Perumal Tirumoli
Perumal Tirumoli (Tamil: பெருமாள் திருமொழி, Perumāḷ Tirumoḻi), „die heiligen Worte des Perumal“, ist eine Sammlung von 105 Hymnen auf Vishnu in tamilischer Sprache. Sie wurde von Kulasekhara Alvar gedichtet, einem König aus dem Herrscherhaus der Chera im heutigen Kerala, der zu den zwölf Alvars gehört. Das Werk ist Teil des Nalayira Divya Prabandham, der Sammlung der „viertausend göttlichen Hymnen“ des tamilischen Vishnuismus.
Die Perumal Tirumoli ist das Werk eines Königs, der sich nach nichts so sehr sehnte wie danach, Diener Gottes zu sein. In ihren berühmtesten Versen wünscht sich Kulasekhara, auf dem heiligen Berg Tirumala als Vogel, als Fisch im Tempelteich, als Baum oder sogar als Stufe vor dem Allerheiligsten wiedergeboren zu werden, nur um immer in der Nähe Gottes zu sein. Seither heißt die Schwelle vor dem Allerheiligsten in den Vishnu-Tempeln Kulasekhara Padi, „die Stufe des Kulasekhara“.
Kulasekhara Alvar war ein glühender Verehrer Ramas. Seine Hymnen enthalten ein Wiegenlied für das Rama-Kind, die Klage des Königs Dasharatha über die Verbannung seines Sohnes und eine kurze Nacherzählung des ganzen Ramayana. Daneben besingen sie Krishna, die Sehnsucht der Hirtinnen, die Klage Devakis und die Tempel Srirangam, Tirumala und Tiruvittuvakodu. Es ist ein Werk voller Gefühl, in dem ein Herrscher lernt, dass die höchste Würde im Dienen liegt.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Perumal Tirumoli |
| Tamil | பெருமாள் திருமொழி |
| Transliteration | Perumāḷ Tirumoḻi |
| Bedeutung | „Die heiligen Worte des Perumal“; Perumal ist ein Name Vishnus und zugleich der Königstitel des Dichters |
| Verfasser | Kulasekhara Alvar (குலசேகர ஆழ்வார்), König der Chera |
| Entstehungszeit | Meist ins 9. Jahrhundert datiert |
| Umfang | 105 Hymnen in zehn Gruppen (Tirumoli) |
| Sammlung | Nalayira Divya Prabandham, erstes Tausend |
| Weiteres Werk des Dichters | Mukundamala, ein Hymnus in Sanskrit |
| Besungene Orte | Srirangam, Tirumala, Tiruvittuvakodu, Tirukkannapuram, Chidambaram u. a. |
Der Dichter Kulasekhara Alvar
Ein König, der Gott dienen wollte
Kulasekhara Alvar war nach der Überlieferung ein König der Chera-Dynastie mit der Hauptstadt Tiruvanjikulam bei Kodungallur im heutigen Kerala. Er soll im 9. Jahrhundert gelebt haben. Die Tradition sieht in ihm eine Verkörperung des Kaustubha, des Edelsteins auf der Brust Vishnus. Er wurde unter dem Mondhaus Punarvasu geboren, unter dem auch Rama geboren wurde, und blieb Rama sein ganzes Leben lang besonders verbunden.
Obwohl er ein mächtiger Herrscher war, galt sein Herz nicht dem Königtum, sondern Gott und der Gemeinschaft der Gottesverehrer. Er verbrachte viel Zeit mit Pilgern und Heiligen, hörte das Ramayana und besuchte die großen Tempel. Seine Sehnsucht galt vor allem dem Tempel von Srirangam und der Gemeinschaft der Verehrer, die dort lebte.
Die Legende vom Ramayana
Eine bekannte Legende erzählt, wie tief Kulasekhara in die Geschichte Ramas eintauchte. Eines Tages hörte er eine Rezitation des Ramayana, in der berichtet wurde, dass Rama allein gegen vierzehntausend Dämonen kämpfen musste. Kulasekhara war so ergriffen, dass er vergaß, dass es sich um eine alte Erzählung handelte. Er rief sein Heer zusammen und wollte Rama sofort zu Hilfe eilen. Erst als der Rezitator ihm berichtete, dass Rama den Kampf bereits siegreich beendet hatte, beruhigte er sich.
Die Geschichte wird in der Tradition nicht als Torheit erzählt, sondern als Zeichen höchster Hingabe: Für den wahren Verehrer ist die Geschichte Gottes keine Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart.
Die Prüfung mit der Schlange
Die Minister des Königs sahen seine Nähe zu den wandernden Verehrern mit Sorge. Um sie in Verruf zu bringen, versteckten sie ein kostbares Juwel aus dem Tempelschatz und behaupteten, einer der Verehrer habe es gestohlen. Kulasekhara wollte die Unschuld der Verehrer beweisen. Er ließ einen Krug bringen, in dem sich eine Giftschlange befand, und schwor: Wenn die Verehrer schuldig seien, solle die Schlange ihn beißen. Dann steckte er die Hand in den Krug. Die Schlange tat ihm nichts, und die Minister gestanden ihre List.
Der Verzicht auf den Thron
Schließlich legte Kulasekhara die Herrschaft nieder, übergab das Reich seinem Sohn und ging als Pilger zu den heiligen Orten Vishnus. Nach der Überlieferung ließ er in Srirangam einen Umgang des Tempels erbauen, der noch heute seinen Namen trägt. Eine Legende erzählt auch, dass seine Tochter sich dem Gott Ranganatha von Srirangam vermählte; ihr ist dort ein eigener Schrein geweiht.
Aufbau und Inhalt
Die Perumal Tirumoli besteht aus zehn Gruppen von Hymnen, die jeweils einen eigenen Schwerpunkt haben. Das Werk beginnt mit den Worten Iruḷ iriya („die Dunkelheit vertreibend“) und besingt zunächst den Gott von Srirangam.
Die Sehnsucht nach Srirangam
Die ersten Hymnen bringen Kulasekharas Sehnsucht nach Srirangam zum Ausdruck: Wann werde ich den Herrn schauen, der auf der Schlange ruht? Wann werde ich unter den Verehrern stehen, die ihn preisen? Seine Sehnsucht gilt nicht nur Gott selbst, sondern auch der Gemeinschaft der Gottesliebenden. Die Gesellschaft der Heiligen erscheint ihm als höchstes Glück.
Die Tirumala-Hymnen und die Stufe des Kulasekhara
Die bekannteste Gruppe ist Tirumala (Venkatam) gewidmet, dem heiligen Berg bei Tirupati. Kulasekhara verzichtet darin auf alle Herrlichkeit der Welt, auf Königtum und selbst auf himmlische Freuden. Er wünscht sich nur, auf dem heiligen Berg geboren zu werden, in welcher Gestalt auch immer: als Kranich am Teich, als Fisch im Tempelteich, als Diener, der das goldene Gefäß trägt, als blühender Baum, als Felsen oder als Bach auf dem Berg. Die Gruppe gipfelt in dem Wunsch, eine Stufe vor dem Tempel zu sein:
செடியாய வல்வினைகள் தீர்க்கும் திருமாலே
நெடியானே வேங்கடவா நின்கோயிலின் வாசல்
அடியாரும் வானவரும் அரம்பையரும் கிடந்தியங்கும்
படியாய்க் கிடந்து உன் பவளவாய் காண்பேனே.
Ceṭiyāya valviṉaikaḷ tīrkkum tirumālē
neṭiyāṉē vēṅkaṭavā niṉkōyiliṉ vācal
aṭiyārum vāṉavarum arampaiyarum kiṭantiyaṅkum
paṭiyāyk kiṭantu uṉ pavaḷavāy kāṇpēṉē.
O Tirumal, der die dicht wuchernden, schweren Taten tilgt,
o Erhabener, Herr von Venkatam!
Möge ich als Stufe am Tor deines Tempels liegen,
über die deine Verehrer, die Götter und die Himmelstänzerinnen gehen,
und so immer deinen korallenroten Mund schauen.
Eigene Übersetzung (Perumal Tirumoli 4.9).
In diesem Wunsch liegt eine tiefe Demut. Die Stufe wird von allen betreten, sie hat keinen eigenen Glanz und keinen eigenen Zweck; sie dient nur. Und doch liegt sie immer vor dem Angesicht Gottes. Die vishnuitische Tradition sieht in diesem Vers das Ideal einer Seele, die ganz für Gott da ist, ohne etwas für sich selbst zu beanspruchen. Aus Ehrfurcht vor diesem Wunsch wird die Schwelle vor dem Allerheiligsten vieler Vishnu-Tempel Kulasekhara Padi genannt.
Zuflucht in Tiruvittuvakodu
Eine weitere Gruppe ist dem Tempel von Tiruvittuvakodu in Kerala gewidmet. Hier findet sich eine der innigsten Aussagen über die Zuflucht zu Gott. Kulasekhara sagt: Auch wenn du das Leid nicht von mir nimmst, das du mir schickst, gibt es für mich keine andere Zuflucht als deine Füße. Er vergleicht sich mit einem Kind, das die Mutter wegstößt und das doch weinend nach ihr ruft, und mit einem Kranken, der seinen Arzt weiterhin liebt, auch wenn dieser ihn mit dem Messer schneidet und mit Feuer brennt, weil er weiß, dass es zu seiner Heilung geschieht.
Diese Verse gehören zu den klassischen Zeugnissen für Sharanagati, die bedingungslose Hingabe an Gott.
Die Hirtinnen und Devaki
Mehrere Hymnen versetzen sich in die Gefühle anderer Menschen. Kulasekhara singt in der Stimme der Hirtinnen von Vrindavan, die Krishna lieben und seine Streiche beklagen. In einer besonders bewegenden Gruppe spricht er als Devaki, die Mutter Krishnas, die ihr Kind gleich nach der Geburt fortgeben musste. Sie klagt, dass sie Krishnas Kindheit nicht miterleben durfte, und beneidet Yashoda, die ihn aufziehen durfte.
Das Wiegenlied für Rama
In Tirukkannapuram sieht Kulasekhara in Vishnu das Rama-Kind und singt ein Wiegenlied für es: Mannu pukal Kausalai tan („Kausalyas ruhmreiches Kind“). Diese Verse werden bis heute von Müttern in Tamil Nadu gesungen, um ihre Kinder in den Schlaf zu wiegen.
Die Klage des Dasharatha
In einer weiteren Gruppe spricht Kulasekhara mit der Stimme des Königs Dasharatha, der seinen geliebten Sohn Rama in die Verbannung schicken musste. Es ist die Klage eines Vaters, der zwischen seinem Versprechen und seiner Liebe zerrissen ist. Dass ein König diese Verse dichtete, verleiht ihnen besondere Tiefe.
Das Ramayana des Kulasekhara
Die letzte Gruppe, gesungen im Tempel von Chidambaram, erzählt in elf Strophen die ganze Geschichte Ramas, von seiner Geburt bis zu seiner Rückkehr in die göttliche Welt. Diese Strophen werden als „Ramayana des Kulasekhara“ verehrt und oft zum Rama-Fest rezitiert.

Die Mukundamala
Neben der Perumal Tirumoli verfasste Kulasekhara Alvar auch die Mukundamala („Girlande für Mukunda“), einen Hymnus in Sanskrit auf Krishna. Sie ist in ganz Indien bekannt und wird bis heute gesungen. Ihr Grundton ist derselbe: die Bitte, Gott nie zu vergessen und in jeder Geburt bei ihm Zuflucht zu finden. Kulasekhara ist damit einer der wenigen Alvars, von denen auch ein bedeutendes Werk in Sanskrit überliefert ist.
Wirkung und Tradition
Die Perumal Tirumoli wurde schon früh in den Tempeln gesungen. Eine Inschrift in Srirangam aus dem Jahr 1088 bezeugt, dass sie dort täglich rezitiert wurde. Bis heute gehört sie zum festen Bestand der Tempelrezitation.
Die Bezeichnung Kulasekhara Padi für die Schwelle vor dem Allerheiligsten ist in vielen Vishnu-Tempeln lebendig. Pilger, die über diese Stufe gehen, erinnern sich an den König, der lieber eine Stufe vor Gott sein wollte als ein Herrscher über die Welt.
Spirituelle Bedeutung
Die Würde des Dienens
Kulasekhara zeigt, dass wahre Größe im Dienen liegt. Ein König, der eine Stufe sein will, verkörpert die Umkehrung aller weltlichen Maßstäbe. Im Karma Yoga und Bhakti Yoga wird diese Haltung als Seva, selbstloser Dienst, geübt.
Vertrauen auch im Leid
Die Verse von Tiruvittuvakodu gehören zu den tiefsten Aussagen über das Vertrauen in Gott. Auch wenn das Leben schwer ist, bleibt die Zuflucht bestehen. Das Bild vom Arzt, der verwundet, um zu heilen, lädt dazu ein, auch schwierige Erfahrungen als Teil eines Weges der Reifung zu sehen.
Die Geschichte Gottes als Gegenwart
Die Legende vom Heer, das Rama zu Hilfe eilen wollte, zeigt, wie lebendig die Erzählungen der Schriften für den Verehrer sein können. Wenn wir die Geschichten Ramas oder Krishnas mit dem Herzen hören, werden sie zu einer gegenwärtigen Erfahrung.
Hingabe in vielen Gefühlen
Kulasekhara spricht als Diener, als Kind, als Kranker, als Hirtin, als Mutter und als Vater. So zeigt er die vielen Formen der Gottesliebe, die in der Bhakti-Tradition als verschiedene Bhavas bekannt sind: die Liebe des Dieners, des Freundes, der Eltern und der Geliebten.
Die Gemeinschaft der Verehrer
Kulasekhara sehnte sich nicht nur nach Gott, sondern auch nach der Gemeinschaft der Gottesverehrer. Hier klingt die Bedeutung des Satsang an, der Gemeinschaft der Suchenden, die auch auf dem Yoga-Weg eine große Hilfe ist.
Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten
Die Mudhal Tiruvantati und die Munram Tiruvantati der ersten Alvars sowie das Kanninun Siruttambu des Madhurakavi Alvar gehören zur selben Sammlung. Das Kambaramayanam des Kambar ist das große tamilische Rama-Epos, das die Rama-Frömmigkeit der Alvars weiterführt. Das Sanskrit-Ramayana des Valmiki ist die Quelle der Rama-Geschichte, die Kulasekhara nacherzählt. Die Tirumurai ist das shivaitische Gegenstück zum Nalayira Divya Prabandham. Später wurde die Tradition der Alvars durch Ramanuja philosophisch als Vishishtadvaita entfaltet.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Die Stufe vor dem Tempel: Stelle dir in der Meditation vor, du wärst eine Stufe vor einem heiligen Ort. Du trägst jeden, der vorbeigeht, und bist doch immer in der Nähe des Göttlichen. Wie fühlt sich diese Haltung an?
- Dienen im Alltag: Nimm dir vor, heute eine Aufgabe ganz als Dienst zu tun, ohne Anerkennung zu erwarten.
- Vertrauen im Schweren: Denke an eine schwierige Erfahrung. Kannst du sie, wie Kulasekhara, als etwas sehen, das auch Heilung und Wachstum bringen kann?
- Mit der Geschichte leben: Lies oder höre eine Episode aus dem Ramayana und versuche, dich ganz in sie hineinzufühlen. Singe danach ein Rama-Mantra wie Om Sri Ram Jaya Ram Jaya Jaya Ram im Kirtan oder in deiner Yogapraxis.
Der König, der eine Stufe sein wollte
Die Perumal Tirumoli ist das Lied eines Königs, der erkannte, dass alle Herrlichkeit der Welt nichts ist gegenüber der Nähe Gottes. Er wollte lieber ein Vogel, ein Fisch, ein Stein oder eine Stufe auf dem heiligen Berg sein als ein Herrscher auf dem Thron. Seine Verse erinnern daran, dass die tiefste Freude nicht im Besitzen, sondern im Dienen und in der Nähe des Geliebten liegt.
Siehe auch
- Alvar
- Vishnu
- Rama
- Krishna
- Ramayana
- Valmiki
- Sharanagati
- Satsang
- Karma Yoga
- Bhakti Yoga
- Mudhal Tiruvantati
- Munram Tiruvantati
- Kanninun Siruttambu
- Kambaramayanam
- Tamil
Quellen und Weblinks
- Wikipedia (englisch): Perumal Tirumoli.
- Wikipedia (englisch): Kulasekhara Alvar.
- Die Divya Desams in der Perumal Tirumoli (tamilische Studie, Zenodo).
- Project Madurai: Werkverzeichnis, mit dem tamilischen Text des Nalayira Divya Prabandham.
- Vasudha Narayanan: The Vernacular Veda. Revelation, Recitation, and Ritual, Columbia 1994.
Seminare
Gemeinsames Singen, Studieren und Meditieren kann die Inspiration dieser Hymnen im Alltag lebendig werden lassen.
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