Ewigkeit

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Krishna belehrt Arjuna über die Ewigkeit des Atman

Ausschnitt aus dem Buch "Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahabharatam". Eine Übersetzung der Bhagavadgita von Paul Deussen. Leipzig. F.a. Brockhaus. 1911. S. 9-13.

Krishna und Arjuna mit dem Streitwagen

Sanjaya sprach:

1. (879.) Als er ihn so von Mitleid durchdrungen, die Augen von Tränen erfüllt und getrübt in seiner Verzagtheit sah, da sprach zu ihm Madhusudana dieses Wort.

Der Heilige sprach:

2. (880.) Woher kommt dir in gefährlicher Lage diese Bestürzung, o Arjuna, die eines Edlen unwürdige, den Himmel verschließende, unrühmliche?
3. (881.) Verfalle nicht in Schwächlichkeit, o Sohn der Pritha, denn sie ziemt dir nicht. Lass die erbärmliche Herzensschwachheit fahren und erhebe dich, o Bedränger deiner Feinde.

Arjuna sprach:

4. (882.) Wie kann ich in der Schlacht, o Madhusudana, den Bhishma und den Drona mit meinen Pfeilen bekämpfen, da mir beide: doch ehrwürdig sind, o Feindetöter.
5. (883.) Wahrlich, es wäre mir besser, die hochwürdigen Lehrer nicht zu töten und hier auf der Welt Bettelbrot zu essen, als dass ich die Lehrer, obgleich sie nach unserm Gut trachten, tötete und Freuden genösse, die mit Blut besudelt sind.
6. (884.) Fürwahr, wir wissen nicht, was wir vorziehen möchten, dass wir sie oder dass sie uns besiegen; denn solche, nach deren Tötung wir selbst nicht leben möchten, die stehen uns feindlich gegenüber, geschart um Dhritarashtra,
7. (885.) Da mein Herz in der Schwäche des Mitleids befangen ist, und mein Geist verwirrt ist über das, was meine Pflicht ist, so frage ich dich danach, was das Richtige ist; sage es mir mit Bestimmtheit; ich bin dein Schüler; belehre mich, der ich dich darum angehe.
8. (886.) Denn ich sehe nicht, was von mir den sinneausdörrenden Kummer fern zu halten vermöchte, auch wenn ich auf Erden ein blühendes Reich ohne Nebenbuhler, auch wenn ich die Oberherrschaft über die Götter erlangen sollte.

Sanjaya sprach:

9. (887.) Also sprach zum Struppigen der Lockige, der Feindeschreck zum Kuhgewinner: "Ich mag nicht kämpfen!" und schwieg.
10. (888.) Da war es, als ob der Struppige lächelte, o Bharata , und inmitten der beiden Heere sprach er zu dem Verzagenden dieses Wort.

Der Heilige sprach:

11. (889.) Du beklagst solche, welche nicht zu beklagen sind, wenn auch deine Reden verständig sein mögen; über Tote und über Lebende klagt der Weise nicht.
12. (890.) Nie war die Zeit, da ich nicht war, da du nicht warst und alle diese Fürsten, und nie in Zukunft wird die Zeit kommen, da wir allesamt nicht sind.
13. (891.) Wie für den Träger eines Leibes in diesem seinem Leibe Kindheit, Mannheit und Greisenalter ist, so ist für ihn auch die Erlangung eines neuen Leibes; das ist dem Weisen klar.
14. (892.) Nur die Verbindungen mit dem Stofflichen, o Sohn der Kunti, bewirken Kälte und Hitze, Lust und Schmerz; sie aber kommen und gehen und sind vergänglich; ertrage sie, o Bharata, mit Geduld.
15. (893.) Der Mann, den diese nicht erschüttern, o Männerstier, der Weise, welcher gleichmütig bleibt bei Lust und Leid, der ist reif für die Unsterblichkeit.
16. (894.) Das Nicht-Seiende kann nicht werden, das Seiende kann nicht vergehen, den Unterschied dieser beiden [des Nicht-Seienden und des Seienden] erkennen die, welche die Wahrheit schauen.
17. (895.) Wisse, dass das unvergänglich ist, durch welches diese ganze Welt ausgebreitet wurde; das Zunichtewerden dieses Unvergänglichen kann keiner bewirken.
18. (896.) Vergänglich sind diese Leiber, ewig der, welcher den Leib beseelt; unvergänglich ist er und unermesslich, darum kämpfe, o Bharata,
19. (897.) Wer vermeint, dass jemand töte, wer vermeint, dass jemand getötet werde, die wissen beide nicht die Wahrheit: keiner tötet und keiner wird getötet. (Kath. Up. 2,19.)
20. (898.) Nicht wird geboren und nicht stirbt einer jemals, nicht ist er entstanden oder wird zukünftig entstehen; von ewig her bleibt ewig er der Alte, wird nicht getötet, wenn den Leib man tötet. (Kath. Up.2,18.)
21. (899.) Wer diesen Unzerstörbaren, Ewigen, Ungeborenen, Unvergänglichen weiß, wie könnte der, o Sohn der Pritha, irgendeinen töten lassen, wie könnte der irgendeinen töten!
22. (900.) Gleichwie ein Mann die alten Kleider ablegt und andere neue anzieht, so legt der Träger des Leibes (die Seele) die alten Leiber ab und geht in andere neue ein.
23. (901.) Ihn verwunden nicht Schwerter, ihn brennt nicht das Feuer, ihn netzen nicht die Wasser, ihn trocknet nicht der Wind.
24. (902.) Unverwundbar ist er und unverbrennbar, nicht benetzbar und nicht zu trocknen, ewig ist er und allgegenwärtig, beständig, unbeweglich und immerwährend.
25. (903.) Unoffenbar ist er und unausdenkbar, unwandelbar wird er genannt; darum wenn du ihn als solchen kennst, darfst du niemandem nachtrauern.
26. (904.) Aber auch wenn du glaubst, dass er immer wieder geboren werde und immer wieder sterbe, auch dann, o Großarmiger, darfst du niemandem nachtrauern.
27. (905.) Dem Geborenen ist der Tod gewiss, dem Gestorbenen die Geburt; darum darfst du über eine unvermeidliche Sache keine Trauer empfinden.
28. (906.) Das Unoffenbare als Anfang haben die Wesen, das Offenbare als Mitte und das Unoffenbare als Ende, o Bharata, was ist da zu bejammern?
29. (907.) Wie ein Wunder betrachtet ihn mancher, wie ein Wunder verkündigt ihn ein anderer, wie von einem Wunder hört von ihm ein anderer, und auch wenn er von ihm gehört hat, versteht ihn doch keiner (vgl. Kath. Up. 2,7).
30. (908.) Der Träger des Leibes ist ewig unverletzbar in dem Leibe eines jeden, o Bharata; darum sollst du alle Wesen nicht betrauern.

Siehe auch

Literatur

  • Paul Deussen: "Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahabharatam". Übersetzung der Bhagavadgita. Leipzig. F.a. Brockhaus. 1911.

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