochene weder verstehen noch weitererzählen. (42) „Die Menschen sind ganz nahe gekommen. Welche Maßnahme sollen wir jetzt beschließen?“, fragte Ravana, dessen Füße im Licht der Edelsteinkronen der vor ihm gebeugten Danavas glänzten. (43) Malyavan sagte: „Die Nachricht, dass das Meer unter den Pfeilen wie unter Weltuntergangsfeuer brannte, zitterte und sich mit einer sonnengleichen Girlande verneigte, durchbohrt mein Herz wie ein Dreizack. (44) Die berühmte Macht des Meeres wurde zerbrochen. Aus großer, beschämender Furcht gab es einen Weg frei. Dieser Gedanke bedrückt mich.
(45) Die Affenhelden rissen sämtliche mächtigen Berge mit den Wurzeln aus, schlugen triumphierend die Arme zusammen und verschlossen das Meer. Auch dies lastet schwer auf meinem Herzen. (46) Unzählige zornige Helden brachten Berge entsprechend ihrer Kraft. Doch ein einziger nahm sie alle mit den Fingern entgegen und legte sie ab. König, als lägen diese Berge auf meinem Herzen! (47) Wir sahen die alte Stadt brennen, das Meer bezwungen und die unerschütterlichen Feinde einen Damm bauen. Jetzt stehen sie vor unseren Augen. Was braucht es noch weitere Überlegungen?“ (48) Als sein Großvater mütterlicherseits dies sagte, biss Ravana die Lippen, und Feuer schoss aus seinen Augen. „Gut, gut, vortrefflich ist unsere Beratung! Lebe ewig – und geh zu meinem jüngeren Bruder!“
(49) Der erfahrene Alte dachte: „Wird das Heilsame hier als Schande betrachtet?“ Er schwieg. Da verneigte sich der Heerführer und begann zu sprechen. (50) „Du siehst nur ihre Kraft, das Meer zu überschreiten. Offenbar vergisst du, dass sämtliche acht Hüter der Richtungen unserem König dienen. (51) Ängstlich preist du den Heldenmut der Affen, weil sie Berge ins Meer warfen. Hat er nicht selbst den Berg mit seinen feinsten Wurzeln und mit Shiva darauf emporgehoben? (52) Wozu noch viele Worte? Diese Verblendeten sind zum Krieg in unsere Stadt gekommen, weil ihr Schicksal sie geradewegs zu ihrer Vernichtung treibt.“
(53) Der vollständig gerüstete Torwächter mit feurigen Augen und einem Stab in der Hand trat vor: „Die Kundschafter sind zurückgekehrt.“ (54) Der mächtige Rakshasakönig mit den glühenden Augen befahl: „Führe sie herein!“ Der Wächter gehorchte und brachte sie in den Saal. (55) Sie traten ein und verneigten sich vor seinen Füßen. Noch bei jedem Gedanken an das riesige Affenheer erschrak ihr Herz. Wenn sie husteten, spien sie Blut. (56) Der König, grausam wie der lebensgierige Tod, fragte: „Schildert die Ausdehnung dieses Heeresmeeres, die Lage des verachtenswerten Vibhishana und das Verhalten der beiden Asketen.“
(57) „Wir versuchten eifrig, das ganze große Heer bis zu seinem Ende zu überblicken. Doch wie Garuda beim Flug über den alten Ozean fanden wir keine Grenze. (58) Mussten wir erst zurückkehren, um davon zu erzählen? Hat nicht schon der Sprühregen beim Brückenbau selbst die Nachricht gebracht, während das grenzenlose Meer der Sorge aufstieg? (59) Als der Mensch hörte, dass Varuna selbst zum Nachfragen nicht gekommen sei, blickte er auf seine felsengleichen Schultern, auf die Pfeile und auf seinen Bogen. Schon da verbrannte das Meer. (60) Herr mit der edelsteingeschmückten Brust! Dein jüngerer Bruder hat den großen Reichtum des wasserumgebenen Lanka erhalten, solange die Sonne kreist und Ramas Name besteht.
(61) Ist der Brückenbau eine ganz neue Machtprobe? Es gibt bereits grenzenlose Beweise für die Stärke jenes einen Boten, der zuvor kam. (62) Dein Bruder erkannte uns und zeigte uns zornig vor – wie einst die Sonne Vishnu auf den Asura hinwies, der sich beim Nektartrinken unter die Götter gemischt hatte. (63) Die Affenhelden packten und schlugen uns mit ihren mächtigen Händen, fesselten unsere Schultern und schleiften uns zu dem strahlenden, siegreichen Helden. Dort erklärte dein Bruder, wer wir waren. (64) Rama sagte: ‚Mit diesen Pfeilen werde ich seine einst erhaltenen Gnadengaben zunichtemachen.‘ Obwohl er erkannte, dass wir keine Affen waren, schenkte er uns aus Erbarmen das Leben. Das ist unser Bericht.“
(65) Sie wiederholten auch alle übrigen Worte des göttlichen Herrn ohne Auslassung und schlossen: „Mögen sämtliche Übel mit ihrer Ursache schwinden. Mögest du von diesem Tag an weiterleben!“
6.9 – Der Anblick Lankas
(1) Ravana sagte: „Die bogentragenden Menschen, die schon mit Worten töten könnten, haben das Meeresungeheuerwasser leicht überbrückt und unsere Stadt erreicht. Gibt es da noch etwas zu beraten?“ Der Heerführer antwortete. (2) „Selbst wenn du die Frau freilässt, werden die Götter spotten: ‚Der König hat sich gefürchtet.‘ Und selbst wenn unsere Gegner einem Ende der Feindschaft zustimmten, würde dein Bruder es nicht tun. Was bleibt jetzt noch zu besprechen? (3) Wir wollten zu ihnen ziehen, Menschen und Affen im Kampf töten und zurückkehren. Nun sind sie selbst hergekommen. Ist das nicht der beste Vorteil? Das Gewünschte zu erhalten ist noch besser als ein mühsamer Sieg. (4) Tausend Vellam umfasst unser Rakshasaheer; selbst seine allmähliche Vernichtung würde hundert Weltzeitalter verlangen. Warum uns kleinmachen? Wenn du zornig aufstehst, werden die Affen fliehen wie Hunde vor einem Löwen.
(5) Gib mir Erlaubnis! Mein Heer und ich werden sie so angreifen, dass sie zerstreut fliehen und mit ihren Truppen ins Meer stürzen. Du sollst unsere furchtbare Arbeit sehen.“ So sprach er zu Ravana, der einst Indra zur Flucht zwang. (6) Der einsichtige Malyavan sagte: „Wahre Gelehrsamkeit verbindet gute, wahrhaftige Worte mit dem allgemein rechten Weg. Wer nur das angeblich Unvermeidliche verkündet, kann sich dennoch auf einem verderblichen Pfad befinden.“ (7) „Man sagt: Der Herr selbst der höchsten Gottheit, die am Gipfel makellosen Lichtes erscheint, ist als Sohn Dasharathas, des Königs der meerumgürteten Erde, zum Kampf gegen uns gekommen. (8) Seinen jüngeren Bruder nennt man das liebevolle Lager des Reinen, der als höchste Wirklichkeit besteht und zugleich in allen Wesen vielfältig gegenwärtig ist. Warum sagen alle dies?
(9) Man sagt, Brahma habe ihre Bogen aus der gebündelten Kraft der großen Berge geschaffen; die Sehnen seien Ananta, und die verzehrende Schärfe ihrer Pfeile übertreffe selbst das Rad der Zeit. (10) Valis großen Sohn nennt man den Herrn der Götter, Nila den Herrn des weltverzehrenden Feuers und den todgleichen Boten den Windgott. Von diesem heißt es außerdem, er werde künftig Brahma sein. (11) Alle sagen: Rama habe ihm dieses Amt gegeben und sei nun gekommen, um das Rakshasageschlecht auszurotten. Reden sie nur in Vergleichen oder verkünden sie die Wahrheit? Sie sagen auch, jeder Affe sei ein verkörperter Gott. (12) Ob diese Worte aus Furcht oder Einsicht entstehen: Verachte die allen schwer erreichbare Frau nicht als gering. Man nennt sie die Reine, die mit dem Nektar erschien, die ungeborene Mutter aller Welten.
(13) Man sagt, schon der Gang in den Wald sei von den Göttern veranlasst worden. Wegen der Gnadengaben des Königs von Lanka hätten die Herren des Dharma selbst Menschengestalt angenommen. (14) Tausend böse Vorzeichen seien erschienen. Die Schutzgöttin Lankas habe ihren Ort verlassen, nachdem der Bote sie schlug, der die allen Wesen mütterlich zugewandte Sita suchte. Und nun sei der Krieg gekommen. (15) Dein wahrhaftiger Bruder, dessen Einsicht selbst die des Götterberaters überragt, sagte vor seinem Fortgang: ‚Der König und die Rakshasas werden Ziele seiner Pfeile.‘ Auch dies sollte angemessen bedacht werden. (16) Ich habe all dies geprüft. Unser Geschlecht wurde schon früher durch ihn vernichtet. Aus Liebe zu dir und mit schmerzendem Herzen warnte ich vor dem Kommenden. Wenn du Sita freilässt, endet dieses Unheil.“
(17) Ravana spottete: „Lassen wir alles andere. Du behauptest nicht nur, diese Menschen und Affen seien Himmelsgötter; du sagst auch, ich würde unterliegen. Vortrefflich hast du gelernt! Geh!“ Dann fuhr er fort. (18) „Mögen es statt törichter Menschen und Affen andere Wesen sein, mögen sie von jenseits der Erde und der Schlangenwelt kommen: Wenn sie mich zornig herausfordern, werde ich um Sitas willen etwa vor dem Kampf zurückweichen? (19) Ich besitze nicht nur einen Pfeil. Meine Pfeile haben alle Welten besiegt und sind stärker als die Taten dieses Einzelnen. Einst drangen sie in die Rücken der Götter, die zuvor zum Kampf aufgefordert hatten. Sollten sie heute keine Affen treffen? (20) Selbst wenn Shiva mit dem Dreizack als Affe käme, was könnte er außer unterliegen? Sind meine scharfen Pfeile etwa das Gift des gequirlten Meeres, das er einfach verschlucken kann?
(21) Du weißt es wohl nicht: Selbst wenn der Diskusträger zurückkäme, der einst aus Furcht vor mir floh, würden meine Pfeile seine Lichter verbrennen. Sind sie etwa das Juwel aus dem gequirlten Meer, das er auf der Brust tragen könnte? (22) Und wenn Indra Affengestalt annimmt: Sind meine Schultern etwa jene goldenen Berge, deren Flügel seine Waffe abschlug, sodass sie fielen und sich nicht wieder erheben konnten?“ (23) Die Finsternis wich wie eine gewaltige Flut, die selbst den Götterberg bedeckt hatte und nun ablief. Heimlich liebende Frauen, deren Herzen bereits als Boten zu ihren Geliebten eilten, wurden bekümmert; die Chakravaka-Vögel verloren ihre Trennungsnot. (24) Die Sonne, die sonst aus Furcht nicht einmal nach Lanka blickte und außerhalb seiner goldenen Mauern vorbeizog, erschien nun wie einer, der sagt: „Der König der Könige ist zum Krieg gekommen; jetzt sind wir stark! Ich will die alte Stadt sehen.“
(25) Von der Liebe zu Sita angetrieben, die dort wie Arundhati verweilte, stieg Rama auf den Gipfel des Lagerberges, um die goldene Stadt zu sehen. Große Helden umgaben ihn; Lakshmana folgte. (26) Die beiden mächtigen Könige stützten seine langen Lotushände. Von kampfstarken Helden begleitet, glich er einem Löwenkönig, der mit Löwen und Tigern einen schwer zugänglichen Berg ersteigt. (27) Er erschien wie eine schwarze Sonne, die nicht im Osten, sondern auf einem nördlichen Gipfel aufgeht und damit die Zerstörung der dunklen Rakshasastadt und ihres Glanzes ankündigt. (28) Der makellose Bogenträger, der im Kampf große Pfeilregen senden würde, glich auf dem Berg einer dunklen Wolke voller Lotusblüten: Hände, Füße, Gesicht und Augen bildeten diesen Blütenwald.
(29) Der bergschultrige Held stand inmitten der mächtigen Krieger, die mit aufgeschichteten Felsen das Meer überschritten hatten. Er glich einem Smaragdberg zwischen goldenen Gipfeln. (30) Sein Zorn war seit dem Brückenbau besänftigt. Doch getrennt von der rehäugigen Sita, seinem eigenen Leben, zitterte er wie ein einsamer Vogel ohne Gefährtin. Mit seinen großen Lotusaugen betrachtete er Lanka. (31) „Wenn Dichter unsere Stadt und andere Städte besonders loben wollen, vergleichen sie sie mit Indras Wohnsitz. Lanka führen sie nicht an. Diese großen Dichter kennen offenbar den Unterschied nicht! (32) Auf makellosen Goldterrassen stehen Paläste aus flammenden Edelsteinen, vor denen die Sonne sich schämt. Selbst große Künstler könnten sie kaum zeichnen; der umgebende Juwelenglanz verhüllt die Einzelheiten ihrer Baukunst.
(33) Die Edelsteine senden Strahlen aus, deren geballtes Licht bis zum Himmel steigt. Sieh: Die bannerreiche Stadt scheint noch immer in dem Feuer zu brennen, das der siegreiche Hanuman entzündete. (34) Auf weiten Smaragdflächen stehen edelsteinerne Hallen inmitten von Strahlenbündeln. Dazwischen liegen makellose Silberhäuser wie Schwäne. Sieh, das Ganze gleicht einem grünen Teich voller Lotusblüten! (35) Die dicht stehenden, aus roten Juwelen erbauten Paläste leuchten wie Flammenspitzen. Die Wolken darüber verlieren ihre Schwärze und glühen rot wie erhitztes Eisen, als verbrenne Lanka sie. (36) Held mit den bogentragenden Schultern, sieh die dunklen Elefanten! Mit ihren diamantfesten Nägeln scharren sie den Goldboden auf und werfen sich den Staub mit dem Rüssel über den Leib. So schreiten sie wie goldene Berge dahin.
(37) Junger Bogenschütze, sieh die wehenden Goldbanner! Ihre makellosen Edelsteine senden Strahlenbündel empor, als wischten sie die Wolkenflecken vom Himmel und machten ihn blank. (38) Die kunstvoll geordneten Häuser aus Gold und Edelsteinen bilden eine Girlande, deren größtes Mitteljuwel Ravanas Palast ist. Die alte Stadt gleicht so einer Kette, die der Meeresgott trägt. (39) Du Kenner des guten Weges, sieh die Pferde auf den weiten Straßen! Die Reflexe der edelsteinernen Häuserreihen fallen auf sie, sodass weder ihre eigene Farbe noch eine einzelne andere Farbe zu erkennen ist. (40) Sieh die feinen Kristallpaläste, über die selbst der Liebesgott staunen würde. Sichtbar werden sie nur, wenn anderes Licht auf sie fällt; sonst verschwinden sie beinahe. Ihre Erscheinung ist, als bestünden sie aus Wasser.
(41) Junger Held mit dem schönen gebogenen Bogen! Die weißen Perlenbaldachine gleichen gebündeltem kühlem Mondlicht. Mit Smaragden in ihrer Mitte erinnern sie an den Höchsten, der im weißen Milchozean ruht. (42) Löwengleicher Held, sieh genau: Dort zieht eine Schlangenfrau auf einem hohen Palast einen Spiegel aus schwarzer Hülle. Er gleicht dem Mond, den eine dunkle Schlange am Himmel wieder aus ihrem Rachen freigibt. (43) Siegreicher Bogenträger! Kamele strecken ihre langen Hälse zu den bannerreichen Palastbergen. Die roten Strahlen der Edelsteine darauf halten sie für zarte Blätter und versuchen danach zu schnappen. (44) Sieh die Korallenpaläste, die der Adlerholzrauch umhüllt, mit dem schöne Frauen ihr blütengeschmücktes Haar trocknen! Sie gleichen Shiva, der eine Frau als Körperhälfte trägt und sich in die dunkle Haut des wilden Elefanten hüllte.
(45) Königssohn, heldenhafter Elefant mit dem Bogen! Sieh die künstlichen Berge, die der göttliche Baumeister aus blauen Edelsteinen errichtet hat. Sie gleichen den angehäuften Sündenschätzen der Rakshasas, deren Herzen das Geben nicht kennen. (46) Sieh die Frauen mit den rehäugigen Blicken und zarten Hüften! Gefangen und von ihren geliebten Männern getrennt, sind ihre Herzen erschlafft. Nun schauen sie auf uns wie Pfauenschwärme, die nach der Regenzeit Ausschau halten. (47) Held mit der frischen Blumengirlande! Frauen mit lautenweicher Stimme und Männer steigen in den Himmel, um unser Heer zu sehen. Es wirkt, als sagten sie: ‚Nun beginnt unser Leben‘, und verließen fliehend die ganze große Stadt.“ (48) Während Rama seinem Bruder Lanka zeigte und seine Worte die Wunder kaum erfassen konnten, bestieg Ravana den himmelhohen goldenen Torturm, um die Größe des Affenheeres zu betrachten.
6.10 – Ravana betrachtet das Vanaraheer
(1) Wie ein im Kampf erprobter wilder Elefant stand Ravana dort. Seine unvergleichlichen Schultern trugen Wunden der Blütenpfeile, die Sitas wegen brannten. Er glich einem einzelnen Berg mit vielen Gipfeln. (2) Beim Wort „Krieg“ lebte er auf. Seine Schultern waren täglich durch das Verlangen nach der schönen Frau geschwächt worden; nun meinte er, mit neuer Kraft selbst den nördlichen Meru zu überragen. (3) Seine goldenen Kronen glänzten wie Gipfel. Auf dem merugleichen Torturm erschien er wie Vasuki, der sich einst zum Himmel erhob, um den stürmischen Wind zu verschlingen. (4) Über ihm leuchtete ein ungeheurer Schirm, dessen Schatten alle fünf Elemente und sämtliche zehn Richtungen zugleich zu umfassen schien.
(5) Der Wind der geschwungenen Yakschwanzwedel bewegte sein Obergewand über der breiten Brust. Es glich Wasserfällen, die über einen hohen, dunklen, glänzenden Berg herabspringen. (6) Urvashi, Nektar des Himmels, Tilottama, Schönheit duftenden Honigs, die rotlippige Menaka und andere sanfter als Kuckucke standen bei ihm – als hätten sie ihre Schönheit zuvor Sita geschenkt. (7) Vierzehntausend aus dem Meer hervorgegangene Himmelsfrauen mit fruchtroten Lippen und weichen, bambusgleichen Armen ordneten sich in Reihen zu seinen beiden Seiten. (8) Aus den höhlenartigen Mündern strahlten sichelförmige Zähne wie junges Mondlicht auf seinen Schmuck. Seine Girlanden lagen auf ihm wie donnernde Wolken an einem Berg mit glänzenden Hängen.
(9) Narada sang zur Vina den Nektar vedischer Melodien. Doch während diese heiligen Töne durch seine Ohren drangen, dachte Ravanas Herz nur „Sita, Sita“, und sein Leben wurde ausgezehrt. (10) Hundert Koti blutäugiger Rakshasas umstanden ihn mit starken Händen, Schwertern und Bogen. Ihre Kraft würde selbst vor Shiva nicht zurückweichen. (11) Weitere hundert Koti hervorragender Kämpfer aus Lanka und anderen Orten drängten mit glänzenden Waffen heran. Ihre steinharten Hände hätten die ganze Welt an sich reißen können. (12) Auf Erde und Himmel erschollen große Trommeln, Murudu-, Akuli- und andere Instrumente. Ihr Klang glich Regenwolken und dem Donnern des Meeres.
(13) Schlangenfrauen mit giftübertreffenden Augen und schmale Vidyadhara-Frauen sangen zusammen mit den süß sprechenden Apsaras eine liebliche, vom Panchama-Ton geprägte Melodie. (14) Berggleiche Wächter in furchterregenden Gewändern hielten Keulen. Ihre Augen spien Gift und Feuer, ihre Stimmen ließen Wolken erschüttern, ihre harten Münder waren rot wie Kinshuka-Blüten. (15) Von seinen breiten Schultern, die selbst durch gewaltige Berge kaum niederzudrücken waren, verbreitete sich der reiche Duft kostbarer Salben und kündigte seine Gegenwart schon von fern an. (16) Zehntausend Palastwächter mit Stäben, feurigen Blicken und unruhig wachsamen Körpern umgaben ihn. In allen Verfahren des Schutzes kundig, blieben sie stets in Bewegung.
(17) Wie eine regenbeladene Wolke stand er über dem edelsteingeschmückten Tor. Er hob die Augen und sah Rama: die Veden selbst, Hari, den Urgrund, nach dem die heiligen Schriften suchen. (18) Er presste den Mund zusammen; Feuer sprühte aus seinen Augen. Die Richtungen donnerten, sein Herz brannte, und seine linken Augen und mächtigen linken Schultern zuckten als böse Vorzeichen. (19) Beim Anblick Raghavas entbrannte er wie Rahu, der sich anschickt, das strahlende Himmelslicht zu verschlingen, sobald es seine Bahn kreuzt. (20) „Seine Gestalt selbst sagt, dass jener Rama ist. Zeige mir nun auch die siegreichen Heerführer“, befahl er. Sarana antwortete.
(21) „Dieser hier hörte nur, dass die Frau die Schwester des Königs von Lanka sei, und schnitt ihr zornig mit seinem Schwert Brüste, Nase und Ohren ab. (22) Sein Auge kennt allein den Dharma. Wie ein Rad mitten im dunklen Meer bleibt er wachsam; er hat den Schlaf verscheucht, auf den selbst Himmelsbewohner nicht verzichten. (23) Der Mann, dessen Hand Rama berührt, ist Sugriva, der Sohn der Sonne, härter als alle anderen. Sein großer Kampf mit Vali ließ die ganze Welt erbeben. (24) Der Vater jenes anderen Helden war von unvergleichlicher Stärke: Mit seinen schönen mächtigen Armen drehte er Mandara und Vasuki, damit die Götter den Nektar im Meer fanden.“
(25) „Der dort schreitet, folgte einst der leuchtenden Sonne als Schüler. Er gleicht dem Eber, der die Erde auf seinem Hauer hob. Er überschritt das Meer; seine Taten hast du selbst erfahren. (26) Dort steht Nila, der Sohn des Feuers. Obwohl ihm Dreizack und Todesschlinge fehlen, hält man ihn wegen seiner Vernichtungskraft für Shiva oder Yama. (27) Abseits steht der berggleiche Nala. Noch bevor die Zornesglut erloschen war, die Varunas Ausbleiben in dem sonst friedvollen Rama entfacht hatte, machte er das weite Meer zu einem begehbaren Weg. (28) Der Bärenkönig erkennt durch seine große Einsicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er lebte schon, als die Götter das Meer quirlen ließen und das Gift entstand. Auch heute könnte er die sieben Welten emporheben.
(29) Neben dem Heerführer stehen zwei Helden wie goldene Berge neben einem dunklen Berg. Sie sind anderen gegenüber wie Rama und Lakshmana: die starken Söhne der göttlichen Ärzte. (30) Dort siehst du Kumuda und Kumudaksha, hier Gavaya und Gavayaksha. Jener mächtige Kesari ist der glückliche Vater des Boten, den man mit Shiva und Brahma vergleicht. (31) Dort ist Murabha mit glänzenden Schultern und löwenhaften, blitzenden Zähnen und Nägeln. Jener ist Sharabha, der auf Wunsch große Berge ausreißt; dieser würdige Held heißt Shatabali. (32) Panasa gleicht dem Zerstörer der drei Städte, obwohl er kein drittes Auge besitzt. Rishabha würde den gesamten Krieg allein übernehmen. Ihm gegenüber steht der weise Sushena.
(33) Links vom Sonnensohn steht Dadhimukha, der die bambusreichen Berge ausriss und so den Rücken der Erde erleichterte; selbst dem Feuer trotzt er. Jener Löwengleiche heißt Shankha. (34) Herr, gibt es dafür eine Grenze oder ein Maß? Selbst wenn man die Sterne am Himmel, die Fische im Meer und allen Sand zählen könnte, dieses Heer bleibt unzählbar.“ (35) Ravana lächelte verächtlich: „Du scheinst diese unansehnlichen Waldaffen zu preisen! In Wäldern und Bergen gibt es auch unzählige Hirsche. Was können sie einem Löwen anhaben?“
6.11 – Der Verlust der Krone
(1) Zur selben Zeit fragte Rama Vibhishana: „Nenne mir der Reihe nach die Namen und Eigenschaften jener Männer, die von der unversehrten Mauerstadt aus unsere Stärke betrachten und dabei den Himmel verdecken.“ (2) „Der dort auf dem Torturm inmitten Tilottamas und der anderen Himmelsfrauen steht, ist Ravana, der Übeltäter. Er hat den Boden bereitet, um sein ganzes Geschlecht mitten in der Hölle einzupflanzen.“ (3) Noch ehe Vibhishana etwas Weiteres sagen konnte, sprühten Sugrivas Augen Feuer. Der Sonnensohn sprang, als wäre er Hanuman, der einst die Sonne für eine rote Frucht hielt und zu ihr hinaufflog. (4) Er verließ den hellen Gipfel des Suvela und stürzte auf den mächtigen Ravana zu, um diesen Berg zu zerschmettern. Er glich seinem Vater, der mit ausgebreiteten roten Strahlen vom Aufgangsberg zum Untergangsberg eilt.
(5) Wie Wasser in eine Tiefe schoss er hinab; der goldene Torturm bebte unter ihm. Er glich Jatayu, dem Adlerkönig, der unter Tränen seinem entschlossenen Herzen folgend auf Ravana losgegangen war. (6) Die Apsaras und anderen Frauen, die ihre großen Augen glücklich auf das dunkle Meer des Erbarmens gerichtet hatten, flohen verwirrt wie Pfauenschwärme, wenn ein Blitz in ihren Berg einschlägt. (7) Der Sohn der finsternisvertreibenden Sonne stand vor Ravana wie Kailasa vor einem blauen Berg. Er glich Shiva, als dieser einst dem auftauchenden Gift entgegentrat. (8) „Warum bist du hierhergekommen?“, fragte Ravana. Ohne Antwort sprang Sugriva vor und schlug ihm mit beiden Händen in die Brust, sodass der Leib des zwanzigarmigen Weltenbezwingers erbebte.
(9) Ravana blickte ihn voller Zorn und Feuer an. Seine zwanzig Hände erhoben sich ringsum wie ein Wald und schlugen donnernd zu, als ertönte in allen zehn Richtungen zugleich ein Gewitter. (10) Wo die Finger getroffen hatten, sprang Blut aus Sugrivas Leib. Er drängte drohend heran, sprang mit wilder Kraft hoch und trat Ravana gegen seine zehn gekrönten Häupter und Gesichter. (11) Ravana ergriff augenblicklich beide Füße des Angreifers, erschütterte ihn mit vielerlei Griffen und warf ihn nieder. Wie ein Löwe einen brünstigen Elefanten bedrängt, trat er ihn auf dem verputzten Boden. (12) Sugriva umklammerte seinen Peiniger, presste dessen Leib fest zusammen und drückte ihn mit unwiderstehlicher Kraft nieder. Das frische Blut, das aus den höhlenartigen Mündern zwischen Sichelzähnen floss, schöpfte er mit der Hand und trank.
(13) Der dunkle Rakshasa packte Sugrivas goldenen Bergleib mit vielen Händen, wie eine Giftschlange mit ausgebreiteten Hauben. Voller Kampfeswut wirbelte er ihn herum, sodass die Richtungen und Berge zu brennen schienen. (14) Sugriva grub die Nägel in Ravanas Brust, griff ihn mit mächtigen Armen um die Taille und schleuderte ihn benommen in den Stadtgraben. Dabei glich er dem Zerstörer der drei Städte. (15) Der Zehnköpfige zog seinerseits den Gegner in denselben Graben. Sugriva stürzte sofort auf ihn zu. Keiner ließ los; ineinander verschlungen rollten beide in die Tiefe. (16) Sie fielen, wirbelten, zürnten und drehten sich; versanken und tauchten auf, trennten sich und hielten fest, erhoben einander und warfen sich nieder. Sie hielten inne und kämpften weiter, ohne etwas anderes wahrzunehmen.
(17) Der Graben wurde zum Meer, der erbarmungslose Ravana zum kreisenden Mandara. Der Sonnensohn, dessen Hände ihn durch den Strudel zogen, glich Vali beim Quirlen des Ozeans. (18) Blut strömte aus ihren Wunden in den Graben wie einmündende Flüsse. Dann erhoben sie sich in den Himmel wie kämpfende Raubvögel. Alle Welten flohen erschrocken. (19) Hoch am Himmel rang der Sonnensohn mit Ravana, der zugleich Wolke und Meru glich, und umklammerte dessen viele girlandengeschmückte Schultern. Er erinnerte an die Sonne, die am Himmel von einem finsteren Himmelskörper bedrängt wird. (20) Im heftigen Luftkampf umschlossen Ravanas zahlreichen Arme Sugriva und verdeckten dessen glückverheißenden Glanz. Der Rakshasa glich einer Wolke, welche die heiße Sonne verhüllt.
(21) Während Frauen mit klingenden Fußreifen schreiend zu Boden sanken und die große Stadt erbebte, sprang Sugriva wie ein gewaltiger Löwe auf den Torturm zurück. Der ganze Bau krachte. (22) „Ich werde dich fressen!“, brüllte Ravana und folgte wie eine Wolke mit blitzenden Zähnen einem niederfahrenden Donnerschlag. Er packte Sugriva bei beiden Händen. (23) Sugriva stellte sich ihm, rang ihn nieder und rieb ihn so am Boden, dass selbst Yama erschrak. Ravana hob ihn rasch auf und schleuderte ihn wie mit einer Maschine fort; wie ein Ball sprang Sugriva zurück in den Kampf. (24) Sie stießen zusammen und fuhren auseinander, ihr Zorn loderte wie ausgebreitetes Feuer. Unter ihren Schlägen gegen die Brust spalteten sich hohe Wände, Berge wurden zerdrückt und Lankas Mauern zerbrachen überall.
(25) Wie schnelle Kreisel waren ihre Leiber nicht mehr zu unterscheiden. Keiner erkannte, wann sie sich trennten oder wieder ineinandergriffen. Selbst die zusehenden Rakshasas wussten nicht, wer warf und wer getroffen wurde, und waren vom Zuschauen erschöpft. (26) Als Sugriva nicht zurückkam, geriet Rama, der Wolkenfarbige, in Verzweiflung. „Mit dir enden alle meine Vorhaben“, sagte er über seinen lebensgleichen Freund, verlor die Fassung und sank erschöpft nieder. (27) „Du Gefährte, dessen Herz mit meinem eins geworden ist! Ohne dich kann ich nicht weiterleben und handeln. Du hast die Götter ins Leid gestürzt und den Rakshasas den Sieg geschenkt. Dein Zorn hat mich vernichtet. (28) Du gerietst in die Hände eines Bösen, der göttliche Waffen und endlose Täuschungen beherrscht. Wie wirst du ihm entkommen? Selbst die sieben Welten würden mir kein Leben geben. Kehre zurück, du, der mir einst mein Leben schenkte!
(29) Ich plante eines, und etwas ganz anderes geschah. Wehe! Ich kann nicht leben und nicht einmal hören, dass du nicht mehr bist. Wenn der Böse dich tötet, hast auch du mich im großen Kampf getötet und mir bleibende Schande hinterlassen. (30) Selbst wenn ich nach der Nachricht deines Todes erst alle Rakshasas vernichtete und dann stürbe, würde man sagen: ‚Herzlos überlebte er den Freund, der ihn wie sein eigenes Leben schützte.‘ Auch das vermag ich nicht. (31) Herr, du hast uns ins Verderben geführt! Ohne dich, der mir aus Liebe unschätzbare Hilfe erwies, werde ich nicht leben. Selbst wenn alle siebzig Vellam in die Stadt zögen und keiner zurückbliebe, könnte dies meinen Schmerz stillen?“ (32) Während Rama so klagte, rang Sugriva weiter mit Ravana; keiner siegte, keiner unterlag. Schließlich riss er die Edelsteine aus dessen Kronen. Ravana schämte sich so tief, dass er lieber tot gewesen wäre. Sugriva kehrte zurück.
(33) Er legte die kostbaren Juwelen aus allen Kronen vor Ramas Füße, verneigte sich und stand beschämt beiseite. Den beiden reinen Brüdern und den siebzig Vellam des Heeres kehrte damit das Leben zurück. (34) Rama umarmte den Freund innig. Mit den Tränen seiner großen Lotusaugen wusch er das Blut aus den bis auf die Knochen reichenden Wunden und den Makel der Berührung des bösen Rakshasa ab. (35) Mit Augen, aus denen klare Tränen wie Wasserfälle strömten, sagte er: „Du hast mein Herz zerrissen! Mein Leben eilte hin und her, doch mein Leib konnte nicht folgen. Wie konnte dein sonst prüfender Geist so verwirrt werden? (36) Du mit den Schultern, härter als Stein! Hätte der Erbarmungslose dich getötet, könnte ich ihn dafür mit Pfeilregen samt den Wurzeln vernichten. Aber wäre ich trotz des Sieges nicht der Besiegte, weil ich dich überlebte?
(37) Größe, Stärke und herrliches Heldentum beruhen bei genauer Betrachtung auf der Kraft der Geduld. Du schienst Gefahr und drohende Schande zu vergessen und hättest beides vernichtet. Was dachtest du, als du dies tatest? (38) Wärest du nicht rasch zurückgekehrt, was hätten mir Sita und die Welt noch bedeutet? Ich wäre dir in den Tod gefolgt und die Welt mir. Was bliebe dann? Durch dein gewagtes Spiel hast du uns beinahe verloren gehen lassen!“ (39) Sugriva antwortete: „Ich vollbrachte nicht, was der Adlerkönig im Wald tat, und nicht die gute Hilfe Guhas in seinem Land. Obwohl ich die papageienstimmige Herrin in Not wusste, befreite ich sie nicht. Ich brachte auch nicht die zehn Köpfe; mit leeren Händen kam ich zurück. (40) Der große Feind steht noch. Ich zeigte nur einen kleinen Affenstreit; offenbar bin ich selbst ein Feind des Ruhms. Du nahmst mir meinen Gegner und gabst mir Leben und Reich. Deinen Gegner ließ ich dir bestehen und trage noch immer mein Leben umher.
(41) Sind meine armseligen Affenarme nicht schwächer als die Hauer der zornigen Richtungselefanten, die an ihm zerbrachen? Ich wollte deinen schweren Feind vor deinen Pfeilen vernichten – und kehrte mit diesem brennenden Wunsch unversehrt zurück. (42) Dein gelehrter Bote bewies den Lanzen- und Bogenträgern der großen Stadt die Kraft seines Schwanzes. Ich ging dorthin und bewies nur die Kraft meiner Beine bei der Rückkehr. Wo ist die Größe meiner Arme?“ (43) So sprach der Affenkönig vieles, senkte beschämt den Kopf und stand vor dem König der Könige. Vibhishana, dessen Schmuck wie Blitze über dem Meer glänzte, blickte beide an und sagte: (44) „Die Juwelen, die du erbeutet hast, saßen oben auf seinen Kronen. Was wäre noch höher? Sie sind ihm kostbarer als Kopf und Leben. Du hast seinen ganzen hochgewachsenen Ruhm mit der Wurzel ausgerissen!
(45) Er könnte mit dem Fuß das Haubenjuwel der Weltschlange herauskratzen. Einem solchen Mann die einzigen Hauptjuwelen seiner zehn Kronen gewaltsam abzunehmen – könnte selbst Shiva auf seinem Stier das vollbringen? (46) Selbst die Mondsichel von Shivas Haupt oder den roten Edelstein von Vishnus Brust zu rauben wäre geringer als dein Sieg, mit dem du die heiligen Kronjuwelen des Zehnköpfigen herbrachtest. (47) Was bleibt noch zu sagen, Affenkönig? Du hast dem Mann, der sein diamantenes Schwert von Shiva erhielt, die Kronjuwelen entrissen. Damit legtest du den Grundstein für den Sieg, den Rama nun vollenden wird.“ (48) Auch Rama sprach liebevoll: „Ich sage nicht, dass dies kein Sieg oder keine lobenswerte Heldentat sei. Wer außer dem Eber, der die Erde auf seinem Hauer trug, könnte so etwas vollbringen? Heute ist ein großer Sieg errungen!“
(49) Die Sonne sah die blitzenden Juwelen, die ihr einziger Sohn von Ravanas Kronen geholt hatte. Als wollte sie sie vor dem Rakshasa verbergen und weiteres Unheil verhindern, verschwand sie hinter dem hohen Berg. (50) Die Nacht kam, und Handlampen wurden entzündet; doch schon die Kronjuwelen des Rakshasa spendeten genügend Licht. Rama, dessen Schultern vor Freude über Sugrivas Sieg schwollen, stieg hinab und ging in seine Unterkunft. (51) Ravana hatte niemals eine solche Erniedrigung erlebt. „Die Götter haben es gesehen“, dachte er beschämt. Unter den Blicken der Frauen und Männer war er wie tot, ohne gestorben zu sein. Wie sein Ruhm sank auch er vom Turm hinab.
6.12 – Die Aufstellung der Heere
(1) Von Scham in die Brust getroffen, betrat Ravana seinen himmelhohen Palast; alle seine Gesichter glichen geknickten Lotusblüten. Er trank nicht, hörte keinen göttlichen Gesang, sah keinen Tanz. Er legte sich aufs weiche Lager und sagte nichts. (2) Mit scharfen Zähnen, um den verlorenen unvergleichlichen Edelsteinschmuck trauernd und aus vielen weit geöffneten Mündern schwer atmend, glich er Ananta, der von seinem Herrn getrennt ist, dem er sonst im Wogenmeer als weiches Lager dient. (3) Shardula erschien, ein Meister der Verwandlung, den selbst Mutter und Vertraute nicht erkennen konnten. Der Torwächter meldete: „Der Mann, den du zur Erkundung des feindlichen Heeres ausgeschickt hast, ist zurück.“ (4) „Rufe ihn!“ Der Kundschafter trat ein und verneigte sich. „Berichte alles, was du zuverlässig erfahren hast“, befahl Ravana. Der Weise erkannte am Gesicht des höhlenlöwengleichen Königs dessen Stimmung und begann vorsichtig, der Reihe nach zu erzählen.
(5) „Mächtiger Herr! Auf Ramas Befehl wird Hanuman mit siebzehn Vellam das Westtor belagern. Rama hat eine ebenso große Abteilung bei sich behalten und Sugriva angewiesen, sich nicht von ihm zu trennen. (6) Angada wird mit siebzehn Vellam Affen die Kämpfe am Südtor führen. Nila steht mit weiteren siebzehn Vellam und seinen Helfern vor dem Osttor. (7) Zwei Vellam hat Rama ausgesandt, Früchte und andere Nahrung für das ganze Heer herbeizuschaffen. Deinen Bruder lässt er den Zustand an allen Toren erkunden. Er selbst steht mit Lakshmana an seinem Platz. Das ist ihre Aufstellung.“ (8) Als Shardula dies berichtete, knirschte Ravana mit den Zähnen; Feuer schien aus seinem furchtbaren Blick zu strömen. „Du wirst sehen, was geschieht, wenn das Weltuntergangsfeuer auflodert! Morgen lösche ich den Schlachtstaub mit dem Blut, das aus ihren Leibern fließt.“
(9) Auf seinen Schultern leuchteten rote Blutspuren wie junges Sonnenlicht auf einem dunklen Berg. Er verließ das Blumenlager, das unter den Pfeilen des Liebesgottes gebrannt hatte und nun abkühlen konnte, und nahm einen anderen edelsteingeschmückten Sitz ein. (10) Um die nötigen Schritte geordnet zu bedenken und alle Möglichkeiten zu prüfen, ließ er die Minister aus bewährten Geschlechtern rufen. Zehn Koti Geisterwächter umgaben den so klaren Kristallsaal, dass er beinahe unwirklich erschien. (11) Er blickte die in ihrer Einsicht schwer zu ermessenden Ratgeber an: „Das Affenheer hat alle Tore umstellt. Der große Krieg ist gekommen. Unablässig bedrängen sie uns. Was denken sie sich, und was müssen wir tun?“ (12) Nikumbha sagte: „Siebzig Vellam Affen umringen die Mauer; deshalb scheinen wir nun eine besondere Maßnahme zu brauchen! Aber besitzt deine Stadt nicht tausend Vellam meeresgleicher Verteidiger, die bereit sind, jede Belagerung abzuschlagen?
(13) Wenn unsere Rakshasas mit Balken, Äxten, Keulen, Lanzen, Schwertern und breiten Dreizacken angreifen, werfen selbst die Götter ihre Waffen hin, verneigen sich und fliehen. Wie großartig muss da der Sieg sein, den Affen mit leeren Händen gewinnen wollen!“ (14) „So steht es hier!“, rief Nikumbha aufgebracht, lachte donnernd und schlug mit der Hand auf den Boden. Der ältere Verwandte dachte: „Wehe, quälende Begierde hat den König an der Wurzel verdorben“, und sprach nochmals aus Liebe. (15) „Hatte jener einen Diskus in der Hand, der hier eindrang, die Stadt verbrannte und zu Staub machte? Besitzt Sugriva etwa Dreizack, Schwert oder Lanze, der die Juwelen von diesen zehn berggleichen gekrönten Häuptern riss? (16) Bevor Ramas Pfeile von der Sehne schnellen, sollten wir die Frau mit der kaum sichtbaren schmalen Taille freigeben. Welcher andere Schutz bleibt uns Bewaffneten, als bei diesem waffenlosen Heer Zuflucht zu suchen?“
(17) Ravana blickte Mali feurig an: „Du willst mir offenbar schwere Schande bereiten. Sprich nicht solche ungeordneten, ungehörigen Worte aus einem Herzen ohne Liebe!“ So sprach der künftiger Schande Entgegengehende. Der Alte schwieg darauf. (18) „Heerführer, dessen Waffen das fette Fleisch der Kalakeyas zerschnitten! Nimm zweihundert Vellam ausgewählter Rakshasas und halte mit deinen mächtigen Angehörigen das Osttor. (19) Mahodara, du Starker, der Yamas Freude beendete! Gehe mit dem tapferen Mahaparshva und zweihundert Vellam zum südlichen Tor, zur Richtung des Todes. Tötet alle Affen am Ufer. (20) Indrajit, Feind Indras mit dem starken Bogen, was soll ich deine Größe preisen? Du hast die Wildheit des Windsohnes schon erfahren. Erreiche mit zweihundert Vellam deiner großen Krieger noch vor Tagesanbruch das Westtor.
(21) Virupaksha, du hast lange den Göttern Verderben gebracht. Gegen diese niedrigen Affen zu ziehen wäre deiner unwürdig und kein Ruhm. Bewache mit dem ursprünglichen Hauptheer und den Ministern die alte Stadt. (22) Ich selbst werde das Nordtor halten, mit zweihundert Vellam dicht gedrängter Elefanten-, Pferde-, Wagen- und Fußtruppen, die überall diesseits von Brahmas Welt gekämpft haben und nun ungeduldig nach neuer Schlacht verlangen.“ So verteilte er die Aufgaben. (23) Die beklemmende, einem Weltzeitalter gleiche Nacht verging. Wem brachte das Licht Freude – den Göttern, den vedischen Weisen, der herrlichen Sita, dem kampfstarken Rama oder dem König von Lanka? Allen brachte es die ersehnte Stunde. (24) Die Sonne ging auf wie ein Mensch, der sich aus Furcht vor einem mächtigen, erbarmungslosen Tyrannen verborgen hatte und nun hervortritt, weil er Beschützer sieht, die den Übermut des Unterdrückers brechen werden.
(25) Bei Tagesanbruch kamen die unermüdlichen Heerführer nach Ramas vorherigem Befehl zu ihren Toren und umschlossen die Mauern. Unermesslicher Staub erfüllte die Richtungen und schien sogar die hohen Meereswellen zuzudecken. (26) Das Heer sprang gegen die Mauern der alten Stadt und brüllte so laut, dass Sterne herabzufallen und die Welthülle zu zerreißen schienen. Sugriva und Lakshmana gingen voraus; Indra verehrte und pries Rama, als dieser sich erhob und aufbrach. (27) In der Stadt lag das Lanzenmeer des Rakshasaheeres, dessen Stärke selbst große Gelehrte kaum ergründen konnten. Außen lag das schwarze Meer, doch dazwischen umschloss das Affenmeer Lanka, sodass die Stadt des Übeltäters wie im Milchozean erschien. (28) Das Affenheer umgab die Stadt wie ein Netz, das Ravanas zahllose Truppen einschloss. Sie glich allen Welten zusammen, die sich beim Aufwallen der sieben Meere an einem letzten Zufluchtsort zusammendrängen.
6.13 – Angadas Botschaft
(1) Rama erreichte rasch das Nordtor. Inmitten seines insgesamt siebzig Vellam starken Heeres wartete er auf den Betrüger, sah ihn aber nicht erscheinen. „Ich habe einen guten Gedanken“, sagte er zu Vibhishana. (2) „Wir sollten sogleich einen Boten schicken und fragen: ‚Willst du die Frau freigeben?‘ Erst wenn er sich weigert, ist es unsere Pflicht zu kämpfen. Das sagt mein Herz; das ist Dharma und gerechte Ordnung.“ So sprach die Wohnstatt des Erbarmens. (3) Vibhishana antwortete: „Das ist vortrefflich.“ Sugriva sagte: „Es ziemt einem siegreichen König.“ Lakshmana aber widersprach: „Solches Mitleid ist jetzt verfehlt. Welche Sprache bleibt uns außer den Pfeilen?“ (4) „Er sperrte die Herrin ein, bedrängte die Götter, brachte Brahmanen Leid, erschlug und fraß Lebewesen. Grenzenlos in seiner Gier, beherrschte er alle Welten und raubte Indras Reichtum. Er geht auf einem Weg, der kein rechter Weg ist.
(5) Er trennte dich durch törichten Zauber von deiner Frau und stürzte dich in grenzenloses Leid. Deinen väterlichen Jatayu, dessen Leben Weltzeitalter hätte dauern können, tötete er, als dieser aus Mitleid mit der Hilflosen allein gegen ihn kämpfte. (6) Wenn du ihm nun das Leben schenkst, sobald er Sita freigibt, was wird aus deinem Wort an den Schutzsuchenden: ‚Solange mein Name besteht, bist du König des alten Lanka‘? Was wird aus deinem früheren feierlichen Versprechen? (7) Selbst wenn deine auf heilige Askese gerichtete Barmherzigkeit all dies vergessen ließ oder du angesichts von Lankas Reichtum seine Vernichtung bedauerst: Bei genauer Prüfung ist der Krieg das Beste.“ Rama lächelte. (8) „Ich habe nichts vergessen, und das Ende wird so kommen. Doch wäre es gut, die von weisen Kennern erforschte Ordnung der Staatskunst zu verlassen? Auch wer starke Arme besitzt, soll geduldig handeln. Darin liegt der Weg zum Sieg und ebenso der Dharma.“
(9) „Wenn Hanuman wieder geht, werden sie meinen, wir hätten keinen anderen starken Mann. Wer ist geeignet? Angada genügt. Selbst wenn die Feinde Gewalt anwenden, vermag er unversehrt zurückzukehren.“ (10) Alle stimmten zu. Rama rief Angada: „Mein Lieber, gehe zum Feind und bringe uns seine Entscheidung zwischen den beiden Möglichkeiten.“ Unter dieser Gunst schwollen Angadas goldene Schultern höher als Berge. Wie groß muss erst seine Freude gewesen sein! (11) „Was soll ich ihm sagen?“ Rama antwortete: „Soll er die geschmückte Frau freigeben und sein Leben bewahren? Oder soll er aufs Schlachtfeld kommen, damit seine zehn Köpfe in Stücke zerfallen? Er muss sich für eines von beiden entscheiden. (12) Versteckt und zurückgezogen hinter Befestigungen zu leben, ist weder gerecht noch schön für einen Helden, weder mannhaft noch dem Kriegerweg gemäß. Wenn er uns mit Pfeilen in der Brust entgegentreten will, soll er herauskommen und kämpfen.“
(13) Angada verneigte sich zur Erde und flog wie ein Löwe am Himmel, schnell wie ein Pfeil aus Ramas Bogen. Er freute sich: „Ich erhielt das Wort: ‚Wenn nicht Hanuman, dann du.‘ Wer kann sich nun mit mir vergleichen?“ (14) Der gehorsame Bote dessen, der sein Meereslager verließ und in Ayodhya erschien, überwand die scharf blickenden Rakshasas und die selbst der Sonne unzugänglichen Mauern, höher als Meru. Er drang in Lanka ein und erreichte Ravanas Sitz. (15) Die Umstehenden bekamen vor Angst Tränen in die Augen: „Ist das Hanuman?“ Sie verneigten sich. Angada sah Ravana sitzen, während Berichte der Heerführer von allen Kampfabschnitten in die Ohren seiner vielen Gesichter drangen. (16) Staunend dachte er: „Wir haben Steine und Bäume und rühmen uns, ein bescheidenes Meer überquert zu haben. Aber gibt es einen Tod, der diesen bezwingen könnte? Wer widersteht dem Träger dieser strahlenden Waffen? Ja – Rama besitzt seinen Bogen.
(17) Jetzt, da ich ihn sehe, erkenne ich: Nur der, der meinen Vater mit einem einzigen Pfeil in die Brust tötete – meinen Vater, der Ravana im Kampf besiegt hatte –, kann ihm etwas anhaben. Was vermöchten andere, denen ihr Leben lieb ist? (18) Wer könnte ihn töten, außer der Begierde nach jener Frau, die auch ohne Schmuck schön ist? Und mein väterlicher Sugriva ist wahrhaft stärker als alle: Wie Garuda eine Schlange packt, ergriff er diesen Mann und entriss ihm die Kronjuwelen.“ (19) Nach solchen Gedanken trat der Bote Ramas vor den grausamen Löwengleichen. Ravana erschien wie ein weites Meer mit blitzenden Kronen, als hätten Feuer, Gift und Tod gemeinsam Hände und Füße angenommen. (20) Ravana hob den feurigen Blick: „Wer bist du, der heute hierherkommt? Was ist dein Auftrag? Sprich deutlich, bevor diese Männer dich töten und fressen!“ Valis starker Sohn lachte, seine hellen Zähne blitzten.
(21) „Ich bin der Bote dessen, der Herr der Elemente, der meerumgürteten Erde, Sitas, aller übrigen Götter, der Veden, die du rezitierst, und selbst des höchsten Schicksals ist. Ich bin gekommen, seine aufgetragenen Worte zu überbringen.“ (22) Ravana lachte: „Du meinst also weder Shiva noch Vishnu noch Brahma, sondern den Menschen, der Affen versammelte, einen Damm durch die Meeresgrube baute und dennoch klagt? Der dich schickt, noch einmal nachzufragen – dieser soll Weltherr sein?“ (23) „Nicht einmal Shiva mit Ganga und Mondsichel oder Vishnu mit Muschel und Diskus kommen in diese Stadt. Wer bist du, dass du furchtlos als Bote eines Menschen hierhertrittst und so sprichst?“ (24) Angada antwortete: „Ich bin der Sohn Valis, des Indrasohnes. Einst wickelte er einen gewissen Ravana mitsamt dessen schönen Schultern in seinen Schwanz und sprang mit ihm über Berge. Mit dem Mandara quirlte er das Meer, damit die Götter Nektar trinken konnten.“
(25) Der listige Ravana sagte: „War dein Vater nicht mein Freund? Der hohe Dharma selbst ist Zeuge dafür. Welche größere Schande gäbe es, als Bote seines Mörders zu werden? Ich gebe dir die Herrschaft über die Affen. Gut, dass du unverzüglich kamst, mein Sohn! (26) Du entgehst damit dem Vorwurf: ‚Töricht trug er seinen Kopf hinter dem Mörder seines Vaters her und ließ die Arme herabhängen.‘ Ich habe Sita gewonnen und nun auch dich als Sohn. Was wäre mir noch schwer?“ So sprach er an der Schwelle seines Endes. (27) „Die Menschen werden heute oder morgen gewiss sterben. Ich gebe dir dein Reich; herrsche für ein Weltzeitalter! Auf einem goldenen Löwenthron, unter dem Lob der Götter, werde ich selbst dich zum König krönen.“ (28) Angada schlug die Hände zusammen und lachte, sodass seine hohen Schultern, seine Brust und ganz Lanka bebten. „Dein Bruder kam von euch zu uns, weil er erkannte, dass alle hier ihrem Ende entgegengehen.
(29) Willst du mich durch angenehme Worte gewinnen? Als Bote zu kommen und dafür ein Reich anzunehmen, wäre Hundeart. Sollte ich eine Herrschaft von dir empfangen? Dann könnte ebenso ein Löwe ein Königreich von einem Hund annehmen!“ Er lachte. (30) „Ich werde dich töten!“, brauste Ravana auf. Doch er dachte: „Soll ich gegen einen Affen wirklich eine strahlende Waffe richten?“ Dann sagte er: „Bote der dem Tod Verfallenen! Wenn du entschlossen bist zu sterben, sage endlich deinen Auftrag.“ (31) „Der Herr, dessen Erbarmen nie endet, rief mich und befahl: ‚Sage dem Sünder, der sein ganzes Geschlecht vernichtet und sich aus Furcht hinter Mauern verbirgt: Gib die Herrin frei! Sonst tritt mir im Kampf entgegen und gib dein Leben auf! (32) Als ich deine Großmutter den Geiern überließ, als dein geliebter Onkel mit seinen Kriegern fiel und als deiner Schwester im Wald Ohren, Brüste und Nase abgeschnitten wurden, kamst du nicht. Welches Heldentum willst du jetzt noch zeigen?
(33) Du sahst, wie deine Brüder samt Verwandten und Heeren wie schädliches Unkraut ausgerottet wurden. Dennoch locktest du meinen jüngeren Bruder durch List fort und raubtest die Frau. Wirst du jetzt wirklich zum offenen Kampf kommen? (34) Der Bote sah die Herrin, vernichtete seine Gegner, zerrieb deinen Sohn wie Salbenpaste am Boden, verbrannte deine Stadt und sprang vor deinen Augen über das Meer zurück. Du kamst nicht. Wirst du jetzt kämpfen? (35) Ich schenkte deinen Spionen das Leben und entlarvte ihre List; Varuna kam und verneigte sich; deinem Bruder gab ich die Herrschaft mit dem unbesiegten Königsschirm; das Meer wurde überbrückt. Du kamst bei keinem dieser Ereignisse. Wirst du nun erscheinen? (36) Gestern entriss dir ein tigerstarker Held vor den besiegten Göttern und deinen lotusgesichtigen Frauen die Juwelen deiner Kronen. Selbst danach kamst du nicht. Besitzt du noch die Haltung eines Kämpfers?‘
(37) Diese Worte sollte ich dir überbringen. Prüfe und entscheide, was dir angemessen ist. Willst du dein Heil, gib die dichtlockige Frau frei, verneige dich und lebe. Willst du mit deiner Sippe sterben, folge mir hinaus durch das Tor!“ (38) Um Ravanas Stolz zu treffen, fügte Angada hinzu: „Du kämpftest gegen Wesen des Wassers, des Feuers, der weiten Erde und des Himmels und ließest sie fallen. Nun versteckst du dich und gehst in deiner eigenen Stadt zugrunde – das wäre Schande!“ (39) Bei diesen Worten geriet Ravana in einen Zorn, der alles Leben zu verschlingen schien. Vier Rakshasas befahl er: „Packt ihn sofort und schleudert ihn auf die Erde!“ (40) Sie ergriffen Angada, doch er sprang mit ihnen empor. Mit einem Schrei schleuderte und zerschmetterte er sie am Torturm, sodass ihre Köpfe zerbrachen. Dann rief er:
(41) „Ihr Hilflosen, sucht Sicherheit! Bevor die rauchenden, glühenden Pfeile des Helden wie brennende Blitze niederfallen, geht hinaus! Flieht aus der Stadt!“ Damit brach er auf. (42) Brüllend erhob er sich in die Luft, sein Leib vom verspritzten Blut der Feinde bedeckt. Wie der Mond, der vom Himmel herabsteigt, kehrte er zurück und verneigte sich vor Ramas Füßen. (43) Rama fragte: „Berichte mir alles über seine Absicht.“ Angada antwortete: „Wozu eine lange Erklärung? Erst wenn die gekrönten Köpfe des Törichten abfallen, wird seine Begierde enden.“
6.14 – Der erste Kampf
(1) „Nun bleibt nur der Kampf!“ So sollten die Trommeln in allen Richtungen verkünden. Rama befahl, die Truppen gemäß den Lagertrommelsignalen an jedem Tor geordnet aufzustellen. (2) „Ergreift die übrigen Berge und Bäume und werft sie mit euren beim Überbrücken des Meeres erprobten Händen hinein. Füllt den breiten Graben, der die befestigte Stadt umgibt! (3) Legt überall Bäume nieder und sperrt alle Wege. Ruft: ‚Kommt zum Kampf!‘ Eilt jetzt und nehmt die Kronen der hohen Mauern ein, über die selbst die Sonne nicht zieht!“ (4) Das löwengleiche Affenheer trug große Berge und Bäume heran und begann den meeresgleichen Graben zu füllen. Die Krokodile flohen, und das Wasser stieg hoch.
(5) Als die siebzig Vellam den Graben wie ein achtes Meer zuschütteten, drang das klare Wasser durch die Tore in die Stadt und umgab sie, als wolle auch diese Flut den Angreifern helfen. (6) Mit starken Händen rissen die Affen die weit geöffneten Lotusbestände samt ihren Wurzeln heraus – als wollten sie zugleich die letzten Keime von Ravanas sieggewohntem Ruhm ausreißen. (7) Bienen sangen hohe und tiefe Töne über den pollenreichen Wasserflächen. Als die Affen sprangen, flogen die Schwäne von den langstieligen Lotussen auf, und die Valai-Fische schnellten aus dem Wasser. (8) Aus den langen blauen Wasserlilien floss Nektar. Der Graben selbst schien zu weinen, weil Ruhm und Größe des verächtlich handelnden Ravana dahinschwanden.
(9) Die Stängel der grünen Lotusse wurden abgerissen; der Gesang der Bienen brach ab, und sie flohen mit ausgebreiteten Flügeln. Die Schwäne trugen ihre Eier im Schnabel davon. (10) Gestrüpp, große Bäume, Berge und herabfallender Staub drängten das Wasser zusammen. Aus dem angeschwollenen Graben strömten zahlreiche neue Flüsse zum brausenden Meer. (11) Bei jedem hineingleitenden Felsblock bildeten sich wirbelnde Strudel. Die dazwischen auftauchenden honigreichen Lotusblüten glichen Frauengesichtern, die nach dem Untertauchen wieder über das hohe Wasser steigen. (12) So füllten die Affen den uralten, einzigartigen großen Graben des Zehnköpfigen. Gibt es überhaupt eine feste Grenze für Mangel, Besitz und die Stärke irgendeines Wesens?
(13) Nach dem Zuschütten rissen die Affen weitere Äste aus und vollendeten damit den Damm. Sie ergriffen die Kanten der wie aus einem Guss gebauten Mauer und brüllten, sodass Meer und Wolken erschraken. (14) Die Mauer ragte wie ein kreisförmiger Meru bis zum Scheitel des Himmels. Die hinaufgestiegenen, himmelberührenden Affen erschienen oben wie entfaltete weiße Siegesbanner. (15) Es war nicht einmal nötig, die Mauer eigens zu zerbrechen. Unter dem Gedränge der Helden, die schwer wie die edelsteinreichen Felsen des Meru waren, konnte sie die Last nicht tragen und sank in den Boden. (16) Große Kriegstrommeln erschollen. Elefantenbanner verdeckten den weiten Himmel; dichter Staub engte die Richtungen ein. Der Lärm des aufbrechenden Rakshasaheeres stieg empor und erfüllte das Firmament.
(17) Muschelhörner ertönten, Schmuckgirlanden klirrten, die Halsketten der kampflustigen Pferde rasselten. Ringsum läuteten die Glocken der großen Juwelenwagen, und die brünstigen Elefanten trompeteten. (18) Die Zeit war reif, das alte Rakshasageschlecht an der Wurzel zu vernichten und allen anderen Geschlechtern Leben zu schenken. Vom Schicksal an diesen entscheidenden Augenblick geführt, stießen die Heere stolz aufeinander. (19) Das Meer der Affen rückte mit mächtigen Bäumen und Felsblöcken vor. Das andere Heeresmeer trug Bogen, lange Lanzen und vielerlei strahlende, grausame Waffen. (20) Pfeile zertrümmerten die Steine und zersplitterten die verzweigten Stämme. Als die Scharen rotglänzender Lanzen vorwärtsflogen, wurden auch die großen duftenden Bäume vernichtet.
(21) Die Steine der mächtigen Affen zerschmetterten die Köpfe der Betrüger. Hirn quoll durch Mund, Ohren und die schlangenhöhlenartigen Nasen. (22) Die Pfeile aus den Bogen der finsteren Rakshasas trafen die Affen. Blut und ausgeschlagene Zähne strömten hervor; mitsamt ihren Felsblöcken rollten die Verwundeten nieder. (23) Von der merugleichen Mauer schleuderten die siegreichen Affen Steine. Wie Scharen von Blitzen, die Berge treffen, raubten sie den Bösen das Leben. (24) Die glänzenden, breiten Lanzenspitzen der glühend blickenden Rakshasas durchbohrten die entgegenstürmenden Affen, durchdrangen die Mauerbereiche und versanken tief im Boden.
(25) Die zornigen Affen bissen, schlugen, packten Hälse und rissen sie mit scharfen Nägeln auseinander. Sie zerschmetterten und schleuderten ihre Gegner und töteten unzählige Rakshasas. (26) Die grausamen Rakshasas warfen und schossen, schlugen mit schweren Stachelkeulen und stießen scharfe Waffen in die Leiber. Unter ihrem Andrang schrumpften die Scharen der Affenhelden. (27) Die blutgetränkte goldene Mauer erschien wie aus Korallen errichtet. Blutströme trugen Berge feuchter Leichen mit sich zum salzigen Meer. (28) Lärmende Aasvögel strömten herbei und drängten sich am Himmel. Über Lanka, das selbst Indra schwer erobern konnte, schienen sie einen Baldachin auszubreiten.
(29) Vor den abendroten, wie Feuer glühenden Blutfluten tanzten dunkle kopflose Rümpfe. Hier und dort hoben sie noch ihre Arme. (30) Die Vögel badeten im Blut und spritzten es von ihren ursprünglich andersfarbigen Flügeln ab. So verloren die bunten Banner ihre Farben und wurden sämtlich rot. (31) Frisches Blut floss über die große Mauer. Die Affen verließen sie und stiegen hinab wie ein Meer, das über den Meru gestiegen wäre und nun wieder zur Erde zurückströmte. (32) Die Fluten der grimmigen Rakshasas besetzten Brustwehren, Mauern, Verteidigungsmaschinen, Tore, Sperrwerke und Wachtürme und füllten sämtliche Anlagen.
(33) Viele Affen schwammen durch das ausgebreitete Blutmeer. Andere sanken im Gedränge unter Pfeilschüssen erschöpft nieder; einige wandten sich zur Flucht. (34) Als das Affenmeer zurückwich, jubelte das Waffen speiende feindliche Heer wie der Ozean am Zeitenende, wenn die drei Welten gemeinsam darin vergehen. (35) Trommeln, Muschelhörner, Kriegshörner und kleine Schlaginstrumente ertönten zusammen mit den Bogensehnen. Ihr gewaltiger Lärm brachte selbst das Wogenmeer in Verwirrung. (36) Da strömte das Heeresmeer durch die himmelhohen Tore hinaus, als käme es aus den vier Gesichtern Brahmas, des Schöpfers aller Welten.
(37) Die Elefanten drängten durch die acht Wegmaße breiten Tore wie springende Berge. Banner verfingen sich ineinander; mit ihren Schritten zerbrachen die dreifach brunsttriefenden Tiere die ihnen entgegengestellten Balken. (38) Die hohen goldenen Wagen jagten wie der Sturm am Weltende über den vom Elefantensaft aufgeweichten Boden. Immer wieder zermahlten sie selbst den diamantfesten Untergrund zu Staub. (39) Die Pferde stürmten durch das Mauergewand der Stadtgöttin Lanka, das die mächtigen Affenschultern beschädigt hatten. Es war, als tränken sie die springenden Meereswellen und spien sie wieder aus. (40) Die Fußkämpfer erschienen wie sämtliche Nächte seit Erschaffung der Welt, zu einem einzigen langen Dunkel versammelt, oder wie zahllose wiederkehrende Abenddämmerungen.
(41) Der Staub stieg ohne Rückkehr empor, erleichterte scheinbar die Last der Weltschlange, verdeckte den Zugang zur höchsten Welt und ließ selbst die festen Richtungen zurückweichen. (42) Unter dem dichten Andrang der Rakshasas geriet das große Affenheer in Unordnung. Es wich zu Sugriva zurück, der voller Zuversicht die heftige Schlacht erwartete. (43) Sugriva sah die Erschöpfung seines zurückgedrängten Heeres und die Größe der heranstürmenden Feinde. Sein Herz entbrannte, seine Augen sprühten Feuer; er ergriff einen mächtigen Mara-Baum. (44) Er trat Elefanten, Pferden, Streitwagen und Fußkämpfern entgegen. Jedem Gegner schien er unmittelbar gegenüberzustehen, wie damals Hanuman allein auf dem hohen Torbogen.
(45) Mit dem massiven Baum schlug er zu, brach Elefanten, Pferden und Rakshasas die Beine und stürzte glänzende Juwelenwagen um. Aus tiefen Wunden floss heißes Blut. (46) Als ihr König voranging, griffen die Affenhelden wieder an. Mit den grausamen Rakshasas vermischten sie sich erneut in der tosenden Schlacht. (47) Unzählige Betrüger wurden von Steinen getroffen und zerbrachen. Ebenso zahllos waren die Affen, deren Leiber von den grausamen Pfeilen der Bogen zerrissen wurden. (48) Die Affen richteten sich mit Felsen zum wütenden Kampf auf. Die Leben der von ihnen überwältigten und getöteten Gegner drängten in Scharen zur ihnen bestimmten nächsten Stätte.
(49) Geisterscharen sangen; verstümmelte Rümpfe tanzten auf vielerlei Weise. Keusche Frauen wateten durch die zum Meer fließenden Blutströme und suchten die Körper ihrer Männer. (50) Gefallene Elefanten erfüllten die verderblichen Blutflüsse wie dunkle Wasserlilien. Pfeile regneten in Strömen; das unbeschreiblich große Affenheer erlitt Verluste, und überall floss rotes Wundwasser. (51) Unter den Händen der erbitterten Affenhelden endeten die Lebenszeiten vieler Gegner; ihr Blut schoss hervor. Das Elefantenschlachtfeld wurde verwüstet, und das Rakshasaheer wich zurück. (52) Als seine Truppen zurückwichen, stürmte der scharfäugige Rakshasa auf seinem schnellen Wagen heran. Hinter ihm folgten Aasvögel; er glich einem Schiff, das durch das Meer fährt.
(53) Er griff an und überschüttete das Affenheer mit einem gewaltigen Regen scharfer Pfeile. Selbst Indra und die übrigen Götter erschraken. Bekümmert blickte Sugriva auf die Verwüstung. (54) Dann sprang er auf den Wagen des Betrügers, der von mächtigen Pferden gezogen wurde. Er zerstörte dessen Schulterköcher und Bogen, zerschmetterte den Leib und sprang weiter. (55) Vajramushti fiel wie ein zusammenbrechender Berg. Die übrigen Rakshasas verloren jeden Zusammenhalt und wandten sich zur bannerreichen Stadt. Die Affen jubelten wie aufbrandende Wellen. (56) Am Osttor erhoben sich die grausamen Rakshasatruppen wie das Meer beim Weltuntergang. Die sie umgebenden Affenhelden drängten zusammen und prallten auf sie.
(57) Dreizacke, Schwerter, Lanzen, Wurfspieße, Scheiben und Pfeile regneten nieder. Unter dem Angriff der giftgleichen Rakshasas wurden den Affen Beine und Schwänze abgetrennt. (58) Die siegreichen Affen schleuderten Berge und mächtige Bäume. Als diese wie der grausame Tod einschlugen, zerstreuten sich die Rakshasas; Pferde und Elefanten stürzten tot nieder. (59) Mit Keulen, Schwertern, Lanzen, Wurfscheiben und Pfeilen erhoben sich die Rakshasas erneut. Tiefe Wunden öffneten sich; blutüberströmt liefen die Affenhelden auseinander. (60) Nila, der Feuersohn, riss einen tief und weit verwurzelten Mara-Baum aus der Erde. Wie das Feuer am Zeitenende schwang er ihn und zermalmte die feindlichen Truppen.
(61) Wagen, Lenker, Pferde, rotstirnige wolkengleiche Elefanten, Yalis und Löwen schlug er zu Boden. Das Blut der frischen Wunden füllte selbst das Meer. (62) Als die Rakshasas vor der Verwüstung ihres Schlachtfeldes erschrocken flohen, trat ihr Heerführer Kumbhanu heran. Seine langen Pfeile zerschnitten das Affenheer. (63) Idumban, der Bärenführer, dessen Macht die acht Richtungen beklommen machte, sah es. Wie ein gewaltiger Sturm erhob er sich, nahm einen großen Berg und stürmte zornig entgegen. (64) Noch bevor die abgeschossenen Pfeile herabfielen, schleuderte Idumban seinen Berg. Kumbhanus Bogen, Wagen, schnelle Pferde und Lenker wurden vollständig zerschmettert.
(65) Nachdem Wagen und Bogen zerstört waren, sprang der Krieger, der einst die Götter zur Flucht zwang, wie ein Blitz aus einer Wolke herab. Unter seinem zornigen Satz riss die Erde auf. (66) Kumbhanu sprang vor und schlug Idumban mit diamantfester Hand gegen die Brust. Dieser erwiderte den Stoß, packte seine mächtigen Schultern und drückte den gekrönten Kopf nach unten. (67) Er stemmte beide Füße gegen dessen Hüften und zog mit den Händen an den Schultern, bis der berggipfelgleiche Kopf zusammengedrückt wurde. Das Hirn platzte hervor, und er warf den Toten nieder. (68) Als sein Truppenführer fiel, füllte sich Prahastas Herz mit Schmerz. Der Sohn Sumalis, dessen Erscheinung einer uralten dunklen Wolke glich, ergriff seinen starken Bogen.
(69) Er spannte ihn und ließ die Sehne erklingen, sodass das Affenheer erschrak. Ohne Unterbrechung schickte der Breitschultrige leuchtende Pfeile wie einen schweren Dauerregen. (70) Hunderte und Tausende Pfeile trafen gleichzeitig an verschiedenen Stellen. Das große Affenheer zerstreute sich überall. Nila sah es und wandte sich zornig gegen ihn. (71) Wie der Tod schleuderte er einen Berg gegen den Feind und verwüstete dessen Heer. Doch unter dem Pfeilregen des siegreichen Bogenschützen zerfiel der Berg in hundert Stücke. (72) Nila riss einen weiteren Mara-Baum samt Wurzeln aus und schleuderte ihn wie einen Donnerschlag. Bogen, Banner und der von schnellen Pferden gezogene Wagen zerfielen zu Staub.
(73) Ohne Wagen und Bogen sprang Prahasta mit seiner schweren Keule zur Erde. Er glühte wie ein aus der Wolke fahrender Blitz und stürmte wie die Sonne ohne ihren Wagen heran. (74) Mit zusammengepressten Lippen und feurigen Augen näherte er sich. Nila sprang ihm zornig entgegen, hob ihn mitsamt der Keule auf und warf ihn hoch in den Himmel. (75) Unter Nilas Triumphgeschrei wurde der Rakshasa emporgeworfen. Er kehrte herab und traf den heiligen Feuersohn mit der Keule, sodass Blut floss. Die Herzen der Götter bebten. (76) Nila ermüdete unter dem Schlag nicht. Er entriss dem Gegner die Keule, warf sie fort und schlug mit einer Hand zu: „Beenden wir diesen Kampf!“ Prahasta spie Blut, als hätte er es zuvor getrunken.
(77) Trotz des aus seinem Mund fließenden Blutes fürchtete sich der Rakshasa nicht. Unversehens schlug er Nila gegen die berggleiche Brust. Der erbitterte Kampf zwischen beiden lässt sich kaum schildern. (78) Nila umschlang den Rakshasa mit dem Schwanz und schlug mit seinen langen Händen auf Schultern, Brust und Stirn. Wie ein zerbrochener großer Berg fiel Prahasta nieder. (79) „Prahasta ist tot!“, erkannten die Götter und jubelten. Die Rakshasas mit den struppigen roten Haaren und weißen Zähnen brachen auseinander und flohen in ihre alte Stadt. (80) Am Südtor fiel der goldgeschmückte Suparshva. Als die Nachtwandler den bergschultrigen Angada vor sich stehen sahen, wagten sie keinen Widerstand mehr und flohen.
(81) Am mächtigen Westtor erhoben sich zweihundert Vellam und der starke Durmukha mit Kriegsgeschrei. Unter der Hand des Windsohnes, die zum Tod wurde, fanden sie ihr Ende. (82) Die Boten, die die Kämpfe an den einzelnen Toren gesehen hatten, liefen zu Ravana. Sie verneigten sich, senkten die Köpfe und sagten: „König, höre!“ (83) „Am Osttor ist dein meeresgleicher Heerführer, der selbst am Weltende noch Siege errungen hätte, in den Staub gesunken. Sein Leben ist zum Himmel gegangen.“ (84) „Am großen Südtor rückten die zornigen Rakshasas mit siegreichen Lanzen vor. Dort starb Suparshva. Wohin die übrigen heute geflohen sind, wissen wir nicht.“
(85) „Am Nordtor fiel Vajramushti, am Westtor der berggleiche Durmukha. Mit fünfzig Vellam unbezwinglicher Krieger wurde unser Heer zerschlagen.“ (86) Die Worte drangen wie ins Feuer gegossenes Ghee in Ravanas Herz. Seine Zornesglut wuchs; durch die Augen schossen Flammen. Immer wieder stand er schwer atmend da. (87) Er fragte erneut: „Wer nahm ihm das kostbare Leben? Sagt es genau!“ Die Boten antworteten: „Nila, dessen Ruhm alle Richtungen erfüllt, vernichtete sein großes Heer und trat ihm selbst entgegen. (88) Beide führten alle erlernten Kampfarten aus. Schließlich schlug Nila ihm mit seiner langen Hand gegen die Stirn. Unter diesem Schlag starb er.
(89) Von den Rakshasas, die mit ihm gezogen waren, sind nur wir in die Stadt zurückgekommen, Herr.“ Während sie sprachen, biss Ravana mit seinen Hauern auf die Lippen; alle Richtungen schienen zu brennen. (90) Der Grausame blickte die Rakshasas an seiner Seite durchdringend an und wiederholte: „Er mit seinen gewaltigen Waffen ist also durch einen Affen gefallen, der mit Ästen kämpft!“ (91) „Er bezwang Indras Herrschaft und starb zuletzt durch einen Affen! Diese grausamen Worte verbrennen meine Ohren und mein Herz stärker als Feuer. (92) Der dem sonnenumkreisten Berg glich, wurde heute von einem grasgleichen Affen erschlagen. Ist es vernünftig, einen Feind oder loderndes Feuer als gering zu verachten?
(93) Doch lassen wir das.“ Er befahl den Bogenträgern: „Zieht mit dem großen Heer seiner weinenden Angehörigen aus und verhindert weitere Bedrängnis!“ (94 [Quellennummer: 94]) Der Bezwinger Kailasas überschaute die Schlacht. Seine Augen glühten wie offene Wunden; zornig bestieg er einen ausgewählten mächtigen Streitwagen. (95) Tausend Pferde zogen diesen Wagen. Er dröhnte wie das dunkle Meer und hatte alle Götterreiche durchfahren. Einst hatte der unterlegene Indra selbst ihn Ravana übergeben. (96) Ravana verehrte seinen mörderischen Bogen und nahm ihn in die linke Hand. Was lässt sich vom Klang seiner langen Sehne sagen? Er hätte selbst dem Tod das Leben nehmen können.
(97) Er ergriff unzählige göttliche Waffen, die niemals an Götterbrüsten zerbrochen waren, legte einen Panzer um die breite Brust und schmückte sich mit der Tumbai-Girlande des Kampfes. (98) Die bewegten Wedel glichen Wasser und Schaum eines großen Meeres. Unter seinem weißen Perlenschirm erschien er wie eine hohe dunkle Wolke unter dem Vollmond. (99) Trommeln wurden geschlagen und Muschelhörner geblasen. Das Muschelmeer schäumte, die Götter schwitzten vor Furcht, und der Himmel schien unter dem Dröhnen zu zerreißen. (100) Umgeben von Wagen, Pferden und Kriegern erschien Ravana inmitten des gewaltigen Heeres wie Meru, wenn am Weltende die sieben Meere gegen ihn drängen.
(101) Sein altes Banner trug zwar die Vina der sieben Töne, doch es erfüllte alle Richtungen wie Yamas Zunge, die am Weltende sämtliche Welten in den Rachen zieht. (102) Die Götter, die gekommen waren, den Kampf und das Überschreiten des bergreichen Rakshasameeres zu sehen, gerieten in höchste Unruhe und zerstreuten sich am hohen Himmel. (103) Der schwarze Rauch aus Ravanas Augen umhüllte seine dunklen Rakshasas. Ihr rotes Haar wurde davon weiß; so verändert erschienen sie, dass selbst ihr Anblick Zweifel weckte. (104) Die hohen Wagenbanner, die von Händen getragenen Fahnen und die Elefantenstandarten streiften den Himmelsfluss und die Wolken, als könnten sie deren Wasser aufsaugen und trocknen.
(105) Tausend Koti Geister folgten und trugen glänzende Waffen. Zweitausend hohe, mit leuchtenden Juwelen besetzte Ersatzwagen standen ebenfalls bereit. (106) Während das bisher kämpfende Heer erschöpft zurückwich, drängten kampferprobte Rakshasas mit Gebrüll zusammen. Ravana erschien, dessen Siegesmacht über alle drei Welten hinausgereicht hatte. (107) Die Boten meldeten Rama: „Der Rakshasa von bösem, niedrigem Tun ist zornig auf das weite Schlachtfeld gekommen. Sein Heer gleicht dem brausenden dunklen Meer.“ (108) Als Raghava hörte, dass der Räuber Sitas zum Kampf erschienen sei, wich die durch Trennung verursachte Schwäche aus seinen Schultern. Sie schwollen in heldenhafter Kraft.
(109) Er band sein Bastgewand fest um die Hüften und befestigte darüber das leuchtende diamantene Schwert. So erschien der, den erst Menschen schauen, die das Ende aller bindenden Handlungen erreicht haben. (110) Er legte Heldenringe um seine schönen roten Füße. Sie wirkten, als hätten die wunderbaren Veden, die einst die Füße des kleinen Zwerges erreichten, sich freudig über alle zehn Zehen ausgebreitet. (111) Den großen Panzer, der einem sternenbesäten Himmel glich, schnürte er fest um die Brust. Dachte er dabei, Lakshmi könne keinen Schmerz erleiden, weil sie seine heilig gezeichnete Brust verlassen hatte? (112) Als er den schönen Armschutz um seine lotusrötliche Hand und den Unterarm legte, war es, als umschlänge eine dunkle große Schlange einen Zweig des Wunschbaumes.
(113) Seine Finger erhielten passende Schutzkappen. Sie glichen Bienen, die auf jedem Blatt eines roten Lotus sitzen, der selbst mitten in tiefster Nacht unvermindert blüht. (114) Er hängte den unerschöpflichen Köcher um. Seine Pfeile waren endlos wie die Worte makelloser Dichter, die das Meer der Schriften und die vielfältigen Sprachen der Welt durchdrungen haben. (115) Er band ein rotglänzendes Stirnband um wie einen Blitz in dunklen Regenwolken. Mit Athi-Blättern, Tulasi und Tumbai-Blüten schmückte er sich zur Schlacht. (116) Wenn er selbst die Welt, alles Leben, die inneren und äußeren Grundlagen und die Veden ist – was bliebe dann außerhalb seiner? Wir wissen es nicht. War allein der Bogen, den er ergriff, noch etwas anderes?
(117) Er erschien mit dem mächtigen Heer, während Erde und Himmel frische Blumen streuten. Der Meeresfarbige schien zusammen mit dem großen weißen Milchozean, seinem Lager, heranzukommen. (118) Er erreichte Lakshmana an der Spitze der Nachhut. Der Bogenträger erschien wie Rudra am Weltende, der alle sieben hohen Welten in Brand setzt. (119) Das sieben Meeren gleiche Rakshasaheer und die Flut der Affen mit blitzenden Zähnen kämpften auf dem grausamen Feld, als wollten sie selbst Yama neue Formen seines Handwerks lehren. (120) Köpfe wurden abgetrennt, Eingeweide ergossen sich, Wagen zerbrachen, Pferde und Männer wurden zerschnitten. Leichenberge häuften sich; die Erde hob sich unter ihrer Last, und Blutfluten breiteten sich aus.
(121) Unter den Schlägen beider Affenhände zerbrachen Pferdebeine und harte Hufe. Fäuste zertrümmerten Rakshasabrüste; Blut floss wie durch große geöffnete Bewässerungskanäle. (122) Die Haufen lagen so dicht, dass Süd und Nord nicht mehr zu unterscheiden waren. Affenleichen glichen Goldbergen; die toten Rakshasas glichen Felsmassen und dunklen Wolken. (123) Da ließ Ravana mit feuerspeienden Augen seine Bogensehne unter dem geschützten Finger erklingen. Selbst die Götter erschraken; die Affen zerstreuten sich in sämtliche Richtungen. (124) Einige flohen wie Schlangen beim Donner, andere starben schon vor Schreck. Manche zitterten oder schluchzten; einige wälzten sich noch lebend auf dem Schlachtfeld.
(125) Was soll man schildern, wie es den Affen beim himmelspaltenden Sehnenklang des Erbarmungslosen erging? Selbst die Rakshasas seines eigenen Geschlechts wurden von derselben Furcht ergriffen. (126) Nur Vibhishana, Lakshmana, Sugriva und Rama blieben aufmerksam stehen. Alle anderen liefen in die vier Richtungen davon; die Himmlischen verbargen sich. (127) Man kann sagen, Ravana erschütterte die Welt mit seiner Sehne; dass er ihr etwas Gutes schenkte, kaum. Selbst die mächtigen Götter hörten darin den Donner jener Flut, die einst alles vernichten wird. (128) Sugriva schleuderte einen Berggipfel wie Indras Donnerkeil. Feuer sprühend jagte er heran, doch der Rakshasakönig verwandelte ihn mit einem einzigen Pfeil in weißen Staub.
(129) Als der mächtige Gipfel unter dem Pfeil zerfiel und sein Staub in alle Richtungen flog, riss der Affenkönig mit feurigen Augen einen Baum aus und spaltete damit den Leib der Erdgöttin. (130) Ravana zerschnitt auch den Baum mit Pfeilen in mehr als tausend sichtbare Stücke. Da schleuderte der Sonnensohn einen noch größeren Berg gegen ihn; Feuer breitete sich über den Himmel aus. (131) Auch diesen Berg zerbrach Ravana mit einem Pfeil. Dann spannte er den weltrichtungsbezwingenden Bogen und schoss einen diamantfesten Pfeil so tief in Sugrivas Brust, dass nicht einmal die Befiederung sichtbar blieb. (132) Sugriva wankte unter dem glühenden Pfeil. Noch bevor er sank, war Hanuman vom Westtor zum Nordtor gelangt, als hätte er alles aus nächster Nähe verfolgt. In weniger als einem Lidschlag stand er vor dem König.
(133) Noch ehe Sugriva sich erholte, rief Hanuman mit rauchenden Augen: „Mächtiger Rakshasa, willst du gegen mich kämpfen? Komm!“ Er riss einen Berg aus und schleuderte ihn mit seinen heiligen, vedengleichen Schultern. (134) Der Berg durchflog den Himmel, verbrannte Wolken zu schwarzer Kohle und verbreitete Feuer. Der Bedränger der Götter legte zehn glühende Pfeile auf und zerschnitt ihn in tausend Teile. (135) Hanuman warf sofort einen weiteren Gipfel, schneller als Donner. Noch bevor Ravanas Pfeil ihn erreichte, traf er dessen siegreiche goldene Schulter und zerfiel zusammen mit dem Armreif zu Staub. (136) Ravana glühte am ganzen Leib. Während Hanuman einen neuen dunklen Berg ergriff, schoss er zehn Pfeile tief in Hände, Schultern und Brust. Hanuman ertrug sie standhaft.
(137) „Wer sonst könnte das?“, priesen die Götter. Hanuman riss einen Mara-Baum aus und schleuderte ihn samt Wurzeln. Er trennte Ravanas Wagenlenker den Kopf ab und riss weitere Rakshasas nieder. (138) Ein anderer Lenker bestieg den Wagen. Ravana, wie ein erneut aufgewühltes Meer, schoss hundert göttliche Pfeile. Sie drangen in Hanumans Leib; Blut floss wie Bäche, und er geriet in große Bedrängnis. (139) Ravana spottete: „Ihr springt mit Steinen, Bäumen, Händen, prahlenden Worten, behaarten Schultern und weißen Zähnen zum Kampf! Welchen Ruhm gewinne ich dabei? Wenn ich mit einem Bogen dastehe, werdet ihr wohl siegreich zurückkehren!“ (140) Er lachte mit feuerspeienden Hauermündern und sandte zahllose goldbefiederte Pfeile aus, einer gewaltiger als der andere, wie Donner am Weltende. Das Affenheer zerstreute sich wie ein vom Sturm gepeitschtes Meer.
(141) Lakshmana sah Ravanas Bogenkunst, die Not der Affen und die Taten ihrer Führer. Wie ein Meru mit Bogen kam er heran: „Dieser ist das Ziel meiner Pfeile. Heute werde ich ihn aufhalten.“ (142) Der Königssohn ließ die Sehne erklingen. Was blieb da von der Haltung der Zauberkundigen? Die Welt erschrak wie vor dem Donner der letzten Regenwolken; die Feinde glichen Elefanten beim Brüllen eines Löwen. (143) Ravana hörte den Klang, furchtbar wie Yamas Gestalt, und sah die Herzen seiner Krieger zerbrechen. Staunend hob er den gekrönten Kopf: „Was für ein Mensch ist dieser!“ (144) Pfeile trafen Wagen, rasende Elefanten, springende Pferde und weißzahnige Rakshasas so dicht und ungeordnet wie Regentropfen. Überall verbreitete sich ein Meer von Blut.
(145) Die Pfeile durchbohrten die brunsttriefenden Gesichter berggroßer Elefanten, durchdrangen Kriegerleiber und Wagenachsen und jagten weiter. Selbst bis zum Ende der Zeitalter schienen sie nicht zu ermüden. (146) Zehn Koti Rakshasas, deren Elefanten, Wagen und Pferde niedergemacht wurden, umringten gemeinsam den Bruder des Helden. Mit erhobenen Händen schleuderten sie ihre Waffen auf ihn, den verkörperten Segen der Welt. (147) „Erreicht dieser menschliche Feind heute unseren Herrn, ist unser Heldentum wertlos!“ So drängten sie gegen Lakshmana – wie Arme zu einem Freigebigen, von dem sie wissen, dass er keine ausgestreckte Hand abweist. (148) Er zerschnitt ihre geschossenen und geworfenen Waffen, ertrug, was nicht aufzuhalten war, und sandte Pfeilregen. Selbst Yama wurde des Lebensammelns müde; Blutwogen kehrten vom Meer zurück, und Leichen lagen wie Berge.
(149) Köpfe, Füße, berggleiche Schultern und goldgeschmückte Brüste wurden abgetrennt; Dreizackspitzen, Zähne und siegreiche Bogen zerbrachen. Alle erlernte Kriegskunst wurde zunichte. (150) Wagen, Pferde und rotäugige Elefanten wurden zerschnitten, ebenso die Heldenringe der Krieger, ihre Halsgirlanden und Bogen. Ihre Kämpfe endeten; ihr ganzer Ruhm zerfiel. (151) Auf gefallene Männer stürzten Pferde, auf Pferde Elefanten, auf Elefanten goldene Wagen. Auf den Wagen lagen Köpfe; im blutgetränkten Feld blieb kaum ein freier Platz für weitere Gefallene. (152) Nicht einmal die Götter erkannten, wann er einen Pfeil auflegte oder abschoss. Zwischen seinen Geschossen war keine Lücke sichtbar. Sie sahen nur die immer weiter anwachsenden Leichenhaufen.
(153) Alle glänzenden Waffen der Rakshasas, vor denen selbst der Tod erschrak – Schwerter, Lanzen, Dreizacke und mächtige Bogen –, wurden in hundert Stücke zerbrochen. Keine blieb unversehrt. (154) Unzählige berggleiche Elefanten, prächtige Pferde, Bannerwagen, zornige Yalis, Löwen und andere Tiere waren vorgerückt. Nun lief oder stand keines mehr; alle lagen zuckend auf der Erde. (155) Das Rakshasaheer sank dahin, stolperte über die Köpfe seiner Angehörigen, erschöpfte sich oder floh. Lakshmanas Bogen trug den Sieg. Ravanas Herz aber brannte wie das Feuer am Weltende. (156) Der König von Lanka trieb seinen windschnellen Wagen heran und blickte Ramas Bruder entgegen. Lakshmana, der wie der Tod selbst tötete, blieb mit seinem Zorn stehen und wich keinen Fußbreit.
(157) „Räuber, du hast die Stärke meiner gewaltigen Schutzmacht vernichtet! Heute wird dir das Entkommen schwer!“ Rauch atmend schoss Ravana tödliche, feuergleiche Pfeile, die Köpfe mit sich fortreißen sollten. (158) Lakshmana zerschnitt die Geschosse schon unterwegs, als hätte er sie zum Zerbrechen vor sich hingelegt. „Die waren leicht zu durchtrennen; versuche nun diese!“ Der Schlaflose sandte einen Pfeilregen wie aus vernichtenden Wolken. (159) Ravana wehrte die scharfen Pfeile des elefantengleichen Helden ab, dicht wie der Regen der Regenzeit. Dann zerschnitt der Dharmafeind den Köcher Lakshmanas, sodass dessen Hand keine weiteren Pfeile daraus ziehen konnte. (160) Da trat der inzwischen erholte Hanuman mit glühenden Augen dazwischen. „Genug mit diesem trügerischen Kampf!“, rief er und ging wie ein Elefant gegen den mächtigen Wagen: „Unterbrich diese Schlacht; weitere Kämpfe kommen später. Höre mich!“
(161) „Mit unermüdlicher Stärke hast du die drei Welten besiegt, Indras Ruhm verzehrt und die Richtungen umgewälzt. Dennoch kommt heute dein Verderben.“ Er richtete sich vor Ravana auf wie der Herr, der einst die Welt durchmaß. (162) Er hob die mächtige rechte Hand. Sie wuchs empor wie jener heilige Fuß, der alle Welten erreichte und maß. „Sieh her!“, sagte er und zeigte dem Grausamen seine riesige Gestalt. (163) „Du beherrschst Bogen und alle anderen furchtbaren Waffen. Zwanzig Arme besitzt du, und kein Kampf genügt dir. Du starker Held, stelle dich jetzt mir!“ Sein Atem brannte wie hohes Feuer. (164) „Du stehst mir mit großer Manneskraft gegenüber. Doch deine Schwertkunst, deine Macht über sieben Welten, deine Tatkraft, Einzigartigkeit, Armstärke und deinen Ruhm werde ich mit einem einzigen Schlag tilgen.
(165) Wozu viele Worte? Deine zahlreichen gewaltigen Schultern wankten weder vor Kailasa noch vor den feuersprühenden Richtungselefanten. Du Starker – wirst du auch den Schlag einer einzigen Affenhand ertragen? (166) Wenn du meinen Schlag überlebst und stehen bleibst, darfst du mich mit deinen vielen Händen kraftvoll treffen, du Bergschultriger. Sterbe ich dabei nicht, werde ich danach nicht weiter gegen dich kämpfen.“ (167) Der dunkle Ravana freute sich über Hanumans Worte: „Du hast gesprochen, wie es einem Helden ziemt! Wer außer dir könnte allein vor mir stehen? Kann diese Welt deinen Ruhm noch fassen, oder braucht es weitere Welten? (168) Du besitzt keine einzige Waffe und hast allein meine Angehörigen getötet. Ich kam auf hohem Wagen mit starkem Bogen und großem Heer; du stehst mir allein durch deine Kraft gegenüber. Wer sonst wäre dir gleich?
(169) Welche Götter oder Danavas aller drei Welten, von den drei höchsten Göttern angefangen, träten mir entgegen, wenn sie nicht wahnsinnig wären? Du weichst nicht und sagst: Schlag mich in die Brust! Das übersteigt jedes Lob. (170) Ich besitze zwanzig kampfstarke Hände und großen Ruhm; selbst die brünstigen Richtungselefanten erlitten durch mich Schande. Du kommst mit nur zwei Händen und sprichst so! Welcher Sieg bleibt mir da noch zu erringen? (171) Du zerstörtest den Ruhm meiner Siege über alle Richtungen. Meinen Sohn, mir kostbar wie das Leben, zerriebst du am Boden; sein Blut ist noch nicht trocken. Und nun stehst du allein vor mir und sprichst diese Worte! (172) Du hast solche Taten gewagt; darum will ich die Herausforderung annehmen. Wozu länger reden? Vor Scham werde ich den Kopf nicht senken. Komm und schlage sofort zu, damit alle Welten es sehen!“
(173) „Das ist vortrefflicher Heldenmut!“, rief Hanuman bewundernd. Er sprang auf den Wagen, Funken schossen aus seinen Augen, und mit diamantfester Faust schlug er Ravana gegen die Brust, sodass Schmuck und Panzer zerbarsten. (174) Große Berge zerfielen zu Sand; Augen sprühten Feuer, Hirn quoll wie geronnene Milch, Köpfe fielen. Rakshasas verloren das Leben; Affen sträubten die Haare und bleckten die Zähne. Der Himmel ergoss Regen. (175) Bogensehnen rissen, Gewässer durchbrachen ihre Ufer, Berge schleuderten Steine aus und Himmelslichter ihre Strahlen. Elefanten verloren Zähne, Krieger ließen Waffen fallen; Ravanas edelsteingeschmückte Brust sprühte Licht und Feuer. (176) Unter diesem Faustschlag schossen die abgebrochenen Hauer der Richtungselefanten, die einst in Ravanas diamantfester dunkler Brust stecken geblieben waren, hinten aus seinem Rücken heraus – zugleich mit seinem Ruhm.
(177) Die Juwelen seines erschütterten Panzers flogen in die Richtungen wie fallende Sterne. Funken stoben auf. Der Bezwinger des Dharma schwankte wie der nördliche Meru unter einem Sturm, der die ganze feste Welt erschüttert. (178) Die Götter jubelten, streuten Blumen und segneten Hanuman. Die Dämonen brachen in Schweiß aus. Den Affen sträubte sich vor Freude das Haar; sie tanzten angesichts des erschütterten Ravana. (179) Ravana kam wieder zu sich, als kehre ein geübter Yogi in seinen eigenen Körper zurück, nachdem er ihn verlassen und eine fremde, schwer zu bewahrende Gestalt angenommen hatte. (180) Als sein Atem zurückkehrte, sprach er mit glühendem Blick: »Deine Kraft ist ohnegleichen. Was du getan hast, hat noch keiner vollbracht. Nun bin ich an der Reihe.«
(181) »Kraft bist du selbst; alle anderen Kämpfer der sieben Welten erscheinen daneben schwach. Selbst wenn Brahmas Ordnung wankte, würde ich nicht wanken. Du hast mich getroffen und mich meine Schwäche erkennen lassen.« (182) »Jetzt werde ich mit einer einzigen Faust wie mit einem Donnerkeil deine Brust treffen. Wenn du standhältst, bist du auf ewig unvergleichlich; niemand wird dir als Gegner ebenbürtig sein.« (183) Hanuman erwiderte: »Dass du meinen Schlag überlebt hast, ist bereits dein Sieg, du Gewaltiger. Nimm nun, was dir zusteht!« Damit bot er ihm seine Brust dar. (184) Ravana biss die Zähne zusammen; sein Mund glich einer Höhle, seine Augen sprühten Feuer. Er ballte die Finger knirschend zur Faust, zog die Schulter zurück und schlug zu.
(185) Hanuman, stärker als die gewaltige See und alle Helden, hätte selbst beim Einsturz der Welt nicht gewankt. Jetzt aber schwankte er wie ein silberner Berg. (186) Mit ihm erbebten die Götter und die Welten, Dharma und Wahrheit, Gnade und Ruhm, die Veden, Gerechtigkeit, Mitgefühl und Askese. (187) Sämtliche Affenführer ergriffen unverzüglich Berggipfel. Sie bedeckten damit den Himmel und schleuderten sie auf Ravana. (188) Mehr als tausend Koti kühler Berggipfel zogen heran wie die Wolken am Weltende. Die Götter wichen vor ihnen zurück.
(189) Der Himmel bot ihnen nicht genügend Raum: Die Berge verkeilten sich, verbargen die Sonne und verdunkelten das Weltall. Die Götter glaubten, nun seien die Dämonen vernichtet. (190) Das Zusammenprallen der Berge donnerte; Funken zuckten wie Blitze, vielfarbige Gesteine leuchteten wie Regenbogen, und Steine regneten herab. (191) Die Dämonen flohen. Sterne und Himmelsfahrzeuge stürzten ab; die Funken schienen Meere auszutrocknen und die Augen der Bösen zu verbrennen. (192) Ravana sah diesen Ansturm, der dem Weltuntergang glich. Mit dem Bogen, durch den er einst die Götter besiegt hatte, schoss er mehr als tausend Koti Pfeile und zertrümmerte sämtliche Berge.
(193) Bambus zerfiel zu Staub; Elefanten wurden zerstückelt, Schlangen getötet, Yalis und Tiger zerrissen. Bäume verbrannten, und die Berge wurden zu Asche. (194) Die Götter rangen die Hände: Eben noch waren mächtige Berge herangeflogen, nun lagen sie in hunderttausend Stücken da. Staunend erkannten sie seine Kunst mit dem Bogen. (195) Der Staub der zerschmetterten Berge bedeckte Meer und Erde. Er legte sich auf das Blut des Schlachtfeldes und verhüllte alles. (196) »Jetzt werde ich die Affen töten und dann die Menschen bezwingen!« Ravana nahm zehn Bogen in seine linken Hände und ließ einen furchtbaren Pfeilregen niedergehen.
(197) Mit seinen zehn rechten Händen schoss er von jedem der zehn Bogen tausend Pfeile. Himmel, Erde, Meer und alle Richtungen waren von Pfeilen erfüllt. (198) Das blutige Schlachtfeld glich dem roten Abendhimmel. Die Affen lagen in Reihen erschlagen; ihre Leichen türmten sich zu Bergen, auf denen Wolken hätten ruhen können. (199) Nila konnte sich verwundet nicht mehr bewegen; Anila vermochte nicht zu stehen. Gavaya war schwer getroffen, doch noch am Leben. Angada verlor unter giftgleichen Pfeilen das Bewusstsein; Jambavan wurde durch dreizackige Geschosse entkräftet. (200) Auch die übrigen Führer waren in der Brust getroffen und ihrer Kraft beraubt. Die Affen starben oder flohen. Da entbrannte Lakshmanas Zorn.
(201) Mit Millionen Pfeilen fing er die anfliegenden Geschosse ab und zerschnitt Ravanas vierundzwanzig Bogen. (202) Die Götter jubelten, die Asketen streuten Blumen, und die Dämonen erschraken. Ravana bewunderte die Schultern seines Gegners; der Dharma selbst tanzte vor Freude. (203) Ravana sprach: »Treffliche Kampfkraft! In Heldenmut, Aufmerksamkeit, Schnelligkeit der Hände, erlernter Kunst und männlicher Tapferkeit bist du einzigartig.« (204) »Nur Rama, der Khara erschlug, mein Sohn Indrajit und ich selbst können dir als Gegner ebenbürtig sein.«
(205) »Mit dem Bogen lässt er sich nicht besiegen; doch heute muss ich ihn töten!« Ravana biss sich auf die Lippe und ergriff den von Brahma verliehenen Speer. (206) Feuersprühend flog der Speer heran, verbrannte und verdrängte Lakshmanas Gegenpfeile und traf ihn in die Brust. Lakshmana sank bewusstlos nieder. (207) Die Affen flohen; Götter und Asketen verzweifelten. Das Geschrei der Dämonen übertönte das doppelte Brausen des Meeres. Die Erde schien sich zu drehen, die Sonne ihren Glanz zu verlieren. (208) Ravana erkannte: Lakshmana war weder aus Furcht zusammengebrochen noch gestorben, sondern nur betäubt. Er beschloss, seinen Körper mitzunehmen.
(209) Mit zwanzig Händen wollte er ihn vom blutigen Boden aufheben. Es war, als schäme er sich, einst bloß den silbernen Kailasa gehoben zu haben, und greife nun nach dem goldenen Meru. (210) Lakshmana blieb sich seines göttlichen Wesens bewusst und ließ sich nicht heben. Jene Arme, die den Kailasa mit Shiva, dem Herrn der acht Erscheinungsformen, gehoben hatten, vermochten ihn nicht vom Boden zu lösen. (211) Der Zehnköpfige glich mit seinen zwanzig Armen einem Meer voller Wogen; Lakshmana in ihrer Mitte erschien wie die aufgehende Sonne. (212) Ravana keuchte, ohne ihn heben zu können. Da trat Hanuman dazwischen, hob Lakshmana auf und trug ihn unaufhaltsam davon.
(213) Hanuman, voll Erkenntnis, reiner Kraft und Liebe, trug ihn so behutsam, wie eine Affenmutter ihr Junges auf einen Baum trägt. (214) Lakshmana kam rasch wieder zu sich. Hanuman brachte den Helden mit den lotusgleichen Gliedern zu Rama. (215) Rama stürmte auf Ravana los wie ein Löwe auf einen Elefanten. Die Götter streuten Blumen, und Ravana lenkte ihm seinen Wagen entgegen. (216) Hanuman sah, dass Rama zu Fuß kämpfte, während Ravana auf einem Wagen stand. Dies erschien ihm ungleich; er trat heran, um Rama zu helfen.
(217) »Er fährt auf einem von tausend Pferden gezogenen Wagen, du aber gehst zu Fuß. Meine Schultern mögen schwach sein; dennoch bitte ich dich, auf ihnen Platz zu nehmen.« (218) Rama stimmte zu und bestieg Hanuman wie ein Löwe einen Berg. Hanuman empfand die erfüllte Freude einer Mutterkuh, die ihr Kalb bei sich hat. (219) Hanuman wusste um die Gestalt dessen, der die Welten mit drei Schritten ausmaß, und wuchs zu ungeheurer Größe. Garuda schämte sich angesichts dieses Trägers; selbst Anantas Häupter erbebten. (220) War Hanuman das Meer, auf dem der Gott ruht, und Rama der darauf Liegende? Vielmehr war Hanuman wie der Veda und Rama wie dessen höchste Erkenntnis.
(221) Hanuman glich dem Veda, der sich den Wissenden erschließt; Rama glich dem höchsten Zustand, den dieser Veda offenbart. (222) Seine goldenen Schultern waren mehr als ein bloßer Meru: Sie gaben dem Herrn, der das Weltall in sich getragen hatte, Raum und bewegten sich für ihn nach rechts und links. (223) Die Asketen segneten sie, der Dharma hob freudig die Hände. Shiva und Brahma kamen, um den Kampf zu sehen. (224) Rama ließ seine Bogensehne ertönen. Ihr Klang glich dem Laut Rudras, wenn dieser am Ende der Zeit das Weltall vernichtet.
(225) Dämonen und Yakshas erstarrten mit trockenem Mund; die Welten bebten. Shiva und Brahma nickten zustimmend. (226) Ravana schoss sieben korallenrote Pfeile. Sie glichen dem Feuer des Weltuntergangs, das die Meere austrinkt und die Welten durchdringt. (227) Rama zerschnitt die sieben mit sieben eigenen Pfeilen in vierzehn Teile. Dann schoss er fünf weitere, aus denen Funken sprühten. (228) Ravana fing diese mit fünf Pfeilen ab und sandte zehn neue. Rama wiederum begegnete den zehn mit zehn Gegenpfeilen.
(229) Rama zerschnitt die ringsum heranfliegenden Waffen, verbrannte berggleiche Geschosse und schlug Köpfe ab, die wie Berggipfel stürzten. (230) Er ließ weder Ravanas Waffen noch die seiner Krieger die Affen erreichen. Er fing sie ab und vernichtete die Angreifer. (231) Hanuman stand im selben Augenblick auf der Erde, im Himmel und vor Ravana. Er zeigte Rama alle Gesichter des Gegners und bewegte sich schneller als Pfeile und Gedanken. (232) Kopflose Leiber zuckten, Geister tanzten, und Blutströme führten Elefanten und Pferde mit sich dem Meer entgegen.
(233) Wagen zerbrachen mit Rädern und Achsen; ein einziger Pfeil fällte ganze Pferdegespanne. Elefanten rollten über den Boden, Pferde wurden zerschnitten. (234) Die Dämonen verloren Wagen und Bogen, Elefanten und Pferde, Rüstungen, Tapferkeit und Schmuck – schließlich auch ihre Köpfe. (235) Dämonenfrauen konnten die Köpfe ihrer Männer nicht mehr erkennen. Sie setzten Pferde- und Elefantenköpfe auf deren Leiber, umarmten sie und starben. (236) Die Münder verstummten, das Feuer der Augen erlosch. Die Waffen in den Händen ruhten, der Staub sank nieder, die Trommeln schwiegen.
(237) Rama erschlug die gewaltigen Scharen. Von all den Hunderttausenden und Millionen blieb allein Ravana auf seinem Wagen stehen. (238) Ravana sah Leichenberge, über denen selbst der wolkige Himmel keinen freien Raum zu haben schien. Sein Zorn bäumte sich auf wie eine Schlange. (239) Er schoss zwei Pfeile in Ramas smaragdgrüne Schultern. (240) Rama lächelte und zerschnitt mit einem Pfeil seinen Bogen, wie ein Sturm den Mandara zerbrechen könnte.
(241) Noch ehe Ravana den nächsten Bogen bespannen konnte, wurde auch dieser zerschnitten. Dann fielen die Köpfe seiner Pferde. (242) Rama vernichtete jede weitere Waffe, bevor Ravana sie einsetzen konnte. Er zerschnitt Schild, Banner und Panzer. (243) Auch die Ersatzwagen wurden zerstört, sobald sie eintrafen. Yama tanzte auf dem Schlachtfeld; Ravana entbrannte vor Zorn. (244) Seine große, mit Edelsteinen besetzte Krone stürzte wie der Gipfel des Meru unter einem Sturm, leuchtend wie ein Waldbrand.
(245) Ein einziger Pfeil Ramas schleuderte sie ins Meer – so rasch, wie Hanuman einst nach der Sonne sprang. (246) Krone und Pfeil fielen gemeinsam ins Meer, als stürze die Sonne mit dem Finsternisdämon, der sie verschlingt, in die See. (247) Der bislang unbesiegte König stand ohne Krone da: wie eine Nacht ohne Mond, wie ein Tag ohne Sonne. (248) Er glich einem berühmten Mann, dessen großer Ruhm durch den vernichtenden Spott eines bedeutenden Dichters zugrunde gegangen ist.
(249) Die Welt erkannte an ihm die Übertretung des Dharma. Mit verdüstertem Gesicht und gesenkten Augen scharrte er mit den Zehen in der Erde; seine Arme hingen wie die Luftwurzeln eines Banyanbaumes herab. (250) »Warum sollte ich einen Wehrlosen töten? Seine verderbliche Macht ist gebrochen«, dachte Rama und sprach zu ihm. (251) »Im Krieg führt allein der Dharma zum Sieg, nicht bloße Gewalt – selbst für die Götter. Gehe heim! Dass du mit den Deinen noch lebst, verdankst du jetzt allein der Gnade.« (252) »Öffne deine Waffenhäuser, sammle alle Verbündeten und Waffen. Wenn du kämpfen kannst, komme wieder; andernfalls fliehe!«
(253) »Gib Sita frei und setze deinen Bruder als den von der göttlichen Ordnung bestimmten Herrn der Dämonen ein. Diene ihm; dann werde ich dir nicht die Köpfe abschlagen.« (254) »Willst du das nicht, so stelle dich mit deiner ganzen Kraft zum Kampf und stirb ehrenvoll. Glaube jedoch nicht, dass du dann am Leben bleibst.« (255) »Dein Heer ist wie Baumwolle vom Wind zerstreut worden. Gehe heute und kehre morgen zurück!« So sprach der König von Kosala in seiner Güte.
6.15 – Die Tötung Kumbhakarnas
(1) Mit der Brust, die gegen Elefanten gekämpft hatte, den Armen, die den Kailasa gehoben hatten, und der Zunge, die mit Narada in Beredsamkeit wetteiferte, kehrte Ravana nach Lanka zurück. Seine zehn Kronen, Shivas Schwert und seine Tapferkeit hatte er auf dem Schlachtfeld gelassen: Mit leeren Händen kam er heim. (2) Wo war die Kampfkraft des Herrschers der drei Welten, des Bezwingers der Götter? Mit herabhängenden Armen ging er beschämt dahin; die Sonne sank unter. (3) Er blickte weder in die Richtungen noch auf seine Stadt, seine Freunde, sein Heer oder die Frauen, die ihn beobachteten. Allein die Erdgöttin vor seinen gesenkten Augen schaute er an. (4) Die Blicke der lotusgesichtigen Frauen waren ihm Schwerter, die Worte der Männer Ramas Pfeile. Er sah nicht zu den Brüsten der Frauen auf; nur die herabhängenden Arme begleiteten ihn.
(5) Seine Ratgeber, Frauen, Krieger und Angehörigen standen reglos wie künstliche Figuren. Allein betrat er seinen Palast, wie ein Elefant seinen Stall. (6) Er ließ sich auf seinem goldenen Sitz nieder, ruhte etwas aus und befahl den Wächtern, vier Boten herbeizurufen. (7) Managati, Vayuvega, Marutta und Mahamega sollten gedankenschnell in alle acht Richtungen aufbrechen und sämtliche Dämonen herbeiholen. (8) Sie sollten sie aus den sieben Meeren, den sieben Inselgebieten, den unzähligen Bergen, der Unterwelt und den umschließenden Gebirgen zusammenrufen.
(9) Die Bewohner der drei Welten, die ihm sonst gehorsam dienten, zitterten und wussten sein Verhalten nicht zu deuten. Er sank auf das dichte Blumenlager wie ein stattlicher Elefant, den ein scharfes Eisen durchbohrt hat. (10) Sein Herz, das Sita mit dem korallenroten, melodischen Mund und den schönen Armreifen bewohnte, erfüllte nun die Scham. Schlaflos und hilfloser Sorge ausgeliefert, stieß er mit glühendem Atem seinen verletzten Stolz aus. (11) »Der Himmel lacht, die Erde lacht, alle von mir verlachten Feinde lachen!« Das beschämte den Diamantschultrigen nicht. Doch der Gedanke, Janaki aus Mithila mit ihren speergleichen Augen könnte lachen, ließ ihn vor Scham vergehen. (12) Sein Großvater Malyavan kam, vom Alter gebeugt wie ein gespannter Bogen. Der Dämon mit dem schönen Fußschmuck nahm auf einem gepolsterten Sitz neben dem Lager des Königs von Lanka Platz.
(13) Er betrachtete den König und dachte: »Offenbar wurde er im Kampf besiegt.« Dann fragte er: »Dein Herz ist bekümmert, deine Schultern sind erschlafft. Herr von unvergänglicher Askesekraft, was ist geschehen?« (14) Ravanas Herz war zerrissen, seine Augen brannten, seine geröteten Nasen atmeten Feuer wie zehn Schmiedeöfen. Seine Zunge war so trocken, dass selbst reiner Sirup und Nektar geschmacklos geblieben wären. Er begann zu sprechen. (15) »Die Götter haben sich den siegreichen Asketen angeschlossen und kämpfen gegen uns. Auf dem roten, von Geiern besuchten Feld erlitt unser Geschlecht nicht nur eine unwürdige Niederlage, sondern auch Schande.« (16) »Selbst wenn die drei Welten samt ihren Bewohnern unter Führung des dreiäugigen Mondträgers zu Hilfe kämen, könnte mein großes Heer nicht einmal dem jüngeren Bruder standhalten, sobald dessen Bogen seine Pfeile wirklich auf uns richtet.«
(17) »Als Rama unzählige Heeresfluten vernichtete und mir diese Schmach gleichsam in den Rücken einbrannte, blieb er so gelassen wie damals, als er mit einer Kugel den Buckel der Buckligen traf. Zorn war an ihm nicht zu erkennen.« (18) »Hundertzwei Heeresfluten berggroßer Dämonen mit scharfen Zähnen standen dicht gedrängt. Seine Pfeile trafen Pferde, Elefanten und Männer stets am Kopf; keiner blieb bloß im Körper stecken.« (19) »Einmal abgeschossen, durchdringen seine Pfeile alle Welten. Könnten sie selbst am Ende eines Weltalters erlahmen? Sie verbrennen das Weltuntergangsfeuer, die Richtung ihres Fluges, den Mund, der von ihnen spricht, und den Geist, der an sie denkt.« (20) »Den Meru spalten, den Himmel durchqueren, die Erde durchbohren, Meere austrinken – genügte das ihrer Kraft? Um sie auszuschöpfen, bedürfte es unendlich vieler Koti Meruberge, Himmel, Erden und Meere.«
(21) »Nicht einmal die Götter erkennen, wie er den Pfeil auflegt, die Sehne spannt und loslässt. Wer könnte sein Tun erfassen? Kaum denkt er, die wütenden Dämonen sollten sterben, ist die ganze Welt voller Pfeile.« (22) »Kakutsthas Pfeile gleichen den erkenntnisreichen, treffenden Worten guter Dichter, dem kunstvollen Zusammenhang ihrer Verse und dem unerschöpflichen Ruhm, der auch ohne äußerlichen Schmuck bleibt: Sie besitzen jede makellose dichterische Schönheit.« (23) »Ich kenne Indras Donnerkeil, Shivas dreiblättrigen, mantraerfüllten Dreizack und Vishnus kreisende Scheibe. Doch welch ein Abstand zu den Pfeilen dieses Asketen! Ich litt unter ihnen; wer außer mir könnte sie überhaupt ertragen?« (24) »Die acht Arme dessen, der mit Geisterscharen auf Verbrennungsstätten wohnt, Indras zwei Arme und Vishnus tausend Arme – des Gottes, der die Welt im Bauch bewahrte – reichen nicht an die Kraft eines seiner Finger heran.«
(25) »Ich hielt selbst Vishnu und die größten Helden für kaum ebenbürtig mit Kartavirya. Jetzt sehe ich: Auch Kartavirya kommt nicht einem Staubkorn am Fuß des jüngeren Asketen gleich. Wer könnte dessen älterem Bruder widerstehen?« (26) »Selbst der gewaltige Bogen, der die drei Städte verbrannte, wäre nicht würdig, dem wunderbaren Bogen dieses Helden als Pfeil zu dienen. Es gibt keinen Vergleich. Auch wenn die Veden irrten, würden seine Pfeile niemals fehlgehen.« (27) »Beim Entstehen gleichen sie Brahma, im Flug Vishnu, beim Zusammentreffen mit dem Feind dem weltvernichtenden Shiva. Ihre Kunst ist zu groß für unsere Worte. Genügt nicht als Beweis, dass sie meinen unzerstörbar geglaubten Hochmut ausgelöscht haben?« (28) »War der Bogen im Westen, Osten, in einer Zwischenrichtung, auf der weiten Erde, im Himmel oder überall? Im Norden oder Süden? Nicht einmal jetzt weiß ich, ob der Mensch ihn links oder rechts hielt.«
(29) »Zu sagen, er habe kein Reittier, wäre töricht. Könnte selbst Garuda die Kraft jenes Trägers im Kampf erreichen? Ritt er auf Wind, Feuer oder Tod? So stand er auf dem Affen.« (30) »Was bleibt noch zu bedenken? Wenn die bambusschultrige Frau, geduldig wie die Erde, Ramas Gestalt und seine feurigen Heldentaten sieht, erscheinen ihr der Liebesgott und wir alle nur wie Hunde.« (31) »Nicht durch Indra, Vishnu, den Lotusgeborenen oder den axttragenden Shiva erleide ich diesen Untergang. Selbst wenn ich vernichtet werde, habe ich einen würdigen Feind gefunden. Das ist geschehen, du mit dem bienenumschwärmten Kranz!« (32) Malyavan sagte: »Als ich dich früher warnte, zürntest du grundlos. Auch die freundlichen, zornlosen Worte deines Bruders hörtest du nicht. Selbst einleuchtende Gründe prüfst du nicht. Gibt es noch einen Ausweg, Herr mit dem Speer, dessen Glanz Feuer und Blitz übertrifft?«
(33) »Menschen, die der Wahrheit verpflichtet sind, bedenken alles und sagen die Folgen voraus, auch wenn das schmerzt. Du nimmst ihre Worte nicht an. Lass Sita frei! Sonst wirst du sehen, wie Verwandte, Siege, Freundschaften, Bildung, Reichtum und das schwer zu vernichtende Heer vergehen.« (34) Mahodara, in vielerlei Täuschungskünsten erfahren, hörte dies und eilte herbei. Mit feurigem Blick fragte er: »Warum sprichst du solche Kleinmütigkeit?« Dem erschöpften König gab er Zusicherungen, die sich nicht erfüllen sollten. (35) »Wenn ein Edler einen Entschluss für gut befunden hat, muss er dabei bleiben: ob er siegt oder unterliegt und stirbt. Weicht er verzagt zurück, erwarten ihn Schande und Hölle.« (36) »Der Herr, der mit einem Pfeil die drei Städte verbrannte, und jener, der die drei Welten mit einem Schritt umfasste, flohen im Kampf vor dir. Jetzt fürchtest du den Kampf mit Menschen? Da könnte der mächtige Kailasa sich schämen!«
(37) »Sieger werden besiegt, Besiegte siegen; Hohe sinken, Niedrige steigen. So beschreiben die Weisen den Lauf der Dinge. Hat deine Kraft eine Grenze? Warum rühmst du den Kampf zweier geringer Asketen, du über allen Ruhm Erhabener?« (38) »Gibst du die Frau zurück, ist deine Tapferkeit dahin. Eher müsstest du dein Leben aufgeben! Warum erniedrigst du deine unerreichbare Größe? König, wirf diese hilflose Sorge sogleich ab!« (39) »Verzagst du noch einen Augenblick, werden Lanka und wir alle für die Affen zu fruchttragenden Bäumen. Sollte das kühle Meer verzweifeln, weil die Sonne ein wenig Wasser getrunken hat? Vertreibe deinen Kummer!« (40) »Die drei höchsten Götter unterlagen dir; die übrigen dienten dir, und die drei Welten wurden dein. Warum achtest du Menschen, vergänglich wie Tau auf einer Grasspitze, und vergisst dabei deinen jüngeren Bruder Kumbhakarna?«
(41) »Rufe ihn und erteile ihm den Auftrag. Schon beim Anblick seiner berggleichen Gestalt werden sie sich verbergen. Stellen sie sich dennoch zum Kampf, wird er den Asketen das Leben nehmen.« Ravana nahm diesen Rat an. (42) »Mögest du jeden Reichtum gewinnen, großer Weiser! Du erkennst das Rechte, deine Liebe zu mir ist grenzenlos. Du hast mir einen festen Rat gegeben.« So änderte Ravana seine Haltung. Wenn der Untergang bestimmt ist, was könnte ihn aufhalten? (43) »Das ist ein guter Plan. Eilt zu meinem Bruder und bringt ihn her!« Vier Diener gingen, gleich suchenden Boten des Todesgottes, zum mächtigen Palast des Helden mit den berghohen Schultern. (44) Sie traten durch das wolkenhohe Tor und riefen: »König, erwache!« Mit Händen und schweren Stangen schlugen sie auf Kopf und Ohren des Berggleichen. Da der Grimmäugige weiter schlief, redeten sie ihn zornig an.
(45) »Schlafender Kumbhakarna! Euer trügerisches Glück geht heute unter. Steh auf, steh auf! Bald wirst du in den Händen der Todesboten schlafen, deren Bogen wie Kreisel wirbeln. Dann kannst du liegen und schlafen!« (46) »Dein älterer Bruder hat wissentlich das Übel gesucht, das dem endlos scheinenden Glück der Dämonen ein Ende bereitet. Der Tod ist gewiss, und du schläfst noch?« Wieder und wieder rüttelten sie ihn mit ihren wund gewordenen Händen. (47) Er erwachte nicht. Sie meldeten dem kranzgeschmückten König: »Wir können ihn nicht wecken.« Ravana befahl: »Hört meinen Plan: Lasst Pferde und Yalis zu Tausenden über ihn hinwegtrampeln!« (48) Auch unter dieser Schar rührte er sich nicht. Als Ravana von ihrer erfolglosen Rückkehr erfuhr, schickte er tausend kräftige Ringer: »Ihr versteht euer Handwerk. Geht mit euren Leuten!«
(49) Die tausend tüchtigen Kämpfer eilten hin. »Heute wird er den Kummer unseres Königs beseitigen«, dachten sie und betraten den herrlichen Palast des Helden mit den berghohen Schultern. (50) Als sie die Tür öffneten, trieb sein Atem sie abwechselnd herein und hinaus. Sie fassten einander fest an den mächtigen Händen und drangen mit vereinter Kraft ein, entschlossen, ihn zu wecken. (51) »Wie sollen wir ihn heute aufwecken?« Beim Anblick von Mund und Nase erschauerten sie. Sie wagten ihn nicht anzufassen und bliesen Muscheln, lange Hörner und Trompeten unmittelbar in seine tiefen Ohren. (52) Mit Keulen, Stangen, Hämmern und Speeren schlugen die Starken auf Kiefer, Gelenke, Brust und Kopf, bis ihre Hände ermüdeten. Nach ihrem Bericht befahl der König, noch mehr große Pferde herbeizubringen.
(53) Tausend gezäumte schnelle Pferde wurden über seine Brust geführt und getrieben; ihre Reihen wirkten wie eine Girlande. Er schlief dabei behaglich weiter, als würde ihm bloß der Schenkel getätschelt. (54) Die Diener verneigten sich vor dem König: »Herr, wir haben alles versucht, was uns retten könnte. Unsere Hände sind kraftlos, die Pferdebeine erschöpft. Gibt es noch ein Mittel? Sage es uns!« (55) »Mein Bruder rührt sich selbst nicht, wenn Heerscharen großer, edelsteinbesetzter Wagen über ihn fahren. Weckt ihn mit unbeugsamen Dreizacken, Äxten oder Schwertern; vertreibt diesen reglosen Schlaf und bringt ihn her!« (56) Tausend Dämonen verneigten sich, gingen zu dem Schlafenden und schlugen mit langen Keulen zugleich auf beide Wangen. Da bewegte er sich und setzte sich auf wie ein Toter, der aufersteht.
(57) Die drei Welten erschraken; die Richtungselefanten wankten, die Sonne bebte. Brahma auf dem Lotus, Vishnu auf dem Meer, Shiva auf dem Berg und alle anderen erzitterten, als der Held mühelos aufstand. (58) Seine Krone stieß an den Himmel, sein Leib erfüllte den Luftraum, seine beiden Augen schienen größer als Meere. Ravanas jüngerer Bruder wuchs über jedes Vorstellungsmaß hinaus, wie Vishnu beim Ausmessen der Erde. (59) Kaum war der Schlaf gewichen, leckte er sich den Mund nach gebratenem Fleisch und gefüllten Rauschtrankkrügen. Blieben sie aus, nahm sein Gesicht eine verzweifelte Miene an. (60) Er verschlang sechshundert Wagenladungen Speise und zehntausend Krüge Palmwein. Dadurch erwachte sein Hunger erst recht; die beiden roten Augen glühten in seinem grimmigen Gesicht.
(61) Mühelos aß er zwölfhundert Büffelstiere und ruhte einen Augenblick. Er wirkte, als könnte er den mächtigen Donner packen, zerdrücken und Feuer aus ihm blasen. (62) Selbst sitzend war er so groß wie der stehende Ravana. Seine Stirnfalten glichen zusammenbrechenden Meereswogen; beim Essen floss Blut bis an seinen Mund. (63) Er schaufelte Blut, Fleisch, Knochen und Haut in sich hinein. An seinen diamantfesten Armen und Füßen leuchteten funkelnde Schmuckstücke. (64) Seine Zähne konnten Stahl und Eisen zerbeißen, um den gewaltigen Hunger zu stillen. Er fraß die herangeführten Elefanten; seine Begierde kreiste unablässig um starken, berauschenden Wein.
(65) Seine Schultern waren für den Dreizack geschaffen, seine Erscheinung glich einer schweren Gewitterwolke. Er trotzte selbst dem Tod; an seinen Füßen lagen Heldenringe, auf dem Haupt sträubte sich rotes Haar. (66) Mit seinen Händen hatte er Festungen zertrümmert und Indras Zähne erschüttert. Die Faust hielt scharfe Waffen bereit, der weite Mund verlangte unaufhörlich nach Löwenfleisch. (67) Schon sein liegender Körper jagte den Göttern einen Schrecken durch die Eingeweide. Seine Haarmähne glich dem wilden unterseeischen Feuer, das über einem aufgerichteten Meer lodert. (68) Seine Augen glichen Höhlen im Meru, in denen Sonne und Feuer, eingeschüchtert durch den Zorn des Bezwingers aller Richtungen, sich zusammengedrängt zum Schlafen verborgen hätten.
(69) Seine hohen Nasenlöcher erschienen wie Höhlen, in denen mächtige, von Schläfenflüssigkeit triefende Berge von Elefanten Nahrung finden könnten; seine weiten Ohren boten Raum für schlafende Schlangen. (70) »Dein älterer Bruder ruft dich«, sagten die Diener. Der Berggleiche brach auf, während die Stadt laut aufrauschte, und trat rasch durch das Tor in den mondhohen Palast. (71) Vor dem Herrn Lankas, dessen Mauern und Tortürme sich mächtig erhoben, verneigte sich der mörderisch bewaffnete Kumbhakarna wie ein Berg, der sich niederlegt. (72) Ravana umarmte den verlässlichen großen Bruder mit seinen kräftigen Armen. Es war, als umfange ein stehender Berg einen anderen, der auf langen Beinen zu ihm gekommen war.
(73) Er ließ ihn neben sich sitzen, gab ihm Blut, edlen Rauschtrank und Fleisch, hüllte ihn in meeresschaumweißes Tuch und legte ihm zahlreiche strahlende Schmuckstücke an. (74) Als Heldenstirnband befestigte er ihm das edelsteinbesetzte Stirnblech, das der mächtige Indra bei seiner Flucht mit dem Reitelefanten verloren hatte. (75) Über seinen meeresgleichen Leib strich er duftende rote Sandelpaste. Der ganze Körper glänzte wie ein geschmückter Elefant, den man mit wohlriechendem Wasser gebadet hat. (76) Um die Brust des himmelhohen Bruders legte er den Panzer, den Shiva, der achtarmige Herr auf dem Stier, geschenkt hatte. Kumbhakarna ragte auf wie das aufsteigende Weltgift.
(77) Da fragte Kumbhakarna: »Wozu dienen all diese Vorbereitungen?« Seine blitzgleichen Brauen und seine himmelhohen Schultern zuckten auf der linken Seite. (78) Ravana antwortete: »Menschen mit einem großen Affenheer haben die Königsstadt eingeschlossen und bereits Siege errungen. Gehe hin und vollende das Mahl, indem du ihre süßen Leben verzehrst!« (79) »Ist der furchtbare Krieg nun da? Ist das Leiden der unermesslich treuen Janaki noch nicht beendet? Ist unser Ruhm, der Himmel und Erde erfüllte, vergangen? Ist unsere Todesstunde gekommen?« (80) »Ist die Schlacht herangerückt – wegen der goldgleichen Sita? Hast du trotz meiner früheren Worte die Frau nicht freigegeben, deren Treue wie das Gift einer blicktötenden Schlange ist? So wirkt das Schicksal!«
(81) »Man könnte die Welt ausgraben und ihr Grenzen setzen lassen. Doch Ramas mächtige Schultern besiegen zu wollen, ist so aussichtslos wie dein Wunsch, Sitas Leib zu umarmen, Herr!« (82) »Die Wahrhaftigkeit unseres von Pulastya stammenden Geschlechts ist zerstört. Kann dann noch Sieg gelingen? Unser eigenes Wesen verdirbt unsere Kraft, so wie Wasser die Beschaffenheit des Bodens annimmt.« (83) »Du hast Indra Herrschaft und Sieg zurückgegeben, deine große Verwandtschaft vernichtet und dich selbst zu Fall gebracht. Du hast die Götter befreit; ein anderer Ausweg bleibt nicht mehr.« (84) »Der Dharma hat sich heute aus Furcht vor dir verborgen. Weil du ihm einst gefolgt warst, schenkte er dir Kraft, Reichtum und Glanz. Nun hast du ihn vertrieben; wer soll dich aufrichten, wenn du zum Sterben niederfällst?«
(85) »Schutzgewährung, Dharma und Güte erfüllen ihr Herz und bestimmen ihr Handeln. Wir aber beherrschen große Täuschung, Sünde und Lüge. Können wir überleben? Kann jene Gerechtigkeit versagen?« (86) »Nachdem ich dies gesagt habe, bleibt noch ein Rat. Verstehst und befolgst du ihn, ist es gut. Willst du ihn nicht annehmen, Herr, so betrachte dich als gestorben: Es gibt kein Entrinnen.« (87) »Dort sind gewaltige Affen, die windgleich über das dunkle Meer springen. Sita ist noch hier. Dort sind Pfeile, die Valis Brust durchdrangen; hier sind wir. Fehlt noch etwas zu unserem Untergang?« (88) »Gib die Frau frei, beuge dich vor seinen Füßen und versöhne dich mit deinem makellosen Bruder: Das ist Rettung. Willst du das nicht, gibt es noch eine andere Handlungsweise. Höre sie klar!«
(89) »Heer auf Heer auszusenden, ihre Vernichtung anzusehen und dann bekümmert dazusitzen, ist kein kluger Plan. Wir müssen unsere ganze Kraft zugleich einsetzen.« So legte er seinen Rat dar. (90) Ravana erwiderte: »Ich rief dich nicht, um die Zukunft zu erforschen. Gehe und töte diese Menschen mit ihren geringen Taten! Du bist nicht mein weiser Minister. Du fürchtest dich; deine Tapferkeit ist leer.« (91) »Du hast deine Eignung für den mutigen Kampf verloren. Fleisch und Wein hast du reichlich bekommen. Gehe, schließe die sinkenden Augen und schlafe Tag und Nacht!« So verletzte er ihn. (92) »Die beiden Menschen anzubeten und den krummrückigen Affen zu huldigen, um das Leben zu retten, mag dir und deinem mangelhaften jüngeren Bruder zukommen. Ich werde es nicht tun. Steh auf, geh!«
(93) »Bringt meinen Wagen und meine Waffen! Verkündet meinen Befehl! Himmel, Erde und alles andere mögen zusammen mit diesen zweiarmigen Burschen gegen mich zum heißen Kampf antreten!« Er wollte selbst aufbrechen. (94) Da verneigte sich Kumbhakarna vor seinen goldenen Füßen: »Bitte, habe Nachsicht!« Er nahm den mächtigen langen Dreizack in die Rechte und sagte: »Noch eines bleibt zu sagen.« (95) »Ich verspreche nicht, siegreich zurückzukehren. Das Schicksal steht hinter mir, packt mich am Nacken und treibt mich voran. Ich werde sterben. Wenn ich gefallen bin, Herr, wäre es gut, die Frau mit den geschmückten Schultern freizugeben.« (96) »Auch Indras Bezwinger wird gewiss durch einen Mantrapfeil von Ramas Bruder sterben. Das Heer wird wie Asche im Wind vergehen. Erkenne dann die Lage und tue, was dir noch helfen kann.«
(97) »Wenn sie mich besiegen, Herr Lankas, werden sie gewiss auch dich besiegen. Erst danach nachzudenken wäre ein Fehler. Die Armreifgeschmückte gut zurückzugeben wäre verdienstvoller als Askese.« (98) »Wenn ich bis heute Fehler gegen dich begangen habe, verzeihe sie, König. Ich werde dir nicht wieder ins Gesicht sehen, edler Bruder. Ich nehme Abschied.« Damit wandte er sich zum Gehen. (99) Aus allen Augen Ravanas strömten Tränen, mit Blut vermischt. Ringsum klagten die Menschen voller Schmerz. Kumbhakarna ging weiter und erreichte das Tor. (100) »Lasst die Kriegstrommeln schlagen! Das große Heer soll meinen Bruder begleiten!« Auf diesen Befehl zog es heran; sein Staub bedeckte die bienenumschwärmten Blumenkronen der Götter.
(101) Wagenbanner, Elefantenfahnen und hohe Standarten drängten sich und flatterten, als wollten sie den aufsteigenden Kriegsstaub aus dem Himmel wischen. (102) Waffen schlugen aneinander und sprühten Funken. Mit den Zornesfunken aus den Augen der Heerführer verbrannten sie scheinbar die weiten Himmelswolken und ließen sie herabfallen. (103) Wagen, Elefanten, rotgesichtige Krieger, Pferde, Vorhut und Nachhut drängten vorwärts. Da auf der Erde kein Platz mehr war, sprang das Heer in den Himmel. (104) Kumbhakarna bestieg einen funkelnden Wagen, den tausend Löwen, tausend Yalis, tausend wilde Elefanten und tausend Geister zogen. Er hätte die große Erde tragen können.
(105) Wurfspeere, Scheiben, Dreizacke, Stäbe, Äxte, gefürchtete Lanzen, Stampfkeulen, Schwerter, Pflugwaffen, Knüttel, Bogen, Wurfringe und alle übrigen furchtbaren Ersatzwaffen wurden mitgeführt. (106) Tausend Wagen voller Weinkrüge und gut gegartem Fleisch folgten dem Helden mit den mondsichelgleichen Zähnen. Diener reichten ihm unablässig Nachschub. (107) Mit beiden starken Händen verschlang er Fleisch und Wein, die viele Diener herantrugen, als füllten sie einen bodenlosen Abgrund. Sein Vorrücken erschreckte alle. (108) »Mit den Affenscharen wird das nicht enden. Reicht die ganze Welt als fetter Fleischbissen für ihn? Überall drohen Leichen; wohin können wir noch fliehen? Der Tod ist erwacht!« So flohen die Götter.
(109) Rama sah den Gewaltigen auf seinem goldenen Wagen. Er glich dem königlichen Meru, der vom Haupt der Weltenschlange geglitten wäre und mitsamt der Erde herankäme. (110) »Ist das eine Vina auf dem Banner? Nein, die himmelhohe Fahne zeigt einen wilden Löwen. Vom Fuß aufwärts lässt sich seine Gestalt kaum überblicken. Wer ist dieser mit der schmuckglänzenden Brust?« (111) »Wollte der Blick von einer Schulter zur anderen wandern, vergingen viele Tage. Ist das ein Berg auf Beinen? Ich kann ihn kaum als einen Mann begreifen, der kämpfen will. Wer ist er?« (112) »Sein Leib verbirgt die aufgehende Sonne und hüllt alles in Dunkel. Unser großes Heer gerät in Angst und flieht. Du mit dem unerschütterlichen Herzen, wer ist er?«
(113) »Hat der Dämon seine Gestalt verändert, um unser Affenheer zu erschrecken? Ich erkenne diese Erscheinung nicht. Vibhishana, sage es mir rasch, damit ich verstehe!« (114) Vibhishana verneigte sich: »Herr, er ist der jüngere Bruder des berühmten Königs von Lanka und mein älterer Bruder: Kumbhakarna mit dem scharfen Dreizack, dunkel wie der Tod.« Er schilderte ihn weiter. (115) »Was die Asuras erleiden, wenn jener Gott erwacht, dessen Wesen die Asketen und Vedakenner, Shiva und der viergesichtige Brahma erkennen, das erleiden die Götter, wenn dieser hier erwacht.« (116) »Herr der Scheibe, er ist der unverzagte jüngere Bruder unseres unglückseligen Ältesten. Er schläft, als dauere sein Schlaf ein ganzes Weltalter.«
(117) »Er ist der Tod selbst für den Todesgott; seine Beine überragen alles. Allein mit seinem Dreizack errang er Siege, vor denen selbst Vishnus Macht zurückwich.« (118) »Er packte Indras vierbeinigen Elefantenberg mit seinen Hauern und wirbelte ihn durch die Luft, während der stolze Götterkönig sich oben halten musste.« (119) »Feuer und Wind könnte er auspressen und ihren Saft gewinnen. Er steigt ins Meer und schlägt es mit den Füßen, bis selbst die Sterne erschüttert herabzufallen scheinen.« (120) »Sein Leib ist voller Kraft, sein Mut wächst unablässig; groß ist seine selbst erworbene Askese, himmelhoch die Macht seiner Gnadengaben.«
(121) »Wenn er sich kampfkundig bewegt, gleicht seine Schnelligkeit nur einem Kreisel. Dass dieser Kranzgeschmückte bis heute schlief, hat die Welt am Leben erhalten.« (122) »Sein Dreizack hat die Lebenszeit himmlischer Wesen verschlungen. Shiva, der das Gift trank, hat ihn ihm gegeben, o du, der die meerumschlossene Welt verschlang!« (123) »Forderten die blitzgleichen Götter ihn zum Kampf, richtete er den wachen Blick nur auf ihre Rücken: So sicher flohen sie vor ihm.« (124) »Er sagte zu unserem donnerwilden Bruder: ›Dies ist kein Dharma; es wird uns das Leben kosten.‹ Er erklärte ihm die Folgen für diese und die andere Welt.«
(125) »Als der Ältere widersprach, wies er ihn mit wahrhaftigen Worten zurecht. Zuletzt erkannte er verzweifelt: ›Der Tod ist gewiss.‹ So ist er dir entgegengekommen.« (126) »›Das gereicht uns nicht zum Guten‹, sagte er und legte den rechten Weg dar. Nun ist er hier, um dem Tod entgegenzutreten.« Vibhishana verneigte sich. (127) Sugriva sagte: »Es bringt nichts, ihn heute zu töten. Wenn möglich, gewinnen wir ihn für uns und vollbringen dann unser Werk. Auch Vibhishanas Kummer würde schwinden. Das halte ich für gut.« Rama stimmte zu. (128) »Wer soll zu ihm gehen?« fragte Rama. Vibhishana antwortete: »Ich werde ihn verständig ansprechen, sein Herz klären und ihn herbringen, falls er sich gewinnen lässt.« Der Wolkengleiche sagte: »Gut, geh!«
(129) Vibhishana durchquerte das Heeresmeer. Als Kumbhakarna hörte, sein Bruder sei rasch zu ihm gekommen, erfüllte ihn grenzenlose Freude. Vibhishana legte sein Haupt an dessen ringgeschmückte Füße. (130) Kumbhakarna hob ihn auf und umarmte ihn innig. Tränen strömten wie Regen: »Ich freute mich, dass wenigstens du gerettet warst. Warum zerstörst du diese Hoffnung und kehrst allein zurück, als fehlte dir die Einsicht?« (131) »Ich hörte voller Freude von deinem gewährten Schutz und deiner Herrlichkeit in beiden Welten, die selbst Götter kaum erlangen. Du übertriffst Dichter an Weisheit. Warum kommst du zu uns, die im Rachen des Todes schwelgen? Willst du Nektar gegen Gift tauschen?« (132) »Ich blickte freudig auf deine starken Schultern: Obwohl unser Geschlecht entartet ist, hat Pulastyas Linie durch dich unvergängliches Verdienst gewonnen. Nun kommst du zurück und gefährdest dein bleibendes Leben. Ach, mein Herz leidet!«
(133) »Deine rechtschaffenen Beschützer würden eher ihr Leben lassen, als dich aufzugeben, nachdem du Zuflucht gesucht hast. Du bist von Todesfurcht frei; bei Rama endet selbst die leidvolle Wiedergeburt. Was hat dich zurückgeführt?« (134) »Du dienst dem Herrn, der selbst Dharma ist. Durch ihn hast du die drei verderblichen Kräfte und die übrigen Übel schon in diesem Leben überwunden. Willst du uns, die nach der Frau eines anderen greifen, dennoch als Verwandte anerkennen?« (135) »Gerechtigkeit, Festigkeit im Dharma und Wissen hast du durch große Askese vom Urgott gewonnen. Durch Brahmas Wort empfingst du unvergängliches Leben. Bist du dennoch von der Niedrigkeit unseres Geschlechts nicht frei, edler Mann?« (136) »Rama, der Herr aller, steht mit gespanntem Bogen bereit, ebenso sein unbezwinglicher Bruder und alle anderen. Der Tod wartet, uns zu töten; das Schicksal steht fest. Warum kommst du zu unserer unterliegenden Seite und vergeudest deine Kraft?«
(137) »Wenn du nicht unter dem Schutz des Königs von Ayodhya am Leben bleibst: Wer wird uns dann Sesamwasser mit eigener Hand darbringen, wenn sämtliche Dämonen unter dem Pfeilregen gefallen und vernichtet sind?« (138) »Kehre rasch zurück. Wenn alles Böse in Lanka vergangen ist, komm mit dem Herrn, auf dessen Brust die Glücksgöttin wohnt, und genieße unvergänglichen Reichtum.« Vibhishana sagte: »Ich habe einen Auftrag.« – »Sprich!« (139) »Der Held, der selbst mir mit meinem verdunkelten Herzen Gnade schenkte, wird auch dich aufnehmen und schützen. Mehr noch: Er heilt die Krankheit verworrener Wiedergeburt, beendet das wechselhafte Leben, das wie ein Wagenrad rollt, und schenkt Befreiung.« (140) »Lanka, das Königtum und allen Reichtum, den er mir gab, werde ich dir überlassen und dauernd deinem Befehl dienen. Eine sicherere Rettung gibt es nicht. Edler Bruder, lindere meinen Schmerz und bringe unserem Geschlecht Licht!«
(141) »Ist der Weg schwer, fehlt dir etwa eine Zuflucht? Hier ist der Tod gewiss. Du kennst Gerechtigkeit und Dharma; warum solltest du dein Leben nutzlos wegwerfen? Halte dich an das Verhalten, das der Überlieferung der Veden entspricht.« (142) »Wer den Dharma achtet, hält nicht an Übeltätern fest, bloß weil sie verehrte Verwandte, Mutter oder Vater sind. Das weißt du. Was müsste ich dich lehren? Wer sich für das Reine entscheidet, zieht keine Schande auf sich.« (143) »Entschlossene Menschen lösen sich sogar von Kindern, Lehrern, Frauen, geliebten Angehörigen und Wohltätern, wenn sie diese Bindungen als Leiden erkennen. Daraus erwächst das höchste Gute, die Befreiung.« (144) »Ist es edel oder niedrig, wenn Unschuldige mit einem Übeltäter zugrunde gehen? Du kannst unterscheiden. Hat nicht selbst der große Asket seine Mutter getötet, als er um des Dharma willen ihren Fehltritt ahndete?«
(145) »Hat der Stirnäugige nicht dem Lotusgeborenen, dem ehrwürdigen Vater, eines seiner Häupter abgeschlagen, als dieser Unrecht tat? Würden Weise Schande auf sich laden und danach in die schreckliche Hölle stürzen?« (146) »Man schneidet ein krankes Gewächs am eigenen Leib weg, lässt Blut abfließen, brennt die Stelle aus und heilt sie mit Arznei. Ein Leck erst mitten im Meer beseitigen zu wollen, ziemt sich nicht für Verständige, du Kranzgeschmückter.« (147) »Unseren Bruder retten kannst du nicht; den Dharma zu seinen Gunsten verändern ebenso wenig. Die erzürnten Götter können lachen, du kannst im Kampf sterben und danach in die Hölle eingehen. Welche andere Frucht hätte dein Handeln?« (148) »Du hast bislang nicht durch Siege glücklich gelebt. Auf dieser Erde verging deine Jugend im Schlaf. Was hast du sonst gewonnen? Warum willst du jetzt den Dharma preisgeben und durch deinen Tod solches Unheil auf dich nehmen?«
(149) »Durch die Gnade des Herrn mit dem heiligen Brustmal könntest du alle Not ablegen, großen Reichtum und unendliche Lebenszeit gewinnen und allein herrschen. Das Recht dazu steht dir zu; nichts daran ist unerreichbar. Jetzt ist die Gelegenheit.« (150) »Wenn der Gott der Götter dir Lankas Reichtum schenkt, stehst du hinter niemandem zurück. Wer könnte dir schaden? Der Herr über die drei großen Götter ist als Kakutstha erschienen, um den Dharma vollständig zu schützen.« (151) »Deine Kinder, meine Kinder und die Kinder dessen, der unserem Geschlecht den Untergang bereitet, könnten alle mit unversehrten Köpfen leben, wenn die Niedrigen, die bisher dem Dharma fernstanden, ihn nun annähmen.« (152) »Die Weisen würden dir Gnade erweisen; in den drei Welten bliebe kein Feind. Du müsstest keinen Untergang beklagen. Selbst die bisher feindlichen Götter würden deine Freunde. Soll man die Blüte pflücken, wenn gerade die Frucht heranreift?«
(153) »Der Herr der Veden selbst hat mich aus Gnade nach dir gesandt. Aus Liebe und um deiner Zuneigung zu mir willen: Gehe mit mir zu ihm, ohne vom Dharma abzuweichen!« Vibhishana umfasste seine beiden goldenen Füße. (154) Die blumenbekränzte, strahlende Krone berührte den Boden, während Vibhishana weinend die goldenen Fußringe hielt. Kumbhakarna hob den Bruder auf, drückte ihn an die Brust und sprach, während aus seinen grimmigen Augen heiße Tränen strömten. (155) »Um eines Lebens willen, flüchtig wie ein Bild auf Wasser, werde ich den nicht verlassen, der mich lange ernährt und nun zum Kampf gerüstet hat, ohne ihm mein Leben zu geben. Willst du meinen Schmerz lindern, kehre rasch zum Wolkengestaltigen zurück.« (156) »Durch die unfehlbare Gabe des Lotusgeborenen folgst du unerschütterlich dem Dharma und wirst leben, solange die Welt besteht. Herrschaft über die Welt ziemt dir. Mir aber entspricht es, diesen elenden Tod mit Ehre zu empfangen.«
(157) »Will ein unverständiger Herr Böses, soll man ihn hindern und bessern, wenn es möglich ist. Lässt er sich nicht ändern, helfen weitere Gründe nichts. Wer sein Brot gegessen hat, muss mit ihm kämpfen und vor ihm sterben.« (158) »Soll unser älterer Bruder, der allein drei Welten beherrschte und von Göttern und anderen gepriesen wurde, ohne seine Brüder auf der Erde liegen, wenn Ramas glühende Pfeile das Heer und die Verwandtschaft verbrennen?« (159) »Sein ungestützter Sieg würde zum Gelächter derer, die ihn einst fürchteten. Soll der Tod seine mächtigen Schultern binden, die Shivas Berg erschütterten, und soll er allein in die Gewalt jenes Todes geraten, den er schon besiegt hatte?« (160) »Um den Reichtum dieser Stadt mit ihren metallfesten Mauern zu gewinnen, werde ich nicht dem Feind huldigen, der meinen Bruder tötet, und mit pfeildurchlöchertem Herzen weiterleben. Ich habe selbst mit dem Tod gespielt!«
(161) »Sieh zu: Ich werde Hanuman, Valis Sohn, den Sonnensohn, die Männer mit den goldenen Bogen, Nila, Jambavan und das fruchtliebende Affenmeer durchbrechen wie die Sonne, die den Nebel verscheucht und die Welt umwandert.« (162) »Die Affen werden fliehen wie einst die Götter vor dem Gift. Mit meinem Dreizack werde ich ihnen nachsetzen wie ein anrollendes Meer. Das blaue Meer, Feuer, Wind und die vergängliche Welt werden weichen, während ich wie ein Kreisel wirble.« (163) »Wenn sie furchtlos vor mich treten, mögen die beiden, die einem dunklen und einem goldenen Berg gleichen, bestehen bleiben. Von allen anderen werde ich keinen lebend in der Welt umhergehen lassen.« (164) »Verzögere dich nicht. Wenn du meinen Rat achten willst, gehe und festige deine Freundschaft mit ihnen. Denke nicht, ein weiteres Wort könnte mich umstimmen. Mögest du von allen verehrt werden!«
(165) »Gehe, lieber Bruder. Bitte später den Herrn der Vedenkenner um Erlaubnis und vollziehe für alle Gefallenen die Pflichten nach der wahrhaftigen uralten Schrift. Bewahre uns dadurch vor der qualvollen Hölle.« (166) »Was entstehen soll, entsteht zu seiner Zeit; was vergehen soll, zerfällt. Auch wenn man danebensteht und es bewacht, vergeht es sicher. Wer versteht das klarer als du? Gehe ohne weiteren Schmerz; beklage uns nicht, du ewig Lebender!« (167) Er hob ihn nochmals auf und presste ihn fest an seine Brust. Lange stand er klagend da und sah ihn mit tränenvollen Augen an. »Heute endet unser Zusammensein als Brüder.« Er ließ ihn los; Vibhishana fiel ihm zu Füßen. (168) Nach der Verneigung waren Augen, Gesicht, Herz und Mund wie ausgedörrt; Leib und Leben sanken in sich zusammen. »Weiteres Drängen bringt nichts; ich muss gehen.« So kehrte der Tugendhafte zurück, während das ganze Heeresmeer ehrfürchtig die Hände faltete.
(169) »Er hat uns verlassen, deren Leben auf Täuschung beruht; er hat die kindliche Bindung abgelegt.« Kumbhakarna stand tief erschüttert. Seine Tränen fielen wie Wasser ins Meer; zuletzt schienen seine Augen Blut statt Wasser zu vergießen. (170) Vibhishana verneigte sich vor Rama: »Herr, nur wem Rettung bestimmt ist, kann den Weg des Dharma wirklich gehen. Ich habe alles gesagt, was sich sagen ließ. Er ließ sich nicht umstimmen; vom Stolz seines Geschlechts wich er kein wenig.« (171) Rama, schön wie eine Wolke mit kunstvoll gebundenem Haar, neigte leicht den Kopf: »Ich wollte verhindern, dass ich deinen älteren Bruder vor deinen Augen mit Pfeilen fällen muss. Gibt es nun noch einen anderen Weg? Wer kann das Schicksal abwenden?« (172) Während Rama freundlich sprach, umschloss das brausende Dämonenmeer das Affenmeer und begann den Kampf. Gewaltiger Staub erfüllte die drei Welten, als verdränge er selbst die See.
(173) Pferde, Elefanten und feste Radwagen stürmten; Berge flogen, große Blutströme flossen. Kopflose Rümpfe zuckten, Geister tanzten, Banner schwankten, und Vögel kreisten hoch darüber. (174) Hirn, Fleisch, Knochen, Blut und Fett der scharfzahnigen Dämonen vermischten sich mit ihren großen Schwertern. Auch Affen versanken im tödlichen Blutstrom, während Bäume, Steine, Dreizacke und Speere ihre kräftigen Schultern trafen. (175) Dämonen schossen, Affen warfen Steine. Dämonen schleuderten Waffen, Affen packten und zerdrückten sie. Rakshasas hielten stand, Affenführer drängten vor. Die vielen Formen des grausamen Kampfes verwirrten selbst die Götter. (176) Wie Wind gegen Wasser und Wasser gegen Wind kämpften beide Seiten. Da lenkte Kumbhakarna seinen Wagen heran; sein blutiger Speer hatte bisher verhindert, dass das Glück zu den Städten der Götter zurückkehrte.
(177) Wie Welten im Sturm des Weltendes wurden die Kämpfer in Staub und Blutmeer geschleudert, von mächtigen Elefanten getroffen und unter den Rädern seines vorwärtsgetriebenen Wagens zermalmt. (178) Er warf Berge, sprang zu Boden, packte die wilden Scharen und schlug einen gegen den anderen. Er trat, zertrampelte, fraß, spie, drehte Köpfe ab, zerquetschte, kaute, schleuderte sie himmelwärts und bestrich sich mit ihren zermalmten Leibern. (179) Er drückte sie unter Wasser, rieb sie mit der Hand am Boden wund, häufte sie im Meer, warf sie ins Feuer, gegen Wagen, in alle acht Richtungen, an Baumstämme und gegen Berge. (180) Die Götter flohen erschrocken. Vögel sammelten sich auf großen Leichenhaufen; alle acht Richtungen waren verhüllt, die Berge verloren ihre Größe. Das Affenmeer schrumpfte. Kumbhakarna tötete so, dass selbst der Tod sich schämte.
(181) »Noch nie haben wir unsere Bäume und Steine gemeinsam auf einen einzigen Gegner werfen können. Gelingt es heute, endet unser Unglück!« Die Affenführer schleuderten alles auf ihn; er fing es mit seinen beiden großen Schultern auf. (182) Steine, Bäume, Wurzeln und Stümpfe zerfielen zu Staub, als träten seine Füße auf Gras. Als keine Wurfgeschosse mehr blieben, stürzten die Affen mit zusammengebissenen Zähnen auf ihn los. (183) Wie Vogelschwärme auf einen Berg sprangen sie auf ihn, klammerten sich fest, schlugen ihre Handflächen wund, bissen mit starken Zähnen und rissen sich die Krallen stumpf. Da nichts wirkte, ließen sie los und flohen. (184) Nila riss einen tief gegründeten Berg aus der Erde wie der Weltuntergangssturm. Feuergleich schleuderte er ihn empor. Kumbhakarna zerschlug ihn mit dem Dreizack und blieb lächelnd stehen.
(185) »Wenn ich erst einen anderen Gipfel suche, verlieren die anderen den Mut.« Nila griff deshalb mit bloßen Armen an, sprang vor den Wagen, schlug und trat vielfach. Sein Getöse übertönte Trommeln, Meer und Donner und erschreckte alle. (186) Hände und Füße erlahmten, ohne dass der feurig kämpfende Nila sein Ziel erreichte. Kumbhakarna schlug ihn mit der Linken bewusstlos nieder. Den Dreizack gebrauchte er nicht; er schämte sich, damit einen Unbewaffneten anzugreifen. (187) Angada sah es, riss einen sehr hohen, festen Berg vom Rücken der Erde und schleuderte ihn. »Ravanas Bruder ist tot!« jubelten die sieben Welten. Doch dieser fing ihn mit einer einzigen Schulter auf. (188) Der Berg zerfiel in unzählige Stücke. »Welche Kraft bleibt uns noch?« Das Affenheer brach auseinander. Angada stand allein mit seinem Zorn und wich keinen Fußbreit.
(189) Mit der Linken schleuderte Kumbhakarna eine siebenkantige, diamantfeste Keule von unwiderstehlicher Kraft: »Gib dein Leben auf!« Angada fing sie mit seiner großen Hand; die Götter priesen ihn. (190) Er wirbelte die gefangene Keule: »Damit zerschmettere ich diesen Dämon und trinke sein Leben wie ein Donnerkeil, der einen Berg entzündet!« Mit flammenden Augen sprang er brüllend vor den großen Bannerwagen. (191) Kumbhakarna musterte ihn feurig: »Bist du der Herr dieses dem Untergang geweihten Heeres, sein Sohn oder jener, der unsere Stadt verbrannte und die Dämonen besiegte? Wer bist du? Antworte rasch!« (192) »Ich bin der Sohn des Helden, der deinen Bruder mit seinem Schwanz umwand, in alle vier Richtungen sprang und Shivas Lotusfüße verehrte. Ich werde dich an meinen Schwanz binden und zu Rama bringen, damit du dich vor ihm verneigst.«
(193) Kumbhakarna spottete: »Für den Wohltäter, der deinen Vater versteckt mit einem Pfeil tötete, musst du freilich seine Feinde vernichten; sonst würde die Welt dich tadeln. Ein schöner Entschluss! So handeln gewiss makellose Helden.« (194) »Du bist nicht gekommen, um mich an deinem Schwanz zu Rama zu schleppen, sondern damit mein Dreizack, der schon Götterbrüste durchbohrte, aus deinem Rücken ragt und Arme und Beine wie ein mächtiger Schwanz daran herabhängen.« (195) Angada schlug ihm mit feurigem Blick auf die breite goldene Schulter. Es krachte wie ein Donnerkeil im Berg; die Welt erschrak. Die siebenkantige Diamantkeule sprühte Funken und zerbrach in hundert Stücke. (196) Als die Keule zerbrach, hob Angada die Arme und sprang nach seinem Kopf, um ihn zu packen und zu töten. Kumbhakarna schlug ihn mit der Faust verwundet zu Boden. Augenblicklich eilte Hanuman herbei.
(197) Als Kumbhakarna den scharfen Dreizack auf Angadas Brust richten wollte, riss Hanuman einen Berg aus und schleuderte ihn tief in die breite Stirn des Dämons. Dabei rief er lobpreisend Ramas Namen. (198) Der Berg steckte dort wie ein zweiter Kopf. Kumbhakarna zog ihn heraus und warf ihn gegen Hanumans diamantfeste Brust. Funken sprühten wie unter dem Hammer eines Goldschmieds; der Dämon schlug sich brüllend auf die Schultern. (199) Furchtlose Affenkrieger trugen Valis Sohn davon. Hanuman hob rasch einen himmelfüllenden Berg und sprach zu dem unerschöpflich starken Gegner. (200) »Ich werfe ihn auf dich; augenblicklich wird deine Kraft brechen. Hältst du ihm dennoch stand, werden alle deine Stärke erkennen. Dann kämpfe ich nicht weiter gegen dich und ziehe mich zurück. Großer Ruhm wird dir gehören.«
(201) Kumbhakarna lachte; sein todgleicher Mund öffnete sich wie eine Berghöhle. »Ich nehme deinen Berg entgegen. Wenn ich auch nur ein wenig unter ihm nachgebe, bin ich dir unterlegen und meine Kraft ist geschmälert.« (202) »Wenn du kannst, bleib stehen! Wenn nicht, rette dein Leben!« Hanuman schleuderte den diamantfesten, wolkenstreifenden Berg. Kumbhakarna fing ihn ungeschützt mit der Schulter auf. Er zerbrach in zahllose Stücke; sämtliche Welten erschraken. (203) Hanuman sah, dass er nicht wankte. »Seine Stärke ist nicht zu ermessen; selbst die großen Weltberge bestehen nicht gegen ihn. Er ist unerschütterlich. Wenn etwas ihn durchbohrt, dann Ramas Pfeil.« So zog er sich zurück. (204) Die Götter zitterten: »Von den siebzig Heeresfluten wird heute jeder Überlebende auf seinem Dreizack sterben. In einem Augenblick könnte er die drei Welten durchstreifen!«
(205) Wer ihn schlug, machte nur die eigenen Hände müde; niemand bewegte oder verletzte ihn. Durch seine Tapferkeit vertrieb er die Affen vollständig vom Feld und erneuerte seinen Ruhm. (206) »Während die Affenscharen fallen, sind die sogenannten Asketen nicht hier? Gibt es noch ein anderes Lanka? Wo sind sie, wo?« Er schlug brüllend auf seine hohen Schultern. Götter und selbst der Tod erschraken. (207) Die großen Affenscharen lagen tot auf dem weiten Feld; die Überlebenden flohen und ließen es leer. Blut strömte ins Meer und ließ es steigen wie bei mächtiger Springflut. (208) »Berge, Steine und Bäume gehen aus; mehr als die Hälfte des siegreichen Affenheeres ist vernichtet!« Auf diese Nachricht griff Sumitras unvergleichlicher Löwe an, zur Freude der Götter.
(209) Lakshmana ließ die Sehne ertönen. Dämonenfrauen warfen ihren goldenen Schmuck zu Boden. Der Himmel krachte, als zersplittere der Donner; die Richtungen wurden taub. Geister hoben ihre säulengleichen Arme zum Tanz. (210) Seine gefiederten Pfeilscharen flogen gierig nach Beute. Mit glühenden Spitzen, heißer als Ofenfeuer, tauchten sie in mächtige Elefanten und tranken Blut. (211) Einige zerschnitten Dämonenhälse; andere trennten Köpfe ab und trugen sie davon, ohne sie auf das Schlachtfeld fallen zu lassen. Die langen Pfeile schienen selbst Köpfe bekommen zu haben. (212) Sonnengleich durchdrangen manche Pfeile die geschmückten Elefantenberge. Andere trennten Dämonenköpfe ab und verschwanden in Bergen wie Schlangen in Höhlen.
(213) Die goldglänzenden Geschosse erschienen als ganze Blitzscharen. Mit gleicher unfehlbarer Wucht trafen sie die Gesichter der Vorderen und die Hälse der hinter ihnen Stehenden. (214) Lakshmanas Pfeile durchdrangen Trommelfelle, Hornöffnungen, brüllende Münder, Hände, Elefantenhälse, gezogene Wagen und Pferdeköpfe. Sie schienen jeden Kämpfer mit eigenem Blick zu finden. (215) Die Elefanten verloren Hauer, Schwänze, Ohren, feurige Augen, lange Rüssel und ihre kampfstarken Glieder. Wie Berge mit abgebrochenen Gipfeln wälzten sie sich auf dem Boden. (216) Ununterbrochen füllten Pfeile alle Richtungen. Die Pferde wurden getroffen, verwirrten sich und stürzten mit der Brust zu Boden. Keines entkam, ob seine Hufe Erde oder Luftraum durchmaßen.
(217) Blattspitzige Pfeile töteten die Pferde und warfen Bogenschützen samt Wagenlenkern nieder. Die hohen Bannerwagen konnten weder fahren noch stehen; nur das grenzenlose Blut trieb sie weiter. (218) Die abgetrennten Köpfe trieben im Blut wie Schöpfgefäße für die kistenmäuligen Geister. Manche waren auf einem einzigen Pfeil aufgereiht; das Blutmeer glich einem großen gefüllten Kessel. (219) Gefallene weiße Yakschweifwedel steckten in den runden Trommelfellen. Sie glichen den sprießenden Saatgefäßen, die man für den verheißenen Siegestag eines Herrschers aufstellt. (220) Von brennenden Stirnpfeilen getroffen, gehorchten die Elefanten weder Treibhaken noch erlernter Führung. Ohne ihre getöteten Lenker stürmten sie wie Gewitterwolken ins Affenheer.
(221) Um Lakshmanas Pfeile abzuwehren, schleuderten die weißzahnigen Dämonen ein Meer von Waffen. Überall sprühten Funken; die Waffen fielen wie sämtliche Sterne zugleich vom Himmel. (222) Die langen scharf geschliffenen Pfeile durchbohrten Hände, die Hufe schneller Pferde, Rücken, mächtige Bannerwagen und deren Radspeichen. (223) Wie wahre Erkenntnis beide Arten von Karma vertreibt, so tilgt Heldenmut das Böse: Das sahen wir hier. Obwohl die Dämonen erbarmungslos vom Dharma abgewichen waren, empfingen Himmelsnymphen sie liebevoll. (224) Alle grausamen Dämonen, die im unaufhaltsamen Regen feuriger Pfeile starben, gelangten in den Himmel. Wenn er sie alle aufnehmen konnte, lässt sich nichts Größeres als dieser Himmel nennen.
(225) Dem einen nahmen die Pfeile eine Hand, dem anderen den Kopf, weiteren die ringgeschmückten Füße, Schultern und andere Glieder. Sie schienen das Betteln auf verschiedene Weise erlernt zu haben; zuletzt fehlten ihnen die Geber. (226) Hier nahmen sie Hände, dort Ohren, Nasen, Füße und Augen. So wirkten die Pfeile wie kundige Dichter, die den Reichtum der Welt nach verschiedenen Gegenständen in vollendete tamilische Worte fassen. (227) Unter den Pfeilen dessen, der dem Dharma wie sein eigenes Leben war, riefen die Dämonen: »Bleiben wir nur einen Augenblick, sterben wir!« Verwirrt flohen sie in alle Richtungen, wie das Blut auseinanderströmte. (228) Pulastyas Nachkomme sah die vielen Toten und Lakshmanas Bogenkunst. Tausendmal lobte er ihn: »Nur Shiva, der die drei Städte vernichtete, und dieser hier sind wahrhaft einzigartige Bogenschützen!«
(229) Er lenkte seinen breiten Wagen heran, schneller als Wind und Gedanke. Wilde Löwen brüllten davor; der goldene Wagen glich dem großen nördlichen Berg. (230) Als der weißzahnige Dämon vom strahlenden Wagen aus angriff, erkannte Hanuman den ungleichen Kampf. »Junger edler Herr, besteige meine Schultern!« sagte er. (231) Der junge Löwe stieg hinauf; Götter segneten ihn, das Affenheer jubelte. Hanumans breite Schultern boten mehr Raum als sechs von tausend schnellen Pferden gezogene Wagen. (232) Der leuchtende Lakshmana auf Hanumans unvergleichlichen Schultern glich einem goldenen Berg auf einem Silberberg. Welches andere Bild könnte diese Erscheinung beschreiben?
(233) Kumbhakarna befestigte seinen mit vielen Pfeilen gefüllten Köcher und spannte einen Bogen, seiner Schulterkraft angemessen. Er glich dem großen nördlichen Berg und beschämte den Regenbogen. (234) »Du bist Ramas Bruder, ich Ravanas Bruder. Wir beide stehen zum Kampf, und die Weisen sind gekommen zuzusehen. Lasst uns nach altem Kriegerbrauch unsere Stärke verkünden und einen würdigen Kampf führen!« (235) »Unsere Schwester, eine durch Askese gewonnene Frauenranke, hatte kein Unrecht getan, doch du schnittest ihr zornig die Nase ab. Die Hand, die ihr Haar packte und sie zerrte, werde ich zu Boden legen. Schütze sie!« (236) Lakshmana antwortete dem Nachtschwarzen: »Wir haben nicht gelernt, mit Worten zu reden und damit die Tatkraft zu beschämen. Unsere Antwort wird dir der Bogen geben.«
(237) Die Götter erschraken, als würden Himmel und Erde gespalten und Berge aufgerissen. Mit Feuer in beiden Augen schoss Kumbhakarna achtzehn leuchtende Pfeile in einem Zug. (238) Diese hatten einst die Stirn des vierzahnigen Götterelefanten durchbohrt und die Macht der Himmlischen gebrochen. Lakshmana zerschnitt die achtzehn donnergleichen Pfeile mit nur vier eigenen. (239) Nun legte der Dämon einen von Brahma verliehenen göttlichen Pfeil auf, der tausend Gestalten annahm und die Götter lange bedrängt hatte. »Zerbrich und wehre ihn ab, wenn du kannst!« Er schoss. (240) In jede Richtung strömten flammende Pfeilwolken. Lakshmana erkannte die Waffe und zerschnitt sie mit einem göttlichen Gegenpfeil; mit ihr zerfielen ihre tausend Erscheinungen.
(241) Kumbhakarna traf Hanuman mit zwölf scharfen Pfeilen und den jungen Prinzen mit zwei. Dann schoss er augenblicklich hundertfünfzig auf einmal und verhüllte Himmel und Richtungen. (242) Lakshmana wehrte jeden Pfeil durch einen passenden Gegenpfeil ab. Dann zerstückelte er die Elefanten, Pferde, Yalis und großen Geister, die den Wagen trugen, und zerbrach auch den Wagen. (243) Der Wagen zerfiel wie eine zerstörte Sonnenstadt; seine Lenker starben. Der große Bogen brach wie ein mächtiger Regenbogen in unerschöpflichen Regenwolken. (244) Die Götter staunten: »Hat er all diese wilden Löwen und die übrigen Zugtiere mit Pfeilen getötet? Oder hat er ein mächtiges Mantra gesprochen und sie durch dessen Wort vernichtet?«
(245) Ohne Wagen und Bogen glich der Dämon einem aufgewühlten Meer. »Ich werde sein süßes Leben trinken!« Er ergriff den flammenden todgleichen Dreizack, dessen drei Spitzen seinen Sieg über drei Welten zu verkünden schienen. (246) Zornig sprang er zu Boden, als spaltete sich die Erde und stiege Wasser daraus auf. »Er kämpft jetzt zu Fuß; oben zu bleiben wäre schändlich.« Auch Lakshmana verließ Hanumans Schultern und trat auf die Erde. (247) Ravana schickte seinem Bruder ein doppelt so großes Heer wie das zuvor vernichtete zu Hilfe. Wie ein brausendes Meer umschloss es Sumitras Löwen. (248) Die Affen flohen verwirrt. Lakshmana wehrte die überall niedergehenden Waffen ab. Als der erbarmungslose Dämon sich seitwärts entfernte, drang der besorgte Held in das dunkle Meer des frischen Heeres ein.
(249) Er häufte Dämme aus rothaarigen Dämonenköpfen, deren feurige Augen aufgeblühten Korallenbaumblüten glichen. Sie stauten die Blutströme, die wie im Feuer geschmolzener Dünger dahinflossen. (250) Elefantenrüssel, Pferdebeine, Wagenräder und Dämonenköpfe wirbelten an allen Stellen im Blut. Doch die Flut vermochte die hohen Ufer aus zusammengedrängten Leichen nicht zu überschreiten. (251) Schwerter, Keulen, Stäbe, Speere, Äxte, Donnerkeile und alle übrigen Waffen wurden von Lakshmanas ringsum fliegenden Pfeilen zerschnitten. Ihre zusammenprallenden Bruchstücke zerfielen noch weiter in unzählige Teile. (252) Ohrringe, Kronen, Halsketten, Gürtel, Fußringe, Armschmuck und Spangen flogen samt den abgetrennten Gliedern empor. Ihr Glanz wetteiferte am Himmel mit den strahlenden Gestirnen.
(253) Weiße Schirme, Wedel, lange Banner, Standarten, Bogen, Schilde und Federzier wurden von den Pfeilen in die Blutflüsse getrieben. Die Geister schwammen darin und häuften die Beute an den Ufern. (254) Während dieser Kampf tobte, stand der Dämon mit den langen weißen Zähnen in einer anderen Richtung Sugriva gegenüber. Die Götter versammelten sich: »Das lohnt sich anzusehen!« (255) Sugrivas Augen sprühten Funken, sein Mund schien zu rauchen. Zornig hob der Sonnensohn einen großen Berg und schleuderte ihn himmelwärts: »Jetzt sollen die mächtigen Dämonenschultern zerbrechen!« (256) Die wilden Elefanten auf dem herabfliegenden Berg kämpften mit den berggleichen Kriegselefanten unten. Welcher Berg hätte sich wohl Sugrivas Zugriff entziehen können?
(257) Große Schlangen glitten von dem Berg und bissen die Dämonenelefanten, die ihre Fesseln sprengten. Kumbhakarna fing den Berg mit einer Hand; die Asuras jubelten. (258) »Ist das der Berg, den du mit aller Kraft geworfen hast?« Mit einer Hand zerdrückte der Grenzenlosstarke ihn feiner als Asche und streute ihn fort: »Weg damit!« Die Götter erschraken. (259) Während Sugriva überlegte, ob er noch einen großen Berg suchen solle, schleuderte Kumbhakarna seinen Dreizack: »Töte!« Er fehlte so wenig wie das Wort eines vollendeten Asketen. (260) »Er ist getroffen, er ist verloren!« klagten die Zuschauer. Doch Hanuman sprang hoch, packte den fliegenden Dreizack, zerbrach und entfernte ihn. Würde der Beschützer des Dharma solchen Untergang zulassen?
(261) Der Klang des zerbrechenden Dreizacks glich jenem gewaltigen Krachen, als Sitas Gemahl in Mithila den Bogen des göttlichen, erkenntnisvoll verzückten Shiva zerbrochen hatte. (262) Kumbhakarna sagte bewundernd: »Die Kraft deiner Hände lässt sich weder denken noch aussprechen. Für die Vollbringung schwieriger Taten bist du in allen Ländern einzigartig. Welcher Vergleich wäre möglich?« (263) »Kämpfe weiter gegen mich; ich werde meinen angekündigten Kampf erfüllen.« Hanuman aber dachte: »Ich habe schon erklärt, ihn nicht mehr anzugreifen. Weiterzukämpfen wäre falsch.« Er trat zurück. (264) Kumbhakarna stand waffenlos, wich aber nicht. Sugriva sprang ihn an, packte ihn und schlug mit seinen kräftigen Händen auf ihn ein.
(265) »Gut ist deine Tapferkeit, doch heute endet dein Hochmut!« Mit blutroten Augen wie geschmolzenes Kupfer umklammerte der Dämon ihn so fest, dass er nicht entkommen konnte. (266) Sie kreisten so schnell, dass selbst die Götter ihre Bewegungen nicht sahen. Rauch stieg auf, Donner schienen zu verglühen. Aus beider Mund floss Blut; noch ermüdete keiner. (267) Sie bedrohten einander und steigerten immer wieder den Kampf. Endlich presste der stärkere Dämon Sugriva mit seinen langen Armen unerträglich fest zusammen. Dessen Bewusstsein schwand. (268) »Damit endet heute die Schlacht. Ohne König wird das gewaltige Heer zerfallen. Keine bessere Tat ist zu ersinnen.« Mit dieser Überlegung trug er Sugriva zur Dämonenhauptstadt.
(269) Wie Küken klagen, wenn ihre laut rufende Vogelmutter gepackt und davongetragen wird, jammerten die Affen. Sie schlugen die Hände zusammen und seufzten heiß; die Dämonen jubelten. (270) Auch die Götter zitterten. Die Affenführer schwitzten mit trockenen Zungen; ihre Augen sanken ein, ihre Herzen brannten. Es war, als verstumme ihr Atem. (271) Der zornige Dämon glich einem mächtigen verschlingenden Finsternisdrachen. Sugriva, Sohn der strahlenden Sonne, erschien in seinen Armen schwach wie der davon verschluckte Mond. (272) Im schwarzen Körper des Bösen verschwand Sugrivas Gestalt abwechselnd und erschien wieder. So wächst und schwindet der sichtbare Mond, wenn er in Wolken tritt und aus ihnen hervorkommt.
(273) Hanuman erinnerte sich an sein Versprechen, nicht mehr gegen Kumbhakarna zu kämpfen. Der Bezwinger des Meeres, dem Tod ein Tod, rang seine großen Hände und folgte ihm, ohne anzugreifen. (274) Affen fielen dem Herrn der tausend Namen zu Füßen: »Wer soll uns nun führen? Der Dämon hat den herrlichen Sonnensohn mit seinen Händen gefesselt und trägt ihn fort!« (275) Ramas Augen röteten sich heißer als Feuer. Der Wolkenfarbene ergriff Bogen und brennende Pfeile und erreichte in einem einzigen Augenblick das Tor Lankas. (276) »Bringt er meinen treuen Gefährten lebend in die schwer zugängliche Stadt, droht Unheil. Ich werde den Weg durch einen dichten Pfeilregen versperren.« Er verschloss damit sämtliche Wege am Himmel.
(277) Die Richtungen verschwanden; die Sonnenstrahlen konnten nicht hindurchdringen. Nichts bewegte sich mehr durch den Himmel. Selbst die wandernden Regenwolken mussten ausweichen, so vollständig war er versperrt. (278) Schneller als Gedanken eilte Kumbhakarna durch die Luft und traf auf die Mauer wilder Pfeile. »Heute lässt sich dieses Hindernis nicht leicht beseitigen.« Der Zornige wandte sich um. (279) Er sah Rama, schön wie eine herabgekommene Wolke mit dem goldenen Bogen als Regenbogen. Gesicht, Mund, Augen, Hände und Füße schienen ein Teich voller erblühter Lotusse. (280) Rauch drang aus Kumbhakarnas zusammengepresstem Mund; seine Lippen zitterten, die Brauen zogen sich hoch, die Augen sprühten Feuer. Sein unbeherrschtes Drohgebrüll schien die Berge zu zerbrechen.
(281) »Du greifst mich an, als wäre ich Kabandha oder der entkräftete, blütenfressende Vali. Du kommst, um diesem hier das Leben zu retten. Das ist wahrlich sehenswert!« (282) »Ich habe deinen Bruder, seinen mächtigen Affenträger und den Bruder des besiegten Vali nicht mit meinem vollen Zorn bekämpft. Das hätte mir keinen Ruhm gebracht, du Bogenträger!« (283) »Ich habe dich überall gesucht. Dein Heer floh über alle Richtungen hinaus. Dein Bruder wich erschöpft zur Seite, Hanuman zog sich zurück. Diesen hier habe ich mühelos mitgenommen.« (284) »Kommst du ihn zu schützen, hat mein Glück dich mir zugeführt. Ich werde alle erdenklichen Kämpfe mit dir ausfechten und meinen älteren Bruder von seinem quälenden Liebesleiden befreien.«
(285) »Du starker Waffenkämpfer: Wenn du vor den Göttern mit deinem Bogen diesen verwirrten Affen aus meinem Handgriff lösen kannst, dann soll auch Sita ihre Gefangenschaft verlassen haben!« (286) Rama lächelte: »Wenn ich die berggleichen Schultern, die meinen lieben Gefährten davontragen, nicht abschlage und verkürze, bin ich dir unterlegen und werde keinen Bogen mehr führen.« (287) Als Kumbhakarna wieder mit den Händen die sperrende Pfeilmauer aufbrechen wollte, sandte Rama zwei unfehlbare scharfe Pfeile in seine breite hohe Stirn. (288) Blut breitete sich rot um die leuchtenden Stirnpfeile aus. Kumbhakarna glich dem aufsteigenden Aruna, der dem Erscheinen der voll strahlenden Sonne vorausgeht.
(289) Das Blut stürzte wie ein Bergwasserfall herab und benetzte Sugrivas Gesicht. Er kam zu sich wie aus süßem Schlaf. Der bisher unüberwindliche Dämon hingegen wurde benommen. (290) Sugriva erkannte die lange leuchtenden Stirnpfeile als Ramas Geschosse. Er blickte umher, sah den Herrn, in dem alles seine Vollendung findet, und verehrte ihn mit Lob. (291) Beim Anblick seines Herrn erwachten Stolz und Scham. Er riss Kumbhakarna Nase und Ohren samt ihren Ansätzen ab, sprang fort und kehrte zu seinen Gefährten zurück. (292) Die Affen jubelten, Wolken, Freigebigkeit und Askese jubelten. Meer und Berge brausten; mit den Göttern jubelte der Dharma.
(293) Rama sah voller Freude den Gefährten aus den grausamen Händen des Dämons entkommen. Sein Kummer schwand, als wäre Janaki selbst aus ihrer harten Gefangenschaft in Lanka befreit. (294) Nur weil Ramas kunstvoll geschossene Pfeile Kumbhakarnas Stirn durchdrungen und ihn geschwächt hatten, konnte Sugriva ihm Ohren und Nase nehmen und entkommen. Wäre es sonst möglich gewesen? (295) Kumbhakarna kam zu sich. Blut bedeckte ihn; er erkannte, dass der Affenkönig seiner Hand entglitten war und seine große Nase samt Ohren fortgerissen hatte. (296) Aus seinem Körper flossen Blutbäche. Er glich einem breiten, rot gefärbten Erzberg, der unter winterlichem Starkregen windgetriebene Wasserfälle ausstößt.
(297) Der geachtete Held litt unter der Entstellung, die ihn an seine verstümmelte Schwester erinnerte. Wie aus Nase und Ohren rann nun auch aus seinen Augenhöhlen Blut. (298) Er sah zu den spottenden Himmlischen, auf seine Nase, auf seine frühere Größe und schließlich zur Erde. »Pfui, was ist mir widerfahren!« Sein Herz brannte. (299) »Bevor er mein Gesicht sieht, werde ich seines sehen!« Er ergriff einen goldglänzenden Schild und ein Schwert, dessen harte Schneide sich im Kampf bewährt hatte. (300) Als er den Schild schwang, zitterten die Sterne und den Göttern verkrampften sich die Eingeweide. Der Dämon glühte vor Zorn; Blut tropfte aus Nase und Ohren.
(301) Links hielt er den riesigen Schild, den tausend Geister herbeigetragen hatten. In der anderen Hand lag das heiß leuchtende Diamantschwert, dessen Tragen zweitausend Geister erforderte. (302) Er schüttelte und schwang die Waffen, als regneten Sterne herab. Erde und Anantas Haupt erbebten unter seinem Brüllen. Er glich dem nördlichen Berg, von tausend Lichtkreisen umgeben. (303) Sein Schildschwung erzeugte einen Sturm, der erschrockene Affenscharen aufhob und in alle Richtungen warf. Das Getöse raste dahin, als lege es selbst den Meeresboden trocken. (304) Rama sah den fliegenden Schild; ehe der Tausendnamige ganz reagieren konnte, war das von Geisterscharen betreute gewaltige Gerät in einem Augenblick herangekommen.
(305) Vom Schild fortgeschleudert und zermalmt, von todgleichen scharfen Waffen zerstückelt, zerstreute sich das große Affenheer wie ein sturmbewegtes Meer; es floh und starb. (306) Ansturm, Zerstückelung der Gegner und anschwellende Blutflüsse geschahen in einem Augenblick. Erde und Haupt der Weltenschlange schienen von blutigem Schlamm bedeckt. (307) Jambavan drängte Rama: »Du kennst keine Bedrängnis durch Gegner. Hältst du ihn jetzt nicht auf, vernichtest du selbst das Affenheer und lässt die Dämonen triumphieren!« (308) Rama bedachte den Untergang des Heeres und Kumbhakarnas große Kraft. Er trat ihm entgegen: »Heute werde ich den Tod vor seine Augen stellen.«
(309) Rama schoss dreizehn Pfeile mit endloser Wucht wie Donnerkeile. Der kampfkundige Dämon zerschnitt sie mit dem Schwert; ihre Federn zerstreuten sich wie Vogelschwingen. (310) Der König unter den Männern sandte weitere scharfe Geschosse, grausam wie Sommerstrahlen. Kumbhakarna schlug sie mit der Außenseite seines Schildes entzwei. (311) Mit einem leichten Lächeln schoss Rama einen weiteren scharfen Pfeil. Wie Garuda eine Schlange zerteilt, zerschnitt er das leuchtende Schwert. Die Götter jubelten. (312) »Mein Schwert ist zerbrochen, aber mein Vorrat nicht!« Sofort ergriff Kumbhakarna ein anderes Diamantschwert und stürmte vor. Sein Atem schien selbst das Weltuntergangsfeuer ausblasen zu können.
(313) Rama zerschnitt auch dieses Schwert, schlug den großen goldenen Schild fort und sandte zahlreiche blitzgleiche Pfeile auf den mächtigen Panzer. (314) In diesem Augenblick traf das von Ravana gesandte große Heer ein. Indra floh mit seinen Begleitern; selbst das Meer geriet außer Fassung. (315) Der unvergleichliche Bogenschütze hielt inne: »Diese Gelegenheit hilft mir, ihn zu vernichten.« Das heranrückende Heer wirkte mitten unter schweren Übeln wie eine günstige Fügung. (316) Pferde, Wagen, Fußsoldaten und Elefantenberge mit fließender Schläfenflüssigkeit schlossen sich zum Schutz Kumbhakarnas zusammen. Der göttliche Meister des wunderbaren Spiels rief: »Kommt her!«
(317) Vierzehn Koti Kämpfer, vermischt mit wilden Elefanten, Pferden und großen Radwagen, sollen wie ein Meer eingetroffen sein. Der Einzige, der die Weltalter überdauert, trat ihnen entgegen. (318) Kumbhakarna nahm einen neuen Dreizack. Seine drei Spitzen schienen Zeit, Tod und zahllose Übel zu verkörpern; sie leckten gleichsam an Erde, Unterwelt und Himmel. (319) »Sind das Tanzbühnen für kopflose Leiber oder Haufen von Bäumen und Bergen?« Die Götter stritten über den Anblick. Überall lagen Arme, Glieder und Köpfe; lebende Kämpfer sahen sie nicht mehr. (320) Keine Waffe blieb unversehrt: Alles war zerbrochen, auseinandergerissen, zerstückelt, in hundert Teile gespalten oder unter Funken zu heißem Staub geworden. Die Trümmer erhöhten das Schlachtfeld.
(321) Pfeile durchdrangen Elefantenstirnen, rissen die Lenker fort und bohrten sich in die Erde. Blut und Eingeweide quollen heraus; Hauer und Glieder waren abgetrennt. Kein wilder Elefant ging mehr, alle lagen da. (322) Die Wagenkämpfer waren gefallen, Banner zerstört, große Pferde von heißen Pfeilen durchbohrt; Achsen und Räder brachen. Im Gemisch aus Fett und Blut versanken die dröhnenden Schmuckwagen, statt weiterzufahren. (323) Die Pferde sprangen und wieherten nicht mehr; Hälse und Beine waren abgetrennt. Nur die Blutströme zwischen Elefanten-Leichenbergen trugen sie in ihren Wirbeln weiter. (324) Warum jede Wirkung der Pfeile des Vedenherrn einzeln beschreiben? Die Götter sahen die gefallenen Dämonen schon im Himmel. Unten blieben Scharen von Frauen, die ihre Männer suchten; die berggroßen Krieger waren verschwunden.
(325) Das Heer verging wie Tau vor Sonnenlicht. Die Götter freuten sich über den Untergang der Feinde; die Dämonen klagten um den jetzt bedrohten Unbesiegten. Rama sah ihn mitleidig an: »Ach, er steht allein!« (326) »Du hast Waffen und mächtige Helfer verloren und stehst allein. Weil du der Bruder des Rechtschaffenen bist, schenke ich dir dein Leben. Willst du gehen und später zurückkehren oder jetzt kämpfen und sterben? Überlege und sage, was du willst.« (327) »Dein vergangenes böses Karma ließ dich nicht kommen, als ich dich durch deinen Bruder rufen ließ; du folgtest dem Todesbefehl. Großes Glück und Lebenszeit sind dir entgangen. Nach langem Schlaf gehst du nun zugrunde. Was möchtest du noch?« (328) »Mag alles andere bleiben! Ihr beansprucht Ehre, Würde, kriegerische Gerechtigkeit und den Dharma eures Geschlechts. Doch ich kann nach eurer Verstümmelung nicht wie meine Schwester mit abgeschnittenen Ohren und Nase weiterleben und mein Gesicht zeigen.«
(329) »Durch uns konnten die Götter nicht frei aufblicken. Ich warnte vor angesehenen Männern: ›Diese Frau ist eine gefährliche Göttin und die Gemahlin eines anderen.‹ Schon dass mein Wort vergebens war, schmerzte. Nun ohne Ohren und Nase zurückkehren? Das ist unmöglich, Unvergänglicher!« (330) »Ich kam, eure Schultern und Köpfe abzuschlagen, euer Leben zu trinken und meinem Bruder die begehrte Frau zuzuführen. Soll ich nun unter dem Gelächter der Götter mit gestütztem Kopf, Blut und Tränen wie meine Schwester vor Ravana zusammenbrechen?« (331) »Selbst wenn du der eine Herr der drei Welten bist, bist du nicht auch ein Krieger, der Schande meidet? Verstehst du die Kriegerpflicht nicht? Sollten wir uns, nachdem wir einander die Köpfe abschlagen wollten, nun versöhnen? Ist dein Vorschlag angemessen?« (332) Er nahm den Dreizack in die Linke und riss rechts einen Berg aus, als reiße er der Erde die Eingeweide heraus. Funken und Feuer stiegen auf. »Bringe den Sieg!« Er schleuderte ihn auf Ramas Haupt.
(333) Rama zermahlte den donnergleichen Berg zu Staub wie die heilige Asche auf Shivas unergründlichem Leib. Dann zerschnitt er mit Pfeilen den langen Speer, den der Gegner zwischen den Händen wechselte, in hirsekornkleine Stücke. (334) Ramas unfehlbare strahlende Pfeile hätten Meere austrinken, Donner verbrennen, Meru durchbohren und den Himmel überschreiten können. Doch den von Shiva verliehenen Panzer Kumbhakarnas durchdrangen sie nicht. (335) Der Lotusäugige erkannte, dass die Spitzen nicht eindrangen: »Das ist Shivas Panzer.« Er setzte Shivas eigene göttliche Waffe ein. Der Panzer zerriss und fiel wie ein Feuerkranz, der einen Berg umgeben hatte. (336) Als der glühende Panzer abfiel, sprühte aus Kumbhakarnas Augen Feuer. Er schlug brüllend auf seine Schultern, ergriff eine siebenkantige Diamantkeule und zerstampfte Affen und Erde wieder und wieder zu Brei.
(337) Tausend Pfeile flogen, tausend trafen, tausend öffneten seine breite Brust, tausend umkreisten ihn, tausend steckten in ihm, tausend kamen nach. Dennoch wirbelte er brüllend wie ein Kreisel weiter. (338) »Solange er die Keule hält, bleibt kein Heer übrig.« Rama schoss zehn Pfeile zugleich und zerbrach sie. Der Dämon ergriff zornig ein Schwert und einen Schild, der wie ein strahlendes Himmelsrund erschien. (339) Die Affen flohen vor dem erhobenen Schwert; die Götter senkten die Köpfe. »Die Vernichtung beginnt erneut!« Rama befahl einem Pfeil: »Trenne die erhobene berggleiche Schulter ab!« Unter Götterlob schoss er. (340) Das Böse litt, das Gute jubelte. Schweißgebadet flohen die Dämonen: »Sein rechter Arm, wie eine schwarze Weltuntergangswoge, ist samt Schwert abgetrennt. Damit ist Lankas und Ravanas mondgleiche Größe zerbrochen!«
(341) Von anderen Helden zu sprechen ist leicht; besser wäre zu sagen, sie hätten ihre Kriegskunst von ihm gelernt. Mit der verbliebenen Hand ergriff er seinen abgeschlagenen Arm und schlug brüllend zu. Die Affen fielen und flohen zähnefletschend. (342) Obwohl Rama schützend dastand, raffte der grausame Tod das Heer nun dreifach stärker hinweg. »Heute endet unsere ganze Heeresflut!« Die Welten fürchteten den abgetrennten Arm mehr als den noch verbundenen. (343) Das Affenmeer floh; aus seiner Schulter strömte Blut und trug Leichen himmelhoch. Götter, Wolken, Berge und selbst Lanka schienen auseinanderzustieben, als er auf Rama losstürmte. (344) »Trenne sofort auch die andere Hand ab!« flehten die Götter. Ramas tödlicher Pfeil löste den verbliebenen Arm und warf ihn wie eine zweite Brücke ins Meer. Selbst die verborgene Furcht des Todes schwand.
(345) Die edelsteingeschmückte Schulter glich im Meer dem Mandara beim Quirlen des Nektars. Ihr großer Armreif erinnerte an die Schlange, die damals um den Berg gewunden war. (346) Der schnell fliegende, goldgefiederte Pfeil trug sie auf göttlichen Befehl ins dunkle Meer und glich so Garuda. Die hohe goldene Schulter aber glich dem Mandara. (347) Sein Brüllen klang, als hätte Vishnu den Meru ausgehöhlt und schlüge ihn mit einem himmlischen Schlegel als Trommel. Ohne Arme zertrat Kumbhakarna das Affenmeer, bis Fleisch, Haut, Knochen und Blut eins wurden. (348) Er schien aus Erde, Wind, Feuer und Wasser zu einer unbezwingbaren Gestalt gebildet und trank Leben wie ein zorniger Tod. Rama trennte dem hochmütigen König der Furchtbaren mit einem scharfen Pfeil das rechte Bein ab.
(349) Die Zahnreihen glänzten wie Sterne, die Hauer wie Mondsicheln im blutroten Abendhimmel seines weit geöffneten Mundes. Auf einem Bein hüpfte er heran; die Erde sank ein, das Meer schwoll an. (350) Ohne zweites Bein richtete er sich himmelhoch auf und wirbelte wie ein Sturm alles um sich empor. Rama trennte mit einem feurigen Pfeil auch das andere Bein ab. Die Erde wurde entlastet; Dharma und Veden tanzten. (351) Beide Arme und Beine waren abgetrennt. Zweihunderttausend Pfeile durchbohrten seinen dunklen Bergkörper bis zum Rücken. Doch das Feuer seiner Augen verdoppelte sich, sein Brüllen übertraf Gewitterdonner, sein Zorn wuchs weiter. (352) Ohne Hände und Füße saß er am Boden, biss meilenlange Berge entzwei und schleuderte sie mit feurigem Atem in alle Richtungen. Die Affen starben darunter wie Lebewesen unter Donnerschlägen.
(353) Mit Feueraugen und einer Mähne, die die Richtungen zu verbrennen schien, hob er einen bambusbedeckten Berg mit der Zunge. Aus seinem höhlengroßen Mund schleuderte er ihn hinaus. Rama hob abwehrend seine lotuszarte Hand. (354) »Tausend Ravanas genügen nicht gegen seine Bogenkunst. Ach, ich habe Arme und Beine verloren; kein anderer Helfer bleibt. Mein Bruder vergeht an seiner Verblendung. Sein grenzenlos geglaubtes Leben ist nicht zu retten.« Diese Erkenntnis erfüllte Kumbhakarna mit Schmerz. (355) Rote Blutströme rissen Wagen, Elefanten, Pferde und Männer in alle Richtungen. Kumbhakarna, tapfer wie ein Elefant am goldenen Berg, sah zu Ramas schönen goldenen Schultern auf und sprach. (356) »Du stammst von dem König mit wilden Elefanten ab, der für eine schutzsuchende Taube selbst die Waage bestieg. Solche Schutzpflichten trägst du. Beende unser Leid und bewahre den, der sich deiner Hand anvertraut hat: Das ist meine letzte Bitte.«
(357) »Mein jüngerer Bruder kennt allein den weiten, gerechten Weg des Dharma, nicht die enge Bindung an die Geburt. Urherr, er hat dich aufgesucht. Göttlicher Weiser in Königsgestalt, nochmals bitte ich dich um Schutz für ihn.« (358) »Der speertragende Dämon, der auf Sieg sinnt, zürnt ihm: ›Er will uns mit der Wurzel ausreißen.‹ Findet er Gelegenheit, wird er die Bruderschaft missachten und ihn töten. Bedenke das, Unbeirrbarer!« (359) »Er wird nicht aus Bruderliebe innehalten. Sieht er Vibhishana, wird er ihn ohne Aufschub töten. Gewähre, dass mein Bruder keinen Augenblick von dir, deinem Bruder oder Hanuman getrennt sei. Darum bitte ich.« (360) »Damit Weise und Götter nicht mein nasenloses Gesicht betrachten, trenne mit deinem Pfeil meinen Hals durch. Schicke dann den großen Kopf ins dunkle Meer. Das ist mein Wunsch an dich.«
(361) »Er hat die Gabe erbeten; sie zu verweigern wäre nicht recht.« Rama legte einen Pfeil auf seinen starken Bogen und trennte den Kopf ab. Mit der mächtigen Windwaffe versenkte er ihn tief im dunklen, brandenden Meer. (362) Das Meer nahm den Gesichtsberg auf. Es floss von Westen, Osten und den übrigen Richtungen zusammen, drang in Augen und rauchende Nase ein und verschloss ihm jeden Weg. So versank der Kopf. (363) Die Götter tanzten, Himmelsfrauen sangen nektarsüß. Asketen und Vedengelehrte verloren ihre Angst. Die Heerführer versammelten sich bei Rama; die starken Dämonen eilten erschüttert davon, um Ravana zu berichten.
6.16 – Der trügerische Janaka
(1) Wir haben Kumbhakarnas gewaltige Heldentaten dargestellt. Nun erzählen wir von einer anderen, niederträchtigen Täuschung, die der König von Lanka inzwischen aus Begierde ersann. (2) Ravana fragte den zum Rat erschienenen Mahodara: »Wie kann ich Sita gewinnen und mein Herz aus dieser Erniedrigung befreien? Sage es mir und rette heute mein süßes Leben!« (3) »Ich weiß einen sicheren Listplan«, antwortete Mahodara. »Wir verwandeln Marutta in Janaka und führen ihn gefesselt vor. Wird Sita dann nicht von selbst bereit sein, dich zu heiraten?« (4) Ravana sprang auf und umarmte ihn fest. »Freund, bringe ihn dorthin!« Er ging zum blühenden Hain, um die Leuchte, die durch Treue das Karma besiegt hatte, in Angst zu versetzen.
(5) Seine blitzenden Kronenspitzen verbreiteten Sonnenlicht und vertrieben das Dunkel. Die goldenen Schultergirlanden glichen Wasserfällen an einem blauen Berg. Sein Gang beschämte einen mächtigen wilden Elefanten. (6) Himmelsfrauen mit Mondsichelstirnen umgaben ihn vorn und hinten, während Herolde lobten. Mit leuchtendem Schmuck, schlangengleichen Gürteln und schweren Brüsten auf schmalen Hüften wirkten sie wie wandelnde Lichter. (7) Er sah Sita: als wären ihre Worte aus Musik, ihre Lippen aus Koralle, ihre Glieder aus aller Frauenschönheit und ihre Tugenden aus unermesslicher Würde gebildet. Diese Frau wollte er erschüttern. (8) Er setzte sich auf den bereitgestellten goldenen Thron, von seinen vielen Schultern umgeben, einen geschmückten Fuß aufgestützt. Weißer Schirm und Wedel erhoben sich; der Schwertträger begann zu sprechen.
(9) »Wann wirst du dich deines Dieners erbarmen? Wann wird der Mond für mich wieder anders wirken als die brennende Sonne? Wann werde ich nicht mehr Ziel des körperlosen Liebesgottes sein?« So schilderte er sein Leiden. (10) »Ich habe mich selbst betrogen: Ich begehrte vergifteten Nektar in Frauengestalt. Meine Tage schwinden, mein Herz leidet. Ich wage weder, den Gedanken an dich aufzugeben, noch zu sterben. Nektargeborene, ich suche Zuflucht bei dir!« (11) »Du hast mich besiegt, lässt den Mond meinen Leib verbrennen und die Brise mich zum Schwitzen bringen. Meine Diamantschultern schwinden, der Liebesgott jubelt. Du lehrtest mich Leid und befreitest die Götter von Furcht. Was wirst du mir noch antun?« (12) »Alle Frauen wurden für mich du, alle Namen dein Name, alle Augen deine Augen. Den Liebesgott machtest du zum Schützen; alle Wunden seiner fünf Pfeile gehören allein mir. Welch verkehrte Welt hast du geschaffen!«
(13) »Von Shiva bis zum Menschen fürchteten mich alle; siegreich beherrsche ich drei Welten. Keinem prahlenden Krieger habe ich mein Leben verloren. Wenn mich nun die Liebe zu einer Frau tötet, wird meine Tapferkeit nicht beschmutzt?« (14) »Wenn das Leben lange Tage nur Krankheit kostet und dahinschwindet, wird es nicht zum Hundeleben? Die Gelehrten nennen zehn Liebeszustände. Das ist falsch: Bei mir sind schon Tausende vergangen.« (15) »Du gleichst dem Reichtum des Dharma und bist süßer als Nektar. Du bist gekommen, mich auszulöschen. Dein Glanz tötet meinen Stolz; meine Größe ist vergessen. Nur meine Gnadengaben lassen mich wieder und wieder sterben und aufleben. Wer versteht das?« (16) »Ahalya gab einst Indras erklärter Liebe nach. Kam denn ein Makel über sie? Gegen Liebeskrankheit gibt es weder Mantra noch Arznei außer dem Nektar deines roten Wasserlilienmundes, du Nektarsüßsprechende!«
(17) Er stand auf und warf sich nieder. Seine zwanzig Schultern, mächtiger als zwanzig blaue Berge, berührten die Erde; lange lagen die Kronen am Boden, als seien Blitze, Sonnen und Sterne darin vereint. (18) Sita erschrak wie ein Reh neben einem Tiger. Ihr zarter Körper bebte. »Selbst wenn er mich tötet, werde ich mein Herz klar aussprechen.« Sie blickte auf einen niedrigen Grashalm und begann. (19) »Du erkennst weder Schande noch Sünde, weder unsagbare Worte noch rechte Ordnung. Dein Herz zerreißt nicht; du und deine betrügerischen Verwandten lebt noch. Was gilt dann meine Treue, was gilt der Dharma?« (20) »Die unterworfenen Götter gehorchen dir noch; auf Erden bestehen Leib, Leben und Bewusstsein. Deine zehn weiten Münder sprechen Ungehöriges, und ich muss es hören. Was würdest du dann nicht sagen, was nicht tun?«
(21) »Du kennst Indra, den Lotusgeborenen, den Sohn des Axtträgers und Keshava und rühmst dich deiner Kämpfe mit ihnen. Als du ins Schlachtfeld tratst, hast du wohl aus Furcht die Frucht meiner Sehnsucht nicht richtig angesehen.« (22) »Ich erhalte meinen hungernden Körper nicht aus Schamlosigkeit und Verachtung hohen Ruhmes. Ich lebe nur aus Liebe und Hoffnung, den Heiligen wiederzusehen, dessen Schmuck sämtliche makellosen Tugenden sind.« (23) »Mein immer wieder schwindendes Leben kehrt zurück, weil ich sehen will, wie er, vom goldberggleichen Bruder gedeckt, deine Köpfe abschlägt, das Dämonengeschlecht besiegt und in siegreicher Gnade dasteht.« (24) »Glaube nicht, ich hätte ein anderes Leben. Mein Leben ist allein jene schwere dunkle Wolke mit Lotusaugen und Bogen, die allen Herzen Freude schenkt und selbst nur aus Erbarmen lebt, du Grenzenloser!«
(25) Ravanas Augen sprühten Feuer; die tödlich getroffene Ehre machte ihn zornig wie den Tod. Donnernd lachte er: »Du willst also nach Ramas Sieg mit ihm wie eine einzige Seele weiterleben!« (26) »Wer von allen Wesen, angefangen bei den Göttern, ist meinem Zorn entkommen? Dasharathas Sohn mag sich für den Tulasi-bekränzten Vishnu halten. Selbst wenn er in deinem Herzen wohnt, töte ich ihn. Lebe danach weiter!« (27) »Freust du dich, dass Affen eine Meeresbrücke gebaut, die Mauer umringt und laut geschrien haben? Schmalhüftige, alle, die mir entgegentreten, gleichen Motten in einer Lampe. Staune nicht über sie!« (28) »Meine siegreichen Dämonen habe ich ausgesandt: ›Bringt ganz Ayodhyas Geschlecht gefangen oder bringt seine Köpfe; vollbringt eines von beidem!‹ Auch gegen deinen Vater schickte ich unverzüglich Sieger.«
(29) Sita erschrak: »Wer mich so täuschen konnte, dem ist wohl nichts unmöglich.« Wiederholt seufzend litt ihr Herz, als schlucke und speie sie Feuer. Sie wurde ganz zum Lager des Leids. (30) »Das Schicksal, das mich hier so quält, wäre gewiss nicht zu schwach, dort dasselbe zu tun. Wie erbärmlich! Vielleicht ist gerade der Dharma voller Täuschung.« Bitterkeit erfüllte ihr Herz, Tränen flossen grenzenlos. (31) Da brachte Mahodara den in Janaka verwandelten Marutta, zerrte ihn klagend vor Ravana und ließ ihn sich verneigen. Sita hielt den Anblick nicht aus, wie ein Vogeljunges, das seine Mutter ins Feuer fallen sieht. (32) Sie rang die Hände und schlug sie an die Augen. Ihre Lotusfüße zuckten, als träten sie in ölgenährtes Feuer; Herz und Leib brannten. Sie schluchzte, zitterte, fiel und wälzte sich klagend. Aus Liebe erkannte sie die Täuschung nicht.
(33) »O Gott! Ist Wahrheit zerbrochen? Muss ich die böse Welt verfluchen? Ist Betrug mächtiger? Kann ich noch leben?« Zahllose Qualen trafen sie. War sie eine Frau oder der Dharma selbst? Wer könnte das bestimmen? (34) »Vater, Vater! Heute trifft dich dieses Unheil um meinetwillen. Ist das der Lohn dafür, mich aufzuziehen? Vater und Mutter der Erdenbewohner, verkörperter Dharma, verkörperte Askese!« Sie sank wie brennendes Holz nieder. (35) »Du speistest andere, ehe du selbst aßest; du übtest Dharma, verbranntest Feindessitze und vollendetest Opfer. Nun binden weintrunkene Menschenfresser deine diamantfesten Schultern. Und ich muss das mit eigenen Augen sehen!« (36) So klagte sie vielfach, stand auf und stürzte wieder. Ihre Kraft versagte, der Atem wich, als sterbe sie. Wie ein Blitz am Boden wand sich ihr Leib; sie schrie wie ein getrenntes Anril-Weibchen.
(37) »Du kamst nicht dauernd in meine königliche Stadt, um die Pflichten des Elternhauses zu erfüllen. Nun kommst du selbst gefangen, mich in der Gefangenschaft zu sehen? Du König aus vedentreuer Linie!« (38) »Die Weisen sagen, der Gott auf dem mächtigen Vogel befreie aus dem grenzenlosen Gefängnis trügerischer Wiedergeburt. Ich sehe niemanden, der mein Gefängnis öffnet. Wer könnte dann deine durch mich verursachte Gefangenschaft beenden?« (39) »Du gerietest an unedle Feinde. Wärst du von Pfeilen getroffen in den Himmel eingegangen, wäre das gut gewesen. Als hochgeachteter König erlittest du Schande – nicht aus eigener Schuld, sondern weil du eine Tochter bekamst. Wer empfing solch einen Lohn?« (40) »Wie ein kleines Zugtier, gefesselt, belastet, gebrannt und geschlagen, das nicht aus dem Schlamm kommt, blieb ich am Leben, statt bei der Entführung zu sterben. So habe ich euch alle verkauft. Könnte ich aus der Hölle je zurückkehren?«
(41) »Ich habe weder das Ende meiner Feinde noch grenzenloses Glück erlebt, noch meines Herrn Füße verehrt. Lange litt ich, vernichtete dich samt deiner Linie und verschlang den Ruhm der Könige von Ayodhya.« (42) »Meinem Mann gab ich einen grausamen Feind zu töten; meines Vaters steinfeste Schultern sehe ich gefesselt. Habe ich nicht beiden Häusern, denen ich angehöre, Unheil bereitet? Wie erbärmlich bin ich, die nicht sterben kann!« (43) »Meinen Vater, der einst unvergleichliche Opfer vollbrachte und mich aufzog, sehe ich mit gefesselten starken Schultern im Staub liegen. Muss ich, ehe ich sterbe, auch den so sehen, der nach heiliger Hochzeitsordnung meine Hand ergriff?« (44) »Mütter, ehrwürdige Männer, geliebte Schwestern! Habt ihr vom Unglück meines Vaters nichts erfahren? Traf euch anderes Unheil? Ihr seid ihm nicht auf diesem schweren Weg gefolgt. Seid ihr gestorben?«
(45) »Selbst wer über Meru und Himmel gelangt, erreicht diese meerbewachte alte Stadt nicht leicht. Ob man ihn im Kampf fing oder täuschte: Wer könnte euch davon berichten? Ist denn auch Hanuman bei euch?« (46) »Wer meinen Vater herbrachte, kann gewiss auch den durch Askese geschwächten Bharata fangen. Dann wird Rama nicht lange leben, und ebenso wenig sein Bruder. Ist das die immer neue Frucht von Gelübden und Dharma?« (47) »Die Nachricht, das Heer habe das Meer überbrückt, die Mauer erreicht und Feinde vernichtet, schenkte mir Freude. Nun hat das Schicksal sie durch eine neue List zerbrochen!« So litt sie bis an den Rand der Bewusstlosigkeit. (48) Ravana, der den Göttern ihre Größe geraubt hatte, freute sich heimlich über ihre Klage. »Sie wird dieses Leid nicht ertragen.« Er hoffte, sie so zu gewinnen, und sprach mit freundlichem Blick.
(49) »Schöne, aus Sehnsucht nach dir habe ich unvorstellbares Leid verursacht. Verzeihe diesen Fehler! Noch habe ich Mithila nicht mit der Wurzel vernichtet. Selbst dann würde ich ihm das Leben nicht nehmen. Fürchte dich nicht, Schwanengleiche!« (50) »Die Götterwelt, alle sieben Welten und meine Herrschaft über die drei Bereiche gebe ich diesem Erdenkönig. Heilst du meine schwere Liebeskrankheit, werde ich dich verehrend leben.« (51) »Ich überlasse ihm Lanka und wohne anderswo. Beide großen Schätze schenke ich ihm, ebenso mein goldglänzendes göttliches Flugfahrzeug. Will er das siegbringende göttliche Schwert, gebe ich auch das. Nichts verweigere ich.« (52) »Ich kröne ihn nach heiliger Ordnung mit Indras Krone; Götter werden ihn verehren, Himmelsfrauen ihm dienen. Ich selbst gehorche ihm – wenn dein schöner Korallenmund nur ein kleines gnädiges Wort spricht.«
(53) »Der Vater des Vaters meines Vaters, der Schöpfer der Welt, wird ihm alle gewünschten Gaben gewähren. Der Tod wird ihm dienen. Wenn du nicht selbst die nektargeborene Lakshmi bist, wird auch sie zu seinem Dienst kommen.« (54) »Götter, mächtige Nagas und Menschen werden deinem Vater huldigen und dienen. Dass du in seinem Hause geboren wurdest, soll nicht vergeblich sein: Schenke ihm die Herrschaft über drei Welten. Vollende es!« (55) Sita antwortete: »Diese himmlische Herrschaft wird Indra zurückerhalten, euer trügerisches Lanka Vibhishana. Die heiligen Pfeile des Herrn der Weisen werden deine Brust durchwühlen; die Füße des Dunkelgestaltigen werden mein Haupt berühren.« (56) »Die gefürchteten Pfeile meines Herrn werden mit dir lachen. Die Wunden, die sie in deiner Brust öffnen, werden dir angenehme Worte sprechen. Seine Bogensehne wird so tönen, dass die Berge zerfallen.«
(57) »Krähen werden süße Worte sprechen, während sie mit den Schnäbeln deine Augen herauspicken. Die Pfeile des Lotusäugigen werden sich dir zugesellen; stinkende Geister werden freudig deine schön bekränzte Brust umarmen.« (58) »Eine Nachricht über dich möchte ich hören: Wenn Hanuman kommt und berichtet, die diamantfesten Pfeile des Helden hätten deine mächtigen, fangzahnbewehrten Köpfe abgeschlagen und du seiest unrettbar tot.« (59) »Niedriger, höre, was dir zu hören gebührt: Wenn Lakshmanas Pfeil im Kampf das Leben deines Sohnes leckt und Hunde seinen Leib lecken, wirst du schreien: ›Mein Sohn ist tot!‹« (60) Ravana starrte glühend, rang seine vielen Hände und biss die Lippen unter seinen Hauern. Er stürzte auf Sita los. Mahodara hielt ihn zurück: »Zürne nicht! Bittet ihr Vater sie, wird sie einwilligen.«
(61) Ravana kehrte auf den Sitz zurück. Der Betrüger, bisher wie tot am Boden, begann: »Wenn du heute nicht zustimmst, tötest du mich und mein ganzes Geschlecht.« (62) »Selbst die Göttin auf dem Lotus ist nicht ausschließlich einem verbunden. Unglückliche Tochter, deinetwegen leide ich. Ist der Tod besser, als Gemahlin dessen zu sein, der sogar die Götter beherrscht? Du vergeudest dich im Gefängnis.« (63) »Rette mich und meine Angehörigen; lass mich großen Reichtum genießen. Befreie auch dich aus harter Gefangenschaft und führe uns ins Glück!« Er fiel an ihre goldenen Füße und schluchzte, als entweiche ihm das Leben. (64) Sita verschloss beide Ohren, atmete heiß und bebte vor Zorn. »Mein Vater würde um seines Lebens willen niemals so sprechen. Das ist kein rechtschaffenes Wort!« Sie wies ihn scharf zurecht.
(65) »Du sprichst so, dass Dharma, Ordnung, Königsehre, Wahrheit, vedisches Wissen, gutes Verhalten und selbst von Göttern geachtete Würde vergehen und Schande entsteht. Wenn ich nachdenke: Bist du wirklich Janaka?« (66) »Selbst wenn ihre Linie erlischt, ihr Leben schwindet oder ein scharfer Speer die Brust durchbohrt, bewahren Könige das von Edlen geachtete Wort. Gibt es Könige, die außerhalb der Ordnung in öffentlicher Schande leben? Welch Sünde!« (67) »Auch wenn du, deine Verwandten und die ganze Erde zugrunde gingen, würde ich gegen die rechte Ordnung leben? Ich diene dem tausendnamigen Herrn mit der Scheibe. Sollte ich aus Lebensgier meine Scham verlieren und einen Hund ansehen?« (68) »Jeder Mann außer dem unvergleichlichen Bogenschützen, der sich mir nähert, ist eine Motte im Feuer. Würde eine Löwin, die mit dem König der Tiere lebte, sich einem Schakal anschließen, der Unrat frisst? Du bist niedriger als ein Hund!«
(69) »Du bist nicht mein Vater. Selbst wenn du es wärest: Preise den Bogen meines Helden. Rettet er dich, bist du gerettet; andernfalls stirb. Du hast Unsagbares gesagt und dir ewige Schande erworben.« (70) Ravana wollte diese Worte nicht annehmen. »Was geschehen soll, geschehe! Ist dieser vor dir etwa nicht Janaka? Jetzt töte ich ihn vor deinen Augen und trinke sein Leben!« Er zog sein Schwert. (71) Sita sagte furchtlos: »Töte mich, töte ihn, töte dich und die ganze Welt! Ich werde das Leben verlassen und unvergänglichen Ruhm gewinnen. Du und deine Verwandten entkommen dennoch nicht dem Pfeil meines Herrn.« (72) Mahodara hielt ihn zurück: »Er hat nur gebeten; welches Unrecht tat er? Wozu ihn töten, Herr von Indras Reichtum? Besiegst du den großen Feind, folgt sie dir. Quälst du ihren Vater, vermehrst du nur ihren Schmerz.«
(73) Ravana setzte sich wieder. Gerade als Rama den berghohen Kumbhakarna tötete, drang das himmelhohe Jubeln der mächtigen Affen und Götter an seine Ohren. (74) »Götter und Affen frohlocken; die Bogensehnen der beiden unvergleichlichen Männer tönen mächtig. Was bedeutet das? Mein Bruder muss im Kampf allein geblieben sein.« Sorge drückte sein Herz. (75) Boten durchquerten rasch den Schutzring des Heeres und flüsterten ihm ins Ohr: »Dein Bruder hat das große Affenmeer zerschlagen, ist aber gefallen. Rama tötete ihn mit einem Pfeil.« (76) Seine goldene, kranzgeschmückte Krone sank zur Erde. Er stürzte wie ein fest verwurzelter großer Baum, der samt Ästen und Wurzeln herausgerissen zu Boden fällt.
(77) Seit der Geburt hatten sie keine wirkliche Trennung erfahren; er hielt ihr Leben für eines. Als er hörte, der Bruder sei seinetwegen gefallen, verlor er die Besinnung und schrie, dass es das Weltall erfüllte. (78) »Bruder! Elefant, der den Lotuswald der Götter zertrat! Spross der Linie des Viergesichtigen! Edler Bruder, der Indras gefürchtete Herrlichkeit auslöschte! Muss ich solche Worte über dich hören?« (79) »Du mit der blitzenden Speerspitze! Ich sehe deine Augen nicht, frage nicht nach deinem Zustand und schone noch mein eigenes Leben. Wenn es so um dich steht, wird Indra nicht auf seinem Elefanten ins Goldreich zurückkehren?« (80) »Du verlässt mich Hartherzigen und gehst zum Himmel. Wer möchte noch mit jemandem aus demselben Mutterleib geboren werden? Du, dessen Speer Blitze erschreckte: Werden die Danavas, die deinen Blick fürchteten, nun erleichtert ihre Brust berühren?«
(81) »War der nördliche Meru nicht bloß der Stein, an dem du beim Baden deine Füße riebst, du kraftschultriger Held? Dass ein Menschenbogen dich vernichtet hat – dieses Wort verbrennt mich!« (82) »Dreizack, Scheibe und Donnerkeil zerbrachen an dir oder prallten wirkungslos zurück. Nun sollen leichte Menschenpfeile deinen Leib durchdrungen haben! Und die Götter stehen noch und betrachten stolz ihre eigenen Schultern!« (83) »Meine Brüder starben, Lanka wurde verwüstet, mein Onkel fiel, meiner Schwester wurde die Nase abgeschnitten. Wegen der Sehnsucht nach den Brüsten einer einzigen Frau lebte ich weiter. Werde ich auch nach deinem Verlust noch bleiben?« (84) »Ich hörte nicht, du hättest Rama, seinen Bruder, den Heerführer, den Affenkönig, Valis Sohn, den Windsohn oder den Bärenkönig vernichtet. Wie konnte es so kommen?«
(85) »Du lagst auf Blumenbetten in juwelengeschmückten, kühl belüfteten Hallen, während Frauen deine Füße streichelten. Schläfst du jetzt im Staubbett des Schlachtfeldes, umringt von trommelnden, tanzenden Geistern?« (86) »Solange du in allen Richtungen glücklich lebtest und süßen Trank genossest, lebte auch ich. Nun gebe ich dir mein Leben. Ich trenne mich nicht von dir und lasse dich nicht allein gehen. Wilder Elefant, ich komme dir nach!« (87) Seine Klagen erfüllten das Weltall und bestätigten den alten Grund seines Namens. Sitas fruchtrote Lippen bebten, ihre Härchen richteten sich auf; die Fischäugige empfand heimliche Freude. (88) Ihre Brust hob sich, ihre Schwäche wich, ihr Herz freute sich, neues Leben erfüllte die makellos treue Frau. Wer könnte beschreiben, was nun ihre freundliche Begleiterin empfand?
(89) Sie hatte Kumbhakarna gesehen, dessen Schultern ihr Blick kaum erfassen konnte, und war erschrocken. Nun nahm sie die Nachricht auf, Ramas unfehlbarer Pfeil habe ihn getötet. Ihr Leib gewann Kraft; sie schien verwandelt. (90) Ravana tobte: »Ich werde alle töten und ihre Leiber neben meinen Bruder häufen. Die drei Unsterblichen und die Götter, die einst den Nektar tranken, werde ich gefangen setzen!« (91) Die Minister beruhigten ihn etwas. »Mit dem frischen Blut dieser Menschen werde ich meinem Bruder drei Handvoll Totenspende darbringen!« Feueräugig verließ der Bezwinger aller Richtungen den Hain. (92) Mahodara erschrak: »Was sollen wir nun noch sagen? Kumbhakarna ist auf dem geierumflogenen Feld gefallen.« Er befahl, den falschen Janaka in ein anderes Gefängnis zu bringen, und entfernte sich nach einer anderen Seite.
(93) Trijata wandte sich liebevoll an Sita, deren ungepflegtes Haar zu einem einzigen Zopf gebunden war, ohne duftende, bienenbesuchte Blumen, und tröstete sie. (94) »Der Mann, der verwandelt als dein Vater vor dich trat, ist Marutta, ein Zauberkundiger und grenzenlos grausamer Dämon.« So klärte die nektargütige Trijata ihren Geist. (95) Sita vertraute wie immer Trijatas Worten und legte Zweifel, Angst und Kummer ab. Nun erzählen wir, was der fortgegangene König von Lanka danach unternahm.
6.17 – Die Tötung Atikayas
(1) Ravanas Zorn loderte wie ein ausgebrochener Feuerlöwe. Er blickte finster auf die beiderseits ehrfürchtig stehenden Minister und sprach so donnernd, dass Wolken und Blitze zu zerbersten schienen. (2) »Geht mir alle aus den Augen! Mein mächtiges Heer und eure Meeresheere standen bereit, doch ihr konntet die schnelle Bogenkunst dieser Männer nicht aufhalten und heil zurückkehren.« (3) »Ihr behauptetet: ›Wir gehen zu ihnen, töten alle und kehren zurück.‹ Doch ihr habt meinen Bruder weder zurückgehalten noch gestützt, noch euer Leben für ihn gegeben – ihr prahlenden Helden!« (4) »Ohne euch beherrschte ich durch meine Gewalt drei Welten. Durch meine Siege gewannt ihr großen Reichtum. Nun beweist endlich Rechtschaffenheit, indem ihr euer Leben hingebt!«
(5) »Könnt ihr es nicht, sagt es! Ich werde sie jagen, bis sie besiegt auseinanderstieben, und die Spitze meines lebensraubenden Speeres aus ihren Rücken treten sehen, sodass selbst der Tod erbebt.« (6) »Noch eines: Meint ihr, den schweren Kampf zu gewinnen, geht voran. Könnt ihr nur sterben, tretet zurück. Sagt, was ihr denkt!« So sprach er zornig. (7) Atikaya, dessen Tapferkeit selbst ein feindliches Schicksal kaum bezwingen konnte, fühlte seine Ehre und Scham brennen. Er antwortete dem König unter dem mondgleichen Schirm. (8) »Mag der Himmel sich fürchten, die Erde, Vishnu und der Fünfgesichtige! Mögen sie vor dir beschämt ihre Furcht bekennen. Soll aber ich sagen, ich hätte Angst vor dem Krieg?«
(9) »Habe ich nicht die gewaltigsten Danavas gefesselt hergebracht? Habe ich nicht die Götter, die dich bedrängten, wie Tonklumpen auf einer Töpferscheibe behandelt?« (10) »Hältst du mich für einen, der trotz mächtiger Waffen in der Hand zermalmt wird, schon wenigen Pfeilen erliegt oder sich von gegnerischen Worten täuschen lässt?« (11) »Dem Mann, der deinen Bruder tötete, werde ich den Bruder nehmen. Sehe ich ihn nicht unter diesem schweren Schmerz erbeben, bin ich dann noch dein guter Sohn?« (12) »Ich werde angreifen, das ganze Heer zerschlagen, den großen Affen die starken Köpfe abschlagen und beide Bogenschützen gefesselt herbringen. Du wirst es sehen!«
(13) »Befiehl mir, mit dem Heeresmeer zu gehen, oder schicke mich jetzt allein. Sprich, was dir angemessen scheint, und gib mir Erlaubnis!« Ravana bedachte seine Worte. (14) »Gut gesprochen, gut entschlossen! Wenn du mir dessen Leben auslieferst, werde ich danach auch Ramas kostbares Leben nehmen und die Sache vollenden.« (15) »Gehe jetzt, Goldfußgeschmückter, mit dreitausend Koti Kriegern. Alle bisher zur Bewachung zurückgehaltenen Elefanten, Wagen und Pferde habe ich für dich aufgeboten.« (16) »Kumbha, Nikumbha und der goldgeschmückte Held Akampa begleiten deinen strahlenden Wagen. Es sind starke Männer, die selbst Götter schwer besiegen.«
(17) »Besteige den festen geschmückten Wagen, den ich dir schenke. Tausend mächtige Pferde ziehen ihn; jedes ist Shivas einzigem Stier ebenbürtig.« (18) »Ebenso ausgerüstete Ersatzwagen mit gleichen Gespannen folgen. Koti wilder Kriegselefanten und ein entsprechend großes Meer furchtbarer Pferde begleiten dich.« (19) Atikaya verneigte sich und erhob sich mit seinem festen Diamantbogen. Im goldenen Panzer stand er wie eine Wolke; die Götter bebten. (20) Er führte vielerlei Waffen mit, deren Glanz die Sonne kaum unterscheiden ließ. Lobrufer umgaben ihn. An seiner riesigen Gestalt hob sich besonders der große Bogen ab.
(21) Unzählige geschmückte dunkle Elefanten brüllten und erschreckten Höhlenlöwen. Bogensehnen ließen das Meer erzittern; große Kriegstrommeln übertönten die Gewitterwolken. (22) Ihr Jubel erschütterte den Himmel, ihre Schritte schienen die Erdgöttin zu versetzen. Staub füllte die weiten Meere; die Himmlischen schwitzten vor Angst. (23) Wolken verfingen sich in den langen, weiß beflaggten Stangen. Hinter den marschierenden Elefanten erschienen sie wie mitgehende Elefantenkühe. (24) Die Treibhaken bewegten sich an den Elefanten; ihre Schläfenflüssigkeit strömte so reichlich, dass Pferde durch Flüsse und selbst die großen Elefanten durch Schlamm wateten.
(25) Wagen zogen dahin wie Sonnenstädte. Dunkle Elefanten mit leuchtenden Stirnblechen glichen Wolkenzügen. Die springenden Pferde schienen den Boden gar nicht zu berühren. (26) Von Wagen umgeben, die wie Meruberge über die Erde zogen, erreichte Atikaya das Schlachtfeld, auf dem der große Kampf getobt hatte. (27) Er sah das grausame Feld, auf dem der wilde Elefant namens Rama gewütet hatte. Sein Herz war wie tief verwundet; der zornige Held geriet ins Wanken. (28) Er sah berggleiche Schultern, abgetrennte Beine und den dunklen meeresgleichen Leib seines Onkels. Dessen großes Haupt fand er nicht. Er blieb erschüttert stehen.
(29) »Das ist kein Himmelshügel voller Pfeile, kein Richtungselefant, kein festes Meer. Was ist es? Der Leib meines unbezwinglichen väterlichen Verwandten!« Sein ganzes Leben geriet in Zorn. (30) »Wehe, kam ich, um das zu sehen? Wenn ich diese noch lebenden Menschen nicht schnell töte und ihnen das Leben nehme, wie soll mein Schmerz enden?« (31) »Ich werde den Bruder dessen ebenso zurichten, der dies tat. Sein Schmerz wird meinen Schmerz stillen.« Mit diesem zornigen Entschluss wandte er sich an einen Boten. (32) »Komm, Mayida! Eile zu Lakshmana und richte ihm aus: Ich habe mich dazu entschlossen und bin hier. Verstehe meinen Willen und übermittle ihn!«
(33) »Sage zuerst: ›Um den Kummer seines Vaters über dessen schönen jüngeren Bruder zu lindern, ist Atikaya in schwerem Schmerz und Zorn zum Kampf gekommen.‹« (34) »Sage auch, ich hätte geschworen, ihn vor seinem Bruder mit Pfeilen zu verstümmeln und abgetrennt zu Boden rollen zu lassen, damit dessen Herz im Schmerz brennt.« (35) »Ich halte dies nicht für Unrecht, sondern für den rechten Königsbrauch. Achte deinen Botenauftrag nicht gering. Bewege ihn mit deinen Worten: ›Komm!‹ und bringe ihn gleich mit.« (36) »Fordere beide mutig auf, wenn sie kampfbegierig Ruhm suchen: ›Wer uns bekämpft, zieht in Yamas Stadt. Alle, die kommen wollen, mögen kommen!‹«
(37) »Wenn du ihn mir herbringst, sodass der Kummer meines Vaters endet: Wer außer mir könnte dir all die höchsten, schwer erreichbaren Güter schenken?« (38) »Kommt jener Löwe namens Lakshmana allein, werde ich ihn vor den Göttern zerstückeln und töten. Dich aber erhebe ich zum unvergleichlichen König.« (39) »Ich gebe dir selbst achttausend Krüge köstlichen, noch unberührten Rauschtranks, eingeschenkt von nektargleichen Himmelsfrauen und süßsprechenden Vidyadharis.« (40) »Sonnengleich funkelnden Schmuck und Edelsteine, Göttertribut und die von Kubera gelieferten Schätze werde ich dir vollständig schenken.«
(41) »Hunderttausend rotäugige wilde Elefanten gebe ich dir, wenn du willst: mit unablässig fließender Schläfenflüssigkeit, bienenumschwärmt und tagelang ungebändigt.« (42) »Goldene Wagen schenke ich dir, denen selbst im weiten Himmel nichts gleicht, und juwelenbekränzte schnelle Pferde, die sich nicht mit dem Gang auf Erden begnügen.« (43) »Mehr als tausend Wagen gebe ich dir, gefüllt mit Schatzhaufen, glänzenden Münzbündeln und mondhellen Gewändern.« (44) »Dazu makellosen Edelsteinschmuck; jeden weiteren Wunsch werde ich erfüllen. Gehe rasch, du mit den festen goldenen Fußringen!« Der kräftig geschulterte Bote brach auf.
(45) Allein gelangte er zu Kakutstha. Als die Affenkrieger zornig aufsprangen, um ihn zu packen, erklärte er: »Ich habe eine Botschaft zu überbringen.« (46) Der Urherr von Erkenntnis und Veden hielt sie zurück: »Er spricht nur übermittelte Worte und trägt keine Verantwortung für ihren Inhalt. Er kam unbewaffnet als Bote. Zürnt ihm nicht!« (47) »Was führt dich her? Sage es.« Der blitzbezahnte Bote antwortete: »Herr der Könige, Meister des Bogens, die Absicht meines Königs ist für deinen jüngeren Bruder bestimmt.« (48) Lakshmana fragte: »Sprich, sage es!« Der Bote begann: »Stelle dich vor das Heeresmeer von vielen tausend Koti Kämpfern!«
(49) »Atikaya zürnt dir und wartet wie der mächtige Meru. Wenn du stark genug bist, ihm entgegenzutreten, komm mit mir, Goldgestaltiger!« (50) »Wie dein älterer Bruder den Leib unseres väterlichen Verwandten zugerichtet hat, genauso wirst du auf dieser Erde zugerichtet werden. Zweifle nicht; das hat Atikaya beschlossen.« (51) »Fragst du, weshalb er statt des Täters einen Unbeteiligten sucht: Er will dem Bezwinger seines Onkels denselben Schmerz bereiten, den jetzt sein Vater leidet.« (52) Rama erklärte: »Götter, Erdenbewohner und alle anderen, hört diese Worte! Mein Bruder wird allein kämpfen; kommen die Angehörigen des Gegners hinzu, wird er auch ihnen gemeinsam begegnen.«
(53) So sprach der Herr, der zweimal sieben Welten mit seinen Lotusfüßen ausgemessen hatte. Der Dämon aber redete noch weitere unbesonnene Worte. (54) »Steh jetzt auf und komm mit mir!« Seine Worte waren scharf wie eine glühende Axt. Rama umarmte Lakshmana: »Gehe mit ihm, zögere nicht!« So sprach der Herr, dessen Füße die Verehrer verehren. (55) Vibhishana sprach vor Narayana darüber, dass Lakshmana erst nach vollständiger Vorbereitung gegen diesen Bogenschützen kämpfen solle. Wir erzählen nun seine Worte. (56) »Dieser zornige Krieger auf dem Wagen, wie eine wilde Gewitterwolke, stellt sich unserem Kampflöwen entgegen. Er ist von äußerst furchtbarer Tatkraft.«
(57) »Er besitzt die Frucht langer ununterbrochener Askese. Nach dem Wort des alterslosen viergesichtigen Brahma kann er im Kampf gegen Götter, Asuras und andere weder sterben noch an Kraft verlieren.« (58) »Weil Ravana den Kailasa mit Shiva gehoben hatte, wollte Atikaya ihm nicht nachstehen: Er wuchs empor, um den nördlichen Meru mitsamt den vielen Göttern darauf zu heben.« (59) »›Wozu braucht es Vishnu, Mandara, die große Schlange und die Götter?‹ Mit dem Fuß könnte er das Meer so quirlen, dass Weltgift und kostbarer Nektar entstehen.« (60) »Die seit Weltaltern tragenden Richtungselefanten fortzustoßen, wäre kein Maß für seine Schulterkraft. Mit einer einzigen Hand vermag er das ringförmige Weltgebirge beiseitezuschieben.«
(61) »Selbst wenn der blauhalsige Shiva nach unzähligen Zeiten des unbewegten Starrens seine feurige Waffe auf ihn schleuderte, würde er nur fragen: ›War das etwa der lange Dreizack?‹« (62) »Als die Städte feindlicher Götter in Rauch aufgingen, trug er den Siegeskranz. Mit seiner Bogenkunst hielt er die wilde Scheibe auf, die ausgesandt war, das Leben der Frevler zu verschlingen.« (63) »Als Indra seine sämtlichen Waffen, so kostbar wie das eigene Leben, zornig schleuderte, zermahlten Atikayas Pfeile sie zu feinem Sand und schlugen auch den Donnerkeil zurück.« (64) »Bei Shiva lernte er die Veden und erhielt göttliche Kampfwaffen, über die sonst niemand vollständig verfügt. Große Tapferkeit ist ihm angeboren.«
(65) »Er erkennt kein Gutes außer dem Dharma, keinen Schmuck außer Tapferkeit. Kein Leben vernichtet er ohne angemessenen Kampf. Großartigen Ruhm hält er für das erstrebenswerte Gut.« (66) »Selbst in Todesgefahr, gegen verbündete Zauberkrieger oder Gegner, die Ungehöriges tun, denkt er nicht daran, mit Täuschungskünsten zu kämpfen.« (67) »Einst fesselten Madhu und Kaitabha, gewaltige Betrüger, die Götterkönige. In ihrer übergroßen Wut bedrängten sie selbst den unendlichen Herrn des Meeres.« (68) »Eines Tages stiegen sie ins Meer und forderten den Erhabenen: ›Gewähre uns Kampf!‹ Der Scheibenherr stimmte zu: ›Kommt, wir kämpfen!‹«
(69) »Selbst tausendgestaltige Gegner konnten die beiden mühelos zurückwerfen. Vishnu rang unermüdlich mit ihnen; Tausende und Abertausende Nächte vergingen.« (70) »Zu dem goldglänzenden Herrn, dessen Gleichnis selbst er allein ist, sagten sie: ›Ruhmreicher, wer wäre verständig und groß wie du? Was könnten wir über dich sagen!‹« (71) »›Wir könnten die sieben Welten verschlingen und wieder ausstoßen. Du hast allein so lange gleichwertig gegen uns beide gekämpft. Wir gewähren dir, was dein Herz begehrt.‹« (72) »›Sage, welches Gute wir dir gewähren können!‹ Darauf antwortete Hari mit tödlicher Absicht: ›Sagt mir, wie ich euch besiegen kann.‹«
(73) »›An keinem gewöhnlichen Ort sterben wir; auf deinem Schenkel können wir sterben. Vollbringe es, wenn du kannst; unser Wort gilt.‹ So gewährten sie es, ihrer zugesagten Ordnung treu.« (74) »Der Unvergleichliche dehnte seinen linken Schenkel über und unter alle Welten hinaus. Durch die Macht des Schicksals kamen die Feinde darauf zusammen und fanden den Tod. So geschah es einst.« (75) »Der einzige Herr nahm seine mächtige Keule und schlug sie nieder. Ihre lange Lebenszeit endete. Madhus Fett breitete sich über die Erde aus; daher heißt sie Medini.« (76) »In diesem Weltalter wurde Madhu durch das Schicksal als unser mächtiger Bruder geboren und ist gefallen. Der sonnengleiche Kaitabha ist Atikaya mit dem strahlenden Speer. So habe ich es erkannt.«
(77) Als Ravanas jüngerer Bruder geendet hatte, sagte Rama: »Es möge gut sein!« Mit einem weiß aufblitzenden Lächeln sprach er weiter. (78) »Selbst wenn achttausend Koti Ravanas, alle Himmlischen, alle Wesen anderer Welten und die drei unerreichbaren Götter zusammenkämen: Du wirst seine Bogenkunst mit eigenen Augen sehen.« (79) »Was bedeuten Himmel und Erde, Vishnu, ich als Bogenschütze, Shiva oder der Götterkönig, wenn mein jüngerer Bruder zornig wird?« (80) »Göttliche Waffen, Zorn, Kraft, Zauberkunst und große Askese: Können sie auch nur dem Augenblick gleichkommen, in dem er die Hand an diesen Bogen legt? Du wirst seine Macht sehen.«
(81) »Der Entführer meiner Gemahlin wäre noch am selben Tag gestorben. Nur weil Lakshmana entschlossen war, ihr Wort nicht zu übertreten, steht jener noch lebend da, edler Freund.« (82) »Gehe mit ihm. Du wirst sehen, wie Atikayas großes Haupt mit dem Pfeil den Himmel durchmisst, herabfällt und Krähen und anderen Vögeln zur Nahrung wird.« (83) »Kann Wasser sich gegen Wasser stellen? Durch wessen Hilfe sind wir in diesen Krieg zwischen Göttern und grausamen Dämonen eingetreten? Weißt du das nicht?« (84) »Er ist Shiva; wenn nicht, Lakshmis Herr; wenn nicht, der asketische Schöpfer der Erde. Wenn er keiner dieser ist, ist er selbst der einzig Mächtige. Wer sonst könnte es sein?«
(85) »Er vernichtete die tausend Heeresfluten, die geschlossen herankamen und uns umringten. Glaubst du, ein anderer hätte dabei neben ihm gestanden und geholfen?« (86) »Er wird töten, er wird alle Grausamen besiegen; seine Kampfkraft gleicht Vishnus Macht. Gehe du mit ihm!« So erteilte Rama den Auftrag. (87) Lakshmana umschritt den edlen Bruder dreimal. Begleitet von dem erfahrenen, klugen Vibhishana betrat er das Schlachtfeld, auf dem Atikaya wartete. (88) Das Affenmeer zog heran, als ergösse sich ein weiteres Meer über die kühle See. Es traf auf das Heeresmeer aus Elefanten, Wagen, Pferden und Fußsoldaten.
(89) Obwohl frisches Blut die Erde schon zu weichem Schlamm gemacht hatte, stieg neuer Staub auf. Wie rötlicher Blütenstaub der Färberdistel breitete er sich über den Himmel hinaus aus. (90) Trommeldonner, Muscheldröhnen, Schlachtrufe und das Krachen furchtbarer Bogen ließen die von Makaras bewohnte See erschrecken und ihren Mund verschließen. (91) Blut stürzte aus Wunden wie Wasserfälle, Banner fielen wie belaubte Bäume. Die Affen sprangen auf die Köpfe stolzer Elefanten, als sprängen sie von Berg zu Berg. (92) Die Affen schleuderten Berge mit Bäumen und herabfließendem Honig. Die darin lebenden Elefanten prallten gegen die Kriegselefanten unten, als stießen Elefanten unmittelbar mit Elefanten zusammen.
(93) Die Affen schlugen, drohten, umklammerten und zerschmetterten; mit den Zähnen bissen sie Köpfe ab. Unter ihren Füßen zuckten Pferdescharen im Blut. (94) Elefantenhaufen zerbrachen unter den Schlägen der Affen wie von Sturm gepeitschte Wolken. Aus zerbrochenen kostbaren Hauern verstreuten sich Perlen. (95) Unter diamantfesten Affenfüßen, Händen und todesschlingengleichen Schwänzen stürzten die Dämonen. Unter deren Speeren wiederum fielen die Affenhelden. (96) Bäume, Bogen, Berge, scharfzahnige Schlangen, Elefanten, Pferde und anderes flogen durcheinander, von Affen geschleudert. Der Himmel glich einem für selbst starke Männer furchterregenden Wald.
(97) Die breiten Berge, die Affenführer auf die mächtigen Dämonenformationen warfen, drängten sich im Himmel. Ihr Herabfallen glich Wolkenscharen, die ins weite Meer eintauchen. (98) Die Affen zogen Dämonen an den Füßen hin und her, tauchten ihre Äxte, Speere, Schwerter und Schultern unter, zertraten die großen Körper und ließen sie in Blutflüssen treiben. (99) Auch starke Affen schwammen in der Blutflut. Sie suchten erschöpfte Elefantenkörper als rettende Inseln, wurden mit ihnen fortgerissen und gelangten ins Meer, ohne ein Ufer zu sehen. (100 [Quellennummer: 6.17.6.17.100]) Die Affenketten hielten einander an den Schwänzen und trieben durch den blutigen, augenfischreichen Strom wie eine Gruppe Blinder, die sich an langen festen Stöcken zusammenhält.
(101) Das Dämonenmeer stürmte wiederholt mit grausamen Waffen heran. Das schwer zu hemmende Affenheer wurde überall geschwächt, zerstört, zerstreut und weit zurückgeworfen. (102) Lakshmana rief ihnen vielfach zu: »Fürchtet euch nicht!« Er hob seinen hilfreichen Bogen; dessen Sehnendröhnen ließ das Leben des Todesgottes selbst erzittern. (103) Der Klang glich dem ewigen Ruf der vier Veden am Weltende, wenn alle Schriften und Elemente verschwinden und selbst Brahma vergeht, der vedische Urklang aber bleibt. (104) Glühende Pfeile flogen so schnell, dass ihr Abschuss unsichtbar blieb. Sie verschwanden in den zahllosen Dämonenleibern; Leichen türmten sich himmelhoch, Blut erfüllte die tiefen Senken.
(105) Die Pfeile trennten Elefantenrüssel, gekrönte Wagenkämpferköpfe und Pferdebeine ab. Sie spalteten die fleischigen Leiber der grausam blickenden starken Dämonen und flogen weiter. (106) Sie zerschnitten Bogen und Speere, durchbohrten glänzende Panzer und Brüste, zerbrachen fliegende Steine, fällten Pferde, zerstörten Wagen und töteten mörderische Elefanten wie der Tod selbst. (107) Abgetrennte gebogene weiße Elefantenhauer schossen empor. Sie glichen zahlreichen jungen Mondsicheln vom dritten Tag am Himmel. (108) Große Dämonenköpfe mit feurigen Augen, weißen Sichelhauern und sternengleichen Ohrringen fielen zur Erde, als stürzten von Finsternisdrachen ergriffene Mondscheiben herab.
(109) Dunkle Elefantenberge mit scharfen Hauern, aber abgetrennten Rüsseln stürzten kopfüber ins Blutmeer. Sie glichen dem großen Eber, der eintaucht, um die Erde emporzuheben. (110) Die Pferde starben an Wunden, die Gespanne rissen, und breite Wagen kippten um. Sie glichen Himmelsfahrzeugen, die zur Erde fallen, wenn das verdienstvolle Karma ihrer Besitzer erschöpft ist. (111) Kopflose dunkle Rümpfe tanzten, als freuten sich die verbliebenen Körperlasten darüber, dass ihre Seelen das schwer lösbare Karma abgestreift und den schwer erreichbaren Himmel gewonnen hatten. (112) Wenn die Schrift stimmt, nach der bei achtundvierzigtausend Toten ein kopfloser Rumpf tanzt: Hier tanzten mehr als Koti. Wer könnte die Leistung dieses Helden angemessen beschreiben?
(113) Das Blut der Elefanten, Dämonen und wilden Pferde sammelte sich und strömte ins Meer wie vom Regen angeschwollene Waldflüsse aus Bergen und Wäldern. (114) Zahllose enthauptete Dämonenlenker blieben mit den Füßen in den Elefantengurten hängen. Ihre Hände hielten noch den Treibhaken hoch, als lenkten die großen Leichen weiter. (115) Von tödlichen Pfeilen getroffene Pferde zuckten. Auch die enthaupteten Reiter lösten sich nicht: Mit Schwertern in den großen Händen schwankten ihre kopflosen Körper weiterhin obenauf. (116) Pfeile, scharf wie Asketenflüche, trennten Köpfe und Schultern ab. Auf den Wagen hielten kopflose Kämpfer dennoch ihre gebogenen Bogen fest und schossen viele weitere Geschosse.
(117) Ein einziger windgleicher Pfeil durchdrang Vater, älteren Bruder, jüngeren Bruder, geliebten Sohn, Enkel und Neffen. Sie starben, weil sie den grausamen Tod namens Sita gesucht hatten. (118) Abgetrennte Köpfe sprangen unter den Pfeilen empor. Hände griffen noch nach ihnen, konnten sie aber nicht halten; aasfressende Vögel tanzten darüber. (119) Tausende Koti feuerspeiender Pfeile flogen gedankenschnell, drangen ein und löschten Dämonenleben aus. Selbst den Todesboten ermüdeten die Beine. (120) Die Gefallenen hätten den Meru erschüttern können. Ihre zerstückelten Leiber sprangen auf und ließen Götterköpfe zurückweichen; unter den Leichenbergen schüttelte die Erdgöttin ihren Rücken.
(121) Daruka, groß wie Meru und heiß wie Feuer, trat kampffreudig entgegen. Auf seinem Wagen stand er mit dem Bogen, gleichsam Feuer speiend. (122) Er schoss lange feurige Pfeile, deren Macht durch alte Gnadengaben wuchs und den Himmel erfüllte. Lakshmana vernichtete sie zornig mit Gegenpfeilen. (123) Lakshmanas scharfer Pfeil trennte Darukas großen Kopf ab. Er flog donnernd wie eine Wolke durch den Himmel; selbst der herbeigeeilte Tod erschrak. (124) Kala, Kulisha, Kalashankha, Mali und Marutta umringten Lakshmana. Sie schwangen Dreizacke, Äxte, Stangen, Schlingen und Speere.
(125) Er zerschnitt ihre tausend furchtbaren Geschosse, trennte ihre großen Köpfe ab und zerschlug das vielfache Heer seiner vier Truppengattungen. (126) Atikayas Krieger trieben sechsundfünfzigtausend wilde Elefanten zusammen und umringten ihn. Geordnet schleuderten sie die nötigen Waffenmengen. (127) Sie schlossen jeden Fluchtweg, griffen von allen Seiten an, trieben Elefantenberge vor und zerhackten Affenscharen unter lautem Jubel zu Brei. (128) Geworfene und geschossene Waffen prallten donnernd zusammen und erfüllten alle Richtungen wie dichter Regen. Welt, Himmelsrichtungen und Himmel verschwanden dahinter.
(129) Lakshmana zerschnitt sämtliche Waffen und die kräftigen Hände ihrer Werfer. Ringsum durchbohrte er die Elefantenberge mit ihren dreifachen Schläfenströmen durch feurige Pfeile. (130) Die berggroßen Elefanten verloren Hauer, Rüssel und Köpfe und stürzten wie Wolken. Nicht nur einen: Neunzehn durchbohrte und fällte ein einziger Pfeil. (131) Donnergleiche Pfeilsalven zerrissen Schenkel und Haltegurte der berühmten bewaffneten Dämonen. Sie fielen wie Berge; auch die von Schläfenflüssigkeit regnenden Elefanten brachen zusammen. (132) Stärker als Donner durchdrangen Pfeile Geschirre, Rückenauflagen und mächtige Brüste. Die wilden Elefantenberge rollten brennend in alle Richtungen.
(133) Furchtbare Waffen zerbrachen; heiße Pfeile drangen überall ein und zertrennten Elefanten. Füße und Köpfe der Lenker fielen. Die hungernden Geister mit hohlen Augen fanden nun Überfluss. (134) Mehr Pfeile als Regentropfen trafen. Elefanten rollten wie blitzgetroffene Berge zu Boden; ihr Blut rang mit dem Meer wie ein Elefant mit einem anderen. (135) Nachdem ihre Lenker gefallen waren, fehlte den gift- und donnergleichen Kriegselefanten jede Führung. Rasend, verwirrt und von Schläfenströmen triefend kämpften sie gegeneinander. (136) Beine, Rüssel und Schwänze wurden abgetrennt; aus geöffneten Bäuchen hingen Eingeweide. Häute lösten sich, während zahllose Pfeile wie Regen niedergingen.
(137) Welcher Gegner blieb in den acht Richtungen unerreicht? Wo seine immer neuen Pfeile trafen, fielen die Elefanten und häuften ihre langen Rüssel übereinander. (138) Als sechsundsechzigtausend wilde Elefanten vernichtet waren, gerieten die feuerspeienden Dämonen außer Fassung. Zornig trieben sie eine neue Meeresmasse gegen ihn. (139) Unzählige wilde Elefanten, dunkel wie Nachtscharen, rückten heran. Unter eigenem Pfeilregen trieben die Grausamen sie gegen den unermüdlichen Bogenschützen: »Tötet ihn!« (140) Von Elefanten umgeben, glich der tapfere Vedenkenner einer roten Sonne hinter Wolken. Als sein regenbogengleicher Bogen sich spannte, zerstreuten sich die Elefantenwolken und fielen zur Erde.
(141) Die meeres- und berggleichen Tiere regneten Schläfenflüssigkeit, ihre Augen glühten. Rücken und Gesichter zerbrachen, mächtige Rüssel wurden abgetrennt; doch ihre wilde Raserei endete nicht. (142) Pfeile, mächtig wie Weltuntergangswind, trafen ihre geschmückten Köpfe. Viele Elefanten klappten zusammen und rollten wolkengleich über die Erde. (143) Die sichelgeschmückten Elefantenstirnen kippten um. Ihre Körper stürzten wie Berge, denen Indras erzürnte Waffe einst die goldenen Flügel abschlug. (144) Zahllose Tiere brüllten trotz sonnenheißer Pfeile weiter wie Gewitter. Andere taumelten gegen Berge und trieben mit dem Blut bis mitten ins Meer.
(145) Von scharfen Pfeilen in die Augen getroffen, standen manche blind da. Ihr Zorn wuchs unermesslich; sie zertraten die Erde und wühlten berggleich das eigene Dämonenmeer auf. (146) Tausend Pfeile einer einzigen Salve strömten wie der Regen tausender Wolken und fällten zweitausend Elefanten. Was weiter untersuchen? Selbst die Götterkönige verstanden seine Bogenkunst nicht. (147) Wagen, Elefanten, zornige Kämpfer und springende Pferde fanden keinen Weg mehr. Das aus den mächtigen Tieren strömende Blutmeer ließ sich nicht durchqueren. (148) In einer einzigen kurzen Zeitspanne wurden hunderttausend wilde Elefanten zerstückelt; die Welten erschraken. Ravana sandte darauf alle übrigen ungebändigten, berggleichen Zornestiere zugleich aus.
(149) Eine Koti wilde Elefanten kam neu heran, zusätzlich zu den schon Gefallenen. Schläfenflüsse begleiteten sie gegen den jungen Löwen mit dem zweigekrümmten Bogen, der Donnerpfeile aussandte. (150) Als hätten sich sämtliche Berge der Welt zum Töten versammelt, umringten sie ihn, zahllos und feurig. Durch seine einzigartige Bogenkunst verloren auch sie Köpfe und Rüssel. (151) Sechsunddreißig Yojanas weit drängten die rasenden Elefanten in alle Richtungen. Die Welt schien von ihrer Haut bedeckt, der Himmel wurde Staub und die Erde Schlamm. (152) Geisterscharen fanden weder Anfang noch Ende der Leichenberge. Blutmeerwogen schlugen gegen sie; Schläfenflüsse führten dazwischen funkelnde Waffen fort.
(153) Je ein Pfeil fällte einen Elefanten. Seine siegbringenden, donner- und sonnengleichen Geschosse hätten Meere austrocknen können; in einer Salve tötete er zehntausend regnende Elefantenberge. (154) Berge, Wolken, Wälder, Richtungen, Richtungselefanten und Meereswogen erschraken. Selbst der einzigartige fünfarmige Elefantengott fürchtete Vernichtung, weil er Elefantengestalt trug. (155) Die Bogensehne dröhnte, die Elefantenmeere fielen, ihre Reiter stiegen zum Himmel. Pfeile durchbohrten Köpfe und Leiber; die rasenden Tiere stürzten wie Wolken, in denen Donner eingeschlagen hatte. (156) Hanuman sah die Überzahl mörderischer Elefanten, ausgesandt von Kriegern wie sieben Meeren. »Ich werde etwas unternehmen!« Rasch kam er heran, selbst einer einzigartigen Lanze gleich.
(157) Brüllend und feueräugig, einem wilden Elefanten und dem Ur-Löwen ähnlich, pries er Ramas Füße. Dann ergriff er einen Baum, mächtiger als Yamas Kriegskeule, und gewann Ruhm. (158) Die dunklen, langrüsseligen Elefanten drängten zusammen und starben. Was braucht es weitere Worte? Seine Schläge glichen Donnerkeilen auf Berge beim gemeinsamen Aufruhr von Zeit, Elementen und Gewitterwolken. (159) Er tötete viele durch Treten, Schwung, Kraft, Stolpern, Füße, Schwanz, Stirn, schnelle Sprünge und Zermalmen. Dabei blieb er fest im Dharma. (160) Er riss, teilte, spaltete und zerbrach sie wie Bambus. Er biss mit den Zähnen, packte mit den Händen und knickte zornig ihre langen Hauer ab.
(161) Er warf sie ins brausende Meer, walzte sie mit dem langen Baum nieder, schlug sie auf die Erde, riss Eingeweide heraus, schleuderte sie zu Himmelsstädten und trat ihnen ins Gesicht. (162) Sein Schwanz umschlang sie wie eine Riesenschlange. Er zerdrückte sie mitsamt den Reitern, warf sie auf Berge oder nahm sie in den Mund wie Shiva das Gift. Löwengleich vernichtete er Tausende im Augenblick. (163) Hunderttausend furchtbare Elefanten, höher als der Sahya, griffen rasch an. Manche verschwanden in den Spalten seiner Nägel; er zertrat ihre Leiber zu einem weiten, fetten Schlammmeer. (164) Von einer weiteren Koti Elefanten tötete Hanuman hunderttausend. Während dies geschah, vernichtete Lakshmana die übrigen mit seinen Pfeilen. Die Richtungswächter flohen vor unbegreiflicher Angst.
(165) Dämonen flohen in alle Richtungen, wurden von Elefantenleichen und im Gedränge zerquetscht. Alle verließen ihre Wagen und liefen davon; allein der große Devantaka wandte sich zornig zum Kampf. (166) Durch Blutmeer und viele Leichenberge drang er allein vor. Mit sonnengleichen Pfeilen traf er Hanumans Leib und brüllte vom großen Wagen wie Gewitterdonner über dem Meer. (167) Hanuman erhob brüllend einen Baum: »Jetzt verliert er sein Leben!« Er schleuderte ihn donnergleich. Devantaka sandte sonnenheiße scharfe Pfeile und zerlegte ihn vollständig. (168) Hanuman hob einen Berg; noch vor dem Wurf zerschoss der Gegner ihn in Stücke. Zornig sprang der Affenheld heran und entriss dem Schützen den großen Bogen.
(169) Unter dem Jubel der Götter zerbrach er ihn vielfach. Devantaka ergriff wütend einen leuchtenden Wurfspeer und traf Hanumans linke Schulter. Die Götter erschraken. (170) Hanuman glühte vor Zorn, riss den Speer heraus und schlug damit donnernd zu. Der große Wagen und sein Lenker stürzten; die Gesichter der Götter hellten sich auf. (171) Noch ehe Devantaka einen Dreizack fassen konnte, war Hanuman bei ihm. Der Giftstarke drängte entgegen; doch Hanuman schlug ihm an den Kieferansatz, zertrümmerte den Kopf und beendete sein Leben. (172) Atikaya sah es und entbrannte. Blutige Tränen flossen aus seinen Augen wie aus Wunden. »Jetzt trinke ich sein Leben; ich lasse ihn nicht entkommen! Fahre schnell!« So kam er heran.
(173) Mit seiner Ankunft fasste das Heer wieder Stand. Zurückgedrängte rückten vor, Zerstreute schlossen sich zusammen. Vor dem goldberggleichen Hanuman sprach Atikaya, der selbst Meru spalten konnte. (174) »Du hast meinen Bruder am Boden zermalmt. Früher sprangst du listig über das Meer und entkamst; du tötetest auch meinen anderen Bruder. Ich sah es und kam. Heute endet dein Hundeleben; du bist nahe genug!« (175) »Bisher bin ich dir nie begegnet. Viel Unheil hast du uns angetan. Ich gehe nicht, ehe ich dich und Lakshmana mit meinem unfehlbaren Pfeilregen besiegt und getötet habe. Merke dir das!« (176) Hanuman rieb die großen Hände und lachte donnernd: »Gewiss, das wird nicht fehlgehen! Du zürnst mir und dem höhlenlöwengleichen Helden. Rufe auch Trishiras, damit ich ihn in der Erde zermalme!«
(177) »Ja, ja!« brüllte der Dreiköpfige und griff an. Ramas großer Bote trat ihm entgegen. »Ihr seid von Begierde beherrscht und unbelehrt, ihr vermeintlich Starken!« Die Umstehenden verstummten, als er dazwischen schritt. (178) Hanuman sprang auf den Wagen, packte Trishiras wie einen wolkenbedeckten Berg und zermalmte ihn am Boden zu dessen Schande. »Am Westtor wird gekämpft!« Mit diesen Worten zog er dorthin. (179) Augenblicklich war er fort. Atikaya blieb mit tränenden, feurigen Augen ratlos zurück. »Selbst Shiva mit Uma als seiner Hälfte könnte seinem Zorn nicht standhalten«, dachte er und rang wütend die Hände. (180) »Ich kam mit einem Gelübde; draußen zu verweilen ist nicht tapfer. Diesem Prüfstein aller Starken begegne ich später.« Mit goldenem Köcher befahl er, den festen Wagen auf Lakshmana zuzulenken.
(181) Wagenlärm übertönte das Meer, Bogenschall den Donner; Kriegstrommeln schallten über die Richtungen hinaus. Atikaya rückte mit seinem Heer vor. Lakshmana stand bereit; die Götter wünschten ihm Sieg. (182) Angada trat rasch heran und verneigte sich: »Er steht auf einem Radwagen; so ist der Kampf ungleich. Meine Schultern sind gering, doch besteige sie, Heiliger, du Zierde aller Bogenschützen!« (183) Lakshmana stimmte zu und setzte seine Lotusfüße auf Angadas geschmückte Schultern. Angada trug ihn wie Garuda; die himmlischen Weisen freuten sich, regneten Blumen und priesen seine Kraft. (184) Wohin der von tausend Pferden gezogene Donnerwagen fuhr, folgte Angada kreiselschnell. Er stieg, sank oder flog mit ihm und wühlte dabei selbst das salzige Meer wie zu Feuer auf.
(185) Die Affenführer jubelten. »Das wäre selbst Garuda schwer!« Die Götter schlugen staunend die Hände zusammen. Lakshmanas Pfeilregen traf derweil Elefanten und Pferde. (186) Trommeln, Elefanten, feste Wagen, Pferde, weiße Muscheln, Bogen, Fußringe und Halsketten dröhnten. Brüllen und Schlachtrufe übertrafen den Wolkendonner dreifach. (187) Lakshmanas gewaltiger Pfeilregen tötete Elefanten, Fußsoldaten und gezäumte goldgeschmückte Pferde. Selbst der Tod fürchtete sich; Wagen zerbrachen, das Kampfgelände wurde frei, alles Widerstehende zersplitterte. (188) Lakshmana fragte Ravanas Sohn: »Was wünschst du? Willst du erst kämpfen, wenn dein ganzes bewaffnetes Heer zerstückelt ist, oder trittst du allein zu einem würdigen Kampf vor? Sage es!«
(189) Atikaya antwortete, grausamer als der Tod: »Nicht alle kämpfen. Du und ich vollbringen vor Göttern und anderen, was zu vollbringen ist. Deine Beschützer dürfen dir helfen; darum ließ ich dich eigens rufen.« (190) »Dein Bruder mag dich schützen, Shiva, alle Götter und sieben Welten mögen dich schützen: Heute endet dein Leben!« Er blies die Muschel, spannte die todbringende Sehne und brüllte donnernd. (191) Lakshmana lächelte: »Die Genannten werden nicht kommen. Wenn ich unterliege, werde ich allein unterliegen. Besiegst du mich, hast du auch sie besiegt.« Er schoss einen Pfeil, heller als ein Blitz. (192) Atikaya zerschnitt ihn mit einem brennenden Gegenpfeil. »Lakshmana, wehre diese ab!« Brüllend schoss er sechzehn Geschosse, giftig wie blicktötende Schlangen.
(193) Lakshmana zerschnitt alle und sandte glühende Diamantpfeile, die Meru hätten spalten können. Der Bezwinger Kuberas zerstörte auch sie und legte neue scharfe Geschosse auf. (194) Lakshmana schnitt sie mit feurigen Pfeilen ab und schoss zornig göttlich wirkende Geschosse auf den brüllenden Dämon. Unfehlbar rissen sie dessen Panzer auf und drangen ein. (195) Hundert Pfeile durchbohrten den Panzer. Benommen stützte Atikaya sich auf den göttlichen Bogen und ruhte im Wagen. Währenddessen zerstückelte Lakshmana sein Heer und tötete mehr als eine Koti. (196) Atikaya sah seine Umgebung fallen und die unzählbaren Pfeile vorbeiziehen. Er überwand die Benommenheit, spannte glühend den Bogen und sandte dreimal dichteren Pfeilregen als ein Unwetter.
(197) Der zornige Held besäte Himmel und Himmelsgrenzen, Erde, Berggipfel, das Fleisch der Nahen, die Körper der Stehenden und selbst die Fische im Meer mit Pfeilen. (198) Alle Richtungen verschwanden; wie der Mut der Götter schwand das Licht von Sonne, Mond und Feuer. Pfeile prallten zusammen, Erde und Himmel bebten, Funken häuften sich, Flammen stiegen auf. (199) Die Götter fürchteten sich: »Endet heute das ganze brausende Affenheer? Kann Lakshmana ihn besiegen? Hat er das Töten bei Yama gelernt? Welch eine Bogenkunst besitzt dieser eine Mann!« (200) Atikaya schoss Pfeile so tief in Angadas Stirn, Schultern und Leib, dass selbst ihre Federn verschwanden. Drei weitere trafen Lakshmana. Er blies die donnernde Muschel und brüllte, dass Götterköpfe bebten.
(201) Lakshmana sah das Blut auf Angadas Leib wie rote Wasserfälle an einem hohen Berg strömen. Mit tausend Pfeilen trennte er die Pferdeköpfe, den Kopf des Lenkers und den Bogen des Gegners ab. (202) Atikaya bestieg einen anderen Wagen und nahm einen neuen Bogen. Lakshmana setzte Agnis mächtige Waffe ein. Der Dämon schoss die Sonnenwaffe dagegen: »Halte sie auf!« (203) Die beiden Waffen kämpften miteinander. Lakshmanas weitere Pfeile, heißer als Donner, durchdrangen Atikayas Brust. Er verzagte nicht und verlor keine Kraft, sondern sandte brüllend dreifachen Regen zurück. (204) Diamantpfeile öffneten seinen Leib so weit, dass Hinterstehende durch ihn die Vorderen sehen konnten. Doch weder Kraft noch Leben wichen; weiter ließ er goldspitzige Geschosse regnen.
(205) Da erschien der Windgott vor Lakshmana, der den Bogen stark krümmte: »Edler Held, er kann nur durch die Waffe des uralten Viergesichtigen sterben!« (206) »Gut!« Freudig verband Lakshmana Brahmas Waffe mit einem Pfeil, der wie geballter Blitz leuchtete. Er trennte Atikayas Haupt von den berghohen Schultern und trug es durch den Himmel, vor den Augen der Götter. (207) Die Götter regneten Blumen: »Unser Kummer ist vorbei!« Dämonen flohen schreiend, das Affenheer wurde von Angst und Verwirrung frei. Der siegreiche Bogenschütze sprang von Angadas Schultern. (208) Vibhishana staunte über den gewaltigen Erfolg und hörte den Jubel himmlischer Siddhas. »Wenn seine Bogenkunst wie vollendete Mantramacht wirkt, wird auch Indrajit sicher sein Ende finden.«
(209) Narantaka fuhr mit blitzendem Schwert heran: »Weil mein schöner älterer Bruder gefallen ist, darfst du nicht stolz Brust, Schultern und Bogen betrachten und gehen. Bleib, gehe nicht!« (210) Feueräugig sprang er vom Wagen, als spalte er die Erde. Mit Schild in einer Hand und blitzendem Schwert in der anderen kam er wie Sonne und Wolkenblitz zugleich. (211) Bäume, Steine und Berge, die man ihm entgegenwarf, zerschnitt er und verstreute sie in alle Richtungen. Affenköpfe und Hände wichen wie Wasserpflanzen auf dem Wasser auseinander. Angada sah ihn kommen. (212) Angada riss einen Baum aus und griff schneller als Ramas Pfeil an. Narantakas Schwerthand bewegte sich unsichtbar schnell; sie zerschnitt den Baum in tausend Stücke.
(213) Waffenlos dachte Angada: »Jetzt zurückzuweichen wäre nicht tapfer.« Noch vor einem Augenblinzeln wich er dem giftwilden Schwerthieb aus, stürmte donnergleich hinein und umklammerte den Gegner samt Schwert. (214) Die Götter klatschten: »Das vermöchte außer ihm kaum Shiva!« Angada entriss dem Gegner mit seinen scharfkralligen Händen das Schwert, teilte ihn in zwei gleiche Hälften und brüllte himmelerschütternd. (215) Nun kam der Kriegsrasende Pormattan auf einem wilden Elefanten. Seine Schultern glichen dem Quirlberg auf dem Schildkrötenrücken; vom Wein berauscht wie von Stechapfelgift, schien er Donner verschlingen zu können. (216) War sein Elefant nicht Wind, woher die Schnelligkeit? Nicht Meer, woher das Dröhnen? Nicht Tod, woher das Töten? Nicht Donner, woher die Härte? Wenn er nicht Zorn selbst war, wo wäre Zorn zu finden? Kein Berg kam ihm gleich.
(217) Die geworfenen Berge waren für ihn nicht einmal Treiberkugeln. Große Bäume wirkten höchstens wie Wedel gegen die Bienen an seinen Schläfen oder wie Zuckerrohr zum Fressen. (218) Unter Füßen, Rüssel, todgleichem Schwanz und heißen Hauern starb das Affenheer. Es erlitt alles, was zuvor Lakshmanas Pfeile dem vierteiligen Dämonenheer angetan hatten. (219) Nila, der liebevolle Sohn des Feuergottes, konnte das Leiden seines Heeres nicht ertragen. Er kam mit einem wirbelnden Baum, mächtig wie die göttliche Scheibe; sein Heer folgte, die Gegner flohen. (220) Der Dämon auf dem Elefanten zerschnitt den Baum mit zwölf Pfeilen. Nila schleuderte einen anderen Berg; Pormattan trieb den Elefanten vor und zerlegte ihn mit hundert Geschossen im Himmel.
(221) Als Nila einen weiteren Berg holen wollte, hielt ihn der Elefant mit ausgestrecktem Rüssel fest, wie eine gemusterte Schlange einen goldenen Berg umwindet. Die Götter gerieten ins Schwitzen. (222) Schon schien Nilas Kraft und Leben zu schwinden, und der Elefant wollte ihn mit diamantfesten Hauern durchbohren. Da riss Nila Rüssel und Kopf ab und sprang leicht empor. Dämonen zitterten; Götter lachten: »Gut, gut!« (223) Noch ehe Nila wieder den Boden erreichte, stürzte der enthauptete Elefant wie ein großer Berg in die Blutflut. Sein Reiter stand nun im Himmel und ließ sichelköpfige Diamantpfeile regnen. (224) Nila brach den anderen großen Hauer aus dem abgerissenen Kopf und schleuderte ihn mit ungeheurer Wucht. Der Dämon zerschnitt ihn mit einem Pfeil und versenkte einen zweiten in Nilas berggleicher Brust.
(225) Sogleich bestieg der Grausame einen anderen Elefantenberg und kam windgleich heran, als wäre keiner gefallen. Nila packte ihn jedoch mitsamt dem Bogen und warf ihn vor das Tier auf das Schlachtfeld. (226) Ehe er aufstehen konnte, stieß ihn sein Elefant mit dem Hauer nieder, trat ihn und schleuderte ihn mit dem Rüssel umher. Doch der Dämon starb nicht; er tötete seinerseits das eigene Reittier. (227) Als der blitzbezahnte Dämon seinen Elefanten erschlug, sah Nila ihn zornig an. Seine Augen sprühten goldhelles Feuer. Er stürmte vor, ballte die Hand und schlug ihm in die Brust. Mattan starb. (228) Vayamatta sah den donnergleichen Faustschlag auf die Diamantbrust und den toten Elefantenberg. Durch seine dämonische Geburt und die Früchte eines dharmawidrigen Lebens getrieben, eilte er herbei.
(229) Sein Leib war größer als jede Lüge, seine Schultern beschämten Berge. Der harte, grausame Bogenschütze stand auf einem Radwagen, den tausend mächtige Geister zogen; sein Heer jubelte. (230) Er brüllte, erschütterte die Welt, blickte donnererschreckend, schmähte die Toten und jagte das Affenheer unter Pfeilregen. »Niemand tritt ihm entgegen!« Da stellte sich Rishabha zum Kampf. (231 [Quellennummer: 6.17.232, erster Eintrag]) Der Dämon lachte: »Du bist klein; dich zu besiegen wäre nutzlos. Soll ich euch alle töten? Selbst wenn Brahma eingriffe, töte ich zuerst den, der Ravanas Sohn erschlug. Danach wende ich meinen Zorn gegen die Affen.« (232) Rishabha erwiderte unbeirrt: »Narr, der mit leichenfressenden Geistern zum Sieg kommt und seine Stärke nur im Reden beweist! Du pflegst deinen Hochmut wie eine unheilbare Krankheit. Sieh, jetzt wird deine ganze Kraft enden!«
(233) »Ich sagte dir zu fliehen, doch du bleibst und redest. Dann spiele ich jetzt mit dir!« Der scharfzahnige Dämon krümmte Bogen und Brauen und schoss zehn Pfeile in Rishabhas Brust. (234) Blut rann aus seiner Brust. Rishabha hob rasch den furchtbaren Wagen und schleuderte ihn fort. Die geisterhaften Zugwesen flogen dem Meer zu; der Dämon hing daran wie Regenstreifen an einer ziehenden Wolke. (235) Er versank mit Wagen, Bogen und Kopf im Meer, kam aber feurig wieder empor. Bevor er die Erde erreichte, sprang Rishabha brüllend in die Luft: »Übeltäter, zu wem willst du entkommen?« (236) Wie der Tag die Nacht umarmt, umschloss er den Dämon mit steinharten Schultern und presste ihn zusammen. Blut schoss aus dessen fangzahnigem Höhlenmund; wolken- und bogengleich fiel er, während sein Leben zum Himmel ging.
(237) Sugriva und der siegreiche Kumbha schmückten unterdessen das Kampffeld mit tausend kunstvollen Bewegungen. Mit Baum und Keule kämpften sie wie Berge gegeneinander; die zuschauenden Götter schüttelten Köpfe und Hände. (238) Sie rangen, wischten Blut vom Leib und sprühten Feuer aus den Augen. Gürtel, Ketten und Fußringe klirrten, während die löwengleichen Gegner kreisten und zuschlugen. (239) Kumbha schwang seine Keule und schlug, als sollten Weltensphären bersten. Sugriva fing den Schlag mit seinem Baum ab. Der Baum zerbrach; der Affenkönig entbrannte. (240) »Jetzt kämpfe ich bis zum Tod!« Er suchte den Augenblick zum Eindringen. Noch bevor er weiterdenken konnte, brachte Nila ihm eine berggleiche Keule.
(241) Sugriva nahm sie und griff so zornig an, dass Himmel und Erde zitterten. Er schlug Brust und Schultern des Rasenden auf. Die Dämonen erschraken bis ins Herz. (242) Der Getroffene sprühte Feuer und fiel wie ein blitzgetroffener Berg. Noch ehe man seinen Tod erwarten konnte, sprang er zornig auf: »Deine Schulter wird brechen!« Er schlug zurück. (243) Der Sonnensohn wurde an der Schulter getroffen und schwankte. Er gewann festen Stand, drang pfeilschnell vor und schlug dem yalikräftigen Gegner auf die Brust. (244) Mehr als tausend Koti Schläge tauschten sie. »Wer wird nun sterben?« Die Götter drängten sich. Wie zusammenprallende Donnerkeile zerfielen beide Keulen zu Staub; die Kämpfer packten einander.
(245) Sie rangen wie zornige wilde Elefanten; alle zehn Richtungen wurden taub. Sie sprangen, umklammerten sich, stießen mit mächtigen Schultern, schlugen und boten herausfordernd ihre Brust dar. (246) Unter der starken Hand des Sonnensohns verlor der Dämon seine Härte wie Eisen unter dem Hammer eines kundigen Schmieds. Seine Brust spaltete sich wie ein Berg. (247) »Willst du noch kämpfen?« Sugriva lachte. Seine fünfgliedrige Hand drang wie eine fünfköpfige Schlange in den Höhlenmund und riss zornig die lange Zunge heraus. Kumbha spie sein Leben aus. (248) Da kam Nikumbha mit feuersprühenden Augen: »Wohin willst du jetzt?« Angada stellte sich zornig entgegen. Sie begannen einen Kampf, wie es ihn noch nie gegeben hatte.
(249) Nikumbha, heißer als Gift, griff mit dem Dreizack an. Angada hielt ihn mit einer Palme auf; es war, als trete ein goldener Berg einem blauen entgegen. (250) Als Nikumbha den Dreizack zum Wurf hob, erkannte der kundige Hanuman die Gefahr, noch bevor jemand sagen konnte: »Jetzt fällt Angada!« Wie himmlisches Funkenfeuer eilte er herbei. (251) Er hinderte Nikumbha daran, die unaufhaltsame Waffe zornig gegen den stiergleichen Angada zu schleudern. Mit der breiten, blütenzarten Hand schlug er ihn tot und zog weiter. (252) Keiner stand mehr da, um die Dämonen zu schützen. Die bisher Standhaften verzagten und flohen auseinander. Baumwerfende Affenhelden töteten sie; das große Dämonenheer schwand.
(253) Mehr als Koti starben im Gedränge am Fluchttor. Unzählige andere schleppten ihre von Schlägen verwundeten Körper ins Lager und starben dort. (254) »Gebt Wasser!« riefen die Gehetzten. Ausgetrocknet zerbrachen viele und starben; andere eilten unter Tränen in die Stadt, während Blut aus ihren Füßen die Erde benetzte. (255) Manche flohen weit durch den Himmel, verloren das Leben und stürzten wie große Berge zur Erde. Unzählige Wunden verdunkelten die Leiber derer, die in alle Richtungen irrten. (256) »Freund, zieh diesen Pfeil heraus!« Unzählige starben, sobald Bekannte ihn entfernten. Andere erreichten ihr Haus, erkannten aber vor Verwirrung selbst dessen Zeichen nicht mehr.
(257) Manche blieben zitternd stehen, als ihr Pferd fiel; andere gingen nach dem Sturz ihres Elefanten zu Fuß weiter. Viele steckten in zerquetschten Wagen wie Bewohner brennender Häuser. (258) Einige Verwundete nahmen Affengestalt an und gelangten so zurück. Die Dämonen in der Stadt riefen jedoch: »Feindliche Affen sind eingedrungen!« Sie griffen sie an und töteten sie. (259) Sie öffneten die Augen zu den weinenden Angehörigen: »Gebt uns Trinkwasser!« Manche starben vor dessen Ankunft, andere beim Trinken, wieder andere unmittelbar danach. (260) Väter trugen ihre Söhne; starben diese unterwegs, warfen sie sie ab und retteten sich selbst. Blut spuckend, mit zerplatzten Augen, verloren sie Richtung und Weg und starben umherirrend.
(261) So zerstreut flohen die Dämonen in die goldene Stadt. Die Schlachtboten eilten zu ihrem König, fielen ihm zu Füßen und vergossen Tränen wie Regen. (262) »Berichtet, was geschehen ist!« befahl Ravana. »Von dem ausgesandten Heer kehrte nur ein winziger Teil zurück. Atikaya und die übrigen königlichen Prinzen haben im Kampf alle ihr Leben hingegeben.« (263) Seufzen, Stolz, Jammer, Mitleid, Tapferkeit, wachsender Zorn und Schmerz schlugen wie Wogen gegeneinander. Mit Wasserfalltränen stand Ravana da wie ein Meer, dessen Wellen die Ufer zurückdrängen. (264) Er blickte in die Richtungen, zu den Göttern, auf seine Schande und sein Siegerschwert. Er rang die Hände und atmete so heftig, dass der Schnurrbart zuckte. Wie ein liebesverwirrter Tor lachte, weinte, zürnte und schämte er sich.
(265) Er wollte die Erde ausheben, den Himmel zerschlagen und alle Lebewesen in einem Augenblick vernichten. »Alles, was Frau heißt, werde ich spalten!« Seine Scham brannte wie Feuer in einer Wunde. (266) Alle schwiegen, wagten kaum zu atmen und schluchzten erschöpft vor Furcht. Da kam Dhanyamali mit unaufhörlichem Geschrei vor den König, dessen Schultern einem Baumwald glichen. (267) Sie schlug auf ihre Brustberge, während Armreifen und Ketten krachten wie Donner auf Gipfeln. Ihr Mund stand höhlenweit offen, ihr Haar fiel wie Abendrot herab; blutige Tränen glichen geschmolzenem Kupfer. (268) Sie fiel Ravana zu Füßen; ihre zarten Schultern berührten die Erde. Sie wand sich wie eine große Schlange und rief: »Grausamer, du hast dies beschlossen!« Im Leid versunken bemerkte sie nicht, dass auch er weinte.
(269) »Kannst du jetzt die Kraft der Mächtigen nicht brechen? Kannst du deine Tapferkeit nicht zurückgewinnen? Sind deine Schultern schwach? Hörst und verstehst du nicht? Zeigst du mir mein Augenlicht, meinen Sohn, nicht wieder?« (270) »Die Himmlischen priesen mich als Mutter eines Sohnes, der selbst Indra nicht unterlag. Ich Unglückliche habe meinen mandaragleichen Sohn den Pfeilen eines vermeintlich schwachen Menschen als Nahrung gegeben!« (271) »Aksha ist tot, Atikaya ist gefallen, alle großen Starken sind dahin. Von deinen Söhnen bleibt nur Mandodaris Sohn. Willst du noch einmal die Richtungen erobern?« (272) »Was sitzt du da und grübelst? Rufst du die unzähligen gefallenen, kranz- und speergeschmückten Dämonen nicht zurück? Du Tor, den Begierde festhält, wirst du überleben? Ist das durch Sita verursachte Unheil etwa gering?«
(273) »Du hörtest deinen verständigen Bruder nicht und bedachtest den guten Rat des ehrwürdigen Familienältesten nicht. Du ließest Kumbhakarna töten und gabst meinen Sohn den Pfeilen preis. So hast du dein Königreich regiert!« (274) So klagte sie vielfach wie eine Mutterkuh, die ihr totes Kalb überlebt. Urvashi und Menaka hoben sie behutsam auf und brachten sie in den berggleichen Palast. (275) Heer und Stadt verloren den Mut; alle Eltern gefallener Kinder klagten verzweifelt. Was soll man vom Zustand der übrigen Frauen sagen? Selbst unzählige Himmelsfrauen brachen in lautes Weinen aus. (276) Das große Lanka erlitt nun, was Ayodhya beim Weggang von Dasharathas Sohn aus dem väterlichen Palast erlitten hatte. Überall war Leid; das Weinen rauschte wie das Meer bei Vollmondflut.
6.18 – Die Schlangenfessel
(1) »Warum versammeln sich die schwertäugigen Dämonenfrauen mit gelöstem Haar, umarmen einander, schlagen sich auf die Brust und weinen?« Besorgt erhob sich Indrajit wie ein einzelner Donner aus der Wolke. (2) »Ist der Bezwinger der acht Richtungen heute wieder unterlegen oder gar tot? Hat jener, der die Stadt verbrannte, sie nun samt dem umgebenden Meer gefesselt? Was ist die Ursache?« (3) Er fragte nach dem Geschehen, doch alle zitterten und fanden keine Antwort. »Fahre rasch!« Augenblicklich gelangte er im großen Wagen zu seinem Vater und sah an ihm nie gesehene Zustände. (4) Etwas beruhigt, weil er den Vater lebend sah, faltete er die Hände: »Was ist hier geschehen?« Ravana sagte: »Der Tod nahm deine Brüder. Auch Atikaya ist mit Kumbha und Nikumbha zum Himmel gegangen, Held.«
(5) Noch ehe die Worte beendet waren, biss Indrajit, dessen Augen Feuer selbst entfachten, auf die Lippen und blickte zum Himmel. »Sind alle tot?« Der Erste unter den Bogenschützen litt und seufzte. (6) »Wer tötete sie?« Ravana, der einst Shivas Berg erschüttert hatte, antwortete: »Atikayas großen Namen vernichtete der siegreiche Lakshmana. Die anderen fielen durch den Brandstifter unserer Stadt und weitere Gegner.« Er erzählte alles. (7) Indrajit zürnte: »Haben jene sie getötet? Du hast sie ausgeliefert: ›Lasst euch töten!‹ Obwohl du die Stärke der Menschen und ihrer Heere kanntest, sandtest du mich nie. Nun ist alles zerbrochen!« Er dachte lange nach und atmete Feuer. (8) »Den, der Aksha am Boden zermalmte, ließest du als bloßen, großsprecherischen Boten frei. Du dachtest nicht daran, selbst gegen ihn vorzugehen, Unverständiger! Nun fehlt dir die Stütze deiner Söhne; dein Glück ist dahin.«
(9) »Was helfen jetzt Gedanken, Worte und Überlegungen? Ich werde nicht in diese Königsstadt zurückkehren und kein Leben wünschen, bevor ich den Leib dessen vernichte, der meinen Bruder mit tödlichen Waffen erschlug.« (10) »Wenn die Erdgöttin nicht das hervorströmende Blut des Menschen trinkt, der meinem unersetzlichen Bruder das Leben nahm, möge meine große Tapferkeit dem Indra unterliegen, den ich viermal im Kampf besiegte!« (11) »Wenn ich nicht das grimmäugige Affenheer zerschlage und Lakshmana töte, mögen Vishnu und die übrigen Götter über mich lachen – jene, die aus Angst vor Verlust ihrer Glieder meinen Befehl nicht übertreten.« (12) »Die furchtbare Schlangenwaffe, Pashupata und die göttlichen Waffen des Mondsichelträgers habe ich bewahrt. Helfen sie mir heute nicht, gebe ich mein Leben auf; ich werde nicht bloß um des Essens willen weiterleben.«
(13) »Wenn ich den Mörder meines nektargleichen Bruders nicht dem Tod als Festmahl gebe, sondern mit meinem Bogen heimkehre und zum Gespött der Götter auf Erden bleibe, bin ich nicht Ravanas Sohn!« (14) Ravana sagte: »Gehe, vollbringe dies und vertreibe mein Leid! Gibt es etwas, das mein Sohn nicht vermag? Ich hielt es für eine geringe Aufgabe, diese schwachen Gegner mit meinem großen Bogen zu umringen; so geriet ich in diesen Kummer.« (15) Indrajit verneigte sich, gürtete das scharfe Schwert um und legte einen Panzer an, den keine Waffe durchdrang. Goldene Pfeilköcher band er auf den Rücken und ergriff den starken Diamantbogen. (16) Brahma hatte diesen hohen furchtbaren Bogen aus einem großen Diamantberg für Indra geschaffen, damit ihm kein Schaden widerführe. Indrajit raubte ihn einst, als er Indra in die Flucht und ins Elend trieb.
(17) Auch die Schulterköcher erbeutete er an jenem Tag. Selbst wenn alle sieben Meere austrockneten, gingen ihre Pfeile nicht aus. Sie glichen einer Behausung für den grausamen, geisterhaften Tod. (18) Er prüfte und nahm viele tausend Koti Waffen: Beute von besiegten Göttern, Gaben Shivas mit dem Merubogen und Brahmas. Sie alle dienten ausschließlich furchtbarer Vernichtung. (19) Seinen göttlichen Wagen zogen tausend Löwen, jeder mit der erprobten Kraft von hunderttausend Yalis. Er glich einem zweiten Lanka; selbst die Himmlischen vermochten ihn nicht zu erfassen. (20) Nur dem unvergleichlichen Garuda und Shivas blitzschnellem Stier war dieser Wagen jemals nachgefahren. Sonst hatte in allen drei Welten niemand ihn überholt, gleichviel welche besondere Macht er besaß.
(21) Auf seiner hohen Fahne tanzte ein schreiender Geist, als verkünde er: »Er kommt, er kommt – jener, der Indras unbeugsame Größe brach und seine mächtigen Schultern mit Stricken band!« (22) Die Räder hatten Fleisch großer Danavas zermalmt; zu sagen, sie hätten Richtungselefanten verjagt, wäre zu wenig. Die leuchtende Radnabe hatte selbst dem stolzen Götterkönig Narben auf dem Rücken zugefügt. (23) Tausend gleiche Wagen folgten als Ersatz. Indrajit, der von feindlichen Göttern stets nur den fliehenden Rücken gesehen hatte, zog dahin, als sei sein Herz von Kriegswahnsinn erfüllt. (24) Das Maß seines Heeres zu nennen ist mir schwer. Doch Valmiki, der Kenner der vier guten Veden, nennt vierzig Heeresfluten. Wer sonst könnte sie richtig erfassen und zählen?
(25) Dhumraksha und der im alten Krieg unbesiegte Mahapakka bewachten die edelsteinbesetzten Wagenräder. Der bekränzte Schirm ragte hoch, Muscheln dröhnten; das Meer der Kriegsinstrumente übertönte die vier Meere. (26) Tausende Koti Wagen begleiteten ihn; doppelt so viele Kriegselefanten zogen außen mit. Hinten folgte das Meer geschmückter Pferde, vorn das große Meer der Fußkämpfer. Unbeirrbar rückte er vor. (27) Lakshmana blieb auf dem Schlachtfeld. »Ravanas Sohn ist tot. Nun muss entweder Ravana selbst kommen oder der Bezwinger des Götterkönigs.« Erwartungsvoll wünschte er den Kampf. (28) »Wer ist dieser Herankommende? Sage es!« fragte der kampfstarke Held. Vibhishana antwortete: »Edler, das ist der Bezwinger Indras. Heute wird der Kampf schwer.«
(29) »Herr, einen Gedanken möchte ich dir mitteilen: Es ist gut, mit Unterstützung zu kämpfen, während die großen Heerführer dich schützen. Erwäge das mit klarem Geist und nimm es fest an.« (30) »Hanuman, Jambavan, der Affenkönig, Taras Sohn und Nila sollen als Helden bei dir stehen. So ziemt es sich, dass du den großen Kampf führst, Makelloser, dessen Schmuck der Ruhm ist.« (31) »Indra trat ihm mit vielen Zehntausenden Göttern und einem grenzenlosen Heer entgegen und wurde rasch geschlagen. Dass er sein Leben rettete, verdankte er allein der Kraft des Nektars, du mit den mächtigen schönen Schultern!« (32) »Werden die vielen Narben der Fesseln auf Indras berggleichen Schultern je verschwinden? Er hat auch Hanuman gebunden. Wie sollte man die geheime Kunst seines Bogens leicht aufhalten?«
(33) Vibhishana verneigte sich; Lakshmana stimmte zu. Hanuman kam herbei, weil er wusste, dass Lankas Königssohn gegen den jüngeren Bruder zog. (34) Indrajits Erscheinung und Entschlossenheit hätten selbst den Tod die Augen schließen lassen. Hanuman verließ das Westtor und eilte wie ein wilder Sturm heran. (35) Angada war bereits dort; die starken Schulterhelden umringten Lakshmana. Sugriva kam ebenfalls, begleitet vom muschelreichen Meer seines Heeres. (36) Zornig rückten beide Heere gegeneinander, wie zwei große wogende Meere aus entgegengesetzten Richtungen, die sich brausend zum Kampf erheben.
(37) »Heute tragen Augen, Geist und verständiges Betrachten ihre Frucht!« Die Götter kamen mit ihren Frauen; ihre himmlischen Wohnstätten blieben leer. (38) Als beide Heere zusammentrafen, erschreckten Kriegergeschrei, Muscheln und Trommeln Indra und die anderen so sehr, dass sie sich die Ohren zuhielten. (39) »Schlagt! Packt! Werft! Schießt!« Die Befehle und das Dröhnen der Bogen übertrafen den Donner des Weltendes dreifach. (40) Steine, Bäume, todbringende Speere, Pfeile und fallende glänzende Kriegerleiber trafen den Boden. Unter beiden zurückweichenden Heeren schien die große Erde aufzureißen.
(41) Baumhiebe zertrümmerten die mächtigen Köpfe der zornigen Dämonen. Ihre Körper tanzten weiter auf dem Feld, mit Hälsen, doch ohne Köpfe. (42) Blut schoss aus durchtrennten Hälsen und Adern der Affen. Ihre kräftigen Leiber glichen weiterglimmenden Stämmen nach der Vernichtung eines großen Waldes durch Feuer. (43) Brüllende Affen packten Dämonen, brachen Schultern, traten und schleuderten sie, bissen Hälse durch, hoben die Körper auf und zerschmetterten sie. (44) Zornige Dämonen trennten mit Schwertern ringgeschmückte Affenfüße, Köpfe und Schultern ab. Sie zerschnitten die Körper und wälzten deren Stücke umher.
(45) Mit Bäumen zerschlugen die Affen berggroße Dämonenköpfe und zerstreuten die Leiber. Sie brachen Arme und Beine: Tod selbst wandelte unter dem Namen Affe. (46) Einigen zerbrachen die Baumwaffen. Feueräugig bissen sie den Dämonen, deren diamantfeste Speere sie durchbohrten, noch die Kehlen durch und starben mit ihnen. (47) Bären griffen Elefantenberge wie Donnerkeile an, rissen die regnenden Stirnhöcker auf und aßen genüsslich Gehirn, um das Feuer ihres Hungers zu stillen. (48) Die berggroßen Affen sprangen auf mörderische Elefanten, Pferde, edelsteinbesetzte Wagen, Krieger, Bogenspitzen und Köpfe: Keine Truppengattung blieb verschont.
(49) Von Keulen zerschlagene Köpfe und von Schwertern zerstückelte Affenleiber wurden von Blutwellen fortgetragen. Der grausame Fluss führte die Leichenhaufen ins wogende Meer. (50) Banner, Pferde, Bogen, Pfeile, Keulen, Speere, wilde Elefanten und Wagen ließen sich nicht mehr unterscheiden: Hanumans diamantbergfeste Hände hatten das Dämonenheer zu Brei zermalmt. (51) Angadas Baumhiebe vermengten Wagen, Pferde, Elefanten und Dämonen zu Schlamm. Selbst der Tod suchte darin vergeblich nach einzelnen Leben und ließ die Hände ermüden. (52) Überall stießen Elefanten, Wagen und Pferde verwirrt zusammen. Die Weisen verglichen den Kampf mit dem Götter-Asura-Krieg: »Jener bleibt hinter diesem zurück!«
(53) Das Dämonenheer griff an, die Affenschar floh. Ihre Führer stellten sich einzeln entgegen, fingen den Ansturm auf und fällten Feinde. Auch gegen erneute wütende Angriffe schützten sie die Ihren. (54) Nila stand wie Rudra mit acht Armen, Dreizack und Axt, wenn er ursprünglich die Welt verschlingt. Der schlingentragende Tod und seine Scharen wichen nirgends von ihm. (55) Kumuda tötete so wütend, dass selbst Yama zitterte: »Er ist weder Wind, Wasser noch Feuer. Vermag er mit zwei Händen solches, was bleibt von meinem Amt?« (56) Unter den Bäumen verschonte Rishabha nur jene, die Ramas Pfeil durchdrungen hatte; unter den Bergen nur die ehrwürdigen Weltberge. Alles andere riss er zum Werfen und Zermalmen aus.
(57) Jambavan wirbelte lange Bäume, ließ Blut wie aus Röhren strömen und tötete Pferde, Elefanten, Wagenkämpfer und schlangengrausame Dämonen. Die Götter jubelten: »Heute endet unsere Furcht!« (58) Panasa drang wie ein Quirlberg ins dunkle Heeresmeer: Pferdewogen flohen, goldene Wagenschiffe zerbrachen, Elefantenmakaras wichen und dichtgedrängte Waffenfische wurden zermalmt. (59) Mainda und Dvivida glichen den beiden Vogelherrscherbrüdern, die Wolken durchreißen. Gavaya glich einem kampfstarken badenden Elefanten. Kesari wich keinen Schritt und gewann gewaltigen Kampf. (60) Die Heerführer blieben fest, häuften grenzenlose Leichenmassen und kämpften brüllend. Die geflohenen Affen sammelten sich wieder. Als das Dämonenheer zurückwich, griff Indrajit selbst an.
(61) Seine geschmückten Bergschultern spannten sich weit, seine säulengleichen Finger bewegten die Sehne. Ihr wiederholtes Dröhnen erschütterte Himmel, Richtungen, Berge und sämtliche meerumschlossenen Welten. (62) Er brüllte wie Löwe und Meer und ließ den hohen Wagen vorfahren. Seine Pfeile rasten schneller als Donner, wie feuergiftige Schlangen Ananta, Shankhapala und Gulika. Angada und die Götter bebten. (63) Berge und alte Bäume der angreifenden Affen zerfielen zu Staub. Unter Indrajits Siegerpfeilen flogen zahllose abgetrennte Köpfe durch die Richtungen und versanken in der Erde. (64) Die Affen wichen vor den Geschossen hinter ihre zum Wurf gehobenen Berge. Zornig drängten sie dennoch vor; Pfeile durchbohrten Berge und Brüste zugleich.
(65) In einer kurzen Zeitspanne starb eine ganze Heeresflut: Hälse, Hände, Beine und Schwänze wurden zerstückelt. Noch warfen Verwundete ihre bambusbedeckten Berge und fielen mit ihnen. (66) Nach dem Abtrennen der Köpfe drangen die sonnenheißen Pfeile schlangengleich bis in die Nagawelt. Blut füllte jede freie Senke; seine Flut glich dem wogenden Meer. (67) Wer blickte, wurde ins Auge getroffen; wer stand, in die Brust; wer wich, in den Rücken. Fliehende traf es in Beine, Werfende in Hände, Rufende in Zungen; selbst Denken schien Pfeile anzuziehen. (68) Niemand konnte im Pfeilregen die einzelnen Tode erkennen; nur der Sehnenschall war hörbar. Beim Anblick der hilflos fliehenden Affen verzweifelten die Götter am Untergang sämtlicher Heeresfluten.
(69) Indrajit zerschnitt unzählige Affen und fand keinen Gegner. Da trat Sugriva mordentschlossen entgegen, einen hohen Baum schwingend, der die sichtbaren Wolken auseinandertrieb. (70) Als sein Heer zerbrach, erhob Sugriva sich gewaltig wie der Quirl beim Nektargewinn. Er erreichte Indrajits schwer bewachtes Heer und erschütterte es mit Baumhieben; die Dämonen zitterten. (71) Indrajit bewunderte die Zerschlagung seines Heeres: »Gute Kraft!« Zwei giftgleiche Pfeile trafen Sugrivas Stirn, fünf seine Brust. Weitere zerlegten den Baum zu feinem Staub. (72) Hanuman kam weltgiftzornig herbei, schlug donnernd auf seine Schultern und warf einen Berg: »Jetzt stirbt er!« Indrajits Pfeile verwandelten ihn augenblicklich in formlosen Staub.
(73) »Bleib stehen! Deinetwegen kam ich. Solange ich den Bogen nicht erhob, konntest du prahlen und mit deinem Leben spielen. Können Steine oder Bäume die Kraft meiner beiden Hände besiegen? Sprich!« (74) Hanuman antwortete: »Hier stehen wahre Bogenschützen, Schwächling; auch der Steinwerfer steht bereit. Heute oder morgen wirst du es erfahren. Wir sind nicht Indra und seine fliehenden Götter, auch keine Grasaufheber: Zu anderem Kampf sind wir gekommen.« (75) »Willst du gegen mich, gegen meinen Herrn Lakshmana oder gegen den unvergleichlichen König kämpfen, der deines Vaters Köpfe abschlagen wird? Deinen Wunsch werden wir nicht verweigern«, sagte der Goldschultrige. (76) »Wo steht jener armselige Lakshmana, der den Löwen Atikaya besiegte und sein eigenes Leben für mich aufbewahrte? Ihn töten und meinen Zorn stillen will ich. Meine weltvernichtenden Pfeile würden euch alle ohnehin verschlingen.«
(77) »Meine Krieger sollen ohne Kampf zurücktreten. Allein vom Wagen werde ich mit meinem Bogen eure Köpfe abtrennen. Ruft Himmel und Erde zu Hilfe! Noch heute siege ich; vorher gehe ich nicht.« (78) Er schoss neunhundert furchtbare Pfeile, die den berggleichen Hanuman scharenweise durchbohrten. Zähneknirschend riss dieser einen weiteren großen Berg aus, trat heran und sprach. (79) »Könnten alle Elefanten der Welt gemeinsam einen einzigen wilden, springenden Löwen besiegen? Hältst du bis Lakshmanas Ankunft nicht still, verschlingt dieser Berg dein Leben vor seinem Pfeil. Schütze dich mit deiner Bogenkunst!« (80) Der geworfene Berg traf Indrajits Brust und zerbrach wie ein Berg am Diamantberg. Seine Teile flogen auseinander, wie glühendes Eisen unter einem Hammer zu Schlacke zerfällt.
(81) Als der Berg zu Staub wurde, schwoll Indrajits Zorn und Übermut. Tausend Pfeile durchbohrten Hanumans duftbekränzte Brust und hohe Schultern, die Welt und Meru hätten umstürzen können. (82) Von tausend zugleich eindringenden Pfeilen getroffen, schwankte Hanuman wie ein Goldberg im Sturm; Blut überströmte seinen Leib. Während er sich erholte, trat der grimmäugige Nila dazwischen. (83) Nila riss einen großen blauen Berg aus und schleuderte ihn feurig himmelwärts. Wie Yamas geworfenen Dreizack zerschnitt Indrajit ihn so schnell, dass kein Zeitmaß erkennbar blieb. (84) Die überlebenden Affen flohen, die Götter verloren die Fassung. Nilas dreifach merufester Leib wurde durchlöchert; Blutflüsse strömten. Unter den feuerschlangenähnlichen Pfeilen erzitterte der Bergausreißer.
(85) Angada warf ganze Berge auf Brust und Schultern des Gegners. »Meru! Nein, noch größer!« Doch solange Indrajit den Bogen hielt, erreichte keiner ihn: Seine Pfeile zermahlten sie unwiederbringlich. (86) Rauchende Pfeile drangen wie Schlangen in Stirn, Schultern, Brust und Beine Angadas. Er knirschte, rang die Hände, sprühte Augenfeuer; vom Blutverlust erschöpft, fiel er bewusstlos zur Erde. (87) Auch die übrigen Helden schwankten unter dem Pfeilregen auf Brust und Schultern. Das große Fußheer zerfiel, Überlebende flohen. Lakshmanas Augen entflammten beim Anblick; er sprach. (88) »Unser Plan war falsch, Vibhishana! Alle Heerführer versinken im Blut, die Toten sind unzählbar. Hätte ich ihn nicht allein herausfordern und töten können? War unser Vorgehen nicht verfehlt?«
(89) »So ist es, Herr. Tausend Koti Götter kamen und flohen besiegt, ohne ihm etwas anzutun. Wenn du dies nicht beendest, wie könnte die Welt am Leben bleiben?« (90) Indrajit sah Lakshmana wie eine goldene Wolke mit Regenbogen herankommen. »Ist dies der große jüngere Bruder von Bharatas Älterem?« Ein Kundschafter bestätigte es. (91) Noch ehe Indrajit auf ihn zuging, griffen Dämonenführer ohne Befehl an: »Du hast unseres Herrn Sohn getötet! Nun sehen wir dich. Wohin willst du noch lebend entkommen?« (92) Hundert Koti Dämonen umringten ihn brüllend mit Bannerwagen, Elefanten und Pferden. Ramas jüngerer Bruder, der dessen Füße auf dem Haupt verehrte, zerstückelte sie nacheinander und gewann den Sieg.
(93) Sieben Welten bebten, Feuerfunken sprangen donnergleich, Berge und Erde rissen auf. Köpfe fielen auf Leichen, Blutfluten rannten; Götterhände zitterten. Furchtbarer Krieg entfaltete sich. (94) Unvermindert schnell trafen Lakshmanas zahllose Pfeile die Brüste. Sie verbreiteten sich überall, verbrannten Bannerwälder, zerschnitten Pferde und Elefanten und drängten wie der Tod vor. (95) Die Götter wollten die Toten zählen, konnten aber das Ende nicht erkennen. Angesichts dieses unaufhaltsamen Regens fragten sie: »Haben die sieben Regenwolken bei Lakshmanas Bogen gelernt?« (96) Jeder leuchtende Pfeil trieb Elefanten nieder, deren Köpfe einzeln berggleich fielen. Pferde und yali-starke Kämpfer starben; die heißen Geschosse waren zahlreich wie aufgewirbelte Staubkörner.
(97) Die Pfeile drängten so dicht, dass der Himmel keinen Raum behielt. Auf den Leichen wirkten sie wie riesige gefiederte Fleischfresser; selbst die Götter staunten über diese Erscheinung. (98) Mehr als die Hälfte der siebzig Affen-Heeresfluten lag nach Indrajits Wüten tot. Nun verschwanden ihre Körper unter gefallenen Dämonen. Blut strömte ins wogende Meer. (99) Dämonen verloren Hände, Füße, Hälse, Panzer und Körperteile; Eingeweide quollen heraus. Ohne Kraft, doch noch ohne Tod, ließen sie Elefanten, Wagen und Pferde zurück und flohen. (100) Allein wie ein Berg im ausgetrockneten Meer kam Ravanas Sohn, mit zuckenden Brauen auf seinem gedankenschnellen Wagen, zu Lakshmana. Hanuman trat an dessen Seite.
(101) »Besteige meine Schultern, Herr!« Hanuman verneigte sich. Lakshmana stieg hinauf, die Götter jubelten. Beide Gegner ließen tödliche, feuerheiße Pfeile regnen wie zwei aufeinanderstoßende Unwetter. (102) Bogensehnen donnerten; Richtungen zerbarsten, Berge rissen, der Himmel spaltete sich. Funken erfüllten die Welt; Pfeilspitzen bissen sich gegenseitig fest. (103) Pfeile zerschnitten einander; unzerschnittene verbrannten in den Funken und fielen verkohlt. Götter verloren das Bewusstsein, Welten erbebten, das Weltall schwankte wie ein Schiff auf See. (104) Löwenwagen und Hanuman vollführten unzählige Wendungen; Lanka selbst schien sich zu drehen. Hinter glühenden Pfeilwänden erkannten die Himmlischen weder Anwesenheit noch Verschwinden der Kämpfer; die Richtungen dröhnten taub.
(105) Die Götter bewunderten Hände, Bogenkunde, grenzenlose Kraft und himmelhohe Ehre beider. Dennoch zweifelten sie an ihren Augen: Ihr Handeln ließ sich nicht verfolgen. (106) »Was taten sie? Wer tat je solches? Was geschah zuerst, was danach? In welcher Richtung stehen sie?« Die goldbekränzten Götter verstanden nichts vom Verlauf. (107) Indrajit schoss tausend Koti breite Pfeile; Lakshmana zerschnitt sie mit ebenso vielen. Tausend Koti Schlangenpfeile beantwortete er wiederum mit derselben Menge Schlangenpfeilen. (108) Koti Koti gekrümmte Spitzen sandte der Dämon; ebenso viele zerstörten sie. Weitere Koti Koti Geschosse folgten, und wieder wehrte der Held sie in gleicher Zahl ab.
(109) Eine Koti geierfiedrige Pfeile Indrajits fing Lakshmana mit geierfiedrigen ab. Lakshmanas Koti Halbmondpfeile zerstörte der Dämon mit gleichen Geschossen. (110) Eine Koti grasblattspitzige Pfeile beantwortete Lakshmana entsprechend. Seine wiederholten Koti breitschneidigen Pfeile fing Indrajit mit ebensolchen ab. (111) Ravanas Sohn schoss brüllend lotusförmige Pfeile in der gewaltigen Zahl eines Padma. Der Bruder des Lotusäugigen vernichtete sie mit gleich geformten, gleich zahlreichen Geschossen. (112) Eine Koti Diamantpfeile des Dämons zerstörte Lakshmana mit Diamantpfeilen. Seine Koti dreispitzigen Geschosse wiederum wehrte Indrajit mit dreispitzigen ab.
(113) Fünf Koti Anjalika-Pfeile Indrajits zerschnitt Lakshmana entsprechend. Seine Koti elefantenohrförmigen Pfeile wurden mit gleichen Gegenpfeilen abgefangen. (114) Schießen und Abwehren verwandelten die Welt in einen Pfeilwald. Im Meer häuften sich Geschosse. Beide Helden ermüdeten nicht; nur ihr Zorn flammte höher. (115) Tausend Pfeile zerrissen Hanumans keulengleiche Schultern und seinen Leib wie reife Früchte. Vierzehnhundert weitere trafen Lakshmanas Panzer wie Donner aus Weltuntergangsfeuer. (116) »Der Dämon gewinnt die Oberhand!« Die Götter wandten ihre Lotusgesichter ab. Blut strömte wasserfallgleich über Hanumans Schultern. »Er ist der wahre Bogenschütze!« erschraken die Weisen.
(117) Lakshmana schoss hundertmal hundert Pfeile, zerstückelte die Mähnenlöwen und fällte das Heldenbanner. Sechshundert weitere drangen in den roten Goldpanzer des Gegners. (118) Indrajit glühte wie die Sonne an einer dunklen Wolke. Aus jeder Pfeilwunde an Schultern und Brust wuchsen Blutströme wie glänzende Korallenranken um den Panzer. (119) Die Zuglöwen stürzten, Banner und Lenker fielen, Pfeile durchdrangen ungehindert seinen Leib. Indrajit erkannte kaum, wie das geschah, und sprach. (120) »Ist er Nara, Narayana, Shiva oder Brahma? Wer unter den lebenden Königen, die unsere Stadt mit Bogenkunst angreifen, könnte diesem Menschen ebenbürtig sein?«
(121) Feuer atmend und blutüberströmt, mit Zorn wie ölgenährtem Feuer, rastete er selbst angesichts des Todes nicht. Augenblicklich bestieg er einen von tausend Pferden gezogenen Wagen. (122) Tausend Koti mörderische Pfeile erfüllten alle Richtungen und raubten dem Himmel jeden freien Raum. Das Kampfgetöse ließ selbst die Rudras erschauern. (123) Lakshmana zerschnitt kunstvoll die in Tausenderreihen kommenden Geschosse und sandte dem Sohn Ravanas tausend eigene entgegen. (124) Unter diesen tausend Treffern entbrannte Indrajit wie Feuer unter Ghee. Hundert wilde Pfeile schoss er in Lakshmanas strahlende Stirn.
(125) Die hundert langen Stirnpfeile erschütterten Lakshmana nicht. Er trieb hundert grausame Geschosse tief in die juwelengeschmückte Brust des Gegners. (126) Blut quoll hervor; Indrajits Bewusstsein schwankte. Auf den Bogen gestützt ruhte der bisher an Kraft Unbesiegte, bis er sich erholen konnte. (127) Wie ein zweiter Todesgott trat Hanuman gegen den Wagen. Edelsteinbesetzte Goldräder und Achse zerbrachen; tausend Pferde wurden verstreut, der Wagen umgeworfen. (128) Augenblicklich bestieg Indrajit einen Schmuckwagen mit tausend Geistern als Zuggespann. Fünfzig feurig leuchtende Pfeile sandte er auf Lakshmanas beide Schultern.
(129) Ein- und Aussteigen wurde seine einzige Tätigkeit. Mit sechs Koti Pfeilen zerstörte Lakshmana in einer kurzen Zeitspanne tausend Wagen. (130) Die Götter segneten, jubelten und streuten Blumen. Ihre Unsicherheit schwand; sie schwenkten Obergewänder und Tücher und bekannten sich freudig zur rechten Ordnung. (131) Da rückten Millionen grausamer Dämonen vor, die mit Indrajit glücklich an derselben Tafel gespeist hatten. Nun kamen sie, im Kampf zu sterben. (132) Sie fuhren auf Wagen, ritten Pferde, waren dunkel mit roten Gesichtern und donnerten wie Wolken. Ihr Schmuck klirrte, ihre Trommelstimmen erfüllten Erde und Himmel.
(133) Aus jeder Richtung wuchs Gewitterlärm wie aus dichtbedecktem Himmel. Brüllen und das Rauschen ausgeschütteter Pfeile und Waffen füllten den Luftraum. (134) Yalis, Löwen, Geister, Elefanten und Pfeile dröhnten. Nur Staub stieg unter den Wagen nicht auf: Zu dicht bedeckten Leichen den Boden. (135) Indras Bezwinger bestieg einen neu herankommenden Löwenwagen und streute Pfeilregen in alle Richtungen. Der abendrotfarbene Lakshmana beseitigte ihn mit einem einzigen Pfeil. (136) Die herandrängenden Krieger schossen und warfen; ihre Waffen zerbrachen und fielen. Tausend mächtige Köpfe rollten mit einem einzigen grausamen Pfeil davon.
(137) Eingeweide lagen schlangengleich, Köpfe wie verfinsterte Mondberge. Wagen zerfielen; bewaffnete Leiber breiteten sich über das Feld wie Wälder. (138) Ohrringe, Halsketten, Gürtel, Halsschnüre, Fußringe und Panzer fielen, als wehte ein Sturm die Sterne vom Himmel auf die Erde. (139) Lakshmana überschüttete Indrajit mit Pfeilen und türmte Berge aus Feindesköpfen. Selbst der grausame Tod wich mitleidig zurück. (140) Hanuman, der Tod, den Lakshmana bestiegen hatte, umschlang Gegner mit dem Schwanz, zerstreute, zertrat, schlug und schleuderte sie himmelwärts, stieß und trat brüllend zu.
(141) Dieser Elefant seines Herrn blickte furchterregend, drohte, türmte gleichsam das Meer zu und schlug auf seine Schultern. Mit schönen Händen packte und zog er tausend Wagen zugleich. (142) Der Löwe, den der Held bewusst gewählt hatte, verstreute Pferde, Elefanten und Schwertheere wie Blumen, Wasser und zarte Blätter; dann zerdrückte und zertrat er sie. (143) Das Pferd, das der Gnadenspender freudig bestiegen hatte, zertrümmerte in einem einzigen Augenblick tausend von Schlangen gezogene Wagen auf dem Boden. (144) Die gefallenen starken Affenführer kamen wieder zu sich, wie Menschen durch wirksame Arznei von glühendem Gift genesen.
(145) Feueräugig erhoben sie sich, schlossen sich Lakshmana an und zerschmetterten die Gegner mit Hunderten und Tausenden Bergen und Bäumen. (146) Unter mächtigen Bäumen und Bergen wurden die geschmückten Wagen zusammengedrückt und zertrümmert. Ihre wirbelnden Teile glichen den Rädern emsig arbeitender Handwerker. (147) Angada hob einen großen Baum und rief dem windgleich fahrenden Dämon zu: »Schütze dich! Dieser wird dein Leben verschlingen!« Feuer sprühend schleuderte er ihn. (148) »Der unseren Glanz vernichtete, verliert nun selbst seine Herrlichkeit!« Der Baum zerstörte augenblicklich den Wagen des Schultermächtigen, der einst die Götterstädte verwüstet hatte.
(149) Die Götter sprangen jubelnd zum Tanz auf. »Unser lieber Held hat die Schmach seines Großvaters getilgt!« Diese Zuversicht erfüllte ihre Herzen. (150) Indrajit sprang vom zerstörten Wagen in die Luft und bestieg sofort einen anderen. »Geh nicht fort, bleib!« Feuerzornig folgte er unter Pfeilregen. (151) »Gib dein süßes Leben her!« So drang er auf Indras Enkel ein. Die anderen Affenhelden kamen hinzu und umringten ihn nacheinander zum Kampf. (152) Sie schleuderten Bäume, Berge, tote Dämonenköpfe, Wagen, Pferde, Elefantenrüssel und Yalis. Ihre Angriffe drückten selbst den Pfeilflug des Grausamen nieder.
(153) Lakshmana, der Hausleben und Schlaf aufgegeben hatte, nahm währenddessen Millionen grausamer Dämonen das Leben, so rasch wie ein Gedanke der Götter. (154) Indrajit sah Elefanten, große Wagen, Pferde und sein lebensliebes Heer vernichtet. Seines Sieges beraubt, entbrannte der stolze Grimmäugige wie Feuer. (155) Er blickte auf die beiden Beschützer seines großen Radwagens. Das Blutmeer, das ihr Heer mit sich trug, zerrte nun auch an ihnen. (156) Sie kamen nicht vorwärts. Keine große Wolke, kein lichtstrahlender Wagen konnte hindurch; selbst ein Name fand kaum Raum am Himmel über den Leichenmassen.
(157) Indrajit sah die beiden an: »Wie trefflich dieser eine Bogenschütze unsere vierzig Heeresfluten vernichtet hat und nun dasteht!« (158) Sie antworteten: »Herr, auch du hast im Kampf vierzig Heeresfluten durch deinen grausamen Pfeilregen vernichtet. In diesem unermüdlichen Krieg seid ihr gleich.« (159) Auf Hanuman kam Lakshmana entgegen und schoss Tausende Pfeile. Indras Bezwinger zerschnitt sie wiederholt, sobald sie herandrangen. (160) Mit sechs, sieben, sechzig, fünfzig, hundert und tausend Pfeilen nahm Indrajit den Angreifenden das Bewusstsein. Gerade erholte Kämpfer warf er erneut zu Boden.
(161) Als Sugriva und die übrigen Führer im Blut zurücksanken, säte Lakshmana Pfeile gegen Indrajit, wie Feuer in einen Bambuswald fällt. (162) Indrajit geriet ins Schwanken. Die beiden Helfer an seiner Seite griffen ein; Lakshmana sandte glühende Pfeile, die ihr grenzenloses Heer auslöschten. (163) Unter dem Pfeilregen lagen Wagen, Elefanten, Pferde und Dämonen tot. Nur die beiden Helfer standen noch; alle übrigen Überlebenden flohen. (164) Mit trockenen Zungen suchten Flüchtende Wasser, schöpften Wolken mit den Händen und tranken. Es rann durch ihre Wunden; manche starben dabei, andere schon, ehe sie welches fanden.
(165) Durchlöcherte, noch lebende Krieger erreichten ihre herrlichen Blumenbetten. Frauen mit gelöstem rotem Haar umarmten sie klagend und ließen zugleich mit den Männern ihr Leben fahren. (166) Andere kamen mit Pfeilen in der Brust nach Hause. »Sorgt für die kleinen Kinder und die Angehörigen«, sagten sie, sahen die Ihren weich an und folgten dem Tod. (167) »Ist Lakshmanas Kraft so, verbrennt die Stadt in einem halben Augenblick. Verbergt euch in Wäldern und Bergen, ehe auch Indrajit fällt!« So warnten manche ihre Familien und starben. (168) Pfeile ruhten gesättigt in ihren bergfesten Brüsten. »Zieht man sie heraus, sterben wir.« Seufzend litten sie, innerlich umgewandelt wie gerinnende Milch, wie Edle unter unaussprechlichen Kränkungen.
(169) Sie fuhren weder Wagen noch Pferde noch Elefanten und liefen auch nicht. Scham hinderte sie an der Heimkehr, Lebensliebe am Kampf. Zitternd standen sie, ohne weiterzufliehen. (170) Lakshmana sah Indrajits Schwäche und wollte ihn rasch töten. Mit einem Pfeil, größer als die Hand des Todes, riss der regenwolkenfreigebige Held dessen Panzer ab. (171) »Bis der schutzlose, benommene Held erwacht, werden wir diesen Kampf heute beenden!« Die beiden Helfer trieben ihre festen Bannerwagen zornig vor. (172) Sie schossen glühende Pfeile auf Hanuman sowie auf Lakshmanas Brust und Schultern. Lakshmana zerstörte ihre Siegerbogen, Wagen, Lenker und Pferde.
(173) Ohne Bogen eilten beide mit siebenkantigen Diamantkeulen heran und schlugen funkenstiebend auf Hanuman ein. Dieser entriss ihnen mit mächtigen Händen beide Waffen. (174) Sie sahen ihre Keulen in seiner Hand und wussten keinen Ausweg. »Damit wird er uns erschlagen!« Die Dankbarkeit für gegessenes Herrenbrot vergessend, retteten sie nur ihr Leben. (175) Kühler Wind berührte die Affen; ihre Todesstunde war noch nicht gekommen. Benommenheit und Schmerz wichen, Klarheit und Kraft kehrten zurück. Alle Helden erhoben sich. (176) Angada, Kumuda, Nila, Jambavan, Sugriva, Maindas makelloser Bruder, Shatabali und Panasa kamen mit Bergen heran, löwengleich und donnernd, unter Segensrufen der Götter.
(177) Gemeinsam warfen sie zahllose Berge wie feuerspeiende Donnerkeile. »Das ist also euer ganzer Kampf!« Indrajit lächelte und zerschnitt sie mit seiner wunderbaren Bogenkunst. (178) Unter regnenden Bäumen, Bergen und Steinen stand er allein, nur mit Herz, Bogen und Pfeilen. Die Sonne sank hinter den Westberg, als bemitleide sie seine Einsamkeit. (179) Alle Richtungen wurden dunkel wie Herzen, die nicht erkennen: Der lotusfüßige Scheibenherr ist der Urhöchste, Wesen der vier Veden, Manus Schriften, Opfer, Wahrheit und heiligen Bestrebungen. (180) Vibhishana warnte: »Schlangengleicher Held, tötest du ihn innerhalb eines Viertels einer Nazhigai, fällt er. Sonst beginnt die Stunde der Dämonen. Steigt der Listige zum Himmel, wird er siegen!«
(181) Indrajit überschüttete Hanuman und die anderen mit Koti Pfeilen. Lakshmana wollte ihn töten und zerschmetterte seinen kunstvollen Wagen mit einem göttlichen Geschoss. (182) Noch bevor der Wagen sank, dachte Indrajit: »Binde ich sie mit der Schlinge, werden sie qualvoll unter Pfeilen sterben und nicht als Sieger entkommen.« Augenblicklich stieg er mit dem Bogen auf. (183) Die Götter erschraken: »Der dem goldgestaltigen Helden ebenbürtige Kämpfer hat seine Absicht geändert und eilt zum Himmel. Was bedeutet das?« Sie flohen. (184) Mit Bogen und Köcher, innerlich vor Zorn brennend und Feuer atmend, erhob sich der Meister verderblicher Zauberkunst wie geballte Finsternis über die Wolken.
(185) Durch frühere unermüdliche Askese, Dharma, göttliche Gnadengaben, seine Geburt und Zaubermantras nahm der edelsteinfarbene Dämon einen atomkleinen Körper an. (186) Er ergriff die einzigartige Schlangenwaffe. Selbst Brahma, Shiva mit der himmlischen Ganga und der welterhaltende Scheibenherr würden von ihr an den großen Schultern gebunden und niedergeworfen. (187) »Er ist aus Furcht geflohen!« Die Affen jubelten. Auch Lakshmana dachte so und lächelte. Ohne die Täuschung zu erkennen, stellten sie den Kampf ein. (188) Lakshmana stieg von Hanumans Schultern, gab Angada den mächtigen Bogen und zog die bis zum Rücken eingedrungenen Pfeile heraus. Ahnungslos versuchte er, seine Erregung zu beruhigen.
(189) Indrajit löste die grausame Waffe. Sie vertrieb das Dunkel aller zehn Richtungen, umschlang Lakshmana und presste seine diamantfesten, runden Schulterberge schmerzhaft zusammen. (190) Fest gebunden, blieb der sonst unerschütterliche Held ohne Verständnis für diese Zaubermacht. Er sank zusammen und wusste keinen Ausweg; sein Blick wanderte vom zerstückelten Schlachtfeld zum Himmel. (191) Hanuman wollte augenblicklich emporfahren und den listigen Dieb suchen. Da band die Schlinge auch seine Diamantschultern, wie Valis Schwanz einst Ravanas Arme umwunden hatte. (192) Scharfzahnige Schlangen umringten auch alle anderen. Sie pressten die diamant- und bergfesten Schultern bis zum scheinbaren Brechen. Ratlos saßen die innerlich unerschütterlichen Helden da.
(193) Sie erhoben sich wie Berge, fielen, wälzten sich, blickten feurig zum Himmel, schlugen mit den Schwänzen auf die Erde und bissen die Lippen. Beim Blick auf Lakshmana brannten ihre Herzen. (194) Sie fragten Vibhishana: »Gibt es ein Mittel?« Sie zürnten der Nacht und blickten auf Lakshmanas goldene Schultern: »Wäre dies einem offenen Kraftkampf gleich?« Sie lachten bitter und weinten, doch fürchteten sich nicht. (195) »Wer kann uns befreien? Ist Anjanas Sohn entkommen?« Als sie auch Hanuman gebunden sahen, schluchzten sie: »So steht es also! Wird Rama seinen Bruder so sehen müssen?« (196) Was weiter vom Geschehen sagen? Indrajit schoss goldspitzige, blitzschnelle Pfeile wie fallende Donnerkeile. Rauch und Funken sprühend, durchdrangen sie die Rücken der Vorderen und trafen die Brüste der Hinteren.
(197) Köpfe und Schultern der Helden wurden von den Pfeilen abgetrennt. Wie Berge im Sturmregen stürzten die Kämpfer hin; ihr Blut floss in Strömen. (198) Hanuman, der vor tausendmal zehn Millionen Pfeilen nicht gezittert hätte, erbebte jetzt. Nicht die eigenen Wunden erschütterten ihn, sondern Lakshmanas Leiden. (199) Von Hunderten und Tausenden Pfeilen getroffen, fielen die anderen in den Blutstrom. Angada aber blieb selbst unter den zahllosen Geschossen standhaft. (200) Sugriva glich einer grünen, stacheligen Frucht, so dicht steckten die Pfeile in ihm. Seine Augen sprühten Feuer wie ein brennender Bambuswald. Im roten Blutmeer erschien der Sonnensohn wie sein Vater.
(201) Lakshmana spürte die Fesseln und kannte das Mittel gegen sie; dennoch vermochte er nichts. So wird auch klares Wissen unwirksam, wenn die Bande der Verhaftung es verhüllen. (202) Die Pfeile waren seine Strahlen, das Blut seine Röte: Er glich der Sonne, die von Rahu ergriffen vom Himmel fällt. (203) Lakshmana lag bewusstlos, die anderen am Boden. Indrajit überschüttete sie weiter mit Pfeilen; doch auch er war verwundet und spie Blut. (204) »Mein Wort ist erfüllt. Morgen, nach der Erholung, vollende ich das Übrige. Der Mensch und die Affen sind tot!« Mit dieser Siegesbotschaft begab er sich zu Ravanas Palast.
(205) Lakshmanas Pfeilregen, der wie aus Wolken niedergegangen war, war er entronnen. Jetzt bedrängten die schwarzen Augen seiner Frauen seine Schultern mit ihren eigenen Pfeilen. (206) Zehn Millionen mal zehn goldene Lampen leuchteten. Himmlische Frauen und andere sangen ihm langes Leben; die Frauen seines Hauses segneten ihn mit Arugugras. (207) Er berichtete seinem Vater: »Gräme dich nicht. Mein Leib ist wund; ich muss ruhen. Später erzähle ich mehr.« Dann ging er in seinen eigenen Palast. (208) Vibhishanas Herz wurde wie gerührte Dickmilch aufgewühlt. »Was soll ich tun? Das Unheil hat mich verschont! Ich Elender lebe noch!« So brach er zusammen.
(209) »Alle Freunde sind gefallen, allein ich bin übrig. Was wird die Welt von mir denken?« Unter solchen Gedanken verging er vor Kummer. (210) »Man wird sagen: Er stand dabei, half sie töten, führte die Opfer herbei und sicherte seinem Neffen den Sieg. Ich bin die Wurzel dieses Unheils! Was gilt da meine vermeintliche Einsicht?« Sein Herz schmolz. (211) »Ich hätte im Kampf den Wagen mit meiner diamantfesten Keule zerschmettern und meine Tapferkeit beweisen müssen. Das tat ich nicht; nicht einmal gestorben bin ich. Zu wem gehöre ich nun?« (212) »Ich hätte kämpfend sterben oder sie retten und meine Treue so deutlich zeigen müssen wie eine Frucht auf der Handfläche. Keines geschah. Weder zu den Alten noch zu den neuen Beschützern gehöre ich – ein Holzscheit, das an beiden Enden brennt!«
(213) Anala tröstete ihn: »Noch vieles ist zu tun. Gib dich nicht wie ein Mensch ohne Überlegung der Klage hin!« (214) »Bleibe hier; ich werde Rama unterrichten«, sagte Anala. Er eilte hin, fiel vor ihm nieder und berichtete alles. Rama versank in einem Meer von Trauer. (215) Rama sprach nicht und war seiner selbst nicht bewusst. Er starb nicht, weinte nicht, sah nichts; er zermalmte weder die Welt noch brüllte er auf. Beim Gedanken, sein Bruder könne noch leben, entrang sich ihm ein Schluchzen. (216) Nach seiner Klage dachte er: »Hier zu bleiben ist nutzlos.« Er stand auf und ging zu dem blutüberströmten Feld, auf dem sein Bruder gekämpft hatte.
(217) Die Nacht war so finster, als hätte man die Schwärze aller Wolken, aller Meere und aller dunklen Dinge ausgepresst und über sie ausgegossen. (218) Rama setzte die Feuerwaffe ein. Ihr Licht vertrieb die Finsternis, als stünde die Sonne mitten am Tag am Himmel. (219) Leichen türmten sich zu Bergen, Blut erfüllte die sieben Meere. Das Feld glich der Welt beim Untergang, wenn Shiva mit der Schädelschale alles verschlingt. (220) Durch Leichenberge und Ströme von Blut und Fett, über Waffen und das von Kali geliebte Schlachtfeld gelangte Rama in einem halben Augenblick zu seinem Bruder.
(221) Er sank über ihn, umschlang seine Brust und vergoss Tränen: eine blaue Wolke, die die Sonne umarmt. (222) Er rang nach Atem, verlor die Besinnung und rief: »Lakshmana! Lakshmana!« Er hielt die Hand an Mund und Nase: »Lebt er?« So verhielt sich der Ungeborene, der Geburt angenommen hatte. (223) Er strich über die Lotushände und Füße, klopfte auf die Schenkel, betrachtete die Augen und fühlte nach dem Herzschlag. Hoffnungsvoll blickte er auf, hob ihn an und legte ihn wieder nieder: »Hast du mich treulos verlassen?« (224) Er betrachtete den Bogen, die Fesseln, die Nacht und die Götter. Als wolle er die Erde ausreißen, biss er auf die korallenroten Lippen und bedachte sein gegebenes Wort und seine Ehre.
(225) Er sah die Helden, ihr Schicksal, den Bogen und die Pfeile. »Wer wurde je so erniedrigt wie ich?« Seine Blicke schienen das Maß seiner eigenen Größe zu prüfen. (226) Rama sprach zu Vibhishana: »Warum hast du mich nicht gerufen, als sie kämpften? Ich hätte dem Schützen der Schlangenfessel Kopf und Hände abgeschlagen. Du hast mich ins Verderben gebracht!« (227) Vibhishana erwiderte: »Ich wusste nicht, dass er kommen würde. Ich glaubte, der Böse würde unterliegen. Diese göttliche Fessel aber setzte er mit Täuschung ein. (228) Nach Atikayas Tod erwartete Lakshmana Ravana. Da kam Indrajit mit vierzig Flutmaßen seines Heeres.
(229) Er vernichtete vierzig Flutmaße unserer Streitmacht und brachte ihre Anführer zu Fall; dann trat er Lakshmana entgegen. (230) Von Hanumans Schultern aus zerstörte Lakshmana tausend Wagen und vierzig Flutmaße des Feindes. Wie Tau schwanden sie dahin; zahllose Pfeile schwächten Indrajit. (231) Blut rann aus seinem Mund, und er stand allein. Ich warnte: Entkommt er, wird er Täuschung anwenden. Inzwischen ging die Sonne unter. (232) In magischer Dunkelheit flog er unsichtbar empor. Durch seine verliehenen Kräfte geschützt, verwundete er die Kämpfer mit Pfeilen und warf die Fessel.« Weinend verneigte sich Vibhishana.
(233) »Keiner ist tot. Sobald die Bande brechen, können diese Pfeile, kaum gefährlicher als Grasspitzen, sie nicht töten. Klage nicht: Unrecht kann über Dharma nicht siegen! (234) Rama fragte: »Welcher Gott verlieh die Fessel? Welches Mittel löst sie? Erkläre es mir.« Vibhishana antwortete: (235) »Brahma schuf sie bei einem Opfer. Shiva erbat und erhielt sie und schenkte sie Indrajit für seine Askese. Ihre unfehlbare Gewalt gleicht dem Donner des Weltuntergangs. (236) Sie band Indras Hände hinter dem Rücken; auch Hanuman hat sie gefesselt. Ihretwegen verließen die Götter den Himmel.
(237) Nur von selbst löst sie sich. Weder Brahma noch andere Götter noch Menschen können sie lösen. Erst wenn der Gebundene stirbt, lässt sie von ihm ab.« (238) Rama sagte: »Soll ich die Götter angreifen, die sie verliehen? Die Welt verbrennen und selbst sterben? Lanka mit seiner ganzen Sippe vernichten? Rate mir! (239) Kommt der Gott, der sie gab, aus Mitleid selbst, so ist es gut. Sonst verbrenne ich in kürzester Zeit die drei Welten, wie Shiva einst die drei Städte verbrannte. (240) Stirbt mein Bruder, was gelten mir Ruhm, Schande oder Dharma? Sind Götter und Welten mehr wert als die Freunde, die sich mir anvertrauten?«
(241) Doch er hielt inne: »Für die Schuld eines Einzelnen alle zu vernichten wäre ungerecht.« Er seufzte, erfüllt von Liebe zu seinem Bruder und den Gefährten. (242) Immer wieder blickte er auf die Fesseln: »Töten sie ihn, sterbe auch ich.« Der gewaltige Rama glich einem Elefanten, den der Stachelstock des Veda lenkte. (243) Die Götter fürchteten sich: »Wie wird dies enden?« Garuda, der zuvor zugesehen hatte, nahte, in seiner Liebe erschüttert; die Dunkelheit geriet in Bewegung. (244) Sein sonst unerschütterliches Herz bebte beim Anblick Ramas und der Schlangen. Der Wind seiner Schwingen erschütterte Meru und die Welt. Das Licht ließ die Elefanten der Himmelsrichtungen die Augen schließen.
(245) Seine Augen, die zehn Millionen Wegmaße weit sahen, füllten sich beim Anblick Ramas mit Tränen. Seine Schwingen zerstreuten Meereswogen und Finsternis; die Veden erklangen, Karma schwand, und die Schlangen schrumpften vor Furcht. (246) Das Licht seiner Krone faltete die Dunkelheit zusammen und breitete Tageshelle aus. Regenbogenfarben klärten die Himmelsrichtungen; er leuchtete wie Mond, Sonne und Meru in vervielfachter Pracht. (247) Seine Edelsteine, Lotusfarben und goldenen Schimmer glichen Blitzen auf einem Berg. Es war, als ginge im Süden eine Sonne auf und ziehe nach Norden. (248) Sein Schmuck strahlte wie die Juwelen unzähliger Schlangenhäupter und wie Blitze. Mit goldenem Stirnband und Waldblumengirlande nahte er zur Verehrung; die lange Trennung fand ihr Ende.
(249) Er legte die Hände über dem Kopf zusammen. Betrübt, nicht schon an den Füßen seines Herrn oder als dessen Bannerzeichen zu stehen, sank er, von den vierzehn Welten verehrt, herab und verneigte sich. (250) »Du bist der Vater von Brahmas Vater und aller Wesen. Spielerisch nimmst du Geburt an, um Leid zu vertreiben. Warum leidest du selbst? Gräme dich nicht! (251) Die Götter sprechen deine Namen. Du alterloser Herr der vierzehn Welten, unerreichbare Seligkeit, Befreiung und rettendes Schiff: Solltest du trauern? Wer könnte das Übermaß deiner Maya begreifen? (252) Du bist Anfang, Mitte und Ende, überall gegenwärtig. Doch du erscheinst als Empfänger von Gaben statt als ihr Geber und weinst wie ein einzelner Mensch. Wer könnte deine unergründliche Maya erkennen?
(253) Du stellst dich den beiden anderen Göttern gleich und enthüllst vor allen nicht deine Wahrheit. Du bist alle Welten und ihr Ende, selbst ohne Ende. Wer könnte diese Maya durchschauen, diese Dunkelheit ohne Morgen? (254) Du gibst endloses Leben, Gerechtigkeit und Veda, begehrst nichts und bittest doch. Du bist Nahrung, Leben allen Lebens und Bewusstsein, weiblich, männlich und keines von beiden. Wer erkennt deine Maya? (255) Der eine Veda entfaltet sich vielfach, doch du bleibst der eine Unvergleichliche: ununterbrochene Erkenntnisflamme, Licht des Auges, himmlischer Zustand und Seligkeit jenseits der vier Veden. Wer erkennt deine Maya? (256) Am Ende der Veden erkennen Weise die Wahrheit; falsche Lehren beachten sie nicht. Du dienst dennoch armen, treuen Menschen und Königen. Wer könnte deine Maya durchschauen?
(257) Du bist jenseits von Wort und Bedeutung, jenseits selbst der reinen Veden. Du trägst Bogen, Pfeil und Muschelhorn, befiehlst, tötest und wirst getötet. Nacht und Tag sind deine Maya. (258) Du vergisst und erinnerst dich, entsagst und entsagst nicht, wirst geboren und bleibst ungeboren. Du befreist die Wesen und richtest unter Mühen den Dharma auf. Wer versteht dein Spiel? (259) Du schaffst Tat und Frucht, ohne selbst zu begehren, und erfüllst das Herz der Gläubigen. Unwissenheit bleibt, Weise werden frei; selbst Götter erscheinen unwissend. Allen bist du gleichermaßen gegenwärtig. (260) Der Schlagende, der Geschlagene und der mitleidige Zuschauer sind Teile von dir. Du scheidest mit den Scheidenden und bleibst ungetrennt. Du bist der Erkennende und das Erkannte.
(261) Tausend Namen trägst du; in jeder Geburt bist du gegenwärtig, ohne je zu scheiden oder zu vergehen. Wie Schalen werden alle Bestimmungen abgelöst, doch dein Wesen bleibt unerkannt. Wer durchschaut diese Maya?« (262) So kam Garuda in goldenem Glanz heran. Vor Rama, der seiner bereits gedacht hatte, erschien der Vogel, dessen Schwingen die sieben Welten bedeckten. (263) Die Schlangen verschwanden wie die Hungersnot armer Vedagelehrter durch die Freigebigkeit des Herrn von Vennai. Ihre zuvor gewaltigen Bande waren nun schwächer als ein Lotusfaden. (264) Der Wind seiner vielen tausend Schwingen vertrieb die Dunkelheit; die Pfeile fielen ab. Die Wundmale verschwanden wie Verleumdungen eines wahrhaft tugendhaften Menschen.
(265) Die bösen Dämonen wurden nicht wieder lebendig; die dem Dharma verbundenen Affen aber erhoben sich. Es war, als hätte Brahma sie neu erschaffen. (266) Lakshmana verneigte sich, und Rama umarmte ihn. Staunend fragten die Götter, wohin alles Leid verschwunden sei. Die anderen umarmten einander und traten vor Garuda mit den mondsichelgleichen Krallen. (267) Rama sagte: »Wer bist du? Welches Verdienst hat dich hergeführt? Du hast uns allen das Leben zurückgegeben. Niemals können wir dir dies vergelten. (268) Dein klares Bewusstsein kennt das Wirkliche und weicht nicht vom Mitgefühl. Schon deine Ankunft schenkt Leben. Was wäre dann deinen Worten und deinem Segen unmöglich?
(269) Wir haben dich weder gesehen noch von dir gehört. Du schuldest uns nichts und bedarfst nichts; du gibst nur. Auch eine alte Freundschaft kannten wir nicht. Wie könnten wir dir danken?« (270) Garuda antwortete: »Von unserer uralten Verbindung erzähle ich später, wenn der Krieg gegen die Dämonen beendet ist. Gewähre mir jetzt Abschied, du Feind weiterer Wiedergeburt! (271) Hilfe, die keinen Lohn erwartet, ist die höchste Freigebigkeit. Wer könnte einer Wolke den Regen vergelten?« (272) Hanuman sagte: »Sita glaubt womöglich, dein Bruder sei tot, und trauert. Lasst uns laut jubeln, damit die Dämonen erwachen, erschrecken und erkennen, dass wir wieder leben!«
(273) Rama stimmte zu. Ihr Jubel erschütterte das Meer, die Weltenschlange Ananta, das All, Wolken, Berge und Himmelsrichtungen. (274) Ravana fuhr auf. Geschlafen hatte er nicht: Bei Sitas Gedanken durchbohrten Liebespfeile seine Brust, die nicht einmal Shivas Speer durchdrungen hatte. Nun vernahm er das Getöse. (275) Nur zwei waren wach geblieben: Sita, die an Rama dachte, und Ravana, der von seinem täuschenden Begehren gequält wurde. (276) In Ravanas Löwenherz schlug der Lärm wie Donner. »Schöne Worte: Alle Feinde sind tot!« Bitter lachend schlug er die Hände zusammen.
(277) Ramas Bogen donnerte, Lakshmanas Sehne krachte wie beim Zerbersten der Welt. Hanumans Brüllen schlug in die Ohren; Sugrivas Ruf erfüllte das ganze All. (278) Angada, Nila und die anderen brüllten über die Grenzen des Weltalls hinaus. Gewiss: Der Dharma war aus seinen Fesseln befreit! (279) Ravana erhob sich vom Lager. Begleitet von neunmal zehn Millionen schwerttragenden Wächtern und Frauen mit zehn Millionen Lampen ging er zu Indrajit. (280) Die Frauen hielten ihre gelösten Gewänder fest; ihr Haar war zerzaust, der Atem schwer. Mit hohen Brüsten, schläfrigen Augen und unsicherem Gang bewegten sich ihre rankenschlanken Gestalten.
(281) Wein, Schlaf und Traum lagen noch auf ihnen. Ihre fisch- und schwertgleichen Augen waren halb geöffnet; leise klangen Gesang und Glöckchen der himmlischen Frauen. (282) Wolkenhaar, duftende Salben und Räucherwerk, gekräuselte Blüten und schwerer Schmuck schmückten sie. Schwarze Augen und rote Lippen verrieten noch den Schlaf. (283) Ihre Stimmen übertrafen göttliche Rede, Honig, Zuckerrohrsaft, Milch und Nektar. Ihre Augen glichen Rehen, Fischen, Schwertern und Blumen; jede Schönheit vereinte sich in ihrem Gang. (284) Selbst krokodilstarke Dämonen hörten das Gebrüll wie Elefanten einen Löwen. Die Frauen erschraken wie Schlangen vor dem Donner.
(285) Ravana betrat den goldenen Palast. Indrajit lag dort mit aufgebrochenen Wunden, wie ein Elefant nach dem Angriff eines Löwen, wie eine zerschlagene Wolke. (286) Er konnte nicht aufstehen und brachte kaum die Hände zum Gruß zusammen. Der Vater fragte: »Mein Sohn, was ist geschehen?« Er antwortete: (287) »Zahllose Pfeile tranken meine Kraft und mein Blut. Der Panzer ging verloren, ich bin erschöpft, meine Augen werden trüb. Ohne meine Zauberkunst wäre ich gestorben. (288) Solche Schmerzen kannte ich nie, auch nicht im Kampf mit Indra, Shiva, Vishnu oder der Sonne. Die Stärke dieser Menschen kennt keine Grenze.
(289) Wenn schon der Jüngere so ist, lässt sich Ramas Macht nicht ermessen. Einen sicheren Sieg kann ich nicht verkünden; wir müssen den Ausgang abwarten.« Von der Wiederbelebung wusste er noch nichts. (290) »Durch Fessel und Täuschung habe ich gesiegt und ihn samt den Affen getötet. Rama lebt noch. Was künftig geschieht, wird sich zeigen.« (291) Ravana fragte: »Hast du denn nicht Lakshmanas Bogen gehört und den wolken- und meeresgleichen Lärm der Affen?« (292) Indrajit erwiderte: »Der Gefesselte, Durchbohrte und Bewusstlose lebt? Ist das Wahrheit oder Spott? Dann ist ein Gott am Werk; gering ist dies nicht!«
(293) Während sie so sprachen, kehrten die ausgesandten Kundschafter eilends zurück und verneigten sich. Ravana fragte, was geschehen sei. Die in vielfachem Wissen Bewanderten begannen zu berichten. (294) »Der Königssohn trat mitten in der Nacht zu den Gefesselten und von Pfeilen Niedergestreckten. Er klagte bitter und drohte: ›Ich verbrenne alle Welten!‹ Da kam Garuda aus dem Himmel, Herr mit der duftenden Brustgirlande. (295) Bei seiner Ankunft zerfielen alle scharfzahnigen Schlangen. Wunden und Erschöpfung verschwanden. Stärker als zuvor sammelten sich die Krieger dicht auf dem Schlachtfeld. So ist es geschehen.« Ravana entgegnete: (296) »Garuda also hat die Fessel, die mein ruhmreicher, breitschultriger Sohn schoss, mit einem Luftzug beseitigt! Seht nur! Wenn dies stimmt, welch herrliches Leben hat Ravana geführt! Sind all meine Unternehmungen wohl altersschwach geworden?
(297) Jener, der sich rühmt, die vierzehn Welten verschlungen und wieder ausgespien zu haben, geriet im Kampf mit mir in Bedrängnis. Als er durch die Welten irrte und sich im Meer verbarg, hat dieser Garuda mich offenbar nicht gesehen! (298) Als selbst die Städte des dunklen Gottes mit Diskus und Muschelhorn zerstört wurden, trafen meine Pfeile Garudas Brust, Rücken, Schultern und Flügel. Kam Arunas Bruder etwa noch mit diesen Pfeilen im Leib? (299) Doch lassen wir das! Was weiter geschieht, geschehe. Unser Wunsch bleibt, die Entkommenen zu töten. Tapferer Sohn, kämpfe du nochmals so gewaltig, dass jener beim Zuschauen beschämt wird!« Der Sohn antwortete: (300) »Lass mich heute noch ruhen, bis die große Kampfesmüdigkeit schwindet. Morgen befreie ich dich in einem Augenblick von deinem Kummer, mit Brahmas göttlicher Siegeswaffe.« Ravana billigte es und kehrte in seinen blumengeschmückten Palast zurück.
6.19 – Die Tötung der Heerführer
(1) Als die Dämonen den Jubel hörten, ließen sie ihre Trommeln erschallen. Kampfeslustig drängten sie zum König mit der girlandengeschmückten Brust und baten um Erlaubnis. Zornig blickte er sie an. (2) Maperumpakkan und Pugaikkannan baten: »Sende uns!« Freundlich betrachtete er sie und gebot den Aufbruch. Doch die Boten hielten es nicht aus: »Herr, höre erst, was diese getan haben!« (3) »Als Elefanten, Pferde, Wagen und das Dämonenheer vernichtet waren, ließen sie ihren Anführer allein. ›Die Pfeile des Menschen! Seine Pfeile!‹ stammelten sie und flohen. Nun sind sie offenbar zurückgekehrt!« (4) Bei diesen Worten loderte Ravanas Zorn wie Feuer auf. »Das also ist ihr Dienst? Ergreift sie!«, befahl der an Grausamkeit Gewöhnte.
(5) Die Kinkara-Diener kamen, packten die Geflohenen mit Gewalt und hielten sie fest. Der dunkelhäutige König sprach: »Tötet sie nicht; hört meinen Befehl! (6) Eine andere angemessene Strafe gibt es nicht: Schneidet ihnen die hohen Nasen ab, die Düfte wittern! Führt sie unter gewaltigem Trommelschlag durch die Stadt und verkündet: ›Sie hatten Angst!‹« (7) Sofort nahten die Schwertträger, um ihnen die Nasen abzuschneiden. Da hielt Mali sie zurück: »Ruhmreicher Herr, das ist nicht recht! (8) Sie erschraken und wichen im Kampf. Sieg, Niederlage und Tod im heißen Gefecht sind seit jeher möglich. Wessen Männlichkeit wäre vor Furcht sicher?
(9) Hast du den Wandel der Dinge vergessen, König? Wie viel ist schon über uns gekommen! Selbst Indra, der Heere von Göttern und Danavas kennt, hatte Angst. Bedenke es! (10) Varuna zitterte, kam und verneigte sich; bis er Gnade erhielt, verging ihm der Lebensmut. Wo wären da nur finstere Verräter? Vater, diese Strafe ist nicht die eines Weisen. (11) Vierzehn Flutmaße Dämonen wurden vernichtet. Nur wenige – drei – entkamen mit dem Leben. Kluger Herr, wer soll künftig noch Tapferkeit zeigen? (12) Die Fessel ist zerbrochen, mehr als die Hälfte vernichtet; selbst du bist zurückgewichen. Willst du den Geringen die Nasen abschneiden, die dem Krieger im Kampf nicht einmal einen Schritt gewachsen sind?
(13) Schon beim Ruf ›Heil Lakshmana!‹ geraten die Dämonen in Schrecken. Reichten die sieben Meere, ihre offenen Münder zu füllen? Selbst ein Weltalter lang könntest du Nasen abschneiden und wärst nicht fertig! (14) Damals verehrten viele den Boten und flohen vor seinem gewaltigen Kampf. Mehr als die Hälfte des jetzigen Heeres trägt noch ihre Nasen. Sind sie etwa ohne Schuld? (15) Solange du Sita nicht freigibst, welcher Held wird dann nicht vor diesem Kampf fliehen? Sage nicht: ›Schneidet ihnen die Nasen ab; die wirklich Kampfstarken sind noch nicht gefallen!‹« (16) Nachdem sich der Zorn gelegt hatte, gewannen die gedemütigten Männer ihre Fassung zurück. Sie verstanden die Lage; mit roten Augen und erbittertem Herzen erklärten sie ihr Vorhaben.
(17) »Ist nicht auch dein Sohn gewichen? Er eilte in den blitzenden Himmel, gebrauchte seine Täuschung, zog sich zurück und rettete sich hierher in die Stadt, Vater! (18) Heute oder morgen, spätestens am dritten Tag, entscheiden wir es oder geben unser Leben hin. Du kennst unsere Kraft – wie die Festigkeit von Butter in einem vom Feuer erhitzten Metallgefäß! (19) Lass uns ziehen! Du wirst hören, dass wir im furchtbaren Kampf fielen oder die Feinde erschlugen; niemals, dass wir versagten.« So schworen sie, zum Tod entschlossen. (20) Ravana sandte mit ihnen zehn Flutmaße Dämonen mit blitzenden Waffen. Dazu stellte er unzählige Elefanten, glänzende Wagen und starke Pferde bereit.
(21) Mit ihnen zogen der Feind der buttergenährten Opfer, der Sonnenfeind, der mit Heldenringen geschmückte Mali, der grimmige Pisacha und der mit diamantübertreffenden Zähnen. (22) Auf Befehl des Bezwingers der sieben Welten brachen sie eilends auf. Riesige Elefanten, Wagen und Pferde zogen voran; die Krieger folgten wie wandernde Berge. (23) Staub verschlang den Himmel und verdeckte den Göttern die Augen. Niemand sah die Grenzen des zahllosen Heeres oder konnte seinen Umfang erfassen. (24) Zwischen schnellen Wagen und berggleichen Elefanten wehten die vielen hohen Banner wie weiße Wellen. Der sternreiche Wolkenhimmel schien zum großen Meer geworden.
(25) Die Trommeln dröhnten wie die Gewässer um die Erde. Elefanten überboten Wolken und Meer; das Getöse der Pferde glich niederstürzendem Regen. (26) Die Kampfelefanten gingen nicht in fremden Spuren, widersetzten sich und vergaßen ihre Abrichtung. Einer folgte dem anderen; mit ihren Stirnplatten glichen sie wandernden Bergen. (27) Hoch erhoben sich ihre langen Rüssel und schöpften Wasser aus den Wolken. In ihrem Übermut schienen die Elefanten die Wolken wie dunkle Früchte zu verschlingen. (28) Waffen flammten, Schmuck blitzte; Wagen-, Pferde- und Elefantengeschirre sowie Kränze strahlten. Vor diesem Licht floh die tiefe Dunkelheit in allen acht Richtungen.
(29) Rama trat dem Heer entgegen und fragte: »Ist der Eilende dort derselbe, der durch Täuschung siegte? Prüfe es!« Vibhishana gab ihm sichere Auskunft. (30) »Wie ein kampfhungriger Höhlenlöwe brüllt jener, dass selbst der Donner zerbirst. Mit sichelförmigen Hauern, weitem Maul, glühendem Köcher und Bogen steht Maperumpakkan auf dem wolkendonnernden Wagen. (31) Der auf dem goldenen Wagen, dessen Augen rauchen und Feuer sprühen, ist Pugaikkannan. Er trinkt das Leben seiner Feinde und leckt sein großes, hellzahniges Maul. (32) Jener spricht wirr wie ein Besessener und trägt einen dreispitzigen Speer. Vom gewaltigen Wagen her fragt er: ›Gehört dieser Kopf euch?‹ Es ist der bergleibige Vajradanta mit den Diamantzähnen.
(33) Dort erscheint Pisacha. Seine weißmähnigen Pferde lassen Wind und Gedanken zurück. Er beißt auf die Lippen, lärmt wie das Meer und führt einen Dreizack, der den Himmel überragt. (34) Auf dem strahlend goldenen Wagen steht Suryashatru, der Feind der Sonne, lauter als Wasser und heißer als Feuer. Edler, jener mit blut- und feuersprühenden Augen ist der Feind der Opfer. (35) Der dort mit einem Pferdeheer, dicht wie reiche Reisähren, voll grausamer Kraft und Askese, erscheint selbst Shiva furchterregend. Es ist Mali.« So erklärte er sie der Reihe nach und verneigte sich. (36) Das Affenmeer pries Rama und stürmte brüllend entgegen. Beide Heere gerieten aneinander. Die Götter fanden keinen Ausweg; schwitzend, zitternd und beklommen sahen sie zu.
(37) Steine flogen wie Donner aus Weltuntergangswolken; Bogen schleuderten Pfeile. Köpfe stürzten zerstreut wie von Blitzen getroffene Berge, und Zähne spritzten umher. (38) Die Felswürfe der Affen zerschmetterten Elefanten, gezäumte Pferde, radbreite Wagen und mordende Dämonen. Sie schlugen ein, als müssten sie noch Anantas Weltenhaupt treffen. (39) Geschleuderte Diskusse rissen berggleiche Affenschultern, lange Beine, aufgerichtete Schwänze, Berge und Bäume samt den gewaltigen Köpfen mit sich fort. (40) Handgeschleuderte Wurfkeulen durchbohrten die Körper tapferer Affenführer. Riesige Elefanten pflügten die Erde, während Pferde gedankenschnell darüber hinwegsprangen.
(41) Die Steine der Affen zertrümmerten Wagenbanner, Zähne und Köpfe der Lenker, Bogen und Hälse der Bösewichter und erschlugen die Zugtiere. (42) Die von Reitern geworfenen scharfen, blattförmigen Speere verschwanden in den Affenleibern wie Schlangen, die in Höhlen geschleuderter Berge hineinflüchten. (43) Elefanten packten Affen am Schwanz und schlugen sie nieder; Affen taten dasselbe mit den Elefantenbeinen. Sie schleuderten Dämonen an deren Schilden fort; die Grimmigen spießten die Affen mit Speeren auf. (44) Unter den eilends geworfenen Steinen der vorderen Affenreihen sank das dunkle Dämonenmeer. Unter den Bogenpfeilen der Bösen fielen dem Affenmeer Köpfe samt Zähnen ab.
(45) Steine trieben Köpfe und Hauer in die Bäuche der Getroffenen. Selbst ihre Frauen, die sie seit vielen Tagen kannten, zweifelten beim Näherkommen und vermochten ihre Männer nicht zu erkennen. (46) Geworfene Berge zerbrachen die Achsen goldener Wagen; sie standen still, und die kräftigen Pferde litten. Sie glichen jenen, deren Leben verarmt, weil sie selbst in Not nichts teilen. (47) Nachdem die Lenker gestorben waren, irrten riesige Elefanten im roten Blut umher: Schiffen gleich, die nach dem Tod von Kapitän und Mannschaft mit ihren Segeln haltlos auf dem Meer treiben. (48) Reiter fielen samt ihren Waffen. Die Pferde sanken stellenweise in das Blutmeer; mit blutigen Mäulern glichen sie dem unterseeischen Feuer, das Flammen ausstößt.
(49) Hanuman und Dhumraksha traten gegeneinander; Angada hielt Maperumpakkan auf. Mali kämpfte gegen Nila, der kampfstarke Pisacha gegen Panasa. (50) Der Sonnenfeind traf auf den Sonnensohn. Der Opferfeind kämpfte gegen Ramas unvergleichlichen jüngeren Bruder; Vajradanta mit den Diamantzähnen gegen Idabha. (51) Die stärksten unter den grimmäugigen, weißzahnigen Dämonen und den löwengleichen Affenführern suchten jeweils ihresgleichen. Ihr wütender Kampf ließ selbst die Götter zittern. (52) Von den zehn Flutmaßen des herangerückten Dämonenheeres vernichtete Rama sechs im furchtbaren Kampf. Die übrigen vier tilgte Lakshmana mit seinen Pfeilen.
(53) Blutfluten strömten ins salzige Meer und waren nicht mehr vom Wasser zu unterscheiden. Alles erschien wie geschmolzenes Kupfer; Fische wurden korallenrot, Perlen glichen roten Kunri-Samen. (54) Das ganze wogende Meer schimmerte blutig. Vielgestaltige Edelsteine wurden rot; die Perlen aus Elefantenstirnen und Muscheln verloren jede unterscheidbare Farbe. (55) Während dieser erschütternde Kampf tobte, erhob sich die Sonne. Mit roten Strahlenhänden tötete sie den Elefanten der Finsternis; sie schien aus einem Bad in der Blutflut aufzusteigen. (56) Die Sonne Rama vertrieb die Dämonenfinsternis, die glühende Himmelssonne die äußere Nacht. Als besäße sie zwei leuchtende Beschützer, erstrahlte und erhob sich die ganze Welt.
(57) Als die große Dunkelheit wich, erschienen Blutmeere und Leichenberge überall grenzenlos ausgebreitet, als hätten sich die Berge und Meere der Erde vervielfacht. (58) Im allgegenwärtigen Blut und fetten Schlamm leuchteten die Gesichter der Toten wie ein Lotuswald, den Sonnenhände öffnen; die gemusterten Pfeile darin glichen Bienen. (59) Wagen, Elefanten und Pferde lagen vermischt: wie Götterfahrzeuge, Wolken und Sterne, die beim Weltuntergang vom Sturm ineinandergetrieben auf die Erde fallen. (60) Mondgesichtige Frauen mit feuerfarbenen Blumengirlanden betraten das Feld. Sie umarmten die Gefallenen und gaben das Leben auf. Die Krieger lagen da wie mächtige Bäume, von Ranken umschlungen.
(61) Schlanke, vollbrüstige Dämoninnen mit langem rötlichem Haar und weißen Hauern kamen herbei. Geistern, die die frischen Köpfe ihrer Männer nicht herausgaben, rissen sie die Mäuler auseinander. (62) Eine Frau mit weißen Armreifen sammelte Leib und Glieder ihres Mannes. Als ein kleiner Schakal Eingeweide, Leber und Augen raubte, konnte sie ihm nicht folgen; tief aufseufzend starb sie. (63) Großäugige Frauen liefen Schakalen nach, die die Schultern ihrer Männer fortzerrten. Weder Bitten noch Flehen half. Ihre rotgefärbten Füße verletzten sich an verstreuten Waffen, bis sie erschöpft zusammensanken. (64) Treue Frauen suchten ihre Männer auf den berggleichen Leichenhaufen. Mit blumengeschmücktem Haar glichen sie schönen Pfauen, die, vom Gefährten getrennt, betrübt auf Bergen umherirren.
(65) Manche sahen ihre Männer mit im Kampfzorn festgebissenen Lippen liegen. Eifersüchtig dachten sie: »Er verdeckt die Lippen mit den Zähnen, damit wir die Liebesspuren einer anderen nicht sehen!« (66) Verstörte Frauen erkannten ihre enthaupteten Männer nicht. Erst als sie die Panzer öffneten und auf den Schultern die eigenen tiefen Nagelmale wiederfanden, erkannten sie sie und starben. (67) Mit regenströmenden Augen suchten Frauen die diamantfesten Kampfleiber ihrer Männer. Zwischen gewaltigen Leichenbergen versanken sie in Blutflüssen und gaben ihr liebes Leben auf. (68) Hanuman und der rauchäugige Dämon kämpften. Keiner überragte den anderen, keiner wich oder siegte. Beide schienen hoch aufloderndes Feuer auszuspeien.
(69) Der Feuerbannerträger, einer zornigen schwarzen Wolke gleich, schoss mit seinem scharfen Bogen fünfundzwanzig brennende Pfeile in Anjanas Sohn. (70) Die Pfeile durchbohrten Hanumans gewaltige Schultern; Blut spritzte rot wie reife Früchte. Zornig zerstörte der einer Weltuntergangswolke gleichende Held den großen Wagen. (71) Vom zerschmetterten Wagen sprang der Dämon mit seinem Bogen strahlend in die Luft. Lakshmanas Pfeil zerbrach den Bogen; Hanuman packte den Gegner und warf ihn nieder. (72) Hanuman schleuderte den berggroßen Leib zu Boden und trat ihn mit dem Fuß, der das Meer übersprungen hatte. Er riss den feuerspeienden Kopf ab und warf ihn fort; dann kühlte sein Zorn ab.
(73) Maperumpakkan und Angada rangen miteinander. Ihre roten Augen brannten wie Lampen; von Zorn und Tötungswillen erfüllt, stießen sie rauchgleichen Atem aus und bedrängten einander. (74) Der kampferfahrene Dämon trieb einundfünfzig schreckliche Pfeile in Angadas mächtige Schultern. Übermütig ließ er sie eindringen, als würde man einem Elefanten Futterkugeln eingeben. (75) Angada glich der dunklen Schlange, die Sonne samt ihrem Wohnort verschlingt. Mit fester Hand hob er den Gegner samt Wagen hoch und setzte an, ihn auf die Erde zu schleudern. (76) Der Dämon warf den Bogen weg und sprang vom strahlenden, zerfallenden Wagen. Er richtete einen unfehlbaren Dreizack auf Angadas kampfstarke Brust.
(77) »Das ist kein Dreizack, sondern der uralte Tod selbst«, erkannte der Weltenherr. Um die Gefahr zu bannen, zerschnitt Rama ihn mit einem giftgleichen Pfeil. (78) Noch ehe ein Gedanke entstehen konnte, packte Angada den aufspringenden Gegner und riss ihn in zwei Stücke. Der Vermesser der vierzehn Welten lobte: »Vortreffliche Kraft!« (79) Mali und Nila kämpften wie der König der Götter gegen den König der Danavas. So priesen die Himmlischen sie und ließen einen Blumenregen fallen. (80) Als Nila einen Felsen schleuderte und damit Malis Bogen zerbrach, kam jener auf seinem Wagen mit blitzendem Schwert heran. »Bleib stehen!«, rief er und bedrängte ihn.
(81) In diesem Augenblick eilte der siegreiche Kumuda von der anderen Seite herbei. Er nahm einen Berg und schleuderte ihn; der Streitwagen zerfiel zu Staub. (82) Mali zerschlug mit seinem Schwert die Bäume, die Nila warf, und drängte weiter vor. Da schoss Lakshmana, Bruder des karmazerstörenden Helden, einen Pfeil und trennte ihm den Arm ab. (83) Obwohl der Arm mit dem blitzenden Schwert fiel, gab Mali den Kampf nicht auf. Lakshmana sprach: »Für meinesgleichen wäre dies kein würdiger Kampf mehr, sondern ein niedriger.« Er wandte sich ab. (84) Als Lakshmana, dem Meer an Tapferkeit gleich, zurückkam, priesen die freudigen Kämpfer den großen Helden und seine Zurückhaltung: »Wer hat je solche Ritterlichkeit gezeigt?«
(85) Zornig kämpfte der schulternstarke Held gegen den Opferfeind. »So weit reicht dein Leben!« Mit einem strahlenden Pfeil spaltete er dessen breite Brust; das kostbare Leben entwich. (86) Die scharfen Pfeile des breitbrüstigen Helden zerbrachen dem mächtigen Opferfeind Bogen und Wagen; auch seine berggleichen Glieder, sein Hals und seine Beine wurden abgetrennt. (87) Der König der Affen erschlug den bergleibigen, unerschütterlich starken Gegner, der einst seinem eigenen Vater, der Sonne, entgegengetreten war und ihn besiegt hatte. (88) Idabha schleuderte im Zweikampf einen Berg auf den grimmäugigen Vajradanta. Er vernichtete den donnernden Wagen samt dessen Lenker.
(89) Nach der Zerstörung seines Wagens legte der Dämon den Bogen weg und sprang mit der Keule zur Erde. »Lebst du noch?« brüllte er und schlug so gewaltig, dass selbst Donner und Shiva erschraken. (90) Idabha schwankte unter dem Schlag; er drohte wie ein vom Blitz zerspaltener Gipfel zu sterben. Da eilte Hanuman herbei, der seine Gestalt groß oder klein machen konnte. (91) Der Dämon traf den kampfbereiten Hanuman, dessen hoch aufgerichteter Leib den Himmel zu verschließen schien. Der ruhmreiche Krieger schlug ihm die Brust, dass Staub davonstob. (92) Hanuman packte den nach dem Schlag Zurückweichenden mit der Linken, entriss ihm die Keule und warf sie fort. Ein einziger Fauststoß seiner siegreichen Hand raubte ihm alle Kraft und tötete ihn.
(93) Pisacha stieß Panasa, der sich mit einem Baum wehrte, eine schwere Wurfkeule in die Brust. Blut strömte hervor; wie ein getroffener Tiger wälzte sich der Affe. (94) War Pisacha auf einer Wolke, über dem Meer, auf der Erde oder bei der Sonne? Niemand konnte es sagen. Auf seinem pferdegleichen Wunderapparat beherrschte er das Gefecht. (95) »Sind es hunderttausend Millionen oder nicht?« Selbst sechstausend Affen konnten die Zahl nicht erfassen. Dabei kreiste auf dem von Raubvögeln besuchten Feld nur ein einziges springendes Pferd. (96) Es war schneller als der Blick, schneller als der Gedanke, schneller als der Himmelswind. Glaubte man es innen, stand es außen; nie schien dieses starke Pferd die Erde zu berühren.
(97) Wie mit dem Sattel des gewaltigen gescheckten Pferdes verwachsen saß der Reiter da. Sein scharfer Speer durchbohrte die kampfstarken Affengruppen; Wunden blühten auf, und Leben flohen. (98) »Hundert, zweihundert spießt seine Speerspitze in einem Augenblick auf! Im Nu wird er das Affenheer vernichten!« Selbst die Götter verloren vor Angst ihre Kraft. (99) Keine seiner Erscheinungen ließ sich sicher bestimmen; wie der Tod kreiste er mordend umher. Lakshmana, der meisterhafte Bogenschütze, überwältigte ihn mit der furchtbaren Windwaffe. (100) Bis zuletzt ließ sein Töten mit dem Dreizack nicht nach. Selbst als ihm der Kopf abfiel, stürzte er nicht zur Erde: So fest saß er auf dem Pferd.
(101) Bienen flogen heran und summten. Die unerbittlichen Boten des Herrn des Südens zogen fort; ebenso kehrten die Boten des täuschenden Ravana in ihre Stadt zurück. (102) Sie traten vor den einzigartigen König. »Keine frohe Botschaft«, dachten sie niedergeschlagen. Traurig verneigten sie sich und berichteten vom Tod sämtlicher eilends ausgesandter Helden.
6.20 – Die Tötung Makarakannans
(1) Als der König Lankas ihren Bericht hörte, erfüllte Schmerz sein Herz. Er atmete wie eine wilde Schlange und schluchzte. Ein neben ihm Stehender sah seinen Zustand und sprach: (2) »Du schicktest mich nicht gegen den, der damals im Kampf meinen Vater tötete! Ach, kennst du mich denn nicht? Vater, sollst du allein unter diesem Leid zusammenbrechen? (3) Oft will ich selbst aufbrechen, halte mich aber zurück, weil es unrecht wäre, ihm ohne Auftrag entgegenzutreten. König, könnte mich irgendetwas im Himmel oder auf Erden besiegen? (4) Meine Mutter versinkt weinend im Leidensmeer. Sie will die Totenpflicht erst erfüllen, wenn ihr der Schädel des Mörders ihres Mannes als Gefäß dient. Herr mit dem den Geiern lieben Speer, gewähre mir deine Gunst!«
(5) Als Makarakannan so sprach, sagte Ravana: »Gut, mein Lieber! Ziehe hin und tilge deine alte Feindschaft!« Mit dieser Erlaubnis bestieg der durch Segensgaben erstarkte Bogenträger seinen Wagen. (6) Fünfzig Millionen seiner eigenen Soldaten begleiteten ihn; fünf Flutmaße des königlichen Heeres folgten wolkengleich. Trommeln dröhnten wie Meere, und Staub verhüllte selbst die höchste Spitze des goldenen Berges. (7) Ravana befahl Shonitakannan und Singan, den starken Pferdewagen zu schützen. Sie gehorchten und folgten mit ihren Truppen, dem Helden so eng verbunden wie das Mondhaus seinem Mond. (8) Die dicht gespannten Bannerreihen fingen alle Sonnenstrahlen ab und spendeten angenehmen Schatten. Alte Kampfelefanten versprühten Wasser und Schaum: Selbst die heranziehenden Affen wurden von ihrer Kampfesmüdigkeit erquickt.
(9) Elefantenbrüllen, Pferdelärm, Trommelwirbel und Kriegerrufe ließen sich nicht mehr unterscheiden. Der Schall erfüllte das Weltall bis an seine Grenze; kein Spalt blieb für Luft, und die Wesen erstickten beinahe. (10) Die eilends zusammentreffenden Heere kämpften in grausamer Ordnung. Anführer drängten vor; Hände verschränkten sich mit Händen, Steine flogen, Bogen schossen, und Elefanten zogen durch aufwallendes Blut. (11) Dämonen fingen die von Affen geschleuderten Berge auf und warfen sie zurück, dass Sterne und Wolken zerstreut wurden. Affen brachen wie blitzgetroffene Wälder zusammen; fressende Geister brüllten mit geschwollenen Mäulern. (12) Affen entrissen den dunklen Dämonen die diamantfesten Schwerter und erschlugen sie damit. Umgekehrt raubten Dämonen ihnen Steine und Bäume, warfen sie gegen ihre Schultern und zerschmetterten sie.
(13) Der starke Makarakannan mit der bienenumschwärmten Girlande trieb seinen goldenen Wagen donnergleich auf Rama zu, die Wolke des fruchtbaren Gangeslandes. Dabei erschlug er das Affenheer. (14) »Ist das Indras Bezwinger?« In dieser Furcht zerstreuten sich die Truppen. Große Heerführer wurden wie maschinell geschleudert getroffen und umgeworfen. Vor Rama mit den schönen Schultern hielt er an und sprach: (15) »Du hast meinem Vater das Leben genommen! Mein alter, unversöhnlicher Hass gilt daher nicht den drei Göttern, sondern dir. Heute werde ich ihn austragen!« So sprach der Träger des goldenen, von Bienen durchwühlten Kranzes. (16) Rama hörte aufmerksam zu. »Bist du Kharas Sohn? Du kommst, die alte Feindschaft zu rächen. Ist das nicht die Pflicht eines als Mann Geborenen? Du hast angemessen gesprochen«, sagte der ruhmreiche Held.
(17) Seine Sehne donnerte. »Ich vollende meines Vaters Kampf und stille meinen Zorn!« Er ließ Pfeile fallen wie eine dichte schwarze Sturmwolke ihre Fluten über hohe Berggipfel. (18) Tausend Pfeile richtete er auf den Hals des Lotusäugigen, doppelt so viele auf seines Bruders Panzer. Hanuman überschüttete er mit Geschossen und verhüllte die ganze Götterwelt mit Pfeilen. (19) Rama zerschnitt und vertrieb alle anfliegenden Geschosse mit leuchtenden Pfeilen. Dann schoss er einen einzigen auf die geschmückte Brust des Gegners; dort blieb er stecken, während sich dessen Brauen zusammenzogen. (20) Unerschüttert stand der blumenäugige Dämon da und schien Rauch aus dem Mund zu speien. Tausend gefiederte Diamantpfeile schoss er brüllend auf den prachtvollen Panzer des von Göttern gepriesenen Herrn.
(21) Die Götter staunten. Rama lächelte, nahm sechs scharfe Pfeile, durchtrennte die Beine der Wagenpferde, zerbrach den Bogen in der Mitte und warf den Kopf des Lenkers zu Boden. (22) Aus der Pfeilwunde seiner Brust rann Blut. Im Augenblick verschwand der Dämon in der Luft. Kraft seiner Askese erzeugte er Donner, Wind und Feuer wie beim letzten Weltuntergang. (23) Unzählige Millionen Donnerkeile stürzten nieder; der Wind wütete doppelt so heftig wie am Weltende. Schwarze Wolken spien Steinhagel. Die Affen verloren die Kampfordnung und flohen ringsum. (24) Rauch und Feuer bedeckten alle Richtungen; der zauberische Regen fiel zwischen Flammen. Über tausendmal zehn Millionen Affen kamen um. »Täuschung oder verliehene Macht?«, fragte Rama. Vibhishana verneigte sich:
(25) »Der Windherr und der Regengott sahen seine strenge Askese voll Mitleid an. Ungehindert verliehen sie ihm diese göttliche Macht.« Der Lotusäugige sagte: »Im Augenblick beseitige ich sie.« (26) Er legte die Waffen des Wind- und des Meeresgottes zusammen mit schrecklichen Pfeilen auf seinen Todesbogen. Als er sie abschoss, stürzten Regen und Wind vom Himmel brennend ins große Meer und verschwanden. (27) Der Dämon füllte darauf den ganzen Himmel mit gleichen Gestalten seiner selbst, verbarg sich und schleuderte Abermillionen Dreizackreihen. Rama erkannte: »Das ist das Kunststück eines Einzelnen!« (28) »Durch Zauber vervielfacht er sich grenzenlos und verbirgt seinen wirklichen Ort. Nach der Gestalt lässt er sich nicht unterscheiden. Was soll ich gegen diesen Feuergleichen tun?« So erwog Rama besorgt.
(29) Dann erkannte der Herr der Götter die Spur des roten Blutes, das aus der Pfeilwunde des grausamen Dämonen floss. »Hier ist der Weg!« Er schoss; enthauptet stürzte der Gegner zur Erde. (30) Mit dem donnernden scharfen Pfeil fiel der Dämon, Blut wie Regen versprühend. Seine alles umgebende Täuschung verschwand wie ein Traum, wenn der Schlaf beim Wechsel von Licht und Dunkel endet. (31) Der blutäugige Shonitakannan stand auf seinem hochbeflaggten Wagen wie eine hell schimmernde Wolke vor der Sommersonne. Feuerpfeile schießend traf er auf Nala, den grimmen Handwerker und Baumeister des Meereswegs. (32) Er zog die gefürchtete Sehne bis an die geschmückte Schulter und sandte Pfeilregen wie Weltuntergangsfeuer. Nala wehrte sie mit einem hohen Baum ab und rückte wie ein Löwe auf einen Elefanten vor.
(33) Der Dämon zerlegte den wirbelnden Baum mit Pfeilen. Nala duckte sich, sammelte seine Kraft und sprang dem Unvergleichlichen auf den Kopf. Der Jubel der Götter zerriss die Himmelsrichtungen. (34) Auf dessen Haupt stand der schöne Held wie ein Regenbogen über einem brennenden Berg. Er zertrat den harten Schädel, dass Blut und Hirn aus Augen, Nase und Ohren quollen, und warf ihn zur Erde. (35) Nach seinem Tod kam Singan mit feuerflammenden Augen, Bogen und Pfeilen auf dem geschmückten Wagen heran. »Wohin willst du?« Da sprang der merustarke, unvergleichliche Panasa dazwischen. (36) Zehn sorgfältig gewählte Pfeile schlugen wie Donner tief in Panasas Brust und Schultern. Sein Zorn flammte wie Feuer unter Butter auf. In einem Augenblick hob er Gegner und Wagen empor.
(37) Der rotäugige, merugleiche Dämon sprang zur Erde; Panasa warf den Wagen auf seinen Kopf. Dann sprang der diamantenschultrige Held auf ihn und zertrat ihn, bis Blut und Leben entwichen. (38) Unter den Pfeilen der Königssöhne und den Bäumen und Bergen der Affen gingen sämtliche zehn Flutmaße des umringenden Heeres zugrunde. Nur Ravanas unbewaffnete Boten blieben übrig und eilten fort.
6.21 – Die Brahmawaffe
(1) Ravana hörte von Kharas Sohn, vom zertretenen Schädel des Blutäugigen, von Singans Ende und davon, dass das Heer die Erde nicht länger belastete. Er verlor die Fassung: »Bringt schnell meinen Sohn!« (2) »Dein Vater ruft!«, meldeten sie. »Dann sind wohl alle Ausgezogenen gefallen«, sagte der breitschultrige Indrajit. »Wer außer dir kehrt von einem solchen Auftrag zurück?« Er hörte es und eilte zum Vater. (3) Er verneigte sich: »Herr, verzehre dich nicht darüber, dass deine Söhne so leicht fielen. Heute werden Sita mit den schweren Ohrringen und die Götter Berge von Affenleichen und die leblosen Körper der Menschen sehen!« (4) Er umschritt den Vater ehrerbietig und bestieg den goldbeflaggten Wagen mit tausend himmelsstürmenden Löwen. Unter Kriegstrommeln zog er aus, begleitet von sechzig Flutmaßen Dämonen, Elefanten, Wagen und Pferden.
(5) Kumbikai, Timilai, Chendai, Kuradu, große Peri, Kotti, Pampai, Murasam, Muscheln, Pandil, Panavam, Turi, Kambali, Urumai, Takkai, Karadikai, Tudi, Flöten, Kandai, Ambali, Kanuvai, Umai und Sagadai erschallten gemeinsam. (6) Elefantentrommeln und Seitenglocken, Wagenräder, goldene Pferdegehänge, Bannerglocken, Fußringe und Schmuck der Soldaten dröhnten bis in die Ferne. Es klang wie Wellen eines im Himmel strömenden Meeres. (7) Muscheln, Hörner, kleine Trommeln, große Blasinstrumente und Flöten, Löwenbrüllen, Pferdewiehern, Wagenkrachen und das Donnern der wolkengleichen Elefanten wetteiferten mit dem Gewitterhimmel. (8) Süßer Honig floss gleichsam aus den melodischen Stimmen und Instrumenten; Veenasaiten verströmten duftenden Wein, bienengleiche Harfen Nektar. Den Ohren der Himmelsbewohner war dies Götterspeise.
(9) Bogendröhnen, Kriegerrufe, anwachsender Jubel, Heldenreden, donnernde Drohungen, Schulterklatschen und Marschgetöse verdrängten den Schall des Meeres, bis er verstummt schien. (10) Das Heer zog wie vier Meere dahin; Staub stieg von der Erde flammengleich in den Himmel. Die himmlischen Frauen betrachteten das Heeresmeer, und ihre milchmeerhellen Augen füllten sich mit einem Tränenmeer. (11) Tausendmal zehn Millionen starke Wagen umgaben ihn wie Indras Himmelsstadt. Auf seinem goldenen Siegeswagen erschien er wie die herrschende Sonne inmitten aller reinen Gestirne; die Götter zitterten. (12) Auf dem Schlachtfeld ordnete er die standfesten Heeresfluten zum Bild eines Kranichs: Flügel, Schnabel, rote Augen, Hals, Leib, Beine, Krallen und Schwanz waren genau ausgebildet.
(13) Er nahm das rechtsgewundene Muschelhorn, das Indra im Kampf zurückgelassen hatte. Sein Inneres barg den Schall des Weltuntergangsmeeres. Er blies; Götterhäupter erbebten, und die Richtungen schienen auseinanderzufallen. (14) Das Affenheer floh vor dem Muschelschall wie Tiere vor dem Löwen, spurlos auseinanderstiebend. Indrajit ließ seinen Bogen, gleich Shivas Bergbogen, dröhnen und brüllte dazu. (15) Ohren schienen zerrissen, Herzen gespalten; Füße kehrten um, statt vorzugehen. Bäume und Berge fielen aus den Händen. Zitternd, mit trockenem Mund und gesträubtem Haar riefen alle: »Sind wir nicht schon tot?« (16) Nur der Sonnensohn, der Sohn des Windes, Angada, Rama, sein jüngerer Bruder, Vibhishana mit der strahlenden Krone und einige Helden hielten stand. Die Affenmassen flohen.
(17) Die großen Heerführer blieben, während ihre Heeresmeere wie durch einen Dammbruch davonflossen. Donnernd wie das Meer am Weltende erhob sich das Dämonenheer, füllte alle Richtungen und schloss sie ein. (18) Rama bestieg Hanumans diamantfeste, juwelen- und blumengeschmückte Schultern; Lakshmana die gipfelgleichen Schultern von Valis Sohn. Die Götter priesen sie mit unablässigem duftendem Blumenregen. (19) Auf Hanuman und Angada, die schon mit ihrem Schritt den Meru umwerfen konnten, erschienen die beiden Bogenträger wie die höchsten Götter auf Stier und Garuda. (20) Nila und die übrigen Heerführer standen mit Palmen und Bergen zum Angriff bereit. Doch der Sohn des Königs, der Erde und Himmel beschützt hatte, bedachte den kommenden Kampf und hielt sie zurück.
(21) »Sendet der Grausame göttliche Waffen gegen euch, könnt ihr sie weder hemmen noch ertragen. Überlasst uns den Kampf und bleibt hinten. Seht heute unserer Bogenkunst zu, solange dieses Heer besteht!« (22) Sie gehorchten. Die beiden Helden überschütteten Wagen, Pferde, berghafte Elefanten und weltendfinstere Dämonen mit donnergleichen Pfeilen. Selbst die nie blinzelnden Götter meinten, einer Täuschung zu erliegen. (23) Wie soll man die Bogenkunst schildern, die das ganze Dämonenmeer vor einem Augenzwinkern vernichtete? Alles fiel zugleich, wie die drei Städte vor dem Merubogen des Gottes, dessen Hälfte Uma ist. (24) Indrajit, der Held unter Helden, sah von seinem Wagen aus zu. Nur am Boden ließ sich erkennen, wer und was gefallen war; im Kampf selbst war das Töten der beiden nicht wahrzunehmen.
(25) »Sind die Elefanten gefallen? Die Wagen zerbrochen? Alle prächtigen Pferde gestürzt? Ist kein bewaffneter Dämon mehr übrig?« Verwirrt fragte er so, denn himmelhohe Leichenhaufen verdeckten ihm alles. (26) »Zwei kämpfen, doch sechzig Flutmaße werden vernichtet! Sie sprechen nicht bloß: ›Sterbt!‹, und scheinen doch nicht gewöhnlich zu schießen. Was ist das für ein Zauber?« (27) Er betrachtete Pfeilregen, Blutströme und die bis zum Himmel aufgetürmten Leichenberge; Perlenhaufen aus zerbrochenen Stoßzähnen, erschlagene Elefanten und die schönen Schultern der Helden. (28) Er sah Berge und himmelhohe Haufen grimmiger Köpfe, die Pfeile der Helden und Waffen, die funkensprühend wie in einer Esse zerfielen. Er sah ihre Bogen und hörte den Donner der gespannten Sehnen.
(29) Staunend beobachtete er Pfeile, die tausend Wagen, Elefanten, Pferde, Köpfe und Diskuswaffen durchschnitten und noch weiterflogen. Die Zahl und Ausbreitung der Geschosse war unermesslich. (30) Er begriff, dass keine der geworfenen, geschossenen oder geschleuderten Waffen der sechzig Heeresfluten durchdrang. Alles wurde zu Asche wie ein verbrannter Wald. (31) Frauen schlugen sich den Leib, eilten herbei und sanken über ihren Männern zusammen wie zur Erde gefallene Kuckucke. Kopflose Leiber und zähnefletschende Köpfe lagen so dicht, dass kein Vogel landen konnte. (32) »Unzählige Angadas sind hier! Für alle Hanumans reichen die Welten nicht mehr aus! Können das überall wirklich nur zwei Menschen sein?« Die Gewalt der löwengleichen Helden blieb ihm unbegreiflich.
(33) Er sah die jubelnden Götter, ihre geworfenen Blumen, seine zuckende linke Schulter, Leichen in allen Richtungen und Elefantenkörper, die der Blutstrom fortzog. (34) Obwohl das übrige Heer vernichtet war und nur tausendmal zehn Millionen Wagen mit ihren Dämonen blieben, kehrten die geflohenen Affen nicht zurück. Ihre Furcht vor dem Bösen auf dem goldenen Wagen hielt an. (35) Sechzig Heeresfluten lagen am Boden; nur jene Wagenmenge blieb. Hanuman betrachtete die unbeirrbaren Helden, ihre Schultern und ihre Kampfkunst, schlug die eigenen gewaltigen Schultern und brüllte. (36) Bei diesem Donnerschall stürzten manche von den Wagen, andere warfen die Waffen weg und wollten fliehen. Selbst Menschen hinter den goldenen Mauern der Stadt spien Blut und gaben das Leben auf.
(37) »Fürchtet ihr euch, geht! Wer vor einem Ruf vergeht, was will der im Kampf? Ihr seid wohl schon mit den Gefallenen gestorben!« Zornig blickte der Wolkenschwarze sie an und zog allein gegen beide. (38) Sogleich stürmten die tausendmal zehn Millionen Wagen brüllend vor. Ihre Räder schienen die Erde aufzureißen; die Richtungselefanten schüttelten die Köpfe, Sterne fielen, Götter erschraken. (39) Lakshmana verneigte sich vor dem Helden mit dem Bogen in der roten Hand: »Die Welt sagt von mir: ›Er vermochte nicht zu kämpfen; von Schlangen gefesselt verlor er die Schlacht.‹ (40) ›Er konnte weder die lieben Freunde schützen noch eines Einzelnen trügerische Fessel lösen, weder Sieg erringen noch sein eigenes Leben aufgeben.‹ So lautet mein Ruf.
(41) Trennt mein Pfeil dem Indrafeind nicht den Kopf vom Leib, will ich Beute des grausamen Todes und der Geringste aller Männer heißen. Mögest du leben! (42) Wenn ich vor deinen Augen dem Ehrlosen den Kopf abschieße, du mit goldenen Schultern und Heldenringen, dann erst hat mein Dienst seinen Sinn erfüllt. (43) Vor allen Welten soll mein tödlicher Pfeil seinen Kopf abtrennen. Geschieht es nicht, so erkläre ich endgültig: Die Frucht all meiner Mühe in deinem Dienst soll mir verloren sein!« (44) Bei diesem Schwur jubelten die Götter: »Unser Leid ist vorbei!« Alle grenzenlosen Welten jubelten, der gute Dharma jubelte, und selbst Yama jubelte.
(45) Der Lotusäugige lächelte: »Weiser, wenn du fest entschlossen bist zu töten, wären selbst die Herren der Auflösung und Erhaltung hilflos. Welcher andere Ausgang wäre da möglich?« (46) Lakshmana verneigte sich zu seinen Füßen. »Ich vernichte die Dämonenmassen mit den umstehenden Wagen. Sieh es dir an!« Freudigen Herzens brach er unverzüglich auf. (47) Angada brüllte wie ein Donnerkeil; die Wolken erbebten. Das Muschelhorn des Herrn der Glücksgöttin erklang, sodass Indrajits Wagenlöwen zitterten und das Meer schwankte. (48) Dämonen schleuderten Keulen, Äxte, Diskusse, Spieße, Wurfkolben, schwere Stäbe, Speere, Musundi, Dreizacke, scharfe Lanzen, Kappanam, Schleudersteine und weitere Geschosse: doppelt so dicht wie ein fallender Bergregen.
(49) Wie sämtliche Sterne zugleich vom Himmel zu fallen schienen, verdeckten sie Himmel und Erde. Doch die glühenden Pfeile des liebesgottgleichen Lakshmana zerbrachen sie alle und warfen sie nieder. (50) Eine Salve zerbrach tausend Wagenachsen; Pferde fielen, Lenker starben, Herrscherköpfe wurden abgetrennt. Feuer und Rauch stiegen auf, als verbrenne die Welt. (51) Wagengestelle, Räder und Achsen brachen, lange Bogen, Panzer und Brüste wurden zerschnitten; Banner, Schirme, Heldenkronen und Trommeln zerfielen. Selbst Wolken wurden zerstreut. (52) »Das ist ein Körperteil, dies ein Wagen oder Pferd, jener ein König, dieser ein Soldat« – nichts ließ sich mehr unterscheiden. Alles lag zerfetzt und durcheinander verstreut.
(53) Die abgeschossenen Köpfe der Söhne fielen auf die Wagen ihrer Väter; die festen Häupter der Väter auf die Wagen ihrer geliebten Söhne. Mit den Pfeilen flogen sie durch die Luft. (54) Arme der blumenbekränzten Krieger, manche noch mit dem aus dem Köcher gezogenen Pfeil, andere samt Bogen abgetrennt, glänzten im roten Blut wie Fische mit ihren Flossen im Meer. (55) Von den grausamen Pfeilen gefällt, sanken Banner, Schirme und anderes auf das grenzenlose Leichenfeld. Sie glichen unzähligen Vögeln, die dort landeten und sich drängten. (56) Elefantengeschirre, Pfeile, Wagen, mächtige Bogen, Waffen und Banner dienten als Brennstoff; das Augenfeuer der Toten leuchtete darin. Begierig verschlangen Geister die so gebratenen Leichen.
(57) Manche Wagen zerstreuten sich mit zerbrochenen Rädern, andere kippten nach durchtrennten Verbindungen; manche lagen wegen erschlagener Pferde am Boden. Wieder andere fuhren führerlos weiter, nachdem Schütze und Lenker gefallen waren. (58) Dicht gedrängte Wagen mit funkelnden Edelsteinen versanken im Blut und sandten rote Strahlen aus. Sie glichen Lankas Palästen, als sie im Feuer badeten und ihre grausamen Bewohner verzweifelten. (59) Nun trieb auch Rama Hanuman an und ließ einen Wolkenbruch scharfspitziger Pfeile fallen. Die Wagen stürzten wie Himmelsfahrzeuge; zuletzt blieb Ravanas Sohn allein mit seinem Wagen. (60) Das Meer der mit Pferden und anderen Tieren bespannten Wagen war samt den berggleichen Dämonen untergegangen. Ravanas Sohn blickte zornig auf die beiden Bogenträger und sprach ohne Ausflucht:
(61) »Kämpft ihr beide gegen mich, oder kommt einer allein, sein Leben hinzugeben? Wollt ihr mitsamt eurem Heer im Kampf sterben? Nennt euren Wunsch; heute werde ich ihn erfüllen!« (62) Lakshmana antwortete: »Mit Schwert, starkem Bogen, im Ringkampf oder mit jeder anderen Kriegerwaffe habe ich geschworen, im Kampf mein Ziel zu erreichen und dir das Leben zu nehmen. Das ist wahr!« (63) »Deinen älteren Bruder lasse ich entgegen der Geburtsfolge nach dir sterben; dich, den später Geborenen, töte ich zuerst. Vollbringe ich das nicht, was nützt Ravana dann meine Geburt?« (64) »Deinem Namen Lakshmana entsprechend mache ich dich zum Ziel meiner schrecklichen Pfeile. Selbst wenn Shiva dazwischenträte, würde ich seine Macht hemmen. Dein Bruder wird es mit eigenen Augen sehen!
(65) Ihr beiden Bogenschützen habt sechzig Dämonenfluten vernichtet. Nun sollt ihr trauernd zusehen, wie ich mit einem einzigen Bogen eure siebzig Flutmaße auslösche und die Erde in diesem Augenblick leere. (66) Ich bin nicht Kumbhakarna, der Bruder, den eure Pfeile verstümmelten. Ich bin Ravanas Sohn und stehe allein! Mit dem Blut eurer Wunden vollziehe ich die Totenpflicht für meine Brüder und meinen Onkel!« (67) Lakshmana erwiderte: »Vibhishana ist gekommen, um für euch alle, die ihr Dämonen heißt, die letzte Pflicht zu erfüllen. Dein Vater wird trauernd für dich tun, was eigentlich du für ihn tun solltest.« (68) Das Herz des scharfzahnigen Dämonen entbrannte. Er schoss doppelt und dreifach dichter als Starkregen: leuchtende Pfeile, die das Milchmeer hätten austrinken können, verbargen Himmel, Erde und alle Richtungen.
(69) Tausend trafen Angada, doppelt so viele den grimmen Hanuman; unzählige weitere die anderen löwengleichen Helden. Ravanas Sohn erfüllte alles mit schrecklichen Geschossen. (70) Auf Lakshmana, Rama und die kampfstarken Affen schoss er verwundende Pfeile. Eine ganze Zeitspanne lang blieb sein Bogen zur runden Sichel gespannt. (71) Nach Westen, vorn und zu beiden Seiten spien seine Pfeile wie die Strahlen der Mittagssonne. Beim Anblick dieser Gewalt bedeckten die Götter vor Angst die Augen und duckten sich. (72) Was bereits den Leib getroffen hatte, blieb getroffen; alles andere wehrte Lakshmana ab. Jeder göttlichen Waffe setzte er eine entsprechende entgegen. Wie Lügen eines Unwissenden vertrieb er sie und rückte rasch vor.
(73) Rama blieb dicht hinter seinem Bruder, schoss aber nicht: »Das wäre nicht recht.« Keiner der beiden Kämpfer fand beim anderen eine Blöße. Dicht am Himmel brannten die Pfeile wie Feuerholz. (74) Ringsum flammten ihre Geschosse. Wälder brannten, schwere Berge brannten, goldene Häuser, Meere und das Innere der Wolken brannten; wie beim Weltuntergang stand alles in Feuer. (75) Lakshmana, Bruder dessen, der das Schlangenlager verlassen hatte, wehrte die giftflutgleichen Pfeile ab. Die tausend Löwen, die den Wagen des starken Dämonen zogen, lieferte er dem Rachen des Todes aus. (76) Ohne Ersatzwagen stand Indrajit auf dem zerstörten Gefährt wie die Sonne nach Verlust ihres Wohnorts. Er schoss brennende Pfeile, als wollte er den Namen ›Affe‹ von der Erde tilgen.
(77) Vom zerbrochenen Wagen sandte er unzählige durchbohrende Pfeile auf Angadas geschmückte Schultern und Lakshmanas Arme. Dann blies er sein unvergleichliches Kriegshorn; die ganze Welt erbebte. (78) Lakshmana schoss zehn furchtbare, donnergleiche Pfeile. Sie lösten Indrajits Armringe und Panzer aus ihren Verbindungen. Dann ließ der löwengleiche Held seine Bogensehne dröhnen. (79) Dem wolkenfarbenen Rama füllten sich die Lotusaugen mit Tränen; ein mondsichelweißes Lächeln erschien. Mit dem Mund, der einst das All verschlang, gebot er: »Jubelt!« Ihr Ruf schien das Weltall zu sprengen. (80) Im Augenblick verschwand Indrajit im Himmel. Lakshmana sah seinen Leib nicht mehr: »Entkommt er, vernichtet er unser Heer. Es gibt keinen anderen Plan: Ich sende Brahmas Waffe!«
(81) Rama antwortete: »Du, der den Dharma nicht verlässt: Die Waffe des Schöpfers würde alle drei Welten verbrennen. Wegen eines Einzelnen darf das nicht geschehen.« Der einsichtige Bruder verzichtete. (82) Der unsichtbare Betrüger erkannte ihren Entschluss und beschloss, selbst die göttliche Waffe zu verwenden. »Jetzt muss ich mich entfernen«, dachte er und ging. Die Götter klatschten und lachten. (83) Mit roten Pfeilen und rotem Blutregen verschwand er am Himmel wie eine abziehende Regenwolke. »Er fürchtet sich und ist geflohen!« So jubelten die zornig triumphierenden Affen. (84) Das geflohene Affenheer strömte wie Wasser ins Meer zurück, lärmte, tanzte und rückte vor. Unsichtbar für alle gelangte der Besiegte nach Lanka, das wie ein aufgewühltes Meer in Unruhe war.
(85) »Ehe sie Brahmas Waffe gegen mich richten, komme ich ihnen zuvor!« Zu diesem Zweck wollte er das vorgeschriebene vedische Opfer vollziehen. Die breitschultrigen Brüder erkannten seine Absicht nicht und dachten nicht mehr an ihn. (86) Sie stiegen von Hanuman und Angada herab, legten Bogen, Köcher, Panzer und Armschutz ab und setzten sich. Die Götter ließen kühle Blumen regnen und verbreiteten jubelnden Segensruf. (87) Der Jubel des Heeres erschütterte den Himmel. Die Sonne eilte mit ihrem Wagen fort und sank, als sagte sie: »Dass er Brahmas Waffe gegen den Reinen richtet, will ich nicht sehen. Ich gehe vorher unter!« (88) Rama sagte: »Unser starkes Heer hat Tag und Nacht lange gekämpft und ist erschöpft. Das Essen verspätet sich. Vibhishana, eile hin und bringe Nahrung!«
(89) »Ich erledige es unverzüglich«, antwortete der goldgekrönte Vibhishana, verneigte sich und brach mit seinen Gefährten auf. In kürzester Zeit überquerte er das Meer. Unterdessen sprach Rama zu seinem Bruder: (90) »Den großen göttlichen Waffen schulden wir die geordnete, wahrhaftige Verehrung; so lautet die Vorschrift. Beschütze das Heer, bis ich diese Pflicht erfüllt habe und zurückkehre!« Dann verließ er das Schlachtfeld. (91) Indrajit berichtete seinem Vater alles, auch dass sie Brahmas Waffe gegen ihn hatten einsetzen wollen. Ravana erschrak: »Mein Lieber, sage, was wir jetzt tun sollen!« (92) »Weise sagen: Beschließt einer, dich zu töten, und vermag er es, so komme ihm zuvor. Am besten sende ich Brahmas siegreiche Waffe verborgen, ohne dass die Krieger es bemerken. So verlangt es die Lage.
(93) Wissen sie, dass ich sie abschieße, halten sie sie mit derselben Waffe auf. Sehen sie mich, können diese Asketen mich töten. Ein anderes Mittel bleibt nicht: Ich vollziehe das Opfer und beende ihr Leben im Augenblick. (94) Sende unaufhörlich dichte Kampftruppen gegen sie, damit sie mich vergessen und weiterkämpfen. Dann vollbringe ich das Übrige.« Darauf wandte sich der König an den vor ihm stehenden Mahodara: (95) »Held, ziehe rasch mit hundert Flutmaßen unseres grimmen Heeres, mit Akampana und unzähligen weiteren Dämonen, die scharfe Waffen führen. Nähere dich den Menschen und entfessele verheerenden Kampf! (96) Setze jede Zauberkunst ein, die du beherrschst, und breite dichte, unheilvolle Finsternis aus. Du allein könntest die drei Welten umwälzen. Ziehe hin, trinke das Leben der Zornigen und hilf uns!«
(97) Der scharfzahnige Dämon hatte nur auf den Befehl gewartet und richtete sich freudig auf. Er bestieg den Wagen; Dämonen umdrängten ihn wie Elefanten einen Berg. (98) Abermillionen, Hunderttausende und Tausende Kampfelefanten standen Reihe um Reihe. Zahllose Wagen trafen ein; die unversehrten, springenden Pferde überstiegen jede Zahl. (99) Waffen, große Edelsteine und mondsichelweiße Hauer in offenen Mäulern strahlten Sonne und Mondlicht zugleich aus. Wie Stierherden drängte sich die Dämoneninfanterie. (100) Bannergruppen stiegen flammengleich hoch und verscheuchten donnernde Regenwolken. Unter jedem Tritt wirbelten Staubmassen auf; sie verhüllten selbst die Augen des Weltenschöpfers.
(101) Brunstströme fielen wie Wasserfälle von Elefantenbergen, vermischten sich mit Pferdeschaum und wurden zu gewaltigen Flüssen. Sie rissen Bäume und Felsen mit und stürzten unaufhaltsam ins Meer. (102) Sterne und Blitze schienen Funken zu sein, die von den festen Waffen der zähnefletschenden Dämonen aufstoben, während sie diese zornig in den Händen schwangen. (103) Als Lanka Ravanas hundert Heeresfluten durch seine Tore ausspie, glich es dem tamilischen Weisen Agastya, der das zuvor ausgetrunkene Meer wieder hervorgibt. (104) Muscheln, Trommeln, Becken, Hörner, Löwenrufe der Anführer, Bogensehnen, Elefanten, Pferde und goldene Wagen vereinten ihren gewaltigen Schall. Wie Vishnu verschlang er die Welt.
(105) Die Vorhut sammelte sich am Rand des Schlachtfelds. Das große Affenheer drängte sich ihr entgegen, brüllte, drohte und jubelte, während es den mächtigen Pfeilregen der Feinde abwehrte. (106) Millionen über Millionen Berge schleuderten die siegreichen Affen in jede Richtung. Jeweils vier oder fünf Dämonen starben darunter; Kampfelefanten, springende Pferde und goldene Wagen stürzten vernichtet hin. (107) Äxte, Dreizacke, Ringe, Pflugwaffen, Schwerter, Keulen, Spieße, Haken, siebenspitzige Stäbe, Speere und Pfeile trafen. Ganze Affengruppen fielen und wälzten sich am Boden. (108) Schwere Hämmer, Mörserkeulen, Musundi, Spitzen, Diskusse, Schleudergeschosse, Stäbe, Kappanam, Ringe und geschleuderte Steine zermalmten Berge und warfen Affen nieder.
(109) Salve auf Salve trafen die glänzenden Waffen. Leichenberge stürzten zusammen, große Blutströme flossen nach allen Richtungen. Weder Affen noch Dämonen konnten weiter vorrücken. (110) Die im Kampf als Affen Erschienenen waren Götter; nach ihrem Tod wandelten sie wieder mit den Himmlischen. Liebessehnsüchtige Apsaras umarmten sie innig, und ihr Trennungsschmerz endete. (111) Selbst die Dämonen, deren Beruf Täuschung, Verrat und Diebstahl war und die Mitgefühl und Dharma nicht kannten, wurden zu großen Göttern. Gibt es etwas Reineres als die Pfeile des Makellosen? (112) Lakshmana bereitete mit Mantras die große Todeswaffe. Nach allen Seiten gewandt schoss er und sandte so viele mondzahnige Dämonen, Elefanten und Wagen empor, dass im Himmel kein Platz mehr blieb.
(113) Hanuman hob die funkelnde, juwelenbesetzte Keule auf, die Kumbhakarna zurückgelassen hatte. Wie ein Diamantberg strahlte sie Feuer aus; einst hatte sie Götter vertrieben, und ihr Gewicht bog die Erde. (114) »Weder Wind noch Feuer ist so!« Die Götter konnten seiner Schnelligkeit nicht folgen. Als leibhaftiger Zorn, wie der Tod auf dem Schlachtfeld, stand Hanuman kämpfend und tötete. (115) Über Elefantenberge, schnelle Pferde, Wagen, Kriegerleiber und Köpfe bewegte sich der Gelehrte. »Ist er der Rotäugige, den die Veden als den einen Allgegenwärtigen verkünden?« So erschien er. (116) Er zerriss Angreifer und Begegnende, blickte Feuer und zerstampfte das Feld zu Brei. Die Götter sahen seine wachsende Gestalt und zweifelten: »Ist dies der Zorn des Herrn, der die drei Welten ausmaß?«
(117) Er spaltete Elefantenstirnen; Perlen bedeckten seinen himmelhohen Leib. Er glich dem goldenen, sonnenumstrahlten Berg, an dem beim Weltuntergang vom Sturm herangetriebene Sterne haften. (118) Sein Schritt schien Erde und Himmel zu zerschlagen. Mit der goldenen Keule zermahlte er das Heeresmeer: Elefanten, Wagen und Pferde wurden zu Brei. Er trank Leben, brüllte auf und tilgte Feindschaft. (119) In einer kurzen Zeitspanne zermahlte er hunderttausend Elefanten zu blutigem Schlamm. Tausend löwengleiche Helden stieß er um; unaufhaltsam mordend wanderte er wie ein Elefant der Himmelsrichtungen. (120) Auf Wagen, Pferden, Stieren, grimmen Wolkenwesen und Bergen kamen ruhmreiche, kampferfahrene Krieger heran und umringten ihn. Hanuman wirbelte die Keule, zermalmte die Gegner und sandte sie zum Himmel.
(121) Sugriva, Nila, Angada, Kumuda, Jambavan und der starke Panasa drangen zornerfüllt an verschiedenen Stellen ins siegreiche Schlachtfeld ein. Im hohen Heeresmeer konnten sie einander nicht mehr sehen. (122) Wie Narasimha, der die Dämonenfluten schöpfend zerstreut und mit Krallen tötet, durchschritt Hanuman das Heeresmeer. Mit seiner dämonenzermahlenden Keule traf er auf den kampferfahrenen Akampana. (123) Tausend berggroße Esel zogen dessen gedankenschnellen Wagen. Dieser Bogenträger war vormals der mordende Danava Taraka gewesen, den Shivas Sohn im Kampf getötet hatte; später nahm er Dämonengestalt an. (124) »Außer Indra, dem Herrn des Diskus und dem Verbrenner der drei Städte – wer könnte gegen diesen Affen kämpfen? Selbst dass der Tod Leben verschlingt, wird von ihm übertroffen!
(125) Halte ich ihn nicht auf, was wird aus dieser meerumgürteten Welt? Der Himmel hält ihn nicht; selbst den Namen ›Dämon‹ wird er tilgen.« Mit fleischzerschneidendem Pfeilregen rückte er vor. Hanuman eilte entgegen. (126) Wagen, Elefanten, Pferde und Dämonen drängten dicht heran, als nahten Wolken, Feuer und Sturm des Weltendes. Der diamantenschultrige Hanuman schwang die furchterregende Keule. (127) Alle geschleuderten, geschossenen und fallenden Waffen zerbrachen unter der kreisenden Diamantkeule. Die Götter sprangen vor Freude. Nie hatte er diese Kunst gelernt; an diesem Tag erlernte er das Töten mit der Keule. (128) Vor Akampanas Augen zermahlte er hundert Millionen Elefanten, dazu gezäumte Pferde, spitzbezahnte Dämonen und schwere Wagen. Er beendete das Gemetzel, fest wie Meru im Sturm des Weltuntergangs.
(129) Akampana betrachtete das Totenfeld, biss auf die Lippen, und Weltendfunken sprühten aus seinen Augen. Er trieb den beflaggten Wagen vor und schoss dreifachen Feuerregen; wolkengleich brüllend stieß er wie ein Berg heran. (130) Sein Pfeilregen traf Hanumans Brust und Schultern. Die donnergleichen Geschosse sprühten Funken, waren mit prächtigen Geierfedern geschmückt und an den scharfen Kanten vergoldet; schon Götterbrüste hatten sie zerschnitten. (131) Blut strömte aus Brust- und Schulterwunden. Noch ehe sich der schwankende Hanuman ganz gefasst hatte, zerschmetterte er mit der Keule Eselgespann und Achse und warf den Wagenlenker zu Boden. (132) »Mit dem Bogen ist er schwer zu bezwingen«, erkannte der nachtschwarze, meereslaut brüllende Dämon. Mit seinen starken Ringerarmen ergriff er eine grausame Keule, die der himmlische Handwerker geschmiedet hatte.
(133) »Heute schicke ich ihn zum Himmel, mache Lankas König zum Sieger, die Menschen hilflos und die Götter dauerhaft unglücklich!« So kam der Dämon. »Willkommen!«, sagte Hanuman und trat ihm entgegen. (134) Sie schlugen, kreisten rechts und links, hoben die Waffen und brüllten. Sie näherten sich, schwangen von unten und oben, parierten Schlag um Schlag, rückten vor, bedrängten sich und wichen zurück. (135) Sie prallten aufeinander, umklammerten sich, sprangen hoch und kamen zur Erde. Sie schlugen oben und unten, banden und deckten die Waffen. Keiner fand eine Blöße; sie kreisten und standen wieder wie am Anfang. (136) Hanuman, dessen Wesen der Lüge feind war, stieß gegen die diamantfeste Brust des tintenschwarzen Gegners. Dieser wehrte mit seiner Keule ab; doch Keule und Hand wurden abgetrennt und fielen aufs Schlachtfeld.
(137) Der Dämon schwankte wie das Meer. Dann hob er die starke Linke und schlug Hanuman auf die girlandengeschmückte Brust. Es krachte wie ein Donnerkeil auf einen Diamantberg. (138) Obwohl Hanuman die Donnerkeule hielt, setzte er sie nicht ein: »Er ist unbewaffnet; das wäre falsch.« Mit zusammengebissenen Lippen schlug er links auf die Brust. Der Dämon spie eine Blutflut aus. (139) Nochmals traf dieselbe Hand sein Ohr; er fiel, und sein Leben ging zu den Himmlischen. Die Dämonenmassen flohen in alle Richtungen wie Waldtiere vor einem Löwen. (140) Akampana war tot, Dämonenheere lagen am Boden, Affenhelden kehrten zurück. Elefanten fielen, beflaggte Wagen und Zugpferde wurden von den tödlichen Pfeilen Lakshmanas zerstückelt.
(141) Hanuman hörte weder den Jubel noch Lakshmanas Sehne, deren Donner den Blitz übertraf. Er wusste nicht, welcher Held in Not war, und niemand berichtete ihm. Angst bedrängte den kampfbergschultrigen Helden. (142) Im ausgesandten Dämonenmeer war Angada sieben Yojana südwärts vorgedrungen. Der Affenkönig war doppelt so weit gelangt; Lakshmana wiederum noch um ein Vielfaches weiter. (143) Andere hatten sich vier oder fünf Yojana weit vorgekämpft. Hanuman kam in Lakshmanas Nähe, noch zwei oder drei Wegmaße entfernt; doch dazwischen drängte sich das Heer wie dichter Wasserbewuchs. (144) »Ich muss schnell zu Lakshmana gelangen!« Von Sorge getrieben eilte er wie der Sturm des Weltendes. Dann sah er verschiedene Kampfspuren, die seine schwer zu bannende Angst lösten.
(145) Er sah einen großen Blutstrom, der Stoßzähne, Pfauenfedern, Ketten, Edelsteine, Gold und Perlen mitführte. Waffen blitzten darin wie Fische; weiße Schirme glichen Schaum. (146) Pfeile, die die Dämonen ringsum getroffen hatten, stiegen samt abgetrennten Köpfen zum Himmel. Dann fielen sie dröhnend über alle Welten wie reiner Steinhagel am Ende der Zeit. (147) Von Lakshmanas himmlischem Pfeilregen zerbrochene Dämonenwaffen sprühten Funken nach allen Seiten. Sie fielen wie Sterne durch die Dunkelheit und brannten wie Feuer, das einen Wald erfasst. (148) Die Pfeile des gnädigen Helden füllten den Himmel und kreisten leuchtend vor den Göttern. Sie glichen Shivas gekräuselten Haarsträhnen, wenn der Achtarmige nachts auf dem Leichenplatz tanzt.
(149) Er sah einen Wald kopfloser Leiber, aus denen Blutfontänen wie buttergenährte Flammen stiegen. Es schien, als trüge die Zeit bei Einbruch der Nacht ihrem König Lakshmana Handlampen entgegen. (150) Unzählige Wagen, Elefanten und Pferde hatten ihre Lenker verloren. Taumelnd irrten sie umher wie die Untertanen eines Königs, der seine Pflichten nicht erfüllt und ihnen keine Ordnung gibt. (151) Der girlandengeschmückte Held schoss dreimal dichter als Regen. Hanuman sah die Körper der Gefallenen, Blutwasser und glänzende Waffen; Meere, große Wälder und wolkenberührte Berge waren davon erfüllt. (152) Wie der wirbelnde Weltendsturm durchquerte er das Blutmeer. Da hörte er den Sehnendonner, als risse das Weltall entzwei. Er brüllte doppelt so laut wie das Meer bei der Auflösung.
(153) »Hanuman ist nahe; nun höre ich von allen!« Lakshmana freute sich beim Klang. Noch ehe er hinsah, trat Hanuman vor ihn und verneigte sich. Der junge Geliebte der Siegesgöttin umarmte ihn. (154) »Wo sind die Affenhelden? Wie wurdest du vom Sonnensohn getrennt? Wo blieb Angada? In diesem dunklen Heeresmeer weiß ich nichts vom Geschehen. Berichte!« Hanuman hob die gefalteten Hände über den Kopf. (155) Der Held, der Meer und Feindesmeer übersprungen hatte, antwortete: »Ich weiß nur, in welche Richtung sie gingen, nicht, was ihnen im Kampf widerfuhr. Erst wenn sie zusammenkommen, werden wir es erfahren. (156) Herr, es gibt einen Rat; prüfe ihn und handle, wenn er dir angemessen scheint. Wenn du dieses feindliche Heer nicht mit göttlichen Waffen beseitigst, kann keiner deiner Diener zu dir gelangen.«
(157) »So will ich es tun«, sagte Lakshmana. Er verehrte und pries den Herrn mit tausend Namen, wählte Pfeile und legte die Waffe dessen auf, dessen Bogen der goldene Berg war. Dann schoss er auf die Dämonen. (158) Die Waffe des Dreiäugigen drang wie Weltuntergangsfeuer in einen Bambuswald. Kein einziger Gegner entkam; das Heer verbrannte und fiel. Die Dunkelheit wich in allen Richtungen, und die Götter wurden ihrer Verwirrung ledig. (159) Mahodara erkannte den Einsatz der göttlichen Waffe. Als seine große Täuschung verschwand, zog er sich verborgen zurück. Alle getrennten Gefährten kamen wolkensprengend jubelnd zu Lakshmana und tanzten. (160) Als er jeden unversehrt sah, wuchs Lakshmanas Freude und jeder Zweifel schwand. Lärmend vereinte und umarmte sich das Affenheer; Götter streuten Blumen. Die Boten eilten fort.
(161) Sie berichteten dem König Lankas. »Ihr irrt wohl! Kann ein Bogen hundert Heeresfluten samt Elefanten vernichten?« – »Mit der Waffe des Konrai-bekränzten Shiva.« – »Dann ist es möglich«, antwortete er. (162) »Berichtet es meinem blumenbekränzten Sohn!« Die Kundschafter eilten hin. Indrajit erschrak: »Wo ist Hanuman? Wo sind die anderen und Vibhishana? Sagt es schnell!« (163) »Rama kam nicht; er ist auf einem anderen Berg. Dein Onkel ging wegen der verspäteten Nahrung fort, das Versäumnis zu beheben.« – »Wo ist Mahodara?« – »Im Himmel.« – »Vortrefflich«, sagte Indrajit. (164) »Jetzt ist die Zeit!«, dachte Ravanas geliebter Sohn und eilte zu einem großen Banyanbaum. Dämonenpriester, die rechte Grenzen verlassen hatten, brachten geordnet die benötigten Opfergeräte.
(165) Er verwendete Pfeile als Opferholz, streute Tumbai-Blüten und schwarzen Sesam ins Feuer. Hörner, Zähne, dunkles Ziegenblut und glühend heißes Fleisch legte er der Reihe nach hinein und opferte mit Öl. (166) Das Feuer wirbelte rechtsherum auf, duftete und gab günstige Zeichen. Der grausame Spross nahm die Waffe vorschriftsgemäß entgegen. »Sieg wird auf Erden aufgehen!« Damit stieg er zum Himmel. (167) Durch seine große Zaubermacht verbarg er sich so hoch, dass weder Augen noch Gedanken der Götter hinreichten. Selbst Weise bemerkten ihn nicht; mit der feinen, langen Opferkelle hatte sich auch der Tod genähert. (168) Mahodara erkannte, dass er bereitstand, und ersann eine List: Er nahm Indras Gestalt an, erschien auf Airavatas Rücken und zog mit scheinbaren Göttern zum Kampf.
(169) Er stellte es so dar, als seien alle Lebensformen der Welt außer Dämonen, Menschen und Affen gemeinsam zum Kampf gekommen. Das große Affenheer geriet in Furcht und wich verwirrt auseinander. (170) »Auf dem milchweißen Berg mit vier Stoßzähnen sitzt der mächtige Indra! Die anderen sind Götter, erhabene Wesen und meditative Weise. Warum kommen die Götter zornig zum Kampf gegen uns?« (171) Lakshmana blickte in Hanumans Gesicht: »Welche Schuld haben wir auf uns geladen, dass Weise und Götter erzürnt gegen uns kommen? Überlege und sage es!« So fragte der Bruder des Lotusäugigen, der Diskus gegen Bogen getauscht hatte. (172) In diesem Augenblick schoss Indrajit Brahmas uralte Waffe auf Lakshmana. Ehe ein Auge blinzelte, drangen unwiderstehliche Feuerpfeile in ihn wie Vogelschwärme, die einen Goldberg bedecken.
(173) Abermillionen und Hunderttausende strahlender Geschosse umhüllten und durchbohrten seinen Leib. Er wusste kein Gegenmittel; sein Bewusstsein zog sich zurück. Wie ein Kampfelefant am Ende seiner Kraft schwankte er. (174) »Ist es wirklich Indra? Warum tut er das? Ich schleudere ihn mitsamt dem Elefanten fort!« Hanuman sprang auf. Doch tausendmal zehn Millionen Pfeile trafen ihn; Gedanken und Handeln versagten, und er sank zu Boden. (175) Das Blut des großen Sonnensohns floss wie ein Wald roter Blüten auf einem Goldberg. Über und über von grausamen Pfeilen getroffen, fiel er mit kupferglühenden Augen zur Erde. (176) Zehntausend scharfe Pfeile trafen Angada; wie ein vom Blitz geschlagener Löwe stürzte er hin. Auch der weithin berühmte Jambavan fiel, als Pfeile seine hohe Brust und Schultern durchbohrten.
(177) Tausend scharfe Pfeile drangen in Nila, und er sah das Gesicht des Todes. Idabha ging zum Himmel; Panasa sank unter giftgleichen Geschossen hin, Kumuda unter dem Tod in Pfeilgestalt. (178) Nala, der das Meer überbrückt hatte, fiel unter tausend Pfeilen. Mainda und Dvivida, an Kraft Vali gleich, starben; der todesgewaltige Gavaya sah den Himmel, und Kesari fiel unter einem Pfeilkranz zur Erde. (179) Shatabali mit vindhyagroßen Schultern, Sushena, Vinata, Gandhamadana, Idumban und der starke Dadhimukha wurden von Millionen Geschossen durchbohrt. Ihr klares Bewusstsein erlosch, und sie sanken zur Erde. (180) Alle übrigen Helden wurden vom scharfen Pfeilregen völlig vernichtet. Die donnernde Blutflut rang mit den hohen Wellen des Meeres; ein einziger langer Pfeil warf jeweils tausend Affen um.
(181) Brahmas große Waffe hielt sie fest. Kein Versteck, keine Zuflucht blieb. Die donnernd niedergehenden Pfeile nagelten sie gleichsam fest an die Erde; so endeten die Affen. (182) Sie lagen da, während Himmelsfrauen ihre Lotusaugen weit aufrissen und vor Schmerz schwankten. Blut umströmte alles, oben, unten und dazwischen; das Feld glich einem Milchmeer voller Korallenwälder. (183) Die großen Affenheeresfluten gelangten zum Himmel. Die Götter empfingen sie als Gäste, begrüßten sie freudig und vertraulich, drängten aber: »Kehrt in diesem Augenblick zur Erde zurück! (184) Ihr habt lediglich der Waffe des Schöpfers eure Ehrfurcht erwiesen; ihr seid nicht zum Sterben bestimmt. Selbst Diener der Diener des großen Bogenträgers erlangen Befreiung aus den tief verwurzelten Banden der Wiedergeburt.
(185) Ihr seid auf Erden gewandelt, um unser Werk zu vollbringen. Euer Leben ist unser Leben; nur andere Körper habt ihr angenommen. Für den rotäugigen Herrn gabt ihr das Leben im Kampf. Ihr seid unsere Herren!« (186) »Lakshmana ist mit den grimmen Affen tot; Rama kam nicht und hat sich entfernt«, dachte Indrajit verächtlich. Er blies das Siegeshorn, eilte zum Vater und berichtete alles. (187) »Ist Rama also nicht tot?«, fragte Ravana. »Er war fortgegangen. Wäre er dort gewesen, hätte seine Kraft untätig zugesehen, wie sein Bruder, seine besten Freunde und sein Heer vernichtet wurden?« (188) Ravana stimmte zu und beruhigte sich. Indrajit ging in seinen großen Palast; Mahodara kehrte auf des Königs Befehl zurück. Der Herr, dem ich angehöre, befand sich noch anderswo.
(189) Ramas frischlotusgleiche Hände waren gerötet, als er die Verehrung aller reinen göttlichen Waffen vorschriftsgemäß vollendet hatte. »Nun kehren wir zum dichten Schlachtfeld zurück«, beschloss der Held. (190) Er nahm Agnis glühenden Pfeil und zerstörte die so dichte Finsternis, dass man sie hätte greifen können. Plötzlich blickte er über das weite Feld; seine roten Lotusfüße schwankten, als er nähertrat. (191) Immer wieder schaute er in jede Richtung, raffte sich auf und wischte Blut von seinem Lotusgesicht. Er betrat das fettverschmierte Leichenfeld und sah die schützenden Affenführer, einen nach dem anderen. (192) Beim Anblick Sugrivas strömten Tränen aus seinen Lotusaugen. Lange stand er seufzend: »Ist dies dein angemessener Lohn?« Sein einsames Herz brach. Dann sah er zur Seite und erblickte Hanuman.
(193) »Du überschrittest das Meer, erschüttertest die Dämonen bis in ihre Wurzeln und schenktest mir Freiheit vom Leid – sollte das hierzu führen? Haben des Dämonen unüberwindliche Pfeile sogar deinen Leib durchdrungen?« So weinte er laut. (194) »Die früheren Göttergaben, die Worte der Weisen und zuletzt Janakis Segen sind durch die Grausamkeit meines niedrigen Karmas hinfällig geworden. Ruhmreicher, gibt es einen Menschen wie mich?« (195) »Warum begehrte und übernahm ich dieses niedrige Königsamt? Meinen Vater brachte ich um, Jatayu ins Verderben; all diese Helden habe ich vernichtet und lebe noch. Gibt es für meine Grausamkeit keine Grenze? (196) Ich tötete den älteren Bruder und gab dem jüngeren das Affenkönigtum, nur um alle zu vernichten! Geduldig musste ich euch so daliegen sehen. Bin ich nur gekommen, die Last meines Körpers zu tragen?«
(197) Er sah Angada wie einen Stier inmitten gefallener Stiere, noch Feuer in den Augenwinkeln. »Wie schön habe ich ruchloser Waffenträger meinen Schutzbefohlenen bewahrt und Schande vermieden!« So weinte er. (198) Dann sah er den Bruder: Die Strahlen seiner eingedrungenen Pfeile glichen Schlangen im glänzenden Blut. Auf ihren mächtigen Hauben schien Lakshmana zu ruhen, wie Rama selbst einst auf der Schlange im Milchmeer. (199) Sein Inneres bebte, sein Atem wurde glühend, Leib und Geist zerfielen vor Schmerz. Während Dharma selbst die Augen bedeckte, stürzte er wie ein vom Blitz getroffener Mara-Baum. (200) Eine Zeitspanne lang atmete und empfand er nichts, schwitzte nicht und öffnete die Augen nicht. »Ist er nicht mehr?«, fürchteten die Götter. Hände und Füße blieben reglos; doch der aus Mitgefühl Geborene starb nicht.
(201) Niemand stützte ihn, niemand löste die Arme, mit denen er den Bruder umklammerte, niemand brachte ihn mit Worten zu sich. Alle Gefährten waren gefallen. Wer sollte dem Einsamen dieses Unheil und Leid erleichtern? (202) Nur kopflose Leiber, Geister, rotäugige Frauen auf der Suche nach ihren Männern, frohlockende Aasvögel und Schakalsreihen bevölkerten das Feld. Sonst stand dort niemand. (203) Himmelsfrauen schlugen sich den Leib und weinten regenartige Tränenfluten; die Götter erschlafften. Alle beweglichen und unbeweglichen Wesen bebten und trauerten, denn sie alle sind Gestalten des Herrn der Erkenntnis. (204) Vom Gesicht des Lotusgeborenen und des Dreiäugigen verschwand das Lächeln; Mitgefühl bedrückte sie. Was noch von den anderen sagen? Selbst Feindschaft sah betroffen zu, selbst Sünde weinte aus Erbarmen.
(205) Rama kam ein wenig zu sich, seufzte tief und öffnete die Augen. Deutlich sah er den Bruder. »Er ist zum Himmel gegangen und kehrt nicht zurück.« Mit Schmerz wie Feuer in einer Wunde klagte er: (206) »Auch nach Vaters Tod lebte ich. Auf die Herrschaft über die Welt verzichtete ich und war nicht allein, weil du, mein starker Bruder, bei mir warst. Jetzt sehe ich dich nicht mehr. Ich komme, ich komme! Ich lebe nicht weiter! (207) Du warst meine Mutter, mein Vater, meine Askese, mein Sohn, mein Bruder und mein Glück. Bist du fort, hast mich verlassen und meinen Ruf vergessen? Und ich stehe noch hier – wie hart ist mein Herz! (208) In deinem von Wunden strömenden Leib sehe ich kein Leben. Untröstlich trage ich noch mein eigenes und vergehe. Du Stier unter Helden! Kann ich dennoch weiterleben? Mein Herz zerreißt nicht; wehe mir!
(209) Vierzehn Jahre im weiten Wald gabst du mir, was ich zum Essen brauchte, und aßest selbst nicht. Du achtetest keine Hitze und standest unermüdlich bereit. Schläfst du heute erschöpft? Willst du diesen Schlaf nicht verlassen? (210) Ich sagte immer: ›Unsere Herzen und Leben sind eins.‹ Kann ich grenzenlos Schuldiger überhaupt Liebe haben? Dich Makellosen habe ich verloren und gehe noch umher! Wer ist dir nun verbunden – mein Leben oder ich? (211) Ich ging zum Opfer, zerbrach den Bogen und dachte, ein einzigartiges Gift werde mir Leben schenken. Ich rief es selbst herbei und ließ mich samt meinen Gefährten davon verbrennen. Habe ich all dieses Verderben selbst verursacht? (212) Aus Liebe zur Herrschaft brachte ich Mutter und Angehörigen Schmerz wie Feuer auf eine Wunde. Aus Liebe zu einer Frau erntete ich nun dies. Hoch habe ich meinen Ruhm veranschlagt! Bin ich nicht erbärmlich?
(213) Wenn du gestorben bist, werde auch ich nicht weiterleben. Bharata wird dann die Erde nicht regieren; alle uns Verbundenen sterben unter unerträglichem Leid. Soll ich aus Furcht vor dem Dharma nur kraftlos verzagen? (214) Dharma, Mutter, Vater, Verwandte und alles außer mir verließest du. Nie wandtest du dich von mir ab; als mein Gefährte wurdest du geboren und folgtest mir. Du ertrugst keine Trennung – nun bist du tot, und ich lebe noch! (215) Ein Dämon hält die tugendhafte Frau gefangen. Ist der von Weisen gepriesene Dharma auf seiner Seite? Wenn ich nicht die drei großen Welten auf einmal vernichte, wie zeigen sich dann Bogenkraft und Heldentum? (216) Galt meine Kraft nur dem tiefen Meer, Viradha, dem beinlosen Kabandha, Khara, sieben alten hohlen Bäumen und Vali? War das wirklich alles?
(217) Bleibe ich am Leben und töte Indrajit samt den großen Wagenkriegern – gewinne ich dadurch dich zurück? Ich sorgte mich nicht, vertraute darauf: ›Du wirst siegen.‹ Diese falsche Geburt will ich nicht länger ertragen! (218) Unsere Mutter, Verwandten, das Volk und die Brahmanen werden fragen, was aus uns wurde, und vor Kummer sterben. Vatergleicher Bruder, ich sehne mich nach ihnen und vergehe. Komm doch, mich mit der goldenen Krone zu schmücken! (219) Als die Schlingen euch umgaben und jetzt, da der Feind euch vernichtete, war ich fort und nicht bei euch. Wie ein Liebloser handelte ich und blieb am Leben. Werden nicht alle Länder meine Siegestüchtigkeit verlachen? (220) Vibhishana versprach ich bereits Krone und Reichtum zur Herrschaft über sein Volk. Nun ende ich, ohne es vollbracht zu haben. Habe ich nicht Lüge geübt, mein Geschlecht beschämt und töricht meinen eigenen Ruhm zerbrochen?«
(221) So klagte, schluchzte und seufzte er. Seine Sinne versagten nacheinander. Mit dem Gedanken ans Sterben drückte er den Bruder an die Brust, sprach kein Wort mehr, vergaß sich selbst und versank in Bewusstlosigkeit. (222) Die Götter sahen es, bedeckten ihre Augen und weinten. Von Leid erschüttert fragten sie nach dem Ausgang. Liebevoll riefen sie: »Herr des Alls, du leidest um unseretwillen! Kann Leid dich überhaupt berühren? (223) Wir erkennen weder dein wahres Wesen noch die Wirklichkeit der Welt; Anfang, Ende und Mitte verstehen wir nicht fehlerlos. Was können wir Diener tun, außer dich zu verehren und deinem Weg zu folgen, du jenseits von Freude und Leid? (224) Wir baten: ›Entwurzele die Dämonen und nimm unser Leid!‹ Aus Erbarmen nahmst du diese dir ungleiche Gestalt an und wurdest im Königshaus geboren, den Dharma zu entlasten. Musst du auch uns durch dein verborgenes großes Spiel täuschen?
(225) Aus Mitleid wurdest du im Königshaus geboren; wir hofften auf Erlösung der drei Welten. Nun vergessen selbst wir es und denken: ›Er ist nur ein Mensch.‹ Ist das noch Täuschung, Gnädiger – oder sprichst du gar Unwahrheit? (226) Du schaffst Welten und Wesen innen und außen, verschlingst und entlässt sie, misst und hebst sie empor und durchdringst sie. Wie eine Spinne ihr Netz aus eigenem Faden baut, gestaltest du sie seit jeher, Höchster! (227) Weil Leid dich nicht berührt, ist selbst dieses Leidensspiel ein Spiel der Seligkeit. Uns Unwissenden aber tut es weh. Liebe, Gnade und Erkenntnis reifen erst, wenn du es vollendest, du ohne Anfang, Mitte und Ende! (228) Du scheinst zu kommen und kommst doch nicht! Freudig glaubten wir dich angekommen und waren ohne Furcht; nun verzagen wir an deinem Leid. Du rettender Ursprung, Herr mit der Glücksgöttin auf der Brust: Wer außer dir löst deine Maya?
(229) Wir hofften, die einst Ambarisha und Brahmas Sohn gewährte Gnade gelte heute auch uns. Nun sehen wir dich leiden und finden keinen Ausweg. Gefährte deines Bruders, beende dies und gib uns unsere Einsicht zurück!« (230) So sprachen die Götter und litten. Aus übergroßer Liebe blieb der Herr ganz in sich versunken: Er hatte beschlossen, die leidvolle menschliche Rolle zu erfüllen. Die boshaften Dämonenboten gingen zu Ravana. (231) »Was bringt euch her?« fragte der Dämonenherrscher. »Deines Sohnes Pfeile streckten alle Gefährten nieder, auch den jüngeren Bruder. Als der Ältere später dieses Unheil sah, starb er vor Kummer. Deine Feindschaft ist zu Ende!«
6.22 – Sita sieht das Schlachtfeld
(1) Da er die Boten für wahrhaftig hielt, jubelte Ravana auf und verschenkte Schätze im Übermaß. Er befahl, die Nachricht unter Trommeln auf Elefanten zu verkünden und die Stadt mit festlichen Salbungen und Tänzen feiern zu lassen. (2) Dann rief er Marutta: »Wirf sofort sämtliche Dämonenleichen ins Meer. Erfährt ein anderer davon, nehme ich dir Kopf und Macht!« Dieser ging und versenkte alle Dämonenkörper im Meer. (3) »Setzt sie ins göttliche Fluggefährt und zeigt ihr, was mit den Menschen geschehen ist. Erst der eigene Anblick löst ihren Zweifel.« Lärmend drängten die Dämoninnen heran und brachten die hoffnungslose Sita über das Schlachtfeld. (4) Sie sah nur die Gestalt ihres Mannes, sonst nichts. Wie nach einem Gifttrunk erloschen Körperkraft, Bewusstsein und Atem zugleich. Ein kühler Lotus im Feuer – so litt sie. War ihr großes Frauenleid nicht das Leid der ganzen Welt?
(5) Mit ihr weinten die pfauengleichen Himmelsfrauen, Uma an Shivas Seite, die lotuswohnende Lakshmi, Ganga, Sarasvati und die Schwester des Lotusäugigen. Selbst die sonst erbarmungslosen Dämoninnen brachen weinend zusammen. (6) Die große Erdgöttin, die Sita geboren hatte, weinte liebevoll. Die ewigen Veden und Dharma schmolzen und sanken weinend hin; selbst unablässige schwere Sünde weinte. Was erst die anderen? Sita verlor Gedanken und Atem. (7) Die Dämoninnen besprengten sie mit Wasser und hoben sie nach langer Zeit auf. Sie kam zu sich, seufzte und sah nochmals den Wolkenfarbenen. Mit Lotushänden schlug sie gegen ihre fischgleichen Augen, als wolle sie sie zerstören. (8) Sie schlug Brust und Leib, weinte und betete, krümmte sich wie eine Ranke im Feuer. Sie glühte, bebte, zerbrach, zuckte blitzgleich, sank, drehte sich und sprang auf. Leid trank und vermengte sie mit ihrem Leben.
(9) Sie fiel, wälzte sich, schwitzte, ermattete, brannte vor Schmerz, erhob sich und setzte sich wieder. Sie rang die zarten Hände, lachte und seufzte: »Mein Geliebter! König Ayodhyas! König, dessen Füße alle Welten verehren!« (10) »Dharma, hältst du nicht zu denen, die dich innig lieben und nichts anderes haben? Bist du den Gewalttätern verfallen? Grausamer Dharma – ist das deine Gnade? (11) Schicksal, siehst du das Leid derer, deren einzige Zuflucht die von Weisen erkannten Veden sind? Ich achte dich nicht mehr, du ohne Wahrheit! Grausames Schicksal, spielst du mit uns? (12) Yama, ist es recht, dass du mein Leben nicht beendest? Ich Elende kann dies nicht ansehen! Herr meiner Seele, Herr der Gnade, du hast mich in eine Finsternis ohne Morgen geworfen!
(13) Harrte ich in endloser Verwirrung aus, nur um deinen verwundeten Leib zu sehen? Leben der Erdenbewohner, Stärke der Götter, mein Auge, mein Nektar, Meer des Erbarmens! (14) Göttlicher, hast du in Mithila vor dem Feuer meine schuldige Hand genommen, damit dein Leben bedroht werde? Nektar der lotuswohnenden Göttin, Klarheit der Veden! (15) Die edle Kausalya wird nicht weiterleben, Herr; auch deine jüngeren Brüder werden sterben. War dies wirklich die Absicht der grausamen Kaikeyi, die dich mit bedachtvoller List fortschickte, du Elefantenheld? (16) Du sagtest: ›Bleibe in der herrlichen Stadt!‹ Doch ich folgte unbeirrt in den rauchigen Wald; mit dem Hirsch begann alles, und ich wurde dir zur Feindin. Wie wenig Liebe hatte ich!
(17) ›Gib mir den Hirsch! Erfüllst du es nicht heute, sterbe ich hier!‹ Habe ich so eindringlich gebeten, weil ich das Unheil wollte, das dich im großen Kampf töten sollte? (18) Weiser jüngerer Bruder! Als das Schicksal dich mit uns auf unbekannten Weg führte, sagte deine Mutter: ›Stirb vor dem Älteren!‹ Hast du nun dieses Wort erfüllt? (19) Selbst während der König auf einem Bett aus Blüten und jungen Blättern schlief, verzichtetest du auf Schlaf. Hast du nun das kühle, weiche Lager gewählt, das die schrecklichen Feindespfeile bilden? (20) Du solltest große, butterreiche Opfer vollenden und das wasserreiche Land mit seinen weiten Feldern ordnen. Durch deine Verbindung mit meinem Leib wurden wahre Verheißung und Schicksalszeichen zu Lügen!
(21) Mein Herz spaltet sich nicht einmal unter einer Axt. Wozu noch weinen? Um das Leid zu beenden, werde ich mich auf seinen Leib werfen!« Sie stand auf; Trijata hielt sie zurück und sprach. (22) Trijata schob die ringsum stehenden, krummzahnigen Dämoninnen beiseite. Sie umarmte Sita und flüsterte ihr vertraulich ins Ohr. Wie der Ertrag gesuchter Askese nahte sie, ihre Verwirrung zu lösen. (23) »Denke an den falschen Hirsch, an den vorgetäuschten Janaka und daran, wie die große Schlangenfessel wieder verschwand! Willst du sterben, Mutter? Schwanengleiche, du kennst die große Täuschung dieser Ehrlosen nicht. (24) Darfst du meinen Traum, deine günstigen Zeichen, deine Treue, die Sünden der Dämonen und die Tapferkeit des dharmatragenden Herrn vergessen? Gibt es für den Lotusäugigen ein Ende – und nicht vielmehr für diese Niedrigen?
(25) Siehst du nicht, dass kein Pfeil Ramas Leib berührt hat? Auch des Bruders Gesicht strahlt noch wie die Sonne am Weltende. Ihrem Leben droht kein endgültiges Unheil. Erdentochter, verzage nicht grundlos! (26) Wäre Rama zugrunde gegangen, verbrannten die vierzehn Welten. Könnte die Sonne weiterziehen? Was bliebe von den Göttern? Alle Wesen von Brahma an vergingen. Solange sie bestehen, leben auch die beiden, und Dharma besteht. Fürchte dich nicht! (27) Durch deinen Segen kann Hanuman doch nicht sterben. Könnte deine Treue ihre Kraft verlieren? Dieses Unglück ist nicht endgültig; Brahmas Waffenwirkung endet bald. Sollte die Absicht der Götter scheitern? (28) Ich sah die Götter mit gefalteten Händen über dem Kopf die beiden verehren wie die drei höchsten Götter. Sie jubeln, sie verzagen nicht. Fürchte dich nicht! Glaube nicht, ein Brunnen könne das Meer verschlingen.
(29) Dieses göttliche Fluggefährt trägt keine Frau, die ihr eheliches Glück verloren hat, und keine Todbringende. Nimm diese Zeichen als Beweis und überschreite das Leidensmeer!« Die zweifelnde Sita fasste ein wenig Lebensmut. (30) »Mutter, noch keines deiner Worte hat versagt. Dich als meine Gottheit betrachtend habe ich bisher überlebt. Noch diese ganze Nacht bleibe ich am Leben. Ist der Tod nicht ohnehin längst mein sicherer Ausweg?« (31) »Scham und jeden Schmuck, der einer guten Ehefrau zusteht, habe ich aufgegeben. Nur die Hoffnung, meine bogenbewaffnete Wolke wiederzusehen, hielt mich am Leben. Diesen schutzlosen Körper zu verlassen ist mir leicht.« (32) Die Dämoninnen fassten Sita an den Händen und lenkten das Fluggefährt zurück. Sie glichen Todesboten, die gegen das Schicksal einen leeren Körper himmelwärts tragen, während sein wahres Leben auf Erden bleibt.

Die bildlichen Darstellungen begleiten die Lektüre; sie sind keine Abbildungen einzelner Verse.
6.23 – Der Heilkräuterberg
(1) Sita war fort. Unterdessen kehrte Vibhishana, der künftige König Lankas, von Ramas Auftrag zurück. Er brachte die Nahrung, ließ sie im Lager verteilen und begab sich auf das große Schlachtfeld. (2) Er sah sämtliche kämpfenden Affenhelden erschlagen, als seien sie durch das Wort des uralten Weltschöpfers gestorben. Wie einer, der selbst Gift getrunken hat, schwankte er und verlor das Bewusstsein. (3) Ohne zu verstehen, was geschehen war, seufzte er und litt; sein Leib bebte, kaum schien er lebendig. Er schritt weiter, vertrieb Geister, Hunde und Schakale und sah Rama neben seinem jüngeren Bruder liegen. (4) Knochen, Körper und Lebenshauch entstehen erst nach jenem ursprünglichen, unveränderlichen Sein. Doch selbst wenn sie dies vollständig erkennen, haben die Götter das Wesen dessen, was Liebe heißt, nicht ergründet.
(5) Die Gewissheit, dass diese beiden nicht vergehen konnten, bewahrte ihm das Leben. Wortlos schluchzend betrachtete er sie mit feuerbrennendem Herzen. »Am Leib des Herrn ist keine Wunde!« Da ließ sein Zittern nach. (6) Bald erkannte er: Brahmas Waffe hatte dies bewirkt, Indrajit hatte sie geschossen, und Rama litt um seinen Bruder. Immer wieder bedachte er die Lage und suchte ein Heilmittel. (7) »Sein innerer Schmerz hat ihn in Bewusstlosigkeit versenkt. Was wird er denken, wenn er erwacht? Nach des Bruders Tod kann der Edle nicht leben. Ist er ein Heuchler, der an trügerischem Leben hängt?« Tränen regneten aus seinen Augen. (8) »Wie die Schlangenfessel zerbrach, wird auch Brahmas Waffe jetzt vergehen. Dem Bruder droht nichts Endgültiges; auch das gefallene Heer wird auferstehen. Kann der grausame Niedrige siegen?« So gewann sein Herz Festigkeit.
(9) »Noch bevor Rama erwacht, suche ich Gefährten, die nicht tot sind und uns in dieser Not helfen können.« Er nahm eine Fackel und eilte allein durch die meeresgleiche Blutflut. (10) Er fand Hanuman mit festgebissenen Lippen, geballten Händen und feuerroten Augen. Die goldbergartigen Schultern ragten zu den Wolken; der Meeresüberspringer lag auf einem Lager aus unzähligen Elefantenleichen. (11) Tränen strömten ihm regenartig aus den Augen. »Er lebt«, erkannte Vibhishana. Vorsichtig zog er einen Pfeil nach dem anderen aus den offenen Wunden, schöpfte Wolkenwasser und kühlte damit sein Gesicht. (12) Zuerst kam der Atem zurück; die Haare sträubten sich, Schweiß trat hervor, die Augen öffneten sich. Hanuman bewegte langsam den Leib, sein Mund wurde feucht, Schluckauf kam – doch Ramas Namen vergaß er nicht. Die Götter jubelten.
(13) Weinend vor Freude umarmte ihn Vibhishana; Hanuman erwiderte es liebevoll. »Dem Edlen ist doch nichts geschehen?« – »Er ist unversehrt.« Da betete der Reine, den die drei Welten auf ihren Häuptern tragen. (14) »Die Liebe zu seinem Bruder verwirrte seinen Geist und ließ ihn schmerzvoll versinken. Was nach seinem Erwachen geschieht, wissen wir nicht.« Hanuman fragte: »Wo ist der seiner Größe entsprechende Jambavan?« (15) »Ich habe ihn nirgends gesehen und weiß nicht, ob sein Leben noch im Körper ist«, antwortete Vibhishana. Der Windsohn sagte: »Er kann nicht sterben. Gehen wir ihn suchen!« (16) »Finden wir ihn, wird sein Rat uns alle retten, König der Dämonen; er kennt ein Mittel.« – »Dann sind wir gerettet! Schnell!« Sie gingen ein Stück durch die Dunkelheit und fanden Jambavan.
(17) Alter, Pfeilwunden und quälender Schmerz hatten seinen Atem gedämpft und den Geist getrübt. Dennoch nahm der diamantenschultrige Alte die Schritte der nahenden Helden mit den Ohren wahr. (18) »Ein Dämon? Mein Herr? Hanuman? Mitleidige Götter oder Weise? Feinde kämen nicht zurück, sie sind fortgezogen. Es müssen Helfer sein!« Mit diesem Gedanken wich seine Beklemmung. (19) Die beiden standen bei ihm, Tränen wie Bergwasserfälle vergießend. Er tröstete sie: »Wer seid ihr Edlen, die ihr euch nähert?« Da hörte er Vibhishanas Stimme: »Wir sind gerettet, Herr!« (20) »Und wer steht neben dir?« – »Lebe, siegreicher Herr! Ich, Hanuman, stehe hier und verehre dich.« – »Wir sind nicht verloren! Wir alle sind schon wieder auferstanden!« Überwältigende Freude gab Jambavan neue Kraft.
(21) »Ich weiß, dass selbst Brahmas furchtbare Waffe dem Feindbezwinger, dem Veda der Veden, nichts anhaben kann. Was hat er zuvor getan?« – »Der Edle liegt im Schlaf des grenzenlosen Leidens, Herr.« (22) »Wie könnte er den Zustand seines Bruders ertragen? Ihre Körper sind verschieden, ihr liebes Leben ist eins; ursprünglich sind sie ein Einziger. Diamantenschultriger, gehe ohne Zögern und hole das Heilmittel, noch vor einem Augenzwinkern! (23) Dann leben durch dich die siebzig Heeresfluten, Rama, sein jüngerer Bruder, die drei Welten, der verkörperte Dharma und die unfehlbaren Veden wieder auf. Sohn, verliere keinen Augenblick; folge rasch meinem Wort! (24) Lass dieses Meer hinter dir. Nach neuntausend Yojana erreichst du den Himalaya, der sich zweitausend Yojana erstreckt. Jenseits davon gelangst du, wenn du die folgende Strecke zurücklegst, zum Goldgipfel Hemakuta.
(25) Von diesem Berg sind es neuntausend Yojana zum roten Nishadha; noch einmal so weit liegt der Nordberg, größer als alle Berge. Seine Breite beträgt zweiunddreißigtausend Yojana, du mit den kampfstarken Schultern. (26) Neuntausend Yojana jenseits Merus erreichst du Nilagiri, der zweitausend Yojana misst. Weitere viertausend Yojana entfernt liegt der dunkle Berg mit den Heilkräutern. Siehst du ihn, siehst du auch das Ende unseres Leidens. (27) Dort ist ein Kraut, das Tote belebt; eines, das zerrissene Körper wieder zusammenfügt; eines, das Waffen aus dem Leib entfernt; und eines, das die ursprüngliche Gestalt wiederherstellt. Hole sie, Held!« Der Weise beschrieb ihre Merkmale. (28) »Diese vier Heilmittel entstanden beim Quirlen des Milchmeeres; die Götter verwahrten sie dort. Als der höchste, den Veden unerreichbare Glanz die drei Welten mit zwei Schritten erfasste, verkündete ich es mit Trommeln. Dabei sah ich sie; uralte Weise erklärten sie mir.
(29) Unzählige unerbittliche Gottheiten bewachen die Kräuter; auch ein großer Diskus steht dort, dem niemand nahekommt. Doch erkennen sie dein wahrhaftiges Vorhaben, bitten sie dich selbst um Schutz und ziehen sich zurück.« (30) »Ist dies der Auftrag, sind die Toten schon wiedergeboren! Geht und weckt unseren Herrn, ohne dass ihm etwas zustößt.« Hanuman entfernte sich und wuchs himmelhoch; seine goldenen Schultern füllten die Richtungen, sein Leib schien den Raum zu verschlingen. (31) Planeten und Sterne wurden zu einer aufgereihten Edelsteinkette. Tausend Yojana reichten nicht, seine Schulterbreite zu beschreiben. Lanka bot seinen Füßen keinen Platz, die Richtungen nicht seinen schwingenden Händen. So war seine Gestalt vor dem Sprung. (32) Er schwang den Schwanz, hob die Hände, öffnete leicht den Mund, stemmte die Füße auf, spannte die Brust und zog den Hals ein. Mit gesträubtem Fell sprang er; Lanka schwankte und sank wie ein wirbelndes Schiff im Meer.
(33) Wolkenmassen zerrissen; das breite Meer spaltete sich ost- und westwärts. Sterne regneten, Berge, Bäume und anderes wurden emporgerissen. Himmelsfahrzeuge zerbrachen und stürzten wie Donnerkeile ins Meer; alles geriet in Aufruhr. (34) Bei seinem Sprung neigten sich gewaltige Berge nordwärts. Der Sturm seines Leibes ließ seinen Vater, den Wind, schwach erscheinen. Seine Geschwindigkeit erhitzte die Meere, versengte Wolken und verbrannte große Wälder. (35) Die Pflicht eilte ihm voraus, der Wind lief hinterher; sein Geist folgte dem Körper wie ein Ohrring. Die Götter staunten: »Warum versenkte er nicht schon beim ersten Angriff Lanka im Meer und beendete unser Leid?« (36) Er überschritt Wolkenregion, Sonnen- und Mondbahn, Sternenraum und die Wohnstätten jener, die Sinnengenuss überwunden haben. So hoch stieg er, dass Brahmas Sitz auf dem Lotus nicht mehr fern schien.
(37) Manche Himmelsbewohner sagten: »Garuda steigt mit gewaltiger Kraft zu Vishnus Reich!« Andere: »Brahma zieht in eine andere Welt!« Wieder andere: »Nur Shiva kann dorthin gelangen; dies ist der dreiäugige Reine!« (38) »Es ist Vishnu selbst, den die vier wahren Veden nicht erfassen; er spielt in frei gewählter Gestalt!« Noch ehe sie genauer hinsehen konnten, war er verschwunden. Höhere Wesen sagten: »Er kehrt nicht zurück, er betritt die Welt der Befreiung.« (39) Die einen nannten ihn Gestalt, andere Licht, andere formloses Strahlen; wieder andere den Ursprung jenseits des Alls oder etwas ganz anderes. Selbst die Kenner aller Welten erkannten den Meeresüberspringer nicht. (40) Er wuchs bis zur Welt des Lotusgeborenen und verdeckte den ganzen oberen Himmel. Seine goldenen Schultern streiften dessen Gewölbe; das Dröhnen seines Flugs ließ die Richtungswächter die Köpfe schütteln und die Weltenkugel erbeben.
(41) Den Welten erschien sein Aufstieg wie der Tag, an dem Vishnu als Zwerg den Fuß zum Weltenmaß erhob, nachdem der Dämonenkönig die Gabe gewährt hatte, während Götter und Weise die vier Veden sangen. (42) Götter, Weise, Siddhas, Himmelsfrauen und Bewohner der drei Welten folgten freudig. Blumen, Sandel, Duftstaub und Edelsteine hafteten an ihm; so zog er wie der blühende göttliche Wunschbaum durch die Luft. (43) Er erreichte den Himalaya. Götter, geduldige Weise und Dharmatreue segneten ihn: »Dein Werk gelinge!« Jenseits davon sah er freudig Kailasa, den Wohnort des Gottes, dessen Hälfte Uma ist. (44) Zum nordöstlichen Berg des Axtträgers hin faltete er seine Lotushände und flog weiter. Shiva betrachtete ihn liebevoll und zeigte ihn Uma: »Das ist der Sohn des Windes.«
(45) »Warum fliegt er so?«, fragte die Weltenmutter. »Ramas Bote holt Heilmittel. Das Unheil der Betrügerstadt Lanka wird gewiss enden. Schönstirnige, morgen wollen auch wir den großen Kampf ansehen.« (46) Er ließ die weite Strecke hinter sich und gelangte über Hemakuta, wo er die reichen Götter sah, die endlos Sinnengenuss kosten. Schnell wie ein Diskus flog er weiter und erreichte Nishadhas Gipfel. (47) Schneller als Gedanke, Blick der Weisesten und göttlicher Geist gelangte er auf Meru, das Maß der Erde, der Richtungsgrenzen und des Himmels, in dem Brahma wohnt. (48) Er überschritt den Nordberg, dessen Wesen selbst die unablässigen Götterblicke nicht erfassen. Er sah den göttlichen Jambu-Baum, nach dem die meerumgürtete Welt in allen drei Welten Jambudvipa genannt wird.
(49) Auf dem großen Berg sah er die Stadt des Herrn, der alle Welten geschaffen hatte. In ihrer Mitte strahlte Brahma auf einem goldenen Lotussitz. Hanuman, dem Dharma selbst gleich, faltete verehrend die Hände. (50) In einem Hain verneigten sich Götter in Scharen, und unvergleichliche Weise sangen laut Veden. Dort verehrte Hanuman den Urgott Vishnu, der mit duftendem Tulasi-Kranz neben der Erdgöttin und Lakshmi saß. (51) Nordöstlich davon strahlte der Achtarmige wie tausend heiße Sonnen mit fünf leuchtenden Lotusgesichtern. Blumen aus den drei reinen Welten umgaben ihn; die Göttin war seine Hälfte. Hanuman verneigte sich. (52) Ein mondgleicher Siegesschirm erhob sich über Indra. Schöne Frauen fächelten kühlen Wind, Himmelsbewohner verehrten seine Füße, Trommeln dröhnten. Hanuman sah ihn erfreut, verneigte sich und flog weiter.
(53) Auf Merus blütenbaumartig ausgebreiteten Gipfeln lagen Göttersitze. Hanuman sah deutlich die acht Wächter, die der Ordnung nach die Richtungen rund um die drei Welten beschützen. (54) Jenseits des großen Berges erreichte er Uttarakuru. Sonnenstrahlen hatten dort die Dunkelheit vertrieben. »Es ist schon Tag! Meine Schnelligkeit hat versagt!«, dachte der kluge Held erschrocken. (55) »Noch ehe der Urherr erwacht, wollte ich mitten in der Nacht das Heilmittel bringen und sein Leid vertreiben. Nun ist die Sonne aufgegangen! Ist es wirklich geschehen? Was soll ich tun?« Der Unvergleichliche verzagte. (56) Dann erinnerte er sich an die Vedagelehrten: »Die Sonne geht nicht im Westen auf; es ist nicht Morgen. Sie erscheint im Norden, weil ich Meru überquert habe.« Der askesestarke Held wurde seines Kummers ledig.
(57) Er sah Uttarakuru, lotusgleich wie Lakshmis Sitz: Dort werden die Tugendreichen paarweise geboren, leben endlos, sind in Herz und Leben eins und genießen miteinander unvergleichliches Glück. (58) Aufmerksam betrachtete er dieses Land, das den Reichen Shivas, Brahmas und Vishnus glich – ebenso dem göttlichen Kaveriland des bekränzten Königs Tyagavinoda, der Freude am freigebigen Schenken hat. Dann flog er weiter. (59) Der Held überschritt Meru, erlangte Brahmas Herrlichkeit und überwand Wiedergeburt. Er sah den großen blauen Berg, der aufragte wie Vishnus dunkle Gestalt beim Ausmessen aller Welten. (60) Er ließ den dunkelheitsmindernden, glänzenden Berg hinter sich. Mit goldbergartigen Schultern blickte er aus und erkannte den von Jambavan genannten Heilberg an den göttlichen Kräutern, deren Licht die Himmelshelligkeit überstrahlte.
(61) Er sprang hin; der Berg sank unter dem Aufprall zur Unterwelt. Die Wächtergötter erschraken und kamen zornig: »Wer bist du? Was beabsichtigst du?« Der verständige Hanuman erklärte ihnen alles. (62) Sie hörten zu: »Vollbringe dein Werk und bringe alles unversehrt zurück!« Segnend verschwanden sie. Auch Vishnus scharfer Diskus erschien und wich. Hanuman löste mit seinen diamantfesten Schultern den Berg aus der Erde. (63) »Wenn ich hier jedes Kraut einzeln bestimme, vergeht zu viel Zeit«, erkannte er. Mit der Hand rüttelte er den Berg samt Wurzeln los, um rasch durch den hohen Himmel zurückzufliegen. (64) Tausend Yojana breit, hoch aufragend und von gewaltigem Umfang war der Berg. In einem Augenblick hob ihn der weltberühmte Held mit einer Hand und sprang davon.
(65) Während er dort so handelte, waren die beiden hier eilends zurückgekehrt. Sie strichen Rama mit den Händen über die Füße. Nun sei erzählt, was dem Höchsten geschah. (66) Seine beiden Lotusaugen öffneten sich: Augen, die Frauenherzen bis in die Wurzel ergreifen, ohne jede Falschheit Erbarmen zeigen, Gaben empfangen und selbst ungehindert Segen schenken. (67) Er sah den Bärenkönig und den hochberühmten Dämonen weinend neben sich sitzen. Mit erhobenen Köpfen und gefalteten Händen klagten sie voller Schmerz. (68) »Vibhishana, du hast den Auftrag erfüllt und bist unversehrt zurück«, sagte Rama. Dann blickte er Jambavan an, dessen großer Ruhm nicht sterben kann: »Ist dir das Leben zurückgekehrt?«
(69) »Edle, dieses Verderben ist uns widerfahren; ich sehe kein anderes Mittel. Die Toten kehren nicht zurück. Gibt es dennoch etwas zu tun, sagt es, Wahrhaftige mit weisem Herzen! (70) Wie soll ich schildern, was meine Torheit bewirkte, da mein Herz an einer Frau namens Sita hing? Die Geschichte, die die Welt erzählen wird, habe ich mit schwerer Schande neu gestaltet. (71) Mein Bruder sagte wahr und heilsam: ›Dieser Hirsch ist Täuschung!‹ Ich hörte nicht, sondern folgte dem Wort einer Frau. Daraus entstand dieser schändliche Tod, ihr Lieben. (72) Ich sah Ravana mit eigenen Augen und kämpfte gewaltig gegen ihn, nahm ihm aber nicht das Leben. Die Frucht meines alten bösen Karmas ließ mich stattdessen alle Angehörigen dem Tod ausliefern.
(73) Mein Bruder sagte: ›Lass uns die göttliche Waffe senden und den Bösen sterben sehen!‹ Ich stimmte nicht zu. So grausam war das Schicksal, das Verderben auf mich lenkte. (74) Ich blieb nicht bei ihm, sondern wollte die Waffen pflichtgemäß verehren. Alle Unsrigen starben, mein Bruder ging fort; unter der Übermacht des Schicksals besiegte ich den Dämonen nicht. (75) Hier zu sitzen und dies und jenes zu beklagen ist unwürdig. Besser ist, die tapferen, geliebten Gefallenen im Himmel wiederzusehen. Einen anderen guten Weg erkenne ich nicht. (76) Was gewinne ich nach dem Verlust meines Bruders und der Gefährten noch, wenn ich die Dämonen entwurzele, Ravana mit Pfeilen das Leben nehme und den Göttern helfe?
(77) Was bedeuten mir nach des Bruders Tod die anderen? Was grenzenloser Ruhm, Dharma, Männlichkeit, Verwandtschaft, Herrschaft, Freundschaft, Erfolg, vedische Vorschrift und Wahrheit? (78) Würde ich ohne Mitgefühl nach seinem Tod die Dämonen besiegen und meine Tapferkeit auskosten, wäre ich ein holzäugiger, harter Betrüger. Wer wäre falscher als ich? Welche Pflicht bliebe außer Verstellung? (79) Die Edlen würden sagen: ›Vater und Jatayu verlor er, dann seine lieben Gefährten und den makellosen Bruder, der ihn beschützte; doch gewissenlos freute er sich an Sita.‹ (80) Ich habe die Dämonen besiegt und mit der Wurzel vernichtet, bin nach Ayodhya zurückgekehrt und lebe ohne meinen tugendhaften, geliebten Bruder: Wie herrlich wäre diese Königsherrschaft, wahrlich herrlich!«
(81) Die Liebe zur Erde hielt ihn nicht mehr. »Ich sterbe sogleich«, erklärte er endgültig. Jambavan verneigte sich vor seinen Füßen: »Herr des Diskus, ich habe etwas zu sagen!« (82) »Du erkennst dich selbst nicht. Ich, dein Diener, kenne dich seit jeher. Doch jetzt davon zu sprechen wäre falsch und würde den Plan der Götter stören. Später wirst du es erkennen, Unergründlicher. (83) Dass die Waffe deinen unermesslich starken Bruder zu Fall brachte, zeigt mir sicher: Es ist die Waffe des lotusgeborenen Brahma. Großer Herr, diese Einsicht ist wahr. (84) Sie tötet Götter, Danavas und selbst ihren Schöpfer, wenn sie gegen ihn gerichtet wird. Dich aber hat sie unbeschädigt verlassen, Höchster. Brauchen wir noch einen weiteren Beweis?
(85) Der unermesslich starke Hanuman ist wieder bei Bewusstsein. Ich bat ihn, im Augenblick das Heilmittel zu holen, das unser schweres Leid vertreibt. Er stimmte zu und eilte nach Norden. (86) Er hat den Schneeberg und den einzigartigen König aller Berge überschritten und ist bereits dort. Im nächsten Augenblick kehrt er zurück. Uralter Herr, wische deinen bitteren Kummer fort! (87) Außer mir, dem Weltschöpfer, Shiva und dem diskustragenden Herrn kennt niemand dieses Heilmittel wahrhaftig, du mit der Gestalt des Liebesgottes. (88) Beim Quirlen des Meeres kam es mit dem Nektar hervor. Vishnus Diskus bewacht es; es liegt jenseits Merus und Uttarakurus in einer Feste, die niemand sonst erreicht oder erkennt.
(89) Seit seiner Entstehung hat niemand es berührt. Höre seine Kraft, erhabener Herr: Selbst wenn der Schöpfer der drei Welten stürbe, würde es ihm das Leben wiedergeben! (90) Ein Kraut entfernt Geschosse, eines fügt getrennte Glieder zusammen, eines schenkt entflohenes Leben zurück, eines stellt die ursprüngliche schöne Gestalt wieder her. (91) Hanuman kommt gewiss; gräme dich nicht. Dharma selbst zeigt ihm den Weg; er säumt nicht, und das Werk ist nicht schwer.« Jambavan verneigte sich. Der Herr, der beiderlei Bindung löst, fasste Hoffnung. (92) Rama sagte: »Ich zweifle nicht daran, dass deine Worte zusammenstimmen: Jenseits des Goldbergs hilft dieses gute Heilmittel.« Da erhob sich im Norden ein gewaltiges Dröhnen.
(93) Das Meer bäumte sich himmelwärts auf; dunkle Berge wurden ausgerissen und emporgetragen. Ein ungehinderter, zerstörerischer Sturm aus dem Norden brachte alles in Unruhe. (94) Sterne gerieten durcheinander und fielen; der Sonnenkreis schwankte gegen den hohen Mond, dessen Hirsch erschrak. Der Himmel glich einem aufgewühlten Schwarm trunkenen Bienen. (95) Berge und Bäume, samt Wurzeln und Zweigen emporgerissen, verhüllten den Himmel und füllten wie zuvor das Meer. Der Windsohn brüllte, um den Kummer seiner Gefährten zu beenden. (96) Sein tigergleich zorniger Ruf klang, als hätten Wolken, Meere und alle klangfähigen Dinge auf Erden und im Himmel sich gesammelt und gemeinsam gedonnert.
(97) Er glich dem mächtigen Garuda, der beim Quirlen des Meeres den Auftrag erhielt: »Hole den strahlenden Mandara-Berg!«, ihn mühelos aufhob und durch den Himmel trug. (98) Der Unvergleichliche glich auch seinem Vater: dem siegreichen Wind, der einst mit der weltentragenden Schlange rang und den schönen Berg nach Lanka brachte. (99) Noch ehe man sagen konnte: »Er erscheint!«, hatte Hanuman den Fuß auf die Erde gesetzt. Der göttliche Berg blieb am Himmel stehen, denn er wollte die Stadt der Betrüger nicht betreten. (100) Sobald sein Wind heranwehte, kehrten die Tugendreichen, die bei den Göttern als geehrte Gäste saßen, zurück. Mit neuer Kraft, Größe und Schönheit vereinten sie sich wieder mit ihren Körpern und besiegten den Tod.
(101) Nur die im tiefen Meer verborgenen Dämonenkörper blieben ausgenommen. Alles andere, sogar die Bäume, lebte wieder auf. Muss man da noch sagen, dass das Affenheer auferstand? (102) Die langen Pfeile lösten sich, Wunden verschwanden, brennende Glieder wurden kühl. Lakshmanas rote Augen bewegten sich; die Welt verehrte den Berg, und der schönhaarige Held gewann das Bewusstsein zurück. (103) Alle erhoben sich. Ihr Ruf übertraf die sieben Meere. Als die Segensworte der Götter erklangen, richtete sich Lakshmana auf wie der rotäugige Vishnu, der seine Yogaruhe beendet. (104) Rama umarmte den aufstehenden Bruder mit vor Lebenskraft anschwellenden Schultern. Sein brennender Schmerz wich. Kein Unheil blieb in der Welt, und auch die Götter verloren ihre Angst.
(105) Apsaras tanzten; Kinnara-Saitenspiel und alle nektarsüßen sieben Töne erfüllten den Raum. Freudige Salbungsfeste breiteten sich über alle Welten aus; die Weisen sangen Veden. (106) Die Veden jubelten, die Erkenntnis der Vedagelehrten jubelte, der Ruhm jubelte. Meere und ihre Kühle jubelten; ebenso die Gedanken der Götter. (107) »Du hast selbst meine Eigenschaft verliehen, nach dem Abschuss unfehlbar zu töten; dies bezeugt deine Größe.« So verehrte Brahmas Waffe den schönen Bogenträger, umschritt ihn und zog fort. (108) Während die Götter jubelten, umarmte der einzige Herr den liebevolleren als eine Mutter. Tränen reiner Liebe erfüllten seine Augen; der große Kummer war völlig verschwunden.
(109) Rama, dessen Brust Lakshmis mit Kumkum geschmückte Brüste gezeichnet hatten, hielt Hanuman mit schmelzendem Herzen umfangen. Hanuman sank verehrend zu seinen Füßen; Rama sprach: (110) »Zuerst wurden wir dem alten Geschlecht gemäß von unserem Vater geboren. Dann starben wir an dem von mir verursachten Leid. Jetzt sind wir aus dir neu geboren, du aus dem Dharma Geborener! (111) Hilfe im Untergang, mein Lieber – lässt sie sich allein mit dem geschenkten Leben bemessen? Du bewahrtest uns vor Schande und schweren Feinden, rettetest unseren Weg und die guten Veden. (112) Hättest du nur einen Augenblick gezögert, wären aus meiner Liebe zum Bruder die sieben Welten zugrunde gegangen. Was soll ich sagen? Durch dich können sie ihr bestimmtes Weltalter vollenden!
(113) Du hast uns allen gewährt, heute nicht zu sterben und lange gemeinsam zu leben. Nach meinem Gebot sollst auch du für immer glücklich leben, frei von jedem Leid und jeder Krankheit!« (114) Auch alle anderen, die Hanumans Großmut neues Leben verdankten, umringten ihn liebevoll, beteten ihn an und segneten ihn. Er erzählte ihnen alles, was geschehen war. (115) Jambavan sagte: »Bleibt das große Heilmittel hier, wäre auch der Tod unserer falschherzigen Feinde nicht endgültig. Trage den mächtigen Berg an seinen ursprünglichen Ort zurück, du grenzenlos Starker!« (116) »Sehr gut!«, antwortete Hanuman erfreut. »In einer kurzen Zeitspanne bin ich zurück.« Er erhob sich, nahm den göttlichen Berg und flog davon.
6.24 – Der Jubel
(1) Während dies geschah, schwelgte Ravana in maßloser Freude. Kinnaras und andere sangen wohlgefügte Lieder; er betrachtete den langen Freudentanz junger, pfauengleicher Frauen mit fischschönen Augen. (2) Apsaras, Vidyadhara-Frauen, Dämoninnen, Danava-Frauen, vollbrüstige Nagamädchen, zuckersüß sprechende Yakshinis und Siddha-Jungfrauen kamen in grenzenlosem Lärm zusammen, sodass selbst Pfauen staunten. (3) Menaka, Tilottama mit siegreichen Schwertaugen, Rambha und die honigsüß sprechende Urvashi führten die Himmelsfrauen an. Sie tanzten zum Klang von Glöckchen, Trommeln, Muscheln und weiteren Schlaginstrumenten. (4) Locken, Ohrschmuck, hängende Ringe, goldene Blüten, Stirnzeichen, rote Lippen mit lächelnden Perlenzähnen und rote Lotusaugen drängten sich zusammen. Der weiße Mond schien in einen ganzen Wald solcher Gesichter geraten.
(5) Lächeln verbreitete junges Mondlicht, Schmuck ergoss Sonnenstrahlen, Körperglanz überstrahlte goldene Lampen. Die umgebende Dunkelheit geriet ebenso in Verwirrung wie der Verstand der Betrachter. (6) Der Rausch verbreitete sich rasch wie die Lehre eines Betrügers bei einem Toren, der trotz großer Bildung und Umgangs mit reinen Weisen deren tieferen Sinn und spätere Frucht nicht begriffen hat. (7) Lächeln breitete sich aus, kühler Schweiß trat hervor, rote Lippen bebten, jasminweiße Zähne strahlten Mondlicht. Die Winkel tödlicher Speeraugen röteten sich, Bogenbrauen tanzten, rote Münder wurden blass. (8) Schwere Haarwolken lösten sich und fielen über die breiten Hüften. Blütengewänder und klirrende Gürtel glitten zu den fußringgeschmückten, sprosszarten Füßen. Die lieblich Sprechenden wurden leicht benommen.
(9) Als Gürtel und Gewand hinabglitten, verhüllte das fallende Haar ihre Blöße. Der Hof hätte sagen können: »Die Unteren handelten niedrig; die Oberen erfüllten die Pflicht edler Menschen.« (10) Die Frauen, deren Augen einst die grausame Arbeit von Kamas Köcherpfeilen verrichteten, sangen nun ohne richtigen Takt, Zeitmaß oder Einklang mit den Saiten; der geregelte Verlauf des Liedes zerfiel. (11) Ihre kindlich süßen Stimmen verfehlten Flötenmelodie, Tonart und musikalischen Abschnitt. Mit wachsendem Rausch sangen sie laut und rau, als würde man reinen Nektar mit saurem Palmwein mischen. (12) Die rehblickenden Tänzerinnen konnten sonst jede Gestalt täuschend echt darstellen. Nun deuteten sie auf Männer, sagten »Elefant« und stellten gleichzeitig mit den Händen einen Wagen dar.
(13) Sie weinten, lachten, sangen und tanzten, beteten die Nebenstehenden an, schliefen, sprangen und schwankten. Süßer Speichel rann aus roten Mündern; sie sanken übereinander, schlossen die blutroten Augen und streckten sich. (14) Ihr äußeres Verhalten enthüllte offen, was im Inneren lag. Dieser ausgelassene Tanz ließ selbst bei fehlerlos gesinnten, vedischen Weisen an jeder Haarwurzel eine Flut von Begehren aufsteigen. (15) Die langen dunklen Lotusaugen wurden rot, die roten Lippen blass. Als zeigten Blüten einen widernatürlichen Farbwechsel, kündigte diese Verwandlung den bewaffneten, betrügerischen Dämonen ihr Ende an. (16) Ihre Augen übertrafen Fische, Yamas Speer und Kamas Pfeile. In Verwirrung nahmen sie die goldenen Ketten von ihren Brüsten, Hüftgürtel und Gewänder und schmückten damit die schweren Haarwolken.
(17) Während Ravana diese Frauen mit perlenhaftem Lächeln so betrachtete, drang das meeresgleiche Jubelgetöse des Affenheeres in all seine Ohren und erschütterte den berauschten Leib. (18) Tanz, Rauschlärm, nektarsüßer Gesang, göttlicher Trommeltakt, Liebesstreit, Seitenblicke und neckische Worte der Korallenmündigen verwelkten bei diesem Ruf wie zarte Blumen. (19) Die göttlichen Bogensehnen der beiden Helden dröhnten wie das Quirlen des Meeres mit dem Berg. Angebundene Kampfelefanten verzagten, Pferde schreckten auf, und die Dämonen fürchteten sich. (20) Die lächelnden Frauen, die ihn mit Augenspeeren trafen, erschienen ihm plötzlich als Affenheer. Sein Herz wurde wie das gequirlte Meer aufgewühlt; für die zehn Monde seiner Gesichter wurde die Nacht zum verblassenden Tag.
(21) Späher kamen von den Mauern, gaben Signale und berichteten, teils in Bienengestalt, alles: »Die Feinde sind unversehrt!« Bestürzt verließ Ravana den prächtigen Festpavillon und ging in die Beratungshalle.
6.25 – Die trügerische Sita
(1) Sein Sohn, Mahodara und die anderen Heerführer, die Ältesten und vertrauten Ratgeber versammelten sich um ihn. Er selbst erklärte ihnen vollständig den eingetretenen Umschwung. (2) »Wären nicht durch unsere grausame Torheit die Leichen ins Meer geworfen worden, hätten auch alle unsere gefallenen Angehörigen wieder leben können! Da Brahmas unfehlbare Waffe versagte, steht unserer völligen Vernichtung nichts mehr im Weg. (3) Hanuman allein muss der Grund dafür sein, dass die ganze Welt wieder ohne Verwirrung ist: Er springt im Augenblick von Lanka über Meru hinaus und bringt das mächtige Heilmittel samt seinem Berg zurück. (4) Risse er den Berg Lanka über das Meer hinweg und schleuderte ihn zerschmetternd zur Erde, wer überlebte? Welcher Kampf bliebe? Brächte er den goldenen Meru und würfe ihn auf diese Stadt, wer könnte ihn hindern?
(5) Wollte er die Ordnung umstürzen, vollendete er den Gedanken sofort; seinen Kräften fehlt nichts. Warum sprechen die makellosen Veden nur von drei höchsten Herren? Mit Hanuman sind es wahrlich vier! (6) Die Toten sind unwiederbringlich tot. Wir Überlebenden sind gleichsam neu geboren, obwohl wir den Weg der Rettung vergaßen. Herr, geben wir Janaki jetzt noch ordnungsgemäß zurück und suchen bei den Dharmatreuen Zuflucht! (7) Die bewaffneten Dämonen, die Meere austrinken und Himmel samt Erde ausreißen konnten, sind alle tot. Außer dir, deinem Sohn und der Stadt Lanka – wer bleibt? Unsere Tapferkeit ist leer«, sagte der vorausschauende Alte. (8) »Können Dämonen, vergänglich wie Regenblasen, den besiegen, der Vali mit einem Pfeil zum Himmel sandte, das Meer bezwang und Kumbhakarna tötete? Du mit den siegreichen Schultern, die Shiva samt Berg emporhoben!«
(9) Als Malyavan so sprach, lachte Ravana mit sichelförmigen Hauern wie ein Blitz in dunkler Wolke. Drohend donnerten seine Münder nacheinander: »Gut, sehr gut, was du sagst!« Sein eigenes Wohl erkannte er nicht. (10) Mit brennenden Augen entgegnete er: »Sind die Dämonen tot und alle Waffen zerstört – solange mein Leben bleibt, soll ich die Papageiengleiche freigeben? Habe ich sie etwa entführt, um mein Verlangen aufzugeben? (11) Was gilt mein Sohn, was die anderen? Ihr fürchtet euch und wollt leben! Geht und rettet euch. Morgen erhebe ich mich wie das Weltendfeuer und vernichte die Menschen samt ihren Affen!« Darauf sprach sein Sohn. (12) »Ich habe etwas mitzuteilen, wenn du es verständig annimmst. Die Waffe des Lotusgeborenen, die ich im Feuer weihte und grenzenlos wirken ließ, sollte Rama keineswegs verschonen. Doch ohne seinen Leib zu berühren kehrte sie wirkungslos zurück.
(13) Er ist weder Mensch noch gewöhnlicher alter Himmelsgott, auch kein körpertragender Weiser. Vibhishana sagte wahr: Er ist der Eine, den jene erkennen, die ›ich‹ und ›mein‹ überwunden haben. Das ist nun gewiss, König mit honigtropfendem Kranz. (14) Doch lassen wir das; davon zu reden ist keine Heldentat. Die Gefallenen seien gefallen. Gräme dich nicht! Eile ich nach Nikumbhila und vollende rasch das ungehinderte Opfer, endet unser Leid.« (15) Ravana billigte es. Indrajit ergänzte: »Dein Bruder wird es ihnen sagen; dann kommen sie und verhindern kämpfend die Vollendung.« Der Vater fragte: »Welches sichere Mittel hält sie fern?« (16) »Ich erschaffe Janakis Gestalt und töte sie mit dem Schwert vor Hanuman, der sie kennt. Dann tue ich, als zöge ich mit einem großen Heer gegen Ayodhya. Sie werden vor Kummer nicht wissen, was sie tun sollen.
(17) ›Sita ist tot; hier ist nichts mehr zu gewinnen‹, werden sie denken. Zugleich fürchten sie um Brüder, Mütter, Angehörige und die Bewohner der edlen Stadt. Von Kummer überwältigt ziehen sie samt Heer fort. (18) Selbst wenn sie bleiben, schicken sie Hanuman hin. Bis sie den Ausgang kennen, lässt ihr Leid nicht nach. Unterdessen vollende ich das Werk, komme eilends zurück und töte sie mit der gewaltigen Waffe. So schenke ich dir den Sieg.« (19) Ravana billigte den Plan. Sein Sohn ging, durch Zauber das goldene Abbild der lieblich Sprechenden zu erschaffen. Unterdessen sagte Sugriva zu Rama: »Lasst uns die alte Stadt rasch niederbrennen und ihre Befestigung vernichten!« (20) Rama stimmte zu. Sugriva sprang auf Lankas Torturm. Vor den Augen aller Welten nahm jeder Krieger der siebzig Affenheeresfluten eine brennende Fackel in die Hand.
(21) Die unzähligen Millionen Truppen näherten sich den bewachten Toren und starken Mauern der alten Stadt wie weiße Wolken, die Blitze ausschleudern. (22) Die makellosen Affenheeresfluten warfen von allen Seiten Fackeln: »Diese Stadt soll untergehen!« In der Nacht glichen sie Sternen, die vom Himmel fallen. (23) Die Fackeln der elefantengleichen Helden flogen immer weiter über das Lanka des betrügerischen Königs, wie Ramas rote Pfeile, als er sie auf das Meer richtete. (24) Die Wächter der breiten Mauern gerieten in Unruhe; rote Feuerzungen drängten heran. Lanka brannte wie damals das Meer unter den Pfeilen des Herrn, dem die Feinde nicht standhalten.
(25) Wie Vogelschwärme aus einem alten, steinigen Wald aufschreien und himmelwärts fliehen, wenn er Feuer fängt, so erhob sich ganz Lanka mit klagendem Geschrei. (26) Rama, dessen Bogenkunst die Bewohner und Herren der drei Welten lieben, sandte einige lampengleiche Feuerpfeile. Der Torturm brach und stürzte wie ein Berg hinab. (27) Während dies geschah, kehrte Hanuman zurück. Er hatte den gewaltigen Berg auf der Hand durch die Luft getragen und jenseits Merus wieder an seinen Platz gesetzt. (28) Hanuman mit den klirrenden Heldenringen brüllte. Als sein Ruf Lankas Ohren traf, glich die Stadt einer Schlangenschar, gegen die Garuda mit rauschenden Flügeln zornig heranstößt.
(29) Am westlichen Tor näherte sich Indrajit dem grimmen Windsohn. Er beherrschte ungehinderte Täuschung und hatte selbst den Tod bezwungen und zur Unterwerfung gezwungen. (30) Er packte die rehgleiche Frau, die er als Janaki gestaltet hatte, bei den Haaren. In der anderen Hand hielt er das nach Fleisch verlangende Schwert. Zornig erklärte er: (31) »Ihretwegen seid ihr gekommen und habt gekämpft. Mein Vater hat dies missachtet; ich aber vernichte jetzt ihr Leben!« Hanuman von grenzenloser Kraft erschrak und wurde schwach. (32) »Das ist die Frau, die ich gesehen habe«, meinte er zu erkennen. »Unser Leben ist zerbrochen!« Sein Inneres brannte; er fand keinen Weg, sie zu befreien. Sein Mund trocknete aus, als wiche das Leben.
(33) »Jetzt bleibt mir nichts anderes; ich muss an die Gerechtigkeit appellieren«, dachte er. »Du aus makellosem Geschlecht, du Tugendreicher: Eine Frau zu misshandeln bringt doch Schande! (34) Du stammst in vierter Folge von Brahma ab und hast den feinen Sinn aller Schriften erkannt. Eine Frau aus Verblendung zu töten wäre ein Makel, der dein ganzes Geschlecht erfasst. (35) Die Erde bebt, der Himmel zittert und verliert seine Ordnung – sieh selbst! Meine Gedanken zerfallen. Du hast das Erbarmen verlassen. Ist Frauenmord nicht eine ungeheure Schande? (36) Schenkst du sie mir und lässt sie gehen, werden alle Welten dir gehören. Kennst du deine eigene Abstammung nicht? Herr, beginne keine Niedrigkeit, die deinen Ruhm vernichtet!«
(37) Indrajit antwortete lachend: »Höre eines: Dadurch endet die Gefahr für meinen Vater und meine Stadt. Gibt es größeren Ruhm? Welch guter Rat von dir! (38) Damit mein Vater und alle Bewohner Lankas leben und sämtliche Götter fliehen, werde ich sie mit dem Schwert töten!« So sprach er voller Zorn. (39) »Geht nur! Euer Werk ist wohl beendet. Geht auch nach Ayodhya und bewacht es, wenn ihr könnt! Noch heute verbrennt es zu Asche und Kohle. Erst danach kehre ich zurück! (40) Die Brüder, die Mütter und alle anderen werden nicht entkommen, selbst wenn Götter sie schützen. Meine Pfeile speien sengendes Feuer; unter ihnen werden sie zugrunde gehen.
(41) Jetzt sofort fliege ich fort. Ich stehe schon im Pushpaka-Fluggefährt. Können sie meinen unfehlbaren, glühenden Pfeilen entkommen, wenn ich heute eilends komme?« (42) »Herr, erbarme dich, erbarme dich!« Das Flehen der Hilflosen rührte ihn nicht. Er hieb sie mit dem Schwert nieder und erhob sich mit einem langen, meeresgleichen Heer. (43) Auf dem goldglänzenden Pushpaka flog er vom Süden nach Norden. Hanuman begriff nichts mehr, brach innerlich zusammen und stürzte wie ein gewaltiger Siegesberg zu Boden. (44) Der Fortgeflogene änderte seinen Kurs und ging nach Nikumbhila. Der reine Hanuman krümmte sich vor Herzensschmerz; Tränen regneten unablässig. Als er wieder zu sich kam, klagte er:
(45) »Schwanengleiche! Kostbarer Schmuck der Frauen! Meine Mutter! Gibt es keine Gottheit? Ich sah dich zerstückelt, doch mein sündiges Herz und mein Leben zerbrachen nicht!« Seine große Kraft war geschwunden. (46) Er wollte aufspringen und den Gegner angreifen, fiel aber seufzend zurück. Sein Schmerz schwoll an; feuerheißer Atem entwich, der Leib erschlaffte. Er pflügte mit dem Kopf die Erde und begann erneut zu sprechen. (47) »Ich dachte: ›Unser Vorhaben ist erfüllt; für die drei Welten ist die Nacht vorbei!‹ Nun bedeckt sie wieder die Finsternis schweren Leids. Die List hat gesiegt; der Sünder hat die Glücksgöttin zerschlagen. Ach, Dharma ist gewichen! (48) Vor meinen Augen tötete er die Frau von unerschütterlicher Treue. Wie ein Vogel mit abgeschnittenen Flügeln vermochte ich nichts und versank selbst in Gefangenschaft. Wie herrlich habe ich meines Herrn Gemahlin aus schwerer Haft befreit!
(49) Sita, die göttliche, asketische, makellose Gattin, die Glücksgöttin: Der Sohn ihres sündigen Entführers tötete sie, und ich stand dabei und sah zu. Wahrlich eine große Leistung! (50) Als Bote des gelehrten, hochberühmten Kakutstha kam ich mit einer Botschaft. Nun habe ich die Täter siegen lassen. Nicht um dich zu retten, sondern um dich rasch töten zu lassen kam ich – diesen furchtbaren Vorwurf habe ich erworben. (51) Als Rama dich nirgends fand und suchend fast sein Leben vergaß, tröstete ich ihn: ›Die Lieblichsprechende lebt; ich habe sie gesehen.‹ Nun soll ich auch sagen: ›Der Dämon hat sie getötet.‹ Dazu bin ich geboren! (52) Ich überquerte das Meer, verbrannte die Stadt, half das Meer überbrücken und brachte ein Heilmittel jenseits Merus. Stolz dachte ich: ›Kein Affe gleicht dir!‹ Nun ist mein Dienst wie ein Werk, das am Ende zunichte wird.
(53) Mein Leib zerbrach nicht, mein niedriges Leben ließ mich nicht. Ich zögerte, ihren Entführer zu töten, und sah ihren Mord! Jetzt könnte ich noch Früchte essen und weiterleben. Gibt es einen Erbärmlicheren als mich?« (54) Dann besann er sich: »Der Betrüger sagte, er ziehe gegen Ayodhya, und flog sichtbar in jene Richtung. Folge ich ihm, erfährt Rama nichts von hier und erkennt die kommende Gefahr nicht. Was ist nun zu tun?« (55) »Ich melde das Geschehene. Will der Weltenherr sterben, sterbe ich mit ihm. Andernfalls bedenke und tue ich, was er gebietet. Einen anderen Weg habe ich nicht.« So entschlossen ging der Goldschultrige zu Ramas Füßen. (56) Vor den ringgeschmückten Füßen des löwengleichen Helden fiel er nieder. Leib, Geist, Augen und Leben litten; Schluchzen und Seufzen umhüllten ihn. Heiße Tränen stürzten wie Wasserfälle von einem Berg.
(57) Rama beugte sich zu ihm, fasste seine Hände und hob ihn: »Sage, was geschehen ist!« Hanuman konnte nicht stehen. »Die tief Leidende hat der Dämon heute mit scharfem Schwert gespalten!« Schluchzend wälzte er sich. (58) Rama zuckte nicht, atmete und blinzelte nicht, vergoss keine Träne und sprach kein Wort. Sein Herz barst nicht, er fiel nicht und schwitzte nicht. Selbst die Götter erkannten das ganze Ausmaß seines Leids nicht. (59) Die Affenhelden erschraken und verloren die Besinnung. Zitternd wie Bäume im mächtigen Nordwind fielen sie berggleich vor die ringgeschmückten Lotusfüße des wunschbaumgleichen Herrn. (60) Reglos wie ein Bild verlor Rama das Bewusstsein. Er sah die Freunde nicht an, antwortete dem Bruder nicht. Der Speer verletzter Ehre, den selbst ein Wahnsinniger kaum ertrüge, durchbohrte seine Brust; leblos sank er hin.
(61) Lakshmana sah seines Herrn Zustand, ihre Schande und das erneut vernichtete Werk. Mund, Geist, Augen und Körper versagten ihm. Wie ein Kalb, das die Mutter verloren hat, sank auch er zur Erde. (62) Selbst Vibhishana, der frühere Vorgänge beurteilen konnte, erschrak und vermochte unter dem grenzenlosen Leid nichts zu erkennen. »Vielleicht tötete er sie, weil der Sieg schwer ist und ihretwegen dieses Verderben kam«, zweifelte er. (63) Er kühlte Ramas Gesicht mit Wasser, berührte ihn und tat alles, ihn zu wecken. Er massierte Hände, Leib und goldlotusgleiche Füße; langsam öffnete der selbst den Veden unerreichbare Herr die Augen. (64) Obwohl Lakshmana selbst weinend und innerlich zerbrochen das Unheil kaum ertrug, dachte er: »Der Herr überwindet es nicht; verletzte Ehre wird ihn töten.« Um ihn zu trösten, begann er:
(65) »Wenn die letzte Stunde kommt, versinken kleine Menschen im Leidensmeer. Dir brächte dies Schande. Ist unser Geschlecht befleckt, solltest du Welt und Dharma vernichten, den Makel zu tilgen – statt gedankenlos zu verzagen! (66) Wenn der Grausame deine schutzlose, asketische, göttlich treue Gemahlin, die Glücksgöttin selbst, getötet hat – wozu noch leiden? Um weiterzuleben? Aus Erbarmen? Besteht noch irgendeine Bindung an Dharma? (67) Was gelten Dämonen, Götter, Brahmanen, Lehrer, Weise und Vedengebote? Wenn Überhebliche stark sind und Rechtgeleitete vernichtet werden, warum sitzen wir hier, statt die drei Welten zu verbrennen? (68) Die sieben Welten bestehen trotz solcher Taten weiter! Götter leben, man verehrt den Dharma, Wolken regnen – und wir sinken weinend hin. Herrlich ist wahrlich die Kraft unserer Bogenkunst!
(69) Wir könnten diese Stadt im Augenblick zermahlen, alle Richtungen verbrennen, in die der Dämon floh, und die Götterwelten vernichten. Sitzen wir stattdessen mit Tränen, hängenden Armen und gesenktem Kopf nur im Leid, erscheint das nicht erbärmlich? (70) Schon dort verloren wir dem Dharma zuliebe das Reich, gingen in den Wald und hielten selbst nach der Entführung deiner Frau unsere Grenzen ein. Bleiben wir auch jetzt tatenlos, werden sie uns Schwache nicht fesseln und zu Dienern machen? (71) Sterben wir, heißt es: ›Vor ihren Augen wurde die blumenbekränzte Frau ermordet; unfähig, die Täter zu töten, starben sie vor Scham.‹ Im Ganzen betrachtet ist dies kein rechter Weg. Warum verzagst du wie ein Unwissender?« (72) Sugriva fuhr wie aus einem Traum auf: »Was gibt es noch zu überlegen? Kommt! Springen wir auf die Brust des Dämonen in seinem Palast, wie Motten in eine Lampe!«
(73) »Wir reißen Lanka aus und töten sämtliche Dämonen mitsamt Frauen, Säuglingen und Geschlechtern. Furchtbar wollen wir handeln! Hindern uns Götter, stürzen wir auch ihren Himmel auf die Erde. (74) Sind wir entschlossen, selbst den Dharma zu zerstören, warum mühen wir uns noch draußen? Durch die drei Welten wirbelnd fesseln wir die Göttergeschlechter!« Der diamantenschultrige Held setzte zum Sprung gegen Lanka an. (75) Auch die anderen sprangen vor ihren König: »Wir reißen die Dämonen samt ihren Häusern aus und zerschmettern sie!« Da erinnerte sich Hanuman, dass noch etwas zu berichten war, und schilderte Indrajits angeblichen Zug gegen Ayodhya. (76) Als Rama hörte, der Feind sei in die Stadt seiner Mütter und Brüder gezogen, trat der Schmerz um Sita zurück – wie eine körperliche Wunde nicht mehr empfunden wird, wenn der ganze Leib in Feuer gerät.
(77) Wie Vishnu, der sich vom Schlangenlager im Milchmeer erhebt, stieg Rama aus dem Leidensmeer. Unstillbarer Zorn und Furcht vereinten sich in seinem Herzen; keinen Augenblick wollte er verlieren. (78) »Mein Unheil endet nicht mit Sita; es entwurzelt alles. Wen wird es noch erfassen? Herr, gibt es einen Weg, es zu wenden? Leben meine Brüder noch? (79) Sein Fluggefährt ist schneller als der Gedanke; längst ist er dort, vollendet sein Werk im Augenblick und kehrt zurück. Mein Haus ist dort zerstört, meine Frau hier tot. Was folgt noch? Nicht einmal den Tod finde ich! (80) Mein Unheil ließ Vater, den vatergleichen Jatayu und die einsame Sita sterben und war nicht erschöpft. Nun erreicht es die Mütter, die mich gebaren, die unschuldigen geliebten Brüder, Stadt und Land.
(81) Sie wissen nichts davon. Selbst wenn sie es erkennen und kämpfen: Fesselt und tötet er sie, kommt Garuda nicht; auch Hanuman ist nicht dort, das Heilmittel zu holen. Wer gäbe ihnen das Leben zurück?« (82) »Diamantenschultriger, kennst du ein Mittel, rasch durch die Luft zu reisen, sage es! Alles hier mag enden, Lankas Krieg ruhen. Wenn Krähen die Augen dieses Elenden gefressen haben, vollende ich später mein Vorhaben.« (83) Lakshmana sagte: »Herr, Indrajit ist nicht imstande, Bharata im Kampf herauszufordern. Wenn Bharata zornig wird, würden selbst die drei Welten vergehen. Bleibe nicht im Meer der Angst; höre! (84) Bin ich etwa Bharata, dass auch er von Brahmas Fessel getroffen zusammenbräche? Der Böse hat den Tod selbst herbeigerufen. Du wirst sehen, wie er samt seinem Geschlecht zu Boden geschlagen wird!« So sprach er bitter.
(85) Hanuman trat vor: »Herr, steigt auf meine Schultern oder Hände. Noch in diesem Augenblick erreiche ich Ayodhya und lasse den Wind zurück. Gibt es irgendwo Raum, gelange ich dorthin; auch allein kann ich die Feindschaft beenden. (86) Befiehlst du, Lanka mitsamt den siebzig Heeresfluten auszureißen und auf meinen Schultern fortzutragen, bin ich bereit. Warum noch einen Augenblick warten? Ich bringe euch alle vor Pushpaka ans Ziel, springend wie der Tod. (87) Ich redete dem Mörder gerecht zu, um ihn aufzuhalten, doch die Worte waren vergeblich. Nach dem Mord warf mich der Schmerz bewusstlos nieder; er eilte fort. Bei klarem Bewusstsein hätte ich ihn nicht entkommen lassen. Ich habe versagt. (88) Sein gedankenschnelles Gefährt soll noch unterwegs sein, während ich Ayodhya bereits erreiche und ihn erwarte. Warum weiter säumen? Steigt beide auf meine Schultern, Tulasi-bekränzte Herren, ehe Pushpaka dort ankommt!«
(89) »Steigen wir auf«, sagten die Helden und erhoben sich. Vibhishana verneigte sich: »Noch etwas: Vor Schmerz konnte ich nicht klar denken und stand verwirrt. Nun bin ich ruhiger und vermute, dass dies Täuschung ist. (90) Hätte der Sünder die treue Gattin wirklich berührt und getötet, wären die drei Welten nicht zu Asche verbrannt? Selbst wenn es geschehen wäre, ist die Geschichte mit Ayodhya sonderbar. In kurzer Zeit können wir alles prüfen. (91) Ich fliege im Augenblick zu ihrem Aufenthaltsort, sehe genau nach und berichte. Danach tun wir das Richtige.« Rama stimmte zu: »Das ist angemessen.« Vibhishana erhob sich in die Luft. (92) Er nahm Bienengestalt an, flog gedankenschnell und erreichte den Hain. Mit eigenen Augen und klarem Geist sah er Sita dort, reglos wie ein Bild, von dem man kaum weiß, ob es lebt.
(93) Trijatas klare, heilsame Worte hatten Sitas Entschluss gelöst, mit dem eigenen Leben ihr Leid zu beenden. Der Jubel, gewaltig wie Weltendwolken, war ihr Nektar geworden und hielt sie am Leben. (94) »Es war Täuschung!« Himmelhohe Freude erfüllte ihn, und alle innere Unruhe wich. Dann sah er endlose Dämonentruppen aufbrechen: »Der starke Bogenträger ist nach Nikumbhila zum Opfer gegangen!« (95) Er sah Opfergeräte, Holz und Butter und die Angst der Götter: »Wird er ungehindert vollenden, lebt seine Macht auf!« – »Das also war seine List! Gut!« Mit gewonnener Gewissheit kehrte Vibhishana zu Ramas Lotusfüßen zurück. (96) »Die Herrin lebt; ich selbst habe sie deutlich gesehen! Könnte eine Treue wie Arundhatis untergehen? Der Dämon täuschte uns, damit wir leiden, und ging nach Nikumbhila. Dort will er das Feueropfer vollenden und uns völlig vernichten.«
(97) Die Affenmassen jubelten, sprangen und tanzten, dass Berge zerbrachen. Selbst die Götter zweifelten, ob nicht die vierzehn Welten, sieben Inseln und sieben grenzbildenden Meere gemeinsam diesen Schall erhoben.
6.26 – Das Opfer von Nikumbhila
(1) Auch Ramas Zweifel schwanden. Er umarmte Vibhishana so innig, als vereinten sich Leib, Liebe und Leben: »Herr, muss man sich wundern, dass unser Leid endet? Du bist da, die Gottheit, Hanuman, unsere Askese und die Veden bestehen! (2) Vibhishana verneigte sich: »Vollendet er das Opfer, kann ihn niemand besiegen; dann siegen die Dämonen. Erlaube mir, mit deinem Bruder hinzugehen, sein Leben zu nehmen und das Opfer zu zerstören!« Rama billigte es. (3) Er umarmte Lakshmana: »Setzt er Brahmas schreckliche Waffe ein, verwende sie nur zur Abwehr. Schieße sie nicht zuerst: Sie würde Götter und Welten vernichten. Unterlasse das! (4) Er mag auch die Waffen Shivas und Vishnus zugleich senden. Wehre jede mit der entsprechenden Waffe ab. Dann dringe mit deiner eigenen Bogenkraft vor, nimm ihm das Leben und kehre zurück, Ruhmreicher!
(5) Erkenne seine mächtigen Zauberkünste und entwurzele sie, während du den weiten Blick des Dharma wahrst. Erschöpfe dich nicht in endlosen Kämpfen; nutze seine Blöße und töte den Tod der Götter, du Todesgleicher! (6) Wenn er zornig große Pfeilregen sät, halte sie mit gleichartigen Salven auf. Wird er schwach, treibe ihm einen Pfeil des starken Bogens durch die Brust und vollende das Töten, du unvergesslicher Kenner der Bogenlehre! (7) Lege den Pfeil auf, ehe er den seinen anlegt, und hemme jedes seiner Mittel. Erkenne seine Absicht an den Zeichen; wähle Schärfe und Geschwindigkeit deiner windgleichen Geschosse passend, ohne kopflos zu eilen.« (8) Nachdem er alle solchen Mittel erklärt hatte, sagte Rama: »Nimm diesen mächtigen Bogen. Ihn trägt der Eine, der selbst die drei Welten ist und dessen Größe selbst er nicht ermisst. Empfange ihn samt seiner Kraft!
(9) Du hörtest doch damals genau, was der tamilische Weise über diesen Bogen sagte. Er gehört wahrhaft dem Herrn mit tausend Häuptern; Brahma selbst gewann ihn durch ein Opfer. Nimm ihn!« Er gab ihn samt Panzer. (10) Der Diskusträger, Halt der Welt, gab ihm auch den rückengebundenen Köcher und viele weitere Ratschläge. Er umarmte den Shiva-gleichen Bruder. Die Götter im hohen Himmel riefen: »Unsere Erniedrigung ist beendet!« (11) Götter verkündeten Heil, Himmelsfrauen sangen makellosen Segen und langes Leben. Lakshmana leuchtete beim Aufbruch wie der mondgekrönte Shiva, als er zornig die drei Städte verbrennen wollte. (12) »Ziehe mit Hanuman und den übrigen Affenführern, Held«, entließ ihn Rama. Lakshmana legte Ramas Lotusfüße innerlich und äußerlich auf sein Haupt und brach auf, reich an Dharma.
(13) Rama stand wolkenfarben da, schluchzend, während Tränen die Erde benetzten. Lakshmana umschritt ihn rechtsherum, nahm den diamantfesten Bogen in die Linke und eilte zornig gegen den Betrüger: »Ich bringe seinen Kopf!« (14) Als der sonst ungetrennte Bruder wie das Leben selbst aus seinem Blick verschwand, glich Rama Dasharatha, der einst seinen jungen Sohn zum Schutz des großen Opfers fortziehen sah. (15) Heerführer und Krieger zogen mit flammenden Fackeln in den Händen über Waldwege und Berge. So gelangten sie nach Nikumbhila. (16) Sie sahen einen Banyanbaum, so ausgebreitet, als verschlänge er den Himmel und beherberge den Weltenherrn. Um ihn lag das dunkle Meer der Dämonen.
(17) In kreisförmiger Schlachtordnung bildete es einen mächtigen Schutzring. Um das heiße Opferfeuer des Bösen stand es wie das Meer um sein unterseeisches Feuer. (18) Wolkengleiche Elefanten, Wagen, Pferde und unzählige Kriegerreihen umgaben es. Tausend Yojana weit erstreckte sich das Heer, als hätte man Meer an Meer gesetzt. (19) Wer könnte goldene Wagen, Pferde, Elefanten und bewaffnete Krieger zählen? Die angeordnete Schlachtformation zog sich in tausend Ringen um den Ort, als umschließe sie die Welt. (20) Über dunklen Leibern wehte rotes Haar bis zum Wolkenhimmel. Das Heer glich dem großen Meer, als Ramas Feuerpfeile es in Brand setzten.
(21) Kein Sehnenschall erklang; die Bogen ruhten wie alte Regenbogen am Himmel. Trommeln lagen stumm wie Dinge im Meer, große Kriegstrommeln wie Wolken ohne Donner. (22) Das Heer schwieg wie das Meer, das sich einst durch Ramas Wort beruhigte. Die nie verzagenden Affen erreichten es und brüllten, dass der Himmel aufriss. (23) Die Dämonen brüllten entgegen; bespannte Trommeln wurden geschlagen. Affen überschütteten sie mit Steinwaffen, jene sandten Pfeile wie Wasserströme aus schwangeren Wolken. (24) Blitzende Waffen flogen. Das Affenheer stürzte sich darauf wie Schwäne, die sich auf einem vollen, von Ufern eingefassten See niederlassen.
(25) Unter Steinen, Bäumen und Händen der Affen stürzten Bogen, Äxte und Keulen, Zähne, Köpfe und Körper starker Krieger zerstreut zur Erde. (26) Umgekehrt fielen Schwänze, Köpfe, Leiber, Bäuche und kräftige Arme auf den Boden, als Stäbe, Äxte, Keulen, Pflugklingen, Speere, Pfeile und Ringe umherflogen. (27) Vibhishana sagte zu Lakshmana: »Ist es recht, hier am Rand zu verweilen? Wenn du nicht vorgehst und das geschützte Opfer zerstörst, wann werden wir dieses Meer je bezwingen?« (28) Götter, Asuras, der viergesichtige Brahma, der alterslose Shiva und der Herrscher der drei Welten – kein Himmelsbewohner blieb dem Schauspiel fern.
(29) Ein Heer unzähliger Krieger stand da, in zahllosen Reihen, mit vielen Waffen, mondsichelweißen Zähnen und vielfältigen Musikinstrumenten: überall nur Heeresmassen. (30) Lakshmana drang hinein und ließ scharfe Pfeile regnen. Die Dämonen zerfielen; sie verließen ihre Stadt und gingen in Yamas südliches Reich ein. (31) Unzählige rasende Elefanten, Wagen und Pferde vernichtete er im Gemetzel. In Stücke zerfallen bildeten sie Inseln im schlammigen Blutmeer; er nahm ihnen das Leben. (32) In den tiefen Gruben, die gestürzte Elefanten hinterließen, lagen unzählige abgeschlagene Dämonenköpfe mit rotem Haar. Sie glichen Opfergruben voller lodernder Flammen.
(33) Die Bogenpfeile hatten die riesigen Kampfelefanten geöffnet. Ihre Bäuche und Körper lagen unbeweglich voller Blut da, wie Berge mit gefüllten Teichen. (34) Pfeile hafteten dicht wie Bärenzähne. Die gekrönten, staubbedeckten Köpfe glichen festen Erdhügeln, die über und über von leuchtenden Glühwürmchen besetzt sind. (35) Unter dem langen Pfeilregen strömte Blut wie fallendes Wasser. Die schwankenden, hohen Banner stürzten wie große Wolken ins tiefe Meer. (36) Blitzende Pfeile durchtrennten die Schirmstangen. Die weißen Schirme der Feinde sanken in deren Blut und glichen dem Mond, den eine rote Schlange verschlungen hat.
(37) Elefanten mit abgetrennten Rüsseln und Beinen trieben im weiten Blutstrom. Weil das Leben sie verlassen hatte, sanken sie nicht; sie glichen Krokodilen in tiefem Wasser. (38) Schakale fraßen auf dem von Elefantenleichen bedeckten Feld. Die von den Flüchtenden weggeworfenen Musikinstrumente lagen reglos da wie Körper, deren Leben verschwunden ist. (39) Feuermündige Pfeile trafen und verbrannten die Geschirre. Die zornigen Elefanten glichen hohen, bambusbewachsenen Bergen, die bei heißer Sonne Feuer gefangen haben. (40) Bären drangen an die meeresgleichen Dämonen heran und rissen ihnen die gekrönten Köpfe herunter. Sie glichen Bären, die mit scharfen Krallen hohe Termitenhügel auf Bergen umstürzen.
(41) Große Pfeile kamen wie schwerer Regen. Löwengleiche Krieger stürzten samt den Löwenverzierungen auf ihren festen Helmen und mit ihren mächtigen Reittieren um. (42) Glieder wurden zerrissen und verstreut; Heerführer stürzten hier und dort. Blut strömte aus ihren Körpern, wirbelte die abgetrennten Glieder umher und füllte die Zwischenräume. (43) Lakshmana vernichtete das starke Heer mit langem Pfeilregen, wie einst sein Vater von einem einzigen Wagen aus die dicht gedrängten Wagenheere der standhaften Danavas erschlug. (44) Als hätte ein gewaltiger Sturm Berge, Wolken und Sterne zertrümmert, flogen Köpfe, Körper und Pfeile in das glühende Opferfeuer.
(45) Die vom elefantengleichen Helden abgeschlagenen, bekränzten und gekrönten Köpfe flogen heran. Ihr Aufprall zerbrach die vollen, edlen Gefäße, über denen vedische Mantras gesprochen worden waren. (46) Blutströme trugen mächtige Elefanten und rollende lotusgesichtige Köpfe herbei. Die hochschlagenden roten Wellen ergossen sich in das Feuer und löschten es. (47) Von scharfen Pfeilen abgetrennte Arme rothaariger, ringgeschmückter Dämonen fielen samt Schwertern donnernd herab. Die für das Feuer bestimmten Büffel stürzten; auch die Ziegen wurden zerschnitten. (48) Geschlagene Krieger stiegen von ihren wasserfallgleichen Brunst-Elefanten herab. Aus Angst vor den nachsetzenden Pfeilen verbargen sie sich vollständig im ausgebreiteten Blutmeer.
(49) Mit abgetrennten Füßen und von strahlenden Pfeilen getroffen näherten sich viele verstört. Sie stützten schwankende Leiber auf Speere; stinkende Eingeweide hingen aus ihnen heraus. (50) Manche trugen die schlaffen, zerschlagenen Körper ihrer Söhne auf den Schultern, unfähig, sie zurückzulassen. Andere umarmten ihre Brüder; dabei drückten sie die eigenen hervorquellenden Eingeweide zurück. (51) Verschlossene Gefäße voller Butter und Wein zerbrachen samt Opferkorn. Millionen verstümmelter Körper tanzten in Gruppen; die Verstümmelten verstümmelten noch andere. (52) Wie Wind, Gift, der Faden geschickter Weber, eine den Leib verfolgende Krankheit oder Gerinnungsmittel in Milch drang Lakshmana immer wieder ins Speerheer ein, zerschnitt es und warf es nieder.
(53) Indrajit blickte in jede Richtung. Sein erd- und meeresweites Heer lag da wie ein Garten, den ein entfesselter Sturm auseinandergerissen und niedergeworfen hatte. (54) Er sah nur himmelhohe Haufen wilder Elefantenleichen, Pferde, Wagen, verstreute Leiber und harte Köpfe sowie ein hochwogendes Blutmeer. Dazwischen war nichts anderes zu erkennen. (55) Unermessliche Mengen kampfstarker, heldenringgeschmückter Dämonen hatte der scharfe Pfeil eines Einzelnen zerstückelt. Nur ihre Haufen und Blutflüsse sah Indrajit vor sich. (56) Die einst schlimmer als Gift waren, kamen nun zitternd, ängstlich und mit trockenen Zungen heran. Andere beklagten die nicht zurückgekehrten, grimmen Helden: »Sie sind tot; wir sind ohne Beistand!«
(57) Das Opferfeuer war erloschen, Geräte, schönes Darbha-Gras und alles Übrige zerstreut. Indrajit vergaß den geheiligten Mantravollzug und erschien selbst wie ein rauchend wachsendes Feuer. (58) Alle, die dem Pfeilregen entronnen und noch am Leben waren, sammelten sich schützend um ihn. In ihren Ring drang das große Kriegsmeer der Affen ein. (59) Dass die tausendfach ausgebreitete Heeresmacht in einem Augenblick zerbrach, die Bogenkunst des reinen Gegners, sein eigener Schmerz und aufsteigender Zorn – all das ließ ihn brennen. (60) Er sah das Töten, das die Erdgöttin erschütterte und zum Schluchzen brachte. Zugleich sah er die Weisen beim Ende der bösen Geschlechter freudig die Hände schütteln.
(61) Seine Ehre war zunichte, die Schweigeordnung des Opfers zunichte, das grenzenlos starke Heer zunichte; auch die im Geist gesprochenen Mantras und alles andere waren vergeblich. Er sagte: (62) »Von fünfundzwanzig Flutmaßen meines Heeres bleiben nur zehn Akshauhinis. Jetzt dieses gewaltige Opfer fortsetzen zu wollen wäre kindisch; es ist vollständig zerstört. (63) Das heiße, rauchende Opferfeuer ist zusammengefallen und erloschen. Genügt das nicht als Zeichen, dass mir heute der Sieg im furchtbaren Kampf verschlossen ist? (64) Doch sei es darum! Dass ich Menschen nicht gewachsen sei und deshalb vergehe – welche Schande! Ich werde hier nicht kraftlos grübeln. Sind mir etwa die Schultern für einen gewaltigen Kampf verloren gegangen?
(65) Soll ich kleinmütig trauern, weil das Mantraopfer scheiterte, damit die Himmelsgötter spotten: ›Menschen ist er nicht gewachsen; seine Kraft reichte nur für Indra‹?« (66) Während er dies sprach, schleuderten die Affen große Berge, Bäume, Leichenhaufen und tote Elefanten. Das gewaltige Dämonenheer stob auseinander und floh. (67) Sie duckten und versteckten sich untereinander, zitterten, wurden von Pfeilen durchbohrt und spalteten auf, sodass Eingeweide hervorquollen. Ihr Zorn verging wie bei Elefanten, deren Brunst versiegt. (68) Lakshmanas schreckliche Pfeile und die dunklen Bergwürfe der Affen fielen ins Dämonenmeer wie Regenströme und Wolken, die ein großer Sturm auf die See hinabtreibt.
(69) Hanuman bedrängte das fliehende Heeresmeer mit Baumhieben. Dann näherte er sich Indrajit und sprach höhnische Worte, die dessen Zorn entfachten. (70) »Du hörtest keines meiner bittenden, freundlichen Worte. Hast du Janaki wirklich mit dem Schwert gespalten? Bist du mit deinem Heer auf Kuberas Fluggefährt nach Norden gezogen, du Meister millionenfacher Lügen und Listen? (71) Siehst du, was mit deiner meeresbreiten Kreisformation geschehen ist? Deinen Sehnenschall hörten wir nicht! Wann hast du Ayodhya samt unseren Angehörigen vernichtet und bist zurückgekehrt? Ist das Opfer vollendet, das Werk gelungen? (72) Wie schnell bist du zurück, nachdem du dem makellosen König Bharata deine Bogenkraft gezeigt hast! Seine Schultern sind mächtiger als die Schlange, die die ganze Welt trägt. Dein Ausflug hat sich wahrlich gelohnt!
(73) Hast du den edlen Sohn Dasharathas gesehen, der einst Shambara tötete und den Göttern half? Hast du jenem Bruder deine Bogenkraft gezeigt, der die drei höchsten Götter zu vieren macht? (74) Feuergleiche Diamantpfeile werden deinen Leib treffen; Blut wird aus Wunden, Ohren, Mund und Augen strömen. Nach Lanka fliehen und Täuschung verbreiten – mit all dieser Zauberkampfkunst ist heute Schluss! (75) Was willst du noch schleudern: Schlangenfessel, Brahmas große Waffe, Shivas alte Waffe oder Vishnus Diskus? Wie sehr wir uns davor fürchten und schämen! Genug, genug – der Tod ist nahe! (76) Wir kannten deine Segensgaben, Zauberkünste, göttlichen Waffen und körperlichen Kräfte, als wir beschlossen, dir Kopf und Leben zu nehmen. Dieser Entschluss besteht. Sind wir etwa davon abgewichen?
(77) Selbst wenn Shiva mit dem Gift im Hals, Brahma und Vishnu auf dem Schlangenlager unerschüttert zu deinem Schutz kämen, wäre dein Tod gewiss. Zuckt deine linke Seite schon? Bleibst du noch? Antworte! (78) Der Bogenschütze, der deinen Tod schwor, ist hier und hat dein ganzes Heer vernichtet. ›Komm, wenn du kannst!‹ ruft er. Gehört das laute Dröhnen seiner Sehne vielleicht zu deinem Opferdienst? (79) Der Bruder des Urherrn, der die drei Welten schützt, steht zum Kampf bereit. Götter, Weise und Bewohner aller Welten sehen zu. Warum noch einen Augenblick warten? Ist dein Tod nicht gewiss?« So sprach der Beschützer des Dharma. (80) Indrajit atmete Feuer; seine geschmückten goldenen Schultern blitzten, aus dem offenen Mund strahlte Glut, und sein Lachen schwoll an. »Ihr kommt vor mich und redet so! Was sollen diese Worte und eure Verachtung?«
(81) »In jedem Kampf seid ihr gefallen und gestorben; nachdem ihr widernatürlich zurückkehrtet, vergesst ihr das alles? Ihr ruft mich her, um erneut zu sterben! Hast du das Heilmittel schon bereitgestellt, das euch dann wiederbeleben soll? (82) Lakshmana, Rama und alle, die mich aufhalten wollen, mögen kommen! Götter und Weise werden sehen, wie die Affenfluten geschlechterweise vergehen und die Menschen leiden. (83) Solange mein Bogen und meine goldenen Schultern bestehen, welches leibliche Leben könnte unverborgen entkommen? Ich töte Menschen und krummrückige Affen und verfolge sie selbst im Himmel weiter. Kein Heilmittel wird euch retten! (84) Weil mein Opfer heute scheiterte, ruft ihr: ›Wir haben gesiegt!‹ und prahlt mit allem erdenklichen Heldentum. Spart eure Worte. Ohne Verzug erscheint meine Tapferkeit als Pfeile in meiner Hand, die euch einzeln die Köpfe abtrennen.
(85) Ich prahle nicht weiter mit dem Mund wie ihr. Zwei Siege habt ihr mir schon geschenkt; eilt ihr nun zum nächsten? Habt ihr gelernt, meinem Zorn auch nur einmal standzuhalten? Liegt ihr wieder tot, oder überwindet ihr mich?« (86) »Steht! Bleibt stehen!« Mit feurigen Augen legte er den blitzenden Panzer an, band den Köcher fest, befestigte den goldglänzenden Armschutz und nahm den Kriegsbogen. Er bestieg den strahlenden Diamantwagen und ließ die Sehne schnalzen. (87) Er blies das Muschelhorn; Himmelsfrauen schlugen erschrocken die Augen zu. »Im Augenblick wird er alles vernichten!«, fürchteten die Götter. Shiva auf Kailasa und Brahma auf dem Lotus sagten: »Heute kommt ein großer Kampf!« (88) »Durch unsere Askese scheiterte sein großes Opfer. Doch auch so werden die Affen kaum überleben. Hat ihr Schicksal ihn gerufen? Wir werden sehen, wie seine Pfeile sie umpflügen!« So bangten die Himmelsbewohner.
(89) Als der Sehnenschall ihre Ohren durchdrang, vergaßen die Affen ihr Heldentum. Bäume und Steine glitten aus ihren Händen und stürzten zu Boden. »Wir sind wirklich tot!«, dachten sie und flohen scharenweise. (90) Nur die großen Heerführer hielten stand. Die übrigen flohen wie Meerwasser, das der unwiderstehliche Sturm des Weltuntergangs auseinanderreißt. Hanuman stellte sich zum Kampf und riss einen hohen Berg heraus. (91) »Halt! Bleib stehen! Nach deinen großen Reden hebst du einen Felsen – willst du mich vor den Augen der Götter damit töten? Natürlich, einem Affen mag das gelingen! Vortrefflich, komm zum Kampf!«, spottete der Tod des Todes. (92) Dem zornigen Helden mit erhobenem Bogen trat Hanuman mit dem Felsen entgegen. Die Götter fragten: »Was wird dem mächtig geschulterten Hanuman helfen?« Selbst sein Vater erschrak.
(93) Hanuman schleuderte den diamantfesten Berg. Heiße Funken stoben in alle Himmelsrichtungen; er kam wie eine geballte Masse aus tausend Donnerkeilen. Alle Welten fürchteten sich, und die Dämonenschar geriet in Aufruhr. (94) Seine Ohrringe schwangen bis zum langen Bogen, seine Schultern ragten wie Meru. Indrajit brüllte, dass das All bebte. Hanuman sah seinen donnererschreckenden Berg zu Staub zerfallen; selbst die nie blinzelnden Götter hatten den Schuss nicht gesehen. (95) Als Hanuman einen anderen Berg nahm, drang ein Pfeilregen in Brust, Schultern, Beine, Hände, Hals, Stirn und Augen. Die Geschosse waren in brennendes Gift getaucht und übertrafen Agnis Hitze. (96) Neben dem hochgipfligen Berg leuchtend, die Dunkelheit durchbrechend, mit strahlengleichen Pfeilen bedeckt und vom Blut gerötet, glich Hanuman der aufgehenden Sonne.
(97) Als er ermattete, kamen Angada und die anderen zornerfüllt heran. Indrajit betrachtete sie geringschätzig: »Bleibt stehen! Wo ist jener, der schon zweimal zum hohen Himmel gegangen ist?« (98) Sie rückten weiter vor. Zornig sagte er: »Verfolgt ein Löwe etwa Affen statt Elefanten? Warum sollte ich Pfeile verschwenden? Zeigt mir den jüngeren Bruder, der wenigstens etwas kämpfen kann! Wollt ihr mutwillig sterben?« (99) »Habt ihr Hanuman nicht gesehen? Seid ihr stärker als er? Mein Bogen ist noch da, die Kraft meiner Schultern nicht geschwunden! Welches neue Vermögen habt ihr gesammelt? Zeigt mir den Menschen und geht zurück auf eure Berge!« (100) Als er auf Lakshmana losging, näherten sie sich und warfen Berge und Bäume. Doch Millionen Pfeile, die selbst Meru durchbohrt hätten, drangen in jede Gruppe; ihre Kraft erlosch.
(101) Vibhishana sagte: »Dein großes Heer fällt! Die schwarze Wolke dieses siegreichen Dämonen gießt Pfeilregen aus. Sein Opfer ist zerstört; eile jetzt, damit er nicht entkommt!« Lakshmana rückte kampfbereit vor. (102) Hanuman kam mit wieder aufgehelltem Gesicht: »Vatergleicher Herr, steige rasch auf meine Schultern!« Freudig stimmte Lakshmana zu. Die Götter wurden ihrer Sorge ledig; Hanuman begann seine weiten Kampfbewegungen. (103) Der Dämon, schwarz wie tausend vereinte Wolken, stand hoch auf einem von tausend Pferden gezogenen Wagen. Beide Gegner begegneten sich; Hanuman bewegte sich in alle Richtungen, als bestreite er tausend Kämpfe zugleich. (104) Lakshmana, der auf Schlaf verzichtet hatte, schoss grausame Pfeile: wie Feuer, Donner, lebenshungrige Geister, Hunger, Krankheit und unfehlbares böses Schicksal. Gedankenschnell flogen sie und nährten die Geier wie eine Mutter.
(105) Der kampfwütige Dämon zerschnitt sie mit entsprechenden Pfeilen. Dann schoss er, als bliebe kein Pfeil mehr in der Welt: ein Weltendregen, der Himmel, Erde, Richtungen, Berge und Meere verschlingen wollte. (106) Lakshmana sandte vogelschwarmsgleiche Pfeile, um sie zu vertreiben. Als Geschosse funkenartig zurücksprangen, setzte er die gleiche Zahl dagegen und hemmte sie. Indrajit vollführte unterdessen tausend weite Kampfmanöver. (107) Wo der windgleiche Dämonenwagen und Hanumans zornige Füße entlangzogen, verschwanden Felsen, hohe Berge und Bäume; nicht einmal Gras oder feiner Staub blieben erkennbar. (108) So schnell bewegten sich die beiden pfeilschießenden Helden, dass selbst Krieger sie nicht mehr unterscheiden konnten. Die Götter freuten sich: »Keiner gleicht ihnen!« Sie kämpften wie zwei kämpfende Meere.
(109) Die Pfeile ließen am Himmel keinen Raum; weder Götterblick noch Geist noch Zahlen konnten ihnen folgen. Selbst der Tod fand keinen Durchgang. Nur die Wunden zeigten, dass etwas die Körper erreicht hatte. (110) Alle Richtungen flammten auf. Die Sehnen dröhnten zerschmetternd wie Donner; heiße Pfeile regneten wie Gewitterkeile. Sterne verkohlten, und Feuer und Rauch ergriffen sämtliche Welten. (111) Die Weisen sahen Richtungen aufbrechen und stürzen, hörten donnernde Sehnen. Glühende Pfeilspitzen bissen gegeneinander; unter dem gewaltigen Zusammenprall stoben heiße Funken durch den lärmenden Himmel. (112) Meere trockneten, Berge zerfielen, Leiber verdorrten unter sonnenheißer Glut; Bäume brannten und Blut versiegte. Zersplitterte Pfeile füllten Meeresgründe zu Hügeln. Die Welt geriet aus ihrer Ordnung.
(113) Die brennenden scharfen Pfeile jagten beide Heere auseinander. Nirgends konnten sie bleiben; sie flohen in alle Richtungen. Elefanten starben, Pferde sanken, Affen zerstreuten sich, und Blut strömte meeresgleich. (114) Lakshmanas Pfeile eilten treffend und zerspringend, rauchend, brennend und verkohlend, nach links und rechts, kreisend, getrennt oder dicht vereint und schräg durch die Himmelsrichtungen. (115) Indrajits Geschosse glichen Wasser, Feuer, Bergen, aufsteigenden Wolken, Donner, Meer, dem Sonnenwagen, Shivas Lachen und den Grundkräften der Welt; so gewaltig führten sie Krieg. (116) Wie die Seitenblicke ihrer geliebten Frauen trafen die Pfeile beider Kämpfer Panzer und breite Brust, mächtige Schultern, Gesichter, diamantgeschmückte Schenkel und Füße.
(117) »Wann haben je Götter oder Danavas einen solchen Kampf geführt?«, riefen die Himmlischen. Ohne ihren Bogenenden eine Pause zu gönnen, spannten die Helden das Gold wie zwei neu erschienene Mondsicheln. (118) Wohin ihre Pfeile flogen, brannten Welten und Gestirne; selbst die Götter erschlafften. »Ist dies der Weltuntergang?«, zweifelten sie. Der Sehnenschall schmerzte die Ohren der Richtungselefanten. (119) Der hohe Himmel verlor die Sterne, die Sonne ihr Licht, der weiße Vollmond seinen Hirsch, der Himmel die Wolken. Große Berge und Erde zerfielen; in allen Welten wurden Fleisch und Leben erschüttert. (120) Ravanas Sohn trieb fünfundzwanzig scharfe Pfeile tief in Lakshmanas Leib. Der junge Löwe spannte seinen Bogen und schoss Feuerpfeile zurück, die Panzer und Brust des Gegners durchdrangen.
(121) Indrajit wählte glühende Pfeile, vor denen einst Indras Kampfelefant geflohen war und die Götter zerschnitten hatten. Er legte sie auf und überschüttete Hanumans hohe Schultern damit. (122) Der charakterfeste Hanuman blutete und leuchtete wie die Sonne im Osten. Lakshmana sah es, zerstörte Indrajits Wagen, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte, und ließ einen siegverkündenden Pfeilregen folgen. (123) Die Götter jubelten über den zerstörten Wagen; auch die drei höchsten freuten sich. Donnernd sprang Indrajit auf einen anderen Wagen und schoss zehn Pfeile auf Lakshmanas Haupt. Unter ihren Treffern erbebte der junge Löwe. (124) Er fasste sich und sandte breitspitzige Geschosse. Noch ehe der Gegner sie abwehrte, traf ein einziger Pfeil dessen Brust wie Shivas Fuß einst die Brust des übermütig nahenden Todes.
(125) Der Pfeil durchdrang Panzer und breite Brust; Indrajit verlor die Fassung, und die Götter jubelten. Mit einem sonnengleichen Geschoss zerschnitt Lakshmana auch sein Banner und durchbohrte die juwelengeschmückte Schulter. (126) Blut floss wie loderndes Feuer. Indrajit schwankte wie Meru, hielt sich aber aufrecht und schoss neunhundert schreckliche Pfeile. Als sie an Lakshmanas glänzendem Panzer abfielen, wurde er zornig. (127) Nochmals richtete er tausend scharfe Pfeile auf die Brust. Lakshmana fing sie gezielt mit langen Geschossen ab, setzte goldene Pfeile in Indrajits Leib und durchtrennte dessen Bogensehne. (128) »Ist dies der Bogen Vishnus oder Shivas?«, zweifelte Indrajit. Er sah den unversehrten Panzer und die unfehlbaren Pfeile des Gegners. Er erkannte, wie schwer dieser zu besiegen war, und sein Herz wurde schwach.
(129) Vibhishana erkannte es, näherte sich Lakshmana und sagte: »Höre: Du hast gesehen, wie jener die Götter in jeder Kampfart besiegte. Doch jetzt ist des Toren Sohn erschöpft. Nun entkommt er nicht!« (130) Der scharfzahnige Dämon kochte wie der Tod; sein Sehnenschall erfüllte die sieben Welten. Mit steigendem Zorn sandte er die Windwaffe. Lakshmana schützte sich mit derselben Waffe. (131) Er sandte Feuer; Lakshmana hemmte es mit Feuer. Er sandte Wasser; Lakshmana hielt es mit Wasser auf. Der Schwarzherzige sandte die heiße Sonnenwaffe; der junge Löwe tilgte sie mit ihrem Gegenstück. (132) »Wehre dies ab!« Er schoss die Ishika-Waffe; Lakshmana setzte dieselbe dagegen. Nun beschloss Indrajit die vernichtende Waffe einzusetzen: Er sandte Brahmas uraltes Geschoss und sagte: »Jetzt bist du verloren!«
(133) Götter, Shiva, Brahma, Weise, Asketen und der Herr des Dharma gerieten in Bestürzung. Alle Götterscharen riefen: »Möge dem jungen Prinzen kein Schaden geschehen!« (134) Die Waffe breitete so gewaltige Flammen aus, dass das weltverschlingende Feuer am Zeitende daneben nicht einmal wie ein Funke erschien. Lakshmana sah sie nahen und bedachte sie. (135) »Damals konnte er Brahmas Waffe weder zurückweisen noch hemmen; er fiel«, hatte Indrajit gedacht. Lakshmana erwog: »Meine Macht weiter zu verbergen wäre jetzt falsch. Ich setze die Waffe des Lotusgeborenen ein.« (136) Er sprach Brahmas Formel: »Der Welt geschehe Heil! Greife nicht das Leben meines standhaften Gegners an; vernichte ausschließlich diese Waffe!« Dann schoss er. Die Götter bewunderten seine Güte.
(137) Seine Brahma-Waffe hätte den Gegner mitsamt Himmel und Erde vernichten können. Doch er bestimmte, dass sie nur die andere Waffe tilge. »Er hat Entsagung geübt, ohne sein Heldentum aufzugeben!«, freuten sich die Götter. (138) Wie ein herannahender Donnerkeil durch entgegengeworfenes Feuer abgewendet wird, verschwand Indrajits Waffe. Lakshmanas aber erfüllte den Himmel wie ein gewaltiges Feuer, das alle sieben Welten verbrennen könnte. (139) Damit sie sich nicht weiter ausbreitete, sandte der Sonnendynast einen feurigen Gegenpfeil: »Gehe auf jenes Geschoss ein!« Wie ein Gift ein anderes aufhebt, erlosch ihre Gewalt. (140) Die Götter sahen es und gewannen Zuversicht: »Was wäre diesen Helden noch unmöglich?« Shiva blickte sie an: »Ist das für sie schwer? Ihr sprecht unbedacht. Hört die Wahrheit!«
(141) »Sie sind Narayana und Nara, unser aller Wurzel und erste Ursache, jenseits der Tatgebundenheit. Ihre große Maya kann niemand durchschauen. Sie übersteigen die vier rezitierten Veden; sie sind die Uralten. (142) Als der Dharmaweg bedroht war, nahmen sie Geburt an: Sie, die selbst der Erkenntnis unerreichbar außerhalb stehen, kamen ins Innere der Welt. Sie schützen Dharma, entwurzeln die Gewalttätigen und wandeln unerkannt. (143) Der Eine der Lobpreisungen wohnt in jedem Leben – diese zweifelsfreie Wahrheit ist er. Er durchdringt und verwandelt alle Welten wie Gerinnungsmittel die Milch. Erkennt darin das sonst unausgesprochene Höchste! (144) Diese beiden lagen einst im großen Milchmeer. Euren Bitten folgend kamen sie, die Verfehlten samt ihrem Geschlecht zu vernichten und den segenspendenden Dharma zu schützen.« So endete der rothaarige, blumenbekränzte Urherr.
(145) »Wir wussten und wussten doch nicht; seine Maya ließ uns vergessen. Nun ist jeder Zweifel fort, wir halten an deinem Wort fest. Feindschaft und Leid sind überwunden, du Feind des Karmas deiner Verehrer!« So beteten die Götter zu Shiva. (146) Indrajit nahm Vishnus große Waffe. »Hältst du auch diese auf, wer könnte dir widerstehen? Oder gehst du zum Himmel? Sie verfehlt nicht!« Er sandte sie gegen Lakshmana, und alle Welten schwankten. (147) Die Götter suchten Schutz, Hände über dem Kopf gefaltet; alle anderen fürchteten sich ebenso. Lakshmana sah die unfehlbar zielerfüllende Waffe nahen. Er dachte sich als den einzigartigen diskustragenden Hari und trat ihr entgegen. (148) Sie schien die sieben Welten zu verbrennen. Er ruhte im Bewusstsein des unabwendbaren Urherrn. Die Waffe griff ihn nicht an, wich seitwärts, umschritt ihn ehrerbietig und zog fort; Feuer und Rauch erloschen.
(149) Götter priesen und tanzten, alle Affen tanzten, Apsaras führten Tänze auf. »Du hast sämtliche Welten gerettet!«, jubelten die Asketen. Brahma und Shiva lobten ihn mit voller Stimme. (150) »Wer ist dieser? Ist er selbst der ursprüngliche Herr jener Waffe?«, staunte Indrajit. Dann beschloss er: »Wer er auch sei, ich grüble nicht weiter. Mit Shivas Waffe beende ich sein Leben!« (151) »Ich sende die Waffe dessen, der an einem einzigen Tag alle von Brahma geschaffenen Welten vernichtet!« Die Götterscharen erschraken; alle Welten gerieten verwirrt in Angst: »Jetzt zerstört er uns!« (152) Nach langer Askese hatte Shiva ihm diese Waffe selbst gegeben: »Ich schenke dir, was andere nicht kennen.« Indrajit dachte: »Damit nehme ich ihm gewiss das Leben.« Schon früher hatte ihr niemand standhalten können.
(153) Im Geist brachte er Blumen, Wasser, Sandel, Opfergabe und Räucherwerk dar. »Nimm sein Leben und kehre siegreich hierher!« Zornig zog er die Sehne bis zur Schulter und sandte das durch nichts zu hemmende Geschoss. (154) Dreizacke, Äxte, brennende Pfeile, Flammen, Gift, Schlangen, ganze Scharen von Donnerkeilen, Todesgestalten, schwarze Geister und gewaltige Gespenster erhoben sich und erfüllten sämtliche Welten. (155) Weltendfeuer folgte auf einer Seite, wirbelnder grausamer Sturm auf der anderen. Tiefe Finsternis sank herab, als läge das mächtige Meer jenseits der sieben Meere über dem ganzen Raum. (156) Götter flohen, Weise verzweifelten: »Dies verfehlt nicht; er wird sterben!« Das Leiden der zermalmten Affen lässt sich kaum schildern. Sonne und Mond gerieten aus ihrer Bahn, und mit ihnen die drei Welten.
(157) Vibhishana sah es, schwitzte vor Angst und verlor den Atem. »Erster Held, Reiner, lässt sich dies abwehren?« Lakshmana lächelte. Die kämpfenden Affenhelden suchten Schutz im Schatten seiner Füße. (158) Allen, die um Zuflucht baten, gebot er mit der Hand: »Fürchtet euch nicht; Schutz ist euch gewährt.« Er erkannte die Angst der Welten: »Jetzt zögere ich nicht; ich sende die Waffe des fünfgesichtigen Shiva.« (159) Er verehrte sie im Geist und befahl: »Vernichte nur jene Waffe; vollbringe nichts anderes!« Er verband sie mit einem korallenroten Pfeil und schoss. Im Augenblick verschlang sie sämtliche heranstürmenden Waffen. (160) Himmel und Erde jubelten, die edlen Göttertrommeln jubelten, Meer und Wolken jubelten, die Gedanken der Gelehrten und die Veden jubelten. Die Siegesgöttin und Dharma jubelten; unermesslich war der Jubel der anderen.
(161) Lakshmana beherrschte und bannte die Waffe, mit der Shiva am Zeitende alle Welten verbrennt. Indrajit, grausamer als der Tod, staunte bestürzt. Die starken Affenhelden erkannten in Lakshmana Hari. (162) »Über das Versagen göttlicher Waffen zu verzagen wäre Schwäche. Meine Schießkunst besteht; sie verfehlt nicht!« Mit geschickter Hand schoss Indrajit Pfeile, die in Lakshmanas breite Schultern und Stirn drangen. (163) Sugriva und die anderen unermüdlichen Helden durchquerten das Dämonenmeer mit Bergregen. »Sie sollen nicht leben!« Indrajit sandte zahllose Millionen Pfeile und wandte sich zornig gegen seinen Onkel neben Lakshmana. (164) »Mit deiner großen Keule stehst du da, lobst Menschen wie ein Schmeichler, betest sie an wie ein törichter Diener und folgst ihnen. Wie eine Trommel wiederholst du immer dasselbe! Heute rolle ich deinen Kopf ab; meinst du, die Schande hielte mich zurück?
(165) Selbst wenn alle Weltenherren sich schmerzlich beugen, niederfallen und dich verehren und die drei Welten unter deine Füße kommen: Welcher waffentragende Mann begehrte ein Leben mit unauslöschlicher Schande? (166) Wie Fische nur leben, solange Wasser da ist, werden alle Dämonen mit Ravana restlos vergehen. Die Stadt bleibt und du allein darin. Mit welchen Dämonen willst du dann deine Königsherrschaft ausüben? (167) Unser Vater warf im Kampf den Urvater der Götter nieder und hob Skandas Vater Shiva mitsamt Kailasa mit einer Hand. Herrscht er etwa nur dank dieser großen Hilfe von dir? (168) Du stammst aus Brahmas vornehmstem Geschlecht; Götter sollten sich vor dir beugen. Doch als Menschendiener willst du Ravanas Reichtum regieren! Wo bleibt deine Ehre? Sie ist mit uns zugrunde gegangen.
(169) Du lässt jene, die deiner Schwester die Nase abschnitten, deinen glänzend bewaffneten älteren Bruder und uns töten. Du verhilfst dem Geschlecht unserer überwundenen Todesfeinde zum Sieg. Wäre Nichtsein nicht besser als dieses Leben? (170) Wenn der schön geschulterte Ravana durch Ramas Pfeil im Staub liegt – wirst du dich auf ihn werfen und weinen? Oder mitjubeln, seinen Mörder loben und verehren? Was hast du vor, du Siegesheld? (171) Sollen Menschen, die sterben und nur durch Heilkräuter zurückkehren, Lankas König töten? Bist du würdig, seinen Reichtum zu genießen? Wenn ich die Schande außer Acht lasse, schicken meine Pfeile dich selbst zum Himmel!« (172) Vibhishana hörte ruhig zu, bewegte leicht sein bekröntes Haupt und lächelte: »Sünde ist bitter; Dharma allein ist edel. Mein Lieber, höre diese Worte!
(173) Ich will Dharma als Beistand, nicht Gewalttat, die schwere Hölle schenkt, und kein Leben mit ewiger Schande. Wahrheit habe ich nicht verlassen, nur aufkommende Falschheit. Seit Lankas König fehlging, bin ich nicht mehr sein jüngerer Bruder. (174) Ich trank keinen Rauschtrank, log nicht, raubte nichts mit Gewalt und sann keine täuschende List. Niemand fand Schuld an mir. Gibt es welche? Auch ihr wisst es. Ist es falsch, Männer zu verlassen, die sich an Frauen vergehen? (175) Ich sagte: ›Es ist böse, die tugendhafte Gemahlin des von drei Welten gepriesenen Urherrn, des Gottes der Götter, zu quälen.‹ Dein Vater zürnte und sagte: ›Geh!‹ Darum ging ich. Soll ich deshalb in die Hölle kommen? (176) Ihr missachtet zornig Dharma, folgt nur eurem Begehren und geht zugrunde: Mögen euch Ruhm und Himmel gehören! Wir halten uns an Recht, edles Verhalten und Dharma: Mögen uns Schande und Hölle gehören!
(177) Ich weiß: Sünde besiegt Dharma nicht. Auch wahre Erkenntnis führt hierher; darum suchte ich den Gott der Götter auf. Mag daraus äußerer Ruhm oder Schande, Erkenntnisgewinn oder Verlust entstehen!« So sprach er ohne Zorn. (178) »Alle deine Gewinne enden unter einem einzigen meiner sichelspitzigen Pfeile! Wohin willst du dann noch?« Indrajit wählte ein garudaschnelles Geschoss und richtete es auf den goldglänzenden Hals seines Onkels. (179) Es kam wie ein Donnerkeil – nein, wie der Dreizack des gifttrinkenden Shiva. »Jetzt ist er verloren!«, dachten die Götter. Doch Lakshmana zerschnitt es vor ihren Augen mit einem einzigen Pfeil. (180) Als der Pfeil zerbrach, ergriff der Tod des Todes einen Speer und warf ihn wie eine herabstürzende Sonne. Die sieben Welten zitterten. Der lehrkundige Bogenträger Lakshmana zerbrach auch ihn und warf ihn nieder.
(181) »Mit einem Speer will er mich töten!« Zornig sprang Vibhishana heran. Mit seiner goldenen Keule erschlug er die weißen Pferde des großen beflaggten Wagens samt dem zügelführenden Lenker. (182) Vom zerstörten Wagen aus schoss Indrajit tausendmal zehn Millionen Pfeile auf Vibhishanas und Lakshmanas Schultern und die Brüste der anderen. Als Blutfluten hinabströmten, brüllte er, dass das Weltall auseinanderstob. (183) Dann erkannte er: »Ohne einen unzerstörbaren Wagen kann ich den Kampf nicht gewinnen.« Ehe die Zuschauer blinzelten, verschwand er himmelwärts; nur der Bericht von seinem Flug blieb. Er ging zu Ravana.
6.27 – Die Tötung Indrajits
(1) »Er verbarg sich im Himmel; er wird eine List ersinnen«, sagten die Affen und blickten unruhig umher. Unterdessen trat der besonnene Sohn blutüberströmt vor Ravana. Dieser sprach: (2) »Die Pfeile in deinen Schultern verraten mir, dass du das Opfer nicht vollenden konntest. Dein unzerstörbarer Leib zittert und ist erschöpft; du gleichst einer Schlange, deren Haube vor Garuda zusammensinkt. Sage, was geschah!« (3) »Dein Bruder enthüllte alle meine Listen. Sie zerstörten die Umfriedung und das Opfer; zornig trat Lakshmana mit seiner Kraft zum Kampf an. Ich sandte die drei unfehlbaren Waffen – er wehrte sie ab. (4) Vishnus Waffe, die Erde und Himmel schuf, umschritt ihn ehrerbietig und zog fort. Welche stärkere Macht bleibt noch? Durch die Sünde unseres Geschlechts haben wir diese furchtbare Feindschaft gesucht. Im Zorn könnte Lakshmana allein die drei Welten vernichten.
(5) Schon im früheren Kampf sandte er Brahmas Waffe aus Sorge um die Welt nicht gegen mich; nur darum kehrte ich siegreich zurück. Auch jetzt wehrte er sie lediglich ab. Er will mich ausschließlich durch seine eigene Kraft töten. (6) Darum sage nicht, ich hätte Angst. Gibst du dein Verlangen nach Sita auf, lassen sie ihren Zorn fahren, ziehen fort und vergeben das Unrecht. Aus Liebe zu dir sage ich es«, erklärte der Weltbezwinger. (7) Ravana lachte, dass seine Schultern bebten und die Hauer junges Mondlicht ausstrahlten. »Offenbar verzichtest du auf weiteren Kampf! Du bist verwirrt und fürchtest Menschen. Gräme dich nicht: Heute bringe ich mit einem Bogen den Sieg! (8) Ich suchte diese große Feindschaft weder im Vertrauen auf die früher Gefallenen noch auf die noch Lebenden, auch nicht, weil du mir den Sieg bringen solltest. Allein auf mich selbst habe ich vertraut.
(9) Kind, du sprichst töricht! Damit meine Geschichte und mein Ruhm selbst den Untergang aller Welten überdauern, gebe ich vor den Göttern diesen wasserblasengleichen Leib auf. Aber Sita freigeben, solange zwanzig starke Schultern mir gehören? (10) Auch ohne Sieg bleibe ich, solange die Veden bestehen, wenn Ramas Name fortbesteht. Kann irgendwer den Tod vermeiden? Er ist allen gemeinsam. Die heute leben, sterben morgen; doch hat Ruhm ein Ende? (11) Gebe ich Sita frei, werden die Götter mich nur fesseln. Werden sie mich noch als mich anerkennen? Selbst wenn ich falle, falle ich nicht niedrig: Ich habe alle zehn Richtungen erobert! (12) Wozu viele Worte? Geh nach Hause, ziehe die Pfeile aus deinen Schultern, erhole dich vom Kampf und verbringe dort die Nacht.« Er stand auf wie ein zorniger Tiger: »Bringt meinen Wagen!«
(13) Indrajit verneigte sich vor seinen Füßen: »Vater, lass den Zorn! Verzeihe meinen gutgemeinten Rat. Erst wenn ich gefallen bin, erwäge das Weitere.« Dann bestieg er seinen göttlichen Wagen und zog seinem Ende entgegen. (14) Er nahm alle Waffen, Zauberkräfte und Gaben mit, die ihm die Götter anvertraut hatten, und beschenkte sämtliche Bittsteller. Immer wieder blickte er seitwärts auf den grausamen Vater; Tränen strömten, als er fortging. (15) Alle Dämonen Lankas eilten herbei: »Bergschultriger, wir verlassen dich nicht; wir sterben mit dir!« Sie umschritten und begleiteten ihn. »Bewacht den König, seid unbesorgt! Noch heute besiege ich die Menschen«, tröstete er sie. (16) Frauen mit schweren Ohrringen drängten sich weinend heran. Sie grüßten, segneten, betrachteten ihn mit trockenen Mündern, seufzten und schmolzen vor Angst. Nur mühsam entkam er den langen, peinigenden Speeren ihrer Seitenblicke.
(17) Lakshmana stand mit erhobenem Bogen und schaute in den Himmel: »Vibhishana, der Böse muss fortgegangen sein; er unternimmt nichts.« Da hörte er das gewaltige Dröhnen eines von tausend Pferden gezogenen Wagens. (18) Der einzigartige, dreiweltenkundige Wagen raste heran wie ein herabrollender Merugipfel, der Berge zermalmt. Goldbanner wehten, Juwelen blitzten, Donner grollte; er glich offen hervorbrechendem unterseeischem Feuer. Alle Richtungen flohen vor ihm. (19) Meere wurden aufgewühlt, Welten erschüttert, riesige Elefanten flohen und den Affen bebte das Innere. Berge brachen, Erde wurde aufgerissen, Staub wirbelte; die Hauben der Weltenschlange erzitterten, als der Wagen Tag und Nacht durchmaß. (20) Das Dämonenheer jubelte; Götter erschraken, Affen schwitzten vor Angst. Indrajit streute tödliche Pfeile. Lakshmana eilte ihm entgegen; ihr gewaltiger Kampf betäubte die Richtungen und erfüllte die Welt mit Rauch und Flammen.
(21) Vibhishana verneigte sich: »Lässt du diesem starken Kämpfer jetzt eine Pause, trägst du den Siegeskranz nicht davon!« Lakshmana schoss Salve um Salve donnergleicher Pfeile; Welten, große Berge und die tragende Schlange erbebten. (22) Beide sandten feuermündige Geschosse, heißer als Feuer, die Leben tranken. Affen und Dämonen zerstreuten sich; endlose Gefallene bedeckten alle Richtungen. Die beiden Helden beschossen einander wie zwei Wolken, die Feuer regnen. (23) Indrajits Pfeile zerbrachen unterwegs oder drangen nicht in Lakshmanas glänzenden Panzer. Lakshmanas Geschosse tranken dagegen sein Blut. Andere Pfeile krochen wie Schlangen in Hanumans Leib, doch dieser nahm sie nicht wahr. (24) Lakshmanas scharfe Pfeile zerstörten den Panzer des Giftgleichen und bohrten tiefe Löcher. Zornig, Feuer aus den Augen sprühend, schoss Indrajit zurück; doch seine Geschosse wurden abgefangen. Die Götter erkannten es und jubelten.
(25) »Mit dem Bogen ist der Sieg schwer«, dachte Indrajit und warf einen Speer, heißer als die Sonne, den Brahmas Sohn ihm gegeben hatte. Lakshmana zerschnitt ihn mit einem Feuerpfeil, mächtiger als das Wort der sieben Weisen. (26) Tausend Pfeile steckten nagelfest in Indrajits Leib; rotes Blut fiel auf die Erde. Dennoch wurden seine schießenden Hände nur schneller. Der Spross der Sonnendynastie zersplitterte darauf mit donnergleichen Salven seinen schweren Köcher. (27) »Solange der Wagen besteht, verliert er seine Kraft nicht. Die Pferde sterben nicht, die Verbindungen lassen sich nicht zerschneiden – welch mächtiges Gefährt!« Lakshmana erkannte es und trennte mit einem Feuerpfeil den berggleichen Kopf des Lenkers ab. (28) Ohne kundigen Lenker verlor der goldene Wagen seine Ordnung. Er glich dem Geist eines Asketen, den die fünf Sinne quälen, oder der unsteten Treue einer Frau, die körperliches Begehren verkauft.
(29) Indrajit lenkte die springenden Pferde selbst. Seine Brust wurde ihm zum Köcher: Er riss die darin steckenden Pfeile heraus und schoss sie auf Lakshmana, Hanuman und die festen Schultern der anderen. Sein Brüllen erschreckte alle. (30) »Er ist der Held vor allen Helden! So zeigt sich wahre Größe. Tapfer heißen jene, die selbst im Sterben den klaren Mut nicht verlieren.« Mit diesen Worten streuten die Götter goldene Himmelsblumen. (31) »Er zieht meine Pfeile heraus und schießt sie zurück. Seine Hand zittert nicht, Geist und Leben geraten nicht in Unruhe; Millionen Geschosse erschöpfen ihn nicht.« Lakshmana staunte: »Mit ihm endet ein Gipfel männlicher Kampfkraft!« (32) Vibhishana warnte: »Er könnte den Wagen wieder zum Himmel lenken, den Kampf umgehen, Zauber wirken oder sich in Wolken verbergen und Listen ersinnen. Wisse sicher: Nur bei Tag kann er sterben, nicht im Dunkel!«
(33) Lakshmana antwortete: »Außer jetzt zu sterben bleibt ihm kein Weg. Meine scharfen Pfeile folgen, wohin er geht. Seine Kraft ist geschwunden; noch jetzt erringen wir den Sieg. Sieh!« (34) Die Sonne ging auf, mit Händen voller blutroter Himmelsröte, tausend pfeilgleichen Strahlen und goldenem Wagen. Sie glich Indrajit, der sich glühend durch den Himmel bewegte. (35) Der Tag brach an; die Sonne leuchtete wie eine über der Welt entzündete Lampe. Mit der Dämonenfinsternis sank auch die Kraft grausamer Zauberkunst. »Der Dämon ist verloren!«, jubelten sämtliche Götter. (36) Der vorausschauende Vibhishana erklärte: »Solange der von Shiva geschenkte Wagen unzerstört bleibt und der Bogen in seiner Hand ist, unterliegt dieser Grausame im Kampf nicht. Das ist die sichere Bedingung, ruhmreicher Held!«
(37) »Die grünen, wilden Pferde können nicht sterben, die festen Räder nicht einfach brechen.« Der Meister der Bogenkunst fand einen anderen Weg: Er schoss die Befestigungsstifte heraus und trennte diamantfeste Achse und Räder voneinander. (38) Die Verbindungen lösten sich, und der juwelengeschmückte Wagen stürzte. Die prächtigen Pferde wurden hilflos wie Vögel, deren großer Wohnbaum von einer Axt gefällt wird und Äste und Stamm verliert. (39) Von der zerbrochenen Wagenplattform schleuderte Indrajit alle verbliebenen Waffen; Lakshmana zerschnitt sie. Im Augenblick stieg er zum Himmel und brüllte, als zerrissen die drei Welten. Man hörte ihn, sah ihn aber nicht. (40) Kraft seiner Segensgabe ließ der wolkenschultrige Dämon einen mächtigen Steinhagel fallen. Die standhaften Affen flohen nicht; ohne den Ursprung zu erkennen, fielen sie mit zerschmetterten Köpfen und Körpern zur Erde.
(41) Lakshmana sah nur den Steinhagel, nicht den versteckten Gegner. Unablässig sandte er mächtige Pfeile, die sämtliche Richtungen einnahmen wie Vishnus weltenmessende Gestalt. (42) Alle Richtungen waren versperrt; Indrajits Kraft zum Ausweichen und Kämpfen schwand. Zwischen schwarzen Wolken stand er wie eine geronnene Blutwolke. Lakshmana erkannte seine Gestalt und dachte: (43) »Mag der Bogen unzerbrechlich sein, dieser Schulterberg ist es nicht!« Er spannte seinen Bogen und trennte mit einem mondsichelförmigen Pfeil den Arm ab. Mit kostbarem Schmuck und Bogen fiel er zur Erde. (44) Der heiße Sichelpfeil traf; der gewaltige Arm stürzte mit blitzenden Juwelen hinab. Er glich einer Wolke, die beim Weltuntergang unter dem Sturm mitsamt dem Regenbogen vom Himmel fällt.
(45) Die Finger hielten den Bogen fest wie die Weltenschlange, die in eine Mondsichel beißt. Die goldene Schulter zuckte am Boden so heftig, dass Bäume und Steine zerfielen und Affen starben. (46) Die Götter sagten: »Die Sonne könnte fallen, der Mond könnte fallen, Meru könnte zerbrechen – doch Indrajits goldener Arm ist wirklich gefallen! Warum sollte noch jemand dieses mechanisch vergängliche Leben lieben?« (47) Lakshmanas Pfeil hatte den diamantfesten Arm des schwarzherzigen Sohnes Ravanas abgetrennt. Die Dämonen sahen es und gerieten in Verwirrung, als wären ihnen selbst die Köpfe abgeschlagen worden. (48) Nun erhoben sich die Affenfluten mit Gebrüll. Mit tödlichen Krallenhänden, Zähnen, Bäumen und Bergen vernichteten sie die blitzbezahnten Dämonen ohne Entkommen und bevölkerten das goldene Himmelsland mit neuen Bewohnern.
(49) Der weltendwolkenschwarze Indrajit erschien: »Ich schleudere den Dreizack, den mir der Herr mit dem giftgeschwärzten Hals schenkte! Ohne dich zu töten, der den Ursprung dieser Feindschaft nicht begreift, werde ich nicht sterben!« (50) Er nahte mordend wie Wind, Donner und Feuer, wie der Tod am letzten Tag mit einem Dreizack. Lakshmana erkannte: »Jetzt ist die rechte Zeit, seinen Kopf abzutrennen«, und handelte. (51) »Wenn Rama wahrhaft der von den Veden erkannte, von Brahmanen verehrte Herr und die Verkörperung des guten Dharma ist, töte diesen Sichelzahnigen!« Mit diesen Worten spannte Lakshmana einen Sichelpfeil voll aus und schoss. (52) Diskus, Vajra, Shivas furchtbarer Speer und Brahmas Waffe mussten sich vor ihm schämen. Feuermündig eilte das göttliche Geschoss hin, trennte Indrajits Kopf ab und strahlte, während die Götter Blumen regnen ließen.
(53) Noch ehe der abgeschlagene Kopf den hohen Himmel erreichte, fiel der Leib des Betrügers samt Dreizack und zahllosen Pfeilen: einer Wolke gleich, die der Weltendsturm mitsamt Blitz und Donner herabwirft. (54) Dann fiel auch der Kopf mit seinen zwei blitzenden Ohrringen und dem strahlend rötlichen Haar. Es war, als stürze die Sonne samt ihren glühenden Strahlen und zwei Monden zur Erde. (55) Wie beim Scheiden des Lebens Bewusstsein, Sinne und innere Fähigkeiten auseinanderfallen, verloren die scharfzahnigen Dämonen ihren Halt. Sie warfen die Waffen fort und flohen zum befestigten Lanka. (56) Als der größte Bogenschütze fiel, jubelten die Götter: »Ravanas Herrschaft besteht nicht mehr!« Sie warfen ihre Gewänder hoch und erschienen in ihrer Freude wie die unbekleideten Heiligen jener, die das Nichttöten gelobt haben.
(57) Brahma, Shiva mit dem jungen Hirsch in der Hand, Indra und die anderen Vedenkenner erschienen unverhüllt auf Erden. Ihre Herzen waren voller Gnade; selbst die Affen konnten sie mit eigenen Augen sehen. (58) »Wer fest im Dharma steht, geht nicht zugrunde« – das Wort der Weisen bewahrheitete sich. Alle von Indrajits Pfeilen erschlagenen und enthaupteten Affen erhoben sich wieder, von den Göttern gepriesen. (59) Valis Sohn hob freudig den abgetrennten Dämonenkopf auf und ging voran. Lakshmana folgte auf Hanumans Schultern unter einem Blumendach, das die himmelhohen Götterscharen unablässig über ihn streuten. (60) Indras Schultern schwollen, seine Schande schwand, seine Krone ragte auf und sein Gesicht gewann Mondglanz. Der innere Kummer wich, der Ruhm wuchs und die Freude stieg. Er sprach:
(61) »Ich beklagte, dass mein Makel wie der Fleck im Nachtmond niemals weichen werde. Nun hat die Gunst eines Bogenschützen ihn getilgt und meine Erniedrigung beendet. Fehlt mir noch etwas zur Fülle? Welche Schmach bleibt? (62) Der edle Enkel dessen, der das Meer quirlte, trägt den Kopf des Grausamen, der mich besiegte und fesselte. Während die Danavas ihre Köpfe senken, kann ich meinen wieder heben und den Herrschaftsschirm aufrichten!« (63) Ramas Gefährten priesen Angada: »Du mit dem honigreichen Kranz, du hobst den bösen Kopf des Götterbezwingers, damit Himmel, Erde, Meer, Götterkönig und die Vedenfamilie ihre Häupter wieder erheben können!« (64) Unruhig hatte Rama gewartet: »Dharma möge ihn tragen; gewiss kehrt er siegreich über den Zauberer zurück.« In seiner Sehnsucht nach dem Bruder glich er Bharata, der gelübdetreu auf Ramas Rückkehr wartete.
(65) Als der Bruder aus dem harten Kampf zurückkehrte, strömten aus Ramas Lotusaugen Wasserfälle. War es Liebe, waren es Tränen oder eine Flut der Seligkeit? War es Erbarmen, das selbst die Knochen schmelzen ließ? Wer weiß es? (66) Rama erhob sich und kam ihnen mit Tränen, Freude und Jubel entgegen. Vor seine Füße legten sie als Gabe den Kopf mit glühend rotem Haar und dem großen, auf die Hauer gebissenen Mund. (67 [Quellennummer: 6.27.66, zweiter Eintrag]) Rama betrachtete den Kopf, die goldenen Schulterberge seines Bruders, die die Siegesgöttin umarmt hatte, Hanumans Kraft, den Bogen, die Götter und die vollbrachte Tötung. Er sprach nichts, sondern war ganz Freude. (68) Er umarmte den Bruder, der zu seinen Füßen lag. Dessen rote Blutspuren färbten Ramas Brust und Schultern, wie Abendröte eine schwarze Wolke oder frisches Sonnenlicht einen dunklen Berg.
(69) »Mein Herz ist kühl geworden: Janakas rankengleiche Tochter ist mir nun schon nahe! In Brahmas weiter Welt hast du das Wort begründet: ›Wer einen Bruder hat, fürchtet keinen Feind.‹« (70) Er nahm ihm den Köcher ab, löste die Panzerbänder um Brust und Schultern und entfernte die Rüstung. Wieder und wieder umarmte er ihn; unter der Berührung seiner goldenen Schultern verschwanden sämtliche Pfeilwunden ohne Narben. (71) »Zierde der Männer, dieser Sieg kam weder allein durch dich noch durch Hanuman noch durch die besondere Macht einer anderen Gottheit. Vibhishana hat ihn uns geschenkt.« So sprach Rama wahr und setzte sich zufrieden nieder.
6.28 – Ravanas Trauer
(1) Die Boten eilten windesschnell aus dem Feld grenzenlosen Wehklagens. Sie durchquerten kalte Blutwogen, als entstiegen sie dem verschlingenden Bauch eines Geistes, um Bericht zu bringen. (2) In allen Höfen drängten sich weinende Dämoninnen wie schwarze Kranichweibchen. »Heute ist Lanka vernichtet!«, klagten die Boten und traten vor den Vater mit dem glänzenden Speer. (3) Zähne, Mund, Herz, Füße und die Last ihres Lebens zitterten. Von Angst umringt brachten sie hervor: »Dein Sohn ist heute nicht mehr!« (4) Alle Anwesenden – Weise, Götter, schlanke Tänzerinnen und andere – fürchteten: »Heute endet die Welt!« Sie flohen auseinander und versteckten sich überall.
(5) Seine Augen trieben rauchendes Feuer hervor. Ravana zog das scharfe Schwert und hieb die Hälse der Boten ab; dann fiel er selbst, die Arme wie große Meereswellen erschlaffend. (6) Aus seinen Mündern geboren, vom Atem genährt und in den grimmen Augen glühend schien das Feuer hervorzubrechen, das heute den Himmel versengen und die ganze Welt einhüllen würde. (7) Er wälzte sich, dass Erde und Weltenschlange ihre Lage veränderten. Niedergeworfen wand er sich und brannte wie das Meer, aus dem einst das flammende Gift hervorging. (8) Heftiger Feuerzorn, wachsende Liebe und Schmerz wechselten miteinander. Aus seinen zwanzig glühenden Augen floss Tränenwasser wie geschmolzenes Kupfer.
(9) Seine knirschenden Zähne klangen wie Donner, der Felsmassen zerbricht. Unter seinen auf die Erde schlagenden Händen öffneten sich Spalten; aus ihnen schoss Meerwasser hoch. (10) »Mein Sohn! Mein großer Sohn! Mein Vater! Mein Leben! Ich schickte dich fort und lebe noch!« So schrie er, wie von einem Speer in eine brennende Wunde getroffen. (11) »Ist Indras Feind dahin? Jubeln die zuvor gequälten Götter? Sind der Blumenbekränzte und der Betrüger im Milchmeer nun für immer von ihrer Feindschaft befreit?« (12) »Der Aschebeschmierte und der Diskusträger, die sich in Berg und Meer versteckten, werden nun ohne Bedrängnis auf Stier und Garuda steigen und frei umherziehen!«
(13) »Die Himmelsfahrzeuge und Götterscharen flohen in alle Richtungen und wagten nicht an ihre Sitze zurück. Sollen sie nun durch den Sieg armseliger Menschen heimkehren?« (14) »Die verfluchten Boten logen! Wurde mein Liebling wirklich von einem erbärmlichen Menschen getötet?« Immer wieder rief er laut, rang mit sich und litt brennend. (15) Er stand auf, setzte sich, brüllte, weinte mitleidig, klagte, ermattete, schwitzte und fiel. Er starrte, schloss die Augen, pflügte mit dem Leib die Erde, rollte und wälzte sich. (16) »Mein Herr!«, rief ein Kopf. »Soll ich noch herrschen?«, fragte ein anderer. »Ich Elender lieferte dich aus und soll weiterleben!«, klagte ein dritter.
(17) »Umarmst du mich nicht mit deinen schön geschmückten, keulengleichen Schultern?«, rief ein Kopf. Ein anderer: »Soll ein Reh einen jungen Tiger töten, du Meister des prächtigen Bogens?« (18) »Die Waffen des Blauhalsigen und des Diskusträgers wehrtest du mit deinem Schild ab und vertriebst sie. Zeigst du dich mir nicht erneut als Heimkehrender?«, fragte ein Kopf. (19) »Schläfst du? Ich habe meinen Gefährten verloren! Ist es Täuschung? Kommst du nicht? Mein Herz schmerzt; in großer Einsamkeit liege ich voller Angst!«, schrie ein anderer Kopf. (20) »Werde ich im krähendurchstreiften Feld den Siegeskranz sehen, den glückliche Weise auf dein Haupt legten, als du Indra die Krone entrissest?«, fragte ein weiterer.
(21) »Werden die fischäugigen Yakshafrauen künftig nicht mehr erschrocken ihre Ehezeichen berühren, wenn sie den Klang deines schönen Bogens hören, Held?«, klagte ein Kopf. (22) »Der Tod hat nicht die Kraft, vor dich zu treten und dir das Leben zu nehmen. In welche würdige Welt bist du vor mir verborgen gegangen, Grenzenloser?«, fragte ein anderer Kopf. (23) So rief und seufzte er, sprang dann auf und eilte gedankenschnell zum Schlachtfeld. Es glich dem goldenen Himmel am Weltende. Dort suchte er den Körper seines geliebten Sohnes. (24) Alle Dienenden, von den Göttern an, folgten ihm. »Wie wird es nun um die Ordnung der drei großen Welten stehen?«, dachten sie und trauerten.
(25) Als Geister und Aasvögel Ravana sahen, weinten manche, andere verneigten sich scheinbar liebevoll; einige stellten sich schlafend, andere krochen in zerwühlte Elefantenleichen und versteckten sich. (26) Er wälzte Abermillionen Pferdekörper, Leiber siegreicher Dämonen, stirnbeschlagene Elefanten und Wagen beiseite. Den ganzen Tag suchte er seines Sohnes Körper. (27) Tränen fielen aus seinen Augen; sein Herz brannte wie ein mit Butter genährtes Feuer. Da sah er den mächtigen Arm daliegen, noch immer mit dem gewaltigen Bogen. (28) Armringe, Köcher, Schmuck und Pfeile glänzten daran. Ravana hob den schlangenähnlichen, furchtbaren Arm mit seiner roten Hand auf und legte ihn auf sein Haupt.
(29) Er drückte ihn an die steinerne Brust, schlang ihn um seinen Hals, legte ihn auf den Kopf und an die Augen, roch daran und schmolz vor Schmerz. Seine langen Seufzer glichen dem Atem des Weltendes. (30) Nach dem Arm fand er den Leib, der einem dunklen Meer glich, und fiel darüber hin. Seine Tränenwasserfälle überströmten ihn wie mächtige Wogen ein brausendes Meer. (31) Er bedeckte die von Pfeilregen durchbohrte Brust mit seinem tränennassen Leib, umarmte sie und schrie. Wer sonst hat je erlitten, was dieser Mann erlitt? (32) Er riss Pfeile aus der Brust und zerbrach sie wieder und wieder, verlor die Besinnung, roch am Sohn und umschlang ihn. Sein Zorn schien die heiße Sonne und die sieben Welten verschlingen zu wollen.
(33) Laut rief er: »Endet mein Zorn erst mit den Göttern, allen ehrwürdigen Weisen, den drei höchsten Gestalten und sämtlichen drei Welten?« (34) Den Kopf fand er nicht. Er erkannte: »Der tötende Mensch hat ihn mitgenommen.« Sein Herz war eine offene Wunde; sein Schluchzen und Schreien schien den Himmel aufzureißen. (35) »Nur die Richtungselefanten und Shivas Berg waren mir wohl leicht auszureißen! Die Mörder, die meinem makellosen Sohn Kopf und Leben nahmen, leben noch – und auch ich Niedriger trage weiter mein Leben! (36) Alaka und Indras Sitze ließ ich verbrennen; die drei Welten regierte ich ungeteilt. Nun sehe ich Schakale den Leib meines gekrönten Sohnes fressen. Besser wäre mein Fleisch Hundefutter!
(37) Alle, die mit meinem Sohn gegen den Feind zogen, fielen und kehrten nicht zurück. Doch weder die zwei Asketen noch ihre Affen sind endgültig gestorben. Was bleibt von Ravanas Heldenleben? (38) Deine Gemahlinnen aus Gandharva-, Yaksha-, Siddha- und Dämonengeschlechtern werden mit süßen Stimmen kommen: ›Zeige uns unseren Mann!‹ Wenn sie vor mir niederfallen, soll ich nur mitklagen? Dazu habe ich sogar den Tod bezwungen! (39) Zornig vollendete ich Siege, gewann Indras Reichtum und verwirklichte jeden Wunsch. Wegen einer einzigen Frau muss ich jetzt trauernd für dich die Totenpflicht erfüllen, die du für mich erfüllen solltest. Wer ist erbärmlicher als ich?« (40) So klagte und rief er vielfach, hob seinen Sohn liebevoll auf und trug ihn in die goldgeschmückte Stadt. Dämoninnen brachen schreiend zusammen; das Wehklagen der Zuschauer erfüllte alle zehn Richtungen.
(41) Unzählige Dämonen ertrugen den Schmerz nicht. Sie stachen sich die Augen aus, schnitten sich die Kehlen durch, rissen die Brust auf und entfernten ihr Inneres oder rissen sich lebendig die klagende Zunge heraus. (42) Als die Frauen sahen, wie Ravana den Körper des richtungsweiten Helden ohne sein gekröntes Haupt hereintrug, strömten Liebestränen aus ihren meeresgleichen Augen. Die Flut lief bis ins dunkle Meer. (43) Die geliebten Gemahlinnen umringten ihn mit über dem Kopf gefalteten zarten Händen. Wie niederfallende Bilder sanken und wälzten sie sich. Mit blutig gefüllten Augen betrat er rasch den königlichen Palast. (44) Mayas Tochter Mandodari kam verstört; schweres schwarzes Haar berührte ihre Füße. Mit Lotushänden schlug sie auf ihre Brüste. Ihr Schmuck schien nur von den breiten Hüften getragen, so zart war ihre Taille.
(45) Die Hände über dem Kopf, die Füße bebend, als träten sie auf Glut, und das Herz voller Jammer, fiel sie über den Sohn wie ein Pfau auf einen Berg, vom tödlichen Jägerpfeil getroffen. (46) Sie atmete nicht, empfand nichts und bewegte sich nicht; man hätte sie für tot halten können. Sie sprach und schwitzte nicht, schluchzte lange nicht. Erst mühsam kam sie zu sich, öffnete den Mund und klagte. (47) »Als du wie der zunehmende Mond heranwuchsest, durfte ich dich durch frühere Askese Indra mit dem Bogen besiegen sehen. Welcher Askese verdanke ich jetzt den Anblick deines kopflosen Leibes? Soll ich noch an dieses unstete Leben denken? (48) Mein Herr, mein Schöner, mein schwer erlangter Nektar! Todesgewaltiger, der Diskusträger und Axtträger an Kraft übertraf! Wie soll ich leben, ohne dein Lotusgesicht zu sehen, einzigartiger Kämpfer der drei Welten?
(49) Schon als du mit klirrenden Fußglöckchen krabbeltest, brachtest du zwei Löwen, reiztest sie zum Kampf und liefst spielend im Palasthof um sie herum. Werde ich Unglückliche dieses Spiel noch einmal sehen? (50) Du riefst: ›Mond, komm!‹ Als der weiße Mond herabkam, nahmst du ihn mit beiden Händen: ›Fürchte dich nicht!‹ Dann wolltest du den Fleck als Hasen herausziehen. Mein großer Elefant, ich sehne mich nach diesem Anblick! Stehst du nicht auf? (51) Yaksha-, Dämonen- und Vidyadhara-Frauen mit fleckenlosen Mondgesichtern umarmten dich. Schläfst du erschöpft von ihrer Liebe auf dem Blumenbett? Oder hat dich der Kampf ermüdet? (52) Mein Sohn, der Shiva und die anderen in allen Kämpfen der drei Welten besiegte, soll von einem Menschen getötet worden sein? Dann hat wohl ein Atom Meru mit einem Tritt zerschmettert!
(53) Wie Baumwolle im Feuer wurde das Dämonenmeer von den zornigen Menschen vernichtet; keines kehrte zurück. Ich fürchte mich! Wird Lankas König morgen ebenso daliegen, durch Sita, dieses aus Nektar geschaffene Gift?« (54) Ravana hörte ihre Klage: »All dieses Leid kam durch Sita über uns!« Er sprang auf: »Die betrügerische, steinherzige Frau werde ich mit dem Schwert töten!« Und der Dämonenkönig eilte fort. (55) Mahodara sah es erschrocken: »Er lädt höchste Schande auf sein Haupt!« Entschlossen eilte er herbei, fiel ihm zu Füßen und sagte: »König, deinem Ruhm droht Verderben!« (56) »Du, der jeden Kampf gewann und so lange wie sein Ruhm bestehen soll: Willst du einen Makel auf dich nehmen, der bleibt, solange Wasser, Feuer, weite Erde, Himmel und der Name des Windes bestehen?
(57) Dein glänzendes Siegerschwert schlug Kalakeyas Köpfe und die weißen Stoßzähne der Richtungselefanten ab. Gegen eine rotlippige Frau mit rankenschlanker Taille erhoben – wird es töten oder selbst vor Scham zerbrechen? (58) Tötest du zornig diese edle, asketische Frau bedenkenlos, werden Shiva, Vishnu und Brahma klatschen und dich auslachen: ›Er entspricht wahrlich seinem Geschlecht – welch niedriger Mensch!‹ (59) Es entspricht weder irdischem Brauch noch himmlischer Ordnung, weder Gerechtigkeit noch edlem Dharma. Du aus Pulastyas Geschlecht, Träger heiliger Gelübde: Auch wahre Stärke ist das nicht. Warum nach ewiger Schande verlangen? (60) Tötest du sie heute und besiegst danach Rama, wirst du nach deiner Rückkehr nicht trauern, weil Sita tot ist? Herr, es scheint, als scheutest du dich, die Mörder deines Sohnes zu töten!«
(61) Darauf warf Ravana sein scharfes Schwert zu Boden und kehrte um. »Ich komme erst zurück, wenn ich die Häupter der Feinde und den meinem Sohn entrissenen Kopf zurückgewonnen habe. Bewahrt seinen Leib nach altem Brauch in einer Ölwanne!«, befahl er.
6.29 – Die Heerschau
(1) Sie führten seinen Befehl aus. Unterdessen kehrten die Boten zurück, die die Rakshasaheere aus allen Richtungen zusammengerufen hatten. Sie verneigten sich: »In deiner Stadt Lanka ist für das treu versammelte Heer kein Platz mehr. Was befiehlst du?« (2) Der König erhob sich, neu gestärkt, und fragte: »Wo ist es eingetroffen?« Mit gefalteten Händen antworteten sie: »Wie könnten wir eine Richtung nennen? Als wären die sieben Meere zum Weltende angeschwollen, erhebt sich das Heer; die ganze Welt bietet ihm keinen Raum.« (3) Das zu Lande marschierende Heer wirbelte mächtige Staubwolken auf. Darüber zogen die durch den Himmel schreitenden Krieger hinweg. Wie die Wolken am Ende eines Weltzeitalters näherte sich diese unzählbare, kaum zu überschauende Streitmacht Lanka. (4) Kein Blitz konnte heller als ihre Schwerter leuchten, keine Regenwolke dunkler sein als sie. Kein Donner vermochte den Lärm ihrer Trommeln zu übertönen. Was lässt sich noch sagen? Waffen, Pferde, Elefanten und Wagen rückten wie ein wandernder Ozean vor.
(5) Von Welt zu Welt drängte das unübersehbare Heer; eine Abteilung machte der nächsten Platz, während immer weitere folgten. Mond und Sterne wichen zurück. Selbst die Sonne verließ furchtsam ihre bisherige Bahn und hielt sich abseits. (6) Durch die vier mächtigen, bis zum Himmel ragenden Tore Lankas strömten die Heere. Es war, als schaffe der Todesgott selbst einen tosenden Ozean an einen anderen Ort, weil die übrige Welt seine Last nicht mehr tragen könne. (7) »Durch diese engen Tore einzuziehen würde lange dauern«, dachten andere und stiegen über die Mauern hinweg. Als hätten sich sämtliche dunklen Wolken aller Welten vereint, sammelten sie sich in der Stadt des Rakshasakönigs. (8) Ravana bestieg einen geschmückten Torturm und betrachtete die heranziehenden Abteilungen. Jede einzelne wollte er der Reihe nach mustern. Sein Verlangen glich dem törichten Wunsch, alle sieben Meere mit einem einzigen Blick zu erfassen.
(9) Wie Meereswasser von einer Himmelsrichtung zur anderen strömte die Streitmacht. Die Boten erläuterten ihre Abteilungen der Reihe nach, gleich Lehrern, die das schwer erfassbare Wesen darlegen, von dem Veda und Vedanta sprechen. (10) »Diese wohnen auf der Insel Shaka. Sie entstammen einem Opfer der Danavas, haben die Götter durch Verblendung überwältigt und sind Meister der Täuschung. Ihre Leiber reichen bis an die Wolken.« (11) »Diese wohnen auf der Insel Kusha. Ihre Gewalt beschämt selbst Tod und Schicksal. Durch sie verloren die Himmelsbewohner Ruhm, Reichtum und Wohnstätten. Mächtiger Herr, sie stehen da, als wären sie der Sieg selbst!« (12) »Diese wohnen auf der Insel Ilava. Einst kämpften sie, bis Indras goldene Stadt verwüstet war. Durch die Gaben Shivas, der den Mond im roten Haar trägt, wurden sie mächtig. Ihr Zorn gleicht einem vom Sturm entfachten Waldbrand.«
(13) »Diese wohnen auf der Insel Anril. Einst wollten sie den Meru, die dauerhafte Wohnstatt der Götter, ausreißen und ins Meer werfen. Erst als die völlig verstörten Götter sie anflehten, davon abzulassen, hielten sie inne.« (14) »Diese wohnen auf dem Korallenberg. Sie sind die hundert Millionen Nachkommen, die Shukra mit einer blauäugigen Rakshasafrau zeugte, als er seiner gewohnten Haltung untreu wurde. Einst tranken sie mühelos den Milchozean trocken.« (15) »Jenseits dieses dunklen Meeres liegt Gandhamadana, ein Berg, den sanfte Winde umspielen. Dort wohnen diese unzählbaren Rakshasas mit glänzenden Hauern. Sie wurden zugleich mit dem tödlichen Halahala-Gift geboren, o Herr.« (16) »Malaya heißt der große Berg Potiya. Die Wohnstatt dieser Krieger gleicht ihm und liegt auf einer Meeresinsel. Brahma fürchtete den Untergang der Welt und bat sie: ›Ihr Unvergänglichen, wohnt hier!‹ So ließen sie sich dort nieder.«
(17) »Diese tragen dreiarmige Keulen, dreizackige Speere, Schleuderwaffen und Räder. Durch einen Fluch gelangten diese Anführer in ihren jetzigen Zustand. Einst Herren der sieben Meere, wohnen sie auf der großen Insel Pushkara, ruhmreicher Herr.« (18) »Diese wohnen auf der großen Insel Irali. Auf das Wort ihrer Mutter hin überwältigten sie einst Yama und sperrten ihn im äußeren Ringgebirge ein. Erst als Brahma sie darum bat, ließen sie ihn wieder frei.« (19) »Diese mit gespenstisch gewaltigen Händen erhielten von Brahma den Befehl: ›Die Erde bietet euch nicht genug Platz. Wohnt in den sieben Bereichen der Unterwelt!‹ Dort lebten sie und sind nun aus Liebe zu dir heraufgekommen, Herr.« (20) »Diese sind Nachkommen Nirritis und deinem Geschlecht ebenbürtig. Für die Götter sind sie wie sengende Sonnen. Bekommen sie kein Elefantenblut, trinken sie die sieben Meere. Jeder dieser dunklen Krieger könnte die sieben Berge allein emporheben.«
(21) »Diese schmucktragenden Krieger wurden in uralter Zeit geboren, als die Erdgöttin den mächtigen Eber, der sie umfangen hatte, liebevoll ansah. Aus Furcht vor ihrem Kommen stellte Indra seine unvergleichlichen Elefanten an allen Himmelsrichtungen auf.« (22) »Diese Krieger stehen wie Berge mit grausamen Augen und wildem Zorn. Sie wohnen in den tiefsten, bodenlosen Bereichen der Unterwelt. Weil sie ihn unablässig bedrängen, findet selbst der tausendköpfige Ananta keinen Schlaf mehr.« (23) »Als der Stirnäugige einst Kali offenbarte, entstanden diese aus dem lodernden Feuer ihres höchsten Zorns. Sie sind Geschwister der Geisterheere. In gewaltigen Scharen rücken sie heran; Schwerter und Hauer blitzen miteinander.« (24) »Diese Uralten entstanden zugleich mit der Sünde. Ihre Augen gleichen Höhlen, in denen Feuer brennt. Wenn Zorn in ihnen aufsteigt, töten sie sogar die eigene Mutter. Verderben bringend kommen sie aus dem Norden.«
(25) »Diese entsprangen dem Stirnauge des zornigen fünffachen Shiva, als er alle Welten verbrennen wollte. Durch ihre grausamen Taten erscheinen sie wie Verkörperungen des Todes. Sie vernichten die ganze Kraft derer, die ihnen entgegentreten.« (26) »Die dort mit Dreizacken stehen, entstanden aus dem Blut, das wie sieben Meere hervorströmte, als Shivas Fuß Yamas Brust traf. Die andere Schar sind Kriegsrakshasas, die vor dem Nektar aus dem Halahala-Gift geboren wurden.« (27) »Diese entstanden, als Vasukis ausgespienes Gift in das unterseeische Feuer fiel. Jene, deren flammendes Haar die Wolken streift, gingen aus den drei Festungen hervor, die verbrannten, als Shankara seinen mächtigen Streitwagen gegen sie lenkte.« (28) »Herr, ihre Art und Zahl lässt sich weder denken noch genau beschreiben. Wollte man ihre Taten, ihre mächtigen Gnadengaben und ihre Askese aufzählen, genügten selbst tausend große Weltzeitalter nicht.«
(29) »Ein einziger von ihnen könnte hingehen, jenen mächtigen Affen und die beiden berühmten Menschen mit einer Hand niederschlagen und zurückkehren. Was sollen wir weiter sagen, Herr, dessen Größe selbst die Götter nicht erreichen?«, erklärten die Boten. (30) Ravana fragte: »Gebt mir eine geordnete Zahl dieses Heeres an.« Sie antworteten: »Man spricht von tausend Vellam.« Dann verbesserten sie sich: »Wer das sagt, ist töricht; für dieses Heer ist selbst diese Zahl zu klein.« (31) »Bringt die Heerführer zu mir«, befahl er. »Ich will ihnen alles Geschehene mitteilen, mich mit ihnen beraten und ihnen die nötigen Weisungen geben. Dann will ich jedem die ihm gebührende Ehre erweisen.« (32) Die Boten übermittelten den Befehl. Aus allen Richtungen kamen die Herren der ozeangleichen Heere, streuten Blumen und verneigten sich. Der Klang ihrer Kronen, die Ravanas goldene Füße berührten, drang bis zum Himmel.
(33) Nachdem alle einzeln herangetreten waren, seine Füße verehrt und ehrerbietig Platz genommen hatten, begrüßte der König sie: »Euer Kommen sei willkommen! Sind eure Häuser wohlbehalten, und geht es euren Kindern gut?« (34) Sie erwiderten: »Solange du mit deinen mächtigen Schultern lebst und deine großen Gnadengaben besitzt, fehlt uns nichts zur Erfüllung unserer Wünsche. Wir sehen die Götter fliehen; andere Feinde haben wir nicht. Was könnte uns schwerfallen?« (35) »Doch alle Frauen und Söhne an deiner Seite sind verstört, und du selbst leidest sehr. Sage uns den Grund!« Darauf erzählte Ravana ihnen alles, was aus seinem Verlangen nach Sita entstanden war. (36) Die Heerführer lachten: »Kleine Menschen haben mit Pfeilen Kumbhakarna, Indrajit und die zornigen Krieger unseres Geschlechts besiegt? Wie herrlich steht es um unsere Stärke! Und ihr Heer besteht tatsächlich aus Affen!«
(37) »Du riefst uns also nicht, um die Erde von Sheshas Haupt zu heben, die sieben Berge zu entwurzeln oder den Ozean auszutrinken? Nur gegen Affen sollen wir ziehen, die zwischen Blumen und Blättern herumwühlen?« (38) Während die Rakshasas gestikulierend wie Donner lachten und ihre Hauer blitzten, gebot Vanni, der König von Pushkara, ihnen mit erhobener Hand Einhalt. »Wer sind diese Menschen, und worin besteht ihre Kraft?«, fragte er. (39) Als Malyavan dies hörte, trat er vor. »Hört zu«, sagte er. »Ich kann erzählen, was geschehen ist, wie stark diese Menschen sind und welche Fähigkeiten die siegreichen Affenführer besitzen, die ihnen zur Seite stehen.« (40) »Ihr kennt doch Vali, der wie der Sturm am Weltende sämtliche Meere durchquerte und die sieben Berge hätte emporheben können? Ein einziger Pfeil hat seine mächtige Brust gespalten und ihm das Leben genommen.«
(41) »Auch der breitschultrige Viradha und Maricha sind gefallen. Khara und Dushana, dunklen Bergen gleich, Trishiras mit dem strahlenden Speer und ihr ozeangleiches Heer wurden durch einen einzigen Bogen binnen einer kurzen Stunde vernichtet.« (42) »Was fragt ihr erst hier? Hat das Wogenmeer bei euch nicht gebrannt? Wisst ihr überhaupt nichts? Als jener den mächtigen Bogen Shivas zerbrach, habt ihr da nicht einmal das Krachen mit euren großen Ohren gehört?« (43) »In Lanka gab es tausend Vellam Rakshasakrieger, heißer als Feuer. Durch die beiden Bogen der Menschen mit der dreifachen heiligen Schnur ist dieses Heer verschwunden; es scheint nun Yamas Stadt zu füllen.« (44) »Kumbhakarna mit seinem siegreichen Bogen, die Söhne eures Königs, Prahasta und die übrigen Helden sind samt Indrajit gefallen. Bis zum heutigen Tag sind von uns nur dieser König und ich übrig geblieben.«
(45) »Es gibt noch das Stammheer von dreihundert Vellam. Da ihr nun zu der ihm bestimmten Stunde hinzugekommen seid, werdet ihr selbst erfahren, wie das wohlgeordnete Heer jener beiden Helden handelt.« (46) »Ein einziger Affe kam über das Meer, versetzte Lanka in Aufruhr und verbrannte die Stadt. Er schlug den zornigen Aksha zu Boden, kämpfte, überbrachte seine Botschaft und kehrte zurück, während die Rakshasafrauen um das verbrannte Heer klagten.« (47) »Habt ihr den Weg nicht gesehen, den die Affen zum Angriff über das Meer bauten, indem sie Berge aufschichteten? Sie zählen siebzig Vellam. Einer sprang über den Meru hinaus und brachte die heilenden Kräuter in einem Augenblick zurück.« (48) »So liegen die Dinge. Um Sitas willen, jener durch große Askese und unvergleichliche eheliche Treue ausgezeichneten Frau, hat das Schicksal dies herbeigeführt. Mögen jene Bogenschützen siegen – oder ihr! Was nützen noch alte Weisheitsworte?« Damit schloss er.
(49) Vanni fragte Ravana: »Warum hast du nicht selbst gekämpft, während all diese Helden starben?« Er antwortete: »Ihre Niedrigkeit beschämte mich; deshalb kämpfte ich nicht.« Vanni erwiderte: »Dann genügt es. Nun ist dies unsere Aufgabe.« (50) »Der Rat dieses erfahrenen Greises bedeutet, Sita freizugeben und sich mit den Menschen zu versöhnen. Das hätte man zu Beginn tun sollen. Jetzt wäre es Schande, nachdem sogar dein geliebter Indrajit gefallen ist.« (51) »Selbst wenn wir die Frau zurückgäben, erhielten wir die gefallenen Krieger nicht wieder; wir gewännen nur Schmach. Jetzt bleibt uns, die Feinde samt ihrem Geschlecht zu vernichten. Jede andere Handlung wäre elend. Unsere Pflicht ist der Kampf.« (52) Die Rakshasas erhoben sich. »Bleibe hier! Wir ziehen aus, trinken das Blut ihrer kleinen Körper und kehren siegreich zurück. Falls wir zurückweichen, sollen wir als kraftloses, verächtliches Geschlecht gelten!« Mit diesem Schwur brachen sie auf.
6.30 – Die Vernichtung des Stammheeres
(1) Ravana, der die berggleichen Danavas mit seinem Schwert niedergemäht hatte, befahl: »Ich werde von einer Seite das große Affenheer angreifen, seine Leiber zerhauen und seine Leben verschlingen. Ihr aber zieht gemeinsam aus und tötet die beiden anderen!« (2) Auf diese Worte erhoben sich die Heerführer und bestiegen ihre Fahrzeuge. Als Ravana sah, wie sie sich mit dem tosenden Heeresmeer vereinten, befahl er: »Weitere Vorbereitungen sind unnötig. Lasst das gewaltige Stammheer rasch vor ihnen ausrücken!« (3) Nachdem er das Heer entsandt hatte, bestieg auch Ravana kampfbegierig seinen schönen Wagen. Er, der den Ruhm der Götter verdunkelt hatte, zog gegen eine Flanke von Ramas Heer; die drei Welten und die Weisen erbebten. (4) Die Herolde schlugen auf Elefanten die Kriegstrommeln und riefen überall: »Das Heer soll aufbrechen!« Sogleich sammelte sich die ungeheure Streitmacht, die die ganze Erde bedeckte und Himmel wie Himmelsrichtungen berührte.
(5) Meere, Gebirge und sämtliche Lebewesen finden innerhalb des Weltalls Platz. Wie aber sollten die Körper dieses Rakshasaheeres darin Raum haben – außer auf jene wundersame Weise, in der sich der allumfassende Gott in einer Zwergengestalt verbarg? (6) Sie hatten den Dharma aufgezehrt, das seltene Erbarmen ausgetrunken, sich in Gewalt gekleidet und die grimmige Sünde zur Braut genommen. Dunkel wie Wolken waren ihre Herzen, feuriger als Feuer ihr aufstarrendes Haar. Selbst Yama hätte sie bewundert. (7) Mit ihren langen Beinen schoben sie das Meer beiseite und verschlangen Fische und Makara-Ungeheuer nach Belieben. Donner trugen sie als Ohrschmuck; die dunklen Regenwolken zogen sie wie Häute ab und legten sie als Kleidung an. (8) Berge dienten als Steinchen in ihren Fußringen, Wolken als deren Klangkörper und mächtige Schlangen als Bänder. Ihre Geschwindigkeit glich Garudas gewaltigem Flügelwind. Ihr Gang war, als bewegten sich vier zusammengebundene Berge.
(9) Blieb die übliche Fleischmahlzeit aus, steckten sie vor Hunger einen großen Elefanten in den Mund. Fehlte kühles Trinkwasser, griffen sie mit ihren mächtigen Händen nach Himmelswolken und pressten diese über ihrem Mund aus. (10) Sie prüften die Wucht ihrer Speere, indem sie den Mandara und andere Berge durchbohrten. Mit dem Mond kratzten sie ihre juckenden Körper; an Gebirgen übten sie Keulenschläge. Ihr Geschrei glich dem Donner. (11) Ob sie Dreizack, leuchtende Axt, Schwert, Bogen, siegreichen Speer, schwere Keule oder Wurfrad ergriffen: Sie schienen jeweils selbst Yama, Vishnu, Shiva und Skanda an Macht zu übertreffen. (12) Einer allein konnte eine Welt bezwingen; zwei genügten, die sieben Welten zu zermalmen. Wenn sie umhergingen, drehte sich die weite Erde mit ihnen. Rückten sie geradeaus vor, folgten sogar die Meere hinter ihnen her.
(13) So zahlreich wie die Wolken waren ihre Elefanten, wie die ausgebreiteten Berge ihre Wagen. Ihre Pferde waren so unzählbar wie die vergangenen Genüsse zahlloser Tage; ihre Heerscharen so zahlreich wie die verkörperten Wesen. (14) Die Sättel, Geschirre, Decken und übrigen Verzierungen dieser Elefanten, Wagen und Pferde bestanden durchweg aus Gold und kostbaren Edelsteinen. Betrachtete man sie genau, fand sich kein einziges Schmuckstück aus geringerem Stoff. (15) Als das große Heer lärmend aufbrach, bedeckte korallenroter Staub den Himmel und nahm den Wolken ihre dunkle Farbe. Der Brunstsaft der Elefanten strömte ins wogende Meer, als würde er dessen Salzgeschmack vertreiben. (16) Die Tore Lankas, aus denen solche Scharen hervorkamen, glichen dem Mund des einen höchsten Herrn, der einst Berge, Meere, Götterreiche und alle übrigen Welten unversehrt verschlungen und wieder hervorgebracht hatte.
(17) Elefanten, Wagen, Pferde und dichtes Fußvolk rückten vor; selbst Ananta erbebte, weil seine Häupter die Last nicht tragen konnten. Die Affen flohen nach Norden, wie die Götter einst vor dem Gift, und fanden kaum Platz für ihre Schritte. (18) Das Ringgebirge bildete den Zaun, die sieben Meere waren das ausgespannte Netz und die Rakshasas das Wild. Tod, Schicksal und böse Taten dienten als Treiber; Lanka war das Jagdgehege. Nun nahm der höchste Herr die Jagd auf. (19) War es das Kriegsgeschrei, das Dröhnen der Wagenräder, das Brüllen der dunklen Elefanten, das Wiehern der Pferde oder der Klang der Instrumente? Immer stärker drang der Lärm auf das bedrängte Weltall ein, als wollte er es sprengen. (20) In diesem Heeresmeer waren die Waffen Fische und die tobenden Elefanten Makara-Ungeheuer. Die Pferde bildeten brechende Wogen, die Trommeln das tosende Rauschen und die grimmig zornigen Rakshasas die gefährlichen Haie.
(21) Unter den Schritten der gewaltigen Krieger und im Schlamm des Elefantensekrets wäre Lanka samt seinem Berg versunken. Doch ein Teil des Heeres zog durch den Himmel; dadurch blieb die Stadt an ihrem Ort. (22) Die Götter blickten zur Erde, zum Meer, in die Höhen des Himmels und nach allen Richtungen. Nirgends sahen sie eine freie, helle Stelle. Nur den dichten Staub sahen sie; sie schwitzten und verloren den Mut. (23) »Sind alle Wesen außer uns zu Rakshasas geworden und mit unzähligen Waffen zum Kampf aufgebrochen? Oder haben sich durch das Schicksal die sieben ununterbrochen wogenden Meere in diese grausamen Körper verwandelt?«, fragten sie. (24) Zitternd wandten sie sich an Shiva mit dem giftdunklen Hals: »Herr, wir kennen keinen Ort, an dem wir uns verbergen könnten. Sie werden unser Leben verschlingen! Wer ahnte solche Macht? Unsere Kraft ist zu Ende!« Schon wollten sie fliehen.
(25) »Was könnten selbst tausend Ramas ausrichten, die vierundzwanzig Jahre gemeinsam gegen einen einzigen kämpfen? Zum Töten braucht man erst einen Platz, von dem aus man kämpfen kann! Und wer behält angesichts dieses Heeres überhaupt sein Leben?« (26) Als sie so flehten, sagte der Herr mit dem dunklen Hals: »Fürchtet nichts mehr! Jener siegreiche Held wird die betrügerischen Rakshasas allesamt vernichten. Das Schicksal selbst hat ihr ganzes Geschlecht hierhergeführt, damit es untergeht.« (27) Wie Mäuse verzweifelt davonlaufen, wenn mächtige Schlangen aus ihrem Bau hervorkommen, zerstreute sich das Affenheer in Angst. »Unsere Kraft ist dahin!« Ohne noch nach seinen siegreichen Helden zu sehen, floh es in Verwirrung. (28) Einige liefen über die Brücke, andere suchten Flöße oder schwammen durchs Meer. Manche tauchten mit ihren Gefährten unter; andere kletterten in dichte Bäume, um unsichtbar zu werden. Viele verschwanden in Berghöhlen.
(29) »Die große Brücke hat uns gerettet. Lasst sie uns abbrechen, damit sie nicht folgen!«, riefen einige. Andere sagten: »Sie kommen auch durch den Himmel!« Wieder andere klagten: »Alle von Brahma geschaffenen Richtungen sind schon von ihnen besetzt!« (30) Nur Sugriva, Hanuman und Angada konnten sich nicht von ihrem Herrn trennen und blieben bei ihm. Alle übrigen flohen verstört über das wogende Meer. Rama sah es. (31) »Woher kommt dieses schreckliche Heer? Sage es mir«, fragte er. Vibhishana antwortete: »Held, die Bösen haben es aus allen Himmelsrichtungen und den sieben großen Inseln zusammengerufen. So ist dieses Rakshasameer hier eingetroffen.« (32) »Auch aus den sieben unteren Welten sind Scharen heraufgestiegen, wie das Meer beim Weltuntergang. Vorne zieht sein gewaltiges Stammheer. Nun gibt es anderswo nicht einmal mehr eine Handvoll bewaffneter Rakshasas.«
(33) Er verehrte Ramas Lotosfüße und sprach: »Alles, was in diesem Weltall Rakshasa heißt, ist hierhergestürmt, von seinen bösen Taten angetrieben. Mein Verstand sagt mir, dass sie heute fallen werden. Das mächtige Schicksal treibt sie voran.« (34) Rama hörte ihn, und auf seinem Gesicht mischten sich Lächeln und Zorn. »Du wirst in einem Augenblick sehen, was ich tue«, sagte er. Dann bat er Angada: »Nimm dem fliehenden Heer die Furcht und bringe es zurück!« Angada eilte davon. (35) Er erreichte die Flüchtenden und rief: »Ihr verderbt euch nach allen Seiten! Bleibt stehen und hört mich, bevor ihr weitergeht!« Die Affen schrien: »Wir hören nichts!« Doch die großen Heerführer ließen sich durch seine Worte zur Umkehr bewegen. (36) Am nördlichen Meeresufer versammelten sich die Führer auf einem Berg. »Warum seid ihr geflohen?«, fragte Angada. Sie widersprachen: »Herr, du hast jene offenbar nicht gesehen! Was gewinnen wir dadurch, dass wir sterben?«
(37) »Hast du vergessen, was wir im Kampf erlitten, als Indrajit noch lebte? Diese hier stehen ihm nicht nach und kämpfen gegen jeden. Wen von ihnen könnten zwei Männer mit ihren Bogen zugleich aufhalten und beschießen?« (38) »Selbst Shiva, der die drei Städte vernichtete, und die anderen Götter, die Gaben gewähren und die Welt beschützen, vermögen nichts und haben sich verborgen. Sollen nun Menschen mit einem Affenheer diese Rakshasas überwinden?« (39) »Wenn Rudra, Vishnu mit dem Rad, Brahma und Indra gemeinsam Milliarden Weltzeitalter lang umherkämpften und einen einzigen von ihnen eigenhändig töten könnten, wäre selbst das schon ein vortrefflicher Sieg!« (40) »Mein Herr, würden unsere siebzig Vellam auch nur einem von ihnen als Mahlzeit genügen? Sind wir Kleinen stärker als die Götter? Selbst Brahma könnte wohl nicht in einem Weltzeitalter für alle diese Wesen Wohnstätten bestimmen!«
(41) »Schon zehn Köpfe und zwanzig Arme ihres einen Königs ließen uns verzagen. Diese Ankömmlinge aber haben tausend Köpfe und doppelt so viele Arme. Herr, sie sind zahlreicher als der Sand am Ufer des wogenden Meeres!« (42) »Nicht einmal Kumbhakarnas Waffen konnten wir standhalten. Du weißt, was er uns antat. Sind denn nur die Götter verständig? Edler, du erkennst nicht einmal, wie allein du bist, und bist trotzdem hierhergekommen!« (43) »Hanumans Kraft, die Kraft unseres Königs und die Bogenmacht der beiden Brüder genügen nicht einmal, deren eigenes Leben zu retten. Früchte gibt es zum Essen und Höhlen zum Verbergen. Was kümmert es uns, ob Menschen oder Rakshasas die Erde regieren?« (44) »Nur wer lebt, kann Ruhm und Glück genießen. Wenn wir leben, bleibt auch unsere Sippe bestehen. Du bist unser Beschützer und solltest uns sagen: ›Geht!‹ Uns zu sagen: ›Sterbt!‹ wäre kein Dharma.« So sprachen sie mutlos.
(45) Valis Sohn wandte sich an Jambavan: »Weiser, du hast uns doch selbst getröstet: ›Rama ist der makellose Herr, der auf der Schlange ruht!‹ Deine Einsicht gleicht der Hanumans, der beim Sonnengott die Grammatik erlernte.« (46) »Du solltest die Unentschlossenen mit verständigen Worten aufrichten. Stattdessen scheinst auch du dich zu fürchten! Wenn du nur dein Leben bewahrst, was werden dann Ruhm und Weisheit? Verlieren wahre Führer ihren Mut, sobald sie dem Tod begegnen?« (47) »Wir könnten fliehen und Schande auf uns laden. Aber könnten wir irgendwo auf Erden dem Tod entgehen? Ist die Stunde gekommen, wird selbst Nektar zu Gift. Sollen die Helden, die auf uns vertrauten, nun allein sterben?« (48) »Vali quirnte das Meer, als Götter, Dämonen und selbst der Träger des Rades daran scheiterten. Wie kannst du vergessen, dass ein einziger Pfeil ihn tötete? Hast du auch nicht erfahren, was dem fischreichen Meer widerfuhr?«
(49) »Wie zahlreich die Rakshasas auch sind, der Dharma steht nicht bei ihnen. Hast du je gehört, dass Sünde solche Rechtschaffenheit überwinden könnte? Es ziemt dir nicht, mit diesen Verwirrten wie ein Tor davonzulaufen.« Darauf antwortete Jambavan. (50) Zunächst schwieg er beschämt, dann sagte er: »Held mit säulenstarken Schultern, könnte selbst Shiva angesichts dieser Rakshasas unerschüttert stehen bleiben? Welchen Vorwurf kann man da Affen machen, die von gekrümmten Blüten leben?« (51) »Als Götter und Dämonen einst Krieg führten, wen habe ich da nicht gesehen? Gibt es in den drei Welten jemanden, der ihre volle Kraft erreichen könnte? Selbst der Tod vermag sich diesen hier kaum zum Feind zu machen.« (52) »Ich sah Mali und Malyavan, Kalanemi und Hiranya. Ich sah das große Gift und Madhu mit seinem Bruder das Meer aufwühlen. Doch besaßen selbst jene die furchtlose Kühnheit dieser Krieger?«
(53) »Zu solcher Körperkraft kommen ihre Gnadengaben und ihre Zaubermacht. Zahlreicher als der Meeressand, im Herzen grausamer als Kali, tragen sie meisterhaft geführte Waffen. Wie sollte man nicht verzagen, wenn selbst die Götter vor ihnen zittern?« (54) »Dennoch, Herr: Dass wir aus Furcht flohen, statt für die Unsrigen im Kampf zu sterben, bringt Schande und führt in die Hölle. Kehren wir zurück! Doch eines bleibt: Wie sollen wir dem wolkenfarbenen Herrn wieder in die Augen sehen?« (55) Als der Herr des Bärenheeres so sprach, antwortete Angada, Valis Sohn und Enkel Indras. Dieser hatte mit dem Donnerkeil die Bergflügel abgeschnitten und thronte wie eine blaue Wolke auf dem silbernen Berg seines brünstigen Elefanten. (56) »Aufstieg und Niederlage, eigener Tod und das Niederschlagen des Gegners gehören seit je zum Leben eines Kriegers. So ist es nun gekommen. Doch hört noch eines, das ich euch sagen muss; ihr besitzt Verstand, um darüber nachzudenken.«
(57) »Fürchte nichts! Gehen wir alle zurück. Selbst wenn wir nichts ausrichten können: Siegt der Herr des Rades allein, teilen wir den Sieg. Gelingt es nicht, sterben wir mit ihm. Fortzulaufen bringt uns keinen Ruhm.« (58) »Warum sollen wir hierbleiben, nur weil das Heer geflohen ist? Wir sind selbst mit schwerer Schande hierhergekommen. Gehen wir!« So kehrten sämtliche Führer mit Angada zurück. Rama blickte auf die heranstürmende Streitmacht und sprach zu seinem Bruder. (59) »Lieber Bruder, du weißt: Wie zahlreich Rakshasas und Dämonen auch sein mögen, sobald ich den Bogen hebe, vergehen sie wie Baumwolle im Feuer. Das steht fest. Doch ein mögliches Hindernis kommt mir in den Sinn.« (60) »Ohne Beschützer könnte das verwirrte Affenheer endgültig fliehen und in seine Heimat zurückkehren. Halte es zusammen und wehre die Rakshasas dort ab, bis ich dieses Heer hier angegriffen und vollständig enthauptet habe.«
(61) »Der Böse hat diese Streitmacht hierhergesandt. Wenn er unsere Lage erkennt, an anderer Stelle eindringt und alles vernichtet, wer könnte ihn aufhalten? Dieser Gedanke brennt in meinem Herzen. Welcher Bogenschütze außer dir wäre dazu fähig?« (62) »Du, Maruti und der Affenkönig, geht rasch hin und schützt das Heer! Wenn ihr aus Sorge um meine Einsamkeit zögert, werden wir die Schlacht verlieren.« Als Lakshmana die Worte des Helden hörte, antwortete er. (63) »Das ist die richtige Aufgabe, Herr. Was könnte ich dir hier auch helfen? Angesichts dieses Heeres bliebe mir nur, wie die Götter mit über dem Kopf gefalteten Händen von außen die Macht deines goldgeschmückten Bogens zu betrachten.« (64) Als Lakshmana gehen wollte, sagte Hanuman: »Vater, missachte mich nicht als niedrigen Affen. Ich hielte es für gut, wenn du auf meinen Schultern in den Kampf zögest. Sonst bleibe ich wenigstens allein hinter dir und weiche nicht von deinem Dienst.«
(65) Rama sprach: »Edler, was wäre dir unmöglich? Doch wenn Ravana dort erscheint und gegen den bogentragenden Lakshmana kämpft, wie soll mein Bruder ohne deine Hilfe den großen Sieg erringen? Würde nicht auch unser Heer zerbrechen?« (66) »Auf wessen Unterstützung vertraute ich, als ich meinen jüngeren Bruder gegen den schönhaarigen Indrajit entsandte? Hat er nicht durch dich gesiegt? Held unter Helden, solange du ihn nicht verlässt, weiß ich, dass er siegen wird.« (67) »Schütze das Heer, schütze meinen elefantengleichen Bruder, der mir aus unserer schönen Stadt folgte, und schütze den Affenkönig. So erhältst du Himmel, Erde und die Veden.« Hanuman konnte nichts mehr erwidern und folgte Lakshmana. (68) Rama sagte auch: »Vibhishana, gehe mit deinem jüngeren Bruder! Erkenne und erkläre die Täuschungen der Grausamen und stütze das siegreiche Heer. Wenn du nicht bei ihm bleibst, könnte Unheil entstehen.« Vibhishana nahm den Auftrag an.
(69) Sugriva, der Sohn der Sonne, erklärte: »Es soll geschehen, wie der Herr sagt«, und folgte Lakshmana. Alle hielten dies für richtig und stellten sich schützend vor das Heeresmeer. Nun wollen wir Ramas weitere Taten erzählen. (70) Rama verehrte seinen Bogen, nahm ihn auf und spannte die Sehne. Seine strahlende Brust, fest wie der Meru und voller Erbarmen wie ein Meer, bedeckte er mit unzerstörbarer Rüstung. Den unerschöpflichen Köcher legte er um, beständig wie das ungewordene Vedawort. (71) Die Vorhut des Heeres, das einen Kreis von hundert Yojana lückenlos erfüllte, umschloss Rama von allen Seiten. Waffen und Pfeile flogen dicht auf ihn zu. Die Götter erschauerten; Staub erfüllte das ganze Himmelsgewölbe. (72) »Krishna! Du bist der Schutzpanzer, den wir Schwachen tragen! Meerfarbener, Leben des Dharma, Kraft der Vedakundigen! Wer außer dir könnte diesem Heer unerschüttert standhalten? Erfülle unsere Hoffnung!« So priesen ihn sämtliche Götter.
(73) Die Weisen und alle im Dharma Vollendeten konnten den Anblick des einsamen Rama vor diesem ungeheuren Heer kaum ertragen. Tränen füllten ihre Augen, ihre Herzen bebten. »Mögen die Sünder unterliegen! Möge unser Herr siegen!«, segneten sie ihn. (74) Auch alle übrigen rechtschaffenen Himmelsbewohner riefen: »Der siegreiche Bogenschütze möge gewinnen! Die betrügerischen Zauberer mögen fallen! Heute ende das Übel auf Erden!« Die grausam bewaffneten Feinde aber sprachen untereinander so: (75) »Sein Heer ist zerstreut, alle haben ihn verlassen. Dennoch steht er furchtlos vor unserer gewaltigen Streitmacht, prüft seine Pfeile und weicht nicht von seiner Kriegerpflicht. Solcher Mut ist mehr wert als ein Sieg. Sollte Malyavan gelogen haben?« (76) »Selbst der Herr, der die drei Festungen beschoss, hatte einen Wagen und die Götter bei sich. Als Vishnu einst unser Geschlecht entwurzelte, kam er auf Garuda mit den Himmlischen. Dieser aber verbirgt sich nicht: allein und zu Fuß tritt er uns entgegen.«
(77) »Unsere Wagen, Pferde, Elefanten, Löwen und Yalis, unsere merugroßen Krieger, übertreffen die sieben Meere. Dieser Mensch ruft uns: ›Kommt nur!‹ Wie sollte er noch entkommen oder hier unter uns am Leben bleiben?« (78) Lärmend drängten sie heran und umringten ihn wie Berge einen mächtigen Löwen. »Das ist gut«, dachte der Herr der Veden. Er ließ die Sehne seines siegreichen Bogens erklingen, dessen Größe den sieben Welten und Gebirgen zu gleichen schien. (79) Den Kampfelefanten vergingen Wildheit und Brunst, den Kriegern trocknete der Mund aus, den Pferden schwanden Kraft und Schnelligkeit. Wenn schon die ganze Wesensmacht der Rakshasas vertrocknete, muss man dann ihren kommenden Untergang noch erklären? (80) Pferde, Löwen und andere Zugtiere wurden scheu, zerbrachen ihre kunstvoll gebauten Wagen und stürzten davon. Elefanten schleuderten ihre Treiber ab und liefen auseinander. Große Verwirrung entstand im Heer.
(81) »Diese Zuckungen und Zeichen verheißen dem Heer Unheil!«, erkannten die Götter und jubelten. Während die Rakshasas verwirrt umherblickten, sandte der Herr der Veden einen Pfeil aus, der wie ein aufgerichteter Blitz aufleuchtete. (82) Auf Yalis, Fußkämpfer, Elefanten und starke Pferde, auf Helden und ihre Wagen, auf feindliche Pfeile und Bogen, selbst in die aufsteigenden Staubmassen schüttete Rama unablässig seine Geschosse. (83) Elefanten stürzten wie Berge. Pferde fielen neben den abgeschlagenen Köpfen der Krieger; mächtige Banner sanken wie zerbrochene Bogen. Ganze Reihen weißer Hauer fielen wie Stücke des Mondes herab. (84) Wie ein sommerlicher Wolkenbruch, den Winde von allen Seiten treiben, ergoss sich der Pfeilregen. Geschmückte Elefanten, Pferde, Wagen und Menschen gingen zugrunde. So rasch wandelte sich das Schlachtfeld, dass das Auge nicht folgen konnte.
(85) Aufgerissene Augen, Hände, Körper, Bogen, Speere, brüllende Münder, Füße und Schultern zerfielen unter den donnergleichen Geschossen. Die Pfeile und anderen Waffen, die die Feinde selbst entsandt hatten, richteten nichts aus. (86) Noch ehe sie schießen konnten, fielen ihre Bogen mitsamt aufgelegten Pfeilen zerbrochen herab. Erhobene Schwerter stürzten mit abgeschlagenen Armen; vorschnellende Beine wurden zerstückelt. Wie hätten diese Krieger sich nähern und mit irgendeiner List etwas ausrichten können? (87) Die Krieger, die auf ihre Gnadengaben vertrauten, trieben ihre Pferde vorwärts. Doch Hufe und Brust wurden zerschnitten, Augen zertrümmert, Sättel zerfetzt. Einem Pfeil folgten hundert weitere. Wie hätte ein solches Pferd lebend entkommen können? (88) Wollten die Wagen vorrollen, versperrten ihnen aufgetürmte Leichen den Weg. Bewegten sie sich dennoch, zerschlugen tausend Pfeile sie in hundert Stücke. Was konnten diese unglückseligen Wagen anderes tun, als zugrunde zu gehen?
(89) Die Elefanten galten als so gewaltig, dass selbst die mächtigsten Wesen der acht Richtungen nach einer Begegnung mit ihnen nicht lebend entkämen. Doch kaum berührten Ramas Pfeile sie, stürzten sie wie schon lange tote Tiere. Was vermochten sie noch? (90) Wenn ein einziger Pfeil des Lotosäugigen hundert Millionen Feinde tötete, geriet selbst Brahma beim Zählen in Verwirrung. Entsprechend unermesslich war Yamas Eile, all die Leben aus dieser Schlacht einzusammeln. (91) Die Banner auf Wagen und Elefanten verbrannten wie Wälder unter sommerlichen Blitzschlägen. Während Millionen Kronen herabstürzten, flogen die geschärften Pfeile ungebremst weiter; aus ihren Spitzen loderte Feuer. (92) Nachdem sie Speere, Schwerter und andere Waffen zerschlagen hatten, flogen die Pfeile weiter ins Meer. Ihre Hitze ließ es zischend kochen; Wasser verdampfte, Fische verendeten, und der Grund trat hervor.
(93) Die gefiederten Pfeile des Feindbezwingers leuchteten wie Shivas Geschoss beim Brand der drei Städte. Wasser brannte, selbst Feuer wurde vom Feuer verzehrt, große Wagen loderten auf, und die Häupter der Krieger zersprangen. (94) Abgeschlagene Arme zuckten noch mit Schwertern und Speeren wie gewaltige Schlangen. Die Köpfe der Elefantenkämpfer rollten mit zusammengebissenen Mündern herab wie Bergstücke, die ein Blitz vom Gipfel gerissen hat. (95) Yalis, Löwen, Pferde, Geisterwesen und Hunde, kämpfende Bewaffnete und unzählige Wagen gingen durch einen einzigen Pfeil zugrunde: durch das Geschoss des Menschenherrn, Weltenherrn, Herrn der Erkenntnis und Trägers des Nandaka-Schwertes, des Helden aller Helden. (96) Wagen mit ihren Rädern versanken; Männer, geschmückte Elefanten samt Reitern und Pferde sanken ein. Das zuvor staubige Schlachtfeld war zu einem Blutmeer geworden, gewaltig wie der Ozean am Ende eines Weltzeitalters.
(97) Die Himmlischen wichen nach allen Seiten aus, damit die emporgeschleuderten Köpfe sie nicht träfen. Unten klagten die Erdbewohner: »Überall schlagen die herabfallenden Häupter auf uns ein wie ein Hagel aus Steinen!« (98) Die betrügerischen Rakshasas, die sich in den Himmel erhoben hatten, fielen unter Ramas weltvernichtendem Pfeilregen auf die Erde: wie niederstürzende Regenwolken oder wie Himmelswagen, die ein Sturm wirbelnd zu Boden reißt. (99) Einige entsandten göttliche Waffen, andere schossen brennende Pfeile, warfen Geschosse oder schlugen zu. Manche ließen Berge niederregnen, andere stürmten heran, um Rama zu packen. Waffenlose beschimpften ihn; weitere brüllten oder liefen suchend umher. (100) Viele schrien, drängten vor, schleuderten haufenweise Waffen oder stießen Dreizacke. Andere machten sich unsichtbar, blickten Feuer speiend oder rissen Berge aus. Unzählbare Rakshasas umgaben Rama wie Regenwolken die Sonne.
(101) Doch alle geworfenen, geschossenen und erhobenen Waffen zerbrachen unter seinen Pfeilen. Die umringenden Wagen und gewaltigen Tiere wurden zerquetscht; langhaarige Häupter rollten. Der breitschultrige Held trat hervor wie die Sonne, die die tiefe Finsternis durchbricht. (102) Seine Pfeile brachen den prahlerischen Rakshasas das Wort ab, zermalmten Rüstungen und durchschnitten Körper, Bogen, Köpfe, Kraft und Kampfesmut, geworfene Felsen, Bäume und Arme. Wer könnte vor den Geschossen des Herrn jenes Landes bestehen, dessen Bauern Reis samt Lotosblüten ernten? (103) Die Götter konnten nur berichten, wie die Elefanten Beine, Schwänze, Rüssel, Hälse, Rücken und Stoßzähne verloren und stürzten. Nicht zu schildern war, wie den berggleichen Tieren ihre ozeangleiche Wildheit, ihr regenströmender Brunstsaft, ihre Kraft und ihre Haut genommen wurden. (104) Hunderte Millionen Speere flogen, Hunderte Millionen Pfeile ragten himmelwärts. Hunderte Millionen mörderischer Elefanten rückten wie Berge vor, ebenso zahllose Pferde und rollende Wagenräder. Ein einziger Mann hielt sie alle auf.
(105) Unzählige mächtige Bogenschützen, die zugleich die sieben Welten hätten erschüttern können, ließen gegen den einen Bogenschützen Pfeilregen niedergehen. Doch er zerstäubte ihre Geschosse; ihre Köpfe fielen, und ihre berggleichen Körper zerbrachen. (106) Krieger, denen man die Kraft von hunderttausend brünstigen Elefanten zuschrieb, stürzten durch einen einzigen Pfeil wie Berge. Aus ihrem Blut entstanden tausend Ströme. Die wütenden Elefanten gerieten hinein und wurden unrettbar bis ins Meer getragen. (107) Äxte zerbrachen, Berge zerbarsten, Wurfringe und diamantene Keulen zerfielen. Klingen, Speerspitzen und Schäfte wurden durchschnitten; wilde Elefanten, Pferde und Wagengruppen brachen zusammen. So wirkte ein einziger gezielt entsandter Pfeil. (108) Tod und Todesboten, Yama und alle Wesen seines Reiches liefen umher und erschöpften sich. Obwohl sie sonst beim Weltende sämtliche Leben verschlingen, ermüdeten sie hier schon daran, die Tausenden nahebei fortzuführen.
(109) Elefanten, zerbrochene Wagen und Pferde türmten sich bis in den Himmel. Doch zwischen ihnen erhoben sich kopflose Leiber und tanzten noch mit gewaltiger Kraft. Die Leichenberge bebten, als wären sie wieder lebendig geworden. (110) Vom Blut der Gefallenen bespritzt, glich der dunkle, bogentragende Rama der Sonne, die am Weltende alles verbrennt. Er strahlte, als wäre er eben aus einem Bad im Blut der Feinde emporgestiegen. (111) Obwohl seine feuer- und donnergleichen Pfeile die Köpfe ihrer Gefährten abrissen, sank der Mut der übrigen nicht. Solange Leben in ihnen war, umschwärmten sie ihn begierig: Die Rakshasas glichen Bienen, der Herr dem süßen Honig. (112) In einem Augenblick durchbohrte er die Andrängenden mit rasch entsandten Pfeilen, bis ihre Körper wie dicht besteckte Früchte aussahen. Seine unfehlbaren Geschosse rammten Wagen und Elefanten in den Boden und verwandelten alles in zerstampfte Masse.
(113) Viele trennten sich, flohen, entkamen oder mühten sich weiter. Viele drängten, wurden zerquetscht, stürzten und rollten. Andere verbrannten, erhoben sich und fielen wieder. Eingeweide quollen hervor, Köpfe wurden abgetrennt; noch immer kamen neue Angreifer. (114) Edelsteinbesetzte Ohrringe, Armreifen, Makara-Schmuck, glänzende Kronen, Halsketten, Rüstungen, Fußringe und Stirnschmuck fielen von den zerschnittenen Leibern. Ihr aufblitzender Glanz glich Scharen von Blitzen zwischen dichten Wolken. (115) Er war vor ihnen, hinter ihnen, vor ihren Gesichtern, mitten unter ihnen, neben ihnen und über ihren Köpfen. Er erschien auf Bergen, auf der Erde und im Himmel. »Welche Geschwindigkeit!«, staunten die Grausamen über seine Kampfbewegungen. (116) Jeder dachte: »Er tritt mir entgegen, gerade mir!« Obwohl der löwengleiche Held mit seinem goldglänzenden Bogen mitten im feindlichen Heeresmeer stand, schien er jeden dunklen Krieger wie dessen eigener Schatten zu begleiten.
(117) Mochten feindliche Heere die sieben Meere und sieben Welten füllen: Er durchschaute ihre Künste. Selbst denen, die sich durch mächtige Täuschung verbargen oder ihre Gestalt wechselten, erschien er zugleich innen und außen gegenwärtig. (118) Niemand konnte seine vielfältigen Kampfbewegungen beschreiben oder erkennen, wohin er ging und wo er eindrang. Selbst die Götter fragten sich: »Hat er sein wahres Wesen erkannt und ist überall alles geworden, jenseits jeder Handlung?« (119) Unter seinen raschen Bewegungen und Pfeilschauern zerbrachen die grausamen Krieger wie Berge und hohe Bäume im heftigen Sturm. Rama erhob und weitete sich, als messe er wiederum das ganze Weltall aus. (120) Elefanten, Wagen, schnelle Pferde, Yalis, Löwen und zornige Helden türmten sich tot zu Bergen, die dem Himmel kaum Raum ließen. Über diese Berge sprang und schritt der Herr hinweg, der sonst auf dem Meer ruht.
(121) Himmelhohe Fahnen und ihre Tücher, Pfeile und brünstige Elefanten versanken im Blut. Es war, als gingen kostbare, mit Segeln versehene Schiffe auf offenem Meer unter. (122) Die berggleichen Häupter der hinterlistigen Krieger flogen glühend empor und fielen wieder herab. Sie glichen Spielbällen, die die Göttin der Schlacht mit ihren roten Händen aufwarf und auffing. (123) Leuchtende Schilde lagen mit den starken, armreifgeschmückten Händen abgetrennt im Feld. Auf diesem Ort wachsenden Verderbens sahen sie wie umgestürzte Schilddächer aus. (124) Die Armspangen verloren mit den erschlagenen Trägern ihren Glanz; auch deren prächtiger Zorn verging. Die gefiederten Pfeile aus dem Köcher des Herrn wirkten wie Schlangen, die aus ihrem Erdloch hervorschießen.
(125) Die von Pfeilen abgeschlagenen weißen Hauer der dunklen, fußringtragenden Unholde drangen in die Bäuche der Elefanten. Sie glichen weißen Mondsicheln, die im Himmel in dunklen Wolken verschwinden. (126) Die weißen Zähne der Helden und die Stoßzähne der brünstigen, berggleichen Elefanten häuften sich auf dem Boden. Es war, als wären sämtliche je aufgegangenen jungen Mondsicheln gemeinsam zur Erde gefallen. (127) Das Blut der unermüdlichen Krieger breitete sich über Meer und Erde aus. Die Bewohner aller Inseln verließen ihre friedlichen Wohnstätten und stiegen auf hohe, unerschütterliche Berge. (128) Die den Körpern entwichenen Leben füllten den Himmel; das aus Wunden strömende Blut füllte die Meere. Gewaltige Leiber bedeckten die Erde. Die Augen der Götter aber waren ganz erfüllt von Ramas meisterhafter Bogenkunst.
(129) Die Waffen der zornigen Krieger wurden vom Blutstrom mitgerissen und ins Meer getragen. Dort verbreiteten sie sich überall im Wasser und durchschnitten unzählige Fische und andere Meerestiere. (130) Vanni rief: »Soll dieser eine Mann vor unseren Augen das ganze Heer töten? Sollen wir Berggleichen, unfähig zu irgendeinem Sieg, nur noch mit unseren weißen Zähnen knirschen?« (131) »Wenn wir uns gemeinsam auf ihn werfen, bevor seine Pfeile uns durchdringen, muss er sterben! Ihr gleicht Sturmwolken; doch nun steht ihr verwirrt da, als hätte euch eine schwere Verblendung befallen!« (132) »Tausend große Vellam werden zermahlen und schwinden dahin. Was wollt ihr hinterher noch tun? Stürzt euch alle zugleich auf ihn!« So sprach Vanni, um seinem König Hilfe zu verschaffen.
(133) Die gewaltigen Scharen erhoben sich wütend und schlossen Rama ringsum ein. Ihre Waffen ergossen sich über ihn wie mächtige Regenströme aus Wolken über einen einsamen hohen Berg. (134) Er zerschnitt die gezielt geworfenen und geschossenen Waffen, stürzte Wagen und Elefanten um, zerhieb Pferde und ließ Pfeilregen niedergehen, bis die große Streitmacht zerstückelt auseinanderfiel. (135) Zahlreiche Köpfe flogen noch mit schreienden Mündern davon. Die blutsprudelnden Rümpfe tanzten zum Geschrei der Geister und glichen Lampen, deren hochschlagende Flammen sich hin und her bewegten. (136) Mit Fett vermischtes Blut erfüllte das weite Meer. Die Erdgöttin erschien wie eine Frau in rotem Gewand, mit roter Sandelpaste gesalbt und festlich mit glückverheißendem Rot geschmückt.
(137) Man spricht von sieben Meeren aus Salz, Honig, Ghee, Joghurt, Milch, Zuckerrohrsaft und Wasser. Doch weil korallenrotes Blut sie alle umgab, war diese Unterscheidung heute durch einen einzigen Bogen hinfällig geworden. (138) Eine einzige Bewegung des Bogens ließ Millionen Pfeile fliegen. Unablässig gekrümmt, glich er ständig der jungen Mondsichel. Und doch: Wann würden all die entgegenstehenden Rakshasas endlich zu Ende sein? (139) Die Waffenhebenden, Schreienden, Zornentbrannten und dicht Andrängenden, die Widerstehenden, Schwankenden, Fallenden und sich Trennenden, die wie einsame Elefanten Wütenden und die weiter Pfeile Abschießenden: Alle trafen seine Geschosse, und sie lagen hingestreckt. (140) Tausend leuchtende Pfeile legte er auf; sie töteten nicht tausend, sondern zehntausend Krieger. Geschwindigkeit und Absicht waren eins, Auge und Verstand konnten ihnen nicht folgen. Was konnten die Feinde noch tun, außer die Waffen zu heben und zu fallen?
(141) Seine Pfeile durchsetzten Vorhut, Zentrum, Flügel und Nachhut so dicht, dass keine Nadel hindurchgepasst hätte. Sie verschlangen Leben, durchdrangen alle Richtungen und flogen weiter. Welchen Sieg konnten die Feinde erringen, außer vor dem Herrn zu fallen? (142) Die fleischverzehrenden scharfen Pfeile glichen dem Weltbrand, die Rakshasas einem ausgetrockneten Wald und ihre Elefanten Bergen. Ramas Geschosse waren zugleich ein Wurfnetz; das ganze Heeresmeer verendete darin wie Fische, die nicht entkommen können. (143) Rama glich dem Sturm am Weltende, die Rakshasas Bergen, die unter ihm zu Staub zerfallen. Er glich auch dem anschwellenden Endzeitmeer, das sämtliche Wesen der sieben Welten vernichtet; sie waren die von ihm verschlungenen Leben. (144) Rama wurde der Zeit gleich, die Ursprung, Mitte und Ende ist und alles vollendet. Die Rakshasas glichen der ganzen bewegten und unbewegten Schöpfung am letzten Tag. Er war das aus dem Meer steigende Gift, sie die darin verendenden Fische.
(145) Die Rakshasas glichen einem Geschlecht, das durch Betrug gewinnt, Bestechung annimmt und vor Gericht falsch aussagt; Rama glich dem Dharma. Er war auch wie giftiges Wasser, sie wie dessen Trinker oder wie Arme, die einer Hungersnot erliegen. (146) Als hundert Vellam fielen, stieg das Blut über Meer und Stadt, bis Höhen und Tiefen nicht mehr zu unterscheiden waren. Die großäugigen Rakshasafrauen liefen schreiend mit wankenden Beinen umher und wussten nicht mehr, wo Mauer, Stadt oder Außenland lagen. (147) Die Krieger wichen, drängten und zerbrachen. Leichenberge ragten himmelwärts, Blut breitete sich wie ein Ozean in alle Richtungen aus. Dennoch hielten unzählige schwer bezwingbare Heerführer die Reihen zusammen und stellten sich entgegen. (148) Sie trieben Wagen, Elefanten, berggleiche Yalis, Pferde und Löwen vorwärts. Waffen und Pfeile, Wolken, Donner und Feuer gleich, schütteten sie so dicht aus, dass sie alles bedeckten. Sie warfen, schossen und drängten nach.
(149) »Kommt! Tretet her und gebt mir euer kostbares Leben, eure Gnadengaben und alles Übrige!«, rief Rama. Mit pfeilgleichen Blitzen und einem Meer schrecklicher Geschosse hielt er jede einzelne Schar der Übeltäter auf. (150) Die Rakshasas zerschnitten sofort seine Pfeile, drangen zornig vor und verbargen ihn unter einem Regen stärker als jeder Wolkenbruch. Sie schlossen die Richtungen wie mit Dämmen ab. Da verehrten die Götter Shivas Füße und sprachen: (151) »Jeder dieser zahllosen Heerführer gleicht drei Ravanas. Sie umringen ihn, füllen die Welt, brüllen und vernichten alles. Rama steht allein; sie kommen, als hätten sie unseren Sieg schon ausgelöscht. Strahlender, sage uns, was nun zu tun ist!« (152) »Sie zerschneiden seine Pfeile noch vor dem Ziel und umhüllen die sieben Welten mit Geschosswolken. Nur Schmähworte könnten wir ihnen zurufen und fliehen! Selbst dir und Vishnu dürfte es schwerfallen, ihre zahllosen Heere zu überwinden.« Verstört sanken sie nieder.
(153) Shiva sagte: »Verzagt nicht! Wie zahlreich sie auch sind, sie werden verbrennen wie Baumwolle im Feuer. Das wurde längst verkündet. Selbst wenn Gift den Nektar besiegte und betrügerische Sünde den guten Dharma überwände, könnten diese Betrüger Rama nicht bezwingen.« (154) »Welcher Rakshasa außer Vibhishana wird am Leben bleiben? Das Erbarmen ist wirksam geworden, der gute Dharma erhebt sich wieder. Ihr müsst keine Höhlen mehr zum Verbergen suchen. Noch heute wird der löwengleiche Herr des Affenkönigs sie töten.« (155) Als Shiva so sprach und Brahma ihm zustimmte, fassten die Götter wieder Mut. Rama, dessen gespannter Bogen einem Rad glich, entsandte Pfeilschauer stärker als Regen und häufte die abgeschlagenen Köpfe rasch zu gewaltigen Bergen. (156) Die mächtigen Rakshasas hatten ihn wie ein von Makara-Ungeheuern erfülltes Meer umschlossen. Nun zerfielen ihre gipfelgleichen Körper; ihre Leben gelangten in schwer beschreibbare hohe Bereiche. Selbst die alten Götterstädte wurden durch die Neuankömmlinge eng.
(157) Springenden Pferden wurden die Köpfe abgeschlagen, starke Beine zerhauen; enthauptete Heerführer stürzten mit ihren Körpern in den Staub. Ihre Seelen aber freuten sich im Himmel an der Umarmung der himmlischen Frauen. (158) Berge, wogende Meere, Wälder, Ödland und selbst die Welt der unvergänglichen Götter waren von Leben, Köpfen, Leibern und rollenden Blutwellen erfüllt. In keiner Richtung blieb ein freier Weg zugänglich. (159) Während die Schlacht so tobte, fielen die kampferfahrenen Anführer gemeinsam, und ihre Reihen gerieten ins Wanken. Blut durchnässte alles; hoch aufspritzende Gischt und der Blütenregen der Götter bedeckten das Feld. (160) Die verbliebenen Rakshasas stellten sich dem fliehenden Heer entgegen. Mit feuerstrahlenden Augen und dröhnenden Stimmen riefen sie: »Elende, kehrt um! Zurück!« Dann trieben sie Elefanten, Löwen und Pferde rasch wieder gegen Rama.
(161) Die Welt wurde taub, Wolken zerrissen, unzählige hohe Berge bebten, und den Göttern dröhnten die Köpfe. Blitzende Waffen umschlossen Rama mit Donnergewalt, als kehrte die eben vertriebene Finsternis ringsum zurück. (162) »Schön, sehr schön!«, sagte der Schöne erfreut. Wie ein Gastgeber vertraute Gäste empfängt, trat er ihnen bereitwillig entgegen und ließ geordnet flammende Pfeilregen niedergehen. Die Götter schütteten Blumen über ihn aus. (163) Banner reichten zur Sonne und bedeckten alle Richtungen. Zornig kämpfende Pferde drängten dicht heran; strahlende Edelsteinwagen rückten gegen den Makellosen vor wie goldene Berge, die sich zum Kampf erhoben hätten. (164) Unter den Pfeilen zerfielen die Wagen zu Staub. Adler und Geier breiteten ihre Flügel über die Leiber und bewegten sich überall zwischen den Trümmern. Die Sonnenscheibe verdunkelte sich, während selbst die Berge der Erde im Schlamm versanken.
(165) Das nahe Meer wirbelte, unzählige Berge wankten, die leuchtenden Himmelskörper irrten aus ihrer Bahn. Während der mächtige zweiarmige Held sich bewegte, drehte sich die ganze Welt wie die Scheibe unter den Händen eines Töpfers. (166) Shiva, Brahma, der Träger des Rades, Indra, die Götterscharen und die Weisen gerieten in staunende Bewegung. Die Geister, Yama, Ramas Bogen und der Dharma selbst schienen einen Tanz aufzuführen. (167) Wer unter den Göttern und Bewohnern der drei Welten konnte Anfang und Ende dieser Schlacht begreifen? Selbst die drei höchsten Gottheiten schüttelten staunend die Häupter. Die Veden priesen: »Ursprung des Dharma! Du von der Farbe der Kaya-Blüte!« (168) Ein einzelner Pfeil flog in einem Zug durch die sieben Heeresmeere und warf Elefanten, Pferde, Männer und Wagen nieder. Den Dämonen versagten die Beine, während die verständigen Götter ihre Hände zum Jubel bewegten.
(169) Die Pfeile des Herrn drangen grenzenlos in Elefanten, Wagen, geschmückte Pferde und geordnete Kriegerscharen ein. Sie verteilten Wundmale wie Zählpunkte, als wollten sie jedes einzelne Wesen verzeichnen. (170) »Das Heer schrumpft; nun könnten die Übrigen sich anderswo verbergen«, dachte Rama. Deshalb errichtete er ringsum eine hohe, furchtbare Mauer aus Pfeilen, sodass den Rakshasas jeder Ausweg versperrt war. (171) Sie glichen Mali, Malyavan, Madhu und dem berggleichen Kaitabha, trugen feste Rüstungen und hatten die Welt bezwungen. Dennoch vermochten sie die unerbittliche Umzäunung aus schrecklichen Pfeilen nicht zu überschreiten. (172) Die Gefallenen blieben tot zurück, die Überlebenden zogen sich auf eine Seite zusammen. Sie glichen den sieben Meeren am Weltende, die unter dem verzehrenden Feuer verdampfen und auf immer kleineren Raum zusammenschrumpfen.
(173) »Weder der Verbrenner der drei Städte noch Garudas Reiter noch Indra mit dem geschärften Donnerkeil konnten unsere Kraft verbrennen. Dieser eine aber verbrennt unsere Gnadengaben, unsere Stärke und die uns bestimmte Lebenszeit!« (174) »Wir zählten tausend Vellam, und jeder von uns konnte die meerumgürtete Erde umstürzen. Doch mit einem einzigen Bogen hat er dieses gewaltige Heer vernichtet, kaum dass man ›Schieß!‹ sagen konnte.« (175) »Unsere Waffen werden unterwegs getroffen. Die nicht getroffenen Götterwaffen weichen ihm ehrfürchtig rechtsherum aus. Ein einziger Pfeil vernichtet Millionen. Elend ist diese Rakshasageburt, die nun in Schande endet!« (176) »Der einstige Weltschöpfer, der Reiter des Stiers und die übrigen Götter jubeln gemeinsam im Himmel. Den anderen großen Herrn sehen wir aber nirgends bei ihnen. Dieser hier muss jener Meister gewaltiger Täuschung sein!«
(177) Vanni sprach: »Er hat schon unzählige Millionen getötet. Sei der Rest ein Padma oder ein Vellam – was nützt weiteres Überlegen? Richtet eure Gedanken jetzt auf eines allein!« (178) »Könnten wir nach der Rückkehr Ravana noch ins Gesicht sehen? Sollen wir uns durch Todesfurcht selbst beschämen? Lasst uns einen Weg gehen, der keine weitere Geburt bringt, diesen Leib ablegen und Ruhm gewinnen!« (179) »Selbst wenn wir durch eine Lücke entfliehen und anderswo leben wollten, könnten wir diese scharfe Pfeilmauer nicht überwinden. Gehen wir also geschlossen gegen ihn vor und geben wir unser Leben hin!« So mahnte er zur Einigkeit. (180) Vom Schicksal getrieben, umringten die bergleibigen Rakshasas Rama unter lautem Geschrei. Sie glichen Flüssen, die selbst Berge mitreißen und ins Meer stürzen, oder Nachtfaltern, die in die brennende Lampe fallen.
(181) Äxte, schwere Keulen, Stäbe, Wurfringe, Pflugscharwaffen, Schwerter, Lanzen, Speere, Wurfspieße, Tomaras, Pfähle und andere Handwaffen schütteten sie auf ihn. Er stand unter ihnen wie ein Tiger in einem Viehpferch. (182) Der König der Könige legte die große göttliche Gandharva-Waffe auf seinen Bogen und entsandte sie. Das feurige Kriegsgeschoss stürmte hervor, furchtbar wie der König der Schlangen und der Herr der Vögel. (183) Ein mächtiger Pfeilregen erschien in der Gestalt Shivas, des Verbrenners der drei Städte: mit drei Augen und fünf Gesichtern, lodernden Körpern, von Wasser umspielt und bis an den Himmel aufragend. (184) Bis auf die hundert Millionen Rakshasakönige und mächtigen Helden wurde Ravanas ganzes Stammheer ausgelöscht. So erzählen die Kundigen: Es erlosch in der kurzen Zeit, die das Wort »Schieß!« beansprucht.
(185) Nun kamen die Wächter der sieben großen Inseln, der Himmelsrichtungen, der schwer zugänglichen Unterwelt, der uneinnehmbaren Berge und der übrigen Gebiete zusammen. In fest gebundener Treue dienten sie Ravana. (186) Sie waren imstande, die Gestirne um den mächtigen Meru aufzufädeln und als Schmuck über ihre weiten Brüste zu legen. Brahmas wahrhaftige Zunge war vom Verkünden ihrer Gnadengaben wund geworden. Solche Krieger traten nun heran. (187) »Wenn er einen von uns wirklich besiegt, kann er auch Ravana im schrecklichen Kampf bezwingen. Sollen wir alle zugleich gegen ihn vorstürmen, oder sollen wir nach der rechten Kampfregel einzeln mit ihm ringen?« (188) Vanni sagte: »Wenn wir ihn nicht alle gemeinsam umringen und mit unserer ganzen Kampfkraft rasch angreifen, siegen wir niemals!« Die mächtigen Krieger beschlossen: »Das Wort dieses erfahrenen Mannes ist richtig.«
(189) Sie brüllten wie die sieben Meere, bliesen ihre Muscheln, als müsste der blitzende Himmel zerbrechen, schlugen sich auf die Schultern und rückten heran. Was sollte da aus Erde, Himmel und Himmelsrichtungen werden? (190) Als sie so tobten, schlug auch derjenige, der ihnen die Kraft nehmen sollte, seine Bogensehne an. Ihr Klang erfüllte alle Welten wie der Schall von Vishnus Muschel, als er seine goldenen Schultern weitete und das All ausmaß. (191) Viele Tausend Millionen waren es, bewandert in den Lehren aller Waffen und fähig, deren Wirkung voll zu entfalten. Diese Bogenschützen hatten sämtliche Welten erstiegen; sie waren die Vorzüglichsten unter den Rakshasas. (192) Sie hatten Welten und Götter besiegt, feindliche Danavaheere vollständig vernichtet und wie der sich erhebende Tod jedes Leben verschlungen. Nun rückten sie gegen Rama vor und schlossen sich dicht zusammen.
(193) Sie umringten ihn, als bänden sie einen wilden Elefanten in einem festen Gehege fest. Jeder drängte einzeln vor, brüllte wie Donner und eröffnete neue Kampfweisen. Die Götter litten unter dem Anblick. (194) Das Feuer ihrer furchtbaren Waffen versengte den Himmel. Dessen Flammen vereinten sich mit dem Feuer ihrer Augen; die sieben Welten schienen von innen her auszubrennen. (195) Das Dröhnen der Wagen, die Rufe der Helden, der Lärm der vorderen Reihen, das Anschlagen der Fußringe, das Schnellen der Bogensehnen und das wolkengleiche Brüllen der Elefanten mischten sich miteinander. (196) »Alle gleichen Ravana, keine Welt blieb von ihnen unbesiegt; wahrhaftig stark sind sie. Das Heer der alten Feinde ist herangekommen«, erkannte Rama. Der Gute entflammte zum Zorn und trat ihnen entgegen.
(197) Er zerschlug die Wurfräder und Pfeile jener Krieger, die dem Feuer des Weltendes glichen. Dann entsandte er leuchtende Pfeile in solcher Fülle, als ergössen sich sämtliche Regenwolken des letzten Tages. (198) Die schrecklichen Geschosse durchschnitten Brüste mitsamt ihren Halsketten. Mächtige Krieger stürzten mit den Wagen um; jeder glich dabei der roten Sonne, die zusammen mit ihrem eigenen Wagen niederfiele. (199) Die todbringenden Pfeile drangen ein wie die fleischigen Zähne Yamas. Starke Arme fielen mitsamt den Bogen ab, wie große Gewitterwolken samt ihrem Donner auseinanderbrechen. (200) Arme, die noch Pfeile hielten, stürzten abgeschnitten in das rote Blutmeer. Sie glichen brennenden Bäumen mit emporragenden Ästen oder sich darin aufrichtenden Schlangenscharen.
(201) Das Blut floss voraus in den großen Ozean, der die alte Erde umgibt. Elefanten mit goldenen Stirnplatten stürzten hinein wie Wolken, die mitsamt ihren Blitzen vom Himmel fallen. (202) Glänzende Schwerter, die mit den rechten Armen siegreicher Rakshasas ins Blutmeer fielen, glichen Haien. Die Pferde, die auf dessen Oberfläche zuckend emporsprangen, sahen aus wie springende Garnelen. (203) Die breiten Schutzschilde wurden von strahlenden Pfeilen abgeschlagen und sanken in das sich ausbreitende Blut. In diesem ungeheuren Meer glichen sie ganzen Scharen von Schildkröten. (204) Banner und ihre Stangen versanken im dunklen Blutmeer. Sie glichen den hohen Segeln und gebrochenen Masten von Schiffen, die ein heftiger Nordwind im Sturm zerstört hat.
(205) Verstümmelte, von Pfeilen dicht durchbohrte Gliedmaßen fielen in die anschwellende Blutflut und zuckten darin. Ihre herausragenden Schäfte ließen sie wie stachelige, mit hartem Rüssel versehene Haie erscheinen. (206) Die klaren, kristallglänzenden Räder der Wagen brachen auseinander und stürzten herab. Im üppig strömenden Blutmeer erschienen sie wie leuchtende Monde, die in den Ozean versinken. (207) Wie hätte Yama die standhaften Rakshasahelden einzeln zum Tod bestimmen können? Mit jeder Krümmung von Ramas Bogen stürzten Kopfberge nieder, zahlreicher als Millionen mächtiger Gebirge. (208) Die Pfeile drangen so dicht in die Rüstungen ihrer starken Brüste, dass unzählige gefiederte Enden wie ein Wald hervorstanden. Sie glichen gestreiften Bienen, die sich zum Trinken süßen Honigs zusammendrängen.
(209) Auf dem Schlachtfeld, über dem die Geier tanzten, bewegte sich der eine Held in einem Viertel des Tages unablässig durch hunderttausend Yojana. Überallhin führte ihn seine vernichtende Kampfkunst. (210) Er stand vor den Stehenbleibenden und eilte den Weiterziehenden entgegen, um sie zu zerschlagen. Jeder erkannte ihn ganz persönlich als seinen Gegner, so unzweifelhaft, wie ein Sohn den eigenen Vater erkennt. (211) »Hier ist er! Hier! Auch hier!« In ihrer Verwirrung meinten sie ihn überall zu sehen. Zornig entsandten sie Waffen und schreckliche Pfeile nach jeder Richtung und stürmten ziellos weiter. (212) »Ihr Unverständigen, wie könnt ihr ihn für einen einzigen halten? Es ist heller Tag, keine Nacht!«, riefen sie. »Das ist keine Täuschung: Es gibt unzählige Ramas, mehr als Sandkörner im Meer!«
(213) Jeder von ihnen war hoch wie ein Berg, jeder verfügte über tausend Vellam Krieger. Doch nun verschlang die Waffe des einen das Leben des anderen. Traf irgendeiner noch das Leben dessen, den er eigentlich bekämpfen wollte? (214) »Auf den Wagen stehen Ramas, auf Pferden und dunklen, rotäugigen Elefanten! Sie sind auf dem Meer, auf der Erde und überall im Himmel. Von allen Seiten dringen kämpfende Ramas auf uns ein!« (215) So erschien der Königssohn überall: Er näherte sich, wirbelte, wanderte und leuchtete. Weder hinter ihnen noch neben oder vor ihnen ließ seine Gegenwart nach. Die Krieger wurden völlig verwirrt. (216) Jedes Mal, wenn der Bogen des dunklen, edelsteingleichen Herrn dröhnend erklang, zerbrachen Elefanten und Pferde, erloschen berggleiche Wagen, wurden die Richtungen taub und die Meere schlammig. Aus den Blütenaugen der Dämonenfrauen flossen Tränenströme.
(217) Fielen tausend Elefanten, zehntausend Wagen, zehn Millionen Pferde und tausend Heerführer, erhob sich ein kopfloser Rumpf zum Tanz. Tanzten tausend solcher Rümpfe, erklang die Siegesglocke. Sie läutete an diesem Tag siebeneinhalb Nazhigai lang. (218) Wo immer bewaffnete Helden heranstürmten, sprang Rama mit seinem gekrümmten Bogen blitzschnell entgegen. Wagen gefallener Himmelsaufsteiger wie Wagen noch kämpfender Feinde machte der einsame Löwe jeweils zu seinem eigenen Fahrzeug. (219) Nur ein Bogen und ein Köcher waren da, doch seine Pfeilregen übertrafen die Zahl der Regentropfen. Die roten Hände des Makellosen vollbrachten die Arbeit von tausend Händen, als hätten diese sich zu zweien vereinigt. (220) »Falsch ist die Behauptung, er sei ein Mensch mit einem Gesicht! Nun erkennen wir die Wahrheit. Wie könnte ein einziges Gesicht alle Handlungen eines Heeres von tausend Vellam überblicken? Seine Gesichter sind nicht tausend, sondern unendlich!«
(221) Shiva mit dem Stirnauge und Brahma mit den vier Gesichtern versuchten: »Wir wollen seine aufeinanderfolgenden Pfeile zählen.« Doch weder konnten sie Gruppen bilden noch einzelne Geschosse unterscheiden. Freudig staunend sagten sie: »Wie wäre das zu zählen?« (222) Andere Götter sprachen: »Man könnte sagen, die Pfeile entsprächen den Körpern der tausend Vellam. Aber viele Körper haben hundert Geschosse empfangen. Hat der siegreiche Freigebige selbst solche Überfülle verteilt?« (223) Die Weisen fragten: »Welcher Kundige könnte die Pfeile zählen, die er gegen sämtliche Schirme, Banner, gehäuften Waffen, feindlichen Geschosse, Elefanten, Wagen und Pferde entsandt hat? Welches Maß könnte diese Zahl umfassen?« (224) Pfeile verfolgten die wilden Rakshasas bis an Hals, Schädel und jeden oberen wie unteren Körperteil. Es war, als hätte Brahma das Weltall mit den Keimgestalten all seiner Geschöpfe gefüllt und kräftig durchgeschüttelt.
(225) Die hundert Millionen bewaffneten Helden schrien auf, liefen zusammen und verloren ihr Leben. Die Übrigen riefen: »Warum sollen wir untätig zugrunde gehen? Lasst uns ihn mit den Waffen der Götter bedecken!« Gemeinsam stürmten sie los. (226) Von Vishnus Waffe bis zur Sonnenwaffe entsandten sie alle göttlichen Geschosse zugleich. Die Götterschar erbebte, das Weltall schien sich umzukehren. Rama sah es, lächelte und wehrte jede Waffe mit ihrem entsprechenden Gegenmittel ab. (227) Der Freigebige wusste: Würde er dieselben Waffen selbst zum Angriff einsetzen, ließe sich ihre Wirkung kaum aufhalten; die Welt würde wie im unterseeischen Feuer verbrennen. Deshalb schlug er mit unzähligen gewöhnlichen Pfeilen ihre Köpfe wie blitzgetroffene Berge nieder. (228) Alle tausend Vellam fielen auf dem Schlachtfeld. Von ihrer schweren Last befreit, erhob sich die weite Erdgöttin aus dem tosenden Meer; zusammen mit dem Weltall schien sie Millionen Yojana emporzusteigen.
(229) Fielen tausend Elefanten, zehntausend Wagen, zehn Millionen Pferde und tausend Heerführer, erhob sich ein kopfloser Rumpf zum Tanz. Tanzten tausend solcher Rümpfe, erklang die Siegesglocke. Sie läutete an diesem Tag siebeneinhalb Nazhigai lang. (230) »Unser Wunsch ist erfüllt!«, sagten die Götter und ließen ihren Kummer fahren. »Ich trage den Siegeskranz!«, freute sich Indra. Die ungewordenen Veden gewannen neues Leben. Ananta hob seine Häupter, atmete erleichtert auf und wurde seine Qual los. (231) Auf das Wort seiner Mutter hatte Rama die erworbene Königsmacht seinem Bruder überlassen und war, durch die Askese der Götter herbeigeführt, in den Bambuswald gegangen. Nun tilgte er durch seine Waffen aller Leid. Jedes sprachfähige Wesen pries und verehrte ihn. (232) Nachdem er die feueräugigen Rakshasas vollständig vernichtet hatte, stand Rama unter dem Blütenlob der Götter. Inmitten gewaltiger Leichen, umdrängt von Geistern und Schakalen, glich er Shiva mit dem dunklen Hals, der allein auf dem Verbrennungsplatz steht.
(233) Das Weltall schien sein Schlachtfeld, die erschlagenen Rakshasas schienen alle Lebewesen zu sein. Er glich seiner eigenen höchsten Gestalt, die am Weltende alles Leben verschlingt, um es an einem kommenden Tag wieder hervorzubringen. (234) Die von Angst befreiten Götter schütteten Blumen und Sandelpaste in Strömen aus, um seine Kampfmüdigkeit zu lindern. Der siegreiche Held verließ das Schlachtfeld und ging dorthin, wo Lakshmana Ravana entgegengetreten war. (235) Damit haben wir geschildert, was hier geschah. Nun erzählen wir vollständig von der Flucht und Rückkehr des siegreichen Heeres, von den Taten des Rakshasakönigs an der anderen Front und vom unermüdlichen Kampf des jüngeren Helden. (236) »Keiner unserer großen Führer hat uns verlassen. Wenn wir aus Lebensgier davonlaufen, wer könnte die kommende Schande abwenden? Tilgen wir sie und gewinnen auch wir den Himmel!« Mit diesem Gedanken kehrte das Heer wie ein sich wendender Ozean zurück.
6.31 – Der Speerstoß
(1) Ravana fuhr auf seinem Wagen mit tausend Rädern und mähnigen Pferden vor; dessen Glanz wetteiferte mit der Sonnenscheibe. Bogen, Köcher mit schrecklichen Pfeilen und seine siegreiche Macht, durch die er die Götter bezwungen hatte, strahlten hervor. (2) Hundert Millionen Wagen, zweihundert Millionen schnelle Pferde, hundert Millionen Elefanten mit stromgleich fließendem Brunstsaft und jeweils doppelt so viele kühne Fußkämpfer begleiteten damals den zornigen Löwen. (3) Die großen Trommeln, dröhnenden Muscheln und donnergebärenden Hörner erklangen in allen vierzehn Welten. Es war, als riefen sie: »Helden der drei Welten und aller Bereiche darüber hinaus, kommt und stellt euch zur Schlacht!« (4) Die Affen sahen den Rakshasa unter den Rakshasas, die verkörperte Tat der Dämonen und die Frucht des bösen Geschicks der Götter. Er war wie Feuer, das schon den Gedanken eines Helden verbrennt, und wie ein Meer, das den Himmel übersteigt.
(5) Sie stellten sich in Reihen auf, ergriffen donnergleiche Felsen und schlugen sich auf die Schultern, sodass selbst Yama erzitterte. Ihr Geschrei erschütterte die geschichteten Weltensysteme. »Im heftigen Kampf zu sterben ist gut«, beschlossen sie. (6) Das Rakshasaheer und das Affenmeer, bereit, ihr kostbares Leben hinzugeben, prallten dicht aufeinander. Feuer sprühte zwischen ihnen auf; Blut flog durch die Luft wie im Feuer geschmolzenes rotes Kupfer. (7) Abgeschlagene Köpfe und Rumpfstücke flogen bis ans Himmelsgewölbe und ließen es wie die Morgenröte leuchten. Blut haftete an den Wolken und tropfte herab, als wäre die ganze Erde zum Schlachtfeld geworden. (8) Elefanten stürzten unter den Waffen, ihre Stirnschmuckstücke und gefiederten Pfeile lösten sich. Blut strömte aus ihren Körpern. Mit hervorquellenden Eingeweiden trieben sie im blutigen Meer des Heeres, während Vögel um sie kreisten.
(9) Frauen sahen die offenen Augen und das scheinbare Lächeln ihrer gefallenen Männer und starben vor Schmerz. Ihre Seelen vereinten sich mit ihnen; Erinnerungen früherer Umarmungen erfüllten sie. Klagegesang und das Klingen der Fußspangen mischten sich. (10) Die vierzehn Welten wurden erschüttert wie beim Ende eines Weltzeitalters. Ravana betrachtete das erbarmungslose Gemetzel und erkannte: »Die Zuversicht meines sonst unbezwingbaren Heeres wird schwinden.« (11) »Bloße Bäume und Steine überwältigen Bogen, Schwerter, Äxte, Dreizacke und scharfgeschliffene Speere! Köpfe springen wie Steine umher, mein Heer zerfällt. Auf einer Seite kämpft zudem jener mit Kraft und Meisterschaft begabte Held.« (12) »Elefanten mit glühenden Augen werden samt ihrem Schmuck zerstückelt, ebenso die Waffenscharen und leuchtenden Wagen. Mit den Blutströmen treiben sie ins Meer. Hanuman und der Prinz wirken zusammen wie Weberschiffchen und Faden.«
(13) »Als hätte Yama selbst einen Bogen, zieht dieser Held umher und vernichtet meine dichten Reihen. Scharf sind die Krallen und Zähne der löwen- und donnergleichen Affen; stumpf scheinen dagegen die Waffen der Rakshasas!« (14) »Wenn ich noch einen Augenblick zusehe, wird Yama alle kostbaren Rakshasaleben verschlingen. In einem einzigen Augenblick werde ich diese heftige Schlacht beenden und mit dem Sieg zurückkehren!« So kochte Ravana vor Zorn. (15) Er entsandte Reihen brennender Pfeile, schnell wie Wind, gewaltig wie Donner. Sie durchbohrten die Erde, erfüllten das Weltall und durchmaßen die Richtungen. Sie glichen den Boten des unabwehrbaren Todes. (16) Soll man sagen, Ravana sei wie ein Yali gewesen und das Affenheer wie ein Hund davor? Stärker war das Bild: Er glich dem finsteren Sturm, das zornige Affenmeer den leichten Samenflocken, die auf freiem Feld verwehen.
(17) Lakshmana hielt das fliehende Heer auf. »Affenhelden, fürchtet euch nicht!«, sprach er tröstend. Auf Hanumans Schultern, seinem beweglichen Wagen, fuhr er vor und trat dem von vernichtendem Zorn erfüllten Ravana entgegen. (18) Ravana schoss Hunderte Millionen feuerspitziger Pfeile gegen ihn. Lakshmana wehrte sie mit anderen Geschossen so rasch ab, dass sie nach allen Richtungen verschwanden wie Baumwollflocken im Wind. (19) Ravana traf die breiten Schultern und die Brust seines Gegners mit zehn schrecklichen Pfeilen. Lakshmana ließ sich nicht erschüttern; innerlich entbrannt, fügte er dem mächtigen Rakshasa mit seinen eigenen Pfeilen schwere Schmerzen zu. (20) Lakshmana entsandte Geschosse mit kaum abwehrbarer Geschwindigkeit; Ravana zerschlug sie. Doch er dachte: »In dieser vernichtenden Schlacht ist er schwer zu besiegen. Was kann ich außer dem Einsatz gewöhnlicher Pfeile noch tun?«
(21) »Wenn ich große Götterwaffen entsende, vermag er sämtliche Gegenwaffen abzufeuern und ihre Macht zu ertragen. Er könnte selbst den alles bezwingenden Tod besiegen. Wie sein Bruder vermag er jede Welt zu verbrennen; niemandem wird er unterliegen.« (22) »Wenn ich große Götterwaffen entsende, vermag er sämtliche Gegenwaffen abzufeuern und ihre Macht zu ertragen. Er könnte selbst den alles bezwingenden Tod besiegen. Wie sein Bruder vermag er jede Welt zu verbrennen; niemandem wird er unterliegen.« (23) Darauf rief Ravana die Kunst der Verblendung in seinem Geist wach und entsandte sie gegen den Helden. Vibhishana erkannte sie und rief liebevoll: »Zerschneide sie mit der Waffe des Radträgers!« Lakshmana legte diese auf und schoss. (24) Auf Vibhishanas Rat vernichtete Vishnus Waffe den zornigen Schleier der Verblendung. Ravana geriet in Wut: »Unser Verderben kommt daher, dass dieser an seiner Seite steht und ihm die Gegenmittel erklärt!«
(25) Er beschloss, seinen Bruder mit jenem Speer zu töten, den Maya ihm beim Hochzeitsfeuer zusammen mit seiner Tochter gegeben hatte. Von Brahma geschaffen, Rad und Donnerkeil ebenbürtig, überdauerte er Weltzeitalter und durchdrang jede siegreiche Macht. (26) Einmal entsandt, kehrte dieser Speer erst zurück, wenn er ein Leben genommen hatte; selbst Brahma würde bei einem Treffer sterben. Ravana umschritt und verehrte die Waffe, hob sie und schleuderte sie mit gewaltiger Kraft auf seinen nahen Bruder. (27) Vibhishana kannte die Macht des Speeres. »Herr, diese Waffe wird mein Leben vernichten. Dagegen lässt sich nichts tun«, sagte er. Lakshmana trat dazwischen: »Ich werde einen Weg finden, sie abzuwehren. Fürchte dich nicht!« (28) Doch sämtliche Pfeile und Waffen, die Lakshmana entsandte, blieben wirkungslos, wie die Schmähungen eines niedrigen Übeltäters gegen einen großen Asketen. Die Götter verzagten: »Vibhishana ist verloren; Rettung gibt es nicht!«
(29) Lakshmana dachte: »Selbst wenn ich falle, bleiben Ruhm und Dharma bei mir; die Guten werden mich preisen. Warum sollte ich zusehen, wie ein Schutzsuchender stirbt? Bevor solche Schande mich trifft, fange ich den Speer mit meiner eigenen Brust auf!« (30) Vibhishana trat vor Lakshmana; Angada schob beide beiseite. Sugriva verdrängte wiederum Angada, und Hanuman eilte vor Sugriva. Wie ließe sich diese angstvolle Bereitschaft, für den anderen einzustehen, angemessen schildern? (31) Schneller als der Wind überholte Lakshmana sie alle. »Bleibt stehen! Ich werde ihn abwehren!«, rief er. Während die Götter klagend ihre Augen bedeckten, fing er den blitzenden Speer mit seiner goldenen Brust auf; die Spitze trat am Rücken heraus. (32) »Wohin willst du entkommen?«, rief Vibhishana und erhob sich mit dem Zorn eines Löwen. Mit seiner langen Keule erschlug er Ravanas aufbäumende Wagenpferde samt dem Lenker. Die versammelten Götter hoben wieder die Köpfe.
(33) Ravana erhob sich hoch in die Luft, schoss zornig zehn Pfeile in Vibhishanas Körper und tausend in Hanumans Leib. »Die Schlacht ist entschieden«, dachte er und wandte sich zur Rückkehr nach Lanka. (34) Vibhishana verfolgte ihn voller Zorn: »Um meinetwillen, der Schutz bei ihm suchte, ist der Herr der Welt dahingesunken. Wohin willst du jetzt mit deiner betrügerischen List fliehen? Ich werde mit dir zusammen sterben!« (35) Ravana dachte: »Der Sieg gehört mir. Welchen Nutzen hätte es noch, dieses harmlose Wesen Vibhishana zu töten?« Er hielt nicht an, blickte nicht zurück und ließ seinen Zorn fahren. So betrat er Lanka mit seinen goldgeschmückten Mauern. (36) Nachdem Ravana fort war, brach Vibhishana in lautes Wehklagen aus. Von ununterdrückbarer Liebe überwältigt, fiel er weinend zu Lakshmanas Füßen, als wäre er das Erbarmen selbst. Das Affenheer und seine Führer versanken in Trauer.
(37) »Wenn dieser Held mit seinen goldgeschmückten, berggleichen Schultern gestorben ist, warum soll ich weiterleben? Ich sterbe jetzt! Auch mein Herr wird dies nicht überleben«, klagte Vibhishana. »Halt, halt!«, sagte Jambavan und begann zu sprechen. (38) »Ist es verständig, um sein Leben zu klagen, solange Hanuman hier steht? Kaum gedacht, durchmisst er alle Welten und bringt das wirksame Heilkraut. Der Held wird wieder leben. Gebt euch nicht einmal einen Augenblick der Verzweiflung hin!« (39) Jambavan zog die Pfeile aus der Brust des Windsohnes und sagte: »Bleibst du noch sitzen? Eile! Soll Rama seinen jüngeren Bruder so leiden sehen?« Hanuman erfasste den Gedanken und sprang über alle Welten hinweg. (40) Er eilte nach Norden, übersprang die Welten und brachte die heilenden Kräuter mitsamt ihrem Berg zurück. Da er den Ort zuverlässig kannte, war es für ihn nicht schwerer, als hinterlegtes Gold wieder abzuholen.
(41) Noch bevor die Kräuter unmittelbar angewandt wurden, kam ihre wirksame Kraft heran. Wenn sie Tote beleben konnte, wie gering war dann das Heilen eines Verwundeten! Noch vor einem Augenblick erhob sich Lakshmana, und Indras Welt jubelte. (42) Er stand auf, umarmte Hanuman mit beiden Armen und fragte: »Vater, Vibhishana ist doch nicht gefallen?« Als er ihn weinend und verehrend vor sich sah, wich jede Sorge. »Sita ist schon zurückgewonnen, der Rakshasa schon gefallen!«, freute er sich. (43) Die Führer sagten: »Das einzigartige Wesen, das die Weisen Dharma nennen, hat sich uns in Hanumans Tat sichtbar gezeigt. Was könnte uns noch schwerfallen? Betrachtet man beide Seiten, siegt das Gute und unterliegt die Sünde.« Dann gingen sie zu Rama. (44) Sie übersprangen zahllose hoch aufgetürmte Leichenberge und die tosenden Blutmeere, erreichten Rama und verehrten seine Füße. Als er die siegreichen Führer sah, fragte er: »Was ist geschehen?«
(45) Jambavan schilderte das gesamte Geschehen lückenlos und verständlich. Rama umarmte Hanuman immer wieder: »Da ich dich gewonnen habe, was fehlt mir noch? Großer, dein Leben möge ohne Unterbrechung und ohne Ende währen!« (46) Lakshmana kam schluchzend, mit Augen, aus denen Tränen wie Regenströme flossen. Er verehrte seinen älteren Bruder, als sähe er den alten Dasharatha wieder, der nach dem ihnen auferlegten Leid in den Himmel ohne Rückkehr eingegangen war. (47) Rama umarmte ihn: »Edler, es entspricht unserem Sonnengeschlecht, für Schutzsuchende einzustehen und ihr Leben zu bewahren. Du mit dem blumengeschmückten Kranz hast dich dazu entschlossen. Das übersteigt jedes Lob; es war genau die gebotene Tat.« (48) »Selbst der göttliche Gerechte, der für eine Taube Fleisch aus seinem Leib schnitt, kommt dir nicht gleich. Was soll ich von anderen sagen? Wer großes Erbarmen besitzt, verhält sich beim Leid der Angehörigen wie eine Mutterkuh zu ihrem Kalb.«
(49) Der hohe Herr, einer dunklen Sonne gleich, legte Rüstung und übrige Kriegsausrüstung der Reihe nach ab. Den pfeilentsendenden Bogen übergab er dem siegreichen Hanuman. Auf einem wolkenumgebenen Berg ruhte er sich von seiner körperlichen Mühe aus.
6.32 – Die Vanaras betrachten das Schlachtfeld
(1) Danach kam der Affenkönig mit dem unermesslichen Heer und verehrte ehrerbietig Ramas Füße. Angesichts der ungeheuren Masse erschlagener Feinde erbebte er und staunte. Mutlos und beschämt konnte er kein Wort sagen. (2) Sugriva mit den säulenstarken Schultern fragte: »Herr, dieses aufgestürmte Heeresmeer überragte die drei Welten. Wie konnte es so gewaltig werden?« Rama antwortete: »Gehe mit dem Rakshasakönig Vibhishana und betrachte das Schlachtfeld.« (3) Alle Führer verneigten sich. Von wachsender Neugier getrieben, riefen sie: »Auf!«, und gingen rasch mit Ravanas jüngerem Bruder. Beim Anblick des Feldes voller Adler, Falken, Geier, Geister und anderer Scharen erschraken sie. (4) Sie seufzten, zitterten, atmeten laut, und ihre Herzen schlugen hoch. Furcht, Schluchzen und innere Glut ergriffen sie. Allmählich beruhigte sich ihr Atem, und Freude stieg auf. Wer könnte all diese wechselnden Empfindungen vollständig schildern?
(5) Selbst in tausend Jahreszeiten hätte ihr Blick kein Ende dieses Feldes gefunden. An jeder Stelle standen sie überwältigt, wie Unkundige, die alle sieben Meere besichtigen wollten. »Bleibe bei uns und erkläre es!«, baten sie Vibhishana. (6) »Freunde, seht diese Elefantenberge! Obwohl die dichten, todbringenden Pfeile sie getötet haben, stehen sie noch. Ihre Leiber sind so eng zusammengedrängt, dass kein Raum zum Fallen bleibt – wie dicht vereinte Wolken unter einem Dach von Krähen.« (7) »Seht die glühend rotäugigen Rakshasas, die oben auf ihnen ritten. Pfeile nahmen Reitern und Tieren zugleich das Leben. Nun gleichen die gefallenen Helden Löwen, die auf den glänzenden Bergen der Elefantenleiber schlafen.« (8) »Die Gesichter jener, die freudig von den scharfen Pfeilen des erbarmungsvollen Herrn getroffen wurden, leuchten grenzenlos. Seht, Freunde: Sie gleichen einem Lotoswald, der über Sandbänken und weiten Meeresflächen erblüht ist.«
(9) »Freunde, seht die festen Wagen mit ihren himmelhohen weißen Bannern! Als die donnernden Pfeile ihre Pferde töteten, wurden sie fortgerissen. Nun treiben sie ohne Zugtiere auf dem wogenden Blut wie Schiffe auf dem Meer.« (10) »Die Elefanten mit dreifach strömendem Brunstsaft werden noch lebend von der Blutflut fortgezogen und können sich nicht mehr erheben. Im ungewohnten, vielwelligen Meer tauchen sie unter und auf wie Könige der Fische.« (11) »Freunde, die Geister fassen die aufspringenden kopflosen Leiber bei den Händen. Sie gleichen Tanzmeistern, die mit ihren Schritten den Takt vorgeben, damit die unermüdlichen Tänzer ihre kunstvollen Bewegungen ausführen.« (12) »Seht die listigen Geister: Zwischen Axtschneiden und starken Zähnen haben sich Sehnen der mächtigen Krieger wie Fangschlingen verknüpft. Werden die Geister davon gepackt, stoßen sie die Schlingen fort und schlüpfen wieder heraus.«
(13) »Diese gefleckten Elefanten mit blitzenden goldenen Stirnplatten sind in entgegengesetzten Richtungen übereinandergefallen. Seht die vielen ineinander verschlungenen Leiber: Sie wirken jeweils wie ein einziges Tier mit einem Kopf an beiden Enden.« (14) »Seht die aufgerissenen Münder der meeresdunklen Krieger! Ihr im schrecklichen Kampf erhitzter Zorn glüht noch hinter den Zähnen. Sie gleichen zahlreichen Opfergruben, in denen Feuer mitsamt Rauch weiterlodert.« (15) »Seht die weißen Yakschweiffächer an den Schläfen der starken Kampfelefanten mit den glänzenden Stirnplatten. Sie gleichen Schwänen, die auf Lotosblüten im weiten Wasser zufrieden und sanft eingeschlafen sind.« (16) »Freunde, seht die hellen Stoßzähne der hohen Elefanten in der unermesslichen roten Flut! Sie gleichen jungen weißen Mondsicheln zwischen Wolkenscharen am rötlichen Abendhimmel.«
(17) »Das unerlöschliche Augenfeuer der grausamen Krieger verbrennt Banner, Bogen, Stäbe, Keulen, aufgetürmte Wagen und die Riemen auf den Elefantenbergen. Seht die Geister: Sie essen das dabei geröstete Fleisch, tanzen und werden davon fett!« (18) »Makara-Ungeheuer haben die Blutflut mit ihrem Meer verwechselt und sind hierhergeschwommen. Als die berggleichen Elefanten erschrocken vor ihnen davonliefen, erkannten sie den Irrtum. Seht, wie sie beschämt zu ihrer eigenen Wohnstatt zurückkehren!« (19) »Berggleiche Leiber der im Himmel Erschlagenen fielen immer weiter auf die unten Gehenden. Diese wurden darunter begraben und haben nicht die Kraft, die zahllosen Körper wegzuräumen. Unsichtbar mühen sie sich stöhnend ab. Seht ihr ihre Lage?« (20) »Blutfontänen der dicht anstürmenden Wagenkämpfer, Elefantenreiter, Reiter und Fußsoldaten erreichten die Sonne. Seht: Obwohl sie im Zenit steht, erscheint sie rot, als wäre sie gerade am Horizont aufgegangen.«
(21) »Als die erdberührenden Riesenleiber zerstückelt wurden, schoss rotes Blut erstaunlich hoch in den Himmel. Seht den sonst weißen Mond: Er hat sich ganz rot gefärbt und gleicht nun einer zweiten Sonnenscheibe.« (22) »Blut durchnässte Himmel und Erde. Vögel stiegen aus dem Blutmeer auf und sprühten von ihren Flügeln einen neuen Regen. Duftende Blüten und honigtrinkende Bienen nahmen andere Farbe an; Wälder und Haine leuchten wie frisch mit roten Trieben bedeckt. Seht!« (23) »Seht diesen mächtigen Blutstrom! Er trägt Elefantenstoßzähne, Perlen und Edelsteine heran, häuft sie am Ufer auf, wälzt große Bäume fort und lässt Vögel lärmen. Banner, weiße Schirme und Fächer trägt er wie Schaum zwischen festen Leichenufern ins Meer.« (24) »Seht auch die endlosen Blutseen: Elefantenberge sind ihre Ufer, Rakshasaschultern ihre Felsen, Glieder ihre Bananenhaine. Pferde bilden Wellen, Elefantenrüssel die Wassertiere; strahlende Gesichter sind Lotosblüten, Eingeweide deren Blätter und Fett der weiche Schlamm.«
(25) »Seht, wie das Feld einer fruchtbaren Reislandschaft gleicht! Schwerter und Pflugscharwaffen haben den Fettschlamm umgepflügt, Blut füllt die Becken, schwere Tiere liegen wie Walzen darin. Die Hände der Krieger und ihre lotosgleichen Köpfe gleichen ausgelegten Setzlingsbündeln.« (26) »Berggroße Rakshasaleiber stürzen nieder, die Bogensehne donnert immer wieder. Pfeile haben die Erde durchbohrt und sind zur Schlangenstadt hinabgedrungen. Seht die großen Blutstrudel, die durch diese Öffnungen wie Flüsse hinabstürzen und Elefanten mitreißen!« (27) »Die Pfeile durchschnitten Hände, Körper, dunkle Hälse, lange Arme und Brüste und rissen dann noch die Erde in allen Richtungen auf. Seht: In diesem Meer aus Elefanten, Pferden und Rakshasas findet sich kaum ein Pfeil, der einfach im getroffenen Leib steckengeblieben wäre.« (28) »Diese hundert Millionen Elefanten kamen einst mit dem Nektar hervor. Ihr Brunstsaft duftet nach Wasserlilien, ihre Macht gleicht dem Tod. Nun sind sie mit ihren Treibern gefallen und wirken wie gewaltige Meerestiere.«
(29) »Diese hundertzwanzig Millionen entstanden aus Brahmas Opfer. Regen könnte ausbleiben und das hochwellige Meer seine Natur ändern; die Ströme ihres gewaltigen Brunstsaftes versiegten dennoch nicht.« (30) »Diese hundertvierzig Millionen entstammen der Linie von Indras Richtungselefanten. Leben, Blut und Erregung sind ihnen entschwunden, doch selbst jetzt hat ihr Brunstsaft nicht aufgehört zu fließen.« (31) »Diese Elefanten stehen unerschütterlich und stützen die große Himmelsrichtung; ihre Augen blinzeln nicht. Sie stammen vom Elefantenberg des Nordens ab, und ihre brunstnassen Gesichter zählen nach der gewaltigen Einheit Padma.« (32) »Diese tausend Millionen Elefanten gab der Götterkönig als Tribut. Die anderen schenkte der Herr der Danavas als Abgabe. Ihre Zahl lässt sich überhaupt nicht bestimmen.«
(33) »Diese tausendfachen Pferdescharen stiegen einst wiehernd auf, als der Milchozean den Nektar hervorbrachte. Jene anderen wurden gewonnen, als Ravana Varuna, den Herrn des westlichen Meeres, bezwang.« (34) »Die seltenen Pferde, die Kubera, Herr der beiden Schätze, verlor, zählen nach Tausenden und Abertausenden. Die im Kampf gegen den zornigen Vidyadharakönig erbeuteten zählen nach der riesigen Einheit Padma.« (35) Die edlen Führer sagten: »Wie lange wir auch schauen und du uns erklärst, wir erfassen kaum einen Bruchteil. Schon ein einzelner Berg überfordert den Blick. Gehen wir nun zum Herrn des Rades und betrachten ihn!« (36) Sie verehrten Rama und setzten sich an seine Seite. Die Erinnerung an die Art dieser Schlacht erfüllte sie mit Staunen; tief atmend blieben sie dort. Nun wollen wir vom weiteren Verlauf erzählen.
6.33 – Ravana betrachtet das Schlachtfeld
(1) Ravana hatte die Götter in Angst versetzt, die Affenhelden vertrieben und glaubte, Lakshmana getötet zu haben. Deshalb strahlte er nach seiner Rückkehr nach Lanka vor ungetrübter Freude. (2) In seinem großen goldenen Palast wollte er ein Festmahl veranstalten. Alle, die im Kampf gelitten hatten oder aus Zuneigung zu ihm gekommen waren, sollten reichlich bewirtet werden. (3) Er ließ die Himmelsbewohner rufen; rasch kamen sie mit Wesen anderer Welten. »Bereitet die seltenen Genüsse eurer Reiche! Wenn ihr Mängel entstehen lasst, verliert ihr euer Leben«, befahl er. (4) Wein, Fleisch und andere tadellose Speisen, Gewänder, Sandelpaste, Blumen aller Art, duftendes Badewasser und Lagerstätten wurden herbeigebracht. Innenräume und Außenbereiche füllten sich damit.
(5) Sämtliche Himmelsfrauen kamen, um duftendes Öl einzureiben, die Gäste mit wohlriechendem Wasser zu baden, Speisen und Getränke zu reichen und ihre Ruhebetten auszubreiten. (6) Sängerinnen, im ausdrucksvollen Tanz Geübte und Frauen zur Liebesvereinigung fanden sich ein. Für jede gewünschte Freude standen sie in Fülle bereit, als hätte man sie eigens vollständig zusammengesucht. (7) Vom König bis zum Diener sollten alle bergleibigen Rakshasas, die gekommen waren, rasch Genüsse wie Indra erhalten. Dafür betrachteten und ordneten sie den grenzenlos bereitgestellten Reichtum. (8) Während der Rakshasakönig solche Vorbereitungen traf, kamen Boten, verneigten sich und begannen ihm ins Ohr zu berichten, wie jenes Heer auf dem Schlachtfeld zugrunde gegangen war.
(9) Ihre Körper zitterten, ihre Zungen waren trocken, ihr Atem stockte. Innerlich gebrochen, mit verengten Augen und tiefen Seufzern, brachten sie die Worte nur mühsam hervor. (10) »Wer soll heute hier das Festmahl essen, Herr, vor dem die Götter den Sieg preisgaben? Das von dir entsandte Heer von tausend Vellam ist draußen geblieben: Ramas einziger erhobener Bogen hat es in zwei oder drei kurzen Zeitabschnitten vernichtet.« (11) »Du hast die Himmelsbewohner gezwungen, deinen Rakshasas frohe Genüsse zu bereiten. Doch nun bleibt dir nur, ihnen Totenopfer darzubringen. Von deinem Geschlecht lebt auf der meerumgebenen Erde niemand mehr außer uns, die wir in der Stadt geblieben sind.« (12) Eben noch hatte Ravana höchste Freude gesammelt; nun trafen ihn zugleich Zorn, Schrecken und Demütigung. Seine lackroten Augen sprühten Feuer, sein Atem schwoll an. Im Herzen erstarrt, stand er wie ein gemaltes Bild.
(13) »Diese Rakshasas waren stärker als ich und konnten nirgends umkommen. Ihre Zahl übersteigt jeden Gedanken und den Sand des Meeres. Dass keiner von ihnen mehr lebt, ist eine Lüge! Sagt mir rasch die Wahrheit!«, befahl er. (14) Malyavan, der nahebei saß, erwiderte: »Ist das ein angemessener Zweifel? Warum sollten die zurückgekehrten Boten lügen? Kann mächtiges Feuer nicht in einem Augenblick die Welt vernichten? Löst am Ende nicht der Eine alles durch seinen bloßen Willen auf?« (15) »Hast du nicht gehört, wie die wahrhaftigen Veden den Einen verkünden, der durch seine innere Größe alle unermesslichen Welten erschafft, erhält und vernichtet? Soll Vibhishanas Wort falsch sein: ›Der auf der Schlange Ruhende ist als Rama zum Kampf erschienen‹?« (16) »Wir sehen Feuer einen einzelnen Gegenstand verzehren, aber auch alles zugleich verschlingen, was man hineinwirft. Wir sehen starken Wind Berge, Bäume, Gras und ganze Scharen von Lebewesen vernichten. Gibt es für Kraft eine feste Grenze?«
(17) »Dich hat tatsächlich Unheil getroffen; deine indragleiche Herrschaft entgleitet dir. Es gibt kein Rückgängigmachen. Deinetwegen sind alle deine Angehörigen zugrunde gegangen. Tue wenigstens jetzt das Richtige!« Darüber geriet Ravana in Zorn. (18) »Ich habe Lakshmana mit dem Speer getroffen und sein Leben Yama übergeben. Alle Heerführer versanken in Trauer. Sobald Rama es sieht, wird auch er sterben; die Last des Lebens will er dann nicht tragen. Was auch geschehen sei, der Sieg gehört mir!« (19) Die Boten sagten: »Herr, tatsächlich ist das Leben des jüngeren Bruders zurückgekehrt. Hanumans Heilmittel wirkte ohne jede Verzögerung. Alle haben den Rotäugigen umarmt und sind wieder zusammengekommen. Geh selbst hin und sieh!« (20) Weil Ravana ihnen nicht glaubte, bestieg er zur Klärung seiner verwirrten Gedanken den goldenen Torturm. Dort sah er mit eigenen Augen die ganze Wahrheit vom Untergang seines Heeresmeeres. Bitterer Schmerz erfüllte sein Herz.
(21) Er hörte die Klagen der Frauen, deren Männer enthauptet worden waren. Ihre Augen, schöner als blaue Wasserlilien, zerflossen vor Tränen; mit den Händen schlugen sie sich auf den Kopf. Ihr Geschrei glich dem Aufruhr aller Meere am Weltende. (22) Er sah Blutströme, die unzählige Elefantenleichen trugen, die Erde aushöhlten und Berge umwarfen. Darin badeten Geister jubelnd. Zugleich flossen Tränenströme heran, bis selbst das dunkle Meer von all diesen Wassern bedrängt wurde. (23) Er sah die Rakshasaleiber tanzen, als riefen sie: »Von den Pfeilen des vollkommenen Bogenschützen getroffen, haben wir erst wahres Leben gewonnen!« Kurzbeinige Schakale sangen dazu, während Geisterscharen den erlernten Takt schlugen. (24) Seine Augen vergossen Tränen und Blut und sprühten Feuer. Er sah das Meer die mächtige Blutflut der Gefallenen an den Flussmündungen aufnehmen und mit den Wogen wieder ausspeien. Ramas einzigem Bogen war sie entsprungen, meisterhaft geführt wie die Regeln des Tamil.
(25) Er sah Rakshasafrauen, deren starke Männer zum Himmel gelangt waren. Als Geister in die offenen Wunden griffen und frisches Fett raubten, verfolgten die Frauen sie über die Erde und in die Luft und rissen ihnen mit scharfen Nägeln die Augen aus. (26) Er sah den himmelsprengenden Jubel der Affen, die erderschütternden Tänze der kopflosen Leiber und die weit geöffneten, freudigen Augen der Götter. Mit einem Herzen wie einer aufgerissenen Wunde stieg er vom Turm herab. (27) Ein grimmiges Lächeln erschien auf seinem Mund; die Zunge leckte die Mundwinkel. Rauch drang aus seiner Nase, Funken aus seinen Augen. Sein Herz schäumte auf, seine Worte schlugen wie Flammenzungen aus dem Zornfeuer. So kehrte er in den Thronsaal zurück.
6.34 – Ravana besteigt seinen Wagen
(1) Er wandte sich an Mahodara, bergleibig, mit rauchdunklen Brauen und roten Augen: »Lasst auf dem Elefanten die Befehlstrommel schlagen: Alles, was von Lankas Heer noch nicht gefallen ist, soll aufstehen und sich sammeln!« (2) Als die Trommel erklang, versammelten sich vierzehnhundert Koti bewaffneter Rakshasas. Bannertragende Wagen, umringende Elefanten, Pferde und andere Streitkräfte kamen zusammen. Die Stadt Lanka wurde leer wie ein ausgetrocknetes Meer. (3) Ravana verehrte Shiva, den dreiaugigen Herrn, nach den vorgeschriebenen Riten, die dieser und der kommenden Welt dienen. Er verteilte die von den Veden gebotenen Gaben und erfüllte alle weiteren Wünsche der Bittenden. Dann rüstete er sich zum unerschütterlichen Kampf. (4) Er legte die von Brahma beim Opfer geschaffene Rüstung an und dazu den goldenen Panzer, den Indra im Kampf hatte abgeben müssen. Auf seinem dunklen Bergleib leuchteten sie, als gingen tausend Sonnen zugleich auf.
(5) Er befestigte das Schwert an seiner Seite und schlang einen goldenen Gürtel um, wie die große Schlange einst den Mandara umschloss. Darüber band er einen festen, edelsteinbesetzten Hüftgurt, dessen Schmuck einer Ansammlung von Gestirnen glich. (6) Die Falten seines Gewandes breiteten sich seitlich aus wie Garudas schwingende Flügel, die den Veden gleichen. Über dem kunstvoll geordneten Seidentuch wand er eine Schlange mit weißen, mondsichelgleichen Zähnen um die Hüfte. (7) Die Glocken an seinem Schwert klangen, als wären Wolken und sämtliche Donner darin eingefangen. Er legte goldene, blütenförmige Fußschellen an, blitzend und laut wie Löwen, die aus Berghöhlen brüllen. (8) Er befestigte die glänzenden goldenen Kriegerfußringe, deren Klang in allen Welten Furcht verbreitete wie Donner unter Schlangen. Strahlende Schmuckstücke legte er so an, dass ihr Glanz jeden anderen Glanz übertraf.
(9) An seinen zwanzig Armen befestigte er Armschutz und Köcher; sie glichen den dunklen Giftflecken an den Hälsen des vielköpfigen Ananta. Schwere Armbänder umfassten die Handgelenke wie mächtige, bodenlange Schlangen. (10) Auf den Schultern glänzten Kampfarmreifen wie das Schlangenseil um den Berg beim Quirlen des Meeres. Seine Ohrringe strahlten wie die goldenen Sonnenstrahlen, die einst bei der Bearbeitung des Sonnenkörpers abgesprungen waren. (11) Von Schulter zu Schulter fiel rötlicher Glanz wie Sonnenlicht zwischen Aufgangs- und Untergangsberg. Die Ohrringe vertrieben dichte Finsternis; Perlen leuchteten dazwischen wie der unversehrte Mond und die Sterne. (12) Über seinen zehn strahlenden Kronen funkelten Perlenschirme. Die Kronen glichen allen Sonnen, die zugleich am Meer aufgingen; die Schirme darüber wirkten wie zahlreiche voll werdende Monde.
(13) Seine weit geöffneten Münder glichen Höhlen in verschiedenfarbigen Edelsteinbergen. An ihren Rändern ragten gekrümmte weiße Hauer hervor wie Mondsicheln zwischen blauen Wolken und dem Rot des Abendhimmels. (14) Gleichmäßig glänzende Heldenstirnbänder waren mit wogenden Perlenreihen besetzt. Sie verliehen seinen zehn Stirnen die Pracht von zehn brünstigen Richtungselefanten mit perlengeschmückten Stirnplatten. (15) Seine gekrönten Häupter hatten sich nie vor einem Herrn gebeugt, nur vor den klingenden Füßen schmollender Geliebter. Ihr Edelsteinglanz verdrängte die Sonne, die nur eine Welt erhellt, und schien die Dunkelheit unzähliger Welten zu vertreiben. (16) Er trug die Siegesgirlanden, die er nach der Eroberung von Schlangenwelt, Erde und Brahmas Reich vor den Göttern angelegt hatte. Daneben schmückte er sich mit bienenumschwärmten Tumbai-Blüten, denen die Augen pfauengleicher Frauen folgten.
(17) Was soll man zum Vergleich Meere, Zeit, Sand, Sterne oder Zauberkünste zählen? Er schnallte sich einen Köcher um, dessen Pfeile niemals endeten – wie Ruhm, der selbst nach dem Untergang der großen Elemente fortbesteht. (18) »Der Wagen soll kommen!«, befahl er. Er erschien: Selbst Erde, Himmel und Schlangenreich wären gemeinsam nur eine Blüte auf seiner Spitze als Last gewesen. Auch ohne Pferde gelangte er in einem Augenblick dorthin, wohin Ravana dachte. (19) Tausend Pferde waren angespannt: solche, die mit dem Nektar erschienen waren, Nachkommen der grünen Sonnenpferde und solche, die der Windgott mit der meerwasserverzehrenden Feuerstute gezeugt hatte. (20) Der Wagen konnte über die Erde, durch den Himmel, über das weite Wasser und durchs Feuer fahren. Er bewegte sich im tobenden Kampf ebenso wie in Brahmas hochgelegener goldener Stadt. Jede Welt erreichte er in einem Augenblick.
(21) Unzählige Glocken tönten an ihm wie die Glocken der acht Richtungselefanten. Kostbare Goldplatten, deren Wert ein Weltall aufwöge, bedeckten ihn vollständig und glänzten wie auf dem Meru gehäufte Sonnenscheiben. (22) Er trug Waffen, die Weise, Götter und Herren des Weltalls Ravana geschenkt oder im Kampf zurückgelassen hatten. Ihre furchtbare Menge war so groß wie die Zahl der feinen Sandkörner im sogenannten Meer. (23) Selbst wenn Krishnas Rad, Shivas Axt und Brahmas Wassergefäß vergingen, blieb dieser Wagen unzerstört. Seine Wirklichkeit und Wirkungsweise waren selbst Göttern schwer verständlich. Er war groß und galt als Wohnstätte des Sieges. (24) Ravana verehrte den Wagen nach den vorgeschriebenen Riten. Dann erfüllte er die Pflicht großzügiger Spenden und gab unzähligen Vedakundigen Schätze und Reichtümer in einem Umfang, der jeden Gedanken überstieg.
(25) Nach der Verehrung bestieg er den Wagen. Selbst Indra und die zuvor beruhigten Götter wurden verwirrt, benommen und bestürzt. Was ist noch zu sagen? Sogar Menschen, deren fünf Sinne zur Ruhe gekommen waren, fürchteten sich; die ganze Welt bebte. (26) Er schwor: »Entweder wird Janakas Tochter mit duftendem Haar ihre Lotoshände gegen den Leib schlagen und in tiefstem Witwenschmerz versinken, oder Mayas Tochter wird dasselbe tun. Heute werde ich im Kampf eine dieser beiden Möglichkeiten verwirklichen!« (27) Seine vielen gekrönten Köpfe leuchteten; die zahlreichen Schultern trugen unermesslich lange Waffen. Meer und Himmel schienen vor ihm anzuschwellen. Er ragte empor, als hätte der einstige Weltenmesser wieder seine riesige Gestalt angenommen. (28) Er schlug sich auf die Schultern und brüllte. Der Himmel schien zu bersten, Berge zersprangen, die Erde riss wie eine frische Wunde auf. Die Sonne taumelte aus ihrem goldenen Sitz, und der erschütterte Mond vergoss Tropfen seines Nektars.
(29) Voller Freude, dass die gewaltige Schlacht nahe war, ließ er die Bogensehne erklingen, sodass selbst feste Berge zerbrachen. Götter- und Dämonenfrauen erschraken und griffen nach ihren glückverheißenden Ehebändern. (30) Wasser wirbelte auf, und alle lärmenden Lebewesen zitterten und flohen. Sein glänzender Körper wirkte, als hätte Ananta aufgehört, die Erde zu tragen, und sich mit sämtlichen edelsteinleuchtenden Häuptern aufgerichtet. (31) So erschien er auf dem Feld. Götter, Asuras und Bewohner der drei Welten meinten, er habe die Schlacht zu ihrer vollständigen Vernichtung begonnen. Blut spie er aus; seine Augen brannten doppelt so heiß wie das unterseeische Feuer. (32) Sugriva und die übrigen tapferen Führer sahen die Verwirrung der Welt, den Schrecken der Götter, das Beben von Bergen, Himmel und Erde und das ängstliche Schwanken der Meere.
(33) »Das Weltall ist zerrissen!«, schien der überall anschwellende Aufruhr zu verkünden. Sie erhoben sich: »Eine Erschütterung wie am Weltende ist entstanden, wenn alle Dinge ihre Gestalt wechseln. Was ist hier eingetroffen?« (34) Dann erkannten sie den Ursprung des ozeangleichen Lärms: Ravana, sein Wagen und sein Heer kamen heran, als bewegten sich sämtliche Meere, mächtigen Gebirge, Wolken und der hochragende Meru gemeinsam durch den Himmel. (35) Vibhishana eilte zu Rama: »Ravana ist aufgebrochen! Die Spitze des Rakshasaheeres hat uns erreicht. Siegreicher, unsere Streitmacht schwankt und sinkt zusammen; selbst die Götter fallen vor Angst auseinander!« (36) Das Affenheer schrie, mit gefalteten Händen, stammelnden Mündern und zitternden Körpern; auch die Götter gerieten in Not. Rama erhob sich unverzüglich – so wie er einst vom Milchlager aufgestanden war, um ihnen zu sagen: »Fürchtet euch nicht!«
(37) Mit dem Blick eines mächtigen Elefanten befestigte er sein Schwert an der rechten Seite; es bewegte sich wie Yamas tödliche Schlinge. »Heute endet Sitas Leid und das Meer des Kummers der Himmelsbewohner«, erklärte er. (38) Alle Welten wohnen in ihm, nichts besteht außerhalb seines umfassenden Schutzes. Wenn eine Rüstung nun diesen großen Herrn umschließen konnte, müsste man auch sie selbst einen göttlichen Herrn nennen! (39) Er band Armschutz und weitere Ausrüstung an seine lotosgleichen Hände, die im Zorn wie die Küche des Todes wurden. Den grenzenlos pfeilgefüllten Köcher, reich wie die Dinge der Welt, befestigte er leuchtend an seinem Rücken. (40) Shiva sprach: »Heute endet diese entflammte Schlacht. Der Sieg gehört wahrhaftig dem Edlen; eure Furcht ist nun vorüber. Götter, entsendet hierher den goldenen Wagen mit edelsteinbesetzten Rädern und mächtigen Pferden!«
(41) Die Götter stimmten zu: »Das ist richtig.« Indra übernahm den Auftrag und befahl Matali: »Bringe meinen Streitwagen, der die drei Welten in einem einzigen Augenblick geordnet durchmisst und schützt!«
6.35 – Rama besteigt seinen Wagen
(1) Matali brachte den goldenen Wagen heran. Er wirkte, als erhöbe sich die ganze meerumgürtete Erde; so weit breitete er sich im Himmel aus. Mondkreis und übrige Gestirne schienen nur seine festen Trittstufen zu sein. (2) Mit der Kraft der sieben großen Gebirge waren Deichsel, Aufbau, Achse und Räder unerschütterlich zusammengefügt. Die acht mächtigen Schlangen dienten als Zug- und Bindeseile. Der Wagen berührte den Himmel. (3) Jahre, Tage, Jahreszeiten und Monate, vergangene wie kommende, waren in seine breite Plattform eingefügt. Sterne bildeten unvergleichliche Edelsteinketten als lange Schmuckgirlanden. Fest stand er wie ein Berg. (4) Sämtliche Himmelsrichtungen waren tadellos zu seinen Edelsteinwänden geordnet. Alle Wolkenscharen wehten als Banner über ihm. In ihm strahlte die vereinte Kraft der fünf wirklichen Elemente.
(5) Seine Fahnen vereinten alle Bäume und Heilpflanzen der Welt, ihrer jeweiligen Art entsprechend. Sein Getöse glich dem mächtigen Klang, der aufstieg, als der Muschelträger sich über dem Meer erhob. (6) Sein oberer Knauf glich jener uralten Lotosknospe, aus der Brahma am Nabel Haris erschien. Seine Weite entsprach dem kostbaren Lager des Herrn, der alle Elemente verschlingt, in seinem Inneren bewahrt und wieder hervorbringt. (7) Die vier Veden, die vollkommenen Opfer, die sieben Meere, sieben Berge und sieben Welten, die fünf Elemente, drei heiligen Feuer, wahrhaftige große Askese, Opfergaben und fünf Sinne – all dies war in ihm vereint; (8) ebenso die fünf inneren Werkzeuge, fünf Lichter, vier Richtungen, drei Eigenschaften, zehn bewegenden Lebenswinde, der lange Tag und die ausgedehnte Nacht. Als kämpfende Zugpferde waren diese Kräfte vor den goldenen Wagen gespannt.
(9) Die Götter verehrten den angekommenen Wagen: »Mächtiger, unser Vater hat dich gesandt. Du kannst uns helfen. Gewähre uns den Sieg!« Sie streuten zarte Blumen aus, und Matali lenkte ihn rasch weiter. (10) Schneller noch als der Gedanke durchdrang der hohe Wagen den Himmel, mit der Kraft, feindliches Karma zu überwinden. Alle Welten und der Himmel verehrten ihn, als er den Makellosen erreichte. (11) Rama staunte: »Ist dies der einrädrige Sonnenwagen? Nein. Auch das große Licht am Weltende ist es nicht, und ebenso wenig der feste Meru. Wie gewaltig! Ist es das einzigartige Fahrzeug der drei höchsten Herren?« (12) Der Sohn des Königs der Könige fragte sich, warum dieser Wagen zu ihm komme. Zu Matali sagte er: »Auf wessen Geheiß bist du mit diesem goldglänzenden Wagen hierhergekommen?« Der Lenker gab ihm Auskunft.
(13) »Vater, dieser unvergleichliche Wagen gehört Indra. Shiva, der Verbrenner der drei Städte, und Brahma schufen ihn einst. Er gleicht tausend Sonnen und wird selbst vom Sturm des Weltendes nicht erschüttert.« (14) »Er könnte unzählige Weltalle wie dieses übereinandergeschichtet tragen. Er wird klein oder groß nach Bedarf und gleicht dem Bauch des Herrn, der die Welten verschlingt. Lotosäugiger, er fährt so schnell wie dein eigener Pfeil.« (15) »Auge, Geist und schneller Wind bleiben hinter ihm zurück. Seine Geschwindigkeit überholt jede Wahrnehmung. Ob Himmel oder Erde, weites Wasser oder Feuer – für ihn macht das keinen Unterschied, Herr.« (16) »Es gibt sieben Meere und doppelt so viele Welten. Wenn sie alle eines Tages aus ihrem Zustand weichen, welcher Wagen außer diesem bliebe unerschüttert bestehen? Du Schöpfer der Welt!«
(17) »Götter, große Weise, Shiva und der einstige Erhalter der drei Welten haben uns vor dir hierhergesandt. Indra hat diesen Wagen bereitgestellt.« So versicherte Matali, der die Gedanken der Pferde kannte. (18) Rama hörte ihn und dachte einen Augenblick: »Könnte dies eine große Täuschung der feindlichen Rakshasas sein?« Um Matalis Wahrheit zu bestätigen, rezitierten die angespannten, dichtmähnigen Pferde die uralten Veden. (19) »Nun gibt es keinen Zweifel mehr«, dachte Rama und fragte den guten Lenker nach seinem Namen. Dieser verneigte sich aufrichtig: »Man nennt mich Matali; ich bin der Lenker dieses mächtigen Wagens.« (20) Der Edle blickte zu Hanuman und dem jungen löwengleichen Lakshmana: »Sagt, was ihr darüber denkt.« Beide verneigten sich und antworteten überzeugt: »Herr, es besteht kein Zweifel. Dieser Wagen gehört Indra.«
(21) Rama bestieg den Wagen mit ruhiger Anmut. Die bösen Taten wälzten sich mit ihrem ganzen Geschlecht leidend zu Boden; die verehrungswürdigen guten Taten hüpften vor Freude. Götter und Brahmanen hoben aus tiefer Not die gefalteten Hände über ihre Köpfe.
6.36 – Die Tötung Ravanas
(1) Als der Held den großen Wagen bestieg, sanken dessen makellose Räder in den Staub. Die Weisen sahen es und priesen nicht einmal Garuda, der stärker als der Weltuntergangssturm ist. Sie streuten Blumen und riefen: »Heil Hanumans Schultern!« (2) »Erhebe dich, Wagen, und trage unser aller Kraft! Der Kriegsrakshasa soll noch heute fallen, der König der Könige siegen! Die Rakshasafrauen sollen schluchzend weinen!«, jubelten die Götter. Der mächtige Wagen fuhr vor wie aus dem Meer emporsteigend. (3) Ravana sah ihn und dachte: »Die Götter haben ihm diesen großen Wagen gegeben.« Er presste den Mund zusammen und biss die Zähne aufeinander. »Sei es! Lenke meinen Wagen gegen Rama mit seinem blitzenden Bogen!«, befahl er. (4) Die zuvor geflohenen Affen fassten Mut: »Die Götter haben ihm einen Wagen gegeben. Am Sieg des Feindbezwingers ist nicht mehr zu zweifeln!« Sie stürmten umher und schleuderten Bäume und Felsen. Ihr Getöse schien Weltall und Richtungen auseinanderzusprengen.
(5) Kriegstrommeln, Heldenrufe und sämtlicher Schlachtenlärm verstummten im Vergleich zum Dröhnen der beiden Kampfwagen. Ihr anschwellender Klang machte alle Ohren taub; die Umstehenden duckten sich zu Boden. (6) Rama blickte Matali an: »Höre aus Zuneigung eine Bitte. Lass den übermütigen Gegner erst seine ganze Kraft entfalten. Danach richte dein Handeln nach meiner Prüfung der Lage. Handle nicht übereilt.« (7) Matali erwiderte: »Freigebiger, wenn ich deinen Willen, die Gedanken der Pferde, Absichten, Stärken und Schwächen des Feindes sowie den rechten Zeitpunkt und die nötige Handlung nicht bedächte, was wäre dann meine Kunst wert?« Rama sagte: »Gut gesprochen.« (8) Der himmelhohe Mahodara sprach zu Ravana: »Herr, Rama ist auf Indras Pferdewagen erschienen. Nun beginnt euer Zweikampf. Es wäre unrecht, wenn ich nur als Zuschauer dabeistünde. Gib mir die Erlaubnis zu kämpfen!«
(9) »Den Lotosäugigen vernichte ich wie ein Löwe einen Elefanten. Halte du seinen jüngeren Bruder auf, der hinter ihm steht; damit verschaffst du mir den Sieg«, befahl Ravana. »So werde ich handeln«, antwortete Mahodara und zog fort. (10) Noch bevor er sich zu Lakshmanas Stellung wenden konnte, näherte sich Ramas göttlicher Wagen. Mahodara entbrannte vor Zorn. »Treibe unseren Wagen bis an ihn heran!«, befahl er. Sein Lenker verneigte sich und sprach: (11) »Herr, wenn selbst unzählige Millionen Ravanas ihm heute begegneten, könnten sie lebend zurückkehren? Sie würden nur liegen bleiben. Schon sein Anblick zeigt es. Lass den Lotosäugigen aus und fahre an ihm vorbei; das wäre richtig.« (12) Mahodara presste den bezahnten Mund zusammen: »Elender, ich könnte dich jetzt packen und fressen – doch das brächte mir Schande!« Während der berggleiche Krieger Zorn versprühte, kam Ramas Wagen unmittelbar vor seinen. Eine heftige Schlacht entbrannte.
(13) Goldene Wagen, Pferde, Elefanten und felsenschultrige Schwertkämpfer bildeten dichte Heeresmeere. Ramas Pfeile tranken sie aus wie das unterseeische Feuer. Nur Mahodara blieb auf seinem einzigen starken Wagen übrig und rückte weiter vor. (14) Er säte einen raschen Pfeilregen auf das Donnerbanner, den schlangenbespannten Wagen, den zügelhaltenden Lenker und Ramas mächtige Schultern. Er brüllte, als risse er Himmel und Richtungen auf. Der heilige Herr lächelte. (15) Mit je einem Pfeil zerschlug Rama Bogen und Rüstung, mit weiteren die kräftigen Hände, felsengleichen Schultern und Beine, zuletzt den Hals. Der Rakshasa starb zerstückelt: Seine prahlerischen Worte und seine wirkliche Leistung waren weit auseinandergefallen. (16) Ravana, der die drei Welten und ihre Richtungen bezwungen hatte, sah Mahodaras Ende und wurde von Schmerz verzehrt. »Fahre! Fahre!«, rief er. Der Lenker trieb an, und der feste Pferdewagen stürmte vor.
(17) Rama erkannte: »Solange dieses wie Nebel ausgebreitete Heer bei ihm bleibt, wird sein Hochmut nicht sinken. Er muss allein sein.« Mit gekrümmtem Bogen vernichtete er die Streitmacht so schnell, dass Ravana nichts davon richtig wahrnahm. (18) Da zuckten Ravanas linke, goldgeschmückte Schultern so stark, dass Edelsteinarmreifen herabfielen. Es glich dem Beben der Gebirge bis zum Meru, wenn der Weltuntergangssturm die Meere austrocknet und das Weltall erschüttert. (19) Blut regnete über die ganze Welt. Der Himmel donnerte, Blitze zerschmetterten gewaltige Berge. Die Sonne verlor ihren Glanz; eine unheilvolle Erscheinung legte sich über sie. (20) Die springenden Pferde erschlafften; die Sehnen der unnachgiebigen Bogen rissen. Zungen und Münder wurden trocken. Girlanden aus frischen Tagesblüten begannen nach rohem Fleisch zu riechen.
(21) Adler und Krähen drängten sich auf dem Banner mit dem Vina-Bild. Den schnellen Kampfpferden flossen Tränen aus den Augen. Die Elefanten standen reglos, als wären sie noch in ihren Ställen angebunden. (22) Solche bösen Vorzeichen erschienen zur Freude der Götter. Doch Ravana beachtete keines davon. Er dachte nur: »Wie sollte ein Mensch imstande sein, mich zu besiegen?« (23) Vor dem rasenden Wagen wichen die Affen auf beiden Seiten dicht zusammengedrängt zurück. Sie konnten ihm nicht standhalten und taumelten davon wie die Welt vor dem anschwellenden Meer des letzten Tages. (24) Die beiden prallten aufeinander wie bindendes Handeln und befreiende Erkenntnis, wie seltene Weisheit und Unwissenheit, wie gewaltige grausame Sünde und unerschütterlicher Dharma.
(25) Sie strahlten, als träten der tausendköpfige Shesha und der siegreiche Vogelkönig Garuda zum Kampf gegeneinander an. Ebenso glichen sie Nacht und hellem Mittag. (26) Sie glichen zornigen Richtungselefanten, die einander angreifen. Zugleich erinnerten sie an den Kampf zwischen Narasimha und Hiranya, dessen Leib einem goldenen Berg glich. (27) Sie glichen Vishnu, dessen geschmückte Füße die drei Welten berührten, und Shiva bei jener alten Auseinandersetzung, als die Götter verehrend fragten: »Welcher von euren beiden Bogen besitzt die größere Kraft?« (28) Ravana blies seine Muschel. Ihr Klang verschlang das Geschrei der Götterscharen; das uralte Weltall schien zu zerbersten. Selbst Shiva und Brahma wurden beim Anblick erschüttert, und ihre gefalteten Hände lösten sich.
(29) Da erschallte Ramas weiße Muschel von selbst, als könnte sie jenen Klang nicht ertragen. Ravanas Muschelschall wurde verdrängt. »Was ist das für eine Muschel?«, staunten die Götter. (30) Die fünf göttlichen Waffen des Herrn waren gekommen und standen unsichtbar bereit, ihm zu dienen. Rama nahm sie nicht wahr – so wie die Sinne den nicht erkennen, den die wahrhaftigen Veden verkünden. (31) Matali setzte Indras Muschel an den Mund. Ihr Klang ließ Richtungen, Himmel, Wogenmeer, Länder, Berge und hohe Götter erschauern; das ganze Weltall erbebte. (32) Noch ehe die lärmenden Pfeile des Rakshasas Ramas makellosen Leib erreichten, hatten ihn bereits unzählige Blickpfeile der himmlischen Frauen getroffen, deren Augen Lotosblüten glichen.
(33) Die Pferde beider Wagen sprangen auf. Mit rötlichen, zornigen Augen starrten sie einander Feuer sprühend an, als wollten sie die gegnerischen Tiere vollständig verschlingen. (34) Die Vina auf dem einen Banner und der gewaltige Donner auf dem anderen ließen nacheinander ihre Stimmen hören. Ihr mächtiger Klang schien Erde, Himmel und Meer aus ihrer Ordnung zu reißen und zu vernichten. (35) Ravanas Bogenschall glich dem gemeinsamen Aufbrüllen der sieben Meere. Der Bogen des Radträgers aber klang wie die gewaltigen Regenwolken, wenn am Ende eines Weltzeitalters das Weltall aufbricht. (36) Hanuman und die übrigen mächtigen, kampfzornigen Helden standen mit aufgerissenen Augen da. Außer tiefem Seufzen brachten sie nichts hervor; ihre Gedanken waren gefesselt, ihre eigenen Aufgaben vergessen.
(37) Auch die Götter vergaßen ihr Tun. Sie wussten nicht, was geschehen werde, und konnten nicht abschätzen, wer siegen würde. Seufzend gingen sie vor und zurück, zitterten und schluchzten. (38) Als Ramas mächtige Schultern sich kampfbereit weiteten, drückten sie gegen ihren Schmuck. Aus den Händen sämtlicher zuschauender Götter regneten Blumen. Wer konnte diesem männlichen Helden gleichkommen oder ihm als ebenbürtiger Helfer dienen? (39) Der Bogen des souveränen Schützen und Ravanas Bogen, den kein anderer berühren konnte, standen einander gegenüber wie ein langgezogener Blitz und ein dunkler Regenbogen am Himmel. (40) Von Ravanas seitlich ausgebreiteten Waffen sprühte unaufhörlich Licht wie Blitze oder Feuer, das aus aufgerissenen Wolken hervortritt. Es drang in alle Richtungen, ohne irgendwo an ein Ende zu gelangen.
(41) Ob das Brüllen der Meere und das bis heute unendliche Donnern der Wolken noch Nachklänge von Ravanas damaligem Kriegsgeschrei, seinem gewaltigen Lachen und dem Dröhnen seines Bogens sind? (42) Was heute als Blitz zur Erde fährt, stammt vielleicht nicht aus unzähligen trächtigen Regenwolken. Es sind die Feuerfunken, die einst aus Ravanas Augen mit solcher Wucht in den Himmel stiegen und nun wieder herabfallen. (43) Rama blieb innerlich ohne Verwirrung. Doch jedes Mal, wenn sein Lachen die vier Richtungen erschütterte, gerieten Zungen und Beine der Götter ins Wanken; Wolkenscharen wurden aufgewühlt, und Lanka erbebte. (44) Ravana prahlte: »Es wäre unwürdig, diesen unbedeutenden Schwächling mit dem Bogen zu töten. Ich werde ihn samt dem Götterwagen packen, im Himmel herumschleudern und auf die Erde schmettern!«
(45) »Habe ich meine blitzgleichen, fehlerlos geschärften Pfeile etwa für einen Menschen aufbewahrt? Ich werde seine Kraft brechen, seinen Wagen zerschlagen und ihn mitsamt seinem einzigen Bogen gefangen nehmen!« So redete er. (46) Sein Herz bebte, Zorn breitete sich aus, und seine Augen sprühten Funken. Der Grausame krümmte seinen berggleichen Bogen und schoss leuchtende Pfeile ab, die wie heftiger Wind vorstürmten und wie Donner einschlugen. (47) Sie glichen Donner, Feuer und Regen; selbst Yamas mächtige Brust hätten sie durchdrungen. Sie überragten die von den Göttern geschaffenen Waffen und waren größer als die Schlange, die einst den Quirlberg bei der Nektargewinnung umwand. (48) »Sie werden den Meru zersplittern und ungehindert das Weltall durchbohren!«, fürchteten die Götter. Doch das Meer des Erbarmens hielt diesen Pfeilsturm auf: Ramas heftiger goldener Pfeilregen zerschnitt die Geschosse unterwegs.
(49) Wie ein Vorhaben durch die Wirkung schweren bösen Karmas vereitelt wird, zerfielen Ravanas Pfeile und ihre Kraft. Der Grausame entsandte neue, unzählbare Pfeilschauer, gleich den vom Sturm getriebenen Wolken am letzten Tag. (50) Sie bedeckten Himmel, Richtungen, Berge, Götteraugen, Meer und Erde, ja die Gedanken der Gelehrten, Feuer und Finsternis. Selbst Shiva, der das Elefantenfell trägt, staunte: »Was für eine gewaltige Kriegskunst!« (51) Die großen Götter und Vedakundigen bedeckten erschrocken ihre Augen mit beiden Händen und flohen. Das Affenheer zerbrach wie ein Berg unter tausend Blitzen. Rama sah es und entschloss sich, die Geschosse aufzuhalten. (52) Ramas scharfe Pfeile wirkten wie der segensreiche Lohn einer Speisegabe an einen vedakundigen Hüter des heiligen Feuers in einer Hungerzeit. Ravanas Geschosse dagegen vergingen wie die bösen Taten, deren Folgen durch solche verdienstvolle Gabe aufgehoben werden.
(53) In einem Augenblick schoss der unermüdliche Rakshasa hunderttausend scharfe Pfeile ab; der einzige Herr zerschnitt sie. Ihre Stücke sprühten Feuer, tranken das Wasser und machten das Meer erst zu Schlamm, dann zu Staub und trockenem Boden. (54) Während er weiter Pfeile schoss, griff der kampferfahrene Ravana mit seinen übrigen langen Armen nach Äxten, Keulen, Tomaras, Edelsteinstäben, Eisenstößeln, alten scharfen Lanzen, Schwertern, Rädern und Dreizacken und warf sie gleichzeitig. (55) Tausend Speere, tausend Äxte, tausend Keulen, tausend Pfeile und tausend andere Waffen zerbrachen unter einem einzigen Geschoss. Rama entsandte verschiedenartige Pfeile, die zu Wind, Feuer, Donner und raschen Regenwolken wurden. (56) Als der Kampf so ausgeglichen erschien, nahm Ravana zugleich zehn Bogen auf und legte Pfeile an. Wie dichte Wolkenscharen lange Regenströme ergießen, schoss er; sein Zorn glich dem eines von Haken und Stangen gereizten Elefanten.
(57) Der Pfeilregen des Herrn und der feuerspeiende Regen des grausamen Feindes füllten jeden Zwischenraum. Die fünf Elemente schienen sich vor dieser Schlacht zusammenzuziehen und vor Schreck eine Gänsehaut zu bekommen. (58) Ravanas Wagen erhob sich in die Luft wie der Mandara, wie Hanumans Heilkräuterberg, wie die drei fliegenden Festungen oder wie eine Gandharvastadt, die plötzlich am Himmel erscheint. (59) Vom hochgestiegenen Wagen ließ der Herr Lankas Pfeilregen niedergehen, der alles durchdrang. Vor Ramas Augen wurde das Affenheer vernichtet, als sollte von seinen bereits dezimierten Reihen gar nichts mehr übrig bleiben. (60) Rama sagte: »Jetzt lasse ich seine trommelstarken Schultern und gekrönten Köpfe fallen. Glaubt er, der Himmel sei eine Zuflucht? Unsere jungen, stiergleichen Krieger sterben. Lenke den Wagen hinauf!«
(61) »So werde ich es tun«, antwortete Matali und trieb den Wagen voran, der dem Sturm am Weltende glich. Der herrliche Wagen stieg auf wie die Sonnenscheibe, die sich über den Kreis des Mondes erhebt. (62) Wolkenscharen flohen zerstreut nach allen Seiten, Sterne lösten sich und fielen herab, Berggipfel wurden zerdrückt. Die beiden Wagen vollführten einander entsprechend ihre wechselnden Kampfkreise. (63) Sie kreisten nach rechts und links; Himmel und Erde schienen sich mit ihnen umzudrehen. Meere gerieten in Bewegung, sämtliche Gebirge und das ganze Weltall wirbelten wie die Scheibe eines Töpfers. (64) Nicht einmal die erfahrenen Götter konnten unterscheiden: »Dies ist Ramas Wagen, jener Ravanas.« In der Zeit, in der eine Linse rollt, erreichten sie jede Welt. Nur rasende Lichtmassen glaubten die Zuschauer zu sehen.
(65) Kein Stern blieb unversehrt, kein Berg ungespalten, wo die Räder anschlugen. Feuer sprühte; keine Richtung blieb ohne Risse, kein zuschauendes Lebewesen ohne den Schrecken, Blut aus dem Mund zu stoßen. (66) »Sie sind in Indras Welt!«, sagten die Götter. Im nächsten Augenblick: »In der Mondwelt! In der Welt des lotosgeborenen Brahma! Nein, dort auf dem Mandara!« So wechselten ihre unsicheren Angaben. (67) »Sie sind mitten im Milchozean! An den Grenzen der großen Meere! Im westlichen Meer! Im Osten! Dort, wo der Lärm herkommt!« Selbst die kundigen Himmelsbewohner konnten ihren Ort nur so vermuten. (68) »Sind sie zurück? Haben sie den Himmel zerrissen? Sind sie unten? Sind das überhaupt Pferde – oder neu entstandene Winde? Die Welten sind zugrunde gegangen!« So riefen die Zuschauer durcheinander.
(69) Ohne Unterlass zogen die Wagen durch sieben Meere, sieben Inseln, sieben Gebirge und sieben Welten, bis zu den umschließenden Wänden des Weltalls. Sie glichen dem Wind beim Ende eines Weltzeitalters. (70) Die von Ravana geschleuderten Waffen fielen wie Regentropfen in die sieben Meere und Welten, auf die dazwischenliegenden Inseln und die sieben Gebirge, als würden sie überall zur Verwahrung niedergelegt. (71) Die Wagen hielten nicht an und quälten mit ihrer rasenden Fahrt sämtliche Welten. Rama aber tat noch nichts aus angreifendem Zorn: Er zerschnitt und wehrte lediglich ab, was Ravana gegen ihn warf und schoss. (72) Nachdem sie wie der Weltuntergangssturm Berge, Meere und alle leuchtenden oberen und unteren Welten erschüttert hatten, kehrten die beiden Wagen in einem Augenblick nach Lanka zurück.
(73) Ihre Kampfbewegungen durch alle Welten waren dreimal zahlreicher als die Sandkörner des Meeres. Dennoch waren die Pferde beider siegreichen Wagen, von meisterhaften Lenkern geführt, weder ermüdet noch außer Atem. (74) Ravana mit seinem brennenden Herzen schoss einen mondsichelförmigen Pfeil ab. Er trennte das mächtige, hochragende Donnerbanner von Indras Wagen und ließ es zur Erde fallen. (75) Der abgeschlagene Donner stürzte brüllend wie heftiges Feuer in das tiefe, schlangenerfüllte Meer. Dieses schrumpfte zusammen wie Wasser, in das man einen großen rotglühenden Eisenblock taucht. (76) Er machte Ramas unerschütterliche Wagenpferde zu einem Wald scharfer Pfeile. Dann bohrte er zwölf grausame Geschosse in Matalis diamantfeste Brust, dessen Größe kaum angemessen zu preisen war.
(77) Ravanas kreisförmig gespannter Bogen erschien wie Regenbogen und weiße Mondsichel. Seine massenhaft entsandten grausamen Pfeile bedeckten alles so vollständig, dass selbst die niemals blinzelnden Götter Rama nicht mehr sehen konnten. (78) »Ist er nun besiegt?«, dachten die Götter und wurden von unerträglicher Furcht ergriffen. Die Feinde jubelten. Oben und unten kam selbst der Wind zum Stillstand, und das Weltall geriet in Verwirrung. (79) Das Feuer verlor seinen Glanz, die Meere wogten nicht mehr und standen starr. Sonne und Mond fanden keinen Weg durch den Himmel und wichen zurück. Wolken und Regenmassen vertrockneten und sanken nieder. (80) Die Richtungselefanten verloren ihren stolzen Übermut; selbst die unbeweglich gewordenen Meere wagten nicht zu rauschen. Mars rückte drohend gegen das Sternbild Vishakha vor, und auch der gewaltige Meru erzitterte.
(81) Sugriva, Lakshmana und Vibhishana riefen: »Wir können ihn nicht sehen!« Sie gerieten außer sich wie Elefanten im Wald. Die anderen Helden waren aufgewühlt wie Fische in einem erschütterten Meer. (82) Die Geschosse des dunklen Rakshasakönigs schmerzten Rama. Doch noch heißer brannte ihm der Anblick der Pfeile in Matalis rechtschaffener Brust – wie zuvor der Speer, der Lakshmanas schöne Brust durchbohrt hatte. (83) Noch ehe ein Auge blinzeln konnte, zerschnitt und entfernte Rama sämtliche gegen ihn entsandten Pfeile. Dann bedrängte er Ravana mühelos mit dichten Reihen grausamer Geschosse und fügte ihm Schmerzen zu. Die Götter atmeten auf. (84) Der Eine, der in jedem verkörperten Lebewesen wohnt, schoss bewusst gezielte Pfeile. Sie zerschlugen die berggleichen gekrümmten Bogen in allen Armen Ravanas, die wie eine Reihe mächtiger Säulen standen.
(85) Er entsandte sonnenglühende, scharfe Pfeile, die die fest verschnürte Rüstung durchdrangen und Ravanas reichlich hervorströmendes Blut tranken. Er war das eine Licht der Erkenntnis, das selbst dort wacht, wo das gewöhnliche Bewusstsein schläft. (86) Mit einem fleischdurchdringenden Pfeil schlug er das Vina-Banner nieder. Dessen Tuch hatte sich über die Richtungen gebreitet, sein hoher Aufsatz mit solcher Kraft erhoben, dass er dichte Wolken zerstreute. (87) Da näherte sich Garuda dem Banner des Herrn. Groß wie das am Ende aller Zeitalter aufsteigende Meer, füllte er die Richtungen. Feindliche Waffen stürzten herab, und die Bedrängnis der Götter wich. (88) Als Garuda, der die weite Meereswelt umkreist, auf dem hohen Banner des Herrn Platz nahm, sagten die Götter: »Er denkt nicht mehr nur an die Aufgabe, die wir ihm stellten. Nun ist er selbst in gerechten Zorn geraten!«
(89) Ravana erkannte nicht, dass er dem einzigen Herrn, der Erkenntnis innerhalb aller Erkenntnis ist, nichts anhaben konnte. Der grausame Krieger entsandte die unheilbringende, finstere Waffe namens Tamasa. (90) Aus ihr kamen Geschosse mit feurigen Gesichtern, blutgetränkten Gesichtern, Götter- und Geistergesichtern. Andere glichen gestreiften Schlangen, die mit geöffnetem Rachen in dunkle Höhlen eindringen. (91) Ihre gewaltigen Zähne reichten von einem Ende einer Richtung bis zum anderen. Sie vollbrachten alles, was ihr Lenker dachte; sie schienen Sonne und Mond zugleich verschlingen zu wollen. (92) In einer Richtung entstand Finsternis, in einer anderen sengendes Licht; hier Wirbel, dort Regen. Anderswo rollten gewaltige Massen und dröhnte Donner; Verblendung und steinerner Hagel verbreiteten sich in weiteren Richtungen.
(93) So verschlang dichte Dunkelheit die sieben Welten, und die Lebewesen schrien auf. Die Waffe verwirrte jede ungehinderte Handlung. Doch der Makellose blieb klar bei sich und besann sich geordnet auf das rechte Vorgehen. (94) Er dachte an die mächtige Waffe Shivas und entsandte sie. Sie verschlang die gegnerische Macht vollständig. Wie ein Traum beim Erwachen verschwand die erschreckende Waffe in einem einzigen Augenblick. (95) Als seine ausgebreitete Macht verging wie Lüge vor Wahrheit, glühten Ravanas Augen, und er biss den Mund zusammen. Er bohrte ausgewählte, mit Geierfedern versehene Pfeile in den heiligen Leib des Feindbezwingers und brüllte triumphierend. (96) Dann entsandte er die zornige Asura-Waffe, die einst den Göttern die Sprache genommen, Yamas Bauch mit Leben gefüllt und Indra erschreckt hatte. Gegen den Heiligen schoss er sie; die Welten gerieten ins Taumeln.
(97) »In einem Augenblick wird sie die Welt verschlingen!«, riefen die überall verzweifelt umherirrenden Götter. Rama entsandte Agnis mächtige Waffe und vernichtete sie, als legte er Feuer in eine donnernde Gewitterwolke. (98) Ravana schoss in einem Augenblick hundert Millionen Pfeile: selbst dem Tod unbeugsam, fähig, alle Meere auszutrinken und den Meru zu Asche zu zermalmen. Sie ließen den Wind zurück und durchmaßen sämtliche Welten. (99) »Welche Schnelligkeit seiner Hände!«, staunten einige. Andere sagten: »Auch das ist Zauber, keine wirklichen Pfeile.« Wieder andere fragten: »Wo ist noch Platz für weitere?« Manche meinten: »Nie zuvor hat er sich im Kampf derart angestrengt.« (100) Der einzige Herr, Ursprung der Veden, zerschnitt in einem Augenblick alle gefiederten Geschosse, die den Himmel verdeckten. Seine schrecklichen Mondsichelpfeile spalteten sie von den schweren Spitzen bis zu den befiederten Enden.
(101 [Quellennummer: 6.36.6.36.101]) Ravana, der durch Askese mehr Gaben als andere in Brahmas Welt erlangt hatte, dachte: »Nun werde ich weitere große Kriegswaffen einsetzen.« Eilig entsandte er Mayas Waffe gegen Dasharathas Sohn. (102) »Er hat die Waffe losgelassen und die Welt bis zu ihren Wurzeln verbrannt!«, erschraken die Götter und krümmten sich. »Wir sind verloren!«, verzagten die Affenführer. Der einzige Gott der Vollendeten aber erkannte ihre Beschaffenheit. (103) Die Waffe kam, als verkünde sie: »Für die Menschen auf der weiten, von der Schlange getragenen Erde gibt es kein Leben mehr!« Rama mit den edelsteingeschmückten starken Schultern überwand sie mit dem schrecklichen Gandharva-Geschoss. (104) »Ich besitze noch die Keule, die Brahma einst schuf, mit der Hiranya die Erde unterwarf und die der Dämon Madhu früher führte. Mit ihr werde ich sein Leben nehmen!«, dachte der Zehnköpfige und schleuderte sie.
(105) Mit ihr hatte Taraka einst die Götter zerschlagen. Sie glich Meru und Mandara und glänzte wie die Sonne. Selbst wenn die Welt ein ganzes Zeitalter gegen sie drängte, würde sie nicht rollen. Viele Danavaköpfe hatte sie zerquetscht. (106) Einst hatte sie das kühle Weltmeer ausgetrunken. Nun glänzte sie wie die Sonne und ließ alle erschauern: »Das Weltall wird wie ein Tonkrug zerbrechen!« Sie verheerte den Himmel; selbst der Mandara erbebte vor ihr. (107) Der Lotosäugige sah die göttliche Keule. Er entsandte ein Geschoss mit leuchtender Spitze wie eine Lotosknospe; selbst Indras tausend Augen konnten dessen Glanz nicht fassen. Die Keule zerfiel in unzählige staubige Stücke. (108) Ravana dachte: »Dieser, der doch zugrunde gehen müsste, hat seine Bogenmacht gezeigt. Was nützt es, immer neue unermüdliche Schreckgestalten zu entsenden? Ich werde die Täuschungswaffe einsetzen, damit er samt seinem großen Heer auf dem Schlachtfeld umkommt.«
(109) Er vollzog die Verehrung, betete zu dem Herrn, den er regelmäßig verehrte, und bedachte den zugehörigen Seher und das Versmaß. Dann spannte er die Waffe auf den Bogen und entsandte sie, unbeschränkt durch die zehn Richtungen und den Luftraum. (110) Sobald diese zaubererfüllte Waffe losgelassen war, erhoben sich die unzähligen, mit tiefen Wunden bedeckten Körper der zuvor Gefallenen scheinbar wieder lebendig. Die von den reinen Helden zerstückelten Rakshasas brüllten erneut auf. (111) Indrajit, der Feind Indras, seine jüngeren Brüder, die großen Heerführer, führenden Krieger, Berater und zahllosen anderen verdeckten den Himmel. Ihr Geschrei ließ die Regenwolken zerfallen. (112) Kumbhakarna, der Berg mit topfgroßen Ohren, die übrigen Gefallenen und das gesamte vernichtete Stammheer standen wieder auf. Elefanten, Wagen, Pferde und sämtliche anderen Reittiere und Fahrzeuge erschienen erneut auf dem Feld.
(113) Das zornige Heeresmeer, von den Kundigen auf tausend Vellam geschätzt, füllte wieder das ganze Land. Es war, als sei alles durch eine Gabe Shivas zurückgekehrt; selbst die Himmelsrichtungen staunten. (114) Götter und Weise stoben vor ihnen auseinander. »Ihr glaubt wohl, uns besiegt zu haben! Können wir überhaupt sterben? Heute zeigen wir es euch. Kommt, kommt!«, schrien sie und forderten ihre einstigen Bezwinger einzeln beim Namen heraus. (115) Schlangengleiche Wesen brachen aus der Erde hervor, berggroße Gespenster erhoben sich. Geister mit mächtigen Krokodilen als Ohrschmuck erschienen so zahlreich, dass selbst der weite Himmel ihnen kaum Platz bot. (116) Aus Finsternis geboren, bereit, den Dharma zu vernichten, verdunkelten sie sogar Brahmas Bewusstsein, obwohl er selbst fern von Trägheit ist. Unermüdlich erschienen sie mit glänzenden, mannigfaltigen Waffen.
(117) Sie waren doppelt so mächtig wie die scheinbar auferstandenen Toten. Ihre Hauer glänzten wie gespaltene Monde; sie waren ozeangroße Verkörperungen der Unwissenheit. Mit Perlenschmuck und Girlanden geschmückt, drängten sie stolz in alle Richtungen. (118) Sie glichen Löwen und Yalis mit gekrümmten Mähnen, füllten ganze Richtungen und Welten und brüllten wie Löwen und Meere. In ihren Händen trugen sie gewaltige, grausam leuchtende Waffen. (119) Der Gemahl Lakshmis betrachtete diese Erscheinung und fragte Matali: »Ist dies Zauberkunst, eine Wirkung des Schicksals, eine Gnadengabe der Rakshasas oder etwas anderes? Wenn du es weißt, erkläre es mir.« (120) Matali sagte: »Dunkelwolkenfarbener, Ravana, dessen Schultern die Stoßzähne der Richtungselefanten brachen, hat diesen Zauber entsandt. Er gleicht einem Toren, der eine Nähnadel anfertigt und sie einem Schmied für einen ungeheuren Preis verkaufen will.«
(121) »Wie ein mächtiges Mantra das Gift einer scharfzähnigen Schlange vernichtet, vertreibt dein großer Name Krankheit und das sie hervorbringende Karma. Tilge dies in einem Augenblick! Es wird vergehen wie die Wiedergeburt derer, die an dich denken.« (122) »Sei es eine Gnadengabe, Zauber, die Kraft mächtiger Krieger oder Wirklichkeit: Vertreibe es!« Darauf entsandte Rama den großen Erkenntnispfeil – er, dessen Tiefe selbst die vier Veden ehrfürchtig suchend nicht erreichen. (123) Als der befreiende Erkenntnispfeil heranflog, erlosch die Täuschung. So vergeht die aus Selbstvergessenheit entstandene Maya, wenn gute, allein dem Dharma folgende Einsicht die Unwissenheit beseitigt, welche immer neue Geburt hervorbringt. (124) Ravana, der sämtliche Götter zu Diensten gezwungen hatte, ergriff den Dreizack. »Shiva mit dem blauen Hals und der Radträger benötigen Zeit, um die Widersacher zu vernichten; dieser wird den Gegner schon beim Erscheinen auslöschen«, dachte er.
(125) Tausend Glocken dröhnten an der Waffe; die Götter erschraken schon bei ihrem Anblick. »Verbrenne das ganze Heldengeschlecht vor dir!«, hatte Ravana ihr befohlen. Noch ehe ein Blick folgen konnte, sah Rama sie heranstürmen. (126) Ihre drei stählernen Spitzen brannten so heftig, dass selbst Feuer sich fürchtete. Die Götter flohen scharenweise. Ihr Glanz erfüllte sämtliche erschütterten Welten; brüllend kam sie unaufhaltsam, zu schnell für das Auge. (127) »Geh!«, hatte Ravana sie entsandt. Die Götter flehten erschöpft: »Nur du kannst sie beseitigen; kein anderer vermag sie zu zerbrechen. Freigebiger, besiege diesen grimmigen, scharfmäuligen Tod in Dreizackgestalt! Besiege ihn!« (128) Ramas schreckliche Pfeile flogen schneller als Wind und ließen selbst den Donner erschrecken. Doch sie zerfielen wirkungslos wie die Anschläge Unwissender gegen einen Menschen, der mit dem Auge der Erkenntnis unablässig des Herrn gedenkt.
(129) Er entsandte immer neue feste Götterwaffen; sie vergingen wie Unwahrheit und leichte Flocken. Der Dreizack war unabwehrbar wie ein Fluch des Weltschöpfers. Rama sah dies und stand einen Augenblick da, ohne ein Gegenmittel zu erkennen. (130) »Er hat sein Handeln vergessen, jede Gegenwehr aufgegeben!«, dachten die erschrockenen Götter. Selbst dem Dharma zitterten die Beine. Der in menschlicher Gestalt Geborene stand, sein eigenes Wesen nicht offen zeigend; der Dreizack kam heran, und alle anderen fürchteten sich. (131) Mit klingenden Glocken und sprühenden Flammen stürmte die Vernichtungswaffe auf seine geschmückte Brust zu. Da entbrannte Rama vollständig zum Zorn. Durch seinen einzigen gewaltigen Laut »Hum!« zerbarst sie und fiel in Hunderte Stücke. (132) Die Götter jubelten, verloren ihre Angst, schütteten Blumen aus, hüpften und verehrten ihn. Wie neu belebt sagten sie: »Du allein beseitigst das Unheil. Auch jede andere, feuerartig herandrängende Gefahr wirst du vertreiben!«
(133) Ravana staunte im Herzen: »Er hat gesiegt!« Er hatte geglaubt, der entsandte Dreizack kehre niemals zurück, ohne den Gegner zu töten. Als er ihn durch einen einzigen Hum-Laut zerfallen sah, erinnerte er sich an Vibhishanas frühere Worte. (134) »Ist er Shiva? Nein. Brahma ist er nicht. Ist er Vishnu? Auch das scheint nicht zu passen. Er vernichtet alle wahrhaft gewährten Gaben. Ein Asket allein könnte dies nicht vollbringen. Ist er etwa der Urgrund, den die Veden verkünden?« (135) »Wer immer er sei! Ich weiche nicht von meinem eigenen Heldenmut. Heute werde ich den Sieg entscheiden und Ruhm erlangen. Ich gehe ihm gerade entgegen. Selbst wenn er mich tötet, bleibt mein unbesiegbarer Ruhm bestehen.« So stärkte er sich. (136) Er dachte an die siegreiche Waffe Nirritis, des Herrn des Südwestens. Als sie zu ihm kam, ergriff er sie und schoss sie mit seinem Bogen ab, der selbst Yamas Ansehen zerstören konnte. Seine blutroten Augen sprühten Feuer; die Welt erbebte.
(137) Schlangen mit Millionen Hauben und Köpfen erschienen, mit unermesslichen Leibern und Rachen. Selbst Ananta, auf dem der Herr ruht, hätte sich vor ihnen gefürchtet. Gegen sie wäre der Meru gering erschienen. (138) Aus jedem Rachen ergossen sich Giftfluten wie große Meere; ihre Augen regneten Feuer. Lückenlos erfüllten sie den Himmel. Überall ragten weiße Zähne aus ihren geistergleichen Mündern hervor. (139) »Sie werden alles zerbeißen und die weite Erde samt dem Meer austrinken!«, verzagten die Lebewesen. Rauch stieg auf, als hätte der grausame Rakshasa bereits alles vollendet und die ganze Schöpfung zu Staub gemacht. (140) Rama sah, wie die tanzenden Schlangen mit ihren weiten Rachen ganze Berge packten. »Sie sind überall eingedrungen«, erkannte er und entsandte ihnen die unfehlbare Garuda-Waffe entgegen.
(141) Wo die Schlangen auch hingelangt waren, erschienen mächtige Garudavögel. Mit goldenen Schnäbeln, Klauen und uralten starken Flügeln durchzogen sie windesschnell sämtliche Himmelswelten. (142) Die unzähligen Vögel trugen unerschütterliche Feuerflammen in ihren Schnäbeln. Der ganze Himmel sah aus, als habe man Lampen erhoben und riefe: »Jetzt setzen wir die uneinnehmbare Stadt Lanka in Brand!« (143) Ihre Edelsteine glühten wie Feuermassen. Die Vögel rafften die Schlangen mit den Klauen zusammen und verschlangen sie mit den Schnäbeln, so leicht, als zögen sie überall zarte Lotosstängel heraus. (144) Ravanas Herz entbrannte, sein Atem stieß hervor wie aus einem Feuer. Zornig streute er donnergleiche, brennende Pfeile aus, bis auf der weiten Erde und im Himmel kein freier Raum mehr blieb.
(145) Doch Ramas schreckliche Geschosse trafen jede Spitze der gegnerischen Pfeile und ließen sie rasch fallen. Sie schienen die feindlichen Schäfte mit den Federenden voran zurückzutreiben; nicht einmal in Ravanas Brust waren sie noch klar zu unterscheiden. (146) Während beide im offenen Kampf gegeneinanderstanden, zerbrachen Ravanas Zauberkünste und verloren ihre Wirksamkeit – die Künste dessen, der einst Shivas großen Berg gehoben hatte. Ramas Kraft und Heldenmut hingegen wuchsen weiter. (147) Der in den Veden wahrhaft Gegenwärtige, Ursprung selbst der mächtigen Himmelslichter, erkannte eine Blöße. Mit einem einzigen halbmondförmigen Pfeil schlug er eines von Ravanas stolz erhobenen Häuptern ab. (148) Getroffen von Ramas Geschoss, flog der gewaltige Kopf geradewegs ins Meer. Er glich einem Gipfel des Meru, der im Kampf mit heftigem Wind abgebrochen und in den Ozean gestürzt wäre.
(149) Die Götter sprangen vor Freude, stampften, dass Berge zu zerbrechen schienen, und warfen Tücher und Schmuck in die Luft. Sie priesen Rama, sangen, tanzten und hüpften voller Verehrung. (150) Doch sogleich wuchs ein anderer Kopf mit zusammengebissenem Mund nach, wie ein verstorbenes Wesen durch die angesammelten Verdienste wieder geboren wird. Welche Wirkung könnte ohne mächtige Askese so zustande kommen? (151) Als wäre der abgeschlagene Kopf gar nicht abgeschlagen worden, stand im selben Augenblick ein neuer da. Zornig beschimpfte und bedrohte er den herrlichen Rama und brüllte wie eine Gewitterwolke. (152) Auch der ins Meer gesunkene Kopf, groß wie ein ausgerissener Berggipfel, brüllte weiter wie Donner. Seine giftigen Augen funkelten; sein weit geöffneter Mund schien das tosende Meer austrinken zu wollen.
(153) Wütend darüber, dass Rama ihm einen Kopf abgeschlagen hatte, bohrte Ravana vierzehn Pfeile in dessen Schultern. Sein Geschrei erschreckte den Donner selbst. Der Getroffene war jener Urlaut, der allem Leben voransteht. (154) Der ewige Radträger erkannte: »Seine Askese gewährt ihm neue Köpfe, wenn einer fällt.« Darauf schlug er dem Niedrigen auch die Hand ab, die den mondsichelförmig gekrümmten Bogen hielt. (155) Die abgeschlagene Hand hielt den Bogen weiterhin fest. Doch an ihrer Stelle entstand eine neue und griff danach, als hätte nur eine andere Hand übernommen. Wer konnte diesen Wechsel überhaupt wahrnehmen? (156) Um Indras Wagenlenker zu schwächen, packte Ravana den abgetrennten starken Arm, dessen Haare wie Dornen aufragten und dessen Hand den blitzgleichen Bogen noch nicht losgelassen hatte. Mit eigener Kraft hob er ihn als Wurfwaffe.
(157) Der vom diamantenschwerttragenden Rakshasa geschleuderte breite Arm traf Matali an der Brust. Der innerlich starke, sonst unerschütterliche Lenker wankte und spie Blut aus seinem Mund. (158) Auf den durch den baumgroßen Arm Verwundeten schleuderte Ravana einen Tomara, um sein Leben zu vernichten. Er war derselbe, der einst durch lieblichen Gesang aus Shivas Hand das unvergleichliche Schwert erhalten hatte. (159) Der Tomara raste flammensprühend heran, als solle Matalis Leben heute enden. Doch der souveräne Bogenschütze entsandte einen schrecklichen fünfspitzigen Pfeil. Der Tomara zerfiel zu Staub. (160) Unermüdlich entsandte der einzige Herr der Erkenntnis tausend Kriegspfeile, seine rasche Hand meisterhaft führend. Für jeden abgeschlagenen Kopf flogen hundert weitere davon und rollten weit verstreut umher.
(161) Auf jede Wasserwoge, in jedes Land, auf mächtige Berge und in alle Richtungen fielen die vielen Köpfe. Wohin man auch blickte, stürzten sie unter Brüllen herab wie Donnerschläge. (162) Sie schlugen Berge in Stücke und brachten sie zu Fall, stießen hoch am Himmel gegen die Sterne und füllten das Meer mit ihren weiten Mündern, sodass den gewaltigen Makara-Ungeheuern kein Weg mehr blieb. (163) Wenn das lange angesammelte Verdienst erschöpft ist, verlieren dann nicht auch alle anderen Vorzüge ihre Wirkung? Geister, die Ravana einst ehrfürchtig umgaben, gruben nun die Augen aus seinen gefallenen Köpfen. (164) Der starke Krieger warf Schwerter, Speere, Eisenstößel, Donnerkeile, Keulen und todbringende Äxte, die seine Schulter- und Armreihen trugen, mit der Wucht von Donnerschlägen gegen Rama.
(165) Während solche Waffen flogen, überlegte Rama: »Welche Maßnahme bleibt? Wie lässt er sich besiegen?« Dann erhob sich sein Zorn: »Ich werde den ganzen Körper dieses Nachtwandlers mit Pfeilen bedecken!« (166) Auf die wolkenberührende Brust und Schultern, auf die giftglühenden Augen und die Zungen schoss er. Den gesamten Körper des Betrügers machte er zu einem Käfig, der aus dicht gesetzten langen Pfeilen bestand. (167) Pfeile füllten die Münder, verbargen die Augen und drängten sich über die ganze Körperfläche. Kaum konnten sie sich mit rotem Blut benetzen, so rasch durchdrangen sie ihn und erfüllten den Raum bis außerhalb des Weltalls. (168) Der lange Pfeilregen drang durch jede Haarpore und raste hindurch, als zöge er das Leben mit sich fort. Obwohl Hass und Zorn noch blieben, wich Ravanas Kraft; Müdigkeit trat hervor, er schwankte und sank erschöpft zusammen.
(169) Blut floss wie Wasser aus einer Quelle, das selbst die Makara-Ungeheuer erreichte. Sein Bewusstsein schwankte. Er saß kraftlos auf dem Wagen – derselbe, der einst triumphierend selbst über die Städte der Götter gefahren war. (170) Die Götter erhoben sich jubelnd und tanzten; das böse Karma schwitzte, litt und fiel zu Boden. Ravanas Lenker erkannte: »Seine Kampfkraft ist erschöpft.« Er wendete den goldenen Wagen und zog ihn zurück. (171) Ravanas Waffen waren seinen Händen entglitten, sein Bewusstsein hatte den großen Leib verlassen. Als er so zusammensank, hörte Rama auf zu schießen. Der zur Rettung der Götter Entschlossene bedachte den Dharma. (172) Matali drängte: »Wenn er sich erholt, wird es schwer, noch etwas auszurichten. Vernichte sein Leben jetzt, solange er verwundet ist!« Der löwengleiche Krieger antwortete darauf:
(173) »Er hat die Waffen verloren und liegt bewusstlos da. Wäre es gut, seine Not auszunutzen, das Recht des Kampfes zu verlassen und ihn zu töten? Ein solcher Kampf überschritte nach meinem Urteil seine rechte Grenze.« (174) Während der Lenker mit dem goldenen, bannertragenden Wagen zurückwich, als fliehe er vor Angst, kam Ravana wieder zu sich. Wer hätte sich da nicht gefürchtet? Selbst die mächtigen Götter erschraken erneut. (175) Wie aus dem Schlaf erwacht, erlangte der grausame Betrüger sein Bewusstsein zurück. Er sah Rama mit dessen himmlischem Wagen nicht mehr vor sich. Mit zornflammendem Blick schaute er umher und schließlich nach hinten. (176) »Du hast den Wagen vor den Augen der Götter gewendet! Du hast dem heldenhaften Bogenschützen Rama Anlass zu höhnischem Lachen gegeben. Du hast gefehlt!«, schalt er den Wagenlenker.
(177) »Betrüger! Weil ich dich für zuverlässig hielt, lebtest du in großem Wohlstand. Nun hast du mich als Feigling erscheinen lassen. Glaubst du, du wirst damit lebend davonkommen?« Wütend erhob er sich. (178) Als Ravana nach dem Schwert blickte und es hob, trat der Lenker vor seine Füße und senkte den Kopf. »Lass deinen Zorn, der dem letzten Weltbrand gleicht, und bedenke mein Vorgehen«, bat er. (179) »Deine Kraft und Entschlossenheit waren erschöpft. Wärst du auch nur einen Augenblick dort geblieben, Herr, wäre dein Leben in diesem Moment verloren gewesen. Um dieses Unheil abzuwenden, kehrte ich um. Das ist tatsächlich meine Aufgabe.« (180) »Ein Lenker muss Ermüdung und Kraft erkennen und verhüten, dass das Leben seines Herrn erlischt. Wenn der Tod gewiss heranrückt, muss er handeln. Dafür mit dem Schwert zu strafen wäre nicht recht. Bedenke das Ergebnis!«
(181) Ravana hörte die Bitte, überlegte und ließ sich erweichen. »Wende den siegreichen großen Wagen zurück!«, befahl er. Der Wagen fuhr wieder dem Gegner entgegen, und Ravana stand erneut vor Rama. (182) Er streute Millionen über Millionen todgleicher Pfeile aus und zeigte dreifach gesteigerte Kraft. So heiß kämpfte er, als wäre ein ganz anderer Rakshasa erschienen. Die Zuschauer erschraken. (183) Rama dachte: »Wo Glut ist, ist auch Feuer, sagt man. Ebenso ist dieser schwer zu besiegen, solange seine Arme einen Bogen halten.« Darauf entsandte er einen Pfeil, als habe dieser den Donner selbst verschlungen. (184) Der Herr sandte Narayanas Waffe aus. Sie zerteilte Ravanas langen, furchtbaren Bogen – den Bogen dessen, der die verschiedenen Elefanten bezwungen hatte, welche die Erdgöttin tragen.
(185) Als der von Brahma geschaffene Bogen unter der mächtigen Waffe des tausendnamigen Herrn zerbrach, sprangen die Götter immer höher vor Freude. »Unsere vielfache Askese hat ihre Frucht gebracht!«, riefen sie. (186) Ravana nahm einen anderen verzierten Bogen nach dem nächsten auf, insgesamt tausendsechshundert. Rama zerschoss jeden davon immer wieder mit schrecklichen Pfeilen und ließ die Bruchstücke nach allen Richtungen fliegen. (187) Derjenige, an dessen Brust die Stoßzähne der Richtungselefanten zerbrochen waren, schleuderte nun Eisenstößel, lange Keulen, Speere, Lanzen, Schwerter und feuerverzehrende Wurfwaffen aus. Seine prächtige Macht wurde dabei erschüttert. (188) Rama zerschnitt alles und häufte sämtliche Waffen im weiten Meer auf. Der von jedem Makel Freie überlegte aufmerksam: »All dies wird ihn noch nicht bezwingen.« Er suchte nach dem entscheidenden Mittel.
(189) »Mehr Pfeile als feine Sandkörner sind durch seine Augäpfel gedrungen. Die durch seine Wunden geflogenen Geschosse übersteigen die feinste Berechnung der Verständigen. Was bleibt jetzt zu tun?«, dachte er. (190) »Ich werde die mächtige Waffe Brahmas nehmen, der aus Narayanas heiligem Nabel entstand, und sie in die Brust dieses Übeltäters schießen.« So entschloss sich der Edle, Ravanas Leben zu beenden. (191) Er nahm die Waffe des ursprünglichen Brahman, der zuerst erschien und die Welt hervorbrachte, und verehrte sie. Der Schöne legte sie auf die Bogensehne und zog diese bis zu seiner mandaragleichen Schulter zurück. (192) Mit jener Macht, die einst die drei Städte verbrannt, die goldenen Palmbäume durchbohrt und Vali getötet hatte, entsandte der Sohn des Sonnengeschlechts den strahlenden Pfeil. Seine scharfe Spitze sollte nun Ravanas Brust verbrennen.
(193) Mit Brahmas ursprünglichem Mantra verbunden, nahm das scharf zugespitzte Geschoss vier mächtige Gesichter an. Es flog mit einer Kraft, deren Grenze selbst Wind, heftiges Feuer und Vishnus Macht nicht erfassen konnten. (194) Sein Licht drang weit über das Ringgebirge hinaus bis in die äußersten großen Meere. Gegen seinen schrecklichen Glanz erschien die Sonne des Weltendes wie ein Leuchtkäfer; dichtes Dunkel wich vor ihm zurück. (195) In diesem Augenblick vereinte sich Brahmas Waffe mit dem göttlichen Rad des Herrn und drang in die Brust des Grausamen. Erde, sämtliche Richtungen und Himmel gerieten ins Wirbeln. (196) Ramas heiliger Pfeil verzehrte Ravanas Lebensspanne von drei Koti, seine mühsam erworbene große Askese, Brahmas Gabe der Unbesiegbarkeit und die Schulterkraft, mit der er alle Welten und Richtungen bezwungen hatte. Er durchdrang seine Brust, trank sein Leben und trat wieder heraus.
(197) Von den Segensrufen und Blütenregen der Götter, Brahmanen und Weisen begleitet, flog der Pfeil zum Milchozean und badete in dessen reinem Wasser. Über das große Blutmeer Ravanas kehrte er zurück und verschwand im Köcher des dunklen, berggleichen Herrn. (198) Schmuck und Edelsteine brachen von Ravanas Schulterwald und seinen girlandenumwundenen Bergleibern ab wie Donner aus dunklen Wolken. Aus den kämpferischen Augen quollen Blut, Funken und Rauch. Kopfvoran stürzte er vom Wagen auf die Erde, gewaltig wie ein Berggipfel. (199) Sein löwengleicher Zorn legte sich, sein Geist kam zur Ruhe, seine Täuschungen erloschen. Die mächtigen Arme wurden still, Verblendung und Kraft vergingen. Die toten Gesichter des Rechtsbrechers leuchteten dreimal schöner als damals, als er selbstbeherrschte Weise zur Unterwerfung gezwungen hatte. (200) »Lenke den goldenen Wagen jetzt zur Erde«, befahl Rama. Matali gehorchte sofort. Der den Dharma mehrende Lotosäugige betrachtete aufmerksam und mit Anteilnahme den ganzen Körper des Gefallenen, dessen Blutfontänen noch den Himmel zu durchmessen schienen.
(201) »Fahre mit dem Wagen zurück in den Himmel«, sagte er zu Matali. Dann trat er mit Lakshmana und den Heerführern näher. Er betrachtete Ravanas ganzen Leib und würdigte innerlich den Ruhm dieses Kriegers, der im Kampf keinem Gegner den Rücken gekehrt hatte. (202) Wie niedrig ist doch die Macht des Reichtums, der ohne Unterschied auch zum Unwürdigen geht! Ist seine Beständigkeit nicht bloß eine Zeichnung auf Wasser? Unzählige Affen sprangen auf Ravanas Köpfe, Schultern und breiten Rücken und spielten darauf wie auf einem Berg. (203) Rama sah auf dem breiten Rücken, den Girlanden und bienenumschwärmte Schmuckketten bedeckten, die Spuren der Richtungselefanten. Abgebrochene Stoßzähne ragten an langen Narben hervor wie makellose Mondsicheln zwischen aufsteigenden Wolkenscharen. (204) Der Zorn, den Sitas Entführung geweckt hatte, war mit dem stolzen Gegner dahingesunken. Der Lotosäugige sah die tief eingegrabenen, deutlich hervortretenden Narben am Rücken, lächelte leicht und begann zu sprechen.
(205) »Ich könnte meine Schultern stolz betrachten: Der wahrhaftige Bezwinger der drei Welten ist gefallen. Doch dieser Ruhm wird geschmälert durch die tiefen Rückennarben. Sie scheinen von einem Kampf zu zeugen, in dem er zurückgewichen ist.« (206) »Schon die Erzählung, Kartavirya habe ihn gefesselt, ließ mich an seiner Größe zweifeln. Nun sehe ich auch noch Narben, die wie Wunden aus einer Flucht wirken. Was hilft daneben die Geschichte, dass er Shivas Wohnberg anhob?« (207) Zu Vibhishana sagte er: »Du mit geschmückter Brust, wer bleibenden Ruhm nach dem Tod nicht sucht, sondern nur am Weiterleben hängt, überlässt seinen Ruf dem Spott der Feinde. Auch ein Sieg über Krieger, die den Rücken kehren, ist wertlos.« (208) Vibhishana hörte ihn mit tränenströmenden Augen, heißem Atem, tiefem Schluchzen und brennendem Herzen. Mühsam seine Lebenskraft sammelnd, sagte er voller Schmerz: »Herr, sprich nichts, das dem wahren Sachverhalt nicht entspricht!«
(209) »Selbst Kartavirya mit den tausend Armen und Vali errangen ihren Sieg nur mühsam; göttliche Flüche waren die Ursache. Das ist wahr. Wer sonst hätte ihn bezwungen außer seinem krankhaften Begehren nach Sita, die noch ehrwürdiger als eine Mutter ist, und deinem Zorn?« (210) »Er durchzog alle Länder und fand keinen Gegner. Da stieß er gegen die berggleichen Elefanten an den Grenzen der Richtungen. Ihre Stoßzähne drangen vollständig in ihn ein; daher stammen die tiefen Wundspuren am Rücken. Was hätten gewöhnliche feindliche Waffen ihm antun können?« (211) »Die abgebrochenen Stoßzähne steckten wie Schmuck in seiner Brust. Als im früheren Kampf die Heldentrommeln dröhnten, wurden sie durch die Wucht deiner diamantfesten Pfeile und durch den heißen Faustschlag des Windsohnes nach hinten durch den Rücken getrieben.« (212) »Andere Narben sind es nicht. Selbst wenn heftiges Gift Shiva verschlänge und alle Giftschlangen Garuda angriffen: Die mächtigen feindlichen Waffen innerhalb und außerhalb dieses Weltalls hätten Ravana dennoch nicht unerschrocken erreichen können.«
(213) »Siegreicher, braucht es mehr? Selbst der Höchste, der als Eber die meerumgebene Erde auf dem Hauer trug, und all die anderen fragten: ›Wann endet unsere Not?‹ Obwohl man ihnen sagt, du habest ihn getötet, zeigen sie sich noch nicht und fragen: ›Ist es wirklich wahr?‹« (214) »Ist es so?«, sagte Rama. Zweifel und Beschämung wichen, und er betrachtete seine eigenen Schultern. »Vibhishana, Feindschaft gegen einen Toten ziemt sich nicht. Was sollte sie noch bedeuten? Entschließe dich, ihm die vorgeschriebenen letzten Pflichten zu erweisen.« (215) Nachdem er dies gütig gesagt hatte, ging Rama den Göttern aller Welten entgegen, die von ihrer Bedrängnis befreit lärmend herbeikamen und sich vor ihm niederwarfen. Vibhishana aber tat das Folgende. (216) Der Herr hatte aus tiefem Erbarmen gesagt: »Die Last der niedrigen Taten dieses Rakshasas ist nun zerbrochen. Du lebst; ordne für ihn die gebührenden Riten.« Da stürzte Vibhishana auf Ravanas Leib, wie ein Berg auf einen gefallenen Berg sinkt.
(217) Alle Lebewesen, die zuvor innerlich brennenden Götter und die Weisen wurden von Mitleid erfüllt. Vibhishana, sonst von unerschöpflicher Geduld, ließ nun die Liebe und Trauer, die seine Vernunft zurückgehalten hatte, in lautem Wehklagen ausströmen. (218) »Gewöhnliches Gift tötet nur, wenn man es trinkt. Das große Gift namens Janakas Tochter hat dir schon durch deinen Blick das Leben genommen! Auch du bist gefallen. Wirst du jetzt meine wohlbedachten Worte erwägen? Bruder von unermesslicher Kraft, Untergang der Asuras, Tod der Götter!« (219) »Ich sagte: ›Lass die Begierde nach einer Frau, deren ganzes Leben einem anderen gehört; solches Verlangen ist Schande!‹ Ist dein Zorn auf mich jetzt abgekühlt? Ist endlich die maßlose Leidenschaft vergangen, die selbst nach dem Untergang unseres ganzen kämpfenden Geschlechts noch wuchs?« (220) »Bergschultriger, ich sagte: ›Sie ist jene Vedavati, die einst ins Feuer ging, eine Mutter der Welt!‹ Du nahmst es nicht zu Herzen. Selbst als dein ganzes Geschlecht im Kampf fiel, suchtest du keine Versöhnung. Bist du gestorben, nachdem du Ramas Schulterkraft nun selbst erkannt hast?«
(221) »Die vielen Gaben Brahmas und Shivas sind mit deinen Kronen zu Staub zerfallen. Damals hast du es nicht begriffen. Doch jetzt, da du in den Himmel eingehst, hast du wohl erkannt, dass Rama der Herr aller ist!« (222) »Bist du in die Heldenwelt eingegangen, in das Reich deines großen Ahnen Brahma oder in die Stadt des mondgeschmückten Shiva? Wer wagte es, dein Leben fortzunehmen? Doch sage: Hat der Liebesgott seine Gewalt über dich aufgegeben? Ist der Mond dir endlich kühl geworden?« (223) »Ist nun der Hass jener grausamen Sünderin gestillt, die die Lippen zerbiss, weil du ihren Mann getötet hattest? Bruder, Gute und Böse, Höllen- und Himmelsbewohner waren uns feind. Wem kannst du jetzt noch ins Gesicht sehen? Wie hilflos bist du geworden!« (224) »Deine Arme hatten Schlacht, Kunst und Ruhm umfangen, doch du begehrtest mehr: die Frau der Schönheit und des Glücks, deren göttliche Treue selbst Götter kaum begreifen. Dafür gabst du Leben hin und nahmst Schande an, Tor! Umarmst du nun mit deiner stoßzahnbrechenden Brust nur noch die Erdgöttin?«
(225) Jambavan hob den klagenden Vibhishana auf: »Du mit berggleichen Schultern, sollte deine Einsicht die Ordnung des Schicksals missachten? Warum quälst du dich ohne Trost?« Da fasste er sich. Unterdessen erfuhr Mandodari, Mayas großäugige Tochter, vom Zustand ihres Mannes. (226) Sie kam, begleitet von unzähligen Hunderttausenden Rakshasafrauen, die ihr blumengeschmücktes Haar gelöst hatten und laut wehklagten. Ihr Herz war so überwältigt, dass weder klares Denken noch Vergessen in ihm möglich war. (227) Das offene Wehgeschrei der Rakshasafrauen breitete sich immer weiter aus, wie sich die Schande eines Mannes verbreitet, der aus einem guten, durch Erbarmen und Dharma lebenserhaltenden Geschlecht stammt und dennoch Unehre auf sich lädt. (228) Einige kamen durch jedes Stadttor heraus; ihre Fußringe klagten und ihre Schellen schienen zu weinen. Andere verließen die Stadt durch die Luft und riefen: »Ach, Indras Feindschaft ist nun an ihr Ende gekommen!«
(229) Andere Frauen erschienen am Himmel wie große Regenwolken: Ihr Rufen war der Donner, ihre Schönheit der Blitz, ihr strahlender Schmuck der Regenbogen und die Tränen aus ihren rehgleichen Augen der niederströmende Regen. (230) Mit über dem Kopf erhobenen Händen, mit tränenbenetzten Gesichtern über der Brust drängten sie heran. Sie fielen auf seine berggleichen Schultern wie Schwäne auf die Wogen des Meeres und verloren sich im Schmerz. (231) Sie umarmten immer wieder seine Köpfe, Füße, hohen Schultern und Brust. Ringsum drängten sie sich, jede an einem anderen Teil seines Leibes. Abwechselnd weinten und erschöpften sich die Rakshasafrauen. (232) Bisher kannten sie als Kummer nur den Liebesstreit; ihr tägliches Leben war Vereinigung gewesen. Nun fielen sie übereinander auf seine gipfelgleichen Schultern und umschlangen ihn mit all ihrer Lebenskraft, als gäbe es darin noch Trost.
(233) Yakshafrauen, Rakshasafrauen, Schlangenfrauen, klare Siddhafrauen und Vidyadharafrauen umarmten ihn ohne Rücksicht auf frühere Rang- und Liebesordnungen. Ihre unverminderte Liebe ließ alle Zuschauer vor Mitgefühl erschlaffen. (234) »Hast du Sita, die du unter Missachtung des Dharma in deinem Herzen eingeschlossen hast, noch immer nicht vergessen? Für uns öffnest du deinen Blütenmund nicht, blickst nicht auf, zeigst kein Erbarmen. Bist du gestorben?«, klagten sie. (235) Wie ein Blitz in das Wogenmeer fällt, sank Mayas Tochter auf den mächtigen Leib ihres Mannes. Sie öffnete den Mund und klagte so, dass selbst Bäume und Berge hätten schmelzen können. (236) »Ach Mutter, ach! Was ist mir Unglücklicher widerfahren? Soll ich erst nach dem Rakshasakönig sterben? Nicht einmal mein früherer Wunsch wurde mir erfüllt! Sind das seine Kronen dort vorn? Sind dies die Gesichter auf der Erde? Wehe, soll so Ravanas Ende aussehen?«
(237) »Sein heiliger Leib hob einst den Berg Shivas mit dem weißen Erukku im Haar. Nun ist oben und unten kein sesamkorngroßer Raum unversehrt. Suchten die Pfeile den Sitz seines Lebens? Oder suchten sie in seinem Inneren die verborgene Liebe zur blumenhaarigen Sita, die er im Herzensgefängnis hielt?« (238) »Die Pfeile eines einzigen Bogens öffneten seine geschmückte Brust wie weite Höhlen und flogen über diese Welt hinaus. Er verlor Heldenkraft, Stärke und Gnadengaben und fiel besiegt! Ich bin verloren. Hat ein einziger Pfeil Ravanas Leben getrunken? Ist das die Kraft eines Menschen?« (239) »Sitas große Schönheit und ihre Treue, Ravanas Leidenschaft, Shurpanakhas verlorene Nase und Ramas asketischer Waldaufenthalt auf Dasharathas Befehl: Alles wurde zuletzt zur Frucht von Indras großer Askese!« (240) »Ich war sicher: Wann könnte der sterben, der stärker ist als Götter, Richtungselefanten, Shiva, Brahma und Vishnu? Hätte ich je gedacht, es gebe einen Menschen, der mächtiger wäre als das Meer deiner schwer errungenen Askese und der Schutz deiner Gnadengaben?«
(241) »Deine drei Koti Lebenszeit, deine selbst für große Weise unermessliche Kraft und deine grenzenlose Schulterstärke schienen gesichert. Ich sah nur die Größe deiner Askesefrucht. Wie hätte ich ahnen können, dass ein wenig Säure namens Sita den Milchozean deiner Gnadengaben zum Gerinnen brächte?« (242) »Wer kann die Natur der Welt verstehen? Der Held, vor dem alle vierzehn Welten zitterten, hat seinen Leib verlassen und ist in den Himmel gegangen. Ein Mensch hat das einzige Ziel zerstört, das der Liebesgott mit Zuckerrohrbogen, Bienensehne und Blumenpfeilen täglich verwundete!« (243) »Ich halte Rama für Narayana, den unerschöpflichen Nektar, der auf dem wogenden Meer ruht. Ohne das zu bedenken, hast du die Gemahlin des Höchsten geraubt. Siehst du nicht, was dadurch deiner weiten Brust widerfahren ist?« (244) So rief sie, richtete sich unter Seufzen auf und umarmte mit ihren zarten Armen seine goldgeschmückte, schwer bezwingbare Brust. Allein an ihm festhaltend, rief sie nochmals, hauchte aus und verlor ihr Leben.
(245) Die Himmelsfrauen, Vidyadharafrauen und Frauen der übrigen Bereiche priesen sie. Auch die asketisch lebenden und die durch seltene eheliche Treue ausgezeichneten Frauen ehrten Mandodari. (246) Danach rief Vibhishana das heilige Feuer an und ordnete für seinen schönen älteren Bruder die in den Veden vorgeschriebenen Bestattungsriten. Mit schmerzendem Herzen und gefalteten Händen legte er ihn auf die vorbereitete Bahre. (247) Agarholz und Sandelholz wurden als Brennmaterial aufgeschichtet; darüber bereitete man alles würdig vor. Muscheln erklangen ringsum so gewaltig, dass ihr Schall sämtliche anderen Geräusche übertönte. (248) Weiße königliche Schirme und Banner standen dicht beieinander. Angehörige und Frauen folgten und umgaben den Zug. Vibhishana vollzog die Bestattung in Übereinstimmung mit den vorgeschriebenen Regeln.
(249) Nachdem er alle Pflichten erfüllt hatte, übergab er Ravana gemeinsam mit Mayas Tochter, die ihrem Mann im Tod gefolgt war, als Opfer dem heißen Feuer. Aus seinen Augen strömte mehr Wasser als aus dem rituellen Krug. (250) Auch für die übrigen Gefallenen ordnete er die gebührenden Riten, ließ Feuer anlegen und spendete das Totenwasser. »Für niemanden gibt es eine andere Zuflucht als ihn«, dachte er und ging zu den klingenden Füßen des siegreichen Rama. (251) Als der Gefährte kam und sich verneigte, tröstete der Freigebige ihn: »Klarblickender, lass den brennenden Kummer deines Herzens fahren. Dies ist die Ordnung, die seit jeher alle trifft.« So nahm er ihm die Last des grenzenlosen Leids.
6.37 – Befreiung und Heimkehr
(1) »Trauere nicht, du durch Hören und Lernen bewanderter Kenner des Rechts und der Ordnung Manus«, sagte Rama zu Vibhishana, der durch die Frucht großer Askese zu ihm gelangt war. Dann wandte er sich an seinen jüngeren Bruder. (2) »Gehe mit Sugriva, dem Sohn der Sonne, mit dem Windsohn und den tadellosen Affenhelden. Kröne diesen Rechtschaffenen nach der Ordnung jener Lehre, die der ursprüngliche Herr verkündet hat.« (3) Als der siegreiche Held seinem Bruder und allen Begleitern den Auftrag erteilt hatte, gingen auch die anwesenden Götter mit den Hütern der großen Richtungen daran, ihre jeweiligen Aufgaben zu erfüllen. (4) Die unbesiegt gebliebenen Götter brachten Wasser aus dem umgebenden Meer und vielen heiligen Gewässern, die hohe Königskrone, weitere Insignien und einen festen, von Löwen getragenen Thron.
(5) Auf Geheiß des duftenden Lotosgeborenen errichtete Vishvakarman mit Gold und großen Schätzen eine strahlende Edelsteinhalle. Shiva, der die Ganga trägt, und die übrigen Götter bewunderten und priesen sie. (6) Nach den wahrhaftigen vedischen Vorschriften vollzogen die Himmlischen die heilige Salbung mit dem reichlich herbeigebrachten Wasser. Auf den Befehl seines Herrn setzte Lakshmana, der junge Löwe, Vibhishana eigenhändig die Krone auf. (7) Wie ein dunkler Berg, der die Sonne als Krone trägt und auf einem glühenden Edelsteinsitz ruht, glänzte der neue Herr Lankas auf dem hohen Löwenthron. Seine Angehörigen erhoben sich jubelnd. (8) Die Götter streuten Blumenregen, die Siddhas duftende Blüten aus großer Zuneigung. Die drei höchsten Herren, die Weisen und alle anderen ließen aus ihren Mündern Segensworte wie duftende Blumen niedergehen.
(9) Der gekrönte Rakshasakönig verneigte sich zu Lakshmanas Füßen und erwies dem liebevollen Prinzen höchste Ehren. Dann sprach der Donnerstimmige zu ihm: (10) »Du mit Schultern, vor denen Berge sich schämen müssten: Beschütze die große Stadt Lanka unerschütterlich, bis ich zurückkehre.« Darauf ging er zu den Füßen des girlandengeschmückten Rama. (11) Als der Affenkönig und der junge löwengleiche Prinz zusammen mit dem Rakshasakönig vor ihm niederfielen, umarmte Rama denjenigen, der bei ihm Zuflucht gesucht hatte. Der Herr mit der glückverheißenden Brust sprach: (12) »Du von grenzenloser Rechtschaffenheit, regiere so, dass die drei Welten deine legitime Herrschaft verehren. Weiche nicht vom hohen Recht der Götter und vom Dharma. Deine Königsmacht möge dieser und der kommenden Welt zum Guten dienen.«
(13) Er erläuterte ihm viele Regeln guter Herrschaft und segnete ihn: »Lebe mit allen, die bei dir Schutz suchen, in bleibendem hohem Ruhm!« Dann wandte sich derjenige, der einst dem Wort seiner Mutter gefolgt war, an den mächtigen Hanuman. (14) Während dies hier geschah, dachte Rama an die Lage auf der anderen Seite. Er sagte zu Hanuman: »Gehe zu jener kostbaren, pfauengleichen Frau mit korallenrotem Mund und berichte ihr alles so, wie es geschehen ist.« (15) Hanuman von grenzenloser Kraft verneigte sich und ging in den duftenden Hain, wo die lotosgleiche Göttin weilte. Seine Worte waren für die leidende Frau wie lebenspendendes Wasser für einen vertrockneten Zweig. (16) Er sang die heiligen Namen, vollführte wiederholt freudige Tanzschritte und bewegte sich ausgelassen. Dann stand der Bergschultrige mit beiden ehrfürchtig über dem Kopf zusammengelegten Händen vor ihr.
(17) »Heil dir, edle Frau! Heil dir, Geschmückte! Es lebe das Glück, glückverheißendes Heil! Der edle Kampfelefant Rama hat den ozeangleichen Rakshasa niedergetreten. Heil und Segen!« (18) »Seine Köpfe liegen da wie Berge, welche die Erde tragen. Seine edelsteingeschmückten Schultern liegen wie Wellen ausgestreckt. Sein gewaltiger Körper liegt auf dem Boden, als hätte sich der ganze Ozean dort niedergelassen.« (19) »Durch die Liebe zu unserem Herrn und auf dessen Befehl blieb Vibhishana verschont, dem jeder grausame Blick fehlt. Abgesehen von den Frauen lässt sich sonst niemand aus jener feindlichen Schar als Überlebender nennen.« (20) Sita blühte auf wie die schmale weiße Mondsichel, die von Tag zu Tag ihre Gestalt vergrößert. Es war, als sei der Tag zurückgekehrt, an dem sie selbst als Nektar aus dem Nektarmeer hervorgegangen war.
(21) Ihr wasserliliengleicher Mund und ihr Gesicht erblühten. Die schmale Taille schmerzte unter der wieder auflebenden Fülle ihres Körpers. Die ersehnte Freude wurde doppelt groß; sie glich dem kühlen Mond, den die verschlingende Schlange freigegeben hat. (22) Was erhob sich zuerst? Der überschwängliche Jubel ihres Geistes, die glänzend bereiften Schultern, die wieder volle Hüftpartie unter dem gleitenden Gewand oder die sich vor Freude hebende Brust? (23) Ihre schönen Brauen bogen sich, feine Schweißtropfen erschienen auf der Brust. Ihre zarte, liebliche Rede geriet durcheinander: Sie dachte das eine und sagte etwas anderes. Könnte selbst Wein eine solche reife, süße Trunkenheit der Freude erzeugen? (24) So blickte sie Hanuman an. Lange wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Die Frau, deren reiner Geist jeden Makel vom großen Haus ihres Geschlechts tilgte, blieb sprachlos vor ihm.
(25) Der kundige Gerechte fragte: »Warum sagst du nichts dazu? Überwältigt dich die allzu große Freude? Oder fürchtest du, die Botschaft könne falsch sein?« Darauf antwortete sie. (26) »Die grenzenlos angeschwollene Freude hat mich überwältigt. Immer wieder überlege ich: Was könnte ich dazu sagen? Doch es fällt mir schwer, und ich leide an meiner Sprachlosigkeit. Kann großes Glück einen Menschen so verwirren?« (27) »Früher versprachst du: ›Ich werde dich aus der bedrängenden Gefangenschaft befreien.‹ Nun hast du sie aufgehoben und mir die Freude verkündet. Ich überlegte, welche Gabe ich dir geben könnte, und vergaß darüber jedes Wort.« (28) »Ich dachte daran, dir die drei Welten zu schenken. Doch sie wären kein angemessener Gegenwert; außerdem sind sie vergänglich. Du bist würdig, dass ich mein Haupt vor dir verneige!«
(29) »Darum kann ich dir keine passende Gegenleistung geben und saß nur da, überlegend, was ich tun sollte. Bote, rein wie ein geläuterter kostbarer Edelstein der Veden: Sage mir, was kann ich jetzt für dich tun?« (30) Hanuman antwortete: »Meine Herrin, du wie ein großer Pfau im freudigen Hain: Welcher Segen von dir könnte größer sein als die Aufgabe, deine Herzensfreude herbeizuführen und dich wieder mit deinem Herrn zu vereinen?« (31) Dann sagte er: »Doch eines wünsche ich: Trijata, unsere mütterliche Beschützerin mit dem innerlich leuchtenden herrlichen Gesicht, nehme ich aus. Die übrigen Rakshasafrauen möchte ich für ihre Taten verbrennen.« (32) »Sie haben dich mit unsäglichen Worten beleidigt, bedrängt und sind drohend herangelaufen: ›Wir verschlingen dich!‹ Ihre berggleichen Körper werde ich mit meinen scharfen Nägeln aufreißen und Yama als Nahrung geben.«
(33) »Ich werde ihre Eingeweide zerreißen, ihr Blut trinken, ihre Körper zermalmen und verschlingen!« Als sie dies hörten, riefen die Rakshasafrauen: »Mutter, wir lassen deine Füße nicht los. Sie sind unsere wahre Zuflucht!« (34) Sita sagte: »Fürchtet euch nicht, fürchtet euch nicht!« Dann wandte sie sich an Hanuman: »Reiner, welches eigene Unrecht haben sie denn getan, außer dem Wort ihres Herrn zu folgen?« (35) »Dieses Leid kam durch die Wirkung meiner eigenen früheren Taten zu mir. Du, der du liebevoller als eine Mutter bist: Sind sie denn grausamer als die Bucklige? Verständiger, halte das Vergangene nicht weiter fest!« (36) »Gewähre mir diesen Segen: Füge diesen unglücklichen Frauen, die zum Wohnort böser Taten geworden sind, kein Herzensleid zu!« So sprach diejenige, deren Gesicht selbst den großen Mond beschämte.
(37) Hanuman verneigte sich: »Die große Gemahlin unseres Herrn ist das Erbarmen selbst.« Während er so dastand, sagte Rama zu Vibhishana: »Gehe und bringe unsere Königin in gebührender Würde her!« (38) Vibhishana, dessen Erscheinung Dunkelheit, Sonnenlicht und Wolkenblitz vereinte, kam zu ihr. Er senkte sein gekröntes Haupt zu ihren goldenen, zart wie junge Triebe wirkenden Füßen; sie bat ihn, sie rasch zu ihrem Herrn zu führen. (39) »Das Ersehnte ist vollbracht«, sagte er. »Der Herr der Vedakundigen wünscht dich zu sehen; auch die Götter sind dazu gekommen. Er befahl, deinen Kummer zu lindern, dich würdig zu schmücken und herzuführen. Erhebe dich gnädig, Herrin!« (40) Sita antwortete: »Die Götterscharen, unser Herr, die versammelten Weisen und die Frauen von himmelhoher Treue sollten sehen, wie ich hier gelebt habe. Darin liegt Würde. Mich jetzt besonders herauszuputzen wäre nicht angemessen, Held.«
(41) Der Rakshasakönig erwiderte: »Doch gerade dies ist die Absicht des Befehls unseres Herrn mit den dunkelberggleichen Schultern.« »Gut«, stimmte Sita zu, königlichen Schmuck anzulegen. Tilottama und die anderen Himmelsfrauen kamen herbei. (42) Menaka, Rambha, Urvashi und sämtliche übrigen Himmelsfrauen traten zu der Frau, die lange auf Speise verzichtet hatte. Sie brachten makellose Mischungen aus duftenden Ölen und wohlriechenden Stoffen für das Bad. (43) Rambha löste behutsam mit ihren Fingern Sitas verfilztes Haar. Sie ordnete es wie ein Weiser die hohen Veden: das Haar jener Grundlage aller Weiblichkeit, Zierde der Treue, Maßstab der Schönheit, Nektar aus dem Nektar und Mutter des Dharma. (44) Sie reinigten die Perlenreihen ihrer Zähne im korallenroten, nektarsüßen Mund und trugen Düfte auf. Wie man einen mit Erde bedeckten Edelstein säubert, badeten sie Sita nach vorgeschriebenem Ritus, begleitet von glückverheißenden Vedagesängen.
(45) Sie salbten sie mit duftenden Mischungen, als tränke eine dunkelleuchtende Korallenranke Milchschaum, und trugen Kumkuma auf ihre Brust. Ein makelloses, dunkles Gewand und einen passenden Hüftgürtel legten sie ihrer glückverheißenden Gestalt an. (46) Mit zartem Perlenschmuck wie dem der Mondgemahlinnen, würdig auch Indras Königin, schmückten sie sie. Sie reichten süßes Betel für ihren korallenroten Mund, vollzogen mit mantrageweihtem Wasser den glückverheißenden Umlauf und legten Schutzzeichen an. (47) Sie setzten Sita in ein Himmelsfahrzeug, wo sie wie das Reh im Kreis des Mondes erschien. Himmelsfrauen begleiteten sie; Affenscharen und bewaffnete Rakshasas eilten außen ringsum. Vibhishana führte sie voller Fürsorge zum Herrn der Götter. (48) Götter, Weise und ihre Frauen sowie korallenlippige Vidyadharafrauen strömten herbei. Aus den drei Welten versammelten sich unzählige Wesen, dicht an dicht, und sprachen ihre Freude aus.
(49) Sie drängten sich um die Zierde edler Treue, bis seitlich, vorn und hinten kein Durchgang mehr blieb. Als die Rakshasawachen sie zurückstießen, erhob sich ein Lärm wie das Brüllen des dunklen Meeres. (50) Rama blickte mit seinem hellen, lotosgleichen Gesicht zornig auf. »Was ist das für ein Geschrei?«, fragte er. Die untadeligen Weisen erklärten ihm den Vorgang. (51) Noch bevor sie ganz zu Ende gesprochen hatten, zuckten seine Lippen. Er blickte Vibhishana streng an: »Du, der heilige Schriften gelernt und verstanden hat, handelst du so unangemessen?« (52) »Die Götter der großen Richtungen und alle hier Anwesenden kamen, um das gewaltige Schlachtfeld zu sehen. Wer hat befohlen, diejenigen zurückzuweisen, die sich voller Freude nähern? Du bist doch ein Kenner wohlbedachter Lehren!«
(53) »Auch Shiva mit der Axt, Vishnu mit dem Rad und der Lotosgeborene haben königliche Gemahlinnen. Würden sie die zahllosen Götter und anderen Wesen abweisen, wenn diese zusammenkämen, um sie zu sehen? Was soll dann erst für andere gelten, Held?« (54) »Darum, Rakshasakönig, ziemt es dir nicht, diese friedlichen Menschen jetzt aufzuhalten.« Als der rotäugige Herr der Veden so sprach, atmete Vibhishana heiß auf. Der Mann mit reinem Wesen geriet in Bedrängnis; Geist und Körper zitterten. (55) Die Arundhati gleiche Sita näherte sich dem Schlachtfeld. Sie sah freudig den festlichen Anblick des Bogenschützen, dessen Sieg Falken, Adlern und Geistern den Hunger gestillt hatte. Ihre großen dunklen Augen und ihr Herz jubelten, und sie sprach: (56) »Der Affenheld hat mir Tugend gezeigt, die Heldengestalt meines Mannes wieder gezeigt, mein Geschlecht und die ganze Welt zurückgegeben. Möge die Kraft meiner Treue ihm auch eine Zeit ohne Ende gewähren!«
(57) »Mein Leben war meinem verbliebenen Leib schon entschwunden; nun brauche ich kein Gift mehr«, dachte die Makellose. Vor sich sah sie Rama stehen, von der Farbe frischer Blätter, mit korallenrotem Mund und dem Bogen in der Hand. (58) Umgeben von Himmelsfrauen war sie im Fahrzeug gekommen. Nun stieg sie zur Erde herab und zeigte ihr Gesicht, als eilte ein lebloser Körper seinem wiedergefundenen, einst entwichenen kostbaren Leben entgegen, um es aufzunehmen. (59) Sie verehrte den Gefährten, der ihr in jeder Geburt und auch bei der Befreiung von der großen Geburtsnot beistand. »Selbst wenn ich nun alles vergäße, wäre es gut; selbst wenn ich jetzt stürzte und stürbe, wäre es gut«, dachte sie. Ihr sehnsüchtiger Schmerz wich. (60) Der liebende Herr betrachtete sie eingehend: die Königin der ehelichen Treue, Beschützerin der Weiblichkeit, Schönheit aller Pracht und lebendigen Ruhm. Sie glich dem Dharma selbst, der sich von ihm getrennt hatte, um andernorts Gnade zu spenden.
(61) Die pfauengleiche Verkörperung der Treue verneigte sich; Tränen strömten aus ihren großen Augen über ihre Brust. Rama aber richtete sich auf und blickte sie an wie eine Schlange mit erhobener Haube. (62) Er sagte: »Du hast wohl gern gegessen, obwohl dein guter Wandel zugrunde ging. Du bist nicht gestorben, sondern hast in der großen Stadt des rechtsbrecherischen Rakshasas gelebt. Warum kommst du nun ohne Furcht zurück? Glaubst du, ich werde dich noch begehren?« (63) »Nicht um dich zurückzugewinnen habe ich das Meer überbrückt, die blitzend bewaffneten Rakshasas mit ihren Wurzeln ausgerottet und die Feindschaft besiegt. Ich kam nach Lanka, um mich selbst von dem Makel deiner Entführung zu befreien.« (63 [Quellennummer wiederholt: zweiter Eintrag]) »Hast du das üppige Fleisch von Lebewesen gegessen, süßer als Nektar, und reichlich Wein getrunken? Hast du dort angenehm gelebt? Gibt es auch für uns ein passendes Festmahl? Sprich, du, die du keinen Mangel mehr kennst!«
(64) »Was geschehen ist, entspricht offenbar deiner Herkunft, wie der Glanz eines Edelsteins seinem Ursprung entspricht. Du wurdest nicht in einem guten Geschlecht geboren, sondern wie ein niedriges Bodenwesen aus der Erde. Diese Herkunft hast du nun bestätigt.« (65) »Weiblichkeit, Würde, edle Herkunft, die Festigkeit der Treue, guter Wandel, Klarheit, Vortrefflichkeit und Wahrheit: Durch dein Erscheinen allein sind sie vergangen wie der Ruhm eines Königs, dem Freigebigkeit fehlt.« (66) »Frauen aus edlem Geschlecht beherrschen ihre fünf Sinne. Fest im rechten Wandel, tragen sie das Haar asketisch gebunden und erwerben strahlende Entsagung. Trifft sie dennoch ein Makel, tilgen sie ihn nötigenfalls mit ihrem eigenen Leben.« (67) »Was soll ich noch sagen? Der Bericht über dein Verhalten zerstört meinen Verstand. Stirb, oder gehe einen anderen Weg, der dir angemessen erscheint!« So sprach derjenige, dessen Geist die Weisheit der Gelehrten in sich trug.
(68) Die Weisen, Götter, Frauen von unermesslicher geistiger Vollendung, sämtliche Rakshasas, Affen und alle übrigen Anwesenden öffneten bei diesen Worten den Mund und brachen in lautes Wehklagen aus. (69) Aus beiden Augen Sitas strömten Tränen und Blut. Wie eine zur Erde geneigte Blume blickte sie nieder. Der Schmerz traf sie wie ein Stab in eine offene Wunde; ihre Gedanken stockten, ihr Atem ging schwer. (70) Sie glich einem Hirsch, der in einer von Raubvögeln erfüllten Wüste vor Durst dem Tod nahe ist. Endlich sieht er einen großen Teich, doch ein unüberwindliches Hindernis versperrt ihm den Zugang. So war sie verstört. (71) Sie stand da und blickte auf die Welt; Tränen fielen dicht aus ihren großen, rotgeränderten Augen. Immer wieder sagte sie: »Ist dies die Frucht meines Ausharrens? Heute ist alles vergeblich geworden.«
(72) »Hanuman kam zu mir und sagte zur rechten Zeit: ›Edle, komme nun zu deinem Herrn!‹ Hat dieser vortreffliche Mann meinen leidvollen Zustand nicht geschildert? War er denn nicht auch mein Bote?« (73) »Was sind meine Askese, meine Tugend, meine Treue noch wert? Alles, was ich so lange erduldet habe, ist zu törichtem, vergeblichem Bemühen geworden, Höchster, weil du es in deinem Herzen nicht erkannt hast.« (74) »Vor der ganzen Welt bin ich eine treue Ehefrau; nicht einmal Brahma könnte meinen Sinn davon abbringen. Doch wenn du, der für alle das sehende Auge ist, dies bestreitest, welche Gottheit könnte dann die Wahrheit noch feststellen?« (75) »Brahma auf dem Lotos, Shiva auf dem Stier und die Verkörperung des Dharma mit der Muschel sehen alles so klar wie eine Frucht auf der Handfläche. Aber vermögen selbst sie das Herz einer Frau zu erkennen?«
(76) »Wem soll ich nun noch meine makellose Entsagung erklären und beweisen? Nichts bleibt mir besser als der Tod. Herr der Veden, dein Befehl ist maßgebend; er ist mein Schicksal.« So sprach sie. (77) Die Frau mit den klingenden Armreifen rief Lakshmana: »Bereite ein Feuer!« Mit erschüttertem Herzen verehrte er Rama, die Zuflucht aller Welten. Dieser gab ihm durch einen Blick seine Zustimmung. (78) Unter Schluchzen und Tränen, mit stockendem Atem, ließ der Prinz das Feuer nach der vorgeschriebenen Ordnung errichten. Die lotosgleiche Sita ging darauf zu. (79) Als die Mutter selbst der Götter allein an das Feuer herantrat, konnten die vier Veden, der unermüdliche gute Dharma und sämtliche Lebewesen es nicht ertragen. Sie brachen in Wehklagen aus.
(80) Während sie das Feuer umschritt, gerieten Himmel, Welten und Lebewesen in Aufruhr. Sie schrien und irrten verzweifelt umher: »Herr, diese Härte ist nicht angemessen!« (81) Indras Gemahlin und die anderen Frauen klagten vom Himmel herab. Mit ihren roten, zarten Händen schlugen sie vor ihre großen schönen Augen und zuckten vor Schmerz zusammen. (82) Brahma und die übrigen höchsten Herren zitterten. Die Haube der erdtragenden Schlange sank ein. Die Welt litt, als verbreite sich Gift aus deren Mund; die Gestirne wichen von ihren Plätzen, und die Meere seufzten. (83) Sita sprach: »Herr des Feuers, wenn ich im Geist oder im Wort einen Makel auf mich geladen habe, verbrenne mich in deinem Zorn!« Dann verehrte sie ihren Gemahl mit der duftenden Tulasi-Girlande.
(84) Sie sprang hinein, als betrete sie ihre eigene Lotoswohnung in einem tiefen, schwer durchschwimmbaren Gewässer. Im Augenblick ihres Sprungs erlosch das Feuer vor der Glut ihrer Treue wie Baumwolle, die in Milch getaucht wird. (85) Agni erhob sich, Sita auf seinen Händen tragend. Sein eigener Leib brannte vor unerträglicher Hitze. Mit verehrend gefalteten Händen rief er klagend zu Rama, dem höchsten Spross vedischer Erkenntnis. (86) Nicht einmal die Schweißtropfen, die bei ihrem schmerzlichen Streit entstanden waren, trockneten auf ihrer Haut. Was könnte deutlicher sprechen? Die Blumen in ihrem Haar samt singenden Bienen und kühlem Honig sahen wie frisch ins Wasser getaucht aus. (87) Die aus ihrer Ordnung geratenen Welten kamen wieder zur Ruhe. Die besorgten Wesen verloren ihre Angst. Arundhati und die übrigen Frauen tanzten vor Freude und vergaßen jede Scheu und Zurückhaltung.
(88) Agni klagte: »Du hast nicht bedacht, wie die göttliche Glut ihrer vollkommenen Treue meine Kraft vernichtet! Es scheint, als hättest du selbst mich, deinen unermüdlichen Diener, deinem Zorn ausgesetzt.« (89) Rama fragte: »Wer bist du? Was sagst du mir? Du bist aus dem Feuer erschienen und hast diese Frau beschützt, statt sie zu verbrennen. Auf wessen Wort hast du das getan? Erkläre es!« (90) »Ich bin Agni«, antwortete er. »Weil die mächtige Glut der Treue dieser Mutter mich verbrannte und ich sie nicht ertragen konnte, kam ich hierher. Du bist aller Zeuge: Zweifelst du noch, obwohl du selbst gesehen hast, was geschah?« (91) »Die Veden verkünden, dass Opfer durch mich dargebracht werden, dass man mich bei Zweifeln an ehelicher Treue befragt und dass ich Ungewissheit in vielen Dingen beseitige. Du mit den mächtigen Schultern, so lautet ihre wahrhaftige Lehre.«
(92) »Ich reinige zweifelhafte Dinge von jedem Makel und zeige sie so deutlich wie eine Frucht auf der Handfläche. Willst du meine wahrhaftige Aussage dennoch zurückweisen? Auch Hanumans lügenfreies Wort hast du nicht gewürdigt!« (93) »Hörst du nicht Götter, Weise, bewegte und unbewegte Wesen und die drei Welten klagen, während sie sich die Augen bedecken? Woher hast du, nachdem du den Dharma beiseitegeschoben hast, diese andere Vorstellung von Schuld genommen?« (94) »Würde noch Regen fallen? Könnte die Erde ihre Last tragen, statt aufzubrechen? Würde der Dharma seinen Weg gehen? Könnte die Welt bestehen, wenn diese Frau innerlich zornig würde? Wenn sie einen Fluch spräche, verginge selbst Brahma auf dem Lotos.« (95) Mit solchen gewichtigen Worten führte der glühende Feuergott die pfauengleiche Sita an Ramas Seite. Die Götter tanzten, die ganze Welt jubelte. Darauf begann der Freigebige zu sprechen.
(96) »Du bist der Welt ein unbestechlicher Zeuge. Mit untadeligen Worten hast du erklärt, dass sie keinerlei Makel trägt. Damit besteht kein Vorwurf mehr; fortan wird sie nicht zurückgewiesen.« So sprach der Herr mit dem erbarmungsvollen Herzen. (97) Die Götter baten Brahma: »Die Zeit ist gekommen. Offenbare Rama die ganze Wahrheit – ihm, der mitten in der verbindenden Maya steht und doch von ihr unberührt bleibt.« Da bereitete sich der viergesichtige Lotosgeborene zu seiner Rede. (98) »Rama, du bist im alten Königsgeschlecht erschienen. Halte dich nicht bloß für einen Menschen! Höre: Die endgültige Wahrheit, welche die vier Veden feststellen, ist keine andere als du. Außer dir besteht nichts, Erhabener.« (99) »Du bist die uranfängliche Prakriti, älter als alles, und ihre vielfältigen Entwicklungen. Du bist auch der über ihr stehende, schwer erkennbare Purusha. Diese ganze vielgestaltige Ausdehnung ist durch deine große Maya entstanden.«
(100) »Die höchsten Aussagen der Veden sprechen von der beständigen höchsten Wirklichkeit, deren Wesen sich nicht als vorher, nachher oder nebeneinander bestimmen lässt. Geliebter, wenn sie so sprechen, meinen sie dich und niemanden sonst.« (101) »Wer erkennt, dass du das Höchste für mich, für Shiva in seinen acht Gestalten, für Indra, die großen Weisen und alle lebendigen Wesen bist, wird aus den schwer lösbaren Fesseln befreit, die aus Karma entstanden sind.« (102) »Alle Gestalten, mich eingeschlossen, versinken in der großen Täuschung von Mutter und Vater und leiden, weil sie sich selbst nicht erkennen. Wenn diese Verwirrung weicht, erkennen sie dich als ihren Ursprung; darin liegt der Same der Befreiung.« (103) »Wer die fünfundzwanzig Tattvas unterscheidet, erkennt dich unverlierbar über ihnen. Über dir besteht nichts Weiteres, nicht einmal scheinbar. So lehren die heiligen Veden; die Welt bezeugt es. Für diesen höchsten Zeugen braucht es keinen weiteren Zeugen.«
(104) »Die gewöhnlichen Erkenntnismittel, mit denen man bestimmt: ›Das ist es‹ oder ›Das ist es nicht‹, erfassen dich nicht. Auch wenn die Upanishaden dein verborgenes Wesen nicht vollständig erschließen, bezeugen sie doch sicher: ›Du bist‹, du mit Tulasi geschmückter Herr.« (105) »Die Erkenntniswerkzeuge vermögen dich nicht zu sehen. Wer ihre Grenze nicht überschreitet und keine Zuflucht findet, bleibt zwischen Geburt und Tod verwirrt. Um beidem zu entgehen, gibt es für diese Wesen keine Zuflucht außer deinen Füßen.« (106) »Du selbst hast keinen Ursprung. In dir erscheint die mächtige ursprüngliche Natur; aus ihr entstehen die Elemente, darunter der Wind. Am Ende lösen sie sich stufenweise wieder auf. Du aber vergehst niemals.« (107) »Um diese Welt hervorzubringen, die wie ein Blitz erscheint und verschwindet, und um den Dharma zu begründen, lässt du mich auftreten; du führst auch das Ende herbei. Selbst mir zeigst du dein ganzes Wesen nicht, und doch verbirgst du dich laut den Veden nicht.«
(108) »In meiner Gestalt erschaffst du die Welt, in deiner eigenen trittst du als Erhalter ein, in Shivas Gestalt vernichtest du sie. Ursprünglicher Herr, so wirkt die eine Sonne durch ihre verschiedenen Erscheinungen und bringt den Tag hervor.« (109) »Wir Götter werden vom Übermut unseres Reichtums erfüllt. Dämonen und Rakshasas schlagen uns im Krieg, bis unser Stolz vergeht. Wenn wir dann leidend Zuflucht bei dir suchen, gehst du in einen Mutterleib ein und erscheinst. Ist dies wirklich eine Pflicht, die du uns schuldest?« (110) »Die den Sinn des Om erforschen, erkennen dich. Wer dich als dessen Inhalt erkennt, lässt beide Arten von Karma fallen. Andere streiten selbst Weltzeitalter lang darüber, ob du dessen Bedeutung bist, ohne den höchsten Sinn des Om als die Wirklichkeit anzunehmen.« (111) »Darum zürne nicht grundlos unserer Mutter, die mich und alle anderen hervorgebracht und die Würde dieses Weltganzen erhalten hat.« So schloss der Schöpfer, der die Zusammenhänge und Teile der aus dem Urwasser hervorgegangenen Schöpfung geordnet hatte.
(112) Nun sprach Shiva, der auf dem Stier sitzt: »Mächtiger, du scheinst dein eigenes Wesen noch nicht zu erkennen. Du bist die ursprüngliche Gestalt. Sita ist die Mutter der drei Welten, die an deiner Brust ihren Platz hat.« (113) »Diese Mutter, aus deren goldenem Schoß die uralten Welten entstehen, darf nicht verstoßen werden. Würde sie zugrunde gehen, vergingen zahllose Leben. Rama, deine Geringschätzung ihr gegenüber muss enden«, sagte der höchste Geber der Gnaden. (114) Dann wandte Shiva sich an Dasharatha, der aus Schmerz über die Trennung von seinem großen Sohn gestorben war und im hohen Himmel weilte: »Mächtiger, gehe zu deinem Sohn, bringe ihm Klarheit und tilge den alten schweren Kummer!« (115) Mit dieser gnädigen Erlaubnis des ursprünglichen Herrn stieg der König der Könige freudig zur Erde hinab, um seinen geliebten Sohn zu sehen. Kaum war er angekommen, fiel Rama, der unvergleichliche Herr der Veden, zu seinen Lotosfüßen.
(116) Dasharatha hob seinen Sohn auf und drückte ihn tief an seine berggleiche Brust. Er badete ihn in seinen Tränen; sein Herz gewann neues Leben und Freude. Während die alten Qualen von ihm wichen, sprach er: (117) »Der Speer der Gaben, die Kaikeyi damals verlangte, blieb bis heute in meinem Herzen. Selbst nachdem er mich getötet hatte, wich er nicht. Erst jetzt zieht deine duftende, geschmückte Brust ihn wie ein mächtiger Magnet heraus.« (118) »Du mit den schönen großen Schultern hast mich so erhöht, dass selbst Väter himmelberühmter Söhne nicht dem Staub an meinen beiden Füßen gleichen. Ich habe selten erreichbaren Himmel und hohen Ruhm gewonnen.« (119) »Sieh: Götter und Weise, die ich einst verehrte, falten nun beim Anblick meiner Gestalt die Hände. Schöner, du hast mir einen Sitz neben dem uralten Brahma am Ursprung des Weltalls verschafft!«
(120) Immer wieder hob er seinen Sohn an sich und umarmte ihn fest. Dann trat der Bergschultrige zu Sita. Als sie seine Füße verehrte, umfasste er sie voller Erbarmen und sprach mit seinem unermesslichen Ruhm: (121) »Edle, nimm es dir nicht weiter zu Herzen, dass er dich ins Feuer gehen ließ, um der Welt deine Treue zu zeigen. Zweifelnde hätten sonst Anlass zu Zweifeln behalten. Hege keinen Zorn gegen deinen Gemahl, den Herrn des Gangalands.« (122) »Bedenke: Gold wird ins Feuer gelegt, damit seine Reinheit sichtbar wird. Dieser große Mann hat dich als Königin der Treue erwiesen; er dachte daran, wie schwer sich dies der Welt später noch zeigen ließe.« (123) »Du bist der Schmuck aller großen, tugendhaften Frauen, angefangen bei Arundhati. Die Erde ist dein Geburtshaus, doch du bist aus dem Himmel gekommen. Deine unzähligen guten Eigenschaften tragen nun keinen möglichen Makel mehr.«
(124) Er freute sich, als er erkannte, dass in Sitas heiligem Herzen kein anhaltender Groll wohnte. Danach umarmte der Edle Lakshmana mit innerlich bindender Liebe wie sein eigenes Selbst; seine Augen füllten sich mit Tränen. (125) Die Tränenströme fielen auf Lakshmanas gebundenes Haar wie Wasser, das es reinigt. »Sohn, indem du deinem älteren Bruder gefolgt bist, hast du schwer abzuschüttelnde Geburten und die tiefe Wunde in meinem Herzen getilgt!« (126) »Die Kraft deiner hohen Schultern, mit der du Indras großen Feind bezwangst, preisen Götter und andere Wesen unaufhörlich. Du hast die leidbringende Feindschaft aus dieser Welt entfernt und den Dharma wieder aufgerichtet, Edler!« (127) Dann sagte er zu Rama: »Nenne mir eine Gabe, die ich dir gewähren soll, du von hohen Eigenschaften.« Rama antwortete: »Ich hoffte, dich erst im Himmel wiederzusehen und meinen Kummer zu stillen. Jetzt sehe ich dich hier. Was könnte ich noch gewinnen?«
(128) Als Dasharatha dennoch auf einem Wunsch bestand, verneigte Rama sich: »Gewähre, dass die von dir als böse verstoßene Frau, die ich wie eine Gottheit ehre, und ihr Sohn wieder meine Mutter und mein Bruder seien.« Alle Wesen jubelten und priesen ihn. (129) Dasharatha antwortete: »Höre, edler Geber: Der makellose Bharata soll dies erhalten. Doch mein tödlicher Groll gegen die Sünderin, die dir die Krone entriss und dir dieses Asketengewand gab, wird nicht vergehen.« Seine umarmenden Hände erschlafften. (130) Rama sagte: »Ich selbst irrte, als ich die dauerhafte Königsmacht zum Schutz der Wesen übernehmen wollte, ohne zu bedenken, dass daraus ein Verlust des Himmels entstehen könnte. Hat die mich nährende Mutter denn wirklich gefehlt?« Da ließ Dasharatha seinen Groll fahren. (131) Als derjenige, der über allen Gaben steht, so sprach, sagten die gerührten Götter: »Zwei Gaben wurden der Frau gewährt, die ihn in den feindlosen Wald schickte. Zwei Gaben erhält nun derjenige, der jene beiden erfüllt hat.«
(132) Dasharatha gewährte beide Wünsche. Er ließ Rama, Lakshmana und die lotosgleiche Sita auf der Erde zurück und stieg im mächtigen Himmelsfahrzeug empor – ruhmreich, weil er um der von Himmel und Erde gepriesenen Wahrheit willen sein Leben gegeben hatte. (133) Die Götterscharen wandten sich nochmals an den Helden mit dem mächtigen Bogen: »Erbitte die Gaben, die du wünschst!« Rama sagte: »Alle Affen, die die Rakshasas im großen Krieg getötet haben, sollen wieder auferstehen!« (134) Dann erbat er noch: »In allen Wäldern, großen Gebirgen und anderen beschwerlichen Gegenden, durch die das Affenheer auf dem Rückweg zieht, sollen Früchte, Wurzeln, Honig und süßes Trinkwasser reichlich vorhanden sein!« (135) Shiva, die Weisen, Indra und alle übrigen Götter priesen ihn einzeln und sprachen erleichtert: »Herr, der du die leidvolle Wiedergeburt beendest: Durch deine Gnade sollen die Affenscharen diese Gaben erhalten!«
(136) Alle Affen, die vom ersten bis zum letzten Tag gefallen waren, standen gemeinsam wieder auf und jubelten. Geist und Augen voller Freude, ohne Erinnerung an die Schlachten, kamen sie zum Lotosäugigen und verneigten sich. (137) Die von Kumbhakarna, Indrajit, Ravana und den anderen grausamen Kriegern erschossenen Affen versammelten sich laut jubelnd. Da blickten sämtliche Götter Rama an und sagten: (138) »Am Vollmondtag kamst du zum Suvela, ließest das Heer die befestigte Stadt Lanka umschließen und vernichtetest das ganze kriegslustige Rakshasageschlecht. Bis zum folgenden Neumond bezwangst du schließlich auch Ravana.« (139) »Du mit den Lotoshänden hast die Bosheit aus diesem Weltall getilgt. Ohne das Wort deiner Mutter zu übertreten, hast du vierzehn Jahre vollendet. Heute ist der fünfte Mondtag, Panchami, herangekommen.«
(140) »Wenn du Bharata heute nicht erreichst, wird er im Feuer sterben. Siegreicher Held, brich auf, um dies zu verhindern!« Nachdem sie dies gesagt hatten, entfernten sich die Götter. Rama überlegte. (141) »Wenn die vierzehn Jahre heute enden und Bharata stirbt, ist mein Geschlecht vernichtet. Gibt es hier ein Fahrzeug für unsere Rückkehr?« Vibhishana verneigte sich: »Es gibt ein Himmelsfahrzeug, das dich noch heute hinbringen kann.« (142) »Ravana nahm es Kubera zusammen mit dessen beiden Schätzen ab. Freigebiger, es wird selbst unter siebzig Vellam Insassen nicht überlastet. Alle hier können einsteigen; du erreichst noch heute bequem die blumenreiche Stadt.« (143) »Es ist das Pushpaka, das Brahma einst dem Yakshakönig gab, rein wie der Geist der Unbedrängten. Sein Flug lässt die Götter staunen.« Rama antwortete dem klarblickenden Vibhishana: »Bringe es rasch her!«
(144) In einem Augenblick brachte der Rakshasakönig es herbei. Wie unzählige Weltalle oder tausend aufgegangene Sonnen erhellte es Himmel und Richtungen. Unzählige Glocken erklangen an ihm. (145) Als Pushpaka sich der Erde näherte, dachte Rama freudig: »Nun ist unser Vorhaben vollendet.« Er bestieg es. Die Götter streuten Blumen, jubelten und sprachen Segensworte. (146) Trijata verneigte sich. Die an Treue Unvergleichliche sagte zu ihr: »Bleibe ohne Leid hier, gleich der Schutzgöttin Lankas.« Dann trat sie an Ramas Seite. Auch der junge löwengleiche Lakshmana bestieg das Fahrzeug. (147) Pushpaka glich dem umfassenden Inneren des Herrn, der die Welten verschlungen hatte. Schneller als heftiger Wind, dem Gedanken gleich, glänzte es am Himmel. Auf ihm sitzend, richtete der wolkenfarbene Rama folgende Worte an seine Gefährten.
(148) Liebevoll blickte der Makellose Vibhishana an: »Du mit Girlande und Krone, höre meinen Rat. Schenke denen, die bei dir Zuflucht finden, Glück und regiere dein weites Reich so, dass die Menschen des Landes dich preisen.« (149) »Du besitzt klare Einsicht in den Weg des Rechts und entstammst dem Geschlecht Brahmas, des Herrn der vier Veden. Kehre nun nach Lanka zurück, dessen Größe selbst frühere Feinde verehren«, sagte der Verkünder der Veden. (150) »Sugriva, durch die Kraft deiner Schultern haben wir den Zehnhalsigen niedergeschlagen. Kehre mit dem großen Affenheer in deine Stadt zurück und lebe dort glücklich, damit die Mühen des schweren Krieges von euch weichen«, sprach Rama von endlosem Ruhm. (151) Auch zu Angada, Jambavan, Panasa, dem kampfstarken Nila und den übrigen Heerführern sprach er so. Ebenso zu Hanuman, jenem Helden, der über das Meer gesprungen und wie das Erbarmen selbst zurückgekehrt war.
(152) Als sie diese Worte hörten, erschraken sie; Körper und Leben schienen zu wanken. Mit tränengefüllten Augen senkten sie ihre Häupter zu seinen roten Lotosfüßen. »Von dir getrennt können wir nicht leben«, sagten sie. (153) »Erlaube uns, dir nach Ayodhya mit seinen mächtigen Mauern zu folgen. Erst wenn wir dort ungehindert deine Schönheit, deine goldene Königskrone und den Glanz deiner Herrschaft gesehen haben, wollen wir zurückkehren.« So sprach ihre innige Liebe. (154) Rama sah ihre liebevollen Worte und ihr schmerzliches Zittern. »Seid unbesorgt. Genau dies hatte ich bereits vor. Ich sprach nur so, um euren eigenen Wunsch hervortreten zu lassen«, sagte der Große. (155) Als sie seine Antwort hörten, verehrten Sugriva, die dichten Heerscharen, Vibhishana und alle anderen die Lotosfüße des Weltenherrn. Ihr Staunen und ihre Freude waren, als hätten sie noch mit ihrem Körper den seltenen Himmel erreicht.
(156) Rama sagte zu Sugriva samt seinem Heer, zu Hanuman und den großen Führern und zum geschmückten König Lankas: »Kommt alle her und besteigt freudig das Himmelsfahrzeug!« (157) Noch ehe seine Worte verklungen waren, hatten Sugriva, die beständigen Helden, siebzig Vellam Affen sowie Lankas König mit seinem Heeresmeer gemeinsam einen Bereich des großen Pushpaka eingenommen. (158) Selbst wenn alle Lebensformen der vierzehn geschichteten Welten einstiegen, bliebe darin weiter freier Raum. Nur die Befreiten könnten seine Beschaffenheit angemessen schildern. Wer auf dieser Erde vermöchte dies? (159) Umgeben von den siebzig Vellam, Sugriva, dem verständigen König Lankas und dem mächtigen Heer, verehrt von Lakshmana und Janakas pfauengleicher Tochter, strahlte Rama mit seinen vortrefflichen Eigenschaften auf dem Himmelsfahrzeug.
(160) Pushpaka glich dem Weltall. Darin leuchtete der lotosäugige Beschützer wie das höchste Licht jenseits aller bestimmbaren Eigenschaften, ohne Anfang, Mitte und Ende, unerreichbar selbst für die uralten vier Veden. (161) Auf Ramas wahrhaftiges Wort nahmen Sugriva mit seiner honigreichen Girlande, der König des meerumwehrten Lanka, ihre siegreichen Heere, die großen Heerführer und alle übrigen menschliche Gestalten an. (162) Ungehindert zog das Fahrzeug nach Norden, wie die Sonne ihren nördlichen Weg nimmt, nachdem sie im Westen untergegangen ist und wieder im Osten aufgehen will. Rama begann Sita mit den waffengleichen Augen die Landschaft zu erklären. (163) Kaum dachte er, Lanka rechtsherum zu umkreisen, erreichte Pushpaka das östliche Tor. »Hier starb Prahasta durch Nilas starke Hand«, sagte Rama. »Hier wurde auch Suparishva bezwungen und in Yamas Rachen geschickt.«
(164) »Am Westtor fiel Meghnada, Indras giftgleicher Bezwinger, durch meinen jüngeren Bruder. Hier am Nordtor verlor Ravana vor mir seine zehn gekrönten Köpfe und seinen Leib.« Danach erklärte er ihr weitere Orte. (165) »Schöne, nach vielen Tagen der Trennung gewann ich Sugriva als mächtigen Freund. Hanuman kam zu dir, nahm dir die Verzweiflung und berichtete mir von deinem Zustand. Danach errichteten die Affenführer diese Brücke, die du hier siehst.« (166) »Ihre Reinheit vermag selbst Brahma nicht zu ermessen; was könnte ich darüber sagen? Höre dennoch liebevoll: Selbst wer gegen Mutter, Vater und Lehrer gefehlt und die eigene Sippe zugrunde gerichtet hat, wird durch ihren Anblick zu einem göttlichen Wesen.« (167) »Sieh hier Gandhamadana, den Berg, dessen Anblick die Folgen böser Taten tilgt. Einst floh er aus Furcht vor Indra ins große Meer und blieb dort. Du mit den schönen Armreifen, die hier errichtete Brücke ist ein heiliger Ort.«
(168) »Ganga, Yamuna, Godavari, Kalindi und die übrigen wasserreichen Flüsse reinigen erst durch das Bad. Doch hier, an der Brücke über das muschelwerfende Wogenmeer, verschwinden die Makel schon bei der Begegnung.« (169) »Selbst Menschen, die Kühe, ehrwürdige Lehrer, vedische Weise, Frauen, lieblich sprechende Kinder oder Schutzsuchende getötet haben, werden, wenn sie hier am Setu baden, zu göttlichen Wesen, die selbst die Götter verehren.« (170) »An der Stelle, die ich mit der Bogenspitze öffnete, damit Schiffe hindurchfahren können, werden sogar Täter der fünf schweren Sünden gereinigt. Sie werden von den Leiden einundzwanzig Geburten befreit und gelten den versammelten Göttern als großer Schatz.« (171) »Selbst Ganga im langen Haar des aschegeschmückten Shiva, dessen Stirnauge Feuer trägt, übt große Askese und klagt: ›Ich durfte nicht zum Setu werden!‹ Wie könnte man dessen Heiligkeit ausreichend preisen, Lotosäugige?«
(172) Nachdem der feindbezwingende Bogenschütze der schlanken, pfauengleichen Sita mit dunklen Augen und rotem Mund die Größe des Setu erklärt hatte, sagte er: »Hier kam Varuna, der meine Macht nicht länger ertrug, und bat um Zuflucht.« (173) »Dies ist der Berg, auf dem der tamilische Weise Agastya wohnt; dort erhebt sich der edelsteingleiche Berg Tirumaliruncholai, und weiter drüben glänzt der Ananta-Berg.« Sita fragte: »Wo wurde Hanuman geboren?« Rama zeigte ihr auch diesen Ort. (174) »Dies ist Sugrivas Stadt. Vali besaß unermessliche Kraft und konnte die meerumgürtete Welt durchspringend überschreiten. Nachdem er gefallen war, wohnt hier der Sohn der Sonne, der sich wie ein Weiser eingehend nach Dharma und Recht richtet.« (175) Sita sagte: »Wenn dies Kishkindha ist, höre meinen Wunsch. Meine Würde würde leiden, wenn ich als einzige Frau, umgeben von diesem selbst die Götter erschreckenden Kriegsheer, Ayodhya erreichte. Wir sollten auch die Frauen mit den duftenden Haaren mitnehmen.«
(176) Rama teilte Sugriva ihren Wunsch mit. Dieser wandte sich an den wahrhaftigen Hanuman: »Held, bringe die dunkelhaarigen Frauen rasch und mit der gebührenden Ehrerbietung her!« Hanuman mit dem rechtschaffenen Herzen ging und holte sie. (177) Unter Wahrung jeder Rangfolge brachte Hanuman in weniger als einem Augenblick unübersehbare Frauenscharen. Die duftend Behaarten verehrten zuerst ihren König und dann gemeinsam Ramas Füße und die Füße Sitas, der Königin der Weiblichkeit. (178) Die Frauen brachten alle vorgeschriebenen glückverheißenden Gegenstände und Schmuckstücke, verehrten Sita und umgaben sie. »Nun fehlt nichts mehr«, freute sie sich. Das mächtige Himmelsfahrzeug erhob sich wieder und flog schnell wie der Gedanke davon. (179) Als Pushpaka durch den weiten Himmel zog, sagte Rama zu Sita: »Die Gegend vor uns ist die Godavari. Jener hohe Berg daneben ist der Ort, an dem ich dich verlor und schweres Leid mich gefangen nahm.«
(180) »Höre, du mit bienenumschwärmtem Haar: Dies ist Dandaka, der weite Wald opfernder Asketen. Dort liegt Chitrakuta, den selbst der begnadete Indra verehrt. Und hier ist Bharadvajas Wohnstätte.« (181) Während Rama der blitzgleichen Sita dies erklärte, erkannte der unvergleichliche Weise in seinem Inneren: »Mein Herr ist angekommen!« Umgeben von großen Asketen brach Bharadvaja auf, um ihn zu empfangen. (182) Rama sah den Rechtskundigen heranschreiten: Schirm und Wassergefäß in der einen Hand, den Stab vollkommener Erkenntnis in der anderen. Es war, als komme die Frucht großer Askese selbst in menschlicher Gestalt entgegen. (183) Der Held hatte die Rakshasas vernichtet, deren Herzen nicht einmal ein Körnchen mitfühlender Freundschaft kannten. Strahlend wie ein Löwe auf dem hohen Meru, dachte er nun, Pushpaka möge sich zur Erde senken.
(184) Kaum hatte er es gedacht, sank Pushpaka herab, als käme das goldene Himmelsreich zur Erde. Mein Herr eilte dem großen, vedakundigen Asketen entgegen und verneigte sich zu dessen Füßen. (185) Bharadvaja hob ihn auf, segnete und umarmte ihn und küsste sein Haupt. Die Tränen seiner großen Liebe fielen wie Wasser aus einem Weihegefäß auf Ramas gebundenes Haar und wuschen dessen lange angesammelten Staub fort. (186) Als die dunkelhaarige Sita und Lakshmana mit gefalteten Händen nähertraten, segnete der große Asket auch sie. Tränen flossen aus seiner schmelzenden Liebe; sein Herz trank Freude wie unerschöpflichen Nektar. (187) Sugriva, Vibhishana und die anderen Helden verehrten ihn nacheinander, und jedem sprach er Segen zu. Mit den Asketenscharen die heiligen Veden rezitierend, führte er den Herrn der Erkenntnis und dessen Gemahlin in seine gute Einsiedelei.
(188) In der Blätterhütte vollzog er die gebührenden Verehrungen nach der vorgeschriebenen Ordnung. Dann betrachtete er den Sohn des Sonnengeschlechts; immer wieder füllten Tränen seine Augen. Schließlich sprach der große Asket: (189) »Herr mit dem gekrümmten langen Bogen! Die grausamen Übeltäter hatten Weise, Götter und alle drei Welten in Kummer gestürzt. Nun liegen sie vernichtet, und die Geister tanzen. Was könnte ich deiner Tat noch hinzufügen?« (190) »Viradha, Khara, das trügerische Reh, Kabandha, die sieben Bäume, Valis Brust, das Meer, Ravanas Kraft und Kumbhakarnas Übermacht: All das bezwangst du mit deinen unübertrefflichen Pfeilen und bewahrtest die Welt, Herr!« (191) »Seit du Chitrakuta verlassen hast, bis zur Beseitigung des Übels im Süden und deiner heutigen Ankunft bei uns, habe ich nichts vergessen. Weiser Held, bleibe heute als Gast bei uns«, bat derjenige, der das Ende der Veden erkannt hatte.
(192) »Du mit smaragdgrünem Leib und roten Augen, der du durch den gespannten Bogen den Kummer der Götter beendet und die Welten erhalten hast: Höre jetzt auch, wie Bharata lebt, der vom rechten Weg niemals abweicht.« (193) »Sein Körper ist erschöpft und schweißbedeckt, aus seinen Augen regnet es. Sein Geist weist jede bindende Handlung zurück; immer wieder leidet er in Verwirrung. Selbst gedankenlos blickt er nur nach Süden. Er ist das verkörperte Leid der Trennung.« (194) »Bharata beherrscht die Sinne, lebt von Früchten und unreifer Waldkost und schläft auf Gras, wie es in einem Pferdestall liegt. Er betritt die alte Hauptstadt nicht, sondern wohnt in Nandigrama. Tag und Nacht vergisst er deinen Namen nicht.« (195) Dann sagte der Weise: »Held, du hast Ravanas zwanzig dunkelberggleiche Schultern und seine zehn gipfelgleichen gekrönten Häupter gefällt. Glaubst du, ich wäre jemals von dir getrennt gewesen?«
(196) Rama antwortete: »Du besitzt solche rechtschaffene Askese, dass selbst Shiva und Brahma dich preisen. Weil ich dich verehrte und deine Gnade trug, wurde ich erhöht. Einen Sohn, der mir darin gleichkäme, gibt es für dich keinen anderen.« (197) Der Weise hörte dies und blickte ihn gütig an: »Held, sage, welche Gabe du begehrst. Jede gewünschte Gabe gewähre ich dir.« Rama antwortete: »Möge das siegreiche Affengeschlecht ohne Leid leben!« (198) »In allen Wäldern, die die Affen aufsuchen, sollen wie zur Regenzeit Wurzeln, Früchte und andere Nahrung reichlich wachsen, Wasser sich ausbreiten und guter Honig überfließen.« Der große Asket sprach: »So soll es sein!« (199) »Herr, ich werde dir und deinem ganzen mächtigen Heer ein gutes Gastmahl bereiten«, sagte Bharadvaja. Er brachte inmitten der drei heiligen Feuer eine Opfergabe dar. Sofort erschien dort das Himmelsreich mit seinen vollkommenen Genüssen.
(200) Vom König bis zum Diener sollten alle unermessliche Freude genießen. Während man Rama nach königlicher Ordnung Speisen der sechs Geschmacksrichtungen bereitete, rief der duftend-lotosäugige Herr Hanuman zu sich. (201) »Maruti, ehe wir heute die Stadt erreichen, gehe voraus. Berichte, dass uns kein Unheil traf, und verhindere das drohende Unglück. Während du dort wartest, werden wir eintreffen.« Hanuman sagte zu, nahm Ramas Ring und brach auf. (202) Er eilte schneller als sein Vater, schneller als der Pfeil vom einzigen Bogen seines Herrn; selbst der Gedanke blieb zurück. Auch Guha meldete er Ramas Ankunft, dann setzte er den Weg durch den Himmel fort. (203) Wir haben die Taten Ramas im Süden geschildert, die ihm bleibenden Ruhm gaben. Nun wollen wir erzählen, was währenddessen in Ayodhya geschah, jener Stadt, deren Größe kaum auszusprechen ist.
(204) Tag für Tag lebte Bharata in Nandigrama. Ohne Unterbrechung verehrte er die Sandalen seines älteren Bruders, die dessen geschmückte Füße vertraten, und hielt seine Sinne unter Kontrolle. (205) Das Leid schmolz ihn dahin; zugleich war seine Liebe so mächtig, dass sie selbst die härtesten Gebeine zum Schmelzen gebracht hätte. Es war, als habe die Liebe allein eine vollständige menschliche Gestalt angenommen. (206) Schon bei der Erinnerung flossen Tränen aus seinen großen Augen. Obwohl er in einem Land reicher Haine lebte, aß er nur Wurzeln, unreife Früchte und reife Früchte, wie man sie im Wald findet. (207) Wenn er aufblickte, sah er nur nach Süden. Immer wieder seufzte er: »Ein Sohn des Sonnengeschlechts lügt nicht. Er wird kommen, er wird kommen!« Bei jedem Schluchzen schien sein Leben aus ihm entweichen zu wollen.
(208) Rama war ihm Lebensgrund, so notwendig wie Wasser und Atem. Erst wenn er das Wasser von Ramas Krönung fließen sähe, könnten seine eigenen Tränen eine Grenze finden. Bis dahin blieb ihr Strom unerschöpflich. (209) Während Bharata die Sandalen seines girlandengeschmückten älteren Bruders verehrte, dachte er an den bestimmten Tag, an dem Rama wieder nach Hause kommen sollte. (210) »Wann muss er hier eintreffen?«, fragte er sich und ließ die gelehrten, wahrhaftigen Sternkundigen rufen. Sie kamen und erklärten: »Heute endet die dem Edlen gesetzte Frist.« (211) Als er dies hörte, wurde Bharata wie damals, als Rama in den Wald ging. Der Held, der die Macht des Reichtums überwunden hatte, fiel zu Boden; sein Atem wurde schwach, als hätte ihn ein tödlicher Schlag getroffen.
(212) Er erhob sich wieder, während Tränen aus seinen Augen strömten, schöner als ein ganzer Wald roter Lotosblüten. Sein aufgewühltes Herz ließ das Leben wie auf einer Schaukel hin und her schwanken. Er versank in Not. (213) »Er würde nicht im Wald bleiben und dabei den mir versprochenen Tag, meinen Kummer und das Leid seiner Mutter übergehen. Ein grausamer Feind oder ein böses Schicksal muss ihm entgegengetreten sein!«, schluchzte er. (214) Doch dann beruhigte er diesen Zweifel: »Wer könnte meinem Helden auf Erden, im Himmel oder außerhalb der Welten widerstehen? Selbst die drei höchsten Gottheiten könnten es nicht!« (215) »Vielleicht meint er, ich begehre noch immer die Königsmacht, und denkt: ›Wenn es so ist, soll er sie behalten.‹ Hat er, der alles voraussieht, dies angenommen?« Bharata blieb bei dem Gedanken: »Alles gehört dir allein.«
(216) »Was auch immer dort geschehen sein mag: Er mag im Wald bleiben oder in dieses Reich zurückkehren. Ich werde nicht länger wartend in großem Leid versinken. Den Makel meines Herzens will ich zusammen mit meinem Leben fortnehmen.« (217) So sprach er und befahl, seinen jüngeren Bruder herbeizurufen. Die Boten gingen zu Shatrughna: »Dein älterer Bruder ruft dich.« Der jüngste der vier trat sogleich vor Bharata. (218) Bharata umarmte den sich verneigenden Bruder fest an seiner tränenfeuchten Brust. Weinend sagte er: »Edler, ich habe eine Bitte. Du von makelloser Wahrhaftigkeit musst mir diese Gabe gewähren.« (219) »Wenn du fragst, welche: Rama ist am versprochenen Tag nicht erschienen. Ich werde nun in das leuchtende Feuer eingehen. Werde du König und widersprich meinem Wort nicht!«
(220) Shatrughna bedeckte erschrocken beide Ohren mit seinen breiten Händen. Er wankte wie jemand, dem starkes Gift eingeflößt wurde. Seine Augen und sein Geist zitterten. (221) Er fiel nieder, schluchzte heftig, atmete schwer und erhob sich wieder. »Was habe ich dir angetan, du von Leid Überwältigter?«, rief er. Zorn flammte in ihm auf. (222) »Ein Bruder folgte dem König zum Schutz, als dieser die Erde verließ, um im Wald zu leben. Ein anderer will ins Feuer gehen, weil die Rückkehrfrist verstrichen ist. Und ich soll daneben schamlos König sein? Welch herrliche Herrschaft wäre das!« (223) »Du fürchtetest den Vorwurf: ›Bharata lebte nach dem Fortgang des Königs bequem in dessen Stadt.‹ Deshalb bliebst du draußen und übtest schwere Askese. Soll ich, der dir nur als Diener nachfolgte, nun nach dir übrig bleiben und unter dem Königsschirm sitzen?«
(224) Als der perlenhell glänzende, lotosäugige Shatrughna so sprach, antwortete Bharata: »Bleibt Rama nicht nur deshalb fern, weil ich hier bin? Nach meinem Tod wird er die Welt nicht verderben lassen. Sein Zögern endet, und er übernimmt die Herrschaft. Lasst das Feuer bereiten!« (225) Als diese Nachricht Ayodhya erreichte, schlug Kausalya sich auf den Leib und klagte. »Sohn, wenn du deinen Körper vernichtest, stirbt die Welt noch heute mit dir!« Von Leid ausgezehrt, eilte die unvergleichlich treue Mutter Ramas herbei, um ihn aufzuhalten. (226) Minister, Heerführer, Bürger, Vedakundige und Frauen der Verwandtschaft folgten mit Händen auf dem Kopf und lauter Klage. Götter, Weise und Himmelsfrauen verehrten sie. Weinend erreichten sie Bharata. (227) Sein langes gebundenes Haar schwankte auf dem Rücken, sein Körper taumelte, als er dem vorbereiteten Feuerplatz zuging. Kausalya kam mit unaufhaltsamen Tränen heran. Bharata erschrak und verehrte ihre Füße; sie trat zu ihm und hielt ihn fest.
(228) »Was der König tat und was sein Sohn tat, entsprang dem Wirken früher bestimmten Schicksals. Auch das Spätere folgt, genau betrachtet, derselben Ordnung. Was willst du nun selbst tun, mein Sohn?«, fragte sie. (229) »Wenn du dies ausführst, wird das ganze große Land ins Feuer springen, ebenso das königliche Heer. Es geht nicht nur um uns Mütter: Der Dharma selbst fällt dann ins Feuer, und die Welt gerät aus ihrer Bahn.« (230) »Wir haben keine sichtbare Frucht von Dharma und Recht gesehen, die deiner Lebensführung gleichkäme. Du erkennst deinen eigenen Wert nicht! Würde dein Ruhm selbst beim Wechsel eines Weltzeitalters vergehen?« (231) »Selbst unzählige Millionen Ramas kämen deinem Erbarmen nicht nahe, Edler! Wenn dein Leben, das verkörperte Verdienst, erlischt, könnten dann Erde, Himmel und Lebewesen weiterbestehen?«
(232) »Wenn er heute nicht gekommen ist, kommt er morgen zu dir. Glaube nicht, er werde sein wohlbedachtes Wort brechen. Falls ihm aber ein Unheil zugestoßen sein sollte, dann gehört der Tod zur Ordnung des Vergänglichen.« (233) »Willst du, weil ein Einzelner gestorben sein könnte, auch den kostbaren Lebenskeim der ganzen, zeitalterlang bestehenden Erde zugrunde gehen lassen? Du bist doch derjenige, von dem man sagt: Außer ihm gibt es keinen verkörperten Dharma!« (234) »Manche sterben, manche ziehen fort; durch Verblendung entsteht neue Geburt. Erkenne diese Ordnung, Sohn, und löse dich von bindender Anhänglichkeit. Stärke besteht auch darin, loszulassen«, sagte die Reinherzige. (235) Bharata erwiderte: »Denke nicht, dein Sohn widerspreche dir aus Missachtung. Ich begehre kein Weiterleben, bei dem Vaters Wahrhaftigkeit und die Redlichkeit unseres Geschlechts vergehen. Ich werde meinen früher geleisteten Schwur erfüllen.«
(236) »Auch ich bin ein Sohn des Königs, der um der Wahrheit willen sein kostbares Leben hingab und den Himmel erreichte. Ist Treue nur die Pflicht Ramas, der in den Wald ging? Gilt dieselbe untadelige Ordnung nicht für uns andere?« (237) »Mutter und Vater zu gehorchen und die Fesseln anhänglicher Liebe abzulegen, war meines Herrn Pflicht. Ich habe dies nicht auf dieselbe Weise vollbracht. Doch dass ich ohne Schuld bin, werde ich durch meinen Tod zeigen.« (238) Damit trat er an das Feuer. Während die ganze versammelte Welt laut wehklagte, begann der Liebevolle die vorgeschriebene Verehrung. In diesem Augenblick traf der berggroße Hanuman ein. (239) »Unser Herr ist gekommen! Der Edle ist da! Wenn dein Leben, das Wahrheit selbst ist, erlischt, könnte er dann weiterleben?«, rief Hanuman. Er drang vor und erstickte mit seinen Händen das Feuer zu Kohlen.
(240) Dann senkte er den Kopf bis an Bharatas Lotosfüße und verneigte sich. Ehrerbietig die Hand vor den Mund haltend, sagte er: »Eines bitte ich dich wohl zu bedenken.« (241) »Herr, von dem Tag, an dem Rama dir sein Eintreffen versprach, bleiben noch vierzig Nazhigai. Falls es sich nicht so verhält, werde ich, dein geringer Diener, noch vor dir in dieses Feuer fallen und sterben.« (242) »Gewähre mir nur dies: Warte auf mein Wort hin noch bis die Sonne am östlichen Berg erscheint. Wenn die Zusage dann nicht erfüllt ist, magst du deinen Entschluss ausführen, du Wahrhaftiger.« (243) »Bharadvaja bat unseren Herrn, bei ihm ein köstliches Gastmahl anzunehmen. Nur darum verweilt er dort; warum sollte er sonst zögern? Höre noch ein weiteres gutes Zeichen.«
(244) »Der Herr der Götter hat mir ein bedeutendes Erkennungszeichen mitgegeben. Ich habe es für dich hergebracht. Du von makellosem Geist, sieh es dir an!« Damit zeigte Hanuman den Ring. (245) Als Bharata den vorgezeigten Ring sah, wirkte er auf ihn und die versammelte Welt wie ein gutes Heilmittel für Menschen, die an starkem eingeflößtem Gift zugrunde zu gehen drohen. (246) Alle eben noch weinenden Münder jubelten auf. In allen tränenüberströmten Augen wandelte sich die Flut; gesenkte Häupter erhoben sich. Sämtliche Hände falteten sich verehrend vor dem Windsohn. (247) Bharata nahm den Ring und drückte ihn an sein Gesicht. Sein Körper schien kaum Raum für die Liebe zu bieten. Er jubelte so unbefangen, dass selbst gelehrte Zuschauer beschämt wurden, verehrte den Boten immer wieder und hüpfte vor Freude.
(248) Sein Leib, der bisher nichts als alten Schmerz genährt hatte und so dürr war, dass ein Windstoß ihn fortzutragen schien, gewann neue Fülle. Seine diamantfesten Schultern dehnten sich, bis man fragte: »Ist das ein anderer Mann?« (249) Er weinte und lachte, verehrte Hanuman mit seinen mächtigen Händen, stand auf und sprang. Von heftiger Freude überwältigt, sank er nieder, seufzte, richtete sich wieder auf, schwitzte, tanzte mit der Menge und klatschte in die Hände. (250) »Tanzt, tanzt!«, rief er. »Lauft unserem Herrn entgegen! Singt seinen hohen Ruhm! Ihr Menschen, tragt ehrfürchtig die Füße dieses Boten auf euren Häuptern!« (251) »Jetzt kann selbst die listige Kaikeyi wieder ruhig schlafen!«, rief er und schlug sich auf die Schultern. Wie ein dunkler Berg bewegte er sich in Tanzkreisen, beugte die Füße, sang und tanzte weiter.
(252) Er verehrte Brahmanen, Könige, Dienerinnen, ja in seiner Verwirrung sogar sich selbst. Bald saß er ohne klares Bewusstsein, bald stand er wieder. Wahrlich, auch die Liebe brachte eine eigene Trunkenheit hervor. (253) In diesem Zustand fragte Bharata Hanuman: »Wer bist du? Sage es uns. Mir scheint, du trägst die Gestalt eines der drei höchsten Herren.« (254) »Du bist in der Gestalt eines Vedakundigen zu uns gekommen. Ich glaube, du bist einer der Vollkommenen. Sage mir, wie ich dich recht erkennen soll!« Hanuman mit den klingenden Fußringen gab Auskunft. (255) »Mein Vater ist der Herr des Windes; meine Mutter, eine Asketin, gehört zum Affengeschlecht. Ich wurde zum Diener der Füße deines älteren Bruders, obwohl ich dessen kaum würdig bin. König, ich bin ein Affe und habe nur meine Gestalt verändert.«
(256) »Sieh mit deinen Lotosaugen den unansehnlichen Leib deines geringen Dieners!« Damit legte Hanuman die angenommene Gestalt ab. Sein Haupt ragte so hoch, dass selbst die Blicke der Götter es kaum erreichten. (257) Bharata, Shatrughna und Vasishtha, Brahmas Sohn, dachten: »Dies ist ein grenzenloses Wunder!« Obwohl das Heer nicht floh, erschrak es heftig beim Anblick des riesigen Körpers von Anjanas Sohn. (258) Der König bat: »Unsere hier gesprochenen Worte können gar nicht bis zu deinen so hoch schwebenden, ohrringgeschmückten Ohren reichen. Ziehe deinen unermesslichen Körper rasch wieder zusammen!« (259) Als der Schüler des Sonnengottes wieder in kleiner Gestalt verehrend vor ihm stand, schenkte Bharata ihm liebevoll und unverzüglich grenzenlose Schätze und ganze Reihen goldener Schmuckstücke.
(260) Er gab Kühe, Gewänder, edle Edelsteine, Pferde, Elefanten und schnelle Wagen. Der mächtige Bogenschütze bot ihm die ganze meerumgürtete Erde samt ihren Bewohnern und allem Besitz dar. (261) Dann befahl er Shatrughna: »Lass überall die dröhnenden Trommeln schlagen. Verkünde den Menschen im mauerumgebenen Ayodhya, sie sollen mit ihren Familien aufbrechen, um unseren Herrn zu empfangen!« (262) »Sage ihnen: Errichtet Festbögen, hängt Tücher auf und stellt glänzende goldene Vollkrüge bereit. Schmückt Elefanten, Pferde und Wagen prächtig und haltet dabei die gebührende Reihenfolge ein!« (263) »Vom Rand der goldbekrönten Stadtmauer bis zu Bharadvajas Einsiedelei sollen weiche, perlengeschmückte Baldachine den Weg säumen. Gehe und lass die Stadt so erneuern, dass sie selbst das Himmelsreich übertrifft!«
(264) Shatrughna verneigte sich zu Bharatas Füßen und ging. Der breitschultrige, bogentragende Prinz, erfahren und tadellos im Handeln, übermittelte seinem Helfer Sumantra den ganzen Auftrag. (265) Sumantra, ein Meer der Einsicht, hörte ihn und freute sich aus makelloser Liebe. Er befahl den Herolden: »Lasst in allen sonnenhellen Edelsteinstraßen ungehindert die Verkündungstrommeln erschallen!« (266) Die Herolde schlugen auf Elefanten ihre Trommeln: »Heer und Könige der prächtigen Stadt, erhebt euch! Heute empfangen wir unseren Herrscher, dessen Ruhm Himmel und Himmelsrichtungen übersteigt!« (267) Beim Klang der Trommeln gerieten Könige, Bürger und Brahmanen der großen Stadt in grenzenlose Freude. Sie erhoben sich und strömten hinaus wie ein von dichten Wellen bewegtes Meer.
(268) Die Verkündung »Empfangt den Makellosen!« wirkte wie gutes Gold, das Armen in die Hände fällt. Ihr Trommelklang glich jenem früheren festlichen Ruf zum Aufbruch in Janakas Stadt und zu Ramas Hochzeit. (269) Das auf sechzigtausend Akshauhinis bezifferte Heer, die übrigen Könige, die Bewohner der dicht bevölkerten Stadt und die Frauen brachen voller Freude auf, als träte ihnen das kostbarste aller Güter entgegen. (270) Die drei Mütter fuhren, von den Göttern gepriesen, in goldenen Sänften voraus. Umgeben von Vasishtha und seinen Angehörigen nahm Bharata Hanumans lotosgleiche Hand und ging mit ihm. (271) Ramas beide Sandalen trug er anstelle einer goldenen Krone auf dem Haupt. Rechts und links bewegten sich Yakschweiffächer, Vedagesänge dröhnten wie die sieben Meere, und der unvergleichliche weiße Königsschirm spendete ihm Schatten.
(272) Die Sonne verbarg sich, als wollte sie verhindern, dass ihre Strahlen die Steinwege erhitzten und Bharatas lotoszarte Füße verbrannten, während er meinem Herrn, dem Bogenschützen, entgegenging. (273) Hanumans schöne Hand haltend, bat Bharata mit rechtschaffenem Herzen: »Erzähle uns unterwegs ausführlich von allen Taten, die der Herr Lakshmis während seines Waldaufenthalts vollbracht hat.« (274) Hanuman verneigte sich: »Herr mit der duftenden Girlande! Soll ich geringer Diener erzählen, wie Rama in Ayodhya lebte, seine Hochzeit feierte, heimkehrte und dann in den Wald zog? (275) Ich will berichten, was seit seinem Aufbruch vom Chitrakuta geschah: von seiner Auseinandersetzung mit dem Zehnköpfigen bis zur Rückkehr hierher.« So begann der kundige Bote seine Erzählung.
(276) »Nachdem unser Herr mit dem berggleichen Bogen Chitrakuta verlassen hatte, erschlug er den gewaltigen Viradha und betrat den Dandaka-Wald, in dem zahlreiche Asketen lebten. (277) Die Asketen klagten: ›Gerechter! Wir können den Rakshasas nicht widerstehen und mussten unsere Einsiedeleien verlassen.‹ Er versprach: ›Ich werde die Übeltäter vernichten. Lasst eure Sorge fahren; darauf könnt ihr vertrauen.‹ (278) Nach langen Jahren dort begab er sich auf Weisung der großen Weisen in den Wald des unvergleichlichen tamilischen Sehers Agastya. Freudig kam ihm dieser makellose Asket entgegen. (279) Der Weise, der einst das Meer in seiner hohlen Hand aufgenommen hatte, umarmte den großäugigen Rama. Er schenkte ihm einen Bogen, einen Köcher mit furchtbaren Pfeilen, einen Harnisch und ein mächtiges Schwert.
(280) Danach begegnete Rama dem König der Geier. Mit der schönen Frau von korallenrotem Mund und seinem ruhmreichen jüngeren Bruder zog er weiter und wohnte im schattigen Hain von Panchavati. (281) Nach vielen Tagen erschien die böse Rakshasi. Als sie die schlanke Sita zornig bedrohte, beruhigte Lakshmana die erschrockene Frau und schnitt der Angreiferin Ohren, Nase und Brüste ab. Diese lief zu Khara. (282) Khara, Trishiras und der grausame Dushana rückten mit ihrem Heer heran, drei lodernden Feuern gleich. Noch ehe sie Ramas Bogen recht erblickten, vergingen sie wie brennende Baumwolle. Die Rakshasi floh nach Lanka. (283) Ihr Bericht versetzte den Zwanzigarmigen in Zorn. Er sandte einen trügerischen Hirsch voraus und nahm die Gestalt eines Asketen mit dreifachem Stab an. Dann raubte er Sita samt dem Boden unter ihr und brachte sie nach Lanka.
(284) Unterwegs kämpfte er gegen Jatayu und verwundete ihn tödlich; die verzweifelte Sita sperrte er ein. Rama tötete Maricha, den falschen Hirsch, und fand mit Lakshmana den sterbenden Geier, den er wie einen Vater liebte. (285) Er erfüllte die gebotenen Totenriten für Jatayu und suchte südwärts nach Sita. Kabandha nahm er das Leben und löste zugleich dessen Fluch; anschließend empfing er die Verehrung der treuen Shabari. (286) Auf ihren Rat suchte er den Sohn der Sonne auf und schloss Freundschaft mit ihm. ›Ich befreie dich von Valis Bedrängnis‹, versprach er. Seine Pfeile durchbohrten die Bäume und Valis Brust; Sugriva erhielt Königreich und Wohlstand. (287) Nach der Regenzeit kam unser König mit seinem gewaltigen Heer. Ihn begleiteten Gavaya, Rishabha, Nila, Mainda, Jambavan, Shatabali, Panasa und der große Sohn Valis, die Führer der Vanaras.
(288 [Quelle: 6.37.286, zweite Nennung]) Siebzig gewaltige Heeresmassen der Affen versammelten sich wie ein anschwellender Ozean. Sugriva entsandte in jede Richtung zwei Abteilungen, damit sie Sita suchten und ohne Verzögerung zurückkehrten. (289) Mit Angada und dem starken Jambavan zog das südliche Heer aus. Auf ihren Auftrag sprang ich nach Lanka, fand Sita und kehrte zurück. Darauf lagerte das große Heer am Ufer des Meeres. (290) Vibhishana, Ravanas weiser Bruder, hatte ihn gewarnt: ›Gib Sita frei, sonst sind deine Lebenstage gezählt.‹ Ravana geriet in Wut. Vibhishana verließ ihn und suchte Zuflucht beim barmherzigen Rama. (291) Rama gewährte ihm Schutz und schenkte ihm Krone und Königtum. Dann rief er Varuna. Als dieser eine Weile ungerührt blieb, röteten sich Ramas Lotusaugen: Die sieben Meere und Varunas eigener Leib wurden versengt.
(292) Da suchte Varuna Schutz zu Ramas Lotusfüßen. Die siegreichen Vanaras bauten mit Bergen eine feste Brücke über das Meer. Sie drangen nach Lanka vor und umringten es unter Kampfgeschrei; die Götter verloren ihre Furcht. (293) Rama spannte seinen Bogen und beendete die Not der Götter. Ravanas berghebende Schultern, seine von Elefanten erprobte Brust und seine zehn Köpfe fielen; auch sein Bruder und die mordenden Rakshasas wurden niedergestreckt. (294) Lakshmanas Pfeil fällte den unwiderstehlichen Indrajit; auch dessen jüngere Brüder und Verwandte kamen um. Die gequälten Götter jubelten und streuten Blumen, während auf dem Schlachtfeld enthauptete Leiber zu tanzen schienen. (295) Götter, Weise, Siddhas und Bewohner aller drei Welten versammelten sich zur Verehrung. Rama, dessen Farbe der dunklen Blüte gleicht, gab Vibhishana seine Anweisungen und hieß ihn die Totenriten für die Gefallenen vollziehen.
(296) Brahma, Shiva mit seiner Gemahlin als Körperhälfte und die übrigen Götter priesen Rama. Doch er zürnte zunächst der erhabenen Sita. Erst als der Feuergott sprach, legte der blumenbekränzte Herr seinen Zorn ab. (297) Dasharatha, der für die Wahrheit sein Leben hingegeben hatte, erschien in einem Himmelswagen. Rama, Lakshmana und Sita fielen ihm zu Füßen. Er umarmte sie, benetzte sie mit Tränen und bot Rama einen Wunsch an. (298) Rama bat: ›Möge meine Mutter, die mich liebevoll aufzog, mit ihrem Sohn wieder gelten wie zuvor.‹ Dasharatha gewährte es und ging. Die Himmlischen verliehen weitere Gaben, damit die Vanaras wieder auflebten, und kehrten heim. (299) Vibhishana, Lankas König von untadeligem Ruhm, stellte freudig den Himmelswagen bereit. Die siebzig Heeresmassen, die zahllosen Helden und Sugriva, der Sohn des Sonnengottes, fanden darin Platz.
(300) Dann dachte Rama voller Liebe an dich. Mit Sita, der Königin unter den Frauen, mit Sugriva, seinen alten Gefährten, Lankas König und dem großen Heer bestieg er den herrlichen Wagen und erreichte Bharadvajas Einsiedelei. (301) Er sandte mich zu dir und gab mir den Ring: ›Zeige ihn und beseitige seine schwere Trauer!‹« So berichtete Hanuman alles in seiner Reihenfolge, der das Meer übersprungen und Lanka dem Feuer übergeben hatte. (302) Bharata hörte den Sohn des Windes an und weinte: »Nur einer folgte dem dunklen Wolkengleichen und bestand mit ihm den Kampf in Lanka. Ich blieb zurück und höre jetzt davon. Wie rühmlich ist mein Dienst wohl gewesen!« (303) Unter solchen Klagen und mit strömenden Tränen fasste Bharata Hanumans rechte Hand. Zu Fuß durchschritt er die Nacht und erreichte die wasserreiche Ganga, noch ehe der Sonnenwagen am östlichen Meer erschien.
(304) Die Sonne ging auf, als hebe der Herr des Ostens den strahlenden Edelstein für Ramas goldene Krone empor. Nach dem Sieg über Ravana sollte Rama sie in Ayodhya zur Freude der Erdgöttin und Lakshmis tragen. (305) Am Morgen verrichtete Bharata seine Pflichten und verehrte Ramas Füße. Dann fragte er Hanuman: »Du Meister vieler Wissenschaften! Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Wie dürfte ich deinen Worten widersprechen, wenn ich den Grund verstünde? (306) Wenn siebzig Heeresmassen der Vanaras und Lankas unzählige Krieger zusammengekommen sind, müsste man dann nicht ein Brausen wie das des Meeres hören? Held, du hast gesagt, unser Herr sei angekommen. (307) Bharadvajas Hain liegt nur zwei Yojanas entfernt. Wie kann ein solches Heer dort sein, ohne einen Laut zu geben? Genug der Worte: Wo ist unser König?«
(308) Hanuman verneigte sich: »Du großer Asket, deinem Gelübde treu! Dank der Gabe, die Rama von den Himmlischen erbat, hat sich das Heer an den reichen Gaben des Waldes sattgegessen und schläft. (309) Durch diesen Segen stehen Honig, Wurzeln, Früchte und andere Speisen überall in Fülle bereit. Die Vanaras haben davon gegessen und ihre Augen noch nicht wieder geöffnet. Sorge dich nicht, Herr! (310) Schon im nächsten Augenblick wirst du mit deinen eigenen tränenfeuchten Augen unseren König kommen sehen.« Nun erzählen wir, was währenddessen der lotusäugige Bogenträger bei dem Weisen tat. (311) Der große Asket bewirtete Rama mit köstlichen Speisen aller sechs Geschmacksrichtungen. Als dieser mit der dunkeläugigen Sita und seinen Gefährten gegessen hatte, erschien Guha, der Jägerkönig, mit einem meeresgleichen Heer.
(312) Guha betete an, bebte vor Erregung, umrundete Rama weinend und fiel zu seinen Lotusfüßen. Rama hob ihn auf und umarmte ihn wie einen Bruder: »Sind deine Kinder und dein Haus gesund und wohlbehalten?« (313) Guha antwortete: »Deine Gnade gilt mir, deinem geringen Diener; dadurch fehlt ihnen nichts. Doch ich konnte dir nicht folgen und dir dienen wie dein jüngerer Bruder. Was ist mein verwirrtes Leben dagegen wert?« (314) Rama tröstete den Klagenden: »Warum sprichst du so? Bist du mir etwa weniger als Bharata? Setze dich und freue dich!« Guha verneigte sich vor Lakshmanas Füßen und fiel dann zu Sitas duftenden Lotusfüßen nieder. (315) Rama blickte seine Gefährten an und stellte Guha vor: »Dies ist der Herr beider Ufer der alten Ganga, der untadelige König der Jäger. Er ist meiner Seele gütiger als eine Mutter: der freigebige Guha.«
(316) Sugriva und alle anwesenden Gefährten umarmten Guha erfreut und schlossen Freundschaft mit ihm. Die Sonne verschwand hinter dem großen Berg, als wolle sie die weite Welt in die Nacht hüllen. (317) Rama erfüllte seine Abendpflichten und schlief neben Sita mit ihren goldenen Ohrringen. Rings lagerte das meeresgleiche Heer; Lakshmana und Guha hielten unermüdlich Wache. Dann ging die Sonne auf. (318) Nach seinen Morgenpflichten ehrte Rama mit Lakshmana den großen Asketen. Mit Sita und dem siegreichen Heer bestieg er den Himmelswagen und brach auf. Das Herz des Weisen folgte ihm auf seiner Reise. (319) Der Wagen erhob sich ungehindert in den Himmel. Bald erschienen die Mauern Ayodhyas: Die Stadt wirkte wie ein lebendig gewordenes Gemälde, eine ewig junge Schönheit, der selbst Indras Stadt nicht gleichkam.
(320) Als die herrliche Stadt mit ihren goldenen Mauern sichtbar wurde, sagte Rama zu seinen weisen Gefährten: »Dort ist Ayodhya, deren Größe keine Worte erschöpfen.« Sie erhoben sich und falteten ehrfürchtig die Hände. (321) In diesem Augenblick erschienen am Himmel der unvergleichliche goldgeschmückte Pushpaka-Wagen und der König der Könige, als seien tausend dicht beieinanderstehende Sonnen aufgegangen. (322) Hanuman rief: »Herr, sieh! Der Lotusäugige kommt mit dem Meer der Vanaras, mit Sita, dem kostbaren Schmuck treuer Frauen, und mit deinem jüngeren Bruder, dem Prinzen mit dem schönen Bogen. (323) Selbst wenn alle vierzehn Welten diesen leuchtenden Wagen bestiegen, bliebe darin noch freier Raum. In ihm erscheint der ewige Herr!« Während Hanuman so sprach, wurde Rama allen sichtbar.
(324) Rama zeigte sich wie eine blitzende Wolke in einem Hain des goldenen Meru. Der Jubel der Menschen, die ihn empfingen, erschallte so gewaltig, dass er noch über Ravanas südliche Stadt hinausreichte. (325) Bharata sah den lotusäugigen Bruder, sein eigenes Leben, aus dem Wald heimkehren. Ihm war, als käme sein Vater aus dem Himmel zurück, nachdem er für die Wahrheit seinen Leib aufgegeben hatte. (326) Wie jemand, der einen verlorenen Schatz wiederfindet und alle bisherige Not vergisst, wurde Bharata von seinem brennenden Schmerz befreit. Um Rama zu verehren, ließ er Hanumans Hand los. (327) Sogleich eilte Hanuman zum weithin sichtbaren Himmelswagen. Vor Rama, dem Herrn des Diskus, verneigte er sich und blieb stehen; Tränen strömten ihm über die Brust.
(328) »Herr, dessen Brust von Lakshmi geschmückt wird! Ich erreichte deinen bergschultrigen Bruder, als er sich in das glühende Feuer stürzen wollte, und verkündete deine Rückkehr. Damit bleiben alle Welten bestehen.« (329) Rama sprach: »Wieder und wieder droht uns Verderben, als hätten wir schwere Schuld auf uns geladen. Doch du trittst dazwischen und rettest uns. Du liebst uns mehr als eine Mutter; welch großes Verdienst hat uns dich geschenkt!« (330) Er umarmte Hanuman fest. »Wie könnte ich meine Schuld mit Worten begleichen – dir gegenüber, meinem Vater, meinem treuen Bruder und meiner Mutter?« So sprach Rama mit den hohen, berggleichen Schultern. (331) Bharata erschien, Ramas Sandalen auf dem Haupt und die Hände ehrfürchtig gefaltet. Sein ausgemergelter Körper schien nur noch einen Rest Leben zu enthalten; doch sein großer Ruhm erfüllte die Welt.
(332) Hanuman zeigte auf ihn: »Sieh hier deinen jüngeren Bruder, das lebendige Zeugnis ewiger Rechtschaffenheit! Er ist der Sohn des großen Königs, der über dieses weite Reich herrschte, und widersetzte sich seiner eigenen Mutter.« (333) Rama sah den Bruder, auf den Hanuman zeigte. Wollte man seinen Zustand beschreiben: Es war ihm, als erblickte er im Himmelswagen noch einmal die leibhaftige Gestalt seines Vaters. (334) Rama dachte: »Ich will die Menschen Ayodhyas, die sechzigtausend Heeresabteilungen und meine Mütter sehen, die hierhergekommen sind.« Sogleich senkte sich der Wagen gehorsam zur Erde. (335) Als der herrliche Pushpaka mit Rama den Boden berührte, schien er jedem Wesen ein eigens zu ihm gekommener Wagen zu sein, der es ohne Leid in die Welt der Götter bringen würde.
(336) Den Müttern erschien Rama wie das heimgekehrte Kalb; den durch Täuschung von ihm Getrennten wie die Auflösung aller Unruhe. Seinen jungen Brüdern war er das Augenlicht, dem erschöpften Leib das zurückkehrende Leben. (337) Den Hilflosen war er die eigene Mutter, den liebevollen Herzen unsterblicher Nektar. Für die Welt war es, als käme ihr verborgener Herr neu zum Vorschein; den schönen Frauen glich er berauschendem Honigwein. (338) Da er allein ihr Leben war, hatten Land, Stadt, Frauen und Männer seit seinem Fortgang in Trauer gelebt. Nun kehrte der Freigebige zurück, und alle erwachten wie Gemälde, denen plötzlich Leben verliehen wird. (339) Duftpulver, Sandelpaste, Butter, Muschelperlen, Blumen und Öl mischten sich mit dem Schaum der Pferde, dem Schläfensaft der Elefanten und den Freudentränen der Frauen. Die Ströme schienen selbst das Meer zu übertreffen.
(340) Die drei Mütter, die Brüder und der heilige Vasishta bestiegen den goldgeschmückten Wagen. Rama, ein Meer des Erbarmens, trat ihnen entgegen und fiel zuerst zu den Füßen des großen Asketen nieder. (341) Der Weise hob Rama auf, segnete ihn und umarmte ihn immer wieder, bis der alte Schmerz verging. Dann verneigte sich Lakshmana zu seinen Füßen und empfing denselben liebevollen Segen. (342) Zuerst verneigte Rama sich vor Kaikeyi, dann der Ordnung nach vor den beiden anderen Müttern. Sie umarmten ihn voller Liebe und übergossen ihn gleichsam mit dem Wasser ihrer lotusgleichen Augen. (343) Sita verneigte sich in derselben Reihenfolge. Auch Lakshmana fiel zu den goldenen Füßen der Mütter nieder. Sie schlossen ihn in die Arme und segneten ihn: »Du bist wahrhaft der Bruder unseres Königs. Mögest du leben!«
(344) Bharata legte die beiden Sandalen nieder und fiel voller Liebe zu Ramas Füßen. Rama schluchzte und fand keine Worte. Weinend umarmte er ihn, als vereinigten sich Seele und Leib wieder miteinander. (345) Während er Bharata umschlang, ergossen sich Tränenströme aus seinen Augen und wuschen dessen verfilzte, staubige Haarflechten. Er küsste riechend den Scheitel seines Bruders wie eine Kuh, die ihr Kalb wiedergefunden hat. (346) Lakshmana, der Bezwinger Indrajits, senkte sein goldenes Flechtenhaar zu Bharatas Füßen. Er ehrte den Bruder, der Pferde, Elefanten, Wagen und sämtliche königlichen Ehren einem Paar lederner Sandalen unterstellt hatte. (347) Unter strömenden Tränen schlossen sie einander fest in die Arme. Die Welt fragte bewegt: »Welcher Leib litt mehr – der im Wald von Mühen erschöpfte oder der im Königreich von hilflosem Kummer ausgezehrte?«
(348) Shatrughna, der jüngste der vier Brüder, faltete die Hände über dem Kopf, streute Blumen und fiel Rama und Lakshmana zu Füßen. Sie hoben ihn auf und umarmten ihn; dann verehrte er Sita. (349) Rama zog Shatrughna an seine breiten Schultern und umarmte ihn fest. Dann stellte er den beiden Brüdern seine lebenslieben Gefährten vor. Diese erwiesen Bharata und Shatrughna ihre ehrerbietige Begrüßung. (350) Bharata ehrte jeden nach seinem Rang und Verdienst: Sugriva, Angada, Kumuda, Jambavan, den kampfkräftigen Nila, die weiteren Vanarahelden und Vibhishana, den König der Rakshasas. (351) Sumantra erschien mit den Ministern, den Heerführern, den Angehörigen des Hofes und den Königen der Erde. Umgeben von ihren Heeren traten diese mächtigen, elefantengleichen Herrscher zum Empfang heran.
(352) Freude und Weinen rangen in Sumantra miteinander. Er stand mit gefalteten Händen da und schluchzte. Rama umarmte ihn, ebenso Lakshmana. »Nun wird der großen Erdgöttin kein Unheil mehr widerfahren«, sagte Sumantra. (353) »Das ganze Heer soll den Himmelswagen besteigen«, befahl Rama. Die herangekommenen Heeresmassen gingen hinein wie das Wasser des großen Meeres in eine Himmelswolke und verehrten die beiden Füße des Helden. (354) Die Himmlischen priesen Pushpaka: »Nicht einmal der Leib des Herrn, der die Welt verschlang, und nicht Agastyas Hand, die das Meer aufnahm, kommen diesem blumengeschmückten Wagen gleich!« Jubelnd streuten sie Blumen. (355) Trommeln, Vedenrezitation, Muschelhörner, Flöten und Lobesrufe erhoben sich gemeinsam. Ihr Schall glich zahllosen Donnerschlägen und den sieben Meeren, erfüllte alle Richtungen und übertönte selbst den Jubel der Götter.
(356) Der Wagen stieg auf und flog geradenwegs nach Ayodhya. Es schien, als zögen alle Bewohner dieser Welt zusammen mit der Erdgöttin unter freudigem Rufen aus, um Indras himmlisches Reich zu betrachten. (357) Schließlich senkte sich der erhabene Pushpaka unter dem Blumenregen der Götter zur Erde. Es war, als kämen die Himmlischen mit ihrem König selbst zur heiligen Stadt herab.
6.38 – Die Krönung
(1) Rama erreichte mit Bharata Nandigrama. Dort wurden seine verfilzten Haarflechten gelöst und sein Haar geordnet. Nachdem er und seine Brüder gebadet hatten, legten sie festlichen Schmuck an, zur Freude der Himmlischen. (2) Er verließ das südwestlich gelegene Nandigrama, um in das beflaggte Ayodhya einzuziehen. Sein goldener, mit Edelsteinen geschmückter Wagen leuchtete wie die Sonne; weiße Pferde, den heiligen Veden vergleichbar, waren davor gespannt. (3) Auf dem unverwüstlichen goldenen Wagen hielt Lakshmana den Schirm, Shatrughna schwenkte den milchweißen Wedel. Bharata führte die Pferde; seine Freudentränen benetzten den Staub des Weges. (4) Vibhishana und Sugriva ritten auf mächtigen Elefanten zu beiden Seiten des Wagens. Angada, der gekrönte Sohn Valis, zog voraus; der heldenhafte Hanuman, an Kraft der Weltschlange gleich, folgte dahinter.
(5) Die zahllosen Vanaraführer hatten schöne menschliche Gestalt angenommen. Mit weißen Schirmen über ihren Häuptern und Girlanden auf der Brust zogen sie ihrem Rang entsprechend auf Elefanten dahin. (6) Die Herrscher der achtzehn Länder begleiteten Rama ehrfürchtig. Sie saßen auf geschmückten Elefanten und goldenen Wagen; weiße Schirme und wehende Wedel umgaben ihre zum Himmel ragenden, strahlenden Kronen. (7) Die Vanarafrauen erschienen in der Gestalt himmlischer Frauen und ritten auf Elefantinnen, Pferden und anderen Reittieren. Sie umgaben Sita wie Sterne den Mond; die Fürstin von Mithila fuhr im blumenfarbenen Himmelswagen. (8) Götter und Weise streuten aus allen Richtungen unaufhörlich Blumen. Sie bedeckten die Erde so dicht, dass kein anderer Fleck mehr sichtbar blieb. Nun passte zu dieser Welt wahrhaft der Name »Blume«.
(9) Vierzehn Jahre lang hatten die mächtigen Elefanten keinen Schläfensaft vergossen, wie sommerlich ausgetrocknete Wolken. Als Rama aus dem Wald heimkehrte, strömte er hervor, als breche die Freude ihres Innern nach außen durch. (10) Die Pferde wieherten wie Stumme, die ihre Sprache wiederfinden, oder wie donnernde Gewitterwolken. Die Bäume standen in voller Blüte; auf den Leibern der Feinde zeigte sich goldgelbe Blässe. (11) Rama erreichte Ayodhya, verehrte seine Mütter und verneigte sich vor dem ehrwürdigen Weisen. Dann betrat er den königlichen Palast, wo die Erdgöttin und die Göttin des strahlenden Lotus vor Freude zu tanzen schienen. (12) Männer und Frauen wollten ihre Gewänder keineswegs ablegen und hielten sie immer wieder fest. Doch ihre Körper bebten und sprangen so sehr vor Freude, dass die gelösten Kleider herabglitten und sie wie unbekleidet erschienen.
(13) In der allgemeinen Verzückung legten Könige die Kleider von Kurtisanen an, Brahmanen hüllten sich in Frauengewänder. Manche bestrichen sich wieder und wieder mit duftender Sandelpaste; auch die zunächst Unbeteiligten wurden vom Taumel ergriffen. (14) Vierzehn Jahre hatte niemand Freude am Reichtum gefunden; selbst die schönen Frauen hatten zurückgezogen gelebt. Nun schmückten sie sich überreich mit Juwelen und brachten die Herzen der Männer erneut in Unruhe. (15) Die göttlichen Düfte der Himmlischen mischten sich mit den kühlen Wohlgerüchen der Erdenbewohner. Weil die Herkunft der Düfte nicht mehr zu unterscheiden war, erwachten bei irdischen wie himmlischen Frauen eifersüchtige Zweifel. (16) Rama sah Bharata liebevoll an: »Zeige dem reinen Vibhishana, dem Sohn der Sonne, den treuen Vanarahelden und den übrigen Gefährten alle Herrlichkeiten unseres königlichen Palastes.«
(17) Bharata verneigte sich und führte die Gefährten durch zahlreiche Gebäude zum Hauptpalast. Dieser strahlte wie der goldene Meru, auf dem Lakshmi und die Götter wohnen. (18) Diamanten, Rubine, Saphire, Smaragde und weitere makellose Edelsteine verbreiteten Bündel leuchtender Strahlen. Selbst die besonnenen Helden standen überwältigt da; ihre Herzen erbebten, und sie vergaßen zu blinzeln. (19) Sie sahen einen Palast, der wie das Juwel auf Vishnus Brust glänzte, und fragten Bharata nach seiner Herkunft. Er erklärte, der alte lotusgeborene Brahma habe ihn einst aus Freude über Ikshvakus große Askese geschenkt. (20) »Dies ist das Haus, das Brahma Ikshvaku übergab und in dem Lakshmi wohnt«, sagte Bharata. Die Gäste falteten die Hände: »Vermögen wir seine Herrlichkeit überhaupt zu preisen?« Dann begaben sie sich in eine andere Halle.
(21) Dort saßen sie und dachten über die Wunder des Palastes nach. Sugriva verneigte sich vor Bharata: »Reiner Herr! Warum ist der glückverheißende Tag für die Weihe unseres dunklen, wolkengleichen Königs noch nicht bestimmt?« (22) Bharata antwortete: »Das Wasser der sieben Meere und der großen Flüsse müsste ohne Verzögerung hierhergebracht werden; darin liegt die Schwierigkeit.« Sugriva blickte Hanuman an. Sofort machte sich der Windsohn auf den Weg um die Erde. (23) Bharata befahl, Vasishta und die Sternkundigen herbeizurufen. Sumantra überbrachte die Einladung. Als der heilige, von Brahma hervorgebrachte Weise erschien, erhoben sich alle und verehrten seine beiden Füße. (24) Bharata bot Vasishta einen ehrwürdigen Sitz an. Der Weise nahm Platz und sagte: »Morgen ist der geeignete Tag, an dem Rama die Schutzschnur anlegt und mit der Erdgöttin und Lakshmi die unvergängliche Herrschaft empfängt.«
(25) Vasishta, Indras Lehrer und die anderen kundigen Kenner der heiligen Regeln bestimmten Tag und Stunde genau. Dann ließen sie die Einladung zu Dasharathas Sohn Ramas feierlicher Krönung aussenden. (26) Die Boten verkündeten es voller Freude, und die drei Welten versammelten sich in Ayodhya, ohne dass jemand Platznot erlitt. Könnte selbst der viergesichtige Brahma diesen gewaltigen Jubel in einem Gedicht vollständig schildern? (27) Vasishta, Bharata, Sugriva, Vibhishana, Jambavan, Angada und die übrigen mächtigen Helden erhoben sich. Sie begaben sich zu Rama, dessen Herz von jeder Missgunst frei war, und verneigten sich. (28) »Morgen ist der große, glückverheißende Tag deiner Krönung. Held, erfülle die dafür vorgeschriebenen Pflichten!« So sprach der große Weise, der Shiva an Erhabenheit glich, und entfernte sich wieder.
(29) Auf Brahmas Weisung errichtete Maya, der kundige Baumeister mit tiefem Wissen, eine prächtige Krönungshalle. Sorgfältig maß er alles aus und beseitigte jeden Fehler; würdig sollte sie des Herrn sein, der alle Welten umfasst. (30) Hanuman, der einst das lebensrettende Heilkraut gebracht hatte, flog wie sein Vater, der Wind am Weltende. Noch an demselben Tag beschaffte er das geforderte Wasser der sieben Meere und der heiligen Flüsse. (31) Könige brachten auch Wasser der anschwellenden Sarayu. Unter weißen Schirmen führten sie Hunderte edelsteinbesetzte Krüge auf Elefanten heran; Hörner, Muscheln und zahlreiche Instrumente ertönten. (32) In der kristallenen Halle wurde ein Sitz aufgestellt: seine Fläche aus Rubin, seine Beine aus Diamant, ringsum mit reinem Gold eingefasst. Darauf strahlte Rama mit den geschmückten Schultern an Sitas Seite.
(33) Glückverheißende Lieder erklangen, die Veden wurden rezitiert, Muscheln, Becken, Trommeln und viele weitere Instrumente ertönten. Während die Himmlischen Blumen regnen ließen, traten die Könige nacheinander vor und vollzogen Ramas Weihebad. (34) Zuerst übergossen ihn die Asketen, Vedenkundigen, Minister und ehrwürdigen Weisen mit dem heiligen Wasser. Danach vollzogen Sugriva, die übrigen Gefährten, Hanuman und der untadelige König von Lanka die Weihe. (35) Die Gelehrten staunten: »Shiva nahm die Ganga in sein Haar auf, jenes Wasser, mit dem Brahma einst den weltdurchmessenden Fuß des Herrn wusch. Wie könnte er erst das Wasser aufnehmen, das heute Ramas heiliges Haupt berührt?« (36) Rama glich einem Smaragdberg, auf dem rote Lotusblüten wachsen, benetzt von der sprühenden Ganga; neben ihm saß Sita, einem schönen Pfau vergleichbar. Wer diese herrliche Erscheinung sah, wurde vom Leiden der Wiedergeburt befreit.
(37) Vasishta vollzog die vorgeschriebenen Handlungen des heiligen Bades. Sumantra und die Minister führten alles rasch aus, während die Asketen die Einzelheiten überwachten. Alle nötigen Dinge kamen zusammen, als gelte die Feier Indra selbst. (38) Hanuman trug den Thron, Angada hielt das Schwert, Bharata den weißen Schirm; Lakshmana und Shatrughna schwenkten die Wedel. Sita strahlte an Ramas Seite. Vasishta empfing die Krone von den Angehörigen der Linie Sadaiyans von Vennainallur und setzte sie Rama auf. (39) Am glückverheißenden Tag und zur rechten Stunde wurde Rama nach heiliger Vorschrift gekrönt. Alle drei Welten hüpften und tanzten vor Freude über den Herrn, dessen Schultern Lakshmi und die Erdgöttin umfassen. (40) Die edelsteingeschmückte Krone ruhte zwar allein auf Ramas Haupt, des kundigen Hüters der göttlichen Lehre. Doch die Bewohner aller drei Welten empfanden solche Freude, als wäre sie jedem von ihnen selbst aufgesetzt worden.
(41) Die Erdgöttin hatte lange Askese geübt und einen Gemahl gefunden, der ihrer Würde entsprach. Nach schmerzlicher Trennung streckte sie nun ihre zarten Hände aus und schloss ihn an ihre Brust; all ihre große Not verging. (42) Rama befolgte die Weisungen des gelübdetreuen Weisen und krönte Bharata zum Thronfolger. Er beauftragte ihn, die gerechte Herrschaft auszuüben, und lebte Tag für Tag in grenzenloser Freude.
6.39 – Der Abschied
(1) Inmitten der Halle mit ihren kostbaren Säulen und glänzenden Goldverzierungen, einem Schmuck der Erdgöttin, nahm Dasharathas Sohn Rama auf dem herrschaftlichen Sitz Platz. Neben der lotusgleichen Sita erschien er wie eine Wolke neben dem Blitz. (2) Sein Halsschmuck blitzte wie ein Licht über dem weiten Meer, seine Edelsteinkrone glich der Sonne. Der König Ayodhyas saß auf dem Thron wie eine dunkle königliche Wolke, aus der rote Lotusblüten hervorwachsen. (3) Schöne junge Frauen schwenkten mit lotusgleichen Händen die weißen Wedel; es wirkte wie Mondlicht über einem Smaragdberg. Nagas, Menschen und Himmlische erhoben ihre Stimmen und priesen den König. (4) Der hohe weiße Schirm überschattete ihn und verbreitete sein Licht über alle vierzehn Welten. Der Mond schien vor Scham dunkle Flecken zu bekommen: Über Rama erstrahlte sein Ruhm, den kriegerischen Rakshasakönig bezwungen zu haben.
(5) Glückverheißende Gesänge erklangen, Brahmanen sprachen Segensworte. Muscheln, Becken, Trommeln und zahllose Instrumente ertönten, während Frauen mit dunklen Augen, roten Lippen und Lotusgesichtern anmutig wie Pfauen tanzten. (6) Täglich drängten Könige durch die Tore des berggleichen Palastes. Ihre juwelenbesetzten Kronen überstrahlten selbst die Sonne über dem Meer. Immer wieder verneigten sie sich zu Ramas Füßen, die von ihren Berührungen gerötet wurden. (7) Minister umgaben ihn, Vedenkundige priesen ihn, Heerführer ehrten ihn, seine Brüder standen an seiner Seite. Frauen mit korallenroten Lippen wünschten ihm langes Leben. So saß unser Herr da, Indra vergleichbar. (8) Mainda, Dvivida, Kumbha, Angada, Hanuman, der siegreiche Kumudaksha, Shatabali, Kumuda, Dadhimukha, Gavaksha und viele andere erschienen: zahllose Helden, deren Macht selbst ihre Feinde bestaunten.
(9) Mit ihnen und den siebzig Heeresmassen der Vanaras kam Sugriva, der Sohn der Sonne, und verneigte sich. Auch der blumenbekränzte Vibhishana trat mit seinen stolzen, schwerttragenden Rakshasas heran und verehrte Ramas Füße. (10) Guha, der Herr der Boote auf der tosenden Ganga, erschien mit seinem siegreichen Heer. Mit Tigerfell um die Hüften, lebhaften Augen und diamantfesten Schultern glich er einem mächtigen Löwen; ehrfürchtig trat er zu Rama. (11) Ramas leuchtendes Lotusgesicht zeigte die grenzenlose Liebe, die ihn mit ihnen verband. Sein Blick umarmte sie gleichsam, als er freudig sprach: »Ihr Helden von unantastbarer Kraft, setzt euch hier und fühlt euch wohl!« (12) Kenner des rechten Lebensweges, Meister der vier Veden, Sprachgelehrte, makellose Dichter, Fachkundige vieler Wissensgebiete und treue Freunde nahmen ihrem Rang gemäß rings um den König der Könige Platz.
(13) Die Herrscher der meerumgebenen Erde und die übrigen Gäste verweilten glücklich in Ayodhya. Sie verehrten den makellosen Herrn, der auf der Schlange ruht und nun hier lebte. Leicht vergingen zwei Monate. (14) Nun wollen wir erzählen, was der Herr mit der glückverheißenden Brust danach tat: Er hatte mit seinem Bogen die Rakshasas vernichtet, den Kummer der Götter beendet und war rasch nach Ayodhya zurückgekehrt. (15) Den Vedenkundigen schenkte er Edelsteine, Perlen, Gold, fruchtbares Land und Kühe in Fülle. Wer einen Mangel vorbrachte, erhielt so viel, dass ihm nichts mehr fehlte. Danach ließ er die Könige zu sich rufen. (16) Er blickte sie freundlich an und beschenkte sie mit Wagen, Sänften, Girlanden, Edelsteinkronen, goldenem Schmuck, Pferden, Elefanten und Gewändern. Nachdem jeder reich ausgestattet war, entließ er sie mit seiner Erlaubnis zur Heimkehr.
(17) Sugriva schenkte Rama den strahlenden Edelsteinarmreif, den Indra einst Dasharatha nach dessen Sieg über Shambara verliehen hatte. Dazu gab er ihm Elefanten, Wagen, Pferde und kostbare Gewänder. (18) Angada erhielt den Armreif, den Brahma einst Ikshvaku geschenkt hatte. Als sollte der Schmuck, selbst »Angada« genannt, den Namen des Helden in aller Welt verherrlichen! Wer könnte Angadas Größe vollständig beschreiben? (19) Dazu schenkte Rama ihm kostbare Halsketten, feine Gewänder, Pferde und Herden mächtiger Elefanten. »Du bist unvergleichlich auf dieser Erde«, sagte er. »Bleibe dem Sohn der Sonne eng verbunden!« (20) Freudig wandte sich Rama Hanuman zu: »Wer außer dir hätte solchen Beistand leisten können? Für deine große Hilfe weiß ich keine angemessene Gegengabe. Umarme mich fest mit deinen starken, kampferprobten Armen!«
(21) Hanuman verneigte sich bescheiden, hielt ehrfürchtig die Hand vor den Mund und trat, sein Gewand ordnend, zurück. Rama betrachtete ihn liebevoll und schenkte ihm Gold- und Diamantschmuck, Halsketten, feine Gewänder, Elefanten und Pferde. (22) Rama sah Sita huldvoll an, die Göttin, die ihren Lotus verlassen hatte und in Mithila erschienen war. Sie nahm die große Perlenkette, ein Geschenk Sarasvatis, und gab sie freudig dem, der ihre Not erkannt und ihr geholfen hatte. (23) Jambavan, dem König der Bären, schenkte Rama eine Perlenkette, die dem Mond glich, die Sterne überstrahlte und Indras würdig war. Dazu gab er Elefanten, Pferde, Gewänder und weitere Schmuckstücke. (24) Nila, dem Sohn des Feuergottes, des lieben Freundes des Windes, gab er Ketten aus neun Arten von Edelsteinen, Perlenschmuck, schöne Gewänder und unvergleichliche Goldzier. Rasche Pferde und gewaltige Elefanten kamen hinzu.
(25) Shatabali erhielt springende Pferde mit klingendem Geschirr, kräftige Elefanten, Goldschmuck und große Edelsteinketten. Der Herr, der Brahma hervorgebracht hatte, gab ihm alles, was sich als würdiges Geschenk denken ließ. (26) Kesari beschenkte Rama mit strahlenden Juwelen, deren unschätzbaren Wert niemand hätte nennen können, mit feinen Gewändern, hitzig-feurigen Elefanten und Pferden. Großzügig gab der Herr mit den mächtigen, geschmückten Schultern. (27) Nala, Kumuda, Tara, der untadelige Panasa und die übrigen Helden erhielten reichen Schmuck, Gewänder, Elefanten und Pferde sowie zahllose weitere Gaben. Der Herrscher des lotusreichen Kosala erfreute so ihre Herzen. (28) Auf diese Weise ehrte Rama die zahllosen Vanaraführer mit passenden Gaben und freundlichen Worten. Den siebzig Heeresmassen schenkte er seinen barmherzigen Blick, damit sie frei von Unruhe glücklich auf Erden lebten.
(29) Dann wandte er sich Vibhishana zu, dem weisen König mit der blitzenden Krone: »Deine Güte trägt bewegliche und unbewegliche Wesen. Niemand kommt dir gleich. Einen anderen mit dir zu vergleichen wäre, Eisen dem Gold gleichzustellen.« (30) Er schenkte ihm einen leuchtenden Edelsteinarmreif der Götter, kräftige Elefanten, Wagen, Pferde, goldenen Juwelenschmuck, goldgewirkte Gewänder, Wohlgerüche und frische Sandelpaste. So ehrte ihn der Herr, der sein Schlangenlager verlassen hatte. (31) Zum Herrscher von Shringavera sprach Rama: »Was soll ich meinem makellosen Gefährten noch sagen?« Er gab Guha Elefanten mit dunklen Rüsseln, Pferde, Gold, Gewänder und Schmuck und gewährte ihm dann den Abschied. (32) Das Meer des Erbarmens blickte Hanuman, Angada, Jambavan und Sugriva an: »Der Gedanke, euch fortzuschicken, fällt mir schwer. Doch auch eure Länder gehören zu meinem Schutzbereich. Geht jetzt in meinem Auftrag und hütet sie!«
(33) Ebenso sprach Rama liebevolle Worte zum König von Lanka und entließ ihn. Die weisen Gefährten prüften ihre Herzen und überwanden ihren Abschiedsschmerz: »Seinen Auftrag zu erfüllen ist unsere Pflicht«, dachten sie. (34) Sie umrundeten und verehrten Bharata, Lakshmana, Shatrughna, den großen Asketen Vasishta, die drei Mütter, Sita und Rama. Nachdem sie Abschied genommen hatten, machten sich die Kenner des wahren Weges zu ihren jeweiligen Städten auf. (35) Vibhishana brachte Guha in dessen Heimat und Sugriva in seine Stadt. Dann flog er, von seinen scharfzahnigen Rakshasas umgeben, weiter durch den Himmel und erreichte das vom tosenden Meer umschlossene Lanka. (36) Nachdem die Gefährten gegangen waren, regierte Rama mit seinen gütigen Brüdern die ganze Erde nach Manus gerechter Ordnung. Er nahm der Welt ihre Last und bewahrte Lakshmi und die Erdgöttin vor jedem Kummer.
(37) Von den Himmlischen bis zu den Erdenbewohnern priesen ihn alle Wesen der vierzehn Welten als ihren Herrn und dienten ihm ehrfürchtig. Mit seinen Brüdern und dem Dharma selbst schützte Rama die Erde, nachdem er sein himmlisches Schlangenlager verlassen hatte und nach Ayodhya gekommen war. (38) Wer von der Herrlichkeit dessen erzählt, der als Rama erschien, Ravana vernichtete und mit seinem Bruder die ganze Erde schützte – des höchsten Herrn, der alles übersteigt und alles durchdringt –, wird königliche Würde erlangen und schließlich selbst Yama, den Tod, überwinden.
Nachklang
Mit Heimkehr, Krönung und dem Abschied der Gefährten endet das Kamba Ramayanam. Dankbarkeit verbindet den Schluss mit dem langen Weg des Suchens. Was Hanuman, Bharata und die anderen getragen haben, bleibt als Einladung zu Hingabe, Aufmerksamkeit und verlässlichem Handeln gegenwärtig.
Video von Yoga Vidya als Begleitung zur Verehrung und Bedeutung Ramas:
Vorheriger Artikel: Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 1.
Die Artikel dieser Ausgabe
Übersicht zu Werk, Handlung und spiritueller Bedeutung
- Deutsche Übersetzung: Teil 1 · Teil 2
- Tamilischer Text: Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4
- Tamilische Umschrift: Teil 1 · Teil 2
Textgrundlage und Lesehinweise
Die Ausgabe folgt Project Madurai. Die deutsche Fassung ist eine vorläufige Prosaübersetzung; die Umschrift ist eine regelbasierte, schriftnahe Übertragung. Quellenbedingte Schreibungen und Nummerierungsabweichungen sind nicht vollständig philologisch bereinigt. Der Gesamtbestand dieser Ausgabe umfasst 10.535 Verspositionen bis 6.39.38. Die tamilischen Zwischenüberschriften stammen teilweise von den Herausgebern.
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