Tamilische heilige Schriften

Aus Yogawiki

Tamilische heilige Schriften sind Texte in tamilischer Sprache, die innerhalb hinduistischer Überlieferungen als geheiligte Worte der Gottesverehrung, als maßgebliche religiöse Lehre oder als heilige Erzählungen weitergegeben werden. Besonders bedeutsam sind der shivaitische Hymnenkanon Tirumurai und der vishnuitische Hymnenkanon Nalayira Divya Prabandham. Hinzu kommen verehrte Gebete an Murugan, Ganesha und die Göttliche Mutter sowie bestimmte Lehrschriften und religiöse Dichtungen.

Shiva als Nataraja, der kosmische Tänzer. Viele tamilische heilige Hymnen besingen seine Gegenwart, seine Gnade und die Hingabe seiner Verehrer.

Für gläubige Tamilinnen und Tamilen können diese Schriften ein Stück geistlicher Heimat sein: ein vertrautes Lied aus dem Tempel, ein Gebet der Eltern, ein Vers, der bei einem Fest gemeinsam gesungen wird. Auch in Deutschland lassen sich durch ihre Rezitation religiöse Praxis, Muttersprache und Familienüberlieferung miteinander verbinden. Eine deutsche Übersetzung kann Kindern, Jugendlichen, deutschsprachigen Angehörigen und spirituell Interessierten helfen, den Sinn der vertrauten Worte zu erschließen.

Dieser Artikel stellt eine bewusst ausgewählte Übersicht heiliger tamilischer Überlieferungen vor. Nicht jede Schrift wird in jeder hinduistischen Familie gleichermaßen verehrt. Welche Texte im Mittelpunkt stehen, hängt unter anderem von der Gottheit, der Tempeltradition und der religiösen Lehrerlinie ab. Die Bezeichnung „heilig“ beschreibt hier ihre Stellung in der jeweiligen Glaubensgemeinschaft.

Welche Schriften stehen im Mittelpunkt?

Am deutlichsten ist der Rang heiliger Schrift bei den anerkannten Hymnenkanons. Daneben können auch einzelne Gebetsdichtungen für ihre Verehrer heilig sein, ohne Bestandteil eines solchen Kanons zu sein. Religiöse Lehrtexte wiederum haben ihren besonderen Platz im Studium und in der Unterweisung durch einen Lehrer.

Überlieferung Besonders wichtige Schriften Religiöser Schwerpunkt
Shiva-Verehrung Tirumurai, darunter Tevaram, Tiruvasagam und Tirumantiram Hymnen, Hingabe, heilige Lebensgeschichten und der Weg zur Erkenntnis Shivas
Vishnu-Verehrung und Sri Vaishnava-Tradition Divya Prabandham, darunter Tiruppavai und Tiruvaymoli Liebe zu Vishnu, Krishna und ihren Erscheinungsformen; Hingabe und Zuflucht zum Göttlichen
Murugan-Verehrung Tiruppugazh, Kandar Anubhuti, Kandar Alankaram, Kanda Sashti Kavacham Lobpreis, Gebet, Bitte um Schutz und göttliche Erkenntnis
Verehrung der Göttlichen Mutter Abhirami Antati Vertrauen in Abhirami und ihre Gnade
Ganesha-Verehrung Vinayagar Agaval Ganesha als göttlicher Lehrer und Führer auf dem inneren Weg
Shaiva Siddhanta Die vierzehn Meykanda-Lehrschriften Religiöse Erkenntnislehre über Gott, Seele, Bindung und Befreiung

Die Aufzählung ist keine Rangordnung der Gottheiten oder Glaubenswege. Ein kurzer Hymnus, den eine Familie täglich betet, kann im persönlichen Glaubensleben ebenso wichtig sein wie ein umfangreicher Kanon.

Tirumurai: die heiligen Schriften der tamilischen Shiva-Verehrung

Die Panniru Tirumurai, die zwölf Tirumurai, bilden den großen tamilischen Schriftkanon der Shiva-Verehrung. Ihre Heiligkeit ist innerhalb der tamilischen shivaitischen Überlieferung ausdrücklich anerkannt. Sie verbinden den Lobpreis Shivas mit Erfahrungen von Sehnsucht, Gnade, Umkehr und Befreiung.[1]

Thirumurai ist der geeignete Einstieg in die Sammlung. Die einzelnen Bücher haben unterschiedliche Formen und Schwerpunkte:[2]

Bücher Inhalt Zugang im Wiki
1–7 Hymnen von Tirugnanasambandar, Appar und Sundarar Tevaram
8 Manikkavacakars große Dichtungen Tiruvasagam und Tirukkovaiyar
9 Hymnen mehrerer Heiliger sowie Centanars shivaitisches Tiruppallandu Tiruvisaippa
10 Tirumulars Werk über Gottesverehrung, Yoga und Erkenntnis Tirumantiram
11 Eine Sammlung von Werken mehrerer shivaitischer Dichterheiliger Unter anderem Arputha Tiruvantati, Tiru Irattai Manimalai, Mutta Tiruppatikam und Tirumurukarruppatai
12 Sekkilars Periya Puranam: Lebensgeschichten der 63 Nayanmar Überblick im Artikel Thirumurai

Tevaram: Shiva im gesungenen Gebet begegnen

Das Tevaram, auch Thevaram oder Devaram geschrieben, umfasst die ersten sieben Tirumurai. Die Hymnen von Tirugnanasambandar, Tirunavukkarasar, genannt Appar, und Sundarar gehören zum Kern tamilischer Shiva-Bhakti. Viele von ihnen richten sich an Shiva an einem bestimmten heiligen Ort.

Dadurch verbinden die Lieder Gottesverehrung mit Tempeln, Landschaften und Pilgerwegen. Für Menschen, die fern dieser Orte leben, kann das Singen die Erinnerung an einen Tempel lebendig halten. Der Text spricht zugleich unmittelbar: von menschlicher Schwäche, dem Wunsch nach Nähe und dem Vertrauen auf Shivas Gnade.

Das Projekt Digital Tevaram des French Institute of Pondicherry bietet Originaltexte, Informationen zu den besungenen Orten und Hörbeispiele.[3]

Tiruvasagam, Tiruvempavai und Tirukkovaiyar

Tiruvasagam von Manikkavacakar gehört zum achten Tirumurai. Es ist eine der zentralen heiligen Dichtungen der tamilischen Shiva-Verehrung. Seine Sprache führt mitten in das religiöse Erleben: Der Mensch erkennt seine Begrenztheit, ruft nach Shiva und erfährt dessen Zuwendung als verwandelnde Gnade.

Ein besonders bekannter Teil ist das Sivapuranam, das mit dem Lob des Namens Namashivaya beginnt. Gemeint ist hier der tamilische Eingangshymnus des Tiruvasagam; er ist vom umfangreichen Sanskrit-Purana gleichen Namens zu unterscheiden.

Die Tiruvempavai umfasst zwanzig Hymnen innerhalb des Tiruvasagam. Sie gehört zur shivaitischen Gebetstradition des tamilischen Monats Margazhi, der ungefähr von Mitte Dezember bis Mitte Januar reicht. Die Bilder des Erwachens, des gemeinsamen Aufbruchs und des morgendlichen Bades laden zur Hinwendung zu Shiva ein.

Das ebenfalls Manikkavacakar zugeschriebene Tirukkovaiyar gehört mit dem Tiruvasagam zum achten Tirumurai. Es gestaltet die Beziehung zum Göttlichen in der vielschichtigen Bildsprache tamilischer Liebesdichtung.

Die heiligen Lieder Karaikkal Ammaiyars

Karaikkal Ammaiyar gehört zu den herausragenden weiblichen Heiligengestalten der tamilischen Shiva-Tradition. Ihre im elften Tirumurai überlieferten Werke eröffnen einen eindringlichen Zugang zu Shiva als Tänzer:

Ihre Bilder sind stellenweise ungewohnt und erschütternd: Vergänglichkeit, Leichenverbrennungsstätten und der göttliche Tanz gehören zusammen. In der religiösen Deutung verweisen sie auf eine Hingabe, die sich auch angesichts von Tod und Auflösung an Shiva hält.

Tirumantiram: heilige Schrift und innerer Yogaweg

Das Tirumantiram des Tirumular bildet das zehnte Tirumurai. Es ist deshalb für diesen Überblick besonders wichtig: Sein Rang als heilige Schrift beruht auf seiner Zugehörigkeit zum shivaitischen Kanon. Zugleich eröffnet es einen bedeutenden Zugang zur tamilischen Yoga- und Tantra-Überlieferung.

Das Werk verbindet religiöse Lebensführung, Gottesverehrung, Mantra, Meditation und Erkenntnis. Es behandelt auch Atemlenkung, den inneren Körper und yogische Verwandlung. Für Menschen mit Interesse an Hatha Yoga, Kundalini Yoga und Tantra ist es deshalb besonders ergiebig. Diese Themen stehen im Zusammenhang mit Shiva-Verehrung, Gnade und Befreiung; sie lassen sich nicht vollständig von diesem religiösen Rahmen lösen.[4]

Im Wiki lesen: Thirumandiram · Tamilischer Text · Umschrift · Deutsche Übersetzung.

Periya Puranam: Heiligkeit im gelebten Leben

Das Periya Puranam von Sekkilar bildet das zwölfte Tirumurai. Es erzählt von den 63 Nayanmar, den großen Heiligen der Shiva-Verehrung. Im Mittelpunkt steht die gelebte Hingabe: Menschen unterschiedlicher Herkunft werden durch ihre Liebe zu Shiva und ihren Dienst an seinen Verehrern zu Vorbildern des Glaubens.[5]

Die Geschichten sind religiöse Heiligenüberlieferungen. Ihre Bedeutung liegt für Gläubige in dem, was sie über Vertrauen, Opferbereitschaft und göttliche Gnade vermitteln. Eine Einführung in ihren Platz im Kanon bietet der Artikel Thirumurai.

Divya Prabandham: die heiligen Hymnen der Alvar

Vishnu auf Ananta. Die Hymnen der Alvar besingen Vishnu und seine Erscheinungsformen mit inniger Liebe.

Das Nalayira Divya Prabandham ist der tamilische Hymnenkanon der Alvar. Innerhalb der Sri Vaishnava-Tradition wird er als Dravida Veda, als tamilischer Veda, verehrt. Die traditionelle Bezeichnung Nalayira verweist auf die Sammlung von viertausend Hymnen.[6]

Seine Dichtungen richten sich an Vishnu, Narayana, Krishna, Rama und verschiedene Tempelgestalten des Herrn. Sie sprechen von Freude und Trennungsschmerz, vom Vertrauen auf seine Hilfe und von der Hingabe an seine Füße. Das Wort Alvar wird traditionell mit dem tiefen Versunkensein im Göttlichen verbunden.

Die Bedeutung dieses Kanons für die lebendige religiöse Praxis zeigt beispielsweise das Divya-Prabandham-Projekt der Tempelverwaltung von Tirumala Tirupati: Es fördert die Vermittlung der tamilischen Hymnen und Vorträge über Tiruppavai im Dhanur-Monat.[7]

Tiruppavai und Nachiyar Tirumoli: Andals heilige Dichtungen

Tiruppavai von Andal gehört zu den besonders geeigneten Einstiegen. In dreißig Versen entfaltet es einen gemeinsamen Weg der Hinwendung zu Krishna und Narayana. Die Dichtung hat einen herausgehobenen Platz im Monat Margazhi. Das gegenseitige Wecken und Zusammenkommen der Mädchen macht Gemeinschaft selbst zu einem Bild der Gottesliebe.

Nachiyar Tirumoli, das zweite große Werk Andals, gestaltet die Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem göttlichen Geliebten. Besonders bekannt ist die Folge Varanam Ayiram, in der Andal von ihrer Hochzeit träumt. Die religiöse Bildsprache verbindet menschliche Liebe mit dem Verlangen nach der Nähe des Göttlichen.

Andal wird in der Sri Vaishnava-Tradition selbst verehrt. Ihre Gedichte werden daher als Worte einer heiligen Dichterin aufgenommen, deren Hingabe den Lesenden und Singenden zum Vorbild werden kann.

Tiruvaymoli und die weiteren Werke Nammalvars

Tiruvaymoli von Nammalvar gehört zu den zentralen heiligen Werken der Sri Vaishnava-Tradition. Seine 1.102 Verse beschreiben Gottesnähe, Sehnsucht, Hingabe und die Abhängigkeit des Menschen von göttlicher Gnade. Das Werk hat eine reiche religiöse Kommentierung hervorgebracht.[8]

Drei weitere Dichtungen Nammalvars sind ebenfalls Bestandteil des Divya Prabandham:

  • Tiruviruttam: hundert Verse, die religiöse Sehnsucht in der Sprache der Liebe gestalten.
  • Tiruvaciriyam: eine kurze, feierliche Dichtung über die Größe des Göttlichen.
  • Periya Tiruvantati: eine Folge von Versen in der Antati-Form, in der die Strophen sprachlich miteinander verbunden sind.

Diese vier Werke gehören zusammen zur heiligen Stimme Nammalvars innerhalb des Kanons. Die Einzelartikel helfen, ihren jeweiligen Aufbau kennenzulernen.

Weitere im Wiki erschlossene heilige Hymnen

Die folgenden Werke werden hier aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Divya Prabandham aufgeführt. Sie sind keine zusätzlichen, voneinander unabhängigen Kanons, sondern Teile der größeren heiligen Sammlung.

Werk Dichterheiliger Schwerpunkt
Tiruppallandu Periyalvar Segensruf auf den Herrn; ein besonders kurzer Zugang zu liebender Gottesverehrung
Amalanatipiran Tiruppan Alvar Zehn Verse über die göttliche Gestalt Ranganathas
Tirumalai Tondaradippodi Alvar Lobpreis Ranganathas, Selbsterkenntnis und Zuflucht
Tiruppalliyezhuchi Tondaradippodi Alvar Zehn Morgenhymnen, die Ranganatha liebevoll zum Erwachen rufen
Nanmukan Tiruvantati Tirumazhisai Alvar Die höchste Stellung Narayanas aus der Glaubensperspektive des Dichters
Tiruchanda Viruttam Tirumazhisai Alvar Rhythmisch geprägter Lobpreis des Herrn
Periya Tirumoli Tirumangai Alvar Umfangreiche Hymnenfolge über den Herrn und seine heiligen Orte
Tirukkuruntantakam und Tirunetuntantakam Tirumangai Alvar Zwei Dichtungen über Gottesliebe und Zuflucht
Tiruvelukkutrirukkai Tirumangai Alvar Kunstvoll aufgebaute Gebetsdichtung
Ciriya Tirumatal und Periya Tirumatal Tirumangai Alvar Ausdruck überwältigender Sehnsucht nach dem göttlichen Geliebten

Ramanuja Nurrantati von Tiruvarangattu Amudanar richtet sich an den Lehrer Ramanuja. Das Werk gehört zur späteren, in die Divya-Prabandham-Rezitationsüberlieferung aufgenommenen Guru-Verehrung. Ramanuja wird dadurch nicht zu einem der zwölf Alvar; vielmehr kommt hier die Heiligkeit der Lehrerlinie zum Ausdruck.[9]

Hinweis zu gleichnamigen Hymnen: Das vishnuitische Tiruppallandu Periyalvars ist vom shivaitischen Tiruppallandu Centanars im neunten Tirumurai zu unterscheiden. Auch Tiruppalliyezhuchi bezeichnet nicht nur einen einzigen Text: Neben den Morgenhymnen Tondaradippodi Alvars gibt es eine gleichnamige Hymnenfolge Manikkavacakars im Tiruvasagam.

Im Wiki weiterlesen: Einführung zum Divya Prabandham · Tamilischer Text · Umschrift · Tiruppavai · Tiruvaymoli.

Heilige Schriften und Gebete der Murugan-Verehrung

Murugan mit Valli und Deivayanai, dargestellt von Raja Ravi Varma. Tamilische Hymnen verehren ihn als göttlichen Beschützer und Lehrer.

Murugan, auch Skanda, Subrahmanya, Kanda oder Arumuga genannt, hat einen herausragenden Platz in der tamilischen Gottesverehrung. Seine heiligen Lieder verbinden Schönheit, Mut, Hingabe und Erkenntnis. Der Vel, sein Speer, erscheint in der religiösen Auslegung auch als Bild der Weisheit, welche Unwissenheit durchdringt.

Tiruppugazh

Tiruppugazh von Arunagirinathar ist eine große Sammlung heiliger Lobgesänge auf Murugan. Ihre besondere rhythmische Gestaltung macht sie zugleich zu einer lebendigen musikalischen Gebetstradition. Die Hymnen sprechen von menschlicher Verstrickung und der Bitte, durch Murugans Gnade zu einem anderen Leben zu finden.

Für den Einstieg kann ein einzelnes gesungenes Lied hilfreicher sein als die fortlaufende Lektüre der Sammlung. Ein Hörbeispiel zu Muthai Tharu findet sich im Videoabschnitt.

Textzugänge: Tiruppugazh · Tamil, erster Teil · Tamil, zweiter Teil · Umschrift, erster Teil · Umschrift, zweiter Teil · Deutsche Übersetzung, Verse 863–1326. Die Nummern folgen der im Wiki verwendeten Ausgabe.

Kandar Anubhuti und Kandar Alankaram

Kandar Anubhuti ist eine kurze, besonders dichte Dichtung Arunagirinathars. Sie verbindet das Gebet zu Murugan mit Fragen nach Erkenntnis, dem Ende der Bindung und der unmittelbaren Erfahrung des Göttlichen. Dadurch ist sie auch für Menschen bedeutsam, die Bhakti Yoga mit Meditation und Erkenntnissuche verbinden möchten.[10]

Kandar Alankaram gestaltet Murugans Herrlichkeit in eindringlichen Bildern. Es ist ebenfalls ein Werk Arunagirinathars und gehört zur verehrten Murugan-Dichtung. Beide Werke werden hier als heilige Bhakti-Texte der Murugan-Tradition vorgestellt; sie sind keine Teile des zwölfbändigen Tirumurai.

Tirumurukarruppatai

Tirumurukarruppatai führt poetisch zu Murugan und seinen heiligen Stätten. Das alte Werk gehört literaturgeschichtlich zur Sammlung Pattuppattu und ist zugleich in das elfte Tirumurai aufgenommen worden. Diese doppelte Zugehörigkeit ist entscheidend: Ein Werk kann klassische Literatur und heilige Schrift sein.

Deshalb wird Tirumurukarruppatai hier aufgenommen, ohne damit die gesamte frühe tamilische Dichtung als religiösen Kanon einzuordnen.

Kanda Sashti Kavacham

Kanda Sashti Kavacham von Devaraya Swamigal ist ein tamilischer Schutzhymnus an Murugan. Der Begriff Kavacham bedeutet „Rüstung“ oder „Schutzpanzer“. Der Betende bittet darum, dass Murugans Gegenwart und sein Vel ihn an Körper und Seele behüten.[11]

Die Aussagen über Schutz und Hilfe gehören zur Sprache des Glaubens und des Gebets. Das Werk steht beispielhaft für einen Text, der außerhalb der beiden großen Hymnenkanons einen festen Platz in der persönlichen Gottesverehrung haben kann.

Kanda Puranam

Das tamilische Kanda Puranam des Kacciyappa Sivacariyar erzählt die heilige Geschichte Murugans. Es eröffnet die erzählerische Welt, auf die zahlreiche Gebete und Festtraditionen Bezug nehmen: die göttliche Herkunft Murugans, seinen Kampf gegen die dämonischen Mächte und sein Wirken zum Wohl der Verehrer. Es ist eine eigenständige tamilische Bearbeitung der Skanda-Überlieferung und sollte nicht einfach mit dem gesamten Sanskrit-Skanda-Purana gleichgesetzt werden.

Abhirami Antati: die Göttliche Mutter verehren

Abhirami Antati von Abhirami Bhattar ist eine heilige Dichtung an Abhirami, die in Tirukkadaiyur verehrte Göttliche Mutter. Ihre hundert Hauptverse preisen die Schönheit, Macht und Gnade der Göttin. Die Antati-Form verknüpft die Strophen zu einer sprachlichen Kette.

Das Werk eignet sich besonders für Menschen, deren religiöses Leben von der Verehrung der Devi oder Amman geprägt ist. Die Göttin erscheint als Zuflucht, als Quelle von Erkenntnis und als Gegenwart, der sich der Mensch mit seinen Ängsten und Hoffnungen anvertrauen kann.

Die Tempelüberlieferung erzählt, wie Abhirami Bhattar in höchster Bedrängnis seine Göttin anrief. Ihre rettende Erscheinung gehört zur religiösen Ursprungserzählung der Dichtung. Die Verehrung des Textes ist auch außerhalb Indiens lebendig; beispielsweise stellt der Siva-Vishnu-Tempel in Ottawa Abhirami und ihren Hymnus als Teil seiner Gottesverehrung vor.[12]

Im Wiki lesen: Abhirami Antati.

Vinayagar Agaval: Ganesha als göttlicher Lehrer

Vinayagar Agaval ist ein Avvaiyar zugeschriebener heiliger Hymnus an Vinayagar. Er beginnt mit der Verehrung seiner Gestalt und entfaltet anschließend einen inneren Weg, auf dem Ganesha selbst zum Lehrer wird.

Der Hymnus verbindet Bhakti mit yogischer Erfahrung. Er spricht von den inneren Kräften, der Sammlung des Geistes und befreiender Erkenntnis. Damit ist er neben dem Tirumantiram ein besonders wichtiger Text für die Begegnung von tamilischer Gottesverehrung und Interesse an Kundalini Yoga.[13]

Sein Grundton bleibt Hingabe: Erkenntnis wird als Gabe des göttlichen Lehrers erfahren. Wer den Text mit einer vertrauten Rezitation hört und anschließend die Bedeutung einzelner Abschnitte liest, kann beide Seiten wahrnehmen – das Gebet und die innere Unterweisung.

Im Wiki lesen: Vinayagar Agaval.

Die vierzehn heiligen Lehrschriften des Shaiva Siddhanta

Neben den gesungenen Tirumurai verehrt der tamilische Shaiva Siddhanta einen Bestand von vierzehn maßgeblichen Lehrschriften, die als Meykanda Nulkal oder Santana Nulkal bezeichnet werden. Ihre besondere Stellung liegt in der religiösen Lehre über Shiva, die Seele und ihre Befreiung.[14]

Hier bedeutet „heilig“ vor allem verbindliche Unterweisung innerhalb einer religiösen Lehrertradition. Diese Texte haben einen anderen Gebrauchsschwerpunkt als ein täglich gesungener Tempelhymnus.

Lehrschrift Zugang zum Thema
Tiruvundiyar Grundzüge des Weges zu Shiva und der befreienden Erkenntnis
Tirukkalitruppadiyar Vertiefung der religiösen Unterweisung über den Weg zur Befreiung
Sivajnana Bodham Meykandars grundlegende Lehrsätze über Gott, Seele und Bindung
Sivajnana Siddhiyar Ausführliche Darlegung und Begründung der Siddhanta-Lehre
Irupa Irupathu Fragen des Schülers an den Lehrer über zentrale Lehrprobleme
Unmai Vilakkam Erklärung der Wirklichkeit und religiöser Grundbegriffe
Sivaprakasam Erkenntnis im Licht Shivas
Tiruvarutpayan Die Bedeutung göttlicher Gnade
Vina Venba Lehrfragen über Erkenntnis und Befreiung
Potri Pahrodai Lobpreis des Lehrers und der durch ihn vermittelten Gnade
Kodikkavi Kurze Dichtung mit religiöser Auslegung der Tempelfahne
Nenju Vidu Thoothu Das Herz als Bote zum geistlichen Lehrer
Unmai Neri Vilakkam Erklärung des wahren Erkenntnisweges
Sankarpa Nirakaranam Prüfung und Zurückweisung konkurrierender philosophischer Auffassungen

Für einen ersten Zugang eignen sich die Einführungen zu Sivajnana Bodham und Tiruvarutpayan. Wer den Hymnen aus dem Tirumurai bereits vertraut ist, begegnet hier vielen ihrer religiösen Themen in begrifflich ausgearbeiteter Form.

Heilige Erzählungen über Rama und Shivas Pilgerorte

Der heilige Berg Arunachala und die Tempellandschaft von Tiruvannamalai. Das Arunachala Puranam erzählt von Shivas Gegenwart an diesem Ort.

Heilige Überlieferung wird auch erzählend weitergegeben. Die folgenden Werke haben ihren Rang im Zusammenhang mit Gottesverehrung und Pilgertradition. Sie gehören nicht sämtlich zu einem gemeinsamen tamilischen Kanon.

Kamba Ramayanam

Das Kamba Ramayanam, auch Ramavataram genannt, ist Kambans tamilische Gestaltung der Geschichte Ramas. Für gläubige Leser verbindet sich die große Dichtung mit der Verehrung Ramas als Erscheinung Vishnus. Sie erzählt von Treue, Pflicht, Trennung, Mut und der Frage, wie ein Mensch dem Dharma gerecht werden kann.

Sita, Hanuman und Rama werden dabei zu Gestalten religiöser Besinnung. Die besondere poetische Bedeutung des Werkes und seine heilige Bedeutung für Rama-Verehrer bestehen nebeneinander.[15]

Im Wiki lesen: Kamba Ramayanam · Deutsche Übersetzung, Teil 1 · Deutsche Übersetzung, Teil 2 · Umschrift · Tamilischer Text.

Thiruvilaiyadal Puranam

Das Thiruvilaiyadal Puranam erzählt von den heiligen Spielen Shivas in und um Madurai. In der verbreiteten Fassung Paranjoti Munivars stehen 64 göttliche Taten im Mittelpunkt. Shiva begegnet darin Herrschern, Dichtern, Handwerkern und anderen Menschen.

Die Geschichten erschließen die religiöse Bedeutung Madurais und seiner Tempelwelt. Für Gläubige zeigen sie, wie göttliche Gnade auch in menschliche Konflikte und alltägliche Situationen hineinwirkt.[16]

Im Wiki lesen: Thiruvilaiyadal Puranam · Tamil, Teil 1 · Tamil, Teil 2 · Umschrift.

Arunachala Puranam

Das Arunachala Puranam des Saiva Ellappa Navalar ist eine heilige Ortsüberlieferung über Arunachala und Tiruvannamalai. Es erzählt von Shiva als unermesslichem Licht, von Parvatis Verehrung und von der Bedeutung des heiligen Berges.

Das Werk hilft, die religiöse Welt zu verstehen, aus der Bergumwanderung, Tempelverehrung und Lichtfest hervorgehen. Sri Ramanasramam stellt eine vollständige Rezitation bereit und dokumentiert auch die Wertschätzung der Dichtung durch Ramana Maharshi.[17]

Im Wiki lesen: Arunachala Puranam.

Tamilischer Text, Umschrift und deutsche Übersetzung

Die verlinkten Wiki-Artikel erschließen die Schriften in unterschiedlicher Form. Bei vielen Werken stehen tamilischer Originaltext, Umschrift in lateinischen Buchstaben und deutsche Übersetzung zur Verfügung, teilweise verteilt auf mehrere Seiten. Welche Teile vorhanden sind, ist dem jeweiligen Hauptartikel zu entnehmen.

Die drei Zugänge erfüllen unterschiedliche Aufgaben:

  • Tamilische Schrift bewahrt die vertraute Gestalt des Gebets und ermöglicht die direkte Lektüre des überlieferten Wortlauts.
  • Umschrift erleichtert das Mitlesen für Menschen, die die tamilische Schrift noch nicht oder nicht sicher lesen können.
  • Deutsche Übersetzung erschließt Bedeutung und religiöse Bilder für deutschsprachige Leser.

Für die Aussprache bleibt das Hören einer kundigen Rezitation besonders wertvoll. Unterschiedliche Umschriftsysteme erklären zudem Schreibweisen wie Tirumantiram und Thirumandiram oder Tevaram und Thevaram.

Ein Zugang für tamilische Familien in Deutschland

Welche Schrift passt zum eigenen religiösen Leben? Ein guter Ausgangspunkt ist das Gebet, das bereits aus der Familie oder dem Tempel vertraut ist. Die folgenden Vorschläge helfen bei der Orientierung; sie schreiben keine einheitliche Praxis vor.

Anliegen Möglicher Einstieg
Die vertraute Shiva-Verehrung vertiefen Tiruvasagam, Tevaram oder Tiruvempavai
Den Monat Margazhi mit Andals Hymnen begleiten Tiruppavai
Murugan im Gebet anrufen Kanda Sashti Kavacham oder einzelne Lieder aus Tiruppugazh
Die Göttliche Mutter verehren Abhirami Antati
Ganesha-Verehrung und innere Sammlung verbinden Vinayagar Agaval
Ein kurzes vishnuitisches Morgen- oder Lobgebet kennenlernen Tiruppalliyezhuchi, Tiruppallandu oder Amalanatipiran
Mit Kindern über heilige Erzählungen sprechen Ausgewählte Episoden aus Kamba Ramayanam oder Thiruvilaiyadal Puranam

Eine gemeinsame Lektüre kann mit wenigen Zeilen beginnen: zunächst hören, anschließend den tamilischen Text oder die Umschrift mitlesen und danach die deutsche Bedeutung besprechen. Oft führt eine einfache Frage weiter: Welche Bitte, Hoffnung oder Erfahrung spricht hier aus dem Gebet?

So kann das überlieferte Wort auch zwischen den Generationen lebendig bleiben. Die Älteren bringen Erinnerung und Aussprache ein; die Jüngeren stellen Fragen und entdecken eigene Zugänge zum Glauben.

Was Yoga-Übende in diesen Schriften entdecken können

Für Yoga-Übende bieten die tamilischen heiligen Texte einen Zugang zu einer religiösen Welt, in der Körper, Atem, Hingabe und Erkenntnis miteinander verbunden sind. Besonders deutlich wird dies im Tirumantiram und im Vinayagar Agaval. Das erste Werk entfaltet einen umfangreichen shivaitischen Yogaweg; der zweite Text verdichtet Gottesverehrung und innere Unterweisung zu einem Hymnus.

Kandar Anubhuti erschließt die Verbindung von Gottesliebe und unmittelbarer Erkenntnis. Tiruvasagam, Tiruppavai und die anderen Hymnen eröffnen den Weg des Bhakti Yoga: Hören, Singen, Erinnern und das vertrauensvolle Ausrichten des Herzens auf das Göttliche.

Wer sich für Hatha Yoga, Kundalini Yoga oder Tantra interessiert, begegnet hier den religiösen Zusammenhängen dieser Themen. Die Texte sprechen zugleich über die Gestaltung des Lebens, die Bedeutung des Lehrers und die Rolle göttlicher Gnade.

Videos: Tamilische heilige Hymnen hören

Die folgenden Aufnahmen vermitteln einen Eindruck vom Klang der Gebete. Melodie, Vortrag und musikalische Begleitung können je nach Tempel, Familie und musikalischer Tradition variieren. Die Videos sind Hörbeispiele und bilden keine verbindliche Rezitationsordnung.

Sivapuranam aus dem Tiruvasagam

Tamilischer Shiva-Hymnus mit eingeblendeten tamilischen Worten; Veröffentlichung von Vijay Musical.

Tiruppavai von Andal

Gesungene Tiruppavai-Hymnen mit den Bombay Sisters, Volume 1; Veröffentlichung von MRT Music – Bhakthi Sagara.

Tiruppugazh: Muthai Tharu

Ein Lied aus Arunagirinathars Murugan-Dichtung, gesungen von Sudha Ragunathan; Veröffentlichung von Amutham Music.

Abhirami Antati

Die hundert Hymnen an Abhirami, gesungen von Mahanadhi Shobana; Veröffentlichung von Symphony.

Vinayagar Agaval

Avvaiyars Hymnus an Ganesha mit T. L. Maharajan; Veröffentlichung von Symphony.

Zur Auswahl der Schriften

Dieser Überblick konzentriert sich auf Texte mit einer klar erkennbaren Stellung als kanonische Schrift, verehrtes Gebet, maßgebliche religiöse Lehrschrift oder heilige Erzählung innerhalb tamilischer hinduistischer Traditionen. Die Auswahl ist nicht erschöpfend und spricht anderen Werken ihre mögliche Heiligkeit für bestimmte Gemeinschaften nicht ab.

Die umfassendere Seite Tamilische Schriften stellt daneben auch ethische, sprachwissenschaftliche, literarische und weitere spirituelle Werke vor. Ein klassischer Text ist nicht allein aufgrund seines Alters eine heilige Schrift. Umgekehrt kann ein vergleichsweise junges Gebet tief verehrt werden.

Entscheidend ist außerdem die Sprache des Werkes: Eine tamilische Umschrift eines Sanskritgebets macht dessen ursprünglichen Text noch nicht zu einer tamilischen Dichtung. Dieser Artikel behandelt die tamilischsprachigen Überlieferungen selbst.

Siehe auch

Quellen und weiterführende Textsammlungen

Die religiöse Stellung der Werke wird insbesondere anhand von Veröffentlichungen der jeweiligen Traditionen erläutert. Für den Aufbau des shivaitischen Kanons wird ergänzend die wissenschaftliche Übersicht des French Institute of Pondicherry herangezogen.

  1. ↑ Shaivam.org: Panniru Thirumurai, Einführung in den heiligen shivaitischen Hymnenkanon.
  2. ↑ French Institute of Pondicherry: The Paṉṉiru Tirumuṟai, Übersicht über die zwölf kanonischen Bücher.
  3. ↑ French Institute of Pondicherry: Digital Tevaram, Textausgabe, Ortsinformationen und musikalische Beispiele.
  4. ↑ Kauai’s Hindu Monastery / Himalayan Academy: Tirumantiram, religiöse Einordnung und Werkbeschreibung; Vorwort zur englischen Übersetzung von B. Natarajan.
  5. ↑ Shaivam.org: Information on Periyapuranam, Stellung im Tirumurai und Überlieferung der Nayanmar.
  6. ↑ Srivaishnavam.com: Frequently Asked Questions, religiöse Einordnung des Divya Prabandham als Dravida Veda; Naalaayira Divya Prabandham, Textsammlung für die Rezitation.
  7. ↑ Tirumala Tirupati Devasthanams: Alwar Divya Prabandha Project, offizielles Vermittlungsprogramm.
  8. ↑ Archana Venkatesan, University of California, Davis: Tiruvaymoli, Einführung und Übersetzungsprojekt.
  9. ↑ Srivaishnavam.com: Iramanusa Nurrantati, Text innerhalb der Divya-Prabandham-Sammlung.
  10. ↑ Kaumaram.com: The Esoteric Kandar Anubhuti, traditionelle religiöse Auslegung von N. V. Karthikeyan.
  11. ↑ Kaumaram.com: Kandhar Shashti Kavasam by Sri Thevaraya Swamigal, tamilischer Hymnus mit englischer Übertragung.
  12. ↑ Siva Vishnu Temple of Ottawa: Abirami Ambal, Darstellung der Göttin, des Hymnus und seiner heiligen Überlieferung.
  13. ↑ Tamil Guardian: An introduction to Auvaiyar’s Vinayagar Agaval, Erläuterung der religiösen und yogischen Bildsprache.
  14. ↑ Shaivam.org: The Core Saiva Siddhanta Texts – Santhana Noolkal / Meykanda Noolkal, Verzeichnis der vierzehn grundlegenden Lehrschriften.
  15. ↑ Tamil Virtual Academy: Kamba Ramayanam, Einführung in Kambans Dichtung.
  16. ↑ South Indian Paintings: Tiruvilaiyadal Puranam, Einführung und bildliche Überlieferung der heiligen Spiele Shivas.
  17. ↑ Sri Ramanasramam: Arunachala Puranam, Einführung, Textdateien und Rezitation.