Unsterblichkeit

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Wir sind nicht dieser Körper, unser wahres Selbst ist unsterblich.

Unsterblichkeit (der Seele, der Person) Unvernichtbarkeit des Lebens oder Überwindung des Todes als Übergang in eine neue (höhere oder niedere) Existenz. Der Unsterblichkeitsgedanke findet sich in den meisten Religionen, oft verbunden mit der Vorstellung von Reinkarnation und Seelenwanderung und der Annahme einer Belohnung, Bestrafung oder Läuterung nach dem Tode.

Seit Menschengedenken beschäftigen den Menschen Fragen wie:

Woher bin ich gekommen?
Wohin gehe ich, wenn ich sterbe?
Wer bin ich wirklich?

Spätestens, wenn ein Mensch mit Leid in Form von Krankheit, Alter und Tod konfrontiert wird, erwachen diese Fragen in ihm.

Gibt es so etwas wie Unsterblichkeit?

Der physische Körper

Der grobstoffliche, physische Körper (Sthula Sharira, bestehend aus der Annamaya Kosha, der Nahrungshülle) unterliegt Alter und Krankheit und stirbt, wenn sein Karma abgelaufen ist. Aber Yoga sagt, dass wir mehr sind als unser physischer Körper. Wir haben einen materiellen Körper, aber wir sind nicht dieser Körper.

Die weiteren Körper

Im Yoga wird gesagt, dass wir – neben dem physischen - noch zwei weitere Körper haben.

Der feinstoffliche Astralkörper (Sukshma Sharira oder Linga Sharira) enthält unser Prana (unsere Lebensenergie), die fünf Wahrnehmungsorgane und die fünf Handlungsorgane, unser Unterbewusstsein (Chitta), unseren niederen und höheren Geist (Manas und Buddhi) einschließlich der Emotionen und unser Ego (Ahamkara, der "Ichmacher", das Ich-Bewusstsein). Er besteht aus drei Hüllen: der Energiehülle (Pranamaya Kosha), der Hülle des niederen Geistes und der Emotionen (Manomaya Kosha) und der intellektuellen Hülle (Vijnanamaya Kosha).

Der Kausalkörper, Karana Sharira (Ursachenkörper), heißt so, weil er die Ursache des grobstofflichen Körpers und des feinstofflichen Astralkörpers ist. Er besteht aus der Wonnehülle (Anandamaya Kosha). Er speichert unter anderem die Samen unseres Karma und ist dem Absoluten (Atman, Brahman) am nächsten.

Tod und Reinkarnation (Wiedergeburt)

Wenn ein Mensch stirbt, so stirbt nach Ansicht der Yogis nur sein physischer Körper. Astral- und Kausalkörper bestehen weiter und verkörpern sich im Reinkarnationszyklus irgendwann in einem neuen physischen Körper. Das ist das, was manchmal unter dem Begriff Seele verstanden wird.

Die Bhagavad Gita schreibt zum Thema Reinkarnation z.B.:

„So wie abgetragene Kleider abgelegt und neue angelegt werden, so wirft auch das verkörperte Selbst abgetragene Körper ab und betritt andere, neue (Vers II.22).

Das wahre Selbst

Im Yoga gibt es noch eine andere Bedeutung von Seele. Yoga sagt, wir sind weder unser physischer Körper, noch sind wir unser Astral- oder Kausalkörper.

Wir sind Atman, das wahre Selbst. Und Atman ist eigentlich nichts anderes als Brahman, das Absolute, Höchste, Eine.

Mädchen mit Pusteblume.jpg

Krishna erklärt Arjuna in der Bhagavad Gita, dass „Es“ (Brahman bzw. Atman) in der Welt und im Körper verweilt und sagt dann:

„Es wurde nicht geboren und stirbt auch niemals. Nachdem Es gewesen ist, hört Es wiederum nicht auf zu sein; da Es ungeboren, ewig, unveränderlich und uralt ist, wird Es nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.“ (Vers II, 20)

Maya

Aufgrund der starken „Anziehungskraft“ von Maya vergessen wir unsere wahre Natur und verstricken uns in der Welt. Unsere Sichtweise wird immer subjektiver und gefärbter (Maya bedeutet eigentlich soviel wie „Illusion“) und wir identifizieren uns mit unseren 3 Körpern, glauben, wir seien diese Körper.

Shankaracharya schreibt in seiner Schrift Atma Bodha:

„So wie der Mensch, der das Seil für eine Schlange hält, von Furcht überwältigt wird, so wird auch der, der sich für ein Ego hält, von Furcht überwältigt.“ (Vers 26)

Durch diese Identifikation mit dem Vergänglichen rückt Unsterblichkeit in weite Ferne.

Unsterblichkeit

Krishna sagt in der Bhagavad Gita:

„Der unerschütterliche Mensch, den all dies [Vergnügen und Schmerz] nicht berührt, …, und für den Vergnügen und Schmerz gleichbedeutend sind, ist geeignet, Unsterblichkeit zu verwirklichen.“ (Vers II.15)

Wenn wir einen spirituellen Weg gehen, uns mit Hilfe von Yogapraktiken (z.B. Meditation, Pranayama, Asana, Mantra) reinigen, unsere Sichtweise klären und unseren Geist zur Ruhe bringen, erkennen wir irgendwann wieder, wer wir wirklich sind.

Wir erkennen: Ich bin Atman, das (wahre) Selbst und ich bin eins mit Brahman, dem Absoluten. Dieser „mein“ Atman ist ungeschaffen und daher unvergänglich. Er kann nicht verletzt werden und auch nicht sterben.

Vairagya, der Weg zur unsterblichen Wohnstatt

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Wir können Mayas Spiel (Lila) durchschauen, Abstand gewinnen und uns davon lösen. Schließlich gelangen wir zur Selbstverwirklichung.

Wenn wir das erkannt und erreicht haben, haben wir unsere Unsterblichkeit „zurück“ erlangt (die wir in Wirklichkeit niemals verloren hatten).

So schreibt Shankaracharya:

„…Wenn die Unwissenheit zerstört ist, offenbart sich das Selbst, das aus keinerlei Vielfalt besteht, wahrlich durch sich selbst – wie die Sonne, wenn die Wolken sich verziehen.“ (Atma Bodha, Vers 4)

Gedichte und Zitate

„Gestorben bin ich als Stein und bin zur Pflanze geworden;
Gestorben bin ich als Pflanze und wiedererschienen als Tier;
Gestorben bin ich als Tier und bin zum Menschen geworden;
Was sollte ich denn also fürchten?
Wen verlor ich je durch den Tod?
Nächstes Mal sterbe ich als Mensch,
Aufdass ihm wachsen die Schwingen der Engel.
Doch selbst vom Engel noch muss ich weitergehen;
Alle Dinge werden vergehen, doch nicht Sein Angesicht,
Noch einmal erhebe ich mich über die Engel;
Ich werde das was unvorstellbar ist.
Dann lass mich werden nichts, nichts, denn
Harfenklänge riefen mir zu:
Wahrlich zu Ihm gehen wir zurück …“

Jalal Al-Din Rumi (Sufi Mystiker und Dichter)


Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es.
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felsenwand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und, leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind rauscht von Grund aus
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Johann Wolfgang Goethe 1749-1832


  • „Leben um zu sterben“ ist das Motto der weltlichen Leute. „Sterben um zu leben“ ist das Motto der nach Verwirklichung strebenden. (Sivananda)
  • "Jede Seele ist unsterblich; denn das Stetsbewegte ist unsterblich." - Platon, "Phädros 245c"

Die Beweise der Unsterblichkeit der Seele

Artikel aus dem Buch „Das System des Vedanta“ von Paul Deussen, Elibron Classics, 2. Auflage, 1906, S. 307-315.

Vorbemerkungen zur Psychologie

Mit der Theologie oder der Lehre vom Seienden und der Kosmologie oder der Lehre von seinem Erscheinen als Welt ist der Natur der Sache nach der Grundbau des Systemes vollendet, und es ist nur eine weitere Ausführung des schon Dargestellten, wenn wir in der Psychologie und den ihr folgenden Teilen einer bestimmten Seite des Weltganzen unsere nähere Aufmerksamkeit zuwenden, um das wichtigste und jedem unmittelbar innerlich gegenwärtige Weltphänomen, die Seele, nach ihrer Natur und ihren beiden Ständen der Wanderung und der Erlösung genauer zu betrachten.

Zwei Faktoren sind es, welche das Weltganze konstituieren und von denen der eine in diesem Schauspiel der Weltentwicklung füglich als die Schaubühne, der andere als die auftretenden Schauspieler bezeichnet werden kann; der eine Faktor ist die unorganische Natur, bestehend aus Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde, der andere die organische Natur, bestehend aus den in die Elemente eingegangenen und als Pflanzen, Tiere, Menschen und Götter umwandernden Seelen. Beide Faktoren gehen im letzten Grunde auf das Brahman zurück, auf das „Eine ohne Zweites", welches nach der exoterischen Anschauung zu Anfang jeder Weltperiode die Elemente neu schafft und dann „mit dem lebenden Selbste", d. h. der individuellen Seele in sie eingeht (S. '249); beide aber, die Elemente wie die Seelen, sind, von dein höhern, esoterischen Standpunkte der Identitätslehre aus betrachtet, das eine ungeteilte Brahman selbst, indem weder die Ausbreitung (Prapanca) der Elemente zu Namen und Gestalten, wie sie „als Vergeltung der Tat am Täter" (Kriya-Karaka Phalam, S. 273,12. 291,6. 447,3. 987,6) der Seele „aufgebürdet" wird, noch auch das von den Upadhis verhüllte und dadurch als umwandernde, genießende und handelnde Seele sich darstellende Brahman eine im höchsten Sinne (Paramarthatah) reale, über das eine, zweitlose, unteilbare Brahman hinausreichende Existenz haben.

Diese doppelte Grundanschauung des Vedanta: der esoterischen Lehre, wonach jede Seele das ganze, unteilbare, nichts anderes neben sich zulassende Brahman selbst ist, und der exoterischen Lehre, nach der es eine Vielheit von Ewigkeit her wandernder aber nichtsdestoweniger (inkonsequent) als aus dem Brahman emanierend vorgestellter Seelen gibt, — ist durchaus im folgenden festzuhalten, wenn wir auch (in der Voraussetzung, dass der Leser mit der leitenden Grundanschauung nunmehr hinreichend vertraut ist) darauf verzichten, die esoterische und exoterische Psychologie in zwei streng getrennten Abteilungen zu behandeln, indem zu diesem Zwecke die Gedankenordnung des Originals allzusehr zersplittert werden müsste. Im allgemeinen nämlich stellt sich Shankara in der Psychologie auf den esoterischen Standpunkt und überlässt es dem Gegner, dessen Meinung auf Schritt und Tritt ausführlich entwickelt und sodann widerlegt wird, den exoterischen Standpunkt zu vertreten; daneben aber kann er es, im Hinblick auf die von ihm für die „niedere Wissenschaft" festgehaltene Seelenwanderungslehre, nicht vermeiden, selbst auf den exoterisehen Standpunkt herabzusteigen, wobei er die von ihm selbst bekämpften Argumente, wenigstens zum Teil und bedingterweise, sich aneignet, um dadurch eine Grundlage für die demnächst abzuhandelnde Lehre von dem Santsara, d. h. der „Umwanderung" der Seele zu gewinnen.

Indem wir die einzelnen Komplexe der Untersuchungen, wie sie das Grundwerk darbietet, soweit wie möglich unangetastet lassen und nur in der Anordnung derselben einige durch die Sache geforderten Abänderungen vornehmen, werden wir zuerst die Fragen nach Ursprung und Wesen der Seele (Kap. XXIII), nach ihrem Verhältnis zu Gott (Kap. XXIV), zum Leibe (Kap. XXV) und zu den eigenen Werken (Kap. XXVI) abhandeln , alles dies von esoterischem Standpunkt, wobei jedoch, durch die fortwährende Beziehung auf den entgegengesetzten, exoterischen Standpunkt schon manche für diesen gültige Anschauungen gewonnen werden; ihre weitere Ausführung erhalten dieselben, indem wir sodann, zum exoterischen Standpunkt übergehend, die Seele nach ihren empirischen Organen (Kap. XXVII) und Zuständen (Kap. XXVIII) im einzelnen betrachten, woran sich, im folgenden Hauptteile, die Lehre von der Seelenwanderung als an ihre Voraussetzung ungezwungen anschließen wird.

Bevor wir jedoch in diese Erörterungen eintreten, müssen wir einleitungsweise die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele vorführen, welche sich nicht in dem psychologischen Teil des Werks (2,3,15-2,4,19 und 3,2,1-10), sondern unter dem Gemenge, aus dem die Teile 3,3 und 3,4 bestehen, vorfinden, nämlich 3,3,53-54. Wiewohl Shankara die Einschiebung dieser Episode an der betreffenden Stelle künstlich zu motivieren weiß, so gehört sie doch, der Natur der Sache nach, nicht dorthin, sondern zur Psychologie, und zwar als Einleitung derselben, indem der Lehre von der Seele der Nachweis, dass es eine solche, dass es einen über den Leib hinaus reichenden und von dessen Untergang nicht betroffenen Teil am Menschen gibt, als conditio sine qua non vorauszugehen hat.

Das Wort „Unsterblichkeit" ist hierbei in dem okzidentalischen, bei uns üblichen Sinne einer „Unzerstörbarkeit durch den Tod" zu nehmen. Der Inder versteht unter dem entsprechenden Amritatvam in der Regel, wie wir schon hervorhoben (S. 160), etwas anderes, nämlich „das nicht mehr sterben Können" der erlösten Seele. Was wir Unsterblichkeit nennen, heißt bei ihm gewöhnlich Vyatireka, „das Hinausreichen (über den Leib)", und um dieses handelt es sich bei der folgenden Kontroverse zwischen Materialisten und Vedantisten, die wir, bei dem hohen Interesse der behandelten Frage, in unverkürzter Übersetzung folgen lassen.

Gründe der Materialisten gegen die Unsterblichkeit der Seele

„Einige, nämlich die nur in dem Leibe das Selbst sehenden Materialisten (Lokayatika) glauben, dass ein über den Leib hinaus fortbestehendes Selbst nicht existiere, und indem sie annehmen, dass das Geistige, wiewohl unsichtbar, in den gesamten und einzelnen äußern Elementen, Erde usw. wie sie sich zur Gestalt des Leibes umformen, enthalten sei, behaupten sie, dass aus diesen das Geistige als Erkenntnis hervorgehe so wie die Kraft des Rausches [aus den Gärstoffen], und dass der Mensch [nur] ein durch dieses Geistige „sich auszeichnender Leib sei. Hingegen leugnen sie ein „über den Leib hinaus fortbestehendes Selbst, vermöge dessen „das Geistige im Leibe sei, und welches imstande wäre, in „den Himmel oder in die Erlösung einzugehen; vielmehr nehmen sie an, dass der Leib allein das Geistige und das Selbst sei, und führen als Grund an, dass das Geistige nur so lange bestehe, wie der Leib besteht. Denn was so lange besteht, wie ein anderes besteht, und nicht mehr besteht, wenn jenes nicht mehr besteht, das ist damit, dass es eine Qualität desselben ist, vollständig begriffen, wie Hitze und Licht damit, dass sie Qualitäten des Feuers sind. Ebenso stehe es mit Odem, Bewegung, Geist, Erinnerung usw., welche von den Anhängern der Seele für Qualitäten der Seele gehalten würden: da auch sie nur innerhalb des Leibes wahrgenommen würden und außerhalb desselben nicht wahrgenommen würden, und da ein über den Leib hinausreichender Träger dieser Qualitäten nicht erweisbar sei, so könnten sie nichts anderes sein, als Qualitäten des Leibes. Somit bestehe das „Selbst über den Leib hinaus nicht fort" (S. 954,5-955,2).

Beweise der Unsterblichkeit der Seele

„Hierauf erwidern wir: es ist nicht wahr, dass das Selbst nicht über den Leib hinaus fortbestehe, vielmehr muss ein Fortbestehen desselben über den Leib hinaus angenommen werden, weil es in seinem (des Leibes) Sein nicht das Sein hat. Denn wenn daraus, dass die Qualitäten des Selbstes bestehen, solange der Leib besteht, gefolgert wird, dass sie Qualitäten des Leibes seien, so muss doch auch daraus, dass jene nicht mehr bestehen, während der Leib noch besteht, geschlossen werden, dass sie nicht Qualitäten des Leibes sind, indem sie von den Qualitäten des Leibes wesensverschieden sind. Denn was Qualität des Leibes ist, wie die Gestalt usw., das muss so lange bestehen, wie der Leib. Hingegen bestehen Odem, Bewegung usw. nicht mehr, wiewohl noch der Leib besteht, nämlich im Zustand des [[Tod]es. Dazu kommt, dass die Qualitäten des Leibes, wie Gestalt usw., auch von andern wahrgenommen werden, nicht aber ist es so mit den Qualitäten des Selbstes, Geist, Erinnerung usw.

Ferner: daraus, dass der Leib im lebenden Zustande besteht, kann man allerdings beweisen, dass jene [die Qualitäten des Selbstes] bestehen, nicht aber daraus, dass er nicht besteht, dass jene nicht bestehen; denn es bleibt die Möglichkeit offen, dass, wenn auch dieser Leib einmal dahinfällt, die Qualitäten des Seibstes durch Eingehen in einen andern Leib fortbestehen; die Meinung der Gegner verbietet sich somit auch dadurch, dass sie eine bloße Mutmaßung (Samshaya) ist.

Weiter muss man den Gegner fragen, wie er sich denn das Geistige denkt, wenn er seine Entstehung aus den Elementen annimmt; denn außer den vier Elementen nehmen ja die Materialisten keine Wesenheit an. Wenn er sagt: „das Geistige ist das Wahrnehmen der Elemente und ihrer Produkte, so sind also jene seine Objekte, und folglich kann es nicht eine Qualität derselben sein, indem eine Betätigung gegen das eigene Selbst ein Widerspruch ist: denn das Feuer, obgleich es heiß ist, brennt doch nicht sich selbst, und der Tänzer, so geschickt er auch ist, kann doch nicht auf seine eigene Schulter steigen; soll das Geistige eine Qualität der Elemente und ihrer Produkte sein, so können die Elemente und ihre Produkte nicht Objekt desselben werden; denn z. B. die Gestalten können nicht die eigene Gestalt oder eine andere Gestalt zum Objekte haben, während hingegen das Geistige die Elemente und ihre Produkte, die außerhalb sowohl, als die an dem eigenen Selbst befindlichen, zu Objekten hat. Wie man daher auf das Dasein der Elemente und ihrer Produkte daraus schließt, dass man sie wahrnimmt, so muss man auch schließen, dass diese Wahrnehmung über dieselben hinausreicht [die Wahrnehmung ist die Trägerin der Körperwelt, nicht umgekehrt], die Eigennatur der Wahrnehmung aber ist eben das, was wir die Seele nennen. So folgt die Unabhängigkeit der Seele vom Leibe und ihre Ewigkeit aus der einheitlichen Natur der Wahrnehmung, und die Erinnerung usw. wird dadurch möglich, dass, nachdem man eine Sache wahrgenommen hat, man sie auch in einem andern Zustande wiedererkennt, weil man der mit „sich identische Wahrnehmer ist".

„Wenn aber gesagt wurde, dass die Wahrnehmung eine Qualität des Leibes sei, weil sie so lange bestehe wie der Leib besteht, so ist darauf in der schon angezeigten Weise zu antworten: die Wahrnehmung besteht, solange die Hilfsmittel derselben, z. B. die Lampe, bestehen, und sie besteht nicht mehr, wenn jene nicht mehr bestehen; aber daraus darf man nicht schließen, dass die Wahrnehmung eine bloße Qualität der Lampe sei; und ebenso braucht nicht darum, weil die Wahrnehmung besteht, solange der Leib besteht, und nicht mehr besteht, wenn er nicht mehr besteht, die Wahrnehmung eine Qualität des Leibes zu sein; denn der Leib dient dabei, ebenso wie die Lampe, als ein bloßes Hilfsmittel. Auch ist die Mithilfe des Leibes bei der Wahrnehmung nicht unbedingt erforderlich, denn auch während der Leib unbeweglich im Schlafe liegt, haben wir mancherlei Wahrnehmungen. — Folglich ist die Existenz der über den Leib hinaus fortbestehenden Seele unbestreitbar." (S. 955-957).

Über die Unsterblichkeitslehre im allgemeinen

Wäre das menschliche Denken was es nicht ist und vielleicht nie werden wird, wäre dasselbe völlig konsequent, so würde es wahrscheinlich nur zwei philosophische Standpunkte geben: den Idealismus, welcher die uns umgebende Welt für nicht real im strengen Sinne hält, und der Realismus, welcher sie für real hält. Auf beiden Standpunkten ist, falls sie konsequent gewahrt werden, für die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, wie uns scheint, kein Platz. Denn dem Idealismus ist es wesentlich, auf dem einen oder andern der von uns Kap. II, 1, S. 48 fg. angedeuteten Wege zu der Überzeugung von der Nichtigkeit aller Vielheit sowie alles Entstehens und Vergehens, verbunden mit der alleinigen Gewissheit des eigenen Ich zu gelangen: die richtige Konsequenz dieses Standpunktes ist das Bewusstsein der Identität des eigenen Ich mit dem Ansichseienden und der Identifikation mit ihm, nachdem der Traum dieser Existenz vorüber ist, — einer Identifikation, welche nicht sowohl zu denken ist als ein Sich-verlieren des Ichs in das All, als vielmehr (wenn man einmal räumlich vom Raumlosen reden will) als ein Eingehen des Alls in das Ich, als eine Verwirklichung dessen im Ganzen, was im einzelnen sich in jeder Handlung der Moralität verwirklicht.

Auf diesem Standpunkte ist die Lehre von der Unsterblichkeit überflüssig, sofern was damit gesagt werden soll sioh von selbst versteht. Auf dem Standpunkte des Realismus hingegen ist sie konsequentermaßen unmöglich. Ist die Natur real, so sind ihre Aussagen wahr; und diese besagen unmissverständlich, dass wir durch die Zeugung aus Nichts entstehen und mit dem Tode wieder in Nichts zurückgehen.

Nach diesen Betrachtungen erscheint die Unsterblichkeitslehre als ein Kompromiss zwischen Idealismus und Realismus: als ein Versuch, die im Selbstbewusstsein wurzelnde idealistische Gewissheit der Unwandelbarkeit des eigenen Ich auf dem realistischen Standpunkte, der dem Intellekt von Haus aus wesentlich ist, zu verfechten, — ein vergebliches Bemühen, wie die Geschichte der Unsterblichkeitsbeweise zur Genüge zeigt.

Im Vedantasystem wird der Idealismus durch den esoterischen Standpunkt der Identitätslehre, der Realismus durch die exoterische Lehre von der Weltschöpfung repräsentiert. Für den esoterischen Standpunkt ist die Seele mit Brahman identisch, und um dessen inne zu werden bedarf es nur der richtigen Selbsterkenntnis, aber keiner Beweise der Unsterblichkeit. Der exoterische Standpunkt lässt alles aus Brahman hervor- und in Brahman zurückgehen: mit dieser Auffassung ist keine Lehre von der Unsterblichkeit, sondern nur die Anschauung der Upanishaden vereinbar, welche sich in den Worten (Mund. 2,1,1) ausspricht:

„Wie aus dem wohlentflammten Feuer die Funken

Ihm gleichen Wesens tausendfach entspringen, So gehn, o Teurer, aus dem Unvergänglichen die mannigfachen Wesen Hervor und wieder in dasselbe ein."

Nach dieser gewiss ursprünglichen Anschauung ist die Seele entstanden und, als notwendige Folge davon, auch vergänglich. Denn was so beschaffen ist, dass es entstehen kann, das ist auch so beschaffen, dass es vergehen kann.

Aber die Seele ist der Punkt im Universum, wo der das Ansichseiende verhüllende (aus Raum, Zeit und Kausalität gewobene) Schleier so dünn wird, dass wir durch denselben hindurch Verhältnisse gewahren, welche gegen die Weltordnung des Realismus Protest einlegen und einer konsequenten Durchführung desselben sich widersetzen. Ein solches Verhältnis ist vor allem die metaphysische, über das Grab hinausreichende Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns. Wenn der Mensch stirbt, und sein Wesen in die Elemente zerflattert, dann gibt es etwas an ihm, was ihn nicht verlässt: es sind seine Werke, wie der Veda (Brih. 3,2,13) sagt; und diese Überzeugung von der Unzerstörbarkeit des moralischen Teiles des Menschen durch den Tod nötigt den Vedanta inkonsequenterweise statt der auf dem exoterischen Standpunkte geforderten Absorption in das Brahman ein Fortbestehen der Seele in ihrer individuellen Bestimmtheit, durch das Brahman hindurch, in welches sie sterbend eingeht, aufrecht zu halten.

Wir werden auf diese Fragen der exoterischen Psychologie später zurückkommen. Zunächst aber handelt es sich nicht um die empirische, mit den Upadhis behaftete und dadurch wandernde, tätige und leidende Seele, sondern um die Bestimmung der metaphysischen, von allem diesem freien Natur der Seele, wenn dabei auch oft genug vorausgreifend auf die Verhüllung der Seele durch die Upadhis Bezug zu nehmen sein wird.

Siehe auch


Literatur

Weblinks

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