Shandilya Upanishad

Shandilya Upanishad (Sanskrit: शाण्डिल्योपनिषत् śāṇḍilyopaniṣat f.) ist eine zum Atharvaveda gehörige Yoga Upanishad, die nach dem vedischen Weisen Shandilya benannt wurde. Sie behandelt zentrale Praktiken des Hatha Yoga.
Kurze Einleitung zur Shandilya Upanishad
Die Shandilya Upanishad ist eine dem Atharvaveda zugeordnete Yoga Upanishad. In der traditionellen Liste der 108 Upanishaden des Muktika-Kanons steht sie an 58. Stelle. In einem Lehrgespräch bittet der Weise Shandilya den Seher Atharvan zunächst um eine Erklärung des achtgliedrigen Yoga und später um die Erkenntnis des Brahman. Der Text verbindet dadurch praktische Yogalehre, subtile Körpervorstellungen und Vedanta.
Das erste Kapitel erläutert Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Besonders auffällig sind die jeweils zehn Yamas und Niyamas, die ausführliche Beschreibung von Nadis, Vayus und Kundalini sowie Lehren über Kumbhaka, Mudras und Samyama. Das zweite Kapitel beschreibt Brahman als Wahrheit, Erkenntnis und Unendlichkeit. Das dritte unterscheidet die teilfreie, die zugleich teilhafte und teilfreie sowie die sichtbare Gestalt des Göttlichen und führt zur Verehrung Dattatreyas.
Historisch steht die Shandilya Upanishad zwischen dem achtgliedrigen Yoga, wie er auch im Yoga Sutra begegnet, und den körper-energetischen Lehren des späteren Hatha Yoga. Sie berührt Themen, die auch in der Yoga Tattva Upanishad, Yoga Shikha Upanishad, Yoga Kundalini Upanishad, im Goraksha Shataka, Yoga Bija, in der Hatha Yoga Pradipika, Shiva Samhita und Gheranda Samhita weiterentwickelt werden. Eine genaue Datierung ist nicht gesichert; die heute vorliegende Fassung ist als Ergebnis einer längeren Überlieferungs- und Redaktionsgeschichte zu verstehen.
Für heutige Yoga-Aspiranten liegt ihre wichtigste Botschaft in der Einheit von Ethik, Körperpraxis, Atemschulung, Meditation und Selbsterkenntnis. Fortschritt beginnt nach dieser Schrift mit Ahimsa, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Mäßigung und innerer Reinheit, nicht mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Fortgeschrittene Atemhaltephasen oder Eingriffe wie die im Zusammenhang mit Khechari Mudra erwähnte Bearbeitung des Zungenbändchens sind historische Lehrinhalte und keine Anleitung zur unbegleiteten Selbstpraxis.
Shandilya Upanishad – IAST, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung
Diese Wiki-Fassung enthält den vollständigen Text in IAST, eine deutsche Übersetzung und eine Wort-für-Wort-Erklärung.
In den umfangreichen Prosateilen werden eng zusammengehörige Komposita und syntaktische Gruppen gemeinsam erklärt; die Worterklärungen sind daher philologisch gruppiert und keine mechanische Auflistung jedes Flexionssuffixes.
Aussagen über Wirkungen, Heilungen, Lebensdauer und Siddhis geben die historische Lehre des Textes wieder und sind nicht als medizinische Versprechen oder eigenständige Übungsanweisung zu verstehen.
Eröffnungsvers
śāṇḍilyopaniṣatproktayamādyaṣṭāṅgayoginaḥ |
yadbodhādyānti kaivalyaṃ sa rāmo me parā gatiḥ ||
Übersetzung:
Rama ist meine höchste Zuflucht. Durch die Erkenntnis dessen, was in der Shandilya Upanishad gelehrt wird, gelangen die Yogis des mit Yama beginnenden achtgliedrigen Weges zu Kaivalya.
Wort-für-Wort-Übersetzung: śāṇḍilya-upaniṣat-proktam – in der Shandilya Upanishad gelehrt; yama-ādi-aṣṭāṅga-yoginaḥ – die Yogis des achtgliedrigen, mit Yama beginnenden Weges; yad-bodhāt – durch dessen Erkenntnis; yānti – gelangen; kaivalyam – zur Befreiung (Kaivalya); saḥ rāmaḥ – dieser Rama (Rama); me – meine; parā gatiḥ – höchste Zuflucht, höchstes Ziel.
Shanti Mantra
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devā bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvām̐sastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ ||
svasti na indro vṛddhaśravāḥ svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo ariṣṭanemiḥ svasti no bṛhaspatirdadhātu ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Übersetzung:
Om. Mögen wir mit unseren Ohren Heilsames hören, o Götter. Mögen wir mit unseren Augen Heilsames sehen, ihr Verehrungswürdigen. Mögen wir mit festen Gliedern und lobpreisend die uns von den Göttern bestimmte Lebenszeit erfüllen. Heil gewähre uns Indra von großem Ruhm; Heil der allwissende Pusha; Heil Tarkshya mit unversehrtem Rad; Heil gewähre uns Brihaspati. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhadram – Heilsames, Gutes; karṇebhiḥ śṛṇuyāma – mögen wir mit den Ohren hören; devāḥ – o Götter; paśyema akṣabhiḥ – mögen wir mit den Augen sehen; yajatrāḥ – ihr Verehrungswürdigen; sthiraiḥ aṅgaiḥ – mit festen Gliedern; vy-aśema – mögen wir verbringen, erfüllen; deva-hitam yat āyuḥ – die von den Göttern bestimmte Lebenszeit; svasti – Heil, Wohlergehen; indraḥ vṛddha-śravāḥ – Indra von großem Ruhm; pūṣā viśva-vedāḥ – Pusha, der alles kennt; tārkṣyaḥ ariṣṭa-nemiḥ – Tarkshya mit unversehrtem Rad; bṛhaspatiḥ dadhātu – Brihaspati möge gewähren; śāntiḥ – Frieden (Shanti).
1. Kapitel
1.1 Shandilya Upanishad: Die zehn Yamas
śāṇḍilyo ha vā atharvāṇaṃ papracchātmalābhopāyabhūtamaṣṭāṅgayogamanubrūhīti |
sa hovācātharvā yamaniyamāsanaprāṇāyāmapratyāhāradhāraṇādhyānasamādhayo'ṣṭāṅgāni |
tatra daśa yamāḥ |
tathā niyamāḥ |
āsanānyaṣṭau |
trayaḥprāṇāyāmāḥ |
pañcapratyāhārāḥ |
tathā dhāraṇā |
dviprakāraṃ dhyānam |
samādhistvekarūpaḥ |
tatrāhiṃsāsatyāsteyabrahmacaryadayārjavakṣamādhṛtimitāhāraśaucāni ceti yamādaśa |
tatra hiṃsā nāma manovākkāyakarmabhiḥ sarvabhūteṣu sarvadā kleśajananam |
satyaṃ nāma manovākkāyakarmabhirbhūtahitayathārthābhibhāṣaṇam |
asteyaṃ nāma manovākkāyakarmabhiḥ paradravyeṣu niḥspṛhā |
brahmacaryaṃ nāma sarvāvasthāsu manovākkāyakarmabhiḥ sarvatra maithunatyāgaḥ |
dayā nāma sarvabhūteṣu sarvatrānugrahaḥ |
ārjavaṃ nāma manovākkāyakarmaṇāṃ vihitāvihiteṣu janeṣu pravṛttau nivṛttau vā ekarūpatvam |
kṣamā nāma priyāpriyeṣu sarveṣu tāḍanapūjaneṣu sahanam |
dhṛtirnāmārthahānau sveṣṭabandhuviyoge tatprāptau sarvatra cetaḥ sthāpanam |
mitāhāro nāma caturthāṃśāvaśeṣakasusnigdhamadhurāhāraḥ |
śaucaṃ nāma dvividhaṃ bāhyamāntaraṃ ceti |
tatra mṛjjalābhyāṃ bāhyam |
manaḥśuddhirāntaram |
tadadhyātmavidyayā labhyam || 1 ||
Übersetzung:
Om. Shandilya fragte Atharvan: „Lehre mich den achtgliedrigen Yoga, der das Mittel zur Verwirklichung des Atman ist.“ Atharvan sprach: Die acht Glieder sind Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Yama und Niyama besitzen je zehn Formen; es werden acht Asanas, drei Arten des Pranayama, fünf Arten des Pratyahara, ebenso Arten der Dharana, zwei Arten des Dhyana und eine Form des Samadhi gelehrt. Die zehn Yamas sind Ahimsa, Satya, Asteya, Brahmacharya, Daya, Arjava, Kshama, Dhriti, Mitahara und Shaucha. Ahimsa bedeutet, keinem Lebewesen jemals durch Denken, Rede oder körperliches Handeln Leid zuzufügen. Satya ist wahrhaftige Rede, die dem Wohl der Wesen dient. Asteya bedeutet, fremdes Eigentum weder im Denken noch durch Worte oder Taten zu begehren. Brahmacharya ist das Enthalten von Sexualität in Gedanken, Worten und Taten, an jedem Ort und in jedem Zustand. Daya ist Güte gegenüber allen Wesen. Arjava ist die Aufrichtigkeit und Übereinstimmung von Denken, Rede und Handeln bei vorgeschriebenen wie untersagten Handlungen. Kshama bedeutet, Angenehmes und Unangenehmes, Lob und Tadel geduldig zu ertragen. Dhriti ist die Festigkeit des Geistes bei Gewinn und Verlust, Verbindung und Trennung. Mitahara bezeichnet nahrhafte, milde und angenehme Kost, wobei ein Viertel des Magens frei bleibt. Shaucha ist äußerlich und innerlich: äußerlich die Reinigung des Körpers durch Erde und Wasser, innerlich die Läuterung des Geistes; diese wird durch die Erkenntnis des Selbst erlangt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: oṃ – Om (Om); śāṇḍilyaḥ – Shandilya (Shandilya); atharvāṇam papraccha – fragte Atharvan; ātma-lābha-upāya-bhūtam – als Mittel zur Verwirklichung des Selbst dienend; aṣṭāṅga-yogam – achtgliedriger Yoga (Ashtanga Yoga); anubrūhi – lehre ausführlich.
yama – ethische Enthaltung (Yama); niyama – ethische und spirituelle Verpflichtung (Niyama); āsana – Sitzhaltung (Asana); prāṇāyāma – Lenkung des Lebenshauchs (Pranayama); pratyāhāra – Zurückziehen der Sinne (Pratyahara); dhāraṇā – Sammlung (Dharana); dhyāna – Meditation (Dhyana); samādhi – meditative Einheit (Samadhi).
ahiṃsā – Nichtverletzen (Ahimsa); satya – Wahrhaftigkeit (Satya); asteya – Nichtstehlen (Asteya); brahmacarya – Lebensführung im Bewusstsein Brahmans, hier sexuelle Enthaltsamkeit (Brahmacharya); dayā – Mitgefühl (Daya); ārjava – Aufrichtigkeit (Arjava); kṣamā – Geduld, Vergebung (Kshama); dhṛti – Standhaftigkeit (Dhriti); mitāhāra – maßvolle Ernährung (Mitahara); śauca – Reinheit (Shaucha).
manas – Geist (Manas); vāk – Rede (Vak); kāya – Körper; sarva-bhūteṣu – gegenüber allen Wesen; sarvadā – jederzeit; pīḍā-jananam – Verursachen von Leid; satya-vacanam – wahrhaftiges Sprechen; para-dravyeṣu – hinsichtlich fremden Besitzes; asaṅgaḥ – Nichtanhaften; sama-bhāvaḥ – Gleichmut; adhyātma-vidyā – Erkenntnis des inneren Selbst (Adhyatma Vidya).
1.2 Shandilya Upanishad: Die zehn Niyamas
tapaḥsantoṣāstikyadāneśvarapūjanasiddhāntaśravaṇahrīmatijapo vratāni daśa niyamāḥ |
tatra tapo nāma vidhyuktakṛcchracāndrāyaṇādibhiḥ śarīraśoṣaṇam |
santoṣo nāma yadṛcchālābhasantuṣṭiḥ |
āstikyaṃ nāma vedoktadharmādharmeṣu viśvāsaḥ |
dānaṃ nāma nyāyārjitasya dhanadhānyādiḥ śraddhayārhtibhyaḥ pradānam |
īśvarapūjanaṃ nāma prasannasvabhāvena yathāśakti viṣṇurudrādi pūjanam |
siddhāntaśravaṇaṃ nāma vedāntārthavicāraḥ |
hrīrnāma vedalaukikamārgakutsitakarmaṇi lajjā |
matirnāma vedavihitakarmamārgeṣu śraddhā |
japo nāma vidhivadgurūpadiṣṭavedāviruddhamantrābhyāsaḥ |
taddvividhaṃ vācikaṃ mānasaṃ ceti |
mānasaṃ tu manasā dhyānayuktam |
vācikaṃ dvividhamuccairupāṃśubhedena |
uccairuccāraṇaṃ yathoktaphalam |
upāṃśu sahasraguṇam |
mānasaṃ koṭiguṇam |
vrataṃ nāma vedoktavidhiniṣedhānuṣṭhānanaiyatyam || 2 ||
Übersetzung:
Die zehn Niyamas sind Tapas, Santosha, Astikya, Dana, Ishvara-Pujana, Siddhanta-Shravana, Hri, Mati, Japa und Vrata. Tapas bezeichnet die nach überlieferten Regeln vollzogene Disziplin des Körpers, etwa durch Kricchra- oder Chandrayana-Gelübde. Santosha ist Zufriedenheit mit dem, was von selbst zukommt. Astikya ist das Vertrauen in die von den Veden gelehrten Folgen heilsamer und unheilsamer Handlungen. Dana bedeutet, rechtmäßig erworbene Güter gläubig an Würdige zu geben. Ishvara-Pujana ist die den eigenen Möglichkeiten entsprechende Verehrung Vishnus, Rudras und anderer Gottheiten mit reinem Geist. Siddhanta-Shravana ist das Erforschen der Bedeutung des Vedanta. Hri ist die Scham vor einem Verhalten, das den Regeln der Veden und der guten Ordnung widerspricht. Mati ist Vertrauen in die von den Veden gewiesenen Wege. Japa ist die Wiederholung eines vom Lehrer ordnungsgemäß empfangenen und nicht vedawidrigen Mantras. Japa wird gesprochen oder geistig vollzogen; gesprochenes Japa ist laut oder leise. Der Text schreibt der leisen Wiederholung tausendfachen und der geistigen Wiederholung außerordentlich vielfachen Ertrag zu. Vrata ist die beständige Befolgung des Gebotenen und Enthaltung vom Verbotenen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tapaḥ – Askese, Disziplin (Tapas); santoṣaḥ – Zufriedenheit (Santosha); āstikyam – Vertrauen in die Lehre; dānam – Geben (Dana); īśvara-pūjanam – Verehrung Gottes (Ishvara Puja); siddhānta-śravaṇam – Hören und Erforschen der Lehrsätze; hrīḥ – sittliche Scham; matiḥ – überzeugte Ausrichtung; japaḥ – Mantra-Wiederholung (Japa); vratam – Gelübde (Vrata).
veda-ukta – von den Veden gelehrt (Veda); phala – Frucht, Wirkung (Phala); śraddhayā – mit Vertrauen (Shraddha); nyāya-arjitam – rechtmäßig erworben; vedānta-artha-vicāraḥ – Erforschung der Bedeutung des Vedanta (Vedanta); guruṇopadiṣṭasya mantrasya abhyāsaḥ – Übung eines vom Guru gelehrten Mantras (Guru, Mantra).
vācika – gesprochen; mānasa – geistig; uccaiḥ – laut; upāṃśu – leise geflüstert; sahasra-guṇaḥ – tausendfach; koṭi-guṇaḥ – zehnmillionenfach; vidhi-niṣedha-anuṣṭhāna-naiyatyam – beständige Befolgung von Geboten und Verboten.
1.3 Shandilya Upanishad: Die Asanas
svastikagomukhapadmavīrasiṃhabhadramuktamayūrākhyānyāsanānyaṣṭau |
svastikaṃ nāma-jānūrvontare samyakkṛtvā pādatale ubhe |
ṛjukāyaḥ samāsīnaḥ svastikaṃ tatpracakṣate || 1 ||
savye dakṣiṇagulphaṃ tu pṛṣṭhapārśve niyojayet |
dakṣiṇe'pi tathā savyaṃ gomukhaṃ gomukhaṃ yathā || 2 ||
aṅguṣṭhena nibadhnīyāddhastābhyāṃ vyutkrameṇa ca |
ūrvorupari śāṇḍilya kṛtvā pādatale ubhe |
padmāsanaṃ bhavedetatsarveṣāmapi pūjitam || 3 ||
ekaṃ pādamathaikasminvinyasyoruṇi saṃsthitaḥ |
itarasmiṃstathā corūṃ vīrāsanamudīritam || 4 ||
dakṣiṇaṃ savyagulphena dakṣiṇena tathetaram |
hastau ca jānvoḥ saṃsthāpya svāṅgulīśca prasārya ca || 5 ||
vyaktavaktro nirīkṣeta nāsāgraṃ susamāhitaḥ |
siṃhāsanaṃ bhavedetatpūjitaṃ yogibhiḥ sadā || 6 ||
yonīṃ vāmena sampīḍya meḍhrādrupari dakṣiṇam |
bhrūmadhye ca manolakṣyaṃ siddhāsanamidaṃ bhavet || 7 ||
gulphau tu vṛṣaṇasyādhaḥ sīvanyāḥ pārśvayoḥ kṣipet |
pādapārśve tu pāṇibhyāṃ dṛḍhaṃ badhvā suniścalam |
bhadrāsanaṃ bhavedetatsarvavyādhiviṣāpaham || 8 ||
sampīḍya sīvinīṃ sūkṣmāṃ gulphenaiva tu savyataḥ |
savyaṃ dakṣiṇagulphena muktāsanamudīritam || 9 ||
avaṣṭabhya dharāṃ samyaktalābhyāṃ tu karadvayoḥ |
hastayoḥ kūrparau cāpi sthāpayennābhipārśvayaoḥ || 10 ||
samunnataśiraḥpādo daṇḍavadvyomni saṃsthitaḥ |
mayūrāsanametattu sarvapāpapraṇāśanam || 11 ||
śarīrāntargatāḥ sarve rogā vinaśyanti |
viṣāṇi jīryante |
yena kenāsanena sukhadhāraṇaṃ bhavatyaśaktastatsamācaret |
yenāsanaṃ vijitaṃ jagattrayaṃ tena vijitaṃ bhavati |
yamaniyamābhyāṃ saṃyuktaḥ puruṣaḥ prāṇāyāmaṃ caret |
tena nāḍyaḥ śuddhā bhavanti || 3 ||
Übersetzung:
Als wichtigste Sitzhaltungen nennt der Text Svastika, Gomukha, Padma, Vira, Simha, Bhadra, Mukta und Mayura. Svastikasana ist das aufrechte, bequeme Sitzen, bei dem jeder Fuß zwischen Schenkel und Knie des anderen Beins gelegt wird. Gomukhasana entsteht, indem die Höhlung des linken Fußes an die rechte Gesäßseite und die des rechten Fußes an die linke Seite gelegt wird, sodass die Haltung einem Kuhgesicht ähnelt. In Padmasana liegt jeder Fußrücken auf dem gegenüberliegenden Oberschenkel; die Hände fassen die jeweiligen großen Zehen. Virasana ist ein aufrechter Sitz, bei dem ein Fuß auf dem gegenüberliegenden Oberschenkel und der andere darunter liegt. In Simhasana drücken die Fersen wechselseitig gegen die Seiten des Perineums; die Hände ruhen mit gespreizten Fingern auf den Knien, der Mund ist geöffnet und der Blick auf die Nasenspitze gerichtet. Der folgende, im Vers als Siddhasana bezeichnete Sitz drückt mit der linken Ferse gegen das Perineum, legt die rechte Ferse über das Geschlechtsorgan und sammelt den Geist zwischen den Augenbrauen. In Bhadrasana werden beide Knöchel fest an die Sivani gelegt und die Knie mit den Händen gehalten. Muktasana drückt mit beiden Fersen von rechts und links gegen die empfindliche Region der Sivani. In Mayurasana tragen beide Handflächen den am Boden waagerecht gehaltenen Körper; die Ellbogen liegen seitlich am Nabel, Kopf und Füße werden angehoben. Der Text schreibt diesen Asanas reinigende Wirkungen zu. Wer nicht alle üben kann, soll eine leichte und angenehme Haltung wählen. Meisterschaft der Asanas wird hoch gepriesen. Wer Yama und Niyama übt, soll anschließend Pranayama praktizieren; dadurch, so der Text, werden die Nadis gereinigt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: svastikam – Svastikasana (Svastikasana); gomukham – Gomukhasana (Gomukhasana); padmam – Padmasana (Padmasana); vīram – Virasana (Virasana); siṃham – Simhasana (Simhasana); bhadram – Bhadrasana (Bhadrasana); muktam – Muktasana; mayūram – Mayurasana (Mayurasana).
ṛju-kāyaḥ – mit aufrechtem Körper; sukham āsīnaḥ – bequem sitzend; pāda-tale – Fußsohlen; jānūrvoḥ antare – zwischen Knien und Oberschenkeln; nāsāgra – Nasenspitze; bhruvor madhye – zwischen den Augenbrauen; sīvanī – Naht bzw. Dammregion; gudaṃ – After; liṅgam – Geschlechtsorgan; pāṇibhyām – mit beiden Händen.
sarva-vyādhi-viṣa-apaham – Krankheiten und Gifte beseitigend; pāpa-praṇāśanam – Verfehlungen vernichtend; sukha-pradam – Wohlbefinden schenkend; āsanaṃ vijitya – die Sitzhaltung gemeistert habend; trailokyaṃ vijitam – die drei Welten gemeistert; nāḍyaḥ śuddhāḥ bhavanti – die Nadis werden gereinigt.
1.4 Shandilya Upanishad: Nadis, Kundalini und Vayus
atha hainamatharvāṇaṃ śāṇḍilyaḥ papraccha kenopāyena nāḍyaḥ śuddhāḥ syuḥ |
nāḍyaḥ katisaṃkhyākāḥ |
tāsāmutpattiḥ kīdṛśī |
tāsu kati vayavastiṣṭhanti |
teṣāṃ kāni sthānāni |
tatkarmāṇi kāni |
dehe yāni yāni vijñātavyāni tatsarvaṃ me brūhīti |
sa hovāca atharvāṇa athedaṃ śarīraṃ ṣaṇṇavatyaṅgulātmakaṃ bhavati |
śarīrātprāṇo dvādaśāṅgulādhiko bhavati |
śarīrasthaṃ prāṇamagninā saha yogābhyāsena samaṃ nyūnaṃ vā yaḥ karoti sa yogipuṅgavo bhavati |
dehamadhye śikhisthānaṃ trikoṇaṃ taptajāmbūnadaprabhaṃ manuṣyāṇām |
catuṣpadāṃ caturasram |
vihaṅgānāṃ vṛttākāram |
tanmadhye śubhā tanvī pāvakī śikhā tiṣṭhati |
gudādvyaṅgulādūrdhvaṃ meḍhrādvyaṅgulādadho dehamadhyaṃ manuṣyāṇāṃ bhavati |
catuṣpadāṃ hṛnmadhyam |
vihaṅgānāṃ tuṅgamadhyam |
dehamadhyaṃ navāṅgulaṃ caturaṅgulamutsedhāyatamaṇḍākṛti |
tanmadhye nābhiḥ |
tatra dvādaśārayutaṃ cakram |
taccakramadhye puṇyapāpapracodito jīvo bhramati |
tantupañjaramadhyasthalūtikā yathā bhramati tathā cāsau tatra prāṇaścarati |
dehe'smiñjīvaḥ prāṇārūḍho bhavet |
nābhestiryagadhaūrdhvaṃ kuṇḍalinīsthānam |
aṣṭaprakṛtirūpāṣṭadhā kuṇḍalīkṛtā kuṇḍalinī śaktirbhavati |
yathāvadvāyusaṃcāraṃ jalānnādīni paritaḥ skandhaḥ pārśveṣu nirudhyainaṃ mukhenaiva samāveṣṭya brahmarandhraṃ yogakāle cāpānenāgninā ca sphurati |
hṛdayākāśe mahojjvalā jñānarūpā bhavati |
madhyasthakuṇḍalinīmāśritya mukhyā nāḍyaścaturdaśa bhavanti |
iḍā piṅgalā suṣumnā sarasvatī vāruṇī pūṣā hastijihvā yaśasvinī viśvodarī kuhūḥ śaṅkhinī payasvinī alambusā gāndhārīti nāḍyacaturdaśa bhavanti |
tatra suṣumnā viśvadhāriṇī mokṣamārgeti cācakṣate |
gudasya pṛṣṭhabhāge vīṇādaṇḍāśritā mūrdhaparyantaṃ brahmarandhre vijñeyā vyaktā sūkṣmā vaiṣṇavī bhavati |
suṣumnāyāḥ savyabhāge iḍā tiṣṭhati |
dakṣiṇabhāge piṅgalā iḍāyāṃ candraścarati |
piṅgalāyāṃ raviḥ |
tamorūpaścandraḥ |
rajorūpo raviḥ |
viṣabhāgo raviḥ |
amṛtabhāgaścandramāḥ |
tāveva sarvakālaṃ dhatte |
suṣumnā kālabhoktrī bhavati |
suṣumnā pṛṣṭhapārśvayoḥ sarasvatīkuhū bhavataḥ |
yaśasvinīkuhūmadhye vāruṇī pratiṣṭhitā bhavati |
pūṣāsarasvatīmadhye payasvinī bhavati |
gāndhārīsarasvatimadhye yaśasvinī bhavati |
kandamaye'lambusā bhavati|
suṣumnāpūrvabhāge meḍhrāntaṃ kuhūrbhavati |
kuṇḍalinyā adhaścordhvaṃ vāruṇī sarvagāminī bhavati |
yaśasvinī saumyā ca pādāṅguṣṭhāntamiṣyate |
piṅgalā cordhvagā yāmyanāsāntaṃ bhavati |
piṅgalāyāḥ pṛṣṭhato yāmyanetrānataṃ pūṣā bhavati |
yāmyakarṇāntaṃ yaśasvinī bhavati |
jihvāyā ūrdhvānataṃ sarasvatī bhavati |
āsavyakarṇāntamūrdhvagā śaṅkhinī bhavati |
iḍāpṛṣṭhabhāgātsavyanetrāntagā gāndhārī bhavati |
pāyumūlādadhordhvagālambusā bhavati |
etāśca caturdaśasu nāḍīṣvanyā nāḍyaḥ saṃbhavanti |
tāsvanyāstāsvanyā bhavantīti vijñeyāḥ ||
yathāśvatthādipatraṃ śirābhirvyāptamevaṃ śarīraṃ nāḍībhirvyāptam |
prāṇāpānasamānodānavyānā nāgakūrmakṛkaradevadattadhanañjayā ete daśa vāyavaḥ sarvāsu nāḍīṣu caranti |
āsyanāsikākaṇṭhanābhipādāṅguṣṭhadvayakuṇḍalyadhaścordhvabhāgeṣu prāṇaḥ saṃcarati |
śrotrākṣikaṭigulphaghrāṇagalasphigdeśeṣu vyānaḥ saṃcarati |
gudameḍhrorujānūdaravṛṣaṇakaṭijaṅghānābhigudāgnyagāreṣvapānaḥ saṃcarati |
sarvasandhistha udānaḥ |
pādahastayorapi sarvagātreṣu sarvavyāpī samānaḥ |
bhuktānnarasādikaṃ gātregninā saha vyāpayandvisaptatisahasreṣu nāḍīmārgeṣu caransamānavāyuragninā saha sāṅgopāṅgakalevaraṃ vyāpnoti |
nāgādivāyavaḥ pañcatvagasthyādisaṃbhavāḥ |
tundasthaṃ jalamannaṃ ca rasādiṣu samīritaṃ tundamadhyagataḥ prāgastāni pṛthakkuryāt |
agnerupari jalaṃ sthāpya jaloparyannādīni saṃsthāpya svayamapānaṃ samprāpya tenaiva saha mārutaḥ prayāti dehamadhyagataṃ jvalanam |
vāyunā pālito vahnirapānena śanairdehamadhye jvalati |
jvalano jvālābhiḥ prāṇena koṣṭhamadhyagataṃ jalamatyuṣṇamakarot |
jalopari samarpitavyañjanasaṃyuktamannaṃ vahnisaṃyuktavāriṇā pakvamakarot |
tena svedamūtrajalaraktavīryarūparasapurīṣādikaṃ prāṇaḥ pṛthakkuryāt |
samānavāyunā saha sarvāsu nāḍīṣu rasaṃ vyāpayañchvāsarūpeṇa dehe vāyuścarati |
navabhirvyomarandhraiḥ śarīrasya vāyavaḥ kurvanti viṇmūtrādivisarjanam |
niśvāsocchvāsakāsaśca prāṇakarmocyate |
viṇmūtrādivisarjanamapānavāyukarma |
hānopādānaceṣṭādi vyānakarma |
dehasyonnayanādikamudānakarma |
śarīrapoṣaṇādikaṃ samānakarma |
udgārādi nāgakarma |
nimīlanādi kūrmakarma |
kṣutkaraṇaṃ kṛkarakarma |
tandrā devadattakarma |
śleṣmādi dhanañjayakarma |
evaṃ nāḍīsthānaṃ vāyusthānaṃ tatkarma ca samyagjñātvā nāḍīsaṃśodhanaṃ kuryāt || 4 ||
Übersetzung:
Dann fragte Shandilya Atharvan so: „Mit welchen Mitteln werden die Nadis gereinigt? Wie viele sind sie an Zahl? Wie entstehen sie? Welche Vayus (Lebensluft) befinden sich in ihnen? Was sind ihre Sitze? Was sind ihre Funktionen? Was ist es wert, im Körper erkannt zu werden, bitte sag es mir.“ Darauf antwortete Atharvan (so): “Dieser Körper ist sechsundneunzig Fingerbreiten lang. Prana erstreckt sich zwölf Fingerbreiten über den Körper hinaus. Derjenige, der durch die Praxis des Yoga sein Prana in seinem Körper reduziert, um es gleich oder nicht kleiner als das Feuer in ihm zu machen, wird der größte der Yogis. Beim Menschen liegt in der Körpermitte die dreieckige, wie geschmolzenes Gold leuchtende Region des Feuers. In vierfüßigen Tieren ist es (Feuer) viereckig. In Vögeln ist es rund. In seinem Zentrum (der Region des Feuers) befindet sich die reinigende, wohltuende und subtile Flamme. Zwei Fingerbreiten oberhalb des Anus und zwei Fingerbreiten unterhalb des Geschlechtsorgans liegt beim Menschen die Körpermitte. Bei vierfüßigen Tieren ist es die Mitte des Herzens. Bei Vögeln ist es die Mitte des Körpers. Neun Fingerbreiten oberhalb der Körpermitte befindet sich ein eiförmiges Gebilde von vier Fingerbreiten Länge und Breite. In seiner Mitte befindet sich der Nabel. In ihm befindet sich das Chakra (das Rad) mit zwölf Speichen. In der Mitte des Chakra wandert der Jiva (Atman) umher, angetrieben von seinen guten und schlechten Taten. Wie eine Spinne sich in einem Netz feiner Fäden hin und her bewegt, so bewegt sich Prana hier herum. In diesem Körper reitet der Jiva auf Prana. In der Mitte des Nabels und darüber liegt der Sitz von Kundalini. Die Kundalini-Shakti besitzt die Gestalt der acht Prakritis und windet sich achtfach. Von der sogenannten Skandha-Region aus hält die Bewegung der Vayus Speise und Trank ringsum in ihrer Ordnung. Mit ihrem Kopf verschließt sie die Öffnung des Brahmarandhra, und während der Yogapraxis wird sie durch das Feuer des Apana erweckt; dann leuchtet es mit großem Glanz im Raum des Herzens als Erkenntnis. Um die im Zentrum liegende Kundalini befinden sich vierzehn Hauptnadis, nämlich Ida, Pingala, Sushumna, Saraswati, Varuni, Pusha, Hastijihva, Yashasvini, Vishvodhari, Kuhu, Shankhini, Payasvini, Alambusa und Gandhari. Von ihnen wird gesagt, dass Sushumna die Stütze des Universums und der Weg zur Befreiung ist. Hinter der Afterregion verlaufend, ist sie mit der Wirbelsäule verbunden und erstreckt sich bis zum Brahmarandhra des Kopfes und ist unsichtbar, fein und vaishnavisch (oder hat die Shakti-Kraft von Vishnu). Der Mond bewegt sich in Ida und die Sonne in Pingala. Der Mond hat die Natur von Tamas und die Sonne von Rajas. Der Sonne wird das Gift, dem Mond der Nektar zugeordnet. Beide zeigen die Zeit an; Sushumna dagegen gilt als die Verzehrerin der Zeit. Auf der Rückseite und auf der Seite von Sushumna befinden sich Saraswati bzw. Kuhu. Zwischen Yashasvini und Kuhu steht Varuni. Zwischen Pusha und Saraswati liegt Payasvini. Zwischen Gandhari und Saraswati befindet sich Yashasvini. In der Mitte des Nabels befindet sich Alambusa. Vor Sushumna befindet sich Kuhu, das bis zum Genitalorgan reicht. Über und unter Kundalini befindet sich Varuni, das überall verläuft. Yashasvini, die schöne oder mondhafte Nadi, verläuft zu den großen Zehen. Pingala geht nach oben zum rechten Nasenloch. Payasvini verläuft zum rechten Ohr. Saraswati verläuft zur Zunge und Shankhini zum linken Ohr, (während) Gandhari hinter Ida zum linken Auge verläuft. Alambusa geht nach oben und unten von der Wurzel des Anus. Von diesen vierzehn Nadis gehen weitere, feinere Nadis hervor; aus diesen wiederum entstehen weitere, und aus diesen wiederum entstehen weitere; so sollte es bekannt sein. Wie das Blatt des Ashvattha-Baums (Ficus religiosa) usw. mit winzigen Fasern bedeckt ist, so ist auch dieser Körper von Nadis durchdrungen. „Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana, Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya – diese zehn Vayus (Lebensluft) bewegen sich in allen Nadis. Prana wirkt in den Nasenlöchern, der Kehle, dem Nabel, den beiden großen Zehen und dem unteren und dem oberen Teil von Kundalini. Vyana wirkt im Ohr, dem Auge, den Lenden, den Knöcheln, der Nase, dem Hals und dem Gesäß. Apana wirkt im Anus, den Genitalien, den Oberschenkeln, den Knien, dem Bauch, den Hoden, den Lenden, den Waden, dem Nabel und dem Bereich von Anus und Verdauungsfeuer. Udana wirkt in allen Gelenken und auch in den Händen und Beinen. Samana durchdringt alle Teile des Körpers. Zusammen mit dem Feuer im Körper bewirkt es, dass sich die aufgenommenen Speisen und Getränke im Körper ausbreiten. Es bewegt sich in den zweiundsiebzigtausend Nadis und durchdringt den ganzen Körper zusammen mit dem Feuer. Die fünf Vayus, die mit Naga beginnen, gehen zur Haut, zu den Knochen usw. Prana, das im Nabel ist, trennt die Nahrung und das Getränk, das dort ist, und bildet daraus Rasa und die weiteren Körpersubstanzen. Prana ordnet Wasser über dem Feuer und die Nahrung über beziehungsweise in dem Wasser; dann verbindet es sich mit Apana und facht das Feuer in der Körpermitte an. Das Feuer, das so vom Apana angefacht wird, nimmt in der Mitte des Körpers allmählich an Helligkeit zu. Dann bewirkt es durch seine Flammen, dass das Wasser, das vom Prana in den Darm gebracht wird, heiß wird. Feuer und Wasser bewirken gemeinsam, dass Speise und Zutaten in angemessener Weise verdaut werden. Dann sondert Prana Schweiß, Urin, Wasser, Blut, Samen, Kot und Ähnliches voneinander. Zusammen mit Samana führt Prana den Nahrungsessenz genannten Rasa zu allen Nadis und bewegt sich als Atem im Körper. Die Vayus scheiden den Urin, den Kot usw. durch die neun Öffnungen im Körper aus, die mit der Außenluft verbunden sind. Die Funktionen von Prana sind Einatmung, Ausatmung und Husten. Die von Apana sind die Ausscheidung des Kots und des Urins. Vyana ermöglicht Geben und Nehmen. Udana hält den Körper aufrecht. Samana ernährt den Körper. Naga bewirkt unter anderem Aufstoßen und Erbrechen, Kurma die Bewegung der Augenlider, Krikara Hunger, Devadatta Schläfrigkeit und Dhananjaya Schleimbildung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: nāḍī-śuddhiḥ – Reinigung der Nadis (Nadi Shuddhi); vāyavaḥ – Lebenskräfte (Vayu); ṣaṇṇavati-aṅgula – sechsundneunzig Fingerbreiten; prāṇaḥ – Lebenshauch (Prana); deha-madhyam – Körpermitte; vahni-sthānam – Sitz des Feuers (Agni).
dvādaśa-aram cakram – Rad mit zwölf Speichen (Chakra); jīvaḥ – individuelles Lebewesen (Jiva); karma-preritaḥ – durch Karma bewegt (Karma); kuṇḍalinī-śaktiḥ – Kundalini-Kraft (Kundalini, Shakti); aṣṭa-prakṛti-rūpā – von achtfacher Natur (Prakriti); brahmarandhram – Scheitelöffnung (Brahmarandhra).
suṣumnā – mittlere Nadi (Sushumna); iḍā – linke Nadi (Ida); piṅgalā – rechte Nadi (Pingala); sarasvatī, vāruṇī, pūṣā, hastijihvā, yaśasvinī, viśvodharī, kuhū, śaṅkhinī, payasvinī, alambusā, gāndhārī – die weiteren genannten Hauptnadis.
prāṇa, apāna, samāna, udāna, vyāna – fünf Hauptvayus (Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana); nāga, kūrma, kṛkara, devadatta, dhanañjaya – fünf weitere Vayus; ucchvāsa-niḥśvāsa – Ein- und Ausatmen; unmīlana – Öffnen der Augenlider; kṣut – Hunger; tandrā – Schläfrigkeit.
1.5 Shandilya Upanishad: Reinigung der Nadis
yamaniyamayutaḥ puruṣaḥ sarvasaṅgavivarjitaḥ kṛtavidyaḥ satyadharmarato jitakrodho guruśuśrūṣānirataḥ pitṛmātṛvidheyaḥ svāśramoktasadācāravidvacchikṣitaḥ phalamūlodakānvitaṃ tapovanaṃ prāpya ramyadeśe brahmaghoṣasamanvite svadharmaniratabrahmavitsamāvṛte phalamūlapuṣpavāribhiḥ susampūrṇe devāyatane nadītīre grāme nagare vāpi suśobhanamaṭhaṃ nātyuccanīcāyatamalpadvāraṃ gomayādiliptaṃ sarvarakṣāsamanvitaṃ kṛtvā tatra vedāntaśravaṇaṃ kurvanyogaṃ samārabhet |
ādau vināyakaṃ sampūjya sveṣṭadevatāṃ natvā pūrvoktāsane sthitvā prāṅmukha udaṅmukho vāpi mṛdvāsaneṣu jitāsanagato vidvānsamagrīvaśironāsāgradṛgbhrūmadhye śaśabhṛdbiṃbaṃ paśyannetrābhyāmamṛtaṃ pibet |
dvādaśamātrayā iḍayā vāyumāpūryodare sthitaṃ jvālāvalīyutaṃ rephabinduyuktamagnimaṇḍalayutaṃ dhyāyedrecayetpiṅgalayā |
punaḥ piṅgalayāpūrya kumbhitvā recayediḍayā |
tricatustricatuḥsaptatricāturmāsaparyantaṃ trisandhiṣu tadantarāleṣu ca ṣaṭkṛtva ācarennāḍīśuddhirbhavati |
tataḥ śarīre laghudīptivahnivṛddhinādābhivyaktirbhavati || 5 ||
Übersetzung:
Nachdem man Sitz, Verlauf und Aufgaben der Nadis und Vayus verstanden hat, soll man die Reinigung der Nadis beginnen. Der Übende soll in Yama und Niyama gefestigt sein, unnötige Gesellschaft meiden, Studium und Pflichten erfüllt haben, an Wahrheit und Rechtschaffenheit Freude finden, den Zorn beherrschen, dem Lehrer dienen, den Eltern gehorsam sein und die Pflichten seines Lebensstandes kennen. Er wähle einen angenehmen, geschützten Ort, etwa einen heiligen Hain mit Wasser, Früchten und Wurzeln, einen Tempel, ein Flussufer, ein Dorf oder eine Stadt, und richte dort eine schlichte, saubere Übungsstätte ein. Nach dem Hören der Vedanta-Lehre, der Verehrung Ganeshas und der gewählten Gottheit setzt er sich auf eine weiche Unterlage, nach Osten oder Norden gewandt, hält Kopf und Nacken aufrecht und richtet den Blick auf die Nasenspitze. Zwischen den Augenbrauen soll er die Mondsphäre betrachten und den von dort strömenden Nektar aufnehmen. Während er zwölf Matras lang durch Ida einatmet, betrachtet er im Bauch die flammende Feuersphäre mit der Keimsilbe ra; danach atmet er durch Pingala aus. Dann atmet er durch Pingala ein, hält den Atem und atmet durch Ida aus. Der Sanskrittext nennt hierfür eine gestufte, über längere Zeiträume verteilte Übung zu den drei Sandhyas und in ihren Zwischenzeiten. Dadurch sollen die Nadis rein, der Körper leicht und leuchtend, das innere Feuer stärker und der innere Klang wahrnehmbar werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: nāḍī-saṃśodhanam – vollständige Reinigung der Nadis (Nadi Shodhana); yama-niyama-yuktaḥ – mit Yama und Niyama verbunden; saṅga-vivarjitaḥ – Gesellschaft und Anhaftung meidend; guru-śuśrūṣā – Dienst am Lehrer; satya-dharma-rataḥ – an Wahrheit und Dharma Freude findend (Dharma).
puṇya-deśa – heiliger Ort; maṭha – Kloster oder Übungsstätte; prāṅmukhaḥ udaṅmukhaḥ vā – nach Osten oder Norden gewandt; sama-grīva-śiraḥ – Hals und Kopf aufrecht; nāsāgra-dṛk – den Blick an der Nasenspitze haltend; iḍayā vāyum āpūrya – durch Ida einatmend; piṅgalayā recayet – durch Pingala ausatmend.
mātrā – Zeitmaß (Matra); sandhyā – Übergangszeit des Tages (Sandhya); nāḍyaḥ śuddhāḥ – die Nadis werden rein; deha-laghutā – Leichtigkeit des Körpers; vahni-vṛddhi – Zunahme des inneren Feuers; nāda-abhivyaktiḥ – Hervortreten des inneren Klangs (Nada).
1.6 Shandilya Upanishad: Pranayama und der Pranava
prāṇāpānasamāyogaḥ prāṇāyāmo bhavati |
recakapūrakakumbhakabhedena sa trividhaḥ |
te varṇātmakāḥ |
tasmātpraṇava eva prāṇāyāmaḥ padmādyāsanasthaḥ pumānnāsāgre śaśabhṛdbimbajyotsnājālavitānitākāramūrtī raktāṅgī haṃsavāhinī daṇḍahastā bālā gāyatrī bhavati |
ukāramūrtiḥ śvetāṅgī tārkṣyavāhinī yuvatī cakrahastā sāvitrī bhavati |
makāramūrtiḥ kṛṣṇāṅgī vṛṣabhavāhinī vṛddhā triśūladhāriṇī sarasvatī bhavati |
akārāditrayāṇāṃ sarvakāraṇamekākṣaraṃ paraṃjyotiḥ praṇavaṃ bhavatīti dhyāyet |
iḍayā bāhyādvāyumāpūrya ṣoḍaśamātrābhirakāraṃ cintayanpūritaṃ vāyuṃ catuḥṣaṣṭimātrābhiḥ kumbhayitvokāraṃ dhyāyanpūritaṃ piṅgalayā dvātriṃśanmātrayā makāramūrtidhyānenaivaṃ krameṇa punaḥ punaḥ kuryāt || 6 ||
Übersetzung:
Pranayama wird als Verbindung von Prana und Apana erklärt. Es umfasst Ausatmung, Einatmung und Atemruhe und wird mit den Lauten des Sanskritalphabets verbunden; deshalb gilt der Pranava, Om, als das Wesen des Pranayama. Im Padmasana soll der Übende an der Nasenspitze Gayatri betrachten: rot, von zahllosen Mondstrahlen umgeben, auf einem Hamsa sitzend und eine Keule tragend; sie ist die sichtbare Gestalt des Lautes A. Savitri, weiß, auf Garuda reitend und einen Diskus tragend, entspricht U. Saraswati, dunkel, auf einem Stier reitend und einen Dreizack tragend, entspricht M. Der eine Laut Om, das höchste Licht, ist der Ursprung dieser drei Laute. Der Text lehrt sodann: sechzehn Matras lang durch Ida einatmen und A betrachten, vierundsechzig Matras lang halten und U betrachten, zweiunddreißig Matras lang ausatmen und M betrachten. Diese Folge soll wiederholt werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prāṇāpāna-samāyogaḥ – Verbindung von Prana und Apana; recaka – Ausatmung (Rechaka); pūraka – Einatmung (Puraka); kumbhaka – Atemruhe (Kumbhaka); praṇavaḥ – Om als heiliger Laut (Pranava).
gāyatrī – Gayatri (Gayatri); haṃsa-vāhinī – auf einem Hamsa reitend (Hamsa); akāra – Laut A; sāvitrī – Savitri; ukāra – Laut U; sarasvatī – Saraswati (Saraswati); makāra – Laut M; paramaṃ jyotiḥ – höchstes Licht (Jyoti).
ṣoḍaśa-mātrā – sechzehn Matras; catuḥṣaṣṭi-mātrā – vierundsechzig Matras; dvātriṃśat-mātrā – zweiunddreißig Matras; dhyāyet – er soll betrachten; punaḥ punaḥ kuryāt – er soll es wieder und wieder üben.
1.7 Shandilya Upanishad: Kumbhaka, Mudras und Samyama
athāsanadṛḍho yogī vaśī mitahitāśanaḥ suṣumnānāḍīsthamalaśoṣārthaṃ yogī baddhapadmāsano vāyuṃ candreṇāpūrya yathāśakti kumbhayitvā sūryeṇa recayitvā punaḥ sūryeṇāpūrya kumbhayitvā candreṇa virecya yayā tyajettayā sampūrya dhārayet |
tadete ślokā bhavanti |
prāṇaṃ prāgiḍayā pibenniyamitaṃ bhūyo'nyayā recayetpītvā piṅgalayā samīraṇamatho baddhvā tyajedvāmayā |
sūryācandramasoranena vidhinā'bhyāsaṃ sadā tanvatāṃ śuddhā nāḍigaṇā bhavanti yamināṃ māsatrayādūrdhvataḥ || 1 ||
prātarmadhyandine sāyamardharātre tu kumbhakān |
śanairaśītiparyantaṃ caturvāraṃ samabhyaset || 2 ||
kanīyasi bhavetsvedaḥ kaṃpo bhavati madhyame |
uttiṣṭhattyuttame prāṇarodhe padmāsanaṃ mahat || 3 ||
jalena śramajātena gātramardanamācaret |
dṛḍhatā laghutā cāpi tasya gātrasya jāyate || 4 ||
abhyāsakāle prathamaṃ śastaṃ kṣīrājyabhojanam |
tato'bhyāse sthirībhūte na tāvanniyamagrahaḥ || 5 ||
yathā siṃho gajo vyāghro bhavedvaśyaḥ śanaiḥ śanaiḥ |
tathaiva sevito vāyuranyathā hanti sādhakam || 6 ||
yuktaṃ yuktaṃ tyajedvāyuṃ yuktaṃ yuktaṃ ca pūrayet |
yuktaṃ yuktaṃ ca badhnīyādevaṃ siddhimavāpnuyāt || 7 ||
yatheṣṭadhāraṇādvāyoranalasya pradīpanam |
nādābhivyaktirārogyaṃ jāyate nāḍiśodhanāt || 8 ||
vidhivatprāṇasaṃyāmairnāḍīcakre viśodhite |
suṣumnāvadanaṃ bhittvā sukhādviśati mārutaḥ || 9 ||
mārute madhyasaṃcāre manaḥsthairyaṃ prajāyate |
yo manaḥsusthiro bhāvaḥ saivāvasthā manonmanī || 10 ||
pūrakānte tu kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ |
kumbhakānte recakādau kartavyastūḍḍiyāṇakaḥ || 11 ||
adhastātkuñcanemāśu kaṇṭhasaṅkocane kṛte |
madhye paścimatānena syātprāṇo brahmanāḍigaḥ || 12 ||
apānamūrdhvamutthāpya prāṇaṃ kaṇṭhādadho nayan |
yogī jarāvinirmuktaḥ ṣoḍaśo vayasā bhavet || 13 ||
sukhāsanastho dakṣanāḍyā bahisthaṃ pavanaṃ samākṛṣyākeśamānakhāgraṃ kumbhayitvā savyanāḍyā recayet |
tena kapālaśodhanaṃ vātanāḍīgatasarvarogasarvavināśanaṃ bhavati |
hṛdayādikaṇṭhaparyantaṃ sasvanaṃ nāsābhyāṃ śanaiḥ pavanamākṛṣya yathāśakti kumbhayitvā iḍayā virecya gacchaṃstiṣṭhankuryāt |
tena śleṣmaharaṃ jaṭharāgnivardhanaṃ bhavati |
vaktreṇa sītkārapūrvakaṃ vāyuṃ gṛhītvā yathāśakti kumbhayitvā nāsābhyāṃ recayet |
tena kṣuttṛṣṇālasyanidrā na jāyate |
jihvayā vāyuṃ gṛhītvā yathāśakti kumbhayitvā nāsābhyāṃ recayet |
tena gulmaplīhajvarapittakṣudhādīni naśyanti ||
atha kumbhakaḥ |
sa dvividhaḥ sahitaḥ kevalaśceti |
recakapūrakayuktaḥ sahitaḥ tadvivarjitaḥ kevalaḥ |
kevalasiddhiparyantaṃ sahitamabhyaset |
kevalakumbhake siddhe triṣu lokeṣu na tasya durlabhaṃ bhavati |
kevalakumbhakātkuṇḍalinībodho jāyate |
tataḥ kṛśavapuḥ prasannavadano nirmalalocano'bhivyaktanādo nirmuktarogajālo jitabinduḥ paṭvagnirbhavati |
antarlakṣyaṃ bahirdṛṣṭirnimeṣonmeṣavarjitā |
eṣā sā vaiṣṇavī mudrā sarvatantreṣu gopitā || 14 ||
antarlakṣyavilīnacittapavano yogī sadā vartate dṛṣṭyā niścalatārayā bahiradhaḥ paśyannapaśyannapi |
mudreyaṃ khalu khecarī bhavati sā lakṣyaikatānā śivā śūnyāśūnyavivarjitaṃ sphurati sā tattvaṃ padaṃ vaiṣṇavī || 15 ||
ardhonmīlitalocanaḥ sthiramanā nāsāgradattekṣaṇaścandrārkāvapi līnatāmupanayanniṣpandabhāvottaram |
jyotīrūpamaśīṣabāhyarahitaṃ dedīpyamānaṃ paraṃ tattvaṃ tatparamasti vastuviṣayaṃ śāṇḍilya viddhīha tat || 16 ||
tāraṃ jyotiṣi saṃyojya kiñcidunnamayanbhruvau |
pūrvābhyāsasya mārgo'yamunmanīkārakaḥ kṣaṇāt || 17 ||
tasmātkhecarīmudrāmabhyaset |
tata unmanī bhavati |
tato yoganidrā bhavati |
labdhayoganidrasya yoginaḥ kālo nāsti |
śaktimadhye manaḥ kṛtvā śaktiṃ mānasamadhyagām |
manasā mana ālokya śāṇḍilya tvaṃ sukhī bhava || 18 ||
khamadhye kuru cātmānamātmamadhye ca khaṃ kuru |
sarvaṃ ca khamayaṃ kṛtvā na kiñcidapi cintaya || 19 ||
bāhyacintā na kartavyā tathaivāntaracintikā |
sarvacintāṃ parityajya cinmātraparamo bhava || 20 ||
karpūramanale yadvatsaindhavaṃ salile yathā |
tathā ca līyamānaṃ ca manastattve vilīyate || 21 ||
jñeyaṃ sarvapratītaṃ ca tajjñānaṃ mana ucyate |
jñānaṃ jñeyaṃ samaṃ naṣṭaṃ nānyaḥ panthā dvitīyakaḥ || 22 ||
jñeyavastuparityāgādvilayaṃ yāti mānasam |
mānase vilayaṃ yāte kaivalyamavaśiṣyate || 23 ||
dvau kramau cittanāśasya yogo jñānaṃ munīśvara |
yogastadvṛttirodho hi jñānaṃ samyagavekṣaṇam || 24 ||
tasminnirodhite nūnamupaśāntaṃ mano bhavet |
manaḥspandopaśāntāyaṃ saṃsāraḥ pravilīyate || 25 ||
sūryālokaparispandaśāntau vyavahṛtiryathā |
śāstrasajjanasamparkavairāgyābhyāsayogataḥ || 26 ||
anāsthāyāṃ kṛtāsthāyāṃ pūrvaṃ saṃsāravṛttiṣu |
yathābhivāñchitadhyānācciramekatayohitāt || 27 ||
ekatattvadṛḍhābhyāsātprāṇaspando nirudhyate |
pūrakādyanilāyāmādṛḍhābhyāsadakhedajāt || 28 ||
ekāntadhyānayogācca manaḥspando nirudhyate |
oṅkāroccāraṇaprāntaśabdatattvānubhāvanāt |
suṣupte saṃvidā jñāte prāṇaspando nirudhyate || 29 ||
tālumūlagatāṃ yatnājjihvayākramya ghaṇṭikām |
ūrdhvarandhraṃ gate prāṇe prāṇaspando nirudhyate || 30 ||
prāṇe galitasaṃvittau tālūrdhvaṃ dvādaśāntage |
abhyāsādūrdhvarandhreṇa prāṇaspando nirudhyate || 31 ||
dvādaśāṅgulaparyante nāsāgre vimale'mbare |
saṃviddṛśi praśāmyantyāṃ prāṇaspando nirudhyate || 32 ||
bhrūmadhye tārakālokaśāntāvantamupāgate |
cetanaikatane baddhe prāṇaspando nirudhyate || 33 ||
omityeva yadudbhūtaṃ jñānaṃ jñeyātmakaṃ śivam |
asaṃspṛṣṭavikalpāṃśaṃ prāṇaspando nirudhyate || 34 ||
cirakālaṃ hṛdekāntavyomasaṃvedanānmune |
avāsanamanodhyānātprāṇaspando nirudhyate || 35 ||
ebhiḥ kramaistathānyaiśca nānāsaṃkalpakalpitaiḥ |
nānādeśikavaktrasthaiḥ prāṇaspando nirudhyate || 36 ||
ākuñcanena kuṇḍalinyāḥ kavāṭamudghāṭya mokṣadvāraṃ vibhedayet |
yena mārgeṇa gantavyaṃ taddvāraṃ mukhenācchādya prasuptā kuṇḍalinī kuṭilākārā sarpavadveṣṭitā bhavati |
sā śaktiryena cālitā syātsa tu mukto bhavati |
sā kuṇḍalinī kaṇṭhordhvabhāge suptā cedyogināṃ muktaye bhavati |
bandhanāyādho mūḍhānām |
iḍādimārgadvayaṃ vihāya suṣumnāmārgeṇāgacchettadviṣṇoḥ paramaṃ padam |
marudabhyasanaṃ sarvaṃ manoyuktaṃ samabhyaset itaratra na kartavyā manovṛttirmanīṣiṇā || 37 ||
divā na pūjayedviṣṇuṃ rātrau naiva prapūjayet |
satataṃ pūjayedviṣṇuṃ divārātraṃ na pūjayet || 38 ||
suṣiro jñānajanakaḥ pañcasrotaḥsamanvitaḥ |
tiṣṭhate khecarī mudrā tasminsthāne na saṃśayaḥ || 39 ||
savyadakṣiṇanāḍīstho madhye carati mārutaḥ |
tiṣṭhataḥ khecarī mudrā tasminsthāne na saṃśayaḥ || 40 ||
iḍāpiṅgalayormadhye śūnyaṃ caivānilaṃ graset |
tiṣṭhantī khecarī mudrā tatra satyaṃ pratiṣṭhitam || 41 ||
somasūryadvayormadhye nirālambatale punaḥ |
saṃsthitā vyomacakre sā mudrā nāmnā ca khecarī || 42 ||
chedanacālanadāhaiḥ phalāṃ parāṃ jihvāṃ kṛtvā dṛṣṭiṃ bhrūmadhye sthāpya kapālakuhare jihvā viparītagā yadā bhavati tadā khecarī mudrā jāyate |
jihvā cittaṃ ca khe carati tenordhvajihvaḥ pumānamṛto bhavati |
vāmapādamūlena yoniṃ sampīḍya dakṣiṇapādaṃ prasārya taṃ karābhyāṃ dhṛtvā nāsābhyāṃ vāyumāpūrya kaṇṭhabandhaṃ samāropyordhvato vāyuṃ dhārayet |
tena sarvakleśahāniḥ |
tataḥ pīyūṣamiva viṣaṃ jīryate |
kṣayagulmagudāvartajīrṇatvagādidoṣā naśyanti |
eṣa prāṇajayopāyaḥ sarvamṛtyūpaghātakaḥ |
vāmapādapārṣṇiṃ yonisthāne niyojya dakṣiṇacaraṇaṃ vāmorūpari saṃsthāpya vāyumāpūrya hṛdaye cubukaṃ nidhāya yonimākuñcya manomadhye yathāśakti dhārayitvā svātmānaṃ bhāvayet |
tenāparokṣasiddhiḥ |
bāhyātprāṇaṃ samākṛṣya pūrayitvodare sthitam |
nābhimadhye ca nāsāgre padāṅguṣṭhe ca yatnataḥ || 43 ||
dhārayenmanasā prāṇaṃ sandhyākāleṣu vā sadā |
sarvarogavinirmukto bhavedyogī gataklamaḥ || 44 ||
nāsāgre vāyuvijayaṃ bhavati |
nābhimadhye sarvarogavināśaḥ |
pādāṅguṣṭhadāraṇāccharīralaghutā bhavati |
rasanādvāyumākṛṣya yaḥ pibetsatatataṃ naraḥ |
śramadāhau tu na syātāṃ naśyanti vyādhayastathā || 45 ||
sandhyayorbrāhmaṇaḥ kāle vāyumākṛṣya yaḥ pibet |
trimāsāttasya kalyāṇī jāyate vāk sarasvatī || 46 ||
evaṃ ṣaṇmāsābhyāsātsarvaroganivṛttiḥ |
jihvayā vāyumānīya jihvāmūle nirodhayet |
yaḥ pibedamṛtaṃ vidvānsakalaṃ bhadramaśnute || 47 ||
ātmanyātmānamiḍayā dhārayitvā bhruvontare |
vibhedya tridaśāhāraṃ vyādhistho'pi vimucyate || 48 ||
nāḍībhyāṃ vāyumāropya nābhau tundasya pārśvayoḥ |
ghaṭikaikāṃ vahedyastu vyādhibhiḥ sa vimucyate || 49 ||
māsamekaṃ trisandhyaṃ tu jihvayāropya mārutam |
vibhedya tridaśāhāraṃ dhārayettundamadhyame || 50 ||
jvarāḥ sarve'pi naśyanti viṣāṇi vividhāni ca |
muhūrtamapi yo nityaṃ nāsāgre manasā saha || 51 ||
sarvaṃ tarati pāpmānaṃ tasya janma śatārjitam |
tārasaṃyamātsakalaviṣayajñānaṃ bhavati |
nāsāgre cittasaṃyamādindralokajñānam |
tadadhaścittasaṃyamādagnilokajñānam |
cakṣuṣi cittasaṃyamātsarvalokajñānam |
śrotre cittasya saṃyamādyamalokajñānam |
tatpārśve saṃyamānnirṛtilokajñānam |
pṛṣṭhabhāge saṃyamādvaruṇalokajñānam |
vāmakarṇe saṃyamādvāyulokajñānam |
kaṇṭhe saṃyamātsomalokajñānam |
vāmacakṣuṣi saṃyamācchivalokajñānam |
mūrdhni saṃyamādbrahmalokajñānam |
pādādobhāge saṃyamādatalalokajñānam |
pāde saṃyamādvitalalokajñānam |
pādasandhau saṃyamānnitalalokajñānam |
jaṅghe saṃyamātsutalalokajñānam |
jānau saṃyamānmahātalalokajñānam |
ūrau cittasaṃyamādrasātalalokajñānam |
kaṭau cittasaṃyamāttalātalalokajñānam |
nābhau cittasaṃyamādbhūlokajñānam |
kukṣau saṃyamādbhuvarlokajñānam |
hṛdi cittasya saṃyamātsvarlokajñānam |
hṛdayordhvabhāge cittasaṃyamānmaharlokajñānam |
kaṇṭhe cittasaṃyamājjanolokajñānam |
bhrūmadhye cittasaṃyamāttapolokajñānam |
mūrdhni cittasaṃyamātsatyalokajñānam |
dharmādharmasaṃyamādatītānāgatajñānam |
tattajjantudhvanau cittasaṃyamātsarvajanturutajñānam |
saṃcitakarmaṇi cittasaṃyamātpūrvajātijñānam |
paracitte cittasaṃyamātparacittajñānam |
kāyarūpe cittasaṃyamādanyādṛśyarūpam |
bale cittasaṃyamāddhanumadādibalam |
sūrye cittasaṃyamādbhuvanajñānam |
candre cittasaṃyamāttārāvyūhajñānam |
dhruve tadgatidarśanam |
svārthasaṃyamātpuruṣajñānam |
nābhicakre kāyavyūhajñānam |
kaṇṭhakūpe kṣutpipāsā nivṛttiḥ |
kūrmanāḍyāṃ sthairyam |
tāre siddhadarśanam |
kāyākāśasaṃyamādākāśagamanam |
tattatsthāne saṃyamāttattatsiddhayo bhavanti || 7 ||
Übersetzung:
Dann, nachdem er im Asana gefestigt ist und die vollkommene Selbstbeherrschung bewahrt hat, sollte der Yogi, um die Unreinheiten des Sushumna zu beseitigen, in der Padmasana (Padmasana) sitzen, und nachdem er den Atem durch das linke Nasenloch eingeatmet hat, soll er ihn so lange halten, wie es ihm möglich ist, und durch das rechte Nasenloch ausatmen.Dann atmet er durch das rechte Nasenloch ein, hält den Atem und atmet durch das linke aus, in der Reihenfolge, wobei die folgende Einatmung jeweils durch das Nasenloch geschieht, durch das zuvor ausgeatmet wurde. Dazu werden folgende Verse überliefert: Am Anfang, nachdem er den Atem (Prana) durch das linke Nasenloch eingeatmet hat, sollte er ihn gemäß der Regel durch das andere ausatmen; dann, nachdem er den Atem durch das rechte Nasenloch eingeatmet hat, soll er ihn halten und durch das andere ausatmen.Für diejenigen, die nach diesen Regeln durch das rechte und linke Nasenloch praktizieren, werden die Nadis innerhalb von drei Monaten gereinigt. Er sollte das Atemanhalten bei Sonnenaufgang, Mittag, Sonnenuntergang und um Mitternacht über vier Wochen allmählich bis zu achtzigmal täglich üben. In den frühen Stadien wird Schweiß erzeugt; in der mittleren Phase das Zittern des Körpers und in der letzten Phase, dem Text zufolge, ein Emporsteigen. Diese (Ergebnisse) ergeben sich aus der Lenkung und dem Anhalten des Atems, während er in der Padmasana sitzt. Wenn Schweiß mit Anstrengung aufkommt, sollte er seinen Körper gut reiben. Dadurch wird der Körper fest und leicht. Im frühen Verlauf seiner Praxis ist Essen mit Milch und Ghee ausgezeichnet. Wer sich an diese Regel hält, wird in seiner Praxis fest und bekommt kein Tāpa (oder brennendes Gefühl im Körper). Wie Löwen, Elefanten und Tiger nur allmählich gezähmt werden, so wird auch der Atem nur durch sachgemäße Übung beherrscht; falsch gelenkt kann er den Übenden schädigen. Er sollte (soweit es mit seiner Gesundheit und Sicherheit vereinbar ist) ihn richtig ausatmen, richtig einatmen oder behalten. So wird er (nur) Erfolg haben. Sind die Nadis durch regelmäßiges Pranayama gereinigt, tritt der Atem leicht in die Öffnung der mittleren Sushumna ein und steigt aufwärts. Durch den Verschluss am Hals und das Zusammenziehen des unteren Bereichs, des Apana, tritt Prana in die Sushumna ein, die als mittlere oder westliche Nadi bezeichnet wird. In einer angenehmen Asana sitzend und durch das rechte Nasenloch einatmend, den Atem innerlich vom Haaransatz bis zu den Zehennägeln führend und haltend, soll er durch dasselbe Nasenloch ausatmen. Dadurch wird das Gehirn gereinigt und die Störungen des Vayu werden zerstört.Den Atem hörbar durch die Nasenlöcher (um den Raum zu füllen) vom Herzen bis zum Hals zu ziehen und ihn so lange wie möglich zu halten und anschließend durch die Nase auszuatmen. Dadurch entstehen Hunger, Durst, Müßiggang und Schlaf nicht. Dadurch werden (Krankheiten wie) Gulma, Milzbeschwerden, Gallenstörungen, Fieber und Hunger usw. zerstört. Jetzt werden wir zu Kumbhaka (Zurückhaltung des Atems) übergehen. Es ist von zwei Arten - Sahita und Kevala. Die mit Aus- und Einatmung verbundene Form heißt Sahita. Die davon freie Form heißt Kevala, die reine Atemruhe. Bis Kevala gemeistert ist, soll Sahita geübt werden. Für jemanden, der Kevala beherrscht hat, gibt es nichts Unerreichbares in den drei Welten. Durch Kevala-Zurückhaltung des Atems entsteht die Erkenntnis der Kundalini. Dann wird er schlank im Körper, ruhig im Gesicht und mit klaren Augen, hört die (spirituellen) Klänge deutlich, wird frei von allen Krankheiten und bewahrt seinen Bindu, und sein Verdauungsfeuer erstarkt. Den Geist auf ein inneres Objekt zu richten, während seine Augen nach außen schauen, ohne die Augenlider zu schließen und zu öffnen, wird Vaishnavi Mudra genannt. Das wird in allen tantrischen Werken verborgen gehalten. Mit seinem Geist und Atem, der in einem inneren Objekt absorbiert ist, sieht der Yogi, obwohl er die Objekte außerhalb und unter ihm nicht wirklich sieht, sie immer noch mit Augen, in denen die Pupillen unbewegt sind. Das wird Khechari Mudra genannt. Ihr Feld ist ein innerer Gegenstand; sie wird als sehr wirksam gepriesen. (Dann) dämmert ihm der wirkliche Sitz von Vishnu, der zugleich leer und nicht leer ist. Mit halb geschlossenen Augen und einem festen Geist, seine Augen auf die Spitze seiner Nase richtend und in Sonne und Mond absorbiert werdend, bleibt er so unerschüttert (wird sich dessen bewusst), was von der Form des Lichts ist, das von allen Äußerlichkeiten frei ist, das strahlend ist, was die höchste Wahrheit ist und was darüber hinaus ist. Wenn man den Klang im Licht zusammenführt und die Augenbrauen ein wenig erhebt, ist dies der Weg der früheren Praxis (oder ist ein Teil davon). Dies führt zu dem Zustand des Unmani, der die Zerstörung des Geistes verursacht. Deshalb sollte er die Khechari Mudra praktizieren. Dann erreicht er den Zustand des Unmani und geht in Yoga-Nidra, den yogischen Schlaf, ein. Für jemanden, der diesen Yogaschlaf erhält, existiert die Zeit nicht. Den Geist in die Mitte von Shakti und Shakti in die Mitte des Geistes zu stellen und den Geist mit dem Geist zu betrachten, o Shandilya, ruhe im Glück. Setze den Atman in die Mitte des Raumes und den Raum in die Mitte des Atman, und nachdem du alles auf Akasha zurückgeführt hast, denke an nichts anderes. So wie Kampfer im Feuer und Salz im Wasser absorbiert werden, so geht auch der Geist in der Wirklichkeit auf. Was manas (Geist) genannt wird, ist das Wissen von allem, was bekannt ist, und seine klare Wahrnehmung. Wenn Wissen und Objekt gleichermaßen verloren gehen, gibt es keinen zweiten Weg (oder das ist der einzige Weg). Indem er alle Wahrnehmung von Objekten aufgibt, wird er (der Geist) absorbiert, und wenn der Geist absorbiert wird, bleibt allein Kaivalya, die Befreiung, bestehen. Für die Zerstörung des Citta gibt es zwei Wege - Yoga und Jnana. O Prinz der Weisen! Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen des Geistes, und Jnana ist die gründliche Erforschung der Wirklichkeit. Wenn die Modifikationen des Geistes unterdrückt werden, erhält er (der Geist) wahrlich Frieden. So wie die Handlungen der Menschen mit dem Stoppen der Schwankungen der Sonne (nämlich mit dem Sonnenuntergang) aufhören, so endet, wenn die Schwankungen des Geistes aufhören, dieser Zyklus von Geburten und Todesfällen. (Dann) werden die Schwankungen des Prana verhindert, durch Wunschlosigkeit gegenüber dem weltlichen Dasein und das Erlöschen seiner Begierden - durch das Studium religiöser Bücher, die Gesellschaft guter Männer, Gleichgültigkeit (gegenüber Genüssen), Üben und Yoga oder lange, entschlossene Betrachtung eines gewählten höheren Gegenstandes oder durch festes Üben einer Wahrheit. Durch die Lenkung und Anhalten des Atems durch Einatmen usw., durch ständige Praxis darin, die keine Müdigkeit verursacht, und durch Meditation an einem abgelegenen Ort werden die Schwankungen des Geistes gestoppt. Durch die richtige Verwirklichung der wahren Natur des Klangs, der am äußersten Ende der Aussprache der Silbe Om (d.h. Ardhamātrā) ist, und wenn Sushupti (traumloser Schlafzustand) richtig durch das Bewusstsein erkannt wird, werden die Schwankungen von Prana unterdrückt. Wenn der Durchgang an der Wurzel des Gaumens, der wie die Glocke ist, das Zäpfchen, durch die Zunge mit Anstrengung geschlossen wird und wenn der Atem durch das obere Loch aufsteigt, dann werden die Fluktuationen von Prana gestoppt. Wenn das Bewusstsein (samvit) in Prana verschmolzen wird, und wenn Prana durch Übung über die obere Öffnung zum Dvadashanta (das zwölfte Zentrum) über dem Gaumen geht, dann werden die Fluktuationen von Prana gestoppt. Wenn das Auge des Bewusstseins (das spirituelle oder dritte Auge) ruhig und klar wird, um in einem Abstand von zwölf Fingerbreiten von der Spitze seiner Nase deutlich im transparenten Akasha sehen zu können, dann werden die Schwankungen von Prana gestoppt. Wenn die Gedanken, die im Geist entstehen, in der ruhigen Betrachtung der Welt des Tāraka (Stern oder Auge) zwischen den Augenbrauen gebunden sind und (so) zerstört werden, dann hören die Fluktuationen auf. Wenn das Wissen, das von der Form des Erkennbaren ist, das wohltätig ist und das von irgendwelchen Modifikationen unberührt ist, in einem auftaucht und allein als Om und kein anderes bekannt ist, dann hören die Fluktuationen des Prana auf. Durch die lange Zeit dauernde Kontemplation des Akasha, der im Herzen ist, und durch die Kontemplation des Geistes, der frei von Vasanas ist, hören die Fluktuationen von Prana auf. Durch diese Methoden und verschiedene andere, die durch das (eigene) Denken und durch die Unterweisung verschiedener geistiger Lehrer vorgeschlagen werden, hören die Fluktuationen auf. Wenn man durch Kontraktion die Tür von Kundalini geöffnet hat, soll die Pforte zur Befreiung entschlossen geöffnet werden. Indem sie mit ihrem Mund die Tür verschließt, durch die man gehen sollte, schläft die Kundalini spiralförmig und wie eine Schlange zusammengerollt. Derjenige, der diese Kundalini bewegt, ist ein befreiter Mensch. Wenn Kundalini im oberen Bereich des Yogi ruht, führt dies der Lehre zufolge zur Befreiung. Ruht sie dagegen im unteren Bereich, bleibt der Unwissende gebunden. Prana soll Ida und Pingala verlassen und sich in der Sushumna bewegen. Das ist der höchste Sitz von Vishnu. Man sollte die Kontrolle des Atems mit der Konzentration des Geistes praktizieren. Der Weise soll dem Geist nicht gestatten, sich auf etwas anderes zu richten. Man sollte Vishnu nicht tagsüber allein anbeten. Man sollte Vishnu nicht in der Nacht allein anbeten; aber er sollte Ihn immer anbeten, und diese Verehrung nicht auf Tag und Nacht als bloße Zeitabschnitte begrenzen. Die weisheitserzeugende Öffnung (nahe dem Zäpfchen) hat fünf Passagen. O Shandilya, das ist die Khechari Mudra; übe sie. Bei jemandem, der Khechari Mudra übt, fließt das Vayu, das vorher durch die linke und rechte Nadis fließt, jetzt durch die mittlere (Sushumna). Es besteht kein Zweifel daran. Du solltest den Atem durch die Leere (Sushumna) zwischen Ida und Pingala schlucken. Das ist wiederum Khechari Mudra, das sich im Akasha-chakra (im Kopf) im nirālamba (stützlosen) Sitz zwischen Sonne und Mond befindet (nämlich, Ida und Pingala). Wenn die Zunge durch den Einschnitt (des Zungenbändchens) und durch Reiben und Melken (nämlich, die Zunge) auf die Länge einer Kala (Fingerbreite) verlängert wurde, fixiere den Blick zwischen den beiden Augenbrauen und schließe das Loch im Schädel mit umgekehrter Zunge. Dies ist Khechari Mudra. Wenn Zunge und Geist sich beide im inneren Raum bewegen, wird dem Übenden Unsterblichkeit zugesprochen. Die Dammregion fest mit der linken Ferse drückend, das rechte Bein ausstrecken, die Füße mit beiden Händen ergreifen und den Atem durch die Nasenlöcher einatmen, Kantha Bandha üben, den Atem nach oben halten. Dadurch werden alle Leiden zerstört; dann wird Gift verdaut, als wäre es Nektar. Asthma, Milzerkrankungen, Störungen der Enddarmregion und die Taubheit der Haut werden entfernt. Dies ist das Mittel, um Prana zu erobern und den Tod zu zerstören. Die Dammregion mit der linken Ferse drückend und den anderen Fuß auf den linken Oberschenkel legend: den Atem einatmen, das Kinn auf der Brust ruhen, die Yoni zusammenziehen und (so weit wie möglich) den Atman als in deinem Geist gelegen betrachten. So wird die direkte Wahrnehmung (der Wahrheit) erreicht. Prana von außen einatmend und den Magen damit füllend, zentriere das Prana mit dem Geist in der Mitte des Nabels, an der Spitze der Nase und an den Zehen während der Sandhyās (Sonnenuntergang und Sonnenaufgang) oder zu allen Zeiten. (So) wird der Yogi von allen Krankheiten und Müdigkeit befreit.Indem er sein Prana an der Spitze seiner Nase zentriert, erlangt er die Meisterschaft über das Luftelement; indem er es in der Mitte seines Nabels zentriert, werden alle Krankheiten zerstört; indem er es an den Zehen zentriert, wird sein Körper leicht. Wer den Atem durch die Zunge trinkt, zerstört Müdigkeit, Durst und Krankheiten. Derjenige, der den Atem während der beiden Sandhyās und der letzten zwei Stunden der Nacht trinkt, dem verheißt der Text, dass Saraswati, die Göttin der Rede, innerhalb von drei Monaten in seiner Sprache gegenwärtig wird, das heißt, dass er redegewandt und gelehrt wird. Der weise Mann, der so Nektar trinkt, genießt allen Wohlstand. Wenn er den Atman in der Atman selbst in der Mitte der Augenbrauen fixiert, (einatmet) durch Ida und den Atem dreißigmal durch diese Mitte führt, wird sogar ein kranker Mann von Krankheit befreit. Wer den Atem durch die Nadis zieht und ihn vierundzwanzig Minuten im Nabel und in den Seiten des Magens behält, wird von Krankheit befreit. Wer während eines Monats während der drei Sandhyās (Sonnenuntergang, Sonnenaufgang und Mitternacht oder Mittag) den Atem durch die Zunge zieht, ihn dreißigmal hindurchführt und mitten im Nabel den Atem behält, wird von allen Fiebern und Giften befreit. Derjenige, der das Prana zusammen mit dem Geist an der Spitze seiner Nase behält, sogar für den Zeitraum eines Muhūrta (achtundvierzig Minuten), zerstört alle Sünden, die von ihm während hundert Geburten begangen wurden. Durch Samyama über Tara, den rettenden Laut Om, erkennt der Yogi alles. Durch Sammlung des Geistes an der Nasenspitze erlangt er Kenntnis der Indra-Welt, durch Sammlung unterhalb davon Kenntnis der Agni-Welt. Samyama des Bewusstseins im Auge führt der Lehre zufolge zur Kenntnis aller Welten, im Ohr zur Yama-Welt, an dessen Seite zur Nirriti-Welt, hinter dem Ohr zur Varuna-Welt, im linken Ohr zur Vayu-Welt, in der Kehle zur Soma-Welt, im linken Auge zur Shiva-Welt und am Scheitel zur Brahma-Welt. Die Sammlung an den Fußsohlen wird mit der Atala-Welt verbunden, an den Füßen mit Vitala, an den Knöcheln mit Nitala, an den Waden mit Sutala, an den Knien mit Mahatala, an den Oberschenkeln mit Rasatala, an der Hüfte mit Talatala, am Nabel mit Bhurloka, im Bauch mit Bhuvarloka, im Herzen mit Svarloka, oberhalb des Herzens mit Maharloka, in der Kehle mit Janaloka, zwischen den Augenbrauen mit Tapoloka und am Scheitel mit Satyaloka. Durch Samyama über Dharma und Adharma erkennt man Vergangenheit und Zukunft; über den Laut eines Wesens dessen Ruf oder Sprache; über das angesammelte Karma frühere Geburten; und über den Geist eines anderen dessen Gedanken. Samyama über die Körpergestalt verleiht eine andere beziehungsweise unsichtbare Gestalt, über Kraft eine Kraft wie die Hanumans, über die Sonne Kenntnis der Welten, über den Mond Kenntnis der Sternordnung und über den Polarstern Kenntnis seiner Bewegung. Durch Samyama über das eigene Selbst entsteht Erkenntnis des Purusha; am Nabel Erkenntnis des Körperaufbaus; an der Halsgrube Freiheit von Hunger und Durst; an der Kurma-Nadi Festigkeit; an der Pupille die Schau der Siddhas; und durch Meisterung des Raumes im Körper die Fähigkeit, sich im Raum zu bewegen. Kurz: Durch Samyama an einem bestimmten Ort entstehen die diesem Ort zugeschriebenen Siddhis.
Wort-für-Wort-Übersetzung: āsana-dṛḍhaḥ – in der Sitzhaltung gefestigt; vaśī – selbstbeherrscht; suṣumnā-mala-śānti – Reinigung der Sushumna; vāma-nāsā-puṭa – linkes Nasenloch; dakṣiṇa-nāsā-puṭa – rechtes Nasenloch; dhārayet – halten; recayet – ausatmen.
sahita-kumbhaka – Atemruhe zusammen mit Ein- und Ausatmung; kevala-kumbhaka – reine Atemruhe (Kevala Kumbhaka); nāḍī-śuddhi – Reinigung der Nadis; kuṇḍalinī-bodha – Erwachen der Kundalini; vaiṣṇavī-mudrā – Vaishnavi-Mudra; khecarī-mudrā – Khechari Mudra (Khechari Mudra); unmanī – Zustand jenseits des gewöhnlichen Geistes (Unmani).
manaḥ – Geist; citta-vṛtti – Bewegung des Bewusstseins (Chitta Vritti); yogaḥ – Yoga; jñānam – Erkenntnis (Jnana); kaivalyam – Befreiung bzw. Alleinsein des Selbst (Kaivalya); vāsanā – latente Neigung (Vasana); oṃkāra – Om-Laut (Omkara); suṣupti – Tiefschlaf (Sushupti).
yoni-saṃkocana – Zusammenziehen der Dammregion; kaṇṭha-bandha – Halsverschluss (Jalandhara Bandha); tāra – der rettende Laut Om; saṃyama – vereinte Praxis von Dharana, Dhyana und Samadhi (Samyama); siddhi – außergewöhnliche Vollendung oder Fähigkeit (Siddhi).
dharma-adharma – heilsames und unheilsames Handeln; sañcita-karma – angesammeltes Karma (Sanchita Karma); para-citta – Geist eines anderen; kāya-rūpa – Körpergestalt; bala – Kraft; puruṣa-jñāna – Erkenntnis des Purusha (Purusha); tārā – Pupille; ākāśa-jaya – Meisterung des Raumes.
1.8 Shandilya Upanishad: Pratyahara
atha pratyāhāraḥ |
sa pañcavidhaḥ viṣayeṣu vicaratāmindriyāṇāṃ balādāharaṇaṃ pratyāharaḥ |
yadyatpaśyati tatsarvamāmeti pratyāhāraḥ |
nityavihitakarmaphalatyāgaḥ pratyāhāraḥ |
sarvaviṣayaparāṅmukhatvaṃ pratyāhāraḥ |
aṣṭādaśasu marmasthāneṣu kramāddhāraṇaṃ pratyāhāraḥ |
pādāṅguṣṭhagulphajaṅghājānūrupāyumeḍhranābhihṛdayakaṇṭhakūpatālunāsākṣibhrūmadhyalalāṭamūrdhni sthānāni |
teṣu kramādārohāvarohakrameṇa pratyāharet || 8 ||
Übersetzung:
Pratyahara wird in fünf Weisen erklärt: als Zurückziehen der Sinne von ihren Gegenständen; als Betrachten alles Wahrgenommenen als Atman; als Verzicht auf die Früchte der täglichen Handlungen; als Abwendung von allen Sinnesobjekten; und als Dharana an den achtzehn empfindlichen Körperstellen. Genannt werden Füße, große Zehen, Knöchel, Waden, Knie, Oberschenkel, Anus, Geschlechtsorgan, Nabel, Herz, Halsgrube, Gaumen, Nase, Augen, der Raum zwischen den Augenbrauen, Stirn und Kopf. Die Aufmerksamkeit wird in auf- und absteigender Reihenfolge durch diese Stellen geführt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pratyāhāraḥ – Zurückziehen der Sinne (Pratyahara); indriyāṇām viṣayeṣu saṅgam – Bindung der Sinne an ihre Gegenstände (Indriya); ātma-bhāvanā – Betrachtung als Atman; karma-phala-tyāgaḥ – Verzicht auf die Früchte des Handelns (Karma Yoga); vimukhatvam – Abwendung.
aṣṭādaśasu marmasthāneṣu dhāraṇam – Sammlung an achtzehn empfindlichen Stellen (Marma); pāda, pādāṅguṣṭha, gulpha, jaṅghā, jānu, ūru – Fuß, großer Zeh, Knöchel, Wade, Knie, Oberschenkel; guda, medhra, nābhi, hṛdaya – Anus, Geschlechtsorgan, Nabel, Herz; kaṇṭha-kūpa, tālu, nāsā, akṣi, bhrū-madhya, lalāṭa, mūrdhan – Halsgrube, Gaumen, Nase, Auge, Augenbrauenmitte, Stirn, Scheitel.
1.9 Shandilya Upanishad: Dharana
atha dhāraṇā |
sā trividhā |
ātmani manodhāraṇaṃ daharākāśe bāhyākāśadhāraṇaṃ pṛthivyaptejovāyvākāśeṣu pañcamūrtidhāraṇaṃ ceti || 9 ||
Übersetzung:
Dharana wird in drei Formen gelehrt: den Geist im Atman festhalten; den äußeren Raum in den Raum des Herzens aufnehmen; und die fünf göttlichen Gestalten in den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum betrachten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhāraṇā – Konzentration, Festhalten (Dharana); ātmani manaḥ-dhāraṇam – den Geist im Atman halten; bāhya-ākāśasya dahara-ākāśe dhāraṇam – den äußeren Raum im feinen Herzensraum halten (Dahara Akasha); pañca-mūrti-dhāraṇam – Betrachtung der fünf Gestalten; pṛthivī, ap, tejas, vāyu, ākāśa – Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum (Pancha Mahabhuta).
1.10 Shandilya Upanishad: Dhyana
atha dhyānam |
taddvividhaṃ saguṇaṃ nirguṇaṃ ceti |
saguṇaṃ mūrtidhyānam |
nirguṇamātmayāthātmyam || 10 ||
Übersetzung:
Dhyana ist zweifach: mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften. Saguna-Dhyana ist die Meditation über eine göttliche Gestalt; Nirguna-Dhyana ist die Meditation über die wahre Natur des Atman.
Wort-für-Wort-Übersetzung: dhyānam – Meditation (Dhyana); sa-guṇam – mit Eigenschaften (Saguna); nir-guṇam – ohne Eigenschaften (Nirguna); mūrti-dhyānam – Meditation über eine Gestalt; ātma-yāthātmyam – wahre Natur des Atman.
1.11 Shandilya Upanishad: Samadhi
atha samādhiḥ |
jīvātmaparamātmaikyāvasthātripuṭīrahitā paramānandasvarūpā śuddhacaitanyātmikā bhavati || 11 ||
Übersetzung:
Samadhi ist die Einheit von Jivatman und Paramatman, frei von der Dreiheit aus Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem. Er besitzt die Wesensform höchster Glückseligkeit und ist reines Bewusstsein.
Wort-für-Wort-Übersetzung: samādhiḥ – meditative Einheit (Samadhi); jīva-ātma-parama-ātma-aikya-avasthā – Zustand der Einheit von Jivatman und Paramatman; tri-puṭī-rahitā – frei von der Dreiheit aus Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem; parama-ānanda-svarūpā – von der Natur höchster Glückseligkeit (Ananda); śuddha-caitanya-ātmikā – ihrem Wesen nach reines Bewusstsein (Chaitanya).
Abschluss des 1. Kapitels
iti prathamo'dhyāyaḥ || 1 ||
Damit endet das 1. Kapitel.
2. Kapitel
2.1 Shandilya Upanishad: Die Erkenntnis Brahmans
atha ha śāṇḍilyo ha vai brahmaṛṣiścaturṣu vedeṣu brahmavidyāmalabhamānaḥ kiṃ nāmetyatharvāṇaṃ bhagavantamupasannaḥ papracchādhīhi bhagavan brahmavidyāṃ yena śreyo'vāpsyāmīti |
sa hovācātharvā śāṇḍilya satyaṃ vijñānamanantaṃ brahma yasminnidamotaṃ ca protaṃ ca |
yasminnidaṃ saṃ ca vicaiti sarvaṃ yasminvijñāte sarvamidaṃ vijñātaṃ bhavati |
tadapāṇipādamacakṣuḥśrotramajihvamaśarīramagrāhyamanirdeśyam |
yato vāco nivartante |
aprāpya manasā saha |
yatkevalaṃ jñānagamyam |
prajñā ca yasmātprasṛtā purāṇī |
yadekamadvitīyam |
ākāśavatsarvagataṃ susūkṣmaṃ nirañjanaṃ niṣkriyaṃ sanmātraṃ cidānandaikarasaṃ śivaṃ praśāntamamṛtaṃ tatparaṃ ca brahma |
tattvamasi |
tajjñānena hi vijānīhi ya eko deva ātmaśaktipradhānaḥ sarvajñaḥ sarveśvaraḥ sarvabhūtāntarātmā sarvabhūtādhivāsaḥ sarvabhūtanigūḍho bhūtayoniryogaikagamyaḥ |
yaśca viśvaṃ sṛjati viśvaṃ bibharti viśvaṃ bhuṅkte sa ātmā |
ātmani taṃ taṃ lokaṃ vijānīhi |
mā śocīrātmavijñānī śokasyāntaṃ gamiṣyati ||
Übersetzung:
Der Brahmarishi Shandilya hatte in den vier Veden die Brahmavidya nicht gefunden und näherte sich deshalb dem ehrwürdigen Atharvan. Er bat: „Lehre mich die Erkenntnis Brahmans, durch die ich das höchste Gut erlange.“ Atharvan sprach: Brahman ist Wahrheit, Erkenntnis und Unendlichkeit. In ihm ist diese ganze Welt wie Kette und Schuss verwoben; aus ihm geht alles hervor und in es kehrt alles zurück. Wer es erkennt, erkennt dadurch alles. Es besitzt weder Hände noch Füße, weder Augen noch Ohren, weder Zunge noch Körper; es ist unergreifbar und unbestimmbar. Rede und Geist kehren von ihm zurück, ohne es erreicht zu haben. Erkannt wird es durch Jnana und Yoga. Aus ihm ging die ursprüngliche Weisheit hervor. Es ist eins und ohne Zweites, alles durchdringend wie der Raum, äußerst fein, makellos, ohne Handeln, reines Sein, Wesen von Bewusstsein und Glückseligkeit, friedvoll, unsterblich und jenseitig. Das ist Brahman; das bist du. Der Eine, Lichtvolle, der die Kraft des Atman verleiht, der Allwissende, Herr und innere Lenker aller Wesen, wohnt verborgen in ihnen und ist ihr Ursprung. Er ist durch Yoga zu erkennen und erschafft, erhält und löst alles auf. Erkenne alle Welten im Atman. Trauere nicht, o Kenner des Atman; du wirst das Ende des Leidens erreichen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-ṛṣiḥ śāṇḍilyaḥ – der Brahmarishi Shandilya; brahma-vidyām – Erkenntnis Brahmans (Brahmavidya); śreyaḥ avāpsyāmi – ich werde das höchste Gut erlangen; satyam vijñānam anantam brahma – Brahman ist Wahrheit, Erkenntnis und Unendlichkeit.
otam protam – als Kette und Schuss verwoben; apāṇi-pādam – ohne Hände und Füße; acakṣuḥ-śrotram – ohne Augen und Ohren; agrāhyam – unergreifbar; anirdeśyam – unbestimmbar; vācaḥ nivartante – die Worte kehren zurück; jñānāt yogāt – durch Erkenntnis und Yoga.
ekam advitīyam – eins ohne Zweites (Advaita); ākāśavat sarva-gatam – wie der Raum alles durchdringend; sat-mātram – reines Sein (Sat); cid-ānanda-rasa – Wesen von Bewusstsein und Glückseligkeit (Chidananda); tat brahma tvam asi – dieses Brahman bist du (Tat Tvam Asi); sarva-bhūta-antar-ātmā – inneres Selbst aller Wesen; sṛjati avati atti – erschafft, erhält und löst auf.
Abschluss des 2. Kapitels
iti dvitīyo'dhyāyaḥ || 2 ||
Damit endet das 2. Kapitel.
3. Kapitel
3.1 Shandilya Upanishad: Die drei Erscheinungsweisen Brahmans
athainaṃ śāṇḍilyo'tharvāṇaṃ papraccha yadekamakṣaraṃ niṣkriyaṃ śivaṃ sanmātraṃ paraṃbrahma |
tasmātkathamidaṃ viśvaṃ jāyate kathaṃ sthīyate kathamasmiṃllīyate |
tanme saṃśayaṃ chettumarhasīti |
sa hovācātharvā satyaṃ śāṇḍilya paraṃbrahma niṣkriyamakṣaramiti |
athāpyasyārūpasya brahmaṇastrīṇi rūpāṇi bhavanti sakalaṃ niṣkalaṃ sakalaniṣkalaṃ ceti |
yatsatyaṃ vijñānamānandaṃ niṣkriyaṃ nirañjanaṃ sarvagataṃ susūkṣmaṃ sarvatomukhamanirdeśyamamṛtamasti tadidaṃ niṣkalaṃ rūpam |
athāsya yā sahajāstyavidyā mūlaprakṛtirmāyā lohitaśuklakṛṣṇā |
tayā sahāyavān devaḥ kṛṣṇapiṅgalo mameśvara īṣṭe |
tadidamasya sakalaniṣkalaṃ rūpam ||
athaiṣa jñānamayena tapasā cīyamāno'kāmayata bahu syāṃ prajāyeyeti |
athaitasmāttapyamānātsatyakāmāttrīṇyakṣarāṇyajāyanta |
tisro vyāhṛtayastripadā gāyatrī trayo vedāstrayo devāstrayo varṇāstrayo'gnayaśca jāyante |
yo'sau devo bhagavānsarvaiśvaryasampannaḥ sarvavyāpī sarvabhūtānāṃ hṛdaye saṃniviṣṭo māyāvī māyayā krīḍati sa brahmā sa viṣṇuḥ sa rudraḥ sa indraḥ sa sarve devāḥ sarvāṇi bhūtāni sa eva purastātsa eva paścātsa evottarataḥ sa eva dakṣiṇataḥ sa evādhastātsa evopariṣṭātsa eva sarvam |
athāsya devasyātmaśakterātmakrīḍasya bhaktānukaṃpino dattātreyarūpā surūpā tanūravāsā indīvaradalaprakhyā caturbāhuraghorāpāpakaśinī |
tadidamasya sakalaṃ rūpam || 1 ||
Übersetzung:
Shandilya fragte Atharvan: „Wie entsteht aus dem einen, unvergänglichen, handlungslosen, heilsamen und reinen Sein, dem höchsten Brahman, dieses Universum? Wie besteht es in ihm und wie wird es wieder in ihm aufgelöst? Bitte löse meinen Zweifel.“ Atharvan antwortete: Das höchste Brahman ist Wahrheit, unvergänglich und ohne Handeln. Dieses formlose Brahman besitzt drei Erscheinungsweisen: ohne Teile, mit Teilen und zugleich mit und ohne Teile. Seine teilfreie Gestalt ist Wahrheit, Erkenntnis und Glückseligkeit, handlungslos, fleckenlos, alldurchdringend, äußerst fein, allseitig gegenwärtig, unbestimmbar und unsterblich. Maheshvara, verbunden mit Avidya, Mulaprakriti oder Maya, die rot, weiß und schwarz ist und mit ihm zusammenbesteht, ist seine zugleich teilhafte und teilfreie Gestalt. Der Herr fasste den Entschluss: „Möge ich viele werden, möge ich hervorbringen.“ Aus diesem vollkommenen Entschluss gingen die drei Laute, die drei Vyahritis, die dreifüßige Gayatri, die drei Veden, drei Gottheiten, drei gesellschaftlichen Ordnungen und drei Feuer hervor. Der höchste Herr, mit allen Kräften ausgestattet, alles durchdringend, im Herzen aller Wesen wohnend, Herr und Gestalt der Maya, ist Brahma, Vishnu, Rudra, Indra, alle Gottheiten und alle Wesen. Er allein ist vorn und hinten, links und rechts, unten und oben; er ist das All. Seine teilhafte Gestalt ist Dattatreya, der mit seiner Shakti spielt, den Verehrern gnädig ist, wie Feuer und ein roter Lotus leuchtet, vier Arme besitzt, mild ist und makellos erstrahlt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ekam akṣaram – das eine Unvergängliche; niṣkriyam – handlungslos; śivam – heilsam; sat-mātram – reines Sein; paraṃ brahma – höchstes Brahman (Parabrahman); jāyate, sthīyate, līyate – entsteht, besteht, löst sich auf.
niṣkalam – ohne Teile; sakalam – mit Teilen; sakala-niṣkalam – mit und ohne Teile; satya-vijñāna-ānandam – Wahrheit, Erkenntnis und Glückseligkeit; niravayavam – gliedlos; niranjanam – fleckenlos; sarvataḥ-mukham – nach allen Seiten gewandt.
avidyā – Nichtwissen (Avidya); mūla-prakṛtiḥ – Urnatur (Mulaprakriti); māyā – kosmische Erscheinungskraft (Maya); bahu syām prajāyeya – „möge ich viele werden und hervorbringen“; vyāhṛti – heiliger Weltenlaut (Vyahriti); brahmā, viṣṇu, rudra, indra – Brahma, Vishnu, Rudra und Indra; dattātreyaḥ – Dattatreya (Dattatreya).
3.2 Shandilya Upanishad: Dattatreya und das höchste Brahman
atha hainamatharvāṇaṃ śāṇḍilyaḥ papraccha bhagavansanmātraṃ cidānandaikarasaṃ kasmāducyate paraṃ brahmeti |
sa hovācātharvā yasmācca bṛhati bṛṃhayati ca sarvaṃ tasmāducyate paraṃbrahmeti |
atha kasmāducyate ātmeti |
yasmātsarvamāpnoti sarvamādatte sarvamatti ca tasmāducyate ātmeti |
atha kasmāducyate maheśvara iti |
yasmānmahata īśaḥ śabdadhvanyā cātmaśaktyā ca mahata īśate tasmāducyate maheśvara iti |
atha kasmāducyate dattātreya iti |
yasmātsuduścaraṃ tapastapyamānāyātraye putrakāmāyātitarāṃ tuṣṭena bhagavatā jyotirmayenātmaiva datto yasmāccānasūyāyāmatrestanayo'bhavattasmāducyate dattātreya iti |
atha yo'sya niruktāni veda sa sarvaṃ veda |
atha yo ha vai vidyayainaṃ paramupāste so'hamiti sa brahmavidbhavati ||
atraite ślokā bhavanti ||
dattātreyaṃ śivaṃ śāntamindranīlanibhaṃ prabhum |
ātmamāyārataṃ devamavadhūtaṃ digambaram || 1 ||
bhasmoddhūlitasarvāṅgaṃ jaṭājūṭadharaṃ vibhum |
caturbāhumudārāṅgaṃ prafullakamalekṣaṇam || 2 ||
jñānayoganidhiṃ viśvaguruṃ yogijanapriyam |
bhaktānukaṃpinaṃ sarvasākṣiṇaṃ siddhasevitam || 3 ||
evaṃ yaḥ satataṃ dhyāyeddevadevaṃ sanātanam |
sa muktaḥ sarvapāpebhyo niḥśreyasamavāpnuyāt || 4 ||
Übersetzung:
Shandilya fragte Atharvan: „Warum wird derjenige, der reines Sein und das Wesen von Bewusstsein und Glückseligkeit ist, Parabrahman genannt?“ Atharvan antwortete: Weil er groß ist und alles groß werden lässt, heißt er Parabrahman. Warum heißt er Atman? Weil er alles erlangt und umfasst, alles in sich zurücknimmt und selbst alles ist. Warum heißt er Maheshvara? Weil der große Herr durch seine eigene Macht alles regiert. Warum heißt er Dattatreya? Der Herr war über Atri, der schwerste Askese vollzogen und den Wunsch geäußert hatte, das selbstleuchtende Eine zu schauen, zutiefst erfreut. Er gab sich selbst als Sohn; Anasuya wurde seine Mutter und Atri sein Vater. Daher der Name Dattatreya. Wer diese verborgene Bedeutung kennt, erkennt alles; wer stets das Höchste als das eigene Selbst betrachtet, wird ein Kenner Brahmans. Dazu werden Verse überliefert: Wer den uralten Herrn der Herren beständig als Dattatreya betrachtet – gütig, friedvoll, saphirfarben, in der eigenen Maya spielend, als den Herrn, der allen Besitz abgelegt hat, unbekleidet und am ganzen Körper mit heiliger Asche bestrichen, mit verfilztem Haar, Herr aller, vierarmig und von seliger Gestalt; mit Augen wie ein voll erblühter Lotus, Schatzkammer von Jnana und Yoga, Lehrer aller Welten, von den Yogis geliebt, den Verehrern barmherzig, Zeuge von allem und von allen Siddhas verehrt –, der wird von allen Verfehlungen frei und erlangt das höchste Heil.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sat-mātram – reines Sein; cid-ānanda-rasa – Wesen von Bewusstsein und Glückseligkeit; para-brahma – höchstes Brahman; bṛhati bṛṃhayati – ist groß und lässt wachsen; āpnoti ādatte – erlangt bzw. umfasst und nimmt zurück; sarvam ayam – er ist dies alles.
mahā-īśvaraḥ – großer Herr (Maheshvara); sva-mahimnā – durch die eigene Macht; dattātreyaḥ – Dattatreya; atriḥ – der Rishi Atri (Atri); anasūyā – Anasuya (Anasuya); putratvena – als Sohn; dattaḥ – gegeben; guhya-artham – verborgene Bedeutung.
nīlamaṇi-varṇam – saphirfarben; nija-māyā-ratam – in der eigenen Maya spielend; digambaram – unbekleidet, den Raum als Gewand tragend; bhasma-uddhūlita-sarvāṅgam – am ganzen Körper mit Asche bestrichen; jaṭilam – mit verfilztem Haar; catur-bāhum – vierarmig; jñāna-yoga-nidhānam – Schatzkammer von Jnana und Yoga; sarva-loka-gurum – Lehrer aller Welten; sarva-sākṣiṇam – Zeuge von allem; siddha-sevitam – von Siddhas verehrt; paramaṃ śreyam – höchstes Heil.
Abschluss der Shandilya Upanishad
ityoṃ satyamityupaniṣat || iti tṛtīyo'dhyāyaḥ || 3 ||
So lautet die Wahrheit; so endet die Upanishad. Damit endet das dritte Kapitel.
Abschließendes Shanti Mantra
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devā bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvām̐sastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ ||
svasti na indro vṛddhaśravāḥ svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo ariṣṭanemiḥ svasti no bṛhaspatirdadhātu ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Mögen wir Heilsames hören und sehen und unsere Lebenszeit mit festen Gliedern im Lob des Göttlichen erfüllen. Mögen Indra, Pusha, Tarkshya und Brihaspati uns Wohlergehen gewähren. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
Text- und Übersetzungsgrundlage
Sanskrit Documents: Sanskrittext.
Die deutsche Übersetzung wurde unmittelbar am Sanskrittext erarbeitet und mit K. Narayanasvami Aiyars gemeinfreier englischer Übersetzung in Thirty Minor Upanishads (1914) verglichen: Kapitel 1, Kapitel 2 und Kapitel 3.