Wer bin ich

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Wer bin ich? Dies ist eine uralte Menschheitsfrage. Schon die alten Griechen sagten: Erkenne dich Selbst. Der moderne Mensch befindet sich beständig in einem Prozess der Selbstfindung. Yoga, gerade Jnana Yoga und Raja Yoga, haben eine Methodik entwickelt, wie man sich der Antwort auf diese Frage nähern kann. Im Yoga wird gesagt, dass eine intellektuelle Antwort auf die Frage: "Wer bin ich?" niemals zufrieden stellen kann. In tiefer Meditation ist die Erkenntnis des wahren Selbst möglich - und das Ziel menschlicher Sehnsucht erreicht.

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Philosophische Betrachtung der Frage: Wer bin ich?

Es gibt verschiedene Herangehensweisen an die uralte Menschheitsfrage "Wer bin ich". Unter den Yoga Wegen ist es Jnana Yoga, der diese Frage zu seinem Zentrum macht. Jnana Yoga geht es dabei um die metaphysische, die ontologische Tiefe: Hier geht es um die tiefe Fragestellung: Wer bin ich, vom absoluten Standpunkt ausgesehen. Wer bin ich wirklich? Es geht hier weniger um praktische Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, Entfaltung seiner Talente. Es geht vielmehr um die Frage: Wer bin ich wirklich? Vor dem Hintergrund der Veränderungen, vor dem Hintergrund der Vergänglichkeit, vor dem Hintergrund von Gedanken, Emotionen, ja auch vor dem Hintergrund von Wachen, Träumen, Schlafen, vor dem Hintergrund veränderter Bewusstseinszustände: Wer bin ich?

Wer bin ich - Vedanta in Kurzform

Die Vedanta Philosophie kann zusammengefasst werden in 3 Sätzen (Shankaracharya, ca. 800 n.Chr.):

  • Brahma Satyam: Brahman allein ist wirklich
  • Jagan Mithya: Die, Welt wie wir sie erfahren, ist unwirklich
  • Jivo Brahmaiva Napara: Das Selbst ist nichts anderes als Brahman

Einfach zusammengefasst: Hinter dem gesamten Universum gibt es eine einzige Wirklichkeit, Brahman genannt. Das äußere Universum ist nur eine Manifestation von Brahman. Das unsterbliche Selbst ist deine wahre Natur. Und dieses unsterbliche Selbst ist eins mit Brahman.

Körper und Geist mit Empfindungen, Emotionen, Gefühlen, Gedanken sind Teil von Jagad, der äußeren Welt. In Wahrheit sind wir weder Körper noch Geist. Vielmehr sind wir das unsterbliche Selbst - jenseits von Körper und Geist. Wie ein Raumanzug auf einem anderen Planeten Fortbewegung, Erfahrungen und Handlungen ermöglicht, so ist der Körper hier auf der Erde so etwas wie ein Raumanzug, der Fortbewegung, Erfahrungen und Handlungen ermöglicht.

Kurz zusammengefasst: Wer bin ich? Ich bin das Unsterbliche Selbst, der Atman. Ich bin Satchidananda: Unendliches Sein (Sat), Unendliches Bewusstsein (Chid), Unendliche Wonne (Ananda)

Wer bin ich? Subjekt-Objekt-Analyse

Eine klassische Vedanta-Form der Herangehensweise an die Frage "WER BIN ICH" ist die sogenannte Subjekt-Objekt-Analyse. Sie unterscheidet zwischen Subjekt und Objekt und arbeitet anhand dieser Unterscheidung heraus:

  • Wer bin ich?
  • Wie geschieht Identifikation?
  • Wie entsteht Leid?
  • Wie ist Identifikation und Leid überwindbar?
Shankara, der große Lehrer des Vedanta, im Kreis seiner Schüler

Grundlage der Subjekt-Objekt-Analyse

Grundlage ist: Subjekt-Objekt:

  • Subjekt ist derjenige der erlebt, erfährt
  • Objekt ist das, was erlebt wird

Wenn du sagst: "Ich sehe den Himmel", dann gibt es ein "ich", also das Subjekt, und etwas, was gesehen wird, also der Himmel. Mit anderen Worten: "Ich" ist das Subjekt. Das Wahrgenommene ist das Objekt. Ich bin also das Subjekt. Wenn ich herausfinden will, wer ich bin, kann ich mich lösen von allem Wahrnehmbaren. Der Prozess der Subjekt-Objekt-Analyse ist also der Prozess des Bewusstwerdens: Was kann beobachtet werden? Denn alles Beobachtbare bin ich nicht.

Des weiteren kann man feststellen:

  • Das Subjekt bleibt gleich: Du fühlst dich als "ich", solange du zurückdenken kannst
  • Das Objekt dagegen ändert sich: Das Beobachtbare ist im ständigen Fluss - es ändert sich ständig und manchmal plötzlich. Objekte ändern sich nicht nur, sie sind auch vergänglich
  • Wenn das Subjekt seine eigene Ewigkeit in das Objekt projeziert, also Dauerhaftigkeit vom Objekt erwartet, kommt Leiden. Denn Objekte ändern sich.

Bin ich mein Besitz?

Diese Frage ist leicht zu beantworten: Natürlich bin nicht mein Besitz... Dem würde vermutlich jeder zustimmen. Aber warum eigentlich nicht? Gehen wir mit der Subjekt-Objekt-Analyse vor, anhand eines Beispiels:

Bin ich meine Uhr?

Nein, denn: Ich kann meine Uhr beobachten. Ich kann die Uhr sehen, ich kann sie fühlen, ich kann an ihr riechen. Ich bin das Subjekt, die Uhr ist das Objekt. Also: Ich bin nicht die Uhr.

Was ist Identifikation? Du sagst aber nicht: Dies ist eine Uhr, sondern: Dies ist meine Uhr. Indem Moment, indem ich "meine" Uhr sage, identifiziere ich mich mit der Uhr. Indem ich mich mit der Uhr identifiziere, erwarte ich Dauerhaftigkeit von der Uhr, und mache mein Glück von der Uhr abhängig.

Was sind die Folgen der Identifikation? Die Uhr ist beschränkt: Du reduzierst dein unendliches Sein auf Gedanken um deine Uhr. Du willst, dass andere die Uhr wertschätzen - weil du dadurch Wertschätzung erfährst. Du wirst abhängig von der Wertschätzung der Uhr.

Die Uhr ist vergänglich: Irgendwann hört sie auf zu funktionieren. Jemand stiehlt sie. Jemand tritt auf die Uhr. Du verlierst sie. Du findest sie nicht mehr. Wenn du dich mit der Uhr identifiziert hast, wirst du unglücklich, wenn du sie verlierst.

Der Wert der Uhr ist Änderungen unterworfen: Wenn deine modische Uhr altmodisch wird, wirst du unglücklich. Und du hast Angst davor, dass die Uhr altmodisch werden könnte.

Die Uhr genügt dir nicht: Intuitiv weißt du, dass du nicht auf eine Uhr beschränkt werden kannst. Intuitiv weißt du, dass du mehr bist. Wenn du aber in materiellen Identifikationen gefangen bist, wirst du immer mehr Besitz anhäufen wollen, um mehr zu erscheinen. Alles um das "ich" größer erscheinen zu lassen - nachdem das Ich sich mit Materiellem beschränkt hat.

Wie überwinde ich die Identifikation und ihre Folgen? Erkenne: Du bist nicht dein Besitz. Du bist nicht beschränkt auf das, was du hast. Eigentlich gehört dir gar nichts. Aller scheinbarer Besitz ist Leihgabe von unbekannter Leihdauer. Alles kann dir jederzeit genommen werden. Wenn du erkannt hast, dass alles in Parinama, in ständiger Veränderung ist, fällt es dir leicht, dein Glück von äußeren Objekten unabhängiger zu machen. Dir werden Dinge anvertraut, sodass du dich an ihnen erfreuen kannst, mit ihnen einiges bewirken kannst, Erfahrungen machen kannst. Und wenn ihr Zweck sich erfüllt hat, werden sie dir wieder genommen. Du hast einen gewissen Einfluss auf die Objekte und hast eine gewisse Verantwortung, ähnlich wie du ein für ein geliehenes Ding eine Verantwortung hast. Aber dir gehört nichts. Sei daher dankbar für das, was dir anvertraut wurde. Lächle über das Konzept des "Eigentums", welches als gesellschaftliche Konvention existiert. Und fühle dich frei.

Geschichte von Janaka und Ashtavakra Eine alte Geschichte verdeutlicht, wie ein spiritueller Aspirant mit seinem scheinbaren Besitz umgehen kann:

Der junge König Janaka ging zu dem Weisen Ashtavakra in die Lehre. Er lernte spirituelle Praktiken, die Bedeutung der Schriften, alles über spirituelles Leben. Im alten Indien war es üblich, dass ein Schüler seinem Guru am Ende seiner Lehrzeit ein Dakshina, eine Gabe, überreichte. Janaka fragte seinen Guru, was er ihm als Lehrgeld (Dakshina) geben könne. Ashtavakra fragte Janaka: "Ich kann mir alles wünschen?". Janaka: "Ja, soweit es in meiner Macht steht." Sagte Ashtavakra: "Dann überschreibe mir das Königreich". So unterschrieb Janaka die Abdankungsurkunde und die Ernennungsurkunde von Ashtavakra zum König. Dann sagte Ashtavakra: "So, jetzt gehe zurück in die Hauptstadt des Königreiches. Regiere das Königreich für mich, so als ob es dein Königreich ist. Sage niemandem, dass du mir das Königreich überschrieben hast. Regiere gut, gerecht und geschickt. Genieße das Leben eines Königs und diene anderen. Aber wisse: Ich habe die Abdankungsurkunde in meiner Hand. In jedem Moment kann ich kommen und mein Königreich selbst regieren." So kehrte Janaka zurück in das Königreich. Nach außen tat er so, als ob er der König sei. Im Inneren wusste er, dass er das Königreich für seinen Guru regierte. So war er verhaftungslos. Er erfüllte sein Dharma, seine Pflicht als Regierender, so gut er konnte. Und er erreichte Samadhi, die Gottverwirklichung.

So kannst auch du leben: Aus gesellschaftlichen Gründen kannst du so tun, als ob du Besitz hättest. Im Inneren weißt du, dass alles Gott gehört, und dass dir dein scheinbarer Besitz nur vorübergehend anvertraut ist. Du gehst mit dem scheinbaren Besitz sorgsam um - denn er gehört ja Gott. Du erfüllst deine Aufgaben, lernst Lektionen, machst Erfahrungen, entwickelst dich spirituell. Indem du alles als Besitz Gottes erkennst und Vertrauen in das Wirken Gottes hast, kannst du verhaftungslos, engagiert und glücklich leben.

Verhaftungslosigkeit und Liebe im Umgang mit anderen Menschen

Die Identifikation mit anderen Menschen ist unter spirituellen Aspiranten meist größer als die Identifikation mit Besitz. Wer bin ich? Viele Menschen antworten innerlich darauf: Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Partner, Freundin etc. Menschen definieren sich über ihre Rollen im Umgang mit anderen. Aus Identifikation mit der Rolle kommt Verhaftung an den Menschen aus der Verhaftung kommen Erwartungen an den anderen Menschen. Da andere diese Erwartungen nicht erfüllen, kommen Konflikte, Enttäuschungen und Leid. So gibt es drei Arten von Identifikationen und Verhaftungen:

  • Verhaftung an den Menschen
  • Verhaftung an das Bild das man vom anderen hat
  • Verhaftung an die Erwartungen an den anderen
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Aus diesen Verhaftungen kommt Egoismus. Der andere ist einem insoweit lieb, als er das eigene Ego in Form von Erwartungen und Wünschen befriedigt. Aus solchen Ego-bezogenen Beziehungen entsteht Leid:

  • Jeder hat sein eigenes Karma. Beziehungen sind nicht immer von Dauer: Menschen sterben. Kinder gehen aus dem Haus. Auch der beste Freund kann mal umziehen bzw. nach der Heirat weniger zur Verfügung stehen. Partner können sich neu verlieben.
  • Menschen sind anders als das Bild, das man von ihnen hat. Menschen verändern sich.
  • Menschen erfüllen nicht die Erwartungen, die man an sie hat

Verhaftungslosigkeit und Liebe im Umgang mit anderen hieße:

  • Erkenntnis, dass jeder sein eigenes Karma hat. Beziehungen sind vorübergehend. Spätestens mit dem Tod endet die Beziehung. Auch wenn man sich in einem anderen Leben wieder zusammen inkarnieren mag, kann die Beziehung ganz anders sein: Die Mutter vom früheren Leben kann jetzt die Tochter sein. Der Ehemann von diesem Leben kann im nächsten Leben der Arbeitgeber sein. Da laut der indischen Karmalehre jeder schon millionenfach gelebt hat, kann man sogar sagen: Jeder, den du siehst, war schon mal dein Vater. Jeder, den du siehst war schon mal deine Mutter. Jeder den du siehst war schon mal dein Kind, dein Geliebter, deine Geliebte...
  • Innere Akzeptanz, dass Menschen anders sind als das Bild, das man von ihnen hat. Neugier auf den anderen. Freude daran, den anderen immer mehr kennen zu lernen und seine Entwicklung begleiten zu können
  • Bewusstsein, dass jeder ein eigenständiger Mensch ist, der sein eigenes Karma und Dharma hat und dass man selbst unabhängig von konkreten Personen ist
  • Liebe zum anderen ohne Erwartungen und ohne Verhaftung, im Bewusstsein, dass in der Liebe die Seele des einen die Seele des anderen berührt. In der Liebe leuchtet das wahre Selbst, das Göttliche, auf.

Bin ich der Körper?

Wer bin ich? Bin ich der Körper? Bin ich groß, klein, dick, dünn, hellhäutig, dunkelhäutig, jung, alt, gesund, krank?

Die Subjekt-Objekt-Analyse sagt: Du bist der Wahrnehmende, nicht das Wahrgenommene. Du kannst deinen Körper wahrnehmen, du kannst deinen Körper bewegen, du kannst durch deinen Körper wahrnehmen. Du hast zwar einen gewissen Einfluss auf den Körper. Aber du erleidest auch die Veränderungen des physischen Körpers. Daher: Du bist nicht der physische Körper.

Die Analogie eines Raumanzugs

Angenommen, Menschen wollen den Mars bewohnen. Dann bräuchten sie Raumanzüge. Jetzt nehmen wir an, es würden nahezu perfekte Raumanzüge dafür entwickelt: Die Raumanzüge geben die Temperatur weiter, allerdings in einem Spektrum, mit dem der Mensch zurechtkommt. So kann der Mensch durch den Raumanzug seine Umgebung fühlen. Der Raumanzug hat einen Filter für die Luft - so kann der Mensch die Luft atmen und auch riechen. Der Raumanzug hat eine Art Vorverdau-Apparat, sodass der Mensch auch Marsnahrung essen kann. Der Raumanzug ist dabei so sensibel, dass Menschen sich berühren, umarmen etc. kann. Auch Ausscheidung und Geschlechtsverkehr funktionieren. Und der Raumanzug regeneriert sich selbst, muss nie abgenommen werden. Man muss sich zwar um den Raumanzug kümmern. Aber grundsätzlich regeneriert und repariert sich der Raumanzug selbst. Er wird dem Menschen als Baby angepasst - und verbleibt bis zum Tode. Der Raumanzug signalisiert dem Menschen, wenn er reparaturbedürftig ist, durch Schmerzen. Was würde passieren? Der Mensch würde sich mit seinem Raumanzug identifizieren. Er würde denken, dass er der Raumanzug ist.

So ist dieser Körper in Wahrheit der Raumanzug, den wir für Leben auf dieser Erde bekommen haben. In Wahrheit bist du unsterbliche Seele. Um Erfahrungen auf dieser Erde zu machen, dein Dharma zu erfüllen und dich spirituell zu entwickeln, erhältst du den für die Erde geeigneten Raumanzug, genannt "menschlicher Körper". Sei dankbar für diesen wunderbaren Körper. Sei dir aber bewusst: Du bist nicht der Körper. Der Körper ist Alter, Krankheit und Tod unterworfen. Du hast einen gewissen Einfluss auf den Körper - aber irgendwann wirst du ihn verlassen.

Out-of-Body-Experiences und Nahtoderfahrung

Indizien, dass du nicht der Körper bist, sind Erfahrungen außerhalb des Körpers. Dazu gehören die Nahtoderfahrung und die Out of Body Experience:

  • In der Nahtoderfahrung ist der Erlebende klinisch tot. Er hat aber Erfahrungen, sieht seinen Körper von oben, kann z.T. sogar die Gespräche der Ärzte und der Verwandten im Warteraum hören und anschließend wiedergeben. Bewusstsein und Wahrnehmung sind also auch ohne physischen Körper und Sinne möglich
  • Out-of-Body-Experience (OOB):In der Meditation, in der Tiefenentspannung, manchmal auch nach Unfällen, nach Konsum von Drogen, ist es möglich, seinen Körper zu verlassen, das Körperbewusstsein zu verlieren. Du kannst deinen Körper von oben sehen - oder dich ganz als vom Körper gelöst spüren. Du kannst schweben, Dinge sehen und hören, deren Existenz du nachher verifizieren kannst. Wenn du einmal in der Meditation oder Tiefenentspannung auf Astralreise gegangen bist, weißt du: Ich bin nicht der Körper. Ich existiere auch ohne physischen Körper

Traum und Körper

Jede Nacht träumst du. Im Traum verlierst du das Bewusstsein des Wachzustands-Körpers. Du identifizierst dich mit deinem Traumzustands-Körper. Im Wachzustand mag dein Körper Schmerzen haben. Dein Traumzustands-Körper kann gesund sein. Dein Bewusstsein ist das gleiche, im Wachzustandskörper und im Traumzustandskörper. So erfährst du ständig wechselnde Körper. Bewusstsein ist das gleiche, ob im Wachzustand, Traumzustand oder Tiefschlaf.

Unfälle und Krankheiten

Der Körper ist Veränderungen, Krankheit, Alter und Tod unterworfen. Wenn du dich mit dem Körper identifizierst, führt das zum Leiden: Der Körper ist nicht so, wie du es gerne hättest. Und er wird sich anders entwickeln, als du es gerne hättest. Verhaftung an den Körper und Verhaftung an das Bild des Körpers und ein Idealbild deines Körpers führen zu Spannungen, Stress, Enttäuschung und Leid.

Akzeptiere: Der Körper ist Veränderungen unterworfen. Du bleibst gleich. Manche verlieren sogar Teile ihres Körpers in Unfällen. Auch jemand, der einen Arm verloren hat, ist weiterhin ein vollständiger Mensch.

Transplantation und Körper

Heutzutage können Körperteile ausgetauscht/ersetzt werden. Du kannst eine künstliche Nase erhalten. Dein Blut kann ausgetauscht werden. Du kannst das Herz eines Unfalltoten transplantiert bekommen. Du kannst künstliche Herzklappen erhalten. Du selbst bleibst inmitten aller Veränderungen der gleiche.

Verhaftungsloser Umgang mit dem Körper

Kümmere dich um den Körper - aber sei nicht an ihn verhaftet. Gerade indem du weißt, ich bin nicht der Körper, kannst du sorgsam mit dem Körper umgehen: Gib dem Körper was er braucht: Gesunde Nahrung, Wasser, Bewegung, Entspannung, Erholung, Herausforderung. Nutze den Körper für Erfahrungen, Lernen und Dienen. Sei dankbar für den Körper. Und ziehe dein Bewusstsein in den spirituellen Praktiken weg von der Identifikation mit dem Körper.

Im Yoga tust du so viel für deinen Körper. Trotzdem bist du nicht der Körper. Der Körper ist Fahrzeug, ist Instrument. Pflege ihn, nutze ihn. Erkenne seine Beschränkungen an. Und löse dich vom Körper immer wieder - durch Meditation und spirituelle Selbstbefragung: Wer bin ich?

Bin ich Prana, Gedanken und Emotionen?

Wer bin ich? Bin ich das Prana (die Lebensnergien), bin ich die Gedanken, bin ich die Emotionen?

Die Subjekt-Objekt-Analyse sagt:

  • Ich kann die Lebensenergien, das Prana wahrnehmen. Ich bin nicht das Prana, ich bin der Beobachter
  • Ich kann das Auftauchen und Verschwinden der Emotionen wahrnehmen. Ich kann den Ort der Emotionen lokalisieren. Ich bin nicht die Emotionen, ich bin der Beobachter
  • Ich kann das Spiel der Gedanken wahrnehmen. Gedanken kommen und gehen. Ich bin nicht die Gedanken, ich bin der Beobachter

Du hast einen gewissen Einfluss auf Prana, Emotionen, Gedanken. Zum großen Teil sind Prana, Emotionen und Gedanken jenseits deiner Kontrolle. Im Yoga lernst du, dein Prana zu erhöhen und in Harmonie zu bringen. Du lernst, mehr Freude und Liebe zu empfinden. Du lernst, gut mit deinen Emotionen umzugehen. Du lernst, wie du geschickter mit deinen Gedanken umgehen kannst, dein Denken positiver machen kannst. Du lernst, die Kraft deiner Gedanken zu stärken und zu nutzen. Aber so wenig wie du dein Kochgeschirr oder dein Telefon bist, so wenig bist du Prana, Emotionen und Gedanken.

Besonders in der Meditation kannst du humorvoll das Spiel deiner Gedanken und Gefühle wahrnehmen. Du kannst auch das Spiel deiner Gedanken und Gefühle verlassen und dich als unendliches Bewusstsein erleben.

Bin ich Persönlichkeit, Charakter?

Gedanken und Gefühle mögen sich ändern. Persönlichkeit, Temperament und Charakter scheinen beständiger zu sein. Wer bin ich? Bin ich Künstler, Intellektueller, Handwerker, Musiker? Bin ich Melancholiker, mitfühlend, Sternzeichen Fische?

Nein, du bist auch nicht Persönlichkeit, Charakter. Auch Persönlichkeit, Charakter können sich ändern: Sie ändern sich im Lauf der Zeit von selbst. Starke Erfahrungen können Persönlichkeit und Charakter verändern. Und du als Aspirant kannst bewusst Persönlichkeit und Charakter ändern.

Heinrich Zimmer zur Frage "Wer bin ich?"

Reflektion des Indologen Heinrich Zimmer aus seinem Buch "Der Weg zum Selbst" 1944 erschienen im Rascher Verlag Zürich

Alle Geschöpfe verlangen nach Glück ohne Leid und lieben sich selbst am meisten; das beruht darauf, daß Glück ihr innerstes Wesen ist. Um diese eingeborene Seligkeit, die alltäglich in der Seligkeit traumlos tiefen Schlafs erfahren wird, um diese eingeborene Seligkeit des Selbst in ihrer Fülle zu erleben, gilt es, das Selbst zu erkennen. Der beste aller Wege dazu ist das Fragen »WER BIN ICH?«

Wer bin ich? — mein Ich ist nicht dieser greifbare stoffliche Leib (sthûla-sharîra), auch nicht die Wahrnehmungskräfte der fünf Sinne oder die fünf Lebenskräfte (prâna), die Atem, Stoffwechsel, Bewegung, Aeußerungen und Absonderungen des Leibes wirken, auch nicht das Gemüt mit seinen Regungen und Gedanken, — mein Ich ist weder eines von diesen allen, noch die bloße Gesamtheit dieser aller, Ich bin auch nicht die Schale aus seliger Lust gebildet (ânandamaya-kosha), die zuinnerst unter allen diesen Schalen meiner Person mich im traumlos tiefen Schlaf umfängt: der Stand des Unbewußtseins, darin die Tätigkeit all dieser Schalen nicht mehr fühlbar ist, indes ihre Kräfte, als reine Vermögen zugegen, schlummern. »Ich« kann nur heißen, was übrigbleibt, wenn man von ihnen allen absieht: reines Innesein, Sein Wesen ist Sein, Geist und Seligkeit (sat-chit-ânanda), Wenn das Gemüt als Werkzeug alles Wahrnehmens und Erkennens und aller Betätigung verlischt, verschwindet mit ihm die Dingwelt. Der Wahn, ein harmloser Strick, auf den man unver-sehens im Dunkeln tritt, sei eine Schlange, verschwindet, wenn die Wahrheit erfahren wird: es ist bloß ein Strick. Ebenso ver-schwindet der Wahn dieser scheinbaren Welt erst, wenn die Erkenntnis des wahren Selbst erlangt ist,

Das denkende Gemüt ist eine geheimnisvolle Kraft (shakti) des Selbst. Wenn alle Vorgänge im Gemüt ausgeschaltet sind, bleibt nichts, was noch Gemüt heißen kann. Es ist aber auch keine Welt da, unabhängig und außerhalb von den Vorgängen des Gemüts. Der traumlose Schlaf kennt keine Gemütsvorgänge, daher auch keine Welt. Das denkende Gemüt treibt diese Welt im Wachen und im Traum aus sich hervor und saugt sie wieder ein, wie die Spinne ihr Netz aus sich hervorbringt und ihren Faden wieder in sich schlingt zu anderer Zeit. Wenn das Gemüt sich mit seinen Gebilden und Vorgängen entfaltet, erschafft es die Welt, und diese verhüllt das Selbst. Daher: gewahrt einer die Welt, so gewahrt es das Selbst nicht; wird er des Selbst gewahr, so verschwindet die Welt.

Anhaltendes Fragen nach dem Wesen des Gemüts verwandelt dieses in das, worauf sich das »Ich« bezieht, und das ist letztlich das Selbst. Das Gemüt hängt sich immer an etwas Greifbares (sthûla), um zu bestehen, es kann nicht aus sich selber sein. Das Gemüt bildet den »feinen Leib« (sûkshma sharîra, subtle body), den Lebenskern (jîva) oder das Ich. Fragt man, wo entspringt die Idee des Ich? — so gewahrt man: im »Herzen« (hridaya). Wird das Gemüt durch innere Betrachtung in eine Spitze gesammelt, so läßt sich diese Stätte des Selbst auffinden. Die erste und vornehmste aller Regungen, der Urgedanke im Gemüt, ist »Ich«. Erst wenn er aufsteht, stehen andere Regungen zahllos auf. Das Gemüt ist nichts anderes als ein Bündel von Regungen; so kann es nur zur Ruhe kommen durch das Fragen »wer bin ich?« Wie ein brennender Span, der einen Scheiterhaufen in Flammen setzt, schließlich dabei sich selbst zu Asche verzehrt, so verzehrt die rastlose Beweglichkeit des Gemüts, die den Gang nach der Frage »wer bin ich?« allererst auf die Füße stellt und darin alle übrigen Regungen des Gemüts verzehrt, am Ende sich selber zu nichts.

Wenn immer eine Regung in deinem Gemüt aufsteigt, die dich nach außen führt, folge ihr nicht, aber versuche den Blick nach innen zu wenden und frage: »wem kam diese Regung?« — Laß dich nicht davon irre machen, welche Gedanken und Regungen immer in dir aufsteigen mögen, verharre bei jeder, wie sie aufsteigt, im Fragen: »wem stieg dies auf?« — Gib acht, die Antwort kommt: »dem Ich stieg es auf«. Wer sich an dieses Fragen hält, dessen Gemüt bleibt einwärts gewandt und wird immerfort seiner eigenen Quelle zugetrieben. Und alle Regungen werden verzehrt, sowie sie aufsteigen. Halte dich an dieses Fragen und übe ständiges Einwärtsschauen und sei gewiß, daß dein Gemüt an seine Ursprungsstätte geheftet wird. Es findet sich bald darein und gibt den Kampf auf.

Erst wenn das unstofflich feine Gemüt auslädt und sich durch das Hirn und die Sinne nach außen wirft, treten Namen (Begriffe) und Gestalten der stofflich greifbaren Welt in Erscheinung. Wird das Gemüt vom »Herzen« aufgesogen, so schwinden diese Namen und Gestalten. Wenn die Strebungen des Gemüts, die nach außen gehen, unterdrückt werden und es im »Herzen« innen festgehalten wird und all seine Spannung sich ihm selber zuwendet: das ist Einwärtsschau (antarmukha-drishti). Erhebt es sich aus dem Herzenund befaßt sich mit der Erschaffung der stofflich greifbaren Welt, so heißt das Auswärtsschau (bahirmukha-dristhi), Bleibt das Gemüt im Herzen eingeschlossen, so erlischt der Urgedanke »Ich« allmählich, und was übrigbleibt ist das ewige Selbst (âtman). Dieser Stand, in dem nicht die leiseste Spur der Ichvorstellung übrig ist, heißt »Schau des Wirklichen in seinem Eigenwesen« (svarûpa¬drishti), Im Vedânta wird dieser Stand »Schau der Erkenntnis« (jnâna-dristhi) genannt. Diese Ruhe ist nichts anderes als der Stand des Gemüts, bei dem es im Selbst versunken und mit ihm verschmolzen ist: es ist die Eigenform, die das Selbst bei sich selber hat (âtma-svarûpa), Dieser Zustand hat nichts mit Gedankenlesen, Fernwirkung der Seelen, Hellsicht oder »Wissen um die drei Zeiten« (tri-kâla-vedanâ) Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu tun.

Wahrhaft wirklich ist das Selbst in seinem Eigenwesen (âtma svarûpa). Die äußere Welt samt allen Wesen (jîva) und dem welt¬waltenden Höchsten Herrn (îshvara) sind reiner spiegelnder Schein, der überm Selbst (âtman) erscheint wie der Anschein von Silber an einem Stück Perlmutter. Alle drei: die Welt, die Wesen und der weltwaltende Höchste Gott, erscheinen zugleich und verschwinden zugleich. Im Grunde ist es das Eigenwesen des Selbst (âtma-svarûpa), das als Welt, Ich (jîva) und Höchster Herr erschaut wird; alle drei sind im Grunde »Eigenwesen Shivas« (shiva svarûpa), d. h. Eigenwesen des Selbst.

Unterscheidende Erforschung (vichâra) ist der wirksame Weg, das Gemüt zur Ruhe zu bringen. Auf anderen Wegen kann man wohl Gewalt über das Gemüt erlangen, aber es fällt immer wieder in seine alten Bande zurück. Durch Meisterung des Atems meistert man das Gemüt: wird er gehemmt, kommt das Gemüt zur Ruhe; hört aber der Zwang auf den Atem auf, so schnellt das Gemüt auf und wird von den ihm innewohnenden Neigungen (vâsanâ), mit denen es dank dem Karman aus früheren Leben durchtränkt ist, hin und her gerissen.

Gemüt einerseits, Atem und die übrigen Lebenskräfte (prâna) an derseits haben die gleiche Quelle; wird der Atem (prâna) gemeistert, kommt auch das Gemüt zur Ruhe, und umgekehrt. Der Atem und die Lebenskräfte gelten als der stofflich greifbare (sthûla) Ausdruck und Erweis des Gemüts. Solange der Mensch lebt, hält das Gemüt diese Kräfte im Leibe fest und erhält den Leib, im Tode umschlingt es sie und nimmt sie mit sich hinaus.

Die Meisterung der Lebenskräfte durch Zügelung des Atems (prânâyâma) kann wohl dazu dienen, das Gemüt zu meistern, nicht aber, es aufzulösen. Auch die Sammlung des Gemüts auf die innere Schau einer göttlichen Gestalt (mûrti-dhyâna) oder das innerliche Murmeln heiliger Formeln und Namen (mantra- und nâma-japa) und asketische Diät sind nur Vorstufen und Hilfen, das Gemüt zu meistern. Dank solcher Sammlung und solchen Hersagens wird das Gemüt in eine einzige Spitze versammelt und an einen einzigen Gegenstand gefesselt. Wie der rastlos pendelnde Rüssel des Elefanten, wenn er eine eiserne Kette zu halten bekommt, ruhig bleibt, und der Elefant seines Weges ziehen kann, ohne immerfort mit dem Rüssel nach irgend etwas zu langen, so wird das ewig unstäte, beweglich schweifende Gemüt erzogen, in innerem Anschauen oder Hersagen sich auf ein Bild oder Wort zu sammeln, haftet daran allein und hört auf herumzuschweifen. Wenn das Gemüt sich an zahllose wechselnde Vorstellungen verteilt und verstreut, bleibt jede einzelne von diesen schwach und wirkungslos. Je mehr dergleichen unwillkürliche Vorstellungen zur Ruhe gebracht werden und schließlich ganz verschwinden, um so mehr sammelt sich das Gemüt in eine Spitze und gewinnt dabei an Stärke und ausdauernder Kraft. Vollkommenheit in diesem Verfahren ist leicht zu gewinnen, wenn das Gemüt in der Erforschung des Selbst (âtma-vichâra) geübt wird.

Unter allen Regeln asketischen Lebens ist Diät die wichtigste: mäßige Mengen und leichte Kost, die voll des Elements heiterer Klarheit ist (sâttvika) und frei von Stoffen, die das Triebleben anstacheln (râjasa) oder tierische Dumpfheit und Schwere mehren (tâmasika). Solche Kost mehrt die lichte Klarheit (sattva) des Gemilts und erleichtert die Erforschung des Selbst. Zahllose Triebe und Neigungen (vâsanâ) wohnen im Gemüt als Erbschaft des Verhaltens (karman) in früheren Leben; seit undenklichen Zeiten haben sie sich angehäuft in Leben ohne Zahl. Wie Wellen im Meer folgen sie einander unablässig im Gemüt. Wenn die Wesensschau des Selbst (svarûpadhyâna, âtmadhyâna) fortschreitet, kommen diese Bereitschaften zur Ruhe und schwinden schließlich, wie alt und eingewurzelt sie auch sind. Man muß fest und stetig werden in der Schau des Wesens und keinem Zweifel Raum geben, ob alle angehäuften Triebe und Neigungen je erlöschen können und das Gemüt sich je ins Eigenwesen des Selbst (âtma-svarûpa) zu ver¬wandeln vermag. Die Sünden eines Menschen mögen groß und zahllos sein, er soll nicht weinen und klagen: »ich bin ein Sünder, — wie kann ein Sünder Erlösung erlangen?« — Er soll jeden Gedanken, daß er ein Sünder ist, verbannen und eifrig in der »Schau des Eigen-wesens« sein; bald wird er vollkommen sein. Solange die Nei-gungen und Triebe, die zu äußeren Eindrücken drängen (vishaya-vâsanâ), dem Gemüt anhaften, soll man in der Befragung fortfahren: »wer bin ich?«; im Fragen fortschreitend soll man jede Vorstellung unterdrücken, sobald sie im Gemüt aufsteigt.

Freisein von allen Lockungen äußerer Dinge heißt Leiden-schaftslosigkeit (vairâgya) oder Wunschlosigkeit (nirâshâ), unverrücktes Festhalten an der Eigengestalt des Selbst (âtma-svarûpa) ist Erkenntnis oder Wissen um das Wirkliche (jiïâna). Wunschlosigkeit und Erkenntnis führen schließlich zum gleichen Ziel. Wie ein Perlfischer auf den Meeresgrund taucht mit Hilfe schwerer Steine, die er an seine Füße gebunden hat, und die köstliche Perle erlangt, soll man mit zäher Entschlossenheit tief in sich selbst hinabtauchen und sich des köstlichen Juwels, des Selbst, bemächtigen. Es genügt, daß einer ohne Unterlaß über sein Eigen¬wesen, das Selbst, nachsinnt, bis daß er seine Wirklichkeit erlebt. Ablenkende Vorstellungen sind wie Feinde in einer belagerten Feste. Solange sie diese halten, machen sie Ausfälle aus ihr. Belagert und ausgehungert, müssen sie herauskommen, früher oder später wirst du sie einzeln, wie sie erscheinen, abtun und schließlich die Feste erobern.

Gott und der Guru sind nicht wirklich voneinander verschie-den. Wer sich dem Meister (guru) anheimgibt und seine Gnade gewinnt, wird Erlösung finden und nicht verloren sein, so wenig wie die Beute, die dem Tiger in den Rachen gefallen ist, ihm entkommen kann. Nur muß der Schüler den Weg, den ihm der Guru weist, gehen, ohne zu fragen. Sich Gott anheimgeben, ist das gleiche wie sich auf das Selbst sammeln, wenn man keinen anderen Gedanken dabei aufkommen läßt. Leg all deine Last auf ihn, denn Gott trägt alle Lasten auf seinen Schultern, sein ist die höchste Kraft, die alle Dinge der Welt leitet, — was grübeln wir und quälen uns, ob wir dies oder das tun sollen, anstatt uns Gott anheim-zugeben? Wer in die Bahn steigt, trägt sein Bündel nicht länger auf dem Kopf, er legt es ab und sitzt bequem.

Seligkeit ist das eigentliche Wesen des Selbst (âtma-svarûpa), beide sind eins. Sie allein ist wirklich, in keinem der zahllosen Dinge der Welt ist vollkommenes Glück, es ist bares Nichtwissen, es von ihnen zu erwarten, Wenn das Gemüt sich nach außen wendet, hinter den Dingen her, so leidet es Angst und Kummer. Immer wenn unsere Wünsche sich erfüllen, wendet sich im Grunde unser Gemüt zu seinem Quell zurück und erfährt das Glück des Selbst (âtmasukha); das gleiche erfahren wir im tiefen Schlaf, in Versenkung (samâdhi) entrückt und wenn das Bewußtsein schwindet. Wenn Erwünschtes sich erfüllt oder Unerwünschtes vergeht, wendet das Gemüt sich einwärts und genießt das Glück des Selbst. So schweift das Gemüt rastlos vom Selbst ab und kehrt zu ihm heim; dieses Spiel ist sein endloses leidvolles Teil. Der Schatten unterm Baum tut wohl und erquickt, die Sonne draußen ist unerträglich heiß. Der Wanderer im Sonnenglast flieht in den Schatten und genießt seine Kühle, bald aber zieht es ihn wieder in die heiße Sonne hinaus, wieder wird ihm die Hitze unerträglich und er kehrt in den Schatten zurück. So schweift er unablässig hin und her.

Seinesgleichen heißt man einen Toren. Ein Weiser rührt sich nicht aus dem Schatten; das Gemüt des erleuchteten Weisen (jnânin) schweift nicht vom Unbedingten (brahman) ab, es erfährt dessen immerwährende Seligkeit.

Schließlich ist die Welt der Erscheinungen eine Vorstellung oder ein Gedankending. Zieht das Gemüt sich von ihrem Bilde zurück und hört auf, zu denken und vorzustellen, so schwindet die Welt dahin, und das Gemüt erfährt unbeschreibliche Seligkeit. Entsprechend: erscheint die Welt, d. h, das Gemüt ist tätig, so erfährt es Angst und Kummer. Ohne Wunsch, Entschluß oder Mühe erhebt sich die Sonne am Himmel. Dann öffnet der Lotos seinen Kelch, das Wasser beginnt zu verdunsten, und die Menschen stürzen sich in vielerlei Tätigkeit. In der Nähe des Magnetsteins tanzt die Magnetnadel: so vollziehen die Seelen (jîva) rein unter der Gegenwart des weltwaltenden Gottes (îshvara), der selber ohne Wunsch oder Bedürfnis ist, ihre Tätigkeit gemäß ihrem angesponnenen Schicksal (karman) aus früheren Leben und sind darin untertan seinen fünf göttlichen Gebärden: dem Erschaffen (sarga), Erhalten (sthiti) und Einraffen (samhâra), seinem Sich-Entziehen-ins-Verborgene (tirodhâna) und seinem erbarmenden Ansichnehmen (anugraha). Er aber ist alles gestaltenden Wollens (samkalpa) bar, und seine Tätigkeit reift keine Frucht des Karman. Er bleibt er¬haben und unberührt, — so rührt kein Treiben der Welt unten an die Sonne in ihrer Höhe. Die guten und schlimmen Eigenschaften der vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, ihr Festes, Flüssiges, Hitzendes und Bewegliches haben dem fünften reinsten Element, dem Aether, der den Weltraum erfüllt, nichts an, er aber umfängt und trägt sie alle allgegenwärtig.

Alle heiligen Schriften verkünden einhellig: um Erlösung zu erlangen, muß man das Gemüt meistern. Endloses Studium in Büchern dagegen frommt zu nichts. Zu diesem Ende muß man sich fragen: wer bin ich? — helfen Bücher bei diesem Fragen? Du kannst das Selbst nur mit dem Auge der Erkenntnis gewahren. Braucht man einen Spiegel, um sich als sich selbst zu erfahren?

Das Selbst ist innen im schichtenreichen Leibe, Bücher sind äußeres Zeug, Um innen zum Selbst vorzudringen, muß man durch die Schichten der Person hinabtauchen und sie durchstoßen, — was helfen Bücher außen? Die Erkenntnis des Selbst, das gebunden scheint, und das Erlebnis seines wahren Wesens (svarûpa), ist Erlösung. Die Bemühung, das Gemüt immer wieder auf das Selbst zu sammeln, heißt »âtma vichâra«, unterscheidende Begründung des Selbst; »dhyâna« oder innere Anschauung ist die Betrachtung des Selbst als Sein, Geist und Seligkeit (sat-chit-anânda), d. h. als Brahman. Der Augenblick kommt, wo man alles vergessen muß, was man gelernt hat: Kehricht wird zusammengefegt, um weggeschüttet zu werden, es hat keinen Sinn, darin zu wühlen, was er enthält. So hat es keinen Zweck, im Einzelnen die Elemente (tattva) zu erforschen, die das Selbst umhüllen und verschleiern, und ihr Wesen und ihre Eigenschaften zu bestimmen, anstatt sie einfach beiseite zu wischen. Vielmehr betrachte, soweit sie dich angeht, die Welt als Traum. Wohl währt das Wachsein länger, ein Traum nur kurz, und zwischen beiden mögen scheinbar einige Unterschiede walten, — das ist aber auch alles. Die Vorgänge im Traum erscheinen, indes sie sich abspielen, so wirklich wie die Tätigkeit, indes du wach bist. Während des Träumens nimmt das Gemüt nur eine andere Gestalt oder einen anderen Zustand an und bewegt sich in einer anderen Schicht des Leibes; aber Vorstellungen einerseits, Namen und Gestalten anderseits sind im Traum wie im Wachen gleichermaßen gegenwärtig.

Es gibt nicht diese zwei verschiedenen Dinge: ein gutes und ein schlimmes Gemüt. Die eingeborenen Triebe und Neigungen (vâsanâ) aus früheren Leben erzeugen Wünsche und Reize, die einmal gut, ein andermal schlimm sind. Ist das Gemüt mit den einen oder anderen der beiden verflochten, so scheint es jeweils als gut oder schlimm. So schlimm gesinnt dir mancher zu Zeiten scheinen mag, empfinde keinen Widerwillen mit Haß und Verachtung gegen ihn; nähre kein günstiges Vorurteil gegen andere, die dir gerade freundlich und wohltätig gesinnt scheinen. Meide beides: Abneigung und Vorliebe. Laß dein Gemüt sich nicht in die Dinge der Welt verlaufen und misch dich nicht in anderes. Wie du zu anderen bist, strahlt irgendwann auf dich zurück; was du anderen bietest, das bietest du dir selber. Wer diese Wahrheit begreift, wie sollte er anderen etwas weigern?

Wenn das Ich aufgeht, geht alles Uebrige auf; sinkt es zur Ruhe, so sinkt alles zur Ruhe. Je leiser einer ist, desto besser. Meisterst du dein Gemüt, was kümmert dich, wo du weilst und was dir begegnet?

Siehe auch

Weblinks

Literatur

  • Der Weg Zum Selbst von Heinrich Zimmer, Rascher Verlag Zürich, 1944, 1. Auflage

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