Nadabindu Upanishad
Die Nadabindu Upanishad (Sanskrit नादबिन्दूपनिषद् nādabindūpaniṣad f.) ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Sie gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Yoga Upanishaden zugeordnet. Die kurze Nadabindu Upanishad beschäftigt sich mit dem Wissen um die heilige Silbe Om und inspiriert mit dem Bild des Atman als Vogel.
Einleitung

Die Nada Bindu Upanishad (Sanskrit: Nādabindūpaniṣad) gehört zu den wichtigsten Quellentexten des Nada Yoga, des Yoga des inneren Klanges. Die hier zugrunde gelegte südindische Langfassung wird dem Rigveda zugeordnet und umfasst 56 Verse; daneben ist eine deutlich kürzere nordindische Rezension überliefert. Nada bedeutet Klang oder innere Schwingung, Bindu Punkt, Keim oder verdichtete Bewusstseinskraft. Der Titel weist auf einen Weg hin, auf dem der Geist durch die Konzentration auf immer feinere innere Klänge gesammelt und schließlich in die lautlose Wirklichkeit geführt wird.
Die Upanishad beginnt mit einer kosmischen Deutung des Om. A und U bilden die Flügel des Hamsa, M seinen Schwanz und die Ardhamatra seinen Kopf. Die Welten, die Gunas und verschiedene Bewusstseinsebenen werden diesem Om-Hamsa zugeordnet. Danach verbindet die Schrift die Erkenntnis des Atman mit der Frage nach Prarabdha Karma und dem vedantischen Gleichnis von Seil und Schlange: Wie die vermeintliche Schlange verschwindet, wenn das Seil erkannt wird, so verliert die Welt ihre scheinbar selbstständige Wirklichkeit, wenn Brahman erkannt wird.
Der praktische Hauptteil beschreibt die Versenkung in den inneren Nada. Anfangs können mächtige Klänge wie Ozean, Gewitter, Trommel oder Wasserfall wahrgenommen werden, später feinere Klänge wie Glocke, Flöte, Vina oder Bienensummen. Der Yogi soll nicht nach besonderen Erlebnissen suchen, sondern im jeweils wahrgenommenen Klang das immer Feinere erfassen. Dadurch wird der Geist einpünktig, verliert sein Verlangen nach äußeren Objekten und löst sich schließlich gemeinsam mit dem Prana im Zustand Unmani auf.
Die höchste Lehre der Nada Bindu Upanishad liegt jenseits des Klanges. Nada ist eine Brücke zur Stille: Solange Klang wahrgenommen wird, besteht noch eine feine Bewegung des Geistes. Wenn auch der Nada im unvergänglichen Akshara verstummt, offenbart sich das lautlose höchste Brahman. Für heutige Yogaübende erinnert die Schrift daran, Mantra, Meditation und Selbsterkenntnis miteinander zu verbinden. Außergewöhnliche Klangerfahrungen sind nicht das Ziel; entscheidend sind innere Ruhe, Freiheit von Anhaftung und die unmittelbare Erkenntnis des Selbst.
Schreibweisen: Nadabindu Upanishad, Nada Bindu Upanishad, Nadabindupanishad.
Nada Bindu Upanishad – Sanskrit Text, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Übersetzung
Die Worterklärungen folgen dem Sanskrit möglichst eng. Bei mehrdeutigen Komposita wird die im Zusammenhang wahrscheinlichste Bedeutung angegeben.
Einleitungsvers Nada Bindu Upanishad
vairājātmopāsanayā sañjātajñānavahninā |
dagdhvā karmatrayaṃ yogī yatpadaṃ yāti tadbhaje ||
Ich verehre jenen höchsten Zustand, zu dem der Yogi gelangt, nachdem er durch das Feuer der Erkenntnis, das aus der Meditation über den kosmischen Atman entsteht, die drei Arten des Karma verbrannt hat.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vairāja-ātma-upāsanayā – durch die Meditation über den kosmischen Atman (Upasana, Atman); sañjāta-jñāna-vahninā – durch das daraus entstandene Erkenntnisfeuer (Jnana); dagdhvā – verbrannt habend; karma-trayam – die drei Arten des Karma; yogī – der Yogi; yat padam yāti – zu welchem Zustand er gelangt; tat bhaje – den verehre ich.
Shanti Mantra
oṃ vāṅme manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvirāvīrma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrānsandadhāmi |
ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tanmāmavatu | tadvaktāramavatu |
avatu māmavatu vaktāram ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Om. Möge meine Rede im Geist gegründet sein und mein Geist in der Rede. O Selbstleuchtendes, offenbare dich mir. Mögen mir die Lehren des Veda gegenwärtig sein; möge das Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen, ich werde die Wahrheit sprechen. Möge Brahman mich beschützen; möge es den Lehrer beschützen. Möge es mich und den Lehrer beschützen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāk me manasi pratiṣṭhitā – möge meine Rede im Geist gegründet sein; manaḥ me vāci pratiṣṭhitam – möge mein Geist in der Rede gegründet sein; āvir āvīḥ ma edhi – werde mir offenbar; vedasya ma āṇīsthaḥ – möge mir der Veda gegenwärtig sein; śrutam me mā prahāsīḥ – möge das Gehörte mich nicht verlassen; ṛtam vadiṣyāmi – ich werde das Rechte sprechen; satyam vadiṣyāmi – ich werde die Wahrheit sprechen; tan mām avatu – möge es mich beschützen; vaktāram avatu – möge es den Lehrer beschützen; śāntiḥ – Frieden (Shanti).
1.
oṃ akāro dakṣiṇaḥ pakṣa ukārastūttaraḥ smṛtaḥ |
makāraṃ pucchamityāhurardhamātrā tu mastakam || 1 ||
A gilt als der rechte Flügel des Om-Vogels, U als sein linker. M wird sein Schwanz genannt und die halbe Matra sein Kopf.
Wort-für-Wort-Übersetzung: akāraḥ – der Laut A; dakṣiṇaḥ pakṣaḥ – rechter Flügel; ukāraḥ – der Laut U; uttaraḥ – der andere, linke; makāram – der Laut M; puccham – Schwanz; ardhamātrā – halbes Lautmaß; mastakam – Kopf.
2.
pādādikaṃ guṇāstasya śarīraṃ tattvamucyate |
dharmo'sya dakṣiṇaścakṣuradharmo yo'paraḥ smṛtaḥ || 2 ||
Die Gunas bilden seine Füße und die weiteren Glieder; als sein Leib wird das Tattva bezeichnet. Dharma ist sein rechtes Auge, Adharma sein anderes.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pāda-ādikam – Füße und weitere Glieder; guṇāḥ – Eigenschaften, die drei Gunas; śarīram – Leib; tattvam – Prinzip, Wirklichkeit (Tattva); dharmaḥ – Dharma; dakṣiṇam cakṣuḥ – rechtes Auge; adharmaḥ – Nicht-Dharma; aparaḥ – das andere.
3.
bhūrlokaḥ pādayostasya bhuvarlokastu jānuni |
suvarlokaḥ kaṭīdeśe nābhideśe maharjagat || 3 ||
Bhurloka befindet sich an seinen Füßen, Bhuvarloka an seinen Knien, Suvarloka an seiner Hüfte und Maharloka in der Nabelgegend.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhūrlokaḥ – Erdenwelt; pādayoḥ – an den Füßen; bhuvarlokaḥ – Zwischenwelt; jānuni – an den Knien; suvarlokaḥ – Himmelswelt; kaṭī-deśe – im Hüftbereich; nābhi-deśe – in der Nabelgegend; mahar-jagat – Maharloka.
4.
janolokastu hṛddeśe kaṇṭhe lokastapastataḥ |
bhruvorlalāṭamadhye tu satyaloko vyavasthitaḥ || 4 ||
Janaloka liegt in seinem Herzen, Tapoloka in seiner Kehle und Satyaloka in der Stirnmitte zwischen den Augenbrauen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: janolokaḥ – Janaloka; hṛd-deśe – im Herzbereich; tapolokaḥ – Tapoloka; kaṇṭhe – in der Kehle; bhruvoḥ lalāṭa-madhye – in der Stirnmitte zwischen den Brauen; satyalokaḥ – Satyaloka; vyavasthitaḥ – gelegen.
5.
sahasrārṇamatīvātra mantra eṣa pradarśitaḥ |
evametāṃ samārūḍho haṃsayogavicakṣaṇaḥ || 5 ||
Hier wird dieses Mantra als über das Tausendstrahlige hinausreichend dargestellt. Wer als Kenner des Hamsa Yoga in dieser Weise den Om-Hamsa besteigt,
Wort-für-Wort-Übersetzung: sahasrārṇam – das Tausendstrahlige; atīva – darüber hinaus; mantraḥ – Mantra; pradarśitaḥ – dargestellt; evam – so; samārūḍhaḥ – bestiegen habend; haṃsa-yoga-vicakṣaṇaḥ – der Kundige im Hamsa Yoga.
6.
na bhidyate karmacāraiḥ pāpakoṭiśatairapi |
āgneyī prathamā mātrā vāyavyeṣā tathāparā || 6 ||
wird selbst durch zahllose karmische Wirkungen und Sünden nicht verletzt. Die erste Matra gehört dem Feuer an, die zweite dem Wind.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na bhidyate – wird nicht verletzt; karma-cāraiḥ – durch karmische Wirkungen; pāpa-koṭi-śataiḥ api – selbst durch zahllose Sünden; āgneyī – dem Feuer zugehörig; prathamā mātrā – erste Matra; vāyavyā – dem Wind zugehörig; aparā – die nächste.
7.
bhānumaṇḍalasaṃkāśā bhavenmātrā tathottarā |
paramā cārdhamātrā yā vāruṇīṃ tāṃ vidurbudhāḥ || 7 ||
Die folgende Matra leuchtet wie die Sonnenscheibe. Die höchste, die Ardhamatra, erkennen die Weisen als dem Wasser beziehungsweise Varuna zugehörig.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhānu-maṇḍala-saṃkāśā – der Sonnenscheibe gleich; uttarā mātrā – folgende Matra; paramā ardhamātrā – höchste halbe Matra; vāruṇīm – Varuna bzw. dem Wasser zugehörig; budhāḥ – die Weisen.
8.
kālatraye'pi yatremā mātrā nūnaṃ pratiṣṭhitāḥ |
eṣa oṅkāra ākhyāto dhāraṇābhirnibodhata || 8 ||
In ihnen sind diese Matras wahrlich in allen drei Zeiten gegründet. Dies wird Omkara genannt; erkenne es durch die verschiedenen Konzentrationen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: kāla-traye api – in allen drei Zeiten; imāḥ mātrāḥ – diese Matras; pratiṣṭhitāḥ – gegründet; oṃkāraḥ – Omkara; dhāraṇābhiḥ – durch Konzentrationen (Dharana); nibodhata – erkennt.
9.
ghoṣiṇī prathamā mātrā vidyunmātrā tathā'parā |
pataṅginī tṛtīyā syāccaturthī vāyuveginī || 9 ||
Die erste Matra heißt Ghoshini, die zweite Vidyunmatra, die dritte Patangini und die vierte Vayuvegini.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ghoṣiṇī – Ghoshini; vidyunmātrā – Vidyunmatra; pataṅginī – Patangini; tṛtīyā – dritte; caturthī – vierte; vāyuveginī – Vayuvegini.
10.
pañcamī nāmadheyā tu ṣaṣṭhī caindryabhidhīyate |
saptamī vaiṣṇavī nāma aṣṭamī śāṅkarīti ca || 10 ||
Die fünfte heißt Namadheya, die sechste Aindri, die siebte Vaishnavi und die achte Shankari.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pañcamī – fünfte; nāmadheyā – Namadheya; ṣaṣṭhī – sechste; aindrī – Aindri; saptamī – siebte; vaiṣṇavī – Vaishnavi; aṣṭamī – achte; śāṅkarī – Shankari.
11.
navamī mahatī nāma dhṛtistu daśamī matā |
ekādaśī bhavennārī brāhmī tu dvādaśī parā || 11 ||
Die neunte heißt Mahati, die zehnte Dhriti, die elfte Nari und die zwölfte, höchste, Brahmi.
Wort-für-Wort-Übersetzung: navamī – neunte; mahatī – Mahati; dhṛtiḥ – Dhriti; daśamī – zehnte; ekādaśī – elfte; nārī – Nari; brāhmī – Brahmi; dvādaśī – zwölfte; parā – höchste.
12.
prathamāyāṃ tu mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |
bharate varṣarājāsau sārvabhaumaḥ prajāyate || 12 ||
Wer während der Versenkung in die erste Matra den Körper verlässt, wird in Bharatavarsha als mächtiger, die ganze Erde beherrschender König geboren.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prathamāyām mātrāyām – in der ersten Matra; prāṇaiḥ viyujyate – von den Lebenshauchen getrennt wird, stirbt; bharate – in Bharata; varṣa-rājā – König des Landes; sārvabhaumaḥ – Weltherrscher; prajāyate – wird geboren.
13.
dvitīyāyāṃ samutkrānto bhavedyakṣo mahātmavān |
vidyādharastṛtīyāyāṃ gāndharvastu caturthikā || 13 ||
Wer in der zweiten Matra hinübergeht, wird ein erhabener Yaksha; in der dritten ein Vidyadhara und in der vierten ein Gandharva.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dvitīyāyām – in der zweiten; samutkrāntaḥ – hinübergegangen; yakṣaḥ – Yaksha; mahātmavān – erhaben; vidyādharaḥ – Vidyadhara; tṛtīyāyām – in der dritten; gāndharvaḥ – Gandharva; caturthikā – in der vierten.
14.
pañcamyāmatha mātrāyāṃ yadi prāṇairviyujyate |
uṣitaḥ saha devatvaṃ somaloke mahīyate || 14 ||
Wer während der Versenkung in die fünfte Matra den Körper verlässt, wird in der Welt des Mondes als göttliches Wesen hoch geehrt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pañcamyām mātrāyām – in der fünften Matra; prāṇaiḥ viyujyate – den Körper verlässt; uṣitaḥ – dort verweilend; devatvam – Göttlichkeit; somaloke – in der Mondwelt; mahīyate – wird geehrt.
15.
ṣaṣṭhyāmindrasya sāyujyaṃ saptamyāṃ vaiṣṇavaṃ padam |
aṣṭamyāṃ vrajate rudraṃ paśūnāṃ ca patiṃ tathā || 15 ||
In der sechsten erlangt er Einheit mit Indra, in der siebten den Bereich Vishnus und in der achten gelangt er zu Rudra, dem Herrn der Wesen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ṣaṣṭhyām – in der sechsten; indrasya sāyujyam – Einheit mit Indra; saptamyām – in der siebten; vaiṣṇavam padam – Bereich Vishnus; aṣṭamyām – in der achten; rudram – zu Rudra; paśūnām patim – zum Herrn der Wesen.
16.
navamyāṃ tu maharlokaṃ daśamyāṃ tu janaṃ vrajet |
ekādaśyāṃ tapolokaṃ dvādaśyāṃ brahma śāśvatam || 16 ||
In der neunten erreicht er Maharloka, in der zehnten Janaloka, in der elften Tapoloka und in der zwölften das ewige Brahman.
Wort-für-Wort-Übersetzung: navamyām – in der neunten; maharlokam – Maharloka; daśamyām – in der zehnten; janam – Janaloka; ekādaśyām – in der elften; tapolokam – Tapoloka; dvādaśyām – in der zwölften; brahma śāśvatam – ewiges Brahman.
17.
tataḥ parataraṃ śuddhaṃ vyāpakaṃ nirmalaṃ śivam |
sadoditaṃ paraṃ brahma jyotiṣāmudayo yataḥ || 17 ||
Jenseits davon liegt das Reine, Alldurchdringende, Makellose und Heilsame: das ewig aufgehende höchste Brahman, aus dem alles Licht hervorgeht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tataḥ parataram – jenseits davon; śuddham – rein; vyāpakam – alldurchdringend; nirmalam – makellos; śivam – heilsam; sadā-uditam – ewig aufgegangen; param brahma – höchstes Brahman; jyotiṣām udayaḥ – Ursprung der Lichter.
18.
atīndriyaṃ guṇātītaṃ mano līnaṃ yadā bhavet |
anūpamaṃ śivaṃ śāntaṃ yogayuktaṃ sadā viśet || 18 ||
Wenn der Geist jenseits der Sinne und Gunas zur Auflösung kommt, tritt der Yogi in das unvergleichliche, glückverheißende und friedvolle Sein ein und bleibt im Yoga gegründet.
Wort-für-Wort-Übersetzung: atīndriyam – jenseits der Sinne; guṇātītam – jenseits der Gunas; manaḥ līnam – der Geist aufgelöst; anūpamam – unvergleichlich; śivam – glückverheißend; śāntam – friedvoll; yoga-yuktam – im Yoga verbunden; viśet – möge eintreten.
19.
tadyuktastanmayo jantuḥ śanairmuñcetkalevaram |
saṃsthito yogacāreṇa sarvasaṅgavivarjitaḥ || 19 ||
Mit ihm verbunden und von ihm erfüllt, möge der Mensch den Körper allmählich ablegen, im yogischen Lebenswandel gegründet und von allen Bindungen frei.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tat-yuktaḥ – damit verbunden; tat-mayaḥ – davon erfüllt; jantuḥ – Mensch, Lebewesen; śanaiḥ muñcet kalevaram – möge allmählich den Körper ablegen; yoga-cāreṇa saṃsthitaḥ – im yogischen Wandel gegründet; sarva-saṅga-vivarjitaḥ – von allen Bindungen frei.
20.
tato vilīnapāśo'sau vimalaḥ kamalāprabhuḥ |
tenaiva brahmabhāvena paramānandamaśnute || 20 ||
Dann sind seine Fesseln aufgelöst. Rein und vom inneren Lotoslicht erfüllt, genießt er kraft dieses Brahman-Bewusstseins höchste Glückseligkeit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vilīna-pāśaḥ – dessen Fesseln aufgelöst sind; vimalaḥ – rein; kamalā-prabhuḥ – vom Lotoslicht erfüllt bzw. Herr des Lotos; brahma-bhāvena – durch Brahman-Bewusstsein; paramānandam aśnute – genießt höchste Glückseligkeit (Ananda).
21.
ātmānaṃ satataṃ jñātvā kālaṃ naya mahāmate |
prārabdhamakhilaṃ bhuñjannodvegaṃ kartumarhasi || 21 ||
Erkenne beständig den Atman und verbringe so deine Lebenszeit, o Einsichtsvoller. Während du dein gesamtes Prarabdha erfährst, sollst du dich nicht beunruhigen lassen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ātmānam satatam jñātvā – beständig den Atman erkennend; kālam naya – verbringe die Zeit; mahāmate – o Einsichtsvoller; prārabdham akhilam bhuñjan – das gesamte Prarabdha Karma erfahrend; na udvegam – keine Beunruhigung; kartum arhasi – sollst du hervorrufen.
22.
utpanne tattvavijñāne prārabdhaṃ naiva muñcati |
tattvajñānodayādūrdhvaṃ prārabdhaṃ naiva vidyate || 22 ||
Auch wenn die Erkenntnis der Wirklichkeit entstanden ist, lässt das Prarabdha den Körper nicht sogleich los. Doch vom Aufgang der vollkommenen Wahrheitserkenntnis an besteht für den Erkennenden kein Prarabdha mehr.
Wort-für-Wort-Übersetzung: utpanne tattva-vijñāne – wenn Wirklichkeitserkenntnis entstanden ist; prārabdham na eva muñcati – Prarabdha lässt nicht sogleich los; tattva-jñāna-udayāt ūrdhvam – nach dem Aufgang der Wahrheitserkenntnis; na eva vidyate – besteht es nicht.
23.
dehādīnāmasattvāttu yathā svapno vibodhataḥ |
karma janmāntarīyaṃ yatprārabdhamiti kīrtitam || 23 ||
Denn Körper und alles Übrige sind unwirklich – wie ein Traum für den Erwachten. Als Prarabdha bezeichnet man jenes Karma, das aus einem früheren Leben zur Wirkung gelangt ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: deha-ādīnām asattvāt – wegen der Unwirklichkeit von Körper und anderem; yathā svapnaḥ vibodhataḥ – wie der Traum für den Erwachten; karma janma-antarīyam – Karma aus einem früheren Leben; prārabdham – Prarabdha; kīrtitam – wird genannt.
24.
tattu janmāntarābhāvātpuṃso naivāsti karhicit |
svapnadeho yathādhyastastathaivāyaṃ hi dehakaḥ || 24 ||
Für den Erkennenden besteht es niemals, weil es für ihn kein weiteres Geborenwerden gibt. Wie der Traumkörper nur überlagert ist, so ist auch dieser Körper eine Überlagerung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: janma-antara-abhāvāt – weil es keine weitere Geburt gibt; puṃsaḥ – für den Menschen; na asti – besteht nicht; svapna-dehaḥ – Traumkörper; adhyastaḥ – überlagert; tathā eva ayam dehakaḥ – ebenso dieser Körper.
25.
adhyastasya kuto janma janmābhāve kutaḥ sthitiḥ |
upādānaṃ prapañcasya mṛdbhāṇḍasyeva paśyati || 25 ||
Wie könnte das Überlagerte wirklich geboren sein, und wie könnte es ohne Geburt bestehen? Wie Ton die materielle Ursache eines Gefäßes ist, so ist die Ursache der Erscheinungswelt zu betrachten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: adhyastasya – des Überlagerten; kutaḥ janma – woher Geburt; janma-abhāve – ohne Geburt; kutaḥ sthitiḥ – woher Fortbestehen; upādānam – materielle Ursache; prapañcasya – der Erscheinungswelt; mṛd-bhāṇḍasya iva – wie beim Tongefäß; paśyati – erkennt.
26.
ajñānaṃ ceti vedāntaistasminnaṣṭe kva viśvatā |
yathā rajjuṃ parityajya sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt || 26 ||
Vedanta bezeichnet diese Ursache als Unwissenheit. Wenn sie vernichtet ist, wo bleibt dann die Weltlichkeit? Aus Verblendung übersieht jemand das Seil und erfasst vermeintlich eine Schlange.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñānam – Unwissenheit (Avidya); iti vedāntaiḥ – so nach dem Vedanta; tasmin naṣṭe – wenn sie vernichtet ist; kva viśvatā – wo bleibt die Weltlichkeit; rajjum parityajya – das Seil verkennend; sarpam gṛhṇāti – eine Schlange erfassend; bhramāt – aus Irrtum.
27.
tadvatsatyamavijñāya jagatpaśyati mūḍhadhīḥ |
rajjukhaṇḍe parijñāte sarparūpaṃ na tiṣṭhati || 27 ||
Ebenso sieht der Verblendete die Welt als selbstständig wirklich, weil er die Wahrheit nicht erkennt. Wird das Stück Seil erkannt, bleibt die Schlangengestalt nicht bestehen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tadvat – ebenso; satyam avijñāya – die Wahrheit nicht erkennend; jagat paśyati – sieht er die Welt; mūḍha-dhīḥ – der Verblendete; rajju-khaṇḍe parijñāte – wenn das Stück Seil erkannt ist; sarpa-rūpam na tiṣṭhati – bleibt die Schlangengestalt nicht.
28.
adhiṣṭhāne tathā jñāte prapañce śūnyatāṃ gate |
dehasyāpi prapañcatvātprārabdhāvasthitiḥ kutaḥ || 28 ||
Wenn ebenso der tragende Grund erkannt und die Erscheinungswelt als eigenständige Wirklichkeit leer geworden ist, wie könnte Prarabdha fortbestehen, da auch der Körper zur Erscheinungswelt gehört?
Wort-für-Wort-Übersetzung: adhiṣṭhāne jñāte – wenn der tragende Grund erkannt ist; prapañce śūnyatām gate – wenn die Welt als eigenständige Wirklichkeit leer geworden ist; dehasya api prapañcatvāt – weil auch der Körper zur Erscheinungswelt gehört; prārabdha-avasthitiḥ kutaḥ – woher ein Fortbestehen des Prarabdha.
29.
ajñānajanabodhārthaṃ prārabdhamiti cocyate |
tataḥ kālavaśādeva prārabdhe tu kṣayaṃ gate || 29 ||
Von Prarabdha wird daher gesprochen, um Menschen in Unwissenheit schrittweise zu unterweisen. Wenn es im Lauf der Zeit zur Erschöpfung gelangt ist,
Wort-für-Wort-Übersetzung: ajñāna-jana-bodha-artham – zur Unterweisung unwissender Menschen; prārabdham iti ucyate – wird von Prarabdha gesprochen; kāla-vaśāt – durch den Lauf der Zeit; prārabdhe kṣayam gate – wenn Prarabdha erschöpft ist.
30.
brahmapraṇavasandhānaṃ nādo jyotirmayaḥ śivaḥ |
svayamāvirbhavedātmā meghāpāye'ṃśumāniva || 30 ||
offenbart sich der Atman von selbst wie die Sonne, wenn die Wolken weichen: als lichtvoller, segensreicher Nada in der Verbindung von Brahman und Pranava.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-praṇava-sandhānam – Verbindung von Brahman und Pranava; nādaḥ – innerer Klang (Nada); jyotirmayaḥ – lichtvoll; śivaḥ – heilsam; svayam āvirbhavet ātmā – der Atman offenbart sich von selbst; megha-apāye aṃśumān iva – wie die Sonne beim Weichen der Wolken.
31.
siddhāsane sthito yogī mudrāṃ sandhāya vaiṣṇavīm |
śṛṇuyāddakṣiṇe karṇe nādamantargataṃ sadā || 31 ||
Der Yogi sitze in Siddhasana, übe die Vaishnavi Mudra und höre beständig auf den inneren Nada im rechten Ohr.
Wort-für-Wort-Übersetzung: siddhāsane sthitaḥ – in Siddhasana sitzend; yogī – der Yogi; mudrām sandhāya vaiṣṇavīm – die Vaishnavi Mudra übend; śṛṇuyāt – möge hören; dakṣiṇe karṇe – im rechten Ohr; nādam antargatam – inneren Nada; sadā – beständig.
32.
abhyasyamāno nādo'yaṃ bāhyamāvṛṇute dhvanim |
pakṣādvipakṣamakhilaṃ jitvā turyapadaṃ vrajet || 32 ||
Durch diese Übung überdeckt der Nada die äußeren Geräusche. Der Text verheißt, dass der Yogi innerhalb eines halben Monats alle Widerstände überwindet und Turiya erreicht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: abhyasyamānaḥ nādaḥ – der geübte Nada; bāhyam dhvanim āvṛṇute – überdeckt äußeren Klang; pakṣāt – innerhalb eines halben Monats; vipakṣam akhilam jitvā – alle Widerstände überwindend; turya-padam vrajet – möge Turiya erreichen.
33.
śrūyate prathamābhyāse nādo nānāvidho mahān |
vardhamānastathābhyāse śrūyate sūkṣmasūkṣmataḥ || 33 ||
Zu Beginn der Übung werden verschiedene laute innere Klänge vernommen. Mit fortschreitender Praxis werden sie immer feiner gehört.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prathama-abhyāse – bei der anfänglichen Übung; nādaḥ nānā-vidhaḥ mahān – vielfältiger lauter Nada; vardhamānaḥ abhyāse – bei wachsender Übung; śrūyate sūkṣma-sūkṣmataḥ – wird immer feiner gehört.
34.
ādau jaladhijīmūtabherīnirjharasambhavaḥ |
madhye mardalaśabdābho ghaṇṭākāhalajastathā || 34 ||
Anfangs gleichen sie dem Ozean, Gewitterwolken, einer großen Trommel oder einem Wasserfall; in der mittleren Stufe einer Mardala-Trommel, einer Glocke oder einem Horn.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ādau – anfangs; jaladhi – Ozean; jīmūta – Gewitterwolke; bherī – große Trommel; nirjhara – Wasserfall; madhye – in der Mitte; mardala-śabda – Klang der Mardala-Trommel; ghaṇṭā – Glocke; kāhala – Horn.
35.
ante tu kiṅkiṇīvaṃśavīṇābhramaraniḥsvanaḥ |
iti nānāvidhā nādāḥ śrūyante sūkṣmasūkṣmataḥ || 35 ||
Am Ende gleichen sie Glöckchen, Flöte, Vina und Bienensummen. So werden die verschiedenen Nada-Klänge immer feiner vernommen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ante – am Ende; kiṅkiṇī – Glöckchen; vaṃśa – Flöte; vīṇā – Vina; bhramara-niḥsvanaḥ – Summen einer Biene; nānā-vidhāḥ nādāḥ – verschiedene Nada-Klänge; sūkṣma-sūkṣmataḥ – immer feiner.
36.
mahati śrūyamāṇe tu mahābheryādikadhvanau |
tatra sūkṣmaṃ sūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet || 36 ||
Selbst wenn ein mächtiger Klang wie der einer großen Trommel gehört wird, soll der Yogi darin den feineren und immer feineren Nada erfassen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mahati dhvanau – bei einem mächtigen Klang; mahā-bherī-ādika – wie einer großen Trommel; sūkṣmam sūkṣmataram – den feinen und feineren; nādam eva parāmṛśet – soll er allein den Nada erfassen.
37.
ghanamutsṛjya vā sūkṣme sūkṣmamutsṛjya vā ghane |
ramamāṇamapi kṣiptaṃ mano nānyatra cālayet || 37 ||
Er mag vom dichten Klang zum feinen oder vom feinen zum dichten wechseln. Auch wenn der Geist sich daran erfreut oder zerstreut ist, soll er ihn zu keinem anderen Gegenstand bewegen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ghanam utsṛjya sūkṣme – vom dichten zum feinen wechselnd; sūkṣmam utsṛjya ghane – vom feinen zum dichten; ramamāṇam api – auch wenn er sich erfreut; kṣiptam manaḥ – zerstreuter Geist; na anyatra cālayet – nicht anderswohin bewegen.
38.
yatra kutrāpi vā nāde lagati prathamaṃ manaḥ |
tatra tatra sthirībhūtvā tena sārdhaṃ vilīyate || 38 ||
An welchen Nada sich der Geist zu Beginn auch immer heftet: Dort wird er fest und löst sich zusammen mit diesem Klang auf.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yatra kutra api nāde – bei welchem Nada auch immer; lagati prathamam manaḥ – der Geist zuerst haftet; tatra sthirī-bhūtvā – dort fest werdend; tena sārdham vilīyate – löst er sich mit ihm auf.
39.
vismṛtya sakalaṃ bāhyaṃ nāde dugdhāmbuvanmanaḥ |
ekībhūyātha sahasā cidākāśe vilīyate || 39 ||
Alles Äußere vergessend, wird der Geist mit dem Nada eins wie Milch mit Wasser und löst sich dann rasch im Raum des Bewusstseins auf.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vismṛtya sakalam bāhyam – alles Äußere vergessend; nāde – im Nada; dugdha-ambu-vat – wie Milch und Wasser; manaḥ ekībhūya – der Geist eins geworden; cid-ākāśe – im Raum des Bewusstseins (Chidakasha); vilīyate – löst sich auf.
40.
udāsīnastato bhūtvā sadābhyāsena saṃyamī |
unmanīkārakaṃ sadyo nādamevāvadhārayet || 40 ||
Gegenüber den Sinnesgegenständen gleichmütig und durch beständige Übung gesammelt, soll der Yogi seine Aufmerksamkeit ganz auf den Nada richten, der den Zustand jenseits des Denkens hervorbringt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: udāsīnaḥ – gleichmütig; sadā-abhyāsena – durch beständige Übung; saṃyamī – der Selbstbeherrschte; unmanī-kārakam – den Zustand jenseits des Geistes hervorbringend (Unmani); nādam eva avadhārayet – soll allein den Nada festhalten.
41.
sarvacintāṃ samutsṛjya sarvaceṣṭāvivarjitaḥ |
nādamevānusaṃdadhyānnāde cittaṃ vilīyate || 41 ||
Alle Gedanken aufgebend und von äußerer Geschäftigkeit frei, soll er sich allein in den Nada versenken; im Nada löst sich das Chitta auf.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-cintām samutsṛjya – alle Gedanken aufgebend; sarva-ceṣṭā-vivarjitaḥ – von aller Geschäftigkeit frei; nādam eva anusandadhyāt – soll sich allein in den Nada versenken; nāde cittam vilīyate – im Nada löst sich Chitta auf.
42.
makarandaṃ pibanbhṛṅgo gandhānnāpekṣate tathā |
nādāsaktaṃ sadā cittaṃ viṣayaṃ na hi kāṅkṣati || 42 ||
Wie eine Biene, die Nektar trinkt, nicht nach anderen Düften verlangt, so begehrt auch das beständig im Nada gesammelte Chitta keine Sinnesgegenstände.
Wort-für-Wort-Übersetzung: makarandam piban bhṛṅgaḥ – die Nektar trinkende Biene; gandhān na apekṣate – verlangt nicht nach Düften; nāda-āsaktam cittam – im Nada gesammeltes Chitta; viṣayam na kāṅkṣati – begehrt keinen Sinnesgegenstand.
43.
baddhaḥ sunādagandhena sadyaḥ saṃtyaktacāpalaḥ |
nādagrahaṇataścittamantaraṅgabhujaṅgamaḥ || 43 ||
Vom Duft des reinen Nada gebunden, gibt die innere Schlange des Chitta augenblicklich ihre Unruhe auf und wird durch das Erfassen des Nada still.
Wort-für-Wort-Übersetzung: baddhaḥ su-nāda-gandhena – vom Duft des reinen Nada gebunden; saṃtyakta-cāpalaḥ – die Unruhe aufgegeben; nāda-grahaṇataḥ – durch das Erfassen des Nada; cittam – Chitta; antaraṅga-bhujaṅgamaḥ – die innere Schlange.
44.
vismṛtya viśvamekāgraḥ kutracinna hi dhāvati |
manomattagajendrasya viṣayodyānacāriṇaḥ || 44 ||
Die Welt vergessend, wird der Geist einpünktig und läuft nirgendwohin. Für den berauschten Elefanten des Geistes, der im Lustgarten der Sinnesobjekte umherstreift,
Wort-für-Wort-Übersetzung: vismṛtya viśvam – die Welt vergessend; ekāgraḥ – einpünktig (Ekagrata); na dhāvati – läuft nicht; manaḥ-matta-gajendrasya – für den berauschten Elefanten des Geistes; viṣaya-udyāna-cāriṇaḥ – der im Garten der Sinnesobjekte umherzieht.
45.
niyāmanasamartho'yaṃ ninādo niśitāṅkuśaḥ |
nādo'ntaraṅgasāraṅgabandhane vāgurāyate || 45 ||
ist dieser Klang ein scharfer Treiberhaken, der ihn zu lenken vermag. Der Nada wird zur Schlinge, die das innere Reh des Geistes bindet,
Wort-für-Wort-Übersetzung: niyāmana-samarthaḥ – zur Lenkung fähig; ninādaḥ – Klang; niśita-aṅkuśaḥ – scharfer Elefantenhaken; nādaḥ – Nada; antaraṅga-sāraṅga-bandhane – zum Binden des inneren Rehs; vāgurāyate – wird zur Schlinge.
46.
antaraṅgasamudrasya rodhe velāyate'pi ca |
brahmapraṇavasaṃlagnanādo jyotirmayātmakaḥ || 46 ||
und zum Ufer, das den Ozean seiner inneren Wellen begrenzt. Der mit dem Brahman-Pranava verbundene Nada ist seinem Wesen nach Licht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: antaraṅga-samudrasya – des inneren Ozeans; rodhe – zur Begrenzung; velāyate – wird zum Ufer; brahma-praṇava-saṃlagna-nādaḥ – mit dem Brahman-Pranava verbundener Nada; jyotirmaya-ātmakaḥ – von lichtvollem Wesen.
47.
manastatra layaṃ yāti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam |
tāvadākāśasaṅkalpo yāvacchabdaḥ pravartate || 47 ||
Der Geist geht darin zur Auflösung ein; dies ist der höchste Bereich Vishnus. Die Vorstellung von Raum besteht nur, solange Klang fortbesteht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: manaḥ tatra layam yāti – der Geist löst sich darin auf (Laya); tat viṣṇoḥ paramam padam – dies ist Vishnus höchster Bereich; tāvat ākāśa-saṅkalpaḥ – so lange besteht die Vorstellung von Raum; yāvat śabdaḥ pravartate – wie lange Klang fortbesteht.
48.
niḥśabdaṃ tatparaṃ brahma paramātmā samīryate |
nādo yāvanmanastāvannādānte'pi manonmanī || 48 ||
Jenseits davon liegt das lautlose höchste Brahman, das der höchste Atman genannt wird. Solange Nada besteht, besteht auch der Geist; am Ende des Nada tritt der Zustand Unmani ein.
Wort-für-Wort-Übersetzung: niḥśabdam – lautlos; tat param brahma – jenes höchste Brahman; paramātmā – höchster Atman (Paramatman); nādaḥ yāvat manaḥ tāvat – solange Nada, solange Geist; nāda-ante – am Ende des Nada; manas-unmanī – Geist im Zustand Unmani.
49.
saśabdaścākṣare kṣīṇe niḥśabdaṃ paramaṃ padam |
sadā nādānusandhānātsaṃkṣīṇā vāsanā bhavet || 49 ||
Wenn das Klanghafte im unvergänglichen Akshara erlischt, bleibt der lautlose höchste Zustand. Durch beständige Versenkung in Nada schwinden die Vasanas.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sa-śabdaḥ – das Klanghafte; akṣare kṣīṇe – wenn es im Unvergänglichen erlischt (Akshara); niḥśabdam paramam padam – lautloser höchster Zustand; sadā nāda-anusandhānāt – durch beständige Versenkung in Nada; saṃkṣīṇā vāsanā – geschwundene Vasana.
50.
nirañjane vilīyete manovāyū na saṃśayaḥ |
nādakoṭisahasrāṇi bindukoṭiśatāni ca || 50 ||
Geist und Lebenshauch lösen sich zweifellos im Makellosen auf. Unzählige Nadas und zahllose Bindus
Wort-für-Wort-Übersetzung: nirañjane – im Makellosen; vilīyete – lösen sich beide auf; manaḥ-vāyū – Geist und Lebenshauch; na saṃśayaḥ – kein Zweifel; nāda-koṭi-sahasrāṇi – unzählige Nadas; bindu-koṭi-śatāni – zahllose Bindus.
51.
sarve tatra layaṃ yānti brahmapraṇavanādake |
sarvāvasthāvinirmuktaḥ sarvacintāvivarjitaḥ || 51 ||
gehen alle in dem Klang des Brahman-Pranava zur Auflösung ein. Von allen Bewusstseinszuständen frei und ohne jeden Gedanken
Wort-für-Wort-Übersetzung: sarve tatra layam yānti – alle lösen sich dort auf; brahma-praṇava-nādake – im Klang des Brahman-Pranava; sarva-avasthā-vinirmuktaḥ – von allen Zuständen frei; sarva-cintā-vivarjitaḥ – ohne jeden Gedanken.
52.
mṛtavattiṣṭhate yogī sa mukto nātra saṃśayaḥ |
śaṅkhadundubhinādaṃ ca na śṛṇoti kadācana || 52 ||
verharrt der Yogi wie ein Lebloser; er ist befreit, daran besteht kein Zweifel. Dann hört er selbst den Klang von Muschelhorn und großer Trommel nicht mehr.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mṛta-vat tiṣṭhate – verharrt wie tot; yogī – der Yogi; saḥ muktaḥ – er ist befreit (Mukta); śaṅkha-dundubhi-nādam – Klang von Muschelhorn und großer Trommel; na śṛṇoti – hört nicht; kadācana – jemals.
53.
kāṣṭhavajjñāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam |
na jānāti sa śītoṣṇaṃ na duḥkhaṃ na sukhaṃ tathā || 53 ||
Im Zustand des Unmani erscheint der Körper gewiss wie ein Stück Holz. Der Yogi nimmt weder Kälte noch Hitze, weder Schmerz noch Freude wahr.
Wort-für-Wort-Übersetzung: kāṣṭha-vat jñāyate dehaḥ – der Körper erscheint wie Holz; unmanī-avasthayā – im Zustand des Unmani; na jānāti – nimmt nicht wahr; śīta-uṣṇam – Kälte und Hitze; duḥkham – Schmerz; sukham – Freude.
54.
na mānaṃ nāvamānaṃ ca saṃtyaktvā tu samādhinā |
avasthātrayamanveti na cittaṃ yoginaḥ sadā || 54 ||
Ehre und Missachtung hinter sich lassend, ruht der Yogi im Samadhi. Sein Chitta tritt nicht mehr in die drei gewöhnlichen Bewusstseinszustände ein.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mānam – Ehre; avamānam – Missachtung; saṃtyaktvā – aufgegeben habend; samādhinā – durch Samadhi; avasthā-trayam – die drei Zustände; na anveti cittam – das Chitta tritt nicht ein; yoginaḥ – des Yogi.
55.
jāgrannidrāvinirmuktaḥ svarūpāvasthatāmiyāt || 55 ||
Frei von Wachen und Schlaf gelangt er in das Verweilen in seiner wahren Natur.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jāgrat-nidrā-vinirmuktaḥ – frei von Wachen und Schlaf; svarūpa-avasthatām – das Verweilen in der eigenen Wesensnatur; iyāt – möge erreichen.
56.
dṛṣṭiḥ sthirā yasya vinā sadṛśyaṃ
vāyuḥ sthiro yasya vinā prayatnam |
cittaṃ sthiraṃ yasya vināvalambaṃ
sa brahmatārāntaranādarūpaḥ || 56 ||
Wessen Blick ohne sichtbaren Gegenstand still ist, wessen Lebenshauch ohne Anstrengung ruht und wessen Chitta ohne Stütze fest ist, der ist von der Natur des inneren Nada des Brahman-Pranava.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dṛṣṭiḥ sthirā – Blick still; vinā sadṛśyam – ohne sichtbaren Gegenstand; vāyuḥ sthiraḥ – Lebenshauch still; vinā prayatnam – ohne Anstrengung; cittam sthiram – Chitta fest; vinā avalambam – ohne Stütze; brahma-tāra-antara-nāda-rūpaḥ – von der Natur des inneren Nada des rettenden Brahman-Pranava.
Abschluss: iti upaniṣat – So lautet die Upanishad.
Nadabindu Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen
Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 777 - 781.
Einleitung
Nada der Ton, speziell der summende Nasenlaut, in welchen das Wort Om ausklingt; - Bindu der Punkt, speziell der des Anusvara, welcher die dritte Mora des Lautes Om sowie dessen Nachhall als drei einhalbte Mora bezeichnet; - also Nadabindu Upanishad "der geheime Sinn des Nasalpunktes".
Die philosophische Strenge, mit der die älteren Upanishaden von Brahman alle Bestimmungen der empirischen Realität ausgeschlossen hatten (Neti, Neti), brachte es mit sich, daß man, um den Bedürfnissen der Verehrung zu genügen, zu Symbolen greifen mußte, und es war, wie bereits oben S. 629 bemerkt wurde, im Interesse der philosophischen Wahrheit gar nicht übel, wenn man als Symbol etwas an sich so völlig Sinnloses wie das Wort Om mit seinen drei oder später dreiundeinhalb Moren (A + U + M + Nachhall) wählte, in dessen Meditation, mit Aufgebung der ganzen Sinneserkenntnis durch Indriyas und Manas (v. 18) und mit Vernichtung der Anhänglichkeit an die Sinnenwelt (v. 19), nach unserer Upanishad der wahre Yoga und mit ihm der Weg zum Heil besteht.
Im ersten Teil (v. 1-6a) erscheint der Atman mit Berufung auf Atharvav. 13,3,14 (Gesch. d. Phil.I, 228) als der Vogel (Hamsa), welcher "die Flügel tausend Tagesweiten ausspannt", und der den Yogin emporträgt. Als die Körperteile dieses Vogels werden die 3 1/2 Moren des Wortes Om und die drei Gunas der Samkhya-Lehre bezeichnet, als seine Augen Dharma und Adharma (er schaut Recht und Unrecht der Menschen), und sein Leib erstreckt sich aufwärts durch alle sieben Welten: Bhur, Bhuvah, Svar, Mahar (vgl. Taitt. 1,5), Jana(r)loka, Tapoloka, Satyaloka (vgl. zu Mund. 1,2,3 oben S. 548).
Weiter (v. 6 b-7) wird gelehrt, daß von den 3 1/2 Moren des Wortes Om A dem Agni, U dem Vayu, M der Sonne und der Nachhall dem Varuna geweiht sei.
"Oder auch", so fährt der Text fort (v. 8-11), jede dieser vier Moren hat einen dreifachen Aspekt (ist Kalatrayanana), woraus folgende zwölf Objekte der Meditation entstehen:
Ghoshini, - Vidyun Mali, - Patangi, Vayu Vegini, - Namadheya, - Aindri, Vaisnavi, - Samkari, - Mahati, Dhruva, - Mauni, - Brahmi
Je nachdem einer beim Sterben eine dieser zwölf Formen meditiert, - so entwickelt v. 12-17 in deutlicher Nachbildung von Prasna 5, - erlangt er als Lohn:
König in Indien, - Yaksha, - Vidyadhara zu werden, Gandharva zu werden, - Somaloka, - Indra-Gemeinschaft, Gemeinschaft mit Visnu, - Rudra (Pasupati), - Maharloka, Dhruvam, - Tapoloka, - Brahman;
von wo er dann erst zum höchsten, Sadoditam (= Sakridvibhatam, Chand. 8,4,2) Brahman gelangt, von welchem her der Aufgang der Lichter ist (Kath.5,15, im Keim schon Rigv. 10,121,6).
Die Nadabindu Upanishad

1. Sein rechter Flügel das A ist,
- Das U sein linker Flügel ist,
- Der M-Laut ist die Schwanzfedern,
- Die halbe Mora ist sein Haupt.
- Der Leib das Sattvam wird genannt,
- Gerechtigkeit ist sein rechtes,
- Sein linkes Auge Unrecht ist.
- An den Knien Bhuvarloka ist.
- Svarloka an der Hüftgegend,
- Am Nabel ist die Mahar-Welt.
4. Am Herzen ist Jana(r)loka,
5. "Er breitet tausend Tagweiten",
- In diesem Lied (Atharvav. 13,3,14) ist er gemeint,
- Das ist der Vogel, auf welchem
- Der Yogakenner steigt empor.
6. Nicht fröhnt dem Werk er, nicht binden
- Viel Tausende der Sünden ihn.
Die dreiundeinehalbe Moren des Wortes Om.
Dem Agni ist die Erst-Mora Heilig, dem Vayu, die dann folgt;
7. Die Mora, die dann kommt drittens,
Die zwölf Teil-Moren des Wortes Om.
8. Jede der Moren hat eigen
- Ein dreiteiliges Angesicht;
- Das ist des Om-Lauts Auslegung,
- Andächtig sinnend hört sie an!
9. Die erste Mora ist lärmreich,
- Die zweite dann ist blitzbekränzt,
- Als dritte folgt die flugfrohe,
- Die windschnelle die vierte ist.
10. Die fünfte ist die namhafte,
11. Die neunte wird genannt große,
- Die zehnte als die feste gilt,
- Die elfte ist die schweigsame,
- Die zwölfte heißt die brahmische.
Lohn für ihre Meditation beim Sterben.
12. Der ersten Mora nachdenkend,
13. Wer in der zweiten hinscheidet,
- Zum hochsinnigen Yaksha wird,
- Die dritte zum Vidyadhara,
- Zum Gandharva die vierte macht.
14. Doch wer, das Laben aufgebend,
15. Mit Indra lebt, wer der sechsten,
16. Die neunte führt zur Großheitwelt,
17. Und dann zum Reinen, Teillosen,
Der Yoga und seine Frucht.

18. Wenn, frei von Sinnen und Gunas,
- Das Manas ganz in sich zergeht,
- Nicht vergleichend, nicht vorstellend,
- Das heißt die rechte Yogakunst.
19. Ihm dienend und ihm anhängend,
20. Dann lösen sich alle Bande,
- Und lauter, unbefleckt und frei,
- Zu Brahman werdend, geht dadurch
- Er zu der höchsten Wonne ein,
- — er zu der höchsten Wonne ein.
Nada Yoga aus der Nadabindu Upanishad
Auszug aus dem Buch „Tantra Yoga, Nada Yoga and Kriya Yoga“ von Swami Sivananda, Buch II - Nada Yoga, 5. Auflage, 2000, Shivanandanagar, S. 126-132. Divine Life Society
Die Silbe A wird als der rechte Flügel von Om betrachtet, U als sein linker, M als sein Schwanz und man sagt, der Ardhamatra (Halbmeter) sei sein Kopf. Die (rajasigen und tamasigen) Qualitäten erstrecken sich von seinen Füßen aufwärts (zu seinen Lenden), Sattva ist sein (Haupt-) Körper, Dharma wird als sein rechtes Auge betrachtet und Adharma als sein linkes.
Der Bhuloka ist in seinen Füßen, der Bhurvarloka in seinen Knien, der Suvarloka in seinen Lenden, und der Maharloka in seinem Nabel. In seinem Herzen liegt der Janaloka, der Tapaloka in seiner Kehle, der Satyaloka im Zentrum seiner Stirn zwischen den Augenbrauen. Dann kommt das Matra (oder Mantra) oberhalb des Sahasrara (als tausendfacher Lichtstrahl).
Ein Yoga Meister, der Hamsa (Vogel) beherrscht (auf Om meditiert), wird daher nicht von karmischen Einflüssen oder von abertausenden Sünden befallen. Das erste Matra hat Agni als Schutzgott (vorherrschende Gottheit); das zweite hat Vayu als seinen Devata; das nächste Matra ist strahlend wie Sonnenglanz und das letzte ist Ardhamatra, der Weise weiß, dass es zu Varuna (der vorherrschenden Gottheit des Wassers) gehört.
Jedes dieser Matras hat in der Tat drei Kalas (Teile). Dies wird Omkara genannt. Erkenne es mittels der Dharanas, nämlich durch Konzentration auf jeden der zwölf Kalas oder durch Variationen der Matras, die durch den Unterschied der Svaras (Intonation) erzeugt werden. Das erste Matra wird "Goshini" genannt, das zweite "Vidyunmali" (oder Vidyunmatra), das dritte "Patangini", das vierte "Vayuvegini", das fünfte "Namadheya", das sechste "Aindri", das siebte "Vaishnavi", das achte "Shankari" das neunte "Mahati", das zehnte "Dhriti", das elfte "Nari" und das zwölfte "Brahmi".
Wenn es geschieht, dass ein Mensch im ersten Matra verstirbt (während er darauf meditiert), wird er als ein großer Herrscher von Bharatavarsha wiedergeboren. Wenn dies im zweiten Matra passiert, so wird dieser Mensch ein berühmter Yaksha; wenn es im dritten Matra geschieht ein Vidyadhara und im vierten ein Gandharva (diese drei stellen die himmlischen Scharen dar). Wenn er im fünften versterben sollte, nämlich im Ardhamatra, so wird er in der Welt des Mondes leben, mit dem Rang eines dort zutiefst verherrlichten Gottes.
Wenn er im sechsten verstirbt, wird er sich mit Indra vereinigen; wenn im siebten, wird er den Wohnsitz von Vishnu erreichen; im achten erreicht er Rudra, den Herrn aller Geschöpfe. In neunten Matra verstorben, wird er in Maharloka eingehen, im zehnten in Janaloka, im elften in Tapoloka und im zwölften verstorben, erlangt er den ewigen Zustand von Brahman.
Was über diese hinaus existiert, nämlich Parabrahman, was über (über die Matras) das Reine, das Alldurchdringende hinausgeht, über die Kalas hinaus, das Immerstrahlende und die Quelle allen Jyotis (Licht), das soll erkannt werden. Wenn der Geist über die Organe und Gupta hinausgeht und versunken ist, weder eine getrennte Existenz besitzt noch mentale Aktion kennt, dann sollte ein Guru sich seiner annehmen und ihn unterweisen, damit er sich weiter entwickelt.
Der Mensch, der immer in Kontemplation ist, sollte allmählich seinen Körper (oder seine Familie) zurücklassen, dem Weg des Yoga folgen und jeglichen Kontakt mit der Gesellschaft meiden. Wenn er von allen karmischen Bindungen und einer Existenz als Jiva befreit und endlich rein ist und den Zustand von Brahman erlangt hat, wird er sich höchster Glückseligkeit erfreuen.
O intelligenter Mensch, lebe dein Leben immer in der Erkenntnis allerhöchster Glückseligkeit, erfreue dich deines ganzen Prarabdha (des Teiles deines vergangenen Karmas, dessen du dich jetzt erfreuen kannst), ohne dich über irgendetwas zu beklagen.
Sogar nachdem Atmajnana (Erkenntnis von Atman oder dem Selbst) erweckt ist (in einem selbst), verlässt (ihn) Prarabdha nicht; er fühlt jedoch Prarabdha nicht, nachdem Tattva Jnana (Erkenntnis von Tattva oder Wahrheit) wie ein Morgen graut, weil der Körper und all die anderen Dinge Asat (unreal) sind, genauso wie die Dinge, die wir im Traum sehen, uns beim Erwachen unwirklich vorkommen.
Dieser Anteil von Karma, welcher aus vorherigen Geburten stammt und Prarabdha genannt wird, hat keinerlei Auswirkung auf die Person (Tattvajnani), da es für sie keine Wiedergeburt gibt. So wie ein Körper, der im Traumzustand existiert, unwahr ist, so ist es auch der Körper. Wie verhält es sich dann mit der Wiedergeburt eines Dinges, welches illusorisch ist? Wie kann etwas irgendeine Existenz haben, wenn es keine Geburt (dafür) gibt?
Man lernt von den Veden: So wie der Ton die materielle Ursache eines Tontopfes ist, so ist Ajnana die materielle Ursache des Universums. Und wenn Ajnana aufhört zu existieren, wo ist dann der Kosmos? So wie jemand, der durch Illusion geblendet ist, ein Seil für eine Schlange hält, so sieht ein Narr, der nicht Satya (die ewigliche Wahrheit) kennt, die Welt (als wahr an). Wenn er erkennt, dass die Schlange ein Stück Seil ist, verschwindet die illusorische Idee der Schlange.
Wenn er also das ewigliche Substrat von allem erkennt und das ganze Universum (deshalb) leer (für ihn) wird, wo ist dann Prarabdha für ihn, wenn der Körper ein Teil der Welt ist? Deshalb wird das Wort Prarabdha allgemein anerkannt, um (nur) den Unwissenden zu erleuchten. Ist dann Prarabdha im Laufe der Zeit aufgebraucht, erstrahlt jener, der durch die Verbindung von Pranava mit Brahman der Klang ist, so wie die Sonne erstrahlt, wenn die Wolken verschwunden sind.
Nimmt der Yogi Siddhasana ein und praktiziert das Vaishnavimudra, so sollte er den inneren Klang immer im rechten Ohr vernehmen. Zu Beginn seiner Übung hört er viele laute Klänge. Diese nehmen nach und nach in Tonhöhe zu und werden allmählich feiner vernommen. Zuerst hören sich die Klänge wie ein Ozean, die Wolken, Pauken und Wasserfälle an; auf der mittleren Stufe dann wie jene Klänge der Mardala (Musikinstrument), Glocken und Hörner.
Auf der letzten Stufe hört er Klänge einer bimmelnden Glocke, einer Flöte einer Vina (Musikinstrument) und den Klang von summenden Bienen. Er hört also viele solcher Klänge auf immer feinere Art und Weise. Es steht dem Yogi frei, seine Konzentration von einem groben auf einen feinen Klang zu lenken oder umgekehrt, er sollte aber seinem Geist verbieten, sich von ihnen auf andere ablenken zu lassen. Hat sich der (denkende) Geist erst einmal auf einen Ton konzentriert, wird er sich fest an ihn heften, sich in ihm vertiefen und in ihm versinken.
Wenn der Geist unempfänglich für äußere Eindrücke geworden ist, wird er eins mit dem Klang, wie Milch mit Wasser eins wird, und er wird dann schnell in Chidakasha (der Akasha, in dem Chit vorherrscht) aufgehen. Zeigt ein Yogi keinerlei Interesse mehr an äußeren Dingen und hat er seine Leidenschaften unter Kontrolle, dann sollte er durch ständige Übung seine Aufmerksamkeit auf den Klang richten, denn der löscht den (denkenden) Geist aus.
Hat er alle Gedanken aufgegeben und sich von jeglicher Tätigkeit befreit, sollte er seine Aufmerksamkeit auf den Klang richten, und (dann) wird sein Chitta (Bewusstsein) in ihm versinken. So wie die Biene, die Honig sammelt und Nektar trinkt, sich nicht um die Farbe der Blume kümmert, so sehnt sich auch das Chitta, das ständig in Klang vertieft ist, nicht nach sinnlichen Dingen, da es von dem süßen Klang eingenommen ist und seine flüchtige Natur hinter sich gelassen hat.
Die Schlange Chitta (Bewusstsein) wird durch das Hören von Nada vollkommen in Anspruch genommen und wird allem anderen gegenüber unbewusst, wenn es sich selbst auf den Klang konzentriert. Wie ein scharfer Treibstock seinen Zweck erfüllt, einen wildgewordenen Elefanten unter Kontrolle zu bringen, so dient der Klang demselben Zweck für das Chitta, welches sich im Lustgarten der sinnlichen Dinge amüsiert.
Er dient dem Zweck einer Falle, um das Reh Chitta zu fangen oder bildet den Strand für die brandenden Meereswellen von Chitta. Der Klang, der von Pranava, was Brahman ist, ausgeht, ist von seiner Natur her glänzende Herrlichkeit; der (denkende) Geist wird in ihm aufgesogen; dies ist der höchste Sitz von Vishnu.
Der Klang existiert, solange es Fassungskraft von Akasha gibt (Akashasankalpa). Darüber hinaus existiert nur noch der (Asabada) klanglose Klang, der unhörbare Ton, Parabrahman, der Paramatman ist. Der (denkende) Geist existiert solange, wie es Klang gibt, mit dem Aufhören des Klangs stellt sich ein Zustand ein, der Unmani von Manas genannt wird (d. h. ein Zustand, der über dem des denkenden Geistes liegt). Der Klang wird in Akshara (unzerstörbar) eingesogen, und der klanglose Zustand ist der allerhöchste Sitz.
Der (denkende) Geist, der seine karmischen Affinitäten zusammen mit Prana (Vayu) durch ständige Konzentration auf Nada ausgelöscht hat, geht vollständig in das makellose Eine auf. Darüber besteht kein Zweifel. Viele abertausende Myriaden von Nadas und viele weitere Bindus - (alle) werden in den Brahma-Pranava Klang eingesogen.
Ist ein Yogi erst einmal von allen Zuständen und von jeglichen Gedanken befreit, so verbleibt er wie ein Toter. Er ist dann ein zweifellos Mukta. Und nach all diesem wird er zu keiner Zeit mehr die Klänge der Konche oder der Dundubhi (große Kesselpauke) hören. Mit Gewissheit ist der Körper im Stadium von Unmani wie ein Stück Holz und fühlt weder Hitze noch Kälte, weder Freude noch Leid.
Das Chitta des Yogi, das Ruhm wie auch Schande aufgegeben hat, weilt oberhalb der drei Zustände in Samadhi. Von Wach- und Schlafzuständen befreit, erreicht er schließlich seinen wahren Zustand. Wenn das spirituelle Sehen sich etabliert hat, ohne dass mann noch ein Objekt sehen muss. Wenn Vayu (Prana) ohne Anstrengung still wird, und wenn das Chitta ohne Hilfe fest und stark wird, dann wird der Yogi eins mit dem inneren Klang des Brahma-Pranava. So sagen es die Upanishaden.
Siehe auch
- Nada
- Bindu
- Yoga Upanishaden
- Upanishad
- Veden
- Mahavakya
- Hinduismus
- Yoga
- Vedanta
- Vedanta Schulen
- Indische Philosophiesysteme
- Erkenntnis
- Meditation
Literatur
- Kostenloses Online-Buch Upanishaden von Swami Krishananda
- Klassische Upanishaden - Die Weisheit des Yoga von Paul Deussen, 1980
- Das Kronjuwel der Unterscheidung von Shri Shankaracharya, Kommentar von Emanuel Meyer, 2002
- Swami Vivekananda, Vedanta - Der Ozean der Weisheit
- Wilfried Huchzermeyer: Die heiligen Schriften Indiens - Geschichte der Sanskrit-Literatur. (edition-sawitri.de) ISBN 3-931172-22-8
- Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda
- Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens, Suhrkamp, 2001
Weblinks
- Veden aus „Göttliche Erkenntnis“ von Swami Sivananda
- Upanishaden, Artikel aus "Göttliche Erkenntnis" von Swami Sivananda
- Shankara
- Buch: Klassische Upanishaden - die 11 wichtigsten Upanishaden in der Übersetzung von Paul Deussen
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Mantras und Musik
- 27.09.2026 - 02.10.2026 Mantras aus aller Welt singen und mit Trommeln begleiten
Mantrische Gesänge aus verschiedenen religiösen Traditionen zum Mitsingen und auf der Trommel begleiten. Die Trommel (Djembe) ist ein einfaches Instru…- Vaikunta Lenz
- 27.09.2026 - 02.10.2026 Komm zur Ruhe in der Natur
Wenn dir das Leben mal wieder zu schnell und kaum Zeit für Ruhepausen ist, dann hast du während dieser Tage Zeit, still zu werden und dich wieder zu e…- Shivadas Waltje
Multimedia
Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas Jnana Yoga und Vedanta Einführung Vom Begrenzten zum Unendlichen - Geschichten aus den Upanishaden 111 Geschichten aus den Upanishaden