Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 1
Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 1 enthält den fortlaufenden Text der Kapitel 1.0 bis 5.2 des Kamba Ramayanam. Die deutsche Lesefassung lädt dazu ein, der Geschichte von Rama, Sita und ihren Gefährten in zusammenhängenden Absätzen zu folgen. Jeweils mehrere Verse bilden einen Absatz; kleine Nummern am Versanfang bewahren die Orientierung innerhalb des Kapitels.

Dieser Teil führt durch Bala Kandam, Ayodhya Kandam, Aranya Kandam, Kishkindha Kandam, Sundara Kandam. Geburt, Lernen und Begegnung eröffnen den Weg Ramas. Die Bilder von Landschaft, Stadt und Fest bereiten den Raum für seine Verbindung mit Sita. Achte beim Lesen darauf, wie äußere Schönheit und innere Bewegung einander spiegeln.
Teil 1 · Teil 2. Zu den übrigen Fassungen führen die Artikelverweise am Ende dieser Seite.
Bala Kandam – Das Buch des Anfangs
1.0 – Vorrede und Anrufung
(1) Er bringt sämtliche Welten hervor, erhält sie und nimmt sie wieder zurück. Dieses unaufhörliche, unermessliche Spiel gehört ihm. Er ist der Herr; bei ihm allein nehmen wir Zuflucht. (2) Den erhabenen Zustand jener von geistiger Reinheit zu erkennen ist schwer; wie sollte ich ihn erklären können? Unter den drei genannten Eigenschaften steht die reine an erster Stelle. Gut ist es, im Meer der edlen Eigenschaften derer zu baden, die von ihr erfüllt sind. (3) Die von Anhaftung Freien, die die unermesslichen Veden von Anfang bis Ende erforscht haben, halten sich allein an die Füße des Gütigen, der den wahren Weg verkörpert. An nichts anderem halten sie fest. (4) Wie eine Katze, die zum weithin rauschenden Milchozean kommt und ihn ganz auszulecken versucht, habe ich mich von Sehnsucht hinreißen lassen: Ich wage es, die Geschichte Ramas zu erzählen, dessen Siegesruhm ohne Makel ist.
(5) Weshalb unternehme ich es, mit meinen allzu schwachen Worten ein Werk zu weben? In diesem Land lebt bereits das Wort des großen Asketen, der die erhabene Geschichte jenes Helden schuf, dessen zielsicherer Pfeil sieben Marā-Bäume durchbohrte. (6) Warum erzähle ich dennoch, selbst wenn die Welt mich verspottet und mir daraus Schande erwächst? Um die Herrlichkeit jener göttlichen Geschichte sichtbar zu machen, die die Gelehrten mit ihrem wahrhaftigen, durch Hören erworbenen Wissen preisen. (7) Für Ohren, die an die kunstvoll gefügten Viruttam-Gedichte gewöhnt sind, wird mein Lied wohl klingen wie ein Trommelschlag im Ohr des empfindsamen Asuṇam-Tieres, das sich sonst am süßen Klang der Yāḻ erfreut. (8) Den vorzüglichen Dichtern, die alle drei Bereiche des Tamil meistern, möchte ich eines sagen: Soll man die Worte eines Verrückten, eines einfältigen Menschen oder eines von Hingabe Ergriffenen streng beurteilen?
(9) Wenn unwissende Kinder Räume und Tanzhallen in den Boden ritzen, werden die Baumeister darüber zornig? Werden dann die Kenner der wohlgeordneten Schriften über meine schlichte Dichtung erzürnen, obwohl mir selbst ein wenig Weisheit fehlt? (10) Drei haben diese Geschichte in der Sprache der Götter erzählt. Nach den Worten des unter ihnen vorangehenden Dichters habe ich sie in tamilischen Versen dargelegt. (11) Dieses makellose große Gedicht in reichen Versfolgen heißt Rāma Avatāram. Es erzählt die Ereignisse während der Erscheinung des erhabenen Helden, der im rechten Handeln feststeht. Entstanden ist es in Veṇṇey Nallūr, dem Ort Caṭaiyaṉs.
1.1 – Der Fluss
(1) Wir wollen die Schönheit des Flusses besingen, der Kosala schmückt: das Land, in dem weder die fünf Sinne mit ihren scharfen Pfeilen noch die streitbaren Augenpfeile der Frauen mit klingendem Brustschmuck vom rechten Weg abirren. (2) Die Wolken waren zunächst weiß wie der mit heiliger Asche geschmückte Gott. Sie zogen zum Meer und tranken daraus. Als sie zurückkehrten, hatten sie die dunkle Körperfarbe dessen angenommen, auf dessen Brust die herrliche Göttin mit duftender Sandelpaste geschmückt ruht. (3) Dicht drängten sich die Wolken über den weiten Berg. Es war, als hätten sie sich Wasser geholt und wären aufgestiegen mit dem Gedanken: »Die Sonne hat den Schwiegervater unseres Herrn erhitzt; wir wollen ihn mit Wasser baden!« (4) Als hielten sie den gefleckten großen Berg für Gold und ließen daran silberne Schnüre herab, ergossen die Wolken ihre Regenfäden. Freudig verschenkten sie alles, was sie in sich trugen, wie Freigebige, die nichts zurückbehalten.
(5) Die Flut schwoll an wie der Ruhm eines Königs unter kühlendem Schirm, der Würde bewahrt, auf das Rechte schaut und Manus Weg folgt; sie wuchs wie die Gaben aus den Händen jener Kenner der vier Veden, denen Weisheit vorangeht. (6) Sie umschlang Gipfel, Leib und Füße des Berges, blieb nirgends, verweilte höchstens einen Augenblick und nahm alles mit, was der Berg besaß. So glich die Flut einer käuflichen Liebhaberin. (7) Edelsteine und Gold, prächtige Pfauenfedern, weißen Elefantenstoßzahn, Aloeholz und unvergleichliches Sandelholz trug das Wasser fort. Mit diesen Waren beladen glich es ziehenden Kaufleuten. (8) Von Blüten erfüllt, mit feinem Blütenstaub vermischt, von Honig durchzogen und mit rotem Gold vermengt, nahm es auch die Ströme des Schläfensaftes mächtiger Elefanten auf. In seinen Farben glich das Wasser einem Regenbogen.
(9) Es hob Felsen empor, riss Bäume aus und trug Laub und alles andere mit sich. So glich diese Wasserflut der Flut von Affen, die einst über das wogende Meer eine Brücke zu bauen suchten. (10) Fliegen und Bienen umschwärmten es; es überschritt seine Grenzen, war voll ungestümer Kraft und im Innern ohne Klarheit. Teakbäume schleuderte es fort. So glich das süße Wasser Menschen, die fließenden Palmwein getrunken haben. (11) Es zog mächtige Elefanten und viele Lebewesen mit sich, als stellte es ein Heer in Schlachtordnung auf. Es brauste und dröhnte, und seine geschmückten Ranken erschienen wie Banner. So rückte es vor, als wolle es gegen das Meer Krieg führen. (12) Die Sarayu folgt in ihrem guten Lauf dem gepriesenen Wandel der zahllosen Könige aus dem Sonnengeschlecht. Für alle Lebewesen, die auf dieser von mächtigen Wassern umgebenen Erde gedeihen, ist sie wie die Brust einer Mutter.
(13) In ihr dufteten die von Bergfrauen zerriebenen Wohlgerüche: Kumkum, Kostus und Kardamom, kühlendes Sandelholz und Zinnober; dazu Narantam, Nāgam, Kaṭukkai, Ār, Vēṅkai und Kōṅku, duftendes Grün und Kaṇṭilveṇṇey. Mit süßem Berghonig und Aloeholz vermischt verbreiteten sie ihren Duft. (14) Mit ihrem Wassergeschoss jagte sie die kleinen Siedlungen der Jäger auseinander. Überall flohen die Jägerfrauen und schlugen sich in ihrer Angst auf den Leib. Die Flut eilte hinterher, raffte scharfspitzige Pfeile und Bogen auf und wirbelte sie fort: wie das Heer eines siegreichen Königs, das Schrecken bringt. (15) Dichten, duftenden Joghurt, Milch, Butter und reichliches Ghee verschlang sie mitsamt den aufgehängten Gefäßen. Sie stieß Kuruntu- und Marutam-Bäume um und riss die Gewänder der mit Armreifen geschmückten Hirtinnen fort. So glich sie dem Heiligen, der auf der gefleckten Schlange tanzt. (16) Sie stieß gegen die Schleusentore, während die Bauern die Arme hoben und riefen. Ihre Kanäle schwollen wie ein Stirnschmuck, Bienen summten darüber. Kostbare Steine verstreuend, Pfähle zerbrechend und ihren mächtigen Arm schwingend, gelangte sie ins Ackerland: wie ein Elefant, an dem der Schläfensaft herabströmt.
(17) Sie machte das Weideland zur Berglandschaft, das Ackerland zum Weideland und das Küstenland zum unvergleichlichen Ackerland. Indem sie die unzähligen Dinge über ihre Grenzen hinweg vermischte, zog sie dahin wie das Wirken der Taten, das die Wesen in wechselnde Daseinsformen führt. (18) Die Bauern eilten zu den schützenden Dämmen, und die Fluttrommeln dröhnten. Schlammige Spritzer, Gold und Perlen schleuderte das Wasser mit seinen Wellen aus. Es schwoll an, erhob sich, durchfurchte weit die Erde und verzweigte sich in miteinander verbundene Kanäle: wie ein Geschlecht, das sich in immer neue Linien teilt. (19) In den Felsen geboren, zog die Flut dahin und vereinigte sich mit dem Meer. Sie war wie jene Wirklichkeit, die selbst die grenzenlosen Veden nur schwer aussprechen können: von Ursprung her eine, doch überall sich ausbreitend – wie die eine Wahrheit, von der die vielen großen Religionen sprechen. (20) Durch Haine, in denen Blütenstaub fällt, durch Campaka-Wälder, durch Teiche mit sich öffnenden Blüten, durch weite frische Sandbetten, durch Areka-Gärten mit Mādhavī-Hecken und durch die Felder floss sie hin: wie das Leben, das in jedem der genannten Körper gegenwärtig ist.
1.2 – Das Land
(1) Vālmīki schuf schwer zu übertreffende vierzeilige Strophen und ließ selbst die Götter seine süße Dichtung mit vollen Ohren trinken. Das Land, das er gepriesen hat, will nun auch ich beschreiben, berauscht vom Wein der Liebe: wie ein Stummer, der zu sprechen beginnt. (2) Auf allen Feldrainen liegen Perlen, in den strömenden Schleusen Muscheln und auf den breiten Wasserbänken rotes Gold. Die Suhlen der Büffel sind üppige Seerosenbeete; auf den Feldern liegen Korallen. Schwäne bevölkern die Reisflächen, roter Honig die benachbarten Brachen, und in den Sandelhainen drängen sich frohe Bienen. (3) Das Rauschen fließender Flüsse, der Lärm der Bauern an den Pressen, das Strömen des Zuckerrohrsaftes, der anschwellende Schall der Muscheln, das Getöse springender Stiere und das Platschen der Büffel im Wasser: All diese Klänge mischen sich im großen, von Äckern umgebenen Land. (4) In den kühlen Hainen tanzen Pfauen, die Lotusse halten Lampen, die Wolken tönen wie Trommeln und die Seerosen öffnen ihre Augen. Klare Wellen bilden den Vorhang, und die Bienen singen süß wie eine honigträufelnde Makara-Yāḻ. So hält das Ackerland seinen herrlichen Hof!
(5) Auf Lotussen ruhen Bienen und die unermesslich schöne Göttin des Glücks. Auf den mit kühlen Kränzen geschmückten Liebenden ruhen die Blicke der Frauen und die Pfeile des Liebesgottes. Zu den großen Wolken steigen die Schätze des Wassers, Korallen und leuchtende Perlen; auf den Zungen liegen Wahrheit und der Sinn der ehrwürdigen Schriften. (6) Im Wasser schlafen die Muscheln, im Schatten die Büffel, in den Girlanden die Bienen und im Lotus die rote Göttin. Im Schlamm schlafen die Schildkröten, an den Ufern die Perlmuscheln, bei den Strohhaufen die Schwäne und in den Hainen die Pfauen. (7) Gold, das beim Pflügen zutage tritt, Perlen aus den Muscheln, Edelsteine, die auf dem geeggten Boden glänzen, und Reis; dicht stehende grüne Ähren, Fische, zart belaubtes Zuckerrohr und Bienen; die Gesichter der Feldarbeiterinnen und die Blumen: Alles öffnet strahlend seine Augen. (8) Die Sänger mit ihren kleinen, hell klingenden Yāḻ haben süßen Honigwein getrunken. Ihre fest bespannten Instrumente ertönen, und überall erklingen ihre Lieder. Sie wecken die dunkeläugigen, pfauengleichen Frauen aus süßem Schlaf auf glänzenden goldenen Betten in den silberweißen oberen Häusern.
(9) Die Süße des Zuckerrohrs aus den Pressen, der Saft angeschnittener Palmblüten, der Saft reifer Früchte in den Hainen, der Honig aus herabhängenden Waben und jener aus den Blumenkränzen strömen über ihre Grenzen hinaus. Sie gelangen ins Meer, wo die Schiffe fahren; alle Fische trinken davon und werden berauscht. (10) Die Feldarbeiterinnen sprechen süß wie Musik. Auf den Feldern wächst kein Unkraut, das nicht ihren weiten Augen, Händen, Füßen, Gesichtern oder Mündern gliche. Die Bauern, denen noch Palmwein um die Lippen steht, gehen umher und können nichts ausreißen. Würden sie ihre Liebe zu den Frauen verleugnen, nur weil deren Ähnlichkeiten klein und unscheinbar sind? (11) Wenn selbst die Wellen des dunklen Meeres nach Blumen und dem duftenden Haaröl jener Frauen riechen, die im frischen Wasser baden – wer könnte dann ihre Menge beschreiben? Wie Blitze sind sie, mit honigsüßem jungen Mund; ihre scharfen Seitenblicke versetzen die Männer in Unruhe. (12) Die mit Ohrringen geschmückten jungen Männer baden mit weißer duftender Paste und zartem Kumkum-Sandel auf ihren Körpern. Wollte man die Fülle dieses Badewassers beschreiben: Überall dort, wo es durch Gärten, Reisfelder und Siedlungen strömt und seinen Schlamm absetzt, sammeln sich Bienen.
(13) Rotfüßige Schwäne, die wie Frauen mit fischgleichen Augen umhergehen, haben ihre kleinen Jungen auf weiten Lotusbetten liegen. Büffel stehen bis zu den Beinen im Schlamm; an ihre Kälber denkend brüllen sie, und Milch fließt ihnen aus den Eutern. Die Schwanenküken trinken sie und schlafen ein, während grüne Frösche ihnen ein Wiegenlied singen. (14) In den Hainen feiern die Kuckucke Hochzeit. Zwischen den Zweigen tanzende Pfauen schmücken die Bühne wie Frauen mit scharfen Augen. Damit die königlichen Schwäne mit ihren kräftigen Flügeln aus den vielblumigen Betten erwachen, summen die Bienen am Morgen die Melodie Cevvaḻi. (15) Manche verbinden sich in der Ehe mit Frauen, die zu ihnen passen. Manche genießen Dichtung und Musik, die zusammengehen wie ein Falke und sein Schatten. Manche trinken mit den Ohren Belehrung, süßer als Lebenselixier. Andere lieben die festliche Freude, die sich beim Anblick eintreffender Gäste entfaltet. (16) Manche lassen Kampfhähne gegeneinander antreten: mit finsterem Mut, roten Augen und aufgerichtetem Kamm. Mit den Waffen ihres Körpers greifen die Tiere an und zürnen ohne persönliche Feindschaft. Aus unverminderter Kampfeslust setzen sie ihr Leben ein, damit ihr tapferer Ruhm keinen Makel erleidet.
(17) Andere treiben rotäugige Büffelstiere gegeneinander. Zornig prallen sie wie Donner aufeinander, stoßen und drängen sich zusammen, als wären zwei gewaltige Stücke Finsternis gegeneinander aufgebracht. Die Zuschauer mit löwenmähnigem Haar schauen zu und jubeln bis hinauf zu den Wolken. (18) Wieder andere Bauern treiben ihre Pflugochsen an. Dornige Lotusstängel und silberhelle Sprosse brechen, Perlen und Gold werden beiseitegeschoben, Edelsteine verstreut. Muscheln klagen, Fische springen in den Furchen, Schildkröten ziehen ihre Köpfe ein und Varāl-Fische verbergen sich in den Wasseröffnungen. (19) Überall erklingt der Lärm gemeinsamer Mahlzeiten. In ihren Häusern essen die Brahmanen selbst, zusammen mit Gästen und Angehörigen: die drei vorzüglichen Früchte, vielerlei Hülsenfrüchte, reichlich Ghee und dicken Joghurt, der in Stücken zwischen dem Reis liegt – Speisen wie Nektar. (20) Ein ruhmreicher König schützt das Land: Er kennt die rechte Ordnung, hat Begierde überwunden, zürnt nur dort, wo Zorn geboten ist, und gewährt den Wesen, was ihnen zukommt. Wie die göttliche Erde unter seiner Herrschaft von ihrer Last befreit aufatmet, so entladen an der Küste die Schiffe ihre goldschweren Frachten und erleichtern ihre langen Rücken.
(21) Die Reisgarben werden mit lautem Getöse zu Haufen aufgeschichtet, die bis zum Himmel reichen. Zur rechten Zeit drischt man sie und häuft die Körner auf. Um Bedürftigen zu helfen und viele Gäste zu bewirten, bringt man die Ernte nach Hause: Wagen stehen so dicht, dass sie die Wege verdecken und unter ihrer Last die Erde einsinkt. (22) Was auf den Ährenfeldern wächst, in den duftenden Hainen, an den Bäumen als reife Frucht, im offenen Land als Hülsenfrucht, an festgewachsenen Ranken und in der Erde als Knolle: All das sammeln die Bauern, wie Bienen den reichen Honig aus Blumen holen. (23) Die Bienen bleiben Tag für Tag in den Ackerfluren. Auf den lotusgleichen Gesichtern der jungen Frauen sehen sie die schönen dunklen Augen und halten sie für ihre eigenen prächtigen Gefährtinnen; voller Liebe und Verlangen umkreisen sie sie. (24) Auf der einen Seite stehen die Feldarbeiterinnen, die selbst den Liebesgott besiegen; ihre vollen Brüste scheinen den Männern herausfordernd entgegenzutreten. Überall ringsum trinken die großen Vāḷai-Fische den Saft der Palmblüten und tummeln sich übermütig.
(25) Dunkle Büffel steigen nass aus dem Wasser, als wären Regenwolken auf die Erde gekommen. Sie denken an ihre Kälber im Dorf; Milch strömt aus ihren weichen Eutern. Davon gedeihen die Reisfelder. (26) Aus den unablässig tätigen Küchen mit ihren laut brodelnden großen Töpfen fließt eine breite Flut von Reiswasser. Sie zieht durch die Gärten mit ihren hohen, zarten Arekapalmen und nährt die frisch gesetzten roten Reispflänzchen. (27) Helle Hähne mit stolzem Kamm scharren mit beiden Füßen in der Erde. Die Edelsteine, die sie auf den Hügeln freilegen, blinken so schön, dass die Scharen kleiner Vögel sie für Glühwürmchen halten und in ihre Nester tragen. (28) Die Hirtinnen arbeiten mit ihren Händen, bis sie schmerzen. Die Butterquirle tanzen im weißen Joghurt; doch ihr Geräusch wird vom lauten Klingen der weißen Armreifen übertönt. Bei jedem Zug neigen sich die Frauen, und ihre schmalen Taillen werden noch schmaler.
(29) Die dunkeläugigen Frauen der Küste, denen Hinterlist fremd ist, füllen ihre Worfelkörbe mit Perlen und bauen damit kleine Spielhäuser in ihren Höfen. Die dabei verstreuten Perlen geraten zwischen die zerkleinerten Arekanüsse, aus denen sie wieder ausgesiebt werden. (30) Unerschütterliche Widder, geboren von sanften Mutterschafen, prallen mit harten Köpfen und gerillten Hörnerpaaren aufeinander. Ihr Krachen klingt wie Donner. Die regenbeladenen Wolken über dem großen Berg erschrecken und antworten mit Blitzen. (31) Im Hirsefeld rufen junge Papageien mit süßer Stimme; an den Knospen summen junge Bienen. In den blumigen Gärten singen die Vögel, und in den Häusern der Freigebigen erklingen glückverheißende Lieder beim Stampfen des Getreides. (32) Die kräftigen Männer der Bergregion umringen die Waldgruben, trennen die Elefantenbullen von den Kühen mit ihren Kälbern und legen sie in starke Fesseln. Die gemeinsamen Rufe der Männer schrecken die Schwäne auf, die sich an ihren lieben Gefährten freuen.
(33) Wer nach Knollen gräbt, findet große Edelsteine. Wer springend nach Früchten greift, erntet herabhängende Mangos. Auf den goldblühenden Punnai-Bäumen sammeln sich die Vögel; auf den Lotussen schlafen die Schwäne. (34) Vor den Häusern der Hirten mit ihren Koṉṟai- und Bambusflöten schläfert der Kuravai-Gesang die Kälber ein. Der Cevvaḻi-Gesang der Küstenfrauen zieht zu den Feldern und begleitet die Feldarbeiterinnen, die hinausgehen, um die Äcker zu bewachen. (35) Durch Schleusen strömt Wasser in die roten Seerosenteiche und bewegt die Stängel des Taro; dort weiden gewundene Muscheln. An den weiten Bergen wird der Bambus vom Wind geschüttelt, und frischer Honig fließt herab wie lang herabhängende Schlangen. (36) Alle Frauen mit ihren großen, weiten Augen und halbmondgleichen Stirnen sind mit angemessenem Wohlstand und Bildung gesegnet. Was könnten sie da lieber tun, als bedrängten Ankommenden zu geben und täglich Gäste zu bewirten?
(37) In jeder Speisehalle, die ohne Parteilichkeit Nahrung gibt, liegen Haufen geschnittener Gemüse, mit halbmondförmigen Eisenmessern zerteilt; dazu Hülsenfrüchte und volle Berge von Reis, weiß wie Perlen. (38) Schiffe bringen Schätze in Fülle, zahllose Felder reichen Ertrag und die Minen kostbare Edelsteine. Die schwer zu erlangende Gabe guten Lebenswandels aber erwächst den Menschen aus ihren Familien und ihrer überlieferten Lebensweise. (39) Es gibt keine Todesstrafe, weil niemand Verbrechen begeht; keinen Zorn, weil die Herzen ausgeglichen sind. Da alle Kraft allein dem guten, rechten Handeln dient, gibt es nur Erhebung und keine Erniedrigung. (40) Nur die Fluten überschreiten die Grenzen. Nur der Kumkum-Schmuck auf den Schultern wird verwischt. Nur die Taillen der jungen Frauen schwinden dahin, und nur ihr weiches, blumengeschmücktes Haar ist von betörendem Duft erfüllt.
(41) Der Rauch des Aloeholzes, der Rauch der Küchen, der duftende Rauch der arbeitenden Zuckerrohrpressen und der aufsteigende Rauch jener Opfer, von denen die vier Veden sprechen, vermischen sich. Überall schwellen sie an wie mächtige Wolken. (42) Pfauen bewegen sich wie die Frauen in ihrer Anmut. Lichtglanz wandert wie der Schein ihrer Edelsteine. Die Haine wiegen sich wie ihr wolkiges, blumenduftendes Haar; in den duftenden Reisfeldern huschen Kayal-Fische wie ihre Augen hin und her. (43) Die Kumuda-Blüten öffnen sich wie die roten Lippen der Frauen, die das Wasser beim Baden aufwühlen und ihre schlanken Taillen beugen. Die Frauen gehen sanft wie Schwäne an den Schleusen; ihre lockengeschmückten Gesichter sind den sich öffnenden Lotusblüten gleich. (44) Ihre speerscharfen Augen spotten selbst des Schicksals. Ihr Gang übertrifft den Gang der Elefantenkuh, ihre vollen Brüste die geschlossenen Lotusknospen. Die Gesichter der Frauen stellen selbst den mit seinen Phasen wachsenden Mond in den Schatten.
(45) Ausgebreitete Edelsteine wetteifern mit dem Tageslicht; pralle junge Kokosnüsse mit den Brüsten der Frauen. Weißer, kalkgleicher Schaum wetteifert mit ihren Gewändern, und die Hochzeitstrommeln messen sich mit dem Donner dunkler Wolken. (46) Die duftenden Haine gleichen Regenwolken; goldene Berge gleichen den Erntehaufen auf den Feldern. Das volle Meer gleicht dem Wasser, das die Fluren umgibt, und die Welt der Götter gleicht den reichen Städten dieses Landes. (47) Die aufgeschütteten weißen Berge sind keine Reisberge, sondern Perlen. Die hellen Hügel sind Salz, der Nektar des Meeres. Was wie stattliche Berge erscheint, sind die Schätze der Flüsse; was wie Goldberge glänzt, sind edelsteinreiche Sandbänke. (48) Die Plätze, auf denen junge Frauen Ball spielen, und die Schulen, in denen junge Männer – schön wie der auf dem Pfau reitende Kanda – die Künste erlernen, liegen in duftenden Landschaften: hier Sandel- und Campaka-Wälder, dort blühende Gärten und honigduftende Haine.
(49) Was die Kuckucke üben, ist das süße, zuckersaftgleiche Plaudern der jungen Frauen; was die Pfauen üben, ist ihr Tanz. Die jungen, hellen Muscheln bringen Perlen hervor, die den Zähnen im Lächeln jener Frauen gleichen. (50) In den Häusern der Palmweinleute trinkt man alten, würzigen Wein; in den Häusern der Bauern geht man dem Ackerbau nach. Bei den jungen Kriegern erklingen Hochzeitsklänge, und in den Häusern der Meister der Musik ertönt die gebogene Yāḻ mit ihren verwandten Tonfolgen. (51) Girlanden vergießen kühlen, frischen Honig; die Wege streuen große Edelsteine und Gold aus. Die Winde bringen nektargleiche Feuchtigkeit, und die Erzählungen schenken Früchte, die das Ohr genießt. (52) Die Pfauen erblicken die vollkommene Anmut der Frauen und folgen ihnen durch die weiten Haine. Wie die Gedanken der jungen Männer ziehen sie hinter jenen her, deren langes Haar Blumen trägt und deren Brüste kostbarer Schmuck umspannt.
(53) Freigebigkeit muss sich nicht hervortun, denn Armut gibt es nicht. Tapferkeit muss sich nicht beweisen, denn kein Feind tritt entgegen. Wahrhaftigkeit muss sich nicht abheben, denn niemand spricht falsch. Unwissenheit gibt es nicht, denn reiches Lernen durch Hören ist überall zu Hause. (54) Wagen bringen große Mengen Sesam, verschiedene Hirsearten und Pferdebohnen. Andere führen das Salz aus den schlammreichen Salinen herbei. Sie drängen sich so dicht zusammen, dass die Ladungen und Wagen durcheinandergeraten. (55 [Quellendruck: 1.2.551]) Wie Lebewesen durch die Folgen ihrer Taten in vielerlei Daseinsformen gelangen, solange ihnen die rettende Zuflucht fehlt, so vermischen sich im Handel Sand und feine Körner, Honig, süßer Zuckersaft, Joghurt aus den Hirtendörfern und berauschender Palmwein. (56) Auf den Straßen erklingen gesungene Lieder und Flötenmelodien in immer neuer Weise. Festfeiern und Opferhandlungen begegnen und durchdringen einander wie Flüsse, die von verschiedenen Seiten zusammenströmen.
(57) Der Klang der großen Muschelhörner, an deren Mundstück geblasen wird, das Dröhnen der geschlagenen Trommeln und der anschwellende Ruf der straff bespannten Taṇṇumai: All das geht im mächtigen Rufen der Bauern unter. (58) Am Abend füttern die Frauen ihre Kinder mit Milch. Auf deren Brust liegt das Amulett der fünf Waffen, und Nektar scheint aus ihren Mündern zu fließen. Die roten, beim Füttern zusammengelegten Hände der Mütter gleichen Lotussen, die sich im weißen Mondlicht schließen. (59) Schönheit gründet in wahrer Würde, Gerechtigkeit in einer Haltung, die nicht lügt. Die guten Werke gründen in der Liebe der Frauen, und der rechtzeitige Regen ruht auf ihrer ehelichen Treue. (60) Wer könnte dieses große Land mit seinen Hainen ganz durchwandern, seine Grenze am Meer finden und zurückkehren? Selbst die mächtige Sarayu hat sie nicht gefunden, obwohl sie mit vielen Armen hindurchfließt.
(61) Selbst wenn bei der Weltauflösung das Meer heranströmt, seine Wasser ausbreitet und alles überflutet, bleibt die Güte dieses Landes unerschüttert. Von diesem makellosen Kosala haben wir gesprochen. Nun wollen wir von seiner Stadt erzählen.
1.3 – Die Stadt
(1) Ayodhya, die große Stadt, wurde von allen Dichtern gepriesen, die schöne, süße, treffende und bedeutungsreiche Worte meistern, und von den Weisen der Sanskritschriften. Die Bewohner aller Welten üben Askese, um in den Himmel aufzusteigen; die Bewohner jenes Himmels aber sehnen sich danach, nach Ayodhya herabzusteigen. (2) Ist sie das Gesicht der Erdgöttin, ihr Stirnzeichen, ihr Auge? Ist sie ihre lange glückverheißende Hochzeitsschnur oder die Perlenkette auf ihrer geschmückten Brust? Ist sie der Sitz ihres Lebens, der geliebte Lotus der Göttin des Glücks, ein goldenes Kästchen für die Edelsteine auf Vishnus Brust? Ist sie eine Welt über der Welt der Götter oder die Zuflucht am Ende eines Weltzeitalters? Wie sollen wir sie nennen? (3) Shiva, dessen eine Hälfte Uma ist, Vishnu, der einzige Gemahl der beiden Göttinnen, und Brahma, der auf dem Lotus sitzende Gott reichen Schöpfertums: Keiner kennt eine vergleichbare Stadt. Um diese Stadt zu sehen, ziehen Sonne und Mond, von unwiderstehlicher Liebe angetrieben, ohne zu blinzeln durch den Himmel. Welchen anderen Grund könnte man für ihre Wanderung angeben? (4) Die Stadt des Götterkönigs mit dem scharfen Donnerkeil und auch Alaka waren wohl nur Übungen Brahmas, bevor er diese große, gesegnete Stadt erschuf. Maya und die anderen göttlichen Baumeister schämten sich ihres eigenen Könnens und vergaßen ihre Kunst. Wie sollte man diese Stadt beschreiben, deren hohe mehrstöckige Häuser mit ihren Spitzen die Wolken berühren?
(5) »Wer Gutes getan hat, gelangt in den Himmel« – so lautet der Sinn der ehrwürdigen Veden. Doch wer auf Erden hat große Askese und Gerechtigkeit so entfaltet wie Raghava? Wenn er mit seinen unzähligen Tugenden hier freudig wohnt und von hier aus die sieben Welten regiert, kann man dann von einem anderen Ort höchsten Glückes sprechen? (6) Der rotäugige Vishnu ist die Zuflucht aller, die große Gnade und Dharma zu Gefährten haben, ihre feindlichen Sinne überwinden und große Askese mit Erkenntnis verbinden. Wenn er in dieser Stadt geboren wurde, sie regierte und unermesslich lange in Herrlichkeit dort wohnte – welche goldene Stadt im Götterland könnte dieser Stadt der weiten Erde gleichen? (7) Alle Königsmacht ist dort, aller Schmuck ist dort, alle schwer erhältlichen Edelsteine sind dort. Mächtige Elefanten mit Halsriemen, Pferde, Wagen und alles, was die Erde trägt, sind dort. Weise, Götter, Yakshas, Vidyadharas und die anderen Himmelsbewohner verkünden ihren Ruhm. Wo ließe sich da noch ein Vergleich finden? (8 [Quellendruck: 1.38]) Ihre goldene Mauer ist nach der vorgeschriebenen Ordnung vierseitig angelegt und steigt unerhört hoch auf. Unter den schneebedeckten großen Bergen gibt es nichts Vergleichbares. Sie gleicht allenfalls einer feinen, schwer aussprechbaren Erkenntnis, die durch beharrliches Studium der Schriften und ihrer Früchte immer weiter wächst. Ihre Höhe erhebt sich über jede Höhe.
(9) Sie gleicht den Veden, weil sich das Ende ihrer erkennbaren Größe nicht erreichen lässt; den Göttern, weil sie in den Himmel ragt; den Weisen, weil sie ihre mächtigen Kräfte beherrscht. In ihrer Wacht gleicht sie der jungfräulichen Göttin auf dem Hirsch, mit ihren Dreizacken Kali. Ihrer Größe wegen gleicht sie allem Erhabenen, ihrer Unerreichbarkeit wegen Shiva selbst. (10) Die Frauen Ayodhyas haben rote, lotusgleiche Füße, deren leuchtende Nägel wie mit rotem Lack gefärbte Mondsicheln aussehen; rankenschlanke Taillen, kokosschöne Brüste und zarte, bambusgleiche Schultern. Als wollte die Stadtmauer prüfen, ob die Götterwelt wirklich schöner sei als diese Stadt, erhebt sie sich hoch in den Himmel und schaut hinüber. (11) Sie gleicht den Königen des Sonnengeschlechts: Sie umspannt die Welt mit ihrem Maßstab, nimmt den Feinden die gekrönten Häupter, folgt genau der überlieferten Ordnung und besitzt eine für niemanden zu durchbrechende Wacht. Mit Stärke, Speeren, Schwertern, Bogen, furchtbarer Verteidigungskunst, unbesiegbarer Macht, würdiger Höhe und wirksamen Rädern steht sie ihnen gleich. (12) Scharfe Speere, tödliche Schwerter, Bogen, Äxte, Keulen, Scheiben, Wurfspieße, schwere Stößel und Schleudersteine, schrecklich wie Donner in den Wolken: Ihre Waffen sind unzählbar. Ihre Vorrichtungen können selbst Mücken, den König der Vögel, den dahineilenden Wind und die Gedanken derer treffen, die Böses planen. Was sollte man noch hinzufügen?
(13) Die Könige des Sonnengeschlechts, dessen Licht die Finsternis in allen acht Richtungen vertreibt, leben in der Haltung: »Ruhm genügt als Schmuck.« Sie schützen die Wesen mit ganzer Sorgfalt. Obwohl ihr Rad, ihr unvergleichliches gerechtes Zepter und ihr Befehl weit über den Himmel und die Himmelsrichtungen hinaus Schutz gewähren, errichteten sie die Mauer als Zierde ihrer Stadt. (14) Nun wollen wir den Graben beschreiben, der diese große Mauer umgibt wie das Meer den Weltenrandberg. Tief liegt er wie das Herz einer käuflichen Frau, undurchsichtig wie schlechte Dichtung, unzugänglich geschützt wie der Schoß einer Jungfrau. Seine Krokodile schnellen hervor wie die Fallen, die Menschen vom guten Weg abbringen. (15) Die Wolken ziehen mit ihren Scharen dahin und sehen das Ende des weiten, bis in die Unterwelt reichenden Grabens nicht. Sie halten ihn für das gewaltige Meer, schöpfen daraus und steigen auf. Dann meinen sie, die Mauer sei ein himmelhoher Berg; gegen ihn gedrängt, ergießen sie ihre Wasserströme. (16) Außen an der großen Mauer blühen weite, duftende Lotuswälder im Graben. Es sieht aus, als hätten sich all die Lotusse, die einst vor den strahlenden Gesichtern der Frauen unterlagen, versammelt und die Mauer umringt, um erneut zum Kampf herauszufordern.
(17) Der riesige Graben durchschneidet ringsum die Erde und umschließt die mit Verteidigungswerken versehene Mauer. In ihm liegen mächtige Krokodile und schnellen auf. Sie gleichen unbezähmbaren, von Kraft erfüllten Elefanten, die in einem schiffbefahrenen Meer bald auftauchen, bald wieder versinken. (18) Die Krokodile schlagen ihre Schwänze wie schneidende Schwerter, lassen ihre jungen Mondsicheln gleichenden Zähne aufblitzen und reißen die Mäuler auf. Aus den brennenden Augen scheint Feuer zu sprühen. Zornig verfolgen sie einander und gleichen Rakshasas, die auf dem Schlachtfeld gegeneinander losstürmen. (19) Die Schwäne erscheinen wie Scharen weißer Herrscherschirme; die gewaltigen Krokodile wie umherziehende berggleiche Elefanten. Die Wellen sind Pferde mit stampfenden Hufen und hitzigem Mut, die Fische Schwerter und Speere. So gleicht der Graben dem Heer eines Königs. (20) Seine Ränder sind fest gefügt und mit Silber eingefasst; innen liegen Kristallflächen auf goldenen Platten. So klar sind Stein und Wasser, dass selbst die Götter kaum bestimmen könnten, wo der durchsichtige Stein endet und das Wasser beginnt.
(21) Um den langen, weiten Graben, der wie ein Meer die Stadt umgibt, liegt ein dichter Wald: als lagerte ringsum ein weiterer, gewaltiger Körper aus schwerer Finsternis. Betrachtet man ihn, gleicht er einem blauen Gewand, das die große goldene Mauer trägt. (22) Die Tore stehen wie siegreiche Elefanten an den Grenzen der Welt. Sie überragen selbst den Fuß, mit dem Vishnu einst rasch den Himmel ausmaß. Vier Tore sind es, gleich den vier Veden, die der ganzen weiten Erde den guten Weg einer unverfälschten gerechten Ordnung weisen. (23) Auf den makellosen goldenen Flächen sind Haine des Wunschbaums dargestellt, an dessen Fuß glückselige Wesen weilen. Eine Taube zieht sich dorthin zurück und schmollt: Ihr geliebter Täuberich, der ihr so teuer wie das Leben ist, kam nicht zu ihr, als sie rief, sondern blieb bei einer gemalten Taube sitzen. (24) Die Bauleute legten und schichteten das steinerne Fundament, schnitten Kristall für die Einfassungen und brachten darüber glänzendes Gold an. Reihen strahlender Edelsteine wurden eingelassen, große silberne Balken darübergelegt und diamantene Säulen eingefügt.
(25) Auf leuchtenden smaragdenen Konsolen fügten sie makellos Diamanten zusammen und kleideten die oberen Teile mit Gold aus. Lange Reihen von Yali-Gestalten, mit blitzenden Edelsteinen besetzt, trugen mit ihren ausgebreiteten Händen die prächtigen oberen Bauteile. (26) Als hätten sie für die sieben Welten sieben Stockwerke errichtet, bauten sie alles nach den Regeln der Baukunst auf und deckten es oben mit rotem Gold. Ganz oben erstrahlten edelsteinbesetzte Gefäße. Es war, als setzten die Länder der Erde ihrem jungen Spross eine Krone auf. (27) Die weißen Paläste sind mit muschelweißem Kalk so hell bestrichen, dass selbst der Mond daneben dunkel erscheint. Sie gleichen den mächtigen Wogen des Milchozeans, die ein heftiger Sturmwind nach oben treibt. (28) Andere Paläste, unter deren Dächern schöne gefleckte Tauben wohnen, sind mit kostbaren Goldplatten gedeckt. Sie gleichen dem jungen Glanz der unübertrefflichen Sonne, der sich auf einem silbernen Berg ausbreitet.
(29) Auf schönen Diamantsäulen ruhen makellos gefügte Smaragdbalken und Konsolen. Ihre kunstvollen Bilder scheinen lebendig zu werden. Unzählige solcher Gebäude blitzen auf, sodass selbst die Bewohner des Himmels staunen. (30) Unzählige andere haben Böden aus Mondstein, Säulenreihen aus Sandelholz und Konsolen aus Koralle. Leuchtend rote Edelsteinbalken sind darin eingefügt, und ihre festen Wände bestehen aus tiefblauem Saphir. (31) Die Gebäude zeigen lotusgleiche Füße mit schmückenden Bändern, tragen herrliche Gestalten und besitzen rote Öffnungen. Sie sind der Tanzkunst gewidmet, innen rein und von goldener Erscheinung. Ihre Zahl lässt sich nicht ermessen. (32) Ihr vereinter Glanz ist so stark, dass die Augen der Eintretenden nicht blinzeln können: Sie erscheinen wie Himmelsbewohner. Leuchtend stehen die Gebäude da und gleichen jenen göttlichen Luftpalästen, die sich schon auf einen Gedanken hin in jede gewünschte Richtung bewegen.
(33) Die reich geschmückten Frauen und die mit Girlanden versehenen Männer ruhen sich in guten Werken aus; im rechten Lebenswandel erlahmen sie niemals. Nirgends sieht man Schmuck, der nicht aus Gold und Edelsteinen gefertigt wäre. (34) Die Häuser steigen zum Himmel auf, besitzen grenzenlosen Reichtum, hohen Ruhm und leuchtenden Glanz. Sie sind Orte makellosen gerechten Lebens und entsprechen der Lebenshaltung ihrer zahllosen Bewohner, von denen jeder einem König gleicht. (35) Sie gleichen Bergen: Perlengirlanden hängen herab wie Wasserfälle, Fahnen breiten sich wie Wolkenscharen aus; große Edelsteine häufen sich darin, und ihre Spitzen bestehen aus feinem Gold. Scharen von Pfauen beleben sie. (36) Dichter Aloeholzrauch umhüllt die Gebäude und vermischt sich so mit den Wolken, dass man beide nicht mehr unterscheiden kann. Zwischen langen Stoffbahnen und Fahnen blitzen Dreizackspitzen hervor: wie Reihen von Blitzen am hellen Tag.
(37) In den Palästen klingen die Fußringe der pfauengleichen Frauen mit schmaler Taille und vollen Brüsten. Zwischen den Fahnen hängen weiße Perlenschnüre; sie gleichen den Girlanden, die der duftende Wunschbaum hervorbringt. (38) Die hohen, herrlichen Gebäude tragen dichte Scharen aufragender Fahnen, wie große Berge Haine von Bananenstauden. Diese Fahnen reiben täglich am hochstehenden Mond: Deshalb wird sein heller Schein schwächer, und deshalb nimmt er ab. (39) Wo keine goldgefüllten Hallen stehen, liegen blumengeschmückte Versammlungsplätze. Wo keine berggleichen Paläste aufragen, glänzen edelsteinbesetzte Plattformen. Wo keine freien Höfe sind, spannen sich Perlenschirme. (40) Die kunstvoll gearbeiteten Goldflächen der unversehrten, schönen Stadt strahlen wie Blitze, Lampen und verdichtetes Sonnenlicht. Weil ihr Widerschein die Welt der Götter berührt, ist deren Himmel zu einer goldenen Welt geworden.
(41) Beim Aufgang steht die Sonne noch fern, dann vereinigt sie sich mitten am Himmel mit der Stadt und entfernt sich beim Untergang wieder. So leuchtet das kreisende Himmelslicht, als wäre es der Widerschein Ayodhyas, der goldenen, von Mauern umgebenen Stadt mit ihren feurig strahlenden Edelsteinen. (42) Die Wolken trinken den dunklen Aloeholzrauch, der die goldenen Paläste der Frauen mit kunstvollen Hüftgürteln umhüllt. Wenn sie dann ins große Meer eintauchen, duftet selbst dieses nach Weihrauch. Muss man da noch beschreiben, wie köstlich der Regen duftet, den sie zuvor vergossen haben? (43) Das Plaudern der jungen Frauen klingt wie Flötenmusik, ihre zarten Stimmen wie die Makara-Yāḻ. Ihre schönen, süßen Worte sind selbst Musik. Dazu erklingen in den Vierteln der Palmweinleute die Lieder der fahrenden Sänger. (44) Elefanten mit feuersprühenden Augen scharren mit den Füßen die Erde auf; dort, wo junge Männer ihre Spiele und Übungen treiben, entstehen ebenfalls Vertiefungen. Duftender Puder, der überall verstreut wird, füllt diese Gruben wieder auf.
(45) Die Frauen üben sich im Ballspiel. Dabei reißen Perlenschnüre, und Perlen fallen zwischen ihnen zu Boden. Unzählige Dienerinnen sammeln sie auf; die wachsenden Haufen verbreiten ein so kühles Licht, dass der Glanz des Mondes dagegen verblasst. (46) Frauen tanzen auf den Bühnen. Die scharfen dunklen Seitenblicke ihrer Augen durchdringen die Herzen der Liebenden. Deren Leben schwindet dahin und wird so schmal wie die Taillen der Tänzerinnen; allein ihr Verlangen wächst. (47) Die Haine vergießen frischen Honig. Sanft dringen der Südwind und die Bienen hinein, von ihm angelockt. Doch während sie dort eindringen, werden die glühenden Brüste der von ihren Geliebten getrennten Frauen von Schmerz ergriffen und schwach. (48) Die süße Musik der Makara-Yāḻ senkt sich und steigt mit den klangvollen Liedern wieder an. Kräftig bespannte Instrumente begleiten sie. Die Frauen und die Papageien, die ihre Worte nachsprechen, schließen die Augen und sinken in Schlaf.
(49) Die Männer verehren die beiden Füße der Frauen mit bogenförmigen Brauen und kovvairoten Lippen. Ihre mächtigen Schultern werden rot, wenn die Frauen sie im Liebesstreit mit ihren makellosen, dicht erblühten Lotusfüßen stoßen. (50) In jener unvergleichlichen Stadt ist es schwer, die Tageszeit zu erkennen. Liegt es an der Sehnsucht, die makellosen Körper der ehrwürdigen Frauen zu betrachten, die wie helle Lampen leuchten, dass selbst die gemalten Bilder nicht blinzeln? (51) In den Palästen, in denen die Göttin des Glücks wie in einer kühlen Blüte wohnt, breitet sich gebündeltes Licht aus und vertreibt die Finsternis. Sind es kräftig brennende Öllampen? Sind es Edelsteinlampen? Es sind die leuchtenden Körper der Frauen. (52) Die Tänzerinnen setzen nach den Regeln der Kunst ihre Schritte: im Einklang mit Lied, Melodie und Taṇṇumai-Trommel. Doch was ihren Rhythmus weithin hörbar gliedert, sind nicht nur ihre eigenen Fußschellen, sondern auch die klingenden Glockenketten der Pferde.
(53) Das Lächeln der Tänzerinnen mit jungen Mondsicheln gleichenden Stirnen lässt heftigen Liebesschmerz entstehen. Tag für Tag werden ihre schmalen Taillen noch zarter; während sie sich neigen, spielen Perlenketten und rote Goldketten auf ihren weichen Brüsten. (54) Überall, an jedem Ort, fehlen Freude und Übermut niemals: bei den jungen, schreitenden Schwänen, den Kayal-Fischen im Lotuswasser, den jungen Bienenpaaren und den mächtigen Elefanten, die süßen Saft trinken – und ebenso wenig in den Augen der Frauen. (55) Die Elefanten gleichen Bergen, deren Höhlen feuerglänzende Yalis und ihre Gefährten bewohnen. Aus drei Stellen ihres Körpers regnet der Schläfensaft herab. Wo er niederfällt, weicht der Boden auf; in diesen weichen Grund sinken die festen, mit Bannern geschmückten Wagen ein. (56) Die Blumengirlanden, die ihre Träger abgelegt haben, umschlingen die Hufe der Pferde, auf denen die Männer ihre Übungen vollführen. Wer eilig dahingeht, gleitet aus auf der duftenden Paste, die bei der Versöhnung nach einem Liebesstreit von den vollen Brüsten der Liebenden abgestreift wurde.
(57) Mit unermüdlichen Hufen wühlen die Pferde den Boden auf. Der aufsteigende Staub verhüllt den Glanz der Edelsteine. Doch die Girlanden auf den Schultern der jungen Männer träufeln Honig darüber und lassen die Steine wieder leuchten. (58) Der Schläfensaft der unbezähmbaren Elefanten duftet nach Vēṅkai-Blüten, der Mund der Frauen aus edlen Familien nach Kumuda. Die Edelsteine strahlen unzählbare Lichtstrahlen aus; das Haar der Frauen verbreitet den Duft von Blumen. (59) Warum überhaupt von jener Götterstadt sprechen, die sich mit dieser Königsstadt nicht auf eine Stufe stellen lässt? Als Alaka sich mit ihr im Reichtum aller Güter messen wollte und ihre Marktstraße sah, musste es sich geschlagen geben. (60) In den Scharen der jungen Männer klingen die kräftigen Fußringe, Speerspitzen blitzen und Edelsteinschmuck verbreitet Sonnenlicht. Moschus duftet stark, Perlen funkeln, und Bienen singen um ihre Girlanden.
(61) Der Schall der Muscheln und Hörner, die verwandten Töne der Makara-Vīṇā, das Dröhnen der Trommeln, die Klänge der Kinnara-Instrumente und Flöten: Das gemeinsame Brausen all dieser Instrumente schwillt so mächtig an, dass das Meeresrauschen dagegen schwach wird. (62) Es gibt Hallen, in denen man den Tribut der Könige misst; Hallen, in denen Frauen mit schwanengleichem Gang tanzen; Hallen, in denen die tiefgründigen heiligen Veden rezitiert werden; und Versammlungshallen, in denen man die unermesslichen Wissensgebiete erörtert. (63) Die Edelsteine der Torbögen strahlen wie die Sonne. Gegenüber den Straßen erscheinen selbst die Himmelsrichtungen eng. Die Ströme aus den Elefantenställen übertreffen die weithin leuchtenden Wasserfälle, und die Reihen der Pferdeställe scheinen größer als das Meer. (64) An den Palästen mit ihren Torbögen und Dachspitzen, die Regenwolken festhalten, erblühen die strahlenden Gesichter der Frauen. In ihnen öffnen sich Augen wie Pfeile; diese dringen tief in die Körper der löwengleichen Männer ein.
(65) Mit dem Klang der königlichen Fußringe wetteifern das Rasseln goldgeschmückter Wagen und das Klingeln der Pferdeketten. Wenn die Fußschellen der freundlich lächelnden Frauen tönen, antworten die Schwäne zwischen den Lotussen an den Badeplätzen der Mädchen. (66) Manche verbringen in der alten Stadt ihre Zeit mit Liebesstreit und Versöhnung, mit dem Singen lebenssüßer Lieder und dem Hören der Sängerinnen, mit Tanz, mit Baden in weiten Gewässern und mit dem Anlegen schöner Blumen. (67) Andere verbringen ihre Zeit damit, auf mächtigen brüllenden Elefanten zu reiten, schnelle Pferde mit erhobenen Hufen und Wagen zu besteigen und reichlich zu geben, um den Kummer der schon lange bedrängten Bittenden zu lindern. (68) Manche lassen Elefanten gegeneinander antreten, üben sich mit Handwaffen und gestreiften Bogen und spielen auf Pferden mit weißen Mähnen das unvergleichliche Ceṇṭu-Spiel. Mit dem Studium der Kriegskünste vergeht ihnen die Zeit in der hohen Stadt.
(69) Andere pflücken Blumen in den Lustgärten, baden mit jungen Frauen, die wie Rehe herankommen, trinken klaren Palmwein, bis die rote Farbe ihrer Lippen schwindet, und verbringen die Zeit mit dem Würfelspiel. (70) Wie weiße Wolken durch die weiten Räume der Himmelsrichtungen ziehen und Wasser aus dem fischreichen Meer trinken, so steigen die unablässig wehenden Fahnen zwischen den hohen Häusern empor. Sie erreichen den Himmelsfluss und scheinen ihn trocken zu lecken. (71) Die Tore mit ihren mächtigen Schmuckbögen und die rotgoldene Mauer steigen über den Himmel hinaus, als gäbe es weiter oben keinen Raum mehr. Wie aufgehäufter Ruhm, geboren aus den Tugenden der bergschultrigen Helden, ragen beide empor und beschämen die Himmelsbewohner. (72) Wälder, Felder, meeresgleiche Wassergräben, Badeteiche der Frauen, Berge mit Wasserfällen und Quellen, himmlische Wohnungen, edelsteingeschmückte Lauben und Haine, in denen Bienen wie Vīṇās singen: Überall sind sie zugleich Stätten guten, freigebigen Lebens.
(73) In der großen Stadt dröhnen täglich die fest bespannten Trommeln so mächtig, dass selbst Regenwolken und das Wogenmeer erschrecken. Unter ihren Bewohnern gibt es keine Diebe, daher braucht niemand seinen Besitz zu bewachen. Es gibt keine Bedürftigen, die etwas nehmen müssten, daher auch niemanden, der als Geber hervorträte. (74) Weil niemand ohne Bildung bleibt, gibt es weder eine besondere Klasse vollkommen Gelehrter noch Menschen, denen solches Wissen fehlt. Weil alle jeden großen Wohlstand besitzen, gibt es weder Besitzlose noch eine besondere Klasse der Besitzenden. (75) Die Stadt gleicht einem Baum: Aus dem ersten Keim der Bildung wachsen unzählige kräftige Zweige des durch Hören erworbenen Wissens. Große Askese entfaltet ihr Laub, Liebe treibt Knospen, Dharma erblüht, und als eine einzige reife Frucht schenkt der Baum erfülltes Glück.
1.4 – Die Königsherrschaft
(1) Der Herrscher dieser ehrwürdigen Stadt war ein König der Könige. Sein einzigartiges gerechtes Zepter galt in allen sieben Welten. Er glich der Verkörperung des guten Dharma, denn er brachte Rama hervor, den Helden mit mächtigen Fußringen, der der Herr dieser erhabenen Geschichte ist. (2) Ursprüngliche Klugheit, Gnade, Rechtschaffenheit, Ruhe, unvergleichliche Stärke und Tapferkeit, Freigebigkeit und beständige Gerechtigkeit: Bei anderen Herrschern mit dem Königsrad sind diese Eigenschaften nur teilweise zu finden. In ihrer ganzen Fülle gehorchten sie diesem einen König. (3) Auf der alten, vom brausenden Meer umgebenen Erde gab es keine Hand, die nicht vom Wasser seiner Schenkungen benetzt worden wäre. Opfer, die nach den wahrhaftigen Veden Königen zukommen und die kein anderer vollbracht hatte, hatte er schon durchgeführt und längst wieder vergessen. (4 [Quellendruck: 1.44]) In seiner Liebe glich er einer Mutter, im Hervorbringen des Guten der Askese. Er glich einem Sohn, der vorangeht und die Seinen zu einem guten Ziel führt. Musste er wie eine Krankheit strafen, so war er zugleich das Heilmittel. Wer sich in feines, durch Hören erworbenes Wissen vertiefte, fand in ihm die Erkenntnis selbst.
(5) Durch Geben überquerte er das Meer der Bittenden; durch das Studium zahlloser subtiler Schriften das Meer des Wissens. Mit dem Schwert vernichtete und überwand er das Meer der Feindschaft. Indem er die mit Wohlstand verbundenen Freuden bis zur Sättigung erfuhr, gelangte er auch über deren Ozean hinaus. (6) Selbst die Fluten, die Vögel, die Tiere und die unbeständigen Herzen der Liebesfrauen folgten unter ihm einem einheitlichen Weg. Dieser Freigebige von unwiderstehlichem großem Ruhm hieß Dasharatha: der König der Könige, deren scharfe Waffen in festen Scheiden ruhen. (7) Der Weltenrandberg war seine Mauer, das weite umgebende Meer sein Graben und die mit kostbaren Edelsteinen geschmückten Berge seine herrlichen Paläste. So war dem König die ganze Erde wie die eine große Stadt Ayodhya. (8) Sein Speer, stets nahe seiner Hand, wurde abgenutzt, weil er ihn immer wieder mit Sachkenntnis auf Schärfe und Stärke prüfen und schleifen ließ. Auch die goldenen Fußringe an seinen roten Füßen nutzten sich ab: Die Spitzen der hohen edelsteinbesetzten Kronen anderer Könige berührten sie in Huldigung.
(9) Der Mond seines Herrscherschirms genügte, um über jedem Lebewesen auf Erden immer weiter kühlenden Schatten auszubreiten und die Finsternis zu vertreiben, ohne jemals abzunehmen. Darum sagte man vom Mond am Himmel: »Dieser ist eigentlich überflüssig.« (10) Mit diamanthellem Schmuck und löwengleicher Stärke schützte er jedes Leben so sorgfältig wie sein eigenes. Dadurch wurde er gleichsam zu dem einen Körper, in dem alle gehenden, stehenden und lebenden Wesen der schuldlosen Welt wohnen. (11) Seine runden Schultern ragten wie Berge empor. Sein siegreiches Herrscherrad zog wie die glühende Sonne als ein einziges über die Welt. Hoch über allem stand es unablässig und gewährte jedem Lebewesen dauerhaften Schutz. (12) Nirgends erhob sich noch ein Feind, gegen den seine trommelgleichen Schultern ihre kampffreudige Kraft hätten richten können. So regierte er glücklich und behütete die ganze Welt mit derselben Sorgfalt, mit der ein armer Bauer sein einziges kleines Feld pflegt.
1.5 – Die göttliche Geburt
(1) Eines Tages verneigte sich Dasharatha vor dem reinen großen Weisen, der Brahma selbst glich, und sprach: »Du bist für unser altes Geschlecht Mutter und Vater, die Frucht der Askese und der himmlische Gott, dem wir uns in Liebe zuwenden; du bist auch alles andere, was uns beisteht. (2) Die Häupter unseres Geschlechts trugen die Erde und ließen ihre Familie heller erstrahlen als die Sonne. Keiner von ihnen ließ ihren Ruhm verblassen. Durch deine Gnade habe auch ich diese grenzenlose Welt glücklich beschützt. (3) Sechzigtausend Jahre sind vergangen, in denen ich mächtige Feinde unterwarf und die Welt behütete. Sonst fehlt mir nichts. Doch eine Sorge bleibt: Nach mir könnte die Erde in Bedrängnis geraten. (4) Die großen Asketen und die Brahmanen führen ihr Leben bisher ohne Leiden. Der Gedanke, dass sie nach meinem Ende schwere Not erfahren könnten, quält mein Herz mit schwerem Schmerz.«
(5) Als der Herr der Könige mit der großen Perlenkrone, vor dessen prächtigem Tor Trommeln ertönten, so sprach, dachte der Weise nach: Er, der Sohn des erhabenen Lotusgeborenen, dessen Sitz die zarte Mitte der duftenden Blüte ist. (6) Er erinnerte sich an das wahrhaftige Versprechen jener großen dunklen Wolke, die mitten im wogenden Meer berggleich auf Ananta im wachen Schlaf ruht. Den bedrängten Göttern hatte der Herr gesagt: »Ich werde der Grausamkeit der mordenden Rakshasas ein Ende setzen.« (7) Die Himmelsbewohner waren von den vernichtenden Taten der Rakshasas überwältigt worden. Sie hatten sich zu den Füßen dessen versammelt, dessen Hals das tödliche Gift trägt, und ihm ihr Leid geklagt. Der Höchste, der den Sinn der Dinge erkannte, hatte geantwortet: »Wir können sie jetzt nicht vernichten. Tragt eure Sache Vishnu vor.« (8) Auf die Worte des Herrn mit dem dunklen Hals hin verneigten sich die Götter, die vedengelehrten Weisen und der Herr mit dem Donnerkeil. Dann erhoben sie sich und gingen zum erhabenen Gott, der auf der duftenden Lotusblüte wohnt.
(9) Sie gelangten zur makellosen, edelsteinhellen Halle mitten auf dem Gipfel des nördlichen Berges. Die Götter verehrten die Füße des viergesichtigen Brahma und berichteten, was der Herr mit dem Auge auf der Stirn gesagt hatte. (10) Brahma, dessen Reittier der Schwan ist, hatte einst Indra befreit, als der mächtige Meghanada ihn gefesselt und nach Lanka geführt hatte. Nun zog er gemeinsam mit den Göttern zum Eingang von Vaikuntha. (11) Sie dachten: »Gegen die Macht dieses Unseligen mit zwanzig Armen und zehn Köpfen können wir nichts ausrichten. Nur wenn jenes Meer der Gnade, das wie eine dunkle Wolke anschwillt, kämpft und unser Leid lindert, gibt es Rettung.« (12) Mit dem Herzen priesen sie den göttlichen, himmlischen Smaragdberg, der auf dem wogenden Milchozean schläft. Sie legten ihre lotusschönen Hände zusammen und warteten. Da kam der göttliche Herr, der jenen beisteht, die das höchste Ziel erkannt haben.
(13) Er erschien auf Garuda: wie eine dunkle Wolke, in der ein Lotuswald erblüht, die an beiden Seiten die zwei großen Lichter trägt und mit Shri, der Göttin der geöffneten Blüte, erstrahlt – als käme sie auf einem Berg aus rotem Gold heran. (14) Der König der Himmelsbewohner und der Gott, der den reichen Lotussitz liebt, erhoben sich. Mit den anderen Göttern eilten sie ihm entgegen und fielen zu seinen Füßen nieder. Bei jeder erneuten Verneigung erbebten sie vor Freude. (15) Sie tanzten, sangen und liefen hierhin und dorthin, berauscht vom großen Wein der Freude. Vor jubelnder Gewissheit – »Die Rakshasas sind vernichtet!« – vergaßen sie sich selbst und setzten sich immer wieder die blumengleichen Füße des mit Tulasi Geschmückten auf den Kopf. (16) Wie eine herrliche Regenwolke von einem goldenen Berg herabsteigt, stieg unser Herr von den Schultern Garudas, meines verehrten Gebieters. Er trat in die Halle, deren Gipfel den Himmel berührt, und setzte sich strahlend auf einen goldenen Löwenthron.
(17) Brahma, die Weisen, die Himmelsbewohner, der kluge Herr des Donnerkeils und die übrigen setzten sich staunend und froh in seine Nähe. Dann berichteten sie von der Grausamkeit der Rakshasas mit ihren glühenden Speeren. (18) »Herr der Göttin des Glücks! Durch die körperlich mächtigen Rakshasas, angefangen mit dem Bruder des Zehnköpfigen, haben Himmel und Erde die Früchte ihrer Askese verloren. Für uns gibt es keinen Ausweg!« So sprachen sie mit schweren Seufzern. (19) »Die Rakshasas haben durch ihre weitreichenden Segensgaben überall die drei großen Welten heimgesucht und verwüstet. Rotäugiger Herr, wenn du dem jetzt kein Ende setzt, werden sie die Welt in einem einzigen Augenblick verschlingen!« (20) So klagten sie in ihrer Not, verneigten sich und priesen ihn. Der mit duftender Tulasi Geschmückte begann zu sprechen: »Seid nicht bekümmert! Ich werde diesen Hinterlistigen die Köpfe abschlagen und das Leid der Erde lindern. Hört, was ihr tun sollt.
(21) Geht, ihr Himmelsbewohner alle, und werdet als Vanaras geboren, mitsamt euren Heeren: in Wäldern, auf Bergen und an duftenden Gewässern.« So sprach das Meer der Gnade mit freundlich erblühtem Gesicht. (22) »Um mit unfehlbaren Pfeilen die Segensgaben und das Leben jener Frevler zu Asche zu machen, werde ich auf der Erde erscheinen: als Kind Dasharathas, des Beschützers der meerumgebenen Welt, der Elefanten, Wagen und Rosse beherrscht. (23) Meine Muschel und mein Rad und auch meine ausgebreitete Schlangenliege, deren mächtiges Gift wie das untermeerische Feuer brennt, werden als jüngere Brüder kommen und meine Füße verehren. So werde ich in Ayodhya mit seinen umschließenden Mauern geboren werden.« (24) Als er dies gesagt hatte, sprangen sie auf und hüpften vor Freude. Voll Dank sangen sie glückverheißende Lieder, erleichtert durch die Gewissheit: »Der wunderbare Herr mit der duftenden Tulasi-Girlande hat uns heute gerettet!«
(25) »Unser Kummer ist vergangen!«, jubelte Indra. Der Gott auf der reinen großen Blüte, dessen Gesichter die alten Veden sprechen, und die Bewohner des weiten Himmels sagten: »Unsere Erniedrigung hat ein Ende!« Der Herr, der einst die große dunkle Erde verschlang, setzte seine Füße auf Garuda. (26) Nachdem mein Herr sich auf Garuda erhoben hatte und fortgezogen war, wandte sich der Weltenvater an die Götter: »Ich bin schon zuvor als König der Bären erschienen. Ebenso sollt auch ihr jetzt gehen und eure Geburten annehmen.« (27) Der Götterkönig, dem der Wunschbaum gehört, erklärte: »Meine Anteile sind Vali, der den Feinden wie ein Donnerkeil ist, und sein Sohn.« Die Sonne sagte: »Mein Anteil ist dort sein jüngerer Bruder.« Und der Feuergott verkündete: »Mein Anteil ist Nila.« (28) Vayu sagte: »Mein Anteil ist Maruti.« Die anderen erklärten: »Auch wir haben beschlossen, als kampfkräftige Affen zur Erde zu gehen.« Wenn der wolkenfarbene Herr und die übrigen Götter auf diese Erde kommen – kann sie dann noch dem Untergang preisgegeben sein?
(29) Gemäß dem gnädigen Befehl des lotusäugigen Herrn erschienen der Lotusgeborene, der Herr des die Finsternis vertreibenden Donnerkeils und die anderen Götter in entsprechenden Gestalten: als Vanaras in den verwirrend dichten Wäldern der Erde. Nachdem dies beschlossen war, begab sich jeder zunächst wieder an seinen eigenen Wohnort. (30) An all dies dachte Vasishtha: »So ist es damals geschehen.« Dann sprach er: »König mit mächtigen Schultern, die den Himmelsrichtungen standhalten, sei nicht bekümmert! Wenn du das Opfer, das Söhne schenkt, ohne Fehler vollbringst, wirst du Nachkommen erhalten, die alle Welten beschützen. Dann wird die Krankheit deines Herzens heilen.« (31) Als der große Weise so sprach, erhob sich der König der Könige, von unermesslicher Freude erfüllt, und neigte sein Haupt zu dessen Füßen. »Kann mich noch Leid treffen, da ich bei dir Zuflucht gefunden habe? Sage deinem Diener freundlich, was er dafür tun soll!« (32) »Kashyapa, der Vater der makellosen Götter und anderer Wesen, hat einen Sohn namens Vibhandaka. Selbst Shiva, der die Ganga trägt, könnte ihn würdig preisen. In den großen Wissensgebieten und allem anderen gleicht er seinem ruhmreichen Vater. Sein Sohn ist mit heiliger Gnade geschmückt.
(33) Dieser Sohn gleicht Brahma in den erlernten Künsten, in der Gerechtigkeit nach Manus Ordnung, in grenzenloser Wahrhaftigkeit und in der Kenntnis der Veden. Doch die Falschheit der Menschen dieser Welt kennt er nicht. Dieser große Asket, Rishyashringa mit dem Hirschhorn, muss zu uns kommen. (34) Er hält die Menschen, die auf der Erde unter dem Schutz der Kronenspitzen der Weltschlange leben, für Tiere. So groß sind seine Weltferne, seine Askese und sein Frieden, dass Brahma auf dem Lotussitz und Shiva, der Zerstörer der drei Städte, ihn preisen könnten. Wenn er das Opfer vollendet, werden dir Söhne geboren.« (35) Der König der Könige auf Erden verehrte die schönen, mit Fußringen geschmückten Füße des großen Weisen und pries ihn. Dann fragte er: »Herr, wo lebt dieser Asket, reich an makellosen Eigenschaften? Erkläre mir, wie ich ihn hierherbringen kann!« (36) »Es gibt einen Herrscher dieser Welt namens Romapada, den Sohn des glänzend gekrönten Uttanapada aus Manus Geschlecht. Seine Güte trägt die Erde, sodass schlimmes Unheil und schwere Not vor ihm fliehen. Er ist wie eine Herberge von Mitgefühl und kühlender Gnade; niemand kann ihn leicht besiegen.
(37) In dem gesegneten Land, das er beschützt, blieben lange Zeit die blitzenden Regenwolken aus, und schweres Leid nahm zu. Der König rief die schriftkundigen Weisen und gab große Spenden, doch der Himmel spendete keinen Regen. Als er sie erneut fragte, antworteten sie: ›Wenn der Weise mit dem Hirschhorn kommt, wird der Himmel regnen.‹ (38) Der König überlegte: ›Wie lässt sich dieser makellose große Asket herbeibringen, der die Menschen der meerumhüllten Erde für Tiere hält?‹ Da erhoben sich Frauen mit strahlender Stirn, langen dunklen Augen, roten Lippen, perlengleichen Zähnen und zarten Brüsten. Sie verneigten sich und sagten: ›Wir werden gehen und den großen Asketen herbringen.‹ (39) Der König freute sich über ihre Worte und schenkte ihnen Schmuck, Gewänder und alles, was sie brauchten. ›Ihr blühenden Ranken, deren Stirnen den kühlen Halbmond beschämen, mit bambusschönen Schultern, schmalen Taillen, vollen Brüsten, dunklem Haar, scheuen Augen und ilavablütenrotem Mund – geht!‹ So sprach er. Sie verneigten sich und fuhren in einem Wagen fort. (40) Sie legten viele Yojanas zurück. Als nur noch ein Yojana bis zum Wohnort des makellosen Asketen blieb, errichteten die reich geschmückten Frauen eine Laubhütte und wohnten dort, als wären sie selbst reine Asketinnen.
(41) Die dunkeläugigen Frauen warteten einen Augenblick ab, in dem der Vater des großen Asketen abwesend war, und besuchten den jungen Meister. Er dachte: ›Das sind wohl jene Wesen, die man Tiere nennt.‹ Dennoch empfing er sie auf folgende Weise. (42) Er brachte ihnen das ehrende Wasser, bot ihnen Sitze an und bat sie, sich niederzulassen. Nachdem sie Platz genommen hatten, sprach er freundlich mit ihnen. Die Frauen mit den murukkablütenroten Lippen verneigten sich vor ihm, erhoben sich bald darauf und kehrten in ihre Unterkunft zurück. (43) Nach einigen Tagen kamen die schön geschmückten Frauen wieder. Sie brachten Jackfrüchte, Bananen, Mangos und weitere süße Früchte, köstlicher als Nektar, und boten sie ihm freundlich an: ›Großer Asket, iss davon!‹ (44) So vergingen viele Tage. Dann verneigten sich die Frauen mit den gesegneten schönen Stirnen vor dem makellosen großen Asketen und baten: ›Du solltest auch einmal unsere Wohnstätte besuchen.‹ Da ging er mit ihnen.
(45) Ihre Freude schwoll an, und ihre Herzen staunten über den Erfolg. ›Hier entlang, hier entlang!‹, sagten sie und führten ihn auf den langen, sich hinziehenden Weg. Der aufrichtige Weise folgte den Frauen, deren verwirrende Kunst ihrem eigenen vielgestaltigen Sinn entsprach. (46) Noch bevor der Weise die reiche Stadt erreichte, verdunkelten sich die Himmelswolken wie das Gift im Hals des himmlischen Herrn. Rauschend ergossen sie Regenströme, bis die leeren Teiche und Flüsse wieder gefüllt waren. (47) Die Flüsse und Teiche erhielten Wasser in Fülle; Zuckerrohr und roter Reis gewannen Schönheit und wuchsen hoch. Unablässig stiegen schwere Wolken am Himmel auf und vergossen das kostbare Nass. Da erkannte der König, was geschehen war. (48) Er dachte: ›Ist jener königliche Weise, der Begierde, Zorn und Rausch überwunden hat, hier angekommen? Haben ihn die Frauen mit kovvairotem Mund, Lotusgesicht, leuchtenden Perlenzähnen und duftendem weichem Haar durch ihre List hergeführt?‹
(49) Er erhob sich und zog mit allen vedengelehrten Weisen aus, vom Heer umgeben. Zwei Yojanas ging der breitschultrige König ihnen entgegen. Zwischen den Frauen mit duftendem Haar traf er den Weisen, einen Berg großer Askese. (50) Mit tränengefüllten Augen fiel er zu dessen Füßen; sein Herz jubelte: ›Nun bin ich gerettet!‹ Dann sah er die Frauen an, die sich verneigten und wieder aufrichteten, und sagte: ›Durch euer kluges Vorgehen habt ihr mein Leid zerschlagen!‹ (51) Als König und Weise dort zusammentrafen und der segensreiche Asket erkannte, dass er getäuscht worden war, erschraken die Götter. Doch durch die Bitten des Königs hielt er sich zurück: wie ein wogendes Meer, das seine Ufer nicht überschreitet. (52) Der König mit dem festen diamantgleichen Schwert verehrte den unvergleichlichen Weisen immer wieder. Er schilderte ihm seine kaum zu ertragende Not und erklärte, warum er so hatte handeln lassen. Da verschwand der aufsteigende Zorn aus dem Innern des Asketen.
(53) Von Mitgefühl erfüllt segnete er den König, bestieg rasch den rollenden Wagen und zog weiter, begleitet von den weisen Lehrern des Guten. So handelte der gnädige große Asket, dessen Erkenntnis frei von Verblendung war. (54) Er erreichte die reiche Stadt, die festlich geschmückt war und deren Menschen sich zu seinem Empfang drängten. Der König führte ihn in den Palast, dann in einen Raum voll strahlenden Goldes und ließ ihn auf einem Löwenthron Platz nehmen. (55) Der König vollzog die ehrenden Pflichten, angefangen mit dem Darbringen von Wasser. In großer Freude schenkte er ihm dann seine junge schöne Tochter mit den murukkablütenroten Lippen zur Frau – unter Rezitation der Rigveda-Verse und nach der vorgeschriebenen Ordnung. (56) Der Himmel spendete Regen, die Krankheit der Armut wich, und das schwere Leid jenes Landes wurde gelindert. Dort lebt dieser in vollkommener Askese gereifte Weise, guter König, von der lockengeschmückten Königstochter liebevoll umsorgt.«
(57) Sobald Vasishtha dies gesagt hatte, verneigte sich Dasharatha vor seinen Füßen: »Ich werde hingehen und ihn herbringen.« Während die gekrönten Könige seine Füße ehrten, bestieg er mit den mächtigen Ministern, an ihrer Spitze Sumantra, einen großen edelsteingeschmückten Wagen. Die Götter priesen ihn und ließen unablässig Blumen regnen: »Heute ist unser Vorhaben seinem Ziel nahe!« (58) Hörner und viele andere Instrumente übertönten selbst das brausende Meer. Barden sangen, vedengelehrte Brahmanen sprachen Segensworte, und Frauen mit süßem rotem Mund sangen langes Leben herbei. Von seinem meeresgleichen Heer umgeben zog Dasharatha wie die Sonne dahin. Nachdem er die beschwerlichen Wege zurückgelegt hatte, erreichte er Romapadas gesegnetes Land. (59) Kundschafter meldeten die Ankunft des großen Königs, dessen Ruhm sich weithin ausbreitete. Da brach Romapada auf, um ihn zu empfangen: von einem meeresgleichen Heer umgeben, das kraftvolle gestreifte Bogen trug, mit leuchtenden Ohrringen und kostbarem Schmuck. Während die Barden gemeinsam sangen, ging er voller Freude ein Yojana weit entgegen. (60) Dasharatha sah den tapferen König, der zu seinem Empfang herankam, und stieg von seinem goldenen Wagen, dessen Donnern die Wolken beschämte. Romapada fiel ihm zu Füßen. Dasharatha hob ihn auf und umarmte ihn fest, während ihre tiefe Zuneigung noch weiter wuchs. Dann sprach der hocherfreute Gastgeber zu dem König mit dem strahlenden Speer.
(61) »Ist es die große Askese, die ich geübt habe? Ist es die Askese dieser ganzen Welt? Was hat bewirkt, dass du hierhergekommen bist, Herr des himmlisch leuchtenden Speers?« Freudig ließ der breitschultrige Romapada, dessen scharfer Speer Feinde bezwingt, den gekrönten König mit den honigreichen Girlanden in den kostbaren Wagen steigen und führte ihn in seine reiche Stadt. (62) Sie gelangten in eine Halle des edelsteingeschmückten Palastes, in dem reines Gold funkelte. Frauen mit Fußschmuck an roten Lotusfüßen sangen Segenslieder. Romapada ließ Dasharatha, den Träger des blattförmig geschärften Speers, auf einem goldenen Sitz Platz nehmen und erwies ihm alle gebotenen Ehren. Er bewirtete den König, der den Göttern ihr Reich zurückgegeben hatte, und dieser nahm die Gastfreundschaft freudig an. (63) Nachdem er duftendes Sandel gereicht hatte, fragte Romapada den Wagenkönig: »Sage mir bitte den Anlass deiner Reise.« Dasharatha berichtete alles. Romapada antwortete: »Edler gekrönter Herr, ich werde den großen Asketen mit seinem von Missgunst freien, erhabenen Herzen zu dir schicken.« Darauf bestieg Dasharatha seinen Wagen und kehrte mit dem Heer nach Ayodhya zurück. (64) Nach der Abreise des Königs begab sich Romapada zur Wohnstätte des Weisen, der wie die verkörperten Veden erschien. Er berührte dessen Lotusfüße mit seiner goldenen Edelsteinkrone und vollzog die ehrenden Pflichten. »Was führt dich hierher?«, fragte der Weise. »Herr, gewähre deinem Diener eine Bitte!« – »Welche?«, fragte er.
(65) »Dasharatha ist der gerechte, hochberühmte Herrscher, in dessen heiligem Herzen der Dharma seines Ahnen lebt: jenes großen Königs, der um einer Taube willen selbst die Waagschale bestieg. Sein scharfer Speer bezwang die Macht der Asuras, die den Göttern Leid zufügten. Besuche seine siegreiche Stadt Ayodhya mit ihren edelsteingeschmückten Palästen und kehre dann hierher zurück.« (66) »Diese Bitte gewähre ich. Bringt jetzt einen Wagen!«, sagte der große Asket. Romapada, dessen leuchtender Speer mit rauer Feile geschärft war, verneigte sich: »Der König der Könige ist von seiner Sorge befreit!« Er ließ einen dröhnenden Wagen heranbringen und bat: »Meister der heiligen Kenntnisse, steige mit deiner schönstirnigen Gemahlin ein!« So bestieg der Weise den Wagen. (67) Der tapfere Bogenträger stand mit zusammengelegten Händen. Friedvolle Weise umringten und begleiteten die Reisenden. Die Frau und der Asket, der wie die leuchtende Verkörperung der ehrwürdigen Veden erschien, brachen im Wagen auf ihren Weg auf. (68) Im Himmel erschallten Dundubhi-Trommeln und erlesene Blumen wurden ausgestreut. Dharma selbst und die Götter jubelten bei dem Gedanken: »Er wird die Gnade vermitteln, durch die der wahrhaftige Urgrund erscheint und das glühende schwere Unheil vernichtet!«
(69) Boten eilten nach Ayodhya und berichteten dem König der Könige mit den weltentragenden Schultern von der Ankunft des Weisen. Als er es hörte, versank er in einem grenzenlosen Meer der Freude und Liebe. (70) Augenblicklich erhob er sich und bestieg seinen Wagen. Blumenregen fiel, Segensworte erblühten, vielerlei Instrumente erklangen und Trommeln dröhnten. Die schlimmen Folgen vergangener Taten wurden mit ihren Wurzeln ausgerissen. (71) »Der Berg des Kummers in meinem Herzen ist zerborsten!«, dachte der Herr der Könige, vor dem die Trommeln mächtig erklangen. Drei Yojanas weit zog er entgegen, bis seine Augen den in großer Askese gereiften Weisen erblickten. (72) Er sah ihn strahlen, als hätte die gesamte gute Askese eine einzige makellose Gestalt angenommen und wäre hierhergekommen: den Weisen, dessen Erscheinung von seinem umgelegten Rindengewand und dem Hirschfell vollendet wurde.
(73) Er sah den Meister des heiligen Handelns, dessen Kraft das Leid der Götter und die Macht der Rakshasas zerschlagen konnte. Seine großen Hände trugen Wassergefäß, Schirm und den nach der Ordnung der Schriften gebotenen Stab. (74) Der König der Könige stieg vom Wagen, trat hinzu und fiel vor den beiden blumengleichen Füßen nieder. Der Weise, eine Stütze, an der die jungen Triebe der vier alten Veden emporwachsen konnten, sprach wahrhaftige Segensworte. (75) Auch die ihn begleitenden Weisen segneten den König. Mit seinen großen Händen, die wie Regenwolken Gaben spendeten, verehrte dieser sie. Seine Augen füllten sich mit Wasser, in dem die Pupillen wie Fische schwammen. Ehrenvoll ließ er den gelehrten Weisen den Wagen besteigen und führte ihn herbei. (76) In einer einzigen kurzen Zeitspanne erreichte der gekrönte König gemeinsam mit dem Weisen das große Ayodhya, wo Trommeln mit tiefen Stimmen ertönten. Schöne Frauen mit strahlenden Lotusgesichtern sangen Segenslieder.
(77) Vasishtha, der die fünf törichten Diebe – die Sinne, die zu verderblichem Handeln verleiten – unter seine Herrschaft gebracht hatte, und der ausgezeichnete Rishyashringa, der niemals von der Ordnung der heiligen Veden abwich, begaben sich in gebührender Weise in die königliche Versammlung. (78) In der großen Edelsteinhalle ließ der König den Herrscher unter den Weisen, der den Veden selbst glich, auf einem reinen, makellosen Edelsteinsitz Platz nehmen. Mit Freude erfüllte er die Pflichten des Empfangs und sprach dann: (79) »Edelster unter den Edlen! Heiliger, der wie Dharma und große Askese erstrahlt! Mein ehrwürdiges altes Geschlecht, das durch deine Gnade neu aufblüht, wird nun in seiner Königsherrschaft fortbestehen. Auch die Frucht meiner eigenen Askese wird nicht verlorengehen.« (80) Der große Weise sah ihn freundlich an: »König der Könige, höre! Du hast den großen Asketen Vasishtha zum Beistand und handelst unter seiner Führung ohne Makel. Welcher König dieser Erde könnte dir gleichkommen?«
(81) Nachdem er viele solche freundlichen Worte gesprochen hatte, fragte er: »Du mit den mächtigen, berggleichen Schultern, die den schönen gestreiften Bogen tragen! Hast du mich heute hierhergerufen, um das segensreiche Pferdeopfer zu vollziehen? Sage es mir!« (82) Als Rishyashringa mit dem großen Hirschhorn dies fragte, freute sich der König der Könige. Er verneigte sich und antwortete, damit alle Lebewesen und der Dharma der Welt gerettet und zugleich die Sorge seines Herzens beseitigt würden. (83) »Unzählige Jahre habe ich die Last der Erde getragen, ohne dass sie in Bedrängnis geriet. Doch Söhne wurden mir nicht geboren. Gewähre mir nun ruhmreiche Söhne, die diese vom bewegten Wasser umkleidete Erde beschützen können!« (84) »König, trauere nicht!«, antwortete der Weise. »Warum nur diese eine Welt? Das große Opfer wird dir kraftvolle Söhne schenken, die alle vierzehn Welten beschützen können. Erhebe dich und beginne noch heute damit!«
(85) Sogleich wurden sämtliche erforderlichen Geräte herbeigeschafft. Der Herr der Könige badete in reinem, gutem Wasser und betrat die Opferhalle, die ohne Abweichung nach den Vorschriften der vedischen Schriften eingerichtet war. (86) Die drei Opferfeuer loderten mächtig, und die Opfergaben wurden dargebracht. Als zwölf Monate vergangen waren, ertönten die Dundubhi-Trommeln. Die Götter drängten sich so dicht am makellosen Himmel, als hätten sie ihn ganz ausgefüllt und keinen freien Raum übriggelassen. (87) Mit leuchtend erblühten Gesichtern versammelten sich die Himmelsbewohner. Sie streuten von Herzen duftende Blumen und jubelten. Der würdige Weise brachte mitten im Feuer die Opfergabe dar, die Kinder schenkt. (88) Da erhob sich plötzlich ein Wesen aus der Glut. Sein Haar loderte ringsum wie Feuer, seine Augen waren rot. Es trug auf einer goldenen Schale eine reine Speise, die köstlichem Nektar glich.
(89) Das Wesen stellte die Schale auf die Erde und verschwand auf demselben Weg wieder. Der Asket sagte zum König: »Teile diesen guten Nektar, der dir gebracht wurde, nach der gebotenen Ordnung unter den dazu berechtigten Frauen aus!« (90) Dem gnädigen Wort des großen Weisen folgend legte der König der Könige einen Anteil in die Hand der schönen, lieblichen Kausalya mit weichen duftenden Locken und reinem, toṇṭaifruchtrotem Mund. Laut erschollen die Muschelhörner. (91) Ebenso gab der König von Kosala, dessen Teiche, Flüsse und Haine von Schwänen bewohnt waren, einen Anteil in die Hand von Kekayas Tochter. Die Götter jubelten laut. (92) Dann gab der König aus dem gesegneten Geschlecht Nimis, dessen kräftige Schultern die Feinde erzittern ließen, nach derselben Weise Sumitra ihren Anteil. Der König der Götter jubelte mit den Seinen: »Nun ist meine Feindschaft zu Ende gebracht!«
(93) Anschließend gab der Edle auch die übriggebliebenen kleinen Stücke Sumitra. Den Feinden zuckten die linken Körperseiten; bei den übrigen Lebewesen der weiten Welt zuckten die rechten – Zeichen ihres jeweiligen Geschicks. (94) Unter der Leitung des Brahmanen wurden das Pferdeopfer, das hohe Opfer zur Erlangung von Kindern und alle weiteren Opferhandlungen vollendet. Als alles abgeschlossen war, erhob sich der Beschützer der Welt voller Erleichterung, während alle ihn priesen. (95) Die zahlreichen wohlklingenden Instrumente tönten und brausten. Die von Dunkelheit bedrängte Welt wurde von ihrem Leid befreit. Nachdem die Pflichten des klärenden Opfers erfüllt waren, kehrte der König in seine gnädige Hofversammlung zurück. (96) Ohne von der richtigen Abfolge der Pflichten abzuweichen, brachte er dem göttlichen Empfänger die gebührenden Gaben dar, ebenso den Himmelsbewohnern. Den ehrwürdigen Brahmanen ließ er nach festgelegter Ordnung ihren Lohn zukommen: wie einen Regen aus Gold.
(97) Den Königen schenkte er Herrschaftsrechte, Reichtümer, Wagen, Pferde und schöne Gewänder, wie es ihrem jeweiligen Rang entsprach. Dann zog er unter dem Klang vieler Instrumente zur schönen Badestelle der Sarayu und tauchte ins Wasser ein. (98) Trommelscharen dröhnten, weiße Perlenschirme breiteten über ihm Schatten aus, und Könige umringten ihn. In der Hofversammlung verneigte er sich vor den Füßen des wortmächtigen Weisen Vasishtha, dessen Größe selbst Brahma beschämen konnte, und richtete sich wieder auf. (99) Auf die Weisung des in seltener Askese großen Vasishtha verehrte er die Füße des Herrn mit dem Hirschhorn. Er sprach viele angemessene Worte und sagte: »Großer, guter Asket, ich bin gerettet! Was könnte ich nun noch erlangen?« (100) »Vater, durch deine Gnade bin ich, dein Diener, von meinem Leid befreit und gerettet.« Auf diese Worte hin segnete ihn der strahlende Asket mit freudigem Herzen, bestieg seinen Wagen und reiste mit den großen Weisen ab, die ihn begleitet hatten.
(101) Der von seinem Kummer befreite König verehrte auch die Füße der übrigen würdigen Weisen und pries sie. Sie erhoben sich voll Freude, sprachen ihre Segensworte und gingen. Der Herrscher mit dem Königsrad blieb zurück. (102) Nach einiger Zeit empfanden die drei Königinnen die besonderen Gelüste und Beschwerden der Schwangerschaft. Nicht nur ihre unvergleichlichen schönen Gesichter, sondern auch ihre prächtigen Körper erschienen nun rund und hell wie der Mond. (103) Als die rechte Zeit gekommen war, wuchs die Freude der großen Erdgöttin. Das Gestirn Punarvasu und das von den Himmelsbewohnern gepriesene reine Zeichen Krebs stiegen glückverheißend auf. (104) Siddhas, Yakshas, himmlische Frauen, kundige Weise, Götter und die ewig Vollendeten drängten sich herbei und jubelten einer nach dem anderen. Die Bedrängnis wich, und der weitreichende Dharma erhob sich.
(105) Da gebar die tugendstarke Kausalya in gesegneter Weise ihn, der einst die ganze Welt in seinem Leib barg und selbst den ehrwürdigen Veden schwer erkennbar ist: jenes Licht, das die Schönheit eines jungen, tiefdunklen Regenwölkchens zeigt. (106) Die Götter jubelten in allen Himmelsrichtungen und am Firmament; Indra und die anderen verneigten sich und sprachen Segensworte. Während Pushya und das Zeichen Fische günstig leuchteten, gebar die makellose Tochter des Königs von Kekaya ihren Sohn. (107) Indra, der Herr des Baumes mit sich öffnenden Blüten, versammelte sich mit den Seinen im Himmel und jubelte. Unter dem günstigen Gestirn der Schlange und dem Zeichen Krebs gebar die jüngere Königin den jüngeren Helden. (108) Die Erde, die von der vielköpfigen Schlange mit ausgebreiteten Hauben getragen wird, regte sich wie zum Tanz. Die Veden verkündeten das glückliche Geschehen. Unter dem günstig aufsteigenden Zeichen Löwe und dem Gestirn Magha gebar dieselbe Frau mit ihren durchdringenden Augen noch einmal.
(109) Die himmlischen Tänzerinnen tanzten, die Kinnaras sangen mit sieben nektarsüßen Tönen, und die Instrumente erklangen. Voll jubelnder Gewissheit, dass die Rakshasas dem Untergang entgegengehen, liefen die Himmelsbewohner überall umher. (110) Die Dienerinnen eilten zum König, verkündeten die frohe Nachricht und tanzten. Die Brahmanen versammelten sich, prüften die Stellung der Gestirne und Planeten zum Geburtszeitpunkt und erklärten: »Von nun an ist die Welt von Unheil befreit.« (111) Gemeinsam mit dem großen Weisen nahm der König der Könige das gebotene reinigende Bad. Er verteilte nach rechter Ordnung kostbare Gaben. Während weiße Muschelhörner erschollen, trat er nahe heran und betrachtete die gesegneten Gesichter seiner Söhne. (112) »Vierzehn Jahre lang soll die Erde von Abgaben befreit sein! Öffnet die Schlösser der vollen Schatzhäuser; die Armen sollen ohne einschränkende Zuteilung nehmen, was sie brauchen. Lasst dies durch Trommelschlag verkünden!«, befahl der Herr der Könige.
(113) »Die Heere sollen entlassen werden; die gekrönten Könige mögen nun Urlaub erhalten und in ihre eigenen Städte zurückkehren. Die vorgeschriebenen religiösen Übungen der Brahmanen sollen ungestört stattfinden. Überall mögen ausgedehnte Feste erstrahlen! (114) Erneuert die Tempel! Richtet die Lehr- und Speisehäuser der Brahmanen her, ebenso die öffentlichen Plätze und Kreuzungen. Morgens und abends sollen den Gottheiten schöne Blumengirlanden und Weihrauch dargebracht werden!« (115) Darauf ließen die Herolde von Elefantenrücken aus die Verkündungstrommeln erschallen. Die Stadtbewohner und die Frauen mit blitzschlanken Taillen wurden von jubelnder Freude ergriffen und tauchten in ein Meer von Glück, das niemand ausmessen konnte. (116) Immer wieder brachen sie in Jubel aus. Vor Liebe standen ihnen die Härchen am Körper auf, Schweißperlen traten hervor. Allen, die ihnen die frohe Nachricht entgegenbrachten, schenkten sie große Reichtümer. Hatten ihre Herzen etwa erkannt, dass der Erlöser erschienen war?
(117) Spielgemeinschaften, Frauengruppen, Menschenmengen und Nachbarschaften – die ganze weite, gesegnete Stadt war übervoll von Freude. Auf jeder Straße streute und versprengte man Öl, duftende Pasten, Salben, Wohlgerüche und Parfümpuder. (118) Die Frauen mischten schöne Farbpulver und rotgoldenen Puder mit Sandelwasser. In Reihen stehend verspritzten sie diese Mischung mit Spritzen. Überall auf dem Erdboden lagen die Farben wie Regenbogen. (119) Zwölf Tage lang strahlte die große Stadt in solcher Freude. Ihre Bewohner waren so erfüllt davon, dass sie sich selbst vergaßen. Dann beschloss der wahrhaftige, unermüdliche Asket, den Kindern ihre Namen zu geben. (120) Einst wurde der Elefant mit dem starken Rüssel im Kampf mit dem Krokodil müde und rief: »Du, der auf der Schlange schläft!« Der wahre Urgrund eilte herbei und rettete ihn aus Gnade. Eben diesem Herrn gab der Weise nun den Namen Rama.
(121) Der segensreiche Weise sah den wahren Sinn der Gelübde und der Veden so klar wie eine Nellifrucht auf der offenen Hand. Dem zweiten aufgegangenen Licht gab er den Namen Bharata. (122) »Die Hinterlistigen werden vergehen, die Götter sind gerettet, und die rankengleiche Erde hat ihre Not abgelegt! Dieses leuchtende Licht von unwiderstehlicher Kraft soll Lakshmana heißen«, erklärte er. (123) Der vierte Knabe war so schön, als hätte eine Perle Gestalt angenommen und ein roter Lotus wäre daraus erblüht. Der Weise dachte daran, dass durch dieses Licht jede Feindschaft zugrunde gehen werde, und nannte ihn Shatrughna, den Vernichter der Feinde. (124) Als nach der rechten Weisung des Weisen, der keinen Weg der Falschheit kennt, diese Namen gegeben wurden, floss Reichtum wie ein Strom aus den Händen des Königs. Immer weiter füllte er das Meer der vedengelehrten Menschen, die auf dem wahrhaftigen Weg stehen.
(125) Der König der Könige, dem die Welt gehörte, hing in Liebe besonders an dem einen Knaben, dessen vollkommene Schönheit dunkler Wasserblüte und leuchtendem Lotus glich. Ohne ihn, so empfand er, besaß er weder Leben noch Körper. (126) Die Prinzen lernten, nektarsüß zu plaudern und anmutig zu gehen. Sie wuchsen wie die aufgehende Sonne, die die Finsternis vertreibt, und wie die vier Veden, die gemeinsam mit ihrem Klang heranwachsen. Mit ihrem Wachsen wurden die Mängel der Erdgöttin geringer. (127) Zur rechten Zeit wurden ihnen nach der vorgeschriebenen Ordnung die erste Haarschur und die Einführung in das heilige Lernen zuteil. Der Weise, der Shiva mit dem weißen Mondschmuck glich, unterrichtete sie in den unermesslichen Veden und in allen fortdauernden Wissensgebieten, deren Grenze niemand bestimmen kann. (128) Sie erlernten den Umgang mit Elefanten, Wagen, Pferden und allem anderen, was dazugehört. Sie übten sich mit Bogen und den vielen Waffen, die im Kampf den Körper treffen. So wuchs der einzige Urgrund der Himmelsbewohner gemeinsam mit seinen Brüdern heran.
(129) Die Weisen der heiligen Veden, die Götter, das Glück der Erde und die Bewohner der Stadt suchten ihre Nähe. »Diese werden unser Leid und die Bindung durch die beiden Arten von Taten durchschneiden. Keinen Augenblick wollen wir uns von ihnen entfernen«, sagten sie und kamen immer wieder. (130) Rama und sein jüngerer Bruder besuchten Flüsse, dunkle Haine und Teiche und betrachteten die Früchte der Askese der schönen Erdgöttin. Unzertrennlich bewegten sie sich miteinander, wie der Faden, der durch das Weberschiffchen läuft. (131) Auch Bharata und sein jüngerer Bruder trennten sich nicht einmal für einen Augenblick: weder beim Fahren im Wagen und beim Reiten noch beim Rezitieren der Veden. So waren sie miteinander verbunden wie mein gnädiger Herr Rama und dessen jüngerer Bruder. (132) Die tapferen Prinzen und ihre jüngeren Gefährten besuchten die Weisen, die mit freundlichem Herzen in den duftenden Hainen wohnten. Gegen Abend kehrten sie in die schöne Stadt zurück. Die Menschen, die ihnen entgegenkamen, freuten sich wie Pflanzen, die beim Herannahen einer Regenwolke aufblühen.
(133) Die Frauen, ihre kraftvollen Männer und die Angehörigen ihrer Familien beteten zu den Gottheiten, denen ihre Herzen zugetan waren: »Mögen diese Prinzen lange leben!« Sie verneigten sich in derselben innigen Sorge wie Kausalya und Dasharatha. (134) Vom einzigartigen Urgrund, den selbst die Veden nur schwer erreichen und erkennen, und von dem jüngeren Bruder an seiner Seite sagten die Menschen: »Es ist, als käme eine aus dem Meer entstandene dunkle Wolke mit strahlend erblühten Lotussen zusammen mit dem nördlichen goldenen Berg heran.« (135) Wenn unser Herr Menschen begegnete, erblühte sein Gesicht in reifer Güte. »Wie geht es mit eurer Arbeit? Habt ihr keine Schwierigkeiten? Ist in eurem Haus alles wohl? Sind eure verständigen Söhne gesund und kräftig?«, fragte er. (136) Sie antworteten ausführlich: »Herr, wir haben dich als unseren König! Daher fallen unsere eigenen Angelegenheiten nicht ins Gewicht. Mögest du unser Leben und alle sieben Welten beschützen, solange die Tage des Lotusgeborenen währen!«
(137) So lebte der Urgrund der drei höchsten göttlichen Gestalten dort. Alle Bewohner der schönen Stadt schmückten ihn mit aufrichtigem Lob, und die jüngeren Helden blieben unfehlbar im Schatten seiner Füße und priesen ihn. (138) Der große Herr der Könige lebte in einem Glück, dem sich keine Grenze setzen ließ. Sein einziger Herrscherschirm breitete sich über alle Welten aus; siegreiche Trommeln dröhnten, und die Weisen priesen ihn.
1.6 – Die Übergabe in den Schutz des Weisen
(1) Dasharatha begab sich strahlend in eine edelsteingeschmückte Halle, die sich höher als der Himmel erhob. Selbst der überaus kundige Maya, der Baumeister der schönen Städte im Land des Wunschbaums, hätte sie sich kaum vorstellen können. (2) Er erschien herrlich auf seinem reinen, weichen Löwenthron. Die Charanas, die im weiten hohen Himmel dahinzogen, fragten sich: »Ist das unser Herr Indra?« Erst als sie feststellten, dass er keine tausend Augen hatte, verschwand ihr Zweifel. (3) Vor diesem löwenstarken König erschien der Weise Kaushika: jener, der einst das Werk begonnen hatte, eine andere Welt mit allen Lebewesen zu erschaffen und darin selbst die Götter und einen neuen viergesichtigen Brahma hervorzubringen. (4) Als der Weise eintrat, erhob sich der König rasch und verehrte seine Füße, wie Indra bei der Ankunft des Gottes auf dem duftenden Lotus. Die Juwelen auf seiner Brust leuchteten dabei so hell, dass selbst die Sonne am Himmel hätte zurückscheuen müssen.
(5) Er verneigte sich, ließ einen goldgeschmückten, mit Edelsteinen besetzten Sitz bringen und bat den Weisen liebevoll, darauf Platz zu nehmen. Er verehrte dessen beide Lotusfüße und sprach mit zusammengelegten Händen: »Heute ist die Bindung an meine Taten durchtrennt!« (6) »Erhabener, dass du dich herablässt, hierher in meine Stadt zu kommen, damit ich dich ehrfürchtig umschreiten und verehren kann, ist wohl nicht allein die Frucht der Askese der Erde oder meiner eigenen guten Taten. Es ist die Frucht der Askese meines ganzen Geschlechts!« Als er so freundlich gesprochen hatte, antwortete der Weise. (7) »Wenn Weise wie ich oder die Himmelsbewohner in Bedrängnis geraten, welche Zufluchten haben sie? Den silbernen Schneeberg, der alle Berge überstrahlt; den Milchozean; die Stadt des Herrn auf dem Lotussitz; die schöne Stadt im Land des Wunschbaums – und das goldene Ayodhya mit seinen Juwelenpalästen! Du Träger des kampferprobten Speers, der alle Feindschaft überwunden hat! (8) Indra hatte einst seinen schattigen Sitz unter dem jungen Wunschbaum verloren, aus dessen Blüten süßer Honig tropft. Er kam unter den Schutz deines einzigartigen Schirms und bat um Hilfe. Du vernichtetest Sambara mit seinen berggleichen, edelsteingeschmückten Schultern samt seinem Geschlecht und erobertest das Reich zurück. Ist es nicht eben dieses Reich, das Indra heute regiert?«
(9) Als er diese Worte hörte, sah Dasharatha den Weisen an und legte die Hände zusammen. In seinem Herzen schwoll ein Meer von Freude an, dem niemand eine Grenze setzen konnte. »Nun habe ich die Frucht meiner Königsherrschaft erlangt. Sage mir bitte, was ich jetzt tun soll!«, sprach der König mit dem trommelklingenden Tor. Darauf antwortete der Weise. (10) »In dem Wald, in dem ich mein asketisches Opfer vollziehe, behindern die Rakshasas dessen Durchführung. Wie Begierde und Zorn die Übenden erschrecken und stören, so fallen sie dort ein. Gib mir von deinen vier Söhnen den einen dunklen, edlen Helden, damit er das Opfer im Kampf beschützt.« Diese Bitte traf den König wie der grausame Tod, der sein Leben fordert. (11) Die Worte des unermesslich großen Asketen drangen in sein Ohr, als dränge Feuer in die breite Wunde eines Speers, der seine Brust durchbohrt hatte. Der Schmerz ergriff ihn im Innern, und sein kostbares Leben schwankte. Er litt wie ein Blinder, der das Augenlicht erlangt und wieder verloren hat. (12) Der König mit der duftenden, honigträufelnden Girlande gewann sich mühsam wieder. »Er ist noch ein Kind und hat keine Erfahrung im Kampf, großer Herr! Wenn das deine Aufgabe ist, werde ich selbst wachen. Selbst wenn Shiva mit der kühlen Ganga im Haar, Brahma oder Indra kämen, um das Opfer zu stören, würde ich ihrer Störung Einhalt gebieten. Brich zu deinem großen Opfer auf!«
(13) Als der König so sprach, erhob sich der weltenschöpferische Weise voll Zorn. Die Götter schwankten zwischen dem Gedanken, das Weltende sei nicht gekommen, und der Furcht, es sei doch da. Das Sonnenlicht verbarg sich; was eben noch feststand, geriet ins Wanken. Die mächtigen Brauen zogen sich über die ganze Stirn, ein grimmiges Lächeln erschien, die Augen röteten sich und alle Himmelsrichtungen verdunkelten sich. (14) Vasishtha erkannte die Absicht des zornigen großen Weisen. »Habe Geduld«, bat er ihn. Dann sagte er zum König: »Willst du dich verweigern, gerade jetzt, da dein Sohn eine segensreiche Stärkung erlangen soll, die du ihm selbst nicht geben kannst? (15) Wie die vom Regen angeschwollenen Fluten sich sammeln und ins mächtige Meer eilen, so kommt heute die Zeit, da unermessliches Wissen und große Kräfte deinem Sohn zufließen werden, mein Herr.« (16) Der König nahm die Worte seines Lehrers an. »Geht und bringt den Gemahl der Göttin des Glücks herbei!«, befahl er. Sobald Rama hörte: »Der König bittet dich zu kommen«, erschien er, der über alles Erkennen hinausreicht, und trat nahe hinzu.
(17) Dasharatha zeigte den edlen Sohn und dessen jüngeren Bruder dem Weisen der vier alten Veden. »Vater, für diese beiden bist nun du der gute Vater und die einzige Mutter. Ich übergebe sie dir. Handle mit ihnen, wie es recht ist«, sagte er. (18) Der Weise nahm die ihm anvertrauten Söhne an. Der zuvor aufgestiegene Zorn wich aus seinem Herzen. Er segnete den König freundlich und sagte: »Nun wollen wir gehen und das bevorstehende Opfer vollenden.« Frei von Unmut brach er auf. (19) Rama band das siegreiche Schwert an seine Seite und legte über seine hohen, berggleichen Schultern den Köcher, der sich niemals leert – so wenig wie die Wahrheit schwindet. Er, der die Welt trägt, nahm den einen siegreichen Bogen in die Hand. (20) Er und sein jüngerer Bruder verließen die Mauern der großen goldenen Stadt, als nähmen sie das kostbare Leben ihres königlichen Vaters mit sich. Wie Schatten folgten sie dem großen Asketen, der sie erbeten hatte.
(21) Sie verließen die Stadt, der selbst die Wohnstätten jener nicht gleichkommen, die reine Askese um Segensgaben willen geübt haben. Dann erreichten sie die wasserreiche Sarayu, an der die Schwäne tönten wie die Fußschellen tanzender Frauen auf einer Bühne. (22) Sie verweilten in einem Hain voller Bienen. Er glich dem schönen dunklen Haar junger Frauen mit knospenden Brüsten. Ringsum lag fruchtbares Ackerland, in dem der Wind das Zuckerrohr bewegte und süßer Saft über die Feldraine strömte. (23) Als die sieben grünen Pferde der Sonne auf den mächtigen Gipfel des westlichen Berges stiegen, dessen wolkenverhangene Stirn wie die eines Elefanten aussieht, überschritten die drei den Fluss und gelangten ans andere Ufer. (24) Der über alle Erhabene verneigte sich vor dem göttlichen großen Asketen. Er sah einen Hain, den mächtiger Rauch von Opfern umhüllte, deren Gaben die Götter mit ihren Zungen genießen. »Was ist dieser Ort?«, fragte er.
1.7 – Die Tötung Tatakas
(1) »Hier stand der Liebesgott Kama, als er seine Pfeile gegen den Gott mit dem Mond im Haar schoss. Der Zorn aus dessen feurigem Stirnauge verbrannte Kamas Körper, leicht wie die Blüte der Pūḷai-Pflanze. Seit jenem Tag heißt er Ananga, der Körperlose. (2) Als der in Elefantenhaut gekleidete Herr dem Liebesgott zürnte, verdorrten und zerfielen hier dessen Glieder. Deshalb heißt dieses Gebiet Anga, du, in dem die Veden wohnen. Aus demselben Anlass trägt auch diese Einsiedelei den Namen Kamas. (3) Hier saß der himmlische Herr, den jene in ihrer Erkenntnis erreichen, die Anhaftung und Begierde mit der Wurzel ausgerissen, die inneren Feinde überwunden und den Kreislauf der Geburt verlassen haben. Wenn er selbst an diesem Ort Yoga übte – lässt sich dessen Reinheit dann überhaupt in Worte fassen?« (4) So sprach der Brahmane, und die Prinzen staunten. Sie gingen hinein und verbrachten den Tag bei den beglückt aufstehenden, aufrichtig lebenden Asketen, die ihnen entgegenkamen. Als am nächsten Morgen die strahlende Sonnenscheibe über dem weiten Berg emporstieg, näherten sie sich einer glühenden Wildnis.
(5) Dort herrscht nur der Sommer: Der Sonnengott hat sich gleichsam vorgenommen, jede Feuchtigkeit aus der Erde zu trinken. Keine andere Jahreszeit kommt dorthin. Selbst dem Feuergott würde das Herz verbrennen, wenn er daran dächte, und die Augen, wenn er hinsähe. (6) Wer die Hitze dieses Bodens beschreiben wollte, dem würde die Zunge verbrennen. Dichte Finsternis und selbst das Himmelsgewölbe glühen dort; am Morgen brennt sogar der Sonnenschein. Regen, Blitz und Donner werden versengt. Was sollte da noch unverbrannt bleiben? (7) Die Hitze kühlt niemals ab. Sie gleicht dem Herzen der Feigen, die im offenen Kampf, wenn Pfeile und Speere dichter als Regen fallen, nicht standhalten können und durch ihr falsches Handeln den kostbaren Edelstein ihrer Ehre verloren haben. (8) Überall stehen vertrocknete große Kalli-Gewächse wie gespaltene Gespenster. Aus aufgerissenen Stämmen ist dunkles Aloeholz hervorgetreten; aus blattlosem, geborstenem Bambus sind weiße Perlen gefallen. Rote Edelsteine liegen da, ausgespien aus den geöffneten Mäulern giftiger Schlangen.
(9) Nicht einmal ein Blick kann dort ungehindert wandern oder lange verweilen. Selbst die schrecklichen Geister laufen dort nicht umher und sammeln sich nicht. Auch der Wagen der Sonne durchquert den Ort nicht unmittelbar; die Wolken weichen hoch am Himmel aus, und selbst der lange ziehende Wind dringt nicht hindurch. (10) Die Schlangenkönige öffnen ihre Augen und speien Giftfeuer. Ihre vielen Edelsteine strahlen wie Blitze, die dunkle Wolken zerreißen. Wenn dieses rote Licht aus den Rissen des Bodens dringt, sieht es aus wie Blut, das aus aufgerissenen Wunden im Leib der Erdgöttin hervortritt. (11) Gewaltige Schlangen wälzen sich vor Hitze und Hunger und sperren die Mäuler auf, um zu verschlingen, was ihnen entgegenkommt. Mächtige, brüllende Elefanten laufen hinein – sie suchen einen Unterschlupf vor den schneidenden Sonnenstrahlen über ihnen. (12) In jenem Wald, über den allein der Herrscher des wilden Feuers regiert, sind Krähen und Elefanten verkohlt und zusammengesunken. Es ist, als seien selbst Wolken vom untermeerischen Feuer der heftigen Sonnenstrahlen verbrannt und herabgestürzt.
(13) Die Luftspiegelungen wandern wie Gespensterwagen durch die Wildnis. Es scheint, als wollten sie vor der inneren Hitze fliehen, fürchteten aber, beim Aufsteigen auch den Himmel in Brand zu setzen. Aus Mitleid mit den Göttern bleiben sie daher in flimmernden Wasserformen am Boden. (14) Die flimmernde Luftspiegelung, die mitten in der Glut entsteht, gleicht einem Kristallthron mit ausladenden goldenen Füßen: einem Sitz, auf dem der König Sommer in jener ausgedörrten Wildnis Hof halten könnte. (15) Dem Land fehlt jede Feuchtigkeit, wie dem Herzen jener, die die beiden Arten von Karma vernichtet, die schwer zu bezwingenden Festungen der drei inneren Feinde überschritten haben und zur Befreiung gelangen wollen – und wie dem Herzen einer käuflichen Frau, die allein nach Gold verlangt. (16) Der mit glühendem Geröll bedeckte Boden ist aufgebrochen. Seine Risse reichen so tief hinab und bilden so breite Wege, dass die Sonnenstrahlen nun sogar ungehindert in das Reich des Schlangenkönigs mit den herrlichen Edelsteinhauben eindringen können.
(17) Als sie die furchtbar glühende Wildnis erreichten, dachte der große Asket: »Diese beiden besitzen zwar unermessliche Kraft, doch sie sind zart wie Blumen. Ein wenig werden sie darunter leiden.« (18) Er blickte sie an. Die aufmerksamen Königssöhne verstanden seinen Blick und traten zu seinen Füßen. Dort vermittelte er ihnen die beiden von Brahma geschaffenen Wissenskräfte. Sie nahmen sie in ihr Inneres auf. (19) Sobald sie daran dachten, erschien die Wüste, deren mächtige Glut selbst das Weltuntergangsfeuer beschämen konnte, wie ein Gang durch klares, kühles Wasser. Rama verneigte sich vor dem Weisen und fragte: (20) »Wurde dieses Land vom Blick dessen verbrannt, der die wirbelnde Ganga wie einen Schmuck im Haar trägt? Oder gibt es eine andere Ursache? Weshalb ist es noch verwüsteter als ein Land, das ein schmachvoller König beherrscht? Weiser, sage es mir!«
(21) Der Weise sah Rama an und antwortete: »Hier lebt eine, deren Dasein darin besteht, kostbares Leben zu töten. Sie sieht aus wie der Tod selbst und besitzt die vereinte Kraft von tausend rasenden Elefanten. Höre genau zu! (22) Wenn sie es wollte, könnte sie die Erde zusammenrollen und aufheben, das Meer ausschöpfen oder den Himmel zusammenschlagen und zertrümmern. Sie geht umher, als hätten sich unvorstellbar viele Sünden gesammelt und eine einzige Frauengestalt angenommen. (23) Wenn du dir ein Meer vorstellen kannst, aus dem zugleich zwei große Berge, das tödliche Gift, donnerndes Getöse, das Weltuntergangsfeuer und zwei Mondsicheln aufsteigen – dann hättest du ein Bild von ihrem schreckenerregenden Körper. (24) Sie trägt in der Hand einen Dreizack, der einer todbringenden Schlange gleicht, und lebt im Wald. Du mit den Schultern, bei deren Anblick Männer selbst wünschen könnten, Frauen zu sein: Tataka heißt diese Verderbte.
(25) Felsenschultriger, höre, wer sie ist! Sie gleicht dem glühenden Tod und erhält ihr eigenes Leben, indem sie die Wesen, die Brahma aus Gnade erschaffen hat, zusammenrafft und verschlingt. (26) Im Geschlecht der Yakshas lebte ein Reiner namens Suketu. Überall staunte die Welt über seine Kraft; er war heiß wie Feuer, frei von Verwirrung und ohne Mangel an der Gnade seines mächtigen Ahnen. (27) Weil er keine Kinder hatte, war sein Herz bedrückt. Er pries den großen Urvater auf dem hohen, beständigen Lotus und übte viele lange Tage hindurch gute Askese. (28) Da erschien der ehrwürdige Herr der Veden vor ihm: ›Was wünschst du dir aus ganzem Herzen?‹ – ›Ich leide, weil ich keine Kinder habe. Gewähre mir deine Gnade!‹ – ›Du von feinem Wissen‹, antwortete Brahma, ›Söhne wirst du nicht haben; doch eine Tochter wird dir geboren werden.
(29) Sie wird schön sein wie ein zarter, blumengeschmückter Pfau und eine Kraft besitzen, die tausend von Schläfensaft erfüllten, berggleichen Elefanten entspricht. Geh nun!‹ So sprach der Lotusgeborene und verschwand. (30) Nach seinem gnädigen Wort wuchs die Tochter heran, schön wie die rote Göttin auf dem erblühten Lotus. Suketu betrachtete ihre reife Schönheit und fragte sich, wer ihr angemessen wäre. Nach sorgfältiger Überlegung gab er sie Sunda, einem angesehenen Herrn aus seiner Verwandtschaft, zur Frau. (31) Der Yaksha und die göttlich schöne Frau vereinigten sich, als sähe man Kama und Rati selbst zusammen. Ohne zwischen Nacht und Tag noch eine Grenze zu kennen, versanken beide im Meer ihres großen Glückes. (32) Nach vielen Tagen wurden aus dem Leib der Frau, die wie ein herrliches Standbild erstrahlte, zwei Söhne geboren, vor denen die Welt erbeben sollte: Maricha mit berggleichen Schultern und der kraftvolle Kämpfer Subahu.
(33) Sie wuchsen heran, von Täuschungskunst, Hinterlist und grenzenloser Kraft so erfüllt, dass weder ihre Mutter noch die vertrautesten Menschen ihr Wesen ganz durchschauen konnten. Ihr Vater, der hitzig zürnende Yaksha, freute sich immer mehr an ihnen. (34) Eines Tages kam Sunda zur Einsiedelei jenes großen Asketen, der einst das ganze wogende Meer in einer Hand schöpfte, um dem Unheil der Asuras zu begegnen. Dort riss er sämtliche hohen Bäume aus und schleuderte sie fort. (35) Er tötete die verschiedenen Hirsche, die den Freunden großer Askese lieb waren, und zerbrach die hohen Bäume, angefangen mit dem Vaḻai. Da warf der große Asket Agastya einen Blick auf ihn, aus dem Feuer stieg. Sunda wurde zu Asche. (36) Als Tataka mit ihren Söhnen hörte, dass ihr Mann umgekommen war, flammte sie vor Zorn auf. ›Ich werde diesen Weisen vollständig vernichten!‹, rief die Frau mit den goldenen Armreifen, erhob sich und begab sich zu seiner Einsiedelei.
(37) Sie stürmten mit solchem Gebrüll auf ihn zu, dass Donner, Löwen und Wind erschraken. Den Göttern schwand die Sicherheit, die Sonne erbebte, die blitztragenden Wolken wankten, und das Weltall schien zu zerbersten. (38) Der Weise, der das unermessliche Meer namens Tamil geschenkt hat, ließ Feuer aus seinen Augen strömen. Er stieß einen machtvollen Laut aus und sprach mit einer Stimme, vor der selbst der Donner verstummte: ›Weil ihr Vernichtung übt, sollt ihr zu Rakshasas werden und in diesen Zustand fallen!‹ (39) In demselben Augenblick wurden sie zu grausamen Rakshasas. Ihre Augen glühten wie geschmolzenes Kupfer. Sie gingen umher, erschreckten die Welt und die Himmelsbewohner, bedrängten sie und fraßen jedes Leben, dessen sie habhaft wurden. (40) Sie mussten den Zorn und den ausgesprochenen Fluch des Weisen hinnehmen, denn sie besaßen nicht die Kraft, ihm zu widerstehen. Die Söhne zogen fort, suchten Sumali auf und vertieften die Verbindung zu ihm mit den Worten: ›Betrachte uns als deine herangewachsenen Söhne.‹
(41) Viele Tage lebten sie mit ihm in der Unterwelt. Als die mütterlichen Onkel des zehnköpfigen, von Askesekraft erfüllten Ravana anerkannt, ziehen diese Söhne der Verderbten nun schneller als der Wind durch die Welt, schlagen zu und verwüsten alles. (42) Tataka trennte sich von ihren übermächtigen Söhnen. Den Zorn des rechtschaffenen Weisen noch im Sinn, betrat sie mit feurig schwelendem Herzen diesen Wald, in dem einst der reiche Herr des Himmels gewohnt hatte. (43) Wie die eine, tief haftende Habgier unzählige gute Eigenschaften zerstören kann, so hat die unbeschreiblich grausame Rakshasi dieses vormals unversehrte, reiche Ackerland vernichtet und verwandelt. (44) Auf Befehl des Königs von Lanka setzt sie ihre berggleiche Kraft ein, um mein Opfer zu bedrängen und zu verhindern. Du geschmückte Regenwolke! Überall in diesem Land Anga zieht sie umher und tötet die Lebewesen mit ihren ganzen Familien.
(45) Mein Sohn, sie betrachtet alle Geschöpfe, die einst in dieser Welt ihre geordnete Lebensstätte erhielten, bloß als ihre Nahrung. Was soll ich noch erklären? In kurzer Zeit würde sie sämtliche Lebewesen in ihren Bauch bringen.« (46) Rama hörte die Worte des verehrten Weisen und bewegte sein mit duftenden, honigreichen Blüten geschmücktes Haar. »Wo wohnt sie, die solche Taten vollbringt?«, fragte er, der nun in der Hand, die sonst die Muschel hält, den einzigartigen Bogen trug. (47) Der Weise, der die fünf Sinne in seinem Innern gebändigt hatte, hörte die Frage des stiergleichen Helden mit bergmächtigen Armen. Noch ehe er aussprechen konnte: »Herr, sie wohnt auf diesem Berg«, kam sie heran – als käme ein dunkler Berg, der in Flammen steht. (48) Mit Bergen als klingendem Fußschmuck trat sie so gewaltig auf, dass ihre Füße tief in die Erde drangen. Meerwasser füllte die entstandenen Gruben. Selbst der feuerscharf blickende Todesgott floh erschrocken in eine Höhle, und die feststehenden Berge schienen hinter ihr herzustürzen.
(49) Die Enden ihrer Brauen zuckten. Sie verzog ihren höhlengleichen Mund, sodass die mondsichelartigen Zähne hervortraten. Diese Feindin der Veden blickte so feurig, als wären zwei untermeerische Feuer aus dem vollen Ozean aufgestiegen. (50) An ihrer Hüfte schwankte eine Kette mächtiger, schäumender Elefanten, deren Rüssel miteinander verflochten waren. Ihr Gebrüll ließ die Wohnstätten der Götter, die weiten Himmelsrichtungen und sämtliche sieben Welten erzittern; selbst der Donner wich erschrocken zurück. (51) Brüllend sah sie die Ankommenden an und lachte. Vor aller Augen, sodass jeder erschrak, betrachtete sie ihren scharfspitzigen Dreizack, einen grausamen Todesboten, knirschte mit den Zähnen und riss den höhlenweiten Mund auf. Wie eine donnernde Regenwolke sprach sie: (52) »In diesem Gebiet, das meine unbezwingbare Kraft bewacht, habe ich alles bis auf den letzten Keim vernichtet. Kommt ihr, weil ihr meint, mir fehle nun schmackhaftes Fleisch? Oder treibt euch das Schicksal hierher, damit ihr sterbt? Sagt mir, weshalb ihr gekommen seid!«
(53) Ihr Blick zerriss die Wolken, ihr zorniger Tritt zerbrach die himmelhohen Berge. Sie presste die Zähne, die festen Stücken des Mondes glichen, aufeinander, packte den Speer und drohte feurig: »Ich werde ihn euch durch den Leib schleudern!« (54) Obwohl Rama die Absicht des verehrten Weisen kannte, legte er noch keinen scharfen Pfeil an, um ihr Leben zu nehmen. Der Edle dachte: »Sie ist eine Frau«, obgleich sie bereits zu einer Tat ansetzte, die jedes Leben erschauern ließ. (55) Der mit einer dichten Girlande Geschmückte konnte sich noch immer nicht entschließen, die Frau mit wildem rotem Haar und weißen Zähnen zu erschießen. Der Brahmane der vier Veden erkannte sämtliche Gedanken in seinem Herzen und sprach: (56) »Sie hat jedes erdenkliche Übel begangen. Uns hat sie nur deshalb noch nicht gefressen, weil sie uns für zu dürftig hält – das ist das Einzige, was ihr noch fehlt. Was bleibt da zu überlegen? Soll man selbst diese Grausame bloß als schutzbedürftige Frau betrachten, du mit dem Edelsteinschmuck?
(57) Wer gegen Menschen ohne Kraft fehlgeht, macht sich lächerlich. Doch selbst starke, schwertkundige Männer verlieren ihre angeborene Tapferkeit, sobald ihr Name fällt. Bei wem soll dann das sein, was man Manneskraft nennt? (58) Indra selbst unterlag ihr. Danavas und Götter wurden mitsamt ihren Heeren zerschlagen und flohen. Wenn ihre Schultern dem Berg Mandara gleichen – welcher Unterschied in der Kampfkraft bleibt dann noch zwischen ihr und einem Mann, Herr? (59) Geliebter Sohn des Königs der Könige, höre noch etwas: Eine solche Entscheidung entspricht auch dem Verhalten der Vorfahren.« So begann der in Askese Grenzenlose, frühere Geschehnisse darzulegen. (60) »Die Frau des großen Asketen Bhrigu, Khyati mit ihren fischgleichen Augen, wandte sich den mächtigen Asuras in inniger Zuneigung zu und unterstützte sie. Angesichts dieser Verbindung nahm der Herr des Rades ihr das Leben.
(61) Die Danavi namens Kumati dachte, sämtliche Lebewesen im Himmel und auf Erden seien ihre Nahrung. Der Götterkönig mit dem Donnerkeil vernichtete ihren Körper. (62) Erwuchs Vishnu und Indra daraus irgendein Makel? Erlangten sie nicht vielmehr gepriesenen Ruhm? Sage es mir, du mit der leuchtenden, blütenstaubreichen Girlande! (63) Großer Nachkomme jener, die die Erde mit dem kreisenden siegreichen Rad beschützten! Diese hat mit Gewalttat die großen Weisen und die übrigen Lebewesen der Erde vernichtet und den Dharma zerstört. Muss sie dafür noch eigens ein Mann sein? (64) Der Tod wartet, bis die festgesetzten Tage eines Lebens abgelaufen sind, berücksichtigt den Dharma und führt die Wesen entsprechend weiter. Gibt es einen Todesgott, der wie sie schon beim bloßen Geruch eines Lebewesens danach giert, es zu fressen? Sage es mir, du mit dem todgleichen Speer!
(65) Welches Übel ist größer, als viele beständige Lebensformen zusammenzuraffen, in den eigenen Mund zu stopfen und zu verschlingen? Herr, danach noch zu sagen: ›Sie ist nur eine unverständige Frau mit langem Haar‹, wäre eine schwache Beurteilung. (66) Ich habe nach dem unvergänglichen guten Dharma geurteilt und deshalb so gesprochen; ich rede nicht bloß aus Zorn gegen sie. Untätig zu bleiben wäre hier kein Dharma. Töte die Rakshasi!« So sprach der Brahmane offen zu ihm. (67) Rama hörte dies und antwortete: »Wahrhaftiger Meister, selbst wenn mir etwas zunächst nicht recht erscheint, du es aber als auszuführende Pflicht gebietest – besteht mein Weg des Dharma nicht darin, dein Wort wie die Veden anzunehmen und danach zu handeln?« (68) Auch die Frau, die loderndem Feuer glich, erkannte die Entschlossenheit des Herrn aus dem Land der guten Ganga. Sie schleuderte den glühenden Dreizack aus ihrer roten Hand gegen ihn, begleitet vom Feuer ihrer grausamen Augen.
(69) Der strahlende Dreizack, den diese neue Todesgestalt zornig schleuderte, kam wie ein Feuer des Weltendes auf den zu, der sich dem Gebot des Weisen unterstellt hatte: wie ein finsterer Himmelskörper, der den Vollmond verschlingen will. (70) Niemand sah, wie Rama den Pfeil berührte oder den schönen Bogen spannte. Man sah nur noch die abgetrennten Stücke des Dreizacks, den die Grausame geschleudert hatte, als hätte sie ihn dem Tod selbst entrissen. (71) Die Frau, dunkel wie eine nächtliche Regenwolke, ließ in einem einzigen Augenblick einen Steinregen los, der ein Meer hätte zuschütten können. Der Held wehrte ihn durch einen Regen aus seinem Bogen ab. (72) Der dunkle Edle schoss einen brennenden Pfeil von unerbittlicher, einem ausgesprochenen Wort vergleichbarer Schnelligkeit auf die nachtschwarze Frau. Er blieb nicht in ihrer Brust, die hart wie der Stein eines Diamantberges war, sondern drang hindurch und flog weiter: wie ein guter Rat, den Edle einem unverständigen Menschen geben und der in ihm keinen Halt findet.
(73) Als der mächtige Sturm des scharfspitzigen Pfeils sie traf, den der goldberggleiche Held abgeschossen hatte, stürzte sie nieder. Sie fiel wie eine Wolke des Weltuntergangs, die unter Donner Steine regnet und dann mitsamt Blitz und Donnerschlag herabstürzt. (74) Tataka mit ihrem weiten Mund und ihren fleischbehafteten Zähnen fiel hin, und Blut strömte über die staubige Wildnis. Sie glich dem Siegesbanner des Rakshasa mit den Kronen auf allen Köpfen, das als erstes böses Vorzeichen von seiner Stange abgebrochen und zur Erde gefallen wäre. (75) Aus der Öffnung, die der Pfeil in ihrer harten Brust gerissen hatte, ergoss sich eine Blutflut. Sie verbreitete sich über die ganze Wildnis und machte sie zum Meer. Es war, als hätte sich der rote Abendhimmel aus seiner Verankerung gelöst und wäre herabgefallen. (76) In diesem ersten Kampf Kakutsthas, des mit kostbarem Gold geschmückten Rama, der dem Befehl des brahmagleichen Weisen nicht widersprach, lernte selbst der Tod ein wenig vom Geschmack des Rakshasablutes kennen. Bisher war er begehrlich um sie herumgeschlichen, hatte sich aber gescheut, das Leben ihres schwertmächtigen Geschlechts zu trinken.
(77) »Wir haben unsere Wohnstätten zurückgewonnen, und auch dein Opfer ist nun ohne Hindernis. Gib dem Königssohn die kostbaren göttlichen Waffen!«, sagten die Götter zum großen Weisen. Dann ließen sie Blumen auf Rama regnen, der einer Regenwolke mit einem Bogen glich, segneten ihn und kehrten in den Himmel zurück.
1.8 – Das Opfer
(1) Nachdem die Götter fortgegangen waren, verließen sie die Wildnis, die durch den ausgebreiteten Blumenregen kühl geworden war. Der unvergleichlich große Asket schenkte Rama Waffen, so unfehlbar wie das Wort des Herrn Caṭaiyaṉ von Veṇṇey, dessen Freigebigkeit die Krankheit der Armut auf Erden heilt. (2) Als der besonnene Weise sie mit den zugehörigen Worten übergab, kamen sämtliche göttlichen Waffen voller Freude zu Rama. Sie glichen den Früchten guter Taten eines Menschen mit klarem Herzen, die ihn auch in einer anderen Geburt aufsuchen und wiederfinden. (3) »Wir sind zu dir gekommen und können uns nicht mehr von dir trennen. Held, wir werden alles ausführen, was du uns nach rechter Ordnung befiehlst, und dir dienen wie dein jüngerer Bruder«, sprachen die Götterwaffen. »So sei es«, antwortete Rama. Darauf stellten sie sich in den Dienst dessen, dessen Farbe der dunklen Pūvai-Blüte gleicht. (4) Nach diesem Geschehen gingen die drei zwei Wegmaße weiter. Da drang ein mächtiges Rauschen an ihre Ohren. »Meister, was ist das?«, fragte Rama. Der Erhabene, der durch Askese die Bindung an Taten überwunden hatte, begann zu erklären.
(5) »Weil sie aus dem Manasa-See hervorkommt, heißt der große Fluss, den die Götter seit alters verehren, Sarayu. Dieses Rauschen entsteht, weil sich die Gomati mit ihm vereinigt.« Sie gingen weiter und erreichten einen großen heiligen Fluss, der die Folgen schlechter Taten tilgt. (6) »Was ist das für ein reiner Fluss, würdig, von den Göttern verehrt zu werden?«, fragte Rama den segensreichen Weisen. Dieser antwortete: »Der große siegreiche König Kusha, den einst Brahma auf dem Lotus hervorbrachte, zeugte mit seiner Gemahlin vier Söhne. (7) Ihre Namen waren Kusha, Kushanabha, Adhurta von makelloser Wesensart und der siegesberühmte Vasu. Kusha wohnte in Kaushambi, Kushanabha im kühlen Mahodaya, Adhurta im untadeligen Dharmaranya und Vasu in Girivraja. (8) Kushanabha wurden hundert schöne Töchter geboren, mit süßen Worten und roten Lippen. Als sie herangewachsen waren und eines Tages gemeinsam in einem Hain spielten, kam Vayu. Sein Herz wurde von Verlangen ergriffen, und er sprach die Jungfrauen an.
(9) ›Die Pfeile des gebogenen Bogens jenes Gottes, dessen Banner das Makara trägt, haben mich verwundet. Ihr mit den schönen weiten Augen, heiratet mich!‹ Sie antworteten: ›Sprich mit unserem Vater. Wenn er uns mit der Wassergabe zur Ehe übergibt, werden wir uns mit dir verbinden.‹ Da krümmte er ihnen den Rücken, und alle Frauen mit den leuchtenden Armreifen fielen nieder. (10) Nachdem der Windgott fortgegangen war, krochen sie zum König. Ihre nektarsüßen Stimmen waren von Schmerz gebrochen, als sie berichteten. Der Vater tröstete die Frauen mit dem schönen Haar und gab die göttlich Anmutigen dem von Verblendung freien Brahmadatta zur Frau, dem Sohn des vollkommenen Asketen Chuli. (11) Als dessen blumengleiche Hände sie berührten, richteten sich ihre gekrümmten Rücken auf, und ihre Schönheit kehrte zurück. Weil der König, dem die Welt unterstand, noch keinen Sohn hatte, führte er mit Hilfe der Asketen ein Opfer aus. Mitten aus dem würdigen Feuer trat Gadhi hervor, der spätere Herr schneller Pferde. (12) Der König übergab ihm die Krone und die Herrschaft und ging in die goldene Himmelsstadt ein. Gadhi regierte im berühmten Mahodaya. Ihm wurden ich selbst und eine Tochter namens Kaushiki geboren. Dieser gekrönte König der Könige
(13) verheiratete die sanfte Tochter mit dem großen Richika, Bhrigus Sohn, dem selbst sein Vater kaum gleichkam. Der vedengelehrte Weise erfüllte eine Zeitlang Dharma, Wohlstand und Liebe im Hausleben, übte dann große Askese und wandte sich dem Reich des auf der weiten Blüte Sitzenden zu. (14) Als ihr geliebter Mann himmelwärts ging, konnte Kaushiki die Trennung nicht ertragen. In der Gestalt eines großen Flusses wollte sie ihm aufwärts folgen. Der Herr unter den Asketen sah sie an und sagte: ›Fließe als Fluss dahin, um die Not auf der großen Erde zu lindern!‹ Dann ging er in Brahmas Welt ein. (15) Meine ältere Schwester wurde zu diesem großen Fluss.« Als sie die Erzählung des Weisen hörten, staunten Rama und der jüngere Prinz sehr. Sie gingen ein Stück weiter. »Was ist das für ein dunkler, dichter Hain?«, fragten sie. Der große Asket antwortete: (16) »Er ist rein wie das Herz jener Frauen, die meinen, es gebe für sie keinen anderen Gott als ihren Ehemann. Höre noch mehr: Hier übte in früherer Zeit der rotäugige Vishnu Askese, den weder alle vier Veden noch die Erkenntnis der Götter oder anderer Wesen erreichen.
(17) Sein Name wird auf Erden und im Himmel rezitiert, damit alle Anhaftung schwindet. Wer vermag die großen Verwicklungen seines wunderbaren Spiels ganz zu begreifen? Wir können die Absicht der makellosen Gestalt nicht ergründen. Hundert Weltzeitalter lang übte er hier gewaltige Askese. (18) Während er hier weilte, gewann Mahabali Himmel und Erde für sich. Seine Kraft glich jener des großen Ebers, auf dessen Hauern die ganze Erde ruhen konnte. (19) Er vollendete ein reich mit Ghee gespeistes Opfer, das selbst die Götter nicht vollbringen konnten. Ohne jeden Zweifel im Herzen entschloss er sich, den Brahmanen die Erde und alles Übrige zu verschenken. (20) Als die Götter dies erfuhren, kamen sie zu Vishnu, verneigten sich und baten: ›Beende die gewaltige Machtentfaltung dieses Gegners!‹ Der Herr erklärte sich bereit, es zu tun.
(21) Der große Dunkelfarbene erschien als herrliches Kind Kashyapas, der die Zeiten genau erkennt, und der reinen Aditi. Er nahm eine winzige Zwergengestalt an, wie der kleine Same, der einen riesigen Banyanbaum in sich birgt. (22) Er trug die dreifache heilige Schnur und einen Gürtel aus Munja-Gras. Seine Zunge rezitierte das heilige Wissen, seine Hand trug das für den Feuerdienst Bestimmte. So ging der Wunderbare dahin, in einer Gestalt, die seinem subtilen Bewusstseinsgrund glich, den nur die wahrhaft Wissenden erkennen. (23) Als der Welteroberer seine Ankunft bemerkte, eilte er ihm staunend entgegen. ›Es gibt keinen Brahmanen, der dir gleicht. Vollkommener, wer könnte glücklicher und gesegneter sein als ich?‹, sagte er. (24) Der Allwissende hörte die Worte des edlen Königs und antwortete: ›Du mit den langen Händen, die mehr geben, als Bittende sich wünschen! Wer nun zu dir kommt, gewinnt Würde; wer nicht kommt, entbehrt dieser Ehre.‹
(25) Freudig fragte Mahabali: ›Was soll ich für dich tun?‹ Der Brahmane antwortete: ›Mächtiger Held, wenn du mir Gnade erweisen willst, gib mir drei Schritte Land.‹ Noch ehe er zu Ende gesprochen hatte, sagte der König: ›Ich gebe es dir.‹ Doch Shukra trat dazwischen. (26) ›Herr, so wie die Sache aussieht, ist dies eine Täuschung. Halte diesen Wolkenfarbenen nicht für einen gewöhnlichen Zwerg! Es ist jener, der einst das ganze Weltall und alles darüber hinaus verschlang. Erkenne das!‹, warnte er. (27) Mahabali antwortete: ›Du verstehst es nicht. Wenn die Hand des unermesslich mächtigen Hari sich in einer Weise, die ihm sonst nicht zukommt, bittend senkt, während meine Hand sich gebend über seine erhebt – welches größere Glück könnte mir begegnen? (28) Die Kenner der Schriften über den guten Weg unterscheiden beim Geben nicht danach, ob jemand Freund oder Fremder ist. Soll eine edle Person die Gabe empfangen, die man einem Ankommenden zugedacht hat – wer wäre dann würdiger als dieser?
(29) Du hast gezeigt, dass dein Name Shukra auch auf Einfalt deuten kann. Große Menschen geben freigebig; weshalb sollte man das geringschätzen? Selbst wenn es um das kostbare eigene Leben geht: Es zu nehmen ist schlecht, es zu geben ist gut. (30) Nicht die körperlich Verstorbenen sind wirklich tot, Vater. Wirklich tot sind jene, die noch leben und doch nur mit ausgestreckter Hand bitten. Wer bleibt bestehen, auch wenn er stirbt? Wer, wenn nicht jene, die gegeben haben? (31) Nicht einmal Menschen, die schwere Schande bewirken, sind so verderblich wie jene, die vor einem Geber stehen und sagen: ›Gib nicht!‹ Solche Verhinderer sind die eigentlichen Feinde; sie verderben auch sich selbst. Kein Schaden gleicht diesem. (32) Die Weisheitslehrer haben gesagt: ›Gebt, solange ihr etwas in Händen habt, gewinnt dadurch guten Ruf und strebt nach Dharma.‹ Sie warnen vor der Habgier, dem glühenden inneren Feind, und lehren, sie loszulassen.
(33) Ist es schön von dir, das Geben eines Menschen an einen anderen zu verhindern, noch bevor die Gabe erfolgt ist, du verständnisloser Shukra? Sieh: Wer grausam eine Schenkung vereitelt, dessen eigene Angehörige werden schließlich ohne Kleidung und Nahrung dastehen.‹ (34) Nachdem er all dies gesagt hatte, nahm Mahabali keinen der Einwände seines Ratgebers an, der den Ankömmling als gefährlich bezeichnete. ›Miss dir deine drei Schritte aus‹, sagte er und goss das bestätigende Wasser in die kleine ausgestreckte Hand des großen Herrn. (35) Sobald das kühle, duftende Wasser seine Hand berührte, wuchs der Zwerg, dessen Kleinheit selbst seine Eltern hätten unterschätzen können, über den Himmel hinaus. Die staunenden Betrachter erschraken. So groß wurde er wie die Wirkung einer Hilfe, die man einem wirklich Großen erweist. (36) Sein stehender Fuß erfüllte die ganze Erde; darüber hinaus gab es nicht einmal ein kleines Stück Land, auf das er noch hätte treten können. Der andere Fuß umfasste den gesamten Himmel und überstieg die Götter. Weil ihm kein weiterer Raum blieb, kehrte er wieder zurück.
(37) Du mit den Schultern, die den Bogen tragen! Dieser einzige Herr mit der belaubten Tulasi auf dem Haupt schloss alle Welten unter seinen Fuß ein. Als für den weiteren Schritt kein Raum mehr blieb, bot ihm der liebende Mahabali seinen eigenen Leib. Wie außerordentlich ›klein‹ war doch dieser Zwerg! (38) ›Das Reich gehört Indra‹, erklärte der Herr, gab es ihm zurück und begab sich wieder zu seinem Lager auf dem weit wogenden Milchozean. Die dunkle Gestalt ließ ihre Füße, die alle Welten überschritten hatten, rot erstrahlen, als die Hände der Glücksgöttin sie berührten. (39) Darum durchschneidet dieser Ort die schwer zu überwindenden Folgen der Taten. Edler, wer ihn mit Liebe betrachtet, muss keine neue Geburt mehr erfahren. Für mich, der das Opfer nach der Ordnung der Veden vollenden will, gibt es keinen geeigneteren Aufenthaltsort.« (40) »Hier werde ich mein Opfer durchführen«, sagte Vishvamitra. Er betrat auf dem rechten Weg den weiten blühenden Hain, ließ das Erforderliche bringen und begann sein Opfer, nachdem er die herrlichen Prinzen mit der Wache beauftragt hatte.
(41) Was sie leisteten, lässt sich kaum ermessen. Sechs Tage lang beschützten die Söhne des Königs, der die Erde behütet, das Opfer des Weisen für die Götter: so sorgfältig, wie die Augenlider die Augen schützen. (42) Während die beiden jungen Helden Wache hielten und umhergingen, trat der ältere vor den allwissenden Weisen. »Du von unermesslich edler Wesensart, wann werden die Bösen kommen, von denen du gesagt hast, dass sie verderbliche Taten begehen?«, fragte er. (43) Der Weise schwieg im Schweigegelübde und antwortete nicht. Der kampfkundige Prinz verneigte sich und ging weiter. Als er zum Himmel blickte, hörte er bereits ihr Gebrüll: Sie donnerten wie die Wolken der Regenzeit, so mächtig, dass selbst der Donner erschrak. (44) Sie schossen, schleuderten Waffen, ließen Feuer und Wasser herabregnen und rissen große Berge aus, um sie zu werfen. Sie beschimpften und höhnten, schrien und schwangen Äxte. Nicht nur eine, sondern vielerlei böse Zauberkünste setzten sie ein.
(45) Zornig schleuderten sie Waffen, an denen Fleischstücke hingen. Wie schwere Regenwolken verhüllten diese den Wald. Das umschließende Heer bedeckte den Himmel, als hätte sich das wellenreiche Meer mit seinen aufblitzenden Fischen über das Firmament gelegt. (46) Bogen und blitzende Schwerter drängten sich darin, und zahlreiche Instrumente dröhnten unter den Schlägeln. Das laut brüllende Heer glich einer Sturmwolke, die plötzlich beim Umsturz eines Weltzeitalters aufsteigt. (47) Rama zeigte sie Lakshmana: »Sieh die gespaltenen Hauer, die zusammengebissenen Münder, das rötliche Haar und die rollenden Feueraugen. Das sind die Bösen, von denen uns der Brahmane mit den ausgebreiteten Haarflechten erzählt hat.« (48) Lakshmana sah sie, und aus seinen Augenwinkeln schien Feuer zu sprühen. Er blickte zum Himmel, dann auf seinen Bogen. Er verneigte sich und sagte: »Herr der Himmelsbewohner, du wirst gleich sehen, wie ihre Körper in Stücke fallen!«
(49) Der Lotusäugige dachte: »Das Fett und Blut dieser Rakshasas mit rauchenden Speeren darf nicht in das heilige Opferfeuer fallen.« Deshalb errichtete er aus seinen Pfeilen ein schützendes Dach über dem Platz des großen Weisen. (50) Wie die Götter einst erschrocken zum rothaarigen, mondgeschmückten Shiva eilten, als das Gift emporstieg, so fürchteten die Asketen die hinterlistigen Rakshasas. »Dunkelfarbener Herr, wir suchen bei dir Schutz vor der Angst!«, riefen sie. (51) Er hob beruhigend die Hand: »Fürchtet euch nicht!« Dann zog er die göttliche Bogensehne bis zum Ohr. Er machte den Erdboden zu einem Meer von Blut und häufte Berge aus den Köpfen der Rakshasas auf. (52) Die göttliche Pfeilmacht des Gemahls der Glücksgöttin traf die beiden tapferen Söhne der schrecklichen Tataka. Den einen schleuderte sie ins Meer, den anderen sandte sie in die Stadt des Todesgottes.
(53) Der mit dichten Blumengirlanden Geschmückte ließ Pfeile fliegen, die in einem Augenblick den ganzen Himmel bedeckten. Die übrigen Rakshasas liefen zwischen den Leichen hindurch und warnten einander: »Hier werden sie uns fassen!« Einer vor dem anderen floh davon. (54) Die donnergleichen scharfen Pfeile holten die fliehenden Rakshasas ein. Kopflose Rümpfe bäumten sich auf und tanzten. Die Totengeister sangen den Ruhm des Herrn, und Scharen von Aasvögeln breiteten sich wie ein Dach über das Schlachtfeld. (55) Ein weiter Blumenregen durchbrach dieses Vogeldach. Im Himmel dröhnten Dundubhi-Trommeln wie Wolken. Indra und die übrigen Götter versammelten sich, verehrten den schönen Bogenträger und sprachen ihre Segensworte. (56) Die reinen großen Asketen ließen einen Blumenregen aus Segensworten niedergehen. Auch die Bäume des Waldes schütteten Blüten aus. Der Weise vollendete sein Opfer nach rechter Ordnung und sprach dann mit frohem Herzen zu Rama:
(57) »Wenn ich nicht daran dächte, welches Glück mir selbst dadurch zuteilwurde, könnte ich darin keine dir angemessene große Tat sehen: Du, der die Welten erschafft und sie alle zum Schutz in seinem schönen Leib birgt, sollst nun nur ein einzelnes Opfer beschützt haben!« (58) Nach diesen Worten blieben sie noch an jenem Tag im herrlichen Blütenwald. Dann trat Kausalyas edler Sohn vor den an Tugenden berggleichen Vishvamitra, der bei den großen Asketen saß. »Welche Aufgabe soll ich heute erfüllen? Bitte gib mir deinen Auftrag«, sagte er. (59) »Herr, selbst wenn ich dir Schwieriges nenne, gibt es für dich nichts Unmögliches. Große Aufgaben stehen bevor; ihre Vollendung kommt später. Jetzt wollen wir auch das Opfer des Königs von Mithila sehen, dessen Land von wasserreichen Äckern umgeben ist. Lasst uns aufbrechen!« So zogen sie weiter.
1.9 – Ahalya
(1) Sie erreichten die Shona, die einem jungen Weib glich: Die mit Edelsteinen und Aloeholz vermischten Sandbänke waren ihre geschmückten Brüste, die Ufer ihre rankenschlanke Taille. Ihr Rauschen war ein klingender Hüftgürtel, dunkler Sand ihr mit frischen Blumen geschmücktes Haar, und die Wasserklänge umgaben ihre Füße wie Schellen. (2) Als sie zum Fluss kamen, tauchte die Sonne mit ihrem Wagen und den Pferden, deren Geschwindigkeit selbst Arunas Blick vorauszueilen schien, ins Meer. Es war, als wollte sie die Glut ihres Körpers abkühlen, um beim nächsten Aufgang wieder mild erscheinen zu können. (3) Die langstieligen Lotusse im kühlen rauschenden Wasser schlossen die Blütentüren ihrer gesegneten Tempel. Die frohen Bienen verließen mit ihren Gefährtinnen den leuchtenden Lotuswald und suchten ihren Schlafplatz. In einem solchen duftenden Blütenhain nahmen auch die drei Unterkunft. (4) »Was ist dies für ein Hain?«, fragte Raghava. Der Weise, der durch Askese alle Bindungen der Taten überwunden hatte, antwortete: »Hier übte einst die Frau Kashyapas aus Kummer um ihre Söhne Askese.« Dann erzählte er die Vorgeschichte.
(5) Jenseits der Hülle des Weltalls gelangte eine Vidyadhara-Frau zum hohen Wohnsitz meines wolkenfarbenen Herrn. Sie sang Musik zu den zarten Füßen der Lotusgöttin. Freudig gab ihr die Göttin eine honigreiche Girlande, von der die Bienen nicht wichen. (6) Die Jungfrau befestigte die Girlande an ihrer Yāḻ und kehrte durch Brahmas Welt zurück. Dort begegnete ihr der jähzornige Weise Durvasas. Er erkannte in ihr eine Sängerin im Dienst seiner göttlichen Herrin, verehrte ihre Füße und pries sie. Darauf sprach die Frau: (7) »Der Einzige erschafft und erhält alle Welten, verschlingt sie und bringt sie wieder hervor. Auf seiner leuchtenden Brust wohnt die Göttin, die alle Lebewesen geboren hat, mit strahlendem Stirnzeichen. Diese Girlande hat sie auf ihrem Haupt getragen. Großer Weise von unermesslicher Kraft, nimm sie!« Aus Güte überreichte sie ihm den Kranz. (8) »Welche Askese habe ich wohl vollbracht, dass ich die Girlande erhalte, die die göttliche Herrin auf ihrem Haupt getragen hat!«, rief der heftige große Asket und tanzte. Er setzte sie auf sein eigenes Haupt und zog voller Freude in die Götterwelt, überzeugt, darin einen Weg zur Erlösung von seinen Taten gefunden zu haben.
(9) Dort erblickte er Indra auf Airavata. Seine Gestalt glich einer großen Regenwolke über einem silbernen Berg, auf der tausend rote Lotusse erblühten, geschmückt mit dem dichten Glanz der roten Sonne. (10) Rambha, Menaka, Tilottama und Urvashi tanzten, sodass die Straßen sich mit ihnen füllten. An ihren zarten Füßen und an den Beinen, die den Köchern des Liebesgottes glichen, erklangen die Fußringe. Ihre Stimmen ließen selbst Zuckerrohrsaft bitter erscheinen; sie sangen vollendete Melodien. (11) Zu beiden Seiten bewegten sich die weißen Yakschweifwedel wie Büschel von Mondstrahlen über einem dunklen Berg. Über ihm glänzte ein einzigartiger silberweißer Schirm, als wäre der schöne volle Mond ohne jeden Mangel hochgestiegen. (12) Große Trommeln, kleinere Schlaginstrumente, Becken und Muscheln rauschten so mächtig, dass sie die glückverheißenden Gesänge übertönten. Die vier Veden erklangen wie das Brausen des Meeres und schienen die Welt zu erfüllen. Beim Anblick dieses prächtigen Festzuges staunte das Herz des Weisen.
(13) Der unvergleichliche Durvasas hielt Indra freudig die Girlande entgegen. Doch Indra nahm sie mit seinem Elefantenhaken und legte sie auf den Nacken des schnellen, mächtigen Airavata. Der Elefant riss sie mit seinem palmenstammgleichen Rüssel herunter und zertrat sie unter den Füßen. (14) Als der große Weise dies sah, strömte glühendes Feuer aus seinen Augen. Die Himmelsbewohner fürchteten, das ganze Weltgewölbe werde zu Asche, und wichen auseinander. Sonne und Mond kehrten um, die acht Himmelsrichtungen verdunkelten sich, und sämtliche Welten gerieten ins Kreisen. (15) Aus jedem Atemzug des Weisen stieg Rauch. Er lachte wie Shiva, als dieser die drei Festungen vernichtete; seine Brauen zogen sich über die schöne Stirn, und in seinen Augen stiegen Flammen auf. Selbst der Donner erschrak, als er zornig rief: »Du überheblicher Vollbringer von hundert Opfern, höre! (16) Der Herr der Elemente, der Gemahl der Erdgöttin und unvergleichliche Herr der Veden trägt die Urgöttin liebevoll auf seiner Brust. Diese Girlande, die ihr lieb ist, erhielt ich von einer Frau, die sie bei sich trug – als Frucht meiner großen Askese.
(17) Heute habe ich deine Herrlichkeit gesehen und dir den duftenden Kranz voller Freude geschenkt. Du aber hast ihn verachtet. Darum sollen dein großer Reichtum und deine vielerlei Güter im Meer verschwinden. Erniedrigt sollst du leiden!« So sprach er in glühendem Zorn. (18) Die himmlischen Frauen, der Wunschbaum, die neun Schätze, die nektargleiche Surabhi-Kuh, das schnelle Pferd, der schäumende berghohe Elefant und alles andere verschwanden im Ozean. Kein einziger großer Besitz blieb zurück. Die Götter flohen erschrocken wie Feinde vor Krishna. (19) Durch den Zorn des heftigen großen Weisen befiel die Krankheit der Armut sämtliche Welten, angefangen mit dem Himmel. Die Götter versammelten sich mit Shiva, dessen eine Hälfte die Göttin ist, und dem viergesichtigen Brahma und suchten den Herrn auf, dessen Brust die rote Lotusgöttin schmückt. (20) Der Herr der frischen Lotusblüte und die anderen Götter schilderten, was durch den Zorn des scharf sprechenden Weisen geschehen war. »Wir haben keine Zuflucht; deine Füße allein sind unsere Zuflucht«, sagten sie. Der Herr, der die Welten ausgemessen hatte, antwortete unverzagt: »Fürchtet euch nicht, fürchtet euch nicht!
(21) Nehmt den Mandara-Berg als Quirl, Vasuki als Quirlseil und den Mond als stützende Verbindung. Die beiden Gruppen der Götter und Asuras sollen an den entgegengesetzten Enden ziehen. Gebt Heilkräuter hinein und quirlt den brausenden Ozean auf, damit der Nektar emporsteigt. (22) Auch ich werde dorthin kommen. Erhebt euch rasch und geht!« Als er ihnen so Gnade erwies, verneigten sich die Götter und priesen ihn. »Die Furcht ist vergangen, unsere Armut endet!«, sagten sie und hüpften, von mächtiger Freude ergriffen. (23) Sie rissen den Berg heraus, banden Vasuki darum und brachten die stützende Verbindung fest an. Sie füllten Heilkräuter hinein und quirlten den Milchozean, bis seine Wogen hoch aufstiegen. Die Erde verlor ihren festen Stand, und Ananta wand sich unter ihr. (24) Der große Herr, der in einem ungerechten Herzen keinen Aufenthalt findet, nahm die Gestalt einer mächtigen Schildkröte an. Auf seinem Rücken drehte sich Mandara, und mit tausend starken, ausgebreiteten Armen half er von oben beim Ziehen. So sorgte er dafür, dass die durch den Zorn des Weisen verborgenen Güter wieder zum Vorschein kamen.
(25) Durch die Gnade unseres Herrn erschienen alle verschwundenen Dinge von Neuem. Da stritten Götter und Asuras miteinander. Durch die herrliche Frauengestalt Mohini ließen die Asuras von ihrem Vorhaben ab und unterlagen; die Götter genossen den kostbaren Nektar. (26) Das furchtbare Gift und den Halbmond gab der Herr dem Gott auf dem weißen Stier. Den Wunschbaum und die anderen passenden Güter schenkte er Indra, und die übrigen alten großen Reichtümer verteilte er gesondert. Shri und den Brustschmuck aber nahm Shridhara selbst an. (27) Zu jener Zeit litt Diti unter großem Kummer. Sie kam zu Kashyapa, verehrte seine Lotusfüße und sprach: »Durch die List Indras und der anderen sind meine Söhne gestorben. Gewähre mir einen Sohn, der sie vernichten kann!« (28) Er antwortete: »Einen Sohn haben wir dir gewährt. Gehe nun auf die Erde und übe tausend Jahre lang beständig große Askese. Dann wird dein Wunsch erfüllt.« So begann sie ihre strenge Übung.
(29) Als Indra davon hörte, begab er sich zu ihr und diente ihr. Er bemerkte einen Augenblick der Schwäche in ihrer großen Askese, drang in ihren Leib ein und zerteilte die darin befindliche Leibesfrucht in sieben Teile. Als sie weinten und Tränen vergossen, sprach er ihnen zu und gab ihnen den Namen Maruts. (30) »Dies ist der Ort, an dem es geschah. Dort wiederum liegt Saravana: der Schilfwald, der den Sohn des reinen mondgeschmückten Shiva und Umas aufzog, dessen Kraft selbst der alte Windgott und das Wasser der Ganga nicht tragen konnten.« Auch dies zeigte der Weise den Prinzen. (31) Um die Welt zu schützen, vertrieb die Sonne die Finsternis, schwarz wie der Leib des Todes. Mit ihrem Wagen stieg der strahlenreiche Gott aus dem blauen brausenden Meer empor: wie der ursprüngliche, voll erblühte Lotus, der samt Brahma aus Vishnus herrlichem Nabel hervorgeht. (32) Die drei, die Brahma und den beiden anderen großen Göttern glichen, erhoben sich und zogen weiter. Sie sahen die Ganga, den heiligen Strom, der gegen seine Ufer schlägt. Er führte honigreiche Koṉṟai-Blüten aus dem dichten Flechtenwald des Herrn auf dem rotäugigen Stier mit sich und glich dadurch der goldführenden Kaveri.
(33) »Vater, erzähle bitte alles, was diesem großen Fluss seine Herrlichkeit verleiht«, bat Raghava. Der Weise antwortete: »Mein Herr und Sohn, in deinem gesegneten Geschlecht lebte Sagara, ein König mit staunenswerter Schulterkraft. Er wohnte in Ayodhya und beschützte diese Erde. (34) Von seinen beiden Gemahlinnen gebar Vidarbha Asamanja, dessen Sohn Anshuman war. Die sanfte Sumati, die jüngere Schwester des Vogelkönigs, brachte zuvor sechzigtausend mächtige Söhne hervor, denen es an Dharma fehlte. (35) Sagara sah die Tapferkeit seiner Söhne und unternahm das große Pferdeopfer. Als die Götter dies dem mit bienenumschwärmter Girlande geschmückten Indra berichteten, wurde dieser unruhig. Er versteckte das prächtige Opferpferd bei Kapila. (36) Anshuman war dem frei laufenden Pferd gefolgt. Als es verschwand, suchte er bestürzt die Erde ab, ohne einen Ort auszulassen. Er wusste nicht, dass der Götterkönig es verborgen hatte. Verwirrt kehrte er zurück und berichtete dem Vater seines Vaters.
(37) Der König hörte den Bericht und teilte ihn seinen Söhnen mit. Von Unruhe überwältigt, glühten die Sagaras wie das untermeerische Feuer. Feuer sprühte aus ihren Augen, während sie die ganze Erde durchsuchten. Sie gruben sie auf, bis die Unterwelt sichtbar wurde. (38) Man erzählt, sie hätten Gräben von hundert Yojanas Breite und Tiefe gezogen. Im Nordosten sahen sie das Pferd hinter dem in großer Askese fortgeschrittenen Kapila. Feuerzornig beschimpften sie ihn, wurden überheblich, bedrängten ihn und tobten. (39) Der große Asket entbrannte in mächtigem Zorn und öffnete feurig seine Augen. Wie einst die drei Festungen durch das Lächeln Shivas zu Staub wurden, so verbrannten die sechzigtausend herrischen Söhne zu Asche. Kundschafter meldeten es dem guten König, der das Opfer vollzog. (40) Der König litt schwer und konnte kein Ende seines Kummers erkennen; doch er verlor nicht seine Besonnenheit. Er rief den Sohn seines Sohnes: ›Wenn sie umgekommen sind, soll deswegen auch das begonnene Opfer verloren sein?‹ Darauf brach Anshuman auf und gelangte in die Unterwelt, wo der askesereiche Kapila wohnte.
(41) Er sah die Berge weißer Asche von den vernichteten Körpern, und sein Herz erschrak. Dann verehrte er Kapilas zarte Lotusfüße, erhob sich und pries ihn. ›Nimm dein Pferd und geh‹, sagte der Weise und erklärte auch, was geschehen war. (42) Anshuman hörte die Worte des Makellosen, verneigte sich voll Zuneigung und brachte das schnelle Pferd zurück. Die Opfergaben wurden den Göttern dargebracht, und das ganze Opfer kam zum Abschluss. Dann übergab der König die Herrschaft seinem Enkel und verließ diese Welt, du von herrlichem Ruhm! (43) Weil die Sagaras ihn ausgegraben hatten, gewann der makaraerfüllte Ozean den berühmten Namen Sagara. Der unvergleichliche Enkel beschützte die ganze Erde. In der langen Folge seines Geschlechts wurde später der König Bhagiratha geboren. (44) Dieser strahlende Herrscher ließ sein Königsrad über alle Welten rollen, ohne einen Rivalen neben sich. Eines Tages fragte er nach dem Tod seiner Vorfahren. Der große alte Weise Vasishtha berichtete ihm alles. Der König hörte zu, verneigte sich so tief, dass sein Stirnzeichen die Erde berührte, und sprach:
(45) ›Meine Vorfahren kamen durch den Zorn des mächtigen Weisen um. Sage mir, verehrter Herr, wie ich verhindern kann, dass sie für immer in der langen Höllennot versinken. Welche große Askese und welche Handlung muss ich dafür vollbringen?‹ Der Brahmane antwortete: (46) ›König der Könige, Herr dieser Welt! Übe um die Rettung der Verstorbenen willen lange und ununterbrochen große Askese, ganz auf den Herrn der roten Lotusblüte ausgerichtet. Verzage nicht!‹ So sprach der makellose Weise freundlich. (47) Bhagiratha übergab die Sorge für die ganze Erde seinem Minister Sumantra und begab sich in die Gegend des Himalaya, um große Askese zu üben. Als zehntausend Jahre strenger Übung vergangen waren, erschien der Urvater auf dem ursprünglichen Lotus vor ihm. (48) ›Deine große Askese erfreut mich‹, sagte er. ›Deine Vorfahren starben durch den Zorn des Asketen. Wenn der himmlische Fluss rasch auf die weite Erde kommt und ihre Gebeine benetzt, werden sie ein erhabenes Ziel erreichen.
(49) Doch wenn der große Himmelsfluss zur Erde herabstürzt, kann allein der Gott mit dem Stirnauge seine Gewalt auffangen. Beginne daher große Askese, auf den Herrn ausgerichtet, dessen eine Hälfte die pfauengleiche Göttin ist.‹ So sprach der Schöpfer aller Welten und Lebewesen und ging fort. (50) Bhagiratha wandte sich dem Herrn mit der weiblichen Hälfte zu und übte ebenso viele Jahre wie zuvor große Askese. Der feuerfarbene Gott erschien: ›Ich werde dorthin kommen und dein Anliegen vollenden.‹ Dann verschwand er. Darauf verehrte der König fünftausend Jahre lang die Ganga. (51) Sie erschien als zarte junge Frau und sprach: ›Wenn mein gewaltiger Wasserstrom aufgrund deiner großen Askese herabkommt, wer wird seinen Ansturm tragen? Shivas Zusage ist erstaunlich. Prüfe dies noch einmal und setze deine gute Askese fort.‹ Dann verschwand die segensreiche Flussgöttin. (52) Von Sorge erfüllt gedachte der König erneut des makellosen Herrn, dessen goldenes Haar Karantai, Datura, Erukku-Blüten, Bilva und Koṉṟai trägt. Zweitausendfünfhundert Jahre übte er strahlende gute Askese. Da erschien der Heilige, der auf dem Berg wohnt.
(53) ›Was beschäftigt dein Herz?‹, fragte er. Der König verneigte sich: ›Unser Herr, die Ganga hat mir aufgeregt dieses gesagt.‹ – ›Fürchte dich nicht. Ich werde dafür sorgen, dass die Erde nicht zerbricht‹, antwortete Shiva und verschwand. Danach vollendete Bhagiratha weitere zweitausendfünfhundert Jahre reifer Askese. (54) Er lebte von Wasser, Asche, Luft, trockenen Blättern und dem Licht der heißen Sonnenstrahlen; schließlich verzichtete er auch darauf. Dreißigtausend Jahre lang mühte sich der König, von tiefer Liebe erfüllt, in schwerer Askese. (55) Mit solchem Brausen erschien der große Fluss, dass die Welt des Nabel-Lotusgeborenen und die Reiche Indras und der anderen Götter erbebten. Doch der Gemahl der Bergtochter fing ihn auf, ohne einen Tropfen zu verschütten, und verbarg ihn in einer einzigen Haarflechte. (56) Wie ein Tautropfen auf einer Grashalmspitze verschwand der himmlische Fluss auf dem Haupt des Heiligen. Bestürzt verneigte sich der König und blieb wartend stehen. »Sei nicht bekümmert; der Himmelsfluss ist jetzt in unserem Haar«, sagte Shiva und ließ einen kleinen Teil frei. So stieg sie auf die Erde hinab.
(57 [Quellendruck: 1.9.58]) Vor der herabströmenden Ganga eilte der König rasch dahin. Sie drängte vorwärts, um den verstorbenen Königen Erlösung zu bringen, und überflutete dabei das Opfer des in tiefer Askese versunkenen Jahnu. Der Weise entflammte vor Zorn, schöpfte sie in seine hohle Hand (58) und trank sie aus, während die Scharen der vedischen Weisen staunten. Der König sah es, verneigte sich und berichtete die ganze Vorgeschichte. »Führe sie weiter!«, sagte Jahnu und entließ sie durch sein Ohr. Sie sprang hervor und erreichte die Asche der Körper der Verstorbenen. (59) Die Sagaras entkamen ihrer Höllennot und gelangten zum erhabenen Ziel. Die Scharen der Götter jubelten und ließen duftende Blumen regnen. Unter dem geordneten Klang der Trommeln und vieler weiterer Instrumente kehrte der König in das schön ummauerte Ayodhya zurück. (60) Mein Sohn, dieser große Fluss kam von jenseits der Hülle des Weltalls. Er entsprang am zarten Lotusfuß dessen, der einst das All ausmaß, wurde von Brahma als heiliges Wasser aufgenommen, dann von Shiva aufgefangen und schließlich durch Bhagiratha auf die Erde gebracht.
(61) Weil Bhagiratha lange große Askese übte und sie um der Sagaras willen herbeiführte, heißt sie Bhagirathi. Weil sie auf Erden durch Jahnus Ohr wieder hervortrat, erhielt dieser unvergleichliche Strom auch den Namen Jahnavi.« (62) Die Prinzen hörten dies mit staunender Freude, verneigten sich und überschritten die Ganga. Der König von Vishala mit gipfelbergähnlichen Schultern kam herbei und verehrte ihre Füße. Sie sprachen freundlich mit ihm und zogen von dort weiter. (63) Sie erreichten das Land Mithila mit seinen weiten Reisflächen. Dort verlassen die Reiher ihre Schlafplätze zwischen den Lotussen. Wenn die Feldarbeiterinnen das helle Unkraut jäten, halten die Vögel die Spiegelbilder ihrer langen, glänzenden Augen für Kayal-Fische, schnappen danach und ziehen sich beschämt zurück. (64) In den Hainen geben die Schleusen der großen Wasserbecken den Takt wie Trommeln. Frisch erblühte Ashoka-Bäume heben ihre Blütenlampen empor. Honigfäden hängen wie Saiten an den duftenden Blumen, Bienen spielen darauf die Yāḻ – und die Pfauen stehen auf und tanzen.
(65) Die jungen Männer waren schon durch die Blicke der Frauen mit schönem Stirnschmuck wie durch Boten angelockt worden und suchten ihre Nähe. Nun sahen sie auf den runden, frischen Lotussen die dunklen Wasserblumen liegen, die die Bauern als Unkraut ausgerissen hatten. Diese schienen die vertrauten Seitenblicke nachzuahmen und steigerten ihre unruhige Sehnsucht. (66) Den Frauen mit kuckuckssüßen Stimmen folgen die Schwäne, weil sie ihren Gang für den ihrer eigenen Art halten. Im kühlen Badewasser bleiben die Spuren des Kumkums zurück. Darüber geraten die Vögel miteinander in Streit. Selbst wenn die Blumen schlafen, schlafen die Vögel in diesen Teichen nicht. (67) In den Flüssen fließen Milch aus den Eutern der Büffel, Saft der hoch am Ufer hängenden reifen Mangos, nektarsüßer Saft des gepressten zarten Zuckerrohrs und überströmender Honigwein. Für gewöhnliches kühles Wasser scheint kaum noch Platz zu bleiben. (68) Die regenäugigen Frauen mit schmalen Taillen und hohen Brüsten tanzen auf den Bühnen. Vor der süßen, mächtigen Trommelmusik der Künstler erschrecken kräftige junge Büffel und stampfen durch die Wasserläufe. Die aufgescheuchten Vāḷai-Fische springen bis zu den Palmblüten hinauf.
(69) Die Frauen schließen ihre langen, schwertgleichen Augen wie Waffen in ihren Scheiden und tauchen ins weite Wasser. Beim Wiederauftauchen gleichen sie der Glücksgöttin, die einst aus dem gequirlten Meer emporstieg. Ihre weißen Armreifen klingen mit den Wasservögeln um die Wette; während die Frauen baden, tauchen Bienenscharen in die duftenden Blumen. (70) Sie durchwanderten freudig dieses Land und kamen vor die mit langen, schmückenden Bannern versehene Stadtmauer Mithilas. Dort sahen sie auf einer erhöhten freien Stelle einen großen dunklen Stein: die Gemahlin eines großen Asketen, die nach dem Verlust ihrer ehelichen Würde in diesen Zustand gefallen war. (71) Als der Staub von Kakutsthas Füßen den Stein berührte, nahm sie ihre frühere Gestalt wieder an. Es war, als fiele die Verwirrung der Unwissenheit von einem Wesen ab, das verwandelt und zur wahren Erkenntnis gelangt die Füße des Herrn erreicht. Da begann der große Weise zu sprechen. (72) »Nachkomme dessen, der die Ganga aus dem weiten Himmel auf die Erde brachte! Die dort voller Freude wie ein Blitz seitwärts steht, ist Ahalya. Sie ist die Gemahlin jenes Weisen, der dem Götterkönig nach dessen schuldvoller Tat tausend rote Augen verlieh.«
(73) Der Gemahl der Lotusgöttin hörte die Worte des goldhaarigen Weisen und rief: »Wie erstaunlich, wie erstaunlich ist doch das Geschehen dieser Welt! Kam dies durch eine frühere Tat zustande, oder ereignete sich später ein Unglück? Erkläre mir bitte, wie dieser Frau, die mir wie eine Mutter ist, solches widerfuhr.« (74) Der Weise sah Rama an: »Edler, höre! Einst begehrte Indra, der Herr des hell leuchtenden Donnerkeils, die schönen Brüste der Frau mit rehgleichen Augen. Er wartete einen Augenblick ab, in dem der Weise mit dem von Missgunst freien Herzen abwesend war. (75) Die speergleichen Augen der Frau und die Pfeile des Liebesgottes hatten ihn getroffen. Auf der Suche nach Linderung verlor er eines Tages durch seine Leidenschaft die Besonnenheit. Er sorgte für die Abwesenheit des großen Asketen, nahm die Gestalt dieses Mannes mit dem wahrhaftigen Herzen an und trat in dessen Haus. (76) Er vereinigte sich mit ihr, und beide genossen den klaren süßen Wein der neuen Liebesbegegnung. Dann erkannte sie, wer er war. Doch auch nach dieser Erkenntnis hielt sie nicht inne, um das Unrechte zu bedenken, sondern gab sich weiter hin. Während sie so verweilten, kam der Weise rasch zurück, an unverminderter Kraft dem dreiäugigen Shiva gleich.
(77) Dieser segenspendende Weise besaß nicht bloß einen Bogen, der Pfeile entsendet, sondern die Macht eines schwer abzuwehrenden Fluches. Als er eintrat, erschrak Ahalya und blieb stehen, mit einer Schande beladen, die in der Welt lange nicht vergehen sollte. Indra zitterte und versuchte, in Gestalt einer Katze zu entkommen. (78) Der reine Weise erkannte die Tat und sah ihn mit feuerwerfenden Augen an. Mit Worten, scharf wie ein brennender Pfeil aus deiner Hand, sprach er: ›Die Merkmale tausend Frauen sollen an deinem Körper erscheinen!‹ Noch vor einem Augenblinzeln zeigten sie sich überall. (79) Von grenzenloser Scham und allgemeinem Spott verfolgt zog Indra mit seinem Makel davon. Dann sah Gautama die sanfte Frau an: ›Auch du, die du dich wie eine käufliche Frau verhalten hast, sollst zu Stein werden!‹ Sie verwandelte sich in einen dunklen Stein und fiel zur Seite. (80) ›Man sagt, es sei immer die Pflicht der Großen, Verfehlungen zu verzeihen. Du, der dem Feuergott gleicht, gewähre diesem Zustand ein Ende!‹, bat sie. Er antwortete: ›Wenn der Staub von den Füßen Dasharathas Sohn Rama, der kühle blühende und bienenumsummte Girlanden trägt, dich berührt, wirst du diese Steingestalt ablegen.‹
(81) Die Götter sahen Indra in diesem Zustand und kamen mit Brahma an der Spitze zu Gautama, um für ihn zu bitten. Sein unbeirrbares Herz ließ den Zorn fahren. Er entfernte die Merkmale und verwandelte sie in tausend herrliche Augen. Die Götter kehrten in ihre Welten zurück, während die Frau als Stein liegen blieb. (82) So ist dies geschehen. Kann dieser Welt nun noch anderes als Erlösung zukommen, kann sie weiter dem Leid überlassen bleiben? Wolkenfarbener Herr! Dort, im Kampf mit der dunklen Rakshasi, sah ich die Macht deiner Hand; hier habe ich die Macht deines Fußes gesehen.« (83) Der dunkle Edle mit den roten Füßen, die diese makellose Hilfe bewirkt hatten, nahm alle Worte des tugendreinen Weisen in sein Herz auf. »Mutter, geh ohne Kummer und verehre deinen großen asketischen Gemahl, damit dir seine Gnade zuteilwird«, sagte er. Er verneigte sich vor ihren goldenen Füßen und zog weiter. (84) Als sie zur Wohnstätte Gautamas kamen, sah der große Asket die Gäste und empfing sie mit staunender, überströmender Freude. Liebevoll führte er sie hinein und erfüllte alle Pflichten der Gastfreundschaft ohne Fehler. Dann wandte sich der edle Sohn Gadhis an ihn.
(85) »Kaum hatte der Staub von den Füßen des Dunkelfarbenen sie berührt, da stand die rankenschlanke Frau in ihrer früheren Gestalt da. Rufe sie wieder zu dir, die in ihrem Herzen ohne Schuld ist«, sagte Vishvamitra. Der brahmagleiche Weise nahm dies in seinen Sinn auf. (86) Der durch seine Tugenden erhabene Rama verehrte Gautamas Lotusfüße, umschritt ihn ehrfürchtig und pries ihn. Er führte die göttlich schöne Frau, nun von makelloser ehelicher Reinheit, in dessen Obhut zurück. Dann verließen die drei mit dem großen Weisen den duftenden Hain und erblickten die mit Edelsteinen geschmückte Stadtbefestigung.
1.10 – Mithila
(1) Die Fahnen über der reichen Stadt bewegten sich wie ausgestreckte Hände. Sie schienen zu rufen: »Die Göttin mit den roten Lotusblüten hat um meiner großen Askese willen ihre Blume verlassen und wohnt nun hier. Komm rasch, Herr mit den Lotusaugen!« (2) Auf den hohen Häusern schwangen die Fahnen, als tanzten dort himmlische Frauen. Sie schienen zu verkünden: »Der unvergleichlich Schöne, der Bote des Dharma, kommt, um Hochzeit zu halten!« (3) Elefanten mit diamantfesten Stoßzähnen drängten kämpfend gegeneinander. Sie glichen Liebenden, die sich im Streit nicht voneinander lösen können. Ihr Gedränge wogte wie Dickmilch unter dem Quirl. (4) Die weißen Fahnen verdeckten die Sonne und machten den Himmel einem Milchmeer gleich. Wolken befeuchteten sie; der duftende Rauch, der von unten aufstieg, trocknete sie wieder.
(5) Selbst der Liebesgott hätte Sitas Gestalt nicht malen können, auch wenn er seinen Pinsel in Nektar getaucht hätte. Die Stadt mit ihren goldenen Mauern erschien wie der Lotus, in dem diese Göttin des Glücks wohnte. (6) Schmuckstücke, die Liebende im Streit fortgeworfen hatten, bedeckten die Straßen. Diese glichen dem Meeresgrund, nachdem Agastya das Wasser getrunken hatte, oder dem mit Sternen übersäten Himmel. (7) Auf den Straßen wechselte ein Anblick unablässig mit dem nächsten: Der Schläfensaft der Elefanten bildete Bäche, der Schaum der Pferde breitete sich aus, Schlamm entstand, und die Wagen wirbelten wieder Staub auf. (8) Zerrissene Blumengirlanden lagen nach den Liebesstreitigkeiten umher. Von Honig schwer und von Bienen umschwärmt, glichen sie Frauen, die nach der Vereinigung erschöpft dalagen.
(9) In den Tanzhallen erklangen Gesang, feine Saiten und Trommeln. Dem Tanz der Hände folgten die Augen, und wohin die Augen gingen, dorthin ging das Herz. (10) Frauen schaukelten zwischen Arekapalmen, deren Stämme Smaragd und deren Früchte Korallen glichen. Die Bienen summten, als bedauerten sie die zarten Taillen. Die Schaukel ging hin und her wie der Kreislauf der Geburten; mit ihr schwankten die Herzen der Männer. (11) Auf den Märkten häuften sich Edelsteine, Gold, Perlen, Yakschweifwedel, duftendes Aloeholz, Pfauenfedern und Elfenbein. Die Waren lagen in solchen Mengen da wie die Schätze an den Ufern der Ponni. (12) Musikerinnen drehten die Wirbel ihrer Instrumente und spannten die Saiten, bis die Finger schmerzten. Hände und Geist wirkten zusammen. Mit einem Lächeln schenkten sie den Ohren süße Musik.
(13) Pferde liefen so schnell im Kreis wie eine Töpferscheibe; ihr Lauf war pfeilschnell und ohne Unterbrechung. Wie die Freundschaft edler Menschen bildeten sie eine geschlossene Einheit. Selbst aufmerksame Betrachter konnten nicht unterscheiden, wie viele es waren. (14) An den Fenstern erschienen Frauengesichter wie Monde, deren Flecken verschwunden waren. Ihre Augen glichen Speeren, die Brauen den Bogen des Liebesgottes, die dunklen Locken Bienen; rot leuchteten ihre Lippen. (15) Frauen tranken Wein aus kristallenen Bechern. Ihre Lotusgesichter verrieten die Trunkenheit und den Groll ihrer Liebe. Was in ihnen vorging, ließ sich nicht verbergen. (16) Beim Ballspiel schienen die Bälle unter den Blicken der Frauen schwarz, in ihren Händen dagegen rot zu werden. Wie Kristall nahmen sie die Farbe ihrer Umgebung an, gleich dem Herzen einer käuflichen Geliebten, das sich beim Liebesspiel nach dem erhaltenen Lohn richtet.
(17) Beim Glücksspiel setzten Frauen Armreifen, Ohrschmuck, Edelsteine, Perlen, feine Kalinga-Stoffe, Saiteninstrumente und Girlanden ein. Die kristallenen Spielsteine röteten sich unter ihren Händen; die Blumen in ihrem Schmuck lösten sich und fielen herab. (18) In den Badeteichen wuchsen Lotus, Kuvalai und Ambal, Vallai-Ranken, blaue Blüten und rote Wasserblumen; Kendai- und Varal-Fische schwammen darin. Doch neben den Körpern der badenden Frauen verloren diese Schönheiten ihren Glanz. (19) Junge Männer spielten, noch mit Sandelpaste und den Spuren der Brüste ihrer Geliebten auf den Schultern. Die hin und her bewegten Spielsteine glichen dem Geist, den die Sinne bald hierhin, bald dorthin ziehen. (20) Andere junge Männer hatten leuchtende Körper und freigebige Hände. Sie glichen dem Liebesgott, bevor er verbrannt wurde. Ihre Bogen waren rot; ihr Haar trug die rote Farbe von Frauenfüßen, vor denen sie sich zur Versöhnung niedergebeugt hatten.
(21) In den Hainen spielten junge Frauen, deren Sprache süß wie Nektar und Papageienlaute war. Ihre Schönheit beschämte selbst himmlische Mädchen; die Schwäne mussten sich ihrem Gang geschlagen geben, und die Bienen summten Beifall. (22) Im tiefen Festungsgraben spiegelten sich die hohen Paläste. So schien sich unter der Erde eine zweite Stadt, die der Nagas, zu erheben. Das Wasser war tief wie die Ganga. (23) Sie standen an einer Badestelle, wo Schwäne paarweise schwammen, nahe dem Gemach einer jungen Frau. Dort erschien jene, die der Glanz des Goldes, der Duft der Blumen, die Süße des Honigs und die Freude der Dichtung selbst war. (24) Die Schönheit anderer Frauen vergleicht man mit Lakshmi. Hier aber stand Lakshmi selbst. Mit wem sollte man sie vergleichen?
(25) Frauen, die Uma glichen, erhoben die Hände über dem Kopf, als sie diese von Sanftmut erfüllte Gestalt sahen. Die Betrachtenden beklagten, dass ihre Augen blinzeln mussten und dass ihnen zum Schauen nur zwei gegeben waren. (26) Wenn sich ihre Augen bewegten, besiegten sie die Blicke der Rehe, Speere und Schwerter; selbst die Fische schienen erschrocken. Sie war Nektar, der oben im Palast erschienen war, ohne dass man dafür das Meer gequirlt hätte. (27) Könnte Brahma noch einmal eine solche Gestalt schaffen? Selbst wenn die Götter darum bäten, könnte das Meer ihnen nur Nektar schenken, niemals eine zweite wie sie. (28) Die mondgleichen Gesichter Menakas und der übrigen himmlischen Schönheiten verloren vor ihr ihren Glanz. Es war, als müssten diese Monde fortan immer am hellen Tag scheinen.
(29) Wer hatte die Askese vollbracht, durch die Lakshmi auf die Erde kam? Waren es die zahllosen Brahmanen, war es der Dharma, die Welt, der Himmel oder die Götter? Wer vermöchte dies zu wissen? (30) »Du Reh! Du Mutter! Du Honig! Du Nektar!«, riefen die Begleiterinnen. Sie streuten Blumen vor ihre Füße; auf Blumen schritt die Goldgleiche dahin, von ihren Gefährtinnen umgeben. (31) Sie glich der Königin der Blitze, der unzählige weitere Blitze dienten. Goldene Fußreifen, Halsketten und Gürtel schmückten sie und die Frauen um sie her. (32) Ihre Augen übertrafen die Speere des Todesgottes. Ihre Schönheit hätte Berge, Mauern, Steine und selbst Grashalme zum Schmelzen bringen können.
(33) Schon den Augen der Frauen war ihre Schönheit ein Fest und ein Heilmittel. Wenn sie auf diese so wirkte, was musste sie dann erst in Rama bewirken? (34) Schmuck an schönen Frauen war nichts Unbekanntes. Doch hier verlieh ihre Schönheit der Schönheit selbst erst ihren Schmuck. (35) Als die unvergleichlich Schöne dort stand, begegneten sich ihre Augen. Ihre Blicke umfassten einander, und keiner blieb mehr Herr über sein Empfinden: Er sah sie an, und sie sah ihn an. (36) Die scharfen Speere ihres Blickes trafen seine mächtigen Schultern. Die roten Augen des Helden richteten sich auf ihre Brüste.
(37) Die Blicke wurden zu einem Band. Sie zogen die Herzen zueinander, und jedes ging in das Herz des anderen ein. (38) Zwei Körper waren sie, doch ein einziges Leben. Nach ihrer Trennung auf dem Meer hatten die beiden sich wiedergefunden. Was bedurfte es da noch der Worte? (39) Ohne zu blinzeln stand sie da wie ein gemaltes Bild. Als er mit dem Weisen weiterging, folgten ihm ihr Herz, ihre Selbstbeherrschung und ihre Schönheit. (40) Der Elefant ihres Herzens war nicht mehr zu halten. Der Treibstachel der Zurückhaltung bog sich gerade, als der Held aus ihrem Blick verschwand.
(41) Durch ihre langen Augen war die Liebeskrankheit eingedrungen und hatte sich in ihr ausgebreitet. So verändert ein wenig Säure die ganze Milch und lässt sie gerinnen. (42) Sie konnte ihr Leiden nicht in Worte fassen und stöhnte wie eine Stumme. Der Liebesgott schoss noch einen Pfeil auf sie ab, als lege er Holz in ein schon brennendes Feuer. (43) Ihre speergleichen Augen leuchteten bei den schattenden Ohrringen, ohne dass Öl oder Feuer dafür nötig gewesen wäre. Das gewundene Haar und das Gewand lösten sich. Sie sank zusammen wie eine Ranke, die ins Feuer geraten war. (44) Gürtel, Schamhaftigkeit, Armreifen, Herz, Vernunft und ihre schöne Farbe verließen sie. Sie glich dem Meer, nachdem man es gequirlt und ihm all seine Kostbarkeiten entnommen hatte.
(45) Ihre Begleiterinnen führten sie fort. Sie wankte wie ein verwundetes Reh; der Schmuck glitt von ihr herab, und ihre Scham und Schönheit schwanden. (46) Man legte sie auf ein Blumenlager mit taufrischen Blättern. Die zarten Blüten und Blätter glichen ihren Händen und Füßen. (47) Sie sah aus wie ein Lotus im Teich, den Frost und Hagel getroffen hatten, oder wie der Mond, den eine Schlange verschlungen hat. (48) Tränenperlen fielen auf ihre Brüste, wie Hagelkörner in ein Becken am Berg. Doch ihr heißer Atem ließ sie vergehen, als ströme die Hitze eines Schmelzofens darüber.
(49) Wie ein Pfau, den der Pfeil eines grausamen Jägers getroffen hat, sank sie hin. Ihr Körper lag auf dem Bett wie ein abgebrochener Blütenzweig. (50) Die Blumen ihres Lagers versengten. Die Sandelpaste trocknete zu Staub; die Schnur ihrer Kette riss, und die frischen Blätter wurden schwarz. (51) Freundinnen, Ammen, Mutter und ältere Frauen klagten. Sie kannten die Ursache der Krankheit nicht. Mit Blumen, Reis und Wasser vollzogen sie schützende Handlungen um sie her. (52) Das Fächeln steigerte nur ihre Glut. Sie schien eine goldene Statue zu sein, die im Feuer schmilzt; Schmuck und Girlanden wurden von derselben Hitze erfasst.
(53) Sie dachte: »Dicht wie die Nacht ist seine Farbe; seine Schultern sind wie ein von Girlanden bedeckter Bergwald. Ist er ein Smaragdberg, oder ist eine Wolke mit Lotusaugen und einem Bogen auf die Erde gekommen?« (54) »Er ist eingedrungen und hat mir Scham, weibliche Würde und Leben geraubt. Der Liebesgott kann er nicht sein: Sein Bogen und seine Schultern sind nicht aus Zuckerrohr.« (55) »Meine natürliche Zurückhaltung und mein Urteilsvermögen sind fort. Dieser Mensch, der auf der Erde wandelt, ist als Dieb durch meine Augen eingetreten.« (56) »Das Haar war wie Indranila, das Gesicht wie der Mond, lang waren die Arme, edelsteingleich die Schultern. Doch noch ehe all dies mich überwältigte, hatte sein Lächeln mein Leben verzehrt.«
(57) »Nicht nur seine Brust und seine Füße bleiben mir gegenwärtig. Vor allem sein Gang, der dem eines Elefanten glich, verlässt mein Herz nicht.« (58) »Ein Gott ist er nicht, denn seine Augen blinzeln. Er trägt einen Bogen und die heilige Schnur. Es muss ein Königssohn sein.« (59) »Werde ich den Prinzen wiedersehen, der die Festung meiner Jungfräulichkeit durchbrochen hat? Könnte ich ihn noch einmal erkennen, dann könnte ich auch sterben.« (60) »Hier ist er!« Dann wieder: »Er ist gegangen!« So sprach sie wirr. Sehnsucht ließ sie Worte sagen, deren Sinn sie selbst nicht mehr beherrschte.
(61) Auch die Sonne konnte das Feuer ihrer Liebe nicht ertragen. Sie senkte ihre zitternden Strahlen und ging ins Meer hinab. (62) Der Abend kam wie der Tod: mit schwarzem Körper und rotem Haar. Der Südwind war seine Schlinge, die Glut des Sonnenuntergangs sein Feuer, die Finsternis sein Gefolge. (63) Der Abend erschien als Scharfrichter. Vogelrufe waren seine Trommeln, Wellen seine Glocken; rotes Licht war das Blut, und die Dunkelheit bildete sein schwarzes Gewand. (64) Der Wind schien sich im Feuer des Teiches gebadet und das Gift der Blumen aufgenommen zu haben. Er drang in die Wunden ein, die der Liebesgott geschlagen hatte, und ließ sie dahinschmelzen. Sie blickte auf den Abend: »Ist dies die Gestalt des Todes?«
(65) War es das Meer, eine Regenwolke, ein Saphir, eine Kaya-Blüte, Kuvalai, blauer Lotus oder eine andere dunkle Wasserblume? Welche dieser Gestalten verschlang das Leben der Frauen? Die Dämmerung hatte die Farbe eines Dämons angenommen. (66) »Abend, du Schlange! Der dunkle Himmel ist dein Leib, die Sterne sind deine Zähne, der Wind dein Atem, die Abendröte dein Rachen. Warum umringst du mich? Der Liebesgott hört ohnehin nicht auf. Habe ich denn mehr als dieses eine Leben, dass so viele Feinde kommen?« (67) »Hat Gift sich ausgebreitet? Ist das Meer emporgestiegen? Oder hat seine dunkle Farbe alles erfüllt? Hat man die Farbe des Todes mit schwarzer Augenschminke vermischt und damit Himmel und Erde bestrichen?« (68) »Anril-Vogel! Er ist fort, und niemand beschützt mich. Hat der Liebesgott dich diese Grausamkeit gelehrt? Oder bist du meine eigene schlimme Tat, die nun als Vogel vor mir erscheint?«
(69) Die Dienerinnen entfernten die heißen Öllampen und stellten kühl leuchtende Edelsteinlampen auf. Ihr Glanz machte die Nacht zum Tag. (70) Der aus dem Meer geborene Mond erschien wie ein goldener Nektartopf. Um ihn standen die Sterne wie Edelsteine, die beim Quirlen mit Vasuki aus dem Meer gespritzt waren. (71) Der weiße Mond erhob sich wie eine Lotusblüte aus dem Meer. Er erinnerte an den Lotus, der aus Vishnus Nabel wächst und Brahma trägt. (72) Der Mondschein leckte die Dunkelheit fort, in der die Sterne als helle Punkte standen. Im Osten erschien der Mond wie ein silbernes Gefäß mit einer daraus aufsteigenden Arekablüte. Was würde sein Anblick in ihr bewirken?
(73) Das Mondlicht breitete sich über Himmel, Erde und alle Richtungen aus, wie der Ruhm Sadayans aus Vennei mit seinen reichen Feldern. (74) Der Mond glich einem Handwerker, der das alte Weltenei neu verputzt. Mit seinen Strahlenhänden bestrich er Brahmas Schöpfung mit weißem Mondlicht. (75) Die Lotusblüten schlossen sich, die Bienen verließen sie, und Lakshmi zog sich in sie zurück. Die roten Ambal-Blüten öffneten sich: So treten kleine Fürsten hervor, wenn der große Herrscher sich zurückgezogen hat. (76) »Der dunkle Himmel brennt, und darin lodert der Mond als weißes Feuer. Wie grausam ist er gegen mich und gegen das Meer, das wie ich seine Farbe an ihn verloren hat!«
(77) »Mond, du galtst doch nicht als grausam und hast noch nie getötet. Du bist zusammen mit dem Nektar und mit Lakshmi, der anmutig Schreitenden, emporgestiegen. Warum verbrennst du nun mich?« (78) Die Strahlen des Mondes trafen ihre Brüste wie Peitschenhiebe. Wie ein von Feuer gequälter Schwan wälzte sie sich auf ihrem Blumenlager. (79) Unaufhörlich trafen sie die starken Strahlen des Mondes. Verbrannt und entkräftet sank sie nieder. Die roten Lotusblüten, die ihr Lager bildeten, litten darunter, und auch die Blumenhafte litt. (80) Je mehr man duftende, weiche Salben auf ihren Körper strich, desto mehr trocknete sie aus und glühte. Je stärker man fächelte, desto heißer wurden ihre zarten Brüste. Gibt es denn ein Heilmittel gegen die Krankheit der Sehnsucht?
(81) Die Dienerinnen sorgten für sie wie Mütter. Sobald die Blüten und jungen Blätter des weichen Lagers unter ihrer Körperglut schwarz wurden, brachten sie neue. Zweitausend solcher Schichten legten sie auf. (82) So erging es der Schwanengleichen auf ihrem duftenden Lager in der schönen Stadt. Nun wollen wir erzählen, was dem edlen Helden widerfuhr, der ihre stärker als ein Blitz leuchtende Gestalt gesehen hatte. (83) Die drei gingen zum König, der ihnen entgegenkam und sie freudig empfing. Er ließ sie in einem hohen Palast wohnen, der einer goldenen Stadt im Reich der Seligkeit glich. (84) Während sie dort weilten, kam der Weise herbei, dessen Mutter durch die Lotusfüße des makellosen Helden ihre leibliche Gestalt zurückerhalten hatte. Es schien, als käme die ganze große Askese in einer einzigen Person auf sie zu.
(85) Rama verneigte sich von Herzen vor dem herantretenden Weisen. Dieser, von unermesslichen Tugenden erfüllt, spendete ihm reichen Segen und begab sich an Kaushikas Seite. (86) Der große Weise, Gautamas Sohn, blickte Vishvamitra ins Gesicht und sagte: »Welche Askese hat diese Erde vollbracht, dass du gerade jetzt hierherkommst?« (87) Kaushika, dessen Geist in den heiligen Schriften ruhte, blickte seinen lieben Freund Shatananda an. Dieser große Asket glich dem Reinen, der auf einem kühlen Blumenlager sitzt. Zu ihm sprach er: (88) »Höre, du in der Askese Gereifter! Dieser edle Held hat Tataka mit ihrer schrecklichen Donnerstimme getötet, mein Opfer zur Vollendung gebracht und den Fluch deiner Mutter beendet. Damit hat er auch dem Kummer meines Herzens ein Ende gesetzt.«
(89) Als Kaushika dies gesagt hatte, antwortete der unergründlich starke Asket: »Großer Weiser! Wenn deine Gnade sie schützt, was sollte diesen siegreichen Helden dann noch schwerfallen?« Dann fuhr er fort. (90) Er wandte sein mondgleiches Gesicht dem freigebigen Helden zu, dessen Körper die Schönheit der dunklen Puvai-Blüte, des Indranila-Steins, des tiefen Meeres, dichter Wolken und sich öffnender dunkler Wasserblumen vereinte. (91) »Herr mit der duftenden Blumengirlande, höre, was ich dir erzähle. Dieser seltene Asket war einst König. Unzählige Jahre beschützte er die Erde nach dem Recht und entfaltete dabei seine Güte. (92) Während er sein Königtum in Übereinstimmung mit dem Dharma ausübte, zog er zur Jagd in den weiten Wald. Dort kam er zu Vasishtha, dem verehrungswürdigen Weisen, dessen große Askese überall gerühmt wird.
(93) Arundhatis Gemahl erfüllte alle Pflichten der Gastfreundschaft gegenüber dem König. Er bat ihn, Platz zu nehmen, und sagte: ›Ich will dir nun ein schönes Mahl bereiten.‹ Er rief Surabhi und gebot: ›Lass aus deiner Güte Nektarspeise hervorströmen!‹ Sogleich gab sie diese reichlich. (94) ›König, genieße mit deinem Heer die Speisen aller sechs Geschmacksrichtungen!‹, sagte der Weise. Nachdem alle gegessen hatten, schenkte er ihnen duftende Blumengirlanden und wohlriechende Salben. Die Erschöpfung des Königs war verschwunden. Er überdachte das Erlebte und sprach: (95) ›Großer Asket, du brauchtest dich nicht einmal zu erheben. Diese Kuh hat dem ganzen mächtigen Heer untadelige Nektarspeise gegeben. Die gelehrten Kenner der reichen Veden, die sich durch makellose Tugend auszeichnen, sagen doch: Alle außergewöhnlichen Kostbarkeiten gehören dem König. (96) Darum passt sie nicht zu dir. Schenke mir diese unvergleichliche Surabhi!‹ Zunächst schwieg der Weise. Dann sagte er: ›Ich trage ein Gewand aus Baumrinde. Ich gebe sie dir nicht. Wenn sie aber mit dir gehen will, Krieger mit dem tödlichen Speer, dann führe du sie fort.‹
(97) ›Ich werde tun, was du gesagt hast‹, sprach der König, sprang auf und band Surabhi fest. Als er sie wegführen wollte, riss sie sich los. ›Herr, der du alle Veden kennst, hast du mich diesem Mann mit den edelsteingleichen breiten Schultern geschenkt?‹, fragte sie. Der vedische Weise antwortete: (98) ›Ich habe dich nicht verschenkt. Der König unter dem Herrschaftsschirm hat dich eigenmächtig ergriffen.‹ Da erfasste großer Zorn ihr Herz. ›Sieh, heute werde ich das Heer dieses Königs mit den donnernden Trommeln vernichten!‹, sagte sie, und ihr dichtes Fell sträubte sich. (99) Aus der braunen Kuh kamen Papparas, Jäger, Chinesen, Sonakas und viele andere, alle mit Waffen in den Händen. Sie zerschlugen das ganze starke Heer des Königs. Da gerieten die Söhne des grausamen, heißblütigen Herrschers in heftigen Zorn. (100) ›Das ist nicht die Kraft der Kuh, sondern eine List dieses begnadeten Weisen, der die Offenbarung kennt. Wir werden ihm sofort den Kopf abschlagen!‹ Mit diesen Worten stürmten sie auf ihn ein. Als er sie mit einem feurigen Blick ansah, starben sämtliche Prinzen.
(101) Der König sah, dass seine hundert Söhne umgekommen waren. Sein Zorn flammte auf wie Feuer, in das man Ghee gießt. Er trieb seinen Wagen mit der hohen Fahne voran, krümmte den Bogen und schoss Pfeile ab. Der Weise befahl dem Stab in seiner Hand: ›Wehre sie ab!‹ (102) Alle Waffen, die er beherrschte, bis hin zu den Waffen der Götter, schleuderte der König gegen ihn. Doch Vasishthas Stab verschlang sie und leuchtete nur umso heller. Da verehrte der König Shiva, dessen Bogen der nördliche Berg ist. Shiva schenkte ihm eine mächtige Waffe und verschwand. (103) Der König schleuderte diese Waffe. Die Himmelsbewohner bebten vor Furcht: ›Er hat alle Welten verbrannt!‹ Doch der Weise nahm die heranfliegende Waffe in sich auf und stand strahlend da. Heiße Funken sprühten aus seinem ganzen Körper; die Angriffskraft der Waffe war gebrochen. (104) Als der König dies sah, dachte er: ›Wahre Stärke und Strahlkraft besitzen allein die Weisen der vedischen Erkenntnis. Etwas anderes zu behaupten wäre töricht. Selbst die Macht, die ganze Erde zu beschützen, ist keine wirkliche Kraft.‹ Er beschloss, große Askese zu üben, und zog in die Himmelsrichtung Indras.
(105) Er dachte nur noch an die Macht, die der große Weise gezeigt hatte, und widmete sich strenger Askese. Als der König der Götter sah, wie der ehemalige Herrscher dadurch erstrahlte, wurde er unruhig. Er sandte Tilottama, die rehgleiche Schönheit unter den himmlischen Tänzerinnen, zu ihm. (106) Als der König ihre Gestalt sah, trafen ihn die Pfeile des Liebesgottes. Er verlor seine Selbstbesinnung und versank im Meer der Liebe. Unzählige Tage vergingen. Dann erkannte er wieder den guten Sinn der Schriften, die Weise erforscht haben. Er betrachtete das Geschehene wie Gift und lachte bitter. (107) Voller Zorn erkannte er darin das Werk des Himmelsherrschers. ›Geh und werde eine Frau auf Erden!‹, befahl er ihr. Mit geröteten Augen und finsterem Herzen eilte er fort in die Himmelsrichtung Yamas, des Mächtigen unter den acht Weltenhütern. (108) Während er im Süden Askese übte, lebte in Ayodhya der starke König Trishanku. Dieser ging zu seinem Guru und bat: ›Gewähre mir, dass ich noch mit diesem Körper in den Himmel gelange.‹ Der Weise antwortete: ›Ich kenne keinen Weg dazu.‹
(109) ›Wenn es dir nicht möglich ist, Herr, werde ich auf der weiten Erde einen anderen suchen, der mir wohlgesinnt ist, und ein Opfer veranstalten‹, erwiderte der König. Da sprach der Guru zornig: ›Du hast deinen Lehrer missachtet und willst dir einen anderen Gönner suchen. Werde zu einem Ausgestoßenen!‹ (110) Mein Sohn, durch den Fluch dieses Sohnes des Lotusgeborenen verlor der König seine Gestalt, vor der selbst die Sonne sich geschämt hätte. Sein Gesicht verlor den Glanz des Morgenlotus. Er nahm eine Erscheinung an, die auf der Erde vielerorts verachtet wurde. (111) Seine Münzen, Krone und Schmuckstücke glichen schwarz gewordenem Gold. Gewand und heilige Schnur schienen aus Leder zu bestehen. Sein Körper wurde dunkel und fleckig, seine Schönheit verschwand. Als er in die Stadt kam, riefen alle verächtlich: ›Pfui!‹ Bestürzt ging er in den Wald. (112) Nachdem er einige Zeit im Wald verbracht hatte, kam er eines Tages in den Hain, in dem Kaushika wohnte. Dieser fragte: ›Wer bist du in dieser erniedrigten Gestalt? Was ist dir geschehen, dass du hierherkommst?‹ Der König verneigte sich und erzählte alles.
(113) ›Ist das so?‹, sagte Kaushika lächelnd. ›Ich werde ein großes Opfer vollenden und dir die andere Welt verschaffen.‹ Er rief die Asketen herbei, und die Weisen ringsum versammelten sich. Vasishthas Söhne aber sagten: ›Davon haben wir noch nie gehört: Ein König will einem Ausgestoßenen ein Feueropfer darbringen!‹ (114) ›Wir werden nicht mitwirken‹, erklärten sie. Da brach sein Zorn hervor: ›Werdet zu Kiratas, die ein verachtetes Gewerbe treiben!‹ Sofort wurden sie zu Jägern und zogen in die Wälder. Er vollendete das Opfer und rief: ›Die Götter mögen kommen!‹ (115) Die Götter lachten höhnisch: ›Was soll das? Ein König vollendet für diesen Ausgestoßenen ein Feueropfer und befiehlt uns, sogleich zu kommen. Eine schöne Sache!‹ Da sagte Kaushika zu dem König der Elefantenheere: ›Geh in den Himmel! Kraft meiner Askese habe ich es ausgesprochen.‹ Und Trishanku stieg in einem himmlischen Fahrzeug empor. (116) Als er den Himmel erreichte, wurden die Götter zornig: ›Wie kann ein Ausgestoßener hierherkommen? Hinab auf die Erde mit dir!‹ Er stürzte und rief: ›Asket, du bist meine Zuflucht!‹ Da erhob sich Kaushika, gebot: ›Halt! Bleib stehen!‹ und lachte wie ein Donnerschlag.
(117) ›Ich werde den ganzen Himmel neu erschaffen, angefangen mit den hohen Sitzen dieser Götter, die ihn verachtet und nicht aufgenommen haben. Sonne, Planeten, Sterne und Mond sollen im Süden erscheinen wie im Norden, ohne an Glanz zu verlieren. Auch alles Unbewegliche und alles Lebende werde ich hervorbringen!‹ So begann er zu sprechen und zu schaffen. (118) Da versammelten sich Vishnu, der viergesichtige Gott, der Gott mit dem dunklen Hals und die übrigen Gottheiten. Sie baten: ›Weiser, sei nachsichtig! Es ist gut und entspricht dem Dharma, den zu beschützen, der bei dir Zuflucht gesucht hat. Er soll unter den Sternen bleiben dürfen. (119) Du sollst ein königlicher Weiser sein. Fünf Sterne mögen im Süden erscheinen und deinen Ruhm verkünden.‹ Nachdem die Götter fortgegangen waren, zog der Asket rasch weiter. Er gelangte in die Himmelsrichtung des Herrn des weiten Meeres und übte dort schwere Askese. (120) König Ambarisha, der über Bogen, Schwerter und ein Heer verfügte, war von süßer Rede und den Lebewesen der Erde so teuer wie ihr eigenes Leben. Für ein Purushamedha, bei dem ein Mensch getötet werden sollte, suchte er einen jungen Mann. Mit Gold auf seinem Wagen durchstreifte er die Wälder.
(121) Er erreichte den blühenden Hain des Asketen Richika und trug seine Bitte vor. Die Eltern erklärten sich grundsätzlich einverstanden. Unter ihren Söhnen beanspruchte die Mutter den jüngsten für sich, der Vater den ältesten. Da lächelte der mittlere Sohn, blickte den König an und sagte: (122) ›Gib meinem Vater, der mich aufgezogen hat, den gewünschten Reichtum, damit seine drückende Armut endet.‹ Er verneigte sich, bestieg den mächtigen Wagen des Königs, und sie zogen ohne Aufenthalt weiter. Inzwischen erreichte der Sonnengott die Mitte des Himmels. (123) Der König stieg aus, um seine vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen. Auch der edle Jüngling ging, um seine rituellen Übungen zu verrichten. Dort sah er den Weisen, dessen Geist die Missgunst überwunden hatte. Unter Klagen legte er dessen Lotusfüße an seinen Kopf. (124) Der große Weise betrachtete den jungen Mann, der ihm ehrfürchtig huldigte, und fragte freundlich: ›Warum bist du so verstört? Sprich!‹ Der Gequälte antwortete: ›Du kennst Dharma und Lebensordnung. Meine Mutter und mein Vater haben viel Geld angenommen und mich dem König überlassen.‹
(125) Als Kaushika hörte, was sein Schwager und seine ältere Schwester getan hatten, sagte er: ›Fürchte dich nicht; ich werde dein Leben retten.‹ Er wandte sich an seine eigenen Söhne und befahl, einer von ihnen solle mit dem König gehen. Doch sie weigerten sich und wandten sich ab. (126) Seine beiden Augen wurden so rot, dass selbst die aufgehende Sonne sich hätte schämen müssen. Sein Herz glühte; seine Haare schienen Funken zu sprühen, heißer als das unterseeische Feuer. ›Ihr ohne Mitgefühl! Geht in die Wälder, werdet zu Pulindas ohne geordneten Lebenswandel und erleidet großes Leid!‹, sprach er. (127) So verfluchte der große Weise seine vier ungehorsamen Söhne, zu Shabaras zu werden. Dann wandte er sich seinem königlichen Neffen zu: ›Lass die Angst deines verwirrten Herzens fahren. Empfange jetzt diese beiden heiligen Formeln.‹ Er lehrte sie ihm und fuhr fort: (128) ›Geh mit dem König. Wenn man dich an den Opferpfosten bindet, rezitiere diese heiligen Worte. Dann werden die Himmelsbewohner, Brahma und der Herr des Stiers kommen. Das vorgeschriebene Opfer wird vollendet, doch dein Leben wird nicht enden, du mit der weichen, honigreichen Girlande.‹ Der Jüngling pries ihn und ging.
(129) Der junge Mann tat beherzt, was der vedische Weise gesagt hatte. Da kamen die Herren, die auf Garuda, dem Schwan, dem Stier und anderen Reittieren fahren, von Göttern umgeben. Sie retteten sein Leben und bewahrten zugleich die rechte Vollendung des königlichen Opfers. Der Weise aber zog nach Norden. (130) Dort legte er seine blumenartige Hand an die Nase, zügelte den Atem durch Ida und Pingala und sann im Herzen über die eine Silbe nach. Viele Zeiten verharrte er ohne Unterbrechung darin. Da schienen die Welten von ihrem Grund bis zum Gipfel aufzubrechen. Dichte Finsternis breitete sich aus, und alle Bereiche erbebten. (131) Dichter Rauch stieg auf und hüllte die Erde ein, als entfalteten sich gewaltige Wolken. Es glich dem Anblick jenes Tages, an dem der Zerstörer der Festungen dem Elefanten die Haut abzog und sich eng in dessen Fell hüllte. (132) Die Finsternis verdichtete sich und erfasste alle Welten. Selbst die mächtigen heißen Sonnenstrahlen wichen zurück. Die Wächter der weiten Himmelsrichtungen und die Schlange, welche die Welt trägt, konnten die Augen kaum noch öffnen.
(133) Alles Bewegliche und Unbewegliche der Erde geriet in Schrecken. Die heißen Sonnenstrahlen kehrten um. Rauch durchdrang den ganzen von Wolken erfüllten Himmel, und die Götter zitterten. (134) Der Lotusgeborene, der Herr des göttlichen Vogels, der Stierreiter, der Träger des Donnerkeils und die übrigen Himmelsbewohner kamen herbei. Sie traten dem in einzigartiger Askese Versunkenen entgegen. (135) Der Träger der Mondsichel, der mit frischem Tulasi leuchtend Geschmückte und der Herr der reinen Lotusblüte sprachen: ›Großer Asket, kein Kenner der Veden steht über dir. Du hast den höchsten Rang erreicht.‹ (136) Als der Weise diese Worte hörte, neigte er den Kopf und legte seine beiden roten Lotusblumenhände zusammen. ›Das ersehnte gute Ziel ist erreicht‹, sagte er voll Freude. Die versammelten Götter kehrten in ihre Bereiche zurück.
(137) So ist es einst geschehen. Niemand ist diesem Weisen an der Größe seiner Askese gleich. Ihr habt die Gnade dieses Meisters des Dharma erlangt. Was könnte euch nun noch schwerfallen?« So sprach Shatananda. (138) Nachdem Gautamas geliebter Sohn dies erzählt hatte, erhoben sich die siegreichen Helden staunend und erfreut. Sie verehrten die Füße des großen Asketen. Er segnete sie und kehrte an seinen eigenen Ort zurück. (139) Der Weise und der jüngere Bruder begaben sich der Reihe nach zu ihren angenehmen Schlafstätten. Rama aber, dessen Farbe der verdichteten Finsternis glich, blieb mit der Nacht, dem Mond, seiner Einsamkeit und jener jungen Frau in seinen Gedanken zurück. (140) Er sah Sitas Gestalt vor sich und dachte: »Hat ein Blitz den Himmel verlassen und diesmal die ganze Schönheit einer Frau angenommen? Wenn ich nachsinne, fällt mir nichts anderes ein. In meinen beiden Augen und in meinen Gedanken sehe ich sie.«
(141) »Ihre Augen glänzen wie das weite Milchmeer, in dem der Dunkle auf seinem großen Lager ruht. Ist sie die Göttin der Lotusblüte, die aus dem Wasser wächst? Denn sie wohnt im Lotus meines Herzens.« (142) »Mag sie auch kein Erbarmen haben: Aus Sehnsucht verschlinge ich sie mit den Augen, um die quälende Krankheit zu stillen. Alles, was in dieser unwissenden Welt geht, steht und lebt, hat ihre goldene Gestalt angenommen.« (143) »Selbst wenn die geschmückten goldenen Krüge ihrer Brüste sich nicht auf meine machtlose Brust legen sollten: Wird wenigstens eine Zeit kommen, da ich ihren Mond von einem Gesicht mit dem hellen Lächeln und dem fruchtgleichen Mund wiedersehen darf?« (144) »Eine wagenförmige Hüfte mit buntem Gürtel, zwei lange scharfe Augen, zwei hochgewölbte Brüste und dazu dieses im Inneren aufleuchtende Lächeln: Braucht der Tod wirklich so viele Waffen, wenn er jemanden töten will?«
(145) »Wenn der Gott mit dem Bogen aus süßem Zuckerrohr mich mit einem Regen duftender Blumenpfeile treffen und vernichten kann, wo soll dann künftig noch das wohnen, was man Stärke nennt?« (146) »Das Mondlicht breitet sich aus wie die überströmende Flut des aufgewühlten Milchmeers. Mit jedem Gedanken an sie durchbohrt es mein Leben. Gibt es denn auch Gift von weißer Farbe?« (147) »Würde mein Herz sich einem Weg zuwenden, der nicht recht ist? Dass es so empfindet, muss seinen Grund haben. Die junge Frau mit der süßen Sprache und den glänzenden Armreifen ist gewiss noch unverheiratet. Daran besteht kein Zweifel.« (148) Der Mond versank. Es war, als falle der strahlende Schirm des Königs der zu Ende gehenden Nacht zu Boden, oder als verliere die Göttin des Westens das makellose Stirnjuwel von ihrer leuchtenden Stirn.
(149) Das ausgestrahlte Mondlicht erlosch. Als der Mond, ihr Herr, fortging, schienen die Frauen der Himmelsrichtungen aus Trauer die weiße duftende Salbe von ihren Körpern abzuwischen. (150) Während der Held mit der reichen Blumengirlande so unter Liebesverwirrung litt, ging die rote Sonne auf. Sie zerbrach den Kummer seines erschöpften Herzens und öffnete die Gesichter der roten Lotusblüten. Über dem Berg des Ostens, der in dunkles Elefantenfell gehüllt schien, leuchtete sie wie das geöffnete Stirnauge des Gottes. (151) Die Hufe der schnellen grünen Sonnenpferde schienen am Berg des Aufgangs Staub aufzuwirbeln. Duftende Blumen und Wasser flogen aus den Händen der Brahmanen bei ihrer Verehrung empor. Die jungen Strahlen strichen über die Gipfel der festen Berge; alles rötete sich, als bestriche die Sonne die mächtigen Elefanten der Himmelsrichtungen mit Zinnober. (152) Wenn geliebte Männer, die für Krieg oder Erwerb fortgezogen sind und ihre Rückkehr angekündigt haben, auf geschmückten Wagen heimkommen, blühen die Gesichter ihrer treuen Frauen auf, ihre Herzen freuen sich, und ihre Blässe schwindet. Ebenso öffneten sich die Lotusgesichter, und alle Blütenteiche erstrahlten in innerer Freude.
(153) Unzählige vedische Gesänge und die Musik der Kinnaras erklangen, die Welt pries den Aufgang. Götter, Weise und Brahmanen legten die Hände zusammen; das Meer dröhnte wie eine gestimmte Trommel. Die Strahlen breiteten sich aus wie die goldenen Haarflechten des stirnäugigen Gottes, der in Gestalt der Sonne auf der Bühne des Himmels tanzt. (154) Der Wolkengleiche hatte seinen tödlichen Diskus abgelegt und hielt nun einen gekrümmten, diamantfesten Bogen in der großen Hand. Die Sonne auf ihrem strahlenden Wagen strich mit jungen Strahlenhänden über seine Füße und beendete seine nächtliche Mattigkeit. Er erreichte das Ufer des Nachtmeers. Statt im alten Meer auf dem Lager mit tausend juwelenleuchtenden Schlangenhäuptern hatte er im weiten Meer des Kummers geruht. (155) Wie ein Weltzeitalter ging die Nacht endlich zu Ende. Er erhob sich wie ein Elefant, der den Schlaf abschüttelt, vollzog die seit alters vorgeschriebenen Morgenpflichten und verehrte den großen Weisen, der den Veden selbst glich. Mit seinem geliebten jüngeren Bruder ging er zur großen Opferhalle Janakas, dessen edelsteinreiche Krone von frischen Blumengirlanden umgeben war. (156) König Janaka vollendete das vedische Opfer nach der vorgeschriebenen Ordnung. Unter dem Donnern der Trommeln begab er sich wie Indra in seinen mondhohen Palast. Im prächtigen Edelsteinsaal nahm er mit den großen Asketen Platz. Der junge Held mit der frischen Girlande und dem starken gebogenen Bogen saß mit seinem Bruder an seiner Seite.
(157) Janaka betrachtete die beiden Prinzen, als tränken seine Augen ihre Schönheit. Er verneigte sich vor dem großen Asketen und fragte: »Herr, sagt mir, wer diese beiden sind.« Der Weise antwortete: »Es sind Gäste, die dein Opfer sehen wollen; auch den Bogen werden sie sehen. Sie sind die Söhne des hochgeehrten Dasharatha.« Dann begann er, ihre Herkunft und Größe darzulegen.
1.11 – Die königliche Abstammung
(1) »Wer kennt nicht Manu, den Stammvater des Sonnengeschlechts? Und auch jener große Herrscher gehörte zu ihrer Familie, der mit seinem starken Bogen dafür sorgte, dass die Erde wie eine Mutter Milch gab, damit die mannigfaltigen Lebewesen nicht unter schwerem Hunger litten. (2) König mit der hohen, juwelengeschmückten Krone! Einer ihrer Vorfahren übte lange Askese, bis Krankheit und die Bindung der Taten schwanden, und verehrte den Lotusgeborenen. Er schenkte uns das schöne Arangam, damit wir das höchste Licht auf seinem großen Schlangenlager schauen können. Wer ihn nicht kennt, kennt wahrlich nichts. (3) Indra bat einst einen Helden dieses Geschlechts: ›Kannst du die Danavas, die ich selbst nicht besiegen kann, enthaupten und mir meinen Himmel zurückgeben?‹ Der Held gewährte ihm die Bitte und erhob den Bogen zum Kampf. Indra selbst nahm die Gestalt eines Stiers an und trug ihn. (4) König, die Nachkommen jenes Helden lassen sich nicht ermessen. Die Worte reichen nicht an ihren hohen Ruhm heran. Einer aus diesem Geschlecht quirlte das tosende Meer mit einem großen Berg und gewann den Nektar, der graues Haar, Runzeln und Alter vertreibt und Indra vor dem Untergang bewahrt.
(5) Unzählbar sind ihre Ahnen von unvorstellbar großen Tugenden, die alle drei Welten beherrschten und deren leuchtendes Herrschaftsrad überallhin gelangte. Du mit dem kriegerischen Speer! Einer von ihnen regierte die Welt so gerecht, dass Tiger und Hirsch an derselben Wasserstelle tranken. (6) Einmal kämpften Götter und Danavas gegeneinander. Krone, Halskette und Schwert dieses vedentreuen Königs erstrahlten. Du, vor dessen Füßen siegreiche Herrscher sich verneigen! Dieser Ahn zog ganz allein umher und beschützte Amaravati, als hätte der Dharma selbst einen Bogen ergriffen. (7) Wir preisen Könige gewöhnlich so: ›Sie schützten die weite Erde und waren ihren Untertanen so teuer wie das eigene Leben.‹ Du mit dem blitzenden langen Speer! Ein König aus diesem Geschlecht gab tatsächlich sein eigenes Leben im Tausch für das Leben einer zarten Taube. (8) Du, dessen langer Speer die Körper feindlicher Könige durchbohrt! Ihre Vorfahren rollten riesige Berge fort und gruben die Erde um, als wäre sie nur ein Beet im Garten. Sie schufen das Becken des salzigen Meeres. Bedarf es da noch einer weiteren Erklärung ihrer Größe?
(9) Du mit dem reinen, leuchtenden Speer! Selbst Ananta könnte diesen Ruhm kaum aussprechen. Wie sollte es mir leichtfallen? Auch der König, der die wasserreiche Ganga vom Himmel herabführte, sodass sie durch Shivas mit Konrai-Blüten geschmücktes Haar strömte, entstammte diesem Geschlecht. (10) Du unter dem mondgleichen Schirm ohne dunklen Fleck! Einer ihrer Vorfahren machte sich die ganze meerumschlossene Erde so verfügbar wie eine Stachelbeere auf der Hand. Nach der rechten Ordnung vollzog er hundert schwer zu vollbringende große Opfer und brachte damit selbst Indra in Bedrängnis. (11) Aus diesem Geschlecht, zu dem Bezwinger des Mondes, Rudras und des Danava Dhundhu gehörten, ging Raghu hervor. Mit seinem starken Bogen besiegte er Indra und errang den Sieg in allen acht Himmelsrichtungen. (12) Aja wühlte mit dem großen Berg seines Bogens das Meer der Könige auf. Die glückverheißende Indumati mit ihrem juwelenhellen Lächeln gewann er wie der dunkle Hari die Göttin aus dem Meer. Er machte sie zum Schmuck seiner gewaltigen, kampfstarken Schultern.
(13) Niemand kennt Ajas Sohn Dasharatha nicht. Diese beiden sind die Prinzen, die er gezeugt hat. Selbst dem Viergesichtigen fiele es schwer, ihre ganze Herrlichkeit auszusprechen und damit ans Ende zu gelangen. Du, vor dessen Tor vielerlei Instrumente erklingen, höre, was ich weiß. (14) Er beschützte die Erde und besiegte ihre Feinde, wie die Sonne mit ihrem leuchtenden Rad die Kälte vertreibt, damit die Lebewesen ohne Leid leben konnten. Sein Bogen war sein einziger Helfer, Dharma sein Panzer; seine Gerechtigkeit übertraf selbst Manu. Doch weil er keine Kinder hatte, litt er. (15) Er hoffte, seinen Kummer durch den heiligen Rishyasringa zu überwinden. Dieser hatte einst, als Frauen mit bogenförmigen Brauen, kindlich süßer Rede, roten Fruchtlippen, dunklen langen Augen, breiten Hüften und blitzschlanken Taillen zu ihm kamen, sie für Tiere gehalten, denen Brüste als Hörner gewachsen seien. (16) Dasharatha fiel ihm zu Füßen und sagte: ›Weil mir die Frucht ausreichender Askese fehlt, haben mir meine edlen Frauen keine Söhne geboren, deren duftendes Haar mit Girlanden geschmückt wäre. Ich habe das Land beschützt, das vom wasserreichen Meer umgeben ist. Sorge du dafür, dass nach mir Menschen da sind, die diese Erde bewahren können.‹
(17) Als der Weise diese Worte hörte, erfüllten ihn Freude und Mitgefühl. ›Ich werde dir edle junge Söhne verschaffen, die nicht nur diese Erde, sondern alle vierzehn Welten gut beschützen könnten. Bringt nun alles herbei, was für das große Opfer nötig ist, dessen Gaben die Götter empfangen.‹ (18) Man bereitete rasch alles vor, was für das Opfer zur Erlangung geliebter Kinder erforderlich war. Der große Asket führte es zur Vollendung. Aus dem Feuer trat ein Herr der Geisterscharen hervor und trug ein goldenes, mit leuchtenden Edelsteinen besetztes Gefäß voller weißer, nektargleicher Speise. (19) Auf Weisung des großen Kenners der Veden teilte Dasharatha den süßen Nektar aus dem goldenen Gefäß in vier Portionen. Der König von unvergleichlich vollkommenen Tugenden gab sie seinen drei Frauen mit den schönen Stirnen in der vorgesehenen Reihenfolge. (20) Damit die bösen Taten der Übeltäter ihre Folgen fänden und die von den unermesslichen Veden verkündete Rechtschaffenheit ihre Frucht trüge, gebar Kausalya mit den roten Fruchtlippen diesen dunkelmeerfarbenen Herrn. Seine Hände tragen starke Armreifen; seine heilige Gestalt lässt sich nicht einmal malen.
(21) Die Tochter des Königs der Kekayas gebar Bharata. Er gleicht einem tiefen Becken, in das der einzigartige Strom unerschütterlicher Gerechtigkeit mündet. In seinen untadeligen Eigenschaften und seiner Schönheit ist er diesem hier sitzenden edlen Helden gleich. (22) Die jüngere der drei Königinnen gebar zwei weitere Söhne von außerordentlicher Kraft. Die mächtigen Rakshasas, die den Dharma zerstören, müssen sie fürchten. Wenn sie den Bogen ergreifen, gleichen die beiden einem großen Berg aus reinem Gold und einem hohen Silberberg. (23) Wie Verkörperungen der vier Veden wuchsen sie heran. Sie wurden zu Herren der höchsten Erkenntnis und aller Künste; die Kunst des Bogenschießens diente ihnen so gehorsam wie ein besiegter Feind. Beim Aufgang des Mondes der Wissenschaften schwoll das Meer ihres Könnens immer höher an. (24) Man nennt sie Söhne Dasharathas, des geduldigen Königs, vor dessen reifengeschmückten Füßen tributbringende Herrscher sich verneigen. Doch du mit dem langen Speer: Vasishtha war es, der ihre heilige Einführung vollzog, sie die Veden lehrte und ihre Erziehung leitete.
(25) Ich wollte durch sie die grausamen Unheilstifter töten lassen, die mein Opfer immer wieder störten. Darum nahm ich die beiden mit den geschmückten Füßen in den Wald mit. Schon auf dem Weg begegnete uns Tataka von kaum erträglicher Gewalt. (26) Betrachte genau die Kraft der hohen, mächtigen Schultern dieses meerfarbenen Helden, Herr! Ein einziger seiner Pfeile durchbohrte die Brust Tatakas, deren Augen Feuer wie ein Schmelzofen spien, dann einen Berg, dann einen Baum und schließlich die Erde. (27) Köpfe mit flammendem, abendrotem Haar stürzten in endlosen Haufen wie Berge nieder. Einer der Söhne der Dämonin ging mit einem einzigen Pfeil in den Himmel ein. Wohin der andere gelangte, weiß ich nicht. So vollendete der Held mein Werk und kam mit mir hierher. (28) Herr von gründlicher Einsicht! Die Waffen, die selbst Brahma kaum erkennt und die, zornig abgeschossen, alle Welten samt Meeren und Bergen restlos verbrennen könnten, gehorchen ihm. Ich gewann sie durch Askese und schenkte sie ihm; dennoch erschauere selbst ich vor dieser Macht.
(29) Der Staub seiner goldgeschmückten Lotusfüße gab Gautamas Frau ihre frühere Gestalt zurück. Das sollst du wissen. Meine Liebe zu diesem Dunkelfarbenen ist größer als meine Liebe zum eigenen Leben. Das sind seine Geschichte und die Kraft seiner Schultern.« So sprach Vishvamitra.
1.12 – Der Bogen
(1) Janaka sagte: »Was soll ich darauf erwidern? Mein Herz bebt bei dem Gedanken, dass dieser wunderbare Bogen mich bisher besiegt hat. Wenn der edle Jüngling ihn mühelos spannt, hat auch meine Tochter die Frucht ihrer Askese erlangt, und wir werden das Meer unseres Leids überwinden.« (2) Darauf befahl er den Dienern vor ihm: »Bringt den großen, einem Berg gleichenden Bogen her!« Vier von ihnen verneigten sich, antworteten: »So sei es!«, und liefen in die Halle, in der der mächtige goldglänzende Bogen lag. (3) Sechzigtausend Männer von grenzenloser Kraft, deren Körper Elefanten glichen und deren behaarte Schultern fest wie Felsen waren, banden Traghölzer daran und hoben ihn mit dazwischengelegten Stangen an. (4) Der Bogen kam heran, als gäbe es auf der Welt keinen Raum, der ihn fassen könnte. Selbst der hohe, breite nördliche Berg, dessen Gewicht auf dem Rücken der Erdgöttin ruht, hätte sich vor ihm geschämt. Die ganze schöne Stadt rauschte wie ein Meer, während die Menschen ihn betrachteten.
(5) »Wer könnte ihn berühren außer jenem Löwen unter den Helden, dessen rote Hände Muschel und Diskus tragen?«, sagten die Leute. »Wenn heute jemand diesen Bogen spannt, kann die Hochzeit der jungen Frau endlich stattfinden.« (6) »Es ist irreführend, dies einen Bogen zu nennen; es ist ein goldener Berg!«, sagten manche. Andere fragten: »Wer hat ihn einst gespannt und damit geschossen?« Wieder andere meinten: »Der Viergesichtige hat ihn gewiss nicht mit den Händen gemacht, sondern durch die Kraft seiner großen Askese.« (7) »Hat man den hohen, festen Meru zu dieser Gestalt verdichtet?«, fragten einige. »Es ist der Quirl, mit dem man einst das weite Meer rührte«, sagten andere. »Ist es der leuchtende König der Schlangen? Oder ist der große Regenbogen vom Himmel gefallen?« (8) »Warum hat der König befohlen, ihn herbeizubringen? Gibt es noch Herrscher, die den Verstand verloren haben?«, fragten manche. »Nur die Frucht früherer Taten kann diese Aufgabe vollenden«, sagten andere. Wieder andere fragten: »Wird auch die Jungfrau diesen Bogen sehen?«
(9) »Welches Ziel ist wohl für den Pfeil bestimmt, den dieser Bogen abschießen soll?«, fragten sie. »Der König liebt seine Tochter offenbar nicht«, meinten einige. Andere fragten: »Wird der Träger des Diskus ihn wirklich aufnehmen?« Wieder andere sahen darin das Unheil, das das Schicksal einzelnen Menschen bereitet. (10) Während die Versammelten so redeten, brachten die Träger den Bogen vor den König und legten ihn nieder; unter seinem Gewicht erbebte der Rücken der Erde. Die anwesenden Herrscher schlugen ratlos die Hände auseinander: »Wer könnte ihn spannen?« (11) Janaka blickte auf die Schönheit des jungen, elefantengleichen Helden, dann auf den Bogen, der ihm solchen Kummer bereitete, und dachte an seine Tochter. Gautamas Sohn erkannte, was im Herzen des Königs vorging, und begann zu sprechen. (12) »Der Herr, der einst den Himalaya als Bogen spannte, hörte, dass Daksha Uma beleidigt hatte, die eine Hälfte seines Wesens ist. Von unversöhnlichem Zorn erfüllt nahm er diesen Bogen und begab sich zu Dakshas Opfer.
(13) Zähne und Arme wurden abgeschlagen. Die Götter flohen und versteckten sich an Orten, die sie sonst nicht aufsuchten. Das Feuer von Dakshas großem Opfer erlosch. Schließlich legte sich auch der Zorn des Dreiäugigen mit den acht Armen. (14) Weil den Göttern noch Lebenszeit bestimmt war, sah Shambhu ihr Zittern und verschonte sie. Seinen mächtigen Bogen hinterlegte er bei einem kriegerischen König, einem Vorfahren dieses stiergleichen Herrschers. (15) Muss ich dir die Stärke dieses Bogens erklären? Großer Weiser, der du Hara mit den langen Haarflechten gleichst, wer wüsste darüber besser Bescheid als du? Höre nun, wie die Tochter dieses Königs mit ihren wagenförmig breiten Hüften erschienen ist. (16) Für das Opfer pflügten wir unzählige Furchen in den festen Boden. Ein kristallenes Joch lag auf den breiten Nacken zweier Stiere mit langen, dunklen, eisenharten Hörnern. Daran war ein kostbarer goldener Pflug befestigt, dessen feste Schar aus Diamant bestand.
(17) An der Spitze der pflügenden Schar erschien eine Königin unter den Mädchen. Es war, als träte die Erdgöttin selbst hervor und ergösse das Licht der aufgehenden Sonne. So groß war ihre Schönheit, dass selbst jene, die mit dem klaren Nektar aus dem Meer aufstieg, bescheiden zurücktreten und sie verehren müsste. (18) Was soll ich von ihren Tugenden sagen? Sie wetteifern darum, sich mit dieser zarten Ranke zu verbinden und dadurch ihre Erfüllung zu finden. Die Schönheit selbst muss Askese geübt haben, um sie als Tochter zu gewinnen. Seit sie erschienen ist, gleichen alle anderen Frauen den Flüssen, die ihren Glanz verlieren, wenn die himmlische Ganga herabsteigt. (19) Wo gäbe es ein Bild, das ihr gleichkäme? Kunstfertigkeit und die Macht des Schöpfers scheinen angesichts ihrer Gestalt gleichermaßen zurückzutreten. So wie die Götter Lakshmi begehrten, begehrten alle Könige der Erde diese Glückverheißende. (20) Mit Elefanten und meeresgleichen Heeren kamen die Herrscher unter großem Getöse und baten um ihre Hand. Wir bestanden auf der Bedingung: ›Nur derjenige, der den Kriegsbogen dessen spannt, der Tigerfell und Elefantenhaut trägt, soll das Mädchen heiraten.‹
(21) Den starken Bogen konnten sie nicht bezwingen; doch auch dem weichen Zuckerrohrbogen des Liebesgottes konnten sie nicht widerstehen. Darum wollten sie uns vernichten. Du, der du die Welt durch das Wort beschützt! Aus Liebe zu der reichgeschmückten Jungfrau, deren Schicksal mit diesem steinharten Bogen verbunden war, begannen sie Krieg. (22) Das große Heer dieses Königs schwand dahin wie der Reichtum freigebiger Herrscher, die durch Schenken Ruhm erwerben. Das Heer der Könige dagegen, die das Mädchen mit dem bienenumsummten Haar begehrten, wuchs wie ihr Verlangen. (23) ›Dieser starke König mit den juwelengleichen Schultern erschöpft sich im Kampf, während er den Bogen des Stierreiters bewahrt‹, dachten die Götter voller Mitgefühl und schenkten ihm ein Heer. Da flohen die feindlichen Könige wie Krähen, die nachts eine Eule erblicken. (24) Seit jenem Tag ist niemand mehr in die Nähe dieses Bogens gekommen. Auch die Wagenkönige, die sich versteckt hatten, sind nicht zurückgekehrt. Wir glaubten schon, dass es niemals eine Hochzeit geben werde. Wenn dieser Jüngling den Bogen spannt, wäre es gut: Dann würde die Schönheit Sitas mit dem blumengeschmückten Haar nicht ungenutzt vergehen.«
(25) Der große Weise bedachte den Sinn all dieser Worte, bewegte zustimmend sein geflochtenes Haar und sah den Helden an. Rama mit seiner wie kunstvoll geschaffenen Gestalt verstand alles, was der Asket im Sinn hatte, und richtete den Blick auf den großen Bogen. (26) Er erhob sich wie eine mächtige Flamme, die aus dem Opferfeuer aufschießt, wenn Ghee hineingegossen wird. »Der Bogen ist verloren!«, jubelten die Götter. Die Weisen, die die drei inneren Feinde besiegt hatten, sprachen Segenswünsche. (27) Noch bevor der von dem alten Asketen beauftragte Held den starken Bogen zerbrach, hatte der Liebesgott tausend Bogen zerbrochen, indem er unaufhörlich auf die Herzen der geschmückten Frauen schoss. (28) »Wie stark ist dieser große Bogen!«, sagten die Frauen. »Wenn die schöne rote Hand unserer schamhaften Herrin nicht die breite rote Hand dieses Helden berührt, wird die Jungfrau mit der hellen Stirn nicht weiterleben können.«
(29) Mit gefalteten Händen und tränenden Augen sagten sie: »Wenn dieser Elefant unter den Helden den Bogen nicht spannt, werden die Jungfrau mit dem duftenden Haar und wir selbst uns ins lodernde Feuer stürzen!« (30) »Wenn der König sich über diese Hochzeit freut, sollte er sie dem Edlen einfach mit den Worten ›Nimm sie!‹ schenken. Stattdessen lässt er den Bogen dessen, der die Flut aufgefangen hat, herbeibringen und vor dieses junge Kind legen. Welche Torheit!« (31) »Dieser weise Asket kennt keine Scham!«, sagten manche. »Niemand ist grausamer als dieser König!«, sagten andere. »Wenn der junge Held diesen Bogen nicht biegt, hat die vollbusige Jungfrau kein Glück zu erwarten.« (32) Während die Frauen so sprachen, die Guten ihre Freude äußerten und die Himmelsbewohner frohlockten, schritt Rama voran. Sein Gang ließ den großen Löwen, den mächtigen Stier, den goldenen Berg und den Elefanten beschämt zurückstehen.
(33) Den Bogen, der einem gewaltigen goldenen Berg glich, nahm er auf, als sei er nur eine sich öffnende Blumengirlande, die er der kostbaren Sita mit ihren goldenen Schmuckreifen und weißen Armringen umlegen wollte. (34) Die Zuschauer starrten ohne zu blinzeln. Doch sie sahen nicht, wie er den Fuß ansetzte und die Sehne am Ende befestigte. So schnell geschah es, dass niemand den Vorgang wahrnahm: Sie sahen, wie er ihn aufhob, und hörten, wie er zerbrach. (35) »Wo sollen wir Zuflucht suchen? Das große Weltenei des Lotusgeborenen ist zerborsten!«, riefen die Götter verzagt. Was soll man da erst vom Geschehen auf der Erde sagen? Selbst die Schlange, die sie wie eine Wurzel trägt, erschrak, als habe ein gewaltiger Donner sie getroffen. (36) Die Götter ließen Blumen regnen, die Wolken Gold. Alle weiten Meere brausten und warfen kostbare Edelsteine empor. Die Scharen großer Weiser segneten den Helden. Janaka mit dem siegreichen, furchterregenden Speer sagte: »Heute hat meine gute Tat ihre Frucht getragen.«
(37) Girlanden, Schmuck, Sandelpaste, duftendes Pulver und wohlriechendes Öl, weiße Meeresperlen, Gold, Münzen und feine Stoffe wurden ausgestreut. Weiße Muscheln und vielerlei Instrumente erklangen nektarsüß. Die ganze Stadt brauste auf wie das Meer bei Vollmond. (38) Die Makara-Vina ließ Honigklänge fließen. Frauen mit mondhellen Gesichtern und speergleichen Augen tanzten; ihr Lächeln und ihre Ohrringe blitzten auf. Sie glichen Pfauen, die beim Erscheinen der Wolken die ersehnte Regenzeit erkennen. (39) Frauen mit dunklen, vor Freude geröteten Augen, als hätten sie süßen Wein getrunken, gaben den schmerzlichen Liebesstreit auf und umarmten ihre Männer. Die Armen schöpften aus dem Reichtum des Königs, wie weiße Wolken immer wieder aus dem weiten Meer trinken. (40) Die Götter tranken mit den Ohren den süßen Gesang der Musiker, die nektargleichen Lieder der Frauen, die honigreichen göttlichen Klänge der Makara-Yazh und das Spiel der Bambusflöten. Ihre lebendigen Körper standen dabei so unbeweglich wie gemalte Bilder.
(41) Himmlische Frauen kamen herab, um die Kraft des Helden zu sehen, der den Bogen zerbrochen hatte, und umarmten die Frauen der Erde. In Verhalten, Gestalt, Tanz und Gesang waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Selbst beim Blick in die langen, dunkel geschminkten Augen und beim Beobachten ihres Blinzelns blieben die Betrachter verwirrt. (42) »Er ist Dasharathas Sohn«, sagten die einen. »Er ist der Lotusäugige«, sagten andere. »Sein Körper gleicht einer Regenwolke oder einer dunklen Puvai-Blüte. Die Welt ist verblendet, wenn sie ihn für einen Menschen hält. Seht: Er ist der Gott, der im fischreichen Meer ruht!« (43) »Die Jungfrau braucht tausend Augen, um diesen Helden zu sehen. Und auch er braucht ebenso viele, sooft er die zarte Ranke betrachtet. Seht auch seinen jüngeren Bruder! Die Welt hat wahrlich Askese geübt. Verehrt den Weisen, der sie in diese Stadt gebracht hat!« (44) Während dies geschah, war für Sita die Nacht mitsamt dem Mond vergangen. Die Hoffnung, ihn wiederzusehen, hatte der schmalhüftigen jungen Frau mit den großen Brüsten, den langen dunklen Augen und den goldenen Armreifen ein wenig Lebenskraft zurückgegeben. Nun wollen wir erzählen, was ihr weiter widerfuhr.
(45) Ihr Leben schwankte wie eine Schaukel. Sie verließ das Blumenlager, auf dem sie dahingeschmolzen war, und ging, von geschmückten Frauen umgeben, in einen kristallenen Palast bei einem makellosen Lotusteich. Mühsam erreichte sie ein weiches Blumenbett, das mit dem kühlen Wasser benetzt war, welches der Mondstein hervorgebracht hatte. (46) »Kühle, duftende Lotusblüten! Weil ihr die Herrlichkeit besitzt, eine Frau in euch zu tragen, und mir durch eure Blätter seine seltene Farbe zeigt, hat sich mein Kummer etwas gelegt. Ihr zeigt mir die Farbe jener Augen, die mir meine frische Blässe geraubt haben. Doch wenn es darum geht, mir mein Leben ganz zurückzugeben, seid ihr geizig!« (47) »Wenn ich noch einmal den Meru-Bogen mit seiner Sehne, die Hand, die ihn hält, die säulengleichen Schultern, den pfeilgefüllten Köcher und die girlandengeschmückte Brust mit der mondlichtweißen heiligen Schnur sehen könnte – würde ich dann wohl mein Leben wiederfinden?« (48) »Eine Wolke mit einem langen Bogen, mit einem mondhellen Gesicht und von bienenumsummten Girlanden bedecktem Haar hat mit ihren beiden Augen mein Leben ausgeschöpft und getrunken. Sie ist noch heute in meinem Herzen. Dort wird sie immer bleiben.«
(49) »Der grausame Liebesgott schießt brennende Pfeile von seinem siegreichen Bogen, bis das Leben wie Baumwolle oder Lack im Feuer vergeht und das Herz schmilzt. Wenn ein Mann dann nicht kommt, um die gequälten Frauen zu retten, und nicht sagt: ›Fürchte dich nicht!‹ – was ist das für eine Männlichkeit?« (50) »Ihr Brüste, die ihr nicht ermüdet! Wozu habt ihr euch erhoben und seid angeschwollen? Übt die nötige Askese, wenn ihr euch an der Brust des freigebigen Helden erfreuen wollt, dessen helles Gesicht dem wachsenden Mond gleicht und dessen Hand einen kaum zu biegenden Bogen hält.« (51) »Woher ist dieser Mond gekommen? Zwar hat er Gift auf meine von Liebesqual geschwellten Brüste gegossen, auf denen die durch Feuerpfeile entstandene Krankheit brennt. Aber es kann nicht derselbe Mond sein, der nachts kam: In seinem Inneren ist kein dunkler Fleck!« (52) »Mein Herz! Aus meinem Körper, den die giftigen Pfeile des heftig angreifenden Liebesgottes durchbohren, ist mein Leben unversehrt aufgestiegen. Es hat die Füße jenes Helden erreicht, der einem dunklen, von Brunstsaft überströmten Elefanten gleicht, und ist mit ihm fortgegangen. Wie konnte es dann wieder hierher zurückkommen?«
(53) »Er kam und ging, als wäre eine Wolke vom Himmel zur Erde herabgestiegen, mit der heiligen Schnur auf seiner Brust als Blitz. Obwohl er in meinen Gedanken wohnt, weiß ich nicht, wer er ist. Obwohl er in meinen Augen wohnt, warum kann ich ihn nicht sehen?« (54) »Wie töricht ist es, nun zu klagen, nachdem ich den Herrn mit den mächtigen Schultern fortgehen ließ, ohne ihn zu umarmen! Ich gleiche jemandem, der über das Meer gefahren ist, den sonst nirgends erhältlichen Nektar gewonnen hat und ihn dann samt dem kostbaren goldenen Gefäß aus der Hand fallen ließ.« (55) So sprach sie, litt innerlich, klagte und schluchzte. Während die Jungfrau mit den goldglänzenden Brüsten im Leid versank, geschah etwas anderes: Eine mondgesichtige Frau mit schönen dunklen Augen hatte gesehen, wie der berggleiche Bogen zerbrach, und ihr Herz war davon froh und kühl geworden. Von ihr wollen wir nun erzählen. (56) Nilamalai mit den langen, weiten Augen kam leichtfüßig wie ein beweglicher Blitz herbei. Ihre Halsketten und Ohrringe warfen regenbogenfarbene Strahlen; das blumengeschmückte Haar und ihr Gewand hatten sich beim Laufen gelöst.
(57) Sie verneigte sich zunächst nicht vor Sitas Füßen, sondern sang und tanzte, von unendlicher Freude erfüllt. »Schöne, erzähle mir, was dein Herz so glücklich macht und was geschehen ist!«, sagte Sita. Da verneigte sie sich und sprach. (58) »Der gelehrte Dasharatha besitzt ein Meer von Elefanten, Wagen und Pferden; sein Herrschaftsrad rollt ungehindert, und seine breite Hand schenkt wie eine Regenwolke. Sein Sohn übertrifft an Schönheit selbst den Liebesgott, der mit Blumenpfeilen Verwirrung stiftet. (59) Seine Schultern sind stark wie Mara-Bäume. Seine Kraft lässt einen vermuten, er sei der makellose Herr auf dem Schlangenlager. Rama ist sein Name. Mit seinem jüngeren Bruder und einem hochverehrten Weisen ist er in unsere Stadt gekommen. (60) Als man sagte, der Held mit den geschmückten Schultern sei gekommen, um den Bogen des heiligen Gottes zu sehen, ließ der König ihn herbeibringen. Rama legte mühelos die Sehne an; die Himmelsbewohner erbebten.
(61) In einem Augenblick setzte er den Fuß an und zog den Bogen mit der Kraft seiner Schultern, als sei dies eine längst eingeübte Kunst. Die Götter priesen ihn, Blumen regneten herab. Der Bogen zerbrach und fiel zu Boden, und die Versammlung der Könige erschrak.« (62) Als Sita hörte, dass der Wolkengleiche mit dem großen Weisen gekommen war, und ihn als den Lotusäugigen wiedererkannte, wich ihr Zweifel: »Ja, er muss es sein!« Ihre Hüften weiteten sich vor Freude, sodass der schöne Gürtel zersprang. (63) Sie atmete so tief auf, dass selbst jene, die ihre Taille für unsichtbar hielten, nun sagen konnten: »Es gibt sie doch!« Ihre weichen Brüste hoben sich immer wieder. Im Herzen dachte sie: »Nach diesen Kennzeichen ist es derselbe Held. Wenn er es nicht ist, werde ich sterben.« (64) So erging es der von Sehnsucht erschöpften Sita. Janakas Freude aber war noch größer als der Lärm beim Zerbrechen des vom Lotusgeborenen geschaffenen Bogens. Er wandte sich mit einer Frage an Kaushika.
(65) »Herr, sage mir: Wünschst du, das Hochzeitsopfer deines Sohnes rasch noch heute zu vollenden? Oder sollen wir auch den König mit seinem trommelnden Heer und den klingenden Kriegerreifen hierher einladen?« (66) Als der starke Herrscher so fragte, antwortete der große Asket: »Es ist gut, wenn auch er bald herkommt.« Janaka war grenzenlos erfreut. »Berichtet ihm alles, was geschehen ist!«, befahl er und schickte Boten mit einem Palmblattbrief aus.
1.13 – Der Aufbruch
(1) Die schnellen Boten eilten zu Fuß wie der Wind nach Ayodhya, wo Trommeln mit Donnerstimme erklangen. Sie erreichten das Palasttor, an dem sich die Kronen der Könige drängten, sodass kaum Platz blieb, sich vor den Füßen des Herrschers zu verneigen. (2) Sie empfingen die königliche Huld, traten in der vorgeschriebenen Weise ein, verehrten die beiden strahlend geschmückten Füße und priesen den Herrscher. Dann erzählten sie ausführlich: »König, dies alles ist geschehen, seit deine Söhne fortgezogen sind.« (3) Nach ihrem Bericht überreichten sie den mitgebrachten Palmblattbrief: »Herr von unvergänglichem großem Ruhm, hier ist die Botschaft.« Ein Gelehrter nahm ihn entgegen. Der König mit den im Kampf klingenden Fußreifen befahl: »Lies!« (4) Sobald Dasharatha hörte, welche Tat mit dem Bogen sein ältester Sohn vollbracht hatte, wuchsen seine diamantfesten Schultern vor Freude wie Berge empor. Die eng anliegenden Armspangen hoben sich und sprangen ab.
(5) Der König mit dem siegreichen Speer staunte: »War der gewaltige Donner, den wir hier hörten, also das Zerbrechen jenes mächtigen Bogens, mit dem der Gott mit den langen Haarflechten und der Streitaxt bei Dakshas Opfer alle sieben Welten bezwungen hatte?« (6) Immer wieder ließ der Herrscher mit den berggleichen Schultern kostbaren Goldschmuck und Gewänder bringen. »Die Boten mit den klingenden Kriegerreifen sollen dies empfangen!«, sagte er und beschenkte sie ohne Unterlass. (7) »Unser Heer und die Könige sollen voraus nach Mithila ziehen, wo jener liebesgottgleiche Sohn weilt, der durch göttlichen Segen in unser Sonnengeschlecht gekommen ist. Lasst die Hochzeitstrommel auf einem Elefanten schlagen und dies verkünden!«, befahl er. (8) Der Herold zog umher und verkündete die Nachricht inmitten des meeresgleichen Gewoges schneller Pferde. Er glich Jambavan an jenem Tag, als der rotäugige Vishnu mit dem honigreichen Tulasi-Kranz die ganze Welt durchmaß und der Bärenheld seine Tat überall bekannt machte.
(9) Kaum erreichte der Trommelklang die Ohren der Menschen, da wallte ihre Freude auf wie ein vom Wind bewegtes Meer: bei den Frauen mit den schönen Armreifen, den prächtigen jungen Männern, den speertragenden Prinzen und den siegreichen Königen. (10) Das Heer des stiergleich schreitenden Königs setzte sich wie eine Flut in Bewegung. Es füllte die Welt, als bliebe nirgends ein freier Raum, und glich dem Meer, das am Ende eines Weltzeitalters aufsteigt und alles unter sich begräbt. (11) Die dicht gedrängten Wagen ließen die Welt zu klein erscheinen und strahlten mit den darauf stehenden Königen wie die Sonne. Die Elefanten mit ihren funkelnden edelsteinbesetzten Stirnplatten glichen Wolken, in denen Regenbogen leuchten. (12) Die weit aufgespannten Schirme sahen aus wie zahllose Schwäne mit ausgebreiteten Flügeln. Die darüber flatternden Fahnenmassen erschienen, als löse sich die Haut des ganzen Himmels und falle in langen Streifen herab.
(13) Die schwingenden weißen Stofffahnen glichen weißen Wolken, die sich überall herabsenkten, um Wasser zu trinken. Sie schienen das Heer mit seinen rüsseltragenden, von Brunstsaft überströmten Elefantenbergen für ein Meer zu halten. (14) Aus dem Schmuck brach junges Sonnenlicht hervor und vertrieb selbst den Schatten unter dem Laub. Das aufleuchtende Grün nahm den Wolken ihren Glanz. Die dicht gedrängten großen Trommeln donnerten so mächtig, dass diese Wolken erschauern mussten. (15) Die schön geschmückten Pferde, auf denen Frauen ritten, glichen Flüssen, deren Wellen von Schwänen aufgewühlt werden. Die Frauen mit goldgeschmückten Brüsten und weichem lockigem Haar erschienen wie Blitze auf den wolkengleichen Elefantenkühen. (16) Im Gedränge berührten sich die Paare. Kumkum von den Brüsten der Frauen und weiche Sandelpaste von den juwelenbergartigen Schultern der Männer fielen auf den Weg. So glich die Straße, auf der dieses Meer dahinzog, einem weichen Liebeslager.
(17) Von den Brüsten der Frauen, deren rote Lippen süßer als Sirup sprachen, strahlten Perlen wie Vollmondlicht und Reihen von Edelsteinen wie junge Sonnenstrahlen. Diese lebensgefährliche Schönheit verbargen sie unter ihren Obergewändern. (18) Mit Bogen und Schwertern, duftendem Haar und goldenen Schultern, die selbst Felsen an Festigkeit übertrafen, gingen die jungen Männer neben ihren rankenschlanken Frauen. Sie glichen Elefantenbullen, die sich eng an ihre Gefährtinnen schmiegen. (19) Die Gesichter der Frauen erschienen zwischen dunklen, von frischen duftenden Blumen umgebenen Haarmassen. Die vielen hohen, perlengeschmückten Sänften glichen Himmelswagen, in denen zahlreiche Vollmonde dahinziehen. (20) Die Elefanten dröhnten wie das Meer mit seinen dichten Wogen und reckten die Rüssel, als suchten sie die Elefanten der Himmelsrichtungen. Weil unablässig der Regen ihres Brunstsafts herabströmte, kamen sie niemals ganz aus dem Schlamm heraus.
(21) Die Pferdereihen sprangen mit wehenden Brustbändern in kunstvollen Gangarten dahin. Wie der Sinn verführerischer Frauen, der sich scheinbar zuwendet und doch nicht bindet, berührten ihre Hufe die Erde und schienen sie zugleich nicht zu berühren. (22) Manche Frauen gingen noch im Liebesstreit neben ihren Männern her. Sie schenkten ihnen keinen freundlichen Blick, seufzten tief und runzelten die Stirn. Ihre Haare waren ohne Blumengirlanden. Dennoch waren sie den Männern so nah und teuer wie deren eigenes Leben. (23) Die furchtlosen Elefanten mit den wasserfallartigen Schläfensekreten schienen Feuer gegen den Treibstachel zu speien. Sie stießen gegen Anhöhen wie gegen Feinde, zerbrachen große Bäume in der Mitte, warfen sie um und bahnten sich ihre Wege. (24) Nirgends blieb auch nur Platz, um eine Linse fallen zu lassen. Der König, der allen bedrängten Lebewesen der Welt eine Stütze der Barmherzigkeit war, hatte sich noch gar nicht erhoben; doch die Vorhut seines ausziehenden Heeres erreichte bereits Mithilas fahnenbekrönte Mauern.
(25) Wagen um Wagen zog weiter. Die vielen Gesichter der Frauen mit den bienenumsummten Girlanden nahmen die Herzen der Betrachter gefangen. Die Fahrzeuge sahen aus wie wandernde Lotusteiche. (26) Eine puppengleiche Frau saß auf einem Wagen. Als sie ihren liebenden Gefährten neben sich hergehen sah, traf ihn ihr dunkel geschminkter Seitenblick. Für den edlen Jüngling wurde dieser Blick zu süßem Nektar. (27) Ein Mann zog von seiner rehgleich blickenden Geliebten getrennt dahin. In der wasserreichen Ackerlandschaft sah er einen Schwan und eine zarte Lotusblüte. Da blieben er und sein Herz schwankend stehen, wie auf einer Schaukel. (28) Weil die Könige der weiten Erde sich darin drängten und weiße Schirme und Yakschweifwedel darüber wogten, glich das Heer der Ganga. Muscheln und große Trommeln ließen es wie eine Gewitterwolke ertönen.
(29) Auch einem Schlachtfeld glich der Zug. Denn die scharf zugespitzten Augen der göttinnengleichen Frauen mit der nektarsüßen Sprache waren tödliche Speere, die tief in die Herzen der jungen Männer eindrangen. (30) Schultern drängten sich wie dichte Säulen, Schwerter wie Scharen von Blitzen am Himmel. Füße standen dicht wie Lotusblüten; die Reihen der Menschen wirkten wie Scharen mächtiger Löwen. (31) Ein junger Mann konnte seine Augen nicht von den fest umgürteten Brüsten einer Frau lösen. Sein Gesicht blieb ihr zugewandt; den Weg erkannte er nicht mehr. Achtlos ging er weiter und stieß gegen einen gewaltigen brünstigen Elefanten. (32) Als ein wirbelgezeichnetes Pferd aufsprang, glitt eine pfauengleiche Frau vom Rücken. Ein edler junger Mann fing sie mit seinen langen, starken Armen auf. Er hielt sie fest umschlungen und wollte sie nicht wieder auf den Boden stellen.
(33) Ein Jüngling ging neben einer Frau mit pfeilgleichen dunklen Augen, deren beiden Lotusfüße vom Gehen schmerzten. Er sagte: »Meine Hände finden nicht genug Raum, um diesen brünstigen Elefanten mit seinen hochgewölbten heißen Brüsten zu umfassen.« (34) Um das lockige Haar eines jungen Mannes summten Bienen; er schritt dahin wie ein Elefant, dessen Brunstsaft reichlich fließt. Er sah die Augen einer schönen Frau an, dann seinen eigenen Speer, und sagte: »Sie sind noch weit schärfer!« (35) Ein Jüngling sprach eine Frau mit langem welligem Haar, kleinen Lotusfüßen und schwertgleichen dunklen Augen an: »Du mit den reichgeschmückten Brüsten und den langen, bereiften Armen – wo hast du deine Taille vergessen?« (36) Eine Frau antwortete nur mit ihren tödlichen, dem Todesgott gleichenden Augen und sprach kein Wort. Da fragte ihr edler Gefährte: »Wer wird dich wohl mit seinen Händen aus dem Flusswasser heben und hinübertragen?«
(37) Die schwer beladenen Kamele fraßen keine von den klaren, süßen jungen Blättern. Wie Menschen, die berauschenden Trank trinken, suchten sie nach Bitterem. Dabei trockneten ihre Mäuler ebenso aus wie ihre Herzen. (38) Papparas mit roten Blicken und Körpern wie verdichtete Nacht gingen mit ihren Traglasten dahin. Sie glichen gewaltigen Elefanten, die einen festgebauten Aufbau samt starkem Querholz auf dem Nacken tragen. (39) Brünstige Elefantenbullen drängten sich an die Elefantenkühe und legten ihre Rüssel auf sie. Die oben sitzenden Frauen erschraken und gerieten in Bedrängnis. Sie wollten ihre Augen mit beiden Händen bedecken, doch die großen Augen ließen sich kaum verbergen. (40) Zwischen den Frauen mit den schönen Hüftgürteln ritten auch kleinwüchsige Männer auf Elefantenkühen, deren Schwänze den Boden berührten. Sie sahen aus wie Frösche, die in einem Wald schöner frischer Lotusblüten auf Schildkröten sitzen.
(41) Als ein gewaltiger Elefant herankam, bog ein Pferd die Beine zum Sprung und trug eine rankenschlanke Frau eilig davon. Es schien zu sagen: »Sie ist zu kostbar für diese Menschenwelt; sie gehört dem König des Himmels!« (42) Die Frauen achteten weder auf ihr sich lösendes duftendes Haar noch auf die herabfallenden Hüftgürtel. Sobald die jungen Männer die süßen Worte »Unser Herr hat den Bogen zerbrochen!« aussprachen, liefen sie mit freudigen Herzen voran. (43) Brahmanen mit Schirmen und Wassergefäßen eilten voraus. Manche gingen gebeugt; ihre Hände, mit denen sie zuvor die Nase bei der Atemübung geschlossen hatten, ließen sie nun herabhängen. Sie hüteten sich davor, brünstigen Elefanten und schönen Frauen zu nahe zu kommen. (44) Frauen mit duftenden Blumen im Haar sahen unter Tränen die Gestalt ihrer Geliebten vor sich. »Du hast dich von mir abgewandt. Wenn du nun wirklich gekommen bist, komm und steige auf den Wagen!«, sagten sie und streckten die Hände hinab.
(45) Wagen, Elefanten und Pferde, die dicht gereihten großen Trommeln und das Getöse überall ringsum erzeugten einen solchen Lärm, dass niemand mehr das Wort des anderen verstehen konnte. So zogen die Menschen wie Stumme dahin. (46) Die Frauen trugen Stoffe, so fein wie das Gewebe einer Spinne; im dunklen Haar summten Bienen. Ihre gefüllten Fußringe klangen beim Gehen. Die ganze Frauenschar glich einem Teich, in dem zahlreiche Vögel rufen. (47) Die Männeraugen wurden unruhig beim Anblick der fein bewegten Blicke jener Frauen, die Lakshmi aus dem klarwelligen Meer glichen. Ebenso summten und schwärmten die trunkenen Bienen um den Brunstsaft der Elefanten. (48) Die Fußketten der Frauen mit den dunklen Augen, die tief in das Leben ihrer Gefährten eindrangen, klangen, als tummelten sich Rehe. Die Pferde wieherten dazu wie Wolken, die sich zur Musik der Instrumente freudig erhoben.
(49) Die Erde freute sich über die dahinschreitenden Frauen mit den hellen Stirnen. In ihren nektarreichen Lotusgesichtern wohnten die dunklen Augen wie kleine, berauschte Bienen. Daran erfreuten sich die Augen mancher Männer, und auch der Liebesgott freute sich. (50) Duftendes Puder stob von den festen Brüsten der Frauen auf, deren Fruchtlippen tiefrot und deren Taillen selbst in Gedanken kaum zu erfassen waren. Mit diesem Puder erhob sich auch der Staub der Straße. (51) Junge Männer auf prächtig bemalten großen Wagen und Frauen in unermesslicher Zahl zogen dahin. So viele waren es, dass weder Worte noch Gedanken sie vollständig erfassen konnten. Dicht gedrängt und lärmend bewegten sie sich auf dem Weg vorwärts. (52) Gezäumte Pferde, Wagen und Krieger eilten in dichten Scharen dahin. Der Staub schwoll mächtig an und stieg so hoch, dass er die Öffnungen der Wolken, aus denen der Regen fällt, zu verstopfen schien; auch die Schläfenöffnungen der Elefanten in allen Himmelsrichtungen schien er zu verschließen.
(53) In der einen breiten Hand hielten die Männer Schild und leuchtendes Schwert; mit der anderen juwelengeschmückten Hand fassten sie die jungen, bereiften Hände der Frauen. So führten sie ihre fußgeschmückten Gefährtinnen behutsam über den Weg, der vom Brunstsaft der goldstirnigen Elefanten glatt geworden war. (54) In Feldern, Teichen und klaren Wasserbecken standen Neytal, Kumuda und geöffnete rote Lotusblüten in Fülle. Die Frauen erkannten darin Hände, Gesichter, Münder und Augen wieder. Sie baten ihre Gefährten mit zusammengelegten Händen: »Pflückt sie und gebt sie uns!« (55) Frauen stiegen von den in Reihen gehenden Pferden ab. Ihr duftendes Haar löste sich, kostbarer Schmuck fiel herab, und auch die feinen schönen Gewänder glitten. Mit zarten Händen hielten sie diese fest. Beim Ruf »Ein Elefant kommt heran!« flohen sie wie erschrockene Pfauen. (56) Schirme, Elefanten, Girlanden und ganze Wälder von Fahnen verdeckten überall den freien Himmel und schufen Dunkelheit. Waffen, Kronen und Schmuckstücke verbreiteten dagegen hellen Sonnenglanz. So waren an derselben Stelle im selben Augenblick Nacht und Tag zugleich.
(57) »Geht zur Seite, weicht zurück! In den glückverheißenden Lotusgesichtern mit den roten Blütenlippen und dem Perlenlächeln liegen geschärfte Schwerter. Sie werden euch im Gedränge zerschneiden!« Mit diesen Worten wichen die sonnengleich strahlenden Männer vor den Frauen aus. (58) Das dichte Gedränge auf dem schwer zu durchquerenden Weg drückte und zerriss den Schmuck, sodass leuchtende Edelsteine und Perlen herabfielen. Die Fußringe der Frauen mit den schön gegürteten Hüften klagten, ihre goldenen jungen Fußsprosse schmerzten. Erschöpft blieben sie stehen: »Wir kommen nicht weiter!« (59) Als die siegverkündenden Instrumente überall wie Gewitterwolken dröhnten, erschraken die Zugstiere. Die schwanengleichen Frauen wichen aus. Die Tiere warfen nach und nach ihre gesamte Last mitsamt den Stricken ab und liefen davon – frei von Bindungen wie Yogis. (60) Die berggleichen Elefanten stiegen ins Wasser und wollten nicht wieder heraus. Sie achteten weder auf die antreibenden Füße der Führer noch auf deren Drohmittel. Nur ihre Stirnwölbungen und Stoßzähne blieben sichtbar. Sie glichen dem großen langrüsseligen Elefanten, der einst aus dem Milchmeer aufstieg.
(61) Yazh-Spieler ritten mit Sängerinnen, deren Haare dunklen Sandwellen, deren Augen Schwertern und deren nektarsüße rote Lippen Kumuda-Blüten glichen. Sie sangen abwechselnd süße Lieder in der Naivalam-Melodie, als gössen sie Honig in die Ohren. Sie glichen Paaren himmlischer Kinnaras. (62) Die rotäugigen jungen Elefanten erhoben sich wie wasserfallreiche Berge, bogen die Treibstachel gerade und trieben die Menschen auseinander. Bienen mit breiten Flügeln verließen ihren Brunstsaft, tauchten in den eines anderen Elefanten, wurden vom lockigen Haar der Frauen fortgescheucht und flogen mit deren Elefantenkühen weiter. (63) Unter Trommelschlägen bewegten sich Wagen, Elefanten, tänzelnde Pferde, speeräugige Frauen und junge Männer rasch auf dem Weg voran. Der Zug glich dem weiten Meer, das beim Anblick des Vollmondes anschwillt. Nun brachen auch die geliebten Frauen des Königs auf. (64) Die Tochter des Kekaya-Königs fuhr in einer kostbaren Edelsteinsänfte, umgeben von tausend Hofdamen. Wie ein Schwan in einem schönen Lotuswald leuchtete sie. Süße Musik erklang; ihre Schönheit ließ selbst himmlische Frauen zurückstehen.
(65) Wachen mit feurigem Blick, der auch ohne Anlass streng erschien, beschützten sie. Sie trugen tapfere Amtsstäbe und weite, herabfallende Gewänder; manche saßen auf geschmückten Pferden, andere gingen zu Fuß. Mit scharfen Rufen sicherten sie den Weg der göttinnengleichen Königin. (66) Sumitra, die Mutter der beiden Brüder, fuhr auf einer kostbaren Edelsteinsänfte dahin wie ein Blitz auf einer Wolke. Zweitausend Frauen mit großen Blütenaugen umgaben sie auf Maultieren mit breiten juwelengeschmückten Brustbändern. Yazh-Musik erklang. (67) Frauen gingen an ihrer Seite und trugen in roten Händen Pfauen, Schwäne, kleine Papageien, Mynavögel, Puppen und Yakschweifwedel, weiß wie eine frisch geöffnete Muschel. Es schien, als gäbe es außerhalb dieses Zuges keine Frauen mehr auf der meerumschlossenen Erde. (68) Kausalya, die Mutter des edlen Helden, zog dahin, von den Göttern verehrt. Ihr Gesicht mit den weißen Zähnen und den roten Ilava-Blütenlippen glich dem Vollmond. Die Fahrzeuge ringsum scharten sich darum wie Sterne. Musik mit klarem Rhythmus ergoss süße Töne wie Honig.
(69) Bucklige, kleinwüchsige und andere Bedienstete sowie Dienerinnenscharen ritten auf milchweißen Pferden, die Schwänen glichen. Bienen aller Arten folgten den Frauen mit den blumenreichen Haaren, die an den Seiten mit dem anmutigen Gang von Elefantenkühen dahinschritten. (70) Sechzigtausend Frauen von unaussprechlicher Schönheit und mit zarten, knospengleichen Brüsten fuhren auf Wagen. Ihr kostbarer Schmuck aus Korallen, Edelsteinen, Gold, strahlenden Smaragden und Perlen war so vollkommen gearbeitet, dass selbst die Malerei ihn hätte bewundern müssen. (71) Vasishtha, der Gemahl der keuschen Arundhati, zog unter einem Schirm in einer weißen Sänfte dahin wie der Viergesichtige auf seinem Schwan. Ihn umgaben unzählige Brahmanen, deren Ohren von nektargleicher Lehre erfüllt waren und deren Hände den Göttern Opfergaben darbrachten. (72) Bharata und Shatrughna fuhren als tapfere Helden mit göttlichen Bogen und glückverheißend geschmückten Brüsten auf ihren Wagen. Sie glichen den beiden Brüdern, die mit dem Weisen fortgezogen waren. Vor, hinter und neben ihnen drängten sich Kampfelefanten, Pferde, goldene Wagen und junge Krieger wie das Meer um einen großen Berg.
(73) Am glückverheißenden Tag, zur günstigen Stunde, vollendete Dasharatha seine täglichen Übungen und nahm die Füße des Diskusträgers ehrfürchtig an sein Haupt. Dann schenkte er den Vedenkundigen mit Hingabe unermessliche Edelsteine, Gold, ganze Rinderherden und Land. Mit Perlen und Diamanten geschmückt brach er auf. (74) Achttausend Zweimalgeborene kamen geordnet mit juwelengeschmückten Gefäßen, rezitierten Veden, besprengten ihn mit heiligem Graswasser und segneten ihn. Unzählige Frauen mit süßer, glückverheißender Sprache und schweren Edelsteingürteln sangen Wünsche für ein langes Leben, während er weiterzog. (75) »Er hat mich nicht gesehen!«, rief einer. »Mich hat er gesehen!«, sagte ein anderer. »Mein Ohrring ist heruntergefallen!« – »Jetzt kommt man kaum noch näher!« – »Bricht er schon auf?« – »Die Muschel hat ertönt!« So drängten sich die verwirrten Fürsten der Provinzen um ihn. (76) Wie ein Meer mit ringsum blühenden Lotusblumen wogte die Menge geschmückter Pferde, auf denen Frauen mit goldenen Armreifen saßen. Die roten Lotushände der siegreichen Könige schlossen sich zur Verehrung. Dasharatha fuhr auf seinem hohen Edelsteinwagen wie eine zweite Sonne dahin.
(77) Die Staubflut stieg brausend bis an den Himmel, kehrte zurück und bedeckte alle weiten Himmelsrichtungen. Sie nahm den Menschen die Sicht aufeinander, verdichtete sich immer mehr und schien sogar die großen Meere zuschütten zu wollen, als läge sie im Streit mit Sagaras Söhnen, die sie einst ausgegraben hatten. (78) Muscheln, Trommeln, Hörner, Zimbeln, Trompeten und glückverheißende große Pauken vertrieben mit ihrem Lärm den Donner der Wolken. Girlanden, Schirme und Pfauenfächer verdrängten die Sonne; vor dem weißen Herrschaftsschirm wich selbst der Mond zurück. Auch die Götter staunten über den vorbeiziehenden König. (79) Mantrengesang, der Klang rechtsgewundener Muscheln, Segensworte der Brahmanen, aufbrausende Trommeln, das Brüllen pfostenzerbrechender Elefanten und die Gedichte der Barden erfüllten alle Richtungen, als der an Herrlichkeit Indra gleiche König dahinzog. (80) Aus jeder Richtung wandten sich die Blicke allein auf ihn. Die Kriegerkönige mit den festgebundenen Fußreifen falteten ihre blumengleichen Hände. Elefanten, Wagen, Pferde und die Füße der Soldaten wirbelten so viel Staub auf, dass selbst der Himmel zur Erde wurde.
(81) Das dicht gedrängte Heer aus Kriegern, Elefanten, Wagen und Pferden fand keinen Raum mehr, um sich zu bewegen. Eine weitere Welt gab es nicht, in die es ausweichen konnte. Selbst die Erdgöttin mit ihrem Wassergewand krümmte den Rücken unter der Last. Wie konnte man da sagen, der König habe die Bürde der Erde erleichtert? (82) So zog der König zwei Yojanas weit und erreichte den Hang des Chandrashaila, der einem goldenen Berg glich. Dort lagerte das Heer, duftend nach dem Brunstsaft der mächtigen Elefanten, den Brüsten der Frauen, den Blumenpfeilen des Liebesgottes und der Sandelpaste vom südlichen Berg.
1.14 – Die Berglandschaft
(1) Die Frauen mit der süßen Sprache stiegen ab und lehnten ihre hochgewölbten, geschmückten Brüste an die Schultern ihrer Gefährten. Sie glichen den Waffen, mit denen der Liebesgott Leben erbeutet. Einige Elefanten band man inzwischen an Deodar- und Sandelbäume. (2) Ein Elefant ging mit einem mächtigen Mara-Baum davon, den er samt Wurzeln ausgerissen hatte und dessen schöne Äste bis zu den Wolken reichten. Wie ein wandelnder Berg erschien er. Seine Tat glich dem planvollen Vorgehen eines unermüdlich klugen Menschen, der einen unnachgiebigen Feind vollständig überwindet. (3) Ein anderer Elefant zog seinen Pfosten hinter sich her und brach zwischen zwei großen Bäumen hindurch. Er glich Krishna, der den an ihn gebundenen Mörser nach sich zog und dabei die beiden festverwurzelten, hochstämmigen Maruta-Bäume zerbrach. (4) Ein Elefantenführer sprach freundlich und bedächtig, um die heftige Wut seines Tieres zu besänftigen. Er glich einem Minister, der seine Worte aus vielen Lehrbüchern schöpft. Der Elefant aber glich einem Herrscher, der den wohlmeinenden Rat nicht annimmt.
(5) Ein dunkler Elefant, den der Treibstachel getroffen hatte, stand donnernd da und fand keinen ebenbürtigen Gegner. Er betastete den Stamm eines Waldbaumes und zog dann wie der Wind weiter, während Aasvögel ihm folgten. Sein Weg sah aus wie das Bett eines Flusses, der sich früher schon eine Bahn gebrochen hatte. (6) Der Duft des blühenden siebenblättrigen Palai-Baums glich dem Brunstsaft eines Elefanten. Ein Bulle bog den zügelnden Treibstachel gerade, eilte auf den Baum zu, packte ihn am Stamm und zerrieb ihn mit seinem Körper am Boden zu Staub. (7) Die zahllosen Elefanten, die schönen Elefantenkühe mit den hellen Stirnzeichen und ihre Jungen drängten sich im hochgewachsenen Wald zu einer großen Herde. Der Chandrashaila selbst stand darüber wie ihr mächtiger Anführer. (8) Man sagt, dass klare und hochgesinnte Menschen die Verwirrung der Geringeren verwandeln, wenn sie mit ihnen verkehren. So rieben auch die goldenen Wagenräder bei jeder Umdrehung über die dunklen Steine und verliehen ihnen ihre eigene Farbe.
(9) Die Pfauen des Waldes blickten auf die kuvalairot schimmernden Münder der Frauen, als hielten sie diese für rote Indragopa-Insekten, nach denen man schnappen könnte. Zugleich betrachteten sie den goldenen Glanz ihrer schönen Hüftgürtel und bewegten sich um die rehblickenden Frauen herum. (10) Die Frauen stiegen von ihren Reittieren ab und gingen behutsam wie junge Schwäne. Gürtel, Ohrringe und Halsketten leuchteten. Im dichten Schatten der zarten Bäume, in dem sie sich versammelten, erschienen sie selbst wie blühende Zweige. (11) Die Reise hatte sie ermüdet. Bienen aus ihren reichen Girlanden umkreisten Gesichter und junge Füße, die sie für Lotusblüten hielten. Die Frauen schliefen auf leuchtenden Kristallfelsen; ihre darin gespiegelten Gestalten ließen die Freundinnen zweifeln, als lägen sie zugleich auf einer anderen schimmernden Steinfläche. (12) Die Elefantenkühe knieten nieder, als ließen sich blitztragende Wolken auf die Erde herab. Unter dem Klang ihrer Fußringe betraten die rankenschlanken Frauen die Hütten. Es war, als hätte Lakshmi ihre Lotusblüte verlassen, um dort Wohnung zu nehmen.
(13) Die jungen Diener fütterten die kräftigen Pferde mit vorzüglicher Nahrung und brachten sie in das Lager. Diese laut wiehernden Tiere waren von turkischen Händlern gekommen. In Reihen aufgestellt glichen ihre schönen Geschirre einer bunten Halskette auf der Brust der Erdgöttin. (14) Lange Vorhänge wurden in Reihen aufgespannt wie Wasserwellen. Die Marktstraßen ordnete man wie ein wogendes Meer. Elefanten stellte man in die Haine wie Wolkenreihen, Pferde wie Scharen des Windes. (15) Die Frauen mit den Rehaugen und dem Gang tanzender Pfauen und die Krieger mit den geschärften Speeren suchten zunächst verwirrt ihren Weg. An den donnernden Trommeln, den weithin tönenden Muscheln und den Fahnen erkannten sie schließlich die königliche Unterkunft und gelangten dorthin. (16) Feiner aufgewirbelter Staub hatte den Glanz der Körper gedämpft. Die jungen Männer wischten ihn mit reinen Tüchern ab, weiß wie Schaum auf Nektar. Die jungen Frauen leuchteten danach auf wie Bilder, die ein Maler frisch erneuert hat.
(17) Die Könige stiegen von ihren Elefanten herab wie Löwen, die einen hohen breiten Berg verlassen und den Boden erreichen. Von Yakschweifwedeln umfächelt, die geöffneten Palmblüten glichen, betraten sie die hell aufgerichteten Zelte. (18) In den Hütten aus weißen Tüchern erschienen die duftblumengleichen Gesichter der Frauen. Es sah aus, als hätte helles, wellenschlagendes Wasser das Licht des makellosen Mondes aufgenommen, das durch den wolkigen Himmel fällt. (19) Ein brünstiger Elefant wälzte sich auf der Erde und erhob sich wieder hoch wie zum Himmel. Den dunklen Staub schüttelte er ab, doch auf einer Körperhälfte blieb weißer Staub haften. So glich er Krishna, der mit dem stirnäugigen Shiva zu einer Gestalt vereinigt erscheint. (20) Die kräftigen springenden Pferde waren mit feinem Staub bedeckt. Sie richteten sich auf, schüttelten ihn rasch ab und standen wieder frei. So lösen sich Menschen von seltenem guten Wesen aus der Verbindung mit Schlechten, sobald sie deren Beschaffenheit erkannt haben.
(21) Einige Pferde zerrissen die starken dreifach gedrehten Seile, fanden durch eigene Kraft zu sich selbst und eilten auf freiem Boden davon. Sie glichen rechtschaffenen Menschen, die Diesseits und Jenseits erkannt haben und ihren Weg gehen. (22) Durch die Öffnungen der wehenden, nebelzarten Vorhänge glänzten die dunklen Augen spielender Mädchen. Sie glichen kräftigen Fischen, die sich in den klaren Wellen eines laut rauschenden Gewässers aufrichten, wenden und wieder verschwinden. (23) Auch wo der Fluss keine große Flut mehr zum Meer schickte, stieg beim Graben ein wenig klares Wasser auf. Wie ein liebevoller Verwandter gab er, was er noch besaß. Er glich einem freigebigen Menschen, der sein Gut nicht verbirgt, sondern damit hilft. (24) Die Männer mit dicht gewelltem Haar und auf der Brust leuchtenden Edelsteinketten gingen dahin wie wanderndes Feuer und Blitze. Als sie die duftenden Zelte betraten, glichen sie Löwen, die in die Höhlen eines Berges einziehen.
(25) Mit dichtstehenden scharfen Stoßzähnen, rötlich behaarter Stirn, aufgetragenen Zeichen und klingenden Kriegsglocken wühlten die mächtigen Elefanten das Wasser auf. Sie glichen Madhu und Kaitabha, die nach Belieben das dunkle Meer in Aufruhr versetzen. (26) Die dunklen brünstigen Elefanten hörten nicht auf die Befehle ihrer Führer. Auch die seitlich drängenden Artgenossen beachteten sie nicht; sie wollten die Wasserbecken nicht verlassen. Sie glichen Männern, die sich in die umgürteten Hüften käuflicher Frauen verloren haben. (27) Frauen und Männer drängten sich zwischen den Zelten. Tagsüber brannten Feuer in den Küchen, und dichter Rauch von Aloeholz stieg auf. Das große Lager glich einem weiten Meer unter schweren, noch nicht donnernden Wolken. (28) Vidyadharas aus den Höhlen der Berge kamen, um das Lager zu sehen. Doch die versammelten jungen Männer und Frauen waren so schön, dass die Himmelswesen staunten und nicht einmal die eigenen Gefährten wiedererkannten. Das Heer erschien wie das Götterreich, das vom Himmel auf die Erde herabgeglitten war.
(29) Als das Sonnenlicht schwächer wurde, verbreiteten die Frauen ihren eigenen blitzenden Glanz. Manche waren gerade aus dem Schlaf erwacht, andere noch über einen Streit verstimmt. Sie sprachen süß mit den Kuckucken, ihre Fußringe klangen dazu, und sie bewegten sich umher wie Pfauenschwärme. (30) Die jungen Männer gingen umher wie mächtige Löwen. Ihre Fußreifen klangen, Bienen summten in den Girlanden, Schwerter glänzten an ihren Seiten, und rote Edelsteinarmspangen blitzten. Mit Freude betrachteten sie die Umgebung des Berges, dessen Erhebungen ihren eigenen Schultern glichen. (31) Das große Heer hatte sich rings um den leuchtenden goldenen Edelsteinberg ausgebreitet wie alle Meere, die ihn gemeinsam umschließen. Nun wollen wir die Berglandschaft schildern, welche die angekommenen Könige, Königinnen, jungen Männer und rankengleichen Frauen betrachteten. (32) Bienen verschiedener Arten flogen überall umher, sangen und tanzten. Elefanten streckten ihre langen Rüssel zu den hohen Zweigen der leuchtenden Himmelsbäume, brachen frische Blätter samt Ästen ab und schenkten sie ihren Elefantenkühen, die ihnen so teuer waren wie das eigene Leben.
(33) Der Vengai-Baum zeigte den Bergfrauen mit korallenroten Lippen und kühlen Kuvalai-Blütenaugen die rechte Zeit an. Bienen verschmähten seine vertrauten Blüten und flogen zu den Sternen empor, die sie für kühle Naga-Blüten mit frischem Honig hielten. (34) Der weiße Mond glich einem Elefanten, die Sterne seinen Gefährtinnen. Mit seinem gebogenen hellen Stoßzahn durchbohrte er die Honigwaben, sodass sie brausend ausliefen. Die Kuravar lenkten diesen Strom um und bewässerten mit dem himmlischen Wasser ihre roten Hirsefelder und ihren Bergreis. (35) Der leuchtende Mond lag wie ein Spiegel am Hang dieses hohen Berges, ohne sich umwenden zu lassen. Auf seiner einen Seite konnten die Bergfrauen ihren schönen Schmuck betrachten, auf der anderen die himmlischen Tänzerinnen ihre Schönheit. (36) Die Augen der Bergfrauen waren glühende Speerspitzen, die nicht das Feuer des angeblasenen Ofens, Wasser zum Härten oder Öl verzehrten, sondern Menschenleben. Die Kuravar holten den Mond herbei, um ihn mit den schönen Stirnen ihrer Frauen zu vergleichen.
(37) In den Höfen spielten schwer zu bändigende Löwenjunge mit den lieblichen Elefantenkälbern. Auch das junge, gekrümmte Mondkind kroch dort zusammen mit den Kindern der hellstirnigen Bergfrauen umher. (38) Dort waren die festen Tatzenabdrücke zorniger Löwen zu sehen, die dunkle, berggleiche Elefanten getötet hatten. Daneben leuchteten die frischen, lotusartigen Spuren der weich gefärbten Frauenfüße auf blauen Edelsteinflächen – dieselben Spuren, die auch das schöne Haar der Vidyadhara-Könige trug. (39) Die Frauen sangen, ohne die fischgleichen Augen bis zu den Ohren zu verziehen, ohne unnötiges Lächeln, ohne das dichte Haar zu lösen und ohne die Brauen zu runzeln. Ihre blumengleichen Hände auf den Saiten und ihre Stimmen wirkten vollkommen zusammen. Beim Klang dieses Nektars gerieten selbst die Kinnaras in Verzückung. (40) Frauen mit honigreichen Girlanden und langen, scharfen Augen, die fast bis zu den Ohren reichten, hinterließen Kumkum im klaren Wasser der kristallenen Felsbecken. Unzählige solcher Becken glänzten wie Edelsteinschalen voller rötlichen Weins.
(41) Himmlische Frauen hatten im Liebesstreit rote Augen bekommen; dunkle Schminke war herabgeflossen, und ihre Männer waren vor Kummer beinahe vergangen. Die Mandara-Girlanden, welche die Frauen dabei aus ihrem Blütenschmuck gerissen hatten, lagen überall umher, ohne zu welken oder ihren Honig zu verlieren. (42) Die Bergfrauen mit mango-sprossengleichen Körpern legten Girlanden auf die Blütenscheiden der Arekapalmen und verglichen sie mit ihrem Haar. Die geschmückten Himmelsfrauen nahmen ihre flammend leuchtenden Armreifen ab, legten sie um Kantal-Blüten und verglichen diese mit ihren Händen. (43) Himmlische Tänzerinnen bewegten ihre bogenartigen Brauen, sangen süß zu den Saiten und tanzten mit den Pfauen. Die Edelsteinketten, die sie dabei beiseitegeworfen hatten, legten sich männliche Affen um; ihre Gefährtinnen sahen es und freuten sich. (44) An den breiten Hängen mit hohen Sandelbäumen wälzten sich Elefantenkühe in roter Mineralerde und sahen danach aus, als hätten sie Kumkum aufgetragen. Das Licht glühender Edelsteine mischte sich mit den Sonnenstrahlen, sodass der weite Himmel stets wie Abendrot erschien.
(45) Die Wasserfälle verstreuten leuchtende Perlen wie Schmuck für die Erdgöttin. Sie spülten unermessliches Gold und Sandelholz mit sich und glichen der Ganga, die auf das Haupt des Gemahls der Bergtochter herabfällt. Ihre langen weißen Bahnen erinnerten an das Obergewand auf der Brust dessen, der die Welt durchmaß. (46) Die Besucher sahen Wesen mit Pferdegesichtern, die Naga- und Nelkenblüten zusammenfügten und als Kränze trugen. Sie scheuchten trunkene Bienen fort und sammelten klaren duftenden Honig. Der Gesang von Kinnara-Paaren zur vollkommenen Makara-Yazh ließ ihren Liebesstreit enden. (47) Neben den unvergleichlichen Kongu-Knospen, die den Brüsten glichen, welche gegen die schönen Körper froher junger Männer drängten, sahen die Frauen ein anderes Liebespaar: Eine Biene auf dem taillenzart gebogenen Zweig vereinigte sich mit einer Biene aus ihrem dunklen Haar. (48) Frauen mit leuchtenden Mondgesichtern hielten einen klaren Teich für festen Kristallboden und gingen eilig hinein. Das makellose Wasser durchnässte ihre Gürtel und Gewänder. Die Krieger mit den dunklen Fußreifen deuteten mit ihren bereiften Händen darauf und lachten miteinander.
(49) Sie sahen viele Blumenlager, goldene Ketten und roten Betelrückstand, der Indragopa-Insekten glich. Sie sahen auch Lager aus jungen Blättern, die versengt waren: Dort hatten Vidyadhara-Frauen gelegen, die von ihren lebensgeliebten Gefährten getrennt und vor Sehnsucht außer sich gewesen waren. (50) Sie sahen duftende Schaukeln, auf denen Himmelsfrauen spielten. Mit ihnen bewegten sich die dunklen Blütenaugen, das Lächeln der Korallenlippen, die kostbaren Ketten auf den vollen Brüsten, die summenden Bienen im Haar und die prachtvollen Edelsteinohrringe. (51) Sie sahen viele Schalen mit süßem Honigwein. Schöne Himmelsfrauen hatten mit ihren roten Korallenlippen daraus getrunken, dann unzählige Bienen. Als nichts Süßes mehr darin war, verließen diese die Schalen wie Männer käufliche Frauen verlassen, wenn sie dort keine Zuneigung mehr finden. (52) Neben kristallenen Felslagern, deren Glanz die Nacht zum Tag machte, lagen Schmuckstücke und Girlanden vom Wunschbaum. Himmlische Männer mit mächtigen Schultern hatten dort Frauen mit bogenübertreffenden Stirnen umarmt; während der Vereinigung hatten die Frauen diese Kostbarkeiten abgelegt.
(53) Manche sahen eine Kantal-Knospe, die sich wie eine Hand entfalten wollte, hielten sie für eine Schlange mit geblähtem Nackenschild und bedeckten erschrocken ihre scharfen Augen. Andere sahen Blüten im glänzenden Diamantfelsen gespiegelt und baten ihre Gefährten: »Pflückt sie und gebt sie uns!« (54) Einige Frauen zerteilten mit den Nägeln junge Ashoka-Blätter, legten die kleinen Formen als Schmuck auf ihre Brüste und pflückten honigreiche Blüten. Andere tauchten in die weiten Bergteiche. Sie glichen Schwänen, die den vielfarbigen Edelsteinglanz des Berges verlassen und ins Wasser gezogen waren. (55) Junge Mangosprosse verbreiteten überall ihren goldenen Glanz. Dazwischen lebten Hirsche, Elefanten und Schlangen. Auf allen Seiten wuchsen Mangobäume, den Frauenarmen gleichender Bambus und Naga-Bäume. (56) Mächtige Tiere rieben ihre mit roter Erde bedeckten Körper an Mango- und Sandelbäumen. Frauen mit süßer Sprache, strahlend wie himmlische Mädchen, weilten dort. In ihrer Gegenwart schien der Himmel selbst der Erde gleich geworden zu sein.
(57) Große Schlangen bewegten sich gierig zwischen den Tieren; die Herden wichen ihnen aus. Mit lautem Brausen stürzten die Wasserfälle herab und führten kostbare Stoffe und Sandelholz mit sich. (58) Aloe- und Sandelbäume wuchsen hoch empor, ebenso Maravam und Kongu. Ihr Duft erinnerte an die goldenen Schultern und geschmückten Brüste der Frauen mit den scharfen, rotgezeichneten Augen, auf denen Aloe- und Sandelpaste reichlich aufgetragen waren. (59) Der alte Berg war dicht mit Bananenstauden bewachsen; ihre Stämme glichen den Schenkeln der himmlischen Tänzerinnen. Die Frauen übten süße Saitenmusik, die man für den Gesang der Kinnaras halten konnte. (60) Wo mächtige wilde Tiere herankamen, floss der reichliche Brunstsaft großer Elefanten. Tiere sammelten sich an den Bächen, und Bergziegen sprangen auf den großen Hängen umher; die Wasserläufe vereinigten sich und belebten den Berg.
(61) Dunkle Kuravar-Frauen gingen über den felsigen Boden, gruben dort und holten begehrte Knollen hervor. Ringsum, wo sich dichte Ranken verflochten, drängten sich wilde Tiere; laute Klänge erfüllten die Umgebung. (62) Als gewaltige Elefanten in die kühlen Teiche tauchten, wurden die reichen Lotusbestände zerdrückt. In den Bäumen und Blüten summten Bienen; ebenso drängten und summten sie im duftenden Haar der himmlischen Frauen. (63) Oben drängten sich Wolkengirlanden, unten lagen lange Reihen anderer Girlanden. Der Berg glich Vishnu, der in der Nähe seiner leuchtenden Geliebten steht, die seine Brust zu ihrem Tempel gemacht hat. (64) Wie Bienen, die den überströmenden Honig der Blumen trinken, versammelten sich Frauen und Männer überall an diesem hohen großen Berg. Sie verweilten an seinen schönen Orten, wollten nicht fort und spielten glücklich miteinander.
(65) Sie dachten nicht an den Abstieg; schon der Gedanke daran hätte neues Leid hervorgebracht. Wie reine Wesen, die den Himmel erreicht haben und keine Wiedergeburt wünschen, konnten sie die Herrlichkeit dieses Ortes nicht mehr aus dem Sinn lassen. (66) Der wolkenverhangene Berg glich einem Elefanten. Die Sonne mit ihren heißen Strahlen, die über den Himmel zog, war ein Löwe, der sich auf ihn stürzte. Der rote Abendhimmel erschien wie das Blut, das bei diesem Angriff hervorsprang. (67) Das Abendrot fiel auf alle großen Bäume mit den dichten Ästen, sodass sie aussahen, als hätten sie unaufhörlich frische duftende Triebe hervorgebracht. Der schöne Glanz erfüllte jede Stelle; der makellose Berg schien nun ganz aus Edelsteinen zu bestehen. (68) Mit seinem augenbeglückenden Anblick und seinen unermesslich leuchtenden Gipfeln glich der reine Berg dem dunklen göttlichen Herrn, dessen Brust mit schöner, reichlicher Sandelpaste bestrichen ist.
(69) Die Menschen, die einander so eng verbunden waren wie Körper und Leben, stiegen vom großen Berg herab. Um sie summten Bienen aller Arten. Die Paare glichen Elefanten mit ihren Kühen, mächtigen Löwen und ihren Gefährtinnen, Hirschen und Hirschkühen. (70) Der heiße Sonnengott auf seinem himmlischen Wagen glich einem zornigen Löwen mit brennenden Augen und einer Mähne aus Strahlen. Als er in den westlichen Berg einzog, breitete sich die anschwellende Finsternis aus wie eine zuvor ferngehaltene Herde großer dunkler Elefanten. (71) Im meeresgleichen Heer des Königs der Könige, dessen Girlande nach Mandara-Blütenstaub duftete, wurden Lampen entzündet. Es war, als blühten im ganzen unablässig rauschenden großen Meer rote Lotusblumen auf. (72) Der weiße Mond erhob sich aus den sprühenden Wellen des kühlen Meeres und stand, von Sternen umgeben, am Himmel. Er glich einer weißen Muschel, die im Sand aus hellem Mondlicht dahinkriecht und glänzende Perlen hervorbringt.
(73) Das nach Fischen duftende Meer brachte nur einen einzigen weißen Mond hervor. Als wollte das Heeresmeer dies nicht dulden, ließ es unzählige Monde aufblühen: die Gesichter seiner Frauen, die so herrlich waren wie die Frauen des Himmels. (74) Der Klang gestimmter Trommeln, die Lieder der Frauen, der mit den Saiten harmonierende Rhythmus und die Musik der gegliederten Bambusflöten erhoben sich bei jedem Tanz. So mächtig schwollen sie an, dass selbst der Himmel staunte. (75) Frauen nahmen ihren Edelsteinschmuck ab und legten glänzende Perlenketten auf die Brüste. Andere trockneten ihr Haar im Rauch von Aloeholz. Wieder andere legten die Jasmingirlanden ab, deren Honigduft schwächer wurde, und schmückten sich mit dicht duftenden Pittikai-Blüten. (76) Man hörte die kunstvollen Lieder der Männer, die neu eingefangene Elefanten anbanden, das weiche, frauenähnliche Lallen der Weintrinker, das Klingen der Hüftgürtel der Freudenfrauen und die freudig-zornigen Rufe erregter Elefanten.
(77) Die Nacht verging, während manche sich in den nektargleichen Sinn der Künste und Lehren vertieften, andere den Liebesstreit mit ihren nektargleichen Frauen beendeten. Ihre Ohren tranken melodische Lieder, und ihre Augen genossen ausgiebig die ausdrucksvollen Tänze.
1.15 – Das Blumenpflücken
(1) Die strahlende Sonne erschien wie der Menschlöwe, der zornig Hiranya bekämpft: Die Nacht war der Dämon mit Sternenzähnen, ihre tausend heißen Strahlen waren die erhobenen Arme, und der goldene Osten war die Säule, aus der sie hervortrat. (2) Nachdem der König alle vorgeschriebenen Pflichten vollendet hatte, bestieg er seinen starken Wagen und zog unter den Verneigungen der anderen Herrscher weiter. Mit ihm erhob sich das Heeresmeer und erreichte die Shona: Ihre Inseln waren Haine, ihre Vertiefungen voller Wasserblumen und ihre Badestellen voller Lotus. (3) Nachdem sie dort gelagert hatten und die Sonne höher stieg, gingen Könige und junge Männer mit den Frauenscharen in die kühlen duftenden Haine zwischen reinen Teichen und Wasserbecken. Sie wollten zarte, von Bienen bewohnte Blumen pflücken und sich vergnügen. (4) Die Pfauen schienen zu fliehen, weil sie fürchteten, die Frauen könnten mit den Bogen ihrer Brauen und den Pfeilen ihrer rotgezeichneten dunklen Augen Wunden schlagen. Auch die Schwäne wichen bei jedem Schritt der Frauen mit den klingenden Fußringen zurück, als schämten sie sich vor deren Gang; Bienen summten dazu wie Musik.
(5) Goldene Haarornamente und herrliche Ohrringe blitzten; Bienen summten, und die Frauen bewegten sich im gemeinsamen Spiel anmutig hin und her. Die jungen Männer mit frischen Girlanden auf der Brust standen verwirrt da: Zwischen wirklichen Zweigen und Ranken und den rankengleichen Frauen konnten sie kaum unterscheiden. (6) Die Frauen mit geschmückten breiten Hüften, melodischer Sprache und von kühlen Honigblüten umsummtem Haar erfüllten den Hain mit lebhaftem Klang. Die Kuckucke verstummten aus Scham. Wer könnte vor Menschen den Mund auftun, die die Kunst der Rede so vollkommen beherrschen? (7) Die Blicke der Frauen, sonst gefährlicher als Gift, wurden nektarsüß, als sie die langen Zweige ansahen. Sobald ihre roten Lotushände sie berührten, beugten die Zweige sich und streuten zarte Blüten auf ihre klingenden Füße. Wer würde sich vor diesen Frauen mit den rankenschlanken Taillen nicht verneigen? (8) Schon die berggleichen Schultern der löwenstarken jungen Männer mit den duftenden Haargirlanden senkten sich, wenn die lotusgöttinnengleichen Frauen sie mit ihren Blütenhänden berührten und hinaufsteigen wollten. Was ist da Besonderes daran, dass sich auch weiche blühende Zweige vor ihnen neigten?
(9) Die jungen Bienen sahen Lotus und Kuvalai, wie sie weder in Flüssen noch in Teichen blühen, gemeinsam an den Frauenranken mit den mondgleichen Stirnen wachsen. Staunend flogen sie herbei und ließen sich auch durch Scheuchen nicht vertreiben. Lassen Liebhaber des Neuen denn von einer neu entdeckten Wundererscheinung ab? (10) Manche Blütenzweige neigten und bogen sich wie pfauengleiche Frauen, die sich mit ihren leuchtenden, girlandengeschmückten Männern von diamantfesten Schultern vereinigen. Andere blieben unerreichbar und unbeugsam, wie Geliebte, die im Streit Abstand halten. (11) Nachdem alle Blüten gepflückt waren, sahen die Frauen die Zweige ohne Glanz dastehen. »Wie würden wir selbst unseren Männern ohne Schmuck erscheinen? Auch diese hier haben ihre Schönheit verloren«, dachten sie. Voll Mitgefühl hängten sie den weichen, geneigten Zweigen Ketten, Schnüre, Gürtel und Ohrringe um und betrachteten sie liebevoll. (12) Die Bienenscharen, die sonst den Honig dichter Blüten tranken, umschwärmten sogar das bloße Haar der Frauen, die ihre duftenden Girlanden und kleinen Blüten abgelegt hatten. Sie verlangten die Blumen nicht mehr. Genießt man nicht alle Freuden dort, wo Schönheit wohnt, auch wenn manches Gewünschte fehlt?
(13) Eine Frau, der Göttin auf der wirklichen Lotusblüte gleich, sah im weißen Kristall ihre eigene Gestalt mit den gespiegelten Blumen. »Diese Schöne ist meinem Herrn so teuer wie sein Leben«, dachte sie. Ihre Blumen sanken mit der Hand herab, und Tränen flossen aus ihren langen Augen. (14) Eine andere sah, wie ein König seine Schultergirlande einer pfauengleichen Frau aufsetzte. Ihr Gesicht verdunkelte sich wie der vom Schattenplaneten verschlungene Mond. Aus den scharfen Augen liefen Tränen wie Regen auf ihre fest umhüllten schönen Brüste. (15) Ein liebender Mann wollte das Herz seiner pfauengleich herankommenden Frau erproben und verbarg sich in einem Madhavi-Laubgang. Sie hatte noch nie auch nur einen Augenblick der Trennung gekannt und erschrak. Ruhelos suchte sie ihn, wie ein Körper nach seinem entschwundenen Leben sucht. (16) Eine Frau stand mit geröteten, dunkel geschminkten Augen da, innerlich im Streit mit ihrem speertragenden Gefährten. Sie sah eine unerreichbare Blume. Statt ihn zu bitten, legte sie vor einem Kuckuck die Hände zusammen: »Pflücke sie dort und gib sie mir!«
(17) Ein edler Mann betrachtete die jungen Früchte einer hohen Kokospalme und sagte: »Wie schön! Sie gleichen den Brüsten der Frauen.« Seine Gefährtin fragte: »Den Brüsten welcher Frauen gleichen sie?« Sie begann zu schluchzen, glühte, ihr Gesicht schwitzte, und sie stieß heiße Seufzer aus. (18) Ein liebesgottgleicher Mann mit mächtigen goldenen Schultern pflückte Blumen. Seine Frau mit wolkendunklem Haar und kuckucksüßer Stimme trat hinter ihn und bedeckte ihm die Augen. Als er fragte: »Wer ist da?«, schöpfte sie Verdacht und seufzte heiß wie Feuer. (19) Die Frauen streckten gleichzeitig ihre roten Lotushände nach den frischen honigreichen Blüten aus. Doch der König hielt die Blumen zwischen ihnen fest, ohne einer etwas zu geben oder eine zurückzuweisen. Er stand da wie ein habgieriger Mann, der weder verschenkt noch seine Bittsteller fortschickt. (20) Vor einer Frau mit durchbohrenden Speerblicken nannte ihr lebensgeliebter Mann den Namen einer anderen. Tief beschämt und innerlich brennend hob sie eine zarte Blume an die Nase. Ihr heißer Atem traf sie, und die Blume versengte.
(21) Ein König mit starken Schultern ging unter den bewundernden Blicken seiner vornehmen Frauen umher. Ihre dunklen Augen glänzten in hellen Lotusgesichtern. Er glich einem brünstigen Elefanten, den Bienen aus Verlangen nach seinem Schläfensaft umschwärmen. (22) Ein makellos schöner Mann teilte seine Blumen zu gleichen Teilen zwischen zwei verehrungswürdigen Frauen mit mondhellen Stirnen auf. Beide warfen die zarten Blüten fort und gingen mit zornig geröteten Augen davon, anmutig wie Pfauen mit ausgebreitetem Schweif. (23) Eine Frau suchte überall – suchte sie wohl ihr eigenes Leben oder etwas anderes? Sie kümmerte sich weder um ihr sich lösendes duftendes Haar noch um ihr Gewand oder die abreißenden Perlen. Sie ging umher, als suche sie nur nach herabgefallenen süßen Duftblumen. (24) Eine goldgleiche Frau mit der Stimme einer Yazh gab nicht nach, obwohl ihr tapferer Geliebter sich vor ihr beugte. Innerlich war ihr Herz längst weich geworden, und sie litt. Schließlich ersann sie eine List: Sie schickte ihren Papagei dorthin, wo er stand, und folgte dem Vogel.
(25) Ein Mann war so von Liebe getroffen, als seien die fünf Blumenpfeile zu hunderttausend geworden. Er wusste nicht, was er tun sollte. Nahe einer Frau mit sandelgesalbten Brüsten und lang herabfallendem Haar wandte er sich an die Madhavi-Ranke: »Willst du mir eine Girlande bringen und schenken?« (26) Eine Frau hatte einen Fehler an ihrem Mann gesucht und gefunden, sich daran festgehalten und ihren Zorn nicht aufgegeben. Sie wollte ihn durch den Liebesstreit beeindrucken und blieb nicht bei ihm. Doch allein setzte sie sich immer wieder eine sorgfältig gesammelte duftende Blumengirlande auf, betrachtete sich im Spiegel und wurde traurig. (27) »Wenn dieser Schmuck mich nicht zu dem Helden führt, dessen leuchtender Speer dem Tod Nahrung verschafft, dann ist uns in diesem Leben keine Vereinigung bestimmt. Wozu brauche ich diese kostbaren Zierden?« So dachte eine Frau und legte ihren ganzen Schmuck ab, als wolle sie ihn einer Sängerin schenken. (28) Eine Frau hielt mit weichen Fingern ein Schälchen aus reinem Gold. Ihr kleiner Papagei versteckte sich in den Zweigen, auf denen er gewöhnlich saß. Sie beugte sich suchend nach ihm; ihre zitternde schmale Taille schmerzte, weil sie die Last der duftenden vollen Brüste kaum tragen konnte.
(29) Eine Frau sah eine junge Schwänin und erkannte ihren eigenen zarten Gang darin wieder. Der Vogel kam wie eine Verwandte nahe. »Du bist meine Freundin, meine Gefährtin«, sagte sie. »Die Leute könnten dich so verspotten; das wäre nicht gut. Zieh etwas an!« Und sie wollte ihr ein Gewand schenken. (30) Eine Frau mit sirupsüßer Sprache und feinem Gewand erschrak vor einem Pfau, der sich ihren breiten Hüften näherte, als halte er sie für eine tanzende Schlange. Sie wich hinter einen Zweig zurück, bedeckte mit ihrer blütenzweiggleichen Hand die Augen und stand verlegen da. (31) »Mein Gold, mein Honig, meine Lotusgöttin, sieh mich an!«, rief ein Mann. Seine unvergleichliche Geliebte versteckte sich im Laub, aus dem sie gerade Blumen gepflückt hatte. »Finde mich jetzt!«, forderte sie ihn heraus, bedeckte ihre schönen blauen Augen mit den Händen und lachte. (32) Ein starker Mann trug seinen geschmückten Bogen und eine zarte Lotusblüte, die dem Blumenpfeil des Liebesgottes glich. Unter den lotusartigen Gesichtern der Frauen mit ihren dunklen Girlanden ging er umher wie die rote Sonne in einem prächtigen Lotuswald.
(33) Die jungen Männer waren so schön, dass selbst der Liebesgott sich geschämt hätte, wenn man ihnen einen nektarsüßen Zuckerrohrbogen in die Hand gegeben hätte. Sie lauschten aufmerksam dem göttlich süßen, zarten Gesang ihrer verliebten Frauen, als erforschten sie eine heilige Sprachkunst. (34) Die Bienen im Hain wurden zur sanften Flöte des Liebesgottes. Als Hirte trieb er mit seinem Bogenstab die Männer nach seinem Willen. So kamen sie zu den Frauenscharen mit den dunkelblauen Augen wie große Stiere, die am Abend zu ihren Kühen heimkehren. (35) Nur Worte sind es, wenn man sagt, standhafte Weise könnten sich vor dem Bogen des Liebesgottes schützen. Schon das Ende der Braue einer einzigen Frau, die Blumen von einer Ranke pflückt, genügt, um sie zu überwältigen. (36) Eine Frau mit schöner Stirn und duftenden Blumen im Haar stieg hoch in das Herz eines Mannes, der auf einen Punnai-Baum geklettert war. Können selbst Menschen von tiefer und hoher Erkenntnis der Macht vollbusiger Frauen widerstehen?
(37) Der Mann saß auf einem Zweig, konnte aber weder Gedanken noch Blick von der Schönheit jener Frau lösen, deren Gestalt selbst die Götter kaum hätten schaffen können. Statt der gewünschten Blumen pflückten seine Hände wahllos Knospen und frische Blätter und reichten sie hinab. (38) Als das Gesicht der Frau mit dem bienenbewohnten Haar sich verdüsterte, geriet der Mann mit den balkenstarken Armen ins Wanken. Ein einziges Zittern ihrer roten Fruchtlippen sagte ihm deutlich, dass sie zornig war. (39) All diese Menschen, die sich so miteinander vergnügten, hatten schließlich genug davon, in den reinen kühlen Schattenhainen dichte Blüten zu sammeln und sich damit zu schmücken. Sie gingen zu den schönen Wasserstellen, an denen weiße Wellen sprangen.
1.16 – Die Wasserspiele
(1) Unter dem aufbrausenden Summen der Bienen kamen die edlen Männer und göttinnengleichen Frauen aus den Blumenhainen zu den blumengeschmückten Teichen. Ihre Schönheit beschämte selbst die Bewohner des von Leid freien Himmels. Sie glichen Waldelefanten, die mit ihren Kühen zum Wasser ziehen. (2) Als die Frauen zum gemeinsamen Bad ins schöne Wasser stiegen, glich der Anblick jenem alten Geschehen: Durch den Zorn des großen Weisen, der dem ganga-tragenden Shiva ähnlich war, verließ Indras Herrlichkeit den Himmel und ging mit den Frauenscharen in das aufschäumende Milchmeer ein. (3) Alle dunklen Kuvalai-Blüten schienen als Augen der Frauen aufzublühen, und ihre blumengleichen Augen schienen Kuvalai hervorzubringen. Alle roten Lotusblüten wurden zu Frauengesichtern, und die Frauengesichter erblühten als rote Lotusblumen. (4) Manche drückten ihre lotusgestielten Füße gegen die Brust der Gefährten; andere umfassten deren Schultern und erschienen wie die Siegesgöttin selbst. Einige schlugen Wasser hoch, das sich wie eine geöffnete Palmblüte ausbreitete. Andere erschraken vor springenden Fischen und umklammerten ihre Männer.
(5) Sie warfen einander duftendes Puder, wohlriechendes Öl und Salben entgegen, schwangen ihre Girlanden oder spritzten aus den roten Fruchtmündern klares Wasser auf ihre Gefährten. Andere schöpften es mit zusammengelegten Lotushänden und schleuderten es umher. (6) Die Frauen mit blitzschlanken Taillen und speergleichen Augen schoben das gelöste Haar aus ihren schönen Gesichtern. Manche riefen den Schwänen zu: »Kommt und spielt mit mir!« Andere wandten sich scheu, wenn Blumen an ihre goldgleichen Brüste stießen. (7) Die süßen, schmalhüftigen Frauen glichen Zuckerrohr mit Korallen- und Fruchtlippen, Lotusgesichtern und scharfen Kuvalai-Augen. Sie sahen die vielen Fische im Wasser und fragten ihre Männer: »Haben denn all diese fließenden Gewässer und Teiche Augen?« (8) Eine göttinnengleiche Frau mit honigreichen Girlanden im dichten Haar sah ihren goldenen Körper im Teich gespiegelt. »Wenn ich lächle, lächelt auch diese Schönstirnige; sie muss meine Freundin sein«, dachte sie. Frohen Herzens wollte sie ihr die Kette von ihren vollkommenen Brüsten schenken.
(9) Die Ohrringe warfen Regenbogenstrahlen, kostbare Halsketten blitzten. Wie zarte Pfauen auf himmelhohen Bergen stiegen Frauen mit bienenumsummten Girlanden ans Ufer. Sie sehnten sich danach, die diamantfesten, balkengleichen Schultern ihrer Gefährten zu umarmen. (10) Was für ein Fehler geschehen war, lässt sich nicht erkennen. Doch eine Frau ging zornig fort, die fischgleichen Augen rot, und verbarg sich zwischen Lotusblüten. Ihr Mann suchte sie, konnte aber nicht sicher unterscheiden, welche der Blüten ihr Gesicht war. (11) Goldene Armreifen und Muschelbänder klangen an den jungen Händen, während Bienen summten. Beim wiederholten Eintauchen glitten manchen Frauen die schweren Hüftgürtel herab und verfingen sich an ihren kleinen Füßen. »Eine Schlange hat sich um meine Beine gewunden!«, riefen sie erschrocken und zitterten. (12) Ein König mit großer Girlande stand, von badenden Frauenscharen umgeben, und seine breiten starken Schultern leuchteten. Er glich dem Mandara-Berg beim Quirlen des Meeres, als mit dem Nektar auch die himmlischen Frauen erschienen und ihn umgaben.
(13) Ein wolkengleicher Held stand zwischen Frauen mit bereiften roten Lotushänden, reinem Lächeln, tiefroten Lippen und rankenschlanken Taillen. Er glich einem brünstigen Elefanten, den in einem weiten, von duftenden Lotusblüten gesäumten Waldfluss seine Kühe umringen. (14) Ein junger Held stand inmitten von Frauen mit regenwolkenlangem Haar, deren Anmut selbst den stolzen Waldpfauen die Freude nahm. Er glich dem weithin strahlenden Mond, der sich dem himmlischen Fluss nähert und von allen Seiten mit leuchtenden Sternen umgeben ist. (15) Eine Frau mit zwei langen Augen, die dem Liebesgott mit dem Zuckerrohrbogen all seine Pfeile zeigen konnten, strahlte unter den schön spielenden Gefährtinnen. Sie glich einer Lotusblüte in einem Teich voller verschiedenfarbiger Blumen. (16) Auf ihrem leuchtenden Gesicht bewegten sich Augen wie mächtige gefährliche Speere oder blitzende Schwerter. Von pfauengleichen Frauen umgeben erschien sie wie eine zartblühende Wunschbaumranke, die im Meer zwischen vielen anderen blühenden Ranken aufsteigt.
(17) Eine Frau mit wagenbreiten Hüften und kokospalmfruchtgleichen Brüsten besaß eine Schönheit, die man von niemand anderem hätte gewinnen können. Sie tauchte so tief ein, dass das Wasser über die umgürteten Brüste spielte. Ihr Gesicht glänzte wie das Spiegelbild des Mondes im reinen Wasser. (18) Bergübertreffende Schultern, breite Hüften unter den Gewändern und elefantengleich mächtige Brüste drängten sich immer näher aneinander. So wurde das Wasser über seinen bisherigen Stand hinausgedrängt und breitete sich weit aus. (19) Beim Baden verblassten die roten Münder, die Augen röteten sich, die Körperbemalung wurde abgewaschen, und die Gewänder lockerten sich. Weil der Teich an den Frauen mit den bemalten Brüsten all dies bewirkte, glich er ihren liebenden Gatten. (20) Wer mit reinen Menschen verkehrt, erlangt gewiss eine edlere Beschaffenheit. Braucht es dafür noch einen anderen Beleg? Selbst die Fische dufteten nun nach Honig, Zibet und dem Rauch des Aloeholzes, den die Frauen ins Wasser gebracht hatten.
(21) Sandelpaste löste sich von den Körpern der mächtigen Männer und vermischte sich mit dem Kumkum der Frauen. Das schöne Wasser sah aus wie ein Abendhimmel, über den dunkle Wolken ziehen. (22) Alle wohlriechenden Salben, darunter die dunkle Kakathunda-Mischung, wurden von den Körpern abgewaschen. Nun glänzten die Frauen mit den kühlen, sirupsüßen Fruchtlippen wie frisch gereinigte und polierte Edelsteine. (23) Auf den reinen goldenen Schultern eines löwenstarken Mannes bedeckte frische Sandelpaste ein verborgenes Zeichen. Als das Wasser die Paste abwusch und die helle Spur sichtbar wurde, röteten sich die dunkelgezeichneten Augen seiner zarten Gefährtin vor Zorn. (24) Eine reichgeschmückte Frau mit schweren Hüften glühte vor Sehnsucht. Die Hitze ihres Körpers erwärmte sogar das kühle Wasser, dessen blütenreiche Wellen nach frischen Duftmischungen, Honig und Blütenstaub rochen.
(25) Ein Mann mit girlandengeschmückten Schultern schöpfte Wasser und goss es über das geölte Haar seiner Frau. Er glich dem königlichen Elefanten, der mit seinem Rüssel die Göttin auf dem roten Lotus mit reinem Wasser übergießt. (26) Die jungen Schwäne waren im Wettstreit des anmutigen Ganges von den Frauen besiegt worden. Nun stiegen sie auf die Lotusblüten, die den leuchtenden kleinen Frauenfüßen glichen. Es sah aus, als wollten sie diese aus Ärger zertreten. (27) Wie viele Männer verloren dabei die Festigkeit ihres Herzens! Von den Brüsten war die Sandelpaste abgewaschen, und die feinen Nagelspuren wurden sichtbar. Sie glichen goldenen Krügen, um die zarte Fäden gezogen waren. (28) Ein königlicher Mann gab einer Frau durch eine Bewegung seiner herabgehaltenen schönen Hand ein Zeichen. Die Zarte mit den roten Fruchtlippen teilte es ihrer Freundin ohne Worte mit, indem sie ihr einen Seitenblick zuwarf.
(29) Die aufeinanderstoßenden Wellen gerieten in Unruhe und drückten die roten Lotusblüten unter das klare Wasser. Es war, als könnten die Blumen den Gesichtern der rehgleichen Frauen nicht gleichkommen und verbärgen sich deshalb beschämt. (30) Nach diesen Wasserspielen stiegen die Männer mit den schön gearbeiteten dunklen Fußreifen und die Frauen ans Ufer. Das große Wasserbecken schien nun leer geworden zu sein. Sie legten duftende Gewänder und ihren Schmuck an. (31) Nachdem die geliebten Menschen das Wasser verlassen hatten, glich der weite Teich einem Himmel, aus dem der kühle Mond samt den Sternen verschwunden ist, oder einem Gewässer, das alle seine Lotusblüten verloren hat. (32) Die Sonne hatte die duftenden Wasserspiele der rehblickenden Frauen mit ihren Männern beobachtet. Als hätte auch sie Lust auf ein solches Bad bekommen, stieg sie in das fischreiche Meer hinab.
(33) Wie ein König, der trotz Niederlage und mangelnder Kraft noch einmal gegen seine Feinde antritt, erschien der Mond erneut. Dabei hatte er doch überall im Wettstreit mit den Frauengesichtern verloren.
1.17 – Das abendliche Fest
(1) Überall breitete sich das weite kühle Mondlicht aus: wie eine Flut weißen Weins, wie der sichtbar gewordene Glanz einer Melodie oder wie die überströmende Sehnsucht, die das Herz nicht mehr fassen kann. (2) Auf Wunsch des Liebesgottes blühte das Mondlicht auf. Für vereinte Liebende wurde es zu süßem Wein, für erschöpfte Getrennte zu lebensverbrennendem Gift und für Paare im Streit zu einem neuen Boten der Versöhnung. (3) Alle Flüsse wurden zur Ganga, alle Meere glichen dem Milchmeer, alle Berge dem Kailasa des Unvergänglichen. Was könnten wir noch anderes sagen, um die Fülle dieses Mondlichts zu beschreiben? (4) Die weite Erde, ihre Himmelsrichtungen, alle Menschen und alle Dinge waren in grenzenloses weißes Mondlicht gekleidet. So glich die meerumschlossene Welt dem weißen Festgewand des Liebesgottes mit der Makara-Fahne.
(5) Die Frauen begaben sich unter perlengeschmückte Dächer, die wie Sterne funkelten, zwischen dunkle Vorhänge mit beweglichen Girlanden, in Haine mit teichgleich glänzenden Kristallflächen und unter prächtige Blumenlauben. (6) Die Frauen mit dem blumenduftenden Haar dachten stolz an die freudigen Kämpfe auf dem Liebeslager, auf denen die Zeit verflogen war. Sie begannen frischen Wein aus schönen goldenen Schalen zu trinken, als sei er eigens bereiteter Nektar. (7) Frauen aus dem sternenreichen Himmel, aus dem Reich der Vidyadharas und aus der Welt leiblicher Menschen tranken – alle von unvergleichlicher Gestalt und mit Rehaugen. Der süße Trank floss in ihre Münder, als würde Honig in honigreiche Blumen gegossen. (8) Der milchweiße Wein und die Schale, aus der eine Frau trank, erschienen im roten Glanz ihrer Hand gerötet. Auch ihre dunkel geschminkten Augen wurden rot. Der Honigwein, der durch ihren Mund ging, schien sich dabei in Nektar zu verwandeln.
(9) Die Frauen trugen Girlanden und Duftstoffe im Haar, das den Rauch kühlen Aloeholzes aufgenommen hatte. Der klare Wein, den sie tranken, ließ das heiße Feuer der Liebe in ihrem Inneren aufflammen wie Ghee, das in die glühende Opfergrube gegossen wird. (10) Gibt es eine solche Einfalt wie die dieser Frauen mit giftgefährlichen langen Blicken und nektarsüßen Worten? Eine Schönstirnige sah ihr eigenes Spiegelbild in der goldenen Schale voll kühlen duftenden Weins und sagte: »Freundin, trink doch fröhlich mit mir!« (11) Eine göttinnengleiche Frau mit furchtsam schmaler Taille sah Haar, dunkle Gift-Speeraugen, roten Mund und kühles Gesicht im Wein gespiegelt. »Du Törin! Was tust du? Bei so viel gutem Wein willst du bloß meinen Rest trinken?«, sagte sie und lachte mit knospenhellen Zähnen. (12) Eine andere von unvergleichlicher Gestalt und mit tödlichen Speeraugen sah, wie sich weißes Mondlicht in ihrer Edelsteinschale sammelte. Sie hielt die scheinbar volle Schale für Wein und setzte sie an den Mund. Als die anderen sie lachend neckten, wurde sie verlegen.
(13) Eine Frau mit Kinsuka-Blütenlippen sprach so zart, als hätten Yazh und Flöte erst von ihr ihre Süße erhalten. Im Gefäß mit kühlem Wein und langgestielten dunklen Kuvalai-Blüten sah sie das Spiegelbild ihrer scharfen Augen. Sie hielt es für Bienen und scheuchte es fort. (14) Eine Frau mit schweren Ohrringen blickte mit trunken geweiteten Augen auf das weiße Mondbild im Wein. »Ich gewähre dir Schutz. Du bist aus Angst vor der Schlange am Himmel hierhergekommen und hast dich versteckt. Fürchte dich nicht!«, sagte sie freundlich. (15) Ob ihr Verstand durch den Wein verwirrt war oder sie aus kindlicher Einfalt handelte: Eine Frau mit wirbelgleichem Nabel hielt ihre Schale unter das kräftige Mondlicht, das durch die honigreichen Blüten der Laube fiel. Sie wollte es wie Wein auffangen. (16) Eine Frau mit blitzschlanker, schwankender Taille vertauschte ihre Schmuckstücke, wie ihre nektarsüße Sprache die Worte vertauschte. Sie legte den bunten Hüftgürtel ab, wand sich eine Blumengirlande um die Hüften und wollte ihr Haar mit der goldenen Kette schmücken.
(16 [zweite Versposition der Quelle, Gesamtzahl 1063]) Eine andere betrachtete ihr frohes Gesicht in der Edelsteinschale und dachte, der Himmelsmond sei aus Lust auf Wein herabgefallen. »Wenn du an den Tagen, an denen ich mit meinem geliebten Gefährten streite, deine Hitze aufgibst und ein kühler Mond wirst, dann gebe ich dir diesen Wein«, sagte sie. (17) Eine reichgeschmückte Frau mit schöner, einer Sesamblüte gleichender Nase stieß mit dem Unterarm den ganzen kühlen Wein auf ihr Lager. Sie bemerkte es in ihrer Trunkenheit nicht. Weil sie glaubte, innen oder außen müsse noch etwas sein, drehte sie die leere Schale um und setzte sie an die edelsteinfarbenen Lippen. (18) Die Bienen konnten sich nicht vom oberen Rand lösen und summten wie Bettler, die von geizigen Reichen eine Gabe erbitten. Eine Frau schämte sich, ihren honigsüßen roten Lotusmund weit zu öffnen, und trank durch den eingesetzten hohlen Stiel einer Wasserblume. (19) Eine Frau hatte Augen wie frisch aus der Scheide gezogene Schwerter; selbst die Fische in den vogelreichen Lotusteichen hätten vor ihnen fliehen müssen. Ihr Haar trug weiche Honigblüten, ihre Anmut glich einem jungen Pfau. Sie dachte gar nicht daran, Wein zu trinken, weil der Geliebte in ihrem Herzen keinen trank.
(20) Die Augen einer Trinkenden wurden rot wie die des Todesgottes. Sie hob die gebogene Stirn, presste die hellen Zähne aufeinander und drehte ihre sprossenzarten Hände. Sie glich einer Tänzerin, die den Ausdruck des Zorns darstellt. (21) Eine Frau biss mit mondhellen Zähnen auf die zitternden roten Fruchtlippen. Ihre Augen blickten wie scharf geschliffene, blutrote Speere. Die Schweißperlen auf ihrem Körper sahen aus wie Wein, der nach außen gedrungen war. (22) Die rote Farbe ihrer vollen Fruchtlippen schien in die Augen gewandert zu sein. Eine geschmückte Frau dachte eines und sprach etwas anderes. Auf ihrem großen Lotusgesicht krümmten sich die Brauenbogen, und die junge Mondsichel ihrer Stirn bedeckte sich mit Feuchtigkeit. (23) Der Wein ließ die roten Blütenlippen blass werden, Süße zwischen den Zähnen hervorfließen, Brustband und Gewand sich lösen, das wellige Haar herabsinken und Müdigkeit entstehen. Darin glich er dem Geliebten bei der Vereinigung.
(24) Eine Frau mit kostbarem Edelsteingürtel schickte ihre Freundin aus, dem Geliebten ihr Leiden unter den Angriffen des Liebesgottes zu berichten. »Freundin«, sagte sie, »wirst auch du dort bleiben wie mein Herz? Oder wirst du wiederkommen?« (25) Eine rehblickende Frau sandte ihre Freundinnen nacheinander zu einem starken König. Jede ging, und keine kehrte zurück. Sie schickte weitere hinterher. Schließlich ging sie selbst, nun ganz allein, ihnen nach. (26) Auf einem duftenden Blumenlager lag eine Frau in einem uferlosen Meer der Sehnsucht. Ihre Sprache war honigsüß und zart. Voll Freude umarmte sie den Papagei, der immer wieder die Namen ihres Geliebten aussprach. (27) Eine Schönstirnige saß in einem duftenden Winkel, umarmte ihren Papagei und klagte zornig unter Tränen: »Du gehst nicht fort, um mein Leben wiederzubringen. Was nützt du mir dann? Du bist genauso wie der Anril-Vogel!«
(28) Ein Mann sprach seine pfauengleiche Frau mit den bereiften Unterarmen beim Namen ihrer jüngeren Nebenfrau an. Sie lächelte, sodass die knospengleichen Zähne sichtbar wurden. Zugleich fielen aus ihren Fischaugen perlende Tränen. (29) Ein Mann, der zuvor einen Streit verursacht hatte, griff heftig nach seiner Frau. Ihr breiter Hüftgürtel riss, und Perlen fielen herab. Noch bevor diese die Erde erreichten, trafen die Tränenperlen aus den Augen der goldgeschmückten Frau den Boden. (30) Eine Frau mit geöffneten Blüten im Haar überlegte: »Soll ich mit ihm streiten? Soll ich mich mit ihm vereinen, damit diese lebensverzehrende Krankheit endet? Oder soll ich zur Vina seine Tugenden besingen?« So sprach sie vielerlei Gedanken aus. (31) Eine Frau griff an die Wirbel der Makara-Vina und spielte, bis ihre offenen Blütenhände sich röteten. Ihren Gefährtinnen erzählte sie nicht unmittelbar von ihrem Liebesstreit. Stattdessen sang sie, was in ihrem Herzen lag.
(32) Eine Frau, zart wie ein biegsamer Blütenzweig, zeichnete Kreise, um aus ihrem Zusammentreffen die künftige Vereinigung zu deuten. Doch jedes Mal misslang das Zeichen. Unter den niemals fehlgehenden Pfeilen des Liebesgottes mühte sie sich ab; nur ihre Seufzer zeigten noch, dass sie lebte. (33) Eine Frau mit ballspielgeübten Fingern litt und sandte eine Botschaft zu einem schönen Mann. Als man sagte: »Er ist gekommen«, verschloss sie die Tür und wies ihn ab. Was sie dabei dachte, wissen wir nicht; ihre Augen waren gerötet. (34) Eine Frau wollte den Streit auf dem bereiteten Blumenlager beenden, doch ihr Geliebter verstand ihre Absicht nicht. Sie streckte sich unter einem vorgetäuschten Gähnen und fragte: »Wie viele Stunden sind denn inzwischen vergangen?« (35) Eine Frau trat ihren Geliebten erregt mit dem baumwollweichen Fuß. Da sträubten sich seine Körperhaare, als seien die ausgestreuten Samen zarter Liebe durch das Wasser des Schweißes bewässert worden und aufgekeimt.
(36) Ein schwertkundiger Held, der feindliche Könige bezwungen hatte, betrachtete seine Geliebte, deren Brüste vor Sehnsucht schmaler geworden waren. Sein helles Gesicht strahlte vor großer Freude, und seine Schultern schwollen, als er erkannte, wie sehr sie ihn liebte. (37) Ein Mann von großer Schönheit kam herbei. Auf dem Blumenlager, in das ringsum die heißen Pfeile des Liebesgottes gedrungen schienen, sah er die ausgebreiteten jungen Blätter versengt. Sein Herz war voller Bestürzung. (38) Die Brüste einer Frau waren so heiß, dass die aufgetragene Sandelpaste verbrannte und trocknete. Für den jungen Schwerthelden glichen sie den Wasserkrügen, mit denen die Guten einen König weihen und sagen: »Beschütze nun das Land!« (39) Eine Frau nahm ihre klingenden Glöckchen, den breiten Hüftgürtel und die leuchtenden Diamantschmuckstücke ab. Sie beschloss, zu ihrem lebensgeliebten Herrn zu gehen. Dem hinderlichen Mond warf sie einen zornigen Blick zu.
(40) Was sollen wir über diese Stärke denken? Einem zuckerrohrsüßen Mann hatte eine Frau mit der Stimme des Hainkuckucks eine Girlande fest um die Schultern gewunden. Seine diamantfesten Schultern vermochten dieses Band nicht zu sprengen. (41) Eine Frau mit gelöstem Haar wollte ihr Leiden mitteilen. Sie sah erst zum Liebesgott, dann zu einer Freundin. Diese erkannte ihre Absicht und wandte den Blick zum Haus des Mannes mit der duftenden Girlande. (42) Eine pfauengleiche Frau mit schweren Ohrringen eilte zu einem tapferen Schwertträger. Wer hatte sie gerufen? War es der Wein, der das Herz erweicht, war es der Abend oder der Liebesgott? Wer war der Bote gewesen? (43) Die Liebe hatte den Zorn einer Frau mit mondsichelgleicher Stirn besiegt. Aus ihren regenreichen Augen fielen Tränen. »Was ist dir geschehen?«, fragte ihr königlicher Gefährte lächelnd. Da lächelte auch sie und legte ihre Scheu ab.
(44) Eine Frau mit fast unsichtbar schmaler Taille löste die umarmenden Hände von ihrem Geliebten, ohne ihn aus ihrem Herzen zu lösen. Diese kaum merkliche Bewegung traf den Helden, als bohrte sich eine Waffe in seine Brust. (45) Eine zarte Frau umfasste die Hand ihrer vertrauten Dienerin und wollte sagen: »Geh als Botin zu ihm.« Doch sobald sie die Worte aussprechen wollte, schämte sie sich und schwieg. So saß sie lange Zeit da und schluchzte. (46) Eine von überströmender Liebe erfüllte Frau schämte sich, einer Freundin mit duftender Blumengirlande zu erzählen, was ihr unvergleichlicher, lebensgeliebter Gefährte getan hatte. Stattdessen sprach sie einige ausweichende Worte, eines hier, eines dort. (47) Eine Frau und ein Mann waren an ihren Gestalten noch zu unterscheiden, doch ihr Leben war eins, und auch ihr Verlangen stimmte vollkommen überein. Sie umarmten sich, als wollten sie nun auch die beiden Körper zu einem einzigen vereinigen.
(48) Als ihr königlicher Geliebter vor sie trat, eilte das Herz einer Frau mit bambusgleichen Armen ihm bereits entgegen. Doch ihr Mondgesicht senkte sie plötzlich. Weil dieses Verhalten neu für ihn war, entstand in ihm Furcht. (49) Eine Frau mit gebogener Stirn verlor vor Sehnsucht ihre Schönheit und sank kraftlos hin. Die Freundin, die ohne den Geliebten allein zurückkam, erschien ihr so hinderlich wie die Mutter – oder wie der nun aufkommende Südwind und die Nacht. (50) Eine Liebende stand in der Dämmerung da, als hätte eine Gottheit Besitz von ihr ergriffen. Sie starrte, blieb reglos und nahm nicht wahr, was man sagte. Mit ihrer ausgesandten Botin hatte sie auch ihr Bewusstsein fortgeschickt. (51) Eine Frau, einem blühenden Zweig gleich, konnte ihren Gefährten nicht vergessen und wartete auf sein Kommen. Ihre Gedanken wechselten wie Geburt und Tod. Sie trat hinaus und ging wieder hinein wie ein Blitz, der in einer dichten Wolke erscheint und verschwindet.
(52) Eine Frau drückte ihre bereiften Hände auf die heißen Wunden, welche die Pfeile des Liebesgottes in ihre hochgewölbten Brüste gepflügt hatten. Sie weinte, lachte, schilderte ihre Not und legte die Hände bittend zusammen: Eine andere sollte als Botin für sie gehen. (53) Muss man einer verständigen Freundin Verlangen und erlittene Not erst in Worten erklären? Eine Frau glühte innerlich, litt, wurde schwach und sank zur Seite. Dann blickte sie nur ihre Vertraute an. (54) Der Liebesgott muss in die Herzen der jungen Menschen eingedrungen sein und von dem Wein getrunken haben, den sie tranken. Denn dieser Schelm wurde mit jedem Augenblick dreimal trunkener als sie und freute sich an ihren Körpern. (55) Die jungen Männer mit kühlen duftenden Haaren und honigreichen Girlanden und die Frauen, die die Kunst der Liebe kannten, legten ihre Gewänder ab. Auch den klingenden Schmuck ihrer breiten Hüften entfernten sie. Wer laut wie eine Trommel verkündet, eignet sich nicht für ein sorgsam gehütetes Geheimnis.
(56) Goldenen Schmuck und äußere Gewänder abzulegen ist nur eine kleine Sache. Eine Schönstirnige legte auch die Scham in ihrem Inneren ab. Wie ein Weiser, der den schwer zu erfassenden vollständigen Verzicht erreicht hat, vermochte sie in der Liebe sogar sich selbst hinzugeben. (57) Ein Mann, schön wie der schwer zu bezwingende Liebesgott, und eine Frau, der Göttin auf dem Lotus gleich, kämpften auf dem Liebeslager. Keiner unterlag dem anderen; sie waren ebenbürtig, ihr Leben war eins und ihr Empfinden ebenfalls. Wer könnte da Sieger sein? (58) Eine Frau mit schwertgleichen Augen sah, wie ihr junger Gefährte seine breite girlandengeschmückte Brust mit der Blütenhand bedeckte. »Du schützt sie listig, damit mein Fuß nicht jene trifft, die dir als dein wahres Leben im Herzen wohnt!«, sagte sie und wurde noch zorniger als zuvor. (59) Eine zarte Frau mit milchsüßen Korallenlippen, vollen Brüsten, weichen Schultern und speergleichem Blick schenkte einem freigebigen Mann von regengleicher Hand solche Freude, dass sein Herz im Liebesmeer versank. Er fragte sich, ob sie wohl eine himmlische Tänzerin sei.
(60) Eine pfauengleiche Frau erinnerte sich an die falschen Worte ihres Gefährten und wollte zornig werden. In dem langen Kampf zwischen Zorn und Liebe errang schließlich die Liebe, die in ihrem Herzen wohnte, den Sieg. (61) Eine Frau mit tödlich scharfem Blick und schön umgürteten Hüften umarmte ihren Mann. Seine Brust war fest genug, einen Bogen zu zerbrechen. Dennoch sah sie auf seinen Rücken, als wollte sie prüfen, ob ihre Brüste ihn bei der engen Umarmung durchdrungen hätten. (62) Kumkum fiel herab, Girlanden lockerten sich, Muschelarmreifen klangen, und Gewänder glitten zur Seite. Die Fußringe erhoben ein lebhaftes Klingeln, während die jungen Männer die Schönheit ihrer Gefährtinnen genossen. (63) Das Licht der Liebe hatte den schmerzhaften Streit wie Tau vertrieben. Doch eine reichgeschmückte pfauengleiche Frau war noch beklommen. Sie stellte sich schlafend und umarmte ihren Mann unter dem Vorwand, dies geschehe im Traum.
(64) Eine Frau mit rundem, hellem Gesicht und ihr königlicher Geliebter umarmten sich so eng, dass sich ihre Körper vollkommen aneinanderfügten. Sie ließen nicht voneinander ab und bemerkten nicht den Tagesanbruch, weil sie keine Trennung ihrer vereinten Körper empfinden konnten. (65) Für die elefantengleichen starken Männer und die Frauen mit dem dunklen Haar verging die Nacht im Spiel der Liebe. Sie schwand dahin wie eine schmale Taille, die die Last der eng beieinanderstehenden vollen Brüste nicht tragen kann. (66) Der Mond schwand wie Reichtum, der Menschen zufällt, die den rechten Weg nicht bis zum Ende gehen. Die Sonne erschien wie der königliche Edelstein auf der Brust des höchsten Herrn, dessen Farbe dem dunklen Meer mit seinen weiten Wellen gleicht.
1.18 – Der Empfang
(1) Der König der Könige, unter dessen weißem Schirm das gerechte Zepter niemals von der Ordnung der seltenen Veden abwich, erreichte die Ganga. Sein Heer glich einem Meer: Aus den elefantenartigen Bergen mit geschmückten Gesichtern strömten Flüsse von Brunstsaft wie Wasserfälle zur Regenzeit. (2) Das wasserreiche Heeresmeer schöpfte und trank so viel Ganga-Wasser, dass der Fluss sich zurückzog und sein fester Sandgrund sichtbar wurde, fast bis hinab zur Welt der gespaltenzüngigen Nagas. Selbst das salzige Meer schien Lust bekommen zu haben, dieses klare Wasser zu trinken. (3) Von dort zog der Herr der weiten Erde weiter und näherte sich dem wasserreichen Mithila mit seinen großen Feldern. Nun wollen wir erzählen, was der mildherzige Janaka mit den säulenfesten diamantgleichen Schultern und dem Heer schneller Pferde tat. (4) Als er hörte, dass der König angekommen sei, wallte Freude in seinem Herzen auf. Umgeben von pfostenbrechenden Elefanten, Wagen und einem Meer gezäumter Pferde zog er dem an Herrlichkeit Indra gleichen Herrscher entgegen. Es schien, als gehe der Mond auf die Sonne zu.
(5) Das Heer des Königs vom Ganga-Land kam heran, als zögen alle Meere unter dem Klang ihrer Muscheln zusammen. Die reiche Stadt des Königs, der die Jungfrau großgezogen hatte, zog ihm entgegen wie das Milchmeer, das einst die Lotusgöttin hervorgebracht hatte. (6) Für Janakas Heer lässt sich nur dieses Bild finden: Alle sieben großen, von Makara bewohnten Meere erhoben sich zugleich über die Welt und verwandelten sich in unzählige Elefanten, Wagen, Pferde und Krieger. (7) Girlanden, weiße Schirme und Pfauenfächer mischten sich, bedeckten den Himmel und verdunkelten den Tag. Inmitten dieser Schatten erschienen überall rote und weiße lotusartige Formen. Das Heer glich einem großen Lotusgewässer. (8) Wo wohnte die Göttin des Glücks? In den Fahnen, im einzigartigen Schirm, auf der edlen Erde oder im meeresgleichen Heer? Auf der Brust des unermüdlichen Königs oder in seiner hohen Krone? Wir konnten den Aufenthaltsort der Lotusgöttin nicht unterscheiden, so gegenwärtig war sie überall.
(9) Das schöne Summen der Bienen im dunklen Haar der Frauen mit den umgürteten Brüsten war die Musik aller sieben Töne. Das Rasseln der Wagen glich dem Tosen weißer Wellen; der Donner der Wolken war vom Brüllen der mächtigen Elefanten nicht zu unterscheiden. (10) Der Staub breitete sich aus, als wollte er die umgebenden Meere zu Festland machen. Zu sagen, er erfülle alle sieben Welten, wäre zu wenig: Er drang sogar durch jene Öffnung hinaus, durch die der Fuß des Diskusträgers gegangen war, als dieser die Welt durchmaß. (11) Die dicht gedrängten hohen Königsschirme verbargen den Himmel. Wer könnte die Finsternis ihrer vereinten Schatten vertreiben? Der Schmuck aus Gold und kostbaren Edelsteinen vermochte es: Er warf Blitze, Regenbogen, Sonnenstrahlen und Mondlicht zugleich. (12) Auf dem ganzen Weg, auf dem der bogenkundige Janaka dem makellosen König der Könige entgegenkam, bestand der Staub nur aus ausgestreutem kühlem Duftpulver, feinem Goldstaub und dem weichen Blütenstaub herabfallender Blumen.
(13) Und der Schlamm bestand nur aus duftendem Honig, Parfüm, Kumkum, dichtem Aloeholzabrieb, Moschus, wohlriechenden Mischungen und roter Sandelpaste, vermengt mit den kräftigen Strömen des Elefantenbrunstsafts. (14) Schatten sah man nur als schöne Spiegelbilder der blumengeschmückten Frauen auf Gold und Edelsteinen und als Schatten der weißen Schirme, die zwischen siegreichen Fahnen und hohen Baldachinen standen. (15) Als Janakas von großer Freude erfülltes Heer auf das mächtige Heer des unvergleichlich starken Dasharatha traf, erhob sich ein unermessliches Brausen. Es glich dem Getöse eines Flusses, der in das wellenschlagende Meer mündet. (16) Von unaussprechlicher Liebe getrieben kam Janaka, dessen Elefanten ihre Pfosten bekämpften, auf einem Wagen schnell wie sein eigener Gedanke heran. Er trat vor den gütigen Herrscher, der allen Menschen der Welt wie ein Vater war.
(17) Janaka stieg von seinem prächtigen hohen Wagen, ließ sein starkes Heer zurück und ging voran. Dasharatha winkte ihm mit der Hand, zu ihm hinaufzusteigen. Janaka tat es sogleich. Der ältere König lächelte und schloss ihn herzlich in die Arme. (18) Nach der Umarmung erkundigte sich Dasharatha mit makelloser Aufmerksamkeit der Reihe nach nach Janakas großer Familie und seinen Angehörigen. »Lasst uns vorangehen«, sagte er. So zog der löwengleiche, alle überragende Herrscher erfreut weiter. (19) Während die beiden Könige so friedvoll dahinfuhren, machte sich aus der großen Stadt der Held auf, der nur sich selbst gleicht und wie Feuer strahlt: jener, der seine mächtigen Schultern erhoben und den langen goldenen Bogen zerbrochen hatte. (20) Rama, den Götter, Menschen und Nagas verehren, kam mit seinem jüngeren Bruder auf einem Wagen aus rotem Gold und reinen Edelsteinen. Krieger und starke Pferde begleiteten ihn aus Janakas Stadt hinaus.
(21) Wer könnte die Fülle von Elefantenbullen, Elefantenkühen, Wagen und Pferden zählen, die auf Janakas Befehl die beiden großen Prinzen begleiteten, als sie ihrem erhabenen Vater entgegengingen? Worte reichen dafür nicht aus. (22) Der junge Held, dessen Füße selbst die Götter verehren, näherte sich dem König. Seine Gestalt vereinte die dunklen Farben von Kavi, Kuvalai und duftender Kaya-Blüte und ließ jedes gemalte Bild verblassen. Er kam wie das einst entschwundene Leben, das nun zurückkehrt. (23) Während das Heer ihn verehrte, eilte Rama voran, beugte sich vor den schön geschmückten Füßen seines Vaters und erhob sich wieder. Der König umarmte ihn. Die breiten Bergschultern, die den einzigen gewaltigen Bogen zerbrochen hatten, verschwanden an der Brust dieses Manu gleichen Herrschers. (24) Dann trat der jüngere Prinz heran, verneigte sich vor den Füßen des Vaters und erhob sich. Der alle überragende König, dessen Ruhm den Himmel und die acht Richtungen erfüllt, drückte ihn fest an seine girlandengeschmückte Brust. Sein schwer zu vertreibender Kummer war nun ganz verschwunden.
(25) Danach verehrte der Held, dessen siegreiche Schultern den Bogen des Gottes mit den langen Haarflechten zerbrochen hatten, ebenso seine Mütter. Wer könnte die Freude ihrer Herzen beschreiben, als er wieder vor ihnen stand? (26) Bharatas tiefe Liebe strömte über, und helle Tränen flossen in langen Bahnen aus seinen Augen. Er verneigte sich und erhob sich. Rama zog ihn an die goldene Brust und umarmte ihn wie das eigene Leben, so wie sein Vater ihn eben umarmt hatte. (27) Lakshmana, der dem Dunkelfarbenen gefolgt war, und Shatrughna, der jüngere Bruder des in Liebe großen Bharata, verneigten sich nun ihrerseits. Die beiden unvergleichlichen jüngeren Prinzen berührten mit ihren duftend geschmückten Haaren die bereiften Füße der beiden älteren. (28) Die vier Prinzen, deren Lebenswandel den unvergleichlichen vier Veden glich, strahlten besonders hell. In ihnen setzte sich die Größe ihres Vaters fort, der die Rechtschaffenheit seines Zepters und die schützende Kühle seines Schirms als seinen wahren Reichtum ansah.
(29) Der König mit dem beispielhaft gerechten Zepter, dessen Güte alle Lebewesen an ihre eigene Mutter denken ließ, sagte zu Rama: »Führe all diesen hier versammelten Reichtum und dieses Heer vor uns her.« (30) War es Liebe? Wir wissen es kaum zu benennen. War die reine Freude der elefantengleichen Krieger klein oder groß? Als die girlandengeschmückten Prinzen zurückkehrten, war das ganze Heer in seinem Empfinden dem Vater gleich. (31) Rama erhob sich und bestieg einen Wagen von kaum darstellbarer Pracht. Seine liebevollen Brüder verehrten ihn und folgten an beiden Seiten auf tänzelnden Pferden, von ungetrübter Freude erfüllt. Muscheln und große Trommeln ertönten gemeinsam. (32) Aus den wolkenhohen Palästen kamen Gruppen puppengleicher Frauen mit baumwollweichen Füßen. Sie mischten sich unter die Menge, und ihre giftstarken Blicke fielen wie Blumenregen auf ihn. So erreichte Rama die große Straße im ummauerten Mithila.
(33) An beiden Seiten waren prächtige Hallen, fast alle Tanzbühnen. Dort schwangen die Armreifen, Girlanden lockerten sich, und die geschmückten Füße verkündeten die Lehre des Tanzes. Die hochgewölbten Brüste der Tänzerinnen übertrafen selbst die Stoßzähne zorniger Elefanten. (34) Frauen aller Lebensalter, vom jungen Mädchen bis zur reifen Frau, waren auf den Befehl des feindseligen Liebesgottes herbeigekommen. Nun wollen wir schildern, was diesen Frauen mit wolkendunklem schönem Haar auf der Straße widerfuhr, als sich der ursprüngliche Herr der Götter näherte.
1.19 – Ramas Zug durch die Stadt
(1) Wie Herden von Rehen, wie umherschreitende Pfauenschwärme, wie glänzende Fische oder dicht aufeinanderfolgende Blitze kamen die Frauen mit den blütenreichen Haaren herbei. Bienen summten, Fußringe klangen, und überall drängten sie sich mit lebhaftem Getöse zusammen. (2) Sie achteten nicht auf das sich lösende Haar, auf gerissene Hüftgürtel oder herabgleitende feine Gewänder. Auch die schwankenden Taillen hielten sie nicht zurück. »Zur Seite! Zur Seite!«, riefen die kostbar schönen Frauen und drängten sich wie honigtrinkende Bienen vor. (3) »Heute sehen wir mit eigenen Augen die Liebe selbst! Heute empfangen wir die Frucht unseres Frauseins!«, sagten sie. Sie glichen Rehherden, die in einer Zeit ausgetrockneter Erde und ausgebliebenen Regens endlich Trinkwasser finden und sich darauf stürzen. (4) Sie strömten wie klares Wasser in eine Vertiefung. Ihre großen Augen waren wie Fluten, auf denen dunkle Wasserblumen blühen. Unter dem Klang ihrer Fußringe, die zarten Blumen beiseiteschiebend und trotz schmerzender Taillen, liefen sie voran, als riefen sie: »Wir müssen unsere Herzen einholen, die uns zu ihm fortgerissen haben!«
(5) Sie wollten die Füße sehen, die Ahalya ihre lebendige, schöne Gestalt zurückgegeben hatten, und die breiten Bergschultern, die sich für Sita mit dem duftenden dunklen Haar zum Zerbrechen des Bogens erhoben hatten. Die Frauen, die sich auf die Straße ergossen, glichen Bienenscharen um Nektar. (6) Es schien, als fahre er mit seinem springenden Pferdewagen nur durch die Straße. Doch tatsächlich fuhr er durch die Augen der Frauen, die unbeweglich und ohne zu blinzeln schauten. So offenbarte der über alles Erhabene selbst den Sinn seines Namens Kannan: der in den Augen Gegenwärtige. (7) Während die Frauen klagten und bestürzt waren, weil sein Wagen immer weiterfuhr, hielt eine Frau ihn fest in ihren Augen. Seht ihre Größe: Jenen, der die Erde und den Himmel der Götter überschritten hatte, ließ sie die Grenze ihres eigenen Blicks nicht überschreiten. (8) Eine Frau stand da und verlor alles: Gewand, Armreifen, untadelige Schönheit, gute Haltung, makellos entfalteten Glanz, Gedanken, Bewusstsein, Strahlkraft, Diamantschmuck, Scham, Zurückhaltung und Selbstbeherrschung. Nur das Leben blieb ihr noch.
(9) Aus ihren fischgleichen Augen bei den Ohrringen fielen Tränen wie Hagel aus Wolken. Der körperlose Liebesgott schoss vom blattlosen Zuckerrohrbogen seine Pfeile. Eine Frau mit jungen, von unheilbaren unsichtbaren Wunden getroffenen Brüsten sank kraftlos und schwankte wie ihre eigene blitzschmale Taille. (10) Hatten die langen scharfen Augen der Frauen mit den weich gefärbten Fingern ihre Dunkelheit auf den Körper des Helden übertragen? Oder wurde der edelsteinfarbene Wolkengleiche dunkler, als die geschminkten Blicke über ihn glitten? Wir wissen es nicht. (11) Eine Frau mit der Farbe junger Mangoblätter und schöner Stirn sah den überall niedergehenden Blumenpfeilregen des Liebesgottes. »Wer ist dieser eine, der weder den Befehl des Königs achtet noch die Bogenkraft des Helden bedenkt und einfach auf geschmückte Frauen schießt?«, fragte sie. (12) Eine Frau stand da, als hätte ein kundiger Künstler die unaussprechliche Süße der Liebe selbst in eine Gestalt gefasst. Sie übertraf Gold an Schönheit. Aller Schmuck war von ihr geglitten; sie konnte sich kaum noch aufrecht halten und hielt doch noch ein einziges Gewand fest.
(13) Schweiß trat auf ihre Stirn unter den bogenförmigen Brauen, Liebesblässe breitete sich aus, und ihr Herz wurde schwach. Mit Augen, grausam wie siegreiche Todesspeere, sah sie nichts außer ihm. »Ist der edle Held ganz allein?«, fragte sie. (14) Eine Frau mit schwarzem Haar, rotem Mund und heller Stirn schmolz innerlich dahin. »Freundin, der listige Dieb ist in mein Herz gekommen. Damit er nicht wieder fortgeht, habe ich die Tore der Wahrnehmung, meine Augen, fest geschlossen. Lass uns zum Lager gehen«, sagte sie. (15) Eine wie kunstvoll geschaffene Frau bemerkte weder die Pfeile, die ihren göttinnengleichen Körper getroffen hatten, noch dass ihr Schmuck und Gewand sich lösten. Stattdessen blickte sie alle, die den makellosen Helden ansahen, so zornig an, als sprühten Funken aus ihren Augen. (16) Ihre langen Augen konnten sich freuen, weiten, bis zu den Wangen reichen, Geheimnisse bergen, offen umherblicken, erröten, blass werden und sich verdunkeln. Mit kühlem Herzen war diese speeräugige Frau gekommen, ihn zu sehen; mit brennendem Herzen kehrte sie in ihr Haus zurück.
(17) Dichtes dunkles Haar, schwere umgürtete Brüste und breite geschmückte Hüften versperrten einer großäugigen Frau den Blick. Sie konnte niemanden beiseiteschieben. Vom Verlangen nach seiner unermesslichen Schönheit getrieben, blickte sie durch die schmalen freien Räume zwischen den Taillen der anderen auf den Helden. (18) Auf der Straße gab es kaum noch freie Stellen. Überall lagen die Pfeile des Liebesgottes, die ihre Herzen durchdrungen hatten, zerdrückter Schmuck, mit Schweiß abgeflossene Sandelpaste, herabgefallene Gürtel, Perlen, Muschelarmreifen und Blumengirlanden aus gelöstem Haar. (19) Wer seine Schultern sah, sah nur die Schultern. Wer seine lotusgleichen, mit Reifen geschmückten Füße sah, sah nur die Füße. Wer seine breiten Hände sah, blieb ebenso daran gebunden. Welche dieser scharfäugigen Frauen sah seine ganze Gestalt? Sie glichen den Anhängern verschiedener Religionen, die jeweils eine Erscheinungsform des ewigen Einen erkennen. (20) Damit eine Frau mit kleiner Taille und langem Haar weiterleben konnte, zog er sich in ihr Herz zurück. Wer ist größer als dieser Herr, der die ganze Welt in seinem Leib bewahrt und sich dennoch in einem einzigen Herzen bergen lässt?
(21) Eine reichgeschmückte Frau mit schwerem, summendem Haar war wie eine schöne Blütenranke herangeschritten, während Fußringe und Gürtel klangen. Zurück ging sie auf den Händen ihrer klagenden Dienerinnen getragen. (22) Eine geschmückte Frau mit zarten knospengleichen Brüsten rief: »Mag dein Herz auch aus Eisen sein – du Heiliger hast für ein einziges Mädchen den Bergbogen zertrümmert. Zerbrich nun auch den Zuckerrohrbogen, nimm mich in deinen Dienst und beschütze mich!« (23) Eine Schönstirnige mit dunkel geschminkten Augen sagte: »Der heilige Held hat seinen einzigartigen Wagen verlassen und ist gekommen, um unmittelbar vor mir zu stehen. Ist dies ein Trugbild oder ein Traum?« (24) Eine Frau hatte keinen Boten außer ihrem eigenen Herzen. Ihr süßes Leben schwand. »Welche Askese hat Sita vollbracht, die blütengezeichnete Augen, goldene Ohrringe und geschmückte Brüste besitzt?«, fragte sie.
(25) Eine makellos puppengleiche Frau zitterte, weinte und seufzte heiß. Erschöpft legte sie vor ihrer liebevollen Freundin die Hände zusammen und fragte: »Könnte selbst der Liebesgott diesen Helden malen?« (26) Eine Frau mit schönem Mund und heller Stirn sagte: »Wenn man darüber nachdenkt: Könnte ein Mensch all diese Kennzeichen besitzen? Ich sage euch, er ist Kannan selbst. Ihr werdet es später noch erkennen.« (27) Goldene Fußringe und Armreifen glitten von einer Frau herab; sie welkte, und ihr Herz wurde weich. »Dass dieser Makellose in unsere Stadt gekommen ist, ist die Frucht der Askese, die Janaka einst geübt hat«, sagte sie. (28) Eine Frau mit schön geschmückten Hüften litt so sehr, dass ihre Schönheit sie verließ und Tränen in ihre Augen traten. »Wird er wenigstens im Traum einmal allein kommen, ohne die drängenden Weisen und vornehmen Könige?«, fragte sie.
(29) Eine goldene Ranke, anmutig wie ein Pfau im regennassen Hain, wollte die Liebe in ihrem Herzen verbergen. Der Liebesgott erkannte sie dennoch. Kann das Gesicht die Not ebenso verbergen wie das Herz? (30) Eine mondgesichtige Frau mit zwei langen Augen sank auf ein Blumenlager. Sie glich einer Schlange, die der Donner getroffen hatte. Die schönen Brüste glühten, ihr Bewusstsein versank, und sie stieß tiefe Atemzüge aus. (31) Die Frauen mit den nektarsüßen roten Ambal-Blütenlippen zitterten, und ihr Leben geriet in Unordnung. Sie hatten nicht einmal den kleinen Trost, den Sita mit der erschöpften schmalen Taille erhalten hatte. Wie sollten sie da überleben? (32) Eine Frau schwitzte, ihr Körper wurde schwach, und das Leben bebte in ihr. »Dieser Reine hat keine der sehnsüchtigen Frauen auch nur mit einem aufmerksamen Blick seiner roten Augen angesehen. Hat er denn kein Mitgefühl im Herzen?«, fragte sie.
(33) Unzählige Frauen füllten die Erde, und die Schönheit des Helden war grenzenlos. Was sollte der Liebesgott mit seinem glänzenden goldenen Bogen tun? Seine Pfeile gingen ihm aus, und er griff sogar an sein Schwert. (34) Nicht nur die Frauen mit den duftenden langen Haaren auf Erden wurden getroffen. Wir können den ganzen Kampf des Liebesgottes mit den Himmelsbewohnerinnen nicht beschreiben: Seine Pfeile drangen auch in die Brüste der Frauen des Himmels. (35) »Er geht einfach weiter, ohne eine der verwirrten, liebestrunkenen Frauen zu beachten. Er kennt offenbar nicht, was Mitgefühl heißt. Ist er etwa ein großer Weiser? Er ist ein grausamer Töter!«, klagte eine Frau. (36) Eine Frau mit heißen bemalten Brüsten und einer schmalen, sanduhrförmigen Taille wurde immer schwächer. Sie wusste nichts mehr von ihren Händen und ihrem Körper. Sie sank erschöpft hin, und die Umstehenden fragten: »Wird sie leben? Wird sie es überstehen?«
(37) Eine Frau mit sirupsüßer Sprache ging dem Wagen des Helden nach und kehrte wieder um, dann folgte sie erneut. Ihre Blumenfüße schmerzten. Wie eine Schaukel an einer Arekapalme bewegte sie sich hin und her. Was war das für ein Zustand? (38) Eine der von übergroßer Liebe verwirrten Frauen fragte eine andere: »Hast du auf jenem Weg vielleicht auch mein Herz gesehen?« Kann Scham noch bestehen, wenn das Verlangen so mächtig geworden ist? (39) Eine goldgleiche Frau sagte: »Seine Vorfahren gaben sogar ihr eigenes süßes Leben, damit Schutzsuchende weiterleben konnten. Woher hat er diese Härte, dass er uns nicht einmal unser eigenes Leben zurückgibt?« (40) Eine Schönstirnige, schon von seinem Namen überwältigt, sagte: »Wenn man es genau bedenkt, hat er den bewahrten Bogen allein durch seine erlernte Kunst zerbrochen. Liebe zu der Frau mit dem duftenden Haar und der reinen Sprache war wohl nicht der Grund.«
(41) Einer Frau mit gelöstem Haar glitten Kette, Gewand und aller Schmuck herab, und ihr Leben schwand. »Wer ist stärker als der Liebesgott, der mich sogar vor den Augen dieses schrecklichen Bogenschützen tötet?«, fragte sie. (42) Während die Frauen sich so um ihn drängten, gelangte der edle Held mit den Scharen bewaffneter Könige in die Halle, in der Vasishtha von makellosem Geist und Kaushika, der tief in die Veden eingedrungen war, Platz genommen hatten. (43) Der Herr der Glücksgöttin beugte sich wie eine sich herabsenkende Regenwolke. Seine große Edelsteinkette schwankte dabei wie ein Blitz. Der Reihe nach verehrte er die Füße beider Weisen. (44) Sie segneten ihn und baten ihn, Platz zu nehmen. Der in Ayodhya zum Schutz des Dharma Geborene bestieg einen reichgeschmückten Blumensitz. Seine Brüder standen schützend um ihn wie Schatten, und er strahlte in ihrer Mitte.
(45) Auch Dasharatha kam mit seinen Angehörigen in die große Edelsteinhalle. Er glich dem weißen Mond, der sein Licht über den Himmel ausbreitet, während ihm alle Sterne folgen. (46) Er verehrte die Füße der Asketen. Süße Blumen regneten auf ihn herab, und die Brahmanen sprachen Segensworte. Dann nahm er auf einem Thron Platz, dessen Herrlichkeit selbst Indra hätte beschämen können. (47) Es kamen die Herrscher der Ganga-, Kongu-, Kalinga- und Kulinga-Länder, die Könige Singhalas, die Chera und die südlichen Pandya, die Herrscher von Anga, die Kulinda, Avanti, Vanga, Malava, Chola und Maratha. (48) Es kamen die stolzen Magadha, Matsya und Mleccha, die tapferen Lata und Vidarbha, Chinesen, Tengana, Sencaka, Somaka, die Herrscher der Sonaka, die Turukka und die Kuru.
(49) Auch die bewaffneten Yadava, die starken Konkana, die Könige der Chedi, die Telugu und die Karnataka versammelten sich. Die Herrscher der ganzen vom uralten Himmel überspannten Erde kamen mit ihren leuchtenden hohen Kronen herbei. (50) Frauen, deren Sprache süßer als Zuckerrohr war, bewegten Yakschweifwedel zu seinen Seiten. Die hellen Wedel sahen aus wie blühende Triebe seines Ruhms, der immer höher wuchs. (51) Frauen mit dunklem welligem Haar, in dem Bienen aller Arten umherschwärmten, sangen Wünsche für ein langes Leben. Ihre Stimmen verbanden sich mit Flöten und zarter Yazh-Musik und erfüllten die Halle. (52) Der einzigartige weiße Schirm des Königs der furchterregenden Elefanten glich dem Mond. Es schien, als sei dieser gekommen, die große Hochzeit Sitas, der edlen Ranke seines eigenen Geschlechts, zu sehen, und breite sich vor Freude und Gnade immer weiter aus.
(53) Die großen meeresgleichen Heere standen so dicht beieinander, dass es nirgends einen Durchgang gab. Das ganze Land Janakas mit seinen kampfeslustigen Elefanten war zu einer einzigen prächtigen Stadt geworden. (54) Was bleibt noch zu sagen? Der Vater der Schönstirnigen gab freudig all seine Güter hin, um der überströmenden Liebe Ausdruck zu verleihen. Seine liebevolle Gastfreundschaft galt den Geringsten ebenso wie Rama selbst.
1.20 – Sita erscheint vor der Versammlung
(1) Der König saß glücklich auf einem Thron, der Indras Sitz glich, von den Königinnen umgeben, wie ein lebendig gewordenes Gemälde. Vasishtha blickte freundlich auf Janaka mit dem gerechten Zepter und dem makellosen weißen Schirm und sagte: »Lasst die Rehäugige herbeibringen.« (2) Janaka legte erfreut die Hände zusammen und befahl den geschmückten Dienerinnen: »Bringt die Königin unter den Frauen hierher!« Von grenzenloser Zuneigung getrieben eilten die Frauen mit der honigsüßen Sprache fort und übermittelten den Auftrag Sitas Dienerinnen. (3) Wie jemand, der die sich senkenden Lider für einen Schmuck der Augen hält, bemerkten die Dienerinnen nicht, dass die strahlenden Kleinodien Sitas Gestalt verdeckten. Sie wollten Nektar noch süßer machen und der Schönheit weitere Schönheit verleihen. Wie einfältig ist doch diese meerumwogte Welt! (4) Die dunkle Farbe Kannans schien Sitas Herz ganz erfüllt zu haben und aus ihrem Inneren in langen Strömen hervorgetreten zu sein: So sah die Fülle ihres dunklen Haares aus. Darin befestigten sie eine zarte Blumengirlande, wie den Mond, der zwischen Regenwolken erscheint.
(5) Sie legten den vorgeschriebenen Stirnschmuck an, dessen kleine Lichtstrahlen wie Sterne die Mondsichel umgaben. Die dichten dunklen Haarlocken ordneten sie seitlich, als umfasse eine Wolke den Mond, den sie selbst hervorgebracht hat. (6) »Ist der Held, der den schrecklichen Bogen des fluttragenden Gottes zerbrach, wirklich jener, der meine ganze weibliche Selbstbeherrschung an sich nahm und fortging, während mein Leben dahinsank? Ist er es oder nicht?« So schwankte ihr Herz. Sie legten ihr Ohrringe an, die wie diese innere Schaukel hin und her leuchteten. (7) Ihren Hals, der aussah, als habe die königliche Muschel darin Wohnung genommen, schmückten sie mit passenden makellosen Kleinodien. Doch wenn sie selbst der Schmuck aller glückverheißenden Frauenhälse ist, was könnte dann ihr als Schmuck dienen? (8) Wie soll ich die Perlenkette auf ihren geschmückten Brüsten beschreiben? Als sorgfältig gereihte Sterne? Als ein Stück der wachsenden, hell leuchtenden Mondsichel? Oder als kühles Mondlicht, das aus ihrem schamhaften Lächeln herabgeflossen ist?
(9) Ihre kleinen Füße verliehen selbst dem Lotus, den sie berührten, erst seine Röte. Der Glanz ihres nektargleichen Körpers umfing die weißen Perlen auf ihren Brüsten, sodass auch sie rot wurden. Werden nicht diejenigen, die sich mit edlen Menschen verbinden, selbst edel und strahlend? (10) Unter der Last ihrer hochgewölbten, kostbaren Schalen gleichenden Brüste schwankte ihre schmale Taille. Ihre geschmückten Schultern könnten nur einem Bambus gleichen, der auf wunderbare Weise mit blinkenden roten Edelsteinen und Perlen vollkommen zusammengewachsen wäre. (11) Janakis junge Lotushände hatten Askese geübt, um nach rechter Ordnung Ramas rote Hände berühren zu dürfen. Damit diese zarten Lotusblumen auch nachts nicht schließen müssten, legten die Dienerinnen ihnen flammende Edelsteinarmreifen an wie einen Ring jungen Sonnenlichts. (12) Auf die goldenen, edelsteingleichen Brustschalen der Frau mit dem feinen Haar malten sie mit Moschussandelpaste Ranken und den Bogen des Liebesgottes. Damit vermehrten sie die Last jener Taille, von der manche sagten, sie sei vorhanden, andere, sie sei nicht vorhanden – wie vom höchsten Sein, das auf verschiedenen Wegen betrachtet wird.
(13) Sie glätteten den feinen gefärbten Seidenstoff, legten den Hüftgürtel an und befestigten darunter weitere sternengleiche Schmuckreihen. Der Glanz der kostbaren Stücke ging in Sitas eigenem Licht auf und wirbelte darin. Die Dienerinnen konnten mit den Augen kaum mehr folgen. (14) Ihre Füße waren noch weicher als die überaus zarte Anicham-Blüte und von Natur aus rot, ohne aufgetragene Farbe. Die Fußringe lagen um diese roten Lotusblumen. Schienen sie mit jedem Klang wiederholt zu sagen: »Wie zart! Wie zart!«? (15) Ihre langen Augen sahen aus, als seien Gift und Nektar miteinander vermischt worden. Rotgezeichnete Linien durchzogen sie, und ohne Bosheit, List oder Täuschung weiteten sie sich wie Regenwolken. Ob ihre dunkle Farbe von der Schminke oder von der Farbe des Geliebten kam, vermochten wir nicht zu erkennen. (16) Sie setzten ihr ein Tilaka auf die Stirn. Es glich einem Stern inmitten einer jungen Mondsichel, die über einem Lotus mit zwei mächtigen Kuvalai-Blüten aufgegangen war. So schmückten sie jene, die selbst das höchste Stirnzeichen aller Frauen der Erde, der Naga-Welt und des Himmels ist.
(17) Kleine Blüten, zarte eingesteckte Blumen, Scheitelblüten und makellose Ohrblumen wurden reichlich angebracht, sodass sie wie ein leuchtender Trieb des Wunschbaums erschien. Dazu streuten sie Goldpuder, fein wie der Blütenstaub des Punnai, den viele Bienen umschwärmen. (18) Sie schwenkten eine mit Ghee genährte Lampe, streuten Wasser und Blumen, verehrten die Gottheiten und schenkten Vedenkennern reines Gold. Sie berührten ihre Stirn mit weißem Senf, führten verschiedenfarbige Speise schützend um sie herum, umschritten die pfauengleiche Frau und banden ihr ein Schutzband um. (19) Wie Bienen süßen Honig aus dem Lotus trinken, tranken die Frauen die Schönheit jener, die allen Papageien erst die Kunst süßer Worte geschenkt hat. Ihre eigenen Worte gerieten durcheinander, und sie verloren die Fassung. Ist das Herz von Männern und Frauen nicht im Grunde dasselbe? (20) Die Frauen mit wolkenreichem Haar blickten auf die geschmückte Sita wie auf einen Vollmond und standen trunken vor Freude da. Schon jede einzelne Schönheit einer rehblickenden Frau kann Verlangen wecken. Wer könnte standhalten, wenn alle Schönheiten zugleich in einer Gestalt erscheinen?
(21) Sie trug Muschelreifen an den Händen, hatte den Lotus als Wohnstätte und erschien zugleich in vielen Herzen, als wäre sie in jedes einzeln eingezeichnet. Auch in diesen Eigenschaften glich die in Treue Arundhati gleiche Jungfrau ihrem Herrn. Was sollten wir noch darüber sagen? (22) Breite Hüftgürtel, feine Fußketten, schlangenkopfartige Fußreifen, Bienen und Glöckchen erklangen gemeinsam. Frauen von unermesslich süßer Sprache umgaben sie wie die himmlischen Tänzerinnen, die unter Indras Herrschaft stehen. (23) Kleinwüchsige, bucklige und andere Bedienstete und Scharen von Dienerinnen kamen, verneigten sich vor ihren Füßen und schlossen sich an. Unter einem edelsteinbesetzten Baldachin begann die Jungfrau zu schreiten, wie eine niemals erlöschende Lampe oder wie der junge Mond inmitten der Sterne. (24) Der Glanz ihrer kostbaren Edelsteine breitete sich vor ihren Füßen aus. Es war, als fürchte die Erdgöttin, die diese zarte Ranke geboren hatte, der Boden könne ihre weichen Füße verletzen, und habe deshalb überall junge Blätter und Blumen ausgestreut.
(25) Weiße Yakschweifwedel stiegen und sanken ringsum wie stolze Schwäne, die ihrem verehrungswürdigen sanften Gang unterlegen waren und erschöpft niederfielen. Ein Pfauenfächer spendete Schatten. Sie selbst kam wie ein glänzender Pfau heran. (26) Sie schritt unter einem Baldachin dahin, der wie die Sonne wirkte, die vom Himmel herabgekommen war. Der Ahnherr des Geschlechts ihres Geliebten schien selbst die Schönheit dieser Jungfrau sehen zu wollen, die unter den Frauen aller Welten so kostbar war wie der Augenstern. (27) Goldene Fransen, dicht angeordnete Schmuckreihen und Edelsteine drängten sich um sie. Regenbogenfarben glitten darüber, helle Strahlen stiegen auf, und der Schmuck ihres Körpers blitzte. Ihre kleine Taille schwankte, als sie die leuchtenden zarten Füße vorwärtssetzte. (28) Der Glanz des Goldes, der Duft der Blumen, die Kühle der Sandelpaste und das Leuchten eines Blitzes glichen ihrer Erscheinung. Schwäne, Himmelsfrauen und selbst köstlicher Nektar mussten vor ihr zurückstehen. So betrat sie die Edelsteinhalle der königlichen Versammlung.
(29) Die Veden selbst könnten sagen, dass niemand diese reine Gestalt geschaffen habe. Männer und Frauen mit bambusgleichen Armen sahen die Jungfrau mit den vollen Brüsten an. Sie blinzelten nicht, atmeten kaum und standen da wie gemalt. (30) Der Meerfarbene hatte noch gezweifelt, ob sie die damals Gesehene sei. Nun stand dieser junge Nektar vor ihm. Er glich Indra, der um des Fortbestands seines Lebens willen lange gearbeitet hat und beim Aufsteigen des süßen Nektars voller Freude ist. (31) »Diese Kuckucksgleiche mit den roten Lippen, aus denen reifer süßer Nektar fließt, ist wie die Frucht des Dharma und führt zur höchsten Erfüllung. Gibt es sie also nicht nur in meinen Gedanken, sondern auch draußen in der Welt?«, fragte Rama in seinem Herzen. (32) Vasishtha freute sich: »Durch unsere Askese ist der einzigartige Urgrund mit Muschel und Diskus unter dem Namen Rama gekommen. Wenn jener der Herr ist, dann ist diese die Göttin, die auf der Lotusblüte wohnt.«
(33) Dasharatha betrachtete die Schönheit der reich geschmückten Sita. Er, dessen Zepter und Herrschaftsrad die Welt durchmaßen, dachte: »Obwohl ich seit langem die Herrschaft über die sieben Welten besitze, habe ich erst heute die wahre Glücksgöttin gewonnen.« (34) Als die Frau mit der melodischen Sprache herankam, hoben die Anwesenden, abgesehen von dem Herrn, der die Welt verschlungen hatte, und den großen Asketen, die Hände über die Köpfe. In ihren Herzen erkannten sie eine Gottheit. Folgt der Körper nicht dem Gedanken? (35) Sie verehrte zuerst den großen Weisen und dann die Lotusfüße des erhabenen Königs. Darauf setzte sie sich auf den eigens bereitgestellten Sitz neben ihrem Vater, dessen Augen vor Freude feucht waren. Es war die Göttin selbst, die den Lotus verlassen hatte und in das goldene Königshaus eingezogen war. (36) Kaushika, der Sita von Anfang an für das vollkommene Urbild gehalten hatte, dachte: »Wenn Rama, stark und von der Gestalt eines grünen Berges, diese Frau mit den scharfen, giftmächtigen Blütenaugen gewinnen sollte, hätte er dann nicht auch sieben Berge zerbrochen? Was bedeutet dagegen dieser Bogen?«
(37) Obwohl man ihr das Spannen und Zerbrechen des Bogens berichtet hatte, wollte Sita ihren ersten Zweifel durch unmittelbare Gewissheit lösen. Unter dem Vorwand, ihren Armreif zu richten, sah sie den Herrn aus den Augenwinkeln. Sie erkannte ihn nun nicht nur als inneres Bild, sondern auch leibhaftig vor sich. (38) Der Lichtstrom aus ihren langen, dunkel gesäumten Augen mündete in das große Meer Ramas. Die kostbare Königin unter den Göttinnen erhielt ihr Leben zurück und atmete frei. Ihr Körper blühte auf, als hätte sie allen köstlichen Nektar auf einmal getrunken. (39) Als sie erkannte, dass der Bogenbrecher derselbe Dieb war, der im Herzen der schwerohrringgeschmückten Frau wohnte, vergaß sie ihren Kummer. Sie glich einem Menschen, dessen quälende Unwissenheit durch Erkenntnis endet und der die volle Frucht vollendeten Wissens erreicht. (40) Dasharatha, der Herr der Könige mit ihren hohen Kampfelefanten, fragte Kaushika, den bis ans Ufer aller Gelehrsamkeit gelangten Weisen: »Erhabener, welcher Tag ist von grenzenlos gutem Vorzeichen für die Hochzeit dieser rankenschlanken Jungfrau? Sage es uns.«
(41) »Herr des reichen Ackerlandes, wo Fische springen, Kayal in die Teiche tauchen und starke Varal-Fische so hoch schnellen, dass sich die Blütenscheiden öffnen, während andere den Rücken badender Büffel berühren: Morgen ist der Tag«, antwortete der große Asket. (42) Mit Erlaubnis der guten Weisen brach Dasharatha auf. Die Könige erhoben sich und verehrten ihn; seine einzigartige rechtsgewundene Muschel ertönte, und die breite goldene Krone verbreitete junges Sonnenlicht. Er begab sich in seine schöne Unterkunft. (43) Sita, die Schwanengleiche, trennte sich nur mühsam von Rama. Auch der Herr ging fort und betrat den hohen goldenen Palast. Die edelsteingeschmückten Könige und die großen Asketen entfernten sich. Die blitzend strahlende Sonne verschwand am Meru.
1.21 – Die Hochzeit
(1) Janaka, dessen Ruhm weithin reichte, bewirtete alle liebevoll: die Könige mit den brünstigen Elefanten ebenso wie die jungen Brüder mit ihren breiten Schultern. Alle fühlten sich, als hätten sie noch mit ihrem leiblichen Körper die Stadt des Himmels erreicht. (2) Wer von großem Durst gequält wird, einen schönen Teich erreicht und doch keinen Weg zum Wasser findet, wird umso erschöpfter und verzagter. Ebenso erging es der kuckucksgleichen Sita mit den goldenen Armreifen. (3) »Nacht, du Grausame, willst du nicht endlich hell werden? Gibt es jemanden, der einem völlig Kraftlosen selbst das Leben verweigert und es vor ihm verbirgt? Sobald die Sonne kommt, kommt auch mein Herr. Nacht, werde endlich Tag!« (4) »Mein Herz, du bist den Füßen jener dunklen Sonne gefolgt. Wenn er kommt, wirst du neben ihm zurückkehren. Lange wirst du dann ungetrennt bei ihm sein. Gibt es denn jemanden, der nicht einmal einen einzigen Tag ertragen kann?«
(5) »Du Anril, der du auf der Palme wohnst und niemals allein fliegst, du ohne Mitgefühl! Wenn diese finstere Zeit, den sieben tosenden Meeren gleich, wegen meiner eigenen schlimmen Taten kein Ende nimmt, willst du dann noch Schuld auf dich laden und mich mit deinem Ruf quälen?« (6) »Mondlicht, du breitest dich aus wie heißer Sonnenschein; deine Strahlen sind Speerspitzen, die Feuer speien. Sage mir: Gibt es jemanden, der das Leben von Schuldlosen nehmen will, deren Körper schon vor Leid dahinschwinden?« (7) »Südwind, du Tiger aus der großen Höhle des Malaya-Berges! Dein feuriger Rachen trägt kühle Hochzeitsdüfte, dein mondhelles Gebiss blitzt. Bist du nun auf der Suche nach Beute?« (8) »Jener Held, der durch die Straße ging, verlässt mich zu keiner Tageszeit. Was bedeutet das? Kommen edle Könige, deren Gestalt dunklen großen Wolken gleicht, denn einfach zu unverheirateten Mädchen?«
(9) »Ist diese Dunkelheit eine undurchschaubare Tatfolge, der starke Arm eines bösen Feindes oder grenzenloses Verlangen auf einem erbarmungslosen Weg? Ist sie ein schwarzes Meer, dessen Ufer man nicht findet? Wie viele Weltzeitalter dauert sie schon?« (10) »Die Musik hört nicht auf, der Tag kommt nicht. Meine Gedanken enden nicht, die Nacht wird nicht hell. Der innere Schmerz weicht nicht, das Leben geht nicht fort, und meine Augen schlafen nicht. Ist dies die rechte Ordnung?« (11) »Meer, deine Muscheln lösen sich, du erhebst dich und sinkst wieder. Fürchtest auch du die Pfeile des mächtigen Liebesgottes? Dein Körper kommt nie zur Ruhe, und du schläfst an keinem Tag. Sage mir: Bist auch du eine Jungfrau?« (12) So sprach sie und litt, bis Kummer ihre Schönheit erschöpfte. Nun wollen wir sagen, was der makellose Held während der anhaltenden Dunkelheit in seiner Unterkunft dachte.
(13) »Als ich sie zuerst sah, erwachte eine Sehnsucht ohne Ende. Mit meinen beiden Augen zeichnete ich sie in mein Herz. Doch auch nachdem ich sie wieder gesehen habe, habe ich die Grenze ihrer Schönheit nicht erreicht. Wer nur einen Blitz sieht, wie könnte er dessen ganzes Wesen erkennen?« (14) »Gesicht der Göttinnengleichen! Du Ursprung meines Lebens, du Freude, du Nahrung für den wachsenden Samen der Liebe! Mond, was hast du getan? Willst du dich mit mir Einsamem nicht verbinden?« (15) »Die Dunkelheit wächst unablässig, so weit wie die Augen jener Schönen, die mein Leben bedrängt haben. Sie nimmt zu wie die Schande eines Mannes, der aus Furcht seinen Herrn im vernichtenden Kampf fallen ließ.« (16) »Mein Herz, denkst du nicht einmal an mich? Ist der Weg so lang? Hast du bei ihr, die nicht nach mir fragt, keinen Abschied erlangt? Du bist mit der Waldrehgleichen fortgegangen. Hast auch du mich vergessen?«
(17) »Früher sagte man, das stärkste Gift sitze in den Zähnen der leuchtenden Schlange, deren Blick Feuer speit. Doch nun weiß ich: Es liegt im zarten Blick jener, die immer in meinen Augen und in meinem Herzen wohnt.« (17 [zweite Versposition der Quelle, Gesamtzahl 1262]) »Obwohl kunstvoll erbaute Paläste und weite Haine überall vorhanden sind, ist ausgerechnet mein Herz zum Spielplatz der Jungfrauen mit dem weichen Haar und den scheinbar steinernen Herzen geworden.« (19) Während der Herr der Götter so nachsann, ließ Janaka auf einem Elefanten die festliche Befehlstrommel schlagen: »Morgen wird die Frau mit dem honigduftenden Haar heiraten. Schmückt die Stadt mit Blumen, Edelsteinen und Wohlgerüchen!« (20) Beim Trommelschlag eilten angesehene Alte, junge Menschen und Frauen mit duftendem Haar gemeinsam herbei. Mit ihren Angehörigen machten sie sich voller Freude an die Arbeit. Endlich erreichten sie das Ende jener Nacht, deren Ufer kaum sichtbar gewesen war.
(21) Als feststand, dass der Dunkelfarbene und die Lotusbewohnerin sich in einer unauflöslichen Ehe vereinen würden, zerriss die Sonne mit roten Strahlen die Finsternis. Sie kam auf ihrem Wagen, als wolle sie den Hochzeitsschmuck ihres jungen Nachkommen sehen. (22) Man richtete Festbögen auf, umhüllte Säulen, bekleidete die überall aufgestellten gefüllten Glücksgefäße mit schönen Tüchern und schmückte die wolkenhohen Paläste mit strahlenden Edelsteinen. Andere bereiteten den Vedenkundigen nektargleiche Speisen. (23) Schwanengleich gehende Frauen und stiergleiche junge Männer pflanzten Bananenstauden und Arekapalmen in der schönen Stadt. Man wählte große, kostbare Perlen aus und legte Gold- und Edelsteinschmuck an. (24) Man besprengte die Straßen mit Sandel- und Aloeholzduft und streute prächtige Blumen aus. An den mit feurigen Edelsteinen besetzten Häusern, vor denen selbst Indras Regenbogen verblasste, befestigte man unbezahlbare Ketten und Girlanden.
(25) Auf hohen kristallenen Vorplätzen stellte man Lampen mit edelsteinbesetzten Füßen und Gefäße voller kühler junger Keimlinge in Reihen auf. Goldene Ränder glänzten; die Flächen verbreiteten zugleich Sonnen- und Mondlicht. (26) Vor den mandarahohen Edelsteinpalästen spannte man Laubendächer mit unzähligen leuchtenden Perlen auf. Ihr breiter Glanz glich dem sternblühenden Himmel Indras, während ihr Schatten die Hitze der Sonne fernhielt. (27) Dienerinnen brachten makellos leuchtende Lampen zu smaragdenen Altären, deren Diamanten wie Blitze strahlten. Auf den mondhohen Mauern stellte man dicht goldene Fahnen auf und entzündete Aloeholz. (28) Wagen kamen mit kühlen duftenden Blumen. Andere brachten Laub aus den Hainen und viele Früchte. Frauen tanzten den Kuravai, ihre Ohrringe strahlten; die Stirnplatten der wohlgenährten brünstigen Elefanten wurden geschmückt.
(29) Man bereitete duftende Salben, wählte schöne Gewänder, schmückte das Haar mit Blumen und setzte vor dem Edelsteinspiegel ein Tilaka auf das Mondgesicht. Haarornamente und Schmuck, der die roten Blütenlippen hervorhob, wurden sorgfältig angelegt. (30) Was den pfauengleichen Frauen beim Schmücken oder im Liebesstreit entfallen war – Edelsteine, Münzen und Muschelreifen –, fegte man zusammen mit korallenrotem Duftpuder und Blütenstaub fort, als sei alles bloßer Abfall. (31) Könige trafen ein, Brahmanen versammelten sich, andere genossen den süßen Klang kostbarer Yazh-Instrumente. Barden und Dienerinnen gingen umher. Kundige prüften anhand der Wasseruhr die im Hochzeitsbrief bestimmte Stunde. (32) Tänzerinnen und Kenner vieler Künste kamen zusammen. Beim Ruf »Verneigt euch!« beugten sich die Könige am Palasttor so dicht, dass ihre hohen Kronen aneinanderstießen. Gold und Edelsteine fielen herab und häuften sich wie kleine Berge.
(33) Männer gingen mit sonnenhellen Schilden und mondglänzenden scharfen Speeren umher wie hochstoßzahnige himmlische Elefanten. Frauen führten freudige Tänze auf; andere raubten mit ihrem Lächeln die Herzen. (34) Die Edelsteine strahlten einander mit solchem Glanz entgegen, dass die Gegenstände nicht mehr klar zu unterscheiden waren. Junge Männer und Frauen mit honigduftendem Haar wussten kaum, welches der hohen ummauerten Häuser dieses oder jenes war, und gingen suchend umher. (35) Die Gäste kamen auf Wagen, in Sänften und auf verschiedenen Reittieren, auf wolkengleichen Elefanten mit Reihen heller Stirnjuwelen, auf Elefantenkühen, zu Fuß und in Last- und Reisewagen. (36) Manche legten Perlenschmuck an und verwarfen dafür Edelsteine. Andere freuten sich an vielen Reihen roten Goldes, schmückten das lockige Haar mit kunstvoll gefügten Girlanden oder trugen rote Stoffe voller schöner Muster.
(37) Es kamen Frauen mit giftmächtigen Blicken und nektargleichen Worten, roten Wasserblütenlippen und leuchtendem Lächeln, großen Brüsten und schmalen Taillen. Ihre Schritte glichen denen von Vogelpaaren oder anmutigen Elefantenkühen. (38) Dass alle Arten von Reichtum an einem Ort in solcher Fülle zusammenkommen, ist weder leicht zu sehen noch sich vorzustellen. Dieser Hochzeitstag glich dem Fest, an dem Indra im strahlenden Himmel gekrönt wird. (39) Die Hochzeitshalle war kaum zu überblicken, mit Gold gedeckt, aus Edelsteinen errichtet und hoch wie ein Berg. Dort sollte die Hochzeit der reichbereiften Jungfrau vollzogen werden. Der König der Könige näherte sich ihr. (40) Der weiße Schirm verbreitete junges Mondlicht, Edelsteine warfen blendende Strahlen wie Blitze, Bienen sangen in süßen Tönen, und der Staub der tänzelnden Pferde verhüllte den Himmel. So zog er dahin.
(41) Glückverheißende Trommeln donnerten wie Wolken, Muscheln dröhnten, und Trompeten klangen wie vor einer Schlacht. Die vier Veden aus dem Mund der Brahmanen rauschten wie das große Meer bei Nacht. (42) Die Könige mit ihren Herrschaftsrädern verehrten Dasharatha immer wieder und begleiteten ihn zwischen geordneten Reihen von Wagen, Elefanten und springenden Pferden. Sie glichen den Göttern um Indra. (43) Dasharatha erreichte die Halle und erschien auf einem prächtigen Sitz aus Gold und Edelsteinen. Die Weisen und Könige nahmen der Ordnung gemäß Platz. Auch Janaka kam, von seinen Angehörigen umgeben. (44) Könige, Asketen, Himmelsbewohner und göttinnengleiche Frauen mit sanftem Schwanengang drängten sich in der unvergleichlichen Halle. Sie glich dem goldenen Berg, um den die Himmelslichter kreisen.
(45) Wolken, Blitze, unvergleichliche Sterne, edle Steinarten und die beiden großen Lichter schienen darin vorhanden zu sein. Die von Maya und anderen Meistern errichtete Edelsteinhalle glich dem Weltenei, das Brahma geschaffen hat. (46) Alle großen Asketen, göttlichen Herren, Himmelsbewohner und anderen Gäste fanden darin Platz. Darum glich die Halle dem edelsteingeschmückten Leib dessen, der Erde und Himmel in seinen Mund nahm und verschlang. (47) Muss man noch sagen, dass alle Welten von der Erde an sich dort versammelten und zusammenströmten? Nun wollen wir von Raghava erzählen, der das Schlangenlager verlassen hatte und nach Ayodhya gekommen war. (48) Nach überlieferter Ordnung nahm er das glückverheißende rituelle Bad. Man verwendete Wasser aus den sieben muschelreichen Meeren und aus den vedisch geheiligten Gewässern, allen voran die Ganga.
(49) Er legte selbst sein heiliges Zeichen an: jenes Zeichen, das bei Brahma und allen übrigen Wesen die große Finsternis vertreibt und sie auf dem langen Weg zum Ziel führt, von dem es keine Rückkehr gibt. (50) Er verehrte die Füße des ursprünglichen herrlichen Lichts, das die Angehörigen seines Geschlechts in makelloser Askese anbeten. Nach vedischer Vorschrift übergab er den Brahmanen auch junge Frauen mit langen, fischgleichen Augen. (51) Um unvergängliche Askese und Dharma zu fördern, hatte die unaufhörliche Barmherzigkeit selbst diese schöne Gestalt angenommen. Die aufgetragene duftende Salbe lag darauf wie Mondlicht, das eine dunkle Wolke umarmt. (52) Er trug den Kopfschmuck, um den rote Goldgirlanden und Anhänger schwangen. Es war, als hätte das aufgewühlte dunkle Meer den glückverheißenden vollen Mond hervorgebracht.
(53) Die beiden makellosen Ohrringe glichen Sonne und Mond. Diese hatten Sitas Liebe bei Tag und Nacht beobachtet und schienen nun als Boten an seine Ohren gekommen zu sein, um ihm ihre Gedanken zu berichten. (54) Das Heldenstirnband und das Tilaka leuchteten, als hätte er alle strahlenden Gestirne aufgesetzt, weil der axttragende Gott mit dem giftverdunkelten Hals in seinem langen Haar bereits eine einzelne Mondsichel trägt. (55) Die hellen Perlenketten schmückten seinen leuchtenden, muschelgleichen Hals. Sie wirkten, als sei das Lächeln der Frau mit dem dichten dunklen Haar in ihn eingedrungen, habe ihn ganz erfüllt und sei dann nach außen hervorgebrochen. (56) Die Schulterspangen trugen Reihen von Diamanten, die wie Funken sprühten, und unendlich strahlende Edelsteine, die wie Feuer erschienen. So glichen sie der Schlange, die sich einst um den Mandara-Berg gewunden hatte.
(57) Die großen gereihten Perlenketten glänzten zwischen seinen schützenden breiten Armen. Sie schienen für alle sichtbar das Zeichen zu setzen: »Ich bin der Ursprung der drei Welten.« (58) An seinen schönen großen Händen leuchteten prächtige goldene Edelsteinarmreifen. Es war, als hätte der Wunschbaum diese Kostbarkeiten an seinen Zweigen hervorgebracht, um die Bitten aller Herantretenden zu erfüllen. (59) Auf der Brust, an der die honiglotusbewohnende Göttin sich erfreut, glänzte eine kostbare Kette aus vielerlei Edelsteinen. Sie glich dem Regenbogen an einer leuchtenden Wolke zwischen den Sternen. (60) Das Obergewand leuchtete heller als die Erkenntnis der Weisen, die sich dem Höchsten nähern und sich darin erheben. Auf seiner Brust erschien es wie der Strahl eines Edelsteins, den die unermessliche Barmherzigkeit ihm um den Hals gelegt hatte.
(61) Die heilige Schnur strahlte auf seiner Brust wie ein schwer zu erreichendes Licht. Sie schien allen zu verkünden: »Erkennt es klar: Er selbst ist die ursprüngliche Dreiheit, deren Wesen selbst Götter und Weise nicht vollständig unterscheiden können.« (62) Das Bauchband verbreitete ringsum hohen Goldglanz; in seiner Mitte strahlte ein einzelner großer Edelstein. Es glich einer aufgeblühten goldenen Lotusblüte, aus der ein weiteres Weltenei und ein weiterer Brahma aufsteigen könnten. (63) Er legte strahlend weiße Seide an. Sie glich dem kühlen Milchmeer, das das dunkle Meer umarmt, in dem die schönsten Edelsteine der Erde glänzen. (64) Mit einem schönen goldenen Gürtel, in dem wassergeborene Perlen und blaue Edelsteine schimmerten, befestigte er das Schwert. Es glich der Sonne, die um den hohen goldenen Berg ihre Bahn zieht.
(65) Leuchtende Perlenreihen und der Glanz des breiten Schmuckgürtels umgaben ihn. Die herabhängenden Quasten erschienen wie die jungen lächelnden Sonnenstrahlen seines prächtigen Schwertes. (66) Kostbare Schmuckstücke und makellos gearbeitete Kimpuri-Verzierungen glänzten. Ihre weißen Zähne strahlten wie Mondlicht; die hellen Makara-Gesichter schienen mit ihrem Leuchten alle Richtungen auszumessen. (67) Fein gearbeitete klingende Fußringe und starke Heldenreifen umfassten seine kühlen Lotusfüße. Es war, als hielte jeder sie einzeln zurück und fragte: »Wohin willst du jetzt noch gehen, um wieder die Welt auszumessen?« (68) So nahm er vor allen Göttern einen Schmuck an, der nur ihm selbst vergleichbar war. Durch ihre Askese war er aus dem Schlaf auf seinem Lager erwacht, das von den Edelsteinen der Schlangenhäupter wie von Lampen erleuchtet wird.
(69) Kann man seine Pracht beschreiben? Er ist der Ursprung innerhalb der drei höchsten Gestalten, die Wurzel, die Seligkeit, welche die von der irdischen Last Befreiten erlangen, der Vater und der Nektar aus dem Wasser. Ihm ist nur er selbst vergleichbar. (70) Er schenkte den Guten viele Zehntausende Kühe, reines Gold, grenzenloses Land und vielerlei Edelsteine. Unter den Segensworten der reichen Kenner der vier Veden bestieg er seinen Wagen. (71) Der Wagen hatte eine Achse aus massivem Gold, silberne Räder und einen diamantfesten Aufbau. Ringsum strahlten die neun Edelsteinarten. Er glich dem leuchtenden Wagen der Sonne mit ihrem einzigen Rad. (72) Vier Pferde waren nebeneinander in vollkommener Einheit angespannt. Ihre Eigenschaften entsprachen den Lehrbüchern, ihre Kraft war kaum zu ermessen. Sie glichen den vier großen Lebenszielen, beginnend mit Dharma.
(73) Bharata mit den feuchten Blütenaugen führte den Wagenstab wie Aruna am Sonnenwagen. Der jüngere Bruder mit dem gebogenen Bogen stand hinten; der andere bewegte den schönen goldenen Yakschweifwedel. So zog Rama dahin. (73 [zweite Versposition der Quelle, Gesamtzahl 1318]) Lag es an der Schönheit seiner unvergleichlichen Gestalt oder an der gesammelten Hingabe der Herzen? Wir wissen es nicht sicher. Jedenfalls wurden auch die Menschen hier zu Göttern: Wie diese blickten sie, ohne zu blinzeln. (75) Die versammelten Götter dachten: »Nun ist das Ende der Rakshasa-Geschlechter gekommen, die unaufhörlich die grenzenlosen Welten bedrängen.« Mit den Scharen himmlischer Tänzerinnen begannen sie freudig zu tanzen. (76) Die Frauen der prächtigen Stadt ließen Blumen regnen, streuten Duftstaub, warfen glänzende Münzen, Gold und Stoffe aus. Waren sie voller Hingabe, oder tranken sie seine Schönheit? Ihr Tun ließ sich kaum voneinander unterscheiden.
(77) Beim Anblick des Freigebigen löste sich der kostbare Schmuck von ihren Körpern. Sie standen da wie Menschen, die erst all ihren Besitz verschenkt haben und nun sagen: »Nehmt im Übermaß auch noch das, was wir am Leib tragen!« (78) Umgeben vom Meer der bewaffneten Könige aller Welten und von Elefantenscharen fuhr der mächtige Bogenschütze zur Halle, in der sein Vater saß. Er glich dem roten Sonnengott, der den großen Meru erreicht. (79) Er stieg vom Wagen. Bharata und der jüngere Bruder stützten liebevoll rechts und links seine Hände. Der segenspendende Held mit der frischen Girlande verehrte die makellosen großen Asketen und die Füße seines wahrhaftigen, der Gerechtigkeit verpflichteten Vaters. Dann setzte er sich nahe bei ihm. (80) Sita betrat die Halle wie ein goldener Zweig, der Bogen, Fische, Schwerter und Mond trägt und an dem die Brüste als Knospen aufblühen. Sie schien die Göttin zu sein, die zuerst aus dem wogenden Meer, dann aus der Erde und nun erneut aus einem Berg emporstieg.
(81) Die dankbaren Götter sahen das Paar und sagten: »Heute ist ihre Schönheit noch größer als an jenem Tag, als die Frau mit der duftenden Girlande aus dem aufgewühlten dunklen Meer erschien und dem hier sitzenden Herrn den Kranz umlegte.« (82) Wenn alles Schöne in der meerumgebenen Menschenwelt, im Himmel und bei den Nagas nur ein Ausdruck ihrer Schönheit ist, wie könnte ich mit meiner begrenzten Erkenntnis die überreiche Herrlichkeit ihrer Hochzeit in Worten wiedergeben? (83) Indra kam mit Shachi. Der Herr mit der jungen Mondsichel im Haar kam mit seiner Gemahlin. Der Lotusgeborene erschien mit der Göttin der Sprache im Luftraum, um die Schönheit dieses Festes zu sehen. (84) Vasishtha kam mit allen makellosen Geräten, die für das altehrwürdige Opfer nötig waren. Ihn umgaben Brahmanen mit der heiligen Schnur auf der Brust, so zahlreich wie ein kaum durchquerbares Meer.
(85) Er bereitete den Opferplatz, legte Darbha-Gras aus, zeichnete nach der Vorschrift das Mandala, streute zarte Blumen und entzündete das Feuer. Alles vollzog er unter Lobpreis gemäß der alten vedischen Ordnung. (86) Der siegreiche große Held und seine geliebte schwanengleiche Gefährtin bestiegen den Hochzeitssitz und setzten sich. Sie glichen Bhoga und Yoga, weltlicher Freude und geistiger Sammlung, die in vollkommener Einheit zusammengekommen waren. (87) Janaka trat vor den Prinzen und goss kühles reines Wasser in dessen breite Lotushand. »So wie die Lotusgöttin mit dem höchsten Herrn vereint ist, so bleibe du mit meiner großen Tochter verbunden«, sagte er und gab ihm ihre Hand. (88) Die Segensworte der Brahmanen, die Wünsche für langes Leben, die Huldigungen der gekrönten Könige und die Segensrufe der Asketen verbanden sich. Die voran erklingenden Muscheln schienen all diese Glückwünsche zugleich auszurufen.
(89) Die Götter ließen Blumen regnen, die Könige goldene Blüten. Andere streuten glänzende Perlen und frische geöffnete Blumen. Dadurch strahlte die Erde heller als der sternenreiche Himmel. (90) Vor dem heißen Feuer sprach der Held die makellosen Mantras vollständig und brachte alle vorgeschriebenen Ghee-Opfer dar. Dann nahm er die sprossenzarte Hand seiner Braut in seine große Hand. (91) Als die Frau von schlichter, treuer Gesinnung mit dem breitschultrigen Helden das entzündete Opferfeuer umschritt, glich sie dem Körper, der dem Leben von Geburt zu Geburt folgt. (92) Sie umschritten das Feuer nach rechts und verehrten es. Nachdem die vorgeschriebenen Handlungen der heiligen Lehrer vollzogen waren, trat Sita auf den leuchtenden Mahlstein und schaute Arundhati, das Vorbild unerschütterlicher ehelicher Treue, an.
(93) Sie vollzogen freudig auch die übrigen Riten, verehrten der Reihe nach die Füße der vollendeten Asketen und verneigten sich vor dem König. Dann nahm Rama die Goldbereifte bei der Hand und betrat mit ihr die goldene Wohnstätte. (94) Die großen Trommeln dröhnten, die Muscheln dröhnten, die vier Veden erklangen, und die Götter jubelten. Viele Künste erhoben ihre Stimmen, Glückwünsche erschallten, Bienen summten – das ganze Weltall tönte mit. (95) Rama verneigte sich vor den strahlenden Füßen der großen Tochter des Kekaya-Königs mit noch größerer Liebe als vor der eigenen Mutter. Dann nahm er die Füße seiner Mutter an sein Haupt und verehrte die Füße der reinen Sumitra. (96) Auch die Schwanengleiche schmückte ihr Haupt mit den goldenen Lotusfüßen der drei. Sie freuten sich von Herzen. Beim Anblick dieser jungen Arundhati sagten sie: »Sie ist der schönste Schmuck für unseren guten Sohn.«
(97) Sie umarmten die kuckucksgleiche Frau mit den Muschelarmreifen. »Welche andere Frau wäre diesem schönen Herrn ebenso würdig?«, sagten sie. Ihre Augen und ihre Herzen waren gleichermaßen voller Freude. (98) »Diese göttinnengleiche Frau soll unzählige Goldschätze, grenzenlos kostbaren Schmuck, viele Dienerinnen, weites Land, Münzen und herrliche Gewänder erhalten«, bestimmten sie. (99) Nach den Weisungen der Lehrer, deren Wissen einem Meer von Schriften glich, begab sich Rama mit seiner Gemahlin, deren Herz ein Meer der Liebe war, zu einem Lager wie das ursprüngliche Milchmeer. Er selbst war das Meer der Barmherzigkeit. (100) Am Tag des Sterns Uttara im Monat Panguni nährte Vasishtha das glückverheißende Feuer. Nach der im Rigveda überlieferten Ordnung vollzog er die Hochzeit des Löwen unter den Herren, der tausend Namen trägt.
(101) Mit seinen Angehörigen beschloss Janaka auch für die jüngeren Brüder des Freigebigen die Hochzeit. »Nehmt die lotusgöttinnengleichen Töchter meines ruhmreichen jüngeren Bruders zur Frau«, sagte er. (102) Die Töchter des girlandengeschmückten Kushadhvaja mit dem wohlgeölten Speer wurden den Brüdern zugesprochen. Die drei Prinzen heirateten die drei vollkommenen Frauen mit dunkel geschminkten Augen und himmlischem Wesen. (103) Nach den Hochzeiten gab der König allen Bittenden so viel von seinen angesammelten wirklichen Gütern, wie sie wünschten. Nur eines konnte er nicht verschenken: den Ruhm, den er schon früher erworben hatte. (104) Er schenkte und genoss grenzenlose Freude. Mit den großen Asketen von gründlicher Einsicht blieb der König in der Stadt. Einige Tage vergingen allmählich. Nun wollen wir erzählen, was danach geschah.
1.22 – Parashurama
(01) Während Rama mit Janakas Tochter die vielfältigen Freuden des ehelichen Lebens genoss, spendete der Weise Kaushika den Segen der vier Veden. Dann brach er auf und zog zum hohen goldenen Berg im Norden, um dort Askese zu üben. (02) Darauf beschloss der gekrönte König, in seine prächtige Hauptstadt zurückzukehren. »Unser Heer soll jetzt aufbrechen«, befahl er freundlich. Scharen elefantengleicher Herrscher verehrten seine Füße, und der Mächtige bestieg seinen unvergleichlichen Wagen. (03) Seine Söhne und Schwiegertöchter berührten ehrfürchtig seine Füße. Menschen seines eigenen Landes und anderer Länder versammelten sich ringsum. Die Bewohner des alten Mithila versanken mit schmerzenden Herzen in einem Meer der Trennung, als verlören sie ihr Leben. Der tapfere König schlug den Heimweg ein. (04) Der hochgekrönte König fuhr nach der Ordnung voraus. Die Herzen der Bewohner Mithilas folgten den Scheidenden nach. In der Mitte zog der Held mit seinen ihm ähnlichen Brüdern und seiner Gemahlin dahin, deren Taille einem Blitz in der Regenwolke glich.
(05) Unterwegs sah Dasharatha Pfauen auf der rechten und Krähen und andere Vögel auf der linken Seite erscheinen und den Weg kreuzen. Der elefantengleiche König erkannte darin ein drohendes Hindernis. Er fuhr nicht weiter, sondern hielt mit seinem prachtvollen Wagen an. (06) Er rief einen kundigen Zeichendeuter und fragte: »Bedeutet dies Gutes oder Unheil? Sage mir ohne Beschönigung, was es heißt.« Der Vogelkundige antwortete dem bergschultrigen König: »Noch heute wird ein Hindernis auftreten, doch es wird sich zum Guten wenden.« (07) Noch während er sprach, erschien ein Mann mit einer Axt. Seine ausgebreiteten Haarflechten blitzten so hell, dass sie die Dunkelheit des Himmels zerrissen. Er kam wie ein goldener Berg, schien Feuer zu speien, hatte flammende Augen und eine Stimme wie donnerndes Gewitter. (08) Die Welt schwankte wie ein Schiff auf aufgewühltem Wasser. Die hohen Elefanten der Himmelsrichtungen erstarrten und wurden schwach, das Meer geriet heiß in Bewegung, und die Götter flohen erschrocken. Der Mann ließ seinen roten goldenen Bogen ertönen und prüfte scharf zugespitzte Pfeile.
(09) »Will er den Himmel herabstürzen lassen oder die Erde umkehren? Will er alle unzählbaren Lebewesen in Yamas Rachen werfen? Was bedeutet sein Zorn?« So fragten sich die Umstehenden. Aus seinen Augen brach Feuer hervor wie Blut aus aufgerissenen Wunden. (101 [Nummerierungsfehler der Quelle; Gesamtzahl 1358]) Die Schneide seiner kampfbereiten Axt rauchte. Selbst die Sonne auf ihrem den Berg umkreisenden Wagen wich aus ihrer Richtung. Sein heißer Glanz breitete sich aus, als sei das unterseeische Feuer bis zum hohen Himmel aufgestiegen und komme nun auf die Erde zu. (11) Seine mächtigen Schultern füllten die Himmelsrichtungen. Die ausgebreiteten, hochgetürmten Haarflechten berührten den Himmel; neben ihnen erschien der weiße Mond. Er glich Umas Gemahl beim Tanz am Ende des Weltzeitalters, wenn Wasser, Feuer, Wind, Erde und Raum vergehen. (12) Seine zornige Waffe hatte sich allein über die ganze meerumschlossene Erde ausgebreitet. Mit der scharfgeschliffenen Axt hatte er die tausend hohen, diamantfesten Arme des hervorragendsten Kriegerkönigs abgeschlagen, als fälle er die Äste eines lebendigen Baumes.
(13) Wegen der Schuld eines Königs hatte er mit der Axt die Herrschergeschlechter wie Unkraut mitsamt ihrer Wurzel ausgerottet. Einundzwanzigmal war er allein in die tosenden Blutfluten eingetaucht, die Wellen wie die sieben Meere warfen. (14) Er besaß zugleich große, zur Geduld gehörende Askese und einen Zorn wie brennendes Feuer. Als der höchste Vogel vor ihm zurückweichen musste und in Bedrängnis geriet, hatte er in heftigem Zorn einen einzigen scharfen Pfeil abgeschossen, der den Gipfelberg durchbohrte und dem Vogel einen Weg öffnete. (15) Er war der Axtträger, der Berge zerschmettert und das weite Meer zurückgedrängt hatte, das bis zum Sahya-Gebirge reichte. Nun kam er heran. Dasharatha, der den edlen Sohn nur schwer erlangt hatte, sah ihn und erschrak: »Was ist der Grund für das Kommen dieses Furchtbaren?« (16) Das mächtige Heer wich zurück. Mit zusammengezogenen Brauen, funkenstiebenden Augen und donnernder Stimme ging der Ankommende wie ein Löwe auf den Prinzen im hohen Wagen zu. Der Schönäugige dachte: »Wer ist dieser Mann?«
(17) Dasharatha trat dazwischen, um ihn ehrerbietig zu empfangen, und fiel ihm zu Füßen, sodass seine duftende Krone die Erde berührte. Doch der Ankommende wandte sich nicht zu ihm. Wie das Feuer am Weltende stand er vor dem Helden und sprach mit trommeldröhnender Stimme. (18) »Ich kenne die Beschaffenheit des Bogens, der zerbrochen ist. Nun möchte ich die Kraft deiner goldenen Schultern prüfen. Auch meine eigenen kräftigen Schultern, die Feinde vertrieben haben, verlangen wieder ein wenig nach Kampf. Einen anderen Zweck hat mein Kommen nicht«, sagte der Mächtige. (19) Bei diesen Worten wurde der König schwach. »Du hast die ganze Welt bezwungen und sie einem Weisen geschenkt. Wir sind weder Shiva noch Brahma noch Hari, sondern geringe Menschen. Sind wir für dich überhaupt ein Gegner? Dieser Sohn und mein eigenes Leben suchen nun deinen Schutz«, bat er. (20) »Menschen finden den Tod bei solchen, die böse Taten begehren. Hat dieser Junge aus Übermut irgendein Unrecht getan? Du mit der glänzenden feuerstrahlenden Axt! Was bedeutet die Stärke der Mächtigen, wenn sie sich statt gegen ebenbürtige Kämpfer gegen Schwache richtet?«
(21) »Du besitzt große Askese und konntest die einzigartige Herrschaft über alle sieben Welten mit den Worten ›Nimm dies!‹ verschenken. Lass von diesem Vorhaben ab. Du hast die Könige der meerumgebenen Erde schließlich geschont und deinen Zorn gestillt. Ist es recht, ihn wieder zu entfachen?« (22) »Ist eine Stärke, die das rechte Maß verlässt und Außenstehende zur Verachtung bringt, ein Werk der Einsicht? Tapferkeit soll doch auf dem Dharma ruhen und dadurch hohen Ruhm erlangen. Krieger, ist diese Art von Gewalt wirklich Stärke?« (23) »Mein Sohn hat mit Falschheit nichts zu tun. Wenn sein Leben endet, werde auch ich mit all meinen Angehörigen zugrunde gehen. Du mit den balkenfesten Schultern, du Hochgewachsener! Vernichte deinen Diener nicht samt seinem Geschlecht auf dieser Erde unter dem hohen strahlenden Himmel. Das ist meine Bitte.« (24) Doch Parashurama missachtete den König, der so sprach und ihm zu Füßen fiel. Mit feurigen Augen ging er auf den goldbekleideten Helden zu. Dasharatha verstand sein Verhalten nicht; er erkannte seine eigene Ohnmacht und wurde lebensschwach. Er litt wie eine leuchtende Schlange, die ein Blitz betäubt hat.
(25) Parashurama achtete nicht darauf, dass der stolze gekrönte König die Fassung verlor. Er erkannte auch nicht, dass seine eigenen Taten ihm einen ähnlichen Zustand bereiten würden. »Jener Bogen, der einst dem Gemahl der Uma gehörte, war beschädigt. Höre nun seine Vorgeschichte«, sagte er. (26) »Einst gab es zwei Bogen, die alle anderen übertrafen. Sie strahlten wie die aufgehende Sonne und waren fest wie der unerschütterliche nördliche Meru, an dem Wolken entlangziehen. Der Meister, der die Werke der Welt unermüdlich vollbringt, hatte sie geschaffen. (27) Umas Gemahl nahm den einen mit Freude an. Den anderen empfing der große Vishnu mit dem Diskus, der die Welt durchmaß. Als die Götter davon erfuhren, fragten sie Brahma: ›Welcher dieser beiden Bogen ist stärker und siegreicher?‹ (28) Der Herr auf dem duftenden Lotus dachte: ›Die Frage der Götter hat ihren Sinn.‹ Durch ein geschicktes Vorgehen entfachte er wegen der beiden mächtigen Bogen einen großen Kampf zwischen den zwei höchsten Göttern, die in ihrem Ursprung eins sind.
(29) Beide spannten ihre Bogen. Die sieben Welten erschraken, die Himmelsrichtungen gerieten ins Wanken, und heißes Feuer flammte auf. Während der Kampf immer heftiger wurde, bekam der Bogen des Gottes, der die drei Städte verbrannt hatte, einen Bruch. Da wurde jener noch zorniger. (30) Als er den Kampf erneut beginnen wollte, hielten ihn die Götter zurück. Der Stirnäugige übergab seinen starken Bogen dem König der Götter. Der siegreiche dunkle Vishnu dagegen schenkte seinen Bogen Richika, der auf Erden große Askese angesammelt hatte, und ging fort. (31) Richika gab ihn meinem Vater, und mein Vater gab ihn mir. Dies ist jener Bogen. König, wenn du ihn mühelos spannen kannst, gibt es keinen Helden, der dir gleichkäme. Dann werde ich den beabsichtigten Kampf nicht mit dir führen. Doch höre noch weiter. (32) Junger Held, ich bin nicht nur gekommen, um die Kraft zu sehen, mit der du einen beschädigten Bogen zerbrochen hast. Ich hege auch eine alte Feindschaft gegen euer Geschlecht. Einst tötete ein dämonengleicher König meinen makellosen Vater, obwohl dieser seinen Zorn aufgegeben hatte. Darüber geriet ich außer mir.
(33) Einundzwanzigmal rottete ich mit der Schneide meiner mächtigen Axt die gekrönten Herrscher der Erde bis zur Wurzel aus. In den Fluten ihres hervorströmenden Blutes vollzog ich die vorgeschriebenen Pflichten für meinen Vater. Dann bezwang ich meinen schweren Zorn und zog mich zurück. (34) Ich schenkte einem Weisen die ganze Welt, hatte meine große Feindschaft beendet und saß auf einem unzugänglichen Berg in unermesslicher Askese. Dort hörte ich, wie du den Bogen zerbrachst. Zornig bin ich gekommen. Ich werde mit dir kämpfen. Wenn du es vermagst, spanne diesen Bogen!« (35) Rama stand vor ihm und lächelte; sein Gesicht leuchtete. »Gib mir den siegreichen Bogen, den Narayana kraftvoll geführt hat«, sagte er. Parashurama reichte ihn, und der Held nahm ihn. Er zog ihn bis an die Schulter, sodass der Mann mit den dichten Haarflechten erschrak, und sprach. (36) »Obwohl du alle Könige der Erde getötet hast, bist du der Sohn eines großen Vedenkenners und hast heilige Gelübde auf dich genommen. Deshalb darf ich dich nicht töten. Doch dieser Pfeil kann nicht wirkungslos bleiben. Was soll sein Ziel sein? Sage es rasch.«
(37) »Du Verkörperung der Gerechtigkeit, zürne nicht! Ich habe erkannt, dass du hier der Ursprung aller bist, du mit dem strahlenden Diskus, du Wesen der Veden. Wer sonst könnte den Bogen des Mondsichelträgers überhaupt berühren, geschweige denn zerbrechen? (38) Du mit den schön gearbeiteten goldenen Fußreifen und den goldglänzenden Schultern! Da du in Wahrheit der Herr des blitzenden Diskus bist, welches Unheil könnte die Welt noch bedrohen? Selbst dein eigener Bogen, den ich dir eben gab, ist deiner Kraft nicht gewachsen.« (39) »Damit der abgeschossene Pfeil nicht vergeblich wird, soll er die ganze von mir geübte Askese zerstören«, sagte Parashurama. Rama ließ die Sehne los. Der Pfeil flog dahin, nahm die gesamte Frucht seiner makellosen Askese hinweg und kehrte zurück. (40) »Mögen all deine Vorhaben sich glücklich erfüllen! Du von der Farbe eines gereinigten Edelsteins, du mit dem reichen Tulasi-Kranz, du heiliger Beschützer aller! Gewähre mir Abschied«, sagte Parashurama, verneigte sich und ging.
(41) Nachdem der Gedemütigte fortgegangen war, trat der makellose Rama zu seinem Vater, dessen Sinne ausgesetzt hatten und dessen Leben vor Kummer erschöpft war. Mit überströmender Liebe verehrte er ihn und führte ihn an das Ufer des großen Leidensmeeres, in das er geraten war. (42) Dasharathas Bewusstsein klärte sich, und sein Schmerz verschwand. Der Herr des Heeres froher brünstiger Elefanten hatte das Ufer des kaum durchquerbaren Kummermeeres erreicht. Nun versank er in einem anderen Meer ohne Ufer: der Freude. (43) Er umarmte den einzigartigen Sohn, der den Bogen aus der Hand des erbarmungslosen Parashurama genommen und dessen Stolz gebrochen hatte, und küsste sein Haupt. Mit seinen wasserfallgleichen Augen übergoss er ihn wie mit Gefäßen voll heiligen Wassers. (44) »Könnten die drei Welten vollbringen, was dieser noch junge, wahrhaftige Held getan hat? Gewiss ist er selbst derjenige, der den Handelnden die Früchte ihrer Taten in diesem und im nächsten Leben schenkt«, sagte der König.
(45) Die Götter erschienen und ließen Blumen regnen. Rama übergab den ehrwürdigen mächtigen Bogen Varuna mit dem schönen Speer: »Bewahre ihn.« Unter dem aufbrausenden Jubel seines Heeres erreichte er die große, weithin gerühmte Stadt Ayodhya. (46) Sie kamen an und lebten glücklich. Eines Tages wandte sich der König, dessen Heer von gestimmten Trommeln widerhallte, an den edlen Bharata und sprach bedeutungsvolle Worte. (47) »Lieber Sohn mit der schmuckglänzenden Brust! Dein herrschender Großvater möchte dich sehen. Darum geh in das Land Kekaya, in dessen Wasserstellen die Muscheln tönen«, sagte er. (48) Bharata nahm den Auftrag ehrfürchtig an und verneigte sich. Er schmückte sein Haupt mit Ramas roten Lotusfüßen und ging. Da Rama allein sein Leben war, schien es, als ziehe ein Körper fort, der sich von seinem unablöslichen Lebensatem getrennt hat.
(49) Yudhajit, dessen Heer von Muscheln widerhallte und dessen Wagen Pferde mit wehenden Mähnen zogen, begleitete ihn. Mit seinem jüngeren Bruder erreichte Bharata nach sieben Tagen das kühle, wasserreiche Land Kekaya. (50) Nachdem er fortgezogen war, herrschte der Königssohn über das große makellose Reich. Doch die große Askese der Götter sollte ihre Frucht tragen. Nun wollen wir ausführlich erzählen, was daraufhin geschah.

Begleitender Vortrag von Yoga Vidya über Hanuman und den Geist der Hingabe:
Ayodhya Kandam – Das Buch von Ayodhya
In Ayodhya verwandelt sich die Erwartung einer Krönung in Abschied und Verlust. Bharatas Haltung und Ramas Entscheidung machen sichtbar, wie tief Liebe, Verantwortung und Dharma ineinandergreifen.
2.0 – Anrufung
(1) Den reifengeschmückten König, der wegen der Grausamkeit der Buckligen und der jüngeren königlichen Mutter die Herrschaft aufgab, Wälder und Meer durchquerte und die Not der Götter beendete, preisen wir. Man sagt: In den unermesslichen großen Elementen, die aus dem Raum hervorgehen, ist er innen und außen gegenwärtig wie Leib, Leben und Bewusstsein.
2.1 – Die Beratung
(1) Gestimmte Trommeln donnerten wie Regenwolken. Der Herrscher über mächtige zornige Elefanten betrat, von weißen Wedeln umfächelt, den für kluge Beratungen bestimmten Saal. (2) Nach seinem Eintritt bat er freundlich die Könige, Angehörigen und Begleiter, sich zurückzuziehen. Er blieb allein wie der diskustragende Weltenbeschützer, der in yogischer Sammlung ruht. (3) Sein mondgleicher weißer Perlenschirm schützte bis an den Himmel. Nun ließ er seine erfahrenen Ratgeber kommen, die ihm dienten wie der göttliche Lehrer Indra. (4) Vasishtha kam: der Weise, den Götter und Asketen als die überwachende Gottheit der königlichen Herrschaft betrachteten und den man zu den drei höchsten Göttern als einen vierten zählen konnte.
(5) Die Minister entstammten alten Geschlechtern, beherrschten zahlreiche Künste und besaßen vielseitige Bildung samt ihrer praktischen Frucht. Auch bei persönlichem Nachteil blieben sie unparteiisch, verwarfen Täuschung und trugen den schwer zu bewahrenden Dharma. (6) Aus vergangenen Ereignissen erkannten sie Kommendes. Selbst wenn es aus früheren Taten erwuchs, konnten sie Gegenmaßnahmen finden. Sie waren von edler Herkunft und in seltenen Schriften bewandert; ihre Ehre bewahrten sie wie das empfindsame Kavari-Tier. (7) Sie prüften Zeit, Ort und geeignete Mittel anhand der erlernten Schriften, bedachten die göttliche Fügung und den Dharma, das Verhalten der Edlen und die Voraussetzungen guten Ruhms. So führten sie dem Herrscher jeden möglichen Nutzen zu. (8) Sie dachten nicht an die Sicherheit des eigenen Lebens. Selbst vor dem Zorn des Königs hielten sie stand und sprachen unbeirrt das Rechte. Unbestechlich erkannten sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und vertraten eine einheitliche, klare Auffassung.
(9) Wie gewissenhafte Ärzte erwogen sie, was dem Herrscher nützte oder schadete. Ihre klugen Maßnahmen halfen bei plötzlich eintretenden Ereignissen so wirksam wie die Frucht früherer guter Taten. (10) Obwohl es sechzigtausend waren, erschien ihr Denken einig, sobald es um das Wohl des Königs ging. Von seltener Klugheit und dem Glück verbunden kamen sie wie ein wogendes Meer zusammen. (11) Sie traten geordnet ein, verehrten zuerst den grenzenlos weisen Guru und dann ihren König. Sie nahmen der Rangordnung gemäß Platz und empfingen die Huld dessen, der angemessen zu sprechen wusste. (12) Als alle saßen, blickte der König ihnen vertraut ins Gesicht. »Ich habe ein seltenes, heilsames Ziel erwogen. Ihr, deren Einsicht meiner eigenen gleicht, hört mich freundlich an«, begann er.
(13) »Dank eurer Tüchtigkeit habe ich sechzigtausend Jahre die Erde auf meinen Schultern getragen, ohne auch nur einmal von den Handlungen der vorbildlichen Könige unseres Sonnengeschlechts abzuweichen. (14) Treu wie eine rechtschaffene Frau habe ich die große Erde bewahrt. Vom Dharma geleitet tat ich stets, was den Lebewesen nützte. Nun möchte ich auch tun, was meinem eigenen Leben zur Befreiung dient. (15) Das ersehnte Alter, die Schwelle zur Erlösung, ist gekommen. Die schwere Last, die Ananta, die Weltelefanten und die großen Berge unbeweglich tragen, kann ich nun nicht länger tragen. (16) Unsere makellosen Vorfahren überließen ihren Söhnen die Erde, zogen fort, bezwangen die wilden Sinne und gelangten zur Befreiung. Wenn ich darüber nachdenke: Wo sollte es für sie noch einen Untergang geben?
(17) Ich habe alle schwer bezwingbaren Feinde auf Erden, im Himmel und bei den Nagas besiegt. Soll ich mich nun den inneren Feinden, Begierde und den übrigen, unterwerfen, die sich wie Diebe verbergen? (18) Mit einer Frau von baumwollweichen Füßen als Wagenlenkerin besiegte ich zehn Wagen zorniger Dämonen. Sollte es mir schwerfallen, die fünf Wagen der Sinne zu bezwingen, auf denen der rastlose Geist fährt? (19) Wer gelangt zur Befreiung, wenn er weder im gerechten Kampf gegen angreifende Feinde fällt noch höchste Erkenntnis sucht noch den Reichtum mit dem Entschluss aufgibt: ›Genug davon‹? (20) Gibt es ein größeres Unheil, als die für alle geltende Wahrheit des Todes zu vergessen? Kann man das große Meer der Geburt überwinden, wenn das Floß des Verzichts einem nicht hilft?
(22 [erste Versposition der Quelle, Gesamtzahl 1420]) Wenn man die beiden mächtigen Flügel des seltenen erhabenen Verzichts und der daraus erwachsenden klaren Erkenntnis besitzt, was wäre beglückender, als das schwere Gefängnis der Wiedergeburt zu verlassen? (22 [zweite Versposition der Quelle, Gesamtzahl 1421]) Wird ein Herz, das die schwer bezwingbaren inneren Feinde abgeschüttelt hat und nach jener einzigartigen geistigen Herrschaft strebt, noch dieser scheinbar süßen Königsmacht nachgehen, deren Vorzüge Leid hervorbringen? (23) Weil ich euch hatte, konnte ich alle Länder gerecht beschützen und guten Dharma üben. Ihr habt mir im Diesseits geholfen und meinen Ruhm begründet. Nun sollt ihr mir auch für das Jenseits helfen. (24) Wenn große, von Barmherzigkeit getragene Askese selbst begangenes Unheil überwinden kann, wäre es da vernünftig, nektargemischte Speise beiseitezuschieben und stattdessen neu angebotenes tödliches Gift zu trinken?
(25) Die Freude, auf dem Hals eines geschmückten Elefanten unter Fächer und Herrschaftsschirm zu sitzen, ist unbeständig. Wäre es wirklich Genuss, immer wieder nur die schon lange gekosteten Reste zu verzehren? (26) Unendlich lange litt ich, weil ich keine Söhne hatte. Rama kam, um meinen Schmerz zu nehmen. Nun habe ich einen Weg erwogen, auf dem ich gerettet fortgehen kann, auch wenn ihm dadurch Mühe zufällt. (27) Wenn die Leute sagen: ›Ramas Vater fiel nicht auf dem Schlachtfeld, und selbst im Alter verzichtete er nicht, um den Dharma zu vollenden‹, wäre mein Leben dann besser, als wäre ich nie geboren worden? (28) Ich durfte diesen großen Sohn zeugen und seine Hochzeit mit der Glücksgöttin Sita sehen. Nun möchte ich auch seine Vermählung mit der anderen vollkommenen Frau, der Erdgöttin, sehen und mich daran freuen.
(29) Die vollkommene Frau Erde und die herrliche Göttin auf dem roten Lotus haben durch Askese ihren lebensgeliebten Gemahl gewonnen. Die Frucht ihrer Mühen weiter aufzuschieben wäre kein Dharma. (30) Darum werde ich Rama die Herrschaft übertragen und in den Wald der großen Askese ziehen, um die aus Unwissenheit erwachsende Wiedergeburt zu beenden. Was denkt ihr darüber?« (31) Bei diesen Worten des mächtigen Königs wallte Freude in den Ministern auf. Zugleich erschraken sie vor der Trennung von ihm. Sie glichen einer Kuh, deren Liebe gleichzeitig zwei Kälbern gilt. (32) Dennoch stimmten sie zu. Sie erkannten darin den einzig heilsamen Weg für den König und wussten, dass kein Herrscher den Lebewesen der Erde besser dienen konnte als Rama. Auch die Macht des Schicksals wirkte mit.
(33) Der heilige Sohn des viergesichtigen Herrn der Veden erwog gemeinsam die Gedanken der Minister, die liebevolle Absicht des Königs und das Wohl aller Lebewesen. Dann sprach er mit klarer Einsicht. (34) »König, viele Herrscher deines Geschlechts erlangten durch ihr Herrschaftsrad Größe. Doch wer von ihnen hatte einen Rama zum Sohn? Dies ist die rechte Tat und der Dharma, der dir als einem Wissenden nun zukommt. Du hast würdig gedacht. (35) Herr, du hast alle verdienstvollen Opfer vollzogen. Nun ziemt es sich, schwere Askese zu üben. Dein reifengeschmückter Sohn wird dafür sorgen, dass die schön umgürtete Erdgöttin sich trotz deiner Trennung nicht wie eine Erblindete fühlt. (36) Was könnten wir anderes über ihn sagen, als dass der Dharma selbst sich verkörpert hat? Seine Kraft reicht aus, selbst die Werke jener Drei zu berichtigen, die alles erschaffen, bewahren und wieder auflösen.
(37) Lakshmi und die Erdgöttin betrachten Rama als ihren lebensgleichen Gefährten. Zu sagen, er sei meinem Leben teuer, wäre zu wenig. Mächtiger König, allen Lebewesen ist er ebenso lieb wie deinem Leben, das ihn hervorgebracht hat. (38) Was soll ich über ihre Zuneigung noch sagen? Weil allein sein Name ihre täglichen Hindernisse beseitigt, betrachten Brahmanen und alle anderen deinen Sohn als Frucht ihrer eigenen guten Taten. (39) Janaki von großem Ruhm ist besser als die Erde, Lakshmi, Sarasvati und die auf dem Hirsch reitende Göttin. Rama ist der Welt teurer als ihre Augen. Gelehrte und Ungelehrte lieben ihn mehr als Trinkwasser und Leben. (40) Unter allen Beschützern von Menschen, Göttern und anderen Wesen steht niemand über Rama. Darum, König, gibt es für dich jetzt kein höheres Ziel als reine große Askese.«
(41) Diese Worte erfreuten Dasharatha noch mehr als Ramas Geburt, das Zerbrechen von Shivas Bogen oder die Niederlage des axttragenden Parashurama. (42) Mit Tränen in den Augen verehrte er ehrfürchtig die großen Lotusfüße des Weisen. »Du hast liebevoll gesprochen. Durch deinen gnadenvollen Blick konnte ich allein die Erde tragen. Sollte diese Gnade nicht auch meinem Sohn zukommen? (43) Vater, durch deinen wohlwollenden Rat begründeten die Könige unseres Geschlechts ihren unvergänglichen Ruhm, vollendeten ihre Opfer und überwanden gute wie schlechte Tatfolgen. Nun ist diese Gnade auch mir zuteilgeworden«, sagte er freudig. (44) Der makellose große Weise schwieg darauf. Sumantra erkannte die auf den Gesichtern der erfahrenen Minister ausgedrückte Absicht. Mit gefalteten Händen trat er vor und sprach, wie es dem König angemessen war.
(45) »Unser Herz freut sich darüber, dass Rama die ihm gebührende Herrschaft erhält. Doch dein Wort vom Verzicht verbrennt diese Freude. Andererseits dürfen wir den Dharma deiner Vorfahren nicht vergessen. Was könnte jetzt schmerzlicher sein als das Rechte selbst? (46) Kröne zuerst deinen kostbaren ältesten Sohn nach der Ordnung, sodass Könige, Stadtbewohner, Minister und Weise mit ihren Herzen wie Trommeln jubeln. Danach vollbringe, was darauf folgen soll.« (47) »Gut gesprochen«, antwortete der König. »Zuerst werden wir dem Edlen die Krone aufsetzen und dann das Übrige tun. Geh selbst rasch und bring den Gemahl der Glücksgöttin her.« (48) Sumantra, der dem Herzen des Königs glich, verehrte dessen Füße und eilte durch die Straßen der berggleichen Paläste. Froh, als hätte er alle Welten gewonnen, fuhr er mit seinem goldenen Wagen zu Raghavas Haus.
(49) Dort saß Rama bei der Frau, die süßer Nektar unter den Frauen war; neben ihm weilte der untrennbare jüngere Bruder mit dem mächtigen Bogen. Sumantras Augen und Herz tranken ihre Schönheit wie Bienen seltenen Honig. (50) Er verehrte Rama und sagte: »Herr, der König der meerumschlossenen Erde lässt dich wegen einer Angelegenheit kommen.« Der Lotusäugige erhob sich sofort und bestieg wie eine Wolke Sumantras hohen fahnengekrönten Wagen. (51) Trommeln dröhnten wie dichte Wolken. Die von den Händen der Frauen gleitenden Muschelreifen klangen; die Götter jubelten: »Unser Anliegen wird erfüllt!« Bienen summten in seiner duftenden Haargirlande, während der Wagen weiterfuhr. (52) Trommeln und Gesang erfüllten die Luft, ebenso die Pfeile und der Sehnenklang des Liebesgottes. Die Flut der Empfindung durchbrach die Dämme weiblicher Zurückhaltung. Wie Hirschkühe strömten die Frauen herbei und verloren ihre Scheu.
(53) An hohen Portalen, in Innenhöfen, auf Terrassen und in Fenstern blühten Lotusgesichter auf. Ohrringe schwangen neben ihnen; Schwerter, rote Speere, Bienen und Fische schienen sich in den vielfältigen Augen zu begegnen. (54) Der Herr der Götter glich einer Regenwolke mit Mondgesicht. In der Girlande auf seiner bergbreiten Brust lagen nicht nur Bienenschwärme: Auch die fischgleichen Blicke der rotlippigen Frauen waren dort mit ihrer Scham und Selbstbeherrschung gefangen. (55) Blumen sanken mit gelöstem Haar und Gewand herab. Andere lösten sich, während Tränenperlen auf sie fielen, oder wurden zwischen Schmuck und jungen Brüsten zerdrückt. Wieder andere fielen weit geöffnet vom Sternenhimmel nieder. (56) Die Frauen glichen goldenen Zweigen, die mondhelle Gesichter und schwertglänzende Augen trugen. Auf ihren jungen, goldenen Kokosfrüchten gleichen Brüsten traten feine Schweißpunkte hervor wie verstreute geröstete Sesamkörner.
(57) Während dies geschah, standen die Männer da und lebten auf wie Kälber beim Anblick ihrer Mutter. Rama und sein reiner jüngerer Bruder gelangten auf Sumantras Wagen zum Herrscher, dessen Herz sich freute. (58) Rama verehrte zuerst den großen Weisen und dann die Lotusfüße des kriegerischen Königs. Überströmende Liebe und Tränen erfüllten Dasharatha. Er zog den Gemahl der fruchtlippigen Sita an seine glückverheißende Brust. (59) Soll man nur sagen, dass er den guten Sohn umarmte? Er wollte prüfen, ob dieser die wasserreiche Erde tragen könne, und maß dessen bergfeste Schultern und glückstragende Girlandenbrust mit seinen eigenen Schultern und seiner Brust. (60) Er setzte ihn neben sich, betrachtete ihn freudig und liebevoll und sagte: »Herr mit den mächtigen Schultern, vor denen Parashuramas großer Ruhm zusammenschrumpfte! Ich, der dich gezeugt hat, möchte dich um etwas bitten.
(61) Ich bin sehr erschöpft, und das schwere Alter ist Wirklichkeit geworden. Hilf mir, das Gefängnis der großen Erdenlast auf meinen Schultern zu verlassen und den Weg meiner Rettung zu betreten. (62) Die Weisen sagen, man gewinnt rechtmäßige Söhne, um vom großen Leid frei zu werden und das Wohl beider Welten zu erlangen. Sollte ich erschöpft bleiben, obwohl ich dich, den Dharma selbst, zum Sohn habe? Wenn du mir dienen willst, höre mein Wort. (63) Sohn, die gekrönten Könige unseres Geschlechts überließen zuletzt ihren Kindern die Erde, beseitigten die fünf Sinne als Fesseln und die drei inneren Feinde und gingen befreit fort. Auch nach Weltzeitaltern ist ihre Zahl nicht erschöpft. (64) Durch frühere gute Taten und die Frucht des vollendeten Opfers habe ich dich unter großen Mühen gewonnen. Wenn ich weiterhin unter den Lasten der Regierung leiden müsste, worin bestünde dann die Frucht deiner Geburt?
(65) Ich sehne mich danach, die Mühe des einseitig beladenen Trägers zu beenden, dessen Nacken sich unter der Last beugt, und jenes grenzenlose höchste Glück zu erlangen. Lieber Sohn, gewähre mir dies. (66) Einst brachte ein Sohn die Ganga herab, die den honigreichen Lotusfüßen unseres höchsten Herrn entsprungen war. Obwohl seine Väter ihre rechtmäßige Herrschaft verloren hatten, führte er sie dadurch in die beglückende Welt ohne Wiederkehr. (67) Nicht bloß Könige, nicht bloß Indra gleiche Himmelsfürsten und nicht bloß Menschen strenger Askese überwinden großes Leid. Es sind jene, die Söhne haben, welche ihr Wort nicht zurückweisen. (68) Darum denke nicht: ›Der König legt mir die schwere, schmerzliche Last seines Amtes auf.‹ Nimm die große Krone an und beschütze den guten Dharma. Dies erbitte ich von dir.«
(69) Der Lotusäugige begehrte die Herrschaft nicht und verachtete sie nicht. Er erkannte seine Pflicht und dachte: »Ist es nicht mein Dharma, das zu tun, was der König befiehlt?« So nahm er den Auftrag an. (70) Der König verstand die Gesinnung seines Sohnes. »Gewähre mir diese Gabe«, sagte er und umarmte ihn wie sein Leben. Von seinen vedaweisen Ratgebern umgeben kehrte er in seinen Palast zurück, mit dem selbst Meru kaum vergleichbar war. (71) Rama mit den schönen mächtigen Schultern fuhr auf Sumantras großem Wagen zu seinem hohen Palast zurück. Ehrwürdige Brahmanen, edle Könige, frohe junge Stadtbewohner, Frauen und Diener begleiteten ihn. (72) Dasharatha sandte den siegreichen Königen Einladungen mit seinem kostbaren goldenen Vogelsiegel. Zu Vasishtha sagte er: »Guter Weiser, bereite der Ordnung gemäß alles vor, was für das Aufsetzen der prächtigen Krone erforderlich ist.«
(73) Vasishtha stimmte erfreut zu und fuhr mit Brahmanen rasch auf einem unvergleichlichen Wagen davon. Den versammelten Königen sagte Dasharatha: »Hört! Nach rechter Ordnung sollen neben Sita nun auch königliches Glück und Erde Rama angehören.« (74) Alle tranken diese Worte wie süßen Wein. Sie vergaßen die Förmlichkeit und versanken in Freude. Ihr volles Herz ließ die Körperhaare sich sträuben; sie schienen leibhaftig den Himmel erreicht zu haben. (75) Einmütig freuten sie sich, als wäre jedem selbst die Herrschaft zugefallen. Der Reihe nach verehrten sie den König unter dem weißen Perlenschirm und sagten liebevoll: »Vater, dies ist gut!« (76) »Einundzwanzigmal vernichtete der Axtheld unsere Geschlechter. Der Held, der wiederum dessen Heldenkraft bezwungen hat, soll diese Welt erhalten. Das ist Dharma«, erklärten sie.
(77) Die Könige hatten dies ohne abweichende Meinung freudig gesagt. Dasharatha nahm ihre Worte auf, verbarg die aufsteigende Freude und stellte ihnen eine weitere, sorgfältig abgewogene Frage. (78) »Vielleicht habe ich aus verblendeter Vaterliebe gesprochen. Habt ihr eure zustimmenden Worte aus eigener Freude gesagt, um meinen Wunsch zu erfüllen oder weil ihr den Vorschlag für recht haltet? Wie verhält es sich?« (79) Die Könige antworteten: »Höre, welche reine Liebe die Menschen des Landes deinem edlen Sohn entgegenbringen, jeder auf seine eigene Weise und nach seinem Vermögen. (80) Alle Gaben, Dharmataten, Askese, wahre Erkenntnis und die Sorge der Guten dienen dem Wunsch, deinem Sohn möge täglich makelloses Glück zuteilwerden.
(81) Wer beklagt sich, wenn der öffentliche Teich voll wird, der allen dienende Fruchtbaum reift, die Wolken Regen geben oder der Fluss, der die Felder bewässert, reichlich Wasser führt? (82) Herr der Elefanten mit palmlangen Rüsseln! Rama liebt die Menschen, deren Zuneigung zu dir du kennst. Ebenso groß wie seine Liebe zu ihnen ist ihre Liebe zu ihm.« (83) Als der König dies hörte, strömte Freude über sein Herz. Liebe erfüllte ihn, die Sorge wich, und Tränen flossen. Mit glücklichem Sinn begann er wieder zu sprechen. (84) »Ihr lebt wahrhaftig in Gerechtigkeit, Dharma, Tatkraft, Abwehr des Bösen und guter Lebensführung. Warum sollte ich sagen: mein Sohn? Nach rechter Ordnung ist er euer Sohn. Ich vertraue ihn eurem Schutz an.«
(85) Nachdem er die Könige entlassen hatte, nahm er die kundigen Rechner und Sterndeuter mit in eine berggleiche Halle, um einen makellosen Tag und die rechte Stunde zu bestimmen. (86) Frauen, die von dem Beschluss erfahren hatten, eilten in großer Liebe davon. Brustbänder, lange Haare und Gewänder lösten sich; sie hielten nichts fest. Trotz ihrer schmalen Taillen liefen sie unermüdlich. (87) Vier Frauen kamen tanzend und singend, ohne auf Melodie oder Takt zu achten. Jedem Begegnenden hoben sie ehrfürchtig die Hände entgegen. Sie wussten kaum, was sie sagten, und gelangten zu Kausalya. (88) Die Mutter des Wolkenfarbenen blickte sie liebevoll an. »Es muss einen Grund für eure große Freude geben. Ihr mit den roten Fruchtlippen, erzählt ihn mir«, sagte Kausalya.
(89) »Der Herrscher wird deinem großen Sohn die altehrwürdige Krone aufsetzen: ›Beschütze lange die Erde, während die Könige mit ihren Kriegerreifen dich verehren‹, sagt er zu ihm.« (90) Im Herzen Kausalyas entstand ein Meer großer Freude über das Glück ihres Sohnes. Doch der Gedanke »Der König wird verzichten« wirkte wie unterseeisches Feuer, das dieses Meer auszutrocknen drohte. (91) Trotz dieser Erschütterung schenkte sie kostbare Ketten und große Schätze. Mit ihrer innig geliebten Sumitra begab sie sich zum Tempel des Herrn mit dem blitzenden Diskus. (92) Sie verehrte die großen Lotusfüße dessen, der bei Lakshmi und der Erdgöttin weilt und für alle Götter Leben, Erkenntnis und Ursprung ist.
(93) »Deiner Gnade untersteht nun das Wohl des kostbaren Sohnes, den ich getragen habe«, betete sie. Ihre Askese hatte ihr ermöglicht, jenen im eigenen Leib zu bergen, der alle Welten in seinem Leib bewahrt. (94) Sie verehrte Lakshmis Gemahl nach den vier Veden und ließ die Pūjā sorgfältig vollziehen. Den guten Asketen dort schenkte sie ein Meer von Kühen samt Kälbern. (95) Gold, große Edelsteine, duftende Salben, Dienerinnen und weite Ländereien gab sie den Brahmanen. Auch Speise und Gewänder schenkte sie reichlich. (96) Dann umfasste, pries und verehrte sie die frischen Lotusfüße des Herrn, umschritt den makellosen reichen Tempel und begann die althergebrachten heiligen Gelübde und Fastenübungen.
2.2 – Mantharas Intrige
(1) Der König mit dem duftenden Kranz wandte sich aufmerksam an die Sternkundigen, begrüßte sie und sprach: »Nennt Tag und Stunde für die Krönung des jungen Helden, der den Träger der scharfen Axt bezwang!« (2) Die Kundigen antworteten: »Morgen ist der geeignete Tag für deinen Sohn.« Der König, Herr gewaltiger Kriegselefanten, hörte es und ließ den untadeligen Asketen rufen. So kam Vasishtha. (3) Er ehrte den Weisen und bat: »Schon morgen ist der glückverheißende Tag. Bereite rasch alles vor, was der Held mit den starken Bogenschultern braucht, und unterweise ihn ausführlich in den verlässlichen Wahrheiten des rechten Handelns.« (4) Der Weise eilte freudig zum Tor des Führers aus Manus Geschlecht. Als Rama seine Ankunft vernahm, ging der kranzgeschmückte Held ihm freundlich entgegen, empfing ihn und führte ihn zu seinem Sitz.
(5) Der vorzügliche Asket von unerschütterlicher Entsagung blickte den Freigebigen an, dessen Wissen in den heiligen Schriften reich war: »Starker Krieger, dein liebevoller königlicher Vater übergibt dir morgen die ganze Erde.« (6) Dann sagte er zu Rama: »Ich habe dir noch etwas zu sagen, das deinem dauerhaften Wohlergehen dient. Höre aufmerksam und halte dich daran!« So begann er, den Helden mit dem dichten Blumenkranz zu unterweisen. (7) »Größer als der dunkle Vishnu, als Shiva mit dem Stirnauge, als der auf dem Lotus thronende Brahma, größer als die fünf sich entfaltenden Elemente und die Wahrheit sind die Brahmanen. Ehre sie von Herzen! (8) Mein Sohn, lässt sich auch nur zählen, wie viele Götter durch ihren Zorn leiden mussten und wie viele durch ihre aus dem Herzen gewährte Gnade von Leiden frei wurden?
(9) Weil sie solche Macht besitzen, verehre diese Erhabenen, die von brennend bösen Taten frei sind. Trage ihre beiden Füße auf deinem Haupt, preise sie, sprich freundlich zu ihnen und erfülle ihre Weisungen. (10) Wenn selbst das Schicksal, das Werden und Vergehen bestimmt, auf ihren Befehl wartet, was könnte dann in dieser oder jener Welt der Verehrung solcher göttlichen Menschen an Wert gleichkommen? (11) Was vermöchten selbst die drei Mächtigen mit kreisendem Diskus, glänzendem Dreizack und der irrtumsfreien Göttin der Rede, wenn sie klare Erkenntnis, gute Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit des Herzens und Mitgefühl aufgäben? (12) Gerechter Sohn, die großen Übel, unter denen das Würfelspiel zuerst genannt wird, finden sich bei dir nicht. Dennoch bedenke: Sie werden als Wurzeln genannt, aus denen alle verderblichen Folgen hervorgehen.
(13) Wer beschließt, mit niemandem Feindschaft zu halten, bringt den Krieg zum Erliegen, doch nicht seinen Ruhm. Seine Streitmacht verfällt nicht. Warum sollte er, der dies erreicht, noch seine eigene Vernichtung mit Stumpf und Stiel herbeiführen? (14) Wahre Herrschaft zügelt Begierden und die fünf Sinne, mehrt täglich die Mittel des Landes und regiert mit ehrfurchtgebietender Selbstbeherrschung. Mein Sohn, solche Herrschaft ist eine große Askese auf der Schneide eines Schwertes. (15) Selbst wer Schulterkraft besitzt, die der Shivas, des Gemahls Umas, Vishnus auf seinem hohen Vogel und Brahmas mit seinen acht niemals blinzelnden Augen gleichkommt, zeigt seine Stärke darin, dem Rat seiner Minister zu folgen. (16) Was tilgt bei Wesen mit Leib und bei körperlosen Wesen den Makel der Sinne, dieser gewaltigen Feinde? Gibt es in allen drei Welten, zu irgendeiner Zeit, eine segensreiche Kraft außer der Liebe?
(17) Die Lebewesen der Erde sind gleichsam die Seele, der König der Leib, der sie erhält und beschützt. Wenn er unzweifelhaft bei Wahrheit und Mitgefühl bleibt und die Gerechtigkeit nicht verletzt, bedarf es für ihn noch eines Opferfestes? (18) Spricht ein König freundlich, gibt er freigebig, überlegt er, handelt er tatkräftig, bleibt er rein, edel und siegreich und weicht niemals vom bedachten Weg des Rechts ab – könnte ein solcher König zugrunde gehen? (19) Ein Herrscher legt unziemliches Verhalten ab und steht unparteiisch wie der Balken einer goldenen Waage. Welcher andere Blick sollte ihn leiten als die Zeitbestimmung und Einsicht rechtschaffener Menschen? (20) Bedenke: Das Wort klar erkennender, standhaft im Guten handelnder Menschen besitzt die unverrückbare Kraft alten Schicksals. Den Edlen beständig Liebe entgegenzubringen und ihre Zuneigung zu gewinnen, wird einem König zur Waffe.
(21) Frauen mit schönen Hüftgürteln können wie ein unheilverkündender Komet für die Erde erscheinen. Fehlt die Begierde, die sich an sie hängt, so gibt es weder den Schrecken großen Verderbens noch die Hölle.« (22) Solche und weitere Regeln erklärte der Weise dem künftigen Schützer der Welt und ließ ihn ihren Sinn erfassen. Dann begab er sich mit ihm zum Heiligtum des Herrn, der auf der tausendköpfigen Schlange ruht. (23) Dort ließ er den Freigebigen, den Herrn des Schlangenlagers, mit durch die vier Veden geheiligtem Wasser baden, vollzog die von den Gelehrten vorgeschriebenen guten Riten und bereitete ihm einen Sitz aus hellem Darbha-Gras. (24) Als Rama dort behaglich saß, eilte der Weise mit der heiligen Schnur über seiner breiten Brust zum mächtigen König und berichtete. Dieser befahl: »Lasst ausrufen, dass die Stadt geschmückt werden soll!«
(25) Die beauftragten Ausrufer zogen mit dröhnenden Trommeln umher: »Morgen wird Rama die Krone tragen und Gemahl der Erdgöttin sein. Schmückt diese königliche Stadt!« Selbst die Götter freuten sich über ihre Verkündigung. (26) »Morgen trägt der junge Held, dessen Ruhm die Dichtung erfüllt, die Juwelenkrone der Erde!« Obwohl diese Nachricht nur die Ohren erreichte, wurde sie allen Bewohnern der Stadt zum Opfernektar der Götter. (27) Sie jubelten und frohlockten, tanzten und sangen, gerieten ins Schwitzen und bebten vor Freude. Ihre Körperhaare sträubten sich; sie priesen und segneten den König und überschütteten jeden Überbringer der Botschaft mit Reichtümern. (28) Voller Liebe schmückten sie die ohnehin herrliche Stadt. Es war, als wolle man der strahlenden Sonne Schönheit hinzufügen oder den Edelstein auf der weiten Brust des auf der Schlange ruhenden Herrn noch kunstvoller schleifen.
(29) Unzählige hohe Fahnen, weiß, schwarz, rot und in anderen Farben, erschienen in ganzen Scharen. Es sah aus, als seien alle Vögel in die reiche Stadt gekommen, um den Wohlstand des Königs mit seinem honigtriefenden Kranz zu betrachten. (30) Bananenstauden standen wie die schönen Schenkel junger Frauen; Arekapalmen glichen ihren Hälsen. Herabhängende Girlanden erinnerten an ihr leuchtendes Lächeln, goldene Festkrüge an ihre Brüste. (31) Neue, mit Makarafiguren geschmückte Torbögen ragten mondhoch auf. Ihre mächtigen Torflügel strahlten so hell, als hätte die morgens eilends aufsteigende Sonne eine neue Schönheit angenommen. (32) Makellose rote Edelsteinsäulen, mit hellem Pulver bestäubt, zeigten Shivas Gestalt, dessen eine Hälfte eine Frau ist. Die in feine Stoffhüllen gebetteten Korallensäulen erschienen wie Lichtstrahlen, die Tau umschließt.
(33) Perlen verbreiteten vollen Mondschein, Reihen roter Juwelen mildes Sonnenlicht, Gruppen von Saphiren lockten Dunkelheit herbei. So glichen die Straßen einem von Sternkundigen entfalteten Kalender, in dem die verschiedenen Zeiten zugleich sichtbar wurden. (34) Die Scharen von Wagen mit tänzelnden Pferden glichen Himmelsfahrzeugen, die aus der Welt der Erlösung herabgekommen waren, um die Erde zu sehen. Brünstige Elefanten mit Stirnschmuck erschienen wie wandernde Sonnenaufgangsberge, die das seltene Gestirn trugen. (35) In dieser reichen Stadt rissen funkelnde Edelsteine, in Reihen in hohe Kristallwände eingelassen, unablässig die Finsternis auf. Deshalb mussten die Chakravaka-Vögel niemals vor nächtlicher Trennung verzagen oder voneinander scheiden. (36) Blumenregen, gesprengtes Wasser, feiner frischer Puder, makellos weiße Perlenschauer und Goldsplitter zerdrückten Schmucks fielen nieder. Die Straßen zwischen den hohen Häusern glichen einem gewaltigen Wolkenbruch.
(37) Brünstige Elefanten, den Wolken verwandt, schritten wie junge Krieger mit festgebundenen Heldenreifen dahin. Geschmückte Elefantenkühe folgten ihnen wie Frauen, deren lange Gewänder ihre wagenbreiten Hüften umhüllten. (38) Wohlstand, Schönheit und Glück waren dort so vollkommen, dass die herabgestiegenen Götter die Stadt nicht von ihrer eigenen unterscheiden konnten. Sie prüften sie immer wieder und fragten sich, ob sie den Himmel überhaupt verlassen hätten. (39) Während die geschmückte Stadt im Festlärm wie die goldene Stadt der Götter glänzte, erschien die schwer erträgliche Bucklige mit ihrem grausamen Herzen – gleichsam die leibhaftige Frucht der bösen Taten des leidbringenden Ravana. (40) Ihr Herz bebte, fest saß ihr Zorn, ihre Gedanken wühlten sich auf. Ihre Augen spien Feuer, ihre Worte sprudelten heftig hervor. Diese Bucklige würde den drei Welten eine große Bedrängnis bereiten.
(41) Mit vor Wut zusammengepresstem Mund eilte sie zum Gemach der Tochter des Kekaya-Königs, deren Lippen roten Früchten glichen. Sie erinnerte sich an die Kugel, die einst Ramas kleiner Bogen auf sie geschossen hatte. (42) Rasch erreichte sie die Königin auf ihrem weichen Lager. Ihre Seitenblicke strömten Güte aus. Sie glich einer Korallenranke auf den Wellen des Milchozeans, an der ein kostbarer, aus den vier Meeren hervorgegangener Lotus blühte. (43) Wie ein unheilbringender Planet trat Manthara zu ihr und berührte mit den Händen ihre kleinen goldroten Füße. Nur durch große Askese hätte ein zarter, seine Blätter öffnender Lotus das Recht erworben, ihnen zu gleichen. (44) Die göttlich keusche Königin erwachte bei der Berührung; noch war die Schläfrigkeit nicht aus ihren langen Augen gewichen. Getrieben von bösem Schicksal, das gewaltige Schande heraufbeschwören sollte, begann Manthara zu reden.
(45) »Wie der kühle weiße Mond sein Licht unvermindert ausbreitet, selbst wenn die gefährliche Giftschlange ihn schon erreicht, so schläfst du ruhig weiter! Ein riesiges Unheil naht, um dich zu fesseln, und du bekümmerst dich nicht?« (464 [Quellenzählung; Gesamtzahl 1541]) Als die Giftgleiche dies sagte, antwortete die Königin mit speerförmigen Augen: »Meine Söhne tragen Bogen, die Feinde bezwingen; sie sind rechtschaffen und verlassen in keiner ihrer Aufgaben den Dharma. Welches Unglück könnte mich hier treffen?« (47) »Wer Söhne von kaum auszuschöpfender Größe erhält, lässt schwer erträgliche Sorgen hinter sich und findet Sicherheit. Ich habe Rama zum Sohn, der für die ganze weite Erde den Veden gleicht. Wie könnte mir Leid widerfahren?« (48) Als die tief Liebende so sprach, erwiderte die Bucklige, ein Bild aufgehäufter Bosheit: »Dein Wohlergehen ist gefallen, dein Glück vernichtet. Kausalya aber hat durch ihre Klugheit gewonnen!«
(49) Die Geschmückte antwortete: »Der König der Könige ist mein Gemahl; Bharata, dessen großer Ruhm sich kaum beschreiben lässt, ist mein Sohn. Welches höhere Glück könnte ihr auf Erden noch zufallen?« (50) Manthara sagte: »Rama, der seinen Bogen krümmte, um die Frau namens Tataka zu töten, und so seine Männlichkeit zum Gespött der Männer machte, wird morgen die Königskrone tragen. Das ist ihr Glück!« (51) Bei diesen Worten wurde Kaikeyis Herz von derselben Freude erfüllt wie das der edlen Kausalya. Sie machte keinen Unterschied. War es, weil der Vater des Helden auch in ihrem Herzen seinen Wohnsitz hatte? (52) Das Meer ihrer großen Liebe brandete auf; der unvergängliche Mond ihres Gesichtes leuchtete. Überströmend vor Freude schenkte die Reine Manthara eine Halskette, deren Glanz alle anderen Lichter zu beherrschen schien.
(53) Die grausame Bucklige schrie, drohte, starrte mit kleinen feuerwerfenden Augen, schalt, stieß heißen Atem aus, zerstörte das Geschenk und weinte. Die schöne goldene Kette schleuderte sie so heftig zu Boden, dass sie ihn aufriss. (54) Zornig blickte die leidbringende Bucklige die arglose Königin an: »Du Närrin! Dann leide eben mit deinem eigenen Sohn! Ich ertrage es nicht, auf Dauer den Dienerinnen deiner Nebenfrau zu dienen.« (55) »Wenn die rotlippige Sita und der dunkle Held behaglich auf dem hohen Thron sitzen, während dein Sohn bedeutungslos auf bloßem Boden bleibt – worüber freust du dich dann? Welcher Vorteil liegt darin? (56) Kausalya hat ihren eigenen Vorteil nicht vergessen. Ihr Sohn hat nun zum herrlichsten Reichtum auch die Königswürde gewonnen. Bharata lebt zwar noch, doch was vermag er? Weil du ihn geboren hast, ist es, als wäre er nie geboren worden!
(57) Wenn dieser Begünstigte mit seinem Bruder gewiss die ganze Erde für unbegrenzte Zeit beherrschen soll, wäre es besser, Bharata und seinen jüngeren Bruder aus der Stadt fortzuschicken, damit sie unter Gelübden große Askese üben. (58) Bharata, der über geschmückte, brünstige Elefanten verfügt, scheint nicht für die Reihe jener Könige mit ihren geweihten Trommeln geboren, die das Land behüteten und der Erdgöttin lieb wie ihre Augen waren. Da wäre der Tod besser! (59) Jetzt verstehe ich, weshalb der König mit den goldenen Heldenreifen seinen glücklosen Sohn Bharata schon damals eilends fortschickte, auf steinigen Wegen zwischen hohen Teakbäumen in ein fernes Land!« (60) Manthara fuhr mit schneidenden Worten fort: »Da die ungeteilte Herrschaft über die Welt nun einem anderen zufällt, ist sein Vater grausam und auch seine vermeintlich gute Mutter böse. Mein lieber Bharata, was wirst du tun?
(61) Du bist in einem Königshaus geboren, in einem Königshaus aufgewachsen, hast in ein Königshaus eingeheiratet und bist eine große Königin geworden. Nun stürzt du in ein uferloses Meer des Leids! Du hörst nicht auf meine Worte. Begreifst du es denn nicht? (62) Bildung, Jugend, unermessliche Kraft, ererbte Bogenkunst, Schönheit, Tapferkeit und unzählige Tugenden sind Bharata zuteilgeworden. Nun gleichen sie köstlichem Nektar, der nutzlos ins Gras gegossen wurde.« (63) Die bitteren, harten Worte Mantharas entfachten den Zorn der Tochter des Kekaya-Königs wie Ghee, das man in loderndes Feuer gießt. Ihre schön gezeichneten, fischgleichen Augen röteten sich; sie blickte auf und sprach. (64) »Die Vorfahren dieses strahlenden Geschlechts, beginnend mit der Sonne, würden eher Leben und Besitz verlieren als ihr gegebenes Wort brechen. Du Böse! Wie kannst du mit deinen niedrigen Gedanken die seit Manu geltende Erbfolge antasten, die wie bei den Pfauen dem Ältesten gebührt?
(65) Du meinst es weder mit mir gut noch mit meinem Sohn Bharata. Nach dem Dharma betrachtet, meinst du es nicht einmal mit dir selbst gut. Unverständige! Dein verhängnisvolles Karma hat dich hergeführt, diese dir gefälligen Gedanken auszusprechen. (66) Was man durch Geburt und Tod hindurch gewinnt oder verliert, ist doch der gute Ruf. Mag sich selbst die natürliche Ordnung wandeln, mögen Recht, Lebensführung, Askese und untadeliger Heldenmut wanken – wäre es deshalb üblich, die rechtmäßige Erbfolge umzustoßen? (67) Geh mir aus den Augen! Ich habe dich ertragen, ohne deine bösartige Zunge abzuschneiden. Wenn andere davon erfahren, wirst du als jemand gelten, der Unrecht und Unordnung plante. Darum schweige, du Unwissende!« (68) Doch Manthara wich auch nach diesen Worten nicht erschrocken zurück. Wie Gift, das trotz Gegenmitteln weiterquält, fiel sie ihr zu Füßen: »Du bist meine Zuflucht, schlanke Herrin! Ich werde nicht aufhören, dich über dein eigenes Wohl aufzuklären.
(69) Wenn nach der Regel das Reich dem Ältesten gehört, ist der Meeresfarbene nicht jünger als der König, der die Welt jetzt schützt? Wenn man ihm dennoch die gepriesene hohe Krone zugesteht, weshalb sollte dieser große Reichtum Bharata vorenthalten werden? (70) Selbst barmherzige Asketen, die von Rechtschaffenheit erfüllt sind, denken anders, sobald sie seltenen Reichtum gewinnen. Auch wenn sie euch nicht mit offener Gewalt angreifen, werden sie euch unablässig so bedrängen, dass euer Mut zerbricht. (71) Wenn ihr geliebter Sohn König wird, gehört die ganze Erde der weit vorausdenkenden Kausalya. Was bleibt dann deinem geliebten Sohn und dir auf dieser Welt, außer dem, was sie euch gnädig überlässt? (72) Wenn Menschen, von Armut und Not verfolgt, hilfesuchend zu dir kommen: Wirst du erst sie um Geld bitten müssen, bevor du ihnen etwas geben kannst? Wirst du dich schämen, vor Kummer vergehen oder die Bittenden abweisen? Wie willst du leben?
(73) Du bist unfähig, diese Folgen zu bedenken. Bald werden dein Vater, deine Brüder, Verwandten und Angehörigen zu dir kommen, damit du ihre Armut und Erniedrigung linderst. Sollen sie dann nur den Reichtum deiner Nebenfrau sehen? Überlege! (74) Nur aus Furcht vor deinem mächtigen, liebevollen Gemahl greift der Vater der fruchtlippigen Sita deinen Vater nicht an. Er ist nun Ramas Schwiegervater. Wird dein Vater künftig noch Sicherheit haben? Du Törichte, wer wird dir helfen und dafür Schande auf sich nehmen? (75) Außerdem hat dein Vater viele mächtige Feinde. Wenn sie ihn angreifen und diese hier ihm nicht zu Hilfe kommen, wie sollte er im Kampf siegen? Sag es! Du bist bereit, deine Verwandtschaft zugrunde gehen zu lassen und ins brennende Meer des Leids zu stürzen. (76) Du hast deinen kostbaren Sohn schon ruiniert. Wenn der Herr der von glänzendem Wasser umkleideten Erde das große Reich einem Sohn gibt, fällt es danach an dessen königliche Nachkommen oder seinen nächsten Bruder. Wird es etwa an andere gelangen?«
(77) Als die böse Manthara so sprach, verwandelte sich auch das bisher reine Denken der Königin: durch das planende Blendwerk der Götter, durch die Wirksamkeit der ihnen gewährten Gunst und durch die große Askese der weisen Brahmanen. (78) Die Sünden der Dämonen und die guten Taten der anderen drängten dazu: Die sanfte, rein sprechende Frau gab ihr gutes Mitgefühl auf. Trinken die Welten nicht gerade wegen dieser Härte noch heute den Nektar von Ramas weithin ausgebreitetem, altem Ruhm? (79) So verändert blickte die schwanengleiche Tochter Kekayas nun voller Zuneigung auf die mit Bosheit erfüllte Bucklige: »Du liebst mich und bist auch meinem Sohn wohlgesinnt. Sage, wie er die hohe Krone erlangen kann!« (80) Manthara hörte die Worte der schönäugigen Königin, verneigte sich vor ihren Füßen und rief: »Meine Freundin ist tüchtig, meine Verbündete ist stark! Das Königtum wird sich dir beugen. Folgst du meinem Rat, mache ich alle vierzehn Welten zum Besitz deines einzigen Sohnes.
(81) Ich habe einen Plan für dich, deren Schmuck kühl wie Edelsteine glänzt. Damals, als Sambara mit seinem blütenreichen Kranz besiegt wurde, gewährte dir dein siegreicher Gemahl zwei Wünsche. Fordere sie jetzt ein!« So sprach die auch im Herzen krumme Frau. (82) »Mit einem Wunsch erlange das Reich. Mit dem anderen bewirke, dass Rama vierzehn Jahre lang fern im großen Wald umherzieht. Dann wird sich das ganze fruchtbare Land allein deinem Sohn unterordnen. Das ist der Weg!« (83) Kaikeyi freute sich über die Worte der Buckligen und umarmte sie innig. Sie reichte ihr eine Kette aus großen Juwelen und weitere Schätze: »Du hast meinem einzigen Sohn die vom brausenden Meer umgebene Welt geschenkt! Du bist nun die Mutter des Weltenherrschers.« Ihre Freude kannte keine Grenze. (84) »Du hast gut gesprochen! Mein Sohn soll die herrliche Krone tragen und Rama in den dichten Wald verbannt werden. Werden diese beiden Dinge nicht vollbracht, gebe ich vor dem König mein kostbares Leben auf und sterbe. Nun geh!«
2.3 – Kaikeyis Plan
(1) Als die Bucklige fort war, stieg Kaikeyi von ihrem kostbaren Blumenlager. Sie riss den Kranz aus ihrem langen, regenwolkenschwarzen Haar; die honigsuchenden Bienen wirbelten auf. Sie glich dem Mond, der die ihn umhüllenden Wolken auseinanderstößt. (2) Sie zerriss ihren vielgliedrigen Hüftgürtel, als schnitte sie die Wurzel der Ranke ihres wachsenden Ruhmes durch. Armreifen und Fußglöckchen legte sie ab; das kostbare Stirnzeichen wischte sie fort, als tilgte sie den Fleck auf dem Mond. (3) Ihre übrigen makellosen Juwelen verstreute sie einzeln. Das duftende Haar breitete sie über den Boden, Tränen spülten die schwarze Schminke aus ihren blumenhaften Augen. Wie ein Zweig, dessen Blüten abgefallen sind, wälzte sie sich auf der Erde. (41 [Quellenzählung; Gesamtzahl 1583]) Wie eine gestürzte Hirschkuh oder ein zusammengesunkener tanzender Pfau lag Kekayas Tochter da. Sie glich der Göttin des Unglücks, die unter wachsender Schande nach Ayodhya gekommen war, weil Sita, die Göttin des duftenden Lotus, die Stadt verlassen würde.
(5) Als die Nacht ihre Mitte erreicht hatte, kam der löwengleiche König mit dem Herrscherdiskus in seiner langen Hand zu ihrem Gemach. Die Speerträger unter den Fürsten begleiteten ihn mit Segensrufen zu der Frau, deren süße Sprache selbst die Laute beschämte. (6) Die Könige blieben ehrerbietig am Eingang zurück. Von dienstbereiten Frauen begleitet, trat der Weltherrscher ein und fand die geschmückte Königin mit weichen Schultern und großen, waffengleichen Augen, die ihr Lager verlassen hatte. (7) Er sah sie und fragte erschrocken: »Welches Leid hat dich getroffen?« Sein Herz sank vor Kummer. Mit seinen breiten Armen wollte er sie umfangen und aufrichten, wie ein Elefant eine Hirschkuh emporhebt. (8) Doch sie stieß seine nach ihr greifenden langen Arme fort und fiel wie ein erlöschender Blitz zu Boden. Sie sagte nichts und seufzte tief – sie, die dem König mit dem duftenden Kranz so teuer wie sein Leben war.
(9) Der geschmückte König erschrak: »Was ist geschehen? Wer immer in den sieben Welten dich beleidigt hat, soll sterben! Sage alles, was dir widerfuhr; dann wirst du sehen, was ich tue. Sprich!« (10) Als sie sein Versprechen hörte, ließ sie aus ihren langen Augen Tränen wie Hagelkörner über ihre Brust fallen: »Hast du noch Gnade für mich? Wenn es dir möglich ist, gewähre mir heute liebevoll, was du einst versprochen hast.« (11) Der König ahnte ihre Absicht nicht. Sein Lächeln blitzte strahlend auf: »Von Herzen werde ich es tun; nichts werde ich dir vorenthalten. Ich schwöre es bei deinem Sohn, dem freigebigen Rama!« (12) Nach diesen Worten hatte sie keinen Zweifel mehr. »Wenn du dieses große Leid wirklich von mir nehmen willst, König, dann erfülle die zwei Wünsche, die du mir damals gewährtest. Die Schar der Götter sei Zeuge!«
(13) Er erkannte die List ihres harten Herzens nicht: »Du brauchst dich nicht so lange zu quälen und zu weinen, um die Wünsche zu erhalten. Ich gewähre sie dir sogleich und löse meine Verpflichtung ein. Sprich sie aus!« (14) »Durch den einen der beiden zugesagten Wünsche soll mein Sohn das Königreich regieren; durch den anderen soll Sitas Gemahl fortgehen und den Wald beherrschen.« So erklärte die Frau, deren Bosheit alle anderen Übel übertraf. (15) Das Gift des Kummers, das die schlangengleiche Grausame mit ihrer Zunge ausstieß, drang in ihn ein. Er erschauerte, sein ganzer Leib schien zu verbrennen und zu zerfallen. Wie ein vom Schlangengift überwältigter Elefant brach er zusammen. (16) Wer könnte die große Qual des Königs beschreiben, der am Boden lag und sich wälzte? Von übermächtigem Schmerz immer aufs Neue verbrannt, stieß er heißen Atem aus wie die glühende Esse eines Schmieds.
(17) Seine Zunge trocknete aus, sein Leben wollte entfliehen, sein Inneres verdorrte. Blut schoss in seine Augen, sein Zorn schwoll an. »Was soll ich tun?«, fragte er immer wieder, während seine fünf Sinne erschöpft und verstört umherirrten. (18) Er saß auf dem Boden, stand auf und fiel wieder hin. Atemlos erstarrte er wie ein gemaltes Bild. Dann dachte er daran, die Schuldige zu packen und niederzuschleudern. Zitternden Lebens litt er unsägliche Qual. (19) Er schämte sich der gewaltigen Schande, die in Frauengestalt vor ihm stand. Innerlich glühend wanderte er seufzend umher, blickte sie an und sank kraftlos zusammen – einem Elefanten gleich, dem eine starke Hand den Speer erneut in die brennende Wunde stößt. (20) Der mächtige, einem tobenden Elefanten gleiche König fiel weinend und schluchzend nieder. Selbst die Götter erschraken und bebten; es schien, als gerate das Weltzeitalter aus den Fugen. Doch das Herz der Pfeiläugigen blieb unverändert.
(21) Sie fürchtete sich nicht; das Leiden ihres Herrn ließ ihr Herz nicht schmelzen. Zu sagen, sie schäme sich nicht, beschämt schon den Sprecher. Deshalb betrachten manche Weise die Täuschung als uralte Frauengestalt und suchen bei Frauen keine Zuflucht. (22) Der Träger des geölten Speers sah sie aufmerksam an: »Bist du verwirrt? Haben Lügner dich in eine Intrige verstrickt? Sage mir, was dahintersteckt. Ich beschwöre dich: Sprich die Wahrheit!« (23) »Ich bin nicht verwirrt, und kein Bösewicht ist gekommen, mir das einzureden. Herr gezügelter Pferde, erfüllst du die früher gewährten Wünsche, nehme ich sie heute an. Andernfalls sterbe ich und lasse die Schande auf dir zurück.« (24) Noch ehe sie diese lange Rede beendet hatte, traf es ihn, als werde ein Speer in eine schwere, brennende Wunde gestoßen. Der König, dessen einziges Leben sein Sohn war, verlor die Fassung, schwankte und brach bewusstlos zusammen.
(25) »Ach, du Grausame!«, rief er und hauchte beinahe sein Leben aus. »Wehe, wie grausam ist der Dharma! Soll doch auch die Wahrhaftigkeit sterben!« Er sprang auf, taumelte und fiel – er, dessen Schwert Himmel, Schlangenwelt und Erde bezwungen hatte. (26) Der Speerheld, der die Tapferkeit aller Helden überwunden hatte, schäumte auf: »Mit meinem scharfen Schwert will ich alle Frauen in den sieben Welten ausrotten und selbst unter die Niederträchtigsten fallen!« (27) Er schlug die Hände gegeneinander, biss sich auf die Lippen und schluchzte verzweifelt: »Wahrhaftigkeit ist mein Verhängnis!« Sein Herz schmolz wie Ghee im Feuer. So sank der König nieder, dessen Wort über die ganze Erde galt. (28) »Strafe ich sie, folgt Verderben; verweigere ich, ohne der Wahrheit untreu zu werden, geht es ebenso wenig. Auch Geduld ändert ihre Haltung nicht, und mein Schwert hilft nicht. Es bleibt nur das Bitten.« Mit diesem Gedanken erhob sich der wahrhaftige König.
(29) Wie jemand, der trotz seiner Strafgewalt nur den Fehler beseitigen will und angesichts eines drohenden Übels Geduld für besser hält, fiel er ihr zu Füßen – er, vor dessen Füßen sich sonst Könige mit pfahlbrechenden Kriegselefanten drängten. (30) »Dein Sohn wird dieses Reich nicht annehmen. Selbst wenn er es annähme, würde die Erde ihm nicht folgen. Du verzichtest auf Ruhm, den Menschen zu allen Zeiten gern besingen. Welchen Nutzen hast du von schwerer, verächtlicher Schande? (31) Die Götter werden es nicht billigen, die Menschen werden es nicht ertragen. Was soll dann aus allen anderen werden? Mit wem willst du herrschen? Nur weil ich es ihm sagte, nahm Rama die Krone an. Er würde selbst deinem Sohn rechtmäßig die Erde übergeben. (32) Verlangtest du meine Augen, ich müsste sie dir geben. Verlangtest du mein innerstes Leben, ist es nicht ohnehin schon dein? Frau, Hirschkuh des freigebigen Kekaya, nimm das ganze Land, wenn du es willst – aber vergiss den anderen Wunsch!
(33) Ich habe mein Wort gegeben; ich werde es nicht zurücknehmen. Doch quäle mich nicht weiter mit solchen verletzenden Worten! Selbst ein Dämon mit feuerheißen Augen würde einem Bittenden nachgeben, wenn dieser ihn wie seine Mutter anflehte. Wäre es ein Fehler, wenn du mir dies gewährtest?« (34) So und ähnlich bat der kriegerische König immer wieder. Doch das Herz der unvergleichlich Bösen schwankte nicht: »Wenn du zürnst und den früher zugesagten Wunsch nicht erfüllst, König – wer wird künftig noch für Wahrhaftigkeit einstehen?« (35) Der König, dessen Mund die Lüge niemals duldete, hörte sie und verging innerlich vor Qual. Er bezwang sich mühsam: »Du bist giftiges Feuer, keine Frau!« Beschämt und wie atemlos saß er da; dann sprach er weiter. (36) »Dein Sohn soll herrschen, und du sollst glücklich regieren. Das ganze Land sei in deiner Gewalt. Nimm es, ich habe es gegeben; ich breche mein Wort nicht. Aber wünsche nicht, dass mein Sohn, mein Auge, mein Leben, der gute Sohn aller Wesen, dieses Land verlassen muss!
(37) Ich sehe ein Schicksal, das mich wahrhaft mit der Wurzel ausreißt, und vergehe; meine Zunge ist ausgetrocknet. Wenn der Lotus-Händige heute aus meinem Blick scheidet, werde ich nicht überleben. Edle Frau, mein Leben sucht Schutz bei dir!« (38) Sie nahm die freundlichen Worte des Bittenden nicht an, ihr Zorn ließ nicht nach. Ihr Herz war wie Holz; sie kannte weder Scham noch Furcht vor Schande. »Bogenträger, einen gewährten Wunsch widerrufen zu wollen, ist bloße Gewalt. Ist das etwa guter Dharma? Antworte!« (39) Auf diese grausamen Worte erwiderte der König aus edlem Geschlecht: »Die Krönung mag unterbleiben. Aber sobald der Erhabene fort in den dichten Wald geht, verlässt mich mein Leben.« Wie ein hoher, vom Donnerkeil getroffener Berg stürzte er zu Boden. (40) Er fiel und versank in der Flut eines Meeres unablässiger, brennender Qual. Für dieses tiefe Meer sah er kein Ufer. Mit ihren grausamen Worten hatte sie das Leid geplant und sein Herz gespalten. Beim Anblick ihrer inneren Niedertracht verdorrte er.
(41) »Von Frauen mit glänzenden Armreifen kennt man den Ruhm, eher zu sterben als der Gemahl, mit dessen kostbarem Leben sie eins geworden sind. Niemals aber haben sie bisher ihren eigenen Herrn getötet. Willst du ihn töten, du Grausame? (42) Du achtest weder auf Schande noch auf die Bande der Verwandtschaft; an Dharma denkst du nicht. Nicht einmal ein mitleidiger Ausruf kommt dir über die Lippen. Du hast das Mitgefühl in deinem Herzen getötet und mit dem Pfeil deiner Zunge mein Leben verschlungen. Nun wird die Welt dich ohne Scheu vor Sünde vernichten wollen! (43) Gute Frauen tragen beständige Schamhaftigkeit, Zurückhaltung und Scheu als Schmuck. Wer seinen Ruf bewahrt, meidet Frauen, die sich um solche Scham nicht kümmern. Ach, wer sich ihnen dennoch anschließt, muss sich selbst schämen! (44) Ich habe jeden irdischen Herrscher, der sich mit Macht oder List gegen mich stellte, und selbst die Himmelsbewohner in allen Kämpfen besiegt. Nun trifft mich Verderben durch die Frau im eigenen Haus. Was wird man von mir sagen?«
(45) So dachte und redete er immer wieder, flehte und versank in Leid. Immer neue, ungleiche Qualen trafen ihn. Er wurde ohnmächtig und brach zusammen, sodass man meinte: »Lebt er noch? Nein, nicht mehr!« Seine mächtigen Schultern glichen aneinandergedrängten goldenen Bergen. (46) Während der König des goldenen Wagens so verzweifelte und sich wälzte, bis Staub seine goldenen Schultern bedeckte, sagte die Lieblose: »König mit dem prächtigen goldenen Kranz, wenn du mein rechtmäßiges Verlangen nicht erfüllst, sterbe ich noch heute!« (47) »Hat nicht einst ein König seinen kostbaren Leib zerschnitten, um die Wahrheit zu bewahren? Herr des straff bespannten Bogens, wozu beklagst du dich, nachdem du den Wunsch gewährt hast?« So sprach sie, einem aufspringenden Feuer gleich, das unerbittlich sein süßes Leben verzehrte. (48) Damit die Grausame nicht sterbe, sagte der mächtige König: »Ich gebe sie, ich gebe dir diese Wünsche! Mein Sohn mag den Wald regieren; ich werde sterben und die Himmelswelt beherrschen. Du aber schwimme mit deinem Sohn lange, lange in der Flut der Schande!«
(49) Noch bevor er ausgesprochen hatte, durchdrang ihn gewaltiger Schmerz wie die schärfste tödliche Klinge, die den Leib zerteilt. Er verlor Bewusstsein und Handlungskraft. Sie aber, deren Plan vollendet war und deren Gedanken nun ruhten, schlief ein. (50) Die kühle Nacht ging fort, als schämte sie sich, noch vor Männern zu stehen: Sie hatte gesehen, wie die mondhell lächelnde Frau, die all die langen Jahre wie ein einziges Leben mit dem König gelebt hatte, nun keinerlei Mitleid mit dem Leiden ihres starken Gemahls zeigte. (51) Die Hähne kündigten die letzte Nachtwache an. Es schien, als hätten sie gesehen, wie der König mit dem bienenumschwärmten Brustkranz durch diese Frau schluchzend zusammenbrach, und schlügen sich nun mit ihren schönen Flügelhänden verzweifelt gegen den Bauch und schrien. (52) Alle Vögel erhoben sich mit weichen Flügeln aus Teichen und Bäumen. Ihr Ruf, klingend wie die Fußreifen schmalhüftiger Frauen, schien aus innerer Empörung jenes von Kekayas König gezeugte Gift zu schelten – die unheilvolle Frau, die solches Verderben plante.
(53) Nach behütetem, friedlichem Schlaf erhoben sich die Elefanten. Sie schienen erschrocken zu denken: »Unser unvergesslicher Herr wird mit der schön gegürteten Frau zu Fuß durch den Wald ziehen. Dann wollen auch wir dieses Land verlassen!« (54) Die Sterne verschwanden vom Himmel, als habe man ein kühl strahlendes Perlentuch wieder abgenommen, das über der ganzen Erde ausgespannt worden war: noch ehe man Ramas Hand, stark wie ein Elefantenrüssel, die schützende Weiheschnur umlegen konnte – Ramas, des Vishnu mit roten Augen wie lächelnde Lotusblüten. (55) Die Trommeln verkündeten gleichsam: »Der Tag ist da, Rama mit dem furchtbaren Bogen zu verehren! Die Nacht des Liebesgottes ist vorüber.« Wie Pfauen, die beim Donner des Bergregens aufleben, erhoben sich die Frauen freudig bei diesem Klang. (56) Blumen öffneten ihre Kelche, ein frischer duftender Wind wehte. Einige Frauen litten mit gelösten Gewändern an Liebessehnsucht; andere Jungfrauen wurden verwirrt, weil der Morgen ihre heimlichen Träume unterbrach, in denen jede den Freigebigen umarmt und ihren Herzenskummer vergessen hatte.
(57) Die prächtigen Nachtlotusblüten schlossen sich wie die Münder edler Frauen, die verstummten beim Anblick jener feurigen Bosheit: Kaikeyi hatte Schönheit und Tugend ihres Geschlechts vernichtet, schwere Schande auf sich geladen und ihren kostbaren Ruhm verschüttet. (58) Die melodischen Morgenlieder drangen wie Haubenschlangen in die zarten Ohren sehnsuchtskranker Frauen. Schon Liebesgottes scharf geschliffene Pfeile, weißes Mondlicht und langer Nachtwind hatten ihren Leib gequält; ihr Leben schwand, während die Begierde loderte. (59) Die wolkenhoch geschulterten Männer erhoben sich: »Diese eine böse Nacht vor der Krönung des Diskusträgers dauerte ein Weltzeitalter! Heute leben die Lotusgöttin, die sieben Welten, unsere durch Askese gesegneten Augen und unsere Herzen wahrhaft auf!« (60) Die Frauen hatten mit geschlossenen, speergleichen Augen nur Schlaf vorgetäuscht und im Herzen an ihn gedacht. Nun erhoben sie sich voller Sehnsucht, die staunenerregende Schönheit seines leuchtenden Leibes zu sehen, von kostbaren Blumenlagern; Bienen summten in ihrem Haar.
(61) Die kranzgeschmückten Frauen hatten im Liebesstreit verharrt, während ihre Geliebten schlaftrunken und zögernd eine Umarmung suchten, bei der goldener Schmuck und Blütenkränze sich berühren würden. Als die Wachttrommeln erklangen, blieben die Herzen der Frauen fest: Den schmachtenden Männern wurde keine versöhnende Vereinigung zuteil. (62) Laub rauschte, Bienen summten in den Kränzen, große Trommeln dröhnten und Wagen rollten. Perlen und Schmuck der Frauen klangen, Vögel riefen, Lauten tönten. Überall erhob sich freudige Festmusik wie das Brausen von Regenwolken. (63) Die Lampen wurden matt wie der rote Glanz am göttlichen Leib des wahrhaftigen Königs: Er hätte vierzehn Welten samt seinem Leben verschenkt, doch die Liebe zu seinem großen Sohn ließ ihn nun dahinschwinden, zittern und alle fünf Sinne verlieren. (64) Viele Blasinstrumente sangen honigsüß, Saitenklänge eilten dem Takt voraus und erfüllten den ganzen Himmel. Pambai-Trommeln dröhnten, vielerlei Instrumente erschallten; Fußreifen klirrten, weiße Muscheln tönten, Hörner hallten, und Gesänge des Sama-Veda breiteten sich aus.
(65) Die dunkle, rauchgeschwängerte Nacht floh; die Lampen schienen ihr Licht aufzugeben. Auf dem östlichen Berg erschien die Sonne tiefrot, als zürne sie über die Feindseligkeit der sündigen Frau, durch die das kostbare Leben ihres königlichen Nachkommen schwand. (66) Die Lotusblüten öffneten sich wie die Gesichter sehnsüchtiger Frauen, die den Helden in der großen Krone des Weltschutzes sehen wollten: ihn, der den Kriegsbogen des Gottes der Götter zerbrach, des Ursprungs, der Dreigestalt, des Urgrundes und der Welt. (67) Die große Stadt erhob sich damals brausend wie sieben Meere: »Heute wird der Prinz gekrönt!« Was die drängende Liebe zusammenführte, übersteigt Vorstellung und Sprache solcher wie wir. Dennoch wollen wir berichten, wie es geschah. (68) Junge Frauen, die die Herzen elefantenstarker Männer gefangen nahmen, färbten ihre Füße rot, wählten milchweiße Armreifen und schmückten sich mit frischen Blüten. In ihre pfeilscharfen Augen legten sie unter dem Namen Augenschminke gleichsam Gift.
(69) Die Gesichter der jungen Männer blühten wie Lotuskelche, überflutet von Freude. Alle waren gleichsam Brüder Ramas geworden: ihre Augen glänzten wie rote Fische, die berauschenden Honig getrunken hatten, und auf ihren mächtigen Schultern hafteten noch die Kumkumspuren der Geliebten. (70) Die tugendhaften Ehefrauen fühlten wie Kausalya, die Brahmanen wie Vasishtha, die übrigen Frauen wie Sita. Sita selbst glich der Glücksgöttin; alle rechtschaffenen Männer der Stadt waren an diesem Tag wie Dasharatha. (71) Die übrige, vom brandenden Meer umgebene Erde schien menschenleer geworden zu sein. Denn aus Liebe strömte eine Flut von Königen herbei, um Sitas Gemahl gekrönt zu sehen, wie Götter sich versammeln, um Nektar zu trinken. (72) Frauen mit honigsüßen Korallenlippen, vollen Brüsten und weiten Hüften drängten sich unter lärmende Männerscharen. »Weiter, geht weiter!«, rief man überall. Doch in den goldenen Straßen konnten die Menschen weder vorankommen noch zurückweichen; sie mussten immer wieder stehen bleiben.
(73) Die einen sagten: »Am zahlreichsten sind die Könige!«, andere: »Die Krieger!«, »Die Männer!« oder »Die Frauen!« Manche hielten die schon Gekommenen, andere die noch Einströmenden für mehr. Jeder urteilte nach seinem Ausschnitt; wer hätte das Ganze überblicken können? (74) Frauen mit schwankender schmaler Taille versammelten sich wie tanzende Pfauengruppen. Ihre großen Augen vereinten Blütenanmut und Speergrausamkeit, mit glänzendem Gift als Schminke geschärft und in den weißen Mond ihres Gesichtes gesetzt. (75) Wer war nicht gekommen, um zu sehen, wie der Herr mit dem duftenden Tulasi-Kranz sich mit der herrlichen Erdgöttin verband? Nur die Dämonen auf Lanka, die Berge der sieben Welten und die unablässig brünstigen Elefanten, welche die Himmelsrichtungen tragen. (76) Weiße Perlenschirme stiegen auf wie Millionen Monde; Yakschweifwedel drängten sich wie Schwäne im Himmel. Die Indra gleichen Herrscher der weiten Erde kamen und betraten nach gebührendem Brauch die Krönungshalle.
(77) Auch alle Meister der vier Veden, deren Askese gute Früchte trägt, traten ein. Ihre Freude glich der von Vätern, die ihrem geliebten Sohn den würdigen Eintritt ins Hausleben ermöglichen: Sie kamen, die seltene Vermählung des Wunderbaren mit dem königlichen Glück zu sehen. (78) Götter füllten den Himmel, die Bewohner der meerumkleideten Erde alle Richtungen. Glückverheißende Muscheln und breitflächige Trommeln erfüllten die Ohren der Zuschauer. Unzählige Goldschauer schienen selbst die wogenden Meere auszufüllen. (79) Der blitzende Glanz der Könige verdunkelte die Lampen; das Flimmern ihrer unzähligen Kronen überstrahlte die Sonne. Der Schmuck der Frauen mit meergeborenen Perlenzähnen blendete sogar die Augen der sie umgebenden Götter. (80) In diese festliche Ordnung trat der große Asket mit allen glückverheißenden Dingen, die für Ramas Krönung nötig waren. Vedengelehrte rezitierten die vier reinen Veden; an den alten Toren wich das Gedränge vor ihm zurück.
(81) Er füllte Gefäße mit heiligem Wasser von der Ganga bis Kanyakumari und aus den vier Meeren, bereitete alles für das Feueropfer vor, stellte den heldenwürdigen Löwenthron auf und vollzog die weiteren notwendigen Handlungen. (82) Die Sternkundigen meldeten: »Die rechte Stunde ist gekommen.« Da befahl der durch makellose Askese gereifte Weise: »Geh rasch und bring den König mit der Juwelenkrone!« Der treue, gehorsame Sumantra machte sich eifrig auf den Weg. (83) Im himmelhohen Palast fand er den König der Könige nicht. Auf Nachfrage erfuhr er, wo er war, und ging zu Kaikeyis Gemach. Dienerinnen überbrachten seine Nachricht. Die Frau, die unter Frauen dem Tod glich, befahl: »Holt den Sohn!« (84) Sumantra hörte es und eilte voller aufsteigender Freude durch die Straße goldreicher Häuser. Er trat zu dem bergschultrigen Herrn, der in seinem heiligen Herzen sich selbst betrachtete, verneigte sich, bedeckte ehrerbietig den Mund und sprach.
(85) »Könige, Weise und alle Menschen bemühen sich liebevoll um dich wie dein eigener Vater. Auch deine jüngere Mutter hat befohlen, dich dorthin zu bringen. Komm rasch, um die breite goldene Krone zu empfangen!« (86) Rama hörte es, verehrte mit gefalteten Händen den Herrn der tausendköpfigen Schlange und fuhr im geschmückten Wagen ab. Die Flut der Könige umgab ihn wie ein Meer; heilige Lieder erklangen, Götter segneten ihn freudig, Frauen blickten jubelnd auf ihn. (87) »Der Held geht, die heilige Juwelenkrone zu tragen!« Von Liebe und Freude getrieben, drängten die Menschen einander zuvor und hoben beide Hände. Es war, als sähen sie ihr aller einziges, kostbares Leben außerhalb ihrer selbst im unvergleichlichen Wagen fahren. (88) Noch bevor die Frau mit den erschreckenden Worten ihn die leuchtende Krone und die reine Erdgöttin verlassen ließ, betrat der Freigebige einen anderen dichten Wald: die Bambusschultern und todbringenden Augenspeere der Frauen mit melodischer Sprache.
(89) Manche waren gekommen, Pulver, Blumen, Sandel und Gold zu streuen, verloren aber selbst ihre schönen Gürtel, Armreifen und Scham. Andere wuschen ihre weichen Brüste, die Liebesgottes Pfeile durchbohrt hatten, mit den heißen Tränen ihrer Sehnsucht. (90) »Kann man sagen, dieser Schönäugige sei geeignet, die Erde zu beschützen? Er hat ja kein Erbarmen mit uns!«, klagten manche bebend. Andere sagten: »Überall erscheint er mit roten Augen, dunkler schöner Gestalt und Wagen. Wie viele Ramas gibt es?« (91) So drängten sich die Frauen lärmend in Reihen. Weise, Alte der ehrwürdigen Stadt und junge Männer betrachteten seine Gestalt, ohne ihrer Liebe eine Grenze zu finden. Nun berichten wir, was in ihren Herzen und auf ihren Lippen entstand. (92) »Die Welt ist gerettet!«, riefen sie. »Mögest du ein Weltzeitalter erleben! Sohn, nimm alle unsere Lebenstage hinzu! Die Frucht unserer mühsamen Askese mit bezwungenen fünf Sinnen sei dein! Mögen alle guten Taten dir zugutekommen, Träger des grünen Tulasi-Kranzes!«
(93) »Welche guten Taten haben der Lotus und die Regenwolke vollbracht, dass jener deinen gnadenreichen Augen, diese deiner Farbe gleichen darf? Was können wir Dasharatha angemessen zurückgeben, der uns durch seltene Askese diesen edlen Sohn geschenkt hat?« (94) »Sein Mitgefühl gleicht Narayanas, der auf den Hilferuf des Elefanten kam und mit dem Diskus das Krokodil tötete!« So sprachen sie. Wenn sie den Herrn, den selbst die Veden nicht ergründen, aus der Nähe ansahen, füllten sich ihre Augen ohne erkennbaren Grund mit Tränen. (95) »Von seiner Fülle und Erkenntnis zu schweigen: Wer besitzt die Güte dieses dunklen Wolkengleichen? Ach, lässt er sich unter die Götter einreihen? Der vor uns ist der anfanglose Urgrund, jenseits der feinsten Zeitberechnung, die endlose göttliche Gestalt!« (96) »Die Vorfahren, die das Meer gruben, die Ganga auf die Erde brachten und einst für die Götter gegen Dämonen siegten – ihr großer, weithin bekannter Ruhm wird fortan vom Ruhm getragen, den die mächtigen Schultern dieses Herrn gewinnen!«
(97) Sie häuften Gaben auf: »Hier sind Sandelholz und makellose Edelsteinketten, Elefanten und ganze Reihen brünstiger Tiere, kraftvolle Pferde und Schätze aus reinem Gold. Lieber Sohn, verteile sie unter den Armen!« (98) Als der Held auf seinem blitzgleichen Wagen herankam, schmolzen sie bis ins Gebein, ihre Herzen und selbst jede innere Härte. So wird eine Kuh weich vor Liebe, wenn sie ihr unvergleichliches Kalb allein auf sich zuspringen sieht. (99) »Für Könige, die unter dem Schirm, von hohen Heeren und allerlei Waffen umgeben, die Erde gnädig regieren, hat es nun wenig Sinn, noch Söhne zu bekommen«, sagten die Guten. Staunend erstarrten sie wie Bilder und schmolzen innerlich dahin. (100) »Wird er im Wagen rasch an unserem Haus vorbeifahren, dessen Brust mit der heiligen Schnur einer blitzdurchzogenen Wolke gleicht? Überschüttet die lange Straße mit Haufen glänzenden Goldes und Millionen Edelsteinen!« So riefen und spendeten sie.
(101) »Er wuchs nicht in den Armen seiner leiblichen Mutter auf; durch ihre Askese durfte Kekayas Tochter ihn erziehen. Wenn sie ihn nun freudig der strahlenden Welt zur Herrschaft schenkt – wer könnte die übergroße Freude dieser Pfauengleichen beschreiben?« (102) »Sünde und schweres Leid werden mit der Wurzel ausgerissen! Die Erde gehört heute keinem Einzelnen mehr, sondern allen! Dieser Freigebige vernichtet die Feinde der Götter! Welche Askese haben wohl die Könige vollbracht, dass sie ihm dienen dürfen?« (103) Während sie so redeten, fuhr der tapfere Held im unvergleichlich schönen Juwelenwagen mit angespornten Pferden durch die von hohen Fahnenhäusern gesäumten Straßen und betrat den Palast, in dem der ruhmreiche König wohnte. (104) Dort fand er den König nicht freudig thronend vor: nicht mit hoher Krone über dem lotusoffenen Gesicht, liebevoll lächelnd und die fröhlichen Tänze blumenhaariger Frauen betrachtend, während sie ihm ergeben die Wedel bewegten.
(105) Er ging auch nicht in die goldene Halle, wo sein Vater mit den Weisen der königlichen Versammlung gern verweilte und wahre Lobreden erklangen. Der Herr, der der im Herzen aller Vedenerkenner erblühenden Gestalt glich, betrat das Gemach seiner jüngeren Mutter. (106) Die Könige und Weisen sahen ihn hineingehen und sagten: »Er hat das Rechte bedacht. Zuerst soll er die Lotusfüße seines Vaters aufs Haupt nehmen; schön ist es, wenn dieser Herrscher, dessen Zepter alle Richtungen ordnet, ihm selbst die strahlende Goldkrone aufsetzt.« (107) Währenddessen suchte Rama den Ort, wo sein reiner Vater noch ohne Bewusstsein lag. Kaikeyi sah ihn kommen und dachte: »Der Herr wird es nicht selbst sagen; ich werde sprechen.« Allein trat sie wie der Tod vor den, der sie als Mutter betrachtete. (108) Er beugte sich vor ihr, bis sein Haupt den Boden berührte. Mit einer roten Hand bedeckte er ehrerbietig seinen korallenroten Mund, mit der anderen hielt er das Gewand zusammen und stand demütig da – wie ein Kalb vor der am Abend heimkehrenden Mutter.
(109) Die Frau mit eisernem Herzen, die alle Grausamkeit des mordenden Todes besaß, nur nicht dessen Namen, sah ihn an: »Sohn, ich kann es dir heute mitteilen, wenn du bereit bist, es anzunehmen. Dein Vater hat dir eine Weisung gegeben.« (110) »Wenn mein Vater befiehlt und Ihr es mir übermittelt, bin ich gesegnet. Wer wäre glücklicher geboren als ich? Seid gegrüßt! Was könnte dies anderes sein als die Frucht meiner Askese? Ihr seid mir Vater und Mutter. Ich stehe bereit; befehlt!« (111) Sie sagte: »Der König befiehlt: Bharata soll die ganze meerumgürtete Erde beherrschen. Du sollst fortgehen, lange verfilzte Locken tragen, schwere Askese auf dich nehmen, den heißen staubigen Wald aufsuchen, an heiligen Badestellen baden und nach vierzehn Jahren zurückkehren.« (112) Wie könnten Menschen wie wir diesen Augenblick leicht beschreiben? Ramas Tugenden vermag niemand auszuschöpfen. Sein heiliges Antlitz war schon zuvor einem Lotus gleich; als er diese Worte hörte und verstand, übertraf es eine eben erblühte rote Lotusblüte.
(113) Nur aus Scheu, dem Befehl des klar denkenden Königs zu widersprechen, hatte er die Mühsal angenommen, diese dunkle Welt zu tragen. Nun glich er einem schwarzen Stier, den sein Herr vor den Wagen gespannt hatte und den ein Barmherziger von dieser Last befreite. (114) »Selbst wenn es nicht des Königs Befehl wäre, würde ich Euren etwa verweigern? Ist der Reichtum meines jüngeren Bruders nicht auch mein eigener Gewinn? Was wäre darüber hinaus noch zu wünschen? Ich nehme den Auftrag aufs Haupt und gehe noch heute in den blitzenden Wald. Ich bitte um Abschied.« (115) Nach diesen Worten verehrte er nochmals ihre Füße, verneigte sich in der Richtung, in der sein geliebter Vater lag, und ging zu Kausalyas Gemach. Seine Schultern überragten Berge; die Göttin des goldenen Lotus und die Erdgöttin klagten und vergingen vor Schmerz.
2.4 – Abschied von der Stadt
(1) Ohne schwingende Wedel, ohne weißen Siegerschirm ging er allein zu ihr. Das wirkende Schicksal schritt voraus, der Dharma folgte klagend. Ihre Gedanken aber blühten: »Mein Sohn, einem Regenberg gleich, wird mit der Krone kommen!« (2) »Er trägt keine Krone; sein Haar ist nicht vom heiligen Salbungswasser benetzt. Was bedeutet das?«, dachte sie zweifelnd. Als der goldbeschuhte Held ihre Lotusfüße verehrte, segnete sie ihn liebevoll: »Was ist beschlossen? Gibt es ein Hindernis für die Krönung?« (3) Der Held faltete seine roten Hände: »Dein geliebter edler Sohn, mein jüngerer Bruder Bharata von makellosem Wesen, wird die erhabene große Krone tragen.« (4) Sie erwiderte: »Nur eines spricht dagegen: Es entspricht nicht der Erbfolge. Doch er ist mit dreifacher Tugendfülle begabt, noch besser als du und ohne Makel.« In ihrer reinen Liebe machte sie zwischen den vier Söhnen keinen Unterschied.
(5) Dann sagte sie: »Mein Sohn, deinen Vater nicht zurückzuweisen ist dein Dharma. Überlasse deinem Bruder gern die ganze Erde und lebe mit ihm in Eintracht viele Weltzeitalter lang!« (6) Als der Makellose die Worte seiner Mutter hörte, blühte sein reines Herz auf. Er sagte: »Der Herr hat mir noch eine Aufgabe gegeben, um mich auf einen guten Weg zu führen.« (7) »Welche Aufgabe ist das?«, fragte sie. Er antwortete: »Er sagte: Verweile vierzehn Jahre im weiten Wald mit den erhabenen großen Asketen und kehre dann zurück.« (8) Noch bevor das Feuer dieser Worte ganz in ihre ohrringgeschmückten Ohren gedrungen war, stöhnte sie auf, wurde schwach, erstarrte, ihr Herz schwoll vor Schmerz; sie schluchzte und fiel nieder.
(9) »War es Täuschung, mein Sohn, als er sagte: Trage diese große Erde und sei ihre Zuflucht? Ist es Gift? Wie könnte ich weiterleben? Es fürchtet sich, es fürchtet sich – mein kostbares Leben zittert!« (10) Sie presste eine Hand in die andere und drückte mit ihren sprossenzarten, armreifengeschmückten Händen den Bauch, der einst den Geliebten getragen hatte und einem Banyanblatt glich. Heiß wie Rauch ging ihr Atem; sie schluckte und verzehrte sich vor Kummer. (11) »Wahrlich groß ist des Königs Barmherzigkeit!«, lachte sie bitter. Dann blickte sie den vor ihr stehenden Sohn an und erhob sich: »Wann musst du in den weiten Wald gehen?« Ihre Qual glich dem letzten Ringen des Lebens im Sterben. (12) »Was hast du dem König getan, dessen Herz dich doch liebt?«, klagte sie. Sie glich einem Menschen, der nach lang ertragener Armut endlich Gold gewonnen hatte und nun durch dessen Verlust völlig überwältigt wurde.
(13) »Habe ich keinen Anteil am Dharma? Ihr Götter, weshalb muss mein Leben so dahinschwinden und dem Tod verfallen?« Was mehr sagen? Sie weinte und irrte aufgelöst umher wie eine Milchkuh, die von ihrem Kalb getrennt ist. (14) Er hob die so Leidende mit seinen Händen auf: »Du von seltener ehelicher Treue, willst du unseren wahrhaftigen König zum Lügner machen? Sage es mir!« (15) Er sprach schöne, wahrheitsvolle, bedenkenswerte Worte, die sie zu tragen vermochte. Nachdrücklich suchte er die Frau von fest gegründeter Treue so zu trösten, dass ihr Herz zur Ruhe kommen konnte. (16) »Ich habe das Glück gewonnen, meinem vortrefflichen Bruder die Herrschaft zu ermöglichen, meinen Vater selbst vor unbeabsichtigter Unwahrheit zu bewahren und die bestimmte Zeit im Wald zu verbringen. Welchen größeren Gewinn könnte meine Geburt mir bringen?
(17) Selbst wenn Himmel, Erde, Meer und alle übrigen Elemente vergingen – dürfte ich, sein Diener, den Befehl des Herrn verweigern? Lass dein Herz deswegen nicht zerbrechen!« (18) »Dann werde auch ich nicht sagen: Geh nicht, obwohl der König es befiehlt. Aber wenn du gehst, nimm mich mit, die ihr Leben nicht einmal im Tod loslassen kann!«, antwortete sie. (19) »Mutter, willst du mir in den dichten Wald folgen, statt den König der Könige zu stärken, der durch unsere Trennung im Meer des Leids versinken wird? Du beachtest dabei den Dharma nicht«, sagte er. (20) »Wenn mein Bruder mit dem gestreiften Bogen dieses Reich rechtmäßig übernommen hat und der König eines Tages seinen Wohlstand verlässt, um Askese zu üben, dann kannst du mit ihm die schweren Gelübde vollbringen.
(21) Warum verwirrt sich dein Herz? Auch die Götter sind doch durch solche große Askese emporgestiegen. Wie viele Jahre sind es überhaupt? Diese vierzehn Jahre werden wie vierzehn Tage vergehen. (22) Ging denn das Wissen verloren, das ich früher durch die Gnade des Weisen Kaushika empfing, oder der Segen, der daraus folgte? Weiterhin ist es gut, den Weisen nach ihren Wünschen zu dienen. (23) Du wirst sehen, wie ich in diese Stadt zurückkehre: nachdem ich großen Asketen gedient, seltene Erkenntnis vollendet, unvergleichliche makellose Wissenschaften erlangt und die Liebe der Götter gewonnen habe. (24) Besteht nicht bis heute der unvergleichlich große Ruhm der Sagara-Söhne mit bienenumschwärmten Kränzen? Sie gruben die Erde zum Meer der Makara-Tiere auf, gehorchten ihrem Vater und gaben dabei das süße Leben ihres schuldlosen Leibes hin.
(25) Der Axtträger, der die Waffe des Gottes mit dem Hirschkalb trägt, widersprach seinem Vater nicht und zerschlug sogar den Leib seiner Mutter. Sollte ich daran denken, die Weisung meines mächtigen Vaters zu verweigern?« (26) Die wahrhaftige, glänzend geschmückte Mutter nahm all diese wohlbedachten Worte ihres Sohnes in sich auf. »Auf jeden Fall wird er dieses Land verlassen«, dachte sie. (27) »Mag Bharata die Erde beschützen. Doch ich werde den unnachgiebigen Weltherrscher anflehen und verhindern, dass dieser Sohn das Land verlässt und als Asket im großen Wald lebt.« Mit diesem Entschluss ging sie fort. (28) Rama verneigte sich vor der Fortgehenden. »So sei es. Sumitra wird auch sie trösten und diesen Kummer lindern«, dachte der Beschützer und begab sich zu Sumitras erhabenem, wolkenberührendem Palast.
(29) Kausalya erreichte das Gemach der Tochter des Kekaya-Königs. Als sie Dasharatha dort am Boden liegen sah, stürzte sie ebenfalls hin – wie ein Körper, aus dem plötzlich das Leben entwichen ist. (30) »Warum diese Trennung von denen, die niemals getrennt waren? Großer, ist das recht? Entspricht es dem Dharma? Was ist das für ein Entschluss, der unsere Lage nicht bedenkt? Du Reichtum der Armen, meine einzige Kraft! Ist es Erkenntnis oder Schicksal? König! König!« (31) »Dein Herrscherrad rollte selbst der finsternisvertreibenden Sonne entgegen; allein hast du dein Zepter über die Welt geführt. Soll sie nun den letzten Tag erreichen, an dem alles Sein vergeht? Ist dies die Gnade, die du beabsichtigt hast, König der Könige?« (32) »Du bist die Frucht der Askese der meerumgebenen Welt, das Glück des Glückes, ein Meer vollendeter Künste, die feste Grundlage der rechten Veden! Du Wohnstatt des Erbarmens, ich vergehe weinend, und du fragst nicht einmal: Was fehlt dir? Ist das schön, Herr der sieben Welten?«
(33) »Sein blitzender Leib liegt da, als wäre er verlassen. Eine unvorstellbare Krankheit trifft ihn, doch er nimmt nichts wahr und fragt nicht, was geschehen ist. Ach, ich verstehe das nicht! Mein Sohn, komm und sieh den Zustand des Königs!« (34) Noch ehe ihr klagender Ruf ganz verklungen war, sagten die Könige mit glänzenden Schwertern: »Das ist nicht recht! Weiser, geh und erforsche es!« Vasishtha kam, sah den Schwertkönig und dachte: »Wie wird dies enden?« (35) »Der König ist nicht tot, doch er wird dem Tod nicht entgehen; jetzt hat er nur das Bewusstsein verloren. Kekayas Tochter hat vorläufig ihre Sorge abgelegt, doch sie wird sie nicht dauerhaft loswerden. Wer könnte den Lauf von Geburt und Tod anderer leicht erkennen?« (36) Der Weise sah, dass die verzweifelt weinende Kausalya ihr Leid nicht erklären konnte. Er wandte sich an Kekayas Tochter, die ihn begrüßte: »Mutter, sage, warum der König so zusammengebrochen ist!« Sie selbst berichtete klar, was sie verursacht hatte.
(37) Noch während sie sprach, hob er den König mit goldlotusgleichen Händen vom staubigen Boden auf: »Du bist kundig; verzweifle nicht! Sie selbst wird deinem geliebten Sohn das Reich zurückgeben. Warum handelst du so? Lass davon ab!« So bat er wiederholt. (38) Er benetzte ihn mit kühlem Duftwasser, ließ den sanften Luftzug eines festen Fächers über ihn streichen und sprach freundliche Worte. Das Gift der Rede jener ozeangiftgleichen Frau ließ etwas nach; der König kam zu sich und nannte nur den Namen seines geliebten Sohnes. (39) »Herr, lass nun diesen übergroßen Kummer! Der Held wird das Land regieren. Welches Hindernis sollte bleiben? Die Frau mit den unwürdigen Worten wird selbst zustimmen. Wenn der Regenwolkengleiche die Krone nicht trägt, könnten wir weiterleben? Geh nicht zugrunde!« (40) Der König hörte den Weisen: »Herr, solange ich Unglücklicher noch nicht gestorben bin, lass ihm die große Krone aufsetzen! Sorge dafür, dass er nicht an den Wald denkt, und bewahre zugleich mein Wort davor, durch einen Bruch Schande zu erleiden.«
(41) Der Weise blickte die Frau an, deren Tat selbst Asketen erzürnte: »Goldgleiche, gib deinem Sohn das Reich, allen anderen ihr süßes Leben und deinem Gemahl sein Leben gemäß Manus Ordnung zurück. Schmücke dich mit reinem, makellosem Ruhm!« (42) Noch ehe der Bezwinger der karmischen Wurzeln geendet hatte, schluchzte sie: »Wenn der König von der Wahrheit abweicht, will ich auf dieser großen Erde nicht weiterleben. Damit mein Wort nicht zur Lüge wird, werde ich noch heute sterben!« (43) »Dass dein Gemahl stirbt, dass die Welt es missbilligt, dass deine Schande wächst und Sünde entsteht – nichts davon hält dich ab. Du begreifst überhaupt nichts. Was soll ich noch sagen?« Auch der Weise zürnte: »Das ist nicht recht!« (44) »Ohne Mitgefühl, blind für die Qual und das Leben deines Gemahls, sprichst du Worte wie Feuer oder Gift in einer Wunde. Bist du eine Frau, ein Feuer, ein unsterblicher Dämon? Grausame, was wird aus dir und dieser Erde? Die Schande ist übermächtig!«
(35 [Quellenzählung; Gesamtzahl 1739]) »Noch ehe der König seinem Sohn selbst den Wald befahl, hast du es ausgesprochen. Er wird nicht davon ablassen, auf dem harten Weg in den hohen Wald zu gehen. Du brennendes Feuer, das Ruhm und Leben verzehrt – gibt es jemanden so böse wie dich? Was bleibt zu tun?« (46) Als der untadelige Weise dies sagte, blickte der erschöpfte König auf die Frau mit giftiger Zunge: »Sünderin, hast du selbst mein Leben fortgeschickt und gesagt: Geh in den heißen Wald? Ist er schon gegangen?« (47) »Jetzt erkenne ich dein Herz. Lange habe ich das süße Gift deines fruchtgleichen Mundes getrunken; so hast du mein Leben bis zur Wurzel verschlungen. Als ich dich einst vor dem Feuer heiratete, nahm ich keine Gemahlin – ich suchte mir einen zweiten Tod! (48) Du hast es schicksalhaft eingefädelt, meinen einzigen sehenden Augapfel, meinen Sohn, in den grausamen Wald zu schicken, und mich zerspalten. Du schamlose Sünderin! Was soll ich weiterreden? Die Hochzeitsschnur um deinen Hals wird zur Weihe- und Schutzschnur deines Sohnes werden!«
(49) Nachdem er noch vieles gesagt hatte, blickte er die Unbarmherzige an: »Ich erkläre es: Von heute an ist sie nicht meine Frau; ich habe sie verstoßen. Weiser, auch den kommenden König Bharata erkenne ich nicht als Sohn an. Er soll meine Totenriten nicht vollziehen!« (50) Zur edlen Kausalya sagte er: »Er scheut sich, mich zu sehen, weil es seinen Aufbruch hindern könnte. Hat er auch dich nicht gesehen?« Bei seinem Anblick wich ihr eigener Schmerz über die Trennung vom augengleichen Sohn; nun litt sie an der Verzweiflung ihres Gemahls. (51) Sie begriff, dass dies das Werk ihrer Nebenfrau war und ihr Mann nach Gewährung der Wünsche den Schmerz nicht ertrug. Sie begann ihn zu trösten und sprach von des Sohnes Fortgang; zugleich quälte sie die drohende Schande, die Welt könnte sagen: »Der König hat seine Wahrhaftigkeit verloren.« (52) »Mächtiger, du hast die unerschütterliche Wahrheit stets bewahrt und deine unverächtliche Größe nie herabgesetzt. Wenn du nun aus unlösbarer Liebe zu deinem Sohn dahinschwindest, wird die Welt das billigen?« So sprach sie, deren Kraft mit der ihres Gemahls sank.
(53) Sie wagte nicht zu sagen: »Er wird gewiss gehen«, denn sie wusste: Geht der Sohn, stirbt der Gemahl. Bat sie aber: »Halte den Sohn zurück«, gefährdete sie seines Vaters Ruhm. Ach, was musste die schwanengleiche hohe Kausalya erdulden! (54) Aus ihren Worten erkannte der kranzgeschmückte König: »Der edle, ruhmreiche Prinz wird die Erde nicht annehmen, sondern in den Wald gehen.« Vor Leid schwindend rief er: »Meine Stütze, meine Stütze! Edler Sohn, erscheine mir!« (55) »Meine Augen zerfließen in Wasser, und mit ihnen rinnt mein Leben fort. Mein Sohn, das Wasser, das die kundigen Vedengelehrten vor dem Feuer zu deiner Salbung bereiteten, gib mir Unglücklichem als letzten Trank, bevor du in den hohen Wald gehst! (56) Du bezwangst mit seinem eigenen Bogen die gewaltige Macht dessen, der mit scharfer Axt wiederholt ganze bewaffnete Königsgeschlechter vernichtete. Ich Grausamer sagte dir: Trage die große Krone! Und gleich darauf gab ich dir die Krone verfilzter Asketenlocken. Wehe!
(57) Dunkel ist deine Gestalt, doch Herz, Augen und Hände sind lauter und schön. Du Geduld selbst, du zerbrachst den Kriegsbogen des Herrn, der die drei Städte verbrannte! Ohne an meine Einsamkeit zu denken, verlässt du mich im Alter. Ich will nicht länger leben! (58) Gold, das jedes Gold überstrahlt, Ruhm des Ruhmes, Prinz mit blitzendem Bogen, Wahrheit der Wahrheit! So schwach bin ich nicht, dass du vor mir fortziehen könntest: Noch ehe du in den Wald gehst, werde ich den hohen Himmel betreten. (59) Mein Herz kann zerbrechen; mein Leib kann aus Liebe sein Leben verlieren. Ich bin nicht wie du. Mit diesen Augen sah ich dich, die Hand der würdigen Tochter Janakas haltend, heimkehren. Mit ihnen werde ich dich nicht fortgehen sehen! (60) Was soll ich noch sagen? Mag die Erde deine Trennung ertragen, mag selbst der Himmel nicht trauern – König des goldenen Wagens, mein einziger Ruhm, mein Leben, ich habe dich gezeugt und kenne deinen seltenen Wert. Ich werde nicht überleben!
(61) Du überlässt das weite, wasserumgebene Land, die Herrschaft und unerschöpfliche Schatzhaufen der hinterlistigen Kaikeyi und nimmst für dich nur den Ruhm. Diese deine Freigebigkeit tötet mein Leben, sie tötet es! (62) Gibt es unter den Glänzenden der meerumringten Erde, des hohen Himmels und der Schlangenwelt jemanden wie dich, mein Gold? Wer besitzt solche Kraft? Du bliebst selbst beim Kommen des Axtträgers unerschüttert. Wer könnte dir sonst standhalten? (63) Wenn ich dies höre und doch nicht heute in den hellen Himmel eingehe, wie hart müssen meine Augen sein! Mein Sohn, du sollst im Wald wohnen, während ich hierbleibe und Kaikeyi ansehe? Welch vortreffliches Wesen hätte ich dann! (64) Die goldene Lotusgöttin, die deine mächtige Brust nur durch wahre Askese erlangte, und die herrliche Erdgöttin können deine Trennung nicht überleben. Wenn ich Unglücklicher dich überlebe, wäre ich dann nicht Kaikeyi gleich?
(65) Ich sollte dich mit Schmuck, Krone, goldenem Thron und Schirm sehen, deine weite Brust und königliche Pracht bewundern. Wenn ich stattdessen sterbe, ehe ich dich in armseligem Baumrindengewand und Hirschfell sehe, dann wäre mir wenigstens dies gelungen!« (66) Er sprach unzusammenhängend immer neue Worte und schwand dahin, sodass man dachte: »Noch heute verliert der König sein Leben.« Der Weise mit dem weichen Fell über der Brust sagte: »König, verzweifle nicht! Mit der ganzen Welt werde ich ihn daran hindern, heute zu gehen.« (67) »Kann das gelingen?«, dachte der König bei diesen Worten und hielt sein einsam umherirrendes Leben noch ein wenig fest. »Wenn dieser Heilige hingeht, wird Rama seinetwegen bleiben.« Dann verlor selbst dieser menschgewordene Manu erneut das Bewusstsein. (68) Kausalya erschrak: »Der König hat Bewusstsein und Leben verloren! Ist er tot?« Verzweifelt klagte sie: »Zuerst hat der Sohn mich verlassen, nun verlässt auch du mich, mein Gefährte! Ist das der Dharma, Herr, König der Könige?«
(69) »Wahrheit der Wahrheit, König aller Könige! Wenn du dein Leben nicht bewahrst und so dahinschwindest, wird die ganze Erde vor Kummer verstört. Vielleicht kommt unser Herr mit dem Weisen zurück. Verzweifle nicht, König!« (70) Immer wieder so sprechend, strich Kausalya mit ihren roten Händen über seinen Leib, seine Füße und sein Gesicht. Aus tiefer Verwirrung fragte der König leise: »Wird unser Held mit dem gewaltigen Bogen kommen? Wird er kommen?« (71) »Die tückische Kaikeyi beschloss schon zuvor, mein Leben mit ihren Worten zu töten. Auf den Rat der Buckligen sann sie darauf, mit ihrem Sohn die Erde zu gewinnen, und sagte meinem großen Sohn: Geh in den Wald! Ja, sie sagte es!« (72) »Der goldarmreifengeschmückte Sohn wird vom Waldgang nicht ablassen; mein Leben wird mich gewiss verlassen. Höre, Kausalya: Einst sprach ein großer Weiser einen Fluch über mich.« Der König begann ihr alles zu erzählen, was damals geschehen war.
(73) »Von Jagdlust getrieben zog ich durch einen grausamen Wald und suchte Elefanten und Löwen. Mit Bogen und Pfeilen versteckte ich mich am Ufer eines schönen Flusses, zu dem die dunklen Tiere kamen. (74) Dort lebte ein großer Asket mit seiner Frau. Beider Augen waren ohne Licht, und ihr trefflicher Sohn war ihre einzige Stütze bei der Askese. Ich wusste nicht, dass dieser Sohn zum Wasserholen kam. Ich schoss einen starken Pfeil; er schrie und wälzte sich auf der Erde. (75) Ich hatte geglaubt, ein gewaltiger Elefant sei ins Wasser gestiegen, um zu trinken. Nur auf das Geräusch hin flog mein Pfeil; mit den Augen hatte ich nichts erkannt. Dann erschrak ich: Das war keine Elefantenstimme! Als ich die menschliche Stimme erkannte, eilte ich schweren Herzens hin. (76) Ich sah ihn mit dem Pfeil im Leib am Boden rollen; seine Hand hatte den Wasserkrug losgelassen. Bogen und Mut entfielen mir, und ich stürzte nieder: ›Herr, wer bist du? Ach, erbarme dich!‹ Der Jüngling, der keine Lüge kannte, sagte: ›Höre!
(77) Meine Mutter und mein Vater sind beide blind. Ich kam, Wasser für sie zu holen, doch nun ist dies misslungen. Du mit den berggleichen Schultern hast mich unwissentlich für einen Elefanten gehalten und getroffen. Lass deinen zerschmelzenden Kummer; dies ist die Wirkung des Schicksals. (78) Bring meinem Vater, der von großem Durst gequält wird, kühles Wasser. Berichte auch meinen Tod und sage ihnen: Euer Sohn, der in den Himmel geht, hat sich vor euch verneigt.‹ So sprach der Edle und ging fort, von den Göttern empfangen. (79) Ich brachte den Sohn und das kühle Wasser zum großen Asketen, der auf sein Kind wartete. Er sagte: ›Lieber, bis jetzt bist du nicht gekommen. Wir bangten: Was ist geschehen? Du mit sandelduftenden Schultern, komm, lass dich umarmen!‹ (80) Ich antwortete: ›Herr, ich bin ein König aus Ayodhya. Auf der Suche nach dunklen Elefanten lag ich in der Finsternis verborgen. Auf das Geräusch hin, mit dem dein wahrhaftiger Sohn Wasser schöpfte, flog mein Pfeil. Ich hatte ihn nicht gesehen.
(81) Als sein Todesschrei ertönte, erkannte ich, dass es kein Elefant war, lief zu ihm und fragte, wer er sei. Er erzählte alles, sein Herz war bekümmert; ehrerbietig nahm er Abschied. Dann starb er und ging in den Himmel, von Götterscharen empfangen. (82) Herr, zürne mir nicht, als hätte ich ihn wissentlich mit dem Pfeil getötet. Ich sah ihn nicht; nur auf das Geräusch des Wasserschöpfens schoss ich auf deinen schuldlosen Sohn. Vergib mir gnädig!‹ So legte ich mein Haupt an seine beiden Füße. (83) Sie fielen nieder, wurden ohnmächtig und wälzten sich: ›Heute sind unsere Augen verloren!‹ Sie versanken im Meer des Leids: ›Lieber Sohn! Du hast unser Herz gespalten. Wir ertragen nicht, dass du allein in der goldenen Welt lebst. Wir kommen, wir kommen sogleich!‹ (84) Ich verehrte ihre Füße: ›Von heute an bin ich euer Sohn. Ich werde eure Aufträge erfüllen. Verliert nicht den Mut; lasst von der Qual ab!‹ Da antwortete der Asket: ›Träger des starken Bogens, höre ein Wort!
(85) Wenn wir das augapfelgleiche Kind verloren haben und doch aus Liebe zum Leben weiter Nahrung suchen, was würde die Welt sagen? Wir gehen in den Himmel. Herr geschmückter Pferde, auch du wirst wie wir beim Verlust deines Sohnes dorthin gelangen. (86) Herr des makellos glänzenden Schirms, du hast deinen Fehler bekannt und bei unseren Füßen Schutz gesucht. Darum denken wir an keinen grausameren Fluch. Doch getrennt von deinem gehorsamen Sohn wirst du, wie wir heute, leidend in den weiten Himmel eingehen.‹ Dann gingen sie in die goldene Welt. (87) Ich kehrte ohne Niedergeschlagenheit zurück, sogar froh: Ihre Worte verhießen mir einen lieblich sprechenden Sohn. Doch nun werden des Weisen Ausspruch, Ramas Waldgang und mein eigener Tod nicht im Geringsten ausbleiben.« (88) Als der König diese bedeutungsvollen Worte sprach und weiter litt, verlor auch die schöne pfauengleiche Kausalya verstört das Bewusstsein. Der große Asket, der den wahren Weg und die Wirkung des Schicksals sicher erkannte, eilte schweren Herzens davon.
(89) Der weithin gerühmte, berggleiche Meister großer Askese trat vor dem goldenen Palast des Königs mit den gezäumten brünstigen Elefanten in die Versammlung, wo die zur Krönung gekommenen Herrscher unter Trommeldröhnen noch freudig beisammensaßen. (90) Die Schwertkönige blickten den ankommenden Weisen an: »Gibt es ein Hindernis für das Erscheinen unseres Herrn? Was bedeutet dieser Ruf grenzenlosen Weinens? Du Klargeistiger, erkläre es uns!« (91) »Auf Befehl des Königs soll Kaikeyis leiblicher Sohn die Erde beschützen, die auf der Schlange ruht. Rama mit den hohen breiten Schultern, der Gemahl der Glücksgöttin, soll für eine bestimmte Zeit fortgehen und im Wald leben. (92) Kekayas Tochter forderte zwei Wünsche, und Dasharatha mit dem unbeugsam gerechten Zepter gewährte sie. Sie hat dem wolkengleichen Helden mit dem leuchtenden Kranz den Waldgang auferlegt. Ein anderer Ausweg ist nicht vorgesehen. So ist es geschehen.«
(93) Noch ehe die Worte des unerschütterlich wahrhaftigen Weisen ihre Ohren ganz erreicht hatten, stürzten Frauen, andere Bürger, liebevoll ergebene Könige und Brahmanen nieder, ebenso wie Dasharatha. (94) Als dränge Rauch in eine brennende Wunde, bebte ihr Leben. Am Boden liegend, erschöpft und verstört, zitterten ihre ganzen Körper. Tränenströme erreichten das Meer; der gewaltige Klang ihres allseitigen Weinens stieg zum Himmel. (95) Die Frauen verloren kostbaren Schmuck und glückverheißende Zier; ihre Kränze verrutschten, ihre todgleichen Augen und lotusgleichen Füße röteten sich. Bebend sanken sie auf die Erde wie Blütenranken, die ein Sturm zerknickt. (96) »Ach, der König hat kein Erbarmen!«, riefen sie. »Wir wollen den Dharma aufgeben, der uns nicht schützt!« Selbst unerschütterliche Könige fielen der Reihe nach klagend nieder wie Maram-Bäume, die ein großer Sturm umgeworfen hat.
(97) Papageien und Mainas weinten, die Katzen in den hohen Häusern weinten, selbst kleine Kinder, die noch keine Gestalt recht erkannten, weinten. Was erst von den Erwachsenen sagen? All dies bewirkte die Nachricht: »Der Freigebige geht in den Wald.« (98) Ihre roten, wasserliliengleichen Lippen öffneten sich und zeigten weiße jasminartige Zähne. Hagelgleiche Tränen fielen auf die Brüste, als wäre eine prächtige Perlenschnur gerissen. Die Frauen klagten mit stammelnder, kaum noch von der Zunge geformter Sprache. (99) Kühe und Kälber weinten, frisch erblühte Blumen weinten, Wasservögel weinten. Honigtriefende Haine, Elefanten und schnelle kräftige Kriegspferde weinten – alle glichen dem leidenden König. (100) Außer Kaikeyi, die dem Herrn den Wald befahl, ohne zu bedenken, dass selbst der weise König daran sterben würde, und der bösen Buckligen – gab es noch andere Hartherzige? Alle schienen ihre Körper zu verlieren und nur noch aus Wasser zu bestehen.
(101) Unzählige verloren die Besinnung und fanden keinen Trost. Durch die Straßen, deren Puder von Wagen zu Staub zermahlen worden war, flossen Tränen wie Flüsse. Nur eines war noch ein Fehler: Ihre harten Herzen zerbrachen nicht in Stücke. (102) »Die Erdgöttin muss gesündigt haben!«, sagten sie. »Noch größer ist die Sünde der Göttin auf der großen Lotusblüte! Das Schicksal hat unsere Herzen verwundet. Die Sünde unserer irdischen Augen ist größer als das Meer!« (103) »Bharata wird das Reich nicht regieren! Unser Herr wird nicht zurückkehren; wie grausam ist unser Schicksal! Die Siegeskrone ist zum Unheilsplaneten geworden. Wer könnte härter sein als wir, die wir immer noch nicht sterben?« (104) »Der alte König hat in übergroßer Liebe zu Kekayas Tochter den Verstand verloren. Wir werden mit Sitas Gemahl in den glühenden Wald gehen; andernfalls stürzen wir uns ins Feuer!«
(105) Mit den Händen strichen sie über die Erde und benetzten sie mit Tränen. »Die goldene Kausalya wird nicht überleben!«, sagten sie und seufzten heiß. »Lieber junger Prinz, kannst du dies ertragen?« Die Bewohner der großen Stadt vergingen wie Ghee in einer Flamme. (106) »Es gibt keinen anderen Grund: Um ihrem Sohn die Erde zu verschaffen, hat sie diese verächtliche Tat begangen. Kaikeyi mit den honigsüßen roten Lippen gleicht einer käuflichen Frau; sie besitzt offenbar keine innige Liebe.« So zerbrachen ihre Herzen. (107) »Soll er etwa Askese üben, bis er selbst zugrunde geht? Oder will man damit alle töten, denen er das kostbarste Leben ist? Schön, wahrlich schön für den Herrn, der diese Wünsche gewährte!« (108) »Überlassen wir ihr das Land, das wir besitzen, und bleiben wir dicht vereint bei dem geborenen Herrn der ganzen Welt. Wenn wir alle dort wohnen, werden die Wälder voller Ameisenhügel schon in wenigen Tagen zu einem bewohnten Reich!«
(109) »Was ist das für ein Verhalten des Königs? Erst gibt er seinem unvergleichlichen ältesten Sohn die Erde, dann überträgt er sie gegen die Erbfolge dem jüngeren. Wird dadurch nicht ebenfalls die Wahrheit verletzt?« (110) »Kann ein anderer die Erdgöttin ehelichen, nachdem sie dem kranzgeschmückten Bogenprinzen gegeben wurde? Wird das Glück, das ihn selbst dann nicht verließe, wenn Sita ginge, nun dem Sohn dieser arglistigen Frau nachlaufen?« (111) Die Frauen bebten wie unversorgte Lampen im Wind, deren Docht niemand richtete und denen niemand Ghee nachgoss. »Müssen wir den schönen gnädigen Blick seiner großen roten Lotusaugen verlieren? Wehe, Schicksal!«, riefen sie. (112) Der jüngere Bruder hörte: »Die kleine Mutter mit den ungeschliffenen Augenspeeren hat durch ihre Wünsche das Reich zurückgenommen und deinem Bruder den Wald gegeben.« Da loderte er auf wie das Feuer am Weltende, das niemand entzünden muss.
(113) Weltvernichtendes Feuer schien aus seinen Augen zu sprühen, die Stirn runzelte sich dicht, die Gestirne verblassten vor seinem Glanz. Schweiß brach aus, sein Atem stürmte hervor. So glich er der ursprünglichen Gestalt des großen Herrn. (114) »Das köstliche Fleisch, das für ein Löwenjunges bestimmt ist, will sie einem grimmigen kleinen Hund vorwerfen! Wie vortrefflich ist die Klugheit dieser Dame!« Er lachte bitter und schlug sich auf den Armreif, dem Herrn der Ganga gleich. (115) Er band den Gürtel fest, an dem das Schwert seitlich hing, ergriff den Bogen und schnallte den großen Köcher auf den Rücken. Eine eng anliegende Goldrüstung bedeckte Brust und Schultern, gegen deren Höhe selbst der kühle Meru wie ein Ameisenhügel wirkte. (116) Seine goldenen Heldenreifen dröhnten lauter als das Meer. Er berührte die feine Bogensehne, deren gewaltiger Klang wie Donner fortrollte und die sieben Meere verschlang – stärker als die dreifache Wolkenmacht am Weltende.
(117) Es schien, als stürzten Himmel, Erde und alle grenzenlos nach oben und unten ausgedehnten Elemente zusammen. Außer ihm und seinem älteren Bruder wichen sämtliche leiblichen Lebewesen der drei Welten erschrocken zurück. (118) »Ich stehe bereit, die Last der Erdgöttin zu nehmen, alle Angreifer im Kampf zu vernichten und ihre Leiber durch das ganze Weltall aufzutürmen. Meinem einzigen König werde ich die Siegeskrone aufsetzen. Zeigt mir, wer das verhindern will! (119) Mögen Götter, Menschen, Vidyadharas, Nagas und alle Bewohner der acht Richtungen sich dagegenstellen, ja selbst die drei, die die Welt erschaffen, bewahren und vernichten: Die Absicht dieser Frau werde ich in dieser großen Welt nicht dulden!« (120) So zog der königliche Jüngling durch die Mitte der Stadt, heiß wie die Morgensonne, die plötzlich Mittagshitze entfaltet. Er glich dem hohen, gipfelreichen Mandara-Berg, der sich einst im Urmeer drehte.
(121) Rama saß bei seiner jüngeren Mutter Sumitra, die über das Werk der anderen, grausamen Frau weinte und trotz allen Trostes nicht zur Ruhe kam. Da hörte er den Donnerschlag der Bogensehne seines starken Bruders, als zerreiße das Himmelsgewölbe. (122) Mit strahlendem Goldschmuck und blitzenden Ketten kam er, einen Regen unverbrüchlicher Worte spendend: wie eine dunkle Wolke, die ein vom Wind angefachtes, rauchendes, hoch aufloderndes und unstillbares Feuer löscht. (123) Vor ihm stand Lakshmana, golden an Gestalt, mit wolkenmächtigen Armen und blitzendem Zornesfeuer. Rama fragte: »Mein Lieber, du kennst sonst nicht den geringsten Zorn. Warum stehst du gerüstet und mit dem Bogen da?« (124) »Vor jener, deren Herz schwärzer als Augenschminke ist, die Wahrheit zerstört und dein Recht missachtet hat, will ich dich krönen. Wer es hindert, selbst wenn es Götter sind, den verbrenne ich wie trockene Baumwolle in heißem Feuer.
(125) Solange dieser starke Bogen in meiner Hand liegt, können mich selbst die Himmlischen nicht hindern. Kommen sie dennoch, mache ich sie zum Ziel meiner brennenden Pfeile. Nimm heute von mir die vierzehn Welten und die Oberherrschaft über alle Könige an!« (126) Rama erwiderte: »Deine Einsicht ist doch der gute Weg, auf dem gerechte Ordnung sich niemals krümmt. Wie konnte auf einem Boden, der solchen Zorn nicht hervorbringt, diese schicksalswidrige Wut wachsen, die deinen unerschütterlichen Dharma austrocknet?« (127) Lakshmana lachte, sodass seine perlenweißen Zähne sichtbar wurden: »Dein Vater sagte: Die himmelweite Erde gehört dir, und du nahmst es an. Nun verlierst du sie durch Feindschaft und gehst in den Wald. Wann sonst sollte ich, dein Diener, zornig werden?« (128) »Menschen ohne Liebe zu dir treiben dich in den weiten Wald. Soll ich dann diesen elenden Leib erhalten und mein Leben hüten? Ist jener hartherzige Landesherrscher, der dir vor meinen Augen erst das Reich gab und es dann verweigerte, noch unser König?«
(129) »Du mit dem Speer, der wie Blitz, Sonne und Feuer leuchtet! Ich bedachte nicht, dass Herrschaft später Schuld hervorbringen kann. Als der siegreiche König mich die Krone annehmen hieß, stimmte ich zu. War das nicht mein Fehler? Welche Schuld trägt der kriegerische König? (130) Es ist nicht die Schuld des Flusses, wenn klares Wasser fehlt. Ebenso wenig ist es die Schuld des Herrschers, des Verstandes der Mutter, die uns gebar und aufzog, oder ihres Sohnes. Lieber Bruder, es ist die Schuld des Schicksals. Warum zürnst du deshalb?« (131) »Wie soll ich mein Herz beruhigen, das wie vom Blasebalg geschürtes Essenfeuer kocht? Du wirst meine Bogenkunst sehen! Sie übertrifft die List jener Intrigantin, ist stärker als die höchsten Götter und wird selbst dem Schicksal zum Schicksal!« (132) Rama antwortete: »Willst du mit der Zunge, die die Veden spricht, alles sagen, was dir in den Mund kommt? Du bringst etwas hervor, das rechtschaffenen Menschen fremd ist. Warum erhebst du dich gegen die, die uns als Mutter und Vater gegeben sind?«
(133) »Du bist mein guter Vater, mein einziger Herr und die Mutter, die mich geboren hat. Andere habe ich nicht. Du hast gelernt, alles anderen zu schenken – sieh heute, was daraus wird!« Er hob abwehrend die Hand und glich dem erzürnten Shiva mit der Mondsichel. (134) Der Gnadenspender sagte: »Die Empfängerin der Wünsche besitzt nun rechtmäßig diese Erde. Nach ihrem und meines Vaters Wort wird Bharata sie erhalten. Der Reichtum, den ich jetzt erwerbe, ist das asketische Gelübde. Was könnte besser sein? (135) Lieber Bruder, wodurch soll dein Zorn enden? Indem du unseren untadeligen jüngeren Bruder im Kampf vernichtest? Indem du den von den Guten gepriesenen eigenen Vater besiegst? Oder indem du die Mutter bezwingst?« (136) Vor dem wortmächtigen Rama sagte Lakshmana: »Ich habe die Worte der Feinde ertragen und diese zwei nutzlos emporragenden Steine, die man Schultern nennt, getragen. Offenbar bin ich nur geboren, Köcher und fest bespannten Bogen zu schleppen. Wozu also mein Zorn?«
(137) Der Meister tamilischer und sanskritischer Gelehrsamkeit antwortete: »Es ziemt mir nicht, das Wort des Vaters zu brechen, der mich stets mit guten Worten geführt und aufgezogen hat, um ein Reich zu gewinnen. Welcher Tadel träfe dich dann, wenn du nun mein Wort übergingest?« (138) Lakshmana gab den Zorn und jede weitere Gegenrede auf. Wie die vier klar wogenden Meere, die wie die vier Veden ihre Grenze nicht überschreiten, hielt er sich an des Herrn Gebot und wurde ruhig wie ein Meer, dessen Flut nicht steigt. (139) Rama umarmte ihn, als umarmten sich der selbst für sich unergründliche anfang- und endlose Herr und Shiva mit dem goldenen Hirschfell. Dann gingen sie in den Palast der Mutter Sumitra, deren Worte von Würde erfüllt waren. (140) Sumitra sah die beiden Söhne, die ihren beiden Augen glichen, zum unerbittlichen Waldgang bereit. Ihr Herz war verwundet; sie wälzte sich am Boden und konnte kein Ende des entstandenen Schmerzensmeeres erkennen.
(141) Rama eilte zu ihr, verneigte sich und hob sie auf. Um das sägende Schwert des Kummers aus ihrem Herzen zu ziehen, sagte er: »Ich kann den König der Schwertkönige nicht zum Lügner machen. Ich werde den dunklen, wolkenhohen Wald kurz sehen und hierher zurückkehren. (142) Ob ich den Wald betrete, ins Meer gehe oder den weiten Himmel erreiche: Für mich ist es wie der Eintritt ins herrliche Ayodhya. Wer könnte mich bedrängen? Lass deinen Leib, dein Leben und dein Bewusstsein nicht zerbrechen!« (143) Während die Brüder die untröstliche Mutter beruhigten, kamen Frauen mit lebenshauchschmalen Taillen und brachten Rindengewänder auf Befehl der unvergänglich Beschämten. Sie konnten weder die Bosheit ertragen noch den Schmerz überwinden, der ihre Gedanken bedrängte. (144) Jedes Mal, wenn sie den dunklen Wolkengleichen sahen, zerflossen ihre Augen in Tränen und ihre Herzen brachen. »Diese Rindengewänder schickt die Frau, deren Herz sich selbst angesichts des unaufhörlichen Leids aller anderen nicht erweicht«, sagten sie.
(145) Der jüngere Bruder lächelte bitter mit perlenglänzenden Zähnen: »Hier steht der, der geboren ist, alles anzulegen, was jene ihm geben, die ihn seines reichen Königreiches beraubten. Und hier stehe ich, geboren, das mit dem Kriegsbogen in der Hand anzusehen. Zeigt die Gewänder!« (146) Er nahm die gebrachten Gewänder bereitwillig entgegen und dachte: »Wenn die hohe Mutter sagt: Lass diese bittere Qual und geh mit ihm, wird dies meine Stütze sein.« Er fiel der reinen Frau zu ihren goldenen Füßen; sie sprach. (147) »Das ist nicht unrecht für dich. Dieser Wald sei dir Ayodhya; der innig geliebte Rama sei unser König. Die blumenhaarige Sita sei dir die Mutter, deren Liebe auch nach Hingabe der ganzen Erde nicht vergeht. Geh! Hierzubleiben wäre jetzt ein Fehler. (148) Mein Sohn, folge ihm; verhalte dich dabei als Diener, der seine Aufträge erfüllt, nicht bloß als jüngerer Bruder. Kehrt er in die beständige Stadt zurück, dann komm auch du. Andernfalls stirb vor ihm!« So sprach sie, während Milch aus ihren Brüsten rann.
(149) Beide verneigten sich. Die Mutter schluchzte wie eine erschrockene Kuh, die zwei Kälber verliert. Die unvergleichlichen Prinzen gingen hinaus, legten die Stoffgewänder von ihren Hüften ab und kleideten sich in Baumrinde. (150) Rama sah, dass sein Bruder dieselbe Rindenkleidung anlegte wie er selbst. Der Held mit dem honigduftenden Kranz sprach: »Du, dessen Ruhm den Himmel schmückt, höre ohne Widerspruch diesen Rat zu unserem Wohl. (151) Unsere Mütter und der Weltherrscher sind nicht mehr wie zuvor; sie sind in brennenden Kummer versunken. Damit sie nach meiner Trennung nicht noch mehr leiden, stelle du dich ihnen um meinetwillen zur Verfügung.« (1520 [Quellenzählung; Gesamtzahl 1846]) Bei diesen Worten erschrak der Liebende, seine säulengleichen Schultern bebten. Als müsse sein gerade zurückgekehrtes Leben erneut weichen, schluchzte er: »Welchen Fehler habe ich, dein Diener, gegen dich begangen?«
(153) »Wo Wasser ist, leben Fische und Wasserlilien; wo die Erde besteht, kann alles bestehen. Du mit dem bespannten Bogen, bedenke: Durch wen leben Sita und ich? Sage es gnädig! (154) Der Wahrheitswahrer schickte dich auf das Wort einer goldarmreifengeschmückten Frau in den Wald, obwohl die Erdgöttin vor Leid bebte. Er lebt dennoch und bleibt hier. Sprichst du solche Worte, weil du sein Sohn bist? (155) Was bleibt noch zu antworten? Diese Worte sind grausamer als dein früherer Befehl, den Zorn über deinen Waldgang völlig zu stillen und jedes Vorhaben aufzugeben. (156) Ist aller erworbene Reichtum verloren, und musst du nun auch uns von deinen Händen abschütteln und fortgehen? Herr mit dem siegreichen Speer, der sein Öl im Kampf und die Augenschminke der Frauen deiner Feinde durch ihre Tränen tilgt, ehe er in seine Hülle zurückkehrt!«
(157) Darauf vermochte Rama nichts zu antworten. Er sah in das Gesicht des Bruders mit den bergbreiten Schultern. Lange stand er da, während sich Wasser in seinen großen duftlotusgleichen Augen sammelte und immer wieder hinabfiel. (158) Da kam der liebevolle Weise von makelloser großer Askese aus der Königsversammlung zu ihnen. Die edlen Prinzen neigten die Häupter. Auch der Weise setzte nun seinen Fuß in das große Meer des Wehklagens. (159) Er betrachtete ihre Gesichter und Herzen und den Glanz der Rindengewänder an ihren goldenen Hüften. Was sollte er noch erklären? Unter dem aufsteigenden Schmerz verlor selbst der Erkenntnisreiche das Bewusstsein seiner selbst. (160) »Am glückverheißenden Tag, der seinen Aufstieg begründen sollte, führte ein widriges Geschehen ihn ins Rindengewand. Selbst wenn der viergesichtige Schöpfer einen Plan ersinnt – kann irgendjemand die Wirkung des Schicksals abwenden?
(161) Diese schwere Wendung ist nicht allein durch jene Frau entstanden; ebenso wenig ist sie eine Folge, die dieser Held verdient hätte. Welche Tat wirkt hier, wessen Absicht? Später werden wir es einmal klar erkennen«, sagte er. (162) Er trat zu dem Helden mit strahlenden großen roten Lotusaugen: »Herr, wenn du fortgehst, die weiten Höhen des steinigen Waldes zu sehen, wird der König mit dem gewaltigen Heer nicht weiterleben.« (163) Der Herr, der sein Schlangenlager verlassen hatte, antwortete: »Seinen Befehl aufs Haupt zu nehmen und auszuführen ist meine Pflicht. Seinen Kummer zu lindern ist deine Pflicht. So ist auch die rechte Ordnung.« (164) »Er hat nicht gesagt: Geh in den grausamen Wald! Der König mit dem scharf geschliffenen Speer hat lediglich jener Frau, deren Worte wie feindliche Pfeile treffen, unbedacht versprochen, ihre Wünsche zu erfüllen«, erwiderte der Weise.
(165) »Mein Vater hat diese Wünsche zugesagt; meine Mutter hat befohlen; ich habe den Auftrag aufs Haupt genommen. Wirst du, der als Zeuge der Wahrheit dasteht, mich hindern?« So sprach der, der geboren war, den guten Dharma fest zu begründen. (166) Danach vermochte der Weise nichts mehr zu sagen. Er stand da, während aus seinen langen Augen Tränen auf die Erde fielen. Der Bergschultrige verneigte sich und ging zum Tor der goldreichen hohen Königsmauer. (167) Er trug Rinde, sein Bruder folgte ihm, sein Herz war voller Freude und sein Gesicht makelloser als eine Lotusblüte. Nun wollen wir, soweit möglich, schildern, was jene erlitten, die seine Haltung sahen. (168) Was lässt sich vom Herzen der Brahmanen, Asketen, Könige, Stadt- und Landbewohner sagen? Selbst die Götter brannten innerlich vor Schmerz und wünschten den künftigen Nutzen dieses Geschehens nicht mehr.
(169) Als die göttlich schönen Frauen den Herrn sahen, schlugen sie mit ihren Händen an die großen glänzenden Augen. Es war, als vertrieben zarte junge Blätter die berauschten Bienen, die auf Lotusblüten fallen. (170) Einige verloren in grenzenloser Liebe sich selbst. War es, damit beide Arten des Karma im Jenseits endeten, oder weil der im Schluchzen entwichene Lebensatem nicht zurückkehrte? Sie gingen dem Vater des Helden im Tod voraus. (171) Manche fielen nieder; andere erhoben sich immer wieder schluchzend. Einige versanken in den Tränen auf ihren Gesichtern, andere bebten in steigendem Schmerz wie zarte Ranken, deren Triebe ins Feuer geraten. (172) Andere Frauen mit zuckerrohrsüßer Sprache hatten keine Tränen mehr. Waren sie vor grenzenloser Qual erstarrt? Sie standen wie Menschen mit eisernen Herzen, wie jemand, der einen ungeheuren Schatz verloren hat.
(173) Ihre Leiber zerfielen vor Schwäche, ihr Leben hielt sich nicht fest. »In diesem Augenblick, jetzt!«, schien es zu entweichen. Die Tränen ihrer blumenhaften Augen trockneten aus; aus den wund gewordenen Augen floss stattdessen Blut. (174) Unzählige Männer, elefantenstark mit ihren beiden Armen, achteten ihren Kopf nicht mehr: Mit großer Kraft trennten sie ihn ab, hielten ihn in einer Hand und schleuderten ihn fort. Andere stachen sich mit Dolchen die blumenhaften Augen aus. (175) Schmuck fiel herab, Edelsteine zersprangen und verstreuten sich, Hüftgürtel rissen wie frische Blütengirlanden. Die Frauen verloren den leuchtenden Glanz ihres Lächelns; ihre schönen Gesichter unterlagen nun dem Mond. (176) Die sechzigtausend Gemahlinnen des Königs, Frauen von makelloser Treue, folgten dem Sohn mit tränenvollen Augen und offenem Mund. Ihr Weinen und Klagen glich dem Meer mit seinen schlagenden Wellen.
(177) Sie stürzten und rangen am Boden wie junge Pfauen, Kuckucksscharen und Schwäne, die ihre Flügel verloren haben. Außer Rama hatten sie keinen Sohn, der ihnen das Leben auf Erden bedeutete. (178) Ihre sonst nektarsüßen Stimmen, die die vollen Töne von Blas- und Saiteninstrumenten übertrafen, wurden im maßlosen Seufzen und Schreien rau. Nun unterlagen die Worte der jungen Frauen selbst der einfachen Flöte und Laute. (179) »Seine Zuflucht wird ein grausamer Wald sein!«, klagten die Frauen um ihren Sohn. Durch ihre geöffneten roten Münder glichen die weit ummauerten Paläste einem Teich, in dem rote Nachtlotusblüten mitten am Tag erblüht waren. (180) Die Tränenflüsse wuschen dicke Kumkumpaste und Sandel fort, lagerten sie als Schlamm ab und rissen Halsketten mit sich. Von den Bergen ihrer Brüste strömten sie hinunter zum weiten Meer ihrer Hüftgürtel.
(181) Sogar die Sonne sah nun die leuchtenden Lotusgesichter der Gemahlinnen des Herrn des hainreichen Kosala. Wenn Unglück hereinbricht, was bliebe selbst einem guten Himmelskönig erspart? (182) Mütter, Verwandte, Verbundene, Ferne und Nahe und vornehme Frauen drängten sich, bis Tore und Vorhöfe verschwanden. Ihr Wehgeschrei war, als hätten brennende Flammen sie erfasst. (183) Überall erhoben sie klagend ihre Stimmen und folgten wie ein großes Wogenmeer. Der Bergschultrige wusste weder, was er ihnen sagen, noch wie er sie zurückhalten sollte. Er wandte sich seiner Wohnung zu. (184) Er war im hohen goldenen Juwelenwagen zur feierlichen Krönung ausgezogen. Nun ging er, in zusammengenähte lange Baumrinde gehüllt, wieder durch dieselbe goldene Straße.
(185) »Nachdem wir die Täuschung gegen diesen dunklen Schönen gesehen haben, zerbricht unser Herz noch immer nicht. Noch härter ist das Leben, das darin bleibt. Was weiter bedenken? Unsere Lebenskraft ist schlimmer als Gift!«, sagten einige. (186) »Wir warteten am Weg auf seine Heimkehr als Weltherrscher. Sollten wir stattdessen sehen, wie er zu Bären in den glühenden Wald geht? Mit Augen in einem Land geboren zu werden, in dem eine Frau solches Unrecht vollbringt, ist wahrhaft elend!« (187) »Der geborene Herr der ganzen Welt erhebt sich und sagt: Ich werde im Tigerwald wohnen! Wir sehen ihn aufbrechen und bleiben sitzen, um zu weinen? Wie schön ist doch diese unsere Liebe!« (188) Zu den kraftlos gewordenen Königen sagten manche: »Ihr wollt das Gute nicht bewahren und lasst den Dharma verfallen. Ihr gleicht der Frau, die den wolkengleichen Bezwinger jenes Mannes, der euer Geschlecht ausrottete, aus seinem Land vertrieb!«
(189) »Mit Rinde um die heilige Hüfte folgt ihm der Sohn jener Mutter, die zwei Söhne gebar, von unvergleichlichem Schmerz erfüllt. Hat Rama in dieser ganzen Stadt nur diesen einen Verwandten?« (190) »Wir wollen unsere gewaltigen Herzen, härter als massiver Stein, mit Äxten spalten!«, riefen manche und liefen los. Doch sie rutschten in den Tränenströmen aus, die sie selbst über den Weg vergossen hatten, und stürzten leidend nieder. (191) Manche nahmen Gold- und Edelsteinschmuck vom Leib, rissen die kostbaren vielfarbigen Gewänder ab, die wie Blitze geleuchtet hatten, und legten schlichte, dünne Stoffe an. (192) »Selbst Eltern vieler Kinder geben ihr Leben auf, wenn einem ihrer Kleinen eines der fünf Sinne fehlt. Doch der König bewahrt sein Wort, während sein rechtmäßiger Sohn in den Wald geht. Sein heiliges Herz ist aus Eisen!«
(193) Die Frauen, deren volle Brüste die schmale Taille belasteten, schwankten wie Blumenranken. Klagend schritten sie dahin, die roten Hände wie vereinte Kantal-Blüten über den Kopf gehoben. (194) An den Vorsprüngen hoher Paläste, deren Gipfel der Mond streifte, standen Frauen. Hagelgleiche Tränen fielen über die Berge ihrer Brüste; sie vergingen klagend wie Pfauen auf Bergeshöhen. (195) Aus unzähligen Fenstern der Paläste, die Wolken von Adlerholzduft aussandten, klagten sanft sprechende Frauen. Tränenwasserfälle strömten aus ihren geschminkten Augen; sie glichen Papageien, die in Käfigen weinen. (196) Weil die langen Tränenströme aus ihren schönen Augen auf die unteren Stockwerke fielen, schienen auch die Paläste um den großen Prinzen zu trauern und aus ihren goldenen langen Fensteraugen zu weinen.
(197) Frauen vergaßen ihre Kinder; die Kinder wussten nicht, wo sie ihre Mütter suchen sollten. Sie schrien, zerbrachen, wurden schwach und schmolzen dahin. Der Kummer plünderte ihre ganze Vernunft. (198) Alle großen Schönheiten, deren sanfte Sprache wie vollendeter Kamarä-Gesang klang, kamen auf die Straße. Die weißen Paläste glichen daher Lotusblüten, welche die Göttin mit honigduftendem Haar verlassen hatte. (199) In Scharen gingen die ohrringgeschmückten Frauen, ihr wolkengleiches Haar gelöst und bis zur Erde reichend, der Schmuck verstreut. Überall glichen sie von Pfeilen getroffenen Hirschherden, die erschöpft im Todeskampf zucken. (200) Auf den haushohen Bergen hingen die Fahnen still, der Donner der Königstrommeln verstummte, vielerlei Instrumente verloren ihren Klang. Der reichliche Augenregen ließ den Staub auf sämtlichen Straßen außerhalb der Mauern sinken.
(201) Aus Küchen stieg kein Rauch mehr; auf Terrassen fehlte der Adlerholzduft. Milchschalen waren ohne Papageien. Die Frauen lagen erschöpft, und die Wiegen auf juwelenbesetzten Füßen standen ohne Kinder da. (202) Gesichter verloren ihren Glanz wie im Tod, Wolkenscharen ließen keine Tropfen mehr fallen. Reine Tempel entbehrten der Opfergaben. Elefanten gaben ihre Freude auf, ebenso die Bienen, die sonst Blütenhonig tranken. (203) Schirme spendeten keinen Schatten mehr, Blumen verließen das Haar der langäugigen Frauen, Heldenreifen die Füße der Männer. Selbst die Pfeile des zornigen Liebesgottes verloren ihre Glut; Anril-Vögel trennten sich von ihren Gefährten. (204) An den Pferden verstummte das Geklingel; die lederbespannten Trommeln dröhnten nicht mehr wie Wolken. Die Straßen verloren das Rollen der Wagen, als hätte selbst eine Meeresflut das Rauschen ihrer klaren Wellen aufgegeben.
(205) Kein Trommelschlag, kein geordnetes Klingen von Lautensaiten, kein Lärm eines Götterfestes und auch kein anderer Ton war mehr auf der königlichen Straße zu hören – nur der Klang des Weinens. (206) In den goldenen Häusern verstummten die klar tönenden Fußreifen und die schönen Gürtel. An Gewässern und in Hainen riefen keine Vögel mehr. Das Summen um honigreiche Blüten und das Dröhnen der Elefanten waren gleichfalls verstummt. (207) Wasser vergaß die Felder, die rotlippigen Mütter vergaßen ihre kleinen Kinder auf dem Arm, brennende Opferfeuer vergaßen das Ghee. Alle Kenner des rechten Weges verloren das Bewusstsein ihres Leibes; die Veden vergaßen ihren Klang. (208) Die Tänzerinnen weinten, die Sängerinnen der sieben nektarsüßen Töne weinten. Frauen mit gelösten Kränzen weinten, ob sie eben im Liebesstreit oder mit ihren lebensgeliebten Gefährten vereint gewesen waren – Schar um Schar.
(209) Elefanten streckten den Rüssel nicht zum Wasser aus, Pferde führten kein Gras zum Mund. Vögel sammelten kein Futter für ihre Jungen, Kühe säugten selbst ihre neugeborenen Kälber nicht. Alle schmolzen erschöpft vor Schmerz dahin. (210) Auf den Schultern der Männer und den jungen Kokosnüssen gleichen Brüsten der Frauen fehlte die Sandelpaste. Die Köpfe der Geliebten und die Haare der Frauen entbehrten der Fülle schmückender Blumen. (211) Hohe Elefanten verweigerten den prächtigen Stirnschmuck; Häuserreihen ihren schönen Dachaufsatz. Goldene Mauern wollten keine Fahnengewänder mehr, und Terrassen, freie Plätze und alles Übrige wiesen ihren Festschmuck zurück. (212) Manche sahen verzweifelt darin die Frucht böser Taten, andere nahmen es als Frucht guter Taten an. Was nützt es, solche Parteien zu unterscheiden? Selbst Yogis, die Freude und Leid gleich betrachten, gerieten in selten schwere Qual.
(213) Die ganze große Stadt Ayodhya glich Dasharatha im Sterben: Ihre Lebewesen seufzten unaufhörlich, ihre Körper bebten, ihre alte Schönheit verfiel, Schluchzen wuchs, die fünf Sinne verwirrten sich – als hauchte sie ihr Leben aus. (214) Während die Stadt schwankte und zerfiel, umgab ihn eine grenzenlose Menge verstörter, klagender Menschen. Rama, das eine Leben aller lebenden Wesen, erreichte den Ort, wo Janakis Tochter mit glänzendem Brustschmuck weilte. (215) Sie sah ihn in armseliger Rindenkleidung kommen, umringt von weinenden Müttern, Asketen, Brahmanen und Königen, deren Körper staubbedeckt waren. Die einem gemalten Bild gleiche Frau stand mit erschrockenem Herzen auf. (216) Ihre Schwiegermütter umarmten sie, schluchzten und badeten sie gleichsam in frischem Tränenwasser. Die schwanengleiche Sita verstand nicht, was geschehen war; verstört blickte sie mit überströmenden langen Augen auf ihren freigebigen Gemahl.
(217) »Du mit den leuchtenden goldenen Heldenreifen, ist dem ruhmreichen König etwas geschehen? Welches schwere Leid hat uns getroffen? Sage es!« So fragte sie, am ganzen Leib wie ein Blitz zitternd. (218) »Mein unvergleichlicher Bruder wird die Erde beschützen. Ich habe den Befehl meiner beiden verehrten Eltern angenommen. Heute gehe ich, die von großen Regenwolken umhüllten felsigen Wälder zu sehen, und komme zurück. Bleibe hier ohne Kummer«, sagte Rama. (219) Nicht darüber weinte sie, dass ihr Herr in den Wald gehen oder das ihm zugekommene Reich verlieren sollte. Was ihre Ohren verbrannte und sie vergehen ließ, waren die grausamen Worte: »Du sollst nicht leiden; ich gehe fort.« (220) Wie könnte sie die Worte annehmen, dass er sie verlassen werde? Sie hatte doch gemeinsam mit ihm das Lager im Milchozean aufgegeben und war auch nach seiner Geburt in Ayodhya, die dem bedrohten Dharma galt, niemals von ihm getrennt gewesen.
(221) »Dass du Vater und Mutter gehorchen willst, ist rein und gut. Aber warum, warum hast du mir gesagt: Bleibe hier?« So fragte sie; bei jedem weiteren Gedanken schien ihr das Leben zu entweichen. (222) »Auf den Wegen zwischen großen Bergen erheben sich Steine grausamer als mächtige Dämonen, glühend genug, festen Lack zu schmelzen. Deine zarten roten Lotusfüße, nur leicht mit Lack gefärbt, sind nicht hart genug, diese Steine niederzutreten«, sagte er. (223) »Du willst mich ohne Mitgefühl und ohne Verbundenheit verlassen. Wo liegt jener Ort, den sogar die Sonne des Weltendes verbrennt? Könnte der große Wald heißer brennen als die Trennung von dir?«, erwiderte sie. (224) Rama hörte diese Worte und erkannte auch die tiefe Absicht ihres Herzens. Er vermochte das Tränenmeer seiner Augen nicht länger zurückzuhalten und überlegte: »Was soll ich tun?«
(225) Inzwischen ging sie ins weite Haus, legte entschlossen ein Rindengewand an und kehrte zu ihm zurück. Ihrem festen Entschluss folgend, trat sie an seine Seite und ergriff mit ihrer Hand seinen langen, palmenstarken Arm. (226) Alle, die ihre Handlung sahen, stürzten zu Boden, starben aber nicht. Wenn ihnen noch Lebenstage bestimmt sind, wie könnten sie sterben? Selbst beim Untergang eines Weltzeitalters leben jene weiter, denen das Überleben bestimmt ist. (227) Mütter, ältere Schwestern, vertraute Dienerinnen, Gefährtinnen und alle in beständiger Liebe Verbundenen glichen Menschen, die ins Feuer getaucht wurden. Der Rotäugige blickte die reine Frau an und sprach. (228) »Dein weißes Lächeln besiegt selbst Jasmin und Meeresperlen. Du bedenkst die Folgen nicht und hast dich zum Mitkommen gerüstet. Dadurch wirst du grenzenloses Leid erfahren«, sagte er.
(229) Als der König dies sagte, entgegnete sie zornig, deren zarte Sprache selbst den Kuckuck übertraf: »Ist allein dies das drohende Leid? Wird dir etwa Freude zuteil, nachdem du mich verlassen hast?« (230) Der Hochherzige gab keine weitere Antwort. Während Männer und Frauen verstört weinend niederfielen, ging er durch die lange, zum Schlammfeld gewordene Straße. Nur mühsam fand er einen Weg aus dem Gedränge. (231) Die Glücksgöttin folgte in Rindenkleidung, der jüngere Bruder mit dem mächtigen Bogen ging voraus, dazwischen schritt der Wolkenfarbene. Wer könnte schildern, was die Stadt beim Anblick dieses Zuges erlitt? (232) Nun blieb niemand mehr zurück, um zu klagen. Alle mit sinkendem Herzen umringten ihn: »Wir wollen vor dem Helden den Wald erreichen!« Mit einem Lärm, der jeden Kriegslärm übertraf, zogen sie los.
(233) Als Rama das Tor seines Vaters erreichte, verneigte sich der kranzgeschmückte Bogenträger vor seinen Müttern: »Tröstet den alten König!« Die Frauen fielen ohnmächtig nieder. (234) Zitternd klagten sie, bis ihre Zungen wund wurden. Sie priesen ihren Sohn, segneten ihre Schwiegertochter und den jüngeren Bruder und riefen: »Ihr Götter, beschützt sie gnädig!« (235) Nach dem schweren Abschied von diesen Müttern verehrte Rama mit gefalteten Händen den vor ihm stehenden Weisen. Dann bestieg er mit dem Bruder, der sein kostbares Leben war, und der goldenen Lotusgöttin einen Wagen und fuhr fort.
2.5 – Die Bewahrung des Königs im Öl
(1) Wer folgte dem fortgeschickten Helden nicht? Zurück blieben nur die Königinnen, die den Herrn des großen Heeres nicht verlassen konnten, und die Bilder in der göttlichen Stadt, weil sie kein Leben besaßen. (2) Hände streckten sich aus, Füße folgten; heiße Augentränen breiteten sich als Flut aus. Der goldene Wagen fuhr langsam hindurch wie der göttliche Fisch durch die vereinten Wasser, um die sieben Welten zu retten. (3) Die Sterne kamen hervor, das Sonnenlicht wich, Büffel und Kühe kehrten heim. Die Sonne sank hinter die Berge, als eile sie selbst durch einen Felspfad und sage: »Ich kann seinen Eintritt in den Wald nicht ansehen.« (4) Die Lotusblüten vergossen Wassertropfen, verloren ihren Glanz, schlossen sich und büßten ihre Schönheit ein. Sie glichen den Gesichtern schöner Frauen, die der lotusgeborene Brahma aus Stücken des Himmelsmondes geformt hatte.
(5) Als das Abendlicht erlosch, verlor der Himmel seine Röte und wurde dunkel wie der Sinn von Kekayas Tochter, den das Gift von Mantharas Worten verdorben hatte. (6) Überall sprossen Sterne am blassen Himmel. Er glänzte wie Indras Leib, den der Fluch des unbeirrbaren Weisen mit zahllosen großen, niemals blinzelnden Augen bedeckt hatte. (7) Zwei Yojanas von der herrlichen Stadt entfernt erreichte Rama rasch einen duftreichen Hain. Er stieg vom Wagen und blieb dort mit den wohlberatenen Weisen, seinen freundlichen Begleitern. (8) Die Menge, die den Helden nicht verlassen wollte, lagerte rings um den vogelreichen Hain in einem Kreis von einem Yojana Ausdehnung. Nicht einmal für ein Sesamkorn schien dazwischen noch Platz zu sein.
(9) An Flussufern mit angehäuften kostbaren Steinen, auf hohen Sandflächen und frischem Gras lagerten sie überall. Sie aßen nichts, schliefen nicht, sondern weinten und schluchzten. (10) Schließlich schliefen die jungen hirschgleichen Frauen mit duftendem Haar. Ihre Augen schlossen sich wie Lotus- und blaue Wasserlilienblüten; als Lager dienten ihnen die feinen Gewänder, leicht wie Dunst und weiß wie Milchschaum. (11) Die Jungfrauen hatten den langen Tag hindurch gelitten. Mit knospengleichen Brüsten, pfeilscharfen geschminkten Augen und zuckerrohrsüßen Worten schliefen sie nun auf den Schenkeln ihrer Ammen, deren Brüste jungen Kokosnüssen glichen. (12) Auf blumenbedeckten Sandhügeln ruhten Frauen mit mangospaltförmigen Augen wie sanfte Elefantenkühe. Neben ihnen schliefen untadelige Speerkrieger, den kleinenäugigen, kampftüchtigen Elefantenbullen gleich.
(13) Tugendhafte, askesereiche junge Frauen konnten weder das Gesicht noch die Zuwendung ihrer edlen Gemahle genießen. Von Kummer erschöpft wie klagende junge Pfauen schliefen sie, während ihre Kinder die Brüste streichelten. (14) Einige lagen auf kostbaren Steinplattformen unter Madhavi-Lauben wie langgestreckte Pfauenscharen; andere schliefen auf sandigen Vorplätzen bei den Arekawäldern in Reihen wie zarte junge Schwäne. (15) In duftenden Champaka-Hainen sanken manche zusammen wie weinend gebrochene junge Ranken. Andere ruhten mit ihren nur vom Brustband gehaltenen Brüsten wie schöne Korallenranken, die aus dem Sand wachsen. (16) Einige schliefen mit Staub auf den hohen Brüsten, als läge kühler Tau auf Kumkumbergen. Andere betteten den glanzlosen Kopf auf ihre Hände; ihre Gesichter glichen geschlossenen Lotusblüten.
(17) Auch die übrigen Menschen schliefen so ein. Der wach gebliebene Held rief den Minister Sumantra: »Komm! Du besitzt alle großen, makellosen Tugenden. Durch dich muss nun etwas geschehen; höre meinen Wunsch. (18) Diese innig Liebenden fortzuschicken ist schwer. Doch mit ihnen hier weiterzuziehen wäre nicht gut. Vater, kehrst du jetzt mit dem Wagen zurück, werden sie die Spuren prüfen, glauben, ich sei heimgefahren, und ebenfalls umkehren. Darum bitte ich dich.« (19) Der Wagenlenker erwiderte: »Ich Elender bin wohl schlimmer als jene grausame Mutter und das böse Schicksal. Denn ich soll dich hier verlassen, ohne mein süßes Leben aufzugeben, zurückkehren und dort ansehen, was daraus folgt. (20) Soll ich sagen: Ich habe den Prinzen, begleitet von Gemahlin und Bruder, in den blühenden Wald geschickt? Oder: Ich habe unseren Herrn mitgebracht? Was soll ich mit meinem eisernen Herzen berichten?
(21) Soll ich sagen: Ich ließ die Frau mit dem Brustband, deren Füße nicht einmal auf Kranzblüten treten könnten, und die starken Prinzen zu Fuß über die Erde gehen; ich aber, der alte Freund, kam unversehrt im Wagen zurück? (22) Soll ich, törichter Betrüger mit steinhartem Herzen, dem König, der bis ins Gebein zerbricht und klagt, deine Botschaft ausrichten? Gehe ich als dein Bote oder als Bote des Todesherrn im Süden? (23) Der König tröstet sich: Die Menschen aller Richtungen und die Bürger werden meinen Sohn überreden und zurückbringen. Soll ich ihn, Herr, mit meinen grausamen, todgleichen Worten töten? (24) Soll ich hingehen und sagen: Dein Löwensohn, den du durch Feueropfer so schwer errungen hast, ist fort? Am Ende scheint Kekayas Tochter unserem König gegenüber noch besser zu sein als ich!«
(25) Nach diesen Worten umfing er Ramas Füße. Wie eine große Schlange, die unter einem Donnerschlag zusammenzuckt, wand er sich leidend am Boden und klagte vieles. (26) Rama hob ihn mit seinen breiten Händen auf, umarmte ihn, trocknete seine Tränen und setzte ihn gesondert hin. Dann sprach der, dessen Gestalt sich reiner Erkenntnis erschließt, wenn sie die fünf Sinne und die inneren Werkzeuge überschreitet. (27) »Du mit dem lauteren Herzen erkennst angemessen alles, was nach einer Geburt erfahren werden muss. Willst du angesichts von Leid den Dharma vergessen und dafür eine große, ganz persönliche Schande auf dich ziehen? (28) Der große Dharma begründet zuerst den Ruhm und gewährt selbst nach dem Ende des Lebens bleibendes Heil. Darf man ihn annehmen, wenn Freude daraus erwächst, und verlassen, sobald Leid hinzutritt?
(29) Tapferkeit besteht nicht allein darin, starken Waffen standzuhalten, die die Brust durchdringen, und kriegerischen Erfolg zu erringen. Wahre Helden sind die, die den Dharma selbst unter Tod und völligem Verlust ihres Glückes nicht aufgeben. (30) Soll man sagen: Weil Rama den Gang in den Wald für zu schwer hielt, wich das alte, himmelweit berühmte Königsgeschlecht durch seine Geburt vom Dharma ab? Du mit dem Speer, der Fleisch durchdringt und Leben trinkt! (31) Dass man sagt: Der schwer zu übertreffend Wahrhaftige schickte den kostbaren Sohn seines Hauses in den Wald, ist meines Vaters große Askese. Dies anzunehmen und zu gehen ist meine große Askese. Trauere deshalb nicht, Vater. (32) Geh zunächst zum Weisen und richte ihm meine vollständige Ehrerbietung und Botschaft aus. Suche dann mit ihm meinen Vater auf und erkläre ihm meine Gedanken.
(33) Bitte den Weisen: Lass meinen Bruder in der rechten Ordnung bleiben und den reinen Brahmanen wie den himmlischen Göttern Gutes tun. Lindere außerdem die Einsamkeit, die meine Trennung verursacht. (34) Er soll nicht einmal kurz denken: Durch dessen Mutter ist hier ein schreckliches Unheil entstanden. Bitte ihn freundlich, Bharata genau jene Gnade zu schenken, die er bisher mir erwiesen hat. (35) Sage: Diesen Wunsch erbitte ich. Nachdem du so die Gunst des Erhabenen auf meinen Bruder gelenkt hast, geh mit dem großen Asketen in den Palast und lindere liebevoll den Kummer des Königs. (36) Dem König mit den geschmückten, brünstigen Elefanten sage: Nach vierzehn Jahren werde ich zurückkehren und deine heiligen Füße verehren; verzage hier nicht. Mögest du gesegnet sein! Stärke sein Herz mit den Worten des großen Weisen.
(37) Richte meinen drei Müttern, die mich geboren und nach dem rechten Brauch aufgezogen haben, meine unverminderte tiefe Verehrung aus. Danach bleibe beim König und lindere seinen Schmerz«, sagte der, der sich selbst vor den Veden verbirgt und nun im Wald wohnen wollte. (38) »Pflichterfüllung besteht nicht darin, vom Befehl abzuweichen«, dachte der unvergleichliche Wagenlenker und verehrte Ramas Füße. Er betrachtete die Qual als Folge des Schicksals und wandte sich ehrerbietig an Sita, deren Blick Leben schenkt. (39) Sie sagte: »Übermittle zuerst dem König und meinen Schwiegermüttern meine Verehrung. Bitte dann meine an mich denkenden jüngeren Gefährtinnen, meine goldfarbene Maina und meinen Papagei gut zu hüten.« (40) Bei diesen Worten dachte Sumantra: »Wenn ein Unglück droht, wer könnte da ohne Weiteres sein Leben aufgeben?« Er schluchzte und weinte trotz Ramas Bemühungen, ihn zu beruhigen, und litt unter dem künftigen Leid, das die unerschrockene Sita noch nicht kannte.
(41) Schließlich schien sein Kummer etwas ruhiger. Der unveränderlich Liebende bat um Abschied, verehrte den löwengleichen Helden und fragte den jüngeren Prinzen: »Was soll ich von dir ausrichten?« Dieser antwortete. (42) »Kann man den Wahrhaftigen noch König nennen, der das unserem Herrn feierlich zugesagte reiche Land wieder entzog und es einer anderen Frau mit duftendem Haar überließ? (43) Sage dem lügenlosen König, der seine Mahlzeiten genießt, während sein guter Sohn im Wald Früchte essen muss: Ich lebe noch, obwohl Kummer mein Herz erfüllt; so stark bin ich, dass ich noch nicht in den Himmel gegangen bin! (44) Und König Bharata mit dem blitzgeborenen Schwert sage: Ich bin weder ein Sohn deines Vaters noch ein Bruder dessen, der die Erde an sich nimmt und regiert. Weder jünger noch älter bin ich ihm. Aus mir selbst geboren, stehe ich in eigener Kraft!«
(45) Rama blickte seinen jüngeren Bruder an: »Lieber, sprich nichts Unwürdiges!« Danach warf sich der Wagenkundige mit bebendem Herzen auf die Erde, verneigte sich und machte sich zum Fortfahren bereit. (46) Er richtete das Wagenwerk, schirrte die Pferde fachgerecht an, lenkte sie auf den gewünschten Weg und fuhr dank seiner meisterhaften Kunst davon, ohne dass irgendjemand erwachte. (47) Rama ging mitten in der Nacht fort. Als Schutz nahm er nur die Treue seiner Gemahlin, seine eigene Tugend, den Bruder, reines Mitgefühl, Erkenntnis, Wahrhaftigkeit und seinen schönen Bogen mit. (48) Die Finsternis, wie ausgeschüttete schwarze Schminke, schien sich mit den betrügerisch lebenden Dämonen zu verbünden und die Wandernden aufzuhalten. Um sie zu vertreiben, erschien der göttliche Mond, als hätte der Himmel eine Handleuchte erhoben.
(49) Der einzelne weiße Mond strahlte wie das Gesicht des Dharma, der voller Freude kam, die Frucht seines Werkes zu sehen: Er hatte den Donnerbogen-Helden auf den Weg geführt, um das grausame Unrecht zu tilgen, das ihm selbst tief ins Herz drang. (50) Rote Wasserblüten schienen beim Anblick der Armut des Dunklen, der in den hohen Bambuswald ging, traurig zusammenzusinken. Auch die Wasserlilien neigten geschlossen ihre schlangenkopfähnlichen Knospen. Kann eine Blüte noch offen bleiben, wenn ihre bestimmte Zeit vorüber ist? (51) Der Schöne, einem dunklen Berg gleich, und sein Bruder, als wäre dieselbe Gestalt ganz mit Gold überzogen, gingen weiter. Der Mond breitete weißes Licht aus, als lege er weiche Baumwolle unter die zarten Füße der Frau mit den strengen Bogenbrauen. (52) Die Frau mit dicht gewelltem Haar, kostbarer Brust und schmaler Taille ging unermüdlich hinter ihnen her; ihre kleinen Füße waren zarter als Wasserblasen. Gibt es eine stärkere Kraft, Mühsal zu überwinden, als die Liebe?
(53) Noch ehe der Sonnengott den mächtigen Ostberg erreichte, war der Gemahl der Glücksgöttin zwei Yojanas nach Süden gewandert. Nun berichten wir, was der Wagenlenker tat, der mit tränenströmenden Augen und verwundetem Herzen im schnellen Pferdewagen heimfuhr. (54) Nach sechs Ghatikas erreichte er das fest ummauerte Ayodhya und verehrte die Füße des ehrwürdigen Weisen. Dieser hörte alles, litt tief im Herzen, erkannte den bevorstehenden Ausgang und sagte: »Wehe, der König ist verloren!« (55) »Aus Furcht vor bleibender Schande ließ der Freigebige sich nicht hindern. Er nahm keine meiner Bitten an, sondern sah nur auf die Festigkeit des Dharma. Hat je jemand das alte Schicksal besiegt?« Schluchzend betrat er mit Sumantra den goldreichen Königspalast. (56) »Der Freigebige ist mit dem Wagen zurückgekehrt!«, dachten die Diener und umringten den König wie einen von einem Hof umgebenen Mond. Doch sie sahen den Wolkenfarbigen nicht, nur die unversiegbaren Tränen des Wagenlenkers – und verloren selbst den Halt.
(57) Als alle sagten: »Der Wagen ist angekommen«, kam der König aus seiner Ohnmacht zu sich, im Glauben, Rama sei da. Er öffnete rasch seine makellosen Lotusaugen, sah den großen Asketen und fragte: »Ist der Held gekommen?« (58) Der Weise brachte kein »Nein« hervor, sondern stand seufzend da. Doch sein Gesicht sagte, dass Rama fortgegangen war, und der König sank zusammen. »Ich kann diese Qual nicht ansehen«, dachte der leidende Weise und ging hinaus. (59) Noch einmal blickte der König seinen Wagenlenker an: »Ist mein Sohn fern oder nahe?« Sumantra antwortete: »Er ist mit seinem Bruder und dem Gold Mithilas in den hohen Bambuswald gegangen.« Im selben Augenblick verließ den König das Leben. (60) Alle Götter, Indra voran, versammelten sich. Voller Freude trugen sie ihn ehrerbietig in einem mondgleichen Himmelsfahrzeug: »Der Vater unseres Herrn ist gekommen!« Sie führten ihn über die Welt des Lotusgeborenen hinaus in die Welt ohne Wiederkehr.
(61) Kausalya erkannte, dass Atem und Regung fehlten. Sie berührte ihn, blickte zweifelnd und begriff schließlich, dass sein kostbares Leben fort war. Die pfauengleiche Frau fiel verstört nieder und brannte wie ein knochenloses Wesen in sengender Sommerhitze. (62) Sie hatte große Askese geübt, um den zu gebären, der Brahma und alles andere hervorbringt. Nun, vom Gemahl getrennt, schluchzte sie wie jemand, der göttlichen Nektar verlor, litt wie eine Schlange ohne ihren Edelstein und klagte wie ein vom Gefährten getrenntes Anril-Weibchen. (63) »Allein, ganz allein ließ er uns schutzlos zurück! Ohne Erbarmen ist er jetzt fortgegangen!« So rief sie, schwankte und fiel wie ein Fisch, dessen Wasser die Hitze aufgesogen hat, bis der Boden völlig trocken ist. (64) »Söhne sollen doch hier das Leben schützen und später gemeinsam ins gute Jenseits führen. Kann Eltern mit Kindern solches Unheil widerfahren? Unser sogenannter Sohn kam nicht heute, um ›Fürchte dich nicht‹ zu sagen, und hat seinen Vater getötet. Ist das gut?«
(65) »Ohne Krankheit, ohne starkes Schwert und Speer stirbt der kriegerische König – durch seine kostbaren Kinder! Er gleicht Krebs, Schlange, fruchttragender Banane und Bambus, denen die eigene Nachkommenschaft den Untergang bringt.« So taumelte sie ohnmächtig nieder. (66) Zu Kaikeyi sagte sie: »Langhaarige Tochter Kekayas, durch deine Klugheit hast du die Erde ergriffen, den unwiderruflichen Wunsch erlangt und jetzt deinen Plan vollendet!« Wie ein zuckender Blitz an einer Wolke sank sie auf des Königs Brust. (67) »Einst besiegtest du Sambara mit seinem mächtigen Wagen. Durch deine Gnade lebten die Götter glücklich; nun wirst du ihr Gast!« So sprach sie zum Toten und trauerte wie eine Elefantenkuh, die liebevoll die mächtigen Füße ihres verlorenen Königs umkreist. (68) »Genießt du dort die Frucht deiner Opfer, den Reichtum deiner einzigartigen Wahrhaftigkeit oder den Segen eines Lebens nach Manus unfehlbarem Gesetz, mein König?« So fragte die Frau, deren Sohn den Göttern den Reichtum heiliger Erkenntnis schenkte.
(69) Während die erste Gemahlin des Weltherrschers so weinte und die freundschaftlich verbundene Sumitra bebend vor Kummer verging, geriet der Palast wie beim Weltuntergang ins Wanken. Auch die übrigen schönäugigen Königinnen kamen klagend wie Pfauenscharen. (70) Sie sahen ihren verstorbenen Lebensgefährten und bebten, als hätten sie Gift getrunken. Doch sie brachen nicht aus Furcht zusammen. Gibt es eine andere Kühnheit wie die der Liebe? Sie festigten ihren Entschluss, dem Mann mit lauterem Herzen in den Himmel zu folgen. (71) Wer unter den Frauen der meerumgürteten Erde, des Himmels und darüber hinaus hätte ihre eheliche Treue übertroffen? Mit makellosen Mondgesichtern saßen sie ringsum wie Pfauen auf einem festen Berg, an dessen Fuß die Waldflut brandet. (72) Sie ließen den heiligen Leib des Königs nicht los, der trotz bitterer Worte, Trennung vom Sohn und Tod bis zuletzt wahrhaftig geblieben war. Sie glichen Reisenden, die dasselbe Schiff besteigen wollen, das über das große Geburtenmeer mit seinen Haien von Wahn und Verwirrung hinüberführt.
(73) Während die sechzigtausend Frauen entschlossen blieben und die makellose Kausalya mit Sumitra verzweifelte, ging Sumantra und meldete den Tod. Der vedische Weise kam, betrachtete das Werk des Schicksals und schluchzte. (74) »Unser Vater ist nun von der Härte erlöst, mit der er Wünsche gewähren und den Sohn fortgeben musste«, dachte er immer wieder. Er litt wie ein Steuermann, dessen großes Schiff im tobenden Meer zerbricht und dessen einziger Herr verschwindet, ohne dass er weiß, was zu tun ist. (75) »Die Söhne, denen die nötigen Riten obliegen, sind nicht hier. Wie könnte man handeln, ohne das Erforderliche zu erreichen? Wir vollziehen sie, wenn der Sohn der verblendeten Grausamen zurückkommt.« So nahm er den König aus dem Meer der Frauen und bettete ihn in ein Meer von Öl. (76) Er entfernte die Königinnen mit den Worten: »Am Tag seiner Totenriten könnt ihr euer Leben im roten Feuer aufgeben.« Kausalya und Sumitra ließ er im sicheren Palast bleiben. Dann sandte er Boten mit einem königlichen Schreiben: »Bringt Bharata mit dem kühlen Kranz her!«
(77) Die Boten brachen zur goldenen Großstadt des Kekaya-Königs auf. Der Weise von unerschöpflicher Einsicht begab sich in seine rechtschaffene Einsiedelei und wies an: »Sumantra soll als Heerführer das Erforderliche tun.« Nun erzählen wir, was den zuvor erwähnten Bürgern widerfuhr. (78) Das fischreiche Meer schlug gleichsam die Trommel, Götter priesen und die Erde verneigte sich. Die Sonne erschien im Lichtwagen, seitlich das klare Lichtschwert schwingend: »Mein kostbarer Sohn ist im Himmel, seine Söhne sind fort. Bis zu ihrer Rückkehr beschütze ich selbst diese Welt.« (79) Die Menschen, die unerhörtes Leid ertragen und sich selbst vergessen hatten, erwachten im Glauben, Rama sei noch da. Sie suchten die dunkle Wolke mit den gnadenreichen Lotusaugen, fanden ihn nicht und wälzten sich: »Unsere Augen, die nicht schlafen sollten, schlossen sich und planten unseren Tod!« (80) Sie liefen in alle acht Richtungen, sprangen auf und stürzten. »Er ließ uns im Meer des Kummers zurück! Das ist die Frucht grausamen Karmas. Liegt der weite Dandaka-Wald nicht auch auf dieser Erde? Können wir nur vor Schmerz den Verstand verlieren? Folgen wir den Wagenspuren!«
(81) Sie untersuchten die Spuren und sahen, dass die Räder zur großen Stadt zurückführten. Alle lebten freudig auf: »Niemand soll sich fürchten! Unser Herr hat Ayodhya wieder erreicht!« Ihr rascher Jubel klang wie Donnerwolke und Meer zugleich. (82) Die Nachricht, der Bezwinger des unvergleichlichen Liebesgottes sei zurückgekehrt, gab ihnen das Leben wieder. Sie glichen Menschen, die nach dem Biss gewaltiger Schlangenzähne durch seltenen Gegengiftnektar gerettet werden und ihren schon entwichenen Lebenshauch zurückgewinnen. (83) Je weiter sie gingen, desto deutlicher sahen sie die Radspur und keinen anderen abzweigenden Weg. Überströmend vor Freude erreichten sie die große ummauerte Stadt wie das Meer, das am Weltende seine Grenze überschreitet und die ganze Erde bedeckt. (84) Sie traten ein und hörten, dass der König in die goldene Welt gegangen war. Ihre Herzen brachen, manche hauchten das Leben aus. Wer könnte ihr Leid beschreiben? Auch Ramas Waldgang erfuhren sie. Doch kann das noch übrige Leben sofort entweichen, solange ihm eine Frist bestimmt ist?
(85) Sie waren weder beim König noch beim fortgezogenen Sohn, sondern blieben im schwer entrinnbaren Gefängnis des Leids. Der große Asket erklärte: »Nur aus Furcht vor unvorstellbarer Schande habe auch ich von weiteren Versuchen abgelassen.« Mit vielen tiefen Unterweisungen stillte er ihr Beben. (86) Wie das tiefe Meer aus Scheu vor seinem inneren Feuer die Küste nicht überschreitet, blieb die trauernde Stadt auf des Weisen Geheiß ruhig. Nun folgen wir wieder dem Bogenhelden, der auf väterlichen Befehl und durch die Askese der Götter mitten in der dunklen Nacht fortgegangen war.
2.6 – Am Ganges
(1) Sein ausstrahlender Körperglanz verdunkelte die Sonne. Er ging mit der Frau, deren Taille so schmal war, dass man sie für unwirklich hielt, und seinem Bruder. Ist er dunkle Augensalbe, Smaragd, Wogenmeer oder Regenwolke? Ach, seine Gestalt besitzt unvergängliche Schönheit! (2) Der stiergleich Schreitende sah mit seiner Frau fröhliche Schwäne und sanfte Schwäninnen gemeinsam spielen. Ihr Haar glich Bienenschwärmen und dunklem Flusssand, ihre Rede geklärtem Meeresnektar, ihr Handeln vollendeter Askese und ihre Taille dem unsichtbaren Raum. (3) Ihre Augen machten selbst Liebesgottes fünf Pfeile und Ramas scharfe Geschosse gering und besiegten durch ihre Farbe die Wolken. Während gestreifte Bienen um ihr Haar schwirrten, sah sie, wie die Füße ihres jungen Gemahls die Lotusblüten an Schönheit verlachten. (4) Der Korallenlippige ging mit der Frau, deren Haar großen Duft und Blütenstaub verbreitete und deren Stirn einem Mondstück glich. Mit leuchtendem Schmuck erschienen sie wie eine Wolke mit ihrem Blitz, im Gang wie ein Elefant mit seiner Gefährtin.
(5) Er sah Haufen blauer Wasserlilien, von Jätenden abgerissen und hingeworfen, die den Augen seiner Papageiengleichen glichen. Ihre Sprache war süßer als Flötenklang, abgestimmte Saitenmusik, Honig und daraus gewonnener Zucker. (6) Die Wolkenhaarige, deren Brüste zwei Knospenkrügen oder nektargefüllten Elefantenstoßzähnen glichen, sah Zuckerrohrpressen und andere Dinge. Kein Leid nahm sie wahr; spielerisch zog sie mit dem Bergschultrigen weiter. (7) Sie sahen Gewässer, an deren Rändern viele Muscheln Perlen ablegten, Haine mit schlafenden Schwänen, sandige Ufer mit Schnecken, dichte Gärten voller abgefallener Blüten und Flüsse, die gutes Gold herantrugen. Frohen Herzens wanderten sie weiter. (8) Durch weite Länder zogen sie: Büffel sprangen über Kanäle, fraßen Ähren, Milch rann ihnen vom Maul; Bienen tranken Honig aus Blüten, Fische sprangen, und Frauen badeten im fließenden Wasser wie rotfüßige sanfte Schwäne.
(9) Viele von der Sonne gemessene Tage vergingen. Sie verließen das reiche, fruchtbare Ackerland und erreichten die Ganga mit ihren weiten Wellen, an deren Ufern makellose, in der Offenbarung gelehrte Weise lebten. (10) Alle Asketen, die an diesem göttlichen heiligen Fluss wohnten, freuten sich: »Das Ziel unseres Weges ist zu uns gekommen!« Sie traten heran, um den schönäugigen Herrn zu sehen. (11) Was andere in Frauenschönheit und sinnlichem Genuss suchen, betrachteten sie im Geist und erfuhren es als unaussprechliche Glückseligkeit in heiliger Musik. Nun sahen sie diesen höchsten Nektar mit ihren leiblichen Augen und jubelten im Herzen. (12) Sie empfingen und priesen ihn, sangen süße Lieder und tanzten mit ihren Bambusstäben. Den Helden mit den strahlenden Lotusaugen tranken sie mit ihren Blicken wie einen Strom köstlichen Nektars.
(13) Wie Eltern, die ihre ausgezogenen Kinder täglich im Herzen suchen und endlich deren Heimkehr erleben, empfingen sie ihn und führten ihn in ihre freundliche, von großer Askese erfüllte Einsiedelei. (14) Sie badeten ihn in frischem Tränenwasser, schmückten ihn mit den dichten Blüten ihrer freundlichen Worte, nährten ihn mit dem reichen Nektar unvergänglicher Liebe und nahmen ihm die Mühsal der Reise. (15) Sie suchten reine Früchte, Knollen und Wildgemüse zusammen: »Edler, bade im kostbaren Wasser der Ganga, pflege das heilige Feuer und nimm dann Speise zu dir!« (16) Er ergriff die rote Hand seiner Gemahlin, der Leuchte unter den Frauen, und badete in der Ganga: jenem Wasser, das Brahma einst mit seinen schönen Händen über seine Füße gegossen hatte, damit das Leid der Götter ende.
(17) Die heilige Ganga faltete die Hände: »Die Menschen waschen in mir schwer aussprechbare Sünden ab. Heute habe auch ich sie in dir, meinem Ursprung, abgelegt und bin gerettet!« (18) Mit Armen wie der Rüssel eines mächtigen Elefanten stand er badend da, die weiße Ganga an seinen langen Locken, während seine treue Frau zusah. Er glich Shiva, dem Herrn mit der Mondsichel, der vor seiner Gemahlin tanzt. (19) In den drängenden Wellen der großen Ganga erschien er mit der schlankrankigen Lotusgöttin wie einst, als er sich mit ihr vom Lager im silberweißen Milchozean erhob. (20) Auch die Frau mit baumwollweichen roten Füßen badete. Ranken neigten sich beschämt vor ihrer Gestalt, Schwäne wichen ihrem sanften Gang, weiche Lotusblüten verbargen sich vor ihren Füßen im Wasser, Fische flohen vor ihren Augen.
(21) Die Ganga hatte im dichten Haar des Gottes der Götter weder den Duft seiner Erukku-Blüten noch den der Konrai-Kränze angenommen. Nun aber duftete sie nach dem Moschus und den frischen Blumen in Sitas Haar. (22) Mit aufsteigenden, sich neigenden Schaumsprossen glich die Mandakini einer weißhaarigen Frau. Sitas Einsamkeit bedenkend, streckte sie ihre Wellenhände aus und badete sie wie eine fürsorgliche Amme. (23) Die langen Haarmassen der Frau senkten sich wie Wolken ins Wasser und bewegten sich darin. Sie glichen den dunklen wirbelnden Fluten der Yamuna, die mit der Ganga gemeinsam spielt. (24) Sie tauchte in die weiße Flut des laut rauschenden, wirbelnden Flusses, in dem Fische wie ihre Augen sprangen, und erschien wieder. Es war, als erhebe sich die Glücksgöttin erneut aus dem uralten Milchozean.
(25) Schon durch die einstige Berührung seiner roten Lotusfüße erhielt die Ganga die Kraft, schwere Sünden zu tilgen. Nun hatte sie seinen ganzen Leib umfasst. Wird die Welt künftig überhaupt noch in großer Hölle verweilen müssen? (26) Nach dem Bad im duftenden Wasser kehrte Rama in die Behausung der Vedengelehrten zurück, verehrte den durch Erkenntnis erkennbaren Herrn, pflegte das aufsteigende Feuer und wurde Gast der Liebe dieser Weisen. (27) Er, der den mühsam gewonnenen Nektar den Göttern mit den Worten »Trinkt!« gereicht hatte, aß nun als Gast zarte Blätterkost und strahlte. Kann das Gute, das man Rechtschaffenen erweist, jemals vergehen? (28) Damals lebte Guha, ein kriegerischer Herr über tausend Boote, von alters her zuständig für die Überfahrten an der reinen Ganga. Er trug einen furchtbaren Bogen, seine Schultern waren wie Felsblöcke.
(29) Er hatte Trommeln und Hunde, große Füße mit Ledersandalen und die Farbe dichtester Nacht. Sein mächtiges Heer stand eng gedrängt, einer dunklen Regenwolke gleich, die mit Donner aufsteigt. (30) Hörner, Trompeten, Muscheln, große Trommeln und Pambai-Instrumente erfüllten sein Heer. Der Herr der Boote trug breite Blattpfeile; seine Verwandten umgaben ihn wie eine Schar von Elefanten mit herabfließendem Brunstsaft. (31) Seine Schenkel waren bekleidet, seine hohe Gestalt schien die Tiefe der Ganga messen zu können. Rotes Leder hing von seiner Hüfte herab; ein befestigter Tigerschwanz schwang sichtbar um ihn. (32) Er trug eine reiche Muschelkette, als seien Zähne aneinandergereiht, und Fußreifen wie zusammengefügte Steine. Sein Haar glich gebündelter Nacht; die gefurchten Brauen erinnerten an die Stirn eines Löwen.
(33) Dichtes hartes Haar bedeckte seine langen Unterarme wie die dunklen Fasern einer Palme. Seine weite Brust war ein Fels, sein ölglänzender Leib glich gesättigter Finsternis. (34) Im Gürtel steckte ein geflecktes, blitzendes Schwert. Sein Blick ließ selbst Giftschlangen erzittern, seine Rede klang ungestüm wie die eines Rasenden, seine Taille war fest wie Indras Donnerwaffe. (35) Sein ernstes Gesicht trug den Geruch von gegorenem Honigtrank, Fleisch und Fisch. Auch ohne Zorn schien Feuer aus seinen Augen zu kommen; seine dröhnende Stimme erschreckte selbst den Tod. (36) Er wohnte in Shringaverapura am Ufer der wogenden Ganga. Mit Honig und Fisch als Gaben kam er, um den dort weilenden Freigebigen zu sehen.
(37) Er ließ die Verwandten zurück, legte den Bogen mit den brennenden Pfeilen und das umgegürtete Schwert ab und näherte sich mit lauterem, liebevollem Herzen dem Eingang der guten Einsiedelei. (38) Noch ehe er rief, trat Lakshmana heran: »Wer bist du?« Guha verneigte sich liebevoll: »Göttlicher Herr, ich bin gekommen, deinen Füßen zu dienen. Ich bin ein Jäger und Bootsmann, dein hundegleicher Diener.« (39) »Warte hier«, sagte Lakshmana, ging hinein und verehrte Rama: »König, Guha, der Herr der Boote auf der brandenden Ganga, ist gekommen, dich zu sehen. Er und sein großes Gefolge sind reinen Herzens; er ist gütiger als eine Mutter.« (40) Rama sagte erfreut: »Führe ihn zu mir!« Auf Lakshmanas Einladung eilte der Liebende herein. Als er Rama mit eigenen Augen sah, schmolz sein Herz. Er beugte den dunklen Haarschopf zur Erde, richtete sich demütig auf und bedeckte ehrerbietig den Mund.
(41) Obwohl Rama ihn zum Sitzen bat, blieb er stehen, erfüllt von grenzenloser Hingabe: »Ich habe Honig und Fisch sorgsam als Speise zubereitet und gebracht. Was ist dein heiliger Wille?« Der Held blickte lächelnd die alten Asketen an und sprach. (42) »Seltene Gaben, freudig aus Herzensliebe zubereitet und so gebracht, dass ihre Zuneigung sichtbar wird, sind edler als Nektar. Von Fürsorge umfangen sind sie heilig und auch Menschen wie uns angemessen. Wir haben sie schon mit Freude angenommen und genossen.« (43) Der löwengleiche Held fuhr fort: »Wir bleiben heute hier und überqueren morgen die strömende Ganga. Kehre mit deinen wohlhabenden Angehörigen freudig in deinen Ort zurück, ruhe gut und komm bei Tagesanbruch mit einem Boot.« (44) Guha antwortete dem Wolkenfarbigen: »Du Reichtum der ganzen Erde, ich bin ein Betrüger, dass ich meine Augen nicht ausreiße, nachdem sie dich in diesem Zustand gesehen haben. Ich kann dich in dieser Not nicht verlassen. Herr, lass mich den nötigen Dienst tun!«
(45) Rama hörte seine Gesinnung, blickte Sita und dann Lakshmana ins Gesicht: »Seine Liebe endet nicht.« Mit vor Mitgefühl erblühenden Augen sagte er: »Freund, süßer als alles andere, bleibe hier bei uns!« (46) »Prinz, erkläre mir, weshalb ihr die herrliche Stadt verlassen habt«, bat Guha. Als Lakshmana den schmerzlichen Hergang erzählte, saß er da, Tränen wie Wasserfälle vergießend: »Ach, die große Erdgöttin hat trotz ihrer Askese offenbar nicht die Frucht erlangt!« (47) Die rotstrahlende Sonne ging unter wie ein kampfstarker König, der die feindliche Dunkelheit vertrieben, alle Richtungen bezwungen, allein sein Herrscherrad geführt, hohen Ruhm begründet und täglich im Herzen aller gnädig gewaltet hatte und nun starb. (48) Nach den vorgeschriebenen Abendriten legten sich Rama und die dem Meeresnektar gleiche Frau auf ein Lager aus ausgebreitetem Schilf am Boden. Lakshmana stand mit dem gestreiften Bogen wachend daneben und schloss bis zum Morgen kein Auge.
(49) Guha stand mit gespanntem Bogen, umgeben von elefantengleichen Verwandten. Sein Herz brannte und verging, seine Augen blieben offen. Er blickte auf den wachenden Bruder und die Entbehrung des Herrn und glich einem Berg, von dem Tränenwasserfälle fließen. (50) Vergesst nicht die reinen Ziele, angefangen beim Himmel! Als wolle sie zeigen, wie die unzähligen Geschöpfe sterben, war die Sonne am Vorabend untergegangen; nun erschien die eigentlich ungeborene erneut, als lehre sie, wie die Wesen wieder geboren werden. (51) Die roten Lotusblüten im Schlamm öffneten sich beim Anblick des heißen Lichtfürsten auf seinem Wagen. Ebenso erblühte der Gesichtslotus der schönen schlanken Frau, als sie ihren Herrn sah, eine andere, dunkle Sonne. (52) Rama vollzog gern alle Pflichten des Morgens und brach, von Vedengelehrten begleitet, auf. Zum Freund, dessen Liebe von Anfang an fest war, sagte der Bogenträger: »Lieber, bring rasch ein geeignetes Boot zur Überfahrt!«
(53) Guha hörte den Befehl, Tränen strömten aus seinen Augen, sein Leben erbebte. Er konnte sich nicht von Ramas Füßen lösen, verneigte sich vor ihm und seiner Gemahlin und sprach zu dem, der blauer Blüte, Kaya-Blume, Meer und Regenwolke glich. (54) »Wir kennen keinen falschen Brauch; auch unsere Heimat ist Wald. Träger frisch gepflückter Kränze, uns fehlt nichts, und wir sind stark. Wir erfüllen jeden kleinen Dienst. Betrachte uns als deine Verwandten und bleibe lange glücklich in unserem Ort! (55) Hier gibt es Honig, Hirse und Fleisch, das selbst Götter genießen könnten. Wir Hundegleichen leben, um dir beizustehen. Wald zum Wandern und die Ganga zum Baden sind da. Solange ich lebe, bleibe glücklich bei uns, Herr! (56) Wir haben Felle wie feine Stoffe, gute Speisen, Hochsitze wie bequeme Betten und Hütten zum Wohnen. Unsere Beine laufen schnell, unsere Hände tragen Bogen. Selbst was über dem weiten Himmel liegt, können wir dir rasch bringen.
(57) Fünfhunderttausend Bogenjäger stehen unter deinem Befehl, stärker als Götter. Wenn du auch nur einen Tag in unserer Hütte bleibst, sind wir, deine Diener, gerettet. Ein höheres Leben gibt es für uns nicht.« (58) Ramas Herz füllte sich mit Gnade; er lächelte weißglänzend: »Held, nachdem wir in heiligen Flüssen gebadet und die reinen Weisen verehrt haben, werden wir nach den bestimmten wenigen Tagen gern wieder zu dir kommen.« (59) Guha verstand seine Absicht, ging rasch und brachte ein langes Boot. Der Lotusäugige bat die Brahmanen: »Gewährt uns gnädig Abschied!« Dann stieg er mit der mondstirnigen Frau und dem jüngeren Bruder ein. (60) »Fahre schnell los«, sagte er. Der Freund, ihm wie Leben und Leib verbunden, trieb das lange Boot an. Es glitt durch die brechenden Wellen wie ein eilender Schwan. Die Zurückbleibenden litten; die Brahmanen wurden wie Wachs im Feuer.
(61) Sita mit ihrer milchsüßen Rede und der sonnengleiche Held bespritzten einander spielend mit dem guten fischreichen Wasser. Unter den Schlägen der langen, lederbesetzten Ruder eilte das Boot dahin wie eine langbeinige Krabbe. (62) Die Ganga, deren sandelgeschmückte Sandbänke hohe Brüste bildeten, trug sie selbst auf ihren erhobenen klaren Wellenhänden hinüber. Darin blitzten Edelsteine, duftende Lotusblüten verbreiteten roten Glanz; sanft setzte sie die Reisenden am anderen Ufer ab. (63) Am jenseitigen Ufer fragte Rama den Freund: »Zeige mir den Weg zum Chitrakuta.« Der aus Hingabe zur Lebensgabe bereite Guha fiel ihm zu Füßen: »Erhabener, dein hundegleicher Diener möchte noch etwas sagen. (64) Ich kenne die Wege und kann neue Pfade bahnen. Ich finde sicher wohlschmeckende Früchte, Gemüse und Honig, errichte euch eine Unterkunft und weiche keinen Augenblick von euch, wenn ich mitgehen darf.
(65) Ich kann alles Gefährliche ringsum vernichten, reine Wohnplätze im Wald erkunden, gewünschte Dinge suchen und bringen und jeden weiteren Auftrag ausführen. Selbst in der Dunkelheit finde ich den Weg. (66) Auch auf Bergen grabe ich essbare Wurzeln aus, gehe weite Wege und bringe reichlich Wasser. Ich habe Bogenschützen und kenne keine Furcht. Du mit überragend starken Schultern, weder tags noch nachts werde ich deine Blütenfüße verlassen! (67) Wenn es dein Wille ist, bringe ich mein Heer mit und bleibe immer bei dir. Gibt es Feinde, falle ich vor dir im Kampf. Ich bin dir keine überflüssige Last. Du mit unvergleichlicher Juwelenbrust, lass mich mitgehen!« (68) Der Makellose antwortete: »Du bist mir wie mein eigenes Leben. Mein jüngerer Bruder ist auch dein Bruder; diese schönstirnige Frau ist deine Verwandte. Die ganze meerumgebene Erde gehört dir. Auch ich stehe dir zum Dienst zur Verfügung.
(69) Nur wo Leid ist, gibt es auch Freude. Denke nicht, dass diese zeitweilige Trennung für immer bestehen bleibt. Zuvor waren wir vier Brüder; durch deine grenzenlose Liebe sind wir nun fünf geworden. (70) Während aller Tage im Wald ist dein jüngerer Bruder bei mir, um mir beizustehen. Warum solltest du leiden? Du bist mir selbst gleich. Du mit dem glänzenden scharfen Speer, ich breche mein Wort nicht: Wenn ich nordwärts zurückkehre, komme ich zu dir. (71) Unser Bruder ist dort, um unsere Angehörigen zu schützen. Doch wer schützt die hiesigen? Sage es! Sind deine Angehörigen nicht auch meine? Sollen sie in Not geraten? Hüte diese meine Verwandten gut nach meinem Auftrag.« (72) Guha widersprach dem Befehl nicht, konnte aber seinen Kummer nicht ablegen und nahm Abschied wie ein Kranker, dessen Geist verwirrt ist. Rama, sein Bruder und die geschmückte pfauengleiche Frau gingen auf dem fernen Pfad in den dicht bewaldeten Forst.
2.7 – Eintritt in den Wald
(1) Es war früher Sommer; ob noch beständige Feuchtigkeit blieb, war so schwer zu erkennen wie die Zuneigung einer käuflichen Frau zu niedrigen Besuchern. Doch bei Ramas Ankunft zeigte der Himmel überall Zeichen kühlen, nektargetränkten Regens. (2) Sonnenstrahlen fielen mild wie junges Mondlicht, dichte Bäume spendeten Schatten, Wolken ließen taugleiche Tropfen regnen. Ein zarter Wind streifte Blüten; Pfauen tanzten. Auf solchen angenehmen Wegen wanderten sie. (3) »Du sanfte Hirschkuh mit pfauenhaftem Gang und duftendem Kranz, sieh die vielen Haufen abgefallener Konrai-Blüten! Überall mischen sich rote Indragopa-Käfer darunter, wie auf deinem Ruhebett; sie glänzen wie goldreiche Juwelen in schönen Ketten. (4) Sieh diese frohen Pfauen! Bienen sind ihre Sänger, Regenwolken ihre Trommeln. Sie breiten scheu die vielen Augen ihrer Schweife aus und tanzen, als wollten sie mit all diesen Augen die strahlende Anmut deiner Gestalt betrachten, Geschmückte.
(5) Grüne Papageien mit rot leuchtenden Schnäbeln steigen auf dichte Kantal-Blüten und picken daran. Du mit dem duftenden, mangosprossgleichen Leib, sieh, wie sie aussehen, als trügen deine juwelengeschmückten Unterarme sie! (6) Deine weiten Augen besitzen die ganze stechende Kraft geölter langer Speere. Sieh, wie Pfauen und sanfte Hirsche herankommen! Beim Anblick deiner vollkommenen Anmut und deiner Augen halten sie dich für eine Angehörige ihrer eigenen Art. (7) Hier streuen Kurava und Pitava große Blüten aus. Ihr Duft haftet an den Federn eines dort erwachenden Pfauenhahns. Sieh, wie seine Gefährtin ihn deswegen verdächtigt und im Liebesstreit von ihm weggeht! (8) Du Arundhati-Gleiche, süßer als Nektar, sieh die dichten roten Ashoka-Blüten bei den Serunti-Blumen, umschwärmt von frohen Bienen! Sie gleichen dem Feuer, das aus der Esse eines Goldschmieds aufsteigt.
(9) Du mit jungen hohen Brüsten und kaum abbildbarer Schönheit, ein froher Pfau hielt eine Kantal-Knospe für eine Schlange und biss hinein. Sieh, wie die honigsüßen Jasminblüten darüber leise lächeln! (10) Sieh, wie junge Raubtiere aus den Bergen und kleine Elefanten, die wie abgesonderte Stücke Dunkelheit aussehen, mit den Kälbern der Kühe in den Einsiedeleien spielen! Sie sind voller Freude und mögen sich nicht voneinander trennen. (11) Du mit adlerholzduftendem Haar, sieh die Zweige, deren lächelnde Blütenkränze wie kostbarer Schmuck erscheinen! An jedem Fluss tauchen sie in das schaumgewandete Wasser wie junge Frauen, die an einer Badestelle baden. (12) Schönstirnige, die kleinen Bienen haben die reifen Knospen durchsucht und summen nun nicht mehr. Sie schlafen auf den rings geöffneten Kongu-Blüten wie blaue Edelsteine auf blitzenden Goldplatten.
(13) Andere Bienen haben den Mund voll Honig, sind völlig berauscht und können mit geschlossenen Augen ihren Weg nicht sehen. Sieh, wie sie dennoch heranfliegen: Der Gesang ihrer vorausfliegenden Weibchen dient ihnen als Auge. (14) Du mit sanftem Schwanengang, sieh die frischen Blüten, welche die goldgeschmückten Venkai- und Kongu-Bäume ausstreuen! Als lernten sie den Schmuck der Jungfrauen, lassen sie Blumen fallen wie die kleinen Blüten aus deinem bienenbelebten Haar. (15) Du, süßer als eine Göttin, wenn der Wind die duftenden Blüten streift, wirbelt dichter Pollen auf und setzt sich auf Waldsteine. Sieh, wie er den zarten Schönheitsflecken über deinen kettengeschmückten Brüsten gleicht! (16) Streuen diese Bäume überall Blumen auf den Weg, weil deine beiden Füße keine Härte ertragen? Kuckucksgleiche, sieh, wie junge duftende Zweige mit ihren Ranken schwanken, deiner trommelschlanken Taille gleich!
(17) Schwertäugige, sieh die Bienen an fußgleichen jungen Blättern: Sie ähneln dem Schmuck deiner Blütenfüße. Sieh die Regenwolken, deinem dunklen duftenden Haar gleich, und die Gruppen junger Bambushalme, die deinen Schultern gleichen! (18) Betrachte den Wald mit dicht knospenden Zweigen, Vögeln dazwischen, makellosen bunten Ranken, Hirschen, Pfauen und abendlichen Kuckucken! Er gleicht einem farbigen Tuch mit kunstvoll eingewobenen Bildern.« (19) So scherzte der goldschultrige Rama liebevoll mit seiner guten Gemahlin und ging weiter. Die Sonne neigte sich westwärts. »Ist das nicht der heilige Berg, der Wohnsitz jener, die das Karma bezwungen haben?«, fragte er. (20) Da kam der erhabene Weise Bharadvaja ihnen entgegen, den Arzt gegen die Krankheit der Wiedergeburt zu empfangen. Sein Herz schwoll von Liebe und Verlangen: »Heute ist das lange gereifte Werk meiner Askese vollendet!«
(21) Er trug Schirm, aufrechten Stab und Wasserkrug, gewaltige Flechten, Hirschfell und ein Gewand aus guten Baumfasern. Haar hing an seinem Leib herab; sein Lebenswandel schützte alle Wesen, und auf seiner Zunge tanzten die vier Veden. (22) Er hütete das rote Opferfeuer und behandelte alle vom viergesichtigen Schöpfer hervorgebrachten Wesen wie sein eigenes Leben. Sollte er die sieben Welten erschaffen, könnte er es selbst, ohne dazu aus dem Nabel des Götterherrn hervorgehen zu müssen. (23) Als der Weise nahte, streute der Schöne Blumen und verneigte sich dreimal. Der Ehrwürdige umarmte ihn: »Muss ich dich in dieser Gestalt sehen?« Sein Herz schwoll, Tränen fielen aus seinen Augen. (24) »Du solltest die weite Erde lange regieren. Warum kommt ihr stattdessen heute, du und dein jüngerer Bruder, in unpassender Asketenkleidung zu unserer schlichten Zuflucht? Held mit feindebezwingendem Bogen!«
(25) Rama erklärte den ganzen Hergang. Der gute Asket litt: »Ach, die Schuld, die das Schicksal bringt! So ist es gekommen – was lässt sich jetzt noch tun? Die große Erdgöttin hat offenbar nicht genügend Askese erworben.« (26) »Statt zu sagen: Regiere rasch die meerumgebene Welt mit dieser rein sprechenden, korallenlippigen Frau, schickte mein Freund dich, seinen unvergleichlichen Sohn, in den hohen Wald. Mit welcher Herzenshärte konnte er danach weiterleben? (27) Doch es gibt Leid und das Nahen von Freude, ebenso gute Taten und begangene Fehler. Meine heutige Trauer bringt keinen Nutzen.« So dachte der Weise, umarmte ihn und führte alle freundlich in seine Behausung. (28) Er gab ihnen Unterkunft, beachtete die Regeln der Gastverehrung, reichte geeignete Früchte und Gemüse und erläuterte liebevoll gute Lebensregeln. Der Reine umsorgte sie wie Kinder, die sein eigenes Leben waren; die Prinzen freuten sich.
(29) Sie blieben über Nacht. Bei Sonnenaufgang bereitete der Vedengelehrte alles Nötige, erfreut bei dem Gedanken: »Wenn ich mit ihm zusammenlebe, werde ich gerettet.« Dann blickte er Rama an: »Du mit frisch gepflücktem Brustkranz, ich habe dir etwas zu sagen. (30) Wasser, Blumen, große Früchte, Knollen und Gemüse sind reichlich vorhanden. Schädliches ist selten, Reines fehlt nicht. Bleibe hier mit uns! Für Menschen, die gemeinsam hohe Askese üben wollen, gibt es kaum einen angenehmeren Ort. (31) Hier vereinigen sich Ganga, die dunkle Yamuna und Sarasvati, die Göttin der Rede. Darum verlasse ich diesen Zusammenfluss nicht. Herr mit den roten Lotusaugen, selbst Brahma erlangt diese heilige Stätte nur schwer; sie übersteigt Menschen wie uns. Bleibe hier!« (32) Rama antwortete dem großen Asketen: »Edler Geist, dieser Ort ist nicht fern von unserem wasserreichen Land; er liegt auf dem Weg dorthin. Wenn ich hier wohne, werden alle zu uns strömen.«
(33) »Das stimmt, Herr. Höre: Nach zehn Wegmaßen durch bewaldetes Land wirst du einen Ort finden, den selbst Götter verehren: Chitrakuta. Dort kannst du gern verweilen; er ist angenehmer als der Himmel.« (34) So wies er sie liebevoll an. Sie verehrten seine Füße, brachen auf und durchquerten Weideland, wo Hirten auf Konrai-Flöten spielten. Als die Sonne die Mitte des Himmels erreichte, sahen sie die Kalindi, an deren Ufern junge Hirschkälber hüpften. (35) Freudig verehrten sie den erkannten Fluss und tauchten ihre staubbedeckten kostbaren Körper in sein weites Wasser. Sie aßen saftige weiche Früchte und Knollen und tranken. Auf die Frage, wie man übersetzen könne, machte sich der jüngere Bruder ans Werk. (36) Er schnitt gebogenen festen Bambus, band mit Ranken ein großes Floß und ließ Rama mit seinen himmlisch mächtigen Schultern und die Gemahlin bequem darauf Platz nehmen. Dann schwamm er mit beiden Armen durch den großen Fluss und brachte sie hinüber.
(37) Als die berggleichen Schultern des jüngeren Bruders des Herrn von Ayodhya sich wie der Mandara drehten, schien das zurückgedrängte Wasser das Ostmeer zu erreichen, während die zurückkehrende Flut rasch ins Westmeer strömte. (38) Sie überquerten das Wasser und erreichten das andere Ufer. Schön in ihren Rindengewändern zogen sie weiter und gelangten in eine weite Wildnis: Zweige, Wurzeln, Wipfel und Erde waren verbrannt; schon der Gedanke daran versengte das Herz. (39) »Janaki kann diesen Weg nicht ertragen«, dachte Rama. Da spendete die hohe Sonne Strahlen wie der Mond; vertrocknete Waldpflanzen trieben grüne Blätter, und die brennenden Flächen ringsum wurden zu ausgedehnten Lotusgärten. (40) Scharfe Kiesel, wie geröstete Körner ausgestreut, wurden kühl und weich wie gepflückte Blüten. Verkohlte Ranken brachten junge Sprosse hervor; dunkle Schlangen freuten sich und ließen aus ihren scharfen Zähnen Nektar statt Gift fließen.
(41) Wolken sammelten sich, donnerten und brachten kühle Tropfen. Selbst Jäger mit mächtigen Bogen wurden zornlos wie Weise und liebten alle Wesen. Hunger und Feindschaft verschwanden; junge Hirschkälber tranken an den Brüsten der Tigerinnen. (42) Die schnellen Schlangen, deren Bäuche in Felshöhlen vor Hitze litten, waren nun leidlos, als lägen sie im Wellenwasser. Bambushalme, die eben noch mit Ameisenhügeln brannten, glänzten wie die Schultern juwelen- und perlenzähniger Mädchen. (43) Neu aufschießendes Gras breitete sich aus wie ein grüner Teppich. Überall tanzten Pfauen mit erhobenen Schweifen wie Schauspielerinnen, und Bienen begleiteten sie summend wie Sänger. (44) Früchte reiften außerhalb ihrer Jahreszeit, große Knollen trieben selbst ohne Wurzelgrund. Bis zur Erde gebogene Zweige glichen prächtig geschmückten Frauen. Gibt es in dieser Welt eine andere wahre Askese als gute Gesinnung?
(45) Die Lager der Jäger wurden Wohnstätten von Rishis gleich. Überall leuchteten juwelenfarbene rote Käfer. In jedem dichten Baum riefen Kuckucke nach ihren getrennten Gefährtinnen; Kurunta-Bäume trieben federkielähnliche Knospen. (46) Zuvor hatte der Wald geglüht wie die Herzen duftbehaarter Frauen, deren geliebte Männer zu Feldzug oder Erwerb fortgezogen sind. Jetzt kühlte er ab wie ihre Herzen, wenn die Geliebten zur verabredeten Zeit heimkehren und sie innig umarmen. (47) Sanft durchquerten sie die nun nicht mehr kahle Wildnis und sahen Chitrakuta: Dort strecken große Elefanten ihre palmenlangen Rüssel nach donnernden Wolken aus, als seien es Elefantenkühe, in deren trächtigem Bauch die leuchtende Mondsichel als Junges strampelt.
2.8 – Chitrakuta
(1) Der Sündlose, Schönäugige, Makellose mit tausend Namen, der Göttern und Menschen gleichermaßen nahe ist, zeigte Janakas pfauengleicher Tochter ausführlich die Wunder des goldenen, mit Sandelbäumen dicht bewachsenen großen Berges. (2) »Pfauengleiche, deren Augen wie vereinigte Schwerter und Speere sind, sieh die Hänge mit üppigem Kardamom und Tamala! Dort ruhen ausgedehnte dunkle Gebilde: Man kann kaum unterscheiden, was wasserträchtige Wolken und was Elefanten sind. (3) Kuckucksgleiche, deine Augen tragen rote Linien wie blutige Schwerter. Sieh die Wildziegen, die oben auf dem großen Berg springen! Vom klaren Smaragdglanz umgeben, gleichen sie den grünen Pferden des Sonnengottes. (4) Sanfte Pfauengleiche mit kettengeschmückten Brüsten, die abgestreiften Häute riesiger Schlangen, deren Bäuche selbst brünstige Elefanten fassen, hängen an Bambushalmen. Sie wehen über den Hängen wie Stofffahnen an Ayodhyas Palästen.
(5) Nektar, den der Milchozean und nicht das Salzmeer hervorbrachte! Sieh die milchweißen Yakschweife, die sich überall auf roten Edelsteinflächen bewegen. Sie gleichen Wasserfällen auf einem Korallenberg. (6) Ein zorniger Löwe hat einen mächtigen brünstigen Elefanten erschlagen. In seinem vergossenen Blut blinken Elefantenperlen, wie Perlen aus zerrissenen Ketten im verstreuten Kumkumpuder einer Frau nach einem Liebesstreit. (7) Der hohe Gipfel berührt den Mond, seine leuchtenden Juwelen gleichen Haarflechten. Sieh die herrlichen weißen Wasserfälle: Sie ähneln der Ganga im schönen Haar des jungen Stierreiters Shiva. (8) Brünstige Elefanten bespritzen sich mit Wasser aus tiefen Bergteichen, zusammen mit funkelnden Steinen. Daran haften Venkai-Blüten; sieh, wie es aussieht, als hätten sie glänzende Stirnbänder angelegt!
(9) Rankengleiche, deren dünne Taille wie ein Fadenpaar zwei junge Juwelenkrüge trägt! Sieh den Mond: Als versperrte ihm der üppige Sandelwald den Weg, schlüpft er zwischen den Zweigen hindurch. (10) Ein Elefant mit mondsichelgleichen Stoßzähnen vertreibt mit Laub die summenden Bienen, holt duftenden roten Honig aus einer Felsspalte und reicht ihn mit dem Rüssel seiner jungen trächtigen Gefährtin in den Mund. Sieh seine schmelzende Liebe! (11) Auch wenn der beschützende Herr sich in seiner Maya verbirgt, bleibt er dem Yogi mit beherrschten Sinnen sichtbar. Ebenso siehst du hier pferdegesichtige Kinnaras: In Kristallhöhlen verborgen, ist ihre Gestalt dennoch zu erkennen. (12) Kuckucksgleiche, schöner als ein tanzender Pfau! Bergfrauen verweigern im aufgewühlten Liebesstreit die Vereinigung. Sieh, wie Kinnara-Paare singen, damit ihre Herzen schmelzen und sie ihre Gemahle wieder liebevoll ansehen!
(13) Leuchte mit einer Stirn wie der gekrümmte Bogen des Liebesgottes! Von kräftigen Bambushalmen angestoßen, fließt Honig herab und füllt die Gruben, aus denen Bergbewohner beim Roden lange rankende Knollen ausgegraben haben. (14) Du Seele jener Gestalt, die vollkommene Weiblichkeit heißt! Eine Äffin spielt liebevoll mit ihrem Gefährten und bespritzt ihn mit Wasserfallwasser. Sieh, wie er höher hinaufklettert und eine wasserreiche Wolke über ihr ausschüttelt! (15) Du Leuchte, die ohne Docht mit Nektar statt Ghee brennt! Sieh die rubinreichen Felsen: Ihre heißen Strahlen stehen dicht, bewegen sich nicht und kreisen nicht. Wie eine zweite vollständige Sonne glänzen sie. (16) Du Glücksgöttin, die selbst Arundhati wahre Tugend lehrte! Wenn dunkle Bienen auf den Venkai-Zweigen landen und wieder aufsteigen, beugen und heben sich diese. Goldene Blüten streuend scheinen sie sich vor deinen Füßen zu verneigen und wieder aufzurichten.
(17) Junger Spross mit leuchtendem Schmuck und bogenheller Stirn! Auf den Höhen bewachen speeräugige Mädchen große Reisfelder und werfen Rubinsteine nach Vogelscharen. Sieh, wie diese Steine wie Sterne aus dem Himmel fallen! (18) Starke Bogenträger haben mit Äxten mächtiges dunkles Adlerholz gefällt und verbrennen es. Der aufsteigende frische Rauch mischt sich mit dem Opferrauch edler Brahmanen und breitet sich aus wie dunkle Triebe des Berges. (19) Pfauengleiche mit schmaler Taille, die kaum die Last deines nach Duftstoffen, Blumen, Honig, Adlerholz und Moschus riechenden Wolkenhaares trägt! Sieh die trockenen Waldbachbetten voller funkelnder Edelsteine: Sie gleichen dem Himmelsstrom, in dem Sterne erblühen. (20) Auf wolkenberührten Rubinplatten verschwinden sie, auf langen Smaragdfelsen treten sie leuchtend hervor: die mit rotem Lack gezeichneten Fußspuren der reinen Vidyadhara-Frauen, die sich im Liebesstreit von ihren Gemahlen abwandten.
(21) Liebe Gefährtin, deren Nabel einer Höhlung in gedrehtem Gold gleicht! Sieh die duftenden Kalpaka-Blumen, welche die Himmelsfrauen aus ihrem dunkelsandgleichen Haar lösten: Zusammen mit herausgespülten Edelsteinen gleiten sie die Wasserfälle hinab. (22) Ein Affe hat die Feldwacht-Trommel der Bogenjäger mit klingenden Heldenreifen ergriffen und schlägt sie. Sieh dort ein argloses Bergmädchen: Es greift nach dem Mond, hält ihn fest und will den Fleck abwischen, den es für einen Fehler hält! (23) Unter den verflochtenen Madhavi-Lauben liegen die Blattbetten der Himmelsfrauen dunkel versengt. Sie scheinen uns zu sagen, dass ihre Bewohnerinnen schon viele Tage von ihren Geliebten getrennt sind. (24) Schön Geschmückte, schon der Gedanke an dich schmeckt wie Nektar! Bergmädchen singen reife, süße Kurinji-Lieder auf Schaukeln, die an honigreichen Venkai- und Kongu-Bäumen hängen. Sieh die Asunam-Tiere, die dem Klang entgegenkommen!
(25) Süße mit Lippen wie rote Ilavam-Blüten und Indragopa-Käfer! Die Himmelsfrauen baden im fein sprühenden Wasserfall. Duftmischungen, Sandel, rotes Kumkum und Gaben des Kalpaka-Baumes lösen sich darin; sieh, wie das Wasser duftet! (26) Rankengleiche, deren schöne Brust wie eine goldene, kunstvoll bemalte Dose auf einem Zweig erscheint! Die strahlende Sonne erreicht den Gipfel des Goldberges. Sieh, wie er nun eine große Krone aus reinem Gold zu tragen scheint! (27) Du Stirnzeichen unter den Frauen! Auf dichten juwelenfarbenen Felsen liegen die glänzenden Perlen, die Bambus hervorbringt. Sie funkeln überall wie Sterne im Himmel, den die junge Abendröte überzieht. (28) Papageiengleiche, deren Worte süßer sind als fein gelochte Flöten und die gezupften Saiten einer tamilischen Laute! Sieh den Hain, dicht mit ganz geöffneten Murukku-Blüten durchsetzt: Es scheint, als hätte heißes Feuer ihn erfasst.
(29) Pfauengleiche, deine armreifengeschmückten Hände gleichen Kantal-Blüten! Sieh, wie junge große Elefanten für hochbetagte Asketen Wasserfallwasser herantragen. Mit dem hohlen langen Rüssel wie einem Schlauch gießen sie es in deren Wasserkrüge. (30) Pfauengleiche mit Augen wie Spalten einer jungen Mango! Affenmännchen mit mitfühlendem Herzen strecken ihre langen gekrümmten Schwänze aus und führen schwachsichtige alte Asketen, die mühsam gehen, über schwierige Wege. (31) Du mit Hüften, deren Weite Schlangenhaube und Wagen beschämt! Weiche Pfauen nähern sich den Opfern der Brahmanen mit heiliger Brustschnur. Sie breiten die langen Flügel aus und fachen das schwelende Feuer in der Opfergrube an. (32) Du seltenes Juwel unter den Frauen, Pfauengleiche mit rauschendem Haar! Spinnen liefern sauber entwirrten, baumwollgleichen Faden, passend als Brustschnur guter Vedengelehrter; zugleich kommen Äffinnen und reichen süße Mangofrüchte.
(33) Du Glücksgestalt, die als Maßstab für Frauen geschaffen wurde! Sieh, wie Affen liebevoll große Mangos, Jackfrüchte und prächtige Bananen schenken, während dunkle große Tiere ausgegrabene Knollen bringen. (34) Waldreisähren, Hirse, Sorghum, Bohnen und zarten Reis aus sich tief neigendem Bambus bringen Papageien mit Schnäbeln in der Farbe deiner Hände. Sie betreten jede Hütte der großen Asketen, die die Unwahrheit bezwungen haben, und geben ihre Gaben ab. (35) Gewaltige Pythons verschlingen donnernde Elefanten mitsamt den Stoßzähnen. Doch hier liegen sie beherrscht wie gelehrte Weise an den unteren Berghängen, als seien sie Stufen, auf die die standhaften Asketen mit verfilztem Haar treten können. (36) Sieh die glänzenden goldenen Himmelsfahrzeuge kommen und gehen, als füllten sie den ganzen Himmel! Sie bringen jene in die Himmelswelt, die auf dem wasserreichen Berg seltene Askese vollendet haben, und die Götter, deren Augen wie mit Krugwasser hell überzogen erscheinen.«
(37) All dies erklärte und zeigte er der Geschmückten. Dann verehrte er die Asketen, die ihnen vom Berg entgegenkamen, und wurde Gast der vom Karma befreiten Vedengelehrten – der Sohn jenes Königs, der im Hausleben die große Askese der Wahrheit vollbracht hatte. (38) Die Sonne sank wie der Diskus, den der Tulasi-geschmückte Gott vom hohen Aufgangsberg gegen den Westberg Kalänemi schleudert, um die feindlichen Dämonen der Dunkelheit zu vernichten. (39) Die Abendröte verbreitete sich überall wie Blut, das aus dem vom Diskus getroffenen Dämonenleib spritzt. Der einzelne weiße Mond glich einem langen Zahn, der aus dem Mund des Bösen herausgebrochen war. (40) Nachdem die Sonne fort war, schlossen sich die Lotusblüten, die den Frauen ihre Gesichter geschenkt hatten. Im juwelenhaften Himmelsbecken öffneten sich überall weiße Wasserlilien, die als Sterne leuchteten.
(41) Äffinnen und Affenmännchen suchten die Bäume auf, Elefanten und ihre Gefährtinnen die Teiche, makellose Vögel ihre Nester. Rama blickte auf den Abend und wandte sich der heiligen Besinnung zu. (42) Einige duftende Blüten schlossen sich, andere reine Blumen öffneten sich. Ebenso glichen Hände und Augen Ramas, seines Bruders und der nektargleichen Sita den Lotusblüten, als sie die Abendverehrung vollzogen. (43) Nach dem Abend ging Rama mit der schmalhüftigen Frau zur Unterkunft, als sei die Stunde der Ruhe gekommen. Er erreichte die Hütte, die sein Bruder mit dem pfeilschießenden Bogen errichtet hatte – eine durch Askese erlangte Zuflucht. (44) Lakshmana hatte kurze Bambuspfosten eingesetzt, darüber lange Balken geordnet, einen festen hohen Dachfirst errichtet und mit kräftiger Hand verbunden. Ringsum fügte er ohne Lücken Querhölzer aneinander.
(45) Er legte dichte Lagen aus Teakblättern darüber und deckte das Dach mit blühendem Schilfgras. An den unteren Bambusstangen zog er ringsum Wände hoch, bewarf sie mit Erde und glättete sie mit Wasser. (46) Für die Frau aus Mithila hatte er einen gesonderten Raum nach den überlieferten Regeln geschaffen, ihn mit Kumkumpaste schön verziert und die festen Wände mit Edelsteinen und Perlen aus dem Fluss geschmückt. (47) Oben spannte er ein Dach aus Pfauenfedern, schnitt die überstehenden Ränder mit scharfem Messer ab und fertigte eine Umfriedung aus jungen Bambushalmen. Frische, vom Fluss gebrachte Blumen streute er prächtig aus. (48) In diese vom jüngeren Bruder gebaute Hütte zog Rama mit der goldenen Glücksgöttin ein: er, der gleichermaßen im Herzen des großen Brahma und in dem für uns schwer ergründlichen inneren Leben aller Wesen wohnt.
(49) Wie einen von Täuschung freien Geist, die großen Veden, den reinen Milchozean oder Vaikuntha erfüllte er nun diese Hütte. Er liebte sie, weil sie dem liebevollen Herzen seines hingebungsvollen Bruders entsprungen war. (50) »Janakas Tochter ist mit Füßen, weicher als Blumen, bis in diesen Wald gekommen. Die Hände meines untadeligen Bruders haben eine Hütte gebaut. Was bleibt Menschen, die alles verloren haben, nicht alles zu tun?«, dachte er. (51) Er sah den jüngeren Bruder an: »Du mit den beiden berggleichen Schultern, wann hast du gelernt, so etwas zu bauen?« Tränen strömten aus seinen großen Lotusaugen. (52) »Was nützt es zu sagen: Auf Befehl dessen, der mir den ganzen Reichtum gab, habe ich den umfassenden Dharma gewahrt und einen Wahrheitsruhm gewonnen, heller als die Sonne? Dir habe ich damit lang dauerndes Leid bereitet.«
(53) Lakshmana sah ihn mit schmerzendem Herzen an: »Herr, sieh! Ist nicht schon zuvor der Keim des Leides aufgegangen?« So antwortete er auf Ramas Worte. (54) Rama dachte: »Es ist nichts anderes zu tun. Vom Dharma abzugehen wäre schwer.« Er sah den inneren Schmerz dessen, der ihn zuvor freudig bedient hatte, und erkannte, wie schwer diese Trübung des Kummers abzuwischen war. (55) Dann sagte er zum Bruder: »Selbst beständiger Reichtum hat Grenzen. Aber welches Verderben droht diesem Leben? Bedenke sein grenzenloses Glück und den künftigen Gewinn, der daraus erwächst.« (56) So tröstete der starke Bogenträger den Bruder und lebte in Askese, selbst von Göttern verehrt. Nun erzählen wir, was aus der Botschaft jener Männer entstand, die auf Befehl des mächtigen großen Weisen fortgeschickt worden waren.
2.9 – Die Totenfeier
(1) Die unvergleichlichen, wahrhaftigen Boten eilten Tag und Nacht dahin. Sie erreichten Bharatas Palast und sagten zu den Torhütern: »Meldet dem Prinzen unsere Ankunft!« (2) »Boten mit dem Wort deines Vaters sind gekommen«, hörte Bharata. Sein Herz freute sich liebevoll: »Lasst sie eintreten!« Als sie ihn mit gefalteten Händen begrüßten, fragte er: »Ist der Gekrönte frei von Unheil?« (3) »Er ist stark«, antworteten sie, und Bharata freute sich. »Ist auch der junge, geschmückte Prinz mit unserem Herrn in unversehrtem Wohlergehen?« Auf ihr »Ja« hob er ehrerbietig die breiten Hände über den Kopf. (4) Er fragte auch nach den übrigen Angehörigen in ihrer Rangfolge und freute sich über die Antworten. Dann sagten die Boten: »Du von kaum abbildbarer Schönheit, hier ist das königliche Schreiben. Nimm es entgegen!«
(5) Er pries und verneigte sich, empfing es stehend mit seinen goldgeschmückten mächtigen Händen und legte es mit weich gewordenem Herzen auf sein von frischen Blüten bedecktes Haupt. (6) Dann löste er das Siegel aus Ton und das darum gebundene Tuch, entfaltete das Palmblattschreiben und las die Schrift. Den angekommenen Boten schenkte er Reichtümer von mehr als zehn Millionen. (7) Sein mondhelles Lächeln erschien, die Körperhaare sträubten sich, seine Liebe stieg himmelhoch auf. Er streute Blumen an die verehrten Füße; das Verlangen, den älteren Bruder wiederzusehen, drängte ihn voran. (8) »Das Heer soll aufbrechen!«, befahl er, verehrte den Kekaya-König und nahm dessen Weisungen entgegen. Mit seinem jüngeren Bruder bestieg er den Wagen und fuhr fort, ohne günstigen Tag oder Stunde abzuwarten.
(9) Elefanten umringten ihn, Wagen kamen dröhnend zusammen, ehrenvolle Könige versammelten sich. Schwerttragende Heere umgaben ihn, Muscheln ertönten, große Trommeln brausten wie das fischreiche Meer. (10) Fahnen und Hängeschmuck drängten sich dicht. Sanfte Elefantenkühe trugen Frauen mit langen scharfen Augen. Überall bewegten sich die Glanzlichter ihres Schmucks wie Blitze zwischen gedrängten Donnerwolken. (11) Lastwagen breiteten sich überall aus, vielerlei Instrumente klangen wie Wolken. Bienen summten in Blumenkränzen, und zahlreiche Reitpferde, schnell wie Pfeile und geübt auf dem Reitplatz, schlossen sich an. (12) Blasinstrumente verkündeten abgestimmte Töne. Pferde mit prächtigen Mähnen und gebogenen Hälsen kamen hinzu, so schnell, dass sie auf Antrieb durch den Himmel und sogar über das Meer zu laufen schienen.
(13) Meister der Bogenkunst, kundige Schwertkämpfer, starke Ringer, Dolchkämpfer, siegreiche Kenner von Speer und Lanze sowie erfahrene Elefantenlenker umgaben den Zug. (14) Auch die Leute, die Herden von Lasttieren, Ziegen und Stieren sowie ausgesuchte Hähne, Rebhühner, Wachteln und lang gesprenkelte Frankoline betreuten, drängten eilig voran. (15) Die dicht gedrängten Menschen bebten vor Ungeduld: »Könnten wir nicht fliegen?« Sie glichen Göttern, die nach einer irdischen Geburt ihre wahre Natur erkennen und zur früheren Himmelswohnung zurückkehren wollen. (16) Trommeln schlossen sich dem Gesang an wie das Leben dem fleischlichen Leib. Die Lieder der Magadha-Barden stiegen zum Himmel und flossen wie mit Honig vermischter Klang in die Ohren.
(17) Die Segensrufe der Brahmanen übertrafen das tiefe Dröhnen der Trommeln. Die Lobgesänge der Barden wetteiferten mit dem donnernden Kampfgeschrei der kraftvoll sich erhebenden Krieger. (18) Sie überquerten Flüsse, Wälder und weite Berge und durchmaßen sieben Tage. Dann erreichte Bharata Kosala, wo süßer Saft aus Pressen über die Rinnen tritt und in Felder mit hellen jungen Reissprossen fließt. (19) Doch nun waren die Felder ohne Pflug, die Schultern der jungen Männer ohne Kränze, Gärten und Reisfelder ohne Wasser. Die Lotusgöttin hatte offenbar die Erde verlassen wie ihren Lotus. (20) Süße Früchte waren zerplatzt, gefallen und verdorben; ihr Saft sammelte sich an den weiten Wasserstellen. Prächtige Blumen öffneten ihre reifen Knospen, fielen ungepflückt ab und vertrockneten.
(21) Keine Bauern prüften mehr: »Jetzt ist die rechte Zeit zum Schneiden.« Deshalb neigte sich der reife Reis, brach und keimte erneut in dem duftenden Mangosaft, der darüberströmte. (22) Die Feldarbeiterinnen, deren Nasen Sesamblüten beschämten, vertrieben keine Vögel mehr und jäteten nicht. Sie waren erschöpft wie Frauen, deren Herzen im Streit mit ihren geliebten Männern liegen. (23) Die grünen Saaten unterhalb der großen Teiche verdorrten, weil durch die offenen Schleusen kein Wasser mehr kam. Sie glichen Gaben suchenden Dichtern, die am Tor eines hartherzigen Geizigen hoffnungslos stehen. (24) Papageien sprachen nicht, Liebesbotschaften gingen weder aus noch kamen sie von Freunden zurück. Große und kleine Trommeln erklangen nicht; keine Festzüge bewegten sich durch die goldgeschmückten Straßen.
(25) Die Flöten der Sänger hatten ihre Melodien aufgegeben, Bühnen und große Gewässer ihre Tänze und Spiele. Kopfschmuck wurde nicht getragen, von hohen Terrassen erklangen keine glückverheißenden Stampflieder mehr. (26) Leuchtende Gesichter hatten das Lächeln verloren, Paläste den duftenden Adlerholzrauch, Lampen ihre aufsteigenden Flammen und das Haar der pfauengleichen Frauen seine honigsüßen Blütenbüschel. (27) Als hätte die Glücksgöttin das Land mit seinem unaussprechlichen Wohlstand verlassen, fehlte ihm jeder Glanz. Es glich einem Leib, dessen Seele auf einen fernen schweren Weg gegangen ist, nachdem seine Göttin ihn verlassen hat. (28) Bharata sah das Land, litt und verstand nicht, was geschehen war. »Dort erwartet mich eine schlimme Nachricht«, dachte er, hielt immer wieder inne und stieß lange Seufzer aus.
(29) Der Sohn des Königs, der Wahrheit als schönsten Schmuck getragen hatte, fuhr weiter. Sein Geist eilte dem angespornten Wagen voraus. Er blickte auf die große Stadt mit ihren hohen Toren. (30) Er sah nicht mehr den hohen Fahnenwald, der sonst in den Himmel ragte und die Sonne scheinbar aufhielt: »Du bist vom Wandern durch das ganze Weltall müde; nimm Nektar zu dir, bevor du weiterziehst!« (31) Er hörte nicht das mächtige Trommeln, das sonst die Menschen zusammenrief: »Alles, was wir zum Erwerb guten Ruhmes gesammelt haben, nehmt rasch nach eurem Wunsch entgegen!« (32) Der Held mit honigduftendem Kranz sah keine Künstler, die junge Elefanten, Scharen von Elefantenkühen und die Schätze freigebiger Herren wie eine gewaltige Beute als Geschenke davonführten.
(33) Der Sohn des schützenden Königs sah auch keine Brahmanen, die Kühe, Pferde, brünstige Elefanten und liebevoll gespendete Reichtümer mit sich nahmen. (34) Weil weder die Bienen im Haar der pfauenanmutigen Frauen noch die Saiten der Musiker ihre sieben Töne erklingen ließen, glichen die stummen Barden den verlassenen dunklen Haarmassen jener schönen Frauen. (35) Wagen, Pferde, Elefanten, Sänften und Lastkarren standen ohne Benutzer da. Die menschenleeren, glanzlosen Straßen glichen sandigen Flussbetten ohne Wasser. (36) Als der edle Fürstensohn die innere Stadt so sah, sagte er: »Jüngerer Bruder, gleicht dies einer reichen Stadt, in der ein König wohnt? Was ist das für ein Zustand?«
(37) »Sie ist so schwach wie eine von Feinden besetzte Stadt. Sieh, sie gleicht dem weiten Milchozean, nachdem der dunkelwolkenfarbige Herr ihn mit der großäugigen Glücksgöttin verlassen hat.« (38) Der junge königliche Löwe mit kostbarem Juwelenschmuck verneigte sich mit gefalteten Händen: »Das schwere Leid ist offenbar nicht von gewöhnlicher Art. Hat die Glücksgöttin diese Stadt verlassen, die doch Weltzeitalter überdauert?« (39) In diesem Augenblick erreichte der achsenfeste Wagen wie mit einem Gedanken das hohe glückverheißende Palasttor. Der Sohn des Weltherrschers begab sich zu den Wohnräumen seines Vaters. (40) Sehnsüchtig suchte er überall nach dem mächtigen König, fand ihn aber an keinem seiner gewöhnlichen Plätze. »Hier besteht keine Sicherheit«, dachte der Bergschultrige und geriet in bange Ungewissheit.
(41) Während er den Vater suchte, um ihn mit reinen Händen zu verehren, kam eine Frau mit bambusgleichen Schultern: »Deine Mutter ruft dich. Komm hierher!« (42) Er ging und verneigte sich vor den Füßen seiner Mutter. Sie umarmte ihn herzlich: »Geht es meinem Vater, meinen Brüdern und Schwestern gut?« Der Mann von grenzenlosen Tugenden antwortete: »Ja.« (43) Er faltete beide Hände: »Ich bin voller aufsteigender Liebe gekommen, die Lotusfüße meines Vaters zu verehren; mein Herz drängt danach. Wo ist der edle Herr der hochgekrönten Könige? Sage es mir!« (44) Die innerlich Unberührte antwortete: »Er, dessen hohes Heer die Macht der Dämonen niederwarf, der König mit dem honigreichen Kranz, ist in den Himmel gegangen, von Göttern verehrt. Trauere nicht!«
(45) Als diese hingeschleuderten harten Worte seine Ohren erreichten, stürzte der locken- und blumengeschmückte Prinz in voller Länge hin. Ohne Bewusstsein und Atem lag er wie ein hoher Maram-Baum, den der Donnerkeil gefällt hat. (46) Sein Mund verlor den Glanz, aus seinen offenen Lotusaugen flossen Wasserfälle. »Könnte irgendjemand außer dir solche bösen Worte aussprechen, als legte er brennendes Feuer in meine Ohren?«, sagte er. (47) Der Murugan-Schöne erhob sich, seufzte, trauerte und fiel wieder nieder. Er schluchzte, atmete heiß, zerbrach und schrie. Dann begann er unter Klagen Folgendes zu sagen. (48) »Wenn du gestorben bist, Herr, hast du den Dharma entwurzelt, das Erbarmen getötet und den Glanz deiner herrlich kühlenden Gnade zerstört. Du hast die Gerechtigkeit vergessen. Könnte ein größerer Makel dich treffen?
(49) Freigebiger, du hast die Festung des Zorns niedergerissen, das Feuer der Begierde gelöscht und alle verwandten inneren Feinde besiegt. Du gingst stets den Weg, den alle Herzen billigten. Ist es recht, dies zu vergessen und nur deinen eigenen Weg zu gehen? (50) Wie konntest du den Sohn verlassen, der die alten Geschichten der Vorfahren seit dem Urvater erneuerte und die Stärke des Bogens des Stirnäugigen brach? (51) König, dessen Rad auf gerechtem Weg rollte! Hier in dieser Welt stehen überall Bittende und liebe Freunde. Gibt es solche auch in jener anderen Welt, Herr? (52) König der Könige mit mächtigen Kampfschultern! Die vielen Wesen, die lange im weiten Schatten deines Schirms standen, verdorren. Hast du stattdessen den hohen duftenden Schatten des himmlischen Kalpaka-Baumes begehrt?
(53) Du bist von hier fortgegangen. Sind die Götter gekommen und an deinen Füßen Schutz suchend niedergefallen, weil ihnen ihre Zuflucht verloren ging? Gibt es im Himmel noch weitere heerstarke Dämonen wie Sambara? (54) Du gabst die großen Tribute der heeresmächtigen Könige den notleidenden Vedengelehrten und nährtest durch Pferdeopfer das leuchtende Feuer für die Götter. Wie könntest du nun untätig im Himmel bleiben? (55) Herr hoher brünstiger Elefanten, gingst du, um dem gesegneten Dunklen deinen Herrscherdiskus zu übergeben? Er hatte deine Anweisungen niemals verlassen und blieb deiner mächtigen Hand so treu wie die leere Hand einem Armen. (56) Du schenktest dem durch Askese erlangten Sohn die ganze Welt. Doch mit deinen großen Augen durftest du offenbar nicht einmal die Krönungspracht sehen, die dem rechtmäßigen Herrscher zustand!«
(57) Als er so haltlos klagte und unter Tränenquellen dahinschmolz, tröstete ihn seine Mutter. Etwas gefasster sprach der Held, dessen gestreifter Bogen dem Tod glich. (58) »Rama mit seinen grenzenlosen großen Tugenden ist mir Vater, Mutter, Herr und älterer Bruder. Erst wenn ich meinen Gruß zu seinen Füßen gelegt habe, wird die brennende Qual meines Herzens nachlassen.« (59) Die Meisterin harter Worte hörte es und sprach erneut wie ein Donnerschlag: »Du mit dem feindebezwingenden Bogen, er ist mit seiner Gemahlin und seinem jüngeren Bruder im Wald.« (60) »Er ist im Wald«, diese Worte bedachte Bharata und saß da, als hätte er Feuer verschluckt. »Welche Folgen wird das Schicksal noch hervorbringen? Wie viele leidvolle Nachrichten muss ich noch hören?«
(61) Schluchzend fragte der Edle: »Warum ging der Träger blumenschöner Heldenreifen in den Wald? Weil er Böses getan hat? Weil eine Gottheit zürnte? Durch übermächtiges Schicksal? Aus welchem Grund? (62) Selbst wenn Rama etwas scheinbar Böses täte, wäre es für alle Erdbewohner nicht wie die Handlung einer Mutter? Ging er, nachdem unser Vater in den Himmel kam, oder zuvor? Erkläre es gnädig!« (63) »Nicht weil er einen Lehrer beleidigte, nicht aus niedrigem Übermut, nicht durch eine Gottheit. Er ging in den Wald, während der sonnengleiche König noch hier lebte«, antwortete sie. (64) »Wenn er keine Schuld beging, wenn andere ihn nicht zornig anfeindeten und keine Gottheit dahinterstand – warum ging der Sohn in den Wald, solange sein Vater lebte? Und warum starb dieser danach?«
(65) »Ich berief mich auf sein Wort und nahm die gewährten Wünsche: Ich schickte den Sohn in den Wald und machte die Erde zu deinem Besitz. Weil der Weltherrscher das nicht ertragen konnte, gab er sein Leben auf«, sagte sie. (66) Noch ehe die Rede endete, pressten sich Bharatas verehrend erhobene Blumenhände an seine Ohren. Seine Brauen sprangen und tanzten; mit dem Atem schossen Flammen hervor, seine Augen spien Blut. (67) Seine Wangen zuckten, aus den Haarporen schienen Feuerfunken zu sprühen, Rauch umhüllte ihn. Er presste den Mund zusammen und schlug seine langen, regenwolkengleichen Hände aneinander, sodass die Erde zu bersten und selbst der Donner zu erschrecken schien. (68) Bei jedem Schritt bebten Erde und Meru wie ein großes elefantenbeladenes Schiff mit hohem unvergleichlichem Mast, das im Wellenmeer unter heftigen Windstößen aus dem Gleichgewicht gerät.
(69) Götter und Dämonen fürchteten sich; andere fielen vor Angst wie tot um. Bei den Richtungselefanten versiegte der Brunstsaft, die Sonne wich zurück, selbst der zornige Tod verhüllte seine Augen. (70) Der Löwe kochte in grausamem Zorn. Nicht weil er die Harte als Mutter betrachtete, hielt er inne, sondern aus Furcht: »Der Erhabene würde zürnen.« Dann sprach er mit einer Stimme wie heftiger Donner. (71) »Mein Vater ist tot, mein älterer Bruder hat schwere Askese angenommen – durch deine grausame Intrige! Dennoch habe ich deinen Mund nicht zerrissen. Dass ich dies höre und noch dastehe, bedeutet es nicht, dass auch ich aus Herrschsucht das Reich angenommen habe? (72) Du lebst noch, und ich stehe vor dir, ohne dich augenblicklich niederzuschlagen. Nur die Furcht vor Ramas Zorn hält mich zurück. Könnte mich etwa der bloße Name Mutter hindern?
(73) Ein König stirbt an harten Worten, ein Held zieht sich zurück, und ein Bharata bleibt, die Erde zu regieren! Wenn es so steht, wäre nicht bloße List der Dharma? Könnte diese Rechtsordnung noch irgendeinen Mangel haben? (74) Was anderes hast du bewirkt als den künftigen Spruch: Einst zerstörte Bharata durch die grausame List seiner verderblichen Mutter die rechtmäßig fortgeführte Erbfolge und machte sein Geschlecht zum Träger der Schande? (75) Du sitzt da wie eine beißende Schlange. Die Grenze ehelicher Treue hast du zerstört, den scharfspeerigen König, der dich im Herzen trug, entwurzelt und diese Wünsche erlangt. Was willst du noch nehmen? (76) Du leidest nicht; du hast das Leben deines Gemahls verschlungen. Dämonin, darfst du weiterhin leben? Du stirbst nicht und hast mir unvergängliche Schande gegeben. Du hast mich gestillt – bist du deshalb meine Mutter? Was wirst du mir noch schenken?
(77) Mit deinem Mund hast du den niemals lügenden König lebendig verschlungen, unauslöschliche Schande angenommen und Reichtum gewonnen, um selbst immer weiterzuleben. Selbst als mit ihm Mutter und Kalb, Kühe und Kinder zugrunde gingen, bist du nicht gestorben! (78) Der Vater starb, damit sein gewährter Wunsch nicht entwertet werde. Der Sohn gab das ganze Reich auf und sagte: Das ist Dharma. Soll ich mir nun den Ruf erwerben: Sein Bruder regierte durch die List seiner Mutter? (79) Er dachte nicht, der Vater würde sterben; vermutlich glaubte er, hinter dem Plan der schamlosen Frau stünde ich. Sonst wäre er doch umgekehrt! Ging der rechtmäßige Herrscher nicht fort, weil er meinte, ich wollte wirklich die ganze Welt regieren? (80) Wie auch immer der berühmte alte König zuletzt dachte – genügt die Absicht meiner Mutter nicht, damit man sagt: Bharata fasste diesen bösen Plan, damit sein Bruder ihm dienen müsse?
(81) Ich lebe noch. Mein älterer Bruder hält im Wald eine Schale in der Hand und isst Blätter, während ich Grausamer hier weißen Reis mit Ghee wie Nektar genieße. Werden die Leute nicht daran denken? (82) Der gute Vater starb sofort, als er hörte: Der Bogenheld ist im heißen Wald. Ich aber töte die Giftgleiche nicht und sterbe selbst nicht. Bin ich nicht vollkommen von schwerer Schande erfüllt? Dennoch weine ich wie ein Liebender! (83) Die Menschen werden dies nicht billigen. Ich will mein Leben nicht auf Kosten der Ehre bewahren. Endet denn dieses Leid niemals? Die Glücksgöttin bleibt nicht in dieser Stadt. Mit wem hast du beraten, wessen Wort gehört? Was hast du hervorgebracht, nachdem du allen Dharma entwurzelt hast? (84) Ich habe durch deinen mordenden Mund meinen Vater getötet. Nicht nur das: Ich schickte meinen Herrn in den Wald und stehe nun bereit, die Welt zu regieren. Wenn es so heißt, trifft dich dann noch Schuld oder Schande? Wird es jemals einen Ort geben, an dem meine Schande endet?
(85) Die Menschen werden mich ohne Prüfung verachten, obwohl sie meine weiteren Taten noch sehen sollen. Unverschuldet habe ich Schande auf mich genommen. Nur im Vertrauen auf den Satz: Ungenossenes Gift tötet nicht, halte ich noch am Leben fest. (86) Damit die unauslöschliche Sünde, in deinem sündigen höllischen Bauch empfangen und geboren worden zu sein, ende und mein Leid vergehe, werde ich selbst große Askese üben. Der gute Dharma sei Zeuge, und alle drei Welten sollen es sehen. (87) Ich habe dir die guten Worte der Edlen gesagt. Du hast jede Pflicht vergessen und so gehandelt. Wenn du dein hartnäckig bleibendes Leben aufgibst, kannst du rein werden und deiner menschlichen Geburt gerecht werden. Einen anderen Weg gibt es nicht.« (88) Nach diesen Worten erhob er sich: »Ich bleibe nicht bei dieser Sünderin mit unaussprechlich grausamem Herzen. Ich werde die goldenen Füße der reinen Kausalya verehren, damit diese unerträgliche Qual endet.« So ging er fort.
(89) Der Edle trat zu Kausalya und warf sich nieder, als wollte er den Erdboden durchbrechen. Mit seinen herrlichen breiten Händen umfasste er ihre kleinen Lotusfüße, blieb liegen und klagte. (90) »In welcher Welt ist mein Vater? Wo ist mein älterer Bruder? Bin ich Einsamer nur gekommen, um dieses Verderben zu sehen? Lindere die schwere Qual meines Herzens!« Selbst die Götter im Himmel weinten erschöpft darüber. (91) »Ich habe meines Herrn Füße nicht gesehen. Durfte der Beschützer der Erde fortgehen? Ihr habt ihn wohl nicht festgehalten; darin habt ihr gefehlt!« Seine Schultern wurden staubbedeckt, während er sich kraftlos am Boden wälzte. (92) »Nicht einmal die Grausamsten würden es aussprechen, ein ganzes Geschlecht zu entwurzeln. Wie könnte ich darüber reden? Ich Betrüger, im Bauch der Harten geboren, werde sterben, damit die große Qual endet.
(93) Das alte Geschlecht, das von der im einzigen Wagen fahrenden, die Finsternis der Erde vertreibenden Sonne seinen Glanz empfing, hat nun eine Schande namens Bharata hervorgebracht!«, sagte der Mann mit smaragdberggleichen Schultern. (94) »Der Herr des Schwertheeres wohnt im Himmel, der älteste Sohn ist in den Wald gegangen. Soll das augenlos gewordene Land in einer einzigen Qual vergehen?« So sprach der Dharma-Gleiche mit den bis zu den Knien reichenden Armen. (95) Kausalya, die Adel, Geduld und eheliche Treue verkörperte, sah den klagenden Prinzen dahinschwinden. »Er begehrt nicht die Last der Herrschaft; sein Herz ist rein«, erkannte sie. Ihr bisheriger Verdacht wich, und erschöpft begann sie zu sprechen. (96) Sie verstand, dass in seinem makellosen Herzen keine Schuld wohnte und er vollkommen rechtschaffen war: »Lieber Sohn, offenbar wusstest du nichts von der Täuschung, die Kekayas Tochter plante?«
(97) Der zu ihren Füßen liegende Held hörte die Mutter und stöhnte wie ein gefangener Löwe. Schluchzend begann er einen Schwur auszusprechen, der selbst den beständigen guten Dharma erzittern ließ. (98) »Wer den Dharma zu zerstören sucht, wer ein erbarmungsloses Herz hat, an der Tür einer fremden Ehefrau steht, andere zornig quält, vom grausamen Töten lebt oder entsagenden Asketen schweres Leid bereitet – (99) wer Lehrer und Frauen mit dem Schwert tötet, die Güter seines Herrn durch Betrug raubt, vor den Feinden flieht und ihnen den Rücken zeigt oder den kostbaren Besitz von Bittenden gewaltsam nimmt – (100) wer verkündet, der Herr mit dem frischen kühlen Tulasi-Kranz sei nicht der Höchste, wer rechtschaffene Brahmanen verletzt oder die makellosen Veden verachtet und sie aus niedrigem Herzen als erfundene Lüge bezeichnet –
(101) wer allein seinen großen leeren Bauch füllt, während die Mutter vor Hunger stirbt, oder seinen Herrn im Kampf fallen lässt und fortgeht: In die feurige Hölle, die all diese erwartet, möge ich rasch gelangen! (102) In die Hölle ohne Rückkehr, in die der fällt, der Schutzsuchende aus Furcht um sich selbst ausliefert, und der, der täglich den Dharma vergisst – in sie möge ich rasch stürzen! (103) In die grausame Hölle des falschen Zeugen, des Kampfesfeigen, dessen, der anvertrautes Gut heimlich unterschlägt, und dessen, der seinem Wohltäter Schaden zufügt, möge ich eilends fallen! (104) In die Hölle brennenden Leids, in die der Brandstifter an Brahmanenhäusern, der Kindermörder, der Prozesslügner und der Götterlästerer gelangen, möge auch ich stürzen!
(105) Die Hölle dessen, der Milch ausmelkt und trinkt, bis das Kalb stirbt, dessen, der fremdes Gut vor Gericht durch Verschweigen raubt, und des undankbaren lieblosen Menschen – sie sei auch meine! (106) Das Los dessen, der sein Leben rettet und flieht, während die mitreisenden sanft sprechenden Frauen überfallen werden, und dessen, der isst, während die Menschen neben ihm hungern – dieses Los möge ich teilen! (107) Möge ich in die Hölle dessen fallen, der im Waffenkampf vor Feinden weicht, nur um weiterzuleben und zu essen, und des Königs, der den Besitz eines unermüdlich Rechtschaffenen begehrt! (108) Möge ich ein Frevler sein, der vergängliche Herrschaft erlangt, im Glauben an ihren Nutzen niedrige Taten begeht, regiert, den ererbten Dharma vergisst und einen anderen, schändlichen Weg einschlägt!
(109) Möge ich jenem feigen König gleichen, dessen Schutzsuchende und Untertanen in grenzenloser Angst fliehen, während der eingedrungene Feind triumphiert und er sich nur fürchtet! (110) Das Los dessen, der eine Jungfrau zu schänden beabsichtigt, der die Frau seines Lehrers begehrt, Rauschtrank genießt oder Gold stiehlt – es werde mein Los! (111) Möge ich sein wie einer, der bei einer Mahlzeit gierig wie ein Hund frisst, sich nicht schämt, wenn man ihm jede ehrenhafte Identität abspricht, die gute Lehre von der Hölle missachtet und die Fehler anderer ausplaudert! (112) Möge ich sein wie einer, der makellose alte Geschlechter verleumdet, die geringe Nahrung armer Menschen verdirbt oder köstliche Speisen verschlingt, während seinen Nachbarn das Wasser im Mund zusammenläuft!
(113) Möge ich meine weitreichende Manneskraft mit Bogen und Schwert ins Gras geworfen haben und, um den unwahren Leib noch wenige Tage zu erhalten, mit eigener Hand Speise aus dem Haus meiner zornigen Feinde entgegennehmen! (114) Möge mir ein Anteil an der todvollen Hölle jenes Toren zufallen, der einem Bittenden weder sagt, ob er etwas besitzt, noch ablehnt oder hilft, sondern ihn zahllose Tage vertröstet und umherirren lässt! (115) Möge ich, nur um meinen krankheitsanfälligen übelriechenden Leib zu bewahren, die starke Hand mit dem feindespaltenden Diamantschwert senken und vor den Augen juwelenlächelnder junger Frauen das Haupt vor geringeren Feinden beugen! (116) Möge ich mein Leben hüten, während schwere Feinde das Land der Zuckerrohrfelder, roten Reisfluren und Wälder plündern, und mit schleifenden eisernen Fußfesseln vor ihrem Gesicht dastehen!
(117) Falls ich Hundegleicher von der Tat dieser feurigen Grausamen wusste, möge ich das Schicksal all jener Schuldigen teilen, die reine, vom rechten Weg nicht abweichende Menschen bedrängen!« (118) Als der Edle diese reinen Worte gesprochen hatte, umarmte Kausalya ihn weinend in großer Liebe. Ihre Freude war, als sähe sie Rama selbst zurückkehren, der vorher sein Glück verlassen und den grausamen Wald betreten hatte. (119) Nun hatte sie die gute, aufrichtige Gesinnung des Sohnes und die Bosheit seiner Mutter klar erkannt. Milch strömte aus ihren vollen warmen Brüsten; immer wieder schluchzte sie und weinte, ihr Herz schwoll an. (120) »Wer von den alten Stammvätern eures Geschlechts könnte dir an Wesen gleichen, König der Könige?« So segnete sie ihn. Je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker schmolz sie weinend dahin.
(121) »Makelloser Sohn, seit dem Tod deines freigebigen Vaters sind vierzehn Tage vergangen. Erfülle nun die Pflicht, die Söhnen zukommt«, wies sie ihn an, während sie selbst im Schmerz versank. (122) Er verehrte die Füße der Mutter und ging mit dem heiligen Weisen von goldfarbenen langen Flechten. Dort sah er den Leib seines Vaters, der ihn als Gabe des Dharma hervorgebracht hatte – die Gestalt uralter Rechtschaffenheit. (123) Der edle Beschützer fiel schreiend auf die Erde und verlor sich im Leid. Den ölgetränkten, golden schönen Leib des Weltherrschers wusch und badete er mit seinen Tränen. (124) Liebevoll hoben sie ihn heraus. Die rings versammelten Kenner der vier Veden vollzogen die Riten; unter dem Dröhnen der königlichen geweihten Trommeln legten sie den König auf einen großen goldenen Totenwagen.
(125) Die Stadt erhob ihre Hände und klagte wie das Meer an der Küste; alles Leben bebte. Von einem Meer weinender, ehrerbietiger Könige umgeben, trugen sie den Leichnam auf einem gegürteten Elefanten fort. (126) Muscheln, große Trommeln und begleitende Hörner klagten und seufzten überall. Es schien, als schlügen sie sich wie die Frauen der wolkenhohen Stadt auf ihre aufquellenden Augen und weinten. (127) Pferde, Elefanten, prächtige Wagen, Könige und Scharen von Vedengelehrten gingen voraus. Mit den Königinnen führten sie den Toten zur Sarayu, deren klare Wellen über das weite Wasser sprangen. (128) Sie vollzogen alles von den Schriftkundigen Vorgeschriebene, richteten den Scheiterhaufen und legten den großen König sorgsam darauf. »Held, komm und erfülle deinem Vater die große, wahrhaftige letzte Pflicht!«, sagten sie.
(129) Als Bharata aufstand, sagte der Weise: »Wegen der bösen Tat deiner Mutter hat der König in seinem schweren Leid schon zuvor auch dich verstoßen und ist so gegangen.« (130) »Er hat dich verstoßen« – das klang wie: »Edler, durch deine Geburt ist der große Dharma verletzt worden.« Bharata war wie gestorben. Der dort zurückbleibende bewusstlose Leib schien beinahe der eines anderen Sohnes zu sein. (131) Wie eine scharfe Giftschlange unter dem Donnerkeil fiel er auf die Erde, das Herz bebend. Unaufhaltsame Qual zuckte in ihm; schluchzend und weinend sprach er. (132) »Wer wäre unter den Königen noch zu nennen außer dir und mir? Ich besitze nicht einmal das Recht auf die Totenehrung meines Vaters aus dem Sonnengeschlecht. Bin ich etwa nur dazu geeignet, das Reich zu regieren?
(133) Die makellosen Könige von Brahmas Sohn an wurden durch Dharma und Gerechtigkeit zu Göttern. Ich aber, als ihr Sohn geboren – wehe! –, bin ein nutzloser Mensch geworden. (134) Wie taube Spreu in einer großen, von kräftigen Halmen getragenen Ähre bin ich geworden. Was hat mir meine Mutter, die gerade mich gebar und aufzog, doch für eine Schönheit verliehen!« (135) Während der kranzgeschmückte Prinz so sprach und im Leid versank, ließ der Weise, der fest nach den vier Veden handelte, den jüngeren Bruder Shatrughna die an jenem Tag erforderlichen Riten vollziehen. (136) Die sechzigtausend Königinnen, weich wie große Blütenzweige, mit blitzenden Ketten, Schmuck und Hüften, tauchten ins Feuer – wie Pfauen in einen Hain treten, den blattarme Dornpflanzen umschließen.
(137) Das Feuer wurde ihnen kühler als Wasser; ihre lotus- und mondhellen Gesichter strahlten. Frei von Zweifel erreichten sie jene Welt, in die Frauen eingehen, die ihren Gemahlen folgen. (138) Nachdem auf diese Weise die dem König angemessenen Handlungen vollzogen waren, kehrte Bharata nach Hause zurück. Die ererbte Herrschaft begehrte er so wenig wie eine durch Karma erworbene Krankheit. (139) Zehn Tage lebte der Sohn im Meer brennenden Kummers; jeder schien ein Weltzeitalter. Alle religiösen Pflichten gegenüber seinem Vater ließ er nach der Ordnung der alten Schriftkundigen vollenden. (140) Der siegreiche große Asket half, alles vollständig abzuschließen, und kam dann, von den dreifach gelehrten Angehörigen begleitet, zu dem hohen Prinzen mit dem Siegerspeer, der die Riten beendet hatte.
(141) »Dass die Erde ohne König bleibt, entspricht nicht dem alten Brauch«, beschlossen die ehrwürdigen Minister. Gemeinsam mit den kundigen Männern des großen Landes begaben sie sich zu ihm.
2.10 – Der Zug auf dem Weg
(1) Als sie erfuhren, dass der große vedische Asket, der die rechte Ordnung kannte, schon dort war, kamen sie eilends zusammen. Besonnen traten sie ein, verehrten Bharata und standen mit sorgenvollen Herzen vor ihm. (2) Die ehrwürdigen Minister, Stadtbewohner, Heerführer, Landesherren, himmlischen Weisen und alle Gelehrten umgaben den schönen Prinzen nach der überlieferten Ordnung. (3) Als alle ringsum saßen, blickte Sumantra, der gelehrte Lenker des breiten goldenen Wagens, dem allwissenden Weisen ins Gesicht. Er wollte zur Sprache bringen, was für den Herrscher notwendig war. (4) Der große Asket verstand Sumantras Blick ohne Worte und erklärte dem Königssohn deutlich: »Beschütze die Welt! Das ist deine Pflicht.« Dann führte er es aus.
(5) »Brahmanen, große Asketen, Alte, Könige und die übrigen sind zu dir gekommen, damit Recht und Dharma feststehen. Du von makellosem Wesen, nimm dies in dein Herz auf! (6) Du weißt sehr wohl, wie schwer es ist, das, was Dharma heißt, hervorzubringen und dauerhaft zu begründen. Es gewährt Heil in beiden Welten; darum ist dies das Handeln klarer Geister. (7) Eine Welt ohne König mit kräftigem Diamantschwert gleicht einem Tag ohne Sonnenstrahlen, einer Nacht ohne Sterne und klaren Mond und, genau betrachtet, einem Körper ohne innewohnendes Leben. (8) Weder in der Welt der Götter noch im Land der mächtigen, Unheil stiftenden Dämonen und in keiner anderen sogenannten Welt haben wir gesehen, dass schützende Führer fehlen.
(9) Prüft man die Ordnung vollständig, welche von Brahma geschaffene Gemeinschaft auf Erde oder Himmel, welche stehenden oder sich bewegenden Wesen in ihrer ganzen Vielfalt besitzen keinen Herrn? Wir kennen keine. (10) Von dem auf frischer Blüte geborenen Brahma an haben Heilige von gepriesenem hohen Ruhm bis heute die Erde behütet. Bliebe sie danach ohne jede Stütze, gliche sie einem Schiff, das verlassen auf der Wasserflut treibt. (11) Dein Vater ist gestorben, dein älterer Bruder hat entsagt, und durch den Wunsch deiner Mutter ist das Reich dir zugekommen. Sohn, beschütze diese grenzenlose große Herrschaft! Das ist unser wohlbedachter Entschluss.« (12) Als der ehrwürdige Weise ausdrücklich sagte: »Diese Welt sucht Zuflucht; du sollst sie tragen«, fürchtete Bharata sich noch mehr als jemand, dem man befiehlt, Gift zu trinken. Er sank zusammen, seine Augen wurden zu Wasserfällen.
(13) Er zitterte, seine Zunge stockte, sein Blick verengte sich. Sein Herz klagte weich, sein Leben zog sich zusammen. Als die Besinnung zurückkehrte, begann er der Königsversammlung sein Inneres zu offenbaren. (12 [zweite Versposition der Quelle, Gesamtzahl 2345]) »Während der Erstgeborene lebt, der allein zum Herrn der drei Welten bestimmt ist, soll ich die Krone tragen! Wenn dies durch das Wort der Weisen Dharma wird, kann dann die Handlung meiner Mutter noch irgendein Fehler sein? (13 [zweite Versposition der Quelle, Gesamtzahl 2346]) Wenn ihr, die ihr nach rechter Ordnung lebt, die kaum fassbare Grausamkeit meiner Mutter gut nennt: Hat dann die Herrschaft des bösen Kali schon begonnen und die beiden noch dazwischenliegenden Zeitalter übersprungen? (14) Ihr Mitglieder der Königsversammlung, zeigt mir unter allen seit dem Lotusgeborenen, der aus dem Nabel des Makellosen entstand, einen rechtmäßigen Weltherrscher, der regierte, solange sein älterer Bruder lebte!
(15) Selbst wenn ihr es den guten Weg nennt: Ich kann nicht hierbleiben und die Last aller Erdenwesen tragen. Ihr werdet sehen, wie ich ihn zurückbringe und ihm nach altem Recht die große geschmückte Krone aufsetze. (16) Andernfalls bleibe ich mit ihm im schwer zugänglichen Wald und übe freudig große Askese nach der rechten Regel. Sprecht ihr noch etwas anderes, gebe ich mein Leben auf.« So sagte er zur großen Versammlung. (19) Sie antworteten: »Als der alte König noch lebte, nahm Rama die Juwelenkrone an. Du aber, Edler, weist himmelhohen Reichtum zurück. Welcher geborene Königssohn könnte dir gleichen? (20) Musst du deinen Ruhm noch durch das Rollen des Herrscherrades, durch Wahrung des Dharma oder Opfer vermehren? Selbst wenn die vierzehn Welten vergehen, möge dein Ruhm bestehen!« So segneten sie ihn.
(21) Der Prinz rief seinen Bruder: »Lass die Trommeln wie Wolken donnern und verkünden: Wir bringen den rechtmäßigen König in diese Stadt zurück. Befiehl dem Heer, rasch aufzubrechen!« (22) Als Shatrughna den guten Auftrag verkündete, erhob sich die liebevolle, bisher im Elend versunkene Stadt mit lautem Jubel. Es war, als habe der Nektar dieser Worte einen leblosen Körper besprengt und erweckt. (23) Alle Lebewesen der Erde, angefangen bei jenen, die die fünf Sinne bezwungen haben, jubeln schon bei dem Satz: »Rama wird die goldene Krone tragen.« Ist dies etwa göttlicher Honig, den das Gehör genießt? (24) Die Trommeln erschallten: »Bharata bringt seinen älteren Bruder in die fahnenreiche Stadt. Das Heer soll eilends mitziehen, ihn zu holen!« Diese Botschaft wirkte auf die große Stadt wie der Aufgang des Mondes auf das Meer.
(25) Das gewaltige Heer erhob sich, brausend wie die sieben Meere am Weltende. Damit zerbrach Kekayas Tochter in ihrer Hoffnung; der Kummer wich, und tiefe Liebe trieb alle voran. (26) Geschmückte Pferde, Wagen, Elefanten und Lastkarren bedeckten die Erde, hohe Fahnen den Himmel. Der aufgewirbelte dichte Staub verhüllte sogar die Augen des Lotusgeborenen. (27) Der große Lärm stieg höher als das Getöse, das entsteht, wenn der Herr die Welt vernichtet. Doch noch höher erhob sich in den Heerscharen das Verlangen, den dunkelblauen Blumenfarbenen zu sehen. (28) Großrüsslige Elefanten schritten mit ihren Gefährtinnen dahin wie der Wolkengleiche selbst, der Erde und herrliche Stadt verlassen hatte und mit der Sita genannten Ranke in den dicht mit Bäumen und Gestrüpp bewachsenen Wald gezogen war.
(29) Junge Elefantenkühe trugen Mädchen mit Füßen, schön wie frische Lotusblüten im Schlamm. Es schien, als hätten sie im Wettstreit des sanften Ganges verloren und müssten nun die Siegerinnen tragen. (30) Unzählige hohe Fahnen bewegten sich, mit kühlen Wassertropfen gegen die drückende Sonne. Sie schwankten wie Frauen, die die Gestalt des kranzgeschmückten Bogenträgers noch nicht wiedersehen durften. (31) Zahllose Könige ritten auf Elefanten, über sich weiße Mondschirme – wie Sonnen, die auf Wolken ziehen, oder als sei die Sonne selbst in unzähligen Gestalten auf die Erde herabgestiegen, um denselben Weg zu nehmen. (32) Ein Meer fuhr auf Wagen, ein anderes auf rotstirnigen wolkengleichen Elefanten, ein dunkles Meer bewegte sich auf prächtigen Pferden. Überall breitete sich auf der Erde der Ozean der Fußsoldaten aus.
(33) Trompeten, Muscheln, Zimbeln, Hörner, fest bespannte Pambai- und kleine Trommeln sowie große Trommeln wurden stumm mitgeführt – wie Weise inmitten einer Schar törichter Menschen schweigen. (34) Die Frauen verschmähten herrlichen Schmuck und trugen nur die unentbehrliche Hochzeitsschnur und nötige Zier. Selbst Götter hätten bei ihrem Anblick gestaunt. Sie gingen wie Zweige, von denen alle Blüten abgefallen sind. (35) Dem Heer fehlte der eine rechtmäßige Schirm des Beschützers der ganzen meerumgebenen Erde. Trotz zahlloser anderer Schirme, die wie Sterne erschienen, glich es einer Nacht ohne strahlenden Mond. (36) Das Heer war so groß, dass die Himmelsrichtungen zu eng schienen; dennoch trug die meerumkleidete Erde es. Haben jene die Wahrheit gesagt, die sie eine zarte Frau nennen?
(37) Die jungen vollen Brüste der Frauen trugen weder rote Sandelpaste noch Adlerholzduftmischung, Kumkum oder Perlenketten. Ohne diese Veränderungen glichen sie unverhüllt jungen Kokosnüssen. (38) Die mächtigen Schultern der Männer waren weder von den Sandelspuren ihrer Geliebten noch von duftenden Kränzen verdeckt. Sie glänzten wie Berge, von denen junge Ranken und alles Gestrüpp entfernt worden sind. (39) Die Frauen hatten den täglichen Schmuck abgelegt und keine duftenden Kränze. Ihre ungeschminkten Augen glichen vollkommen todbringenden Speerspitzen, die man vor dem Sieg von allen Flecken rein gewaschen hat. (40) An den weiten Hüften klangen keine Juwelengürtel; sie glichen Wagen ohne Schellen. An den kleinen korallenroten Füßen tönten keine Knöchelreifen; sie glichen Lotusblüten ohne summende Bienen.
(41) Vielleicht hatten Kekayas Tochter und ihre Worte nur den Taillen der Frauen etwas Gutes gebracht: Weil keine dichten Blumengürtel mehr auf ihnen lagen, waren die schwachen Mitten wenigstens von einer Last befreit. (42) Das grenzenlose Heer wirkte, als habe die Lotusgöttin nach der Trennung vom Prinzen allen Schmuck abgelegt und Askese angenommen, während selbst der Liebesgott in einem Meer schwerer Trauer versunken sei. (43) Warum es nur mit dem Meer vergleichen, das Erde, Himmel und sichtbare Richtungen verschlingt? Dieses aufgebrochene Heer reichte weiter als Auge, Geist und selbst die Berechnung des Lotusgeborenen. (44) Es trank lange Wogenflüsse leer, hielt seine Ordnung im Inneren fest und drückte hohe Berge zur Erde nieder. So glich das glänzende Heer Agastya, dem Meister des Tamilischen.
(45) Weil Gelehrte und Geringe, das ganze dicht gedrängte Heer und alle Pracht die Stadt verließen, glich Ayodhya dem Wogenmeer an jenem Tag, als der kleine Weise alles Wasser in seinen Bauch aufgenommen hatte. (46) Große Flüsse, Felder, geliebte Bäume, Berge und selbst der Erdboden waren unter den Menschen kaum mehr zu erkennen. Die Marschstraße glich einer dicht gefüllten Straße der göttlichen Großstadt Ayodhya. (47) In diesem königlichen Heer dufteten weder Männer- noch Frauenkränze, Girlanden oder wohlriechende Mischungen. Nur der Brunstsaft der elefantenhaften Handberge, dunkel und mächtig wie Wolken, verbreitete seinen Geruch. (48) In jenem Heer, weiter als das menschenbefahrene Meer, blitzten weder lange Ohrringe an den Schultern noch anderer alter Schmuck. Nur die schlanken Taillen der hellstirnigen Frauen glichen noch dem Aufleuchten von Blitzen.
(49) Da die verschiedenen Instrumente, darunter die Maddalam-Trommeln, gleichmäßig und schweigend mitgeführt wurden, glich die Heeresmenge einer langen Reihe von Truppen, die auf eine bemalte Wand gezeichnet ist. (50) Dass der Schönäugige das Waldleben angenommen hatte, wurde den Männern zu einer starken Rüstung: Die Augenpfeile der Frauen mit blütenlosen Kränzen konnten ihre Brust nicht mehr durchbohren und ihr Leben verzehren. (51) Vielleicht brannte der Zorn auf Kekayas Tochter mit den schweren Ohrringen so stark in ihnen, dass ihre Herzen versengt waren. Sie hatten die fünf grausamen Pfeile des Liebesgottes überwunden; Frauenbrüste nahmen ihre Gedanken nicht mehr gefangen. (52) Während das große Heer so zog, legte auch Bharata ein Rindengewand um seine heilige Hüfte. Mit seinem jüngeren Bruder und dem entstandenen Kummer als Begleitern fuhr er im guten hohen Wagen.
(53) Die Mütter, großen Asketen, Minister seines Vaters, grenzenlose Verwandtschaft und reinen Brahmanen folgten ringsum. So zog er durch das Festungstor der herrlichen Stadt hinaus. (54) Als Shatrughna sah, wie auch der Tod in Gestalt Mantharas sich unter die Reisenden drängte, eilte er schreiend hin, packte sie zornig und wollte sie in die Luft schleudern. Bharata mit den schönen Schultern hielt ihn zurück und sprach. (55) »Wenn ich die Sünderin, die die Ordnung unserer Vorfahren zerstörte, in Stücke risse und meinen Zorn stillte, würde mein Herr mich verstoßen. Nur das hält mich zurück, lieber Bruder; nicht der Gedanke, dass sie meine Mutter ist. (56) Ebenso würde Rama heute zürnen, wenn du gegen die Bucklige wütest, die grenzenlose Qual verursacht hat. Du Kenner makelloser heiliger Schriften, lass uns weitergehen!« Nur mühsam führte er ihn fort.
(57) Das große Heer und die Menschen der weiten Erde umgaben ihn zusammen wie ein Meer. Bharata lagerte in demselben Hain, in dem Rama, seine Gemahlin und der jüngere Löwe zuvor geruht hatten. (58) Er badete in den Tränenwasserfällen seiner dunklen langen Augen, aß weder Früchte noch die an Felsen wachsenden Knollen und lag selbst im Staub neben dem Graslager des hochschultrigen Bogenträgers. (59) Von dort zog er zu Fuß weiter: »Auf diesem Weg ging der Edle zu Fuß.« Die angespornten Wagen, Pferdescharen und prächtigen Elefanten folgten ihm.
2.11 – Guha
(1) Der Herr des unvergleichlichen Heeres mit blumengeschmückten goldenen Heldenreifen verließ das fruchtbare Land, das dem Kaveri-Land glich. Während alle beweglichen und unbeweglichen Wesen trauerten, erreichte er die Ganga. (2) Überall ergossen sich Ströme von Brunstsaft seiner mächtigen Elefanten in die breite Ganga. Ihr Wasser war nun, außer für zahllose Bienenschwärme, weder zum Trinken noch zum Baden geeignet. (3) Der Staub unter den Pferdehufen stieg bis an die Kronen der Götter. Die Pferdeschar war nicht mehr zu ordnen oder zu zählen: Manche tranken schwer atmend, andere schwammen, wieder andere wälzten sich im Staub. (4) Die Ganga floss nicht mehr wie früher milchweiß in das lange brausende Meer. Nun verschlang sie vielmehr das Meer des Heeres des hochgekrönten, kranzgeschmückten Prinzen.
(5) Dem Prinzen, der dem in den Wald gezogenen Helden folgte, schlossen sich nach der Überlieferung der Kundigen insgesamt zweimal dreißigtausend Akshauhinis an. (6) Als dieses Heer die Ganga erreichte, dachte Guha zornig: »Wurde es etwa aufgeboten, um gegen unseren Herrn zu kämpfen, der einer Wolke gleicht, die das mächtige Meer in sich aufgenommen hat?« (7) Der Guha genannte Mann von Todesmacht sah das gewaltige Heer wie Staub an. Er lachte heftig, seine Augen sprühten Feuer, seine Nase schien Rauch auszustoßen, die Brauen krümmten sich wie Kriegsbogen. (8) Er war Meister der Bogenkunst und Herr eines Heeres, das aussah, als habe der Tod selbst, mit scharfem gegabeltem Speer in der Hand, zur Vernichtung aller Lebewesen zweieinhalb Millionen leibhaftige Gestalten angenommen.
(9) Er trug das umgegürtete Schwert, presste den Mund zusammen, sprach schneidend und blickte feurig. Die kleine Trommel dröhnte, das Signalhorn erklang. »Der Kampf ist nahe!«, dachte er, und seine Schultern schwollen vor Kampflust. (10) »Dieses ganze Heer besteht aus Mäusen; ich bin die Schlange!« Freudig rief er seine lärmenden Krieger zusammen. Es war, als hätten sich alle scharfkralligen Tiger der kraftvollen Welt an einem Ort versammelt. (11) Er erschien am nahen Südufer. Sein vereintes großes Heer umgab ihn mit lautem Geschrei wie dunkles Meer, Donner und gewaltige Regenwolken, die am Ende des Weltzeitalters gemeinsam aufsteigen. (12) Zu den versammelten Jägern sagte er: »Ich habe beschlossen, dieses heimtückisch aufmarschierte Heer in den Himmel zu schicken und meinem lebensgleichen Freund das große Königreich zurückzugeben. Macht euch bereit!
(13) Schlagt die Trommel! Sperrt Wege und Übergänge ringsum mit gefälltem Holz. Lasst kein Boot fahren, verstärkt die Wachen! Packt die, die ans Gangaufer kommen, und schleudert sie nieder!« (14) »Da kommen die Könige, die durch Betrug das Reich gewannen, damit mein dunkelfarbiger Lebensherr nicht regiere! Werden meine guten feuerwerfenden Pfeile sie nicht erreichen? Entkommen sie lebend, wird man mich nicht Hund Guha nennen? (15) Werden sie diesen tiefen, langwogenden Fluss überqueren? Bin ich ein Bogenschütze, der beim Anblick eines Elefantenheeres weicht? Ist das Wort Freundschaft, das Rama zu mir sprach, nicht verbindlich? Wird man mich nicht schmähen: Der erbärmliche Jäger starb nicht für ihn? (16) Dieser hat nicht bedacht, dass Rama sein älterer Bruder ist und dass ein tigerstarker jüngerer Bruder ihm zur Seite steht. Wenn er das schon missachtet – warum verachtet er auch mich und überschreitet diese Grenze? Können Jägerpfeile nicht auch Königsbrüste treffen?
(17) Bedenken Weltherrscher weder Sünde noch bleibende Schande, weder Freundschaft und Feindschaft noch Tadel? Doch genug! Gegen den, der mir lebenswerte Freundschaft schenkte, kann er nur ziehen, nachdem er sein Heer und sein eigenes Leben hier hingegeben hat. (18) Mein Freund soll schwere Askese tragen, während dieser die Erde regiert? Das Leben ist kein unsterblich machender Nektar. Kann ich nicht herrlichen Ruhm gewinnen und dann sterben? Gut, dass ich bei seiner Abreise hierblieb: Heute werde ich meine Pflicht erfüllen. (19) Diese duftbekränzten Herren sind von gewaltigen Elefanten- und Pferdeheeren umgeben. Aber ihre Schwertmacht muss erst die Ganga überschreiten! Ihr entschlossenen Jäger, sperrt die Fähren! Ist es nicht gut, wenn wir vor unserem Herrn sterben? (20) Dieses Heer reicht kaum als Beute für unsere vorausgegangenen Helden. Selbst wenn Götter kommen, werde ich mit Pfeilregen aus meiner Bogenwolke ihre Reihen niederstrecken, Eingeweide zerstreuen, Schwertheere und einzelne Elefanten vernichten!
(21) Die Mutter gab einst meinem freigebigen Freund das lange Rindengewand. Wenn meine Pfeile nun die Heeresmacht ihrer Söhne töten, wird die Ganga die fetten Leichenhaufen forttragen und damit das brandende Meer ausfüllen! (22) Wollt ihr nicht den Ruhm gewinnen: Die Jäger zerschlugen das Heer mit wehenden Fahnen und gaben die Erde dem Rechtschaffenen zurück? Seht ihr nicht, wie diese Leute gegen meinen Herrn aufbrechen, der ihnen das Reich gab, und ihm nicht einmal unseren Wald lassen? (23) Denkt keinen Augenblick, unser König, der nun als Freund der großen Weisen im Wald lebt, könnte deswegen zürnen. Trifft meine Pfeilspitze, wird selbst ein Heer von sieben Meeren wie eine kleine Portion Futter vor einer Kuh verschwinden!« (24) So sprach der starkbogige, mächtige Freund des Schwerthelden und stand vor seinen eisenleibigen Männern. Als Sumantra ihn dort sah, trat der kundige Lenker des großen Wagens vor den löwengleichen Bharata und erklärte.
(25) »Er besitzt beide Ufer der Ganga und unzählige Boote. Er ist der Lebensfreund des einzigen Herrn eures Geschlechts, hochgeschultert wie ein gewaltiger Elefantenbulle, einem bogentragenden Meer gleich. Der Mann mit dem kühlen duftenden Blütenkranz heißt Guha. (26) Er besitzt Felsenfestigkeit und uferlose Liebe. Seine Gestalt ist schön wie dichteste Nacht. Du mit mächtigen hohen Schultern und regenwolkengleicher Juwelenfarbe, er möchte dich sehen und steht am Weg vor uns.« (27) Bharatas makelloses Herz freute sich schon über die ersten Worte seines Begleiters. Er erhob sich: »Ist er der herzensliebe Freund, den mein Herr selbst umarmt hat, so ist er mein älterer Bruder. Ich gehe selbst zu ihm!« (28) Mit seinem Bruder und wachsender Liebe schritt er zum kühlen Gangaufer, als setze sich ein Berg in Bewegung. Der Jägerkönig mit dichtem dunklem Haar sah ihn, erkannte seine Erscheinung und erschrak.
(29) Er sah das Rindengewand, den staubbedeckten Leib, das lächelnlose Gesicht wie einen Mond ohne volle Strahlen und einen Schmerz, der selbst Stein erweichen konnte. Sein Bogen fiel aus der Hand; schluchzend blieb er stehen. (30) »Dieser Prinz gleicht meinem Herrn; der neben ihm gleicht dessen Bruder. Er trägt Asketenkleidung, sein Leid ist grenzenlos, und er verehrt die Richtung, in die Rama zog. Könnten jüngere Brüder unseres Herrn Unrecht begehen?« (31) »Ein Unglück muss geschehen sein. Er trägt dieselbe Asketengestalt wie unser Herr von unerschütterlicher Liebe. Ich werde alles erkunden und zurückkommen. Bewacht den Weg!« Mit diesen Worten kam er allein in einem Boot vom kühlen Ufer herüber. (32) Guha begrüßte ihn ehrerbietig; Bharata erwiderte den Gruß und fiel ihm zu Füßen – er, vor dem selbst der lotusgeborene Brahma sich neigen würde. Guha umarmte ihn mit größerer Freude als ein Vater; sein Ruhm wohnt in Herzen und auf Häuptern der Guten.
(33) Der Jägerkönig fragte den Rotlotusäugigen: »Du mit Schultern, höher als Torbalken, weshalb bist du gekommen?« Bharata antwortete: »Mein Vater, der die ganze Welt beschützte, wich von der Ordnung der Vorfahren ab. Um dies zu berichtigen, will ich den König zurückbringen.« (34) Als der Kirata-König dies hörte, lebte er auf und warf sich erneut auf die Erde. Schluchzend vor wachsender Freude umfasste er die roten Lotusfüße des kaum abbildbar schönen Prinzen und sprach aus lauterem Herzen. (35) »Du Ruhmreicher hast die Erde, die der Vater dir auf deiner Mutter Wort gab, wie eine böse Tat zurückgewiesen und bist mit sichtbarem Herzensleid fortgezogen. Betrachtet man dieses Wesen recht, könnten selbst tausend Ramas dir gleichkommen? (36) Was könnte ich einfacher Jäger zu deinem Lob sagen? Wie die Strahlenfülle der Sonne alle anderen Lichter übertrifft, hast du den bleibenden Ruhm aller großen Ahnen eures Geschlechts zu deinem eigenen gemacht, Hochherziger mit mächtigen Schultern!«
(37) Mit vielen solchen Worten erwies der Jägerkönig mit Heldenreifen und fleischriechendem Speer Bharata unvergleichliche Liebe. Wer könnte ihn nicht lieben? Auch die große Liebe zu Rama entspringt doch dessen unermesslichen Tugenden. (38) Bharata, dessen rechtschaffenes Herz einem Meer der Gnade glich, faltete nach Süden die roten Hände: »Wo hat unser älterer Bruder geruht?« Guha sagte: »Hier in der Nähe, Held. Komm, ich selbst zeige es dir!« (39) Rasch wie eine Wolke ging er hin und sah das Graslager zwischen Steinen, auf dem der Freigebige mit dem langen Bogen geruht hatte. Er fiel bebend auf die Erde und versank im Kummermeer; seine Augen badeten den Boden mit langen perlengleichen Tränenströmen. (40) »Selbst nachdem ich weiß, dass dieses Leid um meinetwillen über dich kam, dass du Knollen und Gemüse wie Nektar aßest und auf hartem Gras schliefst, habe ich mein Leben nicht aufgegeben. Ja, ich werde wohl auch noch das Glück der hohen Juwelenkrone annehmen!«
(41) Dann fragte der Säulenschultrige freundlich: »Wenn hier der Erhabene schlief, wo verbrachte jener die Nacht, der ihm in übergroßer Liebe folgte?« Der Jägerkönig antwortete. (42) »Während der Schöne mit dem nachtdunklen Leib und seine Frau schliefen, stand der Held mit aufgestütztem Bogen und heißem Atem Wache. Du mit felsengleichen Schultern, bis zum Ende der Nacht strömten Tränen aus seinen Augen; nicht einmal geblinzelt hat er.« (43) Bharata hörte es: »Wir galten beide als jüngere Brüder Ramas. Ich wurde zur Ursache endlosen Leids; er stand da, es zu lindern. Hat seine Liebe eine Grenze? Wie schön ist dagegen mein eigener Dienst!« (44) Auch Bharata verbrachte jene Nacht im Staub. Dann sagte er: »Jägerkönig mit klingenden Heldenreifen, dessen Ruf Feinde zurückweichen lässt, bringst du uns hier über die Ganga, so rettest du uns aus dem Meer grausamen Leids und führst uns zu unserem König.«
(45) »Gut«, sagte Guha und befahl seinen Leuten, Boote zu bringen. Sie kamen, manchen Shivas Silberberg, anderen einem goldenen Gipfel gleich – als hätte Kuberas einziges Himmelsfahrzeug sich seiner Einsamkeit geschämt und unzählige Gestalten angenommen. (46) Die Boote glitten so schön, dass selbst Schwäne vor dem Gang der Frauen beschämt gewesen wären. Sie füllten die Ganga dicht aus. Ihr Hinüber- und Herüberbringen glich gutem und bösem Karma, das Wesen zwischen Erde und Himmel aufsteigen und niedersteigen lässt. (47) »Unzählige Boote sind da. Was ist dein Wunsch, edler Bogenträger?«, fragte der Herr von Shringaverapura. Bharata blickte Sumantra an: »Vater, lass dieses Heer rasch übersetzen!« (48) Auf seinen Befehl achtete der kundige Wagenlenker darauf, dass jede Abteilung nach Rang und Ordnung an Bord ging. So überschritt das unermessliche Meer aus Elefanten, Pferden, Wagen und Fußsoldaten die Ganga mit ihren juwelenglänzenden Wellen.
(49) Die Elefanten schwammen mit hochgestreckten langen Rüsseln. Sie glichen donnernden Wolkenscharen, die am Weltende das Makara-Meer leerschöpfen, oder Schiffen, die mit Fahnen und hohen Masten über den Ozean fahren. (50) Von den mächtigen Elefanten verdrängt, trat die Ganga über die Ufer und riss Muscheln, Makara-Fische, Perlen und Edelsteine mit sich. Selbst das Schiffsmeer schien ihr zu folgen: als sehne auch sie sich danach, Rama zu sehen. (51) Die Wellen legten sich seitlich wie Schultertücher über die schwimmenden Elefanten. Ihre berggleichen Körper verschwanden in Wasser und Brunstsaft; nur die hohen Stirnbuckel ragten auf, als seien sie die Brüste der blumenhaarigen Ganga. (52) Die festen Wagen wurden fachgerecht zerlegt: Deichselzier, Plattform, Achsen, Räder, Verbindungen, hohe Aufbauten und Fahnen. Getrennt von den ausgespannten Pferden brachte man alles hinüber – wie das Karma nach dem Tod die Teile eines neuen Körpers wieder zusammenführt.
(53) Auf achtzig Millionen makellosen Booten fuhren die schnellen gezügelten Pferde hinüber, in dichten Gruppen wie Fische. Ihre Leiber waren milchweiß, ihre Herzen tapfer und ihre Beine wie zusammengeballter Wind. (54) Die Frauen mit armreifengeschmückten zarten Händen standen dicht voreinander im Boot und umfassten einander. Ihre vollen Brüste drängten sich zusammen wie Reihen eng stehender Stoßzähne an einem Stall prächtiger brünstiger Elefanten. (55) Wenn die Boote aneinanderstießen, schwankten die goldohrringgeschmückten Frauen erschrocken nach beiden Seiten. Ihre Augen glichen Fischschwärmen, die im bewegten Wasser verwirrt hin und her springen. (56) Mit beiden Armen trieben die Jäger die gleichmäßig fahrenden Boote an. Der Sprühregen ihrer Ruder durchnässte die feinen Gewänder der Frauen, sodass deren weite Hüften sichtbar wurden. Das gewährte den innerlich erschöpften jungen Männern einen Augenblick des Aufatmens.
(57) Die Boote schöpften das lärmende Heeresmeer an diesem Ufer auf, setzten es am anderen ab und kehrten leer zurück. Sie glichen weiten Wolken, die Meerwasser aufnehmen, es anderswo ausgießen und sogleich erneut zum Meer ziehen. (58) Ihre kräftigen Stangen, mit Pfauenfedern wie mit Adlerholzrauch umhüllt, standen wie Masten. Wolkenfarbene Tücher, Goldplatten und perlenglänzende Fahnen bildeten hohe Segel; so glitten die Boote geschwind wie große Schiffe. (59) Boote mit Frauen von Lotusgesichtern, blitzender Gestalt, nektarroten Lippen und honigduftendem Haar glichen Himmelsfahrzeugen der Göttinnen. Die weite Ganga war ihr Himmel, und die herabfallenden Perlen erschienen als Sterne. (60) Die festen Ruder auf beiden Seiten spritzten Wasser auf und sahen wie Beine aus; krabbengleich liefen die Boote über die kühle Ganga. Es schien, als hätten die leuchtenden Lotusfüße der pfauengleichen, fischäugigen Frauen ihnen Leben verliehen.
(61) Im makellosen Himmel, auf Erden und in jeder anderen Welt ist Askese das wahrhaft wirksame Handeln. Gibt es Höheres? Die Weisen bestiegen keine handgefertigten Boote, sondern nahmen den vom Gedanken durchquerten Himmel selbst zum Fahrzeug und gingen wie Götter hinüber. (62) Das auf sechzigtausend Akshauhinis bezifferte Heer, die makellosen Bewohner der grenzenlosen Stadt und die Flut der Frauen zogen weiter und ließen die dichtwogende Ganga hinter sich. (63) Nachdem das umgebende Heer den wirbelnden Fluss überquert hatte, stieg auch Bharata ins Boot. Er, der trügerische Herrschsucht vernichtet hatte, erhob sich dadurch über die früheren Weltherrscher und machte ihre Größe gering. (64) Guha verehrte Kausalya, vor der Angehörige und Götter ehrfürchtig standen, und fragte: »Siegesbekränzter Held, wer ist sie?« Bharata sagte: »Die erste Gemahlin dessen, vor dessen Hof Könige warteten. Sie gebar den Ursprung der drei Welten und verlor durch meine Geburt das Glück, das ihr daraus zukam.«
(65) Guha fiel weinend in voller Länge zu ihren Füßen. »Wer ist dieser?«, fragte sie, traurig wie eine Kuh ohne Kalb. Bharata antwortete: »Raghavas lieber Freund, der ältere Bruder Lakshmanas, Shatrughnas und meiner selbst: Guha, dieser Held mit den berggleichen heiligen Schultern.« (66) »Meine Söhne, trauert nicht mehr! Dass die wahren Helden leidvoll das Land verließen und in den Wald gingen, hat damit doch auch Gutes gebracht. Mit diesem felsenschultrigen, elefantenstarken Helden sollt ihr fünf wie einer sein und lange die weite Erde beschützen!« (67) Guha blickte auf die Frau daneben, den verkörperten Dharma: »Herr, erkläre mir diese von Liebe Erfüllte.« Bharata sagte: »Die jüngere Gemahlin dessen, der starb, um sein unverbrüchliches Wort zu bewahren. Sie gebar den Unzertrennlichen, durch den jeder weiß: Rama besitzt wahrhaft einen jüngeren Bruder.« (68) Sein Gefährte war zum brennenden Leichenplatz gegangen, sein Sohn ins Meer des Schmerzes, der dunkle Herr voll Erbarmen in den grausamen Wald. Sie hatte durch die Grausamkeit ihres Herzens die ganze Welt durchmessen, die jener einst mit seinen großen Schritten maß. »Wer ist diese?«, fragte Guha. Der Held antwortete:
(69) »Du kennst sie nicht? Sie schuf all dieses Leid, sie ist die Amme, die Schande großzieht. Lange lag ich in ihrem verderbten, sündigen Leib; selbst meine Lebenskraft schwindet. In einer Welt, deren Leiber wie tot erscheinen, zeigt einzig ihr Gesicht keinen Kummer. Diese hier hat mich geboren.« (70) Als Guha das hörte, faltete er seine guten Hände auch vor dieser erbarmungslosen Frau und verehrte sie als Mutter. Das Boot erreichte unterdessen das Ufer, gleich einer Schwanenfrau, die ohne Flügel dorthin gelangt war. (71) Die Mütter stiegen aus und setzten den Weg in Sänften fort. Bharata ging zu Fuß, während frische Ströme von Tränen aus seinen Augen flossen. Auch Guha blieb nicht zurück: Er ging mit ihm. So legte Bharata viele Wegstunden zu Fuß zurück. (72) Voll innigen Verlangens näherte er sich der Wohnstätte Bharadvajas, des großen Asketen, der weltliche Bindungen überwunden hatte und durch seine Segenskraft hervorragte. Dort kam der Weise ihm mit betagten Kennern der Veden entgegen.
2.12 – Textabschnitt
(1) Der edle junge Mann verneigte sich tief vor dem großen Asketen, als wäre dieser sein Vater. Der Weise, der dem mondgekrönten Shiva glich, fühlte Erbarmen und sprach Segensworte von grenzenlosem Heil. (2) »Herr, warum regierst du nicht das große Reich, das dir zugefallen ist, mit der erhabenen Krone auf dem Haupt? Was hat dich bewogen, mit gebundenem Flechtenhaar und umgelegtem Rindengewand hierherzukommen?«, fragte er. (3) Heftiger Zorn brannte in Bharatas Herzen. Zu diesem Berg der Askese sagte er: »Warum sprichst du Worte, die mir nicht angemessen sind? Mächtiger Weiser, solche Rede steht auch dir nicht zu!« (4) Dann sagte der junge Königssohn zu dem Vedengelehrten: »Ich werde diese alte Erde nicht unter Verletzung der rechtmäßigen Ordnung annehmen. Will mein Herr sie nicht übernehmen, werde ich all die Jahre gemeinsam mit ihm im Wald wohnen.«
(5) Als die großen Asketen diese Worte hörten, wallte Liebe in ihnen auf. Ihre mageren Leiber und ihre Herzen wurden kühl und froh, als hätte man sie mit frisch zerriebener Sandelpaste bestrichen. (6) Liebevoll priesen die hohen Asketen ihn: »Edler, wer außer dir selbst könnte dir gleichen?« Während sie so sprachen, zog die Sonne zum goldenen Meru und verschwand. (7) Da führte der makellose Weise den edlen Gast in seine reine Einsiedelei. »Ich werde dem angekommenen Heer ein Gastmahl bereiten«, sagte er und hob mit seiner rötlichen Hand eine Opfergabe ins Feuer. (8) Kaum dachte der an Entsagung reiche Weise daran, da flog der Himmel selbst herbei und ließ sich nieder. Die vielen Menschen vergaßen ihr bisheriges Leben und weilten dort, als wären sie neu geboren und in eine andere Welt gelangt.
(9) Die himmlischen Tänzerinnen kamen ihnen liebevoll und freudig entgegen, als hätten die Männer unvergängliches Verdienst erworben. Sie empfingen sie und führten sie in Paläste, die im Glanz des Mondes erstrahlten. (10) Sie rieben sie sorgfältig mit duftenden Salben ein, badeten sie im kostbaren Wasser der kühlen Himmelsganga und kleideten sie in makellose, blumengleiche Gewänder, wie sie der herrliche Wunschbaum trug. (11) Die Himmelsfrauen, deren Gestalten sich wie schlanke Zweige wiegten, legten ihnen vielerlei Schmuck aus reinem Gold an. Liebevoll speisten sie die Gäste mit dem süßen Nektar, den der König der Götter genießt. (12) Auf weichen Betten schliefen all diese Männer. Neben ihnen ruhten wie Rehe Frauen mit berauschenden Augen und zarten, mit Fußringen geschmückten Füßen, deren Sohlen mit rotem Lack gefärbt waren.
(13) Die schönhaarigen Göttinnen ehrten sie alle, als wären sie Götter von höchstem Reichtum. Vom König bis zum breitschultrigen Träger der Sänfte erhielt jeder die ihm gebührende Aufmerksamkeit, ohne dass die Rangfolge verletzt wurde. (14) Auch alle Frauen genossen den makellosen Überfluss der göttlichen Gemahlinnen. Untadelige Himmelsmädchen mit Lippen wie reife Kovvaifrüchte standen ihnen als Dienerinnen und Zofen zur Verfügung und fragten nach ihren Wünschen. (15) Aus blühenden Lustgärten und aus dem Hain der Wunschbäume, dessen frische Blüten ihren Duft verströmten, kam die kühle Luft heran. Vom Abend gleichsam an der Hand geführt, schritt sie mit sanftem Hauch voraus, wie ein himmlischer Gast. (16) Auch die Elefanten fraßen sich satt. Die Wunschbäume schenkten ihnen honigsüße Futterballen und Bündel grünen Reises mit rötlich glänzenden Ähren; Bienenschwärme kamen, um ihren reichlich strömenden Brunstsaft zu trinken.
(17) Die mächtigen Elefanten hoben ihre Rüssel und tranken Wasser von solcher Güte, dass es selbst Höllenbewohnern Segen schenken könnte. Die Scharen der Pferde fraßen langes, frisches Gras, das wie junge Smaragdtriebe schimmerte. (18) So genossen sie alle die Freuden Indras. Bharata selbst jedoch aß Früchte und Wurzeln und verbrachte die Nacht so, dass sein goldener Leib im Staub lag. (19) Als die tiefe, blauschwarze Dunkelheit wich, erschien die Sonne. Sie glich dem Ende der Zeit, die einem zum Genuss guter Taten gewährt ist: Der ganze Reichtum schwand wie ein Traum ohne bleibenden Grund. (20) Die Pracht zerfiel wie das Glück derer, die, nachdem sie Ruhe gefunden haben, keine guten Werke mehr tun. Die Gäste bekümmerten sich nicht. Sie erwachten zu ihrer früheren Gesinnung, als wären sie nach einem Wechsel der Geburt zurückgekehrt.
(21) Am Morgen erhob sich Bharatas Heer. Die Götter blickten erschrocken darauf und fragten: »Ist das ein Meer oder ein Heer?« Während Haine und Berge unter seinem Zug zu Staub zu werden schienen, erreichte es die dürre Wildnis. (22) Staub stieg auf und hüllte selbst die brennende Sonne ein; ihre kaum zu löschende Glut kühlte ab. Die Elefanten vergossen Brunstsaft, sodass der staubige, heiße Waldweg so nass wurde, dass man ihn kaum noch durchschreiten konnte. (23) Die weißen Schirme der Könige mit ihren scharfen Speeren spendeten dichten, weiten Schatten. Über der steinigen Wüste, deren Boden Feuer zu bergen schien, bildeten die hohen Fahnen ein Dach; überall wurde es kühl. (24) Als die vertrockneten Bäume den edlen Mann sahen, dessen Körper aus gerechtem Zorn über die Frau, die gesagt hatte: »Nimm du den wachsenden Reichtum!«, dunkel geworden war, schmolzen sie vor Liebe und trieben frische Blätter.
(25) So machte das Heer die grausam brennende Wüste gleichsam zu fruchtbarem Ackerland und erreichte Chitrakuta. Es war das unvergleichliche Heer jenes Herrschers, der ein Wort gegeben hatte und starb, weil ihm die Treue zur rechten Lebensführung mehr galt als das Leben. (26) Die Wolken des Staubes, das Geräusch der Pferde und Wagen, das Brüllen mächtiger, zorniger Elefanten und das Geschrei der gewaltigen Menschenscharen verkündeten deutlich: Hier zieht ein großes, zum Kampf gerüstetes Heer heran. (27) Lakshmana erhob sich und stieg auf einen hohen Berg, der wie ein emporschießender Spross der Erde aussah. Er erblickte das Meer der starken Bogenkrieger, neben dem selbst der wogenreiche Ozean klein erschien. (28) Von aufloderndem Zorn erfüllt dachte er: »Bharata hat die Erde an sich genommen. Nun kommt er mit diesem Heer, vom Krieg und von verborgenem Hass getrieben, gegen den, der hier sein Gelübde erfüllt. So ist es gewiss; anders kann es nicht sein!«
(29) Er sprang auf den Boden und trat so heftig auf, dass der Berg Staub aufwarf. Eilig erreichte er Rama. »Bharata achtet dich nicht! Mit dem weit ausgedehnten Heer der befestigten Hauptstadt ist er gegen dich gekommen!«, sagte er. (30) Er gürtete Schwert und Heldenringe um, befestigte seinen mit vielen Pfeilen gefüllten Köcher und legte den Panzer an. Dann nahm er den gestreiften Bogen, berührte ehrfürchtig die Füße seines Herrn und sprach, vor ihm stehend: (31) »Sieh nun die Kraft von Bharatas breiten Schultern, der diesseitiges und jenseitiges Heil verspielt hat; sieh die Größe seines Heeres und die Kraft von mir allein, deinem jüngeren Bruder! Freue dich an dem, was du sehen wirst!« (32) »Du wirst viele Blutströme sehen: Sie wälzen die Hügel gefallener, mächtiger Elefanten fort, reißen Wagen mit sich, werfen Gedärme als Wellen auf und füllen alle Meere, während sich überall Leid ausbreitet.«
(33) »Held, du wirst meine leuchtenden Pfeile sehen! Sie durchbohren Waffen, Arme und gepanzerte Brüste, reißen das Leben heraus und fliegen weiter, ohne dass Blut an ihnen haften bleibt. Selbst die Elefanten der Weltrichtungen werden sie in Schrecken versetzen.« (34) »Herr, auf den goldenen, von Blut überströmten Böden zerstörter Wagen werden Dämonen tanzen. Sie packen mit den Zähnen abgehauene starke Hände samt ihren Schilden, springen umher und führen ihre Schauspiele auf. Das wirst du sehen!« (35) »Großmütiger, in einem Augenblick vernichte ich dieses ausgebreitete Heer mit seinen prächtig gerüsteten Elefanten bis auf den letzten Mann. Du wirst sehen, wie der Rücken des Himmels erzittert und der Rücken der meerumkleideten Erde von seiner Last befreit wird!« (36) »Du wirst sehen, wie Chatakavögel mit rot gefärbten Körpern durch die hohen Blutfluten schwimmen. Kleinäugige Gespenster und kopflose Rümpfe tanzen vor Freude wie die Götter und rufen: ›Die Welt gehört nun deiner Hand!‹«
(37) »Wenn die brünstigen Elefanten mit ihren Stirnplatten, die Pferdescharen und die starken, breitschultrigen Krieger erschlagen sind, wirst du sehen, wie die sieben Meere, von gewaltigen heißen Blutfluten überschwemmt, zu einem einzigen brausenden Ozean werden!« (38) »Du wirst sehen, wie ich scharfe Pfeile abschieße: Männer fallen, prächtige Wagen zerbrechen, Schwerter der Krieger zersplittern und gebogene Bogen werden zerschnitten. Den großen Elefanten fehlen Beine und Köpfe, den Pferden Beine und Schultern!« (39) »Du wirst große Vögel mit ausgebreiteten Flügeln sehen, die Fleisch im Schnabel tragen und laut rufen. Sie fliegen durch die weiten Öffnungen, die meine hellen, mit glänzendem Gold beschlagenen Pfeile in die Brüste der Feinde gebohrt haben!« (40) »Scheibenträger, Bharata erhielt die Herrschaft über die weite Erde auf Geheiß des großen Königs, der aus Liebe zu einer Frau die Welt ins Unglück stürzte. Heute wird er diese Herrschaft aufgeben und auf mein Geheiß die entsetzliche Hölle regieren. Du wirst es sehen!«
(41) »Du musstest die Welt verlassen und in der Wildnis wohnen. Als deine Mutter darüber verzweifelte, freute sich die von Schuld erfüllte Tochter des Königs von Kekaya. Du wirst sehen, wie diese Frau jetzt zu Boden fällt und klagt!« (42) »Träger des glänzenden Speeres, dessen Schneide Feuer auszustrahlen scheint! In einem einzigen Augenblick werde ich dieses Heeresmeer mit einem Pfeil besiegen, der seine Kraft verbrennt. Dann werde ich glänzen wie der Eine, der die drei Burgen verbrannte!«, sagte er. (43) »Lakshmana, wenn du beschließt, alle zweimal sieben Welten zu erschüttern, wäre das schwer zu verhindern. Muss man das eigens sagen? Doch höre etwas, das deiner Einsicht würdig ist«, erwiderte Rama. (44) »Du, dessen Schultern mit gewaltigen Keulen kämpfen können! Wann sind die in unserem Geschlecht Geborenen, die sich von Schuld fernhalten, jemals zugrunde gegangen? Überlege: Wer aus unserem Geschlecht ist je vom Dharma abgewichen?«
(45) »Was sämtliche Veden zu verkünden haben, das verwirklicht Bharata, stark wie ein Elefant mit palmenstammgleichem Rüssel, in seinem Handeln. Nichts an ihm ist anders. Aus Liebe zu mir hast du dies nicht bedacht.« (46) »Wäre es verständig, nicht daran zu denken, dass er auf Geheiß unseres Vaters oder aus brüderlicher Liebe kommt, oder dass er mir die Herrschaft zurückgeben will, sondern anzunehmen, er wolle mit seinem Heer gegen mich kämpfen?« (47) »Du, dessen Speer wie ein Blitz glänzt! Bharata mit den goldenen Heldenringen ist gekommen. Warum solltest du sagen, er wolle gegen mich kämpfen, statt anzunehmen, dass er mir dieses gute, große Heer überbringen will?« (48) »Du mit den geschmückten starken Schultern! Darf man solches von ihm denken, der eine Gottheit des höchsten Dharma und ein fester Halt der Rechtschaffenheit ist? Er kam hierher, um mich zu sehen. Du wirst es gleich selbst erkennen.«
(49) So sprach der edle Herr zu seinem jüngeren Bruder und blieb stehen. Bharata befahl dem mächtigen Heer: »Folgt später!« Aus unzertrennlicher Liebe eilte er mit seinem treuen jüngeren Bruder allein voraus. (50) Mit zum Gebet erhobenen Händen, erschöpftem Leib und vom Weinen zerstörten Augen kam Bharata heran. Er glich einem Bild, unter das man geschrieben hätte: »Dies ist der Schmerz.« Rama, dessen Geist alles erkannte, betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. (51) Der Herr mit dem wolkendunklen Leib wies auf ihn: »Mein lieber jüngerer Bruder mit dem dröhnenden Bogen! Sieh dir genau an, in welch zorniger Kriegsrüstung Bharata, der Herr des großen Wagenheeres, gekommen ist!« (52) Lakshmana stand mit erloschenem Gesicht da. Seine beschimpfenden Worte gegen den starken Bruder, sein Zorn und sein selbstgewisses Urteil brachen zusammen. Mit dem Bogen sanken auch die Tränen seiner Augen zur Erde.
(53) Bharata erschien mit gefalteten Händen, gleich einem Boten der leidenden Göttin des königlichen Glücks. Durch makellose Askese hatte sie ihren ersehnten Herrn gewonnen; nun war sie von ihm getrennt, ihres Wohlergehens beraubt und vor Schmerz dahingewelkt. (54) »Du hast nicht an den Dharma gedacht! Du hast das Erbarmen verlassen! Du hast die rechte Ordnung aufgegeben!«, rief er. Außer sich stürzte er zu Ramas Blumenfüßen, als hätte er seinen verstorbenen Vater wieder vor sich gesehen. (55) Rama sah den so völlig Zusammengesunkenen an, dass man zweifeln konnte, ob noch Leben in ihm war. Er blieb stehen; aus seinen Lotusaugen strömten Tränen, die Bharatas geflochtenes Haar durchtränkten und daran hinabrannen. (56) Seufzend und mit schmelzendem Herzen umarmte er ihn; Tränenbäche überströmten seine Brust. Rama, die Wohnstätte aller Gerechtigkeit, umfasste Bharata, als hätte das ursprüngliche Erbarmen den Dharma selbst in die Arme genommen.
(57) Während er ihn hielt, betrachtete er immer wieder dessen Gewand und dachte über vieles nach. »Lieber Bruder, du bist von Leid überwältigt. Ist unser Vater mit den mächtigen, herrscherlichen Schultern wohlauf?«, fragte er. (58) Auf diese Frage antwortete Bharata: »Herr, an der Krankheit deiner Trennung und durch die Wünsche jener finsteren Frau, die mich gebar – Wünsche, die ihm zum Todesgott wurden –, ist er gestorben. Er bewahrte seine Wahrhaftigkeit und ging zu den Himmlischen ein.« (59) Noch ehe die grausamen Worte »Er ist in den Himmel eingegangen« wie eine Speerspitze in einer Wunde ganz in sein Ohr gedrungen waren, wirbelten Augen und Geist wie ein Kreisel. Der über allen Himmeln Stehende fiel auf die Erde. (60) Der Herr lag am Boden, ohne Atem, bewusstlos wie eine Schlange beim Donnerschlag. Nur mühsam kehrte das Leben zurück. Er seufzte tief, sein Inneres bebte immer wieder, und er begann zu klagen.
(61) »Herr, einer unauslöschlichen Lampe gleich! Vater aller Bewohner der Erde, Mutter des unvergleichlichen Dharma, Wohnstätte des Erbarmens! Mein Vater, Löwe unter streitbaren Königen, bist du gestorben? Ach, wer bleibt nun noch der Wahrhaftigkeit als Beschützer?« (62) »Du erbatest die Gnade des berühmten Meisters der Askese und vollzogst das segensreiche Opfer ohne Makel. Was hast du dadurch gewonnen? War die Frucht, die du mit mir empfingst, der Verlust deines süßen Lebens, du Träger des scharfen, siegreichen Speeres?« (63) »Du mit der golden glänzenden Girlande und dem hellen Speer, dessen feurige Spitze Blitze und Sonnenstrahlen aussendet! So also hast du deine Last abgelegt, damit ich die Erde zum Wohl ihrer Wesen trage? Kam ich zum Herrschen, um zugleich zum Tod deines Lebens zu werden?« (64) »Du hast einst den Dämon Shambara besiegt und Indra die unerschütterliche Herrschaft im Himmel geschenkt. Ist dies nun deine Askese, bei der du, frei von der Gewalt der Sinne, uns die Verantwortung für das Königreich überlassen wolltest?«
(65) »Ich Elender habe der Welt Leid gebracht, indem ich eine Herrschaft annahm, die selbst Menschen, die nach Gütern verlangen, nicht begehren würden. Was bleibt mir, außer zu sterben? Wenn ich diesen unsterblichen Leib weiter mit mir schleppe und nach Jahren heimkehre – wem könnte ich noch ins Gesicht sehen?« (66) »Beschützer, du konntest nicht ertragen, dass ich das herrliche Land mit seinen honigreichen Hainen verließ und in den Wald zog; deshalb gingst du in den Himmel. Ich aber bin noch hier und hänge am Leben! Du mit dem strahlenden Speer, der durch das Fleisch der Feinde ihr Leben erreichte!« (67) »Du hast Freigebigkeit, Ehre, selbst von den Göttern unerschütterliche Festigkeit, die rechte Führung des Zepters und unverbrüchliche Wahrhaftigkeit zugleich mit dir genommen. Du mit dem unvergleichlichen Schirm, der selbst dem Mond seine angenehme Kühle verlieh!« (68) So klagte der löwenstarke Held mit seinen berggleichen Schultern in vielen Worten und versank im Schmerz. Seine Brüder mit den mächtigen Armen und die angekommenen Könige hoben ihn auf und stützten ihn. Der große Vasishtha tröstete ihn.
(69) Bharadvaja, dessen Askese kaum zu beschreiben war, und die anderen Weisen mit geflochtenem Haar kamen herbei. Auch die Könige der sieben großen Welten, sämtliche Minister und die Befehlshaber seines eigenen Heeres versammelten sich. (70) Nachdem alle, deren Kommen zu erwarten war, eingetroffen waren und still ringsum saßen, blickte der große Asket, der Sohn des lotusgeborenen Brahma, auf das Gesicht des siegreichen Helden, den der Schmerz quälte, und begann zu sprechen. (71) »Hast du vergessen, du Kenner der ganzen Tiefe der Veden, dass Geburt und Tod zur Natur der verkörperten Wesen gehören? Außer Entsagung und der guten Bahn des Dharma gibt es für sie keine andere Hilfe.« (72) »Unzählige Millionen vergänglicher Geburten sind bald Kälte, bald Hitze ausgesetzt. Wenn man dies bedenkt, kann man dem mächtigen Tod dann noch eine besondere Rücksicht oder Schonung zutrauen?«
(73) »Du siehst doch, dass Leben schon vor der Geburt erlöschen kann. Muss man da über den Tod eines Mannes klagen, der in makelloser Rechtschaffenheit sechzigtausend Jahre lang über die ganze Welt geherrscht hat?« (74) »Du, dessen Handeln Sittlichkeit und Dharma unversehrt bewahrt! Können selbst die drei, die aus dem Urgrund hervorgingen und Dreizack, Diskus und heiliges Wort tragen, dem Netz entgehen, das Zeit heißt?« (75) »Die Elemente, angefangen bei der Erde, sind den Sinnen sichtbar, von grenzenloser Ausdehnung und die Grundlage auch der feinsten Dinge. Wenn selbst sie vergehen, musst du dann um ein einzelnes Leben unter den unzähligen Wesen trauern?« (76) »Gutes Verdienst ist das duftende Öl, die zugemessene Lebenszeit der feste Docht, das Schicksal die Flamme dieser Lampe. Wenn Öl und Docht verbraucht sind, Herr, kann dann ein Zweifel bleiben, dass ihr Licht erlischt?«
(77) »Die Wesen liegen in dieser Welt im Leid, versinken in der anderen in der Hölle und kosten die Folgen ihrer schweren Taten in vielerlei Geburten aus. Wer könnte ermessen, durch wie viele Daseinsformen sie wandern?« (78) »Du von verehrungswürdigen Eigenschaften, könnte es eine größere Hilfe von dir geben? Weil er dein Vater genannt werden darf, erstrahlt er nun in Vishnus Welt, die selbst der einzigartige lotusgeborene Schöpfer nur schwer erreicht.« (79) »Herr, gib dich keiner Trauer mehr hin. Welches höhere Heil könnte ihm noch zuteilwerden? Ordne nun die vorgeschriebenen Handlungen in ihrer rechten Folge und erfülle mit deinen Händen die Pflicht der Wasserspende«, sagte er. (80) »Um den Körper zu trauern, der wie eine Wasserblase zerplatzt, ist Torheit. Aus dem Vergießen von Tränen erwächst keine Hilfe. Geh und spende mit deinen blumengleichen Händen das Wasser der Erde!«
(81) Nach diesen Worten stützten die Könige Rama und gingen mit dem heiligen Weisen, dessen Flechten wie massives Gold glänzten, zum dicht gewellten Wasser. »Vollziehe es«, sagten sie und blieben stehen. Rama achtete auf die vorgeschriebene Ordnung. (82) Er stieg ins Wasser, tauchte unter und kam wieder heraus. Der würdige Vedengelehrte wies ihm den Ritus, und nach der Vorschrift spendete er dreimal Wasser aus den Händen – er, der in allen Lebewesen gleichermaßen gegenwärtig ist und ihnen Bewusstsein verleiht. (83) Auch alle übrigen Pflichten erfüllte er. Dann ging er, umgeben von den angesehenen Ministern, Königen, großen Asketen und den anderen Begleitern, zurück und erreichte die Hütte, in der Janaki weilte. (84) Dort sah Bharata die Frau, die allein zurückgeblieben war, und betrachtete die Hütte. Er schlug die Hände vor seine blumengleichen Augen, fiel ihr zu Füßen und brach in lautes Weinen aus.
(85) Heftiger Schmerz bedrängte ihn; er schluchzte wieder und wieder. Aus seinen geröteten Augen strömten ohne Unterlass Tränen, als hätte der edle Held in diesen Sinnesorganen ein tosendes Meer eingeschlossen. (86) Rama stützte den edlen Helden, der solches Leid ertrug, mit seinen langen, starken Armen. Dann blickte er die schönhaarige Sita an und sagte: »Unser Herr ist wegen der langen Trennung von mir gestorben.« (87) Ihr Herz erschrak und sie erbebte. Aus den beiden Meeren ihrer Augen brachen große, trübe Fluten hervor. Sie legte die Hände auf die Erde, ihre Amme, und klagte mit ihrer melodischen Stimme voller Verzweiflung. (88) Als sie ihrem Gemahl mit den felsengleichen Schultern gefolgt war, hatte selbst der Wald ihr wie eine schöne Stadt erschienen. Doch mit den Worten »Der König ist gestorben« setzte auch diese Schwanengleiche ihren Fuß in das Meer des Schmerzes.
(89) Die rechtschaffenen Gemahlinnen der Weisen kamen zu ihr und hoben sie mit mütterlichen Händen auf. Sie badeten sie in reinem Wasser, linderten ihren Kummer und führten sie zu ihrem Herrn zurück; danach legte sich auch ihre eigene Bekümmernis. (90) Mit den drei Müttern, die jene vier edlen, honigduftende Girlanden tragenden Söhne geboren hatten, und mit einer Schar Weiser, die Diesseits und Jenseits bedachten, erschien Sumantra ehrfürchtig vor dem Helden, dessen Blick auf den Dharma gerichtet war. (91) »Wo ist mein Vater? Sagt es mir!«, rief er. Der schon vor dem uralten viergesichtigen Brahma bestand, vergoss aus geröteten Augen Tränen auf die leuchtenden Füße der angekommenen Mütter. (92) Die Mütter traten herzu und umarmten ihn; in unstillbarem Schmerz erhoben sie lautes Wehklagen. Auch das Heer und die göttinnengleichen Frauen zerflossen in Kummer wie Wachs, das ins Feuer fällt.
(93) Dann eilten die goldgleichen Frauen, denen das Glück zuteilgeworden war, diese Helden zu gebären, zu Janakas zarter Tochter. Sie drückten sie nacheinander an ihre Brust und versanken gemeinsam mit ihr im Meer des Leides. (94) Die Krieger des Heeres, die vor Liebe schmachtenden Menschen der herrlichen Hauptstadt, die übrigen Bewohner, die anderen Könige und alle Begleiter kamen zu ihrem Herrn, jeder mit bekümmertem Herzen. (95) Weil der Verstorbene ein Herrscher jenes alten Geschlechtes war, in dem der auf der Schlangenhaube Ruhende erschienen war, tauchte auch der Sonnengott mit seinem weiten Wagen ins Meer – als wolle er selbst die Pflicht der Wasserspende erfüllen. (96) Nachdem dieser Tag vergangen war, saß der edle Rama dort, umgeben von dem Meer der Könige, den Asketen mit dichtem, rötlichem Flechtenhaar, seinen Verwandten und seinen treuen, heiligen jüngeren Brüdern.
(97) »Der gütige Vater ist gestorben; nach seinem Befehl gehört die Erde gewiss dir. Bharata, statt die Krone zu tragen, warum wünschst du dieses Gewand eines Gelübdes? Sage es mir«, fragte Rama voller Anteilnahme. (98) Bharata sprang erschüttert auf, faltete die Hände und blickte den Herrn lange an. »Wer außer dir verkörpert den Dharma? Willst etwa auch du von ihm abweichen?«, sagte er und fuhr fort: (99) »Meine Mutter erbat Wünsche, denen kein Herz zustimmen kann. Sie versetzte dich in einen Stand, der dir nicht gebührt, und tötete den König. Weil ich der Sohn dieser Frau bin, reicht, recht bedacht, nicht einmal Askese für mich aus.« (100) »Ich Sünder bin von der sündigen Frau geboren, die diese Welt mit unerträglichem Leid erfüllte. Ich vermag weder zu sterben noch übe ich wirklich Askese. Was müsste ich werden, um aus dieser Schande herauszukommen?«
(101) »Könnten der Wandel einer Frau, die ihre Treue verliert, eine Askese ohne Geduld oder ein Dharma ohne überströmendes Erbarmen schlimmer sein als eine Herrschaft, die von der überlieferten Ordnung der Vorfahren abweicht?« (102) »Wenn du den alten, untrennbar mit deiner Geburt verbundenen Dharma verlässt und große Askese beginnst, soll ich dann ein Reich regieren, von dem man sagt: ›Er wich vom Recht ab, erschlug es mit dem Schwert und verzehrte den Dharma‹?« (103) »Der König starb aus grenzenloser Liebe; du gingst in die rauchend heiße Wildnis. Soll ich als maßloser Betrüger absichtlich das Reich an mich reißen? Bin ich etwa ein Feind, der auf euren Untergang wartet?« (104) »Mein Herr, kehre zurück und regiere! Tilge so den Fehler deines Vaters und das Unheil meiner sündigen Mutter, das der Welt nie gekanntes Leid gebracht hat.« So sprach er und legte sein ganzes Herz offen.
(105) Rama erkannte die Entschlossenheit seiner Worte und dachte: »So also ist sein Herz beschaffen!« Er betrachtete ihn aufmerksam und begann: »Siegreicher Held, höre, was ich dir sage.« (106) »Rechte Ordnung, Wahrhaftigkeit, das Streben nach Gerechtigkeit, die gerühmte Hoheit des Dharma und all seine anderen Bereiche beruhen, wie du weißt, auf den Weisungen der Ehrwürdigen, die von den offenbarten Schriften nicht abweichen.« (107) »Du mit dem mächtigen Bogen! Halte fest daran: Ehrwürdige Lehrer sind die Quelle umfassender Unterweisung, makelloser Erkenntnis, gefestigter Sittlichkeit und vorzüglichen Handelns. Sie sind auch die Gottheiten, denen unsere Verehrung gebührt.« (108) »Wenn dein Geist gründlich erforscht, wer diese guten, großen Ehrwürdigen sind, so findest du niemand anderen, den man zuerst nennen könnte, als Vater und Mutter, mein Lieber.«
(109) »Du von schwer zu ermessender Einsicht! Als die Mutter ihre Wünsche beanspruchte, folgte ich dem Befehl des Vaters und erfüllte den Dharma unseres Geschlechtes. Wäre es recht, ihn jetzt aufzugeben, weil du mir einen anderen Wunsch abverlangst?« (110) »Worin besteht es, ein Sohn zu sein, mein Lieber? Soll man Vater und Mutter durch gutes Handeln mit Ruhm schmücken oder sie mit schwerer, dauernder Schande bedecken, an die man unablässig denken muss?« (111) »Soll ich die gute Erde regieren und in der Umarmung üppiger Frauen leben, während unser Vater, weil sein Wort in dieser Welt zur Lüge geworden wäre, in der anderen die glühende Hölle bewohnt?« (112) »Durch die bindende Zusage deines Vaters ist die Erde rechtmäßig dir zugefallen; auch durch deine Geburt besitzt du den Anspruch. Darum gehört das Reich dir. Regiere es!«
(113) Bharata erwiderte: »Du bist vor mir geboren, und in den drei Welten gibt es keinen, der dir gleicht. Wenn die Erde, auf der du geboren bist, mir gehört, so schenke ich sie dir heute. König, komm und trage die Krone!« (114) »Willst du, dessen Schultern mächtig wie Keulen sind, nur das tun, was dir selbst angemessen erscheint, während die Welt verwirrt und leidend bleibt? Komm und beschütze sie, damit ihre Verwirrung endet!« So bat er und umklammerte Ramas golden geschmückte Füße. (115) »Du mit dem liebevollen Herzen, wäre es recht, wenn du aus Zuneigung die Welt wieder meiner Herrschaft übergibst? Unser Vater fürchtete die Schande und gab mir damals seinen Befehl. Sind die Jahre, denen ich zustimmte, etwa schon heute verstrichen?« (116) »Würde die Welt etwas anderes als Wahrhaftigkeit als Reinheit anerkennen? Das Böse besteht darin, von ihr abzuweichen. Kann man bei genauer Prüfung irgendeine andere Lehre als die wahre Grundlage verkünden?«
(117) »Auf Vaters Geheiß werde ich die festgesetzten zweimal sieben Jahre im Wald verbringen. Regiere du während all dieser Tage wahrhaftig die Erde, die dir übergeben wurde. Dies ist mein Befehl.« (118) »Als der König noch lebte und sagte: ›Trage die mit Edelsteinen geschmückte Krone!‹, stimmte ich zu, weil ich mich scheute, seinem Auftrag zu widersprechen. Bedenke dies: Darfst du nun meinem Befehl widersprechen? Tu, was ich gesagt habe, mein Lieber, und erschöpfe dich nicht im Leid!« (119) Als der strahlende Rama dies alles gesagt hatte, wollte Bharata antworten, einem Wasserstrom gleich, der in eine Niederung drängt. Doch Vasishtha hielt ihn zurück. Er betrachtete im Geist ohne Verwirrung den alten Brauch des edlen Geschlechtes und sagte: »Großmütiger, höre!« (120) »Hari erhob sich einst als Eber aus der weiten, wogenden Flut und trug die herrliche Erde empor. Auf der Innenseite seines unermesslich großen Hauers erschien sie wie ein dunkles Mal in der wachsenden jungen Mondsichel.«
(121) »Am Ende der ursprünglichen Weltordnung, als die großen Elemente bis auf den Raum ineinander eingegangen waren, brachte der Herr die weite Flut hervor. Als unerreichbares Licht ruhte er darauf im Schlaf.« (122) »Während der ozeanfarbene Herr, die Quelle süßen Nektars für die Götter, so ruhte, entsprang seinem Nabel ein hundertblättriger Lotus. Darin erschien der Schöpfer, um mühelos alle Dinge hervorzubringen und ihnen Bestand zu geben.« (123) »Als er damals die Welt erschuf, entstand auch der Ursprung deines einzigartigen Geschlechtes. Keiner seiner Könige ist bis heute von der rechten Ordnung abgewichen. Nun will ich dir eines sagen; höre und verstehe es.« (124) »Du, stark wie ein brünstiger Elefant! Unter allen Ehrwürdigen, die einem Gutes erweisen, gilt der als der Höchste, der aus Güte makelloses Wissen vermittelt, sodass es in beiden Welten Früchte trägt.«
(125) »Weil ich dich aufgenommen und dir wahrhaftig nicht nur eine, sondern viele Wissenschaften vermittelt habe, ergeht heute mein Befehl: Herr, kehre zurück und beschütze gut das Land, das dir rechtmäßig gehört!« (126) Der rotäugige Rama verehrte den Weisen mit Händen, deren Schönheit selbst kühle Lotusblüten beschämte. »Weiser von ruhigem Geist, ich habe dir ein Wort zu erwidern«, sagte er und begann: (127) »Sohn dessen, der in der honigreichen Blüte wohnt! Ob es Weise, eigene Lehrer, mütterlich verehrte Menschen oder geliebte Kinder sind: Darf man ihretwegen ein Wort zurücknehmen, nachdem man einmal zugesagt hat: ›Ich werde es tun‹?« (128) »Wenn einer nicht ehrfürchtig übernimmt, was die Mutter freudig verlangt und der Vater zu tun befiehlt, ist es dann nicht besser, als ein Hund umherzugehen, der sein Handeln nicht zu unterscheiden weiß, als solch ein schlechter, verworfener Mensch zu sein?«
(129) »Den Auftrag derer, die zuerst zu mir sprachen, habe ich ehrfürchtig auf mein Haupt genommen und gesagt: ›Ich werde ihn erfüllen.‹ Erst danach erteilst du deinen Befehl, Ehrwürdiger. Was soll ich jetzt tun? Sage es mir hier!« (130) Der Weise schwieg und dachte: »Nun finden wir kein rechtes Argument mehr.« Der jüngere Bruder aber sagte: »Wenn es so ist, mögen andere das Land regieren. Ich werde gewiss mit dir in den taubedeckten Wald ziehen!« (131) Die Götter erkannten die Lage und versammelten sich. »Wenn Bharata Rama auf diese Weise mit sich nimmt, gerät unser Vorhaben vom rechten Weg ab«, dachten sie. Besorgt erhoben sie aus dem Himmel ihre Stimmen. (132) »Rama von kaum zu preisenden, erhabenen Eigenschaften bleibt hier, um am Wort seines unvergleichlichen Vaters festzuhalten. Deine Pflicht ist es, die Erde während der festgesetzten zweimal sieben Jahre zu beschützen. Dies sind eure jeweiligen Aufgaben!«
(133) Als die Götter so gesprochen hatten, sagte Rama: »Dem darfst du nicht widersprechen. Ich bitte dich: Beschütze nun auf meinen Befehl hin die Erde in rechter Ordnung!« Dabei ergriff er Bharatas beide großen, blumengleichen Hände. (134) »Wenn es so sein soll, Herr: Kehrst du nach zweimal sieben Jahren nicht in die große, von eindrucksvollen Wassern umgebene Stadt zurück und regierst die Erde nach königlichem Recht, werde ich im lodernden Feuer sterben. Das steht fest; bei deinem Gebot schwöre ich es!« (135) Nachdem Bharata dies gesagt hatte, war er von seinem Zweifel befreit. Rama erkannte seine Entschlossenheit; voller Liebe schmolz sein Herz. »So soll es sein«, sagte er, dessen Ruhm noch größer war als er selbst. (136) Bharata schluchzte. Weil ihm keine andere Möglichkeit blieb, dachte er voller Sehnsucht, wie schwer dies sei, und bat: »Schenke mir die heiligen Sandalen deiner rechtschaffenen Füße!« Rama gab ihm beide, die in jedem Dasein Segen schenken.
(137) Mit tränenden Augen setzte Bharata die beiden Sandalen ehrfürchtig auf sein Haupt, als wären sie seine Krone. Er warf sich auf die Erde und verneigte sich. Dann ging er fort, während Staub auf seinem goldenen Leib glänzte. (138) Auch der Weise, dessen Schulter die dreifache heilige Schnur trug, brach auf. Um ihn zogen die unzähligen Angehörigen, angefangen bei den Müttern, die Scharen der Gelehrten und Asketen, das himmelweit ausgedehnte Heer und alle übrigen Begleiter. (139) Bharadvaja, der Kenner der alten Schriften, ging fort; die Menschen aus der wasserreichen Hauptstadt zogen heim. Die Götter des Himmels entfernten sich ebenfalls. Auch Guha ging, dem Befehl des wolkenfarbenen Herrn folgend. (140) Bharata trug die Sandalen auf dem Haupt, überquerte die Ganga mit ihren frischen, ans Ufer schlagenden Wassern und eilte weiter. Doch Ayodhya mit seinen duftenden, blütenstreuenden Hainen betrat er nicht. In den langen Nächten fand er keinen Schlaf.
(141) In Nandigrama blieb er, die Sinne bezwingend, und sorgte dafür, dass die Sandalen seines Herrn die Herrschaft mit dem einen gerechten Zepter ausübten. Am Abend wie am Tag versiegten die Tränen seiner Augen nicht. (142) »Solange die Menschen wissen, dass ich auf diesem Berg wohne, werden sie aus Liebe immer wieder kommen und sich quälen«, dachte Rama. Deshalb brach er mit seinem treuen jüngeren Bruder und Sita auf und nahm den Weg nach Süden.
Aranya Kandam – Das Waldbuch
Der Wald ist ein Ort der Begegnung, der Askese und der Gefahr. Sitas Entführung verändert die Richtung der Erzählung. Zwischen Schutz, Verletzung und Suche erhalten Mitgefühl und Treue ihr besonderes Gewicht.
3.0 – Anrufung
(1 [Anrufung; in der Vorlage ohne Kapitelversnummer]) Ungeteilt bleibt er, während die vielfältigen Gestalten aus ihm hervortreten. Mit jedem wiederholten Studium schenkt er tieferes Erkennen; doch weder die Veden noch ihre Kenner noch Brahma und die anderen vermögen ihn ganz zu erfassen. Dieser ursprüngliche Herr sei die Erkenntniskraft unserer Erkenntnis.
3.1 – Textabschnitt
(1) Mit der Frau, deren dichtes Lächeln einer sorgfältig gesetzten Reihe von Perlen glich, näherten sich die beiden Prinzen mit den kunstvollen gebogenen Bogen dem Wald. Dort lag, von belaubten, fruchttragenden Hainen umgeben, die friedliche Wohnstätte des großen Asketen Atri. (2) Die Prinzen, die goldenen Bergen glichen und die Last der Weltrichtungen sichtbar zu tragen schienen, traten ein und verneigten sich vor dem reinen Weisen. Er hatte die drei Feinde, angefangen bei der Begierde, vernichtet. Der große Asket kam ihnen entgegen und sprach: (3) »Prinzen, ist es ein geringes Geschenk, dass ihr hierhergekommen seid? Es ist, als wären sämtliche Götter und alle Welten zugleich angekommen! Wer von den Unseren hat solche Askese geübt?« Sein Herz schmolz vor Freude, als wäre seine ganze Familie heimgekehrt. (4) Sie blieben jenen Tag bei dem großen Weisen. Auf Geheiß seiner ehrwürdigen, keuschen Gemahlin Anasuya nahm Janakas goldgleiche Tochter Schmuck, feine Gewänder und duftende Salben an. Mit ihr brachen die Brüder auf und betraten den Dandaka-Wald.
(5) Dort trat ihnen Viradha entgegen. In einer mächtigen Hand hielt er eine dreizackige, scharfe Waffe. Darauf waren dicht nebeneinander sechzehn brünstige Elefanten, zwei Löwen und sechzehn bergbewohnende Yalis mit runden, glühenden Augen aufgespießt. (6) Dichte Locken von feuerrotem Haar bedeckten seinen Kopf. Er schritt dahin, als hätte Gift die Gestalt eines wandernden Berges angenommen. Wolkenumhüllte, glänzende Berge wurden unter seinem Ansturm wie Baumwolle, die ein Sturm auseinanderweht. (7) Seine Augen glühten wie offene Wunden und sprühten Feuer. Der wolkenreiche Himmel zitterte, Berge erbebten, selbst die Sonne verlor bei seinem Anblick an Kraft. Die vom weiten Meer umgebene Erde schwankte, und sogar der mächtige Todesgott verzagte. (8) In seinen Ohren konnten brüllende Löwen Platz finden; als Ohrgehänge trug er die seitlich aufblitzenden, juwelenreichen Gipfel des Meru. Sein Schmuck leuchtete vom Blut der Krieger, die ihm im Kampf entgegengetreten und gefallen waren, wie Wolken am roten Abendhimmel.
(9) Krieger samt Waffen, springende Pferde, große Elefanten, Wagen, schreitende Löwen und räuberische Tiger – alles, was er ergriff, band er mit Schlangen zusammen. Solche gewaltigen, vielfachen Girlanden schwangen umher und schmückten seine Schultern. (10) Mit seinen großen Händen schichtete er zornig brüllende, brünstige Elefanten aufeinander, als wären es zusammengedrängte Berge. Er schob sie in eine Seite seines höhlengroßen Mundes und kaute sie auf, während sein gewaltiger Hunger ungestillt weiterwuchs. (11) Er hatte den Schlangenkönigen die Juwelen ihrer Hauben entrissen und sie mit Wagen der Götter durchsetzt. Auf Schlangen waren sie zusammen mit Planeten und Sternen aufgereiht; als funkelnder Kreuzschmuck lagen sie auf seiner breiten Brust. (12) Während sein dichtes, abendrotes Haar zu beiden Seiten zu brennen schien, trug er auf der gewölbten Stirn die leuchtende Stirnplatte des großen Elefanten des Götterkönigs. Die goldenen Fassungen von dessen Stoßzähnen glänzten als Ringe um seine mächtigen Arme.
(13) Dichte Schwärze lag auf ihm und kroch über seinen Leib. Aufquellende Grausamkeit kochte in ihm; gewaltige Sünde erhob sich wie leuchtendes Giftfeuer. Er glich dem herankommenden Kali-Zeitalter, das sich mit Nacht bestrichen hatte. (14) Er hatte die feste Haut eines getöteten Tigers um sich gewunden und Elefantenhäute als herabhängendes Gewand angelegt. Darüber glänzte ein Gürtel aus der abgestreiften Haut einer riesigen Schlange, geschmückt mit den Edelsteinen der siegreichen Richtungselefanten. (15) Seine Arme bewegten sich; daran glänzten furchterregende Ringe, in die unvergleichliche rote Juwelen rotäugiger Schlangen eingefügt waren. Weiße Armreifen aus seltenen Muscheln, vor denen gewöhnliche Muscheln verblassten, klangen bei jeder Bewegung. (16) Seine festgebundenen Fußringe dröhnten beim Schreiten, als stießen Silberberg und Goldberg gegeneinander. Obwohl er auf der Erde wandelte, war seine Macht so groß, dass er beständig auch in den Gedanken und vor den Augen der Himmelsbewohner gegenwärtig war.
(17) Seine Gestalt ließ ausrufen: »Welch Wunder, alle Elemente haben einen einzigen Leib angenommen!« Seine Stimme glich dem Donner. Durch einen bereitwillig gewährten Segen Brahmas besaß er die festgesetzte Kraft von vierzehntausend brünstigen, berggleichen Elefanten. (18) So kam Viradha, grausam in seinen Taten und furchtbar anzusehen wie ein vernichtender Donnerschlag, heran und versperrte den Weg. Bäume wurden entwurzelt, feste Berge barsten, als er sich vor den unvergleichlichen Helden mit den gewaltigen Bogen aufrichtete. (19) »Stehen bleiben! Stehen bleiben!«, rief er und öffnete seinen höhlenartigen Rachen, in dem lange weiße, fleischfressende Zähne und kräftige Hauer blitzten. Noch während er sprach, packte er mit einer Hand die Frau, die einem Schwan auf der Lotusblüte glich, und hob sie bis zum Himmel. (20) Als die beiden jungen Helden dies sahen, ergriff sie heftiger Zorn. Sie nahmen die gewaltigen Bogen von den Schultern in die linke Hand und folgten ihm mit funkelnden Pfeilen in der rechten. »Schurke, kehre um! Wohin willst du?«, riefen sie. Er erwiderte:
(21) »Durch den Segen des ursprünglichen viergesichtigen Brahma kann ich mein Leben nicht verlieren. Ohne irgendeine Waffe gibt es in allen Welten nichts, was ich im Kampf nicht bezwingen könnte. Ich schenke euch das Leben! Überlasst mir diese Frau und zieht friedlich ab!« (22) Ein schwaches Lächeln verbreitete weißen Mondglanz auf Ramas Gesicht. »Dieser kennt den Kampf nicht. Gleich werden seine Kraft und sein Übermut vergehen«, dachte er. Dann ließ er die Sehne seines schweren, furchtbaren Bogens erklingen. (23) Der Klang der Sehne an Ramas gewaltigem Bogen donnerte durch die sieben Welten: über das wogende Meer, die Berge und die weite Erde, durch die unterirdischen Reiche der Schlangen und bis in den Himmel. So tönte die Waffe des wolkengestaltigen, speerstarken Helden. (24) Der Dämon setzte die Frau ab, die schrie wie ein Käfigpapagei im weiten Maul einer grausamen, lauernden Katze. Einen Augenblick hielt er inne und dachte: »Er hat mein Herz erschüttert!« Dann entbrannte er vor Zorn gegen den Herrn, der einem dunklen Berg glich.
(25) Er schwang und schleuderte den schweren Dreizack. Dessen Spitze war vom Blut der Feinde getränkt, mit dem er den Hunger der Dämonen stillte; sie loderte wie das Feuer, das aus dem Pferdemaul im nördlichen Meer emporsteigt und den Ozean verzehrt. (26) Die scharfe Waffe blitzte heran wie jenes Gift, das die Weltrichtungen, die Götter, die Richtungselefanten und die Welt selbst erbeben ließ. Rama, dessen siegreicher langer Bogen die Kraft der sieben großen Berge einschließlich des makellosen Meru besaß, schoss einen Pfeil ab. (27) Der ringsum flammende Stahl zerbrach in zwei Stücke, die bis an die Enden der Himmelsrichtungen flogen. Es war, als fielen am hellen Tag große Sterne aus dem leeren Himmel und verkündeten: »Heute ist das Geschlecht dieser Dämonen zu Ende!« (28) Als der Dämon sah, wie seine gefürchtete Waffe zersprang, ließ sein Kampfesmut dennoch nicht nach. Vor kriegerischem Zorn kochend, riss er mit Händen, in denen die Erde Platz gefunden hätte, ganze Berge samt ihren Wurzeln aus und schleuderte sie rasch gegen Rama.
(29) Rama sandte ihm leuchtende, mit diamantfesten Spitzen versehene Pfeile entgegen, sodass die kreisenden Berge zerbrachen. Was der Dämon geworfen hatte, flog zurück und traf mit solcher Gewalt seinen Leib, dass überall Wunden entstanden. (30) Dann brach er einen großen Marabaum ab und kam heran, um damit den Herrn zu schlagen: Rama, dessen Name im Om erkannt wird, den die wahrhaft Wissenden erfassen und der sein Schlangenlager verlassen hatte, um auf Erden den guten Dharma zu festigen. (31) Mit vier Pfeilen zerteilte der löwenstarke Kämpfer den Baum in Stücke und ließ ihn fallen. Dann trieb er mit großer Wucht je sechs scharfe, furchtbare Pfeile in die aufragenden Schultern und die Brust des Gegners. (32) Der Dämon schüttelte seinen Leib, sodass die eingeschlagenen Pfeile überall fortflogen. Er glich einem mächtigen, glänzenden Wildschwein, dessen dicht stehende Borsten sich aufrichten und das heftig zitternd alles abschüttelt, was sich in seinen Körper gebohrt hat.
(33) Rama schoss lange, feurige Pfeile, die nirgends stecken blieben, sondern den Leib durchdrangen. Noch immer floh der Kampfesmut nicht aus dem Dämon. Doch während Blutströme wie Wasserfälle an einem Berg hinabrauschten, schwanden seine Kraft und schließlich sein Bewusstsein. (34) »Er besitzt einen wirksamen Segen; Waffen können ihn nicht töten. Er wird weiterkämpfen. Lasst uns seine starken Arme abhauen!« Die beiden mächtigen Brüder zogen zornig ihre Schwerter, eilten vor und sprangen auf seine breiten Schultern. (35) In diesem Augenblick kam der Dämon wieder zu sich. Er packte sie, trug sie auf seinen säulengleichen Schultern und stürmte mit dem Zehnfachen seiner früheren Gewalt davon, während dickes Blut aus ihm hervorströmte. (36) Rasch stieß er bis zum Himmelsgewölbe empor und zog, Blut verspritzend, in kreisenden Bahnen dahin. Die beiden auf ihm leuchteten wie Mond und Sonne, die täglich den Meru ehrfürchtig umwandeln.
(37) Mit dem goldfarbenen Lakshmana und dem dunklen Rama auf seinen Schultern erhob er sich in den weiten, vom Klang erfüllten Himmel. Er glich dem großen Vogelkönig Garuda, der die beiden zum Schutz des Dharma auf seinen Flügeln dahintrug. (38) Als ihr erbarmungsvoller Gemahl durch die Tat des Schurken fortgetragen wurde, war die edle Sita außer sich. Sie erbleichte und fiel mit ihrer Girlande wie ein gebrochener Zweig in den Staub – gleich einer Schwanenfrau, deren Gefährte gefangen worden ist. (39) Sie fand keine Hilfe und keine Worte. Mit bebender, blitzschlanker Taille eilte sie hinterher, stand auf und fiel wieder nieder. »Lass diese Rechtschaffenen frei, deren Liebe mütterlich ist! Friss stattdessen mich!«, rief sie. (40) Lakshmana sah, wie die einem gemalten Bild gleichende Frau weinte, stockend rief und beinahe ihr kostbares Leben verlor. Ehrfürchtig sagte er: »Heil dir! Ist es recht, weiterzuspielen, während die Herrin solchen Schmerz erleidet? Das wäre verfehlt.« Der Herr der Weltzeiten antwortete:
(41) »Unvergleichlicher, ich dachte, es wäre angenehm, auf diese Weise den vor uns liegenden Weg schnell zurückzulegen. Diesen hier jetzt zu töten ist keine schwere Sache!« So sprach er lächelnd. Als er mit seinem mächtigen, heldenringgeschmückten Fuß zustieß, fiel Viradha zu Boden. (42) Die kraftvollen Brüder schlugen ihm mit scharfen Schwertern beide Arme ab und sprangen hinunter. Er aber zog im Zorn seine skorpiongleichen Brauen zusammen und stürzte auf sie zu wie der rotäugige Schlangendämon, der Sonne und Mond verfolgt. (43) Aus seinen Wunden strömte sichtbar das Wasser des Lebens, sein Blut. Dennoch schied er nicht aus dem Leib. Rama bedachte diesen merkwürdigen Zustand und sagte: »Jüngerer Bruder, es ist das Richtige, ihn rasch in dieser Erde zu begraben.« (44) Lakshmana, stark wie ein edler brünstiger Elefant, grub eine tiefe Grube in die Erde. Der Makellose stieß Viradha hinein, bis hinab zu den kühlen unterirdischen Wassern, mit seinem heiligen Fuß – dem Fuß dessen, der reine Sauermilch und duftende Butter aß und den Liebenden ihre Herzenswünsche erfüllt.
(45) Viradha erkannte, was ihm widerfahren war. Der ausgedehnte Fluch fiel von ihm ab; er verließ den niedrigen Leib, den ihm seine schwere Geburt auferlegt hatte, und erschien strahlend im Himmel, gleich dem ursprünglichen Schöpfer, der aus dem von ihm hervorgebrachten Weltei hervortrat. (46) Er hatte einst seinen Geist auf dem Weg gesammelt, den der an die Sinne gebundene, nach außen umherirrende Verstand nicht erkennt; zudem besaß er seit Langem ungeteilte Liebe. Daraus erwuchs nun Erkenntnis. Er erkannte seinen Herrn und sprach: (47) »Wenn dies deine Füße sind, die, wie die Veden verkünden, alle Welten durchdringen – wie muss dann deine ganze Gestalt sein! Du wohnst nicht nur im wogenden Meer, sondern in den voneinander verschiedenen Elementen. Können sie dich überhaupt tragen?« (48) »Als das grausame Krokodil den Elefanten packte, hob dieser seinen Rüssel; sein ganzer Leib bebte. Aus größter Not rief er, bis alle Himmelsrichtungen widerhallten: ›Einziger Urgrund, höchster Herr, erhabener Zufluchtsort!‹ Warst nicht du es, der damals antwortete: ›Was ist?‹«
(49) »Unser Herr mit den Lotusaugen, deren allgemeiner Gnadenblick weder im Äußeren noch im Inneren jemals nachlässt! Sage mir: Musst du selbst ohne einen einzigen Helfer wie ein Kreisel umherziehen, um den Dharma zu beschützen?« (50) »Du liebst das Spiel, das Sterben und Geborenwerden heißt! Vergessen diejenigen, die zur Entsagung erschienen sind, bei ihrem Erscheinen ihr eigenes Wesen? Oder werden sie wie die anderen geboren? Ist der von ihnen erreichte Zustand allen anderen so schwer zugänglich?« (51) »Die fest gegründeten Religionen suchen einen Weg, das furchterregende Meer der Geburten zu überqueren. Wenn du jene einzigartige Wahrheit verkörperst, die sie alle als gut preisen – was bleibt den anderen obersten Göttern dann noch zu tun, und aus eigener Kraft womit?« (52) »Für den unermüdlichen Lotusgeborenen und die anderen unvergänglichen Götter wie für sämtliche übrigen Lebewesen bist du der erste Vater. Wer aber wäre die Mutter, die dich auf gewöhnliche Weise geboren und aufgezogen hätte, du einzige Verkörperung des Dharma?«
(53) »Du bist der ursprüngliche Höchste über allem Höchsten; die Welten gehören dir. Auch die nicht vollständig erforschten Religionen stehen unter deinen Füßen; nichts ist außerhalb von dir. Du verbirgst dich vor den Bösen. Entstünde denn Schaden, wenn du offen hervorträtest? Ist dein endloses großes Spiel der Maya nötig?« (54) »Kein Kalb kennt seine Mutter nicht; auch die Mutter erkennt ihr Kalb. Herr, als Mutter der Welt kennst du alle Dinge, sie aber erkennen dein Wesen nicht. Was für eine Maya ist das, du, der zu kommen vermag, ohne sich irgendwoher zu bewegen!« (55) »Die Welt denkt sich vielerlei aus und meint, man könne es alles in Worte fassen. Doch ein großer Gott außer dir entspricht nicht dem Weg der Erhabenen. Erkennen die auf dem rechten Weg Stehenden nicht, dass selbst für die Reinen, angefangen beim Schwanenreiter Brahma, kein höherer Gott als du besteht?« (56) »Die Gottheiten, welche die schwer miteinander zu vereinbarenden Religionen verkünden, üben strenge Askese, als wären auch sie an die beiden Arten von Karma gebunden. Du mit der juwelengleichen Brust, auf der Lakshmi wohnt, was bliebe dir zu tun? Du ruhst wie einer ohne jede Handlung und schläfst doch niemals!«
(57) »Als Schlange trägst du die herrliche Erdgöttin, auf dem scharfen Hauer hebst du sie empor, mit einem Mund verschlingst du sie, mit einem Schritt bedeckst du sie. Wenn die Göttin auf deiner juwelengleichen, mit duftendem Tulasi geschmückten Brust dies erfährt, wird sie nicht zürnen?« (58) »Könnten die von dir geschaffenen Wesen nicht gerettet werden, wenn sie nur ein wenig Wahrheit erkennen? Was würde dir dadurch fehlen? Herr, manche Bewohner der Erde und des Himmels haben doch schon einen Teil ihres Zweifels verloren durch die Almosengabe, die du einst dem Axtträger Shiva gewährtest.« (59) »Als Schwan hast du die kostbaren Veden verkündet. Wer hatte sie zuvor dich gelehrt? Sind jene Lehrer alle vergangen? Wenn das Geteilte eins wird, geschieht es nach wirklicher Trennung oder ohne je getrennt gewesen zu sein? Wie groß sind diese Wunder, du Ebergestaltiger, der die Erde emporhob!« (60) »Einziger, dem auch nur im Geringsten zu gleichen unmöglich ist! Du hast die Wasserwohnung verlassen, in der du einst freudig ruhtest, und bist durch meine große Askese zu mir gekommen. Nun habe ich das Meer dieser Geburt überquert und werde nicht wiedergeboren. Mit deinen korallenroten, leuchtenden heiligen Füßen hast du beide Arten meines Karma ausgelöscht.«
(61) Nachdem Viradha dies alles gesagt hatte und still dastand, fragte der Siegreiche: »Erkläre mir, wie du in diesen Zustand geraten bist.« (62) »Heil dir, Großmütiger! Deine Füße strahlen Erkenntnis aus, sodass Täuschung vergeht und die Bindungen des Lebens zerfallen. Höre!« So begann er und berichtete die Wahrheit seiner Geschichte. (63) »Held mit dem furchtbaren Bogen in der Hand! Ich lebte im Himmel im Gefolge Kuberas und hieß Tumburu. Dann gelangte ich hierher auf die Erde und geriet in diesen Zustand.« (64) »Als Rambha auf der weiten Bühne tanzte und ich dazu sang, begehrte ich voller Verlangen die Vereinigung mit ihr. Dadurch kam es dazu, dass ich diesen Leib annehmen musste.«
(65) »Die verborgene Krankheit der Begierde trieb mich an und führte mich zu diesem Fehltritt. Ohne Erbarmen sprach Kubera sein Urteil über mich. So wurde ich als Sohn eines Dämonen geboren.« (66) »Du Ursprünglicher! Als ich darüber nachsann, erklärte jener Yaksha mir auch: Durch deine freigebigen Füße, die alles Leid beseitigen, würde der Fluch von mir genommen werden.« (67) »Ich wurde zum Sohn jenes Kilinchan, dessen furchtbarer Speer im Sieg glänzt, der umherzieht und die Bewohner dieses ganzen Himmels bedrängt und verschlingt.« (68) »Urgrund, von jenem Tag bis heute unterschied ich Elender nicht mehr zwischen Gut und Böse. Unablässig suchte ich nur das Böse.«
(69) »Weil das Verdienst aus alter Zeit mich dazu führte, berührten mich heute deine goldglänzenden Füße, die auch die ersehnten heiligen Veden tragen und preisen. Dadurch bin ich zur Klarheit gelangt.« (70) »Herr der Weltzeiten, du hast alles Unheil abgeschnitten, das mich ergriffen hatte. Vergib, dass ich Tor dich bedrängt habe!« Mit diesen Worten ging er fort. (71) »Dieser Edle, der die göttliche Welt liebt, ist von seinem Leib befreit fortgegangen«, sagten die beiden Bogenschützen. Dann zogen sie mit der blumengleichen Frau weiter. (72) Die Helden mit den todbringenden Speeren in den Händen erreichten einen dichten Hain, in dem wahrhafte Weise lebten, die die Wahrheit der Veden verkörperten. Dort blieben sie für den Tag.
3.2 – Textabschnitt
(1) Gegen Abend erreichten die Brüder mit Sita, dem blühenden Zweig voll Kurava- und Kongublüten vergleichbar, den duftenden Wald mit seinen Marabäumen und leuchtenden Kongubäumen. Dort wohnte Sharabhanga und widmete sich der Askese. (2) Als die Helden mit den roten Speeren dorthin gelangten, kam auch Indra, der König der Himmlischen. Seine tausend Augen waren einzelne Lotusblüten, die selbst nachts niemals ihren Glanz verloren. (3) Um ihn schritten Frauen mit dem Gang der Schwäne, golden strahlend und mit glänzenden Kleinodien geschmückt. Über deren Schmuck lag sein eigener mächtiger, wechselnder Glanz wie dicht verflochtene Bündel ausgebreiteter Blitze. (4) Seine Augen schweiften wie trunkene Bienen durch den himmlischen Blütenwald der Augen schöner Himmelsfrauen. Seine Ohren dagegen waren Bienen, die in den Honig der Vinaklänge des heiligen, girlandengeschmückten Narada eintauchten.
(5) Dieser mächtige Herr hatte die hundert Opfer vollendet, deren einzelne Handlungen die Schriften vorschreiben. Außer den drei ursprünglichen höchsten Göttern berührten die Kronen aller Himmlischen seine goldenen, mit Heldenringen geschmückten Füße. (6) Mit seiner Gemahlin, die der Göttin auf der großen roten Lotusblüte glich, saß er auf dem hohen weißen Elefanten, dessen drei Brunstströme flossen. So erschien er wie der Herr des weiten, glänzenden Silberberges. (7) Sein weißer Schirm leuchtete über ihm, als hätte seine hohe Würde im Himmel eine sichtbare Gestalt angenommen. Daneben verblasste der kühle Mond und schien sich zu fragen: »Weshalb stehe ich überhaupt noch hier?« (8) Die wedelnden Chamara-Fächer glichen dem großen Ruhm, den die Dämonen zurückgelassen hatten, als ihre Kraft in zahllosen Kämpfen brach und sie flohen. Bei diesen Kämpfen hatte der dicke Brunstsaft selbst die Elefanten der Weltrichtungen umfangen.
(9) Seine strahlende Krone sah aus, als hätte die unablässig wandernde Sonne endlich eine feste Wohnstatt gefunden. Seine Girlande glänzte wie Lakshmi auf der weiten Brust des kampfkundigen Herrn, der den Diskus trägt. (10) Sein Gewand war mit roten Edelsteinen besetzt, deren dicht gebündelte Strahlen wie Feuer leuchteten. Die Ringe um seine Schultern funkelten ringsum wie das kühle weiße Lächeln der Siegesgöttin. (11) Die Strahlen der vielen tausend großen Juwelen in seinen altehrwürdigen Schmuckstücken vereinigten sich. So erschien er wie eine Wolke, die durch ihren eigenen Regenbogen erstrahlt. (12) Er trug eine schöne, honigduftende Girlande, deren Wohlgeruch selbst in der unvergleichlichen Himmelswelt hervortrat. Als Schwerter besaß er die Augen der Himmelsfrauen, die mit den Fischen wetteiferten und sie an Schönheit übertrafen.
(13) Seine Waffe war der unzerbrechliche Donnerkeil mit mächtiger Spitze. Als er ihn einst mit aller Kraft gegen den langgirlandengeschmückten Ravana geschleudert hatte, um ihn zu besiegen, hatte er nicht einmal eine reiskorngroße Wunde geschlagen oder dessen Hautfarbe verändert. (14) Indra blieb stehen. Der große Asket ging ihm entgegen, empfing ihn mit gebührenden Ehren und fragte: »Was hat dich hierhergeführt?« Darauf sprach der Unsterbliche mit den goldenen Heldenringen: (15) »Deine rechte Lebensführung und deine große Askese lassen sich heute mit keinen Worten ermessen. Dies hat auch der viergesichtige Brahma erkannt und dich zu sich gerufen. Großer Asket mit goldenen Flechten, komm!« (16) »Vater, der Schöpfer aller Welten und aller Wesen hat dir einen Platz in seiner eigenen Wohnstatt gewährt. Betrittst du jenes Reich unvergänglicher Askese, wird er selbst dir entgegenkommen.«
(17) »Du weißt seit Langem, auch ohne meine Worte, dass es alle anderen Welten überragt. Komm mit deiner edlen Gemahlin!« Doch der Weise von reiner Erkenntnis antwortete ablehnend: (18) »Du von weithin gerühmtem Ruhm! Sollte ich einen Zustand aufsuchen, der mit dem Vergehen der erschaffenen Gebilde ebenfalls vergeht? Nach Geringem verlange ich nicht. Bedenke: Meine strenge Askese hat sich über viele Weltzeitalter erstreckt.« (19) »Du mit den geschmückten Füßen, dies lässt sich kaum aussprechen. Es ist ein Zustand, den man auch durch anderes Erreichen nicht gewinnt. Wozu viele Worte? Der Herr ist hierhergekommen und hat heute selbst meine Askese zur Vollendung gebracht.« (20) »Herr des Himmels, ich werde den Zustand erreichen, der keinen Anfang in der Zeit hat, sich nicht wandelt, weder kleiner noch größer wird und seine Beschaffenheit nicht verändert. Selbst wenn alle Elemente, angefangen beim mächtig wehenden Wind, zerfallen, bleibt er unerschüttert.«
(21) Während er so sprach, kamen die beiden Helden mit ihren starken Bogen näher. Sie hörten den Klang der versammelten Stimmen, blieben stehen und überlegten: »Was mag hier vorgehen?« (22) »Wir sehen dort den starken Elefanten mit vier leuchtenden, diamantfesten Stoßzähnen stehen. Also ist Indra, der König der Himmlischen, hier auf Erden zu diesem großen Asketen gekommen«, erkannten sie. (23) Rama ließ seinen jüngeren Bruder mit der rehgleichen Sita am Rand des blumenreichen Haines zurück. Allein betrat er den weiten Garten, einem mächtigen Stier oder einem königlichen Löwen gleich. (24) Mit allen tausend Augen zugleich erblickte der König der Götter auf Erden die Frucht der vier kostbaren Veden: Rama, wie eine dunkle Sonne strahlend, mit Augen gleich Lotusblüten.
(25) Bei seinem Anblick schmerzte Indras Herz und wurde von Kummer erfüllt. Mit seinen säulengleichen Armen und dem edlen Haupt, das sich Tag für Tag vor ihm verneigt hatte, verehrte er den Herrn der Tage, den Herrn der heiligen Wissenden. (26) Er sah den, der einst in fahnenreichen Schlachten ihre Feinde vernichtet, ihnen Wort und Sinn des großen Vedenmeeres erschlossen und sie auf den reinen Weg des heilbringenden Dharma geführt hatte. Er schenkte Glück und Befreiung, war ihnen stets Panzer, Leben, Auge, wahre Askese und endlose Erkenntnis. Überwältigt stand Indra abseits; wie einer, der nichts wusste, begann er alles auszusprechen, was er erkannt hatte. (27) »Licht, das alles durchdringt und doch unberührt bleibt! Verwandter derer, die ihre Bindungen durchschnitten haben! Wohnstätte des unermesslichen Erbarmens, Bewusstsein der Erkenntnis, die auf dem Weg der Veden sucht und prüft! Einst bedrängten uns Feinde, und wir priesen deine Füße. Nun bist du gekommen, den damals gewährten Segen zu erfüllen. Vater, stehen deine beiden Lotusfüße wirklich auf dieser weiten Erde?« (28) »Für dich gibt es weder Feind noch Freund, weder Licht noch Dunkel, weder Oben noch Unten, weder Jugend noch Alter, weder Anfang, Mitte und Ende noch Vorher und Nachher. Gott, wenn dies dein ursprünglicher Zustand ist: Träfe dich große Schande, wenn du nicht mit dem Bogen kämest und uns unter Schmerzen deiner heiligen Füße beschütztest? Oder könnten wir dir etwas vergelten, du auf dem dunklen Meer Ruhender?«
(29) »Selbst wenn Brahma, den du im Lotus hervorbrachtest, die ganze makellose Welt als Messgefäß nähme und dich viele Weltalter lang ausmäße, erschöpfte er deine Größe nicht. Höchster! Einst war die Erde der Topf, das Meer die kühle Milch und der große Berg der Quirl. Mit schmerzenden Lotushänden quirltest du den Ozean und gabst uns allein den Nektar. Sind denn die Dämonen nicht ebenfalls deine Diener?« (30) »Du einziges Licht guter Erkenntnis! Im Ursprung bist du eins, dann vielfältige Gestalt, Bewusstsein und Leben; am Ende der Weltzeit kehrst du in jenen Zustand zurück und stehst zugleich als diese mannigfaltige Welt da. Herr, der unsere Fehler tilgt! Du beschützt die den guten Taten Zugewandten und bedrängst die anderen. Doch hast nicht du auch das unstete, böse Handeln hervorgebracht?« (31) »Vater, durch deine unbegrenzte, mächtige Maya gesellten wir uns zu den Verblendeten und verloren selbst die Klarheit. Einst stritten wir verwirrt: ›Du bist nicht der höchste Herr!‹ – ›Du bist der Ursprung!‹ Doch als durch frühere gute Werke die sieben uralten Weisen den Feuergott berührten und schworen: ›Alle Welten sind in dir‹, hast du da nicht unsere angesammelten Zweifel ausgelöscht?« (32) So dachte Indra vieles und pries ihn innerlich, ohne alles auszusprechen. Gewiss, dass sich noch eine Gelegenheit zur Begegnung ergeben würde, bat er den ihm ebenbürtigen Weisen um Abschied. Dann zog Purandara mit der hohen goldglänzenden Krone davon.
(33) Der Weise erkannte durch seine Einsicht die Gedanken des Fortgegangenen und empfing nun den Herrn der Götter. Als Rama sich vor seinen Füßen verneigte, weinte er vor überströmender Gnade, umarmte ihn und führte ihn in seine Wohnstatt. (34) »Auch die junge Frau und dein Bruder sollen kommen! Möget ihr glücklich leben!«, sagte er. Freudig kamen sie zusammen. Als der Ursprung der Weltzeiten sich der Einsiedelei näherte, freute sich der Weise, als sähe er den Herrn, der auf dem Ozean im wissenden Schlaf ruht. (35) Der Schöne blieb dort mit der Frau von rehgleichen Augen und lauschte den guten Unterweisungen des Weisen über den Dharma. So verging die tiefdunkle Nacht und gelangte an ihr Ende. (36) Die Schatten wichen. Die Sonne breitete ihre Strahlen wie scharfe, leuchtende Schwerter aus; mit unzähligen glänzenden Händen, die alle Himmelsrichtungen erfüllten, zog sie der Welt die Hülle der dichten Dunkelheit ab.
(37) Da fasste der Weise vor Rama den klaren Entschluss, in das Feuer einzugehen. Er bat ihn um Abschied und errichtete rasch nach der vorgeschriebenen Ordnung ein stark brennendes Opferfeuer. (38) Der Meister des Bogens fragte den Meister der Veden: »Welche Handlung willst du vollziehen? Erkläre sie mir.« Jener antwortete: »Herr der Glücksgöttin, um die Frucht meines heiligen Wirkens zu erreichen, möchte ich ins Feuer eingehen. Gewähre mir deine Gnade!« (39) »Du, dessen Brust ein einzelnes Hirschfell bedeckt, warum tust du dies gerade, da ich gekommen bin?«, fragte Rama. Der tapfere Bezwinger des Liebesgottes mit dem Fischbanner antwortete voller Freude, die seinen ganzen Leib erfüllte: (40) »Ich übte tausendfältige Askese und dachte dabei immer: Wirst du hierherkommen? Durch das offenbar gewordene Geschick bist du nun da; beide Arten meines Karma sind vergangen. Held, jetzt bleibt mir keine weitere Handlung mehr.«
(41) »Indra kam heute, am Tag der Vollendung, und bot mir an: ›Komm, der Lotusgeborene hat dir seine Welt gewährt!‹ Doch ich sagte, dass ich dorthin nicht gehen werde. Mächtiger, ich strebe danach, den unendlichen höchsten Zustand zu erreichen.« (42) »Darum gewähre mir, dies zu erlangen!« Mit diesen Worten tauchte er gemeinsam mit seiner geliebten Gemahlin in das lodernde Feuer ein und schied dahin. Er kannte die höchste Wirklichkeit, die selbst die Veden nicht auf eine einzige Weise auszusprechen und völlig zu erfassen vermögen. (43) Er betrat jenen schwer erreichbaren Weg, den Götter, Weise und alle Einsichtigen suchen, selbst Brahma auf der duftenden Lotusblüte: den Weg, auf dem Erkenntnis beide Arten des Karma zurücklässt und zur Befreiung führt. (44) Wenn schon das Heil derer unermesslich ist, die einen einzigen Namen dessen erkennen, der das Weltall auf unergründliche Weise verschlang – wäre dann leicht zu ermessen, was jemand erlangt, der ihn am Ende seines Lebens unmittelbar schaut?
3.3 – Textabschnitt
(1) Die gütigen Prinzen mit den starken gebogenen Bogen sahen die Vollendung des Weisen. Mit von Trennungsschmerz erfüllten Herzen verließen sie nur schweren Schrittes gemeinsam mit der zweiggleichen Sita die Wohnstatt des Heiligen. (2) Sie zogen an Bergen und Bäumen, an Felsen voller Edelsteine, an wellenreichen Flüssen und wasserfallgeschmückten Hängen vorbei. Dichte Wälder, liebliche Gegenden und ausgedehnte Teiche ließen sie auf ihrem friedlichen Weg hinter sich. (3) Die von Brahma einst hervorgebrachten Valakhilyas, die Kahlgeschorenen, die Schweigenden und alle anderen Asketen des Dandaka-Waldes erblickten Rama mit freudig bewegten Herzen. (4) Von lärmenden, grausam zornigen Dämonen gequält, hatten sie ohne Ausweg gelitten. Nun glichen sie vertrockneten Bäumen in einem brennenden Wald, denen mit Nektar vermischtes Wasser zufließt und neues Leben schenkt.
(5) Ihre Verwirrung schwand, in der sie vor Schrecken unwillkürlich nur noch die Namen der mächtigen Dämonen ausgesprochen hatten. Sie waren wie ein Kalb, das seine Mutter wiederkommen sieht, nachdem diese es im heißen Wald zurückgelassen hatte. (6) Unter den unverhohlen grausamen Taten der Dämonen hatten sie ohne Möglichkeit zum Widerstand erschöpft gelitten. Jetzt schwand ihre Angst, als hätten Ertrinkende im Meer der Dämonen ein Schiff gefunden. (7) Aufmerksam betrachteten sie ihn. Es war, als hätte ihre Askese ihnen ihre seltene Frucht geschenkt, als hätte gute Erkenntnis sie an die Hand genommen und aus dem großen Gefängnis des heißen Geburtenschmerzes befreit, das sie fest umschlossen hielt. (8) Obwohl sie wahre Askese besaßen, die Bittenden ihre Wünsche erfüllen konnte, hatten sie durch die Kraft der Geduld den aufsteigenden Zorn von Grund auf beseitigt. Darum hatten sie die Bedrängnis durch die dort lebenden Dämonen ertragen.
(9) Sie erhoben sich und eilten zu dem edlen Helden, der wie ein junger Trieb einer dunklen Wolke vor ihnen stand. Überströmende Liebe verband sie mit ihm. Jedes Mal, wenn er sich verneigte, sprachen sie neue Segensworte. (10) Sie führten ihn zu einer freundlichen Hütte und richteten alles passend für ihn her: »Wohne hier in Frieden!« Dann kehrten sie an ihre eigenen Plätze zurück. Später kamen die großen Asketen alle wieder, um von ihrem Leid zu berichten. (11) Rama begrüßte und verehrte die eingetroffenen Weisen freudig und setzte sich. »Was ist euer Wunsch?«, fragte er. Sie antworteten: »Sohn des Beschützers der Erde, höre, was uns durch furchtbare, grausame Taten widerfahren ist!« (12) »Es gibt Wesen namens Rakshasas, deren Herzen keinerlei Erbarmen kennen und die vom Dharma abgewichen sind. Sie bedrängen uns und treiben uns von unserem Weg auf falsche Bahnen. So sind wir aus unserer strengen Übung der Askese verdrängt worden.«
(13) »Wie Rehe in einem Wald voller Tiger leiden wir Tag und Nacht und können den Kummer nicht mehr ertragen. Vom vorgeschriebenen Weg des Dharma wurden wir abgebracht. Du mit den bogentragenden starken Schultern, werden wir Befreiung finden?« (14) »Wir können unsere große Askese nicht ausüben, die Veden nicht rezitieren und auch ihren Rezitierenden nicht beistehen. Wir können die alten Opferfeuer nicht unterhalten; wir sind aus der rechten Ordnung gefallen. Darum sind wir kaum noch Brahmanen zu nennen!« (15) »Indra selbst nimmt die Befehle der Dämonen ehrfürchtig in Gedanken und auf sein Haupt. Vater, wer sonst könnte unser Leid beseitigen? Durch die Größe unserer Askese bist du nun gekommen.« (16) »Sohn des würdigen Königs, der mit seinem rollenden Herrscherrad die Erde beschützte! Wir lebten in einer Nacht ohne Ende; du bist als Sonne erschienen. Erbarmungsvoller Held, wir nehmen Zuflucht zu deinem Schutz!«
(17) Der Sohn des Sonnengeschlechtes versprach: »Wenn sie nicht Zuflucht nehmen, werden sie durch meine Pfeile fallen, selbst wenn sie über das Weltall hinaus fliehen. Legt eure unverdiente Qual ab!« (18) »Der König starb, meine Mutter verfiel in Kummer, mein edler jüngerer Bruder litt, und die Menschen meiner Stadt wurden von schwerem Schmerz ergriffen. Dass ich dennoch in den Wald gelangte, verdanke ich meinem guten Verdienst«, sagte er. (19) »Wenn ich die Macht jener Niedrigen nicht vernichte, die die Würde der Brahmanen auf dem unfehlbaren Weg des Dharma missachten, wäre selbst der Tod besser. Welchen Gewinn hätte ich sonst aus meiner Geburt?« (20) »Ihr erhabenen Kenner der Veden sollt den wirbelnden Tanz der kopflosen Rümpfe dieser Bösen sehen. Dann werden auch meine Schultern, die den wohlgeformten Bogen und den Köcher mit kostbaren Pfeilen tragen, vom Schmerz einer ungenutzten Last befreit sein.«
(21) »Wer sein Leben für eine Kuh, für einen Brahmanen, für irgendeinen Menschen oder für einen Hilflosen hingibt, wird selbst für die Götter des herrlichen Himmels zu einer verehrungswürdigen Gottheit.« (22) »Selbst wenn der Bezwinger Suras, der Träger des leuchtenden Diskus oder der Vernichter der drei Städte sie beschützte: Wer sich gegen den Dharma stellt, dessen Wurzel werde ich ausreißen. Fürchtet euch nicht!« (23) Als sie seine Worte hörten, wuchsen ihre Freude und ihre überströmende Liebe; ihre Not wich. Die Träger der zusammengedrehten Stäbe sangen die süßen Veden und tanzten. Dann blieben sie stehen und sagten: (24) »Herr, wenn dein Zorn erwacht, könnten dir selbst dreihundert Millionen solcher Dreiweltenreiche, gemeinsam gegen dich aufgeboten, nicht widerstehen. Dafür ist unsere große, aus Askese gewonnene Erkenntnis Zeugin.«
(25) »Bleibe daher alle dir bestimmten Jahre glücklich hier und bewahre uns vor Leid!« Der Sohn des erhabenen Königs der Könige verneigte sich vor den Füßen der großen Asketen und blieb. (26) Zweimal fünf Jahre verbrachten die untadeligen Brüder dort in Frieden. Dann bedachten sie den Wunsch der Weisen und sagten: »Lasst uns Agastya aufsuchen!« Mit der Frau von schönem mondgleichem Antlitz brachen sie auf. (27) Langsam durchquerten sie Schluchten, bambusreiche Wälder und schmale, sich hinziehende Pfade. Schließlich erreichten sie den Hain, in dem der leidfreie Weise Sutikshna mit dem strahlenden Leib wohnte. (28) Ohne Hochmut im Herzen verneigten sie sich vor den heiligen Füßen des sonnengleichen Weisen. Mit freundlichen Worten lud er sie ein: »Bleibt hier!« So verweilten die Prinzen in dem duftenden Hain.
(29) Während ihres Aufenthaltes erwies der große Asket Rama alle Gastfreundschaft. »Glücklicher Herr, welche Askese habe ich geübt, dass du hierhergekommen bist?«, fragte er. Rama antwortete ihm liebevoll: (30) »Wer unter den Vorfahren aus dem Geschlecht des viergesichtigen Brahma hat, recht bedacht, die hohe Askese vollkommener erfüllt als du? Und wer könnte eine glücklichere Geburt besitzen als ich, dem deine Gnade zuteilgeworden ist?« (31) Auf die Worte des unvergleichlichen Helden erwiderte der makellose Asket: »Sei mein untadeliger Gast und nimm als Gabe die gesamte Frucht meiner Askese an!« (32) Der Großmütige sagte zu dem Vedengelehrten: »Herr, welche Askese könnte deine Gnade leicht erwerben? Nur eines möchte ich dir vortragen: Noch ist mein Wunsch unerfüllt, Agastya zu sehen.«
(33) »Du hast einen guten Gedanken gefasst. Eben dies wollte auch ich dir schon sagen. Herr, geh dorthin und suche ihn auf! Hast du ihn erreicht, wird dir nichts mehr unerreichbar sein.« (34) »Auch er erwartet deine Ankunft voll Sehnsucht und freut sich bis heute auf dich. Gehe zu ihm, Edler! Diese Begegnung wird den Göttern und allen anderen Wesen zum Guten gereichen.« (35) Er erklärte ihnen den Weg und sprach grenzenlose Segensworte. Sie verehrten die blumengleichen Füße des großen Weisen und zogen rasch durch Haine, in denen Wasserfälle wie ausgepresster Honig in glänzenden Strömen niederflossen. (36) Agastya erfuhr, dass die Edlen angekommen waren. Freude, weit wie ein Meer, erfüllte gleichsam alle sieben Welten. Er, der mit der weitreichenden tamilischen Sprache die Welt wie mit einem Herrscherrad durchmessen hatte, kam entgegen, damit der erhabene Gnadenspender seine Füße verehrte.
(37) Einst hatten die Götter ihn gebeten: »Die Dämonen sind untergetaucht und nicht zu erreichen. Unermesslicher Asket, hilf uns!« Darauf schöpfte er das ganze Meer mit einer einzigen Hand und trank es aus. Als sie später baten: »Gib es wieder frei!«, ließ er es aus sich hervorströmen. (38) Er besaß einen Leib, der das reine Meereswasser wie eine Mahlzeit aufgenommen und wieder freigegeben hatte. Auch den kräftigen Körper des täuschungskundigen, grausamen Dämons Vatapi verzehrte er mühelos und nahm der Welt dadurch ihre schwere Not. (39) »Auf welchem Weg können die großen, dem Yoga hingegebenen Wesen ungehindert weiterziehen?«, dachte er. Er trat auf das himmelhohe Vindhya-Gebirge mit seinen langen Wolkengirlanden und drückte es bis zur unterirdischen Schlange hinab, während er selbst wie ein Berg dastand. (40) Als einst der Norden sich senkte, sprach der ursprüngliche Herr mit den zischenden Schlangen: »Unvergänglicher, makelloser Asket, zieh fort!« Agastya ging zum himmelhohen Malaya-Gebirge und weilte dort, Shiva gleich, damit die Welt wieder ins Gleichgewicht kam.
(41) Er erforschte die Überlieferung im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Dichtung der Weisen und lehrte das Tamil, das über die vier weithin wirkenden Veden hinausreicht. Diese Sprache hatte ihm der strahlende Gott geschenkt, dessen Stirnauge Feuer aussendet und der die glänzende Axt trägt. (42) Sein Herz freute sich: »Den, von dem alle im Innern denken, er sei im Himmel, auf Erden, in den verschiedenartigen Welten, in unzähligen Namen und in den Veden gegenwärtig – ihn werde ich nun gewiss mit meinen eigenen Augen sehen!« (43) Voller Freude dachte er: »Die Wirklichkeit, die selbst Brahma nicht erkannte, obwohl er die vier tönenden Veden und alle zugehörigen Schriften lange auf dem großen Stein umfassender Erkenntnis zerrieb, wird vor mir stehen, zu mir sprechen und mir ihre Hilfe gewähren!« (44) »Die unermüdlichen Götter sind gerettet, die Asketen leben wieder auf, die Brahmanen stehen erneut auf dem Weg des Dharma. Der Arzt ist gekommen, um die giftige Wurzel der grausamen Dämonen auszureißen!« So wurde sein Herz von Zuversicht erfüllt.
(45) »Die fleischfressenden Dämonen verbrennen in ihrem donnernden Zorn die übrigen Wesen wie dürres Holz. Nun ist der Himmelsregen gekommen, um dieses Waldfeuer rasch zu löschen und die Welt zu beschützen!« Bei diesem Gedanken erstarkte sein Herz. (46) Er sah Rama kommen, und sein Erbarmen strömte über; aus seinen glänzenden Lotusaugen flossen Tränen. Es war derselbe Weise, der die unvergleichliche Kaveri in seinem Wasserkrug gebracht hatte, damit die acht Richtungen, sieben Welten und sämtliche Wesen gedeihen konnten. (47) Rama trat zu ihm und verneigte sich vor seinen Füßen. Der Weise umarmte ihn liebevoll mit tränenden Augen und sprach viele freundliche Worte: »Sei willkommen!« Er war es, der durch die Lehre des immerwährenden südlichen Tamil Ruhm gewonnen hatte. (48) Vedengelehrte rezitierten vielerlei heilige Worte. Die großen Asketen standen voller Liebe da, sprengten reines Wasser aus ihren schönen Kamandalus und streuten große Blumen. So führte Agastya ihn in den kühlen, blütenduftenden Hain.
(49) Der Makellose trat freudig in den Garten. Nachdem der Weise ein Gastmahl bereitet hatte, sagte er liebevoll: »König der Gnade, du bist in die Wohnstatt meiner langen, großen Askese gekommen und hast meine schwer errungene Übung vollendet!« (50) Rama verneigte sich vor ihm: »Selbst die Götter und die Größten unter den Großen, die ihre Askese vollendet haben, empfingen deine Gnade nicht so wie ich. Ich trage sie nun und habe damit sämtliche Welten gewonnen. Was könnte darüber hinaus noch fehlen?« (51) Der Weise, der dem Herrn mit der Mondsichel auf dem hohen Haupt glich, sagte: »Als ich hörte, dass dir aufgetragen wurde, im Dandaka-Wald zu wohnen, freute ich mich sehr: Du würdest auch in diese Gegend kommen, du von verehrungswürdigen Eigenschaften!« (52) »Herr, bleibe jetzt hier! An diesem Ort kannst du die große Askese vollenden, die du dir vorgenommen hast. Und sollten die grausamen, von Zorn getriebenen Dämonen erscheinen, wirst du sie im Kampf niederwerfen und den Kummer unserer Herzen tilgen.«
(53) »Die Veden werden gedeihen, Manus Rechtsordnung wird gedeihen, der Dharma wird gedeihen. Die erniedrigten Götter werden aufsteigen und die Dämonen sinken. Sohn des Herrschers mit dem Rad, daran besteht kein Zweifel: Alle sieben Welten werden aufleben. Bleibe nun hier!« (54) Rama antwortete: »Kenner der geordneten Veden! Ich habe mich entschlossen, die hochmütigen Dämonen rasch zu töten, damit ihre bösen Taten und ihr Stolz enden. Es wäre gut, vorauszugehen und in der Richtung zu wohnen, aus der sie kommen. Was rätst du mir?« (55) »Du hast Treffliches gesagt. Hier ist der Bogen, den der ursprüngliche Herr einst an diesem Ort hinterließ; ich und die drei Welten verehren ihn. Nimm ihn mit den scharfen Pfeilen und dem unfehlbaren Köcher!« So sprach Agastya und übergab die Waffen. (56) Er schenkte ihm auch ein Schwert, dem selbst das ganze Weltall, auf die andere Waagschale gelegt, kaum gleichkäme, sowie den einzigartigen mächtigen Pfeil, mit dem der feurige Shiva, den Meru als Bogen führend, die drei Städte verbrannt hatte.
(57) »Held, es gibt die Wohnstätte Panchavati nahe einem Berg. Dort ragen Bäume empor, Berge steigen auf, Sandbänke erheben sich; kühle Haine mit reichen Blütenbüscheln säumen einen Fluss, dessen sanfte Wellen durch die Gegend ziehen.« (58) »Junge Bananenstauden tragen Früchte, roter Reis steht mit hellen Ähren da, und aus Blumen fließt Honig. Ein Fluss gleicht der göttlichen Ponni. Schwäne bleiben dort, um mit dieser goldgleichen Frau liebevoll zu spielen.« (59) »Geht nun und wohnt dort!«, sagte er. Der wolkenfarbene Rama verneigte sich und nahm Abschied. Rasch zog er fort; Sita mit der zuckersüßen Stimme und sein Bruder folgten ihm liebevoll, und des Weisen Gedanken begleiteten sie.
3.4 – Textabschnitt
(1) Sie gingen viele Wegstunden, überquerten schöne Flüsse, durchzogen die Gegenden mit ihren dicht stehenden, wie freundlich verbundenen Bergen und gelangten weiter. Da erblickten sie den König der Geier. (2) Er glänzte wie geschmolzenes Gold, wie die Sonne auf dem Gipfel des Aufgangsberges, die ihre dichten Strahlenbüschel ausbreitet und alle Richtungen dieser weiten Erde sichtbar macht. (3) Auf der offenen Höhe eines dunklen Berges erschien er wie der Mandara, den die Götter einst in das grenzenlose, tosende Meer gestellt hatten, während sich leuchtender Mondschein an ihn schmiegte. (4) Der rote Glanz seiner edelsteingleichen Füße überstrahlte die Schönheit des dunklen Himmels. Auf dem weiten, blauschwarzen Berg leuchtete er wie eine lange Ranke aus Korallen.
(5) Er war rein, in großen Wissensgebieten gründlich unterwiesen, wahrhaftig und makellos, von scharfem Verstand und ein kundiger Ratgeber, der sorgsam prüfte. Seine kleinen Augen konnten weit in die Ferne blicken. (6) Er erschlug bewaffnete Dämonen, setzte dem Tod ein Gastmahl vor und verzehrte selbst die Reste. Sein täglich geschärfter Schnabel war abgenutzt und glänzte wie der Haken, mit dem Indras kleinäugiger Elefant gelenkt wird. (7) Sein Halsschmuck glich einem Herrscherrad, in dem alle neun Planeten vereinigt waren. Seine Krone strahlte wie die helle Sonne, die sich auf die Stirn des hohen Meru gesetzt hat. (8) Sein mächtiger Ruhm überstieg jede Beschreibung. Er war der edle Sohn des segensreichen Aruna und hatte unzählige Weltzeitalter gesehen, die ihm rasch wie einzelne, deutlich voneinander unterschiedene Tage vergangen waren.
(9) Er saß auf einem gewaltigen hohen Berg; dieser schien seine wachsende Kraft kaum tragen zu können und sich tief in die Erde zu senken. Die Brüder näherten sich dem Helden, noch voller Zweifel. (10) »Ein törichter Dämon ist gekommen, seinen eigenen Untergang herbeizuführen. Ist er kein Dämon, muss es der übermächtige Garuda sein«, dachten die Helden mit den festen Fußringen und blickten ihn kampfbereit an. (11) Auch er betrachtete die starken jungen Männer mit ihren geschmückten Heldenringen und Bogen verwundert. »Sie sind keine Asketen, die alle Tätigkeit aufgegeben haben: Sie tragen Bogen. Doch ihr Haar ist zu Flechten gebunden. Sind sie Götter?« (12) »Indra und die anderen Götter sehe ich beständig. Auch der Diskusträger, der segenspendende Schöpfer und der Herr der Axt verbergen sich nicht vor mir; ich sehe sie jederzeit.«
(13) »Auch den Liebesgott habe ich mit eigenen Augen gesehen. Doch er scheint mir nicht einmal dem Staub an den blumengleichen, goldgeschmückten Füßen dieser starken Helden mit den roten Lotusaugen gleichzukommen. Wer mögen sie sein?« (14) »Ihre Körper tragen unzählige glückverheißende Merkmale, die ihnen die drei Welten zum Eigentum bestimmen. Mit ihnen ist eine Frau gekommen, die der Lotusgöttin gleicht. Ich vermag nicht zu erkennen, wer diese mächtigen Bogenschützen sind.« (15) »Sie erscheinen wie ein dunkler und ein rötlicher Berg. Ihre Brust ist ein Ort, an dem sich die Glücksgöttin freut. Beide rotäugigen Helden gleichen jenem einen Herrscher mit dem Rad: meinem Freund von seltenen Tugenden.« (16) So bewegte er viele Gedanken in seinem Herzen, während seine Liebe den Helden mit den furchtbaren Waffen entgegenströmte. »Ihr starken Jünglinge mit euren schweren Bogen, wer seid ihr? Gebt mir eine klare Antwort!«, bat er.
(17) Die blumengirlandengeschmückten Brüder konnten nur die Wahrheit sagen. Auf seine Frage antworteten sie: »Wir sind die Söhne Dasharathas mit den prächtigen Heldenringen, dessen Herrscherrad die weite, vom tosenden Meer umgebene Erde beschützt.« (18) Kaum hörte er dies, wallte ein Meer der Freude in ihm auf. Er stieg zur Erde herab, voller Verlangen, sie zu umarmen. »Ihr mit den duftenden breiten Girlanden, sind die berggleichen Schultern des Königs der Könige noch kräftig?«, fragte er. (19) »Er hat seine unverbrüchliche Wahrhaftigkeit bewahrt und ist in den Himmel eingegangen«, sagte Rama. Da ergriff Jatayu eine Qual, als müsse er selbst sterben. Er verlor das Bewusstsein und lag wie im Schlaf. (20) Die Brüder umfassten ihn und hoben ihn mit ihren starken Armen auf. Beide wuschen sein Gesicht mit ihren Tränen. Als sein schwindendes Leben wiederkehrte, begann der Vogelkönig mit zerbrochenem Herzen zu klagen.
(21) »Beschützer der Beschützer, Feind der Lüge, Schmuck der Wahrheit, lebendiger Ruhm! Der Wunschbaum, der Mond und die meerumgürtete Erde können jetzt froh sein: Sie unterlagen deiner unermesslichen Freigebigkeit, deinem kühlen Schirm und deiner Geduld. Doch welchem Schicksal hast du die Bittenden, den guten Dharma und mich überlassen, als du fortgingst?« (22) »Herr mit dem einzigartigen Schirm, der die Welt schmückte und mit Nektar nährte! Hast du den Schutz der meerumgebenen Erde aufgegeben, um die Treue meines unbeständigen, liebenden Herzens zu prüfen? Ich Elender bin als Tier von der Freundestreue abgeirrt: Noch immer habe ich mein Leben nicht aufgegeben.« (23) »Als du Shambara erschlugst, der die Welt wie ein Quirl die Dickmilch aufwühlte, sagtest du vor den Bewohnern der meerumgürteten Erde: ›Du bist der Leib, ich bin das Leben.‹ Makelloser Freund, dein Wort kann nicht falsch werden. Doch der verständnislose Tod hat den Leib zum Himmel erhoben und das Leben hier zurückgelassen!« (24) »Warum liege ich wie eine zarte Frau auf der Erde und weine, statt unverzüglich ins mächtige Feuer zu gehen und so meinen Ruhm zu mehren?« Mit diesen Worten erhob er sich, als wäre ihm Klarheit gekommen, und wandte sich an die Brüder: »Söhne des Herrn aller sieben Welten, hört mich an!«
(25) »Aus dem Schoß von Dakshas Gemahlin gingen fünfzig Frauen hervor. Kashyapa vermählte sich mit dreizehn von ihnen. Unter diesen gebar die erhabene Aditi dreihundertdreißig Millionen Himmelsbewohner; die dunkeläugige Diti brachte doppelt so viele Asuras hervor.« (26) »Danu gebar die Danavas und andere Wesen. Mati brachte aus den verschiedenen Gliedern ihres Leibes die Menschengruppen in ihrer Ordnung hervor. Surabhi gebar Kühe, Gandharvas und weitere Geschöpfe. Die ehrwürdige Krodhavasha brachte Esel, Wildrinder, Kamele und andere Tiere zur Welt.« (27) »Vinata mit dem wolkengleichen Haar gebar Wolken, Donner und Blitz, Aruna und Garuda sowie Eulen, Geier und andere große Vögel mit blattgleichen Flügeln. Die schlanke Tamra gebar Haussperlinge, Rebhühner, Wachteln und weitere Vögel. Kala, die Rankengleiche, brachte Ranken, Sträucher und die übrigen Pflanzen hervor.« (28) »Die blitzgleiche Kadru gebar die furchterregenden Schlangen mit vielen Hauben. Surasa brachte die erschreckenden einköpfigen Schlangen hervor; Arishta gebar Chamäleons, Warane, Eichhörnchen und andere Tiere. Ila schließlich brachte die zahlreichen im Wasser lebenden Geschöpfe hervor.«
(29) »Aditi, Diti, Danu, Arishta, Surasa, Kala, Surabhi, die schöne Vinata, die ehrwürdige Mati, Ila, Kadru, Krodhavasha und Tamra brachten nach der bestimmten Ordnung all diese Wesen hervor. Als Vinatas Sohn Aruna sich mit Rambha, der Frau mit zarten Schultern und junger Mondsichelstirn, vereinigte, wurden wir auf dieser Erde geboren.« (30) »Ich bin Arunas Sohn und durchziehe alle Welten, die er durchzieht. Dasharatha, der mit seinem Herrscherrad die Macht der Dunkelheit vertrieb, war mein innigster Freund. Ich wurde geboren, als die Götter und die Gruppen der Wesen geordnet wurden. Ihr von jugendlichem Glanz, ich bin Jatayu, König der Geier und jüngerer Bruder Sampatis.« (31) Als er dies sagte, falteten die bergschultrigen Brüder ihre blumengleichen Hände. Liebe und großer Schmerz ließen ihre Lotusaugen immer wieder von Tränen überfließen. Es war, als sähen sie ihren Vater zurückkehren, der seinen großen Ruhm bewahrt hatte und ihretwegen in die höhere Welt eingegangen war. (32) Er umschloss die beiden Guten fest mit seinen Flügeln. »Kinder, erweist auch mir Unglücklichem die geschuldete letzte Ehre! Der eine Lebensgeist unserer beiden Leiber ist geschieden; doch ich trage noch immer diese Körperlast. Wenn ich heute nicht ungeachtet der Qual ins Feuer gehe und sterbe, wird dieser Schmerz nicht von mir weichen.«
(33) Die Brüder mit den dichten Girlanden blickten den Geierkönig an und verneigten sich. Während aus ihren Augen Perlen von Tränen in unablässiger Folge fielen, sprachen sie: (34) »Derjenige, der uns in der Not beistehen sollte, ist zum Himmel gegangen, ohne zu bedenken, dass er damit seinen eigenen Leib zurückließ. Herr, wenn nun auch du uns hier verlässt, wer wird uns dann noch Schutz gewähren?« (35) »Wir dachten: Durch dich ist selbst der Schmerz vergangen, den uns die Trennung von Mutter, unersetzlichem Vater und den Toren unserer freundlichen Stadt beim Eintritt in den Wald brachte. Willst nun auch du uns verlassen, du, der niemals vom rechten Weg abweicht?« (36) Er betrachtete die Helden, die ihn so mit erschütterten Herzen baten, und dachte nach. »Wenn es so ist, meine Herren, werde ich erst zu ihm gehen, nachdem ihr nach Ayodhya zurückgekehrt seid«, sagte er.
(37) »Doch wenn der König in den Himmel eingegangen ist, warum beschützt ihr Helden nicht freudig die euch zufallende Erde? Weshalb seid ihr hierhergekommen? Was ist geschehen? Mein Herz irrt umher und brennt. Erzählt es mir!« (38) »Ihr mit den golden strahlenden, blumengeschmückten Speeren! Haben Götter, Dämonen, mächtige Nagas oder irgendwelche anderen euch Leid zugefügt, werde ich sie töten und euch die Herrschaft zurückgeben.« (39) Als der väterliche Freund so sprach, blickte Sitas Gemahl seinen jüngeren Bruder an. Dieser berichtete ohne Auslassung das grenzenlose Meer der Geschehnisse, das durch die jüngere Gemahlin seines Vaters entstanden war. (40) »Großmütiger, du hast deinen Vater wahrhaftig bleiben lassen, den Wunsch deiner Stiefmutter ehrfürchtig auf dein Haupt genommen und deinem heimkehrenden Bruder die Erde überlassen! Wer sonst vermöchte, was mein geliebter Sohn vermag?«, sagte Jatayu.
(41) Er umarmte den Lotusäugigen liebevoll, roch zärtlich an seinem Haupt und vergoss Tränen. »Mein Sohn, du bist wahrhaft mächtig! Du hast sowohl jenem König als auch mir grenzenlosen Ruhm geschenkt.« (42) Dann betrachtete der ehrwürdige Alte die mit Armreifen geschmückte, schwanengleiche Frau. »Sohn des Königs der Könige, sage mir, wer diese Frau mit der leuchtenden Stirn ist«, bat er. (42 [zweites Vorkommen der Nummer in der Vorlage; Position 2823]) Der jüngere Bruder berichtete alles, was zuvor geschehen war: beginnend mit Tataka, deren Vernichtung dem Ende der Finsternis glich, über das Zerbrechen des Bogens bis zur ehelichen Vereinigung. Dann beendete er seine Erzählung. (44) Der mit der leuchtenden Krone hörte es voller Freude. »Ihr mit den blütenreichen Girlanden habt den Wohlstand eures Landes aufgegeben. Bleibt mit der Frau von schöner Stirn in diesem Wald; ich werde euch beschützen!«
(45) Rama, der in den Herzen wohnt, antwortete: »Herr, Agastya hat uns nach reiflicher Überlegung einen Ort angewiesen. Er liegt an einer weiten Uferstelle des rauschenden, kostbaren Flusses. Dorthin wollen wir gehen und dort wohnen.« (46) »Sehr gut! Wohnt an jener großen Uferstelle und übt eure hohe Askese. Kommt, ich werde euch den Platz zeigen!« Er erhob sich in den Himmel, und sie gingen im ausgebreiteten Schatten seiner starken Flügel. (47) Der von reinem Denken und makelloser Gesinnung zeigte ihnen die Gegend genau und zog dann fort. Die beiden Bogenhelden erreichten freudig den für sie bestimmten Hain. (48) Jatayus Gedanken blieben liebevoll bei seinen Söhnen und seiner Schwiegertochter von goldener Schönheit. Er erforschte aufmerksam die Stärke der Dämonen und hielt Wache wie ein Vogel, der über seine Jungen im Nest wacht.
3.5 – Textabschnitt
(1) Die Helden erblickten die Godavari, die wie die Dichtung der Weisen dalag: ein Schmuck der Erde, reich an kostbaren Gütern und fruchtbar für die Felder, mit heiligen Uferplätzen, die fünf Landschaftsformen durchziehend, schön und klar, kühl und von geordnetem Lauf. (2) Der göttliche Fluss schien die Ankommenden zu begrüßen und ihre Füße zu verehren. Sein schönes Gesicht aus bienenbesuchten Lotusblüten strahlte; seine duftenden Lilienaugen blickten gemeinsam auf die Edlen, während seine Hände aus klaren Wellen heilige Blumen schöpften und ausstreuten. (3) Zugleich schien der Fluss über das Waldleben der unverbrüchlich wahrhaftigen Prinzen zu weinen. Aus aufsteigender Liebe rauschte und seufzte er immer wieder, während Wassertropfen wie Tränen aus seinen frischen, liliengleichen Augen rannen. (4) Rama mit dem langen Bogen sah Chakravaka-Vögel, die friedlich in den gestielten Lotusbetten ruhten, und blickte auf Sitas Brüste. Die schön Geschmückte betrachtete die hellen, edelsteingleichen Wasserflächen, während ihr Herz bei den Schultern ihres erhabenen Gemahls weilte.
(5) Der Edle sah einen Schwan schreiten, blickte auf Sitas Gang neben sich und lächelte leise. Sie wiederum beobachtete einen jungen Elefanten, der vom Trinken zurückkehrte; bei seinem Gang erblühte ein neues Lächeln auf ihrem Gesicht. (6) Der Held mit den bogentragenden starken Armen sah am wasserreichen Flussufer die Ranken schwanken und betrachtete Sitas Taille. Sie sah die Lotusblüten, die zwischen den dunklen Lilien blühten, und erkannte darin die Gestalt ihres Herrn. (7) So erreichte Rama am strömenden Fluss den abgelegenen, kühlen Hain namens Panchavati. Dort bezog er die freundliche Laubhütte, die sein jüngerer Bruder errichtet hatte, und ließ sich nieder. Unterdessen geschah Folgendes: (8) Eine Frau nahte, die die Macht hatte, den blauedelsteinfarbenen König der Rakshasas mitsamt seiner Wurzel zu vernichten. Sie glich einer schweren Krankheit, die von Geburt an im Körper wohnt und auf die Stunde ihres Ausbruchs wartet.
(9) Ihr dichtes Haar hatte die Farbe roten Kupfers; ihr Leib war aus brennender Leidenschaft gebildet. Sie sollte den Göttern, den strahlenden Asketen und den Bewohnern der meerumgebenen Erde ein Ende bereiten. (10) Aus einem wahrhaft schlimmen Anlass lebte sie beständig allein in jenem Wald. Sie besaß die Kraft, mühelos alle Welten zu durchstreifen. Nun gelangte sie in die Gegend, in der Raghava wohnte. (11) Sie, die ihrem Geschlecht den Untergang bringen würde, erblickte den Herrn, der einst auf die Bitte der verehrungswürdigen Götter – »Die Dämonen bedrängen uns, wehre sie ab!« – seinen tiefen Schlaf auf dem Schlangenlager verlassen hatte. (12) »Der im Herzen wohnende Liebesgott hat seinen Leib verloren; Indra hat tausend Augen; Shiva besitzt drei ursprüngliche Blütenaugen; der aus seinem Nabel die Welt hervorbrachte, hat vier Arme«, dachte sie und suchte einen Vergleich für Rama.
(13) Dann überlegte sie erneut: »Vielleicht ist es jener körperlose Liebesgott! Seit ihn das Auge des schöngeflochtenen Shiva verbrannte, hat er bis heute gute Askese geübt und nun diese herrliche Gestalt wiedergewonnen.« (14) »Seine Arme sind in vollendeten Maßen geformt, lang herabhängend und ganz der Schönheit zugehörig. Bäume können ihnen nicht gleichen, selbst Berge erscheinen gering. Nur die Rüssel der mächtigen Elefanten, welche die Weltrichtungen tragen, könnten seinen kostbaren Armen entsprechen.« (15) »Nicht einmal Felsberge gleichen den Helden-Schultern dieses Meisters des gewaltigen Bogens. Es müsste ein Berg aus tiefblauem Edelstein sein; selbst der furchtgebietende Meru taugt nicht zum Vergleich, denn er besteht aus Gold.« (16) »Seine Augen gleichen hochgestielten Lotusblüten, seine Gestalt einem Berg. Will ich den Blick von einer Schulter zur anderen wandern lassen, reichen meine Augen nicht aus: So weit ist seine Brust!«
(17) »Kann das strahlende Gesicht dieses außergewöhnlich Schönen einer eben geöffneten Lotusblüte gleichen? Nenne ich es den leuchtenden Mond, so nimmt dieser doch ab. Und selbst der schöne volle Mond besitzt einen Flecken!« (18) »Wozu lässt einer, der solche liebliche Schönheit besitzt, seinen heiligen Leib durch Askese vergeblich ermüden? Welche Askese hat die Askese selbst geübt, dass dieser Lotusäugige, der die Welt erneuern könnte, sich ihr widmet?« (19) »Die Erde trägt das Wasser als Gewand, besitzt eine schöne Gestalt und den Gang einer Elefantenkuh. Glücklich ist ihr Frausein! Weil seine Fußsohlen sie berühren, scheint dieses Gras ihr vor Freude aufgerichtetes Körperhaar zu sein.« (20) »Hat der Herr der Sonnenstrahlen etwa den Glanz dieses Mannes mit dem hellen Mondlächeln nicht gesehen? Ohne sich im Innern zu schämen, wandert er hoch oben und verbreitet überall sein dürftiges Licht!«
(21) »Seine großen Schultern übertreffen mächtige, kaum zu erschütternde Berge. Welchen Vergleich könnte man in dieser Welt für seine Lippen nennen? Was ist noch röter und schöner als Koralle, dass ich es nennen dürfte?« (22) »Um seine strahlende heilige Hüfte umfassen zu dürfen, hat wohl das Rindengewand jene Askese geübt, welche die makellosen, mit Juwelen besetzten Goldgewänder versäumten. So leuchtet dieser Herr im Schmuck seiner hohen Tugenden.« (23) »Wenn er sein schwarzes Haar, das sich in der Mitte wellt und an den Enden kräuselt wie eine Girlande langer Regenwolken, nicht als Asketenflechten gebunden hätte, würden sämtliche Frauen ihr Leben verlieren!« (24) »Könnte prächtiger, lachend glänzender Schmuck seine Schönheit noch steigern? Kann der unvergleichliche, vollkommenste König der Edelsteine durch einen anderen Stein erst zum Leuchten gebracht werden?«
(25) »Der viergesichtige Schöpfer, der alle glückverheißenden Merkmale an ihm unverhüllt zeigt, hat sich selbst einen Vorwurf zugezogen: Indra regiert alle Welten, obwohl er nicht würdig ist, auch nur den Staub dieser beiden Füße als Gabe zu empfangen!« (26) Ihre im Herzen aufgestaute Liebe überstieg Flut und Meer und überströmte ihr Bewusstsein. Ihre Selbstbeherrschung schwand wie der Ruhm eines Geizigen, der seinen Besitz hütet und trotz allen Lobes aus Mitgefühl nicht eine einzige Gabe gewährt. (27) Sie stand da wie das Bild einer Frau, das in den Himmel gemalt ist, mit brennendem Herzen. Ihre Augen hefteten sich auf die leuchtenden, edelsteingleichen Schultern des Helden; sie besaß keine Kraft, sie davon loszureißen. (28) »Ich werde mich an seine weite Brust schmiegen. Geschieht das nicht, werde ich sterben, selbst wenn ich Nektar trinke. Ein anderer Ausweg ist kaum noch möglich!« So dachte sie und suchte nach einer Weise, vor ihn hinzutreten.
(29) »Er wird mich zurückweisen und sagen: ›Eine Rakshasi mit Hauern, deren Bauch alle Lebewesen verschlingt!‹ Daher muss ich ihm als Pfauengleiche nahen, mit süßen, dem Kuckuck gleichen Worten und roten Lippen wie die Kovvaifrucht.« (30) Sie versenkte sich im Geist in die Lotusgöttin und bedachte das ihr vertraute Mantra. Da erschien sie in leuchtender Schönheit im strahlenden Raum, mit einem Gesicht, das den Mond an Glanz übertraf. (31) Ihre kleinen rötlichen Füße übertrafen rote Lotusblüten und ließen selbst weiche Baumwolle und kühle junge Blätter vor Neid erzittern. So kam die trügerische Frau: mit schönen Worten, wie ein junger Pfau, ein Schwan, eine glänzende Ranke – und wie Gift. (32) Sie schien die Schönheit der Göttin aus der goldschimmernden Blüte anzunehmen. Zwei glänzende Schwerter ihrer Augen bewegten sich in ihrem schönen Gesicht. Ihre jungfräuliche Gestalt glich einem großen, juwelenbesetzten Wagen, der als unvergänglicher Blitz vom Himmel herabkommt.
(33) Sie kam wie ein Pfau, dem man den strahlenden Leib einer jungen Wunschbaumranke, honigsüße Worte voll Liebesduft, vollkommene Schönheit und die Augen eines Rehes gegeben hätte. (34) Das Klingeln ihrer Fußringe, ihres Hüftgürtels und ihres Schmucks mischte sich mit dem Summen der Bienen in den Blüten ihres welligen Haares. »Diese Klänge kündigen eine Frau an«, erkannte der Königssohn und blickte in die betreffende Richtung. (35) Mit schöner Brust und sich neigender Taille kam sie wie zarter Nektar, den der Himmel gnädig gesandt hatte. Rama sah sie mit seinen beiden Augen – er, der Einsicht schenkt, Unwissenheit tilgt und das Auge wahrer Erkenntnis öffnet. (36) Er betrachtete die zarte Gestalt, wie sie weder in der berühmten Naga-Welt noch im Himmel oder auf Erden zu finden war. »Wo ließe sich solche Schönheit einordnen? Hat Schönheit eine Grenze? Welche schön geschmückte Frau könnte dieser gleichen?«, dachte er.
(37) Die Frau, die jenes Verlangen im Herzen trug, trat mit freundlichem Gesicht näher und verehrte seine Füße mit rötlichen Händen. Ihre langen Augen warfen glühende Speerblicke; dann sah sie seitwärts, zog sich rehgleich etwas zurück und blieb scheinbar schamhaft neben ihm stehen. (38) »Möge deine Ankunft heilvoll sein, du Schöne! Dass du zu uns kommst, muss die Frucht eines großen Verdienstes sein. Wo wohnst du, wie heißt du, wer sind deine Angehörigen?«, fragte der Ursprung der Veden. Die Frau begann, ihre Herkunft darzulegen. (39) »Ich bin die Tochter des Enkels des Lotusgeborenen, die Schwester des freigebigen Freundes des Stierreiters, der die drei Städte zerstörte. Auch bin ich die jüngere Schwester dessen, der alle Richtungselefanten bezwang, den Silberberg hob und die drei Welten beherrscht. Ich bin die Jungfrau Kamavalli.« (40) Der Held hörte dies mit zweifelndem Herzen. »Hier stimmt etwas nicht; bald wird es sich erkennen lassen«, dachte er. »Wenn es wahr ist, dass du die Schwester jenes rotäugigen Mannes von furchtbarer Gestalt bist, erkläre mir, wie du diese Gestalt erhalten hast.«
(41) Kaum hatte der Reine gesprochen, antwortete sie ohne Zögern: »Das Zusammenleben mit den mächtigen, täuschungskundigen Dämonen schätze ich nicht. Mit prüfendem Geist habe ich mich an die Spitze des Dharma gestellt. Durch Askese verbrannte ich meine bösen Taten und gewann von den Göttern diese Gestalt.« (42) »Wenn du die Schwester dessen bist, der die drei Welten so regiert, dass selbst der Götterkönig demütig seine Befehle ausführt, warum erscheinst du dann nicht mit großem Gefolge und Reichtum? Weshalb kommst du allein und ohne Begleitung, junge Frau?« (43) Die Unwahrhaftige antwortete: »Makelloser Herr, mit jenen Unedlen verkehre ich nicht. Ich habe mich den Göttern und den ehrwürdigen Weisen angeschlossen. Ein besonderes Anliegen führte mich hierher, um dich zu sehen.« (44) »Die Gedanken solcher schönen Frauen sind schwer zu erkennen und gehen nicht immer rechte Wege; später wird es klar werden«, dachte er. Dann sagte er: »Du mit den armreifengeschmückten Armen, welches Anliegen hast du an mich? Sage es! Wenn es möglich ist, werde ich es erfüllen.«
(45) »Herr, Frauen aus edlem Geschlecht dürfen ihr eigenes Liebesverlangen nicht selbst aussprechen. Um mein verwirrtes Leben will ich nicht klagen; doch was soll ich tun? Ich habe niemanden. Beschütze mich vor der Gewalt dessen, den man Kama nennt!« (46) Ihre langen dunklen Augen mit roten Äderchen bewegten sich in vielerlei Richtungen, blickten vor und zurück und warfen wechselnde Glanzlichter. Als die Frau mit der geschmückten Brust so sprach, dachte Rama: »Sie besitzt keine Scham, ist oberflächlich und keineswegs gut.« (47) Der Großmütige schwieg. Die falsche Frau, in deren Haar die Bienen laut summten, erkannte seine Gedanken nicht. Zwischen Hoffnung und Furcht schwankte sie: »Hat er meine ausgesprochene Liebe gnädig aufgenommen, oder wird er sie ablehnen?« Dann begann sie erneut: (48) »Du mit der kaum zu malenden schönen Gestalt! Ich wusste nicht, dass du hierhergekommen bist. Indem ich die Aufträge allwissender Weiser sorgfältig erfüllte, vergingen mir wohl Stunden und Tage nutzlos, während meine makellose Weiblichkeit und Jugend ohne Frucht dahinschwanden.«
(49) »Diese verwerfliche Rakshasi besitzt keine feste Gerechtigkeit; wohl ist sie mit einer anderen Absicht gekommen«, dachte Rama. Dann sagte er: »Schöne, nach der alten Ordnung unserer Herkunft passt dies nicht: Du bist eine Brahmanentochter, ich entstamme dem Königsgeschlecht.« (50) »Mein Vater ist ein Kenner der Veden; meine Mutter aber, keusch wie Arundhati, stammt aus dem königlichen Geschlecht der Salakatankatas, die die Erde regierten. Held mit dem kriegsgeschmückten goldenen Speer! Wenn nur dies dein Grund wäre, die Verbindung abzulehnen, dann kann mein Leben noch gerettet werden.« (51) Während sie voller Verlangen so sprach, regte sich in Rama die Heiterkeit; ein weißer Spross seines Lächelns erschien auf der dunklen Wolke seiner Gestalt. »Junge Frau, die sehr Gelehrten erklären, eine Ehe zwischen Menschen und den von solcher Mühsal freien Rakshasas sei nicht angemessen«, sagte er. (52) »Es war töricht, mich ›Ravanas Schwester‹ zu nennen, ohne die Frucht meiner unermesslichen Hingabe und meines Glaubens zu bedenken«, dachte sie. »Du gleichst dem Makellosen auf dem Schlangenlager! Ich sagte dir schon: Durch Verehrung der Götter bin ich jener schändlichen Geburt entwachsen.«
(53) Der über die Erkenntnis der Veden Hinausragende sagte: »Einer deiner Brüder ist der oberste Herr der drei Welten, der andere Kubera. Geben sie dich mir, werde ich dich annehmen. Andernfalls suche allein einen anderen Ort auf, junge Frau; ich fürchte mich davor!« (54) »Es gibt die Gandharva-Ehe«, erwiderte sie, »eine von den Veden selbst bestimmte Verbindung für Männer und Frauen, deren Herzen sich in Liebe vereinigen. Du mit den erhabenen goldenen Schultern! Ist sie geschlossen, werden auch meine älteren königlichen Brüder sie begrüßen. Noch etwas möchte ich sagen.« (55) »Sie hegen seit Langem heftige Feindschaft gegen die Weisen und achten keine Ordnung. Du bist allein. Es gibt keinen besseren Weg, dich mit ihnen zu verbinden, als diesen. Sie werden dir auch den Himmel unterstellen, freundlich zu dir kommen und auf deine Befehle warten.« (56) »Ich gewinne also die Gunst der Rakshasas, deine Liebe und dazu die Möglichkeit, mit dir überall in unvergänglichem Reichtum zu wohnen! Nicht nur einen Gewinn! Wahrlich, die Askese seit meinem Abschied aus der herrlichen Stadt trägt nun ihre Frucht!« So sprach der starke Bogenträger und lachte, dass seine weißen Zähne glänzten.
(57) Da trat aus der duftenden Hütte zu ihm, der das Augenlicht der Wesen im Himmel, auf Erden und in den Naga-Reichen bis hinauf zu Brahma ist, die Königin unter den Frauen: Sita, wie eine Edelsteinranke auf Erden erschienen durch den Segen, den die Götter erlangt hatten. (58) Die törichte Rakshasi mit dem weiten, vom Verzehren verbrannten Fleisches trockenen Maul sah eine Flut himmlischen Lichtes hervorströmen. Sie erblickte das Feuer der ehelichen Reinheit, das aufgegangen war, um den Wald der kriegerischen Dämonen zu verbrennen, die Erde und Sternenhimmel erfüllten. (59) »Eine solche Frau mit duftendem Haar hätte er nicht in den Wald mitgenommen. Niemand sonst besitzt diese Gestalt. Ist Lakshmi aus ihrer Lotusblüte gestiegen und kommt nun hierher, sodass ihre beiden Füße die Erde berühren?« Verwirrt blieb sie stehen. (60) Lange betrachtete sie die Erscheinung. »Schönheit hat wahrlich keine Grenze; nur die Schöpfer haben begrenzte Kraft!« Dann dachte sie: »Meine Augen können sich nichts anderem zuwenden, mein Geist ebenso wenig. Wenn schon ich als Frau so empfinde – wie muss es erst anderen ergehen?«
(61) Sie blickte auf den kampfstarken Rama und auf die zarte Frau. »Weiteres zu bedenken bleibt nicht. Der Lotusgeborene selbst hat offenbar für beide Geschlechter in den drei Welten diese beiden als höchste Grenze körperlicher Schönheit geschaffen!« (62) »Dieser Herr mit dem unvergleichlich kostbaren, dunkelblütenfarbenen Leib kann nicht wirklich mit der Frau von blitzschlanker Taille verbunden sein. Auch sie, deren Füße junge Blätter und deren Schönheit ohnegleichen sind, muss wie ich eben erst gekommen sein. Ich werde sie entlarven!« (63) »Die da kommt, ist eine Meisterin der Täuschung, eine betrügerische Rakshasi! Ihr Herz kennen wir nicht. Edler, es wäre unklug, ihr zu vertrauen. Diese Gestalt ist nicht ihre wahre. Ich fürchte die Fleischfresserin. Held, halte sie fern, damit sie nicht herankommt!« (64) »Blitzgleiche, wie scharfsinnig du bist! Wer könnte sich noch vor dir verbergen? Deine klare Einsicht hat deine Gedanken offenbart. Nun, auch sie scheint eine mächtige, trügerische Rakshasi zu sein; sieh nur!« Der Held lachte, dass die weißen Perlen seines Lächelns sichtbar wurden.
(65) Als die aus Nektar hervorgegangene Sita, keusch wie Arundhati, mit süßen Worten und bambusgleichen Schultern zu Rama trat, fuhr Shurpanakha sie an: »Warum drängst du dich dazwischen, Dämonenmädchen?« Ihr trügerisches Herz loderte vor Zorn wie Feuer. (66) Die Schwanengleiche erschrak und eilte mit bebender, blitzschlanker Taille zu Rama, sodass ihre baumwollweichen Füße schmerzten. Zitternd umschlang sie die starken Schultern des elefantengleichen Helden wie eine Korallenranke, die inmitten einer Regenwolke leuchtet. (67) Der Held erkannte: Selbst ein Spiel mit den Krummzähnigen führt zu Unheil. »Tue nichts, was Angst hervorruft! Wenn mein jüngerer Bruder dein Wesen erkennt, wird er zornig werden. Junge Frau, geh rasch fort!«, sagte er. (68) Die schön erscheinende Rakshasi erwiderte: »Die liebevollen Herren, die in der Blüte, im Wasser und auf dem Berg wohnen, ebenso Kama und die übrigen Götter üben Askese, um mich zu gewinnen. Warum verachtest du mich und begehrst diese Betrügerin ohne Geduld im Herzen?«
(69) »Obwohl wir ihr erklären, dass wir keine Verbindung mit ihr haben, hört sie nicht auf mit ihren falschen Worten, diese Frau mit steinhartem Herzen!« So dachte der Reine. Wie eine Wolke mit ihrem Blitz ging er mit der goldgleichen Tochter des Königs von Mithila in die Hütte des blühenden Haines. (70) Als er hineingegangen war, hatte sie das Gefühl, alles sei entschwunden. Ihre Geduld zerbrach, ihr Leben schien zu zerfließen; sie stand zusammengesunken und fast ohne Atem. »Er ist nicht entgegenkommend, nimmt mich nicht in sein Herz und täuscht mich. Seine Liebe zu der Schwarzhaarigen ist stark«, sagte sie. (71) Sie blieb nicht stehen, sondern ging fort und überlegte, wie sie ihn erreichen könnte. »Wenn ich heute nicht seine Brust umfange, verliere ich mein Leben!« So betrat sie einen Hain goldfarbener Saralabäume mit einer Kristallplatte. Die Sonne zog nach Westen, und Abendröte breitete sich aus. (72) Als sie mit verwirrtem Geist ermattete, loderte das heftige Liebesfeuer weiter auf, als stiege dunkles Gift in ihr empor, das aus dem starken, hohlen Giftzahn einer herankriechenden Schlange geflossen war.
(73) Manmathas geschickt abgeschossene Pfeile drangen in sie ein wie Ramas scharfer Pfeil in die breite Brust der grausamen Tataka. Sie erschrak, und ihr Leben bebte in Qual. (74) Sie dachte daran, den Liebesgott mit seinem starken Bogen zu verschlingen und den vollen Mond als Beilage dazu zu nehmen. Doch der Wind vom Malaya-Berg bohrte sich wie ein langer Todesspeer in ihre Brust, und sie sank erschöpft zusammen. (75) Sie wollte mit ihren Händen ganze Gebirge aufschütten, damit das aufwühlende Meer verstummte. Doch der ausgedehnte Glanz des hohen Mondes griff sie an; ihre Kraft wich, und sie wurde von Verwirrung überwältigt. (76) »Ich werde alle Haine dieser Erde zerbrechen und sämtliche Blüten zu Staub machen!«, glühte sie vor Zorn. Aber schon der Ruf des rotköpfigen Anril-Vogels bei seinem Gefährten nahm ihr die Kraft und ließ sie zittern.
(77) »Ich werde hinlaufen und die Schlange holen, damit sie diesen unerreichbaren Mond verschlingt!«, dachte sie siedend. Doch als der kühle Wind ihre vollen, weichen Brüste berührte, brannte ihr kostbares Leben, und sie wand sich in Qual. (78) Mit den Händen schöpfte sie wohltuenden kalten Tau und strich ihn auf ihre leuchtenden jungen Brüste. Er war dort wie Butter auf einer glühenden Felsplatte, die mitten im dichten Feuer verbrannt und gesprungen ist. (79) Sie fürchtete das Feuer, das ihren Leib und ihr Leben versengte; selbst das Wasser, in dem sie badete, schien aufzukochen. »Wo könnte ich mich vor dem schreienden Meer und dem grausamen körperlosen Liebesgott verbergen?«, überlegte sie. (80) Erschien eine dunkle Regenwolke oder sah sie eine große Edelsteinsäule, faltete sie die Hände, an Rama denkend. Ihr Leib war so heiß, dass selbst der feuchte, lange Mondstein unter ihr zu brennen schien.
(81) Damit der schöne große Mond, der kalte Wind und Kama sie nicht entdecken konnten, suchte sie Schutz in einer sicheren Berghöhle, in der eine zornige Schlange mit furchterregenden, glänzenden Giftzähnen lebte. (82) Dort aber wuchs das Feuer noch stärker. Ihre Brüste brannten dreimal heftiger als zuvor. Ohne zu wissen, was sie tun sollte, wälzte sie sich auf jungen, langen, goldfarbenen Blättern. (83) Die Gestalt des Helden erschien ihr. Als sähe sie seinen wolkendunklen Leib wirklich, wurde sie schwach, schämte sich und fuhr erschrocken zusammen. Verschwand das Bild, fiel sie wieder in ihre schwere Krankheit zurück. (84) »Mein Herr!«, rief sie und drückte eine dunkle Wolke an ihre Brust. Als diese, gleichsam verbrannt, auseinanderwich, klagte sie. Gab es überhaupt ein Ende für die Verblendung dieser Frau?
(85) Man mag sagen: Obwohl sie wie vom vernichtenden Feuer des Weltendes erfasst war, starb die Unglückliche nicht. Das Heilmittel war ihre Hoffnung, den Diskusträger doch noch zu erreichen und danach weiterleben zu können. (86) »Tritt in mein Herz, das trügerische Maya nährt, und lösche meinen brennenden Durst!«, rief sie. »Dunkler Berg, schenke mir Gnade!« Sie zitterte, als hätte sie Gift geleckt. (87) »Seine Gemahlin mit den beiden Augen, die Lilien oder Fischen gleichen, ist schön wie die Glücksgöttin. Wird er dennoch auch mich Sünderin ansehen?« Selbst als ihr Leben ermattete, kannte ihr Verlangen keine Ermüdung. (88) »Die Frau von erhabener Keuschheit ist wohl die Tochter jener Guten, die auf seiner blumengleichen Brust herrscht«, sagte sie. Kann die quälende Liebe einen Leib überhaupt berühren, wenn der Betroffene sie nicht selbst zulässt?
(89) Während ihre tiefe Leidenschaft so wuchs, ging die Sonne auf, als wäre Raghava erschienen, um die dichte Finsternis der Dämonen zu vertreiben, die alle drei Welten bedeckte. (90) Beim Morgengrauen erkannte die Grausame, dass sie noch lebte. »Solange jene Unvergleichliche neben ihm bleibt, wird er mich nicht ansehen. Ich werde rasch hinlaufen, sie entführen und verbergen und dann in ihrer geliebten Gestalt mit ihm leben. Das ist der kluge Weg!« (91) Sie kam und sah, dass Rama an einem klaren Teich saß und sein Morgengebet vollzog. Seinen Bruder, der im benachbarten dunklen, duftenden Hain die Frau mit der mondgleichen Stirn bewachte, bemerkte sie nicht. (92) »Sie ist allein! Mein Plan gelingt. Es gibt keinen Grund mehr, zu zögern und weiter nachzudenken.« Ohne zu überlegen, stürzte sie mit ihrem entschlossenen, grausamen Herzen auf Sita zu. Doch der Wächter im reichen Fruchthain sah sie.
(93) »Halt, du!«, rief Lakshmana und eilte herbei. Weil sie eine Frau war, griff er nicht zum Bogen. Mit seiner rötlichen Hand packte und drehte er ihr spärliches, wild wie Feuer ausgebreitetes Haar, riss sie zurück, trat nach ihr und zog sein glänzendes Schwert. (94) Als sie zornig aufsprang, um ihn hochzureißen und in den Himmel zu tragen, stieß er sie mühelos zurück. »Tue nichts Böses!«, sagte er. Dann schnitt er ihr Nase, Ohren und die Spitzen ihrer großen Brüste ab. Erst als sein Zorn verflog, ließ er ihr gedrehtes Haar los. (95) In diesem Augenblick öffnete sie den Mund und stieß ein Geschrei aus, das alle Himmelsrichtungen durchdrang und selbst in die Ohren der Götter drang. Was lässt sich über das Geschehene sagen? Das Blut aus der Nasenöffnung durchtränkte die Erde, als ließe es die Welt zerfließen. (96) Wie die tödliche, hellstrahlende Klinge ihre Brüste verstümmelte und die hohe Nase entfernte, glich dem Abschlagen von Bergen. Es schien bereits der Tag bestimmt zu werden, an dem Ravanas edelsteingekrönte Köpfe abgeschlagen würden.
(97) Die Rakshasi stampfte schreiend auf die Erde, dass sie bebte, und richtete sich auf wie eine dunkle Wolke, die Blut regnen lässt: ein Vorzeichen des Untergangs für Khara mit dem leuchtenden Todesspeer und die anderen im zornigen Kampf unbesiegten Dämonen. (98) Sie sprang in die Höhe, fiel zur Erde, wand sich am Boden, ermattete und rang die Hände. Ihr Leben schwand; sie bewegte sich wieder und stammelte: »Welches Unheil habe ich durch meine Geburt als Frau erlitten!« Dabei stammte sie aus einem alten Geschlecht, dem selbst das Leid bisher furchtsam ferngeblieben war. (98 [zweites Vorkommen der Nummer in der Vorlage; Position 2927]) Sie presste die Nase zusammen und atmete wie das Feuer eines Schmelzofens. Sie schlug die Hände auf die Erde, griff nach ihren beiden großen Brüsten und starrte darauf; ihr Leib schwitzte. Auf ihren mächtigen Beinen lief sie im Kreis und brach blutüberströmt zusammen. (100) Sie irrte in einer schlammigen Blutflut umher, die wie ein wasserreicher Fall aus ihr strömte. Unerträglich war ihr Schmerz. Sie rief die Namen ihrer Angehörigen, vor denen die Götter flohen und selbst der Tod erschrak, und schrie immer neue Klagen hinaus.
(101) »Während du fest auf dieser weiten Erde herrschst, ziehen Asketen mit erhobenen Bogen umher! Ist das nicht eine Schmach? Wirst du nicht bewirken, dass selbst die Götter den Kopf nicht mehr heben und dir ins Gesicht sehen? Einziger Berg, der du den Berg des feueräugigen Shiva hobst, komm und sieh!« (102) »›Solange der Tiger in der Nähe ist, wird sein Junges nicht geraubt‹, sagt die meerumgebene Welt. Ist dieses Wort falsch? Du bist stärker als die drei, die selbst im Weltuntergang nicht schwanken, stärker als Götter und Dämonen. Kommst du nicht, um meine Schmerzen zu sehen?« (103) »Indra trieb unter Kampfgeschrei den König der Elefanten an und kam mit dem dichten Heer der Götter. Du kämpftest gegen ihn, besiegtest ihn und sahst seinen Rücken, als er schweißbedeckt um sein Leben floh. Willst du nicht kommen und meine Schmach sehen?« (104) »Wind, Wasser, Feuer, den grausamen Tod, Himmel und Planeten kannst du zu deinen Diensten zwingen. Du empfingst das Schwert aus Shivas mächtiger Hand. Hast du nun deine Kraft aufgegeben, weil du zwei Menschen hier nicht gewachsen bist?«
(105) »Auch wenn sie dem Liebesgott an Gestalt gleichen, sind diese Menschen nicht einmal dem Staub unter deiner Sandale ebenbürtig. Zürnst du ihnen nicht, Mächtiger, der du die Schultern recktest, sodass Berge zerbrachen und die Stoßzähne der brünstigen Richtungselefanten splitterten, während an ihren Füßen Feuerstaub aufstob?« (106) »Ist Ravana und seinen Brüdern die Macht abhandengekommen, mit der sie selbst die Götter mit honigsüßen Girlanden bedrängten? Hat diese Kraft sich etwa bei den fleischleibigen Menschen versteckt, die unserem Geschlecht als Nahrung dienen?« (107) »Liegt es an der Stärke der Asketen, die sich in dichten Wäldern verbergen, oder an der Ermattung der mächtigen Rakshasas? Khara, deine Gegner fragen sich, ob sie Shiva, Brahma oder Vishnu gegenüberstehen! Siehst du nicht, wie hilflos ich geworden bin?« (108) »Inmitten deiner Versammlung sitzt du unter dem einzigartigen mondgleichen Schirm; Indra, Brahma und die übrigen Götter erwarten deine Befehle, schöne Frauen singen Segenslieder, und die sieben Welten verneigen sich. Könnte ich dort ohne Scham mein Gesicht zeigen?«
(109) »Der Mensch, der mich trat, zu Boden warf und mir die Nase abschnitt, sitzt da und betrachtet seine starken Schultern. Soll ich hier sitzen und klagen? Ist dies nicht der Wald, in dem Khara herrscht? Muss ich all das ertragen? Bruder, der du Shivas Berg hobst! Mein Bruder!« (110) »Ich Schamlose verlor aus Verlangen die Nase. Befleckt die Schande, die ich erlitten habe, nicht auch deinen Ruhm? Ravana, Ravana, dessen Schultern voller Ruhm sind, weil du im Kampf die Richtungselefanten erschüttertest und ihre Stoßzähne brachst!« (111) »Zwei Männer haben mir mitten im Wald Nase und Ohren abgeschnitten. Soll ich Sünderin hier in Erniedrigung sterben? Mein Neffe, mein Neffe, der du die Danavas von Grund auf vernichtet, den hundertopfernden Indra gefesselt und die Himmelsbewohner zu Dienern gemacht hast!« (112) »Als einst die sieben Welten zugleich zornig gegen dich antraten, hast du sie mit einem einzigen Bogen und unbeugsamem Zorn in alle Richtungen zerschmettert und Indra an beiden Füßen gefesselt ins schwere Gefängnis gebracht. Neffe, kommst du nicht, die Kraft dieser Menschen zu sehen?«
(113) »Khara, Dushana und ihr anderen aus dem Geschlecht der Rakshasas, mit starken Waffenhänden, die Felsen spalten, und schönem, leuchtendem Juwelenschmuck! Schlaft ihr auf Erden alle wie Kumbhakarna mit seinen tödlichen Waffen? Hört ihr mein Rufen nicht?« (114) Während die kampflustige Rakshasi so vieles rief, weinte und sich auf der goldreichen Erde wälzte, vollendete Rama am Fluss seine vorgeschriebenen asketischen Pflichten. Dann kam er herbei, ein Smaragdberg mit langen Schultern und festem Bogen in starker Hand. (115) Sie sah ihm ins Gesicht, schlug sich auf den Bauch und machte mit strömenden Tränen und roten Blutbächen den Boden schlammig. »Ach, Herr, sieh, was ich erlitten habe, weil ich den schweren Fehler beging, deinen heiligen Leib zu lieben!« So rief sie und fiel vor ihm nieder. (116) Rama erkannte in seinem unvergleichlichen Geist, dass die Frau mit dem zerzausten Haar irgendeine schlimme Tat versucht haben musste. Auch wusste er, dass sein Bruder ihr deshalb die langen Ohren und die Nase abgeschnitten hatte. Dennoch fragte er: »Frau, wer bist du?«
(117) Die Rakshasi antwortete: »Erkennst du mich nicht? Ich bin die Schwester Ravanas mit dem furchtbaren blattförmigen Speer. Sein Zorn duldet in keiner Welt ein feindliches Wort; alle Welten, angefangen beim Himmel, gehören ihm!« (118) »Warum seid ihr in diese weite Gegend gekommen, in der wir Askese üben, fern von den Wohnstätten eures Rakshasa-Geschlechtes?«, fragte er. »Du großes Heilmittel gegen meine schwere Liebeskrankheit, die wie das Feuer glühenden Eisens brennt! War ich nicht schon gestern hier?«, entgegnete sie. (119) »Bist du diejenige, die gestern mit langen dunklen Augen wie rote Fische daherkam, sodass man sie für die Göttin im honigreichen Lotus halten konnte?« – »König mit den schönen Augen! Wenn man Brüste, ohrgeschmückte Ohren und die lange Nase verstümmelt, verliert dann ein Mensch nicht seine Schönheit?« (120) Mit leisem Lächeln blickte Rama seinem starken jüngeren Bruder ins Gesicht. »Held, welchen vorsätzlich begangenen Fehler hat sie gemacht, dass du so rasch ihre langen Ohren und ihre Nase abschnittst?« Der tapfere Bruder verneigte sich vor seinen Füßen und antwortete:
(121) »Wollte sie die Herrin mit ihren scharfen Zähnen fressen? Oder lauert draußen eine Schar von Übeltätern? Ihre Absicht kenne ich nicht. Mit feuerspeienden Augen stürzte die Böse auf die Gute zu und griff sie heftig an.« (122) Noch ehe der große Bogenträger weiterreden konnte, fiel die Rakshasi ihm ins Wort: »Herr des wasserreichen Landes, in dem selbst die trächtige Krabbe zornig das Uferwasser aufwühlt, wenn eine Muschelfrau neben ihrem Gatten sitzt! Brennt das Herz nicht, wenn es eine Nebenbuhlerin erblickt?« (123) »Wir sind gekommen, um das ganze große Geschlecht der mächtigen, feige kämpfenden Rakshasas zu vernichten. Rede heute keine weiteren bösen Worte, sodass du dadurch zugrunde gehst! Lauf fort und verlasse diesen Wald!« So sprach der über alle Worte erhabene Rama. Sie erwiderte: (124) »Wenn die unzähligen Götter, angefangen bei Brahma, der weder graues Haar noch Falten kennt, Ravana als tributpflichtige Untertanen dienen, ist eure Hast nicht gut. Ich habe euch einen anderen Rat zu geben, wenn ihr Einsicht in euer eigenes Wohl besitzt.«
(125) »Dem, der meldet: ›Deiner Schwester wurde die schwer wiederherzustellende Nase abgeschnitten‹, wird der Zehnköpfige die Zunge abschneiden. Unhöflich habt ihr meine Nase abgeschnitten und damit die Wurzel eures eigenen Geschlechtes. Nun gibt es kaum noch einen Ausweg. All eure Schönheit habt ihr ins Gras geworfen!« (126) »Wer unter den Wächtern des Himmels, der Erde und der großen Naga-Welt könnte eure Leiber schützen, wenn er zuerst seinen eigenen Kopf retten muss? Wenn ihr mein Leben bewahrt, werde ich euch bewahren. Sonst aber gibt es noch Ravana!« (127) »Frauen von fester, behüteter Keuschheit preisen ihre eigene Größe nicht. Nur aus übergroßer Liebe spreche ich! Wollt ihr dem jüngeren Bruder nicht sagen: ›Sie ist die ehrwürdige Schwester dessen, der stärker als die Götter ist, und selbst stärker als alle hier‹?« (128) »In großen Schlachten werde ich euren Rücken decken und euch durch den Himmel tragen. Ich kann euch viele reine, wohlschmeckende Früchte bringen. Warum hasst ihr jemanden, der euch beschützen will? Alles, was ihr wünscht, werde ich beschaffen. Welchen Nutzen hat dagegen diese blumenweiche Frau? Sagt es!«
(129) »Nennt mir, wenn ihr könnt, unter den geschmückten Frauen der Erde oder des Himmels eine, die mir an Herkunft, Güte, der Kraft zur Erfüllung aller Wünsche, Verstand, Gestalt und weiblichem Anstand gleichkäme!« (130) »Ihr habt meine Nase entfernt. Was macht es? Wenn euch ihr Fehlen stört, erschaffe ich sie in einem Augenblick neu und werde wieder schön. Wenn ich das Glück eurer liebevollen Gnade erlange, entsteht dadurch denn ein Mangel an meiner Weiblichkeit? Ist eine allzu lange Nase bei einer Frau nicht ohnehin überflüssig?« (131) »Sind diejenigen, die mich nicht begehren, obwohl ich sie begehre, nicht meine Feinde? Durch die entstandene Liebe gehört mein Leben doch euch. Ist Schönheit, die jeder Betrachter begehrt, nicht ein Gift? Wenn ich eine Gestalt annähme, die allein mein Gatte schätzt, würdet ihr mich dann nicht annehmen?« (132) »Du erscheinst, als seien Shiva, der lotusgeborene Brahma, Vishnu und der Herr des tödlichen Donnerkeils zu einer Gestalt vereinigt! Ist auch jener, der allen Welten mit einem einzigen Blumenpfeil das Leben nimmt, dein jüngerer Bruder? Er ist ebenso erbarmungslos wie dieser hier!«
(133) »Ihr mit den goldenen Heldenringen! Welchen anderen Grund hättet ihr, mir die Nase bis auf die Öffnung abzuschneiden, als diesen: ›Mit diesem Aussehen wird sie bei uns bleiben, nicht fortgehen und von keinem anderen mehr angesehen werden‹? Ihr habt also keinen Fehler gemacht. Gerade weil ich das durchschaue, hat sich meine Liebe verdoppelt. Bin ich etwa unverständig?« (134) »Erfahren die speertragenden Rakshasas mit ihrem unstillbaren Zorn davon, wird diese Schmach ihretwegen die ganze Welt vernichten – und ihr wäret der Anlass. Menschen edler Herkunft bedenken den Dharma und lassen eine solche Zerstörung nicht zu. Erkennt dies, tilgt die Schande und lebt glücklich mit mir!« So bat sie ehrfürchtig. (135) Rama sagte: »Schuldige Rakshasi! Der Pfeil, der Tataka, die Mutter deiner Mutter und Urheberin nie gekannten Leides, das Leben nahm, ist noch vorhanden. Ich bin in asketischer Gestalt erschienen, um das kampflustige Rakshasa-Geschlecht mit seinen dichten Blumengirlanden auszurotten. Fort mit dir, du von niedrigem Wandel!« (136) »Wir sind Söhne Dasharathas, dessen einzigartiges Herrscherrad die Erde beschützte. Dem Wort unserer Mutter folgend, kamen wir in den duftenden Wald. Auf Bitten der Vedengelehrten und großen Asketen werden wir das Dämonengeschlecht mit seinem uferlosen Heeresmeer vernichten und dann in unsere alte, fest umgrenzte, palastreiche Hauptstadt zurückkehren. Merke dir dies genau!«
(137) »Denke nicht: ›Selbst die großen Götter wichen vor den gesetzlosen Rakshasas zurück; hier sind nur zwei Menschen!‹ Wenn du kannst, bring die wilden speertragenden Dämonen, mächtigen Yakshas und alle anderen, die du für stark hältst. Wir werden sie vor deinen Augen erschlagen!« (138) Die Rakshasi sagte: »Ihr könnt sie töten, jede gewünschte Zauberkunst erlangen, vollständig siegen und alle ihre Taten überwinden. Wenn du mich nur ansiehst, ohne zu denken: ›Sie hat einen weiten Mund, in dem ohne Oberlippe alle Zähne sichtbar sind‹ – dann höre mich, Herr des wasserreichen, üppig Reis spendenden Landes!« (139) »Auch wenn ihr die Frau mit den bambusgleichen Armen nicht verlassen wollt, wäre ich denn überflüssig? Wenn ihr gegen die trügerischen, unheilvollen Rakshasas kämpfen wollt, werde ich ihre mannigfaltigen Zauberkünste erkennen und abwehren. Bedenkt ihr nicht das Sprichwort: ›Die Schlange kennt die Füße der Schlange‹?« (140) »Wenn du sagst, eine Frau habe dein Herz schon ganz gewonnen: Bei dem Kampf, den ihr gegen die Rakshasas plant, wäre es doch kein Nachteil, wenn wir drei uns verbänden. Gib mich dem jungen Prinzen, der dies noch nicht versteht! Auch ich bin die jüngere Schwester dessen, der Sonne und Mond gefangen setzte.«
(141) »Wenn wir in die große, prächtige Stadt heimkehren, nehme ich jede gewünschte schöne Gestalt an. Sollte dein Bruder sagen: ›Wie könnte ich mit dieser Frau leben, deren Nase ich im Streit abgeschnitten habe?‹, dann antworte ihm, Herr: ›Hast du nicht selbst lange mit einer Frau zusammengelebt, die überhaupt keine Taille besitzt?‹« (142) Da blickte Lakshmana nach seinem glänzenden Speer: »Wenn wir sie jetzt nicht töten, wird sie uns noch lange bedrängen. Was befiehlst du, König?« Rama sagte: »Das wäre wohl richtig. Wenn sie nicht geht, soll es so geschehen.« Die Rakshasi dachte: »Sie haben keinerlei Mitleid mit mir. Bleibe ich, verliere ich mein Leben!« (143) »Meint ihr, ich könnte nach dem Verlust meiner langen Nase, beider Ohren und Brüste weiterleben? Dies war nur eine List, um eure wirkliche Beschaffenheit zu erkennen. Jetzt hole ich Khara, grausamer und heftiger als Wind und Feuer – euren Todesgott!« Zornig zog sie davon.
3.6 – Textabschnitt
(1) Blutüberströmt, mit wirrem Haar und höhlenartig offenen Mund- und Nasenwunden, fiel sie zu den Füßen des mächtigen Khara nieder wie eine dunkle Wolke, die sich über die Abendröte breitet. (2) Ihr Wehklagen dröhnte wie eine Trommel, die auf Befehl des Todes verkündet: »Dies ist der Tag des Untergangs!« Sie wälzte sich wie eine Schlange, die der feurige Blitz einer donnernden Wolke getroffen hat. (3) Kharas Augen sahen das Blut ihrer Nase. Noch vor seinen Worten stieg der Rauch des Zornes aus seinem Mund. »Wer waren die Furchtlosen, die dich so zugerichtet haben und fortgegangen sind?«, fragte er. (4) »Zwei Menschen, Asketen mit schönen Bogen und Schwertern in den Händen, von der Gestalt des Liebesgottes, dem Dharma zugetan, geliebte Söhne Dasharathas. Sie suchen Rakshasas, die ihnen im Kampf entgegentreten.«
(5) »Deine Macht beachten sie überhaupt nicht. Sie wollen den hohen Dharma prüfen und fest begründen. Ihr fester Entschluss lautet: ›Wir werden die Rakshasas mit den siegreichen Speeren töten und ihre Wurzel vernichten.‹« (6) »Bei ihnen ist eine junge Frau von solcher Erscheinung, dass ich sie nach ihrem Anblick kaum beschreiben kann. Weder auf Erden noch im Himmel noch anderswo findet sich, wenn man alles bedenkt, jemand, der ihrer weiblichen Schönheit gleichkäme.« (7) »Ich sah die kaum anzuschauende Schöne und sagte: ›Ich werde sie dem König von Lanka bringen.‹ Als ich daraufhin nach ihr griff, wurden die beiden zornig und schnitten mir die Nase ab«, berichtete sie. (8) Er hörte ihre Worte und betrachtete die Nase, die wie eine ausgehöhlte Palmfrucht aussah. »Zeig sie mir!«, rief er und stand auf; sein Blick brannte denen entgegen, die ihn sahen, und ließ die Welt erzittern.
(9) Er stand da, vor Zorn so glühend, als würde sein ausgeschüttetes Feuer die sieben Welten verbrennen. »Wird diese unerträgliche Schmach etwa schon getilgt sein, sobald man sagt: ›Die Menschen sind tot‹?«, rief er. (10) Kaum befahl er: »Bringt meinen Wagen!«, da traten die Vierzehn neben ihm vor, jeder mit zwei Armen einem großen Berg gleich und stark genug, die Welt mit einer Hand zu tragen. »Übertrage uns diesen Auftrag!«, baten sie. (11) Ihre Hände führten Dreizack, Schwert, Axt, Wurfspeer, Diskus, Todesschlinge und Keule. Ihr Geschrei erschreckte die meerumgebene Welt; ihre Leiber schienen aus verdichtetem Urgift zu bestehen. (12) Zornig wie loderndes Feuer hielten sie ihn zurück. »Herr, wozu dient sonst unser Dienst an dir? Ziehst du heute etwa zornig gegen die Himmelsbewohner? Wenn du selbst gegen Erdenmenschen gehst, welchen Platz haben wir dann noch hier?«
(13) »Ihr habt recht gesprochen. Zöge ich gegen diese Knaben in den Kampf, würden die Götter lachen. Tötet sie, trinkt ihr Blut, bezwingt ihren Vorsatz und kehrt mit der Frau zurück!«, befahl Khara. (14) Freudig verneigten sie sich. Die schamlose Frau schritt vor ihnen her wie eine Botin des Todes; sie folgten ihr und erreichten den Aufenthaltsort der geliebten Königssöhne. (15) Mit der Hand zeigte sie den mächtigen, kampflärmenden Rakshasas den Lotusäugigen, der in Gedanken bei den reinen Füßen des Diskusträgers mit den tausend makellosen, uralten Namen weilte. (16) »Wir packen ihn, heben ihn hoch und zerschmettern ihn!«, riefen einige. »Wir fangen ihn mit der langen Schlinge!«, andere. »Wir erfüllen den Befehl unseres Herrn!« So umringten sie ihn wie ein Kreis von Bergen.
(17) Rama, dessen Wahrhaftigkeit gerühmt wird, sagte zu seinem jüngeren Bruder: »Beschütze die Herrin!« Mit seiner unvergleichlichen großen Hand, die einer Blüte des Wunschbaums glich, nahm er den mit der Sehne versehenen bergmächtigen Bogen. (18) Er legte Schwert und pfeilgefüllten Köcher an und verließ die Hütte. »Kommt hierher, ihr da!«, rief der Lotusäugige mit den breiten Schultern und stellte sich auf die Höhe des Berges. (19) Mit seinen treffenden Pfeilen streckte er ihre Äxte, Schwerter und glänzenden Dreizackspitzen zu Boden, zugleich mit sämtlichen achtundzwanzig langen, keulengleichen Armen jener Dämonen, deren Erscheinung dem Feuer des Weltendes glich. (20) Als ihre Arme mit den langen Schwertern wie Bäume fielen, drängten sie noch mit ihren kräftigen Leibern vor. Doch die Pfeile des Helden durchbohrten sie; ihre Köpfe flogen davon. Und die böse Frau floh.
(21) Sie berichtete Khara mit dem glänzenden Speer, was geschehen war. Sie glich einer Elefantenkuh, die den Rüssel über den Kopf hebt und brüllend flieht, nachdem ein zornig donnernder Löwe alle Elefanten erschlagen hat. (22) »Dort sind die Rakshasas sämtlich umgekommen!« Als er das hörte, geriet der grausame Khara, den selbst der stierreitende Shankara nur schwer aufhalten könnte, in solchen Zorn, dass Blut aus seinen Augen hervorquoll. (23) »Holt meinen Wagen! Rüstet mir das starke Kampfheer! Ihr Diener, lauft und schlagt auf dem Berg unverzüglich die großen Trommeln, donnernd wie Regenwolken!« Sein Brüllen erschreckte selbst die Löwen in ihren Höhlen. (24) Sobald die Trommeln erklangen, versammelte sich das Wagenheer wie zahllose heranziehende Regenwolken. Die Stadt der Götter und das Reich der Nagas gerieten in Unruhe.
(25) Das riesige Heer erhob sich unter dröhnendem Geschrei; seine langen, breiten Schultern glichen Wasserwogen. Es war wie der dunkle, brausende Ozean am Weltende, den ein gewaltiger Sturm aufwühlt. (26) Die hohen Fahnen standen überall so dicht wie ein Wald, der den Himmel verbirgt. Sie schwangen wie tanzende Dämonen, die sich freuten: »Unser Hunger wird nun verschwinden!« (27) Die Krieger glichen unbändigen brünstigen Elefanten mit langen Rüsseln, die ihre Pfosten losgerissen haben. In ihrem dichten Gedränge rieben Schwerter an Schwertern; die Funken ließen überall im Wald heftiges Feuer auflodern. (28) Der Schlag der beidseitigen Trommeln mischte sich mit dem Rollen der Wagenräder. Das Heer erschien wie zusammengeballte Dunkelheit, die sich zornig gegen die Sonne, jene Verkörperung der Gnade, versammelt hatte.
(29) Die Erde, welche die große Schlange auf ihrem Haupt trägt, konnte nicht stillhalten und krümmte ihren Rücken. Es war, als hätten sich sämtliche hohen Berge aller beständigen sieben Welten an einer einzigen Stelle vereinigt. (30) Waren es Tigerhorden, Wolkenmassen, Scharen brüllender Elefanten oder aufragende Berge? Nein, vielmehr schienen es ganze Löwenheere: viele Zehntausende von Kriegern mit Waffen in den Händen. (31) Vor ihre Wagen waren Yalis, Löwen, mächtige Tiere, Tiger, Hunde, Schakale, Gespenster und Pferde gespannt. (32) Andere Wagen zogen Stiere, Eber, Windwesen und Esel sowie Geier, die im Augenblick ihres Erscheinens schon die Welt umkreisen konnten. Muschelhörner erschallten.
(33) Wagen drängten sich, kleinäugige, rotgesichtige Elefanten standen wie dunkle Wolken dicht beisammen; die Vortruppen eilten schnell wie Wind. Das viergliedrige Heer, einer unaufhaltsamen Schar von Todesgöttern gleich, setzte sich wie ein Meer in Bewegung. (34) Dicht standen ihre Äxte, scharfen Speere, diamantfesten Schwerter, Eisenstangen, Wurfspeere und Lanzen, ihre Steine, Musundi-Keulen, Stäbe, Dreizacke, Stampfkeulen und Todesschlingen. (35) Dazu kamen Stoßspeere, Donnerkeile, Schlagstöcke, schwere Eisenwaffen, zahllose Bogen und Pfeile, Wurfscheiben, grausame Wurfringe, glänzende Muschelhörner, Fesselwaffen, Kappana-Waffen und Fangschlingen. (36) Diese und weitere Waffen drängten sich, so strahlend, dass Sonne und Feuer sich vor ihnen fürchteten. Sie hatten Blut vergossen, den Göttern Schmerzen bereitet und waren mit Siegesruhm geschmückt.
(37) Die Heerführer der Rakshasas waren vierzehn. Jeder besaß die Kraft von tausendmal tausend Elefanten, einen Mund, der die weite Welt verschlingen könnte, und Augen, aus denen Feuer brannte. (38) Wer die Größe des zusammenströmenden Heeres berechnete, sagte: Eine seiner Abteilungen umfasste tausendmal tausend und sechstausend Kämpfer; vierzehn solcher Abteilungen waren aufgeboten. (39) Sie waren stark, mit donnernden Stimmen, führten Wurfwaffen und besaßen die Segen des Lotusgeborenen. Auf ihren berggleichen Häuptern ruhten Wolken und erhoben sich wieder. Stolz und Hochmut erfüllten ihre Herzen. (40) Ihre Leiber ragten empor, als wollten sie den Himmel ausmessen; ihre Brustbreite entzog sich dem Blick. Mit ihren Füßen konnten sie die Erde durchmessen. Sie hatten unzählige Schlachten im Himmel siegreich bestanden.
(41) An ihren festen Schultern waren die großen Waffen Indras und der anderen zerbrochen und abgeprallt. Selbst der Todesgott verehrte ihre Füße und gehorchte. Ihre Körper schienen aus glühendem Feuer geschaffen. (42) Sie trugen Dreizacke und Schlingen, dichte Massen roten Haares, wilde Augen und Hauer. Ihre Farbe ließ selbst das Urgift hell erscheinen. Ihre Kraft und Gestalt ließen den Todesgott zweifeln, ob vor ihm nicht sein eigener Tod stehe. (43) Heldenringe und Girlanden trugen sie, Brustpanzer und leuchtenden Schmuck. Die Stirnen waren gerunzelt, das Haar flammte. Begeistert vom Verlangen nach Kampf erhoben sie sich und schlossen sich einmütig zusammen. (44) Schon ihr unfreundlicher Blick konnte Indra auf seinem brünstigen Elefanten mit ungebrochenen Stoßzähnen in die Flucht schlagen. Die Welt ertrug ihre Gestalt nicht und erbebte. Ihre fleischfressenden Körper und gipfelhohen Schultern juckten, weil sie keinen ebenbürtigen Kampf fanden.
(45) Manche besaßen furchterregende, feurige Gesichter von Elefanten, Pferden, Gespenstern, Affen, Löwen, zornigen Bären, Hunden, Tigern oder Yalis. Ihre Augen schienen das gesamte Gift des tosenden Meeres zu enthalten. (46) Unzählige hatten acht oder sieben Arme, sieben oder acht Gesichter mit feuerspeienden Augen und ebenso viele Beine. Mit mächtigen Händen fingen sie Lebewesen ein, schaufelten sie in den Mund und freuten sich am Fressen. (47) Sie trugen Dinge, die sie den Yakshas entrissen hatten, die Asuras hatten zurücklassen müssen, die sie verwirrten Göttern mit Gewalt abgenommen, fliehenden Gandharvas geraubt und freundlichen Siddhas unter Qualen weggenommen hatten. (48) Fahnen, Laubgehänge, Schirme, hohe Girlanden, Banner mit Elefantenbildern und darüber aufgespannte Baldachine aller Arten füllten lückenlos den Raum. Weil sie sich so dicht über allem ausbreiteten, verlor die ganze Welt ihr Sonnenlicht.
(49) Die zweimal sieben Heerführer hatten Siege in sämtlichen vierzehn Welten errungen. Mit ihren Heeren, Äxten, Schwertern und glänzenden Dreizacken standen sie da, zornig wie Tiger und Löwen. (50) Bogen und Schwerter trugen sie, pressten die Zähne auf die Lippen und besaßen die Kraft, den Meru auszureißen. Sie füllten alle Richtungen, fuhren auf Pferdewagen und waren entschlossen, jedes ausgesprochene Wort wahrzumachen. (51) Dushana, der Held Trishiras und viele andere umringten Khara. Sie waren kundig im Kampf, führten lebensraubende Speere und Heere, deren Trommeln unter den Schlagstöcken laut donnerten. (52) Inmitten des ausgedehnten, dicht mit Wurfwaffen besetzten Heeres erschien er auf seinem feststehenden Wagen mit hochragenden Schultern wie der himmelhohe Meru, den der brausende Ozean umschließt. Alle, die ihn sahen, erschraken.
(53) Unter den Füßen brünstiger Elefanten, Pferde und Rakshasas sowie den Rädern goldgeschmückter Wagen stieg Staub bis zum Himmel. Er färbte die grünen Rosse und den reingoldenen Wagen des Sonnengottes weiß. (54) Wälder wurden zu Staub, die himmelhohen Massen der Berge zerfielen, Meere wurden vom aufgewirbelten Staub zugeschüttet. Was lässt sich noch darüber sagen, wie dieses lange, zornerfüllte Heeresmeer dahinzog? (55) Weil Erde und Luftraum zu eng wurden, sprangen sie von Berggipfel zu Berggipfel, als wanderten Gebirge über andere Gebirge hinweg. Ihre Herzen kochten vor Mordlust wie Gift. (56) So erreichte die Heeresflut den Großmütigen, die Rakshasi an der Spitze. Sie glich jener Krankheit, die sogar Menschen begleitet, welche ihre Bindungen gelöst und das Netz täuschenden Karmas überwunden haben, und die schließlich das Leben dem Tod übergibt.
(57) Der Klang ihrer Instrumente erschreckte die Wolkenscharen; vor dem Dröhnen der langen Bogen gerieten selbst die Donner in Verwirrung. Das Meer bebte vor ihrem Geschrei. So drang das Rakshasa-Heer zum Aufenthaltsort der Helden im kampfbedrohten Wald vor. (58) Vögel und Tiere kamen mit trockenen Mündern, erschöpften Körpern und angstvollen Augen, ohne auf ihrem Weg Ruhe zu finden und schwer keuchend. Es war, als liefen sie als Kundschafter voraus, um die Ankunft des bösen Heeres deutlich zu melden. (59) Staubwolken kamen näher; Bäume und Sträucher brachen knatternd unter den Füßen. Yalis und Löwen des Waldes flohen in panischem Lärm. Daran erkannte Lakshmana, dass ein mächtiges Heer starker Krieger heranrückte. (60) Mit glänzendem Bogen, Heldenpanzer, umgegürtetem Schwert und einem Köcher voll goldbeschlagener Pfeile trat der jüngere Bruder vor Rama; sein Herz glühte. »Bleib stehen und sieh, was ich vollbringe!«, bat er kampfbegierig. Rama blickte ihn an und sprach:
(61) »Den großen Weisen auf dem rechten Weg habe ich bereits versprochen: Ich selbst werde die Rakshasas ihres Lebens berauben. Damit jenes Wort nicht falsch wird, bitte ich dich, Held: Bewache aufmerksam die Herrin mit ihrem duftenden, blumengeschmückten Haar! Diese Schar werde ich sogleich töten.« (62) Der dunkle Lotusäugige erkannte, dass das Heer, das den ganzen baumreichen Wald in Wege zertrat, Kharas Heer war. Er befestigte den pfeilgefüllten Köcher, nahm den Bogen, legte den unzerstörbaren Panzer über seine unerschütterlich starken Schultern und gürtete das Schwert um. (63) »Selbst wenn Himmel und Erde in einem unerbittlichen Kampf gegen mich kämen, würde ihr letzter Tag anbrechen. Warum muss ich dir das sagen? Du von der Kraft eines Yali, überlasse mir diesen Kampf und befreie meine Schultern von der Untätigkeit, die an ihnen nagt!« (64) Der jüngere Held stimmte zu; im Innern kannte er die Kraft von Ramas berggleichen Schultern. Zudem konnte er dem Gebot seines Herrn nicht widersprechen. Mit gefalteten Händen blieb er bei Sita, die erschöpft saß und Tränen zur Erde fallen ließ.
(65) Während die Frau, einer Ranke mit einer mondförmigen, ohrgeschmückten Blüte gleich, vor Sorge ermattete, trat Rama mit seinem einzigartigen Bogen aus der Laubhütte. Der Merugleiche ging zornig vor die donnernden, scharfzähnigen Rakshasas wie ein Löwe, der seine Höhle verlässt. (66) Shurpanakha zeigte auf den erschienenen Helden: »Dieser trat uns entgegen; das ist der streitbare Rama!« Wie das heftige Feuer, das aus himmelhohem Bambus entsteht, stand sie bereit, ihr eigenes Geschlecht vollständig zu vernichten. (67) Der siegreiche, bergschultrige Khara stand auf seinem goldenen Wagen so hoch, dass die Sonne erschrocken auswich. Er sah Rama und sagte zu seinen Kriegern: »Ich selbst werde den heftigen Kampf führen, die Kraft dieses Menschen brechen und den Sieg gewinnen.« (68) »Wenn man sagen könnte: ›Ein einziger Mensch war es, doch das anrückende mächtige Heer fand im Wald kaum Platz‹ – was wäre dann mein Sieg wert? Bleibt alle stehen und schaut zu. Diesem fleischlichen Wesen werde ich selbst das Leben aussaugen!«
(69) Da trat der wohlunterrichtete Akampana heran. »Herr, Held an Mannhaftigkeit unter den Helden, höre mich! Entschlossenheit im Kampf ist gut; doch hier zeigen sich schlimme Vorzeichen«, begann er. (70) »Die Wolken donnern und lassen Blut regnen. Sieh, ein Ring umschließt die Bahn des Sonnengottes! Bedenke es, Held: Krähenschwärme streiten auf deiner Fahne, fallen herab, schreien und wälzen sich auf der Erde.« (71) »Fliegen umringen die Schwertschneiden; den Kriegern zucken linke Schulter und linkes Auge. Die kräftigen Pferde straucheln und stürzen. Viele Schakale heulen gemeinsam mit Hunden.« (72) »Elefantenkühe sondern Brunstsaft ab, während den großen Elefanten die Stoßzähne brechen. Die Erde bebt, Donner schlägt aus hohem Himmel herab, die großen Himmelsrichtungen brennen. Die Girlanden auf allen Häuptern riechen nach Fleisch und Verwesung.«
(73) »Darum betrachte diesen nicht als bloß einen einzelnen Menschen; das wäre falsch. Selbst mit allen regelrechten Mitteln lässt er sich nicht besiegen. Du mit dem Siegeskranz, verzeihe meine Worte!« (74) Khara hörte den Zeichendeuter und lachte, dass die Welt erbebte. »Wie trefflich steht es um unseren Kriegsdienst! Meine schönen Schultern sind Mahlsteine, die Feinde zu Staub zerreiben, und schwellen vor Kampfverlangen. Sind sie etwa einem Menschen leicht zu bezwingen?« (75) Sogleich donnerten die Rakshasas: »Schlagt! Packt!« Voll brennenden Zornes umringten sie den Sohn des Königs der Könige wie zornige Elefanten im Wald einen Löwen mit glänzender weißer Mähne. (76) Als sie ihn umschlossen, krümmte sich Ramas Bogen. Nun sei vom entstandenen Kampf und seinem Verlauf erzählt: Durchbohrte, springende Pferde wälzten sich; die gesprenkelten Elefanten brachen zusammen wie große Berge unter Donnerschlägen.
(77) Dreizacke zerbrachen, glänzende Äxte zerbrachen, Schwerter wurden am Griff abgetrennt, mächtige Keulen zerschnitten. Eisenstangen, schwere Schlagwaffen, Pfeile, breite furchtbare Speerspitzen, Bogen und weitere Waffen zerfielen. (78) Armreifen wurden mit den Armen abgetrennt, Wurfspeere zerbrachen, brünstigen Elefanten die Beine abgeschlagen. An den langen Wagen brachen Achsen und Fahnen; Pferde wurden zerteilt, hohe Kronen abgeschnitten und Keulen samt ihren Stacheln zerschlagen. (79) Die heißen Pfeile durchdrangen Waffen, Pferde und die Scharen dunkler, brünstiger Elefantenberge und jagten in alle Richtungen. Blut floss in Wasserfallketten zur Erde; die unheilvollen Brüste der Rakshasas öffneten sich, ihre Köpfe trennten sich vom Leib. (80) Ob einer, zehn, hundert, tausend oder Millionen – die dichten Reihen waren nicht mehr zu zählen. Raghavas feurige Pfeile drangen durch die Blätter ihrer Waffen, töteten und schichteten die Leichen in Reihen zu gewaltigen Bergen auf.
(81) Über den fortströmenden Blutfluten bewegten sich abgehauene Glieder wie verbrannte dunkle Baumstämme eines vom Feuer erfassten Waldes. Die scharfen Pfeile jagten weiter zum Himmel, als verfolgten sie noch die entflohenen Leben. (82) Hände samt Schwertern fielen aufs Schlachtfeld, Hälse wurden durchschnitten, gepanzerte Leiber gespalten und Beine abgeschlagen. Die großen Köpfe der riesigen Rakshasas flogen blutrot davon. Grausam wie die langen Augen schöner Frauen eilten die Pfeile in alle Richtungen. (83) Der Regen scharfer Pfeile ließ an den großen, berggleichen Leibern der Rakshasas überall Blut hervortreten. Er schuf Seen und Flüsse, füllte alles mit Blut und beseitigte den bisherigen Charakter dieses Ortes als Wald. (84) Wellen trieben auf dem großen Blutmeer. Köpfe von Rakshasas schwammen darin, lange Fleischstücke, berghafte Elefanten, springende Pferde, mächtige Kampfbogen und hohe Wagen mit ihren Fahnen.
(85) Die Rakshasas blickten feurig auf und brüllten. Sie überschütteten Rama mit langen, grausamen Pfeilen und anderen zornerfüllten Waffen wie Wolken, die einen einzelnen großen Berg umschließen und klare Regengüsse ausschütten. (86) Er zerschnitt mit seinen Pfeilen die herabregnenden Waffen Stück für Stück und schleuderte die Bruchstücke in alle Richtungen. Dunkle Köpfe mit ausgebreitetem rotem Haar ließ er wie Berge fallen, sodass der Wald sich füllte und die Erdgöttin unter der Last zusammenzuckte. (87) Kopflose Rümpfe tanzten; die Elefantenberge badeten in den heißen roten Blutströmen. Harte Gespenster freuten sich, satt von den fetten Leibern der grausam kämpfenden Rakshasas. Der Himmel ächzte unter der Last ihrer aufsteigenden Leben. (88) Selbst Krähen raubten den trügerischen, krummzähnigen Rakshasas, vor denen Garuda Angst gehabt hatte, die Augäpfel. Ist es leicht, das Versagen dieser dunklen Unholde zu schildern? Gibt es denn eine stärkere Macht als den Dharma, der Gnade schenkt?
(89) Zornig blickten sie auf den Bogenschützen, der wie die Sonne tausendfache Finsternis zerriss. Ihre Augen glühten wie scharfe Sonnenstrahlen. Gemeinsam sandten sie alle Waffen auf ihn, gleich dichten Wolken, die am letzten Tag Steine regnen lassen. (90) Noch ehe man erkennen konnte, ob sie warfen, schossen, nur daran dachten oder die Waffe erst zum Wurf ergriffen, zerschnitt er sie mit scharfen Pfeilen. Der Bogenträger tötete die dicht Gedrängten, die Vereinzelten, die Angreifenden, die zornig Umkehrenden und die Standhaften. (91) Die von Kakutsthas Pfeilen fortgeschleuderten Köpfe mit paarig blitzenden Ohrringen gelangten in den Himmel, über den Ozean, zwischen die Sterne beim Mond, in tiefe Wälder, auf Berge und bis zu den Standorten der Richtungselefanten. (92) Seine Pfeile waren auf der Erde, auf Bergen, über den Wolken und am mondberührten Himmel, über und unter dem weiten Meer und in den Wunden der Starken. Sie durchbohrten Brüste, die den festen Meru gering erscheinen ließen, während Blutflüsse in kämpfenden Wogen anschwollen.
(93) Die Krieger mit goldenen Girlanden und Feuer in den Augen schleuderten ihre scharfen, mächtigen Waffen und starben im Pfeilregen. Ihre Leiber lagen im Meer der Körper; sie selbst erhielten unvergängliche Leiber. Unter den Göttern jubelten sie, als wären diese Rakshasas nun zu Guten geworden. (94) Im Blutmeer waren Lebern die Lotusblüten, Wagenhaufen die Sandbänke, schwimmende Kriegselefanten die Krokodile und lange Gedärme die dicht ausgebreiteten Wasserblätter. Zwischen den zahlreichen mächtigen Wellen tauchten Gespenster unter und wieder auf. (95) Einige schrien, einige ermatteten, einige gingen zugrunde, andere starben. Manche rangen, manche keuchten, rollten und wälzten sich. Einige badeten im aufgewühlten, tiefwelligen Blutmeer; andere brachen auf der Erde unter dem tödlichen Regen der Waffen zusammen. (96) Die vierzehn Heerführer auf ihren rollenden Wagen verspotteten die Flüchtenden und rückten gemeinsam vor. Mit mächtigen Bogen und einem langen Heeresmeer voller Speere und Schwerter waren sie grausam wie das Gift, das einst die Quirler des weiten Ozeans erschreckte.
(97) Sie umringten den wolkengleichen Bogenschützen wie einst die Bewohner der drei Städte den einzigartigen Herrn des Bergbogens im Himmel. Ohne den Großmütigen zu achten, traten sie ihm entgegen; das Feuer ihres Herzens quoll aus ihren Augen, und sie eröffneten den Kampf. (98) Viele schossen, viele warfen, schwangen Äxte, täuschten mit Eisenstangen und schlugen zu. Sie drängten heran, ließen Berge regnen und sprühten Feuer. Die Rakshasas mit den mondsichelgleichen Hauern schmähten und brüllten und schlossen ihn wie Berge ein. (99) Unter dem tödlichen Wirken seines Bogens stürzten die Zugtiere der Wagen zur Erde. Brünstige Elefanten wurden Opfer, Pferde lagen in langen Reihen, und Köpfe behielten keinen Leib. Die Krieger flohen verzweifelt, als lösten sich die glühenden Strahlen von der Sonne und verfolgten sie. (100) Die großen Leiber der Krieger bedeckten alles wie Wolken; auf den Wegen bedeckten rote Blutflüsse die Erde. Die Götterscharen hoch am Himmel hielten sich die Augen zu. Die Boten des Todes aber banden gleichsam den schnellen Wind an ihre Füße und eilten herbei, die Leben einzusammeln.
(101) Gespenster stiegen auf die Leiber der kampfbesessenen Krieger, höhlenmäulige Hunde kletterten hinauf, lange Schakale auf ihre Köpfe. Von scharfen, feuerspeienden Pfeilen getroffen, stiegen ihre Seelen zum Himmel. Neue Kämpfer drängten nach, wie zornige Löwen und donnernde Wolken. (102) Köpfe und Augen flogen, Feuer sprühte. Elefanten brachen zur Erde wie zerborstene Berge. Bogen warfen Pfeile wie Regen; sie zerstreuten sich in alle Richtungen. Funken stoben wie aus einem Ofen, und Leben strömte aus den Leibern. (103) Bis auf die großen Heerführer, ihre Wagen und die zugehörigen Waffen versanken all jene, die sich dem Helden herausfordernd entgegengestellt hatten, durch seine Pfeile im weiten, übelriechenden Blutmeer. (104) Die Heerführer blickten ringsum und fanden im Heer, das ihnen gefolgt war, keinen Leib mit unversehrtem Haupt. Sie knirschten mit den Hauern, steigerten ihren Zorn und umringten Rama mit rasenden Wagen.
(105) Ehe die vierzehn Wagen ihn in einem Augenblick umschließen konnten, zerschmetterte er sie mit starken Pfeilen. Ihrer Räder, Pferde und Lenker beraubt, glichen sie Bergen, die der heiße Weltendsturm zerreißt. (106) Von den zerstörten Wagen sprangen sie herab, sodass die Erde aufriss, und nahmen die Bogen in die Hände. Sie gaben nicht auf. Mit funkensprühenden Feueraugen ließen sie ihre Pfeile donnernd niederregnen. (107) Rama vernichtete sämtliche heranjagenden Pfeile mit seinen Geschossen. Dann zerbrach er ihre vierzehn Bogen mit vierzehn Pfeilen und kühlte damit ihre siedende Kampfeswut. (108) Als sie ihre Bogen verloren hatten, wuchs ihr Zorn. Sie hoben rasch hohe Felsberge empor, stiegen in den Himmel und schleuderten sie heftig herab, sodass Funken weithin aufstoben.
(109) Der Gebildete, der den großen Ozean aller Wissenschaften durchmessen hatte, nahm vierzehn standfeste, furchtbare Pfeile. Zugleich mit seinem tödlichen Bogen krümmte er die Brauen. Berge und Köpfe fielen auf die Erde. (110) Als die Heerführer gefallen waren, drängten weitere Rakshasas mit mannigfaltigen Waffen und feurigen Augen vor. Oben und unten schwärmten sie zusammen und versperrten alle Richtungen. Die Götter erschraken. (111) Große Trommeln und mächtige Elefanten brüllten. Die gespannten Sehnen der Bogen dröhnten; Muschelhörner und Pferde erschallten. Dazwischen brauste dicht das wolkengleiche Geschrei der Rakshasas. (112) Die Rakshasas schleuderten Waffen, die den Himmel füllten. Rama zerschnitt sie mit Pfeilen. Aus Angst vor den herabfallenden Trümmern flohen selbst die Götter. Alle Welten schwankten; sogar die sonst unbeweglichen Richtungselefanten blinzelten erschrocken.
(113) In diesem Heer stand der dreiköpfige Held Trishiras von grenzenloser Kraft, mit goldenen Kronen. Er glich dem Dreizack in der Hand des Dreiäugigen. Mit seinem Bogen ließ er scharf zugespitzte Pfeile regnen. (114) Während Trishiras in der Mitte seines überall brausenden, dem Weltendozean gleichen Heeres stand, erschien Rama, nur sich selbst ebenbürtig, allein mit seinem Bogen wie eine Lampe in dichter Finsternis. (115) Dem schwerttragenden, donnernden, schwer gepanzerten und grimmig blickenden Gegner stellte Rama seine Pfeile als eigene Heeresreihen entgegen und hielt so dessen Schlachtordnung auf. (116) Beine wurden abgeschnitten, Köpfe fielen, Schultern und Schenkel wurden abgetrennt. Schwerter zerbrachen, Äxte zersplitterten, Angriffswaffen und Schirme wurden zerschnitten.
(117) Fahnen und Wagenzier zerbrachen, die Gespanne rissen auseinander, und die großen Wagen mit ihren Rädern stürzten zu Boden. Mächtige brünstige Elefanten wälzten sich wie Berggipfel, deren Stirn ein Donnerschlag zerbrochen hat. (118) Die tödlichen Bogenschützen bemerkten nicht einmal, dass ihnen der Kopf schon abgetrennt war, und legten noch Pfeile an. Die Unversehrten erhoben sich in den Himmel und schleuderten Waffen wie Wolken ihre Regengüsse. (119) Kopflose Rümpfe mit schildtragenden starken Händen und goldenen Panzern tanzten berggleich umher. Ihre vielfältigen Bewegungen schienen selbst die fußreifengeschmückten himmlischen Tänzerinnen in Erstaunen zu versetzen. (120) Die Blutflüsse erneuerten gleichsam das Meer. Chamara-Fächer und weiße Schirme waren ihr Schaum, Elefantenberge ihre Uferwände, versinkende Rümpfe ihre Strudel. An ihren Anlandeplätzen häuften sich glänzende Edelsteine wie kostbarer Strandfund.
(121) Einige starke Rakshasas mit krummen Hauern wurden von den wilden Pfeilen getötet und zu Himmelsbewohnern. Mit Frauen, deren gewundenes Haar von Bienen umschwärmt war, betrachteten sie von oben den Tanz ihrer eigenen kopflosen Körper. (122) Manche standen mit schön bereiften Himmelsfrauen unter den Götterscharen und lachten darüber, wie ein Gespenst und ein Hund an den entgegengesetzten Enden ihres abgeschossenen Armes zerrten, ohne ihre Beute loszulassen. (123) Andere, deren Brust die durchdringenden Pfeile geöffnet hatten, gelangten jenseits beider Arten des Karma in den Himmel. Doch ihr Herz bebte bei dem Gedanken: »Das große Heer der Rakshasas ist so zahlreich, und jener steht allein!« (124) Die Pfeile des elefantenstarken Helden durchschnitten die Körper und Geschlechter der Übeltäter bis an die Wurzel und warfen sie nieder – gleich den grausamen Worten eines ehrlosen, schwarzherzigen Betrügers, der falsches Zeugnis ablegt.
(125) Wie das schöngeflügelte sechsbeinige Insekt die gefangene Larve in seine eigene Gestalt verwandelt, so umschloss der Großmütige die trügerischen Rakshasas und verwandelte sie durch die Reinheit seiner roten Pfeile in Götter. (126) Die Blutflüsse trugen die Leiber der streitsüchtigen Rakshasas bis nach Lanka, als wollten sie Ravana mit dem glänzenden Speer melden, dass ein siegreicher Mensch sie mit Gewalt erschlagen hatte. (127) Als die Pfeile ringsum die große Vorhut durchbohrten, ihr Leben tranken und sie zu Boden rollten, entbrannte der dreiköpfige Heerführer. Ungebeugt trieb er seinen im Blut versunkenen Wagen in den Himmel und brüllte. (128) Von seinem festgeführten Wagen ließ er schreckliche Pfeile wie himmelweiten Regen niedergehen. Sie verhüllten die heilige Gestalt jenes Helden, der dem Dharma selbst glich und allen als Zeugnis der Wahrhaftigkeit dastand.
(129) Rama schoss furchtbare Pfeile und zerschnitt sämtliche Geschosse des Gegners. Mit vierzehn blütengleichen Pfeilen zerstörte er dann dessen goldenen Wagen und nahm dem grausamen Wagenlenker das Leben. (130) Noch im selben Augenblick ließ er mit unvergleichlichen, goldbeschlagenen Pfeilen zwei der großen gekrönten Köpfe des grausamen Bösewichts rollen; nur einen ließ er stehen. Die Götter erhoben Jubel. (131) Obwohl sein Wagen vernichtet war und selbst sein Name Trishiras, »Dreiköpfiger«, nicht mehr zutraf, verlor er seinen Kampfesmut nicht. Er krümmte den dröhnenden Bogen und sandte Pfeile aus wie eine aufbrechende Regenwolke. (132) Mit erhobener Stirn rückte er vor und spannte den Bogen, der einen dunklen Wolkenregen hervorbrachte. Rama aber zerschnitt auch diesen mit einem unwiderstehlichen Pfeil, wie ein Sturm die Wolke hoch oben zerreißt.
(133) Seinen Bogen hatte er verloren, doch nicht den Glanz seines wildblickenden Gesichtes, nicht seinen heißen Zorn, seine donnernde Stimme oder die Kraft der Schultern. Noch immer schleuderte er Steine und wirbelte wie ein Kreisel umher. (134) Allein im Himmel vollführte er einen gewaltigen Zauberkampf, als wären dort zweihundert Männer. Rama schlug ihm mit zwei furchtbaren Pfeilen beide Beine ab und mit zwei weiteren beide Arme. (135) Arme und Beine fehlten ihm, doch seine scharfen Hauer glänzten. Mit dem fleischriechenden Mund, weit wie eine Berghöhle, wollte er Rama noch verschlingen. Unerschrocken sah dieser ihn an und trennte mit einem siegreichen langen Pfeil auch den letzten Kopf ab. (136) Als der Berg namens Trishiras zu Boden stürzte, zerstreuten sich die Rakshasas. Auch Dushanas Versuche, sie aufzuhalten, halfen nicht. Mit glänzenden Schwertern und großen Schilden flohen sie durch die ausgedehnten Blutfluten, während sich fette Gedärme um ihre Fußringe wickelten.
(137) Über ihnen klatschten die Götter und jubelten. Ihre fliehenden Füße schlugen Gruben in die Erde auf dem Haupt der Weltschlange. Einige stürzten in Fett und versanken; andere fielen über hohe Leichenhaufen, rollten hinab und retteten so ihr Leben. (138) Manche konnten nicht weiterfliehen, weil Schwerter und Speere dicht im Weg steckten. Andere sprangen in den Blutfluss, verloren den Boden unter den Füßen und wurden fortgerissen. Wieder andere schwammen aus Angst haltlos im tiefen Blutmeer. (139) Sie bemerkten nicht, dass ihre eigenen Gürtel und Schwerter sie an den Beinen zurückzogen; sie glichen verkörperter Angst. Dann sahen sie die feurigen Pfeile des höchsten Helden in den durchbohrten Brüsten der Rakshasas stecken und blieben entsetzt stehen. (140) Einige liefen hastig und krochen mit ihren Schwertern in die höhlenartigen Bauchverwundungen großer Elefanten. Andere legten flehend die Hände aufs Haupt und baten einen kopflosen Rumpf: »Freund, sage, du hättest uns nicht gesehen!«
(141) Dushana auf seinem Wagen mit schnell springenden Pferden sah, wie die Rakshasas jeden Entschluss zu mannhaftem Handeln verloren hatten. »Fürchtet euch nicht! Ich habe euch etwas zu sagen«, rief er und hielt an. (142) »Nicht einmal Frauen mit schönen Armreifen wollen sich mit verächtlichen Männern verbinden, die ihr Leben von Furcht nähren lassen. Entschlossenheit ist der Panzer, der standhält. Kann Angst etwa dem kostbaren Leben ein starker Helfer sein?« (143) »Wer unter den Rakshasas floh je, wenn wir Indra mit dem blumengeschmückten Speer oder den drei unvergänglichen Göttern im Kampf gegenüberstanden? Habt ihr es etwa von den Göttern gelernt, die vor euch fliehen? Ihr seid völlig verwirrt!« (144) »So viele Helden weichen hier vor einem einzigen Menschen zurück! Ohne Schwerter und Ruhm wollt ihr heimkehren. Werdet ihr dann die Frauen mit den großen, freudigen Augen umarmen, ihre Brüste an eurer Brust bergen und ihre Liebe genießen?«
(145) »Eure kupferroten Augen sind milchweiß geworden! Was werdet ihr den Frauen eures Geschlechtes zeigen: die Zweige, die sich beim Fliehen durch den heißen Wald in euren Rücken bohrten, oder die Pfeile, die euch im offenen Kampf in die breite Brust drangen?« (146) »Kann es eine größere Schande geben? In diesem grausamen Kampf, den ein Mensch führt, habt ihr bewirkt, dass der Makel nicht nur an der Nase der Schwester eures gewaltigen Herrschers haftet, dessen Tapferkeit selbst die Götter nicht erreichen, sondern nun auch an euren fliehenden Rücken!« (147) »Wollt ihr in friedlichem Wohlstand Kaufleute werden? Oder scharfe Speere und Heldenschwerter als Pflugscharen einsetzen und pflügen? Ihr, deren Schwerter im entschlossenen Kampf die Feinde niedermähten – wie wollt ihr künftig leben? Sagt es!« (148) Dann rief er seinem wogenreichen Heeresmeer zu: »Bleibt einen Augenblick stehen und seht die Kraft meines langen Bogens!« Er stürmte vor und griff an; selbst die Götter staunten verwirrt. »Wehre dich gut!«, sagte Rama und schritt ihm entgegen.
(149) Das dichte Heer wurde zerschnitten. Elefanten verloren Rüssel und hohe Stoßzähne. An windschnellen Wagen fielen der Fahnenwald und der Schmuck. Pferdehälse wurden abgemäht wie Bündel reifer Reisähren. (150) Die feurigen Pfeile suchten die Lebenspunkte und drangen weiter. Sie durchschlugen Waffen, ließen Gürtel und Panzer abfallen und bohrten sich durch Schilde und Leiber. Vernichtende Blutströme flossen wie Wasserfälle. (151) Die wohlgewählten, geierbefiederten Pfeile drangen ein und berührten das Leben der Rakshasas. Makellose halbmondförmige Pfeile trennten Köpfe ab; glühende Geschosse durchbohrten die gepanzerten Brüste, breitspitzige Pfeile spalteten die Herzen der Betrüger. (152) Rama zerschnitt alle feurigen Pfeile Dushanas und wehrte auch die Waffen seiner Begleiter ab. Dann setzte er sein Kampfspiel fort und lichtete das brausende Meer der versammelten, unermesslich starken Rakshasas, bis es austrocknete.
(153) Die Götter jubelten laut. Große Blutflüsse schwollen an und rissen Berge und Bäume mit sich. Ramas ausgesandte rote Pfeile verfolgten die zornerfüllten Rakshasas in jede Himmelsrichtung und wälzten sie auf die Erde. (154) Was soll man von den Gespenstern mit den unersättlichen Bäuchen sagen, denen Fett und Fleisch in berggleichen Haufen zufielen? Alle, die kampfbegierig standgehalten hatten, zerbrachen und starben rasch. Selbst der Tod vergaß sich, während er die ausgeströmten kostbaren Leben einsammelte. (155) Dushana kochte vor Zorn. Rasch lenkte er seinen dröhnenden Wagen über die aufgetürmten Elefanten, Wagen, Pferde, gekrönten Köpfe, kopflosen Leiber, glänzenden Waffen und Körper seiner eigenen Rakshasas samt ihrem bleichen Fett hinweg. (156) Die Berge aus Leibern der Rechtsverächter ragten weit und unzählbar empor. Obwohl sein Wagen mit gewaltiger Geschwindigkeit wie ein Kreisel fuhr, sank und stieg er in diesem großen Leichenwald unaufhörlich. Wie ließe sich schildern, was er dabei erdulden musste?
(157) Mit Mühe gelangte er auf seinem einzigartigen Wagen, dessen Räder fünfundzwanzig Pferde mit gestutzten Mähnen bewegten, vor Rama. Dieser glänzte wie der Mond, der dunkle Wolken verlassen hat. Es war, als gehe ein Leben selbst dem Tod in Gestalt seiner treffsicheren langen Pfeile entgegen. (158) Der gnädige Herr betrachtete den herankommenden Wagen und Dushana, der darauf wie ein bogentragender Berg stand. »Gut, gut ist deine Entschlossenheit!«, lobte er. In diesem Augenblick schoss der Grausame drei Pfeile ab. (159) Sie trafen das glänzende Heldenband an Ramas Stirnschmuck. Er war der Herr, der von seinen zehn gewaltigen Kräften acht die Himmelsrichtungen tragen ließ und eine weitere zum Schutz der Erde entsandte. Die Götter erschraken. (160) »Gut sind Zeitpunkt und Kraft dieses Schusses«, dachte Rama und lächelte hell. Dann wählte er furchtbare Pfeile, zerschmetterte mühelos den rasenden Pferdewagen, durchschnitt den starken Bogen in Dushanas Hand und zerstörte seinen glänzenden Panzer.
(161) Die Götter jubelten; die ununterbrochenen Segensrufe der Weisen erhoben sich aus allen Richtungen wie das Brausen eines dunklen Meeres. »Wehre diesen ab, wenn du kannst!«, sagte Rama und sandte einen Pfeil. Dushana verlor seinen großen Kopf mit den Hauern. (162) Khara sah den abgeschlagenen Kopf seines Bruders und erkannte, wie Dasharathas Sohn mit Pfeilen das Heer zerhauen hatte. Der sieggewohnte, furchtbar bewaffnete Bogenträger geriet in Zorn wie ein tödlicher Elefant, an dessen Stoßzähnen Klingen befestigt sind. (163) Selbst der Todesgott erschrak, als Khara mit dem Meer seiner Rakshasas, Elefanten, kampfstarken Pferde und Wagen alle Richtungen erfüllte. Er umschloss den elefantenstarken Rama mit dem Bogen wie Wolkenscharen den Mond. (164) Die unbändig grausamen Rakshasas trieben ihre brünstigen Elefanten, Wagen und Pferde vor und begannen auf Erden vielerlei Kämpfe, sodass selbst die Hauben Anantas zu reißen schienen. Auch der erhabene Rama sandte furchtbare Pfeile aus.
(165) Brünstige Elefanten zuckten, Pferdewagen bebten, gekrönte Köpfe und armreifengeschmückte Schultern zuckten. Gedärme, Fleisch und Haut, beide heldenringgeschmückten Füße und linke Schultern erbebten. (166) Ein Wald aus Schwertern, ein Wald aus Speeren, ein Wald aus langen Bogen und festen Schultern stand dicht vereinigt als Wald großer Rakshasa-Männer. Rama lichtete ihn durch die starke Schar seines Pfeilwaldes, der wie vernichtender Tod über sie kam. (167) Muss man noch erzählen, dass die ausgewählten Pfeile des verkörperten Dharma Sterne durchdrangen, den Meru quer durchbohrten, durch Himmel und Erde gingen? Dass sie auch das Fleisch derer durchstießen, die mit gezogenen Schwertern kamen, versteht sich daraus. (168) Er wählte und verschoss Pfeile, die seine Angreifer mitsamt ihren Geschlechtern vernichteten. Sie gingen so rasch zugrunde wie der Besitz, den Mächtige durch öffentliches Bedrängen und Töten der Schwachen an sich gebracht und genossen haben.
(169) Als alle Rakshasas vernichtet waren, entbrannte der Held mit den Fußringen, der den Namen »grausamer Khara« trug. Allein stand er in der endlosen Flut aus Fett und Blut wie der Mandara im weiten Meer. (170) Seine roten Augen sprühten Feuer, sein Bogen Pfeile; sein Herz rauchte vor Zorn. Auf einem Wagen kam er durch das anschwellende Blutmeer, einem Schiff gleich, um das sich Geier und Krähen drängen. (171) Er näherte sich mit der unerbittlichen Härte des Feuers, das am Weltende die Erde verbrennt. Rama, der einst mit eigener Hand den göttlichen Bogen des dunkelkehligen Shiva zerbrochen hatte, wählte scharfe Pfeile und stellte sich ihm entgegen. (172) Der Rakshasa-Herrscher schoss tausend wohlgeformte, scharfspitzige Pfeile, feurig an Gestalt und schnell wie Wind. Rama zerschnitt diese tausend wohlgeformten, scharfspitzigen Pfeile, feurig an Gestalt und schnell wie Wind.
(173) Dann schoss der einzige Herr aller sieben Welten neun Pfeile, grausamer als das Feuer des Weltendes. Khara mit dem kreisförmig gespannten Bogen legte ringsum leuchtende scharfe Pfeile dagegen an und zerschnitt sie. (174) Mit seiner Kunst des trügerischen Zauberkampfes verhüllte Khara die Gestalt des Großmütigen durch einen Pfeilregen. Die Götter flohen mit verzagten Herzen und verbargen sich. Da wurde auch der Held zornig; seine weißen Zähne drückten sich gegen die Lippen. (175) »Heute beende ich es mit einem einzigen mächtigen Pfeil!« Er legte an und zog die Sehne bis zu seiner hohen Schulter. Da brach der feste Bogen in seiner Hand mit einem Krachen, das wie Donner den weiten Himmel erfüllte. (176) Die Himmelsbewohner, die zuvor seinen Sieg gepriesen hatten, erschraken und verzweifelten, als der Bogen des Helden brach. Sie dachten daran, dass er keinen zweiten Kampfbogen bei sich hatte. »Unsere Kraft ist dahin!«, fürchteten sie.
(177) Doch der edle Sohn des Königs der Könige dachte weder daran, dass sein Bogen zerbrochen war, noch daran, dass er allein stand. Wie aus Gewohnheit streckte er seine große Hand nach hinten aus. (178) Varuna, der zugesehen hatte, schien seine Absicht sofort zu erkennen. Er legte in die mächtige Hand des Herrn der Götter jenen Bogen, den Rama einst auf würdige Weise dem kriegerischen Axtträger abgewonnen hatte. (179) Der Wolkenfarbene nahm den gereichten Bogen mit der Rechten und fasste ihn mit der Linken, um ihn zu spannen. Da zuckten allen, die vom rechten Weg abgewichen waren, das linke Auge und die linke Schulter. (180) Noch vor einem Augenblinzeln spannte er den ergriffenen Bogen. Er krümmte ihn so, dass selbst der Todesgott tanzte, und stellte sich dem Gegner. Mit hundert Pfeilen zermalmte er dessen mächtigen, schön beräderten Kampfwagen zu feinem Staub.
(181) Khara verlor seinen großen, kunstvoll gebauten Wagen, sprang herab und erhob sich schreiend in die Luft. Seine Pfeile ließ er wie Regen auf den Mandara der Schultern des schönen, einzigartigen Bogenschützen niedergehen. (182) Dasharathas Sohn Rama hielt stand. Mit einem einzigen Pfeil trennte er Kharas rechte Hand, die gerade einen feurigen roten Pfeil aus dem hängenden Köcher zog, samt dem mächtigen Arm ab und ließ sie zur Erde fallen. (183) Als die Rechte fiel, schleuderte Khara mit der anderen Hand seine siegreiche Keule wie einen Donnerschlag aus dem Himmel. Rama, Lakshmanas älterer Bruder, wehrte sie mit einem heißstrahlenden Pfeil ab. (184) Khara glich einer Giftschlange, die nach dem Verlust ihrer gefährlichen weißen Zähne noch immer zornig angreift. Mit aller Kraft riss er einen Marabaum aus und stürzte heran. Rama schoss einen einzigen Pfeil ab.
(185) Der Dämon besaß große Segen und mächtige Zauberkraft, hatte aber in seiner Sündhaftigkeit alle sieben Welten unterdrückt. Nun wurde Khara wie zuvor sein rechter Arm selbst in Stücke geschlagen und fand sein Ende. (186) Die Götter jubelten, tanzten und sangen; sie überschütteten Rama mit reinen Blumen. Der Vater aller strahlte wie die Sonne, nachdem sie den zarten Nebel vertrieben hat, der die Himmelsrichtungen verhüllte. (187) Die Weisen kamen und umringten ihn in ehrfürchtiger Folge. Rama mit dem gütigen Herzen ging zu Sita zurück, die während der grausamen Schlacht allein zurückgeblieben war wie ein Körper, dessen kostbares Leben fortgegangen ist. (188) Sein Bruder und die Schwanengleiche wuschen dem edlen Helden mit ihren Tränen die Füße. So lösten sich Blut aus den Wunden der erschlagenen Grausamen und der Staub, der an ihm haftete.
(189) Das Blut aus den vielen Wunden derer, die in einem einzigen Augenblick umgekommen waren, strömte in langen Wellen zum Meer. So gewaltig wie dessen Brausen erklang das Lob der Götter, während der Held friedlich dasaß. (190) Nun sei von der anderen Seite berichtet: Ravanas Schwester schlug sich mit den Händen auf den Bauch, umarmte den nachtschwarzen Khara und wälzte sich in den großen, aufwallenden, heißen Blutfluten. (191) »Ich ließ Verlangen in meinem Herzen entstehen. Als dieses Verlangen mit meiner Nase zerstört wurde, starb ich nicht. Stattdessen habe ich Grausame mit meinen Worten auch euer Leben und eure Lebenszeit vernichtet!« So klagte sie und ging fort. (192) Entschlossen, die Geschlechter der Rakshasas mit den glänzenden Speeren restlos an der Wurzel auszureißen, eilte sie nach Lanka. Wie ein langer, gewaltsamer Kriegssturm, der alle Leben erschüttert, erreichte sie mühelos die große Stadt.
3.7 – Textabschnitt
(1) Shurpanakha vergaß den Tod des großen, lärmenden Rakshasa-Heeres. Unerträgliches Verlangen nach Ramas hohen, berggleichen Schultern quälte sie. »Ich eile in die herrliche, vom Wellenmeer umgrabene Stadt und schildere Sitas Wesen!« Während sie kam, saß Ravana dort. Seine Lage sei nun beschrieben. (2) Er glänzte in einer juwelengeschmückten Halle, die das ganze Können des göttlichen Baumeisters offenbarte. Dieser erfüllte jeden Wunsch wie beständig geübter Dharma. Ihre unermessliche Pracht hätte selbst der lotusgeborene Brahma, Schöpfer aller beweglichen und unbeweglichen Wesen dieser vergänglichen Welt, schwer beschreiben können. (3) Seine Kronenreihe strahlte. Weder der Tigerfellträger noch der Goldgewandete noch der Lotusgeborene vermochten ihn zu bedrängen; welcher andere Gott hätte ihm widerstanden? Nicht einmal im langen Liebeszwist mit siegreichen Frauen von schlanker Taille, voller Brust, bambusgleichen Armen und rotgeäderten Augen hatte er diese Häupter gebeugt. (4) Seine goldenen Schultern, an denen einst die beiden dicken Stoßzähne der Richtungselefanten zerbrachen, ragten zum Himmel wie der große Sonnenaufgangsberg. Darüber glänzten seine zwanzig Ohrringe, als hätten sich die zwölf Sonnen, die den heiligen Berg umkreisen, zu zwanzig strahlenreichen Scheiben vervielfacht.
(5) Vollkommene Edelsteine verbreiteten gebündelten Glanz. Seine diamantberggleichen Schultern erschienen wie die Haubenreihe der giftigen Weltschlange. Sterne schimmerten ringsum; sein großer Halsschmuck glich einem Gefängnis, in dem die Planeten lagen, die er im meerumgebenen Lanka grausam eingekerkert hatte. (6) Die kühlen Juwelenkronen mächtiger Rakshasa-Herrscher und anderer Fürsten berührten immer wieder seine Füße. Dabei wurden deren goldene, rot funkelnde Heldenringe abgerieben und erneuert; klingend lagen sie an seinen Füßen. (7) Die führenden, altehrwürdigen Bewohner der drei Welten brachten unablässig Gaben in Bergen dar. Duftende Blumen, von Göttern, Asuras und anderen ausgestreut, häuften sich dicht in allen Richtungen. (8) Die Vidyadhara-Könige mit blitzenden Juwelenkronen standen ringsum nach Rang geordnet, die Hände über dem Kopf gefaltet. Sie wussten nicht, wann sein Blick sich ihnen zuwenden würde.
(9) Löwenstarke Siddhas versammelten sich mit gefalteten Händen und unterwürfigen Herzen. Selbst wenn Ravana nur ein Wort an die Frauen richtete, neigten sie ihre Häupter, als gelte es ihnen. (10) Sagte er zu seinen Ministern auch nur ein freundliches Wort, bebten die Kinnaras vor Furcht. »Welcher Befehl?«, fragten sie ehrfürchtig, während große Angst ihre Herzen erfüllte. (11) Die Nagas standen mit verzagten Herzen ringsum. Ihre Zungen zitterten wie die von Höllenbewohnern, die den Herrn der südlichen Richtung mit seinem mächtigen Strafstab erblickt haben. (12) Tumburu besang den Ruhm jener Schultern, die die Richtungselefanten bezwungen, Shiva durch das Heben des Kailasa bedrängt und Indra so besiegt hatten, dass der ganze Himmel erbebte.
(13) Ohne von der hohen musikalischen Ordnung abzuweichen, ließ Narada, den Rhythmen vollkommen folgend, die süßen Veden in makellosen Melodien erklingen. Aus den Saiten seiner Vina goss er diesen Gesang in Ravanas Ohren. (14) Der Wächter des von Makaras bevölkerten Meeres versprengte aus einem Wolkenschlauch duftendes Wasser, mit süßem Honig himmlischer und wundersamer Bäume vermischt. Dabei fürchtete er, auch nur die Gewänder der schönen Frauen zu benetzen. (15) Blütenstaub und Honig, Perlen und Edelsteine, die beim wiederholten Verneigen unzähliger prächtiger Kronen zerbrachen und herabfielen, fing der Windgott auf, noch ehe sie den Boden berührten. Unablässig reinigte er alle Plätze. (16) Unermüdliche Diener mit glänzenden Amtsstäben und eng anliegenden langen Gewändern wiesen Indra und den übrigen Göttern höflich nach ihrer Rangfolge goldene und silberne Sitze zu.
(17) Der Todesgott hatte Dreizack und andere Waffen abgelegt und hielt ehrfürchtig mit seiner Hand das Gewand vor den Mund. Bei jedem Schlag der großen lederbespannten Trommel trat er vor und verkündete die Stunde des Tages. (18) Agni mischte duftende Salben mit geklärter Butter, setzte reichlich Kampfer auf weiche Dochte und entzündete die Lampen. Sie leuchteten, als wären in Teichen ganze Wälder von Lotusblüten aufgeblüht. (19) Frisch erblühte Wunschbäume, wahrhaft wirkende strahlende Edelsteine, wunscherfüllende Kühe und Schatzhüter standen in geordneter Folge bereit. Sie erkannten seinen Willen und reichten ihm wundersame Gaben. (20) Von seinen gewaltigen Schmuckstücken, angefangen bei den Ohrringen, strömte so mächtiger Glanz aus, dass man fragte: »Gibt es in den sieben Welten überhaupt noch Nacht? In keiner der acht Richtungen bleibt Dunkelheit!«
(21) Die göttlichen Jungfrauen, angefangen bei Ganga, neigten ihre rankengleichen Taillen unter der Last ihrer Brüste. Mit rötlichen Händen streuten sie Reis und Blumen und sprachen nacheinander glückverheißende Segensworte. (22) Die aus dem Schenkel hervorgegangene Urvashi, ein lebendig gewordenes Gemälde, und andere Frauen führten wunderbare Tänze auf. Wie prächtige Pfauen vor Regenwolken bewegten sie sich nach den Rhythmen der Saitenspieler, während er zusah. (23) So saß Ravana, dem durch strenge Askese und grenzenlose Kraft alle drei Welten gehörten, in der Flut der Blicke großäugiger Frauen mit dunklen Augen und bogenförmigen Brauen. (24) Seine Schwester aber kam mit den roten Händen auf dem Kopf. Blutströme rannen aus Brust, Nase und schmucklosen Ohren; ihr weit geöffneter Mund stieß wolkengleiches Donnern aus.
(25) Mit ihrem übelriechenden Mund erhob sie Klage, glühend vor Zorn und laut wie das Meer am Ende eines Weltzeitalters. Ihr Haar war rot wie der westliche Abendhimmel. So erschien sie am Nordtor. (26) Die Rakshasa-Frauen der alten Stadt eilten ihr entgegen, schlugen sich auf den Bauch und klagten. Wie hätten sie ertragen können, dass die Schwester des Herrn der drei Welten allein und ohne Nase heimkehrte? (27) Die Rakshasas blickten erschrocken auf und wussten nichts zu sagen. Dann brüllten sie, schlugen donnernd die Hände gegeneinander, blickten mit feuersprühenden Augen und pressten zornig die Lippen zusammen. (28) »Wird das Verderben Indra treffen? Den großen Brahmanen, der die Welt gebar? Den Diskusträger? Oder den Herrn mit dem Mond im Haar?«, fragten einige in aufloderndem Zorn.
(29) »Welche nennenswerten Feinde gibt es noch? Kein Bewohner dieses Weltalls, das alle drei Welten umschließt, wäre dazu fähig. Wer könnte aus einem anderen Weltall gekommen sein?«, fragten andere. (30) »Wer könnte, sobald er hört: ›Ravanas Schwester‹, anderes denken, als ›Mutter!‹ zu rufen und ihre Füße zu verehren? Sie muss sich selbst verstümmelt haben!«, sagten einige. (31) »Indra kämpft nicht mehr; er tut Dienst. Der glänzende Diskusträger verlor seine Macht und zog sich ins Wasser zurück; der Feuergott Shiva auf seinen Berg. Wer könnte dies also gewesen sein?« (32) »Wer von ehrbarer Herkunft könnte so etwas wagen? Vielleicht handelte sie ihrem Geschlecht unwürdig und verletzte ihre Keuschheit; dann hätte Khara sie zornig ihrer Schönheit beraubt«, vermuteten andere.
(33) »Könnten die angstvoll verzagenden Götter solch einen Wahnsinn begehen? Ihre Planung ist fehlerlos. Vielleicht haben sie dies angezettelt, weil sie alle drei Welten vernichten wollen«, sagten einige. (34) »Nur wenn ein neues Weltzeitalter beginnen soll, könnten schwerttragende Helden solche Kraft besitzen. Dies muss die Wirkung des Zornes makellos asketischer Weiser in den taufeuchten Wäldern sein.« (35) Die schwarzäugigen Frauen der grenzenlosen Stadt rangen ihre jungen, reifenbedeckten Hände und schluchzten. Ihre Worte gerannen ungeordnet wie angesäuerte Milch. Eine drängte vor die andere. (36) Trommeln, Vina, wohlklingende Yazh, angeschmiegte Flöten, Muschelhörner und lange Trompeten verstummten. Stattdessen entstand in Lanka an jenem Tag ein Wehklagen, wie man es dort niemals gehört hatte.
(37) Trinkschalen, berauschte Bienen und die Gedanken an das Gelage ließen sie zurück und liefen herbei. Mit schwankenden Taillen und Augen, deren Tränen selbst Fluten beschämten, umarmten sie Shurpanakha und klagten. (38) Frauen, die ihren schwertkundigen Männern im Liebesstreit Strafen auferlegt hatten, kamen mit noch glühenden Herzen. Ihre ohnehin geröteten Augen wurden röter und vergossen Tränen; sie fielen zu den Füßen der jüngeren Königsschwester. (39) Andere verließen bekümmert das ausgiebige Schaukeln auf juwelenbehängten Schwingen, die zwischen goldbekrönten smaragdgleichen Arekapalmen hingen. Ihre schmalen Taillen bebten, als sie die Straße erreichten. (40) Manche lösten ihre bereiften, blattzarten Arme von den keulen- und berggleichen Schultern ihrer Männer. Aus den beiden Fischen in ihren vollen Lotusgesichtern regneten Perlenhagel; mit bedrücktem Herzen schluchzten sie.
(41) »Wie wird der unvergleichliche König mit dem blank geölten Speer reagieren, sobald er dies erfährt?« Die Frauen mit den kaum sichtbaren Taillen klagten und wälzten sich, während ihre langen dunklen Augen wie Regenwolken strömten. (42) Schläfrige junge Frauen vergaßen den süßen Traum von ihren Geliebten. Mit herabfallendem wolkendichtem Haar, sich lösenden Gewändern und bebenden vollen Brüsten kamen sie bekümmert und erschöpft heran. (43) »Ist dies das Schicksal der Schwester des mächtigen Herrn, der Shivas Kailasa mit eigener Hand hob?« Verzweifelt schlugen sich die Frauen mit roten Händen auf die Brust; ihre Girlanden zerfielen, und sie fielen Shurpanakha zu Füßen. (44) »Solches widerfuhr in Lanka noch nie! Solange unser König mit dem leuchtenden Speer lebt – hat uns dennoch das Glück verlassen?« So trauerten sie, und ihre sonst klaren schwarzen Augen wurden zu trüben Wasserfluten.
(45) Während Lanka solches Leid ergriff und die Anwesenden mit den großen Asketen einen Fluchtweg suchten, fiel sie vor die goldgeschmückten Füße des Königs. Wie eine Wolke am Fuß eines Berges lag sie dort und wälzte sich. (46) Dichte Finsternis bedeckte alle drei Welten. Shesha wand erschrocken seine Häupter; die großen Berge erbebten, die Sonne geriet in Zweifel. Die Richtungselefanten flohen, und die Götter verbargen sich. (47) Seine ringgeschmückten Schultern dehnten sich; aus seinen zusammengekniffenen Augen schlug Feuer über die Hauer. Die gerunzelten Brauen erfüllten seine breiten Stirnen. Die Welten gerieten aus ihrer Bahn, und die tätigen Götter verzagten. (48) Yama im Süden und alle Göttergeschlechter dachten: »Heute ist unser Ende gekommen!« Himmel und Erde standen mit zitternden Leibern und bebendem, haltlosem Leben da. Niemand brachte ein Wort hervor.
(49) Aus jedem zusammengepressten Höhlenmund quoll Rauch. Die bebenden Schnurrbärte knisterten unter seinem Atem, die zusammengebissenen scharfen Hauer blitzten. Donnernd wie eine Gewitterwolke fragte er: »Wer hat das getan?« (50) »Menschen, die in den Wald gekommen sind und die Erde beschützen! Sie gleichen dem Liebesgott mit dem Fischbanner; unter allen Verkörperten oben und unten sind sie unvergleichlich. Sie zogen ihre Schwerter und verstümmelten mich«, antwortete sie. (51) »Menschen haben das getan?« Sein Lachen durchdrang alle Richtungen; sämtliche Augen sprühten Feuer. »Gering ist deren Kraft! Ist das, was du sagst, überhaupt glaubhaft? Lass die Lüge, lass die Furcht; erzähle, was geschehen ist!« (52) »Ihre kostbaren Leiber gleichen dem Liebesgott; die Kraft ihrer mächtigen Schultern vernichtet den Stolz des nördlichen Meru. Was soll ich jetzt noch darüber sagen? Mit ihrem guten Bogen könnten sie die Kraft der sieben Welten in einem Augenblick vernichten.«
(53) »Sie verehren die führenden Weisen. Ihre Gesichter gleichen dem Himmelsmond, Augen, Füße und Hände den duftenden gestielten Lotusblüten im bewegten Wasser. Sie üben unendliche Askese. Wer wäre ihnen gleich?« (54) »Sie tragen Rindengewänder, Heldenringe und die heilige Schnur auf der Brust. Sie beherrschen die Bogenkunst; auf ihren Zungen wohnen die Veden. Ihre Leiber sind zart wie junge Blätter. Angst kennen sie nicht; an dich denken sie nicht einmal im Geringsten. Sie tragen unerschöpfliche Köcher wie unerschöpfliche Sprachkunst.« (55) »Als rechtschaffene Brahmanen zu ihnen kamen und sagten: ›Unser sonst ruhiger Geist fürchtet die Rakshasas‹, legten sie einen Eid ab: ›Wir werden euer Geschlecht, das behauptet, die ganze Welt gehöre ihm, vollständig mit der Wurzel ausrotten!‹« (56) »Können zwei Liebesgötter in einer Welt leben? Gibt es Helden, die ihren Bogen besser führen? Wer könnte ihnen gleichen, Herr? Jeder Einzelne kommt allen drei höchsten Göttern zusammen gleich!«
(57) »Sie sind die untadeligen Söhne Dasharathas, jenes Herrschers mit dem Weltenrad und kaum zu preisender Güte. Auf sein Geheiß wohnen sie im schwer zugänglichen Wald. Rama und Lakshmana heißen sie.« (58) »Menschen schnitten meiner heilmittelgleichen Schwester die kostbare Nase mit scharfem Schwert ab – und leben danach noch immer! Auch Ravana lebt noch, sitzt wach mit seinem gastmahlbereiten Schwert da und schämt sich nicht einmal ein wenig!« (59) »Dies ist also die Frucht meiner vollendeten Siege und der mit Gewalt errungenen Herrschaft! Ich überschritt alle unerschütterlichen Grenzen. Wie kann solches geschehen, nachdem die gekrönten Häupter der ersten Helden aller Welten gefallen sind?« (60) »Diejenigen, die mir diese wachsende Schmach zugefügt haben, sind noch da, ihr kostbares Leben besteht noch. Doch mein Schwert ist ebenfalls da, die vom Gifttrinker gewährte Lebenszeit bleibt, meine Schultern bleiben – und auch ich bin noch hier!«
(61) »Herz, warum erbebst du beschämt, weil neue Schmach eingedrungen ist? Verzage nicht! Welches Leid droht dir? Zum Tragen der Schande gibt es ja zehn Köpfe und viele Schultern!« (62) So sprach und lachte er, während seine Augen brannten. »Haben Khara und die anderen Rakshasas im Wald mit den hohen Bergen diese beiden Menschen ohne starken Beistand nicht mit ihren Schwertern getötet?«, fragte er. (63) Bei seinen Worten strömten ihre Tränen wie Wasserfälle. Sie schlug sich auf den Bauch, fiel zur Erde und klagte: »Herr, auch unsere Verwandten wurden mühelos vernichtet!« Mit erhobenen Händen begann sie, ihm das Geschehen begreiflich zu machen. (64) »Khara und die anderen jungen Helden hörten meine Worte und zogen mit ihrem anschwellenden Heer unter Felsendonner davon. Rama, der Herr mit den glänzenden roten Lotusaugen, sandte sie alle mit einem einzigen Bogen innerhalb dreier Zeitmaße in den Himmel.«
(65) Noch ehe die Nachricht ganz in seine Ohren gedrungen war, dass seine Brüder mit der Vorhut und dem Heer im Kampf gegen einen Einzelnen gefallen seien, spien seine langen Augen zugleich Wasser und Feuer – wie Gewitterwolken gleichzeitig Regen und flammenden Blitz hervorbringen. (66) Der im Zorn versunkene Schmerz nährte diesen noch, wie Butter, die man in ein Feuermeer gießt. »Welchen Fehler hast du gegen sie begangen, dass sie dir so gewaltsam Lippen und Nase abschnitten?«, fragte er. (67) »Mein Fehler entstand wegen jener, die mit Rama kam, dessen Gestalt niemand malen könnte: Sie scheint ihren Lotus verlassen zu haben, besitzt eine Taille wie Blitz, zarte Schultern wie Bambus und einen goldenen Leib.« (68) »Wer ist sie?« – »Herr, bedenke es tief! Ihre vollen Brüste sind wie Salbendöschen aus rotem Gold. Die Erde erwarb das Glück, von ihren Füßen berührt zu werden. Sita heißt sie«, antwortete die Rakshasi und begann ihre Gestalt zu beschreiben.
(69) »Ihr Gesang klingt in süßer Kamara-Melodie, ihre Worte sind reif wie Honigwein; duftende Blumen füllen ihr Haar. Selbst die im Lotus thronende Göttin, die noch den Göttern Ehrfurcht einflößt, wäre nicht würdig, ihre Dienerin zu sein. Ist es nicht töricht, dass wir sie mit Worten beschreiben wollen?« (70) »Ihre Stirnlocken gleichen Nebel, ihr geordnetes Haar Regenwolken. Ihre Füße gleichen Baumwolle, ihre Zehen roten Korallen. Ihre schönen Worte schöpft sie aus Nektar. Herr, ihr Gesicht hat das Maß eines Lotus, doch ihre Augen sind größer als das Meer!« (71) »Die Behauptung, der Liebesgott sei von Shivas Auge verbrannt worden, ist töricht. Er sah diese duftend Behaarte und konnte sie nicht gewinnen. Eine unbeschreibliche Krankheit band ihn; unter endlosem Verlangen verfiel und schwand sein Leib. So wurde er körperlos!« (72) »Du kennst die Götterwelt, das Reich der Haubenschlangen und die meerumgebene Erde. Aus welcher Welt stammt diese, deren Augen die heißgeschmiedeten Speere und Pfeile besiegen? Niemand könnte ihre Glieder malen!«
(73) »Soll ich ihre Schultern beschreiben? Die Schwerter ihrer Augen im strahlenden Gesicht? Oder ihre anderen Vorzüge preisen? Immer wieder gerate ich ins Staunen; einzeln schildern kann ich sie nicht. Du wirst sie doch morgen selbst sehen! Was soll ich dir weiter sagen?« (74) »Nennen wir ihre Stirn einen Bogen, ihre Augen Speere, ihre Zähne Perlen und ihre Lippen Korallen, so passen die Worte, doch nicht die Dinge. Gibt es einen brauchbaren Vergleich? Wenn man sagt, Gras gleiche Reis, ist damit etwa etwas Treffendes gesagt?« (75) »Indra gewann Shachi, der Vater des Sechsgesichtigen Uma, der Rotlotusäugige die herrliche Lakshmi. Du aber gewinnst Sita. Vergleicht man danach euer Glück, Herr, so liegt der Vorzug nicht bei ihnen, sondern allein bei dir!« (76) »Der eine gab seiner Frau die Hälfte seines Leibes, der andere trug die goldene Lotusgöttin auf der Brust, Brahma die seine auf der Zunge. Wenn du diese Frau mit einer Taille, die den Wolkenblitz übertrifft, gewinnst, Held mit himmelweiten Schultern – wo wirst du sie bergen und mit ihr leben?«
(77) »Hast du die Frau mit der kindlich süßen Sprache erst gewonnen, wirst du ohne sie nicht mehr leben können. All deinen unermesslichen Reichtum wirst du ihr schenken. Großmütiger Herr, dir will ich Gutes; doch den papageiensüß sprechenden Frauen in deinem Haus bereite ich damit Unheil!« (78) »Sita mit den wagenbreiten Hüften wurde weder im Himmel noch auf Erden von einer Frau geboren. Beim mächtigen Quirlen schenkte das muschelreiche Wasser einst die Lotusgöttin. Um diese zu übertreffen, brachte die Erde Sita hervor und vollendete damit ihren Sieg.« (79) »Gewinne die rehgleiche Sita mit der schmalen Taille und dem honigduftenden Haar und genieße ihre Liebe, während die meerumgürtete Welt dich preist. Gib mir Rama, damit ich mich seiner erfreue und die Welt die Kraft deines Schwertes sieht!« (80) »Wenn das Schicksal eine Gabe bestimmt, kann sie selbst dem größten Asketen vor dem vorgesehenen Tag zufallen? Herr, jetzt erst wirst du den Gewinn erlangen, für den du zehn Gesichter, Augen, Leiber und Brüste sowie zwanzig Schultern besitzt!«
(81) »Ich wollte sie ergreifen, um sie zu dir zu bringen. Da trat Ramas Bruder dazwischen und schnitt mir mit seinem glänzenden Schwert die Nase ab. Mein Leben ist zerstört. Ich bin entschlossen, es aufzugeben, nachdem ich dir dies berichtet habe.« (82) Zorn, Kampfesmut und brennendes Ehrgefühl ließen Ravana los, wie Tugenden dort nicht bleiben, wo Sünde herrscht. Dafür verbanden sich Liebesglut und Liebeskrankheit mit seinem kostbaren Leben, als würde eine Flamme die andere entzünden. (83) Er vergaß Khara, die Kraft dessen, der seiner Schwester die Nase abgeschnitten hatte, und die erlittene Schmach. Unter dem Pfeil Kamas, der selbst den siegreichen Shiva getroffen hatte, vergaß er seine früheren Segen. Nur die Frau, von der er gehört hatte, vergaß er nicht. (84) Der Name »Sita mit der schmalen Taille« und sein Geist verbanden sich zu einem. Hatte er noch einen zweiten Geist, mit dem er das eine vergessen und an anderes denken konnte? Welcher Weg zum Vergessen blieb? Kann selbst ein Gelehrter die Begierde überwinden, wenn ihm Erkenntnis fehlt?
(85) Noch bevor der Herr des hochummauerten Lanka die Pfauengleiche durch List raubte, sperrte er sie in das Gefängnis seines Herzens. Dort schmolz das Herz des gewalttätigen Rakshasas langsam wie Butter an einem heißen Sonnentag. (86) Durch die Macht des Schicksals, die bevorstehenden Folgen und das Nahen des Untergangs seiner Stadt wuchs die grausame sinnliche Liebeskrankheit. Sie glich dem Übel, das ein unverständiger Brahmane begeht, der seine heilige Lehre nicht bedenkt. (87) War es seine Erniedrigung, als die goldgleiche Frau in sein Herz trat, oder die Verblendung, die ihn befiel, wodurch Manmatha die Macht gewann, ihn mit Pfeilen zu bedrängen? Wohnt nicht der Begierde selbst die Kraft inne, Stärke zu brechen? (88) Er erhob sich vom Sitz. Die Bewohner der sieben Welten riefen Segensworte, überall erschallten Muschelhörner, Blumen regneten. Die Außenstehenden entfernten sich. Mit zerrüttetem Herzen betrat er seinen goldenen Palast.
(89) Er trennte sich auch von der Schar seiner Gemahlinnen und suchte das große Blumenlager auf. Kaum lag er dort, drangen die rehgleichen Augen und die Brüste der Frau mit dem duftenden Haar in seine Vorstellung. Die von dieser Sünde erzeugte Hitze breitete sich langsam aus. (90) Unabweisbare Liebe blühte hundertmillionenfach auf. Die Blumen seines weichen, mit kühlem Wasser und Duftwind erfrischten Bettes versengten. Die Schultern, die acht Richtungselefanten besiegt hatten, und sein Leib schwanden; sein Herz litt, sein Leben brannte. (91) Kühlenden, duftenden Sandel, schöne junge Blätter und Blüten legte man ihm auf. Doch als hätte man feurige Arznei aufgelegt, verbrannte sein Körper immer stärker. Seufzend wie ein kräftiger Blasebalg, der Feuer anfacht, verfiel er. (92) Keinen Augenblick hörte der Sünder auf, sich die Frau leibhaftig vorzustellen; er wies den Gedanken nicht ab und nannte ihn nicht böse. Immer heftiger wollte er den Leib jener sehen, deren Augen Mangospalte, Lilie und Speer gleichen. Sein Leben wurde von wiederholtem Schmerz bedrängt.
(93) Der Herrscher hatte die starken Elefanten der Weltrichtungen bezwungen, sodass ihre Stoßzähne brachen. Jetzt bohrten sich Kamas Pfeile wieder und wieder in seine Brust wie Käfer in Holz. Unter Schmerzen zuckte er zusammen und sank dahin. (94) »Eine Ranke mit dichter Blütengirlande ist in mein Herz getreten; ich sehe sie dort!«, klagte er verzweifelt. Als der jasmingeschwängerte Südwind ihn wie Kamas duftende Blumenpfeile berührte, wurde er zornig. (95) Mit bekümmertem Geist erhob er sich, ohne zu wissen, was er tun sollte. Goldgleiche Frauen, deren Sprache die Palai-Yazh beschämte, trugen unzählige Lampenreihen. In ihrer Begleitung betrat er einen Hain. (96) Dort waren die Jackfruchtbäume aus Rubin, die Bananen aus Smaragd, Mangobäume aus Diamant; Vengai aus edlem Gold, Kongu aus lotusfarbenem Edelstein, hohe Arekapalmen aus Saphir, Salabäume aus Kuruvinda, Kokospalmen aus Silber, Nagabäume aus kühlem Kristall und Patali aus Koralle.
(97) Die rötlich leuchtenden Edelsteinbäume ragten dicht zum Himmel, sodass man ihre Blüten kaum von den Sternen unterscheiden konnte. Inmitten dieses honigtriefenden Haines lag eine reine Goldhalle. Dort sank er leidend und erschöpft auf ein milchweißes Bett. (98) Schwäne, berauscht vom Saft der Früchte und Blüten, Papageien mit mädchenhaft süßen Stimmen, Kuckucke, Bienen und alle anderen lieblichen Sänger verstummten. »Der König von Lanka könnte zürnen«, fürchteten sie und wurden wie stumm. (99) Der jahreszeitliche kalte Wind mit frischem Tau drang in die Wunden, in denen Kamas Pfeile verborgen lagen. Er wand sich und seufzte: »Welche Jahreszeit ist das?« Sofort wich der Spätwinter erschrocken, und der Sommer trat ein. (100) Wenn schon sanfter Frost, der feste Bäume versengt und Berge erkaltet, ihn verbrannte – was ließe sich über den Sommer sagen? Gibt es eine Arznei für Menschen, die das Gift der Liebe getrunken haben? Lust und Leid sind doch beide an den Geist gebunden.
(101) Die Hitze seiner Liebesqual schien bis zu den Enden der Himmelsrichtungen zu reichen; dazu bedrängte ihn der Sommer. »Was ist das? Der frühere Spätwinter war besser! Entfernt dies und bringt rasch die kühle Jahreszeit!«, befahl er. (102) Als sie kam, brannten seine starken Schultern. »Kann auch Kälte brennen? Das ist doch wieder der frühere Spätwinter!« – »Herr, sie würde sich fürchten, gegen dein Gebot zu handeln!« Da sagte er: »Keine Jahreszeit soll hier sein. Entfernt sie alle!« (103) Alle Jahreszeiten zogen fort. Die Dinge übten ihre besonderen jahreszeitlichen Tätigkeiten nicht mehr aus und ließen ihre Bindungen los wie Yogis. Die Welt erschien wie jener Himmel, den man durch schwere Askese erreicht, nachdem Krankheiten und Fesseln abgefallen sind. (104) Während die ganze Welt Hitze und Kälte loswurde, brannte der saphirfarbene Leib des Rakshasas ohne Brennstoff. Kommt dies etwa allein durch die Jahreszeit? Das heftige Feuer der Begierde erlischt durch sittliche Beherrschung; was könnte man sonst dagegen tun?
(105) Wassergefüllte Wolken, Lotusgirlanden, duftgetränkter kühler Sandel, junge Blätter, feiner Blütenstaub und Perlenschmuck erfrischten ihn, doch sein Herz ermattete. »Man sagt, der Mond besitze Kühle. Lauft und bringt ihn!«, befahl er den Umstehenden. (106) Sie suchten den Vollmond, der sich verbarg und nicht wagte, über die weite Stadt des zornigen Rakshasas zu ziehen. »Fürchte dich nicht, komm! Der König ruft dich!« Da ließ der Mond seine Unruhe los und ging auf. (107) Er entstieg dem milchig vermischten Meer wie jemand, der sich nach einer Kränkung entschlossen von alten Gefährten trennt und bei einem Mächtigen Zuflucht sucht. Doch sein Aufgang glich dem Erscheinen des Todes, der Leben vernichtet. (108) Seine unermesslichen Strahlen breitete er hoch am Himmel aus und bedrängte damit gerade den, den auf Erden niemand bedrängen mochte. Er glich dem Diskus, den der Herr auf dem Schlangenlager, die rechte Zeit und Schwachstelle erkennend, gegen Ravanas Leben geschleudert hätte.
(109) Die weichen, kühlen Mondstrahlen schienen den Nektar des nahen Milchmeeres ausgeschöpft und getrunken zu haben. Dem rotäugigen Rakshasa mit gerunzelten Brauen aber waren sie, als schöpfte jemand im Feuer geschmolzenes Silber und schleuderte es auf ihn. (110) Der Mondglanz, wie über die Erde wandernder Blitz, verbrannte Ravana, dessen Kraft nach der Schilderung von Janakas Tochter schwand, wie der Ruhm eines niemals besiegten Feindes seinen Gegner verbrennt. (111) Der Herrscher, vor dem selbst der dunkelberingte Tod Angst hatte, blickte zornig auf. »Ich befahl, den kühlleibigen Mond mit seinen milden Strahlen zu bringen! Wer hat stattdessen die Sonne gerufen, deren grausame Strahlen das mächtige Gift glühenden Feuers ausschöpfen?« (112) Die Diener antworteten ängstlich: »Herr, wir könnten doch niemanden ohne deine Erlaubnis herbringen! Die Sonne kommt stets auf ihrem Wagen. Mag sein Weg auch brennend sein – dieser hier ist der Mond auf seinem Himmelsgefährt.«
(113) Ravana hatte bisher nicht gekannt, was Liebende sanft sprechender, schönhüftiger Frauen erleiden. Nun kochte er; vom Mond wusste er nur, dass dieser der besondere Feind des kühlen Lotus war. Auf ihn bezog er seine Qual und sprach, um sein Leben zu retten: (114) »Du nimmst ab, dein Leib wird bleich, dein Inneres dunkel; du verlässt deine Natur und brennst. Hast auch du von jemandem gehört, der sie sah? Niemand zieht die eindringenden Blumenpfeile heraus, deshalb vergehe ich. Wer kann mein Leben schützen, Herr der Sterne?« (115) »Wer unterliegt, sollte sich bescheiden! Du hast gegen Janakas edle Tochter verloren, die meinem Leben zum Tod wurde, gegen ihren Lotus mit den Lilienaugen. Darum wurde dein Herz dunkel, du nahmst ab und begannst zu brennen. Wird man Sieger, indem man vor dem Glück des Gegners vergeht?« (116) Nach solchen leidvollen Klagen befahl er: »Entfernt ihn mitsamt der Nacht! Der frühere Tag und die Sonne sollen kommen!« Noch ehe er ausgesprochen hatte, verbargen sich Mond und Nacht. Im Augenblick erschienen Sonne und Tag und breiteten sich aus.
(117) Die Strahlen flossen wie glänzendes Gold, geschmolzen im Opferfeuer, das Vedensprecher mit Butter nähren. Der hohe Lotus öffnete sich flammengleich. Die roten Wasserlilien schlossen sich, wie Niedrige ihren unrechtmäßig gewonnenen Reichtum verlieren, nachdem sie sich überheblich statt bescheiden verhalten haben. (118) Der Mond verlor beschämt seinen Glanz, bebte und wich am Himmel zurück; die Nacht folgte ihm als Gemahlin. Als die Sonne in einer Richtung einzog, ging der Herr der Nacht wie ein König, dessen Stellung vor dem Gebot eines berühmteren Herrschers zerfällt. (119) Frauen mit schweren Ohrringen, die sich wegen eines aufwallenden Liebesstreits auf dem Blumenlager nicht mit ihren geliebten Männern vereinigt hatten, bemerkten das Ende der Nacht nicht. Selbst im Traum hatten sie den Zwist nicht beigelegt. (120) Andere, deren Leben durch die Trennung von ihren Männern ins Wanken geraten war, wurden das nächtliche Zittern nicht los. Ihre Augen weinten wie frisch geöffnete dunkle Lilien, aus denen reichlich Honig tropft.
(121) Manche hatten das Liebesspiel auf dem Blumenbett beendet und schliefen, ihre kostbaren Gefährten mit beiden blumengleichen Händen fest umarmend – wie Korallenranken, die sich um Bambusstämme schlingen. (122) Obwohl Bienenschwärme an ihren Brunststellen summten und helle Sonnenstrahlen sie trafen, erwachten die prächtigen Elefanten nicht. Sie schliefen wie Betrunkene, die benommen auf ihrem Lager ruhen. (123) Überall verloren die Lampen ihren Glanz, weil das Öl sich im Brennen erschöpfte. Sie glichen edlen Frauen, die getrennt von ihren tugendhaften, lebenslieben Männern wohnen. (124) Die großen Morgenblumen öffneten ihre kunstvollen Blätter nicht, obwohl scheinbar ihre Stunde gekommen war. Sie glichen den langen, noch schläfrigen Augen der Frauen auf ihren weiten Betten.
(125) Die Augen derer, die nach Belieben schliefen, blieben auch am hellen Tag geschlossen – wie die Tore der großen Häuser von Geizigen, denen nicht einmal der Gedanke kommt, Almosen zu geben. (126) Die Chakravaka-Vögel freuten sich von Herzen. Die giftige nächtliche Trennung war unerwartet gnädig verkürzt worden; sie glichen Gefangenen, die aus grausamer Haft entlassen sind. (127) Die summenden Bienen stürzten sich auf Blüten, die nur zur rechten natürlichen Stunde, nicht auf einen vorzeitigen Befehl hin aufgehen. Sie ermatteten wie Sänger vor den Türen von Menschen, deren Wohlstand keine guten Werke hervorbringt. (128) Brennende Strahlen drangen durch die kostbaren Juwelenfenster und störten den süßen Schlaf der Frauen. Sie schwankten zwischen Verwirrung und Klarheit wie Menschen, die die wahre Wirklichkeit noch nicht deutlich erkannt haben.
(129) Auch die Zeitrechner, welche die von Gelehrten verfassten Tagesordnungen gewissenhaft studierten, und die krähenden Hähne schliefen weiter. Die Macht dieses Befehls konnten sie nicht ermessen. (130) Während dies in der Welt geschah, blickte der Rakshasa mit den klingenden Heldenringen auf. »Es verbrennt selbst den denkenden Geist! Das muss noch immer derselbe Mond sein«, sagte er. (131) »Herr, dies ist nicht der Mond, sondern die rotstrahlende Sonne! Sie fährt auf dem Wagen mit grünen Pferden und wallenden Mähnen. Heiße Strahlen brennen; kühle Strahlen, die den Leib berühren, können doch nicht brennen«, sagten einige. (132) Der einem blauen Berggipfel Gleichende befahl: »Diese Sonne ist schlimmer als Gift. Entfernt sie! Bringt auch das brüllende Meer zum Schweigen. Ruft rasch das junge Mondsichelkind des früheren Abends!«
(133) Kaum sprach der Rakshasa-Herrscher, erschien der an jenem Tag volle Mond wieder als junge Sichel von drei Tagen. Wodurch außer gewaltiger Askese könnte man je solches bewirken? (134) Als der Bösgesinnte sie im Westen erblickte, sagte er: »Das ist das unterseeische Feuer! Oder der glänzende Giftzahn der Schlange, auf deren Rücken die Erde ruht. Andernfalls ist der Abend zornig mit gezogenem Schwert erschienen, um mich zu töten!« (135) »Der Würdige, der das beim Quirlen des kühlen Meeres zuerst entstandene Gift in seiner Kehle barg, setzte diese Sichel wohl nur deshalb in sein blütenstaubreiches Flechtenhaar, weil er dachte: Auch dies ist Gift!« (136) »Der Mond, der donnergewaltig Leben verschlang, ist fortgelaufen und als kleine blitzende Sichel wiedergekehrt. Doch seine Bosheit hat nicht abgenommen! Mindert sich die Giftigkeit einer Schlange mit dunkel beflecktem Herzen etwa dadurch, dass sie kleiner ist?«
(137) »Nun wollen wir auch die dicht gereifte Finsternis sehen! Der frühere Sonnenstrahl war besser; entfernt diese Sichel. Wenn sie sogar mich verbrennt, der früher so mächtig war, könnte man dann noch behaupten, irgendein Bewohner der sieben Welten werde überleben?« (138) Als die Sichel verschwand, kam Finsternis: so dicht, dass man sie anfassen, damit Dinge abreiben, sie mit einer Säge zerteilen und aus ihr sichtbare Säulen formen zu können meinte. (139) Was heißt es schon, man könne diese Finsternis zersägen und rollen? Kein Licht heilsamer Unterweisung drang in sie. Sie war wie Blindheit selbst, schwärzer als ein Herz, dessen Anteilnahme versiegt und aus dem jedes Erbarmen gewichen ist. (140) Lückenlos verdichtete sich das Dunkel, türmte sich auf und verschlang die weite Welt. Ravana sagte: »Der Eine, der das Gift trank, hat es wieder ausgespien, ohne daran zu denken, dass alle Welten und Wesen dadurch vergehen!«
(141) »Nein, dies lässt sich nicht mit jenem Meeresgift vergleichen, das ein Einzelner kraftvoll verschlang. Ich erkenne es: Das Weltendfeuer, das Erde und Himmel mit seiner Zunge ableckt, hat dunkles Gift getrunken und ist schwarz geworden!« (142) »In dieser dichten Finsternis, die weder Pfeil noch Feuer durchdringen, erscheint vor mir Einsamem eine Lampe: eine unvergleichliche Korallenranke, die oben eine Wolke, junge Kokosfrüchte und einen Mond trägt!« (143) »Ist dies ein Trugbild meiner Verwirrung? Gibt es noch einen Mond? Was ist es, dass ich es nicht verstehe? Im Dunkel, dem selbst dicht aufgetragene Schwärze nicht gleicht, erscheint ein leuchtender Vollmond mit zwei Ohrringen und dunklen blauschwarzen Locken!« (144) »Die Taille zwischen den sich hebenden Brüsten und den breiten Hüften sehe ich nicht; alles andere erkenne ich. Die Frau mit den giftgetränkten Augen ist langsam als zartes Mädchen in mein Herz eingezogen.«
(145) »Ich habe früher die Frauen mit waffenartigen Augen in allen sieben Welten gesehen, doch niemals eine Gestalt wie diese. Wenn es sie überhaupt gibt, muss dies jene schöne Frau mit der bienenumschwärmten Girlande sein, von der meine Schwester sprach.« (146) »Meine Schwester konnte wohl nicht ertragen, dass ich an dieser Krankheit leide, und hat sie gesucht und hergebracht. Was könnte es sonst sein? Um diejenige zu fragen, die diese liebliche Gestalt gesehen hat, ruft sofort meine Schwester her!« (147) Die Diener eilten und riefen sie. Shurpanakha, die das starke Rakshasa-Geschlecht samt Wurzel vernichten sollte, kam herein: Das Feuer unerwiderter Liebe brannte in ihr, Nase und Ohren mit ihren goldenen Gehängen hatte sie verloren. (148) Der Herr mit dem blank geölten scharfen Schwert blickte die Frau mit dem falschen, grausamen Herzen an. »Schwester, sieh genau! Ist die Frau, die hier vor mir steht wie ein Pfau mit dunklen Schwertaugen, jene Sita, von der du sprachst?«
(149) »Der dort kommt, wie ein dunkler Berg, mit roten Lotusaugen, roten Fruchtlippen, sandelgesalbten breiten Schultern, langen Armen und schön bekränzter Brust – das ist Rama mit dem mächtigen Bogen«, erwiderte sie. (150) »Ich sehe hier eine Frauengestalt; du sprichst von einem Mann, der überhaupt nicht dazugehört! Wie ist das? Können Erdenmenschen uns, die wir Augen täuschende Zauberkunst beherrschen, selbst eine Täuschung bereiten?« (151) »Deine Aufmerksamkeit bleibt fest bei ihr und eilt zu nichts anderem. Dein lange genährtes Verlangen brennt. Darum erscheint sie dir überall dort, wohin deine Augen blicken. So wirkt es seit alters her«, antwortete sie. (152) »Mag es so sein. Aber warum siehst du Rama?«, fragte der Rakshasa. »Seit dem Tag, an dem er mir dieses kaum zu überwindende Leid zufügte, habe auch ich ihn nicht vergessen«, sagte sie.
(153) »Ja, ja, das ist einleuchtend. Mein Leib und mein Leben verzehren sich im Feuer. Welche Erlösung bleibt mir Elendem?« – »Du bist der einzige Herrscher der Welt; was fehlt dir? Geh und raube die Frau mit den Blüten im Haar!« (154) Mit diesen Worten ging sie fort. Der Rakshasa verlor jede Fassung, erkannte nichts mehr und sank lebensmüde dahin. Auch die Umstehenden zitterten. Offenbar hielt ihn nur die noch verbleibende zugemessene Lebenszeit davon ab, zu sterben. (155) Wie ein Toter, der wiedergeboren wird, gewann der König sein Leben zurück. Er verlor das Bewusstsein und erwachte erneut. Dann befahl er: »Lasst eine ausgezeichnete Juwelenhalle aus Mondstein errichten, der Wasser absondert, als werde er gemolken!« (156) Der himmlische Baumeister kam und erfasste seinen Wunsch. Nicht nur durch Gedankenarbeit, auch mit den Händen errichtete er eine herrliche Halle mit tausend hohen, schönen Säulen, so vollkommen, dass selbst Brahma sich schämte.
(157) Die Mondsteine sollten Nektartropfen ausschwitzen. Dafür verteilte er oben und unten den Glanz des Sternenkönigs. Er baute Fenster für den blumenduftenden Südwind und schuf einen kühlen Garten hoher, kostbarer Wunschbäume. (158) Göttliche Frauen in glänzendem Schmuck trugen auf beiden Seiten edelsteinbesetzte Lampen aus feinstem Gold, deren Licht hoch hinauf die Finsternis vertrieb. So kam der Breitschultrige in einem rubinbesetzten Gefährt, um die Halle zu sehen. (159) Obwohl die Finsternis sich tausendmillionenfach aufzutürmen schien, floh sie: Die Gesichter der schönen Frauen gebaren unzählige kühle Vollmonde, und all diese Monde strahlten gemeinsam. (160) Die neun kostbaren Edelsteinarten glänzten; Lichtbüschel strömten von den blühenden Wunschbäumen aus und machten die Nacht zum Tag. Ist die Helligkeit, die eintritt, sobald die Sonne erscheint, nicht allein der Macht ihrer langen Strahlen zuzuschreiben?
(161) Berührung, Klang und die übrigen Sinneseindrücke konnte sein Geist nicht mehr auseinanderhalten; sein Handeln verstand er nicht. Von der Begierde gefesselt und fortgezogen betrat er die Halle wie eine Seele, die in einer anderen Geburt in einen neuen Leib eingeht. (162) Er legte sich auf ein kühles Lager aus frischen, goldgrünen Blättern und Blüten lebender Bäume, die summende Bienen besuchten. Es schien, als sei der Ozean mit seinem Nektar gekommen, um ihn wie eine freigebige Mutter zu beschenken. (163) Der Südwind schwamm durch den dichten Duft der Frauenhaare und ließ sich im duftenden Saralahain vom Liebesgott bewirten. Er kam wie der Nektar des weiten Meeres, der selbst einem schwindenden Leben noch helfen könnte. (164) Doch als er durch das Fenster hereinstrich, konnte Ravana ihn nicht ertragen. Seine blutroten Augen spien Feuer; er kochte und bebte, als hätte er eine große Schlange in sein Haus eindringen sehen. Er rief die Diener.
(165) »Kann irgendein Gott mir solches Leid zufügen, der ich die Welt wie das wenige Wasser eines Brunnens umstürzen könnte? Auf welchem Weg kam der Südwind ohne meinen Befehl herein? Bringt sofort die Wächter!« (166) Die Diener holten sie rasch. Mit furchterregenden roten Augen blickte der Grausame sie an. »Habt ihr dem Südwind den Weg bereitet?« – »Solange Ihr hier wohnt, war ihm dieser Weg nicht versperrt«, antworteten sie. (167) »Wenn die Himmlischen mich nicht mehr fürchten und nach Belieben handeln, sind meine Macht und meine Ordnung wohl dahin! Eilt in alle Himmelsrichtungen, sucht ihn, packt ihn und werft ihn in einen festen Kerker!« (168) »Doch was gewinne ich, wenn ich nur dem Windgott zürne? Schon naht mir der Tod. Erlange ich nicht Sitas Gunst, deren dunkle Augen Speere übertreffen, kann ich nicht bestehen. Holt die Minister, die tatkräftig über das Nötige beraten!«
(169) Die ausgesandten Diener liefen davon und riefen überall die Minister zusammen. Diese kamen auf festen, beflaggten Wagen, auf Pferden, in Sänften und auf Elefanten, deren Schläfenflüssigkeit wie Regen strömte. Die Götter auf Erden und im Himmel verzagten. (170) Mit den eingetroffenen Ministern beriet er seinen Plan. Obwohl seinem Herzen die Klarheit fehlte, setzte er entschlossen um, was er sich vorgenommen hatte. Allein bestieg er ein Luftgefährt und gelangte zu Marichas Aufenthalt; dieser lebte dort mit gezügelten Sinnen. (171) Als Ravana eintraf, erschrak Maricha tief; sein Herz bebte vor wohlbegründeter Furcht. Er ging dem Gast entgegen, der einem gewaltigen dunklen Berg glich, erwies ihm alle gebührenden Ehren und sprach, ihm ins Antlitz blickend. (172) »Du herrschst so mächtig, dass selbst der Herr unter dem kühlen, duftblühenden Wunschbaum und der Todesgott zittern müssen. Warum kommst du wie ein einfacher Mann zu meinem ärmlichen Aufenthalt in diesem Wald? Sage mir den Grund!«, fragte er bestürzt.
(173) »Alles ist geschehen! Ich halte mein Leben kaum fest und vergehe. Glanz, Größe und Ruhm sind mir verloren. Wie soll ich dir heute sagen, was geschehen ist? Ach, welche Schande – selbst die Himmlischen müssten sich ihrer schämen! (174) Menschen haben solche Stärke gewonnen! Mit ihrem Schwert brachten sie deine Nichte um ihre Nase. Du mit dem ruhmreichen Speer, könnte man für dein Geschlecht und meines noch eine größere Erniedrigung nennen? (175) Wenn ich sage, dass ich im Zorn gegen diese Niedrigen zog und ihr Leben verschlang, wäre selbst das meinem Siegesruhm abträglich. Du trägst zwei Hände und sitzt hier behaglich! Deine speerbewaffneten Neffen sind tot; ein Einziger bekämpfte sie mit seinem Bogen. (176) Die Glut weicht nicht aus meinem Herzen. Ich bin vernichtet, ich sterbe! Gegen ihn Krieg zu führen, hieße, ihn als ebenbürtig anzuerkennen; dazu will ich mich nicht herablassen. Ich kam, damit du mir hilfst, die rankenschlanke Frau mit den korallenübertreffenden Lippen zu rauben, die bei ihm lebt. So sollst du diese Schmach tilgen!«
(177) Als der Rakshasa diese Worte aussprach, war es Maricha, als werde ihm geschmolzenes Metall ins Ohr gegossen. Noch ehe der andere sich weiter erhitzen konnte, rief er »Pfui! Pfui!« und hielt sich die Ohren zu. Dann überwand er seine Furcht und sprach mit zornigem Herzen. (178) »König, du hast deinem Leben ein Ende gesetzt! Du hast den Verstand verloren! Ich erkenne darin weniger deinen Willen als das Wirken des Schicksals. Auch wenn es dir bitter erscheint, will ich zu deinem Besten sprechen.« So begann er seine entschiedene Antwort. (179) Eigenhändig hast du deine Häupter abgeschnitten und dem lodernden Feuer dargebracht. Lange Zeit ertrugst du Hunger, bis das Leben in dir fast erlosch. Erst danach gewannst du deine Herrlichkeit. Wenn du sie nun verlierst, kannst du sie nochmals erlangen? (180) Durch standhafte Askese und die Vollendung deiner Übungen hast du diesen Reichtum erworben. Jetzt sprichst du aus Gewalttätigkeit! Du kennst doch die Veden: Sage selbst, hast du ihn nicht durch rechtes Handeln gewonnen? Willst du ihn nun durch Unrecht wieder verlieren?
(181) Wer einem Verbündeten sein Land raubt, wer widerrechtliche Abgaben erzwingt und wer die Frau nimmt, die mit einem anderen in der Ehe lebt – solche Menschen zerschneidet Dharma selbst. Herr, welcher dieser Übeltäter ist je unversehrt davongekommen? (182) Indra, der den Himmel beherrscht, kam durch Ahalyas Schönheit zu Fall. Wie viele seinesgleichen wurden so erniedrigt! Wie viele Frauen, der herrlichen Lakshmi gleich, genießen bereits deinen Reichtum! Du sprichst wie einer ohne Rat und Einsicht; dein Verstand hat dich verlassen. (183) Selbst wenn du es ausführst, gewinnst du nichts als böse Schuld und Schande – nichts anderes! Gelingt dir der Raub, wird Rama mit Pfeilen, die dem Fluch des Weltschöpfers gleichen, deine Herrschaft beenden und dich samt deinem Geschlecht und deinem ganzen Gefolge ausrotten. (184) Warum bedenkst du das nicht? Khara stand doch an der Spitze deiner Streitmacht! Ihn, sein Heer und seine festen Wagen vernichtete Rama mit einem einzigen Bogen. Er hat sich vorgenommen, alle zu töten.
(185) Wer war so furchtbar wie der heldenhafte Viradha? Ach, durch Ramas Pfeil ging auch er in die andere Welt! Seitdem quält mich der Gedanke: Wer von uns wird überleben? Willst du mich jetzt mit solchen Worten noch tiefer ins Elend stürzen? (186) Die Toten sind tot. Handle du jetzt nicht wie einer, der ebenfalls sterben will! Nein, tu es nicht! Welche Aussicht auf Rettung bleibt dir dann? Wie viele haben schon geherrscht! Wer Dharma nicht achtete, blieb nicht hier. Sind nicht alle früheren Machthaber vergangen? (187) Vor dem Bogenschützen, dessen Pfeil meinem Bruder und meiner Mutter den Tod brachte, und vor seinem Bruder, der ihm zur Seite steht, verlässt mich aller Mut. Mein Herz zittert; schon der Gedanke an ihn erfüllt mich mit Angst. (188) Du weißt doch wahrhaftig, dass alles Bewegliche und Unbewegliche unbeständig ist und vergeht. Denke nicht an diese erniedrigende Tat! Höre auf meinen Rat und bleibe, Herr, noch lange im Besitz deiner hohen Macht und deines Reichtums!«
(189) Ravana richtete sich auf; seine schrecklichen Augen glühten, seine Brauen hoben sich. »Meine herrlichen, geschmückten Schultern hoben mit einer Hand den Kailasa samt dem Gott, der die Ganga im Haar trägt. Und du nennst sie einem Menschen unterlegen! (190) Du bedenkst nicht, was geschehen ist. Ohne meine Gemütslage zu fürchten, verhöhnst du mich! Die Männer, die das ganze Gesicht meiner jüngeren Schwester wie einen zerhackten Felsen zugerichtet haben, die lobst du! Diese eine Verfehlung habe ich dir noch verziehen.« (191) Maricha scheute sich nicht, den grausamen, erbarmungslosen Mann noch weiter zu erzürnen. »Dein Zorn richtet sich gegen dich selbst und gegen dein Geschlecht, nicht gegen mich! Was soll das?«, entgegnete er. (192) »Wenn du an den Berg denkst, den du hochgehoben hast, denke auch an jenen berggleichen Bogen Shivas! Als man Rama aufforderte, ihn zu spannen, ergriff er ihn, legte die Sehne an und zerbrach ihn. War dieser Bogen nicht einem Berg gleich, der bis zum Scheitel des Weltalls ragte?
(193) Du erkennst nichts und nimmst keinen Rat an. Noch ehe der kriegerische Rama seinen Siegeskranz anlegt, wird er euch das Leben rauben. In deiner Verblendung hältst du das, was du begehrst, für eine Frau. Ist es wirklich Sitas Gestalt – oder die Gestalt der bösen Taten der Rakshasas? (194) Mein Herz schlägt wie eine Trommel bei dem Gedanken, dass du mit deinen Verwandten ohne Rettung untergehen wirst. Du willst es nicht bedenken; mein kostbares Leben erbebt vor Angst. Dürfen einsichtige Menschen neben einem Gifttrinker stehen und sagen: ›Das ist gut‹? (195) Die göttlichen Waffen, die Kaushika Rama verliehen hat, könnten in einem Augenblick Shiva, die übrigen Götter und alle Wesen sämtlicher Welten vernichten. Makellos und unzählbar warten sie voller Kampfbegier auf Ramas Befehl. (196) Der unvergleichliche Axtträger tötete den Helden mit den tausend mächtigen Armen im Nu. Doch Rama nahm diesem Parashurama seine ganze Kraft samt dem furchtbaren Bogen. Können wir uns mit der Stärke dessen messen, dem all das zufiel?
(197) Das schmerzbereitende Gift der Begierde ist in dir aufgestiegen und hat dich geschwächt. Du sprichst Böses; führt solches Tun nicht ins Verderben? Als dein Onkel und älterer Verwandter sage ich dir dies. Lieber Herr, lass davon ab!« (198) Der Rakshasakönig schalt den Mann, der so eingehend nachgedacht und gesprochen hatte: »Du lebst in Angst vor dem, der deine Mutter erschlug! Ist es recht, dich überhaupt als einen Mann zu betrachten, der einem anderen entgegentreten kann? (199) Ich ließ die Weltelefanten fliehen, stürzte die Götter, drang in den Himmel ein und verbrannte ihre Wohnsitze. Mein Herrscherrad dreht sich über alle Welten! Und mich sollen Dasharathas Söhne bezwingen? Wie schön! Welch gewaltige Stärke! (200) Ich habe die alleinige Herrschaft über die drei Welten errungen. Was könnte erfreulicher sein, als endlich Gegner zu finden? Gehorche meinem Befehl! Darfst du dich der Pflicht eines schützenden Ratgebers entziehen, der nach dem Willen seines Herrn handelt?
(201) Wenn du dich weigerst, werde ich dich mit meinem scharfen Schwert bestrafen und meinen Entschluss trotzdem ausführen. Ich gebe ihn nicht auf. Lass diese widerwärtigen Reden und richte dich nach meinem Willen, wenn du am Leben bleiben willst!« (202) Maricha begriff und bezwang sich. »Dass Hochmut ins Verderben führt, steht wahrlich fest. Doch wer wäre anmaßender als der, der meint, einen Hochmütigen unbedingt bessern zu können?«, dachte er. Wie Wasser, das auf glühendes Kupfer fällt, musste sein Rat wirkungslos vergehen; dennoch sprach er. (203) »Ich habe dir die Wahrheit gesagt, weil ich dein Wohlergehen wollte; nicht aus Todesangst um mich selbst. Wenn das Verderben naht, erscheint selbst das Gute als böse. Du beharrst auf deinem niedrigen Entschluss. Sage also, was ich tun soll!« (204) Da stand Ravana auf und umarmte ihn; sein Zorn verflog. »Du mit den berggleichen Schultern! Ist es nicht ruhmvoller, durch Ramas Pfeil zu sterben als durch die brennenden Pfeile des Liebesgottes? Verschaffe mir Sita, die mich sogar zum Feind des Südwinds gemacht hat!«
(205) Maricha erwiderte: »Als ich einst mit zwei Rakshasas nach Dandaka zog, um meine erlittene Schmach zu tilgen, durchbohrten Ramas Pfeile meine Gefährten. Sie stürzten tot zu Boden, und ich entkam voller Furcht. Was könnte ich nun dort vollbringen? Erkläre es mir!« (206) Der Rakshasakönig sagte: »Lieber Freund, ich bin bereit, den mühelos zu töten, der deiner Mutter das kostbare Leben nahm. Warum fragst du dann: ›Was soll ich dort tun?‹ Wir müssen die Frau durch Täuschung und Zauberkunst rauben!« (207) Maricha sagte: »Was soll ich noch entgegenhalten? Die Gemahlin eines Herrschers durch Betrug statt im offenen Kampf zu gewinnen, ist unwürdig. König, besiege ihn auf dem Schlachtfeld und nimm sie dann! Das entspricht eher dem Recht des Kriegers und mehrt deinen Heldenruhm.« (208) Ravana lachte: »Brauche ich ein Heer, um sie zu bezwingen? Genügt nicht das Schwert in meiner starken Hand? Doch wenn die Männer sterben, wird die gazellengleiche Frau allein zurückbleiben und ebenfalls sterben. Deshalb wollen wir sie durch List gewinnen.«
(209) Maricha dachte: »Ich wollte ihn zum Kampf bewegen, damit ein Pfeil ihm den Kopf abschlägt, noch ehe er die Herrin berührt. Auch dieser Ausweg gelingt mir nicht. Wer durchschaut die Frucht des Schicksals? Mir bleibt nichts, als seinen Auftrag auszuführen.« (210) »Welche große Täuschung soll ich vollbringen? Sage es!« – »Verwandle dich in ein goldenes Reh und erwecke in der goldgleichen Frau das Verlangen danach!« Maricha versprach es und ging. Auch der Rakshasakönig mit dem blitzenden Speer brach auf, doch auf einem anderen Weg. (211) Da Maricha die Macht ihres Bogens bereits kannte, hatte er sich keineswegs freiwillig zu diesem Unternehmen bereitgefunden. Die Drohung mit dem Schwert dessen, der ihm die Rehgestalt befahl, trieb ihn fort. Nun erzählen wir, was er dachte und tat. (212) Er dachte an seine grausamen Verwandten und verging vor Kummer; dann überfiel ihn wieder die Angst vor den beiden Helden. Wie ein Fisch im tiefen Wasser, in das Gift gelangt ist, zitterte er. Kaum lässt sich der Zustand seines Herzens ermessen.
(213) Seit seinem Angriff auf das Opfer hatte er Rama immer wieder verfolgt und bedrängt, ohne bisher sein Ende zu finden. Nun ging er dem Tod bei der dritten Begegnung entgegen und betrat den Wald, in dem Raghava wohnte. (214) Er nahm eine unvergleichlich strahlende Gestalt als goldenes Reh an, deren Glanz Himmel und Erde erhellte. So zog er weiter, um die Frau zu suchen, die selbst einer schönen Gazelle glich. (215) Hirsche und alle anderen Tiere, die ihn sahen, kamen herbei, von wogendem Verlangen angezogen. So fallen Menschen auf käufliche Frauen herein, deren Herzen in beständiger Täuschung verharren und keine Liebe kennen. (216) Vaidehi ging Blumen pflücken. Ihre so schmale Taille, dass man ihr Vorhandensein leugnen könnte, schmerzte bei jedem Schritt. Mit ihren hell beringschmückten Händen – selbst Blumen, die niemand gepflückt hatte – pflückte sie die Blüten.
(217) Sie, die bald ein Leid erfahren sollte wie niemand zuvor, erblickte eine Erscheinung, die keinem gewohnten Bild entsprach. So sehen Menschen, deren Unheil bevorsteht, im Traum Gestalten, die sich nicht einmal im Denken zusammenfügen lassen. (218) Sie erkannte die Täuschung nicht und begehrte das Tier in argloser Freude. Ravanas Lebenszeit sollte enden, und Dharma sollte in diesen Tagen auf die Erde zurückkehren: Deshalb geschah es so. (219) Als das Reh vor der Frau mit der mondsichelgleichen Stirn stand, stieg ihr Verlangen übermächtig auf. »Ich werde ihn bitten, es für mich zu fangen«, dachte sie und eilte aufgeregt zu dem Helden mit dem siegreichen Bogen. (220) Mit gefalteten Händen sagte sie: »Ein Reh ist da, aus reinstem Gold! Seine klaren Strahlen leuchten bis zum Himmel. Seine festen Ohren und Beine bestehen aus Edelsteinen. Es ist wundervoll anzusehen!«
(221) Er dachte nicht einmal kurz: »Ein solches Reh gibt es nicht auf Erden; was mag das sein?« Auf das Wort der schönen Frau hin erwachte auch in ihm, dem Ursprung des lotusgeborenen Brahma, der Wunsch, es zu sehen. (222) Als der Freigebige sagte: »Du goldene, geschmückte Ranke, komm, wir wollen es anschauen!«, erkannte sein jüngerer Bruder seinen Wunsch. Doch er sah darin nichts Wünschenswertes und erhob Einspruch. (223) »Ein goldener Leib, Beine, Ohren und Schwanz aus Edelsteinen – und dabei die Bewegungen eines springenden Tieres! Wie soll man das anders als Zauberei verstehen? Herr, hier ist Misstrauen angebracht!« (224) Rama entgegnete: »Junger Prinz, selbst die Wissenden haben die Beschaffenheit dieser unsteten Welt nicht vollständig erkannt. Unzählige Millionen lebender Wesen sind über sie verbreitet. Es gibt nichts, was es nicht geben könnte!
(225) Warum diesen Gedanken so festhalten? Wir sehen doch Dinge, die über das hinausgehen, was wir gehört haben. Weißt du nicht, dass sieben Schwäne geboren wurden, deren Körper den Glanz des Goldes besaßen?« (226) »Die Vielfalt der Lebewesen kennt weder feste Ordnung noch Grenze«, erklärte der Herr seinem jüngeren Bruder. Die arme Frau aber sorgte sich: »Während sie so reden, wird das Tier auf einem der vielen Wege verschwinden!« (227) Er, der einem dunklen Berg glich, bemerkte ihren Wunsch. »Zeige es mir, du Geschmückte!«, sagte er und ging. Sein Bruder mit den klingenden Fußringen folgte besorgt. Das Reh stand ihnen gegenüber und blickte sie an – wie ein unausweichliches Schicksal, das Gestalt angenommen hatte. (228) Rama sah das Tier an und sagte, ohne mit seinem scharfen Verstand weiter zu prüfen: »Wie schön!« Dafür lässt sich ein Grund nennen: Hatte er nicht sein Schlangenlager verlassen und sich verkörpert, weil die Götter dies durch ihre Verdienste erwirkt hatten? Sollte deren Hoffnung unerfüllt bleiben?
(229) »Jüngerer Bruder, sieh nur! Womit könnte man es vergleichen? Es gleicht allein sich selbst. Wenn es die Zähne zeigt, gleichen sie Perlen; die weiche Zunge über dem frischen Gras gleicht einem Blitz. Auf dem rötlich goldenen Leib leuchten silberne Flecken. (230) Du Meister der Bogenkunst, welcher Mann und welche Frau könnten diese Gestalt sehen, ohne sie zu begehren? Schau: Alle kriechenden und fliegenden Wesen kommen mit schmelzendem Herzen herbei wie Motten zum hellen Licht einer Lampe!« (231) Der jüngere Bruder betrachtete das Reh und blieb in seinem Urteil klar: »Das ist nicht gut! Was haben wir hier zu suchen? Held mit der duftenden Girlande, wenn dieses Tier tatsächlich golden ist, tun wir am besten daran, umzukehren!« (232) Noch ehe er geendet hatte, sagte die Schöne zu ihrem schönen Gemahl: »Sohn des siegreichen Königs, wenn du mir dieses liebliche Reh rasch fängst, wäre es etwas ganz Besonderes! Nach dem Ende unserer Verbannung könnten wir zu Hause Freude daran haben und mit ihm spielen.«
(233) Als die schlanke Frau so sprach und Rama zustimmte, sagte der einsichtige Lakshmana: »Herr, am Ende wirst du erkennen, dass dies ein Trugreh ist, das grausame, starke Rakshasas für eine List hervorgebracht haben!« (234) Der Befreier der Götter aus ihrer Not erwiderte: »Ist es Zauberei, wird es durch meinen Pfeil sterben. Dann haben wir einen grausamen Feind getötet und unsere Pflicht erfüllt. Ist es echt, werden wir es fangen. Sage: Welche dieser beiden Möglichkeiten wäre denn schlecht?« (235) »Wir wissen weder, wie viele dahinterstehen, noch welche Täuschung hier vorliegt und worauf sie abzielt. Du mit den goldgeschmückten, diamantfesten Schultern: Einer Jagd nachzugehen, die rechtschaffene Menschen missbilligen, bringt keinen Ruhm!« (236) Der Vater des viergesichtigen Brahma sagte zu seinem würdigen Bruder: »Wenn wir unser Gelübde aufgeben, weil die Rakshasas unsere Feinde sind, weil es viele sind oder weil sie mächtige Zauber beherrschen, machen wir uns lächerlich! Darum ist dieses Unternehmen gut.«
(237) Lakshmana sagte: »Herr, ist es nicht richtig, auch die Folgen zu bedenken? Selbst wenn viele hinter diesem Tier stehen, werde ich rasch hinterhergehen und sie mit den heißen Pfeilen meines Bogens niederstrecken. Ist es anders, fange ich das Reh und bringe es her.« (238) Da sprach die schwanengleiche Frau mit süßen, papageiengleichen Worten aus ihrem roten Mund, als flösse Nektar daraus. Bekümmert sagte sie: »Mein Herr, du willst es offenbar nicht selbst für mich fangen!« Ihre rot geäderten Lilienaugen vergossen Perlen; gekränkt wandte sie sich ab. (239) Rama sah ihren Unmut und sagte zu Lakshmana: »Du mit dem prächtigen Schmuck, ich werde dieses Reh selbst fangen und schnell zurückkommen. Bleibe hier und beschütze die Frau, die einem Waldpfau gleicht!« Er nahm den Bogen und die Pfeile, deren Schärfe Speere übertraf, und eilte fort. (240) Lakshmana faltete die Hände: »Von den dreien, die einst zum Opfer kamen, entkam einer. Ich vermute, dass dies jener Maricha ist. Herr, du wirst es noch erkennen. Möge es dir wohlergehen; geh!« Dann blieb er draußen stehen und bewachte die Hütte, die die goldgleiche Frau betreten hatte.
(241) Rama nahm die klugen Worte des Bruders nicht zu Herzen. Er dachte an die Verstimmung seiner mondgesichtigen Gemahlin und lächelte mit seinen roten, korallengleichen Lippen. Mit seinen schönen, berggipfelgleichen Schultern folgte er dem Reh. (242) Es setzte die Hufe behutsam auf, blickte aufgeschreckt umher und sprang plötzlich hoch. Es streckte die Ohren und zog die Hufe an die Brust. In seiner Geschwindigkeit schien es selbst dem aufkommenden Wind und dem eilenden Gedanken noch Unterricht zu erteilen. (243) Rama streckte jene Füße aus, mit denen er einst die drei Welten ausgemessen hatte. Gab es etwa noch ein anderes Weltall für einen weiteren Schritt? Er trieb das Reh vor sich her und zeigte dabei seine lückenlose Allgegenwart. Wer könnte seine damalige Geschwindigkeit ermessen? (244) Das Reh sprang über Berge und mitten zwischen Wolken. Kam Rama näher, entfernte es sich; blieb er zurück, schien es zum Greifen nah. Es entfernte sich, als stünde es still – unstet wie das Herz einer bekränzten Frau, deren Zuneigung sich nach dem Reichtum richtet.
(245) »Sein Körper und sein Verhalten passen nicht zusammen«, erkannte Rama. »Mein Bruder hatte den richtigen Gedanken schon vor mir. Bei näherer Prüfung kann dies kein natürliches Tier sein. Ich habe mich mit einem Zauberwerk der Rakshasas abgemüht!« (246) Der zauberkundige Rakshasa begriff: »Er will mich nicht mehr fangen; nun will er mich mit einem Pfeil töten und in den Himmel schicken!« Mit äußerster Geschwindigkeit schoss er empor. (247) Im selben Augenblick sandte der Herr einen rötlich leuchtenden Pfeil aus, dessen unwiderstehliche Kraft der seines furchtbaren Diskus gleichkam. »Folge ihm, wohin er auch geht, und nimm ihm das Leben!«, befahl er. (248) Der langblättrige Pfeil traf das betrügerische Herz. Da riss der Rakshasa den Mund auf und stieß einen Schrei aus, der in alle acht Himmelsrichtungen und darüber hinaus drang. Wie ein Berg stürzte er zu Boden.
(249) Als der Grausame in seiner eigenen Gestalt niederfiel, dachte Rama an den Bruder, der gewarnt hatte: »Das ist nicht recht.« »Wie weise er ist! Mein geliebtes Leben, mein Retter – wie weise ist er!«, sagte er sich. (250) Rama blieb stehen und betrachtete den Körper des Niedrigen, dessen Schrei weithin erklungen war. Er erkannte mit Sicherheit: Dies war Maricha, der einst das Opfer des makellosen großen Asketen gestört hatte. (251) Bekümmert dachte er: »Als mein durchbohrender Pfeil in seine Brust drang, hat er durch Zauberkunst meine Stimme angenommen und gerufen. Wenn die Arme mit den regengleichen Augen das hört, wird sie verzagen!« (252) Dann beruhigte er sich: »Mein Bruder ist bei ihr. Er hat schon vorher erkannt, dass dies Marichas Trug ist. Er kennt meine Stärke und wird sie gewiss trösten.«
3.8 – Jatayus Tod
(253 [Quellenzählung; Schlussvers von Kapitel 3.7]) »Er kam nicht bloß, um zu sterben. Dahinter steckt eine Absicht; sein Ruf soll Unheil auslösen. Ich muss zurück, ehe es sich vollendet!« Mit diesem Gedanken kehrte Rama um. (1) Wir haben erzählt, was dort dem geschah, dessen Leib dem einzigartigen, muschelreichen Meer gleicht. Nun berichten wir, was hier die rankenschlanke Frau mit den duftenden Blumen im Haar erlebte. (2) Als der verhängnisvolle Schrei des Rakshasas, der seinen höhlengleichen Mund aufgerissen hatte, ihr Ohr erreichte, schlug sie sich den Leib und brach bewusstlos zusammen, wie ein Kuckuck, der zu Boden fällt. (3) »Ich Törichte habe mit meiner Bitte ›Fange mir dieses Reh!‹ mein höchstes Lebensglück zerstört!« Sie wand sich klagend wie eine Ranke, die in heftiges Feuer gerät, wie eine große Schlange, die der Donner zerschmettert.
(4) Zornig sagte sie zu Lakshmana: »Unser Fürst von makellosem Wesen ist durch die List dieses schwertbewaffneten Rakshasas zusammengebrochen! Und du, sein jüngerer Bruder, stehst noch immer hier bei mir?« (5) Der Wahrhaftige erklärte ihr: »Wer könnte behaupten, es gebe auf dieser Erde einen, dessen Stärke Ramas Macht übertrifft? Nur aus weiblicher Besorgnis könnt Ihr so sprechen!« (6) »Herrin, könnte Raghava, auch wenn er allein ist, im Kampf der geringen Kraft jener armseligen Wesen unterliegen, die in den sieben Meeren, den siebenmal sieben Welten und rings um die sieben Gebirge leben? (7) Erde, Wasser, Wind, Himmel und Feuer vergehen, wenn er zürnt. Für wen haltet Ihr den Wolkendunklen mit den Lotusaugen, dass Ihr in solchen Kummer versinkt?
(8) Sollte Rama, von einem Rakshasa bedrängt, in seiner Not um Hilfe rufen? Wenn er wirklich einen solchen Ruf ausstieße, würden die großen Weltsysteme oben und unten zerbrechen, und alle Wesen, angefangen bei Brahma, würden vergehen! (9) Was soll ich noch sagen? Er zerbrach den Bogen, den der Erhabene einst spannte, um die drei festen Städte zu verbrennen, während Erde und Himmel ihn priesen. Gibt es irgendeine Kraft, die der unseres Herrn gleichkommt? (10) Wenn unserem Beschützer widerfahren könnte, was Ihr befürchtet, würden die drei Welten enden. Die uralten Götter, die Weisen und alle Guten würden zugrunde gehen; selbst Dharma würde verschwinden. (11) Warum lange reden? Als der Pfeil unseres Herrn ihn traf und er sterbend zusammensank, hat jener Rakshasa diesen Ruf ausgestoßen. Lasst Euch dadurch nicht in Verzweiflung stürzen! Bleibt hier!«
(12) Seine Worte steigerten ihren Zorn. Von tödlichem Leid gequält und mit brennendem Herzen sprach sie hart und unerbittlich: »So stehst du also da! Dieses Verhalten ist nicht recht! (13) Menschen, die einander auch nur einen Tag kennen, geben füreinander ihr Leben hin. Du aber hörst von der Not des edlen Mannes und bleibst ohne Furcht hier stehen! Was bleibt mir noch? Ich werde mich sogleich hier ins Feuer werfen und sterben!« (14) Wie ein Schwan, der in einen Lotusteich springt, eilte sie auf das rauchende Waldfeuer zu. Der Prinz mit dem schützenden Bogen hielt sie zurück, warf sich vor ihren zarten Füßen auf die weite Erde und sprach. (15) »Warum solltet Ihr sterben? Eure Worte erschrecken mich; ich kann Euch nicht widersprechen. Lasst nun den Kummer und bleibt hier. Ich, Euer Diener, gehe. Können wir das grausame Schicksal besiegen?
(16) Ich gehe also. Unheil zieht herauf! Ihr widersprecht dem Befehl des Königs und sagt mir, ich solle fortgehen. Nun bleibt Ihr allein zurück.« Mit brennendem Herzen nahm er Abschied und ging. (17) Er rang in seinem Innern: »Bleibe ich, wird sie im Feuer sterben. Gehe ich zu dem berggleichen Helden, kann ungehindert Unheil hereinbrechen. Was soll ich tun, dem ihr kostbares Leben so lieb ist?« (18) »Wenn Dharma sie vor dem Untergang bewahrt, mag alles noch gut werden. Bleibe ich, wird sie gewiss sterben. Darum entscheide ich mich, sie zu verlassen. Frühere Taten haben mich, den Toren, in diese Not geführt!« (19) »Ich werde gehen. Sollte etwas geschehen, wird der schützende König der Geier es bemerken und helfen, soweit er kann«, sagte er noch. Dann ging der Edle – wie es die Askese der Götter herbeigeführt hatte.
(20) Kaum war Lakshmana fort, nahm Ravana mit den gekrümmten Hauern, der auf diesen Augenblick gelauert hatte, die Gestalt eines Asketen an, um seine List zu vollenden. Er trug den dreifachen Stab jener Entsagenden, die die Fesseln der drei inneren Feinde durchschneiden. (21) Sein Leib wirkte ausgemergelt, als nähme er keine Nahrung zu sich; seine Bewegungen zeigten die Erschöpfung einer langen Wanderung. Mit einer Stimme wie eine Vina sang er die Veden und hielt dabei den Takt ein. (22) Er setzte die Füße so behutsam auf wie sich Blüten entfalten, als sei die Erde voller Feuer. Hände und Füße zitterten unaufhörlich. Er stellte ein so hohes Alter dar, dass selbst das Alter dessen überdrüssig werden konnte. (23) Mit einer Kette aus Lotussamen, dem gekrümmten Körper und der Haltung einer Schildkröte, mit dem heiligen Faden über der Brust näherte er sich dem Ort, an dem die reinherzige Frau saß, die Arundhati glich.
(24) Er trat an den Eingang der makellosen Hütte. Mit stockender Zunge und bebender Stimme fragte er: »Wer wohnt hier?« Seine angenommene Gestalt hätte selbst die Götter getäuscht. (25) Die pfauengleiche Frau dachte: »Ein Asket von reinem Herzen und ungebrochener Entsagung ist hierhergekommen.« Mit süßer Stimme, selbst einer Korallenranke gleich, trat sie ihm entgegen: »Kommt bitte herein!« (26) Er sah sie: den Schmuck aller Schönheit, die Wohnstatt des Ruhms, die Königin ehelicher Treue. Sein Leib schwitzte wie ein Berg, aus dem der Brunftsaft eines Elefanten strömt; sein Begehren war ein Meer mit aufgewühlten Wellen der Leidenschaft. (27) Was lässt sich über sein verlangendes Herz sagen, als er ihre Gestalt sah, schöner als die der Himmlischen, und ihre lebhafte, kuckucksüße Stimme hörte? Seine heldenhaften Schultern schwollen vor Freude an und erschlafften vor Sehnsucht.
(28) Seine Augenreihe berauschte sich an ihrer pfauengleichen Schönheit wie Bienenschwärme, die aus einem Quell von Blütenhonig trinken und summen. Doch warum diesen Vergleich bemühen? Seine Augen waren ebenso trunken wie sein Herz. (29) »Sind zwanzig Augen genug, um den juwelengleichen Leib dieser Göttin zu sehen, die ihr rotblättriges Lotuslager verlassen hat und hierhergekommen ist? Ach, hätte ich doch tausend Augen, die niemals blinzeln!«, klagte er innerlich. (30) »Genügt selbst die ungeheure Lebensspanne von dreißig Millionen, die ich durch fehlerlose Askese errang, für das uferlose Meer der Schönheit dieser Frau mit den vielen Armreifen?«, dachte er. (31) »Götter und Asuras samt ihren Gemahlinnen sollen auf ihren Ruf warten und ihr dienen. Sie soll über die drei Welten rechtmäßig herrschen; ich selbst werde künftig als ihr Diener leben!«
(32) »Wenn ihr Antlitz schon in quälendem Kummer so strahlt, wie muss erst ihr Lächeln sein, wenn die knospengleichen Zähne leuchten? Meiner jüngeren Schwester, die diese Frau mit dem lockeren Haar gefunden hat, werde ich mein Reich schenken!« (33) Während der Zuchtlose so dachte und sein Begehren immer heftiger aufflammte, wischte die treue Frau ihre Tränen ab. Freundlich wandte sie sich ihm zu: »Bitte, tretet näher!« (34) Sie begrüßte ihn ehrerbietig und bot ihm nach dem Brauch einen Sitz aus Rohr an: »Setzt Euch hier!« Der Betrüger legte seinen großen Dreistab beiseite und nahm in der blumengeschmückten Hütte Platz. (35) Beim Anblick des sündhaften, grausam handelnden Rakshasas erbebten Berge und Bäume. Die Vögel verstummten, die Tiere erschraken, und die Schlangen zogen ihre Hauben ein und verkrochen sich.
(36) Der Sitzende fragte: »Was ist dies für eine Unterkunft? Welcher große Asket wohnt hier? Und wer seid Ihr?« Die Frau mit den großen Augen dachte: »Er ist ein Gast und kennt die Verhältnisse hier nicht«, und antwortete. (37) »Der vornehmste Spross aus Dasharathas altem Geschlecht nahm den Befehl seiner hochgeborenen Mutter ehrfürchtig an. Ohne zu verzagen lebt er hier mit seinem jüngeren Bruder. Ehrwürdiger, gewiss kennt Ihr seinen Namen!« (38) »Ich habe von ihm gehört, ihn aber nicht gesehen. Einmal war ich in dem Land, das die reiche Ganga bewässert. Doch wessen edle Tochter seid Ihr, mit den großen, strahlenden Blumenaugen, dass Ihr harte Tage im Wald verbringt?« (39) Die Frau von makelloser Treue sagte: »Ehrwürdiger Wanderer auf dem reinen hohen Weg! Ich bin die Tochter Janakas, der in seinem Herzen keine anderen Götter verehrt als Heilige wie Euch. Mein Name ist Janaki; ich bin Kakutsthas Gemahlin.«
(40) Dann fragte die schön Geschmückte: »Ihr seid hochbetagt und habt Euch auf beschwerlichen Wegen abgemüht. Ihr strebt danach, gute wie böse Taten zu überschreiten. Von wo seid Ihr hierhergekommen?« (41) Er begann: »Es gibt einen Herrscher, der selbst Indras Indra ist, von unbeschreiblicher Schönheit. Aus dem Geschlecht des viergesichtigen Brahma geboren, regiert er Himmel und alle Welten. Die geheimnisvollen Veden und ihre Mantras wohnen auf seiner Zunge. (42) Er besitzt die Kraft, den großen strahlenden Berg, auf dem Shiva wohnt, mit seiner tiefsten Wurzel auszureißen. Seine Schultern zermalmten die Stoßzähne jener mächtigen Elefanten, welche die Himmelsrichtungen tragen, als sie gegen ihn kämpften. (43) Vor seinem Tor stehen dicht gedrängt die Götter. Will man seine Größe beschreiben: Der Wunschbaum und alle Schätze sind in seiner Hand. Seine prächtige goldene Stadt Lanka liegt im erhabenen Meer.
(44) Menaka, Tilottama und die anderen himmlischen Frauen verließen wegen seiner Herrlichkeit den Himmel und kamen zu ihm. Ihre Dienste sind es, ihm den Betelbeutel und die schönen Schuhe zu reichen oder seine Füße zu massieren. (45) Mond und Sonne bewegen sich nach seinem Willen. Der strahlende Indra und die übrigen Götter dienen als Wächter seines bis an den Himmel reichenden Palastes. (46) Alles in seiner herrlichen Stadt ist makellos und lieblicher als in der goldenen Götterstadt, der alten prächtigen Stadt der Nagas oder irgendeiner Stadt auf dieser weiten Erde. (47) Der Lotusgeborene schenkte ihm ein schier endloses Leben. In seiner starken Hand trägt er das Schwert des Gottes, dessen eine Hälfte eine Frau ist. Die mächtigen Planeten hält er gefangen; seine Eigenschaften sind erhaben.
(48) Er ist frei von Grausamkeit, umfassend gebildet und gerecht. Seine Schönheit setzt selbst den Liebesgott in Staunen. Er besitzt vollständig die Größe jener drei, die wir alle als die höchsten Herren betrachten. (49) Wie viele schöne Frauen aus allen Welten sehnen sich nach seiner Gunst! Obwohl sie im Gedanken an ihn dahinschmelzen, gewährt er sie ihnen nicht. Er sucht eine einzige Frau, die seinem Herzen lieb wäre. (50) In der Stadt, in der dieser Herr auf seinem Thron regiert, wollte ich einige Tage bleiben. Ich verweilte lange und konnte mich innerlich kaum von ihm trennen. Nun bin ich zurückgekehrt«, sagte der Ränkeschmied. (51) Sita fragte: »Ihr haltet doch selbst den eigenen Leib für überflüssigen Ballast. Weshalb wohntet Ihr dann in der Stadt sündiger Rakshasas, die weder die Veden noch die Gnade der Vedakundigen achten und lebendige Wesen verschlingen?
(52) Ihr bliebt nicht bei den großen Asketen im Wald und suchtet auch keine Stadt heiliger Menschen in einem gesegneten, wasserreichen Land auf. Stattdessen lebtet Ihr unter denen, die nicht an den Weg des Dharma denken. Was habt Ihr da getan?« (53) Der Maßlose antwortete: »Wir fürchten uns nicht, nur weil man sie schwertbewaffnete Rakshasas mit wilden Augen nennt. Sie sind frei von Makel. Mondgesichtige, wahrhaft betrachtet sind sie nicht schlechter als die Götter. Für Menschen wie uns sind gerade die Rakshasas wohlgesinnt.« (54) »Wer sich mit Bösen verbindet, bleibt nicht rein, auch wenn er den alten Weg beschritten hat«, sagte die Geschmückte. Dass mächtige Rakshasas durch Zauber jede gewünschte Gestalt annehmen konnten, wusste sie nicht. Darum dachte sie an keine andere Erklärung. (55) Er fürchtete, sie könnte Verdacht schöpfen, und sprach anders weiter, um ihn zu zerstreuen: »Welchen Weg haben die Bewohner der drei Welten denn sonst, als sich nach den Mächtigen zu richten? Darüber kann kein Zweifel bestehen.«
(56) Die Rechtschaffene erwiderte dem kundigen Betrüger: »Während der freigebige Beschützer des Dharma hier seine schwere Askese vollbringt, werden die Rakshasas, die vom rechten Leben abgewichen sind, mit ihrem ganzen Geschlecht zugrunde gehen. Danach wird die Welt frei von Leid sein.« (57) Er entgegnete: »Du mit den fischgleich glänzenden Augen! Wenn Menschen die Rakshasas mit Stumpf und Stiel ausrotten können, dann kann ein junges Häschen ganze Elefantenherden töten und ein Rehkitz den Löwen mit seinen gekrümmten Klauen erschlagen!« (58) Sie dachte an Ramas gegenwärtige Gefahr, und Tränen strömten aus ihren regengleichen Augen. »Habt Ihr nichts von dem Kampf gehört, in dem Viradha mit seinem blitzgleichen Haar und der zornige, siegreiche Khara samt zahllosen anderen umkamen? (59) Der Freigebige ist der starke Löwe; die Rakshasas sind die Rehherde, von der Ihr sprecht. Schon morgen könnt Ihr sehen, wie sie mit ihren Angehörigen sterben und die Götter wieder aufblühen. Ehrwürdiger, erkennt Ihr das nicht? Kann Sünde den unüberwindlichen Dharma besiegen?«
(60) Ihre wenigen sanften Worte, wie Honig mit Nektar vermischt, hatten seinen Leib vor Wonne aufblühen lassen, als sie seine Ohren erreichten. Doch nun erhob sich sein schrecklicher Stolz. Die Behauptung, Menschen seien stärker, entfachte seinen Zorn. (61) Wütend sagte er: »Wenn du behauptest, ein Mensch habe diese Schwächlinge getötet, wirst du morgen die Wahrheit erfahren. Sobald der Sturm jener zwanzig mächtigen Schultern losbricht, werden diese Menschen wie leichte Blüten zerstieben! (62) Ob er Meru ausreißen, den Himmel zertrümmern, das Meer aufwühlen, das Feuer löschen oder die Erde hochheben will – was wäre Ravana unmöglich? Du törichte Frau mit den folgenschweren Worten, für wen hältst du ihn?« (63) Sie sagte: »Bedeuten viele kräftige, schützende Schultern schon wahre Stärke? Der Held, der einst den König des meerumgebenen Lanka gefangen nahm, besaß einen ganzen Wald von Armen. Hat nicht ein noch junger Mann mit nur zwei Armen sie alle mit seiner Axt abgehauen?«
(64) Kaum hatte sie das gesagt, brannten seine Augen. Seine massigen Schultern dehnten sich in die Himmelsrichtungen, seine Kronen berührten den Himmel. Die starken Hände schlugen gegeneinander; seine leuchtenden Zähne knirschten wie Donner in Wolken. Mit aufwallendem Zorn fiel seine Verkleidung ab. (65) »Ist er gar kein Heiliger, der beide Arten des Handelns hinter sich gelassen hat? Wer ist er?«, fragte sich die Frau ratlos. Da stand er vor ihr wie eine hochgiftige Schlange, die sich zornig aufrichtet und ihre furchtbare Haube ausbreitet. (66) Wie könnte man die Steigerung ihres ohnehin unerträglichen Leids ermessen? Ihr fehlten Worte zur Antwort und jede Möglichkeit zu handeln. Sie erbebte wie ein lebendes Wesen vor dem Tod, dessen Gestalt sich nicht beschreiben lässt. (67) Ravana sagte: »Du übersiehst meine siegreiche Stärke, der selbst die Götter dienen, und nennst die Menschen mächtig, die wie Würmer auf Erden leben! Nicht weil du eine Frau bist, bleibst du verschont. Ich könnte dich zerquetschen und fressen wollen – doch täte ich es, verlöre ich mein eigenes Leben!
(68) Fürchte dich nicht, Schwanengleiche! Ich werde dich wie eine Krone auf jedem meiner Häupter tragen, die sich noch niemals vor jemandem gebeugt haben. Zahllose geschmückte Himmelsfrauen sollen dir zu Füßen dienen. Lebe in der Herrlichkeit einer Herrscherin über alle vierzehn Welten!« (69) Mit ihren knospengleichen Händen verschloss Sita fest die Ohren. »Rakshasa, du missachtest die Ordnung der Welt! Was sagst du zu mir, der treuen Frau des siegreichen Kakutstha mit dem mächtigen Bogen? Du bist wie ein Hund, der das Opfer begehrt, das die Reinen dem lodernden Feuer darbringen! (70) Sollte ich aus Angst um dieses Leben, das leichter vergeht als ein Tropfen auf einer Grasspitze, die Ehre meiner Herkunft zerstören? Wenn dir dein Leben lieb ist, fliehe und verstecke dich, ehe seine heißen Pfeile wie blitzender Donner über dich kommen!« (71) Der erbarmungslose Rakshasa antwortete: »Wenn der Pfeil deines Gemahls meine Brust trifft, an der die gewaltigen Stoßzähne der Weltelefanten zerbrachen – wäre das nicht wie ein Blumenpfeil, den man gegen einen Berg schießt?«
(72) »Du Göttin selbst unter Göttinnen! Das Verlangen nach dir verzehrt meinen Leib. Schenke mir das Leben und nimm die höchste Stellung über alle himmlischen Frauen mit ihren schweren Ohrringen ein!« So sprach er, dessen Schultern stärker waren als die welttragenden Berge, und verneigte sich vor ihr. (73) Als er auf der Erde vor ihren Füßen niedersank, erschrak sie, als habe eine blutbefleckte Klinge ihr Leben getroffen. Sie, die schöne Verkörperung der Geduld, rief verzweifelt: »Mein Herr! Jüngerer Bruder!« (74) Der Böse erinnerte sich an Brahmas früheren Ausspruch und berührte die Geschmückte nicht. Mit der Kraft seiner hohen, säulengleichen Schultern riss er stattdessen den Boden samt der Hütte aus, ein Yojana tief und weit. (75) Er hob alles auf seinen hohen Wagen. Die Frau mit den schönen Armreifen sah es, doch ihren geliebten Lebensgefährten sah sie nicht. Wie ein Blitz, der zur Erde fällt, brach sie benommen zusammen. Er beeilte sich, den Weg durch den Himmel zu nehmen.
(76) »Lass den Wagen los!«, rief sie. Wie eine Ranke im brennenden Feuer wand sie sich, erbebte und sank erschöpft nieder. Dann fuhr sie wieder auf und weinte vor Leid: »Dharma, beschütze mich schnell!« (77) »Berge! Bäume! Pfauen! Kuckucke! Hirsche und Hirschkühe! Elefantenbullen und Elefantenkühe! Ihr seht meine Lage; mein Leben schwankt. Geht zu dem Helden von unerschütterlicher Stärke und berichtet ihm davon! (78) Wolken, Haine, Gottheiten des Waldes! Ihr kennt den Aufenthaltsort des rechtschaffenen Helden. Wenn ihr mir mit einem ›Fürchte dich nicht‹ helfen würdet und ich, eure Dienerin, dadurch gerettet wäre – wäre das für euch eine Schande? Sagt es! (79) Du hast wie eine dunkle Wolke Pfeilschauer ausgeschüttet, um die Rakshasas samt ihren Anführern auszurotten. Kommst du nicht? Segensspender! Jüngerer Bruder! Makelloser Bharata! Jüngerer Bruder! Wollt ihr Schande auf euch laden?
(80) Godavari, du Kühle, du Mitfühlende! Du bist wie eine Mutter, und dein Sinn ist klar. Willst du nicht zu dem eilen, der ohne Unterweisung erkennt, und ihm die Lage dieser Unglücklichen erzählen? (81) Ihr sprudelnden Quellen, ihr höhlenbewohnenden Löwen! Ihr werdet noch sehen, wie die zwanzig Hände, die mich mit diesem Boden emporhoben, und seine zehn Häupter zerschlagen zu Boden fallen. Dann werdet ihr lachen!« (82) Als sie so verzweifelt klagte, schwang er seine mächtige Hand und lachte. »Du mit den goldenen Ohrringen und den goldgeschmückten Brüsten! Werden diese Menschen mich etwa im Kampf töten und dich zurückholen? Mögen sie es versuchen!« So sprach er, der seine verbleibende Lebenszeit vergeudete. (83) Sie entgegnete: »Du hast mit Zauberkunst ein Trugreh geschaffen und dadurch den fortgelockt, der dir wie der Tod das Leben nehmen wird. Dann bist du eingedrungen und entführst mich. Willst du sehen, ob du dich im Kampf behaupten kannst, dann halte deinen Wagen an!
(84) Was für ein Held du bist! Du hörtest, dass die Menschen, die deine Rakshasagefährten rasch erschlugen und deiner Schwester Brüste und Nase abschnitten, im Wald wohnen. Dass du trotzdem zu dieser List griffst – ist das nicht der deutlichste Ausdruck deiner Angst?« (85) Er antwortete: »Höre, Frau! Gegen Menschen von schwachem Leib zu kämpfen, wäre eine Schande für die Schultern, die den Silberberg des Gottes mit dem Stirnauge hochhoben. Darum ist die List viel nützlicher!« (86) Sie erwiderte spöttisch: »Zu den Feinden des eigenen Geschlechts zu gehen, wäre also ein Fehler! Mit dem Schwert zu kämpfen, wäre beschämend! Nur treue Frauen zu betrügen, ist eure Stärke! Was können Schuld und Schande für erbarmungslose Rakshasas schon bedeuten?« (87) Da donnerte eine Stimme: »Wohin gehst du, Kerl? Wohin? Halt! Halt!« Mit feuersprühenden Augen und blitzendem, mächtigem Schnabel erschien Jatayu. Sein Leib glich dem hohen goldenen Meru, der durch den Himmel herankäme.
(88) Der Sturm seiner beiden Flügel wirbelte empor, als sei der heiße Weltuntergangswind gekommen, der feste Berge ausreißt und gegeneinanderschlägt, bis sie zu Staub zerfallen, und der schließlich Meer und Erde gemeinsam vernichtet. (89) Die Wipfel und Zweige der Bäume beugten sich nieder; Wolken wurden hoch in den Himmel getrieben. »Der furchtbare Himmelsvogel Garuda kommt!«, glaubten die Schlangen, zogen ihre Hauben ein und verkrochen sich erschrocken. (90) Elefanten, Yalis und andere Tiere, hohe Waldbäume, Sträucher und Steine wurden durch den Schlag seiner beiden Flügel hochgerissen. Himmel und Wald schienen ihre Plätze zu vertauschen. (91) »Wohin bringst du die Gemahlin des Edlen, die du samt dem Boden auf deinen hohen Wagen gesetzt hast? Ich werde dir hier den Himmel und sämtliche Himmelsrichtungen versperren!« Mit diesen Worten breitete er seine gefiederten Schwingen aus.
(92) Der Geierkönig kam, um die Fahrt des kunstvoll gebauten Wagens des Ehrlosen aufzuhalten. Mit seinen zinnoberroten Füßen und seinem roten Haupt glich er dem von Abendrot umhüllten Kailasa. (93) Er sprach der Frau Mut zu: »Fürchte dich nicht!« Da er erkannte, dass Ravana sie nicht berührt hatte, ließ er seinem aufflammenden Zorn noch nicht völlig freien Lauf. Er wandte sich vielmehr zunächst mit Worten an ihn. (94) »Du bist verloren! Du hast dein Leben und das deiner Angehörigen verbrannt. Was hast du begonnen? Betrachte dich schon als tot – doch lass die treue Frau frei und geh, dann brauchst du noch nicht zu sterben! (95) Tor, du hast schwer gefehlt! Was hast du dir dabei gedacht, diese Frau zu begehren, die der weiten Welt eine Mutter ist? Gedankenloser, wer könnte dir jetzt noch beistehen?
(96) Weißt du nicht, Herr, wie Rama vor Kurzem dem Todesgott ein Festmahl bereitete? Deine Leute kämpften ohne Aussicht auf Rettung; ihre Leben schöpfte der Tod mit vollen Händen und verschlang sie! (97) Du willst Geschosse gegen einen grausamen Elefanten schleudern, der bereits zum Töten herankommt! Selbst wenn du nicht begreifst, dass Gift tötet – willst du starkes Gift trinken und dann prüfen, ob du noch lebst? (98) Alle Welten, Indra, die drei höchsten Götter und der Todesgott wären vor diesen Bogenschützen wie Rehe vor einem Tiger. Besitzen sie etwa die Kraft, sie zu besiegen? (98 [zweites Vorkommen in der Quelle; laufende Position 3515]) Es gibt keine grausamere Tat als diese: In diesem Leben bringt sie dir samt deinen Verwandten den Untergang, im nächsten führt sie in die entsetzliche Hölle. Für welches Leben hast du dir daraus einen Vorteil erhofft?
(100) Diese Menschen sind jener Gott, der unter den drei höchsten Göttern der ursprüngliche Urgrund ist. Mit welchem anderen Gott willst du sie vergleichen? Einsichtsloser, du bist von Wahnsinn befallen und hast dich verirrt! (101) Die Gaben, die du durch die Gnade des Stierreiters und Vernichters der drei Städte erhieltst, und alle deine übrigen Zauberkräfte wirken nur so lange, bis der Wahrhaftige den Pfeil von seinem Bogen löst. (102) Kommt der bogentragende Sohn des nun im Himmel weilenden Königs selbst, lässt er sich nicht aufhalten. Ich werde die Frau mit der schönen Stirn zu ihm bringen. Du aber verschwinde schnell!« (103) Der Herr der Rakshasas hörte ihn an und presste die Lippen zusammen; aus seinem glänzenden Schwert schien Feuer zu sprühen. Wütend sagte er: »Lauf jetzt los und zeige mir rasch den, von dem du sprichst!
(104) Du hergeflogenes Federvieh! Verschwinde, ehe mein Pfeil deine Brust durchbohrt und eine große Wunde aufreißt. Selbst wenn Wasser, das glühendes Eisen eingesogen hat, wieder herauskäme: Diese Frau mit der zuckersüßen Stimme wird nicht aus meiner Gewalt zurückkehren!« (105) Als Jatayu sah, wie sich die Furcht der schwanengleichen Frau verdoppelte und sie verzagte, sagte er: »Mutter, noch in diesem Augenblick wird der Leib des Rakshasas zerfetzt! Gräme dich nicht, weil der Sohn unseres Königs noch nicht mit dem Bogen gekommen ist! (106) Verzweifle nicht und lass keine Tränen wie Perlen über dein Gesicht auf deine Brust fallen! Sieh zu: Ich werde seine Häupter, die einem Büschel Palmfrüchte gleichen, heute den zehn Himmelsrichtungen als Opfer darbringen, über die er zu verfügen meint!« (107) Mit donnerndem Ruf schlug Jatayu seine gewaltigen Schwingen und warf Ravanas Kronenreihen zu Boden. Dann stürzte er mit zubeißendem Schnabel heran, ergriff dessen schöne hohe Fahne mit dem Vina-Zeichen und brach sie ab. Die erhabenen Götter segneten ihn.
(108) Der Rakshasa, dessen Augen geschmolzenem rotem Lack glichen, hatte noch nie eine solche Demütigung erfahren. Er lachte, dass die sieben Welten erzitterten, und krümmte zugleich seine Brauen und den schlangengleichen Bogen in seiner Hand. (109) Der Grausame mit den mondsichelgleichen Hauern sandte einen dichten Pfeilregen aus. Einige Pfeile schlug Jatayu mit den Flügeln fort, andere zerriss er mit den scharfen Krallen; wieder andere zerbrach er mit seinem Schnabel, dessen Anblick selbst den Tod erschreckte. (110) Wie Garuda, der die großen Schlangen vernichtet, griff er erneut an. Sein langer Schnabel fuhr wie ein Diskus über die zehn mächtigen Köpfe. Während Ravana den schützenden Bogen spannte, riss der Vogel seine juwelenbesetzten Ohrringe ab und stieg empor. (111) In die breite Brust des aufsteigenden Vogels schoss der Rakshasa vierzehn Pfeile, die hindurchgingen und weiterflogen. Laut brüllend ließ er weitere glänzende Pfeile regnen. Die Götter seufzten erschrocken: »Der streitbare Jatayu ist gefallen!«
(112) Frisches Blut strömte aus den Wunden des herrlichen Vogelkönigs. Er glich einer weißen Wolke, die das Blutmeer Kharas und seiner Gefährten auf Erden für das Meer gehalten, aufgesogen und nun am Himmel wieder ausgegossen hätte. (113) Sogleich kam er wieder zu Atem und entbrannte im Zorn. Er sprang auf die Reihe der zwanzig Schultern, hackte mit dem Schnabel, bohrte mit den Krallen und schlug mit den Flügeln. Er zerriss die Befestigungen des Panzers auf der perlengeschmückten Brust. (114) Ravana trieb ihm hundert Pfeile in die breite Brust. Die Götter starrten entsetzt; doch noch ehe ihr Schrecken sich voll entfalten konnte, entriss der Vogelkönig Ravana mit dem Schnabel den Bogen. Da jubelten die himmlischen Scharen. (115) Mit dem Bogen des Mannes im Schnabel, der den leuchtenden silbernen Kailasa samt Shiva mit seinen starken Schultern gehoben hatte, glänzte Jatayu wie eine hohe Wolke mit einem Regenbogen. Wer könnte seine Kraft angemessen in Worte fassen?
(116) Er zog den Bogen dessen, der den tausendäugigen Indra mit dem Schwert in die Flucht geschlagen hatte, aus seinem Schnabel und zerbrach ihn mit den Füßen. So handelte der liebe Freund des Vaters jenes Helden, der den Bogen des feuerfarbenen Gottes zerbrochen hatte. (117) Der Weltbezwinger sah seinen vortrefflichen Bogen, der seiner Kraft angemessen war, von Grund auf zerbrochen. Zornig ergriff der noch nie im Kampf Besiegte einen Dreizack, der dem Pfeil des blaukehligen Gottes glich, mit dem dieser die drei Städte zerstört hatte, und schleuderte ihn. (118) »Halte mich nicht für machtlos! Sieh meine Stärke!«, rief der Geierkönig und fing den Dreizack mit seiner Brust auf. Unsichtbar standen die Götter im Himmel, schlugen sich jubelnd auf die Schultern und riefen: »Wer könnte solches sonst vollbringen?« (119) Der Dreizack kehrte unverrichteter Dinge zurück: wie der Mittellose, der bei geldgierigen Frauen Lust sucht, wie der gute Gast vor einem unfreundlichen Haus und wie der verführerische Blick einer Frau, der auf einen nach innen gewandten Yogi trifft.
(120) Ehe der Entwaffnete eine andere Waffe nehmen konnte, riss Jatayu dem Lenker des gewaltigen Wagens den Kopf ab. Er schleuderte ihn dem Mann ins Gesicht, dessen Begehren nach der treuen Frau ihn ins Verderben trieb. (121) Ravana erkannte den ungebrochenen Mut seines Gegners. Zornig ergriff er eine goldene Keule und schlug zu, dass Funken und Flammen emporzuschießen schienen. Der Geierkönig stürzte wie ein großer Berg zur Erde. (122) Kaum war er gefallen, lenkte Ravana selbst den prächtigen Wagen so schnell empor, dass nicht einmal das Licht ihm hätte folgen können. Die zarte Frau wand sich, als dringe heißes Feuer in eine offene Wunde. (123) Jatayu sah, wie die knospengleiche Frau vor Kummer dahinsank. »Versinke nicht im Leid! Fürchte dich nicht, Mutter!«, rief er, kam zu Atem und erhob sich. »Kerl, wohin willst du jetzt?« Unter dem Jubel der Götter stürzte er sich auf den Wagen.
(124) Er sprang heran, entriss Ravana die reich mit Edelsteinen besetzte Keule und schleuderte sie fort. Mit seinem mächtigen Schnabelschwert vernichtete er die sechzehn Zugtiere des strahlenden Wagens. Der Tod raffte ihre Leben hinweg und schüttelte staunend die Hände. (125) Jatayu zerstörte den festen Wagen und riss mit seinen scharfen Krallen die Köcher von Ravanas breitem Rücken. Ihre Fülle hätte den Himmel verdecken können; doch ohne Bogen waren sie im Kampf nutzlos – wie der gehortete Reichtum von Geizigen. (126) Wie ein großer Fischervogel auf seine Beute stürzt, schlug er mit den Flügeln auf Brust und Schultern ein. Ravana taumelte, brach bewusstlos zusammen und saß mit gesenkten Häuptern da. »Ist deine Kraft schon erschöpft? War das alles?«, höhnte Jatayu. (127) Sofort flammte Ravanas Zorn wieder auf. Der speergewaltige Rakshasa hatte keine andere Waffe mehr, die er einsetzen konnte. »Jetzt werde ich ihm das Leben nehmen!« Er zog sein langes, niemals fehlgehendes Schwert aus der Scheide und hieb zu.
(128) Jatayu unterlag nicht an Stärke. Doch das unwiderstehliche göttliche Schwert verwundete ihn, und zugleich war seine Lebenszeit an ihr Ende gelangt. Er stürzte wie ein Berg, dem der Himmelskönig mit seinem Donnerkeil die Flügel abgeschlagen hat. (129) Mit den abgetrennten großen Schwingen fiel er zu Boden. Die Götter flohen erschrocken; die Weisen klagten: »Sie hat ihren Beschützer verloren!« Die Bewohner Vishnus hoher Welt ließen einen goldenen Regen fallen. Sita sah es und erbebte. (130) Der beschämte Rakshasa brüllte und erhob sich in den weiten Himmel. Sita sank wie ein Reh in einer Fallgrube zusammen. Sie dachte nach, seufzte und litt, ohne einen Halt zu finden. Sie glich einer Ranke, deren tragender Ast abgebrochen ist. (131) »Auch der König, der als mächtiger Helfer zu mir kam, ist tot! Wohin kann ich mich jetzt noch flüchten?« Sie klagte wie ein weiblicher Anril-Vogel, der von seinem geliebten Gefährten getrennt ist.
(132) »Ich Törichte habe den Worten des jüngeren Bruders widersprochen und ihn rasch fortgeschickt. Nun sehe ich den kämpfenden König mit abgehauenen Flügeln und verzweifle. Was wird das Schicksal noch anrichten?« (133) »Muss dieser Gute unterliegen, der zu mir in meiner Not kam und sagte: ›Fürchte dich nicht‹? Soll der Höllische siegen? Gewinnt also die Sünde? Sind die Veden unwahr? Gibt es keinen Dharma?« So klagte sie verzweifelt. (134) »Ihr edlen Brüder, die ihr auf die Worte einer Schamlosen wie mich fortgegangen seid! Kommt und seht den treuen Freund eures Vaters, den festen Halt aller, die auf dem dauerhaften Weg des Dharma stehen!« Sie schluchzte erschüttert. (135) »Du königlicher Herrscher, der nun im strahlenden Himmel weilt! Wirst du diesen Edlen umarmen, der die schwere Pflicht guter Freundschaft nach dem gebotenen Dharma erfüllt hat?« So wandte sie sich weinend an Dasharatha.
(136) »Meine Pflicht ist, meine eheliche Treue unversehrt zu bewahren. Doch der Bogen des Helden von makelloser Kampfkraft ist geschmäht worden! Das Haus, in das ich Unglückliche eingeheiratet habe, ist geschmäht worden!« Sie klagte und verzagte. (137) Der Rakshasa sah die weinende Frau und den flügellosen Vogel. Er hob die rankenschlanke Sita samt dem Erdstück, das er auf den Wagen gesetzt hatte, auf seine mächtigen Schultern und flog durch den Himmel davon. (138) Durch die Geschwindigkeit des Grausamen am Himmel drehten sich ihr Augen und Gedanken. Die treue Frau verlor das klare Bewusstsein und erkannte nichts mehr. Auf dem Erdstück liegend, vergaß sie sich selbst und sank kraftlos hin. (139) Nachdem Ravana fortgeflogen war, ließ die schwere Benommenheit des Geierkönigs etwas nach. Er blickte zum Himmel, sah den Betrüger rasch verschwinden und sprach mit verzagtem Herzen.
(140) »Die Söhne sind nicht gekommen. Das Schicksal gönnte mir nicht den wahren Ruhm, meiner Schwiegertochter die schwere Not genommen zu haben. Es hat die Schutzmauer des Dharma zerbrochen. Was lässt sich jetzt noch tun? (141) Wenn die beiden siegreichen Helden noch leben, dürfte dann die goldgeschmückte Frau mit der blitzschlanken Taille in solche Not geraten? Ich verstehe nicht, was geschehen ist. Hat die List ihrer jüngeren Mutter nun ihr Ziel erreicht? (142) Rama ist doch der Dunkelfarbene, der auf dem weichen Schlangenlager ruht. Kann ihn ein zorniger Rakshasa besiegen? Der Betrüger muss durch falschen Zauber eine List verübt haben. (143) Mein Sohn wird die Rakshasas mit ihren Wurzeln ausrotten und diese schwere Schmach tilgen. Der Rakshasa fürchtet sich, die Gemahlin des Edlen zu berühren, wegen des unfehlbaren Fluches des lotusgeborenen Weltschöpfers.«
(144) So sann der große Vogel. Bei dem Gedanken, dass sie in harte Gefangenschaft geraten sei, litt sein Herz. Dann tröstete er sich: »Auch wenn meine kämpfenden Flügel zerbrochen sind, der feste Schutz ihrer Treue wird nicht zerbrechen!« (145) Blut strömte aus seinen schönen Schwingen; erschöpft verlor er die Kraft. Die Scham, die rankenschlanke Frau nicht gerettet zu haben, und die aufrichtige Liebe zu seinen Söhnen erfüllten sein Herz. So lag er wie schlafend da, ohne sein Bewusstsein ganz zu verlieren. (146) Der Rakshasa brachte Sita rasch fort. Aus Furcht, ihre heilige Gestalt zu berühren, hielt er Abstand. Inmitten giftiger Rakshasafrauen setzte er sie im Shimshapa-Hain in Gefangenschaft. (147) So haben wir erzählt, was jener tat. Nun wenden wir uns dem jüngeren Bruder zu, den Sita ausgeschickt hatte: »Geh und erfahre, was dem Herrn widerfahren ist, der dem goldenen Reh folgte!«
(148) Der Gedanke an die allein zurückgelassene Frau ließ Lakshmanas Herz vor wachsendem Kummer erbeben. Er glich Bharata, der die herrliche Stadt verlassen hatte und unter der Trennung von dem Edlen litt. (149) Rasch wie ein Schiff auf klaren Wellen ging er weiter. Da sah er Rama, dessen Gestalt einer herabgekommenen Wolke glich, an der sich ein ganzer Lotusteich geöffnet hatte. Seine Augen freuten sich ebenso wie sein Herz. (150) Auch Rama erblickte seinen jüngeren Bruder. Noch immer schwankte sein besorgter Blick bei dem Gedanken: »Wenn jener erschreckende Ruf sie erreicht, könnte die pfauengleiche Frau in ihrer weiblichen Angst verzagen und ihre innere Festigkeit verlieren.« (151) Er dachte: »Sie hielt den schrecklichen Ruf des weitmäuligen Rakshasas nicht für falsch. In ihrer Verzweiflung muss sie den Bruder mit harten Worten ausgesandt haben, nach mir zu sehen. Deshalb kommt der junge Held allein und bekümmert, entgegen meinem Befehl – zu mir, der seinen Rat überging und nun selbst verzagt.
(152) Welches Ende bereitet mir das Schicksal?« Während Rama so dastand, trat der junge Held mit dem goldenen Bogen zu ihm und verneigte sich vor seinen geschmückten Füßen. Rama umarmte ihn fest an seiner vom heiligen Faden glänzenden Brust und fragte bewegt: »Was hast du bedacht, dass du hergekommen bist?« (153) »Als aus einer fernen Gegend dieser unheilvolle, unpassende Ruf ertönte, litt die rankenschlanke Frau schwer. Ich sagte: ›Das sind die Worte eines grausamen Rakshasas.‹ Doch sie hörte nicht auf mich und verlangte: ›Bleib nicht stehen, geh und sieh nach!‹ Meine Worte über die Stärke deiner Schultern drangen nicht zu ihr durch; sie verharrte in äußerstem Zorn und Kummer. (154) ›Wenn du nicht gehst, werfe ich mich ins Feuer!‹, rief sie und eilte in den großen Wald. Ich erschrak. Mir wurde klar, dass sie am Leben zu bleiben verweigern würde, wenn ich bliebe. Ihren Tod durfte ich nicht zulassen; das wäre gegen Dharma gewesen. Darum kam ich hierher.« (155) Der Makellose erkannte: »Ihr Leben zu erhalten, war das unmittelbar Nötige; anders ließ es sich nicht verhindern. Ach, ihre Worte in der Not sind kaum zu ertragen! Doch wo sie unbewacht ist, droht Unheil. Diejenigen, die uns trennen wollen, haben diese Lage herbeigeführt, um sie ungehindert fortzutragen.«
(156) »Dein Kommen war kein Fehler. Auch sie trifft keine Schuld für das, was sie in Verwirrung und Angst sagte. Das erkenne klar!« Und er dachte immer wieder: »Ich Unglücklicher ließ mich trotz deiner früheren Warnung nicht abhalten. Mein eigenmächtiges Tun hat alles verdorben!« Sein sonst unerschütterliches Herz brach vor Kummer. (157) »Was nützt es, hier zu zögern? Nur wenn wir die kuckucksgleiche Frau wiedersehen, wird unser Leid enden!« Mit der Geschwindigkeit eines abgeschossenen Pfeils eilte er den langen Weg zurück und erreichte rasch den leuchtenden Hain, in dem die Frau, reinem Gold gleich, gewohnt hatte. (158) Er kam gelaufen, doch weder bei der Hütte noch im Hain fand er die Frau mit dem blumengeschmückten Lockenhaar. Er stand da wie eine Seele, die ihren Körper verlassen hat, zurückkehrt und ihn trotz allen Suchens nicht mehr findet. (159) Ohne die Göttin mit den schweren Ohrringen war sein Herz voll Bitterkeit. Er glich einem Menschen, dessen einziger Lebensunterhalt ein aufbewahrter großer Schatz war: Nun hatten Betrüger ihn samt der Erde weggenommen, in der er verborgen lag, und der Beraubte stand fassungslos da.
(160) Die Erde drehte sich, die großen Berge drehten sich, die Gedanken der Weisen wirbelten. Die sieben brandenden Meere schwankten, der Himmel kreiste, die Veden gerieten ins Wanken. Brahmas Augen drehten sich, ebenso Sonne und Mond. (161) »Wird der Edle dem Dharma zürnen? Der Gnade? Der Macht der Götter? Den Weisen? Der Gewalt der Bösen? Oder dem Wesen der Veden, wenn er fragt: ›Welches Ende hat dies alles?‹« So erbebten die Welten. (162) Als sich der Gemütszustand des Dunkelblauen veränderte, schien für sämtliche Welten samt ihrem Schöpfer und allen unzähligen Dingen die Zeit des Endes gekommen: Das Obere geriet nach unten, das Untere nach oben. (163) Lakshmana verneigte sich: »Wir sehen die Radspuren des Wagens und erkennen, dass sie samt dem Boden weggetragen wurde, weil der Täter sie zu berühren fürchtete. Was nützt es, kraftlos darüber nachzusinnen? Folgen wir ihm, ehe er weit fort ist!«
(164) »Ja, das ist jetzt das Richtige«, sagte der Makellose. Er legte den langen Köcher und seine übrige Ausrüstung an. Die Helden folgten der weiten Wagenspur auf der Erde; große Berge und Bäume schienen vor ihrem Schritt nachzugeben. (165) An einer Stelle endeten alle Radspuren: Dort war der Wagen in den Himmel aufgestiegen. Ramas Herz litt, als dränge ein Speer in eine Brandwunde. »Jüngerer Bruder, was sollen wir nun tun?«, fragte er. (166) Lakshmana antwortete: »Wir wissen, dass der feste Wagen nach Süden fuhr. Herr mit den kampfstarken Schultern, der Himmel reicht nicht weiter als ein Pfeil von deinem Bogen! Was gewinnt man, wenn man hier klagend stehen bleibt?« (167) »Ja, so müssen wir handeln«, sagte Rama. Sie gingen nach Süden und kamen nach zwei Yojanas an eine Stelle, wo die Fahne mit dem Vina-Zeichen lag, wie ein hoher Berg, den ein Sturm umgeworfen hat.
(168) Sie sahen sie und fragten sich: »Hat ein Gott um dieser Frau willen gegen die Übeltäter gekämpft?« Rama erkannte, dass ein schwertgleicher Schnabel die glänzende Fahne durchtrennt hatte. Tränen stiegen ihm in die Lotusaugen, als er sprach. (169) »Lieber Bruder, sieh: Dein Vater ist hierhergekommen und hat diese Fahne mit seinem Schnabel zerbrochen. Er hat kraftvoll angegriffen. Was danach geschah, wissen wir nicht. Er war allein; sein Körper ist geschwächt, denn unzählige Lebensalter sind über ihn hinweggegangen.« (170) Lakshmana sagte: »Das ist doch sehr gut! Seine Stärke lässt sich nicht erschüttern. Wir können noch zu ihm stoßen. Er wird den Feind mit seiner Kraft so lange aufhalten; vielleicht besiegt er ihn sogar und rettet sie. Es nützt nichts, anderes zu befürchten und hier zu verweilen!« (171) »Weiterzugehen ist das Beste«, sagte Rama. Sie eilten wie Wind, der über die Erde streicht, wie ein Wirbel. Da sahen sie einen mächtigen Bogen liegen, als sei der Regenbogen zerbrochen – wie eine hohe Welle am Meer.
(172) »Lakshmana, hier liegt ein Bogen, so mächtig wie der Berg, mit dem die Götter das Meer quirlten, und von der Gestalt einer Mondsichel. Bedenke die Kraft dessen, der ihn mit dem Schnabel zerbrach!« Staunend blieb Rama stehen und blickte darauf. (173) Dann gingen sie den weiten Weg weiter. Sie erblickten einen großen festen Dreizack und zwei Köcher voller Pfeile, die wie Berge dalagen und einen Regen hätten ausschütten können. Wieder staunten sie. (174) Weiter vorn lag der Panzer, der von der Brust des Rakshasakönigs gerissen und fortgeschleudert worden war. Als wären sämtliche Himmelslichter in ihm versammelt, erfüllte sein Glanz den Wald am Weg. (175) Sie gelangten zu den toten, schnellfüßigen Zugtieren, deren Leiber den Waldboden bedeckten, und zum gefallenen Wagenlenker. Fleisch und glänzendes Blut lagen überall. Dort lag auch der Wagen, als sei der Himmel auf die Erde gestürzt.
(176) Sie schüttelten staunend die Hände beim Anblick der vielen juwelenbesetzten Ohrringe und Haufen kostbaren Schmucks. Sie glichen zahlreichen Sonnenscheiben, die am Weltende den schönen Himmel verlassen hätten und auf der Erde lägen. (177) »Viele Armschmuckstücke liegen hier, viele glänzende Ohrringe und viele Edelsteinkronen. Unser Vater ist uralt und war allein. Jüngerer Bruder, viele Kämpfer, furchtbar wie Yalis, müssen gegen ihn gestritten haben!« (178) Sumitras Löwensohn antwortete dem Gemahl Lakshmis: »Wenn es viele baumlange Arme und viele Köpfe waren, dann war es nur einer, der mit unserem Vater kämpfte und diesen Weg ging: Ravana!« (179) Rama bedachte die Worte des bekränzten Bruders. Seine starken Augen sprühten Feuer, während er voraneilte. Da sah er den Vater, dessen Leib in seinem eigenen Blutmeer lag, wie einen Berg, der mitten im Meer aufragt.
(180) Er stürzte herbei; aus seinen roten Lotusaugen strömten Tränen. Auf den heiligen Leib des freigebigen Vaters, der ihm so lieb war wie das eigene Leben, fiel der Makellose wie ein dunkler Berg auf den Silberberg des feuerfarbenen Shiva. (181) Eine ganze Weile regte sich kein Atem. »Hat er das Bewusstsein verloren?«, dachte der besorgte Bruder. Er hob Rama mit seinen Händen auf und besprengte ihn mit klarem Wasser. Langsam bewegten sich dessen Lotusaugen wieder; die Ohnmacht wich, und er sprach. (182) »Welche Söhne haben je ihre eigenen Väter getötet? Einer ist schon vor dir gestorben. Ach, mein Vater, bist nun auch du um meinetwillen tot? Weh mir, dem Schuldigen! Ich bin euch zum grausamen Tod geworden! (183) Ich Tor bedachte nicht, was folgen würde. Du wolltest das Leid der Frau beenden und dachtest nicht daran, dass du allein warst; so hast du dein Band zu mir zerrissen. Nun habe ich niemanden mehr. Vater, wozu soll ich weiterleben und leiden?
(184) Bin ich nicht längst gestorben? Ich habe gelobt, die Not der Vedakundigen zu beenden; nur deshalb trage ich dieses Leben weiter. Doch ich stand nutzlos da wie ein hoher Baum. Ich will diese elende, trügerische Geburt nicht mehr! (185) Der Mann, der meine Frau raubte und dich, ihren edlen Beschützer, erschlug, lebt weiter. Du liegst getötet hier. Und ich stehe da, einen gewaltigen Bogen haltend und ein Meer von Pfeilen tragend – stehe nutzlos da wie ein hoher Baum! (186) Gibt es noch einen Prahler wie mich? Du mit den Flügeln und den zahllosen Verdiensten! Vor den Augen meiner Frau hat ein Bewaffneter dich erschlagen und ist fortgegangen. Und ich, der Bogenträger, stehe hier. Was für ein tapferer Held ich bin!« (187) So klagte der Unvergleichliche auf vielerlei Weise, weinte und sank wieder in Betäubung. Auch sein Bruder litt ebenso. Da regte sich im Vogelkönig das Bewusstsein; schwer atmend blickte er die beiden an.
(188) Er atmete mühsam, ohne die Lage gleich vollständig zu erfassen. Doch als er die beiden siegreichen Helden sah, wurde sein Herz kühl vor Freude. Als hätte er seine abgetrennten Flügel, sein Leben und die sieben Welten zurückgewonnen, sagte er: »Meine Schmach ist getilgt!« (189) »Welches Glück: Heute kann ich diesen nutzlos gewordenen, beschämten Leib verlassen, nachdem ich euch gesehen habe. Ihr Guten, kommt zu mir!« Mit dem Schnabel, der Ravanas gekrönte Häupter zerschlagen hatte, berührte er nacheinander liebevoll ihre Scheitel. (190) »Mein Herz sagte mir von Anfang an, dass diese Ankunft auf einer List beruhen müsse. Aber wie konntet ihr beide von unerschöpflicher Kraft die Frau mit den schönen Worten verlassen, die einem Pfau und der treuen Arundhati gleicht?« (191) Der jüngere Prinz berichtete vollständig, ohne eine Einzelheit auszulassen, was geschehen war: vom Erscheinen des mächtigen Trugrehs an alles, was sich daraufhin ereignet hatte.
(192) Der Geierkönig hörte den Bericht des Helden, nahm ihn auf und dachte darüber nach. »Es ist gut, sie zu trösten, damit sich der kaum zu überwindende Schmerz nicht in ihren Herzen festsetzt«, überlegte er und sprach. (193) »Kann ein Einzelner das Außerordentliche nach seinem Willen herbeiführen? Wenn wir nicht anerkennen, dass Freude und Leid dieser unvollkommenen Geburt vom Schicksal abhängen – können wir das Schicksal durch Verstandeskraft besiegen? (194) Wenn offenkundiges Leid uns trifft, ist es Schwäche, den Geist zerbrechen zu lassen. Dem Schicksal gelang es, sogar dem Schöpfer der vielfältigen Welten einen Kopf abzuschlagen. Was wäre ihm unmöglich? (195) Können wir wahrhaft behaupten, Freude und Schmerz abzuwehren, wenn ihre Zeit gekommen ist? Dass der Bogenschütze, der die drei Städte zerstörte, mit einem Totenschädel als Bettelschale umherging – war das etwa die gewünschte Frucht seiner Askese?
(196) Die große, furchtbare Schlange verschlingt die glühende Sonne am Himmel und lässt sie wieder frei. Auch der Mond, dessen schöne Strahlen die weite Erde erhellen, wächst und nimmt wieder ab. (197) Ihr mit den schönen Schultern, dass Unglück kommt und wieder endet, ist seit jeher so. Lassen sich die Leiden zählen, die Indra trotz des Rates seines göttlichen Lehrers erfahren musste? (198) Der niederträchtige Asura Shambara von kaum aufzuhaltender Kraft brachte dem Donnerkeilträger Schmach. Du Meister von Pfeil und Bogen: Dein Vater tilgte sie mit seinen starken Schultern! (199) Die Not des bedrängten Dharma und das Leid der Götter haben diese Trennung von der papageiensüß sprechenden Frau herbeigeführt. Lebe und jäte das Unkraut der hinterlistig kämpfenden Rakshasas aus! Du mit dem blutigen Speer bist selbst Vögeln und vernunftlosen Gespenstern eine Mutter.
(200) Ravana trug die Frau mit den langen Haaren und den schönen Augen samt dem Boden fort. Ich stellte mich ihm entgegen und hielt ihn mit all meiner Kraft auf. Doch mit dem Schwert, das Shiva ihm für seine Askese verliehen hatte, schlug er mich nieder. Hier fiel ich hin. Das ist heute geschehen.« (201) Noch ehe diese Worte ganz in Ramas Ohren gedrungen waren, füllten sich seine roten Augen mit Blut; sein Atem wurde zu Feuer. Seine Brauen stiegen immer höher, die Himmelslichter flohen auseinander, die Hülle des Weltalls riss, und sämtliche Berge spalteten sich. (202) Erde und große Berge gerieten in Bewegung, ebenso das weite Wasser, Wind und Sonne, der schützende Himmel und Brahma in der Höhe. Da wurde offenbar, was es heißt: Dieser Held ist selbst all die unzähligen Dinge. (203) Die ganze Welt stand erschrocken und beklommen: »Gegen wen wird sich sein furchtbarer Zorn richten?« Inmitten von Funken, Feuer und Rauch erschien auf Ramas Gesicht ein grimmiges Lächeln. Er begann zu sprechen.
(209 [Quellenzählung anstelle von 3.8.204; laufende Position 3620]) »Ein törichter Rakshasa hat eine einzelne, schutzlose Frau geraubt und dich in diesen Zustand versetzt. Die Welten bis an die Grenzen der acht Himmelsrichtungen blieben dabei unerschüttert! Sieh nun, wie ich sie samt den Göttern, die dies mit ansahen, vernichte! (205) Sieh, wie die Sterne herabfallen, die Sonne zerbirst und im ganzen weiten Himmel gewaltige Feuer auflodern! Wasser, Erde und Wind, alles Stehende und Bewegliche werde ich mit der Wurzel vernichten; die Götter werden sterben! (206) In diesem einzigen Augenblick werden die vierzehn Welten, die so gewaltig erscheinen, vergehen. Selbst alles außerhalb der nach Himmelsrichtungen gegliederten Weltenhülle wird verbrennen und wie Wasserblasen zerplatzen. Sieh!« So zürnte er. (207) Der glühende Sonnengott zog sich zurück und verbarg sich hinter Meru. Die Weltelefanten flohen aus ihren Himmelsrichtungen. Was braucht man von der Angst aller Welten zu reden? Sogar der jüngere Prinz mit seinem entschlossenen Herzen erschrak – wie hätte die Furcht der anderen eine Grenze kennen sollen?
(208) Da sagte der Geierkönig: »Edler, zürne nicht! Mögest du leben! Die Götter und Weisen hoffen voller Vertrauen: ›Durch dich werden wir gerettet.‹ Mit welcher eigenen Kraft könnten sie Ravanas Tun abwehren? (209) Die tadellose Kraft, die der Herr im frisch erblühten Lotus ihm verlieh, und die Gewalt seiner Schultern hast du an mir gesehen. Was bleibt zu sagen? Selbst Brahma und die anderen dienen dem Zehnköpfigen. Wer von ihnen kann noch frei das Rechte tun? (210) Die Götter leben in dieser meerumgebenen Welt wie hilflose Frauen, die ihren Feinden dienen müssen. So ist ihre Lage! Hätten sie damals nicht durch die Gnade des Weltvermessers den Nektar des Milchozeans getrunken, wären sie heute überhaupt noch am Leben? (211) Ihr habt die rankenschlanke, schön geschmückte Frau allein im Wald gelassen und seid dem Reh mit dem schönen Geweih gefolgt. So brachtet ihr Schmach über euer Geschlecht. Ihr Herren mit Bogen und Pfeilen in den roten Händen: Liegt der Fehler, genau betrachtet, nicht bei euch? Was hat die Welt verschuldet?
(212) Darum zürne nicht. Befreie deine Geliebte, deren Treue Arundhati gleicht, aus ihrem Leid. Erfülle die Hoffnung der Götter, stelle alles gemäß der Ordnung der Veden wieder her und tilge das übrige Böse!« So sprach er, der bald die roten Lotusfüße erreichen sollte. (213) Der Wolkenfarbene nahm die Worte des Tugendhaften in sein Herz auf, als wären sie Dasharathas Befehl. »Warum anderen zürnen? Meine Aufgabe ist jetzt, das Geschlecht der Rakshasas auszurotten«, dachte er. Sein fehlgerichteter Zorn legte sich. (214) Dann sagte der Makellose: »Vater, wie könnte ich anders handeln, nachdem du mir Ruhe geboten hast? Sage mir: Wohin ist der Rakshasa gegangen?« Doch der Vogelkönig war erschöpft. Sein Bewusstsein erlosch; ohne noch zu antworten, gab er das Leben auf. (215) Was sind dagegen Brahma im kühlen Lotus und die übrigen Götter? Jatayu sah mit eigenen Augen die Füße des Helden, den selbst die Veden nicht erfassen und der ihnen verborgen bleibt. Er ging in die Welt ein, die auch dann nicht vergeht, wenn die fünf großen Elemente aufgelöst werden.
(216) Als er die Befreiung erreichte, weinten Brahma und die anderen Hohen ebenso wie Rama und sein Bruder. Bäume, Tiere und selbst die Steine des Waldes schienen vor Rührung zu schmelzen. Himmlische und Erdenbewohner legten die gefalteten Hände an den Scheitel. (217) Rama sagte: »Jüngerer Bruder, ich bin an Tapferkeit geringer geworden als der rechtswidrige Rakshasa. Soll ich entsagen und Askese üben? Soll ich mein Leben aufgeben? Sage es! Durch die Umstände meiner Geburt ist der Vater gestorben, der mich annahm, und ich lebe noch. Was soll ich tun?« (218) Der jüngere Prinz verneigte sich vor ihm: »Du, der überall siegt! Was das Schicksal bewirkt, ist keine persönliche Schande. Ist dies das einzige Unglück, das je geschah? Was nützt jetzt Grübeln? Erst wenn wir die bedrängenden Rakshasas getötet haben, wird dieses brennende Leid abkühlen!« (219) »Mein Herr, warum sprichst du so? Selbst wenn du dich so klein machen könntest, die arme Frau mit dem langen duftenden Haar aufzugeben und dich zu beruhigen: Wenn dir auch der Wille fehlt, den Mörder deines Vaters zu töten – dann wäre Askese allerdings die passende Tätigkeit!«
(220) Auf diese Worte hin gewann Rama seine Besinnung zurück. »Solche Gedanken wären Schwäche«, erkannte er. Er wischte die heiß strömenden Tränen ab und sagte: »Junger Bruder, lasst uns dem verstorbenen Vater alle ihm gebührenden letzten Ehren erweisen!« (221) Lakshmana häufte dunkles Adlerholz und Sandelholz als Brennmaterial auf, bereitete das nötige Darbha-Gras und streute Blumen. Er errichtete sorgfältig einen Altar aus Sand und brachte klares Wasser. Der Starkarmige hob den Vater auf und trat heran. (222) Mit beiden Händen hob Rama ihn auf den Scheiterhaufen. Er spendete Sandelpaste, Blumen und Wasser und entzündete das lodernde Feuer am Kopfende. Als Kenner der heiligen Mantras vollzog er alle vorgeschriebenen Pflichten, ohne etwas auszulassen. (223) Aus den Augen des Wolkenfarbenen strömten Tränen, als tropften rote Lotusblüten in frischem Grün. Er badete im Fluss und brachte danach mit geschöpftem reinem Wasser die Totenspende dar. Sein Schmerz wich dem Zorn gegen die Rakshasas.
(224) Was lässt sich noch hinzufügen? Das gute Wasser, das der Herr mit gefalteten Händen dem Vogelkönig darreichte, wirkte, als hätte er selbst es getrunken. Alle Wesen oben und unten, von Brahma an, schienen davon getrunken zu haben und erfreut zu sein. (225) Als der siegreiche Prinz sämtliche vedischen Opferpflichten und Riten vollendet hatte, sank die Sonne ins Meer. Es war, als wolle auch sie aus Trauer um den Spross ihres alten Geschlechts baden und alle Pflichten für den Verstorbenen erfüllen.

Die bildlichen Darstellungen begleiten die Lektüre; sie sind keine Abbildungen einzelner Verse.
3.9 – Ayomukhi
(1) Als der Abend nahte, verließen die Brüder den Ort und suchten einen dunklen Berg mit rötlichem Gipfel als Lager auf. Die weite Finsternis, die ihr schweres Leid verstärkte, schwoll an, als hätten sich Rakshasas erhoben, die selbst Indra nicht gehorchten. (2) In dieser Nacht schienen alle Wälder und Berge Tränen zu vergießen, als ihre Wasserfälle honiggleich strömten. Ehre, Zorn, der Tod des Vaters, Einsicht und Trauer kämpften in den Herzen der beiden Helden gegeneinander und quälten sie. (3) Die Nacht schien endlos wie das trügerische Dasein, in dem frühere Taten die Einsicht vom wahren Erkennen forttreiben. Sie wuchs wie Feuer, dem man Ghee zuführt. Die Brüder seufzten tief und blieben hilflos; kein anderes Ufer war zu sehen. (4) Wir können es nicht erklären: Blieben die roten Lotusblüten, die man die Augen des duftbekränzten Helden nennt, auch nachts geöffnet, weil er von der lieblich lächelnden Göttin Janaki getrennt war – oder weil er den Mond ihres Gesichts nicht sehen konnte?
(5) Was sein makelloses Herz unter der Trennung von jener unvergleichlich schönen Leuchte der Weiblichkeit dachte, können wir nicht ergründen. Die Augen des heiligen Rama blinzelten nicht mehr; sie glichen nun denen seines starkarmigen Bruders. (6) Über dem Hang, an dem der kühle tamilische Südwind wie eine verschlingende Schlange kroch, entfaltete sich der schöne weiße Mond und erhellte den Himmel. Er schien dem Helden liebevoll zu sagen: »Ich habe dort oben Sitas leuchtendes Gesicht mit dem bienenumschwärmten Blumenkranz gesehen!« (7) Das Mondlicht enthüllte die Nacht, in der der lustvolle Dieb, der körperlose Liebesgott, verborgen lag, und überflutete die ganze Welt. Doch es brannte, als ströme aus den hohlen Giftzähnen einer Schlange, deren Leib die dichte Dunkelheit war, giftiger Speichel. (8) Verletzte Ehre und Schmerz verdunkelten seinen klaren Verstand. Während das weiße Mondlicht ihn wie ausgebreitetes Gift verbrannte, dachte der Held an die Einsamkeit der Frau mit den großen Augen, den milchsüßen Worten und den schlangenhaubengleichen Hüften.
(9) Er presste den Mund zusammen und atmete schwer. Seine Schultern zuckten, schwollen an und sanken wieder. Er dachte an sie wie an einen Zweig voller kühler Knospen und Blüten, den ein großer Elefant abgebrochen hatte. (10) »Blickt sie wohl nach beiden Seiten die langen Wege entlang und sagt sich: ›Der Bogenschütze kommt, er kommt‹?« Sein Atem hob und senkte sich immer wieder wie die weiten Wogen des anschwellenden Meeres. (11) »Kann ich sagen, dass sie nicht an mich denkt? Was mag sie gedacht haben, als der tierhafte Mann mit den blitzenden Zähnen ihr näherkam und ›Bleib stehen!‹ rief?« So klagte er. (12) »Wie der Mond im betrügerischen Rachen der großen Schlange mit den glänzenden Giftzähnen wird sie verblassen. Vielleicht zweifelt sie und denkt: ›Hat er Angst vor der Grausamkeit der zornigen Rakshasas?‹«
(13) Die verpflichtende Ehre und die unauslöschliche Liebe trieben ihn an und verbrannten immer wieder sein gequältes Leben. Er litt und fragte: »Wozu brauche ich überhaupt noch einen Bogen?« (14) Er blickte auf seinen Bogen und lachte bitter, dann auf seine mächtigen, felsengleichen Schultern und lachte erneut. Beim Gedanken an künftige Schmähungen schrak er zusammen – er, auf den alle blicken, die den tiefsten Sinn der alten Veden suchen. (15) Er sah den kalten Nordwind wie den grausamen Tod an. »Ist Sita, die durch das vedische Hochzeitsopfer rechtmäßig mit mir verbunden wurde, wirklich von mir getrennt?« Schwer wie ein Elefant stieß er den Atem aus. (16) »Ich nahm mir vor, die vielen Lebewesen zu schützen. Nun bin ich nicht einmal fähig, das Leid meiner eigenen edlen, geschmückten Gefährtin zu lindern. Wie trefflich ist meine Kraft, wie trefflich!« So schämte er sich.
(17) Er legte sich nieder, doch die kühlen Zweige, die sein Bruder zum Lager bereitet hatte, schienen zu versengen. Da sie verbrannten, setzte er sich aufrecht hin und grübelte. Das Leben kochte in ihm vor Leid; Mund und Herz trockneten aus, und er verfiel in Benommenheit. (18) Lag es an der Trennung oder an seiner tiefen Liebe? Wir wissen es nicht. Er, der mit geschlossenen Lotusaugen tausend Weltalter verbringen kann, saß nun wach und fand kein Ende der Nacht. (19) »Jüngerer Bruder mit der siegreichen Waffe! Du hast doch all die unzähligen vergangenen Tage und Nächte stets gleich verlaufen sehen. Warum bleibt diese lange Nacht heute stehen und dehnt sich immer weiter?« (20) Zum Mond des langen Abends sagte er: »Tag für Tag kehrst du zurück und wirst wieder schmal, ohne dich zu schämen. Nun, da das strahlende Gesicht der Geschmückten verschwunden ist, leuchtest du hier besonders hell!«
(21) »Ist der Herr des einzigen Himmelswagens voller Scham über die Schande, die auf mich, den festen Halt seines weithin berühmten Geschlechts, gefallen ist, aus diesem Land fortgezogen?« So dachte er an die Sonne. (22) »Wie lang diese brennende Nacht ist!«, klagte er. »Hat der schwerttragende Rakshasa vielleicht auch den Sonnengott gefesselt und zusammen mit dem lahmen Planetenherrn in einen festen Kerker geworfen?« (23) »Wenn die Frau mit der trommelschlanken Taille nicht erscheint, wird diese finstere Nacht ein ganzes Weltalter dauern. Und wenn dieses endet, wird auch diese weite, meerumgebene Erde enden!«, dachte er. (24) »Wenn die Gewalttätigen, die Asketen unermessliches Leid zufügen und die Lebewesen der Welt verschlingen, weiterhin mächtig und glücklich leben – was vermag dann noch Dharma?«
(25) Auch der heldenhafte Liebesgott, dessen göttlicher Bogen eine lange Bienensehne trägt und Blumenpfeile schießt, blickte auf den Makellosen, um ihn erneut zu treffen. Doch er konnte keinen Pfeil mehr abschießen und geriet ins Wanken. (26) Er erinnerte sich wehmütig daran, wie sein eigener schöner Leib einst durch den Zorn des höchsten Yogis vernichtet worden war. Kann man gegen einen Edlen Härte aufbringen, wenn man selbst unter dem Mitgefühl für ein altes Leid steht? (27) Während dem Dunkelblauen seine eigenen Gedanken wie Dreizackstiche Schmerzen bereiteten, verging endlich die Nacht. Sie hatte so lange gedauert wie die gesamte Lebenszeit des ursprünglichen Lotusgeborenen. (28) Er hatte den geliebten Schlaf auf dem rauschenden Milchozean verlassen, um im Meer der Treue jener Frau zu versinken, deren Blumengirlande von Bienen und Honig erfüllt war. Vögel, Haine und Wasser rauschten. Mussten auch noch die wenigen Pfeile, die ihn an ihre Schönheit erinnerten, ertönen? Wie sollte sein Leben das ertragen?
(29) Er sah Pfauen mit ihren Weibchen, Hirsche mit Hirschkühen und Elefantenbullen mit ihren Gefährtinnen umherziehen. Musste er nicht verzweifeln, getrennt von jener Stimme, die Kuckuck, Zuckerrohr, Honig, Flöte, Laute, Sirup und Nektar ihrer Süße beraubte? (30) Die Sonne erreichte den gekrönten Gipfel des östlichen Gebirges. Für den Helden, der trotz Tagesanbruch die papageiensanfte Stimme nicht hörte, öffnete sie die frischen Lotusblüten. Es war, als wollte sie zeigen: »Die Schwanengleiche mit den roten Lotusfüßen verbirgt sich nicht in den Blüten, die ich nachts verschlossen habe!« (31) Er betrachtete die Haine, die Vögel darin, die Schönheit blühender Zweige und den Gang junger Pfauen. In ihnen sah er ihr Haar, ihre beiden berggleichen Brüste und deren Wirkung auf ihn. Dann blickte er auf seine eigenen Schultern. So verbrachte er die Zeit. (32) Der junge Held verneigte sich vor ihm: »Erhabener, bringt es Ruhm, hier zu bleiben, ohne nach der Goldgleichen zu suchen?« Rama antwortete: »Wir wollen den Aufenthalt des genannten Rakshasas ausfindig machen.« Mit ihren blitzenden Bogen zogen sie durch den sonnenheißen Wald am Gebirge.
(33) Den großen Weltelefanten gleich durchquerten sie viele dicht belaubte Wälder, ließen reine Berge hinter sich und überschritten Flüsse. Achtzehn Yojanas legten sie zurück. (34) Sie suchten die Frau mit der honigreichen Girlande, die als Frucht der Askese der Erde erschienen war, fanden sie aber nicht. Während Zorn und heißer Atem in ihnen aufstiegen, betraten sie einen langen, kühlen Hain, in dem Vögel rasteten. (35) Die Sonne kannte den Schmerz der Edlen. Als hätte sie überall nach der Frau gesucht und die ganze weite Welt durchstreift, kehrte sie nun zurück und verbarg sich hinter Meru; die Dunkelheit folgte ihr. (36) Dichte Finsternis drang überall vor, als hätten sich ringsum Massen schwarzen Augenschminks zusammengeschoben. Die zehn Richtungen verdunkelten sich wie der Geist eines Menschen ohne klare Erkenntnis.
(37) In einem Hain, den rote Kinshuka-Blüten umgaben und in dem Mainas den Papageien süße, wohlklingende Laute zuriefen, fanden sie eine Kristallplatte, die einer fleckenlos hellen Scheibe glich. Dort ließen sie sich nieder. (38) Rama sagte zu dem jungen Helden, der einem wilden Stier glich: »Held, suche hier in der Nähe Wasser und bringe es!« Der Bogenschütze, furchtbar für Feinde, ging allein davon. (39) Er suchte überall, fand aber kein Wasser und streifte allein wie ein Löwe umher. Da sah ihn in jenem Wald die Rakshasafrau Ayomukhi mit den grausamen Augen und begehrte ihn. (40) Wie eine Schlange, die selbst auf die von Weisen gesprochenen Mantras nicht hört, folgte sie ihm. Ihre Wildheit und ihr Übermut legten sich; sie dachte: »Er ist der Liebesgott selbst!«
(41) Die Rakshasafrau mit dem versunkenen Verstand trat, von schmerzhaft wachsender Liebe getrieben, vor ihn. »Ich kann meinen brennenden Schmerz nur durch eine Umarmung stillen – will ich ihn etwa verschlingen?«, dachte sie seufzend. (42) »Wenn er meine Bitte zurückweist und sich entzieht, werde ich ihn packen, in meine Höhle tragen und dort umarmen!« Mit diesem Entschluss eilte die Frau, heißer als Feuer, auf ihn zu. (43) Ihr Atem spie Feuer. Ihr Bauch konnte ganze Gebirgsketten fassen, die sie mit den Zähnen zermahlte. Große Schlangen hatte sie als Seile um ihre schweren Brüste gewunden; ihre Augen waren tiefe Gruben. (44) Gefangene Löwen und Yalis hatte sie mit Schlangen zusammengebunden und trug sie als Fußringe. Ihr Gesicht glich der Sonne, wenn sie am letzten Tag in voller Glut sämtliche Welten vernichtet.
(45) Ihr höhlengroßer Mund glich einem Schöpflöffel, mit dem man das Meer trockenlegen könnte. Mit dem wirbelnden Haar, das sich über ihren Rücken ausbreitete, erschien sie wie die verkörperte Flamme des Weltuntergangs. (46) An ihrem Leib hingen Fleischstücke, Köpfe, Gedärme und Fett bis zu den Füßen. Auch die Schlangen, die sie um ihre breite Hüfte trug, berührten beim Schlängeln den Boden. Donnerkeile konnte sie zerbeißen. (47) Ihr Blick erklärte solche Schrecken zu unzulänglichen Vergleichen. Ihre Zähne glühten noch heißer und ließen jene Bilder kühl erscheinen. Sie konnte die Wasserberge des Meeres aufwühlen und zusammendrängen. Bei ihrem Gang schämte sich selbst die makellose Erdgöttin. (48) Lange Schlangen hatte sie als herabhängenden Schmuck aufgereiht; frische Schlangen und Tiger dienten ihr als Halsketten. Zahlreiche Yalis trug sie als Brustschmuck, und reißende Löwen hingen als Ohrringe herab.
(49) So stand sie vor ihm. Ihre roten, kunri-samengleichen Augen tränten vor Verlangen und blickten nun sanft. Im Licht ihrer blitzenden Zähne sah sie den Löwenhelden, der durch die dichte Nacht ging. (50) Er erkannte: »Diese geschmückte Frau gehört zum Geschlecht der grausamen Rakshasas. Sie gleicht Tataka und jener gewaltigen Frau, die früher ihre Nase verlor und zitternd floh.« (51) »Diese sündigen Wesen kennen keine gute Sitte; gewiss kommt sie aus keinem anderen Grund zu mir«, dachte er. »Du, die du in der dichten Dunkelheit des tierreichen Waldes erschienen bist: Wer bist du? Antworte rasch!« (52) Ohne Scham antwortete sie, während ihr aufgewühltes Herz hin und her schwankte: »Ich bin Ayomukhi. Mit aufrichtiger Liebe und freudigem Verlangen bin ich zu dir gekommen.«
(53) Sie fuhr fort: »Held von großer Schönheit! Vereine deine breite, goldgeschmückte Brust mit meinen Brüsten, die noch niemand berührt hat. Schenke mir rasch mein kostbares Leben zurück!« (54) Als die nun sanft gewordene Frau so sprach, röteten sich die Augen des zornigen Löwenhelden. »Wenn du solche Worte nochmals aussprichst, wird dieser unfehlbare lange Pfeil deinen Leib in Stücke teilen!«, sagte er. (55) Doch sie wurde nicht zornig. Sie legte beide Hände auf den Scheitel und sagte: »Siegreicher, wenn es mir vergönnt ist, dass du kommst und mir das Leben nimmst, bin ich erst heute wahrhaft geboren!« (56) Ohne Zorn sprach sie weiter: »Edler, wenn du hier gutes Wasser suchst, brauche ich nur deine gütige Hand und dein Wort ›Fürchte dich nicht!‹ Dann bringe ich dir sogleich Wasser aus der Ganga!«
(57) Sumitras Sohn ertrug ihre Worte nicht. »Geh fort, ehe ich dir beide Ohren und die Nase abschneide!«, sagte er. Sie stand da, ohne zu blinzeln, und fasste einen neuen Gedanken. (58) »Ich werde ihn aufheben, forttragen und in meiner Höhle einschließen. Wenn ich seinen Zorn besänftigt habe, wird sein Leib sich mir zuwenden, und das Glück wird sogleich kommen. Dies ist gewiss der beste Weg.« So dachte sie und trat ein Stück beiseite. (59) Zuerst wirkte sie den Zauber der Betörung. Dann ergriff die Grausame den berggleichen Helden und flog mühelos mit ihm empor, wie eine Wolke, die den Mond mit sich fortträgt. (60) Sie glich dem Mandara-Berg, der aus dem Meer emporgekommen war, oder Indras Wolkengefährt am Himmel. Ebenso glich sie dem Pfau, auf dem der schöne Held reitet, der mit seinem gewaltigen Speer den Asura Sura erschlägt.
(62 [Quellenzählung anstelle von 3.9.61; laufende Position 3702]) An ihrer Brust, von ihren Armen umschlossen, glänzte der starkbewaffnete Held mit den schönen Fußringen. Er glich Rudra im Fell eines gewaltigen, zornigen Kriegselefanten, dem der Brunftsaft aus den Schläfen rinnt. (62) Während sie so davonflog, dachte Rama: »Mein Leben, mein starker, berggleicher Bruder, der Wasser suchen ging, erscheint nicht!« Der Held mit dem fieberheißen Leib wurde unruhig. (63) »Liegt es daran, dass in diesem heißen Wald Wasser so selten ist? Oder ist etwas anderes geschehen? Ihm fehlt gewiss nicht die Geschwindigkeit, rasch zurückzukehren. Er würde nicht einfach ausbleiben. Was mag das bedeuten?« (64) »Ich bat ihn nur, in der Nähe nach Wasser zu suchen und es zu bringen. Warum bleibt er so lange aus? Ist er im Kampf mit denen, die die Frau mit den geschmückten Brüsten entführten? Dahinter muss etwas stecken!
(65) Hat Ravana, der zuvor schon die Göttin mit der papageiensüßen Stimme überlistete, auch ihn geraubt? Ist er durch die tückische Tat jenes Mannes, grausamer als Gift, nach dem Beschluss des Schicksals gestorben? (66) Mein geliebtes Leben mit dem Bogen in der Hand ist nicht zurückgekehrt! Hat der Schmerz darüber, dass ich seinen Rat missachtete und von meiner Frau getrennt wurde, so heftig in ihm gebrannt, dass er sein Leben aufgab? (67) Er war mein einziges Auge in dieser dichten Dunkelheit; ich habe kein anderes. Mein verwundetes Herz verzehrt sich, mein Denken versagt. Wie soll ich ihn suchen? (68) Du bist das einzige kostbare Leben dieses Menschen mit unausweichlicher Schuld! Hast auch du dich verborgen? Mein Junge, du Großer, du hast Unrecht getan! Die Welt wird dir das nicht verzeihen. Wie grausam!
(69) Du konntest jedes scheinbar unendliche Leid von mir nehmen und hast mir nun unendliches Leid zugefügt. Held, vor dem selbst Feinde sich verneigen! Hast du mich so sehr verworfen? Komm! Willst du noch länger fernbleiben? (70) Von meinem Vater, meinen Angehörigen und der goldüberstrahlenden Frau mit den schönen Ohrringen bin ich getrennt. Dass ich überhaupt noch lebe – verdanke ich das nicht allein dem Umstand, von dir nicht getrennt zu sein? (71) Schon plage ich mich wie ein Asket bei der Suche nach der goldgeschmückten Frau. Hast du nun noch hinzugefügt, dass ich auch dich unter Schmerzen suchen muss? Du junger Elefant, der einst mir zuliebe mitkam! (72) Heute werde ich gewiss sterben. Und wenn jemand unseren Angehörigen davon erzählt, werden auch sie nicht weiterleben. So hast du deine ganze verbundene Familie getötet. Grausamer, ist das deine Art?
(73) Als ich auf das Königtum in der Nachfolge Mandhatas und der alten Herrscher verzichtete, blieben alle nahen Verwandten zurück. Du allein kamst mit mir. Hast du mich nun doch verlassen und bist fortgegangen?« (74) So sprach er, stand auf und fiel wieder nieder. Er setzte sich, grübelte und verlor die Besinnung. »Ohne Blitz und Donner – was ist das für ein Unheil im Rachen dieser Dunkelheit?«, fragte mein einziger Herr. (75) Er durchsuchte viele Plätze, ging umher und lief, bekümmert den Namen des Bruders rufend. Er sank erschöpft, als verlasse ihn das Leben. So taumelte Vishnu, der sonst einem lebhaften, gewaltigen Elefanten gleicht. (76) »Er, der über mich und die geduldige Frau wachte, ohne je die Augen zu schließen – könnte er sich so lange verspäten? Ich bin eine Last, die durch die Welt geht, von alter Schuld beladen. Ist mir kein Weiterleben bestimmt? Ich weiß es nicht!«
(77) »Wenn es Dharma gibt, möge er in einer nächsten Geburt als der ältere Bruder geboren werden!« Mit diesem Wunsch nahm Rama das scharfe Schwert und war im Begriff, sein bleibendes Leben aufzugeben. (78) Da befreite sich Lakshmana aus dem mächtigen Zauber, packte Ayomukhis Nase und schnitt sie ab. Ihr erschöpfter Schmerzensschrei drang laut in Ramas Ohren; sogleich gewann er Klarheit. (79) »Das ist nicht das Kampfgeschrei vieler Rakshasas mit klingenden Fußringen in diesem steinigen Wald. Es ist der Schrei einer verletzten Frau. Sie muss eine Rakshasi sein!«, erkannte er. (80) Der Dunkelfarbene nahm die mächtige Feuerwaffe und bewegte sie in seiner roten Hand. Die dichte Finsternis floh in die Welt jenseits der Grenze. Die Nacht wurde hell wie der Tag.
(81) Dreimal schneller als ein heftiger Wind stürmte Rama voran. Hohe Berge schienen zu Staub zu werden, große Bäume brachen, die Erdgöttin erbebte, und überall krachte und splitterte es. (82) Lakshmana sah den älteren Bruder herankommen, seinen großen Beschützer, wie das schwarze Meer, das sich beim Weltuntergang erhebt und über die Erde stürzt. »Gräme dich nicht, Freigebiger! Gräme dich nicht!«, rief er. (83) »Ich, dein Diener, bin da! Leide nicht; möge dein grenzenloses Herz heil bleiben!« Mit diesen Worten näherte er sich den Füßen, die weichen, schönen Sprossen glichen. Es war, als seien verlorene Augen wieder zurückgekehrt. (84) Tränen strömten aus Ramas Augen wie aus einer Quelle. Er glich einer Kuh, die nach der Trennung von ihrem jungen Kalb hilflos geklagt hat und es nun endlich wiedersieht, während Milch aus ihrem kühlen Euter fließt.
(85) Immer wieder umarmte er Lakshmana; seine Tränen wuschen dessen goldenen Leib. »Du mit den Schultern wie Balken und Berge! Ich fürchtete verzweifelt, dich verloren zu haben! (86) Was ist dir dort widerfahren? Erzähle es!« Lakshmana berichtete alles. Da empfand jener, über dem nichts anderes als er selbst steht, zugleich Schmerz und Freude. (87) »Soll einer, der sich mitten im großen Meer befindet, bei jeder heranrollenden Welle erschrecken? Wir sind im grausamen Gefängnis einer durch schlechte Taten bestimmten Geburt gefangen. Ist es Standhaftigkeit, vor Krankheit und schwerem Leid zu zittern? (88) Selbst wenn die drei Welten und die drei höchsten Götter als unüberwindliche Feinde gegen mich zögen: Wer könnte mich besiegen? Mein Bruder, dass du da bist, ist meine Kraft. Brauche ich noch einen anderen Schutz?
(89) Mögen alle fortgehen, die fortgehen wollen; mögen alle schweren Leiden kommen! Kampfstarker Held mit den langen Fußringen: Außer der Trennung von dir könnte mir jetzt noch etwas Kummer bereiten? (90) Tapferer Held, du sagtest, du habest die kampfkräftige Rakshasafrau besiegt und seiest zurückgekehrt. Nach ihrem zornigen Geschrei zu urteilen, hast du die Niederträchtige wohl nicht getötet? Sage es!« (91) »Ich schnitt ihr Nase und Ohren ab und trennte, um mich aus ihrer Umklammerung zu befreien, auch ihre Brüste ab. Da schrie und klagte sie laut«, berichtete der jüngere Bruder und faltete beide Hände. (92) »Selbst die Frau, die dir in der tiefen Dunkelheit nachsetzte, um dich zu töten, hast du nicht erschlagen, sondern ihr nur die Nase abgeschnitten. Du bist wahrhaft tüchtig, Spross der Linie Manus!« Rama umarmte ihn und schluchzte vor Freude.
(93) Als sei das große Leid etwas gewichen, warteten der Held und sein Bruder auf den Morgen. Sie riefen die Varuna-Waffe ins Gedächtnis, tranken das dadurch vom Himmel kommende Wasser und blieben auf dem Berg, den die Erde trug. (94) Auf feinem Sand zwischen den Felsen des Waldes hatte Lakshmana ein Lager aus jungen Blättern und Blumen bereitet. Dort setzte sich Rama mit seinem grenzenlosen Kummer nieder und legte sich zurück, während der Bruder seine zarten Füße massierte. (95) Seit der Trennung von der pfauengleichen Frau hatte er vor Ehrenschmerz nichts gegessen. Muss man eigens sagen, dass er vor Kummer nicht schlief? Zwischen seinen langen Atemzügen schwebte sein Leben hin und her. (96) »Liegt es daran, dass ich ihre Gestalt keinen Augenblick vergessen kann – oder ist es ein Zauber der Rakshasas? Wohin ich auch in diesem Wald blicke, alles erscheint mir als Janakis Gestalt!
(97) Die Dunkelhaarige mit den rot geäderten Augen, das seltene Kleinod der treuen Frauen, kommt und setzt sich neben mich. Voll Verlangen will ich sie umarmen, doch ich spüre keine Berührung. Ist ihre ganze Gestalt so ungreifbar geworden wie ihre zarte Taille? (98) Ich trank den Nektar ihres roten, bimba-fruchtgleichen Mundes, wie Honig in einer frischen Lotusblüte. Doch sie ist nicht hier bei mir! Gibt es Träume auch ohne Schlaf? (99) Diese grausame Nacht dehnt sich länger als Erde, Himmel und die übrigen drei Elemente, länger als jede Vorstellung. Ist sie in ihrer quälenden Länge sogar ausgedehnter als die Augen von Janakas großer Tochter mit dem kühlen, duftenden schwarzen Haar? (100) Ist der salzige Mond, der aus dem rauschenden, fischreichen Meer hervorging, ein Weltuntergangsfeuer? Hat seine ausgebreitete sengende Strahlung den kochenden Himmel am ganzen Leib mit Blasen bedeckt?«
(101) So klagte der König der Könige auf vielerlei Weise und verlor in seinem Elend die klare Besinnung. Da erschien die Sonne mit ihren dicht gebündelten roten Strahlen, als hätte sie sein Leid gesehen und Mitleid empfunden.
3.10 – Die Tötung Kabandhas
(1) Bei Tagesanbruch zogen sie rasch weiter, um die pfauengleiche Frau zu suchen, deren Schönheit und Geduld so groß waren, dass selbst die Erde sagte: »Das ist wahre Geduld!« Die rufenden Vögel schienen mit ihnen zu weinen. (2) Sie durchwanderten fünfzig Yojanas der waldbedeckten Erde. Die Sonne stand bereits mitten am Himmel, als die beiden Bogenträger Kabandhas Wald erreichten. Dieser saß dort, streckte seine Arme aus, umschlang damit alle Lebewesen und stopfte sie in seinen Bauch. (3) Vom Elefanten bis zur Ameise brachen die Lebewesen erschöpft zusammen. Sie starrten voller Entsetzen und zitterten vor Angst, als seien sie in einem unzerreißbaren Netz gefangen. (4) Die Brüder sahen, wie die Wesen sich fürchteten, zerstreuten, zusammendrängten, klagten, flohen und in Verwirrung gerieten. Sie glichen den Bewohnern eines Landes, dessen unfähiger Herrscher weder die überlieferte Ordnung wahrt noch würdig für ihren Schutz sorgt.
(5) Große Berge rollten heran, mächtige Bäume wurden entwurzelt und zerbrachen. Die Waldflüsse und die über ihnen liegenden weiten Räume wurden mitgerissen; schwerbeladene Wolken ballten sich zusammen und stürzten herab. (6) Die Brüder gerieten zwischen die Arme, die alle Himmelsrichtungen umschlossen. Es war, als hätten sich am Weltende die Meere von allen Seiten unter dem Sturm erhoben, die Erde überflutet und zögen sich nun über ihnen zusammen. (7) Sie freuten sich zunächst: »Wegen der süß sprechenden Frau ist das Rakshasaheer gekommen und hat uns umzingelt!« Doch sie befanden sich innerhalb einer Mauer aus Armen, die sie wie das große Ringgebirge der Welt einengte. (8) Rama sah seinen Bruder an: »Lieber, nun wissen wir, dass Ravanas Stadt, in der die arme Frau leidet, ganz in der Nähe liegt. Unser gewaltiger Kummer wird bald zerrissen sein!«
(9) Der jüngere Bruder trat ehrerbietig vor ihn: »Wäre dies das lautstarke Heer der Rakshasas, müssten Kriegstrommeln und Muschelhörner zu hören sein. Da sie fehlen, muss es etwas anderes sein. (10) Herr der Weltalter, ist es die weißzähnige Schlange, an der die Götter zogen, um den reinen Nektar zu gewinnen, oder eine andere Schlange? Es scheint, als umschlänge sie uns mit Kopf und langem Schwanz, um uns einzuziehen!« (11) Rama hielt die Worte des Bruders für wohlbedacht. Sie gingen ein oder zwei Yojanas weiter hinein und gelangten unmittelbar vor Kabandha, der dort saß wie ein aufragender Berg. (12) Seine heißen Augen glichen zwei Sonnen, die in den großen Meru eingelassen wären. Zwischen seinen Zähnen lagen weite Abstände; der Mund mitten in seinem Bauch war wie ein von Seeungeheuern bewohntes Meer.
(13) Seine Arme waren ungeheuer lang: wie das große Seil, das sich dehnte, als Götter und Asuras von beiden Seiten daran zogen, nachdem sie es um den mondhohen Berg als göttlichen Quirl gelegt hatten. (14) Aus seiner Nase schossen Rauchfahnen und Feuer wie aus den Rohren eines Schmiedeblasebalgs. Seine sich windende Zunge glich einer Flammenspitze jenes Feuers, das das feindlich tobende Meer austrinkt. (15) Seine glänzenden Hauer glichen einem Vollmond, der vor der heranrollenden Schlange erschrocken Zuflucht in einer engen Höhle eines wasserfallreichen Berges gesucht hätte und dabei in zwei Teile gespalten worden wäre. (16) Sein Leib schien nicht aus den fünf Elementen wie Wasser und Erde gebildet. Vielmehr hatten sich offenbar die fünf großen Sünden, die die Veden bestimmen, zusammengeschlossen und Leben angenommen.
(17) In den Höhlungen seiner Ohren konnten die furchtbaren Schlangen, welche die heißen Himmelslichter verschlingen, untätig schlafen. Sein Bauch stellte selbst die Hölle in den Schatten, in der die durch hartnäckige Falschheit vom Guten abgeirrten Niedrigen wohnen. (18) Seine Hände rafften sämtliche Lebewesen zusammen und zerquetschten sie. Wenn die dicht gedrängten Haufen in seinen Mund gelangten, erschien dieser wie das siegreiche Eingangstor des Todesgottes. (19) Seine Stimme dröhnte wie das tosende Meer, sein heißer Leib war dunkel wie Gift. Der kopflose Rumpf glich Kalanemi, dem der dunkelblaue Vishnu mit dem Diskus den Kopf abgeschlagen hatte. (20) Die beiden gründlich gebildeten Brüder betrachteten ihn. Sein Leib glich Meru, nachdem ein unablässiger Sturm dessen hohen Gipfel fortgerissen hätte.
(21) Sie blickten in den riesigen Rachen, der die meerumgebene Erde samt dem Ozean hätte aufnehmen können. »Ist dies das Tor einer alten befestigten Rakshasastadt, in die selbst die Götter nur schwer eindringen?«, fragten sie sich. (22) Lakshmana betrachtete ihn aufmerksam und sagte: »Meister des Bogens, das ist ein entsetzliches großes Ungeheuer. Es umschließt alles mit seinen greifenden Händen und wirft es in den Mund. Was sollen wir hier tun?« Da antwortete der Edle. (23) »Ja, das ist ein Dämon, dessen ausgedehnter Leib selbst auf der meerumgebenen Erde kaum Platz findet. Sieh seine nach rechts und links ausgestreckten Arme! Du bist stark wie der große Eber, der die Erde emporhob. (24) Die pfauengleiche Frau ist fort, unser Vater ist tot. Ich will nicht weiterleben und diese brennende Schande tragen. Darum werde ich ihm zur Nahrung werden. Jüngerer Bruder, geh von hier!
(25) Meine Geburt brachte meinen Eltern Leid, meinem Bruder Kummer und den Guten Trauer; ich bin der Sammelpunkt aller Schande geworden. Lässt sich diese tiefe Schmach anders tilgen, als dass ich mein Leben aufgebe? (26) Soll ich mit dem Bogen und meinem berggroßen Köcher zum König von Mithila gehen und sagen: ›Die süß sprechende Ranke, die Ihr mir als tugendhafte Gemahlin schenktet, befindet sich im Haus der Rakshasas‹? (27) Besser heißt es: ›Er ist in den Himmel gegangen‹, als: ›Er lebt noch, obwohl er die blumenbekränzte Frau nicht schützen konnte, und möchte trotzdem seine Angehörigen behüten.‹ Darum ist Sterben besser!« (28) Der junge Held antwortete: »Nachdem ich dir hierher gefolgt bin, soll ich bei diesem Unglück nicht vor dir sterben, sondern lebend zurückkehren können? Wie vortrefflich wäre dann mein Tun!
(29) Sind nicht diejenigen Helden, die das Leid überwinden? Wenn man von mir sagt, ich sei nicht vor meinem älteren Bruder gestorben, der mir mehr bedeutet als Mutter und Vater, ist dann nicht mein Ruhm verloren? (30) Die Leute sagten: ›Wie wunderbar, dass er seinen Bruder und die gazellengleiche Frau im bergreichen Wald schlaflos bewachen will!‹ Wenn sie nun sagen müssten: ›Ohne die beiden ist er allein zurückgekommen‹ – gäbe es einen größeren Fehler? (31) Meine Mutter sagte: ›Befolge alles, was dein älterer Bruder befiehlt. Wenn den Ruhmreichen unausweichliches Unheil zum Tode führt, stirb vor ihm!‹ Nur wenn ihre Worte nicht unwahr werden, bleibt doch die Wahrhaftigkeit bestehen! (32) Du mit den schönen goldenen Schultern! Meine Mutter und ich haben deiner Mutter und dir in jeder Hinsicht treu gedient. So erwarben wir einen bleibenden guten Namen, den die Rechtschaffenen achten. Wir werden ihn nicht aufgeben, um unser Leben zu schonen.
(33) Du vergehst selbst dann nicht, wenn am Ende alle Dinge und die Götter, von denen die unvergänglichen Veden sprechen, zugrunde gehen. Und nun soll dich ein Waldungeheuer töten, das vom Fressen von Elefanten lebt? Hat das irgendeinen Sinn? (34) Wer davon hörte, würde es nicht glauben; wer es sähe, würde es nicht billigen. ›Er gewann nicht den Ruhm, die blumenbekränzte Frau standhaft zurückzuholen; er konnte im Kampf nicht siegen und starb‹ – gäbe es eine größere Schande? (35) Wenn sich dieses Wesen nicht besänftigen lässt, dann eben nicht! Sieh, wie ich mit diesem scharfen Schwert die fesselnden Hände und den höhlengroßen Rachen des unermesslichen, giftglühenden Ungeheuers unfehlbar zertrenne. Lass deinen Kummer!« (36) Damit ging der jüngere Prinz voran. Sofort trat der ältere vor ihn; dann drängte der unvergleichliche Bruder wieder nach vorn. Niemand war da, um sie aufzuhalten. Die Götter sahen es und weinten vor schmerzlicher Rührung.
(37) Wie zwei Augen eines Gesichts näherten sich die Helden mit den klingenden Fußringen. Kabandha fragte: »Wer seid ihr, die das Schicksal hierhergeführt hat?« Nachdenklich, ohne zu blinzeln, standen sie zornig vor ihm. (38) »Sie sind nicht eingeschüchtert; sie verachten mich!«, entbrannte er. Funken schienen aus seinen Haaren zu sprühen. Als er mit dem Ruf »Ich werde euch verschlingen!« vorstieß, hoben die Helden ihre Schwerter und schlugen die himmelhohen Arme ab. (39) Ohne Arme, aus deren Stümpfen heiße Blutströme flossen, glich Kabandha deutlich dem großen Sahya-Gebirge, von dessen Flanken mächtige Flüsse nach Osten und Westen herabströmen. (40) Durch die Berührung mit der schönen Hand des allherrschenden Herrn endete seine frühere böse Tat samt dem daraus erwachsenen Fluch. Er verließ den entstellten Leib mit den abgetrennten Armen und erhob sich in den Himmel wie ein Vogel, dessen Fessel gelöst ist.
(41) Im Himmel stehend erkannte er in seinem Herzen: »Dieser ist das Auge aller, angefangen bei Brahma!« Er öffnete den Mund und pries dessen unzählige Eigenschaften. Was wäre schwer zu erlangen, wenn gute Taten ihre Frucht tragen? (42) »Bist du der Erzeuger aller Dinge? Der vollkommene Zeuge des grenzenlosen guten Dharma? Die einzigartige Frucht der Askese der Götter? Die Wurzel, aus der die drei großen Zweige hervorgehen? Du bist erschienen und hast mir, dem schwer Verschuldeten, das Leid des Fluches genommen! (43) Ursprung, der selbst keinen Ursprung hat! Welche Gestalt du annimmst, bleibt allen schwer erkennbar. Bist du die Welt? Das Banyanblatt? Das Kind, das auf jenem Blatt liegt? Oder die weite Wasserflut? Sage es! (44) Du bist das Auge sowohl des Schauenden als auch des Geschauten. Du scheinst mit allem verbunden und bist doch an nichts gebunden. In deiner Größe ziehst du die Welt ein und verbirgst sie in deinem Leib. Bist du männlich, weiblich, jenseits beider – welcher Art bist du?
(45) ›Du bist der ursprüngliche Brahma, du der ursprüngliche höchste Herr; auch was jenseits dessen liegt, was Ursprung heißt, bist du. Du bist die leuchtende Fülle des Lichts!‹ Wenn die Veden so sprechen, müssten sich dann nicht alle schämen, die etwas anderes behaupten? (46) Für das große Weltentempelgebäude mit den acht Himmelsrichtungen als festen Wänden und den siebenmal sieben Ebenen bist du gleichsam das Innere einer noch ungeöffneten Lotusknospe, die über den drei schönen Leuchtkreisen steht, mein Herr! (47) Du empfängst das Opfer und bist zugleich der, der es darbringt: das hohe, gedanklich kaum zu umfassende Opfer mit aufloderndem Feuer, dessen Grenze selbst die Götter auf Erden nicht erkennen. Wer versteht diese Einheit beider Rollen? Sage es, Höchster! (48) Wie Blasen aus dem Wasser einer weiten, dauernden Flut erheben sich unzählige unterschiedliche Weltensysteme in dir, erscheinen und verschwinden wieder. Ist dieser Vorgang leicht zu begreifen, du Allerhöchster?
(49) Haben die umfassenden Veden dein Handeln gesehen und danach gesprochen? Oder folgt dein Handeln der Ordnung, die sie verkünden? Was habe ich einst Gutes getan? Du hast mir den großen Reichtum geschenkt, der nicht denen folgt, die gewaltsam handeln. (50) Du hast die Verblendung dieser trügerischen Geburt entfernt, mir einen makellosen Leib gegeben und mich ans andere Ufer des Leids gebracht. Herr, du hast die törichte Verstrickung dessen gelöst, der einem Gespenst glich! Welches Gute habe ich, niedrig wie ein Hund, je getan?« (51) So sprach er liebevoll. Doch er dachte: »Wenn ich heute offen sage, wer er ist, würde das dem Vorhaben der Götter nicht dienen.« Rama, der den Rechtschaffenen nahe ist, sah ihn dastehen wie ein Kalb, das seine Mutter erblickt hat. (52) »Sieh, jüngerer Bruder! Der Gefallene ist zu einem ganz anderen, großen Wesen geworden und steht strahlend im Himmel. Frage ihn, wer er ist!« Darauf fragte Lakshmana: »Wer bist du?«
(53) »Held mit dem schönen Schmuck und der Girlande! Ich bin ein Gandharva namens Danu. Durch einen Fluch geriet ich in diese niedrige Geburt. Als Eure Blumenhände mich berührten, erhielt ich meine frühere Gestalt zurück. Ihr seid der Vater selbst meines Vaters! Hört, was ich sagen will. (54) Zwar braucht Ihr als mächtige Bogenträger niemanden, der Euch beschützt. Doch um die Unvergleichliche zu suchen und das Nötige zu tun, ist Hilfe angemessen. Wie einer ohne Floß das Meer schwer überquert, so lässt sich ohne Verbündete das Land des Feindes nicht leicht bezwingen. (55) Was soll ich von Eurer makellosen Stärke sagen? Ihr wisst doch: Selbst der Herr, der allein alles vernichten kann, was der große Lotusgeborene geschaffen hat, lebt inmitten zahlreicher unbezwinglich starker Geisterscharen. (56) Rechtes Handeln besteht darin, nach Dharma zu überlegen, sich nicht den Bösen anzuschließen, sondern mit den Guten zu verbinden. Sucht Shabari auf, die Lebewesen noch gütiger ist als eine Mutter. Folgt dem Weg, den sie Euch weist, und besteigt den Rishyamukha-Berg.
(57) Dort begegnet Ihr dem Sohn des Sonnengottes mit dem golden leuchtenden Leib. Umarmt ihn und schließt herzliche Freundschaft mit ihm. Mit seiner Hilfe die Frau zu suchen, deren Schultern langen Bambusstämmen gleichen, ist das Beste.« Die Helden stimmten zu. (58) Er verneigte sich, pries sie und entschwand in den Himmel. Die beiden Prinzen nahmen den genannten Weg, durchquerten Wälder und Berge und erreichten bei Einbruch der Nacht Matangas Einsiedelei, deren Name an den Elefanten erinnert.
3.11 – Shabaris Befreiung aus der Wiedergeburt
(1) Der duftende Hain bot Nahrung und Fülle wie ein Wunschbaum, der alles Gedachte gewährt. Er glich dem Himmel der Tugendhaften, in dem es nur die ersehnten Freuden der Welt und keinerlei Leid gibt. (2) Dort traf Rama Shabari, die seit unermesslich langer Zeit allein an ihn dachte und Askese übte. Er, vor dem sich kein anderer Ursprung denken lässt, sprach freundlich zu ihr: »Du bist hoffentlich frei von Not geblieben?« (3) Sie pries ihn voller Liebe, während Tränen wie Wasserfälle aus ihren Augen strömten. »Die trügerischen Fesseln sind zerbrochen! Der Reichtum meiner unendlich lange geübten Askese ist gekommen! Die Wiedergeburt ist vorbei!« Sie brachte alles Nötige herbei und bewirtete die Gäste. (4) »Mein Herr, Shiva, der Lotusgeborene, alle Götter und Indra selbst kamen hierher. Freudig sahen sie mich an und sagten: ›Die Vollendung deiner makellosen Askese ist nahe. Verehre Rama mit Hingabe und komm danach zu uns!‹ Dann gingen sie fort.
(5) Seitdem blieb ich hier, mein Herr, in der Gewissheit, dass du kommen würdest. Heute sind meine guten Taten erblüht!« Rama blickte die Königin strenger Askese liebevoll an: »Mutter, du hast unser bedrückendes Leid gelindert. Mögest du gesegnet sein!« (6) Nachdem der Makellose und der junge Prinz dort geruht hatten, beschrieb die Asketin, deren Übung alles Karma beendet hatte, wahrheitsgemäß und aus genauer Erinnerung den schwer zu findenden Weg zu dem festen Berg, auf dem der Sohn des Sonnengottes lebte. (7) Wie ein Weiser, der den wahren Weg zur Befreiung klar sichtbar macht, unterwies sie ihn. Und er hörte alles an – er, der selbst der Geschmack des Nektars ist, den die vom Hören erfüllten Weisen in ihrem Erkennen genießen. (8) Dann verließ sie durch die Kraft ihres mühevoll erlangten Yoga den Leib und ging allein freudig in den Himmel ein. Die Helden staunten grenzenlos. Mit klingenden goldenen Fußringen zogen sie auf dem beschriebenen großen Weg weiter.
(9) Sie ließen kühle Wälder, Berge und Flüsse hinter sich und gelangten zum Pampa-See. Weil täglich unzählige Menschen darin badeten und die brennenden Fesseln ihrer Taten lösten, schien dieser See aus geschmolzenem Verdienst zu bestehen.
Kishkindha Kandam – Das Buch von Kishkindha
Mit Hanuman und Sugriva entsteht eine Gemeinschaft des Suchens. Das Buch erzählt von Freundschaft und Verpflichtung, aber auch von schwierigen Entscheidungen, deren Folgen nicht einfach verschwinden.
4.0 – Textabschnitt
(1 [unnummerierte Anrufung der Quelle; laufende Position 3810]) Der Ursprung erscheint in drei Gestalten und drei Eigenschaften. Alle sichtbaren Formen haben in ihm ihren Anfang. Er ist die fest umrissenen, benennbaren Gestalten ebenso wie das zwischen ihnen Bestehende; er ist auch das Erkennen im fest gegründeten Bewusstsein.
4.1 – Der Pampa-See
(1) Seine Blumen trugen Honig; große Elefanten mit roten Augen und mächtigen Rüsseln badeten darin. Das Wasser war klar. Fische und Wolken tauchten hinein; in seiner weiten Fülle schien der Himmel selbst auf die Erde herabgesunken zu sein. (2) Das kühle Wasser war durchsichtig wie fein geschliffener Kristall. Doch wo es die Uferwände mit ihren neun Arten leuchtender Edelsteine berührte, nahm es deren jeweilige Farbe an. So glich es dem Geist eines Menschen ohne prüfende Einsicht. (23 [Quellenzählung anstelle von 4.1.3; laufende Position 3813]) Auf den edelsteinreichen Wasserflächen saßen königliche Schwäne mit ihren Weibchen und den korallenroten Beinen. Ihr Anblick glich unzähligen Vollmonden, die zugleich mit den Sternen am weiten Himmel aufgehen. (4) Der See glich jenem Meer, das Gadhis Sohn erschuf, als er eine neue Wasserwelt, alle Lebewesen und die Vedakundigen hervorbringen und damit den alten kühlen Ozean überflüssig machen wollte.
(5) Obwohl sein Anblick vermuten ließ, dies sei die strahlende Wohnstatt der Nagas, war auch seine Tiefe deutlich erkennbar – wie der Sinn der Worte, den wunschbaumgleiche Dichter in ihre Verse legen. (6) Schwäne mit tönenden Kehlen und andere Wasservögel in den weiten blütenreichen Flächen riefen durcheinander. Kein einzelnes Wort ließ sich in dem Lärm unterscheiden. Darin glich der See dem geschäftigen Getreidemarkt einer reichen Stadt. (7) Überall drängten Schwäne in die rot glühenden Lotusblüten. Sie schienen zu denken: »Wir können nicht sagen, wohin die Frau mit dem gelockten Haar gebracht wurde. Wie könnten wir sein heiliges Gesicht ansehen? Lieber sterben wir!« So wirkten sie, als gingen sie ins Feuer. (8) Obwohl der See mit seinen runden Lotusblättern herrlich anzusehen war, breitete sich hier und dort grüner Bewuchs aus. Er glich guter Erkenntnis, die durch die zwischen sie tretende Verwirrung befleckender Unwissenheit getrübt wird.
(9) Die Fische verbargen sich im Wasser, als dächten sie: »Sieht uns der freudlose Held als Verwandte der Augen seiner treuen Frau, deren Stimme selbst Papageien nicht erreichen, werden seine sonst tränenlosen Augen überfließen und er wird zusammenbrechen.« (10) Wasserfälle brachten Perlen aus Bambus und aus den Schläfen mächtiger Elefanten sowie Edelsteine herbei. Wie Perlenschnüre flossen sie herab. Dadurch glich der See dem geschmückten Antlitz einer Frau mit Ohrringen. (11) Weil gewaltige, brunftige Elefanten gemeinsam darin badeten, war sein Leib aufgewühlt und ermattet. Er glich einer reich beringschmückten käuflichen Frau, deren Glieder nach den nächtlichen Kämpfen der Liebe schmerzen. (12) Honig von himmelhohen Bergen mischte sich mit dem duftenden, bienenumschwärmten Schläfensaft der Elefanten. Wer daraus trank, geriet in große Freude. So glich das Wasser der Süße der bimba-fruchtroten Lippen schöner Frauen.
(13) Die Vögel riefen unablässig in unverständlichen, voneinander verschiedenen Lauten durcheinander. Es war, als hätten sich Menschen der achtzehn Sprachen, mit der arischen Sprache beginnend, an einem Ort versammelt und sprächen alle gleichzeitig. (104 [Quellenzählung anstelle von 4.1.14]) Ein Schwan, von dem Weibchen getrennt, das er wie sein eigenes Leben umarmte – getrennt wie Leib und Seele –, lauschte den süßen, zarten Klängen der glänzenden Fußringe himmlischer Frauen. (105 [Quellenzählung anstelle von 4.1.15]) Flüsse brachten duftendes Adlerholz und Sandelholz von schwer zu besteigenden Bergen herab. Als deren Duft ins Wasser überging, glänzte der See wie ein Gefäß in einer reichen Stadt, das mit feiner, wohlriechender Paste gefüllt ist. (16) Bienen tranken den duftenden Honig der Kumuda-Blüten, die den Lippen gazellenäugiger Frauen glichen, und wurden trunken wie Menschen. Wasservögel tauchten nach Fischen und kamen wieder hervor – gleich dem leidvollen Wechsel von Tod und Geburt.
(17) »Die Göttin im duftenden Lotus können wir dem elefantengleichen Helden nicht zurückgeben; wir wollen tun, was wir können«, schien der See mitleidig zu denken. Die Schwäne zeigten ihren schönen Gang, die Lilien ihre roten Augen und die Kumuda-Blüten ihre rötlichen Lippen. (18) Himmlische Frauen badeten täglich im Wasser, während das Licht ihres Schmucks an ihren Seiten spielte. Die blühenden Zweige mit den Schwänen des Sees glichen Dienerinnen, die kunstvoll gefertigte Schwanengefäße trugen. (19) Am Ufer trockneten Wasservögel auf großen Vanji-Bäumen ihre weiten Flügel. Ihre Schatten fielen immer wieder auf das kristallgleiche Wasser; die Fischschwärme gerieten in Unruhe, als seien die Vögel tatsächlich ins Wasser eingedrungen. (20) An einem Teil des Ufers lag der dunkle Schein schwarzer Edelsteine, an einem anderen strahlten Rubine. So glänzten die Ufer wie Nacht und Tag nebeneinander. Chakravaka-Vögel leuchteten darin wie die vollen Brüste schöner Frauen.
(21) Vaala-Fische sprangen wie kraftvoll geschwungene Schwerter, und Fischotter hüpften von einer rauschenden Welle zur nächsten wie Tänzer auf Bambusstangen. Die Frösche schienen die Schönheit dieses Tanzes laut zu loben. (22) Rama näherte sich dem weiten See und sah junge Schwäne, Lotusblüten und all die anderen Schönheiten. Sein Herz schmolz im Gedanken an die sprossenzarte Frau, die von ihm getrennt war. Seine klare Einsicht zog sich zurück, und er begann zu klagen. (23) »Chakravaka mit den schön gezeichneten, juwelengleichen Füßen! Sanfte Schwäne! Sie folgte mir, weil sie die Trennung von mir nicht ertragen konnte. Ist es recht, dass ihr mich jetzt in meiner Schwäche ohne sie lasst? Mitleid mit meinem brennenden Leben brächte euch Ruhm. Ihr bleibt beisammen – würde ein einziges Wort von euch schon großen Streit auslösen? (24) See, du bietest mit deinen schönen duftenden Lotusblüten und frischen Lilien Heilmittel für mein Herz, das wie eine Wunde brennt. Du zeigst ihre Augen und ihr Gesicht; willst du nicht einmal ihre ganze Gestalt zeigen? Wenn du es kannst und nicht hilfst – sind Geizige etwa edel?
(25) In geöffneten Lilien, roten Wasserblumen, weichen duftenden Lotusblüten, Vallai-Ranken, gedrängten Wellen, Fischen und Schildkröten erkenne ich ihre Glieder. See, sind das Teile jener Frau, die mir ein Heilmittel war, die der starke Rakshasa beim Verschlingen fallen ließ? Sage, ob es so ist! (26) Fröhlich umherlaufender Pfau! Sonst verbargst du dich beschämt vor ihrer Anmut und zogst wie ein Unterlegener umher. Ist dein Herz jetzt kühl geworden? Du hast gewiss mein verlorenes Leben gesehen, nach dem ich suche, und tanzt darum voller Freude. Kann sich vor dir mit deinen tausend Augen etwas verbergen? (27) Ihr Schwanenweibchen, auch wenn ihr nicht zu mir kommt, sagt doch wenigstens, was ihr wisst! Sprecht ihr gar nicht? Wollt ihr mir Unschuldigen Unrecht tun? Die Frau, die euren Gang übertraf, mag euch ungerecht erscheinen; mit ihr habt ihr Streit. Warum zürnt ihr mir, der sich an eurem Anblick erfreut? (28) Lotus, in dessen goldgleichen duftenden Blütenblättern goldener Staub liegt und röhrengleiche Bienen tamilische Lieder singen! Sie ist nicht bei mir und gewiss nicht irgendwo fern von dir. Wenn du sagst, sie sei auch nicht bei dir, verbindest du dich dann nicht mit denen, die sie verbergen?
(29) Rote Blüte neben der geschlossenen roten Wasserlilie, die ihrem heiligen Mund gleicht und mir kein einziges Wort gönnt! Du zeigst mir so unerschrocken den schönen fruchtgleichen Mund, aus dem Nektar floss. Willst du mir nicht auch sein knospendes Lächeln und seine kühlen Worte schenken? (30) Vallai-Ranke, hast du nicht Grund, mir in meiner Not zu helfen? Du bist Sitas Ohr, nichts anderes! Du bist ohne goldene Ohrringe, gekrümmte Gehänge und perlenbesetzte Ohrzier gekommen. Willst du sie mir nicht zeigen? Begehrst du noch mehr Klage? (31) Juwelenblaue Lilie, du gleichst den Augen der Frau mit dem wolkendunklen, blumengeschmückten Haar! Ihre Finger sind weiche Lotusblüten, ihre Füße Korallen; sie wohnt im Lotus meines Herzens. Willst du mich mit einem Lächeln quälen, das wie aufgeblühtes Gift wirkt?« (32) So seufzte er. Dann wandte er sich an den Konrai-Baum mit den geöffneten Blüten am See: »Ich sage all dies und gehe zugrunde, doch du gibst offenbar keine Antwort. Du bist hart und ohne Mitleid!«
(33) Er sah einen mächtigen Elefanten, dunkel wie ein Berg, an dessen Schläfen Bienen schwärmten. Mit dem Rüssel gab er seiner großen Gefährtin Wasser ins Maul, während sie Blätter fraß. Rama blieb stehen – nun ohne jene, die für seine große Liebe geboren war. (34) Der Bruder, dessen kostbarer Schmuck die Liebe war, sagte zum Freigebigen: »Erhabener, es ist spät geworden. Bade hier im großen Wasser und vollziehe deinen Brauch: Verehre die Füße des höchsten Herrn!« (35) Nur schwer löste sich der König von dem Ort. Weil auch dieses wellenreiche heilige Wasser wahrhaft Verdienste erworben hatte, badete er darin zwischen duftenden Blumen – mit einer Würde, vor der selbst große Elefanten sich schämen mussten. (36) Als der Erhabene ins Wasser tauchte, glich der See dem kalten Wasser, in das ein Schmied ein im Feuer erhitztes Eisen senkt: So heiß war sein Leib von der sengenden Glut der Liebe.
(37) Er badete und sang die schwer ergründlichen Veden, die er einst als Schwan gelehrt hatte. Nach dem alten vorgeschriebenen Ritus verehrte er den Diskusträger. Dann blieb er in der Nähe eines Hains voller Weiser. Auch die feurig strahlende Sonne begab sich zur Ruhe. (38) Die Abendfrau kam näher, doch die Frau mit den schön geschmückten Brüsten kam nicht. Während der Herr an ihre Einsamkeit dachte und vor Schmerz dahinschwand, stieg der kühle, wässrige Mond in den Himmel – und brannte wie die heiße Sonne. (39) Die Blumen schlossen sich, die Vögel in den Hainen wurden still. Die Tiere ruhten, die Blätter der Bäume regten sich nicht mehr. Papageienzunge, Pfauentanz, Kuckucksruf und Elefantentrompeten verstummten. (40) Die Erde schlief, die festen Berge schliefen; reine Melodien und Schlangen ruhten. Der Himmel schlief, selbst die Augen der Gespenster schlossen sich. Nur die makellosen Augen des Elefantenhelden, der einst auf dem weiten Meer schlief, fanden keinen Schlaf.
(41) Die endlose Nacht ging zu Ende, wie beim Aufgehen vollkommener Erkenntnis Verstrickung, Feindschaft und die unzähligen schmerzbringenden Taten enden. Die Lotusblüten hoben ihre Gesichter. Der Sonnengott erhob sich aus dem Meer, der Makellose aus seinem schweren Leid. (42) Früh am Morgen gingen sie rasch weiter auf dem langen Waldweg, der sich durch meerweite Haine und an Berge schmiegte. Die Prinzen des weiten Landes mit dem Lärm der Zuckerrohrpressen suchten die Waldgazelle, deren Worte dem Nektar des tosenden Meeres glichen.
4.2 – Hanuman
(1) Leicht erreichten sie den großen Berg, zu dem Shabari ihnen den Weg gewiesen hatte, und stiegen mühelos hinauf. Der starke Affenkönig wusste nicht, was er tun sollte. »Das sind Feinde! Retten wir uns!«, dachte er erschrocken und floh rasch in eine Berghöhle. (2) »Großer Sohn des Windes, sieh dir diese Männer an! Sie kommen im Auftrag des zornigen Vali. Sie tragen Bogen und gleichen dunklen Bergen. Überlege umsichtig!« Ohne den wahren Grund ihrer Ankunft zu kennen, liefen die anderen verwirrt in die Höhle. (3) Hanuman sah ihre Angst und Verzweiflung. Wie der Gott mit dem herabhängenden Flechthaar, der die Furcht der Götter und Asuras vor dem aufgewühlten Gift durch seine Gnade beendete, half er ihnen: »Bleibt hier ruhig. Fürchtet euch nicht!« (4) Anjanas einziger Sohn nahm die Gestalt eines jungen Vedenschülers an und näherte sich dem jugendlichen Helden, der einem dunklen Berg glich. »Krieger von Beruf, Asketen dem Aussehen nach, mit Bogen in den Händen«, dachte er verwundert und betrachtete sie zunächst aus einem Versteck.
(5) »Sind sie die höchsten Herren der Götter? Doch jene sind drei, diese hier zwei mit mächtigen Bogen. Wer in der Welt könnte ihnen gleichen? Was wäre ihnen schwer? Mit welchem Vermögen könnte ich ihren wahren Zustand allein ergründen? (6) Etwas Trauer liegt in ihren Herzen; sie wirken wie Menschen, die durch Verwirrung bedrückt und erschöpft sind. Doch sie sind keine Schwachen, denen Leid etwas anhaben könnte. Keine Himmelsgötter – sie haben menschliche Gestalt. Sie scheinen nach etwas zu suchen, das ihren Geist ganz in Anspruch nimmt. (7) Dharma und Güte scheinen ihr eigentlicher Besitz zu sein. Ihr Handeln gilt gewiss keinem gewöhnlichen Zweck. Etwas Kostbares, einem seltenen Heilmittel gleich, muss ihnen verlorengegangen sein. Deshalb suchen sie so ausdauernd nach beiden Seiten. (8) Zorn scheint ihnen fremd; sie gleichen einem Meer des Mitgefühls. Sie kennen offenbar nichts als das Wohlergehen anderer. Ihre Stellung ließe Indra erzittern, ihr Wandel den Gott des Dharma, ihre Schönheit den Liebesgott und ihre Tapferkeit den Tod.«
(9) So dachte der Unvergleichliche, dessen Größe nur ihm selbst glich, über vieles nach. Als er die beiden genauer ansah, schmolz sein Herz vor Liebe. Er stand da wie einer, der nach langer Trennung geliebten Menschen wiederbegegnet. (10) »Selbst die wilden Tiere mit weit aufgerissenem Maul und blitzenden Zähnen, Löwen und Tiger, folgen ihnen liebevoll, als sähen sie ihre eigenen Jungen. Sie zeigen Zuneigung und Mitleid. Warum bewegen diese beiden so viele Wesen auf diese Weise? (11) Alle Vögel, angefangen bei den Pfauen, scheinen zu bedauern, dass die Sonne ihre juwelenfarbenen Leiber trifft. Sie breiten darüber ihre Flügel wie ein schützendes Dach aus. Wolkenscharen sammeln sich ringsum, sprengen feine Tropfen und umschmeicheln sie sanft. (12) Steine, die wie glühendes Feuer brennen, werden bei jeder Berührung ihrer reinen roten Lotusfüße weich wie honigreiche Blumen. In jeder Richtung, in die sie gehen, neigen sich Bäume und Gräser wie in Verehrung. Sind diese beiden Dharma selbst?
(13) Sind es die Götter, die Leid tilgen, altes trügerisches Karma entfernen und auf den Weg ohne Wiederkehr führen statt in das Reich des Todes? Meine Knochen scheinen vor Rührung zu schmelzen; grenzenlose Liebe steigt auf. Meine Zuneigung kennt kein Ende. Was ist ihr Grund? Ich kann es nicht erkennen.« (14) Als die beiden herankamen, trat er ihnen mit aufrichtigem Herzen offen entgegen. »Möge eure Ankunft frei von Unheil sein!« Der Mitfühlende fragte: »Von wo kommst du? Wer bist du?« Darauf antwortete er. (15) »Du mit dem schönen Leib wie eine dichte Wolke, mit roten Augen, die allen Frauen zum berauschenden Gift werden und Lotusblüten gleichen, die selbst im kalten Tau nicht welken! Ich wurde Anjana vom Herrn des Windes geboren. Mein Name ist Hanuman. (16) Ich diene dem edlen Sohn der feurig strahlenden Sonne, der auf diesem Berg lebt. Herr, als er eure Ankunft sah, wurde er unruhig und sandte mich, um nach euch zu fragen.« So sprach er, dessen ruhmtragende hohe Schultern alle Gebirge überragten.
(17) Nach diesen Worten erkannte Rama klar, dass niemand an Würde über diesem einsichtsvollen Mann stand. »Kraft, Vollkommenheit, Bildung, Ruhe und Erkenntnis sind bei ihm keine getrennten Dinge«, begann er zu sagen. (18) »Junger Held mit den bogentragenden Schultern! Zeigt nicht schon seine Rede, dass es in keiner Welt eine Kunst oder einen Ozean vedischen Wissens gibt, den er nicht erlernt hätte? Wer ist dieser Herr des Wortreichtums? Brahma oder der Stierreiter? (19) Die Gestalt eines jungen Schülers ist nicht seine eigentliche Gestalt. Ich erkenne zweifelsfrei eine himmelhohe Größe und eine Kraft, die ihn zum festen Halt der ganzen Welt machen könnte. Du wirst die Wahrheit noch sehen!«, sagte er seinem Bruder. (20) Dann fragte Rama: »Wo ist der Affenkönig, von dem du sprachst? Wir sind hierhergekommen, weil wir ihn sehen möchten. Nun haben wir dich getroffen. Zeige uns den Mann von aufrichtigem Herzen, den du uns beschrieben hast!«
(21) Hanuman sagte: »Ihr bergschultrigen Helden! Wer in dieser grenzenlosen Welt mit ihren hohen Randgebirgen wäre so rein wie ihr? Wenn ihr aus eigenem Wunsch zu ihm kommt, muss sein durch Askese erworbener Reichtum wahrhaft groß sein und alles Unheil beenden! (22) Der erbarmungslose Sohn Indras wurde gegen den Sohn der Sonne zornig. Dieser floh und lebt nun mit mir auf dem wasserfallreichen Berg, ganz dem Kummer ausgeliefert. Ihr mit den Schultern höher als Berge seid so gekommen, dass ihm wieder Glück zuteilwerden kann. (23) Man kann allen Welten freudig helfen, Opfer beginnen und sämtliche alten Tugendpflichten erfüllen. Doch gibt es etwas Besseres, als denen Schutz zu gewähren, die vor dem Tod zittern, der als grausamer Feind aus dem eigenen Geschlecht herangekommen ist? (24) ›Beschützt uns!‹ zu sagen wäre zu wenig. Ihr seid die ursprünglichen Herren, welche die Götter und alle beweglichen und unbeweglichen Wesen erschufen und die Welten beschützen. Ihr mit Murugans Schönheit, wir suchen Zuflucht bei euch. Welche größere Sicherheit könnte es für uns geben?«
(25) Wie eine Schutzmauer der Wahrheit fragte er: »Helden, unter welchen Namen soll ich euch unserem Herrn vorstellen? Bitte sagt es mir!« Der jüngere Held mit den langen Fußringen begann, ihre Verhältnisse klar und ohne Abweichung von der Wahrheit darzulegen. (26) »In der Sonnenlinie wurde ein edler König geboren, der mit dem leuchtenden Herrscherrad die Welt regierte. Für die Götter vernichtete er die Asuras. Er vollzog Opfer und gewann Einfluss bis in den Himmel. Seine Augen verkörperten Mitgefühl; unter seinem Königsschirm lebte die Welt. (27) Auf dem König der mächtigen, gefleckten Elefanten mit festen Stoßzähnen und strömendem Schläfensaft zog er aus und vernichtete mit seinem Bogen die verwirrenden Asuras. In gelehrter Einsicht und gerechter Herrschaft kam ihm niemand, selbst Manu nicht, gleich: Dasharatha, König des fest ummauerten Ayodhya mit seinen goldenen Palästen. (28) Dieser Edle ist sein Sohn. Auf Befehl seiner Mutter überließ er seinem jüngeren Bruder gütig den rechtmäßigen Reichtum der Herrschaft und ging in den großen Wald. Sein Name ist Rama. Ich bin der Diener, der diesem Meister des langen Bogens gehorcht.«
(29) Von Ramas Geburt bis zu Ravanas jüngster betrügerischer Untat erzählte Lakshmana alles, ohne etwas auszulassen. Der Windessohn hörte zu, freute sich über die Maßen und fiel Rama zu Füßen. (30) »Warum tust du etwas Unangemessenes? Das entspricht nicht Dharma, du Kenner von Überlieferung und Veden!«, sagte Rama. Der breitgeschulterte Maruti antwortete: »Herr mit den roten Lotusaugen und dem Diskus, auch ich, dein Diener, gehöre zum Affengeschlecht!« (31) Zum Staunen der Helden mit den blitzenden Bogen nahm er seine eigene gewaltige Gestalt an. Selbst die Vorstellung, die Veden hätten noch einmal Leib angenommen, reichte an seine Größe nicht heran. Der goldene Meru genügte nicht einmal als Vergleich für seine Schultern. So stand er da, der Dharma aus seiner Verlassenheit befreien sollte. (32) Selbst der lotusäugige Diskusträger, der die drei Welten mit seinen Schritten durchmessen hatte, konnte das von goldglänzenden Ohrringen gerahmte Gesicht nicht vollständig überblicken. Lässt sich die Gestalt dessen beschreiben, der die alten Schriften vom Sonnengott selbst gelernt hatte?
(33) Der Herr mit den großen Augen wie unberührte Lotusblüten sagte seinem Bruder: »Lieber, jene Wirklichkeit, die über allem Niedrigen steht, unberührt bleibt und selbst von den ewig jungen Veden und makelloser Erkenntnis nicht erfasst wird, hat hier Affengestalt angenommen! (34) Wir haben gute Vorzeichen erhalten; wir haben diesen Edlen gewonnen. Unser Leid ist nicht mehr bei uns, das Glück ist gekommen. Bedenke weiter, Bogenträger: Wenn ein Held wie dieser dem Affenkönig auf dessen Wort dient – lässt sich dessen Größe überhaupt aussprechen?« (35) Hanuman, der Löwe unter den Affen, sah die bergschultrigen Brüder, deren Gesichter vor Freude aufblühten. »Ihr Siegreichen, bleibt einen Augenblick hier! Ich gehe und bringe ihn sogleich«, sagte er, nahm Abschied und eilte davon.
4.3 – Der Freundschaftsbund
(1) Der ruhmreiche Held mit den kräftigen, edelsteingeschmückten Schultern kehrte zu seinem kampfzornigen König zurück. Voll großer Freude dachte er an Ramas Eigenschaften: »Ich, dein Geschlecht und diese ganze Welt sind gerettet!« (2) Zum Sohn der Sonne sagte er: »Der Tod ist gekommen, um dem duftbekränzten Vali mit seiner grenzenlosen Kraft das Leben zu nehmen! Wir haben das Meer der Not überquert!« Wie der Gott, der das Gift trank, begann er einen gewaltigen Freudentanz. (3) »Sie sind das Auge aller geworden: der Wesen auf Erden, im Himmel und anderswo, aller Denkenden, aller in Dichtung, Musik und den Himmelsrichtungen Lebenden. Für die durch Feinde verwundeten, leidenden Leben sind sie wie Nektar. (4) Sie sind die Söhne Dasharathas, dessen verehrte Füße die Könige mit ihren großen Elefanten ehrten und dessen Macht die ganze Welt unter ein einziges Herrscherrad brachte. Groß an Wissen und Schönheit, dauerhaft wie Weltalter, werden sie dir mühelos die Herrschaft verschaffen.
(5) Sie sind gerecht, folgen dem Weg des Mitgefühls und weichen von der rechten Ordnung nicht ab. Ihre Größe übertrifft alle; ohne Unterweisung besitzen sie grenzenlose Erkenntnis und Ruhm. Sie tragen die unzähligen furchtbaren göttlichen Waffen, die Gadhis Sohn ihnen gab. (6) Er spannte den Bogen, sodass die speerwütende Tataka tot niederrollte, und tötete auch den Sohn dieser Grausamen. Mit dem Staub seiner Füße schenkte er Ahalya, die zu einem großen Stein geworden war, ihre seltene schöne Gestalt zurück. (7) Der ältere der beiden vollendet schönen Helden betrat einst Mithila. Dort zerbrach er bereitwillig den Tryambaka-Bogen, der der Kraft jenes Gottes entsprach, welcher dem Sonnengott die Zähne ausgeschlagen hatte. (8) Aufgrund eines einzigen Versprechens des Königs mit den schnellen Pferden und des Befehls seiner jüngeren, treuen Gemahlin überließ er dem jüngeren Bruder die ganze Herrlichkeit der muschelmeerumgebenen Erde. Dann kam er hierher.
(9) Dieser Raghava nahm dem anderen Rama, dem langhaarigen Axtträger, vor dem kein Feind bestehen konnte, seine große Kraft. Auch Viradha, der einer zornig aufsteigenden Nacht glich, vernichtete er vollständig. (10) Er spannte den Bogen, sodass Khara und die übrigen Erbarmungslosen mit ihren meerweiten Heeren die Köpfe verloren. Er zerschlägt die Feinde und nimmt den Bewohnern aller Richtungen ihre Last. Seine Stärke versetzt selbst Shiva und die anderen höchsten Herren in Staunen. (11) Herrscher, wer außer dem Diskusträger, vor dem sich die großen Nagas beugen, hätte einen menschlichen Leib angenommen? Damit du ihm begegnen solltest, trat er als Mensch auf und vernichtete den unvergleichlichen Maricha in seiner Trugrehgestalt. (12) Können wir angemessen schildern, wie Kabandha mit seinen richtungsweiten Armen zerstört wurde, den feindlichen Leib verließ und die höchste Stätte erreichte – ebenso wie Shabari, vor der sich die Götter beugen?
(13) Sohn der Sonne, wie viele Weise und andere haben unendlich lange Askese geübt im Gedanken: ›Diese werden kommen!‹ Dann verließen sie das Gefängnis des Karma und erreichten die höchste Stätte. Wie soll ich ihre Zahl nennen? (14) Der törichte Rakshasakönig brachte seine Gemahlin durch List auf einen gefährlichen Waldweg und entführte sie. Nun suchen sie nach ihr. Weil du Askese geübt hast und dein großes Herz rein ist, wollen sie mit dir einen Bund schließen. (15) Sie haben uns bereits ihre Gnade gewährt. Für den gewaltigen Feind, Indras Sohn, bedeutet das heute das Ende. Du mit der großen Einsicht, komm!« So sprach der Helfer, der die Überlieferung der klugen Ratgeberschriften kannte. (16) Sugriva nahm all diese Worte verständig auf. »Du, der reinem Gold gleicht! Was wäre mir schwer, solange ich dich habe? Gehen wir!« So machte er sich auf und näherte sich den Füßen dessen, der nur sich selbst gleicht.
(17) Der Sohn der Sonne sah Rama: Sein schönes Gesicht ohne Ohrringe und die kühlenden Augen glichen einer Mondscheibe mit geöffneten Lotusblüten, die über einer Wolke aufgeht; sein ganzer Leib war wie ein Smaragdberg. (18) Er blickte lange und blieb stehen. »Alle guten Taten, welche die vom Lotusgeborenen geschaffenen Welten seit ihrem Anfang bis heute vollbracht haben, scheinen sich gesammelt zu haben und als diese beiden Helden mit den hohen breiten Schultern Gestalt geworden zu sein!« (19) Er erkannte: »Die Götter über allen Göttern selbst sind verwandelt in dieser Geburt als Menschen erschienen. So hat das Menschsein Shiva mit dem Fluss im Haar, Brahma und alle übrigen Scharen übertroffen!« (20) Mit solchen Gedanken stieg seine Liebe wie ein tosendes Meer, dessen Ufer er nicht mehr erreichen konnte. Mit freudigen Augen näherte er sich dem Makellosen. Dieser streckte ihm voller Zuneigung die große Blumenhand entgegen: »Komm und setze dich behaglich zu uns!«
(21) Rama, dessen reiner Geist die Wurzel des Begehrens abgeschnitten hatte, und der Affenkönig saßen beisammen wie Sonne und Mond bei ihrer Vereinigung. Ihr Zusammentreffen glich der rechten Stunde, um die ungeheure Dunkelheit der Rakshasamacht zu vertreiben und Dharma fest zu begründen. (22) Die vereinten Helden glichen früher erworbenem asketischem Verdienst und gegenwärtiger Anstrengung, die für ein bestimmtes Ziel zusammenwirken. Um die bösen Taten der tödlich bewaffneten Rakshasas auszurotten, waren gehörtes Wissen und unmittelbare Erkenntnis zusammengekommen. (23) Der Sohn der Sonne sagte zu Rama: »Glücklicher Herr, wer hätte mehr als ich durch Askese seine bösen Taten verbrannt? Ich habe dich gewonnen, dessen Güte dich zum Herrn aller Welten macht. Wenn das Schicksal günstig ist, was ließe sich dann nicht erreichen?« (24) Rama antwortete: »Shabari von makelloser Askese erzählte uns, dass du hierhergekommen bist und auf diesem Berg wohnst. Wir kamen in der Hoffnung, durch dich unsere hilflose Not zu überwinden. Lieber Freund, du kannst sie beenden!« Darauf sprach der Affenkönig.
(25) »Mein älterer Bruder schwang seine mächtigen Arme gegen mich und verfolgte mich durch die ganze Welt bis an die äußere Finsternis. Dieser Berg wurde mir zur Festung; so überlebte ich. Ich kann mein kostbares Leben nicht aufgeben und suche Zuflucht bei dir. Mich zu schützen ist Dharma!« (26) Rama blickte ihn mitfühlend an: »Lassen wir die vergangenen Freuden und Leiden ruhen. Alles Leid, das dir künftig begegnet, werde ich beseitigen. Was dir widerfährt, betrifft von nun an dich und mich gleichermaßen. (27) Was soll ich noch sagen? Wer im Himmel oder auf Erden dein Feind ist, ist mein Feind. Wer zu dir gehört, gehört auch zu mir, selbst wenn er Fehler hat. Deine Verwandten sind meine; meine geliebten Angehörigen sind deine. Du bist mir ein Gefährte, so kostbar wie mein Leben!« (28) Das Affenheer jubelte, und Anjanas Sohn bekam am ganzen Leib eine Gänsehaut. Die Götter ließen Blumen regnen, die Wolken Wasser. Sie wussten: Die Worte des Makellosen gelten für jedes Geschlecht noch verlässlicher als die Veden.
(29) Anjanas Löwensohn erhob sich und verneigte sich vor Ramas Füßen. »Heil dir, Held mit den säulengleichen Schultern! Heil dir und deinem Freund! Möchtet ihr nun eure Wohnstätte aufsuchen und dort bequem Platz nehmen? Gewährt uns diese Gunst!« Rama stimmte zu. (30) Der Sohn der Sonne, die beiden Brüder und der Löwe unter den Affen gingen, umgeben vom mächtigen Affenheer. Dharma selbst schien ihnen freudig segnend zu folgen. Vorbei an Naga-Bäumen, Zitronenhainen und Lotusteichen betraten sie einen jungen Baumhain, der selbst das Paradies übertraf. (31) Sandel- und Adlerholz standen dicht, dazwischen glänzten Kristallplatten wie ruhiges Wasser. Weite Becken schimmerten mit neun Arten von Edelsteinen. An den göttlichen Bäumen ringsum schwangen die Himmelsfrauen, die in den Wasserbecken badeten; überall klang ihr fröhlicher Lärm. (32) Kuckucksstimmen, Sonne und heller Mond kamen dort nicht zur Geltung, übertroffen von den Stimmen und dem Glanz der Edelsteine. So verblasst unzureichende Bildung vor dem Meer des Wissens wahrhaft kundiger Gelehrter.
(33) In diesem lieblichen Hain nahmen die Prinzen und der Affenkönig auf reinen Blumenpolstern Platz. Sie strahlten und unterhielten sich in vertrauter Liebe. (34) Man brachte Früchte, Wurzeln, Gemüse und alles andere Reine und Wohlschmeckende. Der Reinste von allen vollzog das Bad und ließ sich dann nieder, um die gute Bewirtung anzunehmen. (35) Als Gast saß Rama inmitten aufrichtiger Zuneigung. Er blickte umher, wurde nachdenklich und fragte schmerzlich: »Bist auch du von der Frau getrennt, die zu deinem guten Haus gehört? Warum sonst ist sie nicht hier?« (36) Da erhob sich Maruti, stand wie ein Berg vor ihm und faltete beide Hände. »Du, der fest im Recht steht, höre ausführlich zu! Ich habe dir etwas zu erzählen.«
(37) »Es gibt einen namens Vali von grenzenloser Kraft. Er hat die Gnade des Dreizackträgers vollständig gewonnen, der auf dem alten Berg wohnt und von den vier Veden wie von einem makellosen Meer umgeben ist. (38) Als Götter und Asuras ermüdeten, quirlte er vor ihren Augen das tosende Meer mit seinen Schultern weiter. Der kreisende Mandara rieb sich dabei ab, und die brennende Riesenschlange spie Feuer aus ihrem Leib. (39) Er besitzt die unerschöpfliche Kraft von Erde, Wasser, großem Feuer und Wind. Vom großen Ringgebirge jenseits des wogenden Meeres kann er bis zu diesem Berg springen. (40) Wenn jemand zum Kampf gegen ihn antritt, fällt die Hälfte von dessen Kraft ihm zu. Täglich erreicht er die äußersten Grenzen der acht Richtungen und verehrt dort die Füße des Gottes mit den acht Gestalten.
(41) Vor ihm bewegt sich der Wind nicht; Skandas Speer dringt nicht in seine Brust. Ravanas Herrscherstab und Schirm gelten nur dort, wohin der Schwanz dieses Siegers nicht reicht. (42) Wenn er sich bewegt, bewegen sich Meru und die übrigen Berge mitsamt ihren Wurzeln. Mit seinen gewaltigen Schultern kann er Wolken, Himmel, Sonne und die Weltenschlange zermalmen. (43) Er gleicht dem wilden Eber, der die Erde aushob, und der großen Schildkröte beim einstigen Quirlen des Meeres. Selbst der Löwenmensch, der die Brust des Asuras aufriss – könnte er diese girlandenbedeckten Schultern aufhalten? (44) Ananta breitet seine langen Häupter aus und trägt die Last der Welt im Liegen. Jener, der auf dem Berg wohnt, trägt diese ganze Welt Tag für Tag im Gehen.
(45) Siegreicher Held! Das Meer rauscht, der Wind bewegt sich und der Wagen der mächtigen Sonne fährt oben dahin, weil sie seinen Zorn fürchten, falls sie innehalten. Könnte es einen anderen Grund geben? (46) Er besitzt siebzig Vellam an Affenkriegern, deren Schultern Meru umstürzen könnten. Freigebiger, durch die Fülle seiner Kraft leben alle Wesen einträchtig. (47) An seinem bevorzugten Aufenthaltsort donnern die Wolken nicht, die gewaltigen Löwen brüllen nicht in ihren Höhlen, und kein heftiger Wind kommt nahe genug, um zarte Blätter zittern zu lassen: Alle fürchten den Tod. (48) Als er den mächtigen Ravana mit seinen vielen Schultern an seinen Schwanz band, gab es keine Welt, die er nicht durchquerte, und keine, in der nicht Ravanas Blut zu Boden tropfte.
(49) Er ist Indras eigener Sohn, freundlich wie der aufgeblühte Mond, mit einer Befehlsgewalt, der selbst der Tod schwer widerstehen kann. Mächtiger Herr, er wurde vor diesem hier geboren. (50) Als jener unser König war und dieser ihm als jüngerer Prinz diente, kam ein alter Feind seines Geschlechts zum Angriff: ein grausamer Asura mit blitzenden Zähnen und scharfem Schwert. (51) Doch als Vali ihm mit mächtiger Brust entgegentrat, geriet der Angreifer in Furcht und floh. ›Auf der runden Erde kann ich nicht am Leben bleiben‹, dachte er und kroch in eine gewaltige, schwer zugängliche Höhle. (52) Vali sagte: ›Starker Bruder, ich werde in die Höhle gehen und ihn rasch herausholen. Halte du hier eine kurze Weile Wache!‹ Dann drang er zornig und entschlossen hinein.
(53) Vierzehn Jahreszeiten lang durchsuchte Vali die heiße Höhle und blieb im hartnäckigen Bemühen um den Sieg. Der zurückgebliebene Bruder geriet in tiefe Trauer und verlor seinen Halt. (54) Wir baten den Weinenden liebevoll und ehrerbietig: ›Du Siegreicher, nun ist es deine Pflicht, zu regieren. Übernimm die Herrschaft!‹ Doch bekümmert sagte er: ›Das wäre nicht recht!‹ (55) ›Ich selbst werde in diese große Höhle gehen und meinen Bruder suchen. Ich werde den töten, der ihn erschlagen hat; gelingt es nicht, werde ich sterben!‹ Mit diesem Entschluss wollte er hineingehen. (56) Wir hielten ihn mit aller Kraft zurück, beruhigten ihn und linderten seinen Schmerz. Nach der von den Ältesten erklärten Rechtsordnung und auf Beschluss der Affen übergaben wir ihm die erforderliche Regierung. Hat er sie etwa eigenmächtig an sich genommen?
(57) Weil wir befürchteten, Mayavi könnte durch diese Höhlenöffnung herauskommen, schichteten wir alle erdenklichen Berge davor auf – nur den goldenen Meru ließen wir aus. (58) Nachdem wir diesen Eingang gesichert hatten, brachten wir den Sohn der Sonne heim und lebten auf unserem Berg. Inzwischen nahm Vali dem Gegner in der Höhle das Leben. (59) Vom Lebenswein des Verborgenen berauscht, kam Vali rasch zurück. Er rief, ohne eine Erklärung abzuwarten: ›Wie gut du hier geblieben bist und regiert hast, mein jüngerer Bruder!‹ (60) Er schwang den Schwanz und trat mit dem Fuß zu, als erhebe sich ein Himmelssturm. Die großen Berge flogen teils bis zum Scheitel des dunklen Himmels, teils stürzten sie ins Meer.
(61) Er stieg hinauf, zürnte zum Schrecken aller und erreichte den hohen Gipfel. Sugrivas Leid war beim Wiedersehen wahrhaft gewichen; mit unveränderter Liebe kam er ihm entgegen und verneigte sich vor seinen Füßen. (62) ›Älterer Bruder, weil du nicht zurückkamst, verging ich vor Kummer und wollte dir folgen. Doch niemand stimmte mir zu. Herr, deine Scharen sagten: Die Pflicht des Schutzes liegt nun bei dir. (63) Aus Furcht, ihrem Beschluss zu widersprechen, übernahm ich schamlos dieses Reich. Gütiger Herr mit den geschmückten Schultern, verzeihe meine Schuld!‹ Doch Vali verzog zornig das Gesicht und sprach grausame Worte. (64) Unser ganzes Geschlecht erbebte vor seinen unüberwindlichen Schultern. Mit den Händen, die einst das Meer gequirlt hatten, zermalmte er Sugrivas Leib; dieser brach unter den Schlägen zusammen.
(65) Ohne Schande zu fürchten, packte er ihn in voll entbranntem Zorn mit seiner mächtigen Hand und hob ihn empor, um ihn zu zerschmettern. Doch Sugriva entkam in einem günstigen Augenblick und floh. (66) Mein Herr, wenn Vali die Zähne zusammenbeißt, findet selbst der Todesgott keinen Schutz. Nur weil auf diesem Berg ein früherer Fluch gilt, konnte Sugriva hierherkommen und bleiben. (67) Auch Ruma, die rechtmäßige Gemahlin dieses Mannes, kostbar wie ein seltenes Heilmittel, nahm Vali begehrlich an sich. Sugriva lebt hier, der beiden Güter – Herrschaft und Frau – beraubt. Dies ist die Lage, unser Herr!« (68) Als der Wahrhaftige dies in der rechten Reihenfolge erzählte, zuckten die Lippen des Herrn mit den tausend Namen, des Gottes über den Göttern, dessen Mund einst die Welt verschlang. Seine Lotusaugen röteten sich wie rote Wasserlilien.
(69) Er selbst hatte auf das Wort der gefühllos gewordenen jüngeren Mutter seinem Bruder mit den geschmückten Schultern die Last und das Recht der Herrschaft überlassen. Wie hätte er die Nachricht ertragen können, ein Erbarmungsloser habe die Frau seines jüngeren Bruders geraubt? (70) »Selbst wenn alle vierzehn Welten kämen, sein Leben zu schützen und mich abzuwehren, werde ich ihn mit einem Pfeil meines Bogens töten. Heute werde ich dir die Herrschaft und deine Gemahlin zurückgeben. Einsichtsvoller, zeige mir seinen Wohnort!« (71) Sugriva war, als sehe er das andere Ufer des Meeres, in dessen Leid er versunken war. Große Wellen der Freude rauschten in ihm. »Nun ist Valis Macht gefallen!«, dachte er hoffnungsvoll und sagte doch zu Rama: »Wir haben noch etwas zu bedenken.« (72) Er setzte sich gesondert mit Hanuman und den übrigen Ministern zusammen, die reich an Überlegung, Bildung, Rechtskenntnis und klugem Rat waren. Dort begann der Sohn des Windes zu sprechen.
(73) »Starker Herr, ich habe erkannt, was in deinem Herzen liegt. Du zweifelst, ob diese Helden die Kraft besitzen, Vali dem Tod zu übergeben. Höre nun, was ich sage, und halte daran fest! (74) An seinen großen Händen und Füßen sind die Zeichen von Muschel und Diskus. Solche Merkmale besitzt sonst niemand, nirgends. Der rotäugige Rama mit dem Bogen ist der große Vishnu selbst. Er ist hier erschienen, um Dharma aufzurichten. Und noch etwas: (75) Der höchste Gott verbrannte im Zorn die drei stolzen festen Städte und trat mit seinem Fuß den grausamen Tod selbst nieder. Könnte jemand außer Vishnu den einzigartigen großen goldenen Bogen dieses Gottes so leicht zerbrechen? (76) Mein Vater sagte mir: ›Diene dem Erzeuger dessen, der alle Welten erschuf. Darin liegt deine Askese; auch für mich, deinen Vater, wird daraus die höchste Stätte erwachsen.‹ Herr, dieser Held ist jener! Dafür gibt es ein Zeichen.
(77) ›Wenn Not entsteht, wird er sofort erscheinen‹, sagte mein Vater. Ich fragte: ›Woran erkenne ich den, der vor allen anderen ist?‹ Er antwortete: ›Liebe ist der Beweis.‹ Mein Herr, mein ganzer Leib ist so dahingeschmolzen, dass nicht einmal die Knochen zu spüren sind. Wer sonst könnte es sein? (78) Wenn du darüber hinaus seine gewaltige Kraft erkennen willst, gibt es einen Weg: Dort stehen sieben große Bäume in einer Reihe. Sieh zu, wie der glühende Pfeil dieses Erhabenen einen davon durchdringt!« (79) »Gut, sehr gut!«, sagte Sugriva und umarmte die beiden Schultern seines unvergleichlichen Helfers Maruti, vor deren Höhe sich selbst ein großer Berg schämen müsste. Dann trat er zu Rama: »Ich habe dir etwas zu sagen.« Rama erwiderte: »Sprich es aus!«
4.4 – Die sieben Mara-Bäume
(1) »Wir müssen diesen Weg gehen«, sagte Sugriva und führte ihn freundlich hin. »Diese sieben Bäume ragen so hoch, dass selbst der weite Himmel niedrig erscheint. Wenn dein Pfeil einen von ihnen durchbohrt, wird die Unruhe meines Herzens weichen.« (2) Als der Makellose so sprach, lächelte der Herr der Götter, denn er verstand seine Absicht. Mit den mächtigen breiten Armen legte er die Sehne auf den Bogen und trat an die Bäume heran, deren Größe der Verstand kaum erfassen konnte. (3) Selbst beim Wechsel der Weltalter bewegten sie sich nicht; auch wenn die Welten untergingen, sanken sie nicht nieder. Sie glichen den sieben großen Gebirgen, welche die weite Erde im dunklen Weltmeer tragen, als hätten diese sich hier in einer Reihe aufgestellt. (4) Mond und Sonne müssten schwere Askese beginnen, um ihre Wipfel übersteigen zu können. Selbst Brahma im Lotus könnte von allen sieben nur sagen: »Ich habe ihre unteren Berghänge gesehen«, nicht aber: »Ich kenne ihre ganze Gestalt.«
(5) Warum die Pferde des Sonnenwagens alle Tage ohne Ermüdung dahinziehen, hat keinen anderen erkennbaren Grund: Sie treten immer wieder in den kühlen Schatten dieser Bäume ein, der Himmel und Himmelsrichtungen ausfüllt, und erholen sich dort. (6) Sterne und Planeten erschienen an ihren hohen Seiten wie Blüten. Der dunkle Fleck im hellen, eilenden Mond schien entstanden zu sein, weil er sich an ihren mächtigen Ästen gerieben hatte. (7) Mit ihren makellosen, weit verzweigten Ästen glichen sie den Veden mit ihren vielen Zweigen und überragten den Himmel. In Brahmas Welt nistete sein Schwanengefährt mit der Gefährtin an ihren Seiten. (8) Duftende Blüten, Blätter, reife und unreife Früchte fielen nirgends zur Erde, selbst wenn der Wind die Bäume schüttelte. Sie fielen in den Strom am hohen Himmel und gelangten mit ihm ins brandende Meer.
(9) Ihre Wipfel ragten über die Grenze des Weltalls hinaus, das der Weltvermesser durchschritten hatte. Darum glichen sie dem endlosen Vishnu. Sie waren älter als Meru, der auf der Erde im Wasser steht. (10) Ihr Kernholz war hart wie die gegeneinander verhärteten Herzen von Indras Sohn und dessen Bruder. Ihre Wurzeln durchbohrten die silberweißen Hauben Sheshas, der im klaren Wasser die Erde trägt, und reichten noch tiefer. (11) Ihre Äste maßen die Himmelsrichtungen aus, sodass die Götter sie für ewig hielten. Sie waren höher und breiter als der Berg, um den Sonne und Mond ziehen. Dennoch berührten sie einander nicht; zwischen je zwei Bäumen lag ein ganzes Yojana. (12) Der Makellose betrachtete sie alle und wollte den reinen langen Pfeil entsenden. Er ließ die Bogensehne erklingen, sodass der ferne Himmel und die Himmelsrichtungen taub wurden und ungewohnte Angst über die Götter kam.
(13) Der Klang stand zugleich in allen Welten. Wie ließe sich beschreiben, was die unmittelbar Danebenstehenden erlebten? Die Weltelefanten taumelten, die Richtungen gerieten in Verwirrung. Das Dröhnen des Kampfbogens drang bis zu Brahmas Wohnstatt und erschütterte sie. (14) Als die Sehne des Feindbezwingers lange dröhnte, flohen die Götter; sie glaubten, das Weltalter sei zu Ende. Nur der liebevolle Bruder blieb neben Rama stehen. Das Verhalten der übrigen zu schildern, würde ihnen Schande bringen. (15) »Werden wir nun auch den Schuss sehen?«, fragten sich der wahrhaftige Maruti und die anderen, als sie mühsam zurückkamen und ihn priesen. Der Herr des Bogens zog die Sehne ordnungsgemäß an und ließ den heißen Pfeil fliegen. (16) Raghavas Pfeil durchbohrte die sieben großen Bäume und danach die sieben Unterwelten. Nur weil er dahinter keine weitere Siebenergruppe fand, kehrte er zurück. Hätte er noch sieben entdeckt, hätte er auch sie durchdrungen und nicht angehalten.
(17) Die sieben Meere, sieben Oberwelten, sieben Gebirge, sieben Weisen, sieben Sonnenpferde und sieben göttlichen Mütter erzitterten. Sie dachten: »Hat dieser Pfeil etwa alles, was siebenfach ist, zu seinem Ziel erwählt?« (18) Trotz dieses Schreckens erkannten alle Wesen in Rama den kostbaren Gefährten des Dharma. Der Sohn der Sonne verneigte sich vor den frischen Lotusfüßen mit den goldenen Fußringen, legte sie sich gleichsam auf den Scheitel und sprach. (19) »Du bist die Erde, der Himmel und alles andere! Du bist der Herr im Lotus und Vishnu mit dem Diskus auf dem Meer. Du bist der Rote, der Gott, der Karma vernichtet. Du, der einst die Welt erschuf, bist gekommen, um mich Niedrigen zu retten! (20) Was wäre mir noch schwer, da mir nun alles leicht geworden ist? Das Schicksal hat dich zu meiner Hilfe hierhergesandt. König der Könige, ich bin der Diener deiner Diener, denn du bist wie eine Mutter!« So sprach der Makellose.
(21) Die anderen tanzten, sangen und liefen durcheinander, berauscht vom Wein der Freude. »Wir haben Valis Tod gefunden!«, riefen sie. Ihre Schultern, die so lange vor Kummer eingefallen waren, richteten sich wieder auf.
4.5 – Dundubhi
(1) Rama sah den Leib des meergewaltigen Dundubhi wie einen weiteren Berg auf dem Berg liegen. Obwohl seine Feuchtigkeit längst vertrocknet war, als wäre er im Feuer eines Weltuntergangs verbrannt, berührte er noch immer den Himmel. (2) »Ist das der Büffel, auf dem der Herr des Südens reitet? Ein gefallener Weltelefant? Oder das völlig ausgetrocknete Skelett eines Seeungeheuers? Du, dessen Liebe unerschöpflich ist, erzähle es mir!«, bat Rama. (3) Sugriva begann: »Der heißzornige Asura namens Dundubhi war groß wie Mandara. Seine beiden Hörner ragten bis zum Mond. Er wühlte das Meer auf und suchte darin den dunkelfarbigen Hari. (4) Hari trat ihm entgegen und fragte: ›Beruhige dich! Was willst du?‹ – ›Kämpfe mit mir in wilder Schlacht!‹ Hari antwortete: ›Der Herr mit der dunklen Kehle, der Gemahl der Ganga, ist der rechte Gegner für deine zornige Kraft.‹
(5) Rasch ging Dundubhi zum Kailasa und hob den Berg dieses Gottes mit seinen grausamen Hörnern an. Der Gott trat vor ihn: ›Sage, was begehrst du?‹ – ›Gewähre mir einen endlosen, furchtbaren Kampf!‹, bat er. (6) ›Soll ich mit dir kämpfen, der du ganz von ursprünglicher Kampfkraft erfüllt bist? Geh zu den Göttern!‹, schickte Shiva ihn fort. Der Herr der Himmelsbewohner wiederum sagte: ›Wenn du lange kämpfen willst, komm nicht zu mir; geh zu Vali!‹ (7) Freudig kam er, nachdem jener ihn entlassen hatte, und rief: ›König der Affen, komm und kämpfe!‹ Er schlug den Berg in Stücke. Mein älterer Bruder trat ihm zornig entgegen, und der andere griff an. (8) Bei ihren raschen Bewegungen konnte niemand die beiden noch unterscheiden. Sie stürzten, standen auf und kämpften so furchtbar, dass alle Welten erschraken. Götter wie Asuras wagten sich nicht in ihre Nähe.
(9) Feuer stieg bis zum Himmel, ihr Dröhnen drang in alle Richtungen, Rauch erhob sich zugleich. Bei jedem ihrer Schritte gerieten die großen Meere und die zusammenhängenden Gebirgsketten ins Wanken. (10) Wolken, Himmel, Meer und die umliegenden Länder waren durch den aufgewirbelten Staub nicht mehr zu erkennen. Mayas großer Sohn und Vali kämpften mit voller Kraft, bis zwölf Monate vergangen waren. (11) Schließlich packte der siegreiche Vali ihn mit seiner gewaltigen Armkraft, riss ihm beide langen, richtungsweiten Hörner aus und schlug damit zu. Dundubhi brüllte wie Himmelsdonner. (12) Ein rascher Schlag traf sein Haupt; die langen Beine knickten ein, sein höhlengroßer Mund öffnete sich und Blut strömte heraus. Wie ein Blitz einen großen Berg trifft, schlug Vali ihn, sodass Himmel und Erde erbebten und die Richtungen taub wurden.
(13) ›Das ist ein kleiner Haarwedel!‹, sagte Vali und wirbelte ihn in der Hand herum. Sein Blut spritzte in alle Richtungen. Die mächtigen Weltelefanten mit den verzweigten Stoßzähnen schienen rote Gewänder anzulegen. (14) Mit diamantfester Hand schleuderte er ihn über die Wolken, über das Reich der Sonne und die Bahnen der übrigen Himmelsbewohner hinaus. Sein Leben ging in den Himmel; sein Körper aber liegt nun hier in diesem Zustand. (15) Nachdem dieser stinkende Leib bis an den Scheitel des Himmels geflogen war, fiel er auf diesen Berg. Der mitleidige Weise sprach deshalb einen Fluch aus, der mir nun Schutz gewährt.« Liebevoll erklärte Sugriva den ganzen Vorgang. (16) Der Makellose hörte alles an und sagte zu seinem schwertkundigen Bruder: »Junger Held, stoße diesen Leib fort!« Lakshmana gab ihm mit einer Zehe einen Stoß. Er flog bis in Brahmas Welt und kehrte wieder zurück.
4.6 – Das Wiedersehen mit dem Schmuck
(1) Das Affenvolk jubelte so laut, dass selbst der Donner erschrak. Als Rama wieder in dem hohen, reinen Hain saß, sagte Sugriva: »Herr, ich habe dir noch etwas mitzuteilen. (2) Als wir vor einiger Zeit hier beisammensaßen, trug der grausame Ravana eine Frau durch den fernen Himmel. Sie blickte herab und klagte laut. Vielleicht war es deine Gemahlin. (3) Dachte die Frau mit den Augen bis zu den Ohrringen, wir könnten als Helfer eine Nachricht überbringen? Wir kennen ihre Absicht nicht. Während Tränen aus ihren regengleichen Augen strömten, wickelte sie ihren Schmuck zusammen und warf ihn hinab. Wir nahmen ihn auf. (4) Wir haben ihn hier verwahrt. Freigebiger, ich werde ihn bringen; wenn wir ihn dir übergeben, kannst du ihn erkennen.« So sprach der Freund, dessen Liebe ungetrennt war wie Ghee in Milch, und brachte den Schmuck in seinen Händen herbei.
(5) Rama betrachtete den Schmuck, den ihr Leib getragen hatte. Können wir sagen, er sei geschmolzen wie Wachs im Feuer? Oder er habe ihn als Stärkung seines Lebens getrunken? Wie ließe sich sein Zustand ausdrücken? (6) Was bleibt zu sagen? Der Schmuck, der ihre Brüste umfangen hatte, wurde ihm zu ihren Brüsten; der Hüftschmuck wurde zu ihren Hüften. Auch alle anderen Schmuckstücke nahmen für ihn die Gestalt ihrer Glieder an. (7) Soll ich sagen, der Schmuck habe sein entflohenes Bewusstsein zurückgerufen? Er habe sein Leben neu befestigt? Er habe wie aufgetragene Sandelpaste gekühlt? Oder er habe ihn verbrannt? Was soll ich sagen? (8) Als er daran roch, wurde ihr Schmuck zu duftenden Blumen; als er ihn über die Schultern legte, zu einem Obergewand. Er wurde zu kühlender Sandelpaste, und indem sein Glanz den Leib umhüllte, zu einem blumenzarten Tuch.
(9) Tränenfluten strömten aus seinen roten Augen; am ganzen Leib richteten sich die Haare auf. Soll ich sagen, die großen Schultern schwitzten? Oder dass er vor Schmerz verbrannte? Wie kann ich den Zustand des Heiligen beschreiben? (10) Eine Hitze wie sich ausbreitendes Gift überwältigte ihn. Für lange Zeit schwanden Bewusstsein und Atem. Sugriva fing den Großäugigen auf, während sich ihm selbst alle dichten Körperhaare sträubten. (11) Er stützte ihn und setzte ihn aufrecht hin. Unfähig, diesen Schmerz zu ertragen, klagte er voller Mitgefühl: »Du mit den mächtigen Schultern, ich Unglücklicher habe dir das Leben genommen, indem ich diesen Schmuck bringen ließ! (12) Ich werde ohne Irrtum sogar jenseits von Brahmas Welt nach ihr suchen, meine Kraft zeigen und dir deine hochberühmte Gemahlin zurückgeben. Du Kenner der heiligen Überlieferung, warum lässt du dich von Trauer überwältigen?
(13) Lass die zwanzig Arme und zehn Köpfe des Grausamen, der die göttlich treue, Lakshmi gleiche Frau erschreckte, einmal beiseite: Könnten selbst die sieben Welten einem einzigen deiner Pfeile standhalten? (14) Bleibe du hier! Ich werde mit Gewalt in alle vierzehn großen Welten eindringen, den Rakshasa suchen und ihn zerschmettern. Herrscher, ich bringe deine Gemahlin hierher; du wirst sie sehen! (15) Wir sind deine Helfer und gehorchen dir. Hier ist dein Bruder von unermesslicher Kraft. Edler, wenn solche Stärke dir dient, weshalb blickst du kleinmütig? Können die drei Welten deinem Wort zuvorkommen? (16) Wahrhaft Große reden nicht über ihre Größe. Es zählt das Handeln – was sonst? Gibt es Dharma getrennt von dir? Was wäre dir schwer? Willst du hier verharren und deinen Kummer steigern?
(17) Du mit dem zweifelsfreien Wort! Der Lotusbewohner, Murugans Vater mit der sprossenzarten Göttin als seiner Hälfte und der große Diskusträger müssten sich erst vereinen. Könnte einer von ihnen allein dir ebenbürtig sein? (18) Lass die Erledigung meines kleinen Anliegens vorerst ruhen; sie kann später geschehen. Du mit dem goldenen Bogen, eilen wir fort, retten die geängstigte Janaki mit der blitzschlanken Taille und kehren mit ihr zurück!« (19) Als der Sohn der feurigen Sonne so sprach, öffnete Rama die tränenströmenden Augen und blickte ihn liebevoll an. Der Herr, auf dessen Brust Lakshmi wohnt, gewann etwas Klarheit zurück und begann zu antworten. (20) »Du mit den herrlich leuchtenden Schultern! Obwohl ich Unglücklicher noch lebe und diesen glänzenden Bogen in der Hand halte, hat sie ihren Schmuck abgelegt. Welche treue, goldgeschmückte Ehefrau tut das, solange ihr Mann lebt?
(21) Die Frau mit den langen strahlenden Augen wartet auf meine Ankunft. Ich aber habe mit Bergen, Seen und Schmuck geklagt und die Zeit vergeudet. Ich schäme mich nicht einmal, mit diesem langen gespannten Bogen umherzugehen! (22) Wenn jemand einer süß sprechenden Frau auf dem Weg Gewalt antut, schützen selbst bloße Mitreisende sie, kämpfen und geben verwundet ihr Leben hin. Sie aber hat allein mir vertraut, und ich kann ihr Leid nicht beenden. (23) Die großen Könige meines Geschlechts gruben das dunkle Meer aus, brachten die Ganga herab und ließen streitbare Tiger gemeinsam mit Rehen trinken. Ich aber kann nicht einmal die Not einer einzigen geschmückten Frau lindern. (24) Mein Vater befreite Indra aus seiner Bedrängnis und vernichtete den kriegerischen Asura, den selbst der Tod fürchtete. Als sein Sohn lebe ich weiter und trage mit meinem Bogen eine schwere Schande voller bitteren Leids.
(25) Ich wollte die Krone nicht tragen, damit meinem geliebten Vater durch den Bruch seiner Wahrheit keine Schande entstünde. Nun trage ich selbst große Schande, weil der Feind die Frau mit der zuckerübertreffenden Stimme in seine Gewalt brachte. Welchen Fehler habe ich gemacht?« (26) So klagte er schmerzlich und versank in kaum erträglicher Trauer. Der Sohn der unbeschreiblich strahlenden Sonne sah seine Not und half ihm, aus diesem Meer brennenden Kummers herauszufinden. (27) Rama sagte: »Lieber Freund, durch deinen Trost bin ich ruhiger geworden. Wie hätte ich sonst weiterleben können? Welchen anderen Halt hätte ich? Ich werde handeln, um diese Schande auf Erden zu tilgen, und sei es um den Preis meines Lebens. Doch ich handle erst, nachdem dein Anliegen erfüllt ist.« (28) Da verneigte sich der mächtige Maruti. »Du mit den berggleichen Schultern! Ich habe dir etwas zu sagen. Höre es aufmerksam an.
(29) Gebieter, erst müssen wir den grausam handelnden Vali töten, den Sohn der heißen Sonne zum König machen und das große verfügbare Heer zusammenrufen. Sonst lässt sich der Wohnort der tödlich bewaffneten Rakshasas nur schwer finden. (30) Liegt er im Himmel, auf Erden, auf einem Berg oder im Reich der großen Nagas? Du mit der honigreichen Girlande, als verkörperte Menschen können wir das nicht einfach erkennen. (31) Die Rakshasas erreichen jede Welt in einem Augenblick, rauben dort alles, was ihnen gefällt, und kommen und gehen wie plötzlich hereinbrechendes Unheil. Wie sollte man ihre jeweiligen Wohnstätten leicht kennen? (32) Wir müssen uns gleichzeitig über alle Welten verteilen und den besonderen Ort suchen, an dem die Göttin weilt. Würden wir einen Ort nach dem anderen absuchen, gäbe es kein Ende; die Welt ist schwer zugänglich, und es wären unermesslich viele Jahre nötig.
(33) Unser Heer von siebzig Vellam wird die Welt wie das Meer am Weltende überfluten. Es kann den Ozean austrinken oder das von Brahma geschaffene Weltall von unten anheben. Was immer anfällt, wird es tun. (34) Darum, Gerechter, halte ich dieses Vorgehen für das Richtige.« Der Meister des Bogens sagte: »Das ist gut. Gehen wir zu Vali!« Und sie brachen auf.
4.7 – Die Tötung Valis
(1) Sie zogen vereint wie ein wildäugiger Yali, ein mächtiges Tier und ein schneller Elefant mit zwei Löwen. Ihr Weg führte durch Berghänge voller Sala-Bäume, tief verwurzelter Tamala-Bäume, Kardamom und üppiger, girlandenartig blühender Naga-Bäume. (2) Überall gab es Schaukeln für Frauen mit langen, bis zum Ohr reichenden Augen. Wo keine Schaukeln waren, blühten belaubte Sandelholzhänge; andernorts zogen Wolken über freie Plätze. Dazwischen lagen duftende Champaka-Haine, und wo keine Haine standen, glänzten goldene Berge. (3) Als die Helden, deren Leiber nach Tugend dufteten, mit den Affenscharen auf- und abstiegen, erklangen ihre Fußringe unaufhörlich. Wolken, die zuvor mit geschlossenen Augen geschlafen hatten, erwachten und zogen hoch über den Himmel. (4) Zwischen hohen Naga-Bäumen eilten Wolken und Wasser dahin. Schlangen wichen aus, mächtige Elefanten flohen vor Yalis. An den baumreichen Hängen und Seen mit springenden Fischen liefen Elefanten, Tiger und Affen durcheinander.
(5) Die Flächen des großen Berges waren kaum begehbar. Rasende, von Brunft verwirrte Elefanten hatten dunkles Adlerholz und Sandelbäume umgeworfen. Beim Herabrollen zerdrückten die Stämme Honigwaben; der ausfließende Honig machte alles gefährlich glatt. (6) Auf dem Berg, den die breitarmigen Bogenträger durchquerten, häuften sich blitzende Edelsteine. Ihr Licht stieg wie Feuer zum Himmel. Dazwischen breitete sich Goldglanz wie Wasser aus, als wolle er diese Flammen löschen. (7) In jeden lieblichen Badeteich sprang der Himmelsfluss; über die Hirsefelder sprangen wilde Stiere. Elefanten sprangen an Plätzen, wo Wasserfälle wie Flüsse herabschossen. Vögel fielen in die Ähren ein, Affen sprangen ringsum von Ast zu Ast. (8) Die Berge dufteten nach Kardamom und Wohlgerüchen, die den Himmel selbst anzogen. An ihren honigglatten Hängen schienen sogar die Sterne auszurutschen, ebenso der Regenbogen, die weiße Mondsichel und die übrigen umherziehenden Planeten.
(9) So durchquerten die Helden das Gebirge und legten mehr als zehn Yojanas zurück. Sie erreichten Valis Berg, der aussah, als sei die goldene Himmelswelt auf die Erde herabgestiegen. Dort blieben sie stehen und fragten: »Was ist nun zu tun?« (10) Rama sagte: »Rufe Vali zum Kampf heraus. Wenn dieses grausame Gift herankommt und mit dir kämpft, werde ich abseits stehen und den Pfeil im geeigneten Augenblick senden. Das ist mein Plan.« Der siegreiche Feindbezwinger hielt ihn für gut. (11) Der Sohn des Himmelswagenlenkers stieß einen Ruf aus, der das Wogenmeer erschreckte und die dunklen Wolken beschämte. Erdenbewohner flohen schwitzend, Himmlische erzitterten. Sein Schrei erfüllte das ganze Weltall, das der Herr einst verschlungen hatte. (12) Er donnerte drohend: »Komm und kämpfe, ich werde dich bezwingen!« Er stampfte mit den Füßen, presste die Lippen zusammen und schlug auf seine glänzenden Schultern. Der Kampfruf erschütterte die Umgebung und drang in die festen Ohren des schlafenden Vali.
(13) Vali, der auf seinem Lager wie ein ruhender Milchozean lag, hörte den mächtigen Ruf, wie ein Löwe das Brüllen eines gewaltigen brunftigen Elefanten hört. (14) Der Bergschultrige dachte daran, dass sein jüngerer Bruder zornig zum Kampf gekommen war. Er lachte; dieses Lachen erschütterte alle vierzehn Welten bis jenseits der Himmelsrichtungen. (15) Rasch erhob er sich wie das hochwogende Meer am letzten Weltende. Sein Berg sank unter ihm ein, und die benachbarten Berge stürzten durch den Wind um, den seine Schultern aufwirbelten. (16) Heiße Funken sprangen aus seinen Haaren. Seine Augen sprühten Feuer, vor dem selbst das glühende unterseeische Feuer verblasste. Als sein Atem anschwoll, stieg Rauch bis über die Götterwelt hinaus.
(17) Als er die Handflächen zusammenschlug, verloren die schützenden Weltelefanten ihren Brunftstolz. Donner zerbrach, die Himmlischen verzagten, und die Berge rissen und wurden zerquetscht. (18) »Ich komme! Ich komme!« Seine Worte hörten alle acht Richtungen, angefangen beim Osten. Mond und Sternenscharen wurden auseinandergetrieben, als die Spitze seiner Edelsteinkrone sie berührte. (19) Mit seinen schwingenden Armen entwurzelte er Berge und schleuderte sie in die Richtungen. Funken aus seinen weißen Haaren bedeckten die Wände des Weltalls. Der Tod schreckte zurück; der Himmel geriet ins Wanken. (20) Aus den zusammengebissenen Zähnen fielen Funken wie Blitze aus donnernden schwarzen Wolken. Die leuchtenden Edelsteine seiner Armreife zerbrachen und stürzten herab wie abgeschlagene Blöcke.
(21) Zum Schrecken aller glich er der Zeit des Endes, die Erde, Meere, Nagas und selbst die Ursprünge vernichtet. Er glich auch dem Gift, das einst aus dem von ihm gequirlten Meer hervorgekommen war. (22) Da trat Tara dazwischen, die einst mit dem Nektar erschien und bambusgleiche Schultern besaß. Rauch drang aus Valis Mund; das Feuer seines Blicks schien ihr langes Haar zu versengen. (23) »Halte mich nicht auf, lass mich los! Ich werde die Brust des Rufenden aufwühlen, wie ich das Meer quirlte und Nektar gewann. Ich werde sein Leben austrinken und rasch zurückkehren, du Pfau der Berge!« Darauf antwortete sie. (24) »Siegreicher, einst zerbrach er an der Kraft deiner mächtigen Schultern und floh besiegt. Er hat keine neue gewaltige Stärke erworben. Wenn er dennoch wieder zum Kampf kommt, dann nur, weil er einen mächtigen Verbündeten hat!«
(25) »Frau, höre: Selbst wenn die drei endlosen großen Welten gemeinsam gegen mich anträten, würden sie unterliegen und vergehen. Dafür gibt es Beweise. (26) Mandara war der Quirl, Vasuki das endlose Seil, der Diskusträger die Unterlage und der Mond der Pfosten. Indra und die übrigen Götter zogen stolz auf der einen Seite, die anderen auf der Gegenseite. (27) Als ich sah, dass ihnen die Kraft ausging und sie den Quirl nicht mehr bewegen konnten, quirlte ich das Meer wie Buttermilch und schenkte ihnen den Nektar. Du mit der Anmut eines Pfaus und der Stimme eines Kuckucks – kannst du das vergessen? (28) Götter und Asuras mussten sich meiner Kraft beugen; was braucht man von anderen zu reden? Selbst der Tod erzittert, wenn mein Name fällt. Wer wäre würdig, meinem Feind als Helfer zu kommen und mir entgegenzutreten?
(29) Und wenn Toren es versuchen: Die Hälfte ihrer gewonnenen Gaben und ihrer Kraft wird mir zufallen. Wie könnten sie gegen mich bestehen? Lass deinen Kummer!«, sagte er. (30) Tara antwortete: »König, vertrauenswürdige Menschen berichteten mir: Einer namens Rama hat mit Sugriva innige Freundschaft geschlossen und ist mit ihm gekommen, um dir das Leben zu nehmen.« (31) Vali sagte: »Die Welt, gequält vom mächtigen zweifachen Karma, ruft erschöpft um Hilfe, ohne einen Ausweg zu sehen. Er hat ihr alle Wege des Dharma eröffnet. Warum schreibst du ihm etwas zu, das seinem Wesen widerspricht? Unglückliche, in deiner weiblichen Angst irrst du! (32) Wäre das würdig für einen, der dieses und das künftige Leben bedenkt? Was könnte er hier dadurch gewinnen? Würde Dharma selbst, der auch in schwerster Not Leben schützt, sich gegen sich selbst wenden?
(33) Auf Befehl seiner Stiefmutter gab er die ganze ihm zugefallene Welt mit übergroßer Freude ihrem Sohn. Statt diesen Edlen zu preisen, kannst du solche Worte über ihn sagen? (34) Selbst wenn die gesamte Welt geschlossen gegen ihn anträte, brauchte er etwas anderes als seinen siegreichen Bogen? Er braucht keinen Helfer außer sich selbst. Würde er Freundschaft mit einem niedrig handelnden Affen schließen? (35) Er lebt in der Überzeugung, dass auf Erden kein anderes Leben ihm so viel bedeutet wie seine Brüder. Würde dieses Meer der Gnade einen Pfeil zwischen mich und meinen Bruder senden, während wir gegeneinander kämpfen? (36) Bleibe kurz hier. In einem Augenblick werde ich dem Zornigen das Leben nehmen, auch seine Begleiter entmutigen und zurückkehren. Sei unbesorgt!« Da wagte die Frau mit dem duftenden Haar nichts mehr zu sagen.
(37) Begierig auf schnellen Kampf erschien Vali am Gipfel des mächtigen Berges wie die Sonne auf dem alten Ostgebirge. Seine beiden hohen siegreichen Schultern ragten über die Grenze des Himmels hinaus. (38) Er stand da, sodass alle vor ihm im Herzen zitterten. Durch die Kraft seiner Schultern einem gewaltigen Berg gleich, trat Vali zwischen den Felsen hervor wie der große Narasimha aus der festen Säule, auf die der Asura gezeigt hatte. (39) Er sah seinen brüllenden jüngeren Bruder und brüllte ebenfalls. Die Donner am schwitzenden Himmel verstummten erschrocken und fielen nieder. Der alles erfüllende Lärm glich dem Schritt des dunklen Bergherrn, als dieser einst die Erde durchmaß. (40) Rama sagte zu seinem geliebten Bruder: »Lieber, sieh genau hin! Lassen wir Götter und Asuras beiseite: Welches Meer, welche Wolke, welcher Wind und welches Weltuntergangsfeuer könnte in irgendeiner Welt diesem Leib gleichen?«
(41) Lakshmana antwortete: »Der Gedanke, dass Sugriva den grausamen Tod herbeigeführt hat, um seinem eigenen älteren Bruder das Leben zu nehmen, sitzt fest in meinem Herzen. Dieser verächtliche Affenkampf verwirrt mich so, dass ich sonst nichts wahrnehme. (42) Held, es ist nicht gut, Menschen zu vertrauen, die unüberlegt handeln und den Weg des Dharma zerstören. Er steht hier, um seinen Bruder wie einen Feind töten zu lassen. Welche Sicherheit bietet ein solcher Mann erst Fremden?« (43) Der Edle sagte: »Lieber, höre! Können wir den Wandel dieses unbeherrschten Tieres nach menschlichem Maß besprechen? Wenn alle jüngeren Brüder, aus welcher Mutter sie auch geboren wurden, gleich wären – wodurch wäre Bharata dann so außerordentlich edel? (44) Du mit den schönen, berggleichen Bogenschultern! Wahr ist: Nur wenige sind der Wahrheit ganz verbunden; die übrigen sind zahlreich. Wir müssen bei denen, die uns begegnen, den möglichen Nutzen gewinnen. Wer wäre schon so beschaffen, dass man ihn völlig fehlerlos nennen könnte?«
(45) Während die kraftvollen Helden so sprachen, prallten der Sohn des Sonnenwagenlenkers und Indras Sohn aufeinander. Sie glichen wandernden großen Bergen auf Erden, zwei mächtigen Weltelefanten im Zusammenstoß. (46) Sie glichen zwei gegeneinanderstoßenden Bergen oder zwei siegreichen Löwen. Sie standen, kreisten weit umeinander, und die Erde schien sich zu drehen wie die Töpferscheibe eines starkarmigen Töpfers. (47) Schulter rieb sich an Schulter, Fuß an Fuß; die alte Erde konnte ihre Last kaum tragen. Feuer stieg auf und fuhr leuchtend wie Blitze über den Himmel. Zornig bedrängten sie einander wie zwei zusammenstoßende Planeten. (48) Diese beiden überaus Starken waren aus dem Leib derselben Mutter geboren und kämpften nun um einer Frau willen. Sie glichen den alten Brüdern Sunda und Upasunda, deren Liebe zu der schönäugigen Tilottama sie vernichtet hatte.
(49) Wir haben nie gesehen, wie ein Meer gegen ein anderes kämpft, wie zwei Meru-Berge Krieg führen oder wie der Zorn selbst in zwei Leibern ringt. Einen anderen passenden Vergleich für diese gewaltige Schlacht finden wir nicht. (50) Vom Feuer aus den grausamen Augen der Affenherrscher brannten Wolken und Berge. Die Weltelefanten zitterten, die vier Landgebiete erbebten, und die Himmelsbewohner flohen in ihre Verstecke. (51) »Sind sie im Himmel, auf hohen Berggipfeln, auf der Erde, an den äußeren Wegen der Himmelsrichtungen – oder direkt vor unseren Augen?«, fragten die Zuschauer. Die Kämpfer bissen und schlugen einander, sodass Blut aus den Wunden spritzte. (52) Ihr Kampfruf war fünfmal lauter als die sieben Meere, wenn sie gemeinsam gegen alle zehn Richtungen donnern. Wenn ihre Hände auf breite Schultern und Brüste trafen, klang es wie das Donnern der Wolken am Weltende.
(53) Wenn die mächtigen Helden mit den Zähnen ihrer heißen Münder zubissen, schoss Blut empor und spritzte in alle Richtungen. Die leuchtenden Sterne wurden rot wie Mars; die Wolken glichen dem Abendhimmel. (54) Wie Funken auseinanderstieben, wenn große Hämmer auf glühendes Eisen fallen, so sprühten sie bei den Schlägen der festen langen Hände. Indras Sohn wurde an den Schultern getroffen, der Sohn der Sonne an der Brust; ihre Glieder schienen zu zerbrechen. (55) Sie stemmten die Brust gegeneinander, stießen, traten mit den Füßen, schlugen mit den Händen, bissen und hämmerten aufeinander ein. Sie schlugen drohend mit Bäumen, rissen Berge aus und warfen sie auf die Köpfe des anderen. Sie brüllten und blickten feurig. (56) Sie packten einander, hoben sich empor und schleuderten sich fort. Sie boten die Brust zum Gegenstoß und schlugen zu, bis die Hände befriedigt waren. Schnell wie Kreisel wechselten sie die Stellung, wehrten ab, wichen zurück, stürzten vor, umklammerten sich und fielen.
(57) Mit den Schwänzen umschnürten sie die Brust des Gegners und zogen zu, bis sie knirschte. Sie verschlangen die Beine ineinander, rangen und lösten sich wieder. Mit den kräftigen Krallen bohrten sie wie mit Speeren Höhlen in die lederbedeckten Leiber. (58) Berge, Bäume und alles, was auf Erden in Sicht kam, rissen sie mit den Händen aus und schleuderten es gegeneinander. Die zerschlagenen Massen verdeckten den Himmel und stürzten ins wogende Meer. (59) Die Götter wichen entsetzt zurück; was braucht es weiterer Worte? Keiner unterlag dem anderen. Durch das Reiben im Kampf entzündeten sich die weißen Haare, sodass die beiden wie Wälder mit trockenem Gras im Feuer erschienen. (60) So kämpften sie mit aller Kraft. Dann griff Vali mit den gewaltigen langen Schultern seinen Bruder mit tödlichen Krallen und Händen an, bis dieser zusammenbrach – wie ein Löwe, der einen Elefanten überwältigt.
(61) Schwer getroffen floh der Sohn der Sonne zu Rama und verneigte sich erschöpft und verzagt. »Lass dein Herz nicht wanken! Wir konnten euch nicht unterscheiden. Gehe mit einer blühenden Ranke als Kennzeichen zurück«, sagte Rama. Sugriva zog sie an und stellte sich erneut dem Gegner. (62) Die Girlande auf seinem Haupt leuchtete wie eine aufgereihte Sternenschar. Mit dem Brüllen eines mächtigen Tigers oder himmlischen Löwen kehrte Sugriva rasch zurück und schlug den kampfstarken Vali so heftig, dass dieser erschrak. Immer wieder trafen seine Faustschläge. (63) Vali wurde misstrauisch. Er blickte so zornig, dass selbst der Tod erbebte, und lächelte grimmig. Mit harten Händen und Füßen schlug, stieß und trat er den Sohn der Sonne an allen lebenswichtigen Stellen, bis dieser taumelte. (64) Sugriva schien mit seinem Atem das Leben auszustoßen. Aus Ohren und Augen drang ein Meer von Blut, vermischt mit Feuerfunken. Er blickte in die Richtung, in der Rama stand. Indras Sohn drängte stolz nach und bedrängte ihn von oben.
(65) »Ich werde ihn packen und auf die Erde schleudern!« Vali legte die Hände an Hüfte und Hals des Bruders und hob ihn hoch. Da nahm Raghava einen Pfeil, legte ihn auf, zog die Sehne bis zur Schulter und schoss auf Vali. (66) Was lässt sich über das Eindringen dieses Pfeils in die Brust sagen, die die Kraft von Wasser, dem daraus hervorgehenden Feuer, Wind und Erde besaß? Er ging hindurch wie eine Nadel durch eine dunkle, saftige, süße Bananenfrucht. (67) Der Krieger Vali hatte kein Erbarmen mit dem Bruder, dessen Schulterkraft erschöpft war, und wollte ihn zu Boden schlagen. Nun taumelte er selbst und stürzte wie Meru, wenn der gewaltige Wind am Weltende ihn mit den Wurzeln ausreißt. (68) Er fiel wie das Sahya-Gebirge, das ein Blitz samt seinen Wurzeln niederwirft. Auf der Erde liegend lockerte der kampfstarke Vali den Griff, mit dem er den Sohn der Sonne gepackt hatte. Doch sein Griff um den grausamen Pfeil lockerte sich nicht.
(69) Der tödliche Pfeil des siegreichen Helden war in seine starke Brust eingedrungen. Ehe er auf der anderen Seite austrat, packte Vali ihn mit kräftigen Händen, Schwanz und Füßen und hielt ihn fest. Selbst der grausame, siegreiche Tod schüttelte bestürzt den Kopf. (70) Er richtete sich auf: »Ich werde den Scheitel des Himmels zertrümmern!« Er drohte: »Ehe ein Samenkorn sich bewegt, werde ich alle Richtungen durchqueren und zerstören!« Dann fiel er wieder: »Ich reiße die Erde mit der Wurzel aus!« Und er fragte sich: »Wer hat diesen eindringenden Pfeil geschossen?« (71) Er schlug mit der Hand auf den Boden und blickte funkensprühend umher. Mit beiden Händen, mit Schwanz und Füßen zog er mit aller Kraft am brennenden Pfeil. Weil er sich nicht herausziehen ließ, verzagte er und rollte wie ein Berg hin und her. (72) »War es einer der Götter?«, fragte er sich. »Könnten sie eine solche Tat vollbringen? Haben sie die Kraft dazu? Wer sonst?« Über diesen Gedanken lachte er. »Das muss die Tat eines Einzigen sein, der den drei höchsten Göttern zusammen gleichkommt!«
(73) »Ist es der Diskus? Der lange Dreizack des Blaukehligen? Oder der Speer, der den Berg durchbohrte? Würde selbst der Donnerkeil des furchtbaren Indra genügen, meine Brust zu durchdringen? Was ist es?« So quälte er sich. (74) »Diese glühende Waffe lässt sich kaum von einem Bogen abschießen! Haben große Weise sie durch ihr bloßes Wort entsandt?« Er biss wiederholt mit den Zähnen darauf und zerrte brüllend an der Brust. Dabei erkannte er den Pfeil. (75) »Nun weiß ich, dass es ein Pfeil ist. Was nützt all die Unruhe? Ich werde ihn mit Händen, Füßen und Schwanz aus der Brust lösen, die er samt meinem Leben durchbohrt hat, und den Namen des gottgleichen Schützen erfahren!« (76) Mit unermesslicher Willens- und Geisteskraft zog der yali-gleiche Vali schließlich den Pfeil heraus. Götter, Asuras und alle anderen sahen es, und ihre Schultern richteten sich bewundernd auf. Wer bewundert nicht einen Helden?
(77) Das hervorströmende Blut rauschte wie ein Meer mit brechenden klaren Wellen. Kann man einfach sagen, es habe die weite Erde überschritten? Es durchfloss Wälder und hohe Gebirge, drang ins Meer und schwoll zu dessen Höhe an. (78) Sugriva sah den rauschenden Blutstrom, der aus dem Brustberg des duftbekränzten Bruders hervorkam. Von der Bindung gemeinsamer Geburt überwältigt, vergoss er Tränen der Liebe aus seinen Augen und sank auf die weite Erde. (79) Der Ruhmreiche, der Meru zerbrechen konnte, hielt den herausgezogenen Pfeil mit mächtiger Hand und richtete sich auf: »Ich werde ihn zerbrechen!« Dann sagte er: »Auch wenn ich es versuche, wird er nicht brechen.« Er sah hin, um den eingeritzten Namen zu erkennen. (80) Mit eigenen Augen erkannte er den vollkommenen Namen »Rama«: das ursprüngliche Mantra für alle drei Welten, die einzigartige höchste Stätte, die sich den Ihrigen ganz schenkt, das Heilmittel, das schon in diesem Leben das Leiden der wiederholten Geburten beendet.
(81) »Der Edle, der dem häuslichen Leben entsagte, hat um unseretwillen auch dem Recht seines Bogens entsagt! Weil dieser Held in ihr geboren wurde, hat selbst die Sonnenlinie, die nie vom Wortrecht der Veden abwich, ihr altes gutes Dharma verlassen.« Bitteres Lachen stieg auf; innerlich empfand Vali Scham. (82) Er schämte sich, senkte die Krone, lachte laut auf und grübelte erneut. »Ist auch dies eine Art erhabener Gerechtigkeit?« Er lag erschöpft im Leid wie ein mächtiger, wilder Elefant, der in eine tiefe Grube gestürzt ist und darin gefangen bleibt. (83) »Der Herrscher ist vom Recht abgewichen! Was soll man dann von Niedrigen erwarten? Mir gegenüber hat er die Ordnung verletzt«, sagte Vali. Vor ihm erschien nun Rama, der gekommen war, um die den wahrhaftigen Königen von den Veden vorgeschriebene Ordnung unverletzt zu schützen. (84) Vali sah Vishnu, als käme eine dunkle Regenwolke mit blühenden Lotusblumen und einem gebogenen Bogen auf die Erde. Blut und Funken brachen aus seiner Wunde hervor. Er blickte Rama an und begann ihn zu schelten: »Was hast du dir gedacht? Was hast du getan?
(85) Sohn des reinen, freigebigen Königs, der Wahrheit und Überlieferung bewahrte und dafür sein Leben gab! Du bist vor Bharata geboren. Wer andere vor Bösem schützt und es dann selbst tut – wird dadurch das Böse gut? Du solltest doch Mütterlichkeit, Freundschaft und Dharma verkörpern! (86) Dies ist deine Herkunft, dies deine Bildung, dies dein Sieg, dies deine erworbene Güte! Gehört dir nicht die Herrschaft über die drei Welten? Dies soll die Kraft und Großmut sein, welche die Welt tragen? Darfst du ihre Festigkeit erschüttern wie einer, der trotz Wissen verwirrt handelt? (87) Du von einer Schönheit, die kein Bild erfassen kann! Ist königliches Dharma nicht der angestammte Besitz aller in deinem Geschlecht? Seit du von deinem Leben, von Janakas Schwanentochter, von der nektargeborenen Göttin getrennt bist, scheinst du in deinem Handeln den Verstand verloren zu haben. (88) Wenn ein Rakshasa Unheil anrichtet und entkommt, schreibt Manus Recht dann vor, dafür einen anderen, einen Affenkönig, zu töten? Wo hast du dein Mitleid gelassen? Welchen Fehler fandest du an mir? Mein Herr, wenn selbst du diese Schande trägst, wer soll dann noch den Ruhm bewahren?
(89) Großzügiger voller Mitgefühl! Hat sich das Kali-Zeitalter in dieser meerumgebenen Welt nun sogar unter den umherziehenden Affen ausgebreitet? Gelten gute Sitte und Würde nur für die Schwachen? Wenn Starke Schwachen Gewalt antun, bringt das etwa nur Ruhm und keine Schande? (90) Siegreicher, der keinen Verbündeten braucht! Du gabst deinem Bruder den Reichtum, den dein Vater dir zugedacht hatte, und verließest das Land: Das war deine Tat im Reich. Nun gibst du meinem Bruder dieses Königtum: Das ist deine Tat im Wald. Gibt es noch eine größere Tat darüber hinaus? (91) Heißt jetzt alles, was bekränzte Helden mit klingenden Fußringen tun, automatisch der Weg der Tapferkeit? Du bist der Herr aller alten guten Schriften. Wenn du mir dies antust, wie kannst du dann dem König von Lanka wegen seines Unrechts zürnen, du angeblich Zornloser? (92) Wenn zwei miteinander kämpfen, sollen beide dem gerechten Richter gleich nahestehen. Ist es Dharma, aus Mitleid mit dem einen sich vor dem anderen zu verbergen, den gestreiften Bogen zu spannen und ihm den Pfeil in die Brust zu schießen? Oder gehört es nicht vielmehr eindeutig zum Unrecht?
(93) Das ist weder Tapferkeit noch Ordnung noch Verbundenheit mit der Wahrheit. Mein Leib war deinem Land keine Last; ich war nicht dein Feind. Du hast jede Würde verlassen. Dies ist kein Mitgefühl! Was hast du getan? (94) Besteht der Schutz des Dharma nicht in der seltenen Kraft, beide Welten zu bedenken und allen gleich zu begegnen? Was ist dies für Größe: Fehler ungeprüft lassen, nur eine Seite sehen und einem Einzelnen helfen? (95) Wenn du zur Vernichtung des Feindes, der dein Leben störte, einen Verbündeten suchtest – was ist das für ein Vorgehen, den wolkenergreifenden Löwen aufzugeben und stattdessen einen Hasen zu fangen? (96) Wie der wandernde Mond einen wolkendunklen Fleck trägt, hast du, Edler, durch deine Geburt nun auch der Sonnenlinie einen bleibenden Makel geschaffen!
(97) Ein anderer forderte mich gewaltsam heraus, und ich kam zu ihm. Du verbargst dich und nahmst mir das Leben. Nun wirst du wohl auch noch auf der Erde, auf der ich liege, als ›Löwe des Kampfes‹ gelten! (98) Du hast weder die Ordnung der Schriften noch das Vorbild deiner Ahnen oder die gute Sitte geachtet. Mächtiger Held, du hast nicht bloß Vali niedergeschlagen – du hast den Schutzwall des dauerhaften Dharma niedergerissen! (99) Weil ein anderer deine Frau nahm, schaltest du die Kraft des großen Bogens in deiner Hand. Ist er also nicht zum offenen Kampf fähig, sondern nur dazu, aus dem Versteck in die Brust eines Unbewaffneten zu schießen?« (100) So sprach Vali, heiß vor Zorn, mit feuersprühenden Augen; seine zusammengebissenen Zähne schienen zu Staub zu zermahlen. Der vor ihm stehende Held antwortete nun.
(101) »Du warst in die Höhle gegangen und lange nicht zurückgekehrt. Sugriva klagte und wollte dir folgen. Da traten die erfahrenen Ältesten eures Geschlechts zu ihm: ›Du mit der glänzenden goldenen Girlande, übernimm nun die Herrschaft!‹ (102) Er antwortete: ›Ich werde den töten, der meinen Bruder in den Himmel versetzt hat, und sein Geschlecht vernichten; dann werde auch ich sterben. Ich werde nicht hier sitzen und regieren. Ihr habt etwas Unrechtes gesagt!‹ (103) Die mächtigen Heerführer, die erfahrenen Ältesten und die Vornehmen hielten ihn fest: ›Euer Reich geht zugrunde, wenn du es nicht übernimmst!‹ Erst so nahm dieser Schuldlose die siegreiche gute Krone an. (104) Als du zurückkamst, begrüßte er dich freudig und verneigte sich. ›Mein Herr, die Angehörigen haben mir deine Herrschaft mit Nachdruck übertragen!‹ Er wollte sie nicht behalten und erklärte, was geschehen war. Du aber zürntest.
(105) Du wolltest deinen jüngeren Bruder töten. Selbst als du seine Schuldlosigkeit erkanntest, hattest du kein Erbarmen. Er bat: ›Füge mir kein Leid zu; von mir droht dir keine Gefahr. Begehe kein Unrecht!‹ Doch du nahmst ihn nicht an, sondern tobtest weiter. (106) Obwohl er selbst voller Kraft ist, erhob er die Hände in Verehrung, damit dir kein schwerer Kampf entstünde. Du aber dachtest: ›Ich werde ihn dem Tod übergeben.‹ So floh er über alle vier Richtungen und deren Grenzen hinaus. (107) Auch als du das wusstest, hattest du kein Mitgefühl und achtetest nicht darauf, dass er dein jüngerer Bruder ist. Erst als er diesen goldenen Berg erreichte, dessen Grenze der Fluch des Weisen schützt, konntest du ihm nicht mehr folgen. (108) Bestehen Mitgefühl, edle Herkunft, Tapferkeit und die durch Bildung erworbene Treue zum wahren Weg etwa in dem Hochmut, die Gemahlin eines anderen an sich zu nehmen?
(109) Für Einsichtige heißt, von Tapferkeit abzuweichen: im Gedanken ›Ich bin stark‹ innerlich den rechten Weg verlassen und die Schwachen bedrängen. Von Dharma abzuweichen heißt, die geheiligte eheliche Bindung einer Frau zu verletzen. (110) Du hast weder bedacht, was Dharma seinem Wesen nach ist, noch die Folgen für dieses und das nächste Leben. Hättest du es bedacht, wie hättest du dann unter Verlust deiner Würde die Gemahlin nehmen können, die deinem geliebten Bruder so teuer wie sein Leben ist? (111) Darum und weil er mir ein lebenswerter Freund geworden ist, habe ich dich bestraft. Es ist mein fester Entschluss, die Not der Schwachen zu beenden, selbst wenn sie mir fremd sind.« (112) Als der prachtvolle Held so erklärte: »Dies ist deine Verfehlung«, entgegnete Vali, der das Unrechte getan hatte: »Diese Maßstäbe entsprechen unserer Natur nicht. Unser Handeln folgt dem Begehren.
(113) Herr, der Schöpfer auf der Honigblüte hat uns nicht so geschaffen wie die treuen Frauen eures seltenen edlen Geschlechts mit ihrer unwandelbaren ehelichen Bindung. Er hat uns so gemacht, dass wir uns verbinden, wie es sich ergibt. (114) Wir haben keine Eheschließung nach vedischer Vorschrift und keine Sitten, die denen eurer Stammväter entsprechen. Wir folgen dem Weg, auf den die Regung uns führt – du Herr mit dem von Fett und Opferbutter benetzten Diskus! (115) So ist unsere Beschaffenheit. Nach der Natur, die uns gegeben ist, habe ich keinen Fehler begangen. Du mit deinem besonderen Sieg, erkenne das an!« Auf diese Worte antwortete Rama angemessen. (116) »Du stammst von einem guten Gott und erkennst ohne Verwirrung den rechten Weg des Dharma. Damit ist deutlich, dass du kein bloßes Tier bist. Diese Handlung steht einem Würdigen wie dir nicht zu.
(117) Hängt der Weg des Dharma am Körper mit seinen Sinnesorganen? Hängt er nicht vielmehr an der Erkenntnis, welche die Sinneserfahrungen prüft? Du hast die Größe des rechten Weges unmittelbar verstanden. Wie kannst du dich dennoch auf eine fehlerhafte Natur berufen? (118) Als das Krokodil ihn packte und fortzog, rief der Elefant nach dem Herrn, der den Stoßzahn ergriff. Durch die Frucht dieses hohen Erkennens gewann er Befreiung. Ist ein solches Tier noch ein bloßes Tier? (119) Und unser Vater: War er nicht der König der Geier? Weil sein Herz dem guten Dharma folgte, kämpfte er, um das Leid der schön geschmückten Göttin zu lindern, und erreichte die Befreiung vom grausamen Handeln. (120) Ist nicht die Natur des Tieres, ohne klare Erkenntnis von Gut und Böse zu leben? Deine eigenen Worte zeigen aber, dass es keinen fest begründeten guten Weg gibt, den du nicht kennst.
(121) Wenn selbst hochgeborene Menschen nicht unvoreingenommen bedenken, was angemessen und was unangebracht ist, sind auch sie Tiere. Folgen Tiere hingegen dem Weg Manus, sind sie göttliche Wesen. (122) Durch die Frucht deiner Hingabe an den axttragenden Gott, der die Macht des Todes brach, hast du die Kraft der vier großen Elemente erlangt, die Vishnu hervorbrachte, und konntest entsprechend handeln. (123) Auch unter denen, die durch ihre Geburt niedrig stehen, gibt es Menschen, die den erhabenen Weg des Dharma beschritten haben. Ebenso gibt es unermüdliche Asketen und Götter verschiedenster Art, die ihr Böses überwunden haben. (124) Darum entstehen Hoheit und Niedrigkeit bei jedem Wesen, gleich welchen Geschlechts, aus seinen Taten. Obwohl du das wusstest, hast du die Würde eines Hauses zerstört«, sagte der nach Manus Recht Handelnde.
(125) Der Affenkönig hörte diese Worte ruhig an. »Du von vollendeter Würde, so mag es sein. Doch warum hast du mich nicht offen auf dem Schlachtfeld angegriffen, sondern dich wie ein grausamer Waldjäger abseits verborgen und mit dem Bogen geschossen?« Darauf begann Lakshmana zu antworten. (126) »Dein Bruder kam zuerst und suchte Zuflucht. Der Herr versprach ihm: ›Ich werde den Unrecht Handelnden ins Reich des Südens senden.‹ Hättest auch du im Kampf aus Liebe zu deinem Leben gesagt: ›Auch ich suche Schutz‹, wäre dieses Versprechen gefährdet gewesen. In diesem Gedanken stand der Herr verborgen und schoss«, sagte Lakshmana. (127) Der Affenkönig nahm diese Erklärung in sein Herz auf; sein Geist wurde still. »Der Herr der Erde wird die Kraft des Dharma nicht zerstören«, erkannte er. Der durch das Gehörte reich gewordene Vali neigte ehrfürchtig sein Haupt und sprach. (128) »Edler, du schenkst den Wesen wie eine Mutter deine Fürsorge; Dharma, Güte und Vollkommenheit stehen in dir verkörpert. Wie könnte ich, niedrig wie ein Hund, die Wahrheit deiner gerechten Sicht fehlerlos begreifen? Verzeihe meine bösen Worte!« So sprach er, dessen Denken nun alles Kleinliche verlassen hatte.
(129) Er bat weiter: »Vater, betrachte mich als einen Affen, der nichts richtig bedenken kann, und nimm meine Worte nicht zu Herzen. Herr, du bist das seltene Heilmittel für meine Krankheit der schmerzensreichen Geburt. Freigebiger, der Gaben gewährt, höre noch eine Bitte! (130) Du trafst mich, deinen niedrigen Diener, mit dem scharfen Pfeil und schenktest mir Erkenntnis, während mein Leben schwindet. Du bist die Drei, du der Ursprung, du das Ganze und alles Weitere. Du bist Sünde und Dharma, Feindschaft und Verwandtschaft! (131) Dein Pfeil durchdrang sämtliche unvergleichlichen Gaben Shivas, des Vernichters der Städte, und der anderen Götter; er durchdrang meine starke Brust und verzehrt mein ganzes Leben. Gibt es für mich noch einen anderen Dharma als diesen Pfeil? (132) Du bist alle Wesen und alle Dinge, die Jahreszeiten und ihre Früchte, die untrennbare Einheit wie Blüte und Duft! Die Wissenden haben mir gnädig erklärt, wer du bist und was deine Wirklichkeit ist. Einziger, wäre die schwer erreichbare höchste Stätte nun noch schwer für mich?
(133) Ich habe dich gesehen, dessen Gestalt der wahrhaft bestehende Dharma ist. Was bliebe mir noch zu schauen? Die Strafe für meine großen alten Taten bis zum heutigen Tag schenkt deinem Diener die höchste Stätte. (134) Siegreicher, dessen Ehre höher als der Himmel steht, gibt es eine größere Hilfe? Mein Bruder brachte dich, um mich töten zu lassen, und machte dich so uns niedrigen Affen sichtbar. Er hat die bloße irdische Herrschaft erhalten und mir die Herrschaft der Befreiung überlassen. (135) Du von bildschöner Gestalt, eine Gabe möchte ich von dir erbitten: Wenn mein Bruder vom blütenreichen Wein trinkt und sein Verstand sich verwirrt, mag er auch Unrecht tun. Zürne ihm dann nicht und sende nicht jenen Tod gegen ihn, den Pfeil, den du auf mich richtetest!« (136) »Noch eine Bitte habe ich: Sollten deine Brüder meinen Bruder mit den Worten verachten: ›Er ließ seinen eigenen älteren Bruder töten‹, so halte sie davon ab, du Würdiger! Du versprachst zuerst, sein Anliegen zu erfüllen. Herr, darf nun auch sein künftiger Dienst für dich misslingen?
(137) Ich konnte dir nicht einmal den kleinen Dienst eines Affen leisten: den zauberischen Rakshasa mit meinem Schwanz fesseln und dir vorführen. Über Vergangenes zu sprechen ist nutzlos. Doch was immer du als notwendige Aufgabe befiehlst, dieser Hanuman ist dafür geeignet. (138) Herr mit dem Diskus, betrachte Hanuman wie den Bogen in deiner schönen roten Hand. Betrachte meinen Bruder wie deinen eigenen Bruder. Helfer wie diese beiden gibt es sonst nicht. Du mit den himmelhohen Schultern, mit ihnen wirst du die Frau suchen und zurückgewinnen!« (139) Danach streckte Vali seine beiden mächtigen Hände nach dem neben ihm sitzenden Bruder aus, zog ihn an sich und umarmte ihn. »Mein Junge, höre einen heilsamen Rat und bewahre ihn. Du mit den Schultern höher als Berge, gräme dich nicht! (140) Die letzte Wirklichkeit, die die Veden, alle Weisen, Brahma im Lotus und die höchsten Ergebnisse aller Erkenntniswege verkünden, ist als Rama mit klingenden Fußringen und einzigartigem Bogen gekommen, um Dharma aufzurichten. Einsichtsvoller, erkenne das ohne den geringsten Zweifel!
(141) Alle, die den rechten Weg gehen und bleibenden Reichtum suchen, lernen seinen Namen und denken an ihn. Goldbergschultriger, willst du seine allumfassende Herrschaft erkennen, genügt schon die Kraft, mit der er mich tötete. Ein weiterer Beweis ist nicht nötig. (142) Wenn sogar jene, die täglich betrügen und unzählige kaum zu sühnende böse Taten begehen, durch den Pfeil dieses Freigebigen die himmelhohe Stätte erlangen – lässt sich dann aussprechen, was denen zuteilwird, die seine beiden Füße verehren und ihm dienen? (143) Was wäre noch schwer, wenn das Schicksal selbst sich anschickt, dir zu helfen? Du hast das Glück beider Welten gewonnen. Nun nimm die Befehle dessen, dessen Brust das heilige Zeichen trägt, ehrfürchtig auf dein Haupt und richte dein Denken ungeteilt auf ihn. So wirst du über die drei Welten hinaus erhoben. (144) Lege den übermütigen Affenwandel und die Verblendung ab. Denke an die Hilfe des Freigebigen und diene ihm nötigenfalls mit deinem Leben. Er, der allen ihre Stellung gewährt, soll jeden Auftrag fehlerlos erfüllt sehen. So wirst du leicht die schwer zu überwindende Wiedergeburt beenden.
(145) Lass dich durch die Last der Regierung nicht zur Nachlässigkeit verleiten. Lebe, ohne die Lotusfüße des Herrn zu verlassen. Bedenke, dass Könige dem Feuer gleichen, und erfülle alle seine Absichten. Verlasse dich nicht darauf, dass kleine Verfehlungen eines Dieners schon verziehen werden!« (146) Nachdem er dem klagenden Bruder all diese heilsamen Ratschläge gegeben hatte, wandte er sich zu dem prachtvollen Rama: »Sohn des Königs der Könige, ihn und seine Angehörigen übergebe ich deinem Schutz.« Er hob seine Hände ehrfürchtig über den Scheitel. (147) Dann blickte er den Bruder an: »Lass rasch deinen edlen Sohn herbeibringen!« Sugriva sandte nach Angada. So kam der junge Stier, den jener gezeugt hatte, der einst das weite Meer aufwühlte. (148) Der junge Held erschien wie der strahlende Mond. Leidende Herzen hatte er bisher nicht einmal in Gedanken gekannt. Nun sah er den geliebten Vater nicht auf einem hohen Lager weicher, duftender Blüten, sondern mitten in einem Meer von Blut liegen.
(149) Aus seinen Augen brachen Feuer, Wasser und Blut hervor. Der Held mit den runden Schultern und den schwingenden Ohrringen fiel auf den Vater: wie ein Stern vom Himmel auf die Mondscheibe fällt, wenn diese auf der Erde liegt. (150) »Vater! Vater! Du hast in dieser wellenumgürteten Welt niemandem in Gedanken oder Taten Böses getan! Du leidest; doch schlimmer noch: Der Tod hat es gewagt, dir unerschrocken ins Gesicht zu sehen und heranzukommen. Wer wird nun seine Macht brechen? (151) Jener Böse, der die Weltelefanten bedrängte, deren Füße fest wie eingerammt die Richtungen tragen, hört sein Herz wie eine Trommel schlagen, sooft er an deinen langen mächtigen Schwanz denkt. Ist seine Furcht nun verschwunden?« (152) »Die himmelhohen Gipfel der großen Gebirge und des Ringgebirges werden nun wohl keine neuen Spuren deiner goldenen Füße mehr tragen. Wenn das brandende Meer wieder gequirlt werden soll, wer wird Berg, Schlange, Mond und die anderen Geräte tragen und die Arbeit tun, mein Herr?
(153) Gebieter, deine roten Hände falteten sich niemals vor anderem als den Füßen des Gottes, dessen Hälfte die Frau mit den baumwollweichen Füßen ist. Durch dich blieben alle Götter am Leben. Du gabst ihnen den süßen Nektar und bist nun selbst gestorben! Wer könnte freigebiger genannt werden als du?« (154) So klagte Angada und verging vor Schmerz; sein Herz schmolz wie Wachs im Feuer. Der rotäugige Vali zog ihn an die Brust. »Verzage nicht mehr! Dies ist die Frucht der guten Tat, die unser Herr Rama vollbracht hat«, sagte er. (155) »Wenn man klar und ohne Verwirrung hinsieht, stehen Geburt und Tod für alle Wesen der drei Welten schon im Ursprung fest. Weil ich asketisches Verdienst besitze, kam dieses Ende zu mir. Der Held, der allen als Maßstab gilt, kam selbst und schenkte mir Befreiung. (156) Lege deine kindliche Verblendung ab und halte dich an meine Worte! Die wahre Wirklichkeit, über der nichts anderes steht, trägt einen Bogen, berührt mit ihren Füßen die Erde und ist unseren Augen sichtbar geworden. Mein Sohn, verehre sie als Heilmittel gegen die verwirrende Krankheit der Wiedergeburt!
(157) Denke keinen Augenblick: ›Er hat meines Vaters Leben beendet.‹ Sorge für das Heil deines eigenen Lebens. Du mit dem goldglänzenden Schmuck, wenn ihm Krieg begegnet, gib dein Leben für ihn! Trage die Blumenfüße dessen auf deinem Haupt, der Dharma bewahrt und allen Wesen Heil schafft.« (158) Nachdem der Affenkönig mit den Schultern höher als Berge dem Sohn diese heilsamen Lehren gegeben hatte, umarmte er ihn fest mit beiden Armen. Dann wandte er sich zu dem siegreichen Beschützer mit seinem kostbaren goldenen und diamantenen Schmuck. (159) »Für das Heer der dunklen Rakshasas mit ihren gefetteten langen Speeren sind seine Schultern wie Feuer für Baumwolle. Auch sein Handeln ist rein. Wissender, den Herzen voller Falschheit nicht erkennen können: Er sei deiner Obhut anvertraut!« So stellte er Angada Rama vor. (160) Als Angada sich zu seinen Füßen neigte, reichte der Großäugige ihm sein goldenes Schwert: »Trage du dies!« Alle sieben Welten priesen ihn. Vali starb, verließ seinen bisherigen Zustand und wurde Bewohner der Welt jenseits des Himmels.
(161) Als sein Griff sich löste, blieb der grausame Pfeil nicht länger in Valis heißer Brust. Er durchdrang sie, stieg hoch empor, badete im reinen Meer und kehrte, von den Göttern mit reinen Blumen geschmückt, in den niemals seine siegreiche Kraft verlierenden Köcher des Herrn zurück. (162) Vali war in die grenzenlose Welt gegangen. Der Herr, der einst auf dem Banyanblatt ruhte, nahm die rote Hand des Sonnensohnes, um ihn zu trösten, und ging mit Angada fort. Als die speeräugige Tara davon hörte, kam sie herbei und fiel auf Valis Leib. (163) Das heiße Blut bedeckte die Hügel ihrer vollen Brüste wie aufgestreutes Kumkum und färbte ihr gelocktes Haar rot. Mit ihren goldenen Schultern wälzte sie sich auf seiner bekränzten Brust. Ihr Leib glänzte wie ein Blitz im weiten roten Abendhimmel. (164) Ihr wehmütiges Klagen übertraf Bambusflöte, klagende Laute und Vina. Sie schluchzte und schmolz vor Schmerz, faltete beide Hände; Gewänder und Haare lösten sich und sanken herab. Von wachsendem Leid erfüllt, sprach sie diese Worte.
(165) »Tag für Tag ruhte ich zwischen deinen berggleichen Schultern und kannte das uferlose Meer der Not nicht. Mein kostbares Leben, mein Herz, mein König! Ich fürchtete mich davor, dies sehen zu müssen. (166) Du von einem Wesen ohne Feindschaft, willst du mich nicht rufen, obwohl ich vor Kummer noch immer nicht gestorben bin? Gottheit, die mir durch unablässige Schuld verloren ging! Kann der Körper weiterleben, wenn das Leben entflohen ist? (167) Weiß der Todesgott nicht, dass er selbst unvergängliches Leben erlangte, weil du ihm den köstlichen Nektar zum Trinken gabst? Oder sind die, die eine Wohltat nicht bedenken, wirklich so klein? (168) Zu allen drei Tageszeiten gingst du in jede Richtung, brachtest unverwelkte schöne Blumen und verehrtest mit inniger Liebe den Gott, dessen Hälfte die Göttin ist. Kannst du nun so lange bleiben, ohne ihn zu verehren?
(169) Du, dessen berggleiche Schultern im heiligen Staub badeten, liegst jetzt auf dem Boden. Du siehst mein unaufhörliches Klagen über diesen Zustand und sprichst kein Wort. Welche Schuld trage ich dir gegenüber? (170) Ich bleibe hier und vergehe; du bist in das heilige Land der wahren Himmelsbewohner gegangen. Herr, war dein Wort ›Du bist mein Leben‹ also falsch? Du Tugendhafter, der niemals Unwahres sprach! (171) Du mit den kampfstarken Schultern! Wenn ich in deinem Herzen wohnte, hätte der grausame feindliche Pfeil auch mich getroffen. Wohnst du aber in mir, müsstest du noch leben. Offenbar wohnten wir nicht wirklich einer im anderen. (172) Sind dir die Götter alle mit unvergänglichen frischen Blumen freundschaftlich entgegengekommen und gedachten deiner Wohltat: ›Vater, weil du uns Nektar schenktest, sind wir alle gerettet‹?
(173) Dieser Rama kam, um aus dem Versteck den unerbittlichen Pfeil zu schießen. Hätte er dich mit Worten darum gebeten, hättest du ihm nicht dein ganzes Leben gegeben? Du hast doch sogar den Nektar verschenkt! (174) Ich warnte dich zuvor, doch du nahmst mein Wort nicht an. ›Er ist kein solcher Mann; so etwas wird er nicht tun‹, sagtest du und tratst deinem Bruder entgegen. Du, der Weltalter sehen sollte, bist zerbrochen. Wann werde ich dich wiedersehen? (175) Wenn du Meru bedrängst, wird er zu Asche. Wie konnte ein einziger feindlicher Pfeil deine Brust zerschneiden? Ich begreife es nicht. Ist es ein Zauber der Götter? Liegt hier ein anderer Vali tot? (176) Weil dein jüngerer Bruder, entgegen deinem würdigen großen Ruhm, als Feind gegen dich auftrat, ist unser ganzes Glück zerfallen und vernichtet. Mein Sohn, siehst du nicht, was aus unserem Leben geworden ist?
(177) Die Bogenträger, deren seltene Stärke jede Not beseitigen sollte, haben etwas beschlossen, das keinem Helden ziemt. Wie hart ist der Satz, dass allein die Tat das Maß aller ist, die sich an Dharma halten!« (178) So klagte sie auf vielerlei Weise, ganz eins geworden mit dem Schmerz, ohne klares Bewusstsein. Maruti, fest im Recht und einem großen, tief gegründeten Berg gleich, sah ihren Zustand. (179) Er ließ die Frauen Tara zu ihrer bisherigen Wohnstätte zurückführen und sorgte dafür, dass alle letzten Pflichten für Vali vollzogen wurden. Dann ging er zu Rama und berichtete ihm alles Geschehene. (180) Als die Sonne sich dem westlichen Berg näherte, um darin einzugehen, verlor ihre große Scheibe den inneren Glanz. Sie glich dem Antlitz des berggleichen Affenherrschers.
(181) Die Abendsonne verschwand. Rama blieb zurück und dachte an die Lage seiner Gemahlin. Er zehrte sich auf, sein Herz zerfloss im Kummer, und mühsam durchschwamm er das Meer der langen, dichten Nacht.
4.8 – Die Regierung
(1) Weil sein Sohn nun die goldene Krone trug, eilte der Sonnengott voller großer Freude herauf. Mit seinen roten Strahlenhänden öffnete er die Türen der leuchtenden Lotusblüten, damit die hilfreiche Göttin des Glücks hervortreten konnte. (2) Der Herr der Gnade wies seinen verständigen Bruder rasch an: »Lieber, setze dem Sohn der Sonne eigenhändig und nach der vorgeschriebenen Ordnung die Krone auf!« (3) Sogleich sagte Lakshmana zu dem im wahren Kampf bewährten Maruti: »Held, bringe jetzt alles herbei, was für diese Handlung benötigt wird!« (4) Als das Wasser für die Salbung, alle glückverheißenden Dinge, die goldene Krone und die übrigen Gegenstände gebracht waren, führte der Bruder des Edlen die nötigen Vorbereitungen sorgfältig aus.
(5) Die Vedakundigen spendeten Segen, die Himmelsbewohner streuten frische, honigreiche Blumen. Der jüngere Bruder des Herrn des rechten Weges krönte Sugriva nach der in den Fachschriften festgelegten Ordnung. (6) Mit der großen goldenen Krone auf dem Haupt neigte Sugriva sich vor den ehrwürdigen Füßen des Wahrhaftigen. Rama, der die Vollendung der Rede verkörperte, zog ihn an seine gute Brust und sprach. (7) »Gehe nun von hier zu deinem rechtmäßigen Wohnsitz. Bedenke nach der Überlieferung, was nötig ist, und führe es in geordneter Weise aus. Held, erfülle alle Pflichten der großen Herrschaft, die du übernommen hast. Lebe im guten Glück zusammen mit dem Sohn des im Kampf Gefallenen! (8) Verbinde dich auf reine Weise mit Ministern von wahrhaftiger Einsicht und mit fähigen Kriegern von untadeligem Wandel. Führe deine Aufgaben fehlerlos aus. Halte weder zu große Ferne noch übermäßige Vertraulichkeit, sondern stehe in Würde wie ein Gott.
(9) Die Welt schließt vom Rauch auf ein verborgenes Feuer. Deshalb brauchst du auch die Umsicht schriftkundiger Berater. Selbst Menschen, deren Herzen dir feindlich sind, begegne mit einem lächelnden Gesicht, bleibe beim nützlichen Handeln und sprich freundliche Worte. (10) Bedenke, dass der makellose Reichtum, der selbst die Götter in Staunen versetzt, deiner Obhut anvertraut ist. Für jeden, selbst für höchste Weise, gibt es in den drei Welten drei Gruppen: liebe Freunde, Unbeteiligte und Gegner. (11) Tue, was zu tun ist, und denke niemals Böses. Auch wenn Schmähungen dich treffen, antworte freundlich und ohne Herabsetzung. Sprich wahr, sei freigebig und begehre nicht, was andere besitzen. Pflege freudig alles, was dich und die Deinen rettet und erhebt. (12) Verachte Menschen nicht als gering und füge ihnen keinen Schmerz zu. Ich selbst missachtete diese Regel und tat Unrecht. Durch die kleine Bucklige mit ihrem weitreichenden Verstand geriet ich deshalb aus der Fassung und fiel leicht in das Meer schweren Leids, du mit den mächtigen Schultern!
(13) Erkenne ohne Zweifel, dass Menschen durch ihr Verhalten gegenüber Frauen den Tod finden können. Valis Geschichte genügt als Beweis. Auch Leid und Schande, die daraus entstehen, kannst du an uns sehen. Brauchst du noch einen weiteren Vergleich? (14) Beschütze deine Untertanen so, dass sie dich liebevoll betrachten: ›Er ist nicht bloß unser Herrscher, sondern die Mutter, die uns geboren, aufgezogen und versorgt hat.‹ Doch wenn Böses auftritt, bestrafe die Täter, ohne die Grenze des Dharma zu überschreiten. (15) Geburt und Tod sind, genau betrachtet, überall die Folgen vollbrachter Taten. Was soll man darüber hinaus sagen? Selbst für den Reinen auf dem Lotus gilt: Das Ende des Dharma ist das Ende der Lebensdauer. Das, heißt es, steht fest. (16) Die Gelehrten von unvergleichlichem Wissen erkennen für Gedeihen und Untergang keine andere Ursache als die eigenen guten und bösen Taten. Würdiger, wenn beide Kräfte im heftigen Kampf aufeinanderstoßen, solltest du dich dann nicht stets an das Gute statt an die Schuld halten?
(17) So beschreiben die Weisen die rechte Haltung. Überlege nach Natur und Überlieferung und regiere beständig. Wenn die Regenzeit vorüber ist, komme mit deinem meerweiten Heer in geordneter Weise zu mir. Gehe nun!« So sprach der Schöne; Sugriva antwortete. (18) »Wenn es einen Mangel hat, dann nur den Namen ›Affenwohnung‹. Ist unser baum- und wasserfallreicher Berg nicht selbst dem prächtigen Himmelreich überlegen? Freigebiger, bleibe aus Mitgefühl einige Tage bei uns, damit wir dir die gewünschten Dienste leisten können! (19) Feindbezwinger, wir sind dir nahegekommen und haben deine Gnade empfangen. Wäre ein Reichtum, den wir nun getrennt von dir genießen, nicht bloße Leere? Bleibe gnädig bei uns, bis die Zeit gekommen ist, die Großäugige zu suchen!« Er fiel vor Ramas beiden Füßen nieder. (20) Der Herr hörte dies und lächelte sanft: »Eine königliche Wohnstatt ist für Menschen wie uns, die ein Gelübde halten, kein angemessenes Ziel. Würden wir dort bleiben, verginge deine Zeit mit unserer Bewirtung. Du würdest die sorgfältig auszuübenden Pflichten der Regierung vernachlässigen.
(21) Ich habe zugesagt, vierzehn Jahre im heißen Wald zu leben. Möge es dir gut gehen! Ich kann nicht in einer reichen Königsstadt wohnen. Held mit den mächtigen Schultern, siehst du nicht: Welche Freude könnte ich ohne die Frau empfinden, deren Stimme der Laute gleicht? (22) ›Während seine Gemahlin in der bewachten Gefangenschaft eines fremden Rakshasas saß, genoss Rama mit seinen lebenslieben Gefährten unermessliche Freuden‹ – mein Freund, würde dieses bittere Wort nicht für alle Zeiten durch die drei Welten gehen? (23) Ich habe die Pflicht eines Hausvaters verloren und im Kampf das Recht des Bogens verlassen. Solche geringen Annehmlichkeiten wären für mein Leben keine Größe. Um die begangenen bösen Taten zu tilgen, werde ich täglich makellose Askese auf dem Weg des guten Dharma üben. (24) Erfülle alle Aufgaben deiner Regierung, wie sie jeweils anfallen. Nach vier Monaten komme mit deinem wogenden Heeresmeer zu mir. Darum bitte ich dich, Held!« So sprach er, dessen Wandel leicht zu beschreiben, doch schwer zu vollbringen ist.
(25) Sugriva widersprach nicht weiter. »Fehlerlos handelt, wer den Willen dieses himmelhohen Herrn erkennt und ihm folgt«, dachte er. Mit überströmenden Augen verneigte er sich lange und ging, den kaum erträglichen Trennungsschmerz im Herzen. (26) Auch Valis geliebter Sohn verneigte sich vor den Blumenfüßen. Der Erhabene, einer dunklen großen Wolke gleich, blickte ihn gnädig an: »Bewahre deinen guten Charakter. Betrachte ihn nicht bloß als deinen jüngeren Vater, sondern als den Vater, der dich selbst gezeugt hat, und verhalte dich entsprechend. (27) Gehe und folge ihm!« Angada verneigte sich vor den goldenen Füßen und ging. Dann wandte Rama sich Maruti zu: »Held von großer Würde, auch du sollst mit deiner Einsicht tun, was seiner Herrschaft dient.« (28) Hanuman, dessen aufrichtiges Herz vor Liebe überströmte, neigte sich vor den Füßen: »Ich Niedriger möchte hierbleiben und die mir angemessenen Dienste ausführen, die du befiehlst.« Der in der Wahrheit stehende Held antwortete.
(29) »Wenn ein großer Herrscher ein umfassendes Reich bewahrt hat und ein anderer es nach seinem Ende gewaltsam übernimmt, entstehen daraus sowohl Gutes als auch Schwierigkeiten. Lieber, nur durch Menschen von großer Geduld und Einsicht wie dich gewinnt es Bestand. (30) Niemand ist besser geeignet als du, zunächst seine rechtmäßige Regierung zu festigen und danach die mir zugesagte Aufgabe auszuführen. Deshalb, du Verkörperung des Dharma, gehe auf meine ausdrückliche Bitte dorthin!« (31) Maruti antwortete dem Diskusträger: »Wenn dies dein Befehl ist, werde ich so handeln. Heil dir!« Er verneigte sich und ging. Der Herr der alten Weltalter und sein elefantengleicher Bruder suchten einen anderen hohen, weiten Berg auf. (32) Der Sohn der Sonne kehrte mit Ramas Segen auf seinen großen Berg zurück, umgeben von würdigen Helfern und Angehörigen. Er verehrte Tara wie eine Mutter und regierte recht, als befolgte er die früheren Worte seines edlen Vaters.
(33) In seinem reichen Reich dienten ihm alle Affenhelden wie Angehörige, und sein Befehl reichte über sämtliche Richtungen. Er setzte den unermesslich kraftvollen und tapferen Angada als Kronprinzen im rechtschaffenen Wohlstand ein und lebte glücklich. (34) Rama ging zu dem wolkenhohen Gipfel bei Matangas Einsiedelei. An einer Seite des Berges bezog er die untadelige Hütte, die sein wahrhaft liebevoller Bruder mit Hingabe errichtet hatte, und blieb dort.
4.9 – Die Regenzeit
(1) Die Sonne verließ die nördliche Richtung und zog nach Süden. Sie glich einem Boten, den der Held vorausgeschickt hatte, um die lichtvolle Göttin zu suchen, schön wie ein Gemälde. (2) Die Erde, von der vielköpfigen Schlange getragen, war die Lampenschale, das tosende Meer ihr Öl, die Sonne ihre Flamme und der goldene Meru ihr Docht. Der regenverhangene Himmel glich dem Ruß, der sich darüber gesammelt hatte. (3) Der Himmel wurde dunkel wie die Kehle des Gottes mit dem Stirnauge, der das Gift aus dem unzugänglichen Meer verschluckt hatte. Die heißen Sonnenstrahlen wurden kühl und schwach; die Wolken wuchsen. (4) Der blaue Himmel wurde dunkler als Gift, als das tiefe kühle Meer, als die geschminkten Augen und das offene Haar der Frauen, dunkler als Gestalt, Taten und Herzen der betrügerischen Rakshasas.
(5) Die Wolken hatten tagelang durstig das Wasser des kühlen Meeres getrunken. Nun blitzten sie wie Kriegselefanten, deren zahlreiche Wunden sich nach dem Zusammenstoß vieler Schwerter öffnen. (6) Die regenbeladenen Wolken drängten sich zusammen wie Reihen großer dunkler Elefanten. Der ganze Himmel donnerte, als sei das dunkle, langgestreckte Wogenmeer ausgeschöpft und oben ausgebreitet worden. (7) Die sichtbaren Blitze glichen dem Schmuck, den Indra und die anderen Götter ausbreiteten; sie glichen Feuern auf Berggipfeln und dem hellen Lachen der makellosen Himmelsrichtungen. (8) Der Regenhimmel glich auch der Esse eines gewaltigen Schmieds: Die schwärzesten Wolken waren die Kohlenhaufen, der kalte heftige Wind der lange Blasebalg, und die hervorschießenden Blitze das ausgeblasene Feuer.
(9) Sie glichen den blutigen Schwertern, die makellose Vidyadharas mit Edelsteinkronen aus den Scheiden zogen, oder dem aufblitzenden Stirnschmuck der Weltelefanten, der bei jeder ihrer Bewegungen wechselte. (10) Die Blitze breiteten sich oben in jede Richtung aus wie abgeschnittene Sonnenstrahlen, wie Zungen des Donners. Getrennt lebende Frauen und Schlangen in ihren Höhlen brannten vor Furcht und zitterten um ihr Leben. (11) Es schien, als seien die acht Schlangenarten in alle acht Richtungen gekommen und ließen ihre gebogenen Zungen blitzen. Der dunkle Regenhimmel glich Vishnus Leib, und der wehende Wind schien sein tiefer Atem zu sein. (12) Ohne zwischen Hohem und Niedrigem zu unterscheiden, streifte der Wind über Berge, Bäume und alles andere. Er glich dem unsteten Herzen käuflicher Frauen, das nur nach dem Preis fragt und dorthin zieht, wo Geld vorhanden ist.
(13) Der kalte Wind drang zu den Frauen, die unter der Trennung von ihren Geliebten litten, und ließ ihre vollen Brüste vor Schmerz brennen. Er wuchs wie ein Gespenst, das sie als fettes Fleisch zerschneidet und verschlingt. (14) Aufwirbelnder Staub erfüllte den Himmel, Blitze fuhren wie gezogene scharfe Schwerter hindurch, und Donner erschallte wie große Kriegstrommeln. So erschien der Himmel als mächtiges Schlachtfeld. (15) Die Wolkenmassen ließen zwischen Blitzen Regenschauer auf den hohen goldenen Berg niedergehen. Es war, als schösse der Liebesgott seine Blumenpfeile auf den Herrscher, der von der sanft lächelnden Janaki getrennt war. (16) Die Tropfen fielen mit großer Wucht auf die Steine wie Pfeile vom Wolkenbogen. Rote Feuerfunken aus den Blitzen zerstreuten sich darin wie Edelsteine, die in dunkler Nacht aufflammen.
(17) Die Wolken glichen Kriegern, die silberne Speere auf die mächtigen Elefanten eines feindlichen Heeres werfen. Berge, die unter den unwiderstehlichen Tropfen zu schwanken schienen, glichen gefleckten wilden Elefanten, die sich am Boden wälzen. (18) Der Regenbogen war der lange Zuckerrohrbogen, die Wolke der Gott mit dem Fischbanner, die fallenden Tropfen seine Pfeile. Sie schienen die Leiber all jener zu zerreißen, die von ihren lang geliebten Gefährten getrennt waren. (19) Die Wolken donnerten wie jubelnde Götter: »Der Heilige und die Affen haben sich vereint; nun werden sie unsere Feinde vernichten!« Der hüpfende Regen glich den schönen Blumen, die jene streuten. (20) Der Regen der Jahreszeit strömte wie die Augen der beringschmückten Frau, des seltenen Kleinods der Weiblichkeit, als der Rakshasa mit dem prächtigen Bogen sie samt der Erde rasch durch den Himmel forttrug.
(21) Die Blitze glichen dem Pfeil des höchsten Lichtgottes, mit dem er einst die himmelhohen Städte verbrannte. Wie Funken an einer geschärften, glühenden Klinge brannten sie in den Herzen der getrennten Männer; alle litten. (22) Die Regenzeit brachte auf rollenden Wagen die Männer zurück, die fortgezogen waren, um Besitz zu erwerben, und gab den leblos wirkenden Leibern der Zurückgebliebenen ihre Seele wieder. Sie glich Garuda, der die Riesenschlange der verwirrenden Trennungskrankheit vernichtet. (23) Die großen Wolken donnerten nacheinander, spendeten Wasser und drängten sich zusammen. Sie glichen mächtigen Elefanten, die brüllend, mit strömendem Schläfensaft, heiß gegeneinander kämpften. (24) Der starke Wind trieb die feinen Regentropfen immer wieder in andere Richtungen. Wie passend abgeschossene Geschosse flogen die Wasserschauer hin und her: Es schien, als führten die Himmelsrichtungen Krieg gegeneinander.
(25) Wie Frauen neu aufleben, wenn die geliebten Männer vom Erwerb der ersehnten Güter zurückkehren, so öffneten die Baumzweige beim Regen ihre großen Blütengesichter und glänzten mit frischen Trieben. (26) Die Patala-Blüten verloren ihre Fülle, die Sonne verblasste, Kantal-Blumen wurden prächtig, Wasserlilien unscheinbar. Pfauen tanzten, während Kuckucke schweigend ruhten: Die einen glichen Menschen im Niedergang, die anderen solchen, deren Glück neu erblüht. (27) Die roten Kantal-Blüten, von verschiedenfarbigen Bienen wie von Edelsteinen umgeben, wiegten ihre honigvollen langen Blätter. Es war, als schlüge die Erdgöttin staunend die Hände zusammen: »Die Regenzeit hat wahrhaftig den Sommer besiegt!« (28) Schlangen mit scharfen Zähnen umschlangen die hochstieligen weißen Kantal-Blüten, deren Köpfe den ihren glichen. Verliebt ließen sie nicht los; auch die Blumen neigten sich, gleichfalls wie liebesberauschte Schlangen, und verflochten sich mit ihnen.
(29) Rote Samtmilben bedeckten den Boden so dicht, dass kaum ein Sesamkorn dazwischen Platz fand. Sie glichen den verstreuten Resten gekauten Betels, die duftendes Haar tragende Frauen beim wiederholten Liebesspiel mit ihren heimgekehrten Männern ausgespien hatten. (30) Die Gebirgsbäche rissen goldene Venkai- und Konrai-Blüten mit sich und vereinigten ihre trüben Fluten. Sie glichen dem mächtigen Strom, der vom hohen Berg mit süßen Jambu-Früchten rotes Gold herab auf die Erde trägt. (31) Auf den langen Kantal-Blüten lagen zarte goldene Konrai-Blüten und rote Samtmilben. Als die Bienen lieblich summten, schien die Erdgöttin ihre Hände auszustrecken und diesen Sängern Gold und Münzen als Lohn darzureichen. (32) Die zart summenden Bienen ersetzten Saiteninstrumente, die blitzenden Regenwolken die laut geschlagenen Trommeln. Pfauen waren die Tänzerinnen mit Armreifen; rote Blumen leuchteten als Bühnenlampen, andere Blüten glichen den Augen der Zuschauer.
(33) Wenn männliche und weibliche Bienen die blühenden Kutalam-Sträucher durchflogen, erklang bei jeder Berührung ein sanftes Rauschen. Es glich dem Taktschlag der Musiker, die den nektargleichen Gesang und die kunstvollen Bewegungen schöner Tänzerinnen begleiteten. (34) Die Waldströme glichen der Milch, die aus den mächtigen Bergbrüsten der Erdmutter für ihre Kinder floss. An jedem Zweig des Konrai baumelte Gold: Er glich dem Wunschbaum, der alle innigen Wünsche der Bittenden erfüllt. (35) Überall im blühenden Wald schwirrten gestreifte Bienen. Die liebestrunkenen Hirsche rieben sich unablässig an den Bäumen, bis feiner Moschusduft aufstieg; mit ihnen schmollten und spielten die erregten Hirschkühe. (36) Die Wasserlilien schlossen sich wie die glanzlos werdenden Augen schöner Frauen, deren Männer im Wagen in ferne Länder fahren. Die Jasmin-Knospen öffneten sich dagegen wie das zarte Lächeln der Frauen, wenn ihre dem Liebesgott gleichenden Geliebten heimkehren.
(37) Die Wasserfälle sahen die fröhlichen Pfauen als Tänzer und schütteten wie freigebige Könige goldenen Regen als Lohn aus. Die Lotusblüten strahlten wie die Gesichter von Frauen, die sich über den willkommenen Gast, die nahende Regenzeit, freuen. (38) Die Bienen durchsuchten jede frische Blüte und sammelten ihren Honig wie Liebeskenner, die sich auf die Schriften der Liebe verstehen. Sie glichen auch Dichtern, die verschiedene Empfindungen sammeln und nach Bharatas Regeln ein wirkungsvolles Schauspiel gestalten. (39) Die Hirsche schienen sich in unaussprechlicher Freude zu sagen: »Sita mit ihrer schmalen Taille beschämte uns durch ihren Blick. Nun haben wir durch unsere Gestalt dieser bezaubernden Frau unerträgliches Leid bereitet!« So ausgelassen sprangen sie umher. (40) Die Schwäne tauchten in die breiten Becken der zusammenströmenden Flüsse und badeten. Sie glichen Männern, die nach langer, leidvoller Trennung von ihren innig geliebten Frauen, noch ganz von Liebe verwirrt, nun wieder glücklich mit ihnen vereint sind.
(41) Reihen leuchtend weißer Wasservögel flogen neben den mächtigen Wolken, die das Wasser des unermesslichen Meeres geschöpft hatten. Sie glichen weißen Wellen und zugleich einer strahlenden Perlenkette auf der Brust des dunklen Herrn der Regenzeit. (42) Die Reiher zogen in langen, ununterbrochenen Reihen dicht neben den Regenwolken über den Himmel. Sie glichen dem oberen Gewand auf der Brust jenes Einen, den die heiligen Veden als den Gemahl der Glücksgöttin verkünden. (43) Der grausame Sommer mit seiner sengenden Hitze war gewichen; die wohltuende, in ihrer Kraft kaum erfassbare Regenzeit war gekommen. Das frische Gras glich den Härchen, die sich auf dem Körper der Erdgöttin vor innerem, kühlendem Entzücken aufrichteten. (44) Die Pfauen breiteten ihre vielen Augen über den ganzen Wald aus und riefen. Es war, als sähen sie das Leid des Herrn der Weisheit, den selbst Brahma und die Weisen verehren, und suchten voller Mitleid nach Janakas rehgleicher Tochter.
(45) Die roten Lotusblüten glichen den weichen, mit roter Farbe bestrichenen Füßen schöner Frauen, deren Glanz beim Liebesspiel die dunklen Haare tapferer Speer- und Bogenträger färbt. Die Ranken schwankten wie die schlanken Taillen dieser Frauen. (46) Es schien, als habe Rama den Kuckucken gesagt: »Eure Stimme gleicht ihrer süßen Rede; sucht meine entschwundene Frau und bringt sie zurück!« Als hätten sie überall gesucht und unablässig nach ihr gerufen, waren sie nun heiser geworden und verstummt. (47) Auf dem regennassen, grasenden Boden sprossen Pilze wie verschüttete feste Dickmilch. Die weißen Pitavam-Blüten glichen dem Schaum der Milch, die Hirtinnen mit knospengleichen Brüsten in große Gefäße melken. (48) Venkai-Blüten dufteten im Haar der Bergfrauen, umschwärmt von summenden Bienen; Naga-Blüten im Haar der Küstenfrauen. Frischer Jasmin schmückte duftend die Hirtinnen, und Wasserlilien verbreiteten ihren Duft im kunstvoll gebundenen Haar der Frauen des Ackerlandes.
(49) Rama konnte das schöne Gesicht der Frau mit den breiten Hüften nicht sehen. Wessen Anblick sollte sein Leben trösten? Seine Besonnenheit schwand. Er sah die Regenzeit, die dem Liebesgott unzählige tausend Blumenpfeile bereitstellte, und fand kein Ende seines brennenden Leids. (50) Wenn diese gewaltige Regenzeit heraufzieht, werden selbst Menschen schwach, die strenge Askese üben. Ist es da erstaunlich, dass einer leidet, der die runden Schultern einer Frau umfangen hat, deren Worte süßer sind als Honig und Nektar? (51) Seine dunkle Gestalt glich blauen Wasserblumen und der Kaya-Blüte. Er klagte, ermattete und fragte sich, ob überhaupt noch ein Rest Leben in ihm sei. In Gedanken an die schwanengleiche Frau sprach er diese Worte. (52) »Wolke! Ich kenne nicht einmal den Ort, an dem man die Frau mit den schönen Brüsten vor mir verbirgt, und irre doch lebendig umher. Bestehst du nur aus Wasser? Hast du kein Erbarmen? Musst auch du mein Leben erschüttern?«
(53) »Deine Zähne sind glühende, lange Blitze; zornig und schwarz erhebst du dich überall am Himmel. Du gleichst jenen sündhaften, hinterlistigen Dämonen. Wirst du erst Ruhe geben, wenn du mir das Leben genommen hast?« (54) »Grausamer Pfau! Du bringst mir die Frau nicht zurück, deren Augen Speerspitzen gleichen und deren nektarsüße Stimme dem Kuckuck gleicht. Du weißt, wie ich einsam und schlaflos vergehe. Willst du mich mit deinem stolzen Tanz noch quälen?« (55) »Ranke! Mit Regen und Nordwind tanzt du und dringst gewaltsam in mein Leben ein. Aus deinem Blumenmund kommt keine Antwort. Du wiegst dich wie die Taille meiner schmucktragenden Frau mit der leuchtenden Stirn. Willst du meine Seele ebenfalls ins Wanken bringen?« (56) »Reh! Ich begehre kein Unrecht; ich verlasse nicht die Wahrheit und die hohe Gnade, nach der ich strebe. Ich weiß um das Rechte und habe schuldlos keinen Fehltritt begangen. Doch sie trennte sich von mir, während ich lebe. Wo ist sie? Sage es!«
(57) »Mein Leben! Warum gehst du nicht mit der schuldlosen Frau, deren mit Fußringen geschmückte Füße weich wie Baumwolle sind? Warum folgst du ihr nicht ohne Zögern? Vergeh doch! Du verstehst nichts von inniger Verbundenheit!« (58) »Konrai! Du sagst kein einziges Wort. Dein Holz lässt sich zur Flöte aushöhlen; bist du dennoch von unbezwingbarer, diamantener Härte? Grausamer Baum, kannst du sie mir nicht bringen? Für welche Stunde bist du denn mein Freund gewesen?« (59) »Schon eine junge Schlange mit spitzen, Knospen gleichenden Zähnen tötet durch ihr heftiges Gift. Müssen nun auch die zarten Jasmin-Blüten mich mit unerträglichem Leid überfallen? Genügt Ravanas Zorn nicht, dass noch diese roten Indragopa-Tierchen dazukommen?« (60) »Maricha ersann, wie er die Frau mit der leuchtenden Stirn entführen helfen könnte, und nahm die Gestalt eines goldenen Hirsches an. Nun hat sich auch der Todesgott verwandelt und kommt als kalter Wind. Offenbar erhält jeder, der mein Verderben plant, die gewünschte Gestalt!«
(61) »Wolke! Wie ein grausamer Dämon brüllst du am Himmel, sodass alle erschrecken. Doch du lässt auch Blitze aufleuchten. Hast du Mitleid und versprichst, sie mir zurückzugeben? Immer wieder zeigst und verbirgst du die Gestalt der Frau, die ihren Lotussitz verlassen hat!« (62) »Liebesgott! Die Hitze meiner eigenen Atemzüge erfüllt mich und verbrennt mein Leben. Es ist vergeblich, mein schon wundes Herz noch mit Pfeilen zu überschütten. Geh! Wenn mein gelehrter jüngerer Bruder dich jetzt erblickt, wer könnte dich vor seinem Zorn bewahren?« (63) »Helden richten Bogen und scharfe Pfeile im Kampf gegen mächtige Gegner, nicht gegen solche, die bereits vor Furcht zusammenbrechen. Körperloser Liebesgott, Tag und Nacht lässt du mich nicht los! Ist es ruhmvoll, erbarmungslos den Schwachen zu treffen, nur weil der Schuss gelingt?« (64) Als der unvergleichliche Rama so klagte und seine Fassung verlor, litt auch sein jüngerer Bruder. Mit über dem Kopf gefalteten Händen begann Lakshmana ihn zu trösten: »Erhabener, für wen hältst du dich selbst, dass du so verzagst?«
(65) »Bedrückt dich die lange Regenzeit? Schreckt dich die Stärke der dunklen Dämonen? Oder betrübt dich, dass Valis Heer noch nicht gekommen ist, um den Aufenthaltsort der Herrin zu suchen? Held, der die tiefen Lehren kennt, großer Asket: Warum verlierst du den Mut?« (66) »Selbst wenn die Veden, die Vernunft, der Himmel, die Erde und das tiefe Meer ins Wanken geraten, könnte deine Festigkeit erschüttert werden? Kann die Macht jener Toren mit ihren mondsichelgleichen Hauern auch nur bestehen, wenn sich der feine Bogen deiner Brauen ein wenig hebt?« (67) »Wir kennen Hanumans Kraft; aber die Stärke Angadas und der übrigen haben wir noch gar nicht ermessen. Ihre Heere zählen siebzig große Abteilungen. Die leidvollen Monate werden rasch vergehen. Durch deinen Bogen wird die Frau mit der schönen Stirn gewiss zurückkehren. Lass den schweren Kummer fahren!« (68) »Als die vedenkundigen Weisen zu dir kamen, versprachst du: ›Ich werde eure gewalttätigen, hinterlistigen Peiniger samt ihrem Geschlecht bezwingen und euer Leid beenden.‹ Herr, erfülle diese Aufgabe! Gewähre den Göttern, nach dem Untergang jener Feinde in Freude und mit deinem Ruhm auf den Lippen im Himmel zu wohnen. Hilft es, die Besinnung zu verlieren?«
(69) »Wem außer dir sollte der Sieg im Kampf zufallen? Sich der Verzweiflung auszuliefern ist keine Tapferkeit, sondern Verblendung. Eine Verzögerung kann eintreten; sie bedeutet wenig. Wenn du fest entschlossen handelst, was wäre dir unmöglich? Mein Herr, gräme dich nicht!« (70) Der uralte Herr vernahm die Worte seines Bruders und bezwang seine Erschöpfung. Viele Tage vergingen unter wechselnden Qualen. Dann kam die nächste Regenphase über ihn, als gesellte sich zu einer schweren, vom Schicksal verhängten Krankheit noch eine weitere brennende Krankheit. (71) Die großen Teiche füllten sich, Welle drängte sich an Welle. Die dunklen Kuckucke verstummten; die hohen Berge erkalteten. Die Himmelsrichtungen verschwanden im Dunst. Getrennte Liebende litten, während Wasservögel mit ihren Gefährtinnen wie ein einziges Leben zusammenblieben. (72) Der kalte Wind traf die Männer, die sich nach den weiten Hüften schmucktragender Frauen und ihren wehenden Gewändern sehnten. Er brannte wie ein scharf geschliffener Pfeil, der in eine bereits vom Feuer verbrannte, offene Wunde eindringt.
(73) Die Meere waren angefüllt, und die Strahlen der Sonne hatten ihre wärmende Kraft verloren. Nur an der mit Wasser arbeitenden Zeitmessschale ließ sich die Stunde erkennen; ob es Tag oder Abend war, konnte man sonst kaum unterscheiden. (74) Die Reisähren schwollen bis zum Bersten; die lieblichen Papageien verstummten. Vor den Häusern der Fischer, wo die Wellen Perlen anspülten, die doch den reinen Zähnen schöner Frauen unterlegen waren, entfalteten dicht verzweigte Punnai-Bäume ihre goldenen Blüten. (75) Tag und finstere Nacht standen die hohen Elefanten neben den unbeweglichen Felsen und schliefen nicht, obwohl Hagel und schwere Tropfen auf sie niederprasselten. Sie glichen heiligen Asketen, deren Gedanken beim Dharma bleiben und die ihre Haltung nicht verlassen. (76) Die kühlen Schwäne flüchteten auf mit Sandelblättern bedeckte Plätze, in die abends der Rauch von Adlerholz drang. In Höhlen schliefen Affenweibchen; die kräftigen Männchen saßen zusammengezogen da wie einsame Yogis, die ihre Sinne bezwungen haben.
(77) Die klaren Bergteiche und weißen Wasserfälle dufteten nicht mehr nach den Haaren badender Frauen. Die kostbaren Schaukeln hingen unbenutzt; von den erhöhten Wachständen wurden keine glänzenden Steinchen mehr in die Luft geschleudert, während unaufhörlich Regen fiel. (78) In den dichten, kühlen Schraubenbäumen standen die duftenden Blüten zwischen den Blattscheiden. Dort saßen Reiher mit angelegten goldschimmernden Flügeln reglos beisammen, wie Menschen, die von ihren Gefährtinnen getrennt sind. (79) Insekten klangen wie Trommeln, zahlreiche Bienen sangen ihre Melodien. Die Pfauen glichen Tänzerinnen, die verschiedene kunstvolle Figuren aufführen. Unter den Bäumen drängten sich Hirschherden zusammen, während die Regenmassen über sie hinwegzogen. (80) Frauen mit zarten, rankengleichen Taillen bestiegen mit ihren Geliebten Lager, über denen Adlerholzrauch das Lampenlicht verschluckte. Die frierenden Bienen verließen ihre Blütenbetten und schliefen nun lieber in den Höhlungen duftender Sandelbäume.
(81) Die schönen Schwäne verließen ihre Lotuslager und suchten die dicht stehenden Bäume der Haine auf. In Hütten auf erhöhten Plattformen zwischen duftenden Bäumen schliefen die Jäger mit ihren Frauen, deren Zähne hell leuchteten. (82) Bei den kleinen, von Ranken umwundenen Laubbäumen saßen Hirten mit ihren jungen Ziegen und Lämmern. Die sonst wie Diebe heimlich umherstreifenden großen Schakale kauerten zusammen, knirschten mit den spitzen Zähnen und versanken im Hunger. (83) Als die Wolken lange Tropfen wie Pfeile herabschickten, suchten selbst die unerschütterlich starken Elefanten Schutz. Sie drängten sich in die geräumigen Höhlen des felsigen Landes, wo große Bienenvölker seit vielen Tagen ihre Waben hängen hatten. (84) So verdichteten sich Regen und Dunkelheit. Ramas Gedanken blieben bei Janakas rehgleicher Tochter und ihrem perlenhellen Lächeln. Er atmete wie mitten im Feuer. Der Weise wandte sich an Lakshmana und begann zu sprechen.
(85) »Der dunkle Dämon mit blitzenden Zähnen wird seine Listen gegen sie richten. Die Frau mit den herrlichen Brüsten wird gequält, verzweifeln und ihr Leben verlieren. Auch ich kann unter keinen Umständen überleben. Was ist das für ein Geschick?« (86) »An meinen himmelhoch ragenden, diamantenen Schultern hängen Köcher voller glänzender, brennender Pfeile. Muss gerade ich solches erdulden? Obwohl es ist, als hätte mich ein Speer mitten in die Brust getroffen, vermag ich nicht zu sterben!« (87) »Mein Herz steht den Blumenpfeilen des Liebesgottes offen; ich bleibe mit unerträglichem Leid allein zurück. Unterdessen schlafen die kleinen Vögel mit ihren Weibchen im Nest, begleitet vom lieblichen Lampenlicht der glühenden Leuchtkäfer.« (88) »Wenn es am Himmel blitzt und der Regen donnert, erbebe ich innerlich wie eine Schlange. Das also ist die Tat, die ich mit meinem Gang in den Wald vollbracht habe! Die obere und die untere Welt lachen darüber. Was braucht es noch?«
(89) »Vergessen und dadurch weiterleben kann ich nicht. Dauert dieser Regen an, werde ich gewiss sterben und zum Himmel eingehen. Soll ich erst in einer neuen Geburt diese Schmach tilgen? Oder sie dort hinter mir lassen? So bleibe ich im Leid gefangen.« (90) »Wenn wir hier verweilen, wird noch viel Zeit vergehen, bevor wir den Wohnort der Dämonen finden. Das ist nicht das Rechte. Held, die Nachricht ›Er starb, weil er sein Leiden nicht ertrug‹ wäre für mich noch ehrenvoller.« (91) »Die Tropfen dieses Regens brennen auf meinem Körper wie geschmolzenes Kupfer. Soll ich von ihnen versengt sterben, ich, der den Nektar aus dem korallenroten, wasserliliengleichen Mund der geschmückten Frau mit den langen, feucht glänzenden Augen getrunken hat?« (92) »Vor dem mit Ghee genährten Feuer sagte Janaka: ›Diese Frau ist deinem Schutz anvertraut.‹ Ich Unglückseliger habe seine Worte zur Unwahrheit gemacht. Mit mir bleibt keine Treue mehr verbunden. Es ist besser, jetzt zu sterben.«
(93) »Du bist da, um mich zu trösten, und ich bin da, um deinen Trost anzunehmen und auszuharren. Aber die Frau mit den schönen Armreifen zeigt sich nicht. Wer wird dieses Leid jetzt wenden? Gibt es überhaupt eine Grenze meines Kummers?« (94) »Werden wir die pfauengleiche Frau erst dann sehen, wenn meine Kriegspfeile Brahmas Himmel verbrannt haben, die alten Götter untergegangen sind und alle Welten und Lebewesen ihre Verbindung zum Dasein verloren haben?« (95) »Nur meine Ehrfurcht vor dem, was Dharma heißt, hält mich zurück und lässt mich so leiden. Sonst könnten die Feinde nicht überleben, selbst wenn sie vereint mit den Göttern kämen, o Träger des mächtigen, donnernd klingenden Bogens!« (96) Sein jüngerer Bruder antwortete: »Die noch zu zählenden Tage sind nahezu vergangen, auch die kühle Regenzeit geht zu Ende. Die Stunde ist da, den Aufenthaltsort des Räubers zu finden. Herr, dessen Befehl gilt, warum verzagst du?«
(97) »Der rotäugige Herr hätte den Nektar aus dem mächtigen, wogenden Meer durch ein bloßes Wort erhalten können. Doch das wollte er nicht. Er stellte den Berg und die übrigen Werkzeuge bereit und gewann ihn durch das Quirlen mit seinen eigenen großen, blütengleichen Händen.« (98) »Der Herr des Diskus kann durch einen einzigen Gedanken alle Welten hervorbringen und wieder verschlingen. Trotzdem trägt er viele mächtige Waffen und besiegt seine Gegner durch überlegte Kriegsführung und tätiges Handeln.« (99) »Als der himmlische Axtträger mit dem Auge auf der Stirn einst zornig die fliegenden drei Städte verbrannte, wie viele Vorbereitungen traf er und welche Mittel versammelte er! Herr, könnte ein Einzelner sie überhaupt vollständig ermessen?« (100) »Wenn man alle geeigneten Helfer zu Verbündeten macht, den rechten Tag abwartet, sein Vorhaben immer wieder sorgfältig prüft und dann handelt: Könnte einem dann der Sieg entgehen?«
(101) »Die mächtigen Dämonen verlassen den Weg des Dharma und verlassen sich auf ihre Gewalt. Wenn auch wir vom rechten, der eigenen Pflicht entsprechenden Weg abweichen, wessen Stärke werden dann noch Ruhm und Sieg auszeichnen?« (102) »Die Zeit, das Leid der Frau mit den grünen Armreifen zu beenden, ist nun allmählich herangekommen. Lass deinen Kummer fahren! Wir gehören zu den heiligen Weisen; sollten wir uns zu Dämonen machen? Sage es selbst, Meister des schönen Bogens!« (103) Der ewige Herr erkannte den Nutzen dieses Rates. Dennoch quälte ihn der Gedanke: »Wird dieser Regen denn jemals enden?« Während er sich sorgte, nahm die Jahreszeit stetig ab und erreichte schließlich ihr Ende. (104) Die Wolken wurden weiß wie freigebige Menschen, die den Bewohnern der Erde alles Gewünschte geschenkt haben. Nachdem ihr Besitz erschöpft ist, erbleichen sie vor Beschämung, weil sie den unermüdlich kommenden Bittenden nichts mehr geben können.
(105) Die tiefe Dunkelheit des Regens verschwand wie die Täuschung, wenn gründliche Einsicht das wahre Wissen erschließt: Man erkennt das trügerische Wesen des Wirkens, das als gute und schlechte Tat unterschieden wird, und die Verblendung löst sich auf. (106) Das Grollen der mächtigen Wolken verstummte wie die Kriegstrommeln nach beendeter Schlacht. Die Tropfen, langen tödlichen Pfeilen gleich, hörten auf. Die Blitze verschwanden wie Schwerter, die wieder in ihre Scheiden gesteckt werden. (107) An den breiten Hängen der fest gegründeten hohen Berge versiegten die Wasser; die Wasserfälle ruhten. Die Berge schienen ihr weißes Untergewand abgelegt zu haben und nur noch mit heiliger Schnur und oberem Tuch dazustehen. (108) Weil die Wolken von den großen Bergen fortgezogen waren, verloren die mächtigen Flüsse ihr Wasser. Sie glichen dem Vermögen eines Menschen, der seine Würde preisgibt und seinen wertvollen Besitz auf dem Weg zügelloser Genüsse verschwendet.
(109) Die Regenwolken, gleich brünstigen Elefanten mit strömendem Schläfensaft, rückten auseinander. Der Mond erstrahlte wie das Gesicht einer kunstvollen Tänzerin, wenn der Bühnenvorhang geöffnet und beiseitegezogen wird. (110) Der Nordwind trug nun Duft mit sich. Er nahm die Mischung aus Sandelpaste, Zibet und Safran auf, mit der schmucktragende Frauen ihre warmen, vollen Brüste bestrichen hatten, und verstreute ihre duftenden Teilchen. (111) Die günstige Jahreszeit, die den Schmerz des ältesten Königssohnes wenden sollte, war gekommen. Die Schwäne flogen über den Himmel in alle Richtungen, als sagten sie: »Lasst uns aufbrechen und die goldgleiche Frau suchen!« (112) Die großen Pfauen legten ihre Flügel an. Da die hohen Regenwolken sie verlassen hatten, blieben sie von Trauer überwältigt und in langen Gedanken versunken, gleich der schwanengleichen Frau aus Mithila.
(113) Das Wasser klärte sich wie das Herz großer Asketen, die List und böse Taten abgelegt haben. Darin sprangen Fische umher wie die geschminkten Augen junger Frauen, deren weiche Füße von roter Farbe leuchten. (114) Die reifen Lotusblüten auf ihren Stielen glichen den Gesichtern schmollender Frauen. Die prächtigen, duftenden roten Wasserlilien öffneten ihre Knospen und nahmen die Farbe der Lippen von Frauen an, die mit ihren Geliebten vereint sind. (115) Die Frösche hatten wie Schüler verschiedenster Art im lärmenden Unterricht gelehrter Lehrer geklungen. Nun schwiegen ihre Zungen wie die verständiger Menschen, die nur sprechen, wenn der passende Augenblick gekommen ist. (116) Die Flüsse rafften mit ihren Wellenhänden die schönen Gewänder ihres Wassers, eilten mit kräftigen Schritten zum mächtigen Gemahl, dem Meer, und vereinigten sich mit ihm. Ihre Perlen erschienen wie ein freudiges Lächeln.
(117) Die Büschel der Arekapalmen verloren allmählich ihre bisherige Farbe und nahmen einen strahlenden Goldton an. Sie glichen den Frauen, die daheim vor Sehnsucht erbleichen, während ihre Männer zum Erwerb gründlicher Bildung fortgezogen sind. (118) Die Krokodile verließen die Gewässer, nachdem ihre Körper darin ausgekühlt waren. Überall an den großen Teichen lagen sie mit geschlossenen Rachen und schliefen, während die milde Sonne ihre Leiber erwärmte. (119) Die Ranken glichen schönen Frauen: Das liebliche Geplauder der Papageien war ihre Rede, die dunkel glänzenden sechsfüßigen Bienen ihr Haar, die üppigen jungen Triebe ihr Schmuck. Ihre schmalen Mitten wiegten sich anmutig. (120) Die gekrümmten Schnecken zogen ihre Augen ein und gruben sich in den Schlamm. Es schien, als schämten sie sich vor den offen blickenden, rehgleichen Frauen, deren Schönheit sogar die von ihnen hervorgebrachten Perlen übertraf.
(121) Die Krebse, die unter den großen Blättern der vom Regen üppig gewachsenen Feldlotusse gelebt hatten, zogen sich mit ihren geschmückten Weibchen zurück. Sie verschlossen ihre Höhlen und blieben darin, wie Menschen, die ihre Pflichten vergessen haben.
4.10 – Kiṣkindhā: Lakshmanas Gang zu Sugriva
(1) Als diese Jahreszeit vorüber war, sprach Rama zu seinem jüngeren Bruder: »Starker Held, der König lässt selbst die vereinbarte Frist verstreichen und kommt nicht. Was soll dieses Verhalten?« (2) »Er hat schwer erreichbaren Wohlstand gewonnen und denkt nicht an die große Hilfe, die ihn dazu befähigte. Er hat Würde und Dharma vergessen, von Liebe ganz zu schweigen. Vom Genuss seines Lebens verblendet, verkennt er unsere Kampfkraft.« (3) »Er hat die Dankbarkeit getötet, Freundschaft und Zuneigung zerrissen, die Wahrheit verletzt und sein Wort gebrochen. Einen solchen Menschen zu töten wäre kein Vergehen. Geh und erforsche, was in seinem Herzen vorgeht.« (4) »Verkünde ihm meinen Befehl: ›Der Bogen, den ich erhob, um die grausamen Bedränger auszurotten und auf Erden das gute Recht zu schaffen, ist noch vorhanden. Der unentrinnbare Tod ist noch vorhanden. Und auch die für euch bestimmten Pfeile sind noch da.‹«
(5) »Menschen zu bestrafen, die wie Gift wirken, ist keine Hinterlist, sondern entspricht Manus Gesetz. Präge diese Wahrheit dem Unverständigen so ins Herz, dass sie dort fest und deutlich bestehen bleibt.« (6) »Sage: ›Wenn ihr weiterhin über eure Stadt, euer Reich und eure Angehörigen herrschen wollt, dann kommt zur vereinbarten Zeit. Kommt ihr nicht, wird selbst der Name eures Affengeschlechts ausgelöscht werden.‹« (7) »Sollten sie beschließen, sich nach Verbündeten umzusehen, die uns an Stärke überlegen sind, so zeige ihnen: In allen drei Welten gibt es außer dir selbst niemanden, der dich besiegen könnte.« (8) »Erkläre zunächst die Gebote des Rechts. Wenn sie davon nicht abweichen, gerate nicht in Zorn und vernichte sie nicht. Höre ihre Antwort und bringe sie mir. Geh nun!«, sprach der ruhmgeschmückte Held.
(9) Lakshmana nahm den Befehl ehrerbietig an und verneigte sich vor Ramas Füßen. Ohne einen Augenblick zu zögern, hob er den nie leeren Köcher auf den Rücken und ergriff den gespannten Bogen. Er entfernte sich weit, blieb Rama aber im Herzen nahe. (10) Bäume und Berge, die ihm entgegenstanden, wurden zu Staub und wichen von seinem langen Weg. Er folgte keiner ausgebauten Straße; dem Befehl gehorchend, schlug er unmittelbar seine eigene Richtung ein. (11) Unter dem Druck seiner glänzenden, mit Heldenringen geschmückten Füße sanken die hohen, Meru gleichenden Berge tief in die Erde. Die Weltschlange, die mit ihren Augen hört, empfand sichtbar den Schmerz dieser gewaltigen Last. (12) So schnell eilte Ramas jüngerer Bruder durch den glühenden Wald gegen Valis jüngeren Bruder, dass er jenem Pfeil glich, der einst die himmelhohen Mara-Bäume durchbohrt hatte.
(13) Er glich einem Weltelefanten, der nach dem Untergang eines anderen mächtigen Richtungselefanten dessen Platz sucht und mit fest aufgesetzten Füßen stürmisch dorthin eilt. (14) Der Held mit dem goldglänzenden Körper sprang unvermittelt von einem hohen Berg zum nächsten. Er glich der Sonne, die vom großen Berg ihres Aufgangs den Berg ihres Untergangs erreicht. (15) Wie der einzelne Pfeil seines ihm stets verbundenen älteren Bruders erreichte er das hoch gelegene Kishkindha. Auch glich er einem Löwen mit goldglänzender Mähne, der von einem Berg auf einen anderen springt. (16) Die Affen sahen ihn, als sähen sie den Todesgott, und rannten durcheinander. Sie meldeten Valis Sohn: »Der jüngere Prinz kommt in furchtbarem Tempo, erfüllt von kampfbereitem Zorn!«
(17) Angada erkannte den Grund des Kommens dieses tapferen Helden. Er näherte sich ihm nicht, sondern begriff die Absicht des Königssohnes und ging zum Palast seines königlichen Oheims, dessen Füße goldene Heldenringe schmückten. (18) Im königlichen Palast, den Nala errichtet hatte, lag Sugriva auf einem jasminblütengleichen Lager. Junge Frauen mit langem Haar massierten seine Füße, während er sich genussvoll dem willkommenen Schlaf hingab. (19) Der große Wohlstand, den ihm edle Männer verschafft hatten, berauschte ihn wie Wein; dazu hatte er reichlich getrunken. Er strahlte wie ein mächtiger Silberberg inmitten eines gewaltigen, von Lichtpunkten übersäten Goldberges. (20) Eine sanfte Brise erreichte ihn, nachdem sie Sindhuvara-Blüten, honigduftende Gewächse, Teak, Adlerholz und Sandel sowie die duftenden Blumenwälder im langen Haar pfauengleicher Frauen durchstreift hatte.
(21) Der Honig an den perlenhellen, spitzen Zähnen der Frauen mit den süßen, roten Wasserlilienmündern steigerte seinen Rausch, seine Verblendung und sein Begehren. Benommen glich er einem brünstigen Elefanten. (22) Von seiner Krone und seinen Ohrringen gingen lange Strahlenbündel aus und spielten um sein Gesicht. Er glänzte wie ein großer Schneeberg, auf den sich das volle Licht der Sonne ergießt. (23) So lag er da. Taras Sohn, der löwengleiche Held, trat zu ihm, faltete seine beiden großen Hände und begann passende Worte zu sprechen, um ihn aus dem Schlaf zu wecken. (24) »Vater, höre! Ramas jüngerer Bruder ist gekommen. Sein schönes Gesicht zeigt den heftigen Zorn seines Herzens; sein Ansturm lässt sich kaum hemmen. Was gedenkst du zu tun?«
(25) Doch Sugriva nahm nicht einmal wahr, dass diese Worte gesprochen wurden. Von ungeheurem Wohlstand überwältigt und vom Gift des duftenden Getränks betäubt, lag er ohne Bewusstsein seiner selbst auf dem weichen Kissen. (26) Da er unter diesen Umständen nichts ausrichten konnte, brach der junge königliche Löwe, stark wie ein junger Elefant, auf, um Hanuman mit dem makellosen Herzen zu rufen. (27) Zusammen mit Maruti, dem unvergleichlichen Ratgeber, und umgeben von tapferen Kriegern eilte Indras Enkel durch die Luft und erreichte den Palast seiner Mutter. (28) Als sie fragten: »Was sollen wir jetzt tun?«, erwiderte Tara: »Ihr habt gewaltiges Unrecht begangen und meint nun, es leicht beseitigen zu können! Glaubt ihr, heil davonzukommen, nachdem ihr die empfangene Hilfe vergessen habt?«
(29) Sie fuhr fort: »Ich sagte euch: ›Wenn ihr den Tag versäumt, für den der Held euch die Sammlung des Heeres aufgetragen hat, werden auch eure Lebenstage enden.‹ Ihr habt nicht gehört. Nun werdet ihr es sehen; bleibt nur so liegen!« (30) »Draußen steht offenbar derjenige, der den Bogen spannte, damit selbst Valis Leben dem Tod anheimfiel, und der euch reinen Wohlstand schenkte. Das ist wahrlich die angemessene Antwort für Menschen eures Schlages!« (31) »Der Herr, der größer ist als die Götter, leidet ohne seine Gemahlin, als wäre ihm das Leben genommen. Ohne daran zu denken, trinkt ihr den Liebesnektar eurer Frauen mit den dunklen, blütengleichen Augen!« (32) »Ihr seid von der Wahrheit abgewichen und habt die Hilfe zunichtegemacht. Eure Würde ist dahin; eure böse Tat trägt nun Frucht. Wenn er kämpft, werdet ihr sterben. Was sollte weiterer Widerstand noch nützen?« Während sie so sprach,
(33) verriegelten die schwer zu bändigenden Affen das hohe Tor mit seinen langen Querbalken. Mit gewaltiger Kraft brachten sie große Felsblöcke herbei und schichteten sie als Sperre auf. (34) Sie sicherten den Eingang fest, sammelten Bäume als Waffen und drängten sich zusammen. »Wir werden angreifen und ihn zerschlagen!«, riefen sie, häuften sich draußen und brachen weitere Berge los. (35) »Ihr wollt euch also verteidigen?« Zornig lächelte der vorzüglichste Beschützer. Mit seinem lotusgleichen Fuß, an dem die Glücksgöttin wohnt, stieß er leicht gegen das Tor. (36) Sobald der göttliche Fuß sie berührte, verloren die schützende Mauer, das Tor und die dort aufgetürmten Felsen ihren Halt und zerfielen, wie schwer zu tilgende Sünden bei der Berührung heiliger Füße verschwinden.
(37) Die starken Torflügel, der alte Torbau und die steinerne Mauer wurden mühelos von ihren Fundamenten gerissen und flogen zehn Yojanas weit. Die kampfbereit stehenden Affen erfasste Entsetzen. (38) Als mächtige Mauer und breites Tor wie vom Blitz gefällt einstürzten, flohen sie in alle Richtungen, als würden ihre Köpfe zerquetscht und ihre Herzen gespalten. Dennoch blieb ihr kostbares Leben erhalten. (39) Der Lärm der erschrockenen, hastig fliehenden Affen war kaum zu beschreiben. Die große Stadt glich einem Meer voller Seeungeheuer, in dem sich gewaltige Berge mit hohen Gipfeln umherdrehten. (40) Die Affen verließen in Furcht den Berg und zerstreuten sich im Wald. Der dunkle Berg verlor seinen Glanz wie der dicht mit Sternen besetzte Himmel, nachdem sämtliche Sterne verschwunden sind.
(41) Unterdessen betrat der löwengleiche Held die Straße der prächtigen goldenen Stadt. Die Männer bei Tara umringten sie und fragten: »Er ist schon gekommen! Was sollen wir jetzt tun?« (42) Hanuman sagte: »Mutter, tritt ihm mit den Frauen entgegen und versperre den Zugang zum Haus. Dieser besonnene Held wird den Weg dann nicht weiter ins Auge fassen. Das ist jetzt das geeignete Mittel.« (43) »Geht alle beiseite! Ich selbst werde den Helden nach seinem Anliegen fragen«, sagte Tara. Alle zogen sich zurück; sie aber ging entschlossen mit den Frauen, deren Haare lang herabhingen, nach vorn. (44) Lakshmana durchschritt die Königsstraße, wo die berühmten Affenhelden freudig wohnten. Als der einem gegürteten Elefanten gleichende Mann den weitläufigen Palast betreten wollte, stellte Tara mit dem duftenden langen Haar sich ihm entgegen.
(45) Mit einer Schar edler, pfauengleicher Frauen versperrte sie den breiten Weg: Sanfte Gestalten, helles Lächeln, weiße Armreifen, schmale Taillen und junge, volle Brüste standen ihm gegenüber. (46) Die Schar rankengleicher Frauen kam von der rechten Seite. Zwischen ihren Schmuckstücken blitzten die Bogen ihrer Brauen und die Schwerter ihrer Augen; ihre Gürtel klangen sanft, und die mannigfachen Brauenbögen wogten wie Fahnen. (47) Fußringe dröhnten wie Trommeln, breite Hüften umgaben ihn wie Wagen, Augen wie Speere und Brauen wie Bogen. Als die Frauen ihn dicht umringten, wich sein schwer zu stillender Zorn. Der bergschultrige Held wandte sich ab und wagte kaum, noch einmal hinzusehen. (48) Er senkte sein lotusgleiches Gesicht und stützte den langen Bogen auf die Erde. Wie ein junger Mann inmitten seiner Schwiegermütter stand er da. Tara, rein im Herzen, mit goldenen Schultern und langen Augen, trat zwischen die göttinnengleichen Frauen und sprach bebend.
(49) »Sohn, selbst Indra und die anderen könnten solches Glück nur durch die Kraft unermesslich langer Askese erlangen. Dass deine Füße unser Haus betreten, hat uns gesegnet. Wir sind gerettet und von unserem Karma befreit. Welche größere Wohltat gäbe es?« (50) »Deine Krieger erschraken über dein stürmisches Kommen und verstanden dein Anliegen nicht. Sie baten darum, deinen Willen zu erfahren. Herr, du weichst sonst nie von den Füßen des weltherrschenden Königs. Warum bist du gekommen?«, fragte die Frau mit der süßeren Stimme als Musik. (51) »Wer spricht da?«, dachte er. Mit wachsendem Mitgefühl schwand sein Zorn. Er hob den Blick ein wenig zu ihrem schönen Gesicht, das dem am Tag sichtbaren Vollmond glich. Der girlandengeschmückte Held erinnerte sich seiner Mütter und wurde traurig. (52) Sie hatte den glückverheißenden Eheschmuck abgelegt, Edelsteine und duftende Blumengirlanden aufgegeben. Ihre vollen Brüste trugen weder Safran noch Sandelpaste; ein Tuch bedeckte sie und ihren arekastammgleichen Hals. Als der Edle die Frau so sah, füllten sich seine Augen mit Tränen.
(53) »So werden auch meine beiden Mütter aussehen«, dachte er und stand lange mit schmerzendem Herzen da. Dann besann er sich, dass er ihre Frage beantworten müsse, und erklärte der Frau mit dem schönen Haar den Anlass seines Kommens. (54) »Der Sohn der Sonne hat sein Versprechen an Rama vergessen: ›Mit meinem Heer werde ich die Herrin suchen und zurückbringen.‹ Mein Herr befahl mir gnädig, unverzüglich nach seinem Verhalten zu sehen. Sage mir, wie dieses Verhalten zustande kam!« (55) Tara antwortete: »Herr, zürne nicht! Wenn Geringere Fehler begehen, wer außer dir sollte Nachsicht üben? Er hat euch nicht vergessen. Er sandte Boten in alle Welt und wartet auf ihre Rückkehr. Könnte man eure Hilfe überhaupt vergelten?« (56) »Unzählige Boten sind auf seinen Befehl ausgezogen, um die Affenheere zu rufen. Der Tag ihrer Rückkehr ist gekommen. Ihr seid denen, die Schutz bei euch suchen, gütiger als eine Mutter; beruhigt euch! Das ist Dharma. Wer würde zum Feind, wenn niemand Fehler beginge?«
(57) »Ihr habt den Zufluchtsuchenden Schutz und grenzenlosen Wohlstand gewährt. Wenn sie sich dadurch von eurem Dienst ablenken lassen, geht nicht auch das auf euer Geschenk zurück? Sollten sie nicht für die Herrin in den schwertdurchblitzten Kampf ziehen und nötigenfalls sterben, könnte dann ihre Freundschaft bestehen?« (58) »Ihr mit dem rechtschaffenen Herzen habt die erbitterte Feindschaft beseitigt und ihn auf den Thron gesetzt. Wenn er euch trotz dieser großen Hilfe missachtete, wäre bloße Erniedrigung die einzige Folge? Schon hier träfe ihn Armut, und sieben künftige Geburten wären verloren.« (59) »Ein einziger Pfeil brach die Kampfkraft des mächtigen Vali. Braucht ihr überhaupt Verbündete? Habt ihr nicht euren überragenden Bogen? Ihr sucht Helfer, die nach der Herrin suchen. Wir, die wir zu euren Füßen Zuflucht nahmen, müssen diese Aufgabe treu erfüllen und uns dadurch retten.« (60) Lakshmana, verständig und erfahren in guten Lehren, hörte ihre Worte aufmerksam. Mitgefühl erfüllte ihn; beschämt stand er da. Als Maruti erkannte, dass der Zorn gewichen war, trat der treue Helfer mit den diamantenharten Schultern näher.
(61) Hanuman verneigte sich vor seinen Füßen. Lakshmana sah ihn an: »Hast auch du mit deiner grenzenlosen Bildung vergessen, was früher geschah?« Da fürchtete der redekundige Hanuman neuen Zorn und begann: »Mein Herr, höre mich gnädig an!« (62) »Selbst für jemanden, der seine treu liebende Mutter, den Vater, den Lehrer, heilige Brahmanen, Kühe, Kinder oder Frauen tötet, gibt es eine Möglichkeit der Sühne. Aber gibt es irgendein Mittel, die Schuld dessen zu tilgen, der eine unvergängliche Wohltat mit Undank vergilt?« (63) »Herr, die wahre Freundschaft zwischen euch und dem König unseres Affengeschlechts und das daraus entstandene Bündnis habe doch ich vermittelt. Wenn es zerbräche, könnte ich selbst noch gerettet werden? Wäre dann nicht mein ganzes Verständnis befleckt?« (64) »Für mich seid ihr die Götter, die Askese, jede gute Tat und alles Weitere. Herr, ich lasse die Worte beiseite: Welche andere Zuflucht bliebe uns? Ihr habt die Kraft, die drei Welten zu schützen. Wenn ihr zürnt, bleibt uns nur eure eigene Gnade.«
(65) »Der Affenkönig hat euch nicht vergessen. Er hat überall Boten ausgesandt, um die siegreichen Heere herbeizuholen, und wartet auf sie. Bräche er nun sein wahres Wort gegenüber euch, deren Verbündeter Dharma ist, wäre es besser, er wäre nie geboren. Nicht einmal der Hölle könnte er entkommen.« (66) »Held, stark wie ein brünstiger Elefant! Wie könnte man die ohne vorherige Gegenleistung gewährte Hilfe anders vergelten, als dem Helfer im unerschütterlichen Kampf voranzugehen, die Feinde an der Brust zu treffen oder, selbst getroffen, sein Leben hinzugeben?« (67) »Es ist nicht gut, jetzt noch hier stehen zu bleiben. Wenn die Feinde davon erfahren, könnte das eure Freundschaft gefährden. Herr mit der Kraft eines männlichen Löwen, sieh gemeinsam mit unserem König den Wohlstand an, den ihr ihm geschenkt habt!« (68) Nach Hanumans Worten dachte der Held mit den berggleichen, diamantenharten Schultern nach; sein vernichtender Zorn war gestillt. »Er hat die Gnade des Edlen nicht völlig verlassen. Der plötzlich erlangte Wohlstand hat ihn nur zu einer schwer abzulegenden Schwäche verführt.«
(69) Mit diesem Gedanken wandte sich der junge Königssohn, dessen feste Schultern und Heldenringe glänzten, an Hanuman: »Eines möchte ich dir jetzt sagen. Gerade dir kann ich solche Dinge anvertrauen. Bedenke sie sorgfältig!« (70) »Zorn um die entführte Herrin und das Feuer verletzter Ehre zehren am Leben meines Herrn. Wenn ich das sehe, bin ich bereit, königlichen Dharma aufzugeben, mich der Grausamkeit zuzuwenden und Taten von Sündern zu erwägen, ohne auf die Schande zu achten.« (71) »Doch ich habe mich selbst beherrscht, am Leben festgehalten und meinen Herrn getröstet. So vergingen viele Tage. Andernfalls wären die drei Welten verbrannt und die Götter gestorben; selbst der gute Dharma wäre untergegangen. Wer kann ein unausweichliches Schicksal abwenden?« (72) »Weil er dich gesehen hat, vertraut er darauf, dass euer König ihm in der Not helfen wird, als hätte er mich selbst vor sich. Deshalb hat er sich so lange zurückgehalten. Sonst könnte ihn nichts hindern, allein mit seinem Bogen die blitzgleiche Frau zu suchen.«
(73) »Gibt es nur einen Himmel? Es gibt vierzehn Welten, sieben Meere und siebenmal sieben Berge. Solange sie sich innerhalb dieses Weltalls befindet, wäre die Suche danach so schwer? Das Wort, das ihr damals gabt, hinauszuschieben, entspricht nicht dem Dharma.« (74) »Ihr habt nicht bloß gezögert: Ihr habt die seit Langem übermütigen Dämonen weiterleben lassen, den Göttern Leid bereitet, die Not der gelehrten Opferpriester vermehrt und der Sünde Auftrieb gegeben. Zuletzt habt ihr selbst den erzürnt, der sonst nicht zürnt.« (75) Hanuman verneigte sich: »Kenner der alten, erhabenen Schriften! Bewahre das Vergangene nicht länger im Herzen. Wenn wir das Übernommene nicht erfüllen, werden wir sterben. Dharma selbst sei unser Zeuge. Komm nun und begegne deinem älteren Verbündeten!« (76) »Schon früher haben wir auf dein Wort hin gehandelt. Auch jetzt, wo es um die Vollendung geht, folgen wir deinem Rat«, sagte der Träger des goldenen Bogens. Um zu erkennen, wie weit die guten Absichten des Königs reichten, ging er mit Maruti.
(77) Tara zog sich mit den Frauen zurück: Ihre Augen glichen Speeren, die Münder roten Wasserlilien, die Stirnen Bogen, der Gang Schwänen, die Haltung Pfauen, die Hüften Fahnenwagen, das Lächeln Perlen, die Schultern Bambus, die Stimmen Kuckucken, die Brüste Krügen, die Taillen Blitzen, die Nasen Kumil-Blüten und die Haare Regenwolken. (78) Valis geliebter Sohn trat mit kundigen Ministern heran, verneigte sich vor Lakshmanas lotusgleichen Füßen und verlor seine Furcht. Der Bogenträger sagte: »Held, melde deinem Vater rasch mein Kommen!« Angada stimmte zu, verneigte sich und ging. (79) Im Palast ergriff der Held die goldgeschmückten Füße seines Oheims und rieb sie, um ihn zu wecken. »Ramas jüngerer Bruder steht vor deinem Tor. Sein Zorn ist größer als das weite Meer. Das ist geschehen!« (80) Sugriva erwachte und blickte auf die aufgeregte Menge der Frauen. Sein Rausch verflog, doch das Vorhergegangene begriff er nicht. »Held mit der goldenen Girlande, wir haben doch nichts Unrechtes getan. Welchen Grund hat sein Zorn gegen uns?«
(81) Angada sagte: »Vater, du bist nicht am vereinbarten Tag zu ihm gegangen. ›Er berauscht sich am Wohlstand, vergisst die Hilfe und hält sein Wort nicht‹: Darüber ist sein Zorn gewachsen. Nur weil der kluge Hanuman ihn bat, gewährt er uns weiterhin Gnade.« (82) »Als die Affenhelden seinen Ansturm sahen, schlossen sie die goldenen Flügel des himmelhohen Stadttors. Sie holten sämtliche Felsen der Umgebung herbei und türmten sie auf; zornig und kampfbegierig standen sie bereit.« (83) »Der Held sah es und berührte die Sperre mit seinem Lotusfuß. Noch bevor die Berührung vollendet schien, zerbarsten die lange Steinmauer, das Siegestor und die aufgeschichteten Berge nach Norden und Süden und zerfielen zu Staub.« (84) »Wie soll ich beschreiben, was aus dem Heer der starkschultrigen Affen wurde? Wohin es floh und sich verbarg? Als meine Mutter das sah, trat sie mit den geschmückten Frauen dem Träger des blitzenden Bogens entgegen und versperrte ihm den Weg.«
(85) »Er blickte die Körper der Frauen nicht an und konnte seinen aufwallenden Zorn nicht aussprechen. Schwer atmend blieb er stehen. Die edle Frau sprach freundlich: ›Herr, was ist zwischen uns geschehen?‹ Darauf erklärte er sein Anliegen.« (86) »Meine Mutter verstand und besänftigte ihn: ›Er hat seine Pflicht nicht vergessen. Er hat Boten über die felsigen Wege entsandt, um die mächtigen Heeresscharen rasch herbeizurufen, und wartet auf ihre Rückkehr.‹ So ist es hier zugegangen.« (87) Als Angada alles Berichtenswerte erzählt hatte, fragte der Sohn der Sonne: »Wer könnte solchen Männern standhalten, wenn sie zornig gegen ihn antreten? Warum habt ihr mir nicht gemeldet, dass der Bogenträger in solchem Zorn so eilig gekommen ist?« (88) »Ich habe es dir schon gemeldet, aber du hörtest nichts und warst ohne Bewusstsein. Da ich nichts ausrichten konnte, ging ich zu Hanuman. Vater mit der goldenen Blütengirlande und den mächtigen Schultern, du solltest ihn nun augenblicklich selbst aufsuchen.«
(89) Sugriva kam ganz zu sich und sprach: »Könnte jemand noch größere Hilfe empfangen, als ich durch ihn erhielt? Ist ihr Wert zu ermessen? Ich trank und vergaß all das schwere Leid, das er auf sich nahm, um meines zu beenden. Sohn, ich schäme mich, ihm zu begegnen.« (90) »Welche tiefere Erniedrigung gibt es? Wenn einer nicht mehr unterscheiden kann: ›Dies ist meine Mutter, jene meine Frau‹, was bleibt vom Dharma? Trinken ist eine der fünf großen Sünden. Schon verwirrt uns die unablässige Täuschung; nun häufen wir Verblendung auf Verblendung!« (91) »Die Veden und die Weisen mit unvergänglicher Erkenntnis verkünden: ›Wer klar erkennt und das böse Wirken überwindet, wird von Wiedergeburt befreit.‹ Ich aber entferne die Würmer aus dem Getränk und fülle mich damit an, wie jemand, der ein inneres Feuer mit Ghee löschen will.« (92) »›Wenn man sich selbst erkennt, endet die unwürdige Wiedergeburt‹, sagen die Veden und die anderen Lehren. Über der alten, alles durchdringenden Krankheit, das eigene Selbst nicht zu erkennen, erwerbe ich also noch den Wahnsinn und die Verwirrung des Trinkens!«
(93) »Freigebige, die ihr scheues Herz beherrschen, in Erkenntnis eintauchen und Freude wie Leid überwinden, erreichen das Heil. Hat man je gehört, dass jene es gewinnen, die heimlich trinken, dann zurückkehren und vor aller Welt trunken umherlaufen?« (94) »Wenn Menschen die Angriffe ihrer Feinde, die Wohltaten ihrer Freunde, alles Erlernte und selbst Gesehene, die Worte der Gelehrten, ihre Ehre und ihr erlittenes Leid vergessen: Gibt es einen schlimmeren Untergang?« (95) »Trinken bringt List, Diebstahl, Lüge, Verwirrung, zügelloses Umherirren, die Abweisung Schutzsuchender und Hochmut hervor; auch die zarte Lotusgöttin verlässt den Trinker. Gift tötet bloß den, der es trinkt; es schenkt ihm nicht auch noch die Hölle!« (96) »Ich hatte gehört: ›Trinken führt ins Verderben.‹ Jetzt hat sich der Satz vor meinen Augen bewahrheitet. Nur Hanumans Wissen um das rechte Handeln hat das Unheil abgewendet. Was soll ich weiter sagen? Hätte mich der Zorn des rasch gekommenen Helden sonst nicht gewiss vernichtet?«
(97) »Ich fürchte nun das furchtbare Verderben dieses Getränks. Man soll es nicht nur mit der Hand meiden, sondern auch in Gedanken. Wenn ich dieses verderbliche Rauschmittel noch einmal begehre, mögen mich die roten Lotusfüße des Helden zermalmen!« (98) Nach diesen Worten ließ er alles für einen würdigen Empfang bereitstellen und schickte Angada erneut voraus. Er selbst trat, umgeben von seinen Gemahlinnen und Angehörigen, zum großen Eingang und wartete dort in voller königlicher Würde. (99) Alle Straßen waren geschmückt: geriebene rote Sandelpaste, Blumen, Duftpulver, Räucherwerk, geordnete goldene Krüge, Lampenreihen, unvergleichliche Perlenbaldachine, Girlanden und Fahnen. Muschelhörner und dröhnende Trommeln erklangen überall. (100) In reinen Kristallwänden, auf den Böden und zwischen den hohen, aus kostbaren Edelsteinen gefertigten Säulen spiegelte sich Lakshmanas Gestalt. Die Betrachter staunten, als wären tausend junge Helden mit Bogen in der Hand in die strahlende Stadt gekommen.
(101) Angada kehrte zurück und verneigte sich. »Wo ist euer König?«, fragte Lakshmana. Er antwortete: »Löwengleicher Held, der durch Askese Begünstigte steht am mächtigen Tor des wolkenhohen Palastes und erwartet dich zum Empfang.« (102) Frauen mit geschmückten Armen streuten Duftpulver und feine Stoffe aus, während breite Yakschweifwedel Kühlung fächelten. Der weiße Schirm leuchtete wie ein voll gewordener Mond am Himmel. So trat der Affenkönig vor den Helden mit dem schönen Bogen. (103) Frauen mit korallenroten Lippen trugen Ehrenwasser und alle Gaben für die Begrüßung. Trommeln donnerten wie Wolken, Weise rezitierten den Rigveda, und Musik erfüllte die Himmelsrichtungen. Der neu erlangte Glanz des Königs versetzte selbst die Götter in Staunen. (104) Die Scharen vollbrüstiger Frauen leuchteten um ihn wie Sterne; er erschien wie der volle Mond, der über einem Berg aufgeht. Zugleich glich der glückbegünstigte König bei seinem festlichen Empfang seinem eigenen Vater, der Sonne, beim Aufgang über dem Berg.
(105) Lakshmana sah dem herankommenden Affenkönig entgegen. Noch einmal regte sich Zorn in ihm; doch mit klarem Verstand und im Gedanken an die Ordnung des Dharma bezwang er ihn. (106) Beide umarmten einander mit ihren mächtigen Armen, die Querbalken und Bergen glichen. Dann betraten sie zusammen mit den Frauen und den Kriegerscharen die Residenz mit ihren unablässig glänzenden goldenen Türmen. (107) Der Affenkönig zeigte ihm einen bereitgestellten Thron: »Herr, nimm hier Platz!« Lakshmana dachte: »Der Gemahl der Glücksgöttin liegt auf Gras. Wie könnte mir dieser Sitz zustehen?« (108) »Unser Herr musste wegen Kaikeyi mit ihrem steinharten Herzen die strahlende Edelsteinkrone ablegen und ruht auf einem Grashalm-Lager. Soll ich mich da auf ein weiches, goldenes und blumengeschmücktes Polster setzen?«, sagte er.
(109) Der Sohn der Sonne blieb stehen, schluchzte und ließ Tränen aus seinen blütengleichen Augen fließen. Der Königssohn aus Manus Geschlecht setzte sich auf den harten, eingelegten Fußboden des berggleichen Palastes. (110) Junge Männer, Alte und die Scharen der Frauen blickten unverwandt auf ihn und weinten. Sie saßen reglos wie Menschen, die ihre Sinne stillgelegt haben. Traurig und erschüttert wussten sie nichts zu sagen. (111) Der König bat: »Bade nach der überlieferten Vorschrift und nimm köstliche Speisen zu dir. Dadurch wären wir alle gerettet.« Der jüngere Bruder des dunklen Herrn antwortete. (112) »Wenn Leid und Schande unseren Bauch bereits ausfüllen, was könnte uns noch schmecken? Selbst wenn Hunger da wäre: Sobald das Herz von Kummer umfangen und anderswo ist, schmeckt sogar Nektar bitter.«
(113) »Lösche das lodernde Feuer unserer Schande: Dann hast du uns im Wasser der Ganga gebadet. Zeige uns die Gemahlin des Königs: Dann hast du uns mit dem kostbaren Nektar des Meeres gespeist. Eine andere Rettung gibt es für uns nicht.« (114) »Ich esse nur, was unser Herr von grünen Blättern, Wurzeln und Früchten übrig lässt. Nichts anderes begehre ich. Würde ich etwas anderes begehren, wäre es für mich gewiss nur wie der Speiserest eines Hundes.« (115) »Außerdem, Herr: Erst wenn ich zurückgehe, Nahrung herbeihole und sie bereitstelle, wird dein königlicher Freund essen. Deshalb wäre es nicht gut, mich heute auch nur einen Augenblick länger aufzuhalten.« (116) Der Affenkönig dachte: »Während der vorzüglichste aller Menschen im Leid lebt, genießen wir das gute Leben. Das passt wahrlich zu unserem Affengeschlecht!« Seine königliche Haltung brach zusammen, und er schluchzte aus tiefster Seele.
(117) Der Sohn der Sonne erhob sich unvermittelt. Tränen strömten; sein genussreiches Leben war ihm widerwärtig geworden, sein Herz erschüttert. Er wandte sich mit einem Auftrag an Hanuman und bereitete seinen unverzüglichen Aufbruch vor. (118) »Kundiger des rechten Weges, bleibe hier und bringe die Heere mit, die auf den Ruf unserer Boten eintreffen!«, befahl er Hanuman. Dann eilte er zu dem Ort, an dem sein Herr verweilte. (119) Angada begleitete ihn; Affen zogen voraus, und die Herzen der Frauen folgten ihm auf seinem Weg. Vom zuverlässigen Lakshmana begleitet, eilte der Sohn der Sonne rasch zu dessen älterem Bruder. (120) Neuntausend Koti Affen zogen vor ihm, hinter ihm und dicht an seinen Seiten. Auch seine zahlreichen königlichen Angehörigen umgaben den Helden, dessen Schmuck den Blitz an Glanz übertraf.
(121) Wälder von Fahnen drängten sich, Trommeln donnerten wie Gewitterwolken, Muschelhörner schallten. Der Schmuck blitzte wie ein Wald von Blitzen; Staubwolken stiegen auf und verhüllten den Himmel. (122) Sänften aus Gold, Perlen, feinen Stoffen, blitzenden Edelsteinen, Kristall und Silber reihten sich prachtvoll aneinander; größer als der Himmel schienen sie. Weiße Sonnenschirme umgaben sie. (123) Weil der jüngere Bruder des Helden mit seinen herrlichen Füßen auf der Erde ging, ging auch der Sohn der Sonne zu Fuß. Seine goldenen Fußringe klangen unter der Girlande; die Sänfte folgte hinter ihm her. (124) Er erreichte den großen Berg, auf dem Rama wohnte. Das Heer ließ er zurück. Gemeinsam mit dem Prinzen, der Bogen und mächtige Heldenringe trug, schritt er weiter; Angada ließ seine Hand los und ging seitlich, während Sugrivas Liebe vorauseilte.
(125) Der Affenkönig gab die Bindung an seinen unermesslichen Wohlstand auf und näherte sich voller Liebe, um die Füße des Herrn zu verehren. Er glich Bharata, dessen Heldenfüße der Tugendhafte täglich ehrte. (126) Rama saß, seit auch sein unzertrennlicher jüngerer Bruder fortgegangen war, allein wie am Ende der großen Welt. Sugriva berührte seine blütengleichen Füße mit dem Haupt; klingende Girlande und Halsketten senkten sich bis zur Erde. (127) Sogleich umarmte Rama ihn lange mit seinen großen goldenen Armen, so fest, dass selbst die Glücksgöttin an seiner Brust bedrängt wurde. Der aufgeflammte Zorn verschwand; seine frühere Güte kehrte zurück, und er bot ihm einen Sitz an. (128) Er setzte ihn freundlich neben sich: »Gehen deine Herrschaft und deine Befehle geordnet ihren Weg? Leben die vielen Wesen unter deinem Schutz glücklich, du mit den wolkengleich spendenden Händen? Hält dein Schirm alle sengende Hitze fern?«
(129) Der Sohn des Herrn, dessen Wagen über den Himmel rollt, hörte die bedeutungsvollen Worte. »Ewiger Herr! Deine Gnade ist für die dunkle Welt wie die Sonne. Da ich sie besitze, sollten mir solche Dinge schwerfallen?« (130) Dann sagte er: »Erhabener König! Ich erhielt den Wohlstand, den deine liebevolle Gnade mir schenkte. Doch ich blieb zurück und vernachlässigte deinen Dienst. Damit habe ich meine niedrige Affennatur erneut hervorgekehrt.« (131) »Ich hätte alle Himmelsrichtungen gründlich durchsuchen und sie zurückbringen können. Obwohl ich dazu fähig war, tat ich es nicht. Während du mit deinem klaren Herzen um die schön geschmückte Frau littest, gab ich mich dem Wohlleben hin.« (132) »Wenn dies meine Natur, mein Denken und meine Gesinnung sind: Muss ich dann noch von den Taten und der edlen Tapferkeit reden, die künftig von mir zu erwarten wären? Großmütiger Träger des Bogens und der kunstvollen Heldenringe!«
(133) Der Herr, an dessen Brust die Glücksgöttin wohnt, erwiderte: »Die Frist ging eben erst zu Ende. Eine schwer zu vermeidende Verzögerung, wie sie deine Vertrauten erklären, ist doch kein eigentlicher Verzug. Du bist mir wie Bharata. Warum sprichst du so?« (134) Dann fragte der Edle: »Mein Freund, wo ist der verständige Maruti geblieben?« Der Sohn der Sonne antwortete: »Er wird mit einem gewaltigen Heer erscheinen, das die weite Wasserfläche des Meeres übertrifft.« (135) »Tausend Koti ausgewählte Boten sind ausgezogen, um das große Heer herbeizubringen. Heute und morgen waren als Tage der Ankunft bestimmt. Hanuman wird zusammen mit diesem kampfstarken Heer kommen.« (136) »Neuntausend Koti deines gewaltigen Heeres sind bereits hier. Für die Ankunft der großen übrigen Streitmacht endet die Frist morgen. Wenn alle eingetroffen sind, kannst du bestimmen, was getan werden soll.«
(137) Rama freute sich: »Held, wäre diese Aufgabe für dich schwer? Deine Anordnung ist gut. Der größte Teil des Tages ist vergangen. Kehre zurück und komm wieder, wenn dein Heer versammelt ist.« Sugriva verneigte sich und ging. (138) Der rotäugige, lotusgleiche Herr sprach freundlich zu Angada: »Mein Sohn, geh und bleibe bei deinem Vater.« Dann verweilte er dort mit seinem jüngeren Bruder und, in seinen Gedanken, mit seiner Gemahlin. (139) Der weithin Berühmte bat: »Berichte ohne Auslassung von deinem Gang zum Sohn der Sonne und von allem, was dort geschah.« Der starke, wahrhaftige Lakshmana erklärte ihm alles so, dass er es vollständig verstand. (140) So blieb Rama an jenem Tag dort. Nun wollen wir erzählen, wie noch bevor die Sonne den goldenen Berg im Osten erhellte, auf den Ruf der mächtigen Boten die berggleichen großen Affenheere eintrafen.
4.11 – Die Heerschau
(1) Shatabali kam mit zehntausend Koti mächtigen Affen. Tausend Affenfürsten begleiteten ihn, jeder mit der ungestümen Kraft von tausendmal tausend Elefanten. (2) Sushena erschien mit tausendmal hunderttausend Koti Affen. Sie tranken ausgewählten Honig, besaßen klare Sinne und hatten die Kraft, den fest gegründeten Meru emporzuheben. (3) Tara, der Vater Rumas, deren Worte unvergleichlichem Nektar glichen, kam mit achtundvierzigtausend Koti Affen. Ihr Heer konnte das grenzenlose Meer in einem Augenblick so aufwühlen, dass sein schlammiger Grund sichtbar wurde. (4) Kesari, der Vater des Verlässlichen, dessen Ruhm auf Erden und im Himmel eingeschrieben steht, schritt wie ein Meer heran. Fünfzigmal hunderttausend Koti mächtiger, hohen Bergen gleichender Affen umringten ihn.
(5) Der gewaltige Dhumra kam mit zweitausend Koti Bären. Sie waren stärker als der scharfzahnige Eber, der die Erde trug, und glichen dicht gedrängten diamantenen Bergen mit behaarter Oberfläche. (6) Gavaksha, dessen Name an das Auge einer Kuh erinnert, traf mit viertausend Koti edlen Affen ein. Wenn sie zürnten, konnten sie die Sonne bezwingen und selbst die Welt zerdrücken, die sie sonst allein zu tragen vermochten. (7) Panasa, groß wie ein unvergleichlicher breiter Berg, konnte mit donnerndem Zorn schon das Herz dessen zerschlagen, der an ihn dachte. Er kam mit zwölftausend Koti reiner, grimmig kämpfender Affen. (8) Nila kam mit fünfzig Koti gewaltiger Affen. Ihr grenzenloses Kriegsgeschrei erschreckte selbst Donner und Meeresbrausen; schnell, kampfstark und furchtbar glichen sie dem Tod.
(9) Darimukha brachte dreißig Koti meeresgleicher Scharen: großhändig, breitbrüstig, stark und standfest. Ihre wilden Augen strahlten sengende Hitze aus, und ihre Leiber übertrafen selbst große Gebirge. (10) Gaya kam mit einem Meer von dreißigtausend Koti Affen. Unter ihrer Last schien die ermattete Erde um eine zweite Erde zu bitten. Ihre zornigen Blicke erschreckten selbst die wilden Löwen. (11) Jambavan, dessen mächtige Schultern einem hohen Berg glichen, erschien mit sechzehnhundert Koti Kriegern. Das gewaltige Heer wälzte sich zornig heran wie übereinanderstürzende Meereswellen. (12) Durmukha, dem der lotusgeborene Brahma befohlen hatte: »Beende das Leben der Dämonen!«, besaß unbezwingliche Stärke. Er folgte mit einem grimmigen Heer, dessen Koti-Zahl der Dichter als das Doppelte von zehnmal tausendmal hunderttausend angibt.
(13) Der berggleiche Dvivida mit seiner blütenreichen Girlande folgte. Hunderttausendmal Koti über Koti großer, zorniger Affen drängten sich an beiden Seiten; ihr Staub versenkte Himmel und Erde in dichten Dunst. (14) Mainda erschien mit einem gewaltigen Heer von zehnmal tausendmal hunderttausend Koti grimmiger Affen. Wie die verkörperte Gestalt des Sieges erstrahlte er in seiner Kraft; der starke Gajagomukha begleitete ihn. (15) Kumuda kam mit neun Koti tapferer, zorniger Affen. Sie wirbelten wie Kreisel, waren schneller als Wind und Tod und bewegten sich wie ein Meer, das mit seinen glänzenden kühlen Wellen den Standort wechselt. (16) Padumukha trat mit neunundvierzigmal hunderttausend Koti Kriegern mit gewaltigen Schultern heran. Selbst wenn das Meer bei der Weltauflösung seinen Ort verließe, blieben sie unerschüttert; ihr Staub stieg von der Erde bis zum Himmel.
(17) Rishabha zog mit neunhundert Koti Affen von mächtigen, kampfstarken Armen heran. Sie glichen ringsum versammelten Gebirgen, die selbst dann nicht zusammenbrechen, wenn alle vierzehn Welten untergehen. (18) Dirghapada, Vinata und Sharabha kamen nacheinander mit unzähligen Koti dunkelgesichtiger Krieger, deren brausende Heere das große schwarze Meer übertrafen. Der aufgewirbelte Staub verhüllte das Weltall und alles jenseits davon. (19) Hanuman traf mit fünfundzwanzigtausend Koti Affen ein. Sie durchstreiften die ganze Erde und breiteten sich so weit aus, dass die Himmelsrichtungen zu eng schienen. Selbst beim Anblick des Gottes mit den fünf Waffen kannten sie keine Furcht. (20) Nala, der wahrhaft edle, geliebte Sohn des göttlichen Baumeisters, kam mit hunderttausend Koti rasch versammelter Krieger. Selbst die Götter fragten: »Wie wird das enden?« Der Todesgott wurde bei ihrem Anblick verwirrt und ratlos.
(21) Kumbha, der edle Shankha und die übrigen Affenfürsten brachten weitere große Heere. Kein Mensch auf Erden konnte sie zählen. Sie waren würdige Helfer für Ramas Köcher voller Pfeile; ihr Maß ließ sich sonst nicht beschreiben. (22) Würden diese Heere in die sieben Meere eintauchen, trocknete deren Wasser zu weißem Staub. Lehnten sie sich an, stürzten Weltall und Meru zugleich. Zögen sie aus, bliebe im Erdkreis kein Platz für ein Sesamkorn. Gerieten sie in Zorn, würden Feuergott und Sonne verkohlen. (23) Siebzigtausend Brahmas könnten sie nicht zählen. Alle Weltalle reichten ihnen nicht für eine einzige Handvoll Nahrung. Nicht einmal der Gott mit dem Stirnauge könnte sie mit seinem Blick vollständig erfassen: So unermesslich war das Affenheer auf Erden. (24) Wollte es etwas brechen, könnte es den nördlichen Meru samt Wurzeln brechen. Wollte es etwas zerschlagen, könnte es das hohe Himmelsgewölbe zerschlagen. Es könnte Wind und Tod ergreifen und die sieben Meere aus der hohlen Hand austrinken.
(25) Siebenundsechzig Koti Affenführer trafen mühelos mit dieser gewaltigen Streitmacht ein. Sie vermochten über die benannten Himmelsrichtungen hinauszuspringen und hatten die Kraft, jeden Gedanken des unvergleichlichen Königs zu vollenden. (26) Die Helden drängten sich mit ihren Heeren zusammen, deren Ausdehnung selbst die sieben Meere übertraf. Sie streuten Blumen und verneigten sich: »Heil den Füßen des Sohnes der Sonne, deren großer Wagen von Rossen gezogen wird! Heil!« (27) Als das Heer versammelt war, eilte der Sohn der Sonne zu Dasharathas Sohn. »Deine große Streitmacht ist noch schneller gekommen, als man denken konnte. Du Tod aller bösen Taten, sieh sie dir gnädig an!« (28) Rama freute sich; sein Gesicht blühte wie sein Herz. Er lebte auf, als sähe er seine Gemahlin schon zurückkehren, und nahm auf dem Gipfel eines hohen Berges Platz. Der Sohn der Sonne kehrte zum Heer zurück.
(29) Er befahl dem grenzenlosen Heer, sich in einer fünfzehn Yojanas breiten Formation genau von Norden nach Süden in Bewegung zu setzen. Dann kehrte er mit den kampfesgrimmigen Heerführern zu Rama zurück. (30) »Siegreicher Held, sieh!«, sagte er und stellte ihm die Scharen geordnet vor. Dann blieb er dort sitzen. Mit Gebrüll und gewaltigem Ansturm setzte sich das Heer in Bewegung, als strömte das schäumende Milchmeer eine Straße entlang. (31) Staub stieg auf und verhüllte die acht Himmelsrichtungen, die weite Erde, den runden Himmel der Götter und sämtliche wogenden Meere. Das Weltall glich einem Gefäß, das fest und randvoll mit Staub angefüllt worden war. (32) Vergliche man das Heer mit den Meeren, so gibt es doch Menschen, die deren Maß kennen. Welches andere Gleichnis könnten die Kundigen nennen? Zwanzig Tage und Nächte sah man ununterbrochen hin und erkannte nicht einmal die Mitte, geschweige denn das Ende.
(33) Rama, der an Siegeskraft im Himmel, auf der wasserreichen Erde und in der Schlangenwelt nur sich selbst zum Vergleich hatte, prüfte das Heer mit Augen, Verstand, Bildung und Weisheit. Dann sah er seinen jüngeren Bruder an und sprach. (34) »Wir haben den Leib dieses machtvoll aufragenden Heeres erfasst. Aber können wir es jemals bis ans Ende überschauen, du mit der blütenreichen Girlande? Die Menschen sagen: ›Wir haben das Meer gesehen.‹ Wer hat es denn vollständig gesehen?« (35) »Wer könnte die Gestalt des höchsten Herrn, die zehn Himmelsrichtungen, dieses makellose Heer, die fünf großen Elemente, das Wissen, die gesprochene Sprache oder die Streitigkeiten der Religionen bis an ihr Ende ermessen, Träger der duftenden Girlande?« (36) »Wenn wir hier bleiben, bis wir dieses Heer vollständig gesehen haben, und erst dann handeln, werden viele Tage vergehen. Das Richtige ist, unsere Gedanken auf die Aufgabe zu richten.« Sein jüngerer Bruder faltete die Hände und antwortete.
(37) »Herr, welche Tat in irgendeiner Welt wäre diesen Kriegern unmöglich? Könnte man noch etwas als schwierig bezeichnen? Die Herrin zu suchen ist gering dagegen. Durch dieses Heer ist die Sünde schon besiegt und Dharma hat gewonnen.« (38) »Wurden in der großen, von Brahma aus dem Wasserlotus geschaffenen Welt die anderen Lebewesen vielleicht nur dazu erschaffen, diesem Affenheer Unterkunft zu gewähren? Es gleicht mächtigen Gebirgen, die Leben empfangen haben und sich erheben.« (39) »Warum noch zögern, Kenner der großen Schriften? Lasst uns unverzüglich Suchende in alle acht Richtungen aussenden!«, sagte der Jüngere. Darauf richtete Rama eine Frage an den Sohn des Wagenlenkers am Himmel.
4.12 – Die Aussendung der Suchtrupps
(1) »Gibt es eine bestimmte Gesamtzahl für dieses unaufhaltsame Heer, das sich dicht und weit ausbreitet, für das es weder Vergleich noch Maß noch einen ebenbürtigen Feind gibt?«, fragte Rama. (2) Sugriva antwortete: »Die Kundigen haben nach ihrer Berechnung gesagt: ›Es zählt siebzig Vellam.‹ Außer dieser Angabe könnte jemand wohl kaum schon den Anfang seiner Erscheinung aussprechen, bevor er zu zählen beginnt.« (3) »Siebenundsechzig Koti siegreiche Führer befehligen die Krieger. Ihr oberster Feldherr ist Nila, der selbst den grausamen Tod zu Asche machen könnte.« (4) Rama mit dem siegreichen Bogen sprach freundlich zum Sohn der glühenden Sonne: »Wozu jetzt noch lange reden? Überlegt, welche Schritte auf dem richtigen Weg als Nächstes auszuführen sind!«
(5) Sugriva wandte sich an Hanuman: »Edler, du kannst wie dein Vater die drei Welten in rasendem Tempo durchstreifen. Warum bedenkst du das nicht und zögerst? Willst du nur die Taten der schnellfüßigen Affen ansehen?« (6) »Brich auf und suche die schön geschmückte Frau, wo immer sie ist! Durchsuche den Himmel und die vier Landschaften der Erde. Deine Schnelligkeit, mit der du selbst die Welt des himmlischen Genusses betreten kannst, muss sich jetzt zeigen.« (7) »Nach meinem Wissen liegt Ravanas ferne Stadt im Süden. Für diese schwierige Richtung brauchen wir keinen anderen Siegeshelden als dich, Maruti!« (8) »Kluger, als wir den hinterlistigen, schwerttragenden Dämon sahen, der die Gemahlin des Edlen geraubt hatte, zog er nach Süden. Auch diese Erinnerung habe ich. Bedenke sie!«
(9) »Taras Sohn, Jambavan und die übrigen hervorragenden Helden sollen dich begleiten. Mit euch werden zwei Vellam des starken Heeres in geordneter Weise aufbrechen.« (10) »Sushena soll mit einem siegreichen Heer nach Westen ziehen, Shatabali nach Norden, wo Kubera wohnt, und Vinata nach Osten, in Indras Himmelsrichtung«, befahl er. (11) »Ihr siegreichen Helden sollt jeweils mit zwei Vellam Affen überall umherziehen und gründlich suchen. Bevor ein voller Monat vergangen ist, müsst ihr alle wieder hier eintreffen.« (12) »Wenn ihr von hier aufbrecht, erreicht ihr das Vindhya-Gebirge. Seine tausend schön leuchtenden Gipfel lassen es wie den mächtigen Diskus erscheinen; man möchte sich davor verneigen.«
(13) »Durchsucht den Berg und zieht weiter zur Narmada. Selbst die Götter baden dort; sechsfüßige Bienen singen die fünf Töne, und zahlreiche Edelsteine vertreiben mit ihrem Glanz die tiefe Dunkelheit.« (14) »Dann erreicht ihr den Berg Hemakuta. Dort singen himmlische Frauen mit schönen Gürteln auf Liebesschaukeln so berauschend, dass die zarten Ashunam-Wesen von dieser Musik in Schlaf versinken.« (15) »Verlasst den Berg rasch mit euren Gefährten und zieht weiter, bis die Ufer seiner Teiche hinter euch liegen. Durchsucht die rote Pennai und die schwarze Pennai einige Tage und setzt euren Weg zügig fort.« (16) »Lasst Vidarbha mit seinen dichten Einfriedungen aus hohen Adlerholz- und Sandelbäumen hinter euch. Nach weiteren weiten Ländern erreicht ihr Dandaka, wo sich die Wasser in langen Becken sammeln.«
(17) »In Dandaka soll Agastya früher gelebt haben. Besucht die Asketen und begegnet ihnen im Herzen; so schwindet euer inneres Leid. Dort werdet ihr einen dichten Hain namens Mundakatturai sehen.« (18) »Dieser blühende Hain steht der Welt offen wie der Besitz guter Menschen, an dem alle teilhaben. Unabhängig von der Jahreszeit reifen dort süße Früchte, lieblich wie der Mund tugendhafter Frauen.« (19) »Dort blinzeln die Augen nicht, und niemand schläft; die Sonne kennt keinen wechselnden Lauf. Auch euch gewährt der Ort die Wonne, die aus der Vereinigung mit Frauen auf dem Liebeslager entsteht.« (20) »Jenseits davon erhebt sich der Berg Pandu bis zum Mond. Selbst der Herr der roten Sonnenstrahlen scheint zu sagen: ›Ohne hier zu verweilen, kann ich nicht weiterziehen.‹«
(21) »Nahe diesem Berg fließt die heilige, breite Godavari. Ihre alten Fluten bringen Perlen, Gold und Edelsteine, reißen Quirlstäbe aus den Höfen der Hirten, Bäume, Berge und Tiere mit. Statt den Verstand zu verwirren, schenkt dieses heilige Wasser den Menschen Zugang zur Welt der Weisen.« (22) »Jenseits dieses Flusses erreicht ihr Suvarna. Dort sind die ausgedehnten Blumenhaine so kühl, dass selbst der klare Strom der Gnade, der dem Dharma gleicht, daneben heiß erschiene. Die Sonne dringt nicht ein; Edelsteine vertreiben die Dunkelheit. Dort ruhte einst der Sechsgesichtige auf Wunsch der Götter allein.« (23) »Nach der Suvarna seht ihr den Waldberg Suryakanta, wo von Frauen geschleuderte Steine Sonnenlicht verbreiten, und den Berg Chandrakanta. Lasst beide hinter euch, durchquert viele weite Länder und erreicht Konkana und Kulinda, wo Ananta sich vor Garuda verbirgt.« (24) »Verneigt euch vor dem hohen Arundhati-Berg neben dem Götterfluss. Seine glänzenden Gipfel berühren den Himmel; den Verehrenden gewährt er große Gaben. Er ist so schwer zugänglich wie die höchste Erlösung für Unverständige, die streiten: ›Shiva ist größer!‹ oder ›Vishnu, der die Welt maß, ist größer!‹«
(25) »Zieht weiter durch furchtbare Ödnisse, über Flüsse, breite Bergteiche, wolkenhohe Sandel- und Adlerholzberge und fruchtbare Länder. Verehrt den unvergänglichen Smaragdberg, den Garuda aufsucht, der den giftkehligen Schlangen Nektar gab und dadurch seine Mutter befreite; dann zieht an ihm vorbei.« (26) »Erreicht den hohen Venkata mit seinen kühlen, laubreichen Hängen. Er bildet die Grenze zwischen der nördlichen und der südlichen Sprache, die Vollendung aller Lehren der vier Veden und anderer Schriften sowie des guten Dharma. Ohne seinesgleichen steht er da wie die ruhmreiche Wahrheit selbst.« (27) »Dort leben die großen Feinde des schwer lösbaren Karma. Sie verrichten weder gutes noch schlechtes, noch sonstiges bindendes Wirken; göttlichen Wohlstand und die Armut des Bettelns betrachten sie gleich. Sie erkennen darin den Keim der Wiedergeburt und tilgen ihn durch grenzenlose Weisheit. Verehrt ihre Füße schon von hier aus!« (28) »Dort fließen volle Ströme, in denen reine Vedenkundige nach ihrer Andacht baden; große Asketen wohnen dort, und Wolken ruhen in edelsteinklaren Teichen. Wenn Kinnaras ihre süßen Saiten anschlagen, erklingt Musik wie der Gesang himmlischer Frauen, und junge Elefanten und Tiger schlafen friedlich dabei ein.«
(29) »Nähert ihr euch diesem gipfelreichen Berg, schwindet euer langes, schweres Karma und ihr erlangt Befreiung. Deshalb umgeht ihn! Erreicht das Land Tondai und durchsucht es. Danach untersucht beide Ufer der heiligen Ponni mit ihrem reichen, kühlen Wasser.« (30) »Wer das wasserreiche Chola-Land betritt, dessen Flüsse den Herzen der Erlösten gleichen, vergisst seine frühere Heimat und bleibt dort freudig verborgen. Zieht deshalb rasch hindurch, bewahrt euch gesammelt wie Schlafende, die wissen, dass sie träumen. Durchsucht das edelsteinreiche Bergland und geht weiter ins weite Tamil-Land.« (31) »Wenn ihr am weiten Potiyil im südlichen Tamil-Land zur tamilischen Dichterversammlung des heiligen Weisen gelangt, werdet ihr dort für immer bleiben. Lasst diesen Berg deshalb links liegen. Hinter der goldreichen, anschwellenden Porunai seht ihr den großen Mahendra mit seinen Hängen, auf denen junge Elefanten heranwachsen, und das Meer.« (32) »Sucht auch jenseits des wogenden Salzmeeres, aber kehrt innerhalb eines Monats hierher zurück. Nehmt Abschied und eilt!« Da blickte Rama Maruti voller Gnade an: »Kundiger des Rechts, höre die Merkmale, an denen du sie erkennst!« Er führte ihn beiseite und sprach.
(33) »Ihre schönen Zehen sind wie rote Korallen aus dem Milchmeer, mit roter Farbe bestrichen, oben mit Monden geschmückt und kunstvoll nebeneinandergefügt. Edler, für ihre beiden Füße gibt es kein Gleichnis: Lotusblüten und alles andere sind ihnen nicht ebenbürtig.« (34) »Verstehe mich recht: Die verständigen Dichter vergleichen den Fußrücken armreifgeschmückter Frauen gewöhnlich mit einer Schildkröte. Doch dieses wie jedes andere Gleichnis würde den Fußrücken jener Frau herabsetzen, deren süße Rede der nächtlichen Harfenmusik gleicht.« (35) »Ihre zarten Unterschenkel kann kein Künstler nachbilden, kaum ein Gedanke erfassen. Die Dichter preisen den trächtigen Varal-Fisch, den Pfeilköcher oder den jungen Reishalm als Vergleich. Doch was gewänne ich, wenn ich diese vielen gewohnten Bilder wiederholte?« (36) »Die Bananenstaude gilt als äußerste Schönheit im Vergleich zu Frauenschenkeln. Doch ihre Schenkel übersteigen selbst dieses Maß; welches neue Bild ließe sich finden? Bedenke dies bei der Frau, deren Rede Saitenklang, nektarduften Honig und Zuckerrohr aus gut bewässerten Feldern übertrifft.«
(37) »Ihre Brüste gleichen gegürteten Krügen, ihre Taille einer Ranke; die breiten Hüften unter dem geschmückten Gürtel einem weiten Meer. Selbst die Haube der Schlange, die die Welt trägt, und der einrädrige Sonnenwagen, der die Kälte besiegt, kommen ihnen nicht gleich. Was soll ich dir sagen?« (38) »Ihre Gestalt vermag jeden zu bezwingen. Willst du erfahren, wie ihre schmale Taille beschaffen ist, so höre: Das Auge kann sie nicht erfassen, um ein Gleichnis zu bilden. Ich kenne sie nur, weil meine Hand sie berührt hat; anders lässt sich nicht einmal sagen, dass sie da ist.« (39) »Ein Banyan-Blatt, eine feine Tafel für ein Bild, eine zarte milchweiße Scheibe oder ein runder Spiegel: Nennt man solche Vergleiche für ihren Bauch, sind es bloße dichterische Ausschmückungen. Prüft man die Ähnlichkeit wirklich, passen sie nicht. So ist seine Art.« (40) »Sogar eine schimmernde goldene Vertiefung, umgeben von kleinen Kutali- und dichten Nandi-Blüten, wäre nur ein schwaches, allgemeines Bild für ihren Nabel. Man könnte eher an einen Wasserwirbel denken. Sieh dir die Ganga an, du, dessen Bildung tiefer als das Meer ist!«
(41) »Auf dem Bauch der Rankengleichen verläuft eine feine Haarlinie: Sie ist die Bahn meines Lebens. Wenn du dafür ein Gleichnis brauchst, denke an einen sorgfältig eingesetzten Stab, der die zarte Ranke ihrer makellosen Taille stützt und ihr Schwanken stillt.« (42) »Sie verließ ihren Lotus, als fürchtete sie, seine Staubfäden könnten sie drücken. Drei goldene Linien verlaufen über ihren schönen Bauch. Sie scheinen Siegeszeichen zu sein, mit denen der bogentragende Liebesgott bezeugt, dass die Frauen aller drei Welten ihr unterlegen sind.« (43) »Goldene Dosen, Krüge, junge rote Kokosnüsse, runde Korallenkugeln, Elefantenstoßzähne oder ein Paar Chakravaka-Vögel, das sich tagsüber nicht trennt: Vieles erwäge ich als Vergleich für ihre Brüste. Doch keines stimmt, und ich ermüde bei der Suche.« (44) »Sehe ich Zuckerrohr oder Bambus, denke ich an ihre Schultern und kann nichts anderes tun, als Tränen wie Hagelkörner zu vergießen. Ihr Haar lockt dunkle Bienen zum Summen. Mein Herz ist nicht hart wie Eisen, dass ich ihre Schultern ruhig beschreiben könnte. Was soll ich sagen?«
(45) »Schon zu behaupten, in den drei Welten gebe es etwas, das ihren Unterarmen gleicht, wäre ein Fehler. Kantal-Blüten oder der kostbare Hals einer kräftigen Harfe nennen nur andere Dinge, nicht ihre herrlichen Arme. Gibt es Schönheit über vollendeter Schönheit?« (46) »Von jungen Ashoka-Trieben wollen wir schweigen. Selbst die begehrenswerten Sprosse des göttlichen Wunschbaums und die weichen duftenden Lotusblüten werden von den fußringklingenden Füßen der Frau mit der fadenschmalen Taille besiegt. Wie könnten sie dann ihren Handflächen gleichen?« (47) »Könnten wir ohne Verwirrung ein Gleichnis für die glänzenden Nägel jener jungen goldenen Ranke finden, deren Mund rot und deren Lächeln hell ist? Papageien zerreißen ständig Murukku-Blüten, als zürnten sie: ›Ihr verspottet unsere Schnäbel!‹ Sollte man eines von beidem zum Vergleich machen?« (48) »Wie man beim Anblick ihrer Hände und Füße an Lotusblüten denkt, könnte man beim Hals dieser Frau mit den göttlichen, blau strahlenden Augen an eine junge Arekapalme oder eine Meeresmuschel denken. Doch wisse, Edler: Auch das wäre ein Fehler.«
(49) »Ihr honigvoller Mund ist so rot, dass Koralle, rote Wasserlilie, reife Kovvai-Frucht, Kumuda-Blüte, Ilavam-Blüte, rote Samtmilbe und Murukku-Blüte daneben weiß erscheinen. Das ist der Mund der Frau mit den wasserliliengleichen Augen; daran erkennst du sie.« (50) »Es gibt keinen roten Nektar und keinen roten Honig. Gäbe es sie, erfreuten sie nur beim Genuss; nicht schon der bloße Gedanke schenkte Entzücken. Könnte ein freudig ersonnenes und ausgesprochenes Gleichnis die korallenroten Lippen der Frau mit der strahlenden Stirn wirklich beschreiben?« (51) »Wenn man Jasmin, Federkiele und Perlen als Bilder für ihre Zähne nennt, kann man ebenso ihre Rede Nektar, Milch und Honig nennen. Weiter kommt man damit nicht. Hat selbst Nektar ein wahres Gleichnis? Erkenne es, wenn du kannst, unvergleichlich verständiger Mann!« (52) »Sesamblüte und hohle Kumil-Blüte mögen als Bilder für ihre Nase gelten; doch sie leuchten nicht wie Gold, Blitz und Edelstein zugleich. Kein Vergleich reicht aus, kein kundiger Maler vermag sie zu malen. Betrachte ihre vollendete Form selbst und denke lange darüber nach!«
(53) »Vallai-Blätter, eine Schere oder ein schönes Werkzeug zur Haarpflege als Vergleich für ihre Ohren zu nennen, mag Kindern angehen; bei Erwachsenen wäre es Torheit. Denke nur: Hier hat die große Askese ihrer weißen silbernen Ohrgehänge Frucht getragen. Gibt es ein Gleichnis für das Urbild aller Gleichnisse?« (54) »Ihre breiten strahlenden Augen sind so groß, dass selbst das Meer ihnen nicht gleicht. Kein anderes Bild lässt sich ausdenken, kein Herz kann sie fassen. Tausendmal betrachtet, bleiben sie unergründlich. Wie das Göttliche sind sie dunkel und zugleich licht.« (55) »Ein unpassendes Gleichnis wäre erniedrigend. Bloß eine ähnliche Wirkung zu nennen, bezeichnet noch nicht ihre Form. Wollte man die Brauen der Frau mit den schwertscharfen Augen vergleichen: Es gibt nicht zwei gleich gebogene Bogen des körperlosen Liebesgottes!« (56) »Ihre kühlen Füße beschämen täglich den Lotus. Wollte man ihre Stirn mit dem Mond vergleichen, müsste die junge weiße Sichel des dritten Tages für immer so bleiben und niemals wachsen. Selbst dann wäre nur eine geringe Ähnlichkeit erreicht.«
(57) »Seit wir in den Wald kamen, gibt es niemanden, der ihr Haar kunstvoll ordnet. Dennoch verliert es nichts an Schönheit. Ihre Locken sind nicht künstlich gedreht, sondern von Natur so gewachsen. Blau wie Edelsteine bleiben sie stets frisch und kennen kein Gleichnis.« (58) »Das Schicksal hat einen jungen Wolkenstreif, eine Wasserlilie, gebogene Bogen, Vallai-Blätter, lebhafte Fische und glänzende Perlen zu einem Mondkreis vereint und ihn ihr Gesicht genannt. Wenn du diesen Lotus erreichst, wirst du selbst erkennen, wie alles zusammenpasst.« (59) »Als hätte man die Regenwolken ausgekämmt und zusammengebunden, mit Honigduft durchtränkt, in dichte Finsternis getaucht, gewellt und zu herabfallenden glänzenden Strähnen geordnet: So erscheint die volle Flut ihres duftenden Haares.« (60) »Selbst die göttliche Lotusblüte hat äußere, weniger schöne Blätter; selbst der Mond, die Grenze aller Pracht, trägt einen Fleck. Auch sonst ist nichts völlig frei von kleinen Fehlern. Bei der schwanengleichen edlen Frau aber gibt es ausschließlich Vollkommenheit.«
(61) »Nicht einmal die Göttin auf dem schönen, duftenden Lotus erfüllt alle überlieferten Merkmale weiblicher Schönheit. Doch bei dieser Kuckucksgleichen mit fischförmigen dunklen Augen, rotem Mund und göttlichen Brüsten, die selbst die Götter verehren, fehlt kein einziges. Das sei ihr Kennzeichen.« (62) »Der Lotusgeborene schuf die Flöte, die Harfe, Kuckuck und Papagei, kindliches Plaudern und andere süße Klänge. Dann formte er die Worte der Frau mit der fadenschmalen Taille. Doch ein fehlerloses Gleichnis dafür konnte er nicht schaffen. Wird er es je noch finden?« (63) »Mögen die drei Welten grenzenlos wachsen: Für die Zunge gibt es nichts Köstlicheres als Nektar. Doch wollte man die sanfte Rede der Frau mit den fischgleichen Augen vergleichen, reichten Honig und Nektar nicht aus. Sie schenken dem Ohr keine Freude.« (64) »Junge Schwäne zwischen Blumen oder sanfte Elefantenkühe bewegen sich so schön, dass selbst Götter staunen; dennoch halte ich sie nicht für passende Bilder. Ihr Gang hat die Würde jener Worte, die ehrwürdige alte Dichter kunstvoll fügen und die andächtige Zungen sprechen.«
(65) »Welche Farbe soll ich nennen? Das zarte Grün des Mangotriebs altert; Gold kann dunkel werden; Edelsteine reichen als Vergleich nicht. Der Blitz schämt sich und verbirgt sich überall. Ihre Farbe gleicht nur sich selbst; selbst Blumenfarben stehen beschämt zurück.« (66) »Dein eigenes zweifelsfreies Herz wird dir bezeugen: ›Keine andere Frau gleicht ihr.‹ Nimm dies als Gewissheit, Edler. Erforsche ihren Zustand sorgfältig, nähere dich ihr und sprich zur Frau mit dem strahlenden Mondgesicht.« Dann fuhr er fort. (67) »Erinnere sie daran, wie ich einst mit dem Weisen zum Opfer des girlandengeschmückten Königs nach Mithila kam, zur Stadt mit den alten Gewässern. Bei der Badestelle, wo Schwäne spielten, sah ich sie im Jungfrauengemach stehen.« (68) »Sie, deren Keuschheit größer ist als das grenzenlose Meer, sagte damals entschlossen: ›Wenn derjenige, der den gewaltigen Bogen zerbrochen hat, nicht derselbe ist, der mit dem großen Weisen kam, werde ich mein Leben aufgeben.‹ Erzähle ihr das, damit sie erkennt, dass du von mir kommst.«
(69) »Erinnere sie auch daran, wie ich sie damals in der Versammlung des königlichen Herrschers sah. Sie kam wie eine junge, lebendige Blitzranke, die sich unter den unvergleichlichen Bergen ihrer Brüste neigt, schön wie das Paar Stoßzähne eines mächtigen Elefanten.« (70) »Sage ihr, dass ich fragte: ›Arme Geliebte, willst du mir in den wilden, ausgedehnten Wald folgen, den ich selbst noch nicht kenne? Du warst Freude und meinem kostbaren Leben lieb. Willst du nun zu seinem Kummer werden?‹« (71) »Erinnere sie an ihre Antwort: ›Du hast dein großes Königreich verloren und gehst in den Wald. Ist dir nun alles andere lieb außer mir?‹ Aus ihren langen, fischgleichen Blütenaugen fielen Tränen; sie sank nieder und litt wie ein körperlos gewordenes Leben im Feuer.« (72) »An dem Tag, als wir die prächtige Stadt verließen, fragte sie schon, bevor wir das kostbare Tor der mondhohen Steinmauer passiert hatten: ›Wo ist denn der grausame Wald, dessen Ende man so schwer erreicht?‹ Erzähle ihr auch dies, sodass sie es wiedererkennt.«
(73) Nachdem er so gesprochen hatte, gab Rama ihm einen schönen, kunstvoll gefertigten Edelsteinring: »Geh wohlbehalten! Weiser, mögen alle deine Aufgaben gelingen!« Er verabschiedete ihn gnädig. Hanuman brach mit dem Segen des Herrn auf, dessen Füße herrliche Heldenringe schmückten. (74) Angada und die grimmigen Heerführer, die den Kampf wie ein Feld bestellten, verneigten sich vor den Herren der mächtigen Bogen. Mit gesenkten Häuptern ehrten sie den Sohn der Sonne und zogen mit dem meeresweiten Heer voraus.
4.13 – Eintritt in die Höhle und Befreiung
(1) Sie brachen auf. Danach entsandte der Sohn der Sonne die anderen in die übrigen Himmelsrichtungen. Alle widmeten sich der anvertrauten Aufgabe und durchstreiften innerhalb der festgesetzten Frist mit ihren gewaltigen Heeren die Welt. (2) Die Helden mit Schultern wie zusammengefügten Bergen suchten überall die rankengleiche Frau mit der blitzschmalen Taille. Lassen wir ihre Wege in den anderen Richtungen beiseite und erzählen wir von denen, die nach Süden zogen, ins Land der reichen tamilischen Sprache. (3) Sie erreichten rasch das Vindhya-Gebirge. Rotes Gestein und dichte Edelsteinfunken ließen es wie den Abendhimmel leuchten. Mit Schlangen, Mond und Fluss glich es der mächtigen Haar-Krone des höchsten Herrn. (4) Die makellosen Helden durchsuchten das hohe Gebirge, seine glänzenden Edelsteingipfel und die Höhlen unter den goldenen Spitzen nach der schönen Pfauengleichen. Was lange Zeiten zu erfordern schien, vollbrachten sie an einem einzigen Tag.
(5) Ohne einen Flecken der reichen Erde auszulassen, suchten sie nach dem Aufenthalt der Frau mit dem zarten Haar. Sie umfassten die Welt in ihrer Suche ganz und eilten bis zu den großen Grenzmeeren, als wollten sie dort baden. (6) Was sich senkte, aufrichtete oder in den Himmel erhob, die wurzelnden großen Bäume, die Gewässer des Berges und alle auf der Erde lebenden Wesen: Was diese verständigen Sucher nicht sahen, hatte wohl nicht einmal Brahma gesehen. (7) Sie zogen vierzehn Yojanas rasch nach Süden über die geschmückte Erde und gelangten zur Narmada. Dort mischten sich Wolkenreihen mit den dunklen Gestalten badender Büffelkälber. (8) Sie durchstreiften alle Orte, wo Schwäne spielten, himmlische Tänzerinnen badeten und Himmelsbewohner sich zum Baden versammelten, ebenso die honigreichen Plätze, über denen Bienen dicht summten.
(9) Sie suchten die schwer erreichbare Frau. Im dunklen Sand sahen sie ihr duftendes Haar, im bienenumgebenen Lotus ihr Gesicht und in den Perlen ihr Lächeln. Einzelne Züge erblickten sie überall; sie selbst in ihrer ganzen Gestalt fanden sie nicht. (10) Die kampfstarken Helden mit geradem Herzen, deren Wesen Dharma und Mitgefühl umfasste, verließen schließlich auch die Narmada, in der streitlustige Elefanten mit ihren Kühen umhergingen. (11) Sie gelangten zum breiten Hemakuta-Gebirge mit seinen wunderschönen, edelsteinglänzenden Höhen. Es beherrschte die weite Landschaft bei den heiligen Zusammenflüssen der gewundenen, wellenreichen Ströme. (12) Sein Licht strahlte so weit aus, dass die umliegenden Berge, Bäume und alles andere wie erhitztes Gold erschienen. Seine Gestalt leuchtete heller noch als die Welt der Erlösten.
(13) Vögel und verschiedenste Tiere, die dort wohnten, waren mit feinem Goldstaub bedeckt. Ihre Körper glänzten, als hätten sie den großen Meru erreicht und dort seine goldene Farbe angenommen. (14) Goldener Staub fiel auf die Wasserfälle und Flüsse, die zwischen Haufen feuerroter Edelsteine hinabströmten. Sie sahen aus wie geschmolzenes Gold, das mitten durch lodernde Flammen fließt. (15) Dort vermischten sich der Gesang der Vidyadharas, die Tanzrhythmen weißarmreifgeschmückter Himmelsfrauen mit baumwollweichen Füßen, Elefantentrompeten und das trommelgleiche Dröhnen der Wolken zu einem prächtigen Klang. (16) Als die Sucher dies sahen, dachten sie erfreut: »Ja, hier muss der Berg sein, auf dem der schreckliche Ravana wohnt!« Ihre Herzen schwollen vor Hoffnung; Zorn ließ Funken aus ihren roten Augen sprühen.
(17) »Auf diesem Berg werden wir die arme Rehgleiche finden und den Kummer unseres edlen Herrn beenden!« Von Freude überwältigt, mit strahlenden Herzen und ohne Furcht stiegen sie hinauf. (18) Elefanten und Scharen von Yalis flohen; mächtige Löwen wichen erschrocken zurück. Die Affen durchstreiften alles, fanden die Glücksgleiche jedoch nicht. Ihre Gedanken wurden traurig: »Wir leiden nur weiter.« (19) An einem Tag durchsuchten sie den schönen Goldberg, der sich hundert Kavatham weit ausdehnte und mit seiner Höhe den Himmel zu berühren schien. Die rankengleiche Frau fanden sie nicht. Sie sprangen hinab und zogen weiter. (20) Sie entließen die zwei Vellam umfassende Streitmacht mit dem Auftrag: »Durchstreift die ganze wasserreiche Welt und sucht! Am großen Mahendra-Berg kommt wieder mit uns zusammen.« Dann verließen sie das hohe Gebirge.
(21) Nur die mächtigen Helden mit diamantenharten Schultern, Hanuman und seine Gefährten, blieben zusammen. Sie gelangten in eine Ödnis, die selbst die Sonne fürchtete; dort war sogar der Name ›Wasser‹ unbekannt. (22) Kein Vogel kam dorthin, Tiere waren selten; weder Gras noch honigtragende Bäume wuchsen dort. Selbst Steine verbrannten und zerfielen. Alles Innere war zu feinem Staub geworden; beinahe nichts blieb als eine kahle Leere. (23) Ihre sonst verlässlichen Sinne zitterten, ihr Bewusstsein wurde von Furcht bedrängt, die goldglänzenden Leiber glühten und schwollen. Sie litten Hitze wie knochenlose Wesen, die man im Süden in die brennende Hölle geworfen hätte. (24) Ihre Zungen hingen heraus; bei jeder Berührung des Bodens verbrannten ihre Füße. Noch heißer als die Wildnis glühten ihre Körper. Sie hüpften wie Körner, die auf einer heißen Röstplatte aufspringen.
(25) Nirgends fanden sie auch nur ein wenig Schatten. Ihr Leben schien aus den Körpern gepresst zu werden; endlose Qual bedrängte sie, und ihre Füße tranken Feuer. So gelangten sie nach vielerlei Mühen zum Eingang einer tiefen Höhle. (26) »Oben können wir nicht weitergehen, ohne zu sterben. Besser betreten wir diese feste Höhle, die wenigstens den Weg der Hitze versperrt. Lasst uns hineingehen und sehen, was dort ist!«, beschlossen sie und traten ein. (27) Sie drangen in das Innere ein. Dort war es, als hätte sich die gesamte Dunkelheit der Welt und aller Himmelsrichtungen vor den sengenden Strahlen der Sonne gefürchtet und in dieser Höhle sicheren Schutz gesucht. (28) Sie konnten sich nicht aufrichten und wagten keinen Schritt mehr. Den Gedanken, dass überhaupt ein Weg vorhanden sei, gaben sie auf. Ihre Körper versanken in einer Finsternis wie zerlassenem, dichtem Fett; selbst der Atem stockte ihnen.
(29) Ratlos blieben sie stehen und dachten verzweifelt: »Wir sind verloren!« Dann flehten sie: »Mächtiger Maruti, vermagst du uns heute aus dieser Gefahr zu retten?« (30) »Ich werde euch retten. Verliert den Mut nicht! Haltet euch der Reihe nach fest an meinem Schwanz und lasst nicht los!« Der Edle tastete den weiten, langen Weg mit den Händen ab und schritt mit kräftigen Füßen voran. (31) Sein Körper dehnte sich zwölf Yojanas weit. Seine beiden Ohrringe leuchteten wie Blitze und vertrieben die dichte Dunkelheit. Mit Schultern wie hohen goldenen Bergen eilte er schnell weiter. (32) Sie sahen eine geschützte Stadt. Sie leuchtete, als hätte sich die strahlende Sonnenscheibe darin verborgen und niedergelassen. Ihr Glanz beschämte den Himmel; sie glich dem Gesicht der Lotusgöttin.
(33) Wälder von Wunschbäumen und Lotusbecken lagen darin; goldene hohe Türme und Ringmauern umgaben sie. Selbst die Götter mussten über sie staunen. Der Baumeister Maya hatte sie mit angestrengtem Geist erschaffen. (34) Nicht einmal Indras Stadt war ihr ebenbürtig. Zauberkräftige Edelsteine und Gold vertrieben die Finsternis und erhellten die Erde auch ohne die am Himmel aufgehenden Gestirne. (35) Goldberge, glänzende Gewänder, zarte Sandelpasten, Girlanden und Haufen leuchtenden Schmucks waren grenzenlos vorhanden, wie in den Häusern der Dichter, die die mächtigen Schultern des weltweit gerühmten, makellosen Königs Chenni besingen. (36) Doch keine Frau mit klingenden Fußringen und kein tatkräftiger junger Mann bewegte sich dort. Die Stadt bot nur etwas zum Betrachten und Schlafen; sie glich einem leblosen Gemälde.
(37) Nektargleiche Speisen, duftender Wein so süß wie Tamil, klarer kühler Honigtrank, Mengen saftiger Früchte und weitere Köstlichkeiten lagen ungezählt bereit und verbreiteten ihren Duft. (38) Als sie diese unberührte große Stadt sahen, sagten sie zueinander: »Das muss die Stadt unseres Feindes Ravana sein!« Erfreut und staunend traten sie durch das hohe goldene Tor ein. (39) Sie durchsuchten die Stadt aufmerksam. Doch von den Wesen der Erde und des Himmels, vom Menschen bis zum Gott, begegnete ihnen keine einzige lebendige Gestalt: Nur Bilder davon waren zu sehen. (40) Teiche waren vorhanden, Wasserbecken und duftende Blumenhaine. Aber es gab keine Spur von jungen Kuckucken, deren Ruf der Rede schöner Frauen gleicht, von Mainas, Papageien oder sanften Schwänen mit prächtigen Federn.
(41) Nachdem sie die Beschaffenheit der Stadt erforscht hatten, fragten sie sich: »Ist dies Zauberei?« Dann erwogen sie: »Ist dies vielleicht der reine Himmel, den man erreicht, nachdem man die leidvolle Höhle der Geburt verlassen hat?« (42) »Aber wir sind nicht gestorben und haben nichts getan, was uns hierher berechtigte. Wir haben nichts vergessen, zweifeln noch und blinzeln. Uns ist keiner jener Vorgänge widerfahren, die den irdischen Zustand beenden. Wie sollen wir die Sache verstehen?«, sagten sie ratlos. (43) Jambavan erklärte: »Der Schurke, der die Frau mit den bambusgleichen Schultern verbirgt, hat uns in seinem Zorn eine vortreffliche Falle gestellt. Ein Ausgang ist nicht zu sehen. Unsere Rettung hängt jetzt vom früher bestimmten Schicksal ab.« (44) Hanuman entgegnete aufgebracht: »Sollten wir nicht aus dieser Höhle hinaufsteigen können, werden wir die Erde aufgraben und die Söhne Sagaras noch übertreffen. Oder wir töten sämtliche hinterlistigen Dämonen und steigen dann empor. Fürchtet euch nicht!«
(45) Seine Worte gaben auch den anderen Mut. Sie drangen bis in die Mitte der Stadt vor und erblickten in strahlendem Licht eine Frau mit weit fallenden goldenen Haarflechten, als hätte sämtliche gute Askese eine leuchtende Gestalt angenommen. (46) Ein eng gebundenes Bastgewand umschloss ihre schmale Mitte; Aschenstaub bedeckte die kruggleichen Brüste. In ihrem vollmondschönen Gesicht ruhten die dunkelroten, fischgleichen Augen auf der Nasenspitze. (47) Die breite Hüfte war im Sitz von den fest angezogenen, bananenstammgleichen Schenkeln gehalten. Ihre schmale Taille blieb unbewegt aufgerichtet; die Last der erhobenen Brüste war gesammelt, und sie hielt ihren Atem im Innern zurück. (48) Ihre sprossenzarten, lotusgleichen Hände ruhten auf den schönen goldenen Schenkeln. Die inneren Feinde, angefangen mit dem Begehren, waren entkräftet; selbst der Name des Verlangens war erloschen, und die Sinne hatten sich mit wahrer Erkenntnis vereinigt.
(49) Das dichte dunkle Haar war zu Flechten gewunden und fiel bis zum Boden. Die Bindungen des Karma waren abgerissen, die große Verstrickung des Herzens war gewichen; Mitgefühl leuchtete aus ihren Augen. (50) So saß sie da. Die Helden näherten sich und verneigten sich, ergriffen von der Vermutung, sie könne die Arundhati gleiche Sita sein. Aufgeregt fragten sie Hanuman: »Prüfe die dir beschriebenen Merkmale genau! Ist diese Frau die Herrin?« (51) Maruti antwortete: »Welches ihrer Merkmale soll ich hervorheben? Wie könnte diese Frau Ramas Gemahlin sein? Nur wenn eine Kette aus Muschelschalen einer kostbaren Perlen- und Edelsteinkette gleichkäme, könnte sie ihr gleichen.« (52) Da kehrte die Edle aus ihrer Versenkung zurück. Weil diese Männer ungehörig vor sie getreten waren, wurde sie ungehalten: »Ihr gehört nicht zu dieser schwer zugänglichen goldenen Stadt. Warum seid ihr gekommen? Wer seid ihr? Sagt es!«
(53) Sie antworteten: »Die grausamen Dämonen haben eine List angewandt und Sita verborgen. Wir durchstreifen die Welt, um ihren geheimen Aufenthaltsort zu finden. Wir sind Boten Ramas, der den makellosen Weg des Dharma aufrichtet.« (54) Sogleich erhob sie sich voller Ergriffenheit; eine berggroße Freude erfüllte sie. »Seid willkommen! Ich möchte tanzen!«, sagte sie und stand da, während aus ihren beiden langen Augen Tränen strömten. (55) »Wo ist Rama?«, fragte die Frau mit den schönen, rehgleichen Augen. Darauf erzählte der große Maruti, dessen Herz kein böses Begehren kannte, alles Geschehene von Anfang bis Ende. (56) Sie hörte zu und freute sich: »Meine unvergängliche Askese hat mir jetzt die Befreiung gezeigt!« Liebevoll wusch sie ihre Füße, reichte ihnen köstliche Speisen wie Nektar und sprach freundliche Worte, die ihre Herzen erquickten.
(57) Maruti verneigte sich vor ihren Blütenfüßen: »Weltberühmte Asketin, wem gehört diese Stadt? Wie ist dein Name? Erkläre es uns gnädig!« Die Frau mit dem herabfallenden Haar erzählte ihm ihre Geschichte. (58) »Edler, Maya, der Kundige mit dem schönen Gesicht, übte hundert Jahre lang die feine, in den Schriften gelehrte Askese. Mit aufwärts gerichtetem Gesicht lebte er von Sonnenstrahlen und Luft. Darauf gewährte ihm der viergesichtige Brahma diese große Stadt.« (59) »So entstand sie. Der Danava verliebte sich in eine himmlische Tänzerin mit schöner Stirn. Sie war mir lieb wie mein eigenes Leben. Auf seine Bitte brachte ich sie aus der goldenen Götterwelt in diese leuchtende Höhle und vereinte beide.« (60) »Sie lebten lange hier und vergaßen in der Liebesfreude, wie ein innig verbundenes Vogelpaar, alles andere. Meine tiefe Zuneigung zu der Frau mit den schönen Ohrringen ließ nicht nach; durch dieses Band blieb auch ich bei ihnen.«
(61) »Nach vielen Tagen kam der Herr der Götter auf der Suche nach der schön geschmückten Frau. Er geriet in Zorn und nahm dem mächtigen Maya das Leben. Auch sie mit ihrem hellen Lächeln schalt er wegen ihres Fehltritts.« (62) »Er verlangte, sie solle alles erzählen. Die Frau mit den reifen roten Lippen erklärte, dass ich die Verbindung vermittelt und zustande gebracht hatte. Nachdem der König alles erwogen hatte, befahl er mir: ›Bleibe hier! Die Bewachung der Stadt ist deine Aufgabe.‹« (63) »Ich verneigte mich und fragte: ›Wann endet dieser dunkle Weg? Nenne mir ein Ende!‹ Er antwortete: ›Wenn mächtige Affen durch Ramas Gnade kommen, wird dein Leid enden.‹ Dann ging er fort.« (64) »Ich besaß Speisen, Salben, Blumenschmuck, prächtige Edelsteine, Gewänder und alles Weitere. Doch um all das aufzugeben und euch zu begegnen, übte ich unzählige Tage lang große Askese.«
(65) »Diese Höhle erstreckt sich hundert Yojanas weit. Einen Weg hinauf zur oberen Welt kenne ich nicht. Wenn ihr mir helft, gibt es Rettung. Bedenkt ein wenig, mit welchem Mittel wir hinausgelangen können!« (66) Als Svayamprabha so gesprochen hatte, verneigte sich Hanuman mit dem Haupt vor den Blütenfüßen der Frau, die ihre standhaften Sinne bezwungen hatte. »Ich werde dir die goldene Welt der Götter eröffnen«, sagte er. (67) Auch die Affen baten: »Großer, der du uns vor dem Tod im dunklen Meer des Höhleneingangs bewahrt und uns das Leben zurückgegeben hast, vollbringe nun diese Tat!« Der kaum genug zu preisende Maruti entschloss sich dazu. (68) »Fürchtet euch nicht!«, sagte er lächelnd und erhob sich wie ein Löwe. Er streckte die langen Arme aus, öffnete das Dach der ungeheuren Höhle zur Außenwelt und wuchs bis in den hohen Himmel, den selbst die Wolken nicht erreichen.
(69) Die beiden leuchtenden Schultern des Windsohnes ragten wie Hauer empor, als er die Erde durchbrach und wuchs. Sein entschlossener, erhobener Blick ließ die Zuschauer erbeben. Er glich dem dunklen Eber, der zornig die Welt emporgehoben hatte. (70) Er glich auch dem unvergleichlichen, blütenschönen Fuß des Herrn, der drei Schritte verlangte und mit zweien bereits die Welten durchmaß: Jener Fuß durchbrach die reine, strahlende Himmelswelt, die der große lotusgeborene Brahma geschaffen hatte. (71) Hanuman riss hundertvierzig Yojanas Erde heraus. Aus der gewaltigen, fest umschlossenen Höhle hob er die Masse so hoch, dass selbst die Götter zurückwichen, schleuderte sie ins westliche Meer und brüllte wie eine Wolke. (72) Noch heute steht sie unbeweglich als Höhleninsel im westlichen Meer. Die bergschultrigen Helden stiegen mit der Frau empor und fanden ihren Weg. Die Schöne mit der hohen Stirn ging in den goldenen Himmel ein.
(73) Die Krieger priesen Marutis gewaltige Tat und zogen über die Erde weiter. Gegen Tagesende erreichten sie das weite Ufer eines wasserreichen Teiches; der erhabene Sonnenherr auf seinem Wagen gelangte zum westlichen Berg.
4.14 – Die weitere Suche
(1) Am breiten Ufer des klaren Teiches aßen sie mit Freude Honig, schöne Früchte und anderes Obst. Gemeinsam legten sie sich in einer Runde zum süßen Schlaf nieder. Da kam ein erbarmungsloser Danava, anhaltend siegreich, mit einer bestimmten Absicht heran. (2) Er glich einem Berg, war groß wie das Meer und lebte allein für blutige Gewalttaten. Dem Tod gleich schien er der feste Sitz aller Grausamkeit. Ohne Güte, mit mondsichelgleichen tödlichen Hauern und Feueraugen, stand er da. (3 [Quelle: 4.14..3]) Schwere Regenwolken strichen über seine Arme und seinen Körper und pressten ihr Wasser daran aus. Der unvergleichliche Regen floss über ihn hinab, sodass er einem Berg mit herabstürzenden Wasserfällen glich. (4 [Quelle: 4.14..4]) Selbst für die Götter und die ihnen an Stärke ebenbürtigen Danavas war er schwer zu bezwingen. Wenn schon sie es kaum vermochten, wie hätte irgendein anderer daran denken können, mit ihm zu kämpfen?
(5 [Quelle: 4.14..5]) Mit dichtem Haar, in wirbelnder Bewegung und die Hände kampflustig reibend, eilte er zu den rechtschaffenen Suchern, die von ihrer langen Wanderung ermüdet schliefen. (6 [Quelle: 4.14..6]) »Wer sind diese gemeinen Eindringlinge, die hierherkommen, obwohl sie wissen, dass der Teich mir gehört? Was soll das?« Wie der Todesgott schlug er mit der Hand gegen Angadas girlandengeschmückte Brust. (7 [Quelle: 4.14..7]) Angada erwachte. »Ist das vielleicht der König von Lanka?«, dachte er und erwiderte den Schlag. Der Angreifer fand durch diesen Gegenschlag das Ende seines Lebens. (8 [Quelle: 4.14..8]) Wie ein vom Blitz zertrümmerter Berg brach der Getroffene schreiend zusammen. Die anderen, die wie festgehalten geschlafen hatten, sprangen auf, schwangen ihre armreifgeschmückten Schultern und umringten ihn.
(9 [Quelle: 4.14..9]) Der Sohn des Windes fragte Taras Sohn: »Wer ist dieser Mann, und was hat er getan?« Angada antwortete: »Wahrhaftiger Edler, ich weiß nicht genau, wer er ist.« (10 [Quelle: 4.14..10]) Jambavan sagte: »Ich glaube, ihn zu erkennen. Er heißt Tumira und führt einen blanken langen Speer. Er ist der Danava, der über diesen tiefen wasserreichen Teich herrscht.« (11 [Quelle: 4.14..11]) »Ob noch andere kommen werden?«, überlegten sie und verzichteten auf weiteren Schlaf. Als der Gott mit den herrlichen roten Strahlen am Meer erschien, setzten sie die Suche nach der frisch erblühten Frau fort. (12) Auf der Suche nach der Frau erreichten sie die Pennai, selbst einer schönen Frau gleich: Ihre Sandbänke waren volle Brüste, der Wasserlilienmund spendete süßen Nektar, und Perlen waren das helle Lächeln ihres strahlenden Gesichtes.
(13 [Quelle: 4.1413]) Die verständigen Helden durchsuchten die Badestellen, die Tanzplätze der Pfauen, Inseln, Haine, kühle Wasserbecken an den Hängen, klare Blütenteiche und Räume aus kühlem Kristall. (14) Sie badeten alle in dem Fluss, der Schmuck anschwemmte, Krankheiten hinwegwusch und die harten Wurzeln leidvoller Wiedergeburt ausriss. An seinem Ufer blieben sie, während seine tiefen Wirbel immer neue kostbare Steine herbeitrugen. (15) Sie überschritten die spielende Pennai, gelangten in Wälder und über Berge. Die makellosen Helden erreichten ein wasserreiches Land, in dem sie sich wie Menschen fühlten, die zur Befreiung gelangt sind. (16) Sie verließen das weite Dasharna mit seinen Sarala-, Champaka- und Asana-Bäumen. Mühelos erreichten sie das berühmte Vidarbha, wo der Dichter mit dem Namen Ushanas geboren worden war.
(17 [Quelle: 4.14..17]) Im Gebiet von Vidarbha suchten sie sämtliche schwer zugänglichen Orte auf. Sie nahmen dabei die Gestalt von Asketen an, an deren Körpern Darbha-Gras und heilige Schnüre lagen. (18 [Quelle: 4.14..18]) Nachdem die Kundigen auf diese Weise gesucht hatten, verließen sie das schöne, von roten Reisfeldern umgebene Land. Gesammelt und ihrer Aufgabe bewusst gelangten sie rasch in den dicht bewachsenen Dandaka-Wald. (19 [Quelle: 4.14..19]) Wie ein furchtbarer Tod für die fünf Sinne, die als innere Bedränger im Körper wohnen, beherrschten sie sich. Sie durchsuchten Dandaka, zogen weiter und erreichten schnell Mundakatturai. (20 [Quelle: 4.14..20]) Alle schlammigen Wasser dufteten dort nach den Salben auf den großen Brüsten himmlischer Frauen und nach dem Honig ihrer Girlanden. Da selbst der Fischgeruch verschwunden war, fraßen die Vögel in den Lotusbecken keine Fische mehr.
(21 [Quelle: 4.14..21]) Elefanten durchwühlten das Wasser. Frauen, die von ihren Vidyadhara-Geliebten getrennt waren, sangen zur Vina Lieder, die wie Gift wirkten. Die Tränen der davon Ergriffenen strömten wie Wasserfälle und Flüsse. (22 [Quelle: 4.14..22]) Auf langen goldenen Schaukeln an Arekapalmen schwangen Frauen mit wasserliliengleichen Mündern. Ihr nektarsüßer Gesang verspottete die Kuckucke; ihre Gesichter trugen die Pfeile der Augen und die Bogen der Brauen. (23 [Quelle: 4.14..23]) Die Helden gelangten an diesen schönen Ort und suchten lange, obwohl die Zeit drängte. Die Glücksgleiche mit den kunstvollen langen Haaren fanden sie nicht. Von neuem Schmerz umfangen brachen sie rasch auf. (24 [Quelle: 4.14..24]) Sie erreichten die kühlen Gipfel des schönen Pandu-Berges, die den weiten Himmel berührten. Von dort schien die Ganga herabzufließen wie vom erhabenen Fuß des Herrn, dessen Körper die Welt durchmaß.
(25 [Quelle: 4.14..25]) Der klare Mond erhob sich über die Finsternis und verbreitete verwirrend helles Licht. So glich der Berg dem festen Kailasa, den Shiva auf den erbarmungslosen, kampfstarken Dämon niedergedrückt hatte. (26 [Quelle: 4.14..26]) Sie bestiegen den himmelhohen, leuchtenden Silberberg und suchten mit scharfen Augen nach der Frau mit den waffengleichen Blicken und dem roten Mund, aus dem freudig gereifte Musik zu sprechen schien. Nirgendwo fanden sie sie; ihre Herzen ermüdeten vor Leid. (27 [Quelle: 4.14..27]) Schnell wie der Wind, stark wie grimmige Tiger verließen sie die Berge und kamen zur Godavari. Sie lag da wie die Girlande, die aus Sitas Haar gefallen war, als der Dämon die listig geraubte Frau entführte. (28 [Quelle: 4.14..28]) Der edelsteinklare Fluss mit seinen aufsteigenden Wellen glich den strömenden Tränen der Erde. Sie schien um ihre einzigartige Tochter zu weinen, die sie gebar, als Janaka ehrfürchtig nach vedischen Worten das Feld für sein Opfer pflügte.
(29 [Quelle: 4.14..29]) Der Waldfluss lag prächtig da und verstreute Gold und kostbare Steine, wie ein Maßstab für die schöne Welt. Er glich der mächtigen Schmuckkette, die der Geierkönig von der Brust des schändlichen Dämons gerissen und fortgeschleudert hatte. (30 [Quelle: 4.14..30]) Sie durchsuchten den ganzen Fluss, doch die pfauengleiche Frau mit den schönen Armreifen erschien nirgends vor ihnen. Genau prüfend, was vorhanden war und was fehlte, ließen sie ihn weit zurück und betraten die Suvarna-Badestelle, die schwere Sünden tilgt. (31 [Quelle: 4.14..31]) Sie durchzogen das wasserreiche Ackerland mit seinen Bienen, Honig, Schwänen und dichten Vogelscharen, mit Zuckerrohr, roten Reisfeldern und Lotusteichen. Auch Kulinda mit seinen vom Wasser junger Kokosnüsse erfüllten Hainen ließen sie hinter sich. (32 [Quelle: 4.14..32]) Sie durchquerten die sieben Konkana-Gebiete und verließen die kühlen Küstengewässer mit Muscheln, Perlenhaufen und Wasserblumen am westlichen Meer. Dann kamen sie zum Arundhati-Berg, dessen langen Gipfel die junge Mondsichel umkreist und vor dem die Götter die Hände falten.
(33 [Quelle: 4.14..33]) Auch bei Arundhati fanden sie keine Spur der Frau, die selbst der Schönheit Schönheit verleiht. Sie gelangten zum großen Smaragdberg, wo Hirtinnen reichliche Dickmilch gegen köstlichen Honig tauschen. Nach einem Aufenthalt zogen sie weiter bis Venkata. (34 [Quelle: 4.14..34]) An Venkatas schönen Wasserfällen baden täglich Weise, Vedenkundige und Menschen wahrer Erkenntnis, die den Weg früher angesammelten Karma wenden. Auch sämtliche Himmelsbewohner, himmlischen Frauen und Siddhas kommen dorthin. (35 [Quelle: 4.14..35]) Die Götter üben dort vielerlei Askese, um die fünf Sinne, die mächtige Begierde, verletzende Worte und die hinterlistigen Pfeile aus den schwertgleichen Augen der Frauen unwirksam zu machen. (36 [Quelle: 4.14..36]) Schon die Tiere auf diesem Berg, der die glänzenden Füße des wolkenfarbenen Gottes mit dem rechtsdrehenden Diskus trägt, erlangen Befreiung. Sollte diese Verheißung bei Menschen fehlen, die den wahren Weg erkennen?
(37 [Quelle: 4.14..37]) Die Affen erreichten den Berg und besuchten die durch große Askese Begünstigten. Die schönen Blütenfüße dieser Reinen, die täglich den Herrn des wahren Weges verehren, nahmen sie ehrfürchtig auf ihr Haupt. (38 [Quelle: 4.14..38]) Nachdem sie ihnen gehuldigt und nach der pfauengleichen Frau mit den lockigen Haaren gesucht hatten, gingen sie weiter ins Land Tondai mit den langen kühlen Wasserwellen. Sie, die jede gewünschte Gestalt annehmen konnten, trugen nun das Gewand vedenkundiger Gelehrter. (39 [Quelle: 4.14..39]) Überall lagen bergumgebene Waldwege, Gärten bei den Höfen der Hirten, von reichlichem Wasser umströmte Niederungen und weite Plätze, die von kühlen Wellen eingefasst waren. (40 [Quelle: 4.14..40]) Wenn Stöcke gegen die Honigwaben oben an den dickstämmigen Jackfruchtbäumen schlugen, erschraken die Schwäne. Mit ihren häutigen Füßen zertraten sie die weißen Reissprossen in den Furchen, die die kräftigen Bauern gepflügt hatten.
(41 [Quelle: 4.14..41]) An den Feldrändern schlossen honigreiche Wasserlilien ihre stolzen Augen zum Schlaf. Auf den Bananenstauden, die den beiden Schenkeln der Hirtinnen glichen, schliefen Reiher; auch Kuckucke ruhten dort. (42 [Quelle: 4.14..42]) Die Pfauen hielten die vielen laut erklingenden Straßeninstrumente nicht für Gewitterwolken und tanzten deshalb nicht. Auch die Schwäne flohen nicht vor den Trommeln der Musiker. Werden jene, die mit einem Ort vertraut sind, durch solche Klänge getäuscht? (43 [Quelle: 4.14..43]) Junge Fische erschraken vor den kräftigen Blütenscheiden der Kokospalmen, weil sie sie für Reiher hielten. Frösche klagten vor den kühlen jungen Wasserlilien mit ihren langen Stielen, als sähen sie Schlangen. (44 [Quelle: 4.14..44]) Junge rehgleiche Frauen sammelten beim Krebsfang weiße Perlen, die glänzende Muscheln ausgestoßen hatten. Sie hielten sie für ungeschlüpfte Reihereier und versuchten, sie auf den Rücken von Schildkröten aufzubrechen.
(45 [Quelle: 4.14..45]) Bienen umschwärmten die gekrümmten, honigsüßen Jackfruchtstücke in den kleinen Händen junger Affen. Sie hielten sie für Honigwaben, die im dichten, laubreichen Hain herabhingen. (46 [Quelle: 4.14..46]) Dort lebten Wohlhabende, Meister der nördlichen Gelehrsamkeit und der südlichen tamilischen Sprache, Männer, die im Zorn Feinde erschlugen, und Freigebige. Die unvergleichliche Würde ihrer Häuser drängte jeden Gedanken an eine Grenze des Reichtums zurück. (47 [Quelle: 4.14..47]) Die unvergleichlichen Helden durchquerten dieses Land und gelangten ins weite Gebiet der Ponni. Roter Reis, Zuckerrohr und Arekapalmen standen so dicht, dass ihr Weg beschwerlich wurde und sie nur mühsam weiterkamen. (48 [Quelle: 4.14..48]) In den gerippten Schraubenbäumen lebten Reiher mit Fischen im Schnabel. Die Reisenden stolperten über süße Früchte, die sich an den geneigten jungen Stämmen drängten, und rutschten auf duftendem Honig aus.
(49 [Quelle: 4.14..49]) Schwarze Wasservögel hielten die breiten Becken, in die aus den laut arbeitenden Zuckerrohrpressen Saft floss, für fischreiche Teiche. Immer wieder tauchten sie hinein und kamen wieder zum Vorschein. (50 [Quelle: 4.14..50]) Aus den blütendichten, vogelreichen Hainen floss überall Honig. Die Affen dort hielten ihn unverständig für eine Flut voller Fische, erschraken und blieben oben auf den Bäumen. (51 [Quelle: 4.14..51]) Bananen dufteten mit ihren Fruchtbüscheln, Schraubenbäume mit ihrem blütenreichen Innern und Mangobäume mit herabhängenden Früchten. Selbst der Schlamm, in dem junge Reispflanzen wuchsen, duftete nach roten Wasserlilien. (52 [Quelle: 4.14..52]) Sie verließen das weite, wasserreiche Ponni-Land und durchzogen das Berggebiet mit seinen prächtigen Häusern. Die von bösem Wirken freien Helden erreichten schließlich das liebliche südliche Tamil-Land.
(53 [Quelle: 4.14..53]) Wäre es ein angemessener Vergleich, dieses gesegnete Land der Götterwelt gleichzusetzen? Kann jene etwa Perlen und die drei Formen des Tamil hervorbringen, die in allen sieben Welten gerühmt werden? (54 [Quelle: 4.14..54]) Sie durchstreiften und durchsuchten das südliche Tamil-Land überall. Da sie die Frau mit dem dichten dunklen Haar nicht fanden, wurden sie von Leid erfüllt und zogen weiter wie Menschen, deren Leben erlischt. (55 [Quelle: 4.14..55]) Rasch versammelten sie sich am Mahendra-Berg, der einem mächtigen Richtungselefanten glich. Der lange Weg lag hinter ihnen; vor ihnen sang der Wind, der den Sprühregen des südlichen Meeres herantrug.
4.15 – Sampati
(1) Sie sahen das Meer, das wie ein regenschwerer Himmel dröhnte. Es hob seine weißen Wellenhände zum Himmel und schien immer wieder zu rufen: »Die Frau mit den weiten Rehaugen ist in Lanka!« (2) Auch die unermesslichen Scharen treuer Affen, die mit dem Auftrag ausgesandt worden waren, alle acht Richtungen zu durchsuchen und am Mahendra wieder zusammenzukommen, vereinigten sich dort erneut wie ein Meer mit großen Wellen. (3) Alle gelangten mühelos dorthin. Doch sie hatten die Herrin mit dem blumengeschmückten Lockenhaar und der unvergleichlichen Keuschheit nicht gefunden. Ratlos sprachen sie mit stockender Zunge. (4) »Die festgesetzte Frist ist abgelaufen, und wir haben sie nicht gesehen. Auch Ramas Leben wird vergehen. Wir hatten uns dem Befehl des Königs verpflichtet; nun ist unser Unternehmen gescheitert«, dachten sie.
(5) »Sollen wir strenge Askese üben? Oder ein tödliches Gift trinken, gegen das es kein Heilmittel gibt? Was ist das Richtige? Das wollen wir tun und ein Ende machen.« So saßen sie und erwogen ihren Tod. (6) Am Ufer des brandenden Meeres saßen sie lange wie eine Reihe gewaltiger Goldbergketten. Der junge königliche Löwe, dessen Herz verzagte, sprach: »Ich habe euch etwas zu sagen.« (7) »›Wir werden die vom Himmel umschlossene Welt vollständig durchsuchen und die Lotusgleiche zurückbringen!‹ So prahlten wir vor dem Zierde aller Männer, als seien wir wahrhaft Liebende. Nun sind wir in Schande versunken.« (8) »Was wir zu vollbringen versprachen, haben wir nicht vollendet. Wir können nicht einfach zurückgehen und unser Scheitern erzählen. Nicht einmal einen Weg zur erfolgreichen Rückkehr sehen wir. Wäre es da recht, unser Leben retten zu wollen?«
(9) »Mein Vater wird zürnen, unser Herr Rama im Herzen leiden. Das will ich nicht mitansehen; ich werde mein Leben aufgeben. Ihr tief Gelehrten, sagt mir, was ihr darüber denkt!« (10) Jambavan antwortete: »Du mit den Schultern, auf denen der Sieg wohnt und die Balken und Bergen gleichen, hast wahrhaft gesprochen. Sollen wir hier sitzen und weinen? Oder zurückkehren, um ihnen zu huldigen, nachdem unsere Liebe nutzlos geworden ist?« (11) »Was bleibt uns noch zu sagen? Wir haben beschlossen, dass Sterben das Beste ist. Doch edler junger Königssohn: Dein Leben müssen wir bewahren; du darfst dies nicht begehren.« (12) Valis Sohn erwiderte: »Ihr mit den breiten, berggleichen Schultern! Wäre es gut, wenn ihr sterbt und ich fortgehe? Könnte die Welt solches billigen?«
(13) »Bevor die große Welt sagt: ›Aus Furcht vor dem Tadel der Edlen kehrte er zurück und ließ die sterben, die ihm lieb wie sein Leben waren‹, werde ich selbst zum Himmel aufbrechen.« Dann fuhr er fort. (14) »Irgendjemand wird unserer Mutter und unserem Vater unseren Tod melden. Wenn sie es hören, werden auch sie sterben. Der Bogenträger und sein jüngerer Bruder werden gewiss ebenfalls vergehen. Gelangt die Nachricht ins wasserreiche Ayodhya, können Bharata und die anderen weiterleben?« (15) »Bharata, sein jüngerer Bruder, unsere königlichen Mütter und die Stadt werden gewiss zugrunde gehen. Weh mir! Durch Janakis Schicksal, dieser von Gelübde und großer Askese strahlenden Leuchte, ist allen Wesen grenzenloses Leid entstanden!« So weinte er. (16) Die verzweifelten Worte des löwengleichen Helden mit den bergfesten, diamantenen Schultern entfachten in Jambavans Herzen ein kaum zu ertragendes Feuer. Bestürzt und voller Zuneigung wandte sich der Bärenkönig an ihn.
(17) »Außer dir und deinem Vater gibt es in eurem Geschlecht keinen Sohn, der die Herrschaft erben könnte. Daran haben wir gedacht. Wie könnten wir sonst überhaupt vom Tod unserer Herren sprechen?« (18) »Geh zurück, siegreicher Held! Berichte dort, dass wir die Pfauengleiche nicht gefunden haben, und melde unseren Tod. Lass die Trauer fahren!«, sagte der grenzenlos Starke. (19) Nun sprach Hanuman: »Ihr von sengender Schnelligkeit! Wir haben noch nicht einmal einen Teil der drei Welten vollständig betreten. Warum ermattet ihr wie Menschen, deren Eifer erloschen ist und die keinen Entschluss mehr fassen können?« (20) »Fänden wir die Herrin mit der schönen Stirn in einer Höhle, im Himmel, auf dem goldenen Berggipfel oder jenseits des Weltalls: Würde der König dann noch von der überschrittenen Frist sprechen?«
(21) »Weiterzusuchen ist das Beste. Wenn wir dabei, wie Jatayu, im Kampf um die leidende Frau mit dem blütenreichen Haar sterben, wäre das tapfer. Alles andere wäre Schande.« (22) Der Geierkönig Sampati hörte die Worte, dass sein jüngerer, stets wahrhaftiger Bruder gestorben sei. Mit klagendem Herzen näherte er sich den Affen, gewaltig wie ein wandernder Berg. (23) »Wie konnte mein edler jüngerer Bruder sterben?« Sein Herz schlug wie eine Trommel, sein Körper bebte. Er bewegte sich wie ein Berg, dessen Flügel einst vom mächtigen Vajra abgeschnitten worden waren. (24) »Wer auf Erden besitzt eine so furchtbare Waffe, dass er meinen starken Bruder töten konnte?« Aus seinen Augen stürzten Tränen, flossen über seinen Körper und ergossen sich wie ein salziger Wasserfall ins Meer.
(25) Seine Augen, vom Blitzlicht seines strahlenden Edelsteinschmucks verdunkelt, vergossen Regen. Sein Weinen donnerte. Er glich einer Wolke, die mit lautem Grollen zur Erde herabsinkt, um sie zu erquicken. (26) Rasch kam er heran; Ranken, Bäume und Berge wurden unter ihm zu feinem Staub. Seine Gestalt glich einem großen Silberberg, den ein gewaltiger Wind über die Erde schleift. (27) Als er sie erreichte, flohen die dort Sitzenden. Doch Maruti trat ihm mit flammenden Augen zornig entgegen: »Hinterlistiger Dämon in falscher Gestalt, glaubst du jetzt noch zu entkommen?« (28) Dann prüfte er seine Gebärden: Das Herz des Vogels war von heftigem Schmerz bewegt, er schluchzte und vergoss blutige Tränen. An diesen Zeichen erkannte Hanuman, dass kein Betrug in ihm lag.
(29) Er blieb beobachtend stehen. Noch bevor der tief Gelehrte ein Wort sagen konnte, fragte Sampati: »Wer hat es gewagt, dem unbezwinglichen Jatayu das Leben zu nehmen? Erzählt mir alles!« (30) Hanuman erwiderte: »Wenn du uns wahrheitsgemäß sagst, wer du bist, werde ich danach das Geschehene vollständig berichten.« Der Geierkönig begann, seine Identität zu erklären. (31) »Du mit den Zähnen, die wie ein entstandener Blitz leuchten! Welches Leid bleibt Geborenen erspart? Ich Unglücklicher habe den Beistand meines jüngeren Bruders verloren. Nun ist es, als sei ich schon vor ihm gestorben«, sagte er. (32) Der makellose Hanuman hörte seine Worte und versank selbst im Meer des aufsteigenden Schmerzes. Er erklärte ihm vollständig, wie Jatayu durch das mächtige Schwert des feindlichen Ravana gefallen war.
(33) Bei diesen Worten stürzte Sampati zur Erde wie ein vom Blitz getroffener Berg. Heiß atmend, am ganzen Leib bebend und schluchzend, stieß er diese Klagen aus. (34) »Jüngerer Bruder! Meine langen Flügel verbrannten und zerfielen; ich blieb hilflos zurück. Mein Leben hätte enden sollen. Du aber gabst selbst der Macht des unaufhaltsamen Diskusträgers nicht nach. Was für ein Wunder ist dein Tod?« (35) »Der Lotusgeborene lebt noch; Erde und Himmel bestehen. Der unerschütterliche alte Dharma ist noch da, und das dauernde Weltzeitalter ist nicht beendet. Du aber bist heute nicht mehr. Wie kann das sein?« (36) »Wir beide kamen gemeinsam aus den zwei Eiern hervor. War es recht, mich zu verlassen und allein fortzugehen, du Held, der selbst unseren Garuda an Größe übertraf?«
(37) »Mag jener Dämon alle Bewohner der drei Welten gemeinsam besiegt haben: Konnte er dir im Kampf ebenbürtig gegenüberstehen, Held? Hat er wirklich auch dich getötet? Wie soll ich das begreifen?« (38) So klagte er immer wieder und geriet vor Schmerz beinahe an den Rand des Todes. Da gab ihm Maruti mit den festen, berggleichen Schultern durch passende Worte sein Bewusstsein zurück. (39) Beruhigt saß der rotäugige Vogel da und fragte: »Aus welchem Grund kämpfte er gegen den todgleichen Dämon mit dem mörderischen Schwert?« Der Windsohn erklärte es. (40) »Die schöne Sita, Tochter des gerecht regierenden Königs und Gemahlin unseres Herrn Rama, wurde durch die Zauberei des grausamen Betrügers von ihrem Gemahl getrennt.«
(41) »Dein Bruder, der niemals vom Dharma abwich, sah den schwerttragenden Dämon, der sie entführte. ›Lass die Frau mit der bienenumspielten Girlande hier und verschwinde!‹ Mit diesen Worten trat er zornig dem Herrn des festen Wagens entgegen.« (42) »Er zerriss den Wagen des Bösen, verwundete dessen Schultern und vernichtete seine Ausrüstung. Doch der Feind erholte sich, und das göttliche Schwert, das ihm der Gott der Götter gegeben hatte, gewann die Oberhand. So starb der Wahrhaftige.« (43) Sampati rief: »Wahrhaftiger! Er hat sein Leben für den gegeben, dessen Heiligkeit man ehrfürchtig über sich sprengen und in der man baden sollte! Das ist gut, wahrhaft gut!« Freude erfüllte ihn, und seine Augen hielten ihre Tränen zurück. (44) »Mein starker Bruder starb für die rotfüßige, rankengleiche Gemahlin unseres girlandengeschmückten Rama. Mit grenzenlosem Ruhm hat er das Heil erlangt. Kann man da wirklich sagen, er sei zugrunde gegangen?«
(45) »In Liebe und Verbundenheit mit dem Herrn, der Dharma selbst gleicht, ließ mein Bruder sein Leben mit dessen Sache eins werden. Er hat einen selten erreichbaren Segen gewonnen. Was bedeutet für ihn der Tod? Welche Freude könnte größer sein?« (46) Noch klagend ging er zum kühlen Wasser und vollzog für den Verstorbenen die Badung und Wasserspende. Danach sprach der unvergleichlich Starke zu den dicht girlandengeschmückten Helden. (47) »Söhne, ihr habt mir das Leben wiedergegeben. Ihr habt mich nicht in das Meer des Leids versenkt. Durch eure Nachricht habt ihr böses Wirken zerrissen und Dunkelheit gespalten, ihr, deren Rede keine Lüge kennt!« (48) »Sprecht alle den Namen Rama aus! Wenn ihr ihn aussprecht, wird mir ein unvergänglicher, wohltuender Segen zuteil. Ihr versteht gute Worte zu sprechen und besitzt die Würde, die Wahrheit wachsen zu lassen.«
(49) »Das wollen wir sehen«, sagten sie. An ihrem Platz stehend sprachen sie den segensreichen Namen des dunkelblauen Herrn aus. Da wuchsen dem starkschultrigen Vogel Flügel, die den Himmel überdeckten. (50) Er hatte seine Flügel zurückgewonnen; sein Körper strahlte und breitete sich in natürlicher Vollkommenheit über die Welt aus. Seine Glieder glichen einem vollständig wiederhergestellten, feueratmenden Schwert in seiner passenden Scheide. (51) Sie bedachten, welche Frucht der zuvor herangekrochene Vogel durch das Aussprechen des wahren Namens des Allwissenden erhalten hatte. Staunend priesen sie den Herrn der Götter; Ehrfurcht erschütterte sie, und ihre Herzen schwollen vor Bewunderung. (52) Sie falteten rasch die Hände und baten: »Erzähle uns vollständig, was dir früher widerfahren ist!« Von ihrer Bitte im Herzen bewegt, begann er seine eigene Geschichte.
(53) »Freunde, gütig wie eine Mutter! Wir heißen Sampati und Jatayu und herrschen über die Geier mit scharfem, weithin reichendem Blick. Wir sind Söhne Arunas, der den Wagen des strahlenden Sonnengottes lenkt, dessen Licht die Finsternis der meerumgebenen Welt verschlingt.« (54) »Unbesonnen beschlossen wir: ›Wir wollen die hohe Götterwelt sehen!‹ Als wir durch den Himmel immer höher flogen, erblickten wir den Wagen des glühenden Sonnengottes. Noch ehe wir ihn recht sahen, zürnte der rote Strahlenherr, der selbst Feuer verbrennen kann.« (55) »Mein vorauseilender Bruder wurde von den Flammen bedrängt und rief: ›Vater, rette mich!‹ Ich breitete beide Flügel aus und schirmte ihn ab. Er entkam in meinem Schatten; mein Körper verbrannte, die Federn versengten, und ich stürzte hinab, ohne zu sterben.« (56) »Der im Himmel leuchtende Herr sah mich auf der Erde liegen und empfand Mitleid. Er sagte: ›Wenn die Affen auf der Suche nach Janakas geliebter Tochter hierherkommen und Ramas Namen aussprechen, wirst du deine Flügel wiedererlangen und dich erheben.‹«
(57) »Auch mein Bruder litt darunter. Doch er wagte nicht, die ihm zugewiesene Aufgabe abzulehnen, und wurde König der herrlichen Geier des Himmels. Freunde, so erging es uns. Nun sagt mir, ihr, an denen selbst die Götter Freude haben, wie ihr hierhergekommen seid!« (58) Sie priesen Rama und verneigten sich: »Vater, wir kamen suchend hierher, weil wir dachten, der niederträchtige Dämon habe die Herrin nach Süden entführt.« Sampati erwiderte: »Gut! Ihr braucht euch nicht zu grämen. Ich werde euch Auskunft geben.« (59) »Ich sah den sündhaften Dämon die Frau mit der zuckersüßen Rede forttragen. Er betrat Lanka und brachte sie, deren Herz in Qual brennt, in harte Gefangenschaft. Geht, ihr werdet sie sehen! Die Herrin ist noch immer dort.« (60) »Die Stadt Lanka liegt hundert Yojanas über das brausende Meer entfernt. Selbst der Todesgott mit der Schlinge in der furchtbaren Hand wagt kaum, den Blick dorthin zu richten. Der Zorn des niedrigen Dämons ist Feuer selbst für das Feuer. Makellose Freunde, wie wollt ihr dorthin gelangen?«
(61) »Selbst Brahma, Shiva mit der Frau als einer Körperhälfte und der höchste Herr auf dem Schlangenlager im Milchmeer könnten dort kaum den Fuß hineinsetzen. So stark ist die Bewachung. Bedenkt, was euch bevorsteht, und handelt so, dass ihr nicht untergeht.« (62) »Es ist nicht leicht, gemeinsam in die alte Stadt Lanka zu gelangen. Wenn ihr könnt, soll einer allein hingehen, sich verborgen dort bewegen, die wahrhaftige Frau trösten und ihren Schmerz lindern. Dann kehre er zurück. Könnt ihr das nicht, vertraut meiner Nachricht und meldet sie dem schönen Herrn.« (63) »Ohne Beschützer leidet das ganze Geiergeschlecht, verlässt seine Nester und irrt umher. Ich muss nun gehen, um diese Not zu beenden. Freunde, vollbringt das Gute!« Mit diesen Worten flog er rasch empor und bedeckte mit seinen Flügeln den Himmel.
4.16 – Der Mahendra-Berg
(1) »Der Vogelkönig spricht keine Lüge«, sagten sie. »Nun erkennen wir alles so klar wie eine Stachelbeere auf der Handfläche. Wir haben eine lebensrettende Nachricht erhalten. Bedenkt alles Gute und vollbringt die Aufgabe rasch, ihr Tatkräftigen!« (2) »Wir wollten sterben oder mit unauslöschlicher Schande zurückkehren. Jetzt haben wir einen Ausweg gefunden. Ihr Starken, überspringt das Meer, damit die giftfarbenen Feinde zugrunde gehen, und rettet unser kostbares Leben!« (3) »Nur zum siegreichen Sohn der Sonne und zum edlen Träger des leuchtenden Bogens zurückzukehren und die Nachricht zu melden, wäre nicht genug. Die wirkliche Entdeckung wäre eine siegreiche Tat. Wer kann das Meer überqueren?« Darauf erklärten sie ihre Kräfte. (4) Jambavan sagte: »Als der Eine, dessen wahres Wesen alle Veden nicht ergründen, mit einem Schritt die ganze Erde maß, zog ich trommelschlagend durch die acht Richtungen. Dabei stieß ich gegen den Meru, ermüdete und verletzte meinen Fuß, ihr starken Helden!«
(5) »Deshalb kann ich heute nicht dieses große brausende Meer überspringen, Graben und Mauer überwinden, die Bösen durch meine Tat erschrecken, Sita finden und hierher zurückkehren.« So endete der Sohn des Viergesichtigen. (6) Nila und die anderen großen siegreichen Krieger erklärten ausführlich, warum sie das Meer nicht überwinden könnten. Der makellose, kampfstarke Sohn Valis sagte: »Ich könnte hinüberspringen, doch mir fehlt die Gewissheit, auch zurückkehren zu können.« (7) Jambavan sagte: »Wenn wir nun verzagt überlegen: ›Wen könnten wir gehen lassen?‹, wäre das Schwäche und kein Ruhm. Siegreicher Prinz, Zierde der Könige, es gibt einen Makellosen, der unseren Namen bewahren und uns großen Ruhm verschaffen kann.« (8) »Schon weil Rama ihn zuvor eigens zu sich rief und weil er die Aufgabe ohne Ermüdung zu Ende bedenken und erfüllen kann, ist niemand Maruti ebenbürtig.« Dann begann Brahmas Sohn die Kraft des Edlen mit den mächtigen Schultern zu entfalten.
(9) »Du Langlebiger, der selbst nach Brahmas Ende weiterlebt! Du liebst die Schriften und erkennst ihre feinsten Wahrheiten. Dein Ruhm verdient Verkündigung. Vor deiner zornigen Kraft fürchtet sich der Tod; du erfüllst deine Pflicht und kämpfst gewaltig wie der Herr, der das Gift trank.« (10) »Glühendes Feuer, Wasser und Wind können dich nicht vernichten; die vielen gerühmten göttlichen Waffen können dich nicht zerbrechen. Dir gleicht keiner außer dir selbst. Mit einem einzigen Sprung kannst du noch jenseits des Weltalls gelangen.« (11) »Du kannst Gutes und Schlechtes untersuchen und fehlerlos darüber sprechen. Du selbst kannst die nötige Tat entschlossen bestimmen, siegen und zurückkehren; tritt dir Gewalt entgegen, kannst du töten. Die Kraft deiner Schultern nimmt niemals ab.« (12) »Dein großer Körper kann höher als der Meru aufragen; du kannst dich auch zwischen einzelne Regentropfen drängen. Deine Kraft könnte die Erde heben, du Makelloser. Du vermagst zur Sonne zu gelangen und sie mit deiner schönen Hand zu berühren.«
(13) »Mit deiner Einsicht könntest du Vali so bezwingen, dass er niederstürzt, nachdem du alle Mittel geprüft hast, ohne den Dharma zu verletzen. Als Indra seinen feurigen Vajra gegen dich schleuderte und tief treffen ließ, verlorst du nicht einmal ein geringes Haar.« (14) »Selbst die drei Welten wären dir als Gegner im Kampf nichts. Deine Kraft ist unermesslich, deine heldenhaften Schultern kennen kein Nachgeben. Vor dem Wagen der Sonne, die überall auf Erden die Dunkelheit vertreibt, gingst du einher und lerntest die erhabenen Schriften.« (15) »Du stehst fest im Recht und in der Wahrheit; nicht einmal in Gedanken pflegtest du das Begehren nach Frauen. Alle Veden hast du gelesen und verstanden. Du überdauerst Weltzeitalter und kannst alles erklären wie der ursprüngliche Brahma, der die Welt hervorbringt.« (16) »Deine Liebe zum Herrn ist vollkommen. Darum hast du die Aufgabe gründlich erkannt und fest als deine eigene Pflicht angenommen. Du wirst sie ohne Scheitern vollenden. Du weißt, dass allein das Gute bleibenden Wert besitzt.«
(17) »Ist die Zeit noch nicht reif, kannst du dich zurückhalten; kommt der Kampf, besitzt du die Kraft eines zornigen Löwen. Was du nach kluger Prüfung beginnst, führst du vollständig zu Ende. Selbst schwere, den Weg versperrende Hindernisse brechen dich nicht.« (18) »In dem guten Weg, dem selbst der siegreiche Indra und alle anderen folgen, und in der Geduld bist du ein wahrer Gelehrter. Du kannst sorgsam prüfen und sicher ans Ziel führen. Du weißt zur gewünschten Zeit genau das Nötige zu erreichen.« (19) »Geh, schenke uns das Leben und gewinne Ruhm! Bringe Freude und rette auch deinen König. Du könntest sämtliche Meere überspringen; für dieses Meer besitzt du gewiss die nötige Schnelligkeit!« So sprach Brahmas Sohn. (20) Während Jambavan sprach, senkte der Weise sein Lotusgesicht; darauf erschien ein Lächeln wie eine sich öffnende Wasserlilie. Mit gefalteten Lotushänden erklärte er seinen Entschluss, der dem ganzen Geschlecht Rettung bringen sollte.
(21) »Ihr selbst könntet, schneller als ein Gedanke, die sieben Meere überspringen, alle Welten besiegen und die Herrin zurückbringen. Wenn ihr dennoch mir diese Aufgabe anvertraut, um zu sehen, was der Ungelehrte vermag: Wer ist dann glücklicher geboren als ich?« (22) »Befehlt ihr: ›Reiße Lanka samt seinen Wurzeln aus und bringe es hierher!‹, oder: ›Vernichte alle Gegner restlos und bringe die Pfauengleiche mit den goldenen Ohrringen zurück!‹, dann fürchtet euch nicht. Ihr werdet sehen, wie rasch ich euer Wort erfülle.« (23) »Wie der Herr die Erde maß, werde ich die hundert Yojanas mit einem einzigen Schritt überbrücken und das weite Meer leicht überspringen. Selbst wenn Indra und die anderen sich entgegenstellen, werde ich die Niedrigen in Lanka zerschlagen und das Vorhaben vollenden.« (24) »Selbst wenn das Meer donnernd aufsteigt, um die ganze wasserumgebene Welt zu verschlingen, oder das Weltall zerbricht und emporstürzt: Euer Segen und der Befehl unseres Königs werden meine beiden mächtigen Flügel sein. Mit ihnen werde ich wie Garuda hinübergelangen.«
(25) »Bleibt wohlbehalten hier, bis ich Lanka jenseits des brandenden Meeres erreicht habe und zurückkehre. Gebt mir rasch euren Abschiedssegen!« Sie segneten ihn freudig, und die Götter streuten Blumenregen, während er den himmelhohen Gipfel des heiligen Mahendra bestieg. (26) Entschlossen, das unvergleichliche Meer zu überspringen, wuchs er über jede erkennbare Gestalt hinaus. Er glich dem emporgehobenen Fuß des wundermächtigen Herrn, der in riesiger Gestalt die Welt durchmaß. So wurde allen verständlich, warum er selbst ›der heilige Fuß‹ genannt wird. (27) Der Schatten seiner girlandengeschmückten Schultern verbreitete sich über die Welt wie der Ruhm seines Herrn, des Sonnensohnes, und der großen Kriegshelden. Noch bevor er selbst das weite Meer übersprang, hatte sein Schatten die Wasser schon überquert und Lanka erreicht. (28) Sein schlangengleicher Schwanz umschlang den ganzen weiten Berg, in dessen Höhlen Löwen mit offenen Rachen wohnten. Unzählige Gipfel zerbarsten sichtbar unter seinem Druck. Er glich dem Mandara, der sich auf dem Rücken der großen Schildkröte erhob.
(29) Lange Blitzwolken donnerten wie die Heldenringe an seinen Füßen. Seine gewaltige Gestalt wuchs über das Blickfeld der Götter hinaus. Der feste, vielgipflige Mahendra wirkte unter ihm wie der Sockelstein einer hohen goldenen Säule, die das Weltall trägt.
Sundara Kandam – Das Buch der Schönheit
Hanumans Weg nach Lanka verbindet Mut mit sorgfältiger Wahrnehmung. Seine Begegnung mit Sita lässt Hoffnung wachsen. Die folgenden Szenen zeigen unterschiedliche Seiten eines Dienstes, der vom Herzen ausgeht.
5.1 – Anrufung
(1) Die fünf Elemente entfalten sich in mannigfachen Veränderungen und bilden eine scheinbare Vielheit, wie eine unwirkliche Schlange, die man in einer Girlande zu sehen glaubt. Bei wessen Erkenntnis löst sich diese Täuschung auf? Bei jenem, der mit dem Bogen in der Hand in Lanka kämpfte: Er ist das letzte Ziel der Veden.
5.2 – Der Sprung über das Meer
(1) In seiner riesigen Gestalt sah Hanuman die Himmelswelt nahe vor sich. Einen Augenblick fragte er sich: »Ist dies Lanka jenseits des Meeres?« Dann erkannte er die begehrte Götterwelt und wandte seine Gedanken zurück: »Nicht dort liegt das Ziel meines Vorhabens.« (2) »Ich sehe die alte Stadt Lanka: ihre geschützten Haine, goldenen Befestigungen, ringförmigen Mauern, Siegestore und Straßen mit edelsteinernen, weiß gekalkten und duftenden Palästen!« Er schlug sich auf die Schultern und brüllte, sodass das Weltall und die acht Richtungen erbebten. (3) Als der grenzenlos Starke fest auftrat, zerquetschte er den dunklen Berg und drückte ihn hinab. Gestreifte Schlangen mit harten Zähnen krochen feuerspeiend aus den goldreichen Höhlen, als würden aus dem aufgerissenen Bauch des Berges die Eingeweide hervorquellen. (4) Löwen mit schwellenden Mähnen fuhren in den unzugänglichen Höhlen auf, wurden innen zerdrückt und spien Blut. Die Vögel kreischten lauter als das unermessliche Meer und verhüllten beim Auffliegen den Himmel und das Tageslicht.
(5) Die mächtigen Elefanten legten die großen Ohren an den Rücken, stampften mit den Füßen und reckten die Schwänze in den dunklen Himmel. Ängstlich drängten sie sich an ihre sanften Kühe, umschlangen Bäume mit den Rüsseln und trompeteten. (6) Goldglänzende Gipfel zerfielen unter Funken zu Staub, und die blitzenden Bergkämme wurden zusammengedrückt. Tiger flohen mit gesträubtem Fell und hervortretenden Augen; ihre kräftigen Jungen hielten sie im Maul. (7) Als die teakreichen Gipfel schwankten, zerbrachen und zerstreut wurden, erhoben sich die Vidyadhara-Fürsten eilends mit Schilden und Schwertern. Es schien, als sprängen sie im Kampf empor, nachdem sie ihre Gegner von den Füßen gerissen hatten. (8) Der hohe kühle Berg sank von Sternen, Gestirnen und Wolken fort tief in die Erde. Mit dem scharfkralligen, breitgeschulterten Helden als Mast glich er einem Schiff, das unter aufsteigenden Blasen im brausenden Meer versinkt.
(9) Wasserfälle rissen Sandelpaste, Safran, duftende Stoffe, kühlen Honig und goldenen Blütenstaub mit sich. Nachdem sie sich in den Gipfelteichen gebadet hatten, stürzten sie zur Erde; der Berg schien aufzureißen und Blut zu vergießen. (10) Als der schwere Berg sich wie ein Quirl im Meer drehte, stiegen die wahrhaftigen Asketen, die ihre mächtigen Sinne bezwungen hatten, in den Himmel. Sie glichen Erlösten, die das Karma beendet und die Bindung an den unvollkommenen Körper abgelegt haben. (11) Beim Bersten des glänzenden Berges umarmten erschrockene, pfauengleiche Frauen mit zarten Händen ihre himmlischen Geliebten. Jeder dieser Männer glich Shiva auf Kailasa, an den sich die Göttin schmiegte, als der scharfzahnige Dämon den Berg emporheben wollte. (12) Himmelsfrauen, deren Sinne von Wein und Liebeskränkungen verwirrt und deren Herzen zornig gewesen waren, vergaßen ihren Streit. Ängstlich umarmten sie ihre Geliebten und stiegen zum Himmel auf, während sie um die zurückgelassenen grünen Papageien klagten.
(13) Während dies geschah, versammelten sich Götter, Weise und Bewohner der drei Welten geordnet am Himmel. Sie streuten Blumenbüschel, Sandel, Duftpulver und Edelsteine: »Kundiger Held, zieh hin!« Auch er drängte zum Aufbruch. (14) Seine starken Gefährten sagten: »Girlandengeschmückter Held mit den siegreichen Bergschultern, das Meer zu überspringen, das der kleine Weise einst austrank, ist leicht für dich. Doch unterschätze die Aufgabe nicht, weil sie gering erscheint. Geh!« Der Berggleiche sammelte seinen Entschluss. (15) Die Götter staunten: »Diese angenommene Gestalt ist nicht auf Lanka begrenzt; nichts kann ihr im Weg stehen!« Der Held mit der Girlande auf der Brust beugte sich vor und presste beide Füße nieder. Füße und goldener Berg drangen zugleich in die Erde. (16) Er hob den Schwanz schwungvoll, beugte die starken Beine, zog die Brust zusammen, spannte die Schultern und verkürzte den Hals. Die großen Arme streckte er in den treibenden Wind. Dann schoss er so schnell empor, dass kein Auge folgte; sein Haupt streifte Brahmas Welt.
(17) Mit seinem Aufstieg wurden große verzweigte Bäume, bambushohe Berge, siegreiche Elefanten und alles andere emporgerissen. Sie breiteten sich wie ein dichter Wald am Himmel aus, als wollten auch sie über das Meer nach Lanka springen: »Dies ist der Dienst unseres Herrn!« (18) Berge, saftreiche Bäume, Tiere und zahlreiche andere Lebewesen, die sein Schwung hochgerissen hatte, flogen weit in seine Richtung. Dann fehlte ihnen die Kraft, Lanka jenseits des dichten Meeres zu erreichen, und sie stürzten herab. (19) Tiere, Bäume, Erde, Ranken und alles Weitere wurden durch den Schwung des aufbrechenden Helden verstreut und füllten die Wasser von unten bis oben. Es war, als entstünde die Brücke bereits, ehe der den Veden gleichende Krieger Rama selbst ankam. (20) Das Meerwasser riss auseinander, sodass die ganze begehrte Welt der Schlangen darunter mit ihren funkelnden Edelsteinen sichtbar wurde. Hanuman sah sie erfreut: »Durch meine Askese wurde mir also auch der Anblick der Wohnstatt des Schlangenkönigs zuteil!«
(21) Die Schlangen, die stets von Garudas Kraft erzählten, mit seinen Flügeln das Meer zu spalten und mühelos den kostbaren Nektar zu holen, erschraken: »Wie sollen wir überleben? Der mächtige Garuda ist planmäßig gekommen!« Voll Angst flohen sie. (22) Springende Seeungeheuer wurden reglos, Haie verstummten, große Fische lagen still. Der Sturm seines Fluges wirbelte das Meer auf wie der Wind der Weltauflösung. Fortgeschobene Wellen eilten ihm voraus und krochen über Lanka hinweg. (23) Schon die acht Weltelefanten erbebten vor dem Boten des Herrn; was erst die Wesen dazwischen! Er glich dem dreigipfligen Berg, den der mächtige Wind einst entwurzelte, als die Schlange nachgab, und rasch ins Meer trieb. (24) Nicht einmal Indra mit seinem kreisenden Ross und dem scharfspitzigen Vajra konnte seinem Flug mit den Augen folgen. Erde und Meer schienen sich im Weltall unter ihm zusammenzuziehen. Er glich dem einzigartigen Pushpaka-Flugwagen auf dem Weg nach Lanka.
(25) Die Götter priesen, vedische Weise staunten und segneten, die Menschen verneigten sich. Kampfbereit glich Maruti dem schönen Kailasa, der Shiva zurückließ und selbst aufbrach: »Ich werde den schwerttragenden Dämon noch einmal niederdrücken!« (26) Er glich auch dem großen Goldberg Meru, der eilig den uralten, dreiköpfigen Sohn aufsuchen wollte: jenen Herrn, der in Gestalt eines jungen Asketen selbst Brahmas Wissen überstieg, als Halt aller Welten stand und die Wahrheit des Dharma erfüllte. (27) Er zerriss Wolken, ließ Sterne ins wogende Meer fallen, den Himmel erzittern, die Himmelsrichtungen aufreißen und den Meru schwanken. Die höhlenreichen Berge wurden bedrängt. So glich er seinem Vater, dem Wind, der am Weltenende alles vernichtend durcheilt. (28) Er glich dem Sonnengott, der entgegen seiner Gewohnheit nicht im Osten, sondern im Norden aufging und nach Lanka zog: ein Zeichen des Untergangs für den Zwanzigarmigen mit den zehn Köpfen, dessen durch Sinnesbeherrschung erworbene Askesekraft nun erschöpft war.
(29) Er glich dem mächtigen Kriegsdiskus des gerechten Weltherrschers, der sich aus Furcht vor keinem Schutzwall zurückzieht, sondern Rama aus Manus Geschlecht verbunden bleibt und in die Stadt des gewalttätigen Dämons eindringt. (30) Sein Glanz zerriss die Finsternis wie volles Mondlicht; seine über den Himmel ausgebreiteten Schultern beschämten den Meru. Er glich dem Vollmond, der im Norden erscheint, wenn am Weltenende grausames Feuer die ganze meerumgebene Erde verschlingt. (31) Er glich Garuda, der dem wundermächtigen Diskusträger seine Kraft zeigen will: Die Dämonen verlieren vor Schreck ihre Eingeweide, berghohe Erhebungen folgen ihm, und der hohe Himmel weicht zurück, während er sämtliche göttlichen Meere überspringt. (32) Alle sieben Welten erbebten, und sein gewaltiger Körper ragte bis über die übereinandergelagerten Wohnstätten der Götter. Die Himmlischen staunten: »Was Vishnu mit dem Fuß ausmaß, das hohe Himmelsgewölbe, hat er mit seinem gewaltigen Schwanz noch übertroffen!«
(33) Der Schwanz des rufenden Helden, der das Meer übersprang, glich der Schlinge des Todesgottes. Dieser hatte in dem vedengleichen, gütigen Hanuman einen seltenen Helfer gewonnen und folgte verborgen, damit die übermütigen, böswilligen Dämonen ihn nicht entdeckten. (34) Der glänzende große Schwanz glich der mächtigen Schlange, die den Meru ganz umschlungen hatte, nun aber ihre Windungen löste und erschrocken fortglitt, weil Garuda auf Befehl des wolkenfarbenen Herrn herangekommen war. (35) Der starke Wind, den der löwengleiche Affe mit seinen bergbewegenden Schultern erzeugte, traf die Flugwagen im blitzdurchzogenen Götterhimmel. Sie stießen heftig gegeneinander, zerbrachen und fielen ins große Meer. (36) Selbst das Reich des Herrn, der rechts den Vajra hält, geriet in Unruhe: »Welche Absicht hat dieser Reisende?« Die irdische Welt floh bestürzt: »Die Gewalt dieses Helden mit den scharfen Hauern kann nicht nur Lanka gelten!«
(37) Die Meere in allen Richtungen gerieten in Aufruhr. Sämtliche Fische, selbst die von Ländern und Schriften als unermesslich groß beschriebenen Timiṅgila-Fresser, starben unter dem vom Körper des Helden erzeugten Wind und trieben auf dem Wasser. (38) Während er in unvergleichlicher Gestalt vorwärtsflog, lagen seine großen, schwunggebenden Arme gleich hoch ausgestreckt. Sie schienen die beiden Edlen selbst zu sein: Rama von unübertrefflicher Güte und sein Bruder, ein Leben mit ihm, die ihm zu beiden Seiten vorausgingen. (39) Als der Elefantengleiche wie ein stürmischer Wind dahinfuhr, stieg der Mainaka-Berg bis zum Himmel auf. Es sah aus, als wäre der mächtige Elefant, der im Osten die feste Erde bewacht, damals aus dem Meer gekommen. (40) Tausend hohe, rotgoldene Gipfel blitzten; unablässige Wasserfälle glichen einem oberen Gewand. Der Berg erschien wie Vishnu, der aus dem Meer der Seeungeheuer emporsteigt, um die Bosheit auftretender Übeltäter zu beenden.
(41) Er glich dem hohen Mandara: Wie ein Mensch, der gelehrte Unterweisung verschmäht und sich den Sinnen hingibt, hatte dieser den Halt seiner eigenen Stärke verloren und war tief ins Meer gesunken, bis Vishnu ihn als Schildkröte wieder emportrug. (42) Seine mächtigen Flügel erhoben sich an beiden Seiten, seine herrliche Farbe strahlte grenzenlos. Er glich dem edlen Vogelkönig Garuda, der das Meer auseinanderdrängt, den Nektar raubt und aus der Tiefe wieder aufsteigt. (43) Er glich dem einzigartigen goldenen Weltei, das am Anfang in den tiefen Wassern erschien, durch die Gnade dessen, der als Anfang und Ende unsichtbar besteht. Daraus ging der hervor, der die drei Welten und sämtliche Lebewesen gebar. (44) Er glich dem ersten Brahmanen, der aus dem Wasser kam und beschloss: »Erst wenn ich meinen Vater in diesen Wassern gefunden habe, beginne ich meine Schöpfungsarbeit.« Er tauchte in das Urmeer, vollendete seine Askese und erhob sich wieder.
(45) Er glich dem Mond, der beim Quirlen durch Götter und Dämonen aus dem Meer aufstieg: Einst war alles durch den Zorn des königlichen Weisen nach dem Frevel an seiner Blumengabe versunken; der unvergängliche höchste Herr bemühte sich, es zurückzugewinnen. (46) Auf den goldenen Gipfelflächen schimmerten safranrote und blaue Farben sowie umrankende Korallen. Seeungeheuer, die dort mit ihren Weibchen geschlafen hatten, erwachten schwer atmend und wichen zurück. (47) Gekrümmte, perlenvolle Austern klangen; dichte Algen lagen wie trächtige Wolken auf den Kristallflächen. Muscheln entließen herrliche Perlen und übertrafen so den leuchtenden Vollmond, der von Sternen umgeben ist. (48) Auf den steinreichen Gipfeln funkelten viele tausend Edelsteine wie Münzen. Der Berg schien seine breiten Gipfelhände auszustrecken und aus dem alten brausenden Meer, in das er tief getaucht war, strahlende Juwelen emporzuschöpfen.
(49) Weiße Wasserfälle hingen herab wie Reihen langer Fahnen an hohen Häusern. Als der Berg plötzlich aus dem Meer stieg, sprangen große Fische mit ihren Rückenflossen in den Bergteichen, aus denen sie nicht mehr rechtzeitig entkommen konnten. (50) Giftschlangen in den Höhlen, lange von schwerem Druck belastet, richteten sich auf und atmeten tief. Sie glichen Befreiten, deren klare Weisheit die sechs inneren Feinde und die drei Fehler verbrannt hat und die nun keine Bedrängnis mehr kennen. (51) In der Zeit, in der ein Sesamkorn über einen glänzenden Spiegel rollt, war der mächtige Berg emporgewachsen, weithin sichtbar für Himmel und Erde und über die Götterwelt hinausreichend. Unverzagt sah Hanuman ihn staunend an: »Was ist das?« (52) »Dass ein hoher Berg aufsteigt und meinen Weg über das Wasser versperrt, kann nichts Gutes bedeuten«, dachte er. Er stieß ihn so, dass die Wurzeln nach oben und der Gipfel nach unten gerieten, und schoss hoch über die Stadt der Götter hinaus.
(53) Schon vor dem vollen Stoß erbebte der Berg und verbarg sich im hohen Meer. Bestürzt, doch von bleibender Liebe getrieben, erhob er sich erneut, nahm eine kleine menschliche Gestalt an und sagte: »Vater, höre mich!« (54) »Herr, ich bin kein Feind. Als Indra mit seinem mächtigen Vajra allen Bergen die Flügel abschlug, brachte mich der Herr des Windes voller Liebe ins Meer und bewahrte mich vor der Zerstückelung.« (55) »Du bist sein geliebter Sohn. Aus Zuneigung wollte ich etwas für dich tun, wusste aber nichts anderes, als dir anzubieten: Ruhe einen Augenblick auf meinem goldenen Gipfel, bevor du weiterziehst! Deshalb erhob ich mich, Held mit den unerreichbar hohen Schultern.« (56) »Auch das Meer sagte mir: ›Der Windsohn kommt im Dienst des wolkenfarbenen Herrn, um Sita zu suchen und die Götter zu retten. Tritt ihm entgegen! Einen größeren Segen gibt es nicht.‹ So handelte ich, du im Recht Gefestigter.«
(57) »Ich dachte: ›Er ist mir gütiger als eine gute Mutter!‹ und kam sogleich herbei. Nimm an, was ich dir geben kann, Herr mit der breiten, goldgirlandengeschmückten Brust. Was sollen Verwandte sonst tun, wenn einer in ihr Haus kommt?« (58) Aus diesen Worten erkannte Hanuman, dass er nichts Böses beabsichtigte. Sein duftendes Lotusgesicht strahlte auf, und er lächelte. Einen Augenblick lenkte er seinen Blick dorthin und sah die hohe goldene Spitze des Berges neben sich. (59) »Gräme dich nicht! Welche Liebe hat mein göttlicher Vater in dir geweckt! Ich werde nichts zu mir nehmen, bevor ich mein Ziel erfüllt habe. Doch schon als deine süßen Worte mich mit deiner Liebe verbanden, habe ich bei dir geruht und gegessen. Was könntest du darüber hinaus geben?« (60) »Die Liebe zwischen Edlen wächst mit jeder Generation weiter; das ist eine gute Eigenschaft. Hat der Körper eine bessere Stütze als seine Knochen? Ebenso gibt es keine höhere Ehrung als Liebe.«
(61) »Nun muss ich rasch nach Lanka gelangen. Welche Kraft wäre größer, als den Dienst meines Herrn zu erfüllen? Wenn ich zurückkehre, werde ich deine Gastfreundschaft genießen.« So bat der Wahrhaftige und flog weiter, bis der Berg ihn aus den Augen verlor. (62) Sonne, kühler Mond, die verschiedenen Paläste der Götter, Sterne, Wolken und alle Dinge der Welten schienen unter seinem Ansturm zusammengedrängt und einander angeglichen. Er glich dem glühenden Wind am Ende des Weltzeitalters. (63) Die Sonne sah seinen Aufstieg über die Meere und dachte zweifelnd: »Damals sprang er auf meinen Wagen, noch bevor seine roten Füße richtig auf der Erde gehen konnten. Nun hat er solches vor! Gegen wen richtet sich seine Absicht wohl?« (64) Seine schwerthellen weißen Zähne blitzten seitlich; die hohen Schultern und der Körper füllten den Himmel. Wie ein Himmelskörper teilte er den Raum in zwei Hälften: oben Licht, unten eine Welt im Schatten.
(65) Die versammelten Götter baten Surasa mit dem reinen Herzen: »Prüfe seine Stärke für uns, denn er hat die Aufgabe übernommen, das Leid aller drei Welten zu beenden!« Sie nahm Dämoninnengestalt an und erschien vor ihm. (66) Mit riesigem Rachen wuchs die Dämonin gewaltig empor: »Du aus dem Geschlecht der kraftvollen Affen! Du lebst so mächtig, dass selbst der grausame Tod dich fürchtet. Kommst du nun als meine Nahrung?« Ihr Haupt bedrängte den weiten Himmel. (67) »Großzügiger, du bist wohl so rasch zu mir gekommen, um meine feurige Hungerkrankheit zu heilen! Tritt jetzt in meinen Mund mit den ineinandergreifenden, fleischbedeckten Zähnen. Einen anderen Weg durch den Himmel gibt es nicht!« (68) Der Weise sagte: »Du bist eine Frau und leidest unter quälendem Hunger. Du darfst meinen Körper essen; ich bin bereit, dir diese Hilfe zu geben. Doch erst werde ich den Auftrag des Herrn der Himmlischen erfüllen und dann aus Freundlichkeit zurückkehren.« Sie lachte.
(69) »Vor den Augen aller sieben Welten werde ich deinen Körper verzehren und meinen Hunger stillen. Das ist mein Befehl!«, rief sie. Er bedachte die Lage: »Ich werde nicht ausweichen. Ich trete in deinen gewaltigen Rachen und gehe hindurch. Wenn du es vermagst, verschlinge mich!« (70) Die Dämonin öffnete einen höhlenweiten Mund, den selbst unzählige Weltalle nicht gefüllt hätten, und bereitete sich darauf vor, ihn ohne Stocken zu schlucken. Hanuman wuchs so hoch, dass ihr alle Richtungen umfassender Rachen dagegen klein wurde. (71) Dann schrumpfte er augenblicklich, trat wie ein winziger Bissen in ihren erhobenen Mund und war vor einem einzigen Atemzug wieder draußen. Die Götter sahen es, streuten Blumen und segneten ihn lange: »Mächtig ist er, der uns zu den Seinen gemacht hat!« (72) Surasa legte die riesige Gestalt, deren Kraft den Blitz übertraf, ab und nahm ihre eigene wieder an. Liebevoller als eine Mutter pries sie ihn: »Was könnte dir noch misslingen?« Der goldgestaltige Held erwiderte ihren Segen und zog weiter.
(73) Kinnaras sangen, junge Frauen entfalteten die verschiedenen musikalischen Formen, tanzfreudige Geisterscharen folgten lobend, und Brahmanen rezitierten die Veden. Der Südwind bereitete ihm einen gastlichen Empfang. (74) Eine nach Mandara-Blütenstaub duftende Brise trocknete den Schweiß seines roten Lotusgesichtes. Aus ihren Welten ließen Vidyadharas im unfehlbaren Takt Gandhara-Melodien auf der Vina erklingen; seine schönen Ohren tranken diesen Genuss. (75) Da erhob sich Angaratarai, einem neuen Halahala-Gift gleich. Es schien, als hätte das brausende Meer ein zweites, dunkelwolkenfarbenes Meer geboren. »Wer will hier an mir vorbei?«, rief sie. (76) Ihre furchtbaren Augen schienen dem letzten vernichtenden Augenblick des Weltzeitalters zu gehören; das Meer dröhnte im Klang ihrer Fußringe. Sie glich Kaitabha, der einst durch das Meer zum strahlenden Urgrund der Veden kam.
(77) Ihre leuchtenden Hauer glichen zwei abgebrochenen Mondsicheln. Ihr Rachen sah aus wie eine Hülle um Brahmas Weltall, gefertigt aus jener Elefantenhaut, die der Gott mit dem dunklen Hals abgezogen hatte. (78) Sie richtete sich auf: Die weiten Meereswellen wuschen ihre kräftigen Füße, ihr Haupt erreichte das Himmelsgewölbe. Der prüfende Held erkannte: »Diese Frau hat Dharma samt Mitgefühl verschlungen.« (79) Im weiten Himmel, der die große Welt umschließt, sah er keinen Weg außer durch ihren ungeheuren Mund. Er beschloss, den höhlenartigen Bauch der himmelbedrängenden Riesin aufzureißen, und sprach. (80) »Du hast offenbar einen Segen der Unbesiegbarkeit erlangt. Doch selbst angesichts meines unaufhaltsamen, hohen Fluges kommst du nicht zur Einsicht! Mit deinem Rachen versperrst du den ganzen Himmelsweg. Wer bist du? Warum stehst du hier?«
(81) »Hör auf, mich bloß für eine Frau zu halten! Wer mir begegnet, verliert sein Leben, selbst wenn er ein Himmelsbewohner ist. Käme der hohe Todesgott in meinen Blick, würde ich auch ihn verschlingen. Das lässt sich nicht abwenden!«, antwortete sie. (82) Sie öffnete ihre Zahnreihen, und der Held trat hinein. Dharma selbst schrie auf; die Götter verzagten. Doch noch vor einem Augenblinzeln trat er wie ein neu Geborener wieder hervor, ein gewaltiger Löwe. (83) Die tückische Dämonin schrie, während er ihr in einem Augenblick die Eingeweide entriss und mit seinen großen Händen emportrug. Er glich dem mächtigen Garuda, der leicht in eine scharfkantige Berghöhle eindringt und mit der darin lebenden Schlange wieder aufsteigt. (84) Der Vorzüglichste unter den mit Unsterblichkeit gesegneten Helden stieg mit den Eingeweiden der Dämonin empor. Mit seinem Schwanz glich er einer vom Sturm hochgerissenen Fahne, deren langes Seil noch bis zum Boden herabhängt.
(85) Die Götter jubelten; die Danavas wurden traurig und schwitzten vor Angst. Brahma staunte und schüttete Blumenregen aus. Auch der Unvergängliche auf dem weiten Kailasa sah zu; die größten Weisen sprachen Segensworte. (86) Die Dämonin war tot. Er hatte sie vom Mund bis zum Bauch aufgerissen, wuchs im Nu höher als der Meru und nahm ein Tempo an, das den Gedanken langsam erscheinen ließ. Dann flog er auf dem hohen Sonnenweg weiter. (87) »Die Entfernung, die man genannt hat, ist doch begrenzt«, dachte er. »Wie lange ich auch durch diesen weiten Himmel über das Meer springen muss: Sobald ich Lanka erreicht habe, werden die unterwegs auftretenden Hindernisse enden.« (88) »Hindernisse entstehen rasch; die Taten der unverständigen Dämonen, die den makellosen Dharma nicht bedenken, hören nicht auf. Doch es gibt hier einen Weg zur Überwindung: Beim Ruf ›Rama!‹ wandelt sich alles. Ein anderes Mittel kommt dem nicht gleich.«
(89) Er betrachtete die goldenen Bollwerke und die feste Mauer. Als nähere er sich dem göttlichen Land der honigreichen Wunschbäume, lenkte er seinen Himmelsflug seitwärts und sprang auf einen großen Korallenberg in den grünen Hainen vor der alten Stadt Lanka. (90) Unter seinem Sprung wurde der Berg Lankas über dem Meer hin und her gestoßen und geriet ins Schwanken. Er glich einem Schiff, dessen Fahrt ein wolkenumhüllter Sturm versperrt, bis es zerbricht und sich neigt. (91) Fest stand er auf dem unermesslichen Berg, dessen Fuß die Erde und dessen Gipfel den Himmel berührte. Er blickte aufmerksam auf Lanka: Die Stadt glich einem Spiegel, den die schöne Himmelswelt aufgestellt hatte, um ihre eigene Gestalt zu betrachten. (92) Er schlug staunend die Lotushände zusammen: »Diese Stadt mit der goldenen Götterstadt zu vergleichen, ist armselig. Wäre jene schöner, würde der Herrscher über das ganze Weltall nicht hier wohnen. Das ist der Beweis!«
(93) »Es stimmt nicht, dass der Himmel nur an einem bestimmten hohen Ort liegt. Wo jede gewünschte Freude ohne Widerwillen immer neu und grenzenlos genossen werden kann, dort ist der Himmel. So urteilen auch die heiligen Veden.« (94) »Man sagt, das Innere umfasse siebenhundert Yojanas. Wenn alle vortrefflichen Dinge der drei Welten hier versammelt sind, könnte selbst jemand von feinster Einsicht und gründlicher Bildung sie mit seinen begrenzten Augen erfassen? Hat dieses Schauspiel überhaupt ein Ende?«
Nachklang
Der Erzählweg setzt sich auf der nächsten Textseite fort. Nimm dir zuvor einen Augenblick für die Begegnungen dieses Abschnitts: Wo wurde Treue sichtbar, wo brauchte es Mitgefühl, wo blieb eine Frage offen? Auch eine kurze Zeit der Stille kann helfen, das Gelesene nachklingen zu lassen.
Video von Yoga Vidya als Begleitung zur Verehrung und Bedeutung Ramas:
Fortsetzung: Kamba Ramayanam Deutsche Übersetzung Teil 2.
Die Artikel dieser Ausgabe
Übersicht zu Werk, Handlung und spiritueller Bedeutung
- Deutsche Übersetzung: Teil 1 · Teil 2
- Tamilischer Text: Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4
- Tamilische Umschrift: Teil 1 · Teil 2
Textgrundlage und Lesehinweise
Die Ausgabe folgt Project Madurai. Die deutsche Fassung ist eine vorläufige Prosaübersetzung; die Umschrift ist eine regelbasierte, schriftnahe Übertragung. Quellenbedingte Schreibungen und Nummerierungsabweichungen sind nicht vollständig philologisch bereinigt. Der Gesamtbestand dieser Ausgabe umfasst 10.535 Verspositionen bis 6.39.38. Die tamilischen Zwischenüberschriften stammen teilweise von den Herausgebern.
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- Project Madurai: pmuni0414_02
- Project Madurai: pmuni0422_01
- Project Madurai: pmuni0422_02
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- Project Madurai: pmuni0455
- Project Madurai: pmuni0478
- Project Madurai: pmuni0539
- Project Madurai: pmuni0541_01
- Project Madurai: pmuni0541_02
- Project Madurai: pmuni0545_01
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- Project Madurai: pmuni0558_01
- Project Madurai: pmuni0558_02
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