Gute

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Das Gute meint, die positiven Seiten in den Dingen und Geschehnissen wahrnehmen: Das Gute hinter einem bestimmten Verhalten, das Gute hinter der Angst, das Gute hinter dem Ärger, das Gute hinter der Naschkatze. Auch Dinge, die zunächst negativ erscheinen, haben in der Tiefe einen Sinn, sie erfüllen eine bestimmte Rolle im Spiel des Lebens und sind dadurch doch wieder gut und positiv zu sehen. Aus diesem Denken macht Verurteilung gar keinen Sinn mehr, denn wenn alles zum göttlichen Plan gehört, ist alles in Ordnung so wie es ist - im Grunde dann auch die Verurteilung.

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Das Gute in allen

Niederschrift eines Podcasts (2014) von Sukadev

Jetzt zu Neuinterpretation von Raja Yoga, auch unter dem Einfluss von Bhakti Yoga, Jnana Yoga und moderner Wissenschaft. Ich erläutere jetzt ein nondualistisches Weltbild, ein nondualistisches Bild der menschlichen Persönlichkeit. Diese Grundlage eines nichtdualistischen Menschen- und Weltbildes hat drei Quellen: Jnana Yoga und Adwaita, Bhakti Yoga und moderne Wissenschaft, Psychologie, Biologie und Psychotherapie, Systemtheorie. Zuerst die nondualistische Weltanschauung von Adwaita Vedanta, Jnana Yoga. Diese sagt, es gibt nur Brahman, das Göttliche. Dieses Brahman manifestiert sich auf verschiedene Weisen im Äußeren und im Inneren. Das sagt damit auch, es gibt nur das Gute. Es gibt kein Böses, es gibt keinen Teufel, es gibt nichts zu bekämpfen, es gibt nur ein unendliches Göttliches.

So wie du bist, bist du jetzt erstmal richtig.

Die zweite Quelle ist Bhakti Yoga, der Yoga der Hingabe, der sagt, Gott ist allgegenwärtig, allmächtig, allwissend, und sagt damit, alles ist Gott. Gott wohnt im Herzen aller Wesen. Gott manifestiert sich in allem, was kommt. Gott wirkt durch alle, damit auch durch dich. Gott gibt dir Erfahrungen, die dir helfen, zu wachsen. Gott gibt dir Aufgaben, die du zu tun hast. Gott wirkt durch dich, und so wie du bist, bist du jetzt erstmal richtig. So wie du bist, kann Gott durch dich wirken, durch deine Stärken und Schwächen. Du bist dabei in Entwicklung begriffen. Das heißt, du wächst weiter spirituell, und du hast auch die Aufgabe, durchaus an dir zu arbeiten. Aber es gibt nichts in dir, was verdammenswert wäre, es gibt nichts in dir, was schlimm ist, in dir ist das Göttliche. Diese spirituelle Grundsicht verbindet sich dann mit Erkenntnissen der modernen Biologie, Evolutionsbiologie, Evolutionspsychologie und Paläoanthropologie. Was ist das überhaupt? Biologie ist klar. Evolutionsbiologie sagt, dass alles Leben entstanden ist aus dem "Survival of the fittest", aus dem Überleben desjenigen, dessen Verhalten am besten passt. Im Deutschen falsch übersetzt als „Überleben des Stärksten“. Man kann sagen, das überlebt, was am besten passt. Und diese Evolutionsbiologie sagt, dass alles, was Wesen machen, irgendwann Sinn gemacht hat und dass alles menschliche Verhalten aus vergangenen Erfahrungen beruht.

Die Evolutionspsychologie sagt, dass wir aus früheren Leben – nicht eigenen früheren Leben, sondern den ganzen Erfahrungen durch die Tausende von verschiedenen Tierarten, durch die wir hindurchgegangen sind, um Mensch zu werden, auch Erfahrungen in den Genen speichern. Die Paläoanthropologie sagt auch, dass alles Verhalten, das wir heute zeigen, aus der Steinzeit stammt. Paläolithikum ist die Steinzeit, sogar die Altsteinzeit. Es gibt noch das Neolithikum, das ist die Neusteinzeit, in der es schon Landwirtschaft gab. Aber die Paläolithik, das ist die ältere Steinzeit und die hat ja mehrere Zigtausend Jahre, vielleicht sogar mehrere Hunderttausend Jahre gedauert, prägt unser menschliches Verhalten, auch wenn wir heute in der Großstadt leben. Auch wenn wir zum Teil in Millionenstädte leben, zivilisiert leben, ist unser Verhalten dennoch aus der Steinzeit erklärbar.

Und so kann man sagen, diese Paläoanthropologie und Evolutionspsychologie sagt, alles menschliche Verhalten hat in irgendeinem Kontext Sinn gemacht, es gibt nichts Böses. Menschen tun das Böse nicht, um das Böse zu bewirken, sondern um das Gute zu bewirken. Die Erkenntnis der Biologie ist, ein Mensch empfindet, mit Ausnahme von psychisch Kranken, auch keine Freude beim Quälen. Der Mensch ist am glücklichsten, wenn er andere glücklich macht. Ich will noch einen kleinen Ausflug machen in die Paläoanthropologie. Wenn ich eben sage, alles menschliche Verhalten hat in irgendeinem Kontext Sinn gemacht, kann man dort zwei Faktoren unterscheiden: Der eine ist, was von der Biologie erklärbar ist, und der zweite ist, was aus der Erfahrung in diesem Leben erklärbar ist. Nehmen wir Angst. Ist Angst etwas Schlechtes? Angst und Lampenfieber und zum Teil sogar Phobien?

Durch die Angst bist du ein Frühwarnsystem.

Zunächst mal, Angst ist grundsätzlich etwas Gutes, denn Angst hilft dem Organismus beim Überleben. Ohne Angst hätte vielleicht der Mensch in der Steinzeit einen Tiger gesehen, und wenn er keine Angst bekommen hätte vor dem Tiger, hätte der Tiger ihn gefressen. Daher hat die Natur Angst entwickelt als einen Mechanismus, ganz schnell Energie bereitzustellen. Und so haben wir heute vor allem Möglichen Angst, und wir können dankbar sein, dass wir ängstlich sind, nur so konnten wir überleben. Man kann sogar weitergehen, manche Menschen haben mehr Angst, manche haben weniger Angst, und das war damals auch sehr sinnvoll in den Zeiten der Steinzeit, denn Menschen haben immer in Gruppen gelebt, Gruppen von zehn bis zwanzig, bis zu dreißig Personen. In diesen Gruppen haben Menschen zusammengelebt und da war es gut, wenn es mal den ein oder anderen gab, der sehr ängstlich war, vielleicht sogar paranoid. Der hat immer aufgepasst: „Es könnte irgendwas schiefgehen und irgendwo lauert der Feind.“ Diese waren die Frühwarnsysteme.

Und weil es eben manche Menschen gab, die besonders ängstlich waren, konnte es andere geben, die eher sorglos waren. Sie konnten sich erfreuen an den Schmetterlingen, an den Vögeln und an dem Laub und an allem, was es so Schönes gab. Sie konnten sich vielleicht sogar erfreuen, wenn sie plötzlich etwas Schwarz-Gelbes in der Ferne gesehen haben, denn dann gab es den Paranoiden, der hat gesagt: „Vorsicht, da könnte was ein.“ Wenn du zu denen gehörst, die besonders ängstlich sind, sei erst mal dankbar, erkenne das an: „Ist ja großartig. Ich habe in mir die Genetik, die ermöglicht hat, dass ganze Stämme überlebt haben. Wenn es nicht solche gegeben hätte wie mich, dann wäre die Menschheit längst gefressen worden.“ Sei dir bewusst und danke dir. Oder wenn du jemanden kennst, der so ängstlich war oder ängstlich ist, dann sei ihm dankbar: „Ja, das ist wie das Frühwarnsystem.“ Der mag dich nerven, weil er ständig denkt, irgendwas Schlimmes passiert, der mag dich auch nerven, weil er diese irrationalen Ängste hat, aber du kannst ihm schon mal dankbar sein: „Ah, in dir ist die Genetik von den Leuten drin, die in früheren Zeiten dafür gesorgt haben, dass meine Vorfahren überlebt haben. Und wenn ich ehrlich bin, werde ich feststellen, ab und zu mal hilft es ja, dass du diese Ängste hast und das ausdrückst und überall das Schlimme siehst.“

Über die Aktivierung von Ärger setzt du dich zur Wehr.

Ein weiteres Beispiel ist Ärger. Ärger ist auch etwas, was der Gelassenheit entgegensteht. Du kannst auch feststellen, du bist öfters mal ärgerlich. Ist Ärger etwas Schlechtes? Nein, Ärger ist wiederum nichts Schlechtes, denn Ärger ist auch wieder eine Aktivierung. Über die Aktivierung von Ärger setzt du dich zur Wehr. Ein Beispiel aus der Steinzeit: Wenn die Nahrung verteilt wurde unter den Stammesangehörigen, dann bist du vielleicht übersehen worden. Angenommen, du wärst nicht ärgerlich, dann hättest du das in Kauf genommen, du hättest immer weniger zu essen gehabt und schließlich wärst du gestorben, du hättest dein Erbgut nicht weitergeben können. So war es wichtig, dass du, wenn du übersehen worden bist, ärgerlich geworden bist. Und es war nicht nur wichtig, dass du ärgerlich geworden bist, wenn das dir selbst passiert ist, sondern es war auch wichtig, dass du ärgerlich geworden bist, wenn deine Mitmenschen ungerecht behandelt worden sind. Auch hier gilt wieder, es gibt solche, die haben einen gesteigerten Gerechtigkeitssinn, und diese regen sich schneller auf. Und es ist gut, wenn es Menschen gibt, die sich schneller aufregen. Die helfen dann, dass es im gesamten Stamm gerecht zugeht, und sie haben auch dafür gesorgt, dass nicht einer die anderen tyrannisiert.

Wenn du also zu denen gehörst, die besonders cholerisch sind, kannst du sagen: „Ja, es ist gut, dass es solche wie mich gibt, die das Erbgut transportieren aus Jahrhunderttausenden, und es ist gut, dass es solche wie mich früher gegeben hat, die haben dafür gesorgt, dass immer wieder für Gerechtigkeit gesorgt wurde. Und es ist auch gut, dass ich diesen Ärger in mir habe, so lasse ich mir nicht alles gefallen.“ Natürlich, Ärger kann sich auch sehr destruktiv manifestieren, aber es gilt erst mal anzuerkennen, Ärger an sich ist nichts Schlimmes, Ärger an sich ist evolutionsbiologisch gut. Auch andere Dinge, die einen aus der Ruhe bringen, können gut und nützlich sein.

Die Lust auf Süße entwickelt einen besodneren Instinkt, das Süße zu finden.

Manche Menschen lieben das Süße und Zucker-Fettgemische, man kann es auch Schokolade nennen, aber es gibt auch andere Zucker-Fettgemische, die Menschen lieben. Diese Zucker-Fettgemische bringen Menschen aus der Ruhe. Warum? Man wird fett davon. Und wenn man fett wird, ist es zum einen nicht ästhetisch in unserer heutigen Kultur, aber auch nicht gesund. Du hast einen erhöhten Cholesterinspiegel, du wirst schneller Bluthochdruck bekommen. Menschen mit starkem Übergewicht, insbesondere wenn sie noch körperlich nicht aktiv sind, sterben früher, haben häufiger Herzinfarkte usw. Also nehmen Menschen sich vor, abnehmen zu wollen. Dann stellen sie fest, es ist nicht so leicht. Und dann, nachdem sie beim Frühstück aufgepasst haben, beim Mittagessen aufgepasst haben, plötzlich entdecken sie, dass sie sich am Nachmittag drei Stück Kuchen in den Mund stopfen und vielleicht eine Tafel Schokolade dazu. Das ärgert sie, dann sind sie ärgerlich über sich selbst. Diese Gier nach Zucker-Fettgemischen ist jetzt nicht schlecht, ist auch kein Zeichen von Willensschwäche, sondern Gier nach Zucker-Fettgemischen ist eine gute Weise, wie die Natur einem zeigt, sich schnell satt zu machen.

Der Mensch braucht Kalorien, der Mensch ist nicht dafür geeignet, wie Kühe den ganzen Tag zu essen. dDs funktioniert mit den Zähnen nicht so gut, der Mensch braucht hochkalorische Nahrungsmittel. Und um diese zu verzehren, hat der Mensch einen natürlich Instinkt, das Gute und das Fette zu essen. So weit so gut. Natürlich, in der heutigen Zeit haben wir künstliche Zucker-Fettgemische hergestellt. In früheren Zeiten, so viele Nüsse gab es nicht, so viele Ölsaaten auch nicht und das Süße war meistens Obst, das war das Süßeste, was es gab, und so hat der Mensch Samen gegessen, Obst gegessen, zusätzlich zu den Blättern und Wurzeln, und so konnte er sich ernähren und überleben. Also, die Gier auf Zucker-Fettgemische ist nicht schlimm, auch kein Zeichen von Willensschwäche, es ist ein Zeichen, in dir funktioniert der natürliche Appetit gut. Und auch hier ist es so, einige Menschen haben das mehr, einige haben das weniger, und die Menschen, die mehr diesen Instinkt für Zucker-Fettgemische hatten, waren diejenigen, die in früheren Zeiten besonders gut waren, die süßen Früchte und die fettreichen Samen und Wurzeln zu finden und waren wiederum für das Überleben des Stammes wichtig.

Wenn du also jemand bist mit gesteigertem Hunger auf Zucker-Fettgemische, zu Deutsch, wenn du jemand bist, der zu Fettleibigkeit neigt, dann erkenne das erst mal an, dass du der Träger bist der Gene, die das Überleben der Menschheit gesichert hat. Du hattest diesen gesteigerten Hunger darauf, also hast du dich besonders darauf spezialisiert, süße Nahrung zu finden, davon haben auch andere was gehabt. Erkenne das an, du hast damit eine gute Fähigkeit. So kann man weitergehen.

Und das ist vielleicht eine Anregung für dich, um zu überlegen: Wie könntest du das, was du in dir als bekämpfenswert einstufst, wie kannst du das anders interpretieren? Überlege dir, welche Ängste du hast, und erkenne erst einmal an, die Ängste waren früher wichtig, die Ängste sind hilfreich, sie haben gute Funktionen. Auch Ärger hat gute Funktionen. Auch Wünsche und Gier, die du hast, die du kaum beherrschen kannst und die dich vielleicht dazu bringen, Dinge zu tun und zu essen und zu verzehren, die dir nicht gut tun. Erkenne auch erst mal an, dahinter steckt etwas, was gut nachvollziehbar ist. In diesem Sinne all das heraus, was dich in dir stört oder all das, was dich in anderen stört. Sei dir erst mal bewusst, es ist Ausdruck von etwas verstehbar Gutem.

Tun Menschen Dinge "einfach" nur um Liebe zu bekommen?

Es gibt zwei Arten von psychologischen Neigungen und Tendenzen, letztlich Gründe für Emotionen und für Handlungen, die man nicht mag und die einem vielleicht aus der Gelassenheit herausbringen. Diese stammen aus der persönlichen Biografie. Manches, was Menschen tun, ist in ihrer persönlichen Biografie erklärbar und verstehbar. Ein Beispiel: Angenommen, du hattest vielbeschäftigte Eltern, und da hast du vielleicht festgestellt, um deren Aufmerksamkeit zu bekommen, musstest du laut schreien und plärren und dich laut bemerkbar machen. Du hast gelernt, um Liebe zu bekommen, musst du schreien. Jetzt bist du erwachsen geworden. Du hast weiter dieses Schema drin, dass du, um Liebe zu bekommen, schreist. Das funktioniert aber heutzutage nicht. Es funktioniert bei Partnern häufig nicht. Partner ziehen sich vielleicht zurück. Im Unterschied zu den Eltern, die zu dem Kind gerannt sind, wenn das Kind geschrien hat oder vielleicht destruktiv irgendwelche Sachen kaputtgemacht hat, die gekommen sind, um das Kind zu trösten.

Heutzutage, wenn du destruktive Sachen machst, wenn du schimpfst und grundlos schimpfst oder dich ärgerst, dann passiert es, dass der Partner sich zurückzieht. Es kann passieren, dass deine Kollegen dich meiden. Es kann passieren, dass du deinen Arbeitsplatz verlierst. Also, du erreichst das Gegenteil von dem, was du erreichen willst. Auch da kannst du schauen: „Gibt es da etwas, was auf mich zutrifft? Sind manche meiner Handlungen etwas, was in früheren Zeiten hilfreich war?“ Eine zweite Sache, die man vielleicht früher gelernt hat, ist, um die Aufmerksamkeit und die Liebe von der Mutter zu bekommen, musste man weinen, dann ist die Mutter auf einen zugekommen und hat einen getröstet. So kann es sein, dass man auch als Erwachsener, wenn man irgendwo meint, man braucht Liebe, vielleicht anfängt zu weinen, im Sinne von, sich zu beschweren und zu lamentieren usw. Oft hat diese Strategie heute aber nicht den erwünschten Erfolg, der Partner wendet sich ab, Freunde wenden sich ab, Kollegen wenden sich ab. Wenige Menschen wollen sich ständig Gejammer anhören.

Aber es gilt, anzuerkennen, wenn du so jemand bist, der jammert, dass du weißt: „Ja, das war vielleicht früher mal eine wichtige Strategie. So habe ich Aufmerksamkeit bekommen.“ Du kannst jetzt überlegen: Gibt es bessere Strategien? Wenn du das bei deinen Mitmenschen siehst oder deinem Partner vielleicht oder einem Kollegen, vielleicht sogar Chef oder Mitarbeiter, die immer jammern, dann kannst du überlegen, ob es vielleicht eine bessere Strategie von deiner Warte aus gibt. Statt dich zurückzuziehen und dich abzuwenden, frage dich, ob es vielleicht nicht darum geht, dass sie sich über etwas beschweren, sondern dass sie Aufmerksamkeit und Liebe haben wollen. Genauso auch wenn Menschen schimpfen. Vielleicht wäre auch da die bessere Strategie, anstatt zurück zu schimpfen oder anstatt sie zu meiden oder auch sogar anstatt sich zu verteidigen, einfach zu schauen: „Will er vielleicht meine Liebe? Ist es vielleicht ein Ausdruck des Bedürfnisses nach Liebe? Könnte ich das befriedigen?“

Noch ein Beispiel: Manche Menschen haben in der Kindheit gelernt, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist es eine wirksame Strategie, krank zu werden. Am Anfang war das vielleicht sogar bewusstes so tun als ob sie krank sind und merken: „Ah, ich bekomme Aufmerksamkeit.“ Natürlich, kein Mensch will auf die Dauer spielen, also haben sie gelernt, tatsächlich krank zu sein. So bekommen manche Kinder Magenprobleme, andere Kopfweh und manche Kinder bekommen eine Erkältung. Ich will nicht sagen, dass das immer so ist, aber es ist eine mögliche Ursache. Und sie lernen: „Ah, ich kriege Aufmerksamkeit, ich kriege Liebe, wenn ich krank bin.“

So ähnlich kann das auch im Erwachsenenalter sein, dass Menschen immer dann, wenn sie Liebe brauchen, immer dann, wenn sie Aufmerksamkeit wünschen, krank werden. Auch das ist oft im Erwachsenenalter keine hilfreiche Strategie. Vielleicht eins, zwei, drei Tage lang kriegen sie die Aufmerksamkeit, aber gerade wenn es öfters passiert, dass sie länger krank sind, dann wenden sich die Menschen ab. Auch hier kannst du überlegen: Hast du eine solche Neigung? Wenn ja, gibt es andere Weisen, um Zuneigung zu bitten? Gibt es andere Weisen, deine Zuneigung auszudrücken? Gibt es geschicktere Weisen, deine Zuneigung auszudrücken? Oder wenn du siehst, andere, die öfters krank sind, vielleicht sogar chronisch krank sind, vielleicht schreien sie nach Liebe. Vielleicht ist es möglich, diesen Menschen Liebe zu schenken. Vielleicht kann man sogar warten, bis die Krankheit weg ist, um ihnen besonders viel Liebe zu schenken.

Vielleicht kann man auch mit dem Menschen mal darüber sprechen und sagen: „Wenn du dich einsam fühlst, sag es doch. Wenn du meine Liebe brauchst, sag es doch. Du musst dafür nicht krank werden.“ Sei natürlich vorsichtig gerade bei dieser Sache, dass du nicht Menschen noch ein schlechtes Gewissen einredest. Nicht jede Krankheit ist darauf zurückzuführen. Krankheiten haben so viele verschiedene Ursachen, und das ist nur eine der vielen Möglichkeiten. Aber du kannst es in Betracht ziehen und kannst beim nächsten Mal darüber nachdenken.

Überlege, all das, was dich an dir stört oder an anderen stört. Überlege: Wie weit ist das erklärbar als eine gute Strategie, die in der Steinzeit wichtig war? Wie weit ist es erklärbar als eine Strategie, die in deiner Kindheit wichtig war oder vielleicht zu Beginn deiner Beziehung oder deines Arbeitslebens wichtig war? Und dann kannst du natürlich auch das erst mal anerkennen, und du kannst überlegen, gibt es etwas, wie du das ändern kannst.

Das Gute und das Angenehme

Om Namah Shivaya. Ich weiß nicht zu welcher Tageszeit, du dieses Video anschaust oder diesen Vortrag hörst. Aber ich wünsche dir jedenfalls guten Morgen, guten Tag, guten Nachmittag, guten Abend. Was heißt guter Morgen, guter Nachmittag, gute Abend? Was heißt ein guter Abend für einen spirituellen Aspiranten? Hier gibt es alte Schriften, die sagen, es gibt das Gute und es gibt das Angenehme: Shreya Marga und Preya Marga. Shreya Marga ist der Weg des Guten. Preya Marga ist der Weg des Angenehmen.

Katha Upanishad

Yama - Lehrer in der Katha Upanishad

Es gibt eine bekannte Schrift, die sogenannte Katha Upanishad; in dieser Upanishad gibt es einen Lehrer namens Yama und der hat einen Schüler namens Nachiketas. Nachiketas will wissen, wie erreiche ich das höchste Gute. Yama antwortet, in dieser Welt gibt es zwei Wege: Den Weg des Guten, Shreya Marga, und den Weg des Angenehmen, Preya Marga. Wenn du den Weg des Guten gehst, dann erreichst du das höchste Ziel. Wenn du den Weg des Angenehmen gehst, dann erleidest du Schiffbruch in deinem Leben, dann kommst du ins Leid und letztlich in den Tod.

Wir finden in der griechischen Mythologie etwas ähnliches: Herakles am Scheideweg. Dort gibt es auch den Scheideweg; dort wird es dann der Weg der Tugend und des Lasters genannt. Allerdings die Upanishad spricht nicht von Tugend und Laster, sondern von dem Weg des Angenehmen und dem Weg des Guten.

Das Gute

Angenommen du hörst jetzt diesen Vortrag morgens, dann kann man jetzt überlegen, was ist ein guter Morgen. Ein guter morgen wäre, du bist früh aufgestanden, du hast deine Asanas gemacht, dein Pranayama, deine Meditation. Du hast vielleicht ein paar Kriyas gemacht und jetzt hörst du diesen hoffentlich spirituell inspirierenden Vortrag zu. Das ist ein guter Morgen. Ein guter morgen ist ein Morgen, der dir hilft spirituell zu wachsen.

Das Angenehme

Wie wäre ein angenehmer Morgen? Ein angenehmer Morgen wäre zum Beispiel lange ausschlafen, Frühstück im Bett, das Essen was dir schmeckt und für manche Menschen ist ein angenehmer Morgen Zigarette im Bett und gleich Bier mit irgendwelchen Tierteilen zu essen. Vermutlich für dich wäre so was ein Grauen auch nur daran zu denken, aber guter Morgen und angenehmer Morgen.

Rajasige Freude, tamasige Freude, sattvige Freude

Das Gute kann auch angenehm sein. Das Angenehme kann auch gut sein. Aber das ist es nicht immer. Es gibt das das lateinische Sprichwort iocundum non semper bonum est: Das Angenehme ist nicht immer gut. Hier gibt es ein paar Verse in der Bhagavad Gita und dort spricht Krishna von drei Arten von Freude. Krishna spricht von

Er sagt rajasige Freude ist das, was zum Anfang wie Nektar und nachher wie Gift ist. Sattvige Freude ist das, was zum Anfang wie Gift ist und nachher wie Nektar. Tamasige Freude ist das, was zum Anfang wie Gift ist und nachher wie Gift ist und nur aus Verblendung wie Freude erscheint und man nicht lassen kann.

Rajasige Freude

Schoki - langfristig keine Freude

Wir nehmen ein paar Beispiele. Rajasige Freude kann heißen, eine Tafel Schokolade zu essen. Es schmeckt toll, während man sie isst, mindestens für Menschen, die dafür den Geschmack haben. Nachher folgt Sugar High, Zucker hoch, Theobromin und damit Koffein. Es belebt, beschwingt viele Menschen. Es fühlt sich erstmals gut an. Danach, 1-2 Stunden später, hat man zu wenig Zucker im Körper, wieder Heißhunger, Unruhe und so weiter. Dann wieder Zucker essen bringt irgendwann den Blutzuckerspiegel ganz durcheinander. Man wird immer dicker und so weiter. Also es führt zu Elend. Zu Anfang wie Nektar, nachher wie Gift.

Etwas anderes wäre, man hat irgendwie jemand anderem heimgezahlt und freut sich diebisch, dass man es ihm jetzt heimgezahlt hat. Am Anfang wie Nektar, aber nachher sieht man sich nicht nur einmal sondern öfter und ein spiritueller Mensch wird es nachher auch bedauern, wenn er das Leid des anderen sieht.

Sattvige Freude

Beispiel für sattvige Freude: Du nimmst dir vor zu Fasten. Fasten wird am 2. oder 3. Tag schwierig sein. Das kann schwierig sein, vor allem wenn es das erste Mal ist. Aber wenn du es dann durchhältst, nach 5 Tagen dann wieder anfängst zu essen, fühlst du dich so leicht und so erhaben.

tägliche Meditation ist sattvige Freude

Ein weiteres Beispiel du nimmst dir vor jeden Morgen zu meditieren. Am Anfang morgens, vielleicht gerade noch dazu im Winter, Bett ist so warm, Zimmer so kalt, noch dazu wenn du ökologisch orientiert bist und nicht soviel heizt die Nacht über. Du stehst trotzdem auf. Es ist fast wie Gift. Du meditierst und du fühlst dich gut und ein Tag verläuft voller Freude.

Oder Asanas: vielleicht gerade morgens; du bist steif und so weiter. Jetzt Sonnengruß zu machen, klingt erstmals wie Gift. Du machst es trotzdem, du fühlst Dich gut, schon nach ein paar Minuten Asanas. Nachher geht Prana durch alle Phasen deines Wesens. Du fühlst Energie, dir geht es gut und danach der ganze Tag verläuft anders, wie Nektar.

Tamasige Freude

Beispiel für tamasige Freude: Das betrifft insbesondere Süchte. Zum Beispiel: du bist nikotinabhängig, Zigaretten abhängig. Du gierst nach einer Zigarette, du zündest dir eine an und du findest es eklig, dass du von diesem Glimmstängel abhängig bist. Du kannst es trotzdem nicht lassen. Du fühlst dich vorher mies, währenddessen mies, nachher mies. Zwischendurch sind vielleicht die Entzugserscheinungen mal weg. Das wäre eine tamasige Art des Vergnügens, die kein echtes Vergnügen ist.

Die höhere sattvige Freude

Von sattviger Freude gibt es eigentlich zwei Arten. Ich habe eben davon gesprochen, wie es Krishna in der Bhagavad Gita beschreibt: Am Anfang wie Gift, nachher wie Nektar. Aber es gibt auch die höhere sattvige Freude, was heißen soll, wenn du etwas machst, was gut ist und was du gerne machst, dann ist das die höhere sattvige Freude.

Zum Beispiel: angenommen du meditierst eine Weile täglich, dann liebst du die Meditation, du freust dich, wenn du aufwachst: „ach, ich kann meditieren“, du freust dich während der Meditation und du freust dich nachher. Man kann sagen, immer dann, wenn du eine sattvige Gewohnheit regelmäßig machst, wird sie zu einer sattvigen Freude höherer Ordnung.

Oder angenommen du hast es gelernt, dich eine Weile ohne Weißzucker zu ernähren, plötzlich merkst du, wie gut ein Apfel schmeckt, wie gut eine Birne schmeckt, wie gut ein gutes Brot schmeckt. Ein ganzes Geschmacks-Universum öffnet sich für dich und du freust dich.

Oder angenommen du hast gelernt, anderen Menschen in kleinen Maße, Gutes zu tun. Am Anfang war es vielleicht eine Überwindung, wenn du das bisher nicht so häufig gemacht hast, aber du merkst, wie schön es ist, anderen Gutes zu tun, einen kleinen Teil deiner Zeit für andere zu opfern, so schön.

Von Vicharana auf Tanumanasa

In diesem Sinne heißt Shreya Marga der Weg des Guten, du verzichtest auf tamasige Freude. Du lernst, wie du von Süchten und so weiter loskommst, vielleicht indem du einfach mehr sattvige Freude kultivierst. Dann fällt manches tamasiges von selbst ab. Was du eben nicht wirklich lassen kannst, dann lass es mindestens in den Hintergrund gehen über mehr sattviges.

Manche rajasige Freuden gib ganz auf, wenn du es kannst, was auch immer du aufgeben kannst, aber tamasiges gib ganz auf. Reduziere die rajasige Freude und lerne das zu mögen, was gut ist, und tue das, was gut ist. Schrittweise wirst du dein Leben sattviger gestalten, freudevoller gestalten. Man könnte auch sagen, das ist wie der Übergang von Vicharana auf Tanumanasa.

Vicharana heißt, du bemühst dich das Richtige zu tun und du machst es mit Viveka und du machst es geschickt. Nach einer Weile magst du es und du magst das Gute und dann hast du in dieser Hinsicht Tanumanasa erreicht. Dein Geist mag das, was gut ist. So geh den Weg von Shreya Marga, geh nicht den Weg von Preya Marga. Gerade zum Anfang mach es aber schrittweise. Wenn du schon eine Weile auf dem Weg gehst, überlege ,wo du dir es vielleicht zu gemütlich gemacht hast und wo vielleicht noch mehr Shreya möglich ist und etwas weniger Preya, um so die nächsten Etappen des spirituellen Weges zu gehen.

Tipps, das Gute umzusetzen

Noch ein Tipp: Heutzutage, wo wir in einer doch hedonistischen Gesellschaft wohnen, ist es auch wichtig, dass man das Gute tatsächlich mag. Manches gute magst du einfach, indem du es tust, durch die Erfahrung. Aber du könntest dich auch selbst fragen, wie kann ich meine Meditation so üben, dass ich sie gerne übe? Wie kann ich meine Asanas und Pranayama so üben, dass ich sie gerne übe? Wie kann ich das, was zu tun ist, mit Freude tun? Du kannst dich auch innerlich drauf vorbereiten. Du kannst abends beim Einschlafen sagen, ich freue mich auf die Meditation morgen früh. Wenn du morgens früh aufwachst, kannst du dir sagen, ich freue mich auf die Meditation, ich freue mich auf Asanas und Pranayama, ich freue mich heute viel Gutes zu bewirken.

Wähle das Gute - frisches Gemüse

Du kannst dich selbst auf Freude einstimmen. So wird das Gute auch freudevoll. Du kannst dich selbst auch letztlich programmieren – vielleicht ist es nicht der allerschönste Ausdruck – aber einstimmen das Gute zu wollen. Du könntest ja auch sagen, ich mag Brokkoli, ich mag Zucchini, ich mag Tomaten, ich mag Gurke, ich mag Kichererbsen. Selbst wenn du das bisher nicht magst, sag es dir ein paar Mal. Nach einer Weile wird der Geschmack dort kommen. Geh also Shreya Marga, aber am besten geh den auch so dass er dir viel Freude bereitet.

Das waren ein paar Tipps von mir, mein Name Sukadev, von Yoga Vidya. Hinter der Kamera und Schnitt Nanda. Das war ein Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Der spirituelle Weg“, ein Vortrag im Rahmen der großen Vortragsreihe „Yoga Vidya Schulung“. Beim nächsten Mal wird es weitergehen mit dem Thema Partnerschaft und Spiritualität, Familie und Spiritualität.

Video - Das Gute und das Angenehme

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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