Verhaftung

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Verhaftung aus spiritueller und psychologischer Sicht. Verhaftung bedeutet Anhaftung, etwas nicht loslassen können. Verhaftung bedeutet auch, dass jemand von der Polizei festgenommen wird, um diese Person in Verwahrung zu nehmen, also ins Gefängnis zu bringen. Verhaftung bedeutet als seit der frühen Neuzeit die amtliche Festnahme eines Strafverdächtigen. Normalerweise geschieht Verhaftung aufgrund einer richterlichen Anordnung, aufgrund eines Haftbefehls. Allerdings kann ein Polizist jemanden auch verhaften, den er auf frischer Tat ertappt hat.

Sehnsucht steckt oft hinter Verhaftung

Verhaftung im spirituellen Kontext

Im spirituellen Kontext bedeutet Verhaftung aber etwas anderes. Verhaftung bedeutet Anhaftung, Anhaften, an etwas Weltlichem. Das Ziel des spirituellen Lebens ist die Erfahrung des Göttlichen. Dieses ist unbedingt, jenseits von allem konkret Fassbaren. Um das Unendliche zu erfahren, muss man das Begrenzte loslassen können. Wer Verhaftung an Relatives hat, an Begrenztes hat, der wird das Unendliche nicht erfahren können.

Der deutsche Begriff Verhaftung ist die Übersetzung des englischen attachment. Verhaftungslosigkeit ist eine wichtige Eigenschaft, die ein Aspirant kultivieren sollte. Es gibt verschiedene Formen von Verhaftung: Man kann Verhaftung haben an weltlichem Besitz. Man kann Verhaftung haben an eine bestimmte Position, eine bestimmte Arbeitsstelle. Man kann Verhaftung haben in Bezug auf gesellschaftliche Anerkennung. Menschen haben auch Verhaftung an ihr gemütliches Leben und sind nicht bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Man kann verhaftet sein an seine Frau, seinen Mann, seine Eltern, seine Kinder.

Das Gegenteil von Verhaftung ist die Verhaftungslosigkeit, die Bedingungslosigkeit, auch das Leben im absoluten Hier und Jetzt, ein Leben der vollständigen und bedingungslosen Hingabe. Verhaftung hält einen gefangen. Verhaftungen bilden ein Gefängnis. Wer in Freiheit sein will, muss allen Verhaftungen entsagen. Natürlich ist der spirituelle Weg eine Entwicklung. Man muss nicht allen Verhaftungen gleich entsagen. Aber man kann Schritt für Schritt vorgehen.

Verhaftung aus Yoga Sicht

Die Verhaftung kann auch an Gegenständlichem sein

Der indische Yoga Meister Swami Sivananda hat folgenden Artikel zum Thema Verhaftung geschrieben:

Verhaftung an Gegenstände ist überall vorhanden. Niemand ist von irgendeiner Verhaftung frei.

Das Sanskritwort hierfür ist Ashakti. Das Verlangen besteht aus dreierlei: aus Verhaftung, Sehnsucht und Vorliebe. Verhaftung ist die mächtigste Waffe, mit der Maya den Menschen an das Rad von Geburt und Tod kettet. Ihr würdet niemals in die Welt kommen, wenn ihr an nichts gebunden wäret.

Die erste Verhaftung beginnt mit dem physischen Körper. Daraus entsteht jede andere Gebundenheit. Dann kommt die Beziehung zu Eltern, Geschwistern, zu Frau, Kind und so fort. Man kann an einem Platz, an einem Menschen oder an einem Gegenstand haften. Sobald man gebunden ist, entsteht der Gedanke des »Mein«. Der Verstand bindet sich an Objekte oder Menschen, weil er Freude daran findet. Wo Vergnügen herrscht, ist auch Verhaftung vorhanden.

Verhaftung ist die Ursache aller menschlichen Leiden und Übel

Swami Sivananda der große Yoga-Meister des 20. Jahrhunderts

Verhaftung entsteht aus Unwissenheit, Avidya. Jede Verhaftung bringt Täuschung und Furcht, weil man an diesem vergänglichen Körper und an Besitz hängt. Verhaftung und Furcht sind unzertrennlich wie Feuer und Hitze. Die Verhaftung nimmt verschiedenste Formen an. Man muß achtsam sein, um ihre äußerst geschickten Auswirkungen zu bemerken. Selbst Sannyasins können von ihr befallen werden, wenn sie auch allem entsagt haben. So binden sie sich langsam an ihren Ashram oder ihre Schüler. Eine solche Verhaftung ist stärker als die weltlicher Menschen. Denn sie ist schwerer auszurotten.

Der Gedanke sucht mit äußerster Mühe sich an irgendeine Form zu binden. Er kann ohne sie gar nicht existieren. Wenn er eine Verhaftung läßt, greift er sofort zur nächsten. Dies ist auf seine Bewegung (Rajas) zurückzuführen. Hat sich seine Energie verzehrt, vergehen alle Verhaftungen von selbst. Die Menschen sind an die größten wie kleinsten Dinge gebunden und die Gedanken kehren immer wieder in die alten Gleise und Gräben zurück. Es wird eine sehr strenge und harte Zucht verlangt und ein wahrhaft geistiger Pfad, um von allen Arten der Verhaftung fortzukommen.

Die Gedanken verlangen andauernde Schulung. Durch Verhaftung identifiziert man sich mit dem Objekt, an dem man hängt oder mit einem Menschen. So ist man voller Sorge und Angst. Die Samen der Verhaftung sind in das Unbewußte eingegraben. Durch rechtes Denken müssen wir diese Samen völlig vertilgen oder ausbrennen. Durch das Schwert der Nichtgebundenheit müssen die trugvollen Verhaftungen abgeschnitten werden. Vergleiche hierzu den Anfang des 15. Kapitels der Bhagavad Gita.

Die Paramahamsa-Sannyasin wandern umher und sollten nirgends länger als drei Tage bleiben, um alle Verhaftungen abzuschneiden. Wahrer Verzicht besteht im Aufgeben des Gedankens: "Ich bin der Körper" und im Entsagen jeder Art von Verhaftung an diesen Körper. Das bedeutet nicht, daß man sich von der Welt zurückziehen muß. Denn man kann auch in der Einsamkeit noch an den Korper gebunden, in der Welt aber vollkommen frei sein, selbst wenn man ein Herrscher ist. Du mußt deine Gedanken täglich schulen und dich weder an die Familie noch an Besitz binden. Die Welt gleicht einem Wirtshaus. Menschen kommen und bleiben einige Zeit zusammen. Dann gehen sie wieder auseinander.

Verhaftung ist wahrer Tod

Sukadev im Lotussitz

Nicht-Gebundensein ist ewiges Leben. Verhaftung bringt mannigfaltiges Elend; Nicht-Gebundensein vielfältigen Segen. Verhaftung zieht das Herz zusammen; Nicht-Gebundensein weitet es ins Übermaß. Verhaftung macht den Menschen klein; Nicht-Gebundensein bringt Freiheit, Unabhängigkeit, Vollendung. Verhaftung bringt Uneinigkeit, Bruch und Zank; Nicht-Gebundensein führt zu Eintracht und Harmonie.

Verhaftung ist Gift; Nicht-Gebundensein ist Nektar. Verhaftung ist dein täglicher Feind; Nicht-Gebundensein ist dein enger Freund. Verhaftung zieht dich in diesen elenden Kreislauf von Geburt und Tod herab. Nicht-Gebundensein hebt dich zu den Höhen des Brahmanenturms empor. Lerne zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen zu unterscheiden. Versuche, so gut du kannst, Vairagya zu entwickeln.

Sei mit keinem zu eng verbunden, lebe ein Leben des Nicht-Gebundenseins in dieser Welt. Gleiche dem Wasser auf einem Lotusblatt. Rege dich nicht auf, wenn du geringes verlierst. Denke stets, daß die vergänglichen Gegenstände dieserWelt wertlos sind. Wiederhole in Gedanken die Worte: "Alle Gegenstände sind vergänglich." Tue dies mehrere Male am Tag.

Meditiere täglich

Wer ohne Verhaftung in dieser Welt lebt, ist der glücklichste Mensch. Er ist Gott selbst. Seine Freude ist unbeschreiblich. Er muß bewundert werden. Verhaftung ist die Wurzel allen Elends und macht die Geschöpfe unglücklich. Alle weltlichen Begierden entspringen der Verhaftung. Ebenso wie Feuer in einer Baumhöhle den ganzen Baum bis auf die Wurzel verbrennt, so zerstört die Verhaftung, auch wenn sie noch so gering ist, Ordnung und Ziel des Lebens. Wer sich von seinem Besitz zurückgezogen hat, braucht noch nicht der Welt entsagt zu haben.

Dagegen kann ein Mensch, der im Kontakt mit der Welt bleibt, aber ihre Fehler und ihr Versagen sicht, wahrhaft auf die Welt verzichtet haben. Er ist frei von allen bösen Leidenschaften und hängt an nichts mehr.

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Verhaftung und Depression

Traurigkeit Trauer Beten.jpg

Patanjali in den Yoga Sutras über Verhaftung

In diesem Skript wird Depression definiert als Niedergeschlagenheit – nicht als klinische Depression. Depression kann zusammenhängen mit Verhaftungen. Und Verhaftungen hängen natürlich zusammen mit Wünschen. Es gibt eine wichtige Yogaschrift, nämlich das Yoga Sutra von Patanjali. Und dort wird von den sogenannten Kleshas gesprochen. Den Ursachen des Leidens.

Patanjali, der große Yoga Meister, sagt: "Die erste Ursache des Leidens ist "Avidya" – Unwissenheit. Du weißt nicht, wer du wirklich bist. Du hast vergessen, dass du in Wirklichkeit eins bist, mit dem Göttlichen.

Identifikation als Ursache für Verhaftung

Die zweite Ursache des Leidens ist "Asmita" - Ich-Identifikation. Das heißt, du denkst, ich bin der und der bzw. ich bin so und so, ich hab das und das Temperament, ich bin groß, ich bin klein, ich dick, ich bin männlich, ich bin weiblich, ich bin Deutscher, ich bin Italiener, christlich, katholisch, jüdisch, Moslem, Atheist, Agnostiker, ich bin introvertiert, extrovertiert, ich bin Mathematiker, ich bin Künstler, usw. Es gibt so viel Identifikationen.

Und dann gibt es auch noch Identifikationen mit dem Besitz: mein Geld, meine Aktien, mein Haus, mein Iphone, mein Auto, usw. Darüber hinaus gibt es z.B. Identifikationen und Verhaftungen an Menschen: meine Frau, mein Mann, mein Kind, usw. – also, es gibt so viele Verhaftungen. Diese Verhaftungen führen dann zu Wünschen: "Ich mag dies." Und es führt zu Ablehnungen: "Ich mag dies nicht." Und daraus entsteht dann Avinivesha, das heißt Angst und Depressivität. Wenn du also große Identifikationen hast, daran dann Verhaftungen hast, daraus dann Wünsche bei dir entstanden sind, dann kannst du mit Ärger, Angst oder Depression reagieren, wenn das Objekt deiner Verhaftung oder deiner Wünsche verschwindet.

Ärger, Angst und Depression als 3 Grundemotionen

Ärger, Angst und Depression sind die drei Grundemotionen in diesem Zusammenhang. Man könnte sagen, dass ist auch wie der Flucht-Kampf-Mechanismus. Früher hatte man nur von Flucht und Kampf gesprochen. Heute nennt man ihn Flucht-Kampf-Todstell-Reflex. Angenommen, es gibt Gefahr, dann kannst du fliehen. Fliehen hängt mit der Emotion Angst zusammen. Du kannst kämpfen. Kämpfen hängt zusammen mit der Emotion Ärger. Und du kannst dich Tod stellen und so tun, als ob nichts ist, und das hängt zusammen mit Depression.

Und so kann es in der Depression kommen, dass du dich öfters Tod stellst, was wiederum aus den Verhaftungen resultiert. Verhaftungen führen dazu, dass du ängstlich bist, dass du Gefahren witterst, wenn z.B. ein Verlust droht, und dass du darauf vielleicht mit Depressivität reagierst. Verhaftung kann also zu Angst führen, zu Ärger und Reizbarkeit und zur Depression.

In diesem Sinne kannst du überlegen, ob deine Depression oder Depressivität, deine Niedergeschlagenheit etwas mit Verhaftung zu tun. Hast du irgendeinen Wunsch gehabt? Hast du gedacht, etwas steht dir zu? Hast du Erwartungen gehabt, wie andere handeln sollten? Haben sie nicht so gehandelt? Hast du das verloren, an das du dich verhaftet hast? Dann entsteht daraus eine Niedergeschlagenheit.

Nimm das dann zur Kenntnis und sei dankbar für die Erkenntnis. Und erfahre, ich bin das Unsterbliche selbst, der Atman. Ich bin nicht begrenzt auf Körper und Psyche. Nichts brauche ich. Ich bin jenseits aller Verhaftungen. Wenn du dich jenseits aller Verhaftungen begibst, dann brauchst du keine Angst, kein Ärger, keine Depression. Du erfährst, wer du wirklich bist. Und damit erfährst du ein Glücksgefühl jenseits aller Verhaftungen. Ein Glücksgefühl, das dir niemand nehmen kann!

Jede Verhaftung führt dich irgendwann in Niedergeschlagenheit, in Angst oder Ärger. Daher ist es sinnvoll alle Verhaftungen zu überwinden.

Aus folgendem Vortrag von Sukadev Bretz:

Umgang mit Verhaftung anderer

Aus einem Vortrag von Sukadev Bretz

Verhaftung ist ja ein Wort mit vielen Bedeutungen. Angenommen die Polizei verhaftet jemanden anderen, dann kannst du überlegen, ob du den Menschen helfen willst. Es gibt Menschen, die werden unschuldig verhaftet. Undd es kann sein, dass ein Freund, ein Bekannter von dir einen Fehler begangen hat, vielleicht auch eine kriminelle Handlungen und er verhaftet worden ist. Er braucht dann anschließend dein Mitgefühl, deine Hilfe oder deinen Nähe. Umso wichtiger zu bedenken ist, dass verhaftete Menschen im Gefängnis noch krimineller werden könnten. Es gibt auch Menschen, die zu Unrecht verhaftet werden und sie brauchen dann Menschen, die ihnen dann beistehen.

Verhaftung im spirituellen Kontext bedeutet natürlich etwas anderes. Und wer Yoga Vidya kennt, der hat den Ausdruck "Verhaftung" in einem anderen Kontext gesehen. Verhaftung bedeutet, dass man an einem Besitz haftet, dass man an einem Menschen haftet, an Vorstellungen haftet, an seiner Arbeit haftet, an seiner Aufgabe haftet usw. Im Yoga will man ja lernen verhaftungslos zu werden, wir sind das unsterbliche Selbst, der Atman, das reine Selbst, eins mit der Weltenseele.

Indem wir uns verhaften an Körper, an Besitz, an Vorstellungen begrenzen wir uns und so ist es wichtig, schrittweise Verhaftungen zu lösen. Wenn du jetzt Verhaftungen anderer siehst, dann kommt es darauf an, ob du sein oder ihr spiritueller Lehrer bist. Wenn ja, hast du vielleicht die Aufgabe, dem anderen zu helfen von Verhaftungen loszukommen. Bist du nicht sein oder ihr spiritueller Lehrer, dann spiele dich auch nicht als solcher auf. Spiele dich auch nicht als Richter auf und auch nicht als Persönlichkeitscoach. Eventuell kannst du einem Freund oder einer Freundin oder einem anderen Menschen auf dem spirituellen Weg den einen oder anderen Tipp geben, aber nur dann wenn der andere dafür offen ist.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Seminare

Meditation

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Jnana Yoga, Philosophie Jnana Yoga, Philosophie

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